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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXIII 1937 Heft 2"

XXIII. Band 1937 Heft 2 



IMAGO 

y^eitsdirilt für psyJioanalytisciie EyAoloeie 
ihre Grenzgebiete unJ Anwendungen 

OffiziellcJ Organ der Internationalen PsyAoanalytisdren Vereinigung 



xierausjegeben von 

Sigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wald 



er 



Ernest Jones Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. Eine Studie 

über Charaktertypen 

Marie Bonaparte Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 

Franz Alexander . . . . .Die soziologische md die biologische Orien# 

tierung in der Psychoanalyse 

Thomas M. Frencb .... Die Realitätsprüfung im Traum 

'/■ Ren^ Spitz Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 

Siegfried Bernfeld Zur Revision der Bioanalyse 

Imre Hermann Zur Frage der Libidokriterien 

_, , ^BB INTERNATIONAL 

Besprechungen BH psychoanalytic 

^H UNIVERSITY 

die PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf die folgenden gesetzlichen Bestimmungen auf«» 
merksam: 

Bis zum Ablauf von zwei dem Erscheinungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren 
kann über die betreffenden Verlagsrechte (Wiederabdruck und Übersetzungen) nur mit 
Genehmigung des Verlages verfügt werden. Es steht jedoch auf Grund eines generellen 
Übereinkommens, das wir mit dem „International Journal of Psycho^Analysis" getroffen 
haben, jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages der letztgenannten 
Zeitschrift Rechte zur Übersetzung und zum Wiederabdruck einzuräumen. 

Ansuchen um die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in 
einem anderen Organ müßten, um Berücksichtigung finden zu können, zugleich mit Über«^ 
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Die Redaktion 



1) Die in der „Imago" veröffentlichten Beiträge werden mit Mark 25. — per sechzehn«- 
seitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten nach Wahl zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
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Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange^^ 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15. — , für 50 Exemplare Mark 20. — 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.—, „ 50 „ „ 25.— - 

„ 17 „ 2i „ „ 25 „ „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

., 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.—, „ 50 „ „ 45.— 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag axw 
g'jfertigt. 

Preis des Heftes Mark 6.—, Jahresabonnement Mark 22.— 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 520 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1^)6) sowie zu allen früheren 

Jahrgängen: in Halbleinen Mark 2.J0, in Halbleder Mark J. — 



Bei Adressenänderungen 

bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort bekanntzugeben, denn die Abon* 
nentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem Namen geführt. 




I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND AN^\^ENDUNGEN 



XXIII. Band 



1937 



Heft 2 



Objektbeziehungen aus Schuldgefühl 

Eine Studie über Charaktertypen ^ 

Von 

Ernest Jones 

London 

Die folgenden Ausführungen behandeln den Prozeß, durch den eine 
ethische Haltung gegenüber Objekten an die Stelle einer Liebeseinstellung 
tritt. Das geschieht bis zu einem gewissen Grad zweifellos im Verlauf 
jeder individuellen Entwicklung; es gibt aber Fälle, wo dieser Vorgang die 
Entwicklung beherrscht und der ganzen Persönlichkeit ein charakteristisches 
Gepräge verleiht. Der Prozeß geht dann weit hinaus über bloße Gefügigkeit, 
über Handlungen, die gegen den eigenen Willen vollzogen werden, weil eine 
Autorität sie befiehlt oder zu ihnen .':rjdngt. Das kann fast zum einzigen Mittel 
werden, durch das ein solcher MenscK seiner positiven Einstellung zu einem 
anderen Ausdruck geben, Lust gewähren oder Fürsorge für das Interesse und 
das Wohl anderer entfalten kann. Auf welche Weise immer er diese positiven 
Einstellungen manifestieren mag, sein inneres Gefühl ist das einer moralischen 
VerpfUchtung; er zeigt diese Einstellungen, weil er das Gefr" ' hat, daß 
er so soll. Dieses Gefühl des SoUens ist zwar an sich oft verste;...' und sogar 
verdrängt, grenzt aber derartige Einstellungen und Verhaltensweisen scharf 
von jenen ab, die sich spontan aus Freundschaft, Zuneigung oder Liebe exo 
geben. Es mag interessant sein, zu erfahren, welche Bedeutung dieser Sub=« 
stitution in der Charakterentwicklung zukommt, wie sie zustandekommt und 
welche Folgen sie im späteren Leben zeitigt. 

Der Sachverhalt könnte auf einfache Weise beschrieben werden, indem 
man sagt: Die Es>>Regungen können sich bei solchen Menschen anderen 
gegenüber nicht dire kt zeigen, sondern müssen vorerst im Über=>Ich einer 

i) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Manenbad am 6. August 1936. Aus dem Englischen übertragen von Lilly N e u r a t h, Wien. 
Im.go xxm/2 g 



130 Ernest Jones 



umfassenden Modifikation unterzogen werden. Es kann keinen Zweifel dar:« 
über geben, daß dies der Ort ist, wo die Veränderung von Liebe in mora* 
lische Verpflichtung vor sich geht. Auch ist es deutlich, daß eine nahe Bfife; 
Ziehung zum Problem des Sadismus vorliegt, da wir wissen, daß die Ge<> 
Wissensansprüche untrennbar mit ihm verknüpft sind. Ich habe bei solchen 
Patienten immer eine starke Ader von verdrängtem Sadismus vorgefunden. 
Dieser besteht aber zusammen mit einer latenten Fähigkeit zu großer Zärtlich* 
keit vom Typus der Besitzergreifung, die von echter Liebeshaltung zu unter* 
scheiden ist. Wegen des Sadismus ist, bewußt oder unbewußt, starke Angst 
vor der Zerstörung der zärtlichen Haltung oder ihres Objektes vorhanden, 
und viele daraus folgende Reaktionsbildungen sind dazu bestimmt, dieser Ge* 
fahr vorzubeugen. Objektbeziehungen können nur in der Form von moralisch 
geforderten Verhaltungsweisen bestehen. Ich halte diesen Gesichtspunkt für 
wichtig, weü er einen Schlüssel zum Motiv dieser moralischen Haltung in 
die Hand gibt und vermuten läßt, daß ihr eine Abwehr»! oder Schutzfunktion 
zukommt. Dank der Ersetzung dieser moralischen Beziehung an die 
Stelle der Liebe wird sie niemals den verschiedenen imaginären Gefahren 
ausgesetzt, die von den destruktiven Regungen stammen. Ein weiterer Schutz 
wird aus dem starken Anteil an Wiedergutmachungstendenzen, die in der 
moralischen Haltung wirksam sind, bezogen. Sie spielen in ihr in der Tat 
eine zentrale Rolle, zumal der charakteristischeste Zug der moralischen Hai* 
tung ihr Sinn für Verpflichtung und das Gefühl ist, einer anderen Person 
etwas schuldig zu sein, was dieser vermutlich früher durch einen Beraubungs<« 
akt weggenommen worden war. Die ¥astitutionsvorgänge schließen so eine 
Art Vertrag in sich, durch den man sich vom Geschädigten loskauft und 
ihn dazu bewegt, die Beschädigung nicht durch einen Angriff auf das, was 
dem Übeltäter am teuersten ist, zu bestrafen. 

Die IntrojektionsssProjektions^Mechanismen, auf die Melanie Klein be* 
sonders Gewicht gelegt hat, spielen bei dem fraglichen Substitutionsprozeß 
eine hervorragende Rolle. Das, was der Person am wertvollsten ist, kann, 
wie ich schon früher aufgezeigt habe, in angemessener Weise als Zärtiich* 
keit für ein Objekt oder als das Objekt selbst beschrieben werden, da die 
Vorstellung des Objektes in solchen Fällen immer introjiziert und für ge^ 
wohnlich sogar mit der eigenen Person identifiziert ist. Ebenso wird auch 
das geschädigte äußere Objekt introjiziert und es entsteht nun sowohl Angst 
vor den destruktiven Kräften dieses bösen verinnerlichten Objektes als 
auch der Impuls, sich ihm zu unterwerfen. Das innere geliebte Objekt ist 
tief verborgen, um es so vor dem bösen Objekt zu schützen. 

Meiner Erfahrung nach ist die moralische Substitution, von der ich spreche, 
gerade dann besonders deutlich gegeben, wenn die ursprünglichen oral^sadi* 



Objektbezidiungen aus Schuldgefühl 131 

stischen Regungen weitgehend auf die anaL^sadistische Stufe verschoben wor«' 
den sind. Ich möchte so weit gehen, zu behaupten, daß Analerotik und die 
sie begleitenden Reaktionsbildungen für den ganzen Mechanismus patho# 
gnomonisch sind und noch weit mehr für die folgende Auflehnung gegen ihn, 
von der der ich sogleich sprechen werde. Der typische Komplex ist der 
Wunsch, Fäzes durch Saugen herauszuziehen, und die entsprechende Angst 
davor, daß dies einem selbst geschehen könnte. 

Bei vielen Menschen erweist sich diese Substitution der gesollten Objekt« 
beziehung an die Stelle der Liebe als recht erfolgreiche Lebensbasis. Sie wer* 
den verläßliche und anständige Mitbürger, die ihren Platz im Leben recht gut 
ausfüllen. Sie leiden allerdings immer unter der Beeinträchtigung ihrer 
Lebensfreude und bieten für ihre Umgebung den Nachteil, mehr oder 
weniger hartherzige und unduldsame Menschen zu sein. 

Anderseits gibt es eine beträchtliche Schicht von Menschen dieses Typs, 
die auf dem Weg, den sie eingeschlagen haben, keinen Erfolg haben. Das 
Versagen des Mechanismus drückt sich in einer Neurose, meistens von 
zwangsneurotischer Form, aus. Die Analyse weist nach, daß das Mißlingen 
einem Protest oder einer Auflehnung gegen die moralische Substitution zvüt 
zuschreiben ist. Die Auflehnung kommt in folgender Weise zustande. Der 
charakteristische schwache Punkt der moralischen Substitution ist die Ten»» 
denz der sadistischen Elemente in der Moralität, die Oberhand zu gewinnen. 
Geschieht dies, so beginnen die Wiederherstellungs* und Schutzfunktionen 
des Mechanismus zu versagen. Der Sadismus, der im Übersieh gebunden 
und umgewandelt worden war, regrediert zu seinen destruktiven Elementen 
und bedroht dann entweder das eigene Ich oder die Außenwelt mit Schädi« 
gung. Leute mit einem überempfindlichen Gewissen, d. h. mit starkem 
Schuldbewußtsein, sind, wie wir alle wissen, besonders grausam und un* 
duldsam, sei es zu sich oder zu anderen, manchmal zu beiden. Die Wendung 
des Sadismus des Über»>Ichs nach innen führt, wenn die Sexu- iebe auf 
einer infantilen Stufe geblieben sind und auch keine umfassende )ublimie# 
rung erfahren haben, zur Angst vor Aphanisis. Unter diesen besonderen Be* 
dingungen kommt es, sobald dieser Punkt erreicht ist, unweigerlich zur Auf* 
lehnung, besonders von selten des Es. 

Die sichtbarsten Anzeichen der Auflehnung gegen die stellvertretenden 
moralischen Objektbeziehungen sind Konflikte auf dem Gebiet der Pflicht. 
Solche Menschen werden allen Erwartungen gegenüber, die an sie gestellt wer* 
den, übermäßig empfindHch. Der bloße Gedanke daran wird unmittelbar in 
die Vorstellung verwandelt, daß sie gezwungen werden, etwas gegen ihren 
Willen zu tun — zu Zeiten sogar gegen das, was sie als ihr besseres Selbst 
-empfinden; die Auflehnung ist keinesfalls immer von Selbstsucht diktiert. 



Die auffallendsten Beispiele bieten Fälle, bei denen sogar ein persönlicher 
Wunsch die Bedeutung eines äußeren Zwanges annimmt. So ein Mensch 
wird planmäßig beginnen, einen seiner Wünsche zu erfüllen, und, soferne sich 
eine kontinuierliche Anstrengung als notwendig erweist, sich gegen die Vor* 
Stellung, daß er ihn durchführen muß, auflehnen, genau so, als wärees eine 
Aufgabe, deren Ausführung man gegen seinen eigenen Willen von ihm er^* 

wartet. 

Hier kann man eine Anzahl von Typen beobachten; ich mochte zwei 
besondere unterscheiden. Es scheint mir nicht leicht, für sie geeignete Be=« 
Zeichnungen zu finden. Da meines Erachtens bei dem einen Typus die Auf* 
lehnung vom Übersieh, beim anderen vom Es herkommt, wäre es viel* 
leicht am besten, sie entsprechend als den „Über*Ich*Typus" und ^«","^5^ 
Typus" der Auflehnung zu nennen. Dies würde allerdings wahrscheinlich 
ein sichereres Wissen voraussetzen, als wir besitzen. Man könnte auch 
den einen Typus den „moralischen Typ der Auflehnung", den anderen 
den „ethischen Typ" nennen, auf der Grundlage, daß bei diesem die be* 
wußte Abneigung gegen die Pflicht mit einer starken Vorliebe für 
das ethische Ideal der Liebe verbunden ist, während bei jenem^ die Auf* 
lehnung mehr die Form einer moralischen Verurteilung der sadistischen Re* 
gression im „übermoralischen" Über*Ich durch das Gewissen annimmt. Es 
wird vielleicht besser sein, vorläufig auf vertraute klinische Bezeichnungen 
zurückzugreifen, auch wenn wir dabei die Gefahr laufen, bei einer wesent* 
lieh charakterologischen Studie ungebührlich die psychopathologischen 
Seiten zu betonen. Ich will sie daher hier als den Zwangstypus 
und den h y s t e r i s c h e n T y p u s der Auflehnung gegen die Moralität be* 
zeichnen; letzten Endes sind es Typen der Abwehr gegen Aphanisis. Ich 
habe den Eindruck, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen dann 
besteht, daß beim zweiten die Auflehnung eher vor der Pubertät als danach 
manifest wird, während sie sich beim ersten nach der Pubertät mehr mani* 
•festiert. Dies hat vermutlich zu bedeuten, daß die Auflehnung bei dem von 
mir so genannten hysterischen Typus, bei dem sie früher einsetzt, stärker 
ist. Ich werde nun die beiden Typen in einigen anderen Punkten einander 
gegenüberstellen. Lassen Sie mich aber klar aussprechen, daß ich nun nicht 
mehr von dem eher „normalen" hypermoralischen Menschentypus_ spreche, 
den ich früher beschrieben habe, sondern von Typen, bei denen eine Auf* 
lehnung gegen solche Hypermoralität vorUegt. 

Der auffälligste Unterschied zwischen ihnen ist die bewußte Einstellung 
zur Pflicht. Beim Typus, den ich den Zwangstypus nenne, wünscht der Be* 
treffende bewußt, seine Pflicht zu erfüllen, und ist bestürzt, wenn er sich 
daran durch irgendeinen unbekannten Einfluß gehindert fühlt. Dem hyste* 



Objektbeziehungen aus Schuldgefühl 133 

lischen Typus hingegen ist die bloße Vorstellung, etwas zu tun, was man 
von ihm erwartet, so unangenehm, daß er jeden Versuch sofort aufgibt, so;« 
bald er sich vorstellt, daß es als seine Pflicht bezeichnet werden könnte; er 
ärgert sich über jeden, der diesen Gedanken aufgebracht haben mag, weil er 
dadurch behindert ist, so manches zu tun, was er sonst sehr gerne getan hätte. 

Man könnte diesen Unterschied anders auch so ausdrücken, daß beim 
Zwangstypus die Auflehnung unbewußt, beim hysterischen hingegen mehr 
bewußt ist. Bei extremen Fällen ist dieser Unterschied recht bemerkenswert. 

Eine Parallele zu diesem Unterschied bildet der Umstand, daß die all* 
täglichen Verhaltensweisen in Dingen wie Korrektheit in Geldangelegens: 
heiten, Pünktlichkeit, gesellschaftliche Verpflichtungen usw. beim Zwangs* 
typus auf viel höherem Niveau stehen können als beim hysterischen. Der 
letztere mag tatsächlich so unsozial oder antisozial sein, daß er sich dem 
kriminellen Charaktertypus annähert, d. h. solche Menschen empfinden 
wenig Widerwillen gegen kriminelle Vorstellungen. 

Die Kundgebungen des Gewissens nehmen bei den beiden Typen unter=« 
schiedliche Formen an. Beim Zwangstypus treten Selbstvorwürfe auf, daß 
man nicht, im konventionellen Sinne des Wortes, gut genug sei. Beim hyste;* 
rischen Typus beziehen sich die Selbstanklagen darauf, daß man nicht liebe* 
voller oder nicht fähig sei, überhaupt zu lieben. 

Der Zwangstypus, der auf einer mehr sadistischen Stufe stehen bleibt, 
weist einen größeren Verzicht auf Lieben und Genuß auf. Der hysterische 
Typus zeigt eine größere Fähigkeit zu wiedergutmachender Aktivität und 
nähert sich mehr einer genitalen Stufe an. VieUeicht setzt deshalb die Auf* 
lehnung gegen die MoraHtät bei ihm früher ein und ist stärker. 

Die Furcht vor Aphanisis manifestiert sich bei den zwei Typen in ver* 
schiedener Weise. Beim Zwangstypus ist sie reiner ausgebildet, nimmt zum 
Beispiel die Form der Angst vor Sklaverei, vor Persönlichkeitsverlust usw. 
an, wenngleich man diese manchmal als Angst vor analen Angriffen resexua* 
lisiert beobachten kann. Beim anderen Typus ist die Angst viel charakte* 
ristischer eine hysterische, etwa als Angst, von einer sadistischen Erregung 
überwältigt zu werden. 

Die Grundlage für all diese Unterschiede scheint zum Teil konstitutionell 
zu sein — der eine Typus hat offenbar eine mehr zwangsneurotische, der 
andere eine eher hysterische Disposition — , zum Teü ökonomisch : die Quan* 
tität des wirksamen Sadismus und das Alter, in dem dieser den unlösbauen 
Konflikt ausgelöst hat. 



Paläobiologische und biopsychische 
Betrachtungen' 

Von 

Marie Bonaparte 

Kastrationskomplex und Perforationskomplex 
Seit langem kennt man in der Psychoanalyse die wichtige Rolle des Kastra»= 
tionskomplexes beim Manne und auch bei der Frau, bei der er den Penis=» 
neid auslöst. Die Phantasien vom Eindringen in das Leibesinnere und dem 
Aufschneiden des Leibes (eventration), die von Melanie Klein so gut zur 
Geltung gebracht worden sind, schienen mir dazu ein Gegenstück zu bilden, 
dem im Aufbau der weiblichen Psychosexualität eine ebensolche Bedeutung 

zukommt. 

Wie ich es schon in einer früheren Veröffentlichung^ angedeutet habe, bm 
ich in einem wichtigen Punkt anderer Auffassung als Melanie Klein: Ich 
führe den Ursprung der Angst des kleinen Mädchens vor der Penetration, 
der Perforation und vor der „Eventration" auf irgendetwas zurück, das vor 
und unabhängig von jeder Art von Übersieh da ist. 

Die primitive Angst vor dem Einbruch ins Protoplasma 
Ich meine, die biologische Reaktion der Angst des Individuums vor — 
sagen wir es sehr allgemein — der Penetration, dem Einbruch in die eigene 
Substanz, ist etwas sehr Primitives. 

Stellen wir uns einen Augenblick irgendeine ursprüngliche Protoplasma.* 
Masse vor. Von allen Seiten umgeben und bedrohen sie feindliche Mächte; 
dieser primitive Organismus wird nicht am Leben bleiben können, wenn 
er sich nicht gegen diese Gefahren schützt. Aber welcher Art sind nun diese 
Bedrohungen, diese Gefahren? Da gibt es die Austrocknung; oder harte 
Gegenstände, die stärker sind, können in das Innere der Substanz gewaltsam 
und bis zur Vernichtung eindringen. Die kleine Protoplasma^Masse wird 
also vermöge der geheimnisvollen Anpassung des Lebendigen an seine Um»= 
gebung lernen müssen, mit irgendwelchen Signalen auf die sie von außen 
bedrohenden Gefahren zu reagieren. Gegen die Austrocknung wird sie sich 
mit einer Schutzmembran umgeben können; vor der Bedrohung durch harte 
und durchdringende Körper wird sie sich zurückzi ehen und flüchten. 

i) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Marienbad am 4. August 1936. Aus dem Französischen übersetzt von Lilly N e u r a t h, 
Wien. 

2) Passivität, Masochismus und Weiblichkeit, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 



Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 135 

Diese Abwehr, dieses Einsetzen von „geheiligten Grenzen, an denen der 
Körper beginnt", wird mit der zunehmenden Kompliziertheit der Orga* 
nismen fortgesetzt. Jeder lebende Organismus, von der niedrigst organi* 
sierten Mikrobe bis zum Säugetier, weicht vor allem zurück, was einen Ein«» 
bruch in sein Körperinneres auszuführen droht. 

Die r Einbruch in den Körper und die Ernährung 

Die Außenwelt muß jedoch in das Innere der lebenden Organismen ein* 
dringen, wenn diese am Leben bleiben sollen; die Stoff Wechselvorgänge der 
Atmung und der Ernährung drängen sich gebieterisch auf, mit fortwährender 
Assimilation und Dissimilation als wesentlichen Eigenschaften des Lebens. 
Der Organismus muß also gleichermaßen gelernt haben, das, was ihm heil* 
sam ist, in sich aufzunehmen, dabei aber schädigende Körperverletzungen 
zu vermeiden. Er muß in der Umwelt aufsuchen, was er braucht, (sich 
fremder organischer Substanzen zwecks Assimilation bemächtigen, und zu 
diesem Zweck muß er übrigens sehr häufig töten, um selbst leben zu können. 
Die Verdauungssäfte gestatten ihm zu „binden", durch Osmose die fremden 
in ihn eingedrungenen Substanzen assimilierbar, sie zu körpereigener Suho 
stanz zu machen. 

Das Anzeichen für die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses ist übrigens 
die Lust, und in ihrem Dienst befindet sich die Oralerotik, die es bewiatjkt, 
daß die Lebewesen an der oralen Aufnahme Genuß finden. 

Auch der Ausscheidungsvorgang kann intensive Lust auslösen, und die 
Anal* und Urethralerotik drücken in ihrer Weise die Befriedigung des Orga* 
nismus aus, dessen Verdauungsfunktionen in Ordnung sind. 

Der Antagonismus des Individuums undder Art 

Indes kann das Protoplasma als solches vom Ursprung der organischen 
Substanz an nicht in Sicherheit und Ruhe bleiben, außer es verzichtet auf 
das Fortleben. Denn die Individuen sind ephemer und der integrale Nar«= 
zißmus der ersten Zellen hätte das eben geborene Leben einem schnellen 
Tode geweiht. Die Zellen, die ersten Lebewesen müssen sich fortpflanzen, 
soll nicht die Dynamik des Lebens zum Stillstand kommen. 

Die Vermehrung durch Zellteilung setzt ein und auch die befruchtende 
Konjugation zweier Zellen, die der Vermehrung durch Teilung vorangeht. 

Ich würde den Zellen in diesem Entwicklungsstadium keine psychischen 
Funktionen zuerkennen. Da aber der Mensch nun einmal genötigt ist, will 
er sich verständlich machen, seine Gedanken zu psychologisieren, halte ich 
mich für berechtigt zu sagen, daß diese primitiven auf die Fortpflanzung 




136 



Marie Bonaparte 



gerichteten Akte bereits biologisch etwa wie eine Verletzung des primitiven 
Narzißmus der Zelle empfunden werden müssen. Der Antagonismus zwi»» 
sehen der Integrität des Individuums und der Fortpflanzung der Art ist schon 
auf diesen paläobiologischen Stufen, die wir uns vorzustellen versuchen, 
wirksam. 



Einbruch und Abbröckelung; Perforationskomplex 
und Kastrationskomplex : 

Es gibt wirklich zwei Gefahren, die die Zelle in ihren Fortpflanzungss» 
nöten bedrohen: Bei der Konjugation der Zellen ist es der gewaltsame Ein<> 
bruch einer kompakten fremden Substanz in das Körperinnere (ein einzig 
dastehender Fall von Ineinandereindringen von Zellen), einer fremden Sub=< 
stanz, die tätig und lebendig bleibt und nicht, wie im Falle der Nahrungs^« 
aufnähme, zunächst durch die Verdauungssäfte und vorangehende Tötung 
angriffsunfähig gemacht wurde. Beim Akt der Zellspaltung ist es wieder die 
Abbröckelung von Substanz, die, würde sie fortgesetzt, die Selbstvernichtung 
herbeiführen würde. 

Ich meine nun, daß diese beiden Gefahren im biologischen Sinn von der 
Substanz wahrgenommen werden und daß sie, wenn wir sie auf den langen 
Entwicklungsweg der Lebewesen bis zum Menschen übertragen, die primi# 
tivsten Wurzeln des Perforationskomplexes und auch des Kastrations* 
komplexes darstellen, die wir bei der Frau und beim Manne sich entfalten 
sehen. 

Die Furcht der Protoplasmasubstanz vor dem Einbruch manifestiert sich 
auch in der heftigen Angst so vieler Virgines vor dem Eindringen des Penis 
und findet sich zweifellos am Grunde mancher weiblichen Frigidität. Auf 
ihr kann sich jenes imponierende Gebäude erheben, zu dem auch alle Über:« 
bauten des Über^Ichs Beiträge leisten und das wir schließlich in der Form 
von Symptomen wiederfinden. 

Die Angst vor dem Abbröckeln des Protoplasmas würde sich auch am 
tiefsten Grunde des Kastrationskomplexes auffinden lassen. Um sich fortzus^ 
pflanzen, muß das Individuum auf einen Teil seiner Substanz verzichten, der 
sich von ihm trennt. Aber der Narzißmus der Substanz, der die Unversehrt«! 
heit anstrebt, leidet dabei. Und über dieser narzißtischen Abneigung der 
Substanz gegen die Spaltung kann sich — übertragen auf das ausführende 
und repräsentierende Fortpflanzungsorgan — der Kastrationskomplex mit 
allen ihm im Laufe des phylogenetischen Entwicklungsweges der Rasse und 
der ontogenetischen Erlebnisse des Individuums hinzugefügten Struktur^« 
dementen aufbauen. 



Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 137 

Die libidinöse Erotik und die Angst ums Leben 

Die Erotik, deren Aufgabe es ist, dem Individuum die biologische Lust, 
das Signal der Befriedigung seiner vitalen Triebe, zu verschaffen, scheint sich 
frühzeitig in den Dienst der Artbedürfnisse zu stellen. Der Einbruch eines 
fremden lebenden Körpers der gleichen Art in einen lebenden Körper wird 
vom Organismus von jederlei anderem Einbruch unterschieden. Die Pias«: 
mazelle selbst muß in jenen Anfängen des Lebens, die wir uns vorstellen, 
den Einbruch in ihre Substanz, erfolgt er durch eine ihrer eigenen gleich* 
artige Substanz, anders empfinden als etwa den eines Sandkornes. Da muß 
wohl noch ein Faktor mitspielen, etwa in der Weise, daß das Protoplasjna 
merkt, daß es sich von fremden organischen Substanzen ernährt; die primi=ä 
tive Lust an der Nahrungsaufnahme schließt zum Teil die libidinöse Lust 
an der Aufnahme von Zellen, die die Fortpflanzung vorbereiten, in sich. 
Aber nicht minder sicher wohnt hinter dieser Erotisierung eine Art primL* 
tiver Angst der Substanz vor einem Einbruch in ihren Körper. 

Ebensowenig könnte man in Abrede stellen, daß das Männchen bei der 
Samenausstoßung erotische Lust empfindet, besonders auf den höheren 
Stufen des Tierreichs. Haben wohl die ersten Protoplasmaklümpchen beim 
Teilungsvorgang etwas wie einen biologischen Vorgeschmack davon ver^» 
spürt? Ich weiß es nicht. Aber so wenig man diese Lust bei den höheren 
Stufen des animalischen Lebens anzweifeln kann, so wenig kann man in 
Zweifel ziehen, daß beim Menschen eine profunde Angst vor der Abtren* 
nung eines Körperteiles besteht, eine Angst, die stets bereit ist, sich zu er* 
heben und dem allgegenwärtigen Kastrationskomplex Nahrung zu geben. 
Die jähe Angst, die beim Jüngling häufig den ersten Samenerguß begleitet, 
würde für die Richtigkeit dieser Auffassung zeugen. 

Die Angst vor der Perforation ist die allgemeinere 

Wenn wir mit einem Blick das gesamte Tierreich überschauen, so sehen 
wir, daß bei den Arten, bei denen innere Befruchtung stattfindet, alle Weib* 
chen in verschiedenen Abstufungen Angst vor den Männchen zeigen. Der 
Kastrationskomplex des Menschen scheint nur wenige erkennbare Vorbilder 
unter den Tieren zu haben; einer dem Perforationskomplex der Frau ana* 
logen Erscheinung hingegen kann man bei vielen weiblichen Säugetieren be* 
gegnen. Es genügt schon, die Haustiere in unserer Umgebung zu betrachten. 
Gewisse Hündinnen zum Beispiel gehen bis zur völligen Weigerung dem 
Männchen gegenüber, zeigen ein gleichsam hysterisches Zittern, wenn man 
sie gewaltsam zur geschlechtlichen Vereinigung zwingen will. 

So konnte sich zwar im Laufe der Zellenentwicklung in gewissen Eichen 



138 Marie Bonaparte 



eine Mikropyle bilden, eine Art primitive „Zellvagina", ein vorgebildeter 
Weg der Empfängnis, und es konnte sich zwar im Körper der weiblichen 
Säugetiere eine besondere Vagina herausbilden; dennoch wird das befruchss 
tende Eindringen des Männchens sogar von jenen weiblichen Säugetieren, 
die wie die Hündin — und in ähnlicher Weise auch andere weibliche Säuge« 
tiere — nur ein schwaches Äquivalent eines Hymens, nur eine Verengung 
des genitalen Weges zwischen Vulva und Vagina besitzen, als ein angsts^ 
erregender Einbruch in den Körper empfunden. 

Bei der Frau aber gesellt sich zum Perforationskomplex, um den es sich hier 
handelt, noch das Vorhandensein eines voU ausgebildeten Hymens. Die Angst 
der Frau vor dem sexuellen Eindringen, die sich in der sadistisch schrecken* 
erregenden Form des Perforationskomplexes manifestiert, beruht so nicht 
nur auf einer paläobiologischen Grundlage von der Zelle her, sondern außer;« 
dem noch auf einer aktuellen anatomischen Realität, die sich von Virgo zu 
Virgo erneuert. 

Indes scheint das Säugetiermännchen tapferer der Abbröckelung seiner Sub<« 
stanz durch den Samenverlust Trotz zu bieten, als es das Weibchen in bezug 
auf das Eindringen tut. 

Freigebig, aggressiv kann das Männchen, wie der Hirsch in der Brunst, bis 
zur momentanen Erschöpfung des Hauptteils seiner Lebenskraft gehen. 
Zweifellos ist der zentrifugale sexuelle Elan beim Männchen im Ursinn des 
Lebens begründet, das bestrebt ist, sich auszubreiten und in seiner Umgebung 
immer mehr Raum zu erobern, in den es seine Kräfte ergießen kann. 

Wir dürfen daher nicht erstaunen, wenn wir bei der Gattung Mensch fin* 
den, daß die Frau viel häufiger als der Mann der Angst, dem Schrecken 
vor der eigenen Sexualität unterworfen ist. Sie ist es mit Recht: Da die 
Sexualität bei den Säugetieren ganz allgemein für diQ weiblichen Tiere eine 
innere Vergewaltigung der Körpersubstanz in sich schließt, eiae Vergewaltig 
gung, die durch die Schwangerschaft noch verlängert wird und der dann bei 
der Entbindung ein Zerfetzen des Körpers folgt, so ist sie für das Weibchen 
gefahrvoller als für das Männchen und erweckt mit gutem Grund stärkere 
Ängste. 

Es wäre interessant, die Beziehungen zwischen Sexualität upd Angst beim 
Männchen der Biene, der Gottesanbeterin oder der Spinne zu kennen, für 
welches die Liebe den Tod bedeutet. 

Di e Angst ist immer Reaktion auf eine reale Gefahr 

Das führt uns zu einigen Betrachtungen über die Angst im allgemeinen. 
Man hat über dieses Problem, das für die Physiologie wie für die Psychologie 
ein zentrales ist, schon viel diskutiert. 




Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 139 

Ebenso wie die Angst der Frau vor ihrer Sexualität — von der Frage der 
sozialen Unterdrückung, die sie viel stärker trifft, sei hier abgesehen — real 
begründet erscheint, muß auch jede Angst letzten Endes, vielmehr von ihrem 
Ursprung an, irgendwann reale Grundlagen gehabt haben. 

Die Angst ist das Signal für Lebensgefahr. Selbst wenn man der von Anna 
Freud in ihrem letzten Buch „Das Ich und die Abwehr=äMechanismen"' 
gegebenen Einteilung folgt und die Angst in drei grundsätzlichen Erschein» 
nungsformen begreift, lassen sich doch alle drei Formen auf die Reaktion 
des Organismus auf irgendeine Realgefahr zurückführen. 

Es ist selbstverständlich, daß die Realangst, von der Anna Fr e u d handelt, 
ihren Ausgang von einer Realgefahr nimmt und daß daher das Gefahrsignal, 
das diese Angst darstellt, gerechtfertigt ist. Über;*Ich«=Angst, das ist die ver^« 
innerlichte, sehr real begründete Angst, die das Kind vor seinem Erzieher, 
der Verbrecher vor seinem Richter empfindet. Schließlich erscheint auch die 
Angst vor der Triebstärke sehr real, sehr sozial begründet, wenn man sie als 
die Angst vor der Versuchung zum Verbrechen, das eine Strafe nach sich 
zieht, auffaßt. 

Selbst die neurotischeste Angst kann ursprünglich auf eine Reaktion gegen;« 
über einer Realgefahr zurückgeführt werden. Nehmen wir als Beispiel eine 
Spinnenphobie. Die Spinne unserer Gegenden ist nicht sehr gefährlich. Wenn 
man aber in Betracht zieht, daß die Spinne ein recht allgemeines Symbol der 
„bösen" Mutter ist, sieht man, daß das, was der Phobiker von der Spinne 
fürchtet, in der Kindheit des Individuums und auch der Gattung sehr real 
begründet war. Die bösen Mütter sind für die Kinder sehr gefährlich, und 
das bezeugen auch in unseren Tagen die Zeitungsberichte über kindliche 
Märtyrer. Die ursprünglich real begründete Angst vor der bösen Mutter 
wurde erst eine neurotische Angst infolge einer Fixierung bis in eine Phase, in 
der die Mutter nicht mehr zu fürchten ist, und infolge einer Verschiebung 
dorfhin, wo sie nichts anderes zu schaffen hat, als Verwirrung in den vorbei 
wußten Kategorien von Raum und Zeit zu stiften. 

Kehren wir aber zur Angst vor der Triebstärke, wie sie Anna Er e u d be* 
greift, zurück. Sie sieht sie wie eine Reaktion auf die Wahrnehmung des 
Triebes, der Gefahr im eigenen Innern. Aber vom paläobiologischen Stand« 
punkt aus, den wir aufzuzeigen bemüht sind, kann man sie auch recht« 
fertigen, ohne daß sie dadurch ihren Charakter einer Reaktion auf eine Reals« 
gefahr verlieren muß. 

Anna Freud meint, das topische Ich habe Angst vor den Trieben des Es, 

3) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verlag, Wien, 1936, 



140 Marie Bonaparte 



die das Ich zu überschwemmen drohen; daher die mächtige Angst in der 
Kindheit und in der Pubertät, wenn das Kräfteverhältnis zwischen Ich und 
Trieben sich zugunsten der letzteren verschiebt. Ich glaube, man kann dieser 
sehr richtigen Anschauung die sich aus unseren paläobiologischen Betrachs^ 
tungen ergebende Auffassung anfügen. 

Bleuler* schon hatte, wenn auch allerdings in nicht ganz klarer Weise, von 
der Angst der Menschen vor der eigenen Sexualität gesprochen. Wenn so 
der Mensch noch vor jeghcher sozialer, moralischer Hemmung vor seinem 
eigenen Sexualtrieb Angst zu haben scheint, so ist es zweifellos, daß dieser 
letztere sich der Aufrechterhaltung der narzißtischen Unversehrtlieit des bio* 
logischen Ichs, des Individuums an sich, entgegenstellt. 

Durch das Abbröckeln, mit dem er die Substanz des Mannes bedroht, 
durch den Einbruch in die Substanz, den er der Frau auferlegt, bedroht der 
Trieb ihre Ruhe. Und alle Erotik, die mit diesem Anschlag der Gattung auf 
das Individuum verbunden ist, kann nicht erreichen, daß die damit ver=» 
' bundenen Anforderungen immer akzeptiert werden. Die individuelle Vitalität 
erhebt sich gegen die der Zeugung dienende Libido. 

Die Angst und das Gehirn des Menschen 

Noch einige Worte zum Abschluß über das Verhältnis der Angst zum 
Gehirn des Menschen. Ebenso wie die Stärke unserer Libido in einem Ver^ 
hältnis zur Entwicklung unseres Nervensystems stehen muß, verdanken wir- 
die Größe unserer Angst, die wahrscheinlich unvergleichlich größer als die 
der anderen Lebewesen ist, dem Volumen unseres Gehirns. Sie wie wir haben 
Angst vor Lebensgefahren, aber die spezifische Angst, die das Kind besonts 
ders vor der aufkeimenden Sexualität zeigt, steht ohne Zweifel in einem 
Verhältnis zum Volumen seines Gehirns, in welchem sich das Ichbewußt* 
sein bildet. 

Intensiver als das Tier müssen dank ihrem Gehirn das Kind, dann die 
Frau imd selbst der Mann die das Individuum, das biologische Ich be* 
drohende Gefahr empfinden, die der Appell der Art ist. 

Weil der Mensch sterben muß, ruft ihn die Art auf diese Weise, und man 
könnte glauben, daß er es von vornherein weiß. Man könnte sagen, der 
Mensch fühlt trotz aller Lockspeisen, mit denen die Natur die sexuelle Falle 
geschmückt hat, daß die Falle gestellt ist, in der er gefangen werden soll, 
während die anderen weiterschreiten. 



4) Bleuler: Der Sexual« Widerstand. Jahrb. f. psychoanalytische und psychopatho;* 
logische Forschungen. Franz Deuticke, Wien, 1913. 



Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 141 

Das weniger hirnbegabte Lebewesen läßt sich, so scheint es, blinder ge» 
fangennehmen. Der Mensch, der in seinem „VitaL=Ich" vom Ruf der Sexu# 
alität bedroht wird, die von ihm Ausstoßung von Substanz oder Einbruch 
in die Substanz fordert, zeigt immer eine Mischung (mit variablen Propor«= 
tionen) von Anziehung und Angst vor den Anforderungen des Eros. 



I 



Die soziologische und die biologische 
Orientierung in der Psychoanalyse' 

Von 

Franz Alexander 

Chicago 

Die Psychoanalyse kann vor allem als eine dynamische Wissenschaft cha* 
rakterisiert werden, insofern sie das Seelenleben als die Manifestation und das 
verwickelte Zusammenspiel von Tendenzen und Antrieben betrachtet, die 
letzten Endes im motorischen Verhalten zum Ausdruck kommen. Abgesehen 
von diesem dynamischen Zug hat die Psychoanalyse zwei fundamentale Ge» 
Sichtspunkte in die Psychologie eingeführt: einen soziologischen und einen 
biologischen. 

Die biologische Orientierung besteht darin, daß man alle dynamischen 
Kräfte als biologisch bedingt betrachtet, als Manifestationen jener energie»< 
verbrauchenden Prozesse, die das biologische Phänomen „Leben" konstL= 
tuieren. Dieser biologische Aspekt kann leichter diskutiert werden, wenn die 
soziologischen Beziehungen der Psychoanalyse beschrieben sind; wir wer* 
den später auf ihn zurückkommen. 

Die soziologische Orientierung kann in Kürze so formuliert werden: Die 
Entwicklung der Persönlichkeit läßt sich, wenigstens zum Teil, als Prozeß der 
Anpassung der ursprünglichen, angeborenen, phylogenetisch vorgebildeten 
triebhaften Tendenzen an die Anforderungen des Gemeinschaftslebens, wie 
sie von einer gegebenen Kultur vertreten werden, betrachten und verstehen. 
Dieser Anpassungsprozeß kann auch als Prozeß der Domestizierung oder 
Sozialwerduhg des ursprünglich sozial unangepaßten Individuums be* 
schrieben werden. Ein gesundes Individuum kann nach der Geburt als ein 
biologisch gut funktionierender Organismus betrachtet werden, der aber das 
Problem der Anpassung seiner biologischen Bedürfnisse an bestimmte spe.* 
zielle Bedingungen noch zu lösen hat — das Problem der Anpassung an 
normative und einschränkende Anforderungen, wie sie jede Form kulturell 
organisierten Gemeinschaftslebens auferlegt. 

Die Untersuchung normaler, psychoneurotischer und psychotischer Er# 
wachsener hat gezeigt, daß nie, nicht einmal beim Normalen, die ganze Per<< ' 
sönlichkeit an diesem Domestikationsprozeß teühat. Kein Erwachsener ist 
eine homogene Einheit. Das sozial angepaßte bewußte Seelenleben, das die 
bewußten Motivationen und Zusammenhänge zwischen unseren Handlungen, 
Begehrungen, Hoffn ungen und Wünschen umfaßt, ist nur ein Oberflächen* 

i) Aus dem Englischen übersetzt von August B e r a n e k, Wien. 



Die soziologisch e und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 143 

phänomen. Ein großer Teil unserer bewußten psychischen Prozesse und un# 
seres offenbaren Verhaltens ist wenigstens zum Teil durch sozial unange* 
paßte unbewußte Motivationen determiniert. 

Aber diese Unterscheidung zwischen bewußten und unbewußten psychi* 
sehen Prozessen ist nicht nur eine topische; sie ist auch dynamisch. Der be* 
wußte Anteil unserer Persönlichkeit, den wir als unser bewußtes Ich fühlen, 
der uns das Gefühl der Kontinuität in unserem Leben vermittelt, ist ein 
hochorganisiertes Gebilde, in dem verschiedene psychische Tendenzen, Würhi 
sehe, Hoffnungen, Begehrungen und dergleichen zu einander in Beziehung 
gebracht und einander subordiniert und koordiniert werden. Diese innere 
Harmonie des Systems „Ich" ist aber auf ein dynamisches Phänomen, die 
sogenannte Verdrängung begründet, mit deren Hilfe Tendenzen, Motiva^» 
tionen und überhaupt psychische Inhalte, die an die soziale Umwelt nicht 
angepaßt sind, vom Bewußtsein ausgeschlossen werden. Durch die Vers^ 
drängung versucht die Persönlichkeit, alles auszuschalten, was diese Har>« 
monie stören würde, d. h. alle Tendenzen, die mit den herrschenden, sozial 
angepaßten Tendenzen und Normprinzipien der bewußten Persönlichkeit in 
Konflikt geraten würden. 

Die Verdrängung arbeitet gemäß Richtlinien, die den allgemeinen ideo;» 
logischen Prinzipien einer gegebenen Kultur entsprechen; die ausscheidende 
und auswählende Funktion der Persönlichkeit wird auf das Kind übertragen 
durch den Prozeß der Erziehung, durch den Einfluß der Familie, vor allem 
durch die Eltern, die als Vertreter des Kulturmilieus die Vermittler sind, 
durch die dieser einschränkende und normative Einfluß auf die Persönliche 
keitsbildung vor sich geht. 

Die Verdrängung ist daher ein Kulturphänomen, da die Prinzipien, nach 
denen sie vor sich geht, dem Normensystem der jeweiligen Zivilisation ent* 
sprechen. Der wohlangepaßte Erwachsene kann als ein domestiziertes Wesen 
angesehen werden und ein gut Teil der psychischen Abnormitäten als ein 
Produkt mißglückter Domestizierung — obwohl, wie schon hervorgehoben, 
in keinem Falle die ganze Persönlichkeit am Domestikationsprozeß teilhat 
und jeder in seinem Unbewußten Tendenzen von infantilem Charakter be«< 
hält, die nicht in sozialem Sinne modifiziert sind. Bei Neurotikern und 
Psychotikern finden wir einen viel größern Anteil solcher infantiler Ten* 
denzen, und neurotische und psychotische Symptome wie auch neurotisches 
Verhalten im Leben sind Äußerungen dieser sozial unangepaßten Strebungen, 
Von einem höheren Gesichtspunkt aus betrachtet, können Neurosen und 
Psychosen als Proteste gegen den Prozeß der sozialen Anpassung angesehen 
werden. Sie stellen den Triumph der individualistischen Kräfte dar, die den 
Anforderungen des Gemeinschaftslebens trotzen. 



144 Franz Alexander 



Das dynamische Konzept ist also ins Soziale verstrickt, denn es erklärt 
Neurosen und Psychosen als Ergebnis des Zusammenstoßes unserer mitge=« 
brachten Triebausstattung mit den Anforderungen des Gemeinschaftslebens. 
Von diesem Gesichtspunkt aus wird die so oft erwähnte Verwandtschaft zwi== 
sehen Neurose, Psychose, Genie und Verbrechen leicht verständlich. Beim 
genialen Menschen nehmen diese individualistischen Tendenzen eine schöpfe* 
rische Form an. Der Genialie paßt sich ebensowenig wie der Psychopath 
oder der Kriminelle ganz der Gesellschaft an; statt sich anzugleichen, schafft 
er neue sozial annehmbare Ausdrucksformen der triebhaften Kräfte. Er prägt 
der Kultur den Stempel seiner eigenen Gestaltungskraft auf und verändert 
sie nach seiner Idee. Beim Kriminellen erscheint die individualistische Ten* 
denz in einer de^struktiven Form als Weigerung, eine soziale Übereinkunft 
zu akzeptieren; er bekämpft vielmehr die Gesellschaftsordnung in destruk* 
tiver Weise, im Gegensatz zum Genialen, der neue sozial annehmbare Aus* 
drucksformen schafft. 

Neurotiker können Genie und Verbrecher in sich vereinen, aber sie 
bringen sowohl die schöpferischen wie die destruktiven Tendenzen bloß in 
der Phantasie in einer Symbolsprache zum Ausdruck, die nur sie — und mit 
dem bewußten Teil ihrer Persönlichkeit selbst sie nicht — verstehen 
können: einer Symbolsprache, die lediglich der Ausdruck ihres Unbewußten 
ist. Neurotische Symptome enthalten sowohl schöpferische wie destruktive 
Tendenzen. Sie sind jedoch für niemand von Nutzen, außer für den Neuro* 
tiker selbst, für den sie einen Ausweg für verdrängte Tendenzen bedeuten, 
für welche er in der Realität keine Abfuhrmöglichkeit findet, die er aber 
auch nicht preisgeben oder in modifizierter Gestalt sozial brauchbar machen 
kann. Durch ihre Symbolhaftigkeit vermögen diese Symptome etwa dem 
Wunsch, ein Kind zu gebären, Ausdruck zu verleihen, während sie gleich* 
zeitig auf demselben Weg symbolischer Darstellung Zerstörung, Mord oder 
Grausamkeit ausdrücken. 

