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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXI 1935 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XXI. Band 



1935 



Heft 2 



Über die Einteilung der Triebe 

Von 

Siegfried Bernfeld 

Menton 

„Die schwierige und nicht leicht abzuweisende Frage, an welchem allge- 
meinen Charakter wir die sexuellen Äußerungen . . . erkennen wollen", 1 hat 
in der Psychoanalyse wenig Berücksichtigung gefunden. 2 Sie ist durch die 
Diskussion übertönt worden, ob es zwei Triebe gibt, und welche. Beachtet 
man, daß Trieb, wie Freud immer wieder unterstreicht, ein wissenschaft- 
licher Begriff ist, der von beobachtbaren Sachverhalten sehr weit entfernt ist, 
und daß es daher nicht zu unterscheiden gilt, ob es diesen oder jenen Trieb 
„gebe", sondern ob man ihn „annehmen" solle, so wird man der Vermutung 
zugeneigt, es könne manche der „Unstimmigkeiten" in unserer Trieb- 
lehre aufgehoben werden, wenn man sich der Mühe unterziehen wollte, das 
Kriterium der Einteilung der Triebe eingehend und gesondert zu prüfen. 
Kann auch kein sogleich angebbarer auffallender Nutzen von solcher Klärung 
erwartet werden — „wir tasten in der Trieblehre noch so sehr im Dunkel, daß 
auch eine bescheidene Aufklärung erwünscht sein mag". 

Wenn wir zwei Grundtriebe annehmen, erwächst uns die Aufgabe, die 
Welt der beobachteten und beobachtbaren Triebäußerungen in zwei Klassen 
einzuteilen, die je einen anderen Namen tragen. Diese Namen haben be- 
kanntlich gewechselt; die Zweizahl der Klassen ist die gleiche geblieben. Jeder 
der Etappen, in denen sich die Entwicklung der Trieblehre vollzog, ent- 
spricht ein anderes Namenspaar. „Sexualtrieb" und die „anderen Triebe" 
(Ich-Triebe) stellten die „Drei Abhandlungen" auf; von Objektlibido und Ich- 
Libido, ohne ganz deutliche Abgrenzung, ist in der „Einführung des Narziß- 



i) Freud, Drei Abhandlungen, Ges. Sehr., Bd. V, S. 55. 

2) Saussure, Evolution de la notion d'instinct; L'Evolution psychiatrique, I., IL, Paris 
1927, ist, soviel ich sehe, die einzige ausführliche Arbeit; sie berücksichtigt aber vornehmlich 
die nicht psychoanalytischen Schulen. 
Imago XXI/2 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



126 Siegfried Bernfeld 



mus" die Rede; Lebenstriebe und Todestriebe erscheinen in „Jenseits des 
Lustprinzips"; Eros und Destruktion, oder auch Sexualtriebe und Aggression 
sind die Ausdrücke, die sich seit dem „Unbehagen in der Kultur" durch- 
setzen. Da aber selbstverständlich die Entwicklung der Trieblehre nicht in 
bloßen Namensänderungen besteht, und da der Gegenstand der Einteilung 
ebenfalls ungeändert geblieben ist (immer handelt es sich um Triebäußerun- 
gen), so muß sich entweder der Begriff des Triebes oder das Prinzip der Ein- 
teilung gewandelt haben. 

Im folgenden prüfe ich die Wandlungen des Triebbegriffs nicht und erörtere 
ihn selbst überhaupt nicht. Ich nehme an, darüber seien wir uns in jedem 
einzelnen Fall völlig klar, ob irgend etwas zu den „Trieben" gehöre, also als 
Triebhandlung, Triebäußerung, Triebabkömmling, Triebschicksal, Trieb- 
äquivalent usw. anzusprechen sei. Die Frage, der wir uns widmen, sei aus- 
schließlich die, was uns bei der Entscheidung leitet, die wir tagtäglich treffen, 
indem wir solche Triebhandlungen dem Sexualtrieb oder einem anderen 
Trieb zuzählen. Wir fühlen uns dabei recht sicher und können doch nicht 
einfach angeben, was unser Einteilungskriterium ist. „Definitionen sind 
schwierig." Aber nicht darum allein folge ich dem Gebrauch der modernen 
Wissenschaftstheorie und spreche handgreiflicher statt von abstrakten Defini- 
tionen von der Vorschrift, die wir bei der Zuteilung von Triebhandlungen 
zur Klasse Sexualtrieb oder zur anderen Klasse, als für uns verbindlich an- 
erkennen. Freud hat eine Einteilungsvorschrift als solche nicht ausge- 
sprochen; sie ist natürlich in den Schriften zur Trieblehre imftlicüe enthalten 
und kann aus ihnen herausgehoben und formuliert werden. Das ist es, was 
ich für jede der Phasen der Trieblehre gesondert versuchen möchte, um die 
Änderung des Kriteriums, die in ihnen erfolgte, deutlich zu machen. 

Für die erste Etappe finden wir den Zugang zu der gesuchten Vorschrift in 
dem Satz der „Drei Abhandlungen": „Die Triebe unterscheiden sich von- 
einander durch ihre Beziehung zu ihren somatischen Quellen und ihrem 
Ziel." 3 Hieraus folgt mindestens eindeutig, wie die Einteilung nicht zu ge- 
schehen habe, denn am Trieb läßt sich Objekt, Ziel und Quelle unterscheiden; 
als Kriterium der Einteilung jedoch sollen die Unterschiede in bezug auf das 
Objekt nicht in Betracht kommen. Aber auch um das Ziel sollen wir uns 
nicht kümmern, denn es ist von der Quelle abhängig, wie uns ein etwas ge- 
naueres Studium der „Drei Abhandlungen" belehrt. 

Bleiben wir danach auf die Quelle allein verwiesen, so ist die Einteilungs- 
aufgabe überaus einfach und doch merkwürdigerweise nun erst interessant und 
schwierig geworden. Die Beziehung einer Triebhandlung zu ihrem Objekt 
und Ziel liegt offen zutage, die Beziehung zu ihrer Quelle hingegen kann man 



3) Freud, Ges. Sehr., Bd. V, S. ji. 



Über die Einteilung der Triebe 



127 



ihr nicht ohne weiteres ablesen. Die populäre Einteilung in Ernährungstriebe, 
Selbsterhaltungstriebe, Vollkommenheits-, Spiel-, Herdentriebe hat ihr Kri- 
terium gerade in „Objekt" und „Ziel". Hat man die Vorstellung eines 
Triebes gebildet, so werden solche Gruppierungen billig zu haben sein, die 
Selbstbeobachtung und die Beobachtung bieten sie ohne Mühe dar. Die Quelle 
hingegen muß erst entdeckt werden, d.h. das Beobachtungsmaterial muß 
durch bestimmte Forschungsarbeiten für die Einteilung reif gemacht wer- 
den. Diese wird dadurch eine Angelegenheit der Wissenschaft; sie zeitigt vor- 
her unbekannte, vielleicht sogar unerwartete Ergebnisse und hört auf, eine 
Frage der bloßen Nomenklatur zu sein. Ist diese Vorarbeit geleistet, so ist 
die Zuteilung selbst so einfach wie möglich geworden: was einer bestimmten 
Quelle entspringt, gehört in die Klasse „Sexualtrieb"; alles übrige zu den 
„Ich-Trieben". Dieses Mißverhältnis zwischen Einfachheit der Einteilungs- 
operation und Kompliziertheit der vorgängigen Forschungsarbeit ist übrigens 
gerade für manche der bedeutsamsten wissenschaftlichen Theorien be- 
zeichnend. 

Als Triebquelle nimmt Freud einen bestimmten erregenden Vorgang im 
Körper an, nach dessen Verschiedenheit sich die zugehörigen Triebe differen- 
zieren. Die gemeinten Vorgänge werden sich voneinander in vielen Hinsich- 
ten unterscheiden; als Einteilungsgrund für die Triebe zeichnet Freud die 
chemische Natur aus; daneben bleibt der physiologische Charakter 
(Spannungszustände in bestimmten Geweben, Schleimhautpartien z. B.), jedoch 
in zweiter Linie, beachtet. Das Kriterium ist also ein chemisches; es 
schreibt als vorbereitende Forschungsarbeiten, auf Grund deren die Zuteilungs- 
operation erfolgen soll, solche vor, die „zur Chemie gehören". 

Von einer Vorschrift dürfen wir verlangen, daß sie eine ausführbare Leistung 
fordere. Dies chemische Kriterium ist daher unbrauchbar: denn 
die Chemie steht ratlos vor der ihr zugemuteten Leistung. Eine Vorschrift, 
die nicht eingehalten werden kann, ist in der Wissenschaft eigentlich über- 
haupt keine. Mag sein, daß die Physiologie früher als die Chemie in der Lage 
sein wird, den entscheidenden Unterschied zwischen den gedachten Erregungs- 
vorgängen in den Körperorganen zu erfassen. Heute läßt sich auch ein 
physiologisches Kriterium nicht als durchführbare Vorschrift 
aussprechen. Es findet sich andererseits keine weitere Formulierung bei 
Freud, die auffällig genug kriteriumartig wäre, um durch ihre Form zur 
Prüfung ihres Vorschriftsgehaltes aufzufordern. Da die Psychoanalyse aber 
nicht auf die künftigen Ergebnisse anderer Wissenschaften wartet, sondern 
zahllose konkrete Zuteilungen vornimmt, so ist das wirkliche, nämlich das 
befolgbare und befolgte Kriterium offenbar weder das chemische noch das 
physiologische. Wenn Freud die chemische Auffassung des Triebes als un- 



erläßliche Voraussetzung zum Verständnis der psychoanalytischen Trieblehre 
ansieht und auch in den neuen Vorlesungen diese Meinung nicht geändert hat, 
so ist das ein Hinweis darauf, daß die Chemie (und ähnlich die Physiologie) 
im ganzen der Psychoanalyse eine wichtige Funktion zu erfüllen hat, wenn- 
gleich nicht die eines Einteilungskriteriums. Diese andere Funktion zu be- 
stimmen, ist nicht Sache dieses Aufsatzes. 

Um uns deutlich zu machen, was die Psychoanalyse also tatsächlich vor- 
schreibt, suchen wir einen Fall auf, in dem Freud das pro et contra einer 
Zuteilung diskursiv verteidigt. In den „Drei Abhandlungen" diskutiert Freud 
die strittige Zuteilung des Ludeins zu den Sexualtrieben und findet die Ent- 
scheidung, „daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen 
wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen haben, 
uns berechtigt, das Ludein als eine sexuelle Äußerung in Anspruch zu 
nehmen". 4 Jeder Psychoanalytiker wird in diesem Satz das Verfahren wieder- 
erkennen, das er selbst tatsächlich anwendet. Danach fordert die Vorschrift, 
daß die Aufdeckung jener nicht direkt beobachtbaren Eigenschaften, die der 
Zuteilungsoperation vorangehen muß, weder durch chemische noch durch 
physiologische, sondern durch psychoanalytische Forschungsarbeit zu erfolgen 
habe. Das Kriterium — oder wenn man es genauer will: die Kriteriums- 
klasse — ist psychoanalytisch. Es würde sich nicht lohnen, die Banalität 
auszusprechen, Freud befolge ein psychoanalytisches Kriterium, wenn der 
Sachverhalt auch in der späteren Trieblehre so einfach geblieben wäre. Dieser 
Hinweis sei dem Autor in der Furcht vor der Ungeduld seines Lesers ge- 
stattet. 

