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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XVIII 1932 Heft 1"

I M A G O 

XVIII. BAND 
1 9 3 3 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER 

PSYCHOANALYSE AUF DIE NATUR- 

UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

iSÄNDOR RADÖ, HANNS SACHS 
A. J. STORFER 



XVIII. BAND 
(igSa) 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

^\^ I E N 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 



Copyright 1952 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien I 



Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESA\^ISSENSCHAFTEN 



XVIII. Band 19^^ Heft 1 

l^^otiz zur Freuoscken Hypotnese über die 
^änmung des Jeuers 

Von 

E. H. Erlenineyer 

Basel 

In seinem Buche „Das Unbehagen in der Kultur" bringt Sigmund Freud 
eine Hypothese über die kulturelle Bedeutung der Feuerbezähmung. Er 
führt aus: 

„Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt 
doch wenigstens eine — phantastisch klingende — Vermutung über den 
Ursprung dieser menschlichen Großtat zu. Als wäre der Urmensch gewohnt 
gewesen, wenn er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu 
befriedigen, indem er es durch seinen Harnstrahl auslöschte. An der ur- 
sprünglich phallischen Auffassung der züngelnden, sich in die Höhe recken- 
den Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel sein. Das Feuer- 
löschen durch Urinieren — auf das noch die späten Riesenkinder Gulliver 
in Liliput und Rabelais' Gargantua zurückgreifen — war also wie ein sexueller 
Akt mit einem Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen 
Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, 
konnte es mit sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch, daß 
er das Feuer seiner eigenen Erregung dämpfte, hatte er die Naturkraft des 
Feuers gezähmt. Diese große kulturelle Eroberung wäre also der Lohn für 
einen Trieb verzieht." 

Diese Vorstellungen sind nun nicht ohne Widerspruch geblieben. Am 



E. H. Erlenmeyer 



stärksten wendet sich Albrecht Schaeffer in einem Aufsatz „Der Mensch 
und das Feuer" gegen diese Ausführungen:' 

„.Phantastisch klingend', so nennt Freud eingangs entschuldigend seine 
Hypothese, und schon diesem Wort muß ich widersprechen — und darf 
es wohl gerade deshalb, weil es ein Wort meines Lebensgebietes ist, das 
der Mann der Wissenschaft wählte. Ich kann nämlich diese Mutmaßung 
von den Anlässen zur Feuerzähmung unmöglich phantastisch finden, sondern 
vielmehr nur phantasielos: ja so ohne Phantasie, d. h. ohne Vorstellungs- 
kraft irgend realer Zustände oder Vorgänge, so theoretisiert, wie man es von 
einem Mann der Wissenschaft allerdings fordern möchte." 

Diese Äußerungen Schaeffers wenden sich wohl nicht nur gegen diese 
spezielle Hypothese, als auch gegen die Methode, die in der Aufstellung der 
Hypothese zur Anwendung kam. Die Konstruktion oder Fiktion eines Ur- 
menschen scheint ihm gewagt. Er schreibt: „Denn an menschliche Zustände 
welcher Art ist hier zu denken, welche Art Urzeit hier vorzustellen, welch ein 
Mensch und welch ein Feuer, dem sich begegnen, das sich auslöschen ließe?" 

Diese Fiktion eines Urmenschen, einer Urhorde besitzt jedoch ein ganz 
anderes Maß von Realität, als es etwa die „Urpflanze", die Goethe sich er- 
sonnen hatte, besitzt. Gewiß wird es nicht immer sich ergeben, daß Ver- 
mutungen über Vorgänge in jenen Urzeiten sich mit historischen Beispielen 
belegen lassen. 

Jedoch gerade über das Verhalten früher Menschen gegenüber dem Feuer 
lassen sich eigenartige, historische Belege beibringen, die, wie mir scheint, 
den Ausführungen Freuds direkt als Illustration dienen können. 

In dem Gesetzbuch, das Dschingis-Khan den Mongolen gab, der „Jasa", 
findet man bei der Aufzählung der Vergehen: daß derjenige mit dem Tode 
bestraft werden soll, der ins Wasser oder auf Asche pißt. In dem Buche 
„Geschichte der Goldenen Horde in Kiptschak" von Hammer-PurgstalP 
findet sich dieser Teil der Jasa wie folgt wiedergegeben: 

„Die Todesstrafe ist über vierzehn Verbrechen verhängt, über Ehebruch, 
Sodomie, Diebstahl, Totschlag; weiters über Lüge, Zauberey, über den, der 
entlaufene Sklaven seinem Herrn nicht zurückstellt; der eine im Gefecht 
oder im Streifzug dem Vormann entfallene Waffe oder Beute nicht aufhebt 
und zurückstellt; der zum dritten Mahle ihm anvertrautes Kapital durch- 
gebracht; über den, der im Zweykampf einem der beyden Kämpfenden ge- 
holfen; über den Feldflüchtigen und den Empörer; über den, der ins Wasser 

i) „Psychoanalytische Bewegung«, II. Jahrgang (iggo), S. 201. 
2) Hartlebens Verlag, Pesth 1840, S. 187. 



Notiz zur FreuJsAen Hypotkese üter Jie Zakmung des Teuer« 



und auf Asche pißt, der die Tiere nach der Weise der Moslimen und 
nicht nach der der Mongolen schlachtet."' 

Hammer-Purgstall verweist an einer anderen Stelle des Buches auf die 
Verwandtschaft dieser Gesetzgebung mit den Verboten der Pythagoräer.'' „Wie 
den Pythagoräern nicht erlaubt war, gegen die Sonne zu harnen,^ so den 
Mongolen, und zwar unter Todesstrafe, nicht ins Wasser und nicht in die 

Asche. 

Die Eigenart dieser Bestimmungen spiegelt sich dann auch in ihren Sitten 
und Gebräuchen. „Ihre Reinigung geschah durch das Feuer und nicht durch 
das Wasser, denn sie wuschen sich nie und glaubten sogar, daß ein Bad im 
Flusse den Wetterstrahl vom Himmel rufe." Von dem Blitz heißt es dann 
weiter: „diesen fürchteten alle Mongolen über die Maßen: nur die vom 
Stamme der Uriangkut beschworen denselben. Im fürchterlichsten Gewitter 
schmähten sie den Blitz und den Donner mit lautem Geheul' . 

Diese Zitate bedeuten doch wohl, daß wirklich die Beziehungen der frühen 
Menschen zum Feuer, zur glutbergenden Asche, zur Sonne, jenen Spannungen 
unterworfen waren, die Freud in seiner Hypothese postuliert. Daß Dschingis- 
Khan, als er eine kleine Horde von Nomaden zur Eroberung und Begründung 
des größten Reiches der Weltgeschichte führte, zu den gefährlichen Trieben, 
die mit Todesstrafe bedroht werden mußten, jene Begierde zum Feuer- 
löschen zählte, zeigt, welche Bedeutung er diesem Triebverzicht für die 
geschichtliche Entwicklung beimaß. 

Die Ausführungen Freuds über die kulturelle Bedeutung dieses Trieb- 
verzichts werden jedenfalls durch diese historischen Tatsachen in eigenartiger 
Weise bestätigt. 



i) Hammer-Purgstall, S. 50. 

2) S. 191. 

3) „Gonverso ad solem vultu non mingendum" Diogenes, Laertius, Pythagoras XVII. 



A(\xx Cjew^innung des Ji 



euers 



Von 

Oigm. Jreua 

In einer Anmerkung meiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur" 
(S. 47) habe ich — eher beiläufig — erwähnt, welche Vermutung über die 
Gewinnung des Feuers durch den Urmenschen man sich auf Grund des 
psychoanalytischen Materials bilden könnte. Der Widerspruch von Albrecht 
Schaeffer („Die Psychoanalytische Bewegung", Jahrgang II, 1950, S. 251) 
und der überraschende Hinweis in vorstehender Mitteilung von Erlenmeyer 
über das mongolische Verbot, auf Asche zu pissen,' veranlassen mich, das 
Thema wieder aufzunehmen.^ 

Ich meine nämlich, daß meine Annahme, die Vorbedingung der Bemächti- 
gung des Feuers sei der Verzicht auf die homosexuell-betonte Lust gewesen, 
es durch den Harnstrahl zu löschen, lasse sich durch die Deutung der griechi- 
schen Prometheussage bestätigen, wenn man die zu erwartenden Entstellungen 
von der Tatsache bis zum Inhalt des Mythus in Betracht zieht. Diese Ent- 
stellungen sind von derselben Art und nicht ärger als jene, die wir alltäglich 
anerkennen, wenn wir aus den Träumen von Patienten ihre verdrängten, 

i) Wohl auf heiße Asche, aus der man noch Feuer gewinnen kann, nicht auf 
erloschene. 

2) Der Widerspruch von Lorenz in „Chaos und Ritus" (Imago XVII, 1931, 
S. 433 ff.) geht von der Voraussetzung aus, daß die Zähmung des Feuers überhaupt 
erst mit der Entdeckung begonnen habe, man sei imstande, es durch irgendeine 
Manipulation willkürlich hervorzurufen. — Dagegen verweist mich Dr. J. Härnik 
auf eine Äußerung von Dr. Richard Lasch (in Georg Buschans Sammelwerk 
„Illustrierte Völkerkunde", Stuttgart 1922, Bd. I, S. 24): „Vermutlich ist die Kunst 
der Feuererhaltung der Feuererzeugung lauge vorausgegangen; einen entsprechenden 
Beweis hiefür liefert die Tatsache, daß die heutigen pygmäenartigen Urbewohner der 
Andamanen wohl das Feuer besitzen und bewahren, eine autochthone Methode der 
Peuererzeugung aber nicht kennen." 



jL/\iv Cj-ewinnimg des leuers 



doch so überaus bedeutsamen Kindheitserlebnisse" rekonstruieren. Die dabei 
verwendeten Mechanismen sind die Darstellung durch Symbole und die Ver- 
wandlung in's Gegenteil. Ich kann es nicht wagen, alle Züge des Mythus 
in solcher Art zu erklären; außer dem ursprünglichen Sachverhalt mögen 
andere und spätere Vorgänge zu seinem Inhalt beigetragen haben. Aber die 
Elemente, die eine analytische Deutung zulassen, sind doch die auffälligsten 
und wichtigsten, nämlich die Art, wie Prometheus das Feuer transportiert, 
der Charakter der Tat (Frevel, Diebstahl, Betrug an den Göttern) und der 
Sinn seiner Bestrafung. 

Der Titane Prometheus, ein noch göttlicher Kulturheros,' vielleicht selbst 
ursprünglich ein Demiurg und Menschenschöpfer, bringt also den Menschen das 
Feuer, das er den Göttern entwendet hat, versteckt in einem hohlen Stock, 
Fenchelrohr. Einen solchen Gegenstand würden wir in einer Traumdeutung 
gern als Penissymbol verstehen wollen, wenngleich die nicht gewöhnliche Be- 
tonung der Höhlung uns dabei stört. Aber wie bringen wir dieses Penis- 
rohr mit der Aufbewahrung des Feuers zusammen? Das scheint aussichts- 
los, bis wir uns an den im Traum so häufigen Vorgang der Verkehrung, 
Verwandlung in's Gegenteil, Umkehrung der Beziehungen erinnern, der uns 
so oft den Sinn des Traumes verbirgt. Nicht das Feuer beherbergt der Mensch 
in seinem Penisrohr, sondern im Gegenteil das Mittel, um das Feuer zu 
löschen, das Wasser seines Harnstrahls. An diese Beziehung zwischen Feuer 
und Wasser knüpft dann reiches, wohlbekanntes analytisches Material an. 

Zweitens, der Erwerb des Feuers ist ein Frevel, es wird durch Raub 
oder Diebstahl gewonnen. Dies ist ein konstanter Zug aller Sagen über die 
Gewinnung des Feuers, er findet sich bei den verschiedensten und ent- 
legensten Völkern, nicht nur in der griechischen Sage vom Feuerbringer 
Prometheus. Hier muß also der wesentliche Inhalt der entstellten Mensch- 
heitsreminiszenz enthalten sein. Aber warum ist die Feuergewinnung un- 
trennbar mit der Vorstellung eines Frevels verknüpft? Wer ist dabei der 
Geschädigte, Betrogene? Die Sage bei Hesiod gibt eine direkte Antwort, 
indem sie in einer anderen Erzählung, die nicht direkt mit dem Feuer 
zusammenhängt, Prometheus bei der Einrichtung der Opfer Zeus zugunsten 
der Menschen übervorteilen läßt. Also die Götter sind die Betrogenen! Den 
Göttern teilt der Mythus bekanntlich die Befriedigung aller Gelüste zu, auf 
die das Menschenkind verzichten muß, wie wir es vom Inzest her kennen. 
Wir würden in analytischer Ausdrucksweise sagen, das Triebleben, das Es, 



1) Herakles ist dann halbgöttlich, Theseus ganz menschlich. 



lo Oigm. Freud 

sei der durch die Feuerlöschentsagung betrogene Gott, ein menschliches 
Gelüste ist in der Sage in ein göttliches Vorrecht umgewandelt. Aber die 
Gottheit hat in der Sage nichts vom Charakter eines Über-Ichs, sie ist noch 
Repräsentant des übermächtigen Trieblebens. 

Die Umwandlung in's Gegenteil ist am gründlichsten in einem dritten 
Zug der Sage, in der Bestrafung des Feuerbringers. Prometheus wird an 
einen Felsen geschmiedet, ein Geier frißt täglich an seiner Leber. Auch 
in den Feuersagen anderer Völker spielt ein Vogel eine Rolle, er muß etwas 
mit der Sache zu tun haben, ich enthalte mich zunächst der Deutung. Dagegen 
fühlen wir uns auf sicherem Boden, wenn es sich um die Erklärung handelt, 
warum die Leber zum Ort der Bestrafung gewählt ist. Die Leber galt den 
Alten als der Sitz aller Leidenschaften und Begierden; eine Strafe wie die 
des Prometheus war also das Richtige für einen triebhaften Verbrecher, der 
gefrevelt hatte unter dem Antrieb böser Gelüste. Das genaue Gegenteil trifft 
aber für den Feuerbringer zu; er hatte Triebverzicht geübt und gezeigt, 
wie wohltätig, aber auch wie unerläßlich ein solcher Triebverzicht in 
kultureller Absicht ist. Und warum mußte eine solche kulturelle Wohltat 
überhaupt von der Sage als strafwürdiges Verbrechen behandelt werden? 
Nun, wenn sie durch alle Entstellungen durchschimmern läßt, daß die 
Gewinnung des Feuers einen Triebverzicht zur Voraussetzung hatte, so drückt 
sie doch unverhohlen den Groll aus, den die triebhafte Menschheit gegen 
den Kulturheros verspüren mußte. Und das stimmt zu unseren Einsichten 
und Erwartungen. Wir wissen, daß die Aufforderung zum Triebverzicht 
und die Durchsetzung desselben Feindseligkeit und Aggressionslust hervor- 
ruft, die sich erst in einer späteren Phase der psychischen Entwicklung 
in Schuldgefühl umsetzt. 

Die Undurchsichtigkeit der Prometheussage wie anderer Feuermythen 
wird durch den Umstand gesteigert, daß das Feuer dem Primitiven als 
etwas der verliebten Leidenschaft Analoges — wir würden sagen : als Symbol 
der Libido — erscheinen mußte. Die Wärme, die das Feuer ausstrahlt, 
ruft dieselbe Empfindung hervor, die den Zustand sexueller Erregtheit be- 
gleitet, und die Flamme mahnt in Form und Bewegungen an den tätigen 
Phallus. Daß die Flamme dem mythischen Sinn als Phallus erschien, kann 
nicht zweifelhaft sein, noch die Abkunftsage des römischen Königs Servius 
TuUius zeugt dafür. Wenn wir selbst von dem zehrenden Feuer der Leiden- 
schaft und von den züngelnden Flammen reden, also die Flamme einer 
Zunge vergleichen, haben wir uns vom Denken unserer primitiven Ahnen 
nicht so sehr weit entfernt. In unserer Herleitung der Feuergewinnung 




2ur Crewinnung des Feuers 



war ja auch die Voraussetzung enthalten, daß dem Urmenschen der Versuch, 
das Feuer durch sein eigenes Wasser zu löschen, ein lust volles Ringen mit 
einem anderen Phallus bedeutete. 

Auf dem Wege dieser symbolischen Angleichung mögen also auch 
andere, rein phantastische Elemente in den Mythus eingedrungen und in 
ihm mit den historischen verwebt worden sein. Man kann sich ja kaum 
der Idee erwehren, daß, wenn die Leber der Sitz der Leidenschaft ist, sie 
symbolisch dasselbe bedeutet wie das Feuer selbst, und daß dann ihre tägliche 
Aufzehrung und Erneuerung eine zutreffende Schilderung von dem Verhalten 
der Liebesgelüste ist, die, täglich befriedigt, sich täglich wieder herstellen. 
Dem Vogel, der sich an der Leber sättigt, fiele dabei die Bedeutung des 
Penis zu, die ihm auch sonst nicht fremd ist, wie Sagen, Träume, Sprach- 
gebrauch und plastische Darstellungen aus dem Altertum erkennen lassen. 
Ein kleiner Schritt weiter führt zum Vogel Phönix, der aus jedem seiner 
Feuertode neu verjüngt hervorgeht, und der wahrscheinlich eher und 
früher den nach seiner Erschlaffung neu belebten Phallus gemeint hat als 
die im Abendrot untergehende und dann wieder aufgehende Sonne. 

Man darf die Frage aufwerfen, ob man es der mythenbildenden Tätig- 
keit zumuten darf, sich — gleichsam spielerisch — in der verkleideten 
Darstellung allgemein bekannter, wenn auch höchst interessanter seelischer 
Vorgänge mit körperlicher Äußerung zu versuchen ohne anderes Motiv 
als bloße Darstellungslust. Darauf kann man gewiß keine sichere Antwort 
geben, ohne das Wesen des Mythus verstanden zu haben, aber für unsere 
beiden Fälle ist es leicht, den nämlichen Inhalt und damit eine bestimmte 
Tendenz zu erkennen. Sie beschreiben die Wiederherstellung der libidinösen 
Gelüste nach ihrem Erlöschen durch eine Sättigung, also ihre Unzerstör- 
barkeit, und diese Hervorhebung ist als Trost durchaus an ihrem Platz, 
wenn der historische Kern des Mythus eine Niederlage des Trieblebens, 
einen notwendig gewordenen Triebverzicht behandelt. Es ist wie das zweite 
Stück der begreiflichen Reaktion des in seinem Triebleben gekränkten 
Urmenschen; nach der Bestrafung des Frevlers die Versicherung, daß er 
im Grunde doch nichts ausgerichtet hat. 

An unerwarteter Stelle begegnen wir der Verkehrung ins Gegenteil in 
einem anderen Mythus, der anscheinend sehr wenig mit dem Feuermythus 
zu tun hat. Die lernäische Hydra mit ihren zahllosen züngelnden Schlangen- 
köpfen — unter ihnen ein unsterblicher — ist nach dem Zeugnis ihres 
Namens ein Wasserdrache. Der Kulturheros Herakles bekämpft sie, indem 
er ihre Köpfe abhaut, aber die wachsen immer nach, und er wird des 



la uigm. xreud 

Untiers erst Herr, nachdem er den unsterblichen Kopf mit Feuer ausge- 
brannt hat. Ein Wasserdrache, der durch das Feuer gebändigt wird ■ — das 
ergibt doch keinen Sinn. Wohl aber, wie in so vielen Träumen, die Um- 
kehrung des manifesten Inhalts. Dann ist die Hydra ein Brand, die züngelnden 
Schlangenköpfe sind die Flammen des Brandes, und als Beweis ihrer 
libidinösen Natur zeigen sie wie die Leber des Prometheus wieder das 
Phänomen des Nachwachsens, der Erneuerung nach der versuchten Zer- 
störung. Herakles löscht nun diesen Brand durch — Wasser. (Der unsterb- 
liche Kopf ist wohl der Phallus selbst, seine Vernichtung die Kastration). 
Herakles ist aber auch der Befreier des Prometheus, der den an der Leber 
fressenden Vogel tötet. Sollte man nicht einen tieferen Zusammenhang 
zwischen beiden Mythen erraten? Es ist ja so, als ob die Tat des einen 
Heros durch den anderen gutgemacht würde. Prometheus hatte die Löschung 
des Feuers verboten, — wie das Gesetz der Mongolen — , Herakles sie für 
den Fall des Unheil drohenden Brandes freigegeben. Der zweite Mythus 
scheint der Reaktion einer späteren Kulturzeit auf den Anlaß der Feuer- 
gewinnung zu entsprechen. Man gewinnt den Eindruck, daß man von 
hier aus ein ganzes Stück weit in die Geheimnisse des Mythus eindringen 
könnte, aber freilich wird man nur für eine kurze Strecke vom Gefühl 
der Sicherheit begleitet. 

Für den Gegensatz von Feuer und Wasser, der das ganze Gebiet dieser 
Mythen beherrscht, ist außer dem historischen und dem symbolisch-phan- 
tastischen noch ein drittes Moment aufzeigbar, eine physiologische Tatsache, 
die der Dichter in den Zeilen beschreibt: 

„Was dem Menschen dient zum Seichen, 
Damit schafft er Seinesgleichen. (Heine.) 

Das Glied des Mannes hat zwei Funktionen, deren Beisammensein 
manchem ein Ärgernis ist. Es besorgt die Entleerung des Harnes, und es 
führt den Liebesakt aus, der das Sehnen der genitalen Libido stillt. Das 
Kind glaubt noch, die beiden Funktionen vereinen zu können; nach seiner 
Theorie kommen die Kinder dadurch zustande, daß der Mann in den Leib 
des Weibes uriniert. Aber der Erwachsene weiß, daß die beiden Akte in 
Wirklichkeit unverträglich miteinander sind — so unverträglich wie Feuer 
und Wasser. Wenn das Glied in jenen Zustand von Erregung gerät, der 
ihm die Gleichstellung mit dem Vogel eingetragen hat, und während jene 
Empfindungen verspürt werden, die an die Wärme des Feuers mahnen, ist 
das Urinieren unmöglich; und umgekehrt, wenn das Glied der Entleerung 



Zuv Gl 



■ur vre^wiiinung des reuers 



des Fe 



des Körperwassers dient, scheinen alle seinen Beziehungen zur Genitalfunktion 
erloschen. Der Gegensatz der beiden Funktionen könnte uns veranlassen, 
zu sagen, daß der Mensch sein eigenes Feuer durch sein eigenes Wasser 
löscht. Und der Urmensch, der darauf angewiesen war, die Außenwelt mit 
Hilfe seiner eigenen Körperempfindungen und Körperverhältnisse zu be- 
greifen, dürfte die Analogien, die ihm das Verhalten des Feuers zeigte, 
nicht unbemerkt und ungenützt gelassen haben. 



Psydiosexuelle Parallelen 
zum biogenetisoien Grundgesetz 

NaJt einem Vortrag auf der IL Tagung der DeutsJien Psj^Jioanal^HsJien GeselhJiaft 

zu Dresden^ i^zo 

Von 

M-iciiael Bälint 

Budapest 



1) K^arriere des E 



ros 



Wenn über Biologie und besonders über die vielen so verschiedenen 
Lebensformen die Rede ist, hört man oft die Bemerkung — einmal auch 
von Freud: „Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglich- 
keiten."^ Was mag wohl der psychologische Sinn dieses Ausrufes sein? Wohl 
nur unsere Verwunderung darüber, daß unsere stolze, kühne Phantasie nicht 
imstande war, sich etwas vorzustellen, was nicht in der lebenden Welt 
tatsächlich aufzufinden wäre. Diese Erkenntnis habe ich lange nur als Unter- 
haltungsthema benutzt und mir in Analytikerkreisen die Zeit damit ver- 
trieben, zu jeder noch so absurden perversen Betätigung, zu jedem Mythos 
oder zu jeder infantilen Sexualtheorie die Tierart zu finden, die danach lebt. 

Schließlich wurde ich durch diesen genauen Parallelismus stutzig. Wenn 
er wahr ist, bedeutet das doch, daß die Seele des Menschen alles um die 
Phylogenese weiß, sogar, daß sie nichts anderes als nur die Phylogenese 
kennt; kann sie doch nichts wahrlich „nie Dagewesenes" produzieren. Viel- 
leicht könnte der Satz umgekehrt werden : Im Es des Menschen ist die ganze 
Phylogenese potentiell enthalten, das aktuelle Erlebnis löst nur die eine oder 
die andere Reaktionsform aus. 



1) Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 255. 



Psy-(iosexueIIe Parallelen zum üiogenetisdien Grundgesetz 



Ein entsprechendes Gesetz besteht — allerdings noch nicht seit langer Zeit — 
in der Biologie. Es stammt von Haeckel und ist das biogenetische Grund- 
gesetz. Um die Ähnlichkeit besser hervorzuheben, werde ich es in einer von 
der gewöhnlichen etwas abweichenden Form anführen: Das befruchtete Ei 
des Menschen weiß alles um die Phylogenese; es rekapituliert sie in seiner 
eigenen Entwicklung. Selbstverständlich bezieht sich Haeckels Satz nur auf 
den Körper. 

Ich behaupte nun, daß nicht nur der Körper, sondern auch die Seele 
die Artentwicklung wiederholt. Falls sich dies beweisen läßt, verliert die 
anfangs aufgestellte Behauptung ihre Mystizität ; sie wird verständlich. Das 
Wissen um die Phylogenese wird dann auf ein Wissen um die eigene Genese 
reduziert, was uns nicht mehr verwundern kann. Dieser Gedanke, wenn 
auch nicht so allgemein ausgesprochen, leitete eigentlich Ferenczi bei der 
Deutung der ewigen Fischsymbolik.' 

Den Beweis kann ich natürlich nicht ganz allgemein erbringen, wir wissen 
von der seelischen Entwicklung, besonders der höheren Systeme, zu wenig. 
Ich beschränke mich auf die Psychosexualität. Erstens ist sie vielleicht die 
primitivste seelische Schicht, also der Biologie noch am nächsten. Dann 
aber ist ihr Gebiet ziemlich gut durchforscht — sowohl phänomenologisch, 
als auch in genetischer Hinsicht. Und schließlich haben wir Psychoanalytiker 
hier sozusagen Erobererrechte, war doch unser Meister Freud einer der 
ersten und sicher der erfolgreichsten Entdecker. 

Seit seinen bahnbrechenden „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" ^ 
haben wir gelernt, daß dem Begriff der Sexualität ein viel weiterer Um- 
fang zukommt, als man gewöhnlich unter dem Eindrucke der normalen 
Sexualität der Erwachsenen annimmt. Wir wissen, daß die Sexualität einen 
langen und verwickelten Entwicklungsgang zu durchlaufen hat, bevor sie 
die endgültige, erwachsene Form, die Freud Genitalität nannte, erreicht. 
Wir können auch die Hauptstationen dieses Weges angeben: diese sind die 
sogenannten sexuellen Organisationsstufen, die nach den Körperzonen be- 
nannt wurden, welche in der betreffenden Organisation die Hauptrolle 
spielen. Diese sind der Reihe nach: Mund-, After- und Geschlechtszone, 
und so heißen die einzelnen Phasen oral, anal und genital. Aber man hat 
sich noch nicht gefragt, weshalb die Sexualität des Menschen — und es 
ist hinzuzufügen: ausnahmslos — sich zuerst um die Mund- und dann um 
die Afterzone organisiert, bevor sie die erwachsene genitale Form erreicht. 

i) Ferenczi: Versuch einer Gemtaltheorie. Kap. VI. Int. PsA. Verlag- 1024,. 
2) Ges. Schriften, Bd. V. s s 1. 



Alidiael Bälint 



Der einzige, der diese Frage bisher aufgeworfen und sie ihrer Lösung 
beträchtlich nähergebracht hat, ist der uns so früh entrissene Abraham. 
In seinem Aufsatze: „Anfänge und Entwicklung der Objektliebe" ' hat er 
in der Reihenfolge der Embryogenese und der Entwicklung der Psycho- 
sexualität sehr merkwürdige Übereinstimmungen nachgewiesen. In der 
Embryogenese sind die ersten Organe, die gebildet werden, Urmund und 
Urdarm. Bei vielen (besonders bei primitiven) Chordaten wandert nun der 
Urmund von der definitiven Mundzone den Körper entlang zum entgegen- 
gesetzten Pol und wird hier zum After. Zu dieser Zeit erscheinen die Muskeln, 
allen voran die Kiefermuskulatur, und erst viel später die Keimdrüsen. Dies 
alles war längst bekannt. Abrahams Verdienst ist, darauf hingewiesen zu 
haben, daß die sexuellen Leitzonen in genau derselben Reihenfolge er- 
scheinen. Abraham stellte noch eine „besondere Regel auf, „welche be- 
sagt, daß die psychosexuelle Entwicklung der organischen, somatischen Ent- 
wicklung stets in weitem Abstände nachhinkt, wie eine späte Neuauflage 
oder Wiederholung des gleichen Prozesses".^ Ich glaube, Abrahams „be- 
sondere Regel", die ich als Retardationsprinzip hervorheben möchte, ist 
eines der wichtigsten Gesetze der ganzen seelischen, aber auch körperlichen 
Entwicklung des Menschen. Die ausführliche Behandlung dieses Themas 
muß ich auf eine spätere Gelegenheit verschieben. 

Wir wissen also, daß die Entwicklung des Körpers und die Entwick- 
lung der Psychosexualität denselben Weg zu durchlaufen haben; wir wissen 
auch, daß der Körper dazu nur Wochen, die Seele dagegen Jahre braucht, 
aber wir wissen noch nicht, weshalb eben dieser Weg — oral, anal, genital — 
sowohl vom Körper wie auch von der Seele zu durchlaufen ist. Ich möchte 
heute zeigen, daß bei den Tieren sexuelle Betätigungen beobachtet wurden, 
die ohne weiteres als Äquivalente der uns schon bekannten sexuellen Organi- 
sationsstufen erkenntlich sind, und daß der von Freud entdeckten drei- 
stufigen psychosexuellen Entwicklung eine ebenfalls dreistufige phylogene- 
tische Sexualentwicklung entspricht. Hiedurch wird erst verständlich werden, 
worüber sich bisher auffallenderweise niemand gewundert hat, warum nicht 
mehr und nicht weniger als drei Stufen sexueller Organisation beim Menschen 
nachgewiesen wurden. 

Seit der Entdeckung der Zellen fassen die Biologen die sexuellen Funk- 
tionen in zwei große Gruppen zusammen: diese heißen Befruchtung 

i) Abgedruckt in: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 1924. 
2) 1. c, S. 93. 



Psyttosexuelle Parallelen zum tiogenetiscken Grundgesetz 



und Begattung. Unter „Befruchtung" versteht man die Vereinigung zweier 

i^ allgemeinen sexuell differenzierter — Zellen, Gameten genannt (eventuell 

ist dies auf die Vereinigung von bloß zwei Kernen reduziert); eng mit 
diesem Vorgange ist eine merkwürdige Erscheinung, die Kernreduktion, 
verknüpft, worüber wir gleich zu sprechen haben werden. In die Gruppe 
„Begattung" gehören alle Vorgänge, die zur Vereinigung der Gameten not- 
wendig sind, die aber nicht von den Gameten selbst durchgeführt werden. 

Nun, bei vielen Protisten, darunter bei den primitivsten, besteht die 
Sexualität ausschließlich aus der Befruchtung. Verwirrend mannigfaltig sind 
Art und Weise, wie dies bei den einzelnen Arten verwirklicht wird; für 
unser Problem ist es wichtig, daß alle Biologen diesen Vorgang als ein 
gegenseitiges Auffressen gedeutet haben, und daß bei allen Lebewesen, die 
geformte Nahrung aufnehmen, die Vereinigung ohne Ausnahme dort statt- 
findet, wo sonst die Nahrung aufgenommen wird; — wo also ein Zell- 
mund schon gebildet wurde, durch den Zellmund. Die Urform der Sexualität 
ist also mit der Aufnahme von geformter Nahrung eng verbunden. Es sind 
hiefür von vornherein zwei Erklärungen möglich: Entweder entwickelten 
sich Sexualität und Übergang von flüssiger Nahrung zu fester Nahrung 
unabhängig voneinander und erst später wurde die Zellmundzone zur 
sexuellen Zone; oder aber: eben die angenehmen Erfahrungen, die das 
Lebewesen bei der sexuellen Vereinigung gemacht hatte, riefen in ihm 
den Wunsch nach Aufnahme von festen Partikeln hervor. Die störende 
Gegenwart von artfremden Substanzen im eigenen Plasma löste dann eine 
Reihe von Abwehrvorgängen aus, die im günstigen Falle zur Assimilation 
des Partikels führten und so die ursprünglich lustvolle Aktion in eine 
nützliche verwandelten. 

Das biologische Tatsachenmaterial spricht weder für, noch gegen die 
eine der beiden Hypothesen. Alles, was wir ihm entnehmen können, be- 
weist, wie innig Ernährungsweise und Sexualität zusammenhängen.^ In 

i) Wie schon gesagt, geschieht die Vereinigung bei den mundbildenden Einzelligen 
durch den Zellmund. Eine ähnlich wichtige Rolle spielt die Mundzone bei den höheren 
Tieren, später selbstverständlich nur in den die Paarung einleitenden Vorlusthand- 
limgen; und zwar nicht nur bei den Säugern, sondern auch bei Vögeln, bei Amphibien 
(z. B. Tritonen), bei vielen Arthropoden usw. Weitaus die meisten Sinnesorgane, die 
bei der Paarung erheblich mitwirken, sind auch dann um den Mund oder in seiner 
Nähe angeordnet, wenn die Geschlechtsöffnungen schon längst fortgewandert sind. 
Auch die Sprache, wenigstens die ungarische, bezeichnet mit demselben Ausdruck: 
„csorog a nyäla" (es fließt ihm der Speichel) den Wunsch sowohl nach Nahrung als 
auch nach dem Weibe. 

Es ist seit langem bekannt, daß durch Nahrungswechsel und besonders durch 

Imago XVIII. „ 



1 



Miiiael Balint 



der Biologie werden wir sehr oft vor eine ähnliche Antinomie gestellt: 
Wir müßten entscheiden: lehnt sich die Sexualität an schon — unabhängig 
von ihr — entwickelte somatische Funktionen an, oder umgekehrt: be- 
stimmt die Sexualität die Entwicklung neuer somatischer Funktionen? Es 
ist nicht uninteressant, daß wir am Uranfang der menschlichen Psycho- 
sexualität dieselbe Frage vorfinden. Beim Säugling sind wir auch nicht 
imstande zu entscheiden, wieviel vom Saugakt der Sexualität und wieviel 
dem Nahrungstrieb zuzuschreiben ist. 

Noch bei den Protisten begegnen wir einem anderen Typus der sexuellen 
Erscheinungen. Die bisher erwähnten Lebewesen pflanzen sich eine Weile 
durch Teilung fort, bis dann aus irgendeinem Grunde die sexuelle Ver- 
einigung stattfindet. Die sogenannten vegetativen Individuen, an denen 
keine Sexualfunktion zu beobachten ist, sind den sexuellen vollkommen 
gleich, das Individuum ist die Gamete selbst. (Beispiel isogam: 
Pyramidomonas, Dunaliella, anisogam : Chlamydomonas Braunii.)^ Bei vielen 
höher entwickelten Protisten können wir aber beobachten, daß durch ge- 
wöhnliche Teilungen hervorgebrachte Individuen einander nie befruchten. 
Die Vermehrung durch Teilung dauert fort, bis dann ein solches „vegetatives" 
Individuum sich in einer speziellen, von der gewöhnlichen abweichenden 
Weise teilt. Die so entstandenen Zellen sind in der Regel von den „vegetativen" 



Nahrungseinschränkung- bei den Einzelligen Sexualzyklen jäh ausgelöst werden können. 
Nun bedeutet Befruchtung fürs erste nicht Vermehrung, im Gegenteil Verminderung 
der Individuenzahl auf die Hälfte. Sehr oft folgt nach der Befruchtung eine Periode 
der Ruhe, sogar der Enzystierung, aber immer wird die Nahrungsaufnahme während 
der Befruchtung und auch eine Zeitlang nachher eingestellt. Es drängt sich einem 
das psychologische Bild des Gesättigtseins auf, und anthropomorphisierend könnte 
man sagen, diese Protisten suchen Ersatz für die durch die Realität versagte Nahrung 
in der Befruchtung; falls sie nicht genug zu essen bekommen, essen sie sich gegen- 
seitig auf. Ähnlich könnte die Resorption des Kemmaterials bei der Reduktion ge- 
deutet werden. Man könnte sogar den Satz wagen, alle Sexualakte bei den Einzelligen 
würden durch Ernährungsschwierigkeiten ausgelöst, und ihr eigentlicher Zweck sei 
die Aufhebung derselben (Hertwigs „Kernplasmarelation" usw.). 

Durch passende Wahl der Ernährung können die sexuell noch indifferenten jungen 
Individuen bei Arten, bei welchen die Bestimmung des Geschlechts nicht genotypisch 
geschieht, sowohl zu Männchen als auch zu Weibchen erzogen werden (z. B. beim 
Wurm Bonellia viridis). 

Und schließlich wird uns ein großartiges Beispiel in der grundsätzlichen Ver- 
schiedenheit der Ernährungsweise und der Sexualfunktion der Tierwelt und der 
Pflanzenwelt geboten. Siehe S. 27. 

1) Die Beispiele für primitive Formen habe ich alle aus der Gruppe der Vol- 
vocales gewählt, teils weil sie ziemlich gut durchforscht ist, teils der althergebrachten 
Gewohnheit der Lehrbücher folgend. 



Psydiosexuelle Parallelen zum tiogenetisaieii Grundgesetz 



19 



Zellen leicht zu unterscheiden; sie können auch hier noch einander gleich 
(isoi^ani: Stephanosphaera, Haematococcus, Gonium pectorale) oder schon 
sexuell differenziert sein (anisogam: Eudorina elegans, Volvox). Diese sind 
die Gameten, die die sexuelle Vereinigung verwirklichen. Die „vegetativen" 
Zellen stellen dagegen eine vollkommen neue Erscheinung, eine neue 
Generation dar; zum Unterschied von den Gameten werden sie Gameto- 
zyten genannt. Sie befruchten sich nie, haben aber dennoch Sexual- 
funktionen, nur andersartige, und zwar Bildung und Ausscheidung der 
Gameten. Diese Funktionen können ohne Zwang als Äquivalente der analen 
Befriedigungsformen — Kotbildung und Stuhlentleerung — gedeutet werden. 

Die einfacheren mehrzelligen Protisten (Eudorina, Pandorina usw.) sind 
eigentlich zusammenlebende Einzellige, alle Zellen einander gleich, mit 
gleichen Funktionen. In Hinsicht auf die Sexualität bedeutet dies, daß sie 
eine Kolonie von Gameten beziehungsweise von Gametozyten darstellen. 
Anders beim nächsthöheren Vertreter dieser Gruppe (dem Volvox). Hier 
können nur noch einzelne bestimmte Zellen Gameten produzieren, die übrigen 
nicht mehr. Auf die Gameten und Gametozyten wurde hier eine dritte 
Generation überschichtet, die nach Meisenheimer „Gametozytenträger" 
genannt wird. Sie ist vorerst von der Sexualität ausgeschlossen und heißt 
daher im Gegensatz zu den „Keimzellen" das „Soma". Man kann im Zweifel 
sein, ob dieses asexuell oder bisexuell ist, sicher ist es, daß an ihm über- 
haupt keine Sexualfunktionen nachweisbar sind. Es produziert die Gameto- 
zyten, läßt dann irgendwie — meistens durch einen Riß — den fertigen 
Gameten freien Weg, und damit ist es mit ihnen fertig.' Man kann an ihm 
vorerst auch keine sexuellen Differenzen wahrnehmen, und so bleibt es bis 
in die untersten Klassen der mehrzelligen Tiere: Schwämme und Coelente- 
raten, vielfach auch Vermes. 

Es hat den Anschein, als ob das neuentwickelte Soma hier sich einen 
Vorsprung vor dem Eros gesichert hätte. Ziemlich lange ist es auch unab- 
hängig von ihm geblieben und entwickelte sich zu komplizierten, leistungs- 
fähigen Formen, deren sexuelle Betätigungen fast nur aus primitiver Ent- 
leerung von Gameten bestehen. Aber der nimmermüde Eros gönnte dem 
Soma diesen Vorsprung nicht lange. Schritt für Schritt hat er es erobert und 
in seinen Dienst gestellt. Die Geschichte dieser wechselvollen Entwicklung, die 
verschieden bei Tieren und Pflanzen verlief, könnte heißen: die Karriere 
des Eros. 



1) Nach Entleerung der letzten Gametozyte stirbt es allerdings bald ab. 



MiAael Billint 



^ Selbstverständlich kann ich hier diesen interessanten Weg nur ganz grob in 
seinen Hauptstationen verfolgen. Wie wir gesehen haben, sind die beiden ur- 
sprüngHchen Formen der Sexualfunktionen anfangs voneinander absolut unab- 
hängig; die Gameten vereinigen sich, die Gametozyten scheiden aus — und 
beeinflussen einander überhaupt nicht. Aber schon in den untersten Gruppen, 
vielfach noch vor Ausbildung der dritten Generation, kommen Ausnahmen vor, 
die gleichsam tastende Versuche der späteren großartigen Entwicklung bedeuten. 
Diese Entwicklung beginnt auf zwei Wegen. Erstens wird die sexuelle Diffe- 
renzierung der Gameten erblich festgelegt, d. h. von der Umwelt unabhängig 
gemacht, dann aber werden langsam auch die Gametozyten zur sexuellen Diffe- 
renzierung gezwungen. So sind noch — um bei den Volvocales zu bleiben — bei 
Chlorogonium euchlorum die Gameten einander der Gestalt nach gleich, jedoch 
schon sexuell streng differenziert. Ebenso verhalten sich die Gametozyten. Die 
Geschlechtsbestimmung erfolgt bei den ersten Teilungen nach der Befruchtung; 
von den entstandenen vier Zellen gehören zwei dem einen, zwei dem anderen 
Geschlecht an. Gleiche Verhältnisse herrschen bei den koloniebildenden Gonium 
und Pandorina. Bei Eudorina elegans dagegen sind die Gameten auch mor- 
phologisch verschieden, die Gametozyten aber morphologisch noch gleich, jedoch 
physiologisch streng sexuell differenziert. Ebenfalls bei Pleodorina. Der nächste 
Schritt vollzieht sich bei Volvox. Hier sind auch die Gametozyten verschieden 
und leicht als männliche Antheridien und weibliche Oogonien zu erkennen. Das 
hier schon entwickelte Soma dagegen ist noch sexuell undifferenziert. 

Der andere Weg der Entwicklung besteht darin, daß außer den Gameten 
langsam auch die anderen Generationen in die Funktion der Vereinigung ein- 
bezogen werden, d. h. die Begattung beginnt. So veriiert — bei den höheren 
Arten in allen Gruppen — die weibliche Gamete an Bewegungsfähigkeit und 
wird schließlich zum unbeweglichen Ei. (Beispiel: Chlamydomonas coccifera usw.) 
Dann wird das Ei nicht mehr ausgeschieden, es verbleibt im Oogonium bis zur 
Befruchtung. (Beispiel: Eudorina elegans usw.) Bei manchen Arten hUft dann 
das Oogon bei der Befruchtung mit. Ein berühmter Fall dafür ist Coleochaeta. 
Bei dieser Grünalge muß das Oogon vor dem befruchtenden Spermium sich 
öffnen und wird nach der Befruchtung zur sogenannten „Frucht". Bei vielen 
Pilzen (Albugo Bliti, Pyronema, Mucor usw.) werden überhaupt keine Gameten 
mehr gebildet, die vielkernigen Gametozyten vollbringen selbst die Vereinigung.^ 

i) Die Pilze bieten ein überreiches Material zum Studium dieser Übergangs- 
erscheinungen. Leider verbieten mir die sehr komplizierten Verhältnisse in dieser 
Gruppe, hier näher auf sie einzugehen. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, daß 
die Kompliziertheit der Sexualfunktionen der Pilze innigst mit dem Umstände zu- 
sammenhängt, daß innerhalb dieser Gruppe der Übergang vom Wasser- auf das Land-, 
eigentlich richtiger Luftleben beziehungsweise von der freien auf die parasitäre Lebens- 
weise sich vollzogen hat. Die frei im Wasser lebenden Arten sind in sexueller Hinsicht 
den ursprünglichen Formen sehr ähnlich und umgekehrt. Ebenso verhält es sich — 
wie wir gleich sehen werden — mit der Gruppe der Würmer und noch später der 
Amphibien, die ebenfalls Übergangsarten sind. Dasselbe, was die Püze für die Ero- 
tisierung der Gametozytenfunktion bedeuten, bedeuten die Würmer beziehungs- 
weise die Amphibien für die der Gametozytenträger. Hiedurch wird die Annahme 



Psydiosexuelle Parallelen zum tiogenetisAen GrtmJgeseta 



Eisentlich geschieht dasselbe bei den ciliaten Infusorien, den höchstentwickelten 
animalischen Protisten. Hier sind die sich miteinander paarenden Individuen 
Gametozyten. Die Gametengeneration ist hingegen verkümmert, sie wird nur 
durch die zweierlei Kerne — stationärer und Wanderkern — vertreten (Para- 
mäcien). In einer anderen Hinsicht sind diese Formen noch primitiv, die 
Gametozyte — das Individuum — ist bei ihnen sexuell noch nicht differenziert. 
Bei einer anderen festsitzenden Familie derselben Klasse, bei den Vorticelliden, 
ist auch dieser Schritt schon gemacht. Hier bleibt die weibliche Gametozyte 
an ihrem Standort, die männliche schwimmt umher, bis sie ihre Partnerin 
trifft und sie befruchtet. Dieser Vorgang, der eigenthch schon Begattung zu 
nennen wäre, ist bestimmend geworden für die Pflanzenwelt. Bekanntlich ist 
der Pollen, der Blütenstaub ein der Gametozytengeneration durchaus homologes 
GebUde;' er bringt erst auf der Narbe der Partnerblüte die befruchtenden 
männlichen Gameten hervor und — man beachte die Ähnhchkeit seiner Funktion 
mit der analen — läßt sie erst durch einen Schlauch zu den Eizellen gelangen. 
Verschwindend wenige Ausnahmen abgerechnet sind die Sexualfunktionen der 
Pflanzen nicht weiter entwickelt, d. h. ihr Soma wird nicht weitergehend 
erotisiert. 

Anders bei den Tieren.'* Hier werden die Gametozyten nie selbständig. Sie 
werden im Gegenteil langsam zu einem Organ, der Gonade, zusammengezogen, 
das Ovar beziehungsweise Spermar genannt wird. Dieses Organ, das von nun an 
eine wichtige Rolle im Organisationsplan des Tierkörpers spielt, wird immer 
melir von der Körperoberfläche ins Innere des Tieres verlegt. Hand in Hand 
damit geht es, daß das Soma an der Sexualfunktion der Gametozyten teilnimmt. 
Bei den primitiveren Formen, -wo die Gametozyten noch auf der Körperober- 
fläche angebracht sind, genügt das Platzen derselben, um die Gameten zu be- 
freien. (Schwämme, Hydra, Hydromedusen usw.) Bei den höheren Coelenteraten 
entleeren sich die Gonaden in die Körperhöhle (in den Gastrovascularraum) und 
gelangen dann durch den Mund in die Außenwelt. Wie wir sehen, wird das 
Soma in diesen beiden Kreisen — Schwämme und Coelenteraten — durch 
Sexualfunktionen nicht affiziert. Dementsprechend kommt auch ungeschlecht- 
liche Fortpflanzung noch häufig vor (Gemmulae der Schwämme, Knospen bei 
den Polypen). Bei der nächsthöheren Gruppe — - bei den Würmern — wird 
das Bild auf einmal äußerst bunt. Sicher liegt es zum Teil an dem polyphyleti- 
schen Ursprung dieser Tiere; nicht umsonst wurde dieser Kreis immer „die 
Rumpelkammer der Zoologie" genannt. Ich glaube aber, daß noch ein Faktor 



von Ferenczi bekräftigt, nach welcher die komplizierten Begattungsfunktionen erst 
nach der Katastrophe der Eintrocknung obligat wurden (1. c. passim, z. B. S. 68), nur 
daß er dies bloß für die Wirbeltiere ausführt. 

i) Mit dem einzigen Unterschied, daß er zur haploiden Generation gehört, während 
die Infusorien diploid, also bisexuell sind. Auf diesen Unterschied vsrerde ich später 
zurückkommen. 

2) Die folgenden Beispiele sind fast alle, auch wenn sie nicht als Zitate angeführt 
sind, aus dem großangelegten Werke von Meiseuheiraer übernommen. (Geschlecht 
und Geschlechter. Bd. I. Jena 1921.) 