In grobem Umriß wäre dies der soziologische Gesichtspunkt der Psycho* 
analyse als einer dynamischen Theorie der Persönlichkeitsentwicklung. Sie 
ist soziologisch orientiert, denn sie erklärt das Problem, das das Individuum 
während seiner Entwicklung zu lösen hat, als ein In*Einklang*Bringen der ur* 
sprünglichen, ererbten Strebungen mit der sozialen Gegebenheit, in die der 
Einzelne nun einmal hineingeboren ist. Der Eckpfeiler — und zugleich die 
dramatischeste Phase dieses Prozesses der sozialen Einordnung — ist unter 
dem Namen des Ödipuskomplexes bekannt. Er stellt den Konflikt des Kindes 
mit seiner frühesten Gemeinschaft, der Familie dar und die Auflösung des 
Ödipuskomplexes ist der wichtigste Schritt auf dem Wege zur sozialen Ein* 
gliederung. Sie bedeutet die richtige Zuordnung der Gefühle von Liebe und 



Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 145 

Haß den Eltern und Geschwistern gegenüber — Gefühle, die aus den bio#i 
logisch bedingten sexuellen Begehrungen einerseits und den destruktiven 
Trieben andererseits ihre Nahrung erhalten. 

Dieser soziologische Gesichtspunkt der Psychoanalyse ist durch den 
augenblicklichen Stand unseres Wissens keineswegs voll ausgewertet. Das 
vergleichende Studium neurotischer und psychotischer Patienten in verschieb 
denen Kulturen wird eine präzisere Feststellung der für die einzelnen Kul» 
turen charakteristischen zur sozialen Anpassung führenden Prinzipien ge«! 
statten. Es wird zu einer genaueren Beschreibung jener Denkformen führen, 
die auf die Persönlichkeitsentwicklung gestaltend Einfluß nehmen. Ver* 
schiedene Kulturen können aufgefaßt werden als verschiedene Lösungen des 
Problems, wie sich Menschen, die mit dem gleichen Bestand biologisch vor:« 
gegebener triebhafter Kräfte ausgestattet sind, an die verschiedenen Formen 
des Gemeinschaftslebens anpassen. Solche Studien des Anpassungsvorganges 
an die verschiedenen Kulturmodelle und besonders das Studium fehlge* 
schlagener Einordnungsversuche werden jedoch mehr zur Soziologie als zur 
Psychoanalyse im eigentlichen Sinne beitragen. Eine gründHchere Kenntnis 
des biologischen Organismus selbst, ein besseres Verständnis des 
Wesens jener biologisch bedingten Kräfte, die den äußeren Kultureinflüssen 
ausgesetzt sind, muß von einer anderen Richtung her erwartet werden: von 
der zunehmenden biologischen Orientierung der Psychoanalyse. Diese bio* 
logische Blickrichtung, welche die jüngste Entwicklung auf unserem For»= 
schungsgebiet kennzeichnet, bringt dieses seinem Herkunftsort, nämlich der 
Medizin näher und leistet in vielversprechender Weise einen Beitrag zu 
dem ältesten Problem, das der maischliche Geist seit altersher zu lösen vers« 
sucht hat, — zum LeibsäSeele«iProblem. 

In der vorangehenden Erörterung haben wir die Entwicklung einer Person* 
lichkeit nach der Geburt als eine Anpassung des Trieblebens an die Bedinfe« 
gungen des durch das jeweilige Kulturmilieu repräsentierten Gemeinschafts»« 
lebens zu beschreiben versucht. Der spezifische ökonomische und ideolo* 
gische Charakter einer Kultur ist das Ergebnis einer historischen Entwicls> 
lung, die unabhängig ist von dem einzelnen Menschen, der in diese Kultuc 
hineingeboren ist und sein Leben mit ihr in Einklang bringen muß. Das 
Kulturschema selbst ist jedoch nicht unabhängig von der biologischen Stuktur 
der Menschen, die diese kulturellen Vorbilder als ein kollektives System zur 
Befriedigung ihrer biologischen Bedürfnisse geschaffen haben. Jede Kultur 
ist selbst nicht nur historisch, sondern in noch entscheidenderem Maße bio* 
logisch bedingt. Sie ist ein Erzeugnis biologischer Einzelwesen, die mit* 
einander, in Gruppen organisiert, leben. Der Mensch wird aber nicht, wie 
manche Soziologen irrtümlich annehmen, als tabula rasa in eine solche organi« 

Imago XXm/2 10 



146 Franz Alexander 



sierte Gruppe hineingeboren. Er ist keineswegs ein unbegrenzt nachgiebiges 
Objekt, aus dem erst später durch kulturelle Einflüsse etwas wird, seine Ent* 
Wicklung ist vielmehr — einschließlich der Persönlichkeitsentwicklung nach 
der Geburt — in ihren Grundzügen biologisch vorgebildet. Der Mensch ist 
durchaus nicht nur ein Produkt seiner Umwelt, wie dies in der Sozialfor* 
schung vielfach postuliert wird. Sobald er geboren ist, stellt er bereits einen 
komplizierten biologischen Mechanismus, das Produkt einer historischen Ent=< 
Wicklung dar, die um vieles älter ist als die Kultur, in die er sich nach seiner 
Geburt einzufügen hat. Sein Körper mit seinen triebhaften Bedürfnissen ist 
das Ergebnis der phylogenetischen Entwicklung, die sich ihrerseits selbst 
wieder als ein Anpassungsvorgang auffassen läßt — als Anpassung der Gati« 
tung an die physischen Umweltbedingungen. Die Entwicklung eines Lebe* 
Wesens im Mutterleib vom Augenblick der Befruchtung bis zu dem der Ge* 
burt ist eine gedrängte Wiederholung der langen Geschichte des Anpassungs;« 
Prozesses, den seine Vorfahren zu bewältigen hatten. 

Dieser embryologische Teil der individuellen Lebensgeschichte erscheint 
als ein automatischer, rein mechanischer Vorgang im Vergleich zu der spä* 
teren postnatalen Persönlichkeitsentwicklung, zu jener Anpassung an das 
soziale Milieu, die jeder Mensch für sich allein zu vollziehen hat — 
durch aktive Anteilnahme, durch Versuch und Irrtum (trial and errorj, 
durch die Erfahrung von Schmerz und Mißlingen, die ihn dazu zwingt, 
jene Formen der Befriedigung zu finden, die in der Gesellschaft, in der ler 
erzogen wurde, möglich und zugelassen sind. Die körperliche Entwicklung 
scheint vielmehr prädeterminiert zu verlaufen. Sie verlangt vom Individuum 
nichts, was der persönlichen Initiative vergleichbar wäre; sie geht einen streng 
vbrgezeichneten Weg, der in hohem Grade von äußeren Einflüssen unab# 
hängig ist. 

In dieser Perspektive gesehen, läßt sich die ganze Entwicklung von der 
Befruchtung bis zum Tode in zwei große Abschnitte einteilen — einen vor 
und einen nach der Geburt. Der vorgeburtliche trägt die Entwicklung bis 
zu dem Punkt, an dem das Individuum mehr oder weniger vom mütterlichen 
Organismus unabhängig wird; von da ab kann es durch Atmung selbst für 
seinen Sauerstoffkonsum sorgen und verfügt bereits über die Organfunks^ 
tionen, durch die es sich die notwendigen Nährstoffe einverleiben kann, — all 
das also, was ihm vor der Geburt vom mütterlichen Organismus geboten 
worden ist. Mit diesem biologischen Rüstzeug hat es nun nach der Geburt 
das zweite Problem zu lösen: das Problem der sozialen Anpassung. Bio* 
logisch gesehen, besteht diese zu allererst in der weiteren Ausbildung des 
Zentralnervensystems, der biologischen Grundlage der Persönlichkeit. Die 
soziale Einordnung geht notwendigerweise mit schrittweisen Verände* 



r 



Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 147 

rungen in der Funktion der feineren Strukturen des Zentralnervensystems 
einher. Diese fortgesetzten Veränderungen, die in ihren Einzelheiten bisher 
leider fast gänzlich unerforscht sind, entstehen unter dem Einfluß der sozialen 
Umweltbedingungen auf das Individuum; physiologisch betrachtet sind sie 
die Wirkungen der Umweltreize auf die Sinnesorgane des Individuums, 
hauptsächlich wohl in der Form optischer und akustischer Wahrnehmungen, 
unter denen vermutlich die durch das Sprechen vermittelten Reize die wich^ 
tigste Stelle einnehmen. 

Es wäre unwissenschaftlich, einen grundlegenden Unterschied zu postum» 
Heren zwischen dem pränatalen Wachstum, das sich in der Sprache der Ana* 
tomie und Physiologie beschreiben läßt, und der postnatalen Persönlichkeits* 
Entwicklung, die wir derzeit besser in psychologischer und soziologischer 
Terminologie darstellen können. Beide Stadien — sowohl das pränatale der 
Embryonalenentwicklung als auch das postnatale der Persönlichkeitsentwick* 
lung ~ bestehen aus dem biologischen Wachsen und Sichentfalten des gleichen 
Organismus und sind notwendigerweise mit anatomischen und physiolo* 
gischen Veränderungen im Organismus verknüpft. Dank Freuds Ent* 
deckung der psychoanalytischen Technik sind wir in neuerer Zeit in die Lage 
versetzt, in wissenschaftlicher Terminologie den postnatalen Abschnitt dieser 
Entwicklung zu beschreiben und zu verstehen — ein Gebiet, das bis dahin 
ein gänzlich leeres Blatt im Buche unseres Wissens bedeutet hatte. Diese 
Entdeckungen entstanden sehr weitgehend unabhängig von der biologischen 
Erkenntnis der körperlichen Entwicklung. Es ist unverkennbar, daß der 
nächste Schritt darin bestehen wird, diese Kluft zu überbrücken und diese 
beiden Betrachtungsweisen der Entwicklung des menschlichen Organismus 
— die psychologische und die biologische — miteinander zu einem Wesens* 
ganzen zu verbinden. Das wird dann durchführbar sein, wenn es gelungen 
ist, auch die sozialen Anpassungsvorgäiige in der Sprache der Biologie zu 
beschreiben und unserem Verständnis zugänglich zu machen. 

Vorläufig liegen zur Lösung dieses Grundproblems, welcher Art die Be* 
Ziehung zwischen biologischer und psychologischer Entwicklung sei, nur die 
ersten Ansätze vor. In den letzten Jahren gewannen wir die Sicherheit, daß 
der aussichtsreichste Zugang zur Herstellung dieser Beziehungen im Studium 
jener ganz frühen Periode der postnatalen Entwicklung gelegen ist, in der 
sich noch phylogenetisch vorherbestimmte Prozesse mit der Persönlichkeits* 
entwicklung im sozialen Sinne überlagern. Ein neuer wissenschaftlicher Fort* 
schritt nimmt gewöhnlich von solchen Grenzgebieten seinen Ausgang. Es 
ist nur von sehr beiläufiger Richtigkeit, eine strenge Unterscheidung zwischen 
der mtrauterinen und der extrauterinen Entwicklungsphase vorzunehmen, in* 
dem man die erste als automatisch und biologisch streng vorgezeichnet, die 



10* 




148 Franz Alexander 



andere hingegen als elastischer, von außen her beeinflußbar und biologisch 
nicht vorbestimmt kennzeichnet. Der biologisch begründete Verlauf der Enfe» 
Wicklung endet keineswegs mit der Geburt. Der neugeborene Organismus 
kann im strengen Sinne nicht als ein fertiges Produkt aufgefaßt werden, das 
imstande ist, seine biologischen Bedürfnisse selbständig zu befriedigen. Das 
neugeborene Kind ist, wenn es auch anatomisch bereits von der Mutter ge^ 
trennt ist, doch von dem körperlichen Erzeugnis des mütterlichen Orga« 
nismus, der Milch, biologisch abhängig, nicht zu reden von der Tatsache, daß 
es, um am Leben zu bleiben, der Fürsorge der Mutter in mannigfacher Weise 
bedarf. 

Abgesehen von der Anpassung an die Einschränkungen des sozialen Leo 
bens gibt es eine Reihe wichtiger organischer Veränderungen, denen sich die 
kindliche Persönlichkeit zu fügen hat. Gleich nach der Geburt tritt auto»< 
matisch eine ganze Anzahl phylogenetisch bedingter Veränderungen ein. Als 
Beispiele nenne ich das Zahnen und den Übergang von der passiven zur 
aktiven Fortbewegung beim Gehenlernen, das ja von der biologischen Reife 
des Kindes abhängig ist. Ebenso kommt es bis zu einem gewissen Gra,d 
automatisch, wenn auch nicht ohne Hilfe der Umgebung, zur Kontrolle der 
Sphinkterfunktionen. Die Entwicklung des Intellekts muß in hohem Maße 
gleichfalls als vorbestimmter Ablauf aufgefaßt werden, obgleich er in seinen 
Einzelheiten äußerst abhängig von den Einflüssen der Umgebung ist. Grund« 
sätzlich handelt es sich aber um einen biologisch vorgezeichneten Prozeß, 
der in der einen oder anderen Weise vor sich geht, sei es nun mit oder ohne 
spezifische Kultureinflüsse. Ich spreche hier natürlich nur von gewissen 
Grundphasen der intellektuellen Entwicklung, wie etwa der des wachsenden 
Unterscheidungsvermögens Objekten gegenüber, der zunehmenden Genauig=< 
keit der Realitätsprüfung und des Vermögens zu abstrahieren. Alle diese zu=< 
nehmenden Fähigkeiten gründen sich auf die Entwicklung gewisser höherer 
Hirnzentren. 

In der Pubertät vollzieht sich schließlich im Organismus eine weitere 
biologisch gegebene Veränderung, ein Umschwung von höchst einschneis» 
dender Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung — die Reifung der 
Geschlechtsdrüsen; und mit ihr entsteht die Fähigkeit zur Fortpflanzung, 
Nach der Sexualreife folgen Alter und Tod, die letzten Phasen der Lebens* 
geschichte, die in gleicher Weise biologisch bedingt sind. 

Durch die psychoanalytischen Untersuchungen an Neurotikern und Psy*^ 
chotikern wurden jene frühen Phasen der postnatalen Persönlichkeitsentwick=» 
lung, in denen das Individuum nur Grundprobleme biologischer, nicht kuL« 
tureller Natur zu lösen hat, in den Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit ge* 
rückt. Während dieser Frühperiode wird das Individuum in seiner Ernähr 



Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 149 

rung und Fortbewegung völlig unabhängig vom Mutterorganismus und lernt 
auch, seine Ausscheidungsfunktionen zu kontrollieren. Unsere Forschungen 
haben ergeben, daß in dieser Zeit die Triebwünsche des Individuums sehr 
tiefgreifenden Wandlungen unterliegen. Wir bezeichnen diesen Entwicks» 
lungsabschnitt als die prägenitale oder auch präödipale Phase. Das Studium 
dieser präödipalen Phase wird durch die Anwendung der analytischen 
Technik bei neurotischen oder psychotischen Erwachsenen ermöglicht. Bei 
solchen Patienten besteht eine stark regressive Neigung, zu den frühen Fors» 
men des emotionalen Ausdrucks zurückzukehren. Diese regressive Tendenz 
wird besonders wirksam, wenn der Neurotiker bei seinem Anpassungsprozeß 
psychischen Schwierigkeiten und Konflikten ausgesetzt ist. Jedes neurotische 
Symptom läßt sich als eine solche Regression des Patienten zu infantilen 
Formen der Triebbefriedigung auffassen — zu psychischen Haltungen, in 
denen er sich restlos glücklich und zufrieden fühlt. Dieser regressive Cha# 
rakter der neurotischen und psychotischen Symptome bietet uns eine aus* 
gezeichnete Gelegenheit zum Studium der frühen Formen des Gefühls:« und 
Trieblebens. 

Vor kurzem wurden diese mehr indirekten Untersuchungen über die Früh»« 
periode der psychischen Entwicklung in höchst instruktiver Weise durch 
direkte Beobachtung am Kinde durch die Technik der Kinderanalyse er# 
gänzt. Beide Forschungsrichtungen haben uns gezeigt, daß diese präödipale 
Entwicklungsphase die größte Bedeutung für die spätere Persönlichkeitsenfe« 
wicklung hat; in der Tat ist es diese frühe Phase, in der sich die grundle* 
genden Charaktereigenschaften herausbilden. Jene Untersuchungen zeigten 
uns des weiteren, daß während dieser frühen Periode das Kind in seinem 
Gefühlsleben Wandlungen durchmacht, die unvergleichlich tiefer und 
wichtiger sind als irgendwelche Ereignisse seines späteren Lebens. 

Im wesentlichen ist das Problem, das die kindliche Persönlichkeit in dieser 
Phase zu lösen hat, gleichfalls ein Problem der Anpassung, in erster Linie 
jedoch einer Anpassung an die phylogenetisch vorausbestimmte Reihe von 
Veränderungen in seinem biologischen Zustand. Es ist das unvermeidliche 
Schicksal dieses kleinen hilflosen Wesens, Schritt für Schritt unabhängiger 
zu werden. Die Erforschung des Unbewußten zeigt uns deutlich die starken 
psychischen Gegenkräfte, die sich im Kinde gegen diese Loslösung von der 
Mutter erheben, Gegenkräfte gegen jeden Schritt in der Richtung zur Unab«! 
hängigkeit. Aus der Psychologie des bewußten Seelenlebens kennen wir nur 
die progressiven Tendenzen, den Wunsch zu wachsen, das Streben nach 
Geltung und Erfolg; das Studium des Unbewußten enthüllt jedoch eine 
tiefere machtvolle entgegengesetzte Tendenz, in die früheren Perioden der 
Abhängigkeit zurückzukehren, in denen man keine Verantwortlichkeit zu 



150 Franz Alexander 



tragen hat unH vollkommen in der Obhut der Eltern steht. 

In diesem frühen Lebensabschnitt sind die Triebwünsche des Individuums 
noch nicht an spezifische gedankliche Inhalte gebunden; sie sind über^ 
wiegend gefühlsbetonte Strebungen, die sich aus den biologischen Funk»= 
tionen des Organismus herleiten. Sie gruppieren sich um den Ernährungs:» 
Vorgang, der mit Lustempfindungen an der Mundzone verknüpft ist: zu 
empfangen, sich etwas einzuverleiben, ist der Inhalt dieser Strebungen und 
Befriedigungen. Eine andere emotionale Tendenz, die anscheinend etwas 
später als die einverleibenden Tendenzen ihre Gefühlsbetonung erhält, steht 
in Zusammenhang mit den Ausscheidungsfunktionen. Die Ausstoßungsten;« 
denzen und die Lustempfindungen, die der Exkretionsvorgang in sich 
schließt, sind vermengt mit Zurückhaltungstendenzen und einer aus dem 
Zurückhalten der Körperprodukte resultierenden Lustempfindung. Ein»« 
verleiben, Ausstoßen und Zurückhalten sind die Hauptten»^ 
denzen, um die sich das Gefühlsleben des Kindes bewegt. 

Wir erkennen in diesen Tendenzen die psychische Manifestation der 
grundlegenden biologischen Funktionen des Organismus: der Einverleibung 
der Nährsubstanzen, des teilweisen Ausscheidens und teilweisen Zurück« 
behaltens (Assimilierens) derselben im Wachstumsvorgang. Man könnte 
sagen, daß in dieser Frühperiode die kindliche Gefühlswelt eine vöUig vege^ 
tative Lebensauffassung widerspiegelt und Gefühlsbeziehungen zu Personen 
in ihr noch eine unwesentliche Rolle spielen. Die Lustempfindungen sind zu 
jener Zeit in den Organen der Ernährung und Ausscheidung lokaHsiert und 
an deren Funktion gebunden. 

Dieses Bild ändert sich nun schrittweise; zwischen dem dritten und sechsten 
Lebensjahr entwickelt das Kind immer mehr persönliche Gefühlsbeziehungen 
zu anderen Personen und während der gleichen Zeit werden die Lustemp=« 
findungen von den vegetativen Organen nach und nach auf die Geschlechts* 
Organe verschoben. Es ist ein höchst bezeichnender Parallelismus, daß die 
Entwicklung der gefühlsbetonten Objektbeziehungen mit den ersten An=» 
zeichen der Sexualreife zusammenfällt. Doch erst sieben oder acht Jahre 
später, in der Pubertät, erreicht das Individuum die volle Genitalreife und 
wird zeugungsfähig. Diese lange Periode, die zwischen die ersten Äuße# 
rungen der Genitalität und die volle Genitalreife eingeschaltet ist, ist für den 
Menschen typisch und, soviel ich weiß, ohne Parallele bei anderen Lebe* 
wesen, Ursprung und Sinn dieser Erscheinung gewähren der Spekulation 
jeden Spielraum. 

Die Erlangung der Sexualreife teilt das Leben des Menschen in zwei grund* 
sätzlich verschiedene Phasen. Vor der Sexualreife ist er im wesentlichen ein 
Kind, er ist durch den Wachstumsprozeß in Anspruch genommen und in 



Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 151 

vieler Hinsicht von den Eltern abhängig und beeinflußt. Nach der Sexual*^ 
reife ist der Wachstumsvorgang beendet; der Mensch wird fortpflanzungs* 
fähig und verantwortlich für den Unterhalt der nächsten Generation. Er 
hört auf, ein Kind zu sein, und ist fähig, selbst Kinder zu haben. Die Zeit der 
Gefühlsabhängigkeit geht zu Ende. Zur Einverleibung und Retention zum 
Zwecke des Wachstums und zur Ausscheidung unbrauchbarer Stoffe tritt nun 
eine neue Form der Ausscheidung, und zwar eine schöpferische Funktion: 
die Produktion von Samenzellen und durch sie die Schaffung neuen Lebens 
mit all der Verantwortlichkeit und all dem Energieverbrauch, den die Eva 
haltung der neuen Generation erfordert. Hand in Hand mit diesem biolo# 
gischen Umschwung gewinnt eine neue Gefühlsrichtung zentrale Wichtig!» 
keit — die Tendenz zu geben. 

Die Fortpflanzung kann man biologisch als Wachstum über die Grenzen 
des Einzelorganismus hinaus auffassen. Am Einzeller läßt sich dies leicht 
beobachten. Er wächst, teilt sich, nachdem er eine gewisse Wachtumsgrenze 
erreicht hat, in zwei Teile und stirbt oder hört wenigstens auf, als einheit« 
liches Wesen zu existieren; er lebt in den beiden neuen Organismen fort, die 
sich aus ihm gebüdet haberi. Im vielzelligen Organismus findet grundsätzlich 
der gleiche Vorgang statt mit dem einzigen Unterschied, daß hier die Fort* 
pflanzung in einer asymmetrischen Teilung besteht, bei der der elterliche 
Organismus sein Eigenleben auch nach der Zeugung für eine gewisse Zeit 
behält. 

Die Analyse normaler Erwachsener zeigt, daß nicht nur bei Neurotikern 
und Psychotikern, sondern bei jedem Menschen eine dem progressiven Yct» 
lauf der Entwicklung entgegengesetzte regressive Tendenz besteht, die mit 
restloser Abhängigkeit vom Mutterorganismus beginnt und nach Erreichung 
der vollen Sexualreife zum Tode führt. Jede äußere Schwierigkeit, auf die 
der Mensch während des Verlaufes seiner Weiterentwicklung stößt, verstärkt 
diese innere regressive Kraft, die ihn zu den früheren infantilen Formen des 
Gefühlslebens zurückzieht. Äußere Schwierigkeiten, die im Leben zu 
Angst, zu Verlusten und Mißerfolgen führen, haben einen mächtigen inner:* 
liehen Bundesgenossen in den regressiven Tendenzen des Organismus. Bei 
Neurotikern und vor allem bei Psychotikern ist diese regressive Tendenz 
stark betont; noch so geringfügige Schlappen bei den ersten Liebesbe^ 
Ziehungen, kleine Enttäuschungen und Versagungen werden als willkommene 
Entschuldigung benützt für die unbewußten regressiven Neigungen, für den 
Wunsch, den Kampf um die Unabhängigkeit aufzugeben und zu den vegeta* 
tiven Frühformen des Seelenlebens zurückzukehren, in denen sich alles um 
das Individuum selbst drehte, — Formen, die zu dem für psychisch und 
emotional gestörte Patienten so typischen egozentrischen Dasein führen. In 



vielen Fällen, besonders bei gewissen Schizophrenen, scheinen die trauma» 
tischen Erlebnisse in der Tat nur sekundäre, auslösende Ursachen zu sein, 
indem sie Gründe und Entschuldigungen für die regressive Neigung liefern. 
Der reale ätiologische Faktor ist die starke Fixierung an die EntwicklungS:« 
phasen der Abhängigkeit, die Regression auf jene Stufe, auf der das Indi«« 
viduum noch keine Verantwortung kannte und gänzlich von den Eltern ver=» 
sorgt wurde. 

Diese Abneigung gegen das Erwachsenwerden und gegen das Annehmen 
einer dem biologischen Reifezustand entsprechenden seelischen Haltung 
scheint in manchen Fällen der wichtigste ätiologische Faktor zu sein. Be* 
sonders in Fällen von schizophrener Psychose ist diese endogene regressive 
Tendenz — eine gewisse Trägheit oder Starrheit des Trieblebens, eine Abnei:* 
gung, die verschiedenen Entwicklungsphasen in der Richtung zur Reife 
durchzumachen — der wichtigste Faktor, demgegenüber die äußeren trauma* 
' tischen Erlebnisse nur von sekundärer Bedeutung sind. Diese stoßen das 
Individuum zurück in die Richtung der Kindheit, in die es seine 
Fixierung und seine starken regressiven Tendenzen zurückzuziehen be^; 
müht sind. Ob diese für den Psychotiker charakteristische starke regressive 
Tendenz des Trieblebens, wie Freud annimmt, eine angeborene Eigenschaft 
ist oder ob sie während der sehr frühen Phasen der postnatalen Entwicklung 
erworben wurde, ist bis jetzt unentschieden. 

Es hat jedoch den Anschein, daß — wenigstens in vielen Fällen von Psy»* 
chose — die Starrheit des Trieblebens, der "Widerstand gegen das seelische 
Erwachsenwerden eine ererbte, konstitutionelle Eigenschaft ist. In diesen 
Fällen sind selbst eingehende ätiologische Untersuchungen nicht in der 
Lage, extreme pathogene traumatische Erlebnisse aufzudecken, wenigstens 
keine schwereren als die gewöhnlichen seelischen Konflikte, die auch in der 
Lebensgeschichte normaler oder psychoneurotischer Personen an der Tagest» 
Ordnung sind. Andererseits können wir in der frühen Geschichte vieler 
Schizophrener vom Beginn des extrauterinen Lebens an eine eigentümliche 
und hartnäckige Weigerung des SäugUngs feststellen, die nachfolgenden Ver* 
änderungen seiner biologischen Situation zu akzeptieren. Solche Pa* 
tienten zeigen oft eine ungewöhnlich starke Abhängigkeit von der Mutter 
und reagieren auf die ersten sozialen Begegnungen mit Zurückhaltung, 
Schüchternheit oder Angst. Im späteren Leben reagieren sie dann auf geringe* 
fügige Versagungen und Fehlschläge mit unverhältnismäßiger Heftigkeit und 
jede Schwierigkeit wird von ihnen durch Ausweichen oder Nachgeben be# 
antwortet. 

Dieser magnetische Zug zurück zur infantilen Situation, den wir beim 
Psychotiker in so übertriebener Form, etwas weniger intensiv beim Neuro»* 



Die soziologische und die biologi sche Orientierung in der Psychoanalyse 153 

tiker und noch gemäßigter beim Normalen beobachten, ist nichtsdesto* 
weniger eine imiverselle Erscheinung des Seelenlebens. 

Wir sehen, daß der Gang der psychischen Entwicklung gewisse Züge 
aufweist, die phylogenetisch vorgebildet sind und die psychologische Kehr<> 
Seite jener Kette biologischer Ereignisse darstellen, die mit der restlosen Ab;* 
hängigkeit des Organismus im intrauterinen Zustand beginnt und über die 
Geburt zuerst zu wachsender Selbständigkeit, dann zu Sexualreife und Fort* 
Pflanzung und schließlich zu Verfall und Tod führt. Die psychische Ent* 
Wicklung folgt in ihren Hauptzügen genau diesen vorgezeichneten Phasen 
und Abläufen der biologischen Entwicklung. Die unselbständige, rezeptive 
psychische Haltung des Kleinkindes ist genau so sehr der Ausdruck seines 
abhängigen biologischen Zustandes, wie die Selbstsicherheit und die pxo^ 
duktiven und schöpferischen Tendenzen des gesunden Erwachsenen ein Aus= 
druck seiner Sexualreife sind oder die beschauliche Resignation des Greises 
der Ausdruck der biologischen Schwäche, an die er sich psychisch anpaßt. 

Ein anderes Beispiel für die Anpassung an die unabänderlichen Tatsachen 
des biologischen Schicksals hat Freud vor einiger Zeit an der weiblichen 
Entwicklung aufgezeigt. Freud vertritt die Theorie, daß der Verzicht des 
kleinen Mädchens auf seine frühen maskuKnen Ansprüche, die sich aus seiner 
biologisch determinierten Bisexualität herleiten, eine psychische Anpassung 
darstelle, die der Entdeckung folgt, daß wegen der weiblichen anatomischen 
Struktur jene maskulinen Strebungen zur Erfolglosigkeit verurteilt sind. 

In ihrer Frühzeit schärfte uns die Psychoanalyse ein, wie wichtig die An=> 
passung der Triebwünsche an das soziale Milieu, an die vom Gemeinschafts=< 
leben geforderten Einschränkungen sei; neuerdings beginnen wir immer deufe= 
lichei zu erkennen, daß sich das Ich auch an eine Umgebung anzupassen 
hat, der es noch weniger entrinnen kann als der äußeren sozialen Umweh: 
es ist dies die ständig sich verändernde innere „Umwelt", die durch die bio^« 
logisch bedingten Wandlungen der Triebwünsche repräsentiert wird. Analy== 
tische Untersuchungen zeigen, daß vielleicht die größte psychische Schwierig* 
keit, die der Mensch während seines Lebens zu bewältigen hat, das Aufgeben 
der biologischen Abhängigkeit von der Mutter und die Annahme einer see* 
lischen Haltung ist, die dem Stand seiner biologischen Reife entspricht. 

Das Büd, das sich uns bei der mikroskopischen Untersuchung von Lebens=« 
geschichten unter dem vergrößernden Objektiv der analytischen Technik dar»» 
bietet, ist so, als wohte das Individuum nur widerstrebend die Unabhängig* 
keit des Reifezustandes akzeptieren, in den es durch den unvermeidlichen 
Verlauf des biologischen Wachstums versetzt wird; es ist so, wie wenn es im 
tiefsten Inneren niemals gänzlich die Sehnsucht aufgeben wollte, in das Glück 
der von keiner Verantwortung beschwerten Abhängigkeit der Kindheit 



I 



I 



zurückzukehren. Der Mythos vom Goldenen Zeitalter und besonders die hh> 
blische Schilderung der Genesis, des Gartens Eden, sind klare Zeugnisse 
dieses regressiven Verlangens des Menschen nach dem verlorenen Paradies der 
Kindheit, aus dem er vertrieben wurde, nachdem er vom Baume der sexuellen 
Erkenntnis gegessen hatte. Die biblische Erzählung der Vertreibung verrät 
ein intuitives Erfassen der Tatsache, daß die Erreichung der Sexualreife den 
kritischen Wendepunkt im Leben darstellt, der die sorglose vegetative Zeit 
der Abhängigkeit beendet. Noblesse obligel Jede neue biologische Fähigkeit, 
die im Laufe der Entwicklung erworben wird, bedeutet für den Menschen 
eine neue Verpflichtung: wenn er die Zähne entwickelt hat, verliert er das 
Recht, an der Brust genährt zu werden; wenn er gehen gelernt hat, verliert er 
das Recht, umhergetragen zu werden; und sobald er die Fähigkeit erlangt hat, 
Kinder in die Welt zu setzen, verliert er das Recht, selbst ein Kind zu sein. 

Fraglos beginnt die äußere kulturelle Umwelt sehr früh einen Einfluß aus* 
zuüben und modifiziert diese Entwicklung in ihren Einzelheiten. Verschie»» 
dene Ideologien, Sitten und Gewohnheiten spiegeln sich in der Lebensweise 
der Familie, in der Theorie und Praxis der Kindererziehung. Verschiedene 
kulturbedingte Verhaltensweisen der Eltern den Kindern gegenüber können 
den psychischen Reifungsprozeß in hohem Grade beeinflussen. Es gibt je* 
doch ein grundlegendes universelles Schema der seelischen Entwicklung, das 
von jedem Individuum unter dem Zwang der unabänderlichen Tatsachen 
des biologischen Wachsens und Vergehens eingehalten wird. Geradeso wie 
sich in einer Symphonie ein Grundmotiv durch alle Variationen hindurch«^ 
zieht, läßt sich auch im Lebensablauf hinter den sekundären Einflüssen der 
kulturellen Umwelt der tief und fest gegründete Unterbau biologischer Deter* 
minanten erkennen. 

Um die Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen und das Ausmaß der auf 
sie wirkenden Kultureinflüsse abschätzen zu können, ist es von größter 
Wichtigkeit, diese allgemeingültige biologisch vorgebildete Grundlage zu 
kennen, die nur sekundär durch äußere kulturelle Einwirkungen modifiziert 
und verändert werden kann. Es ist offenkundig, daß die psychische Entwick;» 
lung der frühen Phasen weitaus einförmiger und starrer vorgezeichnet ist 
als das spätere Schicksal des Individuums. In vieler Hinsicht ist die erste 
Entwicklungsperiode lediglich eine Fortsetzung der Embryonalentwicklung; 
sie ist deren Ergänzung, entsprechend den phylogenetisch vorgezeichneten 
Modellen. Doch darf der Organismus in dieser frühen Periode gleichzeitig 
auch schon als eine Persönlichkeit aufgefaßt werden, die auf diese automa# 
tischen Veränderungen ihres biologischen Zustandes emotional reagiert. Und 
deshalb ist das Studium dieser frühen Phase für das Verständnis der psychoä« 
biologischen Wechselbeziehungen so vielversprechend. Der Inhalt dieser 



Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 155 

[frühen psychischen Reaktionen hängt indessen so eng mit den biologischen 

f Grundprozessen der Einverleibung, Ausscheidung und Zurückbehaltung zus= 

sammen, daß man sie als elementare Tendenzen auffassen kann, aus denen 

1 sich die reiche Mannigfaltigkeit des späteren psychischen Lebens entwickelt. 

Das jüngste Stadium der analytischen Forschung ist durch die wachsende 
I Aufmerksamkeit gekennzeichnet, die diesen Frühphasen der Persönlichkeits:« 
' entwicklung gezollt wird. Die praktische Bedeutung solcher Studien besteht 
darin, daß sie uns einen neuen Zugang für das Verständnis und die Behand* 
lung gewisser psychisch bedingter organischer Störungen gestatten. Solche 
Patienten regredieren ganz tief zu jener frühen prägenitalen oder vegetativen 
Phase des Seelenlebens. So haben beispielsweise unsere Untersuchungen im 
Chicagoer Psychoanalytischen Institut gezeigt, daß intensive rezeptive Ab^« 
hängigkeitswünsche bei Erwachsenen eine andauernde stimulierende Wir«» 
kung auf die Funktionen des Magens ausüben und zu seiner Dysfunktion 
und schließlich sogar zu peptischem Geschwür führen können. Der Wunsch 
zu empfangen, umsorgt zu werden, ist im Unbewußten zutiefst verkettet 
mit dem Wunsch genährt zu werden, da ja das Gestilltwerden im Säuglings«» 
alter die vollkommenste Befriedigung des Abhängigkeitsbedürfnisses be# 
deutet. Bei erwachsenen Menschen kann dieser infantile Wunsch nach Ab;= 
hängigkeit und Hilfe oft nicht seinen direkten Ausdruck finden, da er mit 
der bewußt zur Schau getragenen Selbständigkeit, Aktivität und Veranti« 
wortlichkeit unvereinbar ist; er wird verdrängt und findet einen Ausweg in 
der Mobilisierung des verwandten Wunsches, ernährt zu werden. Dieser un»» 
ablässige Wunsch, zu empfangen, sich etwas einzuverleiben, dient als ein 
fortwährender Anreiz der Magensekretion und setzt damit die Magenwand 
unaufhörlich dem Einfluß der Verdauungssäfte aus. In vielen Fällen ist dies 
die Grundlage einer chronischen Magenneurose und führt bisweilen sogar zur 
Geschwürbildung. 

Verdrängte Wut kann die Peristaltik der Gedärme beeinflussen und an 
ihnen Funktionsstörungen bewirken. Auch die Atmungsfunktionen können 
durch solche psychische Spannungen beeinflußt und gestört werden. Daß 
der Atmungsapparat sogar bei Normalen dem Ausdruck von Gemütsbewe«» 
gungen dient, ist eine wohlbekannte Tatsache. Der Seufzer der Erleichterung, 
das Keuchen aus Angst oder Wut sind nur ein paar Beispiele. In Fällen neu«» 
rotischer Störung entsteht durch solche psychogene Reize eine chronische 
Unterbrechung der normalen Funktionen, wobei diese emotionalen Span^« 
nungen den eben von mir beschriebenen regressiven und infantilen Charakter 
tragen. Eben wegen ihrer infantilen Natur werden diese psychischen Ten«» 
denzen vom Ich des Erwachsenen zurückgewiesen, sie werden verdrängt und 
können deshalb nicht auf den normalen Wegen im Leben Ausdruck finden. 



I ■! 
11 



156 Franz Alexander Die soziologische und die biologische Orientierung 



Wir dürfen hoffen, daß sich eine weitere praktische Bedeutung dieser Er* 

j 'i forschung der frühen Perioden des Seelenlebens in dem besseren Verständnis 

des psychologischen Sinns der Psychosen ergeben wird, in denen, wie ich 

erwähnt habe, tiefe Regressionen zu frühen Lebensphasen eine so wichtige 

Rolle spielen. 

Es ist zu erwarten, daß das Studium dieser frühen psychischen Reaktionen 
auch für die Klärung des Problems der ererbten Konstitution von großer Be* 
deutung sein wird, eines Problems, dessen Lösung wir gegenwärtig so drins^ 
gend benötigen. Je frühere Formen des psychischen Lebens wir beobachten 
können, desto eher werden wir in der Lage sein, jene allgemeinen dynia* 
mischen Tendenzen festzustellen, die durch äußere Faktoren noch unbe# 
einflußt sind und deshalb als ererbt angesehen werden müssen. 

Endlich wird uns das Studium der Wechselbeziehung zwischen dem bios= 
logisch vorgezeichneten Grundplan der seelischen Entwicklung und seinen 
sekundären Modifikationen und Entstellungen durch kulturelle Umweltein»« 
flüsse unserem Endziele näher bringen — dem restlosen Verständnis des 
Menschen als Organismus, als Persönlichkeit und als Mitglied einer sozialen 
Gruppe. 



Die Realitätsprüfung im Traum' 

Von 

Thomas M. French 

Chicago 

Schon seit ganz früher Zeit wird den Träumen prophetische Bedeutsamkeit 
zugeschrieben, Freud hat gezeigt, daß dieser Glaube an den prophetischen 
Wert von Träumen bis zu einem gewissen Grade dadurch gerechtfertigt und 
erklärt wird, daß es Funktion der Träume ist, Wünsche als erfüllt darzu* 
stellen. Wünsche werden ja oft auch im realen, Leben erfüllt. Es ist daher 
nicht erstaunUch, wenn sich Träume des öfteren als prophetisch erweisen. 

F r e u d hat (1923) auch darauf aufmerksam gemacht, daß man unmittelbar 
nach dem Aufwachen aus dem Schlaf imstande sein kann, ein schwieriges 
intellektuelles Problem zu lösen, um das man sich vor dem Schlafengehen 
vergebens bemüht hatte. In reichem Maße wurde bewiesen, daß sowohl das 
Ich als auch das Übersieh im Traum weiter funktionieren. Beobachtungen 
der eben angeführten Art zeigen weiter, daß auch die Tätigkeit des Ichs, im 
realen Leben Lösxmgen für Probleme zu finden, im Schlaf fortgeführt werden 
kann. 

Eine weniger dramatische, aber häufigere Beobachtung führt zum gleichen 
Schluß. Ich vermute, daß die meisten Analytiker Träume anführen könnten, 
die an sich die Lösung eines aktuellen Konfliktes, die der Patient vielleicht 
sehr bald, vielleicht erst nach Wochen oder Monaten erreichen wird, schon 
im voraus anzeigten. In der Literatur wurden solche Träume vielfach 
berichtet. Der folgende Traum aus der ersten Krankengeschichte in 
Alexanders „Roots of Crime" gehört in diese Kategorie. 

Der Patient hatte sich beklagt, er würde es niemals zu etwas bringen. 

„Er könnte Liftboy sein und es allmählich zu einem kleinen Posten in 
einem Hotel oder Warenhaus bringen, aber so jemand hat kein Vergnügen 
im Leben, nichts als Pflichten und Kinder, keine Hoffnung auf Vorwärts«» 
kommen." Der Patient „zieht es vor, ein Gauner zu sein". 

In der folgenden Unterredung aber bringt er einen Traum, der eine hoiio 
nungsvollere Einstellung anzeigt. 

„Er ging in ein Bürohaus — wie er es oft tat — einer seiner alten Tricks. Es 
gab da Regenmäntel und Hüte. Er nahm einen Hut und einige Marken aus einer 
kleinen Schachtel. Ein alter, weißhaariger Mann, der im Liftschacht arbeitete, sah 

i) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Marienbad, am 6. August 1936. Aus dem Englischen übertragen von Lilly Neurath, 
Wien. 




158 Thomas M. French 



ihn durch die Glastüre des Büros. Er dachte, er sollte lieber .ausreißen. Er ent- 
fernte sich durch eine andere Tür, kam in eine Vorhalle und von da auf die 
Straße." 

Er erkannte in dem alten Mann, der aus dem Liftschacht schaute, das enl^ 
mutigende Bild seiner Zukunft, wenn er den geraden Weg ginge. Das ist die 
Art des vorzeitig gealterten Familienmenschen, ein alter JHann und noch 
immer Liftboy, wie er ihn sich vorstellte. In seinen Einfällen zum Traum sagt 
er: „Als dieser Kerl im Traum mich anschaute, sah ich plötzlich, daß viele Türen 
in dem Raum waren, und ich ging durch eine andere Tür, nicht die, durch 
welche der Mann mich sah, als ich hineinkam". Im Traume entdeckt er, daß 
es nicht richtig ist, daß es für ihn nur zwei Möglichkeiten gebe — ein Liftboy 
oder ein Gauner zu werden. Im Traum sagt er „mag sein, daß es noch einen 
anderen Ausweg gibt". Mit anderen Worten, es tritt in diesem Traum — 
sehr frühzeitig in der Analyse des Patienten — eine Umorientierung in bezug 
auf die Zukunft des Patienten auf, die den weiteren Verlauf seiner Analyse 
vorwegnimmt. 

Dies ist wohl kein ganz eindeutiges Beispiel einer Konfliktlösung im 
Traum. Die plötzliche Entdeckung der vielen Türen symbolisiert eine plötz=> 
liehe Erkenntnis, daß es für den Patienten neue Möglichkeiten im Leben gibt. 
Im Traum geht er durch eine andere Tür hinaus und akzeptiert so symbolisch 
die Hoffnung, daß er aus seinem Konflikt einen anderen Ausweg finden 
könnte; doch der übrige Traum zeigt klar, daß er noch nicht fähig ist, in 
seinem Gefühlsleben den Schritt vorwärts zu machen, der hier angeregt wird.^ 
Die ganze Fassade des Traumes ist eine Zurückweisung dieses Schrittes. Er 
ist noch ein Dieb. Wie in seinen bewußten Assoziationen wird die Möglich»» 
keit, ein anständiger Mensch zu werden, in der Figur eines alten Mannes, 
der noch immer Liftboy ist, entwertet. Überdies ist in der ersten Fassung des 

2) Alexander berichtet diesen Traum nur als einen von vielen, die den Verlauf 
einer Analyse illustrieren. Er nimmt sich daher auch nicht die Zeit dazu, an dieser Stelle 
tiefere Triebgrundlagen zu diskutieren, die dem erwachenden Interesse des Patienten, ein 
ehrlicher Mensch zu werden, zugrundeliegen. Nach der Symbolik des Traums und dem nach=» 
folgenden Verlauf der Analyse zu schließen, können wir vermuten, daß die neue Mög<= 
lichkeit, die sich dem Patienten eröffnet, die der Identifizierung mit dem Analytiker ist, 
der vielleicht der erste erfolgreiche ehrliche Mensch ist, an den sich der Patient eng ange* 
schlössen hat. Wenn man durch Identifizierung lernen soll, so muß man sich der Untere 
schiede zwischen der Umwandlung der eigenen Persönlichkeit und dem Vorbild, das man 
nachzuahmen bestrebt ist, ganz bewußt werden. Wie die weitere Analyse zeigt, besteht 
die große Schwierigkeit auf dem Wege einer erfolgreichen Identifizierung mit dem Ana=> 
lytiker in dem emotionalen Widerstand des Patienten, den großen Gegensatz zwischen 
seinen eigenen passiven Wünschen und seinem männlichen Ideal zu erkennen. Die nach* 
folgende Analyse besteht in einem monatelangen Ringen des Patienten, die Erkenntnis 
seiner passiven Abhängigkeitswünsche zu akzeptieren und seinen Neid auf den Bruder 
und den Analytiker zu bewältigen. 



I 



Die Realitätsprüfung im Traum 159 

Traumes nicht er es, der eine neue Möglichkeit erblickt, sondern der alte 
Mann sieht ihn. Zuletzt entscheidet er sich dafür, „sich aus dem Staub zu 
machen", vor seinem Triebwunsch davonzulaufen, um der neuen Möglich* 
keit, die sich vor ihm aufgetan hat, zu folgen. 

Das zweite Beispiel, das ich zitieren werde, ist ein Traum, der eine weit 
vollständigere Konfliktlösung erreicht. Der folgende Traum wird von Ruth 
Mack Brunswick in ihrem Nachtrag (1928) zu Freuds „Geschichte 
einer infantilen Neurose" berichtet. 

„Der Patient steht an seinem Fenster und blickt auf eine Wiese, hinter der 
sich ein Wald erhebt. Die Sonne fällt durch die Bäume, so daß das Gras ganz 
gesprenkelt aussieht. Die Steine auf der Wiese werfen einen sonderbaren, malven= 
farbigen Schatten. Der Patient schaut besonders die Äste eines Baumes an und 
bewundert es, wie schön sie miteinander verflochten sind. Er kann nicht be= 
greifen, daß er diese Landschaft noch nicht gemalt hat." 

