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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre Grenzgebiete und Anwendungen XIX 1933 Heft 3"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO ANAEYTLS CHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XIX. Band 



l<)33 



Heft 5 



Abschiedsworte an Sändor F 



erenczi 

Von 

Max Eätingon 

Berlin 

Gesprochen in der Ferenczi-GedäJitnisfeier der Deuts chen Psychoanalytischen Gesellschaft 
in Berlin am it. Juni ig TT 

Liebe Kollegen und Kolleginnen! 
Verehrte Anwesende! 

Die Nachricht, die uns vor drei Wochen plötzlich traf, Sandor Ferenczi 
ei gestorben, erschütterte uns deshalb so besonders tief, weil sie uns einer 
Hoffnung endgültig beraubte, die wir trotz banger Sorge und schmerzlicher 
Trauer seit dem vorigen Kongreß, im September 1932, noch innigst hegten, 
die Hoffnung, daß Ferenczi doch noch gesund und in alter Anteilnahme an 
unser aller Arbeit führend in unsere Reihen zurückkehre. Wir Älteren 
hatten nämlich in Wiesbaden mit Kummer entdeckt, daß manche beun- 
ruhigende Zeichen und Nachrichten aus der Ferne nicht getrügt hatten, 
daß ein körperlich schwer kranker und uns verlorengehender Mensch dort 
vor uns stand. Unendlich schmerzlich war uns die Notwendigkeit, darauf zu 
erzichten, Ferenczi die Präsidentschaft unserer Psychoanalytischen Vereini- 
gung zu übertragen, ihm, dem Ältesten unserer engsten Brüdergemeinschaft 
Freud, ihm, dem die Idee der Gründung der Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung ihre Entstehung verdankt. Ferenczi gehörte 
1 der Gattung von Analytikern, die das, was ihnen wissenschaftliche Über- 
zeugung ist, als ihren Lebensinhalt auch lieben, und die das, was sie lieben, 
»ch schützen wollen. Und wir, die wir die Internationale Psychoanalytische 
Reinigung so wollen wie sie gedacht war und wollen, daß sie so sein soll, 

Imago XIX. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



*9 




39° 



Max Kitingon 



solange sie überhaupt ist, wollten und hofften, Sandor Ferenczi doch no ' 
als Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wied 
zusehen. 

Seine Krankheit, eine perniziöse Anämie, nahm aber nach anfänglich 
Besserung einen deletären Verlauf, und nun sind wir durch ein unbarm- 
herziges Schicksal endgültig um diese Hoffnung beraubt, und wer weiß Um 
wieviel mehr noch. 

Stunden großer Trauer erwecken Erinnerungen an andere solche dunkle 
und viele andere feierlich-ernste, folgenschwere Momente, die deutlich die 
große Rolle beleuchten, die Ferenczi für uns gespielt hat, und besonders 
schweren, trauervollen Herzens spreche ich jetzt zu Ihnen über ihn ich 
den ein eigenwilliges Geschick dazu ausersehen hatte, in jenem analyti- 
schen Bruderkreise oft genug die Rolle eines Komplements zu dem älteren 
und größeren Bruder abzugeben in Sachen unserer Bewegung. Und ich liebte 
Ferenczi in erster Linie wegen seiner großen Liebe zu unserer Sache und 
dann wegen der tiefen Liebenswürdigkeit seiner Person. Allgemein erfreute 
sich Ferenczi neben der außerordentlich großen Wertschätzung, die er als 
psychoanalytischer Autor genoß, er ist wohl der Geschätzteste nach Freud 
selbst, einer ungewöhnlichen Beliebtheit. Es ist das etwas, was deutlich 
herausklingt aus der Verehrung für ihn, man muß nur genau hinhören, 
auch beim Lesen, wie man Ferenczi bei uns zitiert. Jedem Aufmerksamen 
dürfte dies sicher aufgefallen sein. 

Jeder von Ihnen weiß, was Ferenczi war, was er uns wissenschaftlich 
bedeutet, und man wird es Ihnen heute in den wesentlichsten Zügen noch 
einmal zu vergegenwärtigen suchen. Aber es wird Sie gewiß interessieren, 
noch einige persönliche Daten über den so gut Bekannten zu erfahren, 
einige wenige auch aus seiner voranalytischen Zeit. 

Ferenczi, dessen 60. Geburtstag wir jetzt zu feiern hätten, ist 1873 in 
Miskolcz, einer nordungarischen Provinzstadt, geboren worden. Sein Vater 
war Buchhändler, und es ist eine sehr hübsche Tatsache, daß die Begründer 
zweier sehr bekannter deutscher Verlage, Julius Bard sowie S. Fischer, bei 
seinem Vater gelernt hatten. Ferenczi studierte in Wien Medizin, kam 1897 
als Dr. med. nach Budapest, wo er Assistenzarzt am St. -Rochus-Spital, und 
zwar an der Prostituiertenabteilung, wurde. Da schon hatte er sehr wesent- 
liche Anregungen, sich mit Psychologie und Soziologie des Liebeslebens zu 
befassen. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er sehr bald mit klini- 
schen Veröffentlichungen, igoo kam Ferenczi als Sekundararzt an die neuro- 
logisch-psychiatrische Abteilung des Elisabeth-Armenhauses. Im Jahre 1904 



Abschieds-worte an Dändor Fe 



Sgl 



erhielt er eine selbständige Stellung als Leiter des neurologischen Ambula- 
toriums der Budapester allgemeinen Krankenkasse. 1905 wurde er zum Sach- 
verständigen für Neurologie am Budapester Gerichtshof bestellt. Ferenczi 
pflegte öfter zu erzählen, wie er in diesen Jahren zuerst auf die Traum- 
deutung und dann auch auf die Analyse des Vergessens von „Aliquis" in 
der damaligen ersten Veröffentlichung der späteren „Psychopathologie des 
Alltagslebens" in der „Monatsschrift für Neurologie und Psychiatrie" gestoßen 
w ar und, vom Wert beider nicht beeindruckt, sie zur Seite legte. Sehr bald 
darauf aber kam er, wie er mit dem ihm eigenen Humor beizufügen pflegte, 
über die exakte Stoppuhr und die diagnostischen Assoziationsstudien mit 
Jung in Berührung, und wie so mancher von uns Älteren, kam er über 
Zürich nach Wien zu Freud. Das dürfte im Sommer 1907 gewesen sein. 
Ferenczi behielt seine früher erwähnten Stellungen bis zur Gegenrevolution. 
Damals zur Bechenschaft gezogen, warum er die ihm während der kurzen 
Räteregierung angebotene Lehrkanzel für Psychoanalyse angenommen habe, 
10g er sich ganz in die freie Praxis zurück. 

1907 kommt also Ferenczi zuerst persönlich mit Freud zusammen und 
gleich an diese erste Begegnung knüpft sich, wie Freud selbst berichtet hat, 
eine lange intime Freundschaft an, in deren Betätigung Ferenczi im Herbst 
1909 auf die einzige Beise Freuds nach Amerika mitging, die zu den Vor- 
lesungen Freuds an der Clark-University in Worcester führte. 

1908 treffen wir Ferenczi auf der I. privaten Psychoanalytischen Ver- 
einigung (so hießen unsere ersten psychoanalytischen Kongresse) in Salzburg 
und sofort gehört er da zu den sichtbarsten Figuren der nun anhebenden 
psychoanalytischen Bewegung. 

Der Bericht „Über die II. private Psychoanalytische Vereinigung in Nürn- 
berg am 50. und 51. März 1910" aus der Feder Banks verzeichnet ein Beferat 
von Sändor Ferenczi über die Notwendigkeit eines engeren Zusammenschlusses 
der Anhänger der Freudschen Lehre und Vorschläge zur Gründung einer stän- 
digen internationalen Organisation. Auf Grund eines summarischen Über- 
blickes über den bisherigen Entwicklungsgang der Psychoanalyse hält damals 
Ferenczi die Zeit zur Gründung einer Internationalen Psychoanalyti- 
schen Vereinigung für gekommen und unterbreitet dem Kongreß auch 
einen dahingehenden Vorschlag sowie einen Entwurf für ein Statut der zu 
gründenden internationalen Vereinigung. Der Vorschlag wurde gebilligt und 
die Internationale Psychoanalytische Vereinigung nach Modifizierung des 
Ferenczischen Statutenentwurfes konstituiert. Ferenczis ursprüngliches Motiv 
zu dieser Gründung war die Abwehr gegen die Ächtung der Psychoanalyse 



19' 













durch die offizielle Medizin. Dahinter war aber auch schon bei ihm d' 
so unsagbar wichtige, ja wichtigere Aufgabe der Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung deutlich, dem Analytiker selbst eine feste Pl att 
form zu geben und Schutz vor Abgleiten und Regressionen. 

Durch die periphere Lage Ungarns dem unmittelbaren Kontakt mit de 
sich damals lebhaft zu regen beginnenden noch kleinen Gemeinschaft de 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung etwas entzogen, entfalt 
Ferenczi in Budapest selbst in jenen Jahren bis zum Kriege eine sehr leb- 
hafte Tätigkeit; er hielt unermüdlich Vorträge in Ärztevereinigungen und 
anderen Kreisen, organisierte Seminare, begann seit seiner ersten, 1Q o8 
erschienenen Arbeit „Zur Psychoanalyse der männlichen Impotenz" viel 
psychoanalytisch zu publizieren, sofort Aufsehen erregend in unserem Kreise 
Die kleine psychoanalytische Gruppe, die sich vor zwanzig Jahren (am 
19. Mai 1915) in Budapest gebildet hatte, unter Ferenczis Leitung, mit Radö 
als Sekretär, entfaltete ebenfalls eine sehr rege Tätigkeit, und einige Schüler 
Ferenczis aus jener Zeit sind, außer Radö und Harnik, die Ihnen bekannten 
ungarischen Kollegen Pfeiffer, Hermann, Röheim und Höllos. 

Ferenczis analytische Schriften sind, wie schon gesagt, zu den bekann- 
testen und wertvollsten unseres Schrifttums zu zählen; sie haben die größten 
Anregungen ausgeübt. Es ist sicher allen Anwesenden gegenwärtig, wie 
ungewöhnlich imponierend reichhaltig und thematisch mannigfaltig sie 
sind. Die in der zu seinem fünfzigsten Geburtstag im Jahre 1923 heraus- 
gegebenen Festschrift sich findende Bibliographie seiner Arbeiten, die hundert- 
achtunddreißig Nummern umfaßte, gibt ein sehr gutes Abbild von der rast- 
losen geistigen Arbeit dieses Kopfes, der voller Ideen und Bilder war. Schon 
die voranalytischen Schriften, genau dreißig an der Zahl, zeigen den all- 
gemein-ärztlich und dann neurologisch eingestellten jungen Arzt, der sich 
schon lebhaft für Sexuologie und Psychologie interessiert. Besonders bemerkens- 
wert erscheint unter ihnen eine Arbeit „Über die sensorische Region der 
Großhirnrinde" aus dem Jahre 1902 zu sein. Die Therapie hat ihn von 
Anfang an intensivst in ihren Bann gezogen, und er beschäftigte sich viel 
mit Hypnose. 

Ferenczi schreibt sehr schön, meist klar und durchsichtig, oft tadellos 
in der Form, interessant und eigentümlich reizvoll, sehr persönlich, so als 
ob er spräche. Seine Vorträge pflegten meist zu den Höhepunkten unserer 
Kongresse zu gehören. Die Fülle der Einfälle sprengte nicht selten die 
Form, aber immer wieder blitzte Menschlich-Tiefes und Erwärmend-Humor- 
volles auf. 



Aoscmeclsworte an iSändor Fe 



3g3 



Ferenczis geistige Physiognomie ist am leichtesten in ihrer Gegenüber- 
stellung zu der Karl Abrahams zu beleuchten. Wenn wir Abraham einmal 
den Klassiker der Psychoanalyse und ihrer Literatur genannt haben, so ist 
jetzt Ferenczi in einer eben erschienenen kurzen Würdigung (in der letzten 
Hummer der „Psychoanalytischen Bewegung") als der Romantiker der Psycho- 
analyse bezeichnet worden. So wenig erschöpfend die so typisierende Anti- 
these: Klassiker — Romantiker an sich sein mag, so treffend ist sie hier. 
Und der Vergleich Ferenczi — Abraham lag uns immer nah. Waren doch 
das unsere Bedeutendsten. Und Freud selbst sagte in seinem so eindring- 
lichen wie gemeißelten „Nachruf auf Abraham" : „Unter allen, die mir auf 
dem dunklen Wege der psychoanalytischen Arbeit gefolgt waren, erwarb er 
eine so hervorragende Stellung, daß nur noch ein Name neben ihm genannt 
werden konnte. Den Namen Ferenczis wird unser Meister gemeint haben. 
So verschieden wie der Stil der beiden waren auch die beiden wissenschaft- 
lichen Menschen selbst. Abraham scharfblickender Empiriker, unbestechlich 
induktiv, mit strengster Logik schließend, Schritt für Schritt hinaufklimmend, 
um dann weite Übersicht bietend von den erreichten Höhepunkten. Ferenczi 
ebenfalls subtilster Beobachter, mit wunderbarem Sinn für die verborgenen 
Zusammenhänge, fast ein Seher in Psychologicis. Aber auch prachtvoll 
schweifend in den kühnen Spekulationen seiner meist glücklich gebändigten 
wissenschaftlichen Phantasie (ich erinnere hier besonders an seinen „Versuch 
einer Genitaltheorie' und seine sonstigen psychobiologischen Gedankengänge). 
Für diese seine schöpferische Phantasie hängen Ferenczi besonders die dich- 
terisch Veranlagten unter den guten Psychoanalytikern an. Lassen Sie mich 
hier nur Groddeck und Simmel repräsentativ nennen. 

Es war eine sehr freundliche Fügung, die Ferenczi und Ahraham unserer 
Bewegung gleichzeitig schenkte. Wie kein anderes wissenschaftliches Tun, 
braucht unser psychoanalytisches die Verquickung, die Synthese beider Typen, 
des Romantikers und des Klassikers, die beides ja nur Hälften ihrer Einheit 
sind, die am Anfang der Analyse war und auch auf ihrem ganzen Weg ist: 
der Wesenheit Sigmund Freuds. 

Ich wünschte, meine Worte wären jetzt mächtig genug, Sie für eine kurze 
Zeit in das Arbeitszimmer Professor Freuds zu versetzen und Sie einem 
Gespräch zwischen ihm und Ferenczi beiwohnen zu lassen. An einer leisen 
Äußerung Freuds entzünden sich Einfälle Ferenczis, weiteres Material ent- 
haltende Repliken lassen verblüffende Folgerungen und gedrängteste Ge- 
dankenreihen wie glänzende Nebelstreifen aufwallen, die sich dann bald zu 
"ianeten neuer Problemlösungen verdichten, bis eine Endbemerkung der 



kristallklaren und herben Gedankenzucht des Professors Licht we H 
läßt im Weltenraum der betreffenden Diskussion, Grenzen sichtbar werd 
lassend und ungelöste Fragen, aber auch kostbarste Gedankenfunde d - 
zwischen. 

Der Romantiker Ferenczi äußerte sich natürlich auch im Lehrer Feren ■ 
Er, der größte Anreger unter den Analytikern, das hervorragendste und ve 
lockendste Vorbild, von dem alle so viel gelernt haben, hatte keine durch- 
wegs reine Freude an dem systematischen Ausbau unseres Unterrichtswesens 
Er, der innerlich Rastlose, voller Gesichte und Ideen Steckende, hätte un 
am liebsten mit einem Minimum von Lehrsystem gesehen, wie ihm auch 
die Internationale Psychoanalytische Vereinigung mit weniger oder ganz 
ohne Statut besser gefallen hätte. Ein so wichtiges Instrument unseres Lehrens 
wie die Kontrollanalyse zum Beispiel, hatte nie recht seinen Beifall gefunden 
Er wollte unmittelbarer, direkter lehren und war ein unwiderstehliches 
Modell. Wie auch die Sammlung seiner psychoanalytischen Aufsätze, seine 
„Bausteine der Psychoanalyse" eine wirkliche eigene Lehranstalt der Psycho- 
analyse sind. Er, Ferenczi, erinnerte mich in dieser Beziehung immer an 
die berühmten altchinesischen Malerbücher, die wirklich Malerakademien 
zu ersetzen imstande gewesen sein sollen. Wunderbare Künstlergenerationen 
haben aus ihnen so unvergleichlich gut malen gelernt. 

Für die Technik seines Lehrens ein Gleichnis suchend, fällt mir der 
Gärtner ein. Er holt Bestes, Erstaunlichstes aus seinen Pfleglingen heraus, 
mitunter mit der Intensität von Gewächshausatmosphären, und die Schüler 
wissen gut, wofür sie ihm so dankbar sind. 

Und dieser liebevolle und geniale Gärtner-Lehrer — formte Heiler, weil 
ihm selbst am Heilen so viel lag, am Wirken, am Bewirken der Verände- 
rung als Kriterium des richtigen Denkens, am Verschwindenmachen des 
Krankheitszeichens als gleichsam negativem Materialisationsphänomen der 
Wahrheit. Ferenczi war einer der am ärztlichsten, am helferischsten Ein- 
gestellten unter den Psychoanalytikern, dafür wissen wir ihm besonders 
heißen Dank. Ihm selbst aber hat dies noch in den letzten Jahren viel 
Anstrengendes und Schweres gebracht, ihn mit dem ihm eigenen Mut 
zurücksteigen lassend in verlassene Stollen therapeutischen Tuns und daraus 
folgenden analytischen Denkens. 

Ferenczi war ein ungemein liebenswürdiger Mensch. Er hatte jene Art 
von Humor, dessen Quellwasser nach Güte schmeckt, und er hatte vor allem 
sehr viel von jenem menschlichen Charme, jenem Zauber, mit dem auch 
das Arztsein so viel leichter ist. 



ALscniedsworte an Sändor Ferenczi 



295 



pur uns Berliner lag Budapest nie sehr weit weg. Nach dem Kriege 
.• ckte es immer näher, ja ein beträchtlicher Teil der Gruppe Ferenczis 
ar seitdem immer hier bei uns; Ferenczi selbst Ehrenmitglied unserer 
Vereinigung. Nach Abrahams Tod dachte er vorübergehend daran, hierher 
uns zu übersiedeln. Jetzt, wo so viele Mitglieder unserer Gesellschaft uns 
verlassen, ist auch er, am weitesten, fortgegangen. Unser dankbares Ge- 
dächtnis wird die Ferne überbrücken, sein Bild bleibt, uns im Herzen und 
hier im Räume, wo sein Name so oft erklingt. 



Vjedenkrede Ii 



ur oändor Xerenczi 



Von 

Ernst iSimmel 

Berlin 

Gesprochen in der Trauersitzung der Deutschen PsychoanalytisJten Gesellschaft in Berl in 

am ig. Juni 193g 

_ Meine Damen und Herren! In dieser Stunde, in der wir uns schmerz 
lieh auf die Tatsache besinnen müssen, daß der schöpferische Quell 
Sändor Ferenczis Schaffen für die Psychoanalyse als Wissenschaft, als prak ^ 
sehe Heilkunde, als Bewegung versiegt ist, übersteigt es das Vermögen eine 
Einzelnen, Ihnen den vollen Umfang des Werkes zu zeichnen, das von einer 
so überragenden und fesselnden Persönlichkeit uns als Vermächtnis hinter- 
lassen wurde. — Sein Gesamtwerk ist ein Vermächtnis. — In dieser Tat 
sache liegt für uns Nachlebende Trost und Erhebung über die persönliche 
Trauer um den Verlust eines so gütigen und liebenswürdigen Menschen 
Sem Werk ist für uns ein Vermächtnis - das will sagen: es ist die große 
leidenschaftliche Willenskundgebung eines Mannes, den wir als Führer liebten 
und der nun uns die Pflicht auferlegt des Weiterwirkens im Lebendigen auf 
Wegen, die er uns gewiesen hat. Alles, was er geschaffen hat, ist ja aus 
dem Leben gewonnen und nur für das Leben, für das Wirken für die 
Wirklichkeit gedacht. Wie kühn auch seine spekulative Phantasie immense 
Perspektiven erschloß - von der Psychoanalyse des einzelnen Kranken zur 
Sozietat der Gesunden, bis zur Menschwerdung der Art aus der Gattung 
des Gesamt-Tierischen, schließlich zur kosmischen Schau einer Bioanalyse 
des Lebendigen — immer blieb er dem Objekt verhaftet, d. h dem Mit- 
menschen, dem Mitleidenden, dem Mitstrebenden, für den er aus der Über- 
fülle seiner Gaben schuf und schenkte. Trotz der Großartigkeit aber seines 
inneren Beichtums überfiel ihn nie die Hybris des Wissensberauschten, wie 
es so manchem anderen der Männer erging, die in unmittelbarer Nähe des 
Schopfers der Psychoanalyse, als erste mit ihm, Niegesehenes entdeckten 
und dabei allzu schnell verdrängten, daß Freud sie erst sehen gelehrt hatte. 
Ferenczi betrachtete seine Gesamtarbeit stets nur als eine einzige große 
Leistung des Dankes an unseren Meister. Von allen Mitarbeitern und Schülern 
Freuds ist er auch wohl der, dem die uns alle einende Identifizierung mit 
der Sache und mit der Person Freuds in glücklichster Synthese gelungen 
ist, namheh in der unerhörten Sachlichkeit, die vor der eigenen Person 
nicht haltmacht, gepaart mit ständiger unerbittlicher Kritik an sich selbst. 



Gedenkrede für Sändor Ferencai 



297 



Ferenczi hat trotz seiner genialen Fähigkeit, aus der Beobachtung des 
Einzelnen die Blickrichtung für die Totalität zu erschließen, niemals ver- 
fehlt, auch auf Lücken beziehungsweise die erst sich ergebenden Anfänge 
in seinen mehr systematisierenden Betrachtungen hinzuweisen. — Und mit 
dem Mut des unerschrockenen Forschers, der — weil selbstsicher — in 
unbekanntes Gebiet vordringen darf, weiß er auch noch genug des 
Wichtigen und Wissenswerten zu berichten selbst von Wegen, die sich nicht 
als gangbar zu dem erstrebten Ziele erwiesen. In der Umkehr von solchen 
Forschungsexpeditionen verriet er seine Bescheidenheit, wenn er seine Leistung 
dadurch zur Genüge gekennzeichnet glaubt, daß er meint in solchem Fall 
„Warnungstafeln angebracht zu haben, die anderen den Aufwand ersparen 
sollen, gleichfalls in die Irre zu gehen". — Ferenczi ist wie Freud als 
Schaffender Wissenschaftler und Künstler zugleich. Intuitiv Erschautes weiß 
er in übergeordnete Zusammenhänge einzuordnen, um sie in realer Okjekt- 
bezogenheit abzugrenzen. Und mit dem sprachlich plastischen Ausdruck, 
durch den er seine Gedankengänge uns sinnfällig zu vermitteln und .so 
unser eigenes Denken und therapeutisches Handeln produktiv zu gestalten 
wußte, erwies er sich als Meister in der Kunst, „Autoplastik" in „Alloplastik" 
zu wandeln. — Es ist kein Zufall, daß ein Forscher, dessen psychoanalyti- 
sches Schaffen immer mit einem Ringen um die eigene Objektivität ver- 
gesellschaftet war, der Entdecker der für die Ichpsychologie so wichtigen 
„Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" werden mußte. Durch sie 
gewann er auch, worauf ich noch zurückkommen möchte, die wissenschafts- 
theoretische Basis für die fundamentale Abgrenzung der psychoanalytischen 
Heilkunde gegenüber anderen Psychotherapien. — Der Weg zu Freud aber, 
von der psychiatrischen und neurologischen Schulmedizin zur Psychoanalyse, 
d.h. der Vorzeit seiner psychoanalytischen Ära, war für Ferenczi nicht 
so kurz und mühelos, wie er etwa heute für die jungen Adepten unserer 
Wissenschaft ist, denen ein Lehranalytiker mit eigenen Widerständen auf- 
räumen hilft. 

Im Jahre 1900 wurde Ferenczi bereits mit der Traumdeutung bekannt — 
em Gefühl der Ablehnung aber ließ ihn seine Interessen doch noch für 
einen Zeitraum von acht Jahren im wesentlichen in der organischen Neu- 
rologie suchen. Er publiziert Arbeiten über „Anwendung des Morphins bei 
älteren Personen", über „Bradycardia senilis", über „Herderkrankung der 
rechten Hemisphäre", über Nervenkomplikationen bei einer Wirbelentzündung, 
über Bromismus, Tabes dorsalis, Labyrinthaffektion nach Fiebererkrankung — 
and auch über „Die Organisation des assistenzärztlichen Dienstes in den 



!Ji 



Ivrnst Simmel 



Hospitälern"; dazwischen aber tauchen doch immer schon Arbeiten auf die 
den späteren Ferenczi verraten. So 1900 über „Bewußtsein und Entwick- 
lung", 1901 über „Die Liebe in der Wissenschaft", über „Lektüre und 
Gesundheit , 1902 eine Arbeit über Paranoia und eine über „Homosexualitas 
feminina' , 1904 über den therapeutischen Wert der Hypnose, 1906 über 
hypnotische Suggestion. Im Jahre igo8 ist er dann endlich ganz bei 
Freud. — Und tief ergriffen von dem Neuland, das sich hier seinem Wirken 
im Dienste der neurotisch Erkrankten auftut, sehen wir ihn zunächst in 
den Fach- und anderen wissenschaftlichen Vereinen seiner Heimatstadt 
Budapest unermüdlich für Freud werben. Über die Erfolglosigkeit des 
praktischen Neurologen, dessen Patienten ja im wesentlichen neurotisch 
Kranke sind, spricht er sich in bitterer Ironie aus, nachdem er selbst das 
Beispiel zu produktiver Wendung gegeben hat. Die Tätigkeit des Neurologen 
für seine kranken Neurotiker ist ihm „bestenfalls eine gelungene schau- 
spielerische Leistung". „Viele Ärzte mögen dabei glücklich sein; ich war 
nicht glücklich." Er war es nicht, weil er auch in der voranalytischen Zeit 
seine Kranken ernst nahm und mit der Bescheidenheit des Naturwissen- 
schaftlers, dem alle Äußerungsformen des menschlichen Krankseins wichtig 
sind — sogar das, was der Kranke spricht ■ — , in Geduld nicht nur zu- 
sehen, sondern auch zuhören konnte. In dem Kampf, den die Neurologen 
in Wirklichkeit gegen ihre Neurotiker führten, war er naturgemäß auf 
Seiten der Kranken und stimmte begeistert jenem Patienten zu, der auf 
den Vorwurf des Arztes: „Sie bilden sich ja bloß alles ein , erwiderte: „Warum 
bilden Sie sich denn nichts ein, Herr Doktor? 

Einmal ergriffen von der Tatsache, daß in der Psychoanalyse durch die 
Kraft der verbalen Beziehung zwischen Arzt und Patient sich wirklich 
Psychisches auf Psychisches auswirkt — wobei der Kranke allerdings im 
Gegensatz zu früherer Psychotherapie in erster Linie zum Worte kommt — , 
ist Ferenczi vielfach bemüht, im speziellen die anderen Scheinpsycho- 
therapien zu bekämpfen, und zwar in der für ihn spezifischen Weise durch 
eine psychoanalytisch-kritische Untersuchung der Wirksamkeit beziehungs- 
weise Unwirksamkeit der nun seit Freud antiquierten Methodik. — In der 
Arbeit „Glaube, Unglaube und Überzeugung ' findet dieser Kampf gegen 
den ins Psychotherapeutische erhobenen Betrug am Patienten, aufgebaut auf 
einem Selbstbetrug des Arztes, seinen eigentlichen wissenschaftlichen Nieder- 
schlag. Er kann sich bei dieser Untersuchung auf seine bereits erwähnte 
so grundlegend wichtige Studie „Über die Entwicklungsstufen des 
Wirklichkeitssinnes" stützen. Im Verhältnis von Arzt und Patient kehrt 






Gedenkrede für Sändor F< 



or -terenczi 



a 99 



j as Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern wieder; das Verhältnis des Arztes 
zU seiner Wissenschaft ist aber aus dem gleichen Grunde affektiv vom Un- 
bewußten aus determiniert. — Auf das Studium der halluzinatorischen 
Allmacht und der magischen Wort- und Gebärdensprache verzichtet 
das Kind durch Projektion dieser Allmacht auf die Personen, von denen 
es abhängig ist, die es zu seiner Sicherheit braucht. Diese Persönlichkeiten 
repräsentieren die Wirklichkeit. „Wirklich ist das, was außer uns wirkt 
und sich unserer Sinneswahrnehmung aufdrängt, auch wo wir es nicht 
wollen". — So vermischen sich Glaube und Wirklichkeit. Die Ent- 
täuschung aber in dem Glauben an die wirkliche Allmacht der Großen 
zeitigt nach der religiösen Phase des Realitätssinnes seine schmerz- 
lichere Phase, nämlich die der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die 
Enttäuschung, die man so als Kind in psychologischen, d. h. religiösen und 
sexuellen Dingen von Seiten der Eltern erfahren hat, macht aus den Wissen- 
schaftlern später auf ihrem Regressionswege skeptische Psychophoben. — 
Die materialistischen Wissenschaftler hängen daher am Unglauben, wie die 
Patienten derselben Epoche am Glauben. Die Ärzte drängen auf konkrete 
Beweise und wollen ihr Interesse nur auf das begrenzen, was man als 
„wirklich" wahrnimmt ■ — auf Anatomie und Statistik. Sie überbetonen 
teils das Intellektuelle auf Kosten des Emotionellen im Unglauben und 
merken nicht, daß ihre Psychotherapie sich lediglich auf den Glauben ihrer 
Patienten stützt — das Hauptvehikel für die Wirksamkeit von Persuasion 
und Suggestion. Hierbei ist der Akzent wieder auf das Emotionelle zu Un- 
gunsten des Intellektuellen verschoben. Glaube und Unglaube aber als 
integrierender Bestandteil einer wissenschaftlichen Erkenntnis oder auch 
eines therapeutischen Effekts ist nach Ferenczi stets ein Akt der Ver- 
drängung, darum irrationell und trügerisch. Die tatsächliche Überzeugung 
aber, d. h. eine unparteiische Urteilsfällung psychologischen Tatbeständen 
gegenüber erwirbt man nur durch das eigene Erleben, d. h. durch die 
eigene Analyse, durch die der Wirklichkeitssinn von den Schlacken des 
Verdrängungsprozesses befreit wird. Das intellektuelle Interesse für die Sache 
wie die emotionelle Liebe zu ihr kommt dabei in realitätsgerechter Mischung 
zu ihrem Recht. — So hat Ferenczi bereits im Jahre 1913 der Forderung 
Freuds nach der eigenen Analyse des Analytikers wie seiner Kritiker von 
psychoanalytischer Seite her die wissenschaftstheoretische Basis geliefert. 

Bei solcher Strenge der Kritik gegen Beruf und Berufung des Analytikers, 
die bei Ferenczi, wie gesagt, immer das Ergebnis auch einer Selbstkritik 
ist, ist es kein Wunder, daß er ein wachsames Auge auch gerade auf die 



H 



3oo 



IJ1K 



unter seinen Gefährten hatte, die wie er im engsten Gefolge des Mei t 
als Führer in der Front der psychoanalytischen Bewegung schritten P 
bemerkte bei ihnen, sofern sie die Nähe der überragenden Größe FreuH 
nicht ertrugen, einen Mangel an analytischer Selbstzensur. Er bemerkte w' 
solche Führer der Verführung der anziehenden Kräfte ihres eignen Unb - 
wußten unterlagen und in regressiver Belebung infantiler Stufen ihres Wirk- 
lichkeitssinnes" auch andere ■ — Patienten wie Schüler — zu verführe 
trachteten durch moralisieren, belehren, prophetisieren (Jung) oder durch Ein- 
zwängung des ganzen neurotischen Seelenlebens „auf das Prokrustesbett einer 
einzigen Formel" (Adler), wobei hier das „wirklich" Anatomische (als Organ- 
minderwertigkeit) wieder eingeschmuggelt wurde. Mit der liebenswürdigen 
Ironie, die Ferenczi in seinen Kritiken so oft eigen ist, meint er: Viele 
Neurotiker sind selbstverständlich entzückt von der Adlerschen Lehre und 
ihren charakterologischen Feinheiten, finden sie doch in ihr ihre eigenen 
Ansichten über ihren Zustand — nämlich die falschen — wieder. Bei aller 
negativen Kritik ließ Ferenczi selbstverständlich niemals Blick und Achtung 
für das Positive und Große an der wissenschaftlichen Leistung der von ihm 
Kritisierten vermissen. Das beweist er in seiner ausführlichen Kritik an 
Jungs „Wandlungen der Symbole der Libido" und in besonders schöner 
Weise in seiner kritischen Auseinandersetzung mit James Putnam über 
„Psychoanalyse und Philosophie". Hier wie immer kommt es ihm darauf an, 
im kritischen Gefecht dahin zu wirken, Einflüsse abzuwehren, die die psycho- 
analytische Wissenschaft auf ihrem nach eigenem Gesetz laufenden Ent- 
wicklungsgang hemmen können. Im Kampf mit dem Gegner nimmt er aber 
gleichzeitig auch die Sache des Gegners selber wahr. Er schützt nämlich 
auch die Philosophie vor dem Psychoanalytiker Putnam, damit sie sich 
durch allzu voreilige Vermengung mit der Psychoanalyse nicht um ihre 
eigene Fortentwicklung gerade auch im neuen Licht psychoanalytischer Be- 
trachtungsweise bringt. 

Begabt mit einem wirklichen Sinn für Wirklichkeiten und einem ent- 
sprechenden Verantwortungsgefühl, bemerkte Ferenczi frühzeitig mit Be- 
sorgnis die Schwierigkeiten und Gefahren, die der Psychoanalyse aus dialekti- 
scher Notwendigkeit mit zunehmender Ausbreitung an ihren Bandzonen, 
in Berührung mit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, erwuchsen. Seine 
kämpferische Art wie sein strategischer Blick ließen ihn erkennen, daß 
gegen solche Art von Gegnerschaft jeder Analytiker als Vereinzelter einen 
unfruchtbaren „Guerillakrieg" zu führen gezwungen sei und sich in der 
lächerlichen Rolle „von Friedensaposteln befinde, die für die Verwirklichung 



Gedenkrede für iSändor Fe 



3oi 



ihres Ideals Krieg führen". Dieser aufgezwungene Kampf, das erkannte er 
jni3 klar, verlangte zur Gegenwehr den organisatorischen Zusammenschluß 
der psychoanalytischen Arbeiter wie der psychoanalytischen Arbeit. Ein 
Vorwärtstreiben der psychoanalytischen Bewegung, eine Propagierung ihrer 
Erkenntnisse mit dem klaren Ziel der Neurosenprophylaxe konnte letzten 
Endes nur darin bestehen, daß unter einheitlich führenden Gesichtspunkten 
jje Bekämpfung der Gegnerschaft durch Einsicht in ihre Motive ergänzt 
«•erde. So tritt Ferenczi im Jahre 1908 vor den Analytikerkongreß in 
Nürnberg mit dem Appell zur Gründung der Internationalen Psychoanalyti- 
schen Vereinigung. Und wiederum ist es charakteristisch für ihn, daß er 
diesen Antrag stellt auf Grund einer psychoanalytisch-wissenschaftlichen 
Kritik über den bisherigen Ablauf der psychoanalytischen Bewegung, über 
ihre Struktur wie über ihre bipolare Dynamik. In Anbetracht der zu grün- 
denden Vereinigung aber versäumt er nicht, gleichzeitig eine wissenschaft- 
liche Arbeit zu liefern über Psychogenese und Psychomechanik der allzu 
menschlichen Vereinsmeierei. Aber gerade weil Analytiker sich zusammen- 
schließen wollen, sieht er eine solche Organisation nicht als hoffnungslos 
an. Er meint: „Die autoerotische Periode des Vereinslebens wird allmählich 
durch die fortgeschrittene der Objektliebe abgelöst werden, die nicht mehr 
im Kitzel der geistigen erogenen Zonen (Eitelkeit, Ehrgeiz), sondern in den 
Objekten der Beobachtung selbst Befriedigung sucht und findet." Den organi- 
sationsfeindlichen Analytikern aber wirft er vor, daß für sie als Schüler des 
Meisters die „heroische Phase' der psychoanalytischen Bewegung vorüber 
sei. Für den Kampf um unsere Sache sei es weder statthaft noch zweck- 
dienlich, sich mit dem Entdecker Freud gerade in der Rolle des einsamen 
Streiters identifizieren zu wollen. Wen wird es wundern, daß Ferenczi mit 
seiner theoretisch-kritischen Untersuchung direkt in die praktische Realität 
einmündet und seine hochwissenschaftliche Untersuchung beschließt mit 
den Worten : „Ich beehre mich, einen Entwurf der Statuten der Vereinigung 
zu unterbreiten." — Auf Grund dieser Statuten wurden wir als Inter- 
nationale Psychoanalytische Vereinigung das, was wir heute sind, 

Bei dem ausgesprochenen sozialen Sinn, den Ferenczi von Anfang an 
als Ergebnis seiner Forschung betätigte, ist es uns verständlich, daß dieser 
seltene Mann sehr frühzeitig seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in den 
Dienst ganz großer sozialer Probleme zu stellen suchte. So bemühte er sich, 
auf die Pädagogik im Interesse der Neurosenprophylaxe zu wirken. Schon 
1910 veröffentlichte er eine Arbeit über „Psychoanalyse und Pädagogik". 
■Diesem Thema blieb sein Interesse immer treu. 1922 gibt er in seinen 



302 



Ernst Dimmel 



„sozialen Gesichtspunkten in der Psychoanalyse" einen wichtigen Hinw ' 

auf den Einfluß des Familienromans, sowohl auf den sozialen Aufstieg «r 

&) wie 

auch auf den sozialen Niedergang der Persönlichkeit. Im Jahre 1920 weist 
er durch die Veröffentlichung des erschütternden Dokuments des Tagebuch 
eines Proletariermädchens die Pädagogik auf ihre Pflicht zur psychoanalyti- 
schen Erkenntnis hin. Und im selben Jahr, in dem dieses Mädchen die 
so ersehnte Hilfe des gütigen Ferenczi unter dem Zwang des Sterben- 
müssens durch Selbstmord illusorisch machte, weist er uns auf die Über- 
wertigkeit des Todestriebes bei jenen Menschen hin, die frühzeitig als 
Kinder erfahren müssen, daß sie gerade deswegen nicht geliebt werden 
weil sie leben. 

Im Jahre 1919 verlangte Ferenczi als erster eine psychoanalytische Re- 
vision der Soziologie. Er inauguriert sie durch Anwendung psychoanalyti- 
scher Erkenntnisse auf jene neurotische Erkrankung, die über den individu- 
ellen Organismus hinaus sich im sozialen Organismus, in der Gesellschaft 
selbst auswirkt, bei der Kriminalität. Er knüpfte dabei an einen Vortrat 
an, den er schon sieben Jahre zuvor im ungarischen Reichsverein der 
Richter und Staatsanwälte gehalten hatte, und erklärte, daß eine Heilung 
der sozialen Übel nur möglich sei durch eine Reform der Erziehung auf 
psychoanalytischer Grundlage. In seiner ersterwähnten Arbeit über Krimino- 
logie (1919) weist er bereits darauf hin, daß die Bestrafung des Rechts- 
brechers nur scheinbar im Dienst der Herstellung der beleidigten Rechts- 
ordnung steht, daß in Wahrheit bei der heutigen Art der Strafbemessung 
und des Strafvollzugs dem Strafbedürfnis des Delinquenten eine libidinöse, 
d. h. sadistische Straflust des Rechtsverteidigers entgegenkommt. 

Wollte ich jetzt versuchen, der Bedeutung Ferenczis gerecht zu werden, 
die er innerhalb der Psychoanalyse, d. h. für den Aufbau und den Aus- 
bau unserer Wissenschaft gewonnen hat, so müßte ich beinahe über das 
Thema sprechen : Die Psychoanalyse selbst, als Wissenschaft, namentlich als 
Naturwissenschaft, und als praktische Heilkunde. So bedeutsam sind seine 
Entdeckungen, seine Neuerungen sowohl in der Theorie wie in ihrer prak- 
tischen Anwendung. — So vielfältig wie er hat, nächst Abraham, wohl 
keiner von uns auch Fingerzeige und Wegweisungen Freuds produktiv auf- 
zunehmen und zu eigenem Neuen auszugestalten gewußt. — Gemäß seiner 
Wesensart, die gleich begabt war für die innere Schau genialer Intuition 
wie für die Wahrnehmung und konkrete Abschätzung objektiver Tatbestände, 
lag seine Hauptstärke in der Kombination von Theorie und Praxis für das 
aus der Empirie erworbene Wissen und rückläufig in besonders hohem 



Maße für die Befruchtung der Technik aus der Theorie — für das Können 
aus dem Kennen. So war er gerade der Mann, den die von Freud gestellte 
Preisfrage „nach den Wechselbeziehungen zwischen Theorie und Praxis" 
aufs höchste reizen mußte. Im Jahre 1923 unterzog er sich ihrem Studium 
m it seinem damals noch schritthaltenden Weggenossen Rank. Die Fülle 
seiner Erfahrungen überblickend, stellt er seine Betrachtung auf das zentrale, 
heute noch in gleichem Maße die Technik interessierende Problem ein, 
auf 'die Beziehung zwischen „Erinnern" und „Wiederholen" — auf das Ver- 
hältnis der neurotischen, anachronistischen, infantilen zur aktuellen Situation 
und ganz speziell zur Aktualität der Übertragungssituation. Theorie und 
Therapie werden miteinander unter dem Aspekt des Wiederholungszwanges 
konfrontiert. Die „Übertragungssucht", die den Neurotiker nicht nur in 
der Analyse sondern auch im Leben auszeichnet, muß sich zum Wieder- 
erleben der „Urneurose" in der Übertragungsneurose konzentrieren; und 
hier muß unter der Auswirkung nur schrittweiser Gewährung oder auch 
Versagung der Affektabreaktion eine Phase der „Libidoentziehung" einsetzen. 
Dabei muß für die Bealsituation nach Möglichkeit die Versagung der Ab- 
reaktion angestrebt werden, um sie der analytischen Situation vorzubehalten. 
Wesentlich ist eben, daß der Patient vor der Erfüllung seines libidinösen, 
auf Affektabfuhr gerichteten Strebens, die er sonst nirgends im Leben hatte, 
auch das Stadium seiner infantilen Libidoyersagung wiedererlebt. 
Die reale Reproduktion der „Urneurose" muß schrittweise an den Fixierungs- 
stellen der Libidoentwicklung vor sich gehen, von denen sie ihren Aus- 
gang genommen hatte. — Wir sehen Ferenczi konsequent auf seinem von 
Anfang beschrittenen Wege, dem Patienten Gesundung durch das „Erlebnis- 
moment" zu schaffen. Schien dieses doch in der technischen Auffassung 
mancher Kollegen nach Abkehr von der eigentlichen Katharsis zu wenig 
beachtet. Das affektive Moment in der Ökonomie der Behandlungsdynamik 
findet hier wie auch später immer in Ferenczi einen sorgsamen Anwalt. 
Hier liegen auch die Anfänge seiner „aktiven Therapie", die auf eine 
Anregung Freuds am Budapester Kongreß zurückgingen. Wie kritisch er 
aber seine aus der Technik erworbenen Ansichten und deren Rückwirkung 
auf die weitere Gestaltung des Behandlungsabiaufs beobachtete, davon hat 
er immer und immer wieder Zeugnis abgelegt. Die Terminsetzung, die er 
schon in der gemeinsamen Arbeit mit Rank als maßgebend für das Problem 
der „Libidoentziehung" ansah, speziell für das letzte Stück der Analyse, 
für das „Abhaspeln derselben von der analytischen Spule auf die reale" — 
hat er später, wie wir wissen, fallen gelassen, da die Tendenz, den Zeit- 



^ 



3o4 



Ernst Si: 



widerständen des Neurotikers systematisch mit Terminsetzungen begep-n 
zu wollen, nur allzu leicht die Gefahr des Re-Agierens des Analytikers 
Grund des Agierens des Analysanden in sich schloß. 

Meine Damen und Herren! Ich halte einen Augenblick inne, um ein 
Erwartungsangst meiner verehrten Zuhörerschaft zu begegnen. Sie würd 
es sicherlich wie ich als eine Versündigung an dem Andenken Ferencz' 
und seiner Leistung empfinden, wenn ich den Reichtum seines Schaffen 
dadurch schmälerte, daß ich etwa eine Inhaltsangabe seiner sämtlichen 
Werke versuchte, was im Ablauf einer kurzen Stunde nur in stümper- 
hafter Weise geschehen könnte. Ich kann nur dankerfüllter Selbstbesinnung 
dienen durch eine wenn auch noch so nebelhafte Skizzierung dessen, was 
er uns war und darum uns bleibt. Als unser aller Ideal-Ich bleibt er der 
Techniker, der hinter und vor alle Maßnahmen im Dienste am Kranken 
die rücksichtsloseste Selbstbesinnung setzte. — Die Bewältigung der Geeen- 
übertragung, über die er tgig berichtete, war für ihn das A und Q jedes 
technischen Könnens. Erst sie befähigt und berechtigt den Analytiker zu 
Maßnahmen, die sich als eine artifizielle Aktivierung des Verdrängungs- 
beziehungsweise des Wiederverdrängungsprozesses im Ablauf der Analyse 
auswirken. Im Jahre 1920 publizierte er seinen „Ausbau der aktiven 
Technik' und 1925 als Ergänzung dazu ihre „Kontraindikationen". Im 
Kern hatte er eigentlich nichts zurückzunehmen, die „Gebots- und Verbots- 
technik , die er uns lehrte, hat uns zu einem wertvollen Zuwachs unseres 
Könnens verholfen — wir müssen nur Ferenczis Mahnung eingedenk 
bleiben, daß das Problem „gegen das infantile Lustprinzip" dabei gewahrt 
werden muß. Der Zweck kann nur sein, auf der Basis der Übertragung 
latente affektive Energiemengen durch Hemmung von Lustvollem und 
Antrieb zu Unlustvollem in Erscheinung zu bringen und in sorgsamer 
Abwägung der Reziprozität zwischen Emotionellem und Intellektuellem 
unbewußtes Material auf die Stufe des Vorbewußten zu heben und so der 
Deutung zugänglich zu machen. In seinem Kongreßvortrag im Jahre 1930 
über „Relaxationsprinzip und Neokatharsis" gelingt Ferenczi schließ- 
lich der metapsychologische Einbau des alten kathartischen Moments in 
den modernen Stand der Technik — auch durch Gewährenlassen des 
Lustvollen, allerdings unter dem Aspekt einer „Ökonomie des Leidens . 
Das Deutungsmoment der psychoanalytischen Einfallstechnik wird dabei 
von Ferenczi, dem Meister der Symbolik, niemals unterschätzt. Mit voller 
Berechtigung legt er nur Wert auf die Erforschung und technische Hand- 
habung des Tatbestands, daß auch die freie Assoziation sinngemäß der 



Credenkrede iür iSändor Fe 



3o5 



Förderung des „Erlebnismomentes diene. In sehr glücklicher Weise lehrte 
un s die kombinatorische Verwendung beider Tendenzen in seiner Publi- 
kation 1924 „über forcierte Phantasien . Ich erinnere in diesem Zusammen- 
hang an Ferenczis kleine geistvolle Studie „Über die Analyse von Gleich- 
nissen" aus dem Jahre 1915, in der er bei dem Vorgang des freien 
\ssoziierens der Patienten und der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit" 
des Analytikers die funktionale Energieverschiebung im Dienste der Herab- 
setzung des Zensurwiderstandes untersucht. — Den tiefsten Eindruck von 
Ferenczis Arbeitsweise gewährt uns wohl seine Publikation „Über die 
Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten". Hier gelangt er bei seinen 
technischen Beobachtungen den Vorläufern der Über-Ich-Bildung auf die 
Spur. Dadurch, daß er in bestimmter psychoanalytischer Situation seine 
Patienten ermuntert, gegen Sexualgewohnheiten genitaler und prägenitaler 
Natur anzugehen, entschleiern sich diese als Abbilder „infantiler Ungezogen- 
heiten" im Dienste eines nachträglichen Gehorsams beziehungsweise Un- 
gehorsams. Mit der Stipulierung einer „Sphinktermoral als einer physio- 
logischen Vorstufe des Ich-Ideals findet er hier durch eine „Analyse von 
unten", wie er es bezeichnet, auf dem Umweg über die Beobachtung der 
Rollenverteilung im analytischen Begressionsprozeß zwischen dem ÜberTch 
des Patienten und dem aktivierenden Analytiker einen neuen bemerkens- 
werten Zugang zu dem wichtigen, ihn von jeher besonders unter dem 
Einfluß von Groddeck so stark interessierenden Problem der Auswirkung 
des Psychischen im Organischen. ■ — Die ungewöhnliche Gabe Ferenczis, 
dem Patienten nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen, hat ihn stets 
befähigt, Manifestationen des Unbewußten auch noch in ihren unschein- 
barsten Schlupfwinkeln zu entdecken. In der Analysestunde „von der 
jeweiligen Oberfläche" ausgehen, heißt für ihn auch von der Körper- 
oberfläche der Patienten ausgehen, die in ihrem mimischen Spannungs- 
spiel wie die Meeresoberfläche verrät, was in ihrem tiefsten Grunde, im 
Es, und der von ihm innervierten Planktonschicht, der Organwelt, vorgeht. 
Im Bestreben, dieses Unbewußte ins Vorbewußte zu heben und so der 
gemeinsamen Deutungsarbeit zugänglich zu machen, hat Ferenczi uns, wie 
wir in all seinen technischen Batschlägen immer wieder mit Bewunderung 
sehen, mit einer Fülle origineller Hinweisungen beschenkt. Ich erinnere 
an seine Arbeit „Über die passagere Symptombildung ■ — über die hierbei 
auftretenden Charakterregressionen — über seine geschickten Umgehungs- 
rnanöver, wenn der Patient seine Widerstände maskieren will — wie z. B. 
sein technisch so außerordentlich wirksames „zum Beispiel — über den 

Imago XIX. 20 



3o6 



Ernst iSimmel 



„Schwindel am Schluß der Analysenstunde" — „die Neigung des Patient 
zum Einschlafen" und vieles andere. — Praxis und Theorie war also fü 
Ferenczi eine Einheit. — Und so wundert es uns nicht, ihn schon i 
Jahre 1914 mit einem praktischen Prohlem sich auseinandersetzen zu sehen 
daß sich uns andern erst nach Inangriffnahme praktischer psychoanalytische 
Arbeit auf dem Boden der Poliklinik aufdrängte — das Problem de 
zeitlich fraktionierten, von ihm als „diskontinuierlich" bezeichneten 
Psychoanalyse. Ich kann Ferenczis Leistung als Theoretiker der Technik 
und Techniker der Theorie aber nicht verlassen, ohne Sie noch einmal 
an die meines Erachtens besonders schöne Arbeit zu erinnern, die erst jetzt 
im letzten Heft der „Zeitschrift" erschien: über „Sprachverwirrung zwischen 
dem Kind und dem Erwachsenen". — In tiefer Ergriffenheit denken wir 
heute daran, daß Ferenczi sie uns noch auf dem letzten Kongreß persönlich 
vortrug und mit ihr von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 
Abschied nahm. Hier schenkte er, selbst schon ein Leidender, uns gleich- 
sam eine neue Weisheit für unser praktisches Verhalten dem Leidenden 

gegenüber. Es scheint das einfachste und ist doch das schwerste ein 

technisches Problem, dessen Lösung manch einem von uns wohl schon 
gefühlsmäßig gelang, zu dessen Bewältigung viele Analytiker aber bisher 
vergeblich konkrete Anweisungen erwarteten. Es ist die Frage: Wie darf 
ich Mensch sein in der Analyse, und zwar der Mensch, der ich bin? — 
Der weise Ferenczi gibt ihnen jetzt eine Handhabe, indem er auf jene 
Phase in der Analyse hinweist, wo nicht nur der Patient den Analytiker, 
sondern auch der Analytiker den Patienten nicht mehr versteht. Es handelt 
sich um die Widerspiegelung einer infantilen Situation, in der das Kind 
unter dem Druck eines Sexual träum as, durch künstliche Provokation seines 
naturgemäß noch unreifen Trieblebens eine vorschnelle künstliche Reifung 
— eine „Progression" auch seines Ichs erleidet. Die im Zusammenhang 
damit entfachte, durch die äußere Übermacht aber gleichzeitig gehemmte 
Aggression zeitigt eine charakterologische Reaktionsbasis, die hoffnungslos 
depressiv und refraktär einer Außenwelt gegenübersteht, deren Verständnis- 
losigkeit als Ausdruck ihrer Lieblosigkeit erscheint. In der analytischen 
Wiederholungsphase einer solchen Situation kann der Patient zu einem 
Verständnis seiner selbst nur gelangen, wenn der Analytiker in souveränem 
Können auch einmal auf die Innehaltung der psychoanalytischen Situation 
von sich aus vorübergehend verzichtet und so durch sein Verhalten dem 
Leiden des Kranken als Ausdruck stummen Liebeswerbens Verständnis 
bezeigt. 



Credentrede für Sändor F' 



andor ± erenczi 



3o; 



Wollte ich mich weiter unterfangen, heute die Bedeutung Ferenczis für 
die Ausgestaltung der psychoanalytischen Theorie auch nur im Umriß zu 
würdigen, so wäre das viel zu schwer für mich; auch wenn Sie mir ge- 
statteten, ein langes und vielstündiges Kolleg darüber zu halten. Was hat 
er nicht alles beispielsweise für das Kardinalproblem der Psychoanalyse, für 
die Symbolforschung, geleistet. Ich meine damit keineswegs nur die Auf- 
deckung des unbewußten Sinnes so vieler Symbole im Traum, so vieler 
Symbol- und Symptomhandlungen wie der Fehlleistungen. Wie dankbar 
sind wir ihm für seine Beiträge, z. B. zur Entschleierung der Augensymbolik, 
der Brückensymbolik, des Waschzwangs, des Medusenhaupts — vom Un- 
geziefer bis „zum gelehrten Säugling" und vieles andere mehr. Ferenczis 
ganz besondere Bedeutung liegt in der Erforschung des Symbolphänomens 
selbst, vor allem in der Aufhellung seiner Ontogenese. — Nachdrücklich 
mußte er noch darauf hinweisen: „Nicht alles, was für ein anderes steht, 
ist ein Symbol." Aber trotzdem waren alle Objektvorstellungen, die einander 
symbolisch vertreten können, irgendwann einmal, und zwar von der Seite 
des affektiven Triebanspruchs her, einander gleichwertig. Nur wird die 
bewußte Vertretung der „andern" Vorstellung erst dann möglich, wenn die 
frühere, die ursprünglich gleiche, den Verdrängungsvorgang passiert hat, 
d. h. der Bearbeitung des Unbewußten unterworfen gewesen war. So kommt 
die Zahnsymbolik für den Phallus im Traum dadurch zustande, daß die 
infantile sexuelle Aggression des Zahnes gegen die Mutter älter ist als die 
des Penis. Seine Verwendung als Penissymbol im Traum ist daher eine 
Wirkung der Zensur unter Benützung regressiver Tendenzen. So kann, 
meint Ferenczi in einer seiner humorvollen Überspitzungen, der Kirchturm 
wohl einen Penis symbolisch vertreten — niemals aber der Penis einen 
Kirchturm. — Aus der Erkenntnis des ursprünglich affektiv Gleichwertigen 
stammt auch Ferenczis wichtige Studie „über die Ontogenese des Geld- 
interesses , eine Studie, die von der Sozialpsychologie noch viel zu wenig 
gewürdigt wird. 

Der Arzt Ferenczi hatte einen besonders glücklichen Blick für klini- 
sche Tatbestände und die Erfassung klinischer Syndrome. Nichts war seinem 
Drang nach bedeutsamer Erforschung zu gering — den Ptyalismus, den 
Pollutionsvorgang studierte er, Anomalien der Stimmlage, den Flatuleszenz- 
komplex und natürlich auch die Onanie. Er beschrieb die in ihrem Gefolge 
auftretende Eintagsneurasthenie und die hierfür psychophysisch bedeutsame 
Funktion der Vorlust Wirkung der extragenitalen erogenen Zone. Er entdeckte 
e „Sonntagsneurose" und hat vor allem Bahnbrechendes geleistet in 



3o8 



Ernst Simmel 



der Aufhellung der Genese und Struktur jener Krankheitsbilder, die unser 
eigentliches stetiges Arbeitsgebiet sind. Er hat mit als erster die Bedeutung 
der Homosexualität und speziell der Analzone für die Paranoia be- 
schrieben. Er hat sein Interesse von Anfang an dem vielfältigen Syndrom 
der Homosexualität gewidmet und als erster eine nosologische Sichtung 
derselben angebahnt — er hat die „aktive Objekthomoerotik" von der 
„passiven Subjekthomoerotik" unterschieden und sich um eine Klärung des 
vorher überschätzten Konstitutionsbegriffs bei ihr bemüht. Ich erinnere an 
die große Arbeit Ferenczis aus dem Jahre 19,21 über den Tic, in der er 
zum erstenmal die große Problematik aufweist, die nach ihm diese Er 
krankung als Konsequenz einer „narzißtischen Konversion erscheinen 
läßt. Hier baut er auf Funde auf, die das Problem seelischer Schädigungen im 
Gefolge von körperlichen Läsionen oder Erkrankungen unserem Verständnis 
zugänglich macht — das Gebiet der „Pathoneurosen . Diese erscheinen 
als Folge narzißtischer Kränkungen durch die Beschädigung besonderer libido 
besetzter Körperteile. — Die Paralyse, die die Organologen doch wirklich 
als eine in ihr eigenstes Gebiet gehörige Seelenstörung vordem rechnen zu 
können glaubten, konnte er in Gemeinschaft mit Hollös in vielen ihrer 
seelischen Erscheinungsformen verständlich machen, ebenfalls als narzißti- 
sche Beaktion auf die Wahrnehmung der organisch bedingten Ausfalls 
erscheinungen. 

