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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre Grenzgebiete und Anwendungen XX 1934 Heft 1"

I M A G O 



XX. BAND 
1934 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE 

PSYCHOLOGIE, IHRE GRENZGEBIETE UND 

ANWENDUNGEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 
ERN5T KRIS UND ROBERT WÄLDER 



XX. BAND 
1934 



INTERNATIONALER 

PiSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG IN WIEN 



ALLE RECHTE, INSBESONDERE DIE 
DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN 



MANZSCHE BUCHDRUCKEREI, WIEN IX. 




I M A G O 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 

XX. Band 1934 Heft 1 



Übertragung und Liebe' 

Von 

Ludwig Jekels und Bdmund Bcrgicr 

Wien 

Die größten Schwierigkeiten liegen da, 
wo wir sie nicht suchen. Goethe 

I. Das Mirakel der Objektbesetzung 
„Die narzißtische oder Ich-Libido erscheint uns als das große Reservoir, aus 
welchem die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder ein- 
bezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als der in der ersten 
Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die späteren Aussendungen der 
Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist" 
(Freud).2 

Ein Sachverhalt, der eine Fülle von Fragen geradezu herausfordert. Denn 
daß das Ich zugunsten eines fremden Ichs von seiner Libido abgibt, sich 
dieser entäußert, ist alles andere denn eine Selbstverständlichkeit, die jegliches 
Fragen nach Ursachen entbehrlich macht; ist vielmehr ein Mirakel, das der 
Erklärung in höchstem Maße bedürftig erscheint. Warum tut dies das Ich? 
Von welchen Motiven ist es dabei getragen? Hat es — wie naheliegend — 
Vorteile dabei und welche? 

Es gibt unseres Wissens in der psychoanalytischen Literatur bloß einen ein- 
zigen direkten Hinweis auf dieses Rätsel. Er stammt von Freud, der in „Zur 
Einführung des Narzißmus" meint, das Ich greife zur Objektbesetzung, damit 
eine höhere Stauung der Libido im Ich, die unlustvoll empfunden werden 
könnte, vermieden werde. Ein energetischer Erklärungsversuch, dem gewiß 

i) Nach einem Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 
8. November 1933. 

2) Ges. Sehr,, Bd. V, S. 93. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". 



I 



Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 



Richtigkeit nicht abgesprochen werden kann. Unsere Untersuchung hat zum 
Zweck, darüber hinaus die psychologischen Motive zu erschHeßen, welche 
über das ansonsten mit so viel anspruchsloser Selbstverständlichkeit hingenom- 
mene Mirakel der Objektbesetzung irgendwie Licht breiten könnten. 

II. Das Geliebtwerdenwollen 
Vorerst ein klinisches, bereits anderen Ortes^ angeführtes Beispiel, das wir 
wegen seiner Plastizität hier wiederholen. 

Es handelt sich um den Fall einer etwa 40jährigen verheirateten Frau, die, nach- 
dem sie in der letzten Ordination dem Analytiker ein für sie sehr schwerwiegendes, 
weil ihre moralische Persönlichkeit arg belastendes Geständnis abgelegt hatte, in der 
darauffolgenden Sitzung schluchzend dem Arzt berichtet: „Ich habe gestern abends 
das Gefühl gehabt, daß Sie mich verlassen haben", wenige Minuten später: „Ich 
hatte gestern abends das Gefühl: ich habe Sie gar nicht mehr, ich weiß nicht, wo 
Sie sind, ich bin zu schlecht für Sie." 

Wir zweifeln gar nicht daran, daß jeder erfahrene Analytiker solche Bei- 
spiele im Überfluß kennt, so daß sich weitere vollends erübrigen. Auch dar- 
über, wie dieses Verhalten der Patientin aufzufassen und auszulegen sei, kann 
kein Zweifel obwalten: Die Angst hat hier zum Inhalt, die Patientin könnte 
von ihrem Analytiker verlassen, von ihrem Über-Ich getrennt sein. Diese 
Angst, von seinem Über-Ich getrennt zu sein, wird ja im übrigen vollkommen 
richtig in der Psychoanalyse als Angst vor dem drohenden Liebesverlust auf- 
gefaßt. Der Vorbeugung dieser Angst vor dem Liebesverlust dient ja auch 
zweifelsohne die narzißtische Identifizierung mit dem Analytiker, wie 
dies einer der Autoren in seiner Arbeit über das Plagiat bereits hervorgehoben 
hat.* Von der Beobachtung ausgehend, wie oft ein Patient die Ansichten des 
Arztes fast wörtlich wiederholt ohne jegliche Erinnerung an die Quelle, aus 
der sie stammen, faßt er dieses unbewußte Plagiat in der Analyse, diese Iden- 
tifizierung als Angstabwehr, d.h. als ein Geliebtwerdenwollen auf, das 
eigentlich auf die Formel zu bringen sei: „Ich bin wie du, und da du dich 
liebst, mußt du auch mich lieben." 

Aber über diese Auffassung als Angst vor Liebesverlust hinaus muß uns auch 
noch der Umstand auffallen, daß diese Angst fast immer und unzweideutig 
ihren Ausdruck findet in der Vorstellung eines räumlichen Getrennt- 
seins. Es bedarf kaum einer genaueren Beobachtung, um dies festzustellen. 
Dieser Tatbestand verdient unsere Aufmerksamkeit um so mehr, als ja schon 
Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" die Angst als Reaktion auf 
einen Verlust, auf eine Trennung bezeichnet. 

3) Jekels, „Das Schuldgefühl", Psychoanalytische Bewegung, IV, 1932, S. 34J ff. 

4) Bergler, „Das Plagiat", Psychoanalytische Bewegung, IV, 1932. Siehe die fünfzehnte 
und sechzehnte unbewußte Plagiatform, S. 4i4f. 



J 



Nicht minder aber hat nach Freud die Säuglings- und Kleinkinderangst zur 
einzigen Bedingung das Vermissen des Objektes. Und zwar ist dieses Objekt, 
dem die Sehnsucht gilt und dessen Nichtdasein die Angst hervorruft, den 
geltenden Ansichten zufolge die geliebte und ersehnte Mutter, bzw. deren 
Ersatz. Und zwar soll ihr Vermissen vom Kinde aus einem ökonomischen 
Grunde, nämlich infolge Anwachsens der Bedürfnisspannung — weil Reiz- 
größen eine unlustvolle Höhe erreicht haben — empfunden werden. Diese in 
ihrer Richtigkeit nicht anzweifelbare Erklärung hat zur Voraussetzung die 
Erfahrung, daß ein äußeres durch Wahrnehmung erfaßbares Objekt der ge- 
fahrdrohenden Situation ein Ende machen kann; dem Vermissen dieses Ob- 
jektes gelte nun die Angst als Signal der Gefahr. 

In diesem summarischen Erklärungsversuch („Erfahrung") ist uns, unserer 
Ansicht zufolge, ein Rahmen gegeben, dessen detaillierte Ausarbeitung wir 
hier versuchen wollen. Vor allem gedenken wir den oben als Erfahrung be- 
zeichneten seelischen Tatbestand gleichsam unter die Zeitlupe zu nehmen und 
hoffen, durch minutiöse Betrachtung die Objektbeziehung in ihren Uranfän- 
gen zu erfassen. Wobei sich uns, wie hier peremptorisch bereits mitgeteilt 
werden soll, der Schluß ergibt, die räumliche Trennung als Ausdruck der 
Angst entstamme — weit über die objektlibidinöse Beziehung zur Mutter 
hinaus — zutiefst dem Gefühl der bedrohten narzißtischen Ein- 
heit. 

Für den Erweis dieses Sachverhaltes soll uns der Umstand als Wegweiser 
dienen, daß doch nach den herrschenden psychoanalytischen Ansichten das 
Schuldgefühl und die Angst dem Nichtgeliebtwerden vom Über-Ich, resp. der 
Angst vor Liebesverlust gelten. Was uns unvermittelt zum Problem der Liebe 
führt. Um aber dieses Phänomen in seiner ganzen psychologischen Wesenheit 
durchleuchten zu können, erscheint es uns unerläßlich, uns vorerst dem Pro- 
blem des Über-Ichs zuzuwenden. 

in. Die Entwicklung des Über-Ichs 
In dem Bedeutungswandel, den der Begriff des Über-Ichs im Laufe der Zeit 
erlitt, spiegelt sich klar der Entwicklungsgang der Freudschen Triebpsycho- 
logie. Denn diese „Stufe im Ich" wurde zu einer Zeit entdeckt, wo die Libido 
schon deshalb im Vorder gründe stand, weil in der damaligen Triebantithese: 
Sexual- und Ich-Triebe, sie allein ein bekannter Faktor war, der zweite aber, 
eben die Ich-Triebe, noch in keinerlei Weise bestimmbar erschien. Damals 
hieß diese Differenzierung im Ich Ich-Ideal; seine Wesenheit aber wurde 
folgendermaßen gezeichnet: „Er (der Mensch) will die narzißtische Vollkom- 
menheit seiner Kindheit nicht entbehren und wenn er diese nicht festhalten 
konnte . . . sucht er sie in der neuen Form des Ich-Ideals wieder zu gewinnen." 



Ludwig Jekels u. Edmund Bergler: 



(„Zur Einführung des Narzißmus.") Sieben Jahre später wird es indessen be- 
reits als „Summe aller Einschränkungen, denen das Ich sich fügen soll", auf- 
gefaßt („Massenpsychologie und Ich- Analyse"). Seit der Ersetzung jenes Trieb- 
gegensatzes durch die Antithese: Eros und Thanatos, und in dem Maße, als im 
allgemeinen die Bedeutsamkeit der Aggression an Würdigung zunahm, 
verschob sich zu ihren Gunsten auch die Anschauung über Inhalt und Cha- 
rakter der nunmehr als „Über-Ich" benannten Instanz bis zu der jetzt gelten- 
den Ausschließlichkeit: „Das Über-Ich scheint in einseitiger Auswahl nur die 
Härte und Strenge der Eltern, ihre verbietende und strafende Funktion auf- 
gegriffen zu haben, während deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme und 
Fortsetzung findet" (Neue Folge der Vorlesungen, S. 88). Zugleich behielt je- 
doch dies Über-Ich auch den Charakter oder die Funktion des früheren Ich- 
Ideals: „Es ist auch der Träger des Ich-Ideals, an dem das Ich sich mißt, dem 
es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weitergehende Vervollkommnung 
es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel, dieses Ich-Ideal ist der Niederschlag 
der alten Elternvorstellung, der Ausdruck der Bewunderung jener Vollkom- 
menheit, die das Kind ihnen damals zuschrieb" (Neue Folge, S. 91). 

Trotz dieser deutlichen Hinweise herrscht, wie eine Umschau in der 
Literatur uns belehrt, ziemliche Verwirrung. Und wir sind nicht die einzigen, 
die diesen Eindruck hier davontragen. So z.B. Nunberg: „"Wenn ferner 
das Ich-Ideal ein Abbild der geliebten Objekte im Ich sein soll und das Über- 
Ich ein solches der gehaßten und gefürchteten, wie kommt es, daß diese beiden 
Begriffe verwechselt wurden und der eine für den andern gebraucht wird?" 
(H. Nunberg, Allgemeine Neurosenlehre, Bern 1932, S. 124). 

Nun vermeinen wir aber, daß unter dem hier von uns anzuwendenden 
Aspekt des Kampfes von Eros und Thanatos diese zweifellos richtige 
Anschauung Freuds über das Über-Ich speziell durch präzise Erfassung der 
Details, besonders der Beziehung von Über-Ich und Ich-Ideal an Klarheit und 
Schärfe noch bedeutend gewinnt. 

Wir fassen nämlich das Ich-Ideal etwa wie eine zwischen zwei Nachbar- 
ländern befindliche .neutralisierte Zone' auf. Wir meinen weiters, daß 
ebenso wie im Kriegsfalle alle Anstrengungen der beiden kriegführenden Par- 
teien vorerst der Besetzung dieses indifferenten Landstriches gelten, so auch 
hier der Besitz des Ich-Ideals das ureigentliche Ziel und Objekt 
des hin- und herwogenden Kampfes der beiden großen Gegner, 
Eros und Thanatos, ist. Diese Auffassung vom an und für sich neutralen 
Charakter des Ich-Ideals ist aber das Ergebnis der nachstehenden Über- 
legung über die Entwicklung des Ich-Ideals. 

Danach ist diese Entwicklung eine sehr allmähliche und geht über eine 
ganze Reihe von Vorstufen. In jedem Stadium dieser Entwicklung glauben 



I 



Übertragung und Liebe 



wir aber die beiden Grundtriebe am "Werke. Und unter diesem Gesichtswinkel 
kann man in starker Schematisierung füglich von zwei Wurzeln der Ich- 
Ideal-Bildung sprechen. Eine derselben besteht in dem Versuch des Ichs, 
die gegen das Ich gerichtete Aggression des Todestriebes auf Ob- 
jekte abzuleiten, wodurch diese schreckhaft werden; sohin in einem Ver- 
tauschen einer inneren gegen eine projizierte äußere Gefahr; ein mißlungener 
Versuch. 

Diese Leistung des Destruktionstriebes wird vom Eros pariert durch Auf- 
nahme dieser angsterregenden Objekte ins Ich, wo sie Gegenstand des eigenen 
Narzißmus werden. 

Als zweite Wurzel wäre folgender Vorgang anzusehen: Das Allmachts- 
gefühl des Kindes wird durch die realen Anforderungen, wie Stillintervalle, 
Reinlichkeitserziehung usw., kurz durch die Forderung der Außenwelt, stark 
erschüttert. Nach einer Reihe von mißlungenen Restitutionsversuchen findet 
sich das Kind vor der Alternative, entweder auf sein Allmachtsgefühl zu ver- 
zichten oder es, selbst um den Preis eines Kompromisses, aufrechtzu- 
erhalten. Als ein solches Kompromiß stellt sich der von Freud wie folgt ge- 
schilderte Vorgang dar: 

„Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich aufgerichtet . . . Diesem 
Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich 
genoß. Der Narzißmus erscheint auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches 
sich wie das infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten befindet. 
Der Mensch hat sich hier, wie jedesmal auf dem Gebiete der Libido, unfähig 
erwiesen, auf diese einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die 
narzißtische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er 
diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während seiner Entwick- 
lungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt, sucht er sie in der neuen Form 
des Ich-Ideals wieder zu gewinnen." („Zur Einführung des Narzißmus", Ges. 
Sehr., Bd. VI, S. 178.) 

Gelänge dem Eros diese Abwehr des Thanatos durch Aufrichtung des Ich- 
Ideals, so wäre dieses ausschheßlich Stätte der Liebe, die es in Wirklichkeit 
nicht ist. Denn der Thanatos gibt sich nicht geschlagen, macht vielmehr diese 
Waffe, die sich Eros geschliffen hat, schartig. Beruht doch bekanntlich die 
Idealbildung auf Identifizierungen, die sehr früh beginnen und auf allen Or- 
ganisationsstufen feststellbar sind. Nun wissen wir aber zur Genüge, daß mit 
jeder Identifizierung eine Desexualisierung einhergeht. 

Das Problem der Desexualisierung, die sohin als Werk des Thanatos 
aufzufassen ist, ist ein bisnun nur wenig betretenes Gebiet der Psychoanalyse; 
es sei uns gestattet, dieses Phänomen zu streifen. Der Begriff der Desexuali- 
sierung wird meistens dem der Sublimierung völlig gleichgesetzt. Zu Unrecht, 



Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 



wie wir meinen. Denn die Desexualisierung ist der umfassendere Begriff und 
die Sublimierung bloß ein Spezialfall der Desexualisierung. Diese stellen wir 
uns aber vor als einen kontinuierlichen, der Libido wie ihr Schatten folgenden, 
d. h. auf allen ihren Entwicklungsstufen vor sich gehenden Prozeß. Unter 
denj Einflüsse des Destruktionstriebes ist das Ich vor allem schon auf den prä- 
genitalen Stufen bemüht, die oralen, analen und urethralen Funktionen von 
der sexuellen Beimischung zu befreien und in reine Ich-Funktionen — Nah- 
rungsaufnahme, Entfernung von Körperschlacken des intestinalen und uro- 
poetischen Systems — zu verwandeln. Schon hier, wie wir wissen, bloß mit 
teilweisem Erfolg, der dem Ich auf der phallisch-genitalen Stufe aber gänzlich 
versagt bleibt. Was wohl begreiflich erscheint, wenn wir bedenken, daß das 
Genitale keine Ich-Funktion besitzt und bloß der sexuellen dient. Und so 
würde denn die DesexuaHsierung hier — wie es die Latenzzeit, in der sie tat- 
sächlich stattfindet, zur Evidenz beweist — einem Auslöschen der Sexualität 
überhaupt gleichkommen, wäre ein Ausschütten des Kindes mit dem Bade. 

Bekanntlich führt ja die Neurose zum entgegengesetzten Ergebnis; ihr Er- 
folg besteht ja gerade in der Sexualisierung der Ich-Funktionen. Was aber die 
phallisch-genitale Phase anlangt, so wird die normaliter nach Ablauf der Latenz- 
zeit stattfindende Sexualisierung durch den neurotischen Prozeß einer neuer- 
lichen Desexualisierung unterworfen (Impotenz, Frigidität). 

Einen vollen Erfolg seiner Bemühungen zu desexualisieren hat das Ich erst 
nach der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes zu verzeichnen. 
Und zwar aus dem bereits erwähnten Grunde, weil die Desexualisierung hier 
das ureigenste und ausschließHch ihr dienende Organ der Sexualität betrifft. 
Weiters aber vielleicht auch deshalb, weil nach so vielen mißlungenen Ver- 
suchen ein zeitweises, gleichsam resigniertes Nachlassen in den Bestrebungen, 
die Libido direkt zu befriedigen, eintreten dürfte. 

All die voranstehenden Ausführungen, besonders aber der Hinweis auf 
die Entstehungsgeschichte des Ich-Ideals, seine Ableitung aus dem Identifi- 
zierungsvorgang und der mit ihm verbundene Desexualisierung, sollten als 
Stütze für unsere Auffassung des Ich-Ideals als einer neutralen Zone dienen. 
Da werden wir aber gewahr, daß wir sowohl durch diese Behauptung, als auch 
mit der zu ihrem Erweis angeführten Argumentation sichtlich in die unmittel- 
barste Nähe eines von Freud bereits aufgerollten Problems geraten sind, was 
— wie wir alsbald sehen sollen — unserer Ansicht eine allgemeinere und höhere 
Bedeutung zu verleihen scheint. 

Wir haben dabei im Auge jene viel erörterte und mannigfach kommentierte 
Stelle in „Ich und Es" im Anschlüsse an den hypothetischen Versuch einer Er- 
klärung der direkten, d.h. vom Benehmen des Objektes unabhängigen Ver- 
wandlung von Affekten in ihr materielles Gegenteil. So von Liebe in Haß, 



wie in Fällen von Par moia persecutoria, oder auch von Haß in Liebe, wie dies 
bei manchen Fällen von Homosexualität zutrifft, in denen der Liebe ur- 
sprünglich feindselige Rivalität vorausgegangen Ist. Eine solche direkte Ver- 
wandlung der Affekte, meint Freud, stelle die Unterscheidung der beiden 
Triebarten sehr in Frage, ja stoße sie sogar um, da doch diese Unterscheidung 
auf der Annahme „entgegengesetzt laufender physiologischer Vorgänge" basiert 
sei. Indessen gebe es noch eine andere Erklärungsmöglichkeit für dieses 
Phänomen der Affektverwandlung, wonach diese der Statuierung der beiden 
Triebarten keineswegs widerspricht und sie auf keinerlei Weise tangiert. Näm- 
lich, soferne man der Auffassung Raum gibt, daß dieser Affektverwandlung 
lediglich ein ökonomisches Motiv zugrunde liegt, d. h. daß sie ausschließlich 
durch die Rücksicht auf günstigere Abfuhrmöglichkeiten verursacht sei. Frei- 
lich stütze sich, meint Freud weiter, dieser Erklärungsversuch nicht etwa auf 
einen Beweis und bloß auf eine Annahme, nämlich „als gäbe es im Seelenleben 
— unentschieden, ob im Ich oder Es — , eine verschiebbare Energie, die 
an sich indifferent, zu einer qualitativ differenzierten eroti- 
schen oder destruktiven Regung hinzutreten und deren Gesamt- 
besetzung erhöhen kann.^ Ohne diese Annahme einer solchen verschieb- 
baren Energie kommen wir überhaupt nicht aus. Es fragt sich nur, woher 
sie stammt, wem sie zugehört und was sie bedeutet." 

Soweit Freud. Wir aber glauben seine Hypothese wesentlich zu stützen, 
ihr vielleicht Beweiskraft zu verleihen, indem wir auf Grund unserer obigen 
Ausführungen eben auf das Ich-Ideal als auf diese von Freud postu- 
lierte verschiebbare, indifferente Energie verweisen. Und wir er- 
warten hiebei um so weniger einen Widerspruch, als ja dem Ich-Ideal ganz 
gewiß jene Merkmale eignen, die Freud für jene indifferente Energie in 
Anspruch nimmt, nämhch, daß sie dem narzißtischen Libidovorrat entstamme 
und desexualisierter Eros sei. 

Verhehlen wir uns indessen nicht, daß hier anscheinend ein Widerspruch 
vorliegt; denn Narzißmus und Indifferenz sind nicht leicht miteinander zu 
vereinigen. Dieser Widerspruch verliert indessen viel von seiner Schärfe, wenn 
man eingedenk ist dessen, daß dieser Eros hier einer Desexualisierung unter- 
lag. Was dabei von ihm noch übrigblieb, ist seinem Schatten bloß vergleich- 
bar. Eher könnte man davon sprechen, daß ihm eine Nuance des Todestriebes 
anhafte, wo doch schon die Desexualisierung ein Werk des Thanatos ist; 
weiters aber waren ja die Introjizierten Personen schreckhaft bis zum Ein- 
greifen des Eros, der diese Schreckhaftigkeit allerdings sehr gemildert hat. 
Alles in allem aber präsentiert sich das Ich-Ideal als eine inhomogene und 

5) Von uns gesperrt. 



12 Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 

daher recht unvollkommene Institution; eine kaum gelungene Legierung 
zweier ungleichwertiger Substanzen, nämlich des äußerst resistenten, ja kaum 
überwindbaren ursprünglichen Narzißmus mit den Imagines der introjizierten 
Personen, denen man auch nicht annähernd die gleiche Resistenzfähigkeit bei- 
messen kann. 

Was Wunder, daß angesichts dieser Beschaffenheit des Ich-Ideals die beiden 
Triebe es nicht schwer haben, sich dieser Energie jeweils zu bemächtigen, die 
derart wechselnde Beute bald des einen, bald des anderen wird, je 
nach Übergewicht, um dann die Farben — man denkt unwillkürlich an 
Schwarz und Rot — des jeweiligen Siegers zu tragen. Ähnlich den 
Helden Homers, die im Hades zu neuem Leben erwachen, nachdem sie Blut 
getrunken, kann auch dieser Schatten, der desexualisierte Eros, durch Hinzutritt 
der Energie eines der beiden Triebe neu belebt werden. 

Dieses wechselnde Spiel der Triebe läßt uns verstehen, daß das Über-Ich 
nach Freud ein Doppelantlitz trägt, das er durch die beiden Formeln 
charakterisiert hat: „Du sollst" und „Du darfst nicht". Beide Strömun- 
gen sind, wie wir sehen, triebpsychologisch und genetisch ver- 
schieden. Das „Du sollst" entspricht dem eben skizzierten Ich-Ideal. 
Anders das „Du darfst nicht". Es verdankt seine Genese der gegen 
das Ich gerichteten Aggression des Thanatos, die das Ich um jeden 
Preis auf Objekte abzuführen bemüht ist, damit es der Vernichtung nicht selbst 
anheimfalle. Doch kann diese Abfuhr bloß in geringem Maße gelingen, schon 
wegen der Ohnmacht des Kindes, das doch keine wesentlichen Aggressionen in 
die Tat umsetzen kann. Die Unvereinbarkeit der Selbstaggression mit der 
narzißtischen Position des Ichs bringt eine Projektion dieser Aggression mit 
sich, derart, daß sie als von außen kommend, als äußere Bedrohung, empfun- 
den wird. Indessen werden aber, wie bereits erwähnt, diese ursprünglich als 
bedrohlich empfundenen Personen später ins Ich-Ideal aufgenommen, was eine 
gründliche Wandlung in der Bewertung ihrer Bedrohlichkeit zur Folge hat. 
Sind sie doch dort Gegenstand des Narzißmus geworden, und muß daher die 
ihnen geltende Aggression des Ichs notwendigerweise sehr herabgesetzt und 
gemildert sein, da sie doch in gewissem Sinne zur Selbstaggression würde. 
Dies hat eine Stauung der Aggression zur Folge, damit die Gefahr der Wen- 
dung gegen das eigene Ich, welche Gefahr durch Angst signalisiert wird. 

Diese Ableitung des zweiten Inhalts des Über-Ichs, in der der Nach- 
druck auf die Intensität des Todestriebes und seine Tendenz gelegt 
erscheint, dagegen seine Bedingtheit durch das Objekt und seine Verknüpfung 
mit diesem als recht lose gedacht wird, wird durch einen Sachverhalt wesent- 
lich gestützt, auf dessen Auffälligkeit bereits wiederholt hingewiesen wurde. 
Nämlich, daß die Strenge des Über-Ichs verhältnismäßig selten von der real 



Übertragung und Liebe 13 



erlebten Strenge der Eltern ableitbar ist, vielmehr meist ein Mißverhältnis, ja 
recht oft sogar ein Gegensatz zwischen beiden feststellbar ist. Denn das 
Entscheidende scheint uns hier das Vorhandensein einer größeren, dem Es 
entströmenden Triebenergie, die in ihrer Abfuhr auf Objekte behindert ist. 
Diese letztlich gegen das eigene Ich gewendete Aggression des Todestriebes 
findet in der Mythologie und den Religionen der Antike ihre Spiegelung als 
Dämon, und wir wollen zwecks bequemer Handhabung auch hier für sie 
diese Bezeichnung verwenden. Darnach verstehen wir unter Dämon den 
angsterregenden „Du darfst nicht"-Anteil im Über-Ich. 

Den Bestrebungen des Dämons kommt die Inhomogenität des Ich- 
Ideals außerordentlich entgegen. Sie ermöglicht es vor allem dem Dämon, 
sich vorerst des Ich-Ideals und seiner indifferenten Energie, gleichsam 
als eines stummen Modells, zu bedienen, das dem eingeschüchter- 
ten Ich stets vorgehalten und derart zur Quelle von Schuld- 
gefühlen wird. Und so kommt es, daß sich die ins Ich-Ideal aufgenomme- 
nen Personen als sehr unsichere Bundesgenossen des Ichs erweisen. Fallen sie 
doch dem Ich gleichsam in den Rücken und werden indirekt zu Helfern des 
Thanatos schon durch den bloßen Umstand, daß sie die Aggression des Ichs 
dämpfen und selbst voller Widersprüche sind — offenbar ein Nachklang der 
Inkonsequenz jeder Erziehung. Nur so kann es kommen, daß der Dämon 
an das Ich die konträrsten und daher völlig unerfüllbaren Bedingungen 
stellen kann. Einerseits ist er gegen jede Objektbesetzung, weil diese Abfuhr 
von Aggression das Ich erleichtert. Anderseits drängt der Dämon das Ich 
zur Objektbesetzung, indem er ihm ständig das „stumme Modell" des Ich- 
Ideals vorhält, das doch auch ein Residuum von Objekten ist. Endlich richtet 
sich aber der Dämon auch gegen den selbstgenügsamen Narzißmus als Äuße- 
rung des Eros. 

Durch Verwendung des Ich-Ideals für seine Zwecke mobilisiert der 
Dämon den Eros gegen den — Eros, schlägt ihn gleichsam mit eigenen 
Waffen und macht derart die Absichten des Eros, die dieser bei der Aufrich- 
tung des Ich-Ideals verfolgte, zunichte. 

Keine Rede indessen von einer endgültigen Niederlage des Eros, der unab- 
lässig bemüht ist, die Vorstöße des Thanatos aufzufangen, sie zu parieren, 
und das Ich-Ideal aus seiner Indifferenz zu bringen. Die gegen das Ich sich 
richtende Aggression — uranfänglich in gar keiner Beziehung zu den Objekten 
der Außenwelt — wird im Wege der Projektion als von der Außenwelt kom- 
mend empfunden, und zwar zur Schonung des bedrohten Narzißmus. Denn 
selbst das Strafbedürfnis" kann auch als eine Prävenire aufgefaßt werden, dessen 



6) Es sei auf die grotesken Verrenkungen verwiesen, welcher das in die Enge getriebene 
Ich fähig ist, nur um ein Stück ursprünglich ihm geltender Aggression nach außen abzu- 



14 Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 

Motiv gleichfalls in der Tendenz zur narzißtischen Intaktheit zu suchen ist. 
Vielleicht ist dies der wahre Sinn von Nietzsches Auffassung des Schuld- 
gefühls: Machtwille gegen die eigene Ohnmacht. 

"Während aber diese Vorgänge sich als Schutz-, somit bloße Abwehrmaß- 
nahmen des Eros darstellen, ist ihm die Möglichkeit eines vollen Triumphes 
erst eingeräumt, wenn es ihm gelingt, die Strafe zu erotisieren, sie zur Quelle 
masochistischer Lust zu gestalten.'' So ist der Masochismus ein Triumph des 
Eros, aber gewiß kein vereinzelter. Denn, worauf einer der Autoren bereits 
in einer früheren Arbeit über das Schuldgefühl^ verwiesen hat, ist das Schuld- 
gefühl nicht allein Folge, sondern auch zugleich ein Antrieb für neuerliche 
Erosbestrebungen in dessen Kampfe mit dem Todestrieb, daß er es zustande 
bringt, nicht allein die Aggression zu bändigen, sondern sich sogar ihrer dann 
als Vorspann für seine Zwecke zu bedienen. 

Aber selbst vor dem Angriff schreckt das bedrängte Ich in diesem seinem 
verzweifelten Verteidigungskampfe nicht zurück. An Äußerungen dieser An- 
griffstaktik des in diesem Kampfe gewöhnlich als allzu passiv vorgestellten 
Ichs mangelt es wahrlich nicht. Es sei hier bloß auf den Witz, die Komödie,* 
den Humor — wie eine in Vorbereitung befindliche Arbeit der Autoren nach- 
weisen soll — und last not least auf die — Manie verwiesen. Ihrem Wesen nach 
sind es ja nichts anderes denn mehr oder weniger verhüllte — ja, wie in der 
Manie, sogar überdeutliche — Durchbrüche der Aggression des Ichs gegen 
das Ich-Ideal. Ihrem Sinne nach aber bedeuten sie Versuche, dem 
Dämon sein Werkzeug zu entwinden, mit welchem er dem Ich die 
Qualen bereitet. Hier wird gegen die Aggression des Dämons vom 
narzißtischen Ich ebenfalls die Aggression mobilisiert; der 
Dämon soll mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden. Die Aggression 

führen. Etwa der Fall, wo die Abfuhr der Aggression vom Dämon zugestanden wird unter 
der Bedingung des Bestraftwerdens des Ichs durch das — Objekt. Eine der wenigen Kon- 
zessionen des Dämons ist also, daß er die Exekution nicht selbst ausführt, sondern diese dem 
Objekt („Liebesobjekt"?) überläßt. Oder wenn Ausleben der Aggression und Erreichen der 
Bestrafung in zwei zeitlich getrennte Akte zerlegt wird (zweizeitiges Symptom in der 
Zwangsneurose). Darnach ist nicht allein die Genese des Über-Ichs, sondern auch seine 
Strenge in dem Umstände zu suchen, daß die Abfuhr der Aggression nach außen durch Pro- 
jektion aus den oben angeführten Gründen mißlingt. Eine gelungene Aggressionsableitung 
erhöht den Narzißmus des Ichs und verleiht dem Eros vorübergehend Übergewicht, eine miß- 
lungene Aggressionsableitung verstärkt automatisch den gegen das Ich wütenden Thanatos. 

7) Hier befinden wir uns in voller Obereinstimmung mit L. Eideiberg, der, von anderen 
Gesichtspunkten ausgehend, in seiner Arbeit über „Masochismus" für eine Gruppe dieser 
Perversen nachgewiesen hat, daß sie ihre Niederlagen auf kompliziertem Umwege selbst 
herbeiführen. Nach Eideibergs sehr ansprechender Behauptung ist hier zur Bedingung 
gemacht, daß die Niederlage selbst bereitet werde, wodurch der unbewußte Größenwahn 
befriedigt wird. 

8) L. Jekels, „Das Schuldgefühl", Psychoanalyt. Bewegung, IV, 1932, S. 34J ff. 

9) Siehe: L. Jekels, „Psychologie der Komödie", Imago, XII, 1926, S. 328 ff. 



Übertragung und Liebe 15 



erscheint hier in den Dienst des Eros gestellt; das restlose Gegen- 
stück zur Verwendung des Ich-Ideals durch den Dämon. Dort Eros gegen 
Eros, hier Thanatos gegen Thanatos; welch volle Vergeltung! 

IV. Liebe und Schuldgefühl m N ■ 

Die Liebe ist ein bis heute eigentlich ungelöstes psychologisches Problem. 
Und dies, wiewohl bereits von alters her in unzähligen Untersuchungen, 
Studien und Essays diesbezüghche Bemühungen vorliegen. Man muß, um zu 
dieser Ansicht über die Sachlage zu gelangen, nicht einmal den Pessimismus 
Schoppenhauers teilen, der in seiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe" 
sagt: 

„Man sollte . . . sich darüber wundern, daß eine Sache, welche im Menschenleben 
durchwegs eine so bedeutende Rolle spielt, von den Philosophen so gut wie gar nicht 
in Betracht genommen ist und als ein unbearbeiteter Stoff vorliegt. "Wer sich noch 
am meisten damit abgegeben hat, ist Pia ton, besonders im ,Gastmahl' und im 
,Phädros', was er jedoch darüber vorbringt, hält sich im Gebiet der Mythen, 
Fabeln und Scherze, betrifft auch größtenteils nur die griechische Knabenliebe. Das 
wenige, was Rousseau im Discours sur l'inegalite über unser Thema sagt, ist falsch 
und ungenügend. Kants Erörterung des Gegenstandes, im dritten Abschnitt der 
Abhandlung ,Über das Gefühl des Schönen und Erhabenen', ist sehr oberflächlich 
und ohne Sachkenntnis, daher zum Teil auch unrichtig." 

Aber hören wir, was ein moderner nichtanalytischer Autor — M. Rosen- 
thal — meint: 

„Die zum Teil tief unter der Oberfläche sich hinziehenden geistigen Strömungen 
zu ermitteln, welche den Entwicklungsgang der Geschlechtsliebe von ihren Ur- 
sprüngen bis zur modern-idealen Auffassung bestimmt haben ... ist eine schwierige 
und bisher ungelöste Aufgabe" („Die Liebe, ihr Wesen und "Wert"). 

In der Psychoanalyse ist dasjenige, was am weitesten gehend, zusammen- 
fassend und aufklärend über das Problem der Liebe ausgesagt wurde, wieder 
Freud zu danken. Seiner Publikation über „Triebe und Triebschicksale" 
entnehmen wir die Auffassung, wonach die von prägenitaler Libido getrage- 
nen Beziehungen des Ichs zu den Objekten höchstens als Vorstufen der Liebe, 
keineswegs aber bereits als Liebe aufzufassen sind. Dies gelte nicht allein von 
den Objektbeziehungen der oralen, sondern vor allem und in ungleich höherem 
Ausmaß von jenen der anal-sadistischen Stufe, die sogar vom Haß kaum zu 
unterscheiden sind, wogegen von Liebe erst dann gesprochen werden könne, 
wenn die Relation des Gesamt-Ichs zu den Objekten aus der bereits her- 
gestellten Genitalorganisation der Libido schöpft; sie ist an die Genitalorgani- 
sation unlöslich geknüpft, werde durch diese bedingt und zum Gegensatz 
von Haß gestaltet. 



Das alles sind nicht nur gesicherte, sondern überhaupt kaum mehr zu er- 
schütternde Funde, denen heute der Wert von analytischen Axiomen beige- 
messen werden kann. Der Zweifel kann hier lediglich an der Vollständigkeit 
dieser Erklärung angreifen. Zumal er sich ja sehr wohl darauf stützen kann, 
daß zur Zeit jenes Freudschen Versuches die beiden vielleicht größten seiner 
Konzeptionen noch nicht vorlagen, vor allem die Auffassung von den beiden 
das Seelische beherrschenden Mächten Eros und Thanatos, aber ebenso- 
wenig die metapsychologische Strukturierung der Persönlichkeit 
bekannt waren. 

Wir haben bei Besprechung des Über-Ichs den Kampf der beiden Ur- 
triebe skizziert und meinen, daß auch die Liebe der Ausdruck dieses 
Kampfes ist. Denn auch hier handelt es sich darum, den Dämon zu ent- 
waffnen, indem man ihm das Quälinstrument — das Ich-Ideal — 
entwindet, und die indifferente Energie des Ich-Ideals der erotischen Stre- 
bung hinzugesellt. Daher die oft frappierende Ähnlichkeit der Liebe in ihrem 
akuten Stadium mit der gehobenen Stimmung des Manischen und ihre 
zweifellose psychologische Verwandtschaft. Bloß, daß hiebei eine andere 
Methode zur Entwaffnung des Dämons zur Verwendung gelangt: denn wo 
bei der Manie dem Dämon die Waffe durch Aggression entwunden wurde, 
wird er bei der Liebe dadurch machtlos gemacht, daß das Ich-Ideal auf das 
Objekt projiziert wird. Denn diese Situation bedeutet den stets er- 
sehnten Idealzustand: daß zwischen Ich und Ich-Ideal keinerlei Spannung be- 
steht. Schicken wir voraus, daß nach unserer Ansicht die Suche nach Liebe 
eine ein gewisses Ausmaß übersteigende Spannung zwischen Ich und Ich- 
Ideal zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Die Liebe hat für das 
Ich die Bedeutung und den Wert eines „unwiderleglichen" Beweises, daß dieser 
unerträgliche Zustand, die Spannung zwischen dem Ich und Ich-Ideal, nicht 
existiert. Sohin könnte man auch die Liebe als einen — allerdings im Gegen- 
satz zur Manie geglückten — Verleugnungsversuch auffassen. Es erübrigt 
sich zu bemerken, daß, wo keine nennenswerte Spannung besteht, sozusagen 
im Zustand der Norm, dieser Verleugnungsmechanismus gar nicht in Gang 
gesetzt zu werden braucht. 

Vorerst die Entwaffnung des Dämons, ebenso wie die hohe narzißtische Be- 
friedigung durch den Beweis, vom eigenen Ich-Ideal geliebt zu werden, dies 
die Quellen des manischen Rausches der Liebe, des „Liebeswahnsinns", 
der „Liebesraserei". („Liebeswahnsinn! Pleonasmus! Liebe ist ja schon ein 
Wahnsinn!" — Heine.) 

Diese unter dem Druck des Dämons stattfindende Projektion des Ich- 
Ideals auf das Objekt entspringt einer Tendenz des Ichs, das Ich-Ideal zu er- 
neuern, aus der endopsychischen Wahrnehmung heraus, daß sich das bisherige 



Ich-Ideal gegenüber der Aggression des Dämons als unzulänglich erwiesen 
hat und sein Schutz als unzureichend empfunden wird. Diese Projektion — 
„Besetzung des Objekts mit Libido" — ist vor allem ein Versuch, eine Ent- 
sprechung herzustellen zwischen dem Objekt und dem Ich-Ideal, wie man 
es in seiner Bedrängnis phantasierend benötigt und deshalb 
wünscht. 

Gleichsam als zweiter Akt folgt dieser Projektion eine partielle "Wiederauf- 
nahme des projizierten Ich-Ideals, eine Re-Introjektion ins Ich, was im- 
plizite aussagt, daß das Objekt mit narzißtischer Libido besetzt wurde. Diese 
Re-Introjektion stellt gegenüber dem ersten Akt der Projektion das Defini- 
tivere und Bestimmende am Liebesvorgang dar, das "Wesentliche der 
Liebe. Von Liebe kann man erst dort sprechen, wo eine Re-Introjektion 
stattgefunden hat. 

Resümieren wir: Bei der Liebe wird das Ich-Ideal auf das Objekt projiziert, 
dann „gestärkt" re-introjiziert und dadurch der Dämon entwaffnet. Die Folge 
davon ist das Vorwalten des Eros, der auch die indifferente Energie des Ich- 
Ideals an sich gezogen hat. Daher das so oft zu beobachtende, fast jede Liebe 
kennzeichnende Hinwegschreiten über alle logischen und rationalen Bedenken. 
Daher auch die groteske, ans "Wahnhafte gemahnende Überschätzung des 
Liebesobjektes. Steckt doch hinter dem geliebten Objekt eigent- 
lich das eigene, im manischen Rausch des Geliebtwerdens 
schwelgende Ich, das das Objekt für würdig befunden hat, das Alier- 
wertvollste auf Erden, sein Ich-Ideal, in der Wirklichkeit zu vertreten. 

Diese unsere Konzeption besagt letzten Endes, die Liebe stelle einen Ver- 
such dar, die narzißtische Einheit, die Geschlossenheit der Per- 
sönlichkeit wiederherzustellen, die das Ich als gefährdet empfindet. 
Und zwar arg bedroht durch den Dämon, das Schuldgefühl, das doch eine 
schwere Schädigung der narzißtischen Einheit bedeutet. 

Somit Liebe Folge des Schuldgefühls? hören wir hier als erstaunten 
Einwand. Diese unsere Behauptung mag ja recht befremdlich anmuten, wir 
halten sie aber vollinhaltlich aufrecht; glauben auch, sie beweisen zu können. 
Und zwar durch das Phänomen der Übertragung. Schon hier sei das 
entscheidendste, sie von der Liebe unterscheidende Merkmal hervorgehoben. 
Wir sind der Zustimmung eines jeden aus praktischer Erfahrung schöpfenden 
Analytikers sicher, wenn wir nachstehende Äußerungen der Übertragung als 
besonders auffällig und für sie charakteristisch hervorheben: i. Die Unfehl- 
barkeit ihres Eintretens bei oder trotz absoluter "Wahllosigkeit in bezug auf 
das Objekt, der völligen Ungebundenheit der "Wahl, die sich durch ein rest- 
loses Sichhinwegsetzen über Alter, Geschlecht und ein Nichtberücksichtigen 
jeglicher persönlichen Qualität, resp. des Mangels einer solchen kundgibt. 

Imago XX/i ,. 



Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 



2. Als zweite Auffälligkeit aber wollen wir die Impetuosität der Übertragung, 
ihr sozusagen überstürztes Tempo anführen, das, wiewohl sehr oft verdeckt, 
sich dennoch ebenso häufig verrät durch Fälle etwa, in denen die Übertragung 
bereits im Wartezimmer einsetzt, noch bevor der Patient den Arzt zu Ge- 
, sieht bekam. 

Nunmehr tut es bloß not, diesen die entsprechenden Erscheinungen bei der 
Liebe entgegenzuhalten, damit uns der große phänomenologische Unterschied 
klar werde. Entsinnen wir uns doch gegenüber der Wahllosigkeit und Un- 
fehlbarkeit des Eintritts der Übertragung, wie sehr und wie strenge im Ver- 
gleich dazu die Liebe an Bedingungen geknüpft ist, wie empfindHch und 
wankelmütig die keimende Liebe ist, wenn die Bedingungen nicht oder nicht 
im Mindestausmaß zutreffen. Und aus demselben Grunde, aus dieser Ge- 
bundenheit heraus und infolge Nachprüfung dieser Bedingungen kann — die 
Fälle von Liebe auf den ersten Bhck, die jedoch eine ganz andere Erklärung 
finden sollen, ausgenommen — , gar keine Rede sein von einer Überstürztheit 
der Liebe. 

Dieser phänomenologische Unterschied deckt aber den psychologischen weit- 
gehend auf. Kann denn da noch ein Zweifel obwalten, was diese Merkmale 
der Übertragung, die Unfehlbarkeit ihres Eintrittes sozusagen unter allen 
Umständen, für alle Fälle und ihre Impetuosität eigentlich besagen? 
Sind das nicht deutliche Kennzeichen eines „Koste es, was es wolle", ein Aus- 
druck dafür, daß die Übertragung ein aus panischer Stimmung entsprin- 
gender Verzweiflungsakt ist? Und zwar geboren aus der nämlichen 
intuitiven Erkenntnis von der gegen den Dämon schirmenden Macht der 
Liebe wie beim Liebenden. Aber welch ein Unterschied! Denn wie der vor- 
sorgliche Kämpfer verstand es der Liebende, dem Feind, dem Dämon, bei 
seiner ersten Annäherung die Waffe des Ich-Ideals zu entwinden, noch bevor 
sich jener ihrer vollends bemächtigen konnte; daher der Triumph auf der 
ganzen Linie. 

Man halte sich doch den geradezu grotesk anmutenden Gegensatz vor 
Augen: den Neurotiker, der kaum mehr zustande bringt, als in zutiefst pas- 
siver Haltung initiativelos Jahre am Analysendiwan im „Zwischenreich" der 
Übertragungsneurose zu verbringen; andererseits aber den Liebenden mit dem 
ganzen Rüstzeug seiner Aktivität und Initiative: Projektion des Ich-Ideals, 
Werbung um das Objekt, das dieses Ich-Ideal realisieren soll, seine unablässi- 
gen Bemühungen, dieses Objekt im Sinne der Wunschphantasie umzumodeln, 
sowie der Realität für dieses angeblich realisierte Ich-Ideal möglichst viel und 
möglichst Günstiges abzuringen. Wir wissen es ja alle — es ist nicht allein 
der Glaube, sondern auch die Liebe, die Berge versetzen kann. Daher die 
Berechtigung, den Liebenden als sieghaften Kämpfer zu bezeichnen. 



Ganz anders der Neurotiker, der bereits als Entwaffneter und daher Ge- 
schlagener, noch dazu nach mannigfachen mißglückten Kompromissen, eben 
den Symptomen, gleichsam als Desperado den nämlichen Weg des Kampfes 
gegen den Dämon versucht. Denn bei ihm hat sich der Dämon schon längst, 
im Sinne Freuds, der indifferenten Energie, d.h. des Ich-Ideals bemächtigt, 
damit seine Besetzung erhöht und ist so zum Herrn der Situation geworden. 

Läuft somit der Unterschied zwischen Übertragung und Liebe bloß auf das 
Quantum des Schuldgefühls hinaus? Gewiß ist dieser Unterschied sehr be- 
trächtlich, so groß, daß er sogar über die Abwehrmethode entscheidet, die 
bei beiden, wie gezeigt, eine verschiedene ist. Für die psychoanalytische Be- 
trachtung springt aber der entscheidende Unterschied bereits in die Augen, 
nämlich: bei der Liebe wird bloß das Ich-Ideal, im Gegensatz dazu 
aber in der Übertragung das ganze Über-Ich, sohin Ich-Ideal 
und Dämon auf das Objekt projiziert. Anders ausgedrückt: Die 
Übertragungsliebe unterscheidet sich von der Liebe sehr wesent- 
lich: das Objekt der Übertragung ist nicht allein Liebes-, son- 
dern auch, vielleicht in noch höherem Maße, Angstobjekt. Denn: 
„ . . . aber die Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe treibt die Furcht 
aus. Und die Furcht hat Pein." (Evang. i, Joh. 4, 18.) 

Hier wollen wir noch der Vermutung Raum geben, daß, während das Ich- 
Ideal — möglicherweise dank der Plastizität und Verschiebbarkeit der eroti- 
schen Triebe — einer totalen projektiven Abfuhr fähig ist, der Dämon im 
Gegensatz dazu, wie es scheint, bloß partiell projiziert werden kann. Dafür 
scheinen die nicht seltenen, vom Verhalten des Analytikers vollkommen un- 
abhängigen Depressionen und Vorwürfe zu sprechen, denen die Patienten 
nach schon längst vollzogener Projektion unterliegen. 

Doch zurück zur Liebe. Wir vermeinen hier die Einwendung zu hören, 
es liege offenbar entweder eine Nachlässigkeit, Unachtsamkeit oder gar ge- 
flissentliche Verschiebung des Themas seitens der Autoren vor; denn wo sie 
auszogen, um das Problem des Liebens aufzuhellen, klingen ihre Ausführun- 
gen stets in das Gehebtwerden aus. 

Nun, es liegt hier nichts von alledem vor. Vielmehr ist dies der wirkliche, 
richtig wiedergegebene Sachverhalt, daß jegliches Lieben im Grunde ein 
Geliebtwerden ist, daß es letzten Endes überhaupt nur ein Ge- 
liebtwerdenwollen gibt. Und es hängt bloß von dem bei dem soge- 
nannten Lieben zur Verwendung kommenden Mechanismus ab, ob dieser sein 
von uns als Geliebtwerdenwollen gedeuteter tieferer Sinn sich irgendwie an- 
deutet oder vollkommen verschleiert bleibt. 

Es gibt hier nämlich nachstehende Alternative: Entweder erscheint das 
Objekt an die Stelle des Ich-Ideals gesetzt, zu dem das Subjekt, 



1 



der Liebende, als Ich eingestellt ist, oder es waltet der umgekehrte 
Sachverhalt vor, nämlich es agiert der Liebende selbst sein Ich- 
Ideal und reduziert das Objekt zum Ich. 

Diese beiden Mechanismen im psychischen Vorgang des Liebens haben eine 
,ganz deutliche Entsprechung in den Erscheinungsformen der Liebe, soferne 
wir uns bloß an die extremen Endglieder der langen und mannigfaltig 
nuancierten Skala halten, in der sie sich manifestiert. Denn auf der einen 
Seite kennen wir einen Typus des Liebenden, der zum Objekt hinaufblickt, in 
sichtlicher Unterordnung zu ihm steht, die Fürsorghchkeit des Objektes ver- 
langend und genießend, mit stark betonter Forderung nach Gegenliebe, nach 
dem „auch Geliebt wer den". Das andere Extrem wird vom Typus des 
Liebenden dargestellt, der sich in der ganz entgegengesetzten Haltung gefällt, 
dem es überwiegend auf das Patronisieren, Bevormunden, Fürsorgen und 
Spenden zu tun ist, und bei dem auf der Erwiderung der Liebe, dem „auch 
Geliebtwerden" ein ungleich schwächerer Nachdruck zu liegen scheint. 

Man kann füglich zur Unterscheidung der beiden hier skizzierten Spielarten 
die erste als die weibliche, die zweite aber als die männliche Liebe be- 
zeichnen. Diese vorgeschlagenen Bezeichnungen richten sich jedoch lediglich 
nach dem allerdings weitaus überwiegenden Eindruck, ohne daß wir ein durch- 
gängiges, ausnahmsloses Zusammenfallen dieser Liebesformen mit dem ent- 
sprechenden Geschlecht behaupten würden.^" 

Es erscheint uns überflüssig zu betonen, daß die psychologische Verschieden- 
heit der beiden Liebestypen in keiner Weise gegen die Behauptung verstößt, 
daß der Liebe der Sinn innewohne, den Dämon zu entwaffnen. Bloß die 
Methode ist bei beiden Typen eine verschiedene. Denn wo das männliche 
Lieben sich die Attribute des Ich-Ideals arrogiert, um so jegliche Spannung 
zwischen ihm und dem Ich zum Verschwinden zu bringen, erzielt es das weib- 
hche Lieben durch die Illusion, daß es das Ich-Ideal zufriedenstelle, da es von 
ihm geliebt werde. 

Einen weiteren gewichtigen Beleg für die Richtigkeit unserer Erklärung des 
Liebesvorgangs erhalten wir aus dem Umstand, daß sie einen Widerspruch in 
der Frage des Narzißmus zu lösen vermag. Während nämlich in Freuds 
„Zur Einführung des Narzißmus" als dessen Wesen in seiner Beziehung zum 
Objekt das Geliebtwerdenwollen hingestellt wurde, wird in den „Libidinösen 
Typen" das gerade Gegenteil behauptet, nämlich daß das aktive Liebenwollen 
für den narzißtischen Typus bezeichnend sei. Die beiden von Freud er- 

10) Die Nichtübereinstimmung der Liebesform mit dem Geschlecht erfordert eine aus- 
fuhrhche Besprechung, die anderen Orts erfolgen soll. Hier sei bloß als gesichert angeführt, 
daß diese Nichtuberemstimmung in hohem Maße durch Fixierungen bedingt ist: beim Mann 
auf der oralen, beim Weibe auf der phallischen Stufe (Peniswunsch). 