Brunswick hebt hervor, daß dieser Traum eine Art von „verklärter" 
Fassung des früheren traumatischen Traums von den Wölfen auf dem Baum 
ist, der in Freuds Krankengeschichte berichtet wird. Die Landschaft ist 
wieder die Landschaft seines Kindertraumes. In der Kindheit „war es Nacht, 
die Zeit also, in der man ängstlich ist". „Jetzt scheint die Sonne." „Die 
Zweige, auf denen früher die furchterregenden Wölfe saßen, sind jetzt leer 
und sind wie in ein schönes Muster ineinander verflochten", sie symboliä» 
sieren das Elternpaar in der Umarmung. „Was furchtbar und schrecklich 
war, ist schön und beruhigend geworden." Der Patient kann nicht begreifen, 
daß er die Szene noch nicht gemalt hat, das bedeutet seine bisherige Un* 
fähigkeit, sie zu bewundern. 

Brunswick betont weiter, daß die Aussöhnung mit dem, was ihn früher 
erschreckt hatte, nur bedeuten kann, daß er jetzt seine Angst vor der Kastrat» 
tion zum erstenmal überwunden hat und „jetzt auch vermag, zu bewundern, 
was andere schön finden — eine Liebesszene zwischen Mann und Weib. 
Solange er sich mit dem Weib identifizierte, war er zu einer solchen Bewunde«: 
rung unfähig"; sein ganzer Narzißmus hatte sich gegen die in der weiblichen 
Rolle enthaltene Kastrationsdrohung gesträubt. Sobald er aber seine IdentL« 
fizierung mit der Frau aufgibt, braucht er sich nicht mehr vor der Kastra»! 
tion zu fürchten. Der Patient ist jedoch, wie Brunswick sogleich zu zeigen 
bestrebt ist, in seinem realen Leben noch nicht so weit fortgeschritten, wie es 
der Traum anzuzeigen scheint. In Wirklichkeit war es lange Zeit, bevor der 
Patient endgültig die Erleichterung erlebte, die der Traum prophezeit hatte. 

Man wird hier vermerken, daß Brunswick den Traum von den vcr» 
schlungenen Ästen als Vorankündigung einer Realitätsanpassung betrachtet, 
die der Patient später im wirklichen Leben leisten wird. Ich denke, dies stimmt 



11] 



'1: 






! 



160 Thomas M. French 



mit der allgemeinen analytischen Erfahrung überein. Werden solche Träume 
richtig aufgefaßt und stellen sie wirkliche Traumlösungen der aktuellsten 
Konflikte des Patienten dar, so dürfen wir gewöhnlich mit Recht hoffen, daß 
die Traumlösung eine Art Prophezeiung für eine Regelung ist, die der Patient 
im realen Leben wird durchführen können, oder daß sie wenigstens die Mög=ä 
lichkeit einer solchen Regelung andeutet. Mit anderen Worten, der Traum 
war imstande, die Lösung eines Konfliktes zu finden, den das wache Denken 
noch nicht lösen konnte. Die Traumarbeit ist um mehrere Wochen oder 
sogar Monate klüger als das wache Denken. Im Lichte unserer herkömmt 
liehen Überschätzung des wachen Denkens mag dies als Paradoxon 
erscheinen, das dringend weiterer Erforschung bedarf. 

Ehe wir versuchen, dieses Paradoxon zu erklären, wollen wir nochmals 
die Frage aufwerfen, ob es existiert. Findet der Träumende eine Lösung^ für 
einen Konflikt wirklich, während er schläft, oder bringt der Traum nur eine 
Lösung zum manifesten Ausdruck, die schon während des vorhergegangenen 
Tages gefunden worden war, ohne vielleicht tatsächlich bewußt worden zu 
sein? Die Entscheidung ist schwierig. Wie bereits bemerkt, hat F r e u d^ auf 
die Tatsache aufmerksam gemacht, daß man ein schwieriges intellektuelles 
Problem im Schlaf lösen kann; doch ist er im Falle von Träumen, die Lös» 
sungen für reale Konflikte zu finden scheinen, geneigt, die Lösung als das 
Produkt eines vorbewußten Wachgedankens, der als Tagesrest in den Traum=* 
gedanken Aufnahme gefunden hat, zu betrachten. Freud anerkennt die Tat» 
Sache, daß „manche Träume Lösungsversuche von Konflikten enthalten" und 
daß diese Lösungen, die im Traum gefunden werden, häufig später im realen 
Leben wirklich durchgeführt werden; doch betrachtet er „die vorausdenkende 
Funktion des Traumes" eher als „eine Funktion des vorbewußten Wach* 
denkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder auch an»= 
derer Phänomene verraten werden kann". 

Es ist natürlich oft schwierig, zu entscheiden, wann der Gedanke, wie ein 

3') Mae der formulierte (1912, 1913— a, 1913— b) klar die Vermutung, daß viele 
Träume eine sekundäre „teleologische" Funktion haben, nämlich die eines Versuches, die 
Lösung für einen Konflikt im wirklichen Leben zu finden. Dies vergleicht er mit der vot" 
bereitenden Funktion des Spiels als Übung für das wirkhche Leben. Auch Alfred Adler 
schrieb (1912) dem Traum die Funktion des „Vorausdenkens" zu. Ahnliche Vorschläge 
wurden auch in einer weit vageren Form von S i 1 b e r e r (1910 und 1911) gemacht. 

Seit M a e d e r s Arbeiten hat Freud die Rolle der Übertragung in der psychoanaly* 
tischen Therapie aufgedeckt, den Wiederholungszwang beschrieben und ein Schema für die 
Struktur der Gesamtpersönlichkeit umrissen. Meine Arbeit ist ein Versuch, die Probleme, 
die vor so langer Zeit von M a e d e r und anderen aufgeworfen wurden, im Lichte dieser 
späteren Entwicklung der psychoanalytischen Theorie wieder zu betrachten. 

4) Vgl. Ges. Sehr., Bd. III, S. 167, wo F r e u d auf die Behauptungen von M a e d e r und 
Adler Bezug nimmt. 



h 



Die Realitätsprüfung im Traum 161 

Konflikt zu lösen sei, erstmalig auftaucht; besonders dann, wenn er, v/ie in 
den eben besprochenen Fällen, das Produkt unbewußter und vorbewußter 
Gedanken ist und erst später bewußt wird. Für die Zwecke der gegenwärtigen 
Diskussion aber ist es nicht so wichtig zu fragen, wann die Lösung eines Kon* 
fliktes zum erstenmal als Gedanke auftaucht. Viel wichtiger ist der Augen*» 
blick, in welchem sie zuerst vom Ich als ein befriedigendes Kompromiß 
akzeptiert wird. Im Hinblick darauf ist es interessant, die beiden aus 
der Literatur zitierten Träume einander gegenüberzustellen. Der von 
Alexander berichtete Traum zeigt tatsächlich nicht, daß das Ich die neue 
Lösung für den Konflikt des Träumenden wirklich akzeptiert. In diesem 
Traum wird nur der Gedanke an eine mögliche neue Lösung symbolisch ans» 
geregt und symbolisch akzeptiert, aber im Gegensatz zu diesem symbolischen 
Akzeptieren erschrickt das Traum*Ich vor dem neuen Gedanken und be«^ 
schließt „auszureißen". Der manifeste Inhalt des von Brunswick be# 
richteten Traumes verzeichnet anderseits eine wirkliche Wiederherstellung 
des Gefühlslebens, welche die dauerhaftere Wiederherstellung, die der Pas 
in seinem späteren wachen Leben erreicht, vorwegnimmt. 

Seit Freud die „Traumdeutung" veröffentlicht hat, haben wir gelernt, 

in den Träumen die Produkte eines Kompromisses zwischen verdrängten 

Wünschen und verdrängenden Kräften zu erkennen. Bei normalen, gesunden 

Personen mag der Traum nur als eine Art Sicherheitsventil dienen, das wäh# 

rend des Schlafes eine periodische und unschädliche Freisetzung von Wüns= 

sehen gestattet, die sich sonst im wachen Leben störend auswirken könnten. 

Anderseits spiegeln die Träume neurotischer Personen ganz typisch den 

Mißerfolg wieder, den der Patient bei seinem Suchen nach einer Lösung 

seines Konfliktes, die für ihn im realen Leben akzeptabel ist, erleidet. Denken 

wir an die typische Situation, in der der neurotische Patient versucht hat, die 

aus seinem Sexualleben stammenden Triebregungen zu streng und unter* 

schiedslos zu verdrängen. Die Träume solcher Patienten spiegeln in mannig* 

faltiger Ausdrucksweise nur den ununterbrochenen und harten Kampf zwi* 

sehen hartnäckigen verdrängten Wünschen und dem verzweifelt verdrängen* 

I den Über*Ich wider. In einer psychoanalytischen Behandlung trachten wir 

[dem Patienten zu helfen, eine Neuverteilung der Kräfte in seinem psychischen 

: Haushalt zustandezubringen, die auf ein minder strenges Über*Ich, ein 

! weniger trotziges Es und auf einen leistungsfähigeren Ausgleich zwischen 

, den beiden Anteilen der Persönlichkeit hinauslaufen soll. Das zu starre Über* 

[ Ich des Patienten ist als Reaktion auf traumatische Erlebnisse in seiner Kind* 

meit aufgerichtet worden. Um sein Über*Ich zu modifizieren, müssen wir 

ihm helfen, die Konflikte, deren Ergebnis eben dieses zu starre Über*Ich war, 

|^ wieder aufzuschlielkn und wieder lebendig zu machen und darm unter günsti* 

Imago XXUI/2 H 



162 Thomas M. French 



geren Bedingungen eine neue und bessere Lösung für einen Konflikt, den der 
Patient niemals wirklich gelöst hat, zu finden. Prophetische Träume der Art, 
die wir eben erörtert haben, stellen entscheidende Schritte in diesem Prozeß 
der Neuverteilung der Kräfte dar. Wenn man sie verstehen will, darf man 
sich Übersäich und Es nicht als feste Strukturen vorstellen, sondern muß sich 
I einer Terminologie bedienen, die auf die Wechselwirkung der Kräfte Rück»* 

j sieht nimmt, welche zu der ursprünglichen Bildung des Über#Ichs führten 

und nun modifiziert werden müssen, um eine Korrektur des ursprünglichen 
Verhaltensmodells zuzulassen. 

Diese Wechselwirkung von Energien kann, wie ich schon des längeren in 
einer früheren Arbeit ausgeführt habe, in Begriffen, die Pawlowa Experi* 
menten über die Differenzierung bedingter Reflexe entsprechen, höchst ein* 
fach dargestellt werden. Der Patient hatte in seiner Kindheit zuweilen 
Wünsche, die zu unangenehmen Folgen führten oder zu führen drohten. Um 
eine Wiederholung dieser unangenehmen Folgen zu vermeiden, lernt es der 
Patient, die verbotenen Wünsche zu unterdrücken. Bis zu diesem Punkt war 
seine Reaktion eine einfache Anpassung an die Realität, aber bei seinem 
neurotischen Übersälch ging die Reaktion weiter als bis daher. Der Patient 
hemmte nicht nur seine verpönten Wünsche, sondern verdrängte sie kräftig; 
und da er diese Regungen vom Bewußtsein ausschloß, machte er eine spätere 
Korrektur seines Reaktionsmodells unmöglich. Nehmen wir etwa an, diese 
verpönten Regungen seien sexueller Natur und auf Mutter und Schwester 
gerichtet gewesen. Mit dem Eintritt der Pubertät verbietet das zu wenig unter* 
scheidungsfähige Gewissen nicht nur auf Mutter und Schwester gerichtete 
sexuelle Regungen, sondern auch solche gegenüber jeder anderen Frau. Der 
Verbotskodex des Patienten bedarf dringend einer Revision, aber da er alle 
heterosexuellen Regungen rücksichtslos vom Bewußtsein ausschließt, ist es 
ihm unmöglich zu erkennen, daß zwischen inzestuösen und anderen hetero* 
sexuellen Wünschen ein Unterschied besteht. In der Analyse müssen wir 
ihm helfen, die inzestuösen Wünsche bewußt werden zu lassen, um sie mit 
anderen heterosexuellen Wünschen, die sozial weniger störend sind, zu ver* 
gleichen. Dies ist der Vorgang, den wir Realitätsprüfung nennen. Den cha* 
rakteristischen Zug des „prophetischen" konfliktlösenden Traumes, den wir 
erörtert haben, bildet der Umstand, daß die Traumarbeit während des 
' Schlafes eine Realitätsprüfung zustandegebracht hat. Es wird interessant sein, 
diesen Vorgang der Realitätsprüfung während des Schlafes genauer und in 
seinen Einzelheiten zu untersuchen. 

In der „Traumdeutung" hat Freud nachgewiesen, daß ein Traum in 
jedem einzelnen Fall zwei Bedingungen erfüllt: 1. Er stellt die Erfüllung 
eines aus der Kindheit stammenden Wunsches dar. 2. Er enthält Beziehungen 



Die Realitätsprüfung im Traum 163 

zu Vorfällen des vorhergegangenen Tages. Für unser Problem ist die zweite 
dieser Bedingungen von Interesse. Freud findet, daß die Beziehungen zu 
den Tagesresten nicht Anspielungen auf Vorfälle von emotionaler Bedeu* 
tung sein müssen. Er schreibt ihr Auftreten im Traum einem Vorgang der 
Übertragung von Energien aus einem infantilen Konflikt auf rezente Er«- 
lebnisse zu. 

Dieser Übertragungsvorgang ist dieselbe Art von Übertragung, der man 
regelmäßig in der Neurose begegnet und die wir im Verlauf einer psycho^» 
analytischen Behandlung so intensiv zu erforschen gezwungen sind. Freud 
entdeckte erst später ihre grundlegende biologische Bedeutung. Sie ist eine 
der bedeutsamen Manifestationen des Wiederholungszwanges. Es handelt 
sich da um eine starke Tendenz, gegenwärtige Situationen so aufzufassen, 
als ob sie lediglich "Wiederholungen früherer Erlebnisse wären, und "in der 
Gegenwart so zu leben, als würde man nur die Vergangenheit wiedererleben. 
Die extremsten Manifestationen dieses Wiederholungszwanges sind reichlich 
bizarr, aber es ist wichtig zu erkennen, daß wir nur vermöge des Wieder,* 
holungszwanges in einer modifizierten Form aus der Erfahrung lernen 
können. Wenn wir einem neuen Erlebnis gegenüberstehen, trachten wir, 
frühere ähnliche Erlebnisse zu erinnern und uns zum gegenwärtigen riach 
Modellen zu verhalten, die wir aus den früheren Erfahrungen gelernt haben. 
Sollen wir lernen, Uns an die Realität anzupassen, so müssen wir zuerst die 
alten Modelle reaktivieren und dann versuchen, sie durch Vergleichen der 
neuen Situation mit der alten zu korrigieren. Dies ist wiederum der Prozeß 
der Realitätsprüfung. In der Traumarbeit besteht diese Tendenz, gegenwärtige 
Situationen mit vergangenen Erlebnissen in Beziehung zu bringen, in der 
Tendenz fort, etwas von der Energie aus infantUen Konflikten auf jüngere 
Erlebnisse zu übertragen. Die Traumarbeit kämpft weiter mit der Aufgabe, 
eine Lösung für die nie gelösten Probleme der Kindheit zu finden, und fühi-t 
diesen Kampf auf Grund der Situationen vom Vortag. 

Daß die Traumarbeit noch mit einem Problem der Anpassung an die 
aktuelle Realität kämpft, ist sehr deutlich aus den prophetischen konflikt* 
lösenden Träumen, mit denen wir uns eben befassen, zu ersehen. Ich kann 
dies am besten an einem Beispiel illustrieren. 

Ein Patient wird nach einem psychotischen Schub in einem Spital analy# 
siert. Er war sehr widerstrebend in die Analyse eingetreten und hatte in einer 
Anzahl von Träumen gezeigt, daß ein wesentliches Motiv, die Analyse zu 
akzeptieren, war, daß sie ihm einen Vorwand bot, im Spital zu bleiben, 
wo er keine Verantwortlichkeit hatte und- sehr gut versorgt war. An 
dem Tage vor der Sitzung, aus welcher nun Material angeführt werden wird, 
hatte der Patient verlangt, ohne Begleitperson in eine nahegelegene Stadt 



164 Thomas M. French 



gehen zu dürfen. Die Vorschriften der Anstalt hatten es aber notwendig ge* 
macht, darauf zu bestehen, daß seine Frau ihn vom Spital abholte und in 
die Stadt begleitete. 

Die nächste Stunde eröffnet er mit dem folgenden Traum: 

„Ec trifft den Analytiker und dieser teilt ihm mit, daß er in Zukunft mehr 
Freiheit haben werde." 

Er stellt sofort fest, daß mehr Freiheit freien Ausgang bedeutet, und er<= 
innert den Analytiker an die Zurückweisung seiner Bitte vom Tag zuvor. 
Er bemerkt, daß er sich in der Stadt gut unterhalten und einige alte Bekannte 
getroffen habe, die früher für ihn gearbeitet hatten. 

Nachdem der Analytiker die Deutung gab, daß dies ein Trosttraum ge* 
wesen sei, erzählt der Patient einen zweiten Traum: 

„Et ist in einem großen Haus aus roten Ziegeln mit einem hellen, sehr sauberen 
braunen Ziegeldach, das stark geneigt ist. Das Haus sieht dem eigenen Haus des 
Patienten in einer südafrikanischen Stadt (wo der Patient eine Verwaltungss» 
stelle innehatte) ähnlich, ist aber größer und schöner. Der Patient und seine 
Frau haben dort seinen früheren Dienstgeber und dessen Frau zu Gast. Der 
Patient hat das Gefühl, sie gut zu unterhalten, was seinem sonstigen Gefühl, ein 
schlechter Gastgeber zu sein, widerspricht. 

Dann befindet sich der Patient im oberen Stockwerk. Er und seine Frau sind 
in einem Zimmer neben dem Badezimmer. Der Patient hört, wie sich seine Frau 
höflich bei der Frau seines Dienstgebers entschuldigt, weil das Zimmer des 
Chefs in einiger Entfernung vom Badezimmer liegt. 

Gleich darauf befindet sich der Patient in einer großen offenen Dusche, die 
aus einer sehr hohen aufrecht stehenden Eisensäule besteht, von der einige ge' 
neigte Röhren abzweigen, deren jede einen Strahl von etwa einem halben Zoll 
Durchmesser ausströmt. Der Duschraum hat einen zerbrochenen Ziegelfußboden 
mit einem großen Abflußloch. Patient nimmt ein Duschbad. Andere Leute, zw 
meist Neger, stehen herum, baden aber nicht. Patient defäziert, nimmt dann den 
Stuhl in die Hand und daraus wird ein Stück Seife, mit dem er sich wäscht." 

Dieser zweite Traum ist es, den ich für die Zwecke dieser Arbeit erörterin 
will. Im Laufe der Einfälle erinnert sich der Patient, daß er tatsächlich seinen 
Dienstgeber und dessen Frau in diesem Hause bewirtet hatte, kurz nachdem 
sein Gast ein Kind verloren hatte. Er erinnert sich, daß er sich bei der Unter* 
haltung mit ihnen sehr unbehaglich gefühlt habe, da er ein sehr schlechter 
Gastgeber ist. Er erinnert sich auch, daß sich seine Frau, während er in 
diesem Hause lebte, am Knie verletzt hatte. Der Patient mußte sie pflegen. Er 
hatte zu jener Zeit eigene Sorgen (es war zu Beginn einer Depression, die seine 
Psychose einleitete) und hatte den Impuls, seine Frau zu töten und Selbstmord 
zu begehen; der Impuls war durch seinen Ärger bei der Erinnerung an eine 



Die Realitätsprüfung im Traum 165 



frühere Periode von Aufregungen hervorgerufen. Er erinnert sich auch, daß 
er und seine Frau von seinem Chef einen Sommer lang eingeladen waren. 
Sein Chef hatte damals Bauchkrämpfe und die Gattin entschuldigte ihn. 
Für gewöhnlich ist sein Chef ein athletischer, glücklicher, aktiver Mensch. 
In den Einfällen zu dem Detail des Traumes, in dem seine Frau sich ent^ 
schuldigt, weil das Gästezimmer so weit vom Badezimmer entfernt sei, be# 
merkt der Patient, daß es immer für ihn ein wichtiger Punkt ist, nahe dem 
Badezimmer zu sein, wenn er verreist. Er legt großes Gewicht darauf, Obsti* 
pationen zu vermeiden, fühlt sich aus diesem Grund unbehaglich, wenn er 
in fremde Häuser kommt, und erkundet immer gleich die Lage des Bade^^ 
zimmers. Er erinnert sich, einmal in seiner Kindheit in seine Hose defäziert 
zu haben und wie schwierig es war, sie zu reinigen. Er haßt es, warten ,zu 
müssen, ehe er das Klosett aufsuchen kann. 

Wir können diesen Traum als eine Reaktion auf den Ärger des Patienten 
deuten, als er daran erinnert wird, daß seine Freunde ein aktives Leben 
führen und außerhalb der Anstalt mit den Verantwortungen des Lebens 
kämpfen, während der Patient weiter im Spital ist und seine Frau ihren 
Lebensunterhalt verdienen läßt, so gut sie eben kann. Der Traum versucht 
zuerst, diese Minderwertigkeitsgefühle durch die Darstellung gewünschter 
Situationen zu beseitigen. Der Patient ist mit seiner Frau daheim und nicht 
länger in Spitalsbehandlung. Im Gegenteil, er bewirtet einen der Männer, 
die er um ihren Erfolg heftig beneidet, seinen aktiven athletischen Chef. Diese 
Verleugnung seines Ärgers aber erweist sich bald als erfolglos. Der Vergleich 
zwischen dem Patienten und seinem erfolgreichen Chef erregt einen infan»> 
tileren Wettbewerbsimpuls. Die große aufrechte Eisensäule, die einen 
Wasserstrom in ein großes Abflußloch sendet, ist ein Symbol der Urszene. 
Aber der Patient hat diese Urszene so verändert, daß er alle Aufmerksamkeit 
und allen Glanz auf sich lenkt. Anstatt nur ein enttäuschter Zuschauer zu 
sein, befindet er sich zwischen den Vater* und Muttersymbolen; er ist der 
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Inferiore Geschöpfe stehen herum und 
schauen ihm zu. Als infantilen Ersatz für die Ejakulation defäziert er. 

Es gibt wirklich eine reale Basis für diese grandiose Phantasie. Als Ana« 
lysepatient ist der Patient tatsächlich der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit 
im Vergleich zu den anderen Patienten der Anstalt (die „Neger" im Traum). 

Von besonderem Interesse für unser Thema ist aber das letzte Traumdetail, 
Welche Bedeutung mag der Stuhl haben, der ein Stück Seife wird, mit dem 
sich der Patient wäscht? Waschen ist natürlich eine Reaktionsbildung auf 

Idie Beschmutzungstendenzen. Anderseits ist Waschen auch ein sublimiertes 
Ventil für analerotische Impulse, eine sublimierte Form von Schmieren. Die 
Reaktionsbildung bezieht ihre Energie zum großen Teil von den Be* 



li I 



166 Thomas M. French 



Schmutzungstendenzen, auf die sie eine Reaktion darstellt. Daß der Stuhl zu 
Seife wird, ist eine sehr plastische Darstellung dieses Sachverhalts. 

Dennoch sind wir von der Leichtigkeit beeindruckt, mit der auf den Bef= 
schmutzungsimpuls die Reaktionsbildung folgt, ohne daß beim Übergang 
irgendein weiteres Anzeichen von Scham oder Schuldgefühl auftritt. Anstatt 
sich zu schämen, scheint der Träumer zu prahlen: „Schaut, ich kann Stuhl 
in Seife verwandeln". Es ist, als würde er ein Zauberkunststück vor einem 
Publikum ausführen. Wie können wir die Leichtigkeit begründen, Imit 
i l ; welcher der Patient seine Scham durch solches Prahlen ersetzt? 

Wir haben schon erwähnt, daß der Patient einer der wenigen Spitals* 
Insassen ist, die sich in Analyse befinden. Wenn wir uns daran erinnern, enU 
decken wir, daß sein Prahlen in einer Tatsache eine reale Basis hat. Der 
Stuhl, der zu Seife wird, ist ein höchst bezeichnendes Symbol für die Ana« 
lyse. Es war für das sensitive Ich des Patienten sehr peinlich, seine unreinen 
Gedanken auszusprechen. Der Traum stellt die erstmalige Akzeptierung der 
Toleranz der Analyse gegenüber seinen analerotischen Impulsen dar. In dieser 
Situation ist das Ausp rechen der eigenen schmutzigen Gedanken nicht mehr 
eine Beleidigung des guten Geschmacks, sondern ein Mittel, sich zu reinigen 
— das ist die Auffassung des Patienten von der Art, wie er von seiner Neu»? 
rose geheilt werde. 

So weist der Patient in diesem Traum auf ein Element seiner realen Situa?« 
tion hin, das die Möglichkeit einer besseren Lösurig seines Konfliktes dar* 



bietet. In seiner Kindheit konnte das Defäzieren im Bad nur Schande und 
Erniedrigung bringen. In der Analyse ist das Aussprechen seiner unsauberen 
Gedanken eine Art Seife, mit der er sich waschen kann. Der Traum rechnet 
schon mit dem Unterschied zwischen der Scham, die mit den Beschmutzungs* 
tendenzen in seiner Kindheit verknüpft war, und der größeren Toleranz für 
diese Regungen in der Analyse und hat sich der Analyse als einer Lösung für 
seinen Konflikt zugewendet.^ Mit anderen Worten: der Traumarbeit ist ein 

5) Man kann leicht die Bedeutsamkeit unauffälliger und alltäglicher Tatsachen unter«' 
schätzen. In jeder Analyse ist es in erster Linie die tolerante und objektive Atmosphäre 
der analytischen Situation, die es dem Patienten ermöglicht, verdrängte Triebansprüche ins 
Bewußtsein zuzulassen und ihnen offenen Ausdruck zu geben. Das ist augenscheinlich das 
Resultat eines grundlegenden Stücks Realitätsprüfung von selten des Patienten. Der Patient 
gibt sich darüber Rechenschaft, daß die analytische Situation eine andere ist als die in* 
fantile, die zuerst die Verdrängung notwendig machte. In der analytischen Situation kann 
man ganz ruhig vieles sagen, das auszusprechen man sich in der Kindheit fürchtete. 

Eine zweite bekannte Tatsache, die in jeder Analyse aufscheint, ist, daß das erste offene 
Eingeständnis einer verdrängten Regung oft in einem Traum erfolgt. Mit anderen Worten, 
ein Traum ist das erste Anz^i^heii dafür, daß der Patient diesen grundlegenden Schritt zur 
Anpassung an die Realität vollzogen hat. Der in Rede stehende Traum ist nur ein recht 
hübsches Beispiel dieses sehr allgemeinen Phänomens. 



Die Realitätsprüfung im Traum 167 

Stück Realitätsprüfung gelungen, zu dem der Patient in seinem wachen Leben 
noch nicht fähig war. 

Soferne man der Annahme zuneigt, daß das Träumen' weit weniger als das 
klarwache Denken geeignet ist, eine Lösung für ein Problem des realen Lebens 
zu finden, sollte diese Art paradoxer Träume wohl dazu anregen, die dynat» 
mischen Mechanismen, die die Traumlösung ermöglicht haben, zu unter* 
suchen. Der erste Schritt zu dieser Lösung war das offene Auftreten der 
infantilen Strebungen des Patienten, mit der Potenz seines Vaters in einem 
Defäkationsakt zu konkurrieren. Bevor dieser infantile Wunsch zum Be* 
wußtsein zugelassen wurde, war es naturgemäß nicht . möglich, einen Ver<« 
gleich mit der analytischen Situation zu ziehen und so zu entdecken, daß die 
Analyse das Bewußtwerden solcher infantiler Phantasien eher ermutigte als 
entmutigte.« Wir müssen daher zunächst fragen, wie es kommt, daß der Pa# 
tient im Traum eher imstande ist, solch einen störenden Impuls ins Bewußte» 
sein treten zu lassen. Wir können annehmen, daß im Wachleben die Scham 
des Patienten zu stark ist, als daß sie das Wiederaufleben einer derartigen 
Phantasie zuließe. Sogar während seines psychotischen Erregungszustandes 
waren Phantasien dieser Art nicht aufgetreten, derzeit aber war an Stelle der 
psychotischen Aufregung die für ihn normaler Weise charakteristische außer* 
ordentliche Zurückhaltung getreten. Der Patient neigte im Wachzustand eher 
dazu, dem ersten Teü seines Traumes entsprechend zu reagieren und sich 
seiner Sensitivität und seines guten Geschmacks zu rühmen und so die 
I Minderwertigkeitgefühle, die ihn dauernd bedrückten, zu überkompensieren. 
Es wird von Nutzen sein, die Vor^^ und Nachteile einer derartigen Reak:« 
tionsbildung als Lösung für den Konflikt des Patienten sorgfältig abzuwägen. 
Der ins Auge springende Vorteil ist, daß sie den Patienten vor der heftigen 
, Scham, die eine Wiederbelebung seiner infantilen Strebungen aufs neue er» 
[wecken müßte, schützt. Demgegenüber müssen wir den Nachteü erwägen, 
daß eine solche Reaktionsbildung den Patienten starken inneren Spannungen 
preisgibt, die von der ständigen Notwendigkeit, seine infantilen Wünsche im 
Schach zu halten, herrühren. 

Es ist klar, daß im Verlauf des Traumes das dynamische Gleichgewicht 
i hin und her schwankt.' Im ersten Teil des Traumes ist die Reaktionsbildung 

fi) Es ist natürlich eine alltägliche Erfahrung in der Analyse, daß ein Patient nicht ein 
für allemal die Toleranz des Analytikers für das Auftauchen seiner verpönten Wünsche 
akzeptieren kann. Im Gegenteil, jedes neu auftauchende wesentliche Stück des Ver<« 
drängten kostet den Patienten neuen Kampf, ehe er wiederum gerade in Bezug auf diesen 
speziellen verbotenen Wunsch glauben kann, daß der Analytiker neutral und tolerant 
sein wird. 

7) Man wird bemerken, daß ich hier den manifesten Trauminhalt als einen Index für 
das quantitative Verhältnis von verdrängten und verdrängenden Kräften benütze. Dieses 




168 Thomas M. French 



im Übergewicht. Die Entschuldigung der Gattin des Patienten vor der Frau 
des Chefs ist das erste Anzeichen dafür, daß die Angst des Patienten wegen 
seiner verdrängten Wünsche im Steigen begriffen ist. Es ist gut, dem Bade^ 
zimmer so nahe als möglich zu sein. Unmittelbar nachher haben die ver* 
drängten Tendenzen das Übergewicht erlangt. 

Wie ist nun diese Verschiebung des Gleichgewichtes zu erklären? Wenn 
ich es versuche, möchte ich gern eine Hypothese über den dynamischen Ein* 
fluß des Schlafes auf das psychische Gleichgewicht zur Anwendung bringen, 
auf die ich zum erstenmal bei der Untersuchung von Alpträumen verfiel, die 
den Patienten aus dem Schlaf wecken. Bei solchen Alpträumen kann man 
beobachten, daß Wahrnehmung unlustvoller Elemente zu Beginn des 
Traumes am geringsten ist, mit dem Fortschreiten des Traumes progressiv 
anwächst und den Höhepunkt erreicht, wenn der Patient erwacht. Es bedarf 
nur eines kleinen Schrittes, um aus dieser Beobachtung zu schließen, daß der 
Schlafzustand an sich Unlust absorbiert und neutralisiert. Da man durch den 
Schlaf erfrischt wird, kann angenommen werden, daß die Intensität der 
Müdigkeit nachläßt, die Tiefe des Schlafs geringer wird und daß immer 
grölkre unlustvolle Affektbeträge von der neutralisierenden Wirkung des 
Tiefschlafs entbunden werden. 

Es gibt jedoch zwei Arten von Unlust. Es gibt die Unlust der unbefric;* 
digten Wünsche und andererseits die Unlust, die den unangenehmen Folgen 
der Befriedigung von Wünschen entspringt. Ein sorgfältiges dynamisches 
Abwägen muß entscheiden, welche dieser beiden Unlustarten man wählt. 

Wendet man diese Grundsätze auf den hier bedandelten Traum an, so 
sieht man, daß der Patient anfangs imstande ist, beide angeführten Unlustarten 
aufzuheben oder zu neutralisieren. Sein Minderwertigkeitsgefühl ist weg, stö»» 
rende infantile Tendenzen sind nicht vorhanden. Er unterhält seinen Chef 
recht erfolgreich. In der Folge nimmt die Intensität der unbefriedigten iniaty 
tuen Wünsche rapid zu, doch scheint die Angst vor den Folgen hinreichend 

Vorgehen wird intuitiv von allen Analytikern zur Anwendung gebracht. Daß verdrängte 
Wünsche im selben Maß immer offener im manifesten Trauminhalt zum Ausdruck 
kommen, in welchem die verdrängenden Kräfte schwächer werden, ist ein Sachverhalt, 
der im Verlauf nahezu aller Analysen nachgewiesen werden kann. Ich würde den Hin<> 
weis darauf für überflüssig halten, hätte nicht F e n i c h e I kürzlich (1936) den Wert 
von Schlußfolgerungen in Frage gestellt, die aus dem manifesten Trauminhalt gezogen 
werden, selbst wenn der manifeste Inhalt wie im vorliegenden Fall nach einer sehr auf^ 
merksamen Beachtung des latenten Trauminhaltes untersucht worden sein mag. 

In dieser Arbeit benütze ich auch den manifesten Inhalt, um die Schwankungen des 
dynamischen Gleichgewichts im Traumablauf zu verfolgen. Auch für diese Vorgangs=> 
weise gibt es bereits Beispiele in der psychoanalytischen Literatur. Was ich verfolge, ist 
selbstverständlich eine letzte Phase der Traumarbeit, die während des Träumens selbst 
erfolgt. 



Die Realitätsprüfung im Traum 



169 



abgestumpft zu sein, um den infantilen Tendenzen den Durchbruch zu ge^ 
statten. Wir könnten erwarten, daß der Patient unmittelbar darnach, plötzs^ 
lieh von der Scham, die sich an seine Beschmutzungswünsche heftet, aufges= 
stört, aus dem Schlaf erwacht. Indes aber borgt sich das „Traum#Ich" des 
Patienten einen Trick vom Ich des Wachlebens aus. Er erinnert sich sofort, 
I daß er in Analyse ist; so macht es also nichts aus. In einer Art Pseudo,*Ert« 
wachen mindert der Patient die Intensität seiner schlaf störenden Angst herab 
und bringt es auf diese Weise zustande, noch eine Zeitlang weiterzuschlafen. 

Seit ich begonnen habe, mich um Beweismaterial für das Fortwirken der 
I Realitätsprüfung im Traum umzusehen, ist es mir aufgefallen, wie häufig die 
iTräume des Patienten in Tröstungen dieser Art, die aus aktuellen Tatsachen 
seines realen Lebens bezogen werden, ihren Abschluß finden. 

Ist die obige Rekonstruktion der Schwankungen des dynamischen Gleich«: 

I gewichtes in diesem Traume richtig, dann können wir nun auf die kurz zuvor 

{gestellte Frage Antwort geben. Wir haben gefragt, warum es in diesem Traum 

gelang, eine Lösung zu finden, die der Patient im wachsen Leben nicht hatte 

finden können. Die Antwort lautet: Der Schlaf zustand hat einen beträcht^^ 

liehen Teil der Scham, die mit den Beschmutzungstendenzen des Patienten 

verknüpft ist, gebunden, auf diese Weise den Grad seiner Hemmungen 

'herabgesetzt und ein probeweises Wiederaufleben der verpönten Regungen, 

ermuntert durch die Analyse, erlaubt. 

Ich habe in früheren Arbeiten (1933 und 1936) mehrfach hervorgehoben, 
daß die Urteilsfunktion des Ichs davon abhängig ist, daß sich die Konflikt* 
stärke auf einer bestimmten optimalen Höhe hält. Der Konflikt des Patienten 
war zu stark, als daß er im Wachleben eine vernünftige Lösung zugelassen 
hätte. Der Schlafzustand schuf, indem er die Konfliktstärke herabsetzte, 
günstigere Bedingungen für die Ichfunktion. Daher war die Traumarbeit im* 
Stande, die Lösung für einen Konflikt zu finden, während das klarwache Ich 
des Träumenden nur danach streben konnte, ihn zu vermeiden. 



Literaturverzeichnis: 

Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. Wien, 1912. 

Franz Alexander und William H e a 1 y : Roots of Crime. New York und London, 1935. 

Ruth Mack Brunswick: Nachtrag zu Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose". 

Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929. 
Otto Fenichel: Referat über Alexander und Wilson „Quantitative Dream Studies" 

(Psa. Quarterly, IV, 3). Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. 
Thomas M. French: Interrelations between Psychoanalysis and the Experimental Work 

of Pavlov. Am. Journ. of Psych., XII, 1933. 
— Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlauf einer psychoanalytischen Be* 

handlung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIII, 1937. 



170 Thomas M. French: Die Realitätsprüfung im Traum 



Sigm. Freud: Die Traumdeutung. Ges. Sehr., Bd. II. 

— Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Sehr., Bd. VIII. 

— Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. 

A. M a e d e r : Über die Funktion des Traumes. Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. IV, 1912. 

— Zur Frage der teleologischen Traumfunktion. Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. V, 1913. 

— Über das Traumproblem. Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. V, 1913. 

Herbert Silberer: Phantasie und Mythos. Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. II, 1910. 

— Über die Symbolbildung. Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. III, 1912. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile' 



Von 

Rene Spitz 

Paris. 
I. 



Die Konsequenz, mit der das Kleinkind in seinen Spielen, seinen Beschäftig 
gungen, seinen Interessen ein und dieselbe Handlung wiederholt, ein und 
dasselbe Märchen immer wieder hören will, ohne die Änderung eines Wortes 
in der Erzählung zuzulassen, daß es nie müde wird, eine ihm lustvollle Be«= 
schäftigung wieder und wieder und wieder anzufangen, überrascht uns immer 
aufs neue.'' 

i) Nach einem Vortrag auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Marienbad, 2. August 1936. — Auf die das vorliegende Thema behandelnden Arbeiten von 
Wi n te r s te in(„Angst vor dem Neuen, Neugier und Langweile", Psa. Bewegung, Bd. II, 
S. 540) und Fenichel („Psychologie der Langeweile", Imago, Bd. XX, 1934, S. 270) 
werden wir im gegebenen Zusammenhange zurückkommen. Auch Gedanken von H o 1] 6 s 
über den Zeitbegriff (Imago, Bd. VIII, 1922) klingen an meine Auffassung an. 

Die vorliegende Arbeit lag bei der Redaktion bereits vor, als der Aufsatz von 
M o s o n y i, „Über die irrationalen Grundlagen der Musik" (Imago, Bd. XXI, 1935) er* 
schien, so daß auf dessen Ausführungen leider nicht mehr eingehend Bezug genommen 
werden konnte. Von anderen Prämissen ausgehend und mit einer von' der unsrigen ver« 
schiedenen Zielsetzung, sind M o s o n y i s Gedankengänge stellenweise dennoch den 
unsrigen sehr verwandt, so in seinen Ausführungen über die Unlust beim Erleben neuer 
Reize, sowie über die Beziehungen zwischen Rausch, Musik und Wiederholung. Der Zu« 
sammenhang, den ich in den abschließenden Worten der vorliegenden Arbeit beschrieb, 
wird von M o s o n y i sozusagen von der entgegengesetzten Seite dargestellt, indem er das 
Maßlose als Triebkraft der Wiederholung, des Maines, der Ordnung bezeichnet. 

Vielleicht hätte sich eine eingehende Begriffsbestimmung der Wiederholung zur Eins» 
leitung meiner Arbeit empfohlen. Sie möge einem weiteren Aufsatze vorbehalten bleiben, 
indes die Wiederholungsformen, auf die es uns in den gegenwärtigen Überlegungen an« 
kommt, ohne weiteres aus diesen selbst zu entnehmen sind. Dennoch will ich ausdrücklich 
darauf hinweisen, daß ich die theoretischen Probleme des Wiederholungszwanges in meine 
Ausführungen über die Wiederholung absichtlich nicht einbezogen habe, um einen allzu 
weitläufigen theoretischen Ansatz zu vermeiden. 

2) Beim Tier ist es nicht anders. Wirft man einem Hund einen Stock zu, so wird man 
sich — wenn das Tier einmal erkannt hat, daß das Apportieren des Stockes ihm Vergnügen 
macht — vor ihm nicht retten können, weil es immer und immer wieder betteln wird, 
daß man ihm Stöcke, Steine, Gegenstände zum Apportieren werfen möge. 

Die Lust an der Wiederholung wurde bei Kindern experimentalpsychologisch von Mit« 
arbeitern von Charlotte B ü h 1 e r geprüft. Es scheint, daß die Lust an solcher Wieder« 
holung als Selbstnachahmung beginnt. Die früheste derartige Beobachtung stammt von 
M. Guernsey bei einem Kinde von 0;2 -f 14. H. Hetzer hat eine Reihe von Wieder« 
holungszahlen festgehalten: ein Kind mit 0;3, das 36mal die Hand um einen Gegenstand 
schloß; ein Kind mit 0;5, das 56mal Kopf und Schultern aus der Bauchlage hob und 
wieder senkte; ein Kind mit 0;6, das sich 84mal hintereinander aus der Bauchlage auiß« 



j 172 Rene Spitz 

Dennoch können wir diese Haltung des Kindes recht wohl verstehen, wenn 

I wir versuchen, uns in seine Situation zu versetzen und unsere Erwachsenen* 

I mentalität auf einige Augenblicke zu vergessen. In der Wiederholung findet 

1 das Kind Bekanntes vor, es hört, es sieht, erlebt, vollbringt etwas, wovon 

es bereits weiß, daß sich nichts Unangenehmes dahinter verbirgt, wo es 

sicher ist, nur Vergnügen erleben zu können, bestimmt keiner peinlichen oder 

gar unlustvollen Überraschtmg ausgesetzt zu sein.^ 

Wir kennen die Angst des Kleinkindes vor dem Fremden, vor der Dunkel* 

heit. (F r e u d : Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI, S. 77.) 

i Was ist denn eigentlich natürlicher, als daß dort, wo Fremdes beängstigend 

! ist, das Gewohnte, Bekannte und Geliebte unendlich wiederholt wird? Und 

I selbst wenn wir von der beängstigenden Qualität des Fremden absehen, so 

müssen wir uns sagen, daß für das Kind jede neue Handlung, jedes neue 

Erlebnis, jede neue Erzählung, jeder neue Gedanke die Qualität eines erst* 

malig zu Bewältigenden hat. Während für den Erwachsenen selbst in außer* 

ordentlich ungewohnten Situationen ein großer Teil der Situation, die ein* 

zelneu Komponenten des Geschehens bereits auf eingefahrenen Bahnen, also 

verhältnismäßig glatt und mühelos verlaufen, ist das bei dem Kinde nicht 

' der Fall. Es muß die Gesamtheit der neuen Situation so bewältigen wie ein 

Erwachsener, der etwa plötzlich auf einem fremden Planeten ausgesetzt 

; würde. Diese Fremdheitssituation ist am ausgeprägtesten in dem Geburts* 

] erlebnis gegeben, wo die Änderung von Kreislauf, Stoffwechsel, Tast*, Ge* 

hör*, Geruchs*, Geschmacks*, Gesichtsreiz, die Änderung des ganzen 

Milieus von einem Augenblick zum nächsten das Neugeborene in furchtbarer 

Weise aus der völligen Passivität in eine nie gekannte Aktivität zwingt.* 

richtete; ein Kind mit 2, -4, das sich von seiner Mutter 60mal das Mondgesicht malen ließ. 
(Ch. B ü h 1 e r, Kindheit und Jugend, III. Auflage, S. 50.) 

Eine ebenso große Rolle spielt im Leben des Kindes die aktive Wiederholung der 
W^orte. Bei der Aufarbeitung des an einem Beobachtungstage von einem Kinde ge* 
sprochenen Wortmaterials stellt Ch. Bühler 20 »/o Wiederholungen fest. 

3) Karl B ü h 1 e r hat (Die geistige Entwicklung des Kindes, Jena 1924) im Anschluß 
an die Spieltheorie von Karl G r o o s, für die Erscheinung der Wiederholung den Begriff 

, der Funktionslust eingeführt. Eine solche Erklärung des Phänomens der Wiederholung beim 

Kind wäre eine rein biologische und erscheint uns nicht ausreichend. Die Existenz der 
Funktionslust soll nicht geleugnet werden — wenngleich ihre Anwälte uns bisher eine 
tiefergehende Erklärung dieser Erscheinung schuldig geblieben sind. Immerhin scheint es 
uns, daß neben dieser Funktionslust eine ungemein wichtige psychische Komponente des 
Phänomens besteht, und diese ist es, mit welcher sich die vorliegende Arbeit beschäftigt. 

4) Diese Auffassung sprach zuerst Freud (Die Widerstände gegen die Psychoanalyse, 
i] Ges. Sehr., Bd. XI) aus: „Die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das Neue 
I an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es fordert, die bis zur angstvollen 
I Erwartung gesteigerte Unsicherheit, die es mit sich bringt. Es wäre reizvoll, die seelische 

Reaktion auf das Neue an sich zum Gegenstand einer Studie zu machen, denn unter ge* 
wissen, nicht mehr primären Bedingungen wird auch das gegenteilige Verhalten beobachtet, 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



173 



Es ist daher wohl verständlich, daß für das Kind eine neue Situation,^ ein 
neuer Reiz einen seelischen Aufwand bedeutet, der sich in keiner Weise 
mit dem vergleichen läßt, was der Erwachsene dem Neuen gegenüber emp# 
findet. So wird es begreiflich, daß das Kind, wenn es sich in der "Wieder^ 
holung eines bereits bekannt Gewordenen gefällt, darin Beruhigung, ja sogar 
Lust findet.^ 

Wir müssen uns also sagen, daß das Verhalten des Kindes im präödipalen 
Alter, in welchem jede Wiederholung eines ihm angenehmen Erlebnisses 
unbeschadet der Häufigkeit dieser Wiederholung als lustvoll empfunden 
wird, eigentlich verständlich ist. Verständlich auch, daß das Kind beim 
Wiedererzählen eines Märchens auf der wortgetreuen Wiederholung besteht 
und keinerlei Abänderung zuläßt, da ja die Abänderung Gefahren bringen 
könnte, wie alles Unbekannte. Welches sind die Gefahren, die vom Unbe* 
kannten drohen? Wir haben je nach der Entwicklungsphase, in welcher die 
Gefahr erlebt wird, vier Möglichkeiten zu unterscheiden. 

1. Es handelt sich um eine reale Gefahr der Außenwelt, der gegenüber das 
Lebewesen nicht genügend gerüstet ist und durch die es mangels einer ent# 
sprechend eingerichteten Abwehr einen Durchbruch seines Reizschutzes cn» 
leidet; ein traumatisches Erlebnis, analog dem ersten Reizdurchbruch bei 
der Geburt, als der gesamte Organismus mit unbewältigbaren chemischj* 
1 physikalischen Reizen überschwemmt wurde. Dieser Fall ist sicherlich häufig, 

ein Reizbunger, der sich auf alles Neue stürzt, und darum, weil es neu ist." Freud spricht 
1 hier von dem Verhalten zum Neuen beim Erwachsenen. Wir können jedoch seine Be^ 
merkung sinngemäß auf das Kind anwenden. 