Zur Aufstellung des Syndroms der Pathoneurosen kam Ferenczi durch 
seine ausgedehnten, uns so vertraut gewordenen Forschungen über die 
Hysterie. Er machte uns den Konversionsvorgang und das Phänomen der 
„Materialisation", d. h. den Sprung vom Psychischen ins Physische begreif- 
lich durch den Einblick in das „autoplastische" Walten einer „ Protop sy che", 
die intrapsychisch das Organsystem reguliert — eine primitive Begulierung 
der Bedürfnisspannung, zu der der in der „Alloplastik" gehemmte Hysterische 
regrediert, und zwar unter dem Druck der objektgehemmten Genitalfunktion, 
die nun „heterotop" die anderen Organe elektiv besetzt. Die körperliche 
Erscheinung der früher als konstitutionell angesehenen hysterischen Stigmata 
fanden durch ihn ihre psychogene Aufhellung gleichfalls als Produkte der 
Konversion im Dienste der Hemmung oder auch der Abfuhr von vom 
Unbewußten stammender Triebregungen. Die spezielle Form der Kriegs- 
hysterie hat Ferenczis eingehendes Interesse in der Kriegszeit gefunden 
Ihm gelang es hierbei, die Astasie und die Abasie in besondere Beziehung 
zu bringen zu der lokomotorischen Störung der größeren Krankheitsgruppe 
der Phobien. 



Gedenkrede für öändor Ferenczi 



3oq 



Meine Damen und Herren ! Die Fülle, aus der Ferenczi schuf und unserer 
, v e j t Stpff und Anregung gab, macht es Ihnen kaum noch möglich, meinen 
n au ch noch so vagen Andeutungen über das von ihm Geleistete weiter 
u folgen. Doch bitte ich Sie, mir zu gestatten, wenn auch nur mit wenigen 
Worten, noch der tiefen Dankbarkeit Ausdruck verleihen zu dürfen, die 
w j r dem Verstorbenen besonders wegen seiner spekulativen Forschungen 
zur Kernproblematik der psychoanalytischen Theorie schulden. Für ihn 
hatte das Wort Theorie seinen ursprünglichen Sinn wiedergewonnen. Sie 
w ar ihm wirklich ein Ergebnis des #EC0Q8iv, des Sehens — das heißt ein 
Ordnen der Fülle des Geschauten. Unablässig überprüfte er, hierin nur 
Freud vergleichbar, seine Theorie in wechselseitiger Beziehung zur Empirie. 
In genialer Konzeption überblickte und vervollständigte er die gesamte Libido- 
theorie in seinem „Versuch einer Genitaltheorie" im Jahre 1922, das spezielle 
Problem der Umbildung des Lustprinzips zum Realitätsprinzip im „Problem 
der Unlustbejahung" 1926. — Für den heutigen Forscher unentbehrlich 
sind die Ergebnisse seiner speziellen Arbeiten über die Vorgänge der Intro- 
jektion, der Projektion und der Übertragung. Gleichsam als Neben- 
gewinn fiel ihm dabei schon frühzeitig die Hypnose als besonders anziehen- 
des Forschungsobjekt auf, deren Studium ihm seither eine Lieblingsaufgabe 
blieb. Von ihr, von der er uns eine „Vaterhypnose" von einer „Mutter- 
hypnose" unterscheiden lehrte, hat er sogar die kühne, vielen ketzerisch 
scheinende Wunschphantasie ausgesprochen, man möge sie nach ihrer weit- 
gehend psychoanalytisch-theoretischen Aufhellung auch praktisch so meistern 
lernen, daß man sie in eine reguläre Analyse sollte einbauen können. - — 
Wieviel Ferenczi zum Thema Charakterforschung beigetragen hat, ist uns 
allen bekannt. An die Darstellung „der Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinns", ihre Bedeutung für die Ich-Psychologie und ihre Weiterentwicklung 
im Dienste der „Unlustbejahung" erinnerte ich schon früher. An einer 
Stelle, an der er darauf hinweist, daß eine Analyse ohne Charakteranalyse 
und die Beobachtung der zutage tretenden Regressionen immer unzureichend 
sei, prägt er in seiner humorvollen Weise das Problem so, daß jede Charakter- 
bildung der Ausdruck einer Verleugnung von infantilen Triebansprüchen an 
die Realität darstellt. Aus diesem Grunde müßte man den Charakter eines 
Menschen als „die Privatpsychose" des Individuums bezeichnen; daher 
käme es, daß gerade der Gesunde so furchtbar schwer zu heilen sei. 
Nun wenige Worte noch zu dem so bedeutsamen und meines Erachtens 
auch meist charakteristischen Werk des genialen Theoretikers Ferenczi, zu 
seinem so kühnen „Versuch einer Genitaltheorie' . 



v; 



l 



Ernst Siinmel 



Aus dem Studium eines in der analytischen Praxis an sich nicht h 
seltenen Phänomens, einer männlichen Potenzstörung, der ejaculatio prae 
erwächst ihm die Erkenntnis für die Verflechtung der prägenitalen Erotism 
die Normalität und Anormalität der genitalen orgastischen Exekution bedinge ' 
Der „erotische Wirklichkeitssinn" konsolidiert sich durch das Nachlass 
der prägenitalen Regressionstendenzen. Gleichwohl liegt ihm doch, wen 
auch auf genitalem Wege, die Tendenz zugrunde, die Ur-Mutterleibs- 
situation in der geschlechtlichen Verbindung wieder herzustellen. Es i s t 
der genitale maternale Regressionszug, der in der „erotischen 
Wirklichkeit" die Geschlechter zur Vereinigung treibt. In einem Streif- 
zug durch die Zoologie findet Ferenczi seine Annahme bestätigt, daß die 
Keimzellenprodukte die Gesamtperson im Sexualakt vertreten und ihre Aus- 
scheidung den Gesamtorganismus von Ich-störenden ünlustspannungen befreit 
Der einmal zur Phylogenese erweiterte Blick erschaut nun in grandioser 
Perspektive, im Zusammenhang mit der Geschichte der Organbildung, eine 
Geschichte der Menschwerdung, ja der Entwicklung des Lebendigen 
überhaupt. Die Uterusbildung im Mutterleib verdankt ihre Genese der 
Schutzbedürftigkeit des Säugetierfötus, das nicht mehr wie die Brut der 
wasserbewohnenden Vorfahren im Meere sich entwickeln kann. Die plazentare 
Blutversorgung des menschlichen Embryos ist ein Analogon zur Kiemen- 
atmung der Fische. Phylogenetische Weltkatastrophen mit den Folgen 
der allgemeinen Austrocknung — die kosmische ävdynr\ also — haben 
Aufbau und Ausbau der Tierreihe erzwungen. So ist der maternale Re- 
gressionszug in tiefster Schicht auch ein „thallassaler Regressionszug", 
wie unsere Träume erweisen. — Die Psychoanalyse erweitert sich unter 
den Händen Ferenczis so zu einer „Bioanalyse". Durch Ferenczi werden 
uns hier die Funde Groddecks begrifflich näher gebracht, nach denen 
psychisch und physisch nur der bilinguale Ausdruck desselben Tat- 
bestandes ist. Der Todes trieb als Ausdruck der Tendenz zur Wiederherstel- 
lung eines früheren Zustandes findet sinngemäß seine Eingliederung in diese 
große bioanalytische Schau Ferenczis. — Ich bin der Meinung, daß wir die 
erkenntnismäßige wie praktisch-therapeutische Bedeutung dieser spekulativ- 
sten aller Arbeiten Ferenczis heute noch gar nicht genug auswerten können; 
stehen doch noch viele von uns vor ihr, allzu geblendet von dem glitzernd 
reichen Gedankenmaterial dieses Werkes. Was Ferenczi uns in ihm sagt, 
weist in die Zukunft — ist der Wegweiser für eine Arbeitsrichtung, die 
psychoanalytisches Kennen und Können noch für Generationen nach uns 
vermitteln wird. 



Gedenkrede für Sändor Fe 



Nicht nur in seinem „Versuch einer Genitaltheorie" — sondern wo 
sonst auch immer er sich kühn und weitschauend versuchte, wuchs Ferenczi 
j^t seinem Thema über sich hinaus. Das geschah besonders bei jener 
Problematik, die sein besonders liebevolle Interesse fesselte, dem Grenz- 
gebiet des Psychobiologischen — in jener Zielrichtung der Psychoanalyse, 
wo sie „wie jede Psychologie bei Tiefbohrungen irgendwo auf das Gestein 
des Organischen stoßen" muß. 

Nun hat sein Organismus selbst den Forderungen des tief im Ursein 
verwurzelten Zwanges zur Rückkehr in die Natur, zur Wiederauflösung 
des Seelischen im Organischen und letztlich im Anorganischen sich unter- 
werfen müssen. — Er ist als Person aus unserer Mitte geschieden; aber 
sein Werk, das sein Leben war, bleibt weiter unter uns wirksam. Wir nehmen 
es als Vermächtnis für die Zukunft in unsere Hände und bleiben ihm so 
lebensnahe — er als Führer uns gegenwärtig. Mit ihm wollen wir auf- 
rechte und lebendige Träger unserer Sache bleiben. Und gerade als ephemere 
Kämpfer, eingeordnet in die uns alle überdauernde von Freud geschaffene 
psychoanalytische Wissenschaft beherzigen wir dankbar Ferenczis Ausspruch : 

„Die Frage nach Anfang und Ende des Lebens wollen wir 
endgültig fallen lassen und uns die ganze anorganische und 
organische Welt als ein stetes Hin- und Herwogen zwischen 
Leben- und Sterbenwollen vorstellen, in dem es niemals zur 
Alleinherrschaft weder des Lebens noch des Sterbens kommt. 



_L)ie Ichbesetzung bei Jen Fehlleistungen 



Von 

Jraul leoern 

\Vien 



1) Der Störungsvorgdng 

Vielleicht hat keine der Entdeckungen Freuds so viel Widerstände b " 
den Gegnern und so viel vergnügliche Zustimmung der Anhänger erweckt 
als die Erklärung der Fehlleistungen durch unbewußte Mechanismen 
Dabei bezieht sich das Wort „unbewußt" nicht auf das System Ubw 
sondern auf das Phänomen ubw. 2 Zum System Ubw führen die Ketten der 
Einfälle ebenso von einer richtigen oder einer falschen Leistung wie von 
einer Fehlleistung. Es sind Ketten in beiden Symbolbedeutungen des Wortes 
sowohl im Sinne einer ineinandergreifenden Reihe von Gliedern als auch 
im Sinne der Fesselung, denn wir können zum System Ubw nur vor- 
dringen, wenn wir die fesselnden Widerstände überwinden, die jedem Gliede 
der Einfallskette anhängen. Aber trotz dieser Widerstände eröffnen grade 
Fehlleistungen oft den Weg zum Verdrängten; sie tun dies eher als es 
richtige oder falsche Leistungen vermögen. 

Zunächst verrät sich in jeder Fehlleistung ein aktuell Verdrängtes, aber 
grade diese, gleichsam neu aufgetretene Quelle aus oberflächlichen Schichten 
konnte oft nur deshalb an dieser Stelle auftreten, weil bis in die Tiefe 
des Systems Ubw etwas wichtiges Verdrängtes — wie in unterirdischem 
Laufe — mit dem rezent Verdrängten zusammenhängt. Daß man bei der 
Auflösung einer Fehlleistung die oberflächliche Verdrängung aufzuheben 
vermag, macht diese Mechanismen oft leicht verständlich und verknüpft, 
wenn es in der analytischen Arbeit geschieht, diese mit dem aktuellen 
Geschehen. Für die Theorie der Fehlleistung sind aber die oberflächliche 
und die tiefe Schichte gleich wichtig. Die theoretische Aufgabe besteht 
darin, die umwegige Arbeit des seelischen Apparates, welche zur Fehl- 
leistung führte, als notwendigen Vorgang zu rekonstruieren wie die Traum- 
arbeit nach der Traumanalyse. Versuchen wir das, so finden wir ganz all- 
gemein, daß beim Vorgang der Fehlleistung die Grenzen zwischen den 
Systemen vorübergehend andere gewesen sein müssen als sonst. Vorbewußte 

1) Ausführung des am XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wies- 
haden am 4. September 1952 gehaltenen Vortrages. 

2) Als Phänomen beschrieben, ist auch alles Vorbewußte, bevor es bewußt ist, 
unbewußt. Dem System nach gehört aber alles Vorbewußte, auch solange es unbewußt 
ist, dem System WBw an. 



Die Ichbesetstmg bei den xelilleistungen 



3i3 



T halte wurden vom Ubw ausgeschlossen, während die Fehlleistung zustande 
, ffl . diese sonst vorbewußten Inhalte waren während dieser Zeit nicht 

bewußt w j e sonst; dieses ganz aktuell Verdrängte ist dann allen für das 
Svstem Ubw charakteristischen Mechanismen, Verschiebung, Verdichtung, 
formale Bearbeitung, Umkehrung, archaische Symbolisierung unterworfen. 
Wir müssen also entweder annehmen, daß alle diese Mechanismen nicht 
für das System Ubw, sondern nur für das Phänomen ubw charakteristisch 
sind oder daß es sich tatsächlich um eine Verschiebung der Grenzen 
zwischen den Systemen handelt. Freilich wäre die Grenze eine völlig 
starre, so könnte überhaupt keine Analyse in die Tiefe dringen, bevor 
nicht alle jüngeren Schichten aufgedeckt sind. So aber war die Fehlleistung 
wie eine Tiefensonde ins Ubw hinabgetrieben. Oft begleiten ihre Auf- 
deckungen Gesten des Analysierten, welche als Symptomhandlungen früh- 
infantile Triebregungen oder Affekte zum Ausdruck bringen. Weil das Be- 
heben bewußter Widerstände in komplexbedingter Dynamik auch unbewußte 
Widerstände verringert, kann mitunter auch systematisch Unbewußtes all- 
mählich oder sogar plötzlich bewußt werden. 

Die Fehlleistungen sind die Folge aktuell vermehrter Verdrängung, die 
eben deshalb auch beweglicher ist als eine lang bestehende. Der Vorgang 
der Verdrängung bezieht sich auf die Objektbesetzungen, d. h. auf die mit 
Objektlibido besetzten Objektrepräsentanzen. Grade an dieser raschest ein- 
getretenen und relativ rasch behobenen Verdrängung lassen sich Besetzung 
und Gegenbesetzung, deren Rückziehung und Wiederherstellung erkennen. 
Wir können das aber nur, wenn wir stets die Objekt- und die Ichbesetzungen 
als unterschieden voneinander ansehen. Dieser Unterscheidung soll daher 
die vorliegende Arbeit dienen. Daß jede Fehlleistung inhaltlich determiniert 
ist, wird um so wahrscheinlicher, je mehr man für das Resultat und für 
das Auftreten der Störung genügende spezielle Gründe findet. Während 
bisher nur die inhaltlichen Determinierungen der Fehlleistung und die Zu- 
sammenhänge der rezenten Verdrängung mit früheren aufgedeckt wurden, 
wollen wir die Determiniertheit der Ichstörung aufzeigen. Man ist 
bisher vom Ergebnis der Störung ausgegangen, um das Störende durch die 
Einzelanalyse zu finden, soweit es nicht ohnedies sogleich bewußt erkannt 
und anerkannt wurde; wir wollen aber den Prozeß der Störung selbst in 
Fortführung der Untersuchung Freuds näher untersuchen. 

Daß das Ich an dem Mißlingen des Denkaktes, respektive des Handlungs- 
aktes überhaupt beteiligt ist, ist bekannt und bedarf nicht unserer Unter- 
suchung. Es bestand ja grade der allgemeine Fortschritt der neuen Er- 




klärung darin, daß die Fehlleistungen aufhörten, bloße Versager des körne 
liehen Seelenorgans", also unpersönliche Vorkommnisse zu sein und daß 
sie nunmehr, als vom aktuell Persönlichsten des Ichs bedingt erkannt wurden' 
gerade dieses legen sie bloß und geben sie preis. — Manche Forscher be- 
streiten überhaupt die Existenz eines Ichs und sehen darin nur eine Hilf . 
annähme und Ausdrucksweise. Die Psychoanalyse steht nicht auf diesem 
Standpunkte. Ferner kann man den Einwand machen, daß das Ich an 
jedem Akte beteiligt sei und meine Arbeit nur Selbstverständliches dartue 
Wer in die Mannigfaltigkeit der Ichfunktionen und der Ichstörungen ein- 
zudringen vermochte, wer ihre Wichtigkeit, ihre Ausdehnung und Stärke 
erkannte, der muß jedes Gebiet aufgreifen, von welchem er neue Erkenntnis 
erwartet. Denn das Ichgefühl und alle Ichfunktionen verlaufen so unbemerkt 
und selbstgemäß, daß man ihrer erst nachträglich dann gewahr wird, wenn sie 
fehlen oder mangelhaft wurden oder dann, wenn sie sich wiederherstellen 
Bei der Fehlleistung wird gleichfalls die Ichstörung leicht übersehen, denn 
sie ist eine vorübergehende und betrifft meist nur einen kleinen Teil der 
Ichgrenze und gar nicht den Ichkern. 

In keiner Weise vertritt der Versuch, die Ichstörung näher kennen- 
zulernen, die früheren von Freud zurückgewiesenen Erklärungen. Es ist 
nach wie vor wahr: „Die psychophysiologischen Momente, wie Aufregung, 
Zerstreutheit, Aufmerksamkeitsstörung, leisten uns offenbar sehr wenig für 
die Erklärung. Sie sind nur spanische Wände, Redensarten, hinter welche 
zu gucken wir uns nicht abhalten lassen. Es fragt sich vielmehr, was hier 
die Erregung, die besondere Ablenkung der Aufmerksamkeit hervorgerufen 
hat. Ich füge nur hinzu, daß uns auch interessiert, wie letzteres geschieht, 
wie diese „spanischen Wände" funktionieren, die so lange das dahinter- 
liegende so völlig der Menschheit verbargen, daß erst Freud es suchen 
mußte und finden konnte. Ablenkung und Zerstreutheit sind also nicht 
die Ursachen, wie man vor Freud annahm, sie sind auch nicht bloß 
fördernde Momente, wie man seit Freud annimmt, sie sind selbst schon 
Teile der Störung, und zwar jener Teil, der das Ich betrifft. Gewöhnlich 
ist die Störung sehr zirkumskript, gerade nur auf das Gebiet der Fehlleistung 
beschränkt; oft ist sie diffus, aber doch nur vorübergehend. In vielen 
Fällen tritt in ihr ein chronischer Zustand zutage, insofern als viele 
Interessen und die dazugehörigen Ichgrenzen immer wieder solchen 
Störungen erliegen. Das geschieht, wenn eine narzißtische Entwicklung 
der Persönlichkeit vorliegt und das Ich an vom durchschnittlichen Menschen 
objektiv genommenen Interessen narzißtisch beteiligt geblieben ist. 



Die Lüesetzung tei Jen Penlleistungen 



3l5 



II) Die geträumte Fehlleistung 

Ich erwähnte schon, daß die Ichbesetzung erst bemerkt wird, wenn sie 
zu mangeln beginnt ■ — analog etwa unserem Gleichgewichtssinne, dessen 
Funktion ja zum Kern des Ichs gehört. Sonst funktioniert eben das Ganze 
zusammen und stellt die unbemerkbare Einheit und Ganzheit des Seins- 
erlebnisses her, dessen Normalität Behagen am Leben bedeutet. Ich will 
mit der Untersuchung der Fehlleistungen im Traume beginnen, weil in 
ihm subjektive Sensationen, die im Wachen ganz schwach wären, ver- 
größert und auffallend erlebt werden. 1 Gibt es Fehlleistungen im Traume? 
Im manifesten Trauminhalte finden wir, verglichen mit dem Erfahrungs- 
schatze, Irrtümliches und Vertauschtes. Auslassungen und Hinzufügungen 
sind die Regel. Das als Fehlleistung des Traumes zu bezeichnen, wäre 
falsch, denn die Traumarbeit geht immer in dieser „dereierenden", vom 
Tatsächlichen abgelösten Art vor sich. Der Mangel der Kontrolle durch 
das Bewußtsein ist aber für beide pathologisch-normalen Vorgänge, Traum- 
arbeit und Fehlleistung, charakteristisch und erklärt zum großen Teile ihre 
Mechanismen. Wenn wir Falsch- und Fehlleistung unterscheiden, ist 
die Traumarbeit beides, Falschleistung, insofern ihr Material nicht zur 
Verfügung steht, Fehlleistung, insofern sie nach den bekannten unbewußten 
Mechanismen mit ihrem Materiale verfährt. Aber von einer Fehlleistung 
der Traumarbeit zu sprechen, wäre eine unsinnige Überspitzung der Be- 
griffe. Uns interessiert nur das Vorkommen der geträumten Fehlleistung. 
Im manifesten Traume ereignen sich oft das Zu-spät-Kommen, Nicht-Finden, 
Nicht-Erkennen (obgleich man es kennen sollte,) als typische Traum- 
sensationen, deren Bedeutungen wir nur zum Teile kennen. Doch wollen 
wir uns hier nicht damit beschäftigen. Ich will nur zwei Beispiele 
von Fehlhandlungen im eigenen Traume, die einem typischen Aufwach- 
mechanismus entsprechen, mitteilen und ein Beispiel von Fehlleistung eines 
Patienten, die aus dem Traummaterial in den manifesten Traum über- 
gegangen war. 

Eine der eigenen Erfahrungen habe ich mir vor acht Jahren notiert, die 
andere vor einem Jahre, während ich mit der vorliegenden Untersuchung be- 
schäftigt war. Ich selber erlebe nur selten einen bestimmten Schlaf-, respektive 
Aufwachvorgang, der bei anderen Personen sehr häufig vorkommt. Es ist das 



i) Hier schließt diese Arbeit an meine Untersuchung über „Das Ichgefühl im Traume" 
m- (Int. Ztschr. für Psa. XVIII, 1952. Engl., übersetzt von W. J. Spring, „Ego Feeling 
in Dreams" Psychoanalytic Quarterly Oct. 1932.) 



3i6 



Paul Fede 



' 



subjektiv sichere Erlebnis, daß unmittelbar vor dem Erwachen ein Fuß od 
eine Hand von der Unterlage — dem anderen Unterschenkel, respektive de 
Brustkorb, eventuell auch von einem Polster — heruntergleitet. Dieses Gleite 
wird vergrößert als Fallen empfunden. Man erwacht dadurch wie durch di 
Erschütterung beim Fallen. Meist geschieht das kurz nach dem Einschlafen 
seltener am Ende des nächtlichen Schlafes. Seine Glieder so unrichtig zu lagern' 
würde im Wachen zu den Fehlleistungen gehören. Es ist daher der Mühe 
wert, die Art der Weckträume, die diesem Vorgang entsprechen, zu eruieren 
Da der Vorgang selber unangenehm ist, so vergißt man über dem störenden 
Eindruck leicht den vorausgegangenen Traum. Zweimal aber konnte ich ihn 
erinnern, und es ist interessant, daß sein manifester Inhalt in beiden Fällen 
eine Fehlhandlung war. 

Das erstemal träumte ich, daß ich aus Ungeschick eine gläserne Schale 
aus der Hand entfallen ließ und rasch, vergeblich, nach ihr griff, um sie noch 
zu erhaschen. Ich wüßte nicht mit Sicherheit anzugeben, ob die sehr bald 
danach erfolgende Sensation des Abgleitens der Hand dem Fallenlassen oder 
dem reflexartig darauffolgenden Versuch des Noch-Erhaschens entsprach. Das 
andere Mal träumte ich, daß ich auf der Straße stolperte, mich aber noch im 
Fallen aufhalten konnte. Gleich danach wachte ich auf mit dem Gefühl oder 
infolge des Gefühls, daß mein Fuß abgeglitten war. 

In beiden Träumen handelte es sich um ein selbst herbeigeführtes Miß- 
geschick, das einen Schaden für ein Objekt oder für den Träumer herbei- 
führen konnte. Die nähere Deutung der Träume gehört nicht hieher. Für 
die uns interessierende Aufgabe, die Fehlleistung von der Seite des Ichs 
zu untersuchen, ergibt sich aus beiden Traumbeobachtungen ein allgemeiner, 
für alle Fehlleistungen charakteristischer Befund. Jede Fehlleistung ist 
— objektiv und subjektiv — dadurch charakterisiert, daß etwas von selbst 
geschehen ist, d. h. ohne mein Ich vor sich ging. Die Extremität war 
von selbst herabgeglitten, 1 daher der Traum von einer Fehlhandlung. 

In diesen Beispielen ist eine Fehlhandlung auch wirklich erfolgt. Das 
folgende Beispiel bringt eine nur geträumte Fehlhandlung. Der Patient 
erzählt : 

Ich schreite eine Stiege hinauf und werfe eine sehr lange eiserne Schrauben- 
zange (Franzos) , ohne mich umzuschauen, nach rückwärts. Dabei verletzte ich 
zwei Personen, die hinter mir gehen. Meine Frau sagt vorwurfsvoll: „Aber 

l) Metapsychologisch mag der Vorgang sich anders darstellen. Da, wie bekannt, 
die Motorik der Instanz des Ichs untersteht, ist der Traum fast immer bewegungslos, 
weil dem Ich die Besetzung fast völlig entzogen ist. Die Bewegung kann hingegen 
(sogar im Traume) wirklich erfolgen, wenn sie, wie in der Fehlleistung, nicht vom 
Ich ausgeht, sondern von selbst geschieht. Da diese Motorik eine — wenn auch 
minimale — Art von Somnambulismus ganz kurzer Dauer ist, gibt sie einen Weg 
an, diesen besser zu verstehen. 



Die Ichbesetzung bei den Fehlleistungen 



Karl w ^ e k ann man so etwas tun? Ich entschuldigte mich vor mir selbst, 
noch bevor meine Frau das sagte, mit der als wahrhaft empfundenen Be- 
merkung: „Ich habe, ohne zu denken, den Eisenhaken geworfen." 

Während der Traumtat war kein körperliches Ichgefühl vorhanden, es 
stellte sich aber gleich nachher ein. Es war also sein wollendes Ich nicht 
bei der Handlung gewesen. 1 Auch hier war „von selbst" etwas geschehen. 
Die Fehlleistung war aus dem Materiale der wachen Phantasien in den 
Traum übernommen worden und wurde im Traum, „ohne" Absicht, ver- 
wirklicht. Es war ein Tagesrest. Am Abend zuvor hätte er in seinen Ge- 
danken gar nichts dagegen gehabt, wenn er das eine seiner Opfer zufällig 
erschlagen hätte. So dient die Fehlhandlung der Wunscherfüllung im Traume; 
sie gewährt das Gefühl von Schuldlosigkeit und verhütet so Angstentwicklung 
im Traume. 

Dieser kurze Ausflug in die Psychopathologie des Traumes ergab also, 
daß zum Entstehen der Fehlhandlung die Zurückziehung der Ichgrenzen 
von der Handlung nötig war. Für die anderen Fehlleistungen ist der Traum 
ein unzulängliches Forschungsgebiet; doch werden wir eine nur im Traume 
vorkommende Form von Fehlleistung später mitteilen. Wir wenden uns 
wieder dem Wachzustande zu, um auch hier die Besetzungsstörung der 
Ichgrenzen bei der Fehlleistung darzustellen. Die Untersuchung des Traumes 
haben wir vorausgeschickt, weil im relativ rein narzißtischen Zustand des 
Schlafes subjektiv die Rolle des Ichs bei der Fehlleistung im Traume eher 
wahrgenommen wird als im Wachen. Subjektiv ist demnach die Fehl- 
leistung von sonstigen schlechten Leistungen geradezu dadurch charakteri- 
stisch unterschieden, daß das Ich des Fehlleisters „nicht dabei" war. In 
topischer Hinsicht schließt sich dadurch die Fehlleistung anderen Ich- 
störungen an, dem Traume, der Entfremdung und manchen (neuro-)psychoti- 
schen Zuständen. 

J~L1) Die Rolle des Ichs bei der Fehlleistung 

Oft wurde hervorgehoben, daß gerade bei gespannter Aufmerksamkeit 
dem Sprechenden, dem Handelnden oder Spielenden die Fehlhandlung wider- 
fährt. Da das Aufmerken eine intensive Besetzung der betreffenden Ich- 
grenze verlangt, scheint das meiner Behauptung zu widersprechen. Dennoch 
hegt darin kein Widerspruch gegen die Regel, daß bei der Fehlleistung 



l) Siehe 1. c. S. 160 f. 



das Ich nicht dabei sei, denn bei genauer Beobachtung zeigt sich imm 
daß die während der ganzen Tätigkeit gesteigert gehaltene Aufmerksamk "' 
kurz vor der Entgleisung hinter der fortschreitenden Aufgabe zurück- 
geblieben war; sie bleibt sogar eher an einer bestimmten Phase d 
Tätigkeit haften, wenn sie vorher dauernd und stark jeder Phase gefolgt 
war. In anderen Fällen besteht der Störungsvorgang an der Ichseite darin 
daß die Besetzung der Ichgrenze nicht fehlt, sondern daß gleichzeitig mehrere' 
meistens zwei verschiedene Ichgrenzen dem gleichen Gegenstande gegen- 
über besetzt sind, oft Ichgrenzen von verschiedener Qualität der Besetzung 
(z. B. passiv und aktiv) ; in diesem Falle hat sich die eine Ichgrenze nicht 
von der Objektrepräsentanz lösen können. Das geschieht besonders häufig 
vor dem Versprechen. Wir können verschiedene Arten der hergehörigen 
Ichstörung unterscheiden. Wir bezeichnen es als „Zerstreutheit", wenn ver- 
schiedene Ichgrenzen gleichzeitig besetzt sind, namentlich wenn das dem 
gleichen Gegenstand gegenüber geschieht; wir sprechen von „Konzentrations- 
mangel", wenn verschiedene Gegenstände die Ichgrenzen gleichzeitig in 
Anspruch nehmen; in beiden Fällen werden von den Ichgrenzen aus dann 
abwechselnd mehrere Gedankenreihen der Objektrepräsentanzen vorbewußt 
und bewußt verfolgt, die sich bald wieder kreuzen und bald wieder, zerstreut, 
zu einem Gegenstande zurückführen. Um ein Thema, das einem neu ist, 
durchzudenken, muß man es bald konzentriert und bald zerstreut in Auge 
fassen. Das Verweilen des Ichs bei einem, die Funktion des Weiterdenkens 
oder eines Tuns störenden Gegenstande heißt „Geistesabwesenheit" im 
engeren Sinne. Sind dieses Störende bloße Phantasien, so sprechen wir von 
„Verträumtheit"; wir nennen einen Zustand „Verlorenheit", wenn die 
störenden Gedanken und Phantasien sich ins Unbewußte verlieren, d. h. mit 
ihm nahe zusammenhängen oder grade aus dem Unbewußten auftauchen. 
In diesem Falle bezieht sich die Störung nicht nur auf die Fixierung der 
Ichgrenze, sondern auch auf die Unfreiheit des Bewußtseins für neue Ein- 
drücke. 

Freud sagt, daß sich niemand „in all den Fällen verspricht, in denen 
man ganz dabei ist, wie wir so bezeichnend sagen". Damit ist bereits 
das gemeint, was ich später die volle Besetzung der Ichgrenze nannte. Vom 
Ich als Gegenstand des ablenkenden Interesses und damit vom Ich als Ursache 
der obengenannten Zustände spricht Freud viel öfter als von den Zuständen 
selbst, weil ja die Psychoanalyse vor allem die Ursache der Störung, das 
Störende, aufzudecken hat. Er sagt, daß „ein Strom von Eigenbeziehung" 
ständig durch sein geistiges Leben gehe, und meint, daß es bei anderen 






Die IdrLesetzung bei Jen Fehlleistungen 3!q 

„icht anders sein dürfte. Er hebt hervor, daß es die ichnahen Komplexe 
__ Familie, Ehrgeiz, Beruf — sind, die man meistens als Motive der 
Störungen findet. Die Assoziationsversuche Jungs zeigen übrigens mit 
elementarer Deutlichkeit, daß die Reaktion sworte auf komplexbetonte, 
,j, h. ichnahe Reizworte leichter vergessen werden als die auf andere Reiz- 
worte. Die Ichbezogenheit des Störenden ist daher wohl bekannt. Man kann 
sagen, daß das Ich deshalb nicht ganz dabei bleiben konnte, weil auch 
e in vorhergegangener Gegenstand zu sehr mit dem Ich verknüpft war und 
die Ichgrenze sozusagen ungebührlich in Anspruch genommen hat. Daß 
das Ich an den Fehlleistungen besonders beteiligt ist, verrät in der deutschen 
Sprache schon das Präfix „ver". Denn ich habe in anderem Zusammen- 
hang gefunden, 1 daß diese Vorsilbe die Bedeutung des Zeitworts, dem sie 
vorgehängt ist, dahin ändert, daß es sich nunmehr auf das Ganze bezieht, 
in unserem Falle darauf, daß das ganze Ich, die ganze Persönlichkeit Objekt 
der Aussage wird. Daß die Fehlhandlungen mit der sekundär narzißtischen 
Besetzung zu tun haben, d. h. mit jener, in welcher das Ich gleichzeitig 
Subjekt und Objekt 3 der narzißtischen Besetzung wurde, so daß zwei Ich- 
grenzen — gleichsam -— einander begegnen, liegt daran, daß die Ichbezogen- 
heit der Grund dafür ist, daß ein Gegenstand die Ichgrenze festhält. Das 
verrät die deutsche Sprache damit, daß sie viele Fehlleistungen auch mit 
dem rückbezüglichen Zeitwort bezeichnet: sich irren, sich verirren, sich 
täuschen, sich verlieren, sich verlesen, sich verschreiben, sich versprechen, 
sich verhören, sich verraten. Die Silbe ver- in Verbindung mit der reflexiven 
Wendung besagt daher, daß das ganze Ich bei der Fehlleistung als Subjekt 
beteiligt und ihr ohnmächtig erlegen ist. 

Sobald das Ich seiner Fehlleistung gewahr wurde, sucht es durch eine 
Leistung in entgegengesetzter Richtung, gleich einer Hilfsexpedition, den 
Schaden wieder gutzumachen. Auch hier sehen wir, wie wichtig es ist, 
ob etwas an dem ganzen Ich erfolgt oder nur an einem Teil desselben. 
Im Falle der doch im Grunde harmlosen Störung einer Fehlleistung kann 
man mit seinen — im ganzen ungestörten — Ichgrenzen einen normalen 
Zustand bald finden, indem man an bekannten Objekten einen Halt sucht, 
o kann sich die Fehlleistung wieder ausgleichen. Wenn aber das ganze 
Ichjt ffektiv ergriffen ist, wenn wir z. B. verlegen sind, gelingt das nicht, 

i) Siehe „Intellektuelle Hemmungen" in Ztschr. f. psa. Pädagogik, V, 1931, 

•) Siehe Federn: Das Ich als Subjekt und Objekt des Narzißmus. Int. Ztschr. f. PsA. 
AV > '929. S. 293 ff. 



3a o 



Paul Federn 




und man ist dankbar, wenn eine andere Person zu Hilfe kommt, das ver- 
gessene Wort sagt oder den Irrtum richtig stellt. 

Da der eigentliche Vorgang an den Ichgrenzen unbemerkt vor sich geht 
und man erst, wenn schon die Verirrung geschehen ist, des unrichtig ein 
geschlagenen Wegs gewahr wird, erscheint meine Behauptung noch un 
bewiesen, daß sich immer deshalb die Objektrepräsentanz oder das Wort nicht 
richtig einstellte, weil ihr nicht mehr die ihr zugehörige Ichgrenze mit 
voller Besetzung zu Gebote stand. Den Beweis liefert uns aber die genauere 
Untersuchung der Vorgänge, durch welche die Fehlleistung repariert wird, 
Ohne über Besetzungsvorgänge, Ichgrenze und Objektrepräsentanz je nach- 
gedacht zu haben, ohne Belehrung und Selbstbeobachtung, hat ein jeder, 
nur vom gefühlten Mangel geleitet, sobald er etwas vergessen, verlegt oder 
verloren hat, das Richtige getan, um die fehlerhafte Besetzung der Ichgrenze 
wieder richtigzustellen. Wenn das geschehen ist, korrigiert sich der Fehler 
meistens sofort von selbst. 

Um sich von der Unbehaglichkeit, die eine nichtaufgelöste Fehlleistung 
zurückläßt, zu befreien, kann man bei manchen Arten von Fehlleistungen, 
namentlich beim Vergessen, fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Dieser Weg 
interessiert uns hier nicht oder höchstens nur insofern, als uns das Problem 
interessieren kann, weshalb auch diese Hilfe oft ausbleibt, weil die Fehl- 
leistung auf den zu Hilfe Gerufenen überspringt und nun auch er das ver- 
traute Wort verloren hat. Sonst aber gibt und gab es vor der Psychoanalyse 
zwei Hilfsmittel. Daß es diese zwei gibt, die miteinander abwechselnd und 
einander ergänzend zur Verwendung kommen, ist ein Beweis dafür, daß in 
uns für jeden Gegenstand eine mit Ichgefühl bestehende, also dem Ich 
verbundene, und eine ohne Einbeziehungsgefühl in das Ich, also isoliert 
bestehende Objektrepräsentanz vorhanden ist. Es sind zwei Niederschriften 
nach dem metapsychologischen Gleichnis Freuds, Engramme (das gleiche 
Gleichniswort) nach Semon. Von ihnen wird die mit Ichgefühl besetzte 
Repräsentanz jeweilig zur Ichgrenze für den dieses Objekt betreffenden 
nächsten Denk- oder Vorstellungs- und Wahrnehmungsakt. Welches sind 
die beiden Hilfsmittel? 

Den einen Weg schlägt jeder ein, der sich — ohne die Psychoanalyse 
benützen zu wollen — helfen will. Er geht auf der Gasse oder im Zimmer 
genau denselben Weg, macht dieselben Bewegungen und Handgriffe, ver- 
setzt sich dabei ständig in die vergangenen Ichsituationen, damit ihm da- 
durch (nicht etwa durch assoziatives Erinnern der Objektrepräsentanzen) 
das Entfallene oder der Ort des verlegten Gegenstandes einfalle. Daß e 



Die Imbesetsung bei den Fehlleistungen 



321 



sich nicht — wie man aus theoretischem Wissen rasch einwenden möchte — 
UI n die Kontiguitätsassoziationen mit dem jeweiligen Bewegungsorte handelt, 
das zeigt die Selbstbeobachtung. Diese lehrt, daß wir uns in die frühere 
Ichsituation zurückversetzen müssen, damit uns geholfen werde. Auch muß 
es ein Stadium sein, welches um einiges der Fehlleistung vorausgegangen 
war. Hat man z. B. einen Gegenstand verloren, so kann man, wenn er 
versteckt liegt, ihn nicht finden, solange man den Weg zurückgeht; sondern 
dann erst, nachdem man nochmals umkehrte und neuerdings den Weg in 
der ursprünglichen Bichtung geht. Auch muß man dabei wieder und wieder 
in Gedanken oder auch mit den Bewegungen, fast zwanghaft, ständig den 
aufeinanderfolgenden Situationen und den aufeinanderfolgenden Besetzungen 
seiner Ichgrenzen hingegeben sein. Daß ein solches Wiederholen nicht 
auch in umgekehrter Bichtung gelingt, entspricht unserer Gewöhnung, alles 
bewußte Denken und Handeln von der Vergangenheit in die Zukunft ge- 
reiht ablaufen zu lassen. 1 Nur in primären Denkprozessen kommt eine Um- 
kehrung vor, und z. B. im Traume kann sich solch ein Beihenfolge auch 
umkehren und einem dann umgekehrt einfallen. 

Ein anderes Hilfsmittel stellte die Psychoanalyse zur Verfügung, das der 
freien Einfälle. Diese führen bald nach vorwärts, bald zurück im zeit- 
lichen Ablauf, sie sind inhaltlich orientiert und benützen die Objektbesetzungen 
mit ihren Benennungen. Wir sagen, daß der andere Weg, der die zeitliche 
Aufeinanderfolge benützt, den Ichbesetzungen nachgeht. Doch trifft auch 
der zweite, objektive Weg immer wieder mit den Ichbesetzungen durch 
Vermittlung einzelner Objektbesetzungen zusammen, während der subjektive 
Weg die Ichsituationen erst verläßt, wenn ihm die verlorene Objekt- 
repräsentanz wieder zugänglich gemacht wurde. Das geschieht gleichsam 
nach der Umkehr vor dem Scheidewege von richtiger und Fehl-Leistung. 
Des Nebeneinanders im Baume bedienen sich beide Methoden. 

Man glaube aber nicht, daß die objektive psychoanalytische Methode 
von der älteren, laienhaften ganz absieht. Diese Beimischung wurde nicht 
beachtet; aber gerade sie lehrt uns, die Fehlleistungen auch von der Ich- 
seite her zu verstehen. Man braucht bloß analytische Beispiele genau zu 
lesen, namentlich solche von Selbstanalysen, denn bei ihnen mußte der 



1) Will man sich zwingen, eine Wort-, Buchstaben-, Silben- oder Sachfolge in um- 
gekehrter Richtung zu wiederholen, so gelingt das nur, indem man sich immer wieder 
die tatsachgemäße Reihenfolge ins Gedächtnis ruft. Es kann das sogar als aus- 
gezeichneter mnemotechnischer Lernbehelf für schwer memorierbare Worte oder 
sonstige Aufeinanderfolgen empfohlen werden. 



Imago XIX. 



3aa 



Paul Fede 



Autor die Quälerei einer nichtgelösten Fehlleistung selbst erleiden u A 
suchte sich daher instinktiv und nicht nur in exakt-analytischer Art 
helfen. Freud berichtet, daß er, um einen vergessenen Eigennamen 
erinnern, auf die Gasse zu gehen pflegte und die Firmenschilder dort 1» 
So findet sich entweder der gesuchte Name selbst oder aber ein ander 
oder ein sonstiges Wort, welches jenseits des Assoziationswiderstandes liegt 
so daß sich die Verbindung mit dem fehlenden Ausdruck wiederherstellt 
und der Leitungsfehler behoben ist. Ebenso kann man ein Buch oder die 
Zeitung ergreifen oder im gleichgültigen Gespräch ein helfendes Wort auf- 
fangen — das Maß von Glück, welches bestimmt, wie schnell das gelingt 
ist aber auch durch die Größe der Widerstände determiniert. Psychologisch 
bedeutet es aber nicht dasselbe, ob man das richtige Wort oder nur ein 
assoziativ damit verknüpftes findet; im letzteren Falle gelangt man erst über 
weitere Objektbesetzungen zu dem Vergessenen. Erfährt man das Wort selbst 
so ist einem nur das dritte Element der Denkbesetzungen, das Wort, direkt 
gegeben worden. 

Solches Lesen oder Horchen auf Reden anderer beginnt meist als Suchen 
längs der Objektbesetzungen; aber man gerät bald von dem Bereich der 
Objektvorstellungen und dem der Benennungen in ein früheres Stadium 
des Ichs und sucht dann vom Ich und den dem Ich angeschlossenen Objekt- 
repräsentanzen aus das mangelnde Wort. Diesen Weg verschmäht auch kein 
Analytiker, besonders nicht beim dringlichen Wiedergutmachen eines Ver- 
legens oder des Vergessens eines Vorsatzes. In der Situation, die zum Selbst- 
gespräch führt: „Wo habe ich das hingelegt?" oder „Weshalb bin ich zu 
diesem Kasten gegangen?", aber auch beim Deuten des eigenen Versprechens 
läßt der Analytiker nicht bloß den freien Einfall walten, sondern versetzt 
sich absichtlich zurück in einen Zustand, in welchem die Fehlleistung noch 
ungeschehen war. Das tut man auch, wenn einem das Wort von einem 
anderen wiedergegeben wurde, um zu begreifen, weshalb man es nicht 
selber finden konnte und um zu verstehen, wie es kam, daß man es ver- 
loren hat. 

Freud macht darauf aufmerksam, daß die Unruhe und Verärgertheit, 
welche wir während einer ungelösten Fehlleistung empfinden, auch bei 
ganz unwichtigen Entgleisungen dieser Art eintreten und daher nicht rationell 
begründet sind. Er nimmt an, daß der Affekt vom verdrängten Störenden 
auf das Vorkommnis der Fehlleistung verschoben ist. Dies geschieht dem- 
nach analog der Haftung von Angst an einen bestimmten Vorgang, während 
der Gegenstand, von welchem die Gefahr drohte, und diese selbst verdrängt 



Die Icnoesetsung bei den Fenlleistungen 



3a3 



bleiben. Ich glaube nicht, daß diese Begründung ausreicht. Ihr stehen jene 
Fälle entgegen, in denen die Fehlleistung den Wunsch von zweien erfüllt, 
der der stärkere war z. B. beim unwillkürlichen Unterlassen einer unweisen 
Handlung oder Bede. Für sie sprechen die Fälle, in welchen man dank 
der Fehlleistung eine unerwünschte Pflicht zu erfüllen unterließ und bis 
z um Bewußtwerden der Unterlassung ein unbestimmtes Schuldgefühl in 
sich trägt. Ganz allgemein kommt ein anderer Grund ausschließlich oder 
vorwiegend in Betracht. Jeder Zustand, in welchem man es erlebt, daß 
m an unzureichend „Herr im eigenen Ich" (Freud) ist oder war, weil das 
Ich besonders schlecht funktionierte, ist eine „kleine" Psychose. Es ist un- 
heimlich und quälend, wenn die Kontinuität der Ichfunktion in einer so 
wichtigen Hinsicht wie die kausale gedankliche Verknüpfung es ist, aus- 
gesetzt hat und sich trotz vollen Bewußtseins nicht wieder herstellt. Denn 
das „Ich" ist, wie ich an anderer Stelle definiert habe, das Selbsterlebnis 
der dauernden oder sofort wieder erlangbaren Kontinuität des Individuums 
in körperlicher und geistiger Hinsicht, und zwar in bezug auf Raum, Zeit 
und kausale Verknüpfung. 

Daß die Ichstörung der Grund des peinlichen Affektes ist, beweisen 
seltene Fälle von Alterskrankheit, in denen das Sicherinnernmüssen zu 
einem chronischen Zwange wurde, der vom Laien als krankhafte Alters- 
schrulle und als seniler Eigensinn beurteilt wird. Der Zwang geht entweder 
von den Sachvorstellungen oder von den Namen aus. Bald wird die Per- 
sönlichkeit aus dem Leben, aus der Geschichte, der Lektüre gesucht, die 
einem Namen zugehört, den der Kranke gerade zufällig hörte oder der ihm 
von selbst einfiel, bald umgekehrt der Name zur Persönlichkeit. Ich konnte 
in einem solchen Fall viel verschobenen Affekt durch Analyse bewußt machen 
und den Gesamtzustand dadurch erleichtern. Getrennt davon blieb bei jeder 
Wiederholung des Symptoms die quälende Unruhe des Gefühls, „verrückt" 
zu sein. Durch diese seltenen, organisch bedingten Fälle aufmerksam ge- 
macht, erkannte ich das unheimliche Gefühl der Ichgestörtheit auch bei 
den alltäglichen Fehlleistungen wieder. Es kann von den andern Affekten, 
wie etwa dem der Beschämung durch den Selbstverrat nach einem Versprechen, 
unterschieden werden. Die gestörten Funktionen, das Sprechen und Handeln, 
das Wissen und Denken, sind eben die Grundlagen der Selbstbehauptung sich 
und andern gegenüber. 

Wir wiederholen, daß jeder, der ein Vergessen korrigieren oder sein Ver- 
sprechen wenigstens nachträglich begreifen will, sich in den Zustand zurück- 
versetzt, in welchem er noch ganz dabei gewesen war. Wegen der struktu- 



3a4 



Paul Fede 



rellen Schwierigkeit, Lebensprozesse in umgekehrter Aneinanderreihung 
verfolgen, überspringt man gleichsam ganze Ereignisfolgen und gleitet e" 
Stück seines Lebens zurück. Oft genügt die einmalige Wiederholung d 
Starts, um das Richtige zu finden. In anderen Fällen muß es mehrma] 
versucht werden; das Fehlhandeln wiederholt sich mehrmals, wenn m a 
und weil man wieder den Moment, in welchem sich die Fehlverknüpfun 
oder Auslassung im Ich vorbereitete, übersieht. Gelingt die Ausbesserun 
nicht, so mag eine dauernde Gedächtnisstörung infolge des Wiederholunes- 
prinzips oder durch den rezent entstandenen „bedingten Reflex" zurück- 
bleiben. Man vermeidet das instinktiv oder heute dank der psychoanalytischen 
Erkenntnis, indem man vom früheren Ichzustande aus oder auch, rein 
analytisch vom aktuellen Ichzustande aus, solange den Objekt- und Wort- 
assoziationen nachgeht, bis die affektiven Widerstände gegen die Aufhebung 
der rezenten Verdrängung überwunden sind; je mehr man den Ärger aus- 
schaltet und sich in passiver Hingegebenheit und doch mutig alle Glieder 
der umwegigen Gedankenketten einfallen läßt, desto eher wird die unter- 
brochene Verbindung wiederhergestellt und die — doch nur leicht gewesene 

Erschütterung wegen der Störung der Kontinuität des Ichs vergessen, und zwar 
tatsächlich vergessen, so wie die Träume völlig vergessen werden. 

Wir sagten schon zu Beginn dieser Arbeit, daß nicht alle Fehlhandlungen 
bloß infolge der oberflächlichen Verwirrung rezenter Erlebnisse, sondern viele 
im Zusammenhang mit früherer Verdrängung entstehen. Die Analyse wird dann 
schwierig, die rezenten Widerstände hängen mit tiefen, ungelöst aus früheren 
Lebenszeiten verbliebenen zusammen, und wir kommen immer wieder zu 
einem Stocken des Gedankenablaufs. Gerade an solchen Fällen sieht man die 
Bedeutung der Ichbesetzung. Denn man spürt regelmäßig, daß die Einfalls- 
reihe dann stockt, wenn man einen bestimmten, lange vergangenen Ichzustand 
nicht finden kann oder nicht mehr vermag, sich in ihn zurückzuversetzen. 
Bei solchen tiefer gehenden Analysen kann man auch die Vermengung 
beider Methoden, wie sie von selbst geschieht, beobachten; am Wege der 
Einfälle kommt man wieder auf Ichzustände, von denen man versucht, sich 
die Erlebnisreihe nicht mehr nach inhaltlicher Verknüpfung, sondern in 
ihrem zeitlichen Ablauf zurückzurufen. So stößt man beim analytischen 
Suchen eines vergessenen Namens eventuell auf einen andern Namen, den 
man nicht suchte, von dem man aber bei der Wiederbegegnung merkt, 
daß man ihn gleichfalls vergessen hatte. Durch diesen weniger stark ent- 
zogenen Namen gelangt man dann auf eine frühere Ichsituation, in welcher 
die Ursache lag, daß man in der rezent aktuellen den andern Namen auch 



-Die Ioioesetzung bei den Fenileisttmgen 



3a5 



vergaß, we ^ <* er gliche Grund noch wirksam war. Ich kann einen ver- 
gessenen Namen suchen und herausfinden, in welcher Zeit meines Lebens 
,jj e Ichsituation war, in der die tiefere Schichte meines Ichs sich formte, 
die mich heute als Widerstand hindert, mich zu erinnern. Es genügt aber 
nicht, daß ich diese Ichstufe als Objekt der Assoziation gefunden habe; 
ich muß warten, bis ich mich in die Ichsituation zurückversetze, damit 
sich der Name finden läßt. Jedem so auftauchenden Ichzustande liegen 
bestimmte Zwischenglieder des Assoziationsnetzes näher als andere. Weil ein 
solches Zwischenglied zu zwei Ichzuständen nahe Beziehung hat, hilft sie 
die nächste wichtige Ichsituation aufwecken. Wahrlich, ein windungsreicher 
Strom von Eigenbeziehung" geht durch unser Erleben und bleibt in dem 
Erinnerten erhalten. Und gerade an den Stellen der erlebten Ichsituationen 
haben sich die stärksten Widerstände gebildet. Sie werden nur durch Zurück- 
rufen der Situation im Wiedererleben überwunden und lassen sich nicht 
auf die einzelnen sachlichen Vorstellungen in der Gedankenkette so ver- 
teilen, daß sie einzeln überwindbar sind. Wir sind unversehens zum Problem 
des Erinnerns, des Agierens und des Wiedererlebens, das wir von der ana- 
lytischen Praxis kennen, gelangt. Die Fehlleistung ist nur ein Sonderfall 
der allgemeinen Erfahrung, daß man in jeder Analyse dazukommt, daß 
der Analysand sich in frühere Ichzustände zurückversetzen muß. Dieses 
Wiedererleben ist aber nicht identisch mit dem Agieren in der Übertragung. 
Bevor ich weitere analytische Beobachtungen erörtere, will ich für das bisher 
mitgeteilte Beispiele bringen, deren Darstellung den Leser besser verstehen 
lassen soll, was mit dem mitgeteilten gemeint und mit der Mitteilung be- 
zweckt ist. 



jl V ) JD arlegung an .Beispielen 

Das Verweilen der Ichgrenzen bei unerledigten Gegenständen oder das 
Zurückweichen des Ichs auf ein früheres Stadium mit nunmehr nicht 
mehr passender Ichgrenze ist besonders bei gehäuften Fehlleistungen er- 
kennbar ; doch ist der Mechanismus bei isolierten Verfehlungen derselbe, 
nur weniger evident. Deshalb will ich zunächst eine im Erleben unbe- 
greifliche, nachher gut verständliche Folge eigener Fehlleistungen vor- 
bringen. 

Ich hatte an einem Tage viel Arbeit und mußte mir ausnahmsweise mehrere 
Male die Zeit nehmen, auf den Bahnhof zu fahren. Von meiner engeren Familie 
pflege ich zu Hause Abschied zu nehmen. Freunde oder Verwandte zu geleiten, 



H 



3a6 



Paul rede 



verlangt aber die „kleine" Moral; sie zu verletzen, würde eine Gleichgültiek " 
verraten, die nicht besteht und die man um so weniger vermuten lassen will 
als das jahrelange Getrenntleben im Alter ohnedies nur zu leicht altgewohnt 
Beziehungen erkalten läßt. Einer der Abreisenden versäumte seinen Zug 
daß ich seinetwegen spät abends nochmals hinkommen mußte. Auch ä 
kam er im letzten Moment und ließ noch Pakete in seinem Auto, das irh 
zur Rückfahrt benutzte. Die Pakete sollte ich in meiner Wohnung verwahren 
Vor der Haustüre angelangt, öffne ich das Haustor, läute aber vorher der 
Hausbesorgerin, damit sie mir beim Hineinbringen der Pakete in den Lift be- 
hilflich sei. Sie kommt gleich, wir bringen alles hinein, und sie läßt mich 
hinauffahren. Kaum daß der Aufzug in Bewegung ist, will ich automatisch 
den Schlüsselbund aus der Tasche nehmen, um die Wohnungstüre aufzusperren- 
ich habe ihn nicht in den Taschen und erinnere mich: „Du mußt ihn an 
der Haustüre haben stecken lassen!" Das ist nicht gleichgültig! Doch war es 
unwahrscheinlich, daß ihn in den wenigen Minuten schon jemand weggenommen 
haben sollte. Ich gebe das Haltesignal im Lift, fahre wieder herunter sage 
es der Hausbesorgerin, gehe zum Haustor und finde, wie ich vermutet hatte 
den Schlüssel am Schlüsselbunde außen stecken. (Fehlleistung 1 .) Ich nehme ihn zu 
mir, lache mit der Hausbesorgerin über das Versehen und erinnere mich daß 
Freud schon auf die Schlüssel als Vorzugsobjekt für Fehlleistungen aufmerksam 
gemacht hat, daß ich aber selber diese Spezialität nur ganz ausnahmsweise 
betätigt habe. Dann sperre ich die Wohnung auf, läute aber wieder vorher 
damit man mir helfen komme. Mein Sohn und auch die Hausgehilfin sind 
gleich zur Stelle und bringen die Sachen in mein Zimmer; ich rufe der Haus- 
besorgerin, der Lift fährt hinab. Dann gehe ich in mein Zimmer und setze 
mich an den Schreibtisch, um zu arbeiten. Dazu muß ich etwas aus einer 
Schreibtischlade nehmen, greife in die Tasche — aber die Schlüssel sind aber- 
mals fort. (Fehlleistung 2 .) Dieses Mal kann ich sie nur an der Wohnungstüre 
haben stecken lassen. Ich gehe lachend hinaus, sie stecken aber nicht! Nun suche 
ich sie überall, vergebens rekonstruiere ich jeden Schritt seit meinem Nach- 
hausekommen. Mein Sohn ist freundlich bemüht, mir zu helfen und meint, 
sie könnten nur an der Haustüre stecken. Ich, bereits unsicher geworden, 
folge und schaue noch einmal nach, um mich zu überzeugen. So komme ich 
zum Schlüsse, daß ich den Schlüsselbund im Lift nach dem Aufschließen der 
Wohnung, beim Holen der Pakete weggelegt haben muß, und beschließe, 
nicht jetzt, spät nachts, die Hausbesorgerin zu wecken, wohl aber ganz zeitlich 
am nächsten Morgen, womöglich als erster den Lift zu benützen, um die 
Schlüssel unauffällig wieder zu nehmen. Da ich regelmäßig zeitlich aufstehe, 
hat das nichts auf sich. 