Übrigens wird auch nur derjenige, der die Psychoanalyse, oder wenigstens 
die Analyse am Analysanden, als Ganzes akzeptiert, als ein wohlbegründetes 
Verfahren ansieht und zudem genügend konkrete Vorstellungen davon hat, 
was sich in einer Analyse ereignet, anerkennen können, daß jener Satz eine 
durchführbare Vorschrift enthalte. Wir wissen, daß sie uns eindeutig sagt, was 
wir zu tun haben. Ich zähle beispielshalber auf: "Wenn im Laufe einer Analyse 
die fragliche Triebhandlung ihre Abstammung aus einer Onaniephantasie er- 
weist; wenn sie durch Verdrängung von einem sexualorgastischen Erlebnis 
getrennt wurde, das ursprünglich mit ihr verbunden war; wenn sie dieselbe 
Funktion im seelischen Ganzen erfüllt, die früher (oder „normalerweise") von 
einem sexuellen Affekt oder einer sexuellen Handlung erfüllt wurde — dann 
wird sie zu ein und derselben Klasse gezählt werden, nämlich zu den Sexual- 
trieben. In allen diesen Fällen nämlich ist ein Zusammenhang von der Art 
aufgedeckt, wie er für Einteilungen und Einsichten in der Psychoanalyse über- 
haupt bestimmend ist. 

4) Ges. Sehr., Bd. V, S. 55. 



Über die Einteilung der Triebe 



129 



Genauer darzustellen, was in der Psychoanalyse Zusammenhang heißt, ist 
in diesem Aufsatz nicht möglich. Es genügt wohl auch der Hinweis darauf, 
daß der uns wesentliche, wenn auch nicht der einzige Sinn des "Wortes „Zu- 
sammenhang" der genetische ist. 5 Zusammenhang scheint uns immer erkannt, 
wenn durch Psychoanalyse ein Abstammungsverhältnis aufgedeckt wurde. 
(Wobei natürlich „Abstammung" eine klar festlegbare, aber nicht genau die- 
selbe Bedeutung hat wie in der Biologie, Genealogie und anderen Wissen- 
schaften.) Mit Hilfe der Vereinfachung, das "Wort „Zusammenhang" bedeute 
ein Abstammungsverhältnis, läßt sich die Vorschrift, die der Einteilung der 
Triebe in der ersten Etappe zugrunde liegt, und die ich als psychoanalyti- 
sches Kriterium bezeichne, etwa so aussprechen: Alles, was mit der 
Sexualität im üblichen Wortsinn zu tun hat; alle lustvollen Be- 
tätigungen an den erogenen Zonen; und schließlich alles, was 
nach analytischer Arbeit davon abstammt, gehört zu den Sexual- 
trieben; alles andere, soweit es eine Triebäußerung ist, wird den 
Ich-Trieben zugezählt. Der Umfang des populären Begriffs Geschlechts- 
trieb ist hier somit doppelt erweitert: die erogenen Zonen werden ihm hinzu- 
gefügt und der Abstammungszusammenhang wird mitberücksichtigt. Die Be- 
rechtigung dieser Erweiterung gehört nicht zu den Fragen, denen dieser Auf- 
satz gewidmet ist. 

Welchen Namen man einer auf Grund eines bestimmten Kriteriums auf- 
gestellten Klasse von Dingen geben will, pflegt als Konvention angesehen zu 
werden. Aber die Erfahrung zeigt, daß die Namensgebung von entscheidender 
Wichtigkeit ist. Freilich ist es für die Einteilungsoperation irrelevant, ob wir 
von Klasse T t und T 2 oder von Sexual- und Ich-Trieben sprechen, wenn nur 
die Buchstaben und Worte tatsächlich nichts anderes bedeuten als eben genau 
die Namen einer Klasse. Ich meine, dies ist in der Psychoanalyse nicht der 
Fall. Es wäre auch unbegreiflich, was Freud veranlaßt haben könnte, so ent- 
schieden und erfolgreich auf dem Worte Sexualtrieb zu bestehen, wenn ein 
anderer Ausdruck völlig denselben Dienst täte und zugleich ernstlich un- 
nötige Widerstände ersparte. Die Wahl des Namens erfüllt in der Psycho- 
analyse ebenso wie das Festhalten am chemischen und physiologischen „Kri- 
terium"' eine bestimmte Funktion, die über die Frage der Einteilung der 
Triebe hinausweist. Freud hat nicht die erste Triebeinteilung vorgenom- 
men, vielmehr die Zweizahl dem „Dichterphilosophen Schiller" und den 
Namen Sexualtrieb aus der Biologie übernommen. Neu ist das Kriterium, 
dessen er sich bedient. Daher ist die Einteilung überhaupt neu. Indem diese 
neu geschaffene psychoanalytische Klasse Sexualtrieb genannt wird, erscheint 

5) Vgl. die Arbeit des Verfassers: „Über den Begriff der Deutung in der Psychoanalyse". 
Ztschr. f. angew. Psych., Bd. XLII, 1932. 



130 Siegfried Bernfeld 



die Identität mit dem „Sexualtrieb" der Biologie hergestellt. Aber diese Identi- 
tät besteht natürlich nicht. Sie könnte nur hergestellt werden, wenn auch 
das Material der Biologie nach dem psychoanalytischen Kriterium neu einge- 
teilt würde. Das nun ist unmöglich, denn das psychoanalytische Kriterium 
ist nur dort anwendbar, wo analysiert werden kann, also streng genommen 
schon nicht mehr beim Säugling; gewiß nicht bei den Tieren. 6 Die Namens- 
gebung postuliert also eine Identität, die sie nicht streng rechtfertigen kann. 
Unter den Motiven des Widerstandes gegen die Psychoanalyse war diese 
Ungenauigkeit ein verschwindend kleiner Faktor. Wir dürfen sie dennoch 
als Mangel anerkennen. Aber für den Fortgang der Forschung ist nicht immer 
die Eleganz und Tadellosigkeit entscheidend. Als heuristisches Prinzip be- 
währte sich das psychoanalytische Kriterium ganz ausgezeichnet; und der 
Fortschritt der Trieblehre über ihr erstes Stadium hinaus wurde auch keines- 
wegs durch das Bestreben herbeigeführt, jene postulierte Identität zu klären 
oder zu vermeiden. Ja, man kann geradezu sagen, die Durchführbarkeit und 
Eindeutigkeit der Vorschrift leitete die Krise ein, die durch die Einführung 
des Narzißmus beseitigt werden sollte. Seit der Unterscheidung von Sexual- 
trieben und Ich-Trieben sah sich der Psychoanalytiker sozusagen vor zwei 
wohlgefüllten Gefäßen. Das eine enthielt alles, was in „Beziehung zu den Ge- 
schlechtern und der Fortpflanzung steht", also die Sexualität im damals üb- 
lichen Wortsinn, das andere enthielt den Hunger und alles übrige. Die Auf- 
gabe war, aus diesem alles herauszunehmen, was von der Betätigung an den 
erogenen Zonen abstammt, und in dem anderen unterzubringen. Es war eine 
schwierige, aufregende und vor allem langwierige Arbeit, die in einigen Jahren 
durchgeführt wurde. Doch man wurde allmählich mit Erstaunen gewahr, daß 
das Gefäß, das das „Übrige" enthielt, sich rapid leerte. Nach dem Zeugnis 
von Freud 7 begann diese Einsicht anläßlich Ranks Feststellung, daß der 
Egoismus, den man als Dauergast beim „Hunger" vermutet hatte, sich als 
zur Sexualität gehörig erwies, Folgen zu zeitigen. Die Arbeit von Rank 8 
wirft das Problem nicht ausdrücklich auf. In einer Anmerkung findet sich 
die für uns sehr lehrreiche Wendung, daß die Sprache diesen — erstaunlichen 
— Sachverhalt vorausgenommen hat, wenn sie tadelnd sagt: es habe sich einer 
zu gern. Folgt man dem psychoanalytischen Kriterium, so nähern sich die 
„Ich-Triebe" tatsächlich der Leerheit, und die Triebwelt fällt, von einigen 
psychologisch nicht sehr interessanten Überbleibseln abgesehen, mit der 
Sexualität zusammen. 

6) Imre Hermann („Die Psychoanalyse als Methode", Int. Psa. Verl., Wien 1934) prä- 
zisiert diese Gesetze der Psychoanalyse in anderem Zusammenhang, wie mir scheint, sehr 
richtig. 

7) Ges. Sehr., Bd. VI, S. ijj. 

8) Rank, Jahrb. f. psa. Forschungen, Bd. III, 1911. 






Über die Einteilung der Triebe 



I3i 



Den Versuch, diese Konsequenz anzuerkennen, aber zugleich, soweit sie 
unerwünscht ist, zu vermeiden, unternimmt Freud durch die Einführung des 
Narzißmus. Wir zählen von diesem Aufsatz an die zweite Phase der Trieb- 
lehre. Die Ich-Triebe sind als eigene Gruppe aufgelassen; sie gehören nun als 
Ich-Libido zur Sexualität und unterscheiden sich nur mangelhaft von der Ob- 
jektlibido. Aber die Triebwelt soll weiter nach zwei Grundtrieben geordnet 
werden. Wenn der Triebbegriff der alte bleibt, ist diese Absicht natürlich 
nur durch Änderung des Einteilungsprinzips zu erreichen. Die neue Vor- 
schrift, die hierzu nötig wäre, gibt Freud in jenem Aufsatz nicht. Es ent- 
steht dadurch jene Situation, auf die man in polemischer Oberflächlichkeit mit 
der Behauptung hinwies: „Es gibt zwei Triebe, aber sie sind nicht unterscheid- 
bar." Diese offenbare Unsinnigkeit hat aber Freud nie vertreten. Wir wollen 
zwei Triebe unterscheiden, aber sie sind nach dem psychoanalytischen Kri- 
terium nicht unterscheidbar. Diese Formulierung trifft die Lage zur Zeit der 
Einführung des Narzißmus und charakterisiert sie als Übergangssituation. Sie 
enthielt die Aufgabe, das psychoanalytische Kriterium der Einteilung zu modi- 
fizieren oder durch eines zu ersetzen, das geeignet ist, den gewünschten Trieb- 
dualismus durchzuführen. Wir werden sehen, daß Freud tatsächlich ein neues 
Kriterium einführt und damit die zweite, in dieser Beziehung unklare Phase 
überwindet. 

Daß sich die ganze Triebwelt auf „Sexualität" reduziert, folgt notwendig 
aus dem Abstammungsgesichtspunkt und der in der Psychoanalyse festgelegten 
Bedeutung des Wortes Sexualität. Indem ich nach der Abstammung einer Er- 
scheinung frage, führe ich ein Element der sehr großen Menge mannigfaltiger 
Erscheinungen beim Erwachsenen, auf ein Element der sehr viel kleineren 
Menge von Erscheinungen beim kleinen Kind, ja beim Säugling und Neu- 
geborenen zurück. Die Abstammungslinien konvergieren gegen einen oder 
einige wenige Punkte, unter denen vor allem die erogenen Zonen vertreten 
sind. Die Erlebnisse an ihnen und ihr Schicksal sind in der frühesten Kind- 
heit sehr bedeutsam, d. h. sie treten allmählich mit allem übrigen psychischen 
Geschehen in Zusammenhang. Fast alles, nämlich alles seelisch Bedeutsame, 
psychologisch Interessante, steht also im genetischen Zusammenhang mit den 
erogenen Zonen. Wer dem psychoanalytischen Kriterium folgt, gewinnt für 
alle Triebhandlungen eine einzige Klasse, was immer im übrigen seine theo- 
retische Grundüberzeugung sein und welche Namen er ihr geben mag. Ge- 
rade die Gegner, die der Psychoanalyse in jener Krisenzeit der Trieblehre ent- 
standen sind, illustrieren dies. Jung will nur eine Libido anerkennen, Adler 
kennt nur einen Geltungstrieb, dessen „Jargon" die Sexualität ist. Daß beide 
vom Namen „Sexualtrieb" wegstreben (und von den sachlichen Entdeckungen 
Freuds überhaupt), ist dabei unwichtig. Sie finden nur eine Triebklasse. Ihre 



"1 



132 



Siegfried Bernfeld 



Originalität in der Trieblehre besteht also bloß darin, daß sie dieser einen, 
durch das Freud sehe psychoanalytische Kriterium entstandenen Klasse einen 
neuen, radikal umwertenden Namen geben. Erkenntnisgehalt hat diese Um- 
benennung natürlich nicht. Diesen bringt erst ein neues Kriterium. Es taucht 
im „Jenseits des Lustprinzips" auf und ist seitdem, so scheint mir, stillschwei- 
gend zum entscheidenden geworden. 