Winterstein (a. a. O.) sagt: „Das Neue, Fremde, wird also primär von der Psyche 

iwie Feindliches, wie Gefahr gewertet; alles Neue scheint eine Bedrohung des infantilen 

t Narzißmus durch den Einspruch der Realität zu sein." Im weiteren Verlauf seiner Aus«« 

führungen spricht auch Winterstein von dem Zusammenhange zwischen der Un»» 

lust dem Neuen gegenüber und dem traumatischen Erlebnis bei der Geburt. 

5) Eine Bestätigung der Wirkung fremdartiger Reize wurde durch die experimentalpsycho* 
! logischen Versuche von F. M a b e 1 erbracht (Bühler>=Hetzer*Mabel: Die Affekt* 
Wirksamkeit von Fremdheitseindrücken im ersten Lebensjahr, Z. Ps. 107, 1928), wo z. B. 
dem Sechsmonatkind 30 Sekunden lang in fremder Fistelstimme ein akustischer Reiz ge^^ 
; boten wurde, wobei der Versuchsleiter hinter einem Schirm unsichtbar blieb. Das Kind 
reagierte darauf mit Angstschreien und unmutigen Bewegungen. Diese Reizdarbietung 
wurde in entsprechenden Abständen wiederholt. Die Angstäußerung schwächte sich von 
Wiederholung zu Wiederholung ab, um bei ider vierten Wiederholung interessierten Blicken 
Platz zu machen. 

Eine solche Verarbeitung des Reizes ist jedoch erst möglich, wenn die hiezu nob» 
wendige psychische Organisation vorhanden ist, analytisch gesprochen, wenn das Ich 
bereits konstituiert ist. Einen Beweis hiefür erbringt eine von Käthe Wolf ausgeführte 
Versuchsreihe, bei welcher derselbe Fistelstimmenreiz einem fünf Tage alten Kinde dar* 
geboten wird. Bei diesem bleiben die Unmutsreaktionen von Wiederholung zu Wieder* 
nolung identisch, und das Gleiche konnte bei weiteren zehn Kindern von 5 — 30 Tagen 
mit Hilfe dieser Versuche festgestellt werden. 




174 Rene Spitz 



1 



solange die Abwehrorganisationen des Lebewesens, mit anderen Worten, 
sein Ich, noch nicht ausgebaut ist. Solche Gefahren werden also im ersten 
Lebensjahre die überwältigende Mehrheit der Gefahrerlebnisse darstellen. 
Die außerordentliche Leichtigkeit, mit welcher beim Neugeborenen auf Reize 
jeglicher Art Schockreaktionen eintreten, ist dafür ein Beweis. Solche Schock* 
reaktionen bestehen in Starre, mit darauf folgenden diffusen Muskelabfuhr* 
Phänomenen, sowie Schreiweinen. Mit zunehmendem Alter, entsprechend der 
immer weiter fortschreitenden Ausbildung des Ichs und seiner Schutz* und 
Abwehrvorrichtungen, nehmen auch die Scbockreaktionen immer mehr ab. 
Beim Erwachsenen schließlich kommen solche Reaktionen nur mehr in ganz 
ungewöhnlichen Ausnahmssituationen vor, etwa beim Explosionsschock im 
Kriege oder bei Hirnverletzten, in Form der G o 1 d s t e i n sehen „Kata* 
strophenreaktion"." 

2. Die Gefahr besteht in einem Durchbruch des Reizschutzes von der 
Innenwelt her, aus dem eigenen Organismus, wie etwa durch Hunger, Durst, 
Schmerz. Auch dies ist ein Erlebnis, dem nur das unreife Ich ohne genü* 
genden Schutz preisgegeben ist und gegen das es dann später ausgiebige Me* 
thoden der Abwehr entwickelt. In unserem Zusammenhang unterscheidet 
sich dieser zweite Fall nicht prinzipiell vom ersten. 

3. Die Gefahr des Triebdurchbruches, bei welchem es sich um eine Über* 
schwemmung des Ichs durch die Triebe handelt. Schon diese Beschreibung 
zeigt, daß hiezu die Existenz eines ausgebildeten Ichs notwendig ist, welches 
im Gegensatz zum unreifen Ich des Säuglings eine freie Abfuhr der Triebie 
nicht zuläßt. Das Ich muß also bereits eine gewisse Organisation erreicht 
haben, es muß eine Abwehr nicht nur gegen die Gefahr, die von der Außen* 
weit und dem eigenen Organismus kommt, eingerichtet haben, sondern auch 
eine Abwehr gegen die Ansprüche der eigenen Triebe. Freilich, um in die 
Gefahr zu kommen, einen Triebdurchbruch zu erleben und von den eigenen 
Trieben überschwemmt zu werden, muß dieses Ich, bezw. das Über*Ich 
trotzdem noch relativ unfertig sein, denn ein wirklich reifes Ich, welches 
ein realitätsgerechtes Über*Ich zu seiner Steuerung besitzt, kommt in der 
Regel nicht in diese Gefahr. Dementsprechend können wir diesen dritten 
Fall dem Zeitabschnitt zwischen der Konstituierung des Ichs und der end* 
gültigen Formung des Über*Ichs zuordnen, also etwa zwischen das dritte 
Jahr und die Pubertät setzen. 

4. Es muß gar nicht zu einem Durchbruch der Triebe überhaupt kommen, 
es kann auch die 'Wiederbelebung eines einzelnen verpönten Triebwunsches 
eine Gefahr für das Individuum bilden. Gegen solche verpönte Triebe» 

6) K. Goldstein: Beobachtungen über die Veränderung des Gesamtverhaltens bei 
ji Gehirnschädigung. Monatsschr. £. Psychiatrie u. Neurologie, 68, 1928. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



175 



wünsche richtet das Ich eine Abwehr ein. Wenn jedoch eine Wahrnehmung 
in die beunruhigende Nähe eines Verdrängungsmechanismus führt, dann 
wird eine solche Wahrnehmung zur Gefahr. Die vom Ich errichtete Abwehr 
schaltet diese Gefahr bei Bekanntem aus, kann sie jedoch bei Unbekanntem 
nicht abfangen und so wird in diesem Falle das Unbekannte zur Gefahr. Es 
ist kaum notwendig zu sagen, daß das Verdrängte an und für sich, der Trieb 
selbst oder, richtiger gesagt, der verpönte Triebwunsch meist nicht als die Ge:> 
fahr empfunden werden wird. Die wirkliche Gefahr liegt in der Vergeltung, 
welche der Erfüllung des verpönten Triebwunsches folgen müßte. Der Weg 
vom gefährlichen Unbekannten führt zur Vergeltung für verpönte Trieb* 
wünsche, zur Kastrationsangst. Damit haben wir einen Hinweis auf die alters«! 
mäßige Zuordnung dieses vierten Falles gefunden. Er wird wohl am stärksten 
im ödipalen Alter in Erscheinung treten und von da ab die überwiegende 
Mehrzahl der Gefahrsituationen des Ödipusalters, der Latenzzeit und der 
Pubertät darstellen, um beim Erwachsenen zusammen mit der realen Gefahr 
die Gesamtheit der Gefahrsituationen auszumachen. 

Das Kind, das sich vor Unbekanntem fürchtet, wird sich im ersten Lebenss= 
jähre und auch weit darüber hinaus vor einer äußern oder Innern realen 
Gefahr fürchten (Fall 1 und 2.) Das etwas ältere Kleinkind ist angesichts 
des Unbekannten von der Gefährdung durch den Triebdurchbruch oder 
durch das Verdrängte bedroht (die Fälle 3 und 4); was das Unbekanntq in 
Beziehung zu all diesen Gefahren bringt, ist die Frage der Abwehr. Denn 
bei Bekanntem hat sich die Abwehr bereits als verläßlich erwiesen, bezw. 
es wurde ein Schutzmechanismus gegen das als gefährlich Bekannte ^ro 
richtet. Die Bekanntheit eines Phänomens, seine Wiederholung, verleiht 
ihm das Attribut der Ungefährlichkeit. 



11- 

Merkwürdig ist unter diesen Voraussetzungen die Haltung des Erwach* 
senen, der die Wiederholung ablehnt. Unentwegte Wiederholung desselben 
Erlebnisses wird der Erwachsene als uninteressant, dann als langweilig, 
schließlich als unerträglich ablehnen und sich dagegen heftig zur Wehr setzen. 

Es gibt jedoch beim Erwachsenen Ausnahmen von dieser Regel. Eine 
dieser Ausnahmen wird uns sofort verständlich, wenn wir sie formulieren; 
unter den Erwachsenen ist etwa dem Primitiven die Wiederholung will* 
kommen, er empfindet keine Langeweile, geschweige denn Unlust. Erinnern 
wir uns doch an den Tanz der Primitiven, an ihre Musik, an die Texte ihrer 
Lieder; an die unabänderliche Wiederholung der Formen, ja der Farben in 
der Bauernkunst. Wir brauchen wohl nicht hervorzuheben, wie sehr die 



176 Rene Spitz 



i! i hört: den Sexualakt. 



primitive seelische Struktur infantile Züge beizubehalten geneigt ist. Daß bei 
Primitiven dieselbe Ablehnung des Fremden wie bei Kindern besteht, 
zeigt sehr hübsch das Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, das frißt 
er nicht". Es ist darin die orale, wohl eine der archaischesten und daher 
am meisten persistierenden Sonderformen der Ablehnung des Fremden zum 
Ausdruck gebracht. 

Aber auch beim Kulturmenschen finden wir Wiederholungen, die lusts^ 
voll sind. Diese Art der Wiederholung ist z. B. auf dem Gebiete der Kunst 
zu finden, wir kennen sie als Refrain und als Reim, als Rhythmus und als 
Takt; auf dem Gebiete der Formen als Symmetrie und Gleichgewicht, evenjs 
tuell als Formenrhythmus.' Ferner ist es bekannt, daß beinahe jegliche Art 
körperlicher oder sogar geistiger Arbeit, die einen monotonen Charakter hat, 
durch eine Rhythmisierung wesentlich erleichtert und gefördert wird.^ 
Schließlich gibt es eine Tätigkeit des Menschen, bei welcher die Wieder«! 
holung und Rhythmisierung zum unabänderlichen Bestand der Tätigkeit ge# 



Wo ist nunmehr in der individuellen Entwicklung der zeitliche Abschnitt 
zwischen der lustvollen Empfindung der Wiederholung und dem Umschlag 
dieser Qualität ins Unlustvolle zu suchen? Das ist durch Beobachtung un* 
schwer festzustellen; wohl ist der Übergang ein gradueller, aber die Tren* 
nungslinie liegt irgendwo in der Gegend um das sechste Jahr. Beim kleinen 
Kinde ist eine Wandlung feststellbar, in welcher die wohltätige Wir* 
kung des Bekannten sukzessive von einer negativen Wirkung des Be* 
kannten abgelöst wird, die sich in Form von Langeweile äußert. Verbunden 
mit diesem Prozesse sehen wir die erschreckende Wirkung des Fremden sich 
abschwächen und einem Interesse für Neues Platz machen. Diese Feststellung 
wird durch eine Reihe von Experimenten bestätigt, von denen für uns am 
interessantesten ist, daß das Element der Neugier, welches bis zum Alter von 

7) Es ist nicht uninteressant zu beobachten, daß die gesamte moderne Kunst auf allen 
ihren Gebieten all diese Wiederholungsformen in weitgehendem Maße ablehnt. Takt und 
Refrain, Reim und Rhythmus, Symmetrie und Gleichgewicht gelten als veraltete, un* 
interessante, banale, ja banausische künstlerische Formen. Daran ändert wenig eine Er* 
scheinung auf dem Gebiete der Musik, eine gewisse Monotonie, deren sich modernste 
musikalische Autoren wie Schönberg, Strawinski, Bartok etc. bedienen, welche 
ich als „Insistenz" kennzeichnen möchte. Es ist dies, wie man sich aus musiktheoretischen 
Schriften (R. Lac h) überzeugen kann, ein bewußtes Zurückgreifen auf primitive Me* 
thoden, mit deren Hilfe man einen bestimmten musikalischen Nachdruck verleiht. Diese 
„moderne" Ablehnung der Wiederholung verdiente eine eingehendere Betrachtung vom 
kulturhistorischen Standpunkte — sie fällt mit anderen Erwachsenheitssymptomen unserer 
Kultur zusammen (Freud: Zukunft einer Illusion, Ges. Sehr., Bd. XL) 

8) Siehe Karl Bücher: Arbeit und Rhythmus (Leipzig, 1909). 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 177 

[sechs Jahren bei 25 »/o der Kinder aufweisbar ist, im siebenten Jahre auf 
[ööf/o hinaufschnellt. (Ch. Bühler: Kindheit und Jugend, S. 274.) 

Am sichtbarsten ist ja die "Wiederholungsfreude im ersten und zweiten 
{Lebensjahre, wo jede, aber auch jede Beschäftigung, einmal vertraut ges= 
worden, eine unendliche Anzahl von Wiederholungen zuläßt. In den darauf 
folgenden Jahren wird häufig irgend etwas aus dem ersten Jahre beibehalten, 
das ungefähr die Rolle einer letzten Zuflucht zu spielen scheint und in Zeiten 
der Not hervorgeholt wird, das Lutschen z. B. Diese Rolle des Lutschens 
ist allgemein bekannt und viel erörtert; Kinderanalytiker kennen auch sehr 
wohl die Rolle von „Schutztieren", dargestellt durch ein oder das andere 
Lieblingsspielzeug, einen Teddybären, eine Puppe, ohne die das Kind nicht 
einschlafen will.^ 

Diese Erscheinung führt uns auf eine Vermutung: das Kind wiederhole 
diejenigen Erlebnisse, Handlungen etc. mit Lust, bei denen es überzeugt ist, 
daß es nichts zu fürchten hat. Es ist wohl nicht genügend, wenn wir sagen, 
daß die Sicherheit, keiner Unlust zu begegnen, an und für sich schon ein 
Lustgewinn ist. Nach einer Anregung von Marianne K r i s können wir uns 
diesen Vorgang in der Analogie zum Mechanismus des Witzes vorstellen, 
wo der Lustgewinn in einem ersparten Aufwand besteht. Bei jenen Vor* 
gangen, bei denen das Kind die Erfahrung gemacht hat, daß keine unan«- 
genehme Überraschung, also keine Unlust zu befürchten ist, bedeutet eine 
Wiederholung eine Ersparung des Aufwandes an Abwehrbereitschaft gegen 
etwa mögliche unlustvolle Erlebnisse. Weil aber für das Kind in jedem 
neuen Erlebnis, in jedem Fremden die Möglichkeit zu solchen unlustvollen 
Überraschungen lauert, die es zur Abwehr zwingen würden, so ist fast alles 
befähigt, in solcher Weise zu einem Objekt der lustvollen Wiederholung 
zu werden. M. Guernsey berichtet, wie ein Kind von 0,11 im Bett vorn* 
über fiel und mit der Stirne heftig aufstieß. Nach fünf Minuten lautem 
Schreien hielt es inne, richtete sich auf und begann sorgfältig, aufmerksam, 
mit angestrengter Hingabe seine Stirne mehrere Dutzend Male nacheinander 
fast eine halbe Stunde lang in einer in genau derselben Weise geführten Be* 
wegung vorn aufzuschlagen. Was ihm vorhin als Malheur „passierte", wird 
jetzt in der geführten Bewegung zum Sport, wird aus Unlust zur Lust. (Ch. 
Bühler: Kindheit und Jugend, Leipzig, 1931.) 

Eine Bestätigung dieser Auffassung scheint uns zu sein, daß das Kind in 



9) Eine eigenartige Abwehrform, bei welcher Angstquellen zu solchen Schutztieren 
umgearbeitet werden, hat Anna Freud in ihrem Wiesbadener Kongreßvortrag (1932) 
erörtert. (Vgl. jetzt ihr Buch: Das Ich und die Abwehrmechanismen, Int. Psa. Verl., 
Wien, 1936, S. 86 f.) S. auch J e r s i I d and Holmes: „Methods of overcoming childrens 
fears". Journal of Psychology Nr. I. 1935/36. 

Im.j;o, XXin/2 12 



178 Rene Spitz 



ji 



jenem Alter, in dem es sich bereits den intellektuellen Lustquellen zuwendet, 
häufig eine besondere Lust darin findet, sich wiederholt Märchen erzählen 
zu lassen, bei denen es ein leichtes Gruseln fühlt: ein Verhalten, dem wir 
übrigens häufig auch in späterem Alter, ja bei Erwachsenen begegnen und 
auf dem wohl manches vom Erfolge der Schauerromane, der sadistischen 
Kino;«Komik, vielleicht auch eines der Wirkungselemente des Detektiv* 
I romanes beruht. In diesem Verhalten des Kindes kommt sehr deudich die 

Lust des ersparten Abwehraufwandes zum Vorschein; beim Erwachsenen 
ebenso, weil er ja weiß, daß alle die Kunstprodukte, die ihm vorgespielt 
werden, die Verpflichtung haben, ein happy end zu finden. 

Zweifellos führt ein gradueller Übergang von der Lust an unentwegt 
Wiederholtem zu der Ablehnung der Wiederholung. Auch nach dem 
sechsten Jahre werden wir die Wiederholung bei dem Kinde finden; was 
aber früher ein Mechanismus zum Lustgewinn oder zur Unlustabwehr sein 
mochte, ist nunmehr etwas geworden, was dem Kinde selbst als Unart er* 
scheint. 

Wie wir vorhin erwähnt haben, wird auch beim Erwachsenen die Wieder«' 
holung unter bestimmten Bedingungen lustvoll empfunden, bezw. ausgeübt 
und gefordert. Welches sind nun diese Bedingungen? Als erste müssen wir 
die Primitivität der Kulturstufe des Erwachsenen ansehen, als zweite Be* 
dingung wäre beim Kulturmenschen die Abänderung eines Teiles des 
Wiederholten zu erwähnen, welche wir als Abschwächung der Wiederholung 
ansehen müssen; ein Beispiel dafür ist die musikalische Variation, die in 
Wiederholungen des je und je leicht abgeänderten Themas besteht. Eine 
dritte Möglichkeit der lustvollen Wiederholung für den Erwachsenen haben 
wir auf dem Gebiete der Kunst als formales Element der verschiedenen 
Kunstgattungen erwähnt. Schließlich gibt es noch eine vierte Möglichkeit, 
der Wiederholung Duldung zu sichern. Diese Möglichkeit liegt nicht in der 
Abschwächung des Vorganges, sondern in der Beeinflussung des Erlebenden. 
Wir wissen, daß Intoxikationen, speziell Rauschzustände, unter ihren Syvos» 
ptomen monotone Wiederholungen desselben Wortes, derselben Melodie 
etc. aufweisen — man denke nur an das Verhalten von Betrunkenen. Auch 
hier finden wir einen Fingerzeig für die Natur der Wiederholung: die Intoxi« 
kation setzt bekanntlich in einem gewissen Maße die Zensur herab. Mit 
Hilfe der Zensur verhindert das Ich Äußerungen unerwünschter seelischer 
Regungen. Ist eine durch den Rausch gelockerte Zensur notwendig, um beim 
Erwachsenen die Wiederholung zu ermöglichen, so muß wohl im nüclw 
ternen Zustand das Wiederholen als ein Verhalten empfunden werden, das 
nicht ichgerecht ist. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 179 



Sehr interessant ist, daß, während einerseits der Rausch die Lust an der 
Wiederholung ermöglicht, die Wiederholung ihrerseits imstande ist, rausche 
ähnliche Zustände auszulösen. Man denke an den Tanz der Derwische, an 
die Primitiven, die etwa durch Hin<= und Herwerfen des Kopfes einen trance^i 
ähnlichen Zustand erzeugen, ja sich durch ihre monotone Musik selbst in 
Trance zu versetzen vermögen; und schließlich kennen wir die Bedeutung 
der Wiederholung in Suggestion und Hypnose. Es erschien uns verständlich, 
daß im Rauschzustand die Wiederholung gestattet ist; wie sollen wir aber 
verstehen, daß die Wiederholung rauschartige, tranceähnliche Zustände er=« 
zeugt? Es kann doch in dem Akte der Wiederholung nichts Toxisches liegen? 
Dieses Phänomen legt uns die Vermutung nahe, die Wiederholung müsse 
wohl mit irgendwelchen archaischen Gesetzen der seelischen und körper«- 
liehen Organisation zusammenhängen; sie ist eine Erscheinung, deren Grund« 
lagen nicht in der Onto*^, sondern in der Phylogenese zu suchen sind. Ohne 
Intoxikation vermag sie die Kontrolle der Realität auszuschalten, die Person.» 
lichkeit in einen Zustand zu versetzen, in welchem eine der wichtigsten 
Funktionen des Ichs und des Über^'Ichs, die Realitätsprüfung, nicht funk=> 
tioniert. Wenn aber die Realitätsprüfung lahmgelegt ist, so ist die Persönlich«» 
keit schutzlos den Strebungen des Es preisgegeben. Kein Wunder, daß der 
Erwachsene im normalen Zustand die Wiederholung ablehnt — sie ist eine 
Gefahr, die ihn mit den dunklen Mächten, die er nur mühsam besiegt hat 
und im Zaume hält, in allzu innigen Kontakt bringt. 

Werfen wir noch einen Blick auf jene beim Erwachsenen unter normalen 
Verhältnissen gestattete Wiederholung, von der wir vorhin als Reim, 
Rhythmus etc. sprachen; hier ist die Wiederholung auch nur in einer genau 
vorgeschriebenen, sparsamst zugemessenen Dosis gestattet. Sie darf nicht un>» 
begrenzt fortdauern, muß auf das Allemotwendigste beschränkt sein und 
sozusagen nur andeutungsweise in Erscheinung treten. An der Dichtkunst 
und noch besser an der Mu^ik sind diese Phänomene sehr klar zu studieren; 
die Musik weist auf diesem Gebiete eine ganze Reihe genauester Vorschriften 
auf und es ist bemerkenswert, daß nach den Regeln der musikalis'chlen 
Kompositionslehre die Zahl der erlaubten Wiederholungen einer gegebenen 
Tonfolge mit drei begrenzt wird (Rosalia, Sequenz). Die Dreizahl spielt bei 
der als künstlerisch empfundenen Wiederholung eine sehr große Rolle, man 
denke an die Liedform, das Sonett, die Sonate etc. Man wäre versucht, in 
dieser Dreizahl etwas zu vermuten, das von der sexuellen Bedeutung der 
Dreizahl abgeleitet ist. Man wäre versucht zu glauben, daß die Beschränkung 
der Wiederholung auf eine dreimalige etwas Verdrängtes sichtbar werden 
läßt; den sexuellen Ursprung der nach dem sechsten Jahre verpönt gewesenen 
Wiederholung. ■ 

12* 



180 Rene Spitz 



III. 

In diesem Zusammenhange möchte ich einiges von dem reichen Material 
mitteilen, das Robert Lach" veröffentlicht hat. Er geht darin von ähnlichen 
Gedankengängen aus wie wir. Sein Ansatz ist die Einsicht, daß die Wieder* 
holung bis unmittelbar in die Gegenwart das Um und Auf aller musika;* 
lischen Konstruktion und ein Grundpfeiler musikalischer Logik und musika* 
lischen Denkens ist; er verfolgt die Wiederholung über unsere eigene Musik 
hinweg zu den Halbkultur;« und den Naturvölkern und schließlich zu den 

t i Tieren, wo sie sich, eng an die Bewegung gebunden, als der Brunst zuge* 

hörig erweist. Wie weit die Lach sehe Meinung den Tatsachen entspricht, 

, I wie weit es sich um ein biologisches und psychosäphysiologisches Gesetz 

l! handelt, dessen tiefstes Wesen mit dem Rhythmus physiologischer Funk* 

tionen, Blutzirkulation, Herzschlag, Pulsschlag etc. im Zusammenhang stände 
— oder ob es sich nicht vielmehr um einen noch weiter zurückliegenden; 
Ursprung handelt — , mag dahingestellt bleiben. Im Laufe seiner Unter* 
suchung konstatiert Lach, daß die Wiederholung beim Menschen in einem 
wirklich überwältigenden Ausmaß erst beim Kinde, bezw. bei den primitiven 
Naturvölkern in Erscheinung tritt. Überdies findet er die Wiederholung bei 
den erwachsenen Kulturmenschen in pathologischen Zuständen (Verletzung 
gewisser Himpartien, bei Idioten, Manischen, Katatonikern, Paralytikern, 
Dementen, Hysterikern), bei Normalen bei Ermüdungserscheinungen und im 
Zustande starker Trunkenheit. In diesen Fällen vertritt Lach die Meinung, 
daß es sich um ein Symptom von psychischem Automatismus, einem psychi* 
sehen Trägheits* oder Beharrungsvermögen, handelt, dessen Wurzel in der 
Schwerfälligkeit und Langsamkeit kindlichen Denkens, Apperzipierens und 
Fühlens zu suchen wäre. Dementsprechend müßte es sich beim Kranken, 
bezw. beim Trunkenen um eine induzierte Schwerfälligkeit und Langsamkeit 
handeln. Mag auch diese Erklärung eine der organischen Wurzeln der Exi* 
stenz der Wiederholung aufzeigen, so meinen wir doch, daß damit die Frage 
noch lange nicht gelöst ist. 

Ich vernachlässige die Lach sehen Ausführungen über den Gegenspieler 
der Wiederholung im musikalischen Denken, das Variationsprinzip, wel* 
ches direkt aus der Wiederholung entsteht und schließlich zur sukzessiven 
Abwendung von der Wiederholung führt. Lach verfolgt jedoch die Wie* 
derholung auch im Sprachlichen, wo die primitive Entwicklungsstufe, sei es 
in der Sprache eines Volkes oder in der Sprache eines einzelnen Menschen, 
durch die Wiederholung gekennzeichnet ist. Darüber hinaus jedoch vermag 

to) R. Lach: Das Konstruktionsprinzip der Wiederholung in Musik, Sprache und 
Literatur, 1925, Sitzungsberichte Akademie der Wissenschaften, Wien, 201. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



181 



er in der gesamten frühen Dichtung (Bibel, Veden, Schiking, in den Upani* 
schads, im Avesta, Schahname, in den Makamen, im Koran, im Nibelungen.« 
lied, in der Edda und auch bei Homer) eine ununterbrochene Verwendung 
der Wiederholung festzustellen, sowohl in inhaltlicher als auch in formaler 
Beziehung. Klangliche Elemente, Laub» und Wortgruppen, Formeln wer* 
den wiederholt, Alliteration, Assonanz, Reim, Refrain zeigen ebensowohl 
die Wiederholung wie das formelhafte Denken bei den frühen Philosophen, 
in den Upanisciiäds, bei Buddha, welche sich schwerfällig und mühsam in 
endlosen Wiederholungen vorwärts arbeiten, und ein Überbleibsel dieser 
Methode mag die Dichotomie der Sokratischen Argumentationstechnik 
in den platonischen Dialogen sein. 

Lach versucht, eine Erklärung dieses Phänomens im Lallen des Kindes, 
in der Wiederholung des Stotterers zu finden. Er ist besonders beeindruckt 
durch das Auftreten von Stottern beim Erschrecken, bei der Überraschung, 
der Fassungslosigkeit. Er meint, daß sich der beim Lebewesen latent vorhan* 
dene Wiederbolungsautomatismus hervordrängt, sowie der normale Zustand 
von Bewußtsein und Willen gelähmt wird. Er sieht daher in den beiden 
Elementen Bewußtsein und Willen eine psychische Zensurbehörde. Das In* 
dividuimi wäre so lange ohnmächtig dem Repetitionszwang ausgeliefert, bis 

I es Bewußtsein und Willen gelingt, die Zügel der Herrschaft über die Psyche 

j wieder an sich zu reißen. Man sieht, diese Auffassung Lachs entfernt sich 
gar nicht so sehr von der analytischen, wobei freilich das Lustelement, welches 
die Wiederholung darstellt, ebensowenig gewürdigt wird wie die Frage, 

I warum es denn eine solche Gefahr bedeute, seinen tiefen seelischen Auto* 

[ matismen preisgegeben zu sein. 

Andererseits bemerkt Lach, daß gerade dieses Stottern, diese Wiederholung 
vom Individuum als Hilfsmittel, als Stütze verwendet wird, um das durch 
den Schrecken verlorene psychische Gleichgewicht wieder zu erlangen, um 
durch Zeitgewinn, während dessen die Wiederholung als vikariierendes Ele* 

I ment für das gestörte psychische Gleichgewicht dient, die Konzentration des 

I Bewußtseins und des Willens, das „Sich*sammeln", zu ermöglichen: eine 
Erwägung, die manches für sich hat, jedoch nur die peripheren Kompo* 

1 nenten, die oberflächlicheren Elemente der Wiederholung trifft. 

Vom ästhetischen Standpunkt aus sieht Lach in der Wiederholung ein 
spezifisches Merkmal archaischer oder bewußt archaisierender Kunst, die zur 
Zeit des langsameren menschlichen Denkens notwendig war, dem raschen 
Denken des modernen Menschen jedoch langweilig und ermüdend erscheint. 
In diesem Zusammenhang stellt er fest, daß das Denken der Musik auf einer 
Stufe steht, die der Denktätigkeit und dem geistigen Niveau eines Menschen 

der archaischen, primitiven und Halbkulturvolks*Entwicklungsstufe ent* 



182 Rene Spitz 



spricht. Er meint, daß der Grund hiefür darin zu suchen ist, daß das Denken 
in Tönen neben dem mathematischen Denken das abstrakteste ist und daß 
die gesamte Entwicklungsgeschichte der Musik infolgedessen das Phänomen 
der Rückständigkeit im Vergleich zu den übrigen Künsten zeigt. Jeder Fortü 
schritt auf den übrigen Gebieten des geistigen Lebens findet seinen Ausdruck 
auf musikalischem Gebiete viel später, zu einer Zeit, da auf den andern 
Gebieten diese Phase schon längst wieder überwunden ist und eine neue 
Phase herrscht. So wäre musikalisches Denken und Vorstellen, ja auch der 
Musiker, einem erratischen Block aus der Vorzeit im intellektuellen Leben 
der Gegenwart vergleichbar. Seine Denkform, die Logik, nach der er Schlüsse 
in Tönen zieht, ist die längst dahingesunkener Generationen früherer Jahrss 
hunderte und Epochen. 

In dieser Schlußfolgerung trifft sich Lach durchaus mit unserer An* 
sieht. Vom analytischen Gesichtspunkt ist Musik sicherlich zu den archais^ 
schesten Künsten zu rechnen, von der sich zu den anderen Künsten Verbinsi 
dungsbrücken ziehen: zu der Literatur die Lyrik, zum Theater Tanz und 
Oper; weniger greifbare, die formalen Elemente betreffende Fäden gehen zur 
Malerei, Bildhauerei und Architektur. Für die Wissenschaften wurde dies 
in der Mathematik längst von Pythagoras erkannt. Und es ist schon 
merkwürdig, daß Lach als Ursache für den archaischen Charakter ider 
Musik die Abstraktheit ihrer Inhalte verantwortlich machen möchte, da er 
sich doch sagen müßte, daß die von ihm als ebenso abstrakt erkannte Mathe«' 
matik keineswegs durch so archaische Logik oder Denkformen charakterisiert 
ist. Im Gegenteil, die Mathematik eilt womöglich den Formen der Logiker 
voraus und zwingt sie, in Anlehnung an das mathematische Denken eine 
Logistik zu schaffen. 

Auf Grund eines Zusammentreffens eigener Gedankengänge mit einer 
mündlichen Mitteilung Richard S t e r b a s wären wir geneigt, die individuell' 
len Ursprünge der Musik, ihre Wurzel, einerseits in der analen Phase, anderer»» 
seits in der oral*sadistischen Phase zu suchen. Für die anale Phase sprechen 
gewisse Beobachtungen an Musikern, auf die hier einzugehen zu weit führen 
würde. Auch für die oralen Wurzeln mag ein Hinweis genügen : es ist wahr* 
scheinlich, daß kinästhetische Lustempfindungen zur Zeit des Spracherwerbs, 
der Lautierungsversuche einerseits, die Rolle eines fixierenden Moments für 
klangliche Empfindungen spielen dürften; daß anderseits gleichfalls kin* 
ästhetische Lustmomente bei der Wiederholung und Rhythmik ausschlage 
gebend sind. Wie diese beiden Elemente in der analen Phase zu Aggressionen 
verarbeitet werden, dürfte für das weitere musikalische Schicksal des Indivi* 
duums bestimmend sein. Das erste Auftreten dieser Elemente in der oralen 
Phase jedoch sichert der Musik jenen ungewöhnlich archaischen Charakter, 



V 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



183 



den sie dann beibehält und den sie durch Neigung zu archaischen Formen, 
deren eine die Wiederholung ist, bekundet. 



IV. 

Fassen wir unsere bisherigen Befunde zusammen. Wir sahen die Wieder* 
holung, die bis zum sechsten Jahr lustvoU war, mit diesem Alter aufhören 
und unlustvoll werden und stellen fest, daß dieser Zeitpunkt mit dem Unter* 
gang des Ödipuskomplexes zusammenfällt. Wir sahen beim Erwachsenen, 
daß die Wiederholung im Rauschzustand, in dem die Zensur des Über* 
Ichs geschwächt ist, wieder lustvoll empfunden und ausgeübt wird. Wo das 
Über*Ich ungeschwächt ist, gestattet sich der Erwachsene die Wiederholung 
nur dann, wenn sie sich durch ihre künstlerische Wirkung rechtfertigt, also 
das Übersieh durch ihren „Wert" besticht. Als künstlerische Leistung wird 
überdies die ansonsten entwertete Handlung durch den errungenen Erfolg, 
durch die Anerkennung des sich zum Mitschuldigen machenden PubUkums 
bestätigt. Ja, durch den Applaus fordert das Publikum geradezu eine Wieder* 
holung, wo diese vom Künstler gar nicht vorgesehen und vom ästhetischen 
Gesichtspunkt falsch ist — hier wirkt die Zustimmung, das Dacapo der 
Masse, im Sinne einer vorübergehenden Ersetzung des Über*Ichs durch die 
Forderung der Masse. Ist man etwa allein mit einem Künstler, so wird man 
kaum auf die Idee kommen, ihn zu bitten, daß er das eben gesungene Lied 
wiederhole — man wird ihn bitten, noch andere Lieder zu singen. 

Die künstlerischen Gebiete, in denen die Wiederholung ihre Auferstehung 
feiert, leiten sich von den prägenitalen Partialtrieben ab. Das Theater von der 
Schaulust und der Exhibition, die Musik vielleicht teils von den kinästheti* 
sehen Empfindungen, teils von der kindlichen Sexualforschung. Plastik, 
Malerei und Architektur können ihre Beziehung zu der analen Trieb* 
komponente nicht verleugnen, doch manifestieren sich in ihnen auch noch 
andere Partialtriebe wie Schaulust und Exhibition. Der Tanz stellt eine 
Zwischenform des Theaters und der Musik dar und partizipiert als solche 
an den Teiltrieben, die diese beiden Gebiete speisen; und an der Literatur 
schließlich, in ihren vielfältigen Formen und in ihrer Fähigkeit, auch In* 
halte genauest auszudrücken, beteiligen sich wohl sämtliche Partialtriebe in 
jeweils verschiedenem Maße. Freilich, je weiter wir bei der Literatur zeit* 
lieh zurückgehen, je primitiver sie wird, desto näher kommt sie ihrem Cha* 
rakter nach den Formen der Musik und desto mehr dürften auch für das 
Phänomenale der Literatur die sehr archaischen Partialtriebe, von denen sich 
die Musik ableitet, entscheidend sein. Dementsprechend sehen wir in der 



184 Rene Spitz 



Literatur die Wiederholung um so eindringlicher und auffälliger in ErscheL« 
nung treten, je früher die Periode ist, aus der sie stammt." 

Sämtlichen Kunstformen gemeinsam, jedoch in den einzelnen in einem 
jeweils wechselnden Maße auftretend, sind die aus der phallischen Periode 
stammenden Inzestwünsche und Aggressionen, die bei der Erledigung des 
Ödipuskonflikts verdrängt wurden. Diese können wir nicht den prägenitalen 
Strebungen zurechnen, da sie eine Vorstufe der Genitalität darstellen. Ihre 
Verknüpfung mit sämtlichen prägenitalen Strebungen jedoch bewirkt eine 
Resonanz sowohl im prägenitalen wie im genitalen Bereiche. 

Zwanglos ergibt sich hier nun auch die Erklärung der Erleichterung ein« 
töniger Arbeit, sei diese manuell oder nicht, durch Rhythmisierung. An 
und für sich wird die Rhythmisierung wohl den Lustcharakter der Wieder^! 
holung in einer solchen Arbeit unterstreichen — sie wird der Ausdruck 
der Lustkomponente sein, die der Arbeitende dieser Tätigkeit abzuringen 
vermag. Er darf sich diese Lust auch getrost leisten, denn durch die Tat* 
Sache des Arbeitens hat er ja die Forderung seines Über^Ichs weitgehend 
befriedigt. Damit ist die rhythmisierte Arbeit in eine Parallele zu der durch 
die Kunst verdeckten und gestatteten Wiederholung getreten.^^ Es sei nur der 
Vollständigkeit halber erwähnt, daß es der rhythmische Charakter mancher 
Arbeiten ist, der in pathologischen Fällen zum Anlaß von Arbeitshemmun* 
gen werden kann, was nach dem oben Gesagten ohneweiters verständlich 
erscheint. 

Ebenso werden der Rhythmus in der Musik und im Tanzi, die Rhythmi»» 
sierung in der bildenden Kunst, die verschiedensten Wiederholungsformen 
in der Dichtung Lust auslösen, die ihre Qualität und Intensität aus prä* 
genitalen Quellen bezieht. Das erklärt auch die geheimnisvolle, oft ans 
Mystische grenzende Wirkung solcher Kunsterlebnisse. Anderseits erklärt 
es auch die Unfähigkeit so vieler Menschen, Tanz, Musik, Dichtung usw. 
zu genießen, eine Unfähigkeit, die sich in vielen Fällen bis zur schroffen 
Ablehnung steigern kann. Die ans Mystische grenzende Wirkung des Künste« 
erlebnisses gemahnt an den magischen Ursprung der Kunst." Welche Rolle 
die Wiederholung aber in der Magie spielt, wie in ihr das Sexuelle seinen 
Ausdruck findet, habe ich in einem andern Zusammenhang ausgeführt.^* 

Im wesentlichen ist also das Gebiet, auf welchem die Wiederholung in 
der nachödipalen Zeit gestattet ist, dasjenige der sublimierten prägenitalen 
Strebungen. 

ii) R. Lach, a. a. O. 

12) s. K. Bücher: Arbeit und Rhythmus, Leipzig, 1909. 

13) s. E. Kris: Zur Psychologie der Karikatur, Imago, Bd. XXL 1935. 

14) s. R. Spitz: Die Dreizahl, Imago, Bd. XIL 1926. 



ü!k[ 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



185 



Im präödipalen Alter dagegen ist auf allen Gebieten, also auch auf dem der 
unsublimierten prägenitalen Strebungen, die Wiederholung erlaubt; sie liefert 
einen beachtlichen Zuschuß für die lustvollen Erlebnisse in den einzelnen 
erogenen Zonen. Das beginnt gleich nach der Geburt. Das erste lustvolle 
Wiederholungserlebnis, das sich der Säugling verschafft, ist das Lutschen. 
Wie wir aus F r e u d s „Drei Abhandlungen" wissen, ist jede Stelle des Kör=» 
pers geeignet, durch rhythmisches Lutschen in eine erogene Zone verwandelt 
zu werden." Freud erwähnt hier zum erstenmal die heute allgemein be# 
kannte Tatsache, daß beim Säugling das Lutschen bis zum Orgasmus führen 
kann. Wir wollen unsererseits die Vermutung aussprechen, daß bei diesem 
Vorgang der eine Faktor in der Erogeneität der Mundschleimhaut, der andere 
Faktor in der rhythmischen Wiederholung der Handlung liegt. Wir werden 
die weitere Vermutung aussprechen, daß im präödipalen Alter jede genügend 
lang fortgesetzte Wiederholung zu einem orgasmusähnlichen Zustand führen 
kann, gleichgültig ob diese Wiederholung an einem beliebigen Organgebiet 
oder auf einem beliebigen psychischen Gebiet stattfindet. Eine Bestätigung 
dieser Annahme ist beim Erwachsenen jene von uns vorhin erwähnte Erzeu:» 
gung tranoeähnlicher Zustände bei Primitiven — im übrigen ist uns auch die 
Lust der heranwachsenden Kinder am Erzeugen von Schwindelgefühlen 
durch Drehung um die eigene Achse oder durch Schaukeln wohl bekannt. 
Auch für die Möglichkeit der Erzeugung einer Ekstase durch die Wieder^* 
holung auf psychischem Gebiete lassen sich Beispiele geben, wenngleich in 
diesen Beispielen zahkeiche andere Komponenten eine Rolle spielen. 2Vlan 
denke etwa an die endlose Wiederholung des „Om mani padme hum" der 
Buddhisten, an die Versenkung, in die sie sich durch dieses Mittel zu ver== 
setzen vermögen. Aber auch die Musik der Primitiven, die zu tranceähnH^ 
chen Zuständen führt, ist ein Phänomen aus diesem Gebiete. 

Es erhebt sich nun die Frage, warum mit dem Untergang des ödipus«« 
komplexes die Wiederholung der Verwerfung anheimfällt. Um dies zu be^ 
[gründen, müssen wir etwas weiter ausholen. 



V. 

Mit dem Untergang des Ödipuskomplexes wird nicht nur die Masturbation 
j der phallischen Phase abgelehnt, sondern zugleich alle prägenitalen Kompo* 
nenten, die vor und in der Masturbation eine Rolle gespielt haben. Die Er# 
I ledigung ist für die verschiedenen Komponenten eine verschiedene. Teils 
1 wird sie mit Hilfe einer Reaktionsbildung wie Scham, Ekel, Mitleid usw. vor*^ 
I genommen, teils durch Verdrängung, teils durch Sublimierung. Ein ähn=. 



186 Rene Spitz 



liches Schicksal trifft auch die Phantasien, die die prägenitale Tätigkeit 
und die phaUische Masturbation begleiten. 

An diesem Punkte, bei der Erledigung der Phantasien, fällt die definitive 
Entscheidung über den Charakter des Kindes. Das Phantasieren mit prägeni* 
talen Inhalten, oral, anal oder phallisch, mit mehr oder minder inzestuösen 
Objekten, verbunden mit der Vorstellung von der Allmacht der Gedanken, 
bÜdet für das Kind nach dem Untergang des Ödipuskomplexes eine gefähr* 
liehe Verführung. Es muß sich dieser Verführung auf die eine oder andere 
Weise erwehren. Diese Abwehr kann in zwei Formen stattfinden. 

Nehmen wir als erste Gegebenheit ein strenges Über>«Ich, welches eine 
zwangsneurotische Form des Denkens mit sich bringt. Ich möchte betonen, 
daß ich keineswegs von der Zwangsneurose als Krankheit, sondern von der 
zwangsneurotischen Form des Denkens und von der daraus resultierenden 
zwangsneurotisch gefärbten Charakteranlage spreche. Diese seelische Struktur 
ist bekanntlich charakterisiert durch die Armut an Phantasie, durch das 
Fehlen des metaphorischen Denkens. Nur selten wird man unter Zwangs:» 
neurotikern oder zwangsneurotischen Charakteren einen lyrischen Dichter 
finden, um so häufiger dagegen Menschen mit sachlichen Berufen. 

Der frühkindHche Glaube an die Allmacht der Gedanken bewirkt, daß 
das Kind nicht nur seine Phantasien für wahr hinnimmt, sondern auch Ver# 
; ' änderungen der Realität, die sich zwar nicht in kausaler, jedoch in zeitlicher 

Folge nach seinen Phantasien einstellten, als durch seine Phantasien verur* 
sacht empfindet und seinem Bewußtsein einordnet. In einem sehr schemati* 
sehen Beispiel etwa: Das Kind im ödipalen Alter beschäftige sich mit sexuell 
len Phantasien. In diese Zeit fiele eine sadistisch aufgefaßte Urszenenbeob;» 
achtung. Dann könnte das Kind das schreckliche Ereignis, das es beobachtet 
hat, als durch seine Phantasien verursacht erleben. Die Abwehr des zum 
zwangsneurotischen Charakter gehörigen strengen Über^Ichs wird hier in dem 
Verbote des phantasierenden Denkens bestehen. Darum ist der Zwangs;» 
neurotiker der geborene Mathematiker, Logiker, Wissenschaftler, Systemati»» 
ker usw., denn in diesen Tätigkeiten findet er eine Sicherung in der sichtbaren, 
nachprüfbaren, meßbaren oder in ein starres System gefaßten Außenwelt 
gegen die Gefahren des phantasierenden Denkens. 

Im Gegensatz dazu steht das Individuum, bei welchem ein weniger strenges 
Über»»Ich, vielleicht ein weniger ausgebildetes, den Inhalt der prägenitalen 
Wunschträume und Phantasien nicht so weitgehend verpönt. Dies sind jene 
Individuen, bei denen es nicht die Denkfähigkeit ist, welche sexualisiert 
wurde. Während bei den früher genannten, denen mit dem strengen Über.* 
Ich, den Phantasielosen, die Abwehr auf der Linie der Denkhemmung liegt, 
ist bei den letzteren, mit minder strengem Übersieh, die Abwehr auf der 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



187 



I Linie der Hemmung der Ausführungsorgane gelegen. Ich bezeichne daher 
die letztere Form des Denkens als die hysterische Denkform, und zwar 
j darum, weil ein Verbot, bezw. in extremen Fällen ein Symptom, nicht in der 
Denksphäre gegeben wird, sondern in der Körpersphäre. Mit andern Wors= 
ten, die Gefahr wird dadurch abgewehrt, daß ein Körpersymptom gewählt 
wird, welches die Ausführung der verpönten Regung unmöglich macht.^« 

Die Folge dieser Form der Abwehr ist, daß die libidinöse Energie einen 

Ausweg in reich phantasierendes Denken mit einem reichen Schatz an Meta«* 

phern findet. Hier kann ja die Phantasie durch die jeweils nach Bedarf ein;:= 

I setzende Hemmung des Ausführungsorganes an der Realisierung ver=» 

1 hindert werden. Wir sehen in diesen zwei Formen, der hysterischen und der 

j zwangsneurotischen Denkform, in welcher Weise die Über=Ich#Bildung oder, 

anders gesagt, der Untergang des Ödipuskomplexes auch die Form des Den:* 

jkens beeinflußt. Das hat weittragende Folgen auch für die Typologie der 

Ibeiden nach diesem Gesichtspunkte aufgeteilten Erkrankungsformen. So 

jsind z. B. der hysterische Lügner, die vielfachen Lügen der Hysteriker 

Ijedem Kliniker geläufig. Wenn es beim Zwangsneurotiker auch vorkommt, 

jdaß er lügt, so gibt es doch nicht den zwangsneurotischen Lügner. Woher 

Isollte auch der Zwangsneurotiker die notwendigen Phantasien für das Lügen 

thernehmen? Liegt es doch gerade im Wesen seiner Krankheit, die Phan=< 

feasie abzuwehren, und so kann er nicht lügen, auch wenn er möchte. Die 

^üge ersetzt der Zwangsneurotiker durch andere Methoden." Dies möge nur 

als Beispiel gelten, eine Ausführung dieser Gedankengänge würde aus dem 

iRahmen dieser Arbeit fallen; kehren wir daher zu unserem Problem zurück. 