Schon der mit Recht hochgeschätzte Entdecker der Tücke des Objektes hat 
den wechselvollen Verlauf der Affekte bei solchen Mikrodramen geschildert. 
Sicher ist, daß sich bei mir die resignierte schlechte Laune in lachende Re- 
signation umwandelte und der uneingestandene Ärger sich von den Menschen 
ab und mir selbst zuwandte. Dazwischen war ein Lichtpunkt und Grund zur 
Selbstzufriedenheit aufgetreten, es war die Sehergabe, mit der ich durch rein 



Die Idibesetzung Lei den lenlleistungen 



3zy 



h poretische Erwägungen den Ort erschlossen hatte, wo der Schlüsselbund sein 
X chtlager aufgeschlagen haben mußte. 

Am nächsten Morgen aber wache ich erst gegen acht Uhr auf, was mir 

raist nie widerfährt, wenn ich etwas des Morgens zu tun habe. (Fehlleistung 5.) 
Auch habe ich den Verlust des Schlüsselbundes vergessen. (Fehlleistung 6.) Erst gegen 

eun Uhr erinnere ich mich, erschrecke, denn der Verlust all dieser Schlüssel 
würde die Umänderung von Haus- und Wohnungsschloß, viele Rosten, Un- 
annehmlichkeiten und Zeitverlust bedeuten. Ich eile, um die Hausbesorgerin 

u fragen, ob sie schon den Schlüsselbund gefunden hat; aber dazu kommt 
es nicht mehr, denn ich sehe ihn sofort im Schlüsselloch außen an der Türe 
stecken. Auch wird mir gleich die Art bewußt, wie mir am Abend zuvor der 
Irrtum widerfahren konnte; ich habe beidemal (Fehlleistung 3 und 4) am linken 
Türflügel statt am rechten gesucht und das mit voller Sicherheit. Es war eine 
große Leistung, etwas, was ich tagtäglich zu tun geübt war, nicht automatisch 
richtig zu tun, um den Schlüssel im Schlosse zu übersehen. Man erkennt 
an diesem Beispiel, daß solche Fehlleistungen nicht durch einen Automatismus 
zustande kommen. Ein solcher kommt nur manchmal zur Hilfe, kann das aber 
nur, wenn vorher die Ichbesetzung das Feld geräumt hat. Im vorliegenden 
Falle hatte ich weder automatisch noch mit Zuhilfenahme klügster Über- 
legung darauf verfallen können, am linken Türflügel Schloß und Schlüssel zu 
suchen. Erleichtert war allerdings das Geschehen — - wie so oft — durch einen 
Tagesrest; ich hatte nämlich die sonst nie verwendeten Schlösser des rechten 
Flügels ausprobiert, weil der Termin für das Verschließen der Wohnung für 
die Sommermonate sich näherte. Erleichtert war die Fehlhandlung auch da- 
durch, daß ich sowohl beim Tore wie bei der Wohnungstüre ausnahmsweise 
jemanden durch das Läuten herbeigerufen hatte und dadurch nach dem Auf- 
sperren abgelenkt war. 

Das Motiv für die Fehlleistungen war eine starke Störung meiner Gesamt- 
stimmung, die am Abend durchbrach, nachdem ich den ganzen Tag die Haltung 
zu wahren hatte. Nicht von der Objektbesetzung „Schlüssel und Schloß , auch 
nicht von ihrer symbolischen Bedeutung ging die Störung aus, sondern von 
dem mit meinem Ich verbundenen Komplexe: meine Wohnung, meine 
Lebensführung, meine Unabhängigkeit. Wenn in früheren Jahren meine Frau 
mit den damals kleinen Rindern schon im Frühling aufs Land fuhr, so ver- 
fiel ich als Strohwitwer noch am selben Tage wieder in die Junggesellen- 
gewohnheit des abendlichen Kaffeehausbesuches. Erst nach Jahren fiel mir auf, 
daß ich an diesem Abend immer in das Stammkaffeehaus aus meiner Studien- 
zeit und nicht in das gewohnte der späteren Zeit ging, obgleich keiner der 
alten Freunde mehr dorthin kam. Später hat dieser Rückfall in eine frühere 
Lebensperiode aufgehört. Aber dieses Mal war ich wieder mit meinem Ich 
um viele Jahre regrediert und hatte daher keine Ichbesetzung für einen Haus- 
schlüssel und noch weniger für ein Steckschloß an der rechten Flügeltüre, 
denn in jener Vorzeit waren alle Schlösser am linken Türflügel gewesen. So 
kam diesem viel jüngeren Menschen gar nicht in den Sinn, den Schlüssel an 
der Türe rechts zu suchen. In dieser einfacheren, zufriedeneren Zeit, in die 






3a8 



Paul Jede 



ich floh, war ich auch ein Spätaufsteher gewesen. Der symbolische Sinn rl 
Fehlhandlung, in dem auch meine Ärgerlichkeit sich entlud, ist leicht 
erraten, wenn man überlegt, daß die Folge der Fehlleistung eine Freigab* 
meiner Wohnung für Diebe und Einbrecher gewesen wäre. Sie bedeutet dah 
einen in Wien gebräuchlichen Ausdruck, den ich kaum je, weder ernst no h 
scherzhaft, gebrauche: „Ihr könnt mir alle gestohlen werden!" Die Grobhe't 
dieser Worte, die unsinnige und doch sinnvolle Häufung der Fehlleistunge 
das Ausmaß der unangenehmen Folgen, die sie gehabt hätte, denn man kann 
kaum seine Schlüssel ungeschickter verlegen, — und schließlich die Verärgerun 
waren in ökonomischer Hinsicht einander proportional. Deutlich war nach 
träglich das Gefühl erkennbar vom Zurückfliehen des Ichs vor den Ansprüchen 
der Gegenwart. 

In dem Buche „Zur Psychopathologie des Alltagslebens" finden sich 
analoge Beispiele. Sehr instruktiv ist die Art, wie Ferenczi nach seinem 
Selbstberichte ein Vergessen korrigierte. Er konnte sich des Apercus „Nichts 
Tierisches ist dir fremd", das er selbst einige Wochen vorher geäußert 
hatte, nicht erinnern. Um es zu finden, rief er das voranalytische Mittel 
zu Hilfe, denn er erzählt, daß er sich aus der Gesellschaft zurückzog und 
sich anstrengte, sich in die Situation, in der er diesen Ausspruch gemacht 
hatte, wieder zurückzuversetzen; erst als ihm das gelungen war, trat der 
Erfolg der Assoziation der eingefallenen, sachlichen Zusammenhänge ein. 
Nicht ganz so deutlich, aber doch im gleichen Sinne ist der Vorgang zu 
erklären, wie ihn Freud für die Auflösung des Vergessens eines Vorhabens 
schildert. Er berichtet, daß er vergaß, eine Korrektur rechtzeitig an Berg- 
mann in Wiesbaden abzusenden. Er vergißt in gehäufter Art, obgleich die 
bereits von ihm korrigierten Bogen ihn immer wieder erinnern mußten. 
Er sucht nach dem Grund für dieses Verhalten und macht einen Spazier- 
gang, der ihn — gewiß nicht zufällig — zu seinem Wiener Verleger führt. 
Die Erklärung, die ihm dort einfällt, genügt ihm nicht. Dann „geht sein 
Bedenken" auf seine Mitarbeit an dem Handbuch von Notnagel zurück. 
„Dort findet der Vorwurf (es ist ein Selbstvorwurf) abermals keine An- 
erkennung." Erst als dritte Etappe kommt die Wiederbelebung einer Eigen- 
mächtigkeit bei dem Übersetzen eines französischen Werkes zustande und 
mit ihr die zureichende Erklärung. Der Leser hat nicht den Eindruck, 
daß im Wege freier Einfälle die Begründung gefunden wurde, sondern 
durch ein, viele Einfälle auslassendes, sie überspringendes Suchen der 
analogen Situationen des Ichs. In die bestimmende Situation mußte sich der 
Autor zurückversetzen, um die Evidenz der Richtigkeit seiner Begründung 
zu bekommen. 



J 



Die IcLbesetzung bei den Fehlleistungen 



329 



Was von Vorsätzen und Handlungen gilt, gilt auch vom Vergessen der Eigen- 
namen. Mir fiel dieser Sachverhalt bei den vollendeten und meisterhaft 
^je keine sonst durchgeführten Analysen Freuds auf. Im Falle „Signorelli" 
war der Autor auf einer Reise. Seine Gedanken weilten bei einem ge- 
wichtigen, tragisch zu nennenden Thema. Nun plaudern die andern Reisenden 
mit ihm. Von außen kommt die Anregung, über anderes zu sprechen, als 
über das, was ihm nahegeht. Die Objektbesetzungen kommen nun von 
beiden Seiten, vom eigenen Vorbewußten als Einfälle, von den Mitreisenden 
als Fragen, Antworten oder Mitteilungen. Die affektiv besetzte Ichgrenze 
war nicht vom Thema „Tod, Arzt, Sexualität" frei geworden. Das Wort 
Herr" ist vom Ich aus stark betont, weil die Worte des Mohammedaners 

ff 

das gleiche Thema angeschlagen hatten. Daß der Autor auch auf der Seite 
der Objektbesetzungen nicht ganz frei ist, wird dadurch bewiesen, daß er 
selbst das gefährliche Thema, die Fresken von Orvieto, erwähnte, also das 
Thema, bei welchem ihn der wiedererweckte leidvolle Gedanke die italieni- 
sche Übersetzung von „Herr" nicht finden ließ. Obgleich die Ablenkung vom 
Thema willkommen war, gelang sie nicht auf normale Art. Das Ich mußte 
vielmehr, um nicht mehr vom Thema gestört zu werden, sich davon los- 
reißen. Dieses Losreißen ist der Moment der eigentlichen Störung. Denn 
es geschieht in der Weise, daß die das Thema enthaltende Ichgrenze als 
störend verdrängt wird. Das ist die aktuelle letzte Verdrängung, die ent- 
scheidet; von diesem Moment an kann der Name nicht mehr gefunden 
werden. Eine solche Verdrängung eines Ichanteiles, in unserem Falle einer 
besetzten Ichgrenze, kennen wir von der Schizophrenie her als „Sperrung". 
Die in unserem Falle so geringe Sperrung bewirkt, daß die Auffassungs- 
stelle für alles, was mit „Herr usw." zusammenhängt, für einige Zeit dem 
Ich verloren ging. Das Merkwürdigste ist, daß, wie Freud weiter mitteilt, 
durch bloßes Weiterklingen beim Assoziieren die klangvolle Silbe „Bo" des 
dazugehörigen Wortes „Bosnien'" sich einstellte. Das zeigt, daß dort, wo die 
Ichgrenze nicht mehr zur Verfügung steht, die Worte Schall werden. Solche 
rein klangliche Zusammenhänge sind infantil und entsprechen beim Er- 
wachsenen der Psychose und der Sperrung. Das Wiederfinden des Wortes 
gelingt erst, wenn die störende Ichsituation nochmals und nun richtig er- 
lebt wurde. An diesem Beispiel kann man das nicht kontrollieren, weil das 
fehlende Wort von fremder Seite mitgeteilt wurde. 

Beim Assoziieren von der Objektreihe her kommen die Einfälle stets 
nach dem Zusammenhang mit dem störenden Thema geordnet. Das beweist, 
daß die Zurückziehung von den vorher mit Ichgefühl besetzten Vorstellungen 



33o 



Paul Fede 



sich nicht nur auf das gesuchte Wort erstreckt. Gleichzeitig wehrt eine ab- 
stoßende Kraft alle Objektbesetzungen ab, die an das Thema rühren di 
um so stärker wird, je näher die Einfälle das Thema berühren. Üb» 
diese metapsychologischen Fragen soll in anderem Zusammenhange ge- 
sprochen werden. Die theoretische Erörterung der Frage, ob es nötig, d v, 
richtig ist, die Berührung mit der Ichgrenze, so wie ich es hier tue, von 
dem Eintreten in das Bewußtsein zu unterscheiden, soll am Ende dieser 
Arbeit folgen. 



V)Z, 



ur sozialen 



len ij eite der £ ehlleistungen 



3ten 

a PC 



Unser Interesse gilt zunächst den sozialen Bedingungen für das Auftreten 
der Störung. Die Fehlleistung ist ein Einbruch des Privatlebens ins Soziale es 
ist ihr aber ein Zwang auf das Privatleben vorausgegangen, der dieses nach- 
haltig störte. Bei der Besprechung des Beispiels „Signorelli" bemerkten wir 
daß der Fehler zustande kommen mußte, weil die Besetzung der Ichgrenze 
hinter den Anforderungen, die vom Gespräche kamen, zurückgeblieben war. 
Bei der eigenen Fehlleistung war die ganze Icheinstellung hinter der Gegen- 
wart zurückgeblieben. Im Falle Ferenczis bestand keine sachliche Verbin- 
dung zwischen dem Thema, welches gerade zur Sprache kam, und dem 
Thema, zu welchem das Apercu gehörte; nur die Analogie der Ichsituation 
hatte die Tatsache, etwas noch Besseres ein anderes Mal gesagt zu haben, 
in Erinnerung gebracht; diese Begung des Selbstgefühls, die sofort auch 
eine Selbsthemmung hervorrief, hat es verhindert, daß die Ichgrenze und 
die Objektbesetzung weiter zusammenstimmten. Bei Fehlleistungen, die einem, 
wenn man allein ist, widerfahren, übernimmt die Bolle des störenden Anderen 
ein eigener affektbetonter Einfall oder die gedachte Zwischenrede eines 
Zweiten oder die Kritik des imaginären Publikums. In zahlreichen Fällen 
geht diese selbstgedachte Zwischenrede vom Über-Ich aus, welches die Ich- 
grenze festzuhalten befiehlt oder aber eine Objektbesetzung als störendes 
Element einwirft. Wir kommen so zu einer andern Verteilung der Rollen 
des Störenden und Gestörten beim Gedankenablauf, der der Fehlleistung 
vorausgeht. Freud nimmt die richtige Leistung, die nicht erfolgen konnte, 
als das Gestörte an, und das mit Recht, weil sie die normale wäre. 

Bei unserer Untersuchung des Ablaufs der psychischen Leistungen müssen 
wir das als gestört ansehen, was bis zur Störung abläuft und der Störung 
unterliegt, ohne uns darum zu kümmern, ob es normal und richtig oder 
falsch weiter vor sich gegangen wäre. (Tatsächlich ist oft auch das un- 



Die Idibesetzung bei den Fenlleistungen 



33i 



'chtige Resultat, wie Freud uns gezeigt hat, im Wesen das richtigere.) 
nie Fehlleistung ist das Ergebnis, die mangelnde Bereitschaft der Ichgrenze 
. t ,j er Beginn der Störung. Von da an beginnt die Herrschaft verdrängter 
Inhalte und Strebungen, und diese erst determinieren den Weg, den die 
Störung einschlägt, und das Ergebnis, das sie bringt. In diesem Sinne er- 
kennen wir im Anspruch des Andern, z. B. des Mitreisenden im Falle 

Signorelli", den störenden Faktor, d. h. in der Gedankenrichtung, die er 
beim Autor anregt. Die „Zufälligkeit", welche Freud den Fehlleistungen 
entzogen hat, wird dennoch immer subjektiv als bestehend empfunden; sie 
besteht wirklich, sobald wir das Aneinandergeraten wenigstens zweier den- 
kender Individuen mit ihren nicht einander parallel ablaufenden Gedanken 
berücksichtigen. 

Besonders deutlich wirkt dieser Faktor beim Versprechen. Die eigene 
Sprache erlaubt kein Vergessen, nur ein Verfehlen eines sprachlichen Aus- 
druckes, ledes Versprechen ist die Folge einer doppelten Tendenz im 
Sprechenden. Diese doppelte Richtung liegt in den einfachsten Fällen darin, 
daß der Sprecher schwankt, ob er sprechen soll oder nicht. Freud über- 
nimmt in seinem Buche ein harmloses Beispiel von Meringer und Mayer. 
Jemand wird gefragt, wie es denn seinem Pferde gehe, und antwortet: 
„Das draut . . . dauert noch einiges Monate. Er dachte, das sei eine traurige 
Geschichte. Die soziale Einstellung verlangte die einfache objektive Antwort, 
der Pferdebesitzer war aber affektiv beteiligt und faßt sich nicht schnell 
genug zur objektiven Erledigung der Frage. Solcher Gelegenheiten gibt es 
aber weit mehr, als Fehlleistungen geschehen. Erst das, was einer Fehlleistung 
aktuell vorausgegangen ist, erklärt, weshalb es manchmal zur Fehlleistung 
kommt und andere Male nicht. Nur in den Fällen, in denen wir die voraus- 
gehenden Ichsituationen und das Verhältnis zum Hörer erfahren haben, 
verstehen wir die starken aktuellen Motive, welche immer nötig sind, damit 
das so ( gut eingeübte Verwenden der eigenen Sprache versage. Das Schwanken 
zwischen Reden und Schweigen begünstigt auch deshalb das Versprechen, 
weil das Sprechenwollen die Ichgrenze mit aktivem Ichgefühl besetzt, das 
Zuhören mit passivem. Muß man längere Zeit zuhören, wenn man schon 
sprechen will, oder läßt man sich zum Sprechen verleiten, wenn man es 
nicht will, so ist man immer mit mehreren Objekten aus dem Verlaufe 
des Gespräches beschäftigt, dabei oft mit mehrfach ambivalentem Verhalten 
des Ichs, ambivalent sowohl in bezug auf Bejahung und Verneinung als 
auch in bezug auf Passivität und Aktivität der Ichgrenzbesetzung und in 
bezug auf Zeigenwollen und Zurückhaltung in der Gesamteinstellung. Diese 






33a 



Paul Fede 



1 !! 



«1:1 
IIB 



letzte Ambivalenz setzt sich weiter aus mehreren einander widersprechend 
Trieben und Affekten zusammen, Eitelkeit und Bescheidenheit (in tiefer 
Schichte Exhibition und Scham), Führen und Geführtwerden (in tiefere 
Schichte Vater- und Sohneinstellung mit allen tiefen Komplikationen) 
Kampflust und Friedlichkeit, beziehungsweise Vorsicht, und schließlich dem 
komplizierten Widerstreit von Narzißmus und Objektlibido, dessen Steigerung 
wir als Lampenfieber kennen. Daß sich unter so komplizierten Bedingungen 
die Ichgrenze und die Objektvorstellung mit ihrer Benennung leicht gegen- 
einander verschieben, ist verständlich. 

In den Beispielen „Signorelli" und „aliquis" sind diese Momente in 
verschiedener Mischung vorhanden. Niemand spricht gerne zu Fremden 
von dem, was ihn im Innersten bewegt, und doch kann man manchmal 
zum vertrauten Freunde noch schwerer sprechen. So kann das Mitteilungs- 
bedürfnis stark werden, zumal wenn sich eine Übertragung hergestellt hat 

Das Schwanken zwischen Rede-Intention und Bede- Unterdrückung läßt 
wenn es länger dauert, immer mehrere Ichreaktionen verschiedener Art 
gleichsam zu Worte kommen und damit verschiedene Beziehungen zum 
Gegenständlichen. Von jeder mit gespannter Besetzung sprechbereiten Ich- 
grenze geht eine andere Wortwahl aus. Schließlich vermengen sich zwei 
oder sogar mehrere Impulse. Wären diese Ichgrenzen nicht übermäßig be- 
setzt, so würde — das ist der normale Fall — gewartet werden, bis sich 
das Gesamt-Ich des Sprechers für eine Reaktion und die entsprechende 
Wortwahl entschieden hat. Ist aber das Gesamt-Ich in einer früheren Stellung 
zurückgeblieben, dann kann es das Schwanken bei der Wortfindung nicht 
beenden und gleichzeitig haben die unbewußten Motivierungen Gelegen- 
heit, das Kompromiß in der schließlichen Äußerung zu „determinieren". 
Das Schwanken und die Unsicherheit des Ichs lassen stets auch die Sprech- 
funktion auf eine frühere Stufe ihrer Entwicklung regredieren, auf welcher 
die Artikulationsnähe zwischen den sich vermengenden und ersetzenden 
Wortintentionen noch sehr zur Geltung kamen. „Zerstreutheit" bedeutet 
die Besetzung mehrerer Ichgrenzen, sie wird für die mangelhafte Zentrierung 
bei der Sprechintention und dadurch für die Vermengung der Sprechimpulse 
verantwortlich gemacht. Gerade bei der Zerstreutheit ist es schwer, das 
wünschenswerte, normale Verhalten vom pathologischen zu unterscheiden. 
Denn es ist wünschenswert, daß während des Weiterdenkens möglichst viele 
Gedankenverbindungen von den Ichgrenzen her erreichbar sind; dadurch 
wird das Denken oder Sprechen ideenreich und bis ins Einzelne dem ge- 
stellten Problem gerecht. Die unerwünschte Zerstreutheit beginnt erst, wenn 



Die Iditesetzung tei Jen Fenlleistungen 



333 



a us affektiver Gebundenheit die Besetzungsintentionen zu keiner Resul- 
tierenden kommen, sondern gleichsam in einem großen Zerstreuungskreise 
Assoziationen suchen, welche beim Versprechen dann in der Artikulation 
zu einem Kompromiß innerhalb der vielen zum Sprechen verfügbaren 
Wendungen und Worte führen. „Zerstreutheit" ist daher kein physiologisch 
abnormer Zustand, sondern ein voll determiniertes psychisches Verhalten. 
Die Fehlleistung erfolgt also aus einer Diskrepanz zwischen dem Eigen- 
leben und den Ansprüchen der Außenwelt. Manche Fälle von Vergessen 
kommen so ganz einfach zustande. 

Ich ließ mich z. B. an einem schönen Sommertag vom Arbeiten abhalten 
und ging spazieren. Gehend wollte ich weiter über ein Thema nachdenken. 
Ein Haus, an dem wir vorbeigingen, nahm meine Aufmerksamkeit in Anspruch, 
und ich bemerke zu meiner Begleiterin, wie hübsch der an der Vorderwand 
gezogene Obstbaum es kleide. Dabei entfällt mir das Wort „ Spalier "obst, das 
ein ganz gebräuchliches Fremdwort ist. Wenige Zwischenworte Heßen es finden. 
Das Wort „Spazieren" hatte es mir geraubt. Ich wollte nicht sprechen, sondern 
weiter überlegen und war meinem Vorhaben untreu geworden. Mein Ich war 
den wechselnden Gegenständen nicht gefolgt; ich gab aber der äußeren An- 
regung nach und begann zu sprechen, ohne wirklich „dabei zu sein". 

Wir beachten gar nicht, wie viele unserer Gedankengänge abgerissen 
werden, weil eine andere Person oder wir selbst uns zwingen, uns von 
ihnen loszureißen. Solche aktuelle Unterbrechungen können, wenn genug 
unbewußte Gründe vorhanden sind, die Fehlleistung auslösen. Stets bereiten 
sie aber spätere Fehlleistungen vor, und kommen erst später zur Geltung, 
wenn wir die unterbrochenen Gedankengänge beim Sprechen brauchen. 
Auch müssen die Assoziationen bei der Analyse einer Fehlleistung über- 
raschend werden, wenn solch ein längst vergangenes „Fehldenken" in 
die Reihe der freien Einfälle gerät. Gerade solche im „Fehldenken" aus- 
einandergerissenen Zusammenhänge sind es, welche beim Denken nach 
Zielvorstellungen nicht gefunden werden, wohl aber beim passiven Ver- 
halten, wie es die analytische Technik vorschreibt. Die Methode des „freien 
Einfalles" löst das Fehldenken der Vergangenheit auf und macht allmählich 
das Gedankenmaterial wieder frei verfügbar. Bei jeder Auflösung eines Fehl- 
denkens wird ein affektiver Widerstand überwunden, der daran hing. An 
solchen Störungspunkten bedarf es des Sich-Zurückversetzens in einen frü- 
heren Ichzustand, wovon wir oben gesprochen haben, um die Analyse fort- 
zuführen. 

Wir sahen demnach, daß die soziale Motivierung der Fehlleistung auf 
einem diskontinuierlichen Austausch der Assoziationen zwischen zwei (oder 



33^ 



Paul Federn 



■II 



mehreren) Personen beruht. In diesem Falle setzt das Dazwischentreten der 
anderen Person (oder Sache) neue Widerstände gegen das Auftauchen der ge- 
wünschten, realitätsgemäßen und sonst adäquaten Vorstellungen und Worte 
Im Gegensatz dazu steht das fördernde Austauschen der Gedankengänge, wenn 
das Ich den von außen kommenden Anregungen folgt. Die dabei gefühlte 
angenehme Befriedigung stammt aus zwei Quellen: erstens aus der Libido- 
befriedigung, welche jeder richtigen und weiterleitenden Verknüpfung der 
Ichgrenze mit einer Objektvorstellung innewohnt; — wir dürfen nicht ver- 
gessen, daß alle Objektvorstellungen sowie jede Ichgrenze immer ihre 
libidinöse Besetzung haben, die bei der Vereinigung beider zur Befriedigung 
kommt; — zweitens aber ist das richtige Zusammenpassen der gegenseitigen 
Einfälle ein oft sehr großer ökonomischer Gewinn, er erspart die Über- 
windung der Widerstände, welche in der Einzelperson aus gerade aktuellen 
oder aus tiefen Gründen gegen das Auftreten der adäquaten Assoziation vor- 
handen waren. In diesem Falle ist die „zufällige" Verschiedenheit zwischen 
den Gedankenabläufen der miteinander sprechenden Personen für beide 
deshalb von Vorteil, weil jeder von ganz verschiedenen unbewußten Zu- 
sammenhängen aus auch ganz verschiedene Widerstände in sich trägt. Die 
Aussicht, daß einem von beiden der bessere Gedanke widerstandsfrei zum 
Bewußtsein kommen kann, der sich gerade dem andern weigern muß, ist 
sehr groß und erspart viel Suchen und auch viele unzulängliche Erledigung. 
Wir verstehen auch jetzt besser das so häufige Ereignis, daß man ein ver- 
gessenes Wort vom andern erfahren will und der andere es gleichfalls 
nicht finden kann. Das ist nur ein speziell provoziertes Fehldenken der- 
selben Art, wie wir es oben als regelmäßiges Geschehen beschrieben haben, 
wenn jemand gezwungen ist, aus seinen Ichzuwendungen heraus sich plötz- 
lich einer von außen kommenden Objektbesetzung zuzuwenden. 1 Es fehlt 
die dazugehörige Ichgrenze. Versucht man aber, sich sofort mit dem in 
Verlegenheit Geratenen zu identifizieren, um ihm denken zu helfen, so 
übernimmt man von ihm meist auch die Verlegenheit und die Störung 
der zum Gegenstand zugehörigen Ichgrenzen. 

Wir fanden also im Fehldenken und im Zusammendenken einander 
entgegengesetzte Vorgänge von hoher sozialer und auch individueller Be- 
deutung; wir verstehen, wie förderlich gut zusammenstimmende Gespräche 
sind und wie verwirrend das Sprechen mit nicht mitfolgenden Menschen 

l) Die Beobachtung der Prüfung und der Prüfungsstörungen kann darüber belehren, 
wie völlig objektiv die Einstellung zum Gegenstande geworden sein muß, damit man 
der von außen kommenden Anregung sofort zu folgen imstande ist. 



■!?! 



Die Ictibesetztmg bei den Fehlleistunge 



335 



für das ganze innere Gefüge der gedanklichen Eigenarbeit wird. Bedingung 
für fruchtbares Gespräch ist das Aufeinanderstimmen des Tempos im Denken, 
die analoge Qualität und Quantität des verwertbaren Erfahrungsschatzes, 
die Fähigkeit, rasch die narzißtischen Interessen an dem Gegenstand in 
Objektinteresse zu verwandeln, und auch die gute gegenseitige oder wenigstens 
einseitige Übertragung. Die Übertragung ermöglicht die Anpassung des 
Oenktempos und des Interesses an das der anderen Person. Die Erfahrung 
an uns selbst und an Andern lehrt, daß der beste Schutz gegen Fehl- 
leistungen eine positive Einstellung zwischen den Sprechenden ist; in 
diesem Falle kommt eigentlich die „fremde Hilfe", welche wir als Mittel 
der Reparatur der Fehlhandlung kennen, schon prophylaktisch als Schutz 
gegen die Fehlleistung zur Geltung. Ebenso ist der Redner am besten 
gegen Entgleisungen gesichert, der das Publikum erobert hat und auch 
dem Publikum freundlich gesinnt ist; er ist weit besser daran als der 
Redner, der nur die Abhängigkeit von der Übertragung zu beherrschen 
versteht. Es gab einen großen Redner, der sogar immer das Publikum so 
sehr zum Mitdenken zwang, daß er sich erlauben konnte, immer wieder 
ein Wort nicht zu finden, weil er sicher war, daß es ihm die Hörer zu- 
riefen, ohne das überhaupt als Störung des Zusammenhanges oder als 
Mangel des Redners zu empfinden. Das Gefühl, daß man eine Fehlleistung 
begangen hat, weil man von den Ansprüchen fremder Personen im eigenen 
Denkablauf unterbrochen wurde, erklärt auch, warum man wegen seiner 
Fehlleistung gegen die Andern ärgerlich wird. Im kleinen hat man das 
Gefühl des Volksliedes vom „Waldhornbläser, der die Schuld davonträgt". 
Man fühlt sich selbst durch eine Fehlleistung, wie ich oben sagte, ge- 
drückt und verwirrt, weil das Erlebnis der Sperrung das einer kleinen 
Psychose ist. Man fühlt aber auch immer, daß man keinen Vorwurf ver- 
diene, weil man schuldlos sei. Das hat einen sehr bedeutsamen Grund. 
Ein subjektives Gefühl der Schuld hat man nur für solche Innenvorgänge, 
bei denen das Ich dabei war. Was, wie die Fehlleistung, immer „von 
selbst geschah", hinterläßt kein Schuldgefühl. 1 Deshalb kann man auch 
nur mit sein er objektiven Verstandesarbeit annehmen, nie es wirklich 

i) Auch sonst hängt das subjektive Schuldgefühl, nicht die objektive Schuld, 
davon ab, ob die zum Vorfall zugehörige Ichgrenze mit Ichgefühl besetzt war. Das 
'öer-Ich kann später objektiv richten; das Ich ist nicht imstande, sich schuldig 

empfinden, wenn es durch Ungeschick oder wenn es im Affekt, einem Gedanken 
"ein hingegeben, etwas begangen hat. Auch später fühlt man sich nicht schuldig, 
enn man sich nicht mehr in die Tat zurückversetzen kann; davon werden unge- 
■We Richter oft zur Milde bewogen. Denn es ist die Tragik manches Strafver- 






336 



Paul rede 



glauben, daß eine von einem selbst begangene Fehlleistung ein sinnvolle 
Akt war, der durch die eigene Strebung und Gegenstrebung zustande kam 
Daß die Wissenschaft die Fehlleistungen solange als zufällig ansah, ent- 
sprang nicht nur unkritischer Bequemlichkeit, sondern auch dem subjektiven 
Erleben des Vorganges. Ob man sich zu seinem Wunsche nicht bekennen 
wollte, ihn aber verriet, ob man etwas wunschgemäß getan oder geäußert 
hat, obgleich man es nicht hätte tun sollen, „welche Anmerkung immer 
das Unbewußte zum bewußt Intendierten mittels der Fehlhandlung machte" ' 
man fühlt sich unschuldig eben darum, weil man nicht dabei gewesen 
war. Manche ärgerliche Abneigung und mancher Widerstand gegen die 
Psychoanalyse wird dadurch erweckt, daß sie alltäglich auf Grund eines 
zur ungeahnten Vollkommenheit entwickelten Indizienbeweises — es sieht 
nämlich wie ein Indizienbeweis aus, was ein sehr sachliches Verfahren 
ist — schuldig spricht. Auch die Schadenfreude, die diese Überführungen 
erwecken, macht der Psychoanalyse keine Freunde. Gerade weil die Fehl 
leistungen selten etwas Lässiges, meistens aber etwas Ernstes und Schmerz- 
volles aufdecken, staunen wir mit Recht darüber, daß unser Ich so schlecht 
gefügt sei, daß es gerade dann nicht dabei ist, wenn so Wichtiges mit 
spricht. Und dann tritt als unwürdige Folge ein, daß man wie ein kleines 
Kind die Bewegung nicht meistert, wie ein Geisteskranker dem bloßen 
Klange folgt, sich einem das Wort im Munde verkehrt, dem Gedächtnis 
der für sicher gehaltene Besitz entfällt und Ungewolltes zur Tat wird, 
Wir fanden aber, daß — ganz allgemein gesprochen — das Ich an all 
dem Spuk der Psychopathologie des Alltags nur negativ beteiligt sei, in- 
sofern nur, als eben ein Teil des Ichs bei der Leistung „gefehlt ' hat, nicht 
gegenwärtig war; und das nicht aus Angst, sondern weil es etwas Anderem 
hingegeben war. Wer sich daher nach einer solchen Schlappe unschuldig 
ausgelacht fühlt, hat recht. Denn man muß die Determinierungen und 
Vorbereitungen der einzelnen Fehlleistung weit zurückverfolgen, bis man 
auf den positiven Anteil des Ichs an denselben kommt. Die Menschen, 
zum mindesten die unserer heutigen westlichen Kultur, haben nicht ge- 



fahrens, daß das Ich des Angeklagten nicht mehr dasselbe ist wie das des Täters 
was die subjektive Ausdehnung der Ichbesetzung betrifft. Erst die Strafe läßt die Tat 
durch ihre Folgen wieder als zum Ich gehörig empfinden und macht eigentlich so 
den aus dem Verbrechenskreis Herausgekommenen wieder zum Verbrecher. Auch die 
Reue ist die vom Über-Ich erzwungene Rückkehr des Ichs zur Tat, d. h. die Wieder- 
besetzung der zu diesem Geschehen gehörenden Ichgrenzen. 

1) Scherzwort Herrn Professor Freuds gelegentlich einer Fehlleistung des Autors. 



Die Ichbesetzung Lei den Fenlleistungen 



337 



t ihre Ichbesetzungen zu beachten und zu beherrschen. Die Psycho- 
lvse der Alltagssymptome des Gesunden — das sind die Fehlleistungen — 
• t deshalb ein Mittel zur Selbsterziehung. Sie entschuldigt aber auch den 
F hlleister, denn sie deckt auch auf, wie viel seinem Ich, oft bis zur Un- 
t aebarkeit, von außen zugemutet wurde. Man könnte einwenden, es sei 
nbegreiflich, daß sich das Ich zurückziehen könne, wenngleich hinter 
den Fehlleistungen so wichtige Motive stehen. Diese Frage hat Freud 
bereits mit dem Hinweis erledigt, daß wohl das Störende, aber nicht das 
Gestörte in den meisten Fällen wichtig sei. In anderen Fällen, in denen 
auch das Gestörte eine wichtige Funktion oder Entscheidung war, konnte 
die Störung deshalb doch eintreten, weil man sich dieser Aufgabe ganz 
besonders sicher fühlte und sie deshalb vernachlässigte. Es hat aber jeden- 
falls die Regel, daß die Störung an unwichtigen Funktionen erfolge, so 
viele Ausnahmen, daß diese selbst einer Regel unterworfen sind. Es ist 
die der ökonomischen Bedingtheit; je stärker der unbewußt wirkende 
Gegensatz oder Gegenwunsch ist, desto wichtigere Handlungen vermag er 
zu stören. Man denke z. B. an den Präsidenten, der die Versammlung 
schloß, anstatt sie zu eröffnen — wie stark mußte die berechtigte oder 
ungerechte Erbitterung gegen das hohe Haus in ihm schon geworden sein, 
um alle Routine zu beseitigen! Oder wie groß muß das Sicherheits- 
gefühl einerseits, andererseits der unbewußte Geständnisdrang gewesen 
sein, damit ein Verbrecher den Selbstverrat durch die Mitteilung von der 
Erprobung der bestellten Bakterienkultur im Versuche am Menschen be- 
gehen konnte! 

Wenn wir nochmals das Verhältnis zwischen Störendem und Gestörtem 
betrachten, so finden wir nach unserer Beobachtung, daß die Störung eine 
gegenseitige ist; die bewußten und unbewußten Strebungen gingen ihren 
wohl determinierten Gang, als eine neue Aufgabe störend dazwischentrat. 
Das Ich versagte vor der doppelten Aufgabe, an ihm erfolgte die erste 
Störung; weil es nicht ganz dabei war, erfolgte dann die eigentliche Fehl- 
leistung als Störung der aktuellen Aufgabe in determinierter Weise. Daß 
aber das Ich versagte, lag an früheren, teils aktuellen, teils längst ver- 
gangenen besonderen Bedingungen, von denen die Beteiligtheit des Ichs, 
die Besetzung der einzelnen Ichgrenzen, die Fixierung derselben an be- 
stimmte Objekte und auch die Wiederholbarkeit früherer Ichbesetzungs- 
zustände das Ich betreffen. Wir kamen so zum Ergebnis, daß auch 
die Veränderung am Ich (Zerstreutheit, Geistesabwesenheit usw.) deter- 
miniert ist und daß auch sie mit vorausgegangenen Ichstörungen durch Inhalt 

Image. XIX. 22 



338 



Federn: Die Icktesetzung bei Jen Fehlleistungen 



oder Affekt oder beides zusammenhängen kann. So mag sich manche P k 
leistung schon beim Erwerben der Kenntnis, die sich später einem 
vorbereitet haben. Erfahrungen, Kenntnisse, Namen sind um so weni^T^' 
allgemeinen dem Raub oder der Verunstaltung durch Fehlleistungen^ 
gesetzt, je widerspruchsloser sie mit freier Zuwendung oder mit Gl M 
gültigkeit des Ichs einst erworben worden sind; diese allgemeine Bedin^ 
kann neben den individuellen Schicksalen, unter denen sie im Lauff^ 8 
Lebens zur Verwendung kamen, gleichgültig werden. Aber die Häufigkei 
des Versprechens und Verschreibens wird besser begreifbar, wenn man b" 
denkt, daß sich jedes Kind seine Sprache individuell bildet und daß fa 
Sprechenlernen ein sehr subjektiver, störungsreicher und narzißtisch be- 
tonter, sich auf lange Zeit ausdehnender Vorgang ist. Ebenso ist das Lernen 
vielfach intellektuellen Hemmungen unterworfen, die mit der aktuellen Ich- 
situation zusammenhängen. So mag in manchen Fehlleistungen eine längst 
vergangene Lern- oder Arbeitsstörung wiedererstanden sein oder eine einst 
bestandene Blöße sich zeigen, die lange sorgsam überkleidet war. Die Determi- 
nierung der Fehlleistung und der Bereitschaft zu derselben geht demnach 
weit in die Vergangenheit zurück und ist doch auch eine ganz aktuelle. 
Jeder kennt das schöne Gleichnis Freuds, daß es auch bei der Fehl- 
leistung nicht genügt, zu sagen, die Dunkelheit und die Einsamkeit haben 
einen Raub vollführt, sondern daß man die Täter aufspüren muß. Es war 
der Sinn dieser Arbeit, zu zeigen, daß diese Täter auch selbst das Dunkel an- 
gerichtet haben, die Lampen am Schauplatz ihrer Tat verlöschten und ihr 
Opfer in die Einsamkeit gelockt oder getrieben haben. 1 



1) Die Abschnitte VI ff. dieser Arbeit werden im nächsten Hefte erscheinen. 

Die Redaktion. 



JJie lrükkindlidie jMotorik 
im Vergleich mit der jMotorik der Tiere 

Von 

Crustav Bally 

-Züridi 



1) SLtin Leitung 

In dieser Arbeit soll versucht werden, von der Basis einer erklärenden 
Psychologie aus an ein Thema heranzugehen, das die Psychoanalyse in den 
letzten beiden Jahrzehnten besonders ausgiebig beschäftigt hat: Die Ent- 
wicklungspsychologie des Ich. Damit eng verbunden erscheint die 
Frage nach der Bewußtseinsentstehung und nach dem Zeitpunkt der 
Unterscheidung von Ich und Außenwelt. 

Bisher wurde die vorsprachliche frühkindliche Entwicklung, sei es in 
voller Absicht, sei es unbewußt, durch das Medium ihres späteren Ergeb- 
nisses, des Erwachsenen, verstanden. Aus Mitteilungen von Erwachsenen 
wurde sie rekonstruiert und aus Mitteilungen von älteren Kindern ergänzt. 
Die vorliegende Arbeit geht den entgegengesetzten Weg. Sie schließt das 
Verstehen der vorsprachlichen Entwicklung an die biologisch orientierte 
Tierpsychologie an. 

Der Zwang, auf die Verständigung mit ihrem Objekt verzichten zu 
müssen, führt den Tierpsychologen zu einer kritischen Methode, die für 
uns äußerst wertvoll sein muß : Er erkennt, daß die Annahme einer allen 
Lebewesen gemeinsamen Außenwelt einen unverzeihlichen Anthropo- 
morphismus darstellt. Sein Objekt zwingt ihm eine Anschauungsweise auf, 
die eine methodische Bereicherung auch für die Psychologie des Menschen 
darstellt. 

Sie besteht darin, daß die uns geläufige Betrachtungsweise verlassen wird. 
Nicht das Individuum, das Ich, wird auf Grund der Außenwelteinfiüsse in 
seinem strukturellen Wesen ergründet; sondern diese Außenwelt selbst wird 
begriffen aus den Erscheinungsweisen des untersuchten Lebewesens. Dieses 
Vorgehen wird aus folgender Überlegung verständlich: wir können nicht 
wissen, was „Außenwelt" an sich ist. Die „Außenwelt" des erwachsenen 
Menschen geht, kritisch genommen, nicht weiter als seine Wahrnehmung. 
Sie ist lediglich seine Umwelt, in der er durch sein So-sein eingebettet 
«bt. Sie über die Grenzen seiner Wahrnehmung hinaus als die Außenwelt 



3/fo 



Gustav Bally 



schlechthin anzunehmen, ist sinnlos. Aber durch den Verzicht auf di ese 
Sinnlosigkeit erhält nun erst die von einem naiven Anthropomorphism Us 
befreite Wissenschaft vom Leben einen neuen und ungeahnten Sinn. Sie 
ist nämlich erst nach dieser menschlichen Bescheidung fähig zur Frage 
wie nun wirklich die Umwelt der übrigen Lebewesen beschaffen sei. Doch 
gleich erhebt sich ein weiteres einschränkendes Bedenken: Wie können 
wir, befangen in unserer Wahrnehmungs- und Erlebniswelt, befähigt sein, 
über die Umwelt der Tiere überhaupt etwas auszusagen? Die Antwort 
lautet: Unserem kritischen Verstand kann die Welt der Tiere nicht evident 
werden. Was wir von ihr erfahren, kann nur ein Ausschnitt unserer eigenen 
Welt sein, sind unsere Objektqualitäten, denn andere Qualitäten sind uns 
garnicht zugänglich. Das heißt aber, daß wir die Umwelten aller Lebe- 
wesen nur soweit erfassen können, als sie Teilstücke unserer eigenen 
Umwelt darstellen. Ob und was sonst noch an Umweltqualitäten in die 
Psyche des fremden Lebewesens eingeht, entzieht sich grundsätzlich unserer 
Erkenntnis. Die Erfahrungen an vorsprachlichen Kindern und Tieren können 
uns also nur zu Schlüssen führen und unseren Schlüssen haftet, wie wir 
wissen, eine größere Unsicherheit an als dem Tatsachenkreis, in dem das 
Evidenzurteil gilt. 

Wir sehen also bei dieser Untersuchung ab von der Frage, ob das Kind 
ein Ich habe oder nicht, wir werden demnach auch nicht zu fragen nötig 
haben, wie es die „Außenwelt" ursprünglich erlebt. Denn wir fragen vor- 
erst nicht nach der Instanz, die erlebt, sondern wir fragen lediglich 
phänomenologisch nach den motorischen Abläufen unter bestimmten Be- 
dingungen, ohne zu entscheiden, ob diese bewußt oder unbewußt, ob sie 
instinktiv seien oder auf Erfahrung beruhen. 

Die Voraussetzung, unter der wir an diese Untersuchung herangehen, 
ist vielmehr folgende: 

Was wir an motorischen Äußerungen bei Tieren und Menschen wahr- 
nehmen sei uns Ausdruck eines ganzheitlichen, biologischen Geschehens, das 
Innenwelt und Umwelt des Lebewesens übergreifend umfaßt. Die Motorik 
sei uns das Dokument eines spezifischen Seins in einer spezifischen, diesem 
Sein entsprechenden Umwelt. Wir wollen versuchen, aus den motorischen 
Erscheinungen Schlüsse in beiden Bichtungen zu ziehen: Schlüsse auf die 
spezifische Seinsstruktur und Schlüsse auf die spezifische Umwelt. Wir über- 
gehen also in dieser Arbeit die aus dem Bahmen einer psychologischen 
Betrachtung fallende Frage, ob die Innenwelt das Produkt der Umwelt sei 
oder umgekehrt. Wir hoffen, auf diese Weise den Bahmen des spezifischen 



Die frülxkindlicke Motorik im Vergleich mit der JVIotorak der Tiere 



3*i 



chlichen Seins in seiner nicht weiter erklärbaren Form aufzeigen zu 
f'nnen. Den Rahmen, innerhalb dessen erst bestimmte, kausal determinierte 
Wechselwirkungen verständlich werden. 

Wir befassen uns also mit Lebensvorgängen, die ein Umweltding zum 
feeenstand haben, die also für uns, die Betrachter, über das untersuchte 
Lebewesen hinaus sich an Dinge der Umgebung wenden. Mit Handlungen 
-] s o Handlungsansätzen, mimischen Reaktionen usw. 

Im folgenden nennen wir den Gegenstand, an den sich die Motorik 
wendet, das Ziel. Der Teil der Umgebung, der durch die motorische 
Tendenz vor der übrigen Umgebung des Lebewesens ausgezeichnet ist, soll 
mit dem Ausdruck Feld bezeichnet werden. Wir sind mit Hilfe dieser 
einfachen Ausdrucksweise instand gesetzt, motorische Vorgänge beschreiben 
zu können, ohne aussagen zu müssen, ob das Umweltding, das zum Ziel 
wird, als Objekt erlebt wird oder nicht. 1 



II J Die Funktionskreise 



Die Tierpsychologie versucht, die Motorik in ihrer Vielgestaltigkeit 
dadurch ordnend zu erfassen, daß sie sie in Bezug auf das Endziel einteilt 
in verschiedene Funktionskreise: 2 den des Mediums, den Sexual- 
kreis, den Feindeskreis und den Beutekreis. Das Ziel des ersten ist, 
das Lebensmedium zu erhalten. Er wird uns weiter nicht beschäftigen. 
Das Ziel des Sexualkreises ist die Kopulation (oder bei niederen Tieren 
ihr Äquivalent). Das Ziel des Feindeskreises, Feinde durch Tötung oder 
durch Flucht zu „vernichten". Besser gesagt: die Feindesmerkmale objektiv 
oder subjektiv zu vernichten. 

Der Beutekreis soll uns hier besonders beschäftigen. Das Endziel 
besteht im Beutekreis in der oralen Einverleibung der Nahrung. 

Ich möchte nun innerhalb der Motorik des Beutekreises eine Differen- 
zierung aufzeigen, die prinzipiell in allen Funktionskreisen vorhanden ist. 
Wir wollen das Feld, in dem sich die Beutegewinnung vollzieht, das Beute- 
feld nennen. Das Beutefeld ist gekennzeichnet durch das beutegierige Wesen 
einerseits und das Ziel, die einzuverleibende Beute auf der anderen Seite. 

Der motorische Ablauf innerhalb des Beutefeldes weist nun bei niederen 
Tieren, den Insekten z. B., aber auch noch bei den niederen Vertebraten, 
eine mehr oder weniger starre Form auf. Auf bestimmte Umweltreize 
(Beutemerkmale) laufen die Bewegungen — cum grano salis gesagt — 
immer in genau der gleichen Form und Reihenfolge ab. Man hat hier 



von einer „Impulsmelodie" gesprochen, um anzudeuten, es handle sich 
eine in der Zeit wie im Raum fest gefügte motorische Struktur. £)■ 
unerhörte Präzision dieser Fügung in die Umwelt zeigt das Beispiel d 
Dolchwespe, die mit ihrem lähmenden Giftstachel unfehlbar das Bauch- 
ganglion ihrer einzigen Nahrung, der Goldkäferlarve, trifft. Keine Vorübun 
hat ihr diese Sicherheit gegeben. Die „Kenntnis" des Ganglions ist eine 
biologische Eigenschaft dieser Wespe. Solche Fügungen finden sich bei 
diesen Tieren natürlich nicht nur im Beutekreis, sondern in allen Funktions- 
kreisen. Der Beobachter erlebt sie als starr geformte Abläufe mit dem End- 
ziel, das Merkmal, das sie auslöste, zu vernichten. 

Bei höheren Lebewesen ergibt sich ein anderes Bild. Auch ihre Hand- 
lungen bewegen sich in einem durch ein Ziel determinierten Feld. Auch 
hier sehen wir eine Begrenztheit durch die spezifische sensorische „Merk- 
fähigkeit" und die motorische „Wirkfähigkeit" der Art. Innerhalb dieses 
Rahmens aber stellen wir eine unendliche Variabilität des Ablaufs der 
motorischen Äußerungen fest. Von einem formelhaft gefügten Handlungs- 
schema kann keine Rede sein. Die Motorik ist vielmehr bis auf einen 
letzten Rest Variationen unterworfen. Solche Tiere vermögen ihr Beutefeld 
durch Zulernen sekundärer Merkmale zu bereichern. Ein alter Löwe schlägt 
besser als ein junger, und ein alter Rehbock entwickelt, wie jeder Jäger 
weiß, eine Sicherungstechnik von oft erstaunlichem Baffinement, wie sie 
das Jungwild noch nicht zustande bringt. 

Im Beute- und Sexualkreis bleibt aber ein letzter Rest von Motorik 
gleich unwandelbar konstant wie die Motorik der Insekten im gesamten 
Feld. Es ist die Kau- und Schlingbewegung beim Verzehren der Beute und 
die Motorik der Kopulation. Besser gesagt: je näher das Tier dem biologi- 
schen Ziele kommt, desto ärmer an Variationen, desto stereotyper wird die 
Motorik, bis sie als Reflex imponiert und so der psychologischen Betrachtung 
entrückt scheint. Da herrscht dann die rhythmische Funktion des Exekutiv- 
organs: das Freßwerkzeug, das Genitale reißt die Herrschaft über die 
gesamte Motorik an sich und stellt sie in ihren Dienst. Die ganze Körper- 
muskulatur erhält einen spezifischen Bezug zu dem Organ, das hier zum 
Exponenten geworden ist. Große Teile des motorischen Apparates werden 
extrem entspannt und stellen schlaffe Anhängsel dar, andere befinden sich 
in stützender Spannung. Der ganze Organismus erscheint im Dienste dieser 
einen Organfunktion. Das Tier ist ganz Mund — ganz Genitale. 

Wesentlich anders verhält sich die Motorik im Annäherungsfeld. Sie 
durchpulst den ganzen Organismus, jeder Muskel scheint bewegt und belebt 



Die frülikinclliclie Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tii 



343 



Sinne und Glieder sind auf alles gefaßt, was sich an Hindernissen zeigt 
oder an Durchschlupf erspähen läßt. Wie groß die Variabilität im Beute- 
feld ist, zeigen die Versuche von Wolfgang Köhler an Schimpansen. Sie 
werden uns noch ausgiebig beschäftigen. Zeigen ferner in ganz anderer 
Weise die Pawlo ff sehen Versuche an Hunden: jeder Sinneseindruck kann 
isoliert mit der oralen Endmotorik fest assoziiert werden; er erweist dadurch 
seine Zugehörigkeit zur Merkorganisation des Beutefeldes (im individuellen 
Leben kann er natürlich latent bleiben). — Werfen wir einen Blick auf 
die Sexualität des Menschen. Auch hier zeigt sich Entsprechendes. Der 
Kopulationsakt selbst ist so gut wie unvariabel und darum „unpersönlich". 
Er liegt darum außerhalb des Machtbereichs von Geschmack und Mode. 
Diese hat sich aber längst des Sexualfeldes bemächtigt und variiert Kleidung, 
Haartracht, Körpergeruch und — im Gesellschaftstanz — die Bewegung 
in nie sich wiederholender Mannigfaltigkeit. 

Wenn wir sehen, wo, bei welchen Lebewesen, dieses Variationsprinzip 
in den Handlungen sichtbar wird, dürfen wir feststellen: bei allen Tieren, 
die eine längere, von den Eltern betreute Jugendzeit durchmachen. Bei 
Vögeln zeigt es sich deutlich, daß Nestflüchter, die von den Eltern nur 
kurze Zeit betreut werden, eine viel weniger variable Umweltbeziehung 
entwickeln als Nesthocker. Man vergleiche die Zähm- und Dressierbarkeit 
der Hühnervögel mit der von Singvögeln oder Papageien. 3 

Was also bedeutet die elterliche Betreuung? Sie bedeutet, daß die Eltern 
ihre Motorik in den Dienst der oralen Befriedigung und der Feindesabwehr 
ihres Nachwuchses stellen. Damit befriedigen sie aber gewissermaßen nur 
die orale Endlust, ohne auch die Motorik des Beutefeldes, die damit eine 
biologische Einheit bildet, zur adäquaten, befriedigenden Betätigung zu 
bringen. Die Übernahme der Feindesabwehr durch die Eltern führt aus 
diesem Grunde denn auch keineswegs zu einem Nichtentwickeln und einem 
Verkümmern der Motorik des Feindeskreises. Diese ist eben auch ohne 
Feind da, entsteht nicht erst an der zwingenden Not der Außenwelt, denn 
sie entspricht einer biologischen Anlage. Und darum betätigt sie sich 
unter dem elterlichen Schutz so reichlich, wie es eben der Anlage zu- 
kommt. 

Das Betätigungsfeld aber ist gewissermaßen sekundär ziellos. Da das der 
ursprünglichen Einheit der Anlage nicht entspricht, werden nacheinander 
eine Reihe von Ersatzzielen, „Ersatzfeinden" sozusagen, geschaffen. Geschwister 
und Eltern werden zu Verfolgern und Verfolgten, ein bewegtes Blatt, eine 
Papierkugel werden verbellt, zerrissen: das Tier spielt. 



344 



Ball, 



Ich möchte an dieser Stelle besonders hervorheben: Der letzte Akt der 
Motorik eines Handlungskreises, man könnte hier im Gegensatz zur Feld 
motorik von Zielmotorik sprechen, wird in besonders engem Zusammenhan» 
mit den Eltern befriedigt. Das junge Tier ist dadurch nicht gezwungen 
der Not gehorchend zu fliehen oder die „Beute" zu verschlingen, die es 
erjagt. Es erhält nämlich durch diesen viel zu wenig beachteten Umstand 
erst die Möglichkeit, auf alle Arten, die in den Grenzen seiner Funktions- 
möglichkeiten liegen, in bezug auf die spätere Einheit der biologischen 
Funktion sich mit der Umwelt erkennend und lernend auseinanderzusetzen. 
Mit Recht hat darum Karl Groos 3 den Übungswert des Spiels betont. 

Wir ahnen schon jetzt, wie wichtig überhaupt die eingehende Unter- 
suchung der Entwicklung der Motorik für das Verständnis der psychischen 
Entwicklung auch des Menschen ist. Wir müssen sehen, was der Mensch 
dieses am längsten von seinen Eltern betreute Lebewesen, aus der vom 
ursprünglichen, biologischen Ziel abgespaltenen Funktion gemacht hat und 
warum er die Möglichkeit — oder das Schicksal — hatte, aus ihr anderes 
zu gestalten als das Tier. 



III) Die JYLotoriJc im Beute feld 

Wir haben uns bis jetzt nur mit allgemeinen Feststellungen über die 
Zusammenhänge im Gebiete der Motorik bei Tieren begnügt. Aber das 
genügt uns nun nicht mehr. Das Bedürfnis ist wachgerufen worden, zu 
wissen, wie im einzelnen das Tier sich außerhalb und innerhalb der Ziel- 
abhängigkeit, im Spiel und bei der Nahrungssuche, betätigt. Hier nun 
stehen uns Untersuchungen zur Verfügung, die schlechthin klassisch sind 
in ihrem unmittelbaren Erfassen des Gegebenen und in der freien Ordnung 
des Materials. Es sind die „Intelligenzprüfungen an Menschenaffen von 
Wolfgang Köhler. 4 

Die Versuche bestehen alle darin, daß dem Schimpansen eine Frucht 
als Ziel gezeigt und abgelegt wird in einem Felde, in dem der direkte 
Weg zum Ziel unmöglich ist. Dadurch verlangt seine Erreichung die 
Lösung bestimmter Aufgaben. Solche sind: Umwege finden, durch die 
erst die Endlösung, das Erreichen des Ziels, möglich wird, Werkzeuge her 
stellen u. a. 

