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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV 1915 Heft 3"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO^ 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: ■' ' 

IV. 3. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1915 



' Die Pubertätsriten der Wilden. 

über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 
und der Neurotiker. 

Von Dr. THEODOR REIK^ 

. - Und hat mit diesem kindisA^tollen Ding 

; - ; V Der Klu gerfahr'ne sich besdiäftigt, 

V ■ - ■'• - So ist fürwahr die Torheit nidit gering, 

Die seiner sidi am diluß bemächtigt. 
- Goethe, 

I. 

Die Initiations- und Pubertäts>jceihen mit ilirem ausgedehnten und 
eindrudtsvollen Zeremoniell liönnen in ihrer Bedeutung für 
das religiöse Leben und die soziale Organisation der Primi^ 
tiven kaum übersdiätzt werden. H. Schurtz erklärt, sie seien meistens 
viel großartiger und von weit längerer Dauer als die Feier der Ehe^. 
Diese Bedeutsamkeit wird uns erklärlidi, wenn wir uns vor Augen 
halten, daß diese Riten nidit nur einen Lebensabsdinitt markieren, 
sondern audi die legale Erlaubnis zum Gesdileditsverkehr und zum 
Kinderzeugen bezeidinen, daß sie den jungen Mann in die religiösen 
Zeremonien des Stammes einführen und ihm alle jene Redite zu- 
erkennen, jene Pfliditen auferlegen, die für die erwadisenen Stammes- 
genossen Geltung haben. , n , tt 

Es ist trotz der zahlreidien wissensdiaWidien Untersudiungen, 
weldie den jünglingsweihen gewidmet wurden, bisher nidit gelungen, 
den Sinn des sehr komplizierten Zeremoniells, das sie begleitet, zu 
finden. Kürzlich nodh hat der sdiarfsinnige Forsdier ]. G, Frazer 



1 Nadi einem im Jänner 1915 in der Wiener psydioanalytisdien Vereinigung 

gehaltenen Vortrage. 

= Altersklassen und Männerbünde, Berlin 1902, p, 96, 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




126 



Dr. Theodor Rcik 



äX'Q '1 ■'■? ^'"^ ^^"Se Tatsachenreihe "leidit zu erweisen, 
wL.n ^^;^"^"'^^'^J""gen der Pubertätszeit im Gedankenleben der 
^^.fnrA ^'"l^^ff^" Gefahren verknüpft seien, aber die nähere 
P^atur der gefurAteten Gefahr ist noA dunkel. Der Gelehrte gibt 
moTc f?k^ Ausdrudc »that a more exact aquaintance with savage 
modes of thought will in time disclose this central mystery of 
primitive society^ and will thereby furnish the clue, not only 
to totemism but to the origin of the marriage System«. 

Uhne Ansprudi darauf zu erheben, so hodigespannten Er- 
wartungen genügen zu können, wollen die folgenden Ausführungen 
einen Losungsversudi des Rätsels primitiver Pubertätsriten darstellen. 
Ihre Legitimation zu soldiem Wagnis besteht freilidi nur darin, daf^ 
sie an das so oft bearbeitete Material mit einem neuen Instrument 
T^X^^u ^^^i^" Wert sidi sdion einmal in seiner Anwendung auf 
die Volkerpsydiologie glänzend erwiesen hat: der Psydioanalyse». 
ti... xrt^'' ^'' "i'^ einem Motiv, das den Initiationsriten primi-- 
tiver Volker m weAselnder Form gemeinsam ist und das sich uns 
aJs Ausgangspunkt unserer psydiofogisAen Analyse empfiehlt, so 
TS„n^r/w",t^'"%" Veranstaltungen finden, die angebHA die 
lotung und Wiederauferstehung der zu weihenden Tünelinee be- 
zweAen. Dieses Motiv, das Frazer als nhe ri ual of deäfh and 

ltt7nleTA:JT"''^'u'l''F' ^'* ^^^°"^-^ ?-^ >" den Pubertäts. 
und flwS 1"'^'' beobaditen ist aber auA L den afrikanisAen 

g^^Aifd^woäer '^^""'"^" '^''""^^" naAgewiesen und genau 

Prin,,-.;^"" " V" ^''1 ■■''°" dem Ensemble der Pubertätsriten der 
Primitiven madien zu können, ziehen wir zunädist einige typisdie 
ßeisp^e von den Stämmen Australiens heran: Beim Won ghistamm 
von Neu.Sudwales besteht ein Teil der Pubertätsriten im Aus<= 
schlagen eines Zahnes. Nadi dieser Operation hört man ein laut 
summendes Geräusdi, das auf folgende Art zustande kommt: ein 
flaches Holzstück mit durdilödverten Ecicen, durA ciie ein Stricic ge^ 
zogen ist, wird rund herum geschwungen. Den Uneingeweihten ist 
es nicht gestattet, dieses Schwirrholz — von den englischen Anthro^ 
pologen »bullroarer« genannt — zu sehen. Frauen dürfen bei der 
Zeremonie nicht anwesend sein. Sollte dennodh durdi Zufall eine 
Frau Zeugin gewesen sein, wird sie getötet. Es wird gesagt, daß 
die Jungen weggeschickt werden und ein jeder einem Wesen begegnet, 
welches halb ein Schwarzer, halb ein Geist ist. Dieses rätselhafte 
Wesen Thuremlin tötet die Jünglinge, beschneidet sie, bringt sie 
wieder zum Leben und schlägt ihnen einen Zahn aus''. In Deutsch«' 

' The golden bough. Balder the beautiful.VoI.il. Third edition, Lotidon 1913, p.278, 

' Von mir gesperrt. 

3 S. Freud, Totem und Tabu. Wien, Hugo Heller 1914. 

* Die Beispiele sind, wo nidits anderes bemerkt wird, aus Frazers »The 
golden bough« s. o. und »The belief in immortality and the worship of the death«, 
Bd. I, London 1913, entlehnt. 



Die Pubertätsriten der Wilden 127 



Neu^Guinea wird beim Jambimstamm die Jünglingsweihe immer 
in Zeiträumen von einigen Jahren gefeiert, bis eine bestimmte An= 
zahl junger Leute und eine Menge — Sdiweine vorhanden sind. 
Die Besdineidung als die hauptsädilidiste Rite der Weihe findet im 
Walde statt. Während der Prozession dahin schwingen die Männer 
Sdiwirrhölzer, die vor den Frauen und Kindern sorgsam geheim 
gehalten werden. Die zurüdbkibenden Frauen weinen und heulen, 
denn sie nehmen an, daß die Jünglinge von einem sdiredilidien 
Ungeheuer namens Balum versdilungen werden, das sie erst 
gegen eine stattlidic Anzahl von Sdiweinen wieder herausgibt. Wie 
können da die armen Frauen sidier sein, jemals ihre Söhne und 
Brüder wiederzusehen? Der Ort, wo die Besdineidung vollzogen 
wird, ist eine lange Hütte, weldic gegen das Ende in der Höhe 
abnimmt. Sie soll den Baudi des Ungeheuers darstellen, das nun 
die jungen Leute versdilingen wird, Um die Sadie glaubwürdiger zu 
madien, sind Augen über den Eingang gemalt, Palmenwurzeln ver» 
treten das Haar. Wie die angsterfüllten Jungen dem Ungeheuer 
näher kommen, hört man von Zeit zu Zeit dessen Brummen, das 
sidi, wenn man gleidi Asmodi die Dädier entfernte, als das SAwingen 
von S dl wirrhölzern durdi Männer in der Hütte erklären würde. 
Dem Ungeheuer werden die Sdiweine geopfert. Wenig ansprudisvoll, 
begnügt es sidi aber mit den Sdiweineseelen und überläßt seinen 
Verehrern ihre wohlsdimeAenden Körper. Nadi der Operation leben 
die Bursdhen drei bis vier Monate lang in strengster Äbgesdilossen- 
heit im »Baudie des Ungeheuers«, dem keine Frau ohne Lebens^ 
gefahr nahe kommen darf. Es kommt vor, daß ein Jüngling bei der 
Operation stirbt. Die Männer erklären dann den Frauen, das Un- 
geheuer habe sowohl einen Menschenmagen als audi einen Schweine^- 
magen. Unglüdclidierweise sei der Jüngling in den Mensdienmagen 
gelangt und dort elendiglich umgekommen. Sobald die Zeit der 
Einsdiließung vorüber ist, kehren die Jünglinge unter großen Feiere 
lidikeiten in ihr Dorf zurüA. Am Heimweg müssen sie ihre Augen 
versdilossen halten und jeder wird von einem Manne geführt, der 
sicii wie ein Taufpate benimmt. Die Frauen sind bei der Rüd^kehr 
der Jünglinge sehr aufgeregt und sdireien und weinen vor Freude. 
Die Jünglinge stehen, im Dorfe angelangt, wie Statuen da mit ge- 
schlossenen Augen. Hinter ihnen befiehlt ein Mann: »O Besdinittene, 
setzt eudi!« Doch die jungen Leute bleiben bewegungslos. Erst 
nachdem ein anderer Mann auf den Boden stampft und schreit: 
»O Besdinittene, öffnet die Augen!« sdilagen sie langsam einer nadi 
dem anderen die Augen auf, als erwaditen sie eben aus einer tiefen 
Betäubung, Frazer weist darauf hin, daß diese jungen Leute an* 
geblidi getötet wurden und wiedergeboren werden. Die Simulation 
einer Neugeburt wird von ihnen aufrecbt erhalten, indem sie vor- 
geben, die gewöhnlidisten Dinge vergessen zu haben und wie Kinder 
alles lernen zu müssen. Die Besdinittenen gehen aus diesem Grunde 
beim Rüdtzug mit gesdilossenen Augen und bleiben trotz Aufforderung 



■ )'( 



128 



Dr. Theodor Rcik 



rTu ü j^^'I- f''' ''^nehmen sich, als verstünden sie weder den 
ßetehl nodi die befohlene Handlung. Ganz ähnlidi sind die Riten 
SL R t "^,' ""'iTami. Audi dorr werden die Jünglinge von 

ITa ^t "'"""^f'^^"^'' versdilungen, das sie gegen viele Sdiweine 
w eder herausgibt Beim Ausspeien beißt oder kratzt es sie und die 
aur^diese Weise beigebradite Wunde ist die BcsAneidung. In der 




j TT , - ■■•— ""'M 1111 wtiicie eine nutre aufgeriüuti, -•- 

das Ungeheuer repräsentiert. Vor dem Hause wird ein Gerüst auf^ 
gestellt, weldies ein Mann besteigt. Die Novizen werden einer nadi 
aem anderen vorgeführt. Bei jedem einzelnen niadit der Mann am 
pfnl" Ql'f P*lw ^^^ Versdihngens, während er zu gleidier Zeit 
einen bdniud Wasser aus einer Flasdie trinkt. Man glaubt, daß 
f!fJ"'?^''T^ """ '■;" ^^Sen des Ungeheuers sind. Ein Sdiwein 
wird dem "Manne als Sühnegeld geboten, er nimmt es an Stelle 
wLci" ^ Vr'' ^'" gurgelnder Laut wird vernommen und das 
TünS.r ' ^'•soeben gesAlud<t hat, i^ällt im Strahl auf die 
Frauen^ ,-.^'TTt '''I""" ^'^' «^^^en. Dann folgt die BesAneidung. 
Lhöri^e Li' V"^'''^'; '^^'' gefährüA, deshalb darf keine An^- 
^^/^^^^'^""Sl'ngs d,e B^sdineidungsstätte und den bena Abarten 



Rof4pn K»f.„.X i*^ d'^. 7'"- ^^"""^'aungsstatte und den benamDauci 
KrtäStPn ,n ^" '''",^"'?! ^^'•^^" d'<^ F'-^^en zur Zeit der 

erröteten Vi M^' '"' '^ ^°'^'' ^''"'^^""^ ""^ '" ^'^""' '^'?" 
üh^^Tnl^rl^^" untergebraAt. Um ihnen und den l<^ndem die 
aberme-rschhchc Kraft des Ungeheuers, dessen Biß die BesAneidung 
und .U y^^A. ""'S r" ^'efe Purdien in die Baumstämme gesdinitten 
und als Zeidien dafür ausgegeben, wie das Ungeheuer an dem 
Otncke zog mit dem es die Männer an die Bäume banden. 

Im Westen von Ceram werden die Knaben zur Pubertätszeit 
in den Kakianbund aufgenommen. Das Haus dieser Organisation 
liegt im tiefsten Busdi und ist derart gebaut, daß man von außen 
die darin sidi abspielenden Vorgänge nidit sehen kann. Dorthin 
werden die Knaben mit verbundenen Augen geführt. Wenn alles 
vor der Hütte versammelt ist, ruft der Hohepriester laut nadi dem 
Geist. Unmittelbar darauf erhebt sidi ein fürditerlidier Lärm in der 
Hütte, der von den Männern darin mit Hilfe von Bambustrompeten 
gemadht wird. Dann gehen Priester und Knaben einzeln hinein. 
Sobald ein Knabe darin versdiwunden ist, hört man ein dumpfes 
Geräusdi, dann einen furditbaren Sdrrei und ein von Blut triefender 
Speer wird durdi das Dadi gestoßen. Dies soll heißen: der böse 
Geist hat dem Knaben den Kopf abgesdinitten, ihn in die andere 
Welt geholt, wo er ihn wiederbelebt und umformt. Beim Anblidi 

' In der Zeit eines solchen Festes bei den Kai wagte sidi eine Frau, von 
Neugierde getrieben, zu nahe an das verbotene Dorf im Walde heran. Sie wurde 
bemerkt, eingehok und kurzerhand in eine Sdiweinegrube geworfen, wo sie die 
Männer erbarmungslos tottraten. Vgl. Richard Neuhauss, Deutsdi»Neu-Guinea, 
Berlin 1911, Bd. 111, p. 36. 



^' 



Die Pubertätsriten der Wilden x29 

des Blutes weinen die Mütter und jammern über den Tod ihres 
Kindes. An mandien Plätzen werden die Knaben audi in eine 
Öffnung in Form eines Krokodilradiens oder Kasuarsohnabels 
geworfen und den Frauen wird beriditet, der Dämon habe sie ver- 
schlungen. In der Hütte, in der die Besdinittenen mehrere Tage 
bleiben, hören sie das furditbare Klirren der Sdiwerter und die 
Geisterstimme der Bambustrompeten draußen. Sie müssen ferner 
mit gekreuzten Beinen und ausgestreuten Armen in der finsteren 
Hütte sitzen,- der Häuptling nimmt die Trompete, legt ihren Mund 
an den Arm eines jeden Knaben und spridit durdi sie in sonder^ 
baren Tönen, weldie die Stimme des Geistes imitieren sollen. Er 
warnt sie unter anderem unter Todesdrohung, die Satzungen des 
Kakianbundes zu vernadilässigen. Zu Hause trauern die Mütter 
und Sdiwestern. Aber eines Tages kommt ein Mann <jedem Knaben 
ist ein soldier Pate beigegeben) mit der Nadiridrt, der Dämon 
habe über Einsdireiten der Priester die Knaben zurüdgegeben. Der 
Mann ist ansdieinend sehr ermüdet, staubbedeckt,- er ist ein Bote aus 
der anderen Welt. Die Jungen benehmen sidi bei ihrer Rüdkehr ganz 
wie die australisdien Initiierten: sie sdieinen ihr ganzes früheres Leben 
vergessen zu haben, gehen wadtelig, wollen von rüdiwärts ins Haus 
treten, verstehen nicht zu essen und bleiben stumm. Ihre »Paten« 
müssen sie die Alltagsverriditungen lehren wie die Kinder. 

Ganz ähnliche Initiationsgebräuche beriditet L. Frobenius von 
den Geheimbünden Afrikas^; Die Jünglinge, welche in einem be= 
stimmten Bund im Kongo eintreten, werden einer Reihe von 
Prüfungen unterworfen, dann in einen totenähnlichen Zustand ver-^ 
setzt und im Fetisdihaus begraben. Wieder zum Leben erweckt 
haben sie das Gedächtnis für alles Vorhergehende, selbst für ihreii 
Vater und ihre Mutter verloren, ja können sich nicht einmal des 
eigenen Namens erinnern. Wenn jemand in den Ndembobund 
eingeweiht werden soll, weist ihn der Priester an, auf ein gegebenes 
Zeidien hin sich plötzlidi tot zu stellen. Der Novize stürzt nun auf 
irgend einem öffentlichen Platz zusammen,- man legt Totengewänder 
über ihn und trägt ihn aus der Stadt. Die jungen Leute folgen der 
Reihe nadi dem Ersten in den Sdieintod. Man nimmt an, daß die 
so Gestorbenen verwesen, bis nur ein einziger Knodien von ihnen 
übrig geblieben ist. Nadi einer gewissen Zeit, die an den vcrsdiiedenen 
Orten zwisdien drei Monaten und drei Jahren sdiwankt, nimmt der 
Priester diese Knodicn und läßt jeden einzelnen Jüngling wiederauf= 
erstehen ^. 

Die Geister, weldie in Zentral» und Nordaustralien die Kinder 
wegsdileppen, töten und wiederbeleben, ersetzen mandimal die 
mensdiÜÄen Organe durdi ihre geistigen,- mandimal geben sie mit 

1 Die Masken und Gelieimbünde Afrikas. Halle 1S98. 

- Ähnliche Beispiele sind in Fülle in den drei angeführten Werken von 
Frazer, Frobenius, Schurtz und der von diesen Autoren angegebenen ethno= 
graphisdien Literatur zu finden. 

ImaKo lV/3 ' ^ 




Dr. Theodor Reik 



diesem Geschenk vereint auch Steine, die mit Zauberkraft begabt 
sind eine Sdilange etc. in den Körper des Neugeborenen. Nadidem 
der Jüngling mit einem neuen Herzen, einem neuen Lungenpaar 
usw. ins Leben zurüd<gerufen wurde, kehrt er in einem mehr oder 
minder betäubten Zustand in sein Heimatdorf zurüik. 

Wir begnügen uns mit diesen wenigen typischen Beispielen, 
welche uns in versdiiedener Ausprägung immer wieder zeigen, weldie 
große Rolle das Motiv des Tocles, der Wiederauferstehung und der 
plötzlidien Amnesie in den Pubertäts= und Initiationsriten spielt. 

Bevor wir zur Analyse dieser so befremdlichen Riten über- 
gehen, werden wir uns der Sdiwierigkeiten, weldie sidi einer rcst= 
losen Deutung entgegenstellen, erinnern müssen. Wir werden uns 
sagen, daß wir in dem Rituale der Pubertätsfeier Veranstaltungen 
vor uns sehen, die audi bei den primitiven jetzt lebencJcn Völkern 
eine lange Entwidlungsgesdiidite hinter sidi haben, in deren Verlauf 
ihr ursprünglidier Sinn verloren ging, neue Formen alte ersetzten, 
unverstandenen Zügen ein neuer Sinn unterlegt wurde,- sie gleidien 
den Träumen erwadisener Mensdien, an denen das Bewußtsein 
eine sekundäre Bearbeitung vorgenommen hat. Es ist Aufgabe des 
Psychoanalytikers, jene durdi die Traumarbeit zustande gekommenen 
Entstellungen, Verdiditungen, Versdiiebungcn etc. rüdigängig zu 
maAen, und den latenten Sinn des Traumes unter den überlagernden 
Schichten aurzudecken, 

II. 

Wenn wir uns nun wieder den Pubertätsriten der Australier 
zuwenden und be, den Einwohnern naA ihrer Bedeutung fragen, 
WnrtPn"% f ^'•«•^sd^endc Auskunft zuteil, die ein Neger in den 
Weiber« """'^ '^'' '"''" ^'"^ SAweine und belügen die 

m„hvS°ln'ü'' '^T\™' ^''* ^'"^ so triviale Antwort nidit ent-- 
und w'nir. ?'"iT' ^t ^'^s^-- vornehme Zwedc auf kürzerem 
h^er eTne £ Jr'r^i*!" ^^^e erreiAt werden könnte und daß 
hier eme zieni^ich durdisiditige Rationalisierung vorliege, die sidi auf 
beZtunlrnf'''!^'-* hinzugekommenen Gwinn aus' jenen alten, 
bedeuungsvollen Riten bezieht. Es muß eine Zeit gegeben haben, 

zur'pitT n" ^^""7, ""7 ^"^--' bestimmten Sinn mit der jetzt 
zur Posse umgewandelten ünglingsfeier verbanden, 
.inpn rL S"^ f ^"x^""S^ ^'^^¥ ^"'•A ein Ungeheuer oc^er 
sZi.^ I ' ^ ''" furditerregende Stimme durdi den Lärm des 
SAwirrholzes dargestellt wird. Wer ist nun dieser Geist oder dieses 
Ungeheuer das die jungen Leute für sidi fordert? Vielleidit kann 
uns sein Name sagen, von weldier Art dieses rätselhafte Wesen 
A r ex l^P", '^'•■'^ ^3s Ungeheuer »kani« geheißen, ebenso 
wird das Sdiwirrholz genanm und der glcidie Name bezeidmet audi 
die Geister der Toten Frazer glaubt aus diesem Umstände sAließen 
2U müssen, daß die Riten der Einführung enge mit der primitiven 



Die Pubertätsriten der Wilden 



131 



Auffassung des Fortbestehens der mensdilidicn Seele nadi dem 
Tode verbunden seien ^. Bei den Kaileuten heißt das Sdiwirrholz und 
das Ungeheuer »Ngosa«, was so viel wie Großvater bedeutet. 
Die meisten Stämme aber nennen das Wesen »Balum«. So bezeidinet 
Balum bei den Bukaua 1. den Geheimkult der papuanisdien 
Männerwelt, der ein unheimlidics Wesen zum Gegenstand hat, dem 
alle traurigen Ereignisse wie: Springfluten, Versdiüttungen etc. zu= 
gesdirieben werden. Der Balum wird oft personifiziert und ist dann 
der Ahnherr einer Dorfsippe, deren Name er trägt, er wird audi 
als das gefräßige Ungeheuer dargestellt, das die jungen Leute ver- 
langt,- 2. das Sdiwirrholz oder die Stimme dieses Geistes,- 3. die 
Seele' jedes Verstorbenen ^ Zu dieser Bedeutung stimmt es, daß 
die Balumhölzer den Namen hervorragender, verstorbener Männer 
tragen und die denselben eigentümlidien Gebredien wie näselnde 
Stimme, auffälligen Körperbau, hervorstehende Hüftknodien erkennen 
lassen. Ein alter Papua sagte zu dem Missionär Stefan Lehner: 
»Die wieder ersdiienenen Geister der längst Verstorbenen sind der 
Balum« ^ 

Wir dürfen nun annehmen, daß das beutegierige Ungeheuer, 
weldies die Jungen angeblidi versdilingt, das Totemtier darstellt, das 
die Primitiven bekanntlidi als ihren Ahnherrn verehren. Die Be= 
deutung des Wortes Ngosa und anderer in gleidiem Sinne ge» 
brauditer AusdrüAe läßt uns vermuten, daß eigentlidi hinter jenem 
Ahnherr eine spezielle Figur, nämlidi der Großvater der einzu- 
weihenden Jungen verborgen ist. Eine innige Verknüpfung des 
Großvaters mit seinem Enkel ist im Gedankenleben der Primitiven 
immer wieder konstatiert worden. Ein typisdies Beispiel, das wir 
Frazers »The belief in immortality and the worship of the death« 
entnehmen*, mag die Art dieser Beziehung erkennen lassen; In 
Vanna=levu, einer der größten Fijiinseln, ersdieint das Kind mit dem 
Großvater enger verbunden als mit dem Vater. Daher will der 
Geist des Großvaters, wenn er stirbt, die Seele seines Enkels mit 
sidi nehmen. Wenn die Überlebenden vorzogen, das Kind länger 
bei sidi zu behalten, so unternahmen sie Sdiritte, um des Groß^ 
Vaters Geist zu täusdien : wenn der tote Körper auf der Bahre lag 
und diese von jungen Leuten auf die Sdiultern gehoben wurde, 
nahm der Bruder der Mutter den Enkel des Toten in seine Arme 
und lief immerfort um die Leidie herum. Rund herum blidite ihm 
des Großvaters Geist nadi, redete sidi fort den Hals aus und ver= 
sudite vergebens, den rasdien Bewegungen zu folgen. Wenn man 
dann annahm, daß der Geist von diesen beständigen Kopfwendungen 
sdiwindlig geworden war, madite der Bruder der Mutter plötzlidi 



1 The belief in immortality and the worship of the death. p. 301. 

^ R, Neuhaus s, Deuts A=Guinea, p. 402. 

ä Nadi R, Neuhauss, DeutsA=Guinea, p. 418. 

* Bd. I, p, 416. 




Dr. Theodor Reik 



einen Sprung mit dem Kinde und versdiwand, die Träger eilten 
zum Urabe und bevor der arme Großvater nodi seine Gedanken 
sammeln konnte, war er in seinem Heim gelandet. Fr az er hat in 
dieser sonderbaren Sitte eine Äußerung jenes über die ganze primitive 
Welt verbreiteten Glaubens, im Enkel werde der Großvater wieder- 
geboren, erkannte Der Großvater fordere vor seinem Eintritt in 
das lotenland die eigene Seele vom Enkel zurüdt. 

Wir glauben hier auf dem Wege zu sein, dessen Weiter- 
verk)lgung uns einen Zugang zu den Rätseln der Pubertätsriten 
eröffnen konnte. Warum versdilingt in den Einweihungsriten der 
Uroßvater sein Enkelkind? Was bedeutet die Wiedcraufstchung der 
Junghiige und ihre Amnesie nadiher? WelAc Rolle spielen die Väter 
der ivnaben in diesem ganzen Drama? 

Vielleidit gehen wir am zwedimäßigsten vor, wenn wir den 
Anteil der Vatergeneration in diesen Riten einer genaueren Bc- 
traAtung würdigen Die erwadisenen Männer des Stammes sind es, 

r^ri"^^ '"T" k^"'^ f" ^^^"^ Ungeheuer sdileppen, welAe sie 
ersAreden und an ihnen die BesAneidung ausführen. Dodi dieselben 
Manner besdiutzen angeblidi die Knaben audi vor dem Monstrum, 
KnirfT.'^^^'^^'I'^- P^s Benehmen der Männer gegen die 
wSrden R-nL"\r^"'^'"' .%°'^^*^^^ ^^" Eindrud< erwed^t, als 
Tweden dir W ^''■""i""^ E.-sdired<en der Novizen zu denHaupt^ 
feit trKtL^Äf'^T"'.^" ^^"*^« Schellong vom Balum- 
LaLSnlT^ V^?''"':"^'"^'' ^^1^ ^i<^ Männer »mit raffinierter 
dfe Nov ze t Z°'^''T'T] ^''' dieBesdmeidung treffen, während 
Sfe Mann?; ^ ^^^'a ^'' ^rf,'""^ ^^"^"d' die Operation erwarten, 
dreien ,ar.n "^"^ S^-ä^'^^A^en Lärm, klopfen an die Sdiilde 
auslassen 1 "■■ ^T"- "\ ^'^ ^^"^^ ""^ zeigen siA so laut und 
Cnd da dwl ^^''J ^^"\der unverkennbaren Absidit, die zitternde 
def 1er ^, ""^'V'*' fd^^^"* einzusAüditcrn«. P. W, Schmidt, 
DeutXNcur?n^™'^"#;^,'^^'^^ der Karesauinsulaner in 
En* wäÄ^^^^^ ausführlidi beriAtef', führt an, daß einer der 
anredet 7wi K^l f'""^^'^ l^'^' Versdlingung warten, den Geist 
de hat kann t ) . T' ^t "^*^ ^° ^^^l' Kinder bekommen . . - 
Daratf Sin ^-"^'f ^. .^^'"^ bekommen, vielleidit ein anderes Mal«^ 
a^s driniendl R Y''^^ "mysteriöse Flötentönc hören, das wird 
Mann ^Kti f ^^'-d^^ng des Geistes gedeutet. Dann sagt der 
dann mußt d' t """"^I » "'■^^"' ^P^^^r vielleiAt, aber jetzt niAt,- 
dfe beiden hI"'*"!"'^^^'^^"« 1«^^ gehen die Männer an 
sÄla.en an dl H- ^°''"!i fJ'^^'S^^^ sind, hefan und rütteln und 
d eie? Am ^T."'' T^ ^'' ^""«Ünge ersAredt auffahren und 
sdireien. A m nadisten Tage ersdieinen versdiedene Geister m 

^DiecL^tZ uITaI?^^!^^^" ""'^ '"''"^ psyAisdie Motivierung vgl. meine Arbeit 
»ü.eüouvade und d ePsydioge..ese der VcrgekungsfurAt<.. Oktoberheft 1914 Imago 

' Anthropos 1907, Heft 6. 



Die Pubertätsriten der Wilden 



133 



Tiermasken, bei deren Annäherung die Männer den Knaben sagen: 
»Die werden eudi fressen«, worauf diese zu weinen beginnen. 
Zwisdicn den Männern und ihren Söhnen entwidcelt sidi bei diesen 
Insulanern oft geradezu ein Kampf. So kominen die Männer in 
der Einsdiließungszeit der Novizen aus dem Walde, mit Pfeilen 
und Speeren in der Hand wie im Krieg. Je ein Mann stellt sidi 
vor einen Knaben und wirft einen Speer oder sdiießt einen Heil 
über die redite Sdiulter desselben, didit am Leibe in die Ürde. 
Alsbald springen die Knaben auf, laufen hinter den Mannern her 
und werfen nadi ihnen mit den Pfeilen und Speeren, die sie sich 
vom Boden aufgehoben haben und treffen audi mandimal einen. 

Die Frauen sdieinen der Ansidit zu sein, daß die Manner 
gegen ihre Söhne etwas Feindseliges im Sinne haben, denn von 
den Bukauas wird beriditeti; !„ der dem Absdiiedstage vorher« 
gehenden Nadit sdiläft wohl keine Mutter. Beständig weint sie, 
liebkost und herzt ihren Jungen, den morgen ein Ungeheuer ver« 
zehren soll. Kommen dann am Morgen die Väter, so können die 
Entführer darauf gefaßt sein, von den betrübten Müttern eine 
tüditige TraAt Prügel zu erhalten. Werden wir nun bereit sein, 
anzunehmen, daß die Väter sdiadenfrohe und feindselige Gefühle 
gegen die Jungen an den Tag legen, so dürfen wir nidit vergessen, 
daß sie sidi uns auA als ihre Besdiützer und Freunde darstellen. 
Wir haben sdion gehört, daß die Jungen auf ihrem Passionsgange 
zur Besdineidungshütte Männer gleidisam als Paten erhalten, bei 
den Bukauas werden auf die Knaben unter fürditerlidieni Lärm 
Sdieinangriffe gcmadit, die Beistände der Jungen haben die Sdilage 
von den Knaben abzuwehren«. Die Nädistenliebe der Manner zeigt 
sidi übrigens audi darin, daß sie die Hütte, weldie das Ungeheuer 
darstellt, anbinden, damit das Ungeheuer nidit etwa davonlaufe und 
den Frauen und Kindern sdiade^ 

Es sdieint, als wären die Gefühle, welAe die Vater den 
Knaben widmen, durdiaus nidit einfadier Natur, sondern zwiespältig: 
sie zeitigen Äußerungen der Feindseligkeit und Zärtlidikeit. Eine 
soldie von zwiespältigen Gefühlen gegen dasselbe Objekt beherrsdite 
seelisdie Situation wird von der Psydioanalyse so diarakterisiert, 
daß sie ihr das Merkmal der Ambivalenz der Gefühlsregungen zu= 
sdireibt. In jenen primitiven Vätern ringen die zwei starken Gefühle 
des Hasses und der Zärtlidikeit gegenüber den Knaben um die 
Vorherrsdiaft, ohne daß ein endgültiger Sieg einer der beiden Tendenzen 
erreidit werden könnte. 