I Wann erfolgt die Abwehr der Triebwünsche und warum erfolgt sie? 

iGeben wir uns Rechenschaft darüber, daß im Zeitpunkte ihres Auftauchens 

diese Wünsche und Phantasien nicht realisierbar sind. Insbesondere die Rea^« 

lisierung dieser Phantasien in einem Ausmaße, welches den Erwachsenen 

i6) Ich bin mir bewußt, nur grob schematisch zu sprechen; es ist natürlich eine Reihe 
von Abwehrformen beim Hysterischen von der Lähmung des Ausführungsorganes über 
die Sperrung der Wahrnehmung und Empfindung bis zur einfachen Ungeschicklichkeit 
etc. m Betracht zu ziehen. Überdies müssen wir manches aus der Pathologie der Neurosen 
zu den Abwehrformen außerhalb der beiden von mir beschriebenen Hauptgruppen 
rechnen, etwa Perversionen, vielleicht manche Psychosen. Freilich wird auch hier jeweils 
«n mehr zwangsneurotiscber oder hysterischer Typus sichtbar. Natürlich ist eine andere 
Klassifizierung der Abwehrformen möglich, wenn wir diesen Begriff nicht vom patho== 
logischen Bilde her fassen, sondern auf Grund der Mechanismen der Abwehr einteilen, 
was eine viel detailliertere Erforschung der einzelnen Formen ermöglicht. Ich verweise^ 
in diesem Zusammenhange auf das nach der Niederschrift dieser Arbeit erschienene Buch 
Alf "i! ^ "^ ^ " '^ ^ "^^^ I*^^ ^^'^ "^s Abwehrmechanismen". Viek der dort beschriebenen 
Abwehrmechanismen werden sich den von mir aufgestellten beiden Hauptgruppen ein* 
ordnen Jassen, andere ihnen nahestehen. 

«7) Vgl dazu auch Fenichel, a. a. O. 



!l 



ill 
Ifl 



188 Rene Spitz 



ernstlich stören oder gar gefährden könnte, kommt nicht in Frage. Um nur 
ein Beispiel zu geben: die Aggressivität des zwei»! bis fünfjährigen Kindes, 
seine gegen den Erwachsenen gerichteten Schläge, sein Kneifen, Kratzen wer* 
den von den Erwachsenen als Spiel erlebt und gewertet. Im Laufe der körper;» 
liehen wie auch der psychischen Entwicklung des Kindes kommt jedoch ein 
Zeitpunkt, in welchem sich Anzeichen häufen, die eine Umsetzung der Phan»» 
tasien in die Wirklichkeit als imminent erscheinen lassen. 

Man wird hier wieder an das von Freud zitierte Wort Diderots er»< 
nnert: ,,Si le petit sauvage etait abandonne a lui-meme, qu'il consevvät tout 
son imbecilite et qu'il reunit au peu de raison de l'enfant au hetceau la vio= 
lence des passions de l'homme de trente ans, il tordrait le cou a son pere 
et coudierait avec sa mere." Solange der kleine Wilde das nur in der Phan.« 
tasie ausführen kann, ist es ihm freigegeben. Gelangt er aber in den Besitz 
der Mittel, seine Phantasien zu realisieren, so muß aus naheliegenden 
Gründen solchen Tendenzen ein Riegel vorgeschoben werden. Die Ein* 
flüssc der Umwelt, der Erwachsenen zwingen das Kind, selber diesen Riegel 
vorzuschieben. Das kann, wie wir oben ausgeführt haben, dadurch geschehen, 
daß das Denken reglementiert wird. Der Riegel wird sozusagen an der Quelle 
vorgeschoben, indem das Kind das Phantasieren unterbindet. Oder aber es 
kann geschehen durch die Schwächung der Ausführungsorgane, also durch 
das Körpersymptom. 

VI 
(i Dieser Gedankengang gibt uns einen Hinweis darauf, warum die Lust an 



der Wiederholung in der Periode der Über^^Ich^äBildung abgewehrt wird und 
später der Verwerfung anheimfällt. Wie wir zu Anfang unserer Ausfüh«« 
rungen sagten, stellt die Wiederholung in erster Linie die Lust an der rhytb« 
mischen Reizung prägenitaler erogener Zonen dar; ihr erstes Vorbild ist das 
Lutschen. Im Verlaufe der sich ablösenden Phasen entwickelt sich unter 
jeweiliger Zufügung neuer prägenitaler Lustquellen, neuer Phantasien die 
rhythmische Reizwirkung an den verschiedensten Organen schließlich zur 
phallischen Masturbation. 

Diese so selbstverständlich klingende Behauptung der jeweiligen Zufügung 
neuer prägenitaler Lustquellen im Verlaufe der sich ablösenden Phasen 
nötigt uns, auf das Problem einzugehen, wie man sich einen solchen Vor* 
gang vorzustellen habe. Es sei mir daher ein Exkurs in dieses nur mittelbar 
unseren Gegenstand berührende Gebiet gestattet. Ich greife hier auf Ausfuhr* 
rungen zurück, die ich in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in 
einem Vortrag entwickelt habe." Es ist eine jedem Analytiker vertraute Ers« 

i8) über Differenzierung und Integrierung im Psychischen. (20. Mai 1936.) 



Die Realitätsprüfung im Traum 189 



scheinung, daß die Lieblingsbeschäftigung einzelner erogener Phasen in die 
nächste Phase mit hinübergenommen wird. Nehmen wir dafür das jedem 
geläufigste Beispiel, das Lutschen. Das Kind, das, während es sich bereits 
mit Hilfe des Löffels mit Brei füttern läßt, zugleich lutscht; das Kind, das 
auf dem Topfe sitzend lutscht; und schließlich das Kind, das selbst während 
der Masturbation auf das Lutschen nicht verzichtet, ist uns allen wohlbe*^ 
kannt. Man kann vielfach auch die Beobachtung machen, daß das Kind bei 
einer Versagung seinen Trost im Lutschen sucht; letzteres wurde zwanglos 
als Regression verstanden: da der Libido die ihr gemäße aktuelle Befrie« 
digung versagt wird, so regrediert sie auf eine frühere Stufe, auf welcher sie 
eine Befriedigung gefunden hatte und an die sie daher fixiert ist. 

Das erklärt jedoch das Phänomen der Perseveration des Lutschens wäL» 
rend der Befriedigung auf den späteren Stufen nicht. Wir betonen nochmals, 
daß wir das Lutschen bloß als das augenfälligste Beispiel herangezogen, 
haben, daß jedoch eine ganze Reihe von Tätigkeiten aus den verschiedensten 
Phasen nachweisbar ist, die in den Bestand der Befriedigungen aufgenommen 
und bis in die volle Erwachsenenbefriedigung hinein mitgeführt und beibe^* 
halten werden. Wir sind der Meinung, daß diese Erscheinung von der Re»^ 
gression abgegrenzt und als selbständige Form klassifiziert zu werden ver^ 
dient. Eine Erklärung dieses Phänomens, das wir die Kumulation»« 
tendenz nennen wollen;, erscheint uns nicht schwer. 

Wir haben als Prinzip akzeptiert, daß das Kind auf eine Lust dann ver*= 
ziehtet, wenn ihm eine andere, womöglich größere Lust als Ersatz geboten 
wird. Die eben erwähnte Erscheinung zeigt, daß dem nicht ganz so ist. Wir 
würden richtiger formulieren, wenn wir sagten, das Kind akzeptiert die For»> 
derung des Erwachsenen auf einen Lustverzicht nur dann, wenn ihm Ersatz 
geboten wird. Wird aber der Lustverzicht nicht strikt gefordert und er*' 
zwungen, so denkt das Lebewesen gar nicht daran, auf eine bereits errungene 
Lust zu verzichten. Im Gegenteil, es verstärkt die neue Lust mit den Quanten 
der vorhergehenden. 

Freilich wird die alte Befriedigung ihre Libidobesetzung der neuen abgeben 
müssen. Bei einer Verdrängung allerdings wird die Libidobesetzung der alten 
Befriedigung als Gegenbesetzung verwendet und dieser Teil der Ursprung;« 
liehen Besetzung ist dann für die neue Lust nicht verfügbar. Erfolgt keine 
oder nur eine unvollständige Verdrängung, wie dies im präödipalen Alter 
die Regel ist, so verbleibt der alten Lustquelle ein Teil ihrer Libidobesetzung. 
Dieser unverdrängteTeil der Libidobesetzung der alten Lustquelle ist verfügbar 

kund kann zur Verstärkung der neuen Lustquelle herangezogen werden, wie 
wir dies etwa bei der Perseveration des Lutschens während der neuen Be«= 
friedigung auf den späteren Stufen sahen. 
L 






190 Rene Spitz 

Hier bietet sich uns die Erklärung für die Frage, warum die Partialtriehe 
sich nach und nach unter dem Primat der Genitalität zusammenschließen. 
Unter der Form liebgewonnener Gewohnheiten wird die Libidobesetzung 
eines Partialtriebes in die Befriedigung des nächsten Partialtriebes mitgeführt 
und mit diesem kumuliert. 

Anderseits finden wir hier die Erklärung, warum die phallische Kompo# 
nente schließlich zur führenden wird und das Primat der Genitalität an sich 
reißt. Jeweils gibt die vorhergehende erogene Zone ihre Besetzung an die 
nächste ab. Die nächste erogene Zone hat jedoch schon suo jure ein Be;* 
Setzungsquantum. So wird die Besetzung der analen Zone durch orale Lust* 
quanten verstärkt und die Besetzung der phallischen Zone durch anale und 
orale Lustquanten. Dies ist im Grunde genommen nichts anderes als eine 
etwas modifizierte Darstellung der Fe renczi sehen These, nach der die 
Libidobesetzungen des gesamten Körpers von ihren ursprünglichen Stand* 
orten abgezogen und auf das Genitale vereinigt werden. 

Es ist nun selbstverständHch, daß die zuletzt aktivierte erogene Zone, das 
Genitale, das höchste Besetzungsquantum erhalten wird, da es ja zur eigenen 
Besetzung noch die oralen und analen Besetzungsquanten hinzubekommt. 
Die Kumulation der Besetzungen befähigt das Genitale dann zum Primat 
über die verlassenen Zonen; doch wie wir sahen, erfolgt die Kumulierung 
nicht nur im Gebiete der Besetzungen. Die spezifischen Befriedigungen der 
einzelnen erogenen Zonen werden auch noch mitgeführt und führen ein an 
Libido verarmtes Kümmerdasein neben der Hauptströmung, für die sie etwa 
Hilfsstellungen repräsentieren. So wird dann ihr Endschicksal in der Funk* 
tion der Vorlust erreicht werden, in welcher in den einzelnen erogenen Zonen 
die einzelnen Partialtriebe je und je zu einer rudimentären Befriedigung ge* 
langen. Mehr als eine solche fordern sie im Normalfalle freihch auch nicht: 
die Höhe ihrer Libidobesetzung ist ja auch nur eine rudimentäre. 

VIL 

Eine solche lustspendende Tätigkeit nun, welche durch sämtliche Phasen 
mitgeführt wird, ist die Wiederholung. Freilich ist sie nicht phasenspezifisch 
und an keine der ersten beiden Phasen besonders gebunden. Sie kann daher, 
beginnend bei der oralen, den erogenen Zonen in ihrer Entwicklung folgen. 
In dieser Weise heften sich sämtKche Tätigkeiten und Phantasien der drei 
Phasen an sie und werden in der phallischen Phase mit all den Varianten und 
Verschränkungen, die durch die drei Phasen veranlaßt wurden, in der phal* 
lischen Masturbation untergebracht. Dies ist dann der Grund, weswegen 
beim Untergang des Ödipuskomplexes die Wiederholung so energisch ab* 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



191 



gewehrt werden muß: Es gibt keinen noch so kleinen Ableger eines Partial«» 
triebes, keine einzige Aktivität der erogenen Zonen, mit welcher die Wieder* 
holung nicht verbunden wäre. 

Wenn nun beim Untergang des Ödipuskomplexes sämtliche mit der 
Masturbation zusammenhängende Tätigkeiten und Befriedigungen der Vers« 
werfung anheimfallen, durch Reaktionsbildung lahmgelegt werden, so wers= 
den auch die dazu gehörigen Phantasien verpönt, entwertet und gehemmt. 
Die Wiederholungstätigkeit nimmt unter diesen zu verbietenden Erschein' 
nungen einen hervorragenden Platz ein, weil sie sowohl an die Masturbation 
wie an die an diese gehefteten prägenitalen Phantasien anknüpft. Selbstver»« 
ständlich spielen individuell noch die verschiedensten sich wiederholenden 
Reize wie Hautreize, Hörreize, Belauschungssituationen etc. eine wesentliche 
Rolle. 

Andererseits macht die doppelte Quelle der Wiederholung, die somatische 
und die psychische;, ihrerseits eine doppelte Abwehrreaktion notwendig, und 
zwar sowohl auf selten des Ausführungsorganes wie auf selten des Denk* 
apparates. Auf der Seite des Ausführungsorganes ist die Wiederholung der 
phallischen Masturbation allzu nahe, um geduldet zu werden. Im neuro* 
tischen Symptome wird dann die Wiederholung tatsächlich zum Ersatz der 
Masturbation. Ein schönes Beispiel der im Symptom durchbrechenden Be* 
deutung der Wiederholung ist der Fall des Patienten A. K., der wegen 
schwerer zwangsneurotischer Symptome in die Analyse kam. Sein Symptom 
äußert sich im Zwang, bestimmte Handlungen, die mit seiner Arbeit in Ver* 
bindung stehen, zu wiederholen. Dieses Symptom hat in der Kindheit Vor* 
lauf er gehabt: als Zehnjähriger litt er beim Abgeben der Schulaufgaben an 
großer Angst, denn er hatte den Zwang, daß nicht nur die Aufgabe voll* 
kommen einwandfrei und nach allen Regeln geschrieben sein mußte, sondern 
er mußte wieder und immer wieder das Löschblatt im Hefte zurechtrücken, 
es unter schrecklicher Angst gerade richten, indes der ungeduldig werdende 
Lehrer neben ihm stand und A. K. diese Handgriffe immer von neuem wieder* 
holte, ohne ein Ende finden zu können, bis er schließlich bei aufs Höchste 
gesteigerter Angst einen Samenerguß bekam. Hier zeigt sich der Charakter 
des Wiederholungssymptoms unverhüllt als Masturbationsersatz. Immerhin 
vermag sich beim Erwachsenen die Wiederholung auch ohne Neurose im 
Ausführungsorgan öfter durchzusetzen, wenn schon meist nur für kurze Zeit 
und in sich mannigfach ablösenden Formen. Überdies sind selbst diese 
Formen meistens entwertet, gelten als Unart oder als wenig geschätzte Eigen* 
heit. 

Dennoch gibt es Tätigkeiten des Erwachsenen, in welchen die Wieder* 
holung unverhüllt weiterbesteht, selbst beim Normalen. So eine Tätigkeit 



I i 



192 Rene Spitz 

ist das ureigenste Gebiet der Wiederholung, der Sexualakt. Im Verlaufe des 
Sexualaktes ist die Wiederholung nicht nur gestattet, nicht nur nicht unan? 
genehm, sondern sie bildet eines der lustbetonten Elemente des Aktes selbst. 
Es geht ja sogar noch weiter: wir wissen, daß selbst beim Normalen die 
Teilbedingungen des Sexualaktes, die einzelnen Komponenten, die ihn kon* 
stituieren, mit einer außerordentlichen Strenge gewahrt werden und daß ihre 
Änderung so unlustvoll ist, daß eine solche Änderung den Sexualakt un= 
möglich machen kann. Es ist, als wäre in diesem Akt der Erwachsene wieder 
auf die Ebene des Kindes zurückgesunken, welches eine Beruhigung nur im 
Gleichbleiben der äußeren Bedingungen finden kann, für das jede Änderung 
eine Gefahr bedeutet, die mit Angst beantwortet wird. Man wäre versucht 
zu vermuten, daß Änderung der gewohnten Sexualkomponenten für den 
Erwachsenen angstauslösend wirkt und dadurch den Sexualakt vereitelt 
t! (2. B. Koitus mit andersfarbigen Geschlechtspartnern). 

Nicht erklärt erscheint hiedurch, warum gerade im Sexualakt die Wieder«» 
holung gestattet ist. Vielleicht birgt aber die Vermutung, daß eine Änderung 
der gewohnten Bedingungen beim Sexualakt möglicherweise Angst auslöst, 
einen Fingerzeig für die Beant\vortung unseres Problems. Es gibt kaum eine 
Tätigkeit, in welcher das Lebewesen so schutzlos preisgegeben ist, so wehrlos, 
wie gerade im Sexualakt." Selbst im Schlafe ist das Tier schwerer vom Feinde 
zu überraschen als während des Sexualaktes. Man hat den Eindruck, daß 
der Sexualakt ganz besondere Ausnahmsbedingungen für das Lebewesen 
schafft. Ferenczi spricht von einer thalassalen Regression,^" die man im 
Sexualakt vornimmt, und wollten wir uns spekulativen Erwägungen hingeben, 
so könnten wir uns fragen, ob die Sexualität nicht eine biologische Regression 
darstellt, die, — auf einer phylogenetisch primitiveren Entwicklungsstufe, 
als es die Persönlichkeitsbildung des Erwachsenen ist, — archaische Mechas^ 
nismen wie die Wiederholung gestattet, ja fordert. 

Doch brauchen wir uns nicht in derartige entwicklungsphilosophische 
Spekulationen einzulassen. Auf dem uns vertrauten Gebiete der Psychoana* 
lyse bleibend, können wir auch den Sexualakt von den übrigen Tätigkeiten 
des Erwachsenen absondern. Wir brauchen ihn dazu nur im Rahmen der 
individuellen Entwicklung zu betrachten. Während sich die gesamten Tätig* 
keiten des Erwachsenen sozusagen in geradliniger Fortsetzung der Betätig 
(!( ; gungen der Latenzzeit entwickeln, ist dies beim Sexualakt durchaus nicht der 

Fall. Die Tätigkeiten der Latenzzeit können wir als solche bezeichnen, welche 



f; 



ig) Man denke an den AuerLahn; das sonst so ungemein scheue und mißtrauische Tier 
nimmt während des Balzens die Umwelt so wenig wahr, daß der Jäger bis unmittelbar 
unter den Baum vordringen kann, auf welchem der balzende Hahn sitzt. 

20) Vgl. Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie. Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 193 



Idem Übersieh genehm, Ich=«gerecht, Üb€r=»Ich#gerecht und bis zu einem ge<> 
Uvissen Grade Es==befriedigend sind. Diese Tätigkeiten, zu denen der Ansatz 
|vie!fach schon früher gebildet wird, die jedoch während der Latenz und der 
IPubertät ausgestaltet werden, stellen wohlgelungene Kompromisse zwischen 
Iden drei Instanzen der Persönlichkeit und der vierten, der Realität dar, sie 
Isind Produkte der mehrfachen Funktion des Ichs.^i Als solche wurden sie 
lin einer sukzessiven Entwicklung während Latenz und Pubertät aufgebaut, 
l Anders der Sexualakt. Gelegentlich des Unterganges des Ödipuskomplexes 
wurde die Sexualität en bloc verworfen. Die einzelnen Anteile der sexuellen 
r Strebungen konnten nur in abgewandelter Form zum Ausdruck kommen. 
IDiese abgewandelten Formen sind eben jene, die wir vorhin als Produkte 
|der mehrfachen Funktion des Ichs bezeichneten. 

Anläßlich des hormonalen Schubes der Pubertät jedoch erscheinen die 
'sexuellen Strebungen in ihrer ursprünglichen Form wieder und setzen sich 
im günstigen, von uns als normal bezeichneten Falle durch. Wodurch wird 
diese Durchsetzung ermöglicht? Einerseits durch die Verstärkung des 
Druckes infolge der hormonalen Veränderungen, andererseits infolge einer 
Läuterung der sexuellen Strebungen, Diese Läuterung hatte während der 
Latenz durch eben jenen Prozeß der vielfachen Umwandlungen sexueller 
Partialtriebe stattgefunden. In allererster Linie wurden die sexuellen Stre.« 
bungen von den inzestuösen Objekten abgelenkt. Nunmehr auf nicht inze»- 
stuöse Objekte gerichtet, kann die sexuelle Strebung den Forderungen des 
Über:*Ichs genügen. Überdies hat sie unter dem Primat der Genitalität die 
einzelnen Triebanteile in sich vereinigt; wiederum sind auch dieses geläuterte 
Triebanteile, deren Ziele sehr wesentlich gemildert erscheinen, da sie ja in^^ 
z^yischen einen Teil ihrer Kraft an während der Latenzzeit umgewandelte 
Ziele abgegeben haben. An all diesen Komponenten haftet, wie wir vorhin 
erläutert haben, die Wiederholung, die mit all den Partialtrieben wie auch mit 
dem Sexualtriebe verschränkt ist. In eben jenem Ausmaße, wie vom Über*^ 
Ich die Sexualität gestattet wird, ist es auch die dazugehörige Wiederholung. 
So wird die gestattete Wiederholung zu einem notwendigen, erwünschten, 
vom Über<»Ich bejahten und daher vom Ich nicht abgelehnten Anteil des 
Sexualaktes. 

Kehren wir nun zu den Abwehrmaßnahmen zurück, die das Ich der 
Wiederholung entgegensetzt. Wir sahen, daß es der der Wiederholung an:* 
haftende Charakter der Universalität ist, welcher besonders zahlreiche Ab:* 
wehr»» und Entstellungsmaßnahmen erzwingt. Diese Abwehr ist in der Denk<= 

iQ^o-^ ^^^' "Wälder: Das Prinzip der mehrfachen Funktion. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 

Im«yo, XXni/2 j3 



I 



194 



Rene Spitz 



Sphäre besonders streng, denn in der nachödipakn Periode gestattet das 
Übersäich, da es ja die Phantasietätigkeit abwehrt, das Denken nur in einer 
Form, die kausal, realitätsgerecht, zielgerichtet ist. Die "Wiederholung wird 
als ziel:« und zwecklos, als nicht realitätsangepaßt entlarvt.^^ Man verwirft sie 
also als kindisch, primitiv, unkünstlerisch, kitschig und schließlich als lang* 
weilig.äs 

Diese Ableitung zeigt, daß die Langeweile zu einer Form der Abwehr 
werden kann. Wenn die Wiederholung trotz dieser Einwände des Indi» 
viduums von ihm erduldet werden muß, so wird es gereizt, nervös und 
schließlich wütend. Vor Fremdem, vor unliebsamen Überraschungen, vor 
Gefährlichem bewahrt zu bleiben, ist die Sicherheit, die das Kind in der 
Wiederholung findet; doch diese Gewißheit des Beschütztseins durch Be# 
kanntes beim Kinde hat sich beim Erwachsenen gewandelt in die Gewißheit 
der unliebsamen Gefährdung durch bekannte, begehrte, aber verpönte Ver=ä 



22) Wir können nun den Erwägungen, welche wir der Lach sehen Meinung über die 
Ähnlichkeit des musikalischen und mathematischen Denkens entgegenhielten, noch eine 
weitere hinzufügen. Die Entlarvung der Wiederholung als eines ziel« und zwecklosen, nicht 
realitätsangepaßten Verhaltens gibt uns die Möglichkeit dazu. Denn die Musik erbringt 
ihre Rechtfertigung durch ihren künstlerischen Wert, indes die Mathematik durch ihre 
Zweckmäßigkeit, ihre Verifikation durch die Realität gerechtfertigt wird. Infolgedessen 
wird die Wiederholung in der Musik durch ihren künstlerischen Wert entschuldigt wer^ 
den. In der Mathematik, in der zielgerichtete Zweckmäßigkeit die Form bestimmt, hat die 
Wiederholung keinen Platz. So unterscheiden sich also die beiden prinzipiell voneinander. 

231) Hier ist der Ort, um die Befunde der eingangs zitierten Arbeiten Fenichels und 
Wintersteins mit unseren Ergebnissen zu konfrontieren. Winterstein meint, 
daß das Bedürfnis nach neuen Reizen libidoökonomisch auf der Verstärkung der destruk« 
tiven Komponente neben der oralen Komponente beruht und daß die Langeweile ein unbe=' 
friedigter Reizhunger ist. F e n i c h e 1 weist mit Recht darauf hin, daß bei wirklicher 
Langeweile eine Hemmung nicht nur des Betätigungsdranges vorhanden ist, sondern eben 
auch eine Hemmung, die gesuchten neuen Reize anzunehmen. Hier deckt sich der Fe« 
n i c h e 1 sehe Befund mit unserer Meinung, denn wenn sich der Sonderfall — Langeweile 
wegen Wiederholung — einstellt, lehnt man ja eine bestimmte Form des Reizes ab, weil 
sie nicht ichgerecht ist. Man sucht dann nach äußerer Anregung, um einer unerwünschten 
inneren Anregung zu entgehen. Darauf weist auch F e n i c h e 1 mit der Bemerkung hin, 
daß, wer sich langweilt, Onanieversuchung fürchtet und durch Zerstreuung bekämpfen 
will oder aber zur Onanie greifen wird, um der lästigen Triebspannung zu entgehen. Wir 
würden hier ergänzen, daß das Ziel dieser lästigen Triebspannung unbewußt ist und daß 
unter solchen Umständen selbst die Onanie gut genug ist, um dem drängenden unbe* 
wußten Ziele zu entgehen. 

Fe nie hei führt die Langeweile auf Erregungszustände der Kindheit zurück, die sich 
bei monotonen Reizen einstellen, weil diese wahrscheinlich der Urszene und der erwarteten 
Wiederholung derselben entsprechen. Er faßt daher prinzipiell die Langeweile als eine 
Äußerungsform der Libidostauung auf. Diese Auffassung deckt sich weitgehend mit der 
unseren, denn in dem speziellen Fall der Langeweile bei Wiederholungen haben wir es 
tatsächlich mit einer Libidostauung zu tun, da die frühkindliche Lust an der Wiederholung 
ja von den Erwachsenen verworfen wird, zu keiner Abfuhr gelangt und auf diese Weise 
gestaut werden muß. 



Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 



195 



führung. So ist hier, in der Verteidigung gegen einstige und nicht mehr ei^ 
laubte Lust, die Langeweile zur Hüterin der Moral geworden. 

Dem wachsenden Zusammenschluß der Partialtriebe unter dem Primat 
der Genitalität, der Domestizierung des Destruktionstriebes durch Vers» 
Schmelzung mit Erostrieben, dem realitätsgerechten Verzicht auf die Es» 
Wünsche zugunsten der zivilisationsgeforderten Sozialanpassung — der 
Moral — fällt die Wiederholung zum Opfer. 

Die Gegenprobe für dieses Argument läßt sich leicht erbringen. Verfolgen 
wir die uns so wohlbekannte Reihe neurotischer Erkrankungen entsprechend 
der Tiefe der damit verbundenen Libidoregression und untersuchen wir, wie 
sich die Wiederholung in diesem Zusammenhange verhält. 

Je weiter die Regression geht, desto mehr steht die Wiederholung im 
Vordergrund der Erscheinungen. Bei den einfachsten Neurosen, etwa der 
Hysterie, macht sich der Unterschied gegen den Normalen noch Verhältnis»» 
mäßig wenig bemerkbar. Die Wiederholung beschränkt sich im wesentlichen 
auf das regelmäßige Auftreten eines Körpersymptoms unter gleichbleibenden 
Bedingungen, bei bestimmten auf die sexuelle Sphäre bezogenen Reizen, so;« 
wie auf ein häufigeres Auftreten von dem, was wir vorhin als „Unarten" 
beschrieben. 

Bereits bei der Zwangsneurose, die im Gegensatz zur Hysterie hinter die 
genitale Phase regrediert, ist das Zwangszeremoniell eine ungemein ein* 
drucksvolle Form der Wiederholung und besonders auffällig wird hier, wie 
in der Abwehr das Abzuwehrende durchbricht. Nach dem vorhin von uns 
Gesagten äußert sich in diesem Falle sehr klar das Abzuwehrende nicht nur 
in den Inhalten des zwangsneurotischen Zeremoniells, sondern eben in seiner 
Form, in der Wiederholung. 

Vernachlässigen wir der Kürze halber einige der nächsten Etappen der 
Regression, die Paranoia und Melancholie, wo wir dieselben Feststellungen 
machen könnten, aber allzu umständliche Ausführungen erforderlich wären. 
Gehen wir direkt zur tiefsten Regression, zur Schizophrenie. Hier ist der Zer^^ 
fall der Persönlichkeit vollkommen, die Scheidewand zwischen Ich und Es 
verloren gegangen. Das Es überflutet das Ich, keinerlei Über*Ich=»Forderung 
hemmt mehr die Befriedigung verpönt gewesener Es*^ Wünsche und in allen 
möglichen Formen der Wiederholung, in Verbigerationen, Echolalien, Stereo* 
t>'pien etc. lebt sich hemmimgslos, von keiner Langeweile gestört, der Drang 
nach lustvoller Wiederholung aus. Die Persönlichkeit ist in der Stufenleiter 
bis zum Säugling regrediert; die von der Kastrationsangst erzwungene Über* 
Ich*MoraI ist vernichtet und vermag die Lust an der Wiederholung nicht 
mehr durch eine Entwertung mit Hilfe der Langeweile zu beeinflussen. 

13« 



196 Rene Spitz: Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 

Auf derselben Stufe finden wir das Tier. Über^'Ichs'los und amoralisch 
vermag es, sich unbegrenzt der Wiederholung hinzugeben und daraus Lust 
zu beziehen. 

Diese Dreiheit des Säuglings, des Tieres und des Schizophrenen offene 
bart uns, daß die in der Kunst gestattete Wiederholung, daß Rhythmus, 
Reim, Refrain Abkömmlinge der Morallosigkeit sind. Die strengen Gesetze, 
die diese Formen vorschreiben und lenken, sind nur Fassade. Diese Gesetze, 
diese Formen, gerechtfertigt durch ihren Wert, gestattet infolge ihrer Schön=! 
heit, verbergen einen fragwürdigen, einen infantilen Ursprung: den Mangel 
an Hemmung, die Zuchtlosigkeit, das Chaos. 



Literaturverzeichnis: 

K. Bücher: Arbeit und Rhythmus. Leipzig, 1909. 
Ch. Bühl er: Kindheit und Jugend. Leipzig, 1931. 
BühIert<Hetzer!äMabel: Die Af fektwirfesamkeit von Fremdheitseindrücken im 

ersten Lebensjahre, Ztschr. f. Psychol. 107, 1928. 
K. B ü h 1 e r: Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena, 1924. 
O. Fenichel: Psychologie der Langeweile. Imago, Bd. XX, 1934, S. 270. 
S. Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie. Int. Psa. VerL, Wien, 1924. 
A. Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. VerL, Wien, 1936. ' 

S. Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI. 

— Die Widerstände gegen die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. XI. 
~- Zukunft einer Illusion. Ges. Sehr., Bd. XI. 

— Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V. 

K. Goldstein: Beobachtungen über die Veränderung des Gesamtverhaltens bei Gehirn» 

Schädigung. Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie, 68, 1928. 
S. Hollos: Der Zeitbegriff. Imago, Bd. VllI, 1922. 
Jersildu. Holmes: Methods of overcoming children's fears. Journal of Psychology, 

1935/36, Nr. 1. 
E. Kris: Zur Psychologie der Karikatur. Imago, Bd. XXI, 1935. 
R. Lach: Das Konstruktionsprinzip der Wiederholung in Musik, Sprache und Literatur. 

Sitzungsbericht der Akademie der Wissenschaften Wien, 1925, S. 201. 
D. M o s o n y i : Über die irrationalen Grundlagen der Musik. Imago, Bd. XXI, 1935. 
R. Spitz: Die DreizahL Imago, Bd. X, 1924. 

R. Wälder: Das Prinzip der mehrfachen Funktion. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928. 
A. Winterstein: Angst vor dem Neuen, Neugier und Langeweile. Psa. Bewegung, 

Bd. II, 1930, S. 540. 



Zur Revision der Bioanalyse 

Von 

Siegfried Bernfeld 

London 

Unter allen „Anwendungen der Psychoanalyse" ist die auf die Biologie 
nicht nur am meisten problematisch geblieben, sondern auch von den Analy^* 
tikern selbst am wenigsten gepflegt. Dies ist begreiflich genug, weil die Be* 
strebungen jung und ihre Schwierigkeiten besonders groß und eigenartig 
sind. Andererseits hat die Bioanalyse, um das Wort Ferenczis für diese 
von ihm entscheidend beeinflußte Richtung zu verwenden, so gewichtige 
Förderung erfahren, so intensive Hoffnungen haften an ihr, und sie betreffen 

i ein so überaus interessantes und wichtiges Gebiet, daß eine geordnete Zu# 
sammenstellung der vorliegenden Bruchstücke gewiß erwünscht wäre. 
Schilder» hat vor einiger Zeit einen sehr anregenden Katalog von Pro=< 
blemen, bei denen die Fe renc zische oder eine ihr nah verwandte Be* 
tiachtungsweise anwendbar zu sein scheint, in eine Untersuchung der Be# 
Ziehungen zwischen „Psychoanalyse und Biologie" eingeschaltet. Ein 
Sammelreferat zu geben, war nicht seine Absicht. Sein Aufsatz macht ein 
solches auch nicht überflüssig, aber es wird an ihm sehr deutlich sichtbar, wie 
jede Annäherung an bioanalytische Erörterung sogleich zu der Frage nach 
dem Sinn, der Natur und Zulässigkeit jener Analogien führt, von denen alle 
psychoanalytischen Arbeiten „über Biologie" durchzogen sind. Ein voll* 
ständiger Bericht über sie fördert uns daher nur dann erheblich, wenn er 
diese ihre Grundlage ausreichend diskutiert. 

Ferenczi hat sehr wohl gewußt, daß Analogien kein gesichertes Funda=» 
ment abgeben, und hat nicht versäumt, seiner Methode wissenschaftliche 
Sorgfalt zu widmen. Die Skizzierung des vollendeten Plans der neuen 
Wissenschaft, die er in genialer Intuition erfaßt hatte, fesselte und entzückte 

I ihn aber so sehr, daß er diese neue Welt erst einmal ganz durchmessen haben 
wollte und die gründliche Kritik ihrer Grundlagen für eine spätere Zeit auf:* 
hob. Das ist nicht nur allzu verständlich, sondern auch in jeder Hinsicht be* 
rechtigt. Die Brauchbarkeit eines Vehikels prüft man endgültig erst im 

I Fahren, Die gedachte Darstellung der bioanalytischen Fahrversuche würde 
zeigen, daß man mit der Bioanalyse doch nicht so schnell und weit, nicht so 
sicher und zielfest, kurz nicht so gut reist, als man möchte. Dies kritisch 
festzustellen, ist leicht; es läßt milden Entschuldigungen und strengen Ver* 
werfunge n breiten Raum; es nützt aber wenig. An jeder Stelle, an der sich 
i) Schilder: Psychoanalyse und Biologie. Imago, Bd. XIX, 1933. 



198 Siegfried Bernfeld 






solche Kritik aufdrängt, wäre es vielmehr nötig, bis zur Basis des Mangels 
vorzudringen, also weder eine objektive Übersicht, noch eine 
Kritik, sondern eine Revision der Grundlagen der Bioana* 
lyse vorzunehmen. An der Erfüllung dieser Aufgabe durch einen Beitrag 
mitzuarbeiten, versucht der folgende Aufsatz. 

I. D i e a n a 1 e r o t i s c h e B i e n e. 

In einem sympathisch geschriebenen und geistreich durchdachten Aufsatz 
wird ohne ausdrückliche Beziehung auf Ferenczis Bioanalyse auseinander* 
gesetzt: 

„ . . .in Anbetracht der peinlichen Sauberkeit der Bienen, die lieber an 
tausenden von Verdauungsbeschwerden zugrunde gehen, als den Stock bei 
kalter Witterung zu beschmutzen, können wir füglich bei ihnen eine ausgiebige 
Regression , analerotischer' Art voraussetzen und darin auch eine zufrieden* 
stellende Erklärung finden für ihr Honigsammeln, vielleicht sogar für die 
mathematische Exaktheit ihrer Zellen . . ."^ 

Vermutlich geht es den meisten Lesern wie mir. Eine imperative Abwehr 
macht sich bemerkbar und äußert sich in amüsierten oder ärgerlichen Re# 
flexionen, die den dargelegten Gedanken, milde gesagt, für lächerlich und 
unsinnig erklären wollen. Der Autor jener Bemerkungen wird aber mit Recht 
darauf hinweisen dürfen, daß er doch nichts anderes getan habe, als eine 
freilich ungewohnte — also doch originelle — Analogie zwischen dem so«! 
zialen Leben fremdartiger Organismen und den uns wohlbekannten sees» 
liscben Vorgängen der Menschen aufzudecken. Sollte hier Widerstand im 
Spiele sein? 

Verweilen wir also unter dem Druck dieses Verdachtes bei den analeros« 
tischen Bienen und sehen wir zu, welche guten Gründe wir gegen sie behalten, 
auch wenn wir dem Autor eine große Vorgabe einräumen. Sie sind Sammler. 
Sind unsere analytischen Kenntnisse auf die Organismen überhaupt übers» 
tragbar, so müßten die Bienen danach auch Sauberkeit, Genauigkeit und anal=» 
erotische Tendenzen aufweisen. Und siehe da, ein Bienenkenner findet diese 
Züge. Eigentlich imponiert solche Bewährung der analytischen Charakters« 
lehre durch eine zutreffende Voraussage so sehr, daß wir vielleicht doch 
bloß von Vorurteilen getrieben fragen, ob hier „mehr" als oberflächliche 
Analogie vorliege. Sogar die Prüfung durch Gegenbeweise erträgt B r o u g h«> 
t o n s These. Die Hummeln sind schlampig und unsauber, aber sie sammeln 
auch nicht wie die Bienen.^^ Und trotzdem gewinnen wir, selbst wenn wir 

2) L. R. Delves Broughton: Vom Leben der Bienen und Termiten. Psychoanai« 
lytische Bemerkungen. Imago, Bd. XIV, 1928. 

2a) Broughton bedient sich dieses Argumentes nicht. 



Zur Revision der Bioanalyse 199 



ns Gewalt antun und die Deutung probeweise ganz ernst nehmen, merk;« 
ürdigerweise keinen faßbaren Wissenszuwachs. Über den analen Charakter 
erfahren wir nichts neues; über die Bienen im Grunde auch nicht. 

Vielmehr bestürmen uns viele neue Fragen. Gibt es anale Lust bei den 
Insekten? Welche Schicksale hat sie? Wird sie bei manchen Gattungen durch 
anale Kindererziehung verdrängt? Wie sieht diese bei den Bienen, wie bei 
ihrer Königin, wie bei den Hummeln aus? Ein ganzes Bündel von Fov» 
schungsanweisungen ergibt sich sofort. Gesetzt, alle diese Fragen seien bisher 
unbeachtet geblieben und in ihrem Verfolg würden irgendwelche neue Fakten 
gewonnen, dann freilich gäbe es Wissenszuwachs. Aber eben dann erst. Er 
wäre in gewissem Sinn einer Anwendung der Psychoanalyse auf die Bienen«» 
forschung verdankt. Und damit haben wir längst bekannte Dinge auf einem 
daher nicht ganz unnützen Umweg erreicht. Selbstverständlich kann die Fest« 
Stellung einer Analogie, auch einer sehr vagen, selbst einer unhaltbaren, die 
Forschung anregen und in Gang bringen. Sie selbst jedoch ist kein wissen^ 
schaftliches Ereignis und wird es auch durch Verwendung Freudscher Ter=> 
mini nicht. Dieser Anregungswert der Psychoanalyse (und der Bioanalyse) 
steht über jedem Zweifel und außer Diskussion. Ich will im folgenden aus* 
schließlich die Frage untersuchen, was sie darüber hinaus geleistet hat oder 
bedeuten könnte. 

Der Verfasser jenes Aufsatzes wird mit dieser Bewertung auch dann nicht 
ganz einverstanden sein, wenn man ihm versichert, daß sein Einfall inter=s 
essant und witzig ist. Er meint, die Analerotik — oder an anderer Stelle: die 
Identifizierung — erkläre das Verhalten der Bienen. Und gegen diese Be=* 
hauptung, so läßt sich jetzt präzisieren, richten sich die sehr wohl recht* 
fertigbaren Gründe unseres Widerstandes. 

Wenn wir in der Analyse von Identifizierung, Überleb, Analerotik 
sprechen, so meinen wir bestimmte Beobachtungsfakten. Nicht als könnte 
man „Über«=Ich" oder „anale Libido" wahrnehmen wie den Bienenflug oder 
das Analysensofa; sie sind gewiß Begriffe, aber sie beziehen sich in sehr 
feinfacher Weise auf die Beobachtungen, die wir in den Analysenstunden 
machen. Man pflegt die Klasse von Phänomenen, um die es sich hier han^ 
delt, „innere" zu nennen und sie von den „äußeren", der Sauberkeit, dem 
Sammelverhalten, den Körperbewegungen, scharf zu sondern. In der Analyse 
M des Menschen verschwindet in gewissem Sinn dieser tiefe Unterschied zwi»« 
T sehen äußerem Behaviour und innerem Vorgang, weil wir diesen nicht mins^ 
I der schlicht „beobachten" als jenen. Das äußere Verhalten erfahren wir 
!■ durch die Augen, das innere vermittels der Ohren. Werm wir etwa irgendein 
H Verhalten durch Identifizierung erklären, so meinen wir z. B., daß wir er# 
H fahren haben, jenes fragliche Verhalten und bestimmte „innere" Kindheits* 



200 Siegfried Bernfeld 



erlebnisse gehören in spezifischer Weise zusammen. Wir erklären also m 
der Psychoanalyse, selbstverständlich wie in jeder Wissenschaft, das Neue 
durch Bekanntes, durch grundsätzlich Beobachtbares. ^. c t 

In der „Bienenpsychoanalyse" wäre dies keineswegs ebenso. Die Sammel. 
tätigkeit können wir wie aUe äußeren Ereignisse beobachten; nicht aber die 
Identifizierung. Sie ist bei der Biene kein beobachtbarer innerer Vorgang, 
sondern eine „Hypothese". Ich will hier keineswegs rasch m der Steeitfrage 
entscheiden, ob man aus behaviouristischen Fakten auf innere Vorgange 
schließen darf oder nicht. Aber offenkundig ist der Komplex von Beob. 
achtungstatsachen, der beim Menschen vorliegt und den wir Identifizierung 
nennen, etwas völlig anderes als die Hypothese „Identifizierung bei den 
Bienen. Natürlich kann es sehr nützlich sein, solche Hypothese aus. 
zusprechen; aber sie ist noch keine Erklärung. Die intellektuelle Befriedigung, 
die wir aus der „Erklärung" eines Verhaltens durch eine unbeobachtbare 
Wesenheit - wie anale Lust oder Identifizierung bei der Biene - schöpfen, 
mag sehr groß sein, sie hat doch andere Natiir und andere Bedeuhmg als die 
Erklärung eines beob achteten Verhaltens durch seine Verknüpfung mit 
einem anderen prinzipiell beobachtbaren Verhalten. Der Anschem einer 
Erklärung durch jene Psychoanalyse der Bienen ergibt sich, weil sie äquivalent 
ist der primitiven und so sehr einleuchtenden Überlegung: Mensch und Biene 
weisen verblüff ende Ähnlichkeiten des Verhaltens auf; dies versteht sich, weil 
Mensch und Biene dasselbe „innere Seelenleben" haben. Eine Biologie die 
diesen Satz für begründet halten könnte, wäre von großartiger Einfachheit. 
Der heutige Wissenschaftler hat jene Naivität verloren, die zu semer Akzep. 
tierung nötig wäre; er sehnt sich nach ihr zurück und ist leicht geneigt, sich 
an ihr zu freuen, wenn nur die primitive Blöße durch komplizierte Kunst. 
Worte bedeckt ist. Bienen mit Übersieh und analerotischen Kompensationen 
sind aber leider nicht wissenschaftsfähiger als jene weisen, fleifJigen und 
sauberen Menschen.Allegorien, die in der Fabel Bienengestalt annehmen und 
uns lehrhaft sagen: seid fleißig und ordentiich wie wir und bohnert eure 

I Dennoch bleibt etwas Fesselndes an jener Aufstellung. Daß man auch bei 

den Insekten vom Sammeln auf Sauberkeit und Genauigkeit schheßen kann, 
dies ist so sonderbar, daß man sich mit dem Faktum doch noch einen Augen, 
blick lang beschäftigen will. Bis in alle Einzelheiten bietet der Bienenstock 
die Physiognomie eines „analerotisch" bestimmten Haushalts. Broughton 
hat eine höchst eindrucksvolle ÄhnUchkeit aufgedeckt. Wir begegnen hier 
der sehr ernsten - wie wir noch sehen werden für die ganze Bioanalyse be.i 
deutsamen - Frage, was man mit solcher Ähnlichkeit wissenschaftiich anzu.| 
fangen hat, in einer Form, die eine erste Antwort leicht macht. 



Zur Revision der Bioanalyse 



201 



Man wird sich nämKch klar darüber werden wollen, worin diese Ähnlich* 
keit nüchtern und objektiv besteht. Inwiefern ist es z. B. mehr als Ausdrucks;^ 
armut, wenn wir die Biene eine Sammlerin heißen? Wir haben nicht das 
Gefühl, dies Wort sei bloß eine Metapher; es scheint uns nicht übel zum 
wirklichen Sachverhalt zu passen. Ich kann aber auch von Hamstern, von 
Aufspeichern, von Voraussicht und Sorge sprechen. Und indem ich diese 
Worte versuche, finde ich sie eigentlich noch viel treffender. Die Biene er* 
[scheint mir nun als Melancholikerin, die zu verhungern fürchtet. Dann ist 
aber mit ihrer Genauigkeit und Sauberkeit wenig anzufangen. Andererseits 
bleibt das Wort „Sammeln", das unser Autor gebraucht, suggestiv. 