Mitiael Bälint 



erheHich mitgewirkt hat, das Bild so kompliziert zu gestalten. Dieser Faktor 
ist die Änderung der Lebensweise. In dieser Gruppe ist nämlich vielfach der 
Übergang von frei im Wasser schwimmenden Formen auf parasitäre beziehungs- 
weise auf dem Lande lebende erfolgt, so bei den Plathelminthes, Nemathelminthes, 
Anneliden usw., und überall findet man, daß die freien, im Wasser lebenden 
Arten einfachere Sexualfunktionen aufweisen als die nächstverwandten parasiti- 
schen oder kontinentalen. Es ist nicht uninteressant, daß schon bei den Würmern 
fast alle Begattungsfunktionen beziehungsweise Begattungsorgane — wenigstens 
in Ansätzen — auffindbar sind, die später eine so wichtige Rolle spielen. Aber 
auch die alten, primitiven Sexualfunktionen sind bei anderen Arten erhalten ge- 
blieben, und auch ungeschlechtliche Fortpflanzung und Generationswechsel kommen 
vor. Es hat den Anschein, als ob hier in dieser Gruppe der entscheidende Kampf 
zwischen Eros und Soma ausgekämpft wurde; in den höheren Gruppen brauchte 
der Sieger nur mehr seine Herrschaft gegen ganz vereinzelte Rebellionen zu 
sichern; das Soma wurde der Diener des Eros. 

In der ersten Phase zwang Eros das Soma, die Funktionen der Gameto- 
zyten zu übernehmen. Die Gonaden wurden bei der Bildung des Coeloms ins 
Innere des Körpers gezogen und so von der Außenwelt abgesperrt. Die Ent- 
leerung der Gameten mußte von nun an das Soma besorgen. Anfangs geschah 
es wahrscheinhch durch einen ad hoc gebildeten Riß der Körperwand, wie wir 
es bei Volvox gesehen haben; z. B. manche Strudelwürmer und Annehden, 
Balanoglossus, und auch die zu den Chordaten gehörenden Appendicularien. 
Bei vielen polychaeten Ringelwürmern werden besondere Körperteile gebildet, 
die sogenannten epitoken Geschlechtsteile, die sich, durch Gameten praU ge- 
füllt, vom Mutterkörper loslösen und so die Entleerung der Gameten besorgen. 
Und ähnlich wie bei Volvox sterben auch hier viele Tiere an dieser Entleerung. 

Bei anderen Arten werden dann Ausführungskanäle gebildet. Den Übergang 
zu^ dieser Gruppe bilden Arten, bei denen der ad hoc gebildete Riß schnell 
heilt. Daran schließen sich Arten an, die nur zur Zeit der Gametenreifung 
diese Kanäle entwickeln, so einzelne Nemertinen und die Crinoiden unter den 
Stachelhäutern usw. Dann kommen Arten mit bleibenden Kanälen; diese Kanäle 
werden schon öfters in dieser Gruppe mit den Ausführungswegen der Nephridien ver- 
bunden, gleichsam als erste Ansätze zum späteren Urogenitalsystem. (Vgl. Ferenczi, 
1. c, S. 80 ff.) Bei diesen hat also das Soma die Funktion der Entleerung voll 
auf sich genommen. Diese Arten sind sehr zahlreich und noch in den höchsten 
Gruppen zu finden. So viele Ringelwürmer, die primitiveren Schnecken, die 
meisten marinen Muscheln, die Echinodermen, die Tunicaten und noch viele Fische. 

Der nächste Schritt war, daß Eros die Gametozytenträger zwang, die Gameten 
gleichzeitig zu entleeren. Dies ist besonders leicht bei festsitzenden Aquarien- 
tieren zu beobachten. Fängt eines mit der Entleerung an, so folgen die anderen 
nach. Fast immer sind es die Männchen, die beginnen. Das großartigste Bei- 
spiel für diese Form ist wohl das Verhalten der Heringe. Auf dieser Stufe findet 
man auch die ersten deutlichen Spuren von sexueller Erregung, vielleicht schon 
bei einzelnen Medusenarten, aber sicher bei den Brachiopoden, Chitonen und 
Prosobranchiem. 



Psycto 



eile Parallelen zum Liogeuetiscien GrtmJgeseta a3 



Eigentlich noch vor den Würmern beginnt eine andere Linie der Entwicklung. 
Die weihlichen Gameten werden nicht mehr ausgeschieden, nur die männlichen. 
dL müssen dann die Befruchtung im Innern des Muttertieres voUbrmgen (so- 
tenlnnte „innere Befruchtung"). So geschieht es bei der Edelkoralle, bei manchen 
Röhrenwürmem, bei vielen Muscheln (Unio, Anodonta) und bei dem berühmten 
Callistochiton viviparus, der mit Recht seinen Namen trägt usw. Aber aas Vater- 
tier hat noch nichts mit diesen Vorgängen zu tun, seine Gameten müssen dieser 

Aufgabe allein gerecht werden. ,. t j- -j a- r- <.t„ 

Nun greift aber Eros wieder ein und zwingt die Individuen — die Gameto- 
zv-tenträ-er -, nachdem sie die Arbeit der Gametozyten zum Teil schon über- 
nommen haben, nunmehr dazu, auch die Rolle der Gameten zu spielen Die 
Anfän-e sind wiederum bei den Würmern zu finden. So vereinigen sich bei 
manchen Nemertinen mehrere Individuen zu der Gesamtentleerung; die Mehr- 
zahl reduziert sich bei anderen Arten bald auf zwei, und so bleibt es bis zu 
den höchsten Tieren. Beispiele für diese Form sind in aUen höheren Tierklassen zu 
finden, das bekannteste ist das der Amphibien. Hier mußten aber noch besondere Vor- 
kehrungen getroffen werden, um bei den kontinentalen Arten das fehlende Wasser 
zu erset'zen. (Vgl. dazu Ferenczi, 1. c. passim, z. B. S. 68.) Ansätze dazu finden 
wir wiederum bei den Würmern, wo z. B. die auf dem Lande lebenden Regen- 
würmer sich mit einer zähen Schleimmasse für die Zeit der Spermaübertragung 
fest verkitten; die Spermien werden gegen die Eintrocknungsgefahr in Spermato- 
phoren verschlossen. Spermatophoren werden vom Männchen abgegeben und 
vom Weibchen aktiv aufgenommen noch bei den Salamandern und Tritonen; 
Sekretmassen ersetzen das fehlende Wasser noch bei vielen Kröten und Fröschen. 
Aber überall auf dieser Stufe entleert das Männchen seine Gameten noch in 
die Außenwelt, wenn auch in die Nähe oder auch direkt an den Körper seines 
Partners. 

Was nun folgt, ist wohl das phantastischste Kapitel der Zoologie. Es ist 
staunenerregend, was alles Eros in Bewegung gesetzt hat, um eine sogenannte 
„innere Befruchtung" zu ermöglichen. Für diesen Zweck werden — man kann 
ohne Übertreibung behaupten — alle Körperteile ausnahmslos ausprobiert. Be- 
sonders die Gliedertiere — diese Wunder der Feinmechanik — zeigen ganz 
ausgefallene Beispiele. Fühler, Cheliceren, Mundteile, Beine usw. werden benützt, 
um die Spermien — meistens zu Spermatophoren vereinigt — an die weib- 
liche Geschlechtsöffnung zu bringen, beziehungsweise in dieselbe hineinzustopfen. 
Die Entwicklung geht dann weiter, es tritt Arbeitsteilung ein, und für jede 
Phase des Geschlechtsaktes werden nur bestimmte Körperteile benützt und ihrer 
Bestimmung entsprechend umgeformt. So entstehen die Gonopodien, diese aus- 
gesprochen männlichen Organe, die ursprünglich Körperanhänge oder Bewegungs- 
organe waren und nun den Dienst der Spermaübertragung versehen. Greiforgane, 
Fang- und Halteapparate, Zangen, Taschen, Haken, Blasen, Leitungsrinnen und 
Kanäle, Pumpen, Diktatoren usw. werden gebildet, gleichgültig woraus. Ihre 
Funktion besteht darin, daß sie das frei abgesetzte Sperma interimistisch 
aufnehmen und es dann in den weiblichen Körper weiterbefördern. Noch aus- 
gefallener sind diese Formen bei den Tintenfischen. Hier kann auch der eine 




li 



Arm oder ein Armpaar die Funktion des Gonopods versehen, eventuell auch 
als Leitungsrinne ausgebildet sein; bei den Argonautiden löst sich dieser Arm 
vom männlichen Körper ab und gelangt mit den Spermien beladen selbständig 
in die weibliche Mantelhöhle. Die Biologen waren lange unschlüssig über die 
Natur dieser aufgefundenen Gebilde, sie wurden lange für Parasiten gehalten; 
aus dieser Zeit stammt auch ihr Name Hectocotylus. Auch noch bei einzelnen 
Fischen (bei den lebendig gebärenden Cyprinodontiden) entstehen Gonopodien 
aus der Afterflosse. 

Schon früh, wiederum bei den Würmern, fängt eine andere Linie an, die 
eigentlich nur eine spezielle Form der vorigen ist. Das Sperma wird direkt aus 
Geschlechtsöffnung in Geschlechtsöffnung übertragen, also ohne in die Außenwelt 
zu gelangen. Hiebei werden auch Hilfsorgane entwickelt, aber sie differenzieren 
sich aus den äußeren Leitungswegen der Genitaldrüsen heraus und werden daher 
echte Begattungsorgane genannt. Am primitivsten geschieht dies wohl durch ein- 
faches Aneinanderpressen der Geschlechtsöffhungen, wie es bei vielen viviparen 
Fischen und einigen Salamandern zu beobachten ist. Manche Arten entwickeln 
hiezu Hilfsorgane, sogenannte Mixipodien, die entweder die beiden Genital- 
öffnungen fester verankern oder auch, in die weibliche Öffnung hineingestoßen, 
sie erweitern. Solche Gebilde besitzen die Rundwürmer (hier Spicula genannt), 
manche Insekten (Grillen und Laubheuschrecken usw.) und die Haifische. Die 
Funktion dieser Apparate wird oft durch Drüsensekrete unterstützt. — Ein echter 
Penis entsteht zuerst bei den Plattwürmem. Aber auch bei anderen Würmern 
finden wir entweder röhr- oder zapfenartige Gebilde, die schwellbar beziehungs- 
weise ausstülpbar sind. So bei manchen Strudelwürmern, Oligochaeten und 
Hirudineen. Ähnliche Organe bilden die Schnecken und manche Gliedertiere, 
die sich aus fast allen Untergruppen dieser Klasse rekrutieren. Das Organ wird 
entweder durch Muskelwirkung oder aber schon durch die einströmende Körper- 
flüssigkeit erigiert, also Verhältnisse, die denen der höchsten Tiergruppen durchaus 
ähnhch sind. Vielleicht am kompliziertesten sind die Organe der höheren Insekten 
gebaut, aber im Prinzip sind auch sie Wiederholungen der beiden Urfunktions- 
typen: Muskelwirkung oder Blutdruckerhöhung. Auch die Verhältnisse bei den 
Wirbeltieren bedeuten in prinzipieller Hinsicht nichts Neues. 

Bevor ich das Ergebnis dieses Exkurses zusammenfasse, muß ich noch eine 
Leistung des Eros weiter verfolgen. Wie wir gesehen haben, sind zuerst nur 
die Gameten sexueU differenziert; diese Differenz kann vorerst nur physiologisch 
sein; in diesem Falle sind die Gameten der Gestalt nach vollkommen gleich, nur daß 
manche von ihnen nur mit bestimmten kopulieren, mit anderen aber nicht. Hier kann 
noch nicht von „männhch" und „weiblich" gesprochen werden, die Biologen be- 
zeichnen diese beiden Geschlechter mit + und — u. dgl. Bald werden die zwei 
Formen auch morphologisch ausgebildet; die sexuelle Differenzierung wird dann 
langsam auch auf die Gametozytengeneration ausgedehnt. Das Soma bleibt aber 
lange unberührt. Bei den Schwämmen und Coelenteraten war das meiste, was Eros 
erreichen konnte, daß einige Arten schon getrenntgeschlechtHch geworden sind. 
Wir wissen aber herzlich wenig darüber, wie er es getan hat. Bei einigen Formen 
dieser Stufe ist ihm sogar gelungen, eine Art sexueUen Dimorphismus hervor- 



PsyAosexuelle Parallelen zum biogenetischen Grundgesetz a5 



zurufen Manche Ovarien sind auffallend anders gefärbt als die entsprechenden 
Snermarien und so sind bei einigen getrenntgeschlechtHchen Arten die männ- 
Hche beziehungsweise weibliche Gameten produzierenden Individuen unter- 
scheidbar (EdelkoraUe). Ob diese schon „Männchen" beziehungsweise „Weib- 
chen" genannt werden dürfen, steht noch dahin; alle anderen Teile des Körpers 
sind absolut gleich. Ganz vereinzelt kommt es auch vor, daß auch das Soma 
oder richtiger nur Teile von ihm anders gefärbt erscheinen (Meisenheimer 
kann bloß zwei solche Medusenarten [1. c. S. 442] aufzählen). Auch bei den 
Würmern kommen solche ungeschlechtliche Formen vor, denken vvir nur 
an den vielfach vorkommenden Generationswechsel, aber auch an die noch 
häufige ungeschlechtliche Fortpflanzung in dieser Gruppe, die in keiner 
höheren mehr vorkommt' (von den Tunicaten abgesehen). Auch dieser Kampf 
wurde von Eros gewonnen. Alle höheren Tiere sind geschlechtlich differenziert; 
anfangs kann die Differenzierung noch zwittrig sein, bei den höchsten Formen, 
Insekten und amnioten Wirbeltieren, sind es nur vereinzelte Individuen — also 
wahrscheinlich Fehlentwicklungen, die nicht streng eingeschlechtlich sind. Dies 
ist wiederum eine Bestätigung von Ferenczis Genitaltheorie, da diese beiden 
Gruppen eigentUch alle Landtiere enthalten, von denen nur wenige sekundär 
wieder zu Wassertieren geworden sind. Nun ist nach Ferenczi echte Begattung 
erst bei den Landtieren obligat geworden, und sicher steht die strenge Trennung der 
Geschlechter in ganzen Tiergruppen mit der obligaten Begattung in Zusammen- 
hang. 

Eros hat in den verschiedenen Tiergruppen verschiedene Wege einge- 
schlagen, man könnte sagen, „Experimente angestellt' ; vieles wurde als 
nicht brauchbar fallen gelassen, aber auch manches fallen Gelassene später 
in verbesserter Form wieder aufgenommen. Die Hauptlinien dieser Ent- 
wicklung münden fast alle in die Genitalität des erwachsenen Menschen 
ein. Zuerst zwang Eros den Gametozytenträger, die Funktion der Gameto- 
zyten auf sich zu nehmen. Hiezu mußte er Kanäle ausbilden, um den 
fertigen Gameten einen sicheren Weg ins Freie, d. h. ins Wasser zu sichern. 
Dann überließ Eros es nicht mehr dem Zufall, den Zeitpunkt der Entleerung 
zu bestimmen, sondern veranlaßte die Gametozytenträger, ihre Gameten 
gleichzeitig zu entleeren. Nun mußte das Soma auch einen Teil der 
Gametenarbeit bewältigen, es mußte die Nähe des Partners aufsuchen, um 
die Geschlechtszellen abzusetzen. Schließlich ließ Eros allerlei Werkzeuge 
entwickeln, zuletzt bei den Landtieren die echten Kopulationsorgane, um 
durch die feste Vereinigung der Partner das Zusammentreffen der Gameten 
vom Zufall unabhängig zu machen. Hand in Hand mit dieser Entwicklung 
ging die Sexualisierung des Somas. Anfangs war es ungeschlechtlich, mußte 
aber dann Geschlechtsteile entwickeln, und schließlich wurde ihm ein Ge- 

1) Korscheit: UngeschlechtlicheFortpflanzung. Ztschr.f. wiss.Zool. 117, 361 ; 1917. 



MicLael Bälint 



III 
I 

in 



schlecht (eventuell beide Geschlechter) aufgezwungen ; diese Geschlechts- 
bestimmung geschieht bei den höheren Tieren schon beim Beginn der 
Ontogenese und ist erblich festgesetzt. So wurde das Soma, das anfangs 
von der Sexualität unabhängig war, der Diener des Eros : durch und durch 
sexualisiert. Es hat alle die Leistungen auf sich genommen, die die Biologen 
unter dem Begriff „Begattung" zusammenfassen. Für seine Dienste erhielt 
es dann von seinem mächtigen Herrn, dem Eros, eine wahrlich fürstliche 
Belohnung: die Liebeswonne, den Orgasmus — die höchste Lust auf Erden. 

Zurückschauend erkennen wir, daß auch die psychosexuelle Entwicklung 
des Menschen ein Wiederholungsphänomen ist. Nicht nur der Körper, auch 
die Seele muß zuerst die Hauptstationen der Phylogenese rekapitulieren, 
ehe sie ihre endgültige Form erreicht. Die phylogenetische Entwicklung 
beginnt bei den einzelligen Gameten — das erste Organ, das in der 
Embryogenese gebildet wird, ist der Mund — und dementsprechend be- 
ginnt die Entwicklung der Psychosexualität bei der den Gameten eigenen 
Befriedigungsart: der oralen Einverleibung. Ebenso folgen in der 
nächsthöheren Stufe: hier Entwicklung des Afters und der Muskulatur, 
dort Aufrichtung der anal-sadistischen Organisation, entsprechend der 
Sexualfunktion der Gametozyten: der analen Entleerung. Und schließlich 
folgen Ausbildung der Geschlechtsteile des Körpers beziehungsweise Zentrali- 
sation der Sexualität im Genitalprimat, entsprechend der Sexualfunktion der 
Gametozy tenträger : der eigentlichen genitalen Begattung. 

Durch diese Tatsachen erhält die Sexualtheorie von Freud von der 
Biologie her eine neuerliche Stütze. Die Biologen haben schon längst, un- 
abhängig von Freud, auch solche Erscheinungen unter dem Begriffe der 
Sexualität subsumiert, die nichts mit dem, was allgemein unter Sexualität 
verstanden wird, gemein haben. Hingegen lassen sich die biologische und 
die psychoanalytische Auffassung zwanglos zur Deckung bringen. Vom 
Standpunkte der Biologie betrachtet erscheint uns die prägenitale Sexualität 
als Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche, die, ihrer biologischen 
Zwecke entkleidet, als ausgedienter und entlassener Söldner einer jeden 
Strömung ihre Dienste anbietet — was auch der psychoanalytischen Auf- 
fassung entspricht. 

Wir müssen aber etwas bedenken. Wir haben drei Formen der Sexual- 
funktionen in der Biologie gefunden. Davon ist aber eine, die genitale 
Paarung, eigentlich „schon dagewesen". Durch den Druck des Eros ge- 
zwungen, imitiert das Soma — zwar in einer verbesserten, den veränderten 
Umständen angepaßten Form — die Vereinigung der Gameten. Auch bei 



der Paarung verschmelzen die zwei Partner, ähnlich wie die zwei Gameten, 
so daß Ferenczi sie direkt Megaloon beziehungsweise Megalosperma ge- 
nannt hat. Die genitale Vereinigung wäre demnach im Grunde genommen 

eine Regression. 

Es gibt also bloß zwei Urformen von Sexualfunktionen: Vereinigung 
und Entleerung. Die primitivsten Formen abgerechnet, ist für das Tier- 
reich die Vereinigung charakteristisch geworden. Die Folgen davon sind: 
gute Beweglichkeit, starker sexueller Dimorphismus, entwickelte Sinnes- 
organe, scharf umrissene Individualität und Teilnahme des ganzen Lebe- 
wesens am Sexualakte, d. h. das Individuum imitiert die Gameten. Im 
PBanzenreich herrschen ganz andere Verhältnisse. Hier ist fast überall die 
Entleerung die Form des Sexualaktes für den Gametozytenträger, das 
Soma. Das Zusammenbringen der Geschlechtszellen (eigentlich Geschlechts- 
individuen) wird mehr oder weniger dem Zufall überlassen, es wird be- 
wirkt von Wasserströmungen, vom Wind und bei den höchsten Pflanzen 
von Tieren (hauptsächlich Arthropoden). Dementsprechend ist kaum 
Dimorphismus vorhanden, die Pflanzen sind im allgemeinen unbeweglich, 
haben keine Sinnesorgane, sind eigentlich keine Individuen, sondern Ko- 
lonien mit verwaschenen Individualitätsgrenzen, und nur Teile von ihnen 
werden von der Sexualität affiziert. Der Grund dieser Verschiedenheit mag 
vielleicht in der Ernährungsweise gesucht werden. Die Tiere nehmen im 
allgemeinen geformte organische Nahrung auf, und zwar durch den Mund; 
die Pflanze saugt hingegen gelöste beziehungsweise gasförmige anorganische 
Substanzen mittels Diffusion ein. Wenn wir bedenken, wie innig Nahrungs- 
aufnahme durch den Mund und die Sexualfunktion der Vereinigung zu- 
sammenhängen, so können wir vielleicht in dem Umstände, daß die 
Pflanzen nicht essen, den einen Grund ihres differenten Sexualverhaltens 
erkennen. Sicherlich ist aber auch die Assimilationsarbeit der Pflanze viel 
größer und vielleicht ist dies der andere Grund ihrer schwächer ent- 
wickelten Sexualität. So blieb bei den Pflanzen die genitale Stufe aus, das 
eigentliche Geschlechtsindividuum (der Gametophyt) ist sehr verkümmert, 
wird z. B. durch den Blumenstaub beziehungsweise die entsprechende weib- 
liche Zelle (Embryosackzelle) vertreten, die kaum mehr als Gametozyten sind. 

Auf dem bisher verfolgten Weg wurden wir hauptsächlich durch das 
geschlechtliche Verhalten des Männchens geführt. Ein ähnlicher Entwick- 
lungsweg könnte aber auch aus den weiblichen Geschlechtsfunktionen be- 
ziehungsweise Geschlechtsorganen aufgebaut werden. Dies würde jedoch 
viel komplizierter sein und meine Arbeit bedeutend verlängern. Man müßte 



a8 Müael Bidmt 



nämlich auch die Funktion der Brutpflege durch den mütterlichen Körper 
bei der Darstellung dieses Entwicklungsweges mitberücksichtigen. Bekannt- 
lich hat diese Funktion den Mutterkörper noch entschiedener umgestaltet 
als die Befruchtungsfunktion den männlichen. Eine Konsequenz kann aber 
vorweggenommen werden. Was der Mann in einem einzigen Akte erledigen 
kann, wird bei der Frau geteilt. Die Sexualität der Frau besteht außer der 
Vereinigung noch aus der Brutpflege, also der Gravidität und der darauf- 
folgenden Geburt und Laktation. Bei der Vereinigung ist die Frau der 
empfangende Teil; nimmt sie doch fremdes Element (Glied beziehungs- 
weise Sperma) in sich auf; die Ähnlichkeit mit den oral-saugenden Be- 
tätigungen wird auch durch die fortlaufenden Kontrakturen der Vagina 
unterstrichen. Die anderen Bestandteile der weiblichen Sexualfunktion stehen 
den analen Erscheinungen näher. Es scheint also, daß bei der Frau die 
beiden Ursexualfunktionen — Vereinigung und Entleerung — nicht syntheti- 
siert worden sind ; in diesem Sinne ist sie also auf primitiver Stufe stehen- 
geblieben. Hingegen bedeutet die Begattungsfunktion des Mannes ein Weiter- 
entwickeln zur Synthese mit Hilfe einer Regression. Die phylogenetisch 
so spät entwickelte Vereinigung mit dem Partner ist biologisch eine Re- 
gression, die Nachahmung der Gametenfunktion; aber beim Manne ist mit 
dieser die Ausscheidung von Geschlechtszellen, also die eigentliche Gameto- 
zytenfunktion, zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Sicherlich be- 
sitzt die Frau sowohl körperlich als auch seelisch Züge, welche uns viel 
primitiver erscheinen als die entsprechenden des Mannes. Aber umgekehrt 
müssen wir von anderen Eigenschaften des Mannes dieselbe Primitivität 
behaupten. Vielleicht könnten einige dieser beiderseitigen Primitivitäten 
mit Hilfe des biologischen Unterschiedes besser erklärt werden. Dieser 
Unterschied hat viel Ähnlichkeit mit dem Unterschied zwischen Tier und 
Pflanze. Bekanntlich ist auch bei den Pflanzen die Brutpflege sehr stark 
entwickelt. Dies mag der Grund sein, weshalb die Dichter so oft Frauen 
und Pflanzen miteinander verglichen haben, aber auch dafür, daß nach 
meinem Wissen in allen europäischen Sprachen die Pflanze weibliches 
Geschlecht, das Tier entweder männliches oder sächliches hat. 

II) Individualität und Orgasmus 

Es ist Zeit, uns zu besinnen. Bisher habe ich, um die Entwicklung von 
Sexualorganen und Sexualfunktionen zu erklären, Eros als von Eroberer- 
tendenzen beherrscht vorgestellt. Also gegen das Verbot der Anthropo- 



i I 



morphisierung gleich doppelt gesündigt. Wäre es nicht einfacher und auch 
wissenschaftlicher, den Grund dieser phylogenetischen Erscheinungen in den 
äußeren Verhältnissen, in den Milieuänderungen zu suchen? Nun ja, zum 
Teil ist dies geschehen. Das bunte Bild, das die Pilze in ihren Befruchtungs- 
funktionen, oder das die Würmer in ihren Begattungsfunktionen uns bieten, 
habe ich versucht, aus dem Umstände zu erklären, daß innerhalb dieser 
Gruppen der Übergang von mariner auf kontinentale beziehungsweise para- 
sitische Lebensweise sich vollzogen hat. Der Mangel an Wasser verlangt 
unbedingt besondere Vorkehrungen, die im Meere überflüssig sind. Wir 
haben im vorigen Kapitel auch eine Reihe derselben kennengelernt. Bekanntlich 
ist auch Ferencziin seinen biologischen Untersuchungen' zu dem Ergebnis 
gekommen, daß Mangel an Wasser beziehungsweise psychologisch richtiger 
gesagt: der Wunsch nach dem freundlicheren Meere bei den Landtieren 
die Genitalität entwickelt hat. Dieser Wunsch oder wie er ihn nennt: der 
thalassale Regressionszug wäre der Motor zur Entwicklung von echten 
Begattungsorganen, von innerer Befruchtung und von Fruchtwasser ent- 
haltenden Schutzorganen (Amnien) für den Embryo. Nun, diese Trias wird 
in der Tat ausschließlich bei Landtieren (oder bei sekundär zum Wasser- 
leben übergegangenen ehemaligen Landtieren) gefunden, aber nicht bei allen, 
nur bei den höheren Vertebraten (Säuger, Vögel, Reptilien). Die Insekten z. B., 
diese exquisiten Landtiere, haben wohl echte Begattungsorgane und innere 
Befruchtung, aber keine Amnien. Und auch die anderen (übrigens im Vergleich 
zu diesen zwei großen Gruppen verschwindend wenigen) Landformen ver- 
halten sich ebenso wie die Insekten. Eben zufolge dieser Sonderstellung 
wurden die höheren Wirbeltiere als „Amniota" zusammengefaßt. Hiedurch 
sind wir aber gezwungen, von Ferenczis Trias die eine Eigenschaft als 
nicht allgemein fallen zu lassen, oder sein Gesetz für den Kreis der Wirbel- 
tiere einzuschränken. Für diese zweite Lösung spricht schon der grund- 
legende Unterschied in der Ontogenese zwischen den Chordaten und den 
Gliedertieren; erstere sind Deuterostomier, letztere Protostomier. Die im 
ersten Kapitel erwähnte Umwandlung des Urmunds zum After vollzieht sich 
nur in der ersten Gruppe. 

Aber dies ist bloß ein Grund, den ökologischen Erklärungsversuch ein- 
zuschränken. Echte Begattungsorgane und innere Befruchtung finden wir 
nämlich auch bei ziemlich vielen Meerestieren. So z. B. begatten sich viele 
Fische durch Aneinanderpressen der Kloakenöffnungen, andere mit Hilfe 

i) 1. c, Kap. VI. 



3o Mickael Bälmt 



von Gonopodien (Cyprinodontiden), andere wiederum benutzen dazu Mixi- 
podien (Haifische), und schließlich entwickelt die Gattung Clinus ein penis- 
artiges Organ, das zwar hinter dem After liegt, aber schon Samenleiter und 
Harnröhre in sich aufnimmt und unbedingt zur Begattung dient, da die 
Gattung vivipar ist. Und dies neben so exquisit ausscheidenden Arten wie 
Hering usw. Ähnliche Buntheit zeigen uns in erster Linie die Würmer, 
aber auch alle übrigen Kreise, soweit sie noch Meerestiere in sich schließen. 
Mit der Gewöhnung ans Landleben verliert die Sexualität an Buntheit, wird 
immer weitergehend uniformisiert. So glaube ich nicht, daß für die Ent- 
wicklung von innerer Befruchtung und echten Begattungsorganen die Um- 
Weltsbedingungen des Landlebens verantwortlich zu machen sind, sondern 
im Gegenteil für die Ausrottung aller anderen Befruchtungsweisen. Hiedurch 
werden Ferenczis Resultate nicht entkräftet, nur in ein anderes Licht 
gerückt. Von den vielen vorhandenen Begattungsformen wurde diejenige 
ausgewählt und weiterentwickelt, welche den meisten Forderungen ent- 
sprochen hat. Diese war die genitale Form, einmal weil sie am besten zu 
den neuen Umweltsbedingungen paßte, dann auch weil sie den thalassalen 
Regressionszug am weitestgehenden befriedigte. Ich betone, daß diese Ein- 
schränkung nur für die zwei Erscheinungen : innere Befruchtung und Besitz 
von echten Begattungsorganen gilt. Demgegenüber scheint die Amnionbildung 
bei den höheren Vertebraten durchaus ein Neuerwerb zu sein, wenigstens 
kenne ich kein Vorbild für sie im Meere. Für diese Erscheinung bleiben 
I Ferenczis Ausführungen unbeschränkt gültig. 

Unser Problem ist aber noch immer ungelöst. Was zwang die Lebewesen, 
noch im Meere Begattungsformen auszubilden ? Ich meine, es wird nützlich 
sein, wenn wir die von mir supponierte Eroberertendenz des Eros als vor- 
läufige Arbeitshypothese untersuchen. Lassen wir die Formen, über die ich 
im vorigen Kapitel berichtet habe, noch einmal an uns vorbeiziehen, so 
wird sich diese Generalisationstenderiz der Sexualität uns immer unabweis- 
licher aufdrängen. Vom Soma, das anfangs asexuell war, werden immer mehr 
und mehr Teile sexualisiert ; und zwar dadurch, daß es irgendwie gezwungen 
wird, Leistungen der vor ihm schon dagewesenen Generationen (Gameten 
und Gametozyten) auf sich zu nehmen. Anfangs verrichtet es diese Zusatz- 
leistungen mit Organen, die eigentlich zu ganz anderen Zwecken aus ihm 
differenziert wurden (Ausscheidung durch den Mund bei den Coelenteraten, 
durch die Metanephridien bei vielen Coelhelminthen, Benutzung von Glied- 
maßen und Körperanhängen zur Spermaübertragung bei den Gliedertieren usw. ; 
auch noch beim Menschen sind die Geschlechtskanäle eigentlich Ausführungs- 



Psydiosexuellc Parallelen gum biogenetis jien Grundgesetz 



ffänge der Nieren). Bald muß es aber spezielle Organe ausbilden und schließlich 
wird es vollkommen von der Sexualität durchdrungen. Was war die Waffe, 
mit welcher Eros diesen Sieg erkämpft hat? Nun, darauf ist leicht zu ant- 
worten, wenn wir die Verhältnisse beim Menschen Überblicken. Die Zauber- 
waffe des Eros kann nichts anders sein als der Orgasmus. 

Die Anfänge dieser Lust sind schon bei ziemlich primitiven Meerestieren 
nachweisbar, vielleicht schon bei den Würmern, sicher in allen höheren 
Kreisen. Die Merkmale, die man beobachten kann, sind durchaus der voll- 
entwickehen Genitalität ähnlich; so höchste Erregung, tetanische Starre 
oder klonische Zuckungen, Gewalttaten, absonderliche Lagerungen vor und 
während der Paarung, Ruhe, volle Relaxation, oft auch katalepsieartige 
Zustände nachher. Wahrscheinlich spielen Lustvorgänge (d. h. übergroße 
Erregungen, die extrem schnell gelöst werden)' auch bei den anderen beiden 
Sexualfunktionen — ich meine die Vereinigung der Gameten und die Ent- 
leerung durch die Gametozyten — eine Rolle, aber so intensiv sind sie 
nur bei der Paarung der Gametozytenträger nachweisbar. Eine schöne 
psychologische Parallele hiezu bildet die empirische Tatsache, daß auf den 
prägenitalen Stufen kein Orgasmus, nur eine nicht weiter zu steigernde 
lustvolle Erregung zu beobachten ist; männliche Analysanden geben an, 
den ersten eigentlichen Orgasmus erst bei der Samenentleerung gespürt zu 
haben, und Frauen berichten über einen vielleicht ähnlich zu deutenden 
Unterschied zwischen Klitoris- und Vaginalerregung. Es gehört wahrscheinlich 
auch hieher, daß bei allen extragenitalen Perversionen — und seien sie 
noch so absurd — die endgültige Befriedigung schließlich doch durch genitale 
Onanie erreicht wird. Aber woher diese Intensität? 

Der einzige Analytiker, der sich mit der Herkunft dieser Intensität befaßt 
hat, ist Ferenczi. Ich zitiere seine Ergebnisse wörtlich:* „Rein physiologisch 
betrachtet, erschien uns der Koitus als der periodisch einsetzende Schlußakt 
der Ausgleichung einer während des ganzen individuellen Lebens sich an- 
sammelnden, jede nichterotische Organbetätigung begleitenden unlusterzeu- 
genden Libidospannung, die von den einzelnen Organen auf ,amphimikti- 
schem' Wege aufs Genitale verlegt wurde." „Es hat den Anschein, als ob 
unter den Bedingungen der Begattung eine aufs höchste gesteigerte Spannung 
unerwartet und ungemein leicht zur Lösung käme, so daß eine große Menge 
von Besetzungsaufwand plötzlich überflüssig wird. Daher die ungeheuer starke 
Lustempfindung . . ." „Dieser Empfindung könnte aber irgendeine ,genito- 

i) Vgl. Freud: Jenseits des Lustprinzips. — Ferenczi: 1. c, Kap. V. 
2) 1. c. S. 50 f. 




Sa Midiael Balint 



fugale' Rückströmung der Libido in die Körperorgane parallel laufen, das 
Gegenstück jener ,genitopeta]en' Strömung, die in der Spannungsperiode 
die Erregungen von den Organen zum Genitale leitete." Durch diese ein- 
leuchtende physiologische Erklärung wird unser Problem zum Teil gelöst. 
Wie Ferenczi weiter ausführt, ist das Soma bestrebt, alle seine unerledigten 
oder auch in der Realität nicht zu erledigenden Wünsche reell oder symbolisch 
in der Begattungsfunktion zu vereinigen, um sie — so wie es eben geht 
— loszuwerden. In erster Linie werden hier genannt der ontogenetisohe 
Wunsch nach der Mutter und der phylogenetische nach dem Meere. 

Jetzt verstehen wir, wie Eros seinen Diener noch heute unter seiner 
Herrschaft hält. Er belohnt ihn durch Erfüllung seiner reellen Wünsche 
und ködert ihn durch die Versprechung, alle seine Wünsche zu erfüllen. 
Aber wir wissen noch immer nicht, weshalb dieser Lohn und auch die Ver- 
sprechungen auf dieser Stufe um so viel größer sein müßten als auf den 
anderen beiden, oder genauer gesprochen, weshalb die Erregung bei der 
Sexualfunktion der Gametozytenträger um so viel größer ist als bei den 
Sexualfunktionen der Gametozyten und der Gameten. 

Wir haben im ersten Kapitel gefunden, daß die Gametozytenträger bei 
der Begattung eigentlich ihre eigenen Gameten imitieren. Die Vereinigung 
der Gametozytenträger bei der Paarung ist jedoch nur interi- 
mistisch und partiell, die Vereinigung der Gameten hingegen 
total und ewig. Nun sind die Einzelligen eigentlich keine Individuen, 
sie vermehren sich durch Teilung, und Individuum heißt: Unteilbares. Dies 
scheint ein bloßes Spiel mit Worten zu sein, ist aber mehr. Nach einem 
Vorschlage von Freud (Jenseits des Lustprinzips, Ges. Sehr. Bd. VI, S. 243) 
können wir uns den Aufbau des Metazoenkörpers so vorstellen, daß die 
Lebenstriebe der einzelnen Zellen einander zum Liebesobjekt genommen 
haben. Je intensiver und fester diese Bindung ist, desto mehr verdient das 
Lebewesen den stolzen Namen: Individuum. Von zwei Seiten drohen dieser 
Individualität Gefahren: von außen der Tod, von innen die Verliebtheit. 
Es ist seit uralten Zeiten bekannt, daß verliebte Menschen keinen Appetit 
haben, blaß aussehen, schlecht schlafen und ihren Körper — wie es aus 
allen Märchen, Ritterromanen und Kinostücken zu erfahren ist — allen 
Entbehrungen aussetzen. Es ist merkwürdig, daß die Biologie genau das- 
selbe von den Tieren berichtet; nicht aber von den Pflanzen, die keine 
Individuen sind. Dies kann nicht anders gedeutet werden, als daß Ver- 
liebtheit irgendwie das Gefüge der Individualität, die Bindungen der Zellen 
aneinander lockert. Damit haben wir sicher einen Schritt über das rein 



Psyctosexuelle Parall elen zum tiogenetisAen GrmiJgeaets 33 

Physiologische hinaus getan. Weiter aher kann man heute noch nicht gehen, 
unser Wissen rechtfertigt heute nur die Behauptung, daß Individualität, 
Sexualität und Tod eng zusammenhängen. 

Wir wissen, daß die vegetativen Einzelligen potentiell unsterblich sind. 
(Versuche von Woodruff,' Max Hartmann^ u. a.) Die ersten Individuen 
im obigen Sinne, also nicht mehr teilungsfähig, sind die männlichen Ga- 
meten; sie sterben ab, wenn sie nicht befruchten können; dies wäre also 
der erste Tod aus inneren Ursachen. Die weiblichen Gameten behalten 
noch lange ihre Teilungsfähigkeit ; so sind nach Schreibers die berühmten 
unsterblichen Eudorina-Kulturen Hartmanns alle weiblich. Hier finden 
wir also, daß sexuelle Differenzierung zum Tode führen kann, aber nicht 
führen muß. 

Bei den Gametozyten finden wir das Gegenteil. Hier kommt es bei vielen 
Arten vor, daß bei der Gametenbildung nicht der ganze Leib der Gametozyte 
verbraucht wird; das Überbleibsel, der sogenannte „Restkörper", ist unaus- 
weichlich dem Tode verfallen. Dasselbe wiederholt sich bei dem ersten 
Gametoz3tenträger, bei Volvox. Nachdem die letzte Gametozyte sich entleert 
hat, stirbt das Soma ab. Es scheint also auf dieser Stufe sexuelle ündifferen- 
ziertheit unbedingt zum Tode zu führen. 

Bei den Protisten ist das Bild also ziemlich verworren. Etwas Klärung 
bringen die nächsten Kreise. Hier finden wir das Soma schon entwickelter, 
aber noch asexuell. Es scheint hier noch dieselbe Fähigkeit zum ewigen Leben 
zu besitzen wie die vegetativen Zellen der Protisten. Bei den Coelenteraten 
ist ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Teilung oder Knospung fast all- 
gemein, aber auch bei den Würmern ziemlich häufig. In den noch höheren 
Gruppen kommt sie nur mehr ganz vereinzelt vor (Molluscoiden, Tunicaten). 
Dasselbe gilt für das Regenerationsvermögen; es ist bekanntlich praktisch 
unbegrenzt bei den Coelenteraten, sehr stark noch bei den Würmern und 
geht den höheren Gruppen bis auf Spuren verloren. Zerschnittene Stücke 
von Hydra, von Planaria, von Oligachaeten regenerieren das ganze Tier; 
Krebse und Eidechsen — um nur einzelne gut bekannte Beispiele zu nennen 
— können nur mehr die verlorene Extremität ersetzen und auch diese oft 
nur in verkümmerter Form ; die noch höher entwickelten Tiere vermögen 
im besten Falle eine größere Wunde durch Narbengewebe eben zu schließen. 
Dies würde bedeuten, daß die Bindung der einzelnen Zellen oder Körper- 

i) Woodruff: Proc. Nat. Ac. Sc. 7; 1921. 

2) M. Hartmann, Arch. f. Protistenkde. 43, 223; 1921. 

3) Zit. nach Kniep: Die Sexualität der niederen Pflanzen. Jena 1928. S. 91. Fußnote. 

Imago XVIII. , 



to 



34 Midiael Balii 



teile aneinander bei den unteren Gruppen noch ziemlich lose ist und erst 
bei den höheren Formen kräftiger wird. Die Individualität wird erst 
in der Phylogenese fester. Eine sehr beachtenswerte Parallele besteht 
zwischen diesen Eigenschaften und der Koloniebildung. Im allgemeinen 
bilden die asexuell sich fortpflanzenden, unbeschränkt sich regenerierenden 
Formen Kolonien; hingegen sind diese Eigenschaften bei den freilebenden 
Formen reduziert. Diese Scheidung ist nicht ganz streng, aber immerhin 
ziemlich weitgehend. So wurde ungeschlechtliche Fortpflanzung unter den 
Molluscoiden bei den koloniebildenden Endo- und Ektoprokten beobachtet, 
dagegen bei den alleinlebenden Brachiopoden nicht. Dasselbe Bild zeigen 
die Tunikaten; die Copelaten alleinlebend, nur mit geschlechtlicher Fort- 
pflanzung, hingegen die Ascidien uud Salpen koloniebildend und asexuell 
sich fortpflanzend. Bekanntlich ist Koloniebildung nur bei schwach ent- 
wickelter Individualität möglich. 

Individualität bedeutet aber Unteilbarkeit, also unausweichlichen Tod. 
Und in der Tat finden wir sehr häufig, besonders bei den Insekten, Tiere, 
die nur einmal in ihrem Leben sich begatten und daran sterben. Und es 
gibt viele Beobachtungen darüber, daß Tiere (z. B. Schmetterlinge, Käfer usw.), 
die an der Paarung verhindert wurden, länger lebten als die Kontroll tiere. 
Bei den Vertebraten sind Tod und Begattung nicht so untrennbar ver- 
bunden; aber noch beim Menschen hören wir oft — von Dichtern und 
von Patienten — , daß im Gefühl der höchsten Wollust auch das Gefühl des 
Vergehens, des Hinsterbens miterlebt wird. Und noch ein Gefühl beherrscht 
die Liebenden: das Ineinanderschmelzen, das Aufgeben der eigenen Indi- 
vidualität. Wie ich oben gezeigt habe, kann die Seele nur schon Dagewesenes 
wiederholen, wir müssen also auch hier nach Vorbildern suchen. Diese 
finden wir am ausgeprägtesten wiederum bei den W^ürmern. Bei einigen 
parasitischen Arten leben Männchen und Weibchen dauernd körperlich ver- 
bunden, so bei den Bilharzien und Didymozoen; hier sind also die Paare 
die Individuen. 

Die ersten Individuen haben wir in den Gameten erkannt. Dement- 
sprechend sind schon bei den koloniebildenden Coelenteraten, den primi- 
tivsten Metazoen, die Geschlechtsindividuen, die Medusen, meistens bestrebt, 
sich selbständig zu machen, sich zu individualisieren. Im ersten Kapitel habe 
ich erwähnt, daß auch die allerersten sexuellen Differenzierungen des Somas 
eben bei den Medusen beobachtet wurden. Diese Parallelität geht dann, 
ganz wenige Ausnahmen abgerechnet, durch das ganze Tierreich. Eine fest- 
gefügte Individualität — d. h. keine Koloniebildung, keine asexuelle Fort- 



PsyAosexuelle Parallelen zum biogenetlstlieii Gmiijgesetz 



35 



Pflanzung, reduziertes Regenerationsvermögen — geht fast immer mit sexuell 
differenziertem Soma, also mit sexuellem Dimorphismus, mit gut entwickelter 
Begattungsfunktion und intensiven orgastischen Erscheinungen zusammen 
und umgekehrt. 

Jetzt erscheint der Sachverhalt um einen Grad komplizierter. Unter dem 
Drucke des Eros wurde das Soma nicht nur gezwungen, sich erotisieren zu 
lassen, es mußte sich auch individualisieren, wie einst die Gameten, um 
dann zu sterben. Begattungsfunktion und Sterblichkeit bilden in der lebenden 
Welt eine untrennbare Einheit. Der Orgasmus ist also nicht nur Lockspeise 
und zugleich Lohn für die übernommene Begattungsfunktion, sondern auch 
Trost für die dabei verlorengegangene Unsterblichkeit. Ich möchte mit 
diesem Bild das Dynamische im Verhältnis zwischen Soma und Keimzellen 
vergegenwärtigen. Es besteht ein ewiger Kampf. Das Soma möchte ein auto- 
nomes Individuum sein; abgeschlossen, nur seinen eigenen Gesetzen ge- 
horchend. Es muß aber dennoch die Befehle des Eros ausführen; gehorcht 
aber nur widerwillig der fremden Macht, dem Erobererwillen. Und immer 
bleiben in ihm die Gameten (vielleicht auch die Gametozyten) ein fremdes 
Element, wesensfremde (die Körperzellen sind diploid, die Gameten haploid), 
selbständige Individuen, die ihr eigenes Leben, ihre eigenen Ziele haben. 
Vielleicht läßt sich der Vergleich noch erweitern: Die Erober er gameten 
leben abgesondert; nur bei besonderen Anlässen, bei großen Festen gestatten 
sie dem Pöbel Soma, ihre Freude als Zuschauer mitzugenießen; und sie be- 
absichtigen es sozusagen nicht, nützen es aber weise für sich aus, daß der 
Pöbel auch im Zuschauen und Mitgenießen eine so große Freude findet. 
Dies wäre die eine Seite des Verhältnisses. Auf der anderen Seite versucht 
das Soma seine Herrscher abzuschütteln, sie gleich seinen Exkreten aus- 
zuscheiden (siehe Ferenczi, 1. c. S. 85). Dies gelingt ihm einigermaßen 
noch im Meere, viel weniger schon auf dem Lande, und auch hier dem 
Manne besser als der Frau. Dieser biologische Unterschied ist sicher eine der 
Ursachen dafür, daß die Frauen neurotischer sind als die Männer. 

Die Biologie gibt uns heute noch nicht genügend Material, um diese 
komplizierten Erscheinungen zu erklären. Aber auch die Psychologie noch 
nicht. So muß ich beim einzigen gesicherten Ergebnis stehenbleiben, dem 
nämlich, daß Individualität, Begattungsfunktion, Orgasmus und Tod zu- 
sammen erklärt werden müssen. 




liffl 



36 



MiAael Balmt 



III) Reduktion und Isfeuo 



mn 



eg 

Bisher haben wir die Zellen nur bis zur Verschmelzung beobachtet; wir 
wollen nun betrachten, was nachher geschieht. Es folgt eine rätselhafte 
Erscheinung: die Kernreduktion. Das Kernmaterial wird in mehrere Par- 
tikel zerteilt, meistens in vier; dann teilt sich entweder die Zelle in soviel 
Tochterzellen wie neue Kerne vorhanden, oder es wird der größere Teil der 
Kerne vom Plasma eingeschmolzen.^ Dazu kommt noch eine Erscheinung, 
die für meinen Gedankengang wichtig ist. Bei der Gametenbildung oder 
wenigstens nach der Paarung wird sehr häufig — man kann sagen: fast 
immer — die Organisation der Zelle bedeutend vereinfacht. Die meisten 
Zellorganellen werden eingeschmolzen oder abgestoßen, so daß auch hoch- 
entwickelte Zellen in diesem Stadium äußerst primitiv erscheinen. Hiebei 

i) Die ohnehin komplizierten Generationsverhältnisse werden durch dieBerücksichti- 
gung der Reduktion noch verwickeher. Wir bekommen es mit einem weiteren Faktor 
zu tun, den man berücksichtigen muß, nämlich ob das Kernmaterial einfach oder 
doppelt enthalten ist, oder wissenschaftlicher: ob die Generation haploid oder diploid 
ist. (Die seltenen Erscheinungen von totaler oder partieller Polyploidie möchte ich 
unberücksichtigt lassen.) Von vornherein sind zwei Fälle möglich und beide nachge- 
wiesen. Es kann die vegetative Form haploid sein (die Gameten sind es selbstver- 
ständlich immer), durch die Paarung resultiert eine diploide Zygote, aus der durch 
Reduktion die haploiden Individuen hervorgehen (Beispiele). Oder aber die vegetativen 
Individuen sind diploid, die Reduktion leitet die Gametenbildung ein, und nach der 
Paarung der haploiden Gameten gehen aus der diploiden Zygote die diploiden vege- 
tativen Individuen hervor (Beispiel B). 