Das Vorhandensein unbewußt feindseliger Impulse im Seelen^ 
eben der Männer wird am besten durdi die raffinierten Qualen 



' R. Neuhau SS, p. 402, Deutsdi=Neu-Guinea. 
2 R. Neuhau SS, Deutscii=Neu=Guinea, p. 407. 
In Kaiser=WilheIins=Land. Vgl. Ploss, Das Kind in Sitte und Braudi der 
Völker. 3. Aufl., IL Bd., pp. 210 u. 196, Leipzig 1911. ,. . . 




Dr. Theodor Reik 



bewiesen, welAe sie den Jünglingen auferlegen, Bei den Kai z. B. 
öUden die Manner naA der Besdineidung ein Spalier, das die Jungen 
zu passieren haben Wenn nun die Jünglinge durdi die Reihen gehen, 
sausen kraftige Hiebe auf sie nieder. Mit Ruten, stadieligen Ranken, 
ßrennessel u dgl. wird auf sie eingehauen, angeblidi um ihren 
knegensdien Geist zu weden. Audi bei den Tami müssen die 
jungen Leute zweimal Spießruten laufen und es sollen früher nidit 
wenige auf dem Platze geblieben sein^. Bei den oben erwähnten 
g^aresauinsulanern werden die Novizen in den Wald zu einem 
ßaume, ilakar, geführt, an dem sdiwarze Ameisen auf und nieder 

T"'j ^ r " ^^""^ ^^^"''" s'* """ die Knaben der Reihe 

nadi den Kopf nadi vorne gelehnt. Ein Mann sdilägt nun auf 

den ßaum, worauf eine Ameise herunterfällt und sidi in den Nadcn 

•A ilT T^''^'- ^^"" ^^' d'^sem Volke die Männer bei 

jcoem Schlag, den sie den Besdineidungskandidaten versetzen, rufen: 

*Wenn dir jemand ein Leid zufügt, so Speere ihn«, so dämmert in 

uns die Erkenntnis, daß es im Leben der Kulturvölker eine Parallele 

zu diesem Vorgange gab: den RittersAlag des mittelalterlidien 

jeremomels, der audi mit einer Aufforderung verbunden war, 

Än^ r-^'l- ^*/'^ zu rädien. Unerhörte Qualen hatte der reif-- 

mIS- ""^^"^^'.'^'''5" Indianerstämmen zu erdulden. Bei den 

lan.P .^,7 """> 1 ^'u^^I ^''" P^l^^rtätskandidat vom Häuptling so 

n/i.n^/ fT*''.^" I'^'T *^ "ände erlahmten^. Die ^NSanSan. 

ZauX 'S f" dem Jüngling, der früher vier Tage nidit essen 

Vord.r ?n^" durfte ein Messer mit ausgezadte? Klinge durA 

Vorder- und Oberarm SAenkel, Knie, Waden, Brust und SAultern, 

worauf sie spitze Holzoflöde durdi die Wunde sAieben. Dann ließ 

^nVf^S^J^^- ^^J Medizinhütte einen StriA herab, den man 

an diese Pflode m der Brust oder in den SAultern befestigte und 

T^u'7 u " gemarterten Jüngling in die Höhe. Den sdiwebenden 

Uulder drehte man um sidi selbst, immer sdineller werdend, herum, 

bis er das Bewußtsein verlor und regungslos dahing usw. 

xrptA. ^^ '? " diese grausamen Riten bedeuten? Die Erklärung, 

S in T ^"K^f Aende Völkerkunde liefert, nämlidi, daß es 

uS n^; kTT ^"'S .""1 Standhaftigkeitsproben handle, kann 

wlken w 1 ^'"' ^•'^"^"* ^'••^ dieses Motiv sekundär mit- 

7k !^:: J 'u'"'" ""' ^^^' "'*t' diese raffinierten Quälereien 

als das anzusehen, was sie wirklidi sind: als grausame und feind» 

genannt ^b^' i!'f/r^'^f^''^''"7"''^ n^°" ^«n Eingeborenen »Abredinun? halten« 
Vorlauf seraS den ärf^^^^ '«1. die späteren Ausführungen, 

dieser Gdegenh" t maS f berrni^'"' pf" '^'"8^-'^^^"- ^^'^er aussagt, daß be. 
Frau „eh.f <«/ N e u'hJ^u^ .^KTI-gtSne'at l99fr ''"'"'"^ ^"^^^ 
Stellung alleTähnliApn r''*""^"l '^"' ^P'^«''«" in' Sparta, Eine ausföhrliAe Dar- 



Die Pubertätsriten der Wilden 



135 



selige Handlungen der Männer gegen die jungen Leute ^ Wir haben 
erkannt, daß die Männer bei den Australnegern die Jungen zu dem 
Ungeheuer sdileppen, daß sie es sind, weldie die Knaben besdinciden 
und quälen, während sie dodi heudilerisdi den Novizen im Kampfe 
gegerV das Ungeheuer beistehen, Die Rolle dieser Väter ist uns 
sonadi ziemlidi klar geworden. Die Väter identifizieren sidi mit dem 
Balumungeheuer, das die jungen Leute versdilingt Sie sind es 
eigentlidi, weldie die dem Ungeheuer zugesAriebenen bösen Regungen 
gegen die Neophyten hegend _ ^ 

Es ist uns nodi nidit verstandlidi, woher jene temdlidien 
Impulse der Väter stammen und warum diese sidi in ihrer Realie 
sierung der Identifikation mit dem Balum, respektive dem Großvater 
der Novizen bedienen. Einen Fingerzeig gibt uns hier der psydio- 
analytisdi erforsdite Sinn der Institution der Besdineidung. 

Wir wissen, daß das Ungeheuer die Jungen angebhdi beißt 
und daß so die Besdineidung zustande kommt. Diese Vorstellung 
sdieint uns sehr rätselhaft,, unser Bewußtsein hat nidits, was sidi 
ihr als analog an die Seite setzen ließe. Sie wird klarer, wenn wir 
zu ihrer Erklärung die durdi Psydioanalyse gewonnenen Resultate 
der Erforsdiung unbewußter Seclenvorgänge heranziehen. Wir 
erinnern uns des kleinen Hans, dessen beständige Angst von einem 
Pferde gebissen zu werden, Freud als den infantilen Ausdrude un» 
bewußter Kastrationsangst aufgeklärt hat^. Audi Ferenczis kleiner 
Arpäth erzählt, daß er von einem Huhn oder Kapaun gebissen 
wurde*. Wir haben früher die Meinung australisdier Stämme er= 
wähnt, weldie glauben, daß der Jüngling von einem Geiste seiner 
Eingeweide beraubt werde und neue dafür von dem wohlwollenden 
Geiste erhalte. Die Analogie zu einer von dem kleinen Hans 
produzierten Wunsdiphantasie liegt nahe^: »Es ist der Installateur 
gekommen und hat mir mit einer Zange, zuerst den Podl weg^ 
genommen und hat mir dann einen anderen gegeben und dann den 
Wiwimadier.« Ebenso wie in dieser infantilen Phantasie ist audi in 
den Meinungen der Wilden die überkompensierende Beruhigung 
der Kastrationsangst zu erblidien. 

Wir wissen, daß die Besdineidung ein Kastrationsäquivalent 
darstellt, weldies das Inzestverbot auf das wirksamste unterstützt«. 
Es wurde angeregt durdi die unbewußte Vergeltungsfurdit des zum 



1 Selbstverständlidi ist die spezielle Art jeder dieser Martern seelisdi de= 
terminiert und überdeterniiniert. 

'■* Wir erinnern an die Eeremonie bei den Kai, wo der Mann auf dem 
Gerüst — statt des Ungeheuers — die Geste des Versdilingens madjt. 

^ Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, Sammlung kleiner Sdiriften 
zur Neurosenlehre, 3, Folge, Wien 1913. 

* Ein kleiner Hahnemann. Internationale Zeitsdirift für ärztlidie PsyAo« 
analyse 1913, Heft 3, 

" Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, p. 109, 

« Vgl. Freud: Totem und Tabu, p. 141. 




Dr. Theodor Reik 



.^nerun?In1i ^'"""- ^" ^^"^ •«^^t noA die unbewußte Er. 
die sTnen FI. '"''^^"°«^" ""^ feindseligen Regungen der Kindheit, 
deser Wün.i "/"^'^'"^f' ^^'•^"- Er fürchtet die Realisierung 
vöTeigLen SesAädigtes Objekt er selbst sein könnte, 

Unge£ue/trrf ^^'°" "^x R""i't've" Männer mit dem Großvater^ 
vor^dem K j T^^ ^i^'^ ^"^^"^^ ^'^ ^"'•At der jungen Leute 

bar ist Dar. "^'^ ^" ^^ ^f^/^^Phobie des kleinen Hans vergleid>- 
die Wunjfu^ ^" Vateridentifikation der Wilden ift also 

Wünsl;"l^f Besdineidung sidi uns als Bestrafung inzestuöser 
StandhaLSn k '° 7^'^^'' ""^ ^'^ versAiedenen Mut- und 
straS^e I rr'^K^ '"•„.'^'' ""Z ^'^ Quälereien bezeiAneten, als Be* 
D e VeSlit. ^°^:^'"r" WünsAe gegen die Väter ersAeinen. 
welAe siA "Sr^"""' ^"'^ ^^^ Ungeheuer ist eine Todesdrohung, 
bewußten Mo lr"I P'>^*'s*,^ Reaktionsersdieinung auf die un^ 
Sese Deutn* " J^'' ^T?""^^ ^^^en ihre Väter erweist. 
Die Wirkung der nnlJ'«""%'^V'"* ^'"'Se Momente nahe gelegt: 

Tötung, t^^tsiTheTtrdl^'S" '^^^'r^'^t'^r' 'iT 

wünsdie entSDreApn , f^ Novizen dargestc It sahen, Todes- 

Andere StSn ^3-^ v' *" ^''"^ ^'^^'^-f-'s Ü-c Sühne finden. 
Varianten eben dpr P,\u\. ^Y^™"f""g glauben wir in versdiiedenen 

der jungen Uu?e sonX '7'" ^". ^'"^'^"' '" ^^"^n "'Af ^^'^ 1^°^ 
spielt! Als Rep,5sentanren ? "' f"^"''^'' P^'-«°"^" ^'"^ Hauptrolle 
weihe seien das Jüngli ,?sft?7. ^^T^'*^"den Formen der Jünglings- 
Neu-Südwales wefdle Ä \Y/ tj " Stämmen der Südküste von 
führungszeremonien dp^M' ^-."Of '" besdiriebi» und die Ein- 
darstelltet heranpezoctn r?^ "t^'"^^^' dieLorimer Fison genau 
WiederauferstehuT T,;^ ^I' ^'.^"^^ ^«"^ Tode und von der 
plastisdier Form vir Jführ^ m\?^""'?S^" '" Neu-Südwales in 
sdilagen eines Zahnes 7nrW-^'?^T "^'^ ^'^"^'''^" d"''* das Aus- 
waren, gruben die Man • '', ^^^ Mannheit erhoben worden 
bildeten sidi versdiipln. M '"•, . Anwesenheit ein Grab, »Es 
der Mann, der darin be k"' ' ^^" die Form des Grabes, jedodi 
indem er erklärte daß f .^ werden sollte, entsdiied die Fi-age, 
wolle . . . Sedis P'ersonPn '" ^^^'"^''^ ^^"^^" ^^nge am RüAen liegen 
von ihrem Gesidit sehen 7^^^^" derart vermummt, daß man nidits 
Sdinur zusammenppb.,r„t . < '' ^°" ''^"en werden durdi eine 

Rinde in der Hand Sr/T """^ '^^^^' ^°" il^»e" trägt zwei Stüdc 
auf Stade gestützt um a\T^'' ^^^^^"^ ungebunden und humpeln, 
'.. ^^^ Alter zu markieren,- sie stellen zwei 

l SatL^ Tr^"^^'^' '^""^ ^S'- später. 
Balder the beautiful. Bd° I[ °n"*7^^^^' Australia, nadi Frazer, The golden bough 

AnthropoIoJcannst*i[ute^TlV/TsL?"'''°'?'' of Wainimala-Fiji. Journal of thc 
• »^' V uöö5>, pp. 15—26. 



Die Pubertätsriten der Wilden 



137 



Medizinmänner von hohem Alter und Ansehen dar. Nun ist das 
Grab fertig/ der Mann legt sidi in voller Länge auf das mit Blättern 
bereitete Lager, den Kopf wie eine Lcidre erhöht. In seinen beiden, 
über die Brust gekreuzten Händen, hält er den Stamm eines jungen 
mit der Wurzel ausgegrabenen Baumes, der nun so auf seine Brust 
gepflanzt wird, daß sidi seine Spitze einige Fuß über den Erdboden 
erhebt. Das Grab wird mit getroAneten Hölzern ausgefüllt und mit 
Blättern, Grasbüsdieln und kleinen Pflanzen künstlidi hergeriditet, 
um die Illusion zu vervollständigen. Alles ist nun bereit. Die Novizen 
werden von den Männern ihrer Sdiwestern zum Grab geführt und 
in einer Reihe mhen demselben aufgestellt, während ein Sänger am 
Kopfende des Grabes den melandiolisdien Sang der Jibai anstimmt. 

Während des langsam klagenden aber wohl markierten Ge= 
sanges beginnen die Akteure sidi vorwärts zu bewegen. Es kommen 
nun die vier vermummten Männer und die zwei humpelnden alten 
Männer in kurzem Zwisdienraum, um ihre höhere Würde zu mar«' 
kieren. Sie repräsentieren eine Vereinigung von Medizinmännern, 
geführt von zwei ehrwürdigen älteren Herren, weldie nadi einer 
Wallfahrt zum Grab eines Bruder=Medizinmannes, der hier in dem 
einsamen Tal begraben liegt, gekommen sind. Sobald die kleine 
Prozession die Daramalun besingt i, das Freie erreidit hat, stellen 
sie sidi gegenüber den Novizen am Grabe auf. Von Zeit zu Zeit 
wurde getanzt und gesungen, bis der Baum, der aus dem Grabe 
zu wadisen sdiien, zu zittern begann. »Seht her«, rufen die Männer 
der Sdiwestern, auf den zitternden Baum zeigend, den Novizen zu. 
Sobald sie hinsahen zitterte der Baum immer mehr und mehr, 
wurde heftig bewegt und fiel zu Boden, während unter dem erregten 
Tanz der Tänzer und dem Gesang des Chores der angeblidi tote 
Mann die über ihm lie^^enden Holzstüdie von sidi warf und im 
Grabe den magisdien Tanz mittanzte. 

Wir sehen hier, daß dies ein Repräsentant der Männer und 
Vätergeneration ist, der angeblidi stirbt und wiederaufersteht. Die 
Novizen sind sozusagen passive Zusdiauer des ganzen Dramas. 
Da aber die Produktion im Mittelpunkte der ihnen geltenden Pubertäts- 
feier steht, muß sie wohl Beziehungen zu den Neulingen haben. 
Offenbar wird ihnen das Drama vorgeführt, um ihnen eine eindrudis^ 
volle Szene für ihr späteres Leben einzuprägen. Weldies aber kann 
der Sinn dieser sonderbaren Szene sein? Vielleidit erhalten wir Auf- 
sdiluß darüber, wenn wir die Jünglingsweihe des Nangabundes, 
die einige Ähnlidikeiten mit dieser aufweist, heranziehen. Audi hier 
finden wir das Motiv des Todes und der Wiederauferstehung als 
Zentrum der Riten. Am fünften Tage, dem letzten und feierlidisten 
des Festes, werden die jungen Männer in die besten Stoffe gehüllt 
und auserwählte Waffen werden ihnen in die Hand gedrüdit. So 
folgen sie ihrem Führer in das Heiligtum. Plötzlidi wird die Stille 



Ein dem Balum anderer Stämme analoger Geist. 



^I^'i!' 



Dr. Theodor Reik 



durdi ein mysteriöses Dröhnen vom Walde her unterbrochen, das 
die Junghnge mit Angst erfüllt^ Die Priester führen die zitternden 
h^^l^^VT '" ^3%AIIerheiligste, das Nanga tambu-tambu. Hier 
metet sidi ihnen ein furditbarer Anblidt. Im Hintergriinde sitzt der 
nonepriester, der sie mit starrem Blick ansieht, zwisdien ihm und 
Ihnen hegt eine Reihe blutbedecicter, toter Männer, deren auf- 
geschnittener Korper die freiliegenden Eingeweide sehen läßt. Der 
^nTcff- n ' r'^^'l /^.^'S:t über einen nadi dem anderen und die 
angsterfüllte Jugend folgt ihm, bis sie in einer Reihe vor dem Hohen- 
priester steht. Plötz idi ersdiallt ein fürAterlidier Sdirei,. die angebÜdi 
loten springen auf und laufen zum Flusse, um sidi vom Blute zu 
reinigen, bie sind initiierte Männer, die nadi Fi so n bei diesem Anlaß 
die verstorbenen Vorfahren repräsentieren. Das Blut und die Ein- 
geweide aut ihren Körpern rührte von Sdiweinen her, die für diesen 
.;f/^^i ''^^'^'^^"'- D'^ allgemeine Absidit dieser Einführungs- 

riten sAeint nadi Fisons Meinung die zu sein, die jungen Leute 
fn ^i/; r"^o """" •". "V'^'" Heiligtume vorzuführen, sie sozusagen 
^" 1;t! T'"'*"';' ^" ^f^""^"' welAe alle erwachsenen Männer 

mit d Srr R U '°' °^'i '"'''"^'S, umfaßt. DoA wir können uns 
Tf Wi? T^ 1^*', ""''"^^^" sehen: sie erhellt nidit die 
WedtSS^ ^^^ Knaben abzielende Veranstaltung und die 
hai^. dieses FinfT ^"' ^''^'^^''^ '°''" Männer. Der Zusammen- 
sSbenen in n /re"'"'^*^'^ ^"^^ ^°" ""« '•" Anfange be- 
rede zwisLnb'^*"'^'r?"'?^^ ''' '^'^'° l^l^-- wie die Unter- 
Todes und de rw''"^^'"' " '"'Z^'" ^''^" '''^' di^ Konzeption des 
es ReDrTspnin.. m"^' v"H'"r^^""S im Mittelpunkte: hier aber sind 
lin.e m t Fnff. ^^% ^r*^'.'^'"^"' d^-"^" angeblidicr Tod die Jung- 
Sterind V '^7 "■^""'' "^r ^'"d ^^ die Novizen selbst, welche 
K an d.ß '^^'"T/ ^"'■^^" ^°"^"- Wir nehmen vielleiAt mit 
Zeremonien n, ^!.^ P'^'^'^^f^^ ^^isdien den beiden Einführungs- 
woXer Sir'/'^r 1'"^' ^^'^'•'^"d iJ^'- ^^tenter unbewußt ge- 
Jr^uerolle R (d ^''d ^'''^'^" ^'"^ Hi^r soll den Novizen das 
die V^Ier phs r.d?'J* ^^^'i^'"""«^ /'"'e'- feindseligen Regungen gegen 
gefühlen zu e^f 1 ^"iS^^fellt werden, um sie mit Furcht und Reue- 
s^^t^r^reltu'' ^°r" '° ' "^"^" d""-* ^^' Androhung der Todes- 
AnJst einJeRöß^ 7*^'" n'^^f ^""Sen Wünsdie gegen die Väter 
V£e, e?atb?^ ^'^^" ^^^■- verdanken den bei der 

voXSeX 'öiuZ^tfv' '1 d-^ '--gewachsenen Söhnen 

Es m^tr ^irn '• ^' Vergeltungsfurdit ihre Entstehung. 
vonS^hunznlr^^''^""^ dieser Auffassung dienen, daß ein 
der Greise bei t^'^f"^^'''''^'''^^^ ausdrüddiA sagt, daß einer 
Preise bei der E.nfuhrungsfeier des Nangabundes den Novizen 

' - " ^^--S'-Ae dan.it die Gei.tertöne der SAwirrhöIzer. 



' Diese jetzt 
wirklidi tot waren 



üblidie Simulation läßt 



vermuten, daß die Männer früher 



Altersklassen und Männerbünde, p. 389. 



Die Pubertätsriten der Wilden 



139 



vorwirft, sie seien am Tode der im Heiligtum liegenden Männer 

sdiuld. 

Wir glauben nun das seltsame Verhalten der primitiven Väter 
zu verstehen: sie projizieren die eigenen feindlidien Regungen gegen 
ihre Söhne auf das Ungeheuer, das die Jungen versdilingt und 
zeigen in dieser Verbindung zugleidi, daß der größte Teil dieser 
Gefühle siÄ aus der unbewußten Vergeltungsfurdit ableitet. In dem 
angeblidien Schutz, den sie den Söhnen leisten, ist nidit nur der 
Anteil der Zärdidikeit bemerkbar, er soll audi einen Versudi der 
Rehabilitation darstellen, der die feindlidien Handlungen verdedct. 

Es sollen hier nur nodi zwei Punkte angeführt werden, weldie 
den von uns angenommenen Zusammenhang bekräftigen können. 
Der erste bezieht sidi auf das Redit, Waffen zu tragen, das bei 
gewissen Stämmen erst nadi der Pubertätsfeier eingeräumt wird. 
Bei den Kikuju, den Oigob, Wakuafi etc. in Ostafrika dürfen 
die Bursdien vor ihrer Jünglingsweihe, die etwa im 16. oder 17. Lebens^ 
jähre gefeiert wird, keine eisernen Waffen haben, weshalb sie für 
ihre Spiele Waffen aus Holz anfertigen. Nidit einmal ein eisernes 
Messer dürfen sie besitzend Wir werden in diesem Verbot eine 
Maßnahme erblicken, welAe die Väter trafen, um ihren heran- 
wadisenden, leidensdiaftliAen Söhnen die Möglidikeit zur Durdi- 
führung ihrer unbewußten haßerfüllten Wünsdie gegen ihre Erzeuger 
zu entziehen. 

Das zweite Moment, das wir hier geltend madien wollen, 
sdieint dem oben Angeführten zu widersprechen. Denn eine der 
gebräudilicbsten Bedingungen der Aufnahme in den Kriegerbund bei 
vielen Stämmen ist die Erfüllung des Gebotes, einen Mensdien zu 
ersdilagen,- die meisten Stämme, die Kopfjägerei im großen Maß^ 
Stabe betreiben, fordern von den Jünglingen, daß sie einen feindlichen 
Sdiädel heimbringen, che sie für voll angesehen werden — etwa 
so wie manche deutsdie Studentenverbindungen ihre Mitglieder erst 
dann als voHbereditigt ansehen, wenn sie die erste Mensur gesdilagen 
habend Bei den Wanika in Ostafrika z, B, ziehen siA die mann= 
baren Jünglinge in einen Wald zurüde und bleiben dort, bis es ihnen 
gelungen ist, einen Mensdien zu töten. Haben wir im Verbot, 
Waffen zu tragen, eine Vorsiditsmaßregel gegen die Realisierung 
der Todeswünsdie der Jünglinge erkannt, so wird es uns von unseren 
Voraussetzungen aus leidit, audi den latenten Sinn ciieser Bedingung 
zu erfassen. Die grausamen Regungen der jungen Leute sollen 
dadurdi von ihrem wirklichen Objekt, dem Vater, abgelenkt und 
auf ein Ersatzobjekt außerhalb der Stammesorganisation gelenkt 
werden. Der Kompromißdiarakter dieser Maßregel ist klar: die in 
den Jünglingen lebenden und wirkenden unbewußten grausamen 



1 Ploss, Das Kind in Sitte und Braudi der Völker, II, Bd., p. 173. 

2 Schürt z, Altersklassen und Männerbünde, p. 99. 



140 



Dr. Theodor Reik 



Triebe erhalten durch sie eine partielle Befriedigung, nur das Objekt, 
dem sie ursprunglidi galten, ist durdi ein anderes ersetzt ^ 

III. 

(kr4, ^'" '^^^^"j gehört, daß jenes grausame Ungeheuer der austra- 
nsaien stamme die Jünglinge angeblidi auffrißt. Audi dieser kannibale 
jug muü sidi, wenn unsere Deutung der unbewußten Vorgänge 
nmng ,st, in den voti uns angenommenen Zusammenhang aufklärend 
e intugen. Warum also frißt das Vater-Ungeheuer seine Söhne zur 
njbertatszeit? Wenn wir uns dem Glauben an die Geltung des 
lalionsgesetzes anvertrauen, mußte die Antwort lauten: weil die 
Äohne ihn se bst getötet und gefressen haben. 

K»f j ."^l^^""^", AufJ^lärung dieses Vorganges werden wir einige 
befremdende Details aus den Pubertatsriten der australisdicn Stämme 
dS" ? """f ^"i ^'^ Besdineidungskandidaten unterliegen ausge^ 
4.T^ SpeisebesAränkungen, die „idit etwa mit den für alle 
bestTZtf t''^" beständig geltenden Vermeidungen des Genusses 
d£e P^ .o J'"\^"'^'"'"''?f^"^"' s°"dern nur für diese Zeit und 
diese ^^rsonen geboten werdend Bei einigen Stämmen Neu^Südwales 

von' Beutelra te ^unf K "''" r^''''''' ^'''' ^''^'' ''"''^' ^\T 
einer Übertr^mn„ / Känguruh zu essen. Die Strafen, weldie 

sAwäi^ungen olr Kranl^^^^^n^"'^^^ -"'•^^"' ^'^''^ ^""''""r 
sehr arm aber ie%^ '"^"- P'^ Speisekarte der Novizen ist 
aufgehob;n und es b^llr"^- ^^'•^^"' desto mehr Verbote werden 
essen dürfen I^ R ^'"^ ^rag\s<hc Ironie, daß alte Leute al es 
alte Männer besternt w ""'?•' ^y^^^'"-^ 'st FisArogen für 
zeitig alt werSn n- Z"? ^""SÜnge ihn essen, würden sie vor- 

Jüngling, dir da/Fli-'i^'^ "a'"^"^""^^'''^''<=" S^^"''^"' ^"^ ''" 
DoSner getö et w.r^ -i'' '^^"^^'^^"f'-^ss^r« essen würde, vom 

verboten! sS seT kol^"'^''- ?",Aruntajüngling, der bestimmte 
Im WarramuTJa ^n %--T''^". ^^' ^^'^ Besdineidung verbluten, 
idit essen man 'S 7« -^ ^'^' ^°^'''^" bestimm te'Palkenarten 
ähren. ^^' '^^^ ^'^^e Vögel sidi vom Körper der Toten 

istisdier ' BS'ränfn"^'^^' '" '^'^'^" Verboten Versdiärfungen totem- 
aktuell geworden shd" n\'^^'"'^^^'*^ ^"•"^ ^^'^ Pubertätszeit 
sind uns unbek!nn^ q:^^?"^ ^''^ ^''^"de soldien Aktuellwerdens 
der Ve böte in R :4, ^'*'''"* ^^«-f -"an eine hygienisAe Wurzel 
IniiaLiszekdlh 1""^"'^'^^"= ^i-- werden erfahren, daß in der 
_"^ ^'^ ^""S''"Se keinen Verkehr mit Frauen haben dürfen, 

und ein handgreS Äf'. f.!" ^^^^'i^^ ''cmerl^t, eine Prüfung des Mutes 

Krieger verdifnen D se Ah Ut k '"' '^"^ '^'^ '^"^l"^" '^"^ Aufnahme unter die 

^ Vp! I G Fr!, -? ^^^^ "^ natürlidi sekundär. , ,.r 

p. 217 ff. '' ""■■' Totcmism and exogamy. London 1910, Vol, IV, 



ni 
nä 



Die Pubertätsriten der Wilden 



141 



daß ihnen vor allem die heterosexuelle Betätigung völlig unmöglidi 
gemacht wird, Der Triebverzidit, der in der Entsagung vom Ge- 
nüsse vieler Fleisdigattungen liegt, hat eine seiner Motivierungen 
in primitiven hygienisdicn Anschauungen: dem FleisAe mancher 
Tiere und namentlich dem Rogen der Fisdie wird eine sexuaU 
erregende Wirkung zugeschrieben und der Genuß dieser Nahrungs« 
mittel könnte die Novizen in sexuelle Versudiung führen. Sie werden 
gleidisam zur Sidierung ihrer Keusdiheit während dieser Zeit auf 
schmale »reizlose« Kost gesetzt. 

Neben dieser Organtherapie sind aber gewisse religiös=soziaIe 
Gründe für die Strenge der Verbote entsdieidend gewesen, Ihr 
näheres Wesen wird uns klar, wenn wir die Bcridite über bestimmte 
mystische Mahlzeiten der Novizen heranziehen. Es sei vorher an= 
gemerkt, daß bei vielen Stämmen der Genuß bestimmter Fleisdiarten 
vor der Einweihung verboten, nadi Vollzug der Pubertätsriten aber 
erlaubt ist. So verbieten die Anin-'Busdileute ihren Söhnen vor der 
Mannbarkeit den Genuß von Wildbret, bei der Reifefeier selbst 
ahmen sie aber die Laute brünstigen Wildes nadi und von da an 
ist das Verbot für die Initiierten aufgehoben K Sdion hier wird uns 
klar, daß eine engere Beziehung zwisdien dem Verbot gewisser 
Tiere und ihrer Verehrung besteht. 

Durdisiditiger aber wird der Zusammenhang, wenn wir uns 
der mystisdien Mahlzeit des Nangabundes erinnern. Die Ein- 
weihungsfeier umfaßt audi folgendes Zeremoniell: Nadi der Wiedei= 
auferstchung der getöteten Männer^ treten vier alte Männer an die 
Jünglinge heran,- der erste trägt ein gekodites Jam, sorgfältig in 
Blättern verpadit, so daß kein Teil an den Träger ankommen 
kann,- der zweite trägt ein Stück gedörrten Sdiweinefleisches, ähnlich 
dem anderen eingepaßt. Der dritte trägt eine Kokosnuß oder ein 
töpfcrnes Gefäß mit Wasser, welches in Stoff gehüllt ist und der 
vierte bringt ein Handtudi. Der Älteste geht nun die Reihe der 
Jünglinge ab und stedt das Ende des Jams in den Mund eines 
jeden,- jeder nagt einen Bissen der heiligen Nahrung ab. Der Zweit- 
älteste tut das gleidbe mit dem Sdiweinefleisdi, der Drittälteste folgt 
mit dem heiligen Wasser, mit welchem jeder Neuling seine Lippen 
näßt und der vierte alte Mann wisdit den Mund von allen mit 
seinem Tuche ab. 