Diese Unentschiedenheit müssen wir zum Glück nicht liquidieren; sie dient 

uns als Warnung. Das Verhalten der Biene ist vieldeutig. Ich kann in ihm 

I Züge der Physiognomie „Sammeln" und die der Physiognomie „Hamstern" 

, sehen. Es vermag verschiedene, sogar einander widersprechende, physiogno* 

Fmische Eindrücke zu vermitteln. Und alles hängt davon ab, welchem von 

f ihnen ich mich hingeben will, welchen ich in seine Einzelheiten ausarbeite; 

I denn man kann einen physiognomischen Gesamttatbestand nicht aus seinen 

j einzelnen Zügen erraten. Vielmehr sind die Einzelzüge erst deutbar, wenn 

I eine Gesamtsituation vorausgegeben ist. Es gilt dies schon für die Physio* 

Ignomik im engsten Sinn, die Gesichtsmimik, wie Kris vor kurzem dar* 

liegte." Umsomehr für jene komplexeren Verhaltensweisen, die ich eben in 

j etwas erweitertem Sinn physiognomische nannte. Es gibt keinen isolierten 

- Tatbestand Sammeln, Sauberkeit . . . Was Sammeln ist, weiß ich nur z. B. 

im Zusammenhang mit seinem Gegensatz Verstreuen. Sauberkeit bestimmt 

sich bloß zugleich mit Unsauberkeit. In der Lehre von der Analerotik wird 

'dies durchaus nicht übersehen. Was bei den Bienen Verstreuen, was bei 

ihnen Unsauberkeit bedeuten mag, wüßte ich nicht zu sagen. Es ist nicht 

unmöglich, daß sich solche Begriffe auch auf sie anwenden ließen. Dies 

I müßte aber klar sein, ehe von ihrer Analerotik die Rede sein könnte. Denn 

ein Wesen, das nur sauber ist, das nur sammelt, ist überhaupt weder sauber 

I noch ein Sammler, und erst recht nicht, weixn alle seine Artgenossen gleicher* 

|\veise einförmig leben. 

Die faszinierende Ähnlichkeit zv/ischen Biene und Mensch, die im Namen 
jder Psychoanalyse von Broughton vorgezaubert wird, ist danach vor* 
ferst keine biologische, nicht einmal eine tierpsychologische Angelegenheit. 
paß die Biene geeignet ist, menschliches Verhalten, menschliche Werte zu 
jallegorisieren, lehren die Fabeln, lehrt der Traum und manches abseitige 

3) Kris: Bemerkungen über das Lachen. Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internatio»^ 
Inalen Psychoanalytischen Kongreß in Marienbad, am 3. August 1936. Vgl. Int. Ztschr. 
|f- Psa., Bd. XXIII, 1937, S. 168. 



202 Siegfried Bernfeld 



Kapitel der Kulturgeschichte. Die „psychoanalytischen Bemerkungen zum 
Leben der Bienen und Termiten", die uns hier beispielshalber so ausführlich 
beschäftigen, weisen, so scheint mir, was freilich interessant genug ist, bloß 
nach, daß alle Elemente, die nach der Entdeckung Freuds zum analen Cha* 
rakterensemble gehören, als physiognomische Einzelzüge im Bienenleben vors» 
kommen, obwohl nur je eines oder das andere in der Allegorie unterstrichen 
ist. Dies ist ein Beitrag zum fast gar nicht erforschten Thema menschlicher 
Psychologie, das man „Mensch und Tier" oder Tierphysiognomik nennen 
könnte. In die Biologie könnte es bloß dann gehören, wenn der physiognos« 
mische Eindruck, den Tiere auf uns machen, unmittelbar als Ausdruck eines 
inneren, dem unseren ähnlichen Seelenleben gedeutet wird. Mit dieser primi^s 
tiven Deutung gewinnen wir aber keine neue Erkenntnis, sondern bekommen 
bloß zurück, was wir selbst eingezahlt hatten. 

Es ließe sich vielleicht einwenden, solche Erörterung treffe zwar die alte 
anthropomorphe Tierpsychologie, aber nicht die psychoanalytische; diese 
führe ein neues Kriterium der Ähnlichkeit, den ähnlichen Mechanismus, ein. 
Dies wäre freilich ein anderer Fall. Wir werden ihn sogleich an Hand anderer 
Insektenstudien diskutieren. Broughton bietet ihn nicht. Er hätte zu 
zeigen, daß die neugeborene Biene sich anal betätigt, keine Sammlerin, kein 
Muster an Fleiß, Sauberkeit und Genauigkeit ist, und daß erst mit Unter:« 
drückung dieses primären Verhaltens das bekannte, musterhafte Bienenleben 
einsetzt. Ein Hinweis auf die Asexualität der Arbeitsbiene tut hier nichts 
zvxr Sache, weil ja der anale Charakter nach Freuds Meinung nicht aus ver;^ 
drängter genitaler, sondern analer Libido entsteht. Dieser genetische Gesichts^ 
punkt fehlt bei Broughton. 

Wenn ich so dem Mißtrauen gegen physiognomische Eindrücke das Wort 
rede, so will ich durchaus nicht die tiefe Gemeinsamkeit leugnen, die die un^» 
geheure Mannigfaltigkeit der lebenden Wesen verbindet, und ich meine 
durchaus nicht, daß sie bloße Einbildung, unerlaubte anthropomorphe Pro* 
jektion sei; ich meine nicht einmal, daß die Naturwissenschaft sie in ihrem 
Betriebe einzuklammern habe. Im Gegenteil scheint sie mir ein sehr wich;« 
tiger Gegenstand der Forschung zu sein. Weder der gekränkte Narzißmus 
des „einzigartigen menschlichen Geistes", noch das Schuldgefühl darüber, 
daß wir Tiere töten und essen, darf uns daran hindern, uns dieses Stoffes zu 
bemächtigen. Aber die volle Hingabe an archaische Wünsche und Über* 
Zeugungen, an die Analogie, ist andererseits keine geeignete Methode, ge* 
prüftes Wissen zu schaffen, was die bescheidene, beschränkte, aber uner# 
setzliche Funktion der Wissenschaft bleibt. 

Die Bedenken gegen die analerotische Biene wollen auch nicht etwa in 
Verbote münden, wie: man darf Tierpsychologie nicht mit Bewußtseins* 



Zur Revision der Bioanalyse 



203 



hypostasierung, also nicht unbehaviouristisch betreiben; man darf Psycho^ 
analyse nicht auf Tiere anwenden; man darf nicht psychologisch, nicht 
physiognomisch, nicht animistisch verfahren; sondern in die Frage: wie macht 
man es mit den unbezweifelbaren, aliverbreiteten Ähnlichkeiten in der orga:> 
nischen Natur, daß sie uns Wissen bringen, und nicht bloß dessen Anschein 
und die „Wollust der Synthese", die Novalis besingt. 



IL Verdrängende Ameisen. 

Ebenfalls an staatenbildenden Insekten, an den Ameisen, studiert B r u n 
„Biologische Parallelen zu Freuds Trieblehre".* Als Ergebnis seiner „experi* 
mentellen Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des TriebkonfUkts" for;= 
muliert er, daß die 

„Gesichtspunkte der metapsychologischen Trieblehre von Freud sich nicht nur 
für die menschhche Triebpsychologie, sondern für den feineren Aufbau des 
Trieblebens überhaupt als grundlegend erweisen . . . Insbesondere kommt . . . 
den dynamischen und ökonomischen Prinzipien die Dignität allgemeinster bio* 
logischer Gesetze zu ... . Auch die spezifischen ökonomischen Triebschicksale, 
welche gehemmte, respektive verdrängte Triebe nach Freud erfahren, lassen 
sich . . . selbst bei den Insekten . . . alle — die spezifischen Mechanismen der 
direkten Abfuhr gestauter Libido ... die Regression ... der Verschiebungs* 
ersatz (Ersatzbefriedigung), die Reaktionsbildung, ja selbst die Sublimierung — 
\Yiederfinden."* 

Stichproben aus dem Leben der Ameisen, aus Sherringtons Experi* 
menten über Reflexe und aus der Phylogenie der Ameisen sind kaum aus* 
reichend, um dies Ergebnis in solcher Allgemeinheit für erreicht zu erklären. 
Sie sind aber sehr lehrreich für das Studium der Wege, auf denen die An,* 
Wendung der Psychoanalyse auf die Biologie versucht wird. 

„Wenn man neben einem Nest von Fotmica rufa einen Sack voll Ameisen der 
gleichen Art, aber fremder Staatsangehörigkeit ausleert, so entbrennt sofort ein 
erbitterter Kampf, der in der Regel mit der völligen Vernichtung der einen Partei 
endet. Gibt man aber den Neuankömmlingen eine reichliche Mitgift an Brut 
(Larven oder Puppen) mit, so ist der Kampf von vornherein schwächer und 
endet schließlich in der Mehrzahl der Fälle mit einer AlUanz zwischen beiden 
Parteien, da die meisten Ameisen, anstatt zu kämpfen, sich eifrigst damit be* 
schäftigen, die Brut in Sicherheit zu bringen . . Die experimentelle Untersuchung 
der Ameisen lehrt ausnahmslos, daß der eine der beiden mit einander in, Kon* 
fhkt geratenen Triebe den anderen restlos zu unterdrücken (zu hemmen) scheint, 
und zwar scheint in der Regel der phylo* und ontogenetisch ältere (primordiale) 
Trieb, gegenüber dem phylogenetisch jüngeren, ... zu unterliegen.""^ 

4) Imago, Bd. XII, 1926. 

5) B r u n, 1. c, S. 168 f. 

6) B r u n, 1. c, S. 156. 



204 Siegfried Bernfeld 



': Die Parallele zur Psychoanalyse begründet sich danach so: 

I • „Die Ergebnisse der Biologie stehen im besten Einklang mit der Erfahrung 

1 der Psychoanalyse, nach welcher auch beim neurotischen Triebkonflikt es regele 

j ii mäßig die primordialen sexuellen Triebregungen sind, welche gegenüber den 

!| Anforderungen der kulturellen Sekundärtriebe zunächst unterliegen und der 

il Verdrängung verfallen."' 

,; In welcher Weise nun die Reflexologie und allerhand wichtige entomo* 

, logische Einzelheiten in die Betrachtung einbezogen und einige Unebenheiten 

! geglättet werden, liest sich in der Arbeit B r u n s bequem nach. Die Probe zeigt 

deutlich genug, daß in ihr von physiognomischenÄhnlichkeiten offenbar keine 

Rede ist. So wenig, daß man fast sagen möchte, nur auf Kosten einer völligen 

Verarmung des Begriffs der Verdrängung, seiner Entleerung von allen wesents 

1 liehen Merkmalen sei die Möglichkeit jener Parallele erkauft. Durch alle Bei« 

i spiele, die dann — jedes mindestens instruktiv — für die verschiedenen Trieb* 

Schicksale beigebracht werden, befestigt sich der Eindruck, hier werde gewiß 

- nicht zuviel in die Tiere hineingesehen, aber bei den psychoanalytischen 

j Fakten werde von soviel abgesehen, daß man sich der Anerkennung dieser 

■ Analogien fast verweigern möchte. 

Vielleicht steht Brun selbst unter diesem Eindruck und spricht unver* 
bindlich von Parallelen, indes er etwas sehr Verbindliches vorhat. Es han»« 
delt sich ihm um biologische Gesetze und er prüft, ob auf dem Gebiet der 
Ameisenforschung und dem der Psychoanalyse dieselben Gesetze gelten. Bei 
dieser Wendung der Frage ist aber jene eigentümliche Entleerung der psycho* 
analytischen Begriffe nicht allein kein Fehler in der Sache, sondern sogar 
eine notwendige Voraussetzung des Erfolges. Hier werden ja nicht mehr 
Eigenschaften der Tiere mit Charakterzügen der Menschen verglichen, son* 
dern Gesetze, die von einer Wissenschaft formuliert wurden, sollen mit denen 
einer anderen Wissenschaft konfrontiert werden. Und dies erfordert von 
vornherein weitgehende Abstraktionen. 

Das Wort Gesetz ist dabei ebenso anspruchsvoll wie das Wort Wissen* 
Schaft ungeschickt. So anspruchslos wie möglich geht es darum, daß wir 
unser methodisches Wissen auf Beobachtungen gründen, die wir durch ge# 
;| wisse Beobachtungsmittel unter bestimmten Beobachtungsbedingungen ge* 

wannen. Diese Mittel und Bedingungen bestimmen entscheidender als die 
Gegenstände der Beobachtung die Grenzen einer Disziplin. So gehören denn 
die Ameisen, die wir im Formikarium halten, denen wir gewisse Hindernisse 
in den Weg legen, denen wir experimentell Konflikte stiften und deren 
Körper;« und Gliederbewegungen wir dabei sorgfältig registrieren, einer an* 
deren „Wissenschaft" an als die Menschen, die auf dem Analysensofa liegen 

7) B r u n, 1. c, S. 156. 



Zur Revision der Bioanalyse 



205 



und von ihren eigenen Leiden, Träumen und Leben erzählen, auf die wir 
wirken und denen wir helfen wollen. Gewisse Regelmäßigkeiten, die an den 
Beobachtungen in einer solchen Wissenschaft auffallen, bekommen den sehr 
auszeichnenden Titel von Gesetzen. Man mag von ihnen, ihrem Wert und 
ihrer Natur denken, was man will, sie bleiben abhängig von den Mitteln 
und Bedingungen, in denen sie gewonnen werden. D. h. sie gelten zunächst 
nur für eine Disziplin und sind mit den Gesetzen anderer DiszipHnen vor=> 
erst gar nicht vergleichbar. Um Gesetze auszusprechen, die über die Grenze 
einer solchen — wie man sieht: sehr engherzig definierten — Wissenschaft 
hinausreichen, braucht es eines besonderen Verfahrens, einer eigenen theore* 
tischen Disziplin, die Ausdrücke und Formeln findet, welche die Gesetze 
jener zwei Wissenschaften übergreifen, sie zum Beispiel als spezielle Fälle 
eines allgemeinen Satzes ableiten lassen. Diese theoretische Disziplin bedient 
sich in der gesamten Naturwissenschaft der Mathematik. Die an sich unter»» 
einander unvergleichbaren Gesetze der Wissenschaften werden vergleichbar, 
wenn sie und soweit sie sich mathematisch formulieren lassen. 

B r u n verfährt im Sinne solcher theoretischen Disziplin — ohne darüber 
zu reflektieren. Die Ameisenkämpfer im Konflikt mit ihrem Brutinstinkt und 
die Verdrängung, also das hysterische Symptom des Patienten X und dessen 
Analyse sind einander durchaus nicht ähnlich. Die Ameisen verdrängen nicht 
und der hysterische Patient zeigt keine Folge bedingter Reflexe. Es handelt 
sich nun darum, ein tertium comparationis zu finden, das Ameisenkampf und 
hysterische Symptombildung überhaupt erst vergleichbar macht. Dies leistet 
Freuds Triebbegriff. Und zwar ganz ohne Mathematik. Daß aber hinter 
ihm etwas Mathematikartiges lauert, zeigt nicht erst die eigenartige Formu»> 
lierung, die B run ihm gibt: 

„Der dynamische Gesichtspunkt . . . besagt nämlich im Wesentlichen, daß . . . 
Jdie einer Triebregung zugehörige Erregungsgröße . . . konstant bleibt."^ 

Wenn wir die Abstraktion bewußt noch einen Schritt weiter treiben, so 
können wir uns Bruns Verfahren und die Funktion der Freud sehen 
Trieblehre leicht deutlich machen. Bei Bruns Ameisen und dem hyste^* 
rischen Patienten ist gewiß das folgende „gleich", so sehr sie sich im übrigen 
unähnlich sein mögen: „Etwas" ist da; dies „Etwas" verschwindet; es tritt 
nun ein Ereignis ein, das den Beobachter zur Annahme zwingt, jenes Etwas 
sei nicht völlig verschwunden gewesen, es sei wirksam geblieben, obwohl 
es nicht sichtbar war. Dieser Satz klingt recht ungeschickt und recht lächer=< 
lieh. Könnten wir einen mathematischen Ausdruck an seine Stelle setzen, 
so würde er nicht nur sehr geheimnisvoll und würdig erscheinen, sondern 



^Tf T' 



206 Siegfried Bernfeld 



sich auch sehr viel genauer und bequemer handhaben lassen. Er tut uns abei 
eine kurze Weile lang auch in diesem Gewände guten logischen Dienst. Da; 
Verhalten der Ameise läßt sich beschreiben, wenn wir in jenen Satz wie ir 
eine mathematische Formel für „Etwas": ,Kampfinstinkt' einsetzen; eit 
wichtiges Bruchstück aus der Analyse einer Hysterie, wenn wir für „Etwas" 
,infantil*sexueller Wunsch' setzen. Bloß der gute Geschmack hindert uns in 
Ernst, jenen unbeholfenen Satz „Gesetz A" zu nennen, was ich zu Demon= 
stiationszwecken tue. Wir können so sinns= und gehaltvoll sagen: Ameisj 
und Hysterie stehen beide unter der Herrschaft des Gesetzes A. 

Weniger fremdartig wäre es, dieses Gesetz A kurz als „die Verdrängung 
anzusprechen. Aber es ist weder so korrekt noch so nützlich. Dies zeigt sicli 
leicht an den Chromosomen. Schon 1914 hat O r t v a y in einer kurzen Notiz' 
auf die „formale Ähnlichkeit" zwischen der Verdrängung und den Domis 
nanzerscheinungen der Gene hingewiesen. Wenn wir von der Verdrängung 
eines Gens sprächen, würden wir uns dessen bewußt sein, daß wir das Worl 
uneigentlich gebrauchen; während wir mit bestem Gewissen von der Ver= 
drängung eines Ameiseninstinktes reden. In diesem Fall halten wir uns näm^ 
lieh für berechtigt, die Fülle des Gehalts mitzudenken, die das Wort in dei 
Analyse hat, in jenem aber scheint uns eine abstrakte Formähnlichkeit vor* 
zuliegen. Erst recht wäre das Wort Verdrängung bei anorganischen Vor* 
gangen, die nach Gesetz A ablaufen, bloß eine wertlose Metapher. Aber 
mit dieser Leiter von „eigentKcher Verdrängung" bei Hysterie und Ameise, 
„uneigentlicher" bei den Chromosomen und dem bloßen „Bild" bei an« 
organischen Vorgängen, geht die Präzision wieder verloren, die wir eben 
erreicht zu haben glaubten. Allen diesen Vorgängen ist tatsächlich etwas ge* 
meinsam, jenseits der Frage, wodurch sie sich unterscheiden mögen, und 
unabhängig davon, was diese Gemeinsamkeit „sonst noch" in welcher Be^^ 
Ziehung immer bedeuten könnte: sie verlaufen nach Gesetz A. Es gibt eine 
Strukturähnlichkeit zwischen ihnen. 

Das mag wenig sein, aber Brun weist nicht mehr nach als eben dies, daß 
es Strukturähnlichkeiten zwischen dem Verhalten von Tieren und der neuro=« 
tischen Symptombildung gibt. Er zeigt keineswegs, daß die Ameisen ver== 
drängen, wenn dieses Wort mehr umfassen soll, als „nach Gesetz A ver# 
laufend." Die zwischen Ameise und Patient so nachgewiesene Ähnlichkeit 
ist nicht „größer" als die zwischen Symptombildung und Gendominanz. 
Wenn uns trotzdem die „Verdrängung" bei den Ameisen der bei den Men* 
sehen ähnlicher zu sein scheint als die der Chromosomen, so hat das seinen 
sehr guten Grund darin, daß das ganze Ameisenverhalten, wie die verschieb 



9) Int. Ztschr. f. Fsa., Bd. II, 1914. 



Zur Revision der Bioanalyse 



207 



denen Stichproben Bruns wohl versprechen, sein Strukturschema in der 
Trieblehre Freuds finden wird. Für Ameisen und Patienten lassen sich nicht 
nur Gesetz A, sondern noch viele andere als gemeinsam nachweisen, wenn 
B r u n recht hat; für Chromosomen und Menschen vielleicht bloß dieses eine. 
Wir würden danach in unserer, hier einen Absatz lang bevorzugten mathe*' 
matikartigen Redeweise sagen, B r u n erweise das Verhalten seiner Formica 
rufa und die hysterische Symptombildung je als Fälle des Gesetzes A. 

Sein Verfahren läuft demnach im Grunde auf das der theoretischicn 
Disziplinen der Naturwissenschaften hinaus. Die Gesetze der Neurosenlehre 
und der Ameisen=<Behaviouristik werden miteinander verglichen, indem sie 
auf einen gemeinsamen Ausdruck gebracht werden. Ob man diesen Aus* 
druck „Gesetz. A" oder „Verdrängung" nennen will, ist nun gewiß nicht 
wichtig, wenn man sich nur deutlich gemacht hat, daß hier die Verdrängung 
und ein Ameisenbehaviour mit Hilfe eines Dritten auf ihre Stukturähnlich^» 
keit geprüft werden. Dieses Dritte ist selbst weder Verdrängung noch Be*^ 
haviour, sondern ein „Gesetz" oder, wie man besser sagt, das Modell einer 
Struktur. 

Diese Arbeitsweise ist offenbar der Herstellung physiognomischer Ge# 
bilde entgegengesetzt. Um Ähnlichkeiten handelt es sich freilich beide Male. 
Aber das theoretische Verfahren verlangt ersichtlich die Aufstellung sehr 
einfacher, abstrakter Relationen als Modelle. Dies hat seine Nachteile, denen 
der Vorteil gegenübersteht, daß eindeutig und überprüfbar bestimmt wird, 
worin die festgestellte Ähnlichkeit eigentlich besteht. Die Behauptung „die 
Ameisen verdrängen" kann interessant, tiefsinnig, anregend sein ; unser armes 
Modell der Verdrängung ist demgegenüber dürftig und langweilig. Aber es 
behauptet etwas Bestimmtes und will nicht mehr sagen, als es ausspricht. 
Es läßt sich kontrollieren und als richtig oder falsch erweisen, während „ver»! 
drängende Ameisen" ähnlich wie die analerotische Biene wesentlich mehr 
Einsicht versprechen, als sie halten können. 



III. Romantische oder theoretische Biologie? 

Indem ich hier in einer Reihenfolge, die sich erst am Ende selbst recht« 
fertigen soll, die Arbeiten durchgehe, die in irgendeinem Sinn Psychoanalyse 
auf die Biologie anzuwenden versuchen, fand ich bisher zwei verschiedene 
Weisen durch je ein Beispiel in unserer Literatur vertreten. Erstens die Auf* 
deckung physiognomischer Ähnlichkeiten, zweitens ein theoretisches Ver* 
fahren des Vergleichs von Gesetzen verschiedener Wissenschaften mit Hilfe 
von Strukturmodellen. Meine Sympathien gehören der zweiten und nicht 
der ersten Methode. Ich weiß nicht, ob ich den Leser davon überzeugen 



208 



Siegfried Bernfeld 



ff 



11 



könnte, daß diese Gunstverteilung der Fruchtbarkeit der Methoden enb« 
springt. Aber ich weiß mich mit ihm darin einig, daß beide Typen weit 
hinter den sehr viel höheren Ambitionen zurückbleiben, die Ferenczis 
Bioanalyse erweckte und wachhält. Etwas Großes und Allumfassendes 
schwebt der Bioanalyse vor. Es lebt in ihr. Es weht einen aus ihr an und man 
hat es nicht leicht, sich der Emphase, dem Schwung ihrer Gedanken zu 
entziehen. Aber es ist unsere Aufgabe. Revision ist nun mal ein kleinliches, 
nörglerisches, jedenfalls ein nüchternes Geschäft. 

„F e r e n c z i ist ein Romantiker unserer Wissenschaft und das Schicksal 
jedes Romantikers wird ihm zuteil, er muß interpretiert werden."" Schicksal 
der Interpretatoren ist aber, daß sie ihre Interpretation für die einzig mög# 
liehe halten, während die Notwendigkeit der Interpretation selbst die Mög* 
lichkeit verschiedener erweist. Auch Alexander ergeht es nicht anders. 
Er sieht die Bioanalyse im Zusammenhang mit der Kulturbewegung, die 
er „Entdeckung der Psyche", „Eroberung des Körpers durch die Seele" neimt, 
und bezieht sie in den Kampf gegen „Materialismus" und „19. Jahr* 
hundert" ein. Temperamentvoll und überzeugend arbeitet er diese Physiognos« 
mie der Genitaltheorie Ferenczis aus. Man kann sie auf jeder Seite und 
übrigens in vielen anderen Schriften Ferenczis, in den meisten Arbeiten seiner 
Schüler, ja in der Psychoanalyse überhaupt wiederfinden. Ich möchte darum 
diese Deutung sehr ernst nehmen"^ und zuerst gegen die „unkritischen Ge* 
danken" Alexanders die kritische Bemerkung setzen, daß auf ihrem Boden 
Ferenczis Bioanalyse nicht als etwas Neues, nicht als bahnbrechende, wissen* 
schaftgründende Tat, als die sie Alexander feiert, gewürdigt werden kann. 

Natürlich ist es Alexander selbst nicht entgangen, daß manches vom 
Wesentlichen der Bioanalyse zu den „uralten Besitztümern des menschlichen 
Denkens" gehört. Man braucht aber nicht so tief in die Vergangenheit zu 
steigen, um die Neuheit des „Psychismus" zu bestreiten. Schon in der so* 
genannten romantischen Naturphilosophie finden wir nicht nur die psychi* 
stisch*animistische Tendenz, sondern die überwiegende Menge der konkreten 
Ideen und der allgemeinen Gesichtspunkte der Bioanalyse Ferenczis und seiner 
unmittelbaren Schüler, — gelegentlich geradezu bis in die Nuancen der Ge* 
danken und ihres Pathos. Pfeifers Gestaltanalogien z. B. zwischen Or* 
ganen und Lebewesen, durch die der Darm zum Wurm wird und daher zur 
bevorzugten Wohnstätte der Eingeweidewürmer, das Herz zum Cephalo* 

lo) F. Alexander: Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1925, S. 144. 

I oa) Alexander selbst hat heute vermutlich einen anderen Standpunkt als vor zwölf 
Jahren. Aber in dem hier zitierten Aufsatz gibt er einer Auffassung, die auch heute sehr 
verbreitet ist, so klar Ausdruck, daß man ihn wie ein objektives Dokument besprechen darf. 



Zur Revision der Bioanalyse 209 

poden, die Milz zur Molluske" könnten bei O k e n stehen. Freilich kannte 
jene Naturphilosophie noch nicht eigentlich den Begriff der Entwicklung, der 
Phylogenie, der im Zentrum der Bioanalyse steht. F e c h n e r^^ und Samuel 
Butler, die ihr ohne Pedanterie zugeteilt werden dürfen, kannten ihn und 
verwendeten ihn, man wäre versucht zu sagen, bioanalytisch. 

Es ist noch nicht lange her, daß solche Zurechnung zur romantischen 

Naturphilosophie einer Beleidigung wissenschaftlicher Ehre gleichkam. Die 

Zeiten haben sich sehr geändert; heute begrüßt man, noch viel offener und 

entschiedener als Alexander 1925, die Schelling, Oken, Carus als 

große Vorläufer lebendigster gegenwärtiger Bestrebungen, die nach langer 

Nacht der Verstandesherrschaft mit den Völkern neu erwachen. Aber jene 

finstere Katastrophe des Einbruchs des 19. Jahrhunderts und seines dummen 

Materialismus und die helle Revolution unserer Tage, die es hinweggefegt 

hat, sind doch zu einfache Bilder. In Wirklichkeit gibt es keine Unter* 

brechung in der Kontinuität der romantischen Naturphilosophie seit der 

Mitte des 18. Jahrhunderts, in der sie — aus alten Quellen gespeist — im 

Kampf gegen die französisch*englische Aufklärung sich als etwas Eigenes, 

übrigens Deutsches, abzusetzen beginnt und über Herder und Goethe 

zu S c h e 1 1 i n g, F e c h n e r in die Gegenwart führt." Neu ist bloß, daß sie 

.in jene Wissenschaften, die sich im streng getadelten 19. Jahrhundert, aber 

feigentlich schon erheblich früher, von ihr freigemacht hatten, wieder ein« 

iringt. Und selbst dies wäre noch zuviel gesagt. Die Inhaber von medizi* 

fnischen und wie wir heute sagen würden, von biologischen und psycholo* 

rgischen Lehrstühlen, haben so etwa von 1840 bis 1890 von den Worten, 

FGesichtspunkten, Ideen der Naturphilosophen keinen Gebrauch gemacht. 

Seit 1890 verwenden sie sie in immer steigendem, im heutigen Deutschland 

ganz ohne Maß. Sie hatten für jene Abstinenz sehr gute Gründe, und wenn 

[sie nun ein wenig übersüffig und berauscht sind, so bezweifle ich, daß sie 

lafür bloß gute Gründe haben. Alexander, der auf eine parallele Enti< 

Pwicklung in der Physik hinweist, hatte mehr Recht, als damals plausibel 

[Schien. Aber wenn man so liest, was anno 1935 manche neuromantischen 

[Physiker schreiben," so fühlt man nicht durchaus Freude bei dem Gedanken, 

[die Bioanalyse gehöre in diese heutige wissenschaftliche Welt und die 

[Psychoanalyse habe vielleicht gar mitgeholfen, sie zu entbinden. 

ii) Imago, Bd. XII, 1926, S. 179 ff. 

12) Ferenczi rechnet übrigens einmal Nietzsche zu, was von F e c h n e r stammt. 
l(Versuch einer Genitaltheorie, S. 127.) 

I 13) Carus war über 60 und Fechner über 50 Jahre alt, als Schelling starb; 
• Nietzsche ist 30 Jahre alt, als Fechner sich der Psychophysik zuwendet. Bei 
p e c h n e r s Tode ist Freud 31, Ferenczi 14 Jahre alt. 

14) Siehe Ph. Frank, Das Ende der mechanistischen Physik. Wien, 1935. 

Imago XXIII; 2 14 



210 Siegfried Bernfeld 



Doch dies mögen unangebrachte Sentiments sein, wenn es sich lediglich 
darum handelt, die Beziehung der Romantik zur Wissenschaft zu beurteilen. 
Denn die Vielgelästerten um S c h e II i n g, der belächelte F e c h n e r waren 
durchaus keine Feinde der Wissenschaft und wirkten nicht wenig in eben 
jene Forschungsgebiete hinein, aus denen sie als Phantasten, Synthesen* 
schmiede und Analogienreiter hinausgetrieben waren. Von Goethe stammt 
das Wort Morphologie^" — und beinahe auch die Sache. Aus S c h e 1 1 i n g und 
O k e n wächst die moderne Zellenlehre, F e c h n e r begründet immerhin die 
Experimentalpsychologie. Mit solchen Fakten, die sich leicht aus der Ge* 
schichte aller Länder vermehren ließen, rechtfertigt sich aber die Emphase nur 
schlecht, mit der man heutigentags die „Renaissance" der ^romantischen 
Wissenschaft begrüßt. Eine merkwürdige, tiefe und schwer zu bestimmende 
Zwiespältigkeit liegt in der Persönlichkeit, dem Denken und der historischen 
Funktion dieser Philosophen. Ein unbezähmbarer Drang nach dem All* 
vereinenden, Synthetischen, eine unermüdliche Bestrebung, das Fließende, 
Bewegte, Wüde zu fassen, einzufangen und zu bändigen, ein phantastischer, 
grotesker Blick für das Ähnliche und Analoge verbindet sich in ihnen mit 
dem Bedürfnis nach dem Wohl=Unterschiedenen, Abgegrenzten, Distinkten, 
nach scharfsinniger Unterscheidung, mit Sehnsucht nach Exaktheit, Sicher* 
heit und Beweis. Irri historischen Verlauf zerfällt diese Verbindung in 
„Philosophie", phantastisch und dunkel, und in „Wissenschaft", klein* 
lieh und klar. Oder sie erscheint als rhythmisches Nacheinander von 
aggressiver Auflockerung und fester Strukturierung. In Jahren der Auf* 
lockerung werden Gedanken der Philosophen, „die nach Art einer wissen* 
schaftlichen Phantasie zukünftige Erkenntnisse zu erraten suchen", wie 
Freud" von Ferenczi sagt, für die Wissenschaft zu fruchtbarer An* 
regung; aber es wird aus ihnen doch erst brauchbare Erkenntnis, wenn ihre 
Verbindung mit ihrem Ursprung gelöst ist und die langwierige Durcharbei* 
tung in den „trockenen, vernünftigen" Disziplinen und Laboratorien erfolgt 
ist. So haben zwar einzelne Romantiker, aber nicht die romantische Philo* 
Sophie die Wissenschaft gefördert. Diese macht mehr die Begleitmusik für 
das Publikum, das sich ungeduldig die Zeit des Wartens auf handfeste Re* 
sultate mit Vorwegnahmen, mit Ahnungen und Anklängen an seine eigene 
mythische Vorzeit und vor allem mit Wunscherfüllungen verkürzen will." 

i4a) So behaupten viele sachkundigen Autoren. Friedrich B u r d a c h erhebt für das 
Wort Morphologie Prioritätsansprüche (Berichte von der kgl. anatomischen Anstalt zu 
Königsberg, V. 1822), die ich nicht zu beurteilen vermag, die aber nichts zur Sache tun, 
weil B u r d a c h selbst zu den Romantikern in der Anatomie gezählt werden muß. 

15) Nachruf für Sändor Ferenczi, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 

16) Diese Funktion will allerdings weniger harmlos beurteilt werden, wenn die Ro«' 
mantik, wie es nicht selten geschieht, von Instanzen gefördert wird, die ihren Macht»' 



Zur Revision der Bioanalyse 



211 



Wir haben auf solche Vergnügungen zu verzichten, die mindestens der Aus*« 
breitung der Wissenschaft hinderlich sind. Wir brauchen daher nicht erst 
zu untersuchen, ob die Romantik auch geradezu durch die ärgerlichen Kons* 
fusionen, die sie zu stiften pflegt, jede Wissenschaft schädigt, in die sie ein^ 
dringt. 

Ob Ferenczi ein Romantiker war, wie Alexander, Federn," 
Eitingon" versichern, ist an dieser Stelle Nebensache. Daß seine Bioana* 
lyse Gedankengut, Pathos und Ambition der deutschen romantischen Natura« 
Philosophie — im weitesten Sinn — enthält, ist offenkundig, daß sie ganz 
und gar, wie Alexander wollte, in ihrem Sinn gedeutet werden kann, ist 
nicht unwahrscheinlich. In ihrem Licht bestünde die neue und eigentümliche 
Leistung Ferenczis danach jedenfalls im ganzen darin, daß er in der 
psychoanalytischen Bewegung die Rolle der neuromantischen Physiker und 
Biologen spielte, deren antiwissenschaftliche Einstellung man nicht arg bes« 
fürchten muß, um sich ihrer doch erwehren zu wollen. Im einzelnen könnte 
sie nur gewürdigt werden, wenn man sie im Rahmen einer Geschichte der 
Naturphilosophie würdigen wollte. Dies ist nicht meine Aufgabe. 

Freud faßt sein Urteil über die Genitaltheorie in dem Satz zusammen: 
„Wahrscheinlich wird es wirklich einmal eine Bioanalyse geben"." Er denkt 
dabei ausdrücklich nicht an die naturphilosophischen Systeme, sondern an 
„glaubhafte Erkenntnis". Er erwartet, daß eine neue Wissenschaft, ein Zweig 
der Psychoanalyse und der Biologie, auf den „Versuch einer Genitaltheorie" 
wird „zurückgreifen müssen". Auch Ferenczi selbst ist dieser Auffassung, 
obgleich er sich doch auch der Naturphilosophie nahe weiß. Ich will daher 
diese andere, von Alexander nicht entwickelte Deutung auszuarbeiten 
und die Bioanalyse als Wissenschaft anzusehen versuchen. 

Man findet sich dabei von Anfang an vor einer erheblichen Schwierigkeit. 
Die Bioanalyse präsentiert sich als eigenartiges, schwer einreihbares Mit» 
glied der großen Familie der wissenschaftlichen Disziplinen, während sie 
sich unter den naturphilosophischen Lehren wenig neuartig ausnimmt. Daß 
sie einen Platz in der Biologie sucht, verrät sie in ihrem Namen. Käme es 
bloß auf den Gegenstand an, von dem sie handelt, so wäre sie selbstvers! 
ständlich ein Teil der Biologie — aber die Naturphilosophie nicht minder. 
Orientieren wir die Grenzen der Disziplinen nach ihren Beobachtungsmitteln, 
so kommt die Bioanalyse schlecht weg: sie bringt kein neues Mikroskop, 

apparat gegen die Forschung und ihre Lehre einsetzen. Diesen besonderen Fall der Natur* 
Philosophie ganz allgemein anzurechnen, wäre nicht ganz gerecht, so redlich sich viele 
Philosophen und Wissenschaftler eine solche Anschuldigung verdient haben mögen. 

17) P. Federn, Sändor Ferenczi, Gedenkrede. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 

18) M. Eitingon, Abschiedsworte an Sändor Ferenczi, Imago, Bd. XIX, 1933. 

19) Int. Ztschr. f. Psa.. Bd. XIX, 1933, S. 303. 

14» 



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212 Siegfried Bernfeld 



keine neue Färbetechnik, nicht einmal eine neue Verhaltens#Beobachtungs# 
weise. (Während die Psychoanalyse sehr wohl ein ihr eigentümliches Be# 
obachtungsinstrument besitzt, — was uns hier aber nicht angeht.) Die Bio* 
analyse ist keine neue, empirische Disziplin, sondern sie arbeitet mit vor* 
liegenden Fakten, Begriffen und Gesetzen der biologischen — und anderen 
— Disziplinen, die sie aus deren Handbüchern und Zeitschriften zur 
Kenntnis nimmt und über die sie allerhand zu sagen weiß, was in ihren 
Quellen weder steht noch stehen kann. Aber gerade dies tut die Naturphilo* 
Sophie auch, von der wir sie abzugrenzen suchen. 

Es gibt jedoch junge und vereinzelte Bemühungen, die unter verschie* 
denen Namen, z. B. als „Logik der Biologie", als „theoretische Biologie", 
gelegendich, mißverständlich genug, als „allgemeine Biologie" das Material 
der biologischen Disziplinen als Tatsachen zweiter Ordnung in einer Weise 
bearbeiten, die sie in Gegensatz zu aller bisherigen Naturphilosophie bringt 
und in große Nähe zu den „theoretischen" Disziplinen der Physik. Diese 
theoretische Biologie strebt nicht eine einheitliche allgemeine Theorie des 
Lebens an, die über seine Natur, seinen Ursprung, seine Zukunft Auskunft 
gäbe, obgleich sie sich um diese großen Probleme bemüht; sie stellt keine 
synthetischen Spekulationen an und verteidigt keine umfassenden Generali* 
sierungen und Hypothesen. Es ist daher nicht leicht, kurz zu sagen, was den 
verschiedenen Ansätzen und Versuchen dieser Richtung untereinander ge* 
meinsam ist. Am plastischesten ist noch der Satz, der sich gewisser Beliebtü 
heit erfreut, es handle sich darum, die Biologie aus dem vorgalileischen 
Stadium herauszuführen, in dem sie sich derzeit noch befinde. Man muß dann 
hinzufügen, daß die entscheidende Schwierigkeit, die dem im Wege steht, 
die ist, daß sich die Lebenstatsachen der Anwendung der „galileischen" 
Mathematik so erfolgreich widersetzen. Als Lebenswissenschaft, die bloß aus 
Büchern schöpft und dennoch nicht „Philosophie", nicht Spekulation sein 
will, sondern ihr Geschäft nach Art einer Wissenschaft betreibt, hat sie um 
ihre Anerkennung noch zu kämpfen. Der Psychoanalytiker verständigt sich 
leicht über diese Art, wenn er sie als zur „Realitätsprüfung geneigt" der natur* 
philosophischen gegenüberstellt, die unter der Herrschaft des Lustprinzips 
steht. So etikettiert, wird vielleicht der folgende Versuch, die Bioanalyse an 
die „theoretische Biologie" anzuschließen, mehr Interesse finden als die 
Strukturmodelle, von denen in dieser Absicht schon früher die Rede war 
und die wenig verlockend erschienen sein mögen. 

IV. DiePhysiognomikderOrgane. 
„Der erste Stein zur Grundlegung einer neuen bioanalytischen Wissen* 



d 



Zur Revision der Bioanalyse 



213 



Schaft''^" wird gelegt, indem man „allerlei Vorgänge, deren Kenntnis man der 
Psychoanalyse verdankt, ohne weiteres auf die Organe, Organteüe, Geweb»» 
elemente"" überträgt. Man erhält durch diese Methode kräftige Bilder: 

„Die Blase lernt die Harnverhaltung nur, indem sie eine andere Lustart die 
der Zurückhaltung zu Hilfe nimmt, und der Darm verzichtet auf die Ver* 
stopfungslust, indem er etwas von der urethralen Entleerungslust ausborgt/'^^ 

Solche Personifizierung der Körperorgane ist aber für Ferenczi ganz 
ausdrücklich keine Angelegenheit des Stils. Vielmehr ist ihm die Anwendung 
der psychoanalytischen Begriffe: Verschiebung, Lustgewinn, Verzicht, Her^* 
geben>=Behalten, Konflikt ... auf die Organe und die Erklärung dieser Vor=> 
gängc durch Energien, die der Libido, der Besetzungsenergie . . . lent* 
sprechen, ein entscheidend wichtiger Punkt seiner Lehre. Er nimmt an, 

... daß solcher Energieaustausch i auch im rein organischen Haushalt, 
also in der Wechselbeziehung der Organe selbst, gang und gäbe und einer Ana== 
lyse zugänglich ist . . . Jedes Organ hat eine gewisse .Individualität'; in jedem 
emzelnen wiederholt sich der Konflikt zwischen Ich* und Libidointeressen, der 
uns bisher gleichfalls nur bei der Analyse der psychischen Individualitäten ent* 
gegentrat '.2'' 

Die Geschlossenheit, Neuartigkeit und, ich möchte sagen, opalisierende 

• Schönheit der Psychoanalyse der Organe, zu der man auf diese Weise ge^ 

langen kann, ist sehr verführerisch, sich ihrer in mannigfaltigsten Deutungen 

zu bedienen. Sie widersetzt sich aber hartnäckig dem Versuch, eine klare Vor^ 

Stellung davon zu gewinnen, was sie meint, was sie Nützliches leistet und 

Pwelche psychoanalytischen Erkenntnisse und Arbeitsweisen sie eigentiich 

[überträgt. 

Ich bitte den Leser, dem alten Satz principns obsta getreu, das 1. Kapitel 

[ von F e r e n c z i s Genitaltheorie mit mir zusammen zu lesen, auch wenn ihm 

sein Inhalt noch so geläufig wäre, und sich bei dem Bemühen, diesen ersten 

; Grundstein aus dem Mutterfelsen auszulösen, in den er sehr unübersichtlich 

^eingesprengt ist, etwas Pedanterie gefallen zu lassen. 

„Den Ausgangspunkt . . . bilden gewisse Beobachtungen bei der Psychoana* 
lyse der Impotenz des Mannes." Kranke, die an Ejaculatio praecox leiden, be. 
handeln ihren Samen mit derselben Sorglosigkeit wie den Harn andere an 
Impotentia ejaculandi erkrankt, geizen mit ihrem Samen in übertriebener Weise 
übertragen Eigensinn und Trotz auf den Begattungsakt; in ihrem unbewußten 
l Vorstellungsleben spielt die Gleichstellung der Begattungsvorgänge mit dem Akt 
der Stuhlentleerung eine hervorragende Rolle, ihr Verhalten zeigt mannigfaltige 



2o) Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie, Wien 1924 S 112 
2i) Ferenczi, 1. c, S. 2. 

22) Ferenczi, 1. c, S. 17. 

23) Ferenczi, I. c, S. 111/112. 



I 



214 Siegfried Bernfeld 



Beziehungen zwischen der analen und der genitalen Sphäre. Es gibt eine urethrale 
und eine anale Technik der Impotenz.^* 

Dieser Darlegung folgen wir mit voller Zustimmung, aber Ferenczi 
scheint in ihr eine Schwierigkeit zu finden. Er empfindet sie als „spekulativ". 
„Um Mißverständnissen vorzubeugen" bemerkt er, daß bei der psychoanaly* 
tischen Heilung die psychischen Beweggründe der Erkrankung nicht so tief 
im „Biologischen" liegen, sondern im Ödipus«= und Kastrationskomplex.^^ 
Diese Unterscheidung des analen Verhaltens als eines spekulativen und bio* 
logischen Begriffs gegenüber dem Ödipuskomplex als einem schlicht psycho!» 
analytischen ist auffallend und vorerst nicht einzusehen. 

Nach dieser Zwischenbemerkung setzt Ferenczi den Gedankengang fort 
und formuliert, daß beim Ejakulationsvorgang anale und urethrale Inner* 
vationen zu unterscheiden seien und sich die geschlechtliche Betätigung von 
der Immissio bis zu der Ejakulation als „unablässiger Kampf zwischen der 
Entleerungs^ und der Hemmungs*, das heißt Behaltungsabsicht" beschreiben 
läßl.^" Einen ähnlichen Fall solchen Innervationsrhythmus und seiner Stö:« 
rung bietet das Stottern, so daß man „den pathophysiologischen Mechas« 
nismus der Ejakulationsstörungen als eine Art Genitaistottern" auffassen 
kann.^" Hier wird deutlich, daß Ferenczi nicht mehr vom Kranken und 
seinen Einstellungen, sondern vom Genitalorgan und dessen Verrichtungen 
spricht, also im üblichen Sinn nicht mehr einen psychologischen, sondern 
einen physiologischen oder biologischen Gegenstand behandelt. Eine embryo>= 
logische Bemerkung schließt diesen physiologischen Exkurs: der Penis sei 
„schon ab origine geeignet, anale und urethrale Tendenzen in sich zu vert« 
einigen, wächst er doch aus dem Darme hervor."^' Eine höchst sonderbare 
Anmerkung. Sollte die anale Innervationsart etwas sein, was an und für sich 
an dem Darm haftet, so daß es sich auf seine Abkömmlinge vererbt? 

Ferenczi kehrt rasch zu den „gut begründeten psychoanalytischen 
Kenntnissen" zurück und bringt den „physiologischen" Tatbestand, der 
„Koordination urethraler und analer Innervationen" mit der Lehre von dem 
Primat der Genitalzone in Verbindung, nach der sich anale und urethrale Parss 
tialtriebe zur genitalen Erotik verbinden. Solche Vereinigung von Erotismen 
zu einer höheren Einheit wird Amphimixis genannt.^" Durch „diese Namens* 
gebung soll die neue Auffassung hervorgehoben werden", die ich richtig 
zu verstehen glaube als Aufforderung, nicht bloß an psychologische, son* 

24) L. c, S. 7—9. 

25) L. c, S. 9—10. 

26) L. c, S. 11. 

27) L. c, S. 12. ' 

28) L. c, S. 12. ' , ; 

29) L. c, S. 13. 



r 



Zur Revision der Bioanalyse 215 



dem an psychoä=physiologische Tatbestände zu denken, ähnlich wie auch 
Freud den Trieb als solchen Grenzbegriff faßt. 

Dieser erste Schritt zu einer psychoanalytischen Genitaltheorie legt Ein*« 
wände nahe, die Ferenczi prüft. Wie wäre solche Amphimixis vorzustellen? 
Werden da wirklich Innervationsarten von Organ auf Organ übertragen? 
Handelt es sich um chemische Vorgänge? Die Physiologie weiß darauf nicht 
zu antworten. Ein psychoanalytisches Bedenken bezieht sich auf. die Ver# 
Schiebung von Qualitäten, von Qualitätsdifferenzen der Energien selbst, 
welche die Amphimixis#Theorie erfordere, während bisher in unserer Metas« 
Psychologie die Menge und nicht die Qualität der Energie zur Frage stand. 
Die Ratlosigkeit der heutigen Physiologie behindert Ferenczi nicht weiter. 
Hingegen bemüht er sich zu erweisen, daß die Vorstellung von einer Vieh 
heit von Energiequalitäten der Psychoanalyse schon lange unausgesprochen 
zu Grunde lag, etwa im Begriff der hysterischen Genitalisierung harmloser 
Organe. Man begehe keine Inkonsequenz, wenn man mit verschiebbaren 
und miteinander verknüpfbaren, ihre qualitative Eigenart beibehaltenden Eros! 
tismen arbeite."" 

