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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre Grenzgebiete und Anwendungen XX 1934 Heft 4"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XX. Band 



1934 



Heft 4 



Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 

Von 

Alfred Winterstein 

Wien 

Der Begriff der Echtheit und Unechtheit im Seelenleben hat bisher bei den 
Psychologen geringe Beachtung gefunden. Knapp vor dem Kriege haben 
Wilhelm Haas und Alexander Pfänder, soviel ich sehe, als erste das Pro- 
blem, dem namentlich für die phänomenologisch-deskriptive und verstehende 
Psychologie grundsätzliche Bedeutung zukommt, in zwei wertvollen Unter- 
suchungen behandelt. Während Haas sich auf immer schärfere Heraus- 
arbeitung des Unterschiedes zwischen den echten und unechten Gefühlen 
beschränkt, zeigt Pfänder, mehr in die Breite als in die Tiefe gehend, an 
mannigfachen Belegen, welchen Raum das Unecht-Psychische in unserem 
Seelenleben beansprucht. P. Schilder nimmt in seiner bald nachher ver- 
öffentlichten Monographie „Selbstbewußtsein und Persönlichkeitsbewußtsein" 
auf die beiden Abhandlungen Bezug, indem er das unechte Erlebnis in Zu- 
sammenhang mit dem Erlebnis der Depersonalisation bringt, das im 
Mittelpunkte seiner Untersuchung steht. Diese Zuordnung ist für die spätere 
Forschung im großen und ganzen maßgebend geblieben: Wenn sie sich mit 
dem psychopathologischen Phänomen der Depersonalisation oder Ent- 
fremdung beschäftigt, wird nebenbei, ohne den Versuch einer definitorischen 
Abgrenzung, von Unechtheit des Erlebens gesprochen, obgleich dieser Begriff 
an sich der Normalpsychologie angehört. Erwähnung verdient hier auch 
Karl Jaspers, der in seiner „Psychologie der Weltanschauungen" Überlegun- 
gen über die Echtheit und Unechtheit von weltanschaulichen Inhalten anstellt. 

Die psychoanalytische Literatur gebraucht gleichfalls den Begriff des 

*) Das Thema dieser Arbeit sollte am XIII. Internationalen psychoanalytischen Kongreß 
in Luzern in einem Vortrag behandelt werden, an dessen Abhaltung der Verfasser ver- 
hindert war. 



Imago XIX/4 



'J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



384 Alfred "Winterstein 



Seelisch-Unechten nur ganz vereinzelt, und ohne ihn ausdrücklich in die ana- 
lytische Blickrichtung zu stellen. 

Freud fragt in den „Bemerkungen über die Übertragungsliebe": Ist die Uber- 
tragungsliebe echt? W. Reich unterscheidet eine „echte" und „unechte" Über- 
tragung. H. Hartmann reflektiert in den „Grundlagen der Psychoanalyse" 
an einer Stelle polemisch auf die Äußerung von R. All er s, daß die Analyse das 
sogenannte „echte Erleben" aus theoretischen Gründen ausschließen müsse. Th. 
Reik spricht an ein paar Stellen seiner Abhandlung über „Psychologie und 
Depersonalisation" von unechten Gefühlen; jene abgeschwächte Form der Deper- 
sonalisation, die er als Detachement bezeichnet, sei durch Gefühlsentfremdung 
und Gefühlsunechtheit mit Autoskopie charakterisiert. O. Fenichel erwähnt 
in seinem Buche „Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen" den „unechten" 
Charakter oder Charakterzug, hinter dessen manifester Haltung die Tendenz zu 
einer genau entgegengesetzten vorhanden ist. In den interessanten Untersuchungen 
P. Federns über das Ich-Gefühl finde ich leider nur an einer einzigen Stelle, und 
zwar in seinem Innsbrucker Kongreßvortrag „Narzißmus im Ich-Gefüge", einen 
ausdrücklichen Hinweis auf das unechte Fühlen. Er sagt, daß in allen Fällen von 
Entfremdung der Affekte diese für den Kranken nicht „echt", nicht evident seien; 
der Kranke fühle sie anders, analog wie er die Wahrnehmungen als anders auf- 
nimmt. Die Affekte sind aber nicht etwa unbewußt, denn der Kranke merkt und 
klagt, welche Affekte — z. B. Scham, Ehrgeiz, Liebe — er unecht fühlt. O. Sper- 
ling hat sich in einem in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 18. De- 
zember 1929 gehaltenen (unveröffentlichten) Vortrag „Die Übertreibung — eine Form 
der Abwehr" mit einer der Abwehr verpönter Seelenregungen dienenden Tendenz, 
Affekte aufzubauschen, befaßt. So wird von manchen Neurotikern der Haß, bevor 
er noch wahrgenommen und richtig eingeschätzt werden kann, übertrieben und ins 
Groteske verzerrt. In dieser Karikatur erscheint der Affekt der Selbstbeobachtung 
fremd, und es wird nun alles für Heuchelei gehalten, was den Vorteil bietet, daß der 
Kern von tatsächlich vorhandenem Haß dadurch dem Bewußtwerden entgeht. Sper- 
ling spricht zwar nur von Heuchelei, es handelt sich aber um einen Spezialfall einer 
echten Gesinnungsregung mit unecht gesteigerter, forcierter Intensität. Auf diese 
gar nicht seltene Vereinigung von Echtem und Unechtem in einem und demselben 
Gefühl werde ich später noch zurückkommen. 

Ich möchte zunächst das durchwegs unechte Gefühl untersuchen, wobei ich 
annehme, daß das Erlebnis der Unechtheit den meisten aus der Erfahrung 
wohlbekannt ist. Ein Beispiel: Ich bin in fröhlicher, ja sogar ausgelassener 
Stimmung. Und dennoch merke ich in gewissen Augenblicken, daß diese ge- 
hobene, hypomanische Gemütslage, wie wir eben zu sagen pflegen, nicht echt 
ist, daß sich vielmehr in der Tiefe der Seele ein Gefühl der Gleichgültigkeit 
oder Trauer geltend macht. „Im Grunde", „eigentlich" oder „in Wirklich- 
keit", werde ich dann sagen, bin ich gar nicht lustig. Oder: Ich hege gegen 
eine bestimmte Person Liebesgefühle und nehme auf einmal wahr, daß diese 
positive Einstellung unecht, gewissermaßen vorgeschoben ist, um eine tiefere 
Regung des Hasses oder auch der Indifferenz aus irgend welchen unbewußten 
Gründen zu verbergen. Ich bemerke hier nebenbei, daß im Falle einer 



Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 



385 



ambivalenten Gefühlshaltung das manifeste Gefühl gegenüber dem latenten 
eigentlich nicht als unecht gekennzeichnet werden dürfte, da es sich hier um 
eine Doppelheit von echten Gefühlen handelt. 

Obgleich uns ein feiner Instinkt in praxi den Unterschied zwischen Echtheit 
und Unechtheit sowohl in der Stellungnahme zu uns selbst als auch bei der 
Beurteilung der Äußerungen anderer Personen anzuzeigen pflegt, stößt eine 
psychologische Definition des Seelisch-Unechten, im besonderen: des un- 
echten Gefühls, auf das wir uns zunächst beschränken wollen, auf Schwierig- 
keiten. Ich denke da an ein "Wort des heiligen Augustinus, der, im Be- 
mühen, das "Wesen der Zeit zu bestimmen, äußerte: ,,Si nemo ex me quaerat, 
scio; si quaerenti explicare velim, nescio." 

Zunächst einmal: das unechte Gefühl setzt immer das Vorhandensein eines 
zweiten, des echten Gefühls, voraus, sei dieses eben auch nur ein Gefühl der 
Gleichgültigkeit. Das unechte Gefühl entsteht nur im Widerspruch zum 
echten, das seinen Rechtsanspruch dadurch anzeigt, daß es aus einer tieferen 
Schicht des Ichs aufsteigt. Hier sei daran erinnert, daß schon der Sprach- 
instinkt diesen Sachverhalt durch die Wendung „im Grunde" anzeigt. Die 
unechten Gefühle werden nicht immer von dem Subjekt selbst bemerkt. 
Noch viel weniger müssen sie von ihm als unecht erkannt werden; ein Wissen 
um die Unechtheit gehört nicht zu den konstitutiven Merkmalen des unechten 
Gefühls, sondern gründet sich erst auf das gesonderte Erlebnis der Uneigent- 
lichkeit. Ein unechtes Gefühl kann auch aus unbewußten Gründen vom 
Subjekt für echt gehalten werden. Zur Verdeutlichung dieser Behauptungen 
seien folgende Überlegungen angeschlossen. Alle seelischen Erscheinungen 
können grundsätzlich in zweifacher Weise zur Gegebenheit gelangen: sie 
können einmal in der Weise der „Unmittelbarkeit" schlicht, d. h. nicht 
reflexiv bewußt, erlebt, sie können aber auch in der Weise des „Wissens um" 
zur Kenntnis genommen, bemerkt werden, wobei dieses „Wissen um" wieder 
richtig oder falsch sein kann. Aus dem falschen oder richtigen Wissen um 
unsere Gefühle, Triebe, Stellungnahmen usw. ergibt sich die Möglichkeit einer 
Selbsttäuschung. 1 Die Selbsttäuschung ist bekanntlich ein Grundthema der 
Forschungen Nietzsches gewesen, der hierin als Vorläufer der Psychoanalyse 
anzusehen ist. Auch Max Sehe ler hat sich mit diesem Problem eingehend 
beschäftigt. Zum Wesen der Bewußtseinsweise „Wissen um" gehört es auch, 
Gegenstandsbewußtsein zu sein. Seelisches wird hier Gegenstand einer 
besonderen intentionalen Einstellung, einer meinenden Zielung. Die un- 
mittelbar gegebenen Phänomene des Zustandsbewußtseins, also die schlicht er- 

1) Für die Psychoanalyse entsteht allerdings das eigentliche Täuschungsproblem aus einem 
Zwiespalt zwischen dem e r 1 e b t e n Zusammenhang und dem unbewußten R e a 1 Zusammen- 
hang. Siehe auch die Arbeit von G. Ichheiser. 



386 Alfred Winterstein 



lebten Gefühle, werden, insofern sie in die "Weise des „Wissens um" über- 
tragen werden sollen, nicht nur die Verwandlung der unmittelbaren Ge- 
gebenheit in die mittelbare Gewußtheit erfahren müssen, sondern auch die 
Umsetzung des zuständlichen Gegebenseins in die gegenständliche 
Bewußtheit. 

Nach diesem allgemein-psychologischen Exkurs kehre ich zu unserem 
Thema zurück, indem ich jetzt das echte, das evidente Gefühl im Gegensatze 
zum unechten, nicht evidenten zu charakterisieren versuche. Das echte Ge- 
fühl ist das Gefühl, das im Einklang mit allen aktuellen oder auch nur vor- 
bewußten psychischen Tendenzen voll durchlebt wird, die zu dem betreffen- 
den Gefühl Beziehung haben, das Gefühl, das der augenblicklichen Grund- 
richtung des Ichs entspricht, die sich sozusagen als die im Verlaufe der Ent- 
faltung des individuellen Ichs natürliche erweist (Haas). Wenn ich mich 
auf den Boden der Federnschen Theorie der Ich-Grenze stelle, werde ich 
sagen: Das echte Gefühl, der echte Affekt wird vom Ich mit einer narzißtisch 
voll besetzten Grenze aufgenommen; die narzißtische Besetzung beim Pas- 
sieren der Ich-Grenze verleiht eben dieses Evidenzgefühl. Beim unechten 
Gefühl fehlt der volle Kontakt mit dem Ich-Gefühl; die Ich-Grenze ist 
hier narzißtisch unzulänglich besetzt, wenn auch nicht so von narzißtischer 
Libido entblößt wie bei der ausgesprochenen Entfremdung oder Depersona- 
lisation. 2 Wie groß die Intensität der Libido der entsprechenden Ich-Grenze 
sein muß, damit das unechte Gefühl noch als icheigen empfunden wird, 
können wir natürlich nicht quantitativ feststellen. Es werden da wahrschein- 
lich auch individuelle Unterschiede maßgebend sein. Hierher gehört auch das 
Erlebnis des fühlbaren Umschlages von unecht zu echt, der offenbar bei einer 
bestimmten Intensität der narzißtischen Besetzung eintritt. Bei gewissen 
Personen — ich denke da vor allem an den hysterischen Typus — scheint 
nun geradezu eine Disposition zum unechten Affekterlebnis vorhanden zu 
sein. Dem bloß „vorstellig gefühlten" Affekt (um einen Ausdruck Schelers 
zu gebrauchen; „Scheingefühle" sagt L. Klag es) fehlt dauernd jene Gefühls- 
qualität, die durch das Begegnen mit dem vollen Narzißmus des Ichs ent- 
steht. 3 Überflüssig zu bemerken, daß hier der Gegensatz zwischen Echtheit 
und Unechtheit nicht mit dem Gegensatz zwischen wirklichem Gefühl und 
bloß gewußtem Gefühl zusammenfällt. „Es ist nicht Unwirklichkeit, aber Wir- 

2) O. Fenichel (a.a.O., S. 76) meint, daß die Depersonalisation durch eine Erhöhung 
der narzißtischen Libido bedingt ist, deren Auswirkungen vom Ich als unangenehm emp- 
funden werden, weshalb es Abwehrmaßnahmen gegen sie trifft. Diese haben nach seiner 
Ansicht nur bisweilen den Charakter eines Libidoentzuges, in den meisten Fällen aber ver- 
laufen sie nach dem Typus einer Gegenbesetzung. 

3) Mit Ausdrücken wie „blaß, schemenhaft, hohl, kernlos" kennzeichnet A. Pfänder die 
unechten Regungen. j 



Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 



387 



kungslosigkeit, es ist nicht Lüge, aber gleichsam organische Verlogenheit", sagt 
in bezug auf das Unechte treffend Jaspers. 

Aus einer tieferen Schicht des Seelischen bricht, wie ich vorhin gesagt habe, 
das echte Gefühl im Widerspruch zum unechten hervor. Die von uns als 
„tiefere Schicht" veranschaulichte jeweilige Grundrichtung des phänomenalen 
Ichs (dieses bezogen auf eine bestimmte Zeitstrecke und determiniert durch 
die zu betrachtenden Gefühle) hat aber nichts mit dem Unterschied zwischen 
den von Natur aus tiefen oder innerlichen und oberflächlichen oder 
äußerlichen Erlebnissen zu tun. Denn dort handelt es sich um eine ein 
für allemal feststehende Bewertung der Erlebnisse, während im relativen, nur 
auf die Zeit des Erlebens bezogenen Tiefensystem Echt-Unecht das jeweils 
echte Gefühl eben als der tieferen Schicht angehörig betrachtet wird, mag 
dieses Gefühl unter Umständen auch an sich ein oberflächliches sein. 
W. Haas formuliert einmal so: Das tiefe Erlebnis ist kein Erlebnis der Tiefe. 
Von einer feststehenden Wertskala aus gesehen, die die Wertunterschiede in 
Tiefenunterschieden der Schichten darstellt, liegt beim oberflächlichen 
echten Erlebnis die Echtheitsschwelle gewissermaßen nahe der Peripherie und 
beim tiefen echten Erlebnis fern von ihr. Davon ist wieder ein anderes 
absolutes Tiefensystem streng auseinanderzuhalten, das die Tiefe an der Zu- 
gehörigkeit des Gefühls zum Ich-Kern, zum Charakter 4 mißt. Das in diesem 
Sinne tiefe oder charakteristische Gefühl kann gerade ein unechtes sein. Ich 
erinnere daran, daß ja die unechten Affekte für Hysteriker und Hysteriker- 
innen besonders charakteristisch sind. 5 

Der Begriff der Echtheit bezieht sich, streng genommen, bloß auf das inner- 
halb des Bewußtseins-Ichs Gegebene. Im weiteren Sinne läßt sich der Begriff 
des Echten und Unechten als des Eigentlichen und Uneigentlichen auch auf 
den Fall anwenden, wo eine Regung durch Gegenbesetzung abgewehrt, also 
ins Unbewußte verdrängt und reaktiv durch die gegensinnige Regung oder 
auch durch ein Gefühl von Indifferenz vertreten wird. Ich meine das, was 
wir einen unechten Charakter oder Charakterzug nennen. Die Psychoanalyse 
entlarvt solche aus Reaktionsbildungen bestehenden Charakterzüge fast in 
jeder analytischen Kur. Phänomenologisch kennzeichnet sich für den Beob- 
achter die manifeste, unechte Haltung, soweit sie nicht geradezu in feineren 

4) Wie dem phänomenalen Ich die einheitliche Grundrichtung des Ichs innerhalb dieser 
Zeitstrecke gegenübersteht, so dem gesamten Ablauf des bewußten Ichs die Grundeinheit des 
Charakters. 

5) Die Rolle, die der Echtheitsbegriff in der Philosophie Paul Hofmanns spielt (siehe 
auch P. Feldkeller: Sinn, Echtheit, Liebe nach Paul Hofmanns Sinn-Analyse und deren 
Bedeutung für die Weltanschauungskrise der Gegenwart), sei nur der Vollständigkeit halber 
erwähnt. Auch hier ist die Rede vom Einspruch einer tieferen Schicht, und zwar des 
„Wertungszentrums" als Quelle der Echtheit. Dieses wurzelt jedoch in der Tiefe der Ge- 
samtpersönlichkeit und erfüllt ungefähr die Funktion des eigengesetzlichen Gewissens. 



388 Alfred Winterstein 



Zügen das Abgewehrte, Latente verrät, durch eine besondere Übertriebenheit 
und Krampfhaftigkeit. Die zur Schau getragene Gleichgültigkeit zeigt zum 
Beispiel oft eine eigentümliche Starrheit und Unverwandtheit. "Während bei 
Sperlings Patienten ein nur nicht bemerkter Kern von tatsächlich vor- 
handenem Affekt übertrieben wird, um in dieser Aufbauschung dem Be- 
wußtsein fremd zu erscheinen, wird hier die manifeste gegensinnige Regung 
oder das zur Schau getragene Gefühl der Indifferenz einem bestimmten Men- 
schen gegenüber übertrieben, um einen drohenden Durchbruch des latenten 
Triebimpulses oder Gefühles abzuwehren. Dieses Gefühl der Gleichgültigkeit 
kann auch als Resultante entstehen aus dem "Widerstreit zwischen dem 
unbewußten Wunsch, einem Menschen nahezukommen, und der unbewußten 
Angst davor. 

Wohlbekannt ist der Typus des demütig-ergebenen analen Masochisten, der 
eine ursprüngliche starke Aggression verbirgt, ebenso wie der des geltungs- 
süchtigen, sozial ambitionierten, eitlen Hysterikers, der im Grunde nur ein 
tieferes Ohnmachtsgefühl überkompensiert. 

Bezeichnet man das Echte als das Eigentliche, so unterläuft auch bis- 
weilen eine Verwechslung mit dem Eigentlichen im Sinne des Charakteristi- 
schen. Ich habe aber schon darauf hingewiesen, daß unter Umständen gerade 
das Unechte das für eine Person Charakteristische sein kann. Um bei unserem 
früheren Beispiel zu bleiben, so ist vielleicht für ein bestimmtes Individuum 
die unechte Indifferenz als Bewußtseinsspiegelung einer von Angst vor der 
Erfüllung begleiteten unbewußten Wunschtendenz sehr charakteristisch, wie- 
wohl diese Gleichgültigkeit als unecht oder uneigentlich im Sinn eines Er- 
satzes für die eigentliche, bewußtseinsunfähige Regung zu benennen ist. 

Der Erlebende oder der Mitmensch erklärt bisweilen ein bestimmtes 
psychisches Phänomen als unecht, obgleich es sich tatsächlich nicht um eine 
unechte Regung dieser bestimmten Art, sondern eben um etwas Andersartiges 
handelt. Hier liegt bloß eine Unterordnung unter einen falschen Typ vor 
(Unechtheit im typischen Sinn). Die Gefühlsansteckung, die Identifizierung 
mit dem Leiden des anderen ist nicht unechtes, d. h. aus tieferer Schicht 
widersprochenes Mitleid im Gegensatze zum echten, sondern, wie zuerst 
Scheler in seiner Analyse des Mitgefühls dargetan hat, ein davon völlig ver- 
schiedener seelischer Vorgang. Ebenso ist beispielsweise masochistische Selbst- 
quälerei nicht unechte Reue im Vergleich zur echten, sondern ein Verhalten 
sui generis. 

Unecht ist natürlich auch nicht dasselbe wie erheuchelt. Während bei 
der Heuchelei eine Täuschungsabsicht vorausgesetzt wird, muß dies bei den 
unechten Gesinnungsregungen keineswegs der Fall sein. 

Eine eigentümliche Stellung nimmt unter den unechten Haltungen das 



Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 



389 



freundlich, liebenswürdig Tun aus gesellschaftlicher Rücksicht gegen seine 
Mitmenschen ein. Es ist nicht Heuchelei und doch ein vorsätzliches Tun, das 
aber eben der Konvention entspringt und niemanden hinters Licht zu führen 
beabsichtigt. Gerade dieses unechte Verhalten kann dann echten positiven 
Gefühlen den "Weg bereiten. Unechte Freundlichkeit und Liebe dienen auch 
als Lückenbüßer, um das notwendigerweise periodisch eintretende Absinken 
des Gefühls zu überbrücken. 

Die Vereinigung von Echtem und Unechtem in einem und demselben Ge- 
fühl habe ich bereits an einer früheren Stelle (S. 241) zur Sprache gebracht. Bei 
der theatralischen, forcierten Äußerung eines Gefühls wird nicht das Gefühl 
als solches, sondern seine anscheinende Intensität als unecht empfunden. 
Frauen neigen wohl leichter als Männer dazu, ihre Gefühle aufzubauschen; 
es gibt auch kulturelle Epochen, wo die übertriebenen Gefühle, das unechte 
Pathos, geradezu Mode sind. Man denke an den falschen Rausch und Über- 
schwang in den freundschaftlichen Beziehungen während der zweiten Hälfte 
des achtzehnten Jahrhunderts oder auch an eine gewisse sentimentale 
Naturbetrachtung. 

A. Pfänder hat in seiner Arbeit „Zur Phänomenologie der Gesinnungen" 
gezeigt, daß das Unecht-Seelische nicht nur bei den Gefühlen anzutreffen ist. 
Der nämliche Unterschied sei auch in bezug auf Gesinnungen zu machen. 
Unechte und aufgepfropfte Meinungen, Behauptungen, Glaubensüberzeugun- 
gen, Wertschätzungen, Interessen und Bestrebungen seien in großer Menge 
anzutreffen und gingen aus blinder Angleichung hervor. Ja alles Seelische 
überhaupt, aus der Sphäre des Fühlens sowohl als auch aus der des Wahr- 
nehmens und Vorstellens, des Wollens und des Denkens, sei in zwei Schichten 
gegeben, in einer echten und unechten. Das Echte entspricht der Grund- 
richtung des Ichs, kommt aus dem vollen Einklang der Tendenzen, wie 
Schilder es formuliert, indes beim Unechten ein Widerspruch da ist, eine 
Tendenz des Hintergrundes, die gegen das Vordergrundserlebnis protestiert. 
Zu einem befriedigenden vollen Erleben wird es genügen, daß sämtliche 
aktuellen Tendenzen, ohne Widerspruch durch das Über-Ich zu erfahren, 
einheitlich zusammenklingen; denn ein Erleben, das auch alle latenten 
Tendenzen der Persönlichkeit widerspruchlos zum Ausdruck bringt, ereignet 
sich wohl nie oder nur in ganz seltenen Augenblicken. 

Da die Grenzen zwischen dem Normalen und Pathologischen verschwim- 
men, läßt sich auch keine Scheidewand zwischen dem unechten und dem 
Depersonalisationserlebnis aufrichten. Die Breite der unechten Erlebnis- 
sphäre oder anders ausgedrückt: der Grad der narzißtischen Besetzung des 
Ichs an seinen Grenzen und auch in seinem Kerne wird darüber entscheiden, 
ob sich jemand, wenn er zum Bewußtsein der Unechtheit kommt, depersonali- 



siert fühlt oder nicht. Bei den ausgesprochen Depersonalisierten scheint die 
Selbstbeobachtung, wenn auch bloß als sekundäres Phänomen (ich stimme 
hier der Auffassung Reiks gegen Schilder u. a. bei), mehr krampfhaften, 
gequälten Charakter zu haben als bei demjenigen, der bloß unechtes Seelisches 
in sich wahrnimmt, weil das Ich-Ideal des Depersonalisierten eine stärkere 
Besetzung mit desexualisiertem Eros (aus dem narzißtischen Libidovorrat 
stammender indifferenter Energie) und wohl auch mit destruktiver Energie er- 
fahren hat. 

Auf Grund unserer Definition des psychisch Echten und Unechten beant- 
wortet sich auch die Frage Freuds in seinen „Bemerkungen über die Über- 
tragungsliebe", ob die Übertragungsliebe echt sei, wie folgt: Bei dem Ana- 
lysanden, der dem Analytiker Liebe und Sympathiegefühle entgegenbringt, ist 
während der Erlebenszeit keine widersprechende Regung vorhanden, ja viel-: 
leicht empfindet er gerade die Übertragung zum erstenmal in seinem Leben 
als ein wirklich echtes Gefühl. Zwar hat der Analytiker in der Tat oft den 
Eindruck, daß der unbewußte Widerstand die Äußerungen der Verliebtheit 
übertreibt, aber deswegen ist diese doch nicht vom Widerstand geschaffen, 
ins Bewußtsein als gegensinniger Ersatz vorgeschoben worden (unecht i. w. S.). 
Nein, die Echtheit des Phänomens wird auch vom Standpunkt unserer 
Stellungnahme zu den Äußerungen des Patienten nicht entkräftet. Man hat 
kein Anrecht, meint abschließend Freud, der in der analytischen Behandlung 
zutage tretenden Verliebtheit den Charakter einer „echten" Liebe abzustreiten; 
die Übertragung sei bloß ein Spezialfall der Liebe, der unter den besonderen 
Bedingungen der Analyse und des Widerstandes stehe. Eine andere Auffassung 
vertreten hingegen L. Jekels und E. Bergler („Übertragung und Liebe"), 
die einen wesentlichen Unterschied zwischen Liebe und Übertragungsliebe er- 
blicken; bei dieser überwiegt ihrer Meinung nach die Angst vor dem auf das 
Objekt projizierten „Dämon", dem streng verbietenden Anteil im Über-Ich. 
Das Phänomen der positiven Übertragung wäre vom Standpunkte dieser bei- 
den Forscher als unechte Liebe zu bezeichnen, sofern hier der typische Be- 
griff der Unechtheit (Unterordnung unter einen falschen Typ) verwendet 
wird. Denn im spezifischen Sinn ist ja die Übertragungsliebe nur dann als 
eine unechte Gefühlshaltung zu charakterisieren, wenn dem Affekt etwa ein 
Gefühl der Indifferenz gegen den Analytiker widerspricht. 

Zwischen „echter" und „unechter" Übertragung unterscheidet ausdrück- 
lich W. Reich („Der genitale und der neurotische Charakter"), wobei er 
allerdings die Übertragung nicht als das in der analytischen Behandlung regel- 
mäßig auftretende Phänomen, sondern als Verliebtheit des Erwachsenen über- 
haupt auffaßt. Die unechte Übertragung sei die mit dem Charakter des 
Infantilismus behaftete Liebesbeziehung. Bei ihr stellt die geliebte Frau das 



Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 



391 



Inzestobjekt (Mutter, Schwester usw.) aktuell dar und die Übertragung ist 
mit allen Ängsten, Hemmungen und neurotischen Merkwürdigkeiten der in- 
fantilen Inzestbeziehung belastet. Reich verwendet hier offenbar den typi- 
schen Begriff der Unechtheit: die „unechte" Übertragung ist gar nicht wirk- 
lich Übertragung, sondern etwa „Fixierung". Im Falle der Unechtheit im 
spezifischen Sinn würde es aber von dem Verliebten heißen: Das ist 
eigentlich nicht Übertragung (= Verliebtheit des Erwachsenen überhaupt), 
sondern es scheint nur so, als ob, 7 der Betreffende ist im Grunde gleichgültig 
oder gar feindselig. 

Am Ende dieser Ausführungen über das Echte und Unechte im Seelenleben 
sei noch folgendes bemerkt. Natürlich sind die Grenzen zwischen dem 
Echten und Unechten fließend. Es wird schwer fallen, mit Sicherheit zu sagen, 
daß ein Gefühl absolut echt ist, ein durchaus nur Bodenständiges, Entwickeltes 
darstellt gegenüber dem Angenommenen, Nachgeahmten. Und schon gar 
nicht wird bei den meisten Menschen das ganze seelische Leben frei von mehr 
oder weniger unechten Regungen sein. Das Unechte, sagt Jaspers, scheint 
überall relativierend mitzuwirken. Psychoanalytisch gesehen, liegt die Ur- 
sache vermutlich in dem so leicht spielenden Identifizierungsmechanismus. Er- 
höhter Narzißmus und ein schwach entwickeltes Über-Ich bedingen demgemäß 
eine Disposition zu unechten oder unecht gesteigerten Gefühlen (vgl. meinen 
früheren Hinweis auf den hysterischen Typus). Ein aktives, selbstbeobachten- 
des Ich-Ideal hingegen wird sehr bald den "Widerspruch zum unechten Gefühl 
wahrnehmen und durch seinen eigenen sekundären Widerspruch die Hin- 
gabe an das unechte Gefühl vollends verhindern. 



Literatur 

Deutsch, Helene: Über einen Typus der Pseudoaffektivität („Als ob"). Int. Zeitschr. 
f. Psa., XX, 1934. 

Federn, Paul: Narzißmus im Ich-Gefüge. Int. Zeitschr. f. Psa., XIII, 1927. 

Feldkeller, Paul: Sinn, Echtheit, Liebe nach Paul Hofmanns Sinn- Analyse und deren 
Bedeutung für die Weltanschauungskrise der Gegenwart. Panbücherei, Gruppe Philosophie, 
Nr. ii. Berlin-Charlottenburg 193 1. 

Fenichel, Otto: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Wien 1931. 

Freud, Sigmund : Bemerkungen über die Übertragungsliebe. Ges. Schriften, Bd. VI. 

Haas, Wilhelm: Über Echtheit und Unechtheit von Gefühlen. Zeitschr. f. Pathopsycho- 
logie. II. Bd., Leipzig u. Berlin 1914. 

Hartmann, Heinz: Die Grundlagen der Psychoanalyse. Leipzig 1927. 

Ichheiser, Gustav: Grundsätzliches zur Psychologie der Täuschungsmechanismen usw. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., 130. Bd., 1930. 

Jaspers, Karl: Psychologie der Weltanschauungen. Berlin 1919. 

7) Hier wäre eine erst nach Abschluß dieser Abhandlung erschienene Arbeit von Helene 
Deutsch zu nennen: Über einen Typus der Pseudoaffektivität („Als ob"). Es handelt sich 
um Personen, die sich so benehmen, als ob sie ein vollempfundenes Gefühlsleben besäßen. 
Die analytischen Beobachtungen der Verf. beziehen sich durchwegs auf Frauen. 



Jekels, Ludwig, u. Bergler, Edmund: Übertragung und Liebe, Imago, XX, 1934. 

Klages, Ludwig: Die Grundlagen der Charakterkunde. Vierte Auflage der Prinzipien der 
Charakterologie. Leipzig 1926. 

Klages, Ludwig: Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches. Leipzig 1926. 

Kronfeld, Artur: Perspektiven der Seelenheilkunde. Leipzig 1930. 

Pfänder, Alexander: Zur Phänomenologie der Gesinnungen. In: Jahrb. f. Philosophie 
u. phänomenolog. Forschung. I. Bd., I. Teil. Halle a. S. 1913. 

Pfänder, Alexander: Die Seele des Menschen. Versuch einer verstehenden Psychologie. 
Halle a. S. 1933. 

Reich, Wilhelm: Der genitale und der neurotische Charakter. Int. Zeitschr. f. Psa., XV 
1929. 

Reik, Theodor: Wie man Psychologe wird. Wien 1927. 

Scheler, Max: Über Selbsttäuschungen. Zeitschr. f. Pathopsychologie. I. Bd., Leipzig 
u. Berlin 1911. 

Scheler, Max: Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe 
und Haß. Halle a. S. 19 13. 

Schilder, Paul: Selbstbewußtsein und Persönlichkeitsbewußtsein. Monographien aus dem 
Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie, Heft 9. Berlin 19 14. 

Schilder, Paul: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psa. Grundlage. Wien 192J. 



Triebdualismus im Traum*' 

Von 

Ludwig Jekels und Edmund Bergler 

dzt. Stodtholm Wien 



Meine Damen und Herren! Aus der Reihe von in Aussicht genommenen 
Untersuchungen wichtigerer psychologischer Phänomene unter dem Aspekt 
des Triebdualismus Eros — Todestrieb bringen wir hiemit unsere zweite 
Arbeit zum Vortrage. 

Vorerst sollten wir eigentlich, angesichts des energischen Widerspruches, 
auf den die Todestriebhypothese in der letzten Zeit namentlich im Buche von 
Wilhelm Reich „Charakteranalyse" gestoßen ist, die sozusagen prinzipielle 
Frage untersuchen, ob darnach jene Freudsche Konzeption überhaupt noch 
zu Recht besteht und ob nicht vielmehr durch deren Umstoßung auch unserer 
Untersuchung bereits der Boden entzogen würde. 

Nun meinen wir, es sei hier weder der Ort, noch stehe uns die erforderliche 
Zeit zu Gebote für eine ausführliche Polemik, und wir gedenken dieselbe ein- 
zuschränken, zumal wir der Ansicht sind, eine richtige Polemik bestehe un- 
gleich weniger in der Widerlegung des Gegners als vielmehr in der Stützung 
der eigenen angefochtenen These, sohin im vorliegenden Falle etwa in der 
Beibringung eines neuen Beleges für die Existenz des, wie Freud klagt, „so 
schwer zu fassenden, stummen und schwer aufzeigbaren Todestriebes". Und 
da wir uns im Besitze einer solchen, die bisherigen vielleicht an Deutlichkeit 
übertreffenden Spur vermeinen, so sollen unsere polemischen Bemerkungen 
gegen Reich sich lediglich auf jene seiner Behauptungen beziehen, die diesen 
unseren speziell vorgezeichneten Weg irgendwie kreuzen.' 

Eine solche Manifestation glauben wir in einem Phänomen gefunden zu 
haben, das, wie kaum anders möglich, selbstredend von einem Triebgemisch 
gesteuert wird, in welchem jedoch der Todestriebanteil, wie wir meinen, sich 
ungleich deutlicher als sonst durch gewisse dem Todestrieb von Freud zu- 
geschriebene Kriterien verrät. 

Dieses Phänomen gehört nicht, wie die bisher in bezug auf dieses Problem 
in Erwägung gezogenen, dem Gebiete der Pathologie an, findet sich vielmehr 
schon im Bereiche der Norm, stellt einen biologischen, zutiefst in der das 
organische Leben so weitgehend beherrschenden Periodizität verankerten Zu- 
stand dar; es ist, Sie dürften es vielleicht bereits erraten haben — der Schlaf. 



*) Vorgetragen am XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Luzern am 
27. August 1934. 



Daß wir hier so bedenkenlos ein biologisches Problem heranziehen, hat 
mehrere Gründe, darunter nachstehenden: Freud, der doch trotz strengster 
Kompetenzabgrenzung die intimste Verbundenheit des Psychischen mit dem 
Biologischen und sein letztliches Bedingtsein durch das Organische nie aus den 
Augen gelassen hat, versuchte stets das Verhältnis der beiden Erkenntnisgebiete 
zueinander durch folgendes Bild zu veranschaulichen: „Es ist wie bei einem 
Tunellbau, der doch fast immer von beiden Seiten zugleich in Angriff ge- 
nommen wird. Wir Psychologen von der einen, die Biologen von der anderen 
Seite; eines Tages erfolgt dann der Durchstich der noch trennenden Schichte, 
so daß wir uns dann die Hand reichen können." Und nun hat sich, meine 
Damen und Herren, diese Prophezeiung tatsächlich erfüllt, denn auf einem, 
allerdings begrenzten Sektor ist nunmehr der Durchstich tatsächlich erfolgt; 
nämlich auf dem Gebiete des Schlafphänomens. 

Für das Verständnis unserer weiteren Ausführungen erscheint es uns gar 
nicht notwendig, hier vor Ihnen die ganze, ebenso reiche wie interessante 
Problematik des Schlafes zu entrollen, wie sie die physiologische Forschung 
unablässig beschäftigt. Es genügt für unsere Zwecke vielleicht die nach- 
stehende dürftigste Skizze: 

Es stehen sich da gleichsam zwei Ansichten gegenüber; eine, welche die Ursache 
des Schlafes in Zustände und Vorgänge im Gehirn verlegt und in ihnen das Wesen 
des Schlafes erblickt; für sie ist der Schlaf letztlich bloß ein Vorgang an den Nerven- 
zentren. Diese sind „gleichsam große Blockierungsstellen, die, in das allgemeine Netz 
der Erregungsbahnen eingeschaltet, die von allen Seiten ein- oder durchlaufenden 
Erregungszüge zum Halten bringen". Darnach erblickt diese Theorie den Mechanis- 
mus des Schlafes in einer „erregungshemmenden Blockade, die in sinnreicher Weise 
in das Getriebe der lebenserhaltenden nervösen Regulation eingebaut ist" (Winter- 
st ein: Schlaf und Traum). Unvergleichlich weiter als diese sogen. Hirnschlaftheorie 
faßt das Problem die andere, hauptsächlich durch Economo und Pötzl vertretene 
Theorie, wie sie in dem Sammelwerk „Der Schlaf" niedergelegt ist. Ihr ist der 
Schlaf keineswegs ein bloß lokal am Gehirn sich abspielender, vielmehr ein all- 
gemeiner Vorgang, weshalb sie außer dem Hirnschlaf auch noch einen Körperschlaf 
unterscheidet. 

Wir glauben diese Auffassung des Schlafes als eines Allgemeinphänomens richtig 
dahin zu verstehen, Economo — der übrigens selbst durch die Entdeckung des 
so wichtigen Schlafsteuerungszentrums die Lehre vom Schlaf sehr bereichert hat — 
sei vor allem der Ansicht, daß die Lehre von den Schlafzentren die Frage nach dem 
Wesen des Schlafes weder beantwortet habe, noch auch sie beantworten könne. 
Denn _ der Schlaf sei vielmehr als ein durchaus primärer, allgemein-biologischer, 
alternierender Zustand aufzufassen, der nicht seine letzte Ursache, sondern bloß seine 
Regulation und diese wiederum bloß teilweise im Zentralnervensystem hat. Er 
sei em komplexer biologischer Zustand, eine biologische Vielheit, der 
auch die meisten Organfunktionen verändert, und zwar nicht nur in Form einer 
Ruhestellung, sondern vielfach in qualitativer Weise. Er stellt eine eigenperiodische 
Schwankung im Ablauf der Gesamtfunktionen des Organismus dar. Und dieser 



Triebdualismus im Traum 



395 



große, bloß zu einem Teil auf nervösen, zum andern Teil auf sehr verschiedenen 
Ursachen beruhende vegetative Apparat, der die allgemein eigenperiodischen 
Schwankungen des Schlafens und des Wachens, die Gezeiten unseres Organismus, 
der Ebbe und Flut vergleichbar, bedingt, besitzt nicht etwa seine letzte Ursache, 
sondern bloß seine Regulation, ähnlich wie andere vegetative Funktionen, im Zen- 
tralnervensystem. 

Wie man also sieht, bestehen zwischen den beiden Richtungen sehr weitgehende 
Unterschiede. Aber über all das sie Unterscheidende hinweg, erweisen sich beide 
Theorien eingestandenermaßen als weitgehend beeinflußt von den Ansichten Freuds 
über den Schlaf. Die psychoanalytische Charakteristik des Schlafzustandes, wie sie 
z. B. in den „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" gegeben wird, 
lautet wie folgt: 

„Der Schlaf ist ein Zustand, in dem ich nichts von der Welt wissen will, mein 
Interesse von ihr abgezogen habe. Ich versetze mich in den Schlaf, indem ich mich 
von ihr zurückziehe und ihre Reize von mir abhalte. Beim Einschlafen sage ich 
also zur Außenwelt: laß mich in Ruhe, denn ich will schlafen . . . Die biologische 
Tendenz des Schlafes scheint also die Erholung zu sein, sein psychologischer Cha- 
rakter das Aussetzen des Interesses an der Welt. Unser Verhältnis zur Welt, in die 
wir so ungerne gekommen sind, scheint es mit sich zu bringen, daß wir sie nicht 
ohne Unterbrechung aushalten können. Wir ziehen uns darum zeitweise in den 
vorweltlichen Zustand zurück, in die Mutterleibsexistenz also." 

Und nun hören Sie bitte z. B. den Anhänger der Hirnschlaftheorie, Prof. 
Winter st ein: „Wir haben oben gesehen, daß das Aufhören der Muskeltätigkeit 
nicht einfach ein rein passiver Vorgang ist... Nun sehen wir, daß es 
sich auf dem Gebiete der Empfindung anscheinend ganz ähnlich verhält wie auf dem 
der Bewegung. Auch hier ist der Schlaf nicht einfach ein Erlöschen von Funktionen, 
es sieht vielmehr nach einer aktiven Ausschaltung aus. Es ist nicht ein Nicht-hören- 
oder Nicht-fühlen-Können, es ist ein Nicht-hören- oder Nicht-f ühlen-W o 1 1 e n, 
gleichsam ein Sich-taub- und Gefühllos-Steilen, ein ... ,Ruhe-haben- Wollen'. Wir 
werden diese Auffassung vom Wesen des Schlafes bis in die Träume hinein ver- 
folgen können." 

Und wiewohl Winterstein vieles in der Freudschen Traumtheorie an- 
fechtbar findet und dagegen auch heftig polemisiert, zögert er nicht hervorzuheben, 
„wie eng Freuds Traumlehre sich mit modernen Theorien des Schlafes berührt, 
die uns diesen als einen aktiven Vorgang im Organismus verstehen lassen". 

Noch mit ungleich größerer Bereitwilligkeit bekennen sich hier zur Gefolgschaft 
die Anhänger der allgemeinen Schlaftheorie. So z. B. Pötzl: „... Die Auffassung 
des Schlafes ... von Freud, die rein von der psychischen Seite gewonnen ist, 
stimmt vollkommen überein mit den Ergebnissen der biologischen Betrachtung des 
Schlaf problems und mit jenen modernen Schlaf theorien, die das ,Aktive' am 
Schlafe, das Sich-zurückziehen- Wollen hervorheben; doch ist die Freudsche Auf- 
fassung älter als jene Theorien." 

Es ist tatsächlich so, wie diese Autoren meinen. Wie ein Leitmotiv durchzieht 
die moderne Schlafforschung — welcher Schattierung immer — die Angabe, es 
handle sich nicht um etwas Passives und Negatives, etwa um ein Versiegen von 
Energiequellen oder Erlöschen von Funktionen; vielmehr sei es ein positiver, 
aktiver Vorgang, welcher die den Schlaf charakterisierenden Änderungen der Funk- 
tionen zustande bringe. Denn genau so, wie im angeführten Zitat für die Funk- 



tionen der Bewegung und Empfindung zeigt uns Winterstein dies aktive Moment 
auf beim Vorgang der Reizausschaltung, der Pawlow sehen generalisierten Hern 
mung usw. Und Sarason, der Herausgeber des Werkes „Der Schlaf« resümiert 
die Grundtendenz desselben mit den Worten: „Denn wie ein roter Faden zieht 
es sich durch alle Erörterungen: der Schlaf ist keineswegs eine bloß passive Fr 
scheinungsform des Lebens." 

Economo und Pötzl, die Hauptvertreter der allgemeinen Schlaftheorie, haben 
diese auf eine sehr breite Basis gestellt. Um das Rätsel Schlaf zu erschließen haben 
sie das ganze Bereich der Lebewesen, die Gesamtheit des Organischen, also 
sowohl die Pflanzen-, als auch die Tierwelt herangezogen. Auf Grund dieser ver- 
gleichend biologischen Untersuchungen gelangten sie zum Schlüsse, der Schlaf beim 
Menschen und den höheren Tieren sei selbst ein Sonderfall eines ungleich all 
gemeineren Prinzips dem alles Lebende unterworfen sei. Nach diesen Autoren 
stellt also der Schlaf bloß ein Teilproblem eines viel größeren Ganzen dar, nämlich- 
einer Tendenz, einer inneren Notwendigkeit des Protoplasma, von Zeit zu 
Zeit und in gewissen Situationen in Ruhezustände einzugehen, sowie der 
Fähigkeit des Protoplasma, sich in solche Zustände zu versetzen (nicht etwa zu 
verfallen!). „Die Nötigung des Protoplasmas, zeitweilig in solche Zustände zu über- 
gehen - meint Po tzl - „enthält die allgemeine energetische Hauptfrage, in die das 
energetische Problem des Schlafes gleichsam mit eingeschlossen ist. Die Tätigkeiten 
vermöge deren das Protoplasma dieser Notwendigkeit sich gewachsen zeigt, ent- 
halten auch jene Vorgänge, die . . . gewöhnlich als aktive Leistungen beim Über- 
gang in den Schlafzustand bezeichnet werden." 

Und nun, meine Damen und Herren: Tut man darnach den Tatsachen 
wirklich Gewalt an, wenn man vorerst diese hier von Biologen als immanente 
Eigenschaft, nein als Nötigung des Protoplasmas abgeleitete Tendenz zur 
Ruhe begrifflich mit dem Freudschen Todestrieb zusammenfallen läßt? Und 
weiters dann annimmt, daß im Schlafe, wie er sich aus jener Eigenschaft des 
Protoplasma für den Menschen und die höheren Säugetiere herausdifferenziert, 
eben jene Ruhetendenz, sohin der Todestrieb, zum Ausdruck gelange? 

Wie steht es dann aber, fragen wir, im Lichte jener biologischen Ansicht über 
das Aktive, Triebhafte am Ruhestand um die polemischen Argumente Reichs 
gegen die Todestrieb-Konzeption? So z. B. wenn er meint: „Zur Erklärung 
des Strebens nach Wiederherstellung des Ruhestandes war diese Annahme 
überflüssig. Denn dieses Streben erklärt sich restlos aus der Funktion der 
Libido, eine Entspannung herbeizuführen, ferner aus der libidinösen Mutter- 
leibssehnsucht." Oder aber: „Die Annahme eines biologischen Strebens nach 
dem Tode wird überflüssig, wenn man bedenkt, daß die physiologische Rück- 
bildung des Organismus, sein langsames Absterben, beginnt, sobald die Funk- 
tion des Geschlechtsapparates, des Quellgebietes der Libido, nachläßt. Sterben 
braucht also auf nicht anderem zu beruhen, als auf allmählichem Aufhören 
der Funktionen der lebenswichtigen Apparate." 

Wo somit die Biologie so stark das Aktive an den einschlägigen Vorgängen 



Triebdualismus im Traum 



397 



hervorhebt, gibt es bei Reich bloß ein durchaus passives Aufhören und Nach- 
lassen. Kaum ist ein stärkerer Widerspruch und Gegensatz denkbar, als der hier 
aufgezeigte. Die Scheu vor Uberbiologisierung der analytischen Psychologie, 
die Reich den Anhängern der Thanatos-Theorie vorwirft, berechtigt nicht 
zum Verfall ins andere Extrem, zu so weitgehender Vernachlässigung der 
Biologie. Denn sonst gerät man, wie Reich hier, geradezu in eine anthro- 
pozentrische Betrachtungsweise. Wir wüßten nicht, wie man es anders be- 
zeichnen könnte, dies Herausheben des Menschen aus seinen kosmischen Zu- 
sammenhängen und diese Rückführung seiner universellen Erscheinung auf 
ein Prinzip, nur deshalb, weil es beim Menschen angeblich leicht anwendbar 
ist, und auf das einzige Motiv der Spannung und Entspannung? Ist es nicht, 
als ob man etwa Beethovens IX. Symphonie auf einer Geige wiedergeben 
wollte? 

Wenn wir uns nun, zu unserer eigentlichen Aufgabe zurückkehrend, und 
um unsere Annahme, im Schlafe sei eine Manifestation des Todestriebes ent- 
halten, zu stützen, an die Biologie um Auskunft wenden nach etwaigen Ge- 
meinsamkeiten und Beziehungen zwischen Schlaf und Tod, so sehen wir uns 
hier von ihr, die uns bis nun so viel gegeben hat, plötzlich völlig im Stiche 
gelassen. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, daß sie selbst 
über das Wesen des Todes so wenig Bestimmtes auszusagen weiß. Man fühlt 
sich versucht, anzunehmen, der Tod sei kaum etwas anderes als bloß der 
äußerste Ausdruck, die extremste Steigerung jener Herabsetzung des funk- 
tionellen Niveaus, wie sie schon im Schlafzustande etwa in der Verlangsamung 
und Abschwächung des Herzschlags und Gefäßtonus, der Erregbarkeit des 
Atemzentrums, in der Sauerstoffverarmung, Erniedrigung der Temperatur, 
Verminderung der Drüsentätigkeit usw. zum Ausdruck kommt. Der Tod wäre 
darnach gleichsam das Sinken dieses im Schlafe schon angedeuteten niedrigeren 
Lebensrhythmus bis zum Nullpunkt, zugleich aber dessen Perpetuierung, d. h. 
Verwandlung des periodischen in einen Dauerzustand. Als Beleg dafür könnte 
. man ja hier auch den Winterschlaf anführen, diese als vita minima gedeutete 
Erscheinung. Desgleichen auch den Umstand, daß, wie uns erfahrene Kliniker 
durch statistische Belege belehren, — und was übrigens der Volksglaube seit 
jeher behauptet hat, — das Sterben gleich dem Schlafe mit der Nacht einen 
ungleich innigeren Rapport zu haben scheint als mit dem Tage. Auch die Er- 
fahrung, daß kluge und irgendwie intuitiv-differenzierende Ärzte seit jeher 
bei manchen Erkrankungen sich gegen das viele Schlafen der Patienten 
sträubten. All dies könnte man da anführen. Man fühlt indessen, daß eine 
derartige Zurückführung des Unterschiedes auf bloße Größen- und Energie- 
beziehungen allein keineswegs hinreicht, man besorgt, sich dadurch in einen 
Widerspruch zu setzen mit ebenderselben Theorie, auf die man sich bezog. 



3g8 Ludwig Jekels und Edmund Bergler 

Denn diese warnt uns ja davor, im Schlafe bloß den Tiefstand des Rhythmus 
zu erblicken, denn er sei ein grundsätzlich anderer, in einer qualitativen 
Umstimmung aller Körperfunktionen bestehender Zustand. 

Und so steht man denn mut- und ratlos der aufgeworfenen Frage gegenüber, 
bis einem plötzlich ein anderer Weg aufscheint. Denn es muß doch unbedingt 
etwas besagen, daß in der Vorstellungswelt der Menschheit Schlaf und Tod aufs 
Innigste miteinander gekoppelt sind, und daß diese Verknüpfung so uralt 
und zugleich so gangbar ist, daß man sich nicht ohne eine Spur von Gene 
entschließt, darauf hinzuweisen, wie wir sie gewöhnlich beim Vorbringen 
eines Gemeinplatzes empfinden. 1 Sie können unmöglich einer tieferen Be- 
deutung entbehren, jene alltäglichen Vergleiche: „Schlafen wie ein Toter, wie 
ein Stein, ein Stück Holz, ewigen Schlaf schlafen, die letzte Ruhe", aber 
ebenso jene Sinnsprüche, wie „Tod ist ewiger Schlaf, Tod ist langer Schlaf, 
Schlaf ist kurzer Tod" oder z. B. der von Grabbe: „Pfui! Pfui! Der Schlaf. 
Die Zeit, die man nicht schläft, heiß' ich dem Tod abgewonnen"; auch: „Der 
Schlaf ist halber Tod, der Tod die längste Ruh. Je mehr du schläfst, je minder 
lebest du!" Oder auch das Goethesche: 

Schlummer und Schlaf, zwei Brüder, zum Dienst der Götter berufen 
Bat sich Prometheus herab, seinem Geschlechte zum Trost. 
Aber den Göttern so leicht, so schwer zu ertragen den Menschen 
"Ward ihr Schlummer uns Schlaf und ihr Schlaf uns zum Tod. 

Und ist diese Zusammenstellung so häufig und so uralt, daß man, ohne 
gerade auf eifriger Suche nach ihr zu sein, ihr überall begegnet, in der Gegen- 
wart wie im Altertum. Sagt doch schon Cicero in seinen Tusculanischen 
Unterredungen: habes somnum imaginem mortis. Aus Lessings ausgezeich- 
neter polemischer Untersuchung „Wie die Alten den Tod gebildet" wissen 
wir, wie es für die bildende Kunst der Antike nicht allein selbstverständlich, 
sondern nachgerade verbindlich war, Tod und Schlaf als Zwillingsbrüder zu 
gestalten. Nach einer meisterhaften Analyse mehrerer antiker Kunstwerke 
resümiert Lessing seine Polemik dahin, daß „die Alten den Tod als den 
Schlaf und den Schlaf als den Tod, bald einzeln, bald beisammen . . . gebildet 
haben". Und von der Ilias angefangen — von der übrigens die antike Bild- 
hauerkunst die Idee der Zwillingsbrüderschaft von Schlaf und Tod über- 
nommen haben soll — bis auf die Dichtkunst der heutigen Zeit scheint diese 
Zusammenstellung fast das gebräuchlichste Requisit der Poeten zu sein. 

Dies alles scheint recht wesentlich die Ansicht Schopenhauers zu stützen, 
wonach wir allnächtlich gleichsam „den Tod antezipieren", also dem Tode 

i)G. Graber machte uns nach dem Vortrag aufmerksam, daß er in seinem Buche 
„Zeugung, Geburt und Tod" auf die in der Vorstellung des Menschen so typische assoziative 
Verknüpfung von Schlaf und Tod deskriptiv hingewiesen hat. 



Triebdualismus im Traum 



399 



verfallen. Vielleicht ist eben darin, in diesem allnächtlichen Erleben des Quasi- 
Todes im Schlafe die Ursache der befremdenden Tatsache zu suchen, daß 
das Unbewußte die Todesvorstellung nicht kennt, daß „im Unbewußten nichts 
vorhanden ist, was unserem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt geben kann", 
wohl aber, daß der Tod im Traume so häufig als „ein bekannter Herr" zur 
Darstellung gelangt. 

Darnach gäbe es anscheinend kein lebensgefährlicheres Unterfangen, als in 
den Schlaf zu versinken, und man könnte meinen, daß wir alle einen an- 
erkennenswerten Mut entwickeln wenn wir es dennoch tun, nicht zu sprechen 
von den Lang- und Vielschläfern, denen man geradezu die Tapferkeitsmedaille 
dafür zusprechen müßte. Nun, daß dies Unternehmen überhaupt ganz gefahr- 
los wird und keinen tristen Ausgang nimmt, so daß wir auf jeglichen Stolz 
aus dem Titel dieser Leistung überhaupt verzichten müssen — kurz, daß wir, 
um wieder mit Schopenhauer zu sprechen, dabei dem Tode bloß die 
Zinsen von dem Darlehen bezahlen, das wir von ihm erhielten — , dies, 
meine Damen und Herren, ist das Werk des Eros. 

Wir haben ihn bis jetzt bei unserer Betrachtung im Interesse der An- 
schaulichkeit vernachlässigt und setzen ihn nunmehr in seine Rechte feierlich 
wieder ein. Er, der Eros, ist es nämlich, der erst das schafft, was wir 
unter Schlaf verstehen. Und zwar, indem er zu jenem urtümlichen 
Ruhedrang oder -trieb sich beigesellt; erst von da ab haben wir es mit dem 
Phänomen Schlaf zu tun. 

Wie groß die Leistung des Eros hiebei ist, wie optimal die Mischung, die 
er dem Todestrieb abringt, das können wir daran ermessen, daß das destruk- 
tive Ziel jener Thanatoskomponente nicht allein neutralisiert, 
sondern sogar in sein Gegenteil: in die erholende Wirkung des 
Schlafes verwandelt wird. Dank Freud durchschauen wir aber auch 
die Strategie des Eros hiebei, fast bis in die einzelnen Züge. So verwandelt 
Eros vor allem jenen Ruhetrieb durch die Lustprämie der Rückkehr in den 
Mutterleib in den wohligen Schlafwunsch. 

Reich sieht und erkennt, wie bereits erwähnt, bloß diesen, sozusagen 
reaktiven und sekundären Zuschuß als das Um auf Auf unseres Ruhebedürf- 
nisses, wobei er, wie bereits gleichfalls angedeutet, übersieht, daß es sich hier 
um ein Teilphänomen eines immensen, weil die Periodik und Rhythmik all 
des Organischen mitkonstituierenden Faktors handelt, der ganz unmöglich 
bloß aus einer Ursache abgeleitet werden kann. 