A) Vegetative haploide Zellen 



Gamete 



Gamete 



Paarmiff 

,11 
Zygote 

II 
Reduktion 

/ II \ 

vegetative Zellen 
Beispiel: Grünalgen. 



B) Vegetative diploide Zellen 

II 

Reduktion 
Gamete Gamete 



Paarung 

Zygote 

II 
vegetative Zellen 



Beispiel: Infusorien, Amoeba diploldea. 

Gameten sind immer haploid, vegetative Individuen können dagegen sowohl in der 
Haplo- als auch in der Diplophase auftreten. So ist bei den höheren Tieren das Indi- 
viduum selbst diploid, aber besteht eigentlich aus zwei Generationen: aus dem Gameto- 
zytenträger und den Gametözyten. Die Haplophase wurde auf eine einzige Zelle, die 
Gamete, beschränkt, welche aber ein ganz selbständiges Individuum darstellt. Bei den 
Pflanzen und einigen ausgefallenen Tiergruppen sind die Verhältnisse noch kompli- 
zierter. Vermehrung kann an mehreren Stellen erfolgen, es können mehrere selbständige 
Individuen im Generationszyklus auftreten, die wiederum haploid oder diploid sein 
können usw. 



PsyAosexuelle Parallelen zum biogenetisAen GiuiiJgesets 3/ 



geht oft auch die bei den Gameten so stark ausgeprägte sexuelle Differen- 
zierung verloren. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die 
Lebewesen auf ein frühes Entwicklungsstadium, auf längst verlassene Lebens- 
formen regredieren, um ihr Leben von dort neu zu beginnen/ 

Dieser Neubeginn^ spielt in der lebenden Welt eine sehr wichtige Rolle. 
Die Entwicklung jeder befruchteten Eizelle stellt einen Neubeginn dar. 
Auch die potentielle Unsterblichkeit mancher Lebewesen reduziert sich, wie 
die neuesten Versuche gezeigt haben, auf ihre Fähigkeit zum fortwährenden 
Neubeginn. Werden die Umweltsbedingungen ungünstig, so ist die Folge 
fast immer Gametenbildung und Vereinigung. Um diese sexuellen „Epi- 
demien" zu unterdrücken, muß der Experimentator die Lebewesen unter 
optimalen Bedingungen züchten, und auch dann gelingt es ihm nicht immer, 
jede sexuelle Erscheinung hintanzuhalten. Ein lehrreiches Beispiel dafür sind 
die jahrzehntelangen erfolglosen Bemühungen um die asexuelle Kultur von 
Paramäcien. Das Resultat ist bekannt: es war die Entdeckung der sogenannten 
Parthenogenese dieser Tiere durch Woodruff und Erdmann, als unbedingte 
Etappe im Lebenszyklus dieser Tiere. Die Funktion der Befruchtung kann 
aber durch andere Revolutionen des Zellebens ersetzt werden. So in erster 
Linie — aber nur unter den günstigsten Außenbedingungen — durch die 
gewöhnliche Teilung. Wenn auch diese verhindert wurde, wenn also nur 
Assimilation und Wachstum stattfinden konnten und keine Reduktion des 
Systems möglich war, dann verfielen langsam alle Zellen dem Tode (Ver- 
suche mit Stephanosphaera, Gonium, Stentor, Hefe von M. Hartmann).^ 
Die Reduktion des Systems mußte aber nicht unbedingt durch Teilung ge- 
schehen, auch durch wiederholte operative Verstümmelung gelang es, die 
Lebewesen — durch immer neue Regeneration — dauernd am Leben zu 
erhalten. So hat M. Hartmann ein Infusor (Stentor), einen Strudelwurm 
(Stenostoma)'"' und schließlich auch die Amoeba proteus^ ohne Befruch- 
tung und ohne Teilung monatelang weitergezüchtet. Am interessantesten 
sind in dieser Beziehung die Versuche von Goetsch.® Unter anderen Tieren 

i) Ähnliche Gedanken wurden von vielen Biologen, so von Schaudinn (Verh. d. 
Dtsch. Zool. Ges. 15, 16; 1906) und M. Hartmann (z. B. Biol. Zbl. 42, 564; 1922) 
schon ausgesprochen. 

2) Über den Zusammenhang dieses Begriffes mit den schon bekannten der Re- 
gression und Wiederholung, sowie über einige technische Folgerungen für die Charakter- 
analyse aus demselben möchte ich bei einer andern Gelegenheit sprechen. 

g) M. Hartmann, Archiv f. Protistenkde. 43, 225; 1921. 

4) Derselbe, z. B. Biol. Zbl. 42, 564; 1922. 

5) Derselbe, Zool. Jb., Abt. f. allg. Zool. 45, 975; 1928. 

6) Goetsch, Biol. Zbl. 43, 481; 1925. 



38 Midiael Bälmt 



hat er auch mit Planarien, diesen primitivsten Würmern, gearbeitet. Erließ sie 
heranwachsen, bis eben die Geschlechtsreifung bei ihnen begonnen hatte, 
dann schränkte er das Futter ein. Die Tiere mußten hungern: es wurde 
Körpersubstanz eingeschmolzen, zuerst die Gonaden; wenn die Tiere etwa 
auf ein Zehntel ihrer schon erreichten Größe abgemagert waren, bekamen 
sie wiederum zu fressen usw. Auf diese Weise konnten dieselben Indi- 
viduen über ein dreiviertel Jahre, also praktisch dauernd am Leben erhalten 
werden. Ähnliche Resultate wurden selbstverständlich mit Coelenteraten er- 
halten. Es scheint also, daß nicht nur bei den Protisten, sondern auch bei 
den Metazoen die potentielle Unsterblichkeit auf der Fähigkeit zum Neu- 
beginn beruht. 

Die tiefste Stufe der Regression, d. h. der weitestliegende Ausgangspunkt 
des Neubeginns, ist immer die Zelle. Dem entspricht auch der Umstand, 
daß wir lebende Substanz, die nicht in Zellen organisiert wäre, nicht kennen. 
Was jenseits der Zellen liegen mag, wissen wir nicht. Aber wir wissen auch 
nicht, ob diese primitivste Zelle, der immer neu aufgesuchte Ausgangspunkt 
alles Lebens, sexuell differenziert oder asexuell vorzustellen ist. Nach den 
neuesten botanischen Forschungen von Pascher^ sind die primitivsten Lebe- 
wesen die Flagellaten, und auch die Phylogenie sieht heute in dieser Gruppe 
die Quelle aller späteren Entwicklung. Auch die Neubeginntheorie kann 
mit diesem Fund zufrieden sein, sind doch die Flagellaten nach denselben 
Prinzipien sexuell differenziert wie die Gameten der mehrzelligen Tiere. 
Also wäre der Auftakt zur Ontogenese eine Regression auf die primitivste 
Form des Lebens. 

Die befruchtete Eizelle, die Zygote, ist aber sexuell nicht differenziert. 
(Ich berücksichtige hier die mendelistische Geschlechtsbestimmung durch 
Heterochromosomen nicht, da sie erst in einem viel späteren Entwicklungs- 
stadium zu wirken beginnt.) Es ist noch eine ungelöste Frage, ob die Zygote 
asexuell oder bisexuell ist. Gleichwertig damit ist die Frage, ob sexuell un- 
differenziertes Leben möglich ist. Es gibt einige phylogenetisch ganz rätsel- 
hafte Gruppen von Lebewesen (Cyanophyceae und Bakterien), bei denen nie 
bisher sexuelle Vorgänge beobachtet wurden. (Nur Schaudinn hat bei zwei 
Bakterien Erscheinungen gefunden, die er zur Sexualität gerechnet hat,^ aber 
seine Beobachtungen wie auch seine Deutungen stehen noch vereinzelt da.) 
Diese Formen werden meistens nicht als primitive, sondern als rückgebildete, 
verkümmerte aufgefaßt. Dies zugegeben, eine Rückbildung kann aber nur 

i) Arch. f. Protistenkde. 38, i; 1918 

2) Arch. f. Protistenkde. 1, 506; 1902, und 2, 421; 1903. 



P.vAosexueUe Parallelen zunr tiogenetisAen Grui.Jge.etz 



39 



„ach einer Form erfolgen, die schon einmal da war. Also wäre doch das 
Lben am Anfang asexuell gewesen? Nun, diese asexuellen Arten stehen 
.anz isoliert da, ohne verbindende Zwischenglieder; die geradhnige Ent- 
wicklung beginnt wahrscheinlich bei den Flagellaten. Vielletcht smd diese 
Störenfnede gar nicht unsere Verwandten, sondern Überbleibsel etnes mcht 
gelungenen asexuellen Versuches der Natur? Auf all diese Fragen kann dxe 
Wissenschaft heute keine Antwort geben. Vielleicht aber führt es uns emen 
Schritt weiter-, wenn wir hier anwenden, was wir beim Studium der In- 
dividualität gefunden haben. Die Gameten sind fast immer Individuen. Sie 
sind bestrebt, ihre Individualität aufzugeben, zu verschmelzen und dann 
sich zu teilen. Gleiches haben wir bei den Protisten gefunden. Nur äußerst 
günstige Verhältnisse, optimale Lebensbedingungen vermögen diese Lebe- 
wesen für eine Zeit von diesem Vereinigungsstreben zurückzuhalten. Nun, 
die resultierende Zygote ist bei allen Protisten und mindestens bei vielen 
Gruppen von Metazoen kein Individuum mehr. Ich denke an die sogenannten 
Regulationseier, die — ähnlich wie die erwähnten Tiere — zerschnitten 
sich zu zwei ganzen Embryonen entwickeln. Diese Beobachtungen sprechen 
eher für die Annahme eines sexuell noch nicht differenzierten Urlebewesens. 
Aber für bewiesen halte ich diese Annahme hiedurch noch nicht. 

Um dem Tode zu entrinnen, also weiterleben zu können, müssen die 
Lebewesen ihr Leben immer wieder neu beginnen. Aber was gewinnen sie 
durch diesen Neubeginn, d. h. was ist der Sinn desselben? Die Biologie ist der- 
zeit nicht imstande, diese Frage zu beantworten. Für solche Fälle hat Ferenczi 
vorgeschlagen, Analogien aus einer gänzlich anderen Wissenschaft zu Hilfe 
zu nehmen. Er nannte dies die utraquistische Methode (Genitaltheorie, Kap. VI). 
Nun, wir kennen sehr gut eine Art Neubeginn, denjenigen in der psycho- 
analytischen Kur; wollen wir doch durch die Kur den Patienten zu einem Neu- 
beginn eines in der bisherigen Art nicht erträglichen Lebens verhelfen. Und 
wodurch erreichen wir das? Indem wir ihn von seinen erstarrten Reaktions- 
formen befreien und ihn dadurch zu einer erneuten Anpassung fähig machen. 
Wahrscheinlich geschieht Ähnliches beim biologischen Neubeginn. Sehr oft 
haben Biologen den Kern als das Organisationszentrum der Zelle gedeutet, 
ihm schrieben sie die Leitung der Stoff Wechsel Vorgänge, der Motilität und 
der Sexualität zu. Die Kernreduktion und die Vereinfachung der Zellorgani- 
sation, die mit der Befruchtung eng verknüpft sind, muten uns auch wie 
Befreiung von erstarrten Reaktionsformen an. In dieser Hinsicht wären also 
Neubeginn durch Reduktion und Neubeginn durch eine psychoanalytische 
Kur analoge Vorgänge. Es besteht aber ein prinzipieller Unterschied zwischen 



4o 



Mictael Bälint 



! 



den beiden, und der ist die Bewußtheit, man könnte sagen Absichtlichkeit 
der psychoanalytischen Kur. 

Bisher haben wir uns nur durch gut fundierte wissenschaftliche Tatsachen 
leiten lassen; was nun folgt, ist Phantasie: Die Umwandlungen der Tiere 
während der Phylogenese erfolgten autoplastisch. Das heißt wenn die Um- 
weltsbedingungen wechselten und dadurch einige Triebansprüche nicht mehr 
befriedigt werden konnten, so paßten sich die betreffenden Arten dadurch 
an, daß sie ihren Körper veränderten. Als Modell solcher Veränderung können 
wir die Hysterie betrachten. Bei ihr sind es ebenso wie bei der phylogeneti- 
schen Anpassung an die veränderte Realität starke, unbefriedigte Es-Wünsche, 
die den Körper umzuformen vermögen. Der Mensch hat aber eine andere, 
bessere Möglichkeit, mit der Realität fertig zu werden. Er hat sich im Laufe 
der Phylogenese ein neues Organ — körperlich das Gehirn, seelisch das 
Fhw — geschaffen, mit dessen Hilfe er nunmehr die Umwelt nach seinen 
Wünschen verändern kann. So wurde der Schritt von der Autoplastik zur 
Alloplastik getan. Wir erleben eben jetzt einen neuen Entwicklungsschub, der 
den Fortschritt, wie gewöhnlich durch eine Regression, ermöglicht. Das Fbw 
des Menschen fühlt sich stark genug, nicht nur die Umwelt nach seinen 
Wünschen zu gestalten, es versucht dasselbe mit seiner eigenen Seele — 
in der psychoanalytischen Kur. Er bedarf aber dazu noch äußerer Hilfe — 
des Analytikers. 

Die psychoanalytische Kur ist also ein Zwitterding, Autoplastik und Allo- 
. plastik zugleich. Es gehört keine allzu kühne Phantasie dazu, sich vorzustellen, 
daß es Zeiten geben wird, wo der Mensch diese Hilfe nicht mehr braucht. Er 
wird dann bewußt, absichtlich seine Seele und seinen Körper nach seinem 
Gutdünken umgestalten können. Diese Phantasie stammt gar nicht von mir; 
ich zitiere nur den ewig jungen G. B. Shaw. In einem seiner letzten Dramen, 
dem Back to Methuselah hat er diese Wesen ausführlich beschrieben. Er 
nennt sie sehr bezeichnend Ancients. Sie sind sehr alt, sehr weise, noch sexuell 
differenziert, haben aber keine sexuellen Wünsche mehr — und sie können 
sich umgestalten „if they realfy wanted to" . Es ist interessant, daß selbst in 
der Phantasie des Dichters dieses Wissen und Können durch eine tiefe Re- 
gression erkauft werden muß. Diese Ancients leben wie Katatoniker; sie ver- 
nachlässigen ihre Kleidung, verkehren nicht miteinander, sprechen nicht, 
haben auch die Sprache zum Teil vergessen, sie sitzen bloß da und meditieren. 
Nun, ich glaube, es ist ganz und gar nicht notwendig, unsere Zukunft 
so pessimistisch auszumalen. Es ist wahr, daß sehr oft, vielleicht immer, 
die neue Entwicklung durch eine Regression erkauft werden muß. Aber 



PsyAosexuelle Parallelen zum blogenetisclien Grimjgesets ^i 



wie wir gesehen haben, muß durch diese Regression die Welt nicht un- 
bedingt verarmen. Eros zwang zwar den Gametozytenträger bis zu der primi- 
tivsten Sexualfunktion: zur Vereinigung zu regredieren, schenkte uns aber 
dann die Liebe in ihrer tausendfachen Form. Es ist möglich, daß auch ienes 
hohe Wissen und Können, das auch Shaw vorgeschwebt haben mag, mit 
einer tiefen Regression bezahlt werden muß, aber unsere Nachkommen müssen 
nicht auf dieser Stufe verbleiben. Sie können von dort aus ein neues Leben 
beginnen, das trotz vermehrten Wissens und Könnens noch bunter und inten- 
siver sein kann als das jetzige. 



J: sycnoanalytiscnes zur x ersönlicnkeit Croetnes 

V ortrag gehalten am ii. Januar ipzo im. JViener Goethe- rerein 

Von 

Eouara rlitscnmann 

Wien 

„Versäumen Sie auch das Geringste 
nicht! Denn bei Charakterdarstellungen 
sind gerade die kleinsten Züge oft die 
bedeutendsten." Goethe an Grüner 

Indem ich gerne der ehrenden Aufforderung Folge leiste, im „Wiener 
Goethe-Verein über eigene und die Arbeiten anderer Psychoanalytiker, 
insoweit sie Goethe betreffen, Bericht zu erstatten, muß ich wohl davon 
absehen, Sie über das, was Psychoanalyse ist, näher zu informieren; aber 
ich glaube doch kurz begründen zu sollen, wieso die Psychoanalyse, eine 
Untersuchungs- und Heilmethode für Neurosen, beansprucht, bei psychologi- 
schen Biographien mitzusprechen, also dort, wo es sich um das Verstehen 
großer Persönlichkeiten, namentlich auch um deren Werdegang, handelt. 

Die Psychoanalyse ist sehr gründlich und sehr intensiv, wenn sie die 
seelische Entwicklung eines Menschen untersucht; sie geht tief in seine 
Vergangenheit, erforscht seine frühe Kindheit, seine Triebanlagen und sein 
unbewußtes Seelenleben, sein Traumleben inbegriffen. Dies dauert oft viele 
Monate und länger; täglich eine Stunde erzählt der Analysand alles, wirklich 
alles, was in ihm vorgeht. Wie Sie sich denken können, erwirbt der 
Analytiker dadurch eine tiefe Menschenkenntnis und eine große Erfahrung 
über die Psychogenese des Untersuchten. Es sind dies nicht immer Kranke, 
denn auch der auszubildende Arzt oder Pädagoge unterzieht sich einer 
solchen Analyse. Aber selbst die Analyse an Kranken muß hier richtig 
eingeschätzt werden, und ich erinnere an den Satz unseres Goethe: „In 



PsyAoanalytisctes zur PersänliAkelt GoeAe 



43 



ihren Abnormalitäten enthüllt die Natur ihre Geheimnisse. Ich glaube 
aber im Gegensatz zu manchem Autor, insbesondere im Gegensatz zu 
The ilh aber — der aber nicht der psychoanalytischen Schule angehört, — 
meinen Standpunkt gleich hier dahin präzisieren zu sollen, daß ich es ab- 
lehne, an Goethe überlegen herumzudoktern und zu kalkulieren, wie er 
hätte anders sein oder handeln können. Wir müssen vielmehr, dankbar und 
ehrfürchtig gegenüber dem unlösbaren Rätsel des Genialen, anerkennen, 
daß wir einem Optimum an Konstellation Goethes Sein, Goethes Werke 
und Persönlichkeit verdanken. „Goethe hütete seine Selbstentwicklung", sagt 
Brandes, „mit einem Instinkt, der zugleich Weisheit war". 

Dieses zwanzigste Jahrhundert, das uns viel Schmerzliches gebracht hat, 
ist gleichzeitig ein wunderbares Zeitalter mit seinem neuen Geist, dem 
Wahrheitsstreben und der Tatsachenliebe, vor allem auch in der Psychologie. 

Auch die Psychoanalyse ist Naturforschung und Erfahrungswissenschaft, 
und ein so übergroßer Geist und universeller Mensch wie Goethe hätte 
die Psychoanalyse vorurteilslos geschätzt; hat er doch gesagt: „Das schäd- 
lichste Vorurteil ist, daß irgend eine Art Naturuntersuchung mit dem Bann 
belegt werden könne. 

Mein Vortrag kann natürlich nicht der ganzen Persönlichkeit Goethes, 
sondern nur Teilproblemen gerecht werden; er beabsichtigt, den Vater 
Goethes in seiner Bedeutung zu würdigen, die Rätsel von Goethes Liebes- 
leben zu erklären und einiges über des Dichters Selbstbildnertum auszuführen. 

Über Goethes Mutter, deren heiteres, aufrechtes Wesen, deren allem 
Schönen und Großen weitgeöffnete Seele, deren entzückende Briefe ja dem 
Gebildeten vertraut sind, brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Nur einen 
Satz, den Freud dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nachgesagt 
hat, will ich erwähnen : „Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter 
gewesen ist, so behält man für's Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht 
des Erfolges, welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht. 



„Des Lebens ernstes Führen." 
Goethe 

Die Psychoanalyse hat seit jeher die entscheidende Bedeutung des 
Vaters für das Schicksal des Einzelnen hervorgehoben. Die Goethe-Forschung 
ist merkwürdigerweise an Goethes Vater — wie sein neuester Biograph 
Rudolph Glaser betont — „infolge einer seltsamen Voreingenommenheit 
vorübergegangen". Der Dichter selbst ist der Gestalt seines Vaters nicht 



lili 



liil 




vollständig gerecht geworden, und namentlich war es das Urteil von 
Merck, das den gealterten, kranken und durch schwere Enttäuschungen 
verschlossenen Mann in ein falsches Licht gestellt hat. 

Glaser zog neben vielen Zeitberichten eine bisher verborgene Quelle 
heran, nämlich die Beschreibung, die Kaspar Goethe von seiner italienischen 
Reise gegeben hat, die übrigens in Wien vorbereitet und angetreten wurde; 
dieses Tagebuch stammt aus seinem dreißigsten Lebensjahr, aber er hat 
sich mit der Ausarbeitung desselben bis in sein achtundfünfzigstes Jahr 
beschäftigt, so daß die Kinder damit in innige Berührung kamen. 

Goethes Vater zeigt sich in diesem Tagebuch so bildungsbeflissen, so viel- 
seitig interessiert, für Kunst, Naturwissenschaft, Geschichte, Theater u.v.a., 
so voll offener Sinne, ferner als ethisch hochstehender, aber aufgeklärter 
Weltmann, daß man staunend die Überzeugung gewinnt, daß in des Vaters 
Persönlichkeit die Gestalt des so weit überlegenen, genialen Sohnes doch 
in hohem Grade vorgezeichnet ist. Goethe der Vater, der seiner Zeit bereits 
voraus war, forscht, ist voll Ideen und sammelt für sein Naturalienkabinett, 
nimmt Marmorproben nach Hause, genau wie später sein Sohn. Besonders 
ist Vater Goethe für Inschriften interessiert und zeigt sich auch in poetischer 
Übersetzung aus der antiken Sprache gewandt. 

Erst wenn man gesehen hat, daß die italienische Reise dem Vater der 
Höhepunkt seines Lebens war, wenn man hört, daß er lebenslänglich an 
ihr gezehrt hat, erst dann versteht man, daß dem Sohn dasselbe Ziel viele 
Jahre lang als Postulat vor Augen schwebte, bis er es endlich erreichte. 
Aber Italien bedeutete sonderbarerweise auch für den Vater schon — ein 
Liebesabenteuer. Denn im Tagebuch des Vaters Goethe ist von einer 
Liebesaffäre die Rede, die dieser ernste Mann in Mailand erlebte, und 
eine Sammlung von Liebesbriefen im Stil jener Zeit beschreibt sie des 
genaueren. Es blieb bei Worten und Gefühlsausbrüchen ohne Zusammen- 
sein; Kaspar Goethe war als „gewohnter Moralist" zu rasch eingeschüchtert, 
seine Neigung ist eine „reine" — wie er mehrmals betont — , er zieht 
sich zurück, nicht unähnlich, wie sein berühmter Sohn es später so oft 
fluchtartig getan hat. Er bittet um Verzeihung wegen seiner „offenbarten 
Liebesschwachheit". — Fühlte der Sohn Goethe auch oft die beharrliche 
Pedanterie und eherne Strenge des Vaters als Last, geriet er so manchesmal 
in Auflehnung, „das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war bei allem 
schuldigen Respekt vertrauensvoll freundschaftlich". Denn der Sohn fühlte 
hinter der harten Außenseite das weiche Gemüt. So werden dem Vater 
zuliebe die ersten Verse gesammelt, die Blätter vom Buchbinder gebunden. 



Päydioanalytisme 



Persönliditeit Goetteä 



45 



dann dem aufmunternden Vater überreicht. Der Vater bewahrt die ersten 
Zeichnungen auf, anerkennt des Sohnes Begabung, treibt zu Beharrlichkeit 
an und kritisiert gelegentlich die Vernachlässigung dieser Anlagen. Der 
Lehrplan des Vaters kann gar nicht vielseitiger sein: kaum irgendein be- 
deutendes Wissensgebiet oder eine edlere Fertigkeit ist außer acht gelassen. 
Wenn der Dichter des Vaters Erbe in die Worte „des Lebens ernstes Führen" 
kleidet (ursprünglich hieß es „ernste Züge"), so wissen wir nun, wie 
unendlich viel dies zusammenfaßt: der Charakter, das Bildungs-, das Kultur- 
ideal des Vaters, das Ziel der Universalität gehören hieher. Die Erziehung 
des Vaters wies auf jenes Registrieren des Erlebten hin, das der Genius 
des Sohnes so sich zu eigen machte, daß er seine Dichtung eine „große 
Konfession" nennen konnte. 

Das Selbsterzieherische, das so charakteristisch für Goethes Wesen erscheint, 
ist eine Folge einer inneren Stimme, die des Vaters Echo ist. 

Betrachtet man des Vaters Vorbild von dieser Seite her, so müssen wir 
auch das Hemmende, das Goethe immer wieder aus seinen leidenschaft- 
lichen Verirrungen, seiner Unruhe zurückruft zu sich selbst und seinen 
höheren Idealen, von dorther ableiten. „Der innere Ernst, mit dem ich 
schon früh mich und die Welt betrachtete, zeigte sich auch in meinem 
Äußeren . . .", so berichtet Goethe in „Dichtung und Wahrheit". 

Es wäre noch so manche andere Ähnlichkeit hervorzuheben: Was die 
Neigung zum Sammeln anlangt, so ist sie Vater und Sohn gleich eigen. 
Der Vater sammelte Landkarten, alte Gewehre, venezianische Gläser, Becher 
und Pokale, Elfenbeinarbeiten, Bronzen uud schließlich Naturalien und 
Frankfurtensia. Wer das Goethehaus in Weimar besucht hat, wird sich 
erinnern, welch pedantische Ordnung auch in Goethes vielseitigen Samm- 
lungen herrschte. Insbesonders seine Kupferstiche studierte und zeigte er 
gerne. „Mir ist der Besitz nötig", sagte Goethe, „um den richtigen Begriff 
der Objekte zu bekommen. Frei von den Täuschungen, die die Begierde 
nach einem Gegenstande unterhält, läßt erst der Besitz mich ruhig und 
unbefangen urteilen. Und so liebe ich den Besitz, nicht der besessenen 
Sache wegen, sondern meiner Bildung wegen und weil er mich ruhiger 
und dadurch glücklicher macht".' 



1) Es handelt sich bei Vater und Sohn um Reaktionsbildungen auf die anale Trieb- 
anlage, eine allgemeine menschliche Triebanlage verschiedenen Grades und daher 
verschieden großer Einwirkung auf den Charakter. 

Jones konstatiert zum Beispiel in diesem Zusammenhang: Produktivität und 
Schaffensfreude, Neigung zur graphischen und bildenden Kunst, Verfeinerung des 



4^ Eduard Hitsdimann 



'i I 



Das Lehrhafte nahm von Goethes Natur früh und für immer Besitz. 
Als der kleine Bruder Hermann Jakob gestorben war, vergoß er keine 
Träne, und als die Mutter den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht 
geliebt hätte, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bette hervor 
eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichten beschrieben waren; 
|!jil||jj er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es den Bruder zu 

'j|[ lehren. (So erzählte es Frau Bath nach Bericht Bettina Brentanos). 

Wolfgang war damals zehn Jahre alt! Lehrhaft, ganz im Tone des Vaters, 
war er auch gegen seine Schwester Cornelie; lehrhaft gegen Maddalena 
Ricci in Rom; er lehrte sie, ehe er sich verliebte, — englisch. Lehrend 
und lernbeflissen blieb Goethe sein Leben lang. Lehrhaft war er noch zu 
Eckermann und Soret. „Lehrhafte Redseligkeit" bezeichnete der Dichter 
einmal selbst als das Erbstück des Vaters. Wilhelm. Meisters Lehrjahre handeln 
„ von der Erziehung eines Einzelnen, die Wanderjahre von der Erziehung 

der Menschen zu Bürgern eines Idealstaates. — Freilich, Kaspar Goethe war 
ein erfolgreicher Erzieher nur für den Sohn, die Tochter litt allzusehr unter 
seiner Härte und Pedanterie; vermutlich vermißte sie die Zärtlichkeit des 
Vaters, während der Sohn wenigstens die der Mutter reichlich genoß und 
beim Vater auch mehr Anerkennung fand. Die Identifizierung Goethes mit 
seinem Vater wird auch augenscheinlich durch eine Vorliebe, den Vater zu 
spielen, wie Wilhelm Meister gegen Mignon. Goethe hatte ein Bedürfnis, 

Kunst- und Geschmacksinnes, Ordnungsliebe bis zur Pedanterie, Neigung- zum Sammeln, 
Streben nach Gründlichkeit und Vollkommenheit, das Geschick, mit den konkreten 
Dingen der Welt umzugehen u. a. — Züge, die wir bei Goethe alle wiederfinden. 
Er konnte zeichnen, malen und in Ton formen. „Alles Unsymmetrische, der geringste 
Fleck oder falsche Strich (in einem Schriftstück) war ihm unausstehlich." 

Andrerseits wissen wir, daß die prägenitale Analität sozusagen der Gegenpol der 
Genitalität ist und dai3 gerade vom Analen die asketischen Strebungen, das Verwerfen des 
Unreinen, auch im Moralischen, ausgehen. Die Aktivität des Geschlechtlichen hängt 
nicht zum wenigsten von der Überwindung des Analen ab. Namentlich die Angst 
vor Ansteckimg, von der später die Rede sein wird, hat ihren Ursprung zum Teil 
im Analen. Solche Naturen verbringen wenigstens Perioden ihres Lebens leicht in 
sexueller Zurückhaltung. — Goethe litt in Leipzig und dann in Frankfurt an heftigen 
Verdauungsstörungen (Obstipationen). Das bekannte Zitat aus „Götz von Berlichingen" 
und das Lied Mephistos im „Paust", in dem sich Floh und Popo reimen, erinnern 
auch an das Anale. Endlich sei noch ein tiefsinniger Ausspruch Goethes zitiert: „Der 
Haß gleicht einer Krankheit, dem Miserere, wo man vorn herausgibt, was eigentlich 
hinten abgehen sollte". — Goethes dichterisches Produzieren war keineswegs immer 
ein flottes. Englische Kritiker haben denn auch ausgesetzt, daß er nur eine relativ 
kleine Zahl von Meisterwerken vollendet habe, immer wieder geändert und ex- 
perimentiert habe. Vom „Götz" gibt es drei Fassungen, die „Iphigeuie" wurde 
fünfmal umgearbeitet. 



PsyAoanalytisAes zur PersönlJdiieit GoetLeä 



47 



jüngere und hilfsbedürftige Menschen an sich zu ziehen, ihnen zu helfen, 
ihnen eine Erziehung angedeihen zu lassen. Eckermann fühh sein Ver- 
hältnis zu Goethe als das des Schülers zum Meister, des Sohnes zum Vater. 
Auch gegen den Sohn Fritz der Frau von Stein war er voll väterlicher 
Gefühle, 'um so größer ist die Tragik des alten Goethe, den eigenen Sohn 
so wenig geraten und glücklich zu wissen. 

Wenn wir sehen, wie voll von Widersprüchen Goethes Persönlichkeit 
trotz allem geworden ist, wie sehr sein Leben ein leidendes und kämpfendes 
gewesen ist, muß uns klar sein, daß die eine Kraft, die in ihm stritt, 
Ausfluß des Ernstes und der Strenge des Vaters war. 

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust . . . 

Die eine hält, Ln derber Liebeslust, 

Sich an die Welt, mit klammernden Organen. 

Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust 

Zu den Gefilden hoher Ahnen." (F™'*) 

Goethes Vorliebe für hochgeistige Männerfreundschaften zeigt sich durch 
sein ganzes Leben; zunächst ist er der Jüngere, der Belehrte, so daß diese 
Freunde und Anreger, Behrisch, Herder, Lavater, Merck u. a., als Nach- 
folger des Vaters anzusprechen sind, als Fortsetzer und Ergänzer. 

Der unbewußte Einfluß des Vaters auf den Sohn zeigt sich oft sehr 
deutlich auf dem Gebiet des Glaubens an Gott; die Beziehung zu einem 
persönlichen Gott erhält die Grundfärbung vorn Verhältnis zum Vater. So 
konnte ich bei einer anderen Dichterfigur, nämlich an Dauthendey (Lit.- 
Verz. 9), zeigen, daß er seinen Deismus gegen einen Pantheismus — ganz un- 
willkürlich — in dem Moment vertauscht hat, als er mit dem Vater end- 
gültig brach und sich von ihm abwandte. Goethe in seiner überragenden 
und alles Menschliche umfassenden Persönlichkeit kann niemals auf so 
einfache Weise verstanden werden; eine harmonisierende Tendenz mildert 
bei ihm alle Wesenheiten, alle Einseitigkeiten. Und doch besteht auch bei 
Goethe der Eindruck, daß sein Glaube teils von der starken, in der Kindheit 
übermächtig erlebten Vaterpersönlichkeit, gegen die oft eine heftige Rivalität 
in Erscheinung trat, teils von der Überwindung des Vaters seine Färbung 
erhalten hat, die auch in dichterischen Ergüssen zutage tritt. Die Verse 

„Könnt ich doch ausgefüllt einmal 
Von Dir o Ewiger werden — 
Ach diese tiefe Qual 
Wie dauert sie auf Erden!" 



4° E-duard Hitsdiu 



i4h 



zeigen ein ganz feminin-passives Fühlen und demütige Sehnsucht; das 
Gedicht „Ganymed" eine Verherrlichung des Aufgehens im All; das Gedicht 
„Prometheus" offene Auflehnung, Titanentrotz. Am charakteristischsten 
scheint mir Goethes Antwort an seinen Freund Jakobi, der nicht abließ, 
ihn zu einem Glauben bekehren zu wollen: „Ich für mich kann bei den 
mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an einer Denkweise 
genug haben ; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hin- 
gegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf 
ich eines Gottes für meine Persönlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist dafür 
auch schon gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so 
weites Reich, daß die Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen 
mögen". Im Vergleich zu dem Protestantismus des Vaters finden wir eine 
Abwendung, einen weniger deistischen Glauben, eine mehr zerfließende, 
unpersönliche pantheistische Naturreligion, eine Art Überwindung des Väter- 
lichen. Aber Goethe blieb doch zeitlebens im weiteren Sinne des Wortes 
religiös. Der Vater war tolerant auch gegen den Sohn gewesen: „obgleich 
altertümlicher gesinnt, in religiöser Hinsicht, nahm er doch kein Arg an 
meinen Spekulationen und Ansichten", rühmt der Sohn. 

Man entsinnt sich des originellen Altars, den der Knabe eines Tages 
errichtete, der eher heidnisch war, einem Naturgott zusammengestellt aus 
Naturalien, um ein Feueropfer darzubringen. „Der Gott, der mit der Natur 
in unmittelbarer Verbindung stehe, . . . dieser schien ihm der eigentliche 
Gott, . . . eine Gestalt konnte der Knabe diesem Wesen nicht verleihen . . . 
(„Dichtung und Wahrheit"). 

Vielleicht dürfen wir die Unsicherheit, den Zwiespalt hierin und das 
Zurücktreten des persönlichen Gottes auf das zwiespältige Verhältnis zum 
Vater zurückführen; vielleicht ist im Naturgefühl eine Art Muttersehn- 
sucht verwoben. Die Verhältnisse sind hier kompliziert dadurch, daß die 
Natur für Goethe etwas Göttliches darstellt: das religiöse Gefühl fließt 
zusammen mit dem Naturgefühl. Es ist ihm eine „reine, tiefe, angeborene 
und geübte Anschauungsweise, Gott in der Natur, die Natur in Gott 
zu sehen . Auch Fausts Glaubensbekenntnis ist das eines Pantheisten. 

Beide Worte, Natur und Gott, sind Goethe allerdings besonders geläufig, 
und bei beiden wechselt der Begriffskreis. „Weder der Philosoph noch der 
Theolog kann je über Goethes Gott und Goethes Natur zu einer befriedigenden 
Vorstellung gelangen" (Chamberlain). 

Es sei hier zusammenfassend wiederholt, daß wir die Wirkung des Vaters 
auf die Entwicklung von Goethes Charakter überaus hoch einschätzen, wir 



können ruhig sagen, höher, als Goethe selbst es getan hat. Denn diese 
Einwirkung des Vaters, wie wir sie annehmen, ist zum großen Teil dem 
Sohne unbewußt. Darum sei hier eine kleine theoretische Exkursion gestattet, 
die den seelischen Mechanismus klarlegt, wie wir uns diese väterliche Ein- 
wirkung vorstellen. 

Hat sich die Psychoanalyse auch in ihren Anfängen, von den Neurosen 
ausgehend, vor allem mit dem Verdrängten, dem unterdrückten Bösen im 
Menschen beschäftigt, so hat sie später den moralischen und ästhetischen 
Tendenzen, welche den Antrieb zur Verdrängung leisten, und ihrer Herkunft 
ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Es ist vor allem ein Vorgang, den wir 
„Identifizierung" nennen, der hier eine wesentliche Rolle spielt: in einer 
gewissen Entwicklungszeit identifiziert sich der Knabe mit dem Vater, setzt 
sich ihm gleich, nimmt ihn in sein Wesen auf; dies ist ein unbewußter 
Vorgang, durch den sich der Sohn dem Vater angleicht, dessen Ideale zu 
seinen eigenen macht. Selbstverständlich geht eine analoge Einwirkung 
auch von der Mutter aus. 

Da» Ich des Kindes verändert sich im Sinne dieser Identifizierungen, es 
bildet sich ein „Ich-Ideal" aus, dem künftig gefolgt und nachgeeifert wird. 
Lehrer, ältere Freunde und andere eindrucksvolle Respektspersonen setzen 
diese Vaterrolle fort, auch ihre Ge- und Verbote üben mit denen des Vaters 
nunmehr als Gewissen die moralische und Geschmackszensur aus. Die 
Stimmen dieser Autoritäten sind zur inneren Stimme, zur Stimme des Ge- 
wissens geworden. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens 
und den wirklichen Leistungen wird als Schuldgefühl empfunden. Unsere 
frühen Identifizierungen machen unseren Charakter aus, 

Identifizierung ist nicht Nachahmung, freiwillige Nachahmung, sondern 
ein unbewußter, wie zwanghafter Vorgang. Gerade auch der weniger geliebte, 
der gefürchtete Elternteil wirkt intensiv nach. 

Goethes Vater ist wohl in späteren Jahren als ein Sonderling anzusprechen; 
sein cholerisches Temperament und seine Empfindlichkeit sowie eine gewisse 
Unverträglichkeit isolierten ihn im Leben, seine Strenge und Pedanterie 
entfremdeten ihm zeitweise die Kinder. Er wurde im Alter still, stumpf 
und kleinlich. Aber sein Bildungsideal, sein rastloses Streben zur immer 
fortgesetzten Ausbildung und Bereicherung der Persönlichkeit, seine An- 
leitung zur Arbeit, zur Schätzung und Aufzeichnung des Erlebten wurden 
zum Vorbild. Seine Strenge, sein Ernst führten im Sohne zu moralischer 
Strenge gegen sich selbst und zur Neigung zu Schuldgefühlen. 

Kaspar Goethe hatte allerdings, nach des Sohnes Worten, alles nicht 

Imago XVIII. . 



Eduard Hitsdimann 



durch angeborene Gaben, sondern „durch unsäglichen Fleiß, Anhaltsamkeit 
und Wiederholung" erreicht, aber doch muß es scheinen, als wäre Kaspar 
Goethe der Stamm, in dem ansetzte, was im Sohne dann durch die Strahlen 
des Genies voll erblühte. 

Die Eltern waren durch Alter und Lebensauffassung so weit verschieden, 
daß mancher Zwiespalt, mancher Kampf im Innern des Sohnes daraus zu 
erklären sein mag. Ein Biograph sagt von Goethe aus: Auf allen Gebieten 

im Charakter, in der Phantasie, in der Moral — nimmt Goethe etwas 
Antinomisches wahr, das ihn fesselt. Da er selber seinen Anlagen und 
seinem Temperament nach in entgegengesetzten Extremen wurzelt, so ist 
er befähigt, die beiden Seiten der überall hervorsprießenden Gleichungen 
mit fast gleicher Inbrunst zu einer eigenen Überzeugung zu machen. 

Eine eigenartige Zwiespältigkeit werden wir auch auf dem Gebiete des 
Liebeslebens finden, dessen Rätsel wir im weiteren zu lösen gedenken. 

II' 

„Der Mann wird zweimal geboren; das 
erstemal von der Mutter, ein zweites Mal von 
der Geliebten." 

Goethes Liebesleben war sehr reich und vielgestaltig und weist Selt- 
samkeiten und Rätsel auf, so daß es in der Literatur, so besonders von 
Wilhelm Bode, ausführlich behandelt wurde. Ein Schüler Freuds, Otto 
Rank, hat in seinem Buche „Das Inzestmotiv in Sage und Dichtung" ein 
Kapitel über Goethes Schwesterliebe gebracht (1912), Brunold Springer 
in einer kleinen Schrift „Der Schlüssel zu Goethes Liebesleben" gleiche 
Gesichtspunkte vertreten. Das Werk von Otto Rank muß als ein grund- 
legendes besonders hervorgehoben werden : es zeigt die beiden bedeutsamsten 
Komplexe von Goethes Seelenleben und dichterischem Schaffen in der Auf- 
lehnung gegen den Vater und in der Liebe zur Schwester. Der Beweis wird 
auch an Stoffwahl und Motiven gebracht, dies würde uns aber über unseren 
Rahmen hinausführen. 

Freud selbst hat in seiner Arbeit „Eine Kindheitserinnerung aus Dich- 
tung und Wahrheit" die Brudereifersucht des kindlichen Goethe betont. 
Ich habe mich mit dem Problem des Gegensatzes zwischen den beiden 

1) Dieser Teil wurde bereits im Dezember 1928 in der „Wiener Psychoanalyti- 
schen Vereinigimg" vorgetragen; ist aber ergänzt durch Berücksichtigung der zitierten, 
zu gleichen Resultaten gelangenden Arbeiten von Reik und Sarasin. 



Frauentj-pen Frau von Stein und Christiane Vulpius befaßt und Goethes 
Veränderung in Rom, wie sie sich vor allem in den römischen Elegien 
erkennen läßt, herangezogen. Aus der letzten Zeit sei noch erwähnt eine 
Arbeit von Reik, welche das Thema, warum Goethe Friederike verließ, 
in breitem Umfang behandelt, sowie eine Schrift des Schweizers Sarasin 
über Goethes „Mignon" (beide erschienen 1939 im Internationalen Psycho- 
anal>tischen Verlag). Ein Buch, das unliebsames Aufsehen gemacht hat, 
Theilhabers „Goethe, Sexus und Eros", stammt nicht aus dem Kreis der 
ps>xhoana]ytischen Schule, enthält aber neben manch Anfechtbarem und 
Geschmacklosem viel Richtiges. 

Goethe hat oft und in jedem Lebensalter geliebt, und wir verdanken ihm die 
schönsten Liebesgedichte und -briefe; immer wieder war er des Liebes- 
rausches fähig, wie er selbst den genialen Menschen eine wiederholte Pubertät 
nachsagt. Möbius hat Goethe eine Periodizität von je sieben Jahren nach- 
gerechnet, und auch Kretschmer glaubt, manche Liebesphase daraus er- 
klären zu können. 

.Noch im Alter von dreiundsiebzig Jahren klagt Goethe einmal: „Es 
geht mir schlecht, denn ich bin weder verliebt, noch ist jemand in mich 
verliebt". Und im Jahre darauf veranlaßte er seinen Herzog Karl August, 
für ihn um die Hand der neunzehn Jahre alten Ulrike Levetzow anzuhalten: 
als Frucht dieser hoffnungslosen Liebe kennen wir die „Marienbader Elegie ', 
eines der ergreifendsten und vollendetsten Gedichte Goethes. 

Goethe war nie ein Heiliger und namentlich in den früheren Weimarer 
Jahren mag es zu mancher flüchtigen Debauche mit erniedrigten Objekten 
gekommen sein'. Aber wo es sich um edlere Liebesobjekte handelte, bei 
Käthchen, Lotte, Friederike und Lili, zeigt sich ein eigenartig typischer 
Ablauf der Beziehung: eine heftige stürmische Verliebtheit, eine Periode 
des Schwankens und der inneren Qual, und schließlich Flucht vor der 
Geliebten, meist gefolgt von Selbstvorwürfen. 

Nach Bode war Goethe sehr zurückhaltend; es ist nichts bekannt über 
eine Dauerbindung vor der italienischen Reise. Sein Seelenleben bis dahin 
mutet oft als das eines Mannes an, dem die geschlechtliche Beruhigung 
fehlt. Mit zeitgenössischen Schriftstellern verglichen, war er besonders zurück- 
haltend auch im Ausdruck, nie schwelgte er in erotischer Ausmalung. Er 
hatte die Neigung und Fähigkeit, seinen Trieb zu unterdrücken, und hat 



1) Eckermann erhielt vom Kammerdiener Goethes die Auskunft, Goethe sei in 
der ersten Weimarer Zeit „mit den Fröhlichen fröhlich gewesen, jedoch nie über die 
Grenze; in solchen Fällen sei er gewöhnlich ernst geworden". 



5ä Eduard Hitsmniann 



i'lll 



dies im ausgiebigsten Grade in den elf Jahren seiner Beziehung zur Frau 
von Stein getan. Unerhört wirkte dann begreiflicherweise die Veröffentlichung 
der „Römischen Elegien" mit ihrer mehr als freien Schilderung südlicher 
Liebesfreuden. 

Nach diesen Andeutungen müssen Sie mir nun gestatten, mit einiger 
Ausführlichkeit über Goethes Entwicklung seit der Kindheit zu berichten, 
deren affektive Eindrücke zeitlebens intensiv nachwirken. 

Die so viel jüngere, heitere und lebensdurstige Mutter zog den Sohn 
mehr zu sich herüber; der ernste, strenge und pedantische Vater mit seinen 
steten Forderungen wurde zum Objekt von Rebellion, Ablehnung, Angst 
und Schuldgefühl. In „Dichtung und Wahrheit" wird geschildert, wie die 
Kinder vor Angst nicht einschlafen können und zu den Dienstboten streben, 
aber vom, durch den umgekehrt angezogenen Schlafrock entstellten, Vater 
jäh zurückgeschreckt werden. Der kleine Wolfgang litt durch viele Jahre an 
Angstträumen; es gab eine eigene Klingel, die zu seiner Beruhigung da war. 

Der Vater wurde so zum Repräsentanten der Einschüchterung und der 
Verbote. Die verschiedene Wesensart von Vater und Mutter war geeignet, 
hier die in frühen Jahren natürliche „Ödipus-Einstellung" zu fördern. Dem 
Psychoanalytiker wird es so wahrscheinlich, daß etwas wie Entmannungs- 
angst den Knaben so beängstigte. 

Die große Liebe zur Mutter erklärt auch des Knaben Brudereifersucht, 
aus der heraus Freud jene Schlimmheit erklärt, mit der Wolf gang eines 
Tages eine große Menge Geschirr zum Fenster hinauswirft, von den gegen- 
über wohnenden Brüdern Ochsenstein noch animiert. Freud vermutet, 
gestützt auf analoge Fälle aus der analytischen Praxis, dieser Vorfall sei 
nicht ohne Grund mit dem Ausgang der Mutter zur Taufe eines neu 
angekommenen Söhnchens zusammengefallen. — Durchgreifend und un- 
verhüllt äußert sich die Liebe des Dichters zu seiner Schwester Cornelia; 
nicht nur die Wahl und Ausgestaltung mancher poetischen Stoffe, auch 
sein reales Liebesleben wird entscheidend dadurch beeinflußt. „Schon als 
sie in der Wiege lag, liebte er sie zärtlich, trug ihr alles zu und wollte 
sie allein nähren" (Witkowski). 

Wir sehen aber auch in Charlotte von Stein eine Imago, ein Nachbild 
der Schwester und in der Liebe zu ihr, wohl der tiefsten Liebe Goethes, 
eine Folge der Bindung an die Schwester. Es ist keineswegs selbstverständlich, 
daß der strahlend junge, geniale Dichter so lange von dieser um sieben 
.Jahre älteren, kränklichen, weder besonders verständnisvollen noch groß- 
zügigen Frau gefesselt wurde. Zahlreiche Äußerungen Goethes beweisen, 



daß er ahnte, sie erwecke das Erinnerungsbild der Schwester. Er bezeichnet 
sein Verhältnis zu ihr als „das reinste, schönste und wahrste, das er außer 
zu seiner Schwester je zu einem Weibe gehabt habe". „O hätte meine 
Schwester einen Bruder irgend, wie ich eine Schwester an dir habe", heißt 
es anderswo. In einem Gedicht sagt Goethe zur Stein: „Ach du warst in 
abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau". Und in einem Brief 
über sie heißt es: „Sie hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach 
und nach geerbt, und es hat sich ein Bund geflochten, wie die Bande der 
Natur sind . 

Die Superlative seiner Gefühle, die Vollkommenheit seines Liebens, die 
Behauptung, daß er Alles in ihr finde, sprechen so recht für eine Ideali- 
sierung und Phantasieverherrlichung aus unbewußten Motiven. 