Diese Aufstellung ist von höchst unbehaglicher Unbestimmtheit und ich 
bezweifle, daß sie konsequent aus dem Vorbild der Libido gewonnen sei. 
In der Psychoanalyse haben die energetischen — oder auch chemischen — 
Gesichtspunkte, Begriffe, Hypothesen und Ausdrucksweisen eine sehr ein* 
fache und völlig durchschaubare Bedeutung. Sie knüpfen an die Naturwissen^» 
Schaft an, indem sie die Erwartung aussprechen, mit geeigneten Methoden 
würde man in irgendeiner Weise an irgendeiner Stelle im Körper Energie^« 
Umsetzung bestimmter Größe, Richtung und Art vorfinden, die den in der 
Analyse beobachteten libidinösen Vorgängen eindeutig zugeordnet werden 
könnten. In diesem Sinn möchten freilich den Erotismen, die Ferenczi be=« 
schreibt, Energieprozesse entsprechen können, aber diese Bedeutung legt 
Ferenczi seiner Idee gerade nicht zu Grunde. Er wiU mit ihr etwas Neues 
einführen; er meint nicht Energien der Physik, die den Qualitäten zugeordnet 
werden, denn auch die denkbar vollendetste Physik würde in den Organen 
nichts von „Lernen", von „Verzicht" und „Konflikt" entdecken können. 
Es bleibt jedoch vöUig offen, was wir uns sonst denken sollen. Man wird an 
die geheimnisvollen Qualitates, Fluida und Geisterchen erinnert, mit denen 
eine längst verschollene Wissenschaft das geheimnisvolle Innere des lebenden 
Körpers bevölkerte. Dies Bedenken wird dadurch nicht geringer, daß Ferenczi 
so genügend viel andere Fälle der Amphimixis auffindet," daß er die genitale 



30) L. c, S. 16—20. 

31) L. c, S. 13—16. 





f 216 Siegfried Bernfeld 



I 



Amphimixis als einen speziellen Fall eines allgemeinen Faktums darstellen 
kann. 

Unterbrechen wir unsere mißtrauisch und mit Akribie betriebene Lektüre, 
um diese Fluida rechtzeitig zu fassen. Wenn ein Organ normalerweise keine 
sexuelle Funktion hat, sie jedoch auf Grund eines hysterischen Prozesses 
bekommt, sprechen wir von seiner Genitalisierung. Die Analyse lehrt, daß 
sich die seelische Bedeutung jenes Organs im Laufe der Geschichte des Pa# 
tienten verändert hatte, korrelativ mit der des Genitales, indem jenes für 
dieses eingetreten ist. Das „Genitale" hat sich „verschoben", wie man etwas 
unvorsichtig sagen möchte. Schöner und korrekter, hat sich die „Libido ver;= 
schoben". Genitalisierung heißt also in diesem Sinn die Bedeutungsänderung, 
die ein Organ in einem personalen Zusammenhang, als ein Moment dieses 
Zusammenhangs erfahren hatte. Aus sehr guten Gründen denken wir, und 
daran will uns das Grenzwort Libido erinnern, daß diesem Prozeß Energie* 
quanten und deren Veränderung, Verschiebung entsprechen. 

Ferenczi hingegen spricht davon, daß sich „Erektilität, Friktions* und 
Ejakulationstendenzen, also ein qualitativ wohl gekennzeichnetes Syndrom 
verlegt"»^ habe, nennt dies Genitalisierung und bringt diese Qualitätsver»= 
Schiebung mit „Energie" in eine unklare Verbindung. Vergegenwärtigen wir 
uns seinen Gedankengang, so bemerken wir, daß hier das genitalisierte Organ 
für sich betrachtet wird. Es .sieht aus' wie ein Genitale und .benimmt sich' 
wie ein solches. Es hat nicht nur dessen psychische Bedeutung, sondern zeigt 
bis zu einem gewissen Grade dessen Gestalt und Verrichtung. Wenn nun 
gar zugleich das Genitale, das seine Bedeutung verloren hatte, auch Gestalt 
und Funktion verkümmert zeigt, so ist „Verschiebung" für diesen Sach* 
verhalt gewiß ein sehr plastischer Ausdruck. Man darf aber nicht vergessen, 
daß nun Genitalisierung, Verschiebung und ähnliche Worte eine völlig neue 
Bedeutung gewonnen haben. Weder von Energie noch von Veränderung 
im seelischen Zusammenhang ist jetzt die Rede, sondern von einem Syn* 
drom von Eigenschaften, die an dem Organ selbst, abgesehen von den 
Energievorgängen in ihm und abgesehen von seiner Bedeutung im seeUschen 
Zusammenhang, feststellbar sind. 

Wir haben also drei Bedeutungen der „Verschiebung" zu unterscheiden: 
L Die Bedeutungsänderung in einem personalen Zusammenhang. Wir dürfen 
sie die psychoanalytische nennen, weil sie sich auf Tatbestände, die in der 
Analyse, also unter der Wirkung von Übertragung und Widerstand ent* 
stehen, bezieht. 2. Die Verschiebung von Energien. Wir reden hier am 
besten von der physikalischen Bedeutung, weü es sich um Tatsachen han=* 

32) L. c, S. 15. 



Zur Revision der Bioanalyse 217 

delt, die unserer Erwartung nach durch physikalische Beobachtungss' und 
Meßmethoden erreicht werden könnten. 3. Die Syndromverschiebung, auf 
die Ferenczi aufmerksam macht, ohne sie von den beiden anderen klar zu 
sondern, und die man in seinem Sinn vorläufig, aber keineswegs unmißvers» 
ständlich und definitiv, biologisch oder physiologisch nennen müßte. 
In einer früheren Arbeit Ferenczis heißt es : 

„Bei den Neurotikern kann der Dickdarm an jeder Stelle als Sphinkter fun* 
gieren; nebst der Enübloc^Innervierung, die die Kotsäule mit einem Ruck vor* 
wärtstreibt, sind auch fein abgestufte und lokalisierte Kontraktionen möglich, 
die ein Kotstück oder eine Gasblase an irgendeiner Stelle festhalten können. 
. . .Die Vorstellungen, die auf diese Innervation einen speziellen Einfluß 
nehmen, gehören merkwürdigerweise einem von Besitzen, Behalten, Nicht#her» 
geben»wollen beherrschten Komplex an".'^ 

Hier vermeint man den Gedanken Ferenczis im Ursprung zu ergreifen. 
Zwischen gewissen Vorstellungen einerseits und Organformen und ^^verrich;» 
tungen andererseits besteht eine höchst rätselhafte, eindrucksvolle, inter»! 
essante Strukturähnlichkeit: „Festhalten." Sie soll uns im nächsten Kapitel 
näher beschäftigen. Hier erleichtert sie uns zu verstehen, daß das „physiolos^ 
gische Syndrom" Genitalität und die Genitalisierung in ihrer psychoanaly* 
tischen Bedeutung eine Strukturverwandtschaft vom gleichen Typus zur 
Grundlage haben. Im Auffinden solcher Strukturähnlichkeiten ist Ferenczi 
Meister. Seine ganze Bioanalyse ist von ihnen durchzogen, seine Psychoanas^ 
lyse der Organe ist auf ihnen begründet. Das Faktum dieser Ähnlichkeit ist, 
wie ich glaube, ein sehr wichtiges Problem. Wir sind ihm schon oben bei 
B r u n begegnet. Dort handelte es sich um die Herausarbeitung von Struktur* 
ähnlichkeiten im Verhalten der Menschen und der Tiere, hier um eine merk* 
würdige, höchst fesselnde Beziehung zwischen dem Körper, Körperteilen, 
deren Verhalten und dem inneren Leben der Person. 

Ferenczi sucht nach einer Erklärung, ohne das Phänomen, das erklärt 
werden soll, dargestellt zu haben. In der Psychoanalyse hat die Verbindung 
der libidinösen Vorgänge mit dem Energiegesichtspunkt einen sehr intensiven 
Erklärungswert, dessen Natur uns hier nicht beschäftigt. Ferenczi versucht, 
ihn auch für die neuen Strukturfeststellungen zu erreichen, indem er auch sie 
mit Energien verbunden denkt. Energien sind nun freilich — etwa bei jener 
Genitalisierung — gewiß im Spiel. Es wird im Gewebe Arbeit, vielleicht 
Mehrarbeit geleistet, und es erhebt sich das Rätsel, aus welcher Quelle die 
Arbeitsleistung der Genitalisierung des Organs gespeist und wie sie unbe* 
wüßt reguliert wird; kurz, wie die psychologisch sinnvolle Verschiebung 
hergestellt wird. Das Syndrom wurde gewiß „mittels" Energie verschoben, 

33) Ferenczi, Hysterie und Pathoneurosen. Int. Psa. Verl., Wien, 1919, S. 21. 



218 Siegfried Bernfeld 



aber doch keineswegs die qualitativ eigenartige Energie. Dies anzunehmen, 
erfordert die Amphünixis nicht. Ich sehe auch nicht, was dazu zu berechtigen 
vermag. Sicherlich aber ist es keine Anwendung der Psychoanalyse, wenn 
statt der sozusagen ehrlichen physikalischen Energien, von denen Freud 
spricht, Pseudoenergien eingeführt werden, die nichts erklären können, aber 
manches Mißverständnis erzeugen müssen. 

Bei solcher Befreiung von allen geheimnisvollen Fluidis erhält die Psycho* 
analyse der Organe vielleicht ein etwas banaleres Gesicht, aber es scheint 
nicht unmöglich, von ihr aus zu bedeutsamen Einsichten zu gelangen. Mit 
dieser erfreulichen Aussicht kehren wir zur pedantischen Lektüre des 1. Ka* 
pitels zurück. 

„Woher nimmt das Kind die Kraft, den Weisungen der Umwelt ent« 
sprechend die Verschwendung mit dem Harn, den Geiz mit dem Kot zu 
überwinden? Indem die ausübenden Organe eine Amphimixis ihrer Quali* 
täten vornehmen' V so antwortet Ferenczi. Der Anschein einer Erklärung, 
die allerdings unbestimmt genug wäre, des Verhaltens der Person durch ihre 
„Physiologie" begründet sich auf der Verquickung der StrukturähnKchkeit 
mit Energie. Nach ihrer Eliminierung müssen wir auf diesen Erklärungs* 
versuch verzichten. Es bleibt dann aber erst recht deutlich der Sachverhalt 
hingestellt, den Ferenczi sehr stark betont, daß die Person und ihre Organe 
,dasselbe machen'. Überaus eindrucksvoll wird es z. B. in einem späteren 
Kapitel heißen: 

„Stellt man sich einmal die Art vor, wie sich Männchen und Weibchen be* 
gatten und wie gleichzeitig (oder nach geringem Zeitintervall, worauf es nicht 
ankommt) der Spermafaden das Ei befruchtet, so bekommt man in der Tat den 
Eindruck, als ahmten die Somata der Gatten die Tätigkeit der Keimzellen bis auf 
kleine Einzelheiten nach. Das Spermatozoon dringt in die Mikropyle des Eichens 
ein, wie der Penis in die Vagina: man wäre versucht (wenigstens im Momente 
der Begattung) den Körper des Männchens einfach ein Megasperma, den des 
Weibchens ein Megaloon zu nennen."'^ 

In jener nüchternen, banaleren, aber bestimmteren Sprache, die ich ver* 
teidige, wird hier „nichts anderes" als die Strukturähnlichkeit zwischen 
Person, Organ und Zelle hervorzuheben und so genau wie möglich festzu=« 
stellen sein. 

Die Idee, die anale Folgsamkeit des Kindes durch die Amphimixis zu 
erklären, verallgemeinert Ferenczi sehr elegant: der Zwang der Erziehung 
bringt den Verzicht auf eine Lust und die Aneignung einer unlustvollen Be^» 
tätigung überhaupt nur durch eine geschickte Kombination von Lustmecha* 



34) Versuch einer Genitaltheorie, S. 16. 

35) L. c, S. 87. 



Zur Revision der Bioanalyse 



219 



nismen zustande. Der Darm verzichtet auf die Verstopfungslust, indem er 
von der urethralen Entleerungslust ausborgt.^'' Diese Stelle, von der wir oben 
ausgegangen sind, lesen wir in diesem ihrem Zusammenhang mit vermehrter 
Überraschung. Zwar war schon früher die Innervationsart als eine Tendenz, 
als Absicht sogar bezeichnet worden, aber wir sind darüber wie über eine 
fagon de parier hinweggegangen. Und eben noch hieß es deutlich, das Kind 
verzichte, habe Lust usw., was durch die Amphimixis erklärt werden sollte. 
Hier aber hat der Darm die Lust und der Sinn der ganzen Theorie beruht 
darauf, daß das Wort Lust nicht etwa metaphorisch genommen wird. Damit 
werden die Organe zu Personen und korrelativ mit der Personifikation der 
Organe der Gebrauch der Worte Lust usw. sinnvoll. Diese Ausdrucksweise 
wird Ferenczi später ausdrücklich verteidigen und durchführen. Hier hat 
sie sich unter der Hand eingeschlichen, und man darf es gestehen, sie will 
uns nicht gefallen. Wir wären sehr froh, wenn wir die Organe als Per:» 
sönchen ebenso loswerden könnten, wie die fluiden Geisterchen in den Ot^ 
ganen, ohne jene reiche Fülle von Strukturähnlichkeiten aufgeben zu müssen, 
die Ferenczi nach den unscheinbaren Anfängen dieses 1. Kapitels bekanntlich 
so reichhaltig vorführt. 

Dies wäre leicht zu erreichen. Denn die Personifizierung drängt sich zwar 
eben in dem Eindruck auf, daß die Person und ihr Organ ,dasselbe machen', 
daß beide Lust haben, beide verzichten; aber man dürfte alles eliminieren, 
was über die bloße Strukturfeststellung und «"vergleichung hinausgeht, und 
an ihr allein, wenigstens vorläufig, Genügen finden. Ferenczi sieht jedoch 
ausdrücklich in der Personifizierung als einem Stück konsequenten Ani^» 
mismus, Psychomorphismus, einen wesentlichen Zug seiner Bioanalyse, selbst 
die entscheidende Anwendung der Psychoanalyse auf die Biologie. Ist die 
Verquickung mit der psychoanalytischen Energielehre, wie ich gezeigt habe, 
unnötig und verwirrend, liegt also gerade in ihr keine mögliche Übertragung 
psychoanalytischer Kenntnisse und Arbeitsvv^eisen vor, so bliebe die Personi«= 
fizierung der Organe als ihre einzige Domäne. Streicht man sie auch, so 
scheint, wenigstens was diesen ersten Grundstein angeht, überhaupt nichts 
aus der Psychoanalyse übrig zu bleiben. Ich möchte zeigen, daß die Lage 
doch nicht ganz so böse ist. Denn Ferenczi verwendet die Psychoanalyse nicht 
bloß, wie er weiß, bei der Erklärung der Ähnlichkeiten, die er aufweist, son«' 
dem der Weg, auf dem er diese entdeckt und dem er gar keine Aufmerksame^ 
keit schenkt, hat ebenfalls sehr nahe mit ihr zu tun. 

Die eigentümliche Art, in der Ferenczi die Organe des Körpers ansieht, 
ist heute fürs erste sehr leicht zu bezeichnen; sie ist in der Biologie recht 

36) L. c, S. 17. 



m. 



I 



220 



Siegfried Bernfeld 



üblich geworden, während sie in den Kriegsjahren, in denen Ferenczi seine 
Bioanalyse ausarbeitete, weder einen bequemen Namen noch betrachthche 
Verbreitung hatte. Ferenczi sieht Gestalten, Ganzheiten und deren wesenfe 
Hche ÄhnHchkeiten. Aber er verwischt dabei alle von der Wissenschaft 
sorgsam aufgerichteten Grenzen zwischen der Gestalt eines Organismus und 
den Formen seiner Teile, zwischen ruhenden Formen und Bewegungen der 
Körper, zwischen Reflexen und bewußten WiUenshandlungen, zwischen 
Körper und Umwelt, Lebensmedium und Lebensweise, zwischen Leib und 
Seele schließlich. Und das ist auch in der neuesten Biologie ungewohnt; wo 
es versucht wird, gerät man der Mystik näher als der Wissenschaft Diese 
merkwürdige Blickart ist höchst abstrakt, indem sie von all diesen üefen und 
vor allem streng auseinander gehaltenen Unterschieden abzusehen^ vermag, 
und hält doch zugleich höchst konkret bestimmte Gestalten, konturierte Zu. 
sammenhänge in markanten Einzelzügen fest. Ferenczi verwendete sie, schon 
lange vor der Genitaltheorie in der Psychoanalyse selbst. Der Reiz semer 
Schriften beruht zum Teil darauf. Aber er hat sie nicht erst einge ührt sie 
ist vielmehr in der Analyse-^ seit je zu Haus. In ihr ist die Au merks^mkeit 
ganz auf Zusammenhänge gerichtet. Wir erkennen z. B. die Ödipussituation 
auch in einem Ensemble, das geeignet ist, ihre wesenthchen Zuge zu ver. 
wischen, in einer Umgebung, die sie verdunkelt, in einer verzerrten und ent. 
stellten Form. Wir erfassen Strukturen und Motive; wir verfolgen ihre Irans. 
Positionen und die Invarianten ihrer Konfiguration bis in Zusammenhange 
hinein, in denen sie nicht leicht sichtbar sind.-^ Dessen werden wir fähig, weil 
wir gelernt haben, ohne Respekt vor den Grenzen, die allerhand Zensuren 
Konventionen und Gewohnheiten eingezeichnet haben, das ganze Material 
an inneren und äußeren Sachverhalten, das uns geboten wird, konsequent 
umzuzentrieren. Es ist dazu eine Einstellung nötig, die man m gewisse.m Smn 
künstlerisch oder in einer anderen Beziehung geisteswissenschafthch heißen 
kann. Sie ist auch in einem bestimmten Maß der Denkweise entgegengesetzt, 
der die Begriffe und Theorien der Psychoanalyse entstammen. Die Erfahrung 
zeigt uns, daß es keine übermäßige Anforderung an den Analytiker stellt, 
sie beide im Gleichgewicht zu halten, obzwar jeder sich leichter m die eine 
oder andere findet. 

Diese Rolle der Gestaltenerfassung in unserer Praxis ist nicht mehr unbe. 
kannt Ich möchte aber eine bestimmte Eigenschaft der Strukturen betonen, 
auf die es in der Psychoanalyse und insbesondere bei Ferenczi ankommt Es 
sind sinnvolle, ausdruckhaltige Gestalten, mit denen wir es zu tun haben. 

36a) Ich haltT^i^TWge'i^d^ird^ürzc halber die Unterscheidung zwischen der Wissen. 
Schaft P s y c h o a n a 1 y s e x^nd dem praktischen Verfahren der An a 1 y s e fest. 
36b) Siehe dazu B e r n f e 1 d, Die Gestalttheone, Imago, Bd. XX, U34. 



Zur Revision der Bioanalyse 



221 



Sie weisen als Anzeichen über sich selbst hinaus, auf einen Zusammenhang, 
der sich in ihnen kundgibt oder verrät. Letzten Endes beziehen sie sich auf 
eine Person, die erlebt und will. Wir sehen z. B. nicht einen rötlichen Fleck 
gewisser Intensität und Abgrenzung, sondern wir sehen eine Person, die 
sich in einer bestimmten Situation schämt. Daß sich der errötende Patient 
schämt, ist ein Urteil, das etwas ganz anderes sagt als: an dem Körper er# 
scheint Rötung bestimmter Intensität und Raumform. Heißen wir es ein 
physiognomisches Urteil und betonen wir die Selbstverständlichkeit, daß es 
zur unerläßlichen Voraussetzung hat, daß es sich auf ein Wesen bezieht, 
das erlebt und wül. Wir fällen im täglichen Leben physiognomische Urteile 
mit solcher Sicherheit und Gewohnheit, sie bauen sich auf physiognomischen 
Eindrücken von so inappellablem Wahrnehmungscharakter auf und wir 
fühlen uns dabei von den Anzeichen so sicher geleitet, daß wir meinen, von 
ihnen auf eine Person, die sich in ihnen ausdrückt, zu schließen oder 
doch gegebenenfalls schließen zu können. In Wahrheit hingegen muß die 
Person vorgegeben sein, damit wir sinnvoll das Anzeichen als auf sie weisend 
deuten können. Diese Voraussetzung ist im täglichen Umgang mit den 
Menschen natürlich erfüllt; sie ist es auch nicht minder in der Analyse. 

Diese älteste Quelle alles psychologischen Wissens fließt in der analy* 
tischen Praxis nicht allein ebenso reichlich wie in jedem Umgang mit Men* 
sehen, sondern sie hat in ihr auch ein besonderes Gewicht und Schicksal, das 
zwar wohl verdiente studiert zu werden, von dem hier aber genügt, nur das 
folgende festzuhalten. Als Anzeichen werden in der Analyse nicht nur die 
Gesichtsmimik, die Gesten und die Motorik des Körpers gewertet, sondern 
die Fülle all der inneren Ereignisse, von denen der Analytiker durch die 
Mitteilungen des Analysanden Kenntnis erhält. Man kann so, getreu der 
bisher verwendeten Benennungsweise nach „Beobachtungsmitteln", yetalh 
gemeinert von der physiognomischen Betrachtungsweise reden, die der Ana:« 
lytiker verwendet, der sich von physiognomischen Eindrücken leiten läßt, 
physiognomische Gestalten sieht und auszeichnet und physiognomische Uv» 
teile fällt. Es ist vielleicht nicht unnötig zu unterstreichen, daß in der Analyse 
keineswegs nur mit ihr gearbeitet wird. Von ihr spricht man, wenn man, um 
den Unterschied zur Denkweise der Psychoanalyse zu fassen, ihre Praxis in 
geläufiger Redeweise etwa als eine verunreinigte, mit allen menschlichen 
Schwächen behaftete Theorie erklärt; oder wenn man auf die Verwandtschaft 
des Analysierens mit dem künstlerischen Schaffen hinweist, Begabung und 
Intuition betont oder schließlich, wenn man auf das Unbewußte des Ana^« 
lytikers, auf seine sonderbare Fähigkeit, Unbewußtes unbewußt zu verstehen, 
rekurriert. 

Ferenczi nun sieht den Körper und seine Organe nach Form, Verrichtung 



i! 



i 



I 



222 Siegfried Bernfeld 



und Situation in der Umwelt oder in der phylogenetischen Reihe einfach 
mit jenem physiognomischen Blick, der dem analysierenden Psychoanalytiker 
eigen ist: scharf treten Zusammenhänge, Konturen, Ähnlichkeiten heraus; 
sehr beweglich sind alle ihre materiellen Konkretisierungen, so daß sehr ab« 
strakte und komplizierte Strukturen aufgefaßt werden; und jede solche Ge* 
stalt weist über sich selbst hinaus, drückt ein Inneres, Tieferes, „Seelisches" 
aus, weist auf eine Person, auf ein personartiges Wesen. Was er also zunächst 
gibt, ist eine Physiognomik der Organe. Sie entsteht durch eine Übertragung 
der physiognomischen Betrachtungsweise auf die Organe. 

Man weiß, daß solche Anwendung der physiognomischen Betrachtung auf 
die „Natur" überhaupt durchaus nicht neu ist, daß sie heutzutage im Um.* 
kreis der Mystik viel Gefallen findet, in dem der Romantik als neueste 
Wissenschaft gepriesen wird. Man weiß, daß sie seit G a 1 i 1 e i, so sagt man, 
aus sehr guten Gründen, die mir durchaus nichts an Kraft verloren zu haben 
scheinen, aus der Wissenschaft eliminiert wurde. Auch Ferenczi weiß das 
sehr wohl. Aber er spürt zu deutlich, daß man bei dem Verlassen jenes 
alten Denkweges zu Unrecht eine Menge von sehr beachtenswerten Dingen 
zurückließ. Zu ihnen will er zurückkehren, um sie wieder zu erobern. Und 
sieht sich nun mit einiger Verwunderung beim Animismus und Psychomor^« 
phismus anlangen. Also durchaus bei jenem primitiven Ausgangspunkt aller 
Wissenschaft, an dem die Natur bevölkert war von Personen mit Willen, 
Absicht und List, Lust und Schmerz, an dem daher alle Bewegung in der 
Natur, die der Gestirne, der Wolken, der fallenden Steine, der Gewächse und 
der Tiere als Ausdruck von etwas hinter oder in ihnen Wirkendem deutbar, 
an dem die ganze Natur sozusagen „psychoanalysierbar" war. 

In dieser Position fühlt er sich nicht behaglich und beschwichtigt den 
Zweifel, ob er einen Rückschritt macht oder eine Revolution vorbereitet, 
durch das optimistische Argument, der Animismus, zu dem er gelange, sei 
nicht anthropomorph," denn „nicht das banal psychologische, sondern allein 
das psychoanalytische Wissen war uns bei unseren Problemlösungen be* 
hilflich."3s Dies Argument scheint mir nach dem Gesagten, soweit es sich 
um die Physiognomik der Organe handelt, gar nicht überzeugend. Denn 
gerade in der physiognomischen Betrachtungsweise unterscheidet sich die 
Analyse nicht von aller banalen Psychologie. Im Gegenteil ist dies das Stück, 
das sie mit ihr und mit aller vorwissenschaftlichen Menschenkenntnis ge* 
meinsam hat. Deren Verwendung auf nichtmenschliche Gegenstände macht 
aber eben das Wesen dessen aus, was man Anthropomorphismus nennt. 
Ist er einmal eingeführt, dann sind die Handlungen und Zustände der persona» 

37) L. c, S. 3. 

38) L. c, S. 111. 



Zur Revision der Bioanalyse 



223 



artigen Wesen, die er schafft, tatsächlich psychoanalytisch deutbar; niemals 
aber kann aus der „Psychoanalysierbarkeit" eines Dinges geschlossen werden, 
daß es eine Person ist. Die Anwendung der analytischen Kenntnisse recht« 
fertigt sich hier nicht dadurch, daß sie sich „bewährt". Nicht weil die 
Organe sich „psycho analysieren" lassen, darf man sie als 
Personen ansehen, sondern weil man sie als Personen vorsä 
aussetzt, lassen sie sich psychoanalytisch deuten. Dies folgt 
unweigerlich aus der logischen Natur des physiognomischen Urteils. 

So nachdrücklich Ferenczi auch die Personifizierung der Organe ernst ge# 
nommen wissen will, läßt er doch gelegentlich einen anderen Weg offen. 
Auch „der Physiker kann uns Vorgänge seines Gebietes nicht anders be* 
greifHch machen, als indem er sie mit Kräften, Anziehungen, Abstoßungen, 
mit Widerstand, Trägheit etc. vergleicht",^^ bemerkt er zu seiner Verteidii« 
gung. Man vermeint an dieser Stelle sehr laut zu hören, daß Ferenczi dahin 
strebt, die Personifikation der Organe als vorläufige Redeweise einmal zu 
überwinden. Aber ein Weg dazu erschließt sich ihm nicht. Dennoch scheint 
er mir klar genug vorgezeichnet zu sein. 

Spricht heute der Physiker von Kräften, so ist das eine Redeweise, ohne 
die er sich bloß dann nicht verständlich machen kann, wenn er sich der 
Mathematik nicht bedienen kann oder will. Denn Naturwissenschaft ent* 
steht und entwickelt sich bekanntlich durch fortschreitende, radikale Elimisä 
nierung alles Physiognomischen, wie ich hier wohl verständlich sagen darf. 
Man muß diese Linie nicht verlassen, um mit Ferenczis Physiognomik der 
Organe etwas anfangen zu können. Die Anzeichen, von denen in jedem 
physiognomischen Satz mit die Rede ist, haben eine Eigenschaft, die sich 
am einfachsten an jenem Ausdruck der Scham deutiich machen läßt. Die 
Röte erfüllt einen bestimmten Raum, Röte^Intensitäten sind über die Obers« 
fläche eines „Gegenstandes" verteilt. Man kann also über sie eine Anzahl 
sozusagen geometrischer Aussagen machen. Der geometrische Satz ist in das 
physiognomische Urteil eingelagert, und zwar so eigenartig, daß z. B. das 
geometrische Moment ganz vage sein kann, während doch das physiognos» 
mische Urteil sehr präzise ist, so daß dieses durch fortschreitende Präzisies^ 
rung der geometrischen Aussage nicht an Schärfe, Bestimmtheit und Sicher«^ 
heit gewiimt. Denn dieses sagt immer, daß der geometrische Sachverhalt 
einen Sinn hat, sich auf einen personalen oder psychischen Zusammenhang 
bezieht, der sich in ihm nicht erschöpft, sondern bloß ausdrückt. Die Elimi!« 
nierung, von der hier die Rede ist, verlangt, daß man auf diesen Sinn ver«= 
ziehte und sich, wenigstens vorläufig, dem eindringenden Studium des geo*= 

39) L. c, S. 3. 



I 



224 Siegfried Bernfeld 



metrischen Sachverhalts widme. Ob dies zu befriedigenden Resuhaten führt 
oder „an das eigentliche Problem nicht herankommt", haben wir hier nicht 
zu prüfen. Denn bei der weiteren Bedeutung, die wir dem Wort „physiognoi^ 
misch" geben, handelt es sich durchaus nicht immer um räumliche Anzeichen, 
und es wird daher fraglich, wie die Aufforderung, den geometrischen Anteil 
zu erforschen, überhaupt erfüllt werden kann. Hier kommt uns eine Begriffs^« 
erweiterung zu Hilfe, die den Mathematikern verdankt wird. Diese haben 
längst gelernt, sich von dem Raum der Schulgeometrie zu befreien, und heißen 
Topologie eine Lehre, die mit allen erdenklichen Anordnungen, nicht 
nur mit den im üblichen Sinn räumlichen, beliebiger Etwasse umzugehen 
weiß. Jedes Anzeichen möchte vielleicht als solche „Anordnung von Ein 
wassen" darstellbar sein und also in jedem physiognomischen Urteil ein 
topologisches Moment enthalten sein. Gewiß aber ist all das, was wir hier 
Gestalten, Strukturen, Zusammenhänge nennen, topologisch erfaßbar. Mögi* 
licherweise wird so selbst das, was wir unter den Worten Person, Sinn und 
Deutung verstehen, bewältigbar. Die Eliminierung des Physiognomischen 
hieße also das Physiognomische selbst topologisch zu behandeln. Die Auf* 
gäbe ist zu neu, als daß sich vermuten ließe, ob sie das „eigentliche Pro;« 
blem" aller Physiognomik ebenso verfehlen würde, wie die geometrische 
Darstellung der Röte die Neugier des Mimikers unbefriedigt läßt. 

Bleiben wir bei Ferenczi. In seiner Physiognomik der Organe steckt als 
Aufgabe, die es zu entwickeln gUt, eine Topologie der Organe. Seine Physio* 
gnomik der Organe ist möglich und bleibt trotz aller Bedenken so anziehend 
und zum Teil verblüffend, weil offenbar zwischen der Person und ihren 
Organen topologische Ähnlichkeiten bestehen. Diese sind in Ferenczis Ent* 
deckungen von Strukturähnlichkeiten unbestimmt gesehen. Wenn man sie 
in topologischer Schärfe aussprechen könnte, würden auch in dieser Disziplin 
alle Personifizierungen zu bloßen Redeweisen werden, die man gern und 
nützlich verwendet, wenn man sich mathematisch nicht ausdrücken will oder 
solange man es noch nicht kann. 

V.Vektoren und topologische Modelle. 

Ein Beleg dafür, daß die Prüfung und Entwicklung der Ferenczischen Ge*^ 
danken nicht nur im Rahmen der Interpretation, die ich hier durchführe, in 
die Gegend der Mathematik führt, ist Alexanders Ansatz einer „Vektor»» 
analyse psychischer Prozesse",*" den er im Zusammenhang seiner For* 
schlingen über Organneurosen darstellt. Diese verbergen nicht, daß sie ein 

4o) Alexander, Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XXI, 1935, S. 471. 



Zur Revision der Bioanalyse 225 



Stück der Bioanalyse realisieren wollen, und nähern sich diesem Ziel durch 

kritische Präzisierungen an der Psychoanalyse der Organe." Alexanders Aus* 

gangsposition ist physiognomisch : „Die dynamischen Beziehungen des Indi» 

viduums zu seiner Umgebung"*^ werden nach der Ähnlichkeit des hehaviour 

und der inneren Einstellungen, Phantasien, Wünsche in drei große Haupt« 

gruppen geordnet: Aufnehmen, Behalten, Ausscheiden. Gefragt wird nun, 

ob und wie sich diesen Typen bestimmte gastro^intestinale Störungen zw> 

ordnen lassen. Dabei ergibt sich, daß in gewissem Maß auch diese Stö* 

rangen selbst, als Obstipation oder Diarrhöe z. B., in diese Typologie wohl 

passen, ja daß der ganze (physiologische) „Lebensprozeß sehr gut als eine 

Kette dieser drei Hauptfunktionen beschrieben werden" kann.« Indem 

Alexander die Abstraktion noch einen Schritt weiterführt, was „sich bei der 

Untersuchung psychogener Organstörungen als sehr zweckmäßig erwies"" 

und „die psychischen Vorgänge zunächst nur in Hinsicht auf ihre allge=* 

meine dynamische Richtung" betrachtet, „ohne die große Mannigfaltigkeit 

ihrer gedanklichen Inhalte"*« zu berücksichtigen, verschärft er die Definition 

dieser Typen in merkUchem Maße und in interessanter Weise. Sie werden 

zu drei „psychologischen Tendenzen nach ihrer dynamischen Grundeigen»» 

Schaft (Richtung)" und erhalten einen weiten Anwendungskreis und eine 

einfache Handhabung. „Sie lassen sich mit mathematischen Gleichungen ver^ 

gleichen, in denen verschiedene Werte durcheinander ersetzt werden 

können.*« Vektoren nennt Alexander, mit dem mathematischen Sprachge=« 

brauch in Übereinstimmung, diese Tendenzen; er spricht von Vektorquanti«> 

täten und Vektoreigenschaften und erreicht damit eine mathematikartige Aus»» 

drucksweise, in der für Personifizierungen kein Raum ist. 

Zeigt diese Einführung des Wortes Vektor die Richtung, in die Ferenczis 
Gedankenmaterial drängt, so scheint mir Alexanders Versuch doch nicht 
geglückt. Diese Kritik berührt natürlich keineswegs die reichen und bedeute 
Samen Ergebnisse, die Alexander zur Organpsychosenlehre beiträgt, und auch 
nicht den vorzüglichen Begriff des „emotionalen Syllogismus". Sie berührt 
sie so wenig, weil die Vektoranalyse hier kein Arbeitsinstrument, sondern 
eine Ausdrucksweise ist, bestenfalls ein Programm oder ein Ideal, das zu 
der konkreten Forschung hinzugegeben wird und gegebenenfalls, ohne ihr 
Abbruch zu tun, auch entbehrt werden kann — soweit die genannten beiden 

40 Alexander, Über den Einfluß psychischer Faktoren auf gastrointestinale Stö=< 
rungen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. S. 192 u. S. 219, 

42) Störungen, S. 219. 

43) Störungen, S. 219. 

44) Logik, S. 476. 

45) Logik, S. 476. ■ I 

46) Logik, S. 482. 

Imago XXIII/2 ' jj 






226 



Siegfried Bernfeld 



Aufsätze ein Urteil in dieser Frage gestatten. Daß man auf der Suche nach 
mathematischen Hilfsmitteln für Psychologie und Biologie auf die Vektor* 
rechnung gerät, ist wohl begreiflich, weil sie eines der Momente, die man 
„qualitativ" zu nennen pflegt, die Richtung, zu bewältigen gestattet. Da aber 
in ihr die Richtung unlösbar mit der Größe verbunden ist, bleibt sie so lange 
nicht eigentlich anwendbar, als eben die Größen der Kräfte, welche solche 
Richtungen haben, nicht bestimmbar sind. Um mit diesen psychischen Vek* 
toren zu operieren, müßte man die Kräfte messen, die im Spiele sind. Und 
davon kann derzeit keine Rede sein. Aber auch eine, sagen wir uneigentliche 
oder vorläufige Anwendung unter Außerachtlassung der Größen hat ihre 
Schwierigkeiten und man sieht nicht ab, wie Alexander sie wird durch* 
führen können. Ich habe den Eindruck, daß selbst der Richtungsbegriff, der 
vom Vektor übrig bleibt, in der vorgelegten Publikation vage bleibt. „Aus* 
scheiden" und „Aufnehmen" sind wohl als einander entgegengesetzte Rieh* 
tungen aufgefaßt, sie würden sich also als Vektoren subtrahieren. Wie aber 
bestimmt sich die dritte Richtung „Behalten"? Wollte man Alexanders Vek* 
toranalyse dazu verwenden, um die Vergleiche und Analogien in Psycho* 
analyse und Bioanalyse präziser prüfbar zu machen, so käme es gerade darauf 
an, mit ihrer Hilfe entscheiden zu können, wann „Behalten" vorliegt und 
wann nicht. Dazu genügt die bloße Bezeichnung einer Tendenz als „dritte" 
Richtung nicht. Nahe läge vielleicht die Überlegung, „Behalten" als Gleich* 
gewicht zwischen „Ausscheiden" und „Aufnehmen" zu definieren. „Be* 
halten" wäre aber dann keine „eigentliche" Richtung, sondern das Resultat 
der Addition zweier gleichgroßer Vektoren, von denen einer die Richtung A, 
der andere die Richtung B hätte. Natürlich läßt sich eine Entscheidung über 
die Brauchbarkeit des Verfahrens nicht fällen, ehe es nicht in seiner kon* 
kreten Anwendung vorgeführt wird. Ich zweifle aber, daß es geeignet ist, be* 
trächtliche Resultate zu erbringen, wo es sich wie in der Bioanalyse um 
diskontinuierliche Gebilde handelt, die einer Metrik nicht zugänglich sind. 
Jedenfalls eliminiert es das „Physiognomische" nicht, sondern verschleiert 
es bloß, wie noch zu zeigen sein wird.*''^ 

Hat sich der Leser — wie ich hoffe — davon überzeugen lassen, daß die 
Entwicklung der Physiognomik der Organe zu einer „richtigen" Wissen* 
Schaft die Herbeischaffung eines mathematikartigen Instrumentes verlangt und 
daß die Ansätze, die bisher gemacht wurden, nicht den richtigen Weg zeigen, 
so ist die Situation so günstig wie nur mögKch, um meinen eigenen beschei* 

46ai) Diese Bedenken gegen die Einführung des Vektorbegriffes beziehen sich bloß auf 
die vorliegende Publikation Alexanders. Sie sind daher nicht auf die Vektorbegriffe 
von Thurstone oder L e w i n und nicht auf die Bestrebungen von T o I m a n an« 
wendbar. ' 



Zur Revision der Bioanalyse 



227 



denen Vorschlag ins vorteilhafteste Licht zu setzen. Ich möchte diese glück* 
liehe Konstellation nicht versäumen und hier ein kurzes positives Kapitel in 
die ohnedies so umfangreiche negative Kritik einschalten. 

Kann man .Ausscheiden', .Aufnehmen', .Behalten', Motive, die ja in 
schlechthin allgemeiner Verbreitung im Organischen vorkommen, als dessen 
Grundstrukturen erweisen? Gibt es überhaupt ausgezeichnete einfache Ge=* 
bilde, die man als fundamental einführen könnte? Wieviel und welche? 
Offenbar sind dies Fragen, die hinter Alexanders Überlegungen stehen, die 
im Geist der Bionalyse überhaupt wichtig sind und die darüber hinaus Inters« 
esse erwecken können. Ihre Beantwortung erbringen topologische Übers= 
legungen, die ich zunächst mit einem merkwürdigen Beispiel als Axk> 
schauungshilfe einleite. 

Wenn ich meine Geldbörse ordentlich verschlossen habe, so teilt sich die 
Masse aller Geldstücke auf der Welt in zwei — sehr ungleiche — 
Mengen: die Münzen innerhalb und die außerhalb meiner Börse. Die Un<« 
gerechtigkeit dieser Verteilung bringt doch den logischen Trost, daß sie vor«« 
bildlich eindeutig ist. Für jedes beliebige Geldstück steht fest, ob es jetzt 
„Innen" oder „Außen" ist. Jedes ist jederzeit nur entweder dies oder jenes. 
Ist die Börse nicht ordentlich verschlossen, dann kann freilich die knifflige 
Frage entstehen, in welche jener beiden Welten eine halb herausgerollte 
Münze gehört. Den einfachsten Rat schafft da die unmoralische Vorschrift, 
den Geldbeutel genau und immer zuzuhalten. Aber auch daim noch verdient 
der Fall der Berührung Beachtung. Denn bei ihm bekommen Geldstück und 
Geldbörse eine zusammenhängende Kontur, die Münze wird gewissermaßen 
zu einem Teil des Beutels selbst und ist, so wie dieser, weder „Außen" noch 
„Innen". Bei diesem engen Horizont gibt es also in der ganzen Welt bloß 
dreierlei: das Portemonnaie, außen von ihm und innen in ihm. Die unend* 
liehe Mannigfaltigkeit der Vorgänge in der Welt reduziert sich auf Ver« 
Setzung von Dingen von außen nach innen, von innen nach außen, als Be** 
rührung und deren Aufhebung. In diesem höchst primitiven Weltbild — aber 
wer mutet einem Portemonnaie zu. daß es ein höheres entwickeln könnte? — 
gibt es keine Grade und Arten von ..Innen" und „Außen"; und da in ihm 
keinerlei Metrik bestimmt ist, nur „Qualitäten" vorkommen, kann ein Geld« 
stück ganz nahebei liegen oder an den Antipoden, es bleibt ununterscheidbar 



„außen" 



"jIsW t>\i ni.. fi-^fitTviTo" ■' jWt 



Die Anwendung dieser queren Überlegung läßt sich bequemer in einer 
bildfreien Fassung geben, die darum doch anschaulich bleiben kann. Eine 
Linie D (Fig. 1) ist nun statt des Portemennaies die Grenze zwischen einem 
Gebiet „Innen" J und einem Gebiet „Außen" A. Diese Grenze D umfaßt 
alle Punkte, die weder A noch J sind und die wir nach Belieben als Rand 



15« 



228 Siegfried Bernfeld 



> : ! 



von A oder von J ansehen können; (J wird dadurch entweder zu einemj 
„Loch" in A oder zu einem begrenzten „Gegenstand", den A umgibt). 
Welche Versetzungen von Punkten sind hier nun möglich? 1. Offenbar kann 
ein „Pimkt" P so versetzt werden, daß seine Beziehung zur Grenze D nicht 
verändert wird. Liegt er z. B. in A, so bleibt er trotz der Veränderung in 
A. Wir schreiben AA und sagen: AA, DD, JJ erschöpfe die bestehenden 
Möglichkeiten. 2. Es können Versetzungen vorkommen, die diese Relation 
zu D verändern. Deren gibt es: AD, DA, AJ, JA, DJ, JD. Die Fig. 2 stellt 
sie dar. Es sind also neun verschiedene Versetzungsweisen möglich. Wollen 
wir jede eine Figur nennen, so dürfen wir sagen, es gibt neun Grundfiguren, 
aus denen sich alle an diesem Gebilde möglichen Versetzungen von Punkten 
(in Beziehung auf D unterscheidbar) zusammensetzen lassen. Dabei zeigt 
sich leicht, daß ich für jede Figur eine inverse habe, so daß die eine durch 
die andere aufgehoben wird. Folgt auf AJ die Figur JA, so ist der Zustand, 
i i der vor AJ bestand, wiederhergestellt. Ich habe also Versetzungen, für die 

gilt: a.a-i=0. Ich kann die Gruppe von Versetzungen, die ich a nenne, 
als eine „Richtung" von der anderen Richtung, die dann a-i heißt, unter* 
scheiden. Ich kann z. B. a den Namen „Nach innen", a-i den „Nach außen" 
geben. Jedes geometrische Gebilde, das von einer geschlossenen Linie (ent* 
sprechend Fläche oder Raum) begrenzt wird, hat die beiden Richtungen a 
und a-iund die neun Grundfiguren. (Man kann sich auch völlig von diesen 
anschaulichen Bedingungen befreien und ganz abstrakt formulieren, wenn 
man sich vor Augen hält, daß solches Gebilde nur der spezielle Fall eines 
Raumes, das heißt einer Menge von beliebigen Etwassen ist, in denen eine 
topologische Beziehung definiert wurde. Wir wollen aber im folgenden im 
engsten Sinn des Wortes beim Anschaulichen bleiben.) 

An Stelle jenes Portemonnaies oder der Linie D kann ich die Körperober* 
fläche eines Organismus setzen. Daß diese im Sinne der Schulgeometrie der 
Linie D und auch einer Fläche, die an ihrer Stelle stünde, durchaus nicht ähn# 
lieh ist, stört unsere Betrachtung nicht. Zwei Linien (bezw. Flächen) sind 
topologisch gleichwertig, wenn sie geschlossen sind, sie sind dann auf Fig. 1 
„abbildbar", auch wenn sie in bezug auf ihre Länge, ihren Verlauf und 
alle sonstigen metrischen Eigenschaften völlig verschieden wären. Das Ge* 
biet J wird nun „Körperinneres", das Gebiet A wird „Umwelt" heißen 
können. Und alle Vorgänge „in der Welt" lassen sich in bezug auf die 
Körperoberfläche D, also sozusagen „von diesem Lebewesen aus" in den 
neun Grundfiguren beschreiben, freilich in einer „für uns" zu ärmlichen 
Weltdarstellung. Man wird ihnen nun biologische Namen geben dürfen. JA 
wird .Ausscheiden', AJ .Aufnehmen' bedeuten. Wir werden entsprechend 
AD als .Berühren' erkennen und deren Inverse DA etwa als ,Entfernen" 



I 



230 



Siegfried Bernfeld 



deuten. Und so weiter. Die Kurve D, Fig. 1, kann uns auch eine Zellgrenze 
oder die Begrenzung eines beUebigen Zellkomplexes, eines Organs, einer 
Organgruppe abbilden. Immer wird es die neun Grundfiguren geben, wenn 
auch ihre Namen wechseln mögen und gelegentlich selbst für eine oder die 
andere Figur keine geläufige Bezeichnung zur Hand ist. 