Die beiden Klassen heißen hier Todes- und Lebenstriebe. Bei dem Bemühen, 
statt der leer gewordenen Klasse der ehemaligen Ich-Triebe eine nicht leere, 
die nun Todestriebe heißen soll, zu schaffen, folgt Freud verschiedenen Ge- 
dankenwegen, auf denen verschiedene Kriterien liegen. So etwa ein histori- 
sches, das die Triebe nach ihrer, man möchte sagen, historischen Fixierungs- 
stelle einteilen ließe. Die Todestriebe würden die Wiederherstellung des an- 
organischen Ruhezustandes anstreben, aus dem ein Stück Materie bei der 
Lebensentstehung gerissen wurde; die Sexualtriebe machten die Zersplitterung 
der Substanzen in zahlreiche Partikel wieder rückgängig, die ein Ereignis der 
Lebensentstehung war. Aber zu durchführbaren Vorschriften haben sich diese 
Möglichkeiten nicht entwickelt. Zwischen ihnen und dem tatsächlich befolg- 
ten neuen Kriterium besteht in der neuen Trieblehre dasselbe Verhältnis wie 
zwischen dem chemischen, physiologischen und dem psychoanalytischen in der 
älteren. Diesem neuen Kriterium begegnen wir bei der Erwägung, ob nicht 
der Sadismus besser unter den Todestrieben Platz fände als unter den Sexual- 
trieben, denen er bisher zugezählt wurde. „Wie soll man den sadistischen 
Trieb, der auf die Schädigung der Objekte zielt, vom lebenserhaltenden Eros 
ableiten? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich 
ein Todestrieb ist...?" 9 Nun gehört er aber ganz gewiß in jenen Abstam- 
mungszusammenhang, den das psychoanalytische Kriterium von den Sexual- 
triebhandlungen verlangt. Freilich die Lebenstriebe „erhalten", „fassen zusam- 
men", „verbinden", der Sadismus dagegen „schädigt", „zerstört", „vernichtet". 
Aber die Einteilung der Triebe nach dem Kriterium der ersten Phase sollte 
von allen Beschaffenheiten (und man kann solcher selbstverständlich neben 
dem „Verbindenden" noch sehr viele andere aufzählen) absehen und sich nur 
an den psychoanalytischen Abstammungszusammenhang halten. Nur im Falle 
des Sadismus von diesem Verfahren abzugehen, wäre eine Inkonsequenz, die 
zwar im Betrieb einer "Wissenschaft begründet und auch unvermeidlich sein 
kann, die aber dennoch in der Theorie unzulässig bleibt, und um deren Ab- 
änderung man sich zu bemühen hat. 

Sie liegt aber in der Psychoanalyse nicht vor oder war bloß ein kurzes Inter- 
mezzo. Schon jene Erwägung über den Sadismus (Ges. Sehr. VI, 246) wird 
eingeleitet durch den Hinweis auf die Polarität von Liebe (Zärtlichkeit) und 

9) Freud, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 246. ~~ 



Über die Einteilung der Triebe 



133 



Haß (Aggression), die uns die Objektliebe (also der Sexualtrieb selbst) zeigt. 
Unterscheidet Freud heute Eros und Aggression, so sind das nicht neue 
Namen für die alten Sexualtriebe und Ich-Triebe, sondern es sind auf Grund 
eines neuen Kriteriums gebildete neue Klassen. Dies ist in der Diskussion oft 
übersehen worden. Man sagte sich, neu sei hier die Aufstellung des Todes- 
triebes; die Sexualtriebe seien die alten geblieben und trügen den neuen Namen 
Eros. Nun enthalten die Lebenstriebe (Eros) zwar viele der Elemente, die 
früher bei den Sexualtrieben zu Hause waren, jedoch längst nicht alle, z. B. 
nicht den Sadismus, und die Klasse der Todestriebe ist nicht mehr leer, wie 
es schließlich die der Ich-Triebe war, sondern wird reich bevölkert von 
früheren Bewohnern der Klasse Sexualtrieb. Das erste Aufscheinen des un- 
formulierten neuen Kriteriums mochte als bloße Inkonsequenz mißverstehbar 
gewesen sein. Der Verlauf der psychoanalytischen Forschungsarbeit hat aber 
seitdem deutlich eine Richtung eingehalten. War man in der ersten Periode 
damit (freilich nicht nur damit) beschäftigt, die Klasse der „anderen Triebe" 
zugunsten der Sexualtriebe zu leeren, so geht in der dritten Phase ein wichtiger 
Teil der Arbeit dahin, die Gruppen Eros und Aggression zu bilden, die Ag- 
gression zu erforschen und ihr zu geben, was ihr gebührt, also die frühere 
Klasse Sexualtriebe zugunsten der Todestriebe zu leeren. Ob eine Triebäuße- 
rung etwas Verbindendes oder Vernichtendes an sich hatte, war uns früher 
für die Einteilung gleichgültig; nun soll gerade diese dem psychoanalytischen 
Kriterium uncharakteristische und bisher vernachlässigte Eigentümlichkeit über 
die konkrete Zuteilung zu einer der zwei Triebklassen entscheiden. Motiv 
und Berechtigung dieses Verfahrens kümmert uns hier nicht. Wir haben nur 
deutlich zu machen, daß und wie die Vorschrift geändert ist. Für die Ein- 
teilung in Lebens- und Todestriebe, in Eros und Aggression, gilt das psycho- 
analytische Kriterium nicht mehr, das die Klassen „Sexual- und Ich-Triebe" 
entstehen ließ. 

Dies neue Kriterium ist nicht leicht anzugeben. Aber es ist auffallend, daß 
es offenbar keiner Aufdeckung des Abstammungszusammenhangs bedarf, um 
das Verbindende der Lebenstriebe, das Aggressive, Vernichtende ihres Gegen- 
spielers zu erkennen. Man erfaßt sie durch Betrachtung. Diskursiv aufzu- 
zählen, welche Merkmale uns dabei leiten, mag sehr schwer sein; wir werden 
lieber sagen, die Betrachtung einer Handlung, einer Einstellung, eines Wun- 
sches macht uns einen ganz bestimmten Eindruck, sie hat ihre Physiognomie. 
So trägt der Sadismus z.B. eine aggressive Physiognomie. Haben wir die 
aggressive Physiognomie einmal an einem ausgeprägten Fall deutlich aufgefaßt, 
dann finden wir sie auch dort wieder, wo sie nur im Ansatz oder verwischt 
und gebrochen vorliegt. Die ausgeprägte Aggression (Haß) und was 
ihr ähnlich ist, was denselben physiognomischen Eindruck 



macht, das haben wir den Todestrieben zuzuzählen. Alles übrige 
gehört, soweit es als Triebäußerung angesprochen wird, zu den 
Lebenstrieben. So etwa lautet die neue Vorschrift der dritten Phase der 
Trieblehre. Tatsächlich hat auch alles, was zu den Lebenstrieben gehört, die 
Physiognomie der „Liebe", des Verbindenden, Erhaltenden. Aber dieser 
„positive" Eindruck ist unklarer als die aggressive Physiognomie. 

Dieser Formulierung möchte man vielleicht entgegenhalten, daß sie den sehr 
klaren und eindeutigen Erörterungen in „Ich und Es" widerspricht. Dort wird 
ausdrücklich der Unterschied der beiden Triebarten physiologisch (besonderer 
physiologischer Prozeß: Aufbau und Zerfall, Ges. Sehr. VI. 385) und historisch 
(Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das organisch Lebende in den leb- 
losen Zustand zurückzuführen, während der Eros das Ziel verfolgt, das Leben 
durch immer weitergreifende Zusammenfassung der in Partikel zersprengten 
lebenden Substanz zu komplizieren, Ges. Sehr. VI. 385) betont. Dennoch ist es un- 
möglich, diese Unterscheidungen als Kriteria aufzufassen; sie wären sonst Vor- 
schriften, die undurchführbar sind. Sie sind dies prinzipiell gegenüber den 
Triebäußerungen, die wir an der Person beobachten und die wir einzuteilen 
haben, denn ihr Gegenstand ist nicht das Triebleben der Person, sondern das 
Verhalten von Zellen, lebender Substanz, Organismen. Aber auch ihrem 
Gegenstand gegenüber würden sie versagen, weil die Physiologie und die 
historische Biologie gewiß ebensowenig wie die Chemie in der ersten Phase 
einen Zugang zu konkreter Bewältigung der ihnen hier gestellten Aufgaben 
kennen. Sobald Freud auf die Person zu sprechen kommt, rückt auch an die 
Stelle der historischen und physiologischen Betrachtung sofort die Polarität 
von Liebe und Haß. Von Liebe und Haß wissen wir. aber entweder durch 
das Erlebnis von Liebe und Haß in uns selbst oder durch den physiognomi- 
schen Eindruck „Haß" — „Liebe". Dieser leitet uns bei der konkreten Zu- 
teilung. 

Die Erinnerung an ein Beispiel bringe uns die Sicherheit, daß wir mit dem 
wirklichen Verfahren der Psychoanalyse in Übereinstimmung sind. Es handle 
sich um eine Patientin, die mit verletzenden Instrumenten genital masturbiert, 
sich dabei schmerzhafte Verwundungen zuzieht, und deren Orgasmus an solch 
schmerzhafte Verwundungen gebunden bleibt. Daß es sich hier um „Sexuali- 
tät" handelt, ist nach dem Sprachgebrauch der Psychoanalyse noch vor jeder 
speziellen Untersuchung gewiß; nicht minder steht fest, daß jede psycho^ 
analytische Arbeit hier ergeben wird, daß diese merkwürdige Masturbation 
von der gewöhnlichen Onanie abstamme. Wir teilen sie auf Grund des psycho- 
analytischen Kriteriums selbstverständlich den Sexualtrieben zu. Die deutlich 
aggressive Physiognomie des Vorganges, seine selbstschädigende Tendenz wird 
uns dabei nicht stören. Denn die Zuteilung ist ja nicht eine erschöpfende Be- 



Über die Einteilung der Triebe 



135 



Schreibung, noch weniger ist sie an und für sich eine „Erklärung" des Phä- 
nomens. Wenn wir nun diesen Vorgang der Aggression (Destruktion) den 
Todestrieben zuzuteilen haben, so hat uns die libidinöse Natur und Abstam- 
mung nicht zu interessieren, sondern es entscheidet die aggressive Phy- 
siognomie allein. Derselbe Vorgang, also z. B. diese masochistische Mastur- 
bation, den wir nach dem psychoanalytischen Kriterium zu den Sexualtrieben 
einreihen, gehört zugleich nach dem neuen Kriterium den Todestrieben an. 
Wir sprechen von seiner libidinösen und aggressiven Komponente und be- 
tonen damit, daß die beiden Einteilungen voneinander unabhängig sind, daß 
sie nämlich voneinander unabhängigen Vorschriften entspringen. Sie wider- 
sprechen einander nicht, so völlig verschieden sind sie. Da das psychoanaly- 
tische Kriterium nur „Sexualtriebe" kennt, so bringt das neue eigentlich eine 
Differenzierung innerhalb der Sexualtriebe. Es beachtet, wie Freud sagt, die 
Polarität, die an der Objektliebe wahrzunehmen ist. 