Das religiöse Moment steht hier offenbar im Mittelpunkte. 
Wir würden in diesem Zeremoniell eine A.rt Kommunion der 
Gläubigen mit ihrem Gotte erblicken »an act of social fellowship 
between deity and his worshippers«^, Dodi wir wissen heute — 
namendich durch die Forschungen Robertson Smiths, Frazers und 
Freuds*, welchen Ursprung und welche Entwicklung diese Opfer= 

' Ploss, Das Kind, Bd. II, p. 726, 

- Vgl. die Sdiilderung Fisons. 

3 Robertson Smith: The religion of Semites, Second edition London 1907, 

* Freud, Totem und Tabu. Wien 1913. 



142 



Dr. Theodor Reik 



mahlzeiten haben. Der Opferakf leitet sich von der Totcmmahlzeit 
der h^nmitiven ab und diese bildet die Erinnerung an jenes denk" 
würdige J-reignis der Mensdihcitsgesdiidite, weldie zur Bildung der 
Keligion, der Kunst und der sozialen Organisation führte: das 
loten und Verzehren des Vaters der Urhorde. 

In der feierlidien Mahlzeit, weldie die Jugend des Nanga- 
bundes halt, erkennen wir einen Gemeinsamkeitsakt, der die jungen 
mit Ihren älteren Stammcsmitgliedern und alle mit ihrem Gotte 
veremt Wir befinden uns hier auf einer Stufe der Entwirldung, 
autwelAer das Opfer seine Beziehung zur Totemmahlzeit nodi nidit 
verloren hat. Die Heiligkeit der Nahrung > und ihr feierlidier Genuß 
weist uns darauf hin, daß diese Nahrung ursprünglidi tabu, verboten 
war. bo erklärt sidi uns audi der sdicinbarc Widersprudi, derzwisdien 
dem Verbot der Fleisdinahrung in der Pubertätszeit und seinem 
teierhdien DurdibruA in jener Totemmahlzeit herrsdit. Das Totem- 
mahl ist n.dit nur ein Idemifizierungsakt der Jugend mit dem Vater, 
sondern audi eine Wiederholung jener verbrecherisdien Tat, indem 
das MeisA des Vaters in ihm symbolisA verzehrt wird. Die zeit- 
TproH. r?"* ""^ der totemistisAen Verbote in der Pubertäts- 
Kemmit r ""'\ k"'* f'' ^"^'^^^^ '^^^'^^ DurAbrudies in der 
SCwrbfn^ ^'T\T- ^'^'"''-- '''' s°" die ma,inbar gewordenen 
ßäädilun; d"J^/v \"'^^ ^" '°''^ ""d zu verzehren, ßfi genauerer 
bewußt den GZ7'i'^°''. ^'K'""''' ^'^ ^^^' daß die \i?lden un- 

RToSLlit"4en"'an;ei;n ^'^^^^ ^^J^'^ ""^'^ '" '^^B 

die Tündin^P v^r,X r , ^"" ^er Genuß von Fisdirogen z. ö. 

in d e TpSe di R^ "'V""*'' ^° '^^'^^ das aus dem Unbewußten 

VaS niArverzS. """"^''''"i "^"^^^^^^ die Novizen sollen den 

seuen und die nt J' """, '.'* "'*^ ^adurd. an seine Stelle zu 

D^ psvLan. \'"i'o"^;''^"^^" Re*te an sidi zu reißen. 

psydiiäienÄTf^T *'5'^ ^<^'- seelisdien Wirksamkeit des 

die^ Spe¥ebesrränktn^'"''*r^^'^"^ '^ßt uns audi erkennen, warum 

aufgeLben feSen bis"./' ''^'a,^'^ ^^""^•- -^'•^-^' ''-"^^^ "^^'^' 
leidensdiafthdien Mann (.vL""-^*!'' Pnz wegfallen. Dem jungen 
stammende unbewußte feuZf f t" Ödipuskomplex ent- 
verzehren, am nädisten , l'f*""«' den Vater zu töten und zu 

die Identifikationstendenz mit dem ^''^' '^^^^° ^^^'^^' ^''"^ '" '^"^ 



die Versudiung werden. 



eigenen Vater, desto sdiwädier 



IV. 



Tötung und^BeschneiduLTl^''^f■•^^^'^''""S zwisdien der angcblidven 
soll Bestrafung und V^r^L ^""S''»)?^ besteht. Die Besdineidung 
Bestrafung, beziehungsweiS' Verhh'i"^ bezweAcn, die Tötu_ng 



rühren du? ''^'^""^'■^^-^^«'^^ciaft 



lerung des Vatermordes. 2u 



sie die Hände der Altesten nidit be« 



Die Pubertätsriten der Wilden 



143 



unserem Erstaunen sehen wir, daß in den Pubertätsriten den beiden 
Urwünsdien der Kindheit neuerlidi ein Riegel vorgeschoben werden 
soll. Da beide Maßregeln aber in der Pubertätszeit getroffen werden, 
muß die Realisierung der zur Entstehung dieser Hindernisse führenden 
Wünsdie besonders in diesem Lebensalter gefürditet werden. Mit 
Redit: diese Furdit darf sidi auf die Umgestaltungen des Triebe 
lebens durdi die Pubertät stützen. Gerade jetzt nadi Ablauf der 
Latenzzeit der Sexualität tritt die ScxualcntwiAlung in ein neues 
Stadium: der Sexualtrieb, der sidi bisher autoerotisdi betätigte, 
findet nun das Sexualobjekt. In dieser Zeit aber »treten bei allen 
Mensdien die infantilen Neigungen, nun durdi somatisdien Nadi= 
drudt verstärkt, wieder auf und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufige 
keit und an erster Stelle die meist bereits durdi die GesdileAts= 
anziehung differenzierte Sexualerregung des Kindes für die Eltern, 
des Sohnes für die Mutter und der Toditer für den Vater« ^. Hand 
in Hand mit dem Andrängen dieser neuen, unbewußt dem infantilen 
Objekt geltenden Libidotendenz stellt sidi Eifersudit auf den gleidi= 
gesdileditliÄen Elternteil und daraus resultierende Haßregungen gegen 
denselben ein, Beide unbewußten Strebungen aber, die sexuellen und 
die aggressiven, drängen zur motorisdien Abfuhr, der nun Hemmungen 
entgegengesetzt werden. 

Gelten unbewußt Besdineidung und versdiiedene Martern der 
Jünglinge derZurüdtdrängung ihrer sexuellen und aggressiven Impulse, 
so werden sie bewußt von den primitiven Völkern als Veranstaltungen 
angesehen, weldie gerade der Förderung jener Triebregungen dienen 
sollen. Dieser Sadiverhalt kann den Psychoanalytiker nidit in Ver= 
wirrung bringen, denn er hat ein Analogon dieses Vorganges im 
Aufbau der Systeme bei Wahnerkrankungen und Psydioneurosen, 
Audi bei den von diesen Störungen ergriffenen Kranken fordert die 
bewußte Instanz ihres Seelenlebens Zusammenhang und Verständlidi» 
keit. Wenn sie infolge besonderer Umstände den riditigen Zusammen» 
hang nidit erfassen kann, sdieut sie sidi nidit, einen unriditigen 
herzustellen. »In allen Fällen können wir dann nadi weisen, daß eine 
Umordnung des psydiisdien Materials zu einem neuen Ziel statt= 
gefunden hat, oft eine im Grunde gewaltsame, wenn sie nur unter 
dem Gesiditspunkt des Systems begreiflidi ersdieint. Es wird dann 
zum besten Kennzeidicn der Systembildung, daß jedes der Ergebnisse 
desselben mindestens zwei Motivierungen aufded^en läßt, eine Moti= 
Vierung aus den Voraussetzungen des Systems — also eventuell 
eine wahnhafte — und eine versted\te, die wir aber als die eigent= 
lidi wirksame, reale anerkennen müssend« <Freud,> Der Charakter 
des »Systems« wird nun der von den Wilden angegebenen Moti- 
vierung der Besdineidung und der Mutproben kaum abgesprodien 



> S. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 3., vermehrte Auflage, 
Leipzig und Wien 1915. 

'- Freud, Totem und Tabu, p. 89 ff. 



144 



Dr. Theodor Reik 



werden können. Die Beschneidung soll angeblidi die Zeugungsfähig- 
keit des jungen Mannes steigern und die Martern sollen seinen 
"^"^Serisdien Geist stärken und erproben. Die Umordnung des psydii^- 
sehen Materials zu diesem neuen Ziele war eine so gewaltsame, daß 
eine Verkehrung in das Gegenteil der wirklidien Motivierung statt- 
gefunden hat^ 

Das Motiv, das zu dieser Umordnung zwang, ist leidit zu 
erkennen: es ist die Ambivalenz der Gefühlsregungen und das durdi 
die sekuläre Verdrängung bedingte Unbewußtwerden grausamer 
Regungen. Mit diesen Bedingungen hängt es zusammen, daß in der 
systematisdien Motivierung der Besdineidung und der Pubertäts- 
quälereien die den jungen Leuten gellende freundsdiaftlidie und 
zärtlidie Absidit beider Riten in den Vordergrund gesdiobcn wurde, 
Von den Gefühlsverteilungen der Ambivalenz konnten eben nur 
die Regungen dieser Art zum Bewußtsein gelangen, während die 
feindseligen Impulse im Laufe der Entwiddung dem Bewußtsein 
immer mehr entrüdt werden. 

In diesem Teile der Pubertätsriten erblidien wir also den 
J^ompromißausdrud^ zweier intensiver, miteinander ringender Trieb- 
regungen der primitiven Väter, die gleidi dem Kräftespiel zweier 
IwTm'"" ^" J'""" D'^Sonalwirkung führen: zu einer partiellen 
welÄ^"'^^ T m'"'' P/«'^"^" DurAserzung der beiden Vünsdie, 
ri sal, . / T^'^" ^^■' Kinderzeit beheiTsdicn. Wir können 
zu einem von :; ''P"^''" ^!''^ ^'^"^^^'^^ f''^''' B^h.i gelassen, aber 
zu einem von dem ursprünglidien versdiiedenen Objekt^. 

<Fortsetzung folgt.) 



Anthropologen, VolkeLvH^nP'" ""'"/^tT"''" äußern, daß keiner der zahlreidicn 
Problem der Bes AneiduÄl°f -"c - ""^, ReligionsforsAer, welAc sid, mit dem 
Operation erkannt hat <mI„v.Ä'^'^"^'"' '^''' feindselige. Charakter dieser 
von James Hastines hpl^!^'^ ""'^ "^^^""^ der versdiiedenen Ansiditen in der 
Edinburgh 1910 > Die mpfct! r^ f "^" ^'Encyclopacdia of Religion and Eth"C, 

selbst geVbenen Hypot" e an n*" f ''=1"=" ^'* '°f^^' 't" ^'°" '^'^V'-^ 
psydiologisdi erklären \^Pnn rf^^" ^" intellektuellen Blindheit läßt sidi 

KwelAede^BSj i '"i"? l^e<lenkt, daß ähnlid,e psydiisdie Hindernisse, v^'.e 
fer^h^l ten fuA in dl r m' ^'■™'''^^" ^^'^ wirklidie Motivierung der Besdineidung 
Literatur 'über de Sinn^ 'n'" ^'*'''"^"' '^^"^- Man vergleiAe dagegen die ältere 
Mangey II 210 ä M P'™J°"- P'^''° <»De circtnncisione« in Opera cd. 
daß dL Z ei der Be l,?/"""."'^,^' <^°'^ NebuAim XLIX, 391 f.> bemerken, 
Sadiverhatt kommen uterr^-t" "^'""""S '^'' Sexuallust sk Dem wirklAefl 
über den UrTunrL r" t^'J ^"'°'™ »■ )• ^- Autenrieth <Abhandlung 
(OriginesienificatTinlt n ^'^'^Tf^^S <Tübingcn 1829), Frederic Baumann 
PÄO rist,' Brun:^Btue°ru„1 and"r:i"e '' '''^""*'^"" " '' '^ ""°'"'""' 
ne sont^qu"eTrmod,w"'"'''' '?^^ '^'''' '^'^'tration, l'eunuAisme et la circoncision 
des Ta"enln STnneTd Rp°.4" amo.ndries l'une de l'autre«. Eine tiefere Erkenntn-s 
die State d^rn.i.f'"''i^""Sr>"" f'-^'"* <^«t erreidu werden, xxenn ma" 
die Resultate der psydioana yt.sdien Forsdiungen zu ihrer Aufklärung heranzieht. 
Ab,rf,ntt^l/7 q' ^;? Bedingung des ersAlagenen Kriegers im zwe.tcn 
werd*^ Ird Sexualfreiheit na* der Zirkumzision, die später behandelt 



Sdiillers Geisterseher 



145 



Sdiillers Geisterseher. 

Von Dr. HANNS SACHS, Wien. 
(Fortsetzung.) 

Wir sind nun der Lösung der Frage, warum der »Geister^ 
seher« dazu verurteilt war, Fragment zu bleiben, sdion ziemlidi 
nahe gerüdit. Zuerst vermuteten wir, daß das plötzlidie Abbiegen 
aus dem Detektivroman in die Liebesgesdiidite ein Element des 
Widersprudics in das Werk getragen habe, dem es sdiließlidi zum 
Opfer fallen mußte. Später zeigte uns die Analyse der »Griediin« 
und der ihr innerlidi verwandten Frauengestalten Sdiillers, daß wir 
es mit einer Rcinkarnatio-n jener weiblidien Figur zu tun hatten, 
die für den Jüngling die wesentlidiste Stellvertreterin der ersten 
Kinderliebe geworden war. Das plötzlidie Abbredien, gleidi nadidcm 
eine überrasdiende Wendung der Handlung die Griediin mit dem 
Prinzen, der im Roman den Sohn vertritt, in erotisdie Beziehung 
gebradit und die älteren Redite des den Vater repräsentierenden 
Armeniers angedeutet hatte, ließ uns ahnen, daß die Nötigung, bei 
der Fortsetzung des Romans das Inzestproblem, wenngleidi in ver^ 
hüllter Form, zu behandeln, jenen Widerwillen des Diditers gegen 
seinen Stoff verursadite, der sidi in seinen Briefen so nadidrüAIidi 
ausspridit, und im sdiließlidien Fallenlassen des Planes gipfelte. 

Bevor wir auf der begonnenen Bahn weitersdireitcn, müssen 
wir uns erinnern, daß unsere ursprünglidie Absidit nidit gerade 
darauf geriditet war, zu untersudien, warum der »Geisterseher« 
nidit vollendet werden konnte, daß wir vielmehr erst im Laufe 
der Untersudiungen, fast ungewollt, auf dieses Problem gelenkt 
wurden,- wir werden uns fragen müssen, ob es wirklidi so widi-^ 
tige Aufsdilüsse verspridit, daß wir LIrsadie haben, es im Mitteln 
punkt unseres Interesses festzuhalten. Wir können diese Frage ge= 
trost bejahen. Knüpft sidi dodi an die Weigerung Sdiillers, am 
»Geisterseher« weiterzuarbeiten, unmittelbar seine völlige Abwendung 
von der diditerisdien Produktion überhaupt und sein Übergehen von 
der Poesie zur Philosophie. In diese vieljährige Pause, während deren 
er seiner einstigen Herrin nur in der philosophisdien Lyrik einen 
besdieidenen Anteil an seinem geistigen Sdiaffen gewährte, ragt der 
»Geisterseher« als letzter Rest hinein, der nodi eine Weile wie ein 
Fremdkörper innerhalb der veränderten Denk» und Willensriditung 
mitgeführt wurde. Wir dürfen also hoffen, durdi die Analyse des Wider=^ 
Standes, der sidi der Vollendung des »Geisterseher« entgegensetzte, 
einen Einblidt in die Begründung und den Medianismus jener langen 
Produktionspause zu gewinnen, die das geheimnisvollste, aber viel- 
leidit audi das widitigste Moment für die Entwidlung der literari- 
sdien Persönlidikeit Sdiillers ist. Wir können uns nidit mit der von 
den Literaturhistorikern gegebenen Erklärung begnügen, die den 
Widerwillen des Diditers gegen sein begonnenes Werk auf seine 



Image lV/3 



10 



146 



Dr. Hanns Sadis 



i iitji 



veränderte Einstellung zur Poesie überhaupt zuniAfüIirt, denn wir 
erblicken in jener großen Veränderung und ^cIiafFenspause ein Affekt- 
P'iänomen und streben danadi, die vom Dichter unaus^cs])ro*en 
gebliebenen, ja ihm viclleidit nidit bewußt gewordenen Triebkräfte, 
die es zustande gebradu haben, kennen zu lernen. Da nun dci- 
»Ueisterscher« der Produktionspause am nädisten steht und sidi 
die Abwendimg bei ihm am klarsten, ja sogar mit betonter Biltcr' 
keit ausspridit, muß die bei ihm eingetretene Hemmung wohl aus 
dem Kreise jener Gewalten stammen, die dem Diditer den Mund 
ganzlidi vcrsdilossen. Wir wollen also, statt das Abbrcdicn des 
»Geisterseher« aus der veränderten Sinnesweise, umgekehrt diese 
aus den Motiven verstehen lernen, durdi die der »Geisterseher<^ 
seinem Sdiöpfer verleidet wurde. 

Als Schiller nadi der langen Unterbrechung an sein nädistes 
Drama, den »Wallenstcin« sdiritt, war er ein Anderer geworden. 
An die Stelle des ungezügelten Feuers und der Glut seiner Erst- 
lingswerke ist der glcidimäßig milde Glanz eines Idealstils getreten, 
der das brsteigen einer neuen Stufe seeÜsdier Bntwiddung verkündet. 
Uie bdiaftenspause war mehr als ein bloßes Absetzen und Wieder- 
einsetzen: sie bedeutet den großen Aufstieg, <lie Läuterung .und Be^' 
..Tl"?; ^^^.Herrsdiaft sidierer Kraft an Stelle unruhiger Gewalt- 
!nn X w ^ ^"\'^'"' Verständnis des Kräffespiels, das zur Abkehr 
uLZ ^f''%^'^r\ ^^ »Geisterseher« führte, eine Einsidit in die 
wieder 1 A P'-°^"'^^i°']^einstellung überhaupt, so muß aus dieser 
Sses e?.. .'^""^aP^'^/ ^''' ^''^ Efforsduing der Voraussetzungen 
dieses enzgartigen AufsAwunges zu gewinnen sein, 
unsere L,n"^ ""'^''^' Problems verspricht uns Ausblic^ce, die 
wi bei dl em 2?^","^ 1"'! ."^"^ """^"^ rid., fertigen. Leider sind 
Zusammenhang^ "^ l^e uieswegs angelangt, denn wir haben den 
feSSttp? r*"i '''^ Hemmung und dem Auftauten des 
dürff wTräll^"* "'i^ f"'-^^ ^1'^ Einzelheiten verfolgt. Aud. 
Mae Jn^d Mr'''^'r"'.*' '^"S" ^^''^''^''^' ^i^ ^iA sAon mehrere 
an, führtfn wl\'"^^'^''^"S^ '^^^- ^s ist durA die als Parallele 
KoÄ vorTn-,d TT''' ^°'-^'^"' 'l^'^ SAiller gerade diesen 
5^be Schis,- T "^*.^^'"/:Geisterseher« oft behandelt hat, ohne 
d'ese will ff- >'^'.?' ""^^'•^'- Hypothese zufolge hätten alle 
b e ben mis'en'' w'l^ '"' ^''^'' ^Aillers überhaupl Fragmente 
uns n^d.7 n ''7 'i?7"'" ^'^^^"^ Ei"^vurf begegnen, so obliegt 
uns mdit nur der Nadiweis, daß im »Geisterseher« das Thema 
sondenrS";^ der Auflehnung gegen d^^V^t", behandelt wurde, 
sondern daß dies auf eine so ungewöhnlidre Art oder unter so be^ 
sonderen Umständen gesdiah, daß die Unüberwindlidikeit der 
Produktionshemmung gerade hier dadurdi erklärlidi wird. Um uns 
von den Gründen des Widerstandes ge^en die Fortsetzung einen 
Begriff zu maAen, wird es zunächst rätlich sein, den wahrsdieinlidien 
Inhalt dieser Fortsetzung nadi den vom Dichter gegebenen An- 
deutungen soweit als möglich zu rekonstruieren. 



Sdiillers Geisterseher 



147 



In der ältesten, in der »Thalia« veröfFentliditen Fassung fehlt 
der letzte, erst in der Budiausgabe hinzugefügte Brief des Barons 
von F** und die daran ansdiließenden Mitteilungen, Es wäre voreilig, 
daraus zu folgern, daß Sdiiller die in diesem Naditrag enthaltene 
Fortführung der Handlung erst nachher hinzuerfunden habe. Durdi 
seine Äußerungen im Briefwedisel mit Körner ist es unz\x^eifelhaft 
bezeugt, daß er einen ausgearbeiteten, wenn audi wohl im Detail 
nidit feststehenden Plan im Kopf hattet Weit eher also, als daß 
er bei der Revision für die Budiausgabe etwa völlig Neues hinzu^ 
erfunden haben sollte, läßt sidi annehmen, daß er zum Zwedt einer 
aus ästhetisdien Gründen als notwendig empfundenen Abrundung 
— wobei wohl audi die Rüdsidit auf den vergrößerten budihänd* 
lerisdien Erfolg mitgesproAen haben mag — sidi entsdiloß, von 
dem sdion bei der ersten Niedersdirift konzipierten Plan ein weiteres, 
anfänglidi zurüdigehaltenes Stüdt preiszugeben. Die Regel derTraum^ 
deutung sdireibt uns vor, denjenigen Elementen des Trauminhaltes, 
die bei der ersten Erzählung fehlten und erst nadi in Angriff ge^ 
nommener Deutung im Gedäditnis wiederauftaudven, besondere Be= 
aditung zu sdienken. Gerade an diesen Stellen sind der Traum^ 
Zensur die mindesten Entstellungen gelungen, darum ist sie bemüht, 
sie dem Wadibewußtsein völlig zu unterschlagen. Eine Analogie 
mit diesem Medianismus mag hier vorliegen, wenn wir audi nidit 
wissen können, ob ein Teil jenes Materials eine Zeitlang wirklicfi 
vergessen war. Neben dem Vergessen und an seiner Stelle steht in 
unserem Falle, wo es sich nicht wie beim 1 räum um zwei verschiedene 
Bewußtseinszustände handelt, die Abneigung gegen die Mitteilung 
und die Unfähigkeit, die künstlerische Form dafür zu finden. Es ist 
begreitlicfi, daß der Widerstand, der die Ursache dieser beiden 
Phänomene ist, zu einem späteren Zeitpunkt geringer sein kann, 
als während der fortlaufenden Produktion; der scfiöpferisdi angeregten 
Phantasie mußte die Zensursdiranke energischer entgegengestellt 
werden, als der späteren, mehr spielerisch und aus äußerlidien 
Gründen arbeitenden Geistestätigkeit, die auch durch die SiAer^ 
heit, daß eine Fortführung bis ans Ende nidit mehr in Frage komme, 
gestützt wurde. 

An diesem zehnten Brief des Barons von F** ist eines sofort 
kenntlid:i: er führt das, was im letzten Absatz des vorhergehenden 

1 »Indessen wirst Du finden, daß diese Fortsetzung des Geisterseilers mehr 
Kopf gekostet hat, als der Anfang, weil es nichts Kleines war, in eine planlose 
Sadie Plan zu bringen und so viel zerissene Fäden wiederanzuknüpfen « (Brief vom 
17. Mai 1788.) 

»Ladie midi aus so viel Du willst, idi arbeite ihn ins Weite und unter 
30 Bogen kommt er nidit weg. lA wäre ein Narr, wenn idi das Lob der Toren 
und Weisen so in den Wind sdilüge.« (Brief vom 12. Juni 1788.) 

»Der Geisterseher muß mir nodi 4-5 Hefte durchbringen und dann behalte 
idi ungefähr die letzten 4 Bogen, in denen die Katastrophe enthalten ist, zurüd, 
weldie erst in der vollständigen Ausgabe, die idi davon madie, ersdieint « (Brief 
vom 1, Oktober 1788.) 



10« 



148 



Dr. Hanns Sadis 



I 



Briefes kurz angedeutet ist, nämlich die sdiroffe Abberufung des 
l^nnzen von Seiten seines heimatlidien Hofes und seine Auflehnung 
dagegen naher aus, leiht aber dabei diesem Konflikt neue und 
^'" D*. . r- ^"^ ^"^^ ^^s neunten Briefes beriditet der Baron 
w/"-L i' L ^^"^ Abberufungssdireiben des Hofes die erwarteten 
Wedisel beigelegt waren, die Fortsetzung bringt die beleidigende 
j^^umutung, daß die Sdiulden erst, nadidem der Prinz Venedig ver- 
lassen hat, durdi einen Bankier bezahlt werden würden, denn, »man 
hnde nidit für gut, Geld in seine Hände zu geben«. Nun hat der 
Uiditer allerdings diese beiden Abberufungssdireiben auseinander- 
zuhalten gesudit. Aber sdion im neunten Brief ist von einer stolzen, 
herausfordernden Antwort des Prinzen die Rede, die jener, die aut 
die im zehnten Brief gesdiilderten heftigen Szene folgt, bis auf die 
versdiarfte Tonart völlig gleidit <»Er hat sogleidi in einem ähnlidien 
Ion geantwortet und wird bleiben« und »Der Prinz beantwortete 
den Brief auf der Stelle, so sehr idi midi entgegensetzte und die 
Art wie er es getan, läßt keine gütlidie Beilegung mehr hoffen.«)' 
zu der aber kajim die neuerlidie dringlidie Bitte um Vorsdiuß stimmt, 
die dem schnöden Absagebrief des Hofes vorausgegangen sein soll. 

um 17 f -k '^'"' ^^T. ^"'' Widerspenstigkeit soTdier Detai s, 
um uns zu überzeugen, daß dem Diditer beide Male genau dieselbe 

fcTauTustllf '''ft 'l t^ ^'"^ M^J kurz abttft, das andere 
Andeutungen f^i' ^"^ 4^' ^,''^^'''^ ''^''S^'^ ""^ mit den widiti^sten 
mende äu"SätS[ " ~ ^^"^'^ ^*°" -^^«ültig unterdrückte - I^om- 

hüllten" AiXul^T 'l^'"'^^^^^ .^""i ersten Male zu einem unver^ 
^Sen den der di Herrsdisudit des Prinzen und seines Hasses 
SL zu'demül/°V'''"J^^S^'^'-^^ Madit besitzt und sie gebrauAt, 
Tn O« am SAh' ^°" ^'"' ""^ ^'^'^ält die Bemerkung des Grafen 
betören lassen dinTK ^" /'"'i'" ß"*"' ^aß der Prhrz sidi habe 
ersr Se rSge%"eSrun'rl! "" ^->*- --steigen zu wollen, 
sidi kaum an Pin .n^ ^^' . ^"" '" ^'^sem Zusammenhang laßt 



des Herrsdiers cforiATl J^ ^rbredien als an einen gegen das Leben 
wünXsSd !ut ^x'*i"S denken. Daß es wirklidi Todes- 

durA seine VSd.ir ' ^'' ^^^ ^^^ ^''^"^^'^ ''''''''^'' ^^ 
dS Armenie^ bip .""§ ^T'. ^'■^^^"' Prophetisdien Aussprudies 
NadiriSTibi ^i' '^"'■^ ^™ '1^'" vom Tode des Erbprinzen 
vor s"a zwfsln r'^'l^"'"^ \^"^"* ^^^"d ^^ still und murmelte 
e^- *^ ' un „t"-^"''"'"^ ^Wünsdien Sie sidi Glüd.« - sagte 
er »um neun Uhr ist er gestorben.« 

w/..^^^^" 't" ^'-sAroAen an. 

. rt'T" "" X ^'^ ''* ^'"d^«' fuhr er fort; »Glück - i* soll 

m T'*'" ~C ''^'' '' "'*^ ^°^ Was wilke er damit sagen?« 

r^ \ r"!f" ^," '"^"^ darauf«, rief idi. .Was soll das hier?« 

»Idi habe damals nidit verstanden, was der Mensdi wollte. 