Übertragung und Liebe 21 



örterten Typen scheinen vollkommen dem zu entsprechen, was wir als weib- 
liches und männliches Lieben charakterisiert haben, wobei, wie bereits wieder- 
holt erwähnt, sich zutiefst beide auf das Geliebtwerdenwollen zurückführen 
lassen. Es ist schon so, wie Spinoza gemeint hat: „Amor est tdüllaüo concomi- 
tante idea causae externae. 

Aber ganz so unabhängig vom Objekt, wie der lapidare Ausspruch 
Spinozas es darstellt, ist der Liebende doch nicht. Der von uns postulierte 
narzißtische Liebesrausch hat zur Bedingung, daß das Objekt die ihm durch 
Projektion zugewiesene Rolle des Ich-Ideals im Sinne des Wunsches erfülle, 
was gemeiniglich als erwiderte Liebe bezeichnet wird, d. h. das Gefühl des 
Geliebtwerdens festigt. "Woferne nur nichts die Illusion brüsk Zerstörendes 
unternommen wird, ist hier, wie die Erfahrung lehrt, das Feld und die Mög- 
lichkeit erstaunlicher Täuschungen und Fehldeutungen gegeben. Je vollinhalt- 
licher die Entsprechung daher seitens des Objektes, desto beglückender und 
stürmischer die Liebe. Darin scheint uns auch der Schlüssel zum Verständnis 
der „Liebe auf den ersten Blick" (coup de foudre) gegeben. Als Beispiel und 
zugleich Beweis für diesen Sachverhalt erinnern wir an den jungen Werther, 
der sofort beim ersten Zusammentreffen mit Lotte in Liebesglut gerät. Was 
uns voll verständlich wird, wenn wir uns entsinnen, daß sie ihm damals in 
einer überdeutlichen Situation der gütigen Mutter, nämlich einer Schar sie 
umgebender Kinder Brot zuteilend, entgegengetreten ist. 

Wenn auch keine so weitgehende Erfüllung wie hier, so ist zum Zustande- 
kommen des Gefühls der erwiderten Liebe irgendwelche, manchmal recht 
dürftige Übereinstimmung zwischen dem gewünschten Ich-Ideal und dem 
Objekt immerhin erforderlich. Bei allzu deutlich zur Schau getragener Gleich- 
gültigkeit oder gar Ablehnung von Seiten des Objekts, also bei mangelnder 
Liebeserwiderung, wird der Liebende in eine mehr oder minder schwere 
Gemütserschütterung von meist depressivem Charakter versetzt, in eine 
schwere narzißtische Kränkung mit starker Herabsetzung des Selbstgefühls. 
Dem narzißtischen Ich ist der Feldzug gegen den Dämon miß- 
lungen, der nunmehr seinen Sieg über das Ich genießt. Denn das dem 
Dämon entwundene Ich-Ideal wird wieder seinen Zwecken dienstbar gemacht, 
die Diskrepanz zwischen phantasiertem und realisiertem Ich-Ideal auf- 
gezeigt und das Ich in den Abgrund der Schuldhaftigkeit bis zum Gefühl 
völligen Unwertes gestürzt. 

Die beim Normalen zu beobachtende Unentwegtheit, mit der er sich trotz 
allen Enttäuschungen wieder neuen Objekten zuwendet, entspringt der Ten- 
denz des Ichs, sich zu beweisen, daß es doch von seinem Ich-Ideal geliebt 
werde, um dem Dämon zu entrinnen. Nach solch einer Enttäuschung kann 
eine ganze Skala in der Wahl der Objekte durchlaufen werden. Ein recht 




22 Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 

häufiger Vorgang besteht darin, daß in dieser Situation zunächst zum eigenen 
Geschlecht, gleichsam zu sich selbst, psychisch rekurriert wird, um dann, von 
Erniedrigungs- und Rechtfertigungstendenzen gegenüber dem Dämon geleitet, 
sogar in Wahllosigkeit betreffs des anderen Geschlechtes zu verfallen. 
' Die Richtigkeit unserer Auffassung des Liebesvorganges als Re-Intro- 
jektion des Ich-Ideals nach vorausgegangener Projektion wird 
— wie übrigens die einer jeden Erklärung — durch ihre Verwendbarkeit er- 
wiesen, nämlich dadurch, daß sie manches bis dahin Unklare unserem Ver- 
ständnis wesentlich näher bringt. Um dies zu illustrieren, wählen wir ein 
Phänomen, das Freud selbst als bisnun ungeklärt bezeichnet und das zweifel- 
los sowohl für das Verständnis pathologischer Produkte wie auch für das Pro- 
blem der Charakterbildung uns von höchster Wichtigkeit zu sein scheint. Wir 
meinen das Phänomen der Ersetzung der Objektbesetzung durch Identi- 
fizierung, die Freud bekanntlich zuerst bei der Homosexualität, später bei der 
Melancholie festgestellt hat, um dann — in „Ich und Es" — für diesen Vor- 
gang auch beim Normalen und dessen Charakterbildung Geltung zu bean- 
spruchen. Wir zitieren hier aus „Das Ich und das Es" (Ges. Sehr. VI, S. 373): 
„Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so tritt dafür 
nicht selten die Ich- Veränderung auf, die man als Aufrichtung des Objekts im 
Ich wie bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse 
dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt." Vielleicht erleichtert 
oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion, die eine Art von Regression 
zum Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht 
ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Ob- 
jekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang, zumal in frühen Entwicklungs- 
phasen ein sehr häufiger und kann die Auffassung ermöglichen, daß der Cha- 
rakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die 
Geschichte dieser Objektwahlen enthält." 

Wir meinen nun, daß die Bemängelung Freuds, „die näheren Verhältnisse 
dieser Ersetzung seien uns noch nicht bekannt", nunmehr im Lichte unserer 
Auffassung des Liebesvorganges nicht mehr zu Recht besteht. Denn diese die 
Objektliebe ersetzende Identifizierung — unsere Re-Introjektion — ist nicht 
eine neu hinzutretende Erscheinung, sondern stellt sich bereits am Beginne 
des Liebesvorganges ein und wird zum konstituierenden Anteil der Liebe. 

Im übrigen sei darauf verwiesen, daß unsere Ansicht über die Re-Introjek- 
tion und deren ausschlaggebende Bedeutung im Liebesvorgang wesentlich ge- 
stützt wird durch die Auffassung Freuds, der in „Triebe und Triebschick- 
sale" von der Liebe aussagt: „Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht dann 

11) Von uns gesperrt. 



Übertragung und Liebe 23 



auf die Objekte, die dem erweiterten Ich einverleibt worden 

sind." 

Nur noch wenige "Worte über den Epilog der Liebe. Bekanntlich wird 
das Ende der Liebe durch Katzenjammer, d. h. Strafen des Dämons charakte- 
risiert. Die aus der Liebe sich ergebenden Konflikte, Komplikationen usw. 
stellen durch das oft chronische Leiden, das die Verliebtheit weitaus über- 
dauert, eine Buße, eine Beschwichtigung des Dämons dar, der dadurch mit 
Zinsen und Zinseszinsen grausame Rache für seine zeitweise Ohnmacht nimmt. 
Am Ende der Liebesbeziehung behandelt das Ich das Objekt mit der gleichen 
Strenge und Kritik, mit welcher es selbst vom Dämon regaliert wird. So sind 
die Aggressionen gegen das frühere Liebesobjekt, die die Ernüchterung so oft 
begleiten, begreiflich: sie sind Versuche des Ichs, die Strafen des Dämons auf 
das Objekt abzuschieben. Dies stellt zugleich eine captatio des Dämons dar 
nach der Formel: Ich Hebe ja nicht das Objekt. 

V. Die autarkische Fiktion 

In den Anfängen des extrauterinen Lebens sind dem Kinde andere Quellen 
der Lust als es selbst nicht nur nicht bekannt, sondern überhaupt kaum vor- 
stellbar, was etwa in den Bereich der von Ferenczi beschriebenen „Periode 
der bedingungslosen Allmacht" fallen dürfte. Wird doch sogar — nach 
Freud — das lust- und nahrungsspendende Objekt, die mütterliche Brust, 
vom Kinde eine Zeitlang als zu ihm gehörig, als Teil des eigenen 
Körpers empfunden. Wir meinen, daß diese Auffassung Freuds in ihrer 
fundamentalen Bedeutung bisher nicht genügend gewürdigt, ja vielleicht kaum 
erkannt wurde. Ihre unmittelbare Konsequenz ist ja, daß die bekannte Streit- 
frage, wann das Ich entdeckt wird, ungleich richtiger und produktiver durch 
die eigenthchere, wann das Objekt entdeckt werde, ersetzt werden müßte. 

Dieses, jeder Objekterfassung vorausgehende Stadium, in welchem das in- 
fantile Ich im Allmachtswahne schwelgt, ist es, das wir als „autarkische 
Fiktion" des Säuglings bezeichnen. Einen sprechenden Beleg für diese Auf- 
fassung erbhcken wir in der bekannten Erscheinung, daß es eine Phase gibt, 
in welcher der Säugling, wenn er die Mutterbrust intervallär oder dauernd 
vermißt, diese zunächst am eigenen Körper sucht und sie dort (im wesent- 
lichen am Penis) zu finden glaubt. Was nebenbei beweist, wie unwillig sich 
das infantile Ich ab ovo zu den Objekten stellt und wie es, an seinem All- 
machtsgefühle festhaltend, die Objekte vorerst leugnet. 

Wie nachhaltig, ja unverwüstlich diese autarkische Fiktion ist, erhellt aus 
der psychologischen Analyse des Geschlechtsaktes. 

Zunächst eine flüchtige Übersicht des darüber in der Literatur Mitgeteilten: 
Hieher ist vorerst die Arbeit von Star cke über den Kastrationskomplex zu 



^4 Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 



rechnen, der als erster das Problem der oralen Kastration durch Entziehung 
der Mutterbrust signalisierte. Ferenczi („Versuch einer Genital theorie") hat 
darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Mensch, ob männlich oder weiblich, 
die Doppelrolle des Kindes und der Mutter mit dem eigenen Leibe spielen 
k^nn und auch spielt. Der Koitus sei durch einen „maternalen Regressions- 
zug" gekennzeichnet, bei welchem eine dreifache Identifizierung vor sich 
gehe: Identifizierung des ganzen Organismus mit dem Genitale, Identifi- 
zierung mit dem Partner und Identifizierung mit dem Genitalsekret. Die 
Rhythmik des Saugens werde als wesentlicher Bestandteil jeder späteren eroti- 
schen Tätigkeit festgehalten, wobei beträchtliche Mengen oraler und analer 
Erotik auf die Vagina verschoben wurden. Dabei übernimmt, wie Hflene 
Deutsch in ihrer „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen" gezeigt 
hat, die Vagina unter Reizleitung des Penis in der Verlegung von oben nach 
unten im Koitus die passive Rolle des saugenden Mundes in der Gleichsetzung 
Penis = Mamma. In dieser Funktion bedeute der Koitus für die Frau eine 
Herstellung der ersten Relation des Menschen mit der Außenwelt, in der das 
Objekt auf oralem Wege einverleibt wurde, eine Wiederholung des Saugens 
an der mütterlichen Brust, also eine Bewältigung des Entwöhnungstraumas. 
Rank („Zur Genese der Genitalität") zeigte, daß das Kind im eigenen Genitale 
einen Ersatz für die Brust der Mutter findet und beantwortet die Frage, wie 
der „schäbige Rest" der Libido von der oralen auf die genitale Stufe ver- 
schoben wird, mit dem Hinweis auf die Masturbation des Säuglings. Dabei 
ersetzt vorerst nach einer Angabe Beruf elds die Hohlhand die Mundhöhlung 
und wird später durch die Gleichsetzung eigener Penis = Brust, Samenerguß 
= Milchstrom charakterisiert. Der normale Sexualakt wäre dann nicht nur 
Ersatz, sondern zugleich sadistische Rache für die versagte Befriedigung an 
der Mutterbrust. Bergler und Eideiberg verwiesen in ihrer Arbeit „Der 
Mammakomplex des Mannes"!^ auf Grund von kasuistischem Material auf den 
Tatbestand, daß das Kind passiv Erlebtes aktiv als Wiederholungs- 
zwang wie im kindlichen Spiel zu reproduzieren sucht, um mit dem 
oben erwähnten Trauma der Brustentziehung fertig zu werden. An Stelle der 
passiven Aufnahme von Muttermilch wird das Kind durch aktive Besitz- 
ergreifung des Penis zum aktiven Spender von Urin (= Milch). Die durch die 
Brustentziehung verursachte schwere narzißtische Kränkung soll überwunden 
und das Gefühl der Allmacht wiederhergestellt werden. Die Autoren gehen 
von einer Besetzung des Penis mit einem Triebgemisch von Eros und Thanatos 
aus und meinen, daß der vom Todestrieb stammende Anteil des Trieb- 
gemisches im Geschlechtsakt bereits eine so weitgehende Änderung erfahren 
hat, daß seine Befriedigung ohn e Gefahr für das Individuum stattfinden kann. 
12) Int. Zeitschr. f. Psa., XIX, 1933, S. 547 ff. 



Übertragung und Liebe 25 



Im Koitus gelingt es endlich dem Mann, in der Identifizierung mit der phalli- 
schen Mutter, durch aktive Reproduktion des passiv Erlebten das Entwöh- 
nungstrauma psychisch zu bewältigen. 

Somit beinhaltet nach übereinstimmenden Angaben all der genannten 
Autoren der Geschlechtsakt eigentlich eine Wiederholung der Säuglings- 
situation. Wir indessen gehen über die von all diesen Autoren angenommene 
Auffassung des Koitus als Nachklang der Kind-Mutter-Situation hiemit inso- 
ferne hinaus, als wir den zutiefst narzißtischen Charakter des Ge- 
schlechtsaktes behaupten; der dabei auf der Objektbeziehung liegende 
Nachdruck erscheint uns durchaus nicht als endgültig entscheidend, zumal ja 
auf dem Wege der Identifizierung mit dem Objekte auch die eigene Säuglings- 
situation wiedergefunden wird. Was sich zunächst aus obiger Auffassung er- 
gibt, ist der Umstand, daß das Geliebtwerdenwollen — bekanntlich der 
Kern der späteren Forderung des Ichs an das Ich-Ideal — eigentlich auf 
das Nichtgetrenntseinwollen von der ewig fließenden Mutter- 
brust zurückzuführen ist. Bloß daß diese Sehnsucht nicht etwa dem 
Objekte — der Brust der Mutter — gilt, vielmehr einen narzißtischen 
Restitutionsversuch darstellt, denn sie gilt der Brust, wie sie 
noch als Teil des eigenen Ichs perzipiert wurde, welche Vorstellung 
nach alledem als der Grundstein des späteren Ich-Ideals anzusehen ist. Wie 
folgenschwer, ja lebensentscheidend dieser — sü venia verbo — „Kardinalirrtum 
des Säuglings" über die Zugehörigkeit der spendenden Brust in der Zukunft 
werden soll, ist uns ja am Vorgang der Liebe klargeworden. Es entspringt 
ihm, so grotesk es uns auch anmuten mag, letzten Endes die Objektbesetzung 
im Liebesvorgang, um dem Menschen derart zur eingebüßten narzißtischen 
Einheit zu verhelfen. 

Dieser unserer Ansicht widerspricht gewiß nicht die bekannte Feststellung 
Freuds: „Die narzißtische Besetzung des Ichs erscheint uns als der in der 
ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die späteren Aussendun- 
gen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten ge- 
blieben ist." 

Wenn wir uns vor Augen halten, wie das Ich unablässig bemüht ist, mittels 
oben skizzierter Restitutionsversuche sich seiner narzißtischen Einheit zu ver- 
gewissern, so wird uns das eingangs geschilderte Verhalten des Neurotikers in 
der Übertragung endlich voll verständlich. Vorerst seine Angst vor der Tren- 
nung, aber ebenso, daß diese Trennung einen räumlichen Ausdruck besitzt. 

Die eigentlich so erstaunliche Tatsache, die mit einer für uns unverständ- 
lichen Selbstverständlichkeit, höchstens nur noch mit dem Hinweis auf einen 
mysteriösen Fortpflanzungstrieb als Erklärung hingenommen wird, die Tat- 
sache nämlich, daß die Liebe so imperativ 'zur sexuellen Vereinigung 




und Befriedigung drängt, wird uns nunmehr gleichfalls verständlich. 
Wir meinen nämlich, daß für diesen Sachverhalt außerordentlich präzise 
psychische Determinanten, wie wir sie in der Psychoanalyse auch sonst zu 
fordern gewohnt sind und deren Aufdeckung für das Verständnis des Liebes- 
problems uns unerläßhch scheint, vorhanden sein müssen. Das Aufzeigen 
dieser Determinanten würde nicht einmal ein eventueller Hinweis auf die 
Freudsche FormuKerung entbehriich machen, nämlich, daß die Liebe von 
der Fähigkeit des Ichs stamme, einen Anteil seiner Triebregung autoerotisch, 
durch die Gewinnung von Organlust zu befriedigen. Höchstens, daß wir die 
vorangestellte Frage durch die nunmehrige zu ersetzen hätten: wozu macht 
dann das Ich all die Peripetien und den enormen Umweg über die Objekte, um 
schließlich wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, d. h. wieder bei sich 
zu landen? 

Unsere Antwort lautet: Sowohl die zärtliche wie die sinnliche 
Liebe besagen letzten Endes das nämliche. Sie sind beide ihrem 
Wesen nach narzißtische Restitutionsversuche, die unter dem 
Druck des Wiederholungszwanges stehen. 

Halten wir uns vor Augen, daß der Geschlechtsakt körperlich gleichsam 
dasselbe zum Ausdruck bringt, wie die zärtliche Liebe. Denn was in der 
zärtlichen Liebe durch die Re-Introjektion des an Stelle des Ich-Ideals ge- 
setzten Objektes zum Ausdruck kommt, ganz das nämhche verrät sich uns 
in der sinnlichen Liebe schon durch den bloßen „Kontrektationstrieb", jenes 
bisher rätselhafte, so drängende und die Liebenden in so hohem Maße be- 
herrschende Bedürfnis, sich möglichst enge, fast untrennbar, aneinanderzu- 
schmiegen. 

Erst die Verbindung beider Liebesanteile — als Höchstausdruck 
der Einheit — wird zur stärksten Negation des Gefühls des Getrennt- 
seins, der UnVollständigkeit, der Läsion des Narzißmus. Welcher Höchst- 
ausdruck des Einheitsgefühls vielleicht nur noch durch die Schöpfung des 
Kindes übertroffen wird — dieser Materialisation der Einheitsphantasie! 

VL Weiteres zum Problem der Übertragung 
Freud beantwortet in der Arbeit „Bemerkungen über die Übertragungs- 
hebe" die Frage nach einem etwaigen Unterschied zwischen Übertragung und 
Liebe dahin, daß es eigentlich einen solchen Unterschied gar nicht gebe, daß 
es sich somit in dem einen wie in dem anderen Falle stets um das nämliche, das ist 
Liebe, handle; die Übertragung sei bloß eine Liebe unter besonderen Bedin- 
gungen (der Analyse und des Widerstandes) und stelle somit lediglich einen 
Spezialfall der Liebe dar. 

Unsere früheren Ausführungen über die Übertragungsliebe wiederholend 



Übertragung und Liebe 27 



fund ergänzend, betonen wir: Der Unterschied zwischen beiden Hegt darin, 
daß, während bei der Liebe das Objekt durch Projektion an Stelle des Ich- 
Ideals gesetzt wurde, in der Übertragungsliebe der Arzt beide Anteile des 
Über-Ichs, sowohl Ich-Ideal wie Dämon, auf dem Wege der Projektion in sich 
vereinigt. Hier prävaliert überdeutlich die Angst. Daneben ist die 
Überschätzung des Objekts als Werk der Liebe vorhanden. Die Angst vor 
dem Arzt, resp. das Geliebtwerdenwollen durch ihn sind dem- 
nach die charakteristischen Einstellungen der Übertragungs- 
liebe. 

Der Patient will in der positiven Übertragung vom Arzt als seinem Ich- 
Ideal geliebt werden. Die Folge dieses Geliebtwerdenwollens durch den Arzt 
und der Angst vor ihm ist narzißtische Identifizierung mit dem Arzt, um es 
zu wiederholen: Der Kern jeder positiven Übertragung ist, genau so wie bei 
der Liebe, der narzißtische Vorgang des Geliebtwerdenwollens. Ebenso gilt 
für die Übertragung auch das früher über das aktive Lieben und passive Ge- 
liebtwerdenwollen Gesagte: der aktiv Liebenwollende stellt im Objekt sein 
Ich dar, während er selbst sein Ich-Ideal mimt; für den passiv Geliebtwerden- 
woUenden ist das Objekt das Ich-Ideal, von dem er gehebt werden will, der 
Liebende selbst das Ich. 

Unser eigentliches Thema erweiternd, fügen wir hinzu: Bei der negativen 
Übertragung bezieht sich der scheinbar dem Arzt, resp. den Kindheits- 
personen geltende Haß gleichfalls auf das eigene Ich. Dieser Haß deckt: 
a) vielfach die Liebe („positive Übertragung unter dem Bilde der negativen") 
oder die Aggression der Patienten ist bloß ein Versuch, um zu prüfen, wie 
tragfähig die Liebe des Arztes ist, wie sehr sie belastet werden kann. — b) Die 
Abfuhr der eigenen Aggression vom eigenen Ich auf das Objekt ist miß- 
lungen. Dieses ist zugleich der Unterschied zwischen „normalem" und neur- 
otischem Haß: beim ersten ist die Ableitung des Thanatos aufs Objekt ge- 
lungen, beim neurotischen Haß richtet sich dieser über den Umweg der Angst 
und des Schuldgefühls gegen das eigene Ich. 

Dies führt zum Problem der Ambivalenz, d.h. Vereinigung von lieben- 
den und haßvollen Einstellungen zum gleichen Objekt. Im Lichte der hier 
skizzierten Auffassung verschiebt sich das Bild. Liebe = Wunsch, vom eige- 
nen, aufs Objekt projizierten Ich-Ideal geliebt zu werden. Haß = Versuch 
der Ableitung des Thanatos aufs Objekt. Der Versuch mißlingt, die Aggres- 
sion wird unterbunden, denn das Objekt ist in diesem Falle zugleich auch das 
eigene Ich-Ideal, so daß die Aggression doch wieder dem eigenen Ich gilt. 

Wir sehen also, daß sowohl bei der positiven, wie der negativen Übertragung 
narzißtische Elemente ebenso vorherrschend sind wie bei der Liebe. Der 
Unterschied zur Liebe liegt, wie gesagt, in dem Ausmaß des Über-Ich-Anteils, 



der auf das Objekt projiziert wird: bei der Liebe bloß das Ich-Ideal, bei der 
Übertragung Ich-Ideal und Dämon. Der Fortschritt in der analytischen Kur 
hegt darin, daß die Projektion des Dämons auf den Arzt in immer weiter- 
gehendem Maße zugunsten des Ich-Ideals zurückgedrängt wird, um auch 
diese am Ende der Behandlung zu lösen. Der Patient lernt also wirklich 
„heben". Demzufolge macht auch nunmehr die Identifizierung aus Angst- 
abwehr derjenigen Platz, die wir als immanenten Anteil der Liebe früher be- 
sprochen haben. 

Vn. Die zwei Funktionen der Objekte: narzißtischer Restitu- 
tionsversuch und Aggressionsabfuhr 
Fassen wir das Ergebnis unserer Untersuchungen zusammen, um die ein- 
gangs gestellte Frage nach den Motiven der Objektbesetzung beantworten zu 
können. 

Vor allem ist wiederholend darauf zu verweisen, daß das Ich anfängHch nur 
widerstrebend den Objekten sich zuwendet; ist ihm doch im Stadium der 
fiktiven Autarkie der eigene Körper zugleich auch die Objektwelt. Erst 
nach Mißlingen der Versuche, die Fiktion aufrechtzuerhalten, greift es zu 
anderen Methoden, seine Einbuße an Allmachtgefühl zu restituieren 
Das ist die ureigentlichste Funktion und Bestimmung der Objekte für das Ich 
Daher die Aufrichtung des Ich-Ideals, daher die libidinöse Besetzung der 
Objekte. 

Allerdings darf nicht übersehen werden, daß wir in unseren voranstehenden 
Erläuterungen des Liebesvorganges als Spezialfall der Objektbesetzung die 
Liebe des Erwachsenen geschildert haben, die wir, wie erinnerlich, in 
strengste Abhängigkeit vom Schuldgefühl gebracht haben. Wie ist es aber 
beim Kinde? Die ersten Besetzungen soll ja das kleine Kind schon an den 
Objekten vornehmen, die ihm infolge der Erlebnisse der Ich-Erhaltungstriebe 
zugeführt und zu Lustquellen werden. Das scheint ja unsere so innige Ab- 
leitung und Verknüpfung des Liebesvorganges mit dem Schuldgefühl geradezu 
zu stürzen, denn anscheinend ist dort kein Platz für ein Schuldgefühl. Dem- 
gegenüber sei auf unsere früher skizzierte Auffassung verwiesen, wonach die in 
zureichender Abfuhr behinderte und gestaute Selbstaggression geradezu zwingt, 
eine volhge Schuldgefühlsfreiheit auszuscWießen. 

Im übrigen hat Anna Freud, an einen Vortrag von D. Burlingham über 
den Mitteilungsdrang bei Kindern - wonach dieser eigentlich nebst der 
exhibitionistischen Tendenz eine Aufforderung zur Partnerschaft beinhaltet, 
zwecks gemeinsamer Gewinnung von sexueller Lust — , Bemerkungen ge- 
knüpft, die für das uns hier beschäftigende Problem von hoher Bedeutung zu 
sein scheinen. A. Freud meinte nämlich, daß es im Lichte dieser Auffassung 



verständlich erscheint, warum die reformierte, gewährende Erziehung sich in 
ihren Erfolgen, d. h. Mißerfolgen von der orthodoxen, verbietenden, gar nicht 
unterscheidet. Denn der Nachdruck liege eben nicht auf dem Gewährenlassen 
und der Toleranz, vielmehr auf der vom Kinde geforderten und erwarteten 
Mitbeteiligung am Gewinn der sexuellen Lust. So komme es z.B., daß 
noch so weitgehende Toleranz gegenüber der Onanie „ins Leere greift". Denn 
das Kind deduziere aus der ausbleibenden Mitbeteiligung der Erwachsenen an 
seiner sexuellen Betätigung eigentlich eine Ablehnung. 

Von hier, meinen wir, sei nur ein Schritt zur Annahme des Schuldgefühles 
auch beim kleinen Kinde. Denn .diesen Ausführungen zufolge bleibt es dem 
Kinde nicht verborgen, daß es sich mit seinen Wünschen und Strebungen im 
Widerspruche befindet mit der Einstellung der Erwachsenen, daß es somit 
weit zurückbleibt hinter seinem in Bildung begriffenen Ich- 
Ideal. 

Einem eventuellen Einwand, es stünde diese Annahme des Schuldgefühls beim 
Kinde im Widerspruch mit der in der Psychoanalyse geltenden Auffassung, hal- 
ten wir entgegen, daß es sich doch hier um — in ihren Auswirkungen allerdings 
nicht zu unterschätzende — Vorstufen des erst nach völligem Untergang 
des Ödipuskomplexes sich endgültig konstituierenden Über-Ichs handelt. 

Überdies: übersehen wir doch nicht, daß es sich bei der Frage des Schuld- 
gefühls letzten Endes um das Problem der Angst handelt und bedenken wir 
die intime psychologische Verwandtschaft beider Phänomene. Man kann 
dann füglich behaupten, daß wie beim Erwachsenen als Motiv der Liebe das 
Schuldgefühl fungiert, so beim Kinde die Angst. Über den Inhalt und die 
psychologische Wesenheit dieser Angst haben wir bereits zu Anfang dieser 
Arbeit gesprochen an Hand der Freudschen Auffassung. Das Ergebnis war, 
diese Angst sei zutiefst der Ausdruck des Nichtgetrenntseinwollens. Doch 
verwiesen wir bereits dort darauf, daß wir das postulierte Nichtgetrenntsein- 
wollen von der Mutter nicht als das letzte, das zutiefst liegende Motiv an- 
nehmen, vielmehr ein solches erst in der Bedrohung der narzißtischen Einheit 
erblicken. Die autarkische Fiktion gibt uns einen deutlichen Hinweis, daß die 
Angst letzten Endes der Bedrohung dieser fiktiven Einheit gilt, die paradig- 
matisch für das Seelenleben zu sein scheint. Danach ist die Störung dieser 
Fiktion als der schwerste Einbruch in den Narzißmus zu werten, dessen 
Wiedergutmachung die Objektbesetzung gilt und deren ans Zwanghafte ge- 
mahnende Unentwegtheit erklärt. 

Die Art, wie das Objekt den Zwecken dieses narzißtischen Ausgleichs dienst- 
bar gemacht wird, ist ja bereits in den Ausführungen über den Liebesvorgang 
zur Genüge hervorgehoben worden. Überdies sei auch die bekannte psycho- 
analytische Auffassung hier herangezogen, wonach das Ich die Libido, mit der 



3° Ludwig Jekels u. Edmund Bergler 



das Es die Objekte besetzt hat, diesen entzieht, um sich derart, auf Kosten der 
Objekte aufzubauen und auszuweiten. 

Es sei hier noch hinzugefügt, daß die Re-Introjektion nicht bloß ein Kampf- 
mittel gegen den Dämon ist, sondern auch durch die Erweiterung und Stär- 
kung des Ichs gleichfalls in hohem Maße in der Richtung der Allmachts- 
fiktion wirkt. Wohl ein weiterer Beleg dafür, daß die Liebe jenen narzißti- 
schen Restitutionsversuchen zuzuzählen ist, die unter dem Drucke des Wieder- 
holungszwanges stehen. ■;.;, 

Was aus all dem oben Gesagten erhellt, ist, daß so großen heuristischen 
Wert die Unterscheidung von narzißtischer und objektlibidinöser Besetzung 
auch haben mag, ihre so weitgehende prinzipielle Unterscheidung und Aus- 
einanderhaltung, oder gar die Statuierung einer Gegensätzlichkeit, 
wie dies häufig geschieht, uns keineswegs gerechtfertigt erscheint. 
Übersehen wir nicht, daß die Objektbesetzung eigentlich keine andere Be- 
deutung hat als die einer Aussage über den Zustand der narzißtischen 
Libido, sohin bloß ein Indikator ist. Mit dieser Auffassung befinden wir 
uns in voller Übereinstimmung mit der ursprünglichsten, fünf Dezennien hin- 
durch bis zur „Neuen Folge" von Freud hartnäckigst festgehaltenen Auf- 
fassung, die da lautet: „... es wird also unausgesetzt Ich-Libido in Objekt- 
hbido umgewandelt und Objektlibido in Ich-Libido" (S. 141). 

Die zweite Funktion der Objekte für das Ich — die Abfuhr der 
ursprünglich dem eigenen Ich geltenden Aggression des Thana- 
tos — steht an Bedeutsamkeit für den psychischen Haushalt der erstgenann- 
ten gewiß nicht nach. Sie dient gleichfalls dem Interesse der narzißtischen 
Intaktheit. 

So zeitgerecht es auch wäre: wir sind nicht böswillig genug zu behaupten, 
die Objektbeziehung im Dienste der Aggressionsabfuhr sei etwa die solideste, 
deren der Mensch fähig ist. 

Hier ist wieder eine Ursache zu finden, weshalb bei den früher geschilderten 
Wiederholungspraktiken reale Objekte benötigt werden. Warum verweilt 
denn der Mensch nicht bei der ihm aus der Kindheit wohlvertrauten 
und bequemeren Onanie? Gewiß könnte all dies auch in der Onanie teil- 
weise zum Ausdruck gebracht werden. Bloß daß für die so wichtigen 
aggressiven Elemente, die zum Teil das Substrat dieser Regungen bilden, 
wie Rache, feindseHge Tönungen usw., beim eigenen Ich keine genügende Ab- 
fuhrmöglichkeit gegeben ist. Es sei denn, man wählt den masochistischen, 
sohin neurotischen Ausweg. Es ist ja geradezu das Stigma vieler Neurotiker 
mit ihrer ungenügenden und gehemmten Aggressionsabfuhr vom eigenen Ich 
auf Objekte, daß sie sich mit der Onanie bescheiden müssen. Die unge- 
nügende Abfuhr der Aggression in der Onanie scheint uns ein Umstand zu 



Übertragung und Liebe 31 



rsein, der in seiner Bedeutung keineswegs unterschätzt werden darf.^^ jj^^ 
zwar scheint er uns nach zwei Richtungen von Wichtigkeit. Denn vorerst 
erklärt er die Tatsache der unvollständigen Befriedigung durch die Onanie. 
Zweitens aber wird durch ihn die so vielfach behauptete Harmlosigkeit und 
Unschädlichkeit der Onanie sehr in Frage gestellt, wenn nicht weitgehend 
widerlegt. 
Wir haben voranstehend die autarkische Fiktion als das Paradigma des 
Strebens nach narzißtischer Einheit und Geschlossenheit hingestellt, der der 
Mensch unter Zuhilfenahme der Objekte durchs ganze Leben nachjagt. Mög- 
licherweise hat die intuitive Erfassung dieses Sachverhaltes eine allerdings sehr 
verzerrte Spiegelung in jenen philosophischen Systemen gefunden, die da 
lehren, die "Welt existiere lediglich in unserer Vorstellung. Ungleich an- 
mutender mag indessen der Gedanke sein, daß die autarkische Fiktion am Ende 
auch die Ursache dafür sei, daß das ganze Leben des Menschen von Fiktionen 
durchzogen und ohne solche kaum möglich ist. 



13) Unsere Auffassung über die Onanie berührt sich mit der Nunberes („Allgemeine 
Neurosenlehre", S. 168). 



Die Gestaltthcorie' 



Von 



Siegfried Bernfeld 



Wien 



„Ganzheit", „Gestalt", „Struktur" gehen als Modewörter in den Sprach- 
schatz des Gebildeten über und decken einen zwar vagen Begriff, aber eine 
eindeutige Tendenz gegen „Naturwissenschaft", „Materialismus", „Mechanis- 
mus", „Aufklärung". Sie sind Bestandstück jener romantischen Strömungen, 
die seit der Jahrhundertwende — nicht nur in Deutschland — sich in mannig- 
faltigen Formen in Kunst, Philosophie und Politik manifestieren. Ihre philo- 
sophische und wissenschaftliche Prägung haben diese Worte oder die mit ihnen 
gemeinten Tendenzen in der Biologie, Geschichte und Geisteswissenschaft er- 
halten, merkwürdigerweise gleichzeitig mit der Psychoanalyse. Diltheys 
„Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie", erschienen 
1894, Windelbands „Geschichte und Naturwissenschaft", 1894, Rick er ts 
Vorarbeiten zu den „Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" 
reichen bis 1896 zurück. Stumpf, Husserl, Driesch und UexküU be- 
ginnen gleichfalls in den Jahren vor 1900. Dies wären einige der für die ver- 
schiedenen Äste dieser Entwicklung in Deutschland bedeutsamen Namen. 

Von diesen philosophischen Richtungen gefördert, wenn auch von ihnen 
nicht durchaus bestimmt, ist Ganzheit, Struktur, Gestalt in präziseren Be- 
griffen entwickelt, heute in mehreren psychologischen Schulen Gegenstand, 
Fundament oder Programm der Bemühungen; aber immer doch in einen 
philosophischen, weltanschaulichen, zuweilen politischen Hintergrund einge- 
bettet; und immer mit einer mehr oder minder scharfen Bekämpfung der 
Ausdehnung der Naturwissenschaft auf die Psychologie. 

Hierin macht jene Gruppe von Psychologen eine Ausnahme, die das Wort 
Gestalt erst eigentlich durchgesetzt, die geradezu die Gestalt zur Theorie er- 
hoben haben und sich nach ihr Gestaltpsychologen nennen: "Wertheime r, 
Köhler, Koffka, Lewin.^ Ih re G estaltthe orie meint eine empirische und 

i) Es war meine Absicht, unter dem gemeinsamen Titel „Die Krise der Psychologie und 
die Psychoanalyse" in einer Reihe von Aufsätzen die Schulen und Standpunkte darzustellen, 
in welche die heutige Psychologie zersplittert ist. Das Motiv und den Grundgedanken dieser 
Bemühung versuchte ich in der Einleitung zum Bericht über W.Sterns Personahsmus 
(Int. Zeitschr. f. Psa., XVII, 1931) zu rechtfertigen. Dieser vorhegende Aufsatz sollte der 
zweite m der Reihe sein. Die vierte Stelle war der sowjetrussischen Psychologie zugedacht. 
Aus äußeren Gründen erschien die Kritik dieser Schule außer der Reihe (Int. Zeitschr. f. Psa., 
XVIII, 1932, 5.253) und ohne den Obertitel der Serie, auf die auch jetzt und bei zukünftigen 
Berichten verzichtet werden mag. 

2) Über Kurt Goldstein soll in anderem, psychopathologischen Problemen gewidmetem 
Zusammenhang berichtet werden. 



programmgemäß naturwissenschaftliche Psychologie. Schon darum finden 
die Gestalttheoretiker gerade innerhalb der neuen, ganzheitlichen Psycho- 
logie bei allseitiger Anerkennung einiger ihrer Feststellungen lebhafteste Be- 
kämpfung und dürfen hingegen bei den Psychoanalytikern ernstes Interesse 



erwarten. 



Es ist aber nicht leicht, sich diesem Studium zu widmen. Die sachUchen 
Schwierigkeiten werden durch ein unsachliches, aber nicht geringes Moment 
vermehrt; es sei darum vorangestellt und damit vorweg erledigt. Hat man 
der Psychoanalyse Expansionsdrang oder überspannte Machtgelüste vorge- 
worfen, und hat sie tatsächlich den Anspruch erhoben, Psychopathologie und 
Psychologie entscheidend zu bestimmen, vielen anderen Wissenschaften vom 
Menschen gewisse wichtige Beiträge und Ergänzungen zu bieten, so steht ihr 
jetzt die Gestalttheorie gegenüber, die von der Physik über Biologie, Psycho- 
logie bis zur Logik und Erkenntnistheorie ihr radikales Programm der völli- 
gen Umzentrierung spannt, und mit "Wertheimers Habilitationsschrift, 
1912 (5), eine neue Epoche der Wissenschaft datiert, und zwar in jener Weise 
des verhaltensten Pathos, der leisesten Anspielung, der halben Bemerkungen, 
der revolutionierenden Fußnote, mit der deutlichen Geneigtheit von allem 
was vor, neben, außer ihr ist, kaum Notiz zu nehmen — kurz als allerstärkste 
Gestalt. Diese Ansprüche der Gestalttheorie will ich nicht prüfen, sondern 
solange nicht anerkennen, als nicht explizite Leistungen dieser Revolution 
vorliegen. Sie seien als privater Affekt des Zutrauens und der Hoffnung ge- 
wertet, die die Gestaltpsychologen zu sich, zu Wertheimer oder zu ihren 
Denkmitteln haben. 

L 

Daß es Gestalten, Ganzheiten, Strukturen gibt, daß sie ein wichtiges Stück 
psychologischer Forschung sind, ist heute in keiner Schule bestritten. Auch 
die ungefähre Abgrenzung des Begriffes ist Gemeingut der heutigen Psycho- 
logie: Gestalten sind Gebilde der Wahrnehmung, an denen mannigfaltige 
„Teile" unterscheidbar sind, die aber doch nicht restlos aus diesen Teilen zu- 
sammensetzbar sind. Das Prototyp ist die optisch gegebene Figur, etwa: fünf 
schwarze Punkte auf weißem Grund in der Anordnung der Fünf des Domino- 
spiels bilden eine bestimmte Figur: „Domino-Fünf", die nicht einfach die 
Summe von i + i + . . , Punkten ist, sondern eben eine bestimmte „Gestalt". 
Die Melodie, an der Ehrenfels seinerzeit (1890) zum erstenmal den Begriff 
der „Gestaltqualität" entwickelte, bleibt das einfachste und eindringlichste 
Beispiel: Die Melodie besteht zwar aus unterscheidbaren Einzeltönen, sie ist 
aber doch mehr und anderes als jeder einzelne von ihnen, und mehr und 
anderes als sie alle zusammen; man kann dies Ganze „Melodie" nicht aus 

Imago XX/i a 



34 Siegfried Bernfeld 



seinen Teilen „zusammensetzen". Ehrenfels macht dies drastisch klar: man 
gebe jeden der Töne, aus denen die Melodie besteht, geordnet je einem 
anderen Menschen zu hören — keiner von ihnen, aber auch nicht alle zu- 
sammen haben die Melodie. Die Melodie ist keine „Und-Summe", wie Wert- 
heim er sagt, sondern eine Gestalt. Ein weiteres, für Wertheimer charak- 
teristisches Beispiel: „Ich stehe am Fenster und sehe ein Haus, Bäume, Himmel. 
Und könnte nun aus theoretischen Gründen abzuzählen versuchen und sagen: 
Da sind — 327 Helligkeiten (und Farbtöne). Habe ich 327? Nein. Himmel, 
Haus, Bäume und das Haben der 327 als solcher kann keiner realisieren. Und 
seien in dieser sonderbaren Rechnung etwa Haus 120 und Bäume 90 und 
Himmel 117, so habe ich jedenfalls dieses Zusammen, dieses Getrenntsein und 
nicht etwa 127 und 100 und 100." Häuser, Bäume, Himmel, die Landschaft 
nicht minder als die Figur „Domino-Fünf" und jede Figur, nicht minder als 
I die Melodie sind Gestalten. Die unmittelbare Wahrnehmung des schlichten, 
I nicht reflektierenden Menschen hat es allüberall mit „Gestalten", mit geglie- 
; derten, organisierten Wahrnehmungsfeldern zu tun. Das ist der, wenn auch 
mit dieser oder jener Einschränkung allgemein anerkannte Tatbestand. Wie 
', aber nun Gestalten präziser zu definieren, wie sie zu erklären sind und welches 
) ihre Rolle in der psychologischen Forschung und Theorie ist, darüber herrscht 
{ keineswegs Übereinstimmung unter den Psychologen, und die Schule um W e r t- 
heimer nimmt hierin einen radikalen und originellen Standpunkt ein. Sie 
verwendet einen präzisen Begriff und gibt ihm allgemeine Geltung. 

Wer ohne Bildung in den Universitätsfächern Psychologie und Philosophie 
ist, hat es leicht zu verstehen, was von diesen Psychologen Gestalt genannt 
, wird. Wer sich aber nicht die historische Entwicklung der Schulpsychologie 
i vergegenwärtigt, hat es um so schwerer zu begreifen, was es mit der Auf- 
1 regung und^ dem heißen Kampf auf sich hat, der um dies schlichte Faktum 
;■ tobt, daß wir Gestalten wahrnehmen. Die Aufgabe, der sich die Schulpsycho- 
logie bis in die jüngste Zeit widmete, war, geprägt von den Zielen und Ge- 
danken der englischen Sensualisten, bereichert durch die Methoden der 
Fechner sehen Psychophysik und der Sinnesphysiologie, in enger Anlehnung 
an den Entwicklungsgang der Naturwissenschaften: die ungeheure Fülle der 
Bewußtseinserscheinungen zu reduzieren auf eine möglichst kleine Anzahl von 
Elementen, Sinnesempfindungen. Diese Elemente waren zwar in qualitativ 
unterschiedenen Gruppen gedacht, aber innerhalb ihrer Gruppen gleichartig, 
gleichwertig, füreinander einsetzbar wie Punkte in der Geometrie oder Einsen 
in der Arithmetik. Die komplexen Gebilde, also die „wirklichen" Wahr- 
nehmungen, waren zusammenzusetzen aus diesen Elementen, wie Summen aus 
Einsen, wie „Bündel von Elementen". Der nachdrückliche Hinweis auf das 
Faktum der Gestalt machte und macht dieser Psychologie nun, wie man leicht 



Die Gestalttheorie 



35 



einsieht, ernste Schwierigkeiten, denn die Gestalten sind ja nicht reduzierbar, 
nicht zusammensetzbar aus ihren aufbauenden Elementen. Die Psychologie 
hat mancherlei Versuche gemacht, das Problem zu umgehen, vorläufig oder 
auch prinzipiell beiseite zu schieben oder zu lösen. 

Am markantesten wird die Sonderposition der Gestalttheorie dabei in 
ihrer kritischen und polemischen Stellung zu allen diesen vorausgegangenen 
und zeitgenössischen Versuchen, zur Psychologie also. Die Würdigung, die 
die Tatsache der Gestalt, wenigstens der Wahrnehmungsgestalt, in steigendem 
Maße unter mannigfachen Namen und Hypothesen erfährt, erscheint Wert- 
heimer völlig ungenügend. Ehrenfels z. B. habe die Gestaltqualität als 
neue Qualität neben die bestehenden gestellt, während es darauf ankomme, 
die Psychologie von Grund auf, geleitet von dem Faktum, daß die Gestalt 
logisch und genetisch vor den Teilen da sei, nicht durch die bestimmt sei, 
sondern von ihr bestimmt sei, neu aufzubauen. Von der Psychologie der 
Elemente (und der Assoziationen) müsse man sich radikal abkehren; es genüge 
nicht, dem bestehenden Inventar von Empfindung, Vorstellung, Gefühl und 
Wille die Gestalten hinzuzufügen, sondern, da unser Seelenleben gestaltet sei, 
kann ihm nur eine Wissenschaft gerecht werden, die auf den Gesetzen der Ge- 
stalt grundlegend aufgebaut ist. Die Gestalt ist das ursprüngliche Phänomen, 
von ihr ist auszugehen und mit ihr ist zu erklären. 

Phänomenal gibt es keine „Sinneselemente"; zur Deskription des Bewußt- 
seins sind sie ungeeignet, während Gestalt der gegebene psychologische „Deskrip- 
tionsbegriff" ist; zur Erklärung der Phänomene als Funktionsbegriffe sind die 
Sinneselemente ungeeignet, weil das zu Erklärende, die Gestalt, nicht erfaßt 
werden kann durch noch so komplizierte Kombinationen (Und-Summen) von 
Elementen. Es käme darauf an, die deskriptiven Gestalten durch den Funk- 
tionsbegriff Gestalt zu erklären. Der Durchführung dieser Idee, ja schon 
ihrem Ansatz, der Durchführung der Deskription des Psychischen als einer 
Ordnung von Gestalten steht aber ein schweres Bedenken im Weg: führt diese 
Idee nicht ins Vage, Spekulative, ins Leere? Führt sie nicht jedenfalls weg von 
den bewährten Prinzipien aller Forschung? Die „Elementenhypothese" oder 
die „Bündelhypothese" der Psychologie, wie die Gestalttheoretiker etwas weg- 
werfend sagen, war ja kaum je phänomenal gemeint. Sie verdankt ihre fast 
unbestrittene Herrschaft auch nicht ihrer formalen Ähnlichkeit mit der 
Naturwissenschaft: daß sie komplexe Phänomene aus elementaren „additiv" 
zusammenzusetzen gestattet. Sondern sie war ja in erster Linie eine physio- 
logische Theorie. Der komplexen Wahrnehmung kann kein physikalischer, 
kein physiologischer Sachverhalt entsprechen, aber dem Sinneselement, der 
Empfindung, entspricht ein bestimmter physikalischer Reiz, ein elementarer 
physiologischer Prozeß an einer bestimmten Stelle des Organismus. Der 



3^ Siegfried Bernfeld 



Mensch z. B., den ich vor mir auf der Straße sehe, behält seine Größe unver- 
ändert, auch wenn er sich fünf oder zehn Meter weit von mir entfernt; erst 
bei beträchthcher Distanz wird er, dann plötzhch unverhältnismäßig, kleiner. 
Es besteht die bekannte Größenkonstanz für die komplexe Wahrnehmung, also 
di,e „Gestalt". Die Punkte aber, die das Retinabild zusammensetzen, also die 
Sinneselemente, verändern sich schon bei geringen Distanzen. Und die Auf- 
gabe, die die Psychologie vor sich sah, war, aus den Sinneselementen, die 
physikalisch-physiologisch fundiert gedacht waren und so Anschluß an die 
gesamte übrige Natur und Naturforschung boten, als den „wirklichen" Ele- 
menten des Seelenlebens die komplexen Wahrnehmungen als die „Erscheinun- 
gen" aufzubauen. Die Größenkonstanz hieß dann die „scheinbare" Größe. 
Zugegeben, daß dies Verfahren paradox erscheint; gewiß waren eine Reihe 
von Zusatzhypothesen und recht komplizierten Erklärungsschemata nötig, 
um die Fakten der Wahrnehmung zu bewältigen. Man mußte von „Kom- 
plexen", Konstellationen, Determinanten, Gestaltqualitäten sprechen. Aber 
wie findet sich die Anknüpfung zur Physiologie von dem Standpunkt aus, den 
Wertheimer etwa so formuHert: „Das Gegebene ist an sich in verschiedenem 
Grade gestaltet. Gegeben sind mehr oder weniger bestimmte Ganze und 
Ganzprozesse, mit vielfach sehr konkreten Ganzeigenschaften, charakteristi- 
schen Ganztendenzen, mit Ganzbedingtheiten für ihre Teile" (30, S. 549). 

Nun, ist die Gestalttheorie in diesem Satze mit vielen psychologischen und 
philosophischen Schulen ungefähr einig, so unterscheidet sie von ihnen allen, 
daß sie trotz des Ausganges von der Gestalt auf die Verbindung mit der 
Physiologie nicht verzichtet; im Gegenteil, sie hat dies ins Zentrum ihrer 
Theorie gestellt, so sehr, daß sie von anderen Psychologen als materialistisch 
und physikalistisch bekämpft wird. Schon in jener Habilitationsschrift von 
Wertheimer über das Bewegungssehen (j) werden nachdrücklich physio- 
logische Querprozesse angenommen, die den phänomenalen Gestalten ent- 
sprechen; und immer deutlicher fragt die Gestalttheorie nach physiologischen 
Prozessen, denen selbst Ganzeigenschaften zukommen, die infolgedessen 
physiologische Grundlage für Gestalten sein können. „Es muß auch im 
Physiologischen auf die Ganzeigenschaften größerer Bereiche ankommen, es 
darf nicht nur gefragt werden: wo geschieht etwas, wie es der Leitungs- 
hypothese entspricht, sondern was geschieht?" (30, S. 504). Beim Bemühen, 
ein physiologisches Fundament für die Gestalten zu finden, gelangen die Ge- 
stalttheoretiker zu einer sehr bedeutsamen Erweiterung des Begriffes Gestalt, 
weit über das Gebiet der Wahrnehmung hinaus. Die Aufgabe nennt Köhler 
das „Wertheimer-Problem", solche physische Gestalten zu finden, welche 
aus der Natur des Nervensystems abzuleiten, also jedenfalls in ihm möglich 
sind, und welche den Eigenschaften phänomenaler Gestalten entsprechen. 



Die Gestalttheorie 37 



H Köhler kommt in sehr eindrucksvoller Untersuchung (22) zum Ergebnis, daß 
■ es physische Gestalten gibt, ja, daß man ihnen in der Physik auf Schritt und 
Tritt begegnet. So einfache Vorgänge, wie die Verteilung elektrischer Ladung 
auf einem Leiter, haben die Eigentümlichkeiten, die bereits Ehrenfels be- 
schrieb und die nun Gestaltkriterien heißen: Die Teile sind vom Ganzen be- 
stimmt; alle Teile tragen sich gegenseitig; das Ganze ist transponierbar. Ge- 
stalt ist danach keineswegs eine unvergleichliche Eigenart des höheren Seeli- 
schen oder des Bewußtseins, wie die idealistischen Ganzheitsphilosophen und 
-Psychologen wollen, und daher macht es keine prinzipielle Schwierigkeit, von 
der Gestalt auszugehen, die Elementenhypothese mitsamt ihrer physiologi- 
schen Basis zu verlassen, ohne sich doch der Physiologie zu entfremden. 