Die Physiognomie der Aggression ist — wie schon bemerkt — auch ohne 
Analyse erkennbar. Die Analyse schärft unseren Blick, sie hilft störende, über- 
deckende Züge zu durchschauen, ermöglicht die Ausfüllung von Lücken im 
Material, bringt uns die Abstammung von einem ausgeprägt aggressiven 
Phänomen ans Licht, kurz, sie vervollkommnet unsere Beobachtung vielleicht 
so sehr, daß erst mit ihrer Hilfe das neue Kriterium fruchtbar wird. Aber die 
Forschungsarbeit, die vorher geleistet werden muß, ist nicht die Analyse. 
Darin liegt ein sehr wichtiger Vorteil dieses Kriteriums gegenüber dem psycho- 
analytischen. Seine Anwendung ist nicht an die Analyse gebunden. Es er- 
öffnet sich die Aussicht, daß auch das Seelenleben der kleinsten Kinder, des 
Neugeborenen, ja der Lebewesen überhaupt in die Triebeinteilung einbezogen 
werden könnte, was früher sensu strictu nicht zulässig war. Die neue Trieb- 
einteilung nimmt im „Jenseits des Lustprinzips" auch ihren Ausgang von 
Überlegungen über allgemeine organische Erscheinungen. 

Die Biologie als Ursprungsstätte seiner Trieblehre hat Freud immer betont: 
vom ersten Satz (und dem letzten) der „Drei Abhandlungen" an bis zu den 
„Neuen Vorlesungen". Doch, wer auch nur ein wenig von der Trieblehre 
außerhalb der Psychoanalyse weiß, fragt sich erstaunt, was denn Freud 
eigentlich von der Biologie übernommen haben kann. 

Mit der Einteilung der Triebe ist weder die Biologie noch die Psychologie, 
noch die Anthropologie je zu Rande gekommen. Der Zustand um 1900 wird 
von Freud anschaulich geschildert: „Jedermann stellte so viele Triebe oder 
,Grundtriebe' auf, als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen, wie die alten 
griechischen Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der 
Erde, dem Feuer und der Luft" (Ges. Sehr. VI, 243). 1930 stellt Hart mann 



136 Siegfried Bernfeld 



fest, 10 was eben jetzt Gemeingut der Gebildeten geworden ist: „Eine allgemein 
anerkannte Bestimmung und Einteilung der Grundtriebe gibt es noch nicht" 
(Der große Brockhaus, Bd. 19, 1934). Es gab aber auch früher nie eine Zeit, 
in der sich die Wissenschaft im Besitz einer gesicherten Einteilung wähnte. 
Herrn. Samuel Reimar us 11 1760: „Selbst das "Wort Trieb oder Instinkt war 
bisher so unbestimmt und schwebend, daß es kaum eine gewisse Bedeutung 
hatte, oder doch sehr verschieden gebraucht wurde." Und doch hatte T hö- 
rn asius 12 schon vor ihm 1692 noch beweglicher Klage über diesen Sachverhalt 
geführt und gemeint, für ewig Ordnung geschaffen zu haben; und vor ihm 
Descartes 13 1649; un d so weiter bis Telesio 14 1565; und gewißlich noch 
weiter zurück. Hier konnte Freud wenig Belehrung finden. 

Der Aufklärungszeit, die gern mit Trieben operierte, waren diese die Ver- 
nunft ohne Subjekt. Was früher göttlicher Weisheit und Güte entsprungen 
war, sollte nun der Trieb verschulden, den freilich Gottes Güte dem Tier (und 
Menschen) eingepflanzt hatte. Daß eine so verblüffende Übereinstimmung 
zwischen den Bedürfnissen der Gattung und den Mitteln, die das Individuum 
zu ihrer Erfüllung besitzt und beherrscht, besteht, dies war das Problem, das 
der Triebbegriff bewältigen sollte: vernünftigste Erfindung könnte hierzu 
nicht mehr leisten als die Triebe, sagt Reimar us bewundernd. Um diese 
Übereinstimmung ging es der Biologie auch um 1900 und geht es ihr noch 
— soweit die Biologie nicht in strenger Selbstzucht das unklare Wort völlig 
aus ihrer Wissenschaft verbannt hat. Dieses die ganze Problematik ent- 
scheidende Grundinteresse fällt in der Psychoanalyse überhaupt aus. Die ganze 
in der Biologie heimische Diskussion um den Trieb hat Freud wortlos und 
gründlich verschoben. Von Anfang an wird der Trieb als eine im einzelnen 
Organismus wirkende Kraft aufgefaßt, und zwar als eine „gewöhnliche" phy- 
sikalische Kraft, die von einem physikalischen Zustand des Individuums, dem 
„Bedürfnis" zu einem anderen physikalischen Zustand, der „Befriedigung" 
hinüberführt. Was das mit der „Selbsterhaltung" zu tun habe, wird nicht er- 
örtert; daß es mit der „Arterhaltung" in keinem finalen Zusammenhang stehe, 
wird ausgesprochen. Eben nicht die „Arterhaltung" strebt der Trieb an, son- 
dern die Wiederholung gehabter Lust. Das teleologische Problem ist auf ein 
Minimum reduziert. Genau auf jenes Minimum, das auch die Physik, etwa 

10) Handwörterbuch der mediz. Psychologie. (Trieb.) 

11) Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere, hauptsächlich über ihre Kunst- 
triebe. 

12) Neue Erfindung einer wohlgegründeten und für das gemeine Wesen höchst wichtigen 
Wissenschaft, das Verborgene des Herzens anderer Menschen auch wider ihren Willen aus 
der täglichen Konversation zu erkennen. 

13) Traite des passions de l'äme. 

14) Dilthey, Ges. Sehr., Bd. II. 



Über die Einteilung der Triebe 



137 



im zweiten Hauptsatz, der Thermodynamik, kennt und unteleologisch aus- 
zudrücken gelernt hat. 15 Die teleologische Schwierigkeit ist auf die Überein- 
stimmung zwischen den einzelnen Funktionen des Organismus reduziert; um 
die Übereinstimmung zwischen den Handlungen der Individuen und trans- 
individualen Zielen handelt es sich in Freuds Trieblehre nicht. Die neue 
Phase der Trieblehre behält diese Richtung bei. Sie eliminiert ausdrücklich 
aus dem Triebbegriff alle Zweckhaftigkeit: Der Trieb stellt einen früheren 
Zustand her. Mochten Hunger und Liebe noch in gewissem Sinn als eine Art 
„biologischen" Kriteriums gelten, der Biologie abgeborgt sein, wie der Ge- 
brauch des Wortes Sexualtrieb, von dem oben die Rede war, Eros und Todes- 
trieb stammen jedenfalls nicht aus der Biologie; und kaum wird die heutige 
Biologie die Anwendung auf die Beziehung zwischen den Zellen in den Meta- 
zoen und auf die Mikrovorgänge in der lebenden Substanz als Anleihe zu- 
rückfordern. Danach kann keine Rede davon sein, daß Freuds Trieblehre 
der Biologie entstamme. Im Gegenteil, der Biologie wird ein neuer Triebbe- 
griff angeboten. Wir verstehen, was das chemische (und physiologische) Kri- 
terium eigentlich im Gesamt der Psychoanalyse will. Läßt es sich auch nicht 
als Einteilungsvorschrift, so doch als Vorschrift für die Arbeitsweise formu- 
lieren, die Biologie und Physiologie einzuhalten hätten, um den Anschluß an 
die Trieblehre der Psychoanalyse zu finden. Freud spricht darüber so be- 
scheiden, als hätte die Psychoanalyse umgekehrt den Anschluß an die Biologie 
zu suchen. 

Solange nun diese Forschungsarbeit nicht effektiv geleistet ist, fehlt ein Kri- 
terium für die Unterscheidung der Triebe in der Biologie. Dennoch macht 
Freud Unterscheidungen. Er gibt eine Neueinteilung des biologischen 
Materials. So wenig wie das chemische und physiologische liegt ihr das psycho- 
analytische Kriterium zugrunde, sondern eben jenes neue Kriterium ermöglicht 
erst, so verschiedene Gegenstände wie das Seelenleben des Menschen und das 
Verhalten der Zellen einheitlich wenigstens auf zwei Klassen aufzuteilen. 

Es sind dieselben „physiognomischen" Ähnlichkeiten von Zuständen und 
Vorgängen, nach denen die Einteilung vorzunehmen ist. Aber es sind sehr 
verschiedene Arten von Zuständen und Vorgängen, auf die dieselbe Vorschrift 
sich bezieht. Man erlaube mir, sie etwas pedantisch zu sondern. Als Gebiet 
der biologischen Anwendung der Einteilung in Lebens- und Todestriebe kom- 
men in Betracht: 

a) Vorgänge in der lebenden Substanz, also in jedem beliebigen Stück noch 
lebender Substanz; 



i$) Darüber Näheres in: Bernfeld-Feitelberg, Der Entropiesatz und der Todestrieb, 
Imago, XVI, 1930. (Auch in: Bernfeld-Feitelberg, Energie und Trieb, Int. Psa. Verl. 
1930.) 



b) das Verhalten von zu Zellen organisierter lebender Substanz; 

c) das Verhalten der zu Organismen organisierten Zellen, der Metazoen, 
inklusive des Menschen; wobei auf Spezifika der Art Mensch keine Rücksicht 
genommen ist („biologische Betrachtung" des Menschen). 

Solange vom Menschen in „psychologischer Betrachtung" die Rede war, 
durfte ich voraussetzen, daß jedesmal eindeutig entschieden sei, ob das seelische 
Phänomen, um dessen Zuteilung es geht, überhaupt als zu den Trieben ge- 
hörig anzusprechen ist oder nicht. Dies ist für das biologische Material nicht 
ohne weiteres zulässig. Wir müssen uns Rechenschaft darüber geben, was in 
diesen Gruppen speziell der Gegenstand der Einteilung wird. Wir sehen leicht 
ein, daß es in jeder Gruppe ein anderer ist. Über die lebende Substanz ist ein 
ganz deutliches Bild nicht zu gewinnen. Freud denkt an den Unterschied 
von Assimilation und Dissimilation, denkt überhaupt an physikalische Pro- 
zesse, die die lebende Substanz periodisch dem anorganischen Zustand ähnlich 
sein lassen und allmählich in ihn überführen. Die Einteilung dieses Gegen- 
standes in zwei Klassen entsteht nach einem physikalischen Kriterium, das 
nicht näher angebbar ist. Vorläufig entscheidet die Ähnlichkeit mit dem 
Zustand des Toten, des Anorganischen, und mit den Eigenschaften des Leben- 
den, des Organischen. In der Gruppe b), Zelle, handelt es sich um die Beziehung 
von Zellen zueinander. Ob sie sich miteinander zu größeren Einheiten ver- 
binden, wobei jede einzelne ihre Lebenseigentümlichkeiten behält, oder ob sie 
voneinander isoliert bleiben, bildet den Kern für den physiognomischen Ein- 
druck, der die Einteilung bestimmt und im ersten Fall von Lebenstrieben, im 
zweiten Fall von Todestrieben spricht. Dieser zweite Fall hat ausgeprägtere 
Gestalt, wenn eine Einheit von Zellen in isolierte, vereinzelte zerfällt, oder 
wenn eine Zelle die andere fressend vernichtet. Bei der dritten Gruppe, den 
Metazoen, sind wir angewiesen, die Beziehung eines Organismus zu seiner 
Umwelt daraufhin zu prüfen, ob wir Vernichtung, Zerstörung, Angriff oder 
ob wir Erhaltung, Pflege, Förderung der Integrität seiner Objekte vorfinden, 
ob sich also eine Situation hergestellt hat, die sich dem Prototyp „Haß" oder 
„Liebe" nähert. Vermittelt sie uns den Eindruck des Hasses, so wird sie den 
Todestrieben, im anderen Fall den Lebenstrieben zugezählt. 