Als weitere Maßnahme des Eros, gleichsam der erhöhte Verteidigungs- 
zustand, die Besetzung des Ichs mit seiner ganzen disponiblen Libido, und als 
äußerste Anstrengung, gleichsam als das letzte und stärkste Aufgebot 

Imago XX/4 



26 



400 Ludwig Jekels und Edmund Bergler 



tritt hinzu die Mobilisierung selbst der verdrängten Libido — der 
infantilen sexuellen "Wünsche. 

Der hohe Gewinn dieser Betrachtungsweise springt in die Augen; denn 
erst jetzt werden uns die beiden bis nun bloß als empirische Tatsachen fest- 
gestellten Eigenschaften des Traumes voll verständlich, nämlich seine wunsch- 
erfüllende Tendenz und ebenso, daß es sich hiebei um sexuelle Wünsche 
handelt. 

"Wenn also nicht aller Schein trügt, so tritt zu der uns wohlbekannten 
Funktion des Traumes als Hüter des Schlafes noch eine zweite hinzu, 
nämlich seine über die erste Funktion weit hinausragende Bestimmung als 
Hüter des Lebens. Beide Tendenzen fallen ja weitgehend zusammen 
schon durch die Lustprämie der "Wunscherfüllung. Aber darüber hinaus: 
schon durch die Tatsache, daß Eros dem Todestrieb hier das Terrain strittig 
macht, den Kampf entfacht und derart die Ruhe und Stille der Leblosigkeit 
durch Bewegung, den „Lärm des Lebens" ersetzt wird, tritt an die Stelle der 
ursprünglichen Destruktion und Lebensverneinung dessen entschiedene Be- 
jahung und Aufbau. Diesen Polemos, diesen Kampf der beiden Urtriebe 
im Traume, daher dies Hin- und Her-gezerrt-werden des Ich bald 
durch die Ansprüche des Es und bald durch die Forderungen 
des Über-Ich, wodurch die Analogie des Traumes mit der Neurose vervoll- 
ständigt wird, — dies, meine Damen und Herren, Ihnen an Beispielen zu 
illustrieren, ist die Aufgabe des anschließenden zweiten Teiles des Vortrags. 

Hier aber sei noch einmal mit allem Nachdruck hervorgehoben, daß in den 
eben entwickelten Gedankengängen die von Freud eingeleitete Rehabilitierung 
des Jahrhunderte mißachteten Traumes nicht bloß eine Fortsetzung, sondern 
insofern sogar eine erhebliche Steigerung erfährt, als der Traum doch hier so- 
zusagen zu einem Regulationsmechanismus von entscheidender, ja das Leben 
sichernder Bedeutung erhoben wird. 

Zu gleicher Zeit findet dadurch eine andere bis nun unentschiedene Frage, 
nämlich ob unser Träumen ein bloß fallweises oder ein regelmäßiges, sozusagen 
zwangsweise allnächtlich auftretendes Phänomen ist, ihre Beantwortung. 
Darnach gibt es ebensowenig einen Schlaf ohne Traum wie einen 
Traum ohne Schlaf, wobei natürlich der ohnehin vom nächtlichen sich so be- 
deutend unterscheidende Tagtraum hier nicht in Betracht kommt. Denn 
der Traum ist ein ständiges, nie zur Absetzung gelangendes 
weil unabsetzbares Stück im Repertoire des Schlafes; er ist 
sein integrierendster Bestandteil, vom Schlafe gar nicht trenn- 
bar, weil mit ihm unauflöslich zu einer Einheit, zu einem Ganzen 
verschmolzen. "Welcher Ansicht übrigens selbst von der Physiologie in- 
sofern kaum ein Widerspruch begegnen kann, als doch die neuen Unter- 



Triebdualismus im Traum 



401 



suchungen sehr überzeugend belegt haben, daß das Erleben selbst im Tief- 
schlaf nicht unterbrochen ist, vielmehr ungestört weitergeht. 

Nach alledem können wir somit die Antwort auf die früher aufgeworfene 
Frage nach dem Gemeinsamen und Trennenden zwischen Schlaf und Tod 
durch die nachstehende knappe Formel geben: 

Schlaf ist traumbewegter Tod. 
Tod ist traumloser Schlaf. 

Was übrigens bereits Plato gewußt zu haben scheint, denn er meinte in 
der Verteidigungsrede des Sokrates: „Wenn nur alle Empfindung aufhört und 
es vielmehr wie ein Schlaf ist, wenn einer während desselben nicht 
einmal ein Traumgesicht sieht, dann möchte wohl der Tod ein wunder- 
voller Gewinn sein" (Apologie des Sokrates, § 32). 

Wir würden uns — trotz der unserer Ansicht nach recht konzisen und 
schlüssigen Beweisführung — vielleicht gar nicht getrauen, dies so befremdende 
Ergebnis so zu betonen, wenn wir nicht, bereits nach Niederschrift, auf eine 
völlige Bestätigung unserer Ansicht gestoßen wären. Und zwar von einer 
Seite, die, wenn sie auch nicht die absolute Gewähr der Richtigkeit bieten 
mag — denn wo ist solche zu finden? — , doch gewiß in sehr hohem Maße zu be- 
achten ist. Es ist Immanuel Kant, der sich im $67 der Kritik der Urteils- 
kraft folgendermaßen zu diesem Problem äußert: „So würde ich fragen, ob 
nicht die Träume (ohne die niemals der Schlaf ist, ob man sich gleich nur 
selten derselben erinnert) eine zweckmäßige Anordnung der Natur sein mögen, 
indem sie nämlich bei dem Abspannen aller körperlichen bewegenden Kräfte 
dazu dienen, vermittelst der Einbildungskraft und der großen Geschäftigkeit 
derselben (die in diesem Zustande mehrenteils bis zum Affekte steigt) die 
Lebensvorgänge innigst zu bewegen... und daß ohne diese innerlich be- 
wegende Kraft und ermüdende Unruhe, worüber wir die Träume 
anklagen (die doch in der Tat vielleicht Heilmittel sind), der Schlaf, 
selbst im gesunden Zustande, wohl gar ein völliges Erlöschen des 
Lebens sein würde." 



II. 

In unserer gemeinsamen Arbeit „Übertragung und Liebe" 2 versuchten wir, 
die häufig nicht genügend differenzierten Anteile des Über-Ichs unter An- 
wendung der Eros-Thanatos-Theorie schärfer zu sondern. Wir kamen zum 
Ergebnis, daß beide Anteile desselben: Ich-Ideal („Du sollst") und Dämon 
(„Du darfst nicht") triebpsychologisch und genetisch verschieden 
sind. Das Ich-Ideal hat zwei Wurzeln: Eine derselben besteht in dem Ver- 



2) Imago, XX, 1934. 



36* 



402 Ludwig Jekels und Edmund Bergler 



such des Ichs, die gegen das Ich gerichtete Aggression des Todestriebes auf 
Objekte abzuleiten, wodurch diese schreckhaft werden, sohin ein Vertauschen 
einer inneren gegen eine projizierte äußere Gefahr, ein mißlungener Versuch. 
Diese Leistung des Destruktionstriebes wird vom Eros pariert durch Auf- 
nahme dieser angsterregenden Objekte ins Ich, wo sie Gegenstand des eigenen 
Narzißmus werden. Die zweite "Wurzel der Ich-Idealbildung ist zu suchen in 
einem kompromissuellen Versuch des Ichs, seine supponierte Allmacht auf- 
recht zu erhalten. Diese fiktive Allmacht wird durch die Anforderungen der 
Außenwelt (Stillintervalle, Reinlichkeitserziehung usw.) stark erschüttert. 
Dieser gegenüber habe das Kind infolge seiner Hilflosigkeit bloß die Wahl, 
auf seinen infantilen Größenwahn zu verzichten oder die Gebote und Ver- 
bote der Eltern zwar aufzunehmen, den unfreiwilligen Akt aber zwecks 
Rettung der fiktiven Allmacht als freiwilligen zu drapieren und die Intro- 
jekte mit dem eigenen Narzißmus zu bekleiden. Gelänge aber dem Eros diese 
Abwehr des Thanatos durch Aufrichtung des Ich-Ideals mittels Identifizierung, 
wäre dieses ausschließlich Stätte der Liebe, die es in "Wirklichkeit nicht ist: 
der Thanatos pariert diesen Zug des Eros durch Desexualisierung, mit der 
bekanntlich jede Identifizierung verbunden ist. Das Ich-Ideal ist demnach 
desexualisierter Eros und entspricht jener von Freud in „Das Ich und 
das Es" postulierten, indifferenten, narzißtischen Energie, die jeweils 
zu den beiden Grundtrieben Eros und Thanatos hinzutreten und die Ge- 
samtbesetzung des einen oder anderen Triebes erhöhen kann. So wird das 
Ich-Ideal, einer neutralen Zone zwischen zwei kriegführenden Parteien ver- 
gleichbar, das eigentliche Kampfziel der beiden Giganten, zu einem Spielbaü 
vor allem des Thanatos-Anteils im Über-Ich („Dämon"). Dieser ver- 
dankt seine Konstituierung dem skizzierten mißlungenen Versuch des Eros, 
die ursprünglich gegen das eigene Ich gerichtete Aggression des Thanatos 
mittels Projektion auf Objekte abzuführen. Die Projektion mißlingt in quan- 
titativ verschiedenem Ausmaß: erstens infolge der Hilflosigkeit des Indivi- 
duums, da das kleine Kind gegen die Umgebung machtlos ist und kaum 
größere Aggressionen setzen kann. Zweitens deshalb, weil die gleichen Ob- 
jekte, denen die kindliche Aggression zugewendet wird — die Eltern — be- 
reits ins Ich-Ideal aufgenommen wurden und dies eine Ermäßigung der 
Aggression, resp. Selbstaggression zur Folge hat. Beides führt zur Stauung 
und Rückwendung der Aggression gegen das eigene Ich; das so bedrohte Ich 
gerät in Angst und gibt das Signal der Gefahr. Das Ich-Ideal, die Stätte des 
desexualisierten Eros, wird vom Dämon seinen ichzerstörenden Tendenzen 
dienstbar gemacht. Durch ständiges Vorhalten des Ich-Ideals als 
eines „stummen Modells" und Aufzeigen der Diskrepanz 
zwischen Ich und Ich-Ideal verschafft der Dämon dem Ich 



Triebdualismus im Traum 



403 



Schuldgefühle. Somit wird das Ich-Ideal, das ursprünglich zur Aufrecht- 
erhaltung des bedrohten Narzißmus aufgerichtet wurde, zur gefährlichsten 
Waffe des Thanatos gegen den Eros. 

Wir sind der Meinung, daß dieses ständige Vorhalten des Ich-Ideals 
auchim Traume vor sich geht. Dabei ist dieses Vorhalten des „stummen 
Modells" des Ich-Ideals durch den Dämon keineswegs harmlos: jedes Ab- 
weichen vom selbstaufgerichteten Ich-Ideal scheint im Ich in Form von Schuld- 
gefühlen auf. Das Sonderbare dieses Vorganges ist nun, daß die Qualen, die 
der Dämon dem Ich bereitet, stets über den Umweg des Ich-Ideals vor 
sich gehen. Stets muß eine Diskrepanz zwischen Ich und Ich-Ideal auf- 
gezeigt werden, bevor Schuldgefühl und Strafbedürfnis im Ich entstehen. 
Durch dieses Indienststellen des desexualisierten Eros gegen den Eros schlägt 
der Destruktionstrieb den Eros mit den eigenen "Waffen. 

Versuchen wir diesen Gesichtspunkt, den wir aus der Eros-Thanatos-Theorie 
ableiten, auf die Freudsche Lehre von der wunscherfüllenden Tendenz des 
Traumes anzuwenden, dann gelangen wir zum Resultat, daß dieses Ergebnis 
der ersten Forschungen Freuds nach wie vor unerschütterlich ist. Unter dem 
Ihnen, meine Damen und Herren, im ersten Teil des Vortrages vorgebrachten 
Gesichtspunkt des Polemos, des Kampfes der beiden Urtriebe im Schlaf, meinen 
wir aber, daß in der Freud sehen Formel „Der Traum ist eine Wunscherfül- 
lung" bloß der erotische Anteil des Triebgemisches berücksich- 
tigt erscheint. So unerschütterlich also der Gesichtspunkt der Wunsch- 
erfüllung im Traume ist, erhebt sich doch — wenn man mit der Eros- 
Thanatos-Theorie auch für den Traum Ernst machen will, was bisher unseres 
Wissens niemand versucht hat — die Notwendigkeit einer hier vorgeschla- 
genen und zu beweisenden Ergänzung, die sich um die Frage gruppiert, ob 
nicht neben den eigentlichen Es- Wünschen in jedem Traume eine zweite, 
sozusagen gleichberechtigte Gruppe von Tendenzen zu finden ist, 
die sich um das Über-Ich gruppiert. Zu unserem eigenen Erstaunen 
kommen wir zu der befremdenden Formulierung, das dieses zweite, 
häufigste und regelmäßigste Konstituens jedes Traumes in der 
mehr oder weniger geglückten Abwehr eines Uber-Ich-Vorwurfs be- 
steht. 

Um Mißverständnisse auf das notwendige Maß zu reduzieren, sei schon hier 
hervorgehoben, daß wir damit keineswegs die von Freud und Alexander 
beschriebenen Strafträume meinen, die heute bereits ein analytisch anerkanntes 
Dasein führen. Wir sprechen hier von den typischen Wunscherfül- 
lungsträumen, wobei wir deren Zweigeleisigkeit postulieren. Das 
heißt, wir gehen von der von uns gemachten Erfahrung aus, daß die Trieb- 
kraft zu jedem Traume von einem verdrängten Es-Wunsch und 



einem unbewußten Über-Ich-Vorwurf ausgeht, wobei das Ich das als 
Traum imponierende psychische Gebilde erst schafft. Das Resultat des 
Zusammenprallens von unbewußtem Es- Wunsch und unbewußtem Ober- 
Ich-Vorwurf hängt davon ab, welchem der beiden Triebe das Sich- 
aneignen des Ich -Ideals und seiner indifferenten narzißtischen Energie 
gelingt, womit sich einer der beiden Triebe zum Herrn der Situation macht. 
Jeder Wunschtraum muß demnach zwei Funktionen erfüllen: 

i. den jeweiligen unbewußten Vorwurf des Dämons wider- 
legen; 

2. einen verdrängten infantilen Es-Wunsch befriedigen. 

Um diese unsere These zu demonstrieren, wählen wir jenen berühmten 
Traum Freuds vom 23.724. Juli 1895, der unter dem Titel „Der Traum von 
Irmas Injektion" 3 ganzen Generationen von Analytikern den Zugang zum 
Traumproblem eröffnete und als Paradigma eines Wunschtraumes gelten 
kann. Die Wahl dieses Traumes hat den Vorteil, daß er Ihnen allen bekannt 
ist und ein Einwand, etwa des Inhalts, der Traum sei falsch gedeutet, ein Vor- 
wurf, der erfahrungsgemäß gegen jede Traumdeutung in analytischen Kreisen 
erhoben wird, gerade bei diesem Traum nicht zu befürchten ist. 

Wie Ihnen erinnerlich, hat der Traum die später als Tagesrest verwendete 
Vorgeschichte, daß eine als „Freund Otto" bezeichnete Persönlichkeit Prof. 
Freud etwas zögernd und ironisch auf seine diesbezügliche Frage mitteilt, 
der Patientin Freuds, namens Irma, gehe es besser, aber nicht ganz gut. 

„Ich weiß", sagt Freud, „daß mich die Worte meines Freundes Otto, oder der 
Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf heraus- 
zuhören, etwa, daß ich der Patientin zu viel versprochen hätte . . . Übrigens wurde 
mir meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Aus- 
druck. Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas nieder, um 
sie, wie zu meiner Rechtfertigung 4 ) dem Dr. M., einem gemeinsamen Freunde, 
der damals tonangebenden Persönlichkeit in unserem Kreise, zu übergeben." 

Der Traum besteht nun in einer komplizierten Widerlegung von Vorwürfen 
des Ich-Ideals, die sich im Anwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit 
konzentrieren. Die wunscherfüllende Widerlegung ist Ihnen bekannt: Nicht 
der Träumer, Otto ist an der Krankheit Irmas schuldtragend, er hat ihr mit 
einer unreinen Spritze eine Injektion gegeben, die abstinent lebende junge 
Witwe sei infolge der Sexualstauung unheilbar, sei überhaupt nicht psychogen, 
sondern organisch krank, lehne die analytische Deutung ab usw. usw. Wir 
finden also eine Reihe von Widerlegungen des Vorwurfs mangelnder ärzt- 
licher Gewissenhaftigkeit, verbunden mit Aggressionen gegen Otto und den 

3) Ges. Sehr., Bd. II, S. 108 — 125. 

4) Die Sperrungen in diesem und den übrigen Zitaten stammen von den Verfassern. 



Triebdualismus im Traum 



405 



Ich-Ideal-Repräsentanten Dr. M., Entgegenstellen einer anderen Autorität: des 
Freundes Fließ — kurz, der Träumer ist rehabilitiert. 

Die Frage ist bloß: vor wem rehabilitiert? Die Antwort ist eindeutig: vor 
seinem Gewissen. Freud nennt mit Recht die Argumentation dieses Traumes 
„ein Plaidoyer". Das Plaidoyer wird vor dem inneren Gerichtshof des Ge- 
wissens gehalten. Das Auffallende und Geniale ist nun, daß Freud auch dies 
offenbar bereits vor 40 Jahren geahnt hat, ohne es direkt auszusprechen. So 
heißt es an einer Stelle bei der Deutung dieses Traumes: 

Bemerkenswerterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Er- 
innerungen, die eher für die meinem Freund Otto zugeschriebene 
Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material 
ist gleichsam unparteiisch... 

Und an einer anderen Stelle sagt Freud unter Hinweis auf drei Fälle: die 
mit Sulfonal durch damalige Unkenntnis der Gefährlichkeit des Mittels tötlich 
intoxierte Kranke, den tötlichen Mißbrauch des von Freud, allerdings in 
anderer Applikationsform, verordneten Kokains durch einen Freund, endlich 
Ablehnung der Behandlung und Verordnung einer erfolglosen Seereise bei 
einem an pseudodysenterischen Symptomen erkrankten Mann: 

Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich 
mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen 
kann. 

Unter dem hier vorgebrachten Gesichtspunkt verstehen wir diese Wider- 
sprüche. Das Ich-Ideal macht unter Verwendung, resp. Mißbrauch der Tages- 
ereignisse dem Ich des Träumers den Vorwurf mangelnder ärztlicher Ge- 
wissenhaftigkeit. Durch ein regelrechtes Plaidoyer unter Verwendung einer 
Reihe von Retourkutschen, Widerlegungen, Alibibeweisen, Abschwächungen, 
Verhöhnungen des Ich-Ideals, Zitierung von Entlastungszeugen gelingt der 
Freispruch. Die Freud selbst so befremdlich in einem Wunschtraum er- 
scheinenden Vorwürfe gehören eben in den zu widerlegenden Text der An- 
klage des Staatsanwalts, des Dämons. 

Doch erfüllt der Traum von „Irmas Injektion" auch seine zweite Funktion: 
halluzinatorische Befriedigung verdrängter infantiler Wünsche vorzüglich. Es 
sind dies einige leicht durchschaubare erotische und aggressive Wünsche, deren 
Deutung bloß angedeutet wird und auf die hier nicht näher eingegangen zu 
werden braucht. 

Diese Zweigeleisigkeit: Abwehr des vom Dämon diktierten unbewußten 
Ich-Ideal- Vorwurfs plus Erfüllung verdrängter Es- Wünsche postulieren wir 
für jeden Traum. In dieser Zweigeleisigkeit sehen wir Thanatos und Eros 
am Werke und jeder der beiden Giganten versucht, sich in Besitz des Ich- 
Ideals zu setzen, was beim typischen wunscherfüllenden Traum dem Eros tat- 



4,06 Ludwig Jekels und Edmund Bergler 

sächlich ebenso gelingt, wie beim später abzuhandelnden „Resignationstraum" 
dem Thanatos. 

Darüber hinaus rückt das Problem des „Tagesrestes" in ein anderes 
Licht. Der Tagesrest hatte bisher folgende Bedeutungen: 

„Wenn man", sagt Freud, „die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt, er- 
fährt man, daß 

a) die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist, ins Vorbewußte 
einzutreten und daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern vermag, indem sie sich 
mit einer harmlosen, dem Vorbewußten bereits angehörigen Vorstellung in Ver- 
bindung setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken läßt" 
(Freud, Ges. Sehr., Bd. II, S. 479 ff.). Freud gibt das Beispiel eines ausländischen 
Zahnarztes, der sich durch einen Inländer vor den Behörden decken läßt. Dies er- 
klärt, daß die rezenten Elemente oft von gleichgültigster Art sind, „weil sie gleich- 
zeitig von der Widerstandszensur am wenigsten zu fürchten haben". Daraus erhellt, 
„daß die indifferenten Eindrücke nicht nur vom Unbewußten etwas entlehnen, 
wenn sie an der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich die Triebkraft, über die 
der verdrängte Wunsch verfügt, sondern, daß sie auch dem Unbewußten etwas Un- 
entbehrliches bieten, die notwendige Anheftung der Übertragung". 

b) Andererseits wird das „Besetztbleiben der peinlichen Tagesreste" durch die 
Wunscherfüllung des Traumes wettgemacht und so bewährt sich der Traum als 
Hüter des Schlafes. „Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen unseres wachen 
Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir beschließen, den Schlaf auf- 
zusuchen . . . Aber es gelingt uns nicht immer vollständig. Unerledigte Probleme, 
quälende Sorgen, eine Übermacht von Eindrücken setzen die Denktätigkeit auch 
während des Schlafes fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das 
wir als das Vorbewußte bezeichnet haben. Wenn es uns um eine Einteilung dieser in 
den Schlaf sich fortsetzenden Denktätigkeit zu tun ist, können wir folgende Gruppen 
derselben aufstellen: 1. Das während des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu 
Ende Gebrachte, 2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, 3. das bei 
Tag Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als eine mächtige 4. 
Gruppe, was duröh die Arbeit des Vorbewußten tagsüber in unserem Unbewußten 
rege gemacht worden ist, und endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die in- 
differenten und darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages . . . Wie stellen 
sich aber die vorbewußten Tagesreste zum Traume? Es ist kein Zweifel, 
daß sie reichlich in den Traum eindringen, daß sie den Trauminhalt benützen, um 
sich auch zur Nachtzeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie dominieren gelegent- 
lich den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist auch sicher, 
daß die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl haben können, wie den der 
Wünsche . . ." 

All diese Behauptungen Freuds über die Tagesreste sind analytische 
Axiome, die unumstößlich sind. Wir meinen bloß — und dies ist eine der 
Ergänzungen, die wir vorschlagen — , daß darüber hinaus der Tagesrest eine 
noch größere Bedeutung hat. Der Tagesrest entspricht nämlich u. E. 
in direkter oder symbolischer Form dem jeweiligen Vorwurf des 
Ich-Ideals an das Ich, ein Vorwurf, den der Dämon durch Vorhalten des 



Triebdualismus im Traum 



407 



„stummen Modells" des Ich-Ideals für seine antilibidinösen Zwecke miß- 
braucht. Es handelt sich zutiefst um Ausläufer einer chronischen Vorwurfs- 
bereitschaft, um das Walten des Dämon. 

Das strikteste Gegenteil zum Wunschtraum, in welchem es der Eros 
zustande bringt, die indifferente Energie des Ich-Ideals an sich zu reißen, be- 
steht in den sogen, mißlingenden oder Resignationsträumen. Dabei 
gelingt es dem Widerpart des Eros, dem Thanatos, die desexualisierte psychische 
Energie des Ich-Ideals an sich zu ketten, mit dem Effekt, daß dem Ich die 
Aussichtslosigkeit aller seiner erotischen Bemühungen vordemonstriert wird 
und das Ich resigniert auf diese, ja auf das Leben selbst verzichtet. Diese 
Träume sind auf den Nenner: „Laßt alle Hoffnung fahren" zu bringen: 

Infolge des Frostes wurde sowohl die Wasserleitung, als auch der Abfluß abgesperrt. Ich leide 
unier fürchterlichem Durst ... Ich bekomme endlich eine Limonade, die sich als gesundheits- 
schädlich erweist, da sie aus altem, abgestandenem Wasser aus der Feldflasche meiner Schwester 
stammt ... Auch im Thermophor ist kein Wasser, fast hätte ich irrtümlich Sidol getrunken. 
Aufwachen in tiefster Depression, die den nächsten Tag anhält. 

Der Traum stammt von einem oral regredierenden Patienten mit einer 
oral bedingten Ejakulationsstörung, die einer von uns kürzlich publizierte. 5 
Der Ausgangspunkt des Traumes ist der Weckreiz des Durstes. Wie anders 
verarbeitet aber der Patient diesen Wunsch als der Normale, der etwa einen 
Bequemlichkeitstraum hätte, er trinke aus einer Quelle. Das Stichwort 
„Trinken" löst beim Patienten gewissermaßen einen ganzen Hexenkessel von 
Über-Ich- Vorwürfen aus, die dem verängstigten Ich vorgehalten werden: 
orale Wünsche auf die Schwester und Mutter (die Mutter pflegte dem Pat. 
täglich durch die Schwester einen Thermophor mit Kaffee ins Büro zu 
schicken). Die Endphase des Traumes ist einem Selbstmord gleichzusetzen: 
Sidol ist ein giftiges weißes Metallputzmittel. Es ist, als wollte der Dämon 
dem Ich jeden oralen Wunsch vergällen, als sagte er dem resignierenden Ich: 
Was hast du denn vom Leben, gib es auf und stirb, du wirst deine wahren 
Wünsche nie erfüllen. 

Auch bei diesem Traume ist wieder der Tagesrest ein Vorwurf des Ich- 
Ideals: die Feldflasche der Schwester, von der Pat. am Vortage auf einer Ge- 
birgstour wiederholt getrunken, und der Thermophor der Mutter sind beide 
symbolische Vorstellungen der Brust, resp. des weiblichen Penis, die dem Pat. 
als Memento vorgehalten werden und stellen gewissermaßen die höhnische 
Antwort des Dämon auf den scheinbar harmlosen Trinkwunsch des Patien- 
ten dar. 6 

j) Bergler, „Über einige noch nicht beschriebene Spezialformen der Ejakulations- 
störungen" (Gruppe II, Fallb). Int. Zeitschr. f. Psa., XX, 1934. 

6) Die Durchsetzung der verdrängten Es-Wünsche mißlingt, es sei denn, man nimmt 
die weiße Farbe des Milchersatzes Sidol — des Selbstmordmittels — als solchen Triumph 
des Eros an, freilich bezahlt mit dem Preis des Todes. 



408 Ludwig Jekels und Edmund Bergler 

Zwischen diesen beiden Extremen — Wunsch- und Resignationstraum 
— liegt die große Variationsmöglichkeit der Träume. Wer gerade Vorliebe 
für Einteilung und Systemisierung hat, könnte aus der Fülle der Kompromiß- 
möglichkeiten auf dem erotischen und thanatischen Teil dieser Skala je zwei 
scharf pointierte Traum typen herausheben. Auf der erotischen: den Aggres- 
sionstraum gegen das Ich-Ideal und den „unverhüllten Bekennt- 
nistraum"; auf der thanatischen Seite: den Angsttraum und den Straf- 
traum. 

Beginnen wir beim Aggressionstraum gegen das Ich-Ideal. Eine der Ab- 
wehrmöglichkeiten des Eros gegen die Vorstöße des Dämon besteht im Ag- 
gredieren des zur Plage gewordenen Ich-Ideals. 7 Beispiele solcher Aggressionen 
gegen das Ich-Ideal sind: die Manie, der "Witz, die Komödie (Jekels), 8 
die Heuchelei (Bergler), 9 der Humor (wie dies eine in Vorbereitung be- 
findliche Arbeit der Autoren nachweisen wird). All diese Techniken sind 
ihrem Wesen nach Versuche des Eros, dem Dämon das Quälinstrument — das 
Ich-Ideal — zu entwinden. 

Das Aufzeigen der Brüchigkeit des Ich-Ideals und seiner Heuchelei geht auch 
im Traume vor sich und ist für die psychische Ökonomie vieler Menschen un- 
entbehrlich. 

Patient kommt in die Ordination des Analytikers. Im Wartezimmer fragt er einen Herrn, 
ob der Analytiker der richtige Arzt für eine Augenerkrankung seiner Frau wäre. Der Ange- 
sprochene bejaht und erzählt, daß der Analytiker in einigen Stunden eine Frau mit faltigem, 
geknicktem Augenlid geheilt hat. Plötzlich öffnet sich die Tür zum Ordinationszimmer, der 
Analytiker sagt zu dem Herrn: Dorli, stör' uns jetzt nicht, laß uns allein. — Statt des ele- 
ganten Ruhesofas befindet sich im Ordinationszimmer ein schäbiger, schmutziger Divan. Der 
Analytiker sieht aus wie Dr. Greif. 

Der Träumer ist ein Hysteriker mit Erbrechen und Flatulenz; beide Sym- 
tome traten auf, als die Frau des Patienten gegen seinen Willen eine Schwän- 
gerung erzwingen wollte. Der Patient leugnet also seine Krankheit (weib- 
liche Identifizierung), da nicht er, sondern die Frau der Behandlung bedarf 
wegen der Verwachsungen in der Tube und einer Gebärmutterknickung („ge- 
knicktes Augenlid"), was den Tatsachen entsprach und die Schwängerung 
lange unmöglich machte. Patient ist unbewußt in stark weiblicher Identifi- 
zierung, seine Symptome sind Wunsch- und Abwehrphantasien einer oral 
perzipierten und anal durchgeführten Schwängerung und Geburt. Dorli ist 
der Name der Freundin der Schwester. Der Analytiker hat demnach eine 
männliche Freundin, Patient darf also Erfüllung seiner passiv-homosexuellen 
tionstrieb ist. Gewiß kann sekundär die Angst vom Thanatos zu Quälzwecken 
mißbraucht werden. 

7) S. den Abschnitt „Entwicklung des Über-Ichs" in „Übertragung und Liebe". 

8) „Zur Psychologie der Komödie", Imago 1926. 

9) Vortrag in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 9. Mai 1934. 



Triebdualismus im Traum 



409 



Vergewaltigungswünsche hoffen. Dr. Greif ist Direktor einer Versicherungs- 
anstalt (Analyse = sicherer Erfolg; die Dauer und Unsicherheit der Prognose 
waren ein ständiges Widerstandsargument), er ist ein Frauenheld, der seinem 
Namen Ehre macht („greifen"). Zum schäbigen Divan fällt dem Patienten 
das Meublement eines Dirnenzimmers ein. 

Der Vorwurf des Ich-Ideals lautet: du hast passiv-homosexuelle weibliche 
Wünsche; der Es- Wunsch: Ich will vom Vater koitiert werden. Der Es- 
Wunsch setzt sich durch, indem das Ich-Ideal entwertet wird: Analytiker = 
= Dirne, ist selbst weiblich, resp. bisexuell, wie Patient. Der Patient wirft 
dem mit der Schwester identifizierten Analytiker in der Abwehr vor: „Du bist 
eine Dirne, jeder kann dich kaufen (Honorar!), tu nicht so vornehm, du bist 
ein Schwindler wie jener Dr. Greif, der Versicherungsfachmann (Analyse 
als Gesundheits versprechen, versichern', daß man gesund wird). Also er- 
fülle meine Wünsche." 10 

Einen Schritt weiter in der Abwehr gegen den Dämon führen die so selte- 
nen Träume, in denen das Ich-Ideal völlig abgeschüttelt wird und das Ich, 
in manischem Rausche schwelgend, den Es- Wunsch unverhüllt übernimmt 
(„unverhüllte Bekenntnisträume"). Diese Träume treten meist nach 
Perioden von quälenden Träumen ein. 

Der Angsttraum liegt an der Grenze zwischen dem erotischen und 
thanatischen Skalateil. Er tritt erfahrungsgemäß dann auf, wenn das Ich zu 
sehr vom Dämon bedrängt ist. Er ist ein erotischer Rettungs- und 
Prävenireversuch. In Übereinstimmung mit Paul Federn, Therese Bene- 
deck, Melanie Klein und Sandor Rädo sind wir der Ansicht, daß Angst die 
Reaktion des Ich auf den gegen die eigene Person rückgewendeten Destruk- 
Gewiß kann sekundär die Angst vom Thanatos zu Quälzwecken mißbraucht 
werden. 

Strafträume sind mit den früher besprochenen Resignationsträumen 
nicht identisch. Beide thanatisch, unterscheiden sie sich voneinander durch 
den Effekt: der Straf träum dient letzten Endes noch dem Lustprinzip, da er 
zur Lösung hat: „Abbüßung zwecks Befreiung" und aus seinem Elend meist 
noch einen masochistischen Lustgewinn herausschlägt. Beides ist beim echten 
Resignationstraum kaum mehr in wesentlichem Ausmaß der Fall. 

Zusammenfassend sei hervorgehoben, daß wir dem hier aufgezeigten zweiten 
Konstituens jedes Wunschtraumes — die Widerlegung des Vorwurfs 
des Dämons, der dem Ich in Form des „Tagesrestes" durch Ver- 
mittlung des Ich-Ideals vorgehalten wird — die gleiche psy- 
chische Valenz zuschreiben, wie dem halluzinatorisch zu er- 

10) Auch in diesem Traum entspricht der Tagesrest den Vorwürfen des Ich-Ideals, wie 
dies die Traumelemente „Dorli, Greif, gynäkologische Erkrankung" beweisen. 



4'0 Ludwig Jekels und Edmund Bergler: Triebdualismus im Traum 



füllenden verdrängten infantilen Es-Wunsch. Erst diese Zwei- 
gleisigkeit des Traumes, die Kombination beider Tendenzen, schafft den 
Traum, der sich somit als typisches Beispiel einer Triebmischung ent- 
puppt. Je nachdem es den beiden Grundtrieben gelingt, die indifferente psy- 
chische Energie des Ich-Ideals an sich zu reißen, entsteht eine der zwischen 
"Wunsch- und Resignationstraum möglichen Spielarten. 

Die Freudsche Psychoanalyse ging von der Entdeckung der dynamischen 
Wirkung des Verdrängten aus. Deshalb stieß Freud zuerst auf die Bedeutung 
der Es-Wünsche im Traume. Die Über-Ich-Seite beschrieb Freud zuerst als 
„Zensur". Erst die neueren Ergebnisse seiner Forschungen — der Trieb- 
dualismus Eros und Thanatos — gestatteten uns, das zweite Konstituens des 
Traumes - den Vorwurf des Dämons - zu finden, den wir Ihnen als 
gleichberechtigten Partner des Es-Wunsches vorlegen und dessen 
Nachprüfung an klinischem Traummaterial wir erbitten. Dabei sind wir uns der 
Schwierigkeiten und Dauer, bis eine Akzeptierung — wenn sich unsere An- 
nahmen als richtig erweisen sollten — möglich ist, durchaus bewußt. Auch 
achten wir den Einwand, daß man seit 40 Jahren Millionen von Träumen in 
Tausenden Analysen auch ohne die hier vorgebrachten Neuerungen mit Er- 
folg gedeutet hat, keineswegs gering. Endlich bedeuten unsere Auffas- 
sungen ein viel stärkeres Hervorstreichen des Schuldgefühlsmomentes auch im 
Traum, mit dem Resultat, daß ein großer Teil der Libido auch beim „ge- 
wöhnlichen" Wunschtraum gerade in Abwehr und Übertönen des un- 
bewußten Schuldgefühls — also des Destruktionstriebes — aufgezehrt 
wird. 



Der psychologische Inhalt von Männlich 1 
und Weihlich 1 



Von 

Fritz Witteis 

New«yorfc 



Männlich und Weiblich als Erlebnis 
Mit den Begriffen Männlich und Weiblich befinden wir uns auf psycho- 
analytischem Grenzgebiet. Daher kommen die Schwierigkeiten. Wir suchen 
Hilfe von Nachbarwissenschaften wie Biologie und Soziologie, aber diese Hilfe 
reicht nicht aus. Besser fahren wir vielleicht, wenn wir männlich und weib- 
lich als unmittelbare Erlebnisse fassen: Das Reich der Erlebnisse ist ebenfalls 
psychoanalytisches Grenzgebiet. "Wir stoßen in der Psychoanalyse überall auf 
Erlebnisse, aber unsere analytischen Waffen reichen nicht aus, sie zu erfassen. 
Wir analysieren Bedingungen, die zum Erlebnis führen, keineswegs alle Be- 
dingungen und das Erlebnis als solches gar nicht. 

Freud hat das oft ausgesprochen. Er lehnt es ab, sich auf die Erlebnisse 
der Trance, der Ekstase, auf Yogapraktiken und ähnlichen Spuk einzulassen, 
indem er Schillers Taucher zitiert: „Es freue sich, wer da atmet im rosigen 
Licht." Das religiöse Erlebnis führt Freud bekanntlich auf die kindliche 
„Hilflosigkeit und die durch sie geweckte Vatersehnsucht" zurück. „Es mag 
noch anderes dahinterstecken", sagt er, „aber das verhüllt einstweilen der 
Nebel." Auf eine Untersuchung des religiösen Erlebnisses (des „ozeanischen 
Gefühles"), die über die klassischen Feststellungen der Psychoanalyse hinaus- 
ginge, läßt Freud sich nicht ein. Über das künstlerische Schaffen — wir 
substituieren: das Erlebnis des Künstlers und seines Publikums — hat Freud 
an mehreren Stellen (Einleitungen zu Dostojewskis Brüder Karamasow und 
Marie Bonapartes Buch über Edgar Poe; schon lange vorher in seiner Studie 
über Lionardo da Vinci) gesagt, daß es dem analytischen Verständnis nicht zu- 
gänglich sei. Zum Problem der Willensfreiheit als Erlebnis kann die Psycho- 
analyse nichts beitragen. Wir erleben unseren Willen als frei, und das ent- 
gegen aller wissenschaftlichen Gegenbeweise. Es ist interessant, daß fast alle 
ehemaligen Schüler Freuds, die sich von der Psychoanalyse abgewendet haben, 
hier einsetzen und das Erlebnis der Freiheit zum Grundpfeiler ihrer Systeme 
und ihrer Therapie machen, so verschieden sie sonst voneinander auch sein 
mögen (Adler, Jung, Rank). 

i) Nach einem Vortrag am XIII. Internationalen psychoanalytischen Kongreß in Luzern 
am 28. August 1934. 



412 Fritz Witteis 



Da hier versucht wird, den unverständlichen oder unerkennbaren Kern der 
Begriffe „Männlich" und „Weiblich" ins Erlebnis des eigenen und des anderen 
Geschlechtes zu verlegen, worüber später mehr, muß man damit beginnen, 
sich möglichst klarzumachen, was ein Erlebnis eigentlich sei, und das um so 
mehr, als der englischen und französischen Sprache (nicht aber der russischen) 
sogar das Wort Erlebnis in seiner lapidaren Bedeutung (F. Gundolfs Ur- 
erlebnis — Bildungserlebnis) fehlt. Der Engländer übersetzt das deutsche 
Wort mit experience (Erfahrung). Experience deckt aber nur eine von mehr 
(mindestens drei) Bedeutungen, für die das Wort Erlebnis im Deutschen in 
Gebrauch steht. Die tiefere Bedeutung wird von dem Worte experience nicht 
erfaßt. Zwar liegt jedem Erlebnis eine Erfahrung zugrunde, aber nicht jede 
Erfahrung ist ein Erlebnis. Ehe wir hier eine Überlegenheit des deutschen 
Sprachgenius annehmen, gilt es den Verdacht zu entkräften, daß der Begriff 
Erlebnis vielleicht dem Anspruch auf scharf konturierte Klarheit nicht ge- 
nügt, den die „ehrliche" Sprache der Westländer verlangt. Auch in der 
Psychoanalyse kam das Wort Erlebnis in seiner anderen Bedeutung zuerst 
nicht vor, zum Unterschied von anderer moderner Psychologie und Philo- 
sophie. Erst später haben Freud und seine Schule dem unübersetzbaren Be- 
griff als Erlebnistherapie 2 eine tragende Rolle in ihrem Gebäude zugewiesen. 
Zwar erklärt Freud den Affekt für ein „Überbleibsel von Erlebnissen"^ meint 
aber damit kaum mehr, als was sich mit dem Worte Erfahrung gut über- 
setzen läßt. 

^ In voranalytischen Zeiten würde man gesagt haben, daß im Erlebnis ein 
Stück der Persönlichkeit des Erlebenden, ein Stück seines emotionalen Lebens, 
enthalten sei, während die Erfahrung sich der mit Sinnesorganen ausgestatteten 
Person von außen, also objektiv aufdränge. Diese Unterscheidung krankt 
daran, daß es weder rein objektive Erfahrung noch rein subjektives Erleben 
geben kann. Zwei Zitate mögen genügen, um diese längst erkannte Tatsache 
zu beleuchten: „Ein jeder lernt nur, was er lernen kann", und Nietzsches Wort: 
„Unsere Erlebnisse sind viel mehr das, was wir hineinlegen, als das, was darin 
liegt." Etwas Objektives liegt also immerhin darin. Ein objektiver Reiz muß 
da sein, um ein Erlebnis zu provozieren. Das erste Zitat (aus Goethes Faust) 
hinwiederum enthält die Erkenntnis, daß es keine Erfahrung geben kann ohne 
den subjektiven aufnehmenden Apparat einer zur Aufnahme einer bestimm- 
ten Erfahrung vorbereiteten Person. 

In der Sprache der Libidotheorie heißt das: wir erfahren, indem wir die 
Sinneseindrücke mit einer gewissen Menge von Libido besetzen. Wenn diese 

2) Ferenczi und Ranks „Entwicklungsziele der Psychoanalyse", Wien, Internationaler 
psychoanalytischer Verlag, 1924. In der englischen Ausgabe dieser Arbeit wird Erlebnis 
unbedenklich mit experience übersetzt. 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



413 



Menge sehr groß ist, dann wird die Erfahrung zum Erlebnis. Manchmal 
stürzt eine so große Menge von Libido aus uns heraus, daß wir zu den Er- 
scheinungen der Identifizierung, der Projektion, der stürmischen Übertragung 
kommen. Die Erfahrung wird dann zum Schicksal. Wir sind vorübergehend 
oder dauernd nicht mehr, was wir vorher waren, fühlen uns verarmt oder 
bereichert, wehren uns wohl auch gegen solche gefährlich eindrucksvolle Er- 
fahrungen (die man im Deutschen Erlebnisse nennt), weil sie uns aus unserem 
mühsam erworbenen Gleichgewicht bringen. 

Danach scheint der Grund, warum das Wort Erlebnis im Englischen fehlt, 
der zu sein: der englische Sprachgenius sieht sich nicht genötigt, für einen nur 
quantitativen Unterschied ein eigenes Wort einzuführen. Die deutsche Sprache 
hingegen ergreift den Unterschied so, als ob er ein qualitativer wäre. Quali- 
tativ ist er aber dem Gefühle nach. Ähnlich spüren wir qualitative Unter- 
schiede in der Reihe: I like Mm, am fond of Mm, love Mm, am in love with Mm. 
Auch hier kann die Psychoanalyse nur Unterschiede von Libidoquantitäten 
beschreiben. Zwar weiß die Psychoanalyse noch einiges mehr über die Mecha- 
nismen zu sagen, die den einzelnen zu so verschiedenen Besetzungen veran- 
lassen und über die Bedingungen, unter welchen Libidoquantitäten frei oder 
gebunden werden. Aber immer bleibt sie im „ökonomischen" und schlägt 
sich somit zu denen, die das Wort Erlebnis nicht unbedingt brauchen. 3 

Einige Beispiele. Manche Einwanderer kommen nach Amerika, sehen, 
hören, arbeiten hier und das Land bleibt ihnen dennoch fremd. Noch nach 
vielen Jahren sprechen sie die Sprache des Landes unvollkommen und mit 
grausam fremdem Akzent. Die Erfahrung Amerika (das Ereignis ihrer Über- 
siedelung) wird ihnen nicht zum Erlebnis. Sie halten an ihrem mitgebrachten 
Leben und Erleben fest oder, falls sie das mangels neuer Zufuhr auch nicht 
können, werden zu jenen haltlosen, entwurzelten Geschöpfen, welche die 
Unkultur eines Landes ausmachen. Sie haben nicht genug freie Libido übrig, 
um die Sprache und Einrichtungen des Landes zu lieben. Andere Einwanderer 
wachsen in das Land und sind manchmal den Eingeborenen staunenswert 
ähnlich geworden. Das gelingt jungen Einwanderern naturgemäß leichter. 
Sie haben ihre Libido noch nicht unverschiebbar gebunden. Bei manchen 
Einwanderern, die besonders gut assimiliert waren, insbesondere fast völlig 
ohne Akzent amerikanisch sprachen, konnte ich feststellen, daß ihnen 
Amerika durch eine heftige und langdauernde Liebesaffäre mit Einheimischen 
zum Erlebnis geworden war. Sie hatten die Sprache in der Hitze lieben 

3) Immerhin haben wir außer dem Worte „Erlebnistherapie" und dem alten Worte „Ab- 
reagieren", das wir als Vorläufer der Erlebnistherapie ansehen wollen, noch das Wort: 
„Geburtserlebnis", das immer noch reichlich dunkel ist. An diesem Worte sieht der 
Deutsche deutlich, wie unzureichend die Übersetzung experience ist. Interessant, daß der 
Sprachkünstler Freud gelegentlich statt Geburtserlebnis Geburtsereignis sagt. 



414 Fritz Witteis 



gelernt. Das Land war ihnen persönlich an den Leib gerückt. Ihre Libido 
wurde durch ein Liebeserlebnis mobilisiert und auf die Einrichtungen des 
Landes übertragen. 

Wir wissen ja auch, daß Kinder bei geliebten Lehrern besser lernen. Der 
Lehrstoff wird ihnen zum Erlebnis. Man könnte sich ferner fragen, ob die 
musikalische Vollkommenheit eines Virtuosen nicht mehr ist als die Summe 
seiner Fingerübungen, die Beherrschung einer Sprache nicht mehr als die 
Summe der erlernten Vokabeln und grammatischen Regeln. Die Möglichkeiten 
eines Musikinstrumentes werden zum Erlebnis, wenn sie mit Libidoquantitäten 
besetzt werden, die dem narzißtischen Reservoir entstammen. Das Ich des 
Geigers — Ich im weitesten Sinne, also besser gesagt: seine Person — ist im 
Spiele und wenngleich die psychoanalytische Terminologie dieses Phänomen 
quantitativ ausdrückt, wird dennoch deutlich ein Qualitätsunterschied darin 
empfunden. 

Wenn der Westländer so auf den qualitativen Unterschied aufmerksam 
gemacht wird, der das Erlebnis von der bloßen Erfahrung unterscheidet, wird 
er auch begreifen, daß der Deutsche dieses nämliche Wort zur Benennung ge- 
wisser psychischer Phänomene verwendet, die sich nicht weiter analysieren 
lassen. Ein solches Phänomen ist, wie oben erwähnt, die schöpferische Kraft 
des Künstlers — sowohl seine eigene Schöpferkraft als der Eindruck, den er 
auf andere Personen ausübt, die sein Werk verstehn (erleben). Ein zweites 
Beispiel ist das Erlebnis unseres Selbst, unserer Person als solcher. Der Vor- 
schlag dieser Abhandlung geht dahin, auch Männlich und Weiblich als 
Erlebnisse gelten zu lassen. Im Falle der Liebe wird das andere Geschlecht 
zum stärksten Erlebnis, das wir kennen. Deshalb wird auch der Liebende 
am ehesten verstehn, daß „feminin" mehr und anderes bedeutet als passiv 
oder rezeptiv oder irgend eine der Eigenschaften, die meistens aus dem Vo- 
kabular des Physikers stammen, der an die leblose Natur herantritt; mit 
Bergs on gesprochen: aus dem Intellekt, nicht aus der Intuition. Das Ge- 
schlecht ist auch dann ein Erlebnis, wenn die Liebe fehlt: ein rudimentäres 
Erlebnis. Die Möglichkeit der Liebe steckt darin und diese Möglichkeit bleibt 
— wie mir scheint — immer der Hauptinhalt des Erlebnisses der Sexen. Wo 
diese Möglichkeit gering ist und etwa gar Abwehrmechanismen in Bewegung 
setzt (Ehrfurcht, Angst, Ekel usw.), dort wird auch regelmäßig dem Ge- 
schlecht einer Person seine Bedeutung genommen, so daß wir es bei Kindern, 
Greisen, nahen Verwandten oder abstoßenden Personen kaum in Betracht 
ziehen. Solche Personen sind für uns geschlechtslos. Das Geschlecht der 
eigenen Person wird nicht so deutlich erlebt wie das der anderen Objekte. Die 
Erklärung dafür ist vielleicht, daß man von sich selbst etwas weiß, was uns 
beim Nebenmenschen — wenn man nicht in ihn verliebt ist — weit weniger 



_ 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



415 



klar wird, das ist die fundamentale Bedeutung des eigenen Ichs, dessen ge- 
schlechtliche Differenzierung im Verhältnis zum Selbsterhaltungs- und Be- 
hauptungstriebe eine verhältnismäßig geringe Rolle spielt. Man liebt sich 
selbst und es ist dann gleichgültig, ob man in sich selbst einen Mann oder 
ein Weib hebt; man liebt sich desexualisiert, bisexualisiert. Man kann das 
einfacher auch so ausdrücken: die Ich-Libido ist nicht sexuell differenziert. 



II 
Die Polarität des Denkens und Bisexualität 
1933 habe ich eine Arbeit veröffentlicht unter dem Titel: „Das Über-Ich 
in der Geschlechtsentscheidung". 3 * Dort habe ich ausgeführt, daß unser 
Ideal-Ich Vollkommenheitserlebnisse hat, die vom Über-Ich 4 als Polizeimacht 
gefordert werden. In dieser Schicht konnte weiblich und männlich als Voll- 
kommenheitserlebnis wie folgt definiert werden: „Als Männlich oder Weiblich 
wird erlebt, was an einem bestimmten Orte und einer bestimmten Zeit für 
männlich oder weiblich gilt." Individuen, welche die Ansprüche erfüllen, die 
von ihrer Zeit und ihrer Umwelt aufgestellt werden, um für einen vollkom- 
menen Mann, ein vollkommenes Weib gelten zu können, haben für sich selbst 
oder für andere, denen sie solche Vollkommenheit zuschreiben, das Erlebnis 
der vollkommenen Männlichkeit (Weiblichkeit). 5 Wer die Ansprüche nicht 
erfüllt, fühlt seine Unvollkommenheit in Form einer Spannung, die der 
Psychoanalyse wohlbekannt ist. Daß diese Ansprüche und Ansichten in 
historischen Zeiten beträchtlich schwanken (und der Mode unterworfen sind), 
habe ich in der zitierten Arbeit ausgeführt. Man darf hinzufügen, daß sie sich 
sogar in der Lebensgeschichte des Individuums ändern, wie die Psychoanalyse 
besonders für die ersten Lebensjahre nachgewiesen hat. 

Wesentlich ist nicht sowohl solcher Wechsel als vielmehr die Forderung 
an sich, daß man im Geschlechte eindeutig zu sein habe, entweder ein Mann 
oder ein Weib. „Sei ein Mann! (Weib!)" ist eine Forderung, die sich in Gegen- 
satz stellt zur Bisexualität, die alles Lebendige erfüllt, und so ist es nicht ver- 
wunderlich, daß sie auf Widerstände stößt und Reaktionen hervorruft, die der 
Psychoanalyse wohlbekannt sind und denen ich in der vorliegenden Arbeit 
nicht weiter nachgehen werde. Wir schreiten vielmehr zu einer Unter- 

3 a ) Almanach der Psychoanalyse 1933. 

4) Es ist vielleicht nicht überflüssig, ausdrücklich festzustellen, daß ich die Termini Ideal- 
Ich und Über-Ich so verstehe, wie sie bis 1926 in der Psychoanalyse entwickelt waren. 
Später ist unter den Autoren einige Divergenz eingetreten. 

5) Erfahrungsgemäß nehmen biologisch gut ausgestattete Individuen, die vom Ideal-Ich 
aufgestellten Ansprüche gewöhnlich — aber nicht immer — leicht und gerne an und 
wandeln so ihre biologische Vollkommenheit in ein bewußtes Erlebnis um. 

Imago XX/4 2 ^ 



41 6 Fritz Witteis 



suchung der Beziehungen zwischen dem eigentlichen Ich, dem „Wahr- 
nehmungs-Ich" und der Sexualität (Bisexualität). 

In welcher Beziehung steht das Männlichkeitserlebnis (Weiblichkeitserlebnis) 
zum scheinbar unsexuellen, zum denkenden Teile unseres Ichs? Ohne Unter- 
schied des Geschlechts ist zweimal zwei vier. Die Wahrnehmung eines Baumes, 
die Erinnerung an diese Wahrnehmung, die gedankliche Verbindung solcher 
Wahrnehmung mit anderen ist vom Erlebnis Männlich und Weiblich un- 
abhängig, wenn man vom symbolischen Denken absieht, das dem Denken 
des kulturellen Bewußtseins fremd geworden ist oder sein sollte. Mögen die 
Ziffer eins oder ein Baum im Traume hundertmal ein phallisches Symbol 
sein; das sozusagen geschäftliche Denken des Alltags muß an der un- 
sexuellen Realität seiner Operationen festhalten. Die Psychoanalyse sieht 
sich zwar zur Annahme gezwungen, daß alle psychischen Funktionen mit 
Libido besetzt sind und anders nicht zustande kommen können. Aber diese 
Energie ist desexualisiert, weder männlich noch weiblich, sondern gilt uns 
für indifferente psychische Energie. Da kulturelles Denken, wenn es korrekt 
sein soll, sich von sexuellen Einbrüchen freihalten muß, tritt wiederum das 
Ober-Ich in seine Rechte, das dem Individuum nicht nur die Forderung 
entgegenhält: sei nicht bisexuell, sei monosexuell! sondern auch eine zweite 
Forderung: sei im Denken unsexuell! 

Wir wissen, daß diese Idealforderung fast niemals eingehalten werden kann. 
Wie sich in die Bußübungen des Eremiten sexuelle Gedanken einschleichen 
und Burschen bei mathematischen Schularbeiten von Masturbationsgelüsten 
überfallen werden, so schwebt alles unsexuelle Geschehen in steter Gefahr des 
Dammbruches. Die Wissenschaft entfernt sich von der Sexualität noch am 
weitesten und ist verhältnismäßig am besten vor ihr geschützt. Die Ge- 
schichte der Religionen zeigt die kulturelle Verdrängungsarbeit und deren 
gelegentliche Aufhebung (Rückverwandlung von Inbrunst in Brunst) be- 
sonders deutlich. Der sexuelle und unsexuelle Anteil in der Kunst wäre ein- 
gehenderen Studiums wert, als wir bis heute in der Psychoanalyse besitzen. 
Kunst ist darum Kunst, daß sie sich von der Sexualität fernhält. Aber die 
Entfernung darf nicht zu groß werden, sonst stirbt die Kunst ab. In der 
klassischen Kunst liegt eine andere Vermischung von sexuell und nicht sexuell 
vor als in der romantischen. Wir haben im Phänomen Richard Wagner ein 
so nahes Herantreten der Kunst an sexuelle (Tristan) und homosexuelle 
Triebe (Parsifal) erlebt, daß die Musik ein Weiterschreiten auf diesem Boden 
nicht mehr zuließ und doch auch nicht herausfindet aus dieser Gasse. Jedoch 
soll hier von solchen Vermischungen und Einbrüchen der Sexualität nicht 
weiter die Rede sein. Korrektes Denken ist weder sexuell noch bisexuell, 
zeigt aber ein dem Problem der Bisexualität merkwürdig ähnliches Phä- 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



417 



nomen: es ist bipolar und die beiden Pole lassen sich voneinander nicht 
isolieren. „Natur hat weder Kern noch Schale. Alles ist sie mit einem Male." 
Eine dieser voneinander untrennbaren Polaritäten ist aktiv und passiv. 
Schon griechische Sophisten haben mit großem Scharfsinn nachgewiesen, daß 
aktiv und passiv, Bewegung und Ruhe (der Pfeil des Zeno!), Werden und 
Sein sich voneinander nicht scheiden lassen. Ein anderes Beispiel für die 
Unmöglichkeit, hier scharfe Grenzen und absolute Definitionen zu finden, 
ist Form und Inhalt. Wir können aus unserem psychoanalytischen Rüstzeug 
hinzufügen: Subjekt und Objekt, Projektion und Introjektion (Identifizie- 
rung), Sexualtriebe und Ich-Triebe. Alle diese Begriffe scheinen genügend klar 
zu sein, um mit ihnen praktisch zu arbeiten. Aber sie gehören paarweise zu- 
sammen, sind ohne ihre wechselseitigen Beziehungen an und für sich, nicht 
denkbar. Das Reich der Denkpolaritäten ist in der Tat unendlich. Die Re- 
lativität ist durchgehend: Schön und häßlich, gut und schlecht, richtig und 
falsch gehören hierher. Die Mathematik, der reinste Ausdruck wissenschaft- 
lichen Denkens ist auch am stärksten von dieser Relativität durchsetzt. 