Sowohl die Kritik an der Elementenpsychologie, als auch der Ausbau der 
Wahrnehmungslehre, wird von den Gestaltpsychologen grundsätzlich, natür- 
lich möchte man sagen, experimentell geführt. Und diese umfangreiche Ex- 
perimentalforschung, insbesondere über die optische und akustische "Wahr- 
nehmung, hat zu so eigenartigen Methoden, geistreichen Fragestellungen und 
neuen Ergebnissen geführt, daß, obgleich weder die kritischen noch die posi- 
tiven Ansätze Wertheimers so völlig neuartig sind, wie in seiner Schule 
manchmal behauptet wird, doch von ihm eine wirkliche Revolutionierung 
der Wahrnehmungspsychologie ausgeht. Selbstverständlich ist diese For- 
schung nicht abgeschlossen und sie erlaubt noch nicht die Formulierung 
irgendeines entscheidenden Resultates, das präziser wäre als die Aussage, die 
"Wahrnehmungen werden von Ganzbedingungen bestimmt. Aber sie haben 
gewiß soviel ergeben, daß die Gestalten experimentell studiert werden können 
und müssen, daß die Elementenhypothese, so wie die Gestaltpsychologen sie 
formulieren, nicht ausreicht, die Gestalt und ihre Gesetze zu erklären. Frei- 
lich hat wohl noch nie ein Psychologe die Elementenhypothese so radikal ver- 
standen, wie die "Wert heim er sehe Theorie behauptet, sondern allemal sind 
die Empfindungen durch Zusatzelemente, Zusatzhypothesen bereichert, ihre 
Gültigkeit eingeschränkt worden. Aber eben dies Verfahren wird endgültig 
fragwürdig und die Chance besteht, daß die soviel einfachere und geschlos- 
senere Theorie siegt, die"Wertheimer vertritt, daß die "Wahrnehmung kom- 
plexer Gestalten zu den primären Leistungen der Psyche gehört, die nicht 
durch einen Rekurs auf noch einfachere Sinnesempfindungen erklärbar und 
erklärenswert sind. Allein schon die völlig neue und überaus fruchtbare Tier- 
psychologie, die sich von hier aus ergibt, und die Köhler in einer Reihe 
bewunderungswürdiger Arbeiten (13—17) angebahnt hat, spricht für diese 
Chance. Die Ausblicke, die sich für die Probleme des Lernens, der Intelligenz, 
des Denkens ergeben, sind nicht minder interessant, wenngleich heute noch 
recht kontrovers. Nicht vergessen sei, daß die Lehre von den primären Ge- 



38 Siegfried Bernfeld 



Stalten von sehr beachtlicher Relevanz für die Erkenntnistheorie und Philo- 
i Sophie wäre. 

Der Psychoanalytiker hat manchen Grund, ihr Glauben zu schenken -— da- 
von wird noch zu sprechen sein. Wenn ich trotzdem die Bedeutung der Ge- 
st^lttheorie für die Wahrnehmungspsychologie etwas hypothetisch formuliere, 
so geschieht dies, weil wir nicht minder Anlaß haben zu betonen, daß zwei 
ejitscheidende Reihen voiT^ Verifizierungen noch a,usstehen. Ob die Gestalten 
originär sind oder nicht, läßt sich am kinderpsychologischen Experiment ent- 
scheiden. Koffka(28) hat viele Argumente aus der Kinderpsychologie zu- 
sammengetragen, aber es fehlt noch so gut wie völlig an den entscheidenden 
Experimenten am Neugeborenen und Säugling. Bedeutsamer fällt skeptisch 
ins Gewicht, daß die Physiologie der Gestalttheorie noch vöUig hypothetisch 
ist. Nicht als wäre Wertheimers Hypothese irgend unwahrscheinlich; sie 
und ähnliche Hypothesen der Physiologen, die an Zahl ständig größer werden, 
erfahren durch Köhlers physikalische Untersuchung gut begründete Hilfe — 
aber schließlich handelt es sich doch eben um eine Hypothese und vorläufig 
um eine neben anderen. Vermutlich sind sich die Gestaltpsychologen dieses 
hypothetischen Charakters genügend klar bewußt. Hingegen finde ich nicht 
in dem Maße, das er verdient, den Gedanken klar unterstrichen: daß die 
Empfindungshypothese in der Psychologie nicht durch die Gestalthypothese ' 
ersetzt werden kann, wenn nicht die Physiologie die Elementenannahme auf- 
zugeben gestattet. Phänomenal freilich sind die Empfindungen nicht gegeben. 
Weder isoliert noch in den Wahrnehmungen; sollte die Empfindungslehre je 
phänomenale Sachverhalte gemeint haben, so ist sie gewiß durch die Gestalt- 
psychologie neu belehrt. Aber als Summe wissenschaftlicher Begriffe, als Theorie, 
wäre sie solange dennoch erforderiich, als die Reize der Umwelt physiologisch 
nicht anders denn elementenhaft wirkten. Auch dann noch freilich wäre die 
einfache Theorie, die Wert heim er und die Seinen bekämpfen, nicht halt- 
bar; aber ebensowenig die einfache Gestalttheorie, die sie vertreten. Die — 
unwahrscheinliche — Möglichkeit, die Physiologie würde auf die Dauer der 
Empfindung nicht entraten können, brauche ich nicht zu diskutieren. Aber 
die Gestalthypothese der Physiologie scheint zu schmal, um den stolzen Bau 
der Gestalttheorie zu tragen; sie isoliert die Sinnesphysiologie und die Pro- 
zesse in einzelnen Gebieten des Gehirnes zu sehr, um Vertrauen zu erwecken. 
Offenbar gehen Köhlers Bemühungen um biologische Fragen (Regulation, 
Chatelier) in diese Richtung einer Verbreiterung der physiologischen Basis 
der Gestalttheorie. Ich vermag aus den Ansätzen, die voriiegen, nicht zu ent- 
scheiden, in welcher Weise die Sinnesfunktionen des Körpers eingebaut werden 
in dessen nach unserer Meinung primären Triebfunktionen. Man darf ab- 
warten; hat doch Köhler schon in diesem ersten Ansatz den Willen gezeigt, 



Die Gestalttheorie 39 



jenseits der Alternative Maschine oder Entelechie Naturwissenschaft zu 

treiben. 

Keiner letzten physiologischen Verifizierung ist die Kritik der Assoziations- 
theorie bedürftig, die die Gestaltpsychologen nicht minder heftig und gründ- 
lich betreiben, als die der damit eng verbundenen Elemententheorie. Die 
Assoziationstheorie ergibt sich nach Meinung der Gestaltpsychologen aus der 
Elementenlehre. „Ich sehe den Blitz und ich höre gleich darauf den Donner. 
Das Prinzip der Assoziation drückt das so aus: in meinem Bewußtsein ist zu- 
erst die Gesichtsempfindung Blitz, darauf die Gehörsempfindung Donner, jede 
ist für sich da. Blitz und Donner sind zwei Empfindungen, noch genauer: 
eine Empfindung plus einer anderen Empfindung, die unmittelbar darauf 
folgte. Wenn mir jetzt beim Sehen eines Blitzes oder beim bloßen Daran- 
denken die Vorstellung des Donners kommt, so wird als notwendiger, aber 
auch hinreichender Grund hiefür die bloße Existentialverbindung der Auf- 
einanderfolge (in anderen Fällen der Gleichzeitigkeit) angesehen" (30, S. 512). 
Zwar weist die Selbstbeobachtung diese Zweiheit gar nicht auf, sondern Blitz 
und Donner gehören als einheitliches Erleben zusammen. Aber die „Über- 
einstimmung zwischen den Grundprinzipien der Assoziationslehre und den 
Bewußtseinstatsachen" verlangt diese Hypothese, daß „zwischen" den Elemen- 
ten ein einigendes Band sei, nämlich die Assoziation. Und da durch diese 
Hypothese jene Übereinstimmung so gut hergestellt wird, blieb dem wissen- 
schaftlichen Denken überhaupt unbewußt, daß hier eine Hypothese vorliegt; 
die Hypothese, daß ursprünglich das Bewußtsein anders war, daß da, wo wir 
jetzt Einheitlichkeit erleben, ursprünglich wirklich nur zwei lediglich existen- 
tial (durch bloßes Zusammendasein) zusammenhängende „und-verbundene" 
Erlebnisse vorlagen, die dann erst durch Assoziationsbildung ihre Einheitlich- 
keit erlangt haben. Aus der Zerlegung alles Wahrgenommenen in primäre 
Elemente folgt die Notwendigkeit ihrer Verknüpfung durch Assoziation. 
„Läßt sich das Zerlegungsprinzip nicht aufrechterhalten, so ist auch das Assozia- 
tionsprinzip hinfäUig" (30, S. 513). Der Begriff der Gestalt faßt das Erlebnis 
„Blitz und Donner" nicht als Blitz plus Donner, sondern dem Erlebnis adäquat 
als eine Einheit und erspart sich jene Hypothese. Damit verbunden wird der 
Weg frei, die Assoziationsgesetze zu entwerten und die Vorstellung zu 
eliminieren, als hinge die Stärke des „assoziativen Zusammenhanges" von der 
Zahl der Wiederholungen ab. Lewin (3 4) hat in einer experimentellen Unter- 
suchung diese Grundlage der Assoziationstheorie geprüft und kommt zu einem 
vernichtenden Urteil. Daß es „Assoziationen" gibt, d. h. daß es Abfolgen von 
„Vorstellungen", von Bildern, Gedanken usw. gibt, wird natürlich nicht be- 
stritten, wenn auch in den vorliegenden Arbeiten der Schule nicht aus- 
reichend gewürdigt. Die Folge erklärt sich aber für die Gestalttheorie aus 



4° Siegfried Bernfeld 



„Gestaltgesetzen". Die Abfolge selbst oder die psychische Situation, in der sie 
auftritt, ist ein ganzheitlicher Zusammenhang, der die „Teile", also die „Asso- 
ziationen" nach ihrem Hier und Jetzt bestimmt. An konkreter Arbeit ist im 
Smne dieser Theorie wenig geleistet, außer auf dem sehr wichtigen Gebiete der 
Handlungen. Hier ist es freilich auch zunächst die Kritik an herrschenden 
Theorien, die von Kofka und Köhler geführt wurde: gegen die Erklärung 
von Handlungsverläufen als Reflexketten, Reflexassoziationen, oder aus Er- 
fahrungsassoziationen zwischen Bedürfnis und Befriedigung. In Köhlers tier- 
psychologischen Arbeiten, in Lewins Arbeiten zur Affektlehre (36) Hegen 
konkrete Ansätze vor, die, so scheint mir, unzweifelhaft die Überlegenheit des 
gestalttheoretischen Gesichtspunktes gegenüber dem assoziationstheoretischen 



erweist. 



Eine Darstellung und Diskussion der einzelnen wahrnehmungs- und tier- 
psychologischen Funde der Gestalttheorie muß ich unterlassen, weil sie nur 
möglich oder sinnvoll wäre bei sehr eingehender und umfangreicher Detail- 
mitteilung, die hier nicht lohnt. Denn die Psychoanalyse hat sich mit dem 
Forschungsgegenstand, dem die Gestaltpsychologen zugewendet sind, nicht 
j, beschäftigt, hat also keinen eigenen Standpunkt zu vertreten. Doch steht sie 
^ der neuen Wahrnehmungspsychologie, wie sie sich seit etwa zwanzig Jahren 
\^ allüberall, mit unter der treibenden Kraft der Ideen der Gestalttheoretiker, 
; entwickelt, nicht so fremd gegenüber wie jener alten Wahrnehmungspsycho- 
logie, die den ersten zwei Jahrzehnten psychoanalytischer Forschung zeit- 
genössisch war. Zu den Problemen jener von der elementenphysiologischen 
Aufgabe geleiteten Psychologie hatte die Psychoanalyse keinen Zugang, ihre 
Resultate hatten mit ihr keine Verbindung. Die psychoanalytischen Erfahrun- 
gen über die früheste Kindheit und die Vorstellungen, die sich der Psycho- 
analytiker auf Grund dieser Erfahrungen und im Sinne der Freudschen 
Theorie von dem Neugeborenen und Säugling machen mußte, drängten dahin, 
dem Kind in phantastisch früher Zeit Leistungen zuzumuten, die sich weder 
mit empiristischer noch mit nativistischer Interpretation der Elementen- 
psychologie und ihrer Bündelthese vereinigen ließ. Wenn die Mutterbrust 
als das erste Liebesobjekt gedeutet wird, wenn von uralten Ambivalenz- 
konflikten, wenn von libidinösen Besetzungen in den ersten Lebenswochen 
die Rede ist, so setzt dies eine so völlig andere Welt des Säuglings voraus, daß 
das Sinnesempfindungschaos, das die alte Schulpsychologie forderte, uns so 
abstrus vorkommen mußte, wie die psychoanalytischen Gedanken dem Schul- 
psychologen phantastisch und bizarr. Ohne etwa dabei für gesichert zu er- 
klären, was da und dort von Psychoanalytikern über diese früheste Welt 
gesagt worden sein mag — prinzipiell wird unsere Auffassung innerhalb der 
Ganzheitspsychologie denkbar und wohl auch im einzelnen prüfbar. Denn 



Die Gestalttheorie 



41 



unsere Phantastik und Bizarrerfe wird sogleich zu bloß im einzelnen viel- 
leicht fragwürdigen, aber im ganzen grundsätzlich möglichen Behauptungen, 
wenn man sich klarmacht, daß man dem Säugling und dem kleinen Kind 
nicht mehr zumutet, als daß es von Anfang an Gestalt wahrnimmt, gegliederte 
Wahrnehmungsfelder gegeben hat und handelt. So ermöglicht die neue "Wahr- 
nehmungspsychologie und ihr prägnantester Vertreter, die Gestalttheorie, der 
Psychoanalyse den Anschluß an die Psychologie überhaupt. Insbesondere gilt 
dies von der Gestaltpsychologie für die andere Hinsicht, in der die Psycho- 
analyse sich von der alten "Wahrnehmungspsychologie abgeschnitten sah. Jener 
alten Ansicht vom Seelischen, wonach dieses aus streng voneinander ge- 
trennten Sphären des Empfindens, Denkens, Wollens, Fühlens — oder wie 
jene Zwei-, Drei-, "Vierteilungen sonst lauten mögen — besteht, die einander 
höchstens wie von außen beeinflussen können, war die Psychoanalyse beinahe 
von Anfang an grundfremd. Sie hatten miteinander keinen Berührungspunkt. 
"Wir konnten nicht anders denken, als daß "Wahrnehmen, Denken, "Wollen, 
Fühlen in einem personalen Zusammenhang miteinander stehen, daß sie 
untereinander wesensähnlich sein müssen, weil sie nur je andere Funktionen 
im Ganzen der Lebens-, Trieb-, Bedürfnisabläufe erfüllen, füreinander stehen, 
auseinander sich entwickeln können. Lehrt nun die Gestalttheorie, daß diese 
Trennung undurchführbar sei, ob sie nun eine Absonderung des höheren 
Seelenlebens, des Denkens, vom niederen, dem Empfinden intendiert, oder 
sonst eine "Wesensverschiedenheit innerhalb des Psychischen postuliert; prä- 
zisiert sie den vagen Begriff von der "Wesensähnlichkeit des Psychischen 
dahin, daß die Gestaltkriterien den "Wahrnehmungsgebilden ebenso wie den 
Affektverläufen, den Handlungen, den Denkprozessen und den logischen 
Gebilden zukommen, so kündigt sie sich als Psychologie an, die eine der 
Grundvoraussetzungen mit der Psychoanalyse teilt, also gegenseitiges Inter- 
essenehmen erlaubt. 

Insbesondere die kritische Aufklärungsarbeit der Gestalttheorie gegenüber 
der Assoziationstheorie verdient unser lebhaftestes Interesse. Ihr zuliebe seien 
gewisse kritische Bemerkungen, die an ihrer Argumentation vielleicht an- 
zubringen wären, gern unterdrückt. Sie haben, wenn schon vielleicht nicht die 
Theorie von den Empfindungen, so doch gewiß die sogenannte Assoziations- 
theorie erledigt. Es ist schon fast so weit, daß ein Psychologe, der auf sich 
hält, nicht mehr wagt, das "Wort Assoziation zu gebrauchen. "Von vielen 
Seiten her ist, wie Bühl er deutlich zeigt, seit 1890 die Assoziationslehre be- 
kämpft und ersetzt worden. Die Gestaltpsychologen sind keineswegs die ein- 
zigen, ganz gewiß nicht die ersten, denen der Abbau der alten Psychologie 
zu danken ist. Aber ihr Generalangriff hat zu hellem Bewußtsein gebracht, 
sehr beschleunigt und vor allem zur Macht gebracht, was im Verborgenen, 




42 



Siegfried Bernfeld 



Unklaren, langsam wuchs. Sie haben die Abkehr von der Assoziationstheorie 
radikal vollzogen; so radikal, wie außer ihnen — und lange vor ihnen 
übrigens — bloß noch Freud. Jedoch mit einem sehr beachtenswerten und 
gluckhchen Unterschied. Freud hatte ein neues Reich gegründet und bei den 
volhg differenten Prinzipien seines Staates und des der Nachbarn wurde er 
allseitig boykottiert, bewaffnete Interventionen gegen ihn organisiert und es 
I wollte kein friedlicher Handelsverkehr zwischen der Psychoanalyse in 
■ splendid Isolation und den Bruderstaaten glücken. Wertheim er organisierte 
im alten Staat eine neue Partei und eroberte die Heimat, freilich nicht für 
sich, aber immerhin für alle, die gegenüber dem Alten ein Neues wollten 
Nun wird das Kommerzium, wenngleich noch lange wohl nicht das Konubium 
mit der isolierten, inzwischen sehr stabilisierten Freud-Welt möglich sein. 

Vom Bilde frei: viel und auch übertrieben gerügt wurde, daß sich die 
Psychoanalyse so sehr ohne Rücksicht auf die ihr zeitgenössische Psychologie 
entwickelte Man darf zugeben, daß hier ein richtiger Sachverhalt gerügt wird. 
Aber die Fremdheit zwischen der Psychoanalyse und der Psychologie war 
keineswegs durch Freuds EigenwiUigkeit verschuldet. Die Traumdeutung 
bringt eine ausführliche Besprechung aller Literatur; das Buch über den Witz 
noch setzt sich sehr genau mit den Vorgängern und den Zeitgenossen aus- 
einander, fmdet nahe Beziehungen zu Lipps. Die drei Abhandlungen kennen 
keineswegs Mißachtung der Fachwissenschaft. Die Psychopathologie des 
Alltagslebens bleibt mit der Literatur außerhalb der Psychoanalyse auch noch 
m spateren Auflagen in gutem Kontakt (so wird Wertheim er zustimmend 
interessiert, erwähnt). Aber tatsächlich hat dieser Kontakt im Laufe der Jahre 
nachgelassen. Und wenn heute anerkannt wird, daß jene Freud zeitgenös- 
sische Literatur bis 1910 nicht viel wert war, die Anfänge der neuen bis vor 
kurzem sehr unscheinbar waren, in ihren Konsequenzen aus den publizierten 
Spezialuntersuchungen oder Andeutungen in Spezialuntersuchungen kaum 
erkennbar, so müßte wohl dieser stets wieder erhobene Vorwurf ein wenig 
an Gewicht verlieren. (Übrigens sind auch diese Ansätze keineswegs unter- 
schätzt worden; siehe z. B. meine Anzeigen über Krüger und Poppel- 
reuter.3) Sachlich sinnvoll wäre der Vorwurf ja nur, wenn die Psycho- 
analyse in ihrer Isolierung als einzige der Psychologenschulen das veraltete 
Niveau von 1890 festgehalten hätte. Aber eben das Gegenteil ist der Fall 
Freud hat nach sehr kurzem Versuch mit der Elementen- und Assoziations- 
theone etwas anzufangen, diese ganze Richtung als ihm völlig fremd beiseite 
gelassen. Was er nicht unternommen hatte, war die explizite Polemik, die 
Formulierung „Elementenhypothese", „Assoziationstheorie", kurz die Prä- 
gung der methodologischen S ituation. Denn seine Differenzen mit der zeit- 
3) Int. Zeitschr. f. Psa., III., 1915. ^ ' ~ '■ 



Die Gestalttheorie 43 



genössischen Psychologie waren im Vordergrund solche der analytischen 
Forschungsmethode, des Unbewußten, der Sexualität usw. Es war übrigens 
natürlich nicht vorher, sondern erst nachher möglich, methodologische Be- 
wußtheit zu erreichen. Dies liegt vor allem daran, daß die Situation nur auf 
dem Boden der Wahrnehmungspsychologie in der erfreulichen Weise zu 
klären war, die der Gestalttheorie verdankt wird. Auf den anderen Gebieten 
gab es ja Psychologie in irgend belangvollem Maße nicht, die von Elementen- 
und Assoziationstheorie erfüllt gewesen wäre. Und die Fragen der Wahr- 
nehmungspsychologie hat Freud so wenig wie die der Nerven- und Hirn- 
physiologie je anders berührt als in abgrenzenden Bemerkungen. Daß und wie 
die völlige Armut der älteren wissenschaftlichen Theorie auf allen zentralen 
Gebieten, die Freuds Forschungsgegenstand waren und sind, zusammenhängt 
mit Unzulänglichkeiten auf ihrem eigenen Gebiet, nämlich von ihrer Asso- 
ziationstheorie verschuldet wird, ist freilich eine — von Freud nicht formu- 
lierte — These Wer t he im er s, die viel für sich hat. 

Die gründliche Kritik, die die Gestaltpsychologen an der Assoziations- 
theorie vornehmen, reicht natürlich sehr viel tiefer in die Gebiete hinein, die 
der Psychoanalyse Forschungsgegenstand sind, als die Bekämpfung der Ele- 
mentenhypothese, die in erster Linie die Wahrnehmungspsychologie be- 
trifft. Traumdeutung, das therapeutische Verfahren der Psychoanalyse, jede 
■einzelne Analysenstunde, aber auch weite Strecken der angewandten For- 
schungsarbeit der Psychoanalytiker beziehen sich auf Folgen von Gedanken, 
Bildern, Handlungen, Affekten, die im wesentlichen in Worten und Sätzen 
dem Therapeuten und Forscher vorliegen. Das Gesetz dieser Abfolge kennen- 
zulernen ist seine Aufgabe oder seine Voraufgabe. Auf Grund des Gesetzes 
der Abfolge vermag er zu erklären, zu deuten, zu beeinflussen. In der ärm- 
lichen Terminologie der älteren Psychologie ist „Vorstellung" das Wort, das 
demnach zwar auch in ihr keineswegs richtig und genau, aber fürs erste un- 
gefähr das Forschungsmaterial der Psychoanalyse bezeichnet; Assoziationen 
von Vorstellungen heißen dann ungefähr die Abfolgen, die dem Analytiker 
vorliegen und auf deren Gesetz es ihm ankommt. Von Assoziationen zu 
sprechen rechtfertigte sich in den Anfängen der Psychoanalyse um so mehr, 
als es sich im allgemeinen nicht um sachgebundene, sondern um von 
„inneren" Kräften und Zwecken bestimmte Abfolgen handelte. Aber eine 
»Assoziationspsychologie" ist darum die Psychoanalyse keineswegs. 

Mit der Frage, ob auch einfache Wahrnehmungen aus Elementen „und- 
summenartig" zusammengesetzt sind, hat sich Freud überhaupt nicht be- 
schäftigt. Ebensowenig mit dem Problem, ob Donner und Blitz i + i oder 
I sind. Die These hingegen, daß Abfolgen von Einfällen durch Ähnlichkeit, 
Berührung usw. determiniert sind, hat Freud wohl als erster entschieden be- 




kämpft und hat an Stelle der Assoziationstheorie die Einsicht gestellt, das 
Hier und Jetzt jedes Gliedes solcher Abfolge sei bestimmt durch einen 
affektiv bedeutsamen Wunsch-, Trieb-, Bedürfniszusammenhang. Nicht auf 
die Zahl der Wiederholungen komme es für die Reproduktion an, nicht ein- 
mal auf die Stärke und Bedeutung des einmaligen Erlebnisses, sondern auf die 
Funktion, die das reproduzierte Ghed im gegenwärtig wirkenden Gesamt- 
zusammenhang hat. Wenn immer wieder, längst vor der Gestalttheorie, der 
Psychoanalyse der Vorwurf gemacht wurde, sie sei Assoziationstheorie und 
darum unzulänglich, wenn dieser Vorwurf auch von Gestalttheoretikern er- 
hoben wird oder jüngst in einer historischen Arbeit von Dorer* „dokumen- 
tarisch" belegt wird, so wird völhg übersehen, daß Freud zwar von der 
Assoziationslehre herkam, ihre Termini schlicht verwendete, auch heute ge- 
legentlich nicht scheut, daß er aber überall dort, wo er Neuland erforschte, die 
Unzulänglichkeit assoziationstheoretischer Erklärungen erkannte und sich 
nichtsdestoweniger bemühte, jenseits der Anwendbarkeit der Assoziations- 
theorie Psychologie zu treiben und spätestens in der Traumdeutung die 
Assoziationslehre überwand und durch eine völlig neue ersetzte. 
\ Der häufige Gebrauch des Wortes Assoziation sollte hier nicht irreführen. 
Man müsse den Assoziationen nachgehen heißt z. B. eine Grundregel der 
Traumdeutungstechnik; aber diese Regel, die man auch ganz anders aus- 
sprechen kann, etwa: man müsse die Einfälle sammeln, die sich zu jedem 
Traumstück einstellen, imphziert keineswegs ein Bekenntnis zur Assoziations- 
theorie, schon gar nicht in jenem engsten Sinn, in dem die Gestalttheoretiker 
das Wort gebrauchen. Ich erinnere hier, um die Argumentation konkret zu 
belegen, an die Seiten 447— 4J1 der Traumdeutung (Ges. Sehr., Bd. II). 
Freud setzt sich mit Einwendungen auseinander und sagt rechtfertigend: 
„Wir gehen ja so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken beherrschenden 
Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksamkeit auf ein einzelnes 
Traumelement richten und dann notieren, was uns an ungewollten Gedanken 
zu demselben einfällt, . . . und lassen uns, unbekümmert um die Richtung, 
nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiterführen, wobei wir — wie 
man zu sagen pflegt — vom Hundertsten ins Tausendste geraten. Dabei hegen 
w-ir die zuversichthche Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazutun auf 
die Traumgedanken zu geraten, aus denen der Traum entstanden ist. Dagegen 
wird die Kritik etwa folgendes einzuwenden haben: daß man von einem ein- 
zelnen Elemente irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede 
Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen. Es ist nur merkwürdig, daß 
man bei diesem ziellosen und willkürUchen Gedankenablauf gerade zu den 
Traumgedanken geraten sollte. Wahrscheinlich ist das eine Selbsttäu- 
■ 4) Historische Grundlagen der Psychoanalysen. Leipzig 1932. 



Die Gestalttheorie 45 



schung;..." Zur entscheidenden Abwehr dieses Einwandes dient folgender 
Gedankengang: „Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns 
einem ziellosen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, bei der Traum- 
deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vorstellungen 
auftauchen lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer nur auf die uns be- 
kannten Zielvorstellungen verzichten können, und daß mit dem Aufhören 
dieser sofort unbekannte — wie wir ungenau sagen: unbewußte — Ziel- 
vorstellungen zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf der ungewollten Vor- 
stellungen determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich 
durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht her- 
stellen; es ist mir aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer 
Zerrüttung es sich sonst herstellt . . . Das freie Spiel der Vorstellungen nach 
beliebiger Assoziationsverkettung kommt vielleicht bei destruktiven organi- 
schen Gehirnprozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für 
solches gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf eine 
Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen Zielvorstellun- 
gen in den Vordergrund geschoben wird. Als ein untrügliches Zeichen der 
von Zielvorstellungen freien Assoziation hat man es betrachtet, wenn die 
auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder) untereinander durch die Bande 
der sogenannten oberflächlichen Assoziation verknüpft erscheinen, also durch 
Assonanz, "Wortzweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinn- 
beziehung, durch alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim Wortspiel 
zu verwerten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Gedanken- 
verbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes in den Kolla- 
teralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken führen, zu; wir 
haben bei vielen Traumanalysen Beispiele gefunden, die unser Befremden 
wecken mußten. Keine Anknüpfung war da zu locker, kein Witz zu ver- 
werflich, als daß er nicht die Brücke von einem Gedanken zum andern hätte 
bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt 
nicht ferne. Jedesmal wenn ein psychisches Element mit einem andern durch 
eine anstößige und oberflächliche Assoziation verbunden ist, existiert auch 
eine korrekte und tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden, welche 
dem Widerstände der Zensur unterliegt. Druck der Zensur, Nichtaufhebung 
der Zielvorstellungen ist die richtige Begründung für das Vorherrschen der 
oberflächlichen Assoziationen. Die oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der 
Darstellung die tiefen, wenn die Zensur diese normalen Verbindungswege 
ungangbar macht . . . Unter dem Druck der Zensur hat hier in beiden Fällen 
eine Verschiebung stattgefunden von einer normalen, ernsthaften Assoziation 
auf eine oberflächliche absurd erscheinende." Ganz offensichtlich geht es hier 
gegen die Assoziationstheorie. Die Folge von Einfällen, die „Assoziation", 




4^ Siegfried Bernfeld 



Wird nicht durch die Assoziation und die Assoziationsgesetze erklärt, sondern 
durch unbewußte Zielvorstellungen, also durch einen Zusammenhang, ein 
Ganzes, das die Teile bestimmt. Die Teile sind miteinander „assoziiert", 
nämlich innerlich miteinander verbunden, oder gehören als Teile jenes über- 
greifenden Zusammenhanges zusammen; dies nennt Freud „normale, ernst- 
haft^ Assoziation". Sie sind aber nur in Sonderfällen, die der Erklärung be- 
dürften, im Sinne der Assoziationstheorie assoziiert, Freud spricht sie dann 
als „oberflächliche Assoziationen" an. Diese Bestimmtheit der Einfälle durch 
den Zusammenhang stellt Freud entschieden dar und macht sie zu einer 
Grundlage der Psychoanalyse. Ob dadurch die Assoziationstheorie getroffen 
modifiziert oder vöHig entthront wird, hat Freud nicht erwogen; er hat 
sich um sie überhaupt kaum mehr gekümmert. Und es gibt, man darf es wohl 
so sagen, überhaupt keine Freudsche Aussage, die auch nur entfernt in die 
Schemata der Assoziationstheorie passen würde; wenngleich das Wort Assozia- 
tion für Einfall oder für Verknüpfung, gelegentlich sogar für Zusammenhang 
und Gestalt vorkommt. Aber man wird sich hüten müssen „ein starkes Kind 
[ mit dem Bade auszuschütten", wie Köhler in anderer Verbindung sagt; es 
gibt schließlich das Phänomen Assoziation, selbst wenn der Begriff der Asso- 
, ziation restlos ungültig sein sollte. 

Erst Jung hat die Verbindung der Psychoanalyse, die zu dieser Zeit in ihren 
Grundgedanken bereits entwickelt war, mit der Assoziationstheorie her- 
gestellt. Er suchte mit Methoden der experimentellen Psychologie gewisse 
fundamentale Ansichten der Psychoanalyse zu stützen und die herrschende 
Assoziationspsychologie durch psychoanalytische Fakten und Begriffe zu be- 
fruchten. Das Ergebnis war eine Komplextheorie, sehr verwandt jener, die 
Wert heim er gleichzeitig pflegte. Erst zur Überwindung solcher modifi- 
zierter Assoziationstheorie erfand Wertheim er seine radikale Abkehr. In 
der Psychoanalyse bedeutet die Komplextheorie eine Episode, die schon 
darum an ihr spurlos vorbeiging, weil Freud an ihr wenig Interesse hatte. 
Sie bot ihm zu viel Assoziation und zu wenig Psychologie. Verblieben ist nur 
das Wort Komplex (von Freud sparsam genug gebraucht) in einer Be- 
deutung, die mit der assoziationstheoretischen kaum etwas Wirkliches zu tun 
hat. Was Freud an Stelle der Assoziation gebrauchte, war der „Zusammen- 
hang". Von der Traumdeutung an operiert Freud mit „Gestalten" in sou- 
veräner, aber jener terminologisch freien und doch präzisen Weise, die ihm 
eigen ist. Er macht nicht viel daraus, er bemerkt gar nicht, welch einen 
enormen Fortschritt gegenüber der Psychologie er tut; nicht, daß dies Eine, 
das ihm fast wie ein Stilistikum erscheint, ausreichen würde, die ganze 
Psychologie zu revolutionieren, Epoche zu setzen, wie Lewin sagt — er hand- 
habt als das Selbstverständlichste von der Welt nicht nur eine personale ganz- 



Die Gestalttheorie 47 



heitliche Psychologie, sondern auch eine „Gestalt"psychologie, freihch ohne 
sich bei den Gestahkriterien aufzuhalten. Dies sei kein Lob. Die methodolo- 
gische Besinnung in der Wissenschaft ist hoch vonnöten, sie zu pflegen ist ein 
Verdienst, das natürlich auch die Gefahr der Fetischierung stiftet. Es sei darum 
den Gestalttheoretikern ihr Verdienst nicht geschmälert. Aber diese Natur 
der Freudschen Schriften von 1900 bis 1905 will zum Verständnis der heu- 
tigen Situation, der Krise der Psychologie und der Aufgabe der Psychoanalyse 
in ihr, deutlich unterstrichen sein. Daher weise ich an Stelle langer Zitate und 
Darlegungen auf einige der Vergleiche hin, mit denen Freud sich in der 
Traumdeutung verständlich zu machen sucht. „Soll ich für die definitive 
Gestaltung des Traumes, wie sie sich unter der Mitwirkung des normalen 
Denkens ergibt, irgendwo ein Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir 
kein anderes, als jene rätselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden 
Blätter" solange ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz, des 
Konstrastes halber dem Dialekt angehörig und von möglichst skurriler Be- 
deutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er eine lateinische Inschrift 
enthalte. Zu diesem Zwecke werden die Buchstabenelemente der Worte aus 
ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu angeordnet. Hie und da 
kommt ein echt lateinisches Wort zustande . . . Wenn wir dem Scherze nicht 
aufsitzen wollen, müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift hinweg- 
setzen, die Buchstaben ins Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene 
Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen" (S. 428). 
Oder: „Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. Sooft er 
zwei Elemente nahe beieinander zeigt, wirbt er für einen besonders innigen 
Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traumgedanken. Es 
ist wie in unserem Schriftsystem. Ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben in 
einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a b nach einer freien Lücke läßt a als 
den letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines anderen 
Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus 
beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus 
solchen, die auch in den Traumgedanken im innigeren Zusammenhang 
stehen" (S. 314). Oder ähnlich: „Der Trauminhalt ist gleichsam in einer 
Bilderschrift gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traum- 
gedanken zu übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn 
man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert, anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung 
lesen wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf 
dessen Dach ein Hof zu sehen ist . . . Ich könnte nun in die Kritik verfallen, 
diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für unsinnig zu erklären . . . 
Die richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich 
gegen das Ganze und die Einzelheiten "desselben keine solchen Einsprüche er- 




48 Siegfried Bernfeld 



hebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe oder ein Wort zu 
ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung durch das Bild darstellbar 
ist . . . Ein solches Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf 
dem Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler begangen, den Rebus als 
zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen un- 
sinnig und wertlos" (S. 278). Oder es heißt: „Was in den Traumgedanken 
offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht vertreten zu 
sein. Der Traum ist gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere 
Elemente als Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken" (S. 304). Solcher 
Ausdrücke und Gleichnisse könnte man sehr zahlreiche sammeln; sie weisen 
darauf hin, daß es Gestalten sind, von denen Freud handelt und nicht und- 
summenartig durch Assoziation verknüpfte Elementen-Bündel. 

Gewiß ist die Traumdeutung sehr fern von der Theorie der Gestalt; sie ist 
aber dem Erkenntnisziel sehr nahe, das ihrer Wahrnehmungspsychologie ge- 
setzt ist. Daß die einzelnen seelischen Geschehnisse von einem übergreifenden 
Zusammenhang bestimmt werden; daß nicht ein Chaos oder Mosaik von 
Empfindungen am Anfang des Lebens steht, sondern daß ihm Objekte ge- 
geben sind — diese beiden Thesen z. B. sind unmittelbar aus der Psycho- 
analyse um 1900 zu formulieren gewesen. Hätte sich jemand die Aufgabe 
gesetzt, etwa gegenüber den frühesten sachlichen Kritikern an der Psycho- 
analyse, die in ihr eine Assoziationspsychologie bekämpften, mit all der 
Freiheit von alten Denkgewohnheiten, die die Psychoanalyse bot, eine der 
damaligen Psychoanalyse adäquate methodologische Formulierung zu geben, 
so hätte er das Gestalttheorem formuhert, freilich nicht Wertheim er isch,' 
d. h. ohne Physik und Logik mit einzubeziehen und ohne natürlich die An- 
sprüche auf interwissenschaftliche Geltung und als oberstes Prinzip, weil dieser 
Rang in der Psychoanalyse anderen Prinzipien und Theoremen zukommt. 
Dies geschah wohl deshalb nicht, weil die Erfahrungen mit Jung und 
Adler, die beide auf ihre Weise den Kontakt mit der übrigen Psychologie 
fanden, ihn aber absolut forderten, mißtrauisch machten und weil damals die 
Ganzheitslehre weithin sichtbar war als anti-empirische, anti-naturwissen- 
schaftliche Gesinnung. Daß die Gestalttheorie diese Weise der Abkehr von 
der Assoziationstheorie ebensowenig mitmachte wie die Psychoanalyse, son- 
dern das Problem der Gestalt und seine Anerkennung in der Psychologie 
naturwissenschaftlich durchsetzte, darin sehe ich ihr entscheidendes Verdienst. 
Der Psychoanalytiker hat es mit Zusammenhängen zu tun. Die großen 
Leistungen Freuds lassen sich so beschreiben: er hat gelehrt, Traum und 
Symptom, die „zufällig", „sinnlos" zu sein schienen, in einen personalen Zu- 
sammenhang einzuordnen; oder: Eros und Sexualität aus einem einheitlichen 
genetischen Zusammenhang zu verstehen. Die Theorie des Unbewußten läßt 



Die Gestalttheorie 



49 



sich auf den Satz reduzieren: es gibt außer dem phänomenalen Zusammenhang 
einen entscheidend wichtigen unbewußten Zusammenhang usw. Alles, was 
wir „deuten" heißen, ist solche Aufdeckung oder Herstellung von Zusammen- 
hang. Der deutende Psychoanalytiker sieht neue Zusammenhänge; die ge- 
gebene Deutung eröffnet dem Analysanden neue Zusammenhänge. Es be- 
dürfte einer eingehenderen Untersuchung, wieweit Zusammenhänge immer 
Gestalten im Sinne der Gestalttheorie sind. Sicher ist jeder Zusammenhang 
eine Ganzheit, sicher sind die für die Psychoanalyse wesentlichen Zusammen- 
hänge, Sachverhalte, auf die Gestaltkriterien zutreffen. Daß zwischen der 
Psychoanalyse und einer Wissenschaft, die über Natur und Erkenntnis der 
Gestalten allgemeine Aussagen zu machen strebt, eine Affinität besteht, be- 
darf danach keines Beweises. Ich gebe ein Beispiel, das demonstrieren mag, 
wie die Forschungen der Gestalttheorie für unsere Methodologie nützlich 
werden können. 

Das Deutungsverfahren der Psychoanalyse ist oft als willkürliches be- 
krittelt worden. Auch wenn man die Richtigstellungen akzeptiert, die ich 
versucht haben,' so bleibt wirklich manches Bedenken bestehen, wenn man die 
Schullogik der Schlußfolgerung auf das Deutungsverfahren anwendet und für 
alle Wissenschaft für verbindlich erklärt. An den Prinzipien der Induktion 
gemessen, ist die Deutung unzulänglich. Etwa: wie darf man aus einer 
einzigen, nebenbei geäußerten Bemerkung weittragende Schlüsse ziehen? 
Gewiß nicht ohne weiteres. Aber eine Bemerkung kann einen bisher ge- 
sehenen Zusammenhang völlig umstoßen und einen neuen evident machen. 
Wie darf man heterogene vereinzelte Einfälle zu Prämissen von Schlüssen 
machen? Eben nur, wenn es sich um Zusammenhangsfeststellungen handelt. 
Kriterium des Zusammenhanges ist uns dabei, eben wie bei Gestalten, daß 
alles zusammenpaßt. Wir verwenden das Kriterium in unserer Praxis täglich 
immer wieder; nicht mit völlig reinem Gewissen gegenüber den methodologi- 
schen Forderungen der induktiven Logik. Hier kommen uns gewisse Ex- 
perimente zugute, die die Gestalttheoretiker zum Studium des Denkens an- 
stellen. „Man soll für eine Anzahl gegebener Inhalte, deren Zusammenhang 
nicht manifest ist, einen solchen finden, wobei angenommen sei, die Aufgabe 
stelle einen Vorgang dar, der nur mit Stichworten beschrieben ist: 



Kochherd, 
Küchenschrank, 
Glasflaschen, 
Chemikalien, 



Reißbrett, 
Tinten, 
Geldscheine, 
Verhaftung. 

Die Lösung soll heißen: Falschmünzerwerkstatt. (Mitgeteiltes Beispiel aus 



5) Bernfeld, Über den Begriff der Deutung in der Psychoanalyse. Zeitschr. für an- 
gewandte Psychologie. Bd. 45. 1932. 



Imago XX/i- 




5° 



Siegfried Bernfeld 



einem Wert heimer-Kolleg.) Tatsächlich dürfte von den vielen möglichen 
anderen Zusammenhängen der genannte erst derjenige sein, in dem die ein- 
zelnen Angaben nicht nebeneinander, sondern auf ein übergeordnetes Ganzes 
bezogen „Sinn" erhalten . . . Und dann ist charakteristisch, wie beim Finden 
oder beim „Zurkenntnisnehmen" der Lösung ein merkwürdiges „Ein- 
i schnappen", „Ineinanderkippen" stattfindet. Wertheimer verwendet hier- 
i für den Bühl er sehen Ausdruck „Aha-Prozeß", und das veranschaulicht wohl 
auch das intensive Erlebnis, welches bei dem „Zusammenschießen" des diskret 
Nebeneinanderstehenden zu einem Sinnganzen vor sich geht und das nun 
auf einmal die mehrdeutigen „Stücke verankert" (Scheerer, Die Lehre von 
der Gestalt, S. 209). Es ist verblüffend, wie genau solches denkpsychologisches 
Experiment die Bedingungen herstellt, unter denen der Analytiker deutet 
und den Erlebnissen gerecht wird, die er beim Deuten hat und von denen 
er sich als Kriterien leiten läßt. Die Gestalttheorie ermöglicht den nach- 
drücklichen Hinweis, daß wir es bei der psychoanalytischen Deutung zum 
entscheidenden Anteil mit Operationen zu tun haben, die sich mit den Regeln 
der Induktion nicht einfach bewältigen lassen; denen gegenüber eine Me- 
thodologie, die auf der üblichen induktiven Schullogik aufgebaut wäre, nicht 
ganz adäquat ist: nämlich mit Gestalt-Erfassen. Dies heißt nun gewiß nicht, 
daß wir also keiner Methodologie bedürfen, im Gegenteil, es lädt uns die 
wissenschaftliche Pflicht auf, jene auszubauen, die dem psychoanalytischen 
Gegenstand adäquat ist. Dies verlangt freilich nicht weniger als den Umbau 
der schulüblichen Logik. Zum Glück ist diese Aufgabe nicht der Psycho- 
analyse überlassen. Sie wird von der Logik selbst, wenngleich langsam und 
unsicher, geleistet. Ein Studium der Gestalttheorie kann uns bewußt machen, 
wieviel von den Voraussetzungen dieser Logik in der Psychoanalyse tatsäch- 
lich vorhanden ist. Die Gestalttheorie ist zwar auf dem Boden der Psycho- 
logie erwachsen und für gewisse Gebiete der Psychologie sehr fruchtbar, doch 
primär verfolgt sie nicht die Absicht, lediglich eine neue Psychologie zu 
schaffen, sondern Wertheimer hat es von Anfang an auf solche Logik 
abgesehen, ohne daß aus seinem Aufsatz (7) deutlich würde, wohin die Reise 
' geht. Aber in Lewin hat die Gestalttheorie einen Theoretiker, der versucht, 
, die Ansätze zu neuer Logik (Mengenlehre, Relationslehre, Logistik) für die 
I Bewältigung der Probleme heranzuziehen und auszubauen, die für die Ge- 
' Stalttheorie, die Biologie und die Psychoanalyse in gleicher oder doch ähn- 
licher Weise bestehen. Ein Referat über diese Lewin sehen Bemühungen ist 
hier so wenig am Platz wie eine Kritik. Bei so jungen wissenschaftlichen Be- 
strebungen, mit so weitgespannten prinzipiellen Zielen, können Referate 
keinen Nutzen haben und ist Kritik eigentlich nicht anders möglich, denn 
als Verwendung zu neuen Aufgaben, an denen sich teilweise Bewährungen, 



teilweise, vielleicht nur vorläufige, Unzulänglichkeiten ergeben. Dies aber 
könnte nur geleistet werden im Zusammenhang mit einer konkreten wi^sen- 
schaftstheoretischen Untersuchung über die Psychoanalyse, die außerhalb des 
Rahmens dieser Arbeit liegt; wenngleich sie ganz nahe außerhalb dieses 
Rahmens liegt. 

II. 

Daß man es bei dem Begriff der Gestalt mit etwas Wichtigem und die 
Psychoanalyse Berührendem zu tun hat, spürt man trotz aller Fremdheit, die 
anderseits die meisten gestalttheoretischen Arbeiten dem Psychoanalytiker 
bieten, mit großer Intensität. Wäre der Gestaltbegriff bloß auf das Gebiet 
der Wahrnehmung und auf Handlungen (motorische Folgen) anwendbar, so 
wäre dies interessant genug. Es wird aber der Gestalttheorie, eigentlich wohl 
geradezu Wertheimer der Nachweis eines sehr viel größeren Gültigkeits- 
umfanges verdankt. Gestalt Hegt überall vor, wo die Gestaltkriterien gelten. 
Ein gut Stück der eigentlichen Forschungsarbeit der Schule ist eben der Auf- 
findung aller jener Gebilde gewidmet, die unter diese Kriterien fallen. Daß 
statische und dynamische Gestalten anerkannt werden, ist fast selbstver- 
ständlich. Die Erweiterung des Gebietes der Gestalt ist in vier Schritten dar- 
stellbar, die freilich nur ungefähr der Chronologie der Publikationen ent- 
sprechen. 

1. Es gibt Phänomene des Gestalterlebnisses, die experimentell unter Be- 
dingungen erzeugbar sind, die jede Möglichkeit nehmen, sie theoretisch durch 
Rückführung und Zusammensetzung aus Elementen zu erklären. Beispiel: 
Bewegungssehen. Die Gestalt ist primär. 

2. Wenn es aber überhaupt solche Phänomene gibt, dann wird es bei allen 
Gestalten unnötig, durch ein System von Zusatzhypothesen die altgewohnte 
Elementenerklärung („Und- Verbindung") mit der Tatsache der „Gestalt" zu 
versöhnen. Das Fundament der Wahrnehmungspsychologie ist die Gestalt und 
nicht die Empfindung. Figur — Grund; Anordnung; Strukturfunktion in der 
Wahrnehmung; Melodie, Zeitgestah; Bestimmtheit des einzelnen vom Wahr- 
nehmungsfeld her. Die phänomenale Welt ist primär strukturiert. 

3. Bei Anwendung objektiver Gestaltkriterien wird der Gestaltcharakter 
von Gebilden nachweisbar, die nicht direkt als Gestalten erlebt werden: In- 
stinkte, Handlungen, Affekte, Charakter, Psychosen, die Entwicklung, die 
Relation zwischen Person und Umwelt überhaupt und das Denken lassen 
sich bei Anwendung der Kriterien als Gestalten erweisen. 

Der 4. Schritt geht auf den Nachweis der Gestalt in der Biologie und 
in der Physik. 

4* 



52 



Siegfried Bernfeld 



Man kann sich nicht verheimlichen, daß diese Erweiterung des Gestahbe- 
griffes seine schweren Nachteile hat. Gestalt droht ein sehr vages, wenig 
sagendes Wort zu werden. Soll dieser Mißbrauch verhindert werden, so 
müßte die Gestalttheorie bald ihren Fundamentalbegriff zu differenzieren be- 
ginnen, und sie müßte sich ernstlich mit dem "Weltsektor auseinandersetzen, 
der Nicht-Gestalt ist, und der kaum kurzweg als Chaos bezeichnet werden 
kann, wie Koffka tut, und der vor allem keineswegs durch gelegentlichen 
Hinweis darauf bewältigt ist. daß es ihn nun eben auch gibt. So vage ver- 
standen, läuft der Begriff leicht ins Leere und wird dann mit Pathos gefüllt, 
statt mit wissenschaftlichem Gehalt. Man muß diesen Einwänden gegenüber 
aber zugestehen, daß sich die Gestalttheoretiker nicht ohne Erfolg bemühen, 
diese Gefahren zu vermeiden. Das Wort Gestalt wird immer seltener in der 
Gestalttheorie und man darf darauf gespannt sein, was dieser junge Zweig 
der Psychologie noch an Differenzierungen des Ausgangsbegriffes bringen 
wird. 

Wertheimer selbst ist übrigens am wenigsten frei von dieser Gefahr. 
Seine Tendenz, das „wirkliche, ganze Leben zu erfassen", macht schon vom 
Eingang her die Gestalttheorie der Psychoanalyse nicht ganz sympathisch. 
Es ist eine Illusion, durch Wissenschaft das „Leben zu erfassen" und liefert 
immer wieder die Wissenschaft dem „Leben" aus. Ist es Aufgabe der Wissen- 
schaft, die Lebenskonflikte lösen zu helfen, so hindert diese Illusion geradezu 
die Erfüllung. Sie bleibt schlecht angebrachte Ekstase und Pathos. Köhler, 
Koffka und Lewin sind davon freier, aber nicht ganz frei. Sie haben als 
Kompensation sozusagen etwas von Übervorsicht, Übergenauigkeit, Über- 
methodologie. Dies ist ein schwer zu fassender Vorwurf, der aber als Ein- 
druck besteht und dem Psychoanalytiker leicht Verständnis und Würdigung 
der Gestalttheorie erschwert. 

Mit solchen Einschränkungen wird nun die Hauptsache gar nicht berührt. 
Reicht das Gestaltphänomen von der sinnlichen Wahrnehmung bis zu den 
Denkprozessen, bis zu den Affekten, so ist eine präzise Einheit in allen 
seelischen Bezirken erwiesen, die Scheidung zwischen niederem und höherem 
Seelenleben ist aufgehoben, wie ja die Gestalttheoretiker selbst zu betonen 
nicht müde werden. Was sie weniger intereissiert — aber für uns nicht 
minder, sondern spezieller wichtig — ist: die Scheidung zwischen der 
affektiv-emotionalen Sphäre und der intellektuellen ist gleichfalls aufgehoben. 
Die Überzeugung, die Freud von Anfang an geleitet hat, und die durch ihn 
gesichert und dem Psychoanalytiker zur alltäglichen Selbstverständlichkeit 
wurde, daß eine enge Verwandtschaft zwischen dem affektiven und dem 
intellektuellen Leben besteht, findet hier eine unerwartete Bestätigung. Sie 
hat für uns noch den besonderen Wert, daß die Aussagen der Gestalttheorie 




eine Formulierung haben, die leichtere und durchschaubarere Verifizierung er- 
laubt. 