Im Verhalten der Lebewesen, in den Verrichtungen ihrer Organe und 
deren Elementarbestandteile kommen also immer die Grundfiguren vor. Sie 
erscheinen als eine Art Grundschema des Biologischen. Diese Bedeutung 
verdanken sie einer topologischen Eigenschaft der Organismen. Diese sind i 
Gebilde mit einer Grenze, die zwei verschiedene Gebiete von einander 1 
scheidet: Innen und Außen. Sie teilen diese Eigenschaft auch mit Leblosem; 
wo immer eine solche Grenze bestimmt werden kann, gelten die Grund« 
figuren. Bezeichnend für die Lebewesen ist aber, daß bei ihnen diese Eigen* 
Schaft so entscheidend ist, daß ein Logiker „Innen und Außen" zu den Kate* 
gorien des Biologischen zählt.'^' 

Zwei der Vektoren, die Alexander angibt, sind unter unseren Grund* 
figuren enthalten; sie lassen sich ganz eigentlich als fundamental bezeichnen. 
Der dritte Vektor „Behalten" kommt jedoch unter den Grundfiguren nicht 
vor. Es kann freilich jeder Vorgang JJ auch als ,Behalten' angesprochen 
werden, aber das wird dem Sinn weder des Wortes Behalten noch der Figur 
JJ gerecht. JJ sagt, daß sich „in der Welt" in bezug auf D nichts verändert i 
habe. „Behalten" ist zwar ein Nichthergeben, Nichtausscheiden, kann aber , 
doch nicht etwa durch die Inverse von JA ausgedrückt werden, die ja AJ 
wäre. Dies rührt davon her, daß „Behalten" bloß in Verbindung mit „Her* 
gebensollen" den Sinn bekommt, der sprachgebräuchlich mit dem Wort ver* 
knüpft und der auch in den Vektor eingegangen ist. In einem System mit 
einer Grenze, an dem die neun Grundfiguren gewonnen sind, kann „Be* 
halten" nicht ausgedrückt werden. Es bedürfte eines komplizierteren Systems 
mit mindestens zwei Grenzen, um es darzustellen. Das heißt also, daß dieser 
dritte Vektor Alexanders den beiden anderen topologisch nicht gleichwertig 
ist. Weder diese Differenz noch jene Übereinstimmung sagt etwas Defini* 
tives über den Wert und den Anwendungsbereich der Vektormethode oder 
der topologischen Untersuchung. 

Hingegen läßt sich leicht deren Verhältnis zur Eliminierung des Physio* ' 
gnomischen feststellen. Wie entscheidet sich bei Alexanders Methode im 
Zweifelfalle, ob etwa der Vektor „Aufnehmen" vorliegt? Sicherlich kommt | 
es dabei darauf an, ob der fragliche Vorgang in bezeichnenden äußeren 
Momenten der Nahrungseinverleibung ,ähnlich sieht' oder ob der Eindruck j 

4?) Ad. Meyer, Ideen und Ideale der biologischen Erkenntnis, Leipzig, ^ 1934. 



Zur Revision der Bioanalyse 



231 



einer gewissen Aktivität, Wahl oder dergleichen personartiger innerer Eigen»» 
Schäften erweckt wird. Das Kriterium ist dabei kaum einwandfrei formus= 
lierbar und läuft letzten Endes auf die Ähnlichkeit der physiognomischen 
Gestalt hinaus. Die Figur AJ ist dagegen von solchen physiognomischen 
Resten gänzlich frei. Sie ist in bezug auf eine bestimmte Grenze D eindeutig 
festgelegt, was immer D bedeuten mag, was immer an Stelle A war und nach 
J versetzt wurde, wie immer dies geschah und völlig einerlei, ob der Vorgang 
(wenn es sich überhaupt um einen solchen handelt — nicht einmal diese 
■ Bedingung ist verlangt) irgendeiner Einverleibung ähnlich sieht oder nicht. 
Es kommt lediglich auf die eindeutige Bestimmung der Grenze an. Mit ihr 
|.sind entweder alle neun Grundfiguren zugleich und eindeutig gegeben oder 
keine von ihnen festiegbar. Die allgemeinste Eigenschaft für eine Grenze, 
die „Innen" und „Außen" (und damit die Grundfiguren) einwandfrei defi# 
nieren soll, ist, daß sie auf einer geschlossenen Linie abbildbar wird. Aus 
dieser Divergenz der Definition in Alexanders Ansatz und meinem ergibt 
sich, daß die Fälle, die zum Vektor „Aufnehmen" gehören, mit denen nicht 
übereinstimmen, die sich als Figur AJ schreiben. Der Begriff „Vektor: Aufs= 
nehmen" steht der Physiognomie „Einverleiben" sehr viel näher als die Figur 
AJ. Dies gilt für alle unsere Grundfiguren, die daher von sehr vielen, Vor* 
gangen nur e i n Moment, vielleicht sogar nur ein unwichtiges erfassen. Aber 
es wäre unbillig, von der ersten, einfachsten Anwendung einer Methode 
schon Resultate zu verlangen, die alle Komplikationsmöglichkeiten mit er* 
fassen. 

Um so mehr, als schon dieser erste Ansatz einer topologischen Betrachtung 

jcine recht scharfe Prüfung des Grades und der Art der Ähnlichkeiten er* 

; möglicht, welche sich in physiognomischen Eindrücken aufdrängen. Die 

Nahrungsaufnahme sowohl bei Protozoen als auch bei Polypen und bei 

Säugetieren zum Beispiel wird unstreitig zum Vektor: „Aufnehmen" ge* 

I hören. Das Eindringen des Spermas in das Ei, des Penis in die Vagina, wird, 

I wie wir gehört haben, von Ferenczi als ein indentischer Vorgang gefaßt, der 

vom Ei oder der Vagina aus gesprochen „Einverleibung" beißen darf und 

wohl durch den Vektor „Aufnehmen" darzustellen wäre. Dennoch sind nicht 

i alle diese Vorgänge in den Figuren, wenigstens soweit ich sie bisher ent* 

I wickelte, unifizierbar. Sie können nicht alle als AJ geschrieben werden, wenn 

immer dieselbe Bedeutung des Buchstaben D als Körperoberfläche festge* 

halten wird. Das Nahrungskörperchen dringt bei den Protozoen durch die 

Körpergrenze hindurch ins Innere oder wird von einem Teil der Körper* 

masse umflossen. Beide Fälle schreiben sich AJ. (Bei Berücksichtigung län* 

gerei Figurenfolgen lassen sie sich unterscheiden, zum Beispiel als AJ und 

ADJ.) Das Eindringen des Spermas ins Ei schreibt sich gleichfalls AJ (bezw. 



ADJ), wobei auf D sinngemäß die Eihaut als Körperoberfläche des Eis abge* 
gebildet ist. Hingegen läßt sich die Einverleibung der Nahrung bei den 
Polypen nicht mehr ohne weiteres durch AJ darstellen. Der Polyp ist ein 
Sack, dessen Öffnung Mund, dessen Höhlung Darm heißt (Fig. 3). Der 
Darm kommuniziert durch den Mund mit der Außenwelt; dies Portemon=< 
naie ist nicht verschlossen. Die Körperoberfläche D umschließt nicht die 
Darmhöhle, sondern die Gewebeschichten zwischen Darmwand und Außen* 
haut. Hat ein Nahrungskörper seinen Weg durch den Mund in den Darm 
gefunden, so bleibt danach doch die Figur AA gültig. Erst wenn die Darm* 
wandzellen ihn aufnehmen, schreibt sich der Vorgang AJ, bezw. ADJ. Der 
Darm der Säugetiere wird von der Innenwand eines an zwei Enden offenen 
Schlauches gebildet, der sich kontinuierlich in die Körperoberfläche fort* 
setzt. D bezeichnet also hier die äußerere Körperhaut und die Darminnen* 
wand. Wie beim Polypen ist nicht die Einverleibung durch den Mund, son* 
dem die Resorption durch die Darmzellen AJ zu nennen. Die immissio penis 
ist dem Eindringen des Spermatozoons keineswegs topologisch gleichwertig; 
sie heißt AD und nicht AJ, weil der Penis in der Vagina doch außerhalb 
der „Körperoberfläche" D bleibt, sie bloß berührt; während das Sperma* 
tozoon ins Innengebiet des Eis gelangt. 

Diese topologische Verschiedenwertigkeit der Einverleibungsvorgänge sagt 
selbstverständlich noch nichts über die bioanalytischen Konsequenzen, die 
aus der physiologischen oder physiognomischen Ähnlichkeit, die zwischen 
ihnen allen bestehen mag, gezogen werden. Man kann übrigens das Proto* 
zoen* und Polypenverhalten auf der gleichen topologischen „Freßfigur" ab* 
bilden, aber die Kurve D darf dann in beiden Fällen nicht Körperoberfläche 
bedeuten. Das führte zu komplizierteren Darlegungen, als ich hier vorlegen 
darf. 

Von solchen möchte ich bloß einen einfachsten Fall andeuten, der die 
Einreihung des „Behaltens" ermöglicht. Wenn wir uns den Mund des 
Polypen geschlossen denken, was freilich seine Fähigkeiten gewöhnlich über* 
steigt, so wird die Körperoberfläche, Fig. 4, durch eine Kurve D + d abge* 
bildet, die einer Kurve mit einer Selbstdurchdringung entspricht. Die Körper* 
Oberfläche, die gewohnterweise D heißt, verläuft nun zwar kontinuierlich, 
wie bei dem offenen Sack in die Darmwand, aber es sind an ihr nun topo* 
logisch zwei Stücke unterscheidbar, von denen wir das neue Stück, die 
Schlinge, d nennen wollen. Der von d umschlossene Raum ist nicht J, aber 
auch nicht A, er ist vielmehr von beiden topologisch eindeutig unterscheidbar, 
was bei dem Darm des offenen Sacks (Fig. 3) nicht möglich war, und ver* 
dient daher einen eigenen Buchstaben V. Mit V gewinnen wir u. a. zwei 
neue Figuren JV, AV, die uns interessieren (und bei Berücksichtigung von 



Zur Revision der Bioanalyse 233 



T Figurenfolgen, z. B. JVA, JW, AVJ, AVV. . .)• AV drückt etwas von 

■ „Einfangen", JV und insbesondere JVV etwas von „Behalten" aus. Beide 

■ Figuren sind noch sehr weit von der Komplikation der wirklichen Sachver«= 
P halte entfernt, aber diese Betrachtung mag zeigen, wie sich durch die Konv 

plizierung des Systems durch jede neue Grenze die Verhalten^abbildenden 
Möglichkeiten vervielfachen. 

Dieser Raum V kommt nicht erst den einfachen Metazoen zu; er findet 
sich bereits bei den Protozoen, z. B. als Nahrungsvakuole. Dies sei der 
Anlaß zur Bemerkung, daß es überhaupt keinen Organismus gibt, der einem 
System mit bloß einer Grenze äquivalent wäre. Mochte man die Grund* 
figuren für banal angesehen haben, weil sie sozusagen jedem Ding, jedem 
System mit einer Grenze zukommen, so ist dieser Sachverhalt geeignet, auf 
die interessante MögKchkeit hinzuweisen, die Eigenart des organischen be= 
haviom aus der Komplikation des „Körpers" abzuleiten. Die Mindestbe=» 
dingung für ein organisches System sind nicht etwa bloß zwei Grenzen, die 
schon das einfachste Kolloid besitzt. Daher ist Fig. 4 auch nicht annähernd 
als Modell eines Protozoons ausreichend, sondern will nur, in jeder Be# 
Ziehung fast mehr vereinfachend, als zulässig sein mag, anschaulich machen, 
wie das Protozoon in gewissen Lebenssituationen dem Polypen mit ge# 
schlossenem Mund, gleichfalls überaus vereinfacht, topologisch gleichwertig 
ist. D bedeutet in Fig. 4 also sowohl die Körperoberfläche des Protozoons 
als auch des Polypen; ihre Bestimmung denken wir uns hier — nochmals 
zur Vereinfachung — als ganz selbstverständlich gegeben, d bedeutet nun 
Vakuolenwand für das Protozoon und Darmwand für den Polypen. Nun b&» 
steht aber der Polyp aus — zwei Schichten von — Zellen; er ist zusammen* 
gesetzt; gegenüber den Zellen, aus denen er besteht, ein System höheren 
Ranges. Jede seiner Zellen ist physiologisch und physiognomisch ungefähr 
einem Protozoon gleichwertig. Mit all den hier nicht darzulegenden Ein* 
schränkungen gilt, daß die Körperzelle des Polypen dem ganzen Polypen 
auch topologisch gleichwertig sein kann. Dies hat z. B. statt bei der Zelle 
mit einer Vakuole eben betrachteter Art und dem Polypen bei geschlossenem 
Mund. Oder in einem anderen interessanten Fall finden wir das gleiche Ver* 
hältnis etwa bei der Choanoflagellate (Fig. 5) und dem Polypen bei offenem 
Mund (Fig. 3.) Hier liegt keine physiognomische und keine schulgeo* 
metrische Ähnlichkeit der ruhenden Körpergestalt und fast keine Ähnlich* 
keit der Funktion vor; aber man überzeugt sich leicht, daß die 
Choanoflagellate und der Polyp topologisch gleichwertig sind. Die 
Darmhöhle entspricht einem eingezogenen „Kragen". Man weiß, daß 
die Darmepithelzellen der Metazoen sehr häufig Choanoflagellaten gleichen 
oder aus ihnen durch einige einfache Deformationen zu gewinnen sind. 



234 Siegfried Bernfeld 



■ Solche Fälle belegen, daß die Behauptung, der Organismus, seine Organe 
und deren Zellen .machen dasselbe' — wie noch gegenwärtig sein wird, ist 
in dieser Behauptung ein zentraler Gedanke von Ferenczis Bioanalyse zu* 
sammengefaßt — gelegentlich in prägnanter Bedeutung sinnvoll ist. Es kann 
durch topologische Untersuchung festgestellt werden, in welchem Umfang 
sie gilt. Meine Bemühungen haben bisher nicht zu einem Satz geführt, der 
ganz allgemein die topologische Gleichwertigkeit zwischen den organischen 
Systemen und den in sie integrierten Systemen niederer Ordnung ausspräche, 
sondern haben eine zum Teil einfach verständliche Mannigfaltigkeit des Ver* 
haltens aufgedeckt, die Ferenczis Spürsinn durchaus nicht desavouiert, aber 
seine — und jede — Phantasie erheblich übertrifft. Da der Wert solcher 
Untersuchungen und Feststellungen eben in ihrer Präzision liegt und diese 
in einem, kurzen Appendix zu einer Kritik nicht erreicht werden kann, so 
muß das Gesagte zur ersten Empfehlung der topologischen Methode aus* 
reichen. 

Der entscheidende Vorzug, den sie gegenüber den Verfahren hat, die 
meines Wissens in unserer — und der biologischen — Literatur vorliegen, 
besteht darin, daß sie unter genauer Berücksichtigung aller Einzelheiten der 
Anatomie und des Verhaltens eine scharfe Analyse der Ähnlichkeiten ge* 
stattet. Daß sie zwingt, sich an die Grundeinsicht zu halten, die eine wissen* 
schaftliche Bioanalyse sich gesichert haben muß: daß „Innen", „Außen" 
und alle Begriffe, die damit zusammenhängen, wie „Ausscheiden", „Auf* 
nehmen", nur auf eine bestimmte Grenze bezogen einen Sinn haben und 
daher bei Vergleichen zwischen verschiedenen Innengebieten oder Außen* 
gebieten die Vergleichbarkeit der Grenze unerläßliche Voraussetzung jeder 
wissenschaftlichen Aussage ist; daß sie schließlich diese Vergleichbarkeit jen* 
seits aller Metrik herstellt und sichert. 

VI. Nachwort. 

Die Psychoanalyse der Organe ist in Ferenczis eigener Beurteilung 
weder der wichtigste noch auch der kühnste, bedeutsamste und glücklichste 
der Gedanken, deren Fülle sein Buch zu sprengen droht. Sie ist im 
Zusammenhang der Genitaltheorie bloß ein Nebenweg. Aber die physiogno* 
mische Betrachtxmgsweise, die ich an ihr zu demonstrieren versuchte, steht 
so sehr im Vordergrund von Ferenczis Phantasie und Denken, daß eine 
Durcharbeitung der ganzen Genitaltheorie zu dem immer wiederholten — 
manchmal nicht auf der Hand liegenden — Nachweis physiognomischer 
Ähnlichkeiten führen würde. Bemüht, aus der Bioanalyse die Wissenschaft* 
liehen Aussagen herauszulösen, hätten wir diese Strukturähnlichkeiten immer 



Zur Revision der Bioanalyse 235 



^H wieder so zu formulieren, daß sie topologischer Behandlung zugänglich wer:* 
W^m den. Da aber Ferenczi fast alle Gebiete der Biologie berührt, kann man mit 
' ^ geringer Übertreibung sagen, daß in Ferenczis Ideenmaterial eine Physio»= 
gnomik der Organismen schlummert, die nach einer Topologie der Orga^ 
nismen, ihres Körperbaues, ihres Formwandels und ihres Verhaltens ver;» 
langt. Daß dieses Unternehmen mit den Mitteln heutiger Biologie und Topo:* 
logie begonnen werden kann, davon habe ich mich in Untersuchungen über== 
zeugt, die noch nicht publiziert sind. Sie haben mich gelehrt, daß die Deu=« 
tung der Ferenczischen Bioanalyse als "Wissenschaft, trotz vieler Verzichte, 
doch zu überraschenderen Resultaten führt als die naturphilosophische. Aber 
niemand wird wünschen, daß die zwei so sehr verschiedenen Aufgaben, zur 
Revision der Bioanalyse oder zur Vorbereitung einer Topologie der Orga== 
nismen beizutragen, miteinander verquickt werden. Im Zusammenhang jener 
Revision hat gewiß nicht mehr von dieser Topologie Anspruch auf Raum, als 
nötig schien, um die folgenden Thesen deutlich zu machen. Die An=» 
Wendung der in der Analyse geübten phy siognomis chen 
Betrachtung auf die Biologie erfordert, um Wissenschaft.* 
lieh zu sein, die Einführung eines Instruments, das die au f.* 
gewiesenen Ähnlichkeiten objektiv prüfbar und ein* 
deutig vergleichbar macht. Dieses Instrument liegt in der 
mathematischen Disziplin der Topologie bereit.*« 

48) Merkwürdigerweise hat auch die biologische Forschung dieses Denkmittel bisher 
noch nicht ergriffen. Vielleicht ist es jedoch bloß der Zufall meiner Literaturunkenntnis, 
daß ich keiner Studie begegnet bin, die sich explicite, resolut und konkret dieses Stoffes 
bemächtigt hätte. Denn die Topologie als allgemeinste Anordnungslehre, als sogenannter 
„Kalkül der Qualitäten" hegt in der Luft und drängt sich dem Biologen auf, aber — so* 
viel ich sehe — bloß durch Anwendung sehr abstrakter Gedankengänge (Woodger, 
L e w i n) oder mehr von ferne her (D r i e s c h, U e x k ü 1 1, M e y e r). Und das ist um so 
merkwürdiger, als schon der Erfinder der Änalysis situs ausgesprochen hat, daß die Topo;» 
logie der^ Biologie gehört. Unter den Vorteilen, die sein neuerfundener Kalkül „Änalysis 
der Lage" haben kann, erwähnt L e i b n i z : „Ferner wird er, außer in der Geometrie, 
auch in der Erfindung von Maschinen und in den Beschreibungen der Mechanismen der 
Natur bisher unbekannte Anwendungen verstatten." (L e i b n i z, Hauptschriften zur Grund* 
legung der Philosophie, Fehx Meiner, Leipzig, Zur Änalysis der Lage. Bd. I, S. 76); 
Ähnhch im Briefe an Huyghens vom 8. September 1679: „Man könnte dies Verfahren 
auch zu genauen Beschreibungen der Naturkörper, z. B. der Pflanzen und des Baues der 
Tiere benutzen . . . Wir sehen z. B., welche Reihe von geometrischen Schlüssen not* 
wendig ist, um uns den Regenbogen zu erklären, der doch eine der einfachsten Natur« 
erscheinungen ist; man kann hieraus ersehen, welche Kette von Folgerungen notwendig 
wäre, um die Struktur bestimmter Mischungen zu bestimmen, deren Zusammensetzung so 
äußerst fein ist, daß das Mikroskop, indem wir sie auf weniger als ihren lOO.OOOsten Teil 
reduziert betrachten, uns keine wesentliche Aufklärung gibt. Es wäre indessen einige Hoff* 
nung, dies Ziel teilweise zu erreichen, sobald diese wahrhaft geometrische Analyse be* 
gründet wäre." (L. c, Bd. I, S. 78 f.) Ein anderer großer Erfinder, ohne den die heutige 
Topologie nicht zu denken wäre, Cantor, versichert, die eigenthche Veranlassung zu 



II 



236 



Siegfried Bernfeld: Zur Revision der Bioanalyse 



Wie umfangreich immer der physiognomische Sektor in der Bioanalyse 
sein mag, die neun Kapitel des Buches von Ferenczi, in denen wir bisher nur 
gelegentlich und sehr parteiisch geblättert haben, während wir dem ersten 
Kapitel soviel Sorgfalt zugewendet hatten, enthalten manche Stelle, die ganz* 
lieh anderer Art ist, andere Aufgaben stellt und andere Folgerungen nahelegt. 
Obgleich die bioanalytische Literatur nicht umfangreich ist, geben die Ars^ 
beiten von Broughton, Brun, Ortvay und Alexander, die im 
Voranstehenden allein berücksichtigt sind, von ihr doch nur ein unge* 
nügendes Bild. Der entscheidend wichtigen Aufstellungen und Bemerkungen 
Freuds ist noch nicht einmal Erwähnung getan. Was von ihnen in die 
Bioanalyse eingegangen ist und worin die sehr tiefen Unterschiede bestehen, 
die sie von ihr trennen, ist nicht dargestellt. Was ich hier vorlegte, ist also 
bloß das Bruchstück einer Revision. Dies soll nicht entschuldigt und be* 
gründet werden; auch die Ankündigung späterer Fortsetzung bleibt in dieser 
unsicheren und der wissenschaftlichen Arbeit so ungünstigen, selbst feind» 
liehen Zeit besser fort. Der fragmentarische Charakter soll jedoch nachdrücke 
lieh betont sein, damit das so naheliegende Mißverständnis möglichst ver* 
mieden werde, als verträte ich die Meinung, in jenen zwei Thesen sei auch 
die Frage erschöpft, was Biologie und Psychoanalyse überhaupt einander 
bedeuten könnten; oder es sei in ihnen eine Kritik, Würdigung und Prüfung 
des Werkes von Ferenczi auf eine Formel gebracht. Vielmehr behandeln 
sie nur die Frage, was mit all den vielen und verblüffenden Analogien, zwi» 
sehen der Person und ihren Körperorganen, die Ferenczi nachweist, anzu=« 
fangen wäre, um sie zu wissenschaftlichen Aussagen zu machen, zu Be* 
hauptungen also, die auf ihre Richtigkeit geprüft werden können. 



seinen Untersuchungen über Punktmengen hätten ihm gewisse Anwendungen auf die 
Naturlehre der Organismen zwecks einer genaueren Ergründung des Wesens des Orga* 
nischen geboten. (Brief vom 22. September 1884.) — Lewins interessante Anwendung 
der Topologie auf psychologische Fragen steht hier nicht zur Diskussion. 



T 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 



f Zur Frage der Libidokriterien 

Von 

Imre Hermann 

Budapest 

In einer Abhandlung „Über die Einteilung der Triebe" gibt Bernf eld zwei 
Vorschriften zur Zuordnung einer Tatsache zum Bereich der Libido. Die erste 
wird das psychoanalytische Kriterium benannt und betrifft den Libidobegriff 
im Sinne der Sexualtriebe (zum Unterschied von den Ichtrieben), die zweite soll 
ein physiognomisches Kriterium sein und betrifft den Libidobegriff im Sinne der 
Lebenstriebe (zum Unterschied vom Aggressionstrieb). Diese zweite Vorschrift 
soll nach Bernfeld eine neue Untersuchungsrichtung, die objektiv gebaute 
topologische, erfordern.^ 

Sterba knüpft an Bernf eld an, stimmt der Bewußtmachung dieser zwei 
Libidoknterien zu, meint aber, das Gefühlsmoment der Lust sollte als das wesent=> 
lichste Element der ersten Vorschrift viel prägnanter betont werden. Es seien 
doch Lust und Sexualität einander zugeordnet. Das Libidokriterium muß damit, 
meint Sterba, schon gegeben sein: das Lustvolle.^ 

Es wäre vielleicht lohnend, wenn man die Verschiedenheiten der Auffassungen 
etwas schärfer und kühner ins Auge fassen würde. Merkwürdig genug: die 
grundlegenden Verschiedenheiten sind — in Bernfelds Arbeit gegenüber 
einer möglichen, in S t e r b a s Abhandlung gegenüber einer tatsächlichen Gegen, 
memung — nicht ausgesprochen. Sie müssen bewußt gemacht werden, wobei viel* 
leicht die Parteinahme der genannten Autoren nicht so intransigent ausfiele, wie 
sie hier herausgearbeitet wird. 

Erstet Gegensatz. — Sterba meint, Lust wäre gleich sexueller Lust. Daher 
kann Lust zugleich als Kriterium der Libido gelten. B e r n f e 1 d vermeidet diese 
einfache Art von Zuordnung und spricht von lustvollen Betätigungen an den 
erogenen Zonen. Dann — hat diese letztere Bestimmung einen überlegten Sinn 
— muß es auch andere Lustmöglichkeiten geben. Führe auch — wird er argu* 
mentieren können — bei jeder Lust ein psychoanalytischer Weg zu einem Libido^» 
tatbestande, so könne doch dieser ein angelehnter sein, 'das heißt, er könne auch 
eine andere, originäre Lustquelle verdecken. 

Hier sollte die eine oder die andere These mit B e w e i s e n belegt werden. Der 
Lust=Pluralist hat es leicht, er wendet sich an die subjektive Erfahrung, 
stellt sich also gerade auf den Standpunkt, den Sterba so stark unterstreicht' 

i) Bernfeld: Über die Einteilung der Triebe. Imago, Bd. XXI, 1935. 
2) Sterba: Über Libidokriterien. Imago, Bd. XXII, 1936. 



238 



Imre Hermann 



und weist hier die von niemandem bestreitbare Tatsache der Qualitätsunters 
schiede der Lustarten nach. Der Lust=Monist hat es scheinbar noch leichter, denn 
er erwidert: die qualitativen Unterschiede sind unwesentliche Unterschiede, im 
Wesen besitzt jede Lust die gleiche Qualität. Ja, wieso im Wesen? Ist etwas als 
wesentlich anerkannt, dann müssen wir nachforschen, von welchem Standpunkte 
aus es als wesentlich statuiert wurde. Und dann werden wir entweder auf die un= 
ausgesprochene Voraussetzung stoßen, es gebe nur eine Art von Lust, die 
dann nachträglich als Tatsache herausgelesen wird, oder aber es gilt, Beweise 
zu produzieren. Wie könnte aber solch ein Beweis aufgebaut sein, wenn er nicht 
das Subjektive, die Qualität, beinhalten soll? Er könnte auf objektivem 
Gleichheitsnachweis der zur Lust führenden Abläufe fundiert sein. 

Ein als objektiv zu betrachtender Gleichheitsnachweis könnte entweder speku« ' 
lativ*prinzipiell oder empirisch versucht werden. Den ersten Weg geht auch 
S t e r b a, indem er Freuds Erkenntnis, das Lustprinzip vertrete den Anspruch 
der Libido, heranzieht. Hier erscheint aber nochmals die zu beweisende Tatsache 
als Voraussetzung, denn Lustprinzip als allgemeines Richtungsprinzip der Ab* 
laufe wird mit Auftreten von Lust und Schmerz gleichgesetzt, das doch historisch 
dem allgemeinen Richtungsprinzip vorausgehen muß. Diese Gleichsetzung von 
Prinzip und Erscheinung wäre erst zu rechtfertigen. Bis zu solch einer Recht» 
fertigung m.öchte ich eher daran festhalten, daß ebenso wie die theoretisch ange» 
nommenen Lebens» und Todestriebe vom Anfange alles Lebens an wirken, auch 
Lust und Schmerz als Erlebnis, nicht aber als Prinzip vom Beginne jedes be» 
wußten Lebens an erscheinen. Man vergesse nicht, daß ursprünglich durch 
F r e u d ^ — nicht unbegründet — Lust aus Spannungsverminderung, sonach in der ! 
Sprache späterer Theorie, aus einem Todestriebäquivalent entstehend gedacht 
wurde. So liegt gerade spekulativ#theoretisch die Möglichkeit offen, dem Ag» 
gressionstrieb könnte auch eine Art Lust entsprechen, die von dieser Ursprung» 
liehen, die Spannungsverminderung begleitenden Lust abgeleitet wäre. Die Libido 
selbst hätte sich an diese ursprüngliche Art anlehnen, sich ihrer bemächtigen, sie 
uniformen können — bis zur lustvollen Spannung des Genitaltriebes. Ein empi» 
rischer Beweis, es gebe nur eine Art von Lust, könnte aber nur in dem Falle 
Geltung beanspruchen, wenn er durchwegs objektiv, das heißt durch den von 
Fall zu Fall gelingenden Nachweis eines faktisch verfolgbaren Kriteriums ge» 
führt würde. Freud nennt in seiner Arbeit „Das ökonomische Problem des 
Masochismus" mehrere objektive Qualitäten — Rhythmus, zeitlicher Ablauf in 
der Veränderung, Steigerungen und Senkungen der Reizquantitäten — , an 
welchen die Lust möglicherweise hängen könnte. Jeder derart gebaute Beweis 
wirft nochmals die Frage der Zuordnung von Lust und einem außer ihr erkenn» 
baren Objektivem auf. 

Zweiter Gegensatz. — Auf diesen stießen wir schon öfters im Rahmen des ersten, 
im letzten Satze ist er wieder emporgetaucht. Bernfeld meint, das Kriterium 
soll möglichst objektiv sein, objektive Merkmale enthalten, S t e r b a will das 
Subjektive als einziges Kriterium nicht fallen lassen. Bernfeld will zur neuen 



Zur Frage der Libidokriterien 



239 



objektiven Wissenschaft, der Topologie, gelangen, für S t e r b a scheint jede Be* 
Stimmung außer der Lust als Libidokriterium verwirrend und nichtssagend zu 
sein. Wie mir scheint, ist S t e r b a darin zuzustimmen, daß praktisch^therapeu* 
tisch das subjektive Erlebnis der Lust bei vermutlich sexuellen Trieb äußer ungen 
des Patienten das Ausschlaggebende ist. Wie aber, wenn etwa die Frage aufge# 
werfen wird, ob Libido beim Anwachsen gut== oder bösartiger Geschwülste mit* 
beteiligt sei oder nicht? Man kann den Satz: Wo Lust, dort Libido — ange# 
nommen, er sei bewiesen — nicht ins Negative umkehren und den Satz ge# 
winnen: wo keine Lust, ist auch keine Libido. 

Da beruhigt uns wieder die der Objektivierung gegnerische Stellungnahme, 
man müsse nur abwarten, das psychoanalytische Verfahren werde — wenn das 
Anwachsen libidinös bedingt ist — diese Lust schon nachweisen können. Doch 
entsteht die Frage, wie S t e r b a der Libidotheorie — der Theorie, der Sexual« 
trieb werde, in welcher Erscheinungsform er auch waltet, durch eine einzige 
quantifizierbare Energieart, eben der Libido, gespeist — gegenüber stehe. Wenn 
diese Theorie nichts mehr aussagt als die L u s t^Theorie : die (sexuelle) Lust sei 
einheitlichen Ursprungs, so ist die Annahme einer Libido tautologisch, führt 
zu keiner weiteren Erkenntnis. Sie besagt aber mehr, sie stellt den Kontakt 4es 
Subjektiven mit dem Physiologischen her, sie spricht aus, daß das subjektive 
Lustphänomen objektiviert werden kann, in der Sprache der übrigen Natur* 
Wissenschaften bestimmbar ist. Das führt aber zur Verpflichtung, über 'das 
Tautologische hinweg die Möglichkeit einer neue Gebiete erschließenden objek* 
tiven Vorschrift anzuerkennen und diese Vorschrift tatsächlich herauszu* 
arbeiten.^ , ■ , 



3) Vgl. Hermann: Die Psychoanalyse als Methode. Int. Psa. Verlag, Wien, 1934, 
S. 105 f. 



BESPRECHUNGEN 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

MENG, HEINRICH: Historische Grundlagen Freudscher Forschung. Zum 80. Geburtstai 
Sigmund Freuds am 6. Mai 1936. Sonderabdruck aus „Gesundheit und Wohlfahrt" 
Zürich, Orell Füßh, 1936. 7 Seiten. 

Aus dner Vorlesungsreihe „Einführung in die wissenschaftliche Welt der Psycho. 
analyse" hören wir hier die Einleitung, welche die Wissenschaftslage der Neurologie ir 
den 80==er Jahren des vorigen Jahrhunderts, C h a r c o t s Hysterie»^Forschungen, die hypno. 
tische Methode, Breuers Entdeckung und die erste Form der Psychoanalyse darstellt 
Die knappen, doch klaren Ausführungen sind mustergültig zu nennen. Eine ein« 
gehendere Darstellung der historischen Grundlagen Freudscher Forschung hätte außei 
dieser „neurologischen" Lage noch die zeitgenössischen Bewegungen, wie z. B. die Frauen= 
emanzipation oder die Syphilisforschung, die zeigte, daß sexuelle Ausschweifungen an sici 
keine Ursache der Rückenmarksschwindsucht seien, u. a. m. in Betracht zu ziehen. 

I. Hermann (Budapest) 




Aus- der Literatur der Grenzgebiete 

KRÄGELOH, KONRAD: Einsfühlung. Ihr Wesen und ihre Bedeutung für die un. 
mittelbare Erziehung. München, Verlag Ernst Reinhardt, 1936. XII und 193 Seiten. 

Der Begriff „Ei ns f ü h 1 un g" im Sinne von Identifizierung wurde zuerst von Max 
S c h e 1 e r in seiner Arbeit über „Wesen und Formen der Sympathie" geprägt und dort 
von dem älteren Begriff der Einfühlung unterschieden. Die vorliegende jugend:» 
psychologische Untersuchung eines Pädagogen behandelt im Hauptteil zunächst die un* 
bewußte „seelische Einsfühlung" mit Dingen und Menschen, die als eine Urform des 
Lebensverhaltens bezeichnet wird. In dieser Kinder und Jugendliche kennzeichnenden 
Einsfühlungsgabe erbHckt der Verfasser „den Zugang zur jungmenschlichen Wirkhchkeit". 
Gemeint ist nicht nur die beseelende, personifizierende Tendenz der Primitiven und der 
Kinder als Ausdruck einer weitestgehenden narzißtischen Identifizierung mit der Umwelt, 
sondern auch die narzißtische Neigung, seine eigenen Gefühle auf den Nebenmenschen 
zu projizieren, ihn nach sich selbst zu beurteilen. Im Geistigen führt diese Einsfühlung 
dann zu Fiktionen. An Selbstzeugnissen Jugendhcher, Schülerarbeiten, die Krägeloh 
durch eine Reihe von Jahren tagtäglich schreiben ließ, erweist er die segensvolle Funk* 
tion der seelischen Einsfühlung in der Frühzeit, aber auch ihre Gefahren für die not* 
wendig werdende Erkenntiiis der Wirklichkeit. Proben aus Schüleraufsätzen werden schon 
in der Einleitung herangezogen, um die drei typischen Merkmale der Pubertät darzulegen: 
das körperhebe Schwächeempfinden, das Werterleben und das soziale Fühlen. Auf der 
Grundlage der seelischen Einsfühlung entwickle sich dann beim ReifHng die echte s i 1 1* 
liehe Einsfühlung als gemeinschaftsgründendes Bewußtsein im Vorgang der Charakter* 
reifung: durch jene lerne er erst sich selbst und den anderen kennen. Sittliche Eins* 
fühlung sei unmittelbare, wirkUche Erziehung und gründe sich auf Identifizierung mit vor* 




Besprechungen 



241 



^m bildlichen Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart. Durch eiaen Akt der 
H Selbstaufgabe werde der Jugendliche der andere in seiner Lage (nicht umgekehrt wie bei 
^m der die Wirklichkeit des anderen zumeist verfehlenden seelischen Einsfühlung)- er er«- 
^m lebe dessen Verantwortung im Dienste der Gemeinschaft und dessen Pflicht Entscheidung 
^rt gen zu treffen. Bei diesem Prozeß der Selbsterziehung faUe auch dem Erzieher eine wich^ 
tige Rolle zu, der ja neben dem Körper alter und I n t ellige nz a Ite r dasCha* 
r akter alter des Schülers besonders beachtet. Daß der JugendÜche auf diese höhere 
Stufe gelangt, ist nach Ansicht des Verfassers niemals durch Psychologie zu erklären 
„Das Wunder der sittUchen Einsfühlung" werde in Wahrheit durch überpersönliche Mächte 
bewirkt; es bestehe ein wesenhafter Zusammenhang zwischen dem SittHchen und der 
Volksgemeinschaft. Hier wendet sich Krägeioh mit Schärfe gegen Max S c h e 1 e r 
dem er individuahstische Auffassung und IntellektuaÜsierung des Heldischen und Religio^ 
sen zum Vorwurf macht. Bei solcher Haltung, die den Menschen ganz auf sich selber 
stellt, erscheine das Opfer für den anderen, die Hingabe des eigenen Lebens für die 
Gemeinschaft sinnlos. S c he 1 e r frage nur, w o h e r das stammt, in dem jemand sich mit 
dem anderen einsfühlt, aber nicht, worin sich jemand mit dem anderen einsfühlt; für 
das allen Menschen Gemeinsame, Freude und' Trauer, habe dieser Denker kein Auge. 
Die unter dem Einfluß Eduard S p r a n g e r s stehenden Ausführungen K r ä g e 1 o h s 
künden von praktisch==pädagogischer Erfahrung und sind von großem Idealismus 
sowie erfreulichem Verständnis für das Seelenleben der Jugendlichen getragen. Die Sprache 
des Autors befleißigt sich lobenswerter Reinheit und Schlichtheit. Trotz der vorwiegend 
weltanschaulichen Tendenz verdient die Schrift auch schon wegen der bekenntnishaften 
Äußerungen der Schüler das Interesse des Psychologen. Irgend ein Hinweis auf die 
Psychoanalyse findet isich nicht. 

A.v. Winterstein (Wien) 



[ JUNG, C. G. : Analytische Psychologie und Erziehung. Drei Vorlesungen, gehalten in 
London, im Mai 1924. Zürich und Leipzig, Rascher, 1936. 95 Seiten. 

Wer Sinn und Verständnis dafür hat zu sehen, wie auch geistige Entdeckungen und Er« 
t.kenntnisse organisch aus ihrer Zeit herauswachsen, wird nicht ohne Anteikahme die Ent« 
Wicklung der Psychoanalyse verfolgen können. 

Mit der Wende des 19. Jahrhunderts blüht die neue Wissenschaft auf und findet ihre 
I klassische Formulierung im Lebenswerke von Freud. Es scheint nun nicht leicht zu sein, 
I sich in die Rangordnung wissenschaftlicher Hierarchie taktvoll einzuordnen, ohne dem 
, schmerzhchen Gefühle Raum zu geben, von einem helleren Gestirne überstrahlt zu werden. 
' Betrachtungen dieser Art steigen dem Leser bei der Lektüre des vorliegenden Buches 
jauf, das vor zehn Jahren zum ersten Male im Niels Kampmann Verlag in Heidelberg er* 
f schienen war und nun von Rascher Zürich unverändert übernommen worden war. 

In drei Vorträgen wird die analytische Psychologie entwickelt, die die psychologische 
I Begabung und Darstellungskunst von Jung nicht verleugnen. Der Autor schildert, wie 
I er über das Assoziations^'Experiment zur Annahme unbewußter gefühlsbetonter Kom»« 
j plexe gekommen sei, wie er Freuds Schüler wurde, wie aber dessen „Sexualtheorie und 
1 sein in dieser Hinsicht äußerst bedauerhcher Dogmatismus" ihn schließlich genötigt hätte, 
I sich wieder von ihm zu trennen. 

Der erste Vortrag unterscheidet fünf Gruppen seelischer Störungen, „von deren Vor.» 
handensein jeder Erzieher wissen sollte": das geistig defekte Kind, das moralisch defekte 
[ Kind, das epileptische Kind, das neurotische Kind und die Formen der Psychose. 

Imago XXIII/2 jg 



242 



Besprechungen 



Der zweite Vortrag schildert die vier Methoden, das „Unbekannte" bei einem Patienten 
zu erforschen : die Assoziations<<Methode, die Symptomanalyse, die anamnestische Analyse 
und die Analyse des Unbewußten, wobei er gütig beifügt: „Ich bitte zu beachten, daß ich 
diese vierte Methode nicht .Psychoanalyse' nenne, da ich diesen Ausdruck ganz den 
Freudianern überlasse. Was sie unter Psychoanalyse verstehen, ist in Wirkhchkeit Sexual* 
analyse". 

Der dritte Vortrag skizziert das „kollektive Unbewußte". „Kollektiv", weil es nicht ein 
individuell Erworbenes ist, sondern das Funktionieren der ererbten Gehirnstruktur, die in 
ihren allgemeinen Umrissen die gleiche ist bei allen menschlichen Wesen, in gewisser 
Hinsicht sogar bei allen Säugetieren". „In der Freud sehen Doktrin hat das kollektive 
Unbewußte keinen Platz", sagt Jung. Angeschlossen werden drei Krankengeschichten von 
Mrs. F. W i c k e s, Lehrerin und beratender Psychologin an der St. Agatha^Schule in 
New»York. 

Der Autor läßt keine Gelegenheit vorbei, ohne gegen die Freud sehe Psychoanalyse 
aiifs heftigste zu polemisieren. Der Stein des Anstoßes ist die Sexualität und im Beson« 
deren die infantile Sexualität. „Solch eine Hypothese weitester Verwendbarkeit wirkt am 
Anfang wie eine optische Täuschung: sie verwischt alles Andersfarbige und man sieht nur 
noch rot". Daß hier Jung nur noch „rot sieht", ist aber wohl kaum ein Problem der 
Wissenschaft Psychoanalyse, sondern ein psychoanalytisches Problem einer empirischen 
Person. 

Ganz hübsch ist, wenn er sägt: „Unsere Methode ist das Begreifen des Lebens, wie es 
sich in der Seele des Menschen darstellt" oder „Die meisten der frühesten Lebensein« 
drücke werden bald vergessen , und bilden die infantile Schicht des persönlichen Lhiter» 
bewußten, wie ich es nenne", oder „Es ist wirklich fast unmöglich, gewöhnliche Träume 
zu deuten, ohne den Träumer persönlich zu kennen". 

Recht dunkel sind Sätze wie der folgende: „Das ererbte Gehirn ist das Resultat des 
anzestralen psychischen Lebens". Unnötig ist es doch wohl, den guten Ausdruck „Über.« 
tragung" mit „Kontakt" zu übersetzen, oder statt Wunscherfüllung „Kompensationsfunfe 
tion" zu sagen. Verdrängung wird in „Unterdrückung" verbessert. Schließlich sei noch 
der Satz vermerkt: „In Wirklichkeit könnte keine moralische Verurteilung die Sexualität 
so verhaßt machen, wie die Obszönität und die verblendete Dummheit der psychoana* 
lytischen Literatur es tut". Ph. Sarasin (Basel) 



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Frontispiece : Dorian Felgenbaum. — In Me- 
moriam: Dorian Feigenbaum. — Dorian 
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Mechanlsm. — Helene Deutsch: Absence of 
Grlef. — Thomas M. French: Reality and 
the Unconscious. — Thoraas M. French: 
Reality Testing in Dreams. — Milton L. 
Miller: Balzac's Pere Goriot. — Edwin R. 
Eisler: Regression in Gase of Multiple Phobia. 
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Structure of the Total Personality. — Book 
Reviews. — Current Psychoanalytic Literature. 
— Notes. 

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IMAGO, Band XXIII (1937), Heft 2 



(Ausgegeben im Juni 1957) 

Seite 

Ernest Jones: Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. Eine Studie über Charaktertypen 129 

Marie Bonaparte: Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen ■ 154 

Franz Alexander: Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 142 

Thomas M. French : Die Realitätsprüfung im Traum 157 

Rene Spitz: Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 171 

Siegfried Bernfeld: Zur Revision der Bioanalyse i97 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Imre Herrnann: Zur Frage der Libidokriterien 237 

BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: Meng: Historische Grundlagen Freudscher Forschung 
(Hermann) 240. 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Krägeloh: Einsfühlung (PFinterstein) 241. — Jung: Analytische 

Psychologie und Erziehung (Sarasin) 241. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

Dß. FRANZ ALEXANDER, 43 East Ohio Street, Chicago, ill. 

DR. SIEGERIED BERNFELD, 51 Buckland Crescent, London, N.W. 3. 

Mme. MARIE BONAPARTE, 6, rue Adolphe Yvon, Paris XVI. 

DR. THOMAS M. FRENCH, 43 East Ohio Street, Chicago il. 

DR. IMRE HERMANN, Filler-u. 25, Budapest IL 

DR. ERNEST JONES, 81 Harley Street, London, W. i. 

DR. RENE SPITZ, 18 bis, rue Henri Heine, Paris XVI. 



Wir bitten zu richten: 
Redaktionelle Zuschriften an die Redaktion der „Imago", Internationaler Psycho* 

analytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7 
Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Wien IX, Berggasse 7 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H., Wien IX, Berggasse 7 
Herausgeber ; Prof. Dr.Sigm. Freud. Wien— Verantwortlichfür die Redaktion: Dr. RobeTtWälder, Wien II, Obere DonaustrafleSS 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Groi3e Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



IMAGO, Band XXIII (1937), Heft 2 



(Ausgegeben im Juni 1937) 

Seite 

Ernest Jones: Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. Eine Studie über Charaktertypen 12g 

Marie Bonaparte: Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 134 

Franz Alexander : Die soziologische und die biologische Orientierung in der Psychoanalyse 143 

Thomas M. French : Die Realitätsprüfung im Traum 157 

Rene Spitz: Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 171 

Siegfried Bernfeld: Zur Revision der Bioanalyse 197 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Imre Hermann: Zur Frage der Libidokriterien 237 

BESPaECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur : Meng: Historische Grundlagen Freudscher Forschung 
(Hermann) 240. 

j4us der Literatur der Grenzgebiete: Krägeloh: Einsfühlung (Winterstein) 241. — Jung: Analytische 
Psychologie und Erziehung (Sarasin) 241. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

DR. FRANZ ALEXANDER, 43 East Ohio Street, Chicago, 111. 

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DR. IMRE HERMANN, Filler-u. 25, Budapest IL 

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1937 



Heft 2 



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IMAGO 



^eitsdirilt für psydioanalytisJie Eydioloeie 
ihre Grenzgebiete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psyc]ioanalytis<jien Vereinigung 



H 



erausgegeben von 



Sigin.Freua 

Redigiert von £mst Kj^s und Robert W^älJer 



Ernest Jones Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. Eine Studie 

über Charaktertypen 

Marie Bonaparte Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 

Franz Alexander ..... Die soziologische und die biologische Grien* 

tierung in der Psychoanalyse 

Thomas M. French .... Die Realitätsprüfung im Traum 

Ren£ Spitz Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 

Siegfried Bernfeld Zur Revision der Bioanalyse 

Imre Hermann Zur Frage der Libidokriterien 

Besprechungen