Die Versuchung ist groß, diese Relativitäten oder Polaritäten den Be- 
griffen Männlich und Weiblich zu unterstellen. So werden Schönheit und 
Anziehungskraft (ein ursprünglich physikalischer Begriff) in unserem Kultur- 
kreise der Weiblichkeit zugewiesen und Ehrenhaftigkeit, Verläßlichkeit, mo- 
ralische Überlegenheit noch immer und vielfach gegen allen Augenschein der 
Männlichkeit. Es hat Zeiten gegeben, in denen das umgekehrt war. 

Ich habe die Analyse eines Mädchens mitgeteilt, 511 , der Männlich und 
Weiblich auseinanderfiel. Sie hielt sich im Gegensatz zu ihrer Schwester für 
männlich und deshalb für häßlich, obgleich sie auffallend schön war. Sie 
hielt sich aber auch für moralisch häßlich, nannte sich eine Hexe, schwankte 
in ihrem Wirklichkeitsinn, bis sie schließlich an allen ihren Wahrnehmungen 
zweifelte. Die Polarität des Denkens fiel ihr ebenso auseinander wie ihre 
Begriffe von männlich und weiblich. Solche und ähnliche Beobachtungen 
legen den Gedanken nahe, daß zwischen dem zwangsläufig relativen Denken 
und der biologischen Bisexualität, dem Zweigeschlechterwesen des Es, ein 
Zusammenhang — wahrscheinlich ein genetischer Zusammenhang besteht. 
Verwunderlich wäre das nicht, da wir ja das Es als die Matrix ansehen 
müssen, aus der das Ich mit seinen Denkmethoden abstammt. Unsere Denk- 
methoden sind der Sexualität so unähnlich geworden, daß man ihre Rück- 
forderung von Seiten der Libidotheorie für einen Übergriff der Psycho- 
analyse erklärt hat. In der ihnen obligat anhaftenden Bipolarität erkennt 
man aber deutlich die Strukturähnlichkeit mit der Bisexualität aller lebenden 
Substanz. 



5 a ) „Mona Lisa und Weibliche Schönheit". Imago, XX, 1934. 



27* 



4i 8 F«tz Witteis 



Man mag es Dichtern überlassen, komplexe Begriffe wie den Tag, die Sonne, 
den Traum, Europa für männlich, die Nacht, den Mond, den Rausch, Asien 
für weiblich zu erklären. Der Kulturmensch hat die Bisexualität des primi- 
tiven Denkens verloren. Sie ist nur noch in der Dichtung und im Traume 
lebendig. Aber ein untrügliches Gefühl, das in jedermann lebt und also 
objektiv genannt werden darf, ermöglicht uns, in den einfachen Denkpolari- 
täten fast überall ohne eine Spur von Unsicherheit den einen Pol als männ- 
lich und den anderen als weiblich zu erkennen. So führt Freud aktiv für 
männlich und passiv für weiblich ein. So ist Bewegung gefühlsmäßig männ- 
lich und Ruhe weiblich, Werden männlich und Sein weiblich. Zeit, Form, 
Zwang sind männlich. Ewigkeit, Inhalt, Freiheit weiblich. Alle diese so 
sicheren Urteile des Gefühles sind weiter nicht beweisbar, sind Erlebnisse. 
Sie gewinnen praktische und sogar therapeutische Bedeutung, wenn sie, wie so 
häufig, von libidinösen Strömungen des Es überschwemmt und in ihrer 
mühsam behaupteten Desexualisierung gestört werden. 

Vielleicht darf man die Annahme wagen, daß das bisexuelle Es seine Fluten 
von unserem Denkapparat abgezogen, ihn gewissermaßen freigegeben hat, 
um den Angriffen der Realität eine neue und desexualisierte Organisation 
entgegenzustellen. Der Denkapparat ist dann nicht mehr sexuell, aber — 
wenn das nicht allzu widersinnig klingt — noch immer bisexuell. 

Die Definition von männlich und weiblich auf der Stufe des Ichs lautet 
demnach: Männlich und Weiblich ist, was in Form von Denk- 
polaritäten als männlich und weiblich erlebt wird. Man kann in 
das Erlebnis des Geschlechtes aus dem Reservoir des Ichs einbeziehen, was man 
will, wenn es nur gefühlsmäßig hineinpaßt: Aktiv-Passiv, Zerstörung- Auf bau, 
Erleiden-Zufügen, Bewegung-Ruhe. Es wird immer ebenso wahr als falsch 
sein. Die Frage, ob alle diese Begriffe notwendig zur Natur der Geschlechter 
gehören, ist hinfällig. Denn alle diese Begriffe des Ichs sind unsexuell ge- 
worden, also weder männlich noch weiblich. Sie sind aber auch sexuell 
erlebbar, wenn man nur nicht vergißt, daß solche Erlebnisse immer einen 
eigentlich unberechtigten Einbruch des Es in die Denkmethoden des Ichs 
bedeuten. 6 Oder umgekehrt einen des desexualisierten Ichs in das Es wie 
bei der Zwangsneurose, wo bisexuelle Konflikte auf der Ebene von gut und 
böse, richtig und falsch oder irgend einer anderen Denkpolarität ausgetragen 
werden. 

Die viel umstrittene Frage, ob Masochismus weiblich sei oder nicht, würde 
ich mich dahin zu entscheiden getrauen: man fühlt ihn als weiblich. Ander- 
seits sind die Begriffe Masochismus und Sadismus an sich von geschlechtlicher 



6) Freud spricht von Spiegelung. Ges. Sehr., Bd. IV, S. 334. 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



419 



Differenzierung unabhängig. Sie bezeichnen mit Libido besetzte allodestruk- 
tive oder autodestruktive Phänomene. 

In diesem Lichte kann man auch Freuds Bemerkung sehen: „Wüßte man 
den Begriffen männlich und weiblich einen bestimmten Inhalt zu geben, so 
ließe sich die Behauptung vertreten, die Libido sei regelmäßig und gesetz- 
mäßig männlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vor- 
kommt." Als Freud diesen Satz hinschrieb, lehrte er noch, daß verdrängte 
Libido in Form von Angst wiederkehren könne. Diese Angst wäre dann der 
weibliche Gegenpol zur männlichen Libido. Indessen ist diese Polarität 
durch die späteren Forschungen hinfällig geworden, wie auch die zitierte 
Bemerkung Freuds, die ja schon damals mit einem Konditional begann 
(wüßte man . . ."), heute verblaßt ist. Sie ist durch die oben dargestellte 
Bisexualität der Denkpolaritäten zu erklären. 

Übrigens hat Freud in seinen neuen Vorlesungen die Definition des 
psychologischen Geschlechtsunterschiedes durch aktiv-passiv für unzureichend 
erklärt. „ . . . daß Sie bei sich beschlossen haben, aktiv mit männlich, passiv 
mit weiblich zusammenfallen zu lassen. Aber ich rate Ihnen davon ab. Es 
erscheint mir unzweckmäßig und es bringt keine neue Erkenntnis" (S. 159). 



III 

Die Bisexualität im Es 
Den beiden Forderungen: Sei monosexuell! und: Sei unsexuell! steht die un- 
überwindliche Bisexualität des Es gegenüber. Wir wissen, daß wir nicht tief 
ins Es eindringen können. In seinen tiefsten Schichten verschwindet es im 
Körperlich-Biologischen und ist dem psychologischen Zugriff entzogen. Wir 
wissen vom Es, daß es Lust anstrebt, auch Lust durch Zerstören und Zer- 
stören seiner selbst. Aus dem Gesetze des Wiederholungszwanges entwickelt 
Freud das Todesprinzip des Es. Wir dürfen vom Es auch mit großer Sicher- 
heit aussagen, daß es bisexuell ist. 

1. Nach den heute allgemein anerkannten Feststellungen der Biologie muß 
das Es dort, wo es aus dem biologischen Stratum herauswächst und seine 
Triebe bezieht, bisexuell sein. 

2. Der ehemalige Missionär J. Winthuis hat — wie mir scheint, zwingend 
— nachgewiesen, daß primitive Kulturen der Naturvölker vom Erlebnis, d. i. 
vom lebendigen Begriff der Bisexualität vollkommen durchsetzt sind. 7 Bei 
ihnen setzt sich also die Bisexualität bis ins Bewußtsein durch. 

3. Der Psychoanalyse ist seit langem bekannt, daß keine Analyse für be- 
endigt erklärt werden kann, die nicht neben der heterosexuellen Linie auch 



7) „Das Zweigeschlechterwesen", 1928. „Vorstellungswelt primitiver Völker", 193 1. 



die homosexuelle bis zu ihren ersten Repräsentanzen in früher Kindheit ver- 
folgt. Schon 1905 bestand für Freud kein Zweifel, daß alle Menschen 
bisexuell seien. Er hatte damals den Gegensatz von Ich und Es noch nicht 
formuliert. Er sagte: unbewußt bisexuell. 

4. Die sexuellen Symbole des Traumes sind — in tieferen Schichten — 
bisexuell wie der indische Lingam. Obgleich systematische Untersuchungen 
der Traumsymbolik nach dieser Richtung noch nicht vorliegen, darf man der 
Erwartung Ausdruck geben, daß die monosexuelle Traumsymbolik höher 
organisierten Schichten der Traumstruktur (der sekundären Traumarbeit) 
angehören. Das bisexuelle Es setzt sich gegen die anders (monosexuell) or- 
ganisierten Systeme des Ichs (Über-Ichs) ein Stück weit durch, bis es an ein 
Hindernis stößt: das Ich (Über-Ich) fordert Bekenntnis zu eindeutigem Ge- 
schlecht und tritt mit dieser Forderung in Gegensatz zu bisexuellen An- 
lagen, die das Es beherrschen. 

Man könnte der Behauptung, das Es sei bisexuell, entgegenhalten, daß der 
Augenschein oder die Erwartung des Beobachters wenigstens ein Über- 
wiegen des einen oder des anderen Geschlechtes auch im Es fordere. Die Bio- 
logie sagt zu diesem Einwand: es ist so geworden, daß schließlich ein Ge- 
schlecht überwiegt. Wie in der Biologie haben auch im psychologischen Feld 
Vererbung und äußere Einflüsse ihre Rolle gespielt. Wie in der Biologie 
müssen wir aus Gründen, die in der Psychoanalyse seit 30 Jahren geläufig 
sind, auch im Psychischen eine ursprünglich vollkommene Bisexualität des Es 
annehmen, die später beeinflußt wird. 

Diesen Einflüssen, die wir in den Systemen Ich und Über-Ich oben be- 
sprochen haben, arbeiten im Es die grenzenlosen Möglichkeiten des Narziß- 
mus entgegen. Die Vereinigung des Subjektes mit seinem es komplettierenden 
Objekte in der Außenwelt ist nicht so einfach wie die Vereinigung zweier 
zueinander passender Teile. Die Sehnsucht (der Wunsch, die Spannung) des 
einen Es nach der Ergänzung durch das andere benützt Qualitäten, die es in 
sich selbst findet und das zwar lange bevor es seine Ergänzung in Objekten 
der Außenwelt sucht und akzeptiert. Diese Ergänzung im eigenen Leibe und 
der eigenen psychischen Substanz wird von der Psychoanalyse als Autoerotik 
(Ur-Narzißmus) angesprochen. Es ist wie im Vergleich des Aristophanes in 
Piatos Gastmahl: der Libidohaushalt des Kleinkindes ist autoerotisch; man 
kann in diesem Stadium die beiden Teile der Aristophanischen Birne noch 
nicht auseinanderhalten. Aber sehr früh repräsentiert sich der Narzißmus 
bisexuell, indem das Mädchen den Besitz eines Penis illusioniert, der Knabe 
begattet werden und Kinder gebären will. Die Liebe des Erwachsenen 
und schon vorher des Kindes, soweit es objektlibidinös ist, habe ich als die 
Projektion des im eigenen Inneren aufgebauten Andersgeschlechtlichen auf den 



_ 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



421 



Liebespartner beschrieben. 8 Schon Vorläufern der Psychoanalyse, z. B. 
Nietzsche, ist der narzißtische Anteil des Phänomens, das man Liebe nennt, 
aufgefallen. Die Identifizierung, das unmittelbare Verstehen (die „Partizipa- 
tion") der Liebenden könnte ohne vorbereitende Bisexualität nicht so voll- 
ständig sein. „War nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nicht er- 
blicken . . ." 

Ich habe auch in vorher veröffentlichten Arbeiten ausgeführt, daß sogar 
in exquisit weiblichen Leistungen wie Mutterschaft 9 und weiblicher Schön- 
heit 53 die männliche Komponente nicht fehlt. Ein weiteres Beispiel für 
Bisexualität dort, wo der oberflächliche Beobachter sie nicht vermuten würde, 
ist auch der komme ä femme, der Eroberer. Er ist feminin und seine Gewalt 
über Frauen liegt gerade darin, daß er sie versteht, weil er ihnen ähnlich ist. 
Daß er selbst besonders sorgfältig und farbig gekleidet ist, im Tragen von 
Schmuck bis dicht an die Grenze dessen geht, was unser Zeitalter dem Manne 
erlaubt, sich auf Küche genau versteht und weibliche Modejournale liest, 
so daß sein Gedankenaustausch mit Frauen besonders intim wird — alles 
dies und ähnliches zeigt im groben, daß die Erfolge solcher Männer auf 
Identifizierung beruhen. Man erfährt von Frauen, daß der homme ä femme 
auch im Geschlechtsverkehr zu einer Einheit mit dem "Weibe gelangt, die 
weder er, geschweige denn nachhinkende Gelehrsamkeit mit Worten er- 
klären kann. Solche Einheit ist der Höhepunkt einer außerordentlich be- 
weglichen bisexuellen Libido, die der homme ä femme narzißtisch vorbereitet, 
hernach objektlibidinös entfaltet, um sie schließlich, wenn er ein Don Juan 
ist, wieder narzißtisch zurückzuholen. Die Träume des homme ä femme 
und, wenn er neurotisch wird, seine Symptome zeigen deutlich, daß er sich 
vor der Beweglichkeit seiner Libido fürchtet: sie könnte ihn homosexuell 
machen. Seine Erotomanie muß ja seit Freuds klassischen Aufklärungen in 
diesem Sinne verstanden werden. 

In mehr als einer Richtung ist der Vatertyp ein Gegensatz zum homme 
ä femme. Er heiratet, zieht Kinder auf, lebt weniger dem Geschlechtsver- 
kehr als der verläßlichen Zärtlichkeit in der Familie und versteht sich auf 
Geldverdienen, weil er das für seine Pflicht hält. Zum Verführer, den er 
haßt und verachtet, verhält er sich wie der Muttertypus zur „Dirne". Der 
Vater gilt uns für exquisit männlich. Gleichwohl ist es nicht schwer, die 
Repräsentanzen seiner Weiblichkeit aufzudecken. Sie liegen in seiner Mütter- 
lichkeit. In prähistorischen Zeiten, im Matriarchat, hat es ja einen Vater, 
der für die Brut sorgt und sie für sein eigen Fleisch und Blut hält, nicht ge- 
geben. Er ist ein Kulturprodukt. Um das zu verstehen, braucht man nur 

8) „Sakrament der Ehe". Almanach der Psychoanalyse, 1928. 

9) „Mutterschaft und Bisexualität". Int. Ztschr. f. Psa., 1934. 



422 Fritz Wittels 



den Unterschied zwischen dem unväterlichen Gehaben des Vaters von illegiti- 
men Kindern und der alles opfernden Zärtlichkeit des legitimen in Betracht 
zu ziehen. Ich habe in meinem Buche „Freud and his Time" 10 ausführlich 
dargelegt, daß der Familienvater eigentlich eine zweite Mutter ist (S. 197 f.). 
Der Vater von illegitimen Kindern will durchaus nicht glauben, daß ein Hahn 
ein Ei legen kann. 

"Wenn wir nach allen diesen Überlegungen den fast hoffnungslosen Versuch 
einer Definition von Männlich und Weiblich auf der Stufe des Es wagen 
sollen, so wäre etwa zu sagen: Männlich oder Weiblich ist, was nach 
Ergänzung durch Weiblich oder Männlich drängt. Diese Ergän- 
zung wird in der Außenwelt am Objekte gefunden, aber schon vorher und 
immer innen, im Es selbst. Die vorgeschlagene Definition läßt allerdings 
gerade das wieder im Dunkel, was man am liebsten wissen möchte: was ist 
das, was sich sehnt, und das, wonach es sich sehnt? Aber diese Frage kann 
vom Standpunkt des Es durchaus nicht beantwortet werden, weil das Ge- 
schlechtliche dortselbst in logisch faßbarer Trennung nicht vorkommt. Im 
vollständig narzißtischen Zustande ist das Es bisexuell komplett oder kom- 
plett bisexuell. Dieser Grad von Narzißmus wird in Wirklichkeit niemals 
erreicht, weder im Stupor noch vom urnarzißtischen Neugeborenen, der nach 
der Mutterbrust und nach dem Sauerstoff der Luft drängt. Im Zustand der 
Verliebtheit ist die Bisexualitättdes Individuums auf zwei Individuen verteilt. Auch 
dieser Zustand — Narzißmus zu zweien — wird in Wirklichkeit niemals voll- 
kommen erreicht. Die Spannung zwischen den beiden Komponenten der 
Bisexualität sucht und findet Befriedigung innen und außen. Quantitäten von 
Libido, von denen man wünschte, sie wären meßbar, fließen immerwährend 
nach außen und wieder zurück. Durch Zurückfließen erzeugen sie den 
sekundären Narzißmus, der von dem biologischen primären Narzißmus ein 
Wissen um die Verschiedenheit der beiden Geschlechter voraus hat, weil er 
vom Ich mit seinen Sinnesorganen und seinem Denken beeinflußt ist. Der 
sekundäre Narzißmus bekleidet dann alle endopsychischen Strebungen — 
auch die unsexuellen — mit dem Charakter männlich oder weiblich, eine Un- 
terscheidung, die den urnarzißtischen Tendenzen des ewig unwissenden Es 
naturgemäß fremd ist. Aber erst in diesem Zustand des sekundär narzißti- 
schen Wissens um den Unterschied zwischen männlich und weiblich werden 
die Teile psychoanalytisch faßbar. Es ist künstlich und unbefriedigend, den 
Urnarzißmus: das Schwimmen des Fötus im Fruchtwasser, das Trauma der 
Geburt, das Saugen des Kindes an der Mutterbrust, die Säuglingsonanie, auf 
ihren Gehalt an männlich und weiblich zu untersuchen. Wir brauchen durch- 

10) New York, 1931. 



Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 



423 



aus ein Ich und seine ersten Erkenntnisse des Unterschiedes zwischen Mann 
und "Weib, die ihm in Form des ödipus und der Kastrationsangst einleuchten, 
um männlich und weiblich differenziert zu begreifen. 

IV 
Schlußbemerkungen: 

Man kann die Frage aufwerfen, warum denn das Ich im Gegensatz zur 
Bisexualität des Es die monosexuelle Forderung stellt. Ich schlage als Ant- 
wort vor: Um der beim Menschen bedrohlich groß gewordenen Möglichkeit 
einer endopsychischen (narzißtischen) Befriedigung der beiden im Es enthal- 
tenen Teile einen Riegel vorzuschieben; um der Befriedigung am Objekte der 
Außenwelt einen Vorsprung zu sichern. Narzißmus setzt sich in Gegensatz 
zum Prinzip der Fortpflanzung. Es ist klar, daß der Bisexuelle Befriedigung 
in sich selber leichter findet als der Monosexuelle. Kein Zufall, daß Künstler 
(und andere Schöpfer aus sich selber) so regelmäßig bisexuelle Züge zeigen und 
daß ganze Zeitalter bisexuell und schöpferisch zugleich waren. 

Die bio-psychische Gesamtanlage ist offenbar so, daß die Ubertragungs- 
libido unter normalen Umständen vor dem Narzißmus einen Vorsprung 
gewinnt. Dies gilt in unserer heutigen Kultur allerdings nur mehr von der 
heterosexuellen Form, während die homosexuelle, vom Uber-Ich verdammt, 
in der Regel auf Befriedigung im Inneren angewiesen ist und weit eher als die 
heterosexuelle zu Symptomenbildung und Sublimierung schreitet, wenn und 
weil ausreichende direkte Befriedigung am Außenobjekte nicht erreichbar ist. 

Menschen unterscheiden sich psychologisch voneinander nicht so sehr 
durch den Prozentsatz einer angeborenen Mischung von Männlich und 
Weiblich, wie man gerne annimmt, um die Phänomene des Mannweibes und 
des effeminierten Mannes zu erklären. Es fragt sich vielmehr: wieviel Er- 
gänzung und Befriedigung des andersgeschlechtlichen Teiles wird außerhalb 
der eigenen Person im Objekte außerhalb gefunden und wieviel bleibt für 
die innerpsychische Bewältigung übrig. In der Bilanz: Wunsch nach Be- 
friedigung von außen, Wunsch nach Befriedigung von innen, Angst vor Be- 
friedigung außen, Angst vor Befriedigung innen, kann mehr oder weniger 
vollständige Harmonie erreicht werden. Das wäre dann der „normale 
Mensch", den niemand kennt, niemand als solchen definieren kann. Aus 
Gründen, die in ihrem psychologischen Anteil jedem Analytiker geläufig 
sind (ödipus, Kastrationsangst, Versagungen), tritt eine Spaltung der bisexuel- 
len Ansprüche auf und im Zusammenhang mit dieser Spaltung Angst vor der 
einen oder der anderen Komponente der bisexuellen Libido. Gewöhnlich ist 
diese Angst an die homosexuelle Komponente gebunden, aber oft genug an 
die heterosexuelle oder an beide. Wo diese Spaltung und Angst nicht besteht, 



424 Fritz Witteis : Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 

sehen wir sehr männliche Frauen und sehr weibliche Männer unangefochten 
durchs Leben gehen. Sie verlieren nicht so viel ihrer psychischen Energie im 
Kampfe gegen ihre Triebe. Wo Spaltung und Angst auftreten, dort entstehen 
naturgemäß Reaktionsbildungen, die sich psychoanalytisch auflösen lassen. 
"Wir verwenden zu dieser Auflösung die ersten Repräsentanzen von Spaltung 
der Bisexualität in der Kindheit, die uns psychologisch (aber nicht biologisch!) 
als die Ursache der pathologischen Disharmonie imponieren. Zwischen diesen 
ersten Repräsentanzen in der Kindheit und den letzten Repräsentanzen, 
welche die Neurose auslösen und nähren, liegt die mühselige Arbeit der 
Psychoanalyse als Heilmethode. Dem Analytiker ist der panische Schreck 
bekannt, der den Analysanden zu Anfang des analytischen Vorganges packt, 
wenn man die bisexuelle Wunde aufdeckt. Der Patient kann sich nur langsam 
an diesen Anblick gewöhnen, bricht häufig genug und aus keinem Grunde 
häufiger die Behandlung ab. 

Die folgenden Ausführungen Freuds liegen dieser Abhandlung implizite 
zugrunde: 

„Man glaubt doch mit Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen 
männlichen und weiblichen Strebungen, also die Bisexualität ist, aus der die 
Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht. Allein diese Auffassung ist 
lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden Sexualregungen ist die eine 
ichgerecht, die andere beleidigt das narzißtische Interesse; sie verfällt darum 
der Verdrängung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem die Ver- 
drängung ins "Werk gesetzt wird, zugunsten einer der sexuellen Strebungen. 
In anderen Fällen existiert ein solcher Konflikt zwischen Männlichkeit und 
"Weiblichkeit nicht; es ist nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischt, 
aber gegen gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst verstoßen wird. 
Weit häufiger als Konflikte innerhalb der Sexualität selbst finden sich ja die 
anderen vor, die sich zwischen der Sexualität und den moralischen Ich-Ten- 
denzen ergeben . . . Die Betonung der Bisexualität als Motiv der Verdrän- 
gung wäre also zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben 
(Libido) deckt alle Vorkommnisse" (Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 555). 

Diese Bemerkungen enthalten die beiden Forderungen des Ichs von denen 
ich sprach: Sei monosexuell! und: Sei überhaupt nicht sexuell! Wäre es mög- 
lich von Forderungen des Es zu sprechen, könnte man als dritte hinzufügen: 
Sei bisexuell! Woraus sich denn Konfliktsstoff genug ergibt. Aber das Es 
fordert nicht. Es ist viel autokratischer als sein Widerpart. Es fordert nicht 
— es existiert. Und es existiert bisexuell. 11 

11) F. Alexanders Einteilung in Struktur- und Triebkonflikte (Int. Ztschr. f. Psa., 
XX, 1934) könnte hier vergleichsweise herangezogen werden. Das Thema ist indessen kom- 
pliziert und kontrovers, so daß ich diese Gegenüberstellung späteren Diskussionen vorbehalte. 



Neutestamentliche Seelsorge und psycho* 
analytische Therapie 1 

Von 

Oskar Pfister 

I. Ihre begrifflichen Voraussetzungen 

These i: Die neutestamentliche Seelsorge und die psychoanalytische Therapie ent- 
springen beide vornehmlich dem Bestreben, die aus Schuldgefühl entsprungene Angst 
sowie andere peinliche Wirkungen der Schuld zu beseitigen. 

Die Religion verdankt ihre Entstehung zum großen Teil der Absicht, die 
Angst zu überwinden, und zwar nicht in erster Linie die Furcht vor äußeren 
Gefahren, sondern zumeist die Schuldangst. Jeder religiöse Glaube und Kultus 
stellt in dieser Hinsicht einen instinktiven Heilungsversuch dar. Zu den 
schädlichen Folgen der Schuld rechneten die Religionen von jeher ganz be- 
sonders die Krankheiten; deshalb war die Seelsorge, wo sie überhaupt vorkam, 
stets auch Psychotherapie. Für Jesus bildet die Krankenheilung einen inte- 
grierenden Bestandteil seiner Seelsorge, indem er alle Gesundheitsstörungen 
auf böse Mächte zurückführte. Das ganze Neue Testament geht hierin mit 
ihm einig. 

Die medizinische Psychotherapie gewann erst durch Freud die Einsicht, 
daß sämtliche Neurosen und viele organische Leiden auf einem Schuldkonflikt 
beruhen, so daß der Psychotherapeut genau wie der Priester zum Zweck der 
Krankenheilung darauf ausgehen muß, jenes Schuldverhältnis, bzw. seinen 
Niederschlag im angstbetonten Schuldbewußtsein aus der "Welt zu schaffen 
und den Seelenfrieden wiederherzustellen. Nur ist es für ihn hauptsächlich 
die unbewußte, für die neutestamentliche Seelsorge vorwiegend die be- 
wußte Schuld, die bereinigt werden soll. 

"Wenn die neutestamentliche Seelsorge neben Angst und physischen Sym- 
ptomen auch noch andere als Strafe aufgefaßte Schäden aufheben möchte, so 
fehlt es auf Seiten der Psychoanalyse keineswegs an Analogien, indem auch 
hier unzählige Fälle von Mißgeschick, verderblichen und törichten Handlun- 
gen oder Unterlassungen usw., auf unwissentliche Koboldstreiche des bösen 
Gewissens zurückgeführt werden, so daß also auch Freuds Psychotherapie 
wie die neutestamentliche Seelsorge über die Krankenheilung weit hinaus- 
greift in das Gebiet der Wohlfahrt im allgemein-menschlichen Sinne. 

These 2: Die Beurteilung der zu überwindenden Notlage und ihrer Ursachen weist 
im Neuen Testament und in der Psychoanalyse übereinstimmende Züge auf: Das 

1) Ein Auszug dieser Arbeit wurde am 30. August 1934 auf dem XIII. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß in Luzern vorgetragen. 



Leiden erscheint als Strafe für die Übertretung des von einer als streng gefürchteten 
Autorität (N. T.: Gott, PsA: Gewissen, Ich-Ideal oder Über-Ich) erlassenen Gebotes 
oder besonders Verbotes, wobei jene Autorität in jedem Fall vom Kranken als eine ihm 
an Macht und Würde absolut überlegene Instanz, die in der eigenen Seele sich auf- 
lehnende Strebung aber als bewußter oder bewußtseinsfremder Gegenwille (N. T.: Sünde, 
Dämonen, PsA.: Oedipuswunsch, Es) angesehen werden. 

Sowohl Gott, den die neutestamentliche Seelsorge voraussetzt, als das Über- 
Ich Freuds tragen im Bewußtsein des Kranken zunächst angsterregende 
Züge. Nach Freuds mit Feuerbach übereinstimmender Religionspsycho- 
logie sind Gott und Über-Ich zunächst identisch, für Freud im besonderen 
ein bloßes Derivat der Vater-Imago. Und dasselbe gilt vom moralischen 
Imperativ. Gott, Gewissen, Ich-Ideal, Schuldgefühl weisen alle auf ein 
tremendum, etwas, vor dem der Mensch Angst hat. Man verkennt die Eigen- 
art der von Freud als Über-Ich für die Krankheit verantwortlich gemachten 
Tatsache völlig, wenn man übersieht, daß die gebietende oder ver- 
bietende Macht als eine metaphysische, dem Menschen absolut 
überlegene Wirklichkeit gedacht wird. Auch der Gottesleugner, 
selbst der Leugner einer moralischen Weltordnung oder eines universellen 
Sittengebotes schreibt dem in seinem Gewissen auftretenden Gebot oder Ver- 
bot eine Würde und Gültigkeit zu, die weit über den Befehl des Vaters oder 
anderer menschlicher Autoritäten hinausgeht. Wie es sich mit dem meta- 
physischen Charakter dieser imperativischen und prohibitivischen Instanz in 
Wirklichkeit verhalte, wie es mit der Gültigkeit ihrer Rechtsansprüche stehe, 
ob sie sich psychologisch und ontologisch auf bloße Illusionen (Vatergebote 
und -verböte) zurückführen lasse, haben Psychologie und Philosophie zu unter- 
suchen. Gegen Freuds Ableitung des Gewissens ließe sich einwenden, daß 
das Gewissen oft die elterlichen Befehle umstößt; die Entwicklung der morali- 
schen Anschauungen bewegt sich vielfach in Widersprüchen zur Überlieferung, 
und gerade die größten Moralreformer stunden im Widerspruch zu Eltern 
und Milieu. 

Bemerkenswert ist die Doppelheit in der neutestamentlichen und psycho- 
analytischen Auffassung des Gegenspielers, der sich gegen die als höher be- 
rechtigt anerkannte Autorität aufgelehnt hat, also des Sünders, wie des Neur- 
otikers. Einerseits vertritt er bewußte unerlaubte Wünsche, anderseits 
aber waltet der Gegenspieler jenseits des Bewußtseins. Das Neue Testament 
redet von Sund ei, indem es an bewußte Durchsetzung eigener Wünsche, 
sexueller oder ichhafter Triebwünsche unter Mißachtung der sublimen, gött- 
lichen Autorität denkt. Bei Paulus, der seine Psychologie mit Hilfe Piatos 
metaphysisch verankert, wird der Ursprung dieser autoritätswidrigen Gelüste 
in der Fleischnatur, d.h. Sexualität im weitern Sinne (vgl. meinen Aufsatz 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 427 

„Die Entwicklung des Apostels Paulus, Imago VI, 1919, 240 f.) gefunden, 
während anderwärts mehr die Selbstsucht, die ungebührliche Durchsetzung 
der Ich-Triebe, verantwortlich gemacht wird (z.B. Jakobusbrief 1, 14: „Ein 
jeder wird versucht, wenn er von seiner eigenen bösen Lust gezogen und ge- 
lockt wird"). 

Neben dieser Auffassung, die sich mit Bewußtseinstatsachen begnügt, gibt 
es aber im N. T. auch eine andere, die jenseits des Bewußtseins greift, dabei 
aber zugleich primitive Metaphysik treibt. Sie erklärt als Urheber der schuld- 
bewirkenden Gedanken und Handlungen die Dämonen, d.h. im Menschen 
wirkende geistige, persönliche Mächte, die von seinen eigenen geistigen Kräften 
verschieden sind. Sündhaftigkeit und Krankheit sind darnach im Grunde 
Wirkung einer Besessenheit. 

Streifen wir die metaphysische Hülle ab, so befinden wir uns auf echt 
Freudschem Boden, nur daß die von der neutestamentlichen Frömmigkeit 
instinktiv gewonnenen Erkenntnisse hier streng induktiv erworben und in der 
erfahrungswissenschaftlichen Sphäre festgehalten worden sind. Auch bei 
Freud liegt der Ursprung der zu überwindenden Not, der Neurose, in einem 
Konflikt der Triebhaftigkeit, vornehmlich der Sexualität, mit der übergeord- 
neten, zum Imperativ bevollmächtigten Instanz — die, weil sie befehlen 
kann, irgendwie geistig, persönlich sein muß, wenn man sie auch noch 
so sehr als unpersönliche, neutrale Macht kennzeichnet. Aber wie im N. T. 
die eigentlich entscheidende und unheimliche Macht im Dämonischen liegt, so 
findet auch Freud das eigentlich Ursächliche, Maßgebende, "Wirksame, Krank- 
machende im Es, das, gleich dem Dämon, bewußtseinstranszendent, geistig 
(oder psychisch) ist und gegenüber dem Bewußtsein selbstherrlich und in über- 
legener Machtfülle auftritt. Das Es ist als Inbegriff der unbewußten 
Triebhaftigkeit ein säkularisierter Dämon, der Dämon, sofern 
er Krankheit bewirkt, ein ins Religiöse übersetztes Es. Es fällt 
nicht schwer, auch verdrängte unsittliche Regungen als Motive zum Dämonen- 
glauben aufzufinden; normfeindliche Tendenzen zeichnen die Dämonen aus, 
und damit wird die Ähnlichkeit zwischen neutestamentlicher und psycho- 
analytischer Auffassung noch überraschender. 

Wir verstehen nun, warum dem neutestamentlichen Begriff der „Besessen- 
heit" der medizinische Ausdruck „Obsession" in manchen Fällen so genau 
entspricht, daß man den biblischen Terminus einfach latinisiert entlieh. 

Nachdem wir die Verwandtschaft der neutestamentlichen und biblischen 
Begriffsvoraussetzungen klargelegt haben, treten wir nun auf die Heils- und 
Heilungslehre selbst ein. 



428 Oskar Pfister 



II. Die Bearbeitung des religiösen und des profanen (pathogenen) 

Schuldkonfliktes 
Bereits im N. T. finden wir die Anfänge der Beichtpraxis. Jakobus stellt 
den Grundsatz auf: „Bekennet einer dem andern seine Sünden" (5, 16). Die 
Psychoanalyse unterscheidet sich von der katholischen Beichte nach Zweck, 
Inhalt, Ausführung, Bedingungen, Abschluß vollständig, wie ich in meinem 
Buch „Analytische Seelsorge" 2 ausführte. Das Wesen des Freud sehen Ver- 
fahrens wäre gänzlich verkannt, wenn man aus ihm eine Art Beichte machen 
wollte. Allein es bleibt eben doch übrig, daß eine Aussprache, ein Bekenntnis 
erfolgt, mag man in der Analyse auch noch so sehr alles Sakramentale ver- 
meiden und den Akzent auf das Unbewußte, den unbewußten Sinn der Mani- 
festationen, den unbewußten Konflikt zwischen Ich-Ideal und Es, den un- 
bewußten Lustgewinn und Widerstand legen. Der endlose Monolog des 
Sünders und Neurotikers wird in einen zeitlich begrenzten Dialog mit dem 
Seelsorger oder Analytiker verwandelt. Die Ähnlichkeit ist so handgreiflich, 
daß ich über sie nicht weiter zu reden brauche. 

Mehr interessieren uns die psychischen Vorgänge, die sich bei der neu- 
testamentlichen Seelsorge und der psychoanalytischen Therapie abspielen. Zu- 
nächst heben wir hervor: 

These 3: In der neutestamentlichen Seelsorge wie in der psychoanalytischen Therapie 
wird die unerbittlich strenge, mit angstneurotisch gefärbten Zügen ausgestattete Befehls- 
und Strafinstanz durch eine mildere, gütige, das Heil und die Heilung grundsätzlich 
gern gewährende höchste Autorität ersetzt, die dem Postulat der Autonomie entspricht; 
dies geschieht fedoch konsequent nur in der letzten Entwicklungsphase Jesu und nur 
unter der Voraussetzung einer Sinnesänderung, die der Auflehnung gegen die oberste 
Norm ein Ende bereitet. 

Jesus ersetzt den strengen, juristisch gesinnten, ein zwangsneurotisches 
System von Verboten und Geboten aufstellenden und eifersüchtig streng durch- 
setzenden Gott des Pharisäismus durch den liebevollen, gnädigen Vatergott, 
den die klassischen Schriftpropheten vorbereitet hatten. Die in der Thora 
(den fünf Büchern Mose) niedergelegten und durch den Rabbinismus ver- 
schärften Satzungen enthielten neben manchen individual- und sozialhygienisch 
wertvollen und bleibend gültigen Forderungen einen Wust von Vorschriften, 
die nur als kollektiv-zwangsneurotische Manifestationen verständlich sind und 
in einer Notzeit geschaffen wurden, die der Bildung einer religiösen Angst- 
und Zwangsneurose Vorschub leistete. Dem entsprach die typisch angst- und 
zwangsneurotische Haltung des jüdischen Volkes in den Tagen Jesu. Das 
Evangelium hob grundsätzlich, aber nicht durchwegs auch tatsächlich diese 
kollektivneurotische Einstellung auf, sublimierte die Gottesvorstellung . im 

2) Göttingen 1927, 117 f. 



- 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 42g 

Sinne einer ethisierten Liebe, welche nun den allbeherrschenden Grundzug der 
neuen Gottesidee ausmacht und in dem Ausdruck „Unser Vater" ihre sym- 
bolische Bezeichnung findet. Jesus deutete die alttestamentlichen Gebote als 
Willensausdruck einer göttlichen Güte und sah sich veranlaßt, sie als nur 
relativ gültig oder sogar ganz ungültig zu erklären, falls sie sich mit dieser 
höchsten Liebe nicht in Einklang bringen ließen, z. B. Mt. 5, 34 , 39 . 

Ähnlich wie bei Jesu Gottesauffassung findet in der psychoanalytischen 
Therapie ein Ersatz der angst- und zwangsneurotisch behafteten Autorität, 
des überstrengen Über-Ichs, durch eine mildere, auf Wohlfahrt bedachte im- 
peratorische und exekutive Gewalt statt. Der Neurotiker konstruiert nicht 
nur eine Straf instanz, die nach dem jus talionis vorgeht; er schafft sich viel- 
mehr einen Rächergott, der vom Prinzip der Äquivalenz von verursachtem 
Leiden und Strafleiden nichts wissen will und oft mit überbietender Strenge 
vorgeht. Dieser überstrenge Gott des Neurotikers wird mit Hilfe des Ana- 
lytikers in einen milden verwandelt, wie im Evangelium der Gott des Alten 
Testamentes in den Gott der Gnade und Güte, wobei die starre, angst- und 
zwangsneurotisch bedingte Gerechtigkeit überwunden und ein höheres, die 
Liebe verwirklichendes Gerechtigkeitsideal geschaffen wird. Die juristische Be- 
trachtungsweise wird gleichsam durch eine ärztliche ersetzt. Die Gottesidee 
und das Über-Ich erfahren somit gleicherweise gewissermaßen eine analytische 
Behandlung und damit eine Heilung von neurotischen Merkmalen, zugleich 
mit einer Sublimierung im Sinne einer Wiederherstellung und Versittlichung 
der Liebe. Ohne Verbote kommt weder die neutestamentliche Seelsorge noch 
irgendeine Erziehung oder Selbstlenkung aus; sonst wären alle Schurkereien 
und Gemeinheiten freigegeben. Aber das evangelische Verbot will, wie das 
ärztliche, nur Leid vermeiden und höhere Freude anbahnen. 

Allerdings ist dieser Prozeß hüben und drüben nicht immer konsequent 
durchgeführt worden. Im N. T. setzt gleich nach Jesus eine rückläufige Be- 
wegung ein, die unter den Uraposteln, bei Paulus und in den Johannes- 
schriften den Angst- und Zwangscharakter in die Gottesvorstellung wieder 
einführt, obwohl die Liebe als oberstes Merkmal festgehalten wird; daher kam 
es in der Kirchengeschichte bald wieder zur kollektiven Angst- und Zwangs- 
bildung, und zwar in Gestalt einer neuen Orthodoxie und eines neuen Zere- 
monialismus. 

Auf psychoanalytischer Seite geschah es dafür vielleicht vereinzelt, daß statt 
eines rein analytischen Verfahrens, das einer Sublimierung des Über-Ichs Raum 
gewährte, die imperatorische Autorität und jede sittliche Forderung einfach 
zerstört wurden, wobei die der Analyse gesetzte Grenze überschritten und 
dem negativen Dogmatismus, einem gleichsam metaphysisch-religiösen Glauben 
mit negativem Vorzeichen freier Spielraum gewährt wurde. Aber darf sich 



430 Oskar Pfister 



der Analytiker wirklich jenseits von Gut und Böse stellen? Ein Leben ohne 
Ich-Ideal verfiele der Gefahr der Versumpfung und Verödung. Auch wer 
Religion und Moral bekämpft, tut es im Namen einer Moral, und zwar einer 
als höher betrachteten. Wissenschaftsbetrieb ohne Wahrheitsernst, somit 
ethische Wertung, wäre so unmöglich wie ein für den Kulturmenschen er- 
trägliches Zusammenleben ohne Moral. Es gibt denn auch, wie unlängst 
Bernfeld 3 hervorhob, für den Psychoanalytiker keine normenfreie Auffas- 
sung von der Welt und den Dingen; es erscheint ihm durchaus nicht alles 
erlaubt. Auch der Begriff der Sublimierung setzt ethische Wertung voraus; 
Desexualisierung, z. B. in Brandstiftung, ist noch lange keine Sublimierung. 
Somit stimmen N. T. und Psychoanalyse darin überein, daß sie die normative 
Autorität der angst- und zwangsneurotischen Merkmale entkleiden; sie unter- 
scheiden sich aber darin, daß die evangelische Seelsorge ihre Normen auf einen 
göttlichen Liebeswillen zurückführt, während der Psychoanalytiker als Ana- 
lytiker dem Klienten völlig freie Wahl seiner ethischen Grundsätze überläßt 
und über ihren Ursprung nicht nachsinnt. Es gehört zu den fatalsten 
Fehlern des Analytikers, wenn er moralisiert, aber auch, wenn 
er „immoralisiert". Er kann nicht zulassen, daß sein Klient unter dem 
Bann seiner durch die Analyse aufgestöberten oder halbgelösten 
Es-Wünsche verwerfliche und verhängnisvolle Handlungen be- 
geht. Vor dem Richterstuhl der Analyse besteht nur diejenige Ethik zu 
Recht, die frei ist von neurotischen Zügen und den Rang einer 
Seelenhygiene des geistigen Individuums und der Gesellschaft 
beanspruchen darf. Gerade die Psychoanalyse ist berufen, dieser Hygiene 
des einzelnen und der Gesellschaft die wertvollsten Dienste zu leisten, wenn 
es auch verstiegen wäre, aus analytischen Einsichten allein eine Ethik auf- 
bauen zu wollen. 4 Daß die ethische Norm (nach Freuds Terminologie das 
Über-Ich oder Ich-Ideal) den Geist der Liebe und Güte atmen muß, um der 
hygienischen Forderung zu dienen, liegt auf der Hand. Und so nähern sich 
logischerweise das psychoanalytische und das neutestamentliche Moralprinzip, 
mögen ihre Entfaltungen im einzelnen noch so weit auseinandergehen. Auch 
die Tatsache verdient hervorgehoben zu werden, daß die moderne Theologie, 
z.B. Emil Brunn er, wie die Psychoanalyse das Moralisieren verbietet, und 
zwar unter Berufung auf die neutestamentliche Seelsorge. Nach Ricarda Huch 
bestand Luthers Lebenswerk in der Bekämpfung der Moral. 

Die Ausmerzung der neurotischen Züge aus der Befehlsinstanz hat auch die 

3) Bernfeld, Die psychoanalyt. Pädagogik des Kleinkindes. Z. f. psa. Päd. 1934, S 6. 
Freud gibt ethische Forderungen, die „für die Gesellschaft" unentbehrlich sind, zu (Neue 
Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. XII, S. 329). 

4) Vgl. m. Schrift „Psychoanalyse und Weltanschauung", Int. psa. Verlag 1928, S. 62. 
Psychoanalyt. Volksbuch, 2. Aufl., Bd. IL 



Neutestamen tliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 431 

Folge, daß die heteronome Normgebung durch eine autonome ersetzt wird. 
Jesus stellt dem alttestamentlichen Schriftwort sein: „Ich aber sage euch", 
gegenüber und hebt alle Bestimmungen auf, die dem Prinzip der Liebe und 
Gotteskindschaft zuwiderlaufen. Der Gesetzgeber ist Vater der Menschen. 
Paulus betont sehr stark die Berufung zur Sohnschaft und Freiheit (Gal. 4, 6 ; 
j, 1S ). Auch im Johannesevangelium kommt Jesu Bewußtsein der Autonomie 
stark zum Ausdruck (Joh. 10, 30: „Ich und der Vater sind eins"). Doch 
rückte in der kirchlichen Entwicklung die Theonomie als Heteronomie im 
Widerspruch zum Liebes- und Gottessohnschaftsprinzip in allen Zeiten zu- 
nehmender Neurosenbildung vor, während das autonome Prinzip in 
allen Perioden der Neurosenlockerung Boden gewann. Der Psychoanalytiker 
wird, sofern er nicht dem Immoralismus Vorschub leisten will, und sofern er 
die Ethik als Hygiene des Individuums und der Gesellschaft anerkennt, grund- 
sätzlich die von Jesus angebahnte Autonomie einschlagen. 

Mit der Hingabe an den gütigen Vatergott ist die Ablösung vom irdischen 
Vater verbunden. Es ist erstaunlich, an wie vielen Stellen des Evangeliums 
Jesus diese Emanzipation fordert (z.B. Mrk. 3, 21 u. 31 ff.; Mt. 10, 21 u. 
35 ff.; Mt. 19, 5 u. 29; Mt. 23, 9; Luk. 9, 10; 14, 26). Oft ist auch die innere 
Trennung von der Mutter verlangt. Ganz ebenso auferlegt die analytische 
Therapie eine Auflösung der Vater- und Mutterbindung, nur daß mehr an 
die unbewußte Fixierung gedacht ist. 

Man beachte übrigens, daß der Gott Jesu, ob er auch „Vater" heißt, gleich- 
zeitig mit Mutterzügen ausgestattet ist, wie es übrigens schon beim Volk 
Israel vor der Erstarrung zur Orthodoxie der Fall war (z. B. Jes. 49, 15: „Wird 
auch ein Weib ihres Kindleins vergessen . . .? Und ob sie gleich seiner vergäße, 
so will doch ich [Gott] dein nicht vergessen"; Jes. 66, 13: „Wie einen seine 
Mutter tröstet, will ich euch trösten." Vgl. Mt. 7, 10). Erst als die angst- 
neurotische Bewegung innerhalb des Christentums vordrang, wurden die 
Mutterzüge aus dem Gottesbilde vielfach ausgelöscht, so daß das Bedürfnis 
nach einem weiblichen Gottesersatz (Maria) hervortrat, es sei denn, daß die 
finstere Angststimmung das Feld allein behauptete (z. B. im englischen Puri- 
tanismus). 

These 4: Bei dieser analytischen Sublimierung der Befehlsautorität ereignet sich in 
der neutestamentlichen wie in der analytischen Seelsorge eine Regression vom gestrengen 
zum schlechthin gütigen Vater und zur grenzenlos liebenden Mutter; doch finden wir 
im N. T. nur die letzte Entwicklungsphase Jesu konsequent an dieser Vateridee orien- 
tiert, während Paulus, die Johannesschriften und andere Typen neutestamentlicher 
Frömmigkeit im Widerspruch zu ihrem Grundprinzip angst- und zwangsneurotische 
Züge in ihrer Auffassung Gottes durchblicken lassen. 

Alle Väter und Mütter gewähren ihren neugeborenen Kindern gegenüber 
zunächst eine Duldsamkeit, die in den folgenden Monaten nach und nach ein- 

Imago XX/4 2 8 



432 Oskar Pfister 



geschränkt wird. Die schlimmsten Verstöße gegen die später so unerbittlich 
durchgeführten Forderungen der Reinlichkeit, der Ruhe, der Wohlanständig- 
keit überhaupt bleiben ungeahndet. Das Kinderparadies ist in Wirklichkeit 
zum guten Teil das Paradies des noch unbestraften Ferkelchens. Vater und 
Mutter gestatten eine wenn auch nicht allzu lange prämoralische Phase. Ver- 
bot und Strafe leiten bald eine Zeit der Angstbildung ein und mit dem Glauben 
an die elterliche Güte erleidet die Liebe des Kindes selbst erhebliche Beein- 
trächtigungen. 5 

Jesus hatte offenbar außergewöhnlich milde Eltern und verlor frühe den 
Vater. 6 Wenn er auch im Geiste des A. T. erzogen wurde, so geriet er doch 
weit weniger in liebezerstörende neurotische und kollektivneurotische Bahnen 
hinein, als die meisten seiner jüdischen Zeitgenossen, seine Jünger eingeschlos- 
sen. Darum glückte ihm auch die Regression zum schlechthin gütigen Vater, 
dessen sittliche Vorschriften und Verbote lediglich des Menschen Wohl er- 
streben, weit besser als seinen Nachfolgern, wozu freilich auch seine ur- 
sprüngliche Anlage beitrug. 

Die apostolische Gemeinde zitterte vor dem Weltgericht. Auch bei Paulus, 
in der Apokalypse, dem Evangelium und den Briefen des Johannes spielt die 
Angst eine viel größere Rolle als in den echten Jesusworten. Die analytische 
Regression ist im apostolischen Christentum somit nur unvollständig geglückt. 

These 5: Schon die Bereinigung der Befehls- und Verbotsinstanz (Gott oder Ich-Ideal) 
führt zur Auflockerung und Aufhebung mancher Selbstvorwürfe, und die Restitution 
der Liebe schwächt den Angstcharakter des Schuldgefühls ab; den völligen Ausgleich des 
Konfliktes zwischen der Befehlsinstanz und dem Ich oder der hinter ihm steckenden 
Macht (Dämon, Es) hat nach Auffassung Jesu der Mensch vorzubereiten durch reu- 
mütige Abkehr vom schuldhaften Verhalten und vorbehaltlos liebende Hingabe an die 
absolute Liebe ; entscheidend ist jedoch ein Gnadenakt Gottes ; die übrigen neutestament- 
lichen Schriften verharren großenteils bei einer modifizierten Opfertheorie. Der Ana- 
lytiker überläßt es seinem Klienten, wie er die übrig bleibenden Schuldgefühle bearbeiten 
und sich mit seinem sublimierten Ich-Ideal abfinden soll. 

Jesus wollte das Gewissen nicht abstumpfen, sondern die sämtlichen seeli- 
schen Energien versittlichen. Nicht die Sublimierung, die nach Freud 
eine Desexualisierung einschließt, sondern die Vollversittli- 
chung, bei der auch die Sexualität sich dem absoluten ethischen Liebesgebot 
unterzieht, war sein Ideal. Dazu bildet die Voraussetzung ein radikales Sich- 
losreißen von der schuldhaften bisherigen Betätigung, eine fiezdvoia, eine 
Sinnesänderung im Geist der Liebe. 

$) Auch die Mythologie vieler Völker, 2. B. der afrikanischen Zwergvölker, weiß von 
einer glücklichen Urzeit, da der höchste Gott mit den Menschen freundlich zusammenlebte; 
allein eine gewisse Entzweiung, ein Sündenfall, kann nicht ausbleiben; vgl. i. Mos. 2 und 3. 

6) Ob er nach Luk. 2 als Zwölfjähriger den Vater noch besaß, ist historisch nicht ge- 
sichert, da die Echtheit der ganzen Erzählung beanstandet wird. 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 433 



Der Begriff der Analyse enthält nichts von derartiger synthetischer Stellung- 
nahme. Allein es gibt in der Wirklichkeit keine reine, isolierte Analyse. Durch 
die rein analytische Arbeit werden im Klienten jederzeit synthetische Funktio- 
nen ausgelöst. Die Analyse im engern Sinne ist rein negative und privative 
Tätigkeit. Das Leben selbst schafft unaufhörlich Positionen. Der Analytiker 
weiß, wie zurückhaltend er sich gegen die Neubahnungen seines Klienten zu 
verhalten hat, und überläßt ihm die Verantwortlichkeit für den Neubau seines 
Lebens. Aber ohne daß er es verhindern kann, beeinflußt er doch nicht wenig 
die Gestaltung dieser nachanalytischen vita nuova. 

Die Enthaltung von jeglichem Moralisieren wird dem Analytiker um so 
mehr zur Pflicht gemacht, als ja sogar die Pädagogik mehr und mehr darauf 
verzichtet, die eigenen Ideale dem Zögling einzuprägen. So schreibt z. B. 
Fritz Medikus: „Der Jugend die Ziele ihres Lebens zu setzen, haben wir kein 
Recht. Wir dürfen sie auch nicht nach unserem Vorbild erziehen, auch nicht 
nach dem idealen Vorbild, das wir nicht erreicht haben, aber gerne erreicht 
hätten." 7 Aber ebenso gelten die Sätze: „Die Freiheit des Zöglings ist selbst 
wesentliches Ziel der autoritären Führung. Goethes Faust gewinnt — wie 
das Rick er t in ausgezeichneten Darlegungen klargelegt hat — die letzte 
Läuterung des Willens, indem er, den Übermenschen in sich überwindend, sich 
in die Gemeinschaft einfügt und deren Freiheit zum Ziel seines eigenen Wil- 
lens macht" (42). Freiheit setzt somit Moral voraus. 

Der Analysand findet sich auf mannigfache Weise mit seiner Schuld ab. 
Oft sieht er ein, daß sie nicht so schrecklich ist, wie er bisher annahm, daß 
z. B. die Todeswünsche, die er als Kind hegte, kein gar so furchtbares Ver- 
brechen ausmachen, da das Kind den Begriff des Todes noch nicht kennt. 
Jedenfalls begreift er, daß das Schuldverhältnis nicht neurotisch, sondern 
vollbewußt bearbeitet und erledigt werden muß. Eine Sündenvergebung 
oder wenigstens eine Aufhebung der Schuld muß in der religiösen und in der 
profanen Seelsorge eintreten. Der bekannte Pfarrer Johann Christoph Blum- 
hardt schreibt: „Sündenvergebung und Heilung stehen in einer innern Ver- 
wandtschaft zueinander, und je realer jene ist, desto mehr kann auch von 
dieser verspürt werden." 8 Analoge Erfahrungen macht auch der profane 
Psychotherapeut. 

Bei aller Zurückhaltung gegenüber den Forderungen dieser oder jener ethi- 
schen Richtung kann der ärztliche Analytiker sich doch unmöglich gegen un- 
menschliche und offenbar gefährliche Reaktionen seines Patienten auf die 



7) Prof. Dr. F. Medikus, Festgabe an Heinrich Rickert 1933, S. 39. 

8) Joh. Chr. Blumhardt, Die Heilung von Kranken durch Glaubensgebet. 11. bis 
17. Tausend, S. 47. 



28* 



Analyse gleichgültig verhalten. Aber er appelliert an die Selbstbestimmung 
des Klienten. 

In der Hypnose unterwirft sich der einzelne absolut und völlig dem Sug- 
gestor, wie der Katholik sich dem Machtspruch des Beichtigers unterzieht. Er 
hebt den Zwiespalt auf, indem er gehorsam seinen Eigenwillen völlig preis- 
gibt (Ferenczis Vaterübertragung), oder in unbedingter Liebeshingabe die 
Rolle des restlos gehorchenden, Verstand und Eigenwillen opfernden kleinen 
Kindes übernimmt. Analyse und Evangelium (Protestantismus) dagegen for- 
dern freie Selbstentscheidung heraus. 

Die neutestamentliche Seelsorge macht jedoch nicht den bereuenden Schul- 
digen zum Urheber der Begnadigung und des Heilsempfanges, sondern eine 
außer ihm liegende geistige Macht, nämlich Gott. Analog weiß der Analytiker, 
daß nicht nur von der Tätigkeit des Bewußtseins die Heilung ab- 
hängt; vielmehr muß im Unbewußten jene Freigabe erfolgen, die sich im 
Bewußtsein oder im körperlichen Befinden als Erlösung von den neurotischen 
Symptomen manifestiert. Die kirchliche Lehre von der gratia praeveniens, 
der zuvorkommenden Gnade Gottes, erweist sich somit als religiös-meta- 
physische Darstellung einer Erfahrungstatsache der pschoanalyti- 
schen Therapie, die hier, wie so oft, der Religionspsychologie wertvolle 
Dienste leistet. 