Bei der Einteilung der Prozesse in der lebenden Substanz von Trieben zu 
sprechen, ist sicher nicht ganz einwandfrei, bei dem Verhalten der Zellen min- 
destens sehr ungewohnt. Doch ist dies für das Kriterium der Einteilung um 
so weniger erheblich, als das Wort Trieb durch Ausdrücke wie Eros und 
Thanatos leicht vermieden werden kann. Der Begriff Trieb, der solch weiten 
Sprachgebrauch gestattet, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Der 
Einwand, der gegen den Gebrauch des Wortes Sexualtrieb oben gemacht 
wurde, kann der neuen Trieblehre gegenüber nicht erhoben werden. Hier 



Über die Einteilung der Triebe 



139 



wird nicht durch den Namen der Klassen verdeckt, daß ihre Identität bloß 
postuliert ist, sondern das Recht, die drei Klassenpaare, die in diesen drei bio- 
logischen Gruppen entstanden, mit demselben Namenspaar Lebens-Todestrieb 
zu versehen, ergibt sich daraus, daß sie dieselbe Art von Ähnlichkeit auf- 
weisen, daß sie denselben physiognomischen Eindruck auf einer höheren 
Stufe der Abstraktion erwecken, also durch dasselbe Kriterium gebildet wer- 
den. Folgt man dem neuen Kriterium, so ergibt sich eine einheitliche Ordnung 
des ganzen biologischen Materials. Die Lage ist völlig anders als bei dem 
chemischen, physiologischen und psychoanalytischen Kriterium. Mit dem 
neuen Kriterium hat Freud eine eigene und einheitliche Einteilung für die 
Lebewesen überhaupt gewonnen. Ob das Wort Trieb für alle Gruppen gleich 
gut paßt, ist dabei unwichtig. 

Es leistet aber noch mehr. Denn es gilt selbstverständlich auch für die 
Psychologie. Nicht nur der ganze Umfang des durch die Analyse aufgeschlos- 
senen Materials, sondern auch die Daten, die eine behaviouristische Betrachtung 
des Menschen produziert, und die Ergebnisse der Introspektion geben Gegen- 
stände der Einteilung nach demselben Kriterium. Es entsteht so in einer 
vierten Gruppe d ein mit den anderen vergleichbares Klassenpaar Eros und 
Aggressionstrieb. Sie sind sozusagen als psychologischer Spezialfall von Lebens- 
trieb und Todestrieb anzusehen. 

In „Unbehagen in der Kultur" hat Freud auch gesellschaftliche Fakten 
eingeteilt. Er betrachtet gewisse Kulturerscheinungen, aber vor allem den 
Kulturprozeß selbst, als wäre eine individuelle menschliche Entwicklung 
zu verstehen. In den Verhältnissen, unter denen Menschen miteinander 
leben, in den Einrichtungen und Leistungen, die aus diesem Zusammenleben 
entstehen, findet Freud gewisse Sachverhalte vor, die nach demselben phy- 
siognomischen Eindruck von Liebe und Haß, von Eros und Todestrieb ein- 
teilbar werden. 

Der Hiatus der älteren Trieblehre zwischen den der Analyse zugänglichen 
und allen übrigen Phänomenen, selbst sehr verwandten, wie z. B. den 
Lebensäußerungen des Säuglings, die im strengen Sinn doch dem psycho- 
analytischen Kriterium nicht zugänglich sind, ist durch das Kriterium der 
neuen Trieblehre überwunden. Es enthält durchführbare Vorschriften für das 
gesamte biologische, psychologische und soziologische Gebiet. Damit ist eine 
grandiose Vereinheitlichung wichtigster Fakten aller Systemhöhen des Leben- 
den erreicht. 

Es ergibt sich die unten folgende Übersicht, in der ich das neue Kriterium, 
den physiognomischen Ähnlichkeitseindruck, aus Gründen, die sogleich dar- 
gelegt werden sollen, als topologisches dem psychoanalytischen gegenüber- 
stelle. Bemerkt sei noch, daß Freud „Eros" für „Lebenstriebe" verwendet, ohne 



140 



Siegfried Bernfeld 



daß eine bestimmte Nuance des Gebrauchs angebbar wäre, während Aggres- 
sion in der Gruppe d) ziemlich ausschließlich statt „Todestrieb" gebraucht 
wird, synonym mit: Bemächtigungstrieb und Destruktionstrieb. 



ÜBERSICHT 





Die Einteilung hat zum 


Gruppe 


Gegenstand 


Kriterium 




topologisch 


psychoanalytisch 


a) 


Lebende Substanz 


Eros 


Todestrieb 


— 


b) 


Einzelzellen in ihrem Verhalten 
zueinander 


Eros 


Todestrieb 


— 


c) 


Organismen (Metazoen) in ihrem 
Verhalten in ihrer Umwelt 


Eros 


Todestrieb 


— 


4) 


Gesamtverhalten des Menschen, 
durch Introspektion, durch 

Psychoanalyse, durch 

behaviouristische Methoden 

betrachtet 


Eros 


Aggressions- 

trieb 

synonym auch: 

Bemächtigung, 

Destruktion 


— 


«0 


Kultur- Sachverhalte 


Eros 


Todestrieb 


— 


i) 


Durch Psychoanalyse auf- 
geschlossenes Material 


libidinöse 
Komponente 
des Sexual- 
triebes 


aggressive Kom- 
ponente des 
Sexualtriebes 


Sexualtrieb 



Führt nicht der riesige Anwendungsbereich des physiognomischen Krite- 
riums zu Aussagen von allzu großer Allgemeinheit? Wird dadurch nicht die 
Psychoanalyse zu einem spekulativen System? Es ist wirklich etwas recht 
Unbehagliches an diesem Kriterium. Der physiognomische Eindruck ist sehr 
vage, subjektiv, unkontrollierbar. 

Alle physiognomischen Aussagen lassen der subjektiven Einschätzung 
tatsächlich einen großen Raum. Sie sind anscheinend sehr leicht zu hand- 
haben, ermöglichen sehr weittragende, tiefe und interessante Behauptungen, 
die so reizvoll und befriedigend sind, daß man gern vergessen möchte, ob sie 
überhaupt wissenschaftlich zu beweisen sind. 

In der Diskussion um die Zuteilung des Ludeins 16 wird die Ähnlichkeit des 
selig einschlafenden Säuglings mit der Physiognomie der sexuellen Befriedi- 
gung betont, jedoch nicht eigentlich verwertet; sie sei kein genügender Grund 
der Zuordnung zu dem Sexualtrieb, bemerkt Freud später bei einer Wieder- 

16) Freud, Ges. Sehr., Bd. V, $6. 



Über die Einteilung der Triebe 



141 



holung dieser Diskussion. 17 Man hat das Gefühl, eben die unwissenschaftliche 
Vagheit des Physiognomischen sei der Grund der Ablehnung. Eines der 
Momente, das die Psychoanalyse vor so vielen psychologischen Schulen aus- 
zeichnet, ist ihr Bemühen, so unbestimmte Kriterien zu vermeiden. Dennoch 
spielt die physiognomische Ähnlichkeit in der Psychoanalyse seit jeher eine 
verborgene, nicht die entscheidende, aber auch nicht eine ganz belanglose 
Rolle. Ein Symptom dafür ist, daß Freud so häufig wichtige Gedanken 
und Resultate in der unverbindlichen und vorsichtigen Weise einführt: „Man 
gewinnt den Eindruck." Nicht in der Psychoanalyse allein, in jeder Wissen- 
schaft wirkt sie mit und bleibt gewiß in jeder Psychologie ein Faktum. Sie 
vermeiden zu wollen, hat keinen Sinn, die Wissenschaft hat sie zu ihren 
Gegenstand zu machen. Die Physiognomie eines Vorganges ist schwer, sehr 
schwer sogar, zu präzisieren. Physiognomische Aussagen sind nicht mit den 
üblichen Mitteln zu verifizieren. Prinzipiell aber ist dies keineswegs unmög- 
lich. Handelt es sich doch letzten Endes um die objektive Bestimmung der 
invarianten Momente einer Form; freilich gegebenenfalls einer sehr kompli- 
zierten Form. Diese Aufgabe kann in einer grundsätzlich lösbaren Form 
gestellt werden, um die sich in der jüngsten Zeit, von verschiedenen Motiven 
geleitet, mit verschiedenen Denkmitteln ausgerüstet, mehrere beachtenswerte 
Ansätze bemühen. So suchen die Gestaltpsychologen experimentelle Wege, die 
zu diesem Ziel führen könnten. 18 Das Studium der modernen Wissenschafts- 
logik, die an den jüngsten Problemen der Physik geschult ist, läßt erwarten, 
daß die Naturwissenschaft bald sehr entschieden diese ihre bisher vernach- 
lässigte Aufgabe, die auch eine ihrer eigenen Grundlagen bestimmt, in Angriff 
nehmen wird. In diesen Zusammenhang eingeordnet, kann das neue Krite- 
rium einen Vertrauenskredit beanspruchen. Doch wäre es nicht richtig, es als 
physiognomisches Kriterium zu begrüßen. Nennen wir die verschiedenen 
Kriterien: chemisches, physiologisches, psychoanalytisches, je nach dem 
wissenschaftlichen Verfahren, die ihre Anwendung ermöglichen, so könnte 
man leicht an die Physiognomik als das vorgeschriebene Verfahren denken. 
Und diese Assoziation soll abgewehrt werden; sie führt in eine Betrachtungs- 
weise, die sich zwar wachsenden Ansehens nicht nur bei einem romantischen 
Publikum, sondern auch in Psychologie, Soziologie, Biologie, Anthropologie 
erfreut, aber mit der naturwissenschaftlichen Gesinnung der Freudschen 
Psychoanalyse unvereinbar ist. Jene Wissenschaft, die berufen wäre Aussagen 
der Art, die ich in diesem Aufsatz physiognomisch genannt habe, präzis und 
verifizierbar zu machen, also — um es nicht ganz zulänglich, aber kurz aus- 
zudrücken — an die Naturwissenschaft anzuschließen, heißt Topologie (be- 

17) Freud, Ges. Sehr., Bd. VII, 324. 

18) Vgl. die Arbeit des Verfassers: Die Gestalttheorie, Imago, XX, 1934. 

Imago XXI/2 10 



J 42 Siegfried Bernfeld: Über die Einteilung der Triebe 

kannter unter ihrem alten L ei bniz sehen Namen Analysis situs). Ein topo- 
logisches Kriterium wäre daher den andern gegenüberzustellen. Doch ist die 
Frage der Nomenklatur nicht wichtig und eine prinzipielle Darlegung an 
dieser Stelle nicht möglich. 

Soweit es sich um eine Einteilungsvorschrift handelt, mögen die Mängel 
der physiognomischen Betrachtungsweise nicht sehr ins Gewicht fallen. Soll 
aber die Einteilung igendeine Mühe lohnen, so muß sie Forschungsarbeiten 
vorschreiben, die zu neuen Einsichten führen. Es läßt sich das „Verhalten" 
zweier Zellen zueinander z. B. in der für uns relevanten Beziehung sehr 
genau, eindeutig und objektiv beschreiben, wenn man von ihm mit Hilfe des 
Verfahrens, das in der Topologie „abbilden" heißt, ein „Modell" konstruiert. 
Die konstanten und invarianten Momente jenes „Verhaltens" werden in ihrer 
Struktur erfaßt, nach den Regeln des „Strukturkalküls", als den man die 
Topologie ansehen kann, abgebildet und gewissen festgelegten Operationen 
unterworfen. Die Herstellung dieses Modells ist gewiß keine einfache Arbeit, 
zum wenigsten heute, wo erst die grundlegenden Festsetzungen getroffen, 
diskutiert, auf ihre Zulässigkeit und Brauchbarkeit geprüft werden müssen. 
Diese Arbeit liefert aber eine tiefgehende Analyse der Struktur des Gegen- 
standes, die so neue wie überraschende und wichtige Einsichten vermittelt. 
Mit Hilfe solcher Modelle für jede der Gruppen, die den Bereich der Freud- 
schen Triebeinteilung ausmachen, wird die Vorschrift präzisierbar, und ihre 
Ergebnisse werden untereinander vergleichbar. Es ist diese vorgängige For- 
schungsarbeit, die das topologische Kriterium vorschreibt, und die es meiner 
Meinung nach, über die bereits geschilderten Dienste hinaus, erst recht wert- 
voll macht. 