Der Gestaltbegriff und die Gestaktheorie erstreckt sich auf zentrale psycho- 
analytische Gebiete, auf ihre Affektlehre nicht minder als auf ihre Trieb- 
lehre. Gerade dies letztere wird von den Gestaltpsychologen besonders scharf 
bestritten. Sie bekämpfen den Begriff des Triebes gelegentlich mit sehr 
treffenden Argumenten. Aber sie treffen nicht den Triebbegriff Freuds mit 
ihrer Argumentation. Für Freud ist bekanntlich — aber den Psychologen, 
die über Psychoanalyse schreiben, noch längst nicht ausreichend klar — 
„Trieb" kein Deskriptionsbegriff, er soll kein bestimmtes Erlebnis bezeichnen, 
obgleich das Erlebnis „Drang" und „Befriedigung" durchaus etwas mit dem 
Trieb zu tun hat. Sondern „Trieb" dient der Erklärung gewisser Eigentüm- 
lichkeiten des Handelns der Menschen. Die große Gruppe der Handlungen, 
die nicht durch Außenreize bestimmt sind, die also nicht „feldgebunden" 
sind, wie Lewin sagt, deren Ablauf nicht aus der äußeren Gesamtsituation 
allein ableitbar ist, sollen durch den Begriff Trieb erklärt werden. Der Trieb 
ist in einem inneren Zustand des Organismus begründet, und zwar in einem 
Spannungszustand, der die Energie für eine Handlung abgibt und die Rich- 
tung der Handlungen eindeutig bestimmt. Diese müssen nämlich so ablaufen, 
daß bei den gegebenen physiologischen Bedingungen, bei den gegebenen Um- 
weltsbedingungen und bei gegebenen, durch die Geschichte des Individuums 
entstandenen inneren Bedingungen die Spannungsgröße im ganzen herab- 
gesetzt wird. Dieser Grundgedanke der Freudschen Trieblehre, dieser 
Freudsche Ansatz einer allgemeinen Theorie des „inneren und äußeren Ge- 
barens" der Menschen, der Organismen sogar, ist mit den Kohl er sehen und 
Lewin sehen Ideen, soweit es sich um den bloßen Ansatz handelt, identisch. 
Köhler geht dabei von dem Nachweis physischer Gestalten aus und schlägt 
die Brücke von der Physik zur Biologie und Psychologie durch Überlegungen, 
die darauf hinauslaufen, daß das spezifisch „zweckmäßige" oder „trieb- 
gerichtete" Geschehen bei den Organismen den Abläufen von der Art ent- 
spricht, die in der Physik mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, 
dem sogenannten Entropiesatz, bewältigt werden. Solches Geschehen weist die 
Gestaltkriterien auf, ob es sich nun um physikalische Systeme oder um Lebe- 
wesen handle. Gerade das Spezifische des Lebens wird so mit der Physik ver- 
bunden. Sucht man nach einem einfachen, wenn auch nicht ganz zutreffen- 
den Vergleich, so könnte man sagen: Physikalische Systeme, für die der 
Entropiesatz gilt, benehmen sich so, als hätten sie einen Trieb, im Ganzen 
ihre inneren Spannungsgrößen herabzusetzen. Eine Formulierung, die für den 
Psychoanalytiker geradezu tautologisch ist, denn Trieb bedeutet ja ein Be- 
streben, das innere Spannungsgrößen herabsetzt. Umgekehrt kann man vom 






54 



Siegfried Bernfeld 



Triebgeschehen psychoanalytisch korrekt sagen, es sei ein Geschehen, das im 
„System Person" innere Spannungsgrößen herabsetzt.^ Selbst die Anknüpfung 
an die Physik findet sich im Ansatz gleichfalls bereits bei Freud in der Ver- 
bindung seiner Trieblehre mit dem StabilitätsprinzipJ Die Verwandtschaft, ja 
die Identität der psychoanalytischen und der gestalttheoretischen Grundauf- 
fassung von den Lebensvorgängen und den psychischen Prozessen ist un- 
bestreitbar; sie kann nur dem verborgen bleiben, der Freuds Triebbegriff nicht 
kennt oder mißversteht. In der konkreten Forschungsarbeit wird freilich von 
dieser Verwandtschaft wenig bemerkbar. Die Gestalttheorie will mehr sein 
als Psychologie oder gar als Triebpsychologie. Sie ersetzt aber bisher nicht 
im entferntesten die Psychoanalyse, die mindestens eine imponierend ge- 
schlossene und ins einzelne ausgebaute Triebpsychologie ist. 

Die Bedeutung von Köhlers physischen Gestalten für die Philosophie wird 
den Psychoanalytiker nicht sehr interessieren. Erstens weil die Frage, wie 
physische Vorgänge mit Bewußtseinsqualitäten zusammenhängen, außer dem 
Denkgebiet der Psychoanalyse zu liegen scheint. Zweitens weil uns die Natur- 
philosophie überhaupt nicht viel anzugehen scheint. Ich möchte größere 
Interessiertheit der Psychoanalytiker an der Naturphilosophie nicht allgemein 
für nötig halten und meine doch, daß die landläufigen naturphilosophischen 
Gesichtspunkte, auch wenn wir ihnen keine Beachtung schenken, unbemerkt 
ihren Einfluß ausüben. Freud intendiert eine quantitative Fundierung der 
Psychoanalyse, und zwar an wichtigsten Stellen seiner Lehre, so in der Libido- 
theorie, so in der Lusttheorie, in den Ansätzen der Theorie vom Bewußtsein 
und der Aufmerksamkeit. Er pflegt zwar mit vollem Recht die konkrete Ent- 
wicklung einer Theorie der Beziehung zwischen Psychischem und Physischem 
zu vermeiden. Jedoch keineswegs weil er sie für unmöglich hielte, sondern 
weil sie ihm in der jeweils erforderlichen Konkretheit noch nicht durchführ- 
bar erscheint. Unstreitig hält er sie aber für prinzipiell möglich. Es läßt sich 
leicht zeigen, daß mit dem Erweis ihrer prinzipiellen Undurchführbarkeit 
sehr bedeutsame Stücke der Psychoanalyse überhaupt fundamentlos wären und 
durch andere Theorien ersetzt werden würden. Die herrschende Natur- 



6) Hierüber siehe Bernfeld-Feitelberg, Energie und Trieb, Int. Psa. Verlag 1930 
(Sonderausgabe einiger in der Imago XV und XVI erschienener Aufsätze). — Bei dieser 
ersten sich bietenden Gelegenheit sei ein sinnstörender Druckfehler korrigiert. Durch das 
Ausfallen einer Manuskriptzeile heißt es (S. 37, „Über psychische Energie, Libido und deren 
Meßbarkeit"), daß eine Verbindung von Köhlers physischen und Wertheimers psychi- 
schen Gestalten „nicht versucht oder abgelehnt" wird. Es muß natürlich heißen, daß diese 
Verbindung von den Gestaltpsychologen prinzipiell gesucht, von den anderen Psychologen- 
schulen fast ausnahmslos prinzipiell abgelehnt wird. 

7) Dieser Berührungspunkt zwischen Psychoanalyse und Gestalttheorie wird von Heer- 
berg, das Stabilitätsprinzip in der modernen Psychologie, Annalen der Philosophie VIII, 
1928, hervorgehoben. 



Philosophie und mit ihr fast alle Psychologenschulen, auch solche, die in 
manchen Punkten der Psychoanalyse sehr nahe sind, lehnen nun eben dies 
strikte ab. Und zahlreiche Psychoanalytiker tun desgleichen. Sie werden sich 
darüber nicht klar, daß sie demnach konsequenterweise auch die Libido-, 
Lust-, Bewußtseinstheorie Freuds nicht streng durchhalten können. Alle 
quantitativen Ausdrücke und Theorien in der Psychologie beruhen auf der 
Hoffnung, daß einmal ihre Messung möglich sein wird. So insbesondere der 
Begriff von Libidoquanten und psychischer Energie, von Besetzungsenergie 
usw. Aber dies besagt, daß das Psychische oder wenigstens jener Sektor, der 
für die Psychoanalyse relevant ist, nicht prinzipiell anderer Art sein kann als 
die Natur sonst. In dieser Überzeugung treffen wir uns mit Köhler. Sein 
Nachweis, daß es physische Gestalten gibt, führt ihn zu der Überlegung, daß 
physische und psychische Prozesse in diesem Gestaltcharakter identisch sind, 
„innen" und „außen" einander entsprechen. Eben diese für Köhler zentral 
wichtige Formulierung ist uns, da die Psychoanalyse weder an den psycho- 
physischen Parallelismus noch sonst philosophisch gebunden ist, weniger be- 
deutsam. Sie bringt uns aber dennoch indirekt Hilfe durch die Erschütterung 
mächtiger naturphilosophischer Überzeugungen, die der freien Entwicklung 
der Freud sehen Gedanken hinderlich sind. 

Die Weite des gestalttheoretischen Programms ist imponierend. Wie steht 
es mit seiner Erfüllung? Was leistet die Gestaltpsychologie auf jenen Gebieten, 
die bisher von der Psychoanalyse eifrig und erfolgreich bearbeitet wurden? 
Wie bewährt sich auf ihnen das Gestaltdenken konkret? Liest man die Ar- 
beiten von Wertheimer, Köhler, Koffka, Lewin, vergegenwärtigt man 
sich die stattliche Reihe von Bänden der Zeitschrift „Psychologische For- 
schung", die die Menge überaus fleißiger, sorgfältiger Schülerarbeiten sam- 
melt, so gewinnt man einen einheitlichen Eindruck. Es steht wirklich — so 
verschieden die Personen und die Stoffe sein mögen — ein Geist hinter allen, 
eine Richtung verbindet sie. Es ist aber sehr schwer, sich von diesem Geist 
Rechenschaft abzulegen. Alles ist auf das Dynamische abgestellt, und doch 
alles ruht unbewegt, statisch; so oft auch die Worte Geschehen und Ablauf 
vorkommen mögen, sie geben der Stilistik Bewegtheit, aber die Stoffe, die 
Resultate, die Methode, möchte ich sagen, bleiben an Situation, an Relation, 
an Form, Topologie haften. Alles geht auf Gesetze, und zwar auf Gestalt- 
gesetze, Ganzgesetze, und es wogt doch die durch kein einfaches Resultat be- 
wältigte Fülle des konkreten Details, der minutiösesten Einzelheit an Einzel- 
heiten. Das Lebendige, das Lebensnahe, das Zentrale soll erfaßt werden, und 
doch handelt es sich überwiegend um Sektoren, um Bereiche, die das Labora- 
torium bändigen kann, und die daher den psychologischen Bereichen der 
offiziellen Schulen nicht sehr weit abgerückt sind. An ihnen soll zwar das 



56 



Siegfried Bernfeld 



Ganze paradigmatisch erfaßt werden, oder es sollen die Grundlagen gefunden 
werden, nach denen es für die Forschung gedacht werden könnte. Aber bis 
nun bleibt das Lebendige, Zentrale doch hübsch außer der Gestalttheorie, die 
doch periphere Stoffe oder spitze, oft überspitzte Begriffe der Methodenlehre 
statt seiner behandelt. Gern zugestanden: es werden hier "Werkzeuge ge- 
schliffen; aber man weiß noch gar nicht, was sie taugen werden; gewiß kann 
man daher auch noch nicht sagen, sie würden nichts vermögen. Auch die 
Psychoanalyse ist ans Studium des ganzen Lebendigen, des Zentralen gegangen., 
Vergleicht man die Gestalttheorie mit ihr, so formuHert sich der Eindruck, 
daß jene sich nicht nur statischen Problemen, de facto nicht dem Programm 
nach, widmet, sondern daß sie sich dem Klaren, Reinen, dem Intellektuellen 
und Normgemäßen widmet und alles Dunkle, Verworrene, Schmutzige, 
Krankhafte meidet, kurz, daß sie den Weg gemacht hat von Freuds „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) zu Wertheimers „Drei Abhand- 
lungen zur Gestalttheorie (1925). 

Das Gesetz, das die Gestaltpsychologie mit all dem sucht, hat sie noch nicht 
gefunden. Zwar formuliert Wertheimer (8, 9) einige der Gestaltgesetze, 
nach denen sich bestimmt, ob im optischen Wahrnehmungsfeld an Stelle der 
Undsumme eine Gestalt gegeben ist; er gibt also Eigentümlichkeiten des Ge- 
samtfeldes an, von denen die Teile bestimmt werden: Gesetz der Nähe etwa; 
es darf gern geglaubt werden, daß sich diese Faktoren als für Gestalten über- 
haupt geltend werden nachweisen lassen. Aber von dem Ziel, zu dem das 
Gestaltdenken hinführen soll, sind diese Ansätze noch sehr weit entfernt. 
Durchaus soll mit dieser Konstatierung kein Vorwurf ausgesprochen sein. 
Die Gestalttheorie ist sehr jung, die Gestalttheoretiker stehen kaum am An- 
fang, die Aufgabe ist groß, die Arbeit mühsam, die Vergangenheit sehr hinder- 
lich. Doch sind diese Ansätze vom Ziel so weit entfernt, daß sich noch ga»^ 
nicht absehen läßt, wie sie je dahin führen sollen. Eher ließe sich noch als 
solches Gesetz das der Prägnanz oder des Lückenschließens ansehen, das frei- 
lich bisher nur dunkel formuliert, mehr versprochen und gefordert wurde als 
eigentlich gegeben. Für die phänomenalen, insbesondere optischen Gestalten, 
hat es nur den Gehalt eines der Faktoren, wie den der Nähe. Es läßt sich nur 
nicht so präzise bestimmen wie diese und weist eigentlich, so wie es bisher 
vorliegt, darauf hin, daß im ganzen Gestaltwesen Tendenzen herrschen nach 
einer gewissen Einfachheit, Geschlossenheit, Ausgeprägtheit, eben nach Prä- 
gnanz der Form — so wie ein Faden auf einem Seifenhäufchen zur „ein- 
fachsten" Form, der Kreisform, neigt. Man braucht gewissen gut bekannten 
physikalischen Fakten, z. B. allen jenen, die es mit Ausgleichsvorgängen zu tun 
haben, bloß bestimmte Formulierungen zu geben, so gewinnt man ein unge- 
heures Naturgebiet als Gültigkeitsbereich eines „Prägnanzgesetzes", und es 



Die Gestalttheorie 



57 



kann ferner gelingen, Abläufe vom Typus der Handlung oder des Affektes so 
zu beschreiben, daß sie unter der Wirkung dieses gleichen Prägnanzgesetzes 
stehen. Und doch sagt es nichts von dem Belang und der Dignität eines um- 
fassenden Naturgesetzes aus, geht es wenigstens nicht über das hinaus, was 
einerseits in dem verallgemeinerten Begriff der Gestalt, auf dessen Fruchtbar- 
keit oben hingewiesen wurde, enthalten ist, oder was anderseits in den physi- 
kalischen Gesetzen mitgegeben wäre, die hier herangezogen wurden, und deren 
geistreiche Heranziehung in der Gestalttheorie oben schon gewürdigt wurde. 
Die erfährt kein neues Moment, wenn sie unter dem Namen Prägnanz oder 
Gestaltgesetz geschieht. Und worin sie für das Gebiet der Psychologie und 
Biologie, für die Erfassung von deren zentralen Problemen, dem schlichten und 
älteren Ansatz des Freud sehen Lustprinzips überlegen sein soll, ist von eini- 
gen terminologischen Präzisierungen und physikalischen Konkretisierungen 
abgesehen, nicht recht verständlich. Diese übrigens sind der Gestalttheorie 
sehr ähnlich, auf dem Boden der Psychoanalyse selbst und ohne ihren Bereich 
zu überschreiten, auch vorgenommen worden. In diesem Punkt hat auch die 
Gestalttheorie bis nun noch nicht die Kluft überwunden, die zwischen den 
Wissenschaften klafft. Es ist auch ihr nicht geglückt, für das innere und 
äußere Gebaren der Menschen Regeln auszusprechen, die denen in Form und 
Bedeutung ähnlich wären, mit denen die Wissenschaft Bewegungen und Zu- 
standsänderungen physikalischer Systeme beschreibt. Ihre Ansätze in dieser 
Richtung sind eigenartig, den Anschluß an Physik und Mathematik suchend, 
formuliert; aber die wissenschaftliche Ordnung der ungeheuren Masse höchst 
zentraler, höchst lebenswahrer und lebenswichtiger Fakten ist bisher bloß der 
Psychoanalyse geglückt; bloß von ihr gewagt. 

Es läßt sich gewiß noch nicht absehen, was die Gestaltpsychologie wird, und 
gewiß nicht, wie groß ihr Einfluß auf die Psychologie werden mag, die ja 
teils von anderen Schulen in die gleiche Richtung getrieben wird, teils An- 
stößen nach entgegengesetzter Richtung unterworfen ist. Derzeit wird die 
Gestalttheorie so eifrig diskutiert und so heftig bekämpft wie bloß noch die 
Psychoanalyse. In diesen Kämpfen gewinnt die Psychologie derzeit auf all 
jenen Gebieten, die früher durch eine unüberbrückbare Kluft von der Psycho- 
analyse getrennt zu sein schienen, ein der Psychoanalyse interessantes, ja ein 
ihr verwandtes Gesicht. Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, als wäre 
die Zeit bereits absehbar, in der das gesamte Gebiet der Psychologie von einer 
einheitlichen Wissenschaft beherrscht sein wird. Daß diese der Psychoanalyse 
verwandter sein wird als jene Schulpsychologie, aus der sich entwickelt zu 
haben sie behaupten wird, erfüllt den Psychoanalytiker mit Genugtuung. Der 
Gestaltpsychologe wird mit dieser „kleinen Theorie" nicht zufrieden sein. Er 
sieht die einheitliche Wissenschaft weiter gespannt. Seine „große Theorie" 



58 



Siegfried Bernfeld 



reicht von der Physik bis zur Soziologie. Darin gewiß anspruchsvoller als 
Freud, der zwei Wissenschaften Raum geben will. „Streng genommen gibt 
es ja nur zwei "Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte, und Natur- 
kunde." (Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 
S. 250.) Aber wahrscheinlich rührt diese Bescheidenheit Freuds von seiner 
ablehnenden Haltung gegen die Physik und gegen die auf ihrem Boden ent- 
standene Wissenschaftstheorie her, die Freud einmal so dokumentiert: „Josef 
Popper kam doch von der Physik, er war ein Freund von Ernst Mach ge- 
wesen; ich wollte mir den erfreulichen Eindruck unserer Übereinstimmung 
über das Problem der Traumentstellung nicht stören lassen. So kam es, daß 
ich den Besuch bei ihm aufschob, bis es zu spät wurde." („Meine Berührung 
mit Josef Popper-Lynkeus", Psychoanalytische Bewegung, IV, S. 118, 1932.) 



III. 

Ein ins einzelne gehender Bericht über die gestalttheoretischen Arbeiten, 
die mit psychoanalytischen Forschungen direkt vergleichbar wären, da sie 
denselben Gegenstand behandeln, kann hier nicht gegeben werden. In der 
Masse der gestalttheoretischen Literatur machen sie freilich nicht viel aus; es 
sind ihrer aber doch eine ganze Anzahl, die das psychoanalytische Gebiet da 
und dort berühren; da sie jedoch alle, sozusagen topologisch mehrfach, zu- 
sammenhängen, läßt sich an einigen Beispielen konkret zeigen, was uns hier 
interessiert. 

Ich wähle zunächst die Arbeit Hoppes „Erfolg und Mißerfolg".^ Bei 
den Arbeitsbedingungen in Köhlers Institut sind die Schülerarbeiten als Chef- 
arbeiten zu werten, also darf diesfalls Hoppe für Lewin stehen. Die Frage- 
stellung der Hopp eschen Arbeit läßt sich so formuHeren: i. Ob ich eine 
Handlung wiederhole oder unterlasse, ist nicht davon abhängig, ob die Hand-* 
lung früher als erfolgreiche mit Lust oder als Mißerfolg mit Unlust assoziiert 
war. Die genauere qualitative Untersuchung von Handlungen, die bis zur 
Sättigung oder bis zur Befriedigung ausgeführt wurden, und das Verhalten der 
Versuchsperson nach Sättigung und Befriedigung bei der Neuaufnahme 
(Wiederaufnahme) der Handlung zeigt, daß hier so mannigfaltige komplizierte 
Vorgänge vorliegen, die so sehr nach Differenzierung rufen, daß die einfachen 
Schemata der Assoziationstheorie zur Erklärung nicht ausreichen. 2. — für 
uns hier wichtiger — : Ist es möglich, für die offenbar ungeheure Mannig- 
faltigkeit der Bedingungen, unter denen Erfolgs- und Mißerfolgserlebnisse 
auftauchen, ein Gesetz zu finden? Hoppe experimentiert: er läßt seine Ver- 
suchspersonen bestimmte Aufgaben lösen: Geduldspiele; Zusammensetzauf- 

8) Psychologische Forschung, Bd. XIV. 1930. 



Die Gestaltcheorie 59 



gaben; Schießen durch ein Loch und nach der Scheibe; Einhängen von i6 Rin- 
gen in ein (variabel rasch) vorbeigleitendes Hakenband u. dgl. Er prüft, was 
nach Erfolg, was nach Mißerfolg geschieht. Er findet: nach Erfolg wird ent- 
weder die Handlung wiederholt oder abgebrochen; nach Mißerfolg desgleichen. 
Der Analytiker wird sich bei diesem Resultate sagen, es sei nicht verwunder- 
lich; die Versuchsperson werde ja kaum durch den objektiven Erfolg, son- 
dern von inneren Faktoren bestimmt werden; ob sie Interesse an der Hand- 
lung oder an dem Problem hat, wie wichtig es ihr ist, einen und gerade diesen 
Erfolg zu haben, Mißerfolge zu vermeiden, welche Einstellung sie zum Ver- 
suchsleiter hat usw. Da alle diese Faktoren nicht durch die Aufgabe, nicht 
einmal durch die gesamte Situation allein bestimmt sind, sondern durch die 
„innere Geschichte" der Versuchsperson, so wird sich der Psychoanalytiker um 
diese kümmern wollen und würde versuchen, zu einer Typik des Verhaltens 
gegenüber solchen Aufgaben in der Universitätslaboratoriumssituation zu ge- 
langen und die Dynamik jedes Typs aus seiner typischen Geschichte zu er- 
klären. Uneinreihbare individuelle Züge würden sich dann aus der in- 
dividuellen Geschichte des Individuums erklären lassen. Das Programm des 
Gestalttheoretikers ist dagegen, den konkreten Ablauf der Handlung aus der 
gegebenen Gesamtsituation, ganz ohne Geschichte, zu erklären. Aber das ge- 
lingt tatsächlich nicht ohne Berücksichtigung der „inneren" Faktoren. So 
kommt auch Hoppe zunächst zum gleichen Ergebnis wie der Psycho- 
analytiker: „Das Auftreten von Erfolgs- und Mißerfolgserlebnissen ist nicht an 
bestimmte Leistungen gebunden; als ausschlaggebend erweist sich vielmehr das 
Verhältnis der Leistung zum momentanen Anspruchsniveau der Versuchs- 
person. Der tatsächliche Handlungseffekt besitzt dabei nur soweit als 
„Leistung" im prägnanten Sinn psychische Realität, als er nicht als Zufall er- 
lebt, sondern der eigenen Person zugerechnet wird" (S. 60 f.). Zum neuen 
Begriff des Anspruchsniveaus, der erst ermöglicht, die Versuchsresultate in 
einer Art Regel auszusprechen, gelangt Hoppe zunächst durch die Einsicht, 
daß „die Wirkung von Erfolg und Mißerfolg auf die Wiederaufnahme" nicht 
ausschließlich abhängt von der „Fixation von Lust und Unlust" an eine be- 
stimmte zu wiederholende Aktion, sondern von „der Stellung der Einzelhand- 
lung in einem umfassenderen Handlungsverbande", „um die Beziehung eines 
Teilzieles zu einem umfassenderen Ziele und um die besonderen Eigentümlich- 
keiten solcher umfassenden Zielstrukturen" (S. 9). Oder verständlicher: „Die 
Versuchsperson geht . . . immer mit gewissen Ansprüchen und Erwartungen 
an die Arbeit, die sich im Verlaufe der Handlung ändern können. Die Ge- 
samtheit dieser mit jeder Leistung sich verschiebenden, bald unbestimmteren, 
bald präziseren Erwartungen, Zielsetzungen oder Ansprüche an die zukünftige 
eigene Leistung wollen wir das Anspruchsniveau der Person nennen" (S. lo). 



6o 



Siegfried Bernfeld 



Und noch konkreter: „Ein Beispiel: Bei der Handlung ,Ringe aufhängen' hat 
eine Vp. gleich beim Herangehen an die Arbeit das Gefühl, vor einer zu 
schweren Arbeit zu stehen: ,Das werde ich nie und nimmer vollständig schaf- 
fen!' Sie begnügt sich daher zunächst mit dem Teilziel: »möglichst viele Ringe 
aufzuhängen'. Die Höhe des Anspruchsniveaus wäre dann nicht durch 
eine bestimmte Anzahl der Ringe definiert, sondern ist noch relativ unbe- 
stimmt, weil die Vp. noch keine Vorstellung von ihrer Leistungsfähigkeit bei 
dieser Handlung hat. Sie arbeitet also zunächst ,darauf los'. Beim ersten 
Mal hängt sie 4 Ringe auf. Diese Leistung hat noch nicht den Charakter 
eines ausgesprochenen Erfolges oder Mißerfolges, da sich die Vp. in unserem 
Beispiel auf keine bestimmte Leistungshöhe eingestellt hatte. Anders wird es 
jedoch, wenn sie zum zweitenmal an die Handlung geht. Jetzt hat sie schon 
eine bestimmte Vorstellung von der Schwierigkeit der Aufgabe, und da ihr 
Ziel von vornherein dahin ging, ,möglichst viele Ringe aufzuhängen', so ge- 
nügt es ihr nicht mehr, nur 3 Ringe aufzuhängen; ,vier Ringe' ist das Min- 
destmaß dessen, was sie jetzt ,leisten' will. Weiß sie doch, daß sie jedenfalls 
4 Ringe aufhängen ,kann'. Wenn ihr nun bei der dritten Wiederholung nur 
3 Ringe glücken, so bedeutet ihr das einen Mißerfolg, sie ist »unwillig und 
verärgert'." Das Anspruchsniveau hat sich erhöht usw. . . . 

Zwischen Anspruchsniveau und Erfolg — Mißerfolg besteht folgende 
Beziehung: „Das Anspruchsniveau ist für das Entstehen von Erfolgs- und 
Mißerfolgserlebnissen maßgebend; umgekehrt ergibt sich gesetzlich eine Ver- 
schiebung des Anspruchsniveaus als Wirkung von Erfolg und Mißerfolg. Es 
kann a) zum spontanen Wiederholen der Handlung mit erhöhtem bzw. 
herabgesetztem Realziel kommen. Die Verschiebung geschieht bei ,wirk- 
lichen Erfolgen' nach oben, bei ,echten' Mißerfolgen nach unten" (S. 61). 
Aber leider kann auch b) nach Erfolg wie nach Mißerfolg spontanes Ab- 
brechen eintreten. Will man nun etwas über die Bedingungen aussagen, unter 
denen Abbrechen der Handlung oder ihre Wiederholung mit verschobenem 
Anspruchsniveau erfolgt, will man etwas über die unterschiedliche Größe der 
Verschiebungsschritte erfahren, so heißt es eine neue umfassendere Gesamt- 
heit auffinden, von der nun das Anspruchsniveau bestimmt wird: „von der 
Einstellung und dem Charakter der einzelnen Versuchsperson" (S. 10). 
Hoppe spricht nun vom Ich-Niveau (Selbstbewußtsein) und findet von hier 
aus gewisse Verschiebungen des Anspruchsniveaus verständlich, „wenn 
man . . . annimmt, daß eine allgemeine Tendenz besteht, das Ich-Niveau 
möglichst hoch zu halten" (S. 35). Da die Beziehung zum Versuchsleiter und 
zur gesamten Universitätslaboratoriumssituation in vielen Fällen eine Rolle 
spielt, weist Hoppe auf das soziale Umfeld hin, das bei eingehender Unter- 
suchung der in seiner Arbeit offengebliebenen Fragen ein weiteres, um- 



Die Gestalttheorie 



fassenderes Ganze abgeben würde, das nunmehr das Ich-Niveau bestimmen 
würde „Die Tendenz zu einem möglichst hohen allgemeinen Ich-Niveau ist 
nun auch eine der entscheidenden dynamischen Grundlagen der Verschie- 
bungsgesetze des Anspruchsniveaus ... sie äußert sich hier in dem Bestreben, 
Mißerfolge zu vermeiden, und in der Tendenz, Erfolge bei einem möglichst 
hohen Anspruchsniveau zu erzielen . . . Diese beiden letzten Endes aus der 
gleichen Quelle stammenden Strebungen führen also typisch zu einer Kon- 
fliktsituation. Dieser Konflikt ist die Grundsituation, aus der sich die ein- 
zelnen Verschiebungen des Anspruchsniveaus nach Art und Richtung jeweils 
ergeben" (S. 36 f.). Es ergibt sich dann zusammenfassend: „Die Größe der 
Verschiebungsschritte und die Stärke der Neigung abzubrechen, hängen ab: 
a) von der Stärke des Erfolges oder Mißerfolges, b) vom vorangehenden Ge- 
samtverlauf, c) von der besonderen Struktur der Aufgabe, d) von der in- 
dividuellen Eigenheit der Person" (S. 61). 

Sehr deutlich wird hier, wie das gestalttheoretische Verfahren, bemüht, 
alles Historische durch dynamische Gesetzes-Aussagen zu ersetzen, zu immer 
umfassenderen Zusammenhängen vorschreiten muß, von denen her die 
„Teile" bestimmt werden. Aber selbstverständlich wird dadurch die Be- 
trachtung des Historischen nur aufgeschoben; sie wird nicht ausgeschaltet und 
gewiß nicht ersetzt. Der Vorteil dieser Betrachtungsweise ist, daß sie tat- 
sächlich genaue Einblicke in die Struktur der Verläufe, der Bedingungen be- 
stimmter Handlungsformen und Affekte gewährt. Sie ermöglicht dabei, die 
Struktur der „Situation" zu erkennen, nicht bloß die psychische Struktur, 
sondern auch die psychisch relevante Struktur der Aufgabe selbst, der 
„Leistung", und der Umwelt. Die Terminologie, die dabei entsteht und den 
Vorzug hat, präzis zu sein, und physische, psychische und geistige Strukturen 
einheitlich zu bezeichnen (= auf einem und demselben Strukturmodell ab- 
zubilden), verdeckt dabei die sehr große Nähe, die trotz alldem die gestalt- 
theoretischen Aussagen zur Psychoanalyse haben. Überlegt man aber etwa, 
wie sich analytische Begriffe (Über-Ich, Ideal-Ich, Narzißmus usw.) zum An- 
spruchsniveau, Ich-Niveau verhalten, so wird man Seh er er® beistimmen, der 
davon spricht, die Gestalttheorie mute wie eine „Übersetzung" aus der Psy- 
choanalyse an. Vergleicht man dann etwa die konkreten Resultate der Ex- 
perimente über das Verhalten des Anspruchsniveaus bei Kindern mit den 
Voraussagen, die der Analytiker mit Hilfe seiner Erfahrung und Terminologie 
über dieses Verhalten macht, so bewährt sich die Behauptung, jene „Über- 
setzung" sei geeignet, gewisse Behauptungen der Psychoanalyse „objektiv" 
zu verifizieren. Doch kann dies hier nicht ausgeführt werden. Hier Hegt 
Stoff zu gemeinsamen Bemühungen von Analytikern und Gestalttheoretikern. 

9) Die Lehre von der Gestalt. De Gruyter. 1931. 



62 



Siegfried Bernfeld 



Wie die Arbeit von Hoppe, führen bisher alle Arbeiten, die sich mit 
Handlungen und Affekten befassen, keineswegs zu „Gesetzen" von der Art 
und der umfassenden Geltung physikalischer Gesetze; ihre Ergebnisse können 
sich aber nicht einmal entfernt mit der Bedeutung messen, die den analyti- 
schen Befunden auf diesen Gebieten zukommt. Nun gewiß, wie schon so oft 
in diesem Referat, muß sich auch hier der Referent zur Geduld mahnen — 
die Forschung von Köhler und Lewin steht erst am Anfang. Aber da nun 
ganz gewiß das Historische in der Psychologie nicht eliminiert werden kann 
— wie sollen Methoden, die es prinzipiell nicht berücksichtigen wollen, die 
jedenfalls mit ihm schlechterdings nichts anzufangen wissen, die Psychoanalyse 
ersetzen, die gerade dieses Problem tüchtig in Angriff genommen hat und, 
man darf wohl sagen, meistert? 

Wie wenig die Gestalttheorie ihr Programm an das „wirkliche" Leben, an 
das Zentrale heranzukommen bisher erfüllen konnte, wird daran deutlich, 
daß die Lewin sehen Untersuchungen, die sozusagen die lebensnächsten sind, 
vorläufig erst bei Erfolg und Mißerfolg oder bei ersten Ansätzen, Affekte, 
z. B. den Ärger, zu erfassen stehen; Versuche, die übrigens eingestandener- 
maßen schon im Ansatz mißglückt oder wenigstens noch nicht geglückt sind. 
Von Sexualität, auch nur von Liebe, Haß und Hunger, vom künstlerischen 
und religiösen Genießen und Produzieren, von Kindheit und Pubertät, von 
Traum, Neurose und Psychose, von Charakter und Erziehung weiß die Ge- 
stalttheorie — bis jetzt — überhaupt nichts oder nichts Bedeutsames zu 
sagen. Es fehlt nicht an gelegentlichen Bemerkungen über dies und jenes aus 
diesen Bereichen, die die Psychoanalyse entdeckt oder so reichlich ausgebaut 
und der Psychologie als Forschungsgegenstände aufgezwungen hat; diese 
mögen geistreicher oder flacher sein, man fühlt bei ihnen nicht, wie bei der 
Sinnespsychologie der Gestalttheoretiker Angesprochensein, Stoff zum Nachj- 
denken und Anreiz, sich auseinanderzusetzen; man hat nicht den Eindruck, 
hier sei Neues, dessen Entwicklung man erwartet; und man gewinnt ganz 
gewiß nicht die Überzeugung, daß hier Bleibendes gesagt wird. Hören wir 
etwa grundsätzliche Andeutungen Wertheimers(i2). Die Gestalttheorie 
sei „prinzipiell wichtig beim Erfassen des Menschen selbst, . . . ,Stückhaft', 
,dieselbe' Handlung, ,dieselbe' Eigenschaft ist bei verschiedenen Menschen 
oft etwas sehr Verschiedenes; mit dieser sehr alten Erkenntnis . . . soll wissen- 
schaftlich Ernst gemacht werden. Viele Irrtümer in der Beurteilung eines 
Charakters, in der pädagogischen Behandlung, beruhen darauf, daß man 
Handlungen, Eigenschaften des Menschen stückhaft sieht (stückhaft abstra- 
hiert, klassenmäßig gleichsetzt), stückhaft zu begründen sucht, anstatt sie 
lebendig in ihrer charakteristischen Rolle, in ihrer Funktion, in ihrer Be- 
dingtheit innerhalb ihres Ganzen, als Teilgehalt in ihrem Ganzen zu er- 



Die Gestalttheorie 



63 



fassen. Rein wissenschaftlich liegt es so, daß neben sehr ausgebildeten stück- 
haft-statistischen Methoden die Erfassung dieser Teilgehalte als solcher und 
die Erfassung zugrunde hegender Ganzgesetzlichkeiten erst noch ganz in den 
Anfängen steckt". Fragt man sich da nicht: ist denn nicht dieses Erfassen der 
Funktion im Ganzen gerade Freuds Methode und Leistung? Wird hier 
irgend etwas gesagt, das über die Psychoanalyse hinausginge, ihr gegenüber 
neu wäre? Noch ganz in den Anfängen steckt also doch wohl bloß die Über- 
setzung der Psychoanalyse ins Gestalttheoretische, Eidetische, Personalistische 
usw., und nicht die wissenschaftliche Forschung selbst. 

Nun, die spezielle Anwendung, die Wertheimer von diesen Prinzipien 
gibt: „Ein bestimmter kindlicher Psychopathentyp zeigt folgende Eigen- 
schaften: Brutale Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Gerichtetheit vorwiegend auf 
Befriedigung elementarer Bedürfnisse . . . Man sieht solches vielfach als einen 
charakteristischen Typus an, der von Geburt an zu einem asozialen prä- 
destiniert ist ... Stückhafte Betrachtung . . . Betrachtung im Gestaltcharak- 
ter ... : jene Eigenschaften sind in der stückhaften Konstatierung gar nicht 
wesentlich gepackt, in "Wirklichkeit hat man es da oft mit Kindern besonders 
gesteigerter Empfindlichkeit zu tun und jene Unempfindlichkeit ist ein sich 
wehren, sich abschließen, sich mit einem biologischen Schutzpanzer umgeben 
haben . . ." Was wäre hier neu und interessant? Es ist schwächlichste Psycho- 
analyse, nämlich fast Adler sehe Psychologie, in deren unmittelbare Nähe hier 
Wertheimer gerät. Oder zur Pädagogik: „Eine Gymnasialschülerin, außer- 
ordentlich befähigt, fleißig, tüchtig, hatte rätselhafterweise größte Schwierig- 
keit beim Übersetzen aus lateinischen Texten; dabei beherrschte sie Vokabeln, 
grammatikalische Regeln usw. ausgezeichnet . . . Etliches Experimentieren mit 
ihr zeigt: Die Arme war infolge entsprechender Schuldressur extrem darauf 
eingestellt, sukzessive jedes Wort, eines nach dem andern herzunehmen, an 
ihm Wortbedeutung, Kasus usw. zu bestimmen, von da aus die Relation zu 
anderen Worten zu konstatieren und so fort; und dachte nicht daran (ja es 
fehlte ihr die Freiheit dazu), vor allem den ganzen Satz zu überblicken und 
von da aus das einzelne als Teil zu sehen. (Ja, zunächst schien ihr ein solches 
Verfahren unwissenschaftlich, ungenau, sie wolle ja nicht ,raten'.) Als es 
ihr dann gelang, von der stückhaften Einstellung loszukommen und sie die 
Teile als Teilgehalte ihres Ganzen sah, behob sich das Versagen." Hier verebbt 
das radikale Umdenken der Gestalttheorie. Diese Probe aus der Arbeit des 
maßgebenden Autors belege die Behauptung, daß die Gestalttheorie auf den 
Gebieten, von denen ich oben sprach, und auf denen sie heute so wenig 
schreibt, auch kaum etwas zu sagen hat. 

An einem Versuch Psychosenprobleme zu lösen, läßt sich vielleicht prä- 
ziser angeben, worin dies Versagen der Gestalttheorie begründet ist. 



64 



Siegfried Bernfeld 



Schuhes Aufsatz „Versuch einer Theorie der paranoiden Eigenbeziehung 
und Wahnbildung"" ist zwar schon alt, 1922 geschrieben, 1924 erschienen, und 
vielleicht wissen die Gestalttheoretiker heute Fundierteres zu sagen, aber es 
steht der — damaligen — Auffassung Wertheimers nahe und ist auch heute 
noch von paradigmatischem Wert. Die Theorie, die Schulte ansetzt, lautet: 
„Eine bestimmte Situation intendiert ein bestimmtes ,Wir'. Der Mensch ist, 
in bestimmten Situationen, typisch nicht als ein Ich da, sondern als charak- 
teristischer Teil eines Wir, als ,Wir-Teil'. Solche Forderung ist nicht für alle 
Menschen gleich wirksam. Es kann dazu kommen, daß ein Mensch, der sich 
in einer Situation befindet, die ein Wir erfordert, aus irgend einem Grunde 
doch nicht recht als Wir-Teil da sein kann ... Ein Wir-Krüppel. Er in- 
tendiert aufs stärkste Wir-Teil zu sein, ohne daß er tatsächlich als Wir-Teil 
lebt ... Ein Zustand dauernder Wir-Krüppelhaftigkeit, ... ist (bestimmten) 
Menschen nicht lebbar. Weil jener Zustand nicht lebbar ist, setzt folgender 
Vorgang ein: a) In den Vordergrund tritt die Klufttatsache, b) Dadurch: ich 
bin nicht mehr mit den andern in einem Gemeinsamen, sondern es besteht für 
mich jetzt ein Zwischen-den-andern, ein Neben-den-andern. c) In dem so 
Isolierten entsteht nun ein echtes Ich-gegenüber-den-andern. d) Trotzdem 
die Wirhaftigkeit intendiert; es setzen Operationen ein, dieses Uniebbare in 
ein Lebbares zu verwandeln, irgendwie. Folgende Reaktionen sind möglich: 
T. sich zu starkem Ich zu konsolidieren, 2. Flucht, 3. Surrogat: bloße subjek- 
tive Umbildung mit Umdeutung; zu diesen gehört ein Wahnsystem." 
Schulte setzt sich auch nebenbei mit Freud auseinander: es gäbe „Beob- 
achtungen (!) Freuds", die mit seiner Theorie „einiges Gemeinsame zu haben 
scheinen". Hauptunterschied zu Freud sei: „daß er den ganzen Prozeß in- 
dividualpsychologisch begründe, in blindmechanische Auswirkung eines 
Triebes setze, in Mechanismen des individuellen Unbewußten. „Es handelt 
sich nach unserer Theorie nicht um solche stückhaft-mechanischen Folgen 
eines Liebestriebes eines Individuums, nicht um ein nach außen, in andere 
hineinprojizieren des eigenen Unbewußten, sondern um die Wir-Tatsache und 
gewissermaßen um die Entstehung des Individuums im Rahmen dieses Pro- 
zesses." 

Es ist wohl sinnvoll, den Menschen und seine Erkrankung als Teil seiner 
Umwelt, des Wir, zu sehen und sehr einleuchtend, daß der Gestalttheoretiker 
diesen Gesichtspunkt besonders pflegt. Ihn allzusehr zu betonen und gar als 
neue Theorie auf ihn stolz zu sein, sollte der ernste Wissenschafter unter- 
lassen; es sollte ihn die Tatsache warnen, daß er, nur mit etwas gespreizterer 
Terminologie, einfach Alfred Adlers Sezession aus der Psychoanalyse 
wiederholt. Fehlt übrigens dieser Gesichtspunkt der Psychoanalyse wirklich 
10) Psychologische Forschung, 1924. 



I 



völlig? Erklärt sie denn das paranoide "Wahnsystem als „stückhaft-mechanische 
Wirkung eines Liebestriebes"? Hat sie tatsächlich nur das Individuum vor 
Augen? Das Kind sieht die Psychoanalyse ganz gewiß, und zwar seit je „als 
Teil eines "Wir-Ganzen", nämlich der Familie. Verdrängung, Identifizierung, 
Über-Ich-Entwicklung, Differenzierung von Realität und Phantasie, die 
Angstbewältigungsformen des Kindes, all das sind Prozesse, die für die Psy- 
choanalyse unbestreitbar vom Wir bestimmt werden. Je jünger das Kind, um 
so mehr wird sein Erleben und Gebaren von der Psychoanalyse in gestalt- 
theoretischer, ja topologischer Weise durch die gegenwärtige Gesamtsituation 
erklärt. Je älter es aber wird, um so mehr wird sein Verhalten durch die 
Nachwirkungen seiner Vergangenheit bestimmt. Es wird somit ein jeweils 
verschieden großer, aber mit dem Alter wachsender Sektor seines Verhaltens 
aus der gegenwärtigen Gesamtsituation allein nicht mehr erklärbar. Natür- 
lich sind die in der gegenwärtigen Situation nachwirkenden Niederschläge der 
Vergangenheit auch „gegenwärtig", nämlich als auch gegenwärtig wirkende, 
sie sind aber nicht einfach wie die gegenwärtigen sonst beobachtbar. Sie 
bleiben ohne genaue Kenntnis der Vergangenheit unverständlich. Es kann 
keine Rede davon sein, daß die Psychoanalyse das Individuum prinzipiell 
isoliere, wenngleich sie für manche ihrer Forschungsaufgaben eine Weile lang 
vom Wir abstrahieren muß. Das Wir — weder das von Adler, noch das von 
Schulte — ist keineswegs ein radikal neuer Theorie- Ansatz, sondern Ist 
gerade von Freud eingeführt und festgehalten worden. Schulte fixiert diesen 
einen Freudschen Gesichtspunkt und pflegt ihn unter Vernachlässigung aller 
anderen. Er muß dabei auf die Erklärung aller Einzelheiten seiner Fälle, der 
konkreten Wahnbildungen, verzichten. Dem Gestalttheoretiker erscheint 
dies vielleicht nicht als Nachteil, er sucht ja das dynamische Gesetz der 
paranoiden Wahnbildung, in dem die Einzelheiten, die den Analytiker so sehr 
interessieren, vielleicht, wie Lewin und Köhler sagen, als „historisch-geo- 
graphische Zufälligkeiten" herausfallen. Es sei hier nicht geprüft, ob Schulte 
ein Gesetz der Wahnbildung gefunden hat, ob ein solches nicht vielmehr sehr 
leicht aus jenen Freudschen „Beobachtungen" forrnuherbar wäre. Das 
Schulte sehe Verfahren hat einen großen Vorteil vor der Psychoanalyse 
voraus. Man muß vom konkreten Fall sehr wenig wissen, um es anzuwenden. 
Das manifeste Wahngebilde, einige Daten über die Umwelt und auch (eben 
doch: auch) einige wenige Daten aus der Lebensgeschichte des Patienten 
reichen hin. Dieser Vorteil wird teuer bezahlt; es fehlt das Motiv, mehr über 
den Kranken zu erfahren. Kennt man aber zufällig soviel Fakten (nicht 
„Deutungen") aus dem äußeren und inneren Leben des Kranken, wie der 
Psychoanalytiker oft bereits nach einigen Sitzungen, so wird der Theorie- 
ansatz von Schulte ganz unzulänglich. Es geht hier wie In der Geschlchts- 

Imago XX' I . c 



66 



Siegfried Bernfeld 



Wissenschaft. "Wer etwa mit einem Minimum von Kenntnissen (sagen wir 
z. B. mit dem, was ein durchschnittlich Gebildeter nun so weiß) unternimmt, 
eine literarische Erscheinung oder einen sozialen Einzelprozeß oder eine be- 
stimmte Modewandlung zu erklären, kann leicht eine Theorie aufstellen, die 
seinen Gegenstand als Teil des Kulturganzen bestimmt zeigt und also erklärt. 
Vermehrt man dies Minimum an Kenntnissen, sammelt man mehr Material 
aus der Gegenwart, dringt man tiefer in die Vergangenheit, so wird die 
Theorie immer unzulänglicher. Eine neue, ausreichende aufzustellen wird 
immer schwerer, je mehr Kenntnisse gewonnen sind. Aber merkwürdig, ss 
gibt da eine methodologisch sehr wichtige Umschlagstelle; wachsen die Kennt- 
nisse immer weiter, so glückt plötzlich wieder eine oft erstaunlich einfache 
Theorie. Und noch merkwürdiger, gelegentlich ist es ein einziges unbekanntes 
Dokument (das etwa verloren oder in einem Geheimarchiv verborgen war), 
das jenen Umschlag vom Wissenschaos zur klaren Theorie ermöglicht. Und 
auf solche Dokumente (z. B. verdrängte Erinnerungen) ist die psychoanalyti- 
sche Forschung aus. Jede Theorie bleibt prinzipiell unzulänglich, die nicht 
auch über der Fakten-Masse und Fakten-Qualität aufgebaut ist, die der Psy- 
choanalytiker besitzt. Die Gestalttheoretiker lieben die Geschichte nicht und 
sie dürfen ihre Antipathie mit wohlerwogenen methodologischen Gründen 
belegen (es Ist ein Kreuz mit der historischen Methode; ich gestehe es be- 
kümmert) — aber es bleibt höchst sonderbar: wenn wir die Geschichte, z. ß. 
eines Wahngebildes, kennengelernt haben, so haben wir doch das Erlebnis, 
Neues, Wichtigstes erfahren zu haben, nun erst eigentlich etwas zu wissen. 
Daran ändert nichts, daß noch kein Wissenschaftstheoretiker klarzustellen 
vermochte, warum wir uns dieses Erlebnisses freuen dürfen, warum und wann 
wir uns dabei einer Erkenntnis versichert halten dürfen. Das Buch über die 
Glaubwürdigkeit der Geschichtswissenschaften ist noch nicht geschrieben. 
Der Psychoanalytiker glaubt an sie nicht minder wie der Physiker vor Kants 
Vernunftkritik, obzwar auch der Physiker eigentlich vorher der Natur- 
wissenschaft nicht glauben durfte. Freilich, die Physiker waren immer von 
zwei Kriterien geleitet: sie konnten Voraussagen machen und hatten das 
Erlebnis der Änderbarkeit der Welt durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse. 
Liegt nicht in der Psychoanalyse ein Zweig der Geschichtswissenschaften vor, 
der gleichfalls Voraussagen ermöglicht und ein Stück Natur zu ändern ver- 
mag? Doch dies gehört eben in jenes geforderte Buch und hat keinen Raum 
in einem Bericht über die Gestalttheorie. 

Die Verwandtschaft der Gestalttheorie mit der Psychoanalyse ist überall, 
wo sie Gegenstände behandelt, die Forschungsobjekte der Psychoanalyse sind, 
unverkennbar. Es ist, als stammte dieser Teil der gestalttheoretischen For- 
schung direkt aus der Psychoanalyse, die hier mit beträchtlichen Auslassun- 



gen, unter Umbenennungen, bei Isolierung und in konsequent einseitiger Ent- 
wicklung einiger ihrer Gesichtspunkte unter dem Primat einiger der Psycho- 
analyse fremder Denkmittel sich entwickelt. Dies zeige ein Referat über 
Lewin (36). Es handeh sich aber nicht um eine persönliche Eigentümlichkeit 
dieses Autors, sondern liegt in der Sache, die er behandelt. Lewin studiert 
die Handlungen der Menschen, ihr Affektleben; er kam von der Wissen- 
schaftstheorie zur Gestalttheorie; er ist bemüht, vorsichtigst von deren 
Grundsätzen aus seinen Gegenstand zu bewältigen, besorgt, keine assoziations- 
theoretischen Hypothesen, aber auch keine Voraussetzungen der übrigen 
Psychologenschulen zuzulassen und landet bei gewiß umdefinierten, aber 
eben doch Freud sehen Grundbegriffen. 

Lewins Buch „Vorsatz, Wille und Bedürfnis" (36), das zugleich eine pro- 
grammatische Schrift ist „Über die psychischen Kräfte und Energien und die 
Struktur der Seele", fördert die übliche "Willens- und Affekttheorie sehr be- 
trächtlich, indem Lewin die Probleme im Sinne der Psychoanalyse verschiebt 
und mit Begriffen zu lösen versucht, die mehr als oberflächliche Beziehung 
zu Freud haben. Von der bewußten Vornahme, dem bewußten Willens- 
entschluß lenkt Lewin die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf das Be- 
dürfnis, die Bedürfnisspannung. Eine Vornahme wird überhaupt nur wirksam 
und so weit wirksam, als sie ein Quasibedürfnis schafft. Sie kann daher, in 
unserer Sprache, auch unbewußt sein, denn nicht die Bewußtheit, sondern die 
Bedürfnisspannung ist entscheidend, die selbst unbewußt bleiben kann. Von 
der Frage „bewußt oder unbewußt" handelt Lewin nicht, er setzt aber 
jenen über die bewußten Phänomene hinausgreifenden Begriff des Psychi- 
schen seinem Denken zugrunde (wie ja die Gestalttheorie überhaupt), den 
Freud von Anfang an vertreten hat. Die willentliche Handlung, die Vor- 
nahm ehandlung wird Lewin zu einem bestimmten, sehr speziellen Typ der 
Handlung überhaupt, zu den „beherrschten" Handlungen, denen etwa die 
triebhaften Handlungen gegenüberstehen. Indem er experimentelle Wege 
sucht (und, wie ich glaube, findet) die Handlungen zu studieren, eröffnet er 
die Möglichkeiten einer experimentellen Triebpsychologie. Lewins Voraus- 
setzung, daß es strenge Gesetze im Psychischen gäbe (S. 9), entspricht der 
Freudschen Überzeugung von der restlosen Determiniertheit des Psychi- 
schen. Lewin anerkennt keine prinzipielle Grenze zwischen „normalem" 
und „abnormalem Seelenleben" (S. 10). Er spricht von verschieden tiefen 
Schichten des Seelischen (S. 11), und meint damit wie die Psychoanalyse 
„Schichten verschiedener funktioneller Bedeutung" (S. 37). Jede einzelne 
Handlung erscheint ihm eingebettet in ein „weites, psychisches Umfeld", steht 
im „Zusammenhang mit bestimmten seelischen Energiequellen und bestimmten 
Spannungen" (S. 15). Sehr selbstverständlich klingt dem Psychoanalytiker 



5» 



Lewin s Kritik an den in der Psychologie fast ausschließlich gebrauchten 
Leistungsbegriffen (S. 17) und seine Diskussion der Phäno- und Genotypen, 
ferner der in der Psychologie nötigen, aber wenig durchgeführten konditionell- 
genetischen Begriffsbildung. 

„Man darf nicht erwarten, daß phänotypisch gleichartige Gebilde, Prozesse 
auch kausal-dynamisch, d. h. ihren Ursachen und Wirkungen nach gleich- 
wertig sind. Vielmehr hat die Physik und neuerdings die Biologie gezeigt, 
daß phänotypische Gleichartigkeit mit kausaldynamischer Ungleichwertigkeit 
und anderseits starke phänotypische Verschiedenartigkeit mit enger Ver- 
wandtschaft in kausaldynamischer Hinsicht Hand in Hand gehen können" 
(S. 18). „So können intensive Vornahmeakte kausaldynamisch ein geringeres 
Gewicht haben als erlebensmäßig schwache Vorsätze oder gar Erlebnisse, die 
phänomenologisch eher als ,bloße Gedanken' anzusprechen sind denn als 
Vornahmeakte . . ." 

Ein Affekt kann eine heftige äußere Aktion veranlassen und auch inner- 
lich kann sich die betreffende Person sehr aufgeregt vorkommen und doch 
kann es sich um einen sehr oberflächlichen und energiearmen Affekt handeln. 
Dagegen kann man äußerlich und auch innerlich relativ ruhig sein, während 
die dahinterliegenden affektiven Spannungen ungleich tiefgehender und stärker 
sind. Ebenso können Verhaltungsweisen, die sich für die Beobachtung 
(Fremdbeobachtung) phänomenologisch als sehr verwandt geben, z. B. beide 
Male als die gleiche ruhige zweckvolle Aktion erscheinen, dynamisch außer- 
ordentlich Verschiedenes bedeuten" (S. 20). Ich brauche nicht darzulegen, wie 
sehr Eigenart, Bedeutung der Psychoanalyse, Grundlage ihrer Methode und 
Quelle ungezählter Mißverständnisse in der Einführung dieser Gesichtspunkte 
in die Psychologie liegen. 