Fast zwölf Jahre seines heißesten Herzenslebens hat Goethe dieser Frau 
geopfert, die sich nur in geringem Grade dieser rührenden Hingabe würdig 
erwiesen hat. Die Frage nach den Grenzen dieser zwanghaften Beziehung, 
die so häufig aufgeworfen wird, muß dahin beantwortet werden, daß offenbar 
das Letzte von der prüden Frau nie gewährt wurde. Es gibt alle möglichen 
Abstufungen halber und gehemmter, hastiger und ungesunder Erledigung 
in solchen Beziehungen ; aber eine volle und ungehemmte Liebesbefriedigung 
hat Goethe bei ihr nicht gefunden. 

Dieses erste Jahrzehnt in Weimar, allerdings auch voll von vielseitiger 
Beamtentätigkeit, war keineswegs produktiv und förderte nicht die Ent- 
wicklung des großen Dichters. Nichts als Entwürfe und Bruchstücke kenn- 
zeichnen diese Periode. Es wurde nichts fertig gemacht als Lyrik. Nicht 
mit Unrecht bezeichnet man als die Dichtung jener Zeit — die Frau von 
Stein, die in der Überschätzung einer Liebe durch infantile Reminiszenz und 
durch Unbefriedigtheit so hoch hinaufgehoben wurde. In der ersten Weimarer 
Zeit tauchen noch neue Dichterpläne auf, wie Iphigenie, Tasso, Wilhelm 
Meister; aber nach 1780 bis zur Flucht nach Italien versiegt der Er- 
findungsquell. 

Das tiefe Liebesglück dieser Jahre geht aus den Briefen an die Stein 
hervor, die alle Facetten der Liebe widerspiegeln und ein Kleinod der 
deutschen Briefliteratur darstellen. 

Aber gegen Ende dieser Lebensperiode bemächtigt sich Verzweiflung des 
Dichters; „wie das Leben der letzten Jahre wollt' ich mir eher den Tod 
gewünscht haben", schreibt er an die Stein. Und später an den Herzog: 
„Die Hauptabsicht meiner Reise (nach Italien) war, mich von den physisch- 
moralischen Übeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten und zuletzt 



<>4 Eduard Hitsdimann 



unbrauchbar machten." „Jahre der Krankheit" hat Goethe später diese 
Lebensperiode genannt. Gewiß waren auch reichlich andere Gründe für 
das Erlahmen der Schöpferkraft da, z. B. das Aufgehen in den Beamten- 
pflichten, aber als ein natürlicher Zustand kann es nicht bezeichnet werden, 
daß Goethe in den Jahren höchster Lebensfülle unbefriedigt schmachten 
mußte. Seine Flucht nach Italien trat Goethe, sie auch vor der Stein ver- 
heimlichend, an; es war Flucht und Sehnsucht zugleich. Ein gesunder 
Instinkt riß ihn los, der Narzißmus des Schaffenden suchte sich wieder 
einmal sein Recht. In einer Arbeit „Zur Psychoanalyse des Reisens" hat 
Winterstein' auf den Zusammenhang zwischen Reisetrieb und Erotik 
besonders hingewiesen und einer bedeutsamen Symptomhandlung Goethes 
Erwähnung getan: Er verlor nämlich wenige Wochen vor seiner Flucht 
— den Ring vom Finger, den ihm die Stein geschenkt hatte. 

Flucht vor der Geliebten — dies war auch sonst charakteristisch für 
Goethes Liebesleben. So floh er vor Käthchen, vor Friederike, vor Lili und 
Lotte, vor der Willemer u. a. Es liegt nahe, hier jedesmal das Fliehen des 
Produktiven vor der störenden Bindung als bedeutsames Motiv heranzu- 
ziehen; hat doch Goethe ausdrücklich dem Schaffenden empfohlen, „höchst 
selbstsüchtig zu sein. Kaum einem Zweiten galt sein eigenes Wachstum 
und das seines Werkes so viel wie unserem Dichter. Tiefer schürfende 
Untersuchungen, wie die eben erschienene über die Flucht Goethes vor 
Friederike (Reik), wissen noch mehr zu sagen und verfolgen die Motiven- 
reihe bis zu den Ereignissen der Kindheit. 

Wir betonten die zärtliche Bindung an die Mutter und sekundär an die 
Schwester, den Vater als Verbieter und Strafer, die Angst am Abend und 
in Träumen. Manches zu Ergänzende läßt sich nur aus anderen Kinder- 
beobachtungen erschließen. Schuldgefühle, Angst vor Folgen verbotenen 
Tuns sowie die spätere Angst vor dauernden Bindungen mögen von dort 
ihren Ursprung nehmen. So kommt es immer wieder zum Fliehen und 
Im-Stiche-Lassen — „Und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb 
der Menschen! Greifen die Kinder nicht" (Werthers Leiden). Freilich folgt 
auf die Flucht dann die schöpferische Gestaltung des Erlebnisses. 

Dazu kommt Goethes Sinn für Reinheit. Mit dem „Reinen" hat es seine 
Bewandtnis bei Goethe, mit Vorliebe gebraucht er dies Wort. Zum Bei- 
spiel heißt es: „Zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse ruhige Rein- 
heit des Innern." Als er einmal Verbrecher sehen soll, macht er Seelen- 



i) Imago I, 1912. 



iiii 



PsyiioanalytisAes zur Persönliciteit Goettes 



55 



quälen durch und schreibt: „Ich fliehe das Unreine." Die schaurige Dich- 
tung „Der arme Heinrich" legt er schnell aus der Hand, denn die darin 
geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig, daß er sich vom bloßen 
Berühren eines solchen Buches schon angesteckt glaubt". Von der sexuellen 
Ansteckungsgefahr ist in Kaspar Goethes Reisetagebuch warnend die Rede, 
ebenso in Goethes Briefen an den Herzog wie in den „Römischen Elegien". 
Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den 
ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!", heißt es an 
anderer Stelle. Goethe hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen alles 
Häßliche, Widerwärtige, Kranke. Der Herzog will ihm eine menschliche 
Mißbildung zeigen; Goethe, der Naturforscher, entschuldigt sich: „seine 
Abneigung gegen alles Pathologische scheine sich mit den Jahren immer 
zu verstärken . 

Als die Schwiegertochter sich durch Sturz vom Pferde das Gesicht zer- 
schlägt, will er sie nicht vor der Heilung sehen: „durch Mißgestaltungen 
und Mängel finde er sich aufs lebhafteste affiziert". So wird auch Goethes 
Widerwillen gegen Karikaturen begreiflich. 

Es sei auch noch der Verse gedacht: 

„In unsres Busen Reine wogt ein Streben 
Sich einem Hohem, Reinern, Unbekannten 
Aus Dankbarkeit freiw^illig hinzugeben." 

Im Alter konnte die Vernunft seinen Mikrokosmus — das Ziel seiner 
Sehnsucht — „um einen reinen Mittelpunkt kreisen lassen . . ." 

Körperliche und moralische Reinheit gehen in gewissem Grade parallel; 
ihre Wertung hat einen Ursprung auch im Triebleben, wie es die Psycho- 
analyse festgestellt hat (vgl. die Anm. S. 45 f.). 

Für das Flüchten vor den geliebten weiblichen Wesen ist besonders 
charakteristisch ein heftiges Schuldgefühl, das den Fliehenden erfüllt, dies 
namentlich bei Friederike von Sesenheim. Im Faust, wo das Verbrechen 
an dem Mädchen tatsächlich zur Ausführung kommt, geschieht es — mit 
Hilfe des Teufels. 

Stendhal hat — aus einer anderen Welt heraus — spöttisch seine Ver- 
wunderung darüber ausgedrückt, „daß Faust sich mit dem Teufel ver- 
bindet, um das zu tun, was jeder von uns in seiner Jugend getan hat: 
um eine Modistin zu verführen". Goethe zeigt eben den Kampf der Trieb- 
regung mit den inneren Gewissensmächten, wie einst sein Trieb und das 
von außen kommende Verbot in ihm ringen mußten. Noch nach Jahren, 
als Lotte Buff mit Kestner verheiratet ist, wird Goethe von Angstträumen 



ob Eduard Hitsdiniaiin 






geweckt, die sein Schuldgefühl, sein Strafbedürfnis und den Vater (in der 
symbolischen Figur des Fürsten) darstellen. Er berichtet darüber: 

„Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über Lotte. Die Gefahr 
war so dringend, für meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren 
bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich 
stand am Fenster und überlegte hinunterzuspringen; es war zwei Stock 
hoch ; ein Bein brichst du, dachte ich, da kannst du dich wieder gefangen 
geben." 

Trotz der Neigung, sich leidenschaftlich zu verlieben, zeigt also Goethe 
als junger Mann Enthaltsamkeit und Sinn für Reinheit. Moralische Hem- 
mungen, Schuldgefühle und Krankheitsangst sind am Werk; aber zweifellos 
ist es auch der Selbstschutz des Schaffenden, der, das Phantasieren über 
die Wirklichkeit stellend, dann sagt: „Doch das Glück bleibt immer größer, 
fern von der Geliebten sein" oder „Wenn ich dich liebe, was gehts dich an . 

Die Liebe ist hier nicht nur um ihrer selbst willen da. Jede Liebes- 
beziehung führt — vom Werther bis zur Marienbader Elegie ■ — zum Werk, 
zur Dichtung, welche aus Konflikt und Seelennot befreien. Im Werk wird 
die Ablösung vom Liebesobjekt vollzogen und sozusagen gefeiert. 

Und doch bleibt es unwahrscheinlich, daß eine so starke Natur wie 
Goethe nicht danach streben sollte, Leben und Liebe ganz auszukosten. 

So wenden wir uns zur zweiten Hälfte seines Lebens, von der ersten 
getrennt durch die italienische Reise; wir wollen unsere Aufmerksamkeit 
einer Dichtung zuwenden, die auf Niederschriften aus der Zeit dieser Reise 
beruht, wenn sie auch erst in Weimar ausgearbeitet wurde, den „Römischen 
Elegien . 

Ohne Zweifel handeln sie von Goethes Liebesglück in Rom, wenn sie 
auch erst in der friedlich glücklichen Zeit mit Christiane Vulpius und 
unter Beziehung auf diese fertiggestellt wurden. 

Sie setzen der jungen Witwe Faustina Antonini, geborenen di Giovanni, 
ein Denkmal, an deren realer Existenz kein Zweifel mehr bestehen kann, 
seit A. Carletta diese urkundlich erwiesen hat. Sie war schon Mutter 
gewesen und stand unter der Aufsicht eines Oheims; Goethe verbrachte 
mit ihr Nächte, die von uneingeschränktem Liebesgenuß erfüllt waren. 
„Sie ergötzt sich an ihm, dem freien rüstigen Fremden , heißt es, „sie 
teilt die Flammen, die sie in seinem Busen entzündet." Amor verlieh ihr 
vor andern die Gabe, „Freude zu wecken, die kaum still wie zu Asche 
versank". Goethe war hier zum erstenmal im Leben einer ungehemmten, 
selbst begehrenden Frau begegnet. Zum erstenmal konnte er sich sorglos 



PsyAoanalytisAes zur Persönlüteit Goetlies 67 



dem Geschlechtsgenuß hingeben, denn er mußte hier nicht fürchten, sich 
eine Krankheit zu holen. „Ganz abscheulich ist's", heißt es deutlich genug 
in der 18. Elegie, „auf dem Wege der Liebe Schlangen zu fürchten, und 
Gift unter den Rosen der Lust, wenn im schönsten Moment der hin sich 
gebenden Freude Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht." 

Diese Krankheitsfurcht ist bei Faustina nicht nötig; „Darum macht 
Faustine mein Glück; sie teilet das Lager gerne mit mir, und bewahrt 
Treue dem Treuen genau". Weiters dann: „Welche Seligkeit ist's! wir 
wechseln sichere Küsse, Athem und Leben getrost saugen und flößen wir 
ein." Auch in einer anderen, vom Druck abgehaltenen, nicht vollendeten 
Elegie erscheint die Furcht vor Erkrankung als der ärgste Lustmörder; es 
ist auch vom Merkur (Quecksilber) als Heilmittel die Rede. 

Weiter heißt es: 

„Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen; 

Überfällt sie der Schlaf, lieg' ich und denke mir viel. 

Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet, 

Und des Hexameters Maaß leise mit fingernder Hand 

Ihr auf dem Rücken gezählt. Sie athmet in lieblichem Schlummer, 

Und es durchglühet ihr Hauch mir bis in's Tiefste die Brust." 

Wenn ein Mann von etwa vierzig Jahren mit solcher Begeisterung vom 
Liebesgenuß ohne Einschränkung und ohne Krankheitsfurcht in seinen 
elegischen Erinnerungen an Rom spricht, haben wir das Recht anzunehmen, 
daß er nirgends früher diesen ungehemmten Genuß gekannt hat. So ent- 
halten die Elegien auch noch Worte genug, die Schuldgefühle zu bannen 
haben: er arbeite wenigstens bei Tage. „Werd' ich auch halb nur gelehrt, 
bin ich doch doppelt beglückt." 

Er verstehe den Marmor erst recht, wenn er die nackte Geliebte be- 
schaue und betaste ; er liege und denke sich viel, wenn sie der Schlaf über- 
fällt. Wird so angedeutet, daß die Liebesbefriedigung eigentlich doch etwas 
sei, dessentwegen man sich entschuldigen muß (oder einst mußte), so paßt 
sehr gut dazu die Anführung von Alexander, Caesar, Heinrich und Friedrich 
dem Großen — offenbar Vaterfiguren — als solcher, die gern die Hälfte 
ihres erworbenen Gutes ihm gäben, 

„Könnt ich auf eine Nacht dies Lager Jedem vergönnen; 
Aber die Armen, sie hält strenge des Orcus Gewalt." 

Man kann eine leichte Genugtuung über der Väter Tod heraushören; 
eine Art Sieg des rivalisierenden Sohnes. Kann doch mancher streng ge- 
haltene Sohn erst nach dem Tod des Vaters Liebesfreiheit genießen. 




^° Kduard Hitsmmann 



m 






Kommt so auch in diesen ironischen Zeilen der Elegien Vaterrivalität 
zum Vorschein, so findet sie ihre Befriedigung besonders auch am Hinter- 
gehen des Oheim-Beschützers, „Den die Gute so oft, mich zu besitzen, be- 
trügt". Kein Wunder, daß der Liebhaber einmal in einer Vogelscheuche 
den gefürchteten Onkel zu sehen glaubt und flieht: 

„Nun, des Alten Wunsch ist erfüllt; den losesten Vogel 
Scheucht' er heute, der ihm Garten und Nichte bestiehlt." 

Volle Verfügung über eine Frau vertreibt aber endlich ganz jede Rivalität: 

„Gönnet mir, o Quirlten! das Glück, und Jedem gewähre 
Aller Güter der Welt erstes und letztes der Gott!" 

Die Überwindung der väterlichen Verbote gelingt am leichtesten außer- 
halb der Heimat, in der weiten Welt ist keine Kontrolle zu fürchten; vom 
Gegensatz zwischen Amor und Fama handelt ausführlich die 19. Elegie. 

Goethe hatte also in Italien allem Anschein nach zum erstenmal angst- 
und vorwurfslos volle Befriedigung kennengelernt, und es erscheint selbst- 
verständlich, daß er, nach Weimar zurückgekehrt, die erste Gelegenheit er- 
greift, um — ein geeignetes Liebesobjekt an sich zu ziehen. Der Satz „Zwischen 
Sinnenglück und Seelenfrieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl" 
war anscheinend überwunden. Wenige Wochen schon nach seinem Eintreffen 
— er ist zunächst enttäuscht und verdüstert — spricht ihn ein einfaches 
Mädchen, eine Blumenmacherin aus der Fabrik, an, als Fürsprecherin für 
ihren Bruder, der eine Stelle durch Goethe bekommen will. Sie wird bald 
seine Geliebte und Hausgenossin, trotz böser Nachrede der Kleinstadt; bringt 
ihm einen Sohn zur Welt, später noch eine Reihe von Kindern, die aber 
nicht am Leben bleiben; sie hat seine zärtliche Liebe und Achtung erworben 
und gilt ihm als Frau. Allerdings erst nach achtzehn Jahren schließt er 
äußerlich den Ehebund. Auf sie dichtet er während seiner zweiten Italien- 
reise die Verse: 

„Lange sucht' ich ein Weib mir, doch fand ich nur Dirnen. 
Endlich erhascht ich dich mir, Dimchen, da fand ich ein Weib." 

War Goethe erst sexuell völlig befreit, so war er auch ehefähig geworden, 
allerdings war er es nur gegenüber einem sozial niedrigen Liebesobjekt: 
noch wirkte die Bindung an die erhöhten Liebesobjekte, Mutter und Schwester, 
nach. Seine Ehe begann mit einem rein erotischen Verhältnis, das sich 
erst bewähren mußte, um jene höhere Zärtlichkeit nachwachsen zu lassen, 
die seine Verbindung mit diesem einfachen Mädchen zu einer recht glück- 
lichen Ehe gestaltete. 



Psytiioanalytisdies zur Persönliaikeit (joethes 69 



Wenn wir die Veränderung Goethes durch die erste italienische Reise 
betrachten, so schallt schon aus den ersten Briefen an die Mutter, den 
Herzog, die Stein und die Freunde das Wort „Wiedergeburt" uns mehr als 
ein dutzendmal entgegen. Jetzt heißt es: „ich bin ein neuer Mensch, ein 
anderer Mensch, umgeboren." Natürlich ist es nicht nur die Losreißung 
von der Stein, die diese Umwandlung bringt, sondern die endlich erreichte 
Wunschbefriedigung, gleich dem Vater Italien zu erleben und die Freiheit 
zu genießen. Wir wissen, wieviel es für jeden gebildeten Deutschen be- 
deutet, Italien zu besuchen. Nun gar für Goethe! Die Wirkung Italiens, 
der Landschaft, des Volkslebens, der grandiosen Kunst — ist ein Thema für 
sich, dem hier nicht nachgegangen werden kann.' 

Aber der Wandel in Goethes Liebesleben muß mit herangezogen werden, 
um diesen anhaltenden Strom von Lebensfreude zu erklären: „In Rom 
habe ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit 
mir selbst glücklich und vernünftig geworden." 

Und in den „Vier Jahreszeiten ' heißt es : 

„Kennst du die herrliche Wirkung der endlich befriedigten Liebe? 
Körper verbindet sie schön, wenn sie die Geister befreit."'' 

Neue Kräfte erwuchsen der Produktion. Egmont und Iphigenie wurden 
in Rom vollendet, Erwin und Glaudine völlig umgegossen; die „Römi- 
schen Elegien entworfen und dann für Christiane niedergeschrieben; ihr 
galten viele der Venetianischen Epigramme; bei „Alexis und Dora" schwebte 
sie im Hintergrunde; „Tasso" wurde ein weites Stück vorwärtsgebracht, 
dann an Christianens Seite vollendet. „Faust" wird nach zwölf Jahren wieder 
vorgenommen . 

Hatte Goethe aus Italien zum Dichter noch den Kunstgelehrten und 
Naturforscher mitgebracht, so sind auch hier nach früheren Anfängen kühne 
Fortschritte nun aufzuzeigen: er entwirft die Farbenlehre und schreibt die 
Abhandlung „Die Metamorphose der Pflanze". Auch entschloß er sich, die 
Leitung des Theaters in die Hand zu nehmen. 

Überdies fällt auf, daß Goethe nach der Rückkehr aus Italien gegen 
alle politischen und sozialen Bestrebungen der Idealisten, Patrioten und 

1) Vgl. Schopenhauer in einem Brief aus Italien: „Ich fand, daß Alles, was 
unmittelbar aus den Händen der Natur kommt, Himmel, Erde, Pflanzen, Bäume, 
Tiere, Menschengesichter hier so ist, wie es eigentlich sein sollte: bei uns so, wie 
es zur Not sein kann." 

2) Zur LieheserfüUung in Italien vergleiche auch den Roman von Georg Hermann: 
„Tränen um IVIodesta Zamboni." 




6o EJuarJ Hitsctn 



Religiösempfindlichen sich kalt ablehnend verhielt (Bode). Für diese Er- 
nüchterung sei zur Erklärung unserer Auffassung ein von Pfarrer Pfister 
berichteter FalV zitiert: ein Mann trieb nur dann seine weltbeglückenden 
Bestrebungen, wenn er seine sexuelle Befriedigung einschränkte; bei normaler 
Sexualfunktion lebte er aber seinen näheren Interessen. 

Und noch eines zum psychosexuellen Parallelismus: Goethe, der bisher 
immer Einzelgedichte, Gelegenheitsgedichte verfaßt hatte, schreibt in den 
Elegien zum erstenmal einen Gedichtzyklus, wie in der Folge dann eine 
ganze Anzahl. Gundolf macht weiters auf folgendes aufmerksam: „Erotische 
Mystik war jetzt nicht mehr seine Sache . . . Und wenn er jetzt liebte, so 
wollte er nicht mehr die Seele erweitert und gesteigert, sondern die Sinne 
unmittelbar, heidnisch gegenwärtig und körperlich befriedigt haben". 

Goethe gebraucht nicht mehr so oft das Wort „unendlich", aber häufiger 
das Wort „Klarheit". Er wird aus einem Genie — zum Weisen, zum in 
sich ruhenden Olympier. 

Goethes Liebe schwand nicht, sie überdauerte die Jugend und Schönheit 
Christianens und äußerte sich bis zuletzt in liebenden und dankbaren Worten. 
Trotzdem muß Goethe — sie büßte später ihre Anmut ein und trank auch 
etwas über den Durst — auch ihre Grenzen gelegentlich schwer empfunden 
haben. Gundolf sagt: „Die Begründung eines dauernden Lebensverhältnisses 
auf das Bedürfnis eines vergänglichen Lebenszustandes hat Goethe schwer 
gebüßt . Goethe äußerte sich einmal zum Grafen Reinhard: „Zuerst muß 
ich Ihnen sagen, daß von allen meinen Werken meine Frau keine Zeile 
gelesen hat. Das Reich des Geistes hat kein Dasein für sie, für die Haus- 
haltung ist sie geschaffen. Hier überhebt sie mich aller Sorgen, hier lebt 
und webt sie; es ist ihr Königreich. Dabei liebt sie Putz, Geselligkeit und 
geht gern ins Theater". 

Mag diese Äußerung zu anderen im Widerspruch stehen, es ist klar, 
daß Goethe in Christiane nicht Alles finden konnte. Wir sehen ja in der 
Wahl dieser Frau eine Konsequenz seiner zeitlichen Unfähigkeit, die höhere 
und die niedrige Liebe in einem Objekt zu vereinigen. Hat sich doch auch 
in dem langen Zögern, die treue Hausgenossin, die Mutter, die fünfmal 
geboren hatte, die unter Verachtung und Bosheit der Kleinstadt litt, zu 
seiner legitimen Gattin zu erheben, wieder eine Angst vor der definitiven 
Bindung verraten. Was ihn später an sie band, war auch die Gewohnheit. 
Hat doch Goethe selbst einmal niedergeschrieben: „Es ist einer eigenen 

i) Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 2. Bd., 
S. 700. 



Psyaioanalytisoies zur Persönlimkeit G-oetnes Dl 

Betrachtung werth, daß die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der 
Liebesleidenschaft setzen kann; sie fordert nicht sowohl eine anmuthige 
als bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört 
viel dazu, ein gewohntes Verhältniß aufzuheben, es besteht gegen alles 
Widerwärtige; Mißvergnügen, Zorn, Unwillen vermögen nichts gegen das- 
selbe ja sie überdauert die Verachtung, den Haß . Im. Jahre 1810 schrieb 
Goethe das Gedicht „Das Tagebuch , das wegen seines verfänglichen In- 
haltes in den allgemein zugänglichen Ausgaben seiner Werke nicht ab- 
gedruckt wird. Aus demselben ergibt sich, daß der Dichter auch nach 
zwölfjähriger Ehe nicht imstande war, Christiane zu hintergehen. Das 
Tagebuch" bringt mit drastischem Humor und Selbstironie ein Versagen 
gegenüber einer zur Hingebung bereiten, jungfräulichen Kellnerin zur Dar- 
stellung. Während das Mädchen neben ihm eingeschlafen liegt, gedenkt 
der über seine Schwäche Gekränkte seiner häuslichen Geliebten, und diese 
Phantasien bringen die Erregung herbei. Auch dies ein Beweis für eine 
Einschränkung seiner Geschlechtlichkeit durch seelische Hemmungen*. 



1) Wir können diese Hemmungen unter dem Namen Entmannungsangst (Kastra- 
tionsangst) zusammenfassen, von der bei Goethe manch Bemerkenswertes zu finden 
ist, was freilich mehr vom psychoanalytisch Geschulten gewürdigt werden wird. So 
spricht die Elegie „Amyntas" eine eigentümliche Sprache; die Elegie soll unter zarter 
Verhüllung Christiane gelten. Der Dichter fühlt sich dort beim Anblick eines epheu- 
umsponnenen Apfelbaumes an Gefühle erinnert, die leidenschaftliches Lieben einer 
Frau als schwächend, aussaugend an Leib und Seele des Mannes empfanden. Obwohl 
diesen Gefühlen rechtgebend, hat er nicht das Herz, den eng umschlingenden Epheu 
vom nur mehr spärlich Früchte tragenden Baum abzulösen: 

„Nahrung nimmt sie von mir, was ich bedürft, genießt sie, 

Und so saugt sie das Mark, sauget die Seele mir aus. 

Ja, die Verrätherei ist's; sie schmeichelt mir Leben und Güter, 

Schmeichelt die strebende Kraft, schmeichelt die Hoffnung mir ab . . . 

Süß ist jede Verschwendung; o, laß mich der schönsten genießen! 

Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rath?" — 

Als der junge Goethe neunzehnjährig krank aus Leipzig heimkehrte — wohin er 
schon „von Hause einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht" — , hatte er 
zwar, wie er erzählt, sich nicht sonderlich viel vorzuwerfen, aber es bestand doch ein 
Eindruck der Schwäche; schon seit seiner Studentenzeit fürchtete er, nicht alt zu 
werden. Er nannte sich damals ein armes Füchslein, das sich erholen müsse. Seiner 
ersten Liedersammlung gab er eine Zueignung mit, in der er den Liebenden zur 
Ehe rät. Sich nennt er „einen Fuchs, der den Schwanz verlor", mit Rücksicht auf 
seine schlechten Erfahrungen. „Das Füchslein ohne Schwanz" warnt die anderen. — 
An zwei Stellen seiner Werke behandelt Goethe die Begattung mystisch-naturphilo- 
sophisch, sie dem Tode gleichsetzend, zuerst 177g in den Prometheus-Bruchstücken, 
sodann in dem Gedicht „Selige Sehnsucht". 




Eduard Hitsdin 



So nötigen uns denn die Glücksstimmung und das Sieges- und Be- 
freiungsgefühl der „Römischen Elegien anzunehmen, daß Goethe erst in 
der Beziehung zu Faustina und anschließend zu Christiane die ethischen 
und hypochondrischen Hemmungen überwunden hat, daß er also erst mit 
achtunddreißig Jahren die volle Befriedigung erreicht hat, d. h. die Fähig- 
keit, sich mit der ganzen affektiven Persönlichkeit zeitweise auf körperliches 
• Liebeserleben einzustellen.' Der frühere Goethe wäre als einer jener günstig 
Veranlagten anzusehen, die durch eine intensive Arbeit und echte Sublimie- 
rung Stauungen ertragen, was aber dauernd und über gewisse Grenzen 
hinaus nicht möglich war und durch die Flucht nach Rom zu dem Wandel 
geführt hat, den wir beschrieben haben. 

Goethe hat diesen Wandel zum Teil selbst empfunden und ausgesprochen; 
er bezeichnet die jugendliche Verfassung seines Innern als „liebevollen 
Zustand' (das heißt wohl verliebten), und warf sich vor, daß er das „Sehn- 
süchtige, das in ihm lag, in früheren Jahren vielleicht zu sehr gehegt 
habe' . Mit fortschreitender Männlichkeit aber habe er statt dessen „die volle 
endliche Befriedigung gesucht". Dieser Schritt ist im Leben des Mannes 
von großer Bedeutung; er muß wohl erlebt sein, vor allem als innere 
Befreiung. 

„Der Mann wird zweimal geboren", sagt ein Spruch, das erstemal von der 
Mutter, ein zweitesmal von der Geliebten". 

III 

„Es gibt keine Zeile von Goethe, die nicht näher oder 
ferner, mittelbar oder unmittelbar, positiv oder negativ 
seiner Selbstgestaltung zu dienen hätte." Gundolf 

Wir werden einem produktiven Menschen nie gerecht werden können, 
wenn wir uns nicht über das klar sind, was die Psychoanalyse seinen Nar- 
zißmus nennt. Wir verstehen darunter — das Wort ist genommen von der 
altmythischen Figur des Narzissus, der sich in sein eigenes Spiegelbild im 
Wasser verliebte — eine allgemeine, aber verschiedengradige menschliche 
Eigenschaft, eine Art Selberliebe, ein Selbstzugewendetsein, wie sie am Kinde 
am besten zu erkennen sind. Narzißmus ist Liebe zur eigenen Person im 
Leiblichen und Geistigen, zur eigenen Persönlichkeit, zum Ich samt seinen 
Produkten, seinen Kräften. Kein Künstler würde seine Gedanken, Gefühle 



i) Vgl. Reich: „Die Funktion des Orgasmus". 1927, Int. PsA. Verlag. 



und Tagträume festhalten und aufzeichnen, der sie nicht liebte und ein- 
schätzte als ein Stück von sich selbst. Der Schaffende lebt mehr für sich, 
seinem Ich und seinem Werk zugewendet; er selbst ist immer, offen oder 
heimlich, der Mittelpunkt des Werkes. Daher ist alle Produktion und am 
klarsten die Dichtung — Selbstbeschreibung, Selbstbiographie, ob sie es 
weiß oder nicht. 

Liebe und Lob der Umgebung in unserer Entwicklungszeit lehrt uns, 
uns selbst zu lieben, macht uns eitel ; aber es gibt auch Kränkungen des Nar- 
zißmus, Folgen des Tadels und ungünstig ausfallender Vergleiche. Es besteht 
kein Grund, an dem zu zweifeln, was Bettina nach der Erzählung der Frau 
Rath berichtet: „Aller Augen waren in seiner frühesten Jugend auf ihn ge- 
richtet. Einmal stand jemand am Fenster bei seiner Mutter, da der Kleine über 
die Straße herkam mit mehreren anderen Knaben. Sie bemerkten, daß er 
sehr gravitätisch einherschritt, und hielten ihm vor, daß er sich mit seinem 
Gradehalten sehr sonderbar von den anderen Knaben auszeichnete. — Mit 
diesem mache ich den Anfang, sagte er, später werde ich mich noch mit 
allerlei auszeichnen." 

Als Liebling der Mutter, als bevorzugtes begabtes Erziehungsobjekt des 
Vaters, der seine Anlagen bewunderte, konnte der junge Goethe seinen 
Narzißmus in die Halme schießen lassen. Als unreifer Mann war er auch 
äußerlich eitel, ein Stutzer. Voll Selbstgefühl in der Jugend schon, sagt 
er von sich: „Ich habe niemals einen präsumtuöseren Menschen gekannt 
als mich selbst . . . Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, 
immer dacht' ich, ich hätt' es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen 
können, und ich hätte gedacht, das versteht sich von selbst." 

Im mittleren Alter finden wir eher eine gegenteilige Reaktion: Goethe 
verhüllt sich, macht sich unscheinbarer. So schreibt er an Schiller: Aus 
einem gewissen realistischen Tic, aus seiner innersten Natur komme sein 
Fehler, seine Existenz, seine Handlungen, seine Schriften den Menschen 
aus den Augen zu rücken. „So werde ich immer gerne inkognito reisen, 
das geringere Kleid vor dem besseren wählen, und in der Unterredung 
mit Fremden oder Halbbekannten den unbedeutenderen Gegenstand oder 
den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, 
als ich bin, und mich so, ich möchte sagen, mich zwischen mich und 
meine eigene Erscheinung stellen." 

„Im höheren Alter", sagt Kretschmer über den alten Goethe, „geht 
dieser Zug (des Selbstgefälligen) in einer sehr verfeinerten, gebändigten 
und stilisierten Weise mit ein in die Haltung des Lebenskünstlers, Weisen 




* 



64 



EJuard Hitsdimann 



und Dichterfürsten, in der ein leichter Anflug von feierlicher Pose, Egoismus 
und Darstellung des schönen Mannes nicht ganz fehlt; eine Haltung also, 
die den jugendlichen Narzißmus ebenso wie das Schutzbedürfnis des über- 
sensiblen Innenlebens in ein durchgeistigtes Gesamtpersönlichkeitsbild glatt 
und stilvoll aufnimmt." 

Aber nicht von diesem Narzißmusanteil wollen wir hier sprechen, der 
liebt, „was man vorstellt", sondern von dem, der liebt, „was man ist", 
vom Narzißmus der Persönlichkeit. 

Ich meine Goethes tätige Liebe zu seinem Ideal, sein Selbstbildnertum, 
sein in so vieler Hinsicht bewußt gerichtetes und auf bestimmten Idealen 
aufgebautes Leben, das er selbst als ein Kunstwerk bezeichnete. 

„Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir ange- 
geben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, 
überwiegt alles Andere und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich 
darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht 
bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der babylonische Turm bleibt 
stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen, es war kühn entworfen, 
und wenn ich lebe, sollen wills Gott die Kräfte bis hinaufreichen!" (Goethe 
an Lavater, 1780.)^ 

Und im „Wilhelm Meister heißt es: „Mich selbst, ganz wie ich da 
bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine 
Absicht." Statt dunkel können wir hier auch sagen: unbewußt. 

Als Schriftsteller habe er nie gefragt: was will die große Masse und 
wie nütze ich dem Ganzen? „Sondern ich habe immer nur dahin getrachtet, 
mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen 
Persönlichkeit zu steigern ..." Mochte der Poet verlieren, wenn nur der 
Mensch gewann. 

Finden wir bei anderen Produktiven das Werk als Gegenstand der nar- 
zißtischen Liebe allein, bei Goethe ist immer seine Persönlichkeit das 
Hauptobjekt seines Strebens. Sein Ich, sein Werden, seine Selbstgestaltung 
ist vielmehr — sein Hauptwerk. Wie energisch sucht er sich schon in 
Straßburg immun zu machen gegen seine nervösen Schwächen, seine 
Empfindlichkeit gegen starke Geräusche, gegen Schwindel u. dgl. Beim 
Zapfenstreich geht er neben dem Trommler her, den Münstertum erklimm.t 
er bis hinauf; abends sucht er Kirchhöfe auf und morgens die Anatomie, 

1) Auf diesen eminenten Satz hat Hohenstein sein Buch „Goethe — Die Pyra- 
mide — Ein neuer Weg zu Goethe" aufgebaut, ein Buch, das Goethes Lebensplan 
und den Zusammenhang von Persönlichkeit und Werk darstellen will. 



Psymoanalytismes zur Persönlidikeit Goetiies G6 

um sich zu überwinden. Die innere Stimme, erinnert sie nicht an den 
immer mahnenden pädagogisch orientierten Vater? 

Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit zeichneten ihn als Beamten aus; 
seine Vielseitigkeit, sein Wissensdurst, sein ehrgeiziges Streben sind be- 
wundernswert. Im höheren Alter gibt es kein Zeitereignis, kein Kunstwerk, 
kein literarisches Produkt, dem er nicht sein Interesse zuwendet ; die Natur- 
wissenschaft ringt ihm wertvolle Leistungen ab. Eine zu seiner Zeit noch 
mögliche Universalität, zu der der Vater einst den Keim gelegt hat, charakteri- 
siert seine einzigartige Persönlichkeit. Er erklärt selbst sein Lebenswerk für 
das „eines Kollektivwesens, das den Namen Goethe trägt". 

„Eine sanfte Planmäßigkeit fühlt Goethe selbst durch sein Leben gehen. 
Narzißtisch in diesem engeren Sinn, war schon der Großvater Goethe — 
für das Schmiedehandwerk seiner Vorfahren zu zart — zum Schneider 
geworden; er ging auf eine Spitzenleistung in seinem Beruf aus, bildete 
sich auf Reisen und schrieb seinen Namen in französischer Art mit einem 
Akzent auf dem E: Goethö; der Selbstgefällige glaubte sich so ergänzen 
zu müssen. Von einem edleren Narzißmus erfüllt war Kaspar Goethe, selbst- 
bewußt, aber empfindlich. Auch er arbeitete an seiner Werterhöhung, gab 
etwas auf Weltbildung und äußeres Ansehen, und vernachlässigte nicht, 
„was einer hat : materielle Güter, ein würdiges Haus und Sammlungen. 
Sein Ziel erreichte er für sich nicht, er erreichte es erst im Sohne. „Es 
ist ein frommer Wunsch aller Väter", heißt es in „Dichtung und Wahr- 
heit , „das, was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen realisiert zu sehen, 
so ungefähr, als wenn man zum zweitenmal lebte und die Erfahrungen 
des ersten Lebenslaufes nun erst recht nutzen wollte". 

Goethes Vater zog sich relativ früh ins Privatleben zurück und konnte 
ganz der Bildung seiner Kinder leben; Goethe aber bildete seine Persönlich- 
keit, seine Werke für die Weltl So mag auch die Erziehung seines Sohnes 
August zu kurz gekommen sein; er selbst klagt sich an, August habe den 
kategorischen Imperativ nicht kennen gelernt. Wenn die Kinder genialer 
Menschen nicht gelingen oder mißraten, muß es nicht Belastung sein oder 
Erschöpfung des Keimplasmas: der Narzißmus der Väter sollte zur Erklä- 
rung nicht vergessen werden. 

Das Ideal der Vollendung der Persönlichkeit leuchtete Goethes Lebens- 
wanderung voraus wie eine Feuersäule. Je älter er wurde, desto bewußter 
wurde dieses Ideal, desto weiter breitete seine Persönlichkeit ihre Schwingen 
aus, desto überragender wurde seine Erscheinung. Wenn wir die Vorstel- 
lung von Goethe in seinem Volke, ja bei den gebildeten Völkern des Erdrundes 

Imago XVIII. 5 




66 



Hitsannann : Psydioanalytisdies zur Persönlidikeit Groetues 



prüfen, so finden wir weit weniger die genaue Kenntnis seiner Werke als das Bild 
seiner Persönlichkeit, eines Ehrfurcht einflößenden machtvollen Mannes im 
Reiche der Geister, dessen Antlitz, dessen Gestalt, vor allem dessen Auge 
den Menschen heilig und vertraut geworden ist (E. Engel). 

Das Volk fühlt ihn als Verkörperer der Volksseele, als Ahnherrn des 
Geschlechtes ; Goethes Figur erscheint — dies festgestellt zu haben, ist ein 
Verdienst der Psychoanalyse — tatsächlich in den Träumen als Symbol- 
gestalt des Vaters. 

Ein Geistesheros von der Persönlichkeit Goethes ist ein Revenant des 
Vaters für zahllose Menschen, die alle Gefühle der Bewunderung, Dank- 
barkeit und Achtung, die sie einstmals ihrem leiblichen Vater zollten, auf 
ihn übertragen. 

Literatur 

i) Bettina von Arnim: „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde". Diederichs, Jena 1906 
2) Wilhelm Bode: „Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken". Mittler, 

Berlin 1917 
5) H. St. Chamberlain: „Goethe". Bruokmann 1912 

4) Eduard Engel: „Goethe. Der Mann und das Werk". Concordia, Berlin 1916 

5) Rudolf Glaser: „Goethes Vater. Sein Lebennach Tagebüchern und Zeitberichten". 
Quelle und Meyer, Leipzig 1929 

6) Friedrich Gundolf: „Goethe". G. Bondi, Berlin 1918 

7) J. Hdrnik: „Psychoanalytisches aus und über Goethes Wahlverwandtschaften." 
Imago I (1912), sojü. 

8) J. Hdrnik: „Nachtrag zur Kenntnis der Rettungsphantasie bei Goethe." Internat. 
Zeitschr. f. PsA. V (1919), laof. 

9) Karl Heinemann: „Goethe". Seemann, Leipzig 1895. 

10) L Hermann: „Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe." 
Imago X (1924), 451 ff. 

11) Eduard Hitschmann: „Goethe als Vatersymbol". Int. Zeitschr. f. PsA. I, 1915 

12) Eduard Hitschmann: „Ein Dichter und sein Vater". Imago IV, 1915 — 1916 
15) Ernst Kretschmer: „Geniale Menschen". Springer, Berlin 1929 

14) Rolf Lagerborg: „Platonische Liebe". P. Meiner, Leipzig 1926 

15) Otto Rank: „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer Psychologie 
des dichterischen Schaffens". Deuticke, Wien 1912 

16) Theodor Reik: „Warum verließ Goethe Friederike?" Imago XV, 192g 

17) Philipp Sarasin: „Goethes Mignon". Imago XV, 1929 

18) Brunold Springer: „Der Schlüssel zu Goethes Liebesleben. Ein Versuch". Neue 
Generation, Berlin 

19) Felix A. Theilhaber: „Goethe. Sexus und Eros". Horenverlag, Berlin 1929. 



jSJietzsaies „G-eburt der Tragödie" 
in psydioanalytisdier Joeleumtung 

Von 

Alexana er M.ette 

Berlin 

Keines von Nietzsches Werken nimmt nach seiner Ausdrucksweise 
und philosophischen Methode eine ähnliche Sonderstellung ein wie die 
„Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Man möchte sagen, 
daß alles Nietzsche Kennzeichnende hier eigentlich noch fehlt: die un- 
mittelbare Gestaltung aus sprachlicher Erregung, das dichterisch-prophetische, 
das aphoristisch-tänzerische wie das kritische und aggressive Element. Wir 
irren auch nicht, wenn wir annehmen, daß es Tribute aus der Beziehung 
zu Wagner und dem Ideengebäude Schopenhauers waren, die die nach- 
mals nie vermißte Selbstherrlichkeit schöpferischer Freiheit verwehrten. 
Nietzsche bekannte in dem späteren „Versuch einer Selbstkritik" bitter 
genug, daß er eine Abhängigkeit zu beklagen habe, in der er mehr als 
einen äußeren Mangel der ihm sonst sehr ans Herz gewachsenen ersten 
Darstellung seiner Grundlagen erblicken müsse. 

Gewisse andere Vorzüge, an denen ihm selbst nicht mehr durchweg 
gelegen sein konnte, sind dem „fragwürdigen Buche" jedoch gerechter- 
weise nicht abzustreiten. Es hat besondere Reize durch die solide und fugen- 
lose Eingliederung der neuen Anschauung in das von Schopenhauer Über- 
nommene. Nirgends wieder ist der Leser dem Boden des philosophischen 
und intuitiven Entwicklungsprozesses so nah, für den uns der Name Nietzsche 
Begriff geworden ist. Gleichzeitig durchschwingt die Lust an dem Neuen, 
das die Erschließung des Dionysischen hinzugewann, diese Schrift mit 
einem üppigen Pathos, dem alles Imperativische abgeht. Nietzsche ist kaum 
irgendwo wieder ebenso kontemplativ verfahren, denn das spätere Werk 




68 



Alexander Mette 



wurde in ganz anderem Maße dem Willen zur Verwirklichung der Kon- 
sequenzen dienstbar. Die Beseitigung der Illusionen erzwang einen Appell 
an die Menschen, mit dem sich der Seher über die geistige Kraft zum 
neuen Leben auszuweisen hatte. Nietzsches Werk ist durch diese natürliche, 
nicht abtrennbare Neben pflicht in einer Hinsicht belastet worden. Die 
kulturtherapeutische Aufgabe bot der Stromfülle seines Geistes ein fast 
unbegrenztes Bett; Probleme im biologischen und psychologischen Gebiet, 
auf die sich das Interesse der ersten Jahre hauptsächlich richten konnte, 
wurden infolgedessen nicht mit den stetigen Zuflüssen beschickt, die man 
ihnen heute ihrer Bedeutung nach zumessen möchte. 

So ist auch das Phänomen des Tragischen kein zweites Mal wie hier 
in die Mitte Nietzschescher Fragestellung getreten. Daß es das erste war, 
an dem er mit einer längeren Arbeit verweilte, ist nur charakteristisch 
für die folgerichtige Steuerung, die ihm von Anfang an zu Gebote stand. 
Das Tragische ist für den unchristlichen Menschen unter allen entscheidenden 
Problemen das nächstliegende. Dahinter erwartet ihn das des Künstlertums 
überhaupt. Wir beginnen jetzt zu erkennen, daß die traditionelle christ- 
liche Beligion ein bestimmt gearteter und wenig glücklicher Spezialfall 
der Erlösung ist, die der Mensch in Kult, Mythos, Kunst und Religiosität 
zu erreichen strebt. Die Unterschiede ihrer spezifischen Funktion von der 
jener anderen Begleiterscheinungen der Kultur werden uns allmählich ver- 
ständlicher. Wir sehen in der Hinwendung des Gefühls zu diesen letzteren 
etwas Allgemeingültiges und für unsere Zeitverhältnisse Typisches. Die 
„Geburt der Tragödie", auf deren „behutsames und feindseliges Schweigen" 
über das Christentum Nietzsches Rückblick mit der Aufforderung verwies, 
die Tiefe seines „widermoralischen Hanges" daraus zu ermessen, gilt uns 
als wichtiger Wegweiser in dieser Richtung. Wir glauben ihr allerdings 
noch eigentlicher gerecht zu werden, wenn wir diese Feindschaft aus der 
Perspektive von heute als Ausdruck der komplexeren Abkehr von der Gott- 
vater-Religion (statt vom Moralischen) erkennen, wobei wir diesem Begriff 
und seinen Ableitungen den bestimmten wissenschaftlichen Sinn lassen, 
den er in den letzten Abhandlungen Freuds erhalten hat. 

Das tragische und überhaupt das griechische Phänomen in seiner tiefen 
Gegensätzlichkeit zum Christlichen zu erfassen, kam erst einer Geistes- 
haltung zu, die über die Gedankenwelt der deutschen Klassik ohne Rück- 
zugsmöglichkeit hinausgewachsen war. Die Ausklänge Friedrich Schlegels, 
der nach unverhältnismäßig scharfen Durchblicken mit der Entscheidung 
für die Kirche zu Grabe ging, und Hölderlins, der an der Grenze geistiger 



Nietsstiies „Geburt der Tragödie in psymoanalytisdxer Beleuoitung 



69 



Verwirrung bis dahin Ungesagtes gerade noch lyrisch anzudeuten vermochte, 
sind sinnbildlich für die vorzeitigen Anläufe, die auf Goethes sichere 
Zurückhaltung folgten. Die Erkenntnisse, um die es ging, wurzelten natur- 
gemäß nicht allein in Bildungsstoffen und Eindrücken aus antikem Material ; 
ihr Hauptanteil mußte sich aus der eigenen Lehensmitte der neuen euro- 
päischen Generation erschließen. Apoll und Dionysos wurden erst wirk- 
lichkeitserfüUte Begriffe, als ein Mensch auftrat, dem sie aus intuitiver 
Selbstbeobachtung der befreiten Seele wiedererstehen konnten. Das, was 
Griechenland Nietzsche anbot, die Überlieferung über die Kulte und Mythen 
der beiden Gottheiten, war auch früher den Gebildeten zugänglich. Zur 
entscheidenden Auswertung verlangte dieser Stoff jedoch die Bekanntschaft 
mit seelischen Erlebnissen, die bisher nicht geistig bewahrheitet waren. 
Man darf die Schopenhauersche Kunstphilosophie nicht als Vorstufe für 
diese Errungenschaft verkennen. In wieviel Geist und Weitblick sie auch 
verankert war, sie erhob sich nicht über die Grundlagen einer Metaphysik, 
die für die lebensbejahende Seite des Orgastischen keinen Raum hatte, und 

[ wich daher allen Phänomenen ängstlich und mißtrauisch aus, in denen 

[ starke motorische Entladungen im Vordergrund stehen. Die Bereiche, in 
die Nietzsche vorstieß, öffneten sich nur einem elementaren Begehren, zu 
dem sich der Erklärungsdrang transzendental -jenseitlich oder quietistisch 

! orientierter Gesinnung niemals aufraffen konnte. 