These 6: In der neutestamentlichen Seelsorge und in der psychoanalytischen Therapie 
spielt die positive Übertragung eine ausschlaggebende Rolle, indem der Mittler (Ana- 
lytiker) einerseits als autoritativer Vertreter und Ausdruck der höchsten Instanz (Gott, 
Ich-Ideal), anderseits aber auch als Repräsentant der Menschheit, zu welcher der Klient 
in ein normales Verhältnis zu träen hat, anerkannt wird. Das christliche Dogma von 
der Gottmenschheit Christi enthält somit in metaphysischer Formulierung ein Postulat 
der psychoanalytischen Therapie, dem auch der Analytiker sich in gewissem Sinne 
nicht entziehen kann, sofern auch er einerseits autoritative Verkörperung der im Ich-Ideal 
gesetzten höchsten Richterinstanz, anderseits Vertretung der menschlichen Gesellschaft, 
von der sich der schuldbeladene Neurotiker getrennt fühlt, für seine Analysanden 
werden muß. 

Jesus erblickt seine Aufgabe darin, die Irrenden und Verlorenen, die durch 
tiefe Schuldkonflikte in Zwiespalt mit Gott und dadurch in Leid geraten 
waren, zu retten. Ins Profane übersetzt, besagt diese Auffassung etwas Ähn- 
liches wie Freuds Sätze: „Die analytische Therapie greift bei den Konflikten 
an, aus denen die Symptome hervorgegangen sind, und bedient sich der Sug- 
gestion, um den Ausgang dieses Konfliktes abzuändern. Die analytische Kur 
legt dem Arzt wie dem Kranken schwere Arbeitsleistung auf, die zur Auf- 
hebung innerer Widerstände verbraucht wird. Durch die Überwindung dieser 
Widerstände wird das Seelenleben der Kranken ... auf eine höhere Stufe der 
Entwicklung gehoben und bleibt gegen neue Erkrankungsmöglichkeiten ge- 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 435 

schützt. Diese Überwindungsarbeit ist die wesentliche Leistung der analyti- 
schen Kur, der Kranke hat sie zu vollziehen, und der Arzt ermöglicht sie ihm 
durch die Beihilfe der im Sinn einer Erziehung wirkenden Suggestion." 9 

Bei der Ausführung dieser Aufgabe haben Jesus und seine Apostel die Not- 
wendigkeit der Übertragung eingesehen und sie stark betont. „Kommet 
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken" 
spricht er im Matthäus-Evangelium (11, 28). „Ich bin der Weg, die Wahr- 
heit und das Leben, niemand kommt zum Vater, als durch mich", läßt ihn 
der vierte Evangelist sagen (Joh. 14, 6). Indem hier Jesus als bloßer Weg be- 
zeichnet wird, erhält die Übertragung einen vorübergehenden Charakter, wie 
ja auch in der authentischen Verkündigung des Evangeliums stets die Über- 
tragung auf Gott als eigentliches und bleibendes Ziel der Seelsorge erscheint. 
Die übrigen Schriften des N. T. dagegen halten meistens die Übertragung auf 
den Mittler fest. 

Der christliche Seelsorger muß gleichfalls in ein Übertragungsverhältnis zu 
seinem Klienten treten und als bevollmächtigter Vertreter der normgebenden, 
richtenden, strafenden, aber auch vergebenden Instanz anerkannt sein, um 
seiner Erlösungsaufgabe genügen zu können. Die amtliche Befugnis zur Ab- 
solution genügt bei weitem nicht; auch die gläubigsten Katholiken erleben 
durch die priesterliche Absolution, die sie bewußt vollkommen bejahten, 
keinerlei Entspannung, wenn angstneurotische Skrupulosität sie in ihrem 
Banne festhält, und umgekehrt kann der protestantische Seelsorger, der sich 
keinerlei metaphysisch-magische Vorrechte zuschreibt, seinem Klienten zum 
Priester, d. h. bevollmächtigten Vertreter Gottes werden und dank der Über- 
windung des Widerstandes, dank seiner Versenkung in die seelischen Nöte 
und ihrer Aufklärung, dank der Übertragung, dank seiner ermutigenden Ein- 
stellung auf Leben und Welt das ersehnte Heil vermitteln. Dies ist auch dann 
der Fall, wenn er den priesterlich-supranaturalen Nimbus noch so entschieden 
ablehnt. Einer gewissen Sündenvergebung, sei es auch nur als Verkündigung 
der durch Gott vollzogenen Verzeihung, kann sich der protestantische Seel- 
sorger sehr oft nicht entziehen, während der katholische Priester die bewir- 
kende Sündenvergebung für eine seiner wichtigsten Amtspflichten hält und 
mit dem Privileg der Unfehlbarkeit ausstattet. 

Die psychoanalytische Theorie, die der Neueinstellung des Klienten viel zu 
wenig Aufmerksamkeit zuwandte, weiß immerhin zu vermelden, daß die Iden- 
tifikation mit dem Analytiker und die Identifikation des Analytikers mit dem 
Vater in der analytischen Behandlung eine maßgebende Rolle spielt. Nach- 
dem wir einsahen, daß für den Klienten die sittliche Norm nicht einfach eine 
Verwechslung des Gewissens mit der Stimme des Vaters darstellt, sondern daß 

9) Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Taschenausgabe 2 , S. 480. 



436 Oskar Pfister 



der erlebte Befehl auf eine selbst den Eltern an Würde unendlich überlegene 
Autorität zurückgeführt wird, verstehen wir, daß der Analytiker, genau wie 
der christliche Mittler, nur dann zur Lösung des pathogenen Konfliktes helfen 
kann, wenn er zum vollwertigen Vertreter jener höchsten, im Ich-Ideal ge- 
gebenen Autorität, der man metaphysischen Charakter beilegt, erhoben wird 
und ausgesprochen oder unausgesprochen Schulderlaß darbietet. Diese gleich- 
sam metaphysische Bewertung des Therapeuten wird im N. T. begründet, in- 
dem Jesus zum Propheten, Gesalbten und sogar Sohn Gottes gemacht wird. 
In der psychoanalytischen Therapie muß offenbar der Ana- 
lytiker ganz ähnlich als Exponent und Manifestation jener ge- 
heimnisvollen transzendenten Macht gelten, die in den Zwängen, 
hysterischen Symptomen, in den Tatsachen des Schuldbewußt- 
seins usw. eine so ungeheure Gewalt zum Ausdruck bringt. Der 
Analytiker muß gegenüber dem kategorischen Imperativ, dem strengen, mit 
Krankheit heimsuchenden unbewußten, aber bewußt gemachten Richter die- 
selbe Autorität besitzen und sie im Geiste der helfenden Güte zur Geltung 
bringen. Damit wird er zum Träger und Offenbarer einer dem Men- 
schen an Würde und Macht absolut überragenden geistigen Ord- 
nung und zum Vermittler der Aussöhnung zwischen Ich-Ideal 
und Es. Freud könnte mit Recht diese Idealisierung des Analytikers daher 
ableiten, daß der Analytiker in die Rolle des Idealvaters, also auch Gottes 
und des Ich-Ideals (Sittengebotes) eintritt, stammen doch nach ihm Religion 
und Moral aus dem Vaterbild. Wenn dabei der Analytiker, der das Sitten- 
gebot auf neue, neurosenfreie Art verkörpert, meistens idealisiert und zu fast 
übermenschlicher, metaphysischer Würde erhoben wird, so bedeutet auch dies 
nur eine Auffrischung der einstigen Vergottung, die das Kind dem Vater an- 
gedeihen ließ. 10 

Die starke Betonung der nicht nur religiös, sondern auch mehr und mehr 
metaphysisch ausgedachten Gottessohnschaft, ja Göttlichkeit in der neu- 
testamentlichen Seelsorge ist daher ein seelenhygienisches Postulat. Gleich- 
zeitig rationalisiert sie das Erlebnis, daß Christus und sein Gebot dem ge- 
bietenden und zürnenden Gott an Würde ebenbürtig sei, während der Ana- 
lytiker über den Wirklichkeitskern der Schuld- und Erlösungserfahrungen in 
der Regel nicht weiter reflektiert, da er sich auf Philosophie nicht einzulassen 
pflegt. 

Am Mittler bzw. Analytiker erlebt der Klient jene Milderung der strengen 
Strafinstanz, an seiner ärztlichen Hilfsbereitschaft erlebt er ihre Güte, ihre 
Heils- und Heilungsbereitschaft. Die strenge Forderung der Strafe als Sühne 

10) Vgl. Pierre Bovet, Le sentiment religieux et k psychologie des enfants, Neuchatel 
et Paris, 30 — 36. 






J 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 437 

wird durch das Angebot der Vergebung aus Gnade ersetzt, wobei allerdings 
durch eine Sinnesänderung der Konflikt zwischen Norm und Ich aufgehoben 
werden muß. Den Vergebung spendenden Mittler-Analytiker liebend, ver- 
liert der Klient die Stauungsangst und damit das Motiv zur neurotischen 
Angstbesetzung Gottes bzw. des Ich-Ideals, wie auch des Schuldgefühls. 

Ebenso wichtig aber ist die andere Charakteristik des neutestamentlichen 
und psa. Mittlers: seine menschliche Artung. Durch Sünde und Neurose 
wird der Mensch von der Sozietät geschieden und geächtet. In Jesus, wie im 
Analytiker tritt dem relativ vereinsamten Klienten vergebende Menschlichkeit, 
ja die vergebende Menschheit entgegen, die den vom Zwiespalt mit der Straf- 
instanz Befreiten liebevoll behandelt und so die Brücke zur menschlichen Ge- 
sellschaft bildet. Dabei gilt auch für den Analytiker die evangelische Forde- 
rung: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" (Mt. 7, 1), wie auch 
das seelenhygienisch unerläßliche Gebot Jesu, allen Haß und Groll durch 
mildes Vergeben zu überwinden. 

So steht im N. T. Jesus Christus als Prophet, d. h. Vertreter und Mund 
Gottes vor dem Menschen, wie als Priester, d. h. Vertreter und Sprecher der 
Menschen vor Gott, beides aber in der Erhöhung, die durch den transzenden- 
ten Charakter der höchsten Autorität und die Selbstisolierung des Sünders 
postuliert wird. Ganz ebenso aber vertritt der Analytiker, der sich der Meta- 
physik enthält, in den Augen seines Patienten ein rein weltliches Gott- 
menschtum. 

Aber wie in den synoptischen Evangelien Jesus hinter Gott und den Men- 
schen zurücktritt und direkt an Gott und die Brüder bindet, um so höchste 
autonome Freiheit zu verschaffen, so will auch der Analytiker sich selbst 
überflüssig machen, da ihm seines Klienten Unabhängigkeit über alles geht. 
Daß dabei Dankbarkeit und freundliche Gesinnung gegen ihn fortbestehen 
dürfen, scheint mir selbstverständlich. Noch auf eine wichtige Tatsache muß 
hingewiesen werden. Für die Christologie bedeutete es eine unlösbare Auf- 
gabe, die göttliche und die menschliche Repräsentanz im Mittler religions- 
metaphysisch widerspruchslos und religiös befriedigend auszudrücken. Die 
Lehre von den beiden unvermischten Naturen und Willen Christi sprengt die 
Einheit der Erlöserperson. Gehen wir von der Seelsorge aus, so vereinfacht 
sich das Problem, denn als Offenbarung des innersten Wesens jener geheimnis- 
vollen, im göttlichen Willen oder Ich-Ideal kundgegebenen (sittlichen) Ord- 
nung wird anerkannt die Liebe, nicht das überstrenge „Du sollst!" mit seinen 
angst- und zwangsneurotischen Merkmalen. Die Liebe bildet aber auch das 
Wesensmerkmal der „reinen Menschlichkeit", wie Goethe in seiner „Iphigenie" 
die Macht des satisfaktionslosen Vergebens nennt. Und so vereinigen sich in 



438 Oskar Pfister 



der höchsten Liebe göttliches und menschliches Wesen, das höchste Ich-Ideal 
und die biologische Natur des Es. 

These 7: In allen Phasen der neutestamentlichen Seelsorge und psychoanalytischen 
Therapie finden Regressionen statt, die einer korrigierenden Bearbeitung unterzogen 
werden. Während Jesus die Umkehr zum Kleinkind fordert, begegnet uns bei seinen 
die Schuldbeziehung nicht durch instinktive Analyse und Rückgriff auf den gnädigen 
Gott überwindenden apostolischen und kirchlichen Nachfolgern häufig die Regression 
in den Mutterleib mit nachfolgender Wiedergeburt. Die Psychoanalyse macht die Weite 
der Regression vom einzelnen Fall abhängig, verlangt aber gleichfalls Aufhebung der 
Infantilismen und Schlichtung der in ihnen bekundeten Konflikte, vor allem der Oedipus- 
bindung. Neutestamentliche Seelsorge und Psychoanalyse bedienen sich des Prinzips 
der Wiederanknüpfung und Umschaltung (Weichenumstellung) . 

Jesus rief seinen Jüngern zu: „So ihr nicht umkehrt und werdet wie die 
Kinder, so könnet ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Mt. 18, 3). Von 
einer Rückkehr zum Vater der frühesten Kindheit, in der es noch kein Ver- 
bieten, Strafen und Zürnen gab, war bereits die Rede. Allein Jesus faßt auch 
die Verbote und Gebote als Ausdruck des Liebeswillens, der nur auf höhere 
Lebensgüter ausgeht. Da die Entwicklung Jesu früh abgebrochen wurde, ist 
die Durchführung dieses Gesichtspunktes in den Evangelien keine vollständige; 
auch können wir in ihnen authentische und unechte Aussprüche nicht immer 
mit völliger Sicherheit unterscheiden und viele andere Worte sind uns nicht 
überliefert worden. Die Aufhebung des Zwiespaltes mit Gott geschieht nicht 
durch Besänftigung des göttlichen Zornes mit Hilfe von Opfern und andern 
Bußleistungen, sondern durch reumütige Sinnesänderung zu liebevoller Hin- 
gabe, was wiederum der Wiederaufnahme einer frühkindlichen Verhaltungs- 
weise entspricht. 

Wie systematisch die Bearbeitung der Regressionen von Freuds Seelsorge 
durchgeführt wird, brauche ich hier nicht näher zu schildern. Sie dringt auf 
alle Einzelheiten ein, während sich das N. T. mit Allgemeinheiten begnügt. 

Bei der bewußten Regression handelt es sich nicht nur um eine Verhinderung 
der Verdrängung, sondern auch um eine Wiederanknüpfung und Um- 
schaltung. Während die Suggestionsmethode durch starken Druck von 
außen her ganz bestimmte neue Libidokanäle zu schaffen und zu füllen 
trachtet, appellieren N.T. und Psa. an den freien Entschluß des Klienten. 
Maeder charakterisierte die beiden Methoden anschaulich durch ein dem 
Eisenbahnbetrieb entnommenes Gleichnis. Die Suggestion will den auf ein 
falsches Geleise geratenen Wagen durch Hebel und Winden auf die richtige 
Bahn bringen, während die psa. Therapie den Wagen bis hinter die Weiche 
zurückführt, um diese umzustellen. Schon Pierre Janet schlug dieses Ver- 
fahren ein, indem er den Kranken unter Anwendung der Hypnose in die 
pathogene Situation zurückführte und hierauf einen heilsamen Ausweg vor- 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 439 



schlug. Jegerlehner schildert in seiner Novelle „Der Hüttenwart und sein 
Sohn" einen Bergführer, der bei einem Bergunglück eine traumatische Neurose 
erlitt und in dem Augenblick geheilt wurde, als er eine vom Tod bedrohte 
Touristengruppe retten sollte. Das N. T. und die Psa. verwenden diese 
Rückversetzung in die schadenbringende Lage, um dann von ihr aus 
dank besonnener Überlegung ohne Verdrängung den günstigen Ausweg zu 
finden, wobei die Psa. die freie Entscheidung dem Patienten überläßt. Beide 
huldigen dem Prinzip der Weichenumstellung. 

Jede psa. Behandlung muß die vorhandenen Beziehungen zur Vergangen- 
heit korrigieren. Schuld kann man so wenig wie Schulden einfach liegen 
lassen. Man muß sich irgendwie mit ihr abfinden. Sonst bleibt gemäß den 
Gesetzen der seelischen Kontinuität eine Bindung bestehen. Das N. T. for- 
dert daher Reue und verheißt Gnade, Vergebung, neue göttliche Liebe. Auch 
die psa. Therapie muß irgendwie eine Abfindung mit der Schuld zustande 
bringen, nur daß sie die Wahl der Stellungnahme dem Klienten überläßt. Der 
Philosoph Max Scheler sagt: „Je mehr diese Leute" (die Fortschrittler, die 
sagen: „Nicht bereuen, sondern besser machen") „nach vorne sehen und immer 
neue Projekte des ,Besseren c in ihrem tatenlustigen Busen wälzen, desto furcht- 
barer zerrt die Schuld der Vergangenheit an ihrem innern Tun, zerrt sie schon 
in der Inhaltswahl ihrer Vorsätze und Projekte — nicht erst in ihrer Aus- 
führung; desto tiefer sinkt der ewige Flüchtling seiner Gegenwart und Ver- 
gangenheit eben dieser Vergangenheit in die toten Arme." 11 Der Analytiker 
sieht diesen Sachverhalt immer und immer wieder, namentlich bei der Be- 
arbeitung des Widerstandes, und muß daher dem Vorgang, den ich „Weichen- 
umstellung" nannte, der Erledigung des Schuldverhältnisses, wie das N. T., 
größte Sorgfalt zuwenden. 

These 8: Obwohl die neutestamentliche Seelsorge, und zwar besonders in ihrer ur- 
sprünglichen Gestalt, in mancher Hinsicht als eine intuitive Vorwegnahme der psycho- 
analytischen Therapie bezeichnet werden darf, bestehen grundsätzliche Unterschiede 

a) bezüglich ihrer Ziele (Liebe zu Gott und dem Nächsten als Hauptziel, Kranken- 
heilung als Nebenzweck — Krankenheilung allein) ; 

b) bezüglich der Betrachtungsweise und gedanklichen Verarbeitung (religiös — exakt- 
wissenschaftlich) ; 

c) bezüglich der Behandlungsmethode (religiös auf Grund allgemeiner analytischer 
Einsichten — streng analytische Bearbeitung der einzelnen Determinanten) ; 
d) bezüglich der Topik (bewußte — hauptsächlich unbewußte Motive). 

Wir stellen die Übereinstimmungen zwischen neutestamentlicher und 
psychoanalytischer Seelsorge zusammen, wobei wir gleichzeitig die Unter- 
schiede zwischen der Tätigkeit Jesu und derjenigen seiner Nachfolger hervor- 
heben. 

11) Vom Ewigen im Menschen, 1933, S. 42. 



440 Oskar Pfister 



Bei Jesus und in der analytischen Neurosenbehandlung finden wir: 
Zurückführung der zu überwindenden Not, besonders der Angst, bzw. der 
neurotischen Symptome auf einen Widerstreit zwischen einer normativen 
Autorität und dem Ich; Inangriffnahme nicht nur, wie bei der Suggestions- 
methode, der einzelnen Symptome, sondern der hinter ihnen steckenden zen- 
tralen Konflikte zwischen jener normativen Autorität und dem Ich, daher 
biographische Einzeluntersuchung; Stellungnahme zu den bewußten Konflikten 
und bewußtseinsfremden geistigen Mächten, die das physische oder psychische 
Leben benachteiligen (Dämonen — verdrängte Wünsche und Vorstellungen); 
Befreiung der normativen Autorität vom angst- und zwangsneurotischen Cha- 
rakter; Wiedereinsetzung der milden Güte als ihres hauptsächlichsten Wesens- 
merkmals; dabei Regression zur Vatervorstellung, wie sie vor Eintritt der 
ödipuseinstellung und ihrer Verdrängung bestund; Wiederherstellung eines 
angst- und zwangsfreien Verhältnisses zur höchsten Autorität mit Aufhebung 
des Schuldgefühls durch Hingabe an ihre als wesenseigen anerkannten Forde- 
rungen (Sublimierung, Vollversittlichung); positive Übertragung auf einen 
Mittler, der als Vertreter der imperativischen Instanz wie der Menschheit und 
Menschennatur anerkannt wird; Wiederanknüpfung und Umschaltung 
(Weichenumstellung) an Stelle der vom Alten Testament und von der Sug- 
gestionstherapie (Hypnose) geforderten Unterwerfung unter einen überlegenen 
Fremdwillen; Prinzip des freien Sichaussprechenlassens; Restitution der 
Liebe im Einklang mit der normsetzenden und norm durchsetzenden (rich- 
tenden, strafenden) Macht, darum auch Aktivierung der durch Schuldgefühl 
und Neurose gehemmten Kräfte im Dienste anderer Menschen und der eigenen 
Persönlichkeit; Zerstörung der Lebenslügen durch Wahrheit und Liebe; Auf- 
richtung einer großen Lebensaufgabe und Hingabe an sie; 12 Sublimierung mit 
Desexualisation und besonders Vollversittlichung. 

Diese Übereinstimmungen finden sich in der Seelsorge Jesu, wir wieder- 
holen es, nicht konsequent durchgebildet, zumal seine Entwicklung jäh abge- 
brochen und die Auswirkung seines Liebesprinzips verhindert wurde. Die 
Apostel gerieten infolge der Verfolgungen und Parusieerwartung in so starke 
Triebstauungen, daß die Angst sich heftig geltend machte und die analytische 
Grundrichtung in der Seelsorge an sich und andern in den Hintergrund ge- 
drängt wurde. Die Urapostel fielen in die jüdische Zwangsneurose, in Ortho- 
doxie und Ritualismus zurück. Das Heil wird nicht mehr durch eine analy- 
tische Bearbeitung der angst- und zwangsneurotischen Züge Gottes und des 
menschlichen Verhaltens erstrebt; vielmehr drängen sich die neurotischen 
Merkmale in Glauben und Kultus wieder ein. Jesus verheißt die Erlösung 

12) Vgl. m. Schrift: „Ein neuer Zugang zum alten Evangelium." Gütersloh 19 18, S. 66 f. 
„Analytische Seelsorge", Göttingen 1927, S. 20 — 2j. 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 441 

durch ein rein ethisches Verhalten in liebendem Glauben und liebreicher Tat; 
auch der Kultus ist ihm nur Ausdruck dieser Stellungnahme und Mittel zu 
ihrer Förderung; die analytische Stellungnahme bereitet die synthetische (die 
Sinnesänderung) sorgfältig vor. Seine Nachfolger haben in überwiegender 
Mehrheit in Dogma und Ritus angst- und zwangsneurotische Symbolismen als 
Servitute aufgestellt, die Analyse zurückgedrängt und damit Jesu gewaltigste 
seelsorgerliche und kollektivtherapeutische Leistung, die Befreiung von der 
jüdisch-orthodoxen Zwangsneurose, verständnislos zum großen Teil zerstört. 
Derselbe Paulus, der das mosaische Gesetz radikal aufhebt, unterwirft sich 
anderwärts dem Bibelbuchstaben und überträgt den jüdischen Begriff des 
Sühnopfers auf Jesus, dessen Opfertod zur Voraussetzung der göttlichen Be- 
gnadigung wird. Ähnlich die Johannesschriften und der Hebräerbrief. Der 
Schuldkonflikt wird gemäß den Prinzipien der geistigen Kontinuität 13 durch 
symbolische Revokation im Glauben an den Sühnopfertod Jesu erledigt, und 
zwar im Katholizismus vorwiegend durch ihn dramatisierenden, massenhaft 
wiederholten kultischen Sühneritus, im orthodoxen Protestantismus durch 
unablässige, obsessionsartige dogmatische Vorstellung der Sühneleistung 
des Gottessohnes oder Gottsohnes, wobei die analytische Seelsorge Jesu von 
Grund aus zerstört und eine neue, härtere Kollektivneurose aufgerichtet wird. 
So wird die von Jesus gelehrte Komplexauflösung durch eine Art Kom- 
plexbefriedigung ersetzt und die evangelische Triebversittlichung schon 
bei Paulus durch asketische Tendenzen (1, Korinther 7) ersetzt, so daß eine 
neue kollektive Neurosenbildung unvermeidlich wurde, die den verdrängten 
Trieben mitunter die wildesten sadomasochistischen Auswirkungen unter dem 
Deckmantel der Frömmigkeit verschaffte (Selbstpeinigung, Hexen- und 
Ketzermorde usw.). 

Aber auch die Seelsorge Jesu darf nicht einfach als intuitive und primitive 
Psychoanalyse angesprochen werden. Schon die Absichten sind hüben und 
drüben voneinander stark verschieden. Für Jesus war die Aufgabe vorwiegend 
eine seelsorgerliche. Wenn ihn auch Mitleid mit den Kranken bewegte, so 
ging ihm doch das Heil der Seelen über die Krankenheilung. Der Kampf 
gegen die Sünde machte sein stärkstes Interesse aus und die Wiederherstellung 
der Kranken bildete nur einen besonderen Fall seiner Bemühungen um die 
Seele. Gesunde und Kranke wollte er mit einem neuen, von Konflikten zwi- 
schen der Autorität und dem Ich befreiten liebeerfüllten Geist der Freiheit 
beseelen und beseligen. Die analytische Psychotherapie dagegen beschränkt 
sich auf die Lösung des Konfliktes, ohne dabei religiöse oder moralische Ver- 
pflichtungen aufzuladen. Dabei sind viele Analytiker von der optimistischen 
Erwartung erfüllt, daß der Klient selbstverständlich von sich aus eine 

13) Pf ister, Die psychoanalyt. Methode 3 , S. 424 ff . 



442 Oskar Pfister 



moralische Besserung wählen werde, ein Optimismus, der freilich zu der 
übrigen Skepsis gegenüber der Menschennatur nicht recht stimmen will. 

Nicht weniger bedeutsam erscheint uns die gesamte Betrachtungs- 
weise. Die christliche Seelsorge tritt mit wertenden, normativen Maßstäben 
an den Klienten heran und erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, 
während Freud auf alles Werten verzichtet, dagegen mit ungeheurer Ein- 
dringlichkeit und Exaktheit Psychologie und Biologie treibt, bis in die 
kleinsten Verästelungen des feinen Wurzelnetzes der Determinanten vordringt 
und in positivistischer Beschränkung die weltanschaulichen Zusammenhänge 
ohne Rücksicht auf ihre Gültigkeit zum Untersuchungsgegenstand macht. 

Daher ist auch die Behandlung eine gänzlich verschiedene. Die analy- 
tische Psychotherapie begnügt sich mit der Befreiung von Hemmungen, sie 
ist privativ; die neutestamentliche Seelsorge will positive Güter vermitteln; 
die Erlösung ist für sie nur die Voraussetzung dieser positiven Beeinflussung. 
Aber im Grunde möchten neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische 
Therapie zur Vollentwicklung bringen, was an Gutem und Wertvollem in der 
Natur des Klienten angelegt ist. 

Endlich wiesen wir auf den grundsätzlichen topischen Unterschied hin. 
Die christliche Seelsorge beschäftigt sich mit den bewußten Schuldkonflik- 
ten, die Psychoanalyse im wesentlichen mit den unbewußten. Jene kennt 
den Begriff der un gewußten Sünden, nicht aber denjenigen der unbewußten, 
d. h. verdrängten. Die Dämonen als metaphysische Potenzen können kein 
Untersuchungsobjekt bilden, während für die Psychoanalyse das Reich des Es, 
also des Unbewußten, gerade das Kernstück der Arbeit bildet. 

Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen neutestamentlicher und psycho- 
analytischer Behandlung bedeuten jedoch keineswegs Widersprüche. Die posi- 
tivistische Stellungnahme schließt die universelle, kosmische so wenig aus, wie 
die Untersuchung des Auges das Studium des Gesamtorganismus verwehrt. 
Die Erforschung der Erscheinungen und ihrer Zusammenhänge untersagt die 
Wertung und, Normanwendung mitnichten; auch ein streng wissenschaft- 
licher Naturwissenschafter darf die Blumen und Berge bewundern und ihre 
Verschandelung bekämpfen, ohne deswegen seiner Wissenschaftlichkeit zu 
schaden. Nur dürfen die Aufgaben nicht untereinandergeworfen werden. 
Man kann nicht analysieren und moralisieren zugleich; man darf aber auch 
nicht im selben Atemzug analysieren und negativen Dogmatismus im Sinne 
der heute im Rückzug begriffenen positivistischen Philosophie treiben und 
z. B. im Namen der Psychoanalyse alle Metaphysik und jeden christlichen 
Glauben bekämpfen. 

Unsere Ausführungen zeigten, daß in der neutestamentlichen Seelsorge un- 
gemein viel intuitive und instruktive psychoanalytische Einsicht enthalten ist. 



Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische Therapie 443 

Namentlich in psychologischer und psychotherapeutischer Hinsicht birgt sie 
unvergleichlich viel mehr Wissen als die gesamte Universitätspsychologie und 
-Psychotherapie vor Freud. Es zeugt daher von höchst oberflächlicher Über- 
heblichkeit und psychoanalytischer Unbelehrtheit, wenn man die gesamte 
Religion einfach als Produkt des "Wunschdenkens hinstellen will. Daß Denken 
und Phantasieren nach dem "Wunschprinzip innerhalb der Religion (und auch 
in der "Wissenschaft!) vielfach vorkommen, will ich natürlich keineswegs be- 
streiten. 

Das theoretische Ideal der Psychoanalyse besteht darin, alle Tatsachen des 
gesunden und kranken Unbewußten wissenschaftlich verständlich zu machen 
und in ursächliche Zusammenhänge zu bringen. "Wer wäre so vermessen, dieses 
Ideal für erreicht oder erreichbar zu halten? Freud selbst hebt in seiner 
Bescheidenheit und seinem großartigen "Wahrheitsernst immer und immer 
wieder die engen Schranken unseres analytischen Wissens hervor. Auch dem 
sorgfältigsten Analytiker widerfährt es immer und immer wieder, daß ihm 
bei seinen Klienten Regressionen, Projektionen, Umschaltungen entgegen- 
treten, die er nicht streng wissenschaftlich fassen kann. Dies soll ihn nur zu 
desto größerer Sorgfalt anspornen. Indem Freud vom Analytiker verlangt, 
daß er vor allem mit seinem Unbewußten die Bahnen und Schliche des Un- 
bewußten seiner Klienten verfolge und erkenne, hat er seine Therapie der 
neutestamentlichen Seelsorge, die bei allen Rationalisierungen 
sich doch wesentlich im Irrationalen abspielt, stark angenähert. 
"Wenn ihm daneben das Ziel der wissenschaftlichen Durchdringung, der voll- 
bewußten Verständlichmachung bestehen bleibt, so fordert er nur, was ein er- 
heblicher Teil der christlichen Theologie gleichfalls postuliert. Man kann 
nicht unterscheiden nach der Formel: „Pectus facit theologum, intellectus 
analyticum" , zumal Herz und Kopf nicht als getrennte Lebewesen durch die 
"Welt wandern. Die psychoanalytische Therapie ist eine säkularisierte und 
wissenschaftlich ausgebaute Seelsorge, die mit derjenigen Jesu in manchen 
Punkten übereinstimmt. 

Jedenfalls aber bestehen bei allen grundsätzlichen Unterschieden zwischen 
neutestamentlicher Seelsorge und psychoanalytischer Therapie, die beide Er- 
lösung durch "Wahrheit und restituierte Liebe erstreben, so erstaunlich enge 
verwandtschaftliche Beziehungen, daß sie einander nicht, wie es leider bis- 
weilen geschehen ist, als Gegner bekämpfen, sondern als Bundesgenossen 
achten sollten. Sofern beide eine individuelle und soziale Erlösung und Heilung 
durch "Wahrheit und Liebe anstreben, dienen sie bei aller Verschiedenheit doch 
letztlich demselben erhabenen Zweck. 



Don Quijote und Donquijotismus 1 ' 

Von 

Helene Deutsch 

Wien 

Meine Damen und Herren! 

Wenn ich das Epos über Don Quijote als Krankengeschichte 
eines Geisteskranken behandeln sollte, würde ich ihr folgende Ana- 
mnese vorausschicken. Alonso Quijano, ein kleiner Edelmann in der spani- 
schen Provinz La Mancha, verliebte sich als überreifer Mann in Aldonza 
Lorenzo, die Bauernmagd aus Toboso. In dieser Liebesbeziehung war unser 
braver Mann kein großer Held. Im Laufe von 12 Jahren, in denen sein ganzes 
Herz von Liebessehnsucht erfüllt war, wagte Alonso kaum viermal, in das 
Antlitz der Ersehnten zu schauen, und schien jedesmal von einer solchen 
Schüchternheit und Angst befallen gewesen zu sein, daß es zu einer männ- 
lichen Werbung kaum kommen konnte. Um so mehr entflammte sich seine 
Phantasie und spiegelte ihm als Ersatz für die sichtlich stark gestörte Potenz 
die kühnsten und aktivsten Beweise seiner Männlichkeit vor. 

Die spärliche Lebensgeschichte Alonsos zeigt uns, daß schon die Wahl seines 
Liebesobjektes manches von seinen Schwierigkeiten erklären dürfte. Die brave 
Magd von Toboso war ihres Zeichens eine Landbrünhilde, von der die Chronik 
erzählt, daß sie „eine Stimme hatte für drei und Eisenstangen warf, wie der 
stärkste Bursch im ganzen Orte". 

Dagegen erschien unser Held nicht als Siegfried. Welch Libido-Kind er war, 
sagt uns schon diese kurze Vorgeschichte seines Wahnsinns: ein passiv-femi- 
niner, wahrscheinlich zeitlebens Impotenter, bei dem der vorklimakterische 
Schub 2 sichtlich den sexuellen Wunsch steigerte, aber gleichzeitig eine neue 
Welle passiver und femininer Strebungen mit sich brachte. Alonso zeigt in 
seiner Liebesepisode das typische Verhalten eines Knaben in der Frühpubertät. 
Im späteren Wahn ist so vieles direkt der Pubertät entnommen, der tiefe 
Ernst seiner Handlungen ist so häufig eine Kopie der Knabenspiele, daß trotz 
der gewaltigen Stürme der Regressionen, die sein Seelenleben bedrängten, die 
nie überwundene, aufrechterhaltene Pubertät immer noch das Leitmotiv 
abgibt. 

Enttäuscht, beschämt, erniedrigt, in einer Orgie von Minderwertigkeitsge- 
fühlen zieht sich Alonso vom Leben zurück und in wahrscheinlich angst- 

1) Vorgetragen auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Luzern, 
am 28. August 1934. Die vorliegende Arbeit ist die Wiedergabe eines Auszuges aus einer 
umfangreichen Studie über Don Quijote. 

2) Don Quijote ist damals jo Jahre alt. 



vollen und depressiven Tagen und Nächten verliert sich allmählich seine 
reale Persönlichkeit. In der Phantasietätigkeit, die die Realität verschwinden 
läßt, wird an Stelle des sterblichen Alonso der unsterbliche Don 
Quijote geboren. 

Alle Fäden, die einst Alonso mit dem Außenleben verbunden hatten, sind 
durchschnitten. Aldonza wird verlassen, aber in Anlehnung an ihr reales Bild 
entsteht die herrliche Prinzessin Dulcinea von Toboso, das vollkommenste 
Wesen der Welt. Es ist anzunehmen, daß sich schon in den vergangenen 
12 Jahren der unglücklichen Liebesgeschichte die überschätzende Verklärung 
der Geliebten auf Kosten des eigenen Ichs unseres Helden langsam entwickelt 
hatte. Dulcinea wird dann zu einem Teil des großen, narzißtischen Restitu- 
tionsgebäudes, in das Don Quijotes Unsterblichkeit einzog. 

Mit dem Aufgeben des realen Objektes kommt es zu einer Verdrängung 
sämtlicher Triebtendenzen. „Hast du je irrende Ritter essen gesehen?" lautet 
jene Frage, deren Verneinung den ganzen asketischen Habitus Don Quijotes 
veranschaulicht. Nichts, was triebhaft-menschlich ist, darf ihm nahestehen. 
Die Liebe und Treue zu Dulcinea hält Wache vor der Sexualität und ermög- 
licht ihre so vollkommene Verdrängung. Sogar die primitivsten analen Be- 
dürfnisse unterliegen der Askese, wofür sich in mehreren tragikomischen 
Situationen ein deutlicher Beweis findet. 

Alle seelischen Besetzungen, angefangen von primitivsten Triebtendenzen 
bis zu jenen Energien, die das Ich mit der Realität in Verbindung bringen, 
ziehen sich zurück und stauen sich im Ich zu einer einzigen narzißtischen 
Macht. Es scheint, daß der Auftakt dazu eine Überkompensierung auf die 
schwere Enttäuschung seines Liebeslebens war und daß die Phase der schweren 
Introversion dazu diente, durch Phantasietätigkeit alle jene Entbehrungen zu 
entwerten, die ihm die Außenwelt einerseits, seine gehemmte Männlichkeit 
andererseits auferlegt hatte. Seinen narzißtischen Bedürfnissen konnte sicht- 
lich eine einfach polternde Aktivität und seine ganz bedeutende Intelligenz 
nicht genügen. Denn allmählich verläßt seine Phantasie die aktuelle Objekt- 
welt und die schwere narzißtische Stauung wirft ihn zurück in eine tiefinfan- 
tile Vergangenheit. Das schwer beleidigte und entwertete Ich gibt sich selbst 
zugunsten eines nun entstehenden Ich-Ideals auf, so ganz, daß jene Spannung, 
die notwendig ist, um die Kritik an sich selbst aufrechtzuerhalten, verschwin- 
det. Jetzt kann sich Don Quijote restlos im Besitze aller jener Mächte und 
Eigenschaften fühlen, die sein Ich-Ideal von ihm verlangt. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß in diesem Prozeß der Verarmung 
des Ichs zugunsten des Ich-Ideals auch die Realitätsprüfung 
eine Einbuße erfährt. Denn sichtlich hat jene kritische Instanz, die 
aus der Spannung zwischen Ich und Ich-Ideal entsteht, einen be- 



sonders wichtigen Anteil an jenem Vorgang, den wir Realitätsprüfung 
nennen. Nur das sozialisierte Ich-Ideal, dasjenige, das in der realen 
Außenwelt nach Identifizierungsmöglichkeiten sucht und sich selbst an den 
Werten der Außenwelt mißt, wird auch seinen Beitrag zur Realitätsprüfung 
liefern können. Ein Ich-Ideal, das seine Existenz dem Rückzug der 
objektlibidinösen Kräfte so weitgehend verdankt, wie es bei Don 
Quijote der Fall ist, steht schon außerhalb jeder Realitätsanpassung. 

Kaum eine andere Dichtung der "Weltgeschichte hatte den tragischen Vor- 
gang des narzißtisch bedingten „Weltunterganges" mit einer so gewaltigen 
Intuition begriffen und beschrieben wie Cervantes in seinem Don 
Quijote. 3 

Mit dem Verlust der Objektwelt zieht sich Don Quijote durch Identi- 
fizierung in die sonst überwundene, in seiner lügenhaften Verklärung bereits 
entwertete Ritterzeit zurück. Wir verstehen, daß hinter der historischen Ver- 
gangenheit eine individuelle verborgen ist. 

Als Don Quijote von seiner langjährigen Reise in das Reich der Phantasie 
in die Realität zurückkehrt, unterliegt diese bereits einem Wiederauf- 
bauvorgange. Sie ist ja jetzt identisch mit jener Welt, die Don Quijote aus 
den Büchern kennengelernt hat. In seiner neuen Knabenzeit vertiefte sich 
der Fünfzigjährige so sehr in die Ereignisse der Ritterzeit, daß sie ihm zu einer 
gegenwärtigen Welt wurde. Die mutigen Helden jener Zeit machte er sich 
zum vorbildlichen Ideal, durch das er sein früheres Ich ersetzt. 

Infolge des Unterganges der Realwelt findet Don Quijote keinen Rückweg 
mehr aus den phantasiereichen Ritterspielen und aus der ganzen imaginären 
Zauberwelt, die sonst der Knabe zugunsten der Realität aufgibt. Statt dessen 
begibt sich unser Held in seinem Wahne in noch weiter verschollene Tiefen, 
in das Erlebnis der Magie, durch die das kleine Kind — wie der Primitive — 
selbst die Dinge der Welt verzaubert und an diese Verzauberung glaubt. Er- 
innert Don Quijotes Verrücktheit nicht an das spielende Kleinkind, dem das 
aus Papier selbstgeschaffene Pferdchen vielleicht wirklicher erscheint als das 
reale? Ist etwa Don Quijotes Glaube an sein Ich-Ideal nicht gleichzusetzen 
der größenwahnsinnigen Selbstherrlichkeit des Kindes? 

Mit welcher genialen Intuition der Schöpfer Don Quijotes die Genese des 
Wahngebildes erkannt hat, ergibt sich aus folgenden Situationen: 

3) Vgl. Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides), Ges. Sehr. Bd. VIII. Was hier die 
dichterische Intuition geschaffen, hatte dort die geniale 'wissenschaftliche Beobachtung ent- 
deckt. Der Wahn des Paranoikers Schreber und die unsterblichen dichterisch erfaßten 
Phantasien Don Quijotes kommen aus denselben Quellen des verdrängten Seelenlebens: das 
Epos und das Wahngebilde bauen auf den Trümmern der aufgegebenen Realwelt eine mehr 
befriedigende phantastisch-wahnhafte auf. 



Don Quijote und Donquijotismus 



447 



Zweimal im Laufe seiner Verrücktheit gibt Don Quijote sein Wahngebilde 
auf. Einmal als ihm Sancho Pansa — in bewußtem Lügengeflunker — ver- 
spricht, die Dulcinea in realer Weise vorzuführen. Da erwachen in der Er- 
wartung der phantasierten Geliebten auf alten Erinnerungsspuren wieder 
lebendige Gefühle für jene, die früher Aldonza war. Was die narzißtische 
Magie vermochte, wird durch die Macht der Objektliebe entzaubert. Die 
Sehnsucht nach dem realen Objekt durchbricht den Wahn und mit seinen 
wahnbefreiten Augen blickt Don Quijote an jene Stelle im Walde, wo er den 
Zauber der Dulcinea erleben sollte und die Gestalt der realen Aldonza er- 
wünschte. Was er aber zu sehen bekam, war nur eine häßliche, fremde Magd, 
die ihm Sancho Pansa vorgeschoben hatte. 

Ein zweitesmal ist es das reale Erlebnis der Todesnähe, die den Wahn von 
der narzißtischen Unsterblichkeit zerbricht. 

Don Quijote dünkte sich in seinem narzißtischen Übermut unsterblich und 
hatte in diesem Wahn den Mut des kleinen Kindes, das den Gefahren trotzt, 
weil es ihre Bedeutung nicht kennt. Die empfundene Realität des nahenden 
Todes, die Aussöhnung mit dem Unabwendbaren, bewirkt die Rückkehr Don 
Quijotes zur Wirklichkeit und läßt so seinen Tod zu einem erschütternden 
Erlebnis der Dichtkunst werden. 

Ein bescheidener Raum bleibt mir für das Schattengebilde Don Quijotes, 
Sancho Pansa, übrig. 

Die Tragik Don Quijotes wird erst voll verständlich an der Komik Sancho 
Pansas. Lebt Don Quijote im purifizierten Ich-Idealismus seines Wahnes, 
so bildet Sancho Pansa eine Brücke zur Realität, als ein abgespaltener Teil 
Don Quijotes, ein Stück der Triebbejahung und Realitätsanpassung. Die 
dürre Askese Don Quijotes hätte ihn längst in den Tod getrieben, wenn die 
dicke, mütterliche Triebbejahung Sancho Pansas nicht seine Wege begleitet 
hätte. In klinischer Terminologie ist Sancho Pansa ein von Don Quijotes 
Wahn „Induzierter". Die Rolle Sancho Pansas als Verkörperung von Don Qui- 
jotes Trieb- und Realitätsbejahung besteht eben darin, sich mit dem Wahn 
Don Quijotes zu identifizieren und diesem Wahne ein Stück Realitätswert 
zu verleihen. Er ist es wohl, der um die leiblichen Genüsse Don Quijotes 
sorgt. Durch seine eigene Gefräßigkeit drängt er Don Quijote zu realen 
oralen Befriedigungen und durch eigenes ergötzliches Interesse an analen 
Vorgängen zeigt er sich auch um die exkretorischen Vorgänge seines Herrn 
besorgt. Vor allem aber und in erster Linie schafft er die Verbindung zur 
Realität dadurch, daß er an Don Quijotes Wahnidee glaubt, wenn sich auch 
dieser Glaube — zur weiteren Betonung der intensiven Realitätsanpassung 
Sancho Pansas — nur auf jene Teile des Wahnes bezieht, die ihm, Sancho 
Pansa, reale Vorteile zu bringen versprechen. Von allen Doppelfiguren, die 

Imago XX/4 



29 



448 



Helene Deutsch 



die Weltliteratur und die bildende Kunst zur Darstellung von Gegensätz- 
lichkeiten im Menschen, die sich zu einer Einheit ergänzen, benützt hat, ist 
die des asketischen Don Quijote und des primitiv-triebhaften Sancho Pansa 
vielleicht die am meisten plastische. 

Wäre übrigens Don Quijote imstande gewesen, sein Ich-Ideal einer genügend 
großen Zahl von Sancho Pansas zu induzieren, so würde er aus einem Narren 
zu einem Helden und Führer geworden sein. Dazu wäre es allerdings not- 
wendig gewesen, daß er neben seinem hochgeschraubten asketischen Ideal 
auch der Triebbefriedigung, insbesondere den Aggressionen, einen Platz ein- 
geräumt hätte. Daß er dazu nicht fähig war, unterscheidet den Don Quijote 
des Epos von denen der politischen Geschichte aller Zeitepochen. 

Sehr charakteristisch ist der ästhetisch-affektive Eindruck, mit dem die 
Umwelt auf das unsterbliche Epos Cervantes' reagiert. Die „Donquijotesken" 
— um ein Wort Unamunos zu gebrauchen — sehen in Don Quijote das 
wunderbare Vorbild eines nach der Erfüllung seines Ideals strebenden Helden. 
Sie sprechen ihm jene Größe und Wahrheit zu, deren die grob-reale Umwelt 
entbehrt. Diese Realität, unter der sie selbst leiden, erscheint ihnen schatten- 
haft, grau, verglichen mit dem Ich-Ideal, das sie in sich tragen. Für sie liegt 
das Lächerliche und Karikaturale an Don Quijote nicht an ihm, sondern 
an der grobsinnigen Realwelt, die nicht imstande ist, das Höhere und Ideale 
anders denn als Windmühlen, Illusionen, Phantasmen zu empfinden. 4 Die 
Forderung dieser Idealisten an die Realität, sich ihrem narzißtischen Ich- 
Ideal anzupassen, statt umgekehrt jenes den Forderungen der Realwelt zu 
unterordnen, ist der ewige Donquijotismus der menschlichen Seele. Bei Dich- 
tern, Künstlern, Fanatikern ist er besonders ausgeprägt. 

In ganz anderem dagegen liegt der Gewinn des ästhetischen Genusses dieses 
Epos bei den Realitätsangepaßten. Ihre Reaktion ist gleichsinnig mit der 
Meinung jener Literaturhistoriker, die in Don Quijote die Erledigung einer 
entwerteten Vergangenheit durch humorvolle Verspottung zu sehen ver- 
meinen. Geschichtlich betrachtet ist hier wohl die durch Karikatur ent- 
weihte historische Vergangenheit gemeint, analytisch gesehen handelt es sich 
aber um eine Vergangenheit der individuellen psychischen Entwicklung. Sind 
ja die idealen Forderungen, die das Ich an sich stellt, im ewigen Konflikte 

4) Vgl. Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. „Don Quijote ist 
ursprünglich eine rein komische Figur, ein großes Kind, dem die Phantasien seiner Ritter- 
bücher zu Kopfe gestiegen sind. Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes 
mit ihm wollte und daß das Geschöpf allmählich weit über die ersten Absichten des 
Schöpfers hinauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person mit der tiefsten 
Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet und sie zum symbolischen Vertreter eines 
Idealismus gemacht hat, der an die Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten ernst und 
Versprechen wörtlich nimmt, hört diese Person auf, komisch zu wirken." (Ges. Schr.> 
Bd. IX, S. 264.) 



mit tnebbejahenden Tendenzen und mit der Notwendigkeit zur Realitäts- 
anpassung. Ihnen, den Realitätsangepaßten und Triebbejahenden, wird es 
zum genußreichen Triumph, das asketische Ich-Ideal durch seine Karikatur 
entwertet zu sehen. Diese Entwertung gilt aber eben gleichermaßen jener 
infantilen Vergangenheit, in der das Kind sich im Besitze aller Vollkommen- 
heiten dünkte, wie auch jener Vergangenheit, in der das spätere Ich-Ideal an 
dem vollkommensten aller Wesen — dem Vater — gebildet wurde. Ent- 
puppt sich ja diese Welt des Kindes, in der es an den gottähnlichen Vater 
glaubt, als trügerisch, sobald das Kind im Kampfe mit den eigenen Sexual- 
strebungen die Sexualität des Vaters entdeckt und damit dessen Idealisierung 
aufgibt. In dieser Deutung ist der Don Quijote eine anachronistische Kari- 
katur des Vaters aus der unsexuellen Vorzeit des Kindes, in der er, für sich 
triebbejahend, dem Kinde die Askese aufzwingt. 

Jede Entwertung des Vaters fließt bekannterweise in den großen Strom 
der Kastrationswünsche, die gegen jenen gerichtet sind. Und so ist es nicht 
verwunderlich, daß schon die äußere Gestalt Don Quijotes einem Traum- 
symbol gleicht, in dem die hager-langgezogene Figur den kastrierten Phallus 
darstellt. 

Doch auch in Don Quijotes Antithese Sancho Pansa sehe ich die spöttisch- 
kastrierte Vaterfigur, und zwar aus jener späteren Zeit, in der die väter- 
lichen Forderungen an den Sohn nicht mehr idealer Natur sind, aber von 
ihm die nutzbringende Realitätsanpassung verlangen. In der nach Idealen 
suchenden Knabenzeit pflegt doch der Vater das Gepräge des satten, dicken, 
ungefährlichen, impotenten Philisters zu tragen. 

Steht diesem Vater aber nicht jene Mutter zur Seite, der stets nur die 
Ideale zugänglich sind, in denen sie, mit ihm sich unkritisch identifizierend, 
den treuen Glauben an seine Herrlichkeit hat, die aber doch immer — aus 
dem mütterlichen Instinkt — die grobe, nutzbringende Realität scharf im 
Auge behält? Der oral stark betonte Sancho Pansa, das dicke, fressende und 
nährende Prinzip des Epos, der anhängliche Geselle, der in rührend-mütter- 
licher Weise um die exkretorischen Vorgänge Don Quijotes bemüht ist, 
scheint mir auch eine zärtlich-humorvolle Verspottung der Mutter zu sein. 

Jedem das Seine: dem Donquijotesken Don Quijotes idealer Kampf gegen 
die aus Windmühlen bestehende Umwelt, dem Realisten der entwertende 
Triumph des Karikaturalen und allen zusammen ein Stück genußreicher Er^ 
ledigung infantiler Vergangenheiten! Das ist die Unsterblichkeit Don Quijotes. 



29* 






Zur Psychologie der Karikatur* 

Von 

Ernst Kris 

Wien 

Meine Damen und Herren! 

Seit es eine wissenschaftliche Aussage über zentrale Vorgänge und Er- 
scheinungen des menschlichen Seelenlebens gibt — die Psychoanalyse — , hat 
sich die Psychologie ihren Gegenstand neu gesetzt; seit dieser Zeit ist das 
Komische nicht mehr (oder nicht allein) Gegenstand einer — wie immer ge- 
richteten — Ästhetik, die populärpsychologische Einsichten stillschweigend 
voraussetzen mochte, sondern Gegenstand der Psychologie selbst. 

Die Aussagen der Psychoanalyse zur Psychologie des Komischen — ich darf 
einleitend daran erinnern — stammen aus zwei verschiedenen Entwicklungs- 
phasen unserer Wissenschaft. Die einen, im wesentlichen auf die Einsicht in 
topische und ökonomische Verhältnisse gerichteten, aus ihrem Helden- 
zeitalter, aus Freuds Buch über den „Witz und seine Beziehung zum Un- 
bewußten"; sie bedeuteten damals, nach der „Traumdeutung" und der „Psy- 
chopathologie des Alltagslebens", einen dritten entscheidenden Schritt auf 
jenem großartigen Wege, der von an pathologischen Phänomenen gewonnener 
Erkenntnis zum Aufbau einer neuen allgemeinen psychologischen Grund- 
anschauung führen sollte. Die anderen, beinahe ein Vierteljahrhundert 
jüngeren Überlegungen beziehen sich vornehmlich auf dynamische und struk- 
turelle Fragen; sie sind — zunächst für ein Teilgebiet des Komischen — von 
Freud in seiner Schrift über den Humor entwickelt worden und stehen im 
Zusammenhang der Bemühungen, nach dem Aufbau metapsychologischer An- 
schauungen die Stellung des Ichs im Gefüge der seelischen Struktur schärfer 
zu erfassen, Bemühungen, die das vierte Jahrzehnt psychoanalytischer Klinik 
und Theorienbildung entscheidend zu färben scheinen. 

Um die Verbindung und Abgrenzung beider — einander hier schärfer, als 
es den wirklichen Verhältnissen entspricht — gegenübergestellter Ge- 
sichtspunkte haben sich mehrere Forscher bemüht; ich darf Sie an Ar- 
beiten von Th. Reik, A. v. Winterstein und neuerdings F.Alexander er- 
innern. Einen gleichgerichteten Versuch möchte auch ich vor Ihnen ent- 
wickeln; ich werde darum vielfach nur schon Bekanntes zu wiederholen 
haben. 1 Als Ausgangspunkt wähle ich ein Teilgebiet der Komik, das in der 

*) Nach einem Vortrag am XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Luzern 
(16. bis 31. August 1934). 

1) Darum schien es mir unzweckmäßig, an allen Stellen, an denen ich dem Gedanken- 
gang Freuds folge, dies ausdrücklich hervorzuheben. Wo ich mich den Auffassungen 



J 



analytischen wie übrigens auch in der außeranalytischen Literatur nicht nach 
voller Gebühr gewürdigt zu sein scheint: Die Karikatur. 

Das Material, auf das ich mich stütze, ist von dreifacher Art: Soziologisches, 
das die Geschichte der Karikatur bietet, klinische Beobachtungen und Beob- 
achtungen am Kinde. Von diesem Materiale selbst zu berichten, muß ich mir 
freilich in diesem Zusammenhang versagen; ich möchte vielmehr einige all- 
gemeine Überlegungen und Vorschläge zur psychoanalytischen Theorie des 
Komischen von meinem Ausgangspunkt her zu gewinnen versuchen; ich kann 
es dabei, angesichts der knappen Zeit, nicht vermeiden, aus der Weite der 
Probleme eine beinahe willkürliche Auswahl treffend, in bewußter Einseitig- 
keit und gröbster Schematisierung zu verfahren. 



IL 

Zunächst sind einige Vorfragen zu erörtern, deren erste sich füglich auf 
die Quelle des Lustgewinns bei der Karikatur beziehen soll. "Wir wissen, was 
wir zu erwarten haben: Daß ein Stück der Lust aus Ersparnis an seelischer 
Energie, ein anderes aus der Beziehung zum Infantilen stamme. 

Suchen wir unsere Stellung zu unserem Gegenstande zu bestimmen, so emp- 
fiehlt es sich, als Ausgangspunkt die sprachliche Bezeichnung selbst zu wählen. 
Das italienische „caricare" und das französische „charger" (Charge = Kari- 
katur) vermitteln die gleiche Vorstellung: ein Beladen oder Überladen; wir 
fügen hinzu: mit Merkmalen. So etwa kann ein einzelner Zug eines mensch- 
lichen Antlitzes überbetont und dadurch die Darstellung des Antlitzes mit 
ihm „beladen" werden. 2 Was dabei in unserer Vorstellung geschieht, ist mehr- 
fach — am anschaulichsten wohl von Bergson — beschrieben worden: Wir 
lassen die Züge des Dargestellten gleichsam in Gedanken grimassieren; in 

anderer angeschlossen habe, glaube ich, dies stets angemerkt zu haben, freilich nur dann, 
wenn sie über Freuds Standpunkt hinausführen. Auf die Auseinandersetzung mit der 
neueren allgemein psychologischen oder ästhetischen Literatur zu den hier berührten Pro- 
blemen mußte im vorliegenden Zusammenhang verzichtet werden. 

z) Ein italienisches Gedicht des 17. Jahrhunderts gibt dem Karikaturisten folgende 
Weisung: Man halte sich an eine körperliche Anomalie des Darzustellenden, die man ver- 
größere; dann werde das Bildnis zwar häßlich, aber desto ähnlicher werden: 

S'egli have membro alcun mal fatto torto, 
O che dagli altri sia lontano presso 
Piü del dovere, troppo lungo o corto: 
Quella sproporzion si cresce: e spesso 
Ben che venga püi brutto assai, diresii 
Somiglia piu che'l naturale stesso. 