Nicht assoziative Koppelungen sollen als Ursache psychischen Geschehens 
gelten, „vielmehr sind allemal gewisse seelische Energien, die in der Regel auf 
einen Willens- oder Bedürfnisdruck zurückgehen, also gespannte seelische 
Systeme die notwendige Voraussetzung dafür, ob überhaupt das psychische 
Geschehen, auf welchem Wege immer, abläuft" (S. 22). „Denn Bindungen 
sind nie ,Ursachen' von Geschehnissen, wo und in welcher Form auch immer 
sie bestehen; sondern damit das miteinander Verbundene sich bewege (das gilt 
selbst für rein maschinelle Systeme), damit also ein Prozeß stattfinde, muß 
arbeitsfähige Energie freigesetzt werden. Man wird also bei jedem seelischen 
Geschehen zu fragen haben, wo die verursachenden Energien herstammen" 
(S. 23). „Wenn hier der Energiebegriff und weiterhin der Begriff der Kraft, 
der Spannung, des Systems und ähnliche Begriffe verwandt werden, so kann 
dabei die Frage ganz offen gelassen werden, ob man dabei letzten Endes auf 



physikalische Kräfte und Energien zurückgehen soll oder nicht. Jedenfalls 
sind diese Begriffe meines Erachtens allgemein logische Grundbegriffe aller 
Dynamik" (S. 24). Die Bedürfnisse bilden die Energiereservoire des psychi- 
schen Geschehens. Von dieser mit der Psychoanalyse identischen Auffassung 
aus ergibt sich Lewin natürlich auch eine der psychoanalytischen ähnliche 
Auffassung der Beziehung der "Wahrnehmung zur Handlung. „Die Wahr- 
nehmung eines Gebildes oder Ereignisses kann also i. das Entstehen eines be- 
stimmten gespannten seelischen Systems veranlassen, das vorher zumindest in 
dieser Form nicht bestanden hat: Ein solches Erlebnis veranlaßt etwa un- 
mittelbar eine Vornahme, oder ein Verlangen wird geweckt, das bis dahin 
noch nicht vorhanden war. 2. Ein an sich bereits bestehender Spannungs- 
zustand, der etwa auf eine Vornahme, ein Bedürfnis oder eine halb erledigte 
Handlung zurückgeht, spricht auf einen bestimmten Gegenstand oder Er- 
eignis, das z. B. wie eine Lockung erlebt wird, an, derart, daß gerade dieses 
gespannte System nunmehr die Herrschaft über die Motorik erhält. Von 
solchen Gegenständen wollen wir sagen, sie besäßen einen „Aufforderungs- 
charakter". 3. Derartige Aufforderungscharaktere wirken zugleich (ebenso 
wie gewisse andere Erlebnisse) als Feldkräfte in dem Sinne, daß sie die psychi- 
schen Prozesse, vor allem die Motorik, im Sinne einer Steuerung beeinflussen. 
4. Gewisse, zum Teil durch Aufforderungscharaktere veranlaßte Hantierungen 
führen zu Sättigungsvorgängen, respektive zu Erledigungen von Vornahmen 
und damit zum Ausgleich der Spannungen des zugrunde liegenden Systems 
auf einem Gleichgewichtszustand niederen Spannungsniveaus (S. 27 f.). Das 
konkrete seelische Geschehen wird durch die gespannten seelischen Systeme 
bestimmt (S. 34 f., S. 48 f.). Da diese gespannten Systeme von verschiedener 
Festigkeit und Abgeschlossenheit sind und miteinander verschieden leicht in 
Kommunikation stehen, gelangt Lewin auf seine Weise zur Lehre von der 
Verdrängung (S. 31 und S. 81). „Bei der Vp., der die Aufgabe besonders un- 
angenehm ist und die später bei der Ausführung dennoch einen besonders 
sachlichen und gradlinigen Eindruck macht, haben sich die Spannungen des 
erzeugten Quasibedürfnisses mit dem Akt des Entschlusses ungleich stärker 
von dem sonstigen Ich abgesondert als bei den anderen Vp. Die Grenzschicht, 
die damit zwischen dieses Quasibedürfnis und die übrigen psychischen Kom- 
plexe gelegt ist, wirkt nach beiden Seiten. Sie macht die Ausführungshand- 
lung unabhängiger von den übrigen psychischen Spannungen, aber sie scheint 
auch zugleich dem übrigen Individuum stärkeren Schutz gegen die Unannehm- 
lichkeit jenes besonderen Prozesses zu bieten" (S. 81). Sie führt Lewin auch 
nahe an das Verständnis der Fehlhandlungen im Sinne Freuds heran (S. 57). 
Zum Thema „Ich": „Die Frage der Einheit des Bewußtseins ist nicht iden- 
tisch mit der Frage nach Einheit des Gesamtbereiches des psychischen Ge- 



bildes und Prozesses, der gespannten und ungespannten seelischen Systeme, 
deren Totalität man als Seele bezeichnen kann. Es ist ferner zumindest frag- 
lich, ob nicht das, was man als Ich, als Selbst bezeichnen kann und dessen Ein- 
heitlichkeit für viele Probleme wichtig ist, nur einen Komplex, respektive 
ein funktionelles Teilgebiet innerhalb dieser seelischen Totalität darstellt" 
(S. 32). „Wie hoch immer man den Grad der Einheitlichkeit in einer seeli- 
schen Totalität ansetzen mag: eine entscheidende Voraussetzung für eine ein- 
dringendere psychologische Forschung bleibt die Einsicht, daß innerhalb der 
Seele Bereiche von außerordentlich verschieden engem Zusammenhang be- 
stehen. Nicht ein einziges einheitliches System, sondern eine große Anzahl 
solcher ,starken Gestalten' sind vorhanden, die zum Teil in Kommunikation 
miteinander stehen, also Bestandteile einer umfassenderen »schwachen Gestalt' 
bilden" (S. 33). Das Ich ist nicht dem Inbegriff des seelischen Ganzen gleich- 
zusetzen (S. 36). Hier ist die Übereinstimmung mit der Psychoanalyse prin- 
zipiell. 

Das Problem des Ersatzes, der Ersatzhandlung beschäftigt Lewin schon in 
dieser Schrift. Ein großer Teil seiner und seiner Schüler späteren Arbeiten 
kehrt immer wieder zu ihm zurück oder bereitet seine Behandlung vor. Hier 
zeigen einige, freilich nicht ausreichende, Bemerkungen, daß Lewin selbst be- 
merkt, wie nahe er den wichtigen Fragen kommt, die die Psychoanalyse auf- 
wirft. „Der Zusammenhang mit dem sehr mißverständlichen Begriff des 
Symbols in der Freudschen Schule ist deutlich . . . hier wäre der Begriff der 
Sublimierung zu erörtern" (S. 74). Schließlich betont Lewin, daß die Be- 
dürfnisse und Aufforderungscharaktere mit Trieben in Zusammenhang stehen 
(S. 59 und S. 65), und kennt, natürlich ohne gerade dies weiter verfolgen zu 
können, die Bedeutung des „geschichtlichen Moments". 

Diese Auslese aus jenen Stellen, bei deren Lektüre der Psychoanalytiker 
sich angesprochen fühlt oder spürt, daß es sich um Begriffe, Ergebnisse, Pro- 
bleme und Denkweisen handelt, die ihm wohlgewohnt sind — wobei jene 
Stellen noch gar nicht berücksichtigt wurden, bei denen erst nähere Über- 
legung oder Entkleidung von der gestalttheoretischen Terminologie nötig 
wäre — gibt zugleich Einblick in den ganzen Gedankengang des Buches, be- 
rührt fast alle wichtigeren Fragen, die Lewin behandelt, und erfaßt sogar einen 
wesentlichen Teil der Resultate der Lewin sehen Forschungen. Nichts zeigt 
deutlicher, wie nahe sich Gestalttheorie und Psychoanalyse hier berühren. Es 
liegt mir ferne, die sehr bedeutsamen Unterschiede zu verwischen, die zwischen 
beiden Psychologien bestehen; ich habe sie in diesem Bericht schon öfter er- 
wähnt. Sie klar herauszuarbeiten und fruchtbar zu diskutieren, scheint mir 
aber im Rahmen dieses Berichtes kaum möglich und ist vielleicht im Augen- 
blick auch nicht so dringlich wie unterstrichen zu betonen, daß da auch eine 



Verwandtschaft besteht, wo auf beiden Seiten Mißverständnisse, Unkenntnis 
und die eigenartigen Terminologien nur wesentliche Differenzen vorfinden 
wollen. 

IV. 

Die Gestalttheoretiker kümmern sich um diese Verwandtschaft sehr wenig. 
Sie kennen natürlich die Psychoanalyse, sie nehmen zu ihr aber entweder gar 
keine Stellung, wie Wertheimer, oder in gelegentlichen Nebenbemerkungen, 
die nicht immer Sachkenntnis verraten und meistens nicht tieferem Eindringen 
oder Nachdenken entsprungen sein können. Es fehlen aber völlig die de- 
placierten Verdächtigungen und die Affektausbrüche, die in Schriften mancher 
Psychologen die Annäherung an Freud schon von weitem verraten. Lewin 
kommt immer wieder einmal auf Freud zurück, ohne den Ansatz einer 
wirklichen Auseinandersetzung zu wagen, und ohne Rechenschaft darüber 
abzulegen, wieweit er von der Psychoanalyse bestimmt, angeregt und beein- 
flußt ist. (Ich beziehe mich hier ausschließlich auf die Publikationen; in Vor- 
lesungen, so hört man, äußern sich Wertheimer und Köhler ungenierter 
und dann unoriginell wie jeder Beliebige.) 

Die Psychoanalyse hat sich mit der Gestalttheorie nicht gründlich aus- 
einandergesetzt. Sie hat sie freilich auch nicht übersehen. Über die „Neue 
Berliner psychologische Schule und die Psychoanalyse" referierte Hermann 
auf dem Berliner Kongi-eß 1922 (Kongr. Ber., Int. 2schr. f. Psa., VIII, 1922, 
S. 481) und wies ferner im psychologischen Heft der „Imago", (XI, 1925, 
„Fortschritte der Normalpsychologie", S. 173 ff.) in knapper, aber das für die 
Psychoanalyse Wesentliche formulierender Darstellung auf die Gestalttheorie 
hin. Ich nehme in der „Psychologie des Säuglings" (1925) ausführlich auf 
Koffka Bezug; Hartmann auf Lewin.^^ Hermann und Gero haben die 
Arbeiten von Wertheimer und Lewin in der „Imago" z. T. sehr aus- 
führlich rezensiert. Die Psychoanalytiker mögen freilich aus diesen Referaten 
und Hinweisen wenig Anregung bekommen; die Gestalttheoretiker von ihnen 
wohl kaum Kenntnis genommen haben. Diese werden jedenfalls ihren 
Wunsch nicht erfüllt gesehen haben, daß die Gestalttheorie als radikal neue, 
das ganze psychologische Denken umwälzende Entdeckung oder Erfindung 
anerkannt wird. Im Gegenteil betont Hermann, daß die Gestalttheorie der 
Psychoanalyse gegenüber keineswegs so völlig neu ist, wie sie, besonders in 
früheren Jahren, zu sein glaubte. Wie wenig die Gestalttheorie in ihren 
Grundgesichtspunkten einzigartig und neu ist, wird das vorliegende Referat 
gezeigt haben. Sie hat gewiß auf den Gebieten, die früher von der Schul- 



11) Z. B. Hart mann, Über genetische Charakterologie, insbesondere über psycho- 
analytische. Jahrb. f. Charakterologie. VI. 1929. 



72 



Siegfried Bernfeld 



Psychologie beherrscht wurden, neuartig und umwälzend gewirkt — es wird 
in der letzten Zeit allerdings auch von den Gestalttheoretikern anerkannt, 
daß ihre umwälzenden Bemühungen Vorläufer und Mitkämpfer hatten. Da 
sie aber auf den Gebieten, die Freud den Wissenschaften erschlossen hat, 
nichts Wesentliches gewirkt hat (wie wohl auch dies Referat erwiesen haben 
mag), so schätzt der Psychoanalytiker von seinem Hause aus die Leistung der 
Gestalttheorie leicht so ein, als hätte sie die Rolle seines Exekutors in den 
Nachbarhäusern übernommen und erfüllt, ohne ihren Auftraggeber zu nennen 
und zu kennen. Und doch wird dies dem Sachverhalt nicht gerecht. Bei aller 
Verwandtschaft bestehen doch entscheidende Gegensätze, gerade in ihnen 
liegt das Neue an der Gestalttheorie, natürlich auch dieses nicht ohne Vor- 
läufer und Mitstreiter. 

Grob gedeutet erscheint die Verwandtschaft als Abstammungsverhältnis. 
Es handelt sich hier gar nicht um Prioritäten; aber es muß darauf hingewiesen 
werden, daß überall dort, wo fruchtbare Gedanken in der Psychologie un- 
seres Jahrhunderts auftauchen, die Psychoanalyse bei ihrer Entstehung, Prä- 
gung und Ausbreitung irgend einen, freilich heute noch schwer bestimm- 
baren, Einfluß geübt hat. Die entscheidenden Jahre, in denen Wertheime r 
die Gestalttheorie aufging, und in denen er sie entwickelte, sind 1907 — 191 1. 
Es kann gar kein Zweifel sein, daß er in dieser Zeit die Psychoanalyse kannte. 
Wertheimer kommt aus Prag. Hier hat Ehrenfels schon vor 1903 für 
die Psychoanalyse Stellung genommen und mit Freud in Verbindung ge- 
standen. Es ist derselbe Ehrenfels, von dem Wort und Begriff „Gestalt - 
qualität" stammen. Wertheimers früheste tatbestandsdiagnostische Ar- 
beiten erschienen im Groß sehen Archiv für Kriminalanthropologie und 
Kriminalstatistik, 1904, das von Anfang an den Freudschen Schriften inter- 
essierte, ja wohlwollende Referate widmete. Der Sohn des Herausgebers ge- 
hört zu den frühesten Mitgliedern der psychoanalytischen Vereinigung. Im 
Jahre 1905/06 fiel ein kleines Geplänkel zwischen Wertheimer und C. G. 
Jung vor: Auf einen Prioritätanspruch, den Jung für die Verwendung des 
Assoziationsexperimentes in der Tatbestandsdiagnostik erhob, entgegnet 
Wertheimer, daß er für die Publikation einen Vorsprung von mindestens 
einer Woche habe, der Beginn seiner Arbeiten aber Jahre zurückliege. „Was 
die umfangreichen und gründlichen eigenen Arbeiten Jungs betrifft, führen 
sie, soweit sie unsere Arbeiten auf tatbestandsdiagnostischem Gebiet berühren, 
zu manchen analogen Feststellungen, was im Interesse der Sache sehr er- 
freulich ist" (3, 1906). 

1906 zitiert Freud in einem vielbeachteten Vortrag (erschienen in Groß' 
Archiv, 1906, Ges. Sehr., Bd X, S. 197) über Tatbestandsdiagnostik und 
Psychoanalyse Wertheimers Bemühungen nachdrücklich. Wäre schon an 



Die Gestalttheorie 



73 



sich unwahrscheinlich, daß "Wert heimer, ein so vielseitig interessierter und 
so gründlicher psychologischer und völkerkundhcher Denker, die Psycho- 
analyse übersehen haben sollte, als sie von 1905— 1907 an immer mehr Beach- 
tung fand, von 1909 an mit ihren Jahrbüchern in das helle Licht der Öffentlich- 
keit trat, so sind die genannten Daten Indizien für sehr frühe und besonders 
eingehende Befassung "Wertheimers zumindest mit Freuds und Jungs 
Schriften. Ein direkte Erwähnung der Psychoanalyse fehlt in den drei Ab- 
handlungen, aber sollte nicht manche Stelle im „Denken der Naturvölker" 
geradezu gegen Jung gerichtet sein? 

In der Psychoanalyse fand Wertheimer eine Psychologie vor, die auf 
das Ganze, auf das Lebensnahe, Zentrale ging, in der Psychologie, Physio- 
logie und Völkerkunde eine eigentümliche Verbindung eingehen, in der von 
der Psychologie her Wege zum Problem des Symbols der Bedeutung, des 
Sinns gesucht werden, die sich mit den prälogischen Gebilde befaßt, kon- 
sequent und klar energetisch-dynamische und biologische Gesichtspunkte ein- 
führt und die altgewohnten, auf „Undsummenbetrachtung" aufgebauten, 
logisch rationalisierten (wie wir sagen würden) wissenschaftlichen Erklärun- 
gen radikal umzentrierte. Man findet alle diese Elemente in Wertheimers 
„Drei Abhandlungen" wieder. Natürlich — es ist ein weiter "Weg von der 
damaligen Psychoanalyse zur Gestalttheorie, aber es führt hier immerhin ein 
Weg. Daß Wertheimer ihn ging, dürfte in seiner psychischen Struktur be- 
gründet sein; wie er ihn ging, mag von den Anregungen bestimmt sein, die in 
der Geisteswissenschaft seit 1890 gleichzeitig mit der Psychoanalyse reichlich 
vorhanden waren. "Wichtig wird dabei "Wertheimers wissenschaftlicher 
Ausgangspunkt gewesen sein, die Tatbestandsdiagnostik. Es ist beachtenswert, 
daß dieses Arbeitsgebiet, das Wertheimer vor 1907 pflegte, erst recht eine 
innere Beziehung zur Psychoanalyse hat. Handelt es sich doch in der Tat- 
bestandsdiagnostik darum, die nachwirkenden Spuren vergangener und ver- 
heimhchter Erlebnisse aufzudecken und schlüssig zu machen. In den Wert- 
heimerschen FormuHerungen des Problems: „Wir stellen die Frage: ist es nicht 
möglich, die Seele eines Menschen auf allgemeine psychische Folgen eines 
Tatbestandes hin zu durchforschen, ohne sich auf seine Behauptungen zu 
stützen?" (i) Und „Das Problem der Tatbestandsdiagnostik ist: Methoden zu 
finden und zu erproben, denen gegenüber sich jemand, der einen bestimmten 
Tatbestand lebendig in sich hat (d. h. ihn mit Affektbetonung oder mit Inter- 
esse erlebt hat, kennt) in meßbarer Weise anders verhält als jemand, der 
diesen Tatbestand nicht kennt" (4), wird die Beziehung aufs Ganze der 
Person, die die Psychoanalyse pflegte, und das Problem, das in der Psycho- 
H analyse damals schon das des Vorbewußten und Unbewußten, der Entstel- 



^ 



74 



Siegfried Bernfeld 



heimers Verfahren geradezu darauf, daß die freien Assoziationen bei Aus- 
schaltung des bewußten die Aussagen leitenden Willens sicher zum Selbst- 
verrat führen — ein Gedanke, der aus Freuds Traumdeutung (und aus 
früheren Schriften) folgt. Die Gleichzeitigkeit der Ideen von Wertheimer 
und Jung könnte auf Freud zurückgehen. Natürlich verdankt die Tat- 
bestandsdiagnostik ihre Entstehung nicht der Psychoanalyse. Es ist aber doch 
■wahrscheinlicher, daß Wertheime r von der tiefen Problematik angezogen 
war, die in den damaUgen Freud sehen Schriften angeregt wurde, als daß er 
die entscheidenden Anstöße von der Psychologie der Aussage Sterns und 
Lipmanns erhalten hätte, die übrigens auch schon früh die nahe Beziehung 
ihrer Forschung zur Freudschen Psychoanalyse erkannten (1911, Lipmann, 
Spuren interessebetonter Erlebnisse). Wertheimers Interesse für Grenz- 
gebiete, für interwissenschaftliche Formulierungen vermeint man auch schon 
in seinen tatbestandsdiagnostischen Studien zu spüren. Welche Psychologen- 
schule hat um 1900 so energisch, erfolgreich und radikal die Grenzgebiete ge- 
pflegt und die konventionellen Abgrenzungen der Wissenschaften bewußt 
mißachtet, wie die Psychoanalyse? Es wäre mehr als verwunderlich, wenn 
Wertheimer von diesen radikalen Impulsen, die von der Psychoanalyse 
damals ausgingen, nicht getroffen worden wäre und nicht betroffen gewesen 
wäre. Doch wollen diese Bemerkungen nichts anderes sein als Notizen für 
den künftigen Historiker der Psychoanalyse, die mir aber deshalb nicht un- 
angebracht erscheinen, weil sich die gegenwärtigen Historiker der Psycho- 
analyse fast ausschließlich damit vergnügen, die Anregungen, die Freud von 
seinen Lehrern und Zeitgenossen erfahren hat, fett zu drucken. 

Daß sich Lewin in seiner vorgestalttheoretischen Zeit mit der Psycho- 
analyse befaßt hat und daß er vielfach von ihr beeinflußt ist, ja daß, möchte 
ich sagen, sein Werk eher ohne Wertheimer und Köhler als ohne die 
Psychoanalyse denkbar ist, braucht nicht durch einen umständlichen Indizien- 
beweis erraten zu werden, sondern liegt auf der Hand. Die Beziehung 
von Koffka und Köhler zur Psychoanalyse ist undurchsichtig. Wir dürfen 
annehmen, daß diese gebildeten und vielbelesenen Männer die wesentlichen 
Gedanken der Psychoanalyse spätestens zwischen 191 3 und 1919 zur Kennt- 
nis genommen haben; man kann schwer glauben, daß sie sich mit Nachrichten 
aus dritter Hand begnügt haben sollten. In ihrem Werk, das sich im wesent- 
hchen wahrnehmungspsychologischen, tierpsychologischen und physikalischen 
Problemen widmet, spielt die Kenntnis der Psychoanalyse naturgemäß kaum 
eine Rolle. Die Verwandtschaft der energetischen Gedanken Köhlers und 
Freuds ist vielleicht durch die gemeinsame Abstammung von Fechner und 
der physikalischen Physiologie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ge- 
nügend erklärt. Doch hat vielleicht allein schon die Existenz der Psycho- 



analyse als einer dynamisch-energetischen Psychologie mit „materialistisch- 
naturwissenschaftlicher" Grundgesinnung in dem immer romantischer wer- 
denden Wissenschaftsbetrieb des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, die 
manchem andern so auch Köhler Mut gemacht, so abwegige und verfemte 
Gedanken zu pflegen. 

Wenn sich bei soviel Verwandtschaft vor unseren Augen eine doch von der 
Psychoanalyse so sehr weit entfernte Schule so fruchtbar entwickelt, liegt uns 
naturgemäß die Frage nahe, ob nicht gerade die Differenz für die weitere Ent- 
wicklung der Psychologie das Entscheidende und Fruchtbare sein wird. 
Man darf diese Frage stellen, auch wenn man den Versicherungen der Gestalt- 
theoretiker gegenüber, daß in ihrem Lager die zukünftige Psychologie, ja Wis- 
senschaft wachse, eine wohlwollende Reserve bewahrt. 

Worin bestehen nun diese Differenzen, soweit sie für uns in Frage kommen? 
Die Gestalttheorie weiß mit dem historischen Moment nichts anzufangen; sie 
kennt die Fülle von Fakten nicht, die durch die psychoanalytische Methode 
ans Tageslicht gebracht wird; sie ist in ihren Forschungsmitteln an das Labo- 
ratoriumsexperiment gebunden. Sie ist in ihrer Begriffsbildung durch den 
Anschluß an die physikalische und an die topologisch-mathematische Aus- 
drucksweise gebunden; sie kann von ihrem Boden aus weder die Theorie der 
Deutung noch die Theorie des Indizienbeweises entwickeln. Alle diese Diffe- 
renzierungspunkte sind nicht an sich Nachteile. Wäre die gesamte psycho- 
analytische Forschung 1909 ohne weitere Entwicklung im Sinne der engeren 
Freud sehen Schule abgebrochen worden, so würde der Historiker der Psycho- 
logie etwa sagen: Unter Verwertung der im Freudschen Werk enthaltenen 
Entdeckungen und Impulse hat die Gestalttheorie bei Miteinbeziehung der in 
der Philosophie und Geisteswissenschaft der Jahrhundertwende angesetzten 
Gedankengänge die physiologische Psychologie des 19. Jahrhunderts umge- 
staltet und sie durch Erneuerung des Laboratoriumsexperiments, im Anschluß 
an die Fortschritte der physikalischen, bzw. mathematisch-topologischen Be- 
griffsbildung zu einem imponierenden Gebilde entwickelt; dabei interessante 
Gesichtspunkte für Tierpsychologie, Psychologie und einige andere Gebiete 
gewonnen, von denen aber 1930 noch nicht recht abzusehen war, wohin sie 
hätten führen können. Da es aber nun einmal Psychoanalyse heute noch gibt, 
erscheinen ihr gegenüber diese Leistungen nicht ausreichend und die Vorzüge 
der Gestalttheorie ziehen ihr Grenzen, jenseits deren die Psychoanalyse die 
lebensnahen und lebenswichtigen psychologischen Probleme bewältigt. 

Die Forschungsaufgaben der Psychologie sind ohne Einführung der geneti- 
schen Methode (und im Zusammenhang damit ohne Bewältigung des Problems 
der Deutung und des Indizienbeweises) nicht in ihrem ganzen Ausmaß zu um- 
schreiten. Mag die Psychoanalyse noch so weit davon entfernt sein, ihre, die Auf- 



76 



Siegfried Bernfeld 



gaben der Psychologie zulänglich zu lösen, sie versucht es nun eben wenigstens, 
und zwar als einzige. Der große Vorzug der Gestalttheorie in den Augen des 
naturwissenschaftlich eingestellten Psychologen ist ihr physikalischer und 
mathematisch-topologischer Teil. Er muß uns aber nicht blenden, da die 
Gestalttheorie vorläufig auch nur den Ansatz zur Lösung des Kernproblems 
jeder physikalischen Psychologie schuldig geblieben ist, nämlich die Messung 
der entscheidenden physiologischen und „psychologischen" Prozesse. Man 
sieht auch nicht ab, wo von ihrem Boden aus ein Weg von der qualitativen zur 
quantitativen Forschung, den sie mit der Zeit finden muß, soll sie ihr eigenes 
Anspruchsniveau nicht beträchtlich herabsenken müssen, führen soll. Und 
schließlich — mag an dem Material, das die psychoanalytische Theorie zutage 
fördert, noch soviel Fragliches und Fehlgedeutetes sein, es bleibt doch ein 
Material so zentral menschlicher Art, das bisher auf keine andere Weise als 
nur durch sie erreichbar wird, daß jede Psychologie, die es nicht versteht, ihre 
Aussagen auch auf dieses eigenartigste psychologische Material zu erstrecken, 
gegenüber der Psychoanalyse ärmlich bleibt. 

Literaturverzeichnis 

Wertheimer, Max, und Klein, Julius 

(i) Psychologische Tatbestandsdiagnostik. Ideen zu psychologisch-experimentellen Me- 
thoden, zum Zwecke der Feststellung der Anteilnahme eines Menschen an einem Tatbestand. 
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Wertheime r, Max 

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Lipmann, Otto, und Wertheimer, Max. 

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Wertheimer, Max. 

(5) Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. Z. f. Psychologie, Bd. 60, 191 1. 

(6) Über das Denken der Naturvölker. Zahlen u. Zahlgebilde. Z. f. Psychologie, Bd. 61, 19/2. 

(7) Über Schlußprozesse im produktiven Denken, De Gruyter, Berlin, 1920. 

(7 a) Drei Abhandlungen zur Gestalttheorie. Erlangen 1925. Abdruck von (j), (6), (7). 

(8) Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt, I. Prinzipielle Bemerkungen. Psych. 
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(9) Untersuchungen der Lehre von der Gestalt, II. Psychologische Forschung, Bd. IV, 1923. 

(10) Über Gestalttheorie, Symposion, Bd. i, Weltkreisverlag, Erlangen, 1925. 

(11) Zum Problem der Schwelle. Bericht über den VIII. Internat. Kongreß für Psychologie, 
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(12) Über Gestalttheorie. In: M. Saupe, Die moderne Psychologie, 1927. 
Köhler, Wolf gang 

(13) Nachweis einfacher Strukturfunktionen beim Schimpansen und beim Haushuhn. Ab- 
handlungen der königl.-preuß. Akad. d. Wiss. phys.-mathem. Klasse, 1908. 

(14) Optische Untersuchungen am Schimpansen und am Haushuhn. Abhandlungen der 
Preuß. Akad. d. Wiss. physikal.-mathem. Klasse, 19 ij. 



Die Gestalttheorie 



77 



(15) Intelligenzprüfungen an Anthropoiden, I. Abhandlungen der Preuß. Akad. d. Wiss. 
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(16) Intelligenzprüfungen an Menschenaffen. Springer, Berlin, 1921. Sonderausgabe von (ij). 

(17) Die Methoden der psychologischen Forschung an Affen. Handbuch d. biol. Arbeits- 
methoden, Abderhalden, Abtlg. 6, Teil D, Heft i, Urban & Schwarzenberg, Wien, 1921. 

(18) Zur Psychologie der Schimpansen. Psych. Forschg., Bd. i, 1921. 

(19) Gcstaltprobleme und Anfänge einer Gestalttheorie. Jahresbericht über die ges. Phy- 
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(20) Zur Theorie des Sukzessivvergleiches und der Zeitfehler. Psych. Forschg., Bd. IV, 

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(21) Bemerkungen zum Leib-Seele-Problem. Deutsche med. Wschr., Bd. jo, 1924. 

(22) Die physischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zustand. Eine naturphilo- 
sophische Untersuchung. Phil. Akademie, Erlangen, 1924. 

(23) Intelligence in apes. Pedagogical seminary, Bd. 32, 192J. 

(24) An aspect of Gestaltpsychology. Pedagogical seminary, Bd. 32, 1925. 

(25) Zum Problem der Regulation. Zschr. f. wiss. Biologie, Abteilung B, Bd. 112, 1927. 

(26) Bemerkungen zur Gestalttheorie. Im Anschluß an Rignanos Kritik. Psych. Forschg., 
Bd. II, 1928. 

(27) Psychologische Probleme, Springer, Berlin, 1933. 

Koffka, Kurt 

(28) Die Grundlagen der psychischen Entwicklung. Eine Einführung in die Kinder- 
psychologie. Zieckfeld, Osterwieck, a. H. 192 1. 

(29) Perception: An introduction to the Gestalttheorie. Psychological Bulletin, Bd. 19, 
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(30) Psychologie. Die Philosophie in ihren Einzelgebieten, herausgegeben von Max 
Dessoir, Ullstein, Berlin, 192 j. 

(31) Mental development. Pedagogical seminary, Bd. 32, 1925. 

(32) Psychologie der Wahrnehmung. VIII. Kongreß für Psychologie, Groningen, 1926. 

Lewin, Kurt 

(33) Verwandtschaftsbegriffe in Biologie und Physik und die Darstellung vollständiger 
Stammbäume. Abhandlungen zur theoret. Biol., Heft 5, 1920. 

(34) Das Problem der Willensmessung und das Grundgesetz der Assoziationen, I. Psycho- 
logische Forschg., Bd. i, 1921. 

(3j) Der Begriff der Genese in Physik, Biologie und Entwicklungsgeschichte. Eine Unter- 
suchung zur vergleichenden Wissenschaftslehre. Springer, Berlin, 1922. 

(36) Vorsatz, Wille und Bedürfnis. Mit Vorbemerkungen über die psychischen Kräfte 
und Energien und die Struktur der Seele. Springer, Berlin, 1926^ 

(37) Idee und Aufgabe der vergleichenden Wissenschaftslehre. Symposion, Bd. i, Weltkreis- 
verlag Erlangen, 1926. 

(38) Die Erinnerung an beendete und unbeendete Handlungen. VIIL Kongreß für Psy- 
chologie, Groningen, 1926. 

(39) Gesetz und Experiment in der Psychologie. Berlin, 1927. 

(40) Der kindliche Ausdruck. Zschr. f. pädagog. PsychoL, Bd. 28, 1927. 

(41) Zwei Grundtypen von Lebensprozessen. Z. f. Psych., Bd. 113, 1929. 

(42) Die psychologische Situation bei Lohn und Strafe. Hirzel, Leipzig, 193 1. 

(43) Übungen über Grundbegriffe der Psychologie, Wintersemester 1931/32, Universität 
Berlm. Kollegheft. 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 

Von 

Hanns Sachs 

Boston 

Die Geschichtswissenschaft jeder Art beschäftigt sich mit dem Einmaligen, 
in genau derselben Form niemals Wiederkehrenden. Sie kann die Kausalketten, 
die zu einem Geschehen führten, aufzeigen, aber nur mit Hilfe des Experi- 
mentes läßt sich beweisen, daß und warum ein Ereignis als Erfolg bestimmter 
Faktoren nicht eintritt und nicht eintreten kann. Die Psychoanalyse ist zu 
einem Teil eine Geschichtswissenschaft — sie lehrt die Gründe, oder richtiger, 
einen wichtigen Teil der Gründe erkennen, warum ein Mensch gerade dieses 
Symptom entwickelt und gerade diesen Traum geträumt hat, gestattet uns 
aber keine Voraussage darüber, wer symptomfrei oder welcher Schlaf traum- 
los bleiben wird. Doch ist die Psychoanalyse nicht überall in die Grenzen 
des „Historischen" gebannt; die genaue und tiefgehende Beobachtung von 
Phänomenen, die in abweichender aber doch ähnlicher Form wiederkehren, 
sowie die Möglichkeit, psychische Reaktionen auszulösen oder zu verhindern, 
gestatten es, nach und nach die ausnahmsweisen und unwesentlichen Kausal- 
faktoren von den gesetzmäßigen zu sondern und so, obgleich auf einem ganz 
anderen "Wege, ebenso wie die experimentierenden "Wissenschaften zur Auf- 
stellung allgemein gültiger Gesetze zu kommen, deren Einfluß auf jedes in 
ihren "Wirkungskreis fallende Ereignis mit Sicherheit vorausgesagt werden 
kann. (Wie stark dieser Einfluß im Einzelfall ist, ob er nicht durch andere 
Gesetze im Endeffekt eingeschränkt oder aufgehoben wird, bleibt natürlich 
hier wie bei jeder anderen Gesetzmäßigkeit unbestimmt.) Dieselbe Er- 
weiterung gilt auch für geschichtliche Tatbestände, soweit man an ihnen den 
Einfluß empirisch erschlossener oder als Arbeitshypothese verwendeter Ge- 
setze — und diese sind regelmäßig soziologischer oder psychologischer Natur 
— feststellen kann. Die Nationalökonomie als der „am feinsten ausgebildete 
Teil der Soziologie" (Ludwig v. Mises) dürfte sich für diese Methode be- 
sonders eignen. Die Art der Zusammenarbeit zwischen Soziologie und Psycho- 
logie läßt sich freilich nicht von vornherein theoretisch festlegen, sie muß 
sich erst aus den Untersuchungen selbst entwickeln, insoweit diese die Frucht- 
barkeit einer solchen Kombination erweisen. Diese Erwägungen haben dazu 
geführt, den kühnen, vom "Verfasser selbst als gewagt empfundenen Versuch 
einer Erklärung zu unternehmen, warum sich etwas in einer bestimmten Ge- 
schichtsepoche nicht ereignet hat, und dafür gerade das Problem zu wählen: 
"Warum die Spätantike keine Maschinen erfunden oder in ausgiebigerer "Weise 
verwendet hat. 



Eine solche Fragestellung ist dort ganz unangebracht, wo die primitive Art 
der Güterherstellung mit der engen Begrenzung des Güterumlaufs zusammen- 
fällt, die ihr im allgemeinen zugehörig ist. Auch ein großes Herrschafts- und 
Verwaltungsgebiet ändert daran nichts, solange es nicht mit einer Organisa- 
tion des Gütertausches verbunden ist. Niemand braucht sich bei der Frage 
aufzuhalten, warum z. B. im Karolinger-Reiche keine Fortschritte auf dem 
Gebiete der maschinellen Güterproduktion erzielt wurden, denn in der ge- 
schlossenen und statischen "Wirtschaftsform lag kein Anreiz und kein Aus- 
gangspunkt für technische Fortschritte, die erst durch die Kreuzzüge langsam 
erweckt wurden. Anders lagen die Dinge im römischen Reich von Augustus 
an bis mindestens Marc Aurel, also durch mehr als zwei Jahrhunderte hin- 
durch. Die Pax Romana, das ausgebildete Straßensystem, die Sicherheit des 
Meeres, die Einheit von "Währung, Recht und Sprache gaben die Möglichkeit 
zu einer großartigen Erweiterung des Handelsverkehres, wie sie erst wieder 
anderthalb Jahrtausende später einigermaßen erreicht wurde, und wir haben 
Zeugnisse genug dafür, daß diese Gelegenheit auch tatsächhch ausgenützt 
wurde. Die Erzeugnisse der berühmten keramischen Industrie von Arretium 
finden sich im ganzen westlichen Europa, hingegen gallische Produkte in 
Pompeji; zahlreiche Münzen aus der Kaiserzeit, von Tiberius angefangen, 
wurden in Indien ans Licht gefördert. Dies sind nur ein paar aufs Geratewohl 
herausgegriffene Beispiele, die Verteilung bestimmter Lokalprodukte, wie 
Zinn aus England, Erze aus Spanien, Marmor aus Griechenland, Getreide aus 
Ägypten, über das gesamte Imperium hin, ist ebenso allgemein bekannt wie 
die Verbreitung der Luxusgegenstände des Orients, z. B. Stoffe, Parfüms, 
Färbemittel und Früchte. Mit den "Waren reisten die Menschen, teils frei- 
willig, als Händler und Handwerker, teils als Sklaven, die in denselben Be- 
rufen tätig waren oder als Bergarbeiter, "Wegebauer und Landarbeiter ver- 
schleppt wurden. Die zeitgenössische Literatur berichtet uns darüber und 
noch beredter sprechen die Gräber davon. Ihre Inschriften melden uns von 
Syrern, die in England lebten und starben, Griechen in Gallien und Spanien; 
selbstverständlich strömten Menschen von allen Ecken und Enden des 
Reiches in der einen Stadt zusammen, nach der alle Wege führten. In der 
früher erwähnten keramischen Fabrik in Arretium waren schon zur Zeit des 
Augustus zwei Arbeiter namens Tigranes und Bargates beschäftigt, die be- 
stimmt im Orient, wahrscheinlich in Persien, beheimatet waren. 

Gewiß wurde auch damals noch viel mehr für den Eigengebrauch pro- 
duziert als für den Absatz und die Form der Naturalwirtschaft war noch 
keineswegs überwunden, aber der "Warentausch und die Arbeitsteilung hatten 
doch außerordentliche Fortschritte gemacht und einen Stand erreicht, den 
die Welt vorher noch nie gesehen hatte und nach dem Untergang der Antike 



8o 



Hanns Sachs 



auf lange 2eit verlor. Diese einzigartige Erweiterung des Marktes, die Hand 
in Hand ging mit einer kulturellen Verfeinerung, mußte eine sehr erhebliche 
Steigerung der Bedürfnisse und Absatzmöglichkeiten und damit des Tausch- 
wertes der "Waren zur Folge haben. Daraus läßt sich unabweisbar eine all- 
gemeine und dauernde Tendenz zur Erhöhung der Produktion folgern, von 
der wir auch zahlreiche Spuren finden, aber nur sehr wenige in der Richtung 
einer Verwendung von Maschinen an Stelle von Menschenkraft, der „Ver- 
drängung des variablen Kapitals durch das konstante", wie sie, nach Marx, 
für ein kapitalistisches Zeitalter charakteristisch und unaufhaltsam notwendig 
ist. Diese Tatsache darf als Ausgangspunkt für eine Fragestellung dienen, denn 
als die alte Welt in ihr Grab stieg, hatte die im Imperium Romanum zu- 
sammengeschlossene Spätantike fast auf allen Gebieten geistiger Tätigkeit 
bedeutende Leistungen vollbracht, in Poesie und Geschichtsschreibung, Natur- 
wissenschaft, Mathematik und Astronomie, nur auf dem Gebiet, wo es sich 
am ersten erwarten ließe, ist kaum irgend ein Fortschritt zu verzeichnen. Die 
Zeitgenossen des großen Kaiser-Philosophen wußten von der Ausnutzung der 
Naturkräfte zu Produktionszwecken kaum mehr, als die Ägypter unter 
Ramses II. 

Die Scheu vor der Natur und deren Erforschung, die im Mittelalter so 
stark als Hemmschuh wirkte, kann nicht die Ursache gewesen sein; sie war 
der Antike unbekannt, besonders in dieser Epoche. Noch weniger können 
wir glauben, daß es, wie H. Diels^) meint, zu spät gewesen sei, weil „die 
"Wissenschaft, die Nährmutter der Technik, tot war". Es fehlte dieser Zeit, 
wenn sie auch keinen großen Tragiker und Epiker mehr hervorbrachte, weder 
an Intelligenz noch an Energie und "Wißbegierde; man braucht nur die Namen 
Tacitus und Suetoninus, Seneca und Plinius, Lukian und Apulejus zu 
nennen und auf die Mathematiker und Astronomen des alexandrinischen 
Instituts hinzuweisen. "Warum verfiel keiner dieser erfinderischen und deak- 
geübten Geister auf die Idee, die dem i6. und 17. Jahrhundert so natürlich 
war, die erworbenen Kenntnisse nutzbringend zu verwerten? Unsere Frage- 
stellung ist keineswegs neu, denn die Tatsache des Versagens der Antike an 
diesem Punkt, auf den sie durch ihre wirtschaftliche Entwicklung geradezu 
losgetrieben wurde, ist ein so auffallendes Rätsel, daß man es schwer über- 
sehen kann. Die fast einhellige Antwort auf unsere Frage lautet, daß die 
Sklavenwirtschaft der Antike das Interesse an der Verwendung der Maschine 
im Keime erstickt habe. Da so viele nach unbeschränktem Belieben aus- 
nutzbare menschliche Arbeitsmaschinen zu Gebote standen, habe der Anreiz 
gefehlt, danach zu streben, wie man Menschenarbeit durch Naturkräfte er- 
setzen könne. "Wenn fremde Arbeitskraft so gut wie unbeschränkt zur Ver- 
i) H. Di eis, „Antike Technik", S. 32. 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



8i 



fügung Steht, liegt überhaupt keine Ursache vor, nach „produktionsverlängern- 
den Umwegen" (im Sinne der Kapitalstheorie von Böhm-Bawerk) zu 
suchen, um so eine größere Ergiebigkeit der Produktion zu erreichen. Es läßt 
sich aber nachweisen, daß für die römische Kaiserzeit gerade das Gegenteil 
zutrifft, daß in dieser Epoche die Sklavenarbeit immer seltener und kost- 
spieliger wurde, während das Konsumtionsbedürfnis eher zu- als abnahm, daß 
also die Menschen dieser Zeit den triftigsten Anlaß gehabt hätten, sich nach 
einem Ersatz für die Sklavenarbeit umzusehen. Dieser Beweis soll von ver- 
schiedenen Seiten her geführt werden, nicht nur der Zuverlässigkeit des 
Resultats zuliebe, sondern auch, weil uns die Untersuchung über die Stellung 
der Spätantike zum Sklavereiproblem ganz nahe an die eigentliche, psycho- 
logische Seite der Fragestellung heranführt.^ 

Auf drei verschiedenen Wegen konnte die römische "Welt den Zufluß neuer 
Sklaven erhalten: Durch Verurteilung wegen gewisser Verbrechen — diese 
Quelle war sicher praktisch unbedeutend — , durch Geburt, wenn die Mutter 
Sklavin war, ohne Rücksicht auf den Stand des Vaters, und durch Unter- 
werfung oder Gefangennahme im Kriege. Unter der Republik, besonders seit 
dem zweiten Punischen Kriege, war dies das bei weitem wichtigste und er- 
giebigste Verfahren gewesen. Die riesigen Sklavenmengen, die durch die sieg- 
reichen Kriege ins Land gebracht wurden, waren wohl mehr als alles andere 
die Ursache der großen politischen und sozialen Umwälzungen in der letzten 
Zeit der Republik. Es entstanden große Latifundien, die ihren Besitzern großen 
und sicheren Profit brachten, weil sie von Sklaven bearbeitet wurden, die 
jederzeit billig ersetzbar waren und deshalb rücksichts- und gedankenlos aus- 
genützt werden konnten. Die Erschließung der Bergwerke, der Bau des groß- 
artigen Straßennetzes, der Luxus der Großstadt, all dies wurde erst von da 
aus ermöglicht. Mit Augustus und seiner Pax romana versiegte diese Quelle 
fast vollständig, um niemals wieder zu sprudeln. Die Niederwerfung einer 
Empörung in schon eroberten Provinzen ergab noch hie und da größere 
Sklavenmassen, wie die 90.000 Juden, die nach der Eroberung Jerusalems durch 
Titus zu Sklaven gemacht und größtenteils in die ägyptischen Bergwerke ge- 
schleppt wurden. Solche Verzweiflungsaufstände gehörten aber unter der 
I Kaiserherrschaft zu den Seltenheiten und große, siegreich beendete Kriegszüge 
waren noch seltener. 
So blieb als einziges Mittel zur Erhaltung und Erneuerung des Sklaven- 
bestandes der Geburtenüberschuß übrig. Ein solcher aber läßt sich bei einer 
schonungslos ausgebeuteten Klasse nicht erzielen; es ist dazu notwendig, nicht 
inf( 
ges« 
1 



2) H. Di eis stellt sich ebenfalls auf den Standpunkt, daß „in der Kaiserzeit die Sklaverei 
infolge der Pax Romana allmählich abstarb", erledigt aber die Fragestellung auf die bereits 
geschilderte Weise. 

Imago XX/i „ 



82 



Hanns Sachs 



nur auf die Schwangere und die stillende Mutter Rücksicht zu nehmen, son- 
dern auch den Eltern ein gewisses Maß von Wohlsein, ja sogar etwas Ähn- 
liches wie Familienleben zu gönnen, um sie zu veranlassen, Kinder aufzuziehen. 
Dies sind gerade die für die Kaiserzeit charakteristischen Veränderungen, 
demnach ein sicheres Zeichen dafür, daß man gelernt hatte, den Sklaven als 
wertvolles Gut zu betrachten, mit dem sich nicht mehr verschwenderisch um- 
springen ließ. Die Latifundien verschwanden und an ihre Stelle trat das 
Colonat, das Pachtsystem. Statt wie vorher als Kettensträflinge zur Arbeit ge- 
trieben und bei Nacht in vergitterten Zwingern untergebracht zu werden, 
leben die Sklaven nun mit Frau und Kindern auf Pachthöfen, deren Bewirt- 
schaftung von freiem Landbesitz nur dadurch unterschieden war, daß sie einen 
Teil ihrer Erträgnisse abliefern und für den Hof ihres Herrn Robot leisten 
mußten. Obgleich es gesetzlich eine Ehe der Sklaven so wenig gab wie bei den 
Haustieren, hütete man sich in der Regel, die Paare auseinander zu reißen, und 
die Grabsteine zeigen, daß Lagergenossen (contubernales) ebenso treu zusam- 
menhielten wie Ehepaare.^ 

Das Gesetz verhielt sich, wie gewöhnlich, zunächst starr und ohne Einsicht 
in die neue Sachlage; die erste Reaktion ist eine stärkere Neigung zur Ver- 
drängung, die als erhöhte Strenge zum Ausdruck kommt. So ordnete das 
Senatus Consultum Claudianum an, daß die Kinder einer Freien Sklaven sein 
sollten, wenn der Vater Sklave war, selbst dann, wenn die Mutter wegen ihrer 
Hingabe an einen Sklaven nicht von dessen Besitzer als Sklavin reklamiert 
wurde. Ein konservativer Jurist setzte es mit Hilfe des Pöbels durch, daß das 
obsolete Gesetz, wonach alle Sklaven eines durch seinen Sklaven ermordeten 
Herrn hingerichtet werden sollten, noch einmal befolgt wurde, obgleich der 
humane Kaiser Nero diesen Massenmord zu verhindern suchte. Der Sklave 
konnte kein Eigentum besitzen, seine Ersparnisse (-peculium) galten vor ^em 
Gesetz als nicht unterschieden von dem Eigentum des Herrn. Aber nach und 
nach beginnt sich die neue Richtung auch im Gesetz durchzusetzen, teils durch 
die Erlässe fortschrittlicher Kaiser, teils durch die Rücksichtnahme auf das 
ius gentium. Nach wie vor kann der Herr seinen Sklaven nach Belieben töten, 
aber er darf ihn nicht mehr den wilden Tieren im Zirkus vorwerfen, nicht 
verstümmeln und die Sklavin nicht gegen den "Willen ihres Vorbesitzers zur 
Prostitution zwingen. Der Sklave kann bei jedem Kaiser-Standbild ein Asyl 
finden, wenn der Herr ihn grundlos mißhandelt. Das feculium wird zwar 
nicht ausdrücklich, aber durch eine Reihe von Bestimmungen der Pandekten 
darüber, wie bei letztwilligen Verfügungen, bei Freilassungen usw. damit zu 

j) Eine Stelle wie die in P e t r o n s „Gastmahl", wo sich der alte Freigelassene rühmt: ,.con- 
tuhernalem meam redemi, ne quis in sinu illius manus ter gerat'', sagt mehr als die längste 
Sittenschilderung. 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



83 



verfahren sei, indirekt als das Vermögen des Sklaven anerkannt, mit dem 
er frei schalten, ja sogar von seinem Herrn die eigene Freiheit erkaufen kann. 
Sklaven dürfen sich an den einzigen, im römischen Reiche überhaupt erlaubten 
Vereinigungen — Begräbnisvereinen und religiösen Brüderschaften — beteiligen 
und in ihnen mit den Freien zusammensitzen, eventuell sogar Ehrenämter 
ausfüllen. 

Es ließen sich noch zahlreiche Einzelheiten anführen, die alle in dieselbe 
Richtung weisen, aber das Gesagte illustriert hinreichend die Tendenz, die 
zuerst in der sozialen Entwicklung, dann im öffentlichen und Privatrecht 
zutage tritt, die Existenz, das Familienleben, die Person und das Eigentum des 
Sklaven in Schutz zu nehmen. Diese humane Absicht hätte sich niemals 
dauernd und durchgreifend durchsetzen können, so lange Sklaven in hin- 
reichender Menge zur Verfügung standen und der Ausfall ohne Schwierigkeit 
ergänzt werden konnte. 

Der Umschwung wird noch deutlicher, wenn wir die feineren Züge be- 
trachten, durch die in der Literatur und Moralphilosophie das allgemeine Ge- 
fühl zum Ausdruck kam; hier läßt es sich mit Sicherheit schon in der frühen 
Kaiserzeit, von Nero bis Trajan, feststellen, also gerade in der Zeit, in der sich 
das Fehlen des Sklavenzustroms als Folge der allgemeinen Befriedung fühlbar 
machen mußte. Fast zur selben Zeit klingt das „servus homo est" — der Sklave 
ist ein Mensch — an zwei Stellen auf. Einmal bei Juvenal, als ironische Frage 
der Frau an ihren Mann, der sich weigert, einen unschuldigen Sklaven zur 
Befriedigung ihrer sadistischen Laune züchtigen zu lassen, und einmal ernst, 
allerdings aus dem Munde eines Betrunkenen, der selbst Sklave gewesen ist, 
des Trimalchio bei Petronius, in der mit unvergleichlicher Lebendigkeit ge- 
schilderten burlesken Szene des „Gastmahls". Freilich hört derselbe Trimalchio 
ungerührt den Bericht, daß ein Sklave gekreuzigt wurde, weil er dem „numen", 
dem Schutzgott des Herrn geflucht hat. Aber zur selben Zeit erhebt Seneca 
seine Stimme zugunsten der Sklaven und plädiert aus moralischen und prak- 
tischen Gründen für Anerkennung ihrer Menschlichkeit. P 1 i n i u s spricht nicht 
nur, sondern handelt auch im selben Sinne und Statius spricht in seinen 
Versen von dem Tod eines jugendlichen Sklaven wie von einem dahinge- 
schiedenen Sohn. Grabschriften der Herrn für ihre Sklaven, der Sklaven für 
ihre Herren benützen nicht bloß die für solche Nachrufe üblichen Formeln, 
sondern sprechen öfters die Sprache wirklicher Zuneigung; so z.B. nennt 
G. Pescennius Chrestio seine alte Kinderfrau auf dem ihr gewidmeten 
Grabstein mit dem Zärtlichkeitsnamen aus der Kinderstube, der fast derselbe 
ist, wie der heute in England übliche „nonnae suae" — „to Ms nanny". 