Allerdings fand Nietzsche in Schopenhauers Philosophie ein überaus 
glückliches Fundament für den Sprung in die Zukunft, mit dem er be- 

(gann. Die Ersetzung des idealistischen „An-Sichs" der Welt durch den 
Wille-Begriff schuf die Voraussetzung für die Schopenhauer vfiederum ent- 
gegengesetzte Anwendung, die in der „Geburt der Tragödie" bereits voll- 
zogen wird. Während nach Schopenhauers metaphysischer Auffassung der 
Einblick in den „Welthintergrund" nur insofern als erreichenswert zu be- 
trachten war, als er eine Förderung des Entschlusses zur Verneinung des 
Willens zum Leben erwarten ließ, besteht für Nietzsche die Gewißheit, 
daß das Durchbrechen des „principii individuationis" außer lethargischen 
gerade die jubelvollsten Erschütterungen im Menschen hervorruft. Die 
Beschäftigung mit diesem Phänomen, dem dionysischen Orgasmus, schuf 
die Perspektive für den größeren und komplizierteren Gegenstand: die 
griechische Tragödie. Die Genialität dieses Schrittes hat etwas Golumbisches. 
Unverkennbar ist es der kulturpsychologische Spürsinn, der eigentliche 
Nietzsche, nicht die metaphysische Spekulation, der ihn tat. Und es ge- 
hörte wohl diese einzigartige Empfindlichkeit für kulturpsychologische Zu- 



7° 



-A-lexander ^Mette 



sammenhänge dazu, um in einem bisher eher mit Unbehagen registrierten 
Bestandteil des griechischen Lebens die genetische Vorstufe und die phäno- 
menologische Brücke zum Verständnis seiner größten Kunstschöpfungen 
wahrzunehmen. 



Mit der Gegenüberstellung dieser beiden Interessen, der psychologischen 
und der metaphysischen Seite des Buches, ist das Stichwort für eine kritische 
Untersuchung mit dem Handwerkszeug unserer heutigen psychologischen 
Kenntnis gesprochen. Die „Geburt der Tragödie erscheint in manchen ihrer 
Erörterungen und Problemfassungen als Vorstufe der psychoanalytischen 
Kunstbetrachtung, von der sie sich andrerseits durch ihre philosophischen 
Formulierungen grundsätzlich unterscheidet. Das Gemeinsame liegt zunächst 
darin, daß das Kunstproblem aus dem Gesichtswinkel des Lebens und der 
Gesundheit in Angriff genommen wird. Nietzsche fragt geradezu nach dem 
Sinn des tragischen Bedürfnisses bei der „wohlgeratensten, schönsten, best- 
beneidetsten, zum. Leben verführendsten Art der bisherigen Menschen" und 
geht, indem er den „sokratischen Menschen in seine Untersuchung mit 
einbezieht, im Sinne dieser Perspektive über die Grenzen des eigentlich kunst- 
philosophischen Themas sehr entschlossen hinaus. Die Kunstgebilde, die er 
behandelt, ob es sich um die apollinische Götterwelt, Lyrik und Volkslied 
oder um die Tragödie dreht, beschäftigen ihn ferner nie als Dinge, sondern 
als Leistungen, ja Zustände der sie hervorbringenden Menschen. Wenn diese 
zwar niemals aus ihrer metaphysischen Bezogenheit herausgenommen werden, 
so besteht doch selbst darin noch eine Verwandtschaft, daß der philosophische 
Urgrund eben in jenem Willen zum Leben gesehen wird, einem Begriff 
also von denkbar weitester Kapazität. 

Nachdem dies Allgemeinste hervorgehoben ist, ist es ratsam, auf das Ein- 
zelne einzugehen und die Anschauungen über das Dionysische und Apolli- 
nische folgen zu lassen. Nietzsche sieht in beiden Phänomenen Steigerungen 
physiologischer Zustände, nämlich des Rausches und des Traumes. Das Be- 
sondere der griechischen Entwicklung erklärt sich ihm aus einer un- 
gewöhnlich glücklichen ökonomischen Verteilung der Bereitschaft, sich dem 
einen wie dem anderen zu überlassen. Rausch und Traum werden hiebei 
philosophisch als ein Gegensatzpaar von tiefster metaphysischer Antinomie 
interpretiert. Der Rausch bedeutet philosophisch das Zerbrechen der Indi- 
viduation, ihr Aufgehen im „All-Einen"; im Traume wird hingegen das 
„principium individuationis nicht nur aufrechterhalten, sondern durch 
Spiegelung in einer Schein weit von überragender Vollkommenheit gerecht- 



Nietssdies „Greburt der Tragödie in psydioanalytisoier ßeleuoitung yx 

fertigt und gekräftigt. Die doppelseitige Befähigung der Griechen zu beiden 
Erlebnissen bedingte zwei Gattungen von Kunstwerken, die episch-plastische 
apollinische und die musikalisch-lyrische dionysische. Die Tragödie entstand 
nach einem langen Verschmelzungsprozeß auf dem Boden dionysischer Chor- 
spiele, in welche das apollinische Element sich allmählich als umgestaltender 
Faktor hereinziehen ließ. Der Zuschauer genießt in ihr zugleich die Befrie- 
digung seines apollinischen Bedürfnisses und seines dionysischen Strebens. 
Er sieht das „principium individuationis" in der Idealität des Helden auf 
die Stufe der Vollkommenheit erhoben und erlebt gleichzeitig ihr Zer- 
brechen und Aufgehen im „All-Einen durch seinen Untergang. 

Die Tiefenpsychologie kann dieser Konstruktion, wie Alfred Wintersteins 
Abhandlung über den Ursprung der Tragödie uns zeigt, in weitgehendem 
Maße ihre Zustimmung geben. Die genetische Entwicklung, die diese Unter- 
suchung für die wahrscheinlichste hält, deckt sich in den Hauptzügen mit 
dem soeben Beschriebenen. Es darf indessen nicht verwundern, wenn die 
psychoanalytische Bearbeitung des Stoffes zu wesentlich differenzierteren 
Aufschlüssen vordringt; denn sie stellt sich ihre Aufgabe mit gutem Grunde 
in einer anderen Richtung. Seit die Forschungen Freuds und seiner Schule 
uns darüber belehrt haben, wie sehr metaphysische Begriffe und ihre Vor- 
stufen im Verdacht stehen, Projektionen aus dem menschlichen Psychischen 
zu sein, wird es immer mehr zur unerläßlichen Pflicht, philosophische For- 
mulierungen durch psychologische Erkenntnisse zu ersetzen. Nietzsche selbst 
würde kaum widersprechen, wenn er den Thron der metaphysischen Herr- 
schaft, die in seinem Jugendwerk regiert, durch ein anderes Geschlecht 
erobert sähe, das in seinen späteren Schriften Verwandte hat. Hinter Wen- 
dungen, wie . . . „In den Griechen wollte der , Wille' sich selbst in der Ver- 
klärung des Genius und der Kunstwelt anschauen ; um sich zu verherr- 
lichen, mußten seine Geschöpfe sich selbst als verherrlichenswert empfinden, 
sie mußten sich in einer höheren Sphäre wiedersehen, ohne daß diese voll- 
endete Welt der Anschauung als Imperativ oder als Vorwurf wirkte . . ., 
hinter solchen Wendungen bergen sich tiefe, komplexe Einsichten, die in 
schöner Bildlichkeit vor Augen gestellt werden. Dennoch müssen wir auch 
in der Metapher, die Außermenschliches personifiziert, und nicht minder 
in unmittelbaren Ableitungen kultureller Phänomene aus metaphysischen 
Prinzipien etwas Unstatthaftes sehen. Allerwenigstens sind sie nicht davon 
freizusprechen, den Ausblick auf die Wegeingänge zu gefährden, über die 
die exakte wissenschaftliche Erörterung weitergeführt werden muß. 

Die genetischen Zusammenhänge, die in der Wintersteinschen Arbeit 



72 



Alexander Alette 



freigelegt werden, laufen darauf hinaus, daß wir das griechische Dionysos- 
ritual mit den Riten der Primitiven in Beziehung treten sehen. Vor allem 
wird ein Verbindungsweg zu den Pubertätsriten hergestellt. Der Sinn des 
Initiationsritus ist von der Psychoanalyse schon seit längerem aufgedeckt. 
Er dient dem den Beteiligten selbst verborgenen Zweck, das Verbrechen des 
Vatermordes, zu dem die unbewußten Inzestregungen der Söhne hindrängen, 
zu unterbinden und die dazu vorhandene latente Bereitschaft zu tilgen und 
zu sühnen. Das Ritual besteht in einer symbolischen Tötung der Knaben, 
die mit feierlichem Aufwand erfolgt, und an die sich die symbolische Wieder- 
geburt anschließt. Die Knaben werden durch eine unbedeutende Ver- 
stümmelung als mannbar gekennzeichnet und erhalten die Stammesabzeichen. 
Andere Fäden führen zu der allen frühen Stämmen eigentümlichen Totem- 
feier, in welcher das Totemtier, das den Vater symbolisiert, von orgiastisch 
verbrüderten Festteilnehmern verzehrt oder geopfert wird. Freud hat in 
„Totem und Tabu" schon auf die Verwandtschaft der Dionysos- Zagreus- 
Mythe mit dem Inhalt dieses Urfestes der Menschheit aufmerksam gemacht. 
Nietzsche gibt dem Mysterium von der Zerstückelung des Gottes durch die 
Titanen die Auslegung, daß das eigentlich dionysische Leiden sich aus der 
darin symbolisierten Individuation herleite. Er sieht hier bereits alle Be- 
standteile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltanschauung und zu- 
gleich damit die Mysterienlehre der Tragödie zusammengefaßt: „die Grund- 
erkenntnis von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Indi- 
viduation als des Urgrundes des Übels, die Kunst als die freudige Hoffnung, 
daß der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer 
wiederhergestellten Einheit". An der gleichen Stelle erwähnt er den Mythos 
der trauernden Demeter, „welche zum erstenmal wieder sich freut, als man 
ihr sagt, sie könne den Dionysus noch einmal gebären". Aber er ist selbst- 
verständlich weit davon entfernt, die unbewußte Bedeutung der Tötung 
sowohl als der Wiedergeburt zu erraten. Sie ist ihm ebensowenig bekannt- 
geworden, wie sie es den Alten war, die in ihrer Philosophie gleichfalls 
Rationalisierungen der rätselhaften Niederschläge des Unbewußten unter- 
nahmen. Trotzdem stehen seine Auffassungen der Betrachtungsweise der 
Psychoanalyse unvergleichlich viel näher, wie schon gezeigt werden konnte 
und wie auch das Folgende noch unterstreichen wird. 

Um mit einer äußeren Übereinstimmung fortzufahren: es ist eine Nietz- 
schesche These, „daß niemals bis auf Euripides Dionysus aufgehört hat, 
der tragische Held zu sein, sondern daß alle die berühmten Figuren der 
griechischen Bühne, Prometheus, Ödipus usw. nur Masken jenes Ursprung- 



l^ietzsciies „Geburt der Tragödie" m ps^^moanalytisdier Beleucntung 



73 



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liehen Helden Dionysus sind , und sie liegt ganz in der Gedankenrichtung 
der Psychoanalyse. Nur sieht diese in Dionysos die Verdichtung einer Reihe 
von Bedeutungen aus den verschiedenen Schichten der Vorstufen des späteren 
Dionysosrituals und in diesem bereits ein kompliziertes und vieldeutiges 
Kulturgebilde. Die verschiedenen Inhalte, die sich in ihm vereinigen, ent- 
stammen in der Hauptsache den unbewußten Inzest- und Vatermordimpulsen 
und den zugehörigen Schuldgefühlen. Nach seiner Herkunft aus dem Pubertäts- 
ritus ist Dionysos an die Stelle der symbolisch mit dem Tode bestraften und 
wieder zum Leben erweckten Novizen getreten, worauf noch späte Spuren 
der Kastrationssymbolik deutlich hinweisen. Nach seiner Herkunft aus der 
Totemmahlzeit ersetzt er, analog dem Totemtier, das von der Gemeinschaft der 
Beteiligten verzehrt wurde, den von den Söhnen getöteten Vater. Zweifellos 
liegt in der Schicht dieser Bedeutungen eine Verwandtschaft mit den In- 
halten anderer Mythen und Rituale, speziell auch mit dem christlichen, vor. 
In dem, was in Griechenland die Umwandlung zum Drama herbeiführte, 
müssen wir Kräfte erkennen, die vornehmlich an der Ausbildung des Heroen- 
kultes und der polytheistischen Götterwelt beteiligt waren. Was Nietzsche 
in dem Begriff apollinisch zusammenfaßt, ist triebpsychologisch als Summe 
von Sublimationen inzestuöser und homosexueller Tendenzen anzusprechen. 
Die Verherrlichung des Menschen im Idealbild seiner selbst entspringt, wie 
beim Einzelmenschen oft beobachtet werden kann, den Quellkräften ziel- 
gehemmter Erotik. Das Streben der Mehrzahl der Menschen, die geliebte 
aber unerreichbare Person in der Phantasie mit den Zügen höchster Idealität 
auszustatten, welche dann als das eigentliche Wesen derselben erscheint, ist 
ziemlich allgemein bekannt. Denken wir es uns in der griechischen Kultur 
stärker als sonst geeinigt, so haben wir die Voraussetzung und den psychologi- 
schen Sinn des apollinischen Phänomens erschlossen. Wir dürfen ferner 
wohl annehmen, daß unter den Faktoren, die diese Einigung erleichterten, 
eine besonders glückliche Sublimierung des Narzißmus bei den Hellenen 
eine Rolle spielte, die als weitere Kraft noch mit auf die Entstehung der 
Idealwelt einwirkte. Die seelische Befriedigung im apollinischen Erlebnis 
setzt sich vermutlich in der Hauptsache aus der Freude an der Verklärung 
des Mutterbildes, des Vaterbildes, des Bildes vom (männlichen) Repräsentanten 
der eigenen Gattung und des Bildes von der eigenen Person zusammen. 
Im Dionysosritual entwickelten sich wohl schon auf früher Stufe Elemente, 
die geringeren Ansprüchen von diesem Charakter zur Befriedigung dienten. 
Nietzsche vertrat bereits den Standpunkt, daß das Apollinische und das 
Dionysische sich vor der Tragödie mehrfach begegnet sein müssen, teils 



7A 



Alexander Alette 



kämpferisch, teils aber auch mit Anlehnungen und gegenseitiger Bereicherung. 
Die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung unterstreichen die frühe 
Vermischung, obschon nicht darüber hinweggesehen werden kann, daß sich 
zwischen der Kultur der adeligen Bevölkerung und der Dionysosverehrung 
lange Zeit hindurch Spannungen abspielten. Es erscheint fraglich, ob die 
hinter den Phänomenen ermittelten Triebgrundlagen nicht immer im künst- 
lerischen Menschen tätig sind, das Besondere der hellenischen Tragödie also 
eigentlich in ihrer Funktion als Massenkunstwerk, in dem sie sich un- 
gewöhnlich kräftig und sichtbar entfalten mui3ten, zu suchen ist. Der Dichter 
wird in der bisherigen Kultur, soweit unsere Kenntnisse reichen, durch den 
Ödipuskomplex zum Schaffen veranlaßt, und entledigt sich in seinem Werk 
unbewußt seiner verdrängten Begierden und Schuldgefühle. Man darf wohl 
mit Sachs („Gemeinsame Tagträume") eine Linie zwischen zwei theoretisch 
voneinander abgrenzbaren Typen ziehen : jenem, der sich durch lautes Heraus- 
schreien zu befreien sucht und dabei auch mit dem Bewußtsein in die Nähe 
des Ödipuskomplexes gerät, und jenem, für den die Konflikte bis auf einen 
geringeren Bodensatz verhallt sind, und dem darum die Form wichtiger wird 
als der Ausdruck. Der erstere würde mit dem dionysischen, der letztere mehr 
mit dem apollinischen Künstler verglichen werden können. Sachs sieht in 
ihnen auch Auswirkungen des Lebensalters, soweit es sich mit Recht in 
Perioden gliedern läßt. Ganz unwillkürlich stellen wir uns dementsprechend 
Archilochos, den Lyriker, dem greisen Homer gegenüber als jugendlich vor. 
Offenbar spielen jedoch auch geschichtliche Ereignisse für die stärkere Mobi- 
lisierung oder auch Kompression des Verdrängten die Rolle bedeutsamer 
Faktoren. So erwähnt Winter st ein, daß seit Ausgang des siebenten Jahr- 
hunderts der Einfluß der Tyrannen, die für das Volk und gegen die alt- 
adelige Aristokratie standen, der Ausbreitung des dionysischen Wesens von 
Nutzen gewesen sein muß. 



Wenn wir uns nun den übrigen beiden wichtigsten Themen der „Geburt 
der Tragödie", der Schilderung des lyrischen Zustandes und der des Chores, 
zuwenden, finden wir die bisher erwähnten Übereinstimmungen mit psycho- 
analytischen Anschauungen in zwei weiteren Beispielen bestätigt. Die Grund- 
lage dazu ist uns aus der eingangs erörterten prinzipiellen Verwandtschaft 
der Gesamtauffassung bekannt. Dennoch werden gerade diese Punkte viel- 
leicht als besonders deutliche Ausweise für den Grad der nachbarlichen 
Berührung verstanden werden. 

Es ist vor allem eine Nietzschesche Konzeption, die für alles Anschließende 



^Nietssciies „Geturt der Tragödie" in psydioanalytismer Beleuditung 



75 



ausschlaggebend ist, nämlich die vom Gleichnischarakter der Wort- und 
Bildwelt im Lied und im Drama. In der Definition des Lyrikers heißt es, 
daß dieser „zuerst als dionysischer Künstler, gänzlich mit dem Ur-Einen, 
seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden" ist, und das Abbild dieses 
Ur-Einen als Musik produziert. Dann „aber wird diese Musik ihm wieder 
in einem gleichnisartigen Traumbilde unter der apollinischen Traum- 
einwirkung sichtbar. Jener bild- und begrifflose Widerschein des Urschmerzes 
in der Musik, mit seiner Erlösung im Scheine, erzeugt jetzt eine zweite 
Spiegelung, als einzelnes Gleichnis oder Exempel". Die psychoanalytischen 
Untersuchungen des lyrischen Vorgangs sind in ihren Ergebnissen mit 
Nietzsche darin einig, daß in der lyrischen Stimmung tatsächlich ein Ge- 
halt auftaucht, der nur gleichnisartig erfaßt wird, weil es sich in ihm 
seiner unbewußten Bedeutung nach um die verdrängten Ödipuswünsche 
handelt. Die bekannte Äußerung Schillers über die musikalische Stimmung 
als Vorstufe der lyrischen Gedankenbildung, die Nietzsche veranlaßt, die 
Musik in der metaphysischen Bedeutung Schopenhauers als Abbild des 
Willens zu interpretieren, kann von der Psychoanalyse im Rahmen rein- 
wissenschaftlicher Ausdeutung kommentiert werden. So sagt Bernfeld in 
seiner Abhandlung über das „dichterische Schaffen der Jugend : „Ein 
affektiver Prozeß, der eine Tendenz hat, sich auszubreiten, dessen Ursachen 
unbewußt sind und bleiben sollen, und der eine Libidoverschiebung be- 
gleitet oder auch beinhaltet, wird als Stimmung erlebt." . . . „Die so ge- 
hemmte Libido ist eine exquisite Grundlage für die lyrische Stimmung. 
Denn die lyrische Stimmung weist über ihren manifesten Gehalt nicht 
nur auf das Tiefe des Unbewußten hinaus, sondern auch auf das Ich, das 
in diesem Gefühlswirbel intakt über ihm steht, ihn beobachtend, schildernd, 
trotz seiner produzierend. ' Der Gefühlswirbel im Lyriker, das Dionysische 
in ihm, dem das Ich teils hingegeben, teils registrierend gegenübersteht, 
muß uns, psychoanalytisch gesehen, als Ergebnis der Begegnung zweier 
Strömungen erscheinen, die mit dem Ödipuskomplex, der zum Auftauchen 
angeregt wurde, zusammenhängt. Die merkwürdige Ambivalenz des dionysi- 
schen Zustandes, die Nietzsche in aufschlußreichen Worten beschrieben hat, 
erklärt sich uns aus dem Nebeneinander erneut auf Erfüllung hoffender 
unbewußter Inzestwünsche und einer entsprechenden Kastrationsangst. Es 
ist fast, als klänge aus der Sprache der Beschreibung ein vorbewußtes Wissen 
darüber, wenn wir bei Nietzsche lesen: „Unter dem Zauber des Dionysi- 
schen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch 
wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur 



76 



Alexander Mette 



feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Men- 
schen . . . Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen Dionysus überschüttet: 
unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger . . . Jetzt bei dem Evan- 
gelium der Weltenharmonie fühlt sich jeder mit seinem Nächsten nicht 
nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern Eins, als ob der Schleier 
der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnisvollen 
Ür-Einen herumflatterte. " Die Wiedervereinigung des Sohnes mit der mütter- 
lichen Natur, die dem Unbewußten vorschwebt, ist die sexuelle, der Inzest 
mit der Mutter. Dem entspricht ganz die Stärke der Gegenseite, über die 
sich Nietzsche folgendermaßen äußert: „Aus der höchsten Freude tönt der 
Schrei des Entsetzens oder der sehnende Klagelaut über einen unersetzlichen 
Verlust. In jenen griechischen Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer 
Zug der Natur hervor, als ob sie über ihre Zerstückelung in Individuen 
zu seufzen habe." Und: „Die Verzückung des dionysischen Zustandes mit 
seiner Vernichtung der gewöhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins 
enthält nämlich während seiner Dauer ein lethargisches Element, in das 
sich alles persönlich in der Vergangenheit Erlebte eintaucht. So scheidet 
sich durch diese Kluft der Vergessenheit die Welt der alltäglichen und der 
dionysischen Wirklichkeit voneinander ab. Sobald aber jene alltägliche Welt 
wieder ins Bewußtsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine 
asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände. In 
diesem Sinne hat der dionysische Mensch Ähnlichkeit mit Hamlet; beide 
haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben 
erkannt, und es ekelt sie zu handeln ..." Die drohende Strafe der Kastration 
und die Verzweiflung über die Versagung der Mutter durch die ablehnenden 
Gebote der Kultur sind aus diesen Sätzen zwar nicht so deutlich heraus- 
zuhören wie aus .den ersten die hoffenden inzestuösen Wünsche. Um den 
tiefen Widerspruch der dionysischen Gefühlsbegegnung mit Nietzsches eigenen 
Worten nachzuzeichnen, ist es aber trotzdem wohl gestattet, sie anzuführen. 
Nietzsche verlegte das, was er in den dionysischen Gefühlen vorfand, 
in die Metaphysik. Obwohl er klar erfaßte, daß der Lyriker von einem 
seelischen Gehalt erfüllt wurde, der aus bestimmten Gründen nicht selber 
ausgesprochen und mitgeteilt werden konnte, wurde ihm nicht deutlich, 
daß es sich darin um menschliche und zwischen den Menschen spielende 
Wünsche und Ängste handelte. Er verstand nicht den eigentlichen Sinn 
der Anhäufung von Blutigem, Grausamem und Titanischem im Mythos. 
Die Bedeutung des Sohn -Vater -Konfliktes und des Inzestmotivs konnte sich 
ihm nicht enthüllen. Um so mehr müssen wir die Gültigkeit gerade wich- 



Nietzsties „Geturt der Tragödie" in psyctoanalytisier Beleuditung 



77 



tigster Seiten seines Urteils bewundern. Er ist an die metaphysische Auf- 
fassung vom Wesen der Musik gebunden, wenn er den Worttext des Liedes 
als ein die Melodie niemals erschöpfen-könnendes Element bezeichnet, das 
daher auch durch andere Strophen ersetzt werden kann. Wie nah ist er damit 
aber unserer heutigen, die in die Beziehungen zwischen dem Unbewußten 
und der Sprache allerdings noch nicht sehr viel Licht bringen konnte. In 
der schon zitierten Arbeit sagt Bernfeld: „Die wörtliche Formulierung 
gibt der Stimmung einen rationalen, verständlichen und erlaubten Grund; 
fixiert die Symbolisierung, als die jenes Hindeuten erlebt wird; gibt der 
Verschiebung Objekte und der — rational nötigen — Distanzierung des 
Ichs ein Mittel, Präzision und Dauer. Finden sich keine bezeichnenden, 
fördernden eigenen Worte, so stellen sich fremde ein; ein Vers, eine Melodie, 
ein Ausdruck fällt ein und wird — innerlich — ausgesprochen." Das Wort 
als Zubehör des Bewußten, aus dem der Ödipuskomplex verdrängt ist, kann 
die unbewußten Wunsch- und Angstinhalte nicht wirklich wiedergeben, 
sondern nur rationalisieren. Aber die Musik kann dies — gegen Nietzsches 
Meinung — auch nicht leisten. Sie hat den anderen Künsten eigentlich 
nichts voraus, sondern dient wie diese einer gleichnisartigen Darstellung 
des Unbewußten. Sie ist ihnen nicht übergeordnet, sondern steht parallel. 
Was sie von ihnen unterscheidet, die weitere Entfernung ihres Ausdrucks- 
mittels von der Zone der Begrifflichkeit, gestattet ihr allerdings ein stärkeres 
Bewegen der Affektivität, wie es ebenso den motorischen Entladungen und 
ihren Ableitungen eigen ist. Es handelt sich dabei aber nur um eine Ver- 
schiebung zwischen den Auswirkungsschichten, nicht um wirkliche inhalt- 
liche Unterschiede, wenn wir hierunter eine verschiedenartige Bedeutung 
der unbewußten Erlebnisse verstehen wollen. Dagegen ist es natürlich ein 
ökonomischer Unterschied, ob ein tragisches Schauspiel oder ein Musikwerk 
genossen wird, weil die quantitativen Begleiterscheinungen in den vollbewußten 
und den bewußtseinsferneren Aufnahmeschichten andere sind. Nietzsche hat 
der Musik wie andrerseits dem Traume psychologische Bedeutungen zu- 
geteilt, die sich bei strenger Auswertung der Erfahrungen nicht bestätigen 
lassen. Denn auch der Traum wird von ihm mit Eigenschaften ausgestattet, 
die in Wirklichkeit nicht anzutreffen sind. Jene Welt der Verklärung, die 
er hervorbringen soll, leitet sich, wie erwähnt wurde, aus bestimmt gearteten 
Phantasien auf dem Boden zielgehemmter Erotik ab. Nietzsches Formu- 
lierungen lauten in unsere psychologische Sprache übersetzt und entsprechend 
korrigiert: im Dionysischen wird das Unbewußte des (griechischen) Künstlers 
von den Gefühlsgegensätzen des Ödipuskomplexes ergriffen, im Apollini- 



78 



Alexander Mette 



sehen sucht es sich den erzwungenen Liebesverzicht durch Idealisierung 
der geliebten Person erträglich zu machen. 

Es wurde schon vorweggenommen, daß die besondere Deutlichkeit der 
beiden Phänomene in der griechischen Tragödie mit dem Umstände in Ver- 
bindung zu bringen ist, daß wir in ihr nicht schlechthin ein hochent- 
wickeltes Kunstwerk, sondern ein Massenkunstwerk vor uns haben. Tatsäch- 
lich drängt sich bei der Lektüre der „Geburt der Tragödie" der Eindruck 
auf, daß Nietzsches Konzeption vornehmlich an das hiefür charakteristische 
Element, den tragischen Chor, geknüpft gewesen ist. Er definiert ihn als 
die im dionysischen Zustand befindliche Masse, welche auf der Höhe des 
Rausches eine apollinische Vision erlebt. Chor und Zuschauer sind in dieser 
Auffassung ideell nicht voneinander abgegrenzt. Der Chor, der sich durch 
die in ihm vollzogene Durchbrechung der Individuation gleichsam im Zustande 
einer höheren Wirklichkeit befindet, erweitert sich ideell auf die Zuschauer- 
menge, die selbst immer stärker an dieser Seelenlage teilnimmt. Hiedurch 
allein wird der Zuschauer für den im Gleichnis des Spieles dargestellten 
verborgenen Gehalt empfänglich. Der seelische Zustand des Chores und 
des miterregten Zuschauers gleicht dem des lyrischen Dichters. Chor und 
Tragödienzuschauer sind daher Träger einer tieferen Wahrheit als der „sokra- 
tische" Mensch, welcher sich der Vernunft überläßt, mit der in diese tiefere 
Wirklichkeit nicht eingedrungen werden kann. 

Man vermeint sich Entdeckungen der jüngsten Kunst- und Massenpsycho- 
logie gegenübergestellt, so sehr gleichen diese Gedanken Vorstellungen, die 
die analytische Untersuchung von Kulten, Festen und Theaterspielen der 
Menschheit zutage gefördert hat. Wir wissen, daß es sich in ihnen unbe- 
wußt um die Darstellung unerlaubter Wunschbefriedigungen aus der Frühzeit 
des menschlichen Lebens handelt. Die so wenig ansehnliche Entdeckung 
Freuds, der auf dem Grunde aller Kuhur den unterdrückten infantilen 
Inzestwunsch und die Vatermordgelüste der Männer fand, hat die Enträtse- 
lung der Erscheinungen nach sich gezogen, mit denen diese Triebe auf die 
Versagung ihrer direkten Befriedigung reagieren. Nietzsche hat die Bedeutung 
der Triebseite des Seelischen nicht unterschätzt. Es entging ihm keineswegs, 
daß der Grieche im Satyr, aus dem der Chor sich entwickelte, das „Sinn- 
bild der geschlechtlichen Allgewalt der Natur" sah und bejahte. Seine Auf- 
fassung vom Wesen des Chores und damit der Tragödie beruhte wesentlich 
auf dem Kontrast, den er in dieser Hinsicht zwischen Begriff und Geschmack 
der empfindsamen näheren Vergangenheit und jener Phase der Antike wahr- 
nahm. Wenn er diese Kultur der Empfindsamkeit als lügenhaft bezeichnet, 



NietZÄcnes „G-eburt der Tragödie" m psyciioanalytisdier Beleuchtung 79 

die alte ehrlicher, der „Wirklichkeit", der „Wahrheit" näher nennt, so bleibt 
er damit für uns jedoch auf halbem Wege, weil er aus Unkenntnis über 
das von beiden gemeinsam Verdrängte in eine falsche Perspektive gerät. 
Gültigkeit behält davon, daß es sich in der Tragödie um die Darstellung 
von Seelischem handelt, das dem Ödipuskomplex verhältnismäßig nahe ange- 
glichen ist, und daß Psychisches, das diese Eigenschaft hat, dem Menschen 
andrerseits als besonders bedeutsam, tief, wahr und wirklich zu erscheinen 
pflegt. Gültig ist auch und vor allem die dynamische Gegenüberstellung 
eines Prinzips der Verschleierung und einer Tendenz zur Offenbarung. Daß 
Nietzsche diese nicht durch Zugrundelegen eines aus der bisherigen Kultur- 
betrachtung übernommenen „Sinnes verkleinerte, sondern lieber aus einer 
fragwürdigen Spielsucht des Willens ableitete, hat der Ausbreitung des bio- 
logischen Sehens vermutlich mehr genützt als manche eigentlich biologische 
These aus anderem Munde. Die „Neutralität" des „Welthintergrundes", die 
in dieser Konstruktion behauptet wird, läßt dem Buche noch in seinen Irr- 
tümern einen Schein von innerem Recht. 

Daß im Zusammenschluß der Einzelnen zum Chor eine wichtige psycho- 
logische Voraussetzung für die Darstellung der über die gewöhnlichen Grenzen 
hinausgehenden Seeleninhalte angenommen werden muß, wird von Nietzsche 
nicht besonders erwähnt. Es liegt aber, ohne eigentlich begrifflich geäußert 
zu werden, dem Sinne seiner Ausführungen mit einbeschlossen. Die heutige 
Untersuchung kümmert sich mehr als er um eine Reihe einzelner Faktoren, 
die dem Ganzen scheinbar selbstverständlich zugehören. Es genügt, dies all- 
gemein zu registrieren, ebenso wie eine entsprechende weitere Verästelung 
der Problemstellungen und detaillierten Erhebungen auf dem Gebiete des 
Lyrischen. Die Behandlung des Themas mit psychoanalytischem Rüstzeug 
kommt zu dem Ergebnis, daß der Chor die feindseligen und verbotenen 
Regungen, die er auf den Vorstufen der Tragödie selber betätigte und dar- 
stellte, in der Figur des Helden aus sich herausprojiziert hat. Der Held ist 
„die Projektion des vom Chor — und nicht nur von diesem — als unerlaubt 
empfundenen Trieblebens, in dem die titanischen Urwünsche der Kindheit 
eine so bedeutende Rolle spielen . . . „Die Teilnahme und das Bedauern 
des Chores bedeuten, daß dieser so wie der Zuschauer mit dem leidenden 
Helden , mitleidet', d. h. sich mit ihm identifiziert . . ." (Winterstein). 
Hieraus erklärt sich auch seine schon von Nietzsche weitgehend ergründete 
Eigenart, zugleich weise und dienend, beredt und demütig zu sein. Man 
kann mit Recht von einer „Spaltung im Bewußtsein des Chors" sprechen, 
da er „einerseits der trotzigen Auflehnung des Helden gegen die menschliche 



T 



öo JMette: Nietssdies „G-eburt der Tragödie m psydaoanalytxsdier Beleilditung 

oder göttliche Autorität sympathisch gegenübersteht, andrerseits doch ihr 
gegenüber voll Ehrfurcht bleibt und dem Helden warnend rät, seinen Stolz 
zu zähmen und sich in Demut unter das Gesetz zu beugen" (Winterstein). 

* 

Blicken wir auf das Verhältnis der Tragödie zu den Zellen, aus denen 
sie entstanden ist, so wird sichtbar, daß sie sich von ihrem Urgerüst vor 
allem durch die vermehrte Bewußtheit ihrer Schuldgefühle unterscheidet. 
Da die Handlung den Helden ja schuldig werden läßt, bleibt seine Tötung 
nicht mehr lediglich der symbolische rituelle Akt, sondern ist zu einem 
immer mehr von Gedanken umwobenen Sühneverfahren geworden, in dem 
sich schließlich die Dialektik entfaltet. Wir sehen im tragischen Kunstwerk 
nach wie vor den rauschhaften Charakter des Dionysischen, das es durch 
seinen vielfältig aufgebauten unbewußten Sinn behält. Anders, als Nietzsche 
es darstellte, muß uns jedoch ihre Beziehung zum „Sokratischen" erscheinen. 
Es ist nämlich die Frage aufzuwerfen, wieweit die Tragödie selbst als Ent- 
wicklungsstufe zur Entstehung dieses Geistes — und zwar im Sinne psycho- 
logischer und biologischer Notwendigkeit — anzusprechen ist. Wahrschein- 
lich muß die Antwort auf diese Frage so ausfallen, daß das „Sokratische" 
seinerseits dadurch in eine neue Beleuchtung rückt und viel von dem Nur- 
Negativen verliert, mit dem Nietzsche seine Physiognomie zunächst behaftet hat. 

Wenn wir überlegen, an welcher Stelle des Buches die Richtung ein- 
geschlagen wird, die vom Psychologischen wegführt und der Metaphysik die 
Tore öffnet, so muß auf das Zitat von Schopenhauer verwiesen werden, in 
dem von dem Grausen die Rede ist, das die Menschen ergreift, wenn sie 
am „principio individuationis" irre werden, „indem der Satz vom Grunde, 
in irgendeiner seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint." 
Nietzsche baute in seiner Metaphysik des Dionysischen auf der Voraus- 
setzung weiter, daß es wirklich das Irrewerden am „principio individuationis" 
ist, welches das Grausen hervorruft. Für den Weg, auf dem wir zum psycho- 
logischen Verständnis solcher seelischer Phänomene vordringen können, ist 
dagegen Freuds Abhandlung über das nahverwandte „Unheimliche" charakte- 
ristisch, die den Blick auf die Kindheit des Menschen mit ihren triebpsycho- 
logisch bedingten Konflikten und Abweichungen von den Denk- und Er- 
lebnisweisen des Erwachsenen richtet. Kenntnisse über die Möglichkeit teil- 
weiser und vorübergehender Regressionen des Seelischen auf diese Phase 
haben der Psychologie einen neuen Horizont eröffnet, innerhalb dessen uner- 
wartete Problemlösungen nicht vereinzelt geblieben sind. 



li 



Instinktive x sydioanalyse unter den 
xN avano -inoianern 

Von 

Oskar Plister 

Berkeley (Kalifoi'iiieii) und ^üridi 

Es ist oft darauf hingewiesen worden, wie erstaunlich tiefe Kenntnisse 
der äußeren Natur und ihrer Beherrschung sich primitive Völker oft in- 
tuitiv oder instinktiv erworben haben. Sollte ihnen in bezug auf die Tiefen 
der menschlichen Psyche ein ähnlicher Scharfblick zukommen? Wenn die 
dem Psychoanalytiker nur allzu gut bekannten Schwierigkeiten des Ein- 
dringens in diese tiefen Schichten uns eher eine Verneinung erwarten lassen, 
so öffnet uns dafür ein besonderer Umstand günstigere Ausblicke. Der Un- 
kultivierte steht in seiner ganzen Mentalität, seinem Wunschdenken, seinem 
archaischen Habitus, seiner neurotischen Grundstimmung, die einen enormen 
Teil seines Lebens beherrscht, seinem animistischen Denken und magischen 
Tun dem Unbewußten näher als der wissenschaftlich Geschulte. Er gibt 
den Regungen des Unbewußten weit unmittelbareren Ausdruck. Verhindert 
diese Bedingtheit eine wissenschaftlich angemessene Darstellung der unbe- 
wußten Inhalte und Vorgänge, so dürfen wir dafür hoffen, daß die Über- 
windung der vom Unbewußten erzeugten Nöte instinktiv manchmal das 
Richtige trifft. 

Ich möchte an einigen merkwürdigen Beispielen zeigen, daß mitunter 
der primitive Mensch ein erstaunlich tiefes Verständnis für den latenten 
Sinn einzelner Manifestationen des Unbewußten besitzt. Sein Unbewußtes 
hört und versteht im vorzuführenden Fall mit feinem Ohr die um Hilfe 
rufende Stimme des Unbewußten eines kranken Menschen und findet ebenso 
feinfühlig und instinktiv die genau abgepaßten psychotherapeutischen Gegen- 

Imago XVni. f- 



Sa Oskar Piister 



maßregeln. Es sei dem Leser dieses Aufsatzes überlassen, zu entscheiden, ob der 
tiefenpsychologische oder der therapeutische Scharfsinn des Kulturlosen höhere 
Bewunderung verdient. 



1) J^iii M all von magischer AngstheLandh 



unc 



Im Sommer 1950 hatte ich die Freude, Mrs. Laura Adams Armer in 
Berkeley bei San Franzisko näher kennenzulernen. Begeisterung für die 
Kunst der Indianer hatte sie bewogen, in den Jahren 1935 — 1930 im ganzen 
16 Monate unter den Navahos zuzubringen. Ihr gütiges Wesen, ihr feines 
Verständnis für die wertvollen Züge der neuen Umgebung, ihre Bereitwillig- 
keit, alle Entbehrungen des Lebens in der Wüste zu tragen, um in die 
Eigenart der Indianer einzudringen, erwarben ihr denn auch das volle Ver- 
trauen des sie beherbergenden Volkes. Es wurde ihr daher gestattet, nicht 
nur die Zauberriten der Navahos mitanzusehen und kinematographisch fest- 
zuhalten, sondern auch die mit ihnen verbundenen großartigen Bildnereien 
zu kopieren. So gelangte sie in den Besitz von mehr als hundert hochinter- 
essanten farbigen Zeichnungen, die sie dem Museum von Santa Fee zuwies.' 
Von einem zuverlässigen Dolmetscher begleitet, konnte sie auch über die 
Ansichten des beobachteten Volkes, unter dem sie ihr Haus gebaut hatte, 
zuverlässiges Quellenmaterial gewinnen. Was im folgenden zur Darstellung 
gelangt, beruht Punkt für Punkt auf Augenschein der Frau Armer, 

Die Navahos sind der größte und höchstentwickelte lebende Indianer- 
stamm.^ Ihre Kopfzahl wird auf über 50.000 geschätzt. Die von ihnen be- 
wohnte, in Arizona und Neu-Mexiko gelegene Reservation ist die größte, 
die in den Vereinigten Staaten einem roten Volke eingeräumt worden ist. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen treten wir auf den psychoanalytisch 

1) Es wäre sehr zu wünschen, daß das einzigartige Quellenwerk zugleich mit den 
Erläuterungen und Ergänzungen der Frau Armer veröffentlicht würde. Auch der 
ethnographisch höchst aufschlußreiche und interessante Film, der die Zauberriten und 
Tänze der Navahos prächtig darstellt, verdiente nicht nur dem Publikum der Licht- 
bühnen, sondern auch allen ethnologisch interessierten Kreisen bekannt gemacht 
zu werden. Die Arbeiten der Frau Armer sind um so wichtiger, als nur noch einige 
hochbetagte Männer die alten Zauberriten und magischen Sandbilder auszuführen im- 
stande sind. Schon sind manche Zeremonien in den letzten Jahren ausgestorben. 

Die Bilder 1 bis 7 sind Wiedergaben von Originalaufnahmen oder -Zeichnungen der 
Frau Armer, der ich für Überlassung des Materials auch hier tiefen Dank ausspreche. 

2) Es fragt sich, ob man sie zu den Primitiven rechnen kann. Wir tun es in unserer 
Studie, da es in ihr nur auf die Stellung zu Religion und Wissenschaft ankommt. 



Instinktive Psydioanalyse unter den Navalio-Indianern 83 ; 

ZU beleuchtenden Fall einer Zauberheilung von Angst ein. Bekanntlich spielt ! 

die Angst unter allen Primitiven eine ungeheure Rolle. Wir haben es im J 

folgenden zunächst mit einem speziell bedingten Fall von Angstdepression zu jl 

tun, der in der Nähe von Ganado in Arizona zum Gegenstand einer magi- j 

sehen Behandlung gemacht wurde. |i 

il 

a) Die Zerexnonie i 

■] 

Eines Tages während Frau Arm er s Anwesenheit im Jahre 1928 träumte < 
ein ungefähr fünfzig Jahre alter Navaho von seinen toten Kindern. Leider 

läßt sich, wie unsere Gewährsperson angibt, nicht ausmachen, ob nur die ;! 

wirklich verstorbenen oder auch die lebenden Kinder gemeint sind; die I 

Auslegung ist möglich, daß alle tot gesehen wurden. Über den Traum '; 

geriet der bisher gesunde Mann in derartige Beunruhigung und Angst, daß : 

er wochenlang fast keine Speisen mehr zu sich nehmen wollte, sich von :j 

der Arbeit zurückzog und mit trübsinnigem Grübeln seine Zeit verbrachte. 3 

Seine etwa fünfundfünfzigj ährige Frau vermochte ihn so wenig aufzurichten, j' 

wie die Kinder. Der Traum wiederholte sich oft. Endlich begab sich der f 

Leidende zu einem ihm befreundeten Medizinmann, einem Sterndeuter {Star- :' 

Gazer), vertraute ihm sein Leid an und bat ihn um Hilfe. :■' 

Der Sterndeuter stieg auf einen Berggipfel und geriet während seines ij 

Betens in Trance. In diesem Zustand sah er einen Bären am Himmel und i- 

vernahm die Weisung: „Suche den Medizinmann (Ckanter), der den Mountain ' 

Chant (Bergsang) ausführt!" ■; 

Dem Kranken gab er den Bericht: „Du wirst sicher sterben, wenn du 
nicht den Mann findest, der die richtige Zeremonie ausführen kann." 

Ein solcher vielwissender Medizinmann wurde wirklich vom Kranken 
und Frau Armer, die mit ihm reiste, in fünfzig Meilen Entfernung ge- 
funden. Es war ein Krüppel, dem die Füße fehlten, und der durch seine ;- 
Tätigkeit als berühmter Medizinmann seinem elenden Dasein einen erheb- ; 
liehen Inhalt zu verleihen wußte. ' 

Dieser ,,crawler (Kriecher), wie er genannt wurde, teilte dera gemüts- 
leidenden Indianer mit: „Als kleiner Knabe hast du einen kranken oder 
toten Bären gesehen, oder deine Mutter sah ihn vor deiner Geburt. Der Bär 
war heilig und muß versöhnt werden. Dazu ist die Zeremonie nötig." Darauf 
schlug der Medizinmann die männliche Form des Mountain Chant vor. 

Die Vorbereitungen nahmen längere Zeit in Anspruch. Zwei Hütten ', 

wurden gebaut: Eine große {„house of sang" oder „medicine lodge") für den ; 

6* 



üskar Piister 




Flg. i) Indianer vor dem „Hotise of S 



ong 




Flg. a) Ansfiilirung eines iSandtildes 

Kranken und einen Teil der mit ihm vorzunehmenden Riten, und eine 
kleinere für seine Frau und seine Kinder. Alle Clanbrüder kamen, um hiebei 
zu helfen. Sie sammelten Holz und farbigen Sand. Durch Schwitzbäder im 



Instinktive Psydioanalyse unter den pjavaiio-lndianern 



85 



house of song reinigten sie sich, zuletzt und am ausgiebigsten der verkrüppelte 
Medizinmann. 

Neun Tage weilten die Freunde mit dem Melancholiker zusammen und 
wurden mit Speise reichlich bewirtet, indes die weiblichen Verwandten und 
Freunde in der andern Hütte seiner Frau zudienten. 




Flg. 3) Erstes OaiidDild (Armer 



Am sechsten Tage begannen alle Männer nach den Weisungen des Medizin- 
mannes im großen „house of song''' die etwa fünfzehn Fuß breite erste magische 
Zeichnung zu vollziehen, indem sie farbigen Sand auf den geebneten Boden 
schütteten. Nach den kinematographischen Aufnahmen bekundeten sie dabei 
eine großartige Geschicklichkeit. Die Art und Weise, wie etwa ein Dutzend 
Männer in strenger Symmetrie die grotesken Formen der komplizierten 
Zeichnung zustande brachten, von einem Krüppel geleitet, verdient höchste 
Bewunderung. 

Das im Laufe eines Tages geschaffene Bild hat folgenden Inhalt: 



üskar Pfister 



In der Mitte befindet sich ein gezähntes Kreuz, das die Wolken der vier 
Himmelsrichtungen angibt. Als verlängerte Diagonalen treffen wir die vier 
wichtigsten Kulturpflanzen : Korn, Bohne, Squash (eine Art Kürbis) und Tabak. 
Auf farbigen Linien, die den Regenbogen andeuten, stehen in jeder Rich- 
tung vier Gottheiten, zwei männliche und zwei weibliche. Die Götterpaare 
tragen keine den Navahos bekannte Namen, im Gegensatz zu den Göttern, 
die in Washington Matthews' Buch über den Mountain Cham angegeben 
sind. Es handelt sich sicher um Naturgottheiten, vielleicht um Himmelsgötter. 
Die männlichen Numina tragen eine Klapper, als Lärminstrument gedacht, 
die weiblichen einen Korb, der durch ein Hakenkreuz angedeutet ist. 
Das Ganze ist von der Gottheit des Regenbogens umgeben. Aber während 

sonst alle anderen Medizinmänner sie 
weiblich malen, gibt ihr unser Medi- 
zinmann männliches Geschlecht. 

Nachdem das Kunstwerk geschaf- 
fen war, wurde der Kranke in seinen 
Mittelpunkt gesetzt. Der Medizin- 
mann vollzog geheimnisvolle sym- 
bolische Bewegungen. Der Kranke 
mußte auf alle Riten und gesun- 
genen Hymnen scharf aufpassen. 

Zuletzt schüttete der verkrüppelte 
Zauberer allen für die magische Dar- 
stellung verwendeten Sand über den 
Kranken. Der Zauber verlöre seine Kraft, wenn die untergehende Sonne 
das Bild erblickte. 

Von den am siebenten und achten Tag gefertigten Sandbildern soll später 
die Rede sein. 

In der neunten Nacht versammelten sich über zweitausend Navahos, 
Männer, Frauen und Kinder, um den Abschluß des Mountain Chams zu 
sehen. Ein froher religiöser Tanz, bei dem die trotz des Schneefalls nur 
mit einem Schurz bekleideten Männer sich in raschen, kleinen Schritten 
dem in der Mitte befindlichen Feuer näherten und sich wieder von ihm 
zurückzogen, bildete das Ende des Rituals. Die Schwermut des Kranken war 
gewichen. 




-Cig. 4.) 1-^er ivralike inmitten des iSandbilde 



Instinktive Jrsydioanalyse unter den iNavano-lndianern öy 



b) Das psymoanalytisoie V orgeken 

a) Die Deutung 

Den Ausgangspunkt der Krankheit bildet im vorliegenden Falle ein Traum. 
Ein Indianer fällt in Depression, weil er seine geliebten Kinder in einer 
offenbar peinlichen Schlafphantasie tot sah. Wir wundern uns nicht darüber, 
daß er dem Traum eine tiefe Bedeutung beilegte und ihn als geheimnis- 
volle Kundgebung einer rätselhaften, machtvollen geistigen Wirklichkeit an- 
sah. Allen Primitiven ist dieser Glaube eigen, und wir wissen, daß ihm 
weit mehr Wahrheit zukommt als dem öden Rationalismus, der bis auf 
Freud die Träume als Schäume ansah. 