Vgl. dazu W. R. Juynboll, Het komische genre in de italiaansche schilderkunst gedurende 
de zeventiende en de achttiende eeuw. Bijdrage tot de geschiedenis van de Caricatuur. 
Leidner Dissertation, 1934, S. 148. 



welchen Zusammenhang dieses Verhalten gerückt werden darf, wird sogleich 
zu prüfen sein. 

Vorerst aber sei eine einfachere und eine kompliziertere Form der Karikatur 
unterschieden. Die eine betrifft die Karikatur, die in jenem engeren und 
eigentlichen, von Freud in seinem Buch über den Witz so eindringlich be- 
stimmten Sinn „komisch" ist. 3 Sie mag auf uns wirken, wie der Clown im 
Zirkus; wir haben von Freud gelernt, daß unsere Lust sich an einem Ver- 
gleich entzünde; er betrifft im Falle der Karikatur den des Wirklichen und 
seiner entstellten Wiedergabe. Wir sehen leicht ein, daß es sich auch dabei — 
wie angesichts der Phänomene des Komischen im (engeren) Sinne von Freuds 
Abgrenzung — um eine Ersparnis an Vorstellungsaufwand handeln und daß 
das Vorbewußte uns als Luststätte gelten mag. 

Allein diese Auffassung scheint wenig befriedigend; „komische" Karikaturen 
dieser Art sind mindestens außerordentlich selten und will man ein weiteres 
Gebiet ins Auge fassen, graphische Darstellungen mit der Absicht auf komische 
Wirkung, etwa die Witzblattillustration des 19. Jahrhunderts, so läuft man 
Gefahr, die Verwendbarkeit des Wortes zu überdehnen. Denn es steht außer 
Zweifel, daß man auch berechtigt wäre, eine tendenziöse Haltung als zum 
Wesen der Karikatur gehörig zu betrachten, wie denn auch die überwiegende 
Mehrzahl aller Karikaturen einer Tendenz dient. Sie sind gegen einen einzel- 
nen oder gegen einen Typus gerichtet, in dessen bildlicher Darstellung einzelne 
Züge überbetont werden; die natürliche Einheit der Erscheinung wird zer- 
stört und dadurch in vielen Fällen ein Gegensatz von Aussehen und Gesinnung 
der Persönlichkeit aufgewiesen. Dieses Vorgehen aber ist nicht für die bild- 
liche Wiedergabe im besonderen kennzeichnend. Die Auflösung der Einheit 
im Dienste der Aggression ist uns als Kunstmittel geläufig, wobei sehr häufig 
gerade die Inkongruenz von Form und Inhalt aufgewiesen wird: In der Parodie 
die Unwürdigkeit des Inhalts, in der Travestie die der Form. 

Die aggressive Haltung aller Karikatur, die ihre Mechanismen zu bestimmen 
scheint, ist schon in die ältesten Definitionen eingegangen, die uns aus neuerer 
Zeit bekannt sind. Aus dem 17. Jahrhundert und dem Kreise des großen Gio- 
vanni Lorenzo Bernini stammt eine, nach der die Karikatur suche, die Ähn- 
lichkeit im Häßlichen zu erfassen; dadurch, so lehrt die Kunsttheorie dieser 
Zeit, sei sie wahrer als die Wirklichkeit. Damit ist die Leistung der Karikatur 
umschrieben: Sie dient der Entlarvung, die uns als Mittel der Herab- 
setzung vertraut ist. Wir kehren nun zu unserem Ausgangspunkt zurück: 

3) Da im folgenden von gemeinsamen Eigenschaften und Merkmalen von Phänomenen ge- 
handelt werden soll, die der Sprachgebrauch als „Komik" zusammenfaßt, kann ich es nicht 
vermeiden, das Wort in doppelter Bedeutung zu verwenden; in einer allgemeinen, dem 
Sprachgebrauch gemäß, und in einer engeren, gemäß der Abgrenzung Freuds. 



Mi 



Zur Psychologie der Karikatur 



453 



Die Ersparung an seelischer Energie bei der — tendenziösen — Karikatur ist 
offenbar als Ersparung an Unterdrückungsaufwand anzusehen, als Ersparung 
durch das Freiwerden der Aggression. Als Luststätte aber muß uns das Un- 
bewußte gelten. Indessen ist offenbar auch ein Stück jener — im engeren 
Sinne — komischen Wirkung in jeder Karikatur mitenthalten, ihre Wirkung 
so gut wie immer auch durch die aus dem Vergleiche stammende Lust an er- 
spartem Vorstellungsaufwand mitbedingt. Wie sich beide Lustquellen zu- 
einander verhalten, wird noch später anzudeuten sein. 

Mit diesen Überlegungen freilich ist wenig gewonnen, da sie das Besondere 
der Karikatur gegenüber anderen, ihr nahestehenden Gattungen offenbar nicht 
— oder nicht ausreichend — erfassen. Es empfiehlt sich daher, an diese 
flüchtig angedeutete topische und ökonomische Vorfrage noch eine anzu- 
schließen, die den formalen Aufbau der Karikatur betreffen soll. 

Als Grundlage der Erörterungen sei das Schema einer Karikatur gewählt, das 
ich in Worten kurz zu entwerfen suche. Die Karikatur beziehe sich auf 
Napoleon und die Kontinentalsperre. Wir sehen den Kaiser vor uns, in Hut 
und Mantel; er ist auffallend klein, viel kleiner als in Wirklichkeit. Er steht auf 
Stelzen und hält vor sich mit beiden Händen Siebenmeilenstiefel. Die Züge sind 
nicht die wohlbekannten Bonapartes, sondern unverkennbar die eines Krämers; 
auch manche Einzelheiten der Kleidung weisen auf diesen Stand hin. 

Ich darf darauf verzichten, die Beziehungen der einzelnen Elemente zum 
Gegenstandsbereich, der Auseinandersetzung Napoleons mit der unbezwing- 
baren Macht Großbritanniens, näher zu schildern. Denn wohl gibt es eine 
große Zahl sehr ähnlicher Karikaturen aus jener Zeit, die eine aber, die ich 
versucht habe zu beschreiben, ist keine Karikatur. Es ist ein Stück aus 
dem Traum eines Patienten, geträumt auf der Höhe der Auseinander- 
setzung mit der Kastrationsangst. Die einzelnen Elemente sind denn auch im 
Traume so sinnreich — sinnreicher noch — als in einer Karikatur deter- 
miniert. Lassen Sie mich nur anführen, daß jener Krämer, eine Gestalt aus 
der Jugend des Patienten, den beziehungsreichen Namen Kitzler führt. 

Die Übereinstimmung von Traum und Karikatur, die sich an diesem Bei- 
spiel aufzeigen läßt, ist leicht aufzuklären. Sie ist offenbar darauf zurückzu- 
führen, daß die Formensprache der Karikatur, wie die des Traumes, durch die 
Arbeitsweise des Primärvorganges bestimmt ist. Das ist nicht weiter er- 
staunlich; denn schon der erste Beitrag Freuds zur Psychologie der Komik 
ist von einer ähnlichen Gemeinsamkeit ausgegangen; ich meine den Nachweis 
der Gemeinsamkeiten zwischen Witz und Traum, die sich aus der Arbeitsweise 
des Primärvorganges ableiten ließen. Dieser Befund läßt sich nun erweitern. 
Die Karikatur erscheint als graphischer Witz. Ein banales Ergebnis, das sich 
an einer Typologie der Karikatur leicht im einzelnen ausbauen ließe. Ehe wir 



454 



Ernst Kris 



aber versuchen können, zu einer lohnenderen Einsicht vorzudringen, sei die 
Analogie beider Verfahren durch eine Gegenüberstellung der „Witz-Arbeit" 
und der „Karikatur- Arbeit" beleuchtet. Wir gehen dabei — auch hier Freuds 
Darstellung folgend — am besten vom Negativ des Witzes aus, vom Rätsel. 
Das Rätsel stellt zur Schau, was der Witz verbirgt. Im Witz ist der Wortlaut 
bekannt und die Technik verheimlicht, im Rätsel die Technik bekannt und 
der Wortlaut zu suchen. Die Eigenart der Beziehung von Witz und Rätsel, 
deren gemeinsame Züge übrigens tief im mythischen Denken wurzeln — man 
darf an die Sonderstellung des Rätsels in aller Mythologie erinnern — , sei 
durch das Verhalten eines Patienten veranschaulicht: Unfähig Witzlust zu 
entwickeln, hat er den Zwang, nur die erste Zeile eines Witzes zu lesen und 
die Pointe zu erraten. Er verwandelt den Witz in ein Rätsel. 

Diesem Verhalten entspricht ein analoges, das jeder bei der Betrachtung 
von Karikaturen erproben kann. Sind die inhaltlichen Beziehungen und An- 
spielungen unklar — das gilt etwa von jeder älteren Karikatur, denn aus 
Gründen, auf die wir noch hinzuweisen versuchen werden, veralten die 
Leistungen der Komik besonders schnell, flicht die Nachwelt auch dem 
Komiker keine Kränze — , so wird der bilderschriftliche Charakter der Kari- 
katur lebendig: Wir sind dazu gedrängt, Beziehungen und Anspielungen er- 
ratend aufzulösen; die Karikatur ist zum Rebus geworden. 

Die Eigenschaft der Karikatur, auf die dieser Vergleich uns führt, begegnet 
in einem anderen Bereich bildkünstlerischen Schaffens wieder, dessen im fol- 
genden nicht mehr gedacht werden kann, im Bereiche der Allegorie. 

III. 
Wir haben nun das Verhältnis von Witz und Karikatur zum Traum näher 
zu erläutern: Im Traum hat das Ich die Zügel seiner Herrschaft ge- 
lockert und die Arbeitsweise des Primärvorgangs gelangt zum 
Durchbruch, im Witz und in der Karikatur steht der Primärvor- 
gang im Dienst des Ichs. Schon diese Formulierung aber läßt erkennen, 
daß es sich um ein allgemeineres Problem handelt; der Gegensatz zwischen 
dem von der Regression überwältigten Ich und einer „Regression im Dienste 
des Ichs" — si licet venia verbo — betrifft ein weites und großartiges Gebiet 
psychischen Geschehens. 

Es gibt zahlreiche Zustandsbilder, die aus der Breite des Normalen bis tief 
in den Bereich des Pathologischen führen, in denen das Ich die Züge seiner 
Herrschaft lockert: Neben dem Traum etwa, an der Grenze der Norm ge- 
legen, Intoxikationszustände, in denen der Erwachsene zum Kind wird 
und „die freie Verfügung über den Gedankenablauf ohne Rücksicht auf die 



durch das logische Denken geforderten Einschränkungen" gewinnt (Freud) 
oder die Vielfalt wohlbekannter klinischer Bilder in Neurose und Psychose. 
Der ökonomische Vorgang bei einigen dieser Prozesse legt dabei eine Formu- 
lierung nahe, die um des Zusammenhangs mit Überlegungen willen, die noch 
vorzubringen sind, hier hervorgehoben sei: Es hat den Anschein, als ob die 
Herrschaft des Ichs eingeschränkt werde, wenn das Ich von Affekten über- 
wältigt wird — gleichviel, ob die Größe des Affektes oder eine Schwäche des 
Ichs für diesen Vorgang verantwortlich zu machen ist. 

Aber auch der andere Fall, in dem das Ich den Primärvorgang in seinen 
Dienst zieht, sich seiner bedient, ist von allgemeinster Bedeutung. Lassen Sie 
mich mit einem Worte andeuten, daß er nicht etwa nur das Gebiet von Witz 
und Karikatur betrifft, sondern den weiten Bereich des Ausdruckshaft- 
Ästhetischen überhaupt, von aller Kunst gilt und aller vorbewußten oder 
unbewußten Symbolisierung, die von Kult und Ritus her unser Leben 
durchzieht. 

Es empfiehlt sich hier abzubrechen; denn der Versuch, von diesem schema- 
tischen Ansatz aus zur Erklärung konkreter Phänomene zu gelangen, würde 
weite Umwege aufnötigen. Wir kehren zum Ausgangspunkt zurück und 
müssen einsehen, durch unsere Überlegungen nichts dazu beigetragen zu 
haben, die Spezifität der Leistung des Ichs im Witz und in der Karikatur zu 
bestimmen. Sie ließe sich nur erfassen, wenn wir es unternehmen wollten, ihre 
wichtigsten Determinanten aufzudecken, d. h. sie unter dem Gesichtspunkt 
der mehrfachen Funktion (R.Wälder) zu prüfen. Die Bewältigung starker 
exhibitionistischer Tendenzen scheint sich dabei als sicherer Befund anzu- 
bieten. 

Ehe wir aber versuchen, uns dieser Frage von anderer Seite her zu nähern, 
sei hier eine Bemerkung eingeschaltet: Der Primärvorgang, dessen Arbeits- 
weise — nach Freuds Auffassung — den regelmäßigen Charakter primitiver 
Ausdruckssysteme bedingt, spielt nicht nur im Denken der Naturvölker eine 
entscheidende Rolle, er scheint die Entwicklung von „Grammatik" und „Syntax" 
des kindlichen Denkens zu bestimmen; von dieser Auffassung her lassen sich, 
wie ich glaube, Berührungspunkte zwischen der psychoanalytischen und der 
Anschauung Jean Piagets aufzeigen, um deren gegenseitige Beziehung sich 
neuerdings manche Analytiker — ich darf R. de Saussure und L. Kubie 
nennen — bemühen. Auch hier wieder empfiehlt es sich, den Faden nicht 
weiter zu verfolgen. Denn der Versuch, die hier angedeutete Auffassung 
besser zu begründen, würde uns zurückführen müssen zur Traumdeutung, der 
alten via regia der Psychoanalyse. 



456 Ernst Kris 



IV. 

Neben einer Ersparung an seelischer Energie ist nach Freuds Auffassung 
die Beziehung zum Infantilen für alle Arten der Komik kennzeichnend. Die 
Komik in Worten, der auch der Witz angehört, erneuert Ausdrucksmittel der 
kindlichen Sprachentwicklung etwa dadurch, daß im Wortspiel die Klang- 
assoziation der Dingassoziation gegenüber wieder in ihre alten Rechte ein- 
gesetzt wird. Wir haben uns die Frage vorzulegen, wie es mit der Beziehung 
zu Elementen des kindlichen Verhaltens dort stehe, wo in der Komik nicht 
sprachliche, sondern bildnerische, vornehmlich graphische Ausdrucksmittel 
verwendet werden. Diese Frage ist, wenn wir sie auf die Karikatur beziehen, 
leicht zu beantworten. Wie der Witz auf bestimmte sprachliche Ausdrucks- 
mittel zurückgreift, so greift die Karikatur auf charakteristische Elemente der 
graphischen — zeichnerischen — Ausdrucksweise des Kindes zurück. 4 Wer 
versucht, Kinderzeichnungen zu verstehen, sieht sich oft genug in die Lage 
versetzt, sie zu „deuten", wie wir Träume zu deuten gewohnt sind. Denn die 
graphische Darstellungsweise des Kindes ist zum guten Teil vom Primärvor- 
gange beherrscht. Ich muß darauf verzichten, diese These im vorliegenden 
Zusammenhang eingehender zu begründen, möchte aber versuchen, an schon 
vorgetragene Überlegungen Anschluß zu gewinnen, indem ich die Formu- 
lierung vorschlage: Der Primärvorgang beherrscht die graphischen Ausdrucks- 
mittel des Kindes, während er im bildnerischen Schaffen des Erwachsenen 
unserer Zivilisationsstufe als ein frei und stets mit besonderer Absicht ge- 
wähltes Mittel der Bearbeitung auftritt. 5 Es empfiehlt sich, diese die Onto- 
genese betreffenden Überlegungen zu erweitern, indem wir eines dritten Aus- 
drucksverfahrens der Komik gedenken: der Gebärdenkomik. Auch hier sei 
nur mit einem Worte gesagt, daß sich bei eingehender Analyse in aller Ge- 
bärdenkomik ein im Kern nachahmendes Verfahren aufzeigen läßt, das seinen 
Charakter aus der Wiederbelebung einer bestimmten Stufe kindlichen Ver- 
haltens zu beziehen scheint: Ich meine jene Phase der Entwicklung, in der der 
Erwerb motorischer Fähigkeiten, namentlich etwa der „Darstellung" durch 
mimisch-motorische Mittel, aus der Nachahmung der Motorik der Erwachse- 
nen entscheidende Anregungen bezieht. 

Diesen auf die ontogenetische Ableitung zielenden Vermutungen seien 
andere angeschlossen, die sich auf phylogenetische Vorformen beziehen. Als 

4) Ein gesondertes, aber psychologischer Aufklärung zugängliches Problem betrifft dabei 
den bedeutsamen zeitlichen Abstand der analogen Phasen in der Entwicklung der sprach- 
lichen und der graphischen Ausdrucksmittel des Kindes. 

5) Ich bin mir bewußt, daß diese Formulierung eine zu allgemeine ist, muß aber in dieser 
wie in anderen Fragen darauf verzichten, auf einschränkende und erläuternde Bedingungen 
einzugehen. 



Zur Psychologie der Karikatur 



457 



Ausgangspunkt empfiehlt sich die Gebärdenkomik als die dem archaischen 
Verhalten offenbar nächste Übung im Bereich des Komischen. Wir kennen 
ihre Wirkung. Nichts pflegt uns so sicher zu verletzen, als uns in Gebärde 
oder Rede — auch die Nachahmung der Rede darf man hier zur „Gebärde" 
rechnen — nachgeahmt zu sehen. Wir sehen leicht ein, daß nicht Entlarvung 
und Herabsetzung allein diese narzißtische Kränkung auslösen, sondern daß 
hinter der „Karikatur in Gesten" ein tieferer Sinn steckt. Wir fühlen uns 
durch die Nachahmung in unserer Einzigartigkeit bedroht, ersetzt und be- 
seitigt. 6 Wir verstehen, daß hier in der Macht der Gebärde etwas Urtümliches 
fortlebt: die alte Rolle der Geste in Zauber und Kult. Auch die Rolle des 
Wortes im Witz führt auf diesen Bereich hin, und Th. Reik, der die Wort- 
komik erst im Anschluß und an Stelle der Gebärdenkomik entstanden denkt, 
konnte darauf hinweisen, daß an mehreren Stellen in der Technik des Witzes 
die alte magische Bedeutung der Worte erneuert wird. Diese Beobachtungen 
finden eine Stütze, wenn wir die analogen Probleme für die graphische Aus- 
drucksweise der Komik an der Karikatur ins Auge fassen. Denn es hat den 
Anschein, als ob sich die phylogenetischen Voraussetzungen der Karikatur 
unschwer bis in den Bereich des Bildzaubers zurückverfolgen ließen. Der 
Glaube an die Identität von Bild und Abgebildetem — die Voraussetzung des 
Bildzaubers — darf als die älteste ästhetische Theorie der Menschheit ange- 
sprochen werden (Ch. Lalo); ihre Geltung reicht bis in unseren Lebenskreis. 
Denn wenn Liebende das Bild der treulosen Geliebten, Revolutionäre das 
Bild des Herrschers vernichten, gilt ihre Tat nicht dem Bild, sondern den Ab- 
gebildeten: Im Affekt, wenn das Ich die Zügel seiner Herrschaft gelockert hat, 
ist die Bahn auch für diese Regression freigegeben. 7 

Die Brücke, die von dieser Einstellung zu der der Karikatur führt, sei nur 
aphoristisch angedeutet. Die Veränderung am Bild „vertritt" auch hier eine 
Veränderung am Dargestellten. Daß nach der Meinung mancher — wir haben 
sie vorher in der Fassung, die Bergson ihf gab, angeführt — der Lustgewinn 
bei der Karikatur daher stamme, daß wir den Karikierten gleichsam in Ge- 
danken zu Grimassen zwingen, daß die Gebärdenkomik, die „Karikatur in 
Gesten", auf eine Beseitigungstendenz schließen ließ, stützt diese Vermutung. 
Sie scheint durch soziologische Daten bestätigt und gesichert zu werden: Wenn 

6) Ich darf hier der Anregung gedenken, die ich wiederholtem Meinungsaustausch mit 
E. Bibring danke, dessen klinisches Material gerade in dieser hier kursorisch berührten 
Frage weitgehende Klärung zu bringen verspricht. Eine seiner Beobachtungen, die den 
Zusammenhang von Aggression und Nachahmung beleuchtet, sei hier angeführt: Ein Patient 
verfügt nur dann über die Fähigkeit, bestimmte andere Personen — und dann sehr getreu — 
nachzuahmen, wenn er gegen sie in aggressiver Stimmung ist. 

7) Vgl. dazu E. Kris und O. Kurz, „Die Legende vom Künstler, ein geschichtlicher 
Versuch", Wien 1934, S. 80 f. 



458 Ernst Kris 



die Karikatur in breiter Schicht zur Kunstgattung wird — das geschieht, wie 
es scheint, nur unter ganz bestimmten geschichtlichen Bedingungen — , läßt 
sich stets geübter Bildzauber an einer Stelle ihrer Ahnenreihe feststellen. Für 
die Karikatur der Neuzeit etwa ist der Befund zu sichern, daß eine ihrer "Wur- 
zeln bis zu jenen Spott- und Schandbildern reicht, an denen — im eigentlichen 
Sinne in effigie — die Strafe vollstreckt wurde, der sich der Dargestellte ent- 
zogen hatte. 8 

V. 

Wir kehren nun nochmals zum Vergleich von Witz, Karikatur und Traum 
zurück und stützen uns auf einen Gedanken Freuds, der den Traum als 
exquisit asoziale Leistung dem Witz als einer exquisit sozialen gegenüberge- 
stellt hat. Die Erklärung dieses Gegensatzes ergibt sich schon aus der Formel, 
mit der wir die Witzarbeit zu verstehen gewohnt sind: Ein vorbewußter Ge- 
danke wird einen Augenblick der Bearbeitung des Systems Ubw. über- 
lassen . . . Einen Augenblick; während also im Traum die Entstellung der Ge- 
danken durch den Primärvorgang bis zur Unkenntlichkeit durchgeführt ist, 
leistet die Entstellung im Falle des Witzes — und wir dürfen sagen: auch im 
Falle der Karikatur — nur halbe, vom Ich kontrollierte Arbeit; der Gedanke 
wird mehr verkleidet als entstellt, die Entstellung nur soweit getrieben, daß 
sie auch dem Nächsten noch verständlich ist. Auch hier wieder haben wir 
freilich des Einwandes zu gedenken, daß wir einen allgemeinen, nicht nur für 
Witz und Karikatur gültigen Vorgang beschreiben; 9 indessen hat er, da er den 
sozialen Charakter komischer Phänomene betrifft, im vorliegenden Zusam- 
menhang eine besondere Bedeutung. Denn der soziale Charakter ist aller 
Komik wesensmäßig eigen: „Ein Witz durchläuft die Stadt wie eine Sieges- 
nachricht", und diesem Bilde Freuds dürfen wir hinzufügen: Die Karikatur 
ist Flugblatt. 

Zweierlei scheint den primär sozialen Charakter der tendenziösen Komik 
zu bedingen: Einmal, daß die Zustimmung des anderen der Rechtfertigung 
der eigenen Aggression dient, und dann, daß Witz und Karikatur sich 
leicht als Aufforderung an den anderen „zu gemeinsamer Aggression und Re- 
gression" erkennen lassen. Damit dient die tendenziöse Komik — wir setzen 
damit den Gedankengang Freuds, dem wir zuletzt wörtlich gefolgt sind, mit 
der Einsicht anderer in Beziehung — „der Gewinnung und Verführung 
des Partners" und es bietet sich neuerlich an unerwarteter Stelle die Mög- 
lichkeit, die tendenziöse — und wohl auch die harmlose — Komik mit dem 

8) Belege zu dieser Auffassung werde ich in gemeinsam mit E. Gombrich vorbereiteten 
Studien zur Geschichte der Karikatur beizubringen haben. 

9) Vgl. dazu Th. Reik, Lust und Leid im Witz, S. 59 ff. (= Imago XV, 1929), der von 
hier aus den Unterschied von Witz und Kunstwerk zu fassen sucht. 



Zur Psychologie der Karikatur 



459 



Bereich des Infantilen zu verbinden. Ich meine, daß wir berechtigt sind, im 
sozialen Charakter der Komik das Fortleben — oder besser: die Erbschaft — 
eines kindlichen Verhaltens zu erblicken, das D.B urlin gham kürzlich als 
„kindlichen Mitteilungsdrang" anschaulich beschrieben hat. 10 Doch verrät der 
soziale Charakter der Komik nicht eine Fixierung an eine bestimmte Seite 
kindlichen Verhaltens, sondern imponiert als großartige Verarbeitung, durch 
die ein in der Kindheit lebendiger Drang sich der Anpassung an die Realität 
der Erwachsenen zugänglich erweist. 

Von diesen Überlegungen aus wird eine Grundeigenschaft komischer Phäno- 
mene unserem vertieften Verständnis zugänglich; sie betrifft den dynamischen 
Charakter der Komik. Als Ausgangspunkt empfehlen sich Fälle, in denen die 
komische Leistung mißlungen ist; ihr Mißlingen zeigt sich als Versagen der 
Wirkung auf die Umwelt. In zahlreichen Fällen entsteht dabei statt Lust 
Unlust; die Färbung des Unlusterlebens kann eine zweifache sein, peinlich 
oder unheimlich; man wird leicht einsehen, wann mehr das eine oder wann 
mehr das andere der Fall ist. Da es sich bei diesem Ausgang mißlungener 
komischer Leistungen um ein Umkippen der Wirkung handelt, schlage ich 
vor, von einem Kippcharakter komischer Phänomene zu sprechen; ich 
habe dabei eine ganz allgemeine Eigenschaft der Komik im Auge. 

Um sie besser zu verstehen, stellen wir den einfachsten Fall des Mißlingens 
der komischen Leistung im Schema dar. Das Unlusterlebnis ergreift alle Per- 
sonen der komischen Handlung, schematisch gesprochen, den, an den sich die 
Leistung wendet, und den, der sie ausführt. Im Falle des tendenziösen Witzes 
etwa darf man vermuten, der Zuhörer habe die Aggression in ihrer Verklei- 
dung erkannt, sein Über-Ich habe sie ihn abweisen heißen; man darf sagen, er 
habe den Witz — oder: die Äußerung als Witz — „mißverstanden". Das 
„Mißverstehen" des Zuhörers kann einem „Mißlingen" beim Erzähler ent- 
sprechen, das Mißverstehen die Reaktion auf dieses Mißlingen sein. Das Miß- 
lingen dürfen wir uns etwa — mit Th. R e i k — dadurch erklären, daß wir 
uns den Erzähler unter der Herrschaft des Geständniszwanges stehend denken; 
man dürfte dann diese Art des Mißlingens auf den Unterschied zwischen Ge- 
ständniszwang und Mitteilungsdrang zurückführen, wobei der Mitteilungs- 
drang als „Geständniszwang" im Dienste des Lustprinzips anzusehen ist; er 
stellt eine aus dem Triebleben stammende Komponente des Geständniszwanges 
bei. 11 Das Unlusterlebnis des Zuhörers dürfen wir uns aus dem Konflikt zwi- 
schen Zustimmung zur Aggression des Erzählers und ihrer Abweisung, das 
Unlusterlebnis des Erzählers durch die Abweisung von Seiten des Zuhörers, 

10) Imago XX, 1934, S. 129 ff. 

11) Vgl. dazu auch die übereinstimmende Auffassung R. "Wälder s, diese Zeitschrift, 
dieser Band, S. 476. 



460 Ernst Kris 



der ihn gleichsam allein seinem Gewissenskonflikt ausliefert, entstanden oder 
verstärkt denken: Der Versuch, Lust aus erspartem Unterdrückungsaufwand 
zu gewinnen, ist gescheitert, neue Besetzung erforderlich geworden. 

Diese äußerst vergröberte Darstellung, die sich im übrigen an die Auffassun- 
gen Freuds und Reiks unmittelbar anschließt, läßt uns die Leistung der 
Komik aus dem Konflikt zwischen Triebtendenzen und ihrer Abweisung durch 
das Über-Ich und damit die Doppelstellung der Komik zwischen Lust und 
Unlust, die Wurzeln ihres Kippcharakters, verstehen. Ähnliches nun scheint 
auch für die frühesten Ansätze zur Komik im menschlichen Leben zu gelten. 
Als ihr nächster Verwandter im seelischen Haushalt der Menschen darf das 
Spiel gelten — das Spiel der Erwachsenen zunächst, das wie ihre Komik ein 
Stück weit als „Ferien vom Über-Ich" zu verstehen ist. 12 Als ihre Vorform 
gelten uns Spiel und Scherz der Kindheit, die, an entscheidender Stelle, eine 
Brücke von Triebbefriedigung zu Realitätsanpassung zu bilden berufen sind. 
Wir haben die doppelte Aufgabe des Spieles der Kinder verstehen gelernt, das 
der Bewältigung der Umwelt und der Abwehr der Unlust — der Bewältigung 
unlustvollen Erlebens — zugleich dient, Leistungen, neben denen man — je nach 
der Grundanschauung, von der man ausgeht — eine dritte im Dienste der 
Funktionslust zulassen mag. Wie sie ineinandergreifen, erfahren wir gerade 
an jenem Teil des Spieles der Kinder, das in der Wortkomik der Erwachsenen 
wieder auflebt, ich meine die Sprachspiele der Kinder. Ein Teil dieses Phäno- 
mens wird verständlich, wenn man bedenkt, daß sich auch im Wortspiel der 
Kinder oder besser: in ihrem spielerischen Experimentieren mit Worten zu- 
weilen der Drang nach Mitteilung äußert — auch hier wieder ist auf D. B ur- 
lin gh am s Darstellung zu verweisen — , aber offenbar noch früher auch das 
Wortspiel der Wortbewältigung dient. 13 Ist so das Spiel des Kindes aus dem 
Jenseits des Lustprinzips abzuleiten — oder wenn man den Bedenken gegen 
diese Auffassung (K. Bühl er) Rechnung tragen will: nicht ohne eine Wurzel 
im Jenseits des Lustprinzips zu erklären — , so wäre man leicht versucht, ihm 
den Scherz gegenüberzustellen, als ein ausschließlich im Dienst des Lustprinzips 
stehendes Verhalten des Kindes, das freilich durchaus als Reaktion auf das Ver- 
halten der Erwachsenen zu verstehen ist. 14 Aber so lockend es wäre, dem Spiel 
die Bewältigung der Unlust, dem Scherz den Lustgewinn als vornehmliche Auf- 

12) Diesen Ausdruck bilde ich einem bekannten Worte des Dichters Paul Keller nach. 

13) Der Umgang mit Kindern des zweiten Lebensjahres sichert immer wieder diese An- 
schauung, die sich übrigens auch an Hand der veröffentlichten Materialsammlungen da und 
dort stützen läßt; vgl. etwa D. und R. Katz, Gespräche mit Kindern..., 1928. Die hier 
vertretene Auffassung nähert sich der, die Th. Reik (Nachdenkliche Heiterkeit, Wien 1933, 
S. 39) entwickelt hat. 

14) Denn daß der Scherz des Kindes — im Gegensatz zum Spiel — ein primär soziales 
Verhalten ist, dem Kontakt dient, und welche Folgen sich daraus für die Abgrenzung der 
Funktion von Spiel und Scherz gewinnen lassen, kann hier nicht weiter erörtert werden. 



Zur Psychologie der Karikatur 



461 



gaben vorzubehalten, so wenig läßt sich doch zugunsten einer solchen Teilung 
anführen. Denn die Grenzen von Spiel und Scherz sind fließende, beide schon 
am Ausgang des ersten Lebensjahrs geübt und verstanden. Um die Nähe 
beider zu illustrieren, darf etwa der Befund einer verläßlichen psychologischen 
Untersuchung angeführt werden, nach der die jeweils letzte errungene Ein- 
sicht, der letzte intellektuelle Erwerb zu dem jeweils „wirksamsten" Mittel 
kindlicher Komik gehöre; 15 man könnte mit den gleichen Worten auch die 
Stoffwahl des Spieles kennzeichnen. Aber es bedarf dieser Analogie zwischen 
Spiel und Scherz nicht, um die tägliche Beobachtung am Kinde zu bestätigen, 
nach der schon im zweiten, in voller Entfaltung im dritten Lebensjahr der 
Scherz immer von neuem als bevorzugtes Mittel dient, um Aggression — • 
oder sagen wir besser Ambivalenz — zu bewältigen. Ich muß darauf ver- 
zichten, diese Behauptung hier an Hand des Materials zu erarbeiten, und mich 
— schwer genug — dazu entschließen, für diesmal in thesenhaft aphoristischer 
Darstellung fortzufahren: Auch in der Stellung des Scherzes liegt die Aufgabe 
von Bewältigung und Abwehr deutlich zutage: Denn er ist durchaus — schon 
im Sprachgebrauch — als Gegenbild des „Ernstes" gemeint; auch hierin ist er 
vom Spiel unterschieden: „Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern 
Wirklichkeit." 16 Der Gegensatz von Scherz und Ernst aber scheint letztlich für 
weite Gebiete des Komischen zu gelten. Auch die Komik der Erwachsenen — 
und sicher die tendenziöse Komik — dient der Bewältigung von Affekten, der 
Bewältigung libidinöser oder aggressiver, vom Uber-Ich abgewehrter Tenden- 
zen, aus denen das Ich, im Dienste des Lustprinzips, den Ausweg in die Komik 
finden kann. Den Triebregungen des Es wird stattgegeben, aber nicht ihr 
voller und wirklicher Inhalt wird befriedigt; an Stelle der Tat tritt ihr Wider- 
spiel, die halbe Tat der Komik. 

Es empfiehlt sich, diesen Vorgang — abgekürzt und schematisch — für das 
Gebiet der Karikatur nochmals darzustellen: Statt am Antlitz des Gegners die 
Entstellung vorzunehmen, wird sie vorgestellt und an seinem Bilde ausgeführt. 
Dieses Vorgehen hat noch nicht die Höhe der Karikatur, wenn es unter der 
Herrschaft des magischen Denkens steht. Denn dann ist die Handlung 
zwar verändert, die Absicht aber beibehalten; die Tat wird an einem Bilde 
vorgenommen, das als mit dem Abgebildeten identisch gilt. Im Falle der 
Karikatur wird dieser Glaube im Bewußten oder Vorbewußten nicht mehr 
festgehalten. Auch die Karikatur soll wirken, aber nicht „an dem" Karikier- 
ten, sondern auf den Beschauer, den sie zu einer bestimmten Vorstellungs- 
arbeit verhalten will. 

15) Vgl. dazu E. Herzfeld und L. Prager, Verständnis für Scherz und Komik beim 
Kinde, Zeitschr. f. angew. Psychologie XXXIV (1929). 

16) Freud, Der Dichter und das Phantasieren, Ges. Sehr., X, 230. 



Diese Entwicklung von einer niederen — magischen — zu einer höheren 
Stufe des Vorgangs bringt entscheidende Veränderungen am Bilde mit sich. 
„Wo jener Glaube an die Identität von Bild und Abgebildetem im Schwinden 
begriffen ist, tritt ein neues Band auf, um beide zu verbinden: Die Ähnlich- 
keit." 17 Auf der Stufe des magischen Denkens ist die Beschaffenheit des Bildes 
von geringer Bedeutung; auf der Stufe, der die Karikatur angehört, ist die Ähn- 
lichkeitVoraussetzung der sozialen Funktion des Bildes. Die Ähnlichkeit — das Er- 
gebnis eines gewissen, aber schwer bestimmbaren Maßes an Einstellung auf die 
Wiedergabe der Wirklichkeit im Bilde — ist die Voraussetzung der Karika- 
tur. 18 Erst die Ähnlichkeit des Bildes mit dem Abgebildeten führt auf die 
spezifische Bedeutung der Karikatur als Entstellung des als ähnlich er- 
kanntenAbbildes hin. Der Vergleich der Karikatur mit dem Karikierten, 
dessen wir einleitend gedachten, löst eine Ersparung an Vorstellungsaufwand 
aus und wirkt im engeren Sinne von Freuds Definition komisch. Einzelne 
Elemente der Entstellung aber weisen durch Verdichtung, Verschiebung oder 
Anspielung, auf andere, man darf sagen auf die entstellenden Vorstellungen 
hin; sie sind es, die die Tendenz verraten. Damit gewinnen wir für einen 
Sachverhalt, den wir schon am Eingang unserer Darstellung gestreift hatten, 
vertieftes Verständnis: Die komische Wirkung des Vergleichs und die 
Wirkung der „sinnreich" verhüllten Tendenz greifen ineinander. Wenn 
nach Freuds Auffassung die „komische" Wirkung des Witzes die Fassade 
seiner tendenziösen Wirkung sein kann, so scheint die engste Verbindung 
beider Wirkungen den spezifischen Sinngehalt der Karikatur zu begründen, 
ein wichtiges Ergebnis der Arbeit des Ichs bei der Karikatur darzustellen. 19 

Fassen wir zusammen: Genügt, was wir als die halbe Tat der Komik be- 

17) Vgl. E. Kris und O. Kurz, a.a.O., und den dort kursorisch wiedergegebenen Ge- 
dankengang von H. Gomperz; vgl. auch dessen Aufsatz: Über einige psychologische Vor- 
aussetzungen naturalistischer Kunst, Beilage zur Münchner allgemeinen Zeitung, 1906. 

18) Diese Auffassung ließe sich allgemeiner so formulieren, daß die auf magische Wir- 
kung gerichtete Handlung durch eine Handlung abgelöst werde, die auf bestimmte Wert- 
zusammenhänge abziele. Diese Formel: „Wert statt Wirkung" scheint — dies sei 
hier noch angedeutet — von allgemeinerer Bedeutung zu sein und einen Zugang zur 
Psychologie der Wertbildung überhaupt zu eröffnen. — Es ist noch ausdrücklich hervor- 
zuheben, daß die volle Indifferenz gegenüber der Beschaffenheit des Bildes im Zeichen magi- 
schen Denkens im Leben der Völker nicht anzutreffen ist. Auch hier aber kann die ge- 
schichtliche Darstellung im weitesten Sinn nur auf Grund von Einsichten fortschreiten, die 
die Psychologie erarbeitet hat. Die Entwicklung des Kindes in seinem Verhältnis zum Bilde 
und das Verhalten mancher Geisteskranker bildlichen Darstellungen gegenüber belehren uns 
anschaulich darüber, was die psychologische Erfahrung als „onto genetisches Modell" 
den geschichtlichen Sozialwissenschaften zu bieten imstande ist. Auch die hier angedeutete 
Auffassung über die Beziehung von Wirkung und Wert läßt sich aus den Einsichten ge- 
winnen, die dieses „Modell" uns nahelegt. 

19) Auch in diesem Falle kann die vorgetragene These nicht begründet, erläutert (und 
damit auch eingeschränkt) werden. 



Zur Psychologie der Karikatur 



463 



zeichnet haben den Triebansprüchen, so schützt ihr Sinngehalt die Karikatur 
vor doppelter Zensur; vor der der Innenwelt und zugleich vor der der Außen- 
welt, der wir die Bezeichnung entlehnen. 20 

Das Gelingen der komischen Leistung darf man sich danach in doppelter 
Weise bedingt denken. Der Anspruch des Trieblebens wird durch den Inhalt, 
der abweisende des Uber-Ichs durch die Art der Verkleidung befriedigt; 
wenn so die Spannung zwischen beiden Ansprüchen vom Ich bewältigt ist, 
kann aus Unlust Lust entstehen. Der Kippcharakter aber erscheint als jene 
Eigenschaft komischer Phänomene, die durch den Konflikt, aus dem sie stam- 
men, bedingt ist; er setzt sich zuweilen gegen die Arbeitsleistung des Ichs 
durch; dann wird diese Arbeit als mißlungen wirken. 

Man möchte gerne allgemeine Bedingungen solchen Mißlingens kennen- 
lernen. Sie sind schwer, vielleicht gar nicht anzugeben. Nur auf eine ge- 
trauen wir uns hinzuweisen. Nicht das Unlust- oder Angsterregende schlecht- 
hin kann komischer Bearbeitung unterworfen werden — ein solcher Versuch 
mag unheimlich wirken — , sondern ein schon Geschwächtes und ein Stück 
weit Verarbeitetes. Ein Stück Verarbeitung ist die Voraussetzung der Komik 
und zugleich leistet die Komik selbst ein Stück Verarbeitung. (Diese Einsicht, 
die durchaus der Auffassung Freuds entwachsen ist, hat ihre Vorläufer im 
Denken der Romantik; die Formulierung Jean Pauls: „Witz gibt Freiheit, 
Freiheit gibt "Witz" ist das Vorbild der unseren.) Ist nun die Verarbeitung 
nicht gelungen, das Maß der Affekte noch zu groß, um einer Verarbeitung 
durch die Komik zugänglich zu sein — so dürfte man diesen Gedanken fort- 
setzen — , dann kippt die Wirkung der Komik von Lust zu Unlust. Wichtige 
Eigenschaften dieses Vorganges, seine Häufigkeit und das Unerwartete seines 
Eintretens — man kann nie sagen, wann eine komische Leistung gegen Miß- 
lingen geschützt sein wird — , sind aufzuklären, wenn wir uns der sozialen 
Funktion aller Komik nochmals besinnen und die ausgebreiteten Verschieden- 
heiten und Abstufungen in Vorliebe und Toleranz für komische Phänomene 
im Auge behalten. Denn zu den viel erörterten und allgemeinsten Eigen- 
schaften der Komik dürfte ihre Bindung an den sozialen und historischen Ort 
gerechnet werden, das, was man als die „Subjektivität' der Komik zu be- 
schreiben gewohnt ist; wir wissen, daß jede Gesellschaftsklasse, jede Zeit und 
manche örtlichen Kulturkreise ihre besonderen, oft sehr verschiedenen Formen 



20) Auch die künstlerische Höhe der Karikatur — d. h. ihre Zugehörigkeit zu einem 
anderen, der bildenden Kunst spezifischen 'Wertzusammenhang — kann ihr Schutz bieten: 
Der griechische Maler Ctesicles hat die Königin Stratonike in schimpflicher Haltung gemalt, 
einen Fischer umarmend; er hat dieses Bild öffentlich zur Schau gestellt und die Stadt flucht- 
artig verlassen. Die Königin will es im ersten Ärger vernichten lassen, aber läßt es dann 
sorgfältig hüten und aufbewahren. Das Kunstwerk sei zu bedeutend, um seines Inhaltes 
wegen der Zerstörung anheimzufallen. 

Imago XX/4 30 



464 Ernst Kris 






des Komischen kennen, daß sich die Komik schwer aus einer in die andere 
Atmosphäre verpflanzen läßt. 21 Dieser Sondercharakter der komischen 
Phänomene wird aus folgender Überlegung verständlich: Die tendenziöse 
Komik kann sich füglich nicht gegen das Gleichgültige richten; die Art der 
Geringschätzung, auf die sie schließen läßt, legt aber die Vermutung nahe, daß 
sie auch kaum das von eh und je Verpönte zu ihrem Objekt nimmt — es 
pflegt peinliche Wirkung auszulösen, wenn sie es tut, — sondern das 
eben noch Geschätzte, das eben noch im Über-Ich Repräsentierte. Ich 
darf Sie — um mit einem Worte zu sagen, was ich meine — an die große Ge- 
stalt des Don Quijote erinnern, den wir alle vor wenigen Stunden in neuem 
Lichte haben sehen gelernt, 22 und möchte nur noch andeuten, daß manche 
besonders augenfällige Probleme von dieser Überlegung her besser verständ- 
lich zu werden versprechen. Wir kennen etwa alle den unwiderstehlich komi- 
schen Eindruck einer gewissen Art älterer Modebilder; man hat ihn jüngst 
im Film öfters benützt. Aber es ist auffallend, daß es nur eine bestimmte Art 
betrifft; solche, mit der noch unsere eigene Erinnerung, unsere frühen Ein- 
drücke und Erlebnisse verbunden sind. Hinter dieser Grenze liegt das Reich 
unseres historischen Interesses. Wir fügen hinzu: Ein großer Teil der komi- 
schen Wirkung bleibt ihm entzogen. 23 

Suchen wir diese Überlegungen zusammenzufassen, so hat auch die ten- 
denziöse Komik der Erwachsenen im Ambivalenzkonflikt ihre Wurzeln, dessen 
Ausgang sie zuweilen bezeichnen mag; sie darf als ein Mittel gelten, um Be- 
wunderung und Abneigung zugleich zu bewältigen und — indem sie aus Un- 
lust Lust schafft — die Spannung im seelischen Apparat zu verringern, ganz 
allgemein gesagt, den psychischen Aufwand herabzusetzen. Wir sind damit 
bei der Ausgangsannahme Freuds angelangt und dürfen nun noch die Frage 
prüfen, wie dauernd der Erfolg der komischen Leistung sei. Wir kennen seine 
Grenzen: Der Konflikt wird nicht immer gelöst. Die melancholische Disposi- 
tion des typischen Komikers, dessen, der nur diese Form des Auswegs kennt 

21) Es ließe sich an dem verschiedenen Grade der „Übertragbarkeit" und „Übersetzbar- 
keit" komischer Leistung hier manche strukturelle Einzelfrage erörtern. 

22) Vgl. dazu H. Deutsch, diese Zeitschrift, dieses Heft, S. 444 ff. 

23) Analoge Erklärungsversuche lassen sich, wie es scheint, öfters mit Nutzen anstellen: 
Sie lassen etwa das Bedürfnis der Theaterleiter unserer Tage verstehen, ältere Lustspiele 
einer gründlicheren Bearbeitung — „Aktualisierung" — zu unterziehen als andere Werke 
älterer dramatischer Kunst. Andere Phänomene wieder lassen sich offenbar von der Aus- 
gangsthese her verstehen, die besagt, das eben noch im Über-Ich Repräsentierte werde mit 
Vorliebe zum Gegenstande der Komik gemacht; so etwa die Rolle gewisser typischer Witz- 
figuren im allgemeinen, im besonderen auch ein Stück der Eigenart des vornehmlich von 
Juden selbst erzählten und verbreiteten jüdischen Witzes, von Juden, die sich aus dem 
Zusammenhang ihrer Tradition schon ein Stück weit gelöst haben; vgl. zu diesem Thema 
zuletzt E. Hitschmann, Psychoanalytische Bewegung, 1930, und Th. Reik, Nachdenk- 
liche Heiterkeit, 1933, S. 70 ff. 



Zur Psychologie der Karikatur 465 

oder eindeutig bevorzugt, ist ein Faktum der Klinik, das jedem von Ihnen aus 
eigener Erfahrung vertraut, als statistisch gesichert gelten darf. Dieses Faktum 
verdient unsere besondere Aufmerksamkeit, denn es rückt die große patho- 
logische Parallele zur Komik, die Manie, in unseren Gesichtskreis; man darf 
sie als das pathologische Korrelat der Komik ansprechen. Wir wissen, daß sie 
durch den Triumph des Ich gekennzeichnet ist, zu dessen Gunsten das Über- 
ich seiner Macht entsagt hat, verstehen, daß sie im Großen zeigt, was die 
Komik im Kleinen anstrebt, den Ausgleich der die Existenz bedrohenden 
Spannungen. 

Lassen Sie mich nun des polaren Gegenbildes der Manie gedenken, der 
Ekstase, jenes Zustandes, der durch den Triumph des Uber-Ichs gekennzeich- 
net ist, in dem das Ich zeitweilig, vielleicht im Dienste einer den seelischen 
Apparat beherrschenden Unifizierungstendenz (H. Deutsch), auf seine Selb- 
ständigkeit verzichten darf. Diese Gegenüberstellung hat über das rein For- 
male hinaus lebendige Bedeutung. Denn ist die Manie als pathologisches Kor- 
relat des Komischen anzusprechen, so entspricht der Ekstase im normalen Ver- 
halten das Erlebnis des Erhabenen; das Erhabene aber kennen wir als „ein 
Großes in psychischem Sinn". Und leistet das Komische eine Herabsetzung 
seelischer Energie, so fordert das Erhabene einen Mehraufwand. Von dieser 
Seite her darf auch ein anderer Gedanke Freuds beleuchtet werden: Die 
Sonderstellung des Humors, 24 der allein von allen Phänomenen aus dem 
Reich des Komischen zugleich an der Grenze des Erhabenen steht. Nicht nur 
weil er nicht mehr auf dem Boden der Ambivalenz steht, postambivalent und 
der Beitrag des Über-Ichs zur Komik ist, sondern vor allem, weil er, in einer 
Person vollendet, des Partners zu erhöhtem Lustgewinn nicht bedarf. Daß er 
dem seelischen Haushalt des einzelnen eigen ist, mag seine Nähe zum Er- 
habenen ausmachen. Er scheint die späteste Form der Komik zu sein, die 
der Mensch auf seinem Lebenslauf auszubilden vermag, gilt als Zeichen seeli- 

24) Es wäre lohnend, diese Sonderstellung schärfer zu bestimmen. Hier nur zwei Über- 
legungen: Der Ausspruch des Verbrechers am Wege zur Hinrichtung „Die Woche fängt 
gut an" — eines der Grundbeispiele Freuds — kann auch als Selbstironie aufgefaßt wer- 
den. Man ist versucht zu glauben, auch die Leistung des Humors könne Kippcharakter 
haben, dann etwa, wenn die Ironie des „Galgenhumors" die Wirkung beherrsche. (In diesem 
Sinne — und nur so — vermag ich eine Bemerkung von Jekels und Bergler [ImagoXX 
(1934), 14] zu verstehen, nach der der Humor der Angriffstaktik des Ichs gegen das Ich-Ideal 
diene.) — Man möchte den Humor von anderen Leistungen, die ihm verwandt sind, etwa 
auch dadurch unterschieden wissen, daß der Humor keine eigene Technik, keine eigene 
Formensprache aufweise. Damit scheint in guter Übereinstimmung zu stehen, daß er selten 
allein begegnet, meist legiert, als Zusatz oder Färbung anderer komischer Leistung. Die 
Geschichte des Wortes und des Begriffes, die etwa Benedetto Croce (L'umorismo, in: Pro- 
blemi di Estetica e contribuiti alla storia dell'estetica Italiana, 2 1923) geschildert hat — der 
englische Sprachgebrauch hat seit dem 17. Jahrhundert schrittweise den Begriffsgehalt be- 
stimmt — , lehren, wie diese Auffassung zu begründen wäre. 

30* 



^66 Ernst Kris: Zur Psychologie der Karikatur 

scher Reife und ist an die engen Grenzen sozialer und zeitlicher Eigenart 
minder gebunden als andere Formen der Komik; auch darin ist er dem Er- 
habenen näher. 

Die Gegenüberstellung von Komischem und Erhabenem ist ein alter „Topos" 
der Ästhetik. Von ihrer gegensätzlichen Stellung im seelischen Haushalt aus 
scheint sich so ein neuer Zugang zu alten Problemen zu bieten, ja es mag nun 
vorschnell scheinen, daß wir einleitend das Komische als Gegenstand der 
Psychologie haben in Anspruch nehmen wollen, da es nun den Anschein hat, 
als führe unsere Betrachtungsweise selbst wieder vor die Tore der Ästhetik. 
Aber wir meinen, es sei besser, sie zunächst versperrt zu halten. 

Es mag uns aber im Gefühle künftiger näherer Verbindung als gutes Vor- 
zeichen gelten, daß unsere Befunde selbst mit denen der ältesten ästhetischen 
Tradition, die wir kennen, mit der der Griechen, in guter Übereinstimmung 
sind. Der Gegensatz von Erhabenem und Komischem, so groß er ist, soll uns 
doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie einem gemeinsamen Ziel dienen: 
der Bewältigung innerer Gefahr. Hat doch die Psychoanalyse frühzeitig ein- 
sehen gelernt, daß letztlich das große Dioskurenpaar der Kunst, Tragödie und 
Komödie, 25 als zwei verschiedene Versuche gelten dürfen, das Ich — sagen 
wir: von einer Schuld — zu entlasten. 

Das Symposium Piatons schließt mit der Schilderung, wie gegen Morgen, 
als die Hähne schon krähten und die anderen teils schliefen, teils fortgegangen 
waren, Agathon, Aristophanes und Sokrates allein gewacht und aus einem 
großen Becher rechtsherum getrunken hätten, „und Sokrates wollte sie nöti- 
gen einzusehen, es gehöre einem und demselben zu, Tragödien zu schreiben 
und Komödien". 



25) Vgl. dazu auch L. Jekels, Imago XII (1926). 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse und 
das Problem der Realitätsprüfung 1 



Von 

Robert Wälder 

Wien 

Meine Damen und Herren! 
Gestatten Sie mir, zuerst an Ihre Nachsicht zu appellieren, wenn ich im 
folgenden nur einige neue Formulierungen über Sachverhalte vorschlagen 
möchte, die als solche jedem Analytiker geläufig sind. Ich möchte vor allem 
vorausschicken für alle diejenigen, bei denen der Titel dieses Vortrages ein 
gewisses Mißtrauen erregt haben mag, daß hier keine Metaphysik vorgetragen 
werden soll, daß hier nicht das Problem der Willensfreiheit, die Jahrtausende 
alte Crux der Philosophie erörtert wird, sondern das rein psychologische 
Problem der Freiheit von etwas, z. B. von Affekten, von Angst, oder Frei- 
heit zu etwas, z. B. zur Lösung der an einen Menschen gestellten Aufgaben. 
Wer etwa an einer Zwangsneurose leidet und unter Zwang handelt, ist psy- 
chologisch unfrei, wer vom Zwang „befreit" ist, hat ein Stück Freiheit ge- 
wonnen. 

Anstatt Ihnen meinen Gegenstand nun in sorgfältigen Definitionen zu um- 
reißen, möchte ich versuchen, Sie lieber gleich mittenhineinzuführen durch 
einige Zitate aus den Schriften Freuds, aus denen Zugleich zu sehen ist, daß 
die Probleme dieser Art in Wahrheit immer im Mittelpunkte der psycho- 
analytschen Aufmerksamkeit gestanden sind. So sagt Freud z. B. über die 
Entwicklung der Zwangsneurose: „Das ganze läuft in eine immer mehr zu- 
nehmende Unentschlossenheit, Energielosigkeit, Freiheitsbeschränkung aus." 2 
An einer Stelle heißt es: „Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwen- 
dung der ärztlichen Persönlichkeit" (sc. als Prophet, als Führer) „entschieden 
widersprechen, ist ehrlich zuzugestehen, daß hier eine neue Schranke für die 
Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht 
unmöglich machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll, 
sich so oder anders zu entscheiden." 3 Oder an einer anderen Stelle: „Auch 
dies" (das Kultur-Uber-Ich) „kümmert sich nicht genug um die seelische 
Konstitution des Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt nicht, ob es dem 



i) Nach einem Vortrag am XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Luzern 
am 28. August 1934. 

2) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Gesammelte Schriften, Bd. VII, 
S. 267. 

3) „Das Ich und das Es", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 395 f. 



4 68 Robert Wälder 



Menschen möglich ist, es zu befolgen. Vielmehr nimmt es ah, daß dem Ich 
des Menschen psychologisch alles möglich ist, was man ihm aufträgt, daß dem 
Ich unumschränkte Herrschaft über sein Es zusteht. Das ist ein Irrtum und 
auch bei den sogenannt normalen Menschen läßt sich die Beherrschung des 
Es nicht über gewisse Grenzen steigern." 4 

Scheint so unser Thema hinlänglich gekennzeichnet, so wollen wir als erste 
Frage ins Auge fassen, welches der allgemeinste Begriff von Freiheit sei. Die 
allgemeinste Freiheit scheint uns darin gelegen zu sein, daß der Mensch nicht 
an seine biologische Situation, an seine Umwelt, an das hie et nunc seines 
jeweiligen Atmens gebunden scheint, sondern daß er jeweils über die Ge- 
gebenheiten der Wahrnehmungssituation hinausreicht, sich über sich selbst 
stellt und seinen augenblicklichen Standpunkt objektivieren kann. So ist 
es dem Menschen gegeben, sich mit Dingen zu beschäftigen und Dinge zu 
erfassen, die nicht nur jenseits seiner augenblicklichen Wahrnehmungssitua- 
tion, sondern auch jenseits der vitalen Bedingungen des Momentes gelegen 
sind — wie das etwa derzeit der Fall ist, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit Pro- 
blemen widmen, deren Behandlung gewiß kein vitales Bedürfnis des Augen- 
blicks bildet. Kraft dieser Freiheit vermag der Mensch sich selbst zum Ge- 
genstand der Betrachtungen zu nehmen, zu objektivieren und von seinem 
eigenen Standort zu abstrahieren. Der Philosoph Georg Simmel hat dies die 
Transzendenz des Lebens genannt, 5 nach dem wörtlichen Sinn des Wortes 
transcendere = übersteigen, sich darüberstellen. Sie kommt sinnfällig darin 
zum Ausdruck, daß der Mensch als einziges Lebewesen ein Testament macht, 
somit um die Endlichkeit seines Lebens weiß und, gleichsam von einem imagi- 
nären Standorte jenseits seiner hinfälligen biologischen Existenz, Einrichtungen 
trifft für den Zeitpunkt nach seinem Ende. 