In den Zeiten der Republik hieß der freigelassene Sklave libertus, sein Sohn 
Hbertinus und erst der Enkel des ehemaligen Sklaven wurde als ingenuus als 



6* 



84 



Hanns Sachs 



vollberechtigter freier Bürger betrachtet. Unter den Kaisern wurde der Frei- 
gelassene libertus und Hbertinus genannt, wobei die erste Bezeichnung für seine 
Beziehung zu seinem ehemaligen Herrn gebraucht wurde; sein Sohn war 
igenuus. Wenn Horaz spöttisch die allgemeine Frage wiedertönen läßt, 
wieso er, trotz seiner niedrigen Abstammung, zum intimen Freundeskreis des 
Mäcenas gehören könne, so meint das verwunderte „paire Ubertino ortus" daß 
er der Sohn eines ehemaligen Sklaven war. 

Diese eindrucksvolle Wandlung wird von zahlreichen Forschern dem Ein- 
fluß der Stoa zugeschrieben, der in der Kaiserzeit zusehends wuchs und den 
philosophischen Antagonisten, den Epikuräismus, fast ganz verdrängte. Daß 
die Stoa stark in dieser Richtung wirkte, haben wir schon bei Seneca gesehen 
und die späteren Stoiker wandelten ziemlich ausnahmslos dieselben Wege. 
Das Christentum, in dieser und mancher anderer Hinsicht der Stoa verwandt, 
nahm die von ihr vertretene Richtung zur Anerkennung des Menschentums 
im Sklaven mit größerer Intensität und einer neuen, religiösen Motivierung 
auf, gab ihr überdies verstärkten praktischen Ausdruck durch gütige Behand- 
lung der Sklaven und Gründung humanitärer Institutionen zu ihren Gunsten.* 

Daß die Veränderung in der Gesamteinstellung zum Sklaven, die neu- 
erwachte Fürsorge um seine bessere Lebenshaltung auf den Einfluß eines 
philosophischen Systems zurückzuführen sei, können wir, trotzdem dieser Ein- 
fluß unleugbar vorhanden war, nicht als hinreichende Begründung ansehen. 
Wir ziehen es vor, in diesem Punkt im Sinne der materialistischen Geschichtsr 
auffassung die umgekehrte Kausalität anzunehmen und zu sagen, daß der große 
Erfolg der Stoa — die ja schon längst vorher in Rom bekannt gewesen war, 
ohne dem von Lukrez vertretenen Epikuräismus Boden abzugewinnen — , 
daß dieser Erfolg, die allgemeine Hinneigung der Gemüter zu einer Lehre, die 
Duldsamkeit gegen Andere, auch dem Unfreien gegenüber predigte, durph 
die ökonomische Sachlage hervorgerufen wurde — nämlich durch den 
ständig steigenden Wert der Sklavenarbeit und die, zum mindesten im Ver- 
hältnis zu den neuen Anforderungen des Verbrauches, sich ständig ver- 
ringernde Anzahl der Sklaven. 

Wie dachte jene Zeit selbst über ihre soziale Organisation? War sie mit der 
Tatsache, daß der größte Teil der Produktion auf Sklavenarbeit beruhte, mit 
der Heranziehung der Sklaven zu allen wichtigen Leistungen, einverstanden? 
Wir dürfen nicht zu viel Kritik erwarten, es fehlte völlig an Vergleichsmög- 

4) Den letzten Schritt zur Gleichstellung hat auch das Prühchristentum nie getan. Nicht 
in der allerersten Zeit, weil es damals eine transzendent-mystische Lehre war, die sich nicht 
mit sozialen Fragen beschäftigte, später nicht, weil es ebenso unmöglich gewesen wäre, am 
Gemeinschaftsleben der Antike teilzunehmen und die Sklaverei abzulehnen, wie heutzutage 
die Abschaffung aller Maschinen als praktisches Programm zu betätigen. Wir wissen schon 
zu Beginn des zweiten Jahrhunderts von Christen, die Sklaven besaßen. 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



85 



lichkeiten. Aber wir besitzen die Worte des Plinius, die in ihrer grandiosen 
Klarheit vieles verraten, was an anderen Orten nur angedeutet ist: „Alterns 
pedibtis ambulamus; alienis oculis agnoscimus; aliena memoria salutamus; aliena 
vivimiis Opera . . . Nihil aliud pro nostro habemus quam delicias". (Wir gehen mit 
den Füßen anderer; wir sehen mit den Augen anderer; wir grüßen mit dem 
Gedächtnis anderer; wir leben durch die Arbeit anderer . . . Nur den Genuß 
und sonst nichts haben wir uns selbst vorbehalten.) 



II. 

Wenn wir hier von der Erfindung der Maschinen sprechen, so sind dabei 
natürlich nicht jene einfachen Instrumente und Vorrichtungen gemeint, die, 
wie der Pflug, das Spinnrad, der Handwebstuhl und die Töpferscheibe den 
Römern wie allen anderen Völkern der antiken Kultur von der Frühzeit her 
vertraut waren. Wir denken dabei nicht an Werkzeuge, die dem Menschen 
die leichtere und bessere Vollbringung seiner Arbeit ermöglichen, sondern an 
jene komplizierten Maschinen, die einmal in Gang gesetzt, die Arbeit allein 
verrichten, so daß der Mensch gewissermaßen nur die Rolle des überwachen- 
den Gehirns zu spielen hat, wie z. B. der mechanische Webstuhl, der Dampf- 
hammer, die Lokomotive. Von der ersten Art — die Scheidelinie ist hier 
natürlich nicht streng zu ziehen — , deren sich der Mensch wie eines neu- 
erworbenen Organs bedient, besaß das Altertum nicht wenige und einige in 
sehr verfeinerter Form, z. B. Ballisten, durch die sich Steine mit größerer 
Wucht schleudern ließen als mit der bloßen Hand, Weg- und Zeitmesser 
(Hodometer, heute Taxameter genannt), Sand- und Wasseruhren von großer 
Präzision. Von jener anderen Art, die durch die Selbständigkeit ihres Arbeits- 
ganges den Eindruck erwecken, als wollten sie den Menschen ersetzen, gab es 
fast nichts, selbst die Verwendung der Wasserkraft für die Mühle scheint nicht 
sehr ausgedehnt gewesen zu sein, denn die Mühle wurde meistens von Sklaven 
gedreht. 

Der größte Teil der antiken Kenntnis des Maschinenwesens ist in den 
Schriften Herons von Alexandrien niedergelegt. Wann Heron gelebt hat, 
ist uns unbekannt, die Ansichten der Altertumsforscher geben einen Spielraum 
von nicht weniger als 200 Jahren.^ Seine Schrift über die Mechanik enthält 
die Schilderung von Maschinen, die zum Teil von ihm erfunden, teils ver- 
bessert oder bloß von anderen Erfindern übernommen sein dürften. Es ist nun 
erstaunlich zu sehen, wie nah hier das Altertum an die Erfindung der 
Maschinen heranreicht, denn sowohl hydraulischer Druck wie Luftdruck und 
sogar Dampfkraft sind bekannt und werden zur Bewegung von Masse aus- 

5) Di eis setzt ihn an den Anfang des 3. nachchristlichen Jahrhunderts (I.e., S. J7). 



86 



Hanns Sachs 



genützt. Der auch heute noch unter dem Namen Heronsball bekannte Apparat 
benützt komprimierte Luft (die schon Ktesibios, 150 v.Chr. für die Feuer- 
spritze verwendet hatte), die Dampfkugel Herons ist das Urbild der Dampf- 
turbine. Die Benutzung des "Wasserdruckes zur Hebung großer Massen war, 
wie Suetonius bezeugt, den Römern der Kaiserzeit bekannt, sie bedienten 
sich ihrer aber nur zum Dekorationswechsel im Zirkus. Es handelt sich hier 
nicht um Zufallsfunde, sondern um Entdeckungen auf Grund mathematischer 
und physikalischer Kenntnisse, die aber nie zur praktischen Auswirkung kamen. 
Oder vielmehr, diese Auswirkung blieb auf ein einziges Gebiet beschränkt: auf 
das Spielerische. Heron sagt zwar in der Einleitung seiner Mechanik, daß diese 
Wissenschaft alle Menschen lehre „axaQa%(ü(; t,riv'% bequem zu leben, aber für 
die erwähnten, bedeutsamen Erfindungen weiß er nur einen Zweck: das 
Amüsement der Betrachter. Derselben Absicht dient das von Heron geschil- 
derte, automatisch betriebene Marionettentheater (erfunden von Philon von 
Byzanz); eine Annäherung an die praktische Verwendung wurde nur im 
Dienste der Religion gemacht: Die Priester der ägyptischen Tempel stellten 
Weihwasserautomaten auf, die gegen Einwurf eines Geldstückes das heilige 
Naß auf die Hände der Andächtigen fließen ließen. 

Dieses Abbiegen aller Erfindungen, die zur Maschine hin tendieren, ins 
Spielerische dauert durch das ganze Altertum an; auch als die nüchterne, aufs 
Praktische gerichtete Mentalität der Römer die herrschende wurde, änderte 
sich daran nichts. Drehende Rädchen, sich bewegende Puppen und Figuren 
mußten deutlich dartun, daß hier nur ein Spiel getrieben werde, hinter dem 
nichts Ernstes verborgen sei; nur dann erregten sie das Vergnügen der antiken 
Menschen, die im übrigen doch gar nicht kindisch waren. Es ist bezeichnend, 
daß Heron dem Mechaniker einschärft, beim Bau der Maschinen streng auf 
die Wohlgefälligkeit ihrer Erscheinung, die evTtQSTisia zu achten. Die Antike 
hat die Erfindung der Maschinen nicht durch Unverstand oder Oberflächlich- 
keit übersehen, sondern ins Spielerische gewendet, um einer Unlust auszu- 
weichen. 



in. 

Die Völker des antiken Kulturkreises verhielten sich gegen jene menschen- 
ersetzende, menschenähnliche Form von Maschinen, oder eigentlich gegen die 
Möglichkeit solcher Maschinen, genau so wie die Bevölkerung von Erehwon 
in Samuel Butlers geistvollem utopischen Roman. Der Unterschied besteht 
nur darin, daß die Einwohner von Erehwon in voller Bewußtheit die 
Maschinen zerstörten und die weitere Herstellung untersagten, nachdem sie 
durch einen weisen und vorausschauenden Lehrer darüber aufgeklärt worden 
waren, welche Gefahren ihren Nachkommen von daher drohten, während die 



Antike instinktiv oder, genauer gesagt, aus unbewußten Motiven, aber mit 
der gleichen Konsequenz dasselbe, was jene in der äußeren Realität taten, im 
Psychischen vollbrachte: den auf die Erfindung derartiger Maschinen oder auf 
ihre wirtschaftliche Verwendung gerichteten Schöpfer- und Entdeckertrieb zu 
verdrängen, ihm andere Auswege und Ziele zuzuweisen. 

Noch auf einen anderen dürfen wir uns hier berufen, der zwar nicht die 
geistvolle und originelle Dialektik Samuel Butlers besaß, aber mit dem Fein- 
gefühl und der Ausdrucksfähigkeit eines Dichters ausgestattet, imstande war, 
ähnliche Reaktionen bei sich selbst zu registrieren. Vor etwa einem Jahr- 
hundert besuchte Heinrich Heine England, das damals dem an der Schwelle 
des eigentlichen Maschinenzeitalters stehenden Europa weit voraus war. Er 
läßt in den „Florentinischen Nächten" die Figur, der er seine eigenen Ge- 
danken und Empfindungen in den Mund legt, darüber das Folgende sagen: 

„Die Vollkommenheit der Maschinen, die hier überall angewendet werden 
und so viele menschliche Verrichtungen übernommen, hatte ebenfalls für mich 
etwas Unheimliches; dieses künstliche Getriebe von Rädern, Stangen, Zylindern 
und tausenderlei kleinen Häkchen, Stiftchen und Zähnchen, die sich fast 
leidenschaftlich bewegen, erfüllte mich mit Grauen. Das Bestimmte, das 
Genaue, das Ausgemessene und die Pünktlichkeit im Leben der Engländer be- 
ängstigte mich nicht minder; denn gleichwie die Maschinen in England uns 
wie Menschen vorkommen, so erscheinen uns dort die Menschen wie Ma- 
schinen. Ja, Holz, Eisen und Messing scheinen dort den Geist des Menschen 
usurpiert zu haben und von Geistesfülle fast wahnsinnig geworden zu sein, 
während der entgeistigte Mensch als ein hohles Gespenst ganz maschinen- 
mäßig seine Gewohnheitsgeschäfte verrichtet." 

Der Analytiker hat Grund, auf solche Worte zu achten, um so mehr als sie 
in ein Gebiet reichen, von dem unsere Wissenschaft noch wenig weiß. Von 
den Werkzeugen, die dem Menschen zur leichteren und besseren Vollbringung 
seiner Arbeit dienen, ihm eine bessere Funktion gestatten, ohne jedoch Selb- 
ständigkeit und Eigenbewegung zu gewinnen, wissen wir schon längst, daß 
sie phallische Symbole sind. Ihre Verwendung bei der Arbeit war — nach 
der von Sperber ausgearbeiteten Theorie — ursprünglich der Ersatz eines 
Sexualaktes. Dies läßt sich z.B. bezüglich des Feuerbohrers, des Hobels, des 
Hammers^ und insbesondere des Pfluges aus einer Fülle von folkloristischem, 
mythologischem, archäologischem und philologischem Material beweisen und 
wird durch die Rolle der Symbolik in der Traumdeutung voll bestätigt. Hin- 
sichtlich der Maschinen, um die es sich hier handelt, wissen wir aus dem Un- 
bewußten des sogenannten normalen Seelenlebens, aus den Massenphantasien 
der Vergangenheit nichts Beweiskräftiges anzuführen — kein Wunder, da, wie 



88 



Hanns Sachs 



wir eben sehen, die Konzeption solcher Maschinen zu den spätesten Errungen- 
schaften der Menschheit gehört. 

Wir folgen der Methode der Psychoanalyse, wenn wir uns in solchem Falle 
um Rat und Hilfe an die Psychopathologie wenden. "Wir haben gelernt, im 
Krankhaften und Abnormen den vergröberten, verzerrten, bis zur Karikatur 
einseitigen Ausdruck dessen zu sehen, was im Normalen unserem Blick ent- 
geht. Die Maschine als „Beeinflussungsapparat" spielt, wie jedem Psychiater 
bekannt ist, eine typische Rolle in den Verfolgungsphantasien der Schizo- 
phrenen. Fälle dieser Art werden in jedem psychiatrischen Handbuch ge- 
schildert, in allen psychiatrischen Vorlesungen demonstriert, man ist gewohnt, 
sie in jeder Anstalt für Geisteskranke zu finden. Ein Verständnis für den 
psychischen Hergang läßt sich natürlich nur mit den Mitteln der Psycho- 
analyse finden; sie wurde zum ersten Male erfolgreich von V. Tausk® an- 
gewandt, dem es gelungen ist, ein volles Verständnis des rätselhaften Symptoms 
zu erzielen. 

In einem besonders durchsichtigen Fall wurde der „Beeinflussungsapparat" 
zuerst als eine vollständige Reproduktion des eigenen Körpers der Patientin 
halluziniert, ähnlich etwa der ausgestreckten Figur auf einem Sarkophag. 
Manipulationen an einer bestimmten Stelle dieser Figur brachten Sensationen 
an der entsprechenden Körperstelle der Patientin hervor. Mit der Zeit wurde 
diese Figur flach und undeutlich, bis nur mehr der gewöhnliche, verschwom- 
mene „Beeinflussungsapparat" übrig blieb. Andere, minder markante Fälle 
gaben das Recht, einen ähnlichen Vorgang als typisch anzunehmen. Tausk 
faßt das Resultat seiner Forschung im folgenden zusammen: „Natürlich müßte 
diese Projektion analog im Dienste der Abwehr jener Libido stehen, die dem 
eigenen Körper angehört und die entweder zu groß oder zu unzeitgemäß ge- 
worden ist, als daß das Individuum sie als zu sich gehörig dulden könnte." 
Auch die Beziehung zum Normalen, zur Erfindung der Maschine, hat Tausk 
nicht übersehen: „Sind ja doch die Maschinen, die der Witz der Menschen 
geschaffen hat, nach dem Vorbild des menschlichen Körpers geschaffen, eine 
unbewußte Projektion der eigenen leiblichen Konstruktion."^ 

Freud hat die der Schizophrenie zugrunde liegende Änderung der Libido- 
verteilung in der Regression zum Narzißmus gefunden. Diese kommt als 
vollständige Zurückziehung der Libido von der Objektbesetzung in den 
katatonen Zuständen unmittelbar zum Ausdruck. In den Delirien und 
Halluzinationen der Schizophrenen (für die der „Beeinflussungsapparat" ein 
typisches Beispiel ist) sieht Freud einen — freilich unvollkommenen — 

6) „Über die Entstehung des .Beeinflussungsapparates' in der Schizophrenie", Int. Ztschr. 
f. Psa. V, 1919, S. iff. 

7) L. c, S. 33, Anmerkung. 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



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nen. 



sc 



Heilungsversuch, bei dem sich der Kranke, ohne das Niveau der Regression 
verlassen zu können, krampfhaft bemüht, Objektbesetzungen wiederzugewm- 
,en Diese Auffassung, die Freud zuerst aus den schizophrenen und paranoi- 
chen Phantasien Schrebers« ableitete, ist durch die nachfolgenden psycho- 
analytischen Untersuchungen an einem umfangreichen Krankenmaterial be- 

stätigt worden. 1 • 1 • r 

Kehren wir nun, mit dieser Kenntnis durch die Psychopathologie bereichert, 
zu unserer Fragestellung zurück: Was war jene rätselhafte Macht, die den 
antiken Menschen davon zurückhielt, Maschinen zu erfinden oder ernstlich 
zu verwenden, die an die Stelle des arbeitenden Menschen treten — obgleich 
ihn auf der einen Seite seine mathematisch-technischen Erkenntnisse, auf der 
anderen Seite die ökonomische Notwendigkeit dazu trieben? 

Wir dürfen hier auf kein Material hoffen, wie es uns die Quellen — 
literarische Dokumente, Monumente, Inschriften und Pandekten — , wenn 
auch nur bruchstückweise und indirekt zur Verfügung stellen. „Der große 
Krumme siegt durch Schweigen" — und selbst wenn die Antike ihren Mund 
wieder auftun könnte, sie würde uns davon ebensowenig erzählen, wie uns ein 
Analysand über die unbewußten Grundlagen seiner neurotischen Hemmungen 
aufzuklären vermag. 

Die psychologische Hypothese, mit der wir diese Lücke auszufüllen ge- 
denken, lautet, daß es ein narzißtischer Konflikt war, der diese Hemmung 
den Menschen der Antike einwurzelte. Die Abwehr gegen den überstark ge- 
wordenen Narzißmus veranlaßt den Schizophrenen, Maschinen — wenn auch 
nur halluzinatorisch — zu erschaffen. „Rein physisch genommen, stellt er (der 
Beeinflussungsapparat) eine Projektion, den in die Außenwelt projizierten 
Körper des Kranken vor."* Der Kranke entledigt sich der psychischen Span- 
nung auf die für die Krankheitsform der Schizophrenie typische Art und 
Weise, indem er das für ihn Unerträgliche „projiziert", hinauswirft, als einen 
Teil der Außenwelt erklärt, die dazu gehörigen Wahrnehmungen halluziniert und 
es damit als Bestandteil seiner Innenwelt erledigt („Verlust der Ich-Grenzen", 
nach dem Ausdruck Tausks). Der Konflikt, der statt in der wahnhaften Er- 
schaffung der Maschinen durch die Projektion des allzusehr geliebten Ichs zu 
resultieren, vielmehr eine Hemmung der Phantasietätigkeit, die in diese Rich- 
tung geht, zustande brachte, war zweifellos schwächer und weniger tiefgehend, 
als der durch die schizophrene Regression verursachte. Das charakteristische 
Resultat dieser Form der Abwehr ist das Gefühl des Unheimlichen, das 
in jenen Sätzen Heines seinen Ausdruck in mustergültiger Klarheit findet. In 

8) Sigm. Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie- 
benen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides), Ges. Sehr., Band VIII, S. 3 5 j ff. 

9) Tausk, 1. c. 



90 



Hanns Sachs 



irgendeiner verschwommenen Form, oft von uns selbst verleugnet, kennen wir 
es alle, als Reaktion auf das unvorbereitete Auftauchen von Belebung im Un- 
belebten, wenn ein Gegenstand, bei dem wir uns nicht durch Erwartung ge- 
rüstet hatten, beginnt, sich menschenänhlich zu bewegen oder zu sprechen. 
Die Verwendung des Automaten, um den Effekt des „Unheimlichen" hervor- 
zubringen, in Literatur, Theater und Kino, ist so allgemein, daß es überflüssig 
scheint, hier noch Beispiele und Belege anzuführen. i» Bei der Neurosenanalyse 
trifft man dieses Phänomen nicht selten in einer bis zum heftigen Angstanfall 
gesteigerten Intensität. Wir haben das Recht anzunehmen, daß diese Abwehr- 
form" bei Menschen, deren Narzißmus stärker entwickelt und unmittelbarer 
auf das Körper-Ich bezogen war als der unsere, ganz allgemein intensiver ausfiel. 
Dabei macht es keinen Unterschied, ob die „unheimliche" Begegnung mit dem 
„Ich-Imitator" wirklich stattfand, oder ob die Phantasie bei jeder Annäherung 
an eine solche Konstruktion zurückschrak und versagte; das eine wie das 
andere wäre als Ausdruck eines erhöhten Schutzbedürfnisses verständHch. 
Wenn es — wie Plinius klagt — schon fremde Augen, fremde Beine, fremdes 
Gedächtnis sein mußten, deren sich die durch die Fortschritte der Zivilisation 
verwöhnten Herrschenden bedienten — dann sollten es wenigstens Menschen- 
augen und Menschenohren sein — Sinnesorgane wie die eigenen, aber keine 
außermenschlichen Maschinen. Der als Maschine gebrauchte Sklave war doch 
immer noch ein wirklicher Mensch, nicht ein menschenähnlich bewegter 
Automat. 

War der Narzißmus der antiken Kulturmenschen stärker entwickelt, weniger 
geschädigt oder anders gelagert als es durchschnittlich bei uns — unseren Zeit- 
genossen der Fall ist? Hier sind wir an einer Stelle angelangt, bei der es wieder 
möglich ist, nach Zeugnissen Ausschau zu halten. 



IV. 

Es heißt nur Oftgesagtes wiederholen, wenn man ausspricht, daß der mensch- 
liche Körper nie — weder vorher noch nachher — so vollendet dargestellt und 
zur vollkommenen Schönheit veredelt wurde, wie in der griechischen Kunst, 
der die ganze spätere Antike darin folgte. Das Interesse am Körper muß für 
jene Zeit eine Intensität gehabt haben, die unter uns nur mehr ausnahmsweise 
vorhanden ist, um es dahin zu bringen, daß er zum fast ausschließlichen Objekt 

10) Bezüglich der Beziehungen des „Unheimlichen" zu narzißtischen Konflikten siehe 
Freud, „Das Unheimliche" (Ges. Sehr., Bd.X, S. 369 ff.); ähnhches wurde von mir an- 
gedeutet in der Analyse des Schillerschen „Geisterseher" („Gemeinsame Tagträume", Int Psa - 
Verlag, Wien, 1924). 

11) Im Frühstadium der Schizophrenie, der Projektion als „Beeinflussungsapparat" vorher- 
gehend, erschemt diese Abwehr des Narzißmus als „Entfremdungsgefühl" (Tausk, 1. c). 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



91 



erhoben, jede Einzelheit seiner Erscheinungsform - Knochenbau, Muskeln, 
Haut, Bewegung und Haltung - mit unermüdlichem Eifer studiert wurde. 
Die Absicht war dabei keineswegs auf ein Experimentieren mit möglichst 
großer Mannigfaltigkeit gerichtet, sondern darauf, ein vollkommenes Schön- 
heitsideal für jeden Typus zu finden und daran dann unverbrüchlich festzu- 
halten. Aus der Bereitwilligkeit, Lebendiges und Charakteristisches zu ver- 
nachlässigen, wenn es dem Festhalten des Idealtypus im Wege stand, laßt sich 
wohl am^ besten nicht bloß die Stärke, sondern auch die besondere Empfind- 
lichkeit des Körpernarzißmus ermessen, also das, was wir festzustellen bestrebt 
sind. Der Körper war für diese Menschen, die ihn mit einer noch unge- 
brochenen Libido besetzen konnten, ihr eigentliches Dasein — die Seele nur 
ein ungreifbar dahinhuschender Schatten, dem nicht entfernt dasselbe Inter- 
esse gewidmet wurde, bis die christliche Ära das Verhältnis umkehrte.^^ 
Auch nach dem Tode noch war der Körper das Wesentliche, für ihn mußte 
vor allem gesorgt werden. Aus dem Bittgang des Priamus, aus der Selbst- 
aufopferung Antigones und aus dem lächerlichen Testament Trimalchios 
spricht in dieser Hinsicht ein und dasselbe Gefühl — das Gefühl des gesamten 
Altertums. Selbst der Sklave kannte keine wichtigere Verwendung für seine 
Ersparnisse, als sich damit in eines der collegia funeraticia einzukaufen, die ihm 
eine anständige Beisetzung garantierten. 

Vielleicht darf man hierher auch die größere Unbefangenheit stellen, mit 
der die Antike die Liebesverbindung von Personen des eigenen Geschlechts 
verherrlichte. Aus sozialen Gründen stand die Homosexualität nie in hohem 
Ansehen, beruhte doch der Staat auf der Familie. Wenn sie trotzdem von 
Plato bis Petronius in hohen Tönen gepriesen werden konnte, so muß 
eine andere mächtige Triebkraft zu ihren Gunsten gewirkt haben. Der Nar- 
zißmus ist für die homosexuelle Fixierung ein bedeutsamer Faktor, der gerade 
in der ideahsierten, oft zielgehemmten, aber keineswegs durch Verdrängung 
vom ursprünglichen Sexualziel abgelösten Form der antiken Homosexualität 
sehr deutlich hervortritt. Der Mann liebt den Knaben als das Idealbild seiner 
eigenen Blütezeit, der Knabe den Mann, der das Wunschbild seiner Reife 
repräsentiert — diese Formulierung hat Freud aus der griechischen Knaben- 
liebe gezogen. Diese narzißtische Anziehungskraft, die dem anderen Geschlecht 
fehlte, besaß wo nicht größere Stärke, so doch allgemeinere Anerkennung als 
heute.i^ 

12) Schon in den ersten Zeilen der Ilias spricht Homer davon, daß der Zorn des Achilles 
die Seelen so vieler Tapferer dem Hades zuwarf, sie selbst aber den Vögeln zum Fraß 
wurden. Der Körper war der eigentliche Mensch und blieb es in der ganzen Antike. Die 
Grabschriften der Spätzeit, z. B. ,,non fui, non sum" sprechen genau dieselbe Sprache. 

13) Auf die wichtige Rolle des Narzißmus in der Kastrationsangst der männlichen und 
dem Penis-Neid der weiblichen Homosexuellen wird hier nicht eingegangen. 



92 



Hanns Sachs 



In einer früheren Arbeit^* wurde auf die Verschiedenheit des antiken und 
modernen Gefühls der unbelebten Natur gegenüber hingewiesen. Die ani- 
mistische Auffassung, die in Baum und Berg, in Wasser und Wolken, selbst in 
den Himmelskörpern lebendige, meist menschenähnliche Wesen sah, wurde 
von der Antike nicht mehr so wörtlich genommen, wie von den Völkern 
primitiver Kulturstufe, aber nie ganz aufgegeben. Die Gottheiten, die als Be- 
schützer der sozialen Verrichtungen und Institutionen galten, hörten doch 
nie auf, die Natur zu personifizieren; die Kulte waren voll von animistisch- 
magischen Handlungen. Wenn dies alles in der offiziellen römischen Staats- 
und Kaiserreligion in den Hintergrund trat, so fand es in den von anderen 
Völkern übernommenen Kulten mit ihrem mystischen Ritual eine neue Stätte. 
Die gefühlsmäßige Einstellung des Menschen zu der ihn umgebenden Natur 
drückte sich aus in ihrer Erfassung als menschlich gestaltete Götter und Halb- 
götter, die schenkten oder schädigten, segneten oder drohten, deren Dasein 
aber überall und immer fühlbar war. Diese Projektion des Ichs ist wohl eines 
der frühesten Phänomene in der Entwicklung der Menschheit, das sich in 
jedem Kind wiederholt. SelbstverständHch ist ein Stück davon auch im Er- 
wachsenen erhalten geblieben, doch geht der Narzißmus unserer Entwicklungs- 
stufe andere Wege. Die Projektion, an der die Antike festhielt, ist natürlich 
genau derselbe Mechanismus wie die Projektion, die den Schizophrenen zur 
Erschaffung des „Beeinflussungsapparates" führt — ein Hinausschleudern des 
eigenen Ichs in die Außenwelt zur Erledigung eines inneren Konfliktes. Aber 
das^ Resultat ist gegensätzlich — wie sich ja nun nach unserer Ansicht die 
schizophrene Halluzination und die antike Hemmung als positive und nega- 
tive Pole gegenüberstehen: Der animistische Mensch belebt mit seinem, für 
ihn nicht mehr verwendbaren Narzißmus das Unbelebte, der Schizophrene 
verwandelt seinen eigenen Körper in fremdes Unbelebtes (erst durch „Ent- 
fremdungsgefühl", bei weiterer Regression als „Beeinflussungsapparat"). 

Auf dem Niveau griechisch-römischer Zivilisation konnte die ästhetische 
Aufnahme und Wertung des Natureindrucks nicht auf einen, wenn auch noch 
so verfeinerten Animismus beschränkt bleiben. Um ein genaues Bild dieser 
Auffassungen zu gewinnen, müßte man alle wesentlichen Naturschilderungen 
der klassischen und nachklassischen Literatur sammeln, vergleichen und 
prüfen, eine Leistung, für die hier weder Raum noch Neigung vor- 
handen ist. Doch ergibt sich als Niederschlag aus zahlreichen, wenn auch 
nicht genau bestimmbaren Eindrücken, daß der ästhetische Natureindruck 
weit weniger von der Natur an und für sich ausging und weit mehr von der 
Natur in ihrer Beziehung zum Menschenleben und seinen Neigungen und Be- 
dürfnissen. Nehmen wir als ein Beispiel fü r viele den allbekannten Lobgesang 

14) „Über Naturgefühl", Imago, I, 1912, S. 119 ff. 



„miä 



Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



93 



des Hör az auf die venusische Quelle. Der Reiz der gepriesenen Quelle, den 
die knappen, unübertrefflich anschaulichen Strophen auch heute noch wieder- 
geben, ist ihr jrigiis amabile, die erquickende Kühle, die sie dem Hirten und 
der Herde spendet. Bis ins kleinste Detail hat alles, was geschildert wird, eine 
Beziehung zu den Menschen, die sie um wohnen; für die „Schönheit an und 
für sich", für eine reine, vollkommen nutzensfremde Betrachtung bleibt genau 
so wenig übrig, wie bei dem „Jons vicinus tectis jugis acquae", den sich Horaz 
für sein Ideal eines Landgutes wünscht. Das soll natürlich nicht besagen, daß 
Horaz oder sonst ein Dichter der Antike die Natur nur unter dem Gesichts- 
punkt des gemeinen Utilitarismus zu betrachten fähig war, wohl aber, daß 
das menschliche Element immer vorhanden sein mußte und daß die Natur- 
schönheit erst von ihm aus gesehen ihren Reiz erhielt. Dies wird bestätigt 
durch die Tatsache, daß die Antike mit der Natur, die dem Menschen fremd 
und feindlich war, ihm weder Heimstätte noch Nahrung gönnte, ästhetisch 
nichts anzufangen wußte. "Weder in den Felsen des Hochgebirges noch in der 
Unendlichkeit des Meeres suchte und fand die Antike die Schönheit der 
Natur. Im schroffen Gegensatz dazu steht jene Form des Naturgefühls, die 
im 1 8. Jahrhundert, am stärksten durch Rousseau, in Aufnahme kam; von 
ihr läßt sich fast sagen, daß sie die Natur nur dann voll als schön empfindet, 
wo sie von allen menschlichen Spuren frei geblieben ist — die Nutzens- 
beziehung zur Natur wird als Knechtschaft oder Schändung empfunden. 

Für die Antike stand in jedem Falle der Mensch im Mittelpunkt, so wie 
das ptolemäische System die Erde in den Mittelpunkt des Weltalls stellte. 
Dieser Mittelpunkt, der sich überzeugt hielt, daß er es sei, dem die Natur 
zulächelnd diene, war nicht eine bloße Abstraktion des Menschentums, son- 
dern der Mensch der eigenen Sprache, des eigenen Volkes, der eigenen Sippe, 
in dem jeder einzelne sich selbst wiedererkennen durfte. 

Das nächste Kapitel der Geschichte brachte die völlige Zertretung und 
rücksichtslose Ausrottung gerade dieser Form des Narzißmus, die wir die 
„naive" nennen möchten. Die neue Lehre war, daß der Körper etwas Sündiges 
und Abscheuliches sei, nur dazu da, um verachtet, mißhandelt und möglichst 
bald abgelegt zu werden. Asketische Anachoreten, Märtyrer und Mönche 
predigten die Abtötung des Fleisches durch Wort und Beispiel. Der Narziß- 
mus, dem jede Befriedigung am eigenen Ich durch das tiefe Gefühl der Sünd- 
haftigkeit und Unwürdigkeit versperrt war, wurde der Vorstellung einer Gott- 
heit zugewandt, mit der das Ich eine mystische Vereinigung — und damit den 
Wiederbesitz seiner vollen narzißtischen Besetzung — anstrebte. Diese Ände- 
rung blieb zunächst ohne Einfluß auf die Erfindungen, da Europa ohnehin auf 

■ das Niveau primitiver Eigenwirtschaft mit bloß lokalem, oft direktem Waren- 

■ austausch herabgesunken war. Erst als sich nach den Kreuzzügen die Anfänge 



94 



Hanns Sachs: Die Verspätung des Maschinenzeitalters 



einer wiedererwachten Warenproduktion und eines internationalen, auf Geld 
und Kreditgewährung beruhenden Güteraustausches entwickelten, machten sich 
die Folgen der gründlichen Veränderung im Antlitz der abendländischen 
Menschheit fühlbar. 

Es hat für unsere These großes Interesse, wie verschieden die Frühformen 
dieser langsam heraufziehenden neuen Zeit, des Zeitalters der Erfindungen, 
waren. In Italien, das durch seine Renaissance am unmittelbarsten an die 
Antike wieder anknüpfte, kehrte auch die antike Form des am Körper-Ich 
fixierten Narzißmus wieder. Der Menschenkörper wurde wieder gepflegt und 
gefeiert, seine wiederentdeckte Schönheit war wie einst der Hauptgegenstand 
der Kunst. Und merkwürdig — in der italienischen Renaissance, trotzdem 
sie so unendlich viel Geniales, für die Zukunft Wegleitendes hervorbrachte, 
trotz des Forschergeistes eines Lionardo, fehlen bis weit in die Zeit der 
Spätblüte hinein die Entdeckungen von großer praktischer Auswirkung fast 
vollständig. Die Neuerungen, die eine gewaltige Umwälzung hervorriefen, 
z. B. die Erfindung der Handfeuerwaffen, der Buchdruck kamen aus dem Nor- 
den, der in künstlerischer, geistiger und ökonomischer Entwicklung mit dem 
Italien der Renaissance nicht entfernt wetteifern konnte. Hier, wo jenes Körper- 
gefühl der Antike nie heimisch gewesen war, ging die neue Strömung, die 
dem Menschen ein verlorenes Stück seiner Selbstliebe und Selbstachtung 
wiedergab, in andere Richtung. Die Wiedergewinnung der Macht, die im 
Mittelalter der Gottheit und ihren Vertretern auf Erden abgetreten war, 
wurde hier zum Ziel des wiedergewonnenen Stücks der narzißtischen Befriedi- 
gung. In der Reformation schränkte das Laientum die Macht der Kirche ein, 
vertrieb den Mönch aus seinem Kloster, nahm dem Priester das Vorrecht des 
Kelches und der ausschließlichen Kenntnis der heiligen Schriften. Doch dieses 
Streben nach Macht ging tiefer als es das Bewußtsein wollte und ahnte; das 
Ziel war, die Naturkräfte dem Menschen zu unterwerfen und in seinen Dienst 
zu zwingen, selbst zu vollbringen, was bisher als Vorrecht der Allmacht ge- 
golten hatte. Lebensnot und der "Wunsch nach narzißtischer Befriedigung 
durch die Erprobung seiner Macht drängte den Menschen nunmehr in die 
Richtung der Maschine, die für ihn viel von ihrer Unheimlichkeit verloren 

LitcratHfvcrzcidinis 

Außer den Werken Freuds, sowie der übrigen psychoanalytischen Literatur und den 
Schriften von Böhm-Bawerk, Burckhardt und Marx wurden folgende Bücher der 
Fachliteratur benützt: 

B a r r o w, R. H., Slavery in the Roman Empire. — B o i s s i e r, G., La religion Romaine. 

— D 1 e 1 s, H., Antike Technik. — F o w I e r, W. W., Social lif e at Rome at the age of 
Cicero. — Marquardt, L, Das Privatleben der Römer. — Meier, R., De Heronis aetate. 

— Paulys Wissowa, Real-Encyclopädie des klassischen Altertums, Artikel „Heron". — 
Rostovtzeff, M., The Social and Economic History of the Roman Empire. — Salrioli, G., 
Le capitalisme dans le monde antique. — Tenney, F., An Economic Hystory of Rome. 



Sdincewittdicn 

Vcrsud» einer psyAoanalytisAen Deutung^ 

Von 

J, F. Grant Duff 

London 

Im Märchen finden die lauten Wünsche des Menschenherzens, die zum 
größten Teil ganz deutlich ausgesprochen sind, ihre Erfüllung. Im „Happy- 
End" heiraten Held und Heldin nach der Niederlage ihrer Feinde. Aber es 
gibt verdrängte Wünsche, die die Menschen selbst im Märchen nur andeuten 
dürfen; solche wollen wir in dem Schneewittchen-Märchen zu erraten ver- 
suchen. Gleich eingangs begegnen uns Wünsche beider Art. Schneewittchen 
wird uns als des Königs Tochter vorgestellt; sie gehört einer Familie an, die 
bedeutend und reich ist. Dieser Wunsch bedarf keiner Verhüllung, wohl aber 
der nächste: Es ist schön zu leben und dazu muß man geboren sein, aber es 
ist nicht schön, daß der Vater die Mutter so liebt, daß er mit ihr Kinder 
kriegt. Dieser Wunsch — daß der Vater mit der Mutter nicht verkehren 
möge — , verrät sich in andeutenden Symbolen. Die Königin sitzt am Fenster 
und näht, und während sie näht, sticht sie sich in den Finger. Wir erkennen 
darin eine Andeutung der Defloration, einer Defloration aber, die sozusagen 
autoerotisch vor sich geht. In einer Variante des Schneewittchen-Märchens 
fahren ein Graf und eine Gräfin zusammen, und der Graf wünscht sich eine 
Tochter. Bald danach treffen sie ein Mädchen, das genau den Wünschen des 
Grafen entspricht. Obwohl das Fahren auf elterlichen Verkehr hindeutet, ent- 
spricht doch das Mädchen den Wünschen des Grafen wie er es auf der Fahrt 
phantasierte; das gräfliche Paar trifft das Mädchen am Wege als Kind, nicht 
als Baby; so ist denn die Gräfin nicht des Mädchens Mutter. Aus beiden 
Varianten spricht die Tendenz, den elterlichen Koitus zu negieren. 

Die Mutter sitzt am Fenster und näht und phantasiert. Sie möchte so gerne 
ein Töchterchen haben, das so ist, wie sie sein möchte, ein Töchterchen, das 
ihre narzißtische Eigenliebe befriedigt. Sie hat eine Schneelandschaft vor sich; 
der Fensterrahmen ist aus Ebenholz, und das Blut aus dem gestochenen Finger 
fällt auf den Schnee. Eine solche Tochter möchte sie haben: weiß, schwarz, 
rot. Man wird hier an den Aberglauben der Primitiven erinnert, die meinen, 
daß der Geist, der in den Körper der Frau dringt und ihr Kind wird, aus 
Baum, Felsen oder Tier stamme, an denen die Frau vorbeigeht oder die sie das 



■ '^xP" J°'^^'^Sende Deutungsversuch bezieht sich auf die in den „Kinder- und Haus- 
marchen" der Brüder Grimm enthaltene Fassung des Märchens. Andere Fassungen sind außer 
acht gelassen worden. 



erste Mal, da sie des Kindes in ihrem Leib gewahr wird, sieht. So scheint Schnee- 
wittchen von den drei Dingen abzustammen, die eben in diesem AugenbHck 
die Aufmerksamkeit der Königin auf sich zogen: Schnee, Ebenholz und Blut. 
Fragt man sich, warum diese Dinge in die Phantasie der Mutter verflochten 
sind, so liegt die Antwort nahe: die ambivalenten Regungen der Mutter kom- 
men hier gut zum Ausdruck. Ein Mädchen, so weiß wie Schnee, so schwarz 
wie Ebenholz, so rot wie Blut entspricht ihrer Idee von weiblicher Schönheit; 
aber weiß und schwarz sind Farben, die uns an den Tod gemahnen, auch Blut 
erinnert an den Tod; es mögen auch bei den Worten „rot wie Blut" unbe- 
wußte Gedanken an das Liebesleben der Tochter in der Mutter anklingen, mit 
der sie sich identifizieren will; denn die Tochter ist ihr zweites Ich, soll schöner 
sein, mehr Liebe empfangen und sie mehr genießen, als sie selbst; und doch ist 
die Tochter auch eine Nebenbuhlerin und so soll sie tot sein. 

Gehen wir zu der Tochter über; sie ist die Heldin des Märchens, aber da 
sich die dichterische Phantasie in allen Gestalten offenbart, war es nötig, auch 
das Unbewußte der Mutter zu beleuchten. Die negative Einstellung der 
Tochter erkennen wir daran, daß die Mutter gleich stirbt. Die Konkurrentin 
ist beseitigt. Die Erfüllung dieses Wunsches der Tochter leitet die Strafen ein, 
von denen die weitere Geschichte erzählt. Die gute Mutter stirbt und wird 
durch die böse ersetzt; das ist das Ergebnis der Todeswünsche des Kindes. 
Diese zweite Mutter ist sehr schön, ein Umstand, der dem Töchterchen Ge- 
legenheit zur Bewunderung, aber auch zur Eifersucht gibt. 

Das narzißtische Element, das uns in dem Märchen von Beginn an entgegen- 
tritt, setzt sich in dem Spiegel der Stiefmutter fort, in dem sie sich immer 
wieder beschaut, und den sie immer wieder befragt: 

„Spieglein, Spieglein an der Wand, 
Wer ist die Schönste im ganzen Land?" 

Die Antwort lautet: 

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land." 

In seinem interessanten Buch über Spiegelzauber^ berichtet Roheim, daß 
gewisse Primitive, die Galaresen „glauben, daß ein Kind, welches seinem Vater 
ähnlich sieht, dessen Schatten oder Abbild genommen hat, und so muß der 
Vater bald sterben". Zu diesem Aberglauben bemerkt er: 

„Während sich also der starre Narzißmus der Primitiven schon durch die Möglichkeit 
der Übertragung auf die eigenen Nachkommen bedroht fühlt, ist die Doppelung des Ichs 
im Kinde auf etwas höherer Stufe schon ein Zielpunkt der narzißtischen Strebungen. In 
Indien verbringt eine Frau, wenn sie sich Mutter fühlt, einen großen Teil ihrer Zeit damit, 
daß sie in den Spiegel schaut, in der Annahme, ihr Kind werde ihr dadurch ähnlich werden." 



z) Wien, Int. Psychoanalyt. Verlag, 19 19. 



Schneewittchen 



97 



Beide Einstellungen des Narzißmus sind in dem Märchen von Schneewittchen 
sehr schön wiedergegeben. Die gute Mutter wollte eine schöne Tochter haben; 
sie freut sich an dem Kind, das ein Ebenbild ihrer Vorzüge ist oder sie sogar 
übertrifft. Die böse Mutter dagegen fürchtet sich vor der Ueblichen Tochter. 
Ihr Spiegel zeigt ihr, daß sie selber älter wird, und sie sich nicht mehr mit der 
Tochter messen kann. 

In einer von Grimm angegebenen Variante ist der Spiegel durch einen 
Hund ersetzt, der Schneewittchen gehört; wie Schneewittchen später fort ist, 
liegt der Hund traurig im Schloß; die Königin befragt ihn über ihre Schönheit 
und der Hund gibt die Antwort, daß Schneewittchen die Schönste sei. Man 
kann kaum daran zweifeln, daß der Hund der Repräsentant des Vaters Ist; 
danach dürfen wir vermuten, daß auch dem Spiegel diese Rolle zufällt. Diese 
Annahme Hegt aber auch ohne Rücksicht auf diese Fassung des Märchens nahe, 
denn in den Augen des Kindes macht sich die Mutter schön — um des Vaters 
willen; wenn sie vom Spiegel wissen will, ob sie schön sei, tut sie es um des 
Vaters willen. Sie will durch ihre Schönheit die Liebe des Vaters an sich 
fesseln. So gibt das Märchen den uralten Konflikt zwischen Tochter und 
Mutter um den Vater wieder; da das Märchen die Erfüllung der Wünsche der 
Tochter darstellt, sagt der Vater oder sein Repräsentant, der Spiegel, daß das 
Schneewittchen die Schönste ist. 

Vermutlich ist hier auch etwas anderes in das Märchen eingeflochten. Man 
pflegt Mädchen, die eine schöne Mutter haben, zu sagen: „Aber so schön wie 
deine Mutter wirst du nie sein." Hier ist die Tochter die Schöne. Ferner wird 
dem Mädchen in der Kinderstube überhaupt nicht erlaubt, sich im Spiegel zu 
beschauen. Die Mutter tut es aber. Das erzürnt die Tochter: "Warum sollte 
nicht auch sie sich mit Hilfe des Spiegels schön machen dürfen? Das Märchen 
dichtet vom Gesichtspunkt der erzürnten Tochter aus, wenn es in der Be- 
ziehung der Mutter zum Spiegel ihre ganze Eitelkeit, ihre Selbstliebe, ihren 
Neid auf die Tochter und ihre magische Macht, das Verborgene zu sehen, er- 
kennt. Das Kind fühlt, daß die Erwachsenen eine unheimliche Macht haben, 
zu wissen was die Kinder tun, und das Kind ahnt dumpf, daß sie es wissen, weil 
sie dasselbe tun, also mit Hilfe ihrer Fähigkeit zur Identifizierung: Mutter 
und Kind spiegeln einander. 

Hanns Sachs» hat gezeigt, daß ein Kunstwerk aus einem Konflikt hervorgeht 
und daß eine Entstehung einer Versöhnung des Über-Ichs entspricht. In dem 
manifesten Inhalt dieser Erzählung brauchte Schneewittchen gar keine Ver- 
söhnung mit ihrem Über-Ich, denn sie ist ganz schuldlos. Aber da sie den 



3) Kunst und Persönlichkeit, Imago, XV, 1929, S. i ff. Vgl. auch Hanns Sachs. Gemein- 
same Tagtraume, Wien, Int. Psychoanalyt. Verlag, 1924. 

Imafjo XX/i 



Untaten der Stiefmutter ausgeliefert ist, müssen wir annehmen, daß sie nicht 
so schuldfrei ist, wie es scheinen möchte, und hinter der offenkundigen Eifer- 
sucht der Mutter ahnen wir die heimliche Eifersucht der Tochter. Aber das 
Über-Ich ist im Märchen nicht streng. Die Strafen, die Schneewittchen zuteil 
werden, sind sorgsam dosiert. Sie muß es sich gefallen lassen, daß der Jäger 
sie in den Wald schleppt, und später, daß die Königin sie vergiftet — aber es 
schadet ihr doch alles nichts. 

Der Jäger soll Schneewittchen töten und Leber und Herz der Stiefmutter 
bringen. Wir finden uns hier vor der Phantasie, von den Eltern gefressen zu 
werden; hier vom gleichgeschlechtlichen Elternteil. Man findet diese Phan- 
tasie so häufig in Märchen, in den Riten der Primitiven und im Unbewußten 
der Kulturmenschen, daß man sich fragt, ob der Mensch (resp. das Kind) an 
dieser gefürchteten Phantasie darum festhält, weil das Aufgefressenwerden von 
dem gleichgeschlechtlichen Elternteil eine Identifizierung mit ihm bedeutet. 
In dem Märchen ist — genau wie im Bewußtsein des Kindes — das Gefressen- 
werden als eine furchtbare Gefahr aufgefaßt. Schneewittchen entkommt dieser 
Gefahr; sie ist so hold, daß der Jäger es doch nicht übers Herz bringt, sie zu 
töten, und die Stiefmutter bekommt nur die Leber und das Herz eines Frisch- 
lings zu essen. Daß auch die wilden Tiere ihr nichts antun wollen, zeigt uns, 
wie böse die Stiefmutter ist. Denn sie will Schneewittchen fressen, obwohl 
selbst die wilden Tiere bei Schneewittchens Anblick ihre fleischfressenden Ge- 
lüste vergessen. 

Der Jäger bringt uns auf die von Winterstein^so aufschlußreich erörterte 
Frage nach den im Volksmärchen enthaltenen Spuren der Pubertätsriten der 
Mädchen unter den Primitiven. Bei manchen Stämmen wird das Mädchen im 
Pubertätsalter von einem älteren Mann oder einem Priester (einen Vaterersatz) 
außerhalb des Dorfes, also in der Wildnis, defloriert, oft mit den Fingern, zu- 
weilen mit einem Steinmesser oder einem ähnlichen Instrument. Es kommt 
auch vor, daß der erste Koitus mit dem Mädchen von einem untergeordneten 
Mann vollzogen wird. So dürfen wir uns fragen, ob der Jäger ein solcher 
Vaterersatz sei, dessen Pflicht es war, das Mädchen zu deflorieren? Reicht das 
Märchen mit seinen Wurzeln bis in eine Zeit, wo solches den Mädchen ge- 
schah? Seine uns jetzt bekannte Gestalt erhielt das Märchen in Zeiten mit 
veränderter Weltanschauung und, der wunscherfüllenden Tendenz des Mär- 
chens entsprechend, ist aus dem gefährlichen deflorierenden Mann ein freund- 
lich schonender geworden. Wir müssen uns daran erinnern, daß die Deflora- 
tion, die bei uns dem Sittengesetz nach der Hochzeit folgt, bei sehr vielen 
Primitiven der Hochzeit vorangeht. Ist der Frischling vielleicht auch der 



Schneewittchen 



99 



Repräsentant des Wildes, das bei manchen Stämmen von den Männern für 
den Schmaus, mit dem die Pubertätsriten enden, erlegt wird? 

Das Zusammenleben Schneewittchens mit den Zwergen weist deutlichere 
Spuren dieser Riten auf. Winterstein hebt hervor, wie oft die Heldin des 
Märchens irgendwie für eine Zeitlang isoliert lebt. Meist ist es der Neid der 
Mutter, vor dem es flieht und in einem einsamen Orte versteckt wohnt. Dies 
bringt Winterstein in Zusammenhang mit der sehr verbreiteten Sitte der 
Wilden, die die Mädchen zur Zeit der Pubertät zu isolieren pflegen. Das nennt 
Winterstein „das Mädchenexil". In diesem Exil sind die Mädchen zu Anfang 
der Pubertät entweder allein oder mit anderen Initiations-Kandidatinnen zu- 
sammen — in einer Hütte außerhalb des väterlichen Hauses eingesperrt; bei 
anderen Stämmen baut man für sie eine Zelle im väterlichen Hause oder sie 
müssen etwa in einer Hängematte unter dem Dach liegen. Der Sinn dieser 
und ähnlicher Riten ist die Isolierung der Mädchen von anderen Menschen, 
denn sie gelten als tabu. Wenn die übliche Zeit abgelaufen ist und die Mäd- 
chen sich verschiedenen Gebräuchen unterworfen haben, vereinigt man sie mit 
ihren künftigen Gatten und sie leben als Frauen unter den Frauen des Stammes. 
So lebt Schneewittchen von Menschen entfernt, bis der künftige Gemahl 
kommt. Es wird angenommen, daß, während die Mädchen so im „Exil" leben, 
sie von irgendeinem Ungeheuer, Ahnengeist oder anderem Vaterersatz ver- 
gewaltigt werden, wofür die Menstrualblutung der Beweis ist. Vielleicht fällt 
die Rolle dieses Ahnengeistes den Zwergen zu. In einer Variante des Mär- 
chens bringt die Stiefmutter Schneewittchen zu der Höhle der Zwerge eben 
darum, weil sie weiß, daß die Zwerge alle Mädchen töten, die in ihre Nähe 
kommen. Die Stiefmutter schickt Schneewittchen in die Höhle und sagt, daß 
sie warten soll, bis sie zurückkommt; dann geht sie stracks nach Hause, und 
Schneewittchen verdankt es nur ihrer eigenen Lieblichkeit, daß die Zwerge sie 
nicht töten. Man denke an die nahe Beziehung zwischen Tod und Liebe und 
an die sadistische Auffassung des Koitus in den Phantasien des kleinen Kindes. 