Unser kranker Indianer fühlt genau, daß die tot gesehenen Kinder eine 
zentrale Angelegenheit, und zwar eine Unheil droh ende Wirklichkeit 
andeuten, kann sich jedoch über ihr Wesen, ihren wahren Sinn keine klare 
Anschauung bilden. Er verläßt sich auf den Gefühlston, von dem sein Traum 
begleitet ist. Dieses Stückchen instinktiver Traumauslegung, das zur Traum- 
funktion selbst gehört, ist ein allgemeines Phänomen, das nichts Auffallendes 
enthält. Es entspringt der ins Wachbewußtsein fortgesetzten Wirksamkeit 
des unterschwelligen Konfliktes. 

Unsere Aufmerksamkeit wird erregt durch die den Unkundigen befremdende 
Auslegung, die der Sternseher dem Traum von den toten Kindern angedeihen 
läßt, „Du hast als Kind einen heiligen toten Bären gesehen . 
Unsere Analysen haben uns belehrt, daß der Bär sehr oft den Vater vertritt. 
Ein Beispiel dafür gab ich in meinem Buche „Der psychologische und biolo- 
gische Untergrund des Expressionismus".^ Es handelt sich dort um einen Angst- 
traum, der angeblich im ersten oder zweiten Lebensjahr auftrat und von einem 
Bären handelte. Das Tier trug Kinn und Bart des Vaters. Es erinnerte an 
den Bronzebären, den der Vater auf den Tisch stellte, wenn er seinen 
Nachmittagsschlaf halten wollte. Der Träumer fürchtete das Tier; sein 
Leben war hauptsächlich vom Haß auf den Vater geleitet. Sollte der Medizin- 
mann unbewußt gleichfalls die typische Auslegung meinen? Nahm er, ohne 
es klar zu erkennen, an, daß sein Patient den Vater tot träumte, d. h. tot 
wünschte? Daß der bloße Anblick eines Bären an sich solche Träume und 
nachfolgende Schwermut hervorbringe, kann er unmöglich annehmen; er- 

i) Der psychologische und biologische Untergrund des Expressionismus. Verlag 
E. Bircher, Bern und Leipzig, 1920, i5f. Englische Ausgabe: Expressionism in Art. 
Its Psychological and Biological Basis. Kegan Paul, London (Dutton, N. Y. p. 15 ff-). 



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Oskar Pfis 



eignet sich doch der Anblick des erlegten Pelzträgers im Indianerleben recht 
häufig. Sowohl der für heilig erklärte Bär als auch sein Anblick muß einen 
besonderen, bedeutenden Sinn haben. Das Rätsel löst sich mit einem Schlage, 
wenn wir die Rede des Medizinmannes als Symbolsprache fassen, wie sie uns aus 
Träumen und Mythen wohlbekannt ist, und somit den Bären als Vertretung 
des Vaters auffassen. Der Zauberer wollte demgemäß sagen: „Du hast deinen 
Vater in deiner Phantasie tot gewünscht, und darum kamen der Traum von 
den toten Kindern und dein Gemütsleiden über dich!" 

Den Navahos sind Inzestmythen, in denen der Vater in Tiergestalt auf- 
tritt, sehr wichtig. Frau Armer erfuhr, daß nach indianischem Glauben 
ein Cojote mit seiner Tochter sexuelle Beziehungen pflegte und seine Gestalt 
so veränderte, daß sie in ihm den Vater nicht erkannte. Prof. Alfred Kroeber 
in Berkeley benachrichtigt mich, daß manche Indianer diesen Mythus be- 
sitzen. Weibliche Personen, welche Inzest mit dem Vater treiben, heißen 
Hexen. Einzelheiten konnte Frau Armer nicht erfahren. Besondere Zere- 
monien wollen die Praxis der Hexen unschädlich machen. Es wäre inter- 
essant, sie kennenzulernen. 

Daß das aus einem Todeswunsch gegen Verwandte sich ergebende Schuld- 
gefühl zur Melancholie führen kann, ist uns durch Freuds Forschungen 
wohlbekannt. Wir hätten nur die Zwischenglieder zwischen dem Traum 
unseres Kranken und der Deutung des Medizinmannes einzusetzen. Der 
letztere würde demnach, ohne es klar zu erfassen, sagen: „Du wünschtest 
insgeheim deinen Vater tot. Diesen Wunsch projiziertest du in deine Kinder, 
mit denen du dich identifiziertest. Du sagtest dir, daß sie dich tot wünschen, 
wie du es mit deinem Vater tatest. Du wünschtest sie tot, weil sie dich 
tot wünschten. Deine doppelte Schuld besteht im Todeswunsch gegen den 
Vater und, auf dem Wege der Introjektion, auch gegen die Kinder. Deine 
Schuld geht bis in deine frühe Kindheit zurück." 

Daß eine derartige Ätiologie möglich ist, leugnet kein Erfahrener. Es 
müssen nur noch rezente Anlässe, über die wir in unserem Falle nicht 
unterrichtet sind, hinzugetreten sein, um die Regression ins Infantile zu 
bewirken, beziehungsweise um die alte Ödipusschuld überstark zu betonen. 
Daß die Haßeinstellung angeboren ist und zum Stammesgut der Menschen 
gehört, ist auch Freuds Ansicht. 

Man hat sich, wie mir scheint, viel zu einseitig mit dem Haß des Sohnes 
auf den Vater befaßt, den Haß des Vaters auf den Sohn jedoch außer acht 
gelassen. Man vergesse doch nicht, daß dem Vatermord des Ödipus die Ver- 
stoßung des Sohnes durch den Vater vorausging! Des Vaters Haß und des 



Instinktive Psydioanalyse unler den iSavalio-Indialiern 89 

Kindes Haß sind innerlich verknüpft, darum auch der Haß auf den Vater 
und auf die Kinder. 

Aber haben wir den Magier nicht zu hoch eingeschätzt, wenn wir ihm 
latente Einsicht in den verdrängten Vaterhaß seines melancholischen Klienten 
zutrauten? Ist es nicht überhaupt unmöglich, daß Primitive das Unbewußte 
so geschickt in ihrem Unbewußten belauschen? Der Fortgang der Episode 
gibt die Antwort. 

ß) Die Behandlung 

Die Zeremonie des Mountain Chant wird dadurch eingeleitet, daß der 
Kranke die intensivste Teilnahme und Unterstützung seiner Clanbrüder 
erfährt. Ein symbolgeschmückter greiser „Läufer ladet sie dazu ein. Die 
Männer bauen zwei Häuser und bereiten farbigen Sand zu, die Frauen 
und Mädchen backen. Damit helfen sie geschickt, Übertragung herzustellen. 
Ihre Teilnahme besagt ihm: „Du bist in der Sozietät freundlich aufgehoben." 
Aber sie erwarten auch, daß der Kranke sich beteilige. Bleibt die Zeremonie 
für ihn erfolglos, so ist er als unheilbar preisgegeben und der Isolierung ver- 
fallen. Die Entscheidung muß gerade jetzt getroffen werden. 

Die Trennung des Kranken von Weib und Kind stellt jene Karenz her, 
die Freud für die Durchführung der psychoanalytischen Kur empfiehlt. 

Schwitzbäder zu Heilzwecken sind üblich auch in Melanesien, Guinea, 
Polynesien.^ Indem die Freunde und der Zauberer sich dem Bad in einer 
Erdhöhle unterziehen, fördern sie die Übertragungstendenz im Schwermütigen. 
Sie drücken aus: „Wir sind Sünder wie Du und bedürfen derselben Reini- 
gung." 

Die nicht unbeträchtlichen Kosten der Bewirtung^ bilden zwar kein eigent- 
liches Opfer, verstärken jedoch die Tendenz der Ablösung von der Krankheit 
und dem sie hervorbringenden magischen Zwang. 

Unser Interesse konzentriert sich jedoch auf die Zauberzeremonie selbst. 
Ohne Zweifel liegt ihre Absicht darin, daß der Kranke Beruhigung über 
die üblen Wirkungen seines Todeswunsches gegen den Vater erlangen soll. 
Nach dem Glauben an die Allmacht der Gedanken meint der Schwermütige 
vielleicht, des Vaters Tod bewirkt zu haben. Jedenfalls befürchtet er die 
Rache des Toten. 



1) W. H. Rivers, Medicine, Magic and Religion. London 1924, 102. 

2) Vgl. Washington Matthews, The Night Chant, a Navaho Cereniony, (May) 
1902, p. 4-5. 



I 



,^ 



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Oskar Plister 



Diese Vorstellungen werden rückgängig gemacht durch die religiöse Hand- 
lung. Schon der Sterndeuter und der verkrüppelte Chanter, alle beide ältere 
Leute von hohem Ansehen und Vertreter jenes höheren, jenseitigen Reiches, 




Flg. o) Der greise „Läufer" 



dem auch der Vater angehört, erlangen einigermaßen die Bedeutung eines 
Vaterersatzes und bilden die Brücke aus dem Zustand der Schuld in den- 
jenigen der Vergebung und Freiheit. Beide Schamanen treten in die Vater- 
rolle ein. 

Noch wichtiger sind die sechzehn Gottheiten, die das Elternpaar acht- 
fach vertreten. Sie setzen sich mit dem kranken Sohn, der in ihrer Mitte 
weilt, in magische Verbindung. Aber sie tun ihm, der sich völlig in ihre 
Gewalt begab, nichts zuleide. Im Gegenteil verheißen sie ihm die wichtig- 



Instinktive Psy-Jioanalyse unter den Navalio-Indianern 



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sten Nährpflanzen und Tabak. — Die weiblichen Gottheiten vertreten die 
Mutter. Ihre Verehrung drückt aus, daß keinerlei Ödipusbegehren auf sie 
gerichtet ist, somit auch der Vater keinen Grund zum Groll auf den Sohn 

besitzt. 

Der Regenbogen symbolisiert das Band der Gemeinschaft, das den sündigen 
Sohn und seine versöhnten Eltern umschlingt, höchst anschaulich. 

Daß der bunte Sand auf den Kranken geworfen wird, hat den Sinn eines 
Berührungszaubers. Die in den dargestellten Gottheiten und Gaben ent- 
haltenen Kräfte sollen auf den Mann, der den Mountain Chant ausführen 
läßt, übergehen. Dann sollen die höheren Geister, die durch des Medizin- 
manns Zauberwalten herbeigerufen wurden, wieder in die gewöhnliche Ver- 
borgenheit zurücktreten. Sie haben ja kundgetan, daß sie versöhnt sind, 
nachdem andrerseits der Sohn durch den magischen Ritus ausdrückte, daß 
er seinen Todeswunsch reumütig zurücknahm und sein möglichstes tat, ihr 
Wohlwollen wiederzugewinnen. 

Aber auch die Magier und die sechzehn Gottheiten genügen noch nicht 
völlig, um die gewonnene Einheit darzustellen. Ein Feuertanz schildert panto- 
mimisch die Reinigung. Alles Unreine, das im Kranken gesteckt hatte, soll 
gleichsam verbrannt werden. Dabei deuten die Scharen der Tänzer an, daß 
auch sie vom selben Frevel besudelt waren und der Reinigung bedürfen. 
Wieder wird dem Kranken in ungemein wirksamer Weise vorgehalten, daß 
er in die Sozietät gehört und sich nicht abzusondern, in die Schwermut 
zu verkriechen braucht, denn alle zusammen sind in dieselbe Odipusschuld 
verstrickt, alle zusammen aber treten auch in den Zustand der Sünden- 
reinigung. 

Selbst damit sind die psychotherapeutischen Maßregeln des Mountain 
Chant nicht erschöpft. Hinzu kommt die fromme Rücksicht auf die Sonne. 
Während des Ritus muß der Kranke in die Richtung des Sonnenunterganges 
blicken, und die Sandbilder müssen zerstört werden, bevor die Sonne unter- 
geht. Auch die Sonne ist Vaterersatz, und zwar Symbol des idealisierten 
Vaters, wie es in so vielen Religionen, sogar in der christlichen, der Fall 
ist. Dem idealisierten Vater gebührt die höchste Verehrung, und vor ihm 
muß die Vater-Imago, die nur dem tatsächlichen Vaterbild entspricht und 
es ins Transzendente, ins Geisterhafte fortsetzt, verschwinden. Daß der Regen- 
bogen unter den vielen Matthews und Mrs. Armer bekannten Darstellungen 
als einzige Ausnahme in unserem Bilde mit männlichen Merkmalen ab- 
gebildet wird, paßt vorzüglich zum Krankheitsfall, der das Bedürfnis nach 
Vaterliebe in den Vordergrund stellt. 



92 



üsliar allster 



Das zweite Sandbild unterscheidet sich so wenig vom ersten, daß wir 
es übergehen können. 

Dagegen weist das dritte erhebliche Unterschiede auf: Die Götter und 
Göttinnen, die aus mir unbekannten Gründen die in den Händen getragenen 
symbolischen Gegenstände vertauschten, lassen eine lange Haarsträhne herunter- 




Fig. G) Drittes SanähiU (Armer) 

hängen. Nach dem großen Mythus, der dem Mountain Cham zugrunde liegt, 
besuchte Dsilyi' Neyani vier Götter, die denselben Namen wie er selbst 
trugen (W. Matthews, Mountain Chant, p. 409, § 55) und ebenso aussahen 
wie er, dem das göttliche Schmetterlingsweib eine Haarlocke heruntergelassen 
hatte, bevor sie ihm wundervolle Gestalt verlieh (406). Seine Begleiter sagen 
ihm jetzt: „Dies sind die guten Götter, deren schöne Gestalt die Schmetter- 
lingsgöttin Dir verlieh." Die Haartracht auf dem Sandbild erinnert somit 
den Kranken an Güte und Schönheit, die der Held des Epos von den seinen 



Instinktive PsydioanalyAe unter den Navano-lndianern 



93 



Namen tragenden Elterngottheiten empfing. Auch dies drückt geschickt die 
liebevolle Beziehung zu ihnen aus. 

Der andere große Unterschied zwischen dem dritten und dem ersten 
Sandbild besteht darin, daß statt des Regenbogens die Fußstapfen eines fünf- 
zehigen Tieres das Bild einrahmen. Nach Erklärung des Medizinmannes 
stammen sie von dem Stachelschwein, das vor einem weißen Kreise steht. 
Das Stachelschwein wird von den Navahos „der kleine Bruder des Bären 
genannt. Der weiße Kreis bedeutet das Gebirge des Nordens. Die Navahos 
lehren, das Stachelschwein komme nur im Norden vor. Bezeichnet der Bär 
den Vater unseres Patienten, so stellt dieser selbst das Stachelschwein, den 
kleinen Bruder des Bären dar. Der Sohn ist also bei seiner Heimat angelangt. 
Der Regenbogen besagt: 

„Du und Deine göttlichen Ahnen sind von einer himmlischen Macht 
umgeben, Du bist in die Gemeinschaft aufgenommen, der Vater zürnt Dir 
nicht mehr." Die Fußstapfen, die übrigens der kranke Navaho nach Bericht 
der Frau Armer abschreiten mußte, zeigen die symbolische Antwort des 
Sohnes: „Ich will mit meiner Liebe Euch umfassen!" Damit ist die Ver- 
söhnung eine vollkommene. 

Nachdem die Clangenossen weggezogen waren, verrichteten der Medizin- 
mann und sein Patient in tiefem Ernst ihr Schlußgebet. 

Über die Wirkung der Zeremonie weiß Frau Armer nur zu berichten, 
daß der Schwermütige vollkommen geheilt schien. 

IIj Ein anderer Fall von A.nwenaung des 
JVLountam UJiants 



Unsere soeben dargestelhe Auffassung muß mit verschiedenen Einwänden 
rechnen: Das Beobachtungsmaterial ist zu klein; vielleicht ist die nach ana- 
lytischer Auffassung zutage tretende Übereinstimmung von neurotischem 
Leiden und Zeremonie zufällig: es handelt sich ja um einen uralten, stereo- 
typen Ritus, an dem nichts zu ändern ist, und der auf verschiedene Übel 
angewandt wird, der überdies, wenigstens zum Teil, von anderen Stämmen 
übernommen wurde. Wie ist da eine individuelle, wenn auch unbewußte 
Traumauslegung möglich, und wie können die magischen Mittel dem be- 
sonderen Falle angepaßt sein ? 

Glücklicherweise besitzen wir ein imposantes Quellenwerk über den Moun- 
tain Cham von dem amerikanischen Armeearzt Dr. Washington Matthews, 



Osliar riis 



einem sehr gründlichen und zuverlässigen Beobachter.'' Von nicht weniger 
als siebzehn großen Heiltänzen, zu denen die Navahos Sandbilder verwandten, 
hat er Kenntnis erhalten (445). Auch der Mountain Cham hat diese Auf- 
gabe zu erfüllen; doch dient er gelegentlich auch dazu, Fruchtbarkeit der 
Ernte und reichliches Wasser hervorzubringen (386). Nicht die Schamanen, 




i'ig- 7) Der MeJizimnaim und sein Patient 

sondern der Patient und seine Freunde bestimmen, welche Zeremonie ge- 
wählt werden soll (387), und demgemäß lassen sie denjenigen Medizinmann 
kommen, welcher sich auf den betreffenden Ritus gut versteht. — Dies 
stimmt gar nicht zu den Beobachtungen Frau Armers, die berichtet, wie 
die Wahl der Zeremonie vom Schamanen und seiner religiösen Ekstase ab- 
hängig gemacht wurde. Allein, mag nun die eine oder andere Persönlichkeit 

1) Washington Matthews: The Mountain Chant: ANavaho-Ceremony. Smithsonian 
Institution-Bureau of Kthnology. Fifth Annual Report. Washington, Government Printing 
Office 1887, p. 5Tg — ^67. 



I 



Listinttivc Psydioanalyse unter den Navano-Indianern 96 



verfügen, in beiden Fällen ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß das Be- 
wußtsein oder das Unbewußte magische Symbole wählt, die dem Krank- 
heitsfall angepaßt sind. 

Ferner verdient Beachtung, daß Matthews die Behauptung der Schamanen, 
die Zeichnungen seien seit Generationen und an allen Orten bei jeder Wieder- 
holung des Montain Chants dieselben, ernstlich in Frage zieht (445 f.)- Wir 
werden sehen, daß die authentischen Beobachtungen der Frau Armer den- 
jenigen Matthews' an manchen Punkten widersprechen, so daß Anpassung 
der Heilzeremonie an den einzelnen Krankheitsfall in weitem Umfang 
möglich ist. 

Matthews weist darauf hin, daß in den einzelnen Zügen des „Berg- 
sanges" Bilder aus dem großen Navaho-Mythus von Dsilyi' Neyäni wieder- 
kehren. Es ist hier nicht möglich, die weit ausgesponnene Handlung 
(387 — 417) wiederzugeben, zumal vieles aus ihr eine Symbolik enthält, 
die wir nur willkürlich deuten könnten, und nichts muß der psychoana- 
lytischen Mythenforschung so sehr schaden, wie die Ausfüllung der Lücken 
unseres Wissens durch ungesicherte Auslegungen. 

Dsilyi' Neyäni, der seinem Vater ungehorsam war, wird von feindlichen 
Indianern gefangengenommen, aber durch eine Beihe von Göttern wunderbar 
gerettet. Unter den Beschützern treffen wir einige, die den Schützling als 
Großsohn anreden, vor allem Qatceelgi (397), sowie ein schwarzes Berg- 
schaf (399). Ersterer Gott begleitet den Enkel getreulich eine weite Strecke 
und rettet ihn aus der größten Not. In einer Höhle treffen sie vier Bären, 
die von beiden Wanderern Tabak verlangen und böse werden, als die Spende 
zuerst verweigert wird, dann aber, nachdem sie das Dreifache des zuerst 
geforderten Quantums erhalten, eine freundliche Haltung einnehmen (404). 
Hier lernt der Held die Opferstäbe kennen, die den Bärengöttern zu opfern 
seien. Auch Schlangengötter und die richtige Verehrung der Großen Schlange 
lernt der Held kennen (405). Das göttliche Schmetterlingsweib läßt ihm 
sein Haar herunter bis zu den Knöcheln, dann drückt und bearbeitet sie 
ihn, bis er nach Form und Gesicht wunderschön geworden ist (406). Am 
Schluß des Epos wird die Zeremonie geschildert, die Dsilyi' Neyäni von all 
seinen seltsamen Gefühlen und Gedanken heilte {„from all his stränge feelings 
and notions") (417). 

Wir gehen nunmehr auf die von Matthews geschilderte Aufführung 
des Mountain Chants (24. bis 29. Oktober 1884) ein. Es würde aber viel zu 
weit führen, die Zeremonie in allen Einzelheiten darzustellen. Es handelt 
sich um eine Frau mittleren Alters, die anscheinend an gar keinem Leiden 



96 



üslcar Piis 



krankte, sondern kräftig, in der Gesichtsfarbe frisch, fröhlich {stout, ruddly 
and cheerful) aussah, auch ihre Hausgeschäfte restlos verrichtete (418). Den- 
noch opferte sie um 200 Dollar an Schafen, Pferden und anderem Gut. Es 
muß sich daher um eine wichtige Angelegenheit gehandelt haben. Mat- 
thews fand nicht, worum es sich handle. Freuds Lehre löst das Rätsel mit 
Leichtigkeit. 

Über die ersten vier Tage gibt unsere Quelle keinen genauen Aufschluß, 
da dieser Teil der Zeremonie ein Jahr zuvor abgehalten worden war. Am 
Vormittag des fünften Tages (34. Oktober 1884) wurden gewisse heilige Stäbe 
und Zigaretten zubereitet und geopfert (419). Es handelt sich um phallische 
Symbole, wie wir immer deutlicher erkennen werden. Die Kranke mußte 
sich mit ausgebreiteten Gliedern auf den Boden setzen. Der Medizinmann 
applizierte ihr eine pulverförmige Substanz, die er aus seinem Medizinbeutel 
nahm, an Fußsohlen, Knie, Brüste, Schultern, Wangen und Haupt. Dann 
warf er etwas davon gegen den Himmel. Bevor er das Haupt mit der Medizin 
versah, ließ er seine Patientin etwas von ihr verschlucken. Den Medizin- 
beutel, dessen symbolische Bedeutung uns kein Kopfzerbrechen verursacht, 
in der Hand haltend und nach Osten gewendet, sprach sie dem „Sänger" 
oder Schamanen ein Gebet nach. Dann nahm sie wiederum Medizin in den 
Mund. Während Gehilfen die Opfergegenstände, nämlich Stäbe und Zigaretten, 
die von den Göttern geraucht werden sollten, zurecht machten (419), breitete 
der Schamane Bündel von Federn und Tücher zum Einwickeln der Opfer- 
gegenstände aus. Zwei der Bündel wurden der Kranken in die Hand gelegt 
und ihr nach Vollendung der Gebete durch den Schamanen an verschiedene 
Körperstellen gedrückt (420). Das an den zum Gott erhobenen Dsilyi' Neyäni 
gerichtete Gebet gipfelte in den Worten: 

„Mache schön alles, was vor mir ist, 
Mache schön alles, was hinter mir liegt! 
Mache schön alle meine Worte! 
Es ist getan in Schönheit (viermal)." 

Es folgte eine Räucherung (421), wobei das Weib den Rauch mit tiefen 
Zügen einatmen mußte. Dem Beutel des Medizinmannes wurden fünf ein- 
gekerbte Stäbe entnommen sowie Federn von verschiedenen Vögeln und 
Farben zum Bemalen der Stäbe. Von da an erhielten die Stäbe einen Namen, 
der „aufrecht stehend" bedeuten soll. Matthews nennt sie „plumed walh", 
gefederte Zauberstäbe. Ihrer fünf steckte der Medizinmann so vor das 
Haus, in dem die Zeremonie stattfand, daß sie durch die Türe gesehen 
wurden (422). Neben sie wurden Halsketten und Symbole für Flügel 



Instinktive Psydioanalyse unter den Navalio-Indianern 



97 



p-elegt. In alledem erblicken wir natürlich männliche und weibliche Genital- 
symbole. 

Von ein bis drei Uhr wurde das erste farbige Sandbild hergestellt. Es 
enthält ein aus vier gerade ausgestreckten Schlangen hergestelltes Quadrat, 
in dem sich vier in spitzem Winkel aufeinander liegende Schlangenpaare 




Fig. 8) Erstes iSandliild (Mattkews) 



befinden. Außerhalb des Quadrates erblicken wir ein durch konzentrische 
Kreise repräsentiertes Gebirge, von dem aus eine Bärenfährte bis zum 
Zentrum des Bildes, einem schwarzweißen Kreise, führt. Rechts oben steht 
eine Gottheit, links unter dem Kreise ein sich abwendender Bär. Der Kreis 
in der Mitte wurde durch eine Vertiefung hergestellt und sollte Wasser 
vorstellen. Aber während sonst in anderen Sandbildern wirklich eine Schüssel 
Wasser angebracht wurde, war es aus Gründen, die Matthews nicht an- 
zugeben vermag, hier nicht der Fall. Das Gebirge soll den Wohnsitz des 
Dsilyi' Neyani bezeichnen, der Bär, dessen Fußstapfen hier gezeichnet sind, 

Imago XVIII. 



98 



Oskar Plister 



ihn selbst (447). Die Fährte wurde durch einen Streifen Mehl hergestellt. 
Nach reichlichem Klappern und Trommeln nahm der Medizinmann den 
farbigen Sand des Bildes weg, zuerst den Berg, dann die Höhle in der 
Mitte, dann das übrige, zuletzt die langen Schlangen an den Seiten des 
Quadrates. Aller dieser Sand wurde aber nicht etwa, wie im vorangehenden 




Fig. 9) Drittes SandLilc! (Mattliews) 



Falle, mit der Kranken in Berührung gebracht, sondern im Gegenteil fort- 
geworfen. 

Zuletzt verabfolgte der Medizinmann der Kranken eine kräftige Massage, 
wobei er jeden Teil ihres Körpers wuchtig knetete und ihre Gelenke hart 
stieß, indes das Weib stöhnte und Zeichen des Leidens von sich gab (425), 
Wie ein in Immergrün gehüllter Mann, der sich schon vorher gezeigt 
hatte, zum letzten Male erschien, fiel die Kranke scheinbar gelähmt und 
unter Atembeschwerden rücklings. Es war jedoch wahrscheinlich nur Ver- 
stellung. Man hielt ihr Benehmen für ein günstiges Anzeichen dafür, daß 



instmktxve Psydioanalyse tinter den NavaLo-InJianern 



99 



das richtige Heilmittel gefunden worden sei (425). Alle diese Einzelheiten 
bekräftigen unsere Deutung. 

Es würde den Leser ermüden, wenn ich aus der weitläufigen Zeremonie 
alle Züge zusammenstellte, die symbolisch die Befruchtung darstellen und 
es begreiflich machen, daß der Mountain Chant gelegentlich auch als Vege- 
tationszauber verwendet wird. Immerhin seien noch ein paar Einzelheiten 
angeführt: Die zur magischen Feier einladenden Läufer werden mit phalli- 
schen Attributen, besonders Federn und Stäben geschmückt (425) ; der Medizin- 
mann verabfolgt jedem Gott des zweiten Sandbildes^ an drei Stellen Samen- 
pollen (426); am achten Tage muß sich die Patientin auf ein Sandbild 
setzen (42g), das aus lauter Pfeilen besteht (451), und zwar sollen diese 
das spezielle „große Mysterium" sein und den mächtigen Zauber dieser 
Zeremonie ausmachen. Die Schäfte sind weiß, die Spitzen rot. Die Tänzer 
verschluckten am letzten Tag der Zeremonie scheinbar einen großen, am 
Ende mit Federn geschmückten, teleskopähnlich zu verlängernden und zu ver- 
kürzenden Pfeil (431, Abb. S. 454). Ein Zauberstab von drei Fuß Länge 
wurde hergestellt; an einem Ende befand sich ein Knopf (450). Um ihn 
herum war ein Ring angebracht, durch den der Stab auf und ab gleiten 
konnte (450). Alle Zeremonien wurden mit größtem Ernst vollzogen. 
Matthews wundert sich hierüber, da doch alle den trügerischen Charakter 
aller Handlungen kannten; er kann nicht begreifen, daß diö Jünglinge 
ihre „trees (Bäume) mit allen Zeichen der Furcht verschluckten, sichtlich 
vor Angst zitterten und einer sogar erbleichte (451). Er gibt die ratio- 
nalistische Erklärung, diese Leute haben das Mißfallen der Götter be- 
fürchtet für den Fall, daß nicht alles gut ausgeführt würde (431). In 
Wirklichkeit erlebten die Indianer in ihrer Rolle die durch das Mißverhältnis 
zwischen der durch Symbole aufgepeitschten Sexualität und der Nicht- 
befriedigung verursachte Angst. 

Bei den Tänzen der letzten Nacht wurde ein Teil des heiligen Platzes 
für die Geister der Bären und andere Totems {other ancestral animal gods) 
reserviert (432). Man sieht hieraus, daß auch hier der Vater günstig ge- 
stimmt und der Ödipuswunsch der Tochter unschädlich gemacht wird. 

Eine lange Reihe von Riten, die den Wunsch des „kranken" Weibes 
nach Befruchtung symbolisch ausdrücken, wäre aus dem Mountain Chant 
anzuführen. Obwohl ihr Sinn auf der Hand liegt, waren die Navahos 

1) In den Tafeln zu S. 4,48 und 450 sind leider zweites und drittes Bild vertauscht, 
auch in der Unterschrift. Das „Second Dry-Paintmg" ist in Wirklichkeit das dritte 
und umgekehrt. Vgl. beschreibender Text S. 447 ff. 

7* 



üskar Plister 



noch offener, Matthews berichtet, daß manche Tatsachen des Mountain 
Chant in seiner gelehrten Abhandlung nicht geschildert werden durften, 
und gibt an, daß anerkannte Gelehrte sie durch den Direktor des Büros 
für Ethnologie in Washington erfahren können (441). 

Treten wir nun an die Deutung heran: Während die frühere Anwendung 
des Mountain Chants sich ganz um die Unschädlichmachung des auf den 
Vater gerichteten Todeswunsches drehte, steht jetzt ein ganz anderes An- 
liegen in Frage. Alles dreht sich um den Wunsch nach Befruchtung eines 
Weibes. Diese Vorstellung beherrscht die ganze Zeremonie bis in alle Einzel- 
heiten. Allein wir bleiben bei dieser vagen Auslegung nicht stehen. 

Wie die Schwermut im erstgeschilderten Falle vom Schamanen auf ganz 
bestimmte Determinanten zurückgeführt wurde, so jetzt die Sterilität. Beide- 
mal wird das Übel aus der Ödipusbindung erklärt, und beide Male erscheint 
der Vorfahr in Gestak eines Bären. Dort lag aber eine negative Einstellung, 
wie sie zur Sohnesrolle paßt, vor, jetzt aber eine positive, wie sie der Tochter 
eignet. 

Im Sandbilde der zweiten Zeremonie begibt sich der Bär zum Mittel- 
punkt, der sicher sexualsymbolische Bedeutung hat. Offenbar will der Zeichner 
damit eine Beziehung zur Sterilität seiner Klientin andeuten. Welcher Art 
mag sie sein? Kann uns die psychoanalytische Forschung Auskunft erteilen? 
In der Tat lehrt sie uns, daß Bindung an den Vater eine Hauptquelle der 
weiblichen Frigidität bildet, Frigidität aber verhindert jene normalen auto- 
matischen Vorgänge, die während des Orgasmus auftreten und die Konzeption 
erleichtern.^ > 

Unser Schamane hat diesen Ursprung des Übels seiner Klientin erkannt, 
und seine Therapie geht darauf aus, das im Unbewußten ruhende Wider- 
standsmotiv zu brechen. Es ist nun sehr merkwürdig, vfie nicht nur die 
ätiologische Zurückführung, sondern auch die therapeutische Bearbeitung, 
abgesehen von der Bewußtmachung des Konfliktes, sich ganz in den Bahnen 
der Psychoanalyse bewegt. 

Freud sagt vom Manne, bezieht es aber sicher mutatis mutandis auch 
auf das Weib: „Es klingt wenig anmutend und überdies paradox, aber es 
muß doch gesagt werden, daß, wer im Liebesleben wirklich frei und damit 
auch glücklich werden soll, . . . sich mit der Vorstellung des Inzests mit 
Mutter oder Schwester befreundet haben muß.""" 



1) H. Meng, Psychoanalytisches Volksbuch, III 

2) Freud, Ges. Sehr., Bd. V, 206. 



Instinktive PsyJioanalyse unter Jen Navalio-Indianern 



Unser Fall wäre demnach etwa folgendermaßen zu deuten : Der Schamane 
hnte, daß die Sterilität seiner Klientin eine inzestuöse Bindung an den 
Vater zur Ursache hatte, indem Frigidität den normalerweise im Geschlechts- 
akt speziell heim Orgasmus, auftretenden physiologischen Vorgang, der die 
Konzeption erleichtert, verhinderte. Die Frigidität soll nun dadurch über- 
wunden werden, daß zunächst einmal einerseits eine Abfindung mit dem 
Inzest im Sinne Freuds stattfindet; die Frigide soll es hinnehmen, daß sie 
wirklich Inzestwünsche gegen den Vater hegt und an ihn fixiert ist. In 
einer sozial gebilligten, daher nicht wieder zu verdrängenden Weise wird 
durch den Medizinmann als Verkörperung des Vaters der Akt symbolisch 
vollzogen, indem der Schamane aus seinem Beutel eine Substanz verab- 
folgt, wobei er sie gen Himmel wirft, wie um anzudeuten, daß eigentlich 
der seit seinem Tode zum Gott erhobene Vater gemeint sei. Durch Ver- 
schlucken des Stoffes bekennt sich die Tochter zum Inzest. Sie anerkennt ihn 
auch durch das Einatmen des Rauches, durch das Rücklingsfallen und das 
den Orgasmus ausdrückende Keuchen beim Anblick des in Immergrün ge- 
hüllten Mannes, der auch ein Vatersurrogat darstellt. Die Anwesenheit der 
ganzen Sippe, die feierlich und freudig die ganze Zeremonie gutheißt, nimmt 
der Inzestvorstellung ihr Ärgernis. Zugleich aber erfolgt auch die Ablösung 
vom Inzest. Sie wird angedeutet durch die Abwendung des Bären, des Vaters, 
vom genitalsymbolischen Zentrum im Sandbilde, sowie durch das Wegwerfen 
des Sandes im Gegensatze zum sonstigen Berührungszauber. Sodann treten 
eine Menge für die Unfruchtbare inzestfreie Männer an die Stelle der Vater- 
surrogate, nämlich Läufer, Tänzer, die den Befruchtungsakt symbolisch voll- 
ziehen . 

Wie im vorangehenden Falle wird somit der sozialen Einfügung mit 
Hilfe der liebenden Teilnahme eine große Bedeutung beigelegt. Das strenge 
Über-Ich, das die normalen Gefühle im Verkehr verweigert hatte, wird damit 
zur Preisgabe seiner Strenge veranlaßt. Der Vatergott ist beschwichtigt, indem 
ihm Samenpollen, Pfeile usw. und mancherlei Ehrungen zuteil geworden 
sind; er zürnt der Tochter nicht darob, daß sie ihre Erotik einem Menschen 
schenkt, die öffentliche Moral heißt den Übergang gut, und so ist der Kon- 
flikt geschlichtet. 

Unsere Erklärung findet auch dadurch eine ausgezeichnete Bestätigung, 
daß im letzten Sandbild jede Anspielung auf den Vater unterlassen ist. Die 
Begattung wird als inzestfreie Handlung symbolisch vollzogen. Die Bahn 
zur Befruchtung ist frei geworden. Die Geister der Väter dürfen zusehen, 
ohne daß sie wegen ihrer Ausschaltung in Eifersucht geraten. 



Ostar Pfister 



Die Vergleichung der von Frau Armer und von Matthews mitgeteilten 
Fälle beweist uns, daß zwar allerdings manche Teile der Mountain- Chant- 
Zeremonie durch die Überlieferung festgelegt sind und ohne Rücksicht auf 
den vorliegenden Krankheitsfall Verwendung finden, daß aber trotzdem, 
und zwar besonders in den Sandbildern, außerordentlich viel 
Spielraum für Anpassung der magischen Veranstaltung an den 
besonderen Krankheitsfall übrig geblieben ist; vielleicht, ja wahr- 
scheinlich trifft dies auch für die gesungenen Lieder zu; allein wir können 
es nicht beweisen, da der Dolmetscher der Frau Armer die liturgische 
Sprache der Navahos nicht verstand. 

Frau Armer weiß zu erzählen, daß es eine „männliche" und eine „weib- 
liche" Form des „Bergsanges" gibt. Der Schwermütige, dessen Geschichte 
hier beschrieben wurde, erhielt die männliche Form, ebenso die Unfruchtbare 
in Matthews' Beispiel; und doch, wie völlig unterscheiden sich beide von- 
einander! Frau Armer sah auch die weibliche Variante bei anderen Gelegen- 
heiten; die Bilder waren wieder ganz andere als in den beiden Beschrei- 
bungen. — Im ethnologischen Wörterbuch der Navaho-Sprache geben die 
Franziskaner-Mönche noch eine dritte Gestalt des Mountain Cham an. Sie 
ist betitelt „Mountain Cham to the small hirds" .^ 

Die Unerläßlichkeit mancher überlieferter Einzelheiten bringt es mit 
sich, daß sie nur für einzelne Kuren passen, für andere aber als nutzloses 
Beiwerk anzusehen sind. Im allgemeinen aber läßt sich durchaus nicht 
leugnen, daß zwischen Krankheitssymptom und psychotherapeutischen Maß- 
nahmen eine inhaltliche Beziehung existiert, die psychoanalytische Ahnungen 
zum Ausdruck bringt und uns tiefe Blicke in die unwissenschaftliche Psycho- 
logie des Unbewußten bei den Navahos tun läßt. 

Ich behaupte nicht, daß alle Navaho-Zeremonien bis ins einzelnste indivi- 
duell angepaßt seien. Es mögen da und dort stereotype Bestandteile ohne 
Beziehung auf den vorliegenden Fall herübergenommen worden sein. Aber 
es ist doch bezeichnend, daß die beiden Krankenbehandlungen, die wir nach- 
prüfen können, außerordentlich feine individuelle psychologische und psycho- 
therapeutische Einsichten aufweisen. Weitere Untersuchungen sind nötig, 
um volle Klarheit zu schaffen. 



i) An Ethnological Dictionary of the Navaho-Language. The Pranciscan Fathers, 
baint Michaehs, Arizona, p. 565. 



Instinktive Psychoanalyse tinter den jSjavalio-lndianern 



lo3 



Illj Die psychoanalytische A.usbeute 



a) Ergebnisse für die xLeligionswissensdiaft 

Der Sinn der dargestellten religiösen Handlungen ging uns erst auf, als 
wir zwei vorliegende Fälle analytisch prüften. Die bisherige Religionspsycho- 
lo^ie hat diese individualpsychologische Untersuchung viel zu sehr vernach- 
lässigt. Sie ging allzu rasch von der äußeren Beobachtung zur Vergleichung 
mit ähnlichen Erscheinungen über und konnte daher die feineren Zusammen- 
hänge nicht erfassen. Sie blieb bei den Mythen haften, statt die lebendigen 
Vorgänge der Religionsbildung mit ihren vorstellungsmäßigen und kultischen 
Äußerungen selbst zu ergründen. Abgelöst von diesen in sich zusammen- 
hängenden konkreten Lebensprozessen muß das psychologische Unternehmen 
Schiffbruch leiden. In was für öden, die Schönheit der einzelnen Gebilde 
zerstörenden Allgemeinheiten blieb zum Beispiel das Buch von W. H. Rivers 
über „Medizin, Magie und Religion' stecken! Sogar wenn man vom religiösen 
Vorgang ausgeht, darf man sich nicht an allgemeine Beschreibungen halten, 
sondern muß als Anlässe geschilderte Begebenheiten zum Ausgangspunkt 
der Untersuchung machen. Erst dann kann man zur Vergleichung mit ähn- 
lichen religiösen Prozessen und zur Ableitung von Hypothesen und Theorien 
übergehen. Die bisherige Ethnologie hat ungeheuer viel Material zusammen- 
getragen, allein da die Wirklichkeit bekanntlich auch im Kleinen unend- 
lich viele Mannigfaltigkeiten aufweist, konnte sie nicht alles beibringen. 
Und so hat sie auf Schritt und Tritt Merkmale weggelassen, die für die 
Erklärung und das Verständnis unerläßlich sind. Die Psychoanalyse stellt 
die Völkerkunde vor unzählige hochwichtige Probleme, zu deren wichtigsten 
die religionswissenschaftlichen zählen. 

In religionswissenschaftlicher Hinsicht taucht ein anderes Problem auf, 
das sich auf den Wahrheitsgehalt der Religion bezieht. Man hat sich mancher- 
orts das ontologische Problem allzu leicht gemacht, indem man glaubte, 
die ganze Religion einfach als Wirkung der Vaterbindung darstellen und 
ihr alle inhaltliche Gültigkeit absprechen zu können. Bei primitiven Völkern 
glaubt man noch weit eher die ganze Religion als Illusion auffassen zu 
dürfen. Nun zeigen aber gerade die besprochenen Navaho-Riten, wie wenig 
dies angeht. Mindestens in psychologischer Hinsicht enthalten sie eine viel 
tiefere Wahrheitserkenntnis als die gesamte voranalytische Seelenkunde und 
'Psychotherapie. Sie bestätigen den Satz von Havelock Ellis: „Der primitive 



i! 



Oskar Pfistei- 



Medizinmann, der auf der religiösen Seite Harmonie des Selbst mit dem 
Nichtselbst erreicht hat und durch Gehorchen Befehlen lernt, kann auch 
auf der wissenschaftlichen Seite nicht verfehlen, unter den speziellen Be- 
dingungen seines isolierten Lebens Einsicht in die natürlichen Methoden 
zu gewinnen, eine praktische Gewalt über menschliche Tätigkeiten und 
über Krankheitsbehandlung, wie er sie auf der imaginativen und emotionalen 
Seite bereits besitzt."^ 

Der psychologische Wirklichkeitssinn, der in den Navaho-Zeremonien zum 
Ausdruck kommt, überragt auch bedeutend das monotone Verfahren, das 
einzelne Kulturreligionen zum Zwecke der Krankenheilung vielfach anwandten, 
z. B. den stereotypen Exorzismus oder die Anwendung gewisser ehrwürdiger 
Namen. Es wäre sehr gut, wenn die heutigen katholischen und protestantischen 
Seelsorger von den Navahos die individuelle Ausgestaltung der Seelenbehand- 
lung, damit aber auch die Frage nach den unbewußten individuellen Motiven 
ernst zu nehmen lernten. 



t) PsyAoanalytistte Protleme 

Wenn wir von einer „instinktiven Psychoanalyse" der Navahos redeten, 
so sind wir ans wohl bewußt, daß diese Benennung ungenau ist. Denn zum 
Wesen der Freudschen Methode gehört, daß man nicht nur die Deutungen, 
sondern auch die Kompensationen und den Endausgang der symbolischen 
Hülle entkleide und auf eine rationale Form bringe. Ferner soll die Sug- 
gestion möglichst ausgeschieden werden; der Analytiker tritt möglichst in 
den Hintergrund, während die Navahos nicht nur dem Schamanen, sondern 
sogar dem ganzen Clan den stärksten Einfluß auf die Kur einräumen und 
durch solche suggestive Einflüsse den Mangel an analytischer Klarheit und 
Gründlichkeit zu ersetzen trachten. 

Ich behielt dennoch den Namen „Psychoanalyse" bei, weil die unter- 
suchten Indianer auf die individuelle unbewußte Motivation des psycho- 
neurotischen Übels drangen und ihr die Behandlung individuell anpaßten. 
Daß es nicht in strenger und wissenschaftlicher Weise geschah, drückt das 
Attribut „instinktiv" aus. Nimmt jemand am Titel Anstoß, weil er Psycho- 
analyse und Instinktivität als Widersprüche betrachtet, so werde ich auf 
die Verteidigung eines Wortes nicht viel Gewicht legen. Was ich meine, 
glaube ich deutlich genug angegeben zu haben. 



i) H. EUis, The Dance of Life, Modern Library, New York, p. 185. 



Izistinktive Psydioanalyse unter den ^avano-Indianern lo5 



Wichtig dagegen werden uns Probleme, die die Psychoanalyse zu lösen 
hat Die eine Frage lautet: Wie ist es möglich, daß analytische Deutungen, 
die im Symbol stecken bleiben und sich nicht zur klaren Einsicht erheben, t 
den Widerstand gegen die Heilung überwinden können? Ein anderer Sach- 
verhalt, der zu klären wäre, betrifft die Anwendbarkeit, Gründlichkeit und 
Solidität einer solchen halbanalytischen Psychotherapie. 

"Versenken wir uns zuerst in die Frage, inwieweit symbolisch-analytische 
Einwirkungen die Preisgabe von Symptomen herbeiführen können! An der 
Tatsache, daß solche Heilungen erfolgen, läßt sich nicht zweifeln. Ich selbst 
sah bei geistig schwachen Jugendlichen, die zu einer tieferen Erfassung 
des analytischen Tatbestandes unfähig waren, lästige Symptome abziehen, 
nachdem in bildlicher Sprache genereller Aufschluß erteilt worden war. 
Frau Gertrud Behn-Eschenburg bezeugt denselben Vorgang bei Kinder- 
analysen, die eine völlig rationale Klarstellung oft ausschließen. Die bei 
oberflächlicher Analyse eintretenden Symptomheilungen laufen großenteils 
auf eine derartige im Bildhaften steckenbleibende Behandlung hinaus. 

Man muß auch zugeben, daß die symbolhafte Analyse sehr tief in den 
f menschlichen Instinkten verankert ist. Die Religionen arbeiten samt und 
sonders mit ihnen. Die gegen den leiblichen Vater begangene Schuld wird 
symbolisch, besonders im Opfer, am vergotteten Idealvater wieder gutge- 
macht. Der durch den Verlust der Mutter und der jungfräulichen Geliebten 
in hysterische Schmerzen gestoßene Jüngling verliert sie vor dem Altar der 
Gottesmutter, die ihm Mutter und Jungfrau ersetzt.' 

Es sei ferner darauf hingewiesen, daß auch im nichtreligiösen Leben 
der Psych oneurotiker, wie übrigens auch der Normale, Welt und Menschen 
oft so sieht, vielmehr so auffaßt und eventuell umdeutet, daß seine besonderen 
Nöte gelindert werden. Auf dieser wunschgeleiteten Sinndeutung, deren 
Wurzeln im Unbewußten liegen bleiben, beruht die ganze Kunst, die wir 
in gewissem Sinne als Psychotherapie im weitesten Sinne bezeichnen dürfen. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß solche Prozesse, in denen die bestehende 
Not einerseits symbolisch erkannt, andrerseits durch eine ihr angemessene 
symbolische Auslegung und Behandlung der Wirklichkeit überwunden wird, 
eine ungeheuer große und wichtige prophylaktische und therapeutische 
Bedeutung für die Hygiene des Geistes besitzen. 

Um die Möglichkeit dieses Sachverhaltes verständlicher zu machen, erinnern 
wir daran, daß das Unbewußte viel leichter auf die Sprache der Symbolik 

i) O. Pfister: Religiosität und Hysterie. Int. PsA. Verlag, 1928, S. 17 f. 
Imago XVIII. 8 



io6 



Ofikar Pfister 



reagiert als auf die Behauptungen der ratio. Der Analytiker muß oft staunen, 
wie leicht eine geringfügige Anspielung ein Symptom auslöst, wobei der 
äußere Anlaß vom manifestationslüsternen Unbewußten sichtlich gedeutet 
worden ist. Der Widerstand gegen die Entdeckung braucht nicht über- 
wunden zu werden, darum läßt sich eine gewisse Verständigung mit dem 
Unbewußten herstellen, wenn auch zuzugeben ist, daß das Unbewußte 
gerne so deutet, wie es ihm paßt. Freud läßt bei der analytischen Arbeit 
grundsätzlich das Unbewußte deutend mitreden. 

Hier haben wir es aber mit der Heilung zu tun. Wie kann das Un- 
bewußte sich durch Symbole bestimmen lassen, seine Symptome preiszu- 
geben? Erinnern wir uns daran, daß jedes Symptom aus einem verdrängten 
inneren Konflikt hervorging, und daß es sich der Entstellung bediente, um 
dem Bewußtsein Verdruß zu ersparen. In der religiösen Zeremonie redet 
das Unbewußte des Medizinmannes unter Umgehung des Bewußtseins zum 
Unbewußten seines Kranken und umgeht so den Widerstand, den die Be- 
wußtmachung hervorrufen müßte. 

Den Inhalt dieser Einwirkung eines Unbewußten auf ein anderes bildet 
die Auflösung jenes Konfliktes, der durch das Krankheitssymptom in un- 
befriedigender Weise zu erledigen versucht worden war. Das einwirkende 
Unbewußte sagt gleichsam: „Du hast es gar nicht nötig, dich in Symptome 
zu stürzen, denn die vom Über-Ich angenommene Schuld läßt eine weit 
bessere Erledigung zu." Das unbewußte Über-Ich nimmt den Vorschlag 
dieser Konfliktslösung an, und so fehlt das Motiv zur Beibehaltung des 
Symptoms. Die innere Aussöhnung infolge der symbolischen Verständigung 
geschieht viel wirksamer, als wenn rationale Aufklärung mit einem Schlag 
verabfolgt wird und sich allen Tücken des der Bewußtmachung geltenden 
Widerstandes aussetzt. 