Es ist nicht leicht, die Fülle der einander ablösenden, kommenden und 
verschwindenden Bewegungen und Bewegungsfolgen im Hinblick auf das 
Ziel in ihrer Gemeinsamkeit zu definieren und sie dadurch phänomeno 



Die früLkincllictie Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere 



345 



1 irisch abzugrenzen von andern motorischen Äußerungen, die im definierten 
~n z jelunabhängig sind, wie Spiele, mimische Äußerungen u. a. 

Man macht sich schlecht einen Begriff von der Ausdrucksvariabilität 
'elstrebiger Motorik. In höchster Spannung, strotzend von Kraft und 
Intensität türmt ein Tier Kisten, holt eilig einen Stock aus entferntem 
Winkel, sichtlich um damit das Ziel zu erreichen; derselbe Schimpanse 
aber schlägt in anderem Fall jammernd und kraftlos nach dem zu weit 
entfernten Ziel, oder er wirft mit resigniertem Ausdruck Steinchen in der 
Richtung seiner Sehnsucht. Und doch, trotz dieser Verschiedenheit, die die 
Breite der Skala andeuten soll, ist allen diesen Bewegungen und Bewegungs- 
folgen eines gemeinsam: Das Tier muß etwas in der Richtung auf 
das Ziel hin tun. Dieser starke „Zug", der vom Ziel auf die Motorik 
ausgeübt wird und ihr dadurch die eindeutige Richtung gibt, zeigt sich 
nicht nur in jenen Fällen, in denen das Tier, sichtlich hoffnungslos, 
Steinchen durch die Gitterstäbe wirft; ganz besonders anschaulich zeigt 
sich diese Verlötung der Motorik mit dem Ziel in der Aufgabe, eine 
Zwischenlösung zu finden, die das Tier darum nicht bewältigt, weil es diesem 
Zug nach dem Ziel unterliegt. Der „Zug" ist gewissermaßen stärker als 
die Fähigkeit, zugunsten der Lösung von der biologisch ursprünglicheren 
motorischen Form loszukommen: ein verlockendes Ziel ist so angebracht, 
daß es nur mit Hilfe eines Stockes erreicht werden kann. Dieser aber 
hängt so hoch, daß das Tier auf eine Kiste steigen muß, um ihn zu er- 
reichen. Die Kiste aber steht irgendwo im Versuchsraum und muß zu 
diesem Zwecke erst unter den Stock gebracht werden. Das bereits mit dem 
Umgang mit Stock und Kiste vertraute Tier ergreift die Kiste, sobald es 
die zu große Distanz vom Gitter zum Ziel mit den Augen abgemessen hat 
und den Stock hängen sieht, und trägt sie in der Richtung auf den Stock 
zu. Da gerät es auf dem Weg zum Stock in die Nähe des Ziels. Sofort 
ändert es, von diesem wie angezogen, die Richtung und stellt die Kiste 
dem Ziel gegenüber ans Gitter, versucht nun auf alle Arten von der Kiste 
aus, die ja hier nur hinderlich sein kann, das Ziel zu greifen. Der Stock, 
mit dem es leicht wäre, die Frucht heranzuangeln, ist offenbar aus dem 
Felde ausgefallen. Wird er aber später erblickt und mit dem Ziel in Ver- 
bindung gebracht, so führt das Tier nutzlose Sprünge gegen ihn aus, die 
in ihrer Kraftlosigkeit bereits den Stempel der Resignation tragen. Die ans 
Ziel fixierte Kiste ist aber nun für die Zwischenlösung verloren. Hier zeigt 
sich besonders deutlich das durchgehende Streben, etwas in der Richtung 
auf das Ziel hin zu tun. Bei anderen Tieren zeigt sich diese Zielgebundenheit 



346 



Gustav Bally 




womöglich noch deutlicher. Die primitivste Form, etwas in der Richtu 
des Zieles zu tun, um es zu erreichen, ist natürlich nicht der Werkzeu - 
gebrauch oder gar die Werkzeugherstellung. Das einfachste ist, auf da 
Ziel loszueilen und es im direkten körperlichen Kontakt mit der Schnauze 
zu erlangen. So ist denn auch der primitivste Versuch der Umwegversuch 
Das Tier ist gezwungen, einen Umweg zum Ziel zu machen, da der direkte 
Weg verlegt ist. 

Einen der interessantesten Umwegversuche hat Wolfgang Köhler mit 
einer Dogge gemacht: In einiger Entfernung vom Käfiggitter, hinter dem 
sich die Hündin befindet, wird Fleisch abgelegt. Die dem Gitter entgegen- 
gesetzte Käfigtüre in der Hinterwand steht offen, so daß der Weg zum 
Ziel durch diese Pforte möglich ist. Der Hund kennt aus Erfahrung diese 
Möglichkeit. „Die Hündin sieht (das Ziel), scheint einen Augenblick stutzig, 
dreht sich dann im Nu um hundertachtzig Grad und läuft auch schon in 
glatter Kurve ohne jede Unterbrechung aus der Sackgasse . . . herum bis 
zum Futter." „Sehr beachtenswerterweise erscheint sie ratlos, als gleich 
danach bei einer Wiederholung das Futter nicht weit hinausgeworfen, 
sondern nur eben über das Gitter hinaus fallen gelassen wird, so daß es 
nur durch die Drähte getrennt, unmittelbar vor ihr liegt. Als ob die Nah- 
konzentration auf das Ziel (wohl unter starker Beteiligung des Geruchs) 
die weit ausgreifende Kurve um den Zaun nicht aufkommen ließe, stößt 
sie immer wieder mit der Schnauze gegen das Gitter und rührt sich nicht 
vom Fleck." 

Vergleicht man dieses Verfallensein der Hündin an das nahe Ziel mit 
der Verhaftung der Kiste an das Ziel, von der ich vorhin sprach, so ergibt 
sich folgendes: durch diese enge Verbundenheit von Tier und Ziel wird 
zwar jedes Tun in der Richtung auf das Ziel hin erleichtert; jede motorische 
Leistung aber, die vom Ziel wegführt, ist ungemein erschwert und dies 
desto mehr, je näher das Ziel liegt. Nur so versteht sich die wunderliche 
Tatsache, daß dieselben Tiere, die auf dem Gebiet der Bewältigung kom- 
plizierter Feldstrukturen geradezu Erstaunliches leisten, eine ganz einfache 
Aufgabe nur unter größten Schwierigkeiten zu lösen imstande sind: vor 
dem Gitter wird eine Frucht niedergelegt. Im Raum aber steht eine Kiste 
so am Gitter, daß das Ziel nur nach ihrer Entfernung erreicht werden 
kann. Mit dem Kistenumgang ist das Tier aus früheren Versuchen bereits 
vertraut. Die Lösung, die im Wegschieben der Kiste besteht, wird nur 
ganz selten und nach langen Versuchen sauber geleistet, in dem Sinne: 
Kiste hindert, also: Kiste weg! Meistens wird sie beim Hindrängen zum 









Die frükkmdlidie Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere 347 



Ziel „zufällig" beiseite gedrängt, wenn das Versuchstier sich nicht auf die 
Kiste setzt und von hier aus vergeblich in der Richtung auf das Ziel hin 
sich betätigt. Die Schwierigkeit, die diese Lösung bietet, scheint uns so 
gering, daß wir auf den ersten Blick erstaunt sind, wie ratlos selbst die 
intelligentesten unter den Versuchstieren der Situation gegenüberstehen. 
Q er Grund für die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, das eben das 
Feld ausschließlich durch das Ziel bestimmt ist; der Affe weiß nicht, wohin 
m it der Kiste, denn was er anfaßt, hat eben die Tendenz, auf das Ziel 
hinzuwandern. Es gibt für ihn kein zielloses Weg-vom-Ziel, lediglich eine 
positive Zieltendenz bestimmt ihn. 

Wir sehen also ■ — man darf wohl sagen, bei allen Tieren — das Streben, 
jede Handlung, die vom Ziel bestimmt ist, kurz zu schließen; und anderer- 
seits sehen wir Umwege von einem gewissen Grad an schwierig, ja unmöglich 
werden. Beim Hunde früher, beim Schimpansen später. Die Komponente 
„vom Ziel weg" darf in der Aufgabe eine gewisse Größe nicht überschreiten, 
sonst kann sie nicht in die Struktur des Beutefeldes mit einbezogen werden. 

Wir stellen ferner fest: das kräftig wirkende Ziel macht sozusagen dumm 
und klug zugleich. Durch seine Lockung spornt es zur höchsten Leistung 
an, läßt es das Tier den Käfig mit den Blicken und. Greiforganen nach 
allen Seiten hin abtasten, ob sich Brauchbares zur Herbeischaffung der 
Beute finde. Andererseits aber schränkt es den Horizont ein, es verengt 
das Gesichtsfeld und läßt z. B. oft nicht zu, daß ein Werkzeug, ein Stock, 
eine Kiste in ihrer Bedeutung für die Herbeischaffung der Beute entdeckt 
wird, wenn das Werkzeug eine gewisse periphere Lage im optischen 
Feld einnimmt. Durch die Fixierung an das Ziel wird also das Feld zugleich 
intensiviert, aber auch eingeengt. 

Was ist aber „Fixierung an das Ziel" anderes, als das, was wir Affekt 
nennen? Und so darf denn Wolfgang Köhler bemerken: „An sich . . . 
schwächere Affekte, die aber länger andauern . . . haben mehr Zeit, alle 
in ihnen liegenden Möglichkeiten zu entwickeln" (S. 65). 

Es hat sich uns schon lange aufgedrängt, daß wir in dieser „Fixierung 
an ein biologisches Ziel" nichts anderes beschreiben als das Handeln nach 
dem Lustprinzip. Ein schwächerer Affekt, der längere Zeit dauert, wird 
dem Tier wie dem Menschen Gelegenheit geben, dem Realitätsprinzip 
mehr Rechnung zu tragen. Wie sich dieses aus dem Lustprinzip entwickelt, 
soll uns nun beschäftigen: 






3^8 Gustav Bally 

IV) Die MotoriJc im Spiel 

Aus dem Rahmen dieses durch orale Zielsetzung bestimmten Sehern 
fallen zwei Erfahrungen Köhlers heraus, denen ich besondere Aufmerk 
samkeit schenken möchte : die Herstellung des Doppelstockes und das Sprin 
stockverfahren. 

Die Tiere hatten, im Bestreben zu kurze Stöcke zu verlängern, ein Ve 
fahren angewendet, das dem „etwas in der Zielrichtung tun" durchau 
entsprach und optisch einwandfrei aussah, mechanisch aber unbrauchb 
war: sie pflegten nämlich im Notfall zwei zu kurze Stöcke so aneinande' 
zu halten, daß sie sich, einer in der Fortsetzung des anderen liegend, ei 
kurzes Stück weit deckten. Dort wurden sie mit der Hand aneinander- 
gepreßt gehalten. Das ergibt die Fiktion eines langen Stockes. 

Um nun dieses Streben der Tiere auf seine Möglichkeiten zur Werk 
zeugherstellung weiter zu prüfen, wird ein Bambusrohr in den Käfig g e 
legt, in dessen Öffnung ein entsprechend kleinerkalibriges Rohr hineinpaßt 
Der Versuchsleiter macht den Affen auf die Öffnung aufmerksam, indem 
er flüchtig den Finger in sie einführt. Nach langen vergeblichen Versuchen 
die Bananen mit den kurzen Stöcken zu erreichen, wird der Schimpanse 
„zielmüde". Er hockt, mit den neuen Stöcken spielend, auf einer Kiste 
„Dabei kommt es zufällig dazu, daß er in jeder Hand ein Rohr hält, und 
zwar so, daß sie in einer Linie liegen; er steckt das dünnere ein wenig 
in die Öffnung des dickeren, springt auch schon auf, ans Gitter, dem er 
halb den Rücken zukehrte, und beginnt eine Banane mit dem Doppelrohr 
heranzuziehen." Daß das Tier die Lösung im Spiel fand, in einer Phase, 
in der das Zielfeld entspannt war und nur latent wirkte, sei, schreibt 
Köhler, verständlich: „Die Tiere bohren ja fortwährend mit Halmen und 
Stöckchen spielerisch in Löchern und Fugen. — Und nun geschieht das 
Auffallende, auf das ich besonders aufmerksam machen wollte: statt, wie 
es sonst der Fall ist, die Banane heranzuziehen, das Werkzeug achtlos 
fortzuwerfen und die Frucht gierig zu verzehren, „zieht er alle Früchte 
nacheinander ans Gitter, ohne sich zum Fressen Zeit zu nehmen, und 
holt, als ich den Doppelstock noch einmal auseinander nehme, mit den 
schnell wieder zusammengefügten Rohren ganz gleichgültige Gegenstände 
aus der Ferne ans Gitter heran. Das Verfahren scheint ihm außer- 
ordentlich zu gefallen. ' Wir sehen hier eine eigenartige Interesse- 
verschiebung vom biologischen Ziel, der Beute, auf die neuerlernte 
Handlung. 



gin ähnlicher Fall ist der folgende: 

Das Verfahren, einen Stock oder ein Brett senkrecht auf den Boden 

fzusetzen und schnell daran emporzuklettern war im Spiel in Mode ge- 
, mD1 e:ri und wurde erst später zur Bewältigung von schwer erreichbaren 
Zielen verwendet. Eine Schimpansin, die diesem Spiel besonders eifrig 
belegen hatte, „blieb aus gewissen Gründen lange Zeit tagsüber von ihrem 
Bambus getrennt; kam sie abends auf den Spielplatz, wo er lag, so sollte 
•„ ,j a eigentlich nur essen, aber sie unterbrach dieses auch ihr gewiß 
wichtige Geschäft fortwährend und gegen Verbote, um mit der beliebten 
Stange ,nur so' einmal schnell einen Sprung zu machen' . 

Hier sehen wir: zwei Werkzeuge, zwei Techniken. Beide im Spiel, 
nicht in der anspornenden Not des Beutefeldes, nicht im Hinblick auf ein 
Ziel geschaffen. Sie werden zwar zur Beschaffung von Beute verwendet. 
Ihre Verwendung aber erweist sich als so lustvoll, daß sie die gewiß enge 
Bindung an die Beute lockert. 

Bei zwei anderen äffischen Verfahrungsweisen kommt diese lockere Ver- 
bindung mit dem oralen Endziel ebenso schön zum Ausdruck: Strohhalme 
werden in Ameisenwege hineingehalten und, wenn sie dicht mit Tieren 
bedeckt sind, abgeleckt. Sichtlich macht hier die Technik des Angelns 
mehr Vergnügen als das Verspeisen der Ameisen. Diese würden sonst ein- 
fach mit der Zunge direkt aufgenommen. 

Besonders instruktiv und in mancher Hinsicht interessant ist das Grab- 
stockverfahren: das Ziel, Wurzeln zu verzehren, ist zwar verlockend. Weit 
reizvoller aber scheint es, diese Wurzeln mit dem in die Erde getriebenen 
Stock aus der Erde zu heben. 

Daß es sich in diesen beiden Fällen um etwas ganz anderes handelt, 
als darum, aus Hunger oder Eßlust auf dem bestmöglichen Weg zur will- 
kommenen Sättigung zu kommen, zeigt schon, daß alle diese Verfahren 
(außer der Stockverlängerung) Moden wurden, an denen alle Tiere friedlich 
nebeneinander teilnahmen und bei denen es höchstens Streit um die Werk- 
zeuge, nicht um das durch sie gewonnene orale Gut, die Ameisen oder 
die Wurzeln, gab. 



V) Die zwei Arten des L 



ernens 



Diese Erscheinungen müssen unser größtes Interesse erregen. Sie stellen 
uns nämlich vor die erstaunliche Tatsache, daß es zwei grundverschiedene 
Arten gibt, zu lernen, d. h. sekundäre Merkmale im Beutefeld zu erwerben: 



Erstens in der Abhängigkeit von einem biologischen Ziel sei 
Sexualziel oder eine Beute: durch die Spannung, die entsteht w " T 
direkte Zugriff zur Nahrung verwehrt ist, können sehr intensive Leistu 
entstehen. Sie sind durch das Streben des Tieres gekennzeichnet etwa^ 
der Richtung des Zieles zu tun oder, um eine mathematische Vorstell' * 
zu brauchen: das Tier strebt danach, die Vektoren des Beutefeldes 
materialisieren. Bezeichnend für die Einseitigkeit dieser Tendenz ist J 
große Schwierigkeit, vorübergehend diesen Vektoren entgegengerichtete Ha.7 
hangen auszuführen. Bezeichnend weiter das engbegrenzte Interesse J 
Werkzeug und seiner Funktion, das erlischt, wenn das Ziel erreicht 
Der Stock wird dann achtlos weggeworfen. Wir schließen daraus- n 
Interesse am Ziel läßt den Weg zu ihm, also die Materialisierung J 
Vektoren nicht isoliert erlebbar werden. Dieser Weg ist zwar, von uns au 
gesehen, zweckmäßiges Handeln; aber er ist eben deutlich nur von un 
den Beobachtern aus, isoliertes Geschehen. Erlebt wird er offenbar nur ij 
Akt der Beutegewinnung; in der Gestalt des Beutefeldes. Das Tier benimmt 
sich so, wie wenn es die Funktion als solche gar nicht erlebte Es Hebt" 
gewissermaßen die Funktion nicht. Es „liebt" das Ziel. So ist das Lernen 
an das Ziel gebunden. Das Tier handelt lediglich unter dem Zwang der 
Zielstrebigkeit. Das ersehnte Ziel ist Ursache für die Verwandlung der 
Gegenstände in Vektoren, für ihre „Stockwerdung", wie Wolfgang Köhler 
so anschaulich sagt. Die anspornende Anwesenheit einer Beute, aber auch 
die einer feindlichen Drohung wirkt wie das Zuckerbrot oder die Peitsche 
bei der Dressur. Darum hat Bühler das Lernen unter dem Einfluß e i nes 
biologischen Ziels Dressur genannt. Die meisten psychologischen Tier- 
experimente der Behaviouristen gründen auf diesen Voraussetzungen. Darum 
sind sie einseitig. Mit Becht fordert Groos eine Ergänzung durch Experimente 
an spielenden Tieren. 

Die andere Möglichkeit zu lernen ist also das Spiel. Seine Voraussetzung 
ist, wie wir gesehen haben, Sicherung der Ernährung und Feindesschutz 
(es sei bemerkt, daß diese beiden Bedingungen in der Gefangenschaft 
etermsiert werden). Die Feldmotorik wird dadurch zielunabhängig. Das 
aber hat folgende wichtige Konsequenz: die Funktion selbst erhält Zielwert. 
Sie und damit ihr eventuelles Substrat, das Werkzeug, erhalten eine be- 
stimmte Bedeutung, die sich in der ständigen Wiederholung der spielenden 
Tätigkeit zeigt. Diese Wiederholung ist bezeichnend für das Spielen und 
wir dürfen daraus schließen, daß es hier die Funktion selbst ist, die eine 
Triebbesetzung erfährt. Die Besetzung strömt nicht mehr durch die ver- 



1 



Die früüämffiAe Motorik im Vergleich mit der Motorik Jer Tiere 



35l 



m ittelnde Motorik einem Ziele zu. Die Tätigkeit selbst wird zum Ziel. 
Damit aber tritt eine neue Gesetzmäßigkeit in den Vordergrund. Während 
^ ursprüngliche Anlage, wie wir sahen, auf Reiz- oder, besser gesagt 
Merkmalsvernichtung hintendiert, zeigt sich im Spiel eine Neigung zur 
-ederholung. Während das Fressen unter günstigsten Nahrungsbedingungen 
t aufhört, wenn Sättigung erfolgt ist, hört das Spiel nur auf, wenn 
extreme Ermüdung vorhanden ist oder wenn neue Merkmale eine Feld- 
änderung herbeiführen. Oft aber auch aus ganz unerfindlichen Gründen 
Der Volksmund sagt: das Kind hat das Spiel satt. 

Tritt eine im Spiel erworbene Funktion nun in den Dienst der Beute- 
gewinnung, wie wir es in den letzten Beispielen sahen, so verhält sich 
das Tier ganz anders als im ersten Fall. Die Funktionslust tritt — man 
kann sagen — in ideale Konkurrenz mit der Beutelust. Eine gewisse Lockerung 
dem biologischen Ziel gegenüber ist die Folge — eine mehr oder weniger 
große Unabhängigkeit von ihm spiegelt sich, wie wir gesehen haben, im 
Handlungsablauf. Die Einheit der motorischen Funktion im Beutefeld macht 
einer Zweiheit Platz. Hier mag das Tier erleben: meine Funktion hier — 
meine Beute dort. Hier mag der Keim sein zur Erkenntnis „das bist du" 
Hier — vielleicht — beginnt das Reich der Freiheit. 



VI) Die menschliche Entwicklung' 

Was wir hier ahnend erfassen, kann uns nur der Vergleich mit der Ent- 
wicklung des Menschen klären. Und wir werden diesen Vergleich durch- 
fuhren unter dem Gesichtspunkt, wieweit die nachgeburtliche psychische 
Entwxcklung des Menschen mit der des Tieres parallel geht, an welcher 
Melle sie sich von ihr ablöst und wie diese Ablösung erfolgt Wir haben 
zu diesem Zweck vorerst kurz die Entwicklung des Menschen zu umreißen 
soweit sie mit der des Tierkindes parallel geht. Wir sehen - ich will 
as vorausschicken - diese Zeit von zwei Ereignissen begrenzt, auf die 
üie Psychoanalyse immer besonders hingewiesen hat: die Geburt und die 
Entwöhnung. Wir sind geneigt, beiden Ereignissen große Einflüsse auf 
Jas Seelenleben zuzuschreiben. Und wirklich! Nichts ist eindrucksvoller für 
«en Psychologen als die Fülle von Erregungen und Wandlungen, die sich 
m diese Ereignisse gruppieren. Von den psychischen Vorgängen, die sich 
«zusagen in der Aura des Geburtsvorganges abspielen, soll hier aus guten 
™nden nicht die Rede sein. Wir können über das vorgeburtliche Seelen- 



35a 



Bally 



leben nichts wissen, darum muß alle Überlegung, die sich auf den Einfl 
des Geburtsereignisses bezieht, Spekulation bleiben. 

Ganz anders ist es mit der Entwöhnung. Ohne Zweifel geht der Über- 
gang zur brustunabhängigen Ernährung mit einer Wandlung im körper- 
lichen und geistigen Habitus des Kindes einher, die keinem Beobachter 
entgehen kann. Man kann nun allerdings einwenden, daß bedeutungsvolle 
Veränderungen und Entwicklungen schon vom Augenblick der Geburt an 
zu beobachten seien. Es ist aber kein Zweifel, daß sich gegen die Zeit 
des Abstillens alle die Erscheinungen zeigen, die das Kind erst eigentlich 
zu einem menschlichen Wesen machen. 

Während in den ersten Monaten die motorische Reaktion auf optische 
und akustische Reize mit den Reizquellen nicht in Beziehung tritt (das 
Kind reagiert lediglich mit Strampeln und Jauchzen), beginnen schon vor 
dem fünften Monat allmählich die Dinge der Umgebung für das Kind 
Gegenstände zu werden, denen sich nun die motorische Aktivität zu- 
wendet. Der Blick wird in die Richtung des akustischen Reizes gewendet, 
bald greift die Hand zum Wahrgenommenen hin, sie führt den Gegenstand 
zum Munde, der ihn oral prüft. Bereits vom fünften Monat an werden 
Namen von Gegenständen verstanden. Bald macht auch das krächzende 
Jauchzen einer differenzierten Lallsprache Platz; das Kind zeigt, daß es 
fähig sein wird, sich einst sprachlich zu verständigen. 

Zugleich tritt als wichtige körperliche Erscheinung das Zahnen auf, und 
mit ihm beginnt die Möglichkeit, auch feste Nahrung aufzunehmen. Nach 
dem Termin der Brustentziehung lernt das Kind kriechen, dann gehen und, 
ist diese Fähigkeit erreicht, schließt sich die Entwicklung des Sprechens an. 

Mit diesen Erscheinungen vollzieht sich ein Wandel, der bei Mensch 
und Tier das Stillgeschäft nicht mehr lebensnotwendig erscheinen läßt. 
Wenn nämlich auch im frühen Säuglingsalter die motorische Reaktion auf 
akustische oder optische Reize gewissermaßen „ins Leere" geht, so gilt das 
nicht für die Motorik der Mundzone. In diesem Bereich finden wir beim 
menschlichen wie beim tierischen Säugling die gleiche Qualität der Funktion, 
die bei den Insekten das gesamte Dasein formt. Die kindlichen Funktionen 
bilden gleichsam ein Gefüge mit der Mutterbrust, wie die Funktionen der 
Dolchwespe eingefügt sind in die Dingqualitäten der Goldkäferlarve. Wir 
bezeichnen einen solchen Mechanismus als Reflexmechanismus und können 
nun sagen: die biologische Vorbedingung des Abstillens ist die Umwandlung 
dieser frühen oralen Funktionsstufe in eine spätere, die durch die Gegen- 
standsbeziehung charakterisiert ist; ist die Umwandlung der auf dem Reflex 



Die frünkindlidie Atotonk im V ergleidi mit der JMotonk der Tiere 



353 



prinzip 



beruhenden Fügung der oralen Organisation des Säuglings einer- 



•ts und der Mutterbrust andererseits in eine die gesamte Motorik des 
~. gaI1 ismus umfassende Gegenstandsbezogenheit mit oraler Tendenz. 

r)as Kind wäre nun, wie das Tier, fähig, von den Eltern beigebrachte 
N'ahrung zu ergreifen und dem Munde zuzuführen, diese Nahrung einer 
Geruchs- und Geschmacksprüfung zu unterziehen und je nach dem zu 
verschlingen, mit einem Wort, die Motorik des Beutekreises zu üben. Es 
tritt damit in ein Stadium, das dem Jugendstadium der Tiere entspricht 
und in dem die Ernährung durch die Mutterbrust eine sekundäre Rolle 
zu spielen beginnt. Immer mehr gewinnt bei den Tieren von diesem Augen- 
blick an der Nahrungserwerb mit Hilfe der gesamten Motorik an Bedeutung 
und man sieht darum in diesem Stadium das Beutespiel (daneben das 
Feindesspiel) in den Vordergrund treten, eine Tätigkeit, an der sich die 
Eltern lebhaft beteiligen ■ — man denke an das Mäusefangspiel der Katzen — , 
während die Milchdrüsen den Jungen von der Mutter oft recht energisch 
verweigert werden. 

Das Lebensunwichtigwerden einer biologischen Funktion zeigt sich immer 
darin, daß sie von Fall zu Fall variiert erscheint. So säugt eine Katze ihre 
Jungen länger, die andere kürzer. Und wir sehen ja auch bei den Menschen 
von Individuum zu Individuum, von Schicht zu Schicht, von Volk zu Volk 
Schwankungen der Stillzeit. Ungefähr sechs Monate lang aber stillen alle 
Mütter, respektive wird bei uns die Flasche gegeben, denn ein halbes Jahr 
braucht das Kind, bis es die Entwicklungsstufe erreicht hat, die es zur 
Aufnahme von anderer Nahrung befähigt. 

Bis hieher sehen wir bei Mensch und Tier — bis auf die Verzögerung, 
die die menschliche Entwicklung erleidet — nahezu dasselbe Bild. Nur in 
zwei Beziehungen bestehen wesentliche Unterschiede, die unser Interesse 
in hohem Maße verdienen. Wohl ist die Hand schon im zweiten Viertel- 
jahr in enge Beziehung zum Munde getreten; nicht nur als passives, 
sondern bereits als aktives Hilfsorgan. Aber zwei andere Erscheinungen 
haben eine Entwicklungsverzögerung gegenüber dem Tier erlitten. Die 
Dentition und die Fortbewegungsfunktion. Was nützt dem kleinen 
Kinde die motorische Beherrschung des Greiffeldes, wenn weder sein Mund- 
werkzeug noch sein Gehwerkzeug soweit ausgebildet ist, daß im Spiel eine 
Annäherung an die Beutegewinnung möglich ist? Das Kind ist zu dieser 
Zeit noch vollkommen hilflos und darum nach wie vor auf eine Pflege 
angewiesen, die gegenüber der nachgeburtlichen nur einen geringen Unter- 
schied aufweist. Alles wird ihm zugetragen, die Konsistenz der Nahrung ist 



Imago XIX. 



2 3 



'i : ! 



354 



Gustav Bally 



breiartig und somit der Muttermilch ähnlicher als der Nahrung der E 
wachsenen. Das langsame Ansteigen zu immer festerer Kost spiegelt d' 
verzögerte Entwicklung der Dentition. Das Tier kennt nur einen direkt 
Übergang von Muttermilch zur Erwachsenenkost, entsprechend seiner b 
schleunigten Entwicklung. 

Dadurch bleibt die Motorik in höherem Maße und längere Zeit relat' 
unabhängig vom oralen Ziel, der Beutegewinnung. Wir erinnern uns, daß 
beim Schimpansen im Spiel erworbene Funktionen eine gewisse Unab- 
hängigkeit dem oralen Ziel gegenüber zeigten. Diese Freiheit nun ist beim 
Menschen, der viel länger und ausgiebiger oral unabhängig spielt, besonders 
ausgeprägt. Ja, der Mensch scheint auf die Betonung dieser Unabhängigkeit 
einen gewissen Wert zu legen. Sie wird zur Kulturforderung erhoben. So 
leugnen die Trobriander die Notwendigkeit des Essens zur Erhaltung des 
Lebens. Wir aber verleugnen mit unseren Tischmanieren das ursprüngliche 
biologische Verhältnis zu den Speisen. Wir bemühen uns darum, bei den 
Kindern die Loslösung von der oralen Gier durch Dressur möglichst zu 
fördern. 

In Anlehnung an die vorhergehenden Ausführungen über die Motorik 
des Beutefeldes beim Tier kann man sagen: Die Zielmotorik, also die 
orale Befriedigung, wird durch die menschlichen Eltern so lange Zeit und 
so intensiv, mit solcher Konstanz und Begelmäßigkeit befriedigt, daß die 
Motorik des Beutefeldes ziellos wird. Dieser Faktor der Sicherung der Er- 
nährung durch die Eltern ist bisher zu sehr nur in seiner negativen Seite 
gesehen worden. Freud hat die Hilflosigkeit des Kindes immer be- 
sonders betont. Von der positiven Bewertung der Elternleistung aus fällt 
nun ein neues Licht auf die eigenartige, vom Tier so verschiedene Situation 
des Menschen. 

Die zeitlich enorme Ausdehnung der elterlichen Fürsorge führt zu einer 
besonders eigenartig beschaffenen Abhängigkeit der Menschen voneinander, 
die sich nicht nur in den über das ganze Leben sich erstreckenden familiären 
Bindungen dokumentiert, sondern die sich überdies in der Arbeitsteilung 
ausdrückt, diesem Dokument des lebenslänglichen Füreinander der Menschen. 

Und dieses Füreinander steht nun nicht etwa im Dienste der Hunger- 
stillung. Schon ganz primitive Kulturvölker sind in ihrem sozialen Ziel 
prinzipiell anders orientiert als beispielsweise ein jagendes Rudel Wölfe. 
Das Ziel dieser primitiven Gemeinschaft ist nicht das der unmittelbaren 
oralen Befriedigung. Es ist ein mittelbares: das der Nahrungssicherung 
So steht die Sicherung der Ernährung durch Speicherung der Nahrungs- 



Die irüiitindlicLe Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere 



355 



mittel bei den Malinowskischen Trobriandern im Mittelpunkt des rituellen 
Lebens. 6 Was aber ist diese orale Sicherungstendenz anderes als die Integration 
einer jedem einzelnen innewohnenden Tendenz, zeitlebens in gesicherter 
pfleglicher oraler Abhängigkeit zu bleiben, wie er es als Kind so lange 
Zeit hindurch war? Nur durch die Sicherung der Ernährung, durch die 
foernisierung des Kindheitszustandes ist der eigenartige und spezifische Ent- 
wicklungsweg möglich, den die Menschen für so überaus wertvoll halten, 
daß sie Gott jeden Tag um das tägliche Brot bitten und die Speisen segnen, 
die sie essen: die menschliche Kultur. 

Wohin also führt diese geheiligte und äternisierte orale Fixierung an 
die Eltern und ihren Erben, den Stamm, diese lebenslängliche „Unselb- 
ständigkeit im Beutekreis ? Sie führt zu einer neuen Form von motorischer 
Unabhängigkeit. Wir sahen sie im tierischen Spiel vorgebildet, das sich 
aber doch schließlich wieder zur Motorik des Beutekreises schließt, mit 
dem Gewinn einer Bereicherung des Feldes durch individuelle Erfahrung. 
Wenn das Tier letzten Endes gebunden bleibt an das biologische Ziel, so 
geht beim Menschen dieses Ziel endgültig verloren. Die Motorik bleibt 
zielunabhängig und folgt eigenen Gesetzen. Aus dem menschlichen Spiel 
entwickelt sich nie ein bereichertes Beutefeld, dessen Kraftlinien auf das 
biologische orale Ziel hinstreben. 

Verschaffen wir uns einen kurzen Überblick: Die einheitliche Gestalt 
der biologischen Funktion ist bei niederen Tieren, wie z. B. den Insekten, 
durch festgefügte Instinkte garantiert; bei den Säugetieren ist sie wesentlich 
und hauptsächlich in der Kindheit gelockert; sie zerfällt beim Menschen 
zeitlebens in eine Zweiheit von Funktionskreisen. Der Mensch gleicht darin 
bis zu seinem Tode dem jugendlichen Tier mehr als dem erwachsenen. 



V J-J-J Die Jylenschwerdung 

Wir haben uns nun dem schwierigsten Problem zuzuwenden, dem Problem 
der Menschwerdung. Man wird mir vielleicht den Vorwurf nicht erspart 
haben, ich sei denn doch bis hierher mit der Psyche etwas zu pauschal 
verfahren, indem ich sie einfach als motorische Erscheinung beschrieb. Es 
gebe, so wird man einwenden, auch bei Tieren schon, geschweige denn 
bei Menschen, längere oder kürzere Momente, in denen psychische Vor- 
gänge sich abspielten, die eindeutig von der Motorik her nicht zu erfassen 
seien . . . Der Einwurf ist ohne Zweifel berechtigt; und das ihn begleitende 
Interesse ist um so verständlicher, als es sich hier um die Frage nach den 

23* 



356 



1 



Gustav Bally 



et 



psychischen Tatbeständen handelt, die unserem eigentlichen Arbeitsgeb' 
näherliegen als alles Bisherige: um die inneren, nur sprachlich mfrt il 
baren seelischen Tatbestände. Aber gerade diese Inhalte, die die Psyche-anal 
am unmittelbarsten erfaßt, erfassen wir von dem heute eingenommen 
Standpunkt aus nur indirekt. Über seelische Erlebnisse und über die 
tragenden psychischen Instanzen können von hier aus nur mehr oder weni ee 
wahrscheinliche Schlüsse gezogen werden. Aber vielleicht gelangen wir doch 
zu Resultaten, die unsere bisherigen Ansichten von einer anderen Seit 
her stützen, ergänzen, korrigieren könnten. 

Wenn wir die psychischen Erscheinungen bisher von der Motorik hei 
erfaßten, sind wir dazu gezwungenermaßen von unseren Phänomenen ver- 
leitet worden : man hat, wenn man ein Tier im Beutefeld beobachtet, den 
Eindruck, es werde ohne Unterbrechung durchflössen von dem Impuls, der 
vom Ziel ausgelöst wird und sich in der motorischen Äußerung mit dem 
Ziel wieder zum Kreis zu schließen strebt. Da gibt es kein Anzeichen für 
eine Zweiheit der Handlung, im Sinne etwa einer Vorsätzlichkeit: Ich 
werde dieses tun — nun tue ich dieses!" Der Kurs zum Ziel hat den 
Akzent, und die Sinnesorgane wirken wie Hilfsmittel im Dienste seiner 
Erfüllung. 

Aber es gibt in diesem Fluß sich abspielenden Geschehens längere oder 
kürzere Augenblicke, in denen die Bewegungen plötzlich einer gespannten 
Haltung Platz machen. Das Tier stutzt. Setzt es sich danach wieder in 
Bewegung, so hat sich die Art derselben — nicht das Ziel natürlich — 
geändert. Diese Aufmerksamkeitsspannung muß uns nun beschäftigen; in 
ihr scheint mir die erste Andeutung des Tatbestandes zu liegen, der un« 
als unser und unserer Mitmenschen reflektierendes Bewußtsein entgegentritt. 7 

Auf den ersten Blick wirkt das Stutzen wie ein Aufgeben des Ziels zu- 
gunsten der umsichblickenden Augen, der gesträußten Ohren. Aber die 
Spannung, in der sich der gesamte motorische Apparat befindet, die ge- 
legentlich auftauchenden Ansätze zu Bewegungen zeigen, daß die Motorik 
nach wie vor lebhaft an diesem Aufmerken beteiligt ist. Das Tier ist nicht, 
wie man auf den ersten Blick annehmen könnte, ganz zur Funktion seines 
optischen Apparates geworden, wie etwa ein in optische Meditation Ver- 
sunkener. Es ist ganz — „mögliche Bewegung". Durch das Auge prüft 
in diesem Augenblick der gespannte Bewegungsapparat seine 
Möglichkeiten im hindernisverwirrten Feld. Die Wirkbereitschaft 
des motorischen Apparates, wie sie in seiner Spannung zum Ausdruck 
kommt, ist die entscheidende Größe für den neuen Bewegungsablauf. 



Die frünkinclliciie Motorik im. Vergleich mit der JMotorik der Tiere 



35 7 



Verlängerte Aufmerksamkeitsspannungen lösen sich oft in ratlos anmutende 
Handlungen auf. Oft werden ganze Bewegungsfolgen wie zur Probe aus- 
geführt. Köhler beschreibt folgende Begebenheit : „Eine Kiste, die auf ihre 
Türseite gestürzt liegt, enthält Futter. Der Schimpanse will sie kippen, 
offensichtlich um die Türe freizulegen. Seine Kraft aber reicht nicht aus. 
Langsam, wie sinnend, bewegt er sich da auf eine daneben liegende Kiste 
zu, deren Türe frei liegt, kriecht durch die Öffnung hinein und mit dem 
gleichen sinnenden Gesichtsausdruck wieder heraus, um zu seiner Aufgabe 
zurückzukehren : so hatte er sich das vorgestellt ! Primitive Menschen pflegen 
laut zu denken. Die Tiere denken bewegt." „Denken", sagt Freud 8 , „ist 
ein Probehandeln." 

Jede Verlegung des direkten Weges zum Ziel fordert Aufmerksamkeit 
zu ihrer Überwindung und gewiß bereichert sich auf diese Weise das Ver- 
hältnis zu den Umweltdingen. Aber der so erworbenen Dingkenntnis fehlt 
ein wesentliches Moment. Sie bleibt an das biologische Ziel gekettet und 
ist dadurch nicht frei. Die Frage, die im Beutefeld sich stellen kann, heißt: 
„Wie materialisiere ich auch im schwierigsten Feld die Vektoren?" Sie 
lautet nicht: „Was ist das für ein Ding?" 

Diese Einseitigkeit nun ist im Spiel aufgehoben. Hier betätigt sich der 
motorische Anteil des Beutefeldes unabhängig vom Ziel, dessen Motorik in 
der Pflege gesättigt ist. Was durch die elterliche Sicherung der Ernährung 
nicht mit zur Abfuhr gelangt, sind bestimmte Funktionen der Art. Es 
ist daher nicht erstaunlich, daß die ersten Spiele bei den Menschen Funk- 
tionsspiele sind. (Das Tier kommt über das Funktionsspiel kaum in An- 
sätzen hinaus.) 

Die ersten spielerisch behandelten Gegenstände dürfen darum noch nicht 
als Objekte bezeichnet werden. Sie sind Materialisationen der spielerisch 
betätigten Funktionen. Worin unterscheiden sich nun diese Funktionsspiele 
von den Funktionsänderungen an Werkzeugen vor Hindernissen im Beutefeld? 

Durch zwei Eigenschaften von grundlegender Bedeutung: durch die 
häufige Wiederholung der Funktion und durch das Bezogenbleiben der 
Funktion auf denselben Gegenstand während einer längeren Zeitspanne. 
Beide Momente zeitigen, sich ergänzend, ein Besultat: der Gegenstand, 
anfänglich lediglich Material für die ungelebte und abgeführte Feldmotorik, 
wird mehr und mehr objektiviert. Das heißt: Im beuteunabhängigen Feld 
wird zwar die Funktion durch Selbstdressur gesteigert. Im Spiel aber, 
Q. h. durch die Wiederholung dieser, einer nächsten, einer dritten Hand- 
lung, die allesamt nicht nur den Gegenstand vorübergehend benützen, 



358 



Bali, 



ren 



sondern auf ihn zielen und in ihm endigen, versammelt nach und na h 
der Gegenstand einen großen Reichtum an funktionellen Möglichkeiten a 
sich. Mit einem Stock kann man nicht nur angeln, man kann mit ih 
graben, springen, auf Kisten trommeln, man kann ihn zerbrechen, spitz, 
Splitter aus ihm herausbeißen, mit denen man in Ritzen und Löchern bohrt 
kann. — Erst dem Spielenden entdeckt der Stock seinen ganzen Reichtum 
Erst ihm wird er gewissermaßen zu einer Integration von unzähligen Funk- 
tionen. Und diese Integration nennen wir Objektivierung, ihr materielles 
Substrat Objekt. Das so, ohne Ziel, in sich begründete Bild der Urnwel 
aber nennen wir die Realität. 

Man kann nun beim Kinde feststellen, daß das Interesse an Funktions- 
spielen allmählich erlischt und daß gleichzeitig, ungefähr mit anderthalb 
Jahren, die Konstruktionsspiele an Interesse gewinnen. Dieses Erlöschen 
so dürfen wir vermuten, ist aber nur bedingt. Wir nehmen an, es werde 
gleichsam ersetzt durch einen Vorgang, der im Prinzip der bewegungslosen 
Spannung beim Aufmerken im Reutefeld gleicht und nur viel subtiler 

und komplexer ist. Unter dem optischen — oder sagen wir allgemeiner 

dem sinnlichen Eindruck des Gegenstandes werden alle an ihm oder an 
ähnlichen Gegenständen vorgenommenen Funktionen in ihrer Integration 
als unterschwellige motorische Spannung erlebt. Dabei heben sich die Be 
wegungsansätze im motorischen Apparat im Widerstreit ihrer Gegensätzlich- 
keit auf. Der Erfolg ist eine zentrale, eine nervöse Spannung: das objektive 
Bild des Gegenstandes. Hier beginnt die Möglichkeit, erst zu wollen, dann 
zu tun: das eigentliche Denken. 

An den motorischen Ursprung unseres objektiven Weltbildes erinnern 
uns noch die optischen Wahrnehmungsformen der Jugendlichen, die, wie 
E. R. Jaentsch u. a. gezeigt haben, eine dynamische Komponente enthalten, 
die aufs engste mit der Motorik verknüpft erscheint: die optischen Objekt- 
beziehungen werden als Züge im Körper wahrgenommen. Und: mahnt 
uns nicht der Sprachgebrauch an den motorischen Ursprung unserer An- 
schauungen, wenn wir sagen, sie erwüchsen uns aus dem Begreifen 
unserer Gegenstände. 

Das ist der Punkt, an dem die Motorik des Kindes in einer neuen 
Richtung bereichert wird : neben den Funktionsspielen nehmen neue Spiele 
immer mehr Raum ein, die die Bedeutung der Gegenstände zur Voraus- 
setzung haben, die auch wir ihnen spontan verleihen. Während es bis 
dahin lediglich Vergnügen machte, mit den Bauklötzen zu trommeln, sie 
wegzuwerfen, sie zu benagen, beginnt das anderthalbjährige Kind nun zu 



Die frükkindlidie Motorik im VergleicL mit der Motorik der Tiere 



359 



Hier ist nicht mehr die Bewegung letztes Ziel, sondern das unter 
optischen Kontrolle stehende Werk. Über die Psychologie der Werk- 
, rs tellung soll in diesem Zusammenhang nicht mehr die Rede sein. Da- 
ffe n muß uns die Voraussetzung der Werkherstellung, die reale Be- 
deutung der Gegenstände noch eingehender beschäftigen. Sie hat zwei 
Komponenten, eine individuelle und eine soziale. Die individuelle haben 
vir beschrieben als die integrative Synthese aller motorischen Einzelbezüge 
7um Gegenstand. Die soziale Bedeutung erwächst dem Kind aus einer ur- 
sprünglichen, schon bei Tieren nachweisbaren Fähigkeit zur spontanen 
Partizipation an der motorischen Äußerung anderer Lebewesen. Von dieser 
Fähigkeit in diesem Zusammenhang zu handeln, würde zu weit führen. 
Sie wird erst für die nächste Kindheitsphase bedeutungsvoll, wenn auch 
ihre Wurzeln bis in die ersten Lebensmonate hineinragen. Einen wichtigen 
Mittler dieser sozialen Seite der Bedeutung müssen wir aber kurz erwähnen. 
Es ist die Sprache. 

Im Augenblick nämlich, in dem hinter der langsam versiegenden ur- 
sprünglichen motorischen Betätigung der Gegenstand zum Objekt sich erhebt, 
kommt der Lautgebung eine hervorragende Rolle zu. Aus einer Begleit- 
erscheinung bestimmter Funktionen wird sie zum Symbol der in der Inte- 
gration aller möglichen Handlungen erfolgten Synthese, des Objekts. Noch 
bedeuten aber die ersten substantivischen Benennungen nicht das, was wir 
unter diesem Begriff verstehen. Sie bedeuten nicht: das ist ein Bauklotz 
schlechthin. Vielmehr bedeuten sie: das ist der Gegenstand, mit dem ich 
diese und jene Dinge machen kann. Sie bedeuten substantivierte Tätigkeit. 
Daher die Bevorzugung von Funktionsbegriffen im Sprachbeginn. Die Tat- 
sache aber, daß Lautgebung Lebendes bewegt, in Verbindung mit der Tat- 
sache der spontanen Partizipation an den motorischen Äußerungen anderer 
Lebewesen, macht die Sprache erst zu dem wichtigen sozialen Instrument, 
das die Brücke zur Anglei chung an die Objektbeziehungen der Umwelt darstellt. 

Wir dürfen es nun unternehmen, die psychoanalytische Theorie der Ich- 
entwicklung von unserem Standpunkt aus einer Prüfung zu unterziehen. 
Schon im Verlauf der ersten Monate haben wir die motorischen Äußerungen 
an Häufigkeit, Spontaneität und funktioneller Primitivität abnehmen sehen. 
Als sich die Impulse den Dingen zuwandten, sahen wir flüchtige Spannungs- 
zustände auftreten, in denen das Individuum, wie wir vermuteten, vom Ziel 
sich unterschieden fühlte: die Aufmerksamkeitsspannung. Endlich, auf der 
höchsten Stufe wurden Umweltbeziehungen ohne motorische Betätigung 
möglich. Ein potentielles Wollen trennte sich vom kinetischen Tun. 






36o 



Gustav Bally 



Diese Wandlungen erfahren, so müssen wir annehmen, ihre Spiegelu 
im zentralen Apparat, der im Laufe der Entwicklung an Bedeutung zunim ? 
Wir sehen ihn als den Speicher möglichen motorischen Geschehens an, d 
die eine oder die andere Bewegungsfolge aus sich entlassen kann. Sein W es 
aber ist, wie wir gesehen haben, Spannung. Wenn wir untersuchen wollen 
wie dieser Apparat entsteht, so können wir drei Stadien unterscheiden : i m 
Urstadium besteht er noch nicht. Im zweiten beginnt er sich zu bilde 
Im dritten erwirbt er die spezifischen menschlichen Eigenschaften. Ich will 
vorausschicken, daß diese drei Stadien den von Freud 8 beschriebenen Stadien 
der Ichentwicklung entsprechen: der primär-narzißtischen Ursituation, dem 
Stadium des purifizierten Lust-Ichs und dem endgültigen Stadium desReal-Ichs 



V LLL) Die Entwicklung des Bewußtseins 

Das Ich mache — so hören wir 8 — eine bestimmte Entwicklung durch 
einen Differenzierungsprozeß, der gleich nach der Geburt anhebe und darin 
bestehe, daß aus dem primärnarzißtischen, seiner Grenzen gegen die 
drohende Außenwelt noch nicht bewußten Ich durch die ersten Erfahrungen 
ein reines Lust-Ich sich bilde, dadurch, daß es, der Amöbe vergleichbar, 
seine Pseudopodien in die Außenwelt aussende, sich das Annehmbare, d. h. 
Lustbringende einverleibe und das ünlustbringende ausstoße. Endlich gehe 
aus diesem purifizierten Lust-Ich durch die weitere Erfahrung das Real- 
ich hervor, das seine realen Grenzen gegenüber der Außenwelt unabhängig 
von Lust und Unlust erkannt habe und durch absichtliche Lenkung von 
Sensorik und Motorik imstande sei, Innerliches und Äußerliches zu unter- 
scheiden. Wir erfahren ferner, daß diese Entwicklung sich vollziehe unter 
der Herrschaft der Wahrnehmung und daß an sie die Entwicklung unseres 
Bewußtseins geknüpft sei, das durch die Sprache seinen spezifischen Charakter 
gegenüber den nicht an die Wahrnehmung geknüpften seelischen Inhalten 
dokumentiere. Die Bedeutung der Wahrnehmung für die Entstehung des 
Bewußtseins und die Differenzierung des Ich aus der ursprünglichen Ich- 
Es-Einheit des primären Narzißmus ist von Freud immer besonders hervor- 
gehoben worden. Mit der grundsätzlichen Betonung der Wahrnehmungs- 
vorgänge als auslösende Momente der Ichentwicklung hängt eng zusammen 
die Bedeutung, die bestimmten Außenweltfaktoren zugeschrieben wird, die 
als spezifische Ursachen der Ichentwicklung gelten, indem sie durch Ver- 
sagung oder traumatisch richtunggebend wirken. 



Die frütkincllidie Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere 



36i 



Zu dieser geläufigen Auffassung der Ichentwicklung wollen die folgenden 
Erörterungen eine kritische Ergänzung darstellen. Kritisch insofern, als die 
Begriffe „Ich" und „Außenwelt" nicht vorausgesetzt werden. Ihre Entstehung 
in der individuellen Entwicklung soll vielmehr in dieser Darstellung erfaßt 
werden. 

Die primär-narzißtische Ursituation erschien uns im hindernislosen Ablauf 
des motorischen Geschehens innerhalb der Ernährungssphäre. Wir verglichen 
das motorische Angepaßtsein an die Mutterbrust mit der in die Umwelt 
festgefügten Motorik der niederen Tiere, wie zum Beispiel der Insekten. 
Wir sahen aber diesen Zustand bereits im Keim bedroht durch die Tatsache, 
daß die Motorik des übrigen Organismus nicht in das motorische Schema 
mitgefügt ist, sondern gewissermaßen „ins Leere" abgeführt wird. Was wir 
Objekt nennen und unter dem Ausdruck „Außenwelt" zusammenfassen, 
ist für die Befriedigung dieses Stadiums gleichgültig und „nicht mit Inter- 
esse besetzt". 

Aus diesem primär-narzißtischen Stadium entwickelt sich ein zweites 
in dem diese erst ins Leere gehende Motorik die Gegenstände findet. 
Das ist das Stadium der Funktionsspiele. Die Einseitigkeit dieser Spiele 
habe ich genugsam hervorgehoben. Es sind „Abfuhrspiele" der Feld- 
motorik. Der Gegenstand hat nur Interesse, soweit er lustvoll, d. h. eben 
zur Abfuhr geeignet ist. In diesem Augenblick aber besteht zwischen ihm 
und dem handelnden Wesen kein Unterschiedensein. Der Gegenstand ist 
in diesem Augenblick „der Lustanteil, den es sich einverleibt". Der Best 
bleibt ihm fremd. Wir erkennen in diesem Stadium der funktionellen Objekt- 
zugewandtheit das purifizierte Lust-Ich Freuds. 

Das dritte Stadium nun, das eigentlich menschliche, müsse — meinten 
wir — als eine , dialektische Entwicklung- der zielunabhängigen Motorik im 
Beutefeld zur Synthese der Objektwahrnehmung angesprochen werden. In 
dieser Integration aller möglichen Impulse in bezug auf den gleichen Gegen- 
stand heben sich die Impulse auf. Als Erfolg des Wahrgenommenen ent- 
steht eine spezifische zentrale Spannung. Dadurch wird der Gegenstand zu 
einem realen Objekt, an das sich nun sekundär die Frage der spontanen 
Lustgewinnung mit Hilfe der Motorik wenden mag. Mit dieser Fähigkeit 
zur Objektwahrnehmung hat das Lebewesen den Zustand erreicht, den Freud 
RealTch nennt und der sich zeigt in einem kontinuierlichen, von den Ob- 
jekten dauernd unterschiedenen Spannungszustand der Person, dem Ich. 

An diesem Punkt setzt unsere Kritik mit der Frage ein, ob man ein 
Recht habe, Außenwelt und Ich in einer entwicklungspsychologischen Be- 



1 



36 2 



Ballv 



trachtung vorauszusetzen, und man wird zugeben, daß unser Standpunk 
eine solche Voraussetzung nicht zuläßt. Die Feststellung Freuds, daß si h 
einmal ein Ichbewußtsein vom Es abspalte, wird für uns hier zur Fraß- 
bei welcher Gelegenheit und unter welchen Umständen diese Abspaltun 
erfolge und wie man sie sich dynamisch vorzustellen habe. 

Alles, was wir über die ersten Stadien der psychischen Entwicklung wissen 
deutet darauf hin, daß ein Ichbewußtsein für das Stadium des primären 
Narzißmus nicht angenommen werden kann. Die kindliche Ursituation ist 
— vom Subjekt aus gesehen — ich-los. 

Im zweiten Stadium aber, in dem sich die Motorik den wahrgenommenen 
Gegenständen zuwendet, treten bereits jene Zustände auf, die wir Auf- 
merksamkeitsspannung nennen. Sie ist durch ein gespanntes Aussetzen der 
motorischen Tätigkeit gekennzeichnet. In der Aufmerksamkeitsspannung ist 
■ — wenn auch nur für einen flüchtigen Augenblick — die Einheit des 
lebendigen Geschehens zerbrochen: das Ziel wird wahrgenommen nicht in 
der kontinuierlichen Lust-Icheinheit des motorischen Geschehens, sondern 
außerhalb derselben, während die Motorik für sich als Spannung erlebt 
wird. Intention und motorisches Geschehen klaffen auseinander. Erst hier 
in diesem Moment, erkenne ich : an meiner Spannung mein Ziel ; an meinem 
Ziel meine Spannung. Im Ziel, dessen Feldstruktur nicht fließend sich ver- 
ändert, erkenne ich mich als unterschieden von ihm. In meiner Spannung 
erkenne ich jenes als unterschieden von mir. Darum liegt im akuten Kon- 
flikt der Aufmerksamkeitsspannung der Keim zum Bewußtsein wie zur Objekt- 
beziehung, und William Stern meint sicher mit Recht: „Bewußtsein ist 
wesentlich Ausdruck akuter Konflikte. Es tritt auf, wo die Selbstverständlich- 
keit des Dahinlebens unterbrochen wird. 

Wir dürfen uns aber diesen Ichkeim nicht als kontinuierlich vorstellen. 
Er entsteht, um in der Flut des nachfolgenden motorischen Erlebens unter- 
zugehen und um wieder an einem neuen Hindernis aufzutauchen. Wir 
dürfen aus diesen Bewußtseinszuständen darum noch nicht auf ein Ich- 
bewußtsein schließen. Denn ein zentrales Bezugssystem aller möglichen Be- 
wußtseinszustände kann noch nicht vorhanden sein. Diese Bewußtseinszustände 
sind noch vollkommen abhängig von den einzelnen motorischen Funktions- 
typen des Beutefeldes. So ist jede dieser Bewußtseinsinseln von der nächst 
auftauchenden verschieden. Das Bewußtsein ist noch abhängig von der 
Struktur des Feldes, in dem es entsteht. Im Stadium des purifizierten Lust- 
Ichs, so würden wir darum sagen, können sich nur passagere Vorläufer der 
Ichinstanz bilden. 



Die frülikmdlidie Motorik im Vergleidi mit der Motorik der Tiere 



363 



Wie die Integration aller Funktionen des Beutefeldes zur Schaffung der 
objektiven Außenwelt führt, so führt die Integration aller ihr ent- 
sprechenden Spannungszustände, die mit dem ständigen Funktionswechsel 
des Spiels einhergehen, zu einer Synthese aller Bewußtseinskeime. 
Erst in diesem nur dem Menschen eigenen Zustand der Umweltbeziehung 
erlangt das Bewußtsein nach und nach zwei Eigenschaften, die es auch 
formal von dem der Tiere unterscheidet. Es erlangt Kontinuität und 
Konstanz. Und erst Kontinuität und Konstanz des Bewußtseins innerhalb 
längerer Zeiträume können als Voraussetzung angesprochen werden für die 
.Möglichkeit, im innern, sich gleichbleibenden Spannungszustand einen Akt 
mit anderen Akten zu vergleichen. Diese vergleichende Instanz erst — glaube 
ich — dürfen wir mit dem Ausdruck „Ich" bezeichnen. Denn erst in diesem 
Stadium der Entwicklung ist möglich: Seiner selbst im Wechsel des 
Geschehens als eines und desselben Wesens bewußt zu sein. 