Jetzt verstehe idi ihn. O, es ist unerträglidi hart, einen Herrn über 

sich zu haben!« * 



Stfiillers Geisterseher 



149 



Der Diditer läßt uns hier durdi den Prinzen auf unvergleidi* 
lidi feine Weise auf den inneren Zusammenhang zwisdven den jetzigen 
Wünsdien und der Einleitungsszene mit dem Armenier aufmerksam 
madien. Bei einer genauen Prüfung dieser Szene werden wir mit 
Erstaunen finden, wie gut uns bereits die damaligen Vorfälle auf 
das vorbereitet haben, was kommen mußte. Sdion dort Heß uns 
ein kleiner Zug diese Wiinsdie des Prinzen ahnen, längst ehe er 
selbst, dessen Charakter mit ihnen nidits gemein zu haben sdiien, 
sie als die seinigen anerkennen, gesdiweige denn, sie ohne Hülle 
ausspredien konnte, 

Der Graf von O** erzählt im ersten Budi, nadidem jenes 
geheimnisvolle Wort des Armeniers gefallen war: »Als wir am 
seÄstcn Abend unser Hotel verließen, hatte idi den Einfall — ob 
unwillkürlidi oder aus Absidit besinne idi midi nidit mehr — den 
Bedienten zu hinterlassen, wo wir zu finden sein würden, wenn 
nadi uns gefragt werden sollte. Der Prinz bemerkte meine Vorsidit 
und lobte sie mit einer lädielnden Miene,« 

Der Graf kann sidi nidit mehr erinnern, ob er die Adresse 
aus Absidit hinterlassen hat, d. h. also, weil er die Möglidikeit, 
daß sie von ihrem Hause gerufen würden, in Betradit zog, oder »un» 
wiilkürlidi«, womit wohl nur eine ihm selbst unmotiviert sdieinende 
Handlung gemeint sein kann. Jedenfalls hat er keine Ahnung, warum 
ihm gerade an diesem Tage der »Einfall« — das Wort ist äußerst 
diarakteristisdi — gekommen ist. Gerade an diesem Tage trifft aber 
die ihm und dem Prinzen völlig unerwartet kommende Nadiridit 
ein, daß der Erbprinz daheim gestorben sei. Wenn soldie unwill* 
kürlidi sdieinende Einfälle aus dem Unbewußten stammen, so ist 
das Unbewußte des Grafen also mit einer prophetisdicn oder tele*^ 
pathisdien Kraft ausgerüstet, die ebensoviel leistet wie der wunder* 
tätige Armenier? Denn das Zusammentreffen für Zufall zu erklären, 
wodurdi wir uns im realen Leben mit Leiditigkeit von dem Problem 
befreien könnten, das ist hier unmöglidi, ohne den Diditer für 
einen Stümper zu halten, der soldie sinnlose Details erfindet und 
vorträgt. Wir müssen ihm vertrauen und seiner Erzählung folgen, 
ob sie uns viclleidit den Sdvlüssel zu dem Geheimnisse unvermerkt 
in die Hand gibt. Wirklidi erfahren wir wenig später, als der Prinz 
die Möglidikeit in Betradit zieht, ob der Armenier zur Zeit seiner 
Prophezeiung von der Erkrankung des Erbprinzen sdion benadiriditigt 
sein konnte, daß ein Brief von dem Aufenthaltsorte dieses Prinzen 
nadi Venedig gerade fünf Tage braudite. Wenn der Graf also am 
sedisten Tage nadi der Prophezeiung jenen »Einfall« hatte, so be= 
nahm er sidi genau so, als hätte er die Worte »Wünsdien Sie sidi 
Glüdi, Prinz. Um neun Uhr ist er gestorben«, sogleidi riditig ver= 
standen, d. h. auf den Erbprinzen gedeutet, von dessen Er- 
krankung er nidit einmal wissen konnte. Dieses blitzsdinelle Ver» 
ständnis, das vom Bewußtsein ferngehalten wurde und sidi nur in 
der Form einer Symptomhandlung äußern durfte, läßt sidi nur so 



nr 




Dr. Hanns Sadis 



A^'T'u^L j^' iV^ ^'■^''•^" ^'"^ 2 war als unmoralisdi verworfene 
und deshalb der Verdrängung anheimgefallene, aber darum nidit 
minder lebhahe Wunsdiriditung bestand, die den Tod des Erbprinzen 
rorderte und deswegen so sdinell bereit war, die Ankündigung auf ihn 
2U beziehen. Der Einwurf, daß sidi aus dem Benehmen des Grafen 
I T] ^2'Se]^„ ^es Prinzen keine Sdilüssc ziehen lassen, erledigt 
sidi dadurdi, daß der Graf für seine Person ja gar kein Interesse 
am Ablebeii des Erbprinzen hatte, daß sein verdrängter Wunsdi 
nur dem hreunde gelten konnte, dem er den Weg zum Throne 
tre.madien wollte. Soldve Wünsdie können im Herzen eines niAt 
mit seinem eigenen Vorteil Beteiligten nur dadurdi entstehen, daß 
er sidi volhg in das Seelenleben seines Freundes einfühlt, sidi mit 
itim »identifiziert«. Wir lernen also den Ehrgeiz des Prinzen nicht 
unmittelbar kenncii^ sondern sehen nur sein Spiegelbild, wie es von 
der beele eines Freundes aufgefangen und zurüdcgegeben wird, 
uieser Umweg ist sehr gut begründet, denn bei dem Prinzen selbst 
muD der WunsA, der in jener Symptomhandlung seines Freundes 
Ausdrudi fand, einer weit stärkeren Verdrängung unterliegen, teils 
Tp^nP n-T?' größeren Intensität, teils weil er skh bei ihm gegen 
aXnM l'ü ^^^^i"t^" riAtete. Es ist ein neuer Beweis für die 
Svmn?l? ^^' PsydiologisAe Feinheit des Diditers, daß er die 
tlTT} A^ "/*' ^"'■J^ ^^-^ P'-''"^«^" selbst, sondern durd> 
laß? rw. ' a^' ^^' sein alter ego fühlt und handelt, vornehmen 
zl\'<h.un.Jc-^' ""^^"'•* einen kleinen Stridi, den er seiner 
W^^r^ hinzufugt, zu bestätigen, daß der Prinz die unbewußte 
Wunsdicmstellung seines Freunctes wirkliA teilt. Ganz ohne Anteil 
uiclr ?n ""d^" "^f" Ausführung des »Einfalles« des Grafen O"* 
SJ^Ii A [j, ""^ \'U"<^'l<te meine Vorsidit und lobte sie mit einer 
^dielnden Miene«. Wieder wären wir versudit, an einem so gering-- 
Mr55 4, j n"^'^ r'^s^^ Lädieln ist, aditlos vorüberzugehen, wenn 
uns mdit der Respekt vor dem Kunstwerk, in dem es keine unoi- 
gantsdien, tur den Aufbau des Ganzen zweddose Teile geben darf, 
davor zuruAh.elte. Audi hat uns die PsyAoanalysc über den Sinn 
jenes sdieinbar unmotivierten, durdi nidits Komisdies hervorgerufenen 

nZ^.u^^^-i^'^'''/^':''^'' ?^ Senug in den ungeeignetsten Mo- 
menten bei siA und anderen beobaditen kann 

IlnK R ''?" ^'.r''^ '" *^«='- Witz und seine Beziehung zum 

^llTfT ''^"fsestellten und begründeten Theorie, entsteht ein 
Srnm.!.: vi' k^*''"' ^^"" ^'^ bei einem Mensdien ange^ 
wTndun. ^rt^^^ ^^''T"^ °^'^'- Si>annung durdi eine plötzlidie 
überHü."! • ?"ff' ^^c'* "'" ^'"erwartetes Ereignis mit einem Male 
An M.J' ,4,^'''^^^'"".""«^^"^^^"^' der nun niAt länger fest^ 
werden kann'"; ."' '"A erwartete Affektäußeiung umgesetzt 
rewSnlii .^; Ja 7' r'* A^f"'^-- ""d <Jiese gesdiieht durdi das 
SiTl So .r ^"'^'"'^^ 'T''' ErleiAterung verwendete Mieneiv- 
w^nn ihn A?^ V. \"l'^t' ^'^ ^'"^ Verstellung festzuhalten suAt 
wenn ihn die plotzhdie Mitteilung trifft, daß er durAsAaut sei und 



Schillers Geisterseher 



151 



seine Rolle nidit mehr durdizuführen brauche, zunädist mit einem 
Lächeln, Nichts anderes war auch das berühmte Lächeln, mit dem 
sich zwei Auguren im alten Rom begrüßten. Die Redensart, die ihnen 
den Zwang zu cliesem eigentümlidien Gruße andiditete, sollte damit 
natürlidi sagen, daß sie Sdiwindler seien, die den Unwert ihrer 
Wahrsagereien durdi ein besonders würdiges und ehrfurditgebietendes 
Auftreten zu verdedcen suditen. Diese Heudielei, die sie der ganzen 
übrigen Welt entgegenstellen mußten, war einem Amtsbruder gegen= 
über völlig unnötig. Wer einem soldien unversehens begegnete, 
konnte, zumindest in Gedanken, die Maske einen Augenblidi lang 
lüften und aus dieser momentanen Aufhebung ihrer Anspannung 
erfolgte das gegenseitige Lädieln. Audi das Lädieln des Prinzen ist 
ein Augurenlädieln, wenn audi die Spannung nidit durdi bewußte 
Heudielei, sondern durdi das Niederhalten der Erregung in seinem 
Unbewußten verursadit wurde. Wir dürfen uns nun seine seelisdien 
Vorgänge folgendermaßen vorstellen: Sein Unbewußtes verstand 
nidit weniger sdinell und gut, als das des Grafen, auf wen sich die 
Prophezeiung beziehen sollte. Seine Spannung war daher am Abend 
jenes sedisten Tages, an dem die Nadiridit, wenn sie wirklidi riditig 
war, von daheim eintreffen mußte, aufs hödiste gestiegen und verlangte 
nadi einer Entladung, die nidit stattfinden konnte, weil der ganze 
»Komplex« der Ehrgeiz- und Todeswünsdie intensiv verdrängt war. 
Dem Wunsdie, die peinlidie Erwartung während der Abwesenheit 
vom Hause durdi Hinterlassung der Adresse abzukürzen, konnte 
nidit willfahrt werden, weil ein soldier Auftrag zuviel Selbstverrat 
enthalten hätte. Als aber ein soldier Auftrag von anderer Seite, 
also ohne seine eigene Mitsdiuld kam, wurde dies als ein »Gesdienk« 
des Sdiidcsals empfunden, durdi das wenigstens ein Teil der Er- 
regung unnötig und zum plötzlidien Abfließen gebradit wurde. So 
kommt das ein Lob der Vorsidit begleitende Lädieln zustande. 
Das Widerspiel dieses Lädiclns ist die Miene des Verdrusses, 
mit der der Prinz erfährt, daß jene symbolisdie Huldigung der 
Dorfmäddien, clurdidie er als künftiger Kronenträger bezeidinet wurde, 
ein gemeiner Betrug war. 

Durdi eine soldie Analyse soll nidit etwa dargetan werden, 
daß Sdiiller die »Psydiopathologie des Alltags« von Freud voraus- 
geahnt oder vorweggenommen habe, so gewissenhaft er audi, wie 
die auffälligen Übereinstimmungen zeigen, sidi ihrer bedient zu 
haben sdieint. Daran ändert es audi nidits, daß sidi der Diditer 
des Versprechens an einer bedeutsamen Stelle eines anderen 
Werkes (Piccolomini, 1. Akt, letzte Szene) als Mittel des Selbst= 
Verrates bedient hat, worauf von Freud bereits hingewiesen wurde. 
!a noch mehr: Der Dichter hat sich — und noch dazu um die^ 
selbe Zeit, in der der »Geisterseher« entstand, — ausdrüciklich 
zu der Theorie der Bedeutsamkeit unwillkürlicher Ausdrucksbewe=- 
gungen bekannt. In seiner, in der Thalia im Jahre 1787 veröffent- 
liditen Bearbeitung von St, Reals Sdiilderung der Versdiwörung 




Dr. Hanns Sadis 



hHßM.'^"'D''°" ^'^T^'" «^^^" ^'^ ^^pubWk Venedig im Jahre 1618 
^SL .■ "S^"^"'^' ^«i- ^lie notwendige Verbindung zwisdien den 
geheimsten Regungen der Seele und den unmerklidisten äußerliAen 
Bewegungen, die dem Mensdien unbewußt entwisdien, vollkommen 
Kannte . . .« Irotzdem kann der Gedanke, daß die bewußte Ver- 
wertung einer psydiologisdien Theorie für die Zwecke der didite- 
nsdien Charakterisierungs^Tedinik vorliege, mit derselben SidierhcJt 
Sil uTLri^lu^l' ^'^ entgegengesetzte Hypothese, daß es 
^^nnT u,u ^"^",'S^^eiten handle. Ein bewußtes Vorgehen ist 
^on deshalb ausgeschlossen, weil derDiditer kaum imstande gewesen 

In . ^y c ^^"l ^^^ "' S^'"^^^ ^"'•^ d'-" aufgewendeten Sdiarf-- 
smn an der Erreidiung seines Zieles verhindert werden mußte, da 
vor.Mo •'"' ^ ^^' r '" PsyAologisdicr Erkenntnis nidit so weit 
wrf.^L'^'f "' ^^'"^ ^1'"^" Andeutungen ohne Kommentar nidit 
DiSr ;!• "7""- ^' ^'""'^ ""•• d'^ 'in^ Lösung übrig, daß der 
dafrL. fk ^^^' "Lr^.T^" ^'- ^^" Einbrudi des Unbewußten in 
anbraZ CO !3 ^„"'"^^. "^'^en gesdiildert hat, ohne bewußtes Wollen 
-tSfgeVben ha" Vo" ^'^ ^"''^T'^^^ gewissermaßen sid. selbst 
freilidi daß das „k; r"''I'^?^S f"'' <^'"^ ''=°'*<^ Annahme .st 
GesAöpfe zusamo^^ fT;"'^'\^^''^"'^''^" ^^' Diditers und seiner 
poetSäen sSr. F^^' 1^^' '^^'^"' ^^^ d'^ Figuren einer ed.t 
seineÄ Änz^S^^^^ vo" des Dieters FleisA, Blut von 
sind, kann wohl S 7 w f ff '^"^^^"ßtes von seinem Unbewußten 
Dinge in ihrer Will^;^:' ^"^''^'"' ^° '^^'^'^rt es siA, daß diese 
eine theoretisAe Kenn li 1'^°^"'^ ^'c in ihrer Entstehung an 
bewußte des Lesers^ "^ ^'•""'l^'" '"< ^'^ ^''•ke" auf das lln=^ 
geheimsten Charakterhi f.J^'^". ^^^" ''^" ^ur Einfühlung in den 

wußte AufmerksaS darir .^'f "^'^^"' ''^"^^^ '^-°' ^'^ ^'' 
Es ist nidiK A R ]^ gelenkt wirdi. 

^ung dadurA hVrvore7bt"f *" f''^''''' ^^^ ''^"^ künstlerisdK 

indungswep vom I Inl, n "^"4 ^a'^ «idi ein unmittelbarer 

rsAaft auffut der a^C. 1^"*^'«"" ^.^^ Künstlers zu dem seiner 

ist vielmehr der wesent Lt T ^'" ^•'^'^"'"^^'''"zen "'"geht. Dies 

andere, so stark elauAl /f" j"^'' DiAter-Leistung, alles 

gehen mag, ist Fassadenwerk "d. '""''"'' ^'^ "^'''^''^ ^"^ 'f 

brmoglidiung dieser Wirk • ^^- ei^entllAcr Zwedc nur die 

denen nidit bloß SdiilW o""? '^^ ^^'^ Symptomhandlungen, von 

jeher Gebraudi zu macb'en T' ^'^ '^'''^ großen Diditer sdion von 

siditigen Fällen wie bpi ^K T""^^"' - an einigen besonders durdi- 

Spitteler<In.a§o>Tt £ b±'P''';' (Kaufmann von Venedig) und 

heben sidi von de ToL L^^'^^^^^'^S^ ""^ erläutert worden - 

der sonstigen Hereinziehung des Unbewußten und 

Euch vor dem augenblidl'iAen"",^ ^-T """. ^"* *^o'«t nennt, sdiämt und fürditet 
eigenen Schöpfern findet und^.. ,"^^''''"^^" Wahnwitze, der sidi bei al en 

Künstler vom Träumer unterscheideu m^V" ?''^'' ^'^'~"^ D^"" '^"'^ '''"''Ä 
'terscheidet. (Brief an Körner, Weimar 1. Dezember 1788). 



\ 



Schillers Geisterseher 



153 



«einer Medhanismen im Kunstwerk nur insoweit ab, daß die sdiarfe 
Determinierung Jedes kleinsten Details die Analyse erleichtert und 
ihr eine besondere Überzeugungskraft gibt. Die Verwendung der 
Symptomhandlung im Dienste der Kunst gestattet uns gewissermaßen 
die Probe auf das Exempel zu madien, indem wir die unbewußte 
Wirkung und die nadi den Gesetzen der Psydioanalyse durdige^ 
führte Überprüfung nebeneinander stellen, 

Der Diditer erreidit durdi Anbringung dieses Zuges mehr, 
als daß er uns böse und ehrgeizige Wünsdie in der Brust des 
Prinzen ahnen läßt, bevor einer von den dreien: der Diditer selbst, 
sein Leser und sein Held davon sidiere Kenntnis erlangt. Er zeigt 
uns audi, weldien weiten Weg die Entwidilung des Prinzen zum 
Verbredier bereits durd\messen hat, durdi den Abstand zwisdien 
seiner Stellung zu diesen Wünsdien damals, wo das im Unbewußten 
vergrabene Begehren nur auf einem Umweg durdi den Freund sidi 
eine gut maskierte Äußerung ersdileidien konnte, und jetzt, wo er 
in heftiger Wallung den Frevel mit vollster Klarheit zu denken 
und vorzustellen, ja fast auszuspredien wagt. Von ^^^r 'verch-ängten 
Herrsdibegierde, die nur einen Erdenrest sdiwadier Mensdilidikeit 
bedeutet, wie er audi dem Edelsten nodi anklebt, war es unendlidi 
weit bis' zum bewußten Todes wunsdi gegen einen Mann, der ihm 
als Fürst und Stellvertreter des Vates besonders heilig sein mußte — 
von hier bis zur Mordabsidit ist nur mehr ein Sdiritt. 

Wir können nunmehr als festgestellt betraditen, was wir 
bisher vorweggenommen haben, daß in der unterdrüdcten Fortset- 
zung gesdiildert werden sollte, wie der Plan, den Fürsten zu besei= 
tigen, in dem Prinzen entsteht und mit weldien Mitteln er ihn aus= 
zuführen sudit. Ihn zu diesem Sdiritt zu bewegen ist offenbar die 
Endabsidit des ihn umstridtenden Komplotts, das sidi dazu außer 
kleinen Nebenmitteln: Untergrabung der moralisdien Grundlagen in 
der Natur des Prinzen durdi sittenlosen Umgang, sdiädlidie Lek= 
türe, Abziehung des Freundes, Nährung seiner Eitelkeit und Ver= 
führ'ung zum Luxus — hauptsädilidi zweier cntsdieidender Triebfedern 
bedient. Die eine ist sein SAuldenmadien bei Civitclla, dessen raffinierte 
Einleitung wir nodi vollständig kennen lernen. Zunädist wird der 
Prinz nidit auf die gewöhnlidie Art mit ihm bekannt, sondern so, 
daß er das Redit hat, sidi für seinen Lebensretter zu halten, wie 
es audi der naive Briefsdireiber Baron F** tut, aus dessen Erzählung 
wir nur, weil der Mitwirkung des sdiurkisdien Biondello Erwähnung 
getan wird <»als Biondello die Entdedung madite, daß er verirrt 
Sie sind nur wenige Sdiritte gegangen, als nidit weit von 



sei 



ihnen in einer Gasse ein Mordgesdirei ersdialltc«) erraten, daß es 
sidi bei der Befreiung aus Mörderhänden um eine gestellte Theater* 
szene handelt. Durdi das Anredit, das er sidi auf diese Weise an 
Civitellas Dankbarkeit erworben zu haben glaubt, wird der Prinz 
bewogen, ihn in sein Vertrauen aufzunehmen und sdiließlidi, von 
seinem Sdiützling zu maßlosem Spiel verführt, sein Sdiuldner mit 



i I 
t 



154 



Dr. Hanns Sachs 



Summen zu werden, die sein Vermögen weit übersteigen, So gerät 
er einerseits in Konflikt mit seinem Hof, der ihn durdi die sdirofFe 
Ablefinung seines Ersudiens um Vorsdiuß das Gefühl seiner Ab= 
hängigkeit aufs Bitterste fühlen läßt, und anderseits in die Gefahr 
der besdiämendsten Verfolgung, sobald Civitella seine Maske ab- 
wirft und von seinem vermeintlidven Wohltäter die Zahlung mit 
Entschiedenheit fordert, Der Umstand, daß der Prinz ihn verwundet, 
läßt Ähnlidies vermuten, mag audi diese Wunde so wenig edit sein 
wie jene, die seine Verbindung mit dem Prinzen einleitete. 

Weit weniger erfahren wir von dem zweiten Motiv, durdi 
das die Versdiwörer sidi seines Willens bemäditigen, seiner Liebe zu 
der »Griediin«, Stdier ist, daß sie wie Civitella ihm von den Ver- 
sdiworenen unter dem Ansdiein des Zufalls zugeführt wird. Darauf 
weist sdion die Episode des Malers mit seinen drei Bildern hin, 
die wohl dazu dienen sollen, den Typus zu crforsdicn, der die Liebes- 
bedingungen des Prinzen am reinsten erfüllt. Daß seine Wahl dabei 
auf die Madonna, die ideale Mutter, fällt, ist eine neuerlidie Be- 
kräftigung unserer Annahme über den Zusammenhang der »Griediin« 
mit den verdrängten Wunsdiphantasien. Das Zusammentreffen wird 
von Uvitclla in unauffälliger Weise arrangiert <»Hier erinnerte sidi 
Civitella, daß ihm eingefallen sein könnte die anstoßende Kirdie zu 
ulZ.,'"' AAiJ'^'^''' ^"'"^ ^o>-'^er sehr aufmerksam gemadit 
mXJ U-U u "^i" ^^^°^i3ti°"' die durdi die Ähnlidikeit mit dem 
Madonnenbild bereits hergestellt war, dem Geist des Prinzen noA 
an heiK Stt'^ '"S^"^, T^' ^'^ ^'^ unbekannt SAönheit zuerst 

X dil V' ''a ^"^"'^'^ versunken erbliAen. 
des Prinzen Lyw'!."'"""! '^'^ ^^'^ Entflammung der Leidensdiaft 

Dadurd. muß zunäd t die Ki^ft ^om Protestantismus bestnnmem 
erweitert dann =,kÜ < . zwisdien ihm und seiner Familie 

?aß efn /efüLe/ W'^^'^^"^''^^ 2^^* der Intrige crreid>t werden, 
proteSntfslenFlrJT'^^'" Priesterhänden den Thron eines 
L??erade ihr deT;i"K'?- ^'''''^^- ^^'' der Gang der Handlung, 
weist' da'auf hin daß t/^^'" ^'"""««"f den Prinzen zuteilt, 
zum Ende den Mittlunkt m/" ''""^''J^^' ^'^ ^°" Anfang b^ 

hinleiten, audi am Stenn ord '' 5" ^T' ^^"^ ^''^'" ^^"'"^''l! 
nadi dem GcJrAi'^^ «fgendwie beteiligt ist. Von ihr muß 
det dTdu7^da^s,^|^G'el' W -^^-^-^'^Anreiz ausgehen, 
führen will unwWcL va ^^^Jiebten, den sie dem Himmel zu- 
dL höchste' r 1 W^\ '" ^'^ F^'l^tride der Hölle lodu, läßt siA 
h nter ihilr / ( ^"^"^ ^'■"''='^"' Die Annahme, daß siA audi 
die auch m rt A- ^f*?'"".? eine Heudderin verbergen könnte, 
mal w7if dJ ' Maske niAt fallen läßt, ist zu verwerfen. Ein- 

würde Inn IS' '"-f't'' ^■'^^" Sdiillers Vorstellungsart verstoßen 
Tß sovfel G^ •' J""' '^"V^'" Künstler-Gefühl gewiß gesagt hat, 
und Re^LPlT/^r^ Beredinung ein Gegengcwidit von Lidit 
und Remheit bedürfe, damit die Komposition nidit abstoßend wirke. 



Sdiillers Geisterseher, 



166 



Soll die Schöne ohne ihr Zutun zu dem Verbredien antreiben, 
so kann sie nur der Preis sein, den sidi der Prinz dadurch zu er= 
obern hofft. Er könnte sie, die wie Goethes »Natürlidie ToAter« 
die Frudit eines fürstlidien, wenn audi illegitimen Bundes ist, zu 
seiner Gemahlin erheben, sobald er gebietender Herr geworden ist, 
was der abhängige Prinz niemals wagen dürfte. Zu dieser auf be= 
kannten Voraussetzungen aufgebauten Hoffnung muß aber nodi ein 
neues anfeuerndes Moment hinzutreten, das in geheimen und 
überrasdienden Beziehungen liegt und die Fortdauer des von der 
Geliebten ausgehenden Impulses über ihren Tod hinaus erldart. 
Hindeutungen auf etwas Derartiges liegen in der nodi immer im 
Rätselhaften gelassenen Herkunft der Gricdiin, nodi mehr aber m 
den vielsagenden Worten des Barons von F**: *Über die Familien= 
Verhältnisse am *** Hofe sind wir bisher in einem großen Irrtum 
gewesen,« Die Fortsetzung sollte uns, so sdieint es, auf einen Um- 
stand führen, der das Erbredit des Prinzen entweder in Frage ste.lte 
oder wenigstens in seinen Augen, weit über das ihm offiziell Z-u- 
gestandene hinaussetzte. Dazu mußten wir in die »Familienverhaltj 
nisse« am Hofe eingeweiht werden, d, h, die Abenteuer und 
Liebesbündnisse der älteren Generation sollten rückblid^end wohl 
durdi eine mit der Handlung Sdiritt haltende analytisdie ledinik 
aufgerollt und in die Verwidilungen der Gegenwart ursadilidi ver- 
woben werden. Bei einem Fürstenhaus kann es sidi nur um Dinge 
handeln, die sidi tief verhüllt im Sdioße der Familie zuge- 
tragen haben, weil sie sonst allgemein bekannt geworden waren. 
Es hätte sidi also voraussidididi die Notwendigkeit ergeben, Vater 
und Mutter des Prinzen, von denen bisher nidit mit einem Worte 
die Rede war — sie hatten ja, wie wir gesehen haben, vollwertige 
Ersatzpersonen gefunden — nun dodi wieder aufleben zu lassen und 
ihre Lcidensdiaftcn und Erlebnisse zu sdiildern. Audi mit der Person 
jenes Verwandten, der ein Opfer des Mordansdilages werden sollte, 
hätte sidi die Erzählung näher befassen müssen. Kurzum, es sdicint 
dem Roman bestimmt gewesen zu sein, den entgegengesetzten Weg 
zu gehen, wieder ihm eng verbundene »Don Carlos.« Während dieser, 
der nadi' Sdiillers eigenen Worten ursprünglidi als ein »Familien- 
gemälde an einem fürstlidien Hofe« geplant war, sidi zur Tragödie 
der Fürstengewalt auswudis, war das auf einem politisdien Hinter- 
grund aufgetragene Intrigenspiel des »Geisterseher« im Begriff, 
in eine Familiengesdiidite umzusdilagen. Dieser Gegensatz madit es 
verständlidi, warum das anfänglidi audi als Fragment veröffentlidite 
Drama vollendet werden konnte, wenn audi in ganz anderem Sinne, 
als in dem es begonnen war, während der »Geisterseher« endgültig 
ein Torso bleiben mußte. 

Nodi eine Möglidikeit wäre zu bedenken, die allerdings so 
blaß ist, daß es gewagt wäre, sidi ihr gänzlidi anzuvertrauen. 
Wenn die Abstammung des Prinzen nidit die allgemein vorausgesetzte 
legitime sein sollte, so liegt eine Verwandtsdiaft zwisdien ihm und 



166 



Dr. Hanns Sadis 



der ebenfalls aus deutschem Fürstenblut entsprossenen Geliebten im 
Bereidie der Möglidikeit. Damit würde sie, mag der Verwandt* 
sdiaftsgrad in dem bewußtseinsfähig dem Diditer vorsdiwebenden 
Plane audi nur als entfernt und völlig unsdiuldig gedadit gewesen 
sein, dem Prinzen als Sdiwester zur Seite treten. Ein Zug der Er" 
Zählung ist geeignet, den psydioanalytisdi voreingenommenen Leser 
auf eine derartige Entwidlung vorzubereiten. Die wirklidie Sdiwester 
des Prinzen, die ihn bisher zärtlidi geliebt und den anderen Brüdern 
vorgezogen, ja sogar heimlidi unterstützt hat, wendet sidi mit Ent* 
sdiiedenheit von ihm ab. Die Ursadie dieser plötzlidien Feindselige 
keit ist, wie so oft bei inniger Gesdiwisterfreundsdiaft, daß der eine 
Teil sidi von einer familienfremden Person fesseln läßt. Die Tatsadie 
selbst muß die Fürstin Henriette nidit erfahren haben, sie kann sie 
aus der veränderten Denk» und Handlungsweise des Bruders ahnungS'' 
voll erraten. Die Geliebte tritt als Empfängerin der Zärtlidikeit des 
bis dahin weiberfeindlid\ gesinnten Prinzen <»Das sdiöne Gcsdiledit 
war ihm bis jetzt gleidigültig gewesen« ~ ganz wie dem Don Cäsar 
in der »Braut von- Messina«) an die Stelle der Sdiwester. Rank 
hat in seinem großen Werk über das Inzestmotiv ausführlidi dar- 
gelegt, wie tief die Neigung Sdiillers zu seiner älteren Sdiwester 
Christophine wurzelte und wie stark sie auf die Motivwahl seiner 
di^terisdien Produktion Einfluß nahm^ Als er den »Geisterseher« 
sdineb, war es ihm gewiß nodi lebhaft in Erinnerung, wie sehr die 
^gene Sdiwester gewünsdit hatte, für den fern von der Heimat 
vol SHnar I "^ o m" ^" 1^°""^"' was die Sdiwester des Romans 

Vaterhaus nl. Felden durdv Geldunterstützungen, die das karge 
von efner sl ^7^^'''' ^''' ""^ ""abhängig zu madien <^daß ihm 
und heZvI u ,-x • ^"«^diJi^ßend vor seinen übrigen Brüdern 

bereit sei z^v^"f''"'\*' Zusdiüsse bezahlt werden, die sie gern 

überall ^"^°PP^'"/ rnn ^^i" Hof ihn im Stiche ließe«), 
vom Ster c. . 7""Äl^f ^"'"*t haben, die Linien über den 
einT sSer/ 1 '" ^dilußpunkt hinaus fortzusetzen, sind wir auf 
Te bistr nurt TIT ^°" Motiven und Situationen gestoßen, 

.eten ™"l^"er M^^^^^^^^ ^^'^^ ^"'jrT"fC 

rlio ,Tn<T^w,Ak f-Tt. T ; P "^"'"^ ausgesprodien und durdigefuhrt, 

und TT? i'" Li'^'?'i'^'^^""Sen in den Familien des Prinzen 
und der Griedim ausführlidi dargelegt werden. Infolge dieser Auf<^ 
NovTerno^b ' ^",^^%Motiv des Bruderhasses <in der Rahmen- 
Novelle) nodi ,enes der Sdiwesternliebe zu treten, das audi in der 

SwäiiZ ''""n ^"^^'^^" '''^' ""d ganz ebenso die erste Ab- 
sdiwadiung eines Urmotives bedeutet. Eine Arbeit aber war vor 

nZuTT '^''- ? Ti^*^^^ gezeigt werden, wie der Prinz die 
^nÄrtn 'l. T m'" ^ä"^^" ^^^ Armeniers empfängt, mehr 
und mehr z u sidi herüberzieht, bis sie den Opfertod für ihn stirbt. 

' Die Ausführungen dieser Untersudiung berühren sich fast überall aufs 
engste m>t dem, was Ranks Werk über Sdiiller enthält. 