In einem der beiden hier dargestellten Fälle wurde die Aussöhnung voll- 
zogen durch den Ersatz des durch Todeswunsch beleidigten Vaters durch 
den gütigen Vater, der dem gestraften und reumütigen Kinde vergibt und 
wieder seine Gunst zuwendet. Dem Todeswunsch gegen den Vater setzt 
der Patient den Wunsch nach höherem Leben des vergotteten Erzeugers 
gegenüber. Im andern Falle wurde dem inzestgierigen Vater der Besitz der 
Tochter symbolisch gewährt, dann aber eine Freigabe der Tochter symbolisch 
dargestellt. So wurde der Konflikt in der Sphäre des Unbewußten selbst 
gelöst und damit das pathologische Symptom der Wurzel beraubt. 

Hinzu kam die starke positive Übertragung auf den hilfreichen Schamanen 
und auf die lebhafte Sympathie bezeugenden, sich zur selben Schuld be- 



Instinktive Psyiioanalyse unter Jen TSTavato-Indianem 107 



i 



nnenden und Gemeinschaft, ja sogar im Symbol sexuelle Verbindung 

bietenden Clangenossen. Damit setzt eine nicht geringe Suggestion ein, 
j-e weit über alle persönliche Anziehung hinausgeht, die wir dem Analytiker 
in einer kunstgerechten Analyse zubilligen. 

Die bei der Manifestation stillestehende „Analyse" darf, gerade weil sie 
den Widerstand umgeht oder überrennt, auch den Vorzug größter Kürze 
beanspruchen. Und so möchte man denn fragen, ob nicht derartige Halb- 
analyse verdiente, wissenschaftlich ausgebaut und als Instrument der Psycho- 
therapie ausgestaltet zu werden. 

Ich zweifle nicht daran, daß es möglich wäre, mit Hilfe vermehrten 
analytischen Wissens auf diesem Stück ein Beträchtliches über die bis- 
herigen, mehr instinktiv gewonnenen Erfolge solchen Vorgehens hinaus- 
zukommen. Vielleicht ließen sich auch in manchen Fällen befriedigende 
Resultate erzielen. Wir Analytiker würden uns darüber um so mehr freuen, 
als es ja unmöglich ist, den wirksamsten Beistand, den streng analytischen, 
allen bedürftigen Psychoneurotikern angedeihen zu lassen. Auf intensive 
Mitwirkung einer sympathisierenden, dem Leidenden affektiv nahestehenden 
Sozietät dürfte man dabei jedenfalls nicht verzichten.^ Dagegen wird es uns 
wahrscheinlich nie gelingen, eine solche Überfülle von kulturellen Maximal- 
leistungen in die psychotherapeutische Prozedur zu bringen, wie den Navahos, 
die alle Kunst, Poesie, gesellige Leidenschaft hineinlegen. In der katholischen 
Kirche finden wir allerdings, besonders an Wallfahrtsorten, Annäherungen 
dieser Art. 

Allein schon jetzt läßt sich so viel sagen, daß ganz schwere und tiefe 
Verwicklungen durch nur symbolische Analyse und Konfliktserledigung 
nicht unschädlich gemacht werden können. Gegenüber der bloßen Suggestion 
bedeutet das den Navahos eigene Verfahren sicher einen großen Fortschritt, 
da der innerste Konflikt gelöst und eine soziale Direktive erteilt wird. 
Allein wir wissen nicht, wann die Konfliktsbeschwichtigung vom Unbe- 
wußten wirklich bleibend angenommen wird, und wann Rückfälle in die 
neurotische Spannung, also auch in die früheren Symptome sich ereignen. 
In manchen Fällen ist es sicher der Fall. Alles spricht dafür, daß wir in 
schwierigen Fällen ohne Analyse im klassischen Sinne, also ohne vollbewußte 
Einsicht in die Ätiologie nicht auskommen. 



8* 



ti) Gesundbetende Sekten verwenden diesen Heilfaktor in Form der öffentlichen 
Fürbitte. 
I 



Oskar Piister 



Nacktrag 

Im Herbst 1950 besuchte Herr Jackson Stuart Lincoln, dem ich die 
vorstehende Studie mitgeteilt hatte, in Begleitung von Frau Armer die 
Navahos und hatte die Güte, über den analysierten Fall nähere Erkundi- 
gungen einzuziehen. Es gelang ihm, den einstigen Schwermütigen auf- 
zufinden und von ihm wertvolle Ergänzungen der Berichte Frau Armers 
zu erhalten. Er schreibt mir: 

„Er erzählte uns, daß er zur Zeit der Zeremonie sehr krank war, und 
daß er an schrecklichen Träumen und Ängsten gelitten hätte. Die Träume 
handelten alle von Bären, die ihn verfolgten, und er erwachte oft in großer 
Angst. Als Grund seiner Krankheit gab er an, daß sein Vater die Zeremonie 
des Bergsanges sah, als seine Mutter mit ihm schwanger ging. Der Berg- 
sang, der durch den Patienten und seine Familie zur Behandlung gewählt 
worden war, wurde gemäß dem Mythus vom Sohn des roten Bären, einem 
vernachlässigten Kinde, vom Medizinmann ausgeführt. (Dies ist nicht der- 
selbe Bergsang, den Matthews beschrieb, sondern wahrscheinlich die Ge- 
schichte des jüngeren Bruders des Dsilyi' Neydni.) Nach der Zeremonie war 
er völlig geheilt und der schlimme Traum hörte auf." 

Herr Lincoln fügt hinzu, daß die von Frau Armer gefilmte Zeremonie 
keine künstlichen Arrangements enthielt, sondern dem wirklichen Vorgang 
entsprach. Über den Geheilten weiß er noch hinzuzufügen, daß er seit 
seiner Kindheit nicht mehr mit seinem Vater zusammenlebte, daß dieser 
sich wieder verheiratete, und daß der Kranke im Augenblick der Zermonie 
lebende Kinder besaß; einige waren früher gestorben. 

Auch diese wertvollen Ergänzungen befriedigen unsere Wißbegierde 
nicht völlig und enthalten einen scheinbaren Widerspruch: Nicht der 
ij Schamane, sondern der Kranke und seine Familie sollen den Bergsang ge- 

wählt haben, der Film dagegen zeigte das Gegenteil. Immerhin bliebe auch 
nach Herrn Lincolns Nachprüfung die Möglichkeit übrig, daß die spezielle 
Form des Bergsanges vom Medizinmann gewählt wurde, und auf diese 
kommt es für uns an. Auch könnten der Patient und seine Familie sich 
auf den Rat des Fachmannes für den ßergsang entschieden haben. Von 
Wichtigkeit ist, daß der Bär als Trauminhalt erscheint. Damit wird natür- 
lich nicht geleugnet, daß auch, wie Frau Armer, die treffliche Beob- 
achterin, angab, von toten Kindern geträumt wurde. An unserer Deutung 
auf den Ödipushaß wird nichts geändert. Im Gegenteil erhält sie durch die 
Wahl der Zeremonie nach dem Epos oder Mythus „vom vernachlässigten 



Instinttive Psymoanalyse unter den NaTalio-IniJianern 



109 



Sohn" eine Bestätigung. Dagegen stellt die Zurückführung der Krankheit 
auf die Anwesenheit des Vaters bei der Bergsang-Zeremonie während der 
Schwangerschaft seiner Frau eine konventionelle Rationalisierung dar, mit 
der beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens nichts anzufangen ist, 
namentlich weil wir nicht wissen, welche Form der Zeremonie der Vater 
gesehen haben soll. Überhaupt verstärkt der Bericht Herrn Lincolns 
unsere Auffassung, daß noch viele Einzelheiten in Erfahrung zu bringen 
sind, bis eine erschöpfende psychoanalytische Untersuchung der Psycho- 
therapie der Navahos möglich sein wird. Ich hoffe, daß unsere Studie viel- 
verheißende Bahnen eröffnet hat und der Ethnologie einige Dienste zu 
leisten vermag. Daß die Genesung bis jetzt anhielt, verdient das Interesse 
des Analytikers. 



n 



-^ur Tneorie der r/rzienungsmittel 

Von 

Ricnara S t e r o a 

Wenn hier versucht wird, eine psychoanalytische Theorie der Erziehungs- 
mittel zu geben, so gilt diese Theorie in erster Linie für jenes Bereich 
der Erziehertätigkeit, das als die unter teils konstanten, teils wechselnden 
Wertsetzungen erzwungene Modifikation von Triebabläufen gekennzeichnet 
ist. Die Mittel also, deren Theorie wir uns bilden wollen, sind die im 
Bereiche der Trieberziehung angewendeten und anwendbaren. 

Im Säugling und frühaltrigen Kleinkind finden sich eine Fülle von 
Trieben, die ungeordnet und ungehemmt ihrer Befriedigung zustreben. 
Wie gelingt es dem Erzieher nun, einen großen Teil dieser Triebe zu 
bändigen, zusammenzufassen, abzulenken und zu unterdrücken? Durch 
welche Mittel vermag er in den Triebablauf modifizierend einzugreifen? 

Wir wissen, daß besonders die Sexualtriebe der Erziehung anfänglich 
sich entziehen, später ihr oft aufs hartnäckigste trotzen. Die Sexualtriebe 
finden anfangs ihre Befriedigung zugleich mit den großen Körperbedürf- 
nissen, deren Stillung vom Erwachsenen unbedingt gegeben werden muß, 
wenn er das Kind nicht zugrunde gehen lassen will; sie „schmarotzen an 
den Befriedigungen der Selbsterhaltungstriebe. Der autoerotische Kurzschluß 
im Befriedigungsablauf zahlreicher Sexualtriebe ist das zweite Moment, das 
sie der Erziehung entzieht. Wenn ein Trieb seine Befriedigung am eigenen 
Körper findet, wenn er eines fremden Objekts nicht bedarf, so ist eine 
lusthemmende Beeinflussung schwierig und durch Objektentzug häufig 
nicht gangbar. Auch verläuft sie vielfach unbemerkt und entgeht der Auf- 
merksamkeit des Erziehers. So bleiben zahlreiche Partialtriebe der Not des 
Lebens anfänglich entzogen, und diese Zeit der Freiheit der Befriedigung 
bedingt nach Freud ihre schwere Erziehbarkeit. 



Eines aber macht die Sexualtriebe der Erziehung zugänglich; die 
Plastizität"; ihre geringe Verlötung mit dem Objekt, die Vertretbarkeit 
inzelner Partialtriebe untereinander ermöglicht ihre Modifikation ent- 
sprechend den Wertungen der Erzieher. Die vier möglichen Arten der 
Modifikation der Triebe sind bekannt. Freud nannte sie die „Triebschick- 
sale" und unterschied die Verkehrung ins Gegenteil, die Wendung gegen 
die eigene Person, die Sublimierung und die Verdrängung. Der ökonomisch- 
dynamische Sinn, nach welchem der Trieb eines der Schicksale erfährt, ist in 
der erleichterten oder überhaupt erst ermöglichten Abfuhr der Triebenergie zu 
sehen; die Modifikation des Triebablaufs erfolgt also nach dem Lustprinzip, 
wenn wir allgemein und schematisch annehmen, Spannung und Unlust, 
Spannungsverminderung und Lust stünden in korrelativem Zusammenhang. 

Wenn auf eine bestimmte Energieabfuhr = Triebbefriedigung unter 
Lustgewinn durch die Erziehungsmaßnahmen regelmäßig eine Energie- 
erhöhung unter Unlust erfolgt, so verändert diese Erfahrung den Trieb- 
ablauf; die als Folge zu erwartende Unlust wird, wenn das Kind den Reiz 
der verbotenen Triebbefriedigung wieder verspürt, aus der Erinnerung probe- 
weise vorweggenommen ; sie erregt Furcht und verhindert daher den Be- 
friedigungsablauf. Durch die Erfahrung also erhält das Lustprinzip jenen 
Zusatz, den wir als Realitätsprinzip bezeichnen. Um die Einsetzung eben 
des Realitätsprinzips bemüht sich die Erziehung. 

An einem einfachen Beispiel kann dieser Vorgang klargemacht werden. 
Das Kind verwendet in der analen Phase den Stuhlgang zum erotischen 
Lustgewinn und trachtet diesen Lustgewinn möglichst groß zu gestalten. 
Es wird sich also Ort und Zeitpunkt der Entleerung entsprechend den 
Bedingungen des maximalen Lustgewinnes wählen. Von einem gewissen 
Zeitpunkte an wird der Erzieher dem entgegentreten. Er will Ort und 
Zeitpunkt der Defäkation dem Kinde vorschreiben (Reinlichkeitserziehung). 
Er erreicht dies dadurch, daß er dem Kind seinen Wunsch kundgibt, dessen 
Befolgung bejaht und belohnt, seine Verweigerung ablehnt und bestraft. 
Die Unlusterhöhung auf den Lustgewinn und der Lustgewinn auf den 
Lustverzicht sind die ökonomisch - dynamischen Faktoren der Erziehung. 
Die Triebschicksale sind mit Ausnahme der oft angestrebten Sublimierung 
gewöhnlich ungewollte Ergebnisse des erzieherischen Bemühens, Triebe an 
ihrer direkten Befriedigung zu verhindern und den psychischen Apparat 
zu veranlassen, Spannungen zu ertragen. 

Welches sind nun die Mittel, die die Erzieher gegen die Triebbefrie- 
digung anwenden? Als erstes Mittel müssen wir die Entziehung des 



Rimard Sterna 



Triebobjektes nennen. Durch diese Entziehung des Objektes soll die 
Befriedigung ausgeschaltet, das Kind also gezwungen werden, die Trieb- 
spannung zu ertragen oder anderswie abzuführen. Dort, wo ein Objekt- 
wechsel leicht gangbar ist, kann dieses Erziehungsmittel des Objektentzuges 
nicht angewendet werden. Bei starker Zerstörungslust etwa wird leicht bei 
Entzug eines Objektes ein anderer Gegenstand dem Kind die gleiche Be- 
friedigung an der Destruktion bieten und der Objektentzug schwierig oder 
unmöglich sein. Die Entziehung des Objekts ist auch dann häufig nicht 
möglich, wenn der Triebablauf ein autoerotischer ist, so z. B. bei analen 
Vorgängen oder bei der Onanie. Manche autoerotische Triebbefriedigungen 
allerdings können durch Objektentziehung verhindert werden, so wenn der 
Daumen von der oralen Zone durch Anbinden der Hände ferngehalten 
wird, wenn der Zugang zur Genitalzone durch entsprechende Kleider auch 
nachts verschlossen bleibt und was dergleichen mittelalterliche Erziehungs- 
praktiken mehr sind. Die Wirkung dieser Maßnahmen geht meist über 
die bloße Aufhebung der Befriedigungsmaßnahmen hinaus. Sie wirken, da 
ihre Anwendung dem Kinde unzweideutig den Unwillen des Erziehers über 
die Triebbefriedigung kundgibt, über die bloße Abstellung der Befriedigung 
hinaus als Androhungen des Liebesentzuges. 

Als zweites Mittel der Erziehung müssen wir die Unlustsetzung nennen. 
Wir meinen hier die Unlustsetzung durch Spannungserhöhung infolge 
Zufuhr solcher Reizmengen, die nicht aus der zu unterdrückenden Trieb- 
regung selbst stammen. Zwei Arten solcher Unlustsetzung können unter- 
schieden werden. Die erste ist die Leidzufügung, die zweite der Liebesentzug. 

Die „Leidzufügung" kann als körperliche und seelische Reizzufuhr 
erfolgen, durch Schläge z. B. oder durch strafweisen Entzug eines Objekts, 
das nicht mit der zu verhindernden Triebregung im Zusammenhang steht. 
„Wenn du das machst, wird dir ein Spielzeug weggenommen", oder „dann 
darfst du nicht zur Kinderjause gehen" oder „dann bekommst du keine 
Mehlspeise" lauten etwa einige Formeln dieses Erziehungsmittels. Es erfolgt 
also eine Spannungserhöhung durch einen Objektentzug unabhängig vom 
Triebbedürfnis, das unterdrückt werden soll. Dieser Objektentzug unab- 
hängig von der zu unterdrückenden Triebstrebung kann wirksam werden 
auch auf autoerotische Vorgänge und auf triebhaftes Verhalten, dessen Ob- 
jekt nicht entzogen werden kann. 

Voraussetzung für die Wirksamkeit dieses Erziehungsmittels ist ein Stück 
intellektueller Entwicklung, das die Einsicht in die Verbindung von Trieb- 
befriedigung und Straf folge ermöglicht. 



Aur TJieorie der Ersieliiingsniittel 



Als zweite Art der Unlustsetzung nannten wir den Liebesentzug. Um 
die Wirkung des Liebesentzuges voll würdigen zu können, müssen wir auf 
die neuere Angsttheorie Freuds eingehen. „Hemmung, Symptom und 
Angst" bedeutet eine energische Rehabilitierung des Ichs. Dem Ich steht 
gegen die aus dem Es andrängenden Triebabläufe ein Machtmittel zur Ver- 
fügung, das es in den Stand setzt, diese Abläufe zu verhindern. Dieses 
Machtmittel ist das Angstsignal. Die Erzeugung der Angst geschieht im 
Ich; der Appell des Angstsignals geschieht an die allmächtige Instanz des 
Lustprinzips und ist wirksam infolge der enormen Unlust, von der der 
Angstaffekt begleitet ist. Das Vorbild, nach dem der Angstaffekt erzeugt 
wird und dessen Reproduktion er nach Freud also darstellt, ist das Ge- 
burtserlebnis, also die unerhörte ökonomische Störung durch die Aus- 
treibung und die neuen Reizströme der Außenwelt. 

Wenn wir nach Freud für alle Affekte annehmen müssen, sie seien 
Reminiszenzen an stattgehabte Erlebnisse traumatischer Natur und Wieder- 
holungen damals zweckmäßiger Reaktionen auf diese Erlebnisse, so müssen 
wir vom Angstaffekt sagen, er sei ein relativ junger Affekt, denn das Grund- 
erlebnis dieses Affekts liegt nicht in der Vorzeit der Art, sondern des In- 
dividuums. Die Wichtigkeit dieses Affekts im seelischen Haushalte und 
der beinahe allmächtige Einfluß, der an sein Auftreten geknüpft ist, mag 
der relativen Jugendfrische des Grunderlebnisses zuzuschreiben sein. 

Freud betont in „Hemmung, Symptom und Angst", daß die biologische 
Einheit Mutter-Kind über die Fötalzeit hinausgehe. „Die Mutter, die zu- 
erst alle Bedürfnisse des Fötus durch die Einrichtungen ihres Leibes be- 
schwichtigt hatte, setzt dieselbe Funktion zum Teil mit anderen Mitteln 
auch nach der Geburt fort. Intrauterinleben und erste Kindheit sind weit 
mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des Geburtsaktes glauben 
läßt. Das psychische Mutterobjekt ersetzt dem Kinde die biologische Fötal- 
situation." (Ges. Schriften, Bd. XI, S. 7g.) In der ersten Zeit nach der Geburt 
sorgt die Brutpflege für die weitgehende Stillung sämtlicher Triebbedürf- 
nisse des Kindes; die ökonomischen Verhältnisse des Kindes sind also in 
dieser Zeit denen der spannungsfreien Intrauterinsituation weitgehend an- 
geglichen. Das Erlebnis der Geburt, die Grundlage des Angstaffekts also, 
trennt die beiden Zeitabschnitte voneinander. Die Liebe der Mutter für 
das Kind aber, die in der Pflege ihren Ausdruck findet, überbrückt ständig 
die Caesur des Geburtsaktes. Die Wirkung des Liebesentzuges ist damit 
klar gegeben. Liebesentzug und Fortsein der Mutter sind gleichbedeutend. 
Fortsein der Mutter aber heißt, den Gefahren einer großen ökonomischen 



114 



Rimard Dterba 



Störung wieder ausgesetzt werden wie bei der Geburt, heißt, Angst 
erleben. Die Androhung des Liebesentzuges oder eine partielle Aus- 
führung desselben erzeugt also Angst; sie bedeutet eine Reminiszenz an die 
unerhörten Erlebnisse der Geburtskatastrophe und veranlaßt das Individuum, 
die Triebabläufe, die dem Erzieher nicht genehm sind, als Gefahren zu 
betrachten, gegen sie die Angst zu signalisieren und ihre direkte Befrie- 
digung dadurch zu verhindern. Neben der groben Unlustsetzung ist der 
Liebesentzug in der Zeit der frühen Kindheit das einzige Erziehungsmittel; 
er muß durch den Appell an das Angstsignal als wirksamstes, wohl auch 
als grausamstes Erziehungsmittel überhaupt bezeichnet werden. Wir wissen, 
daß gerade die Angst des Kleinkindes im Zusammenhang mit dem Mutter- 
verlust und ihre Wiederholung in der Neurose des Erwachsenen zu den 
quälendsten Angsterlebnissen überhaupt gehört. 

Der Liebesentzug bedeutet also ein Herauswerfen aus der in ökonomischer 
Hinsicht fortgesetzten intrauterinen Situation; er ist in der frühesten Kind- 
heit das Haupterziehungsmittel. Da er Angst erzeugt, können wir also 
nicht anders als unter Mithilfe von Angst erziehen. Selbst bei der mildesten 
Erziehung kann die Angst nicht vermieden werden. Schon die Tatsache, 
daß auch nach mildester Erziehung ein Verdrängtes vorhanden ist, zeigt 
an, daß dabei Angst wirksam gewesen sein muß. Denn wir nehmen nach 
Freud an, daß die Verdrängung durch Angst bewerkstelligt wird. Zu- 
mindest muß man für einen gewissen Anteil des Verdrängten die Angst 
als Ursache der Verdrängung sich wirksam denken. Das Nachverdrängen 
freilich kann für große Anteile anscheinend völlig ohne spürbare Angst 
erfolgen, wie uns das Beispiel, des Traum vergessens etwa zeigt, bei welchem 
der Traum zerflattert und sich auflöst, d. h. verdrängt wird, ohne daß auch 
nur geringe Spuren von Angst wahrgenommen werden. Ähnlich werden 
später wohl vielfach bloße Ansätze zur Angstentwicklung aus der Androhung 
des Liebesentzuges zur Triebbändigung in der Erziehung genügen. 

Wenn wir bei Freud über die Erziehungsmittel nachlesen, finden wir 
regelmäßig die Liebesprämie in den Vordergrund gestellt. So z. B. in den 
„Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens", wo 
es heißt: „Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung 
zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch das 
Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will also jenem das Ich betreffenden 
Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe bieten, bedient sich zu diesem Zwecke 
der Liebesprämien von selten der Erzieher und schlägt darum fehl, wenn 
das verwöhnte Kind glaubt, daß es diese Liebe ohnedies besitzt und ihrer 



unter keinen Umständen verlustig werden kann." Diese und ähnliche 
Aussprüche über die Erziehungsmittel stammen aber aus einer Zeit, in der 
Freud noch an der alten Theorie der Umwandlung von Libido in Angst 
festhielt. Aus dieser Theorie konnte die angsterzeugende und triebhemmende 
Wirkung des Liebesentzuges nicht ersehen werden. Erst die neueren Er- 
kenntnisse über die Angstentstehung aus „Hemmung, Symptom und Angst 
lassen eine Einsicht in die Wirkung des Liebesentzuges, des kardinalen Er- 
ziehungsmittels, zu. 

Die Wirkung der Liebesprämie bleibt uns als nächstes zu erörtern.^ 
Eine Liebesprämie kann es in frühen Zuständen der Entwicklung nicht 
geben. Das Kleinkind befindet sich in einem Zustand dauernder weit- 
gehender Triebbefriedigung, man könnte sagen, es sei dauernd im Genuß 
der Liebesprämie. Es kann außerhalb dieses Zustandes weitestgehender 
Triebbefriedigung wohl auch gar nicht existieren. Es gibt kaum ein Plus 
an Zuwendung, ein Plus an Triebbefriedigung, das als Liebesprämie an- 
zusprechen wäre. Nur ein Minus oder die Gefahr eines solchen kann 
wirksam sein. Erst wenn durch dieses Erziehungsmittel des Liebesentzuges 
ein Stück Entwöhnung aus der postnatalen Fortsetzung der intrauterinen 
Situation erfolgt ist, kann die Liebesprämie, also ein Plus an Befriedigung, 
wirksam sein. Für die Wirksamkeit der Liebesprämie ist es notwendig, daß 
eine weitgehende Spannungslosigkeit, im weitesten Sinne die Einheit Mutter- 
Kind etwas Wiedererlangbares, also etwas Verlorengegangenes sei. Die 
Liebesprämie kann als ein Wiedereintauchen in den bereits verlassenen 
Zustand der biologischen Einheit Mutter-Kind betrachtet werden. Es ergibt 
sich also bei der Erziehung das Paradoxon, daß die Entwöhnung aus einem 
Zustande erfolgt einerseits durch Androhung der Abstellung dieses Zustandes 
und partielle Ausführung dieser Drohung (Liebesentzug), andrerseits durch 
ein Wiedereintauchen in den Zustand, dessen Entwöhnung angestrebt wird 
(Liebesprämie). Aber das Paradoxon löst sich leicht durch die Berücksich- 
tigung der Zeitpunkte dieser Erziehungsakte. Der Entzug oder seine An- 
drohung erfolgt gegen das allzustarke Festhalten an Befriedigungssituationen, 
letzten Endes am spannungsfreien Zustande der intrauterinen Situation, und 
die wenn auch nur partielle Wiederherstellung des ökonomischen Gleich- 
gewichtes der intrauterinen Situation durch die Liebesprämie tritt vorüber- 

i) Auch die Eröffnung oder Betonung neuer Lustquellen zum Zwecke des Ab- 
zuges des Interesses von unbrauchbaren anderen, möglich auf Grund der Plastizität 
der Sexualtriebe, kann als Erziehungsmittel gelten. Die Grenzen gegen die Liebes- 
prämie sind fließend. 



iSteroa: Zur Theorie der Ersieliimgsniittel 



gehend dann ein, wenn ein Akt der Ablösung vom spannungsfreien Zu- 
stand, also ein ünlustertragen, ein Stück Triebbewältigung gelungen ist. 
Durch die Wahl der Zeitpunkte und die Verteilung nach ökonomischen 
Rücksichten, durch das Abwägen der Masse von verpönter Lust und folgendem 
Liebesentzug mit Angstentwicklung einerseits, so wie beglückender Be- 
friedigung nach Triebverzicht andrerseits wird der Entzug zur Strafe, die 
Zuwendung zum Lohn. Die ökonomische Einfühlung des Erziehers wird 
daher für eine erfolgreiche Erziehung unentbehrlich sein. 

Bei der Untersuchung der Wirkung der Unlustsetzung anderer Art, etwa 
durch körperliche Züchtigung, als Mittel gegen eine Triebbefriedigung an- 
gewandt, muß wohl immer berücksichtigt werden, daß die unlustsetzende 
Handlung des Erziehers meist auch die Wirkung des partiellen Liebes- 
entzuges haben wird. Denn das Kind spürt immer, daß der Erzieher böse 
ist, wenn er straft, und zur Unlustwirkung der Strafhandlung an sich wird 
sich die Wirkung der Angst vor dem drohenden Liebesverlust addieren. 

Im Bereiche der Erziehung gibt es demnach eine Phase, in der in erster 
Linie der Liebesentzug als Erziehungsmittel angewendet wird und wirksam 
ist. Die Anwendung der Liebesprämie ist in dieser Phase unmöglich, da 
das Kind sich sozusagen ständig im Genuß der Liebesprämie findet, ohne 
diese wohl auch gar nicht existenzfähig wäre. Erst nachdem ein Stück 
Entwöhnung der Einheit Mutter-Kind eingetreten ist, vermag die Liebes- 
prämie im Sinne einer partiellen und passageren Wiederherstellung wirksam 
zu sein. In dieser zweiten Phase besteht die Möglichkeit, beide Mittel zur 
Anwendung zu bringen; sowohl der Liebesentzug wie die Liebesprämie 
sind zu dieser Zeit wirksam. Als dritte Phase der Erziehung könnte man 
jenen Abschnitt ansprechen, in dem die Liebesprämie von den Eltern- 
oder Erzieherpersönlichkeiten abgelöst und in der realen Außenwelt ge- 
sucht und gefunden wird: in einer geglückten Liebesbeziehung, in ge- 
lungenen Sublimierungen, in narzißtischen Befriedigungen mannigfacher 
Art. Diese Phase der Erziehung könnte man die „Phase der Entpersön- 
lichung der Liebesprämie" nennen; Teile der Latenzperiode und die großen 
Ablösungen der Pubertät gehören zu diesem Abschnitt. In diese Phase der 
Erziehung fallen auch die meisten Akte der „Nacherziehung" in der Analyse 
der Erwachsenen, insofern die Analyse bemüht ist, die Ablösung von den 
unbewußt festgehaltenen Objekten zu erzielen und die Befriedigungen der 
realen Welt auf dem Gebiete der Liebesbeziehungen, der Arbeit und der 
übrigen Genußmöglichkeiten des Daseins zugänglich zu machen. 



ü ber Traumdeutung in der jüdisciien Tradition' 



Von 



Jjezirksrabbiner Dr. B. Conen 

Friedriiistactt, Süeswig-Holstein 



Den Denkern, deren Worte die mündliche Lehre des jüdischen Gesetzes- 
lebens erfüllen, den Tannaim und Amoraim, stand es keineswegs fest, daß 
Träume prophetische Bedeutung haben. Wohl haben sie alle aus dem Glaubens- 
prinzip heraus den biblischen Träumen der Erzväter- und Josephsgeschichte 
den weissagenden Sinn zuerkennen müssen. Diese Anerkennung aber ist zu- 
gestandener Wunderglaube, ohne den das talmudische Judentum allerdings 
nicht besteht, und hat nicht verhindern können, daß Träume gewöhnlicher 
Menschen bei ihnen ganz unprophetische, ja gelegentlich rein psychoanalyti- 
sche Deutung finden konnten. Diesen Weg gibt Rab Chisda Ber. 55 a mit 
den Worten frei: „Ein ungedeuteter Traum ist ein ungelesener Brief." Oder, 
noch krasser, der Palästinenser Rabbi Jonathan ib. b: „Jeder träumt von dem, 
was in seinem Herzen ist, denn noch niemand hat von einer goldenen Palme, 
und noch niemand von einem Elefanten geträumt, der durch ein Nadelöhr 
geht. Über einen unberufenen „prophetischen" Traumdeuter mokieren sich 
Abaje und Raba ib. 56 a. 

Ein Sadduzäer erzählt ib. b dem Rabbi Jischmael Träume und erhält von 
ihm Deutungen, die allesamt der analytischen Methode nahestehen. Wir wählen 
einige aus. 

Traum 1: Ich gab einigen Oliven Öl zu trinken. Deutung: Du stehst in ver- 
botener Beziehung zu deiner Mutter. — Der Traum scheint das Öl als Sexual- 
symbol zu gebrauchen, — ähnlich wie bei Andreas Gryphius Neros Mutter 
in der Szene, wo sie ihren Sohn verleitet und meint, eine Mutter müsse ihrem 

1) Die Arbeit stellt einen Teil einer umfassenden Untersuchung der Beziehungen 
zwischen jüdischer Tradition und analytischer Theorie dar. Anm. d. Red. 



B. Conen 



Sohne „nicht nur Milch, sondern auch Öl spenden können". Hier mag derVer- 
hüllungsmechanismus des Traums auch angedeutet haben: Du führst Leben 
in den Quell deines Lebens. 

Traum 2: Meine Augen küßten einander. Deutung: Du stehst in verbotener 
Beziehung zu deiner Schwester. Der Traum verhüllt die Geschwisterliebe in 
ein Gleichnis. So wie die Augen einander nahezustehen bestimmt sind, ohne 
einander je zu berühren, so auch die Geschwister. Diese Schranke hat der 
Träumende durchbrochen. 

Traum 3: Ich trat auf einen Myrtenzweig. Deutung: Du bist einer Jung- 
frau zwischen Trauung und Verehelichung nahegekommen (welche Zeit früher 
mehrere Monate zu dauern pflegte). Das Gleichnis ist klar. Allerdings wird 
man hiebei nicht an die ganz moderne europäische Jungfernkranzsitte denken, 
welche wohl um 280 in Palästina nicht bekannt war, sondern an die Häutchen- 
form des Myrtenblattes. 

Traum 4 : Ein Xweig war über mich gestürzt. Deutung : Der Mann ist 
Koitus in verkehrter Stellung gewöhnt. 

Traum 5 : Mir entflogen zwei Tauben. Deutung : Zweimal geschieden . 

Traum 6 : Ich schalte ein Ei. Deutung : Du hast Tote geplündert (Nekro- 
philie?). 

Traum 7: Man sagte mir, ich solle aus Kappadokien einen Schatz meines 
Vaters holen; mein Vater ist aber niemals in diesem Lande gewesen. Deutung: 
Kappee aramäisch = Balken; deka^io. Suche in der zehnten Balkenreihe. — 
Der Mann fand dort einen Schatz seines Vaters. Obgleich diese Deutungen 
reichlich mit solchen untermischt sind, die mit der Seele des Träu- 
menden nichts zu tun haben und sich wie Weissagungen über ganz außen- 
stehende Dinge ausnehmen, kann doch dieser Traum über Kappadokien nicht 
zu den Weissagungen gezählt werden. Hier kann ganz gut eine gewisse Ver- 
drängung mitgewirkt haben, die in einem ambivalenten Gefühl zum Vater und 
Erblasser ausreichend begründet wäre. Der Traum erscheint im Text zwischen 
solchen, die auf völlig asoziale Regungen des Träumenden schließen lassen. 
Auch der Kappadokientraum hat solche Wurzel: Der Mann hat wohl ge- 
wußt, wo der verstorbene Vater das Geld bewahrt hatte. Allein die durch 
unbewußten Vaterhaß (und vielleicht Erbgier) getrübte Sohnesseele hat den 
Platz des ersehnten Vermögens dem Gedächtnisse entzogen und darin bloß 
den Klang kappee-deka belassen, der nach irgendeiner Erwähnung Kappa- 
dokiens in einem Traum wieder auftauchen konnte. 

(Doch selbst in ihren nicht analytischen, sondern weissagenden Deutungen 
wenden die Amoraim 1. c. teilweise eine der Analyse nahestehende Methode 



üoer Traumdeutung in der jüdisdien Tradition 



119 




an. Sie deuten etwa eine Katze da, wo sie [ostaramäisch] schunra heißt, als Vor- 
zeichen eines schinnui ra, einer Veränderung zum Bösen, aber da, wo sie [west- 
aramäisch] schinra heißt, als schira naa, Lied von schöner Zukunft.) 

Etwas durchsichtiger in analytischer Beziehung kommen diese ganzen 
Träume und Deutungen in der Version des Midrasch Echa Babba 1, 15 
zu Thr. 1, 1 zijr Geltung. Dort wird die Größe des vergangenen Jerusalems 
unter anderem an der gewaltigen Weisheit des Rabbi Jischmael bar Jose 
gezeigt. Ein Samaritaner spielt sich als Traumdeuter auf, wird wohl gut 
honoriert und deutet alles Gold in Gold. Rabbi Jischmael setzt sich zu 
ihm und entlarvt ihn öffentlich als Schwätzer. Der erste Kunde hat von 
der Olive geträumt, die in Ol getränkt wird. Der Samaritaner ist schnell 
bei der Hand: „Olive gibt Licht und Öl gibt Licht; du wirst Licht in Licht 
sehen. Der Rabbi aber verwünscht den Samaritaner und deutet auch hier 
auf den Ödipuskomplex. Der nächste Kunde hat geträumt, eins seiner Augen 
verschlinge das andere. Der Samaritaner sieht auch hier „viel Licht", R. Jisch- 
mael aber verbotene Beziehungen zwischen den Söhnen des Träumers. 
Also auch hier negative Halluzination, etwas, das der Mann nicht beob- 
achtet zu haben meint, aber bemerkt haben muß und sich, aus Scham, 
nur im Traume eingesteht. — ■ Ein anderer hatte im Traume drei Augen. 
Der Samaritaner deutet selbstredend auch hier auf viel Licht; der Kunde 
ist aber Bäcker, und so erkennt der Rabbi in dem dritten Auge das des 
Backofens, das den Träumer anglotzt und ihm so seinen uneingestandenen 
ßerufsüberdruß offenbart. Ähnlich faßt der Rabbi die vier Ohren des nächsten 
Traumes entgegen den Pseudoprophezeiungen des Samaritaners als Traum- 
symbol des Berufsüberdrusses auf; der Träumer ist Reisigleser, und die über- 
zähligen Ohren sind die seiner Kiepe, vor der ihm alle Leute fortwährend 
ausweichen. Einem Getreidelagerhalter, der von ihm applaudierenden Händen 
und Rufen träumt und vom Samaritaner dafür eine ziemlich banale Deutung 
erhält, erklärt Rabbi Jischmael: Die Beifallsschreie (menappechin) bedeuten 
aufquellendes (gleichfalls menappechin) Getreide, die auf ihn zeigenden Finger 
Tropfen vom undichten Dach aufs Korn und die bis zu seinem Angesicht 
erhobenen Finger das „Auswachsen", also völlige Verderben der Körner. Zu 
ergänzen: das er befürchtet oder bemerkt hat, ohne es sich außerhalb des 
Traumes einzugestehen. Hier kommt die sprachliche Kontamination (zweier 
Bedeutungen von menappechin) und außerdem ein „Verdrängen" des Berufs- 
überdrusses im Traume zustande. Auch der Traum von „Kappadokien" kehrt 
hier mit geringer Traditionsvariante wieder; hier wird auf xditna SoHia^ 
ao Balken gedeutet. 



B. Conen 



In die gleiche Richtung weist ib. 18 die Deutung Rabbi Eleasars; eine 
Frau hat von auseinanderberstenden Balken ihres Hauses geträumt, und 
R. Eleasar deutet auf eine bevorstehende Schw^angerschaft. Allerdings leitet 
dieser Fall schon zu den prophetischen, nicht analytischen Deutungen über. 

So vielgestaltig die Stimmung der Amoraim über solche allgemeine 
Probleme wie den Sinn der Träume sich darbietet, so eindeutig umrissen 
ist trotz aller Einzelmeinung ihre gemeinsame Grundeinstellung zu Fragen 
des Gesetzes und des Bekenntnisses. Aus ihren gesetzlichen Anordnungen 
allein kann man bündige Schlüsse ziehen. In der zitierten Berachotstelle, 
und noch sin vielen anderen, wird nun die Lehre aufgestellt: Wer einen 
beängstigenden Traum gehabt, soll sich bemühen, ihn zum Guten zu deuten. 
Gelingt ihm dies nicht, so soll er sich einen Fasttag auferlegen; dies ist 
der einzige Anlaß, aus dem man sich auch an festlichen Tagen, selbst am 
Sabbath, ein freiwilliges Fasten verordnen darf. Man denke: Aus noch so 
wohlgemeinten selbsterzieherischen Entschlüssen, die ohne Traum zustande 
kommen, darf ein freiwilliges Fasten an frohen Tagen nicht übernommen 
werden, — auf ein Traummotiv hin aber wohl! Dies ist unbestrittene 
Meinung aller Amoraim, und die gesetzliche Diskussion bezieht sich aus- 
schließlich auf die Buße, die man später wegen des verstörten Festtages 
auf sich nehmen soll, hat also mit unserem Prinzip gar nichts zu tun. 
Das läßt nur die logische Folgerung zu: Das schnelle Vergessen der spinne- 
webzarten Andeutungen des Traums, das die ersten Mahlzeiten des Tages 
gar zu leicht bewirken, sollte vermieden und die Selbsterkenntnis als 
erstes Fundament wahrer Buße durch asketisch geschärftes Nachsinnen über 
den Trauminhalt wacherhalten und verstärkt werden. Die Beichte vor Menschen 
ist im Judentum unbekannt, das Sündenbekenntnis formelhaft vorgeschrieben. 
Schöpferisches Bekenntnis soll der Getreue des Talmud aus den Andeutungen 
hervorholen, die ihm der Traum macht, der ihn allein das ganze Grauen 
seines unbewußten Innenlebens ahnen läßt. Diese Denkrichtung des Gesetzes 
mag sich auch in den etwas verschleierten Andeutungen der spätmittelalter- 
lichen Exegeten Gersonides und Ibn Esra zu Job 33, 15 verbergen. Man über- 
setzt diesen Vers gewöhnlich: Dann (im Traum) enthüllt Er der Menschen 
Ohr und besiegelt (wenn sie sich daraufhin nicht bessern) das Enthüllte 
durch Zucht an ihnen. Nach dem Genannten ist jedoch gemeint: Dann 
enthüllt er das Ohr der Menschen und „besiegelt" den Traum durch einen 
erziehenden, und zwar vermittels Schrecks erziehenden Inhalt. 

Mit weniger Mühe kann man jenes ganze Kapitel, die Antwort des Elihu, 
als eine Art analytischer Schilderung erkennen. Ein Traum übt erschreckende 



über Traumdeutung in der jüjisjlien Tradition 



Wirkung und bringt den Menschen körperlich und seelisch ahwärts. Nun 
müssen wir nur den Vers vom Fürsprechengel richtig begreifen : Wenn nur 
an (nicht außer) ihm Einer von Tausenden Fürsprechengel sein kann, um 
dem Menschen selber (nicht wie Ibn Esra allein meint: über ihn) seine 
Redlichkeit zu künden, dann ist er befreit und ausgelöst. Unter tausend 
unbewußten Verdrängungen und Trieben das eine befreiende und zur Selbst- 
erkenntnis führende Persönlichkeitsmoment heraufzuholen, ist heute das Pro- 
blem der Psychoanalyse und ihrer Therapeutik — und dort der supponible 
Sinn des Traumfastens. 



Imago XVIII. 



REFERATE 



Flügel, J. C: The Psycliology of Clotlies. (Tke Internationa! 
Psycno-Analytical Ijxbrary. Tlie Hogartn Press, igSi.) 

Der Hauptteil des Buches behandelt das Verhältnis des Menschen zu seiner 
Kleidung in Vergangenheit und Gegenwart. In den vier letzten Kapiteln aber 
spricht Flügel von den Veränderungen, die dieses Verhältnis bei einer tieferen 
psychologischen Einsicht in seine Bedingungen möglicherweise erfahren würde. 
Das Buch gliedert sich demnach in zwei Teile, in die reine und in die an- 
gewandte Kleidungspsychologie. Wenn es auch viele Gedanken enthält, die 
nicht unmittelbar psychoanalytischer Natur sind, so konnte es doch nur von 
einem Analytiker geschrieben w^erden, und es darf beanspruchen, der Psycho- 
analyse ein neues Anwendungsgebiet eröffnet zu haben. Daher ist auch seine 
Aufnahme in die Psycho- /Inalytical Library voll gerechtfertigt. 

Zunächst erörtert Flügel die drei grundlegenden, für die Kleidung maß- 
gebenden Motive: das des Schmückens (decoration), das der schamhaften Ver- 
hüllung (modesty) und das des Schützens (protection). So erfordert z. B. das 
Schamgefühl die Verdrängung des phallischen Exhibitionismus, aber der unter- 
drückte Trieb kommt im Schmuck — etw^a in Gestalt eines aufs Haupt ge- 
setzten Zylinderhuts — zu einer symbolischen Befriedigung. Verschiedene 
Intensitätsgrade in der Verdrängung des phallischen Exhibitionismus werden 
illustriert durch den Hosenlatz, die „poulaine" (den phallischen Schuh) und 
durch den modernen Schuh, bei dem zugunsten der spitzen Form sogar die 
Bequemlichkeit geopfert wurde (S. 27 — 28). 

Flügel beschreibt jede Form der Schamhaftigkeit durch die Angabe von 
fünf bestimmenden Momenten. Die Abwehr, sagt er, kann sich entweder gegen 
eine Zurschaustellung im sozialen oder im sexuellen Sinne wenden, entweder 
gegen eine Tendenz, den nackten Körper zu zeigen oder gegen die Neigung, 
prächtige Kleider sehen zu lassen, gegen eine Entblößung vor sich selbst oder 
vor anderen, gegen ein Verlangen oder gegen einen Widerwillen — und all 
dies kann sich noch auf die verschiedensten Körperteile beziehen (S. 54). 

Die Kleider sind nicht nur ein Schutz gegen Kälte und Hitze, gegen mensch- 
liche und tierische Feinde und gegen Unfälle, sie schützen auch vor psychischen 
Gefahren. Unter diesen sind Zauberei und böse Geister die augenfälligsten, und 
zu ihrer Abwendung hat man oft Phallussymbole der verschiedensten Art als 



Refe 



ia3 



Talismane getragen. Insbesondere zeigt Flügel, daß Kleider auch zum Schutze 
gegen moralische Gefährdung dienen können. So „schützt sich der Mönch 
durch seine schlichte, alles bedeckende Tracht gegen die lockenden Versuchungen 
dieser verderbten Welt" (S. 74), und ähnliche Motive liegen den dunklen 
Farben und der Steifheit unserer gegenwärtigen Kleidung zugrunde. Schheß- 
lich mag die Kleidung auch den schützenden Mutterleib symbolisch darstellen 
(S. 81 — 84). 

Natürlich gibt es auch individuelle Unterschiede in unserem Verhältnis zur 
Kleidung. Der revolutionäre Typ hat einen kräftig entwickelten Haut- und 
Muskelerotismus, sein Exhibitionismus ist nur wenig sublimiert, und daher ist 
auch das Schamgefühl ebenso wie das Schutzbedürfnis nur schwach entwickelt. 
Der entsagende (resigned) Typ ist, wie sein Name besagt, eine durch Ver- 
zicht entstandene Umbildung des revolutionären. Der gefühlsarme Typ hat 
„weder starke kleidungsfeindliche autoerotische Elemente" noch „einen kräftigen, 
auf die Kleidung verschobenen Exhibitionismus" und daher „kein ausgeprägtes 
Schamgefühl und kein intensives Schutzbedürfnis." — „Im prüden Typ 
triumphiert das Schamgefühl" (S. 96). Dann gibt es auch einen Gewissenstyp, 
bei dem eine bestimmte Art, sich zu kleiden, zu einem sichtbaren äußeren 
Zeichen eines strengen Über-Ichs geworden ist (S. 98). 

Von diesen Typen, die alle einen positiven Lustgewinn aus der Kleidung 
ziehen, muß der schutzsuchende (protected) Typ unterschieden werden, 
der sich durch die Kleidung vor der physischen und seelischen Kälte der Außen- 
welt schützen will, und der stützungsbedürftige (supported), dem die 
Phallussymbole, mit denen er sich schmückt, einen Halt geben. Bei dem Subli- 
mierungstyp treten die autoerotischen Elemente hinter der Fähigkeit, den 
Exhibitionismus zu sublimieren, zurück. Schheßlich gibt es noch einen selbst- 
zufriedenen Typ, dessen Selbstzufriedenheit sich oft als eine Abwehr des 
aus dem Kastrationskomplex entspringenden Minderwertigkeitsgefühls erweist. 
Neben den individuellen Unterschieden gibt es in unserem Verhältnis zur 
Kleidung natürlich auch Geschlechtsunterschiede. Bei Primitiven sind gewöhn- 
lich die Männer reicher geschmückt, die Frauen schamhafter verhüllt. Bei 
uns allerdings dreht sich dies Verhältnis um. Flügel erklärt die Tatsache, 
daß unsere Frauen heutzutage eine mehr dem Schmuckinteresse dienende 
Kleidung tragen, aus dem diffuseren Charakter ihrer Sexuallibido. „Die männ- 
liche Libido ist in relativ entschiedener Weise auf den Phallus konzentriert 
und kann daher in einzelnen Schmuck- und Kleidungsstücken verhältnismäßig 
leicht einen symbolischen Ersatz für dieses eine Organ finden; viel schwieriger 
ist es, eine allgemeine symboUsche Darstellung für den ganzen Körper zu 
finden. Denn trotz seiner vollständigen Verhüllung muß irgendwie die Vor- 
stellung des unter der Kleidung verborgenen lebendigen Fleisches erhahen 
werden. Hierin liegt der wesentlichste Grund dafür, daß bei den Frauen die 
Verschiebung des exhibitionistischen Interesses vom Körper auf die Kleidung 
nicht so vollständig gelingt wie beim Mann, und daß daher bei ihnen eine 
größere Bereitschaft besteht, neben der Verschiebung des Exhibitionismus auch 
etwas von tatsächlicher Entblößung eintreten zu lassen, wie das in der Sitte 



13^ 



Ivele 



des Decollete zum Ausdruck kommt" (S. 108). Es wäre interessant, Betrach- 
tungen darüber anzustellen, ob der diffusere Charakter der weiblichen Libido 
etwas Ursprüngliches oder ein Kulturprodukt (d. h. durch ein Trauma ver- 
ursacht, vgl. Dalys Menstruationskomplex) ist. Der männliche, in der Kleidung 
zum Ausdruck kommende Exhibitionismus hat jedenfalls seit der französischen 
Revolution eine starke Verdrängung erfahren. 