Bei manchen Stämmen lernen die Mädchen in der Zeit des Exils auch Ar- 
beiten, die zur Ausbildung der Frauen gehören. Vielleicht deutet die Tat- 
sache, daß Schneewittchen den Zwergen die Wirtschaft führt, auf diesen Brauch 
hin, und vielleicht gehören Schneewittchens Ohnmachtsanfälle, die von den 
Taten der Stiefmutter stammen, zu den Mutproben oder Strafen, die die Mäd- 
chen in manchen Fällen durchmachen müssen. Bei vielen Stämmen werden 
die Mädchen von gewissen Frauen versorgt, dürfen außer mit diesen mit nie- 
mandem sprechen und dürfen ihr Versteck nicht verlassen. In jener Variante 
des Märchens, in der die Zwerge als Mädchentöter auftreten, ist Schneewittchen 
von Anfang an verboten, irgend jemanden hereinzulassen, und hatte sie ge- 
horcht, so wäre ihr nichts geschehen. 



100 



J. F. Grant Duff 



Es ist interessant zu sehen, welche Wandlung der Begriff der Riten in der 
Umgestaltung des Märchens durchgemacht hat: die anerkannte soziale Idee 
der Riten ist ausgemerzt, und die ihnen zugrunde liegenden nicht zugestande- 
nen unbewußten asozialen Motive sind deutlich ausgeprägt. Es ist, als ob im 
Märchen die Riten vom Standpunkt der Geschädigten, Leidenden gesehen 
würden. Fragt man die Primitiven, warum man die Mädchen so behandelt — 
und manche der Riten sind so grausam, daß die Gesundheit der Mädchen zu- 
grunde geht und manche sterben — , so antworten sie fromm, daß, wenn man 
das und das nicht täte, es den Mädchen und auch anderen Stammesangehörigen 
sehr schlecht ginge, und drücken so den positiven sozialen Sinn der Riten 
aus; die Märchen dagegen heben den negativen Anteil der ambivalenten Re- 
gungen der Frauen und Männer hervor, von denen die Riten stammen. Das 
ganz kleine Kind, das lieblos erzogen ist oder das aus anderen Gründen 
schlechter Laune ist, sieht die Maßregeln der Kinderstube in diesem Sinne. 
Die Mutter sagt, „das tue ich, weil ich dich liebe", und das Töchterchen denkt, 
„das tust du, weil du mich hassest". Die Stiefmutter schnürt Schneewittchen, 
bis es erstickt. In Zeiten, da Kinder in ihren Kleidern Schnüre am Hals und 
an Hüften hatten, muß die Mutter oft dife Schnur zu fest gezogen haben, und 
wenn Mutter und Kind nicht gut miteinander standen, so daß das Kind sich 
nicht etwas zu sagen getraute, dann kann das Kind leicht gedacht haben, „das 
tust du, weil du mich nicht liebst". Die Mütter kämmen das Haar des Kindes 
und haben keineswegs immer leichte Hände, und das Kind, das den unbewuß- 
ten Sadismus in den rohen Händen merkt oder vermutet, sagt sich wieder, 
„wenn man mich so kämmt, kann man mich nur hassen". 

In der Kinderstube finden wir noch eine Determinante für das Symbol der 
Zwerge, nämlich die Geschwister. Von diesem Standpunkt aus bedeutet die 
Ankunft des Schneewittchens in der Höhle der Zwerge ihre Geburt. Die 
Mutter hat ein neues Kind und die anderen stehen ihm feindselig gegenüber. 
In der einen Variante des Märchens stehen die Zwerge dem Schneewittchen 
feindselig gegenüber, sie sind Mädchentöter: das entspricht der Realität, in der 
die Kinder das neu ankommende Geschwisterchen zuerst tot-wünschen. In 
der anderen, bekannteren Variante sind die Zwerg-Brüder; sie sind nicht böse, 
obwohl ihnen der Neuankömmling Speise und Trank und Platz nimmt; ihr 
lautestes Gefühl ist Neugier: „Wer ist das"? In beiden Varianten aber tritt 
das Tendenziöse, Egozentrische und Narzißtische des Märchens hervor. Es ist 
Schneewittchens Schönheit, die die Zwerge für sie gewinnt, kein äußerlicher 
Zwang, der sie hindert, den Eindringling zu töten. Im Gegenteil, die grau- 
same Mutter hat den Tod des Kindes gewollt, statt das Kind zu schützen, aber 
die Lieblichkeit Schneewittchens ist zu groß; die Zwerge lieben sie vom ersten 
Augenblick an. Wir bekommen aber doch einen Wink, wie es möglich sei. 



Schneewittchen 



daß Kinder sich liebgewinnen. Sie bilden zusammen einen Bund gegen die 
Eltern. Sie identifizieren sich miteinander in ihrer gemeinsamen Schwäche, in 
ihrem gemeinsamen „Nicht-Erwachensein" und in ihrem gemeinsamen Groll 
gegen die Eltern; denn so groß auch die Liebe des kleinen Kindes zu den 
Eltern ist, es hat auch bei den klügsten und verständnisvollsten Eltern Ur- 
sache, ihnen zu grollen; die Eltern müssen versuchen, das kleine Triebwesen 
an die Geschwister und an die anderen sozialen Ansprüche der Welt anzu- 
passen. So machen die Zwerge mit Schneewittchen gemeinsame Sache gegen 
die Stiefmutter. Ein anderes Motiv der Geschwister-Freundschaft ist das 
gemeinsame „Kinderspielen". Die Kinder spielen „Mutter und Vater". Der 
Knabe, der den Vater spielt, geht an die Arbeit, während das Mädchen in der 
Rolle der Mutter die Hausarbeiten besorgt, und sie gebrauchen Puppengerät 
als Hausgerät. So sorgt auch Schneewittchen für die Zwerge, und sie essen alle 
von einem „Tischlein" mit „Tellerlein" und „Becherlein". Vielleicht deuten 
die Bettchen und Schüsselchen der Zwerge und die Zwerge selber auf den 
Wunsch des kleinen Mädchens hin, größer zu sein als die älteren Brüder: für 
Schneewittchen sind die Kinderstühle und Tische zu klein, nicht sie ist jetzt 
die Kleine, sondern die Brüder. Vielleicht aber deuten auch die spielerisch 
kleinen Sachen, mit denen Schneewittchen hantiert, auf die Sehnsucht des 
schon menstruierenden Mädchens nach einem früheren Stadium der Kindheit 
hin, als man noch Verheiratetsein spielte, das spielte, was nun in der 
Nähe bange macht. 

In der Variante des Mädchens, in der die Königin das Schneewittchen zur 
Höhle bringt, hat sie drei Töchter: so ist man versucht zu denken, daß Schnee- 
wittchen, indem sie mit den Zwergen wohnt, nicht nur die Mutter, sondern 
auch die Schwestern los sein will, und die Antwort des Hundes — des Spiegels 
— sich nicht nur auf die Schönheit der Mutter, sondern auch auf die der 
Stiefschwestern bezieht. „Schneewittchen ist schöner bei seinen sieben Zwergen 
als die Frau Königin mit ihren drei Töchtern." Alle weiblichen "Wesen sollen 
Schneewittchen fern bleiben. Die männlichen, der Hund und die Zwerge, 
gehören zu ihr. Die Brüder aber werden nicht ganz voll genommen; sie sind 
nur Zwerge. 

Wenn wir in der Annahme, daß das Verbleiben in der Zwergenhütte ein 
sehr verwischtes Überbleibsel des „Mädchen-Exils" sei, das Richtige getroffen 
haben, dann dürfen wir auch vermuten, daß für das Unbewußte der Aufent- 
halt Schneewittchens in der Hütte eine sexuelle Bedeutung habe. Auch wenn 
Iwir „Zwerg" und „Hütte" als Symbole deuten, so werden wir in diese Richtung 
gewiesen und können das Spielleben mit den Zwergen als eine Vorstufe von 
Schneewittchens späterem sexuellen Leben mit dem Prinzen ansehen. Wir 
können auch hier eine Andeutung der Masturbation finden. Wäre Schnee- 



102 



J. F. Grant Duff 



•wittchen in der Analyse und erzählte sie von ihrem Leben mit den Zwergen 
als von einem Traum, so würden vielleicht ihre Einfälle zu dem Traum darauf 
hindeuten, daß Zwerg für ihr Unbewußtes gleichbedeutend mit der Klitoris ist 
und die Hütte, in der sie hantiert, ihre Scheide bedeute. Phantasiert sich 
Schneewittchen in die Gebärmutter (Hütte) der Mutter zurück, wo sie mit 
den kleinen Brüderchen spielte? Manche Kinder, denen erzählt wird, daß sie 
ehemals als ganz kleine Wesen in der Mutter wuchsen, pflegen sich vorzu- 
stellen, daß sie in ihr schon mit den Geschwistern zusammen waren und die 
einen früher, die anderen später in die Welt entlassen wurden. Schneewittchen 
bleibt dann tot im Sarg (dem Mutterleib), bis der Prinz, der Vater, sie zum 
Leben erlöst. Oder masturbiert Schneewittchen mit der Phantasie, den väter- 
lichen Penis in ihrem Genitale zu haben? Der väterliche Penis — der dem 
kleinen Mädchen riesengroß erscheint — wird, wie es in der Traumsprache ge- 
schieht, durch das Gegenteil dargestellt — den Zwerg — , aber daß er ver- 
siebenfacht auftritt, verrät doch, wie mächtig ihn die Tochter denkt. Wir 
erinnern uns hier, daß wir schon eingangs vermutet haben, unser Märchen 
habe mit dem Ödipuskomplex des Mädchens etwas zu tun. 

Sind die Masturbationsphantasien Schneewittchens an den Vater gebunden, 
so enthalten sie nicht nur einen libidinösen, dem Vater zugewandten Anteil, 
sondern auch einen aggressiven, feindseligen, gegen die Mutter gerichteten. In 
„Das Unbehagen in der Kultur" hebt Freud hervor, daß Schuldgefühl innig 
mit Aggression zusammenhängt, d. h. es ist „die Aggression, die sich in Schuld- 
gefühl umwandelt", und es ist eine uns vertraute Einsicht, daß Schuldgefühl 
nach Strafen drängt. Wir haben schon erwähnt: wenn Schneewittchen leiden 
muß, so dürfen wir daraus erschließen, daß die Feindseligkeiten der Stiefmutter 
gegen sie ihre eigenen aggressiven Wünsche gegen die Stiefmutter spiegeln. 
Die Strafen, die sie in der Zwerghütte erleiden muß, sind todesähnliche Zu- 
stände. Wenn wir Freuds Deutung von Dostojewskis epileptischen Anfällen^ 
heranziehen, dann dürfen wir vermuten, Schneewittchens „Totsein" repräsen- 
tiere die Erfüllung des Todeswunsches gegen die Mutter und zugleich die 
Strafe für diesen Wunsch. Aber man denkt auch an den Ausdruck „Nieder- 
kunft der Frau". Der letzte Ohnmachtsfall wird auf eine Weise eingeleitet, 
die unseres besonderen Interesses gewiß ist. Schneewittchen ißt mit der Köni- 
gin einen Apfel. Das Essen eines Apfels ist ein uraltes und allgemein ver- 
standenes Symbol für sexuellen Genuß; das gemeinsame Essen ist außerdem 
ein uraltes Symbol für Identifizierung. Wenn also Schneewittchen einen 
Apfel mit der Mutter zusammen ißt, so hat sie sich mit der Sexualität der 
Mutter identifiziert. Für diese verpönte Identifizierung wird sie mit einem 
todesähnlichen Zustand bestraft, aus dem sie erst befreit wird, als sie den 

5) S. Freud, Dostojewski und die Vatertötung, Almanach der Psychoanalyse 1930. 



Schneewittchen 103 



Apfel ausspuckt; symbolisch bedeutet das, daß, wenn sie auf ihren Anteil an 
sexuellen Genüssen der Mutter — d. h. auf den Vater — verzichtet, sie keine 
Strafen mehr braucht. Dürfen wir auch in dem Essen des Apfels den Wider- 
hall von einem Sachverhalt sehen, auf den Sachs in seiner Arbeit „Über einen 
Antrieb der Bildung des weiblichen Über-Ichs"« aufmerksam macht? „Wenn 
der genitale Wunsch nach dem Vater, resp. nach dem Kinde . . . gescheitert ist, 
dann macht das kleine Mädchen eine letzte Anstrengung ... an der Vater- 
fixierung festzuhalten, indem es die ursprünglich an der Brustwarze der 
Mutter befriedigten oralen Wünsche mit großer Intensität auf den Vater über- 
trägt . . . Diese orale Regression nimmt sich den Vater, nicht die Mutter zum 
Sexualobjekt." Das Mädchen, sagt Sachs weiter, versucht sich den Vater auf 
oralem Wege einzuverleiben, und weil dieser Impuls sich nicht an der noch 
nicht erkannten Vagina vollziehen kann, wird er auf den Mund verschoben. 
Diesen oralen Wunsch hält Sachs für normal für das weibliche Kind. Schnee- 
wittchen macht jetzt die letzten Vorstufen der vollen genitalen Entwicklung 
durch und erlebt die letzten ödipalen Phantasien: sie ist vergiftet = geschwängert 
und zur Strafe verurteilt. Sie stirbt. In einer Variante legen die Zwerge 
Schneewittchen in einen silbernen Sarg; so wird auch hier das Weiße mit dem 
Tod verbunden. In der Version, die Grimm vollständig gibt, setzen die Zwerge 
Schneewittchen in einem gläsernen — also wiederum weißen — Sarg bei. Man 
spürt auch irgendwie einen Hinweis auf den Spiegel, denn der Prinz sieht sie 
in Glas = im Spiegel. (Vielleicht wiederum eine Identifizierung mit der Mutter.) 
Soll das Stolpern der Diener über einen Strauch Defloration bedeuten? Diese 
Deutung paßte gut zu den Pubertätsriten, in denen das Exil durch eine rituelle 
Defloration mit oder ohne Koitus abgeschlossen wird, und das Mädchen ihrem 
Bräutigam zugeführt wird. Nach dieser Auffassung würden: Jäger, Zwerge, 
Diener „Dubletten" sein, ebenso wie auch Zwerghütte und Sarg. 

Das Ende der Geschichte deutet vielleicht wieder auf einen primitiven 
Brauch. Bei manchen Naturvölkern müssen die Eltern nach der ersten 
Menstruation der Tochter miteinander verkehren. Im Märchen muß die 
Königin ihre Füße in rotglühende Schuhe stecken und tanzen bis sie stirbt. 
Das ist mindestens eine wunderbare Talionsstrafe, die ihr die eifersüchtigen 
Gelüste auferlegen. 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 



Ein Forsdiungsbcridit 

Grundlegung einer experimentellen Tiefenpsydiologie 

Von 

Werner Wolff 

t (Berlin) Barcelona 

Der Autor dieser Arbeit gehört nicht dem psychoanalytischen Ar- 
beitskreise an; ihr Thema entstammt auch nicht Problemstellungen der 
Analyse. Die Redaktion legt den folgenden Bericht über ausgedehnte 
Experimentaluntersuchungen, deren Methoden und Ergebnisse ihr für 
den Psychoanalytiker interessant zu sein scheinen, den Lesern dieser 
Zeitschrift vor. Eine Liste der Arbeiten des Autors zu diesem Gegen- 
stand ist im Literaturverzeichnis (S. 121 f,) gegeben. 

„Nun hören Sie", sagt Freud in seinem letzten Buch, der neuen Folge der Vor- 
lesungen, „erst ganz kürzlich haben die Mediziner an einer amerikanischen Universität 
sich geweigert, der Psychoanalyse den Charakter einer "Wissenschaft zuzugestehen, mit 
der Begründung, daß sie keine experimentellen Beweise zulasse." 

Freud weist auf die Astronomie hin, bei der man ja auch nur auf Beobachtung 
angewiesen sei und die trotzdem als Wissenschaft gelte. 

Aber Zweifler werden zunächst auf der Frage bestehen, wie überhaupt das Un- 
bewußte in seinen Wirkungen augenfällig erwiesen werden könne. Denn es mag 
Menschen geben, die Freuds Unterlagen für die Annahme eines Unbewußten: Die 
Fehlleistungen, die Träume, die Erfahrungen in geistigen Erkrankungen nie an sich 
selbst oder an anderen beobachten konnten. Und es gibt noch eine große Zahl dieser 
Unüberzeugten. 

Die wesentlichste Umgestaltung muß die Psychoanalyse — außerhalb der Therapie 
— in der Charakterkunde, als der allgemeinen Lehre vom menschlichen Seelenleben 
hervorrufen. 

Um so notwendiger ist das Problem des Unbewußten mit der Charakterkunde zu 
verbinden. 

Doch scheint uns das Problem des Unbewußten des Beweises bedürftig, wie un- 
fundiert ist dann gar eine Lehre vom Charakter, die mit zweifelhaften Wertbegriffen 
arbeitet, die sich nicht einmal klar ist über die Bildung des Charakters, geschweige 
über seinen Aufbau oder sein Ordnungsschema. Was für Begriffe haben wir hier 
zusammengetan in der Frage: Das Problem des Unbewußten in der Charakterologie? 

Kann man nicht beide Fragen lösen, so kann man vielleicht die eine durch die 
andere erklären. Dies war vor 10 Jahren der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. 
Nun war ich zunächst auf der Suche nach experimentellen Bedingungen für die 
Charakterologie überhaupt. Ergaben sie sich, dann ließ sich vielleicht ein Einbezug 
tiefenpsychologischer Erkenntnisse in die experimentelle Ausdruckskunde herstellen, 
um schließlich zu gelangen zu einem: „Beweis der Tiefenpsychologie durch Experi- 
mente in der Ausdruckskunde." 




rl. Experimentelle Charakterologie 
Fragestellung: 
In welcher Form kann man etwas über einen Menschen erfahren? i. Durch das 

■ Urteil der Mitwelt. • n • u 

Das Urteil der Mitwelt kann aber voreingenommen sein, es erfaßt vielleicht über- 
haupt nur die Peripherie menschlichen Gehabens oder gar eine für die Außenwelt 
berechnete Maske. 

2. Erhalten wir charakterologische Erfahrungen durch das Selbsturteil des Men- 
schen. 

Da stehen Autobiographien und Tagebücher zur Verfügung. Doch diese sind, 
ebenfalls für die Umwelt berechnet, voreingenommen und sachhch getrübt. 

3. Bei spontanen Mitteilungen wie innerhalb der Analyse. 

Bei diesen zeigt sich für eine exakte Charakterkunde, daß die Willfährigkeit des 
Objekts, etwas von sich preiszugeben, eine ebenso unsichere Größe ist, wie die Fähig- 
keit des Deutenden. Gerade der Fähigkeit des Deutenden gegenüber setzen die An- 
griffe gegen die Psychoanalyse ein, die den allzu großen Spielraum des Deutenden 
bemängeln. 

Man muß sich unabhängig machen von der subjektiven Beurteilung. Es wurden 
Apparate konstruiert, die die menschliche Unzulänglichkeit ersetzen sollten. Es be- 
gann die Test- und Eignungspsychologie. — Aber was allenfalls für ein Gutachten 
zur Berufsbefähigung ausreichte, ergab für eine charakterologische Diagnostik nichts, 
konnte nichts ergeben — , denn es fehlte die Dynamik, es fehlte das Bezugssystem. 

IAus dem Mangel ergaben sich bestimmte Forderungen: Zunächst mußte in die 
Charakterologie Klarheit kommen, wir verschaffen sie uns nur durch das Experiment, 
durch das die Naturwissenschaften zu so hoher Geltung gekommen sind. 
Das Experiment darf kein starres sein, es muß eine ganz neue Art von Experi- 
menten erfunden werden, dynamische Experimente, um eine adäquate Basis für das 
zu haben, was die Psychoanalyse geleistet hatte: Die Einführung der dynamischen 
Betrachtungsweise ins Seelenleben. 

Die Experimente dürfen nicht um der Experimente, das Wissen nicht um des 
Wissens willen geübt werden, vielmehr muß sich ein großes einheitliches Bezugs- 
system ergeben. 

Wir müssen die Welt des Bewußten und Unbewußten in gleicher Weise erfassen. 
Von diesem allgemeinen Hintergrund hoben sich folgende Forderungen ab: 

1. Wir müssen uns unabhängig machen von stimmungsbedingter Willfährigkeit 
des Analysanden. 

2. Wir müssen uns unabhängig machen von der intuitiven Begabung eines Deuters. 
Wir hatten uns weiterhin mit der mechanistischen Psychologie auseinanderzusetzen, 

die, angewandt auf die Ausdruckskunde, nur Zufall und Gewöhnung für die Prä- 
gung der Ausdrucksform gelten ließ. Danach konnte sich die Schrift unter dem 
Zwang des Lehrers, die Bewegung nach dem Vorbild einer geliebten Person, der 
Stimmklang aus rein organischen Bedingungen heraus gebildet haben usw. ,■•-.' 




So ergab sich die Frage: 

3. Wie steht der Ausdruckswert einer Ausdrucksform zu dem Ausdruckswert 
anderer Ausdrucksformen desselben Menschen? 

Wir können uns zwar unabhängig machen von der individuellen Deutung durch 
den Vergleich mit vielen anderen Aussagen über die gleiche Ausdrucksform. Wie 
aber kann von subjektiver Deutung ein Rückschluß gemacht werden auf die ob- 
jektive Gegebenheit des Charakters? So ergab sich die Frage: 

4. Stimmt der Ausdruckscharakter mit dem Charakter der Person überein, wie 
wir ihn aus dem intimen Umgang gewinnen? 

5. Ist der Ausdruckswert der einzelnen Ausdrucksarten verschieden und wie ist 
er speziell? 

Das waren experimentelle Vorfragen, sie mußten erledigt werden, um der Cha- 
rakterologie eine saubere Grundlage zu geben, überhaupt erst ihr Recht zu einer 
selbständigen Wissenschaft grundzulegen und sie damit zu separieren von den ver- 
schwommenen Begriffen einer philosophischen Psychologie, die die Kenntnis vom 
Charakter mehr verdunkelte als enthüllte. (Als ich dieses Programm für mich ent- 
warf, ahnte ich nicht, daß gerade das Experiment mich dazu zwingen würde, die 
experimentelle Charakterologie wieder mit der Philosophie zu verbinden.) 

Methodik: 

1. Unabhängig vom Analysanden machten wir uns, indem wir nicht ihn, sondern 
seine Ausdruoksformen vornahmen, die Stimme, die Hand, Profil und Gesicht, 
Gang und Bewegung, Schrift und Stil — und die meisten verschafften wir 
uns ohne Wissen des Analysanden. 

Die Stimme wurde im Parlographen, Hand, Profil, Gesicht im Photo, Bewegung 
im Film, Stil im Protokoll einer mündlichen Erzählung aufgenommen. 

2. Unabhängig vom Deuter machten wir uns durch das Massenurteil. Das war 
möglich unter der Annahme, daß eine Ausdrucksform von zahlreichen Menschen 
„relativ" einheitlich beurteilt wird. Die Annahme bestätigte sich — eine mechanisti- 
sche Theorie hätte das Gegenteil postuliert — und auch das „relativ" läßt sich be- 
seitigen, indem nämlich aus allen Urteilen die umfassendste Bezeichnung heraus- 
gesucht wird, wir nennen sie den Dominanzterminus. Legen wir jetzt anderen 
Versuchspersonen sechs Dominanztermini vor und in anderer Reihenfolge die ent- 
sprechenden Ausdrucksformen mit der Aufforderung einer Zuordnung jedes Do- 
minanzterminus zur dazugehörigen Ausdrucksform, dann erhalten wir ioo"/|,ige 
Sicherheit und eine geprüfte Charakteretikette für jede Ausdrucksform. 

Wir erhalten aber noch mehr. Wir können nämHch jetzt die Abweichungen jedes 
einzelnen Deuters vom Dominanzterminus prüfen und auch hier nach einer typischen 
Abweichung des Deuters forschen. Auch der Deuter erhält eine Etikette, sie ist sein 
Urteilstypus. Und er läßt sich wieder in Verbindung bringen mit der Be- 
fähigung des Urteilers, geprüft an zahlreichen Versuchen, für charakterologische 
Experimente überhaupt. 

3. Auch der Entscheid für die mechanistische oder organische Basis der Charak- 
terologie läßt sich leicht treffen. Nämlich durch Massenversuche der Zuordnung. 



Ein Forschungsbericht "o? 



Drei Anordnungen sind neben Versuchsergänzungen zu unterscheiden 
Versuche der Zuordnung (und zwar Zuordnung ohne Begründung und Zuordnung 

'"'I)^Zuo"ing'von Ausdrucksform zu Ausdrucksform: Verschiedene Ausdrucks- 
formen einer Person werden den Beurteilern mit Ausdrucksformen einer zweiten und 
dritten Person untermischt vorgelegt. Der Beurteiler hat die zusammengehörenden 
Ausdrucksformen aufzufinden und zu sondern. 

b) Zuordnungen von Ausdrucksformen zu ihren Charakteristiken: Die ab- 
gegebenen Charakteristiken werden zu vorgeführten Ausdrucksformen zugeordnet. 
Oder: der Dominanzterminus zur ursprünglichen Charakteristik. Oder: Der Do- 
minanzterminus zur Ausdrucksform. 

Immer enger ziehen wir den Kreis und nun tun wir die entscheidend verifizierende 
Frage: 

4. c) Zuordnungen der Charakteristik auf Grund einer Ausdrucksform zu dem 
Charakterbild, das man aus dem Leben im Verkehr mit dieser Person gewonnen hat. 

Einem Urteiler werden aus der Ausdrucksform gewonnene Charakteristiken einer 
Reihe von Personen vorgelegt, die ihm aus persönlichem Verkehr bekannt sind. 
Gelingt die Zuordnung, dann entspricht die über die Ausdrucksform abgegebene 
Charakteristik dem Charakter des betreffenden, wie er sich auch „im Leben" äußert. 
Dann arbeiten wir mit „richtigen Charakteristiken". 

5. Auch die Frage des Ausdruckswertes der Ausdrucksart ist experimentell prüf- 
bar, indem prozentual festgestellt wird, welche Charaktereigenschaften jeweilig bei 
einer Ausdrucksform von allen Urteilern besonders häufig erwähnt werden, der 
Intellekt, die Vitalität, soziale Beziehung usw. 

Ergebnis: 

Das Ergebnis war ein hochprozentiges, weit über der Wahrscheinlichkeit liegendes 
Gelingen der Zuordnungen aller Art; damit erhalten wir den Nachweis der Ent- 
sprechung von Körperausdruck und Seele oder Inhalt und Form, den Nachweis von 
der Einheit des Charakters, den Nachweis schließlich für die Exaktheit des Materials 
und die Befähigung des Deuters. 

Es zeigte sich auch die charakterologische Valenz bestimmter Ausdrurksgebiete und 
— da wir die mechanistische These: der Charakter bestehe aus einzelnen Stücken, 
nur durch Zufall, Nachahmung und Gewohnheit zusammengeschweißt, fallen lassen 
mußten — die Schichtung innerhalb einer Einheit des Charakters. 

Damit war das Fundament geschaffen für eine experimentelle Charakterologie. 

Die Ansprüche gingen weiter, es ging jetzt um eine 

II. Experimentell dynamische Charakterologie 

Fragestellung: ■ 

Dynamische Prozesse waren also an die Ausdrucksform heranzubringen, d. h. der 
charakterologische Wahrnehmungsprozeß war unter dynamische Bedingungen zu 
bringen. Es geht hier also nicht um die Dynamik der Ausdrucksform selbst, denn 
sie würde ja schon ihre Zugehörigkeit zum Organismus involvieren, sondern um die 




io8 



Werner Wolff 



Schaffung einer Dynamik innerhalb der Auffassung, wie ja die Charakterologie über- 
haupt nur eine Lehre von der Erfassung der Charaktere darstellen kann. 

Wir bringen eine Dynamik in den Wahrnehmungsprozeß durch Veränderungen 
am charakterologischen Objekt. Bei einer beliebigen Veränderung würde aber das 
charakterologische Objekt ein völlig anderes, damit unvergleichbares werden. Es 
gilt also die Schaffung von Bedingungen, in denen das ursprüngliche charakterologi- 
sche Objekt verglichen und damit in dynamische Spannung gebracht werden kann 
mit einem Objekt, das ihm gleich ist und doch so verändert, daß eben diese Span- 
nungsvorgänge auftreten. 

Dieses Paradox läßt sich verwirklichen, A kann gleich non-A sein. Das Objekt 
wird mit sich selbst konfrontiert, die Ausdrucksform wird noch einmal geboten — 
aber in einer neuen "Wahrnehmungslage. 

Hiermit ist ein entscheidend weiterer Schritt getan, das Objekt — obwohl los- 
gelöst vom lebendigen Träger — ist in sich selbst differenziert, dynamisiert, gleich- 
sam künstlich belebt worden. 

Methodik: 

1. Versuche am Profil: 

a) Wir legen ein Profil vor, bei dem, von den Augen ab, der hintere Teil des 
Gesichtes abgedeckt ist. Wir lassen hierüber eine Charakterologie machen. 

b) Wir legen dasselbe Profil im Originalzustand vor und lassen hierüber eine 
Charakterologie abgeben. 

Einmal studieren wir den Wechsel des Eindrucks bei der gleichen Person. 

Ein andermal studieren wir die verschiedene Auffassung von zwei Urteilergruppen, 
von denen die eine das Bild abgedeckt, die andere das Bild im Originalzustand vor- 
gelegt bekommt. 

Durch Verschiebungen der Abdeckungen erhalten wir Einsicht in die verschiedene 
Wertigkeit der Ausdrucksteile im Ausdrucksganzen (dasselbe kann am Enfacegesicht 
vorgenommen werden). 

2. Versuche an der Hand: 

Wir geben die Hände — abgebildet im Photo — einmal in der natürhchen Lage, 
wie wir sie bei Fremden zu sehen gewohnt sind, also die Fingerspitzen nach unten 
— und lassen darüber eine Charakterologie anfertigen. Ein andermal geben wir sie 
in der umgekehrten Lage (weitere Versuchsdifferenzierung wie oben). 

3. Versuche an der Stimme durch Verschiebung der Schnelligkeit im Ablauf der 
Walzen. Vergleich der Charakterologien. 

4. Versuche an der Handschrift durch Darbietung der normalen Schrift — und 
der gleichen Schrift im Spiegelbild (weitere Versuchsdifferenzierung wie oben). 

5. Versuche am Gedächtnis: 

Eine Geschichte wird vorgelesen. Man läßt sie in verschiedenen Zeiträumen 
wiedererzählen und protokolliert sie. Die Charakterologie über jedes Protokoll er- 
möglicht eine Einsichtnahme in dynamisch-charakterologische Prozesse des Erzählers. 

6. Versuche am Enfacegesicht: 

Von einer genau aufgenommenen Enfacephotographie wird durch Umkehrung 



des Negativs eine spiegelbildliche Aufnahme hergestellt. Die normale und die spiegel- 
bildliche Aufnahme werden genau in der Mitte geteilt und nun wird die rechte 
Gesichtshälfte mit ihrem Spiegelbild zu einem geschlossenen Gesicht veremigt, ebenso 
die linke Hälfte mit ihrem Spiegelbild. - Auf diese Weise haben wir außer emem 
Originalbild ein Rechtsgesicht und ein Linksgesicht zu einer differenziellen Charak- 
terologie. 

Ergebnis: 

Es zeigt sich bei allen Versuchen einheitlich, daß der Charakter tiefer erfaßt 
wird, wenn die Ausdrucksform in einer ungewohnten Wahrnehmung dargeboten 
wird. 

Es zeigt sich weiter, daß spontane Charakterologien tiefere und richtigere Urteile 
ergeben als solche nach genauer Überlegung. Damit scheint der Wert unbewußter 
Erfassung für die Charakterologie experimentell erwiesen. 

Sympathischer erscheinen dagegen die Ausdrucksformen in der normalen Raum- 
lage. Somit hat die Sympathie nichts mit der charakterologischen Affinität zu tun. 

Nachdem wir so künstliche Bedingungen für die Provokation dynamischer Pro- 
zesse geschaffen haben, können wir dynamische Prozesse selber innerhalb des Wahr- 
nehmungsaktes verfolgen. 

Ein solcher dynamischer Prozeß ist zunächst der „Entwicklungsprozeß". Wir 
sehen ihn: 

1. In der Entwicklung bei der Verarbeitung eines Wahrnehmungsprozesses. 

Bei der Wiedergabe einer Erzählung in durch Wochen und Monate getrennten 
Zeiten fand sich — entgegen der herkömmlichen Annahme, daß die Verstreichung 
der Zeit auf das Gedächtnis einen schwächenden Einfluß ausübt — eine Entwicklung 
des Inhaltes im Sinne größerer Präzision und Herausarbeitung des Wesentlichen. 

2. In der Entwicklung des Erkennungs Vorganges: 

Unter den vorgelegten Ausdrucksformen finden sich solche von Bekannten des 
Beurteilers. — Es zeigt sich, daß die Erkennung häufig erst nach einer gewissen 
Zeit, nach einem erfaßbaren „Strukturierungsvorgang" eintritt. Wird eine Person 
erkannt, so werden dann sofort alle anderen „miterkannt". 

3. In der Entwicklung des Urteilsvorgangs: 
Charakterologische Urteile werden mit der Zeit tiefere. 

4. In der Entwicklung der Manifestation seelischer Spannungen: 

Bei der Provokation von Komplexen (s. später) erscheinen diese bei häufiger Pro- 
vokation früher. 

j. Bei Assoziationsversuchen findet eine Entwicklung zu einer größeren Plastizität 
und Objektivität statt. 

Zusammenfassung : 

Es zeigt sich, daß seelisch die gleichen Gesetze wie im Organischen herrschen. Mit 
diesen Versuchen haben wir, nach Schaffung einer experimentellen Charakterkunde, 
diese zu einer experimentell-dynamischen erweitert. 

Aber noch fehlt die Brücke zur Tiefenpsychologie. Noch haben wir nicht die 
Spannung zwischen Bewußt-Unbewußt hergestellt. Noch haben wir nicht im Ex- 



HO 



Werner Wolff 



periment die Fundamente der Psychoanalyse aufzeigen können: den Widerstand, 
das "Wunschbild, die Fehlleistung, die Symbolik, die Architektur des Traumes in ihrer 
Verlagerung, Verdichtung und Reduktion. — Aber wir stellen uns nun die Aufgabe: 

ni. Experimenteller Beweis der Manifestationen des Unbewußten 

Fragestellung: 

Wir setzten den charakterologischen Prozeß unter dynamische Bedingungen, indem 
wir das Objekt in eine ungewohnte Wahrnehmungslage brachten. Wir konfrontierten 
das Objekt in neuer Form mit sich selbst. — Wie ist es, wenn wir jetzt den Urteiler 
mit sich selber konfrontieren? 

Es zeigte sich weiterhin, daß spontane Charakterologien tiefere und richtigere 
Urteile ergeben als solche nach genauer Überlegung. 

Es zeigte sich der charakterologische Wert unbewußter Erfassung. 

Ziehen wir die Konsequenzen: Konfrontieren wir den Urteiler mit sich selbst, 
ohne daß er es weiß und lassen wir ihn spontan Charakterologien über sich selber 
abgeben. 

Methode: 

Wir nehmen durch Tricks die Ausdrucksformen eines Menschen auf, ohne daß 
er es weiß: Seine Stimme, sein Profil, seine Hände, sein Gesicht, seinen Gang, seine 
Bewegung, seinen Stil. 

I. Versuche der Erkennung: 

Vorgelegt werden die eigenen Ausdrucksformen und die Ausdrucksformen be- 
kannter, sowie fremder Personen. 

a) Im Spontanversuch: ohne Aufforderung zu identifizieren, wem die Ausdrucks- 
form angehört. 

b) Im Hinweisversuch mit der Aufforderung zum Versuch der Identifizierung. 

Ergebnis: 

Es interessiert das Verhältnis in der Güte der Selbsterkennung und der Fremd- 
erkennung (d. h. hier bekannter Personen). 

Dieses Verhältnis ist bei den einzelnen Ausdrucksformen verschieden. 

Bei der Stimme: sehr schlechte Selbsterkennung, gute Fremderkennung. 

Bei den Händen: sehr schlechte Selbsterkennung, schlechte Fremderkennung. 

Beim Profil: Selbsterkennung und Fremderkennung positiv und negativ zu etwa 
gleichen Teilen. 

Beim Stil: Selbsterkennung nur an äußeren Merkmalen, in diesem Fall besser als 
Fremderkennung. 

Beim Gang (Bewegung): gute Selbsterkennung, sehr schlechte Fremderkennung. 

Das Ergebnis besagt also, daß die eigene Ausdrucksform in gewissen Fällen nicht 
erkannt wird. 

Bei dem Hinweisversuch findet nicht eine Verbesserung, sondern eine Ver- 
schlechterung der Ergebnisse statt, indem jetzt häufig nicht einmal die Personen, die 



I 



vorher beim Spontanversuch erkannt wurden, von denselben Personen wieder- 
erkannt wurden. Ein neuer experimenteller Hinweis auf den Wert unbewußter 

Erfassung. 

Uns interessieren jetzt nur die Fälle der Nichterkennung der eigenen und der 
fremden Ausdrucksformen, denn somit kommen wir zu einer neuen Versuchs- 
reihe: 

Methode: 

2. Vergleich der Selbstbeurteilungen mit den Fremdbeurteilungen: 
Die Selbstbeurteilungen sind unwissentlich, denn der Urteiler hat seine Ausdrucks- 
form nicht erkannt. 

Wir verschaffen uns ebenfalls wissentliche Selbstbeurteilungen. Damit diese ver- 
gleichbar mit den unwissentlichen werden, beziehen wir uns auf ein einheitliches 
Material, indem wir den Selbstbeurteiler ein Urteil auswählen lassen, aus einer Reihe 
von Urteilen, die über fremde Personen, aber auch über ihn selbst abgegeben waren, 
auf Grund der gleichen Art von Ausdrucksformen. 

Es ergeben sich nun folgende Vergleichsmöglichkeiten: 

a) Vergleich der Eigenurteile über die verschiedenen eigenen Ausdrucksformen. 

b) Vergleich der Fremdurteile über je eine Ausdrucksform. 

c) Vergleich der Gesamturteile über eine Ausdrucksform eines Menschen mit den 
Gesamturteilen über andere Ausdrucksformen desselben Menschen. 

d) Vergleich der Art der Selbstbeurteilung mit der Art, wie dieser Urteiler über 
fremde Personen urteilt (wissentlich-unwissentlich). 

e) Vergleich der unwissenthchen Selbstbeurteilung mit der wissentlichen Selbst- 
beurteilung. ; . 

Ergebnis: 

Nach mechanistischer Grundannahme müßten die Urteile verschiedener Cha- 
rakterologen über ein und dieselbe Ausdrucksform infolge der verschiedenen Be- 
dingtheiten jedes einzelnen verschieden sein. Ohne Übung dürfte weiterhin gar kein 
charakterologisches Urteil zustande kommen. 

Beides ist nicht der Fall. Auch der vorher Ungeübteste ist fähig zur Charak- 
terologie, und alle Gutachten verschiedener Urteiler zeigen ein einheitliches Cha- 
rakterbild. 

Das unwissentliche Selbsturteil aber zeichnet sich aus: 

a) In einer persönlichen affektiven Teilnahme (das Urteil ist übertrieben günstig 
oder ungünstig). 

b) In einer besseren — oder allein richtigen Erfassung — der Interessensphäre 
(Beruf). 

c) In einer Erfassung seelischer Prozesse, seelischer Spannungen zwischen wirk- 
lichem und verdecktem Charakter. 

Das Fremdurteil dagegen ist oberflächlicher und erfaßt nur konstante unver- 
änderliche psychische Ausdrücke. ■,.:.; . . . 



112 



Werner Wolff 



d) Das Selbsturteil ist ausführlicher: 

Alle diese Befunde können wir experimentell objektiv sicherstellen, indem wir alle 
über eine Ausdrucksform von verschiedenen Urteilern abgegebene Charakteristik 
ordnen lassen von neuen, neutralen Versuchspersonen, einmal nach dem Grade der 
Günstigkeit des Urteils, ein andermal nach dem Grade der Ausführlichkeit. 

In dieser Sonderstellung des Eigenurteils ist die Darstellung einer Manifestation 
des Unbewußten, des Widerstandes gegen die Selbsterkennung bei bestehendem, un- 
bewußtem Wissen experimentell geglückt. 

Der "Widerstand kann auch auf andere Weise — mit einer gleichzeitigen Pro- 
vokation von Fehlleistungen — experimentell dargestellt werden. Bei der Repro- 
duktion einer Wahrnehmung, z. B. der Wiedergabe einer Erzählung, zeigt es sich, 
daß gewisse Teile der Erzählung in der Wiedergabe eine Veränderung erleiden oder 
ausgelassen werden. Gibt man jetzt der gleichen Versuchsperson diese besonders be- 
handelten Worte als Reizworte und läßt auf sie assoziieren, so führen diese Worte zu 
Komplexen, d. h. zu Erlebnisinhalten, die unter einer besonderen Spannung stehen. 

Eine experimentelle Gewißheit erhalten wir durch einen Vergleich der Reak- 
tionsart auf Worte der gleichen Erzählung, die keine Veränderung erlitten haben. 
Diese Worte führen zu keinen Komplexen. Ebenfalls ist die Reaktionszeit (meßbar 
mit der Stoppuhr) bei beiden Wortgruppen verschieden, d. h. bei den ausgelassenen 
Worten ist sie länger. Der Widerstand stellt sich gegen die Mitteilung der ein- 
fallenden Komplexsituation. 

Der Widerstand läßt sich nachweisen als eine Manifestation des Unbewußten. 
Damit ist Zweiflern in die Hand gegeben, das Unbewußte in seiner Manifestation 
behebig oft experimentell provozieren zu können. 

Wenn wir die unwissentlichen Selbsturteile genauer untersuchen und mit dem 
Eindruck vergleichen, den dieselbe Person im Leben macht oder wie sie sich selber 
bewußt charakterisiert, dann sehen wir, daß in dem unwissentlichen Selbsturteil die 
Wunschbilder zum Ausdruck kommen. 

Auch das Wunschbild läßt sich experimentell darstellen. Legen wir später die 
unwissentliche Selbstcharakteristik unter anderen Charakteristiken dem Selbst- 
beurteiler zur bewußten Selbstbegutachtung vor, so erkennt er auch die unwissentlich 
abgegebene Selbstcharakteristik nicht als von ihm selbst abgegeben wieder . . . Ein 
weiterer Hinweis für die Intensität des Widerstandes. Er findet aber in der Mehr- 
zahl der Fälle dieses Urteil besonders interessant, weil es an seine Probleme rühre. 
Gehen wir jetzt diese Charakteristik Wort für Wort mit dem Selbsturteiler durch, 
dann erfahren wir, daß jedes Wort zu einem Wunschbild führt. 

Das Wunschbild läßt sich aber nicht nur experimentell als ein seelischer Prozeß 
aufzeigen, wir können sogar seinen Bildniederschlag in concreto erfassen. 

Dazu greifen wir auf das Experiment am Enfacegesicht zurück. Wir hatten 
künstlich ein Rechts-rechtsgesicht und ein Links-linksgesicht hergestellt. Jetzt legen 
wir unter den Gesichtern fremder Personen dem Beurteiler auch das eigene Gesicht 
in der künstlichen Bearbeitung vor. In den Fällen wo keine Selbsterkennung stattfindet,- 
sehen wir, daß das Rechts-rechtsbild eine unwissentliche Selbstcharakterologie er- 




hält, die den Lebensäußerungen dieses Menschen gut entspricht. Im Links-Iinksbild 
dagegen treten kraß die Wunschbilder auf. Das Rechtsbild wird abschätzig, das 
Linksbild besonders bevorzugend beurteilt. Vergleichen wir jetzt die Selbstbeurteilung 
mit der Beurteilung der gleichen Bilder durch Fremde, dann zeigt sich, außer grad- 
mäßigen Abweichungen, daß die krasse Gegensätzlichkeit im charakterologischen 
Ausdruck des Rechtsbildes und des Linksbildes ebenso von Fremden erfaßt wird, 
derart, daß die Charakteristiken über das Rechtsbild sich ebenfalls mit den Lebens- 
äußerungen des Betreffenden decken, die Charakteristiken über das Linksbild sich 
aber unmittelbar auf die Wunschbilder beziehen. Auch das kann experimentell kon- 
trolliert werden, indem vorher von den beurteilten Personen ausführliche autobio- 
graphische Notizen eingeholt werden. Mit diesen Notizen vergleichen wir jetzt die 
charakterologischen Gutachten und wir sehen, daß auch in der autobiographischen 
Notiz Wunschbild und Wirklichkeit wie „Dichtung und Wahrheit" miteinander 
vermischt sind und daß bei einer sauberen Trennung zwei einheitliche, ganz ver- 
schiedene Persönlichkeitssysteme entstehen. 

Damit sehen wir, daß das Wunschbild einen Teil der Physiognomie, und zwar 
den linken Teil prägt, daß das Wunschbild also hier manifest wird. 

Mit der experimentellen Darstellung des Wunschbildes glückt uns auch eine 
experimentelle Darstellung des Symbols. 

Im graphischen Ausdruck, in einer Spontanzeichnung oder in der Handschrift, 
kann das Wunschbild sichtbar demonstriert werden. (Zum Nachweis der Bildnieder- 
schläge in der Handschrift ist eine besondere Methodik entwickelt worden, für 
unseren systematischen Zusammenhang genüge der Hinweis folgender Art): 

Man läßt einen Menschen spontan etwas hinkritzeln in figürlicher Art. Dann 
läßt man ihn hierüber assoziieren. Die hier auftretenden Inhalte wird man in seiner 
Unterschrift wiederfinden, aber in einer Art der Reduzierung, Verdichtung, Ver- 
lagerung, also in Eigentümlichkeiten, die den Traum auszeichnen. Das Bild, das 
wir auf diese Weise finden, ist ein Symbol, d. h. ein Zeichen für den Zusammen- 
schluß verschiedener LeitUnien zu einem Wunschbild. 

Damit sind auch die darstellenden Prozesse des Unbewußten, seine Symbolik dem 
Experiment zugänglich geworden. 

Nach diesen Experimenten sind wir tatsächlich dorthin gelangt wohin wir 
wünschten: in die experimentell-dynamische Charakterologie wurden die Mani- 
festationen eines experimentell erfaßbaren Unbewußten mit einbezogen. 

Theoretische Folgerung: 

Hiermit scheint uns der Boden für eine Um- und Neuorientierung der Cha- 
rakterologie so gefestigt, daß wir nun produktive Eigenkonsequenzen aus unserem 
Vorgehen ziehen können. 

Unser einheitlicher, an allen Ausdrucksformen wiederkehrender Befund war die 
Relation: Nichterkennung der eigenen Ausdrucksform — abweichende Beurteilung 
der eigenen Ausdrucksform im Sinne der Affektivität und der Projektion von 
Wunschbildern. Fügen wir noch hinzu, daß bei manchen Menschen in einigen 

Imago XX/i . o 



Ausdrucksformen (besonders der Spiegelschrift) im Akt der Selbstbeurteilung 
heftigste Widerstände auftreten, Beschimpfungen auf die Art des Versuches, Wei- 
gerungen, Ablehnungen, Ermüdung — , dann sehen wir wie gegen die Anerkennung 
der eigenen Ausdrucksformen heftigste Widerstände vorliegen. 

Die Resultate von Ablehnung der Erkennung bei gleichzeitiger Projektion des 
Wunschbildes lassen sich so verstehen, daß der Mensch die Wirklichkeit nicht er- 
kennen will, da er sich ausschließlich unter die Direktive des Wunschbildes stellen 
möchte. Der Selbstbeurteiler möchte in seiner Ausdrucksform sein Wunschbild 
realisiert sehen. Diesen Grundbefund fanden wir auch in der Handschrift bestätigt: 

Alle Ausdrucksformen geben nicht — oder erst in zweiter Linie — einen Charakter- 
abdruck wieder, sondern drücken die Tendenz aus, ein Wunschbild zu realisieren. 
Dieser Befund — bestätigt durch die Forschungen an der Handschrift — orientieren 
die gesamte Ausdruckskunde um. 

Zu unseren Experimenten kommt das merkwürdige Ergebnis am Gang. 

Bei allen Ausdrucksformen, die der Menschen von sich kennt: Stimme, Hände, 
Stil, Profil, En face, Schrift wird die eigene Ausdruckform nicht erkannt, die der 
Umwelt erkannt. 

Der Gang ist die einzige Ausdrucksform, die der Mensch nicht von sich kennt, 
sie wird erkannt, der Gang von Bekannten (selbst der des eigenen Mannes von der 
Ehefrau), wird nicht erkannt, auch wenn man ihn gerade auf Wanderungen genau 
studieren konnte. 

Wenn wir berücksichtigen, daß die Wunschbilder als intime Prozesse des Un- 
bewußten versteckt werden, dann werden wir verstehen, daß der Widerstand gegen 
die Erkennung eine solche Schutzfunktion des Unbewußten, des Wunschbildes, dar- 
stellt. Die Manifestation des Wunschbildes wird in der lebendigen Ausdrucksform 
unterdrückt und daher auch von Fremden nicht erkannt, im Selbsturteil nur in die 
Ausdrucksform hineinprojiziert. Diese Unterdrückung des Wunschbildausdrucks 
findet bei den Ausdrucksformen statt, die der Mensch von sich wahrnimmt und 
damit kontrolliert. Der Gang ist die einzige Ausdrucksform, die der Mensch nicht 
von sich wahrnimmt, daher nicht kontrolliert, daher wird in ihm das nicht unter- 
drückte Wunschbild manifest. — Umgekehrt: Da beim Gang nur das Wunschbild 
in Erscheinung tritt, kann vom Fremdbeurteiler aus eine Identifikation zwischen 
Ausdrucksform und Ausdrucksträger nicht vollzogen werden. Denn der Fremd- 
beurteiler ist nur an das „kontrollierte Charakterbild" gewöhnt, an den Charakter, 
wie er sich in der Wirklichkeit zeigt. 

Damit können wir die Charakterologie auf einem grundlegenden Spannungssystem 
aufbauen, dem zwischen wirklichem Sein und Wunschbild. 

Innerhalb dieses Spannungssystems zeigen sich verschiedene psychische Reaktions- 
weisen, je nach der Relation von Seinscharakter und Wunschcharakter. 

1. Der Seinscharakter wird anerkannt, der Wunschcharakter wird unterdrückt. 

2. Der Wunschcharakter wird anerkannt, der Seinscharakter wird unterdrückt. 

3. Wunschcharakter und Seinscharakter werden gleichzeitig anerkannt. 



Ein Forschungsbericht 115 



I 



In allen drei Fällen besteht ein Spannungsverhältnis in verschieden intensiven 
Relationen zwischen Wunschbild und wirklichem Sein. — In der Beurteilung der 
nichterkannten eigenen Ausdrucksform wird die Eigenart dieser Relation in den 
durch sie entstehenden Komplikationen erkannt. Wir sagten, die eigenen Urteile 
gehen tiefer, es sind recht eigentlich „Tiefenurteile", die durch die Oberfläche 
dringen. Sie sind immer affektiv günstig oder affektiv ungünstig. 

Günstig: In der Unterdrückung des Seinscharakters wird der Wunschbildcharakter 
dominant erlebt. Die vergleichende Kritik ist eingeengt, der Mensch lebt vor- 
wiegend im Wunschbild, er müßte ein optimistischer Typ sein. 

Ungünstig: In der Unterdrückung des Wunschbildcharakters wird der Seins- 
charakter dominant erlebt. Die vergleichende Kritik ist nicht eingeengt. Der Seins- 
charakter wird als minderwertig empfunden vor dem unerreichten Wunschbild. Es 
müßte dies der Typ der Pessimisten sein. 