Es gibt auch in späteren Stadien der Entwicklung Arten des Erlebens, 
die eine vorübergehende Auflösung der Ichinstanz zur Folge haben. Es ist 
die Motorik der „Triebziele". Wir haben darum recht, wenn wir von einer 
Bewußtlosigkeit im Orgasmus reden, der ja in unserer Sprache Zielmotorik 
des Sexualkreises ist. Aber wir brauchen nicht so weit zu gehen. Taucht 
nur ein „Triebziel auf, so zerren die Spannungen des entstehenden Beute-, 
Feindes- oder Sexualfeldes an der Struktur des Ich, der Voraussetzung für 
die objektive Einstellung. Wir sind in Gefahr, „hingerissen", „verführt", 
von uns weggeführt zu werden. 

Dieses Einschalten des Aktionskreises der Art mag vom Ich unter Um- 
ständen als Gefahr empfunden werden, denn es ist tatsächlich dadurch in 
seinem ökonomischen Bestände bedroht, der, wie wir nachgewiesen haben, 
auf der Überwindung der anlagemäßigen motorischen Beaktion beruht. Im 
Ich entsteht darum Angst. Bezeichnend für diese Angst um den ökonomi- 
schen Bestand der Ichstruktur ist die gespannte Bewegungslosigkeit; 
durch die Sperrung der motorischen Exekutive findet eine reaktive Ich- 
stärkung statt. Die Angstspannung stellt einen Bettungsversuch des Ich dar. 

Ihr steht eine andere Form der Angst gegenüber, die in wilden motori- 
schen Ausbrüchen manifest wird. Eine bekannte klinische Form dieser Angst- 
reaktion ist der Zuchthausknall, auch das Gansersche Syndrom dürfte hierher 
zu rechnen sein. Diese Angst tritt dann auf, wenn die biologisch angelegten, 
die „triebhaften" Lebensäußerungen plötzlich aus Mangel an geeigneten Zielen 
keinen motorischen Abfluß mehr finden. Hier wird die Ichstärkung nicht 
ertragen, die eine ökonomisch notwendige Folge der motorischen Abstinenz 






36^ 



BalL, 



ist. Im Ausbruch der motorischen Abfuhr, eventuell halluzinierten Objekte 
gegenüber, durchbricht das vitale Bedürfnis nach einer über die Motor'V 
geleiteten, unreflektierten Identität mit den Objekten die schrankensetzend 
Realität. Es ist verständlich, daß diese Formen in erster Linie bei prim'. 
tiven, „triebhaften" Menschen auftreten, die ein wenig differenziertes Ich 
besitzen. 

IX) Biologischer Ausblick (Schluß) 

Mein Versuch, das psychische Menschwerden aus der Entwicklung der 
motorischen Phänomene abzuleiten, ist abgeschlossen. Ich hoffe, es ist ver- 
ständlich geworden, daß eine Ursache dieser Entwicklung in der überaus 
langen Dauer der elterlichen Fürsorge zu suchen ist, die die kindliche Ziel- 
motorik des Beute- und des Fein desfel des absättigt und damit die Motorik 
des Annäherungsfeldes einer zielunabhängigen Entwicklung entgegentreibt 

Mit dieser Auskunft aber ist das Problem nur auf ein anderes Gebiet 
verschoben: auf das der Biologie. Es müssen biologische Gründe sein, die 
den Menschen in diese extrem lange Abhängigkeit von seinen Pflegern ge- 
langen ließen und die die Ursache dafür sind, daß seine Motorik in ihrem 
Grundtyp zeitlebens der der jungen Tiere ähnlicher ist als der der voll- 
entwickelten. Vielleicht stoßen wir noch auf andere, außerhalb des psycho- 
logischen Tatsachenkreises liegende Erscheinungen, die in der gleichen Rich- 
tung deuten. Sehen wir uns den menschlichen Körper an: Zeitlebens ist 
er bedeckt mit der Lanugobehaarung. Zeitlebens erhält sich bei ihm die 
ventrale Abwinkelung der Körperachse an ihrem oberen und unteren Ende. 
Beim Tier aber wird die Lanugobehaarung ersetzt durch ein sekundäres 
Haarkleid, und das ventral abgebogene Kopf- und Schwanzskelett treffen wir 
nur beim Tierembryo. Das Tier macht schon in der frühesten Jugend eine 
Streckung durch, durch die sein Gesichtsschädel zur Schnauze, das Schwanz- 
skelett sich zum Schwanz entwickelt. Auch die Zahnanlage der Erwachsenen 
ist gewissermaßen — verglichen mit dem Tier — auf einem Jugendstadium 
stehengeblieben, nachdem die Dentition eine erhebliche Verzögerung erlebt 
hat. Kein Zweifel, auch morphologisch bleibt der Mensch zeitlebens den 
Jugendformen der Tiere ähnlicher als dem ausgewachsenen Tier. Er scheint 
ein Stück der Entwicklung, die das Tier durchmacht, nur sehr verlangsamt 
oder garnicht mitzumachen. Noch in einem wesentlichen Punkt unter- 
scheidet sich der Mensch vom Tier. Er wird älter als die meisten Säuge- 
tiere. Und nicht nur das. Seine Kindheit und die Periode seiner Geschlechts- 
reife erstrecken sich über einen viel größeren Zeitraum; und wo fände man 






Die früiikincllicrie Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere 



365 



in Lebewesen, das, wie der Mensch, nach Erlöschen der Sexualfunktion 

• Senium von einigen Jahrzehnten aufwiese? 

In einer kleinen Arbeit stellt der Anatom L. Bolk 9 diese Tatsachen zu- 
sammen und er zieht daraus zwingend den Schluß, daß die menschliche 
Entwicklung im Vergleich mit der tierischen retardiert sei. Die Folge aber 
dieser Verlangsamung sei eine immer weiter schreitende Fötalisation der 
menschlichen Form. „Wir stellen gewissermaßen die Säuglingsformen unserer 
Stamineltern dar." Durch unsere Auffassung von der Entwicklung der früh- 
kindlichen Psyche erfährt die These von Bolk eine Unterstützung von der 
psychologischen Seite her. Wir aber dürfen es wagen, aus dieser Überein- 
stimmung den Schluß zu ziehen, daß der Dualismus, in dem sich der Mensch 
befindet, der Dualismus, der sich ausdrückt im Wissen darum, daß es eine 
Innenwelt gebe, der eine Außenwelt gegenübersteht, der Dualismus zwischen 
Lust» und Realitätsprinzip, zwischen dem Es und dem Ich, oder in welchem 
Gegensatzpaar immer das menschliche Erleben unserem Denken erscheinen 
mag, seine Wurzel habe in der biologischen Tatsache der lebenslänglichen 
Aufspaltung einer anlagemäßigen Erlebniseinheit. Den Menschen erstehen 
dadurch zwei Arten von Zielen. Die ursprünglichen, biologischen, und — 
die Realität als die neue menschliche Qualität, entstanden aus der Integration 
aller motorischen Möglichkeiten: Das Lust- und das Realitätsprinzip. 

Eine Tendenz gefährdet die andere. Nur im Kompromiß liegt die optimale 
Lebensmöglichkeit. Das spezifisch Menschliche aber, das zielverloren Er- 
kenntnis sucht, hat einmal ein pessimistischer Dichter mit den Worten 
enthüllt : 

„Es gibt kein Ziel. Der Weg ist das Ziel." 



AnmerJtungen : 

1) Nomenklatur in Anlehnung an Kurt Lewin. 

2) Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Arbeiten von J. von Uexkuell: 
Umwelt und Innenwelt der Tiere, Berlin 1921; Theoretische Biologie, Berlin 1928! 
Die Lebenslehre, Potsdam-Zürich 1930. 

3) Karl Groos: „Die Spiele der Tiere", g. Aufl., Jena 1930, betont die Bedeutung 
der Jugendperiode der Tiere für die Erfahrungsentwicklung der „allgemeinen" Instinkt- 
anlage. „Die ausgesprochenen Initiativtiere machen eine Jugendperiode durch." 
McDougall vertritt sogar die Ansicht, der elterliche Pflege- und Schutztrieb 
(parental or protective instinct) sei der Ursprung der Intelligenz und der moralischen 
Entwicklung. G.H.Thomson betont das „Zurücktreten des ,inner drive of Jvunger 1 
oder langer' im Spiel" (zit. nach Groos). 



366 



Bally : Die frühkmdlicLe Motorik im Vergleich mit <Jer Motorik der Tie 



4) Wolfgang Köhler: „Intelligenzprüflingen an Menschenaffen", Berlin iq 2l 
Die Methode des Verfassers, von Schmerz, Trauer usw. der Affen zu reden ist t ■ 
Anthropomorphismus, sondern ein abgekürztes Verfahren. Jedermann weiß, was fi . 
ein Phänomen gemeint ist. „0/ course, we can obtain the same results,... without lanrun 
~by applying the somewhat clumsy, Statistical methods of animal psychology, and some behav' ' 
rists seem to prefer such a procedure. The only reason I can See for this attitude is historic 1 « 
(W. Köhler: Gestalt Psychology, London 1930.) 

5) Für das Folgende: Siegfried Bernfeld: Die Psychologie des Säuglings, Wien iq 2 

— Charlotte Bühl er: Kindheit und Jugend, Leipzig 1931. 

6) Bronislaw Malinowski: „Das Geschlechtsleben der Wilden." (Deutsch vo 
Eva Schumann.) Leipzig und Zürich. 

7) Auf die Bedeutung des Stutzens für die Entstehung des menschlichen Intellekts 
hat bereits Karl Gr 00s hingewiesen. „Das Seelenleben des Kindes." 6. Aufl. Berlin iq 2!? 

8) Die Tatsache, daß diese Arbeit aus dem Geist der Psychoanalytischen Pro- 
blematik erwachsen ist, erübrigt einen speziellen Hinweis auf die einzelnen Arbeiten 
Freuds. Für die hier zur Frage stehenden Probleme mußten in erster Linie be- 
rücksichtigt werden: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften. Bd. V) 

— Triebe und Triebschicksale. (Ges. Schriften. Bd. V.) — Das Ich und das Es. 
(Ges. Schriften. Bd. VI.). — Das Unbehagen in der Kultur. (1. Kap.) (Wien. Int. Ps 
Verlag, ig 3 o.) 

9) L. Bolk: „Das Problem der Menschwerdung." Jena 1926. 









J)as Ivörperbild und die oozialpsychologie 



Paul Schild 

New York 



er 



Die Sozialpsychologie beschäftigt sich mit den psychologischen Vorgängen 
,j er Gemeinschaftsbildung. Sie stellt es sich zur Aufgabe die psychologischen 
Abläufe und Gebilde zu erforschen, welche das Individuum erlebt, sofern 
es das Glied einer Gemeinschaft ist, sie sucht auch festzustellen, inwieweit 
das Individuum als Glied der Gemeinschaft Sonderzüge aufweist. Darüber 
hinausgehend. wendet sie Interesse den Handlungen und Motiven von Gruppen 
zu. Ist die Gemeinschaft mehr als die Summe der psychologischen Vor- 
gänge in den Individuen, die ihr angehören? Gibt es eine Massenseele, die 
verschiedene Züge aufweist von den Seelen einzelner Individuen? Was ist 
der Ausdruck von Gemütsbewegungen und wie wirken Gemütsbewegungen 
des einen Individuums auf das andere ein? All das sind bedeutsame Probleme. 

Vber die Sozialpsychologie hat bisher der Tatsache nicht genügend Rechnung 
getragen, daß Individuen nicht nur seelische Einheiten sind, sondern daß 
sie auch Körper haben. Der Nebenmensch ist für uns nicht nur eine geistige 
Einheit, sondern hat auch einen Körper. Wir selbst erleben uns nicht nur 
geistig als Individualitäten, sondern haben auch das bestimmte Erlebnis 
unserer eigenen Leibhaftigkeit und Körperlichkeit. Wenn wir Sozialpsycho- 
logie treiben wollen, müssen wir wissen, wie sich das Erlebnis unseres 
eigenen Körpers aufbaut und wie wir zu einem Wissen von dem Körper 
der anderen gelangen. Das Verhältnis des Wissens vom eigenen Körper 
zum Wissen um den anderen Körper ist ein Fundamentalproblem der Sozial- 
psychologie, das bisher nicht die genügende Aufmerksamkeit gefunden hat. 
Wenn immer wir handeln, so ziehen wir den eigenen und den fremden 
Körper in Betracht. Individualitäten sind sinnlos ohne ihren Körper. 
In den ausgezeichneten Sozialpsychologien von McDougall, Bogardus, 
Folsom u. a. findet man diesen Gesichtspunkt vernachlässigt. Das hängt 
wohl damit zusammen, daß die Psychologie dem Problem des Körperbildes 
trotz der Arbeiten von Head und Pick nur wenig Interesse geschenkt 

at. Man hat das Bewußtsein der Körperlichkeit zu sehr als etwas selbst- 
verständlich Gegebenes angesehen, das keiner weiteren Beschreibung und 
■Erklärung bedürfe. Materialistische Philosophie ist immer wieder von der 
Meinung ausgegangen, daß der Körper das ursprüngliche Erlebnis sei. Auch 
die Psychoanalyse hat den Gesichtspunkt vertreten, daß für das neugeborene 



368 



Paul SixiUe 



Kind lediglich der eigene Körper gegeben sei. Demgegenüber habe i u 
immer wieder betont, daß Körper und Welt Korrelatbegriffe sind. Ein Köm 
ohne Welt ist ebenso undenkbar wie eine Welt ohne Körper. Das Bewußt 
sein der Körperlichkeit, das dreidimensionale Bild unserer selbst, das wi 
in uns tragen, muß ebenso aufgebaut werden wie die Kenntnis von d 
Außenwelt. Es wird aus den taktilen, kinästhetischen und optischen Roh- 
materialien immer wieder aufgebaut und konstruiert. Das Material wirrt 
der Gesamtsituation entsprechend verwertet. Frühe Eindrücke und spätere 
Erfahrungen kommen zur Gestaltung. Der Gesamtzustand unserer motori- 
schen Einstellungen hat einen entscheidenden Einfluß in der endgültigen 
Gestaltung dieses Körperbildes. Das Körperbild ist erfüllt mit einer schweren 
Masse, wir schätzen diese Schwere verschieden ein, je nach dem Erregungs- 
zustand der Gleichgewichtsapparate und der Muskelzustände. Die Emp- 
findungen aus dem Körperinnern werden nach der Körperoberfläche zu ver- 
schoben, ohne sie jemals vollständig zu erreichen. Aufbau und Gestaltung 
des Körperbildes erfolgen keineswegs unter der Leitung des Intellekts und 
lediglich kognitiver Interessen. Sie erfolgen als Ausdruck von Strebungen 
und Bedürfnissen. Wir wünschen die Einheit und Unversehrtheit unseres 
Körpers: Narzißmus. Entsprechend den jeweiligen Triebeinstellungen werden 
verschiedene Teile des Körperbildes stärker hervortreten. Die Genitalien 
und die Genitalzone sind im Körperbilde besonders unterstrichen. Die 
erogenen Zonen spielen eine besondere Rolle. Der individuelle Trieb- 
charakter wird sich im Körperbild abzeichnen; wo die Analität im Trieb- 
leben stärker hervortritt, wird der anale Teil des Körperschemas besonders 
akzentuiert sein. Das erlebte Körperbild wird so zur Landkarte der Trieb- 
regungen. Wenn es zu Störungen im Triebhaushalt kommt, wird unmittelbar 
eine Veränderung im Körperbild eintreten; sadistische Regungen gefährden 
die Einheit des Körperbildes. 

Ich habe einen Fall beobachtet, in welchem die Patientin ihren Körper in Stücke 
zerfallen fühlte. Sie beklagte sich, daß Teile ihres Körpers herumflögen. Es handelte 
sich um eine zwangsneurotische Patientin mit hysterischen Zügen. Sie hatte Impulse 
andere in Stücke zu zerreißen. 

Wenn der Hypochondrische bestimmten Teilen seines Körpers zuviel Libido 
zuwendet, springt dieser Körperteil aus dem Gesamtkörperbilde gleichsam vor. 
Der Hysterische gibt gleichzeitig mit dem genitalen Fühlen auch andere Teile 
seines Körperbildes ab: hysterische Anästhesie. Federn hat gezeigt, daß 
das Körperbild vor dem Einschlafen und im Traume weitgehende Ver- 
änderungen zeigt, welche mit libidinösen Vorgängen parallel laufen. Das 



Das JYÖrperbild und die iSozialpsycnologie 



36 9 



froerbild ist demnach basiert auf Eindrücken der Sinne und aufgebaut 

d konstruiert aus diesen. Es ist ein Prozeß unter der Leitung der Außen- 

lt ein immer erneutes Experimentieren mit dem Ziele das zu finden, 

der jeweiligen Lebenssituation entspricht. Aber die endgültige Gestaltung 

■ Körperbildes ist nicht nur von den Sinneseindrücken abhängig, sondern 

auch von den Trieben. 

Hirnläsionen, besonders solche im unteren Scheitellappen, bewirken weit- 
gehende Veränderungen im Körperschema. Die Patienten sind außerstande 
sich über ihren Körper zu orientieren; sie wissen nicht wo ihre einzelnen 
Körperteile sind. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht die von Gerst- 
mann beschriebene Fingeragnosie, in welcher die Patienten unfähig sind 
ihre einzelnen Finger voneinander zu unterscheiden. Sie machen auch Fehler 
in der Rechts- und Linkswahl ihrer Glieder. Die Lokalisation dieser Störung 
ist gut bekannt. Es handelt sich um Herde an der Grenze zwischen linkem 
unterem Scheitellappen und der zweiten Hinterhauptswindung. Es interessiert 
uns besonders, daß solche Patienten nicht nur die Orientierung über rechts 
und links und über die Finger am eigenen Körper verloren haben, sondern 
auch an den Körpern der anderen. Andere Fälle von Scheitellappenläsion 
können im Handeln nicht zwischen ihrem eigenen Körper und dem Körper 
der gegenüberstehenden Person unterscheiden und greifen etwa nach der 
Nase des Unter Suchers, wenn sie aufgefordert werden ihre eigene zu zeigen. 
Die Körperbilder verschiedener Personen sind also bereits in der perzeptiv- 
physiologischen Sphäre eng miteinander verbunden. Aber der Zusammen- 
hang zwischen den Körperbildern verschiedener Personen kommt in der 
emotionalen und libidinösen Sphäre zu einem noch viel klareren Ausdruck. 
Doch bevor wir uns diesem Problem voll zuwenden, sind einige Vor- 
bemerkungen notwendig. 

Das Körperbild fällt keineswegs mit den Grenzen des wirklichen Körpers 
zusammen. Es wachst darüber hinaus. Ein Stock, ein Hut, Kleider aller 
Art werden zu Teilen des Körperbildes. Je enger und stabiler die Ver- 
bindung eines Kleidungs- oder Schmuckstückes mit dem Körper ist, desto 
inniger wird es mit dem Körperbild verschmolzen. Gegenstände, die einmal 
in engerer Berührung mit dem Körper waren, behalten dauernd etwas von 
den Eigentümlichkeiten des Körperbildes. Die Stimme, der Atem, der Geruch, 
die Ausscheidungen bleiben ein Teil des Körperbildes, auch wenn sie im 
Räume vom Körper getrennt sind. Der Raum um das Körperbild ist ver- 
schieden vom Räume der Physik. 



Imago XIX. 



7>7Q Paul Schilde 



Eine schizophrene Patientin fühlte, daß der Atem der anderen Person ihr eigener 
Atem sei. Wenn jemand anderer die Schultern bewegte, so fühlte sie es in ihren 
Schultern. Die fremden Körperbilder wandern in ihr eigenes. Die Entfernung i m 
Räume zwischen den Körperbildern ist aufgehoben. Wenn ein Mann die Straßen 
kehrt, so spürt sie das in ihrem Geschlechtsteil. Wenn die anderen Leute draußen 
auf der Straße gehen, so treten sie auf sie. Man kann sagen, daß ihre Libido die 
anderen näher an sie heranzieht. Ein Knabe, im Stockwerke unter ihr, verkehrt mit 
ihr geschlechtlich „durch Elektrizität". 

Magische Handlungen im allgemeinen beeinflussen das Körperbild ohne 
Rücksicht auf die wirkliche Distanz. Nicht nur in diesem Falle, sind die 
Geschlechtsorgane im Zentrum der Beeinflussung. Der psychologische Raum 
um die Geschlechtsorgane hat eine besondere Struktur. 

Ein Zwangsneurotischer fühlte seinen Penis und seine Blase auf der Straße liegen 
Die Automobile zermalmten diese Teile, die weit weg von ihm waren. 

Der Raum um das Körperbild hat daher besondere Eigentümlichkeiten 
die Distanz der Objekte vom Körper ist durch das Triebleben bestimmt. 

Libidinöse Regungen sind notwendigerweise soziale Phänomene. Sie sind 
gerichtet auf Körperbilder in der Außenwelt, sogar auf der narzißtischen 
Stufe ist die Richtung auf die Außenwelt vorhanden. Das Sehen, das zur 
Konstruktion des eigenen Körperbildes führt, gestaltet auch die Körper- 
bilder der anderen. Aber wir sehen nicht nur, sondern haben auch ein 
Verlangen zu sehen. Jede Scheidung zwischen Wahrnehmungsvorgängen 
und affektiven Vorgängen ist künstlich. Das Auge wandert Antrieben ge- 
horchend. Es gibt Willens- und Antriebsvorgänge, welche der Wahrnehmung 
als solcher zugehören: sie liegen an der Grenze der Persönlichkeit, sind 
sehr ähnlich in verschiedenen Individuen, aber sie verschmelzen ständig 
mit den tieferen Faktoren der Persönlichkeit, mit jenem emotionalen Leben, 
das weniger typisiert ist und die tieferen Strebungen der Persönlichkeit zum 
Ausdruck bringt. Der Anblick des menschlichen Körpers ist zunächst ein 
physiologisches Problem. Aber er erweckt auch unmittelbar sexuelle Neu- 
gierde. Diese Neugierde erstreckt sich nicht nur auf den fremden Körper, 
sondern besonders auch auf den eigenen. Wir wünschen nicht nur die 
eigene Neugierde zu befriedigen, sondern auch die der anderen. In den 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" kommt Freud zu dem Schlüsse, 
daß der Exhibitionist seinen Körper und seine Geschlechtsteile zeigt, um 
die andere Person zur Entblößung zu veranlassen. Er erwartet die Be- 
friedigung seiner Neugierde als Entgelt. Ich glaube jedoch, daß der Wunsch 
gesehen zu werden ebenso ursprünglich ist, als der Wunsch zu sehen. Eine 
tiefe Gemeinsamkeit besteht zwischen dem eigenen Körperbild und dem 



Das Körperkild und die Sozialpsydiologie 



3,i 



Körperbild der anderen. Wenn wir das eigene Körperbild konstruieren, 
probieren wir immer wieder aus, was dem eigenen Körper einverleibt werden 
könnte. Wir sind nicht weniger neugierig in bezug auf den eigenen Körper 
als in bezug auf den Körper der anderen. Wenn das Auge befriedigt ist, 
da nn wünschen wir die Befriedigung des Tastens. In jede Öffnung des 
Körpers dringen wir mit den Fingern. Voyeurtum und Exhibitionismus 
haben die gleiche Wurzel. Das Körperbild ist ein soziales Phänomen. Aber 
menschliche Körper sind niemals in Ruhe. Sie sind immer in Bewegung. 
Die Bewegung des Körpers ist entweder Ausdruck oder Handlung, es ist 
der Körper einer Person mit Leidenschaften und Motiven. Sexuelle Neu- 
gierde ist nicht nur Neugierde in bezug auf die Sexualorgane und sexuelles 
Geschehen, sondern auch Neugierde in bezug auf die Sexualität einer Person. 
Es gibt keine Einfühlung im Lipps sehen Sinne. Wir müssen nicht nach- 
ahmen und eigene Erlebnisse produzieren, um zu wissen, was in dem anderen 
vorgeht. Man hat eben immer wieder unser Wissen vom eigenen Körper 
überschätzt und das Wissen vom Körper der anderen unterschätzt. 

Ich habe einen Journalisten beobachtet, der von frühester Jugend an ein besonderes 
Interesse für die Angelegenheiten anderer zeigte. Er war freiwilliger Detektiv in 
einem Mordfalle, als er zwanzig Jahre alt war. Er untersuchte später die Verbreitung 
der Homosexualität unter der Mannschaft der Kriegsflotte. Sein Sexualleben be- 
schränkte sich auf den Verkehr mit Prostituierten. Anderen Sexualverkehr hält er 
für unsittlich. Er ist ein schwerer Trinker. Wenn er trinkt, plagt ihn sein Verlangen 
nicht. Er entwickelte eine Alkoholhalluzinose, in welcher die Illusion in den Vorder- 
grund stand, daß die anderen Personen fähig seien seine Gedanken zu lesen und 
seine Gesten zu verstehen. Die Leute in seiner Umgebung rufen durch Gesten, ver- 
botene Gedanken in ihm wach. Seine freien Assoziationen führen zu perversen Ge- 
danken. Diese drückt er durch Mundbewegungen oder Handbewegungen aus, so daß 
sie jedem anderen kenntlich werden. Er versteht den Körper und die Bewegungen 
der anderen, und sie verstehen ihn, ihre Gesten und seine Gesten, ihre Gedanken 
und seine Gedanken sind in enger Verbindung. 

Ausdrucksbewegungen sind demnach Mitteilungen an andere. 

Die enge Verbindung zwischen dem eigenen Körper und dem Körper 
der anderen kommt zu klarem Ausdruck in den Untersuchungen von David 
Levy, die ich an eigenem Material bestätigen kann. Kinder zeigen sehr 
häufig ein besonderes Interesse an ihrem Körper. Besonders an jenen Teilen 
des Körpers, welche den ästhetischen und funktionellen Ansprüchen nicht 
voll genügen. Aber sehr häufig wird das Interesse am eigenen Körper durch 
Gespräche anderer und durch ihre Bemerkungen erweckt. Es ist von be- 
sonderer Bedeutung, was in der Familie gesprochen wird. Wenn aber das 
Interesse an einer Funktion oder Form des eigenen Körpers geweckt ist, 



5f2 



Paul Schilder 



werden auch die entsprechenden Teile und Funktionen anderer beachtet 
Das individuelle und soziale Interesse am Körper laufen parallel zueinander 
Die Furcht vor dem Erröten ist sehr häufig als soziale Neurose bezeichnet 
worden (vgl. z. B. Fenichel). Es ist in der Tat bemerkenswert, wie sehr 
derartige Patienten den Verkehr mit anderen Menschen scheuen und wie 
sehr sie sich von den Mitmenschen isolieren. 

Ich habe einen Patienten dieser Art eine lange Zeit hindurch analysiert. Schon 
in früher Jugend fühlte er sich unsicher. Er war groß im Verhältnis zu seinem 
Alter und fürchtete, daß andere Personen fragen würden, warum er mit kleineren 
Kindern spiele. Seine Schwierigkeiten vermehrten sich, als er mit dreizehn Jahren 
zu masturbieren begann. Er fühlte, daß die Masturbation sein Haar wachsen lasse 
und daß andere Leute das beobachteten. Er hatte große Angst, daß seine Erektionen 
bemerkt würden. Er leidet auch unter dem Zwangsimpuls, andere Leute zu erwürgen 
und vor allem seine Frau und sein Kind zu verletzen. Der Patient fürchtete von 
früher Jugend auf seinen Vater. Es war die Furcht und der Wunsch, von dem strengen 
Vater kastriert und als Weib gebraucht zu werden. Er hatte besondere Angst vor 
dem Blicke des Vaters. Der Vater war für ihn ein Beispiel ungewöhnlich kräftiger 
Männlichkeit. Die Analyse machte es wahrscheinlich, daß er damit besonders den 
großen Penis des Vaters meinte. Schon um das vierte Jahr herum hatte der Patient außer- 
ordentliche Angst, bei der Defäkation beobachtet zu werden. Die genitale Kastrations- 
drohung durch den Vater hatte wahrscheinlich starke prägenitale anale und passive 
Züge verstärkt. Eine Masturbationsphantasie hat für uns in diesem Zusammenhang 
besondere Bedeutung. Er stellte sich vor, daß der Doktor die Temperatur einer Frau 
im Rektum mißt und an dem Thermometer rieche. Der Patient ahmte das in der 
Weise nach, daß er seine Finger mit Speichel benetzte und an ihnen roch. Später 
jedoch steckte er den Thermometer in seinen After, nahm seinen Penis zwischen 
seine Beine, betrachtete sich als Frau und stellte sich gleichzeitig vor, er liege neben 
einer Frau und stecke seinen Penis in ihren Geschlechtsteil. Er benützte in solchen 
Phantasien sehr häufig das Bild der Frau des Geschäftspartners seines Vaters. Lange 
Zeit, bevor eine Periode der Masturbation begann, hatte er gesehen, wie sein Bruder 
vom Arzte rektal gemessen wurde. 

Die psychologische Situation während seiner analen Masturbation ist charakteristisch 
und kompliziert. Er ist zunächst er selbst. Er ist aber auch der Doktor. Er ist aber 
auch die Frau, in deren After der Arzt den Thermometer steckt. Er ist aber auch 
die Frau, die Geschlechtsverkehr hat, er ist aber auch die Person, die Geschlechts- 
verkehr mit der Frau hat. 

Es kann kein besseres Beispiel gegeben werden für die Tatsache, daß 
im eigenen Körperbild die Körperbilder anderer enthalten sind. Aber diese 
müssen bereits dem Patienten gegeben sein, bevor er sie in das eigene 
Körperbild verschmelzen kann. Er lebt gleichzeitig in seinem Körper und 
außerhalb seines Körpers. Das eigene und das fremde Körperbild sind uns 
gleichzeitig gegeben. Das Körperbild ist nicht das Produkt einer Apperso- 



Das Körperbild und die Dosialpsydaologie 



3 7 3 



• ins der Körperbilder ariderer, obgleich wir Teile derselben in unser 
•■ nerbild aufnehmen. Es ist auch nicht ein Produkt der Identifizierung, 
. CT i e j c h solche Identifizierungen unser eigenes Körperbild bereichern mögen. 
.... gewinnen auch nicht unsere Kenntnis von den Körpern anderer durch 
A'e Projektionen unseres eigenen Körpers in die Außenwelt. Es ist keine 
Frage, daß eine beständige Wechselwirkung zwischen dem eigenen Körper- 
bild und dem der anderen Personen vorgeht. Dieser Austausch ist entweder 
ein Austausch von Teilen oder es ist ein Austausch von Ganzen. Alle 
Körperbilder sind miteinander verbunden. Sie sind um so enger verbunden, 
je näher sie im Räume sind. Die räumliche Entfernung zwischen den 
Körpern ist ein fundamentaler Faktor in dem Austauschspiel der Körper. 
Die Berührung erleichtert es in besonderem Maße. Wenn zwei Körper 
sehr nahe zueinander kommen, nimmt die optische Überschaubarkeit der 
Szene ab, die Verschmelzung der Körperbilder geht leichter vonstatten, 
und eine Rekonstruktion des eigenen und fremden Körperbildes wird 
möglich. Außer der räumlichen Distanz muß das affektive Verhältnis der 
Personen zueinander berücksichtigt werden. Affekte bringen die Körper- 
bilder anderer näher zu uns heran. Die Sprache drückt das sehr klar aus, 
wir sagen „eine Person steht uns nahe". Die metaphorische Distanz zwischen 
Körperbildern verschiedener Personen ist keineswegs für alle Körperteile 
gleich. Körperteile, welche ein erotisches Interesse erwecken, sind näher 
zueinander als andere. Erogene Zonen der Körperbilder sind besonders nahe 
zueinander. Der Verkehr zwischen den Körperbildern geht besonders über 
die erogenen Zonen. Es ist vielleicht kein Zufall, daß das Wort „Verkehr 
(intercourse) im Deutschen ebenso wie im Englischen auch geschlecht- 
lichen Verkehr meint. Im Sexualakt verschmelzen die Körperbilder sehr 
weitgehend. Und wenn wir einmal zu einer Psychologie des Sexualaktes 
kommen werden (wir sind derzeit recht weit davon entfernt), so wird sie 
das Verhältnis der Körperbilder während des Geschlechtsaktes zur Grund- 
lage haben müssen. 

Die Masturbationsphantasie des obenerwähnten Patienten verbindet die 
Körperbilder über die anale Zone. Dies ist der Ausdruck der sexuellen Ein- 
stellung unseres Patienten. Aber in dieser Phantasie bilden die fünf Körper- 
bilder nicht ein ganzes, sondern eine Summe. Vielleicht liegt hier ein 
bedeutsames psychologisches Problem. Der Patient verschiebt das genitale 
Interesse von unten nach oben in das Gesicht: Haarwuchs, Erröten. Körper- 
bilder sollen nicht in Vereinzelung existieren. Wir wünschen die Verbindung 
unserer Körperbilder und wünschen sie besonders in bezug auf die Sexualität 



5 7 4 



Paul iScailde 




und ihren Ausdruck im Körperbild. Sogar die Masturbation kann sozial ■ 
und ist es meistens. Das Über-Ich verlegt die soziale Sexualtätigkeit und 
das Gesicht gewinnt eine besondere Bedeutung. Im Gesicht kommen d" 
sekundären Geschlechtscharaktere im Haarwuchs zum Ausdruck. Person 
die masturbieren, sind oft besorgt, daß jeder ihnen die Masturbation ' 
den Augen ablesen könne. Der Wunsch nach Gemeinschaft wandelt sich 
so in Furcht. Das eigene und das fremde Auge werden zum Werkzeu 
des sozialen Verkehres. Nicht nur die Masturbation, sondern schon di 
Erektion ist ein soziales Phänomen und betrifft das Körperbild der anderen 
ebenso wie das eigene. Unser Patient ist eifrig bestrebt, seine Erektion zu 
verbergen (ein Phänomen, das bei Neurotikern sehr häufig ist). Das Er- 
röten verlegt die Erektion ins Gesicht. Aber die Verlegung geht diesmal 
auch in der körperlichen Sphäre vor. Sein Gesicht wird nunmehr das 
Zentrum des Körperbildes. Es erweckt die Aufmerksamkeit der Mitmenschen 
und bringt die anderen näher zu ihm heran. Ursprünglich wollte er diese 
Aufmerksamkeit für Defäkation und Erektion. Wir kommen so nicht nur 
zu einer Psychologie des Errötens, sondern auch zu einer Psychologie der 
Ausdrucksbewegungen. Das Gesicht gewinnt seine besondere Bedeutung, 
weil es nicht nur ausdrucksfähig ist, sondern auch von allen gesehen wird. 
Der Mund wird auch von diesem Gesichtspunkte aus ein Hauptorgan der 
sozialen Beziehung. Das Erröten unseres Patienten sagt: schaue auf meine 
Erektion und Defäkation, sei erregt mit mir und komm näher zu mir. 
Der Patient steht so in innigeren Beziehungen zu anderen Menschen. Das 
Erröten vermindert die soziale Distanz; diese unerlaubte Befriedigung wird 
vom Über-Ich nicht geduldet, und er beginnt andere Personen zu meiden. 
Der Patient hat das Ideal möglich viele Freunde zu haben. 

Dieser Patient legt ein besonderes Gewicht auf seine Kleidung. Er hat 
den Wunsch im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, er möchte Schau- 
spieler und öffentlicher Bedner werden. Der Schauspieler ist der Mittel- 
punkt emotionalen Interesses, die Menge zieht sein Körperbild zu sich, 
gleichwohl ist er durch eine unsichtbare Mauer von ihnen geschieden. 
Wir können den Schauspieler und den Patienten als narzißtisch bezeichnen, 
aber beide sind in sehr engen Beziehungen zu den anderen Menschen, nur 
daß deren Individualität keine Bolle mehr spielt. Sie sind lediglich Menschen 

Körperbilder. Alle bewundern oder bedrohen, der Patient errötet vor jedem. 

Wir kommen zu folgenden allgemeinen Formulierungen: 

Körperbilder sind niemals isoliert, sie sind immer von den Körperbildern 
der anderen umgeben. Die Beziehung der Körperbilder ist bestimmt durch 






Das Körper mld und die uozialpsyaiologie 



3/5 



,. körperliche Nähe und Ferne und durch die affektiven Beziehungen, 
n'e Körperbilder sind näher zueinander in den erogenen Zonen. Die Be- 
rgung innerhalb der erogenen Zonen im Individuum spiegelt sich auch 
. jgjj sozialen Beziehungen zu anderen. Veränderungen im Körperbild sind 
. nrn er soziale Phänomene und verändern auch die Körperbilder anderer. 
Das eigene Körperbild und das Körperbild der anderen sind einander gleich- 
vertig, und das eine kann nicht aus dem anderen erklärt werden. Ein 
ständiger Austausch zwischen Teilen des eigenen Körperbildes und denen 
der anderen findet statt. Aber auch das Gesamtkörperbild anderer kann 
aufgenommen werden, und der eigene Körper kann als Ganzes projiziert 
werden. Man sollte in der Lehre von der Identifizierung mehr als bisher 
beachten, daß Identifizierungen zwischen Körpern stattfinden oder besser 
zwischen Personen, zu deren Wesen auch der Körper gehört. Die Körper- 
bilder der anderen und deren Teile können mit dem eigenen Körperbild 
eine innere Einheit bilden, oder sie können zum eigenen Körperbild lediglich 
hinzugefügt und addiert werden. Das Körperbild ist nicht ruhend. Es ändert 
sich entsprechend der Lebenssituation. Es ist eine schöpferische Konstruktion. 
Es wird aufgebaut, aufgelöst und wiederum aufgebaut. In diesem ständigen 
Prozeß von Konstruktion, Bekonstruktion und Auflösung sind die Vorgänge 
der Identifizierung, Appersonierung und Projektion von besonderer Bedeutung. 
Diese Prozesse, welche zwischen den Individuen stattfinden, scheinen sie 
einander ähnlich zu machen, ja, sie scheinen sogar teilweise gleich zu 
sein, aber sind gleichwohl Vorgänge zwischen Individuen. Sie verbleiben 
Individualitäten und Persönlichkeiten. Wenn ein Individuum sein Körper- 
bild sozialisiert hat, so bleibt es gleichwohl sein Körperbild. Es gibt kein 
Rörperbild der Gemeinschaft und des Wir. Sozialpsychologie ist auch in 
dieser Hinsicht die Psychologie von Individuen unter den Bedingungen 
des Lebens in der Gemeinschaft. Das soziale Leben ruft die Tendenz zur 
Identifizierung mit der anderen Person hervor. Nachahmung gehört in diesen 
Kreis psychologischer Phänomene. Aber das Gemeinschaftsleben ruht nicht 
nur auf Identifizierungen, sondern auch auf Handlungen, welche die andere 
Person als Person mit eigenem Körper zur Voraussetzung nehmen. Es be- 
stehen zwei einander widerstreitende Tendenzen. Die eine nimmt den Neben- 
menschen durch Identifizierung und verwandte Prozesse ins eigene Ich auf, 
die andere, nicht weniger stark und ursprünglich, setzt und akzeptiert den 
anderen als eine unabhängige Einheit. Diese soziale Antinomie hat die 
größte Tragweite. Auch die Schönheit gehört in den Bereich der sozialen 
Phänomene, welche auf dem Körperbild basiert sind. Der menschliche 



Z 7 G 



Schilder : Das Körperbild und die Dozialrjsychologie 




Körper, das Körperbild ist der Hauptgegenstand der bildenden Kunst. D P 
schöne Körper erweckt sexuelle Begierden ohne sie zu befriedigen. A.bp 
die Schönheit ist Gemeingut aller. Aufschub der Handlung gehört so zum 
Wesen der Schönheit. Man versteht, daß das klassizistische Ideal den Aus- 
druck starker Affekte und heftige Bewegungen ablehnt. Wenn wir die 
Schönheit als solche bewundernd anerkennen, verzichten wir auf den eigenen 
Anspruch im Interesse der Gemeinschaft. Aber Schönheit ist ursprünglich 
Schönheit der Person, die sich im Körperbilde widerspiegelt. 

Auch die Ethik hat ihre Basis nicht allein in der Schätzung des Eigen- 
wertes der anderen Person, sondern auch in der Anerkennung des Körper- 
bildes und der Körpereinheit der anderen. Auch die Gesetze der Ethik 
beruhen auf den Beziehungen der Körper und Körperbilder zueinander 
auf der Tendenz zur Identifizierung und Projektion. Es ist auch eine innere 
Notwendigkeit für den Einzelmenschen, daß der Nebenmensch existiert 
und darüber hinaus, daß er befriedigt ist, eine Einheit bildet und in 
vollem Genüsse seines einheitlichen Körperbildes ist. Wir haben den inneren 
Drang unser eigenes Körperbild aufzubauen und zu zerstören, und wir haben 
dieselbe Tendenz in bezug auf das Körperbild der anderen. Konstruktion 
und Destruktion des Körperbildes sind Grundvorgänge im sozialen Leben. 
Wir leben in einer Gemeinschaft, in welcher andere Persönlichkeiten und 
andere Körper die gleiche fundamentale Bedeutung haben wie wir selbst. 
Ich und Du setzen einander gegenseitig voraus, Ich und Du sind Personen, 
und die Person hat einen Körper und ein Körperbild. 1 



1) Literatur und eingehendere Diskussion in einem demnächst erscheinenden Buch 
über das Körperbild. 



Psychoanalyse und iSozioanalyse 1 



Von 

Harold D. Lasswell 

CLicago 



Der Blick dessen, der soziale Beziehungen analysieren will, muß in 
ständigem Wechsel bald auf die Geschichte der Vergangenheit und bald auf 
das Zukünftige gerichtet sein, das bestimmt ist, Geschichte zu werden. 
Seine Aufgabe ist es, das Wesen sozialer Strukturen im Bereich der Zukunft 
ebenso zu erfassen wie im Bereich der Vergangenheit, da ja Zukunft und 
Vergangenheit nur Aspekte ein und derselben umfassenden, übergreifenden 
Einheit sind. Denn wäre die Zukunft nicht ihrem Wesen nach eine Neu- 
auflage der Vergangenheit und dadurch eine Manifestation eines kosmischen 
Wiederholungszwanges, konnte ein kritischer Denker wohl niemals seine 
Aufgabe lösen, sich mit Hilfe von Ablaufsmodellen, die er aus der Ver- 
gangenheit gewonnen hat, in der Zukunft zu orientieren. Möglicherweise 
wird eine Durchmusterung der Vergangenheit nach Beispielen nichtregel- 
hafter Abläufe den Schlüssel zum Verständnis antithetischer Strukturen 
liefern, deren Entstehung man, als der wahrscheinlichsten, im Lauf der 
Zeit erwarten durfte; aber es ist völlig unzulässig, mit Marx anzunehmen, 
daß historische Beispiele einer Veränderung durch „sprunghafte Entwicklung" 
es erlauben, einen zwingenden Schluß auf ein Veränderungsgesetz in der zu- 
künftigen Entwicklung zu ziehen. Es gibt kein bekanntes Entwicklungs- 
prinzip, das unfehlbar zu einer gesunden, geschichtlich -vorhersagenden 
Analyse einer Gesamtkonfiguration führt; wer solche Analysen macht, muß 
lernen, Unsicherheit zu ertragen. 

Freuds Bedeutung liegt nicht in dem Versuch, solche Prinzipien zu gene- 
ralisieren, sondern in der Entdeckung intensiver Beobachtungsmethoden 
als Ergänzung der extensiven, wie sie in der Sozioanalyse bereits ange- 
wendet wurden ; die extensive Methode ermöglicht es, Aspekte einer Gesamt- 
konfiguration zu gewinnen, indem Daten über Personen und Situationen 
gesammelt und geordnet werden, die mehr aus einem gelegentlichen als 
aus einem intimen Kontakt mit diesen Personen gewonnen sind. Typische 
Fragen, an die man mit extensiven Beobachtungsmethoden herangehen kann, 
sind: Welche Beziehung besteht (in gewissen Zeitperioden) zwischen der 
Struktur der Preisbildung und der Umlaufsgeschwindigkeit der Kaufkraft- 

i) Übersetzt von Dr. Marie Jahoda, Wien. 



3 7 8 



Harold D. Lassweil 



einheiten? Welche Beziehung besteht zwischen Veränderungen im Standi 
der Werktätigen und Delikten gegen Person und Eigentum? Wie groß j st 
die für die industrielle Rentabilität opimale Betriebseinheit? Welche Be- 
ziehung besteht zwischen der Stellung in der Einkommenspyramide und 
der Häufigkeit von Verletzungen im Krieg? 

Die intensive Methode ermöglicht es, die Details einer Gesamtkonfigu- 
ration zu gewinnen, indem Daten gesammelt und geordnet werden, die 
aus intimem und nicht aus gelegentlichem Kontakt mit Personen 
stammen. Das sich über lange Zeit erstreckende psychoanalytische „Inter- 
view" ist die intensive Methode xat' z\oyj[V. Das gesammelte Material wird 
nach den Gesichtspunkten der genetischen Entwicklung des Individuums 
interpretiert; gewisse frühere Verhaltensweisen werden mit späteren in Ver 
bindung gebracht. Typische Fragen, an die man mit intensiven Beobachtungs- 
methoden herangehen kann, sind: Zeigen junge Männer, die sich großen 
Gefahren aussetzen, Reaktionsbildungen auf passive homosexuelle Triebe 
(um die Annahme zu vervollständigen, müßte man hinzufügen: eher als 
Männer, die nicht waghalsig sind oder als solche, die gerade so viel wagen, 
wie man ihrer Kulturstufe entsprechend erwarten darf)? Zeigen Menschen 
die dazu neigen, antisoziale Handlungen oder Impulse frei zu bekennen, 
Schuldgefühle, wie sie aus starken Über-Ich-Bildungen kommen (eher als 
Menschen, die solches nicht oder mit der Häufigkeit und der Lebhaftigkeit 
eingestehen, die ihrem kulturellen Status entsprechen)? 

Jede Berichtsperson muß in Beziehung auf die kulturellen Formen, die 
für sie typisch oder atypisch sind, betrachtet werden. Wenn der psycho- 
analytische Untersucher nicht mit den Kulturformen vertraut ist, in denen 
sich das Individuum' entwickelt hat, kann er der Bedeutung einer Betonung, 
der Wortwahl oder einer berichteten Handlung nicht gewiß sein. Es ist 
unbedingt notwendig, mit der psychoanalytischen Methode systematisch in 
allen Kulturen Beobachtungen anzustellen, um zu vermeiden, daß man die 
einer Kultur eigentümliche Form als individuelle Prägung mißverstehe. Man 
darf die Voraussage wagen, daß wir an der Schwelle einer außerordentlichen 
Ausdehnung der Anwendung psychoanalytischer Methoden als Mittel syste- 
matischer Vergleiche der Kulturformen stehen. Wie Röheim nachwies, sind 
Kulturformen zu finden, die die uneingeschränkte Anwendung der Methoden 
unratsam, ja unmöglich erscheinen lassen, doch sind dies zweifellos Aus- 
nahmsfälle. Im selben Maße, wie ausübende Psychoanalytiker sich der Be- 
deutung ihrer Beobachtungen für die Analyse der Kultur bewußt werden, 
werden sie, wie sich voraussagen läßt, mehr Material über die sozialen 



Beziehungen ihrer Patienten in ihre Krankengeschichten und ihre Aufzeich- 
nungen aufnehmen. 

Da es alle nur ausdenkbaren Nuancen zwischen den psychoanalytischen 
^Interviews" und dem bloß zufälligen Kontakt zwischen Interviewer und 
Interviewten gibt, ist es notwendig, die Resultate, die auf so verschiedene 
Weise gewonnen werden, zu vergleichen. Man hat in den Vereinigten 
Staaten der Sammlung von lebensgeschichtlichem Material von Einwanderern, 
Verwahrlosten, Verbrechern und gewissen anderen sozialen Gruppen sehr 
viel Aufmerksamkeit geschenkt. William I. Thomas, Florian Znaniecki, 
William Healy und der Ethnologe Paul Radin waren unter den ersten, 
die (unter garantierter Diskretion) systematisch Autobiographien gesammelt 
haben. Das sociology departement an der Universität Chicago hat die von 
William I. Thomas gegebene Initiative aufgenommen und wendet diese 
extensive Methode jetzt dauernd an. Immer mehr Gewicht wurde auf die 
Bedeutung des Interviews gelegt, als des spezifischen Verfahrens, das dem 
soziologischen Beobachter eine günstige Gelegenheit zur Beobachtung mensch- 
licher Beziehungen bietet. Ein Physiker lernt viel technische Verfahren, um 
seine Instrumente so auf die physikalische Welt zu richten, daß er beob- 
achten kann, was vorgeht; ein Sozialwissenschaftler muß die Techniken des 
Interviews lernen, damit er sich in eine solche Beziehung zum sozialen 
Geschehen setzen kann, daß er entdecken kann, was sich zuträgt. Ebenso 
wie der Physiker seine Instrumente eicht, um einen Vergleich der Resultate 
gröberer und feinerer Beobachtung zu sichern, muß der Sozialwissenschaftler 
soweit als möglich seine Interview -Verfahren objektivieren, um die Ergeb- 
nisse lang andauernder und kurz abgebrochener Interviews miteinander zu 
vergleichen. 

Aus den eben angeführten Gründen gibt es in den Vereinigten Staaten 
eine ständig wachsende Zahl von Untersuchungen über das Interview, wie 
es von Fürsorgern, Wirtschaftspsychologen und Soziologen angewendet wird. 1 
Es mag sein, daß man eine gewisse konstante Beziehung entdeckt zwischen 
dem, was man autobiographischen Dokumenten verschiedener Art entnehmen 
kann, und den Erfahrungen über Persönlichkeitsbildungen, die man der 
Psychoanalyse verdankt. Wenn solche Entdeckungen gemacht werden sollten, 
so würde das die Analyse von Kulturen ungemein fördern, da kurze lebens- 
geschichtliche Protokolle in (im Vergleich mit psychoanalytischen Studien) 



W. V. Binglam and V. B. Moore: How to Interview. New York and 
titmdon 1931. 



~ 



38o 



Harold D. Lasswell 



kurzer Zeit gesammelt werden können, 1 Es ist wohl überflüssig zu betonen 
daß extensive Untersuchungen über die diversen Ergebnisse von verschiedene 
Typen des lang andauernden Interviews gemacht werden müßten. 

Die intensive Methode der Psychoanalyse hat die Verwendung wenio 
intensiver oder extensiver Recherchiermethoden entschieden angeregt. Es war 
vielleicht das wichtigste unmittelbare Resultat der Psychoanalyse, daß die 
Wirkung kultureller Faktoren auf die Persönlichkeitsbildung, die man früher 
vernachlässigt hatte, mit in fietracht gezogen wurde. Keine psychoanalytische 
Kasuistik könnte es unterlassen, Fragen über die Wirkung der Kultur auf 
die Persönlichkeit aufzuwerfen. Ein paar typische Fragen: Sind für primitive 
Gesellschaften, in denen die Mutter das Kind drei Jahre lang stillt, Züge 
oraler Überbefriedigung typisch? Weisen somatische Konversionssymptome 
in Gesellschaften, in denen die Bewertung der Körperorgane von der unserer 
westeuropäischen Kultur verschieden sind, die entsprechenden Unterschiede in 
der Lokalisation auf? Sind in Gesellschaften, die der infantilen Sexualität 
strenge Beschränkungen auferlegen, Neurosen, Perversionen und Charakter- 
mißbildungen sehr häufig? Haben mutterrechtliche Kulturen andere Kom- 
plexbildungen als vaterrechtliche? 

Solche Fragen enthüllen, wenn sie exakt formuliert werden, den fragmen- 
tarischen Charakter alles dessen, was wir heute über unsere und über primi- 
tive Gesellschaften wissen. So enthalten z.B. unsere heutigen vergleichenden 
Kulturlexika sogar zur Frage der Kinderaufzucht in der Welt noch ganz un- 
zureichendes Material. Das Ergebnis war der große Aufschwung ethnologi- 
scher Untersuchungen wie etwa die von Bronislaw Malinowski und 
Margaret Mead. 

Die fruchtbare dialektische Beziehung zwischen intensiven und extensiven 
Beobachtungsmethoden mag ferner durch einen kurzen Hinweis auf die Be- 
deutung der Psychoanalyse für eine allgemeine Theorie sozialen Geschehens 
beleuchtet werden. Die Psychoanalyse hat unser Wissen von den dialekti- 
schen Beziehungen unter den Symbolen sehr erweitert. Veränderungen der 
ökonomischen Situation modifizieren die Arbeitsteilung, verschieben bei 
vielen Menschen den Brennpunkt der Aufmerksamkeit und beschleunigen 
so Veränderungen in ihrer Ichfunktion, die ihrerseits wiederum die ökonomi- 



1) Ich habe zu experimentellen Zwecken einige Personen, die vorher autobio- 
graphisches Material für Soziologen zur Verfügung gestellt hatten, längere Zeit hin- 
durch analytisch beobachtet. Meine Ideen zur „Objektivierung" des psychoanalytischen 
Interviews sind in Kapitel XI meines Buches „Psychopathology and Politics", Chicago, 
1950, niedergelegt. 



Psychoanalyse und Sozioanalyse 



38! 



sehen Beziehungen des Über-Ichs und des Es bestimmen. Da die Komplexität 
dieser Zwischenbeziehungen von Marx nicht völlig erfaßt wurde, wurden 
die Zeiträume, die für ein mögliches Auftreten des Sozialismus in Frage 
kommen könnten, immer gewaltig unterschätzt. Die Psychoanalyse liefert 
hauptsächlich Beiträge zum dialektischen Umschlag von Symbol zu Symbol 
und ergänzt damit die dialektischen Verfahrungsweisen, die bisher nur die 
Material-Material-, Material-Symbol- und Symbol-Material-Umschlagsrelationen 
umschlossen. 1 

Heute ist es dank der Entdeckungen der Psychoanalyse möglich, eine 
umfassendere Theorie sozialer Veränderungen aufzustellen. Die dreifache 
Struktur der Persönlichkeit zeigt einen Weg, die Bedeutung der Kultur- 
symbole und Verhaltungsweisen zu verstehen. Ihre Bedeutung beruht auf 
ihrer Kraft, sich so unmittelbar an die Personen zu wenden (appeal value), 
die ihnen durch einige Zeit ausgesetzt sind. Diejenigen sozialen Strukturen, 
die sich hauptsächlich an das Ich der meisten Menschen in einer bestimmten 
Situation wenden, können zweckbezogene genannt werden. Diejenigen, die 
sich vor allem an das Über-Ich wenden, haben es mit dem Sittlichen zu 
tun, während jene Gebilde, die hauptsächlich an das Es appellieren, gegen 
die Sittlichkeit verstoßen. Diese statischen Charakterisierungen enthüllen 
auch gewisse dynamische Möglichkeiten. Veränderungen in der materiellen 
Umgebung, die den Brennpunkt der Aufmerksamkeit verlegen und das 
ökonomische Verhältnis von Ich, Über-Ich und Es neu bestimmen, eröffnen 
Wiederherstellungsmöglichkeiten von folgendem Typus: Verlängerte Duld- 
samkeit des Über-Ichs bahnt den Weg zur Befriedigung des Es. Verlängerte 
Nachgiebigkeit des Es bahnt den Weg zum Triumph des Über-Ichs. Man 
muß die eben skizzierte intersubjektive Dialektik im Auge behalten, wenn 
man die Konsequenzen einer Veränderung in den materiellen Umwelt- 
bedingungen schildern will. 2 

Ich möchte als eine der weitestreichenden Spekulationen über die Bedeutung 
der Psychoanalyse auf die Möglichkeit hinweisen, daß sie dieselbe dialektische 
Antithese enthält wie die abendländische Zivilisation selbst: die Verwirk- 
lichung der Phantasie in der Außenwelt (externalisation ofphantasy). Unsere 
Zivilisation ist allmählich dazu gelangt, der Organ isation äußerer Lebens- 

1) Solche Einsichten sollten nicht für Propagandazwecke verwertet werden, obwohl 
aas, wie Wilhelm Reich gezeigt hat, durchführbar ist. 

2) Vgl. H. D. Lasswell: The Triple-Appeal Principle: A contribution of Psycho- 
analyse t0 p l ltical and Social Science _ Am _ Jouxn Qf Soc _ XXXVII , lg32 . Weitere 
Überlegungen sind vorgetragen in meinem im Erscheinen begriffenen Buche: The 
' «ure of War and Insecurity: A Socio- and Psychoanalysis of World Politics. 