Schillers Geisterseher 



157 



Dann wie er dem Armenier ganz verfällt, am Sdilusse aber, wo 
seine 'ursprünglich edle Natur zweifellos wieder zum Durdibrudi 
eelaneen sollte, ihn in seinem Untergang mitreißt. Also nicht nur 
der im Fürstenmord nur dünn versdikierte TodeswunsA gegen den 
Vater war zu sdiildern, sondern audi die Rivalität mit ihm und 
nodi dazu in der redit verräterisdien Entwidilung, daß der jüngere 
Nebenbuhler die Geliebte dem älteren, mäditigeren wegnimmt, der 
sie ihm anfängliA selbst zugeführt hat. Dazu tritt noA durdid.e 
Madonnenähnlidikeit ein Zug von Mütterlidikeit be. der Geliebten 
der audi nodi in der Gartenszene festgehalten wird, wo sie mit 
einem kleinen Knaben auftritt, den ihre Begleiterin an der Hand 

^"^"^^'Hier wo die Handlung an die gefährlichen Motive am nächsten 
heranführt! fehlen audi die Andeutungen für die Fortsetzung fast ganz- 
lich Civitellas Erzählung, in der wie in der anderen in den Rahmen 
dfs' RcJmans eingefügten des Sizilianers, Wahrheit und Erfindung 
auf ununtersdieidbare Art untereinander gemisdit sein mögen, bereitet 
nur den Prinzen - und gleiAzeitig den Leser - auf den Wieder- 
eintritt des Armeniers vor und zeigt ihn in Verbrndung mit einer Jdion^ 
. heit die nur die Griediin sein kann, und die ihm gegenüber gleidizeitig 
EhrfurAt, Liebe und ein Gefühl der Abhängigkeit zu empfinden sAeint. 
Hier beginnt die Erfindungskraft des DiAters siA bereits von seinen 
Gestalten abzuwenden, auf die erste Gartenszene, Ae mit allem 
Zauber einer geheimnisvollen Morgenstimmung und der gespen- 
stisAen Begegnung stummer Gestalten durAtränkt ist, folgt als Ab- 
chluß der^ieiten dn ziemliA abgeb'-auditer Behelf des Intrigen- 
romans- Der von einem MönA überbraAte Chiffernbne^ Diesem 
danken wir allerAngs noA einen überrasAenden Zug. tr ist, an 
die »GrieAin« geriAtet, in englischer SpraAe gesArieben, worin 
wir eine neue Bestätigung ihrer engen VerwandtsAatt mit der Lady 

Milford erblicken dürfen. , . , . . r- . i. j 

Die erste Gartenszene bringt zugleiA mit der Lrestalt des 
Armeniers auA das ihm anhaftende Element des UnheimliAen wieder 
in die Erzählung, das seit dem Einsetzen der LiebesgesAiAte in 
den Hintergrund getreten war. Das Merkwürdige dieser unheimliAen 
Stimmung ist, daß sie offenbar niAt durA besonders aufregende 
oder fürAteriiAe Ereignisse hervorgerufen wird. AuA solAe sind 
in dem Roman vertreten durA die HinriAtung des venetiamsAen 
Spielers und die fürAteriiAe Aufdeckung des Brudermordes in der 
Erzählung des Sizilianers. Das »UnheimliAe« ist aber sAon langst 
vor diesen Episoden in den Roman gekommen und es dauert auA 
noA an, naAdem sie längst abgetan sind, Überhaupt haben diese 
grellen GesAehnisse eine ganz andere Affektwirkung auf den Leser; 
sie fassen ihn plötzliA und gewaltsam an und bringen ihn unter die 
HerrsAaft einer starken Erregung, die am näAsten der eines Angst» 
anfalles verwandt ist, um ihn dann ebenso plötzliA loszulassen. Das 
UnheimliAe aber ist eine dauernde Spannung, über deren UrsaAe 




Dr, Hanns Sadis 



tl^JZ A "ü^' '''^' 7"'^' ^'^ i^" '^"gsam, Sdiritt für Sdiritt 
\YAv f k ""r ' ^'""'''' ein^enisret, nidit so schnell versdiwindet. 
Wir haben also zwei versdiiedene Phänomene vor uns, das eigent- 
hcheUnheimlidie und das Grauenhafte, die wir auseinanderhalten 
müssen, wenn sie sidi audi zur Erhöhung der Wirkung oft ver- 
schwistern. So hat die als Beispiel des Grauenhaften genannte 
idulderung der Ersdieinung des gemordeten Lorenzo entsAieden 
auch viel Unheim idies an sidi, während die durdi den ganzen Roman 
ausgesponnene Versdiwörung neben den unheimlidien audi einige 
grauenhafte ^üge trägt. Im ganzen läßt sldi aber die Einteilung, die 
wir gemadit haben, redit gut aufredit erhahen, das beweist ein BliA 
n |^"\^"f°''^'l' deren besonderes Kunstgebiet das Beklemmende, 
Duster.Aufregende ist. ET. A. Hofmann und der in seinen Fuß» 
stapfen wandelnde Hanns Heinz Evers bevorzugen das Grauenhafte, 
wie sAon die Anzahl der Blut= und Missetaten in ihren Werken 
bezeugt. V.lhers d Isle-Adam hingegen und nodi mehr Edgar Allan 
HnLf'1^1'" ^ ''"" ^''"^^ '" ^'^ Geheimnisse des Unheimlidien 
e ner kä " H "!]('"" ^ '" '^^"" ^^^^^" Werken ohne Beihilfe 
House of iL^ ""l'*"^°'"^"'"^^"- E'" Musterbeispiel ist »The 
St^nunl w.lt7 7" °'' '" ^'"^ ^S" A"f^"S an die unheimllAste 
Stimmung waltet der erst ganz am Sdiluß die unerwartete Lösung 
das Grauen hinzufügt. Audi die hrerarkrh^ V„ "neiwaitere i^osung 
haften ist nidit aussdiließliA auf das S off^I tr'*^ '^'' ^/^T 

Werke beweisen, in denen Je nlufun/^ V^"'''' ''', ""' ^^f''f 
entge?engespt7fP Immlc^. c? "aurung der Greuel keine, oder die 

k:n'g7erw:l4u"Ä Die Illusionswir» 

blidiliAen Verwedislung mi def WH St .^^ ^'^ ^''^ uT' '"^'"" 
Abstand von d^r t.M^c.1 J / Wiilvlidikeit beruht, hiebt stets im 

Tn 'rtir'iet G^"at;Ä'^d;r"# ,^™"T'^''" ti f^^^^^f 

die ästhetische Tedinik 'st ! Hd.« ^ '''^""1 'V'"P^' '^'^^^ kenntlidi, 
audi das psyAoIolle LmI*'''" /''T^'S'^ ""^ demgemäß hat 
das Interesse wie E I T k ^ ."^^"^^r ^'^ Sdiwierigkeit nodi audi 
Oberfläe au^esptr w^^^^^^^^^^ dessen QueIIen%rst unter der 

mit detn An^staffel t luTt ^""Tr''' ^*°" '^'^ VerwandtsAaft 

ästhetr^er'dftr'tSn " o^r ^^^ '''. ^"^'^ ''' 
des Grauenhaften in die HaZ^ A? a'' ^'^"^"^^" Verweiidtmg 

nidits anderes als ^konVertVer e I ibid"n 'a ^^^^ ''] "^*, ^^/'^ 
drängung ihres positiven'CzdS^trate'f J, '"'^ '" ^''' 
NähelrSr^ÄcSn b-rV^.^^ Edgar Allan- Poe, in dessen 
gesdiiAten« ges^I t habtr- dfs Ä^'t:^"^ ^T ?' '^''"^'T 
als das Grauenhafte, an mehreren S. 11 ^'"'"^ ''^'"'^''' "^'f^'i'' 
Zusatz auf. Ehe wir^i^t di Fra " It d" ""'" l' -^Va t-' °^''" 
zustande kommt, beantwo t« haUn '^^'f ' ""h^'^^die Snmmung 
nsvdikrh^n A/'^r^^^ "Lwuiiei naben, dürfen wir mdit hoffen, die 
audTel dl ?fn^'r->"l"h'''ä^^'?' ^'^ ^^-»^ Werk hervorriefen, noA 

d2 FinS ^ °^'''t' ^"^"l^ss^^n versdiuldeten. 

Uas Eintreffen der Prophezeiung des Armeniers wirkt ent= 



Schillers Geisterseher 



159 



schieden unheimlich, Nun wissen wir bereits daß durdi seine Worte 
die verdrängten WünsAe des Prinzen, die auf den Tod seines Vetters 
^eriditet waren, erhöhte Aktivität erhielten. Wir wissen aber audi 
was die gewöhnlidie Reaktion eines Mensdien ist, dem der Zufall 
Jnen derartigen WunsA erfüllt. Er wird - je naA dem Grad, 
in weldiem er zur Neurose neigt, stärker oder sdiwadier - von 
SAuldgefühl befallen, d. h. also, er stellt siA dem Ereignis so gegen- 
über als hätten seine Wünsdie genügt, um es herbeizufuhren Das 
SAudeefühl, das in der Brust des Prinzen und durd. die Identifizier 
r^g mit ihm, die zu den Voraussetzungen des EindruAes eines 
Kunstwerkes gehört, auA beim Leser wachgerufen wirc^, ist an die 
Annahme e?ner »automatisdien WunsAerfüllung« gebimden und von 
d^Tser sXint die unheimlidie Wirkung auszugehen NaA ,ener grauen- 
haften Episode, die den Prinzen von der Mordabs.At Jy^^^'^"- 
saS Spielers befreit, findet der Prinz, daß eine Botsdiaft des Ar. 
menLs sdnen Wünsdien zuvorgekommen ist, indem sie seiner 
Suitf die Unruhe und Nadisudie nad. ^^m, die vieleidu unan- 
genehmes Aufsehen hervorgerufen hatte, erspar Es handek sich 
Sesesma? um einen unsdiuldigen und a.iA niAt -hr wiAtigen 
Wunsdi, aber der Ansdiein, als hätte das WunsAen ,a das b\oU 

Denken des Prinzen die Madit, die ^f ^"^'^ "J^ /^^'XTbe^so 
fallen in Bewegung zu setzen, ist nod. handgreifliAer und ebenso 
de unheimliAe EindruA. Von jetzt an häufen sA für den Prinzen 
die Anzeigen, als ob seine Gedanken und Wünsdie all|>", «tari^ 
g^,ug wären,'die Welt zu verändern Er verliert einen SAIusse 
den er nur ungern vermißt, und findet ihn in emer Tabat.ere d^e 
er in der Lotterie gewinnt. Er denkt an den Armenier ""d ^rbhAt 
sL leiA seine Gestalt in einem vorgehaltenen Spiegel. Alle diese 
VeranTraltungen, die den Prinzen zur Bitte um die GcsterbesA^o- 
rung veranlassen und seine Stimmung vorbereiten sollen, haben also 
nidit bloß den Zwed<, das Gefühl in ihm zu erwecj^en das er n.,t 
den Worten ausspridit: »Eine höhere Gewalt verfolgt mich. AlL- 
wissenheit sdiwebt um midi«, sondern vie mehr nodi den, den Frmzen 
zu überzeugen, daß diese höhere Gewalt in seinen Diensten stehe, 
diese Allwissenheit seine eigene sei. Das wird denn audi von dem 
sSlaner in dem Gesprädi, in den. er sid. um die Vornahme der 
Be Awörung bitten läßt, ausdrüddid. hervorgehoben, Dadurdi, daß 
er Sit wie ein gemeiner Charlatan, der er im Grunde .st, seine 
eigenen geheimen Kräfte anpreist sondern sie dem Prinzen zuteilt, 
beweist er eine Feinheit der Psydiologie, die niAt ihm, sondern nur 
seinen Auftraggebern angehören kann. Er sagt im entsdieidenden 
Moment- »Idi sdiätze Sie über alles, gnädigster Prinz Eine geheime 
Gewalt in Ihrem Angesidit, die Sie selbst nodi nid^t kennen, hat 
midi beim ersten Anblid< unwiderstehhdi an Sie gebunden, Sie sind 
mächtiger als Sie selbst wissen. Sie haben unumsdvrankt über 
meine ganze Gewalt zu gebieten.« < ir . . fx 

Wir begegnen hier, im Zusammenhang des Unheimlidten, )ener 



"1 



160 



Dr, Hanns Sadis 



AHmadit wiederum, mit der wir uns sdion einmal beschäftigt haben. 
/\öer wahrend wir sie damals als ein typisches Vater-Attribut er- 
kannten, sehen wir jetzt, wie sie dem Prinzen, der gewiß keine 
Vatergestalt ist, zugeteilt, ja gewaltsam aufgedrängt wird. Es han- 
delt sich dabei allerdings um eine bloß vermeintlidie Allmacht, die 
wirlihdie Madit bleibt in den Händen des Armeniers und seiner 
Genossen,- audi hat diese neue, subjektive, einen charakteristisch 
übertriebenen Zug. Sie besteht nidit bloß in der Fähigkeit, das 
WunsAziel mit unfehlbaren und den gemeinen Sterblichen unzu- 
ganghdien Mitteln durdizusetzen, sondern sie geht nodi viel weiter: 
Uas bloße Wünsdien oder Denken genügt jetzt sdion, damit sidi 
die Dinge nadi seinen Vorsdiriften bewegen und verwandeln, ohne 
daß es der Besitzer dieser Allmadit notwendig hätte, dem Wunsdie 
irgend eine Tat folgen zu lassen. Jeder Umweg entfällt, der Zusammen- 
hang zwisdien dem innern Vorgang und der Veränderung der 
Außenwelt ist ganz unmittelbar. Es ist die Allmacht der Wünsche 
undUedanken, der wir immer dort begegnen, wo den Leser 
die unheimliche Stimmung befällt^. 

A.. £!-T h^^^f^. ?'}, ^'"^"^ Peinlidien Affekt darauf, daß uns 
wf. Tn"?' A?/' y°slichkeit in die Hand spielt, einen AugenbliA 
Grl^ütrr^^rf n'^'^l ?l^f "^^^ ^" S^ben, ist im höAsten 
kde Getnht t'" J ^.'^°^" '/*i ^"Srüßt der MensA mit Freuden 
an di?GS t- Jl T""''"*, °^^^ ^*^'"bar in dem Glauben 
te"l zutrift so ^'Ä*' ^'l'rH^" kann. Wenn hier das Gegen- 

das Zepter ist gewissermaßento sAwet, 'S'^TZrArriTes 

kräften unangemessen Srd und L'"^'^^'T" ¥,^'^^ ^^'"^" ^'^^^"' 
ursadite Lustempfmdun^Tn ihr Gel„rT ^^^^^ Maditerhöhung ver- 

Unheimlidien ist der A^drud daför Sß 7 xf^''"i"' ^'^"^^ -^^ 
Gottähnlicfakeit bange, geworden ist' Mensdien .vor seiner 

habenl^'tst'rottSdlAoT'air t^ ^Geisterseher« gezogen 
worden. Er sagt^ "es schHn. A „^"semeiner Befund aufgestellt 

heimliden« solln E^drM "n 'verieihi: ^'"iP^!^^'^^/"^^^"/' 
Gedanken und die animSe n't ' -^"'^l ^'^ allmadit der 
dnimistische Denkweise überhaupt bestätigen 

liAen Eindrud madit, dafür liefern I It^ nidit nur ,ra »Geisterseher« unheim- 
einziger soll angeführt wden/wTeriüher^- ^^^ '^^^°'' ^''^^'' ^"J "" 
Milieu zeigt. In Fontanes ^Unwiede Iw^l Hr^ '".i^'°'"^fn"'l.!^f'r 
*. . . und dann Mittags die z^^f s£e ^ A a^-^' J' ^^T ^^hJ'^M^^ 
die Mitta?selorfcp iron A.. P(- l .. , ^^ ' ' ■ "^"^ 1" diesem AugenbhA schlug 
zusammen / ^'^ ^ ^^^^ ««P^«*^" ^^tte. Beide Mädchen fuhren 

- Totem und Tabu, pag. 79. Anm. 3. 



Sdiillers Geisterseher 



161 



wollen, während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet 
haben.« Von seinem Gedankenkreis aus, dessen Peripherie an unser 
Problem streift, sAcint ein Verständnis erreiAbar zu sem,- wir müssen 
uns entsdiließen, in diesen Kreis einzutreten, . r. .. ,. 

Die für die Existenz des MensAen wiAt.gste Au%abe ist die 
Beherrsdiung der Außenwelt, die Unterwerfung des ««^^^^^ 
den sie seiner Erhaltung, der Befriedigung seiner WunsAe und 
Bedürfnisse entgegensetzt. Die Art, wie siA der Mensch d>e Lo^ng 
dieser Aufgabe theoretisA zuredvtgelegt hat, bildet ^^J f^^^J^S^ 
seiner WelLsAauung. Drei große Stufen '1«'\ ß"^^'™"3„^°"S 
wir untersAeiden, die siA eine über der anderen ^^l^^S^.J^^^ 
von ihnen bedeutet die ErreiAung eines neuen kulturellen Niveaus, 
ohne daß aber ^ie niedrigere Stu^edo^wo^^^^^^ 
abgelost wird, einfaA aus der weit verbuiwuiutL. 
Einstellung der MensAheit ist ebenso unzerstörbar wie die des 
Einzelnen 'und kann wie diese durA die Gunst ^e^ ^rn tande für 
kurze oder lange Frist regressiv belebt werden, ^er KulturmensA 
hat niAt etwa alle jene sonderbaren Sitten ™d GebrauAe de 
»Wilden, heute noA in irgend einem Winkel seines Gedafto.sses 
versteht autbewahrt, sondern er hält da\ Seelenkben und die 
Affektkonstellationen seines Vorfahren im Unbewußten f^t, um ?^"S 
diesem heraus gelegentliA etwas Jenem yersAollenen Rituale Ähnliches 
selbsttätig hervorzubringen, Die AhnliAkeit d^/ V^^^^ote der Zwangs- 
neurotiker mit den Tabu's der Primitiven ist dafür das beste Be spHeL 

Die beiden höheren Stufen, die ^i^^^"^*^«''«^ V"/,;3Tm 
WeltansAauung, bedienen siA zur Bezwingung ^^^^ Äußenwdt im 
Sinne ihrer ^f Aussetzungen, die eine J^e^^^^^^^^^^ 
sonliAen, durA UrsaAe und Jr^oige gesmmieueLcu 
die andere der Gewinnung des guten Wi lens ^^2^ durA Opfer 
MaAt sie SiA die Nature-ignisse ^hangi, deg^^^^^^ 
Gebet und gottgefälligen ^ande . Die ^^s e ^^^^, ^^^^ 

die uns, weil sie von unserem ^"'turbewuutsei ^ ^jj. 

wunden ist, niAt mehr wie die beiden .^^en, zwischen a 
in der Mitt'e stehen, unmittelbar ^erstandliA werden 1 am, ist , 

des Animismus. Dem in dieser Anst,"n!,d beseelt wie er 
jedes einzelne StüA der Außenwelt belebt und beseek wi 
selber, die Natur zeigt ihm, wohin er s.A ^^"^^" '"^^'ß.^^elt m 
Spiegelung seines eigenen lA, Die Veränderung der ^f^^^^^^ 
naA dieser Theorie außerordentliA leiAt fallen, ^^""^ V^^'^^^^'^,, 3 
des eigenen lA, das Denken oder, da von abstraktem Dento hier m^t 

wohl die Rede sein kann, das Vorstellen des S^^""^*^^" J °sT wS 
muß mit dem Vollzug dieses Vorganges zusammenfallembo weit 

ist allerdings der Primitive in der Praxis n'Af/egan?e"' ^^^J^^^^ 
auA der MensA des religiösen Zeitalters niAt mit der Gunst de 
Götter begnügt, wo er eigene Werke hinzufügen kann Atjr^a 
der ältesten feeAode der versuAten Wirkung über ^ ^ J^^^^j^ 
Grenzen der eigenen Körperkraft hinaus laßt siA die ihr zugrun 

Ima<to IV/3 



i 



163 



Dr. Hanns Sadis 



liegende animistisdie WeltansAauung nodi unsdiwer herauslesen. 
Uiese Methode ist die Magie, die von den Ethnologen die Tedinik 
Oder Strategie des Animismus genannt worden ist. Sie begnügt sidi, 
um einen bestimmten Vorgang herbeizuführen, zwar nidjt damit. 
Ihn zu denken aber sie glaubt das Nötige getan zu haben, wenn 
sie Ihn spielend nadiahmt oder an einem Ding vollzieht, das mit 
dem eigenthdien Objekt nur in den eigenen Gedanken in assozia- 
tivem ^f^usammenhange steht. So leeren die Ainos ein paar Töpfe 
aus, um Regen zu madien, oder — ein auf der ganzen Erde ver- 
breiteter Brauch — man tötet einen Mensdien, indem man sein Bild 
oder etwas, das mit seinem Körper enge verbunden gewesen war, 
f'^j ,^\n"" Speiseabfälle, Haare, Fingernägel oder Kleider, miß- 
handelt. Mensdienhaare sind deshalb ein ständiges Requisit der Magie 
^worden,, audi der Silizianer trägt bei seiner Besdiwörung »eine 
l^ette von Mensdienhaaren« um den Hals. Sdion der bloße Name 
einer badic kann an ihre Stelle treten und deshalb gibt die Kennt- 
nis des Namens einer Person eine gewisse Madit über sie, Dieses 
Mudi aus dem Glaubenskodex des Animismus ist als Märdien- 
Zh^nA-J uvu'''"'' ^°* '^"'"^ ^« a"A noA darüber hinaus 
dertl.lt 7 ^^ /"■"• J"^ »Geisterseher« bleibt der Name 
Mt ir::Z%t:BZtt£iS.£'' ^eschide unbekannt und er 
Dreiszuppbpn »n^r^T T ^ 'ifianers, statt audi nur einen falsdien 

^tZT^uLz^r^^^^ "^""^"- Allen diesen Fällen, 

s™nhTn|e?'m t der'wIrfLt-X""^*^"^ ''' ^'^'^l'" ^"-' 
des Denkens divL.f ^ Wirklichkeit zugrunde, eine Ubersdiätzung 

Z SdXturüdgeht" ""P^""SliAen Glauben an die AllmaAt 

glaube'^s'erhlLr';^°^£'*p'" Voraussetzungen dieses AllmaAts- 
der ältesten Formel dir p^''"^ dj Auskunft, daß sie auf einer 
zissmus, das ist d?m Festhalten 7"^,-Ä- ^'^^^? ''^™^^' ^^"^ ^^''' 
Idi. Langsam und nie resdos .tr? ff''°'^^ Interesses am eigenen 
weit ab, die daher zuersJf'^^^^ Interesse in die Außen- 

Abbildern des eigenen U K ^ u "''^'"seben und dann mit lauter 
nur theoretisAes,^ Stadium JZ ^H' '° ^^ßt sidi ein, natürlidi 

Ranken herstellen. Äente^RSn ttd? ^'-^^} ^^^^T 
der Libidofixierunj? und H.v a/n l ^"rdie narzisstisdie Stufe 
Kulturmensdien a^ gemeinsamef R f"^ "^^S^'^en ergeben beim 
in deren Wahnbildung^ die Tah" acS'!!" ^^n T% Geisteskrankheit, 
vortritt, Die Phantasif des ParaÄ« ^f^f^« "^äditig her- 
er soviel AllmaAt einräumt daß er ? ''°" ^^'. Versdiwörung, der 
danken wegzunehmen und unterznU f.'""'-""^^ ^'^"^^' ''^^ ^e- 
ideen des .Geisterseher« nolIuT.rJ,' '% "''^ ^^" Allmadits- 
anfängM angenommen haben ^Tt" T f^^^üpft, als wir 
?roßc SAarfsinn der \1T ^^ '^°''"^" liin2ufügen: Der über. 

^ ^mar rsinn, der sidi ,m paranoisdien System ebenso äußert, 

^ ' Z. B. im Märchen von Rumpelstizcfien in der Grimm'sAen Sammlung. 



Sdiilkrs Geisterseher 



163 



Wie in der damit verwandten Deteküvljteratur m unserem FaUe 
in der Analyse des Geisterbetruges durdi f" P«-'"^"' ' dV, Ge 
uns den Beweis liefern will, was mit der bloßen Wf ^ ^^f Ge; 
dankens ohne andere Hilfsmittel H"sge"*tet werden kann ein lezter 
Abglanz des von unserem Horizont ^^'•^^^'"^^"fi" ?'f"5'';L'" 

SÄr^ s^^ÄelSef^ ^^^^^ 

wi: rx^:sS^tÄ^"aÄ" Ä^^- 

^"^'' Nad, diesen Auseinandersetzungen wird es vej.s^f ^^^^^^^^^^ 
wir die sidi bietende Gelegenheit, den AHmaAtjlauben wieder 
zu beleben, niAt leidit vorübergehen lassen, ^f^^'^Jl^l^Q^ 
nädisten AugenbliA wieder von uns stoßen und ^ P^'"gJ^;4^„\ 
fühl empfindL, weil wir tief unter ene Hohe ^7" ^;™J| 
und Behauptung der MensAheit soviel Kampf ""^ ^'^e^gu^^^^ 
kostet, leidSsinnlg hinabgesunken und d^ in - J^aI mdt f 
nidit reditzeitig ausgewidicn sind. Das Wort ^^unneimu 
Gefühl außerordentlid. deutlidi, mit dem die Seele ihre langst ver 
lassene Heimstätte wieder betritt und mit einem J^ " 1 fs^^^^^^^ 
den Fuß gleidi von der Sdiwelle zurüAzieht. Bei der ^^^^^^'^^^^ 
Verwertung des Unheimlidien dauert ^er Kampf gegen den Anrez 
2umRüAffll in denAnimismus solange, ^is die AllmaAt auf natur. 
lidiem, d. h. der wissensdiaftliAen Stufe entspredienden We|e ^J^ 
geklärt oder beseitigt wurde, daher kommt es, '^^l^^'^^Zmm. 
UnheimliAen beim Lesen die Form der P^'"^'*^" f P^f"^,"/„Hei3< 
Im Leben gelten alle diejenigen Dinge vorzugsweise als >>unh^mil* 

weldie dem Mensdien die Fähigkeit zu geben i*^ "J^;^ J^^^Szu 
dui^ seine Gedanken, ohne EinsAahung von Zwisch^nu.^^^^^^^ 
wirken, wie die Suggestion, die Hypnose un ^^^ 

sogar auf den Tasdienspieler geht ^/" /^Tf jj'^"" ^Zauberei, die 
UnheimliAe im e-ientlidien Sinne^g^/- ^^^^^^^^^^^ ,,„',,,„ 

audi in unseren Tagen noA keineswegs Oberbleibsel der animisti- 
als das letzte völlig unentstellt S^^^'"^^^^^.^^^^^ unter allen 

sAen EpoAe trotl der ^^k^^TTv^ftZirt 
möglidien Formen und Namen frohlidi ^««exi^"?^;; ^j^ anderen 
Das UnheimliAe kann siA, ^'l^'' ST^'"" ^^.^ ^e llötzl^ 

Wirkungen versAwistern, d^^^^t^'^^^Änller gleiAgültig^^ 
realisierten WünsAe und Gedanken "j^^ banaler, gie g S 

Natur waren. Handelt es siA ^"^ T'^'Z^'t^ZemJ^n den 
PersönliAkeit verworfene TodeswünsAe w^^.''.^' X^« so zieht 
Vetter geriAteten WunsA des Prinzen im =^.G^'^*fJf J,'! ^ild dSses 
der AllmaAtsglaube ein SAuldgefühl naA siA • ^^^^o^^^^^^^^^ 

SAuldgefühles finden wir in dem Sühn-- """"f ^f^^ZT-HZtmvölker 
mit de'm siA die in der Welt des Animismuslebenden^^^^ 

naA dem Tode teurer Verwandten zu "«'f ^^^/"^^ "J^SS^ 
DurA die Phantasiebefriedigung verdrängter sadislisüi 

1 i* 



ir 



164 



Dr. Hanns Sadis 



Tnebregungen entsteht das Gefühl des Grauens, das mit den Voraus- 
setzungen des Unheimlidien Icidit genug zusammentrefFen kann, be- 
sonders wenn es sidi um TodeswünsAe, sei es gegen nahestehende 
und gehebte oder gegen fremde und aussdiÜeßlid» gehaßte Personen 
handelt Danadi läßt sidi leidit der Fall konstruieren, in welAem 
unheimliches und Grauenhaftes gleidizeitig im höAsten Maße ver= 
treten sind, nämlidi die Geisterbesdiwörung, Die Ällmadit der Ge- 
danken legt mit ihr die stärkste Probe ab, da sie den uncrbittlidistcn 
und sdihmmsten Feind mensdilidier Wünsdie, den Tod, besiegt. 
JNidits trifft tiefer und ist sdiwerer aufzufassen als die Unwiderruf- 
UAkeit des Sterbens, ja letzten Grundes bleibt sie ewig undenkbar,- 
darüber zu triumphieren, ist der hödiste und ersehnteste Maditbeweis. 
iJas Urauen wird durdi die verdrängte und in Angst verwandelte 
Wunsdiphantasie gewedt, für die Tod und Töten zusammenfällt, 
um so mehr als es sidi bei Geisterersdieinungen fast stets um auf 
gewaltsame Weise vom Leben Gesdiiedene handelt. Das Sdiwelgcn 
in Grausamkeit wird erhöht, wenn die Geister, wie der ermordete 
tjeronimo, noA die Spuren ihres sdiredlidien Endes, Blut und 
StT Sllf r^'",- ^"*^^^'- ^""^^^ Hintergrund des Sdiuld- 
LenimÄ ' ' t \^^^''^' "«i^t soldien ersdieinen, die 
Ihnen im Leben mnig, aber nidit ohne Zwiespältigkeit des Empfindens 

vor dene'n sTAdi' W-.r^"p^T^^^" '^'^ vLto'rbeLn Verwandten, 
vor denen siA die »Wilden« fürditen, bis zu dem Geist von Hamlets 

i^A d"; Ruhe rr\"*^"^^^'^^J "«^^ -^^^ verTebSs Si 
deren von LieL 1^^ ^' '°"t™ ^'^ ^^^^^rte Seelenruhe jener, 
wünsAlhat ztl^t ^^'"'' ""^«^"«^er Haß ihnen den Tod ge- 
wünscht hat, zwingt sie zu ersAeinen 

von di'^feLerrAlrgTn 'unse?'!""? ^'^^' seinen Namen 
fast alle Affektströmungen fes'Werr ^"^'^^^^T' X%'" '1^"^" 
liAkeit und der Allma&laube von ^"^^"^!"^"fl'^ßf"- Die Unheim- 

zur höAsten ^ot.nTltZ^t /url^ T ^^^^^^^^ ^"^'" 

die siA da<! rT,-=,„„„ f .^n '■ ^"/* ^'^ Lust am Grausamen, an 

£mDonentrauf^X . ^"P^'if'^ *^ ^"f ^^^ sadistisAe Trieb- 
samt^tflerEÄ ' Sexualtheorie der Kindheit wieder lebendig, 
Phantasie forZeben/'" ""'^ Ejndrüden, die für die VersAwörer- 
SeislrersAeZ. i'^^r/ ^^' Brudermordmotiv kommt in der 
Sflc V.?^ -j R^I^^iennovelle mäAtig zu Wort, die 
Sn in R ""'i ^'^'"f " ™^ gefeiert da er in beiden 

Fallen den Betrug entlarvt und den wahren Geist zitiert - doA 
If'm'I / " Ablehnung gegen ihn, und alle seine Künste dienen 

sdiließliA dazu, um den Triumph des Sohnes zu vergrößern, dessen 
SAarfsinn ihn trotz alledem als den Spießgesellen gemeiner SAwindler 
erkennt. ° 

Die Szene der GeisterbesAwörung, an welAer der Prinz teil- 
nimmt, ist der zweiten, von dem Sizilianer beriAteten, außerordent- 
liA ahnliA Hier wie dort wird die FalsAung dadurA aufgededt 
und bestrah:, daß der zum SAein besAworene Geist in fürAter- 



Schillers Geisterseher 165 



liAer Wirklidikeit auftritt. Das erstemal gesAieht dies in einer ein- 
zigen Szene, das zweitemal zweizeitig, in aufeinanderfolgenden Er- 
eignissen. Die Urheber der betrügerisdven und der editen ErsAemung 
sind n beiden Fällen dieselben. Die GesdiiAte des S-lgners ist 
eigentlidi nidits anderes, als eine Wiederholung des eben Erlebten, 
dif allerdings naA dem Gesetze der Steigerung "-^J^f^J^S^^^^^ 
Denn während der Marquis von Lanoy den Zeugen ^f B"*^°7^^ 
und dem Leser gleidigültig ist und nur durdi die Freundsdiaft des 
Prinzen und das^Rätsfl sier letzten Worte ^in gewisses ngresse 
gewinnt, löst das im Kreise der Seinigen in ^^'J^^!^',^ '^„Xt 
Lftaud^ende Gespenst des Jeronimo eine durdi die Mit^d un"b^^^^^ 
treffüAer Erzählungskunst aufs äußerte gesteigerte Spannung und 
gibt das längst geahnte Geheimnis des Brudermordes auf de ent. 
fetzlidiste Weise mit einem plötzliAen Sdilage preis. AuA ist der 
Geist des Marquis eigendiA nur ein Fortsetzer 4^^^ ^aukelsp^ls 
der niAts anderes zu sagen weiß, als sein Vorgänger,- erommos 
Gespenst aber ersAeint, um seinem Morder den Preis der Blutta 
nodi im letzten AugenbliAe zu entreißen. Wir haben hier wiede 
den Fall, daß dieselbe Szene zweimal hinteremander das zweitemal 
in ausgearbeiteter und gesteigerter Form uns vorgeführt ^ird ganz 
so wie^ei dem Verhalten des Prinzen naA dem Abberufungsbnef 
seines Hofes und seiner Antwort darauf. So ist auA die Behörde 
in Venedig, die den Mordansdilag des venetianisdien Spielers strafen 

kann, ehe er redit ausgedadit ist, ^^{^^ f^,^'T'^°l" IThMt 
man nur mit verbundenen Augen nahen darf, ihre Sitzungen halt 
eine Doublette der allmäditigen Verschwörung, der Armenier der 
XendS audi als Offizier' der Staatsinquisition auftritt stellt die 
Ciindüng zwisdien beiden her. Am stärksten tritt diese Ver- 
dopplung und Wiederholung in der gegen den Prinzen unternommenen 
xTusAung durdi den Geisterspuk hervor. Es ist das Merkwürdigste 
und OrigTnellste der ganzen BesdiwörungsgesdiiAte, daß dem Betrüge 
des Armeniers ein anderer, niedrigerer als Folie untergelegt is^ der 
mi ihm parallel laufend von derselben Hand gelenkt wird i. Diese 
tamer wfederkehrende Zv^eiheit, die wir von Anfang an, bei der 
Un"" uTung der Quellen bis --Höhepunkt des ersten Jede 

gefunden haben, kann nlAt durA Zufall l"^^^".'^',^! strenge 
Lmmen sein, in dem sidi die Tatsadie, daß SAillerzwe strenge 
und gefürditete Väter hatte, mit einz gartiger Deutlichkeit WKi^r- 
spiegelt. Den zwei Vätern, dem wirklidien und dem Landesherrn, 
entspriAt niAt nur das Nebeneinander zweier Repräsentanten der 
väterliAen Gewalt, des Armeniers und des fürstliAen Oheims, diese 
Verdopplung durAzieht auA sonst das ganze Werk und hat sidi 
in der Erfindung sowohl wie in der TeAnik der Erzählung mit 

' Ähnlidi liegt hinter der Verschwörung Wallensteins die geheimnisvollere 
Octavios, flinter der des Gianettino Doria die Fiesco's versteht, allerdings mit 
entgegengesetztem Ziel. . ,, .. 






ftlli I 



166 



Dr. Hanns Sadis 



EntsAiedenheit durdigesetzt. Der Fall, daß ein Gedankeninhalt audi 
tL^ u ■ ^"sdi-ud^smittel beeinflußt, ist als Medianismus der 

Iraumarbeit von Freud nadigewiesen worden, z. B. bei der Dar^ 
«ellung der Kritik: »Das ist ein Unsinn« oder des >Nein« im Traume. 

wir rinden hier wieder einmal bei der Entstehung eines Kunst- 
werkes dieselbe Arbeitsweise am Werke, durA die der Traum 
zustande kommt. 