Der Psychoanalytiker wird diese Bemerkungen, die eine ihm fernliegende 
Wissenschaft betreffend, 19 als kleingedruckte betrachten; ich denke, mit vollem 
Recht. "Wenn er aber die Psychoanalyse mit der wissenschaftlichen Gesinnung, 
die das Wort Naturwissenschaft noch deutlich genug angibt, verbunden 
wissen will, so wird er weder so wichtige Ergebnisse, wie sie das physiogno- 
mische Kriterium ermöglicht, streichen wollen, noch wünschen, daß sich mit 
dieser Anerkennung der Charakter der Analyse allmählich im Sinne geistes- 
wissenschaftlicher Interpretation, die es nahelegt, verändere. In dieser Situa- 
tion mag ihm die Entwicklung des physiognomischen Kriteriums zum topo- 
logischen erwägenswert erscheinen. 

19) In Imre Hermanns Arbeiten, insbesondere in „Die Psychoanalyse als Methode", 
finden sich Bemerkungen, die in dieselbe Richtung weisen; Markus Reiner verwertet Ge- 
danken, die in einer verwandten Betrachtungsweise begründet sind: Causality and Psycho- 
analysis, Psa. Quarterly, I, 1932. 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



Von 

Otto Fenichel 

Oslo 



"Wer eine Triebversagung erleidet, spürt intensive Unlust, und es ist uns 
selbstverständlich, daß er Haß gegen das sich versagende Objekt empfindet. 
Es scheint uns ebensowenig problematisch, daß er einem Befriedigteren gegen- 
über Neid empfindet, d. h. sich mit ihm identifiziert und dann den Kontrast 
zwischen dieser Einfühlung in der Phantasie und der unangenehmen "Wirk- 
lichkeit um so schlimmer empfindet und aus diesem Kontrast Aggressions- 
neigungen gegen den Glücklicheren entwickelt. Eine Kombination dieses 
Neides mit jenem Haß ist offenbar die Eifersucht, der so auf den ersten Blick 
keine spezifische Problematik zuzukommen scheint. 

Tatsächlich ist es aber, wie die psychoanalytische Literatur über dieses 
Thema 1 gezeigt hat, keineswegs so einfach. Zwei auffallende Momente an der 
Eifersucht zeigen dies auch schon dem oberflächlichen Blick: Erstens ist die 
Eifersucht keineswegs immer dort am größten, wo vorher Verliebtheit und 
(genitale) Befriedigung am größten waren, wie es der Fall sein müßte, wenn die 
Eifersucht eine einfache Versagungsreaktion wäre. Es scheint ja gerade im 
Gegenteil — und darin stimmen alle Autoren überein — , als ob Menschen, 
die besonders zur Eifersucht neigen, gerade solche wären, die unfähig sind zu 
tieferer Liebe, die ständig und leicht Objekte wechseln und die selbst auf 
Objekte eifersüchtig werden können, die ihnen, bevor sie ihnen Gelegenheit 
zur Eifersucht gaben, ziemlich gleichgültig waren. — Ginge es einfach zu, 
so müßte man zweitens erwarten, daß die unlustvollen Reaktionen auf eine 
Versagung, wie alles unlustvolle Erleben, eher verdrängt würden. Die Eifer- 
sucht hat aber ganz allgemein im Gegenteil die Eigenschaft, sich aufzu- 
drängen, sie wird leicht zur überwertigen Idee. "Wir kennen die Psy- 
chologie der überwertigen Idee: Das Festhalten der eifersüchtigen Gedanken 
im Bewußtsein muß dazu dienen, etwas anderes zu verdrängen, muß in ähn- 
licher "Weise wie die Deckerinnerungen dem Eifersüchtigen einen gewissen 
libidoökonomischen Vorteil bringen. 

Zum Umstand, daß in gewissem Sinne liebesunfähige M enscnen am ehesten 
und intensivsten eifersüchtig werden, läßt sich zuerst folgendes sagen: Das 

i) Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität, Ges. Sehr., Bd. V; Jones: Die Eifersucht, Psa. Bewgg. II, 2; Sterba: Eifersüchtig 
auf... Psa. Bewgg. II, 2; Ri viere: Jealousy as a Mechanism of Defence, Int. Journal of 
PsA., XIII, 4. 

ro» 



144 Otto Fenichel 



Gemenge von Depression, Neid, Aggressionsneigungen, mit dem ein Liebes- 
verlust beantwortet wird, verrät eine besondere Intoleranz für Liebesver- 
luste. Wir wissen, daß die Angst vor dem Liebesverlust gerade bei jenen Men- 
schen am stärksten ist, denen das Geliebtwerden wichtiger ist als das Lieben, 
also gerade nicht bei jenen, die den Genitalprimat am vollkommensten er- 
reicht haben. Die Angst vor dem Liebesverlust ist gerade bei solchen Personen 
am stärksten, bei denen der Liebesverlust wirklich das Schlimmste bedeutet, das 
das Individuum treffen kann, nicht nur eine sexuelle Versagung, sondern eine 
schwere Beeinträchtigung des Selbstgefühls, unter Umständen eine Auflösung 
des Ichs. Das Erleben des Liebesverlustes als eine narzißtische Kränkung hebt 
Freud als ein Charakteristikum der Eifersucht überhaupt hervor. 2 Es 
handelt sich also um jene Menschen, bei denen narzißtische und erotische 
Bedürfnisse nicht genügend voneinander differenziert sind. Bekanntlich ist 
diese Scheidung in einem gewissen Grade bei Verliebten immer verwischt, 
deren Selbstgefühl ja wieder wie das der kleinen Kinder von dem Verhalten 
des Liebesobjektes abhängt. (Deshalb neigt man im Zustand der Verliebtheit 
auch ganz allgemein zur Eifersucht.) Eine chronische Beeinträchtigung dieser 
Differenzierung zeigen aber vor allem gewisse oralfixierte Menschen, deren 
Selbstgefühlregulierung dauernd und mehr oder weniger ausschließlich von 
der Außenwelt abhängig bleibt. Sie brauchen „narzißtische Zufuhren von 
außen", um ihr Selbstgefühl halten zu können, so wie der Säugling materieller 
Zufuhren von außen bedarf, um am Leben zu bleiben. 3 Eine „innere Steuerung 
des Selbstgefühls" (etwa durch das Verhältnis zwischen Ich und Über-Ich) hat 
sich nicht oder nur ungenügend entwickelt oder ist regressiv wieder an eine 
„äußere" verlorengegangen. Es ist das dieselbe Disposition, die auch den 
„oralen" oder „Selbstgefühl"-Neurosen zugrunde liegt, also vor allem den 
manisch-depressiven Erscheinungen, der Süchtigkeit und anderen Impuls- 
neurosen und dem „masochistischen Charakter". Es ist selbstverständlich, daß 
es unter den Menschen mit Fixierung der Selbstgefühlregulierung auf primi- 
tiven Stufen dann noch sehr verschiedenartige Untertypen gibt. Vor allem 
stehen hier die „Triebhaften", die das Unentbehrliche, das die böse Außenwelt 
ihnen vorenthält, sich mit Gewalt holen wollen, den „Masochistischen" gegen- 
über, die auch diese Gewaltneigung zu verdrängen suchen, um durch ihr Leiden 
um die unentbehrlichen Zufuhren zu werben. (Wobei dann das Werben ebenso 
dem eigenen Über-Ich gelten kann wie äußeren Objekten, die verdrängte 

2) 1. c. 

3) Die erste Beschreibung dieser Phänomene der „Selbstgefühl-Steuerung" findet sich bei 
Rado: Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte, Int. Ztschr. f. Psa., XII, ihre Fort- 
führung bei Rado: Psychoanalyse der Pharmakothymie, Int. Ztschr. f. Psa., XX. Vgl. 
auch die Ausführungen über Selbstgefühl bei Fenichel: Perversionen, Psychosen, Cha- 
rakterstörungen, Int. Psa. Verl., Wien, 1931. 






Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



145 



Aggressionsneigung aus der Verdrängung wiederzukehren pflegt, Ängste ver- 
schiedener Art den so ersehnten Empfang wieder zu verhindern suchen, oder 
andere Komplikationen eintreten.) Daß auch das Festhalten am (die Leibes- 
integrität gewährleistenden) Besitz die gleiche Funktion für das Selbstgefühl 
erfüllt wie „äußere Zufuhren", eröffnet ein weiteres Kapitel, das heute nicht 
behandelt werden soll. Eine Gesellschaft, in deren Ideologie ein Ehegatte als 
Besitzstück des andern erscheint, erhöht jedenfalls von hier aus die psycho- 
ökonomische Brauchbarkeit der Eifersucht. 

Wenden wir uns nun der zweiten vorhin erwähnten auffallenden Eigen- 
schaft der Eifersucht zu und fragen wir, welche geheimen libidoökonomischen 
Vorteile die Eifersucht dem Eifersüchtigen zu bieten vermag, so geben uns 
hierauf Freud und die bisherige Literatur bestimmte Antworten. Die erste 
Erkenntnis war die, daß der übermäßige Affekt daher rührt, daß die zur Eifer- 
sucht Veranlassung gebende Situation an eine ähnliche frühere erinnert, die 
verdrängt worden war. Das Übermaß des Affekts stammt aus den Zuschüssen, 
die aus dem Verdrängten fließen, und der Umstand, daß sich die gegen- 
wärtige Kränkung im Bewußtsein so sehr vorschiebt, hilft die ver- 
gangene in der Verdrängung zu halten: Die Eifersucht entstand im Ver- 
hältnis der Geschwister zueinander, oder — vor allem — am Ödipuskomplex. 
Diese historische Auskunft stimmt gewiß für Jede Eifersucht. Aber man 
möchte nun gern etwas darüber erfahren, wovon es abhängt, ob das Scheitern 
4^1 Ödipuskomplexes, das ja jeder Mensch erlebt, eine besondere*Disposition 
zur Eifersuc ht hinterläßt oder nicht. Das muß bereits davon abhängen, wie 
seinerzeit der Ödipuskomplex und sein Scheitern erlebt wurde, so daß die 
Reduktion der Eifersucht auf infantile Situationen das Problem nur verschiebt, 
nicht löst. Hier führte uns Freud weiter, indem er die Eifersuchtsparanoia 
zum Vergleich heranzog. Die Eifersucht ist ja eine Art „Normalvorbild" des 
Eifersuchtswahnes, wie etwa die Trauer ein Normalvorbild der Melancholie. 4 
Was für die Psychologie des Eifersuchtswahnes grundlegend ist, muß — in ent- 
sprechend beschränkterem Umfange — auch für die normale Eifersucht gelten. 

Bekanntlich fand Freud, daß in paranoiden Fällen die Eifersucht dazu be- 
nützt wird, um zweierlei Impulse mit ihrer Hilfe abzuwehren. Mit Hilfe der 
„projizierten Eifersucht" werden die eigenen Impulse zur Untreue, in der 
wahnhaften Eifersucht die eigene Homosexualität nicht bewußt. Beide Motive 
spielen wohl auch bei jeder normalen Eifersucht eine gewisse Rolle. Wenn 
es gelingt, als schuldhaft empfundene eigene Impulse zur Untreue projektiv 
zu erledigen, so ist das gewiß ein libidoökonomischer Vorteil, der uns die 
Aufdringlichkeit einer „überwertigen Idee" erklären kann. Bezüglich des 
Anteils der eigenen unbewußten Homosexualität auch in der nichtwahnhaften 

4) Freud: Trauer und Melancholie, Ges. Sehr., Bd. V. 