Eine Reihe von Tatsachen, auf die einzugehen an dieser Stelle der Zeit- 
mangel verbietet, hat es nahegelegt anzunehmen, daß in dieser Transzendenz, 
in diesem Sich-über-sich-selbst-stellen der entscheidende Wesensunterschied 
zwischen Mensch und Tier gelegen sei, daß dies und nur dies die Dimension 
ist, die dem tierischen Leben abgeht. 6 

4) „Das Unbehagen in der Kultur", Ges. Sehr., Bd. XII, S. 111. 

5) G. Simmel, Lebensanschauung, München 1922. 

6) Zu diesen Tatsachen zählen in erster Linie die Untersuchungen über die Sprache der 
Tiere, die gezeigt haben, daß der tierischen Zeichengebung eine Dimension fehlt: die Dar- 
stellungsfunktion, die das Reservat der Menschensprache ist, und daß die Sprache der 
Tiere nur Auslösung und Kundgabe hat (K. Bühler). Weiteres Material ergibt sich aus 
den Beobachtungen Wölfgang Köhlers über die Schwierigkeiten negativer Leistungen bei 
seinen Versuchstieren; an Aufgaben, bei denen es nicht galt, zu dem optisch wahrgenom- 
menen Bild der Umwelt etwas dazuzudenken (ein Werkzeug), sondern etwas aus dem Wahr- 
nehmungsfelde wegzudenken, scheiterten die Tiere sehr bald. Hieher gehört schließlich 
das Fehlen der Kultur im menschlichen Sinne bei den Tieren (da etwa bei den Menschen die 



Diese fürs erste scheinbar vom praktischen Interesse weit abliegenden Über- 
legungen haben Anwendung auf dem Gebiet der Pathologie zur Erklärung der 
neurologischen Störungen gefunden. He ad, Gelb und Goldstein haben 
eine Reihe von Phänomenen der Asymbolien, z. B. der sogenannten zentralen 
Aphasie, auf Störungen gerade dieser Dimension oder Stufe des menschlichen 
Lebens zurückgeführt; wenn z. B. ein Aphasischer über ein Wort nicht ver- 
fügt, wenn danach zur Bezeichnung eines Gegenstandes oder Sachverhalts 
gefragt wird, dasselbe Wort aber klaglos gebraucht, wenn er in einer be- 
stimmten vitalen Situation seiner zum Ausdruck seiner Gemütslage bedarf, 
etwa Worte und Gebärden des Fluchens und Drohens hat, wenn er fluchen 
und drohen will, doch stumm und verständnislos bleibt, wenn man ihn nach 
Worten und Gebärden des Fluchens und Drohens fragt. 7 

Wenn wir dies nun in die uns vertraute Sprache der psychoanalytischen 
Terminologie übersetzen, so sehen wir, daß dieses Sich-über-sich-selbst-stellen, 
Sich-beobachten und -betrachten und Sich-ausschalten und damit das Haben 
einer Welt jenseits der Wahrnehmung- und triebgebundenen Umwelt 
eine Funktion des Über-Ichs ist, das wir ja als jene Stufe im Ich seit langem 
kennen gelernt haben. Wir wissen, im Uber-Ich wendet sich der Mensch 
zu seinem eigenen Ich, in strafend-aggressiver Weise bei den Gewissens- 
phänomenen, liebevoll-trostreich etwa im Humor, aber auch, emotionell 
neutral, in der Selbstbeobachtung und der Ausschaltung des eigenen Stand- 
ortes. Das Gemeinsame an diesen Erscheinungsarten des Über-Ichs, gleichsam 
ihr gemeinsamer Teiler, ist die Selbstbeobachtung, Selbstvergegenständlichung, 
Selbstobjektivierung, Einnahme eines Standortes über dem eigenen Ich. 8 Ge- 
Psychologie der Affen, nicht etwa bei Affen die Psychologie der Menschen betrieben wird). 
Schließlich sei noch auf die Unvorstellbarkeit jener Affekte bei Tieren hingewiesen, welche 
das Sich-über-sich-stellen zur Voraussetzung haben, wie z. B. Ironie und Humor. 

Wie das Schema von den Stufen des Organischen mit dem Entwicklungsgedanken ver- 
einbar sei, ob es eine Art kontinuierlichen Übergangs von der tierischen zur mensch- 
lichen Stufe gebe, wie es sich mit den domestizierten Tieren verhalte: all das sind Fragen, 
auf die an dieser Stelle auch nicht einmal andeutungsweise eingegangen werden kann. Ein 
außerordentlich beachtenswerter Versuch, eine Entwicklung von der tierischen zur mensch- 
lichen Stufe "zu zeichnen, ist von G. Bally unternommen worden („Über die kindliche 
Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere", Imago XIX, 1933) durch den Ansatz: 
biologische Retardierung der Entwicklung — verlängerte Brutpflege — Loslösung der Funk- 
tionen von ihrem biologischen Ziel. Das begriffliche Rüstzeug der Bally sehen Arbeit 
deckt sich nicht ganz mit den von uns versuchten Ansätzen. Auch diese Auseinander- 
setzung muß ich mir hier versagen; nur soviel sei bemerkt, daß mir die beiden Theorien 
letzten Endes identisch oder auf einen gemeinsamen Nenner reduzierbar erscheinen. 

7) Es ist für die folgenden Schlußfolgerungen nicht entscheidend, ob man den He ad sehen 
und Golds t einschen Theorien über Aphasie im vollen Umfang zustimmt und wie groß 
der Anwendungsbereich dieser Theorien ist. Es genügt durchaus, daß derartige Störungen 
vorkommen; dem ist aber auch in anderen Theorien Rechnung getragen. 

8) Wenngleich ein verbreiteter Sprachgebrauch das Wort „Über-Ich" nicht selten synonym 
mit „Gewissen" verwendet, so sei doch daran erinnert, daß Freud erstmalig das Ich-Ideal 



470 Robert Wälder 



statten Sie mir, hier von der formalen Über-Ich-Funktion zu sprechen, da von 
den konkreten Inhalten, die das Über-Ich hat, für Zwecke dieser Unter- 
suchung abgesehen wird. 

Die allgemeinste Freiheit ist sonach gelegen in der Existenz des Uber-Ichs, 
in dieser formalen Über-Ich-Funktion, kraft derer der Mensch sich über sich 
selbst stellt und die Welt außerhalb und jenseits seiner augenblicklichen 
Wahrnehmung und seiner biologischen Bedürfnisse erfaßt. 

Es scheint nun, daß das Freiheitsproblem einen dreifachen Aspekt hat: 
der Mensch steht durch die formale Über-Ich-Funktion über den Dingen, er 
steht gleichzeitig durch Wahrnehmung und Affekt mitten drinnen, ist von 
ihnen eingenommen, er steht ihnen aber auch gegenüber. Wir können so von 
einer dreifachen Freiheit sprechen, jener allgemeinsten, die das Wesen des 
Menschen ausmacht, die in der Existenz des Über-Ichs begründet ist, einer 
zweiten, die, wie wir vorläufig ungenau sagen wollen, um so weniger gegeben 
ist, je mehr der Mensch „darin" steht, je mehr er von Trieben und Affekten 
eingenommen ist; und einer dritten, der Freiheit zur Erfassung des Gegen- 
standes, der Wirklichkeit, wie sie ist. Diesem dreifachen Aspekt der Freiheit 
entspricht eine dreifache Freiheitsstörung: Versagen der Über-Ich- 
Funktion, zu sehr eingenommen sein von Affekten, Verlust der Freiheit zum 
Gegenstande. Diese drei Freiheitsstörungen oder Freiheitseinschränkungen 
scheinen uns realisiert in den drei großen Reichen der Psychopathologie: 
Neurose, Psychose und Asymbolie. In der Asymbolie scheint die formale 
Über-Ich-Funktion beeinträchtigt oder ausgeschaltet, in der Neurose ist der 
Mensch zu sehr eingenommen von Trieben und Affekten, d. i. von Fixierun- 
gen und Angst; in der Psychose fehlt Freiheit zum Gegenstande. Man sieht, 
daß sich diese dreifache Schichtung des Freiheitsproblems und der Probleme 
der Freiheitsstörungen im ganzen — wenngleich nicht restlos — deckt mit 
der dreifachen Schichtung der psychischen Persönlichkeit, die uns die Psycho- 
analyse kennen gelehrt hat. In Anlehnung an die soeben versuchte For- 
mulierung darf man dann auch sagen, die Asymbolie habe ihren Sitz im Über- 
ich, die Neurose im Es, die Psychose im Ich. 

Wir wollen nun fortschreiten zu dem Gesetz, das uns auf diesem Gebiete 

in der Arbeit „Zur Einführung des Narzißmus" an Hand der Phänomene des Beobachtungs- 
wahns, also als Instanz der Selbstbeobachtung eingeführt hat und auch in seiner letzten 
Darstellung der dreiteiligen Struktur der psychischen Persönlichkeit in der „Neuen Folge 
der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" das Problem an Hand der Frage 
aufrollt: Wie kann das Ich sich selbst zum Gegenstand nehmen? (Ges. Sehr., Bd. XII, S. 211 f.). 
Wir glauben sonach keine Erweiterung des psychoanalytischen Begriffes vom Uber-Ich vor- 
genommen zu haben — wenngleich eine solche Erweiterung, wenn sie vorläge, durch Zweck- 
mäßigkeitsgründe vielleicht gerechtfertigt werden könnte — , sondern durchaus in Über- 
einstimmung mit der Freudschen Konzeption geblieben zu sein. 



zu herrschen scheint. Der Mensch kann wohl kraft der formalen Über-Ich- 
Funktion sich über sich selbst stellen, über seine Triebe und über seine Ver- 
gangenheit, aber er kann dies nur unter bestimmten Bedingungen. Gestatten 
Sie, dies durch einen Vergleich zu veranschaulichen: Als Archimedes die Ge- 
setze des Hebels gefunden hatte, rief er aus: „Gib mir einen festen Punkt im 
Weltenraum und ich hebe dir die Erde aus ihren Angeln." Einen solchen 
festen Punkt braucht man auch, um das psychische Gefüge aus seinen Angeln 
zu heben, um sich über das Triebleben oder über die Vergangenheit zu er- 
heben, aber einen festen Punkt nicht im Weltenraum, sondern eben in diesem 
menschlichen Seelenleben selbst, in seinem Triebleben und in seiner Ver- 
gangenheit. So kann der Mensch wohl sich über sein Triebleben stellen, etwa 
seine Fixierungen überwinden, aber nur wenn und insofern er wieder einen 
festen Punkt in diesem seinen Triebleben hat, er in seinen Triebbedürfnissen 
Fuß faßt, also etwa z. B. gerade in dem Sich-darüber-stellen wieder Trieb- 
befriedigung findet; und er kann sich über das Fortleben seiner Vergangenheit 
in seinem gegenwärtigen Leben hinüberschwingen — gäbe es das nicht, so gäbe 
es keine psychoanalytische Therapie — aber er vermag es nur, wenn und inso- 
fern er dabei wieder Fuß faßt in einer wirksam fortlebenden Vergangenheit. 
Sonach kann man sagen, daß der Mensch kraft der formalen Uber-Ich-Funktion 
sich über das Es, über Triebleben und Schicksale der Vergangenheit stellen 
kann, doch nur wenn und insoweit der archimedische Punkt dafür wieder im 
Es gefunden ist. Man sieht, von den zwei Sätzen: „der Mensch ist frei" und 
„der Mensch ist unfrei" sind beide gleich wahr und gleich falsch. Man darf 
sagen, er sei frei, da er stets die Möglichkeit in sich trägt, sich über die bio- 
logischen und historischen Bindungen zu stellen. 9 Man darf sagen, er sei unfrei, 
da das nur dann geschehen kann, wenn, und nur insofern als er dabei wieder 
im Biologischen und Historischen Fuß faßt. 10 

9) Für die weitere Durcharbeitung der Theorien ist es erforderlich, rein intellektuelles 
und erlebnismäßiges Sich-erheben über irgend etwas zu unterscheiden (z. B. Selbstbeob- 
achtung und Humor). Auf diese Frage wird jedoch im Rahmen der vorliegenden Arbeit 
nicht weiter eingegangen. 

10) Ich hatte den gleichen Sachverhalt an anderer Stelle in anderer Terminologie an- 
deutungsweise zu formulieren versucht („Die latenten metaphysischen Grundlagen der 
psychologischen Schulen", I. Intern. Tagung f. angew. Psychopath, u. Psych., Abh. a. d. 
Neurol., Psychol. u. Psychiatrie und ihren Grenzgeb., LXI., Berlin 193 1, S. 187 ff.). Dort 
sind auch die philosophischen Einflüsse, welche bei diesen Formulierungen wirksam ge- 
wesen sind, ausführlich erörtert. Diesen Einflüssen danke ich manches für die sprachliche 
Fassung; die Sachverhalte selbst gehören der Psychoanalyse an, sind ihrem Erfahrungs- 
kreise entwachsen. 

In der Psychoanalyse sind anthropologische Gedankengänge — im Anschluß an ein 
schönes Wort von Herder — zum ersten Male herangezogen worden von R. Sterba 
(„Das Schicksal des Ichs im therapeutischen Verfahren", Int. Ztschr. f. Psa., XX, 1934). 
Die Ausführungen der vorliegenden Studie berühren sich mehrfach mit den Gedankengängen 
dieser Arbeit. 



472 Robert Wälder 



Es scheint theoretisch wichtig, zu unterscheiden zwischen Plastizität — im 
biologischen Sinne — und Transzendenz, dem Sich-über-sich-erheben. Wir 
sprechen von Plastizität, wenn sich das Lebewesen wechselnden Umwelt- 
bedingungen anpaßt, die Erlebnisse ihre Spuren nicht so stark eingeprägt 
haben, daß dies als Fixierung für die nächsten Erlebnisse wirkt und wenn die 
Triebe sich leicht einem anderen Objekt zuwenden, wenn sich ein Objekt 
ihnen versagt hat. Die psychische Plastizität eines Lebewesens ist am größten 
in der ersten Kindheit und nimmt im Alter stark ab; das, was sich aber unter 
dem Einfluß der Stufenbildung im Ich vollzieht, ist etwas durchaus anderes 
als das einfache sich Abwenden der Libido von einem Objekt und das sich 
Zuwenden zu einem anderen Objekt; da vollzieht sich die Objektivierung einer 
Triebregung, man stellt sich über sie — unter der oben erörterten einschrän- 
kenden Bedingung — und wächst über sie hinaus, setzt den Prozeß gleichsam 
auf einer höheren Ebene fort. 

Der erste Vorgang ist rein horizontal, die Wendung des Triebes von einem 
Objekt zu einem anderen; der zweite Vorgang ist gleichsam vertikal, nicht 
bloß ein Prozeß der Libido, sondern durchläuft das Ober-Ich. 

L. v. Krehl bemerkt in seinem Vortrag: „Krankheitsform und Persön- 
lichkeit", 11 daß z. B. eine Fischgräte, die im Munde steckt, von manchen 
Menschen kaum beachtet wird, während für viele der störende Reiz Abwehr- 
reaktionen hervorruft, die immer intensiver werden, so daß das Vorhandensein 
des Fremdkörpers schließlich zum Mittelpunkte ihres Daseins geworden ist 
und um seine Entfernung alle psychischen Energien konzentriert sind. Es sind 
sehr plastische Menschen, die einen solchen störenden Reiz nicht sehr be- 
achten; hat aber der Störungsreiz seine Reaktionen ausgelöst, war der Or- 
ganismus nicht plastisch genug, so gibt es nur noch eine Überwindung auf 
dem zweiten Wege; abgesehen freilich von der Entfernung des Fremdkörpers, 
die aber bei einem psychischen Reiz nicht denkbar ist. Hat also die Pla- 
stizität versagt, eine Fixierung den Menschen eingenommen, so bleibt nur 
noch der Weg der Psychoanalyse. 

So wichtig für die Theorie die Unterscheidung ist zwischen Plastizität und 
Einnahme eines höheren Standortes, der seinerseits wieder auf Triebbefriedi- 
gung fundiert ist, so wenig bedarf man ihrer in der Regel in der Praxis. Denn 
die Plastizität des Trieblebens ist die Grundlage, auf der sich auch die „ver- 
tikale" Funktion abspielt; je plastischer das Triebleben, desto leichter ist jene 
Befriedigung zu finden, auf die gestützt man sich über Fixierungen erheben 
kann. 

Von unserem „Gesetz" her erscheint uns auch der gewaltige Freudsche 
Gedanke von der geheimen Triebnähe des Über-Ichs, vielleicht der kühnste 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 473 

Gedanke der Psychoanalyse und jedenfalls der, der vom populären Denken 
und populärer Erwartung am weitesten entfernt ist, in einem eigenartigen 
Lichte. Er erscheint ja geradezu als das, was von unserem Formulierungs- 
versuch aus zu erwarten ist: daß die Einnahme eines Standortes über sich, 
von dem aus man das eigene Ich betrachtet, straft oder belobt, jedenfalls im 
Triebleben Fuß gefaßt haben muß und nur auf den Trieb gestützt sich über 
den Trieb stellen kann. 

Von hier aus verstehen wir nun auch, wie es vor sich geht, daß man in 
der Psychoanalyse für Zwecke der Therapie Änderungen im Es zu erreichen 
wünscht, aber doch stets nur mit dem Ich spricht. 

Von diesem Standpunkt aus erscheint der Mensch, wie die Psychoanalyse 
ihn uns gezeigt hat, als ein Wesen mit eingeschränkten Freiheits- 
graden; die Freiheitseinschränkungen sind die Ansiedlungsstätte der wissen- 
schaftlichen Psychologie. 12 Von hier aus eröffnet sich der "Weg, drei Grund- 
typen des pathologischen Geschehens zu unterscheiden. Es ver- 
schlägt wenig, ob sich die so gewonnenen Grundtypen völlig mit den empiri- 
schen Begriffen der Klinik von Neurose, Psychose und Asymbolie decken, 
so wenig etwa die Elemente der Chemie in der Natur rein vorkommen 
müssen. Die drei von uns gesonderten Typen sind schon darum nicht ein 
Schlüssel zum Verständnis dieser drei Krankheitsbezirke, da wir ja wissen, 
daß jede Krankheit, sei es Neurose, Psychose oder Asymbolie, ein Prozeß ist, 
der eine Entwicklung durchmacht, in dem es Versuche der Abwehr des pa- 
thologischen Prozesses, Assimilationsversuche, Restitutionsversuche, Anpas- 
sungen des Organismus u, dgl. mehr gibt. Aber es scheint uns doch, als 
wäre auf diesem Weg ein Koordinatensystem in das Reich des Pa- 
thologischen gelegt und würden den drei Grundstörungen, die sich gleich- 
sam deduktiv aus der Grundstruktur des Freiheitsproblems ergeben, tat- 
sächlich auch drei verschiedene pathologische Prozesse entsprechen. Den 
einen, den Wegfall der allgemeinsten menschlichen Freiheit, die Störung der 
Über-Ich-Funktion, die gleichsam tierische Bindung des Menschen an die 
Vitalsituation hatten wir schon oben, in Anlehnung an Goldsteins und 
Heads Forschungen, genannt. Die zuerst in vorläufiger Halbwahrheit als zu 
große Eingenommenheit von Affekten bezeichnete Störung der Neurose 
kann jetzt exakter formuliert werden. In der Neurose findet wohl das Sich- 
über-sich-selbst-stellen statt, der Neurotiker hat Krankheitseinsicht und er kann 
sich zum Objekt der Betrachtungen nehmen, aber der archimedische Punkt 

12) Es scheint darum kein Zufall zu sein, daß diese wissenschaftliche Psychologie als 
Psychopathologie, als Lehre von den psychischen Erkrankungen entstanden ist. Man könnte 
geradezu sagen: Auf dem Gebiete der zentralen Persönlichkeitsphänomene gebe es not- 
wendig nur Psychopathologie. 



474 



Robert Wälder 



bleibt immer derselbe. Seine Unfreiheit ist die Konstanz der Stützpunkte des 
Objektivierens. Die dritte der Störungen schließlich, die der Freiheit zum 
Gegenstande, liegt in der Psychose vor. 

"Wir müssen bekennen, daß wir das Letztere noch nicht mit wünschens- 
werter Klarheit durchschauen. Wir verstehen eben das Es und das 
Über-Ich besser als das Ich. Aber an einigen wenigen Beispielen ist wenigstens 
die Problemlage zu illustrieren. Von dieser dritten Seite der Freiheit und 
ihrer Störung führt ein "Weg zum Psychosenproblem. Das Ich oder richtiger 
die höheren Schichten des Ichs entspringen der Doppelsituation zwischen Ein- 
genommenheit und Transzendenz, zwischen Es und Uber-Ich. Es sei an zwei 
Beispielen von höheren Ich-Funktionen gezeigt, inwieweit sie in Wirklichkeit 
die dritte Koordinate bilden: an der Intentionalität und dem Kausal- 
denken. 

Der Mensch steht, wie wir sagten, einerseits über den Dingen und ander- 
seits mitten drinnen. Er steht über ihnen und ist von ihnen eingenommen. In 
dieser doppelten Lage von Eingenommenheit und Darüber-stehen entsteht 
das intentionale Auffassen des Gegenstandes als etwas, das uns gegensteht; 
wir rechnen es der dritten Weise von Freiheit zu. Nun wissen wir aber, daß 
die Intentionalitätsstörung zu den Merkmalen der Schizophrenie gehört. 
Ähnlich verhält es sich mit dem Kausaldenken oder, allgemeiner und richtiger 
ausgedrückt, der Warum-Frage. Durch die Existenz des Uber-Ichs ist uns die 
Kategorie der Möglichkeit gegeben, die Erfassung von Möglichkeiten, die nicht 
realisiert sind. Anderseits sind wir durch unsere Wahrnehmung und unser 
Affektleben von der Wirklichkeit eingenommen. In dieser Spannung zwischen 
Wirklichkeit und Möglichkeit entspringt erstmalig die Frage „warum?". 

Es scheint uns nun ganz allgemein zulässig, innerhalb jener Systeme, die 
die Psychoanalyse als Ich bezeichnet, zwei Schichten zu unterscheiden: Jene 
Ich-Funktionen, die wir schon beim Tiere annehmen würden und die die 
Existenz eines Über-Ichs nicht zur Voraussetzung haben, und jene anderen, 
die durch Vorhandensein und Existenz des Uber-Ichs und des damit ge- 
gebenen Vermögens, einen Standort über sich selbst einzunehmen, modifiziert 
sind. Wir würden vorschlagen, das eine als das „tierische Ich" und das andere 
als das „menschliche Ich" zu bezeichnen. Das tierische Ich umfaßt die zentrale 
Steuerung des Organismus, die man gewiß schon sehr frühzeitig im Tierreich, 
spätestens mit dem Auftreten des Zentralnervensystems anzunehmen hat; dem 
menschlichen Ich gehören dann die höheren Funktionen an, die ohne die 
formale Über-Ich-Funktion nicht denkbar sind, so etwa das intentionale 
Erfassen des Gegenstandes oder die Warum-Frage, aber gewiß auch die 
Realitätsprüfung. 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 



475 



Die höheren Schichten des Ichs (das „menschliche Ich") entwickeln sich 
gleichsinnig mit dem Über-Ich, bzw. der formalen Über-Ich-Funktion. 

Von hier aus verstehen wir vielleicht den in der Sache gelegenen Grund, 
warum Freud die Realitätsprüfung einmal dem Über-Ich und ein anderes 
Mal dem Ich zugerechnet hat; 13 unser Versuch gestattet die vorläufige Aus- 
kunft: die Realitätsprüfung gehöre dem Ich an, sei aber ein Teil der durch 
die Existenz des Ober-Ichs modifizierten Funktionen. 

Man kann bei all diesen höheren Ich-Akten, die wir dem menschlichen 
Ich zuzählen, eine Es-Komponente und eine Uber-Ich-Komponente unter- 
scheiden, ähnlich wie wir das bei der Intentionalität und der Warum-Frage 
zu tun versucht haben. Drei einfache Beispiele mögen der Veranschaulichung 
dienen: 

Die Zugänglichkeit eines Menschen (im alltäglichen Wortsinn, wenn wir 
davon sprechen, ob ein Mensch zugänglich sei oder nicht) hat eine Es- und eine 
Über-Ich-Seite. Die Es-Seite ist das Maß von Liebe, das dieser Mensch für 
die anderen empfindet und die Art der Unterbringung seiner Aggression; die 
Über-Ich-Seite tut sich darin kund, daß er bereit ist, von seinem eigenen 
Standpunkt zu abstrahieren und den des anderen einzunehmen, sich, wie man 
zu sagen pflegt, auf den Standpunkt des anderen zu stellen. 

Ebenso unterscheiden wir diese zwei Komponenten bei der Realitäts- 
prüfung. Die Es-Komponente besteht darin, ob der Mensch genügend freie 
Objektlibido hat und das Ich nicht narzißtisch vergiftet ist; denn wir haben 
von Freud gelernt, daß überall dort, wo in beträchtlichem Ausmaße ein 
Rückzug der Libido auf das eigene Ich stattgefunden hat und das Gleich- 
gewicht zwischen Objektlibido und Narzißmus gestört ist, megalomane Er- 
scheinungen, die Sexualüberschätzung des eigenen Ichs eintreten und damit die 
Realitätsprüfung zusammenstürzt; ebenso gefährdet das übermäßige Über- 
strömen aller Libido auf ein Objekt die Realitätsprüfung in anderer Weise. 
Die Es-Komponente beruht aber auch außerdem auf der Verteilung von Eros 
und Aggression; wenn eine totale Spaltung von Eros und Aggression ein- 
getreten ist, derart, daß alle erotischen Strebungen einer Person oder einem 
Kreise von Personen gelten und alle aggressiven den übrigen Menschen, so 
ist die Realitätsprüfung beeinträchtigt, denn man sieht dort nicht mehr klar, 
wo man nur liebt oder nur haßt. Die Über-Ich-Komponente der Realitäts- 
prüfung besteht nun darin, daß der Mensch kraft der Selbstbeobachtung innen 

13) „Massenpsychologie und Ich-Analyse", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 306, und „Das Ich und 
das Es", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 372. 



476 Robert "Wälder 



und außen, Realität und Phantasie unterscheidet. 14 So sind alle diese höheren 
Ich- Akte von zwei Seiten her störbar, vom Es her wie vom Über-Ich. 15 

Schließlich als drittes Beispiel sei die Mitteilung, das Geständnis, genannt; 
wir kennen die Über-Ich- Seite seit langem aus den Schriften Th. Reiks, 16 
den Gedächtniszwang unter dem Druck des Schuldgefühls; wir haben die 
Es-Seite vor kurzem aus einer Arbeit von D. Burlingham 17 als Exhibitionis- 
mus und Verführungsversuch kennengelernt. 

Diese vorläufigen Beispiele mögen, wenn auch in unzulänglicher Weise, die 
Lage des „menschlichen Ichs" demonstrieren als die jener Schichten des Ichs, die 
sich, vom Es getragen, bei einem Wesen herausbilden, das ein Über-Ich be- 
sitzt, und deren Störung die dritte Provinz der Psychopathologie, die Psy- 
chose, bevölkert. 

Man kann zu den früher versuchten Formulierungen der drei Grund- 
typen pathologischer Prozesse, die durch die drei denkbaren Freiheits- 
störungen dargestellt werden, noch manche äquivalente versuchen. Hier sei 
nur noch eine vorgeschlagen: In der Asymbolie fehlt die Kategorie des Mög- 
lichen, der Neurotiker ist zu sehr eingenommen vom Wirklichen, — wobei wir 
die Phantasie, die psychische Realität zur Wirklichkeit rechnen, — der Psy- 
chotiker scheidet nicht zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. 

Es sei der Versuch unternommen, diese drei Grundtypen des Pathologischen 
an einem stilisierten Beispiel zu veranschaulichen. Die einfache Voraussetzung 
sei, ein Mensch habe ein geliebtes Objekt durch den Tod verloren; welche 
Reaktion entspricht dann jedem der drei Typen? 

Der Aphasiker wird etwa den Namen des verlorenen Objektes nicht mehr 
sagen und nicht mehr verstehen; für ihn ist die Umwelt der augenblicklichen 
Wahrnehmung die ganze Welt, sein Geist reicht nicht mehr jenseits dieser 
Umwelt; was nicht zu ihr gehört, existiert nicht. Er hat die Kategorie der 
Möglichkeit verloren, sein Dasein ist eingeschränkt auf das, was ihn jeweils 
umgibt und seine vitalen Bedürfnisse ihm weisen. 

Der Neurotiker wird etwa mit einer protrahierten Trauer reagieren oder 
vielleicht mit einem Symptom, das den Toten in einer psychischen Realität 
fortleben läßt, die der Ausdruck seiner Sehnsucht ist, oder mit Schuldgefühl 
u. dgl. mehr. Der Neurotiker verfügt über die Kategorie der Möglichkeit, aber 

14) Diese Fragen habe ich an anderer Stelle näher erörtert: Lettre sur l'etiologie et 
Devolution des psychoses collectives suivie de quelques remarques sociologiques concernant 
la Situation historique actuelle (Publications de l'Institut International de Cooperation 
Intellectuelle, Coli. Correspondance, Vol. III, Paris 1934), Chap. VI: Atteintes portees ä 
l'epreuve de la realite, p. 107 ss. 

15) Das zeigt sich auch im Pathologischen: psychotische Bilder können sowohl in Gefolge 
neurologischer Störungen als auch nach Triebdurchbrüchen auftreten. 

16) Th. Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, Wien 1925. 

17) D. Tiffany Burlingham, Mitteilungsdrang und Geständniszwang, Imago, XX, 1934. 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 477 



er ist eingenommen von einem Stück seines Affektlebens, von Schmerz, Sehn- 
sucht oder Schuldgefühl. Man sieht hier, daß der Unterschied zwischen dem 
Normalen und Neurotiker ein gradueller ist. Auch die normale Trauer kann 
in diesem theoretischen Sinn als eine kleine Neurose bezeichnet werden. 

Der Psychotiker schließlich wird vielleicht in einem Wahngebilde den 
Toten für lebend halten oder seine Anwesenheit halluzinieren. Auch er ver- 
fügt über die Kategorie der Möglichkeit. Er hat nicht, wie der Asymbolische, 
die Welt auf die Umwelt und die Triebbedürfnisse des Augenblicks redu- 
ziert. Seine Über-Ich-Funktion ist weiter vorhanden. Er steht ebenso wie der 
Neurotiker in der Eingenommenheit von einem Affekt, aber unterscheidet 
nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, er nimmt ein Stück 
Möglichkeit für Wirklichkeit. Seine Störung betriff! also die höheren Ich- 
Funktionen. 

Wir sehen auch an diesem Beispiel, 18 mit welchem Recht in allen drei 
Fällen von einer Freiheitsbeschränkung gesprochen wird. Der Freiheitsverlust 
des Aphasikers besteht darin, daß er zum Sklaven der ihn unmittelbar um- 
gebenden Dinge und des Augenblicks geworden ist und nicht mehr die 
Freiheit hat, sich von Wahrnehmung und Moment zu lösen, die das all- 
gemeinste Merkmal des Menschlichen ist. Der trauernde oder von Sehnsucht 
und Schuldgefühlen gemarterte Neurotiker hat diese Art der Freiheit, aber 
er steht im Banne des Affektes und es fehlt ihm die Freiheit zur Wahl jenes 
Punktes in seinem Affektleben, auf den gestützt er sich über die anderen 
Affekte erheben mag. Der Psychotiker schließlich hat jene allgemeinste 
Freiheit des Menschlichen auch nicht eingebüßt, doch fehlt es ihm an der 
Freiheit, die Dinge zu erfassen wie sie sind. 19 

Ein weiterer Weg führt von den Gedankengängen, die ich mir gestattet 
habe, Ihrem Urteil zu unterbreiten, zu den Problemen der Ich-Erweite- 
rung und Ich-Einschränkung. Erinnern wir uns des Freudschen Wortes: 

18) Man sieht im übrigen, an welcher Stelle unser Beispiel unzulänglich ist: Das, worüber 
der Asymbolische unseres Beispiels nicht transzendiert (die Wahrnehmungssituation), ist 
nicht dasselbe wie das, wovon der Neurotiker eingenommen ist (der Affekt). Ob dies nur 
eine Unzulänglichkeit des Beispiels ist oder eine noch ungelöste Schwierigkeit der ganzen 
Konstruktion verrät, muß dahingestellt bleiben. 

19) Wenn an deser Stelle auch einer vagen Ahnung der Ausdruck gestattet ist, so mag 
die Vermutung ausgesprochen werden, daß diesen drei Grundtypen auch drei biologi- 
sche Prozesse entsprechen. Der Eingenommenheit von Trieben und Affekten entsprechen 
hier, wie Freud sehr frühzeitig vorausgesehen hat und die neuere Hormonforschung zu 
bestätigen scheint, stoffliche Veränderungen im Chemismus; von den asymbolischen Störun- 
gen wissen wir, daß sie bei Verletzung der Großhirnrinde, sonach bei Schädigungen der 
phylogenetisch jüngsten Teile des Zentralnervensystems entstehen. Die mehr peripheren 
Veränderungen im Sexualchemismus entsprechen zu augenfällig dem, was wir als Eingenom- 
menheit von Affekten bezeichnet haben; völlig im Dunkeln ist man freilich noch, soweit 
es sich um einen der Psychose entsprechenden biologischen Prozeß handelt. Es wäre gewiß 






478 



Robert "Wälder 



„wo Eswar, soll Ich werden." 20 Eine solche Ich-Erweiterung stellt sich uns 
dar als eine Zunahme der Freiheit, und zwar von Freiheit jener Art, deren 
Beeinträchtigung wir in der Neurose begegnet haben: von Freiheit gegen- 
über der Eingenommenheit von Trieben und Affekten, von Freiheit in der 
Wahl des archimedischen Punktes für das Sich-darüber-stellen. Der "Weg, auf 
dem sie vor sich geht und auf dem sie sich in der psychoanalytischen Therapie 
ständig vollzieht, scheint uns durch das früher formulierte „Gesetz" skizziert 
zu sein, nachdem sich der Mensch über sein Es erhebt, wenn und insofern 
er den archimedischen Punkt wiederum im Es findet. Hierher gehört auch 
das Problem der Ich-Einschränkung, das Anna Freud in ihrem Vortrag am 
XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß (Wiesbaden 1932) auf- 
geworfen hat. Anna Freud hat dort unter den mannigfachen Formen der 
Angstbewältigung beim Kinde auch eine beschrieben, die in dem Rückzug 
von dem gefährlichen Territorium besteht, in einem Aufgeben von, in einem 
Verzicht auf Tätigkeiten, die das Kind in die Gefahr führen. Dann ist die 
Angstfreiheit um den Preis einer Einschränkung des Ichs erkauft. Dauernde, 
gleichsam — sit venia verbo — zum Charakter gewordene Freiheitseinschrän- 
kungen haben stattgefunden. 

Ehe man das damit aufgeworfene Problem der Ich-Stärke und Ich- 
Einschränkung genauer analysieren kann, gilt es, wirkliche Ich-Stärke 
von dem zu unterscheiden, was wir als Pseudo-Ich-Stärke bezeichnen 
möchten und was oftmals, äußerlich gesehen, ganz ähnlich in Erscheinung 
tritt. Solche Pseudo-Ich-Stärke liegt etwa dann vor, wenn die Angst feige zu 
scheinen größer ist als die Angst vor der Gefahr. Gewisse Strömungen der 
neueren Erziehung, die dahin tendieren, dem Kinde in der Latenzzeit eine 
größere Freiheit zu gewähren, führen, wie Anna Freud gezeigt hat, dazu, daß 
sich das Kind unter dem Druck der Angst von Betätigungen, die es in Ge- 

viel zu primitiv und durchaus abwegig, hiebei der Analogie nach — periphere Störungen 
im Chemismus, zentrale in den phylogenetisch jüngsten Teilen des Zentralnervensystems — 
auf Störungen in phylogenetisch älteren Teilen des Zentralnervensystems zu schließen. Das 
Problem ist nebst vielen anderen Umständen durch das Gesetz der Wanderung der Funk- 
tionen zu den phylogenetisch jüngeren Teilen des Zentralnervensystems bei je höheren 
Tieren kompliziert. Nach diesem werden ja auch niedere Funktionen bei höheren Tieren 
von höheren Organisationen im Zentralnervensystem her gesteuert. Dieses Gesetz steht 
aber in guter Übereinstimmung zu unserem psychologischen Begriff von der Modifikation 
des Ichs durch die Existenz des Über-Ichs (dem „menschlichen Ich"). Es ist gewiß nicht 
eine einfache lokalisatorische Trennung, sondern eine Scheidung von Akten und Funktions- 
weisen zu erwarten. Aber vielleicht beibt die Hoffnung nicht eitel, daß wir, da die Analogien 
zum wenigsten schon für zwei Dimensionen gefunden zu sein scheinen, sie eines Tages auch 
für die dritte aufspüren werden. Oder richtiger: für die dritte und vierte, denn tierische 
und menschliche Anteile des Ichs dürften wohl auch verschiedenen Organisationsformen 
des Zentralnervensystems entsprechen. 

20) Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. XII, 
S. 234. 



, 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 479 

fahr bringen, zurückzieht, sonach zu einer Ich-Einschränkung. In gewissen 
älteren Formen der Erziehung, wie sie auch noch heute in manchen Kreisen 
üblich sind, war dem Kinde dieser "Weg verschlossen, da die Feigheit auf 
das äußerste verpönt war und noch mehr gefürchtet wurde als die Gefahr. 
Unter solchen Bedingungen kommt es wohl nicht zur Ich-Einschränkung, 
aber das, was bestehen bleibt, ist nicht eine Stärke des Ichs, wenngleich es 
manchmal ähnlich erscheinen mag; wir würden es als Pseudostärke bezeichnen. 

Ein zweiter Fall einer Pseudostärke des Ichs ist etwa dann gegeben, wenn 
ein Stück infantiler Allmachtsphantasie fortlebt, der Allmachtsglaube so früh- 
zeitig durch irgend welche Umstände Bestätigung in der Realität gefunden 
hat, daß er von da an im allgemeinen im Rahmen der Realität geblieben ist 
und die Grenzen der Psychose nicht überschreitet. 21 

Die wirkliche Ich-Stärke scheint nun darin zu bestehen, daß man sich 
immer erneut wieder über Triebe und Affekte stellen kann und — das ist ent- 
scheidend — den archimedischen Hebel an beliebig verschiedenen Stellen 
des eigenen Es ansetzt. 22 Das ist dann ein Stück wirklicher Freiheit des Ichs, 
das einzige, das der Mensch nach der Struktur seiner eingeschränkten Frei- 
heit erreichen kann. Wir begegnen hier wieder einem Sachverhalt, den wir 
früher im Vorübergehen anzudeuten versucht hatten, daß die Plastizität 
auch die Grundlage für den „vertikalen" Prozeß ist, sich, gestützt auf einen 
Trieb, über einen Trieb zu erheben. Von hier aus scheint es, als ob der 
Gegensatz zur Ich-Stärke die Klebrigkeit der Libido wäre. 

Schließlich seien nun noch versuchsweise wenige Anwendungen des vor- 
geschlagenen Gesichtspunktes erörtert. 

Das Verhalten im sozialen Verkehr und das pädagogisch-thera- 
peutische Verhalten sind dadurch unterschieden, daß wir im sozialen 
Verkehr den Mitmenschen als ein Wesen mit unbeschränkter Freiheit nehmen: 
wir stellen Forderungen, werten und verurteilen. Im pädagogischen und 
therapeutischen Verhalten nehmen wir den anderen Menschen oder, richtiger, 
das Objekt unseres therapeutischen oder pädagogischen Handelns als unfreies 
Wesen, genauer: als Wesen von in der besprochenen Art eingeschränkten 
Freiheitsgraden. Warum dies freilich so ist, warum die sozialen Beziehungen 
der Menschen es erfordern, den anderen als uneingeschränkt frei handelndes 

21) Über diesen Prozeß s. H. Nunberg: Allgemeine Neurosenlehre, Bern 1932, S. 277 f. 

22) Wenn man sich über einen Trieb stellt, sich dabei auf eben demselben Trieb 
stützt, nennen wir dies: Sublimierung. Das "Wort bezeichnet den Prozeß und sein 
Produkt. Diese Definition unterscheidet sich von der gebräuchlichen (Wendung des Triebes 
zu einem anderen, höher gewerteten Ziele) als „vertikale", den Schichtenaufbau berücksich- 
tigende Beschreibung des Vorgangs von der bloß „horizontalen". Sie versucht zugleich dem 
Worte Freuds Rechnung zu tragen, daß die Sublimierung regelmäßig durch die Vermitt- 
lung des Ichs vor sich gehe („Das Ich und das Es", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 390) und mag 
helfen zu verstehen, warum ein verdrängter Trieb der Sublimierung entzogen ist. 

Imago XX/+ 31 



480 Robert Wälder 



Wesen zu nehmen, — wo dies nicht der Fall ist, ist die soziale Beziehung 
gestört, — bedürfte einer gesonderten Untersuchung. 

Eine andere Anwendung führt uns zum Problem der Voraussage 
menschlichen Handelns und menschlichen Verhaltens. Eine 
solche Voraussage ist uns grundsätzlich nur dann möglich, wenn und insofern 
die Freiheitsgrade eingeschränkt sind. Sonach kann eine Voraussage künftigen 
Verhaltens am sichersten dort getroffen werden, wo wir es mit der weitest- 
gehenden Freiheitseinschränkung zu tun haben: bei der Asymbolie. Gold- 
stein versichert, seine Untersuchung von Patienten erst dann abgeschlossen 
zu haben, wenn er ihr Verhalten in jeder Situation mit Sicherheit voraus- 
sagen kann. Schon mit geringerer "Wahrscheinlichkeit operieren die Voraus- 
sagen künftigen Verhaltens bei Psychosen, aber auch da gibt es Voraussagen, 
man nennt sie die psychiatrische Prognose, und man weiß, daß sie mit be- 
trächtlichen Unsicherheiten belastet ist. Schließlich noch um einen Grad 
unsicherer wird die prospektive Potenz bei Neurotikern, die Wahrschein- 
lichkeit der Voraussage wird abermals geringer. Sie ist eben überhaupt nur 
insofern möglich, als Freiheitsbeschränkungen vorliegen; da aber Freiheits- 
beschränkungen bei jedem menschlichen Wesen notwendig gegeben sind, — 
der Unterschied zwischen dem Normalen und Neurotiker ist, wie sich hier 
zeigt, wirklich nur ein gradueller, — so gibt es also eine gewisse Art von Voraus- 
sage auch in der Psychologie des Normalen. Zusammenfassend ist zu sagen, 
daß die Wahrscheinlichkeiten von Voraussagen um so größer sind, je ein- 
geschränkter die Freiheitgrade sind. 

Dieser zuletzt besprochene Punkt ist, wie uns scheint, relevant auch für die 
Frage der Begründung einer wissenschaftlichen Soziologie, die sich 
zum Ziel setzt, allgemeine Sätze über menschliches Verhalten aufzustellen, die 
letzten Endes auf Psychologie begründet sind. Die Aufgabe der Soziologie 
wird nach einer Richtung hin dadurch erleichtert, daß es außer dem be- 
sprochenen Gebiet der maximal eingeschränkten Freiheitsgrade noch ein 
Feld gibt, auf dem Voraussagen künftigen Verhaltens mit einer wenigstens 
im statistischen Durchschnitt an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit 
möglich sind: das der personperipheren Erscheinungen. Wir nennen 
personperipher jene Vorgänge, bei denen kein innerer Konflikt vorliegt, also 
etwa die Befriedigung von Bedürfnissen, die den Menschen annähernd ge- 
meinsam sind, die vom Uber-Ich gebilligt werden, wenn auch die Mittel zu 
dieser Bedürfnisbefriedigung bekannt und statthaft sind. So ist es z. B. vor- 
aussagbar, daß die Menschen einen billigeren Markt vorziehen werden, wenn 
sie auf ihm die gleichen Güter unter gleicher psychischer Befriedigung mit 
geringerem Opfer erstehen können. Hier liegt keine Freiheitseinschränkung 
vor, aber das Handeln ist personperipher, es besteht kein Konflikt. Auch für 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 481 



solches Verhalten können Voraussagen getroffen werden. Auf dieser Tat- 
sache beruht einerseits ein gutes Stück der nichtanalytischen Psychologie, 
soweit sie Gesetzesform angenommen hat, und anderseits die Möglichkeit der 
Nationalökonomie als einziger Gesetzeswissenschaft innerhalb der Sozial- 
wissenschaften. 

Doch kehren wir von diesem Ausblick in das Gebiet der Anwendungen 
der Psychologie zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück, um zum Schluß 
noch einige Streiflichter auf die Fragen der Freiheitsgestaltung im mensch- 
lichen Lebenslauf, der psychoanalytischen Therapie und der theoretischen 
Grundlagen der psychoanalytischen Pädagogik zu werfen. 

Wie ist es um die Entwicklung der Freiheit, so wie wir sie früher zu um- 
reißen versucht haben, während der Dauer des menschlichen Lebens- 
laufes bestellt? Haben wir es hier mit einer Konstanten zu tun oder mit 
einem durchschnittlich gesetzmäßigen Ablauf? Es scheint uns, daß hier zwei 
Kurven einander übergelagert sind. Einerseits erwacht der Mensch im Ver- 
laufe seiner Entwicklung erst allmählich zu der ihm gegebenen Freiheit. Das 
Über-Ich ist nicht vom ersten Tag da, auch die formale Über-Ich-Funktion 
tritt nicht in den Reaktionen des Säuglings in Erscheinung und auch dann, 
wenn sie schon im Verhalten und in der Bewältigung der Dinge sichtbar wird, 
hat sie noch lange nicht ihr Maximum erreicht. Wir wissen aus mannig- 
fachen Erfahrungen, daß das Kind erst sehr allmählich zu einem gewissen 
Relativismus kommt, daß dem Kinde in der Latenzzeit noch die Betrachtung 
seines Standpunktes als eines subjektiven und dessen Ausschaltung außer- 
ordentlich schwer fällt, und daß Reife dazu gehört, sein Schicksal und seinen 
jeweiligen Standort dauernd zu objektivieren. 23 Der Humor vollends, diese 
edelste Frucht des Über-Ichs, scheint ein Vorrecht vorgerückteren Alters zu 
sein. 24 Man darf also von einer Entwicklung der Über-Ich-Funktion oder 
von einem allmählichen Erwachen des Menschen zur Freiheit, die wir die 
allgemeinste genannt haben, sprechen. 

Dieser aufsteigenden Kurve steht aber eine andere abfallende gegenüber. 
Jeder Tag des Erlebens hinterläßt Spuren, die unwiderruflich sind und in der 
Richtung der Freiheitseinschränkung wirken. Das ist zum Teil äußerlich ge- 

23) Damit soll natürlich nicht gesagt werden, daß die Selbstbeobachtung in allen ihren 
Erscheinungen ein Ideal sei. Es gibt auch eine Pathologie der Selbstvergegenständlichung : 
wenn z. B. der Zwangstypus (im Sinne von Freuds libidinösen Typen) in seiner pathologi- 
schen Steigerung, der Zwangsneurose, zum Zuschauer und Reporter des eigenen Erlebens wird 
(vgl. hiezu O. Fenichel, Hysterie, Phobie und Zwangsneurose, Wien 1931, S. i5of.). Für 
diese Phänomene ist die früher erwähnte, aus der Erörterung dieser Arbeit aus- 
geschaltete Frage des intellektuellen und erlebnismäßigen Sich-erhebens relevant; hiezu 
kommt, daß es stets nur ein Teil des Erlebens ist, der so beobachtet wird — das übrige ist 
verdrängt und so aus dem Blickfelde der Selbstbeobachtung ausgegrenzt. 

24) Vgl. E. Kris, Zur Psychologie der Karikatur. Diese Zeitschrift, dieser Jahrgang, S. 465 f. 

31* 






meint — Liebeswahl, Ehe, Beruf schaffen etwa Verhältnisse, welche für das 
weitere Leben einen Rahmen abstecken — , zum Teil innerlich, da das Erleben 
jedes Tages etwas von den im Individuum steckenden Möglichkeiten zur 
Wirklichkeit macht und damit seine Möglichkeit einschränkt; jeder Tag ist 
gleichsam ein Stück Fixierung mit einer Freiheitseinschränkung für das künf- 
tige Schicksal. 

Aus der Überlagerung dieser beiden Kurven scheint nun jene menschliche 
Lebenskurve zu entstehen, die sich in ihrem Verlauf mit der biologischen 
Kurve deckt, — was gewiß wieder kein Zufall ist, — die eine Weile nach auf- 
wärts führt, um dann auf ihrem Maximum zu verharren und schließlich ab- 
zusinken. Auf dem aufsteigenden Ast dieser Kurve überwiegt noch das Er- 
wachen zu seinen Möglichkeiten die doppelte Freiheitseinschränkung durch 
zunehmende äußere Realität und wachsende Fixierung. In dem horizontalen 
Teil der Kurve hat der Mensch ein individuelles Maximum von Freiheit er- 
reicht, das er innerhalb der ihm gegebenen Bedingungen, die Konstitution, 
bisheriges Schicksal und Umwelt vorgezeichnet haben, realisieren mag, soweit 
Krankheit und Zufall es gestatten. In dem absteigenden Ast wird der Mensch 
in zunehmendem Maß das erstarrende Muster seiner eigenen Vergangenheit. 

Eine weitere Anwendung führt uns schließlich zum Problem der psycho- 
analytischen Therapie. Die Medizin kennt verschiedene Arten der 
therapeutischen Beeinflussung. So etwa die Eliminierung des Ansatzpunktes 
eines pathologischen Prozesses (etwa bei der operativen Entfernung erkrankten 
Gewebes) oder die Stärkung der Abwehrkräfte des Organismus oder schließ- 
lich die Einpflanzung eines anderen biologischen Prozesses (z. B. bei Trans- 
plantationen). Die Psychoanalyse erscheint als ein Appell an die menschliche 
Freiheit selbst, an die Freiheit freilich, welche und insofern sie gegeben ist, 
an jene eingeschränkten aber doch existierenden menschlichen Freiheitsgrade 
und sie dient auf diesem Wege nicht nur der Überwindung der Krankheit, 
sondern eben auch der Stärkung des Ichs, der Vermehrung der Freiheitsgrade. 
Die psychoanalytische Therapie steht somit dem Ideal der Therapie jeden- 
falls näher als jede sonstige medizinische Heilmethode. Der Unterschied der 
psychoanalytischen von anderen psychotherapeutischen Verfahren ergibt sich 
als ein ähnlicher, wie wir ihn oben zwischen wirklicher Ich-Stärke und 
Pseudo-Ich-Stärke zu formulieren versucht haben: Dort wird nicht die mensch- 
liche Freiheit vergrößert, sondern ein neuer Determinismus eingeschaltet, eine 
neue Eingenommenheit geschaffen (z. B. durch die unkontrollierte Über- 
tragung an den Arzt). Das Resultat mag befriedigen, wenn die Fortschaffung 
eines Symptoms das alleinige Ziel war; sowie ja auch der Erzieher, der 
wünscht, daß sein Zögling sportlich tüchtig sei, befriedigt sein mag, wenn die 
Angst vor der Feigheit den Knaben vor der Flucht aus dem gefährlichen 



Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 483 



Territorium zurückhält. Aber es ist doch keine Therapie im reinsten Sinne 
des Wortes. 25 

Auch die Grenzen der psychoanalytischen Therapie werden von hier aus 
sichtbar. Aus unserem Schema ist deduktiv all das abzuleiten, was bisher 
schon längst empirisch darüber bekannt ist; so z. B. die Tatsache, daß die 
therapeutischen Chancen in der Analyse nicht so sehr von der Schwere der 
Neurose abhängen, als vom Vorhandensein und der Ausdehnung eines in- 
takten Persönlichkeitsteiles. Ein Punkt mag vor allem erwähnt werden: Die 
Freiheitsgrade des Individuums bestehen ja nicht darin, daß ihm gewisse Frei- 
heiten gegeben und andere verschlossen sind, sondern darin, das dem grund- 
sätzlichen Sich-erheben über alles und jedes die Eingenommenheit von allen 
Affekten gegenübersteht. "Wir sagten oben, die beiden Sätze „der Mensch ist 
frei" und „der Mensch ist unfrei" seien gleich wahr und gleich falsch. So 
versteht man es vielleicht auch, wieso es kommt, daß die psychoanalytische 
Therapie einmal den Eindruck vermittelt, ein Mensch hätte sich total ver- 
ändert, und dann doch wiederum auch der Eindruck besteht, er wäre im 
Grund derselbe geblieben. Er hat sich in diesem günstigen Fall der erfolg- 
reichen therapeutischen Behandlung total geändert, denn er hat sich über seine 
Triebe und Affekte, Gewohnheiten und krankhaften Reaktionen gestellt. 
Er ist ganz derselbe geblieben: er hat ja dabei wiederum in dieser seiner 
psychischen Beschaffenheit und seinem bisherigen Schicksal Fuß gefaßt. 26 

Schließlich scheint es uns, als könnte man von den diskutierten Begriffen 
her versuchen, die theoretischen Grundlagen der psychoanalyti- 
schen Pädagogik zu skizzieren. Alle voranalytische Pädagogik kennt zwei 

25) Wir sind damit auf anderem Wege zu derselben Unterscheidung der psychoanalyti- 
schen Therapie von anderen Therapien gekommen, die S. Rado in seiner Arbeit „Das 
ökonomische Prinzip der Technik", Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926, gegeben hat. 

26) Der amerikanische Dichterphilosoph Georges Santayana läßt in seinem Werk 
„Dialogues in Limbo" (New York, 1926) einen Weisen in der Unterwelt von einem Buche 
sprechen, das betitelt ist: The wheel of ignorance and the lamp of knowlegde. Es sei das 
Rad der Unwissenheit, die Welt additiv auf eine Anzahl von Prinzipien stellen zu wollen 
wie die Speichen eines Rades; es sei richtige Einsicht, in diesen Prinzipien Gesichtspunkte zu 
sehen, welche die Dinge einmal von da und einmal von dort beleuchten wie eine Lampe, 
die _ im Räume schwingt und ihren Lichtkegel auf die Dinge wirft. („My benefactor has 
entitled his profound work The Wheel of Ignorance and the Lamp of Knowledge; because, 
he said, the Philosopher having distinguished four principles in the understanding of 
nature, the ignorant conceive these principles as if they were the four quadrants of a wheel, 
on any one of which in turn the revolving edifice of nature may be supported; whereas 
wisdom would rather have likened those principles to the four rays of a lamp suspended 
in the midst of the universe from the finger of Allah, and tuming on its chain now to 
the right and now to the left; whereby its four rays, which are of divers colours, lend to 
all things first one hue and then another without confusing and displacing anything") 
Dieser poetische Vergleich mag veranschaulichen, daß Freiheit und Unfreiheit hier nicht als 
materiell distinkte Sektoren nebeneinander gestellt werden. 



484 Robert Wälder: Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse 

Arten von Einwirkung auf das Kind. Die eine ist die Dressur, die assoziative 
Verknüpfung eines Verhaltens mit Lust und eines anderen Verhaltens mit 
Unlust, die Methode von Lohn und Strafe; es ist im Grunde dieselbe Me- 
thode, die angewendet wird, wenn der Tierpsychologe bei einem Labyrinth- 
versuch sein Versuchstier durch elektrische Schläge dressiert, einen be- 
stimmten Weg zu nehmen. Die andere Methode besteht darin, daß dem 
Kinde das Ideal, das Sollen in Ermahnungen vorgehalten wird. Die erste Me- 
thode setzt die Freiheit des Erziehungsobjektes gleich Null an; die zweite 
setzt sie für unendlich. Die erste Methode ist tierisch, untermenschlich, die 
zweite ist übermenschlich, göttlich. So pendelt die nichtanalytische Päd- 
agogik zwischen einer Methode, die dem Tier, und einer, die dem Gott gemäß 
wäre, und verfehlt die menschliche. Die psychoanalytische Pädagogik ist im 
Gegensatz zu diesen ein Ansatz einer menschlichen Pädagogik. Sie nimmt ihr 
Objekt als Wesen mit existierenden, wenn auch mit eingeschränkten Freiheits- 
graden, sie berücksichtigt die jeweilige Unfreiheit oder Freiheitsbeschränkung, 
sucht mit den vorhandenen Freiheitsgraden zu operieren und sie allmählich 
zu erweitern. 



BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Edgar Poe 

Bemerkungen zu Marie Bonapartes Biographie des Dichters.» 