Wir sind, indem wir die Tatsadie der doppelten Vatersdiaft 
mdit nur für den Inhalt, audi für den Aufbau des Werkes be- 
stimmend fanden, zu dem psydiologisdien Grundmoment zurüdi- 
geKenrt, von dem wir bei Beginn unserer Untersudiungen aus- 
f Pk?^4 "^Aw"', ^^' unserem Rundgange haben wir Gelegenheit 
gehabt, das Werk von allen Seiten zu betraditen und dürfen nun 
noiren, nadi Zusammenfassung alles Gewonnenen das Kräftespiel 
durchsdiSer "^^"^ plötzlidien Abbrudi des Werkes zu 

w,v nÄ"'^^' dem, was uns das Werk selbst ersdilossen hat, können 
TDon r/r"' widitige Quellen benützen; Den VergleiA, mit dem 
stanln / f' A^'j °d "^^^ ^"' denselben Affekten heraus ent- 
VonendunT5r"f"l.'^'' ^l^T ^'' ^^^^'t am »Geisterseher« der 
Wir haSi-fl.^ '' ^^'•^'" ^r""'^' "'^d SAillers äußeres Erleben, 
denn ärTci.1l''''°p'''r'"''"f^""L'^^^^'^^^" "«* ^^^^ gesprodien, 
sieht"/ daß iSr >"^' ^''.'^j''. ™^^^^"^ Kulturmilieu so undurA- 
ITnnt wL F T "^'l? '"diskretesten Stöbern niAt viel zu ge- 
STe ^r v;M-"'7r^*' f^l' ^'^ ^^"tlidi siditbar an der Ober^- 
nur ienef von ^^'■^"^^Sehoben zu werden, daß nämliA nidit 

FrLSavnnHi! f?^"°'^'"?"e erotisdie Interesse Sdiillers an 
Liebe W r",7°l^^nt^eim, sondern audi Sdiillers erste »wirklidie« 
Til ? T ^""ertypus eingestellt war. Der Gegenstand dieser 
riSt;/'^ ^"'^' anwelAe die »EntzüAung« des Jünglings siA 
hSZl'<il% ^'"^ c'*' '""^^ lugendlidie Hauptmannswitwe Fisdier, 
S!l aJ .. -t f.''?<^^""^^'"^ als Mieter wohnte. Sie hatte also außer 
der Mutterahnidikeit in den typischen Zügen als sorgende Haus- 
trau reiferen Alters nodi eine spezielle Gemeinsamkeit durdi den Beruf 
des Ehegatten mit der Mutter des Diditers,- das Ziel seiner unbe= 
wußten WunsAphantasien, das Versdiwinden des Rivalen, das die 
ungestörte Gemeinsdiaft ermöglidien sollte, fand er hier bereits ver= 
wirklidit vor. Der Einwand, daß der Gefühlsübersdiwang der Laura- 
Uedidite den Stempel des literarisA Überhitzten trage, audi von 
öcmJler selbst später so erklärt wurde, ist nidit stidihältig. War 
audi die Uberschwänglidikeit selbst nidit edit, so war es dodi das 
iSedurfnis dariadi, und je weniger Anlaß der Gegenstand in Wirk- 
lidikeit bot desto stärker dürfen wir den Anteil einer vom Un- 
bewul^en her angefeuerten Phantasie annehmen, audi bleibt die 
latsadie der Liebeswahl nodi immer bestehen und wird nidit minder 
bedeumngsvoll, wenn die ganze in den Gediditen ausgeströmte 
Zardidikeit nur durdi den »Zufall« dieser Wahl mit der sdieinbar 




so wenig dazu herausfordernden Laura in Verbindung gebracht 

lese Auflehnung gegen den Vater >"'' ,^7, r?''L s,rebe" 
^A't J°Be!S''ÄurerfaruÄrnu?tS at%SL 
KotetL'eter vjJtX.! m d,e S.ietat.er verraten, ubeA^ 

wurde der Sohn nod, bei ''"" ^V'll AT.'vlrsKS^^^^i^. 
der geliebte und vorgezogene Nebenttthler «'"^tm Stoff verbrann 
daß%m DiAter die forntende Hand von fff? ='°*jJ™PX 
Lf gen-l-BeS-ng-vtrel' wtil'^e; SlbrTii^^ ^ 

erst der gebändigten Form die bahn ^^^ S'^^i "'"^^^ ^r Dunkel 
Klippen versdiwinden und sind nur mehr ^ .^'^f^^^jf '^.^"^ 
unter der durAsiAtigen Klarheit der O^erflaAe erratbar bo^w^^^ 
im .Don Carlos. zunäAst der Charakter des Don Phi P^ ^^ 
höheres Niveau gehoben, der in der Thaliafassung Brutalität una 
Streng" vereinigt und sein Weib fast mit körperliAer Gewa^^ zu djn 

verhaßten Anblid. der Opfer seines F^"^"^f"f f^f 7£- ^'^ de, 
wird von allen wilden Auswüdisen gere.mgt, das Überwuchern aet 
M tapher ieggesAnitten und der Dialog aus einer Po\l°9^^_ 
S^euzeSleidensAaltlidien Ausrufen in einen gleidimaßig dahm= 
tlnZ Strom von Wohllaut verwandelt. Warum es aber gerade 
slfÄanrdilsen v^^^^ vielen DiAtern gesuAten und so we- 
niti^^ zÄiA n Weg der Rettung aus seiner inneren Wirrnis zu 
bestreiten, diese Frage bleibt uns offen. Sie ist für unsere Unter. 
suAung unlösbar, weil sie niAt bloß die Probleme der durA das 
Leben in Bewegung gesetzten seelisAen Kräfte, sondern auA der 
Begabung und persönliAen Veranlagung enthält, über die wir niAts 
weiter mehr auszusagen wissen. Wir werden am bAlul) noA ein= 
mal an sie heranzutreten versuAen. , r- j ü 

Die andere Auskunft war die FluAt aus der bnge des ta- 
milicndramas: den persönliAen Konflikt in einen politisAen umzu» 
wandeln und dem Ringen zwisAen Vater und Sohn den weiten 
Horizont des Kampfes um die Gedankenfreiheit zu verleihen. AuA 
diese Methode wurde festgehalten und in einer Anzahl von SAillers 
späteren Werken fällt es auf, daß gegen alle sonstige dramatisAe 
Gepflogenheit die handelnden Personen fast gar keine persönliAen, 
nur politisAe Beziehungen zueinander haben. So ist im »Wallen«^ 
stein«, dem näAsten Werk naA »Don Carlos«, nur die Liebe 
zwisAen Max und Thekla und die RaAsuAt Buttlers auf rein 
mensAliAe Affekte aufgebaut, das Zusammen- oder Gegeneinander'^ 



i 



168 



Dr. Hanns Sadis 



Smmr A^ !f" ^"^ ^"'i* ^^'<= P°^^''^^ Stellungnahme te. 

fs T ;Kir.- "l ' "T"t°^5' ^"^^'■"" ^'•"PP^ ^"^^i^t. Ebenso 
a mir ,!:; ^ ^ D^"'r "^i", Leidensdiaft Mortimei^ für Maria unter 
mtoeLr " . " P^'^'\,d'ktierten Eru^ägungen fast die einzige un. 
rdn bi.-T'r *L^''^"^Pf""^- ^"* i'" -Teil« treten die 

Bei dpr aI^I a%meine Beste geriditeten Bestrebungen zurüA. 
und e, tt r ;^?4,^"t^^^ ''' diese Umänderung eingetreten 
Werk Jf •'^'"'aI', "'^'""^"' a^f ^eldiem Weg sie in das 

Werk gedrungen ist Alle die poIitisAen Ideen, die Verwendung 

lande dr/r.^7""^r^^^^"^^^^^^ zur Befreiung der Nieder! 
dem ;>dt tuf^A ^"^ '5 ^^?'' ^^^^' d^^ MensAheitsbeglückung, 

sfad^um ^rTf n '^ ^"^' .^'''^" P'Sur erst in einem vorgerüAten 
Ätadium für das Drama bedeutungsvoll hervortritt 

fünf .SAritte;?/;' J'T'" ^if'"'^ ^/^"^ ^""^ ^Carlos, mit seinen 
wfe dL dem Vat.rl t^"] ^"^^"^il^ngen wissen wir, daß ebenso 
Tal t der Ebof iucf '"3 " abgewonnene Frau nodi ein zweites» 
zweiten verhünerenl.c" ""^'^'^'"^^ ^'^^^^ ^^^^st noA in einer 
ständSmTSe Pr?n"eÄf T? ^^^^^^"/ein sollte. Im Einver. 
zeitig Mi6ewerber des H.m/ 'f ^'' der Dom Juan, der gleidi. 
Figur einesXenBlSsTO t w"'^ der Königin ist. 'oiese 
Gewalt über ihn st offlb. i^'i^ ^"'^"' ^^^' °^"^ ^"^ori^^ 
SAillers für den Va erkonfffh .kf • l?-/^g^^" ^^P'^^ien Formel 
der weiteren Ausirbetnf tL^^^^^^^^^^ konzipiert. Bei 

hnzugekommeneGrnR;^^ • V r-Tf <^^^ Dom Juan und der neu 
ohnedL SSr nÄ^Af°' ^""l" ^^" ^'^^z des zweiten Vaters 
WeL au. i,fr^ k ^f'J' ^^^' ^°"^^ '■" ^^'t vollkommenerer 
geheimen Vpr.^- " ^''t H ^'"»"^"t der Allmadit und der 
S StPrl^ T"L'" den SAIuß des Dramas eingefügt, das 
Ä f r Pf ^'' Mittelpunkt selbständig durd^geführt wurde, 
^Pwnr"7 . t P^^*^' der durdi das Abtreten des Dom Juan frei- 
geworden ist, kann siA jetzt die Gestalt des Marquis entfalten, so 
dal) er, ursprunglidi nur als »Kammerjunker des Prinzen« eine 
Oestalt von der nebensädilidien Bedeutung eines »Vertrauten«, als 
vonwertiger Ersatz für den Ausgesdiiedenen in die Handlung ver^ 
Hoditen wird. Das Motiv ist in sein diametrales Gegenteil umge- 
schlagen, an die Stelle des Bruders als Nebenbuhler ist jetzt der 
zarthdie und sdiützende Freund getreten, der als Bruder deutlidi 
genug proklamiert wird: 

Don Carlos: 



Mein Bruder sein? 

Marquis: 



Willst du 



Dein Bruder! 



SAillers Geisterseher 169 



und in der hödisten Steigerung, an der Leidie des Freundes: 

-=:,:. .■^. :::'-■'■-:. :::■■■ Don Carlos: ■':'-'■'■ 



Ja Sire, wir waren Brüder! Brüder durdi 

Ein edler Band, als die Natur es sdimiedet. , ■ 

Die Feindseligkeit des Nebenbuhlers war gründliA ausgemerzt 
worden, so gründlidi, daß an ihre Stelle die Bereitsdiaft zum Opfer^ 
tod trat: Die^MögliAkeit, ein Motiv in sein Gegenteil zu verkehren, 
beruht auf der Ambivalenz der Gefühle, aus denen es ent- 
sprungen ist. Haß und Liebe, beide derselben Person geltend nngen 
im Seelenleben des DiAters um die HerrsAaft und es braudu oft 
nur eines kleinen übergewiAtes, damit der eme Affekt siegreiA an 
das Lidit der diAterisAen Gestaltung trete, :^f '•^"^/^; Jj^^^/^ 
legene völlig zu versAwinden sAeint. Der äußere Anstoß, der 
den DiAter dazu braAte, gerade bei diesem einen Motiv das siA 
in eine Feier der brüderliAen FreundsAaft umkehren ließ, biter- 
suAt und Haß seiner Kindertage zu vergessen, liegt am läge. 
Kurz bevor er die Arbeit am »Carlos« mit vo lem brnst auf- 
genommen hatte, war SAiller mit einem ihm persönliA Unbekannten 
in eine Korrespondenz getreten, die ihm die schönsten Hoffnungen 
auf die Knüpfung eines innigen FreundsAaftsbundes gewahrte. 
Während die Läuterungsarbeit an dem Drama fortsAntt, verwirk- 
liAte SiA die Hoffnung aufs herrliAste. Der DiAter kam naA Leipzig 
und lebte längere Zeit hindurA unter dem SAutze, teilweise au A 
als Hausgenosse Körners. Zum erstenmal hatte er den ersehnten 
Freund gefunden, mit dem siA seine Seele voH.g verstand 
der ihm aber auA mit zartestem Herzenstakt beistand und, seinen 
Kopf vor den ärgsten Alltagssorgen besAirmend, ihm eine Heimat 
bot. Kein Wunder, wenn der DiAter seiner bisher unterdrüAten 
Neigung, die FreundsAaft — niAt den Freund — mit dem ganzen 
Feuer seines Herzens zu besingen, nun freien Lauf ließ und neben 
dem Verfolger und Tyrannen auA den männliAen Freund und 
BesAützer zu sAildern begann. 

AuA an dieser Stelle, wo die Rivalitätseinstellung von der 
ZärdiAkeit verdrängt wurde, sAwindet sie niAt vollständig und 
spurlos. Was im Seelenleben einmal bestanden hat, ist niAt nur 
vor VerniAtung gesAützt, es kann niAt einmal vollständig von 
seinem Platze weggedrängt werden. Eine »Wiederkehr des Ver- 
drängten« findet siA auA im »Carlos«: ganz gegen das Ende zu 
tauAt, nur zart, aber unmißverständliA angedeutet, als ansAeinend 
völlig neues Motiv die Liebe des Marquis zur Königin überrasAend 
auf. So wird Posa sAließliA doA, was sein Vorgänger Dom Juan 
gewesen war, ein Nebenbuhler des Infanten bei der Mutter und 
zugleiA ein Vorbild des edelsten, bis in den Tod getreuen Ver- 
ziAtes. 



§ I 



170 



Dr. Hanns Sadis 



T.., I . t, f.' *?^^?°« enthält eine poIitisAe Aktion als Mittel- 
punkt, aber alle, die daran teilnehmen, mit Ausnahme des Pedanten 
oer Weihei^t, Verrina, werden durdi rein persönlidie Motive gelenkt, 
^ t . r Tj^ r , ^ Marquis tritt zum erstenmal ein abstraktes 
pohtisdies Ideal ohne persönliAes Nebenziel und gleiAzeitig damit 
t U<^^^n .P'"^™^sdalt als bewegendes Moment in die Dramen- 
welt bdiillers ein. Es sdieint also, daß die in den späteren Dramen 
bAiIlers so bedeutungsvolle Verknüpfung der handelnden Personen 
unjreinander durdi ihre politisdien Absiditen, ihre Gruppierung 

f ?Tn '^^'^^", ^l"^ "'^ ^^^^ d^s neuen Motivs der Männer! 
reundsdiaft entwidelt hat, das viel größerer Modulationen fähig 
ist als das altere, aus der negativen Einstellung stammende des 
iyrannenmordes. Die Vermutung wird nahezu zur Gewißheit, wenn 
wir das Wenige, was als Verbindung zwisdien der früheren und 
FrLnff f ^"^ P°^ J^Fu d^a™atisdien SAaffens gelten kann, die 
untP^rwT' ' ^°" ^^^^'P Versudien, die Produktionspau«; zu 
wltt.r? "^' 'T'!^ ''•°? ^'"'f"^ Gesiditspunkt aus betraAten. Das 
len NaLn r ^Z'^f'^'^^' f »Malteser., knüpft sdion durA 
soL .a^z dJ; V J^'^f-/" ^? y^'-'I"'^ P°«^ ^"- Dieses StüA 
fn hrfr .Iüh.n Xf "i""^x^S F^^^nd^^aft dienen, und zwar 
cMf. ^ glühendsten, leidensdiaftlidisten Form: die Freundsdiaft 

da isf^in^S*" ^T«''^ P^^"^""^^^ vollttLd^^e -tn 
B?ef übe \nön r.T' ^"ß^^""Se" Schillers bezeugt. ^Im dritten 
cSos L Z.?. T r^'uT- ''^^ ^°"ten neulidv im Don 
siaft ein eLn.r -^ ^'J""^'" ^^^'\ ^^'^ I^idensAaftlidie Freund. 

Geml dpi; ti^ ^^ü' ""1 !"^'"' Antwort, daß iA mir das 

S tf ^'^ " 5""'^^^*^'' für die Zukunft zurüAgelegt 

übrSenf'lT '"'^ ^.°* '^^"^''^^^ ^^« ^" dieser Stelle^ d^ 

Sf^c "i^ . ^ unmittelbare Anknüpfung der »Malteser« an den 

T.it • d' -P'V*^ ^^"^ Diditer in einem erhalten gebliebenen 

leile seines Entwurfes: »Eine Episode von der enthusiastisdien 

LieDe zweier Ritter zueinander, davon der eine zu Elmo sidi be- 

j V »i^^^^'g"^ ^^niit' daß der eine, weldicr zu La Valette ist, 

dem (jteliebten nadi St. Elmo in den Tod folgt. Dieses kann ge- 

sdieJien, wenn die Todesopfer sdion abgegangen, und der liebende 

Kitter kann sidb für sidi allein nadi St. Elmo werfen. Man will 

dem La Valette diese Liebe verdäditig madien,- er verteidigt und 

billigt sie, und erinnert, daß sidi der Heroismus nidit zum Laster 

geselle. Liebe der griediisdien Jünglinge zueinander,- Notwendigkeit 

eines solchen Gefühls zwisdien jungen fühlenden Seelen, die das 

andere GesdileAt nodi nidit kennen, denn eine edle Seele muß 

etwas leidensdiaftliA lieben, und das Feurige sudit das Sanfte auf.« 

^TE^SX^'^^'^f^^^lf^^'^^''^''''^^ ^°" Gemütskonöikten 
und Beziehungen zwisdien Männern geht so weit daß in dem 
PersonenverzeiAnis neben den beiden «Piff!! ^' 1 \'^^'" 
Cromü .,«,< <J* D ■ . oeiaen »Kittern, die sidi heben«, 

Crequi und St. Pnest, nur ein einziger Frauenname und dieser 



unter den stummen Personen vorkommt Allerdmgs .st gerade de 

einzige Szene die ausgeführt wurde, die, in weldier Irene, die 

SeTsdfe Skh^^l^ den ^SAauplatz betritt und dur A den Streit um 

fhenBtitzdr: Rivalität zwis^Aen zwei B^f -" -. X^^^E* ."^^ 

Ordensbrüdern - zu heller Feindscbaft entfaAt wrd. In d^serbpis^^^ 

tritt die ewige Wiederkehr des Verdrängten aus der Verd-angung . 

sehr ansdiauliA hervor und läßt erraten warum ^as nteresse des 

Diditers an dem Stoff allzufrüh erlosdi. Sonst sollte das ganze 

Drama nur zwisAen Männern siAabspieen -f^^J „^1 ffi, 

motiv der Auflehnung nidi zu kurz ^-^- ^^ ^.^ ^^,^^ 

war die Empörung ^^^ J'f ^^^egen de j^^^^rdigen Greis ||4 

gipfelte, daß einer von '^'''^^^''^V^Xlrden zwei sAwärmerisA 

das Sdiwert züd^te. Wie im >>Don Carlos« weraen z 

verbundene Freunde vorgeführt, von denen der eine d^/ f^f" f^/ ■ : :|: 

Gebietenden ist und von seinem Va^ m ^^" J^i^f "^itJ dJ; W' 

Aber nidit der Sohn, sondern der Freund des Soh"es treibt de 
Feindseligkeit gegen den Herrsdier aufs äußerste Der Angntt auts 
Lben defvafer? ist zwiefad. gmüdert, durd. die *Ve-d.ebung« 

auf den Freund, dann dadurdi, daß St. P"^^^^^'^ " f 7^'^' ;„" 
er der Sohn des Großmeisters ist, von '^m ohne Haß dem reinen 
PfliAtgefühl geopfert wird. Weit größer noA .st der Abstand vom 
.Carlos« in der Verursadiung äes Vaterhasses, I"/f^^™ 
Drama war der seit der Kindheit her verdrängte Grund, ^^^^^ uns* 
naA dem Alleinbesitz der Mutter, fast offen ausgesproAen der 
S Aleier von dem Unbewußten weggezogen worden, vor der W eder 
SolunP dieses gefährlidien Beginnens hat sidi der DiAter liier von 
all m Anfang In sidiergestellt, indem er alle Beziehungen zum 
weiblidSn cfsAleAt aussdiloß. In dem reinen Mannerdrama, als 
las d.^ "Malteser« geplant waren, konnten alle Einstellungen de 

Brüder unVe^dnande? und zwisAen Vater und Söhnen ohne Angst ^ 

vir e5nem unvermuteten Zusammentreffen mit dem Inzestmot.v p[ 

untersudit und gesdiildert werden \YA,„^f Acr 

Durdi die »Malteser« sind wir auf die zweite Wurzel der 
mit d^m* Carlos« einsetzenden Betonung der Bruderhebe und 
M nnerfi-eundsdiaft gestoßen. DurA ihren Ausbau -rde.!^ Komb, 
nationen und VerwiAIungen ermögliAt, die ")* ^ ™^ .^^^jj J/ ^ 
motiv zu tun haben, das durdi de unvorsiAt.ge Behandlung im 
»Don Carlos« für den Diditer auf lange Zeit »unrnoghA« - tabu 
— geworden war. Der Zwed< der überreidilidien Verwendung des 
neuen Motivs ist die Vermeidung einer VersuAung in der Phantasie,- 
derselben Tendenz dienen bei den Naturvölkern die als »avoidances« 
den Ethnologen bekannten GebräuAe in der tägliAen Praxis 
des realen Lebens. In der AussAließliAkeit, mit der das Interesse 
des Diditers siA in den »Maltesern« den Beziehungen zwisAen 
Menschen desselben, des eigenen GesAfeAtes widmet. Hegt die 
denkbar großartigste Abwendung vom Inzestmotiv, Diese FIuAt 
war notwendig geworden, weil der »Carlos« — den SAilfer später, 



172 



Df. Hanns Sachs 



wahrend der SdiaiFenspause nur mit »Ekel« lesen konnte — allzu 

hettig an den Grundlagen der Verdrängung gerüttelt und den 

Widerstand in seiner ganzen Stärke wadigerufen hatte. Nur durdi die 

tintuhrung des Motivs, das dann die »Malteser« aussdiließlidi be- 

herrsdite, war der freiwillige VerziAt des Infanten auf die Mutter und 

durdi diesen Ausweg die Vollendung des Dramas ermöglidit worden, 

2um »Geisterseher« zurüdkehrend finden wir in seinem ersten 

1 eil jenen Aussdiluß alles Weiblidien, die strenge Besdiränkung auf 

das mannlidie Gesdiledit bei allen Personen der Handlung, deren 

Herkunft und Tendenz uns soeben klar geworden ist. Um sidi das 

Dichten, d, h. die fortgesetzte Besdiäftigung mit den dem Unbe^ 

wulken entstammenden Phantasien überhaupt weiterhin zu ermög^ 

l^f- 7^^^"*^^ Sdiiller im »Geisterseher« ein neues Gebiet zu 

ersdiließen, in dem er vor dem Eindringen des Inzestmotivs ge^ 

sichert war,, dieser VersuA mißlang hier und ebenso ein zweitesmal 

und bdiiller wandte sidi von der Poesie, wenigstens vom dramatisdi-^ 

episdien Sdiaffen und freiem Erfinden, für so lange ab, bis er auf 

erneuter Grundlage beginnen konnte. 

p--ff i^ Gründe eines soldien Mißlingens waren nidit in beiden 
1- allen die gleidien. Das erhellt sdion daraus, daß in den ^-Maltesern« 
eine Hindeutung auf das Verbotene an der Spitze stand, während 

^^^?J R '"^^'^ j^T ^'^^ ^>^'"^'* spät, dann aber in voller Stärke, 
nidit bloß episodenhaft, auftaudit. Um die Verschiedenheit der Be- 
dingungen zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, daß 
das gemiedene Motiv gleidizeitig leidensdiaftlidi gesudit wird. Der 
eigenthdie Anreiz zum Sdiaffen fließt aus den stets wiederholten 
Situationen, in denen die verdrängten Wünsdie ihre Phantasie- 
Detriedigung hnden, freilidi immer in verhüllter, unkenntlidi gcmaditer 
rorm. ^erreißt der Sdileier, so wirken die hervortretenden wahren 
g;Uge als Gorgonenhaupt, das Lust in Unlust verkehrt und die 
t'hantasie des Künstlers versteinert: dieselbe Madit, die seinen Mund 
geoltnet hat, vermag ihn wieder zu versdiließen. In den »Maltesern« 
war das einzige, was auf die im »Carlos« wescntlidiste Lustquelle 
innd^utete mit der Anfangsszene erledigt worden,- der Ersatz, die 
gieichgesAleditlidien Beziehungen, erwies sidi dieses Zusammen- 
hanges beraubt nidit reizvoll genug, um den Diditer an den Stoff 
zu tesseln. In den späteren Werken werden sie in einem erweiterten 
ömne verwertet, die sdiärfste Form der Abwehr, die übertriebene 
Einstdltgen Safz'. """ ^^^^"s-'tigen DurAdringung der beiden 

^..mY.°'^ »Geisterseher« blieb die Erotik zunädist erfolgreidi aus- 
g^'^'°^"""- I" ^^' Rahmennovelle, die durdi ihre Unterbringung 

trachtuni'^ SlriufTJn'"''^^ ' '^^ ^? ^'^''■^"' '^" QbersiAtliAkeit in diese Be» 
crofcAe^n Bezilhnni^^^ ^''^ ^'« leidensAaftliAe Abv^eisung aller 

ausgesproAen ^ "" ^"'"^ '^'^*^" ^^t" ""'J ToAter deutlich genug 



als GesAidite des Sizilianers von dem übrigen unmittelbar Vor» 
tSÄ~^ der Per-n des A-s^ f^^^^^^^^^^^ 

gestellt. Aber hier brauchte, wie wir gesehen h^^^"^ f ^^^^^^^ 
des Dicfifpfs nidits mehr zu eisten,- es genügte, die dramatiscne 
ferm'^tTRä'be;. Tn die episAe umzugießen D. F-unds^aft^ 

anfänglidi nur durch den Grafen von O** "^^^ 'Tter wo d e 
nahmf an dem SAidsal des ?"-- jertreten -^^ Pa -,^wo^ d^^ 

AnhängliAkeit des Barons von F "^^be zugeordnet: .Bis 
ausdrüdidi, wie im »Carlos«, der ^^"^eriieDe z ^ 

auf fees „„glQAIiAe Jahr hab '* /"^^ d / «"e» 7ul 

alteren Bruder in ihm gesehen . . •« ^°™ . < x Pernhaltung 
konnten unmöglidi das ersetzen, was ^^m Werk durch ^ern 

aller audi nodf so entfernt -oüsAen^Jf;^^^^^^^^^ 
wurde denn a les, was in des Uictiters ^"u*;^ KnmDlex ab- 
bedeutungsvoll war und sidi von dem ^^>-^^^^^"^.V^°gf ^ '1- 
trennen &ß, herangezogen, um die Luden -"ff"'f ";£',« wird, 
wissermaßen ein StüA in zweiter Besetzung, ^^' .';^' ^^^^^""J^i^,', 
weil der Protagonist am Auftreten verhindert wird. Daher erklart 
siA das ewige Abreißen und Wiederanknüpfen f/ /'^"f '^j"*;^^ 
das Sdiiller klagt, die Versudie audi l>e^"ß^erweise dem bto«^" 
neues Interesse' z. B. d"rA Einfügung des philosoph.^^^^^ Ue 
sprädies zu verleihen, lauter Kunstgriffe, die rf^^l'\I^^l]^i',Zs 
der Faden nun einmal nidit aus dem haltbaren Material 
starken Triebmotivs gesponnen war. entsdiieden sie bc- 

Die Feindseligkeit gegen den ^g ^J^^' X bis der ur. 
handelt wird, bot keinen hinreidienden ^»^.f^^f/ f^'L^g^stellt wurde, 
sprünglidie Zusammenhang im zweiten ^^j^^e^rnZSSn ist dem 
nur als reines Ehrgeizmotiv auftreten ^"X 
Diditer die sAwierige Aufgabe, unter P^'^^fX^^tzu sdiaffen, 
und zur größeren SiAerheit Jedes Ljebesmot.vs überhaupt z ^^^ 

im .GeiLrseher. in ^^öherem Maße gelungen als g^d^^^ ^_^^ ^^^ 
ersten Entwurf nidit hinausged|ehenen .Ma e^^^^^ ^^^ ^^. ^^^^ 
einen viel energisdieren VersuA ^er Abhil e gern ^^ ^^ ^us- 

dramatisdien Plan,- er gab sidv nidit ff/"" ^^en ß^^'^^""«"" 
sdialtung aller weiblidien Figuren die "^"f f 'X, ,VersAwörung<< 
innerhalb desselben Gesdiledites f "s^"S"taltenJn c^er Qg^^ein- 

haben die Phantasien des Kindes über <^'^. Seh^'»"^" '^^eL an das 
sdiaft der Eltern Ausdrude erha ten, aber ^^"^5^^^^^^^^ Diditer 
Verbotene gerührt. Der vor ^em . ^"^^^'^^"7 JS de" ersten 
trat nodi einen Sdiritt tiefer in die Kindheit -uj"*'^^^^^^ ^ber- 
Anfängen der Objektliebe, die der Mutter S^It, auswe^*ena 
ließ er%idi der Regression bis ^ur Wiedererwedcun^ des U 
an die Allmadit der Gedanken, die auf einer ««* ^J'^gdiillers 
der Libido-Fixierung, dem Narzissmus, ^'^^f^^-^^ßänen gelenkt 
diditerisAes Sdiaffen dieses eine Mal m ungewohnte l^ahne. g 



174 



Dr. Hanns SaAs 



und das Unheimlidie, das seinen anderen Werken fremd ist, in den 
»Lreisterseher« eingeführt. 