H 



38 2 



Harold D. Lasswell 



umstände Bedeutung zuzumessen. So werden also „Phantasien" hoch gewertet 
die die Aufdeckung der Naturgesetze begünstigen und so der Organisatio 
der materiellen Umgebung dienen. Nun ist die psychoanalytische Method 
das Muster einer Begriffsbildung, welche Begeln in der Natur vorzüglich 
unterscheiden lehrt, denn sie begünstigt niemals vorgefaßte Meinungen 
sondern charakterisiert tatsächlich bestehende Beziehungen. Sie vernach- 
lässigt nicht die Außenwelt, aber sie prüft die Beziehungen zwischen den 
Symbolen der Innen- und Außenwelt. Hat sich die wissenschaftliche Analyse 
zuvor damit begnügt, die Außenwelt mit Hilfe ihrer Denkschemata zu be- 
wältigen, so wurde durch die Psychoanalyse versucht, das analytische Ver- 
fahren intensiv auch auf die Innenwelt anzuwenden. Die Betonung der 
Beziehung eines gegebenen inneren Symbols zu einem Platz in der Symbol- 
reihe Adoleszenz, Kindheit, frühe Kindheit und pränatale Existenz mag zu 
einer niedrigeren Einschätzung der äußeren Vorgänge führen und zur Er- 
zeugung der dialektischen Antithese zu der Verwirklichung der „Phantasien" 
in der Außenwelt; dies würde dann eine neue Verinnerlichung der Phantasie 
bedeuten, die nun rückläufig bewirken würde, die Sicht auf die Symbol- 
reihe, in der jedes einzelne Symbol seinen Platz hat, zu vertiefen. 

Vor mehreren Jahren hat Franz Alexander sehr überzeugende Parallelen 
zwischen Freud und Buddha gezogen. 1 Doch übersah er die in der Psycho- 
analyse gelegenen Keime für eine Umgestaltung des Erlebens in die Richtung 
größerer Passivität (Autoplastik), wenn er sagt, daß die tiefen Unterschiede 
zwischen Freud und Buddha auf die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen 
indischer und europäischer Kultur zurückzuführen seien. Vielleicht sind diese 
Gegensätze gar nicht so unüberbrückbar, wie es fürs erste aussieht. Die 
Anwendung analytischer Methoden auf die innere Welt der Symbole ist 
unserer Kultur recht neu; darum waren die ersten Psychoanalytiker ge- 
zwungen, Kompromisse zu schließen mit ihrer eigenen früheren kulturellen 
Bedingtheit, indem sie am Ziel der nach außen gerichteten Aktivität fest- 
hielten. Es gibt keinen logischen Grund für die Wahl des Zeitpunktes, wann 
mit der Analyse aufzuhören und mit der Handlung zu beginnen ist, und 
der einzige „psychologische" Moment dafür ist durch persönliche und 
kulturelle Faktoren gegeben, die variabel sind. 

Die Verinnerlichung der Vorstellungs (Phantasie) weit würde in dem Ich- 
denker, wie ihn Bernard Shaw in „Zurück zu Methusalem" schildert, nicht 

l) P. Alexander: Der biologische Sinn psychologischer Vorgänge. (Buddhas Ver- 
senkungslehre.) Imago IX, 1923. 



Psychoanalyse und Sozioanalyse 



3 83 



stattfinden; dem psychoanalytisch geschulten Denker stehen Methoden zu 
Gebote, um dauernd Vorgänge in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit zu 
rücken, die durch die gewöhnlichen, geordneten und logischen Gedanken- 
orozesse ausgeschlossen sind. 

Der Ichdenker kann das Joch des logischen Gedankens dadurch ertragen, 
daß er beides sucht: relevante Details für seine logischen Operationen und 
Urlaub von der Logik mit Hilfe von temporären Regressionsprozessen, wie 
sie durch den freien Einfall angeregt werden. Von diesem Standpunkt aus 
m ag die Psychoanalyse die Technik der partiellen Regression ergänzt haben, 
die zum Zwecke der Lockerung und der Zunichtemachung jenes Joches aus- 
gedehnt werden kann, dem Freud in seinem „Unbehagen in der Kultur" 
so große Bedeutung beimißt. 

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Psychoanalyse eine intensive 
Methode als Ergänzung zu den extensiven, die der Sozioanalyse zur Verfügung 
öden, beigetragen hat. Die intensive Methode hat andere Verfahren pro- 
duktiver gestaltet, besonders durch die Enthüllung der Komplexität der inter- 
symbolischen Dialektik. Die Anwendung des analytischen Verfahrens auf 
die Symbole und zwar mit besonderem Nachdruck auf das subjektive Ge- 
schehen statt auf das in der Außenwelt, mag den dialektischen Gegensatz zur 
Verwirklichung der Phantasie in der Außenwelt erzeugen, die unsere west- 
europäische Zivilisation seit Jahrhunderten charakterisiert hat. 



E-in geisteskranker JJildhauer 

(Die Ckarakterköpfe des Franz Xaver JM-esserscLmidt) 1 

Von 

Ernst JVris 

YV ien 



Meine Damen und Herren! 

• Ich weiß mich einig mit Ihnen in der Skepsis gegen die herkömmlichen 
Versuche, die psychoanalytische Psychologie auf die Geisteswissenschaften, 
oder genauer, auf Probleme anzuwenden, die sonst nach geisteswissenschaft- 
lichen oder kulturhistorischen Methoden untersucht werden ; einig mit Ihnen 
aber auch in der affektiven Sphäre: Ich kenne aus Erfahrung die Unlust 
des Zuhörers, dem bei solchen Untersuchungen weite und ermüdende Um- 
wege zugemutet werden, und da sich zu dieser Unlust, die ich in der Identi- 
fizierung mit Ihnen erlebe, noch die gesellt, die ich als Vortragender empfinde, 
kann ich weder versuchen, mein Thema noch meine Fragestellung zu 
empfehlen oder zu entschuldigen. Dagegen scheint es mir erlaubt, die Be- 
rechtigung unserer gemeinsamen Stellungnahme, unserer Skepsis also und 
unserer Unlust, durch eine kurze Überlegung nachzuweisen, die die grund- 
sätzlichen Schwierigkeiten der Anwendung psychoanalytischer Psychologie 
auf das Arbeitsgebiet der Geisteswissenschaften prüfen soll. 

Als vor bald drei Jahrzehnten, in den Anfängen und im Heldenzeitalter 
der Psychoanalyse, Freud und der kleine Kreis seiner Schüler die ersten 
Versuche unternahmen, psychoanalytische Grundsätze „anzuwenden , standen 
sie vor zweierlei Aufgaben; die eine von ihnen hat seit einiger Zeit schon 
an Bedeutung verloren. Denn damals, als der Psychoanalyse ein bescheidenes 
klinisches Erfahrungsmaterial zu Gebote stand, mußte jeder Weg willkommen 
sein, auf dem die Geltung der neuen Befunde erhärtet und gesichert werden 
konnte: sie waren am Seelenleben des Kranken gewonnen, an primärem 
Material; daß sie sich zwanglos auf die Aussagen, die die menschliche 
Geschichte in Dichtung, Sage und Mythos bot, also auf Aussagen eines 
sekundären Materials, übertragen ließen, war bedeutsam genug. Seit es 
aber nicht mehr unsere Aufgabe sein kann, die zu überzeugen, die an den 



i) Vorgetragen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 24. November 1932- 



Ein geisteskranker Bildna 



385 



Befunden der Psychoanalyse zweifeln, ist die Rolle dieser Arbeiten eine be- 
scheidenere geworden. Es kommt hinzu, daß an diesem sekundären Material 
besser die ersten und allgemeineren Befunde der Psychoanalyse überprüft 
werden konnten als die subtileren, in weitere Tiefe führenden, die seit etwa 
anderthalb Jahrzehnten die Entwicklung der psychoanalytischen Klinik be- 
stimmen. 

Auch die zweite Aufgabe war von vornherein gestellt. Die Psychoanalyse 
sollte da eingreifen, wo andere Forschungsmethoden versagt haben. Sie sollte 
—- eine Reservetruppe — in die Bresche eingesetzt werden, wo die Wissen- 
schaft bereit war, eine Schlacht verlorenzugeben; sollte Lücken schließen, 
die zwischen den schon gesicherten Forschungsergebnissen etwa noch klafften. 
Das ist mehrfach geschehen und mag auch in der Zukunft seine Bedeutung 
behalten. Doch erschöpft diese Aufgabe sicherlich nicht die Rolle, die die 
psychoanalytische Psychologie in ihrer gegenwärtigen Gestalt und in ihrer 
künftigen Entwicklung in der Erforschung kulturwissenschaftlichen Materials 
zu spielen berufen ist. 

Lassen Sie mich, was ich meine, an einem Beispiel verdeutlichen : Nehmen 
Sie an, ein psychoanalytisch geschulter Psychiater käme in die Lage, eine 
psychiatrische Krankengeschichte zu bearbeiten, die etwa vor längerer Zeit 
und von einem Arzt aufgezeichnet worden sei, der mit der Methode und 
dem Ziel der Tiefenpsychologie in keiner Weise vertraut war. Er wird sich 
dieses Auftrages mit allen Kräften zu erwehren suchen, ihn als unlösbar 
hinstellen oder zu einer sehr wenig befriedigenden Lösung gelangen. Denn 
jener andere, ältere ärztliche Beobachter mag mancherlei Wertvolles berichtet 
haben; es steht doch zu befürchten, daß er als Nebenbefund unterdrückt 
hat, was dem Psychoanalytiker als wesentliches Merkmal über bedeutsame 
Zusammenhänge hätte die Augen öffnen können. So oder ungefähr so steht es 
vielfach auch mit den uns vorliegenden Forschungsergebnissen der Kultur- 
wissenschaft. Der Versuch, sie durch psychoanalytische Einsichten näher zu 
erläutern, setzt es in der Regel voraus, daß mindestens ein Teil der Forschungs- 
arbeit selbst von neuem geleistet werde, gleichviel, für wie wichtig oder 
unwichtig man den Beitrag hält, den die Psychoanalyse hier überhaupt zu 
leisten imstande ist. 

Die Bedeutung dieses Beitrages und damit ein Stück weit auch die Richtig- 
keit der hier vertretenen Auffassung kann durch eine andere, gleichfalls 
durchaus geläufige Überlegung beleuchtet werden. 

Was die Psychoanalyse heute zu bieten imstande ist, eine Psychologie der 
zentralen seelischen Vorgänge, hat es vor dem zwanzigsten Jahrhundert inner- 

Imago XIX. 

2 5 



386 



Ernst Kns 



halb der Wissenschaft nicht gegeben. Sie hat das Erbe der Populär- 
psychologie angetreten, deren Geschichte noch ungeschrieben ist und die 
man als die Summe der jeweils herrschenden Ansicht über Art und Natur 
des menschlichen Seelenlebens überhaupt aus den mannigfachsten Zeitäuße- 
rungen erst rekonstruieren müßte. 

Eine Verschiebung hat stattgefunden: etwas, was früher in außerwissen- 
schäftlicher Sphäre lag, ist in die wissenschaftliche eingetreten. Macht man 
sich mit diesem Gedanken erst vertraut, so merkt man bald, daß solche Ver- 
schiebungen sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung auf vielen Ge- 
bieten — wir möchten vergleichsweise sagen, als historische Mechanismen - 

immer wieder abgespielt und den Aufschwung und die Bedeutung des einen 
Niedergang und Verarmung eines anderen Zweiges menschlicher Einsicht 
oder Betätigung zur Folge gehabt haben können. 

Darum also, weil eine wissenschaftliche Psychologie der zentralen seeli- 
schen Vorgänge des menschlichen Lebens grundsätzlich neu ist, meine ich, 
daß sie in dem Material der kulturwissenschaftlichen Forschung nicht sowohl 
Ergänzungen bringen und Ergebnisse sichern als auf neue Fragestellungen 
hinführen wird, auf Fragestellungen, die erst jetzt, da sie sinnvoll geworden 
sind, auch faßbar werden. Das ließe sich sehr viel ausführlicher darstellen, 
besser begründen und mit mancherlei Beispielen belegen. Hier aber durfte 
es vorgebracht werden als Selbstbericht des Vortragenden über seine Arbeit 
Denn die Problemstellung der Studie, die ich hier vorbringen möchte, hat 
sich mir erst im Laufe der Zeit ergeben. Ursprünglich hatte ich die Ab 
sieht, mit den psychoanalytischen Einsichten „in die Bresche zu treten" 
„eine Lücke zu füllen", und war dabei genötigt, in die Einzelheiten der 
historischen Forschungsarbeiten selbst einzutreten, die ich nach allem für 
geleistet hatte ansehen können, um erst den Boden für die psychologische 
Fragestellung zu bereiten. Diese recht umfängliche Untersuchung ist eben 
im Druck erschienen; 1 sie gibt alle Vorarbeit und ein Stück der psycho- 
logischen Deutung selbst. 

1) Unter dem Titel „Die Charakterköpfe des Franz Xaver Messerschmidt, Versuch 
einer historischen und psychologischen Deutung" in Jahrb. d. kunsthistor. Samml. in 
Wien, N. F., Bd. VI, Wien 1932, Verlag Anton Schroll; auch als Sonderdruck. Der 
Hinweis auf diese Veröffentlichung enthebt mich der Pflicht, das vielfältige Quellen- 
material an dieser Stelle nochmals zu nennen. — Auch für die künstlerische Tätigkeit 
Messerschmidts darf ich auf diese Veröffentlichung verweisen, in der die Hauptwerke 
des Meisters und beinahe alle der bei seinem Tode erhaltenen Charakterköpfe abge^ 
bildet sind. Diese Abbildungen — von denen dank dem freundlichen Entgegenkommen 
des Verlages Anton Schroll eine Auswahl hat übernommen werden können — sind 



Ein geisteskranker Bildhauer 



38/ 



Heute glaube ich mich darauf beschränken zu dürfen, Sie vor fertige 
p r0 bleme zu führen und deren Lösung selbst ein Stück weit zu vertiefen. 
pa diese Probleme enger mit der psychoanalytischen Klinik zusammenhängen 
als sich auf den ersten Blick erwarten läßt, ist es der Hauptzweck dieses 
Vortrages, mir von den Klinikern unter Ihnen Belehrung zu erbitten. 



Es soll sich darum handeln, einige Werke eines Künstlers zu erläutern, 
der in der Kunstgeschichte seiner Zeit an erster Stelle steht und als Hof- 
bildhauer der Kaiserin Maria Theresia bekannt ist. Seine Arbeiten werden 
in Museen aufbewahrt — im Wiener Barockmuseum im Unteren Belvedere 
ist seinem Schaffen ein sehenswerter Saal gewidmet — und man darf ihn 
den bedeutendsten deutschen Plastiker seiner Zeit heißen. Daß in diesem 
Wien, in dem er die wichtigsten seiner Jugendjahre verbrachte, eine Straße 
aach ihm benannt ist, sei als äußeres Zeichen seines seit seinem Tode fort- 
dauernden Buhmes erwähnt. 

Was ich aus der Biographie dieses Mannes, des Franz Xaver Messer- 
schmidt, vorzutragen beabsichtige, ist weniger als sonst in jeder ausführ- 
licheren Lebensbeschreibung nachgelesen werden könnte. Ich befinde mich 
damit im Gegensatz zu der Verpflichtung, die die psychoanalytische Methode 
sonst dem Patho- oder sagen wir Psychographen auferlegt. Aber ich habe 
Grund, den meisten Angaben, die über den Meister und sein Leben ver- 
breitet sind, zu mißtrauen. Die Gründe dieses Mißtrauens gehören durchaus 
in den Gang dieser Darstellung und sollen knapp vor ihrem Ende noch 
gestreift werden. 

II 

Franz Xaver Messerschmidt ist im Jahre 1736 in Wiesensteig in 
Schwaben als Sohn einer vielköpfigen Familie geboren worden, die, wenn 
wir kärglichen Nachrichten vertrauen, in ärmlichen Verhältnissen lebte. 
Frühe Neigung, aber auch glückliche Familienbeziehungen konnten schon 
den Knaben seinem Lebensberuf zuführen. Die Brüder der Mutter waren 
Bildhauer, der eine, Johann Baptist Straub, ein führender Vertreter des 
Münchner Barock, Messerschmidts erster Lehrer. Von München soll Messer- 



mcht nach den Originalen der Charakterköpfe, sondern nach Gipsabgüssen angefertigt, 
die sich im Besitze des Bundesmobiliendepots in Wien und im Besitze Sr. Durchlaucht 
des regierenden Pursten von Liechtenstein auf Schloß Feldsberg befinden. 



25* 



388 



Artist JVns 



Kr 



schmidt nach seiner Lehrzeit, deren Dauer wir nicht kennen, nach C 
zu seinem anderen Oheim, dem Bildhauer Philipp Jakob Straub gezn 
sein; 1752, sechzehn Jahre alt, kommt er nach Wien an die Akadem" 
Hier hat er, anfangs, wie es scheint, unter großen Schwierigkeiten, sein 
Weg gemacht, wird 1757 auf Fürsprache seines Protektors, des Akadem' 
direktors und Hofmalers Meytens, „Stuckverschneider" am kaiserlich 
Zeughaus, ist seit 1760 im Dienste des Hochadels und des Hofes tat' 
reist 1765 nach Rom — vielleicht auch nach Paris und London — ! 
und wird 1769 auf Grund des Ansehens, das er sich durch seine Werk 
erworben hatte, Substitutprofessor der Bildhauerkunst an der Wiene 
Akademie. 

Bald nachher scheint er erkrankt zu sein, denn als im Jahre 1774 ^ er 
ordentliche Professor der Bildhauerkunst stirbt, wird nicht Messerschmidt 
der „das Recht zu seinem unmittelbaren Eintritt in das Amt und die Be- 
soldung des Verstorbenen . . . erhalten hatte" vorgeschlagen, sondern drei 
andere, auch in den Augen der Zeitgenossen minder verdiente Meister 
Die näheren Umstände dieses Vorschlages kennen wir aus einem klugen 
und einsichtigen Promemoria des Fürsten Kaunitz, das der Kaiserin Maria 
Theresia die Stellungnahme des akademischen Kollegiums zur Kenntnis 
bringt. Wir heben eine Stelle hervor: 

„Es ist aber in Ansehung- dieses Mannes das wichtigste Bedenken, daß er drei 
Jahre, sei es wegen seines Notstandes oder aber aus natürlicher Disposition einige 
Verwirrung im Kopf hat wahrnehmen lassen, welche, obschon sie sich seitdem gelegt 
hat, und ihm wieder wie vorher zu arbeiten erlaubt, dennoch von Zeit zu Zeit sich 
in einer nicht vollkommen gesunden Einbildungskraft äußert, . . . darin, daß er alle 
übrigen Professores und Direktores für seine Feinde hat, noch immer seltsame Grillen 
in der Einbildung hat und also niemals vollkommen ruhig sein kann." 

Wir erfahren hier von einer psychischen Erkrankung, der Messerschmidt 
etwa im Jahre 1771, in seinem 35. Jahr verfällt, die sich seither gebessert 
hat, so daß er, zwar arbeits-, aber nicht lehrfähig geworden ist und man, 
wie Kaunitz weiter berichtet, Bedenken trägt, ihm Schüler anzuvertrauen. 
Bei der Kennzeichnung seines Verhaltens wird auf paranoide Züge hin- 
gewiesen. 

Daß es sich in der Tat um einen psychotischen Schub gehandelt haben 
muß, der eine weitgehende Remission erfuhr, wird durch die Kenntnis 
der weiteren Lebensschicksale Messerschmidts sichergestellt. Er verläßt nach 
der schweren Enttäuschung, die ihm widerfahren ist, Wien, reist in seine 
schwäbische Heimat nach Wiesensteig und steht alsbald mit dem Münchner 
Hof in Verbindung; doch waren die dort angeknüpften Verhandlungen 



Ein geisteskranker Bildhauer 



38 9 



m Scheitern bestimmt. Als ihn seine Wiener Freunde dazu zu bewegen 
uchen, die ihm von der Kaiserin auf Bitten der Akademieprofessoren und 
all f Vorstellung des Fürsten Kaunitz schon 1774 bewilligte Pension endlich 
anzunehmen, weigert er sich brieflich, da er kein Gnadengehalt, sondern 
Bezahlung für geleistete Arbeit wünsche; die Worte, mit denen er seinen 
Brief beschließt, beleuchten seinen Zustand. 

... da ich schon acht Jahre, von meinen Feinden verfolgt, keine meiner Kunst 
gemäßigte Arbeit bekommen hatte ... ja es scheint, ganz Deutschland meyne, es 
«ei mich zu verfolgen ihr Pflicht." 

Dieser Brief ist an Messerschmidts Bruder Johann gerichtet, der in 
Preßburg lebte. Auch er war Bildhauer, mehr Handwerker als Künstler, 
und noch wenige Jahre vorher hatte es zwischen den Brüdern erbitterte 
Streitigkeiten gegeben, in deren Verlauf der unbegabtere Johann mit bloßem 
Degen gegen Franz Xaver losging. 

Diese Vorfälle sind aber längst vergessen, denn 1777 zieht Messerschmidt 
aus München nach Preßburg und findet im Hause seines Bruders für drei 
Jahre eine Zufluchtsstätte; dann kauft er sich selbst draußen an der Stadt- 
grenze, beim Judenfriedhof, in einer Gegend, die als unheimlich gilt, ein 
Haus. Hier treibt er die letzten drei Jahre seines Lebens sein Wesen. 

Man hat das Bewußtsein, daß nun ein großer Mann in Preßburg lebt, 
nicht verloren ; Reisende und Kunstfreunde scheuen die Mühe nicht, aus 
Wien nach Preßburg zu fahren, um den großen Mann zu besuchen, dessen 
Werke in aller Munde waren. So läßt sich aus den Reisebriefen und der 
Kunstliteratur der Zeit ein Stück weit Einblick in seine letzten Lebens- 
jahre gewinnen. Er gilt als Sonderling und Narr, dessen Hang zu Einsam- 
keit bekannt ist, ist für Besucher schwer zugänglich und weigert sich, seine 
Werke zu zeigen. Das Gefühl, daß man ihn zu wenig schätze, beherrscht 
ihn; sucht ein Käufer den Preis einer seiner Arbeiten zu erfahren, so nennt 
er unsinnige Summen; ein Kranz von Histörchen berichtet, wie er immer 
wieder hochgestellte Gönner durch Spott und Ironie abschreckte; auch soll 
er häufig versichert haben, er werde seine Werke vor seinem Tod in die 
Donau werfen, wie er denn auch allem Anschein nach manches noch selbst 
zerstört hat. Alle wissen zu berichten, daß sich in seinem Wesen Stolz 
und Narrheit mische, manche aber versichern auch, daß er als Geisterseher 
gelte. Was das zu bedeuten hat, erfahren wir aus einem ausführlichen 
Bericht, den wir Friedrich Nicolai verdanken. Dieser kluge und seines 
Streites mit den Weimarer Dioskuren wegen zu Unrecht vielgeschmähte 
Mann, hat im VI. Band seiner „Beschreibung einer Reise durch Deutsch- 



390 



E-rnst Kris 



land und die Schweiz im Jahre 1781" eine Begegnung mit Messersch - J 
ausführlich geschildert. Seine Darstellung, die deutlich den Anteil d 
Verfassers an der psychischen Haltung Messerschmidts verrät und m h 
dem Geisteskranken als dem Künstler gilt, wird uns, wenn wir sie 
späterer Stelle heranziehen werden, auch die Möglichkeit bieten, uns selb 
ein Urteil über die Art von Messerschmidts Erkrankung zu bilden. 

Im Jahre 1783 ist Franz Xaver Messerschmidt im siebenundvierzigste 
Lebensjahr an einer Lungenentzündung gestorben. 

Als Teil seiner Biographie selbst ist noch seine Tätigkeit als Künstle 
kurz und in äußerster Schematisierung zu kennzeichnen. Seine ersten u n 
bekannten Werke — Heiligenfiguren oder Bildnisse — knüpfen an die 
rühmliche Tradition der bayrisch-österreichischen Barockkunst an, über- 
ragen aber das durch das Herkommen gewiesene Niveau in mehrfacher 
Hinsicht. Einflüsse italienischer und französischer Kunst, die er auf seiner 
Reise aufnimmt, verarbeitet er in großartiger Freiheit, und man darf be- 
haupten, daß etwa die in den sechziger Jahren entstandenen Statuen des 
deutschen Kaiserpaares und die Büste Joseph IL einen Höhepunkt deutscher 
Kunst ihrer Zeit bezeichnen. Etwa um 1770, in den Jahren seiner ersten 
Erkrankung, tritt eine — im Gange seiner Entwicklung einigermaßen 
vorbereitete — Wandlung seines Stils ein; Pathos und Schwung treten 
zurück, kühle Sachlichkeit der Schilderung herrscht vor: Messerschmidt hat 
als einer der ersten deutschen Künstler, als Bildhauer offenbar als erster, 
den Weg zum Klassizismus eingeschlagen. Der antikische Charakter seiner 
Werke tritt immer deutlicher zutage, ohne daß auch an den Bildnissen 
seiner Spätzeit die souveräne Beherrschung der Naturwiedergabe, die Kunst 
des Porträtisten, eine Minderung erfahren hätte. 

Die Arbeiten Messerschmidts verteilen sich auf die ganze Dauer seines 
Lebens (ob er während des einen oder anderen kurzen Zeitabschnittes der 
künstlerischen Tätigkeit hat entsagen müssen, läßt sich freilich nicht be- 
antworten), und seine künstlerische Kraft ist auch nach seiner Erkrankung 
nicht erlahmt. Der entscheidende Stilwandel in seinem Schaffen hat sich 
offenbar erst in seiner Münchner Zeit vollzogen, und noch in seinen letzten 
Lebensjahren, als Sonderling in Preß bürg, hat er dem Zeitstil neue Nuancen 
abgewonnen. Heben wir nochmals hervor, daß sich seine reiche künstlerische 
Produktion (die sich übrigens erst zu einem Teil hat rekonstruieren 
lassen) der Kunst seiner Zeit einfügt, einen im Sinne der kunstgeschicht- 
lichen Entwicklung bedeutsamen und geschlossenen Ablauf bietet und auf 
einer im Sinne geläufiger Wertungen hohen Stufe die formalen Probleme 









Ein geisteskranker Bildhauer 



391 



arbeitet, denen die europäische Kunst seiner Tage zugewandt war. Diese 
F ,+stellung ist für die Beurteilung von Messerschmidts Persönlichkeit von 
Bedeutung, da sie uns über das Maß seiner Realitätsanpassung unter- 

III 

Seit dem Anfang der siebziger Jahre aber standen nicht mehr die Werke 
. Vordergrund seines Interesses, die er im Auftrage anderer ausführt, 
vielmehr galt seine Aufmerksamkeit vor allem — und später in den Preß- 
burger Jahren zuweilen ausschließlich — einer Serie von annähernd lebens- 
großen männlichen Büsten, von denen sich aus einer Zahl von über sechzig, 
die sich nach Messerschmidts Tod in seiner Werkstatt vorfanden, neun- 
undvierzig in verschiedenen Materialien, meist in Marmor oder Blei, aus- 
geführt, in Museen und Privatsammlungen verstreut, erhalten haben. Auf 
diesen Köpfen, die zuerst bald nach seinem Tod und später, bis in die 
zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, immer wieder in Wien zur 
Besichtigung ausgestellt und zum Verkauf ausgeboten wurden, beruht in 
erster Linie sein seit seiner Lebenszeit nie erloschener Nachruhm; an sie 
vor allem hat sich der Anteil von Mit- und Nachwelt geknüpft, der ihm 
neben manchen anderen Ruhmestiteln auch den eines österreichischen Hogarth 
eintrug. Man ist gewohnt, sie als „Charakterköpfe zu bezeichnen, als 
physiognomische Studien anzusehen, — wie sie denn schon manchen Zeit- 
genossen als Darstellungen der Leidenschaften galten. Dieser Auffassung 
entsprechen auch die Bezeichnungen, die an den einzelnen Köpfen haften 
und schon vier Jahre nach Messerschmidts Tod nachweisbar sind. 



1) Um die „Realität", die hier in Rede steht, zu kennzeichnen und damit Anschluß 
an eine in den Geisteswissenschaften gegenwärtig viel erörterte Frage zu gewinnen, 
empfiehlt es sich, hier auf eine sonst nicht unbedenkliche Unterscheidung einzugehen, 
die Benedetto Croce vorgeschlagen hat. Wir sind bemüht, die empirische Person, 
deren psychologische Stellung wir prüfen, im Zusammenhang ihrer Lebenssituation 
zu sehen, um über das Maß ihrer Realitätsanpassung zu einem Urteil zu gelangen; 
(im konkreten Fall betrifft dies die Beziehung des Messerschmidt zu seiner Umwelt, 
etwa zu Arbeitsgenossen, Kunstfreunden und Auftraggebern.) Eine analoge Einsicht 
dürfen wir für die ästhetische Person, den Menschen als Schöpfer seiner Werke, 
den Künstler also als Schöpfer des Kunstwerkes, anstreben. Die „Realitätsanpassung", 
sei, so darf man vermuten, in diesem Falle dadurch bestimmt, wie weit sich das Werk 
einem Strukturzusammenhang einfüge und den Anforderungen entspreche, die sich 
aus diesem Zusammenhang ergeben. Als solcher Strukturzusammenhang darf offenbar 
auch die historische Tendenz oder Richtung angesehen werden, der sich eine Leistung 
einfügt. Wir glauben danach zu einer Einsicht gelangt zu sein, die sich auf die 
Realitätsanpassung Messerschmidts als Künstler, auf die seiner ästhetischen Person 
bezieht. 



In den meisten Fällen erfassen nun diese Bezeichnungen durchaus n* h 
den Eindruck, den wir von den Köpfen empfangen; in vielen Fällen 
sie geradezu unsinnig. (Vgl. etwa Abb. 14 oder 20.) Meint man etwa a 
den Augen des „Bekümmerten" (Abb. 27) etwas wie Trauer oder Besorg ' 
ablesen zu können, so hebt doch die fratzenhaft herabgeschlagene Liu 
diesen Eindruck wieder auf, ohne daß ein anderer an seine Stelle zu trete 
vermöchte. Das Verhältnis von „Benennung" und „Ausdruck" wird noch 
besser durch ein anderes Beispiel gekennzeichnet. Der Kopf des „Erhängten" 
(Abb. 13) dankt seinen Namen offenbar nur dem um den Hals 
legten Strick, während die Züge — Mund und Augen krampfhaft ver- 
schlossen, zugekniffen — der durch die Bezeichnung ausgelösten Erwartung 
in keiner Weise entsprechen. Wir sehen ein, daß offenbar ein Teilelement 
für die Wahl der Bezeichnungen maßgebend war; an späterer Stelle erst 
werden wir verstehen lernen, was das bedeutet. 

In jenen Fällen, in denen wir die Bezeichnungen als befriedigend empfinden 
— beim Kopf des „Schlafenden" (Abb. 1) oder des „Gähners" (Abb. 9) 
etwa, — erfahren wir, in welchem Sinne sich Messerschmidt physiognomischen 
Studien zugewandt hat. 

In den Jahren, da er an den Köpfen arbeitete, war, aus vielfachen 
Quellen gespeist, namentlich in Deutschland, beinahe gleichzeitig aber auch 
in Frankreich, man kann sagen in ganz Europa, ein allgemeines Interesse 
an Fragen der Physiognomik erwacht, das durch nichts besser gekennzeichnet 
wird, als durch den allgemeinen Anteil, der die glänzende Polemik begleitete, 
die noch in den siebziger Jahren zwischen zwei der bedeutendsten Köpfe 
Deutschlands, zwischen dem Züricher Pastor Lavater und dem Göttinger 
Professor Lichtenberg ausgebrochen war. Dem einen galt Physiognomik 
als die Lehre von der Zuordnung menschlicher Eigenschaften zum festen, 
anatomischen Gerüst des Kopfes, dem anderen, einem weisen Spötter, Patho- 
gnomik, die Lehre vom Ausdruck des menschlichen Antlitzes, als ein frucht- 
barer Weg zur Menschenkenntnis. Beide Auffassungen lassen sich bis in die 
pseudoaristotelische Physiognomik zurückverfolgen und haben bis in unsere 
Tage als Themen der Körperbauforschung und der Ausdruckspsychologie ihre 
Bolle bewahrt; mit beiden Bichtungen aber hat, was die Köpfe Messer- 
schmidts bedeuten können, keine Berührung. Sein Versuch läßt sich einer 
anderen Bichtung eingliedern, die seit dem siebzehnten Jahrhundert im 
akademischen Kunstbetrieb fest verwurzelt war. Im Bahmen dieser „Künstler- 
physiognomik" konnten am Ende des achtzehnten Jahrhunderts zwei Auf- 
gaben als zeitgemäß gelten: die eine (schon von Charles Lebrun 1667 vor- 



Ein geisteskranker Bildka 



3 9 3 



gezeichnete), paradigmatische Beispiele für den Ausdruck typischer Ge- 
fühle zu suchen, die andere, zu zeigen, wie sich das menschliche Ant- 
litz in verschiedenen Situationen verändere; mit dieser zweiten Aufgabe 
(die, soviel wir wissen, zuerst um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 
vo n dem englischen Anatomen Parsons in dieser Form gestellt worden 
war) lassen sich Messerschmidts Versuche in Zusammenhang bringen. Was 
er an den Köpfen des „Gähnenden" oder des „Schlafenden" (Abb. 1 und 9) 
darzustellen unternimmt, sind Verhaltensweisen der Muskulatur des mensch- 
lichen Antlitzes und steht in keiner Beziehung zum Ausdruck von 
Affekten. 

Auch dieser so eingeschränkten physiognomischen Aufgabenstellung aber 
entsprechen nur die angeführten und kaum andere aus der Serie der Charakter- 
köpfe. 

Wir greifen jetzt auf einige Köpfe, die sich unschwer als Selbstbildnisse 
des Künstlers erkennen lassen; auch die Köpfe des „Schlafenden" und des 
„Lachenden' (Abb. 1, 2) sind ihnen anzuschließen. Verschiedene Bezeich- 
nungen — „der Zuverlässige", „der Melancholikus", „der tapfere 
Feldherr (Abb. 3, 4, 6) — vermögen uns nicht recht zu befriedigen. Über- 
blicken wir die ganze Beihe dieser Köpfe, so fällt zunächst eine seltsame 
Starre und Leere des Ausdrucks auf. Die Köpfe unterscheiden sich vor- 
nehmlich durch den Wechsel der Haartracht — der Perücken möchte 
man sagen ; verschiedene Versuche, die mimische Haltung da und dort zu 
verändern, vermögen den Eindruck der Gleichförmigkeit nicht zu ver- 
wischen. 

Von jedem der verschiedenen Typen, in die Messerschmidt sein eigenes 
Antlitz „gekleidet" hat, lassen sich nun Fortbildungen und Varianten an- 
führen. Als eine solche stellt sich etwa der Kopf des „mürrischen alten 
Soldaten (Abb. 5) dar, dessen krampfhaft verschlossener Mund dem 
Antlitz keinen faßbaren Ausdruckswert verleiht. Das gleiche gilt für die 
Köpfe des „Mißmutigen" (Abb. 7) oder des „Satyrikus" (Abb. 8), 
die die Verzerrungen der Gesichtsmuskulatur in weiterer Steigerung 
kennen lehren; bald sind Mund und Augen verkniffen, bald die Augen 
aufgerissen, die Stirne gerunzelt und nur der Mund versperrt. Dieses Spiel 
mimischer Konstellationen wiederholt sich mit einiger Mannigfaltigkeit: 
wir heben etwa die Köpfe des „Verdrießlichen" und des „abge- 
zehrten Alten mit Augenschmerzen" (Abb. 11, 14) hervor. Oft ist 
die Nase in den Kreislauf der Verzerrungen einbezogen, und eine Serie 
von Köpfen — „Einfalt im höchsten Grade", ein „Schafskopf", 



Z 9 4 



Ernst Kris 



16) — zeigt Abwandlung und Steigerung 



„der heftige Geruch" (Abb. 15 
dieser Versuche. 

Überblicken wir die vorgeführten Beispiele. Zwei ineinandergreifende 
Tendenzen lassen sich unschwer erkennen. Die eine, wir möchten sagen 
legitime, sucht ein Stück unmittelbar verständlicher Charakteristik — 
meist durch äußere Kennzeichen — zu bieten; die andere drängt offenbar 
danach, Ausdruck in Grimasse abgleiten zu lassen. Manchmal, etwa am 
Kopf des „aus dem Wasser Geretteten" (Abb. 12), ist es offenbar nach- 
träglich gelungen, den grimassierenden Ausdruck zu rechtfertigen, denn das 
feste Verschließen von Mund und Augen läßt sich der Situation — dem 
Auftauchen aus dem Wasser nach der Rettung — als verständliche Reaktion 
einfügen. Ähnlich ist auch die Wirkung des „heftigen Geruches" (Abb. 15) 
zu erklären: der Krampf, der auch die Nase erfaßt hat, kommt als 
„Wittern" zur Geltung. Wir dürfen, was hier geschehen ist, als einen Versuch 
beschreiben, die vorgegebene mimische Konstellation nachträglich zu ratio- 
nalisieren. 

In den überwiegend meisten Fällen aber — das läßt sich freilich nur 
an der ganzen Reihe der Charakterköpfe und nicht vor den wenigen Ab- 
bildungen aufzeigen, die hier als Beispiele vorgeführt werden können — 
ist ein faßbarer Ausdruck nicht zustande gekommen, der Versuch solcher 
Rationalisierungen unterlassen worden oder mißglückt und das Spiel der 
Gesichtsmuskulatur Grimasse geblieben. 

Suchen wir uns, ehe wir fortfahren, was wir unter Grimasse verstehen, 
in erster und schematischer Annäherung zu vergegenwärtigen: Aus der 
Erfahrung des Alltags kennen wir sie unter zweierlei Bedingungen: als 
mißglückte Ausdrucksbewegung, dann, wenn eine verdrängte Regung sich 
vorschiebt — das Lächeln bei der Beileidsbezeugung — und als beabsichtigte 
Kundgebung. (Einer „schneidet" eine Grimasse.) In beiden Fällen weist sie 
uns auf aggressive Neigungen hin, die sich im ersten Falle gegen das Ich 
des Handelnden durchsetzen, im zweiten mit Absicht zum Ausdruck ge- 
bracht werden. Diesen beiden Fällen dürfen andere gegenübergestellt werden, 
die wir in der Erfahrung des Alltags nur selten antreffen und nicht mehr 
ohne weiteres geneigt sein werden, der Breite der Norm zuzurechnen. Wir 
meinen die Fälle, in denen dem Ich die Herrschaft über das Mienenspiel 
für längere Zeit entgleitet; dann, wenn etwa ein körperlicher Schmerz oder 
ein Durchbruch der Leidenschaft uns übermannt. Wir sprechen in diesen 
Fällen vom verzerrtem Gesicht und dürfen in gröbster Schematisierung an- 
nehmen, daß hier, ähnlich wie bei der mißglückten Beileidsbezeugung, aber 



Em geisteskranker Bildhauer 



3 9 5 



doch mit Unterschieden, die gewichtig genug sind, das Ich einem Ansturm 
der Leidenschaft erlegen ist und seine Funktion — die Steuerung des Mienen- 
spiels — nicht hat ausüben können. 1 

Die Grimasse ist aus einem besonderen Grund unserer Aufmerksamkeit 
gewiß. Denn an diesem mißglückten oder pathologisch entstellten Mienen- 
spiel tritt ein Wesenszug aller Ausdrucksbewegung mit voller Deutlichkeit 
zutage: ihre Zugehörigkeit zum Gebiet der Autoplastik. 

Der schlechthin verständliche, mit Sicherheit deutbare Ausdruck sondert 
sich von jenem, der „nicht zu uns spricht", wie etwa die mimischen Kon- 
stellationen an den meisten der Messerschmidtschen Charakterköpfe. Wir 
dürfen hoffen, uns ihrem Verständnis zu nähern, wenn wir jenes Verfahren 
anwenden, mit dem wir auch sonst gewohnt sind, die großartigen Bildungen 
der Autoplastik — als Vorbild darf hier das hysterische Symptom gelten — 
ein Stück weit zu erfassen : indem wir sie nämlich als Anzeichen für Vor- 
gänge im Unbewußten ansehen und in ihren Sinngehalt durch psychoanalyti- 
sche Deutung einzudringen versuchen. 

Die Grundlage, deren wir bei einem Versuch dieser Art nicht werden 
entbehren können, ist durch Äußerungen Messerschmidts und einige Be- 
merkungen über sein Verhalten geboten, die uns Friedrich Nicolai, dem es 
gelungen war, sich Messerschmidt in Preßburg zu nähern und sein Ver- 
trauen zu gewinnen, überliefert hat. Aus der umfangreichen Darstellung 
Nicolais greifen wir einige Stellen heraus, dürfen aber nicht erwarten, ein 
vollständiges und auch nur einigermaßen abgeschlossenes Bild von Messer- 
schmidts Gedankengängen oder seines Benehmens zu gewinnen; unsere Ein- 
sicht muß vielmehr fragmentarisch bleiben, und auch an den angezogenen 
Stellen läßt sich durchaus nicht alles einem Deutungszusammenhang ein- 
fügen. 



l) Zu einer anderen Auffassung der Grimasse ist der Berliner Psychiater Bernt 
Götz in einer freundlichen und eingehenden Besprechung meiner ohen S. 386 genannten, 
wesentlich für kunstwissenschaftliche Leser bestimmten Arbeit über die Charakterköpfe 
des Messerschmidt gelangt. Er schreibt (Deutsche Literatur- Zeitung 1933, Sp. 762 ff.): 
„Die Grimasse ist vielmehr die verzerrte Darstellung eines Typus, während die Karikatur 
der tendenziös verzerrte Hinweis auf einen Menschen ist." Ich vermag mich dieser 
Auffassung nicht anzuschließen, darf aber darauf hinweisen, daß, was der Verfasser 
als meine Ansicht über die Karikatur bezeichnet, — daß sie ein Bildnis sei, dessen 
Ähnlichkeit im Häßlichen liege, — von mir ausdrücklich als die älteste mir bekannte 
aus dem siebzehnten Jahrhundert und aus dem Kreis des Giovanni Lorenzo Bernini 
stammende „Definition" angeführt wurde. Eine Wesensbestimmung der Karikatur aber 
ließe sich mit den Mitteln der psychoanalytischen Psychologie ganz anders begründen 
und ausbauen. 



1 



3 9 6 



Ernst Kris 



Messerschmidt erzählt, daß ihn Geister „besonders nachts" plagen; er, de 
ständig keusch gelebt habe", müsse von den Geistern Peinigungen erleiden, obe-1 ' 
sie doch gerade deswegen mit ihm in gutem Einvernehmen stehen müßten n 
Geist der Proportion sei neidisch, weil er, Messerschmidt, der Vollkommenheit • 
der Proportion so nahegekomen sei; damit hänge es zusammen, daß er, wenn er 
einem marmorenen oder bleyernen Bild" gerade an einer Stelle des Gesichtes arbeit 11 
„welche mit einer gewissen Stelle der unteren Theile des Körpers analog wäre" 1 
seinem Unterleib oder in seinen Schenkeln Schmerzen empfinde. 

Eine weitere Äußerung bezieht sich auf die Haltung der „ganz zusammengekniffene 
Lippen", die schon Nicolai an den meisten der Köpfe aufgefallen war. „Der MensÜ 
müsse billig", meint Messerschmidt, „das Rothe der Lippen ganz einziehen, weil kei 
Tier es zeige ... Die Tiere hätten große Vorzüge vor den Menschen, sie könnten 
viele Sachen in der Natur erkennen und empfinden, die den Menschen verbot " 
bleiben". S n 

Auch von der Arbeitsweise des Künstlers vermittelt uns Nicolai eine Vorstellung- 
Um über die Geister der Verhältnisse Macht zu bekommen, kneift sich Messerschmidt 
an verschiedene Teile des Körpers, besonders in die rechte Seite unter die Rippen 
und verbindet damit eine Grimasse, welche „mit dem Kneifen des Rippenfleisches 
das jedesmal erforderliche Verhältnis hat; ... er kniff sich, schnitt Grimassen vor 
dem Spiegel und glaubte die bewunderungswürdigste Wirkung über seine Herrschaft 
über die Geister zu erfahren." „Während der Arbeit selbst sah er jede halbe Minute 
in den Spiegel und machte dabei mit größter Genauigkeit die Grimasse, die er eben 
brauchte." 

Ehe wir an die Verwertung dieses aus dem Jahre 1781 stammenden 
Berichtes schreiten, empfiehlt es sich zunächst, die Frage der Diagnose neu 
aufzuwerfen. Die Vorstellungen und Verhaltensweisen, die wir aus dem 
Bericht Nicolais kennenlernen, geben dem Urteil recht, das das akademi- 
sche Professorenkollegium schon 1774 über Messerschmidt geäußert hat. 
Es handelt sich in der Tat um eine Psychose, in der paranoide Züge neben 
anderen stehen, die dem weiteren Bild einer Schizophrenie entsprechen. 

In dem Material des Wahnes lassen sich da und dort wohlbekannte Bildungs- 
eindrücke als Bausteine aufzeigen; das alte Künstlerproblem der Proportion — 
der göttlichen Proportion, wie man namentlich seit dem sechzehnten Jahr- 
hundert zu sagen gewohnt war — wird mit der Vorstellung von der Ver- 
folgung durch die Geister verknüpft; das tierische Antlitz, das seit dem 
klassischen Altertum als Grundlage physiognomischer Studien galt, — diese 
Auffassung war im sechzehnten Jahrhundert durch Giovanni Battista Porta, 
im siebzehnten durch Lebrun vertreten worden und hatte zu Messerschmidts 
Lebzeiten in den Studien Lavaters und Goethes wieder eine Bolle zu spielen 
begonnen, — wird mit der Bildung der Lippen an den Charakterköpfen in 
Zusammenhang gebracht. 



Ein geisteskranker Bililna 



3 97 



Als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen wählen wir nun das letzte 
Stück von Nicolais Bericht: Messerschmidt schneidet während der Arbeit 
vor dem Spiegel Grimassen, die er in seinen Bildwerken festhält. Verbinden 
w ir diese Schilderung mit jenen Bemerkungen, die wir an die Betrachtung 
einzelner Köpfe geknüpft haben und mit denen wir versucht haben, die 
Problemstellung innerhalb der Physiognomik zu kennzeichnen, die sich Messer- 
schmidt an den Büsten des „Lachenden" (Abb. 2) oder „Gähnenden" (Abb. 9) 
etwa erwählt hatte, so gelangen wir leicht zur Einsicht, daß der Kopf, 
dessen Abwandlung im mimischen Verhalten zu studieren Messerschmidt 
begonnen hat, immer sein eigener war; er hat ihn nur äußerlich ver- 
schiedenartig drapiert, sich bald mit anliegendem Haar, bald mit einer Art 
Perücke, bald als Glatzkopf dargestellt. Dann aber drängt sich uns eine Ver- 
mutung über den Sinn des Grimassierens selbst auf: Wir gewinnen den Ein- 
druck, daß wir es mit apotropäischen Handlungen zu tun hatten, daß 
die Grimassen etwa dazu bestimmt seien, die Geister abzuhalten oder einzu- 
schüchtern, wie denn Messerschmidt geglaubt haben soll, durch seine Grimassen 
„die bewunderungswürdigsten Wirkungen von seiner Herrschaft über die 
Geister zu erfahren". Die Annahme einer solchen Begression auf ein magi- 
sches Verhalten, die sich dem klinischen Bild zwanglos einfügt, ist zugleich 
geeignet, uns einen weiten Ausblick zu eröffnen: Die Bolle apotropäischer 
Magie im Kulte der Primitiven, als deren deutlichster Ausdruck Verbreitung 
und Bedeutung der Masken gelten dürfen, legt den Gedanken nahe, in der 
Grimasse eine — autoplastische — Vorform der Masken zu sehen, eine Maske 
in statu nascendi. 

Um die spezielle Bedeutung der Grimassen Messerschmidts aufzuklären, 
knüpfen wir an zwei der von Nicolai überlieferten Bemerkungen an, die 
sich zwanglos verbinden lassen. Die eine besagt, daß die Geister Messer- 
schmidt wohlwollend gegenüberstehen müßten, weil er keusch gelebt habe, 
und die andere, man müsse das „Bothe der Lippen" einziehen, um, wie 
die Tiere, die Geister besser zu verstehen. Danach wird man in erster An- 
näherung das Einziehen des Lippenrots als eine Verleugnung der Sexualität 
verstehen dürfen, wobei die Lippe nicht nur selbst als Sinnbild sexueller 
Regungen aufgefaßt wird, sondern auch an eine Verlegung von „Oben 
nach Unten" gedacht werden darf, die in Messerschmidts Wahn selbst 
eine Rolle spielt; verbindet er doch die Arbeit an einer Stelle des Gesichtes 
seiner Köpfe mit schmerzlichen Empfindungen in der Sexualregion. Dann 
aber dürfen wir — auf Grund allgemeiner klinischer Erfahrung — aus 
den aufeinandergepreßten Lippen auf die Absicht schließen, den Körper vor 



dem Einfluß der Geister zu versperren. Erinnern wir uns an die geläufi 
Doppelrolle der Verfolger im paranoiden Wahn, daran, daß sie zugle" b 
strafen und verführen, 1 so ist uns die Vermutung nahegelegt, es handl 
sich hier um die Abwehr der Verführung als Weib. Nun wird auch d 
Wechsel zwischen gewaltsamem Aufreißen und festem Zukneifen der Aus 
verständlich — etwa als Versuch, dem Anblick der Geister zu trotze 
oder ihn zu verleugnen; man darf auch noch wagen, die Haltung de 
Nase, das Wittern, in analogem Sinn zu deuten — und wir werden sehen daß 
manches für diese Auffassung spricht. Auch eine Anzahl von Köpfen, die 
bisher nicht hatten herangezogen werden können, lassen sich diesen Deutungs- 
versuch einfügen, einen von ihnen haben wir in anderem Zusammenhang — . 
als es sich um die Charakteristik der an den Köpfen haftenden Namen 
handelte — schon als den des „Bekümmerten" (Abb. 27) kennengelernt 
doch finden sich den einzelnen Bildnistypen entsprechend mehrere Büsten 
mit einer ähnlich schlaff herabgeschlagenen Lippe (Abb. 10) und neben 
diesen auch eine, die einen wie im Ekel halbgeöffneten Mund zeigt (Abb. 25). 
Es liegt nahe, diesen Zug als ein Nachgeben, als Willfährigkeit gegen die 
Geister aufzufassen. 

Bedeutsamer aber als diese Versuche einer Deutung der verschiedenen 
Einzelzüge der mimischen Konstellationen, die sich auf so schwankendem 
Boden zwar nicht über das Vorgebrachte hinaus sichern läßt, obgleich es 
möglich wäre, sie nach mehrfacher Bichtung zu erweitern und fortzusetzen, 
ist eine Einsicht, die sich hier auf das Ganze der Serie der Charakterköpfe 
eröffnet. Bei allem Wechsel innerhalb der mimischen Konstellationen — 
nur eine kleine Anzahl der verwendeten Kombinationen schon bekannter 
Einzelzüge konnte hier angeführt werden — muß immer wieder auf die 
Gleichartigkeit der Wirkung verwiesen werden, die von den einzelnen Köpfen 
ausgeht. Je länger ein Beschauer die Serie Stück für Stück betrachtet oder 
auch — und dieser Befund ließ sich durch Versuche sichern — je mehr 
Köpfe ein Beschauer schon kennt, desto geringer wird sein Interesse an 
den einzelnen Köpfen; die Versuche den „Ausdruck zu deuten" werden 

1) Als auf leicht zugängliche Beispiele verweise ich etwa auf das Selbstzeugnis 
eines Psychotikers, die „Denkwürdigkeiten" des Senatspräsidenten Schreber, an denen 
Freud zuerst, 1911, seine Auffassung der Paranoia entwickelt hat (Ges. Schriften, 
Bd. VIII, S. 555 ff.), oder auf einige in Kräpelins Psychiatrie mitgeteilte Beispiele (vgl. 
III/2, 8. Aufl., S.g37ff,bes. 997). Vgl. dazu auch O. Penich el, Perversionen, Psychosen, 
Charakterstörungen, Wien 1951, S. 83: „Allerdings verhängen diese halluzinatorischen 
und wahnhaften Gebilde nicht nur Strafen über den Kranken, sondern erscheinen 
auch als die teuflischen Versucher, die den Kranken zur Sünde verführen . . ." 



Em geisteskranker BilJLa 



3 99 



bald aufgegeben, das Mienenspiel bald als Grimasse erkannt, — das Lachen des 
gehenden" (Abb. 2) etwa als verkapptes Grinsen, — bald aber erschließt 
sich auch die Gleichförmigkeit der Grimassen selbst, so daß aus der Betrachtung 
der Köpfe ein Eindruck erwächst, der das klinische Bild der Erkrankung 
bestätigt und ergänzt: Der Eindruck, daß hier das künstlerische Schaffen 
unfrei und an sehr einengende Bedingungen gebunden ist, deren Stereo- 
type auch ohne Kenntnis der Begleitumstände als pathologisch erlebt wird. 
Nur zwei Köpfe lösen sich ganz aus diesem Bann (Abb. 19, 20); sie sind 
schon äußerlich durch kleineres Format von den anderen unterschieden. 
Statt aller Beschreibung lassen wir Nicolai sprechen: 

„Nun standen in einem Winkel des Zimmers noch zwei Köpfe von einer schwer 
zu beschreibenden Gestalt. Man stelle sich vor, daß alle Knochen und Muskeln eines 
menschlichen Gesichts so zusammendrückt und vorwärtsgezogen wären, daß die äußerste 
Spitze der zurückgeschobenen Stirn und die äußerste Spitze des hervorgedrückten Kinn- 
knochens einen Winkel von zwanzig Grad macht, daß also das Gesicht beinahe in die 
Form eines Schnabels gezogen ist, obgleich doch immer die menschliche Gestalt bleibt." 

In der Tat trifft diese Schilderung den Kern; wir würden sagen, der 
Kopf sei bloß eine Akzedenz des Schnabels. 

„Da ich merkte", fährt Nicolai fort, „daß Messerschmidt diese Bilder nur kurz, 
mit starren Augen betrachtete und gleich das Gesicht abwandte, so fragte ich mit 
der größten Behutsamkeit, was diese vorstellen sollten. Messerschmidt schien ungern 
die Erklärung zug eben ... und seine sonst lebhaften Augen wurden ganz gläsern, 
indem er mit abgebrochenen Worten antwortete „Jener (nämlich der Geist) habe ihn 
gezwickt und er habe ihn wieder gezwickt, bis die Figuren herausgekommen wären. 
Ich habe gedacht: Ich will dich endlich wohl zwingen; aber er wäre beinahe darüber 
des Todes gewesen." Ich merkte aus allem, daß diese Karrikaturen menschlicher 
Gesichter eigentlich die Gestalten waren, unter denen die betrogene Phantasie des 
•\rmen Messerschmidt sich die Geister der Verhältnisse vor-stellte.« 

Messerschmidt fügt noch hinzu, daß er sich wohl imstande fühle, die ganze Serie 
der Charakterköpfe nochmals zu arbeiten „nur die beiden Schnabelköpfe ausgenommen, 
welche er nicht zum zweyten Mal hervorbringen könne." 

Es ist nun in der Tat durchaus wahrscheinlich, daß hier, nach Nicolais 
Vermutung, der Geist, der Messerschmidt verfolgte, in seiner doppelten 
Rolle vor uns steht. Auch an diesen Köpfen sind die Lippen fest zusammen- 
gepreßt, aber dann — gleichsam wie ein Teig — zu spitzer Form aus- 
gezogen. Denken wir an die Köpfe mit fest verbissenen Lippen zurück, 
aus denen wir auf eine feminine passive Einstellung zu schließen versuchten, 
so meinen wir hier ein Sinnbild der Aktivität zu erblicken. Die Angst,' 
e der Anblick der Schnabelköpfe auslöst, können wir uns an dieses Be- 
kenntnis zur phallischen Sexualität geknüpft denken, die in der Projektion 



4oo 



Vrnst JVns 



Kr 



dem Geist zugeschrieben wird. Wichtiger aber ist, — und zwar sowoh 
wenn wir nach dem Eindruck der Köpfe selbst schließen, wie wenn w" 
versuchen, die Wahnvorstellungen nach Analogien zu ergänzen, — j, 
was in diesen Köpfen dargestellt wird, unmittelbar als Illustration eine 
Fellatio aufgefaßt werden kann, zu der die Geister Messerschmidt auffordern 

Solche Deutungsversuche aber, die sich dem schon Angedeuteten zwanp 
los anschließen, führen an einem anderen, zentraleren Problem vorbei da 
die Kenntnis der Schnabelköpfe uns nahelegt. Wir gehen vom Auffälligst« 
aus, von ihrer Wirkung auf den Beschauer; sie ist nicht nur dem Grad 
nach stärker, als die der anderen Köpfe, sondern auch der Art nach ver- 
schieden. Hier ist keine mimische Konstellation, ist keine Grimasse geboten 
Das Thema des „Antlitzes' ist beibehalten, so daß „doch immer die mensch 
liehe Gestalt bleibt", die aber mit souveräner Freiheit transzendiert win 
Der Weg Messerschmidts hat hier von der Grimasse zum Ornamentalen, zum 
eigengesetzlichen Gebilde geführt, das in einer Kunstgeschichte der Zier- 
form seine Stelle hat, von der Autoplastik eines mimischen Zeremoniells 
zur Alloplastik, zum Kunstwerk. So scheint der psychologischen Sonder- 
stellung der Charakterköpfe, ihrer Sonderstellung als Angstobjekte, eine 
andere, eine künstlerische, zu entsprechen. Suchen wir ein allgemeines 
Ergebnis aus diesen Überlegungen zu sichern, so gelangen wir auf festeren 
Boden. Die künstlerische Umgestaltung der Wirklichkeit, der die Schnabel- 
köpfe ihre Wirkung verdanken, meinen wir damit in Zusammenhang bringen 
zu dürfen, daß der sexuelle Kern von Messerschmidts Wahnvorstellungen 
hier am stärksten zum Ausdruck drängte. Nach Erfahrungen, die wir der 
Kenntnis der Traumarbeit danken, läßt sich vermuten, daß die künstlerische 
Umgestaltung der „Wirklichkeit" sich hier so weit entfalten mußte, um 
den latenten Inhalt der Phantasie zu verhüllen. 1 

Den Zusammenhang zwischen der Stilisierung, der die Naturform unter- 
worfen wird, und dem weiten Gebiet der sexuellen Symbolik kennen wir 
aus zahlreichen dem Bestand vorgeschichtlicher und „primitiver Kunst zu- 



i) Vgl. dazu die Auffassung von B. Götz, der in seinem Referat über meinen oben 
zitierten Aufsatz (Deutsche Literatur- Zeitung 1933, Sp. 762 fr.) die zusammengepreßten 
Lippen „aus einer Bangnis vor dem Verströmen ins Weite, vor dem Ichverlust" ver- 
stehen möchte; er meint, daß „der Schnabel" des Schnabelkopfes, „der vom Zentrum 
des Kopfes abspreizt" nicht „nur die sexuelle Entselbstung", sondern „die Entselbstung 
überhaupt" bedeute; die Schnabelköpfe seien „Verkörperungen des schlechthin Frag- 
würdigen". Daß ich die „Bangnis vor dem Ichverlust", das „Verzagen" des Schizophrenen 
„innerhalb einer kontinuierlichen Depersonalisation" auf meine Weise zu deuten suchte, 
ist Götz offenbar entgangen. 