Von 

Hanns Sachs 

Boston 

Zum ersten Male liegt hier eine psychoanalytische Untersuchung vor, die sich nicht da- 
mit begnügt, einen Ausschnitt aus dem Unbewußten eines Künstlers, eine Schaffensperiode 
oder eine bestimmte Schaffensrichtung zu erforschen, sondern den Menschen und das Werk 
als Gesamtheit erfaßt. Nichts ist herausgetrennt und weggelassen worden, wie es bei den 
bisherigen Darstellungen unvermeidlich war, alle Fäden und Fädchen im vielverschlungenen 
Gewebe, die von den Kindheitserlebnissen und Jugendeindrücken, von den Leidenschaften 
und Hemmungen, von der Neurose und der Sucht zu dem dichterischen Schaffen und der 
Phantasiewelt Edgar Allan Poes hinführen, werden mit Geduld, Scharfsinn und unermüd- 
lichem Deutungswillen verfolgt. Mit allen Hilfsmitteln der analytischen Deutungstechnik 
wird das umfangreiche, schwierige, oft undurchsichtige und scheinbar widersprechende 
Material durchforscht. Im Detail mag manches problematisch bleiben, doch die Haupt- 
linien sind durch diese Arbeit ein für allemal festgelegt, und die geheimnisvolle Faszination, 
die von diesem verzerrten und durch Gegensätze zerrissenen Geist ausstrahlt, wird zum 
erstenmal enträtselt. Eine so gründliche Arbeit kann natürlich der „göttlichen Länge" 
nicht entbehren, aber sie entschädigt vollauf für die Hingabe, die sie fordert. 

Wer im Leben Poes von den oberflächlichen und zufälligen Gegebenheiten Ring um Ring 
bis in den Mittelpunkt vordringt, wie Dante in das Inferno, der findet auch, wie im Inferno, 
auf jeder Stufe neue Qual, Verzweiflung und das Ringen um Selbstaufhebung. Es beginnt 
damit, daß der Dichter in eine Zeit hineingeboren wurde, in der seine Heimat vor zwei 
großen Aufgaben stand: die neue Maschinen weit und der eigene Kontinent mußten erobert 
werden, und dazu war die Aufwendung aller Energie nach außen hin nötig. In dieser Welt, 
vor deren rücksichtsloser Realistik dem alten Europa schauderte, irrte ein Träumer, ein 
Mensch, der nur in seiner introspektiven Phantasie lebte, umher, wie ein Schlafwandler im 
Betrieb eines Stahlwerks. Die Kontraste mehren und verinnerlichen sich, je näher man 
diesem Leben tritt; zunächst die Herkunft als der vaterlose Sohn einer herumziehenden 
Schauspielerin, der im Schöße einer Patrizierfamilie aufgezogen wird; sein Leben lang von 
fremder Hilfe abhängig, fast ein Bettler, wenn nicht andere für ihn bettelten, mit der 
Haltung und dem natürlichen Stolz des „southern gentleman", ein Dichter, der Zuflucht in 
der Kaserne sucht und findet, ein feuriger stürmischer Liebhaber, der vor jeder Gewährung 

i) Marie Bonaparte: Edgar Poe. Eine psychoanalytische Studie. Mit einem Vorwort 
von Sigm. Freud. Übersetzt von Fritz Lehner. Wien, Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, 1934, 1. Bd., Teil I. Das Leben Edgar Poes. 354 Seiten, 18 Bildtafeln. 2. Bd., Teil II. 
Die Geschichten: Der Zyklus Mutter. 419 Seiten, 1 Titelporträt. 3. Bd., Teil III. Die Ge- 
schichten: Der Zyklus Vater. Teil IV. Poe und die menschliche Seele. 392 Seiten, 5 Bild- 
tafeln. 



schreckerfüllt davonläuft, der zärtlichste Gatte eines sterbenskranken Kindes und zugleich 
ein immer wieder rückfälliger Säufer. 

Die Lebenskurve Poes ist eine Zickzacklinie, deren schroffe Wendepunkte deutlich sicht- 
bar sind. Er wurde in Boston geboren, der Stadt, deren Tradition und Atmosphäre seiner 
Persönlichkeit am schärfsten widerspricht. Seine Mutter war eine junge, schöne, nicht 
übermäßig talentierte Schauspielerin, ohne Vermögen und — wie das bei ihrem Beruf im 
damaligen Amerika selbstverständlich war — sozial mißachtet. Sein Vater, der aus einer 
guten Familie stammte und sich ohne Talent, aus unbekannten Gründen, dem Theater zu- 
gewandt hatte, war ungefähr um dieselbe Zeit verschwunden; wir wissen nicht, ob er starb 
oder davonlief. Bei der jungen Frau entwickelte sich kaum zwei Jahre später eine Tuber- 
kulose, der sie im größten Elend in Richmond, Virginia, erlag. Das kahle Hinterzimmer 
einer Modistin, in der sich die Fieberanfälle und Blutstürze und das schließliche Erlöschen 
abspielten, teilten mit der Sterbenden der noch nicht 3jährige Edgar und eine später ge- 
borene, vermutlich von einem anderen Vater gezeugte Schwester. Nach dem Tode der 
Mutter nahmen sich zwei wohlhabende Familien der beiden Kinder an, Edgar kam in das 
Haus des Kaufmannes Allan. Er brachte nichts mit, als die Erinnerungen an Blut, Tod 
und Liebe, ein Miniaturbildnis der Mutter und ein von ihr gemaltes Aquarell, das den Hafen 
von Boston darstellte und auf dessen Rückseite die Ermahnung stand, seiner Geburtsstadt, wo 
seine Mutter „die teilnehmendsten Freunde gefunden habe" (keineswegs, wie es in der deut- 
schen Übersetzung unseres Buches heißt, die sympathischesten), zugetan zu bleiben. Aus 
Gründen, die erst durch die durchgeführte analytische Arbeit verständlich werden, hat Poe 
sein ganzes Leben lang gewissenhaft das Gegenteil getan, und die Stadt sowohl wie jeden, 
der von dorther stammte, angegriffen und herabgesetzt. 

Frau Allan war jung, kinderlos und liebebedürftig; sie und ihre im Hause lebende 
Schwester gaben dem Kinde Zärtlichkeiten im Übermaße, bis zur Unterwürfigkeit für jeden 
seiner Wünsche. Der Herr des Hauses war ein Mann mit strengen Grundsätzen und einer 
Anzahl unehelicher Kinder, mit dem Geltungsbedürfnis und der Herrschsucht eines Halb- 
krüppels, der sein Gebrechen zu kompensieren sucht. In seinem Berufe gelang ihm dies 
nicht, denn er wurde zwar ein reicher Mann, aber nicht durch geschäftliche Tüchtigkeit, 
sondern als bevorzugter Erbe eines wohlhabenden Onkels. Um so mehr bildete er sich 
zum Familien tyrannen aus; zwar fügte er sich seiner Frau soweit, das Schauspielerkind in 
den Haushalt aufzunehmen, aber einer gesetzlichen Adoption, die dem Kinde Rechte gegeben 
hätte, widersetzte er sich erfolgreich. 

Trotzdem wuchs Edgar, teils in England, wohin eine längere Geschäftsreise die Familie 
geführt hatte, teils in Richmond, wie der Sohn einer geachteten Bürgerfamilie auf. Seine 
erste Jünglingsliebe begann als ein Stück der normalen, uns vertrauten Nach-Pubertäts-Ent- 
wicklung. Sie galt der noch jugendlichen Mutter eines jüngeren Schulkameraden und endete 
schnell und tragisch: einer jener Fälle, wo sich das Schicksal von außen her einzumischen 
scheint, um dafür zu sorgen, daß die Kette, an die ein Leben von innen, vom Unbewußten 
her festgeschnürt ist, ihre Fesseln nicht lockere. Nach ein paar Monaten gemeinsamer 
Schwärmerei, in denen die ersten poetischen Versuche entstanden, verfiel die junge Frau in 
Wahnsinn, dem ein schneller Tod folgte. Die erste Liebe Poes führte ihn an ein Grab. 

Die zweite Jugendliebe zu dem Backfisch Elvira fand einen plötzlichen Abschluß durch 
die jähe Wendung, die mit dem Ende des ersten Universitätsjahres eintrat. Er war nach 
Charlotteville gegangen als der vielversprechende, hochbegabte, allgemein wohlgelittene 
Sprößling eines guten Hauses und er kam zurück als ein Entehrter, von seinen Standes- 
genossen Ausgestoßener, der aus Furcht vor seinen Gläubigern und dem Schuldarrest das 
Haus nicht zu verlassen wagte. Ärger noch als dies alles war, daß er in seiner Not auf den 



Besprechungen 487 



lung zum 



schlimmsten aller seelischen Auswege verfallen war, auf die Trunksucht. Seine Stell , 
Alkohol war von Anfang an die des typischen Süchtigen: er trank hastig und genußlos, 
denn er empfand Ekel vor dem Getränk, zu dem er von dem unwiderstehlichen Zwang der 
Angst immer wieder hingedrängt wurde. 

Unzweifelhaft trifft ein großer Teil der Schuld an dem ersten Zusammenbruch Allan, 
den Stiefvater wider Willen. Er trieb Poe durch seine schikanöse Geldgebarung zum Schul- 
denmachen und entfremdete ihm gleichzeitig durch eine Intrige, an der Elviras Eltern teil- 
nahmen, die Geliebte, die zur Heirat mit einem viel älteren Manne veranlaßt werden sollte. 
Nun gefiel sich Allan darin, den Verlassenen und Ratlosen auf alle "Weise zu demütigen. 
Eine kurze Zeit lang half die Vermittlung der beiden Frauen, aber die Dinge spitzten sich 
immer mehr zu, bis Poe nach einer heftigen Szene das Vaterhaus verließ. 

Bei dieser Auseinandersetzung benahm sich Poe in der charakteristischen Art, die von da 
an immer wieder auftrat, und, wie eine ausgezeichnete Beobachtung in unserem Buche 
zeigt, ihre volle Analogie in der Eigenart seiner Liebeswerbungen hat, nämlich ein übergangs- 
lcser Wechsel zwischen einer ungehemmten Agression, deren Wildheit dem Objekt, sei es 
nun geliebt oder gehaßt, gar keine andere Wahl läßt, als sich zur Wehre zu setzen, und 
einer ebenso grenzenlosen Selbstaufgabe, die nichts anderes will, als Demütigung und Auf- 
lösung ins Nichts. 

So stand der arme Junge plötzlich auf der Straße, ohne Besitz und Beruf, ohne andere 
Beschützer als zwei schwache Frauen, aber mit dem Stolz eines als Herrensohn in einer 
feudalistischen Gesellschaft Aufgewachsenen und dem festen Willen, das zu werden, wofür 
niemand das Geringste übrig hatte: ein Poet. In Boston erschienen, von allen unbemerkt, 
seine ersten Verse (Tamerlan) und dann zwang ihn die nackte Not zu dem, was ein Schritt 
äußerster Verzweiflung schien: er ließ sich als gemeiner Soldat anwerben. 

Merkwürdigerweise sieht es so aus, als ob die Zeit, die Poe unter soldatischer Disziplin 
in weltabgeschiedenen Forts verbrachte, eine der besten seines Lebens gewesen sei. Er trank 
nicht, erwarb sich die Zuneigung der vorgesetzten Offiziere, die ihn bald auf einen Ver- 
trauensposten beförderten, und die Eindrücke, die er in dieser Zeit empfangen hat, haben 
seine späteren Werke an mehr als einer Stelle beeinflußt. Sie gehören zu den wenigen, der 
realen Außenwelt angehörigen Elementen in einem Schaffen, das sonst nur von den Wolken- 
bildern der Phantasie erfüllt ist. 

Mit Hilfe der wohlwollenden Vorgesetzten wurde eine Korrespondenz mit Allan ange- 
bahnt, der aber, nach seiner Art, die volle Aussöhnung und damit die finanzielle Hilfe, die 
zum Loskauf nötig war, hinauszögerte. Der kleinliche Geizhals, der seiner schwerkranken 
Frau das innigst ersehnte Wiedersehen mit ihrem damals nur eine Tagereise von Richmond 
entfernten Liebling vorenthielt, wirkte ahnungslos als Instrument des Schicksals, denn als er 
endlich nachgab, kam Poe trotz aller Eile zu spät, um die Adoptivmutter lebend anzutreffen; 
wieder führte ihn das Schicksal zu einer Toten. 

Am Grabe kam eine notdürftige Aussöhnung zustande und zugleich ein unhaltbarer 
Kompromiß; Poe durfte die Armee verlassen und sollte in der Kadettenschule zum Offizier 
ausgebildet werden. Aber wie vorauszusehen war, konnte es Poe dort nicht lange aushalten. 
Schon daß er mit viel jüngeren Kameraden zusammen sein mußte, die von seiner militäri- 
schen Vergangenheit nichts wissen durften, war schwer erträglich. Dafür konnte er sich 
einigermaßen entschädigen, indem er ihnen phantastische Schilderungen von seinen Reisen im 
Orient und nach Rußland zum besten gab. Unmöglich war es ihm jedoch, sich unter dem 
Druck einer strengen Disziplin ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen, die ihm gleich- 
gültig oder widerwärtig waren. Er verließ West-Point ohne Geld, mit ganz wenigen Hab- 



488 Besprechungen 



Seligkeiten und begann die Laufbahn des hungernden, von Armut und Trunksucht ver- 
folgten Literaten. 

Es lohnt sich nicht, in das äußere Erleben der nächsten Jahre im einzelnen einzugehen 
denn es ist eine Kette von Wiederholungen: Poe geht von New York nach Philadelphia und' 
von dort nach Baltimore und wieder zurück, immer beschäftigt mit der Herausgabe der 
einen oder anderen Zeitschrift, die auf dem kargen Boden des damaligen Amerika (noch 
dazu dadurch beeinträchtigt, daß die englischen Autoren, wie Walter Scott und Dickens 
honorarfrei abgedruckt werden konnten) eine kurzlebige Existenz fristete. Jedesmal gelang 
es seiner faszinierenden Eigenart, zahlreiche neue Leser und Abonnenten zu werben. Jedesmal 
führte seine Sucht und seine Unverträglichkeit zu einer Katastrophe, und er mußte, von 
Not getrieben, von einer vagen Hoffnung gelockt, zu einer anderen Stadt weiterziehen. 
Langsam, sehr langsam gesellte sich zu dem Elend der Ruhm, der ihn als das Genie seiner 
Epoche, das nur mit dem Maßstab der Unsterblichen gemessen werden dürfe, von den 
übrigen Zeitgenossen aussonderte. 

In dieser Zeit fand Poe Ersatz für das, was anderen Menschen Liebe, Ehe und Familie 
bedeutet, einen Ersatz von höchst charakteristischer Art, der einen tiefen Einblick in sein 
Unbewußtes ermöglicht. Er wurde in den Haushalt seiner Tante (väterlicherseits) Mrs. Clen- 
nam aufgenommen, die mit Hilfe einer kleinen Pension und unermüdlicher Arbeit ein Haus 
voll Kranker und Trunksüchtiger, darunter den älteren Bruder Poes, und ihre kleine 
Tochter Virginia ernährte. Die übrigen starben weg und nur die drei, Poe, Mrs. Clennam 
und Virginia blieben im innigsten Zusammenleben beieinander: das seltsamste Kleeblatt, das 
sich denken läßt. Der Dichter, bald vertieft in die Gestaltung seiner unheimlichen Phan- 
tasien, bald mit literarischen oder anderen Fehden beschäftigt, bald in aussichtslose, von ihm 
selbst aussichtslos gemachte Liebeswerbungen verwickelt, dann plötzlich ausbrechend in einen 
Anfall von Trunksucht, nach dem er gepflegt, beruhigt und betreut werden mußte wie 
ein Kind. Die rührende Gestalt der „Muddy" klaglos duldend, weil ihre Liebe auch noch 
jenseits des Verzeihens stand, immer bereit zur niedrigsten Arbeit, ja auch zum Betteln 
für die beiden geliebten Kinder. Und das pausbäckige kleine Mädchen, das im Hause 
herumlief, gelegentlich des Dichters Werke abschrieb, ohne sie zu verstehen, oder seine 
Liebesbriefe bestellte. 

Die Eheschließung Poes mit der damals kaum 13jährigen Virginia läßt sich durch kein 
anderes Motiv erklären, als durch das unbewußte, das in unserem Buche überzeugend dar- 
gelegt wird. Im Vordergrunde steht der Wunsch, in innigster Nähe mit einer Geliebten 
zusammen sein zu dürfen, und ihr Leben ganz auszufüllen, ohne mit dem Trieb nach ihren 
Besitz, nach einer genitalen Vereinigung zusammenzutreffen. Virginias Kindlichkeit schützte 
ihn vor der Gefahr jenes ersehnten und schrecklichen Gewährens, dem er bei allen seinen 
Werbungen bald durch Schreck einflößende Gewaltsamkeit, bald durch neurotische Winkel- 
züge hatte ausweichen müssen. 

Wieder griff das Schicksal ein und trieb ihn in die Richtung, die ihm sein Unbewußtes 
wies. Virginia wurde von derselben Krankheit ergriffen, an der seine Mutter gestorben war. 
Poe „wollte um keinen Preis von der Möglichkeit ihres Todes hören", aber mit jedem 
neuen Blutsturz Virginias wuchs die Ähnlichkeit mit den furchtbaren Eindrücken seiner 
frühen Kindheit. Wieder lag eine Sterbende in dem engen, kalten Hinterzimmer; diesmal 
war es in Fordham Cottage, unweit von New York, aber weit genug, um im strengen 
Winter Besuch und Hilfe von der Stadt her fast unmöglich zu machen. (Das Haus steht 
noch heute in der 12$. Straße, mitten in der Großstadt.) Da weder Heizung noch warme 
Decken vorhanden waren, lag die Kranke in den alten Militärmantel gehüllt, mit dem Poe 
West Point verlassen hatte; auf ihrer Brust lag eine Katze, Hände und Füße wärmten ihr 



Besprechungen 489 



Poe und Mrs. Clennam. Erst in den allerletzten Tagen kam etwas Hilfe und Pflege. Nach 
ihrem Tod verfiel der Dichter in eine Verzweiflung, die nur durch eine Art von Dämmer- 
zustand gemildert wurde. Noch einmal suchte er sich aufzuraffen; nächtelang ging er, von 
der todmüden Muddy gestützt, im Garten auf und ab und suchte seine Gedanken zu formen 
und zu klären, aber die Synthese zwischen schwüler Phantasie und eiskalter Logik, die seine 
besten Werke auszeichnet, mißlang und es entstand der philosophisch-phantastisch-absurde 
Traktat „Heureka". Poe selbst glaubte, der Lösung des Welträtsels damit sehr nahegekom- 
men zu sein und — was vielleicht noch größenwahnsinniger war — daß er sein Werk nur 
zu veröffentlichen brauche, um Hunderttausende Leser, Anhänger, Bekehrte zu finden. 

Der nun folgende Abschnitt im Leben Poes ist eine Kette von Episoden, die außerordent- 
lich komisch wirken müßten, wenn sie nicht so grauenhaft wären. Der vorletzte Akt der 
Tragödie und zugleich eine Burleske, Blindekuhspiel der Lemuren. Poe läuft als stürmischer 
Werber hinter einem großen Rudel Frauen her, er bietet sein verblutendes Herz immer 
wieder an, nacheinander, durcheinander, gleichzeitig in einem wüsten Wirbel. In jeder sieht 
er irgendeine Reinkarnation, eine geisterhafte Vorbestimmung. Die erste ist die Frau, die 
der armen Virginia das Sterben erleichtert hat und dann dem Verzweifelnden mütterlich 
beigestanden ist. Unter den ihr folgenden sind meist literarische Damen, von denen einige 
versuchen, die Sache in einem schöngeistigen, literarischen Geleise zu halten. Aber ver- 
geblich, es spielt sich immer das gleiche ab, der Werber verscheucht die anscheinend mit so 
verzweifelter Inbrunst Verfolgten immer wieder, sei es einfach durch das Ungestüm seiner 
Anträge (er will immer auf der Stelle heiraten), sei es dadurch, daß er im entscheidenden 
Moment betrunken, im Delirium, nach einem Selbstmordversuch erscheint. Der Selbstmord- 
versuch spielt sich in der Stadt der verhaßten „Froschteichler" in Boston ab und hat den 
Zweck, eines dieser angeblich geliebten Luftgespenster, übrigens eine verheiratete Frau, zu 
veranlassen, zu ihm zu kommen, um ihn vor seinem Tod zu sehen, wie sie in einer 
.schwärmerischen Stunde versprochen hatte. Man kann es wohl nicht als Zufall ansehen, 
daß er Tod und letztes Wiedersehen gerade in die Stadt der ersten Kindheit, des frühesten 
Beisammenseins mit der Mutter, verlegen wollte. Unmittelbar darauf taucht er in Providence 
auf, um Aufgebot und Trauung zu betreiben, natürlich mit einer anderen, einer ätherischen 
Poetin, die übrigens, nach der damaligen literarischen Mode, mit dem Ätherrausch kokettierte. 
Das Ende war immer dasselbe, und er kehrte einsam, gebrochen, delirant zu seiner „muddy" 
zurück, die nie zu müde und zu entmutigt war, um ihr großes Kind zu pflegen. 

Dieser Abschnitt endet in Richmond, und hier fällt ein letzter, leiser Schimmer der Ver- 
klärung auf den Untergehenden. Wären ihm die Götter gnädig gewesen, sie hätten ihn 
dort sterben lassen — aber die Götter blieben ungnädig bis zuletzt und gestatteten ihm nicht, 
im Tode aus seinem Lebenskreis herauszuspringen. Immerhin, der Mann, der den ästheti- 
schen Zirkeln New Yorks und Neu-Englands zum Gespött gedient hatte, sah sich in der 
Jugendheimat von den Gleichaltrigen mit Achtung, von den Jungen mit Verehrung auf- 
genommen. Sein Ruhm hatte sich, besonders seit dem „raven" durchgesetzt, und in einer 
Zeit, in der der bevorstehende Bürgerkrieg schon seine Schatten vorauswarf, war es dem 
Süden hochwillkommen, daß einem seiner Söhne die intellektuelle und künstlerische Supe- 
riorität zugestanden werden mußte, die sonst als unantastbares Vorrecht Neu-Englands galt. 
Der Vortrag über das Lieblingsthema Poes „Das poetische Prinzip", der bisher immer unter 
einem ungünstigen Stern gehalten worden war, fand diesmal in einem vollen Saale vor der 
Elite von Richmond statt und fand, wenn nicht verständnisvolle, so doch aufnahmsbereite 
und begeisterte Hörer. Der Dichter, der sich eben von einem besonders schweren Anfall 
von Delirium erholt hatte, trat dem Abstinentenbund bei und leistete öffentlich das Ge- 
lübde der Enthaltsamkeit — zweifellos im besten Glauben, da er in den suchtfreien Inter- 



4go Besprechungen 



Valien nur den Ekel vor dem Alkohol fühlte und den Zwang abgeschüttelt zu haben glaubte. 
Er besuchte die Erinnerungsstätten, fand einige seiner alten Freunde wieder, aber leider 
auch sein altes Schicksal. Wie mußte ihm, der nach eingebildeten Reinkarnationen jagte, 
zumute werden, als ihm ein wirklicher Revenant gegenübertrat — seine Jugendliebe Elvira. 
Ihr Mann war inzwischen gestorben, sie war eine Witwe, nicht mehr ganz jung, aber noch 
immer anziehend; die Leere ihres Herzens hatte sie natürlich durch Frömmigkeit auszu- 
füllen gesucht, aber ihr strenger Ritualismus (sie machte sich einen Vorwurf daraus, einen 
Brief in der Samstagnacht über Mitternacht hinaus fortzusetzen) hatte die natürliche Sanft- 
mut und Liebenswürdigkeit nicht beeinträchtigt. Selbstverständlich wurde sie von Poe mit 
seiner gewohnten Dringlichkeit umworben — kein Wunder, daß sie dem Jugendgeliebten 
nicht lange widerstehen konnte. Der Tag der Hochzeit wurde angesetzt und der Ärmste 
saß in der selbstgestellten Falle, aus der es nur einen Weg des Entrinnens gab. Diesen Weg 
schlug er ahnungslos, aber mit der ganzen Zielsicherheit des Unbewußten ein. 

Er beschloß, nach New York zu fahren, um „muddie" zur Hochzeit abzuholen. Dies 
war schon an und für sich ein nur schlecht rationalisierter Plan der Selbstzerstörung, denn 
Mrs. Clennam war viel besser imstande allein zu reisen, als Poe, der auf jeder solchen 
Reise einen Anfall seiner Sucht gehabt hatte, und bei der letzten, auf dem Weg nach 
Richmond, dem schwersten Delirium, mit Wahnbildungen und Halluzinationen, verfallen 
war. Dazu kamen noch eine Reihe von Vorzeichen, eine Häufung von Symptomhandlun- 
gen, deren Sinn jedem Analytiker, ja jedem, der Freuds „Psychopathologie des Alltags" 
kennt, geläufig ist. Er vergaß, seine Braut vom Abreisetermin zu verständigen, nahm den 
Stock eines Freundes, den er besucht hatte, mit, ließ aber dafür den Koffer zurück, der so 
ziemlich seine ganze Habseligkeiten enthielt. Das Zeugnis der Freunde, die mit ihm den 
letzten Abend verbrachten, macht es ganz sicher, daß er damals nicht betrunken war, denn 
die Anzeichen des Rausches konnte man bei ihm unmöglich übersehen. Er muß wohl unter 
dem Drucke eines unerträglichen Angstzustandes gestanden haben, der ihn dem Alkohol 
unwiderstehlich in die Arme trieb. 

Es wird behauptet, daß Poe einer Rotte in die Hände gefallen sei, die — so waren die 
damaligen Wahlsitten — schutzlose Leute, am liebsten Fremde, überfielen, mit Alkohol be- 
täubten, um sie in diesem Zustande eingeschlossen zu halten, bis sich die Gelegenheit fand, 
sie als „Stimmvieh" zur Wahlurne zu schleppen. Als Beweis läßt sich nichts weiter an- 
führen, als daß in Baltimore damals gerade Wahlen stattfanden und daß die Schenke, in 
der Poe kurz vor seinem Ende aufgefunden wurde, nicht weit von diesem sogenannten 
„etlichen coop" entfernt lag. Die ganze Geschichte hat etwas von dem Geschmack der 
jedem Biographen bekannten Idealisierungslegenden, als handelte es sich darum, Poe vom 
Säufer zum unschuldigen Opfer umzustempeln. In Wirklichkeit ist diese letzte Episode 
ganz gleichgültig, der Dichter war schon längst ein gezeichneter Stamm, und der alte Kon- 
flikt, der durch seine Verlobung wieder neu entzündet wurde, ließ auch ohne Dazwischen- 
treten äußerer Umstände keine andere Lösung zu, als die Sucht, die unaufhaltsam zum Tode 
führen mußte. 

Über die Natur dieses Konfliktes, der Poes ganzes Leben durchzog, sein ganzes Schaffen 
bestimmte, gibt die in unserem Buche vorgenommene Analyse seiner Werke klare und wert- 
volle Auskunft. Wir können nicht zweifeln, was die stärksten, erschütterndsten Eindrücke 
der Frühkindheit waren: das plötzliche Versiegen der ersten, heißbegehrten Nahrungsquelle, 
des Milchstromes aus der Mutterbrust, für die das Kind keinen Ersatz fand, nach der es 
sich um so mehr zurücksehnte, je mehr die Gegenwart von Hunger und Entbehrungen er- 
füllt war. Dann die „Urszene", bei der der Knabe die Mutter in der Umarmung eines 
Mannes (wahrscheinlich des unbekannten Vaters der Jüngern Schwester — das Unbewußte 



Besprechungen 491 



Poes identifizierte offenbar diesen Mann mit dem „teilnehmenden Freunden" in Boston, von 
denen die Inschrift auf dem Aquarell der Mutter sprach, und dies begründete seinen Haß 
gegen seine Geburtsstadt) beobachtete und sich nach der bekannten sadistischen Auffassung 
die Vorstellung bildete, daß die Mutter einem rohen und tierischen, ungeheuer starken 
Wesen wehrlos in die Hände gefallen sei und nun überwältigt und vergewaltigt werde. 

Aus diesen Kindheitseindrücken stammen die Grundmotive, die Poes Werke durchziehen, 
an einzelnen Stellen leicht kenntlich oder gar überdeutlich, an anderen abgedämpft, ver- 
kleidet und entstellt, aber mit Hilfe der aufgewendeten Deutungskunst wieder herstellbar. 
Die unzähligen, bald näheren, bald entfernten Anspielungen auf den Kannibalismus und be- 
sonders das Leichenfressen (Nekrophagie) werden verständlich. Ebenso die große Rolle, die 
den Zähnen, dem Beißen, dem Gebiß und allem damit in Beziehung Stehenden zufällt, und 
die Bedeutung des „Weißen", die besonders im „Gordon Pym" hervortritt, wo zuletzt der 
warme weiße Strom den ins Niebetretne Vorgedrungenen einer geheimnisvollen Erscheinung 
(gewiß richtig als die Mutter gedeutet) zuführt. Diese Phantasie geht noch weiter, bis zur 
Rückkehr in den Mutterleib, eine Wunscherfüllung, die bei Poe immer mit dem Grauen 
gepaart erscheint. 

Wer vom Lebenslauf Poes nichts weiß, könnte sich aus den Resultaten dieser Analyse, 
aus der ausgezeichneten Methode, durch welche die infantilen Erlebnisse mit den den 
Werken enthaltenen unbewußten Phantasien in Beziehung gesetzt werden, die Hauptmomente 
seines Lebens korrekt rekonstruieren. Was konnte aus dem oral unbefriedigten Kinde, das 
seine Mutter ihr Lebensblut verströmen sah, und den verdrängten Wunsch, ihre Milch, ihr 
Blut, ihren Leib sich einzuverleiben, sein ganzes Leben lang in sich herumtrug und be- 
kämpfte, irgend anderes werden, als ein Alkoholsüchtiger, der immer wieder der Sucht nach 
dem Getränk unterlag, das ihm Rausch und damit Befreiung von Angst und den Ersatz für 
orgastische Befriedigung und gleichzeitig Selbstzerstörung bot. Mußte er nicht in unge- 
stümem Werben den Mann nachahmen, der die Mutter besessen hatte, und im letzten Mo- 
ment zurückschaudern vor dem Entsetzlichen und Zuflucht suchen im Zurücksinken auf 
die Stufe der oralen Befriedigung. Es ist deutlich, daß Poe, obgleich er so viele Frauen 
heiß begehrte, psychisch impotent war; die Ehe mit Virginia bot einen Rettungsweg, da 
eine genitale Vereinigung mit der Dreizehnjährigen — die ihr ganzes kurzes Leben hindurch 
kindlich blieb — nie in Frage kam, und gerade sie wurde dann durch ihre Krankheit zum 
Ebenbild der Mutter. 

In keiner Landschaft Poes weht die reine Himmelsluft, sie sind alle erfüllt von der 
Atmosphäre einer schwülen Traumwelt, in allen Zimmern und Sälen, wie in den Höhlen 
und Verließen, lauert irgend ein unaussprechliches Grauen, die Feste sind verzerrt, die Liebe 
endet im Entsetzen, und überall, immer wieder taucht die Leiche auf — die scheinbare 
Leiche des Lebendigbegrabenen, die Leiche, die man auf ein Schiff schmuggelt, die Leiche, 
der die Zähne ausgebrochen werden, die Leiche der von dem rasenden Affen in den Kamin 
Geschobenen, die Leichen, die von Tieren oder Menschen gefressen werden — und so weiter 
in unendlicher Abwandlung eines und desselben Themas. 

Es ist ein psychoanalytischer Grundsatz, daß auch noch das abstrakteste Denken, das nur 
aus der reinsten Logik entstanden zu sein scheint, seine Abstammung aus der Triebquelle 
des Unbewußten nie ganz zu verleugnen vermag. Bei Poe wird dieser Grundsatz schlagend 
bestätigt. Die scharfsinnige Dialektik seiner Untersuchung über dichterische Komposition 
führt ihn zum selben Ziel, wie die scheinbar freischaffende Phantasie: zu einer Leiche. Seine 
Konklusion über das Geheimnis der dichterischen Komposition lautet, der höchste Gegen- 
stand der Poesie sei der Tod eines schönen jungen Mädchens. 

Hier treffen wir auf die Problemstellung der Beziehung von Form und Inhalt eines Kunst- 



Werkes. Woher stammt diese für Poe so sehr charakteristische Vorliebe für das scharfe, 
analytische Denken? In dieses Gewand hüllt er nicht nur seine theoretische Untersuchun- 
gen, sondern auch mit Vorliebe die phantastischesten Produkte seiner Erfindungsgabe; ge- 
rade dadurch ist er zum Vater einer neuen literarischen Gattung, der analytischen Detektiv- 
geschichte, geworden. Dem rasenden Affen, dem gewaltigen Minister, dem Mädchenmörder 
steht der kühle Denker gegenüber, der ohne je an das Tageslicht zu treten, alle Finsternisse 
zerstreut und alle Rätsel löst. Unser Autor führt in einer sehr interessanten Erörterung 
den Nachweis, daß sich das Kräftespiel in der Seele des Dichters, der Kampf zwischen der 
Zensur und dem andrängenden Trieb diesen Ausweg geschaffen hat. Wie Poe in der Realität 
vor der gefürchteten geschlechtlichen Annäherung in die Sucht floh, so floh er in seiner 
Phantasie in die kalte, leidenschaftsferne Logik. Durch diese Kunstform erschlich er sich 
von seinem Über-Ich die Erlaubnis, sich seinen unbewußten Phantasien zu überlassen, und 
gibt dem Leser die Möglichkeit, am Grauenhaften Gefallen zu finden und vorwurfsfrei an 
dem zutiefst Verbotenen teilzunehmen. Das Wesentliche, der unbewußten Phantasie Nahe- 
stehende, erscheint in dieser Verarbeitung dann nur wie ein Mittel zum Zweck, als das 
Material, an dem sich das korrekte verstandesmäßige Denken erproben kann, oder als die 
Sünde, über die das ethische Pathos triumphiert. 

In diesem Referat wurden nur wenige Hauptlinien des umfassenden Werkes nachgezogen, 
hoffentlich genug, um das Interesse der Leser so stark zu wecken, wie es das analytisch be- 
deutsame Thema, der daran gewendete Scharfsinn, die Gründlichkeit und die Klarheit der 
Darstellung verdienen. 

CORIAT, ISADOR H.: Totemism in prehistoric man. The Psychoanalytic Review, 1934, 

XXI, p. 40—48. 

Das berühmte Wandgemälde des Zauberers mit Hirschkopf und Pferdeschweif auf einem 
paläolithischen Höhlengemälde in Südfrankreich (Cave des trois freres) weise auf totemisti- 
sche Opfergebräuche hin. Die Verkleidung des Zauberers erinnere — durch den Pferde- 
schweif — an die des mittelalterlichen Teufels, der sich im Traume eines zwangsneurotischen 
Patienten als Vaterfigur habe erkennen lassen. Der Ersatz des Vaters durch ein Opfertier 
spreche für eine Entwicklungsstufe, in der „der kannibalistische Wunsch schon unter Ver- 
bote des Über-Ichs" gestellt werde. Die symbolische Vatertötung sei mit der symbolischen 
Kastration durch Beschneidung und Ausschlagen des Zahnes zu verbinden 

E. Kris (Wien) 

DOOLEY, LUCILE: A Note on Humour. Psychoannalytic Review XXI (1934), S.49— 57. 

Diese inhaltsreiche Studie handelt in knappster Form an Hand klinischer Beobachtungen 
von der Genese des Humors. Das mitgeteilte Material stammt aus dem dritten Behand- 
lungsjahr einer fünfundzwanzigjährigen Patientin und stellt nach D.s Auffassung jenen Roh- 
stoff dar, aus dem „bei produktiver intellektueller Bearbeitung" echter Humor entsteht. 
Das Material ist aufgetaucht, als die Leiden und Enttäuschungen am Ende der ödipalen 
Phase in der Analyse besprochen wurden. 

Im Anschluß an die Deutung eines Traumes, in dem ein Mädchen nach der Ermordung 
von Vater, Bruder und Mutter endlich als Knabe heranwächst, spricht die Patientin von 
einem winzig kleinen Mädchen, von dem sie schon öfters geträumt zu haben meint. „Ein 
kleines herziges Mädchen. Ob sie lebt und wächst oder zugrunde geht, hängt davon ab, 
wie sie behandelt wird. Sie ist in meinem Bauch, aber zuweilen findet sie einen Weg 
heraus und läuft weit umher. Ich möchte lachen, so klein ist sie. Ich lache und unter- 
halte mich mit ihr, wenn ich sehr deprimiert bin." Auch wenn man sie schlug, habe sie 



Besprechungen 4.93 



gelacht. „So unnachahmlich beschreibt die Patientin ihr unreifes Ich und seine Flucht vor 
dem Leiden." Diesen und anderen Phantasien gegenüber lebt sie „als Über-Ich, das sich los- 
gelöst und gigantisch" fühle und behandelt in dem Bekenntnis, „sie sei zu klein, um ernst 
genommen zu werden", ihr eigenes Ich als Kind. 

Die Patientin selbst, die keinerlei intellektuelle Beziehung zur Psychoanalyse hat, ent- 
deckt, „daß ihr Lachen und ihr Versuch, Dinge im humoristischen Licht zu sehen, dazu 
diene, um sonst unerträglichem Leiden zu entgehen..." Sie fühlt den Andrang primitiver 
sexueller, oraler sadistischer Triebansprüche und schafft im Augenblick, da sie sie wahr- 
nimmt, die Phantasie von einem kleinen Geschöpf, das um seiner Kleinheit willen harmlos 
ist. Sie verschiebt die Energie der Triebansprüche auf ihr Über-Ich und behandelt ihr 
schuldiges Ich, als ob es harmloses Vergnügen wachrufe. In der Phantasie, eine Ameise 
oder Fliege zu sein, hatte sie die masochistische Lust, von ihrem Vater mißbraucht zu 
werden. Der Wunsch, von ihm verschlungen oder zerstört zu werden, ist der äußerste 
Ausdruck dieses Masochismus. 

Daß diese „protohumorvollen" Phantasien erst auftauchten, als die Patientin mit den 
Erlebnissen der ödipalen Phase beschäftigt war, aus der das Über-Ich hervorwachse, ist nach 
D.s Darlegung besonders bedeutsam. Nur das Über-Ich vermag von der realen Situation 
des Daseins abzusehen — wir würden sagen, sie zu transzendieren — und dem Ich die Ver- 
sicherung zu geben, daß die Gefahren, die ihm von außen drohen, ihm nichts anhaben und 
letztlich dem Lustgewinn dienen können. Dem entspricht es, daß in manchen Äußerungen 
der Patientin die verzeihende, mütterliche Seite des Über-Ichs zu Wort gelangt. 

Im Gegensatz dazu tauchen nach D.s Angaben Witze bei dieser Patientin im Zusammen- 
hang mit analem Material auf, Zynismus im Zusammenhang mit der Enttäuschung an der 
Mutter, Selbstironie aber zugleich mit den ersten Berichten über die am Vater erlebte Ent- 
täuschung, unmittelbar ehe das „humoristische" Material sich einstellte. Ironie sei als Vor- 
läufer des Humors anzusehen, sei durch eine Beimengung von Sadismus gekennzeichnet und 
gehe von einem primitiveren sadistischen Über-Ich aus. Auch der Unterschied von Witz 
und Humor liege im offenen Sadismus des Witzes. Im Witz überwältigt das Es in explo- 
siver Form eine Hemmung. Der Humor dagegen sei nie sadistisch; er dient der Abwehr 
des Leidens. Vermittle er auch kein starkes und plötzliches Lusterlebnis wie der Witz, ver- 
möge er es etwa auch nicht, Gelächter auszulösen, so rufe er doch ein Glücksgefühl wach, 
das weniger intensiv, aber dauerhafter sei als die vom Witz ausgelöste Lust. Im Anschluß 
an diese Formulierungen wirft D. die Frage auf, warum der Humor im seelischen Leben so 
selten begegnet. Sie führt eine — mündlich mitgeteilte — Hypothese R. Wälders an, nach 
der Humor sich nur dann zu entwickeln vermöge, wenn die Kindheitskonflikte nicht zu 
schwere waren und sich kein zu strenges Über-Ich bildete. Dieser Auffassung entspreche 
etwa der in dieser Studie mitgeteilte Fall; ein anderer, dessen Beobachtung noch nicht ab- 
geschlossen sei, scheine ihr zu widersprechen, beide aber scheinen nach D.s Auffassung auf 
eine besondere Beziehung zwischen Humor und Masochismus hinzuweisen, die der zwischen 
Witz und Sadismus entsprechen könnte. £, K r i s (Wien) 

REIK, THEODOR: Nachdenkliche Heiterkeit. Int. Psychoanalyt. Verlag, Wien 1933. 122 S. 
Diese Schrift ist dem „Reich des Komischen" gewidmet, das „so groß wie das des Tragi- 
schen" und noch größer als dieses „vom Witz, der verhöhnt, bis zum Humor, der versöhnt", 
reicht (5); sie besteht aus fünfzehn Studien verschiedenen Umfangs, die sich, in drei Gruppen 
geteilt (Grenzland des Witzes, Aus Scherz wird Ernst, Zwischen Schrecken und Gelächter), 
„anspruchslos und doch eigenwillig dem Versuch einer kunstvollen Gruppierung" entzogen 
haben (90). Sie reichen von eindringlichen Sonderuntersuchungen, wie der über die „Intimi- 



tat des Judenwitzes" (dessen herabsetzende Tendenz R. unter die Herrschaft des Strafbe- 
dürfnisses rückt), und geistvollen Notizen, in deren einer etwa das Versprechen im Witz 
als „Brücke zwischen Fehlleistung und Mehrleistung" erkannt wird, zu kleinen Essays, deren 
einige dem Zusammenhange nur lose angefügt sind; sie knüpfen aber an andere, ältere Ar- 
beiten des Verfassers an, deren Gedankengänge sie ergänzen und weiterführen. So etwa er- 
weist sich ein Abschnitt, dessen Überschrift „Die Zote in Goethes Faust" nicht den weiten 
Gedankengang deckt, — ich kann nicht verhehlen, daß die Befürchtung des Autors, auch der 
analytisch Geschulte werde zögern, ihm bedingungslos zu folgen, mir nicht ganz unbegründet 
scheint, — als ein enge mit R.s Darstellung über Goethes Beziehung zu Friedericke Brion 
(Imago 193 1) verknüpfter Beitrag zur psychologischen Deutung von Goethes Schaffen. Auch 
das menschlich schöne Gedenkblatt für Arthur Schnitzler führt uns auf eine vor mehr als 
zwei Jahrzehnten entstandene Studie R.s hin; in dem vorliegenden Beitrag wird im Anschluß 
an Werk und Persönlichkeit des Dichters die Angst zu sterben und die Sehnsucht geliebt zu 
werden, jene „zwei mächtigen Urregungen . . ., von denen alles Denken und Tun der Men- 
schen bestimmt ist" (115) bis in eine Höhe verfolgt, in der auch der Schatten des Todes 
vom Scherz gebannt wird. 

Wie alle Arbeiten des Verf. ist auch diese durch die Vorzüge einer Darstellungskunst aus- 
gezeichnet, die dem Leser leicht über die Schwierigkeit des Stoffes hinweghilft; sie mag in- 
dessen dazu verführen, den gedanklichen Gehalt von R.s Ausführungen da und dort zu über- 
sehen. Es mag darum zweckmäßig sein, einiges aus dem Ertrag dieser losen Reihe von Ar- 
beiten für die psychoanalytische Theorie vom Komischen gesondert hervorzuheben; nicht 
so sehr die kaum übersehbare Fülle von glücklichen Einzelbeobachtungen und Apercus als 
einige da und dort verstreute, meist nur flüchtig angedeutete Grundgedanken. So etwa, daß 
nach R.s Meinung „eine strenge Scheidung zwischen harmlosem und tendenziösem Witz im 
Sinne Freuds" nicht aufrechtzuhalten sei. Denn ein Witz sei eine rebellische Regung 
„gegen den von außen" — und offenbar auch von innen — kommenden Zwang, in dem die 
„Schatten jener alten, nie völlig gebannten Gefahren" (sc. der kindlichen Triebhaftigkeit) 
wieder auftauchen (61). Mit dieser Auffassung ist jene zu verbinden, die R. schon in älteren 
Arbeiten (sie sind gesammelt in dem 1929 erschienenen Bande „Lust und Leid im Witz") 
über die Beziehung des Witzes zum „Schrecken" entwickelt hat; in dem vorliegenden Buche 
kommt R. zu einer Formulierung, nach der „der Witz zuerst eine alte unbewußte Angst in 
ihrem Ausdruck als Schrecken wiedererkennt, um sie zu bewältigen und in Lust zu ver- 
wandeln". Auch die Charakteristik des Humors, den er als einen Gnadenakt bezeichnet, 
ergänzt R. auf Grund gleichgerichteter Erwägungen ; auch beim Humor gebe es einen Wende- 
punkt, „an dem man ablesen kann, daß das Ich der drohenden Vernichtung oder schwerer 
Schädigung mit knapper Not entronnen ist" (120). Von solchen Überlegungen her würde 
man eine allgemeinere Formulierung über die Rolle der Komik im seelischen Apparat er- 
warten; denn ganz allgemein gesagt, ließe sich auch die Funktion der Angstabwehr oder die 
Bewältigung von Unlust — beides im Dienst des Lustgewinnes — noch mit der alten Formel 
Freuds, nach der als Ziel der Komik die Herabsetzung der Spannungen im seelischen Haus- 
halt gelte, vereinigen. Indessen liegt es an der Eigenart dieser Schrift, daß der Verf. offen- 
bar theoretische Erwägungen nur gleichsam als Ausblicke vorbringen mochte. 

Andere Gedankengänge R.s, die, gleichfalls nur angedeutet, von großer Tragweite zu sein 
scheinen, betreffen genetische Fragestellungen. Zwei Überlegungen seien herausgegriffen. 
Die eine betrifft eine besondere Frage der Ontogenese: R. geht von der Einsicht Freuds 
aus, daß die Verwendung des Wortes im Witz an die Wortverwendung im Sprachspiel der 
Kinder anknüpfe. Er ergänzt diese Auffassung, indem er mit überzeugenden Argumenten 
nachweist, daß auch die spielerische Wortbehandlung des Kindes im Jenseits des Lustprinzips 



Besprechungen 495 



wurzle und daß etwa die von Groos beschriebene Phase des spielerischen Experimentierens 
des Kindes mit Wortmaterial auf eine Phase folge, in der dieses Verfahren „der Aneignung, 
Verständlichmachung, allgemein der psychischen Bewältigung dient" (39). Eine andere Über- 
legung gilt dem Problem der Phylogenese — auch hier setzt R. einen Gedankengang fort, 
den seine älteren Arbeiten schon gelegentlich berührt hatten — und sucht Gestik und Mimik 
als Vorstufen der Wortdarstellung nachzuweisen (13, 20), zugleich aber — etwa in der 
Ironie — die archaischen Elemente in der Wortbedeutung aufzuzeigen, die er mit einer 
„kontradiktorischen Urbedeutung des Satzes" in Zusammenhang zu bringen geneigt ist (12). 

Eine besondere Stelle nimmt die psychoanalytische Klinik in R.s Darstellung ein. Sie 
liefert einerseits anschauliches, gelegentlich freilich etwa abliegendes Beispielmaterial und 
dient andererseits immer weder dazu, die nähere Abgrenzung und Deutung einzelner Phäno- 
mene zu ermöglichen, so etwa in einem Abschnitt über den „witzigen und den zwangs- 
neurotischen Hohn". Dem Anschluß an die Klinik ist denn auch die schöne psychologische 
Analyse der Ironie entwachsen, deren Entstehung im seelischen Gefüge aus dem oral-kanni- 
balistischen Mechanismus zu verstehen sei. 

Wir brechen hier ab, ohne den Anspruch, auch nur auf die wichtigsten Ergebnisse oder 
Gedanken hingewiesen zu haben. Mit einer Bemerkung nur sei noch eine Einzelfrage auf- 
gegriffen: Es kann kaum ein Zufall sein, daß die Mehrzahl klinischer Parallelen, die Reik 
bietet, dem weiteren Kreise der Zwangsneurose angehören; denn es hat den Anschein, als ob 
wie die Zwangsneurose so auch die tendenziöse Komik aus dem Ambivalenzkonflikt erwachse. 

E. Kris (Wien) 

Aus der Literatur der Grenzgebiete. 

ADLER, GERHARD: Entdeckung der Seele. Mit einem Geleitwort von CG. Jung. Zürich, 
Rascher & Cie., 1934. 157 Seiten. 

Gerhard Adler unternimmt es in dem vorliegenden Büchlein, die Lehren Freuds, Adlers 
und Jungs kurz darzustellen und miteinander zu vergleichen, wobei er bemüht ist, diesen Ver- 
gleich zugunsten der Jungschen Lehre wirksam sein zu lassen. Die Darstellung der Freu d- 
schen Lehre ist in ihrer Kürze und Prägnanz schlechthin meisterhaft und man ist über- 
rascht, nach so viel Verständnis, wie es aus der trefflichen Sicherheit in der Verwendung 
Freudscher Zitate erschlossen werden muß, einen so verurteilenden Satz zu finden wie den 
folgenden, mit dem Freud abgetan wird: „Dieser Pessimismus Freuds, der ebenso her- 
kommt aus der maßlosen Überschätzung der Sexualität, wie aus der einseitig kausal einge- 
stellten Deutung des Unbewußten, hat seinen direkten Gegensatz — und sein direktes Gegen- 
stück — gefunden in der .Individualpsychologie' Alfred Adlers". 

Aber man begreift bald, woher das negative Urteil stammt. Wer Jung angehört, dem 
sind die Regionen, in der die Psychoanalyse ihre Forschungen mühsam treibt, zu niedrig; 
und wer die Welten und Äonen verbindenden Deutungserlebnisse Jung scher Konzeption 
genoß, für den müssen die harten, trieb- und gegenwartsnahen Arbeitsergebnisse Freuds 
an erhabenem Emotions- und mystischem Allheitsgenuß arm erscheinen. Weil der Autor 
in seiner vergleichenden Darlegung die Lehren Freuds und Jungs so nahe aneinander- 
bringt — wobei die Schärfe und Klarheit in den Freud sehen Zitaten bewunderungfordernd 
von der dunkel verschleiernden Ausdrucksweise Jungs absticht — , liegt im Buch das Maß 
zum Messen und kommt aus ihm das Recht zum Urteil, und man erkennt überzeugt, daß 
Jungs Lehre die Konsequenz eines Erschreckens vor der Macht des Unbewußten — wohl 
in seinem Innern — ist und daß seine Lehre einen großartigen Versuch der Verleugnung 
darstellt. Für den Psychoanalytiker genüge eine Traumdeutung aus dem Buch, er wird am 

Imago XX/4 ,, 



Schibboleth gewahr werden, wie deutlich an der Jungschen Lehre die Verdrängung wirk- 
sam geworden ist. „Sie träumte: Ein alter Mann, ein Vogelhändler, kommt zu ihr und 
bietet ihr einen ganz jungen Vogel zum Kauf an. Obwohl sie sonst Vögel sehr gerne mag, 
ist ihr der Vogel zu häßlich. Der alte Mann sagt ihr aber, wenn sie ihn nur gut pflege, 
werde er wachsen und schön werden. — Auch hier würde eine Deutung auf der Objektstufe 
den tieferen Sinn verfehlen; denn worum es geht, ist gerade die Inhalte des Unbewußten 
zu akzeptieren. Der ,alte Mann' ist eine häufige und bedeutsame Animusfigur; der Vogel 
verkörpert als Lufttier das geistige Prinzip, das hier als unentwickelt und deshalb primitiv 
dargestellt ist." 

C. G. J u n g lobt den Autor in seinem Vorwort zu dem Büchlein für die Darstellung, die 
deutlich werden lasse, in welch „hohem Maß" und in welch „charakteristischer "Weise" sich 
seine Gesichtspunkte von denen Freuds und Adlers unterscheiden. Er tut recht daran, 
man bekommt den Unterschied zwischen Freud und Jung kaum in einer anderen Dar- 
stellung deutlicher zu fühlen. R.Sterba (Wien) 

BAUDOUIN, CHARLES: L'Äme enfantine et la Psychanalyse. Collection d'Actualites 
pedagogiques. Editions Delachaux & Niestte S. A., Paris, Neuchatel, 1931. 274 Seiten. 

Französische Vertreter der Psychiatrie und Neurologie haben die Wissenschaft durch 
geniale Schilderungen ihrer Symptomatologie und scharfsinnige Klassifikationen bereichert. 
Um nur einen Namen zu nennen, sei an Janet erinnert. — Aus dieser geistigen Schule 
kommt Baudouin, und ähnliche Ziele steckt er sich für die Darstellung einer psychoanalytisch 
orientierten Kinderpsychologie. Das Gesamtproblem — die Psychoanalyse und das Kind — 
gliedert Baudouin in vier große Teilprobleme. Die Unterteilungen sind: 1. Die Mecha- 
nismen des kindlichen Seelenlebens. 2. Die großen Komplexe. 3. Die typischen Störungen. 
4. Die Methode. — Der zweiten dieser Unterteilungen, den Komplexen, ist die vorliegende 
Arbeit gewidmet. Alle Triebenergien, welche unsere Vorstellungen speisen, müssen die 
Region der Komplexe passieren. In dieser Region schmelzen die Instinkte und finden sich 
zu neuen Verschmelzungen zusammen. Energien aus den verschiedensten instinktiven Quellen 
gehen in die Komposition eines jeden Mosaiks ein und jede Energiequelle findet sich in jeder 
psychischen Bildung wieder. Diese Verschmelzungen von einzelnen Triebelementen zeigt die 
Analyse des Erwachsenen im Unterbau seiner geistigen Haltungen. Die Analyse des Kindes 
läßt sie im ersten Entstehen beobachten. Deshalb muß die Psychologie des Kindes diese 
psychischen Gruppenbildungen darstellen. Verfasser stellt vier Komplexgruppen auf. Im 
Zentrum der ersten steht das Objekt. Das Ich ist das Kernproblem der zweiten. Die dritte 
Unterabteilung beschreibt die Verhaltensweisen, die vierte die Beziehungen zwischen den ein- 
zelnen Komplexen und ihre Überschneidungen. Ein letzter Abschnitt zeigt dem Erzieher 
in einem allgemeinen Überblick die Konsequenzen dieses psychischen Sachverhalts für die 
Erziehung. Als Illustrationsmaterial dient dem Verfasser neben eigenen Fällen die psycho- 
analytische Kinderliteratur. An den zitierten Beispielen zeigt sich der genaue Kenner der 
Materie. Neben den Arbeiten der Freud sehen Schule werden auch Arbeiten der individual- 
psychologischen Schule zitiert. Der Verfasser erwähnt dabei meist ausdrücklich, daß diese 
Ergebnisse den Freud sehen Theorien nicht widersprechen; nur liegt die Ableitung und 
Deutung näher der logischen Schicht. Die Absicht des Autors geht nicht dahin, neue Resultate 
mitzuteilen, er will Bekanntes in neuer Anordnung bringen und dadurch klärend und sichtend 
wirken. Hedwig Hoffer-Schaxel (Wien) 



Besprechungen 497 






BEHN, SIEGFRIED: Schönheit und Magie. Kösel & Pustet. München, 1932. 251 S. 

Ein Buch, das durch Kühnheit und Innerlichkeit wirkt, die Arbeit eines Gelehrten auf 
der Höhe des Lebens, dem die Meinungen und Urteile anderer wohl vertraut sind, der 
aber diesmal gewillt ist, „allem gelehrten Ballast zu entsagen, und über das Wesen des 
schönen Gebildes" seine „eigene Meinung, was immer sie wert ist, so geschlossen und 
bündig wie möglich auf sich gestellt vorzutragen". Die Grundhaltung des Buches ist be- 
kenntnishaft, nicht nur im Sinne einer ästhetischen Anschauung; es ist das Buch eines 
katholisch Gläubigen. 

Der Zugang zum Kunstwerk liegt nicht in interesseloser Betrachtung, sondern in „ma- 
gischer Haltung", die wir „nicht im primitiven Menschen der Vorzeit und der Mitwelt 
suchen, sondern da, wo sie allen gemeinsam ist, nämlich in der eigenen Brust" (S. 2j). Denn 
„das Gedächtnis der Menschheit" vergißt nicht, und unser wissenschaftliches Weltbild ist 
eine „sehr junge Erwerbung . . ., (die) . . . weder unser Blut noch unseren Traum noch das 
Menschheitsgedächtnis in uns irgendwie gerührt oder ergriffen hat". So bleibt denn dem 
Kunstwerk gegenüber die magische Haltung bestehen, auch wo der magische Glaube ge- 
schwunden ist (101), und den Genius beherrschen Kräfte, „die den primitiven Menschen 
noch nicht verlorengegangen sind und von denen sich in der Kindheit hie und da Spuren 
zeigen" (232). Die echte Haltung zum Kunstwerk ist denn auch Faszination, die dem 
Kunstwerk gegenüber „weder pathologisch noch schimpflich und überschwänglich . . ., 
sondern das angemessene Verhalten ist". 