Auch diese Annahme prüfen wir im Experiment. Bei unserem Experiment am 
Gedächtnis haben wir festgestellt, daß das Gedächtnis abhängig ist von inner- 
individuellen Faktoren, z. B. Komplexen. Jetzt wollen wir umgekehrt mit Hilfe 
des Gedächtnisses innerindividuelle Faktoren feststellen. 

Wir wählen eine Reihe von Sprichwortpaaren aus, derart, daß ein gleicher Inhalt 
von einem Sprichwort in positivem, optimistischem Sinn, und von einem entsprechen- 
den in negativ pessimistischem Sinn dargestellt wird. Wir führen nun positive und 
negative Sprichworte durcheinander gemischt einer Versuchsperson vor, derart, daß 
sie nicht ihren Paarcharakter erkennt. Bei der Aufforderung, die Sprichworte wieder- 
zugeben, zeigt sich, daß entweder die negativen Sprichworte vergessen oder an das 
Ende der Wiedergabe verschoben werden oder umgekehrt, die positiven vergessen 
oder ans Ende verschoben werden. — Es zeigte sich, daß die Personen vorwiegend 
positive wählten, deren Selbstbeurteilung günstig war, negativ die, deren Selbst- 
beurteilung ungünstig war. 

In beiden Fällen wird Wunschbild und Wirklichkeit in der Gegenüberstellung er- 
lebt. Der Mensch will die Wirklichkeit nicht erkennen, da er sich ausschließlich 
unter die Direktive des Wunschbildes stellen möchte, gleichgültig ob das Wunsch- 
bild als erreichbar oder als unerreichbar angesehen wird. 

So ist der Widerstand gegen die Erkennung der eigenen Ausdrucksform, als 
Widerstand gegen das Realitätsprinzip, innerhalb eines Spannungssystems erklärt. 

Es zeigt sich aber, daß Wirklichkeit und Wunschbild nicht nur ein Spannungs- 
system im Charakter darstellen, sondern, daß jedes ein Persönlichkeitszentrum dar- 
stellt, um das sich ein geschlossenes Persönlichkeitssystem gruppiert. 

Liegt uns charakterologisches Material über einen Menschen vor, eine Selbstdarstel- 
lung oder Charakterologien auf Grund unserer Versuche, so kann man aus jeder 
Charakterologie über einen Menschen zwei ganz getrennte Persönlichkeiten, die sich 
oft widersprechen, herauskristallisieren. 

Wir sehen hier eine latente Spaltung, die wir mit den Spaltungsphänomenen im 
Traum, in der Neurose, in der Geisteskrankheit, mit der Spaltung des Künstlers 
in Verbindung bringen. 

■\ s» 



Wir sprechen von einer „latenten Spaltung", die im normalen Leben verklebt ist. 
Durch die Annahme ihres dauernden Vorhandenseins ist uns die Möglichkeit eines 
Spaltungsirreseins und einer eventuellen Heilung erst verständlich. Doppelgänger- 
mythen usw. gehören hierher. In unseren Versuchen, die eine künstliche Spaltung 
hervorrufen, wird dieser latente Spaltungsprozeß aktiviert, die Affekte und Un- 
lustzustände würden so eine weitere Erklärung finden. 

Aber wir sind am Ende experimenteller Beweise für das Unbewußte. Doch wir 
spüren, daß der Weg noch nicht zu Ende ist. Nein, es scheint uns, als finge er 
eigentlich hier an. Wir begannen mit der Ausschaltung der Philosophie und nun 
scheint es uns, als müßten wir zu ihr zurückkehren — im Umweg über das Ex- 
periment. 

IV. Experimentelle Tiefenpsychologie 

Fragebtellung: 

Die Tiefenpsychologie hat eine doppelte Aufgabe: Sie hat einmal die seeHschen 
Tiefen des Einzelindividuums zu untersuchen, den Ursprung seines Gehabens hinter 
seiner manifesten Äußerung aufzudecken, ein andermal soll sie allgemein menschliche 
Gesetze des Seelenlebens aufzeigen, die in der Tiefe wirkend, bisher unentdeckt 
sind. Die bisherige Psychologie begnügte sich mit der Erklärung des in der Be- 
wußtseinwelt Gegebenen, die Tiefenpsychologie will das, was bewußtseinsmäßig 
nicht gegeben ist, ans Licht ziehen. 

Wir sind experimentell auf dem Wege dahin. Wir konnten die seelische Tiefe 
des Einzelindividuums an den Wunschbildern experimentell durchleuchten und die 
Symbolik des EinzeHndividuums künstlich provozieren. Wir konnten auch ein all- 
gemein menschliches Tiefengesetz aufzeigen, die Spannung zwischen wirklichem Sein 
und Wunschbild, den seelischen Widerstand und die latente Spaltung. 

Wir fragen uns jetzt, ob nicht eine Vereinigung beider Entdeckungen uns eine 
neue bescheren könnte. Wenn jeder Mensch das seelische Spannungs- und Spaltungs- 
system hat und jeder Mensch ein individuelles Wunschbild und individuelle Symbolik, 
könnten wir dann nicht auch ein allgemein menschliches Wunschbild und eine all- 
gemein menschUche Symbolik annehmen? — Es zeigte sich, daß das individuelle 
Wunschbild seine deutlich erfaßbare Prägung auf der linken Gesichtsseite fand. 
Wir fragen jetzt, warum gerade auf der linken Seite; verbirgt sich vielleicht hier die 
menschliche Gemeinsamkeit, die wir suchen, was ist der Sinn und die Bedeutung des 
Links überhaupt? 

Wir brauchen wieder eine experimentelle Methodik. 

Die Frage nach dem Linkssinn führt uns zum menschlichen Gesicht. Das Problem 
heißt jetzt: Gibt es ganz allgemein eine bestimmte Wertigkeit für die rechte und 
linke Gesichtshälfte? 

Zunächst: welche der Gesichtshälften ist charakterologisch ausschlaggebend und 
welche verändert sich mehr im Laufe des Lebens, zeigt also die kontinuierliche 
Charakterprägung — oder gibt es keinen Unterschied? 



Ein Forschungsbericht 117 



I 



Methodik: 

Wir verschaffen uns Enfacebilder eines Menschen vom ersten, 2weiten, dritten usw. 
bis zum dreißigsten Lebensjahr. Wir bringen alle Bilder auf gleiche Größe und stellen 
von allen Rechts-rechts- und Links-links bilder her. — Der erste Blick zeigt uns: die 
Linksbilder aller Jahre zeigen eine merkwürdige Ähnlichkeit, fast Gleichheit — die 
Rechtsbilder dagegen eine kontinuierliche Charakterentwicklung. Der Befund wird 
frappierend, wenn wir die Hälften verschiedener Lebensjahre miteinander kom- 
binieren. Es zeigt sich, daß sich die rechten Hälften mit den linken aller Lebens- 
jahre gut zu einem Gesicht vereinen. Es dominiert immer der charakterologische 
Eindruck der rechten Hälfte, sie gibt den Ausdruck des Lebensjahres, auf den man 
das Bild schätzt, selbst wenn die rechte Hälfte, z. B. die des ersten, die linke, z. B. 
die des zehnten Lebensjahres darstellt. — Die rechten Hälften verschiedener Lebens- 
jahre lassen das Gesicht zerfallen. — Die linken Hälften verschiedener Lebensjahre 
schließen sich zu einem indifferenten Gesicht zusammen. — Dazu kommen merk- 
würdige "Wahrnehmungsgesetze: Liegt die rechte Hälfte auf der ihr zukommenden 
rechten Seite, dann ist der von ihr ausgehende charakterologische Ausdruck be- 
deutend stärker, als wenn sie (durch Umkehrung) auf der linken Seite zu liegen 
kommt. — Ebenso ist aber auch der Ausdruck der linken Seite stärker, wenn sie auf 
der ihr zukommenden linken Seite liegt. 

Ergebnis: 

Damit zeigt sich, daß der charakterologische Wert mit optischen Bedingungen 
innig verbunden ist. — Damit erweist die — schon bekannte — optische Rechts- 
bedingtheit unseres Sehens ihre hohe charakterologische Bedeutung. D. h. wir 
nehmen charakterologisch nur die rechten Gesichtshälften unserer Mitmenschen 
wahr und das sind biologisch die vom jeweiligen Lebensjahr geprägten. — Wir, die 
wir unser selber nur im Spiegel wahrnehmen, der die Hälften umkehrt, nehmen 
unter der Sehdominanz charakterologisch nur die linken Gesichtshälften von uns 
selber wahr, das sind die konstanten, vom Wechsel der Jahre wenig geprägten. — 
Auf der linken Seite aber, sahen wir, prägen sich die Wunschbilder aus. Jetzt sehen 
wir: der psychischen Tendenz entspricht unmittelbar die biologische Gegebenheit: 
Die Wunschbilder der Mitmenschen sehen wir nicht, verborgen vor dem Gesetz 
unseres Sehens. Von uns selber sehen wir nicht die Wirklichkeit, sondern nur unser 
Wunschbild auf Grund der Bedingungen der Natur. — Wir sehen weiterhin, daß es 
kerne konstante charakterologische Entwicklung gibt, denn der Ausdruck der rechten 
Gesichtshälfte des ersten Jahres kann die linke des zehnten und zwanzigsten beherr- 
schen, es gibt nur ein Jahresgesicht und ein konstantes Gesicht. Beide existieren fast 
unabhängig nebeneinander. Die „latente Spaltung" scheint biologisch realisiert. 

Damit sind wir wieder einen Schritt weiter gekommen, nämlich zu einer physio- 
logisch-psychologischen Entsprechung tiefenseelischer Verhältnisse. 

Aber nun kommen wir zu einer neuen Frage: Warum verknüpft sich das 
Wunschbild gerade mit der Seite, die konstant bleibt, wenig geprägt vom Wechsel 
der Jahre, indifferent und unindividuell? 



Bei den normalen Menschen drücken sich die "Wunschbilder auf der linken Seite 
aus. — "Wie wird es bei den Geisteskranken sein? Sind sie überhaupt fähig zur 
Charakterisierung? 

"Wir machen die "Versuche der Selbst- und Fremdbeurteilung auf Grund der 
künsthchen Gesichter an schizophren schwer Erkrankten. — Es zeigt sich, daß sie 
zu den Charakterologien gut fähig sind (oft besser als die Normalen). Damit ergibt 
sich, daß die charakterologische Fähigkeit aus dem Unbewußten stammt, das bei 
einem Zerfall der Bewußtseinsfähigkeiten noch intakt arbeiten kann. 

Es ergibt sich der merkwürdige Befund, daß die Kranken ihren Rechts-rechts- 
gesichtern gegenüber Abscheu und Entsetzen ausdrücken, dagegen beschäftigen sie 
sich mit ihren Links-Iinksgesichtern liebevoll. Sie beginnen hierbei von ihren Eltern, 
Verwandten und von ihrer Kindheit zu sprechen, aber ebenso auch vom Tode. 

"Werden die beiden Gesichter normalen Personen vorgelegt, so werden eindeutig 
die Rechtsgesichter vorgezogen. Merkmale des Totenhaften werden aber auch von 
Fremden genannt. 

"Wir beginnen jetzt sukzessive ein großes Material zu bearbeiten. Gesichter ver- 
schiedener Alter, verschiedener Lebensklassen, normale ZwiUinge, kriminelle Zwillinge, 
Kriminelle und Pathologen aller Arten, das Gesicht in der Hypnose und das des 
Schauspielers in verschiedenen Rollen, und wir vergleichen die Aussagen, die über 
die Rechtsgesichter gemacht wurden, mit denen über die Linksgesichter abgegebenen. 
Da ergibt sich tatsächlich eine durchgehende Einheitlichkeit. Das Rechtsgesicht gibt 
den Eindruck des Lebensvoll-Individuellen, das Linksgesicht den des vom „Leben 
abgezogenen". Abstrakten, einen Eindruck des Typus, unabhängig vom individuellen 
Erleben, fast zeitlos wirkend. 

"Während das Rechtsgesicht: lebensvoll, sinnlich, lächelnd, offen, aktiv, brutal, 
sozial, bewegt aussieht, gibt im Gegensatz dazu das Linksgesicht den Eindruck von: 
erstarrt, totenhaft, konzentriert, verschlossen, passiv, ätherisch, dämonisch, einsam, 
maskenhaft — wieder. 

"Während das Rechtsbild dem Originalbild ähnlich sieht, macht das Linksbild 
einen indifferenten Eindruck, es ist oft kindlich — oder verfallen, totenhaft. 

Auch die "Verwandtenänlichkeit ist links besonders deutlich bei eineiigen Zwillin- 
gen, ebenfalls die Kriminalität und die Zeichen einer Erkrankung (organisch und 
psychisch). — Das Experiment an Lebenden ergibt einen einheitlichen Befund, wie 
ist das Resultat an Toten? 

"Wir untersuchen Totenmasken und Mumiengesichter: 

Das was sich bei Lebenden ausdrückte, zeigt sich hier unheimlich verstärkt: Das 
Rechts-rechtsgesicht des Totenantlitzes gibt deutlich den Eindruck des Lebenden 
wieder mit allen oben für das Rechtsgesicht angegebenen Eigenschaften. — Das 
Linksgesicht ist unheimlich dämonisch, maskenhaft, monumental geworden, es wirkt 
wie ein „Ahnengesicht". 

Das Gesicht des Lebenden und des Toten zerfällt in zwei Ausdruckssysteme: In 
ein individuelles und ein kollektives. 



Eine neue Frage schließt sich an: Ist diese UrgesetzHchkeit eine biologische oder 
verankert in den ungewußten Tiefen der Seele? 

Zeigt sich das gleiche Gesetz im Kunstwerk? 

Wir untersuchen die moderne Kunst und gehen zurück bis zur Kunst der Urzeit, 
über Romanik, Gotik, Griechenland, Ägypten — überall zeigt sich das gleiche 
Gesetz: 

Wir engen unsere Frage nochmehr ein: Das Kunstwerk ist vielleicht nach dem 
Leben orientiert, finden wir die gleichen Gesetze in der Kunst der wilden Völker, 
finden wir sie gar in den Zeichnungen des Kleinkindes? 

Noch intensiver zeigen sie sich uns hier. Die rechte Seite ist die des Lebens, des 
Affektes, der Bewegtheit — die linke ist dämonisch, starr, totenhaft — und bei den 
Primitiven: ahnenhaft. 

Mit (der letzten Frage beschließen wir den Umkreis: Handelt es sich hier um ein 
Gesetz des menschlichen Seins oder um ein Grundgesetz des Lebens, gültig auch für 
das Tier? 

Wir stellen auf die gleiche Weise Rechts- und Linksbilder vom Tierenface her. 

Das Rechtsbild ist für jeden Beobachter das eines auf Beute lauernden, sprung- 
bereiten, lebensvollen Tieres, das Linksbild zeigt den Typus, die Gattung des Tieres 
an. — Damit ist das Tier auch nicht mehr ein seelenloses Reflexwesen, sondern von 
dem gleichen Urgesetz geprägt wie der Mensch — der mechanistischen Lebenstheorie 
ist der letzte Stein unter den Füßen entzogen. 

Schließlich bleibt auch in der Hypnose dies Gesetz bestehen. Damit haben wir 
unseren experimentellen Umkreis beendet. Die experimentelle Tiefenpsychologie 
kann damit zu ihrer eigentlich fruchtbaren Aufgabe übergehen, zur Anwendung 
ihrer Ergebnisse in der Deutung und der Therapie. 



V. Anwendung der experimentellen Tiefenpsychologie 

Wenn wir jetzt nach der Bedeutung des Linken weiterhin Ausschau halten, dann 
sehen wir, daß biologisch z. B. die Organe der Fortpflanzung, linksbetont sind und 
daß links früher Ausfalls- und Degenerationsprozesse auftreten. 

Linkshänder stellen das größte Kontingent der Begabten aber auch der Degenerier- 
ten. (Napoleon, Goethe, Michelangelo, Beethoven, Lionardo usw. waren linksbetont.) 

Bei primitiven Völkern, aber auch in der Urzeit, liegt ein sehr hoher Prozentsatz 
von Linksern vor. 

In der Tierwelt sind die erfaßbaren Ausdrucksformen linksgerichtet. (Kämpfe der 
Hirsche und Wildochsen mit dem linken Geweih oder Hörn, Galopp der wilden 
Pferde mit Linksabsprung, Töten der Beute vorwiegend mit linker Tatze.) 

Links in der Mythologie bedeutet die Seite des Bösen, des Teufels, des zauberisch 
Dämonischen — rechts die Seite des Guten (rechts — recht, links — linkisch). Es 
kommen aber Stellen ausdrücklichen Linksvorzugs vor: z.B. in der Bibel: aus dem 
Stamm Benjamin werden zu einem religiösen Kampf ausdrücklich 700 Linkser aus- 
gewählt. 

Wie verstehen wir diese merkwürdigen Beziehungen? .-. :j, 



ISO Werner Wolff 



In annähernd tausend Arbeiten ist die Bedeutung von Rechts und Links bisher 
untersucht worden mit dem Ergebnis, daß nur der Zufall hierfür entscheidend sei. 

Von dem Ergebnis des Individual- und Kollektivsystems im menschlichen Seelen- 
leben können wir alle Befunde einheitlich verstehen. Die "Wirkung des Linkssinnes 
drückt sich biologisch in den Organen der Kollektivbeziehung, den Fortpflanzungs- 
organen aus und in den Formen des Verfalls in der Richtung zum Tode. 

Links als Seite des Kollektivsystems herrscht verständlioherweise bei primitiven 
Völkern und Tieren vor. 

Die höhere Wertigkeit der Linkser ließe sich so verstehen, daß die höher begabten 
Personen außer ihren Individualfunktionen auch noch über Kollektivfunktionen ver- 
fügen, während die Minderbegabten nur einen Verlust der Individualfunktionen und 
damit Degeneration aufweisen. 

Die magische Bewertung der Kollektivfunktionen steht in Verbindung mit den 
an Primitiven gewonnenen Erfahrungen, indem zu einer magischen Bewirkung immer 
ein Kollektivzusammenhang hergestellt werden muß. 

So erklärt sich auch Haß und Abwehr gegen das Links als ein Schutz vor dem 
Mißbrauch der Kollektivfunktionen und Einschränkung des einzelnen auf seine in- 
dividuelle Verantwortung. — Umgekehrt wird gerade das Linke bei solchen Hand- 
lungen erwählt, an denen das ganze Volkskollektiv Anteil hat (Stamm Benjamin). 

Den tiefsten Aufschluß bekommen wir aber endlich über die Bedeutung der 
rechten Gehirnhemisphäre, um die man sich bisher vergeblich bemüht hat. Das Ge- 
hirn besteht aus zwei Hemisphären und die Nervenbahnen verlaufen gekreuzt, so 
daß die linke Gehirnhemisphäre alle Bewegungen der rechten Seite, die rechte Hemi- 
sphäre die der linken Seite leitet. Alle geistigen Fähigkeiten liegen aber auf der 
linken Hemisphäre, so daß der rechten — obwohl sie ebenso groß und ebenso ge- 
formt ist wie die linke — bisher keine Bedeutung zugeschrieben werden konnte. 
Hat aber ein Mensch auf der linken Gehirnhälfte einen Schlaganfall erlitten, so 
können über die Bewegung hin, an der ja auch die rechte Gehirnhälfte Anteil hat, 
auch die höheren geistigen Fähigkeiten in der rechten Gehirnhälfte erweckt werden. 
Damit zeigt sich eine latente Funktionsbegabung auch in der rechten Gehirnhälfte. — 
Die linke Gehirnhälfte, verstehen wir jetzt, leitet die „individuellen" Funktionen, 
die rechte Gehirnhälfte wird demnach die kollektiven Funktionen beherbergen. Dem 
entsprechen die Erfahrungen an Hirnkranken, die bei linksseitiger Hirnschädigung 
kollektive Funktionen entwickeln (magische Vorstellungen usw.). Die rechte Ge- 
hirnhälfte — dem Linksausdruck korrespondierend — entwickelt vielleicht die 
Funktionen, die die Träume senden und den Schlaf, in den wir absinken, wenn die 
Individualfunktionen erschöpft sind, damit wir aus den Kollektivfunktionen wieder 
neue Kraft schöpfen. 

Als Stütze für unsere Annahme dient ein großes Material an Symbol und Traum- 
analysen. 

Wir wollen nur als Beispiel auf die politische Symbolik in der Entsprechung der 
„Linken" mit der InternationaUtät, der „Rechten" mit der der individuellen Natio- 
nalität und auf das gleiche hier herrschende Spannungssystem hinweisen. 



Ein Forschungsbericht 



Ebenfalls auf die Urbedeutung des Hakenkreuzes: 

Wir unterscheiden eine nach rechts und eine nach links gewandte Form. Für 
beide Formen sind uns verschiedene Bedeutungen überliefert. Das nach links ge- 
richtete Zeichen, auch Swastika genannt, hat als chinesisches Zeichen die Bedeutung 
von 10.000 und drückt in verschiedenen Zusammensetzungen aus: „alle, alles", „alle 
Dinge der Erde", „alle Staaten der Erde", „international". Japanisch bedeutet es 
auch „ewiges Leben". Im Buddhismus bedeutet es „ewiges Glück" und damit das 
Eingehen in das Totale. 

Die Linkswendung ist also das Zeichen des kollektiven Zusammenhanges. Die 
andere Form des Zeichens — heute wieder verbreitete — ist die nach rechts ge- 
wandte. 

In dieser Form stellt es den Hammer des Gottes Thor dar, mit dem er die den Men- 
schen feindlich gesinnten Eis- und Steinyötunen zerschmetterte. Es ist das Zeichen 
des Individuums, seines Kampfes gegen kollektive Gewalten. 

Für die Traumanalysen ergeben sich von hier aus ganz neue Aspekte. Die topische 
Orientierung bietet einen Angelpunkt, die Dynamik der seelischen Systeme festzu- 
stellen, aber noch mehr, es ergeben sich auch Zentren, die zu ganz bestimmten 
Traumbildkonstellationen führen. 

Unsere Ergebnisse führten weiterhin zu Untersuchungen über das Seelenleben der 
Kinder, der Primitiven, der Geisteskranken, über Formen der Sexualität und der 
seelischen Entwicklung. 

Unsere Ergebnisse führten aber auch weiterhin zum Abschluß einer „Anwendung 
der experimentellen Tiefenpsychologie auf die Graphologie". Die Lehre von der 
Handschrift mußte zum ersten Mal wissenschaftlich fundiert werden unter Einbezug 
tiefenpsychologischer Erkenntnisse. Andererseits können die Manifestationen des Un- 
bewußten gerade auf Grund der Handschrift experimentell nachgewiesen werden. 

Es ergibt sich, daß das individuelle Wunschbild Teil eines umfassenderen Bildes 
ist, nämlich jenes, das die Kollektivfunktionen repräsentiert. Auch topisch ist es in 
dasselbe eingelagert. Jenes allgemein seelische Grundbild, das die Ausdrucksformen 
des Magisch-Mythischen, des Sozial-Kollektiven, die Lebenssinn-Bemühung innehat, 
umfaßt auch das Wunschbild. Wir nennen es: „Das unbewußte Bild." Mit dem 
Wunschbild strebt der Mensch dem „unbewußten Bild" zu. Das unbewußte Bild be- 
stimmte die latente Spaltung. 

An der Handschrift läßt sich besonders klar nachweisen, daß die Ausdrucksform 
nur ganz gering das widerspiegelt, was der Mensch ist, seine Existenzialform, viel- 
mehr ist sie eine final bestimmte Ausdrucksform, bestimmt vom unbewußten Bild, 
dessen Erfassung die Konsequenzen einer experimentellen Tiefenpsychologie dienen. 



Literaturangabe 

Werner, Wolff: 

Über Faktoren der charakterologischen Urteilsbildung, Z. f. angew. Psych., Bd. 3 j, H. j, 6. 
Gang und Charakter, Beiheft ,der Z. f. angew. Psych., Bd. j8. 

Charakterologische Deutung eines Handlungsablaufes, Z. f. angew. Psych., Bd. 43, H. i, 2. 
Experimentelle Persönlichkeitsdiagnostik, 3 Fortsetzungen, Zentralblatt f. Psychotherapie, 



122 



Werner Wolff: Ein Forschungsbericht 



Bd. IV, H. 10, H. II, H. 12. 

Selbsterkennung und Selbstbewertung im wissentlichen und unwissentlichen Versuch, 
Psycholog. Forschung, Bd. i6. 

Gestaltidentität in der Charakterologie, Psychol. u. Medizin, Bd. IV, H. i. 

Ober die Struktur der Assoziationen, Beitrag zur Persönlichkeitsforschung, Z. f. angew. 
Psychol., Bd. 33, H. 4, j. 

Realität und Metarealität, zur Psychologie des psychopath. Jugendlichen, Zeitschr. f. 
Kinderforsch., Bd. 35, H. i. 

Sadismus und Masochismus bei Kindern und Jugendlichen, Z. f. Neurol. u. Psychiatrie, 
Bd. 132, H. 3, 4. 

Zukunftsideal und Erleben bei Proletarierkindern, Z. f. pädagog. Psychol., 30. Jg., H. 12. 

Bemerkungen über die psychische Struktur des Kindes, Z. f. pädagog. Psychol., 30. Jg., H. 4. 

Das Krankheitserlebnis der Pubertät, Die Erziehung, 1929. 

Philosophie in der Psychiatrie, Katalytisch-religiöse Erlebnisformen in der Psychose, Z. f. 
Neurol. u. Psych., Bd. 12 j, H. 4, j. 

Psychologie in der Psychiatrie, gestaltliche Faktoren in der Psychiatrie, Z. f. Neurol. u. 
Psych., Bd. 115, H. j. 

Traum und Organismus, Traumtherapie, Allgem. ärztl. Z. f. Psychotherapie, Bd. 2, 

H. IG. 

Der griechische Narzißmus, ein Beitrag zur Kulturtherapie, Zentralblatt f. Psychotherapie, 
Bd. 3, H. 8. 

Plastizität und Kohäsion im Denken der Primitiven, Z. f. Völkerpsychologie u. Soziologie, 
6. Jg., H. 2. 

Der archaische Sprachorganismus, Z. f. Psychologie, Bd. iio. 

Caracterologia experimental, Revista de Pedagogia, an. 12, No. 141, Madrid. 

La orientacion profesional, Revista de Pedagogia, an. i, No. 3, Barcelona. 

Le symbolisme du subconscient. LU, 3^ ann^e, No. 34, Paris. 

The experimental study of forms of expression. Character and Personality, vol. II, No. 2, 

1933- 

Dreta i esquerra. Mirador, Barcelona 1932. 

Der erste Band der „Grundlegung einer experimentellen Tiefenpsychologie" wird unter 
dem Titel „Grundlegung einer experimentellen Charakterkunde" bei Rascher & Cie., Zürich, 
und in spanischer Sprache hrsg. vom Institute psicotecnico Madrid, erscheinen. Der zweite 
Band: Die Handschrift im Experiment und im Lichte der Tiefenpsychologie, der dritte 
Band: „Die Sinnfrage im Traum und das unbekannte seelische System" werden zunächst in 
spanischer Sprache (s. o.) erscheinen. 



BESPRECHUNGEN 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

BALLY, GUSTAV: Biologische Voraussetzungen der frühkindlichen Persönlichkeitsentwick- 
lung. Schweiz. Archiv f. Neun u. Psychiatrie. Bd. XXXII, H. i. Zürich, OrellFüßli, 1933. 
Das Tier erscheint um so intelligenter, je länger seine Kindheit gedauert hat. „Die 
Kindheit bei Mensch und (höherem Wirbel-) Tier zeichnet sich dadurch aus, daß die Eltern, 
in erster Linie die Mutter, die lebensnotwendigen Bedürfnisse befriedigen, wodurch dem 
Kinde eine gewisse Sicherheit, eine Schonzeit vor der Realität, gewährt ist. Und das Kind 
benützt diese Schonzeit — zum Spielen... Das heißt, es beginnt eine im Rahmen der 
Brutpflege gewissermaßen überflüssige Anlage zu entfalten." Jagen und Kämpfen in spieleri- 
scher Wiederholung führt zum Erkennen der Gegenstände, d.h. zur Objektivierung, 
„während das spielende Tier sich selbst in der Fülle immer neu und immer anders wieder- 
holter Bewegungen in seinen vielfältigen Möglichkeiten als Subjekt erlebt. — Es zeigt sich 
nun, daß der Mensch... mehr dem jungen Tier als dem ausgewachsenen gleicht. 
Während das Tier seiner Jugendzeit eine Bereicherung an Handlungsmöglichkeiten und 
eine gewisse Wahlfreiheit der Handlungen in bezug auf das biologische Ziel verdankt, ver- 
dankt der Mensch seiner extrem langen Abhängigkeit von seinen Eltern — seine Kultur- 
fähigkeit." Kultur ist u. a. eine „Äternisierung der elterlichen Fürsorge". Sie befreit 
„einen Teil des animalischen Systems von der Zusammenarbeit mit den vitalen Bedürfnissen. 
Wir sagen: von den Trieben" (Beutegewinnung, Feindesschutz, Gewinnung des Geschlechts- 
partners). Die beiden Extreme der elterlichen, resp. kulturellen Fürsorge : Oberstrenge 
und Verzärtelung führen zum nämlichen Resultat; „sie machen den Menschen vermin- 
dert lebensfähig. Der Mensch hat in einem solchen Milieu keine Gelegenheit, die Sprache 
seines Innern kennenzulernen ... Er befindet sich mit seinem entfremdeten senso-motori- 
schen System ratlos den sich meldenden vitalen Spannungen, den Trieben gegenüber, weil er 
nicht gelernt hat, sie außerhalb des Rahmens elterlicher Fürsorge, gewissermaßen in eigener 
Regie zu befriedigen." Wird also die Erziehung „forciert, wird die Verbindung von Trieb- 
spannung und animalischer Exekutive auf einer zu breiten Front verhindert, so entstehen 
die Neurosen. — Die Neurosentherapie stellt sich die Aufgabe, die Verbindung der 
Funktionen soweit als möglich herzustellen. Das muß geschehen durch ein Wiedererinnern, 
richtiger ein Wiedererleben der infantilen Situationen, in denen die Entwicklung zur 
Einheitlichkeit im Ansatz unterbrochen wurde. Aus diesem Grunde betont die Psa. die Irl- 
halte des frühkindlichen Erlebens und erkennt ihnen pathogene Bedeutung für die Ent- 
stehung der Neurosen, determinierende Bedeutung für die Entstehung des menschlichen 
Charakters zu." 

So hat B. kurz, klar und originell in einer Früh Jahrsversammlung 1933 den Schweizer 
Psychiatern die Rolle der Frühkindheit nahegebracht. Zu wünschen wäre von analytischer 
Seite, daß der Autor es nicht bei seiner großzügigen Skizze bewenden läßt, sondern seine 
biologischen, speziell seine tierpsychologischen Kenntnisse uns weiterhin vermittelt (vgl. auch 
Iraago, XIX, 1933, S. 339 ff., Bally: „Die frühkindliche Motorik im Vergleich mit der 
Motorik der Tiere"). H. Christoffel (Basel) 

BERTALANFFY, LUDWIG VON: Theoretische Biologie, L Bd., i. Allgemeine Theorie, 
Physikochemie, Aufbau und Entwicklung des Organismus. Berlin, Gebr. Borntraeger, 
1932. XII und 349 Seiten. 

Dieses Buch vermittelt reiche Belehrungen und Anregungen. Der Verfasser vertritt die 
Lehre der „organismischen Biologie". Die Grundlage des Lebens ist die Organisation, die 



Charakteristik der Lebensvorgänge ihre Ordnung. Physikochemische Analyse kann keine 
vollständige Erklärung der Lebensphänomene bedeuten. Die Vorgänge im Organismus dienen 
der Erhaltung des Ganzen. Die Geordnetheit der Lebensvorgänge ist nicht eine vitalistische 
Hypothese, sie kann nicht durch Kenntnis der Einzelvorgänge erfaßt werden. Eine Er- 
klärung der Systemgesetzlichkeit des Organismus als Ganzes muß zu den Erklärungen der 
Einzelvorgänge hinzutreten. 

Der Verfasser sieht daher Ordnung und Zweck im Organismus. Er will jedoch Psycho- 
logie aus der Betrachtung ausschalten. Zweck ist aber ein psychologischer Begriff. Die Be- 
trachtung der Außenwelt lehrt uns nur dann etwas über Zwecke, wenn wir sie als belebt 
sehen und mit unserem eigenen Erleben vergleichen. Psychologie wird dann aber zu einem 
integrierenden Bestandteil der Biologie. Die psychoanalytische Forschung ist daher berufen, 
die Probleme der allgemeinen Biologie wesentlich zu fördern. Triebhaftigkeit und Spannung 
sind wesentliche Bestandteile des biologischen Systems. Das Individualitätsproblem, das dem 
Verf. Schwierigkeiten bereitet, bekommt dann einen guten Sinn. 

Der Analytiker wird restlos zustimmen, wenn der Verf. feststellt: „Ein beliebiges organi- 
sches System ist im wesentlichen nichts anderes, als eine hierarchische Ordnung im dynami- 
schen Gleichgewicht stehender Abläufe. Auch beim Organismus ist das Beharrende nicht 
die feste Struktur, sondern die Gesetzlichkeit des geordneten Ablaufs." . . . „In Wirklichkeit 
gibt es keinen Gegensatz zwischen der Struktur, welche der eigentliche Träger der Funktion 
wäre (und der Funktion), sondern nur eine räumlich-zeitliche Ordnung. Eine Eidechse ist 
in dynamischer Betrachtungsweise ein Ausschnitt aus einem Geschehensfluß. Normalerweise 
fließt z. B. das Material des Schwanzes langsam ab und wird durch neues ersetzt (,Physio- 
logische Regeneration'). Wird jedoch der Schwanz durch einen Hieb abgetrennt, so erfolgt 
eine Beschleunigung in einem Teil dieses Geschehensstromes als ,Regeneration'. Die Psycho- 
analyse hat immer wieder die Dynamik der Lebensabläufe betont. Freilich kommt diese 
Dynamik im Psychischen zum klarsten Ausdruck." 

B. wendet auch der Irreversibilität des Lebensvorganges volle Beachtung zu. „Leben 
ist . . . eine Nekrobiose, ein allmählicher Tod. Altern und Tod würden also dann den 
Übergang zur fortschreitenden Entropie bedeuten." Man wird auch hier leicht den Über- 
gang zu psychologischen Fragestellungen finden, v. B.s organismische Biologie ist sicherlich ein 
wesentlicher Fortschritt, aber es erscheint mir unberechtigt, die Psyche nicht als wesentlichen 
Aspekt des Organismus zu sehen. Wie groß die methodischen Schwierigkeiten sein mögen, 
die Biologie wird durch diese Einbeziehung nur gewinnen. Was als seelisch der inneren 
Verfassung zugänglich wird, ist ein Naturfaktor von großer dynamischer Gewalt. 

So regt dieses Buch zum Nachdenken über fundamentale Probleme an, enthält aber auch 
eine Fülle kritisch gesichteten Tatsachenmaterials und ermöglicht eine verläßliche Orien- 
tierung über Fragestellungen, Ergebnisse und Fortschritte auf dem Gebiete der Lebens- 
wissenschaft. P. Schilder (New York) 

FELDKELLER, PAUL : Sinn, Echtheit, Liebe nach Paul Hof manns Sinn- Analyse und deren 
Bedeutung für die Weltanschauungskrise der Gegenwart. Panbücherei, Gruppe Philosophie, 
Nr. II. Berlin-Charlottenburg, Panverlagsgesellschaft m.b.H., 1931, 130 Seiten. 
In dieser lesenswerten Schrift wird die Lehre vom Sinn nach den Grundgedanken über 
Sinnanalyse, wie sie in den philosophischen Abhandlungen Paul Hofmanns niedergelegt 
sind, überaus klar entwickelt und ihre Tragweite für den Fortschritt der Philosophie und 
unsere geistige Kultur überhaupt gewürdigt. Die Sinn-Philosophie, meint der Verf., kommt 
innerhalb des gesamten modernen Objektivismus (Phänomenologie und verwandte Rich- 
tungen) nicht zu ihrem Rechte, da Sinn wesentlich subjektiv ist; nur in der Psychoanalyse 



Besprechungen 1 25 



wird das Problem energisch in Angriff genommen, allerdings mit unzulänglichen, ja wider- 
philosophischen Mitteln. Sinn vermag nur vom Ich selbst erlebt zu werden; hinter dieses 
absolute Evidenzerlebnis kann nicht zurückgegangen werden. (Das Trügerische solcher 
Evidenzerlebnisse hat die Psychoanalyse aufgezeigt.) Das Ich als Ort der Sinnerfüllung ist 
mehrfach geschichtet; unser Selbst umschließt eine peripher gelagerte Triebanlage und 
einen Kern, das „Wertungszentrum", das die Quelle der Echtheit ist. F. stellt die Tiefe des 
bewußten Wertens, die sogenannte Innerlichkeit als dritte Dimension des bewußten Lebens 
der symbolhaften Flachheit des Bewußtseins im Sinne der Psychoanalyse entgegen. Auch 
sonst wird der die Triebe als das Tiefere ansehende Naturalismus und Biologismus der 
Psychoanalyse heftig bekämpft, wenn auch manche ihrer Errungenschaften anerkannt werden. 
Der Autor unterscheidet im Einklang mit seinen Grundannahmen scharf zwischen der rein 
sexuellen Triebbefriedigung und der Erotik der seelischen Liebe. Diese seelische Liebe wohnt 
in der tiefsten "Willensschicht als ichhaftester Lebenssinn; sie ist zugleich altruistischer Drang 
und stärkste Ich-Förderung. Im zweiten Teile des Werkes wird die Frage zur Erörterung 
gestellt, ob das Ich, das Subjekt, die letzte Instanz aller Sinnhaftigkeit der Welt ist oder 
aber das Sein, und zugunsten eines personalen Sinn-Erlebens, richtiger: schöpferischen Ver- 
stehens (statt eines bloß „adäquat Vorstellens") entschieden. Der dritte Abschnitt endlich 
gelangt zu dem Ergebnis, daß die realistische und diesseitige Sinn-Philosophie P. Hof- 
manns das der geistigen Weltlage der Gegenwart angemessene Denksystem darstellt. 

A. Winterstein (Wien) 

LALO, CHARLES: L'expression de la vie dans l'art (Bibi. de Philosophie contemporaine), 

Paris, Felix Alcan, 1933, 263 Seiten. 

Im Mittelpunkte des Gedankenganges dieser fesselnden Schrift, die der Verfasser in 
mehreren älteren Veröffentlichungen vorbereitet hat, steht die Einsicht, daß das Verhältnis 
des Werkes zu seinem Schöpfer und in weiterem Sinn die Funktion des Kunstwerkes in der 
Gesellschaft meist einseitig dargestellt wird. Denn „neben dem traditionellen Typus, der 
Übereinstimmung von Kunst und Leben — es ist vielleicht der am wenigsten reale und am 
wenigsten reine — " (S. 223) lassen sich andere Beziehungen aufzeigen, etwa solche, in denen 
die Kunst der Flucht vor dem Leben dient. 

Den Gegensatz lebensnaher und lebensferner Kunst — ein für alle Patho- und Psycho- 
graphie zentrales Problem — wird Lalo demnächst in zwei gesonderten Schriften {L'art loin 
de la vie und L'art pres de la vie) an der Hand von Beispielen aus der Literaturgeschichte 
ausführlicher behandeln. In der vorliegenden Schrift aber hat er seine Auffassung nur an- 
gedeutet und dem System einer „relativistischen" Kunstphilosophie eingefügt, das er im Um- 
riß entwirft. 

Die Kritik der über die Beziehung von Kunst und Leben schon geäußerten Ansichten 
gibt dem Verfasser Gelegenheit, einen klaren und ausführlichen Überblick über die Lehren 
der Psychoanalyse zu geben. Seine Einwände richten sich gegen die Arbeiten einzelner 
Analytiker, aber auch gegen manche — zum Teil mißverständlich interpretierte — Grund- 
anschauungen. Das ist um so bedauerlicher, als sich ein großer Teil der von Lalo ver- 
tretenen Thesen mit Anschauungen der Psychoanalyse verbinden oder gar durch sie besser 
stützen ließen. Die Lektüre dieser durch vollendete Beherrschung der Literatur und eine 
Fülle anregender Problemstellungen gleichmäßig ausgezeichneten Schrift ist jedem, der an 
Fragen der Kunstpsychologie Anteil nehmen will, nachdrücklich anzuraten. In einem Feuer- 
werk von Geist und Witz scheint sich der Gedankengang da und dort zu verlieren, doch der 
Verfasser findet stets mit sicherer Hand den Faden im Knäuel und man lernt bald ihm 
dankbar auf alle Abwege folgen. E. Kris (Wien) 



1 26 Besprechungen 



MARIN, JUAN: Lecciones de Psicoanälisis. Habana, Imp. La Milagrosa, 1933. 

Die vorliegende Schrift vermittelt Kenntnisse, die der Verfasser im wesentlichen drei un- 
zulänglichen und mißverständlichen Abhandlungen von drei spanischen Autoren entnommen 
hat. Der Verfasser gibt seinen Lesern den Ratschlag, das Erlernen der Psychoanalyse mit 
dem Studium dieser drei Arbeiten zu beginnen und die Freudschen Werke erst später zu 
lesen. 

Unbewußt und vorbewußt werden in dieser Schrift gleichgesetzt; Jungsche Gedanken 
kommen, schlecht ausgedrückt, im Buch vor. Der Heilungsprozeß wird mit der Wieder- 
gabe einiger Sätze aus der spanischen Übersetzung von Stefan Zweigs „Heilung durch den 
Geist" beschrieben. Der Verfasser hofft, daß das Lesen seiner Vorlesungen „kranken Seelen, 
welche in einer dunklen Ecke untröstlich leiden", helfen könne. A. Garma (Madrid) 

MUTIUS, GERHARD VON: Zur Mythologie der Gegenwart. Gedanken über Wesen und 
Zusammenhang der Kulturbestrebungen. München, Ernst Reinhardt, 1933. 128 Seiten. 

Das im Oktober 1932 in Druck gegebene Büchlein ist der deutschen Jugend gewidmet. 
Der Verfasser wertet darin das Mythische gegenüber den praktischen und wissenschaftlichen 
Idealen, indem er das Mythische schon rein definitorisch überschätzend als „zusammen- 
fassenden Ausdruck für die vital geladene, weltverbundene Phantasie" und als die „Wurzel, 
aus der die Kultur emporschießt und ihre Lebens- und Wachstumskräfte zieht" betrachtet. 
Ihm ist der Mythos der Begriff für Weltverbundenheit, für alles Transzendentale, für alle 
die höheren Wertungen, die unseren Vorstellungen von Kultur und Kunst innewohnen. 
Der Verfasser geht soweit, das Prinzip der Wissenschaft, das zu streng, zu heroisch, zu 
aristokratisch sei, wenn nicht abzulehnen, so doch durchbrechen zu lassen von den An- 
sprüchen seines mythischen Gebäudes, damit Wissenschaft erträglich und erfolgreich sei. 
„Die Wissenschaft, die wissenschaftliche Wahrheit ist eine Übertreibung der Instanz zwischen 
Mensch und Welt, oder muß sich doch in ihrem weiteren psychischen Verlauf so auswirken. 
Denn wie sie aus einem vitalen Orientierungsbedürfnis entspringt, so muß sie sich auch in 
die sogenannte Naturbeherrschung umsetzen. Aber dieser Begriff ist menschlicher Größen- 
wahn, die Naturkräfte bleiben autonom und frei. Auch Naturbeherrschung ist nur gewill- 
kürte Kollaboration mit der Natur. Nur die egozentrische Selbstüberschätzung des Be- 
wußtseins macht die Natur zur Dienerin, zur Sklavin. Es ist, wie wenn das Kind zur 
Mutter sagte: ,Ich war schon vor dir da und du hast zu gehorchen'." Der Verfasser hält 
den vom wissenschaftlichen Menschen strenger Observanz verpönten Nimbus der Disziplinen, 
wie sie der Laie ihnen verleiht, für einen notwendigen und fruchtbaren Bestandteil derselben, 
durch den sie erst dem Menschen lebensfähig werden. Das Büchlein klingt aus in eine 
Apotheose des Religiösen. 

Soweit psychologisches Interesse in Frage kommt, ist die Ausbeute in den wertdurch- 
wirkten Ausführungen des Autors gering. R. Sterba (Wien) 

VIALLE, LOUIS: Le desir du neant, Contributions ä la psychologie du divertissement. Paris, 
Alcan, 1933, 74$ Seiten. 

„Diese Arbeit möchte ein Beitrag zur Psychologie der Ablenkung, .divertissement' im 
Sinne von Pascal sein. Es sollen die wichtigsten moralischen Ausflüchte aufgezeigt werden, 
durch die es dem Menschen gelingt, sich von gewissen Gedanken abzulenken, von denen er- 
füllt zu sein eine Gefährdung des Lebens bedeutet." Mit dieseh Worten wird die vorliegende 
Schrift eingeleitet, in der der Verf. die bemerkenswertesten Versuche aufzeigt, die der Mensch 



auf den Gebieten der Philosophie und der Religion unternommen hat, um sich von den 
„ewigen Zwangsvorstellungen zu befreien, die ihn bedrängen; die Schwäche vor dem Un- 
endlichen, der Mangel eines höchsten Zieles, die Angst vor dem Tod, u. a. m.". 

Es handelt sich um eine philosophische Studie, die unter dem Gesichtswinkel der Psycho- 
analyse kein Interesse hat; der Name Freuds begegnet weder im Text noch im Schriften- 
verzeichnis. Der aber, der sich über die Bemühungen und Befreiungsversuche (ridemption) 
der wichtigsten Mystiker (hl. Teresa, hl. Johann vom Kreuz, Pascal), Metaphysiker (Schopen- 
hauer) und Positivisten (Auguste Comte) unterrichten will, wird diesen großen, sehr gut ge- 
schriebenen Band, der von höchst persönlichen Ideen erfüllt ist und von stattlicher Belesen- 
heit zeugt, mit Nutzen durcharbeiten. H. Flournoy (Genf) 

VIALLE, LOUIS: Detresses de Nietzsche. Paris, Felix Alcan. 1932. 152 Seiten. 

Schon Moebius wagte den Versuch, die letzten Schriften Nietzsches aus seiner Krank- 
heit abzuleiten. Auch der Autor der vorliegenden Arbeit kommt zum Schlüsse, daß das 
Werk Nietzsches der Ausdruck eines Kampfes ist, um qualvolle Zustände zu überwinden. 
(„L'oeuvre de N. est Vexpression d'une lutte pour vaincre des douloufeuses hantises.") 
In sorgfältigem Studium wird die individuell psychologische Bedingtheit des "Werkes ver- 
ständlich gemacht, unter Einflechtung zahlreicher Beispiele, die eine sorgfältige Übertragung 
aus dem Urtext verraten. Obwohl die Ausführungen viel Verlockendes an sich haben, be- 
friedigen sie den Leser doch nicht ganz. Einerseits ist der geniale Blick Nietzsches für 
historische und psychologische Probleme nichts Krankhaftes, andererseits fehlen der vor- 
liegenden Arbeit die psychoanalytischen Voraussetzungen, ohne die eine solche Unter- 
suchung heutzutage nicht mehr gedacht werden kann. Ph. Sarasin (Basel) 



WAIS, KURT K. T.: Das Vater-Sohn-Motiv in der Dichtung bis 1880. Stoff- und Motiv- 
geschichte aus der deutschen Literatur, Band 10. Berlin und Leipzig, Walter de Gruyter 
8c Co. 1931. XIV und 69 Seiten. — Das Vater- Sohn-Motiv in der Dichtung 1880 — 1930. 
Stoff- und Motivgeschichte der deutschen Literatur, Band 11. Ebenda. 193 1. VIII und 
89 Seiten. 

Der Verfasser versucht in ziemlich offener Gegnerschaft zur Analyse den Nachweis, daß 
der Vater- Sohn-Konflikt, für dessen häufige Darstellungen in der Literatur die sorgfältigen 
Aufzeichnungen des Autors selbst genügend Material aufbringen, nicht urkomplexbedingt 
und dadurch ubiquitär für alle Zeiten sei, sondern daß er vor allem seiner Eignung zur Dar- 
stellung weltanschaulich-politischer Konflikte seine Beliebtheit verdankt. Als beweisend er- 
scheint dem Autor dabei, daß in den Dramen und übrigen literarischen Erzeugnissen der 
Vaterhaß des Sohnes nicht ersichtlich sexuellen Motiven entspringt, wie es dem Ödipus- 
komplex entspräche, wobei er freilich die Tatsache der Verschiebung und indirekten Darstellung 
nicht gelten läßt. Er zeigt damit, daß er die analytische Theorie vom latenten Gehalt des 
Kunstwerks nicht erfaßt hat. Auch ist ihm das reichlichere Auftreten der kulturfeindlichen 
Haltung des Sohnes in der Literatur revolutionärer Umsturzepochen Beweis für die welt- 
anschaulich-politische Bedeutung dieses Phänomens. Er vermag den nächsten Schritt zur 
Annahme, revolutionäre Idee und Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur könnten ein und 
derselben menschlichen Quelle, nämlich dem Ödipuskomplex entstammen, nicht zu tun. 
Trotz allem gelingt es dem Verfasser nicht, die Wirksamkeit des Vater-Komplexes für die 
Literatur zu verleugnen, ja er muß für manche literarische Produkte und Persönlichkeiten 
(so Dostojewski) seine Gültigkeit expressis verbis bejahen. R. Sterba (Wien) 



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Besprechungen 



WENZL, ALOYS: Das Leib-Seele-Problem im Lichte der neuern Theorien. Leipzig, Felix 

Meiner, 1933. 104 Seiten. 

Wenn der Psychoanalytiker an metaphysische Fragen wie die vorliegende herangeht, so 
tut er es bewußt als Laie, läßt sich aber gerne belehren, wenn er auch ahnen mag, daß es 
sich hier um unlösbare Fragen handelt. Immerhin bleibt für den Autor „das Leib-Seele- 
Problem das Gipfelproblem aller theoretischen Psychologie, das Zentralproblem aller Meta- 
physik, der Kern aller weltanschaulichen Problematik". 

Erst beschreibt der Autor den Stand der Fragen seit 1900 an Hand zahlreicher Arbeiten 
moderner Forscher (Busse, Dürr, Höfler, Becher, Driesch, Reininger usw.). Er 
unterscheidet „eigentlich zwei verschieden und getrennt zu beurteilende Typen von Kausa- 
tionen" (Typus I: physische Ursache mit psychischer Wirkung, und Typus II mit umge- 
kehrtem Verhältnis), und berücksichtigt die beiden wichtigsten Theorien, die die Beziehung 
zwischen den psychischen und physischen Naturbereichen klären sollten: die Theorie der 
Wechselwirkung und die des Parallelismus. Dann untersucht er die Fruchtbarkeit der 
modernen physikalischen Theorien für sein Gebiet (Relativitäts- und Quantentheorie) und 
die der neuen Ergebnisse in der normalen und pathologischen Physiologie (Goldstein). 
Dann folgt eine Diskussion der Gestalttheorie (Köhler), mit ihren ausgesprochen physio- 
logischen Voraussetzungen („Ich erlebe meine Nervenprozesse qua Gestalt". M. Scheerer). 
Schließlich wendet er sich dem Problem des Unbewußten zu. 

Der Psychoanalyse wird wenig Verständnis entgegengebracht, augenscheinlich, weil sie 
nicht in das System paßt. Wie W. die Dinge denkt, erläutert am besten der folgende Satz: 
„Ich erlebe meine Nervenprozesse, soweit sie psychisch mitbedingt, physisch virtuell sind, 
oder (unter Einbeziehung des Gestaltsgedankens) qua virtueller Gestalt." 

Es folgt ein Nachtrag über Bleulers Mnemismus und Klages' Antithese von Seele und 
Geist und schließlich eine Schlußbetrachtung mit dem Satz: „Mit der Annahme eines Plura- 
lismus (hierarchisch geordneter) beseelter Wesen ist für eine Vereinigung von Parallelismus 
und Wechselwirkungslehre der Weg offen." 

Die Darstellung ist sauber und klar, vertieft aber den Eindruck, daß hier Naturbereiche 
vorliegen, die unser Verstand nicht vereinigen kann. Zweifellos hat auch Freud wiederum 
recht, wenn er uns warnt, psychische und physische Dinge zu vermischen, worin ihm 
Goethe bereits vorangegangen ist, wenn er sagt: „Die Gipfel der Reiche der Natur sind ent- 
schieden voneinander getrennt und aufs deutlichste zu unterscheiden." 

Ph. Sarasin (Basel)