-3 



>3 



-3 
"3 



-3 
CO 





All. 3: „Der tapfere FeUl: 



All. 4: „Der MelancLoliteJ 





Alk 5: „Ein mürriscler alter /Soldat" 



All. b: „Der .Zuverlässige" 





Abb. /: „Der Mißmutige" 



ALL 8: „Der Satiriki 





Abb. 9: „Der Gälmer" 



ALb. 10: „Der Trotzige" 





Abb. ii: „Ein abgeselirter Alter 
mit Augenschmersen" 



ALL. 13: „Em aus Jem "Wasser 
vreretteter" 





Abb. i3: „Ein ErLängte 



ALL. l^: „Der Verdrießliche" 




ALL. i5: „Der lieftige Gerudi" 



Abb. 16: w-E*& iSckaislcopl" 




AM>. V : »E^ alter frölilidier Läckle 



ALL. 18: „Jim Heudiler und Verleumder" 




Abb. 19: „Zweiter uclmabelkopf" 







Ä ! 

Abb. ao : „Erster Sdinabelkopf" 



""1 




Abn. si: „Der düstere Mann (?)" 



Abb. 22: „Der unfällige Fagottist" 





A üb. 3 3: „Der mit Verstopfung BeliaJtete" Abb. %^\ „Innerli'cli verschlossener Gr 




Abb. 28: Der Kapusiner Fehler 

Preßbarg, Museum 




Abt. 29 : Van Swleten 



Wien, Barockmuseum 



Ein geisteskranker Bildna 



401 



hörigen Beispielen. 1 An den Charakterköpfen des Messerschmidt selbst 
, » e gnet noch ein Fall analoger Stilisierung, der uns vertieften Einblick 
. die Bedingungen ihres Zusammenkommens verspricht. An manchen der 
Köpfe finden wir die Form der Lippe in besonderer Art ausgebildet, als 
Band, das den Mund verdeckt (Abb. 21, 23 f.). Nach allem, was wir schon er- 
mittelt zu haben glauben, ist es nun naheliegend, nach dem symbolischen 
Sinngehalt dieser Bildungen zu suchen. Er ergibt sich, wenn wir das Band 
als Gürtel — als Keuschheitsgürtel — auffassen. In manchen Fällen, etwa 
an einem Kopf, der als „Verschlossener Gram" (Abb. 24) bezeichnet 
wird, bleibt die Stilisierung durchaus nicht auf dieses Einzelmotiv beschränkt, 
erfaßt vielmehr den ganzen unteren Teil des Antlitzes und verarbeitet die 
am Kinn zusammenfliessenden und die Bandlippe einrahmenden Faltenzüge 
zu einem selbständigen maskenhaften Gebilde. Bedenken wir nun, daß das 
Einziehen des Lippenrots, das feste Versperren des Mundes jene Haltung 
ist auf der der größte Nachdruck ruht, so dürfen wir die Annahme vor- 
bringen, Messerschmidt habe die natürliche Bildung der Form dort ver- 
lassen, wo ihre magische Bedeutung überwiegt. 

Mit dieser Auffassung läßt sich, was sich über die Beihenfolge ermitteln 
ließ, in der wir die Charakterköpfe entstanden denken dürfen, einigermaßen 
in Einklang bringen. Die Arbeit hat am Anfang der siebziger Jahre ein- 
gesetzt; 1776 waren sechs, ein Jahr später zwölf „metallene Kopfstück" 
vollendet, Anfang der achtziger Jahre etwas über sechzig in Messerschmidts 
Werkstatt zu sehen. Als Nicolai sie besuchte, sah er Messerschmidt am 
einundsechzigsten Kopf arbeiten; als der Künstler zwei Jahre später starb, 
waren neunundsechzig Köpfe vorhanden. Ordnet man die, die sich erhalten 
haben, auf Grund ihrer formalen Eigentümlichkeiten, so wie etwa die 
Kunstgeschichte sonst nicht näher bestimmtes Material einanderzureihen 
gewohnt ist, so liegt es nahe, jene Köpfe an den Anfang zu stellen, die 
Nicolai als die „simplen der Natur gemäßen" anspricht; er meint damit 
offenbar die „Selbstbildnisse" (Abb. 1 — 4, 6). An diese lassen sich jene anderen 
anschließen, die, „um den übernatürlichen Sinn der Tiere nachzuahmen, mit 
zusammengekniffenen Lippen und angespannten Konvulsionen dargestellt 
waren. 2 Aus diesen läßt sich ohne Mühe eine Beihe bilden, die auf der 

1) Über diese Frage bereitet unsere Kollegin Frau Dr. S. Gutmann seit vielen 
Jahren eine Arbeit vor, deren Kenntnis ich wertvolle Anregungen verdanke. 

2) Nicolai zählte vierundfünfzig solcher Köpfe; es scheint, daß Messerschmidt selbst 
noch manche von ihnen vor seinem Tod zerstört oder etwa durch andere, heute er- 
haltene, ersetzt hat; auch in dem uns erhaltenen Material müssen alle außer acht 
Köpfen dieser Gruppe angeschlossen werden. 



Imago XIX. 



26 




Ernst Kris 



4*02 



einen Seite unmittelbar an die Selbstbildnisse anschließt, auf der 
aber in den Büsten ausklingt, an denen die Nase besonders betont W * 

könnte etwa den als „heftigen Geruch" (Abb. 15) bezeichneten W ' T 
Ende rücken und wäre nun geneigt, die Schnabelköpfe an diesen anzuschlieR 

Diese Anordnung, die Messerschmidts künstlerische Entwicklung »l 
sinnigen Weg vom Natur-Näheren zum Natur-Ferneren erscheinen ließ ^ 
man darf sie eine stilgeschichtliche nennen, - trifft offenbar nichtV 
Reihenfolge, in der die Köpfe entstanden sind; denn so unklar auch H 
Emzelheiten dieser chronologischen Fragen sind und werden bleiben müs, P 
so gut ist es zu verbürgen, daß die Schnabelköpfe nicht als letzte der iJb ' 
und daß mindestens einige der Selbstporträte - etwa das des „Schlafenden" 
- nach ihnen entstanden sind. 1 Damit tritt an die Stelle einer „ 
geschichtlichen eine stilpsychologische Einsicht; die Formensprach 
der Schnabelköpfe bezeichnet nicht ein zeitliches Spät- oder Reifestad 1 
m Messerschmidts Stilentwicklung, sondern steht mit dem Gegenstand Z 
Darstellung dh. wie wir nun sagen dürfen, mit ihrer psychologischen 
Bedeutung für Messerschmidts Vorstellung in Zusammenhang 

Mit dzesen Überlegungen haben wir der Tragfähigkeit unseres Materials 
vielleicht zuviel zugemutet und uns, aus dem Zusammenhang dieses Vor- 
trages hinaustretend, auf ein weites und anziehendes Gebiet gewagt das 
als Hauptgegenstand der Kunstpsychologie - denn nichts Geringeres' stein' 
m Rede als die Wechselbeziehung von inhaltlicher Bedeutung und formaler 
Gestaltung - von dem schmalen Pfad, auf dem wir uns fortbewegen nicht 
weiter zugänglich ist. S 

Kehren wir zu Messerschmidts Charakterköpfen zurück. Ihr näheres 
Studium führt uns auf eine große Zahl von Fragen, von denen sich nur 
einige als lösbar erweisen. 

Der Bericht Nicolais hat, was aus dem Vergleich der Köpfe untereinander, 
aus der Kenntnis der typischen Elemente der Grimasse wahrscheinlich zu 
machen war, sichergestellt, daß Messerschmidt für seine Charakterköpfe 
nicht verschiedene Modelle benützte, daß er vielmehr stets das Spiegel- 
bild des eigenen Antlitzes nachahmte. Angesichts dieser Einsicht gewinnt 
der sonderbare Versuch, die eigene Person in so verschiedener Aufmachung - 
als Glatzkopf, als Greis mit wallendem Haar oder als Jüngling mit knapp 
anliegender Frisur - darzustellen, eine besondere Bedeutung. Wir dürfen 
sie-ganz im Sinne der Erfahrungen aus dem Seelenleben der Schizo- 



1) Vgl. dazu die Ausführungen in meiner oben S. 3 86 angeführten Arbeit. 



Em geisteskranker Bildhauer 



4o3 



uhrenen — als Versuch des Künstlers ansehen, sich die Existenz seiner 
Person immer wieder zu beweisen und zugleich als Versuch, dem eigenen 
Ich immer von neuem zu entgehen. Damit erscheint denn seine Arbeit an 
den Charakterköpfen in neuem Licht: es liegt nahe, sie als Versuche der 
Selbstheilung anzusehen. 

Nicht nur für die Art, in der Messerschmidt die Aufgabe, die er sich 
stellte, zu lösen unternahm, ist diese Einsicht gültig, schon die Zuwendung 
zu physiognomischen Problemen — die Wahl des Themas also, das um 
seiner didaktischen Bedeutung willen gerade Messerschmidt freilich nahe genug 
lag — darf man sich auch aus dem gestörten Persönlichkeitsbewußtsein 
der Schizophrenen determiniert denken. Wissen wir doch, daß der Beginn 
der Arbeit an den Charakterköpfen in die Zeit von Messerschmidts „erster" 
Erkrankung fällt. Erinnern wir uns nun der Beihe der Selbstbildnisse mit 
ihrer seltsamen Stumpfheit und Ausdrucksarmut (Abb. 3, 4, 6), so können wir 
uns des Gedankens kaum erwehren, daß hier einer vor dem Spiegel um 
einen echten Ausdruck ringt, darum ringt, den entgleitenden Kontakt mit 
der Umwelt, dem zu dienen die vornehmste Aufgabe der Mimik ist, noch 
zu erhaschen. 1 Wie die Zuwendung zu physiognomischen Problemen über- 
haupt, wie die Themenwahl also, so darf auch die Ausführung selbst als 
Restitutionsversuch imponieren, Bei diesem Versuch ist an Stelle des schlecht- 
hin verständlichen mimischen Ausdrucks ein System fester mimischer Kon- 
stellationen getreten, die, ungeeignet eine soziale Funktion zu erfüllen, den 
Kontakt mit der Umwelt herzustellen, zum Träger eines magischen Zere- 

1) Solchen Gesichtern begegnen wir zuweilen an Geisteskranken. Die psychia- 
trische Diagnose ist gewohnt, mit dieser „leeren" und „stumpfen" Mimik ebenso zu 
rechnen wie mit dem „gekünstelten" oder „überspitzten" Ausdruck, hinter dem sich 
die Ausdrucksarmut zuweilen zurückzieht. Das Unechte der mimischen Haltung ist 
in diesen Fällen oft nicht leicht ohne längere Beobachtung zu erkennen und unser 
Urteil bleibt vor M Omentphotographien unsicherer als in der klinischen Erfahrung 
selbst. Am ehesten scheint sich der psychotische Habitus in der Mimik darin zu 
verraten, daß nicht alle Teile des Gesichtes auf die eine vorherrschende Ausdrucks- 
haltung abgestimmt sind, daß also die Mimik nicht vereinheitlicht ist. Diese Ein- 
sicht ist der psychiatrischen Praxis durchaus geläufig. So soll etwa — nach einer 
freundlichen Mitteilung, die ich H. Nunberg verdanke — Bleuler die Diagnose 
Schizophrenie oft gestellt haben, nachdem er durch Abdecken mit vorgehaltener Hand 
die obere und untere Gesichtshälfte des Patienten gesondert betrachtet hatte. Auch 
an den Charakterköpfen begegnet öfters eine Uneinheitlichkeit des Ausdrucks — an 
den grimassierenden Köpfen ist zuweilen der Ausdruckswert einzelner mimischer 
Elemente einander geradezu entgegengesetzt ■ — und am Antlitz des Menschen 
Messerschmidt selbst hat ein kenntnisreicher Beobachter, der ihn zu Ende des Jahres 
1780 besuchte, den Eindruck hervorgehoben, den die „zerstörten Züge" des Künstlers 
auslösen. 



26* 



moniells geworden sind, aus dessen Zusammenhang allein wir in den Sin 
gehalt einzelner mimischer Elemente einzudringen vermochten. 

Auch die besondere Aufgabe aber, die sich Messerschmidt innerhalb 
seines Themas, der Physiognomik, gewählt hat, nicht die Affektlagen, sondern 
Reaktionsweisen der Gesichtsmuskulatur zu studieren, dürfen wir uns e " 
Stück weit durch seinen psychischen Zustand bestimmt denken, als Versuch 
auf einem Umweg — gleichsam von außen, von der Oberfläche her — ' 
doch zu einer sozial wirksamen mimischen Haltung zu gelangen. 

Völlig gelungen ist dies nur in wenigen Fällen, etwa am Kopf des 
„Gähnenden" (Abb. 9); eben da aber handelt es sich um eine mimische 
Verhaltensweise, die wir als Reflexbewegung anzusehen berechtigt sind; sie 
tritt in der Ontogenese als erste „mimische" Leistung des Neugeborenen 
auf; ein Seelisches ist zunächst in ihr nicht enthalten. An anderen Charakter- 
köpfen tritt der Ausdruck nur als zusätzliches Element neben die grimas- 
sierende Haltung, als ein Versuch, die Grimasse ausdruckshaft zu färben 
oder — wie oben gesagt wurde — zu rationalisieren. 

An einigen Köpfen meint man auf den ersten Blick den Ausdruck vor 
die Grimasse stellen zu dürfen — etwa am Kopf des „erbosten Zigeuners" 
(Abb. 26). Hier glauben wir Wut zu finden, einen durch nichts ge- 
hemmten Paroxysmus der Leidenschaft; um solche Affektentladung und das 
unheimliche Gefühl, das sie auslöst, zu kennzeichnen, spricht man wohl 
auch von „sinnloser" oder von „wahnsinniger" Wut. Das kann kein Zufall 
sein; man empfindet die Nähe der Psychose. Bedenkt man, daß unter einem 
halben hundert Büsten diese Wut beinahe der einzig echte, jedenfalls der 
stärkste Ausdruck affektiven Erlebens ist, so liegt es nahe, anzunehmen, daß 
sonst aller Affekt vermieden werden mußte, um dieser ausbruchsbereit auf- 
gespeicherten Wut zu entgehen. Doch ist die Grundlage, auf die wir diese 
Überlegung aufbauen, überaus schwankend. Sieht man den Kopf des „er- 
bosten Zigeuners" länger, öfters und im Zusammenhang mit den anderen 
Köpfen der Serie, so merkt man bald, daß auch hier der Ausdruck des 
Affektes leicht bereit ist, in Grimasse umzukippen. 

Mit größerer Sicherheit verstehen wir das Mienenspiel an einem anderen 
Kopf, den wir hier noch vorzuführen haben; es ist einer von jenen, die 
die Lippe als Band ausgebildet zeigen. Die traditionelle Bezeichnung — 
der „mit Verstopfung Behaftete" (Abb. 523) — ist hier völlig über- 
zeugend. Sieht man den Kopf länger und eindringlicher an, so fällt zunächst 
auf, daß auch er viele Züge zeigt, die der Stereotypie der Grimasse Messer- 
schmidts zuzurechnen sind, die einzelnen Elemente aber sind eingefügt in 




Ein geisteskranker Bildhauer 



4o5 



die Haltung dessen, der gegen die Verstopfung ankämpft, und in dem Be- 
streben gesammelt, die Entleerung durch Pressen zu befördern. Man bleibt 
dabei unsicher, wie weit alle Einzelheiten aus diesen Bedingungen allein 
abzuleiten seien ; manche Beschauer meinen den Ausdruck der Anspannung 
in den Augen als Angst deuten zu dürfen. 

Anale Vorstellungen lassen sich dem Zusammenhang von Messerschmidts 
Wahn an mehreren Stellen einfügen. Wir könnten, wenn wir auch hier 
wieder das spärliche Material, das wir der „Anamnese" Nicolais danken, aus 
bekannten Analogien ergänzen, etwa daran denken, daß die Defäkation dem 
Kranken die Schranke bedeutet haben könnte, die ihn von der Umwelt 
trennte, oder aber daran, daß die Kotstange ihm als analer Penis des Geistes 
gilt, den aus seinem Leib zu entfernen er sich müht. So wenig sich aber 
solche oder ähnliche Annahmen aus der „Krankengeschichte" irgend belegen 
lassen, so sehr entspricht es doch völlig unserer Erwartung, wenn sich auch 
die Grimasse, in deren psychologische Bedeutung wir hier ein Stück weit 
Einblick gewinnen konnten, als mit analen Vorstellungen verknüpft erweist; 
denn auch eine andere, bedeutsame — pathologische — Bildung des mimi- 
chen Apparates, der Tic, ist von Abraham und anderen Beobachtern immer 
wieder aus einer Fixierung auf analer Stufe, ja auch als Konversionssymptom 
auf dieser erklärt worden. Daß aber Vorstellungen, die mit der analen 
Sphäre verknüpft sind, im Wahnsystem Messerschmidts einen Platz ein- 
nehmen, ist auch aus der Darstellung Nicolais ersichtlich, denn an einer 
Stelle, die auf die Schilderung von Messerschmidt Angst beim Anblick der 
Schnabelköpfe folgt, ohne daß sie mit ihr unmittelbar in Zusammenhang 
gebracht werden müßte, führt Nicolai einen Ausspruch Messerschmidts an : 

„Als er voll Todessangst den Geist so oft und dieser ihn wieder gezwickt habe, 

sey der Geist zum guten Glück plötzlich ausgesprungen, haben einen h Wind 

fahren lassen und sey verschwunden. Wäre das nicht geschehen, so hätte er des Todes 
seyn müssen." „Der Teufel", fügt Nicolai hinzu, „ist seit längerer Zeit im Besitzstand 
mit großem Gestank zu verschwinden." 

Es darf hier an jene Köpfe erinnert werden, an denen der Haltung der 
Nase eine besondere Deutung zukommt. Gerade da aber klafft im Bestand 
der erhaltenen Charakterköpfe eine Lücke ' — es gab ursprünglich neben 
dem Kopf, den wir als „heftigen Geruch" kennenlernten, andere, die ein 
ähnliches Thema behandelten, wie denn auch an anderen Köpfen, an denen 
die Nase in grimassierenden Kampf einbezogen ist, der Kopf gesenkt ist 
und der Eindruck entsteht, als handle es sich darum, Anblick und Geruch 
zugleich zu meiden. 



4oG 



-Ernst xvris 



Nichts aber ist für Messerschmidts Arbeitsweise kennzeichnender als d 
die gleiche Kopfhaltung, die gleiche mimische Konstellation die am K 
des „mit Verstopfung Behafteten" (Abb. 23) so eindeutig mit einer p h 
sehen Sensation verknüpft war, an anderen Köpfen nicht nur in and^ 
physische Haltungen, sondern auch in Stimmungen umgeschaltet wird ^ 
denen „Komisches" vorherrscht (Abb. i 7 , 18). Auch hier sind die aufeinande^ 
gebissenen Lippen, der Wechsel von offenen und geschlossenen Augen ä 
Vorgegebene, die Stimmung des „Lächlers" oder des „Heuchlers" nur dÜ 
Färbung. Vielleicht darf man, daß diese öfters begegnet, als Beweis dafür auf' 
fassen, wie sehr Messerschmidt bestrebt ist, die Grundbedingung, an die sei 
Schaffen gebunden war, zu verleugnen und die Grimasse zu dissimulieret 
Daß gerade heitere oder komische Wirkungen mit Vorliebe herbeigerufen 
werden, kann man kaum erstaunlich finden, wenn man bedenkt, wie sehr 
gerade solche Haltungen geeignet sind, in den Dienst der Verhüllungs- 
tendenzen und der Angstbewältigung zu treten. 



IV 

Fassen wir zusammen: ein führender Porträtist an der Wende des Barock 
als den wir den jungen Messerschmidt kennenlernen, wendet sich aus mancher- 
lei Antrieben, von denen sich einige mit seiner psychischen Erkrankung 
verknüpfen lassen, physiognomischen Studien zu. Seine Versuche gleiten 
bald in Grimassen ab, die im Dienste apotropäischer Magie stehen, und 
deren Sinn ein Stück weit hat aufgeklärt werden können. Diese vorge- 
gebenen mimischen Konstellationen sollen mit sehr verschiedenen Mitteln 
— durch äußere Attribute, durch eine allgemeine Färbung mit ausdrucks- 
haltigen Elementen oder auch durch das Aufsuchen von Situationen, die 
möglichst viele der in der Stereotypie gebundenen Einzelzüge recht- 
fertigen, — aus Bildungen eines magischen Zeremoniells, die nur einem, nur 
Messerschmidt selbst verständlich waren, zu Darstellungen umgedeutet werden, 
die schlechthin verständlich, sozial wirksam sein konnten. 1 



1) Diesem Bestreben dienen offenbar auch die zuweilen recht absonderlichen 
Bezeichnungen, die an den Köpfen haften und die, ebenso wie die Deutungen der 
ganzen Serie, als Darstellung der Leidenschaften oder als Charakterköpfe letzten 
t-ndes die Interpretation festhalten, mit der Messerschmidt diese seine Arbeiten in 
der Umwelt zu rechtfertigen oder zu verankern suchte. Daß dies gelungen ist, dafür 
zeugen lange Reihen von Urteilen der Nachwelt, zuletzt ein halbes Jahrhundert 
kunstwissenschaftlichen Schrifttums, in dem die Charakterköpfe so gut wie aus- 
schließlich als Denkmäler der Stilgeschichte angesehen wurden. 



Em geisteskranker Bildkauer 



A°7 



Was Messerschmidt hier zu überwinden suchte, ist eine Scheidewand, 
j- e man vom Standpunkt einer normativen Kunstlehre versucht wäre, die 
"sthetische Grenze zu nennen: jene nämlich, durch die Freud Traum 
oder Tagtraum und epische Dichtung, Phantasie und Poesie geschieden 
i at So lockend es wäre, diesen Ansatz hier auszubauen und anzu- 
deuten, welchen Dienst er einer historisch gerichteten Kunstwissenschaft 
z u leisten vermöchte, so verbietet dies doch der Rahmen dieses Vortrags, 
und es bleibt nur erlaubt, was diese Abgrenzung meint, nochmals an 
einem Beispiel zu exemplifizieren, das dem engeren Rahmen dieser Arbeit 
angehört. 

In jenen Jahren, da Nicolai den Messerschmidt an seinen Charakter- 
köpfen tätig fand, anfangs der achtziger Jahre also, ist neben einigen 
anderen Bildnisbüsten auch eine entstanden, die den Kapuzinermönch 
Fessler (Abb. 28) darstellt, einen seltsamen und unruhigen Mann, der 
sein bewegtes Leben als Bischof der reformierten Gemeinde in St. Peters- 
burg beschlossen hat. Man kann sich dem Eindruck des Mannes schwer 
entziehen. Es ist lehrreich zu sehen, mit wie geringen Mitteln dieser Ein- 
druck gesichert wird. Stellen wir neben diese eine Büste eine andere aus 
Messerschmidts Frühzeit — sie stellt den großen Gerhardt van Swieten 
dar und ist im Auftrage der Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1767 ent- 
standen (Abb. 29) — , so lernen wir einsehen, daß an Stelle des groß- 
artigen barocken Pathos knappste und nüchternste Konzentration getreten 
ist. 1 Diese selbst mag auch zum Teil mit der bei der Arbeit an den 
Charakterköpfen erworbenen Schulung zusammenhängen, die immer wieder 
auf klassische Vorbilder, meist auf römische Bildnisbüsten zurückführte. 
Doch auch ein Detail besonderer Art stellt die Beziehung zu den Charakter- 
köpfen her: die schmalen aufeinandergepreßten Lippen. Sind sie 
an den Charakterköpfen Träger geheimer Bedeutungszusammenhänge, ist 
an sie dort der Kern des Wahnes geknüpft, so sind sie an der Büste des 
Mönches fest in die Züge des Antlitzes eingebaut, an dessen physiognomischer 



1) Die Frage, welche psychologische Bedeutung diesem Stilwandel zukommt, 
welcher seelische Prozeß ihm etwa entspricht, halte ich für kaum beantworthar. An 
der Hand des vorliegenden Materials wenigstens vermögen wir nicht anzugeben, aus 
welchen Quellen diese — wie schon bemerkt wurde — durchaus realitätsgerechte 
— künstlerische Entwicklung gespeist wurde. In schematischer und kaum mehr zu- 
lässiger Verallgemeinerung könnte höchstens darauf hingewiesen werden, daß be- 
sondere Beziehungen zwischen der Zurückhaltung in der Formensprache von Messer- 
schmidts Spätwerken, in der Formensprache des Klassizismus und der Umweltsein- 
stellung der Schizophrenie gut vorstellbar sind. 



4o8 



Ernst Kris 



Charakteristik sie entscheidend mitwirken. 1 Niemand vermöchte vor d" 
Büste auf die Vorstellungen zu schließen, die Messerschmidt sonst mit die 6 "* 
Motiv der eingezogenen Lippen zu verknüpfen gewohnt war. 

Mancherlei Überlegungen wären hier anzuschließen; ich greife ■ 
heraus. Wir dürfen vermuten, daß an aller Bildung und Formengebuni 
des Kunstlers geheime oder Eigen-Bedeutungen haften. Man mag sich v 
stellen, daß diese als eine Triebkraft im Schaffen des Künstlers mitwirke! 
Im Falle Messerschmidt", am Schaffen eines geisteskranken Künstlers 3 
es dank besonders günstiger Bedingungen und im gröbsten Ansatz möglich 
die aus seinen individuellen seelischen Voraussetzungen verständlichen 
motivischen Elemente seiner Formensprache von denen abzugrenzen die 
allgemeinverständlich und darum allgemein wirksam sein konnten' I m 
Schaffen des Normalen sind diese Eigenbedeutungen in die Struktur de, 
Kunstwerkes eingebettet und lassen sich - im idealen Fall - aus dieser 
Ganzhext nicht herausheben. Alle Eigenschaften und Merkmale sind da 
noch sozial sinnvoll, historisch faßbar und daher Gegenstand der Stil 
geschichte. 

Die Vermutung liegt nahe, daß die Art, in der „Eigenbedeutungen« in den 
Aufbau des Kunstwerkes eingebettet sind, für das Wesen (vielleicht ließe 
sich auch sagen für die Höhe) der künstlerischen Leistung von entscheidender 
Bedeutung sei. Es hat den Anschein, als sei die Fähigkeit, Abkömmlinge 
des eigenen Unbewußten am Kunstwerk in sozial und historisch faßbare 
Form zu kleiden, ein wichtiges Element künstlerischer Gestaltungskraft. 

* 
Ich muß fürchten, mich auf zu weite Umwege begeben zu haben und 
breche ab, um nochmals zum Berichte Nicolais zurückzukehren. Zwei 
Stellen seines Berichtes und damit zwei Elemente in Messerschmidts Wahn 
sind offenbar einer weiteren Aufklärung zugänglich. Ich meine einmal 
die Vorstellung Messerschmidts, daß ihn der Geist der Proportion verfolge, 
weil er in deren Kenntnis große Vollkommenheit erreicht habe. Und dann 
eine Handlung, die Nicolai uns beschreibt: daß Messerschmidt sich während 
der Arbeit immer wieder an die Bippengegend greife. Diese beiden Stücke 
von Nicolais Bericht lassen sich in Zusammenhang bringen. Doch ehe das 
versucht werden kann, ist ein neuerlicher Umweg nötig, der uns bis an 
den Anfang unserer Überlegung en zurückführen soll. 

üWi?/ 6 V ^fn D - C ^ Um 6ine Ei S entümlic hkeit des Modells handelt, läßt sich 

™V ",. t n - T ra ' denn aUCh an 6iner a " deren > in der gleichen Zeit ent- 
standen Bildmsbuste des Messerschmidt begegnet das gleiche Motiv. 



Ich sagte dort, daß ich entgegen aller Tradition psychoanalytischer Patho- 

phien ^ e Biographie Messerschmidts mit größter Verkürzung wiedergebe, 
we il ich Grund habe, dem biographischen Material zu mißtrauen. Dieses Miß- 
trauen habe ich jetzt zu rechtfertigen; es richtet sich gegen zweierlei Entstel- 
lungen, denen so gut wie alle auf Messerschmidt bezüglichen Nachrichten 
unterworfen wurden. 

Die eine dieser Entstellungen läßt sich auf Messerschmidt selbst zurück- 
führen. Er fühlte sich seit seiner Pensionierung verfolgt, als Opfer eines 
akademischen Klüngels; wissen wir doch, daß eben diese Einstellung, daß 
er alle „Professores und Direktores für seine Feinde" hält, das erste Sym- 
ptom seiner Krankheit war, auf das wir stoßen konnten. Diese seine Auf- 
fassung von einer gegen ihn gesponnenen Intrigue hat er allen, die ihm 
begegnet sind, mitgeteilt; sie ist bald nach seinem Tod in die Literatur 
eingedrungen, hat allgemeinen Anklang gefunden und die Leitlinie ab- 
gegeben, der seine Biographen gefolgt sind. Die Ideologie des späteren 
neunzehnten Jahrhunderts hat sich gerade um dieses Umstandes willen 
seiner Lebensbeschreibung, mit besonderer Vorliebe auch in literarischer 
Form, bemächtigt, und aus dem paranoiden Wahn des Kranken wächst Zug 
um Zug das Bild des verkannten Genies. Es hat einiger Arbeit bedurft, 
ehe ich durch sorgfältiges Studium der zeitgenössischen Quellen die Ent- 
stehung dieser ideologisch gefärbten Biographik aufklären konnte — damit 
zugleich aber war ein weitschichtiges biographisches Material als Konstruktion 
entwertet. 

Die andere Entstellung, mit der wir zu rechnen haben, läßt sich aus 
einer bestimmten Art der Überlieferung verstehen. Sehr zahlreiche Nach- 
richten, die sich auf Messerschmidt beziehen, sind in anekdotische Form 
gekleidet. Einzelnes mag man als gesichert anerkennen, — etwa Andeutungen, 
die sich auf Messerschmidts Sexualleben beziehen und Rückschlüsse auf seine 
latente Homosexualität gestatten, seine Ehescheu schildern, berichten, daß 
er sich in die Frau seines Bruders verliebt habe oder auf eine starke Bindung 
an einen Lehrling schließen lassen, — aber auch da handelt es sich um ver- 
sprengtes Nachrichtengut. In anderen Fällen aber läßt sich die Unverläß- 
lichkeit der Tradition erweisen. Denn die große Mehrzahl dieser Anekdoten 
wird nicht von Messerschmidt allein erzählt, sondern gehört zum ständigen 
Requisit der typischen an die Gestalt des bildenden Kunstlers geknüpften 
Anekdotik. 

Daß Messerschmidt als Hirte aufgewachsen sei und seine Kunstfertigkeit 
zuerst beim Schnitzen der Tiere seiner Herde gezeigt habe, wäre eine wert- 




4*o 



volle Nachricht, wüßten wir nicht, daß eben diese Anekdote mehr als ein 
Dutzend großer Künstler seit der Renaissance angedichtet wurde und^ 
noch Segantini sie für seine Lebensbeschreibung hat berichtigen müsse* 
Ähnliches gilt von jenen Nachrichten, die uns die wunderbare SchnellT 
von Messerschmidts Arbeitsweise schildern oder erzählen, wie er sich an sein ^ 
Widersachern dadurch rächt, daß er sie in Tiergestalt auf einem seiner Büd! 
werke abkonterfeit. 

Aus dem Zusammenhang einer Arbeit, die an der typischen Anekdote 
vom bildenden Künstler einen Beitrag zur Psychologie der Geschieht* 
Schreibung zu geben versucht, greife ich einige Ergebnisse heraus, um hie* 
eine Anknüpfung zu gewinnen. 

Der Künstlerknabe als Hirte, der von einem fremden Kunstfreund durch 
einen Zufall entdeckt wird, während er die Tiere seiner Herde nachbildet 
läßt sich unschwer als freie Verarbeitung jenes Motivs ermitteln, das wir 
in der Phantasie des Einzelnen als Familienroman, in der der Völker als 
„Mythos von der Geburt des Helden" erkennen. Die wunderbare Leistung 
des Künstlers, die oft gefährliche Macht, die seinem Werke zukommt, — 
wie so viele andere ist denn auch Messerschmidt des Bündnisses mit dem 
Teufel bezichtigt worden, — soll den Künstler immer wieder als Zauberer 
erweisen. Anekdotenmotive wie diese lassen sich in der Überlieferung der 
europäischen Menschheit weit zurückverfolgen, bis in das klassische Altertum, 
in den griechischen und noch in den altorientalischen Mythos. An ihrer 
Wiege steht der Kranz von Legenden, die einen Daidalos, einen Prometheus 
seit alters begleiten; ihr Kern ist der homunkuleische Trieb, der verbotene 
Wunsch, den Menschen selbst zu schaffen. Der Motor aller dieser Sagen- 
bildung aber ist die Auseinandersetzung mit dem Bildzauber, dessen magi- 
sches Zeremoniell, wie es scheint, den Zugang zu den Anfängen bildender 
Kunst eröffnet. 

Ich muß darauf verzichten, diese großartige Kette, die uns die unlösbare 
Verbundenheit aller Vorstellung vom Künstler mit jener Vorzeit beweist, da 
er als Magier galt, hier Glied für Glied vorzuführen. Wir werden uns aber 
nicht wundern, daß im Wahn des Schizophrenen die Vorstellung von der 
Gottähnlichkeit des Künstlers und seines Schaffens auftaucht. Jenen Griff 
Messerschmidts an die Rippe dürfen wir uns doppelt determiniert denken: 
Aus der Angst vor der Kastration — er prüft, ob die Rippe noch da ist, 
aus der der Gott das Weib schuf, und damit wäre der Anschluß an die von 
uns vermutete Phantasie von der Vergewaltigung durch die Geister gegeben — 
und aus der Identifizierung mit dem Menschenschöpfer selbst: Der Bildhauer 



Ein geisteskranker Bildna 



4n 



e ;ft bei seiner Arbeit an die Rippen, um wie der Herr aus der Rippe 
Menschengestalt zu bilden. 1 

pie Identifizierung des schizophrenen Künstlers mit dem Schöpf ergott 
h timmt a i,er auch die Vorstellung Messerschmidts, daß ihn der Gott der 
Proportion aus Neid verfolge. Wie so vielen anderen Künstlern gilt auch 
dem Messerschmidt die Proportion, die „divina proporzione" als Geheimnis 
Gottes, um das er sich bemüht; damit verstößt er gegen das Verbot. Die 
nrometheische Auflehnung taucht in dem Wahn als Projektion auf: Ihn, 
den Aufrührer, verfolge die Gottheit. 

Lassen Sie mich noch mit einem Worte sagen, daß, was uns hier im 
Wahne des Messerschmidt entgegentritt, in unser aller Vorstellung als archai- 
sches Erbe fortlebt. Überblickt man die Geschichte der sozialen Stellung 
des bildenden Künstlers in der Gesellschaft, so zeigt sich immer wieder, 
wie ambivalent wir ihm begegnen ; mit Scheu und Bewunderung, die seiner 
Kunst, die der Macht des Zauberers gilt, mit gedämpfter Verachtung, die 
den „Asozialen" als Gefährder der Satzungen immer wieder in das Verließ 
der Boheme zu verweisen geneigt ist. 



i) Und hier scheint sich ein Kreis zu schlie0en, denn was er bildet, sein eigenes 
Antlitz, gilt ihm als weiblich. 



lip; 



BESPRECHUNGEN 

Aus der L/iteratur der Grenzgeoiete 

Becker, Friedebert: Die Instinktpsyckologie'William McDougall 
Versuck einer kritiscken Darstellung. iSckriften der Deutschen Wiss 
sckaftlicken Gesellsckaft in Reickenterg. Im Auftrag kerausgegeten vo 
Erick Gierack. Reickenterg, Getr. (Stiepel, i 9 33. 87 »Seiten. 
Die Instinktpsychologie McDougalls versucht auf Grund einer Reihe vo 
spezifischen Grundtrieben, den vierzehn „primären Instinkten", das gesamte tierf 
sehe und menschliche Verhalten als Aufbau dieser Elemente zu erfassen. „McDougaji 
würde zustimmen, wenn man feststellte, daß er dieses Prinzip des Instinktes ebenso 
zum Hauptgesetz des Psychischen macht wie der Physiker das Kausalitätsgesetz 
zumUrprinzip der anorganischen Erscheinungen." — Die vorliegende Arbeit stellt 
eine mit großer Sorgfalt und Respekt vor der Leistung McDougalls durch- 
geführte Kritik dar. Sie basiert ganz auf den psychologischen Anschauungen 
Lindworskys. Die dadurch bedingte Einseitigkeit kommt in erster Linie dort 
als Mangel zur Geltung, wo man eine prinzipielle Methodenkritik vermißt. Im 
Rahmen aber der Gegenüberstellung McDougall-Lindworsky ist die Kritik er- 
schöpfend und zwingt den Leser, mit dem Verfasser einig zu gehen. Auch uns 
erscheint, wie ihm, die empirische Basis McDougalls äußerst schmal und der 
theoretische Aufbau entsprechend wenig berührt von dem vielgestaltigen psychi- 
schen Geschehen, das durch ihn erklärt werden soll. Wir gehen einig mit dem 
Verfasser, wenn er schreibt: „Uns dünkt schon der Ausgangspunkt des McDougall- 
schen Forschens bedenklich: der Instinkt ist selbst für den kühnsten Psycho- 
logen heute noch ein Wunder der Natur, in das tiefer einzudringen uns die 
exaktesten Experimente noch nicht erlauben. Ist es ratsam, von einem solchen 
Erlebnis — und selbst die Annahme ,Erlebnis' ist bereits ein . . . kühner An- 
satz — auszugehen, um Erklärungen zu suchen für unendlich komplizierte 
seelische Vorgänge, die uns aber trotz ihrer Kompliziertheit soviel näherstehen?" 
„McDougalls Erklärung ist abstrakt, eine theoretische Konstruktion, die dem 
eigenen Erleben fremd bleibt und es immer bleiben muß." G. Bally (ZüriA) 

Bouvier, R.: Sux la Psyckanalyse. Revue de iSyntkese. Tome VI, 
N° I, Avril x 9 33. i8 Seiten. 

Eine kurzgefaßte Darstellung der grundlegenden analytischen Lehren, die 
sich hauptsächlich auf die französische Übersetzung von Stefan Zweigs 
„Heilung durch den Geist" (Studie über Sigmund Freud) und auf R. Allendys 
Schriften beruft. Unmittelbare Kenntnis des Werkes Freuds und vollends 
praktische analytische Erfahrung scheinen dem im großen ganzen positiv ein- 
gestellten Verfasser zu fehlen. Gegen die Freudsche Traumtheorie spielt er 
bezeichnenderweise die Arbeit einer Madame Comb es „Le Reve et la Person- 
nalite" aus. Die Freudschüler werden als eine Art Sekte bezeichnet. In dem 
letzten, den Anwendungen der Psychoanalyse auf die Soziologie gewidmeten 
Abschnitt wird bloß eine Abhandlung von Allendy „Capitalisme et Sexualite" 
und Freuds „Avenir d'une Illusion" besprochen. A. Winterstein (Wien) 



espre errungen 



4*3 



R"ch, Ernst: Alhrecht Dürers „Melencolia § 1" und die Pest. 
Die Medizinische Welt, ärztliche Wochenschrift, Nr. a. Berlin, Nomen- 
Verlag, ig33. 11 »Seiten. 

Der schier unerschöpfliche Inhalt des Dürerschen Melancholiestiches hat eine 
u e Deutung auf den Plan gerufen: Dr. Ernst Buch, ein Arzt aus Essen, 
nternimmt den Versuch, der psychoanalytischen Auffassung, die im Stich eine 
künstlerische Reaktion auf den Tod der Mutter erblickt (Winterstein), eine 
ndere zur Seite zu stellen. Die Pest (als Erinnerung an frühere Epidemien 
• n Nürnberg wie auch als Furcht vor einer erneuten Katastrophe) soll das 
Phantasiegebilde Dürers entscheidend beeinflußt haben. Ein historischer Ex- 
kurs über die Pest zu Dürers Zeit dient als Stütze dieser Deutung. Wer die 
Stimmung der damaligen abendländischen Menschheit berücksichtigt, die in 
einer an Dementia paranoides gemahnenden Weise angstvoll auf das Welten- 
ende harrte, und wer anderseits am Grundsatz der mehrfachen Determiniert- 
heit jedes künstlerischen Produktes festhält, wird der Betrachtungsweise Buchs 
seine Zustimmung nicht versagen dürfen, mag auch die Interpretation mancher 
Einzelheiten nicht gerade zwingend erscheinen. A. "Winterstein (Wien) 

Christiansen, Broder, und Carnap, Eli: Neue Grundlegung der 
Graphologie. München, Felsenverlag, ip;33. 96 (Seiten. 

In der Erkenntnis, daß die bisherigen Versuche, der Graphologie eine 
wissenschaftliche Grundlage zu geben, unzureichend sind, fordern die beiden 
Autoren den Anschluß an Biologie und Gestaltspsychologie. Für die Ver- 
wirklichung dieses vom Standpunkt der Psychoanalyse zu begrüßenden Pro- 
gramms wird jedoch nichts geleistet. Die Ausführungen des Buches bewegen 
sich im Stil der physiognomischen Betrachtungsweise Spenglers und bringen 
weder in graphologischer noch in charakterologischer Hinsicht wesentlich Neues. 
Die unter Zugrundelegung von vier gänzlich heterogenen Gegensatzpaaren 
(Spannung — Lösung, langwellig — kurzwellig, Außentyp — Innentyp, maskulin — 
feminin) konstruierte psychologische Typenlehre der Autoren hat nichts Über- 
zeugendes und ist weit davon entfernt, biologisch oder gestaltspsychologisch zu 

sein. W. Marseille ("Wien) 

Clemen, Carl: Urgeschichtliche Religion. Die Religion der Stein-, 
Bronze- und Eisenzeit. Bonn, Ludwig Röhrscheid Verlag, 1932. 
140 »Seiten. 

Das Tatsachenmaterial zu dem Thema, das sich der bekannte Bonner Religions- 
historiker gestellt hat, wird von der Urgeschichtsforschung in Form von Arte- 
fakten dargereicht, sodann von ihr entweder selbständig oder im Bunde mit 
der Völkerkunde (Ethnologie) einer ersten Sinndeutung an der Hand religions- 
geschichtlicher Begriffe unterzogen und müßte schließlich nach diesem ersten 
ordnenden Prozeß noch einmal in die Ebene des Unbewußten transponiert, 
das heißt eben psychoanalytisch behandelt werden. Der Verfasser hat sich der 






Aufgabe der Sammlung des religionsgeschichtlichen Materials der menschlich 
Urgeschichte, insbesondere der Steinzeit, mit der größten Umsicht unterzo ** 
und sich in der Deutung der größten Behutsamkeit befleißt. Gerade diese nah^ 
asketische Beschränkung auf das erweislich Wahre läßt die Lücken unse 6 ^ 
Tatsachenwissens wie auch die Unzulänglichkeit aller bloß ethnologischen ^'"h 
bewußtseinspsychologischen Versuche zur Erschließung verschollener geisX 
seelischer Zusammenhänge nur um so offenbarer werden. Dies ist alles eh 
als ein Vorwurf, vielmehr ein Hinweis auf ein Verdienst: jenes nämlich, wid^ 
Willen gezeigt zu haben, daß es nötig ist, den Sprung zu tun, der ins Bereich 
des Unbewußten führt. Dieses Verdienst sei dem Verfasser auch dann vorbehalten 
wenn er es selbst als stilwidrig empfinden sollte, den Sprung für seine eieen"* 
Person zu tun. 8 

Der psychoanalytische Forscher auf dem Gebiet der Ethnologie und Völker 
Psychologie wird durch das Studium dieses Werkes davor bewahrt bleiben, vor 
schnelle Identifikationen vorzunehmen oder — wozu ja freilich der Mythos 
eher verführt — gleichsam raubbauartig „Belege" oder „Parallelen" aus der 
Urgeschichte zu beziehen. Er wird es vielmehr lernen, die fraglichen Dinge 
einmal in ihrem nüchternen Alltagszusammenhange zu erkennen, genauso wie 
wir auch dem Neurotiker nicht helfen könnten, wenn wir uns über diese Art 
von Gegebenheiten hinwegsetzen wollten. v T / T ^t 

-t. Loren? (Klagenfurt) 

DemkcT.: Der Ärger als dynamisches Problem. Untersuchungen 
zur Handlung«- und Affektpsychologie. Herausgegeben von Kurt Lewin. 
Psychol. Forsdig. XV, 1 u. a. 

Das technische Problem von Dembo war, experimentell starke Ärgeraffekte 
zu erzeugen. Dies wurde durch eine geschickte Versuchsanordnung erreicht: 
man stellte die Versuchsperson vor unlösbare Aufgaben. Die Unlösbarkeit der 
Aufgabe war aber nicht voraus feststellbar. Die Versuchspersonen gingen an die 
Aufgabe heran, mußten aber bald einsehen, daß es ihnen nicht gelingen kann, 
die Instruktion des Versuchsleiters zu erfüllen. Die Versicherung des Versuchs- 
leiters, die Aufgabe sei zu lösen, veranlaßt sie zu immer weiteren Bemühungen. 
Die Versuchsperson wird z. B. vor die Aufgabe gestellt, aus einer beträchtlichen 
Entfernung auf zwei Flaschen zehn Holzringe zu werfen. Die Entfernung ist 
so gewählt, daß ein zehnmaliges Treffen der Flaschen praktisch unmöglich ist. 

Die theoretische Aufgabe, die diese Arbeit sich steht, ist freilich mit dem 
Gelingen dieses Versuches noch nicht erschöpft. Denn es kommt nicht darauf 
an, Argereffekte zu erzeugen, sondern die Gesetze der Genese des affektiven 
Geschehens zu finden. Diese Gesetzlichkeit kann sich nicht auf Feststellungen 
beschränken, daß nach einem bestimmten Geschehen a immer ein bestimmtes 
Geschehen b folgt. Denn eine solche Gesetzlichkeit besteht nicht. Einem leb- 
haften affektiven Ausbruch geht das eine Mal eine schwächere affektive Äuße- 
rung, ein anderes Mal ein scheinbar ganz ruhiges Verhalten voraus. Unter gesetz- 
mäßiger Erfassung psychischer Vorgänge wird in dieser Arbeit etwas anderes 
verstanden. „Der Fortgang des Geschehens hängt davon ab, welche Verände- 



Besprechunge 



4l5 



ningen in der Gesamtsituation das jeweilige Geschehen mit sich bringt und 
;he Folgen diese Veränderung der Gesamtsituation hat. Verstehen und be- 
uch ableiten läßt sich das Geschehen nur aus den dynamischen Eigentüm- 
lichkeiten, einerseits des inneren Zustandes der Person, anderseits des Umfeldes, 
• n dem das Geschehen vor sich geht." (S. 18.) 

Gemäß der Zielsetzung der Arbeit soll die Dynamik der Situation, die im 
Ärgeraffekt gipfelt, studiert werden. Die inhaltliche Grundtatsache dieser Situation 
kennzeichnet D. folgendermaßen: „Die Versuchsperson wird vor eine Aufgabe ge- 
stellt, die sie willig übernimmt. Sie ist nun bestrebt, ein Ziel zu erreichen, 
0( Jer anders ausgedrückt: es besteht für die Versuchsperson ein Vektor in der 
Richtung eines positiven Aufforderungscharakters. " Nun ist die Versuchssituation 
in ihrem weitern Verlauf dadurch ausgezeichnet, daß das Ziel, d. h. die Lösung 
der Aufgabe nicht direkt zu erreichen ist. Vor dem Ziel befindet sich ein 
Hindernis : die mit der Aufgabe gesetzte Schwierigkeit. Dieses Hindernis vor dem 
Ziel nennt D. „Barriere", und zwar ist die Schwierigkeit, die vor der Lösung 
der Aufgabe aufgerichtet ist, die „Innenbarriere". Wie eine Barriere steht etwa 
die Bedingung: aus dieser Entfernung die Ringe auf die Flaschen zu bringen. 
Die Versuchsperson kommt erst im Augenblick eines Fehlschlages zum deutlichen 
Erlebnis der Barriere. 

Vor dem Ziel steht also ein Hindernis, die Schwierigkeit, die Aufgabe zu 
lösen. Je stärker diese Schwierigkeit bewußt wird, um so deutlicher wird die 
Tendenz, von der Barriere und damit vom Ziel wegzugehen. Die Versuchs- 
person möchte den Versuch abbrechen. Aber daran hindert sie ihr Pflichtgefühl 
und alle jene Momente, die sie veranlaßt haben, die Versuchsbedingungen an- 
zunehmen. Also stößt auch diese Fluchttendenz, den Versuch abzubrechen, auf 
einen Widerstand. Diesen Widerstand nennt D. „Außenbarriere". Auch die Außen- 
barriere wird erst durch das reale Anstoßen, d. h. beim Versuch fortzugehen, 
deutlich spürbar. Erst durch das Anstoßen an die Außenbarriere wird die eigent- 
liche Dynamik der Situation deutlich. Die Versuchsperson kann die Außen- 
barriere nicht durchbrechen. Von allen Seiten von einer Barriere umschlossen, 
muß sie im Versuchsfeld bleiben. Bleibt sie aber im Versuchsfeld, so muß sie 
auch den hier maßgebenden Feldkräften entsprechend handeln. Die Versuchs- 
person befindet sich in einer sich steigernden Konfliktsituation, d. h. es sind 
entgegengesetzt gerichtete und zugleich wachsende Kräfte vorhanden. Es ent- 
steht ein sich steigernder Spannungszustand. Aus dieser Spannung entspringt die 
Unruhe, die Versuchsperson wird hin und her gezerrt. Dieses unruhige Hin und Her 
ist bereits der Beginn des affektiven Geschehens, stellt vor allem aber den Boden 
dar, auf dem die verschiedenen affektiven Ausdrücke und Erlebnisse sich aufbauen. 
Von den Erscheinungen, die im Laufe der Versuche zu beobachten waren, 
interessieren den Psychoanalytiker vor allem das Abgleiten in die Irrealität und 
aas Auftreten von Ersatzlösungen. Wenn die Schwierigkeiten der Aufgabe der 
Versuchsperson deutlich werden und gleichzeitig der Wunsch, dieser Schwierig- 
keiten Herr zu werden, sehr stark ist, kommt es öfters vor, daß sich phan- 
tastische Einfälle einstellen. Eine Versuchsperson sagte in einem Versuch, wo 
es galt, eine Blume aus einer allzu großen Entfernung zu greifen: „Ich werde 



416 



Besprechungen 



das Zimmer voll Wasser lassen und zu der Blume schwimmen. - Mehrere V 
Suchspersonen äußerten den Wunsch, die Blume zu hypnotisieren. Eine Ve 
suchsperson sieht halluzinatorisch ihren Arm vom Körper abgetrennt sich a f 
die Blume hinbewegen. Die Versuchsperson hat sich aus der Ebene der Realit '« 
in eine irreale Sphäre begeben. Sie bewegt sich in einem Felde, in dem di 
Bestimmungen der Wirklichkeit nicht mehr voll gelten, in dem man Wunsch 
gemäß handeln kann. Es ist bezeichnend für die Stärke des Druckes, den di 
Versuchssituation ausübt, daß die Sphäre der Bealität verlassen wird und die 
Allmacht der Gedanken die Herrschaft erlangt. Wahrscheinlich werden bestimmte 
charakterologisch gut kennzeichenbare Versuchspersonen besonders zu solchen 
Phantasien und magischen Vorstellungen neigen. Leider erfahren wir über diesen 
Punkt aus der Demboschen Arbeit nichts näheres. 

Eine andere interessante Beobachtung bei den Versuchen ist das Auftreten 
von Ersatzlösungen. Beim Ringwerfen steht außer den beiden Zielflaschen noch 
eine andere Flasche auf dem Nebentisch. Obwohl die Instruktion genau an- 
gibt, daß die Ringe auf die andern Flaschen geworfen werden sollen, kommt 
es vor, daß die Versuchspersonen diese Flasche, die leichter zu erreichen ist 
als Ziel wählen. Oder die Versuchsperson wirft die Ringe auf ein in der Nähe 
stehendes Stativ. D. bemüht sich sehr um eine Theorie dieser Ersatzlösungen. 
Für die Erklärung des Ersatzes ist der wesentlichste Gesichtspunkt, daß das 
Ersatzgeschehen immer zugleich eine Aktion auf das Ziel hin und eine Flucht 
vor dem Ziel ist. Das Zustandekommen von Ersatzlösungen wird außerdem 
erleichtert durch die Umbildung des Wahrnehmungsfeldes, die während des Ver- 
suches, wie die Verfasserin meint, zustandekommt. Beginnt die Versuchsperson 
nach der Lösung zu suchen, so bekommen alle Gegenstände des Zimmers eine 
mehr oder weniger ausgeprägte Beziehung zur Lösung. Die Versuchsperson sieht 
die Gegenstände in der Richtung des Zieles, d. h. als mögliche Hindernisse, 
Störungen usw. D. meint, daß auch Ersatzgeschehnisse, also Aktionen, die nicht 
mehr die Richtung auf das eigentliche Ziel, sondern auf ein anderes Ziel zeigen, 
auf eine analoge „allgemeine Gerichtetheit" des Handlungsfeldes zurückgehen. 
Gegenstände, die nicht als Werkzeuge zum Erreichen des ursprünglichen Zieles 
in Frage kommen, bekommen dank der Zielgerichtetheit des Gesamtfeldes einen 
Zielcharakter. Nach dieser These braucht das Ersatzziel garnicht im eigentlichen 
Sinne eine Substitution für das ursprüngliche Ziel zu bedeuten, ist vielmehr 
die allgemeine Gerichtetheit sehr stark, so kann es nicht nur zur Einbeziehung 
„sinnloser" Hilfsmittel kommen, sondern es kann auch ein dem Sinn der ur- 
sprünglichen Aufgabe nicht entsprechendes Ziel Aufforderungscharakter bekommen. 
Die Verfasserin meint, man fände in den Theorien Freuds, wo der Begriff des 
Ersatzes eine so große Rolle spielt, im Grunde genommen keine andere Er- 
klärung als die Ähnlichkeit des Ersatzes mit dem eigentlichen Ziel. Wir glauben 
aber nicht, daß die Theorien der Psychoanalyse, die D. im Auge hat, sich mit 
Phänomenen befassen, die mit den Ersatzlösungen, die in diesen Versuchen 
beobachtet wurden, viel Gemeinsames hätten. 