146 Otto Fenichel 



Eifersucht erinnere ich nur an die schöne Arbeit von Sterba: „Eifersucht 
auf . . ." 5 oder an eine von mir beobachtete Patientin, die eine perverse Vor- 
liebe für den Sexualverkehr zu dritt hatte, mit einer glühenden eifersüchtigen 
Angst davor, Freund und Freundin könnten auch in ihrer Abwesenheit einmal 
zusammen sein. 6 

Das Problem, das noch eingehender Erörterung bedarf, ist also das nach dem 
Verhältnis dieser drei von Freud erkannten Momente (historische Bedingtheit, 
eigene unbewußte Untreueimpulse, eigene unbewußte Homosexualität) zu den 
Überlegungen über die Angst vor dem Liebesverlust und die Fixierung des 
Selbstgefühls an primitive Stufen, die mit einer „oralen Fixierung" zusammen- 
fällt. 

Die Fixierung an primitive Stufen der Selbstgefühlregulierung kann man 
auch eine narzißtische Fixierung nennen. Freilich ist das "Wort „narzißtisch" 
vieldeutig. Es ist natürlich keine Rede davon, daß solche Leute, deren Ab- 
hängigkeit von den Objekten enorm ist, mit einem „narzißtischen Zustand", 
der keine Objekte kennt, zu vergleichen wären, etwa mit einem katatonen 
Stupor, oder auch nur mit dem, was Freud als „narzißtischen Typus" ge- 
schildert hat. 7 „Narzißtisch" sind diese von den Objekten ungemein ab- 
hängigen Menschen nur in dem Sinne, wie in der „Einführung des Narzißmus" 
das Geliebtwerden als narzißtisches Ziel im Vergleich zu dem des Liebens be- 
zeichnet wird. 8 Das „narzißtische Bedürfnis", das Bedürfnis, ihr Selbstgefühl- 
niveau zu halten, ist höher, und die Methoden, dieses zu befriedigen, sind 
archaischer als bei „genitaleren" Menschen. — Aber auch die Projektion, die 
die paranoiden Mechanismen, die in der Eifersucht enthalten sind, charakteri- 
siert, ist ein archaischer Mechanismus, der auf ein Erhaltensein oder eine 
Wiederbelebung eines relativ narzißtischen Stadiums hindeutet. Auch das 
homosexuelle Objekt ist dem narzißtischen Objekt, dem eigenen Ich, näher als 
das heterosexuelle. In der Psychoanalyse der Paranoia haben wir erfahren, wie 
nahe die Mechanismen Projektion und Introjektion einander stehen. Bei 
beiden gehen die sonst so festen Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich wieder 
verloren. Wo projektives Denken vorliegt, gibt es auch introjektives. — Die 
Introjektion spielt sich zwar an allen erogenen Zonen ab, bekanntlich aber vor 
allem an der oralen. Auch die „narzißtische Zufuhr von außen", von der 
wir sprachen, ist zutiefst als orale Zufuhr gedacht. Auch sie hat etwas mit 
„Introjektion" zu tun. 

Das Problem des Zusammenspiels von Ödipuskomplex, eigenen Untreue- 

j) Psa. Bewgg. II, 2. 

6) Vgl. meine Arbeit „Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen", Int. Ztschr. f. Psa., 
XX. Fall 2. 

7) Freud: Über libidinöse Typen, Ges. Sehr., Bd. XII. . _ 

8) Freud: Zur Einführung des Narzißmus, Ges. Sehr., Bd. V. 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



147 



impulsen und eigener unbewußter Homosexualität einerseits und narzißtischer 
Intoleranz für Liebesverluste andererseits, wurde bereits in der Arbeit von 
Jones „Die Eifersucht" 9 erläutert. Er schildert dort die narzißtische Ab- 
hängigkeit des zur Eifersucht Disponierten von seinem Objekt (z. B.: „Für 
einen solchen Mann ist die Liebe ein therapeutisches Mittel, das ihn von 
einem Krankheitszustand heilen soll"), legt aber weniger Gewicht darauf, daß 
hier Konstitution und infantiles Erleben zusammenwirken, um eine Fixierung 
an einen primitiven (oralen) Mechanismus der Selbstgefühlregulierung zu 
bewirken, als auf das inhaltliche Moment, daß es stets schwere und frühe 
Schuldgefühle sind, die durch die „narzißtischen Zufuhren von außen" auf- 
gehoben werden sollen. 10 

Nach der Arbeit von Jones erschien noch eine andere, die sich mit dem 
hier erörterten Problem befaßt: Ri viere „Jealousy as a Mechanism of De- 
fence". 11 Aber über diese Arbeit soll erst geredet werden, nachdem wir das 
Material eines eigenen Falles vorgebracht haben. Aus den bisherigen theoreti- 
schen Erörterungen bringen wir jedenfalls für die nun folgenden klinischen 
Überlegungen ein Vorurteil mit: die Beziehungen zwischen Eifersucht und 
oralen Introjektionsphantasien müssen viel engere sein, als bisher betont 
worden ist. 

II. 

Bei einer vor dem Klimakterium stehenden Frau rezidivierte eine schwere 
Neurose, von der sie jahrelang frei gewesen war, mit Depersonalisationserschei- 
nungen, Angst und verschiedenen Konversionssymptomen. Sie weiß den 
Anlaß der Rezidive anzugeben: Die Symptome waren wieder aufgetaucht, 
nachdem ihr Mann impotent geworden war. Sie scheinen also die Folge des 
Fortfalls der libidinösen Befriedigung. Dieser Eindruck verstärkt sich durch 



9) Psa. Bewgg. II, 2. 

10) Jones betont auch mit Recht, daß bei diesen Menschen der großen Sehnsucht, 
etwas vom Liebesobjekt zu erhalten, meist eine durch infantile Erlebnisse bedingte große 
Angst vor der Erfüllung dieser Sehnsucht entgegensteht. Oft ist erst ein solcher Konflikt 
Ursache für die Verdrängung und damit Fixierung der Mechanismen dieser Stufen. Eine 
ruhelose Flucht von Objekt zu Objekt kann die Folge der Angst vor dem magisch (als Selbst- 
zerstörung) gefürchteten Empfang sein. Eine solche Flucht fällt den in Rede stehenden Per- 
sonen um so leichter, als sie ja keine wirkliche individuelle Beziehung zu ihren Objekten 
haben, sondern von ihnen eben nur den „magischen Empfang" ersehnen, so daß die Objekte 
leicht austauschbar sind. Trotzdem scheint mir die aus diesem Sachverhalt von Jones ge- 
zogene Konsequenz höchst zweifelhaft: „Die eheliche Untreue hat öfter, als man glaubt, eine 
Neurose als Ursprung; sie ist nicht Zeichen von Freiheit und Potenz, sondern des geraden 
Gegenteils." Denn häufiger noch als die neurotische „Angst vor der Bindung" gibt es die 
„neurotische Bindung" mit Angst vor der an sich doch gewiß nicht pathologischen, sondern 
biologisch normalen Sehnsucht nach Objektwechsel. 

11) Int. Journal of PsA., XIII, 4. 



das Übertragungsverhalten der Patientin: Sie hatte seinerzeit die verschieden- 
sten psychotherapeutischen Kuren durchgemacht, und ihr Verhalten läßt 
keinen Zweifel daran, daß sie vom Arzt freundliche Beratung, „Vermittlung 
von Lebenszielen", Anerkennung, Freundschaft erwartet, kurz, daß sie, da sie 
das Interesse ihres Mannes verloren zu haben glaubt, sich von einem Arzt 
Ersatz hierfür kaufen will. Aber die Anamnese schon brachte eine Über- 
raschung. Die erste Angabe, die Rezidive wäre unmittelbar der Impotenz des 
Mannes gefolgt, erwies sich als unrichtig. Eine lange Zeit hindurch lebte die 
Patientin noch beschwerdefrei, sowohl während der Mann sich vergebens 
bemühte, noch einen Akt zustande zu bringen, als auch nachdem er das auf- 
gegeben hatte und sich der Patientin sexuell gar nicht mehr näherte. Als die 
Patientin den Verdacht schöpfte, ihr Mann käme heimlich mit einer anderen 
Frau zusammen, entwickelte sich bei ihr sofort die Überzeugung, bei dieser 
anderen hätte er gewiß noch seine volle Potenz; sie produzierte eine ihr bis 
dahin fremde intensive und quälende Eifersucht, und erst in Gemeinschaft 
mit dieser Eifersucht traten die alten neurotischen Symptome wieder auf. Im 
selben Sinne überraschte die Auskunft der Patientin, daß sie in der lang- 
jährigen Ehe stets frigid gewesen war und sich deshalb aus dem Verkehr mit 
ihrem Manne nie etwas gemacht hatte. Während der ganzen Jahre mußte sie, 
um eine sexuelle Entspannung zu erzielen, von Zeit zu Zeit mit bestimmten 
Phantasien, über die später die Rede sein soll, onanieren. 

Es mag also richtig sein, daß durch die Veränderungen in den ehelichen Be- 
ziehungen für die Patientin eine Befriedigung weggefallen ist. Diese weg- 
gefallene Befriedigung ist aber nicht grob somatisch als Wegfallen des Sexual- 
verkehrs zu verstehen, sondern das Benehmen des Mannes — und zwar seine 
Untreue mehr als seine Impotenz — muß die vorher für die Frau befriedigende 
Onanie ihr auf irgend eine "Weise entwertet haben. 

Wir werden der Frage nach der Art der weggefallenen Befriedigung näher- 
kommen, wenn wir analysieren, was die Patientin nunmehr als Befriedigungs- 
ersatz anstrebte. Dies zeigte sich erstens im Übertragungsverhalten. Die 
Patientin forderte sehr energisch und deutlich sehr viel Aufmerksamkeit und 
Freundschaft des Analytikers wie ein ihr zustehendes Recht. Wenn der Ana- 
lytiker zu ihr spreche, erklärte sie, so fühle sie erst wieder, daß sie der Beach- 
tung wert sei, während sie sich in ihren Angst- und Depersonalisationsvor- 
stellungen zu Hause völlig wertlos vorkomme. Um auf solche Weise vom 
Arzt „gehalten zu werden", so erklärte sie schließlich ganz offen, komme sie ja 
zu ihm, und wenn er ihr die ersehnten Ratschläge nicht geben wollte, so werde 
sie sich diese schon zu verschaffen wissen, z. B. indem sie zu einem andern 
Arzt gehe. Nach Stunden, in denen, ihrem Gefühl nach, der Analytiker zu 
wenig geredet hatte, pflegte sie zum Trost in eine Konditorei zu gehen und 



Kuchen zu essen. Die "Worte und Freundlichkeiten des Analytikers bedeuteten 
eine orale „Zufuhr von außen". 

Dasselbe zeigten zweitens die Symptome. Sowohl Depersonalisation als auch 
Angst stellten sich vor allem beim Alleinsein ein. Jene zeigte sich in einem 
Erlebnis der „Spaltung"; die Patientin hatte das Gefühl, als wäre sie zwei 
Personen zugleich; sie erlebte dabei ausgiebige Körperentfremdungen; ins- 
besondere erschienen ihr ihre Hände fremd, und sie wußte nicht, was sie mit 
ihnen anfangen sollte. So erwies sich die Angst vor dem Alleinsein als eine 
Angst vor der Onanieversuchung. Unser Verdacht verstärkt sich, daß das 
Verhalten des Mannes auf eine uns noch unbegreifliche "Weise die Onanie, die 
vorher befriedigend gewesen war, zu einer Gefahr gemacht hatte. Und das 
mußte irgendwie damit zusammenhängen, daß in der Onanie orale Impulse 
ihren Ausdruck fanden, und daß sie in ihr irgendwie zwei Personen gleich- 
zeitig darstellte. — Dieser uns noch unbekannte infantile Charakter der 
Onanie, den die Patientin fürchtete, muß also durch das Benehmen des Mannes 
relativ verstärkt worden sein. 