So ungefähr ließe sich mit den eigenen Worten des Verfassers seine an vielen Stellen 
angedeutete Grundanschauung kennzeichnen. Sie ist in der Analyse der einzelnen Kunst- 
gattungen mit außerordentlicher Anpassung an den Gegenstand und echtem Enthusiasmus 
durchgeführt. Als Grundform des Innenraums etwa wird die Höhle angesehen und die 
„Geburt der Architektur aus dem Schöße der Höhle behauptet"; die Kuppel wird als Nach- 
ahmung des Himmelsgewölbes, das Zelt als tragbare Höhle, die Außenarchitektur als Ver- 
such gedeutet, nicht nur die Höhle, sondern auch den Berg, in dem sie ruht, zu schaffen; 
die Wurzel der Malerei liege in der Bemalung der Höhlenwand, ihr ursprünglicher Zweck 
sei die Beschwörung der Beute oder des Totemtieres; die Plastik, in deren Sinn es letztlich 
liege, „göttliche Gewalt und Idee in Menschengestalt erscheinen zu lassen", entstamme dem 
Fetisch; der Tanz sei als Besessenheit zu verstehen, das Lied als Beschwörungsformel. Diese 
dürren Angaben dürfen aber durchaus nicht als Inhaltsangabe genommen werden; denn 
Eigenart und Vorzug des Buches liegen gerade in der Ableitung spezifischer und hoch zu- 
sammengesetzter künstlerischer Phänomene aus dieser Grundanschauung. 1 

Daß B.s Gedankengänge enge mit denen Freuds zu verbinden sind, muß nach den Bei- 
spielen, die gegeben wurden, nicht erst betont werden. Soweit ich sehe, hat B. sich zweimal 

1) Ich muß freilich bekennen, daß ich dem Verfasser nicht auf allen Wegen zu folgen 
vermag. So etwa nicht, wenn er — freilich in einer der schönsten und sorgfältigsten 
Analysen des Buches — zu zeigen versucht, wie die Plastik der Griechen „bis in jede 
charakteristische Einzelheit hinein Wesenszüge der menschlichen Totalgestalt kanonisch aus 
der Kontrastfigur des Anthropoiden entfernt" — und meine, daß damit nicht die be- 
sondere Eigenart der griechischen Kunstleistung innerhalb der Kunst des Mittelmeerbeckens 
erfaßt sei; es scheint indessen, daß die Leistung der Griechen konkret angebbar ist, wenn 
man etwa an das Löwy- Lange sehe „Gesetz" der Achsialität und die spezifische Art seiner 
Überwindung in Griechenland denkt. Ich hebe diese Einzelheit hervor, denn das Obersehen 
des geschichtlich Spezifischen, die Blickrichtung auf zu weite Gemeinsamkeiten, die daher an 
Prägnanz einbüßen, wird in folgendem an anderen Fragestellungen erörtert werden. - 

32 



498 Besprechungen 



ausdrücklich zu dieser Quelle bekannt: In einer gedanklich und sprachlich gleich vollendeten 
Stelle, in der der König ödipus des Sophokles als die Tragödie schlechthin gekennzeichnet 
wird, „weil die tragische Idee durch dieses Werk so deutlich hindurchschimmert, wie durch 
keine andere Bühnendichtung" 2 (162) und ein andermal, wo die Wirkung des Blau erläutert 
werden soll; der „makrokosmischen" Deutung, nach der das Blau die Farbe des Meers 
schlechthin sei, wird die mikrokosmische angefügt, die Anschauung der „Psychoanalyse . . . 
über das lebenskeimbergende Meer im Mutterschoß (Fruchtwasser)", worin „Ontogenesis 
die Phylogenesis wiederholt". Kein Zweifel, daß B. sich auch sonst — etwa wenn er von 
der Höhle als Mutterschoß spricht, dessen bewußt ist, zu wiederholen, was „Freud auf seine 
Weise . . . recht deutlich gesehen hat". Manchmal hat es sogar den Anschein, als ob der Ver- 
fasser Funde und Hypothesen, die dem psychoanalytischen Boden entwachsen sind, auch 
dann in den Vordergrund zu schieben geneigt ist, wenn sie nur einen und nicht den zen- 
tralen Sektor des Problems berühren. So sieht er die Tier- und Höhlenmalereien paläolithi- 
scher Zeit als Sublimierungen „der Neigung des primitiven ödipus" an, „den Stammvater 
Laios zu ermorden und mit seinem Herzblut seine Kraft zu erneuern". Gerade die Frage 
aber, die uns die Höhlenmalereien aufdrängen, wie in einer Welt, die man sich vielfach 
unmittelbarer von magischem Denken beherrscht vorstellt als spätere Kulturperioden, eine 
Kunstform von so unvergleichlicher Lebensnähe entstehen konnte, bleibt von dieser An- 
nahme unberührt, die, nach der Erklärung des Gegenständlichen zielend, in den Höhlen- 
malereien Darstellungen des Totemtieres zu sehen meint; eine Annahme, die übrigens 
durchaus nicht als ausreichend gesichert gelten darf. Wesentlicher als diese Art, psycho- 
analytische Gesichtspunkte, man möchte sagen, unvermittelt heranzuziehen, ist, daß der 
Raum des durch die Psychoanalyse erschlossenen Blickfeldes in einem bestimmten Sinne 
eingeengt wird. Denn dieses Blickfeld reiche nur in die „erotische Schicht" oder in die 
„mikrokosmische" und eröffne nur dann fruchtbare Einsicht, wenn es mit den Befunden 
der makrokosmischen Betrachtung übereinstimme, die sich aus dem Wesen der Magie selbst 
ergäbe. 

Es erübrigt sich, in die ausführliche Diskussion dieser Auffassung einzutreten und ihr 
hier, da es sich darum handeln soll, Wert und Eigenart von B.s Auffassung zu kenn- 
zeichnen, kritisch gegenüberzutreten. Nur eine allgemeinere Feststellung sei ihr entgegen- 
gesetzt, eine Feststellung, die nicht nur B.s Stellung zu Freuds Gedankengut betrifft, viel- 
mehr an diesem Einzelfall eines der Schicksale der psychoanalytischen Auffassungen auf 
ihrem Verbreitungswege zu kennzeichnen sucht. Nicht nur in versprengten Bemerkungen 
und Einzelfragen ist B. der Psychoanalyse verpflichtet. Auch im Zentrum seiner Darstellung 
begegnet ihr Einfluß. Die Annahme über die Mneme, das Menschheitsgedächtnis, das B. 
übrigens im Sinne Daqu£s zu kennzeichnen scheint, hat erst durch die schon in der 
Traumdeutung vertretene Lehre Freuds von den archaischen Elementen des Unbewußten 
jene Fassung erhalten, in der sie sich von einer gleichgerichteten, älteren und in der Ro- 
mantik wurzelnden Auffassung abhebt und in der sie unserer Zeit geläufig ist. Daß sie 
— von C. G. Jungs Lehre vom kollektiven Unbewußten ausgehend, zuweilen aber auch 
ohne Beziehung zu dieser Verflachung der Grundanschauung Freuds — heute an vielen 
Stellen der Wissenschaft selbständig auftaucht, darf, die Psychoanalyse nicht davon abhalten, 
ihr Eigentumsrecht an dieser Auffassung geltend zu machen; nicht aus äußeren Gründen, 
also nicht um des Anspruches auf meritorische Gerechtigkeit oder Priorität willen, sondern 
aus Gründen heuristischer Methodik. Denn es besteht die Gefahr — der etwa C. G. Jung 

2) Vgl. dazu auch „Psychoanalytische Bewegung", V, 82 f., wo diese Stelle ausführlich 
wiedergegeben ist. 



Besprechungen 49g 



und Otto Rank, jeder auf seine Weise, erlegen sind — , daß phylogenetische Erklärungen 
zu „früh", zu „oft" und zu „weitgehend" an Stelle der ontogenetischen gesetzt werden. 

Es handelt sich also darum, einen Gedanken Freuds, dessen große Tragweite der 
wissenschaftlichen Interpretation besondere kritische Einstellung zur Pflicht macht, frucht- 
bar zu erhalten und ihn vor den Mißverständnissen jener zu bewahren, die nicht aus harter 
Empirie und täglicher Erfahrung der Einsicht gewonnen sind, daß die archaischen Elemente 
des menschlichen Seelenlebens sich immer von neuem in historisch und individuell be- 
stimmte Formen kleiden. 

"Wie groß die Gefahr des Mißverständnisses ist, mag man besser verstehen, wenn man 
erfährt, wo ihr auch der Verfasser dieser sonst so abgewogenen Schrift zu erliegen scheint. 

„Warum redet noch heute jedes Nachtgeräusch lauter und eindringlicher und warnender 
zu unserem Ohr, warum werden wir noch heute bleich, wenn irgendein Zweig im Walde 
knackt? Nicht, weil wir Grund zur Furcht hätten, sondern weil das Gedächtnis der Mensch- 
heit nichts vergißt, auch nicht jene erneuten Todesängste des wehrlosen und klügsten 
Tieres, das der Mensch manches Jahrtausend vor seinem Sieg über das Tier und der Unter- 
werfung der Scholle gewesen ist." 

Offenbar ist hier zweierlei, das Erlebnis der Angst und das Erlebnis des Unheimlichen, 
zugleich aus dem Walten der Mneme abgeleitet. Damit ist aus dem Bereiche der Erkenntnis 
ausgeschaltet, was an individuellem Erlebnis an das Gefühl nächtlicher Angst oder an das 
Gefühl des Unheimlichen geknüpft ist, ist jenes Gebiet ausgeschaltet, aus dem die Lehre 
stammt, die hier entwickelt wird, und das sich weiter um ihre sinnvolle Einschränkung be- 
müht: die psychologische Erforschung zentraler seelischer Vorgänge am Individuum. 

Wollte man aber einwenden, daß alle Determinanten, die Geschichte und Konstitution des 
Individuums kennen lehren, nicht genügen, daß etwas hinzutreten müsse, um dem Individuum 
die Bahn der Angstreaktion zu weisen, so ließe sich zweierlei erwidern: einmal daß es nicht 
angehe, vom auslösenden Moment auszugehen, daß die Vorstellung von dem durch die Mächte 
der Natur geängstigten Primitiven oder Urmenschen eine willkürliche — ich glaube, man darf 
nach mancher Erfahrung vermuten: zum Teil überalterte — Konstruktion sei und daß die 
Reaktion jedenfalls sich weit von allen Anlässen ablösen lasse, die in Erlebnissen mensch- 
licher Vorzeit situationsgerechte Analogien haben. Dann aber scheint einer besonderen 
Diskussion die knappe Begründung würdig, die für den Appell an die Mneme geboten 
wird: „nicht weil wir Grund zur Furcht haben...", empfinden wir Angst, sondern weil 
sich in uns etwas an die Situation erinnert, in der solche Angst gerechtfertigt war, die 
Situation des Urmenschen angesichts der Natur. Hier zeigt es sich, wie verfehlt die 
Methode ist, denn gerade die Frage nach dem Verhältnis der Angstreaktion zu ihrem Anlaß, 
nach der Rolle der Realangst in der Angstätiologie ein Stück weit verfolgt und geklärt zu 
haben, in dem großartigsten und eindrucksvollsten Kapitel menschlicher Geschichte, in der 
des Individuums, — um mit B. zu reden, „in unserer eigenen Brust", — ist die Leistung der 
neueren, der ichpsychologischen Beiträge Freuds zur psychoanalytischen Lehre von der 
Angst. 

Man möchte meinen, daß dieser Teil der Auffassungen Freuds dem Verf. fremd ge- 
blieben ist und wir dürfen uns damit begnügen, bedauernd festzustellen, daß auch er nicht 
aus der vollen Kenntnis der psychoanalytischen Psychologie, sondern aus einer beinahe zu- 
fälligen Verwertung einzelner Funde da und dort auf Anschauungen Freuds Bezug nimmt. 
Diese kritischen Bemerkungen treffen aber nur Einzelheiten; das hohe Niveau der Auf- 
fassung und Darstellung steht vereinzelt in dem deutschen Schrifttum unserer Tage. 

E. Kris (Wien) 



BRUNSWICK, EGON: Wahrnehmung und Gegenstandswelt. Grundlegung einer Psychologie 

vom Gegenstand her. Wien, Deuticke, 1934. XI und 241 Seiten. 

Der Verfasser versucht durch Registrierung aller derjenigen gegenständlichen Situationen, 
durch die gleiche subjektive Eindrücke bzw. Reaktionen hervorgerufen werden, und zwar 
ohne Rücksicht darauf, von welcher Art diese Eindrücke sein mögen, Wege zum Aufbau 
einer objektiven Wahrnehmungspsychologie anzugeben. In Briefmarkenversuchen kommt 
es bei genügend großer Vertrautheit nicht nur zu unmittelbar gegebenen Werterlebnissen, 
sondern der Wertgesichtspunkt ändert die Wahrnehmung der Träger des Wertes ab. Aus 
wertvolleren Marken (oder Münzen) bestehende Gruppen werden nach Anzahl oder Flächen- 
inhalt im Vergleich mit weniger wertvollen überschätzt. „Auch künstlich gesetzte Gegen- 
stände, wie der Geldwert, bilden also mit den im strengsten Sinne des Wortes sinnlich-an- 
schaulichen Gegenstandsarten in der Wahrnehmung Zwischengegenstände, treten also mit 
diesen in engsten funktionalen Kontakt, der bis zur funktionalen Verschmelzung geht. Wenn 
die Reizkonfiguration nicht genügend ausgeprägt ist, so wird entweder eine empirisch wohl- 
bekannte Form oder eine prägnante Gestalt wahrgenommen." 

Die Psychologie vom Gegenstand steht in enger Beziehung mit der Umweltlehre Uexkülls. 
Diese sucht die Schwierigkeiten, die die Unerkennbarkeit der Empfindung tierischer Sub- 
jekte der Forschung bietet, dadurch auszugleichen, daß sie nach Merkmalen sucht, auf die 
die Subjekte reagieren. Auch bei der Wahrnehmung von geistigen Gebilden und Fremd- 
psychischem spielen Zwischengegenstände eine Rolle. Die Psychologie vom Gegenstand her 
sollte auf das Gesamtgebiet der Psychologie ausgedehnt werden. 

Die Gedankengänge des Verfassers sind zweifellos auch für den Analytiker anregend. Der 
Analytiker beschäftigt sich im allgemeinen zu wenig mit der Struktur der Gegenstände, die 
ein bedeutsamer Teil der Ich-Psychologie ist. Die Untersuchungen B.s über „Zwischen- 
gegenstände" könnten den Analytiker zu einem tieferen Nachdenken über das Verhältnis 
der libidinösen zu den Ich-Strukturen anregen. Ein Studium des nicht leicht lesbaren Buches 
ist daher warm zu empfehlen. P. Schilder (New York) 

FERRIERE, A.: Der Primat des Geistes als Grundlage einer aufbauenden Erziehung. Übers, 
von Emmi Hirschberg. Langensalza-Berlin-Leipzig, Julius Beltz, 1934. VIII und 260 Seiten. 

Die Linie der Gedankenführung könnte nicht logisch konsequenter sein als in dieser 
Studie Ferrieres: Geist — Lebensschwungkraft — Triebe — deren Beherrschung, Nährung, 
Ableitung, Sublimierung — Erziehung durch Interessenerweckung und spontane Anstrengung. 
In dem Gedankenweg von den Trieben zu deren Beherrschung trifft sich F. oft mit der 
Psychoanalyse, als deren tapferer Fürsprecher er sich zeigt. Doch ist scheinbar die meta- 
physische Grundlage des Gedankenweges Geist — Gott, womit hinter der Projektion eine 
Wirklichkeit statuiert wird, dafür verantwortlich, daß die Hinwendung zur Psychoanalyse 
an manchen Stellen einen fühlbaren Bruch erleidet. I. Hermann (Budapest) 

MORGENTHALER, W. : Psychologische Fragen der Säuglingsschwester und des Wochenbettes. 
Bern und Berlin, Hans Huber, 1932. 

Diese lesenswerte Broschüre soll den Säuglingsschwestern als Leitfaden für die psycho- 
logischen Seiten in der Ausübung ihres Berufes dienen. Bei der Erörterung der Fragen, die 
in diesem Berufe in Betracht kommen, stellt der Autor Normen für das Verhalten der 
Schwester auf. Diese' Fragen beziehen sich einerseits auf die Einstellung der Schwester zur 
Außenwelt (zum Neugeborenen, zur Mutter, zum Vater, zu älteren Kindern, Dienstboten, 
Familienverhältnissen usw.), andererseits auf die eigenen inneren Seelenzustände der 
Schwester selbst. 



Besprechungen 50 1 



Wir stimmen mit dem Autor vollkommen überein, wenn er alle Systeme in der Psycho- 
logie verwirft, es wundert uns aber dann zu erfahren, daß er auch „gewisse psychoanaly- 
tische Richtungen", die er nicht näher bezeichnet, zu solchen Systemen rechnet. Die 
Psychologie, die M. selber entwirft, stellt freilich gleichfalls ein „starres System" dar. Ob- 
wohl die Psychoanalyse erwähnt ist, findet sie wenig Berücksichtigung. Die von der Psycho- 
analyse hervorgehobene Bedeutung der Sexualität und der Sublimierungen wird gegen un- 
verständige Angriffe verteidigt; auch das kollektive Unbewußte nach C. G. Jung 
wird erwähnt. 

M. trägt eine Einteilung der psychischen Persönlichkeit (z.B.: a) Triebhaftes, b) Normatives : 
Verstandesmäßiges und Ethisches) vor, weist auf Unterscheidungen verschiedener Persön- 
lichkeitstypen hin, auf psychologische Mechanismen, auf religiös-philosophische Wertungen, 
Gesichtspunkte, auf deren Würdigung hier verzichtet werden kann. Aussagen wie: „Der- 
jenige bewährt sich im Leben am besten, dessen Charakteranlagen die höchstwertigsten und 
am besten ausgebildeten sind", oder: „daß der Hauptgewinn darin bestehen soll, daß wir das 
Positive, Gute und Starke in uns erkennen und entwickeln lernen" scheinen zu allgemein 
und zu sehr mit Werten durchsetzt, um psychologisch fruchtbar zu sein. 

Vanda Weiß (Rom) 

OBRIG, ILSE: Kinder erzählen angefangene Geschichten weiter. Arbeiten zur Entwicklungs- 
psychologie, Nr. 13. München, C.Becks Verlagsbuchhandlung. 1933. 70 Seiten. 
Ilse Obrig hat 67 Kindern im Alter von 4 bis 11 Jahren drei verschiedene Geschichten- 
anfänge erzählt und jedes Kind diese drei Geschichten weiterspinnen lassen. Für den Kinder- 
analytiker, dem ja immer nur ein beschränktes Vergleichsmaterial zur Verfügung steht, 
wäre es sehr fruchtbar und ersprießlich, den Inhalt dieser Weitererzählungen mit dem der 
Geschichten und Tagträume aus den Kinderanalysen vergleichen zu können. Leider werden 
diese Inhalte nur ganz oberflächlich schematisch zusammengefaßt und die „phantasiemäßige 
Ergänzungsgestaltung" des Kindes lediglich im Sinne der Strukturpsychologie auf „Gerichtet- 
heit" und „Einstellung" untersucht. So wird die interessante Tatsache, daß einige 4- bis 
6jährige Kinder zum Unterschied von andern an die Geschichtenanfänge einfach Worte, also 
keine Sätze hinzufügen, einfach als „Freude am Spielen", als „ungegliederte, diffuse Kom- 
plexität des Gesamterlebens" abgetan. Niemals werden die Weitererzählungen auf kausale 
2usammenhänge hin geprüft, „das strukturell Mitgebrachte enthält die Hauptbedingungen 
für Form und Inhalt der Weitererzählungen". Ebensowenig findet natürlich die Tatsache 
Berücksichtigung, daß in einem Geschichtenanfang von einem schönen Traum die Rede ist, 
an den viele Kinder mit eigenen Träumen anknüpfen. Der Verfasserin genügt: „Mit dem 
Konkret-vor-Augen-Haben der Situation und dem Sichhineinversetzen in die handelnden 
Personen dürfte auch die hier erstmalig auftretende Erzählung von Träumen, überhaupt 
das Eingehen auf die Träume zusammenhängen." Wenn ein Kind zu dem Text „Das Männ- 
lein führte das liebe kleine Eislein" die Einschaltung macht: „die doch eine so große Angst 
hatte...", so begründet das die Verfasserin damit: „Oberall, wo das Kind derartige Ein- 
schaltungen macht, hat man den Eindruck, daß ihm schon irgendwie ein .Publikum' mit- 
gegenwärtig ist." E. Sterba (Wien) 

PLACZEK, SIEGFRIED: Erotik und Schaffen. Berlin und Köln, A. Marcus & E. Webers 
Verlag (Walter de Gruyter), 1934. 225 Seiten. 

Eine Kompilation in jedem Sinne, enthält dieses Buch 37 Bemerkungen zur Biographie 
vornehmlich von Dichtern, Musikern, Malern und Bildhauern, von Johann Joachim Winckel- 
mann bis Oskar Kokoschka; ein Potpourri, das die Bedeutung der Erotik für das geistige 



502 Besprechungen 



Schaffen zuweilen mit gewiegter „Schnoddrigkeit" („Rubens schuf überhaupt nichts anderes 
als brünstige, von Sinnlichkeit strotzende, Sinnlichkeit fordernde Fleischmassen") erläutert. 
Einleitend und abschließend sind Erwägungen zur Sexualpsychologie vorgetragen, die aus 
vielerlei Quellen gesammelt sind. Das Erfreulichste an diesem Buche ist, daß es der Psycho^ 
analyse herzlich abgeneigt ist. E. K. (Wien) 

ROHRACHER, H.: Kleine Einführung in die Charakterkunde. Leipzig-Berlin, B. G. Teubner, 

1934, 138 Seiten. 

Das 138 Seiten umfassende Büchlein bringt in trefflicher, leicht zu fassender "Weise die 
herrschenden charakterologischen Systeme zur Darstellung. Der Verfasser versucht in ob- 
jektiver Art, den einzelnen Systemen in ihrer Bedeutung für eine künftige Gesamtcharaktero- 
logie gerecht zu werden, und seine Ausführungen über Charakter und Schicksal und Charakter und 
Umwelt beweisen beträchtlichen psychologischen Tiefblick. Man bedauert, daß er die analy- 
tische Charakterologie nur oberflächlich kennt und daß seine Darlegung nicht reichlicher 
von tiefenpsychologischen Aspekten beeinflußt ist. R. Sterba (Wien) 

SCHAUFFLER, R. H.: The unknown Brahms. New York, Dodd, Mead & Co., 1933. 

Ein gewandter Schriftsteller und guter Musiker durfte zwei Jahre lang im Auftrag seines 
Verlages in Wien, Berlin und Hamburg den Spuren von Brahms Leben nachforschen. Der 
reich mit Bildern ausgestattete Band von 548 Seiten erscheint als Anachronismus aus der 
Inflationszeit Amerikas, hat aber auch einen reichen Inhalt, enthält manches Originelle, viel 
Anekdotisches und subjektive Auffassung der Werke. Des Referenten Studie „Johannes 
Brahms und die Frauen" (Psychoanalytische Bewegung, April 1933) ist mit herangezogen und 
der Autor, der Psychoanalyse bisher fernstehend, doch bemüht, ihr Gerechtigkeit wider- 
fahren zu lassen. Auch sonst beansprucht das Werk nicht mit Unrecht, unter die modernen 
psychologischen Biographien eingereiht zu werden. E. Hitschmann (Wien) 

WIESENGRUND- ADORNO, THEODOR: Kierkegaard, Konstruktion des Ästhetischen. 
Beiträge zur Philosophie und ihrer Geschichte. 2. Tübingen, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 
1933. 165 Seiten. 

Der Autor gibt mehr als eine Analyse von Kierkegaards Begriff des „Ästhetischen"; 
er versucht eine Nachkonstruktion von Kierkegaards gesamter Philosophie. Für den 
Analytiker ist dieser Versuch nicht nur wegen der faszinierenden Persönlichkeit Kierke- 
gaards, sondern vor allem auch deswegen von Interesse, weil das Vorgehen des Autors von 
psychoanalytischen Einsichten zutiefst beeinflußt ist. Das Buch W.'s ist geradezu ein typisches 
Beispiel für die Art der Auswirkung, welche die Psychoanalyse in den Geisteswissenschaften, 
speziell in der sog. „philosophischen Anthropologie" findet. Der Autor möchte zwar seine 
Methode als „philosophische" von der psychoanalytischen streng unterschieden wissen; aber 
er schließt sich in Wirklichkeit jenem Verhalten gegenüber der Psychoanalyse an, welches sie 
offiziell ablehnt und ihr trotzdem ein anonymes Weiterwirken im eigenen Denken gestattet. 

W. formuliert das Programm seiner Arbeit mit den Sätzen: „Im Fuchsbau der un- 
endlich reflektierten Innerlichkeit ihn (sc. Kierkegaard) zu stellen gibt es kein Mittel, 
als ihn bei den Worten zu nehmen, die, als Fallen geplant, endlich ihn selber umschließen. Die 
Auswahl der Worte, deren stereotypische, nicht stets geplante Wiederkehr zeigen Gehalte an, 
die selbst die tiefste Absicht des dialektischen Verfahrens noch lieber verstecken als offen- 
baren möchte. Es hat also die Interpretation des Pseudonymen Kierkegaard die flüchtig 
vorgetäuschte dichterische Einheit in die Polarität seiner eigenen spekulativen Intention und 
der verräterischen Wörtlichkeit zu zerlegen" (S. n). Im metaphorischen Ausdruck Kierke- 



Besprechungen 503 



gaards bricht nach W. gegen Kierkegaards bewußte Intention die eigentliche Wirk- 
lichkeit des Mythischen durch. Diese nun will W. in ihrer Eigentlichkeit aus dem Werke 
herauskristallisieren und so den „Naturgehalt" bloßen Geistes, der „absoluten Innerlichkeit" 
Kierkegaards herausstellen. W. „wiederholt" also, mit Kierkegaard zu sprechen, die 
Bewegung, welche dessen eigenes Denken genommen hatte, als er in seiner Dissertation 
über den Begriff der Ironie das Mißverhältnis zwischen dem Begrifflichen und dem 
Mythischen in Piatos frühen Dialogen untersuchte. Als den „Grundaffekt", der den Be- 
gründungszusammenhang von Kierkegaards Philosophie herstellt, erkennt W. die 
Trauer. Was jener Dialektik nennt, versteht W. als die seelische Bewegung der Trauer, 
die den verlorenen Objekten wie dem Sinn nachtrauere. Daß in „Schwermut" und „Ver- 
zweiflung" nicht — wie Kierkegaard lehrte — der Mensch in die der Welt entfremdete 
„religiöse Existenz" hineinwachse, sondern, daß in ihnen der „Naturgrund" des Geistes zum 
Durchbruch kommt und der Mensch als ein verzweifelt wünschender sichtbar wird, 
wird bei W. deutlich. Daß der eigentliche Inhalt von Dialektik der Gegensatz und Kampf 
von „begehrender Triebmacht" und „Geist" sei, findet sich bei W. wenigstens angedeutet. 

An dieser Stelle aber biegt die so verheißungsvoll begonnene Analyse aus der Psychologie 
in die idealistische Philosophie, um schließlich in reine Spekulation zu münden, welche 
Kierkegaard und seine Lehre interpretiert mit einer geheimnisvollen Idee der „Ver- 
söhnung" aus der Sehnsucht, welche das Opfer der Nachfolge Christi ersparen soll. Was 
aber die mythische Naturmacht ist, welcher der Geist sich entgegensetzt und mit welcher 
er sich versöhnen muß, bleibt im Dunkel von bloßen Andeutungen. Auch die Psychoanalyse 
vertritt die Anschauung, daß in den Mythen die „Urschrift der humanen Existenz", die W. 
mit Kierkegaard sucht, zu lesen sei; aber nach psychoanalytischer Auffassung gilt es vor 
allem, die Sprache dieser Urschrift verstehen zu lernen und sie in die unsrige zu übertragen. 
Mit der Aufstellung einer „ontologischen" Kategorie „des" Mythischen scheint uns dagegen 
nichts Förderliches geleistet. 

So sind schließlich für den Analytiker an W.'s Buch nicht die prinzipiellen Gedanken, 
sondern nur die psychologischen Details von Interesse: die Analyse der soziologischen Be- 
dingtheit von Kierkegaards Moral; die Aufdeckung des Zusammenhangs der Kategorien 
seiner Psychologie mit dem „Interieur" als dem eigentlichen Lebensraum jener Bürgerlich- 
keit, welcher er selbst zugehörte; kluge Bemerkungen über seine Prüderie und das eigen- 
tümlich Intrigantenhafte seiner „indirekten Mitteilung"; insbesondere aber die von W. aller- 
dings nicht direkt ausgesprochene, sondern nur nahegelegte Möglichkeit, Kierkegaards 
religiöse Schriften aus der Problematik seiner „ästhetischen" Schriften zu verstehen und 
nicht umgekehrt, wie er selbst es wollte. 

Aber weder an diesen Angriffspunkten, noch an irgend welchen anderen, die in Kierke- 
gaards Werk und Leben unschwer zu finden sind, setzt W. mit psychologischer Un- 
tersuchung ein. Die Kritik seiner Lehre wird vielmehr prinzipiell auf dem Boden der 
Immanenz durchgeführt. Diese Lehre an einem entscheidenden Punkt mit der Realität 
menschlichen Lebens zu konfrontieren, wird ebenso vermieden, wie die Person und 
das Leben Kierkegaards psychologischer Betrachtung und Analyse zu unterziehen. So 
erscheint der Autor in eine unauflösliche und dabei doch abgewehrte Identifizierung 
mit Kierkegaard, dem Objekt seiner Kritik, verstrickt. In fast unbegreiflich krassem 
Mißverstehen, wie es sich oft mit subtilster Verständnisfähigkeit paart, sagt dagegen W. in 
der Einleitung: „So nahe damit die Methode, in Kierkegaards dämonischen Verstecken" 
— an dieser Stelle fehlt offenbar etwas im Text — „der psychoanalytischen scheinbar rückt, 
so präzis hat sie von dieser als philosophische sich zu sondern, daß sie nicht selber der 
Dämonie erliege. Denn bislang faßt Psychoanalyse den Menschen noch in vollkommener 



Immanenz und begründet jede seiner Regungen aus dem totalen Zusammenhang seines 
Bewußtseinslebens. Kierkegaard aber verführt mit Existenzlehre und radikalem Per- 
sonalismus selber dazu, die einzelmenschliche Immanenz so autonom und geschlossen zu 
komponieren wie Psychoanalyse dem Widerstreit der Triebe als Erkenntnis erst sie ab- 
trotzen möchte. Immanenz ist das Herrschaftsbereich seiner Dämonie und Psychoanalyse 
unterwirft sich ihm, ehe sie nur ihr erstes Wort spricht, indem sie aus der gleichen Immanenz 
deduziert, die seine Formeln beschwören." W. Marseille (Wien) 

ZEITSCHRIFT FÜR POLITISCHE PSYCHOLOGIE UND SEXUALÖKONOMIE. Heraus- 
geber E. Parell. Bd. I, Heft i, 1934. Verlag f. Sexualpolitik, Kopenhagen. 
Schon der Titel der Zeitschrift weckt peinliches Befremden. Psychologie ist eine Wissen- 
schaft, ein Stück Erkenntnis; Politik ist Zielsetzung. Die sprachliche Form der Wissenschaft 
ist der Aussagesatz, die der Politik der Befehlssatz. Die beiden verhalten sich zueinander 
wie Erkenntnis und Wille. Zwischen Erkenntnis und Willen kann es aber grundsätzlich 
nur zwei Beziehungen geben; der Wille kann sich der Erkenntnis bedienen wie der Wanderer 
einer Landkarte, die Erkenntnis kann den Willen zum Gegenstand nehmen. So kann sich 
etwa die Politik der Psychologie bedienen; tatsächlich stellt der Politiker psychologische Er- 
wägungen an, wenn er etwa die Reaktionen anderer Menschen oder das Verhalten von Mas- 
sen vorauszuberechnen versucht. Diese Überlegungen werden von Politikern stets ein- 
drucksmäßig oder, unwissenschaftlich ausgedrückt, in instinktiver Einschätzung angestellt, 
aber es wäre gewiß nicht undenkbar, hier wissenschaftliche Psychologie heranzuziehen. In 
diesem Falle wäre dann Psychologie in den Dienst der Politik getreten. Anders, aber doch 
hieher gehörig ist der Fall, daß der Politiker aus der Kenntnis psychologischer Gesetze zu 
einer Modifikation seiner Zielrichtungen kommt. Auch hier stammt das Ziel nicht aus der 
Wissenschaft, der Vorgang ist ähnlich dem Verhalten des Touristen, der seinen Reiseplan 
nach dem Studium der Karte verändert. Die Psychologie kann aber auch das politische 
Handeln zum Gegenstand ihrer Forschungen machen etwa dann, wenn sie die Motive der 
Politiker oder der Menschen in ihrem politischen Handeln studiert. 

Es sind aber eigentlich nicht diese beiden Arten der Beziehung von Politik und Psycho- 
logie, auf die der Titel der vorliegenden Zeitschrift anspielt. Wir hören in den Vorbe- 
merkungen der Redaktion: 

„Die Trennung von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Weltanschauung 
oder Politik lehnen wir ab . . ." 

„Wir wollen der bewußt reaktionären Wissenschaft eine bewußt revolutionäre ent- 
gegenstellen, die sich zu den Zielen der Arbeiterbewegung offen bekennt und sich in 
deren Dienst stellt. Wir werden mit Leichtigkeit beweisen können, daß wir, um 
unsere Aufgabe zu erfüllen, nichts anderes zu tun haben, als voraussetzungslos wissen- 
schaftliche Arbeit zu treiben; dagegen muß der reaktionär gesinnte Wissenschaftler, 
um seine soziologische Rolle zu erfüllen, die Wahrheit verhüllen, abbiegen, mit Mystik 
durchsetzen, kurz solchermaßen die primitivsten Grundsätze der wissenschaftlichen 
Arbeit verleugnen. Wir werden mit der gleichen Leichtigkeit nachweisen können, 
daß die Trennung von Sein und Sollen künstlich ist, daß das Sollen mit Eigengesetz- 
lichkeit aus der Erkenntnis des Seins hervorgeht, was nur durch Bruch mit den Prin- 
zipien der wissenschaftlichen Arbeit verhindert wird. Konsequente, unbeirrte Wissen- 
schaft ist an sich revolutionär, entwickelt automatisch praktische Konsequenzen, 
und die sozialistische Politik ist im Grunde nichts anderes als die Praxis der wissen- 
schaftlichen Weltanschauung." 
Politik und Psychologie sind hier in unklare Symbiose getreten. Wir sind sicher, daß die 
Psychologie dabei nicht zu gewinnen hat. Wir treffen hier auf die zuerst vom Marxismus 



Besprechungen 505 



propagierte, später von anderen politischen Richtungen in ihrer "Weise übernommene Formel, 
daß Erkenntnis stets Ausdruck eines Seins ist und auch Ausdruck eines Seins sein soll; die 
wahre, echte Erkenntnis ist dann im Sinne dieser Theorie diejenige, in der das eigene Sein 
zum Ausdruck kommt. In der marxistischen Literatur, zu der die vorliegende Zeitschrift 
zahlt, ist die sogenannte proletarische Wissenschaft mit dem Index der Echtheit versehen. 
In anderen, neueren Richtungen wird mit nicht geringerer Sinnwidrigkeit jene "Wissenschaft 
für die echte gehalten, welche Ausdruck eines anderen, nicht ökonomisch, sondern irgend- 
wie anders, etwa national, angesetzten Seins ist. All diesen Theorien fehlt die Einsicht in 
den Sachverhalt, daß es "Wissenschaft, Erkenntnis vom Gegenstand, nur insoweit gibt, als 
das erkennende Subjekt sein Sein transzendiert. "Wissenschaft ist, möchte man sagen, wesens- 
mäßig bodenlos. Freilich bricht der Ausdruck des Subjektiven in die Erkenntnis des Objek- 
tiven, das Ausdrucksfeld in das Darstellungsfeld ein; aber das ist eine Fehlerquelle wissen- 
schaftlicher Arbeit. Gerade die Psychoanalyse hat Besonderes zu ihrer Aufdeckung geleistet. 

All das wird theoretisch vielleicht auch von den Autoren der „Zeitschrift für politische 
Psychologie" zugegeben werden; aber dann trifft man in praxi doch auf "Wendungen, wie 
„reaktionäre "Wissenschaft", „revolutionäre Wissenschaft" u. ä. m. 

Unter den Arbeiten dieses Heftes figuriert an erster Stelle ein Aufsatz von W. Reich 
„Zur Anwendung der Psychoanalyse in der Geschichtsforschung". Wir treffen hier wieder 
auf den von diesem Autor schon mehrfach vertretenen Standpunkt, daß der Psychologie nur 
obliege, die "Wirkungen sozialer Vorgänge auf das Individuum zu studieren, daß die soziale 
"Wirklichkeit selbst aber jenseits des Erklärungsbereiches der Psychologie gelegen sei und 
sich nach soziologischen Gesetzen vollziehe. Wir erhalten dann eine Definition dessen, was 
unter „soziologisch" zu verstehen sei. R. unterscheidet rationale und irrationale Verhal- 
tungsweisen, ohne freilich die Problematik einer genaueren Kennzeichnung dieser Typen 
näher ins Auge zu fassen. Nur die irrationalen Verhaltungsweisen scheinen ihm in den Be- 
reich der Psychologie zu fallen. Die Aussagen über rationale Verhaltungsweisen nennt er 
soziologische. Die als rational bezeichneten Verhaltungsweisen sind offenbar solche, die vor 
allem von den höheren Schichten des Ichs geleitet sind. Auch ihre Erforschung ist u. E. 
ein Stück Psychologie, ihre Bezeichnung als soziologische scheint durchaus unzweckmäßig 
und irreführend. Darüber hinaus wäre sachlich zu bemerken, daß der Satz, die soziale 
"Wirklichkeit verändere sich nur auf Grund menschlicher Handlungen von diesem Typus, 
durchaus unbewiesen einfach hingestellt wird; seine Widerlegung bereitet keine ernsthaften 
Schwierigkeiten. 

Man sieht eine Schwierigkeit für die Besprechung dieser Arbeiten in einer psychologischen 
Zeitschrift; die Kritik bleibt aus einem Grund notwendig unvollständig. Die Autoren der 
besprochenen Zeitschrift stehen auf dem Boden der marxistischen Gesellschaftslehre; sie 
nehmen die von Karl Marx gegebene Analyse der sozialen Phänomene für richtig an. 
"Wenn diese Theorie vorausgesetzt wird, erscheinen dann gewisse Verhaltungsweisen als im 
Interesse einzelner Bevölkerungsschichten gelegen und ein solches Handeln keiner weiteren 
Erklärung bedürftig, „soziologisch" in der Terminologie von R., und nur ein Abweichen 
von diesem Verhalten würde dann eine weitere psychologische Untersuchung erheischen. 
Eine vollständige Kritik würde daher Diskussion und "Widerlegung der Marxschen Analyse 
des sozialen Geschehens erfordern, die aber außerhalb des Rahmens einer psychologischen 
Zeitschrift gelegen ist. Daher der notwendig fragmentarische Charakter der vorliegenden 
Besprechung. 

Im ganzen verrät der Aufsatz von R., wie fern der Autor jeder wirklichen Einsicht in die 
Problematik dieses Gegenstandes steht. "Wenn R. dabei psychoanalytische Probleme berührt, 
bezeugt er ein Mißverstehen elementarer psychoanalytischer Begriffe, das befremden muß; 



506 Besprechungen 



so etwa, wenn er glaubt, das Handeln nach dem „Realitätsprinzip" sei eine gefügige Unter- 
werfung unter jede gegebene Realität, und die Idee des Reälitätsprinzips decke so eine Welt- 
anschauung. Sollte er nie von Alloplastik erfahren haben? Die Realität ist nichts Statisches, 
kein Seiendes, sondern ein Werdendes, das auch durch meine Handlung erst wird. Man 
könnte auch von Realitätstüchtigkeit sprechen, wenn das Wort Tüchtigkeit nicht einen so 
fatalen Klang hätte; im übrigen setzt die Realitätstüchtigkeit eben die Anpassung an die 
Bedingungen der Objektwelt voraus. 1 

Aus dem zweiten Beitrage von E. Parell, der als Herausgeber zeichnet, seien nur zwei 
2itate herausgegriffen. P. spricht an einer Stelle (S. 67) von „der gewaltigen Entdeckung, 
daß der Wert der Produktionsgüter nicht, wie die bürgerliche Ökonomie lehrt, aus der 
toten Materie, sondern aus dem Verbrauch an lebendiger Arbeitskraft stammt" und doku- 
mentiert damit sowohl seine Naivität („gewaltige Entdeckung") wie seine stupende Unwissenheit 
auf dem Gebiet der Nationalökonomie; von der subjektivistischen Wertlehre scheint er nie 
etwas vernommen zu haben. An einer anderen Stelle (S. 69) heißt es: „Der Marxismus ist 
vor allem eine Methode der Untersuchung der Wirklichkeit überhaupt und jede echte Natur- 
wissenschaft ist demnach marxistisch." Es mag als kleinlich erscheinen, solche Stellen her- 
auszugreifen, aber an ihnen wird so recht durchsichtig, welche Beeinträchtigung der Urteils- 
funktion unter politischen Leidenschaften stattfindet; ein bekanntes Phänomen der Massen- 
psychologie. 

Ein anderer Aufsatz von Reich eröffnet eine Reihe, die betitelt ist: „Abhandlungen zur 
personellen Sexualökonomie" und hat zum Gegenstande den „Orgasmus als elektrophysio- 
logische Entladung". Darin wird eine elektrolytische Theorie des Sexualaktes vorgetragen. 

Für den ganzen Charakter der Zeitschrift sind vielleicht die kleinen Notizen noch be- 
zeichnender als die Abhandlungen. So findet sich z.B. unter der Überschrift: „unpolitische" 
Wissenschaft (wobei das Wort „unpolitisch" von der Redaktion der „Zeitschrift für politische 
Psychologie und Sexualökonomie" in ironisierende Gänsefüßchen gesetzt ist) eine Stelle 
aus R. Sterbas Abhandlung: Theorie der Angst (Ztschr. f. psychoanalytische Pädagogik, 
1933) ohne weiteren Kommentar abgedruckt. Es ist vielleicht zweckmäßig, diese Stelle 
auch hier in extenso wiederzugeben, um zu zeigen, wodurch der Unmut der marxistischen 
Psychologen erregt wurde: 

die Angst des kleinen Kindes ist gewissermaßen ein Gradmesser, wie schwach 

noch das junge Ich im Verhältnis zu den zu bewältigenden Triebkräften ist. Es wird 
gewiß das Bestreben jedes Erziehers sein, die Kinder möglichst angstfrei zu erhalten; 
denn die Angst . . . bedeutet regelmäßig eine mehr minder schwere Beeinträchtigung 
der seelischen Freiheit des Kindes. Anderseits steht ihm das Angstsignal des Ichs des 
Kindes als mächtiges Hilfsmittel im Kampfe gegen die zu unterdrückenden Triebe zu 
Gebote und er kann dieses Mittels nicht entraten, muß er ja doch für die Ver- 
drängungen im Kinde sorgen, wenn er ein brauchbares soziales Wesen aus ihm machen 
soll. Die Verdrängung aber wird durch die Angst bewerkstelligt ... In diesem Wider- 
streit der Aufgaben, nämlich Angstsetzung, weil die Triebbewältigung nicht anders 
gelingt, oder Angstvermeidung, weil das Ich des Kindes unter der Angst so leidet, hat 
der Erzieher das für den gegebenen Zeitpunkt Richtige zu wählen . . ." 
Wenn man mit den seltsamen Gedankengängen dieser Schriftsteller nicht vertraut ist, hat 

1) So sagt Freud z.B. bei der Besprechung der psychoanalytischen Therapie und ihrer 
Dauer: „Wir haben am Beispiel der Tuberkulose und der Lupus gelernt, daß man Erfolg 
erst haben kann, wenn man die Therapie den Charakteren des Leidens angepaßt hat." 
(Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. XII, 
S. 317.) Heißt diese „Anpassung an die Charaktere des Leidens" vielleicht, daß es Tuber- 
kulose und Lupus geben solle? 



Besprechungen 507 



man vielleicht einige Mühe zu erraten, was an dieser Stelle die Kritik provoziert hat und 
worin die Redaktion der „Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie" das An- 
zeichen geheimer Politik vermutet. Aber es ist offenbar gemeint, die Triebunterdrückung, 
von der Sterba spricht und zu deren Mitteln er die Angstsetzung rechnet, liege im Inter- 
esse der „herrschenden Klasse", und darin verrate sich eine Weltanschauung, die sich als un- 
politische Wissenschaft maskiere, die aber nun dank der Wachsamkeit marxistischer Psycho- 
logen glücklich entlarvt sei. 

Daß es Triebunterdrückung in der Erziehung gibt, welche im Interesse der Aufrecht- 
erhaltung eines Herrschaftsverhältnisses innerhalb einer Gemeinschaft liegt, ist gewiß außer 
Frage; aber ebenso gewiß ist es, daß jede Gemeinschaft Triebunterdrückungen bei der heran- 
wachsenden Generation veranlassen muß, daß sich die Erziehung dabei zum Teil der Mittel 
der Liebesprämie und der Drohung des Liebesentzugs bedient. Um einige ganz alltägliche 
Beispiele zu geben: wenn man etwa em Kind von einer Handlung zurückhalten will, weil sie 
das Kind in eine Realgefahr führen würde; oder weil sie etwa ein Geschwisterchen bedrohen 
würde; oder schließlich vielleicht auch nur, weil sie ein Interesse des Erwachsenen in höherem 
Grade beeinträchtigt als er hinzunehmen gewillt ist; wenn man dann das Kind auffordert, von 
seinem Vorhaben abzulassen und diese Aufforderung mit einer Drohung des Liebesentzugs 
bekräftigt, z. B. etwa in Aussicht stellt, daß man andernfalls das Zimmer verlassen würde, 
und auf diese Weise Angst im Kinde erregt, die der Triebunterdrückung dient: dann hat 
man also nach Reich im Dienste einer politischen Doktrin gehandelt, und die Feststellung 
dieses pädagogischen Mittels durch Sterba hat den geheimen politischen Charakter der 
Psychoanalyse enthüllt. 

Dies eine Beispiel mag genügen; es zeigt, wie die Praxis aussieht, zu der die Abhandlungen 
die Theorie gegeben haben. 

Es hat schon viele Richtungen gegeben, welche sich der Psychoanalyse bedienen, ihr 
mehr oder weniger große Stücke unter Ablehnung anderer entnehmen, anderes für ihre 
Zwecke modifizieren und präparieren, nach der Parole: „Herausbrechen und anderswo ein- 
fügen." Wie ist es zu rechtfertigen, gerade dem vorliegenden Unternehmen an dieser Stelle 
so viel Aufmerksamkeit zu widmen? Nun, an der Spitze dieser Bewegung steht ein Mann, 
der durch eine Reihe von Jahren durch seine klinischen Beiträge verdienstlich gewirkt hat. 
Seine Arbeiten haben, wenngleich durch eine gewisse Neigung zur Einfachheit vielfach 
schematisierend, doch im ganzen befruchtend gewirkt. Die Wiederbelebung des allmählich 
in Vergessenheit geratenen Gedankens vom aktualneuro tischen Kern der Psychoneurosen; 
der Rat, in der klinischen Analyse stets von der oberflächlichsten Schicht, vom behaviour, 
auszugehen und erst allmählich, ohne Kurzschluß, zum Unbewußten vorzudringen; die 
häufige Mahnung an das Vorkommen der im Bilde einer positiven Übertragung auftretenden 
latenten negativen Übertragung, die gewiß leicht übersehen wird; der — in dieser Form 
übertriebene — Rat, in Widerstandssituationen sich der Analyse der Widerstandsmotive zu 
widmen und das etwa gleichzeitig strömende Material beiseite zu lassen; dies und manches 
andere hat die Diskussionen zu Fragen der Technik vielfach belebt und es gibt viele, die 
diesen Anregungen Reichs für ihr technische Sicherheit viel zu danken haben. Aber die Ver- 
dienste der Vergangenheit sind kein Grund einer länger dauernden Schonzeit für Irrtümer der Ge- 
genwart. So muß denn in aller Klarheit gesagt werden, daß die hier vorliegenden „wissen- 
schaftlichen" Bestrebungen mit der Psychoanalyse nichts mehr zu tun haben, daß niemand, 
der Reich auf seinem Wege folgt, mehr Recht hat, sich noch auf die Psychoanalyse zu be- 
rufen, als irgend andere Autoren, die ein Stück psychoanalytischen Gedankengutes, modifi- 
ziert und unter Eliminierung anderer Motive, für ihre Zwecke verwenden. 

R. W. (Wien) 



" 



Inhaltsverzeichnis 

des XX. Bandes <1934> 

Seite 

Edmund Bergler: Zur Problematik des „oralen" Pessmisten. Demon- 
striert an Christian Dietrich Grabbe 330 

Siegfried Bernfeld: Die Gestalttheorie 32 

Dorothy Tiffany Burlingham: Mitteilungsdrang und Geständniszwang 129 

Helene Deutsch: Don Quijote und Donquijotismus 444 

Otto F enichel: Zur Psychologie der Langeweile 270 

/. -F. Grant Duff: Schneewittchen. Versuch einer psychoanalytischen 

Deutung 9j 

Ludwig Jekels und Edmund Bergler: Übertragung und Liebe 5 

— — Triebdualismus im Traum 393 

Arthur Kielholz: Rätsel und Wunder der Heilung 173 

Ernst Kris: Zur Psychologie der Karikatur 450 

Johannes Landmark: Über den Triebbegriff 160 

v. Alexander Mette: 7,vtr Psychologie des Dionysischen 191 

Hermann Nunberg: Das Schuldgefühl 257 

Oskar Pf ist er: Neutestamentliche Seelsorge und psychoanalytische 

Therapie 425 

Hanns Sachs: Die Verspätung des Maschinenzeitalters 78 

— Edgar Poe. Bemerkungen zu Marie Bonapartes Biographie des Dichters 485 
Raymond de Saussure: Über genetische Psychologie und Psychoanalyse 282 
Robert Wälder: Das Freiheitsproblem in der Psychoanalyse und das 

Problem der Realitätsprüfung 467 

Alfred Winterstein: Der Zornaffekt. Ein Beitrag zur Psychologie der 
Gefühlsvorgänge 144 

— Echtheit und Unechtheit im Seelenleben 383 

y: Fritz Witt eis: Mona Lisa und weibliche Schönheit. Eine Studie über 

Bisexualität 316 

— Der psychologische Inhalt von Männlich und Weiblich 411 



Inhaltsverzeichnis 

Seite 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Siegfried B e r n f e 1 d und Sergej Feitelberg: Bericht über einige psycho-physio- 
logische Arbeiten 224 

Otto Fenichel: Analyse einer Namensverwechslung nach zwanzig Jahren 231 

Paul Schilder: Zur Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen. Be- 
merkungen zu dem Aufsatz von I. Hollös 219 

Immanuel Velikovsky: Kann eine neuerlernte Sprache zur Sprache des Unbewußten 
werden? 235 

"Werner Wolff: Ein Forschungsbericht. Grundlegung einer experimentellen Tiefen- 
psychologie I0 4 

SAMMELREFERATE 

A. J. Storffer: Die Psychoanalyse in Sammelwerken und Enzyklopädien. 

I. Die Religion in Geschichte und Gegenwart 240 

II. Zwei pädagogische Lexika auf konfessioneller Grundlage 246 

BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: 

Bonaparte: Edgar Poe, siehe Hanns Sachs 

C o r i a t : Totemism in Prehistoric Men [Fenichel) 492 

D o o 1 e y : A Note on Humour (Kris) 492 

R e i k : Nachdenkliche Heiterkeit (Kris) 493 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: 

G. Adler: Die Entdeckung der Seele (Sterba) 495 

A 1 s b e r g : Der Prozeß des Sokrates im Lichte moderner Jurisprudenz und Psychologie 

(Weißkopf) 252 
Bally: Biologische Voraussetzungen der frühkindlichen Persönlichkeitsentwicklung 

(Christoffel) 123 

Basler: Über die Anpassung des Organismus an die Umwelt (Federn) 252 

B a u d o i n : L'Ame enfantine et la Psychanalyse (Hoffer-Schaxel) 496 

B e h n : Schönheit und Magie (Kris) 497 

Bertalanf f y : Theoretische Biologie (Schilder) 123 

B o v e t : Philosophische Grundprobleme der Medizin (Schilder) 377 

Brunswick: Wahrnehmung und Gegenstandswelt (Schilder) 500 

Charl. Bühler : Drei Generationen im Jugendtagebuch (Schilder) 376 

Dufree und Wolf: Anstaltspflege und Entwicklung im ersten Lebensjahr. . (Bally) 253 

E g y e d i : Die Irrtümer der Psychoanalyse (Wälder) 253 

Feldkeller: Sinn, Echtheit, Liebe nach Paul Hofmanns Sinn- Analyse (Winterstein) 124 
F e r r i e r e : Der Primat des Geistes als Grundlage einer aufbauenden Erziehung 

(Hermann) 500 
Max Hartmann: Die methodologischen Grundlagen der Biologie (Stengel) 379 



Inhaltsverzeichnis 



Seit& 

Heidenhain: Über den Menschenhaß (Bergmann) 254 

Heun : Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung (Hermann) 25^ 

Koty: Die Behandlung der Alten und Kranken bei den Naturvölkern (Kielholz) 378 

Lalo : L'expression de la vie dans Part (Kris) 125, 

Marin: Lecciones de psicoanalisis (Garma) 126 

Morgenthaler: Psychologische Fragen der Säuglingsschwester und des Wochen- 
bettes (Weiß) 50a 

Mu tiu s : Zur Mythologie der Gegenwart (Sterba) 126 

Obrig: Kinder erzählen angefangene Geschichten weiter (E. Sterba) 501 

P 1 a c z e k : Erotik und Schaffen (E. K.) 501 

R a b 1 : Das Problem der Willensfreiheit unter medizinischen und naturwissenschaft- 
lichen Gesichtspunkten (Sarasin) 255 

Riese : Das Triebverbrechen (Stengel) 378 

Rohracher: Kleine Einführung in die Charakterkunde (R. Sterba) 502 

Schauf f ler : The Unknown Brahms .(Hitschmann) 502 

Vialle : Le desir du neant (Flournoy) 12& 

— Detresses de Nietzsche (Sarasin) 127 

Wais: Das Vater-Sohn-Motiv in der Dichtung (Sterba) 127- 

W e n z 1 : Das Leib-Seele-Problem (Sarasin) 128 

Wiesengrund- Adorno : Kierkegaard (Marseille) 502 

W i e s e r : Die Verbrecherhandschrift (Marseille) 379 

W o 1 f f : Leben und Erkennen (Schilder) 382 

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (Wälder) 504 



Soeben erschien: 

EDMUND BERGLER 

TALLEYRAND ♦ NAPOLEON 
STENDHAL* GRABBE 

PSYCHOANALYTISCH-BIOGRAPHISCHE 

ESSAYS 

Geheftet RM 6.50 In Leinen RM 8 — 

Aus dem Vorwort: 

Die Titelbezeichnung „psychoanalytisch-biographische Essays" 
bedarf einer Erklärung. Eine analytisch-biographische Studie 
hebt lediglich die für die betreffende Persönlichkeit entschei- 
denden unbewußten Motive hervor und verzichtet darauf, 
mit der deskriptiven Biographik in Konkurrenz zu treten. 
Die hier vorliegenden Studien über Talleyrand, Napoleon, 
Stendhal und Grabbe sind im Anschluß an meine klinischen 
Arbeiten geschrieben worden. Immer wieder reizte es mich, jene 
Probleme, auf die klinische Erfahrungen mich hingelenkt hatten, 
an historischen Gestalten aufzusuchen. So entstanden als Ergän- 
zung meiner Arbeiten über die Psychologie des Zynismus die 
Studien über Talleyrand und Napoleon, in Fortführung der Unter- 
suchungen über die orale Phase der Libidoentwicklung, die über 
Grabbe, und als Abschluß meiner Bemühungen um das Verständ- 
nis narzißtischer Phänomene — die Stendhal-Skizze. Diese Ent- 
stehungsgeschichte bewirkt, daß die Helden der folgenden Essays 
auch als klinische Typen gesehen sind mit einer gewissen Einseitig- 
keit, der sich Verfasser bewußt ist, ohne sie meiden zu wollen. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 











Soeben erschien: 

ALMANACH 

DER Pf YCHOANALYSE 

1915 

Mit 6 Porträts. In Leinen RM 4. — 

Mit der diesjährigen Ausgabe erscheint 
der Almanach der Psychoanalyse 

DAS ZEHNTE MAL 

und zeigt aus diesem Anlaß einen besonders mannigfaltigen Querschnitt 
durch die psychoanalytische Literatur 

INHALT: 

Standpunkt aus 
Edward Glover und 






INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLA« / WIEN