Wir wissen, daß alles Bemühen umsonst war. Bei der weiteren 
t'orttuhrung mißlingt die Abwehr des Inzestmotivs, die erste weib= 
iiAe Lrestalt, die zugelassen wird, zerstört den künstlidi aufgeriditeten 
iidmtzhau und der DiAter läßt das Werk fallen, das er bisher 
widerwillig zwar, dodi mit Zähigkeit festgehalten hatte. Da dieser 
und der spätere, sdiwädiere Versudi, ohne Konflikt mit dem Inzest- 
motiv zu diditen, mißlungen waren, verziditet er auf die poetisdie 
Produktion überhaupt und suAt im Studium der Gesdiidite und 
Philosophie die Sidierheit und klare Seelenruhe wiederzugewinnen, 
die seine durdi künstlerisdies SdiafFen übermäßig angestachelte 
Phantasie gefährdet hatte. 

Was hat sidi aber in Sdiiller geändert, daß es ihm möglidi 
wurde zu seinem eigentlidien Beruf als dramatisdier Diditer zurüdc-^ 
zukehren? Es ist zweifellos, daß die ökonomisdie Selbständigkeit, die 
Ihn von fremder Fürsorge unabhängig madite, die glüdilidie Ehe und 
der Kindersegen ihm dabei behilflidi waren,, die lidite und heitere 
Gegenwart, die sein Liebesbedürfnis vollauf befriedigte, milderte die 
ungestüme und gefährlidie Art, mit der seine Phantasie in trüben 
lagen sidi an die Kindheitserlebnisse angeklammert hatte. In Goethe 
j D .^L älteren Bruder, der ihm Rivale, aber zugleidi Freund 
und h uhrer sein sollte, das Ideal seiner Wünsdie, verwirklidit ge- 
tunden Alles das wirkte begünstigend auf die Wiederaufnahme 
'^"^L ^^"^' ^^^' die Aufzählung wird den, der an die psydii» 
sdie Motivierung strenge Ansprüdie zu stellen gewohnt war, nidit 
befriedigen denn al e diese Umstände bestanden sdion längst, ohne 
sidi geltend zu madien, sie können also nur als Disposition gelten 
und ersparen uns nidit, nadi der auslösenden Ursadie Umsdiau zu 
halten. Waren unsere Vermutungen über die Produktionshemmung 
nditig, so wird auA ihre Aufhebung im Zusammenhang mit der 
unbewußten Einstellung des Diditers zu seinen Eltern gestehen sein. 
Im Jahre 1794 war der Plan zu den »Maltesern« aufgenommen 
und wieder beiseite gelegt worden. Das Jahr 1795 bringt eine reidie 
poetisdie lätigkeit, zahlreidie Gedidite, darunter die »Würde der 
brauen« und der »Spaziergang« entstehen — aber nodi immer 
kern Ansatz zu einer entsdiiedenen dramatisdien Produktion. So neigt 
M ^^\y^9\ ^^^ Xenienjahr, dem Ende zu, ohne in dieser 
Hinsidit Wandel zu bringen, die dramatisdie Poesie, der eigentlidie 
IVern in bdiiUers Künstlersdiaft, sdicint zu weiterem Sdilummer 
^'""^ 1 -^"^ ^- Sep;^"iber d. J. stirbt der Vater des Diditers, 
die Nadiridit erreiAt ihn am 19. und am 22. Oktober, einen Monat 
If?' u.. /"■ '^'^ Kalendernotiz »an den Wallenstein gegangen«. 
Nodi hatte der wiedergewonnene Sdiaffenstrieb nicht die volle 
Stetigkeit. Er sprang wiederum zurück, wohl nidit mehr aussdiließ-- 
hdi ins Lyr^die, sondern in die dem Dramatisdien näherstehende 
erzahlende Diditung, Es folgt das Balladenjahr, 1797, und erst am 



Schillers Geisterseher 



175 



2 Oktober also fast genau nadi Ablauf des Trauerjahres, ver^ 
.eiAnet de; Kalender: 'wieder an den Wallenstein gegangen. Von 
nun an hält der DiAter mit seiner ganzen Energie an dem Drama 
fest, einen Monat später, am 2. November, ^^^^^'Zf^Z dtln 
umzuformen und Lbeitet n.it ^^^J^^^,^^^X'l^^^^^^^ 
fort bis zur Vollendung am 1/. März l/yy. ^i' -nr^men lösen 
sdiließt siA fast unmittelbar die »Maria Stuart«, d^I^amen'os^^^ 
einander von da an ohne UnterbreAung ab, '" "^^)^^^™; V°d 
Zession folgt ein Werk auf das andere, bis mit dem frühen lod 
des Diditers der Zug abbridit. . j| ^j 

n^ß fipr Tod des Vaters imstande gewesen sem sou, aie 

iahrel£fe^Sr^iiS:.s.eI|^^ 

^rste^lä^nVtle^^^^^^^^^^ 

Gefühlseinstellung gleidizeitig geliebten und gehaßten ^^^.^eY X' 
SAuldgefühl und Selbstvorwürfe von denen man memen^ 
daß Sil einem erhöhten diAterisAen ^d^aifen "^Jt S^^^^'S^^^^^^^^ 
Dies müßte um so mehr für einen Fall gelten, ^e» d^n^ d^^ ^«^^'"Se 
gangene ProduktionseinsAränkung die Folge ^^^ ^f^^f^^^^Z 
verworfenen und verdrängten «^^Ji^^en Strebungen war^ Irot^clem 
läßt siA keine allgemeine Behauptung darüber aufs eOen, jj ein 
soIAes Ereignis aSf Ae Verstärkung oder das Absmkaa seelischer 
Hemmungen bei einer sAöpferisAen Natur ^;; f ; ""^jjj^^ ^eS 
Freuds, daß der Tod des Vaters zu den ^^djutun^sv^^^^^^^^^ 
eignissen im Leben jedes Mannes zahle darf uns fuhren, 
übdge müssen wir den persöniAen Verhaltnissen entnehmem 
Die SAillersAe Dramatik beider EpoAen zeg^. ^^^ 
Vaterhaß zwar niAt das minder ^'d^tige aber das ^ m^e^ P ^ ._^ 
StüA seiner verdrängten WünsAe war das fas '«^ ^ge VersuA, 

deutliAer Ausprägung --der^^^^^ ; J^iS^.le„ sÄSer^u lüften, 
die über das Inzestmotiv gebreiteten dicWeren ^^^^^ ^^^^ 

streng geahndet wurde. D'J, Johne, Ae siA g^ge^^ ^^^^ 

alteren Blutsverwandten augnen, Mnd be ^^^ ^^^^.^.^^ 

Franz Moor, Ferdinand <-a^'°^; X T iebe eines Sohnes, der die 
nur im »Carlos« wird Ae sundhatte L ebe ^' j^„ pjeses 

Geliebte der eigenen Familie zugehörig ^^"^: .^'"J Empörung, die 
Verhalten erklärt siA durA den Umstand daß die ümp^^^ 8 .^^ 

SAiller gegen seinen zweiten 'f.f'^JSi.^Z%erü&. galt und 
wenigstens in späteren Jahren als moraliscn un .^ ^^ Qe- 

keiner Verdrängung bedurfte. So S^^^T '' S Sen den Vater, 
legenheit, den irlrängten und unbewußten Haß gegen^^de^ ^^^^^^ 
von dem diese Empörung unterzundet war, tm un ^.^ 

eines Konflikts in seiner Phantasie auszuleben Dal der n ^^^^^^^ 
im Herzen seiner SAüIer an die Stelle des Va ers ptian 
ermögliAte eine .Rationalisierung« der unbewußten i^em^ ^S ^^ 

gegen das Urbild, dem Fürsten S^I^Hon mit dem Vater wurde 
wollte, denn seine angestrebte Identifikation mit aem 



1 



176 



Dr. Hanns Sadis 



vorzugsweise durdi die Übertragung der Auflehnung vollzogen. Daß 
es im Grunde nidit der Haß des Jünglings gegen den Bedrüdcer, 
sondern der alte Kinderhaß war, der aus den Werken des Diditers 
Hammt, wird nur mandimal durdh die Nebeneinanderstellung zweier 
Vaterfiguren unauffällig angedeutet. Für das Begehren nadi der 
Mutter fand sidi keine ähnlidi braudibare Maske, weil der Mutter 
keine der Rationalisierung so weit entgegenkommende Ersatzperson 
gefolgt war. Wurde dieses Begehren durdi die Hingabe an die 
Phantasie erregt, so blieb es nidit an der Nadifolgerin haften, son= 
dern floß zum Urbild zurüd und erweckte so die Abwehr zur 
größten Heftigkeit. 

Als nun der Vater starb, hatte Sdiillers glüdlidies Liebes» 
und Familienleben und seine Freundsdiaft mit Goethe den Kon^ 
flikten der früheren Jahre viel von ihrer Bitterkeit und persönlidien 
Sdhärfe genommen, sie zu einer objektiveren Bearbeitung »im idea» 
lisdien GesdimaAe« geeigneter gemadit. Insbesondere die Auflehnung 
gegen den Vater konnte er nidit mehr so drüdend empfinden, da 
der inzwisdien selbst zum Vater Gewordene sidi ihm durdi das 
gleidie Los verbunden fühlen durfte. So wurden die Saiten in seinem 
Innern durch die Todesnadiridit gerade stark genug berührt, um aufs 
neue zu tonen. Gewiß wurde etwas dem Sdiuldgefühl Verwandtes 
in ihm waj, aber em Konflikt im Unbewußten ist für die Entfesse^ 
lung der sdiopfensdien Phantasie nidvt nur keine Störung, sondern 

F^bir^n nT^^K '• ^'"'1 ^"[^ '^^^'^ ^'"^ bestimmte^Höhe der 
Erbitterung im Kampfe n.At übersdiritten werden, ohne daß wir 

ITnfalirrV^ f ^rr ^'T ^^^^ -^^^- FesLtzung wird 
jedenfalls die Tiefe des der künstlerisAen Gestaltung zugänglidien 
Empfindens und der Re.Atum an schöpferischer Kraff mitbesLmt. 

Der seehsdie Apparat SAillers, dessen Erregbarkeit die er. 
zwungene Liebesentbehrung und die Unsidierheit eines Wanderlebens 
vo er Plane und Enttausdmngen gestört und krankhaft gesteigert 
hatten, war zu vollem Gle.Agewidit zurüdgekehrt, neben dem Glüdc 
dieser friedevol len Jahre verdankte er dies wohl deinen die höAste 
geistige Disziplin fordernden Studien und Arbeiten. Die beiden 
Auskunftsm.ttel, zu denen Schiller gegriffen hatte, ehe er die Poesie 
verließ, kehren »".der Wahl der als Ersatz eintretenden Wissen, 
sdiaften wieder: Die Phdosophie steht durA den Sdiarfsinn und die 
Systembildung mit der sie das ganze Weltall zu durAdringen 
suAt, der GedankenallmaAt nahe und in der GesAiAtswissenschaft 
wird Ae Bevorzugung des aussAließliA männliAer Betätigung 
geltenden staatliA^poIitisAen Interesses fortgesetzt. Nur ein leiser 
Fingerstoß des SAidcsals war notwendig, damit das Werk seinen 
Gang aufs neue beginne. Viel eiAt hätte auA eine banalere UrsaAe 
hingereiAt, als der Tod des Vatei^, wir müssen uns mit der Tat. 
saAe begnügen, daß der DiAter ihn abgewartet hat. 

SelbstverstandÜA ist der DiAter der zweiten SAaffensperiode 
im innersten Kern derselbe geblieben, der er war. Er wiederholt die 




aus seinem Unbewußten geflossenen Motive un| vertieft s.e man* ^ 

mal so sehr, daß wir erst von hier ^"^in einz^ BeLpiel: Die 
Bedeutung gewinnen. Statt vieler nur e^ emz g^^^^^^P^ ^.^ .^ 
Identifizierung der mütterhdien beliebten mu .^ ^^^^^^ 



mal so selir, dal) wir erst vui. »i^. -— ^-.„zines Beispiel: . 
Bedeutung gewinnen. Statt -1- nur e. em ig^^^^^^ ^.^ 

Identifizierung der mütterhdien ^«''^J'^^V: Rfldern und im ers 
»Geisterseher« in der Episode mit den drei f'l^r"^^^ria Stu^ 
Erblidi"" -■" ^'>i- Kirrtip angedeutet ist, wira in ^f ,^j^^ „„f«<:pl 



iucmuizierung uei uiulich.^-^" ■ j Arpi Bildern und im eiiicn 
»Geisterseher« in der Episode mit den are »]^aria Stuart« 

Erblidien in der Kirdie angedeutet ist, wird in ,^ gefesselten 
verwendet, um dem Ende des ««"^ ^" ?,"'£ 
Mortimer die Weihe des hödisten Pathos zu geben. 

.Die von der -^^f^\^^jj^' gewendet* 

Treulos, wie von der h.mml.sdien g ^^^ ^_^^_^^^ ^^^^^^^ 

>is er sein Sterben nur als ^^s Eingehen zu ^^^^^^^ ^.j. j^^. 

:mpfmdet, in der die angebetete Frau, die er ^e 
leiligen Mutter, zu der er sidi rettet, verscnmi 



bis 
em 
h 



pfindet in der d^^ angebetete hf au, ^^ -^ji,,.. 
ligen Mutter, zu der er sidi rettet, vei 

»Geliebte, niAt erretten k^f'^^' lJ/*U„. 
So will idi dir ein männliA Beispiel geben 

Maria,_heil'ge, bitt' fär r^A j^j^^li,,h Leben.« 
Und nimm midi zu dir, in utiu 



Und nimm midi zu dir, in dein wnimn^.. ^ ^^^ ^^^ 

Aber nidit dadurdi, daß ^^edie in Jen -^^^^HJ^f,, LiAt 
ersten Zeit fixierten Motive in ^'^f ^/^Sn« anhebende Periode 
stellt, leistet die spätere, mit dem ^Wallensie ^.^^ ^^^^ jg„„ 

das Meiste zum Verständnis Jener K.ampte,- sie s ^^^^^ ^^^ Diditers, 
in mandien Werken läßt sie die Vorgange in ^^^dlungen als 

die Konflikte und die von ihnen herbeigetun ^.^ ansdieinend 

Gesdiehnisse der Außenwelt ^or uns sidi absp ^^^^^j^^^ 

frei erfundene Handlung, die aus der i""^"^^; jj^ien Verwidilungen,- 
nd rli^ Tr3..r A.r von uns ersdilossenen seensa . gtisdien 



frei erfundene Handlung, die aus der P^^^"^^' jl^ien Verwidilungen,- 
sind die Träger der von uns ersdilossenen se^lis ^^^ ^ramatisdien 
der Widerstreit der seelisdien ^''°'^f^,fItXL<han\i<he Gestalten 
Knoten, nadidem er sidi in für d.e Phantas|:^.^ der Entstehung des 
und Situationen verkörpert hat. So ist zur j^^^^j j^altene Phan- 
»Geisterseher« und »Don Carlos« Ae ste ^^^^^j^^^ft umgewan- 
tasie des Bruderhasses in Je^S. 1 1 dS durdibredienden sexuellen 
deh worden, der durdi die Grfahr j^^ g^^Jf.Hes in den früheren 
RivaÜtät nodi immer die Möglidike.t eines Ku ^^^^^ ^^^^^ ^^, 

Haß drohte, Dieses StüA aus <l^'-^^gSa<< S^'"^'^*' 'T^T Z 
SdiiUer zum Thema seiner »Braut Y?"^''!' Versöhnung durdi ein 
die inneren Wandlungen zwischen Hai) un ^^^ »Jungfrau von 
Brüderpaar verkörpert darstellbar ^^^^^.^^^^^ beruhende höhere 
Orleans« sdiildert er, wie eine auf ^^ P»^^^^ y^be gehemmt und 
Fähigkeit durdi die Hingabe an eme verb°Kne^ ^j^ ^.^^ ^ ^^ 
dann'nadi einer Pause sdimerzhdien Versagens^^^^ ^^^^^^^^ ,Ien 
Läuterung wiedergewonnen wird - f ^^< »Geisterseher« rekon^ 
wir für seine Produktionshemmung aus dem ^^^^^ daß es 
struiert haben. Es stimmt nicht übel ^u unser ^.^ ^^^^^^^ ^^hr- 
die Anklage des Vaters ist, der gegenube^^^ ^„^j^ 
los und von ihrer prophetisdien Uabe ve ^^ 



•1 i 



Iinago IV/3 



mm. 



178 



Dr. Hanns Sachs 



11 



Der Idealstil der zweiten Epodie setzt also weit mehr voraus 
als einen Fortsdiritt in der Beherrsdiung der Spradie und eine 
gesteigerte Meistersdiaft der dramatisdien Tedinik, er war abhängig 
von der Fähigkeit, die sdiwierigsten Punkte vergangener Verwirrungen 
in diditerisdie Gestaltung aufzulösen. Wir haben das große Sdiauspiel 
einer inneren Entwicklung vor uns, die weit über das bloße Aus- 
reifen hinausgeht, das sonst der typisdie Zug der zweiten Perioden 
zu sein pflegt. Ein Aufsdiwung, der das Einsetzen der ganzen 
Personhdikeit zur Voraussetzung hat, wird fast nie versudit, nadi- 
dem die erste Einordnung in die Umgebung gelungen ist, denn die 
spatere Wandlungsfähigkeit des Mensdien ist geringer als man an= 
zunehmen geneigt ist und geht nur selten 'über eine äußerlidie 
Anpassung hinaus. Es ist sdion kein geringer Kraftaufwand dazu 
"ötig, um nadr Erreidiung eines ersten Zieles freiwillig an neue 
Aufgaben heranzutreten und die Lösung wird selbst von einem 
rasdos Strebenden fast immer nur auf den alten Wegen, durdi 
vertraute Mittel und Methoden versudit. Was die Größe Sdiillers 
ausmadit, läßt sidi am besten erkennen, wenn man ihm den lautersten 
und unermüdlidisten Geist unserer Literaturgesdiidite gegenüber- 
stellt und seine Entwiddung mit der Lcssings vergleidit. Keiner 
hat sidi mit edlerem Eifer bemüht, die Grenzen seiner Persönlidikcit 
zu erweitern, seinen Erkenntnisdrang an immer neuen Gegenständen 
zti prüfen^ Aber oh er nun den antiken Gemmensdinitt behandelt 
oder die Ewigkeit der Höllenstrafen, ob er den »jungen Gelehrten« 
oder den »Natan« sdireibt, er bleibt im Grunde überall und immer 
derselbe, trotz aller Weite und Klarheit des Blidtes in die Enge 
seiner Natur gebannt, aus der es für ihn kein Entrinnen gab. 

• j ^cx i"^^ '^''"^ ^'^ '^'^^^ ^^^ Bntwidclungsfähigkeit sdion 
in der JsAafFenspause deudidi, in der er nidit einem sdilaffen 
Verzidit verhelf sondern, aus der Not im wahrsten Sinne des 
Wortes eine Tugend madiend, der Philosophie und Gesdiidits- 
wissensdiaft den seelisdien Sdiwung und die Künstlersdiaft zuführte, 
die er für das Drama nidit länger verwenden konnte. Audi in den 
"T^" Bahnen strebt er sogleidi nadi einem Persönlidikeitsideal, 
ruht nidit,^ bis er die beiden trodtenstcn Materien, die eine in 
episdier, die andere in lyrisdier Form künstlerisdi bemeistert und 
seiner Eigenart unterworfen hat. Kein bezeidinenderes Wort ist 
über ihn gefallen als jenes Goethesdie: »Jedesmal wenn idi ihn 
wiedersah, war er ein Anderer und Vollendeterer.« 

Völlig wahr ist dieses Wort erst durdi die Überwindung der 
Produktionshemmung geworden. Erst jetzt, nadidem wir gesehen 
haben, wie nah ihn die Gefahr umsdilidi und wie tief ihn ein 
bturz hatte sAleudern können, ermessen wir ganz, was es bedeutet, 
aus soldien Noten die Nötigung zu einem neuen Aufstieg heraus» 
zufuhlen. Ist EntwiAIung nadi der Reife überhaupt eine seltene 
Ersdiemung so war sie in seinem Falle einzigartig. Sein Sdiaffen 
war von allem Anfang auf leidensdiaftlidien Ausdrud, auf Pathos 



SAillers Geisterseher 



179 



gerichtet. Die ruhige Betraditung, die selbstvergessen in den Dingen 
aufgeht, die »sidiere Sinnlidikeit«, die er ^" fernem Freunde Goethe 
so bewunderte, gingen ihm vollständig ab. Für das innere WaAstum 

das langsame Keimen und Reifen, das gedddige. ^"Sr von 
Ideen \As zur riditigen Stunde der Geburt, für diese Dinge von 
denen die Entwid.lun|sfähigkeit abhängt, ^^len niemand ungeagn^^^^^^^ 
als er, der durA einen allzufrüh in volfer niännhAer If^^'^ozn- 
Haß zu einem immerwährenden leidensAaftl.chen S™tempo a^^^ 
gepeitscht wurde. Pathos kann sidi steigern und «'^'^^ßj'* 3^3^ 
und ins LäAerliAe umkippen, er kann semen G^f Semais aus 
und von Niedrigerem zu Höherem überspringen ^^^J ^^^^^ ^"^^ 
siA etwas Anderes, Neues gebären, S A'"^'". ,^ ^^'',,f S' ^^^^ 
imstande, zwei Gegensätze, die siA «"Ye^-^^ | JJ S7nu, 
sdieinen, in seiner Brust zu vereinen. Die Wirkung seine 
auf Pathos gestellten Kunst beruht auf einer über ihr ursprüngliches 
Selbst hinaus entwidceltcn Persönhdikeit. 



ili: 




n 



ii,!. 




'■■ Bücfier. 

Rrkdiisitf äK^^^? D?'''fe GesdiiAte eines poetisdien Stoffes im 
gne*,sAen Altertum. 2 Bde. <587 und 203 S.> Berlin, Weidmann, 1915. 

essP .S" T"^ "^^^ ^/^P"' "^'"^ ^^"'^f ^^""^ fü«- Analytiker von Intcr» 
in LTtlm T ^'fT' ''f.r" 9- ^°^^^^ ^""ädist niAts anderes ist, als 
^islen r.ft?/^" !f 1'" philologische Interpretation. Ist ja docfi die geistes- 
Woß stoffS?'T f^y*^"^lyse schon seit einiger 2eit auf dem We|e, das 
s^ulf.A U^'T^ ^" überwinden und damit das Gebiet ihrer Unter» 
EinfS;> f-1. ' ''f S^^^'S^nZM der mensdilichen Urmotive leicht zur 

de?S "^ ''°""*^' "'** ""■■ "3* ^er Breite, sondern auch nach 

aer liefe zu erweitern. 

E,>c., ^n^ rT* R°^^rts verfolgt den Stoff des Mythus im griediisdien 
vlllXL T ^'^ ^'' ^"t" Mythographen,. die Archäologie wird nur 
mvthofc^rri f"^l'°^""-7Tf^™ ^^f ^^ keine im eigentlichen Sinn 
Seren GmnÄ"'".?™!' '^"^ ^'^^ dem Hauptteil des Werkes, den 
Kiuc£n?1hr!l-'^'T^^f^'"°""^^5^^^^"^ entsprechend, eine 

äeoS Splrta nnt'Ä^rt'*'/A V'"" ^^-J'^S^schiAt. Als soldie erscheinen 
des HeL sehr '-- ^ ^ "- Kolonos). In Attika ist der Kult 

und Attika zei^t uns ffm^n Ü T °?°t5- ?" ^^' Grenze von Böoticn 
deutung! ödfpTs tri« dc^rt au^fn V^rh''! ^"'*"^ ".''" altertümlichster Be= 
als ihr SchützLg X irkr^m H.-f "''"".« "l'f ^^r Erdmutter Demeter, 
ist eine der sd^Ssten ündtSzSeSdTen a"%'''^^^^?.H^^^«^ '^'^''- ^' 
er zeigt, daß ödipus ursprüngliA deÄ„^"^^''^" '" R^^^^ 
daß die bleibendsten Züge diSer mvthiä^ n ^'^"^^»^^ gewesen ist und 
seine Leiden, ihre ErklärLg in dieTr "' " iS"''^'';' ^^'"^ Mutterehe und 
mutter finden, deren Söhne au Ahr/o^r' ^^"^^aft als Sohn der Erd- 
tigsten Stellen ersdieinen in meiner äVkJ! ^^len <p. 44 bis 46,- die wich- 
im 1. Heft dieses Bandes ausgeschrieben) ""^ " ' ^^^""^ ^"^ Kolonos 

An verwandte Vorgänge in der Saseneeschi^t. j • -r 
erinnert es uns, wenn dargeleet wir^ • s^'.'SescnKftte und im Traumleben 
einen mensdilichen Vater bekommt il'T • ' ^^'"«^fkind von Eteonos 
der bei Tanagra gelegenen Stadt Eleon ~:^'°f' ^em einstigen Orakelgott 
wandtschaftlichen Beziehungen der Rr, ^^'"^"'^^'t zunächst durch die ver= 
dann aber auch auf Grund der W«."^""*" ''°<" ^'^°" ""^ Eteonos, 
Heros Ödipus und des Laios, der wiP .«"'"IT^"'*^'*^^ ^«s chthonischen 
Natur hatte <vgl. P. 10 f.). - n:„.r ,f '^.^^'^^''götter ebenfalls chthonische 



Natur hatte <vgl. p. 10 f.). _' Dieser tirtn f. ^'^^"^'" ebenfalls cht 
liegende Vorgang ist ebenso ersdilossen wo f '■^"'*5" Denkmälern 

der Gemahlin des ödipus, hinter Iren IrsZ/*' ^ at"^'P^""^''<^ 

göttin verbiet, wenn anc4i A...^ \t. "^^y^diiedenen Namen sidi dieErd^ 



voraus^ 



göttin verbirgt, wenn auA deren NampJ'k r ,^" ^^'^^" ^'<^ «^^^ ^rd- 
Weitglänzende« bedeutet, mehr oder weni^! f ^ /^"ryganeia, welAe »die 
t7:_ ^L.-i-( TL . weniger rarblos sind. 



liegende Vorgang ist ebenso ersdilossen 4nr!lr^ • a ' — ".-.—- 

A„. r^„^.k(;„ A„. rSA: — t- -^" '^°™en wie die ursprüngliche Natur 

^üenenNam - - 

uf Eurygan^ 

Ein ähnliches Anwadisen dn^r 0"'!^ '^''^'f ''"^■ 
keiner Verbindung stand, läßt sich b^iT c l- T ^"^""^^ mit Ödipus in 
lösung ist etwas ziemlich ImJl JX ^^'".SpV"^ beobachten. Die Rätsei- 
schen Rätselpoesie« <p 57) £'w*^^i* älter als die Blüte der griechi» 
ist ihre Überwindung durch A^j'*^ ^." '^^^ Epi^ode mit der Sphinx 

scharfsinnige Sung'eineRä^ser^f' '"^^"S"* ^^^"^ "'^^ ^"■"^ '^'^ 
erkannt hat, eine Tat Trforder ^'' '°"^'''"' ^'^ "^^" ^*°" ^^^'' 




»Der Heros von Eteonos kommt zum Phixberge, tötet ein dort 
hausendes Ungetüm, das dem Lande Verderben bringt, und wird so zum 
Heiland des Landes. Das ist die älteste Sagenform, die wir bis jetzt eruieren 
konnten. Wenn zwischen dieser Tat und der Vermählung mit der Mutter 
einstmals ein Zusammenhang bestand, derart vielleidif, daß audi die Ürd- 
mutter von dem Ungetüm des Phikion bedroht oder gefangen gehalten 
wurde, so können wir ihn jedenfalls heute nidit mehr nadweisen. 