Nach einer Einteilung der Kleidung in primitive, tropische und arktische 
und in fixierte und der Mode folgende Typen folgen zwei Kapitel über Ur- 
sachen und Wechsel der Moden. Das Hauptmotiv der Modebildung, sozialer 
und sexueller Ehrgeiz, ist mit erheblichem, wenn auch nicht vollem Erfolge 
von denen, die ein kommerzielles Interesse an der Mode haben, auf scharf- 
sinnige Weise erforscht worden. Die Geschichte der Mode eines Volkes, kann 
man beinahe sagen, ist die Geschichte seiner Erotik. „Es gibt Perioden, in 
denen der Exhibitionismus triumphiert, und solche, in denen er aufs schärfste 
unterdrückt wird" (S. 155). Es gibt also auch „einen Wechsel des Grades, 
in dem der Exhibitionismus vom Körper auf die Kleidung verschoben wird. 
In dem einen Extremfall haben die Kleider an sich eine vergleichsweise geringe 
Bedeutung. Sie dienen dann nur der Zurschaustellung des Körpers, dienen als 
Folie für seine Reize ... Im anderen Extremfall ist der Körper wenig mehr 
als — um mit Carlyle zu reden — ein Kleider-Pferd, und die ganze Wirkung 
geht von den Kleidern aus, die ihm umgehängt werden" (S. 156 — 157). Es 
sind auch nicht immer die gleichen Körperteile, die die stärkste Betonung 
erfahren. „Während des späten Mittelalters und der Renaissance galt das größte 
Interesse dem Unterleib, der so sichtbar wie möglich gemacht wurde." Denn 
damals war Fruchtbarkeit ein Ideal. „Im achtzehnten Jahrhundert wandte man 
sich von dieser Verherrlichung des Unterleibes wieder ab . . , und zwar zu- 
gunsten eines wachsenden Interesses an Busen und Hüften. Nach der Empire- 
zeit „rissen die Hüften das gesamte Interesse an sich und, um sie zu akzen- 
tuieren, schwollen die Kleiderschösse zu gewaltigen Formen auf ... In der 
Folgezeit wich die Betonung der Hüften einer Akzentuierung der hinteren 
Körperpartien und in den siebziger und noch einmal in den achtziger Jahren 
trugen die Frauen etwas, was wirklich fast wie ein Schwanz aussah ... In der 
Gegenwart ist das Interesse vom Rumpf auf die Extremitäten übergegangen 
(S. 160 — 161). 

Flügel zieht eine Parallele zwischen der Entwicklung der Tierarten und 
der der Kleider. Wie es im Körper rudimentäre Organe gibt, so gibt es auch 
in der Kleidung viele rudimentäre Elemente, die ihren praktischen Zweck 
überlebt haben und nur noch zum Schmucke dienen, z. B. die Knöpfe auf 
der Rückseite des Schoßrocks und der umgeschlagene Teil der Stulpenstiefel. 

Nach dieser ausführlichen und rein betrachtenden Analyse der Kleidungs- 
psychologie erörtert Flügel noch am Schluß seines Buches einige praktische 
Folgerungen, die man aus seiner Untersuchung ableiten könnte. Er stellt das 
folgende Axiom auf: „Das Ziel einer vernünftigen Bekleidungstechnik muß 
sein, unter Berücksichtigung des Realitätsprinzips ein Maximum an Trieb- 
befriedigung zu gewähren." Für jeden, der den analytischen Teil des Buches 



I 
1 



Refe 



mit Verständnis gelesen hat, muß es klar sein, daß unsere heutige Kleidung 
von diesem Ideal sehr weit entfernt ist. Sie könnte sehr gut schöner, ge- 
sünder, billiger und bequemer sein. Aber die Anwendung von Flügels Kriterium 
stößt auf eine Schwierigkeit, die Schwierigkeit nämlich, zu bestimmen, welches 
Maß an Befriedigung des Schmuckbedürfnisses, des Schutzbedürfnisses und des 
Schamgefühls dem Realitätsprinzip gerecht wird. „Wir müssen zugeben, daß 
der bloße Umstand, daß Kleider aus Schamgefühl und zu Schmuckzwecken 
getragen werden, beweist, daß die Voraussetzungen unseres Grundsatzes nur 
sehr unvollständig erfüllt sind, und daß wir uns eines Kompromisses schuldig 
machen müssen, indem wir diesen oder jenen Beitrag zur Kleidungsreform in 
Vorschlag bringen, — wenigstens so lange, bis wir durch fortschreitende Reformen 
die Kleidung schließlich einmal ganz beseitigt haben werden" (S. 257). 

Das ganze Buch bewährt das hohe wissenschaftliche Niveau Flügels; es ist 
methodisch klar und vorurteilslos geschrieben. Außerdem erschließt es eine 
neue Provinz der Wissenschaft im allgemeinen und der angewandten Psycho- 
analyse im besonderen. Diese Eigenschaften sichern dem Buch einen beträcht- 
lichen wissenschaftlichen Wert; aber wir können voraussagen, daß seine in- 
direkten praktischen Auswirkungen nicht weniger bedeutungsvoll sein werden. 

AI oney -Kyrie (LoiiJon) 

Frazer, J. G.: Mytks of tte origiu of fire. Macmillan & Co., Ltd., 
London igSo. 

Der Titel dieses Buches gibt den Inhalt so vollständig an, daß man in einem 
Referat kaum mehr etwas hinzufügen könnte. Wir haben hier eine umfassende, 
nach Möglichkeit vollständige Sammlung aller die Entstehung des Feuers be- 
treffenden Mythen, dargestellt mit der Genauigkeit und in der ansprechenden 
Weise, die alle Arbeiten Frazers auszeichnen. Mehr ist freiüch auch nicht zu 
sagen. Über die reine Materialsammlung geht Frazer tatsächlich nicht hinaus. ^- 
Das Ergebnis ist, daß die ältesten Methoden des Feuerzündens dieselben sind, 
die heute noch von kulturell zurückgebliebenen Völkern angewandt werden : 
Der Feuerbohrer, die Feuersäge, der Feuerhobel und Stein und Eisen. Andere 
Probleme scheint es für Frazer innerhalb dieses Stoffgebietes nicht zu geben. 
Nirgends wird die Frage nach den psychologischen Motiven aufgeworfen, durch 
die die Menschen zu dieser Erfindung gedrängt wurden. Ununtersucht bleiben 
auch alle Inhalte der Mythen, die über die Technik der Feuerzündung und 
deren Hilfsmittel hinausgehn. Ein Beispiel wird genügen, um deutlich zu machen, 
wohin man kommt, wenn man die Wirksamkeit des Unbewußten, die Bedeutung 
der Symbolik, kurz alle Errungenschaften der modernen Psychologie außer 
Betracht läßt. 

„Wenn wir uns fragen, warum in diesen Mythen so oft die erste Feuer- 
zündung Tieren, insbesondere Vögeln, zugeschrieben wird, Wesen also, von denen 
ja auch jeder Wilde einsieht, daß sie gegenwärtig nicht im Besitz des Feuers 
sind, so scheint die plausibelste Antwort die zu sein, daß diese Sagen ursprüng- 
lich den Grund für gewisse Färbungen und sonstige Charakteristika jener Tiere 



lao Ivelerate 

liefern sollten, die der Primitive dem Feuer zuzuschreiben pflegt, und daß der 
Anspruch, Ursprung und Entdeckung des Feuers zu erklären, erst nachträglich 
in sie hineingebracht -worden ist." (S. 215, ii6.) 

Man muß also wieder einmal bedauernd feststellen, daß die Anthropologen 
die auf ihrem Fachgebiet von den Analytikern geleistete Arbeit fortgesetzt 
ignorieren, wie zum Beispiel Frazer in der sonst so vollständigen Bibliographie 
dieses Spezialproblems weder die einschlägige Arbeit Abrahams noch die 
Theorien Freuds erwähnt. E. J. (London) 

M oney-Kyrle, R. : Tlie M. eaning of iSacrifice. The International 
Psycno-Analytical Library, No. 16. London igSo. 

Diese großangelegte und ins Große strebende Arbeit empfiehlt sich durch 
ihre klare Disposition, die systematische Art der Untersuchung, ihre Klarheit 
und ihren Fleiß. Die Belesenheit des Verfassers, die auf psychologischem, mytho- 
logischem, religionswissenschaftlichem und ethnologischem Gebiete die gleiche 
ist, erw^eckt unseren Neid. Seine philosophische BUdung erw^eist sich besonders 
in der Diskussion schw^ieriger Begriffe. Die Deutung mancher Mythen ist ge- 
schickt und zeugt auch von psychologischer Einfühlungsfähigkeit, von Verständnis 
für das Denken und Fühlen der Antike. Die Darstellung und Kritik der Theorien 
über das Opfer sind klar und übersichtlich, w^as, wie etwa zum Beispiel bei 
Frazer, nicht immer leicht ist. Vereinzelte Bemerkungen, we die über den 
Zusammenhang der Institution der Nonnen und der Tempelprostitution der 
Antike, sind ausgezeichnet, leider ist die Zahl solcher Marginalien sehr gering. 

Es kommen nun sachte meine Einwände gegen das Werk, das die Londoner 
philosophische Fakultät mit Recht als Doktorarbeit approbiert hat. Diese Ein- 
wände beziehen sich nicht so sehr auf Fehler wrie auf Fehlendes, nicht so sehr 
auf Vorhandenes w^ie auf Mangelndes. Ich meine, die erste Vorbedingung für eine 
solche Arbeit ist ein Einfall oder, wenn man will, eine ganze Reihe von Ein- 
fällen. Jedenfalls, so glaube ich, muß ein glücklicher Einfall, dem man nach- 
geht, vor der Arbeit da sein; dieser Einfall kann sich auf den Stoff beziehen oder 
einen bekannten Stoff in einer neuen Art darstellen. Der Leser, der das vor- 
liegende Werk aufmerksam studiert hat, konstatiert hier mit Verwunderung, daß 
ein solcher Einfall fehlt. Money-Kyrle gibt eine Darstellung der analytischen 
Opfertheorie mit einigen eigenen Zusätzen, die sich für den Analytiker von selbst 
ergeben. Er berichtet, aber er produziert nicht. Was er berichtet, ist klar und 
korrekt, aber man wartet vergebens auf etwas Unbekanntes. Es ergibt sich so 
eine sehr instruktive, ziemlich blutleere Arbeit, die für den Anthropologen und 
den Religionswissenschaftler viel Neues bietet, dem Psychoanalytiker aber nur 
eine übersichtliche Darstellung der Opfertheorie gibt. 

Die Hypothesen, die der Autor über die verschiedenen Arten der Opfer 
aufstellt, ergeben sich, wie erwähnt, zum großen Teil als unmittelbare Folge- 
rungen aus Freuds Theorien. Gegen den anderen Teil ist sicherlich nichts 
Wesentliches einzuwenden, aber damit ist über ihn fast alles gesagt. 

An diesem Eindruck ist gewiß die Darstellung mitschuldig. Sie ist so un- 



Refe 



13/ 



geschickt wie möglich. Vor allem ist sie fast immer abstrakt, peinlich genau 
eingeteilt, unerbittlich deduktiv; sie stellt die Dinge fast immer einflächig dar, 
statt die Schichten aufzuweisen. Die Untersuchung ist immer systematisch, auch 
dort, wo sich die genetische Darstellung fast aufdrängt. Der erste Teil gibt eine 
ausführliche Übersicht über das Wesen des Ödipuskomplexes, diskutiert in abstrak- 
tester Form die psychologischen Begriffe, welche im zweiten Teil auf die Unter- 
suchung der Bedeutung des Opfers angewandt werden. Diese Anwendung aber 
macht es notwendig, etwa neu auftauchende Begriffe nicht nur zu diskutieren, 
sondern auch breit darzustellen, was die analytische Theorie darüber zu sagen 
hat. Ich gebe ein typisches Beispiel — eines für hundert — aus dem zw^eiten 
Teil (S. 244). Nachdem alle Arten von Opfer ausführlich eine nach der anderen 
untersucht und dargestellt w^urden, werden die Rationalisierungen und Über- 
determinierungen, die in der Opferinstitution enthalten sind, untersucht: „Es 
ist klar, daß in allen jenen Opferformen, in denen das Opfer gegessen wird, 
orale Elemente eine, Rolle spielen. Um nun, so weit es möglich ist, die Ge- 
schichte dieses Teiles zu rekonstruieren, w^ird es wünschenswert sein, uns mit 
den Beobachtungen und Theorien der Analytiker über den Ursprung und die 
Entwicklung der Oralerotik bekannt zu machen. Zuerst aber wird es notwendig 
sein, etwas über die Beziehung von Erotik zur Libido zu sagen." Nun folgen 
einige Seiten Sexualtheorie, dann wieder einige Absätze ihrer Anwendung auf 
die Institution des Opfers. Ein solches Verfahren ist nicht nur rein schrift- 
stellerisch mißglückt, es ist auch wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Es zeigt 
die rein mechanische Übertragung psychologischer Resultate auf ein anderes 
Gebiet. 

Die Meriten des Autors wurden bereits hervorgehoben; sie werden durch 
diese Ausstellungen nicht geschmälert. Was betont w^erden sollte, ist die Not- 
wendigkeit eines tragenden Einfalls für eine Arbeit dieser Art. Es sei auf Einzel- 
heiten nicht eingegangen, sondern nur gesagt, daß es sich hier um die sehr 
gewissenhafte Untersuchung eines Gelehrten handelt, der sich hoffentlich zum 
Forscher entwickeln wird. Reik (Berlin) 

Festscnrift, \V^illiam Otern zum 60. Geturtstag am 29. April igSi. 
Herausgegeben von seinen JVtitarteitern am PsycBiologisaien Institut 
Hamburg. Beihefte zur ^eitsArift für angewanote Psycnologie. 59. 
Jonann Ambrosius Bartn. Leipzig igSi. 

Alfred Adler wiederholt seine bekannten Anschauungen in einem Beitrag, 
„Der nervöse Charakter , etwa so: „Nun, der von der Individualpsychologie 
gefundene Zustand etwa einer Neurose ist natürlich nicht in einem Begriff zu 
schildern, wie überhaupt vsrir Individualpsychologen besonders darüber zu klagen 
haben, daß die Sprache zu arm ist, alles das knapp zu schildern, was wir 
gern geschildert haben möchten. Deshalb sind wir genötigt, zu beschreiben, und 
dabei trauen w^ir dem einzelnen Ausdruck nicht. Wir w^issen, wenn w^ir sagen 
,nervös , daß sich darunter tausend Varianten zusammenfassen lassen, von denen 
der Hörer kaum versteht, was der Vortragende meint. Wie soll er es dann 



ia8 Referate 

schildern? . . . Ich könnte z. B. eine Angstneurose nur verständlich machen, 
wenn ich auch das dazugehörige Gedankliche zu den Emotionen und Affekten 
der Angst in Beziehung setze, wenn ich auseinandersetze, auf welchem Wege 
des Denkens ein solcher Mensch zu einer solchen Emotion kommt, oder, anders 
ausgedrückt, welche Gedanken wir voraussetzen können bei einem Menschen, 
der an Angstzuständen leidet. Dann werden wir gewahr, daß sich darunter 
manches birgt, was von andern ganz anders verstanden wurde, die diese Zu- 
sammenhänge und ihre Bedeutung nicht ermessen haben, oder nicht bedacht 
haben, daß wir die Einzelheiten im seelischen Leben nur dann verstehen 
können, wenn wir den ganzen Zusammenhang kennen. Andernfalls kommt man 
zu Hypothesen, wie , Verdrängung', Gegensatz des , Bewußten und Unbewußten', 
triebhafte, emotionale Grundlage des Seelenlebens usw. Wir müssen zuerst das 
Individuum verstehen, dann können wir die einzelnen Teile seines Seelenlebens 
verstehen ..." 

David und Rosa Katz analysieren „Die Schimpfworte des Kindes", ein 
Thema, daß außerhalb der psychoancjytischen Literatur, die aber die Autoren 
ganz unberücksichtigt lassen, bisher kaum behandelt wurde. „Das Schimpfwort 
hat kathartische Wirkung"; es tritt beim älteren Kinde an Stelle der „hohen 
Bereitschaft, einen Gegner zu attackieren und ihn zu schlagen". Kinder über- 
nehmen nicht nur Schimpfworte aus ihrer Umwelt, sondern erfinden auch 
schimpfliche Ausdrücke, d. h. geben üblichen Worten beschimpfenden Sinn. 
Sie wählen hiezu oft die Namen von Dingen, die ihnen als entwertet bekannt 
sind, so: „Du schmutziges Handtuch", „Du A-a", „Du Nachttopf". „Es ist 
bekannt, daß in fast allen Kultursprachen wie auch in vielen primitiven Sprachen 
Bezeichnungen für Ausscheidungen als Schimpfworte gebraucht werden. In diesem 
Fall hat also das Kind aus demselben Gefühl heraus, aus dem dieses Wort 
[A-a] zum Schimpfworte in fast allen Sprachen geworden ist, das Schimpfwort 
geschaffen". Die „selbsterfundenen Schimpfworte gehen zum Teil von Worten 
aus, die in der Erwachsenensprache einen neutralen Charakter besitzen". Aus 
dieser Gruppe bringen die Verfasser zwei Beispiele „Klosterei" und „Papier", 
die sie nicht einleuchtend aufzuklären vermögen. Die Beobachtungen, die diese 
Arbeit bringt, belegen die psychoanalytische Auffassung, daß die Schimpfworte mit 
anal-sadistischen Tendenzen verknüpft sind. Für jene beiden „neutralen" Worte 
ließe sich von hier aus wohl auch zwanglos Aufklärung schaffen; man könnte 
an die anale Verwertung von Papier denken („Du bist einfach Papier!" schimpft 
das Kind zu seiner Großmutter); und Kloster wird häufig genug von Kindern 
geradezu für Klosett gesagt, klingt jedenfalls an dieses Wort an; doch ließe sich 
darüber nur bei Bekanntschaft mit diesen Kindern entscheiden. Der Zusammen- 
hang, den wir mit Hilfe der Libidotheorie als „anal-sadistischen" präzisieren, 
scheint sich auch den Verfassern aufzudrängen, kann sich aber, da sie der 
Libidotheorie fernstehen, nicht durchsetzen. 

Göza Revesz: Zur Psychologie der Furcht und Angstzustände: Unterscheidet 
„innerhalb der mit Furchtcharakter ausgeprägten Affekte Furcht und Angst". 
Bei zahlreichen augenfälligen Übereinstimmungen liegt das „trennende Haupt- 
merkmal in der intentionalen Beziehung. Die prinzipielle Scheidung vollzieht 



Referate 



139 



sich nicht auf der Ebene des Behavior und noch -weniger im Phänomenalen 

-wenn auch in diesen Richtungen bedeutende Differenzen aufzuweisen sind — , 

sondern im Intentionalen. Während die Furchtzustände sich stets auf gegen- 
wärtige unmittelbare Gefahren beziehen, richten sich die Angstzustände 
nur auf mögliche, vermutliche oder voraussichtlicheVorgänge gefährlicher 
Art ..." Also: „Ich habe Angst vor Schlangen; hingegen: ich fürchte mich 
vor dieser Schlange (vorausgesetzt natürlich, daß die Gefahr offenbar ist)." 
Das Furchtobjekt kann nur etwas Reales, Konkretes und niemals eine bloße 
Vorstellung oder ein Gedanke sein . Angst kann auch von Vorstellungen aus- 
gehen. Aber: „Nicht die objektive Gefahr, ihre wirkliche Größe, ihre Nähe 
entscheidet über die Furcht, sondern ihre subjektive Beurteilung, die Ein- 
schätzung der Lage. Daraus folgt, daß die Furcht mit dem Furchtobjekt ver- 
schw^inden muß, die Angst trotzdem bestehen bleiben kann. Die Angst oder 
doch die Angstzustände wären darum auch zu den Stimmungen und nicht zu 
den Affekten zu rechnen. Sie ist Charakter ologisch so viel bedeutsamer als die 
Furcht. Diese erlebens- und sprachpsychologisch weitgehend zutreffende Sonderung 
ermöglicht Revesz eine eingehende Analyse der Furchterlebnisse: Erschrecken, 
Entsetzen und Grauen, dessen Beziehung zum Ekel hervorgehoben wird. Der 
oft vertretenen Auffassung, die Angst könne objektlos sein, widerspricht der 
Verfasser entschieden: nur bew^ußtseinsmäßig sei dies der Fall: die Angst erhalte 
dann diffusen Charakter; aber das Angstobjekt ist nur „entweder wegen der 
Beschränktheit des Bewußtseinsumfanges zeitweilig aus dem Bewußtsein ge- 
treten oder infolge Verdrängung bis zur Überwindung des Widerstandes latent. 
Zahlreiche Beispiele liefert dafür die psychoanalytische Literatur". Der Hinweis 
auf die Selbstbeobachtung „entscheidet über die Frage nicht. Es müßte erst 
nachgewiesen werden, daß selbst nach einem psychoanalytischen Eindringen in 
das Unbewußte, nach Aufheben von Verschiebungen und Verdrängungen wir 
nicht imstande wären, latente Angstmotive zu entdecken." Die Bewußtseins- 
psychologie kann in solchen Fällen „nicht ausreichen. Diese Anschauung wird 
durch Freuds Forschungen in weitestem Maße unterstützt." Revesz macht 
darauf aufmerksam, daß Freud selbst von „Objektlosigkeit der Angst" spricht. 
„Jedenfalls muß Freud unter Objekt etwas anderes verstehen als wir." Was 
offenbar zutrifft, weil Freud dabei tatsächlich von dem bewußten Gegenstand 
oder vom Libidoobjekt spricht. „Überhaupt ist die phänomenologische Analyse 
der Angstzustände bei Freud sehr lückenhaft, sein Interesse wird beinahe aus- 
schließlich durch die genetische Fragestellung, durch die Frage der Herkunft 
der Angst beansprucht. Gerade deshalb ist die Arbeit von Revesz eine wichtige 
Bereicherung der Angsttheorie und verdient insbesondere Beachtung, weil sie 
einen unbewußten intentionalen Gegenstand zuläßt. Bedenklich wäre es, die 
phänomenologischen Analysen genetisch zu deuten, was Revesz, wie es scheint, 
nicht ganz fern liegt. 

Die anderen Arbeiten des Bandes haben zur Psychoanalyse nur indirekte 
Beziehungen (Giese und Kohnstamm berücksichtigen sie an gegebener Stelle): 
Jonas Gohn, Der physikalische Weltbegriff und das Leben; Fritz Giese, Per- 
sonalismus und Biologie; Heinrich Klüver, Veränderungsauffassung bei niederen 



i3o 



Referate 



Affen; Philipp Kohnstamm, Typen des Personalismus; Martha Muchor, Ent- 
■wicklungspsychologie des Kindes und Jugendlicher; Heinz Werner, Prinzip 
der Gestaltsschichtung; zur ange'wandten Psychologie schreiben: Helmuth Bogen 
Erich Jaensch, Otto Lipmann, Herbert Wunderlich. BernfelJ (Berlin) 

Plettner, Karl: Eros im Zucntnaus. JM.opr-VerIag, Berlin 1939. 

Das vorliegende Buch schildert in ausgezeichneter Weise die furchtbaren 
Qualen, die die Strafgefangenen in geschlechtlicher Hinsicht dulden. Die jahre- 
lang dauernde Unmöglichkeit, die Sexualität zu befriedigen, führt nicht nur zu 
zwangsartig unbefriedigender Onanie, Homosexualität und anderen Perversionen, 
sondern auch zu schweren Depressionen und halluzinoseähnlichen Zuständen. 
Die Behörden kümmern sich entweder gar nicht darum oder sie verschreiben 
unw^irksame Mittel. Der sowjetrussische Versuch, Geschlechtsurlaube zu erteilen, 
wird von ihnen strikte abgelehnt. ReicL (Berlin) 

ocneerer, Martin : Die Lenre von der Gestalt. Ihre Methode und 
inr psydiologisdier Gegenstand. Berlin und Leipzig xgSi, \S^alter de 
Gruyter & Co. 

Sorgfältig durchdacht wird die Gestaltpsychologie in ihrem ganzen Umfang, 
mit guten Beispielen und reichlichen Literaturnachweisen versehen, als „Wissen- 
schaft vom äußeren und inneren Gebaren von Lebewesen" dargestellt. Auch 
die Ansätze der Gestalttheorie, die nach der Physik und Geisteswissenschaft 
w^eisen, werden, ihrem „interwissenschaftlichen" Charakter und Anspruch ent- 
sprechend, nicht übersehen. Ist schon die Zusammenfassung und Sichtung der 
sehr breiten und ziemlich verstreuten gestaltpsychologischen Literatur ein Ver- 
dienst, so gibt Scheerer mehr als eine Kompilation; er versucht zu zeigen: 
„Was wird Gestaltpsychologie?" Er ist bemüht, die in ihrem Gewicht und 
in ihren Konsequenzen leicht unterschätzbaren, keimhaften Bemerkungen Wert- 
heimers und der andern, die zahlreichen unausgeführten Hinvyeise und vor- 
läufigen Mitteilungen konsequent zu entwickeln. Dadurch wird die Arbeit sehr 
anregend und interessant, aber es bleibt vielfach unsicher, ob die Gestaltpsychologie 
wirklich „so werden wird". Die Entwicklung der gestalttheoretischen Ansätze 
dient Scheerer zu einer gedankenreichen Kritik — von Stern, Cassierer und 
Hönigswald entscheidend beeinflußt, aber doch mit vielen neuen und eigenen, 
nicht immer präzis und einfach genug formulierten Gedanken, die darauf ab- 
zielen, den naturwissenschaftlichen, physikalistischen, objektivierenden Charakter 
der Gestaltpsychologie als ihre Grenze nachzuweisen, jenseits deren eine Art 
Bedeutungspsychologie Raum habe und notwendig sei. Die Psychoanalyse ist 
dem Verfasser offenbar mehr als oberflächlich bekannt: er führt mehrmals 
psychoanalytische Erkenntnisse zuungunsten der Gestedtpsychologie an und weist 
auf Verwandtschaften zwischen Psychoanalyse und Gestaltpsychologie, etwa mit 
der Bemerkung hin: „Bei genauerem Zusehen könnte man fast behaupten, an 
der Denkmethodik des gestalttheoretischen Begriffsapparates ließen sich wesent- 
liche Erkenntnisse der Psychoanalyse — freilich entsprechend transponiert — 



Refe 



aufzeigen. Es wäre vielleicht ein sehr fruchtbares Unternehmen, die psycho- 
analytische Methodik in die Gestalttheorie zu übersetzen und dabei zu sehr viel 
entscheidbareren Fragestellungen zu gelangen." BemfelJ (Berlin) 

Zeitschrift für psyckoanalytisclie Pädagogik V. Jalirgang, Heft i, 
Januar igSi. 

Die analytisch weitaus bedeutungsvollste Arbeit dieses Heftes ist die von 
Frieda Fromm -Reichmann über „soziale Minderwertigkeitsgefühle". Diese 
erweisen sich durchwegs als Rationalisierungen anderer, unbewußter Gefühle. 
Eine Tochter eines Tierarztes konnte diesen Beruf ihres Vaters nicht anderen 
Menschen eingestehen, ohne vor Scham zu vergehen. Hinter dem Begriff 
„Tierarzt" verbargen sich verdrängte Erinnerungen an reale Inzesterlebnisse 
mit dem Vater, so daß die Scham, einen Vater gehabt zu haben, der Tierarzt 
war, die deckte, einen gehabt zu haben, der vor Inzesthandlungen nicht zurück- 
scheute. — Eine zweite Patientin schämte sich ebenso, daß ihr Vater, ein 
russischer Gutsbesitzer, einen Laden mit Alkoholausschank gehabt hatte. Das 
deckte Erinnerungen an die Trunkenheiten des Vaters, in denen er häufig vor 
der kleinen Tochter uriniert hatte. 

Ein neues Gebiet analytisch-pädagogischer Fragestellung betritt Homburger 
mit der Frage, warum die „Bilderbücher" im allgemeinen ein so verzerrtes 
Bild der Kindheit zeichnen. Das entspreche einer Tendenz der Erwachsenen, 
die wahre Kindheit zu verleugnen; deshalb werden so puppenhafte Idealkinder 
gezeichnet. Man erhoffe sich daraus auch eine Einwirkung auf die Gewissens- 
bildung der Kinder. Aber diese habe ein Doppelgesicht, erreiche oft mehr als 
beabsichtigt („Max und Moritz" und „Adamson" wirken, zeigt Homburger, 
dadurch, daß sie für den Augenblick von der Strenge des Über-Ichs entlasten), 
und die Frage, wie man an dieser Stelle richtig dosiere, sei die Rardinalfrage 
aller pädagogischen Problematik. Damit, daß man etwa die Bilderbücher ver- 
dammte, wäre wenig geholfen. Wenn man sie einem Kind vorenthalte, so stoße 
es ja doch überall in der Welt auf die darin enthaltenen Tendenzen, und wenn 
ein Kind über ein Bilderbuch ängstlich werde, so sei das weniger Ursache als 
Anzeichen einer Neurose. Das Kind bemerke am Erwachsenen nicht so sehr 
die einzelnen Handlungen, die als bewußte „pädagogische Maßnahmen" aus- 
geführt werden, als die innere Tendenz. Auf diese käme es in der Pädagogik 
an. (Was heißt es, wenn gesagt wird, der Pädagoge solle „die psychischen 
Zeichen der Zeit erkennen" ?) 

Hitschmann bespricht die Form der Zwangsneurose beziehungsweise Angst- 
hysterie, die er seinerzeit „Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschlecht- 
lichen Eltemteiles" genannt hat, „für weitere Kreise". Ihre Genese aus dem 
Ödipuskomplex und die Mechanismen der Verdrängung und Reaktionsbildung 
werden an Hand von Fällen aufgezeigt. 

Hoffer zeigt an einem Beispiel, daß das Onanieschuldgefühl ein Motiv für 
Tagebuchschreiben abgeben kann. Ein Jugendhcher hat tatsächlich die sonst 
im Tagebuch verschwiegene Onanie erst in Chiffren und dann in erklärenden 



^ 



R-elerate 



Zusätzen, die er ein Jahr später machte, expressis verbis eingestanden. — Der 
Schluß, „aus der Tatsache, daß es erlaubte Onanieäquivalente und vor allem 
eine geheime Onanie gibt, sieht man, daß die Erziehung nicht so triebfeindlich 
und inhuman ist, wie ■wir es aus der ersten Reaktion der Erzieher oft schließen 
sollten", ist falsch. Man sieht aus dieser Tatsache höchstens, daß die trieb- 
feindliche und inhumane Erziehung ihr Ziel nicht voll erreichen kann, keines- 
wegs aber, daß diese Onanieäquivalente und die geheime Onanie ihr erwünscht sind. 

Ella M. Terry erzählt von einem Rind, das in pädagogischer Behandlung 
vom Stottern durch einen Übertragungserfolg geheilt wurde. Darauf begann es 
zu stehlen. Die Autorin vermutet im neuen Symptom ein Äquivalent des ver- 
schwundenen alten. Das Material, das mitgeteilt wird, ist sehr spärlich. Deutlich 
ist nur, daß das Kind sich mit analen Konflikten (Zurückhalten und Hergeben) 
herumschlägt. 

Melitta Schmideberg hat, da sie ähnliche Fälle zu behandeln Gelegenheit 
gehabt hat, den Mut, diesen Fall von Ella Terry trotz des spärlichen Materials 
analytisch zu interpretieren; ihre Deutungen behalten eben wegen des spär- 
lichen Materials für diesen Fall einen willkürlichen Charakter. Die Angst, den 
Stuhl herzugeben, gehe auf eine Art analer Kastrationsangst zurück, auf die 
Angst, die Mutter könnte ihr den Stuhl wegnehmen. Diese Angst sei wieder 
eine Vergeltungsangst für das von Melanie Klein mit Nachdruck beschriebene 
infantile prägenitale Objektziel, das Körperinnere (den Stuhl) der Mutter zu 
rauben. Da das Kind dann Geld stahl, um der Mutter dafür Schokolade zu 
schenken, sei ein Motiv des Stehlens der Wunsch, in die Lage zu kommen, 
diese ursprüngliche Raubphantasie wieder gutmachen zu können. 

Ein allgemeiner Aufsatz von Meng über „Psychoanalyse und Sexualerziehung 
ist voraussetzungslos geschrieben und hält es für nötig, gegen die Auffassung 
zu polemisieren, Geschlechtskrankheiten seien unanständig; dagegen werden 
viele sehr aktuelle Probleme der Sexualerziehung nicht erwähnt. Als wesentlich 
für die analjrtische Erziehung wird angeführt, daß uns „Sexualerziehung" 
„Trieb er Ziehung bedeute, daß nicht nur der Sexualtrieb im engsten Sinn, 
sondern auch der Aggressionstrieb Erziehung benötige, daß es auf das innere 
Gleichgewicht des Erziehers selbst mehr ankomme als auf Einzelmaßnahmen. 

V. Jalirgang, Heft a/5, JMärs igSi. 

Eine zusammenfassende Darstellung der psychoanalytischen Theorie fehlt in 
der Literatur leider noch durchaus. Der Interessent w^ar bis jetzt gezwungen, 
sich die einheitlichen Auffassungen aus den einzelnen Originalarbeiten selbst 
zusammenzustellen. Deshalb ist es sehr erfreulich, daß dieses Heft von berufener 
Seite, nämlich von Sterba, eine systematische Darstellung wenigstens eines 
Teiles dieser Theorie, der psychoanalytischen Libidolehre, bringt. Sie wird 
zwar dem, der von Analyse nichts weiß, nicht verständlich sein (das wäre 
w^ohl auch eine unerfüllbare Forderung), aber jedem, der etwas weiß, und dem 
es vor Gedanken und Terminis noch etwas wirr im Kopfe war, Klärung, und 
auch dem schon Klaren Gelegenheit zur Kontrolle und zum Nachschlagen über 



Refe 



i33 



Zusammenhänge libidotheoretischer Probleme bringen. — Nachdem Hitsch- 
mann die „Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschlechtlichen Eltem- 
teiles" beschrieben hat, macht er nun darauf aufmerksam, daß es auch eine 
Angst vor dem Tode des im Ödipuskomplex geliebten andersgeschlechtlichen 
Eltemteiles gibt, wenn sie auch selten ausgesprochen zwangsmäßigen Charakter 
trägt. Sie erkläre sich meist als Teil der Angst vor dem Zusammenleben mit 
dem übrigbleibenden gehaßten Eltemteil; doch dürfe man auch die Existenz 
des umgekehrten Ödipuskomplexes nicht vergessen. — Die Beziehungen von 
„Kind und Märchen" untersucht Hoff er. Die Märchen waren ursprünglich 
ein Phantasieschongebiet zur Erledigung in der Realität unanwendbarer unbe- 
wußter Triebregungen, übrigens iiicht nur der Kinder, sondern auch der Er- 
wachsenen. Erst sekundär seien sie in den Dienst pädagogischer Zwecke gestellt 
worden, hauptsächlich durch besondere Unterstreichung der in ihnen wegen 
verbotener Triebbetätigungen schließlich verhängten Strafen. (Die den märchen- 
erzählenden Erwachsenen erwünschte Wegwendung der kindlichen Trieb- 
regungen von der Realität wird als gesellschaftliche Funktion des Märchens zu 
wenig gewürdigt.) Die Wirkung von Märchen hänge deshalb von der seelischen 
Struktur des Kindes ab, das sie höre oder lese. Wer die Märchen als zu 
irrational aus der Erziehung verbannen wolle, sei kurzsichtig und unterschätze 
die psychische Realität des Irrationalen in der Rinderseele, wer sie als zu angst- 
erregend verurteile, habe für das gesunde Kind gleichfalls unrecht, weil „Ver- 
bot, Grausamkeit und Gewähren" in den Märchen „fein dosiert sind", wer 
schließlich das Märchen verurteile, weil es die zu unterdrückenden Triebe des 
Kindes zu sehr reize, irre erst recht, weil die Abfuhr in der Phantasie ja 
gerade vor der Abfuhr in der Wirklichkeit schütze (was das Hauptmotiv der 
pädagogischen Verwendung des Märchens sein dürfte). — Baudouin erzählt 
von einer kindlichen Enuresis, die der Ausdruck des Wunsches nach Identi- 
fizierung mit einem neugeborenen kleinen Geschwisterchen war und durch 
Erfüllung der gegenteiligen Wünsche nach „Erwachsensein" (dadurch, daß die 
kleine Patientin in einem großen Bett schlafen durfte) geheilt werden konnte. 
— Christa Scheulen beobachtete die Anteilnahme eines kleinen Mädchens 
an der Schwangerschaft einer Tante. 



V. Jalirgang, Heft 4, April igSi. 

Man hört gegen die Psychoanalyse häufig das Bedenken, die eingehende Be- 
schäftigung des Patienten mit sich selbst könnte ihm die Naivität, die Unmittel- 
barkeit des Erlebens rauben, die ewige Reflexion die Selbstverständlichkeit 
unmöglich machen, sowie bei Meyrink der Tausendfüßler nicht mehr gehen 
kann, nachdem die boshafte Kröte ihn zur Reflexion über die Kompliziertheit 
seiner Beinbewegungen verführt hat. — Schottlaender bemüht sich, dieses 
Bedenken zu zerstreuen: Der psychoanalytische Patient werde nicht von der 
Außenwelt abgelenkt und dazu bewogen, sich ganz in sich selbst einzuspinnen, 
sondern er werde auf dem Wege der richtigen Beschäftigung mit dem eigenen 
Ich zur Außenwelt gerade hingelenkt; je weiter die Analyse fortschreite, um 



l34 Referate 

SO mehr erhalte er mit dem Erstarken des Realitätsprinzips gerade Einsicht in 
die reale Schwäche und Abhängigkeit seines Ichs. — So richtig dies alles ist, 
scheint uns Schottlaender doch ganz zu übersehen, welch wichtiges und ein 
gehender Untersuchung wohl würdiges Problem in der Herausarbeitung des 
psychologischen Unterschiedes zwischen der erlebnisstörenden und der in der Psycho- 
analyse erwünschten Reflexion gelegen wäre. — Der Baseler Gewerbeinspektor 
Strub, durch Zulliger mit der Psychoanalyse vertraut, beschreibt in längeren Aus- 
führungen, wie er in Besprechungen mit Lehrlingen und Lehrherren die Kenntnis 
der Analyse anwendet. Es handelt sich bei aUen Beispielen um charakteristische 
Fälle von Übertragung, d. h. darum, daß Lehrlinge in das Lehrverhältnis 
unbewußt an andern Orten erworbene Einstellungen mithineintragen. Rann 
man das erkennen und mit den Betreffenden durchsprechen, so wird damit 
manche Schwierigkeit aus dem Weg geräumt. So dankenswert eine solche Arbeit 
gewiß ist, verbleibt doch der Eindruck, als ob Strub dazu neigte, nunmehr 
alle in Lehrverhältnissen • auftauchenden Schwierigkeiten nach solchem psycho- 
logiscJien Schema aufzufassen und damit die rein soziale Ätiologie vieler 
derartiger Zusammenstöße zu unterschätzen. — Der Diskussionsbeitrag zu 
Homburgers „Bilderbücher "-Aufsatz von Herta Fuchs bespricht in nicht sehr 
übersichtlicher Weise allerlei sehr verschiedene Themen: Das Interesse der 
Erwachsenen an Bilderbüchern, selbstgezeichnete Bilderbücher der Kinder und 
ihre Funktionen, die Möglichkeit, die Triebentwicklung eines Kindes an Hand 
von ihm angefertigter Zeichnungen zu verfolgen, die Reize des „Struwwel- 
peter" : Die Strafen drohen zwar, ihnen werde aber „durch humoristische 
Darstellung die Schärfe genommen". — Wechsler hat bei normalen Rindern 
eine Statistik der Gewohnheit des Nagelbeiß ens unternommen. Er stellte Maxima 
im sechsten und zwölften beziehungsweise vierzehnten Lebensjahre fest und 
erklärt dies durch die Freud sehe Annahme vom „zweizeitigen Ansatz" des 
menschlichen Sexuallebens. 

V. Jalirgang, Heft 5/6, Juni igSi, Sonderheft »Menstruation«. 

Es ist sehr dankenswert, daß die Redaktion das praktisch so belangvolle 
und doch bisher von der Psychoanalyse vernachlässigte Thema der Menstruation 
zur Diskussion gestellt hat. Was die bisherige Forschung khnisch und ethno- 
logisch über die unbewußten Begleit- und Folgeerscheinungen der Menstruation 
bereits festgestellt hat, wird hier von berufener Seite referiert. Nur wenige 
Arbeiten bringen darüber hinaus Neues, das auch den in der Literatur be- 
wanderten Psychoanalytiker interessiert. 

Zu diesem Wenigen gehört vor allem die Arbeit von Raren Horney, die 
das psychoanalytisch noch nie untersuchte Gebiet der prämenstruellen Ver- 
stimmungen zum Gegenstand hat. Daß mit den körperlichen Veränderungen 
des Prämenstruums auch eine somatogene Steigerung der Libido statthat wie 
in Pubertät und Rlimakterium, ist sehr glaubhaft und würde genügen, um 
verständlich zu machen, daß Triebkonflikte jedweden Inhalts um diese Zeit 
zyklisch exazerbieren. Horney meint aber darüber hinaus feststellen zu können, 



Referate 



i35 



daß unter diesen periodisch sich verstärkenden Konflikten diejenigen, die die 
Sehnsucht nach dem Rinde betreffen, ganz besonders hervorragen. Dieser Befund 
ist außerordentlich interessant und verdiente besondere Beachtung. Er erscheint 
uns um so interessanter, als wir der Autorin bei zwei Überlegungen, die ihn 
erklären sollen, nicht folgen können. Erstens scheint es uns unmöglich, daß 
die biologische Funktion der prämenstruellen Umstellungen als Schwangerschafts- 
vorbereitung sich einer unbewußten inneren Wahrnehmung als solche bemerk- 
bar machen könnte. Was sich bemerkbar macht, sind die Veränderungen der 
Druckverhältnisse im Bauche, die von einer schon bestehenden Schwanger- 
schaftssehnsucht unabhängig von der biologischen Funktion in ihrem Sinne 
interpretiert w^erden können. Auch das Schwinden der psychischen Beschwerden 
bei Eintritt der Blutung beweist da nichts, weil dieser Eintritt auch den Weg- 
fall der veränderten Druckverhältnisse, die interpretiert wurden, bedeutet. 
(Wenigstens betätigte sich eine von uns untersuchte ausgesprochen prämenstruelle 
Depression während dieser Tage absolut retinierend wie ein trotziges Kind 
auf dem Töpfchen. Setzte sich die Blutung schließlich dennoch durch, so war 
die Spannung wie nach einer Defäkation beseitigt. Es bestand die symbolische 
Gleichung Menses-Kot-Kind, und die Schwierigkeiten entsprachen den Wider- 
ständen, auf die der anal perzipierte Kindeswunsch stieß.) Zweitens erscheint 
uns die Annahme eines primären weiblichen „Triebes zur Mutterschaft" un- 
gerechtfertigt. Daß jede Frau sich triebhaft Kinder w^ünscht, ist zwar selbst- 
verständlich; aber solcher Wunsch ist ein komplexes Gebilde und hat eine 
Genese. Was sollte denn das Triebziel eines solchen ursprünglichen Triebes 
sein? Die Konzeption? Eine Sehnsucht danach wird sich psychologisch von 
dem weiblichen Sexualziel überhaupt kaum trennen lassen. Der Zustand der 
Schwangerschaft? Wo wir ein solches Triebziel antreffen, können wir es als 
abgeleitet erkennen ; wo es überstark ist, will die Frau das Kind auch in ihrem 
Körper zurückbehalten und nicht gebären. Die Entbindung? Insovsreit sie als 
Genuß erlebt wird, ist dieser Genuß sekundär-narzißtischer Natur; insoweit 
dabei unbewußt in entstellter Form Organlust gewonnen w^ird (Groddeck), 
ist diese schon entstellt und nicht ursprüngliches Triebziel. Die Brutpflege? 
Diese wird als deutliche Wiederholung infantil-sexueller Befriedigungen erkennbar. 
Beachtung verdient ferner die Arbeit von Melitta Schmideberg, die unser 
ethnologisches und klinisches Wissen über die Menstruation zusammenfaßt 
und in mancher Hinsicht ergänzt. Der Nachweis der Gleichsetzung von men- 
struierender Frau und Hexe, ferner der des Zusammenhanges zwischen Men- 
struation und sadistischer Sexualauffassung (die an andern wahrgenommene 
Menstruation wird auch deshalb für gefährlich gehalten, weil man unbewußt 
annimmt, sie stamme aus den eigenen sadistischen Impulsen, und deshalb die 
Rache fürchtet) erscheint gelungen. Es wird sodann an Krankengeschichten 
gezeigt, daß die Menstruation geeignet ist, alle möglichen infantil-sexuellen 
Konflikte junger Mädchen zu reaktivieren, nicht aber an sich besonders be- 
deutungsvoll ist. In beiden berichteten Fällen war die sadistische Sexualauf- 
fassung deshalb führend, weil die Mädchen in ihrer Angst vor dem Koitus 
auch die Straferwartung für gegen die Eltern gerichtete Aggressionstendenzen 



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R-elerate 



untergebracht hatten. Das imponiert aber doch wohl als ein Produkt sekundärer 
Verknüpfung, und es erscheint uns nicht angängig, die sadistische Sexualauf- 
fassung überhaupt als eine Straferwartung zu bezeichnen. — Inhaltlich waren 
Aggression und Talionsstrafe durch den „Raub des Mutterleibinhaltes" charakte- 
risiert; daß in dieser aus Milch, Kot, Rind und Penis verdichteten Vorstelljing 
des „Körperinnem" die Idee, der Penis des Vaters sei beim Koitus in den 
Leib der Mutter geraten, die Schmideberg für grundlegend hält, besonders 
führend war, geht aus dem Material nicht hervor. 

Für den Psychoanalytiker ist weiter eine „Zuschrift" von Daly interessant, 
in der er erzählt, daß er seine Ansichten über die primäre Natur des „Men- 
struationskomplexes erst in Selbstanalyse gew^ann und erst dann in dem von 
ihm publizierten ethnologischen Material bestätigt fand; er bricht eine Lanze 
für die nichtklinische psychoanalytische Forschung und kann auch diesmal nicht 
davon überzeugen, daß die Idee der Kastration gegenüber der durch die Men- 
struation mobilisierten Todesangst nur eine sekundäre Rolle spiele. 

Von Landauer hören wir Bruchstücke aus der Analyse eines jungen Mannes, 
in dessen Entwicklungsgeschichte die Menstruation eine grundlegende Rolle 
spielte. (Er hatte sich aus einem anläßlich einer frühzeitigen Menstruations- 
beobachtung erworbenen Kastrationsschock in eine kameradschaftliche, mit 
Gebärneid einhergehende „Identifizierungsliebe zu seiner Schwester gerettet — 
und vereinsamte völlig, als auch diese Schwester zu menstruieren begann.) 

Beobachtungen an puberilen Mädchen, die die verschiedenartigen Folgen der 
ersten Menses schildern, aber mangels analytischen Materials nicht tiefer blicken 
lassen, liefern Pfeffer (ein sehr verständnisvoller Lehrer, der in seinem Denken 
völlig psychoanalytisch orientiert ist und nur manchmal Eindrücke aus der 
Lektüre stärker zu Worte kommen läßt als die von ihm selbst gesammelten, 
so wenn er dem neurotischen Verhalten eines Kindes „möglicherw^eise" das 
„Geburtstrauma zugrunde legen möchte), Alice Freistadt-Lederer, Vor- 
wahl, Pipal und Crista Scheulen. Über den Wert einer rechtzeitigen Auf- 
klärung stimmen alle überein: Ihr Unterbleiben stellt jedenfalls eine große 
Gefahr dar. Wird sie aber gegeben, so garantiert das allein ebenfalls noch 
nichts, da sie bei schon bestehenden Verdrängungen die tiefen Schichten nicht 
mehr erreichen kann. Pipal berichtet auch von einem Manne, der durch eine 
Menstruationsphobie zum Sonderling geworden war. 

In allgemeiner Weise über „Menstruationsängste" spricht Mary Chadwick. 
Sie findet ihre Quellen zunächst in Kastrationskomplex und Onanieschuld- 
gefühlen, meint aber dann, daß ihnen, darüber hinaus, eine noch nicht klar 
durchschaute tiefere Quelle (eine uralte Blutscheu) zugrunde liegen müsse. 
Endlich erörtert noch Meng unsystematisch einige Probleme der Pubertätspsycho- 
logie und -pädagogik. Interessant ist dabei eine Patientin, deren Kastrations- 
komplex die Menses nach dem Modell einer vorangegangenen Nabelbruch- 
operation perzipieren ließ. Fenickel (Berlin)