Wenn die Spannung in den Versuchen wächst, die Unsicherheit und Aus- 
sichtslosigkeit der Situation, in der sich die Versuchsperson befindet, offenbar 






Bespremungen 



4*7 



•ird dann kommt es schließlich zu jenen Geschehnissen, die man im täglichen 
T eben vor allem meint, wenn man von Ärgerausbrüchen spricht. Die Gruppierung 
j er verschiedenen Ärger äußerungen ist sehr schwierig. Denn ruhiges Dasitzen 
kann ebensogut eine Ärger äußerung sein wie unbeherrschtes Umherlaufen, Lachen 
benso wie Weinen, Gehorsam ebenso wie Trotz, und man muß D. recht 
■eben daß es letzten Endes fast für jede Äußerung eine Situation gibt, in der 
\ e die Bedeutung eines Ärgerausdruckes hat. Dann ist der Zusammenhang der 
äußeren Erscheinungsform des Affektes mit der inneren Affektlage der Person 
keinesfalls einfach und eindeutig. Auch die Intensität der Affektäußerung geht 
keineswegs mit der Stärke der inneren Affektlage parallel. Als Hauptgruppen 
der Erscheinungsformen des Ärgers unterscheidet D.: Reine Affektäußerungen, 
Affekthandlungen, affektive Tönung andersartiger Geschehnisse. Die Abgrenzung 
der reinen Affektäußerungen von den anderen Formen des Affektes ist nicht 
leicht. Man könnte sagen, manche Aktionen der Versuchsperson, wie Kampf- 
handlungen, das Vernichten des Zieles u. dgl. m., hahen eine deutliche Bezie- 
hung auf ein Ziel, sind auf die Umwelt bezogen. Die reinen Affektäußerungen, 
etwa Weinen oder unruhiges Herumlaufen, erscheinen dagegen zunächst als 
Äußerungen der inneren Erregung, ohne Beziehung auf ein bestimmtes Ziel. 
Doch betont D. mit vollem Recht, daß diese Charakterisierung nicht ganz zu- 
treffend ist. Denn das Aufstampfen mit dem Fuß auf den Boden oder das 
Schimpfen enthalten z. B. schon eine Komponente gegen den Versuchsleiter, 
gegen die Versuchsanordnung, gegen die unangenehme Situation. Selbst das 
Schreien, sagt D. ausgezeichnet, ist nicht nur ein Aufschreien, sondern auch 
ein „Hinausschreien". Was die Ärgeräußerung als Ärger auszeichne, hänge 
gerade mit diesem Moment der Umweltbezogenheit zusammen. Es handelt sich 
bei dieser Frage nicht bloß um ein spezifisches Problem des Ärgers, die Um- 
weltbezogenheit der Affekte ist ein Grundproblem der ganzen Affektpsychologie. 
Am Schluß der Arbeit versucht die Verfasserin eine allgemeine Charakterisierung 
des ärgeraffektiven Geschehens zu geben, ihre Ausführungen dürften aber auch 
manche Wesenszüge der Affekte überhaupt treffen. So die Feststellung, daß es 
sich bei dem affektiven Ausbruch um eine „Auflockerung der Schicht, die die 
innerseelischen Bezirke zugleich trennt und verbindet", handelt. „Aus dieser Auf- 
lockerung der Grenzen im Gesamtfeld, d. h. also der Barrieren im Umfeld, der 
Wände der innerseelischen Systeme und der motorischen Grenzschicht zwischen 
innerseelischen Systemen und dem Umfeld, lassen sich ... die verschieden- 
artigen Affektgeschehnisse ableiten." (S. 117.) „Diese Vereinheitlichung zu einer 
primitiven und dabei aufs äußerste gespannten Ganzheit ist es, die die Stärke 
und Schwäche, die Kraft und die Unvernunft des Affektes ausmacht. Die Auf- 
lösung der Feinstruktur und die Vereinheitlichung des Gesamtfeldes gibt dem 
Affektgeschehen den charakteristischen Zug des Unbedingten, Wuchtigen und 
Allergreifenden. Die Auflockerung der Wände zwischen Außen und Innen, 
zwischen Oberfläche und Tiefe erzeugt (trotz aller Selbstbeherrschungstendenzen) 
eine eigentümliche Verkettung und ungewöhnliche Verschmelzung von Ge- 
triebenwerden und aktivem Wollen und zugleich von Wunsch und Aktion. 
(S. n 8.) Die Autorin stellt fest, daß diese zeitweilige Primitivierung im Affekt, 



Imago XIX. 



27 



4i8 



jesprechungen 



in vieler Hinsicht mit der Primitivität des Kindes verwandt ist. Der Äff t 
zustand läßt sich in gewissem Sinne mit einem Zurückgeworfenwerden in ein 
kindlichen Zustand vergleichen. Es treten im affektiven Geschehen viele V^ 
haltungsweisen auf, die man sonst als charakteristisch für das Kind ansieht" 
geringe Trennung von Realität und Irrealität, leichtes Übergreifen der ErreffmJ 
von einem seelischen Bezirk auf einen andern, geringere Gebundenheit an d^ 
festen, sachlichen Eigenschaften der Dinge, magische und animistische Vor* 
Stellungen u. ä. m. Trotzdem, meint die Verfasserin, bestehen zwischen dem Er" 
wachsenen, der von einem Affekt beherrscht ist, und dem kindlichen Zustand 
Unterschiede. „. . . Es bleibt etwas wesentlich anderes, ob wie beim Kinde ein 
ursprüngliche Undifferenziertheit der Systeme und eine allgemeine Weichheit 
und Plastizität des seelischen Materials vorliegt oder ob wie im Affekt de 
Erwachsenen bereits bestehende Differenzierungen beseitigt, vorhandene Wand! 
und Barrieren aufgelockert oder durchbrochen werden." (S. 119.) 

Was diese Arbeit auszeichnet, ist die ungewöhnliche Sauberkeit der Begriffs 
büdung und der Methodik. Außer der Analyse des Ärgers liegen in diesen 
Untersuchungen Ansätze zu einer Theorie des affektiven Geschehens vor. 

G. Gero (Kopenhagen) 

Driterg, J. H.: At Home witn the Gavage. London, Routledge, 

19,32. IX, 267 p. 

Obgleich dieses Buch auf die psychoanalytisch gerichtete Völkerkunde so gut 
wie gar nicht Bezug nimmt, wird es der Analytiker, der im Reiche der Ethnologie 
Laie ist, mit Nutzen lesen. Der Verfasser ist mit Methoden und Zielen der 
modernen Völkerkunde wohl vertraut; seine Kenntnis der Primitiven ist eine 
unmittelbare; das Buch ist lebendig geschrieben. Ich ziehe es vor, daß Ethno- 
logen die Psychoanalyse ganz bei Seite lassen, wenn sie mit ihr nicht wirklich 
vertraut sind, als daß sie einige jener Mißverständnisse vorbringen, denen man 
in diesem Zusammenhang zu begegnen gewohnt ist. 

Der Verfasser scheint der Ansicht zu sein, über Freuds Theorie von der 
Urhorde nach einer beiläufigen Bemerkung über das „phantastische Bild eines 
von Odipus beherrschten Gemeinschaftslebens" verfügen zu können (S. 78). Die 
Bedeutung psychologischer Gesichtspunkte in der Völkerkunde beurteilt er richtig 
(S. 10), obwohl er anscheinend unter Psychologie intensives Wissen um das 
Wesen der „Wilden" versteht. Er selbst ist ein in diesem Sinne guter Psychologe 
und ich begrüße besonders seine Bemerkungen über die Sprache der Wilden 
und die Zahl der in der Umgangssprache verwendeten Worte. „Wir in unserer 
Zivilisation finden, daß etwa achthundert Worte unseren täglichen Bedürfnissen 
genügen, weil alle unsere Wissenschaften und Künste in den Händen von 
Spezialisten ruhen, die ihren eigenen Wortschatz verwenden . . . Nach einer 
groben Schätzung meint der Primitive etwa zweitausend Worte zu brauchen, 
um sich auszudrücken, da alle Zweige des Wissens der ganzen Gemeinschaft 
gleichmäßig zugänglich sind" (S. 44). 

Auch die Bemerkungen des Verfassers über die kulturelle und prakti- 
sche Bedeutung der Ethnologie sollten nicht übersehen werden. Verfasser 



B. 



espj 



eck 



rectum sen 



4*9 



ton t wie verfehlt es sei, außereuropäische Stämme als primitive anzusehen, 
e ist aber doch darauf hin, daß wir in der Ethnologie die einzige Annähe- 
nd an eine Disziplin besitzen, die man als Sozialbiologie bezeichnen könnte 

(S. J7) - 

Wo es zur Frage nach den grundlegenden Antrieben im Leben der Primitiven 

oder spezieller Kulturen kommt, muß der Verfasser versagen; denn nach allem, 
was wir von der Struktur der menschlichen Psyche wissen, sind diese ursprüng- 
lichen Motive notwendigermaßen unbewußt. Das eben habe ich in meinen 
letzten Untersuchungen an dieser Stelle nachzuweisen versucht — die besondere 
Formel nämlich für eine spezielle Kultur, eine spezielle Neurose. Aus demselben 
Grunde — d. h. aus dem Mangel an psychoanalytischer Einsicht — sind die 
Kapitel über das Individuum und die Religion eher enttäuschend. Des Verfassers 
Stärke liegt in der Beschreibung dessen, was er aus Beobachtung weiß, und in 
der Kritik einiger sonderbarer Ansichten, die von anderen vorgebracht wurden. 
Die Umgebung ist wirksam . . . nur als Echo eines kulturellen Bedürfnisses 
oder sofern sie Gelegenheit zu kultureller Entwicklung bietet" (S. 47). Er weist 
auf den Widersinn von Levy-Brühls Ansicht über die grundsätzlich andersartige 
Struktur der Primitiven hin (S. 58). 

Er ist zwar ganz im Recht, wenn er betont, daß wirkliches Verständnis 
für die primitive Menschheit nur durch eigene Erfahrung und an Ort und 
Stelle zu gewinnen sei, aber es scheint mir doch als sei seine ironische Be- 
urteilung der am Schreibtisch entstandenen Arbeiten etwas unfreundlich und 
undankbar, wenn man etwa an Frazers „The Golden Bough" denkt. 

Der Verfasser überspitzt seine These auch, wenn er erklärt, daß Geschichte 
und Entwicklung der Heiratssitten von keinerlei Bedeutung seien (S. 7 g). Er 
ist entschieden gegen Verallgemeinerungen eingestellt und meint, ein geschulter 
Beobachter sollte das Wort „Totemismus" nicht verwenden (S. 29). Sollen wir 
denn bei den Arandas von Knanindja, bei den Normanbyinsulanern von manua 
sprechen? Den Vorteil einer so komplizierten Nomenklatur vermag ich nicht 
einzusehen. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, daß der Verfasser selbst 
die allen Menschen gemeinsame Tendenz zu eiliger Verallgemeinerung nicht 
überwunden hat und daß diese Verallgemeinerungen durch seine eigenen Er- 
fahrungen in der ethnologischen Praxis und durch die zufälligen seiner per- 
sönlichen Freunde gefärbt sind. In einer primitiven Gemeinschaft benehmen 
sich Männer und Frauen sehr ähnlich wie unsere Bauern in einer acker- 
bauenden Gesellschaft (S. 55). Verfasser schildert, wie unter den Lango die 
Institution der Vielweiberei durch die Frauen gestützt wird, da die neuen Frauen 
an der Arbeit teilnehmen, und weil, wenn ein Mann nur ein Weib hätte, die 
Leute denken würden, daß diese eine böse Sieben sei, die nicht bereit sei, 
andere Mitweiber zu dulden (S. 81). Aber in Zentralaustralien ist die Lage 
gänzlich anders, und Vielweiberei ist, wie wir erwarten durften, eine aus- 
schließlich männliche und männerrechtliche Institution. 

Da in einigen wohlbekannten Fällen die Befruchtung einem übernatürlichen 
Wesen zugeschrieben wird, sind wir nicht berechtigt zu behaupten, daß „bei 
allen Primitiven" (von mir gesperrt) „die Geburt des Kindes sowohl als ein 



27* 



4,2 o 



Sesprechungen 



ur 



gewöhnlicher physischer Prozeß angesehen als auch mit dem besonderen Walt 
der Vorsehung in Zusammenhang gebracht wird" (S. 72). 

Aus ethnologischen Handbüchern finden solche Verallgemeinerungen ih 
Weg zu psychoanalytischen und anderen Theorien mit oft erstaunlichen ErgeT 
nissen. r; ra • ca 1 

^. -K.6he lm (Budapest) 
Elkan, R.: über die Orgasmusunfänigkeit der Frau. Archiv f" 
Frauenbünde, 19. Bd., 1. Heft, 10,33. 

Der im Norden Europas lebende Autor leugnet, daß es eine natürlich 
Eigenschaft der Frau sei, einen dem des Mannes entsprechenden Orgasmus zu 
haben. Er meint, man müsse hier eine entwicklungsgeschichtliche Untersuchung 
nicht eine statistisch-kasuistische Betrachtung in den Vordergrund stellen. 

Nun gibt es nur ganz wenige exzeptionelle Fälle im Tierreich, in denen 
auch beim weiblichen Tier ein Orgasmus nachweisbar ist, während er beim 
männlichen Tier schon auf sehr niedrigen Stufen festgestellt ist. 

Nur beim Männchen sei ein Orgasmus vorgesehen, als ein psychosensorischer 
Fixationsreflex, neben Organen, die das Weibchen festhalten: denn der Koitus 
des Männchens darf eben nicht vor der physiologischen Beendigung, der De- 
ponierung des Spermas, abgebrochen werden. 

Das weibliche Tier kann, durch das Männchen fixiert, den Koitus gar nicht 
abbrechen, hat keine zu entleerenden Sekrete, — ein weiblicher Orgasmus 
sei also teleologisch unverständlich, sei a priori nicht zu erwarten. 

Nur wo auch vom Weibchen etwas entleert würde oder wo das Fehlen 
genügender Fixationsorgane die Notwendigkeit des Verbleibens des Weihchens 
durch seine Lust verständlich machen würde, wäre ein weiblicher Orgasmus nötig: 
und es wird nun tatsächlich nachgewiesen, daß bei den zwei einzigen Tier- 
arten, wo diese Bedingungen vorliegen, Knochenfischen und Schwänen, der 
weibliche Orgasmus allein zu beobachten ist. 

Die bisherige willkürliche Annahme, der weibliche Orgasmus sei im Tier- 
reich überall vorhanden, nur nicht beobachtbar, sei zu verlassen: die Annahme, 
er sei eben (außer in jenen beiden Ausnahmefällen unter so extremen Begattungs- 
verhältnissen) nicht vorhanden, liege näher. 

Durch zahlreiche Bilder aus der Zoologie beweist der Autor das ubiquitäre 
Bestehen genitaler oder extragenitaler Fixationseinrichtungen beim Männchen und 
will so aufzeigen, daß es einer sensorischen Beizung des Weibchens nicht bedarf; 
sobald in der Tierreihe Extremitäten, welche das Weibchen festhalten, auf- 
treten, sind die Fixationsorgane nur rudimentär oder geschwunden. 

Der heutige Stand der Biologie läßt also (von den ganz vereinzelten Aus- 
nahmen abgesehen) entwicklungsgeschichtliche Vorstufen des menschlichen weib- 
lichen Orgasmus nicht entdecken. 

Schon in einem 5400 Jahre alten Liebeslehrbuch der Inder finde sich eine 
geradezu raffinierte Aufzählung von Mitteln und Praktiken, die der Mann an- 
wenden könne, um seine Frau zu befriedigen, wenn ihm dies nicht auf natür 
lichem Wege gelänge; und selbst bei Primitiven seien reizverstärkende Suffixe am 
Penis in Verwendung. Auch aus diesen Tatsachen glaubt sich der Autor be- 



chtifit, seine These abzuleiten, ein dem Orgasmus des Mannes ent- 
rechender Orgasmus der Frau sei gar keine natürliche Eigen- 
sC haft der Frau. 

£s verlange aber die durch die ganze Sexualgeschichte der Menschheit und 
hei allen Völkern der Erde wahrnehmbare Orgasmussehnsucht der Frauen eine 
Erklärung. _ 

Gestützt auf Sätze jenes alten indischen Liebesbuches Kamasutram, wie Ge- 
dankengängen von B. Götz folgend, führt E. das Auftreten des jeder morpho- 
loeischen Grundlage wie jeder physiologischen Notwendigkeit oder teleologischer 
Verständlichkeit entbehrenden weiblichen Orgasmus auf den in diesem Belange 
erfolgreichen sexuellen Geltungskampf der Frau zurück. Der Erfolg bestehe 
in der Entwicklung eines Reflexes, des Orgasmusreflexes, der ein typisches Bei- 
spiel dafür abgebe, wie beim Menschen neue Eigenschaften entstehen. 

Darauf beruhe es, daß der weibliche Orgasmus ein äußerst tangibles, lose 
verankertes, leicht verdrängbares Gebilde darstelle, das sich — wenn über- 
haupt — n ur bei dem seltenen Zusammentreffen vieler günstiger Umstände 
offenbare. Während — im Gegensatz dazu — der männliche Orgasmusreflex, 
eine von weither vererbte Funktion des Organismus, in phylogenetisch uralten 
zerebrospinalen Zentren verankert und dementsprechend stark automatisch und 
in seinem Ablauf (beim Gesunden) unerschütterlich ist. Soweit E., der damit 
eine „biologische Tragödie der Frau" bloßzulegen scheint. 

Wenn in diesem Aufsatz auch nur der Orgasmus behandelt ist und von 
den Libidoverhältnissen nicht die Rede ist, soll doch hier auf die Verhältnisse 
beim menschlichen Weibe aus psychoanalytischer Erfahrung eingegangen werden. 

Die Häufigkeit der sexuellen Frigidität des Weibes scheint tatsächlich eine 
Zurücksetzung desselben in ihren natürlichen Ansprüchen auf Befriedigung zu 
bestätigen. Dies hat auch nach Freuds Vermutung seinen Grund darin, „daß 
die Durchsetzung des biologischen Zieles der Aggression des Mannes anvertraut 
und von der Zustimmung des Weibes unabhängig gemacht worden ist". 1 

Immerhin ist aber die Frigidität in der großen Mehrheit der Fälle als 
psychogen aufzufassen und der Beeinflussung zugänglich. Fälle, welche die An- 
nahme einer konstitutionellen Bedingtheit, selbst den Beitrag eines anatomischen 
Faktors nahelegen (Freud), sind die Ausnahmen. 

Im allgemeinen handelt es sich doch nur um Ungewecktheit oder Unter- 
worfensein einer Reihe von Hemmungen. 

Gibt es doch Mädchen, die den spontanen Orgasmus der nächtlichen Pollution 
kennen, und der Orgasmus bei der Klitorisonanie steht vielen Frauen zur Ver- 
fügung, die ihn bei dem Koitus vermissen (Klitoris = männliche Leitzone). 

Zur normalen Empfindung im Koitus scheint am ehesten die Frau disponiert, 
welche die Befriedigung in passiver Funktion begehrt (Abraham), die mit ihrer 
Situation als Succuba einverstanden ist. Peniswunsch und -neid, Männlichkeits- 
wunsch, Identifizierung mit dem Mann, seinem Tun in coeundo, sind die 
häufigsten Hemmungen für Friktionslust in der Scheide und angeschlossenen 

i) In „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", Wien 1955. 



433 



esprediungeii 



Orgasmus. (Scheide = weibliche Leitzone). Diese Hemmung ist leicht heilh 
obwohl sie unbewußte Homosexualität — deutlich in Incubaträumen — - ve ^j 
Inversion und Perversion sind weitere nur fakultative Orgasmushemmungen 61 ]}* '" 
kanntlich kann ein zweiter, ein anderer Typus Mann Orgasmus auslösen *' 
es dem ersten nicht gelungen ist; einen Spezialfall hat Freud in seinem' aT 
satz „Tabu der Virginität" x beschrieben. 

Natürlich müssen auch alle Angst- und Schuldgefühle wegfallen w 
ein Orgasmus zustande kommen soll. 

Im übrigen ist es ein offenes Geheimnis, daß die Potenz des Mannes, Dau e 
und Wiederholung des Aktes und seine mit Verständnis gepaarte Geübtheit ** 
sind, welche den Orgasmus der Frau im Koitus erreichen. 

„Aber", sagt Freud, „jedes Stück Kultur kostet ein Stück männlicher Potenz " 

Der Psychoanalyse als warnender, verhütender und heilungbringender ist 
hier ein wertvoller Wirkungskreis eröffnet. Zunächst ist freilich noch weitere For- 
schung zur Klärung manches Unsicheren am Platze. E. HitscLmann (Wien) 

Feller, F. M.: Psycho dynamik des primitiven Denkens. Leipzig 
und Wien, F. Deuticte, i 9 33. VI und 58 «Seiten. 

Eine weitschweifige Schrift, in der über die Geistesverfassung des Primitiven 
und die prähistorischen Ereignisse in der Urhorde spekuliert wird. Den Haupt- 
inhalt machen Gedanken von Freud aus, welche der Autor durch Verkoppe- 
lung mit der Wun dt sehen Assoziationspsychologie zu einem Zerrbild einer 
„psychoanalytischen" Theorie gestaltet. Im einzelnen ist auf dieses unzuständige 
und in anspruchsvollem Ton abgefaßte Buch nicht einzugehen. Die von Feller 
ständig erneuerte Berufung auf die Psychoanalyse ist ein Mißbrauch. Das Buch 
bleibt weit unter dem Niveau der „Psychodynamik der Beklame" desselben 
Autors, wo zwischen überflüssigem Beiwerk und Entgleisungen doch einige 
diskutable Funde zu entdecken waren. V. Marseille (Wien) 

Henning, Hans: Psychologie der Gegenwart. 2. durchgearbeitete 
Auflage. Leipzig, Kröners Tasdienausgabe, Band 89, xq3i. 

Dieses durch klare Diktion ausgezeichnete, für weite Kreise bestimmte 
Büchlein des bekannten Experimentalpsychologen enthält reiche Literaturangaben 
und einen bibliographischen Apparat, der dem Außenstehenden wertvoll und 
auch dem Fachmann gelegentlich nützlich sein wird. 

Die Abneigung des Verfassers gegen die Psychoanalyse hat auch in dieser 
Schrift nichts an Schärfe verloren; er verschmäht es weder sich auf Maylans 
Pamphlet zu stützen noch auch zu versichern, daß Freuds Lehre die Familie 
zersetze. Was über die psychoanalytische Psychologie ausgesagt wird, verrät 
Mißverständnisse, die zu grob sind, als daß es irgend anginge sie zu zergliedern: 
„Sagt das drei- oder vierjährige Mädchen zum Vater ,Nicht wahr, wenn die 
Mutter gestorben ist, heiratest du mich', dann sollte die Psychoanalyse das 




icht so auswerten, als ob eine Siebzehnjährige es fragt. Denn von Tod und 
Heiraten weiß dieses Kind ungefähr soviel wie von Astronomie, wenn es wünscht, 
de r Vater solle den Mond herabholen." (S. 90.) Ähnliche Mißverständnisse 
Ji er finden sich auch in anderen Abschnitten, etwa da, wo der Verfasser auf 

die Fruchtbarkeit geisteswissenschaftlicher Aspekte hinweist: die Renaissance 

bevorzugt die seelischen Eigentümlichkeiten des kräftigen Mannesalters, das Barock 
lebt mehr die Eigenheiten des Alters aus und pudert sich sogar künstlich zum 
Greis, wie auch das Kleinkind nach Art Erwachsener angezogen (z. B. in den 
Stichen Chodowieckis) und behandelt wird ..." (S. 155.) Daß Bernini und 
Borromini oder gar die großen Deutschen, daß Fischer und Schlüter „Eigen- 
heiten des Alters ausleben" werden wenige einsehen, daß aber Chodowiecki 
(1726 bis 1801), der Illustrator der deutschen Klassiker, zum Barock gerechnet 
wird, ist zu kühn, als daß es Nachfolge finden könnte; das „nach Art Er- 
wachsener" angezogene Kleinkind endlich findet sich in der abendländischen 
Kunst immer wieder, so etwa — um nur das Bekannteste zu erwähnen — bei 
dem größten niederländischen Künstler der Renaissance, bei Pieter Breughel d. Ä. 
(gest. 1569), in dessen Werken wir doch die seelischen „Eigentümlichkeiten des 
Mannesalters" zu suchen, angewiesen wurden. Diese Beispiele sollen die — auf 
seinem Arbeitsgebiete unbestrittene — Kompetenz des Verfassers dort kenn- 
zeichnen, wo er den festen Grund der Erfahrung verläßt. Daß die Psycho- 
analyse außerhalb dieser Erfahrung liegt, muß nicht nochmals betont werden. 

E. KAs (Wien) 

Kankele-it, Otto: Die schöpf erische Macht des Unbewußten, 
ihre Auswirkungen in der Kunst und in der modernen Psychotherapie. 
Berlin, "Walter de Gruyter, igSS. 89 «Seiten, 17 Abbildungen. 

Das für weite Kreise bestimmte Büchlein fußt im wesentlichen auf der 
Psychologie C. G. Jungs. Einer Wesensbestimmung des „Unbewußten" sollen 
ein reichhaltiger Zitatenschatz aus der deutschen Literatur seit dem „Sturm 
und Drang" Beispiele von Entspannungs- und Versenkungsübungen und die 
Interpretation der in diesem Zusammenhang vorgeführten graphischen Phantasien 
einiger Patienten dienen. Beinahe die Hälfte des Umfangs ist einem Anhang 
gewidmet, indem zahlreiche Dichter, Musiker, bildende Künstler und Gelehrte 
etwa Hans Grimm, Kubin, Graf Keyserling, Emil Abderhalden — in zum Teil 
ausführlichen Selbstdarstellungen im Anschluß an einen Fragebogen des Verfassers 
ihre Erlebnisse bei der schöpferischen Arbeit schildern. E. K. (Wien) 

Klages, Ludwig: Grapnologie. »Wissenschaft und Bildung«, Nr. a85. 
Leipzig, Quelle und Meyer, ig3a. 89 »Seiten und 81 Schriftproben. 

Wie man weiß, hat Klages niemals Anlaß gefunden, an dem was er lehrt 
eine Korrektur vorzunehmen. So bringt auch das vorliegende Buch im wesent- 
lichen nichts anderes als eine formal noch weiter durchgearbeitete, inhaltlich 
unmodifizierte Darstellung der Grundlagen seiner graphologischen Lehre. Der 



Leser lernt die Entwicklung der Graphologie in der egozentrischen Auffa«, 
von Klages kennen, und er erfährt von den neueren Ansätzen zur Ausbildung • 
expenmentellen naturwissenschaftlich orientierten Graphologie ebensowenig" 161 
von den Bemühungen, der Graphologie durch den Anschluß an die T?J"* 
Psychologie ein anderes Fundament zu geben. Allerdings muß man zugesteht 
daß dxe „deduktive Graphologie" von K. hinsichtlich ihrer methodischen Klart l 
und systematischen Konsequenz unter allen „Graphologien" immer noch hT 
erste Stelle einnimmt und daß sie am meisten in wissenschaftlicher Hir,^? 
Deutu ^ del " rati ° nalen Durchd ring™ g der intuitiven graphologisch 

Die Lehre vom „Formniveau", welches nach K. der Handschrift wie -11«. 

T !- e w äußerUngen eignet > kann ein ^teresse nur insofern erweckt? 

als die Wertgebundenheit der K.schen Charakterologie bei dieser von ihm 25 
immer m den Mittelpunkt gerückten Doktrin unverhüllt hervortritt. Keinesfal 
kann man das Formniveau, welches die „Teilhaberschaft" an einer nur schein 
bar biologisch, in Wirklichkeit romantisch-metaphysisch verstandenen Lebens 
traft bezeichnen soll, als eine wissenschaftliche Begriffsbildung anerkennen 
Dagegen haben sich zwei andere Begriffe: „AntrUserlebnis" und „Leitbild" 
als sehr fruchtbar erwiesen. Die beiden Kapitel, in denen sie zur Sprache 
5°™"'. f T nd die induktivsten, ™d nach der Meinung des Referenten darf 
die Möglichkeit wissenschaftlicher Handschriftdeutung als erwiesen gelten soweit 
die Wirksamkeit von Antriebserlebnissen und Leitbildern empirisch sichergestellt 
ist Bei Affekten wie Freude oder Wut kann man gewiß von spezifischen 
Antriebserlebnissen sprechen und die Erwartung hegen, daß sie charakteristischen 
Ausdruck m der Handschrift finden. Ebenso wird man das Vorhandensein eines 
bestimmten persönlichen Leitbildes annehmen dürfen, wenn jemand in seiner 
Handschrift alle sogenannten offenen Formen vermeidet und sie durch geschlossene 
oder eingerollte ersetzt. Es wird zwar problematisch, aber doch diskutabel er- 
scheinen, wenn man bei Eigenschaften wie etwa dem Ehrgeiz von einem 
charakteristischen Antriebserlebnis und einem ihm zugehörigen Leitbild spricht. 
Erst gegen die Ausweitung der beiden Begriffe zu universalen Deutungs- 
prinzipien wie sie K. vornimmt, sind grundsätzliche Einwände geltend zu 
machen. Vor allem ist zu sagen, daß Antriebserlebnis beziehungsweise Leitbild 
nur an einigen Exempeln empirisch aufgewiesen, nicht systematisch an konkreten 
EinzelfaUen studiert, sondern im allgemeinen immer nur postuliert beziehungsweise 
aus bloßen Eigenschaftsnamen deduziert wird. An diesem Punkt hätte nach 
Meinung des Referenten die wissenschaftliche graphologische Forschung einzu- 
setzen; sie könnte die Unterstützung durch die Erkenntnisse und die Methode 
der Psychoanalyse nicht entbehren. 

K. hat zwar frühzeitig erkannt, daß die Graphologie, sofern sie wissenschaft- 
lich werden will, vom Stand der Charakterologie abhängig ist; aber diese Er- 
kenntnis konnte nicht fruchtbar werden, weil er den Charakter immer als 
etwas anlagemaßig Gegebenes angesehen hat. Seine Auffassung vom Charakter 
ist prinzipiell ungenetisch und somit der psychoanalytischen diametral entgegen- 
gesetzt. Daher kommt es auch, daß die in unseren Augen entscheidend wichtige 



espreditiugen 



4a5 



Frage nach dem höchst komplexen individualhistorischen Tatbestand „Aneignung 
einer persönlichen Handschrift" von ihm nur gestellt wird, um hinter der 
Lbloßen") handschriftlichen Erwerbung wieder die „eigentliche" Handschrift 
d es Betreffenden aufzudecken, nicht aber um den psychologischen Prozeß der 
Ausbildung einer Handschrift zum Ausgangspunkt für alles graphologische Ver- 
stehen zu machen — was ohne Analyse des Unbewußten auch nicht möglich ist. 
-yVir haben heute noch keine wissenschaftliche Charakterologie; darunter 
müssen alle Bemühungen um wissenschaftliche Begründung der Graphologie 
leiden. Aber es kann auch kein Zufall sein, daß wir bei den Graphologen 
fast ganz allgemein das Verständnis für die genetische Betrachtung des 
Charakters zu vermissen haben; das wird vielmehr seinen Grund haben in 
der besonderen Richtung des psychologischen Interesses, welches zur Grapho- 
logie führt. Eine mit Charakteranlagen rechnende Psychologie wird immer 
in Gefahr sein, in unwissenschaftliches Moralisieren zu verfallen. K. definiert 
das, was die Psychoanalyse im weitesten Sinn „neurotisch" nennen würde, 
folgendermaßen: „ . . . die Anlage zu solchen Selbstwerttäuschungen . . ., die 
unaufheblich sind, weil ihre Aufdeckung für den Träger Minderwertigkeitsgefühle 
zur Folge hätte, die sein Selbstschätzungsbedürfnis nicht ertrüge" (S. 84). 

W.Marseille (Wien) 

Mendelssohn;, Anja: Ochrift und Seele, \fege in das Unbewußte. 
Leipzig, E. A. »Seemann, 1933. 1^8 Seiten. 

Nach dem vielversprechenden Vorstoß, den A. Mendelssohn zusammen mit 
ihrem Bruder in der Richtung auf eine psychoanalytisch orientierte Graphologie 
unternommen hat („Der Mensch in der Handschrift", 1928), bedeutet die 
neue Publikation eine Enttäuschung. Die Autorin ist nicht darangegangen, 
die größtenteils bloß programmatischen Ausführungen des ersten Buches in kon- 
krete Untersuchungen umzusetzen und den Charakter der Vorläufigkeit, welcher 
verständlicherweise all ihren damaligen Aufstellungen anhaftete, durch die Be- 
mühung um Bestätigung und Begründung zu überwinden. Sie tritt vielmehr 
neuerdings mit einem Programm hervor. Inzwischen hat sie sich von der Psycho- 
nalyse abgewendet (sie schließt sich dem Argument des Pansexualismus an) 
und ist Schülerin C. G. Jungs geworden. Dessen „analytische Psychologie" 
soll das Fundament der neuen Graphologie werden. Der Versuch, den von 
Jung aufgestellten psychologischen Typen Handschrifttypen zuzuordnen, und das 
Bestreben, von allgemeinsten psychischen Einstellungs- und Reaktionsweisen 
statt von isolierten Charaktereigenschaften auszugehen, wird dem Graphologen 
fruchtbare Anregungen geben, besonders auch dadurch, daß die Abhängigkeit 
der Graphologie von der Psychologie klar hervortritt. Für den Graphologen 
ist ferner wertvoll, daß der von der Psychoanalyse herausgearbeitete und für 
alle charakterologischen Fragen prinzipiell wichtige Zusammenhang von Charakter- 
eigenschaften und neurotischen Symptomen Beachtung findet. 

Die „Wege in das Unbewußte", welche die Handschrift nach dem im Unter- 
titel gegebenen Versprechen öffnen soll, werden nicht gezeigt. Der erst zu er- 



426 



esprechungen 



weisende beziehungsweise zu untersuchende Zusammenhang der Handsch "ft 
mit dem Unbewußten wird vielmehr ohne weiteres vorausgesetzt auf Gru A 
der Jungschen Annahme einer Tendenz der Libido zur symbolischen Seihst 
darstellung. Entsprechend soll der Graphologe verfahren: „Die deutende Anaiv 
wird immer vom Bilde ausgehen, nicht von der Kenntnis der Entstehun 
bedingungen" (S. 25). Das ist eine Absage an die Wissenschaft. Damit entfaüe 
alle den Psychoanalytiker eigentlich interessierenden Fragen, insbesondere die nach 
der libidinösen Bedeutung, welche die Schreibtätigkeit als solche mit ihren ver 
schiedenen Komponenten haben kann und nach den Folgen, welche sich im 
einzelnen daraus für die Gestaltung der persönlichen Handschrift ergeben 
Behauptungen wie die, daß typisch Extravertierte rechtsläufig, groß, weit und 
schräg schreiben oder daß dem Zwangscharakter eine kleine, enge und regel- 
mäßige Handschrift „entspricht", sind zwar plausibel aber wenig belehrend 
solange die behaupteten Zusammenhänge nicht aufgeklärt werden. 

M. begnügt sich jedoch wie fast alle Graphologen in ihrem theoretischen 
Denken mit der vagen Vorstellung des physiognomischen Zueinanderpassens 
von Charakter und Ausdruck. Eine solche Denkweise hat in der Psychoanalyse 
keine Stützen. Dagegen ist es nur zu verständlich, daß sie Anschluß finden 
konnte an die Lehre Jungs, welche ihr mit der Annahme eines kollektiven 
Unbewußten und einer universalen Symbolisierungstendenz der Libido entgegen- 
kommt und überdies ebenso wie alle graphologischen Systeme dem Bedürfnis 
nach Klassifizierung und Bewertung der menschlichen Charaktere Rechnung 

trä gt- W.Marseiile (Wien) 

Poppelbaum, Hermann : M e n s c n undTier. (Fünf Einblicke in ihren 
VY esensuntersckied.) Basel, Rud. Geering, ig33. 

Hier wird der Versuch gemacht, die Ergebnisse der Biologie und der Mo 
logisch orientierten Anthropologie in Einklang mit den „geisteswissenschaft 
liehen Erkenntnissen der Anthroposophie zu zeigen. Die Erkenntnisse Rudo 
Steiners „entstammen seinen eigenen Einblicken in die den gewöhnlichen 
Sinnen nicht zugänglichen Vorgänge und Dinge der Welt". — Der Verfasse 
lebt in der Gewißheit dieser von Rudolf Steiner geschauten Welt, deren Daseins 
formen gewissermaßen abgestufte Ausdrücke des Geistes sind, der in den höhere; 
Lebensformen immer reiner zum Ausdruck kommt. Trotz des reichen Material 
ergibt sich in der Schrift nirgends eine Basis, auf der man sich mit den ver 
tretenen Ansichten wissenschaftlich auseinandersetzen kann. Es geht hier 
Bekenntnisse, nicht um Erkenntnisse. G. Bally (ZüriA 

Rorschacli, Hermann: Psycnodiagnostilt. 2. Aufl. Herausgegeben von 
W . Morgentlialer. Bern und Berlin, Hans Huber, 1932. Bd. I, z3o Seiten 
Bd. II, 10 Tafeln. 

In neuer Auflage als Band II der „Arbeiten zur angewandten Psychiatrie 
wurde von Dr. W. Morgenthaler, Bern, das einzigartige Werk des leider sc 
früh verstorbenen Psychiaters und Psychoanalytikers Rorschach herausgegeben 



Besprechungen 



4*7 



nie neue Auflage ist bereichert durch ein Bildnis des Verfassers und einen 
Nachruf aus der Feder des Herausgebers sowie um die von dem geistigen 
Krben Rorschachs, Dr. Emil Oberholzer, nach dem Tode des Verfassers heraus- 
gegebene wertvolle Arbeit „Zur Auswertung des Formdeutversuchs , welche 
Seinerzeit in der „Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie", 
Bd 8 2 ! !9 2 3' erst mals erschienen war. Am Schlüsse des Buches findet sich ein 
Verzeichnis der Publikationen Rorschachs und ein Literaturverzeichnis der 
■Richtigsten Arbeiten über die Rorschachsche Methode (die sich inzwischen be- 
reits wieder vermehrt haben). Charakteristisch für das Rorschachsche Werk ist, 
daß eine große Anzahl dieser Arbeiten aus der Feder von Psychoanalytikern 
stammt; ich erwähne hier Bänziger, Behn-Eschenburg, Binswanger, Christoffel, 
Furrer, Löpfe, Müller, Oberholzer und (im Verzeichnis noch nicht angeführt) 
Boss. Eine jüngste Arbeit von Zulliger: „Der Rorschachsche Testversuch er- 
schien in der Sondernummer für Erziehungsberatung in der „Zeitschrift für 
psychoanalytische Pädagogik", Jg. VI, Nr. 11/12, 1955. 

Das Rohrschachsche Buch wurde von L. Binswanger im Band IX der Inter- 
nationalen Zeitschritt für Psychoanalyse (S. 5i2ff., 1923) eingehend besprochen, 
mehr unter Würdigung des Interesses, das die nichtpsychoanalytische Psycho- 
logie dem Werk entgegenbringt. Im Band X (S. 311 ff., 1924) der Internationa- 
len Psychoanalytischen Zeitschrift wurde die dem Buch angegliederte letzte 
Arbeit des Verfassers durch Dr. A. Weber (Waldau, Bern) ausführlich rezensiert. 
Es besteht kein Zweifel, daß diese Arbeit gerade für den Psychoanalytiker das 
größte Interesse beanspruchen darf. 

Wer sich einmal in die Rorschachsche Methode eingearbeitet hat, ist immer 
von neuem erstaunt, welche Fülle von praktischen Einsichten und wissenschaft- 
lichen psychologischen Ausblicken der Versuch bietet, und bei der Lektüre des 
Buches bewundert man stets von neuem den Reichtum und die Reichweite 
der psychologischen Ergebnisse, die der Verfasser in sicherlich genialer Weise 
aus einem Experiment erarbeitet hat, das in einem Deutenlassen von Zufalls- 
formen besteht. 

Der Versuch erfaßt die psychische „Konstitution" der Versuchsperson in 
topischer und dynamischer Hinsicht, aber gleichsam auf einer andern Ebene 
oder in einem andern Querschnitt als die analytische Topik und Trieb dynamik 
es tut. Aus der Unterscheidung kinästhetischer und farbbezogener Faktoren in 
den Deutungsantworten kristallisiert sich ein für das Individuum charakte- 
ristischer „Erlebnistypus" heraus. Dieser Erlebnistypus stellt „dispositionelle 
Momente" dar, Erlebnismöglichkeiten, die erst durch libidinöse Besetzungen zu 
aktiven Tendenzen werden. In der Gegenüberstellung (nicht als Gegensätze) 
von kinästhetischer und motorischer Stabilisierung und Reaktionsmöglichkeit 
finden sich zahlreiche Parallelen in der durch Freud in der Traumdeutung 
niedergelegten Auffassung des seelischen Apparates, seinem Erregungsablauf in 
progredienter oder regredienter Richtung und der Endigung aller psychischen Tätig- 
keit in „Innervationen". Auch zur Libidotheorie lassen sich viele bedeutungs- 
volle Brücken schlagen. Ich erinnere nur daran, daß die analytisch eruierten 
Bedingungen zur libidinösen Objektbesetzung aufs engste zusammenfallen mit den 



4a8 



3esp: 



recmmeen 



im Rorschachschen „ extratensiven Adaptionstyp" verkörperten Eigenschaften 
(agnoszierbar im Versuch durch den Farbzufluß in den Antworten). Im Gegen- 
satz dazu steht bei Freud wie bei Rorschach der Hypochonder, der seine Libido 
von den Objekten abgezogen und im Ich zur verstärkten Besetzung von Körper- 
teilen verwendet hat. Rorschach charakterisiert ihn in seinem Versuch als 
introversiven Typus, der sich durch ein Überwiegen kinästhetischer Zuflüsse 
zu den Deutungen auszeichnet. In der Mitte liegt nach psychoanalytischen 
Auffassungen der zwangsneurotische Libidobesetzungstyp, der auch im Rorschach- 
schen Versuch die gleiche Mittelstellung einnimmt (als sogenannter koartativer 
Typ), während die diktierte Form dieser Ambiäqualität eine Art Idealtyp us 
darzustellen scheint. Die Neurosenform des objektiv-libidinösen Besetzungstyps 
respektive des extratensiven Adaptionstyps nach Rorschach wäre dann die 
Hysterie. 

Dies seien nur einige wenige Momente, welche die reichen Beziehungen 
der Rohrschachschen Psychodiagnostik zur Psychoanalyse illustrieren sollen. Auf 
die große Bedeutung der im Buche enthaltenen, von Oberholzer herausgegebenen 
Arbeit für die Psychoanalyse kann nur erneut hingewiesen werden. 

Was die praktisch-diagnostische Verwendung des Experimentes betrifft, so 
ist sie nicht nur eine sehr vielseitige sondern auch eine vielsagende. So hat 
sich der Versuch z. B. neuerdings bewährt in der Frage der Differentialdiagnose 
zwischen organisch- enzephalytischen und (unfall-) neurotischen Symptombildern 
nach Schädeltraumen (vgl. Oberholzer, Z. Neur. 156, 1931). Ferner stellt der 
Versuch eine der besten Intelligenzprüfungen dar (vgl. das Kapitel: Die „In- 
telligenz"), da dabei das angelernte Gedächtniswissen völlig ausgeschaltet bleibt. 
Der Versuch zeigt uns daher nicht, was die Versuchsperson weiß, sondern 
wie sie Aufgaben intellektuell angeht. Da das Experiment uns zudem verrät, 
wie (nicht was) die Versuchsperson erlebt, so ist es auch zur Lösung praktischer 
Fragen der Berufsberatung usw. (vgl. Zulliger, loc. cit.) ausgezeichnet geeignet. 

Zum Schlüsse sei darauf hingewiesen, daß der Verlag Huber das Werk in 
seiner neuen Auflage sehr gut ausgestattet hat. An Stelle des broschierten Buches 
ist ein stattlicher Leinenband getreten. Die zugehörigen Testtafeln sind ihm. 
auf Karton aufgezogen, in einer separaten Mappe beigegeben. E. Blum (Bern) 

Schick, J.: Das Glückskind mit dem Todesbrief. Europäische Sagen 
des Mittelalters und ihr Verhältnis zum Orient. Corpus Hamleticum. 
Hamlet in Sage und Dicktung, Kunst und Musik. 1. Abt., 2. Bd. Leipzig, 
Otto Harassowitz, iö,32. X und ^o5 Seiten. 

Dieses Buch ist für Spezialforscher auf dem Gebiet der Mythologie und 
Legendenforschung bestimmt. Es ist das Werk eines Gelehrten und zeugt für 
einen großen Arbeitsaufwand und für Hingebung in der Materialsammlung. 
Leider läßt sich kaum feststellen, was der Autor bezweckt. Er setzt die Kenntnis 
des früheren Bandes voraus, der, lange vor dem Krieg erschienen, mir nicht 
zugänglich ist. Offenbar hat der frühere Band das Thema der Untersuchungen des 
Verfassers näher umrissen, und ich empfinde es als bedauerlich, daß er versäumt 



Bespreche 



429 



hat dies in einem einleitenden Abschnitt des vorliegenden Bandes zu wieder- 
holen. Das Buch enthält weder Register noch Inhaltsverzeichnis. Es beschäftigt 
«ich offenbar hauptsächlich mit Versionen der Byzantinischen Konstantinsage 
und der Deutschen Kaisersage, über den Inhalt dieser Sagen aber wird in dem 
Buche selbst nicht berichtet. Es ist ein Buch, das ohne Rücksicht auf den Leser 
verfaßt ist und mehr das Interesse des Autors an einem besonderen Forschungs- 
gebiet bekundet. Ungeachtet des Titels läßt sich keine Beziehung zwischen dem 
Inhalt des Buches und einem der Themen der Hamletgeschichte feststellen. 

E. Jones (London) 
^cnrenclt-Notzing, A. Frh. v.: Die Entwicklung des Okkultismus 
zur Parapsychologie in Deutschland. Aus dem Nachlajj heraus- 
gegeben von Gabriele Freifrau v. Schrenck-Notzing. Leipzig, Verlag 
O. Mutze, 193a. is3 iSeiten. 

Das Buch enthält ein Referat über die deutsche Literatur des Okkultismus 
von den Schriften du Preis an, die vor fünfzig Jahren, beeinflußt von den Ideen 
Kants, Schopenhauers, des jüngeren Fichte sowie von Carus und Fechner, den 
Reigen der Veröffentlichungen für und wider die Parapsychologie begannen. 

Von psychoanalytischen Publikationen wird nur v. Winterstein: „Zur Psycho- 
analyse des Spukes" (S. 50) referiert, die Arbeiten von Freud („Die okkulte 
Bedeutung des Traumes", „Traum und Telepathie , Ges. Schriften, Bd. III) und 
von Helene Deutsch („Okkulte Vorgänge während der Psychoanalyse", Imago XII) 
sind übergangen, während dafür der Begriff der Psychoanalyse bei den religions- 
historischen Untersuchungen von Prof. theol. Dr. Rist über hellseherische Visionen 
(S. 114) und über die Aufklärungen von Prophezeiungen (S. 116) angewendet 
wird, wo er kaum am Platze sein dürfte. 

Der Verfasser hat sich so wohl den wichtigsten Weg zum wissenschaftlichen 
Verständnis der okkultistischen Phänomene selbst versperrt. 

A. Kielnols (Königslelaen~ Aargau) 

iSteinberg, AVuhelm: Die seelische Eingliederung in die 
Gesellschaft. München, Ernst Reinhardt Verlag, io,33. 126 Seiten. 

Eine von konkreter psychologischer Fragestellung weit entfernte Erörterung 
von soziologischen Definitionen und Gebietsabgrenzungen. Die subtilen begriff- 
lichen Unterscheidungen, zu denen der Autor gelangt, erscheinen um so weniger 
fruchtbar, als sie von ungeklärten Wertungen durchsetzt werden und sich auf 
wenig objektivierte Vorstellungen, wie z. B. „Totalität der Innerlichkeit , „aus 
dem-Wesenskern-heraus-Leben", „Hemmung des den Tiefenschichten entquellen- 
den Lebens", gründen. "W. Marseille (Wien) 

Vleugels, Wilbelm: Soziologie und Psychologie in der Massen- 
forschung. Zentralblatt für Psychotherapie, Bd. V, 19^2, S. i3 ff. 

Der bekannte Soziologe, der 1923 einen bemerkenswerten Aufsatz zur psycho- 
analytischen Theorie veröffentlichte, gibt in der vorliegenden Arbeit weitere 



43o 



jespred 



Beiträge zum Verständnis des Wesens und der Wirkung der Masse. Sowohl H" 
eigenen Darlegungen, in denen er dies ausdrücklich erklärt, wie die kluge und 
maßvolle Polemik zeigen, wie fruchtbar die psychoanalytische Betrachtungswei 
für den Autor geworden ist. Er spricht uns aus dem Herzen und aus dem Hirn 
wenn er Geiger gegenüber darauf hinweist, daß die prinzipielle Einsicht i ' 
das Wesen und die praktische Bedeutung der Sublimierungsprozesse, die in der 
soziologischen Literatur als so wichtig erkannt werden, vornehmlich Freud 
verdanken ist und fortfährt: „Daran wird grundsätzlich nichts geändert wenn 
man es vorzieht, solche Grundbegriffe der Psychoanalyse aus dem Gesamt- 
gefüge der psychoanalytischen Theorie herauszulösen. Tut man auch diesen 
Schritt, dann kann man zwar nicht mehr sozusagen im Namen der psycho- 
analytischen Theorie sprechen, man darf deswegen aber nicht verkennen daß 
man hier noch mit einem ihrer Werkzeuge arbeitet". Vleugels zeigt auch 
dort, wo eine weitgehende Übereinstimmung der Analyse mit den Ansichten 
der älteren Massenforschung zu konstatieren ist, wieviel tiefer die theoretische 
Begründung ist und daß die Bückführung der Phänomene der Massenpsyche 
auf die seelischen Grundtatsachen zu viel befriedigenderen Besultaten führt. 
Die Hilfsmittel der Freudschen Theorie bieten sich bei der Klärung des „psycho- 
logischen Tatbestandes Masse' als besonders glücklich dar, weil sie eine gleich- 
zeitig plastische und exakte Darstellung gestatten. 

Ist die Polemik gegen Geiger, Spann und andere Soziologen bemerkens- 
wert, so erweckt die gegen Bumke Bespekt durch die durchaus zutreffende 
und mutige Haltung gegenüber einem Anspruch autoritativer Vernünftigkeit. 
Der Widerspruch, der da zu Worte kommt, ist bescheiden und energisch, er 
ist vorurteilsfrei in einem schönen Sinne und läßt sich von pompösen wissen- 
schaftlichen Argumenten nicht einschüchtern. 

Nur in manchen Punkten gibt der Autor zu, von Bumke eine Bestätigung 
eigener Bedenken erfahren zu haben. So erscheint ihm auch ein Protest gegen 
die verschwenderische Anwendung der Sexualsymbolik in der Analyse besonders 
notwendig. Er schließt sich dem Schreckensruf des französischen Soziologen 
Achille Ouy an: „A quoi revent nos jeunes fillesf Auch wir wollen gerne 
in einen solchen Ruf einstimmen, der freilich eher Staunen als Schrecken aus- 
drücken würde. Die Analyse hat ja nachdrücklich behauptet, daß die Sexual- 
symbolik eine Ausdrucksweise des Unbewußten, des Traumes, des Wahnes usw. 
ist. Eine solche Besonderheit unbewußter gedanklicher Betätigung verträgt sich 
gut mit einer völlig verschiedenen Aktivität des Bewußten. TL. Reit (Haag) 

lerkes, Robert AI.: Genetic aspects of groommg, a socially 
important primate benaviour pattern. Journ. of soc. psycliology, 
Iv, 1, 1933. S. 3 — 2S. 

Die Säuberung (Lausen, grooming) bildet eine besonders bei den Schim- 
pansen und den kleineren Affen der alten Welt sehr verbreitete „soziale 
Tätigkeitsform. Als Grundtypus wird die Säuberung der Schimpansen ange- 
nommen und folgenderweise beschrieben: „ . . . die wesentlichen Züge sind 



Besprechung en 



43l 



visuelles Beobachten, Absuchen und Bearbeitung der Haut und Haare eines 
Kameraden mit Fingern und Lippen, Entfernen von Schmutz, Schorf, Para- 
den und anderen äußeren Gegenständen und deren Zuführung zum Mund 
des Säuberers; dessen Lippen, Zunge und Kinnladen können unterdessen be- 
wegt werden, begleitet von Lautproduktionen, als ob vorausgeahnt würde, 
daß es etwas zum Schlucken geben werde. Gewöhnlich folgt auch das Ver- 
schlucken, wenn nur der Gegenstand nicht unangenehm ist." In der Säube- 
rung entladen sich unverständlich starke Affekte; die beiden, die sich gegen- 
seitig säubern, stehen zueinander in einem Vertrauensverhältnis, der eine leistet 
einen Dienst für den anderen. 

Yerkes, der sich auf Köhler und Zuckerman beruft, sieht in dieser 
Tätigkeit eine eminent sozial-altruistisch eingestellte Gewohnheit und legt eben 
darum Gewicht auf die Erforschung ihrer Phylo- und Ontogenese. Er kommt 
zur Hypothese, daß die Säuberung hereditär verankert, eine „natürliche" und 
keine „kulturelle Tätigkeit sei, wenn auch Erfahrung bei ihrer Ausgestaltung 
mithelfen kann. Einst mußte, meint Y., diese Tätigkeitsform von besonderer 
Wichtigkeit gewesen sein. Sie könne mit sexueller Betätigung verknüpft sein, 
sei jedoch ihrem Ursprünge nach davon frei. Y. hat hier anscheinend nicht den 
erweiterten Freudschen Begriff der Sexualität vor Augen; er beruft sich zwar 
auf meine ältere Hypothese, das Lausen bedeute das (aktive und passive) 
Wiederbeleben des Mutter-Kind-Liebesverhältnisses, verknüpft sie aber nur 
äußerlich mit der Zuckermanschen Hypothese vom sexuellen Ursprung. Doch 
in der Verfolgung der Phylogenese findet er den Neuwelts-Brüllaffen Alouatta, 
bei dem das Säubern nur ein einziges Mal beobachtet wurde, und zwar das 
Säubern des Kindes von seiner Mutter. Auch in der Phylogenese könnte also, 
wie mir scheint, das Mutter -Kind -Verhältnis als auslösende, noch v unver- 
ständliche Situation angesehen werden. 

Für den Psychoanalytiker ist wohl die Frage von besonderem Interesse, 
ob die Säuberung auch beim Menschen zu beobachten sei. Y. gibt hier 
folgendes an: Der menschliche Säugling unter einem Jahr soll ein lebhaftes 
Interesse für Hautauswüchse, Hautkrusten, Wunden seiner Mitmenschen be- 
zeugen, und auch der normale Erwachsene der Kulturvölker zeigt unter un- 
gewöhnlichen Verhältnissen einen Impuls zur Bearbeitung der Haare und 
Haut eines intimen Freundes, z. B. bei Vorhandensein von Bläschen, Schabsei, 
kleinen Geschwüren. Der normale Säugling führt seinen Impuls aus, beim 
Erwachsenen wird der Impuls gehemmt. (Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: 
Ein sehr intelligenter und angesehener Herr beanspruchte fast täglich an der 
Kopfhaut gekratzt zu werden. — Das In-den-Mund-Nehmen der eigenen 
Nasensekretskruste u. dgl. ist möglicherweise eine „onanistische" Form der- 
selben Tätigkeitsgestalt.) Bei Naturvölkern gibt es sodann eine Gewohnheit 
des „Lausens . So beruft sich Y. auf den Bericht von A. L. Kroeber: 
»Lausen und Läuseessen ist als Kulturphänomen im primitiven Leben sehr 
verbreitet. Ich glaube, es ist immer mit Lustgefühlen verknüpft. Alle amerikanische 
Indianer, so weit mein Wissen reicht, folgen dieser Gepflogenheit." Malinowski 
gibt von den Trobriandern die folgende Beschreibung: „Sie beobachten gegen- 



43a 



Besprechungen 



seitig ihre Haare nach Läusen und essen diese, — eine Gewohnheit wel h 
uns Abscheu einflößt und schlecht zu passen scheint, wenn ein Mann e' 
Frau den Hof macht, die aber bei den Eingeborenen eine natürliche und h* 
liebte Beschäftigung zwischen zwei Liebenden und ein bevorzugter Zeitvertr 'h 
von Rindern ist." — J. Frank Stimson schreibt: „Diese Tätigkeit ist 
beobachten' zwischen zwei Personen nicht notwendig entgegengesetzten 
schlechtes. Sie wird nicht geübt zwischen Fremden, doch — wenn auch 
wohnlich zwischen Mitgliedern derselben Familie — erscheint sie auch zwische 
Freunden . . . Ich vermute, ohne dessen sicher zu sein, daß das Zwischen-di 
Zähne-Nehmen unter nahen Verwandten, das Zerdrücken zwischen den Nägel 
eher unter Freunden geübt wird." 

Yerkes befürwortet die Hypothese, Säuberung der Schimpansen und 
lausung bei den Primitiven seien funktionell dieselben Tätigkeiten, 
dieser Tätigkeitsgestalt aus wären folgende menschliche Tätigkeiten 
ständlich : 

a) Haarpflege, Hautputzen und Haarpflege durch Entfernen fremden Materials 

b) Entlausen, Auffinden und Zerstören der Ektoparasiten und Entfernen der 
störenden Unregelmäßigkeiten der Hautoberfläche. 

c) Wundbehandlung, Entfernen von Splittern usw. von der Oberfläche der 
Haut oder auch von tiefer her. 

Ich glaube mit der Hypothese, welche ich auf Grund der Zuckermanschen 
Beobachtungen entwickelt habe (Imago XIX, 1, 1935), in der Säuberung der 
Affen sei nicht nur das glückliche Mutter-Kind- Verhältnis, sondern auch die 
schmerzhafte Trennung von der Mutter dramatisiert, auch hier weiterkommen 
zu können. Die von Y. zusammengestellten, auf Entfernen tendierenden Tätig- 
keiten entwickeln, wie mir scheint, den Grundtypus der Säuberung von dieser 

Grundlage aus. I. Hermann (Budapest) 



Ent- 
Von 
ver-