Aber neben dieses Erlösungswerk tritt eine zweite grausige lat, 
die Tötung des eigenen Vaters. Das Kind der Mutter Erde braucht ur- 
sprünglidi keinen Vater gehabt zu haben. Erhielt es aber einen, so konnte 
es in der Naturrcligion nur ein ihm wesensgleidier sein, der alte Jahres= 
gott, den es ersdilagen muß, um selbst zum Jahreskonig zu werden wie 
Heus den Kronos entthront. Audi die trecenti Juppiteres sine capit.bus des 
Varro gehören hieher. So gab man ihm den Sehergott Laios von E eon 
-um Vater. JährliA ersdilägf nun ödipus den Laios, f^^\^^J^^^^\ 
siA mit der Mutter. Ein kausaler Zusammenhang zwisAen <1^'" J^^^ ^n 
und der Tötung der Sphinx hat sAwerliA bestanden. Wir ^"den sehen, 
daß hier das sAwerste Problem für die poetisAe Gestaltung J^^ OJ^"^' 
mythos liegt und daß alle Versudie, einen soldien Zusammenhang herzu, 
stellen, gesdieitert sind« <Robert, p. 58). 

, Es bedürfte einer grundsätzlidien Erörterung ob ^'5 o^'^^.fj ^^^J 

bereditigt sind, bei der Frage nach dem Zusammenhang ^^'«%" ^^^ 
der Sphinx, Vatermord und Mutterehe mit unserer P^y^^^'^^'^^f " ^£"^'^0 
der symbolischen Identität von Sphinx und Mutter hervorzutreten, die dar n 
besteht, daß die Sphinx das mit dem Verbot belegte Ob)f|t,/as >>An«|t» 
tier«, die .furchtbare Mutter« <Jung> bedeutet, die der HeM überwinden 
muß, ehe er die Mutter gewinnt. Diese Lösung wäre ja z'emhA emtadi, 
aber der Zusammenhang müßte jedenfalls auA in der Ebene des BewuI5 - 
Seins nachgewiesen werden. Es würde siA dann ^-e^^ -e'gen da» die 

ferP^i^fÄt^-r^fÄS^sSstr^^^^ 

""'"''Xt^^i'^ des Mythus, der von der Gej.1.^ d.r K^m han. 
delt, das Motiv der schwer errungenen Braut 5"*^J'.^fJ",,flüssig hervor. 
Wandlungen in Sage und Märchen wiederkehrt ersAe.ntub^^^^^^ 
anheben ebenso, daß bei Richard Wagner die schwer errungene ßraut 
hilde zu Siegfrieds Mutter gemacht wird: ; ,, 

Didi Zarten nährt' i<h, 

Nodi eh' du gezeugt, 
:. ' Eh' du geboren. 

Barg dich mein Schild. ■ . 

- ■ So gibt es gerade in der ÖApusüberliefaujg^ahireiAe Punte. ^ 
denen die philologische Interpretation ihren R^'^'^f " .^P '"f " Betraditer 
wertvollen Ausblid zu gewinnen. - Zuweilen '•^2^ . .* '" ^ntierung in 
der Wunsch nach einer einheitlich &f ^teswissenschaftliAen Ur entu^m g 
Philologie und Geschichte, mit dem '^^endigen Austausch der Probleme ^^ 
Erkenntnisse, der erst imstande wäre, unser W^sen vom '"nernji^^ ^^_ 
aus einem Stüdcwerk zu einem Ganzen ^^ «"^^f " . Yf L "eden Wissen- 
samtwissenschaft ohne Psychanalyse undenkbar ist, steht für »ecien 



wSfnIhf ir^'I''*'"i"*' "°* '^°™'"* ^'^ Freundsdiaft zu frühe. 
Wenn ,hr im Suchen euA trennt, wird erst die Wahrheit erkannt, 

nacf, V.H^J^ von Robert sind zahlreidie Atbildungen beigegeben, teils 
d?r öS ä ' P-1''' "^* Liditbildern, die die vriAtigsten örtliAkeiten 

einen heütri,-tT\^7; ^l" ^'T^^S in Phokis, den Kolonos in Athen, 
sSetn fiT ^HP-^°1''°f bewachsenen, von einer einzigen Zypresse be-- 
SS. . " Hugel, dessen poetischer Stimmungswert durdi moderne 
otembrudie etwas beeinträditigt wird. 

EincrpfZ^lT"?VJ^"^'t* '" 4^*" ^"*^ vermissen wird, ist ein genaueres 
Äußeriir^t > l ' ?2'"°^''^/ '^^' bebandelten Dramen. Diese scheinbare 
sammJn . ^"^ü "^"l! ^'"'^"r^ '^'^' "^ "^'^ ^^" innerlichsten Fragen zu- 
sammen, so vor allem beim .König ödipus* des Sophokles. 

dun..n°^7- ^T^R^P^^n?!'^.-/^^'^'"^'^^^ ^^^ Kabbalah./ Mit AbbiJ. 

tfbro'sdfiÄ'?'-: SL'-^^S)" '^^^"' ^^^'^^- ^^^'^ ^^^ 

WisseSrfi JÄ?'''^°''^ J^* es unternommen, eine Bibliothek; .Geheime 
sAuT äwiß Üt f ^'"' ^H' ^' ^'^ t'^f^'-^ psychologische For- 

Bändean sisäln""'"uT'"r Sammlung gehören vorliegende zwei 

'-"^'ViP^i^ KaÄ renttlert?*^ ^^^^^ ^^"^' 

GmndnrinlTr T?(!"fT"' ^J"^^ ^^'-^ ™'"^^^i" ^uf unveränderlichen 
äTf- f '^ V '^i^^^^^\ bedeutet Überlieferung, Tradition. .Diese 
Überlieferung geht nachweislich zurück auf uraltorientalische Gedanken, die 
uns zuerst vor vier bis fünf Jahrtausenden *an Wasserflüssen Babyloniens* 
in astraler tiinkleidung entgegentreten, in der jüdischen Geisteswerkstatt 
aber — und das gilt auch von der älteren Kabbalah — durchweg mono<= 
thcistisch umgestaltet, ausgebaut und auf feste religionsphilosophische Grund-- 
läge mit theologisdier Beweisstützung gestellt sind. Weit über die Sternen= 
weit hinaus, alle Schalen und Hüllen der Materie abstreifend, erhebt sich 
hier der kühne Schwung des Denkens zu den reinsten Höhen des Urscins, 
um von hier alles Dasein abzuleiten.« 

Trotz ihrer kultur» und religionsgeschichtlichen Bedeutung war die 
Kabbalah bisher wenig beachtet; vielleicht hauptsächlich,, weil den weiteren 
Kreisen das rechte Werkzeug fehlte, um sich ihr zu nähern. BischofF hat 
uns ein solches zuerst in seinem kleinen Katechismus »Kabbalah« und nun 
ein weit vollkommeneres in den »Elementen der Kabbalah« geliefert. Der 
erste Band des neuen Werkes behandelt die »Theoretische Kabbalah«, also 
den geistigen Gehalt der kabbalistischen Lehre. Besonderen Wert haben da 
die Übersetzungen einiger Originalschriften, welche uns gleichsam eine neue 
Welt des Denkens und Wollens erschließen. Das berühmte Buch Jezirah 
(von der Formung der Welt) kündet hier, in deutscher Übertragung und 
eingehend kommentiert, seine uralten tiefsinnigen Lehren. Der Sohar, dieser 
* Universalkodex der Kabbalisten«, liegt in einigen Auszügen aus seinem 
urwaldgleichen Urtext sorgsam und verständlidi übersetzt, sowie reichlich 
erläutert vor. Ebenso ist die spätere Kabbalah charakteristisch vertreten, 
unter anderem erfahrt man einiges von dem, was der merkwürdige 



Büdier 



183 



Schwärmer Isaak Lurja über die Seelenwandcrung zu offenbaren weiß. — 
Der zweite Band versudit, eine intimere Kenntnis der WissensAaften und 
Künste der sogenannten »Praktisdien Kabbalah« zu vermitteln und damit 
einen Durdiblidi durdi die magisdie Praxis der kabbalistisdien Astrologie, 
Traumdeutung, Zukunftsdeutung, der Verwendung mystisdier Gottes^, 
Engel= und Dämonennamen zu Besdiwörungs= und anderen Zweien zu 
geben, wobei unter anderem audi die magisAen Quadrate, die Anwendung 
von Amuletten und magisdien Heilmitteln, nidit mmder audi die kabba- 
listisdie Physiognomik, die Chiromantie, der Sdiutz gegen den bösen Blid^ 
usw. zur Erörterung gelangen. Das Sdilußwort behandelt das Vorkommen oder 
eigentlich Niditvorkommen der Ritualmordlehre in der kabbalistisdien Literatur. 

Im folgenden seien nun ohne besonderen Zusammenhang aus dem 
Werk einige Einzelheiten herausgegriffen, die dem psydioanalytisdien Leser 
anregend ersdieinen mögen. 

Wenn der Geist versudit, über die Verstandesgrenzen emporzufliegen, 
wie in der theoretischen Kabbalah, umgibt er sidi mit Bildern der Kiantasie,- 
und diese Bilder tragen notwendig etwas vom Wunsdi leben an sidi. bo ist 
es z. B. eine deutlidie Madit^ und Größenphantasie, wenn es im bohar 
<III, 135 a, b> heißt, daß die <vor der jetzigen) gesdiaffenen Welten des= 
halb wieder zerstört wurden, weil der Mensdi nodi nidit geformt war. 
»Denn die Gestalt des Mensdien sdiließt alle Dinge in sidi, und alles, was 
besteht, hat nur durdi sie Bestand. Da diese Gestalt nodi nidit vorhanden 
war, konnten die früheren Welten keinen Bestand haben, sondern sie fielen 
zusammen, bis die Gestalt des Menschen gebildet war.« Oder <I, 23 a, b>: 
»Alles was der Heilige, Gebenedeite <Gott> gemadit hat, war notwendig. 
So hat er wegen des Mensdien das Gesetz <Thorah> der Schöpfung ge- 
madit. Nun ist aber die Thorah das Kleid der Gottheit. Ohne den Men- 
sdien und die Thorah wäre die Gottheit wie ein Armer, der nichts hat, 
um sich zu bekleiden.« 

Von tiefer Bedeutung mag II, 163 a sein: »Es steht gesdirieben: 
,Du sollst )hwh, deinen Gott, lieben von ganzen Herzem, — d, h., m 
beiden Trieben deines Herzens, mit dem guten und mit dem bösen Triebe. 
Wie soll man aber Gott mit dem bösen Triebe dienen? Dieser ist dodi 
der Verführer, der uns dem Dienste Gottes abwendig zu machen sucht! 
Allein es ist zu bedenken, daß es keinen größeren Gottesdienst geben kann, 
als diesen bösen Trieb zu bändigen und ihn dem Rechttun dienstbar 
zu machen.« Man könnte hier an Sublimation denken. 

Eine wichtige Stelle ist Idra Suta III, 296a: 

»Der Mann i dehnt sich zur Rechten und zur Linken, indem er sein 
Erbe in Besitz nimmt. Aber wenn die Farben sidi mischen, dann heißt er 
,Herrlichkeit' <Tiphereth>, und sein gesamter Körper dehnt sich aus ,eineni 
großen, starken Baume', einem ,schönen und fruchtbaren', unter dem ,alle 
Tiere des Feldes Schatten suchen' und ,in dessen Zweigen die Vögel des 

' Die Gesamtheit der <zehn> weltbildenden Prinzipien <Sephiroth> wurde 
öfters als eine mannweibliche Gestalt oder als ein Baum dargestellt. Die Sephiroth 
wurden so gruppiert, daß einige davon eine männliche, eine andere eine weiblidie 
Gruppe <und wieder andere eine indifferente Reihe) bildeten. Der wcitenbildende 
Vorgang wurde häufig als eine in der überweltlidien Region der Sephiroth sicii 
vollziehende Zeugung aufgefaßt, wobei die obere Sephirothgruppe (beziehungsweise 
ihr Extrakt, die Sephirah Tipheretli) die untere Gruppe (vertreten durch die Se= 
phirali Malkuth) befruditet. — Die zehn Sephiroth sind in absteigender Entwidi» 
lung folgende: 1. Kethef = Krone,- 2. Chodimah = Weisheit,- 3, Binah = Ver» 





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184 



Bücher 



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Himmels wohnen' und ,Nahrung finden' (Daniel 4, 8 f,>. Seine Arme k" 
finden sich redits und links. Im rcAten ist Leben und Gnade <Chesed>f 
im linken Tod und Starrheit <Geburah>. Seine Eingeweide werden gebildet 
durdi die Erkenntnis <Da'ath> und füllen alle Höhlungen aus wie gesdirieben. 
steht (Sprudle 24, 4> ; ,Und durdi Erkenntnis werden alle Gemädier voll • 
Weiter dehnt sidi sein Körper in zwei Schenkel aus, und zwisdien o'^^^" 
befinden sich zwei Nieren und zwei Hoden. Denn aller Saft, alle Kraft und 
Stärke aus dem ganzen Körper des Mannes sammeln sich dort, und alle 
Heerscharen, welche ihnen entstammen, gehen aus von der Öffnung des 
(männlichen) Geschleditsteils ,■ daher heißen sie Heerscharen. Es sind /S'^g 
(Nezadi) und ,Ruhm' (Hod>. Die ,Herrlichkeit' (Tiphereth) aber ist (glejA 
dem Gottesnamen) Jhwh (Herr),- daher kommt der Name ,Jhwh (Herr) der 
Heerscharen'. Das männliche Glied selbst ist das äußerste des ganzen ^°''' 
pcrs und heißt ,Grund' (Jesod), Es ist das Element, durdi welches das Weib 
besänftigt wird ,■ denn das ganze Verlangen des Mannes ist nadi dem Weibe- 

Mittels dieses ,Grund'»Elcmcnts dringt er (Tiphereth) in das Weit> 
ein, in den Ort, der ,Zion' oder ,Jerusa!em' heißt/ denn dies ist der Ort,- 
den die Frau zu bedecken hat, und der beim weiblichen Geschlechte 'Unter* 
!eib' (Sdiam) genannt wird. Daher wird ,Jesod' auch Jhwh Zebaoth' (Herr 
der Heersdiaren) genannt, wie es heißt (Psalm 132, 13): ,Denn der Herr 
hat Zion auserwählt, er wünscht daselbst zu sitzen'. Wenn sich die ,Ma« 
trone' (Malkuth) mit dem ,Könige' (Tiphereth) auf der Höhe des Sabbaths 
paart, so wird alles ein Leib, Denn dann ,sitzt' der Heilige, Gebenedeite 
auf seinem Thron, und alles (zusammen) heißt ,der vollständige Name , 
,der heilige Name'. Gepriesen sei sein Name in Ewigkeit und von Ewig^' 
keit zu Ewigkeit! 

Alle diese Worte habe idi^ bis auf den heutigen Tag vcrsdioben, 
der durch sie für die künftige Welt gekrönt wird. Nun ist dies offenbart. 
Glüchselig mein Teil! 

Wenn die ,Matrone' sich mit dem ,Könige' paart, empfangen alle 
Welten Segen, und alles sdiwelgt in Freude. Wie der Mensdi aus einer 
Dreiheit besteht, und der ,Anfang' (»Kcther« mit Chochmah« und »Binah«) 
aus einer Dreiheit, so ist es allenthalben. Und dies ist der Inbegriff der 

ganzen Leiblidikeit. < t j- r^ ^u^it 

Und die ,Matrone' empfängt die Segnungen nur durch die (jesamtheit 
der Trias ,Nezadi, Hod, Jesod'. Und sie wird besänftigt und empfangt die 
Segnungen in dem Orte, der das Allerheiligste heißt, wie geschrieben steht 
(Psalm 133, 3): »Denn dort hat der Herr (Jhwh) Segen befohlen«. Denn 
es gibt zwei Stufen (sich entsprechende Welten), unten und oben. Wie da^- 
her nur der Hohepriester (ins Allerheiligste des Tempels) eingehen dart, 
und zwar nur von der Seite der Gnade (Chesed) aus, so darf in )enen 
oberen Ort (in das Allerheiligste der ,Matrone') nur jener kommen, der 
,Gnade' (Chesed) heißt, (d. i. ,Tiphereth' als Vermittlung zwisdien Chesed und 
Geburah). Und er geht hinein in das Allerheiligste der ,Matrone' und be= 
sänftigt sie, und sie empfängt den Segen dieses Allerheiligsten an dem 

stand, Einsidit,- 4. Gedullah = Größe (öfter nodi Chesed = Gnade, Liebe, Lang- 
mut genannt),- 5. Geburah = Stärke, Härte (oder Din = strenges Redit),- 6. Ti* 
phereth = Herrlidikeit,- 7, Nezadi = Sieg, Festigkeit, Dauer,- 8. Hod = Glorie, 
Pradit,- 9. Jesod = Fundament,- 10. Malkuth = Herrsdiaft, Reidi. Jeder einzelnen 
Sephirah als dem Ausdrude bestimmter göttlidier Kräfte war ein bestimmter Gottes» 
name, wie Jah, Jhwh, Elohim, )hwh Eebaoth usw. zugeordnet, 

1 Rabbi Simeon ben Jocfiai, der diese Rede vor seinem Tode hält. 




Orte welcher ,Eion' heißt. ,Zion' aber und Jerusalem' sind zwei versAie- 
dene Sen, von denen die eine die Barmherzigkeit <Gnade>, die andere 

'" '"Sef Ve£gen"t"Mannes strebt naA dem Weibe. Dieses aber 
wird webk' <Nukbah> genannt, weil von ihr der Segen für alle Welten 
TuSehT (Naphkah) und alles davon Segen empfangt. Jener Ort heißt das 
Skrheil gste und alle männliAen Heiligkeiten treten dort, w,e gesagt, 
SS esod'> hinein. Sie alle aber kommen von dem oberen Haupte, der 
Siin Hirnschale, von der Seite des ojeren Gebrns wo s.e .hren 

Sitz haben. Und dieser Segen strömt durA ^"f ,§''£< .^f.ße7und der 
Se'ir anDin) bis zu jenen, we Ae ,Heers(haren <Zebaoth> heiDen, Uncl der 
Snze Sfrom der den ganzen Körper durchflössen hat, sammelt sich dort, 
S deshaT'helß; es ,Heerscharen' f-^l'^'^>' ^L'^Atr^^rnZhuZ 
und unten dort hinausfließen. Und der Ausfluß, '^^' ''f,jg' SSh\Z 
durch das heilige ,Jesod' hinausfließt, ist ganz weiß und heil t deshalb ,<^he- 
sed' <Gnade> Von dort gelangt diese ,Gnade' i"/^^^AlIerhe.hgste w.e 
geschrkben steht <PsaIm 133, 3); ,Denn dort hat der Herr <Jhwh) Segen 
befohlen und Leben in Ewigkeit * Tsi^mon ans= 

Nirgends hat sich so sehr der Glaube an d'^ Kraf ^^i- N^^f ^Vf 
gebildet wie in der Kabbalah. Ein eigenes Kapitel des II, Bandes der »Ele 
mente der Kabbalah« gibt darüber Aufschlulj, 

Ebendort findet man auch kabbalistisdie Lehren vom Traum erwähnt 
Die Vorliebe der Orientalen für die Bilderrede kommt ihnen als Entzifterer 
der Traumsymbolik zu statten. »Geschwister werden mit zwei Augen ver- 
glichen, die Mutter mit einem fruchtbaren Ölbaum, infolgedessen wird Inzest 
mit der Sdiwester damit umschrieben, daß ein Auge das andere küßt, den 
Inzest mit der Mutter aber deutet die Redensart an, daß ein soldier Jsunder 
einen Olivenbaum mit Öl begieße, und so erklären sich denn Traume, in 
denen ein Auge das andere küßt oder jemand einen Ölbaum mit Ol trankt, 
als warnende Traummahnungen vor solchen Versuchungen oder als Auf= 
deckung erfolgter Unzuchtssünden jener Art, Von diesen Anstauungen ist 
es nidit weit zur Heranziehung biblischer Vergleidisbilder zur Traumdeu- 
tung: Wer von Inzest mit der Sdiwester träumt, dem wird Weisheit zuteil 
werden, weil <Sprüdie Salomonis 7, 4> die Weisheit mit einer Schwester 
verglichen wird. Hiemit ist wieder ähnlich die Verwendung von Wort-- 
analogien, z. B. wer Ismael <JisdimaeI>, Abrahams Sohn, im Traume sieht, 
dessen Gebet wird erhört werden, weil Ismael bedeutet: ,Gott erhört' 
<Iisdima el),- noch einen kleinen Sdiritt weiter, und wir kommen zur Be-.- 
nützung von Wortspielen für die Traumauslegung; Wer eine Katze <Schinra> 
im Traume erblickt, dem steht eine schlimme Veränderung <Schinnuj ra> 
bevor/ wem ein Elefant <PiI oder Pila) im Traume erscheint, der wird 
Wunderbares <PeIc oder Pil'i oder P'liah) erleben - ähnlich, als ob wir 
sagen wollten ; Wer vom Weine träumt, dem wird Weinen tescfiieden sein.« 

Die versdiiedcnsten Seiten der kabbalistischen Theorie und Praxis 
wurden vom Verfasser berührt. Er hat sich dermaßen in die phantastischen 
Gedankengänge eingelebt, daß er als Übersetzer und Erklärer ihrem Geist 
außerordentlich gerecht wird,- und so darf man ihm auA nicht allzugram 
sein, daß er sidi von ihnen manchmal fortreißen läßt und die objektive 
wissenschaftliche Wertung verliert, wie z. B. wo er <II. Bd., p. 143 ff.) die 
Astrologie über die Astronomie zu stellen für gut findet. Der außer Zweifel 
stehende Wert des Werkes wird soldie gelegentlidie Entgleisungen übersehen 
madien. Herbert Silberer. 



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186 



.Buche 



Cuhul^N^S i^?^ LOMNITZ: Solidarität des Madonna, und Astarte. 
Kultus. Neue kritische Grundlage der vergleidienden Mythologie. 1884. 

und ÄL^5"/°'"'i""^'^''l''"'" ^'^^ ^' "^^^n 'l" anerkannten Weisheit 
BähneTvr^ f. "°*^ "" AT"^^*-^^ Häuflein, das die vorgezeiAneten 
nalZlZ U '■Ti'^''^'^^^^'''' "^* f'-^'^'" Gutdünken der Erkenntnis 
SDre^^n '/r •"* ''''" ?^^"^ ^'"^^ Methode zu fügen. Davon zu 
kenntli^' j^ ""'"j" unter diesen SAwarmgeistern, den Zeitgenossen un- 
d^r SmI'^T ''r f™ft verspottet, wohl audi einer mitsdireiten kann, 
elJZh.I'- tJ^"" ^r^'^" '^'"^'' Epoche huldigt, ist kaum nötig , - 
Mini ß / cr'"',"^' ^""^ «'" ß"'^^ ^"f j^n^' 3" <l^nen man das bessere 
Mittelmaß der Schar kennen lernt, wie bei dem Verfasser dieses BüAIeins. 

T^hrK,. "( Y''^' ^^^ ^" ^^Sinn der Ad, tziger jähre des vorigen 

incil T ^"^^.f^"^^" f i" muß' finden siA überrasdienderweise Ideen 
ausgcsproAen, die von den großen Mythenforschern und Ethnologen erst 
1^.^.° //'^"'rH'''^^"'^ 'Pä^'^ ^"^ ^«"i durch ihre Arbeiten zugänglidi 
fT^ A^^''"^'r^''l?''''"* ^"•■^^"'- ^=^ ungeheuere Bedeutung der Ge. 
PuL nZ-t Erzeugerin und Geliebte für die mythenschaffende 

;,,r n . u ^f^^^' 7''^ hervorgehoben und mit ihr ein großer Teil der 
das n.Tä ""^i'T"'^^ 'yPisAen Symbolik. Auch der Psychoanalyse, die 
S.im 4 T!f^ Fundament aller dieser Tatsachen aufzudecken strebt, 
nSU nl i ^'x'^' ^'^"^^ vorweggenommen zu haben, da es - 
und hin Ä^ A^T^^iTT ^" benützen - die Ambivalenz der Gefühle 
und ihren Ausdruck ,„ Mythos und Religion erkennt. 

einzuri^^n T/" "^'^""^f' -i'" Verfasser unter die verkannten Größen 
Zlie%Z ". f S'^'^f it'g di^ krause Willkür in die Augen fiele, 
soiderflrpfh T °"l" ""'i^i^tiS^n Resultate abgeleitet werden. Be- 
d?e tfährl^ . I"' '^'','"" ^'' unendlidien Fülle ihres TatsaAenmateriales 
de ^efehrlici^ste und zweideutigste Wegweiserin ist, bedient er sich so, daß 

ll^Zn ZI f"f. ^^^'^°'^ hinausgelangt, ohne dabei den Ton apodikti. 
scher Lrewißheit fallen zu lassen. 

Der seltsame Widersprudi zwisdien Methode und Resultat klärt sicf» auf, 
wenn nian in Betradit zieht, daß diese Resultate sämtlich auf der Kenntnis 
des Unbewußten beruhen, das sich hie und da als Affektreaktion festhalten 
lal)t, ohne daß dazu eine abstrakte und intellektuelle Erfassung des Dar- 
gestellten notwendig wäre. Solche Freischärler der Wissensdiaft stehen in der 
Mitte zwischen dem Gelehrten und dem Dicfiter, sie sind Forsdier ohne 
wissensdiaftliche Methode, Poeten ohne Gestaltungskraft und das vaticinium, 
das ihnen aus dem Munde geht, können sie weder verstehen noch deuten. 

Etwas von dieser Mittelstellung bleibt jedem Forscher anhaften/ das Ideal 
der strengsten Wissensdiaft läßt sieb nidit verwirklichen, weil sie der Inspiration 
aus unbewußten Quellen nie ganz entraten kann, wie die ausgezeichnete Arbeit 
von Robitsek über die Entstehung der Benzolringtheorie nachweist. So steht 
ein Werk, in dem wie hier das Riditige und Bewiesene mit dem Falschen 
und Phantastischen unlösbar verschmolzen ist, wenigstens psychologisch be- 
trachtet, der echten Forschertätigkeit auf der einen Seite ebenso nahe, wie das 
phantasielose Verbohren in pedantische Einzelheiten auf der anderen G F 



Bibliographie 



187 



Übersicht der Leistungen der auf die Geisteswissen- 
sdiaften angewandten Psydioanalyse 

soweit sie im Jahre 1915 außerhalb von »Imago« ersdiienen: 

BERNFELD Siegfr.: Zur Psydiologie der UnmusikalisAen nebst Be- 
merkungen über Psychologie und Psydioanalyse. (Ardi. t d. ges. 
PsyAoI. Bd. XXXIV, H. Z.) 

BLÜHER Hans: Über die Sublimierung der Sexuahtat. <bexuaUFrobi. 

X 9> -TL D A 

EMERSOk L. E.; A Philosophy for Psydioanalysts, <The Ps. - A. 

Review Il/i Oct. 1915.) . , ^ ., , .r r.. 

FERENCZI S.: Analyse von Gleichnissen, {Internationale Zeitsdintt tur 

ärztlidic Psydioanalyse III/5.> ■ ■ ■ ^- a. n -c 

FREIMARK Hans: Die erotisAe Bedeutung der spintistisAcn Fersonih= 

kationen. <Intcrnationale Zeitsdirift für ärztliche Psydioanalysc IIl/5.> 
FRIEDJUNG J. K.r Die Erziehung der Eltern. <?> 
GANS M. E.: Zur Psydiologie der Begriffsmetaphysik. <Wien iyi^.> 
HITSCHMANN Ed.: »Der Tod in Venedig^ Novelle von Thomas 

Mann. {Internationale Zeitschrift für ärztlidie Psydioanalyse 111; Z.> 

Schuberts Schmerz und Liebe. (Ebenda ni/-5.> , . , n 

JONES Ernest: War and Individual Psydiology. <The Sociological Rev., 

July 1915.) ^ r-r - tT ,^ (fD"Rf-\ 

Krieg und Sublimierung. {Internationale Revue [ZürichJ ürell hulli.) 

KARPINSKA L,: Über die Psychoanalyse. <RuA Filozoficzny [poln.J 

1914, Nr. Z.> . . ,. T, . IT- 
KELLER A.: Wandlungen der Psychoanalyse und ihre Bedeutung tur 

die Religionspsychologie. {Archiv für Religionspsychologic 11/1.> 
MAC CURDV J. T.: Ethical Aspects of Psychoanalysis. <johns Hop- 
kins Hosp. Bull. Vol. XXVI, Nr. 291, May 1915.) 
NACHMANSOHN M.: Freuds Libidotheorie verglichen mit der Uros» 
lehre Platos. {Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 111, 

1915, 2. H.> < . , f <.,j . . 
PFISTER Oskar; Psydioanalysis and the study of children and youth. 

{Americ. Journ. of Psychol. XXVI, 1, Jan. 1915.) 

PUTNAM J. J.: Human Motivs. {Boston 1915.) 

RANK Otto: Ein gedichteter Traum. {Internationale Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse 111/4.) 

REIK Theod.; Aus den »Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln«. 
{Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 111/4.) 

SILBERER Herbert: Durch Tod zum Leben. Eine kurze Untersuchung 
über die entwidclungsgeschiditliche Bedeutung des Symbols, der Wieder- 
geburt in seinen Urformen mit besonderer Bcrücksiditigung der 
modernen Theosophie. {Beitr. zur Geschichte der neueren Mystik 
und Magie. Heft 4. Leipzig 1915.) 

SPERBER Hans: Über den AflFekt als Ursache der Spraihveränderung, 
Versuch einer dynamologischen Befrachtung des Sprach/ebens. (Hälfe 
1914, M. Niemeyer.) 



iii ■ 1 



II 






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188 



Budiereinlauf 



Bücfiereinlauf, 

(Besprechung vorbehalten.) 

G^n!\?' r"=c?^"'^''*^, MensAhdt. (Berlin 1913. S. Fisdier.) 

W'Braumller) ^^' Begriffsmetaphysik. <Wien 1915. 

^'" KWeirr*°'°^''*' Beiträge. Bd. I. (Langensalza 1916. Wendt ® 

Häberlin Paul: Das Gewissen. (Basel 1915) 

Ihnnger: Der Sdiuldbegriff. (Bern 1915. A. Frandce.) 

ivieissner Herbert: Zur Entwidmung des musikalisdien Sinnes beim Kinde 

wahrend des sdiulpfliditigen Alters. (Berlin 1915. Trowitzsdi -© Sohn,> 
Mensendieck Otto; Die Gral=Parsival»Sage und R. Wagners Parsifal. 
D -f <'^e/P^'S 1915. Breitkopf 'S) Härtel.) 
Keike Else; Die diditerisAe Phantasie. (Diss. Berlin 1915.) 
^If"" Herbert: DurA Tod zum Leben. (Leipzig 1915. W. Heims.) 
Wolff Gustav: Der Fall Hamlet. Ein Vortrag mit einem Anhang: 

Mialiespeares Hamlet in neuer Verdeutschung. (MünAen 1914. 

Ernst Remhardt.) ^