Die Angstzustände, die offenbar in Versuchungssituationen der uns un- 
bekannten infantilen Sexualität auftraten, konnten von der Patientin durch 
eine Art „Hausfrauenneurose" gemindert oder gebannt werden, die also einen 
„Ersatz" für die unmöglich gewordene Onanie darstellen muß. Die Patientin 
fühlt sich wohler, wenn sie den ganzen Tag kochen, scheuern oder „Ordnung 
machen" kann. Deutlich ist dabei die sadistische Komponente, mit der sie ihr 
Ordnungsprinzip allen anderen aufzuzwingen sucht. Züge solch anal-sadisti- 
schen Verhaltens waren allerdings bei ihr immer schon vorhanden gewesen. 
So hatte sie ihre jüngere Schwester völlig beherrscht, ihr alle Entscheidungen 
abgenommen und ihre eigene Denkweise aufgezwungen. Als die jüngere 
Schwester nach einer Analyse sich das nicht mehr gefallen ließ, antwortete 
die Patientin mit einem glühenden, bewußten Haß. — Daß sich solch anal- 
sadistisches Verhalten aber gerade auf dem Hausfrauengebiet austobte, und 
besonders, daß es ein Mittel wurde, Angst abzuwehren, kam jetzt neu hinzu. 

Gleichzeitig wuchs die Eifersucht, die uns ja hier vor allem interessiert, 
außerordentlich. Die Gedanken an die Untreue des Mannes, das Grübeln 
darüber, wann, wo und wie er seine Freundin wohl sehe, und was er mit ihr 
mache, drängten sich quälend zwanghaft immer stärker auf. Die Patientin 
mußte sich Einzelheiten jenes sexuellen Zusammenseins vorstellen und erklärte 
es schließlich für unerträglich, daran denken zu müssen, wie ihr Mann einer 
anderen Frau „seinen Penis gebe". Diese Ausdrucksweise war auffallend, aber 
nicht unerwartet nach den Feststellungen, die wir über die orale Sehnsucht der 
Patientin, von dem Liebesobjekt etwas zu erhalten, gemacht hatten. Ihr 
geschildertes Ubertragungsverhalten hatte ja schon deutlich gemacht, daß sie 



150 _ Otto Fenichel 



vom Analytiker erwartete, was der Mann ihr entzog, nämlich durch Worte 
(Ratschläge) Erhöhung ihres Selbstgefühls. Der Penis des Mannes war also 
unbewußt ebenfalls als eine Art solcher „oraler Zufuhr" aufgefaßt. Merk- 
würdig blieb, daß sich die Patientin dieser Zufuhr noch nicht durch die Im- 
potenz des Mannes beraubt fühlte, sondern erst durch den Umstand, daß eine 
andere Frau erhielt, was ihr verweigert wurde. 

Nun gab es eine „Untreue"geschichte in der Pubertätszeit der Patientin. Ihr 
Vater hatte mit einem Dienstmädchen ein Verhältnis angefangen, und die 
Mutter war dahinter gekommen. Es gab einen großen Skandal, die Mutter 
weinte viel und schüttete, als die Tochter fragte, was los sei, dieser ihr Herz 
aus. In der vorhin geschilderten Hausfrauenwut war nun zunächst eine unter- 
strichene Identifizierung mit jenem Dienstmädchen zu erkennen. Die erste 
Deutung der Rolle der Dreiecksphantasie im Sexualleben wies also wieder auf 
den Ödipuskomplex, die erste Deutung der Eifersucht, d. h. der Intoleranz ge- 
genüber Dreieckssituationen, auf seine Verdrängung. Die Unerträglichkeit des 
Gedankens, daß ihr Mann mit einer anderen Frau Zusammensein könnte, 
entsprach dem Umstand, daß der Mann, der untreu wird, eben dadurch zu 
einer Vaterfigur wird. „Jetzt widerfährt mir das", empfand also die die Ver- 
geltung fürchtende Patientin, „was ich als Kind — in Identifizierung mit dem 
Dienstmädchen — meiner Mutter angetan habe." 

Die Mobilisierung der ödipuswünsche bzw. der ihnen entgegenstehenden 
Ängste erklärt uns allerdings noch nicht, warum der sexuelle Akt überhaupt 
als ein „Bekommen", ja, wie immer deutlicher wurde, als ein „Rauben dessen, 
was man mir nicht freiwillig gibt", aufgefaßt wurde. Einzelheiten, die über 
die wirklichen ödipuserlebnisse der Patientin zu eruieren waren, zeigten zwar, 
daß diese Auffassung schon in der frühen Kindheit bestanden hatte, genügten 
aber nicht, sie zu erklären. Sie hatte mit dem Vater wiederholt weite "Wagen- 
fahrten unternommen, im Verlaufe derer der Vater gelegentlich den "Wagen 
verließ, um seine Notdurft zu verrichten. Er hat sich (gelegentlich betrunken) 
dabei vor dem kleinen Mädchen nicht in acht genommen. Träume und Er- 
innerungen zeigten, daß die Patientin damals stets mit einem intensiven „Ich 
will es haben!" reagiert hatte, wobei die Assoziation: "Waldeseinsamkeit — 
Räuber eine Rolle spielte. 

Die Frage, wieso die Untreue des Mannes der bis dahin befriedigenden 
Onanie der Patientin einen infantileren Charakter gab, so daß diese verdrängt 
und durch neurotische Symptome ersetzt werden mußte, können wir nun 
zunächst dahin beantworten, daß sie den Ödipuskomplex der Patientin mo- 
bilisierte: sie wird nun so behandelt wie in ihrer Kindheit die Mutter. — Einen 
tieferen Grund erkennen wir aber, wenn wir uns nun den Phantasien zu- 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



151 



wenden, die die vor der neuerlichen Erkrankung befriedigende Onanie be- 
gleitet hatten: 

Im Pubertätsalter hatte die Patientin mit ihren Freundinnen oft sexuelle 
Gespräche geführt. Dabei erzählte eine Freundin, daß sie einmal Gelegen- 
heit gehabt hätte, zuzusehen, wie ein Knecht im Stehen mit seinem Mädchen 
Verkehr gehabt hätte. Diese Vorstellung versetzte die Patientin in höchste 
Erregung und verließ sie während ihres ganzen Lebens nicht mehr. Ihre 
Onaniephantasien drehten sich von da an stets darum, daß jemand zusieht, 
wenn ein anderes Paar verkehrt. Bald kam die Phantasie hinzu, daß die zu- 
sehende Frau vom Mann zugunsten der anderen Frau verlassen worden war. 
Es war deutlich, daß es für die Patientin eine Erregungsbedingung war, daß sie 
sich gleichzeitig in beide Frauen, in die Beraubte und in die Räuberin, ein- 
fühlte. Von hier aus gelang die Analyse des „Spaltungs"gefühls in der onanie- 
äquivalenten Depersonalisation: Sie war gespalten in die Beraubte und in die 
Räuberin. Die unbewußten Onaniephantasien, die durch die Untreue des 
Mannes eine solche Verstärkung erfahren hatten, können also ungefähr folgen- 
dermaßen formuliert werden: „Ich will der Mutter den Vater wegnehmen, 
wie das Dienstmädchen es getan hat. — Mir wird es, wenn ich einmal einen 
Mann habe, ebenso ergehen wie der Mutter." 

Nun hatte die Patientin ihrer Mutter gegenüber zur Zeit der Analyse einen 
ebenso krampfhaften Haß wie gegen ihre Schwester. Sie machte ihr unaus- 
gesetzt Vorwürfe. Die Mutter sei an allem schuld, sie hätte sie schlecht er- 
zogen, vernachlässigt usw. Die Krampfhaftigkeit des Hasses ließ keinen Zweifel 
an seiner Natur als Reaktionsbildung, die Patientin mußte eine tiefe Liebe zu 
ihrer Mutter verdrängen. Die Vorwürfe gegen die Mutter konnten nichts 
anderes bedeuten als: „sie hat meine Liebeswünsche unerfüllt gelassen", wenn 
wir auch noch nicht sagen können, welche wirklichen Enttäuschungen die 
Patientin an ihrer Mutter erlebt hat. Die Formel für diese Enttäuschung 
mußte natürlich lauten: „Sie hat mir etwas weggenommen, um es anderen zu 
geben." — In dieser Beziehung stellte also der Mann, der zur andern Frau geht, 
nicht den Vater, sondern die Mutter dar. Charakteristisch war, wie die Angst, 
ob der Analytiker ihr „genug gebe", in die überging, ob er in aktuellen 
Streitigkeiten mit der Mutter zur Patientin halten würde. Der Analytiker 
wurde ebenso mehr und mehr zu einer „Zwischenfigur" zwischen der Pa- 
tientin und ihrer Mutter (oder ihrem Mann), wie auch in den Dreiecksphan- 
tasien der Mann immer mehr in den Hintergrund trat gegenüber der grund- 
legenden Idee: Eine Frau nimmt einer andern etwas weg. Die Ver- 
arbeitung des Penisneides anläßlich der Wagenfahrten mit dem Vater hatte 
schon unter dem Schatten dieser Idee gestanden. „Ich nehme einer anderen 
Frau das Essen weg", oder genauer, „wenn man mir das Essen wegnimmt, hole 



ich es mir durch Raub (aus dem Mutterleib) wieder", war der unbewußte Sinn 
der Dreiecksphantasien, die Verdrängung dieser oral-sadistischen Impulse der 
unbewußte Sinn der Eifersucht. 

Während der Latenzzeit war die Patientin ein besonders schlimmes Kind 
gewesen. Zahlreiche Erinnerungen und Familienanekdoten berichteten davon, 
wie kein Erwachsener es mit ihr aushalten konnte. Als sie einmal mit einem 
Onkel verreist war, brachte dieser sie wieder zurück, weil ihr unausstehliches 
Benehmen unerträglich war. All diese „Schlimmheiten" erwiesen sich in der 
Analyse als Versuche zur Liebeserpressung. Daß auch die bei solcher Struktur 
zu erwartende Neigung zur Kleptomanie vorhanden gewesen war, wurde durch 
neu auftauchende Erinnerungen klar: Sie hatte, erinnerte sie zunächst, ihrem 
Vater, einem leidenschaftlichen Schachspieler, die Schachfiguren gestohlen 
und sie ins Klosett geworfen. Später erinnerte sie, daß sie das Gleiche schon 
früher mit verschiedenen Gerätschaften der Mutter getan hatte. Der Sinn 
dieser Handlungen war: „Ihr sollt euch nicht mit diesen Dingen beschäftigen, 
sondern mit mir." Daß sie die Dinge gerade ins Klosett warf, ging auf den 
Haß gegen die jüngere Schwester zurück, die sie, einer analen Geburtstheorie 
entsprechend, auf diese Weise wieder entfernen wollte. Der Sinn all dieser 
Handlungen war: „Ich hole mir das mir Vorenthaltene. Ich räche mich, daß 
man mir die Liebe weggenommen hat. Ich will das Verlorene wiederhaben." 

Gewiß ist der gewaltige Penisneid der Patientin ebenfalls unter diesem oral- 
sadistischen Gesichtspunkt verarbeitet worden. Aber ebenso gewiß war das 
Schema dieser Reaktionsweise schon vorher in der prägenitalen Mutterbezie- 
hung entstanden. Als einmal anläßlich einer Traumanalyse von analen Trieb- 
regungen der Kinder die Rede war, halluzinierte die Patientin plötzlich einen 
intensiven Geschmack — und wußte, daß das Kotgeschmack war; obwohl sie 
sich an die Koprophagie nicht erinnern konnte, konnte doch kein Zweifel 
sein, daß sie, um das „Verlorene wiederzuhaben", auch koprophage Hand- 
lungen geübt hatte. 

Obwohl historische Details über die Entstehung der oral-sadistischen Fi- 
xierung nicht ermittelt werden konnten, kann man doch zusammenfassen: Der 
Patientin war das Rauben (oder in Wendung gegen das Ich: das gleichzeitige 
Beraubtwerden) zur Liebesbedingung geworden. Die Eifersucht wehrte 
letzten Endes gegen die Mutter gerichtete oral-sadistische Wünsche ab, bzw. 
ließ das Abgewehrte in der Abwehr wiedererscheinen. Die auf den Mann 
gerichtete Eifersucht war in tieferer Schicht homosexuell gemeint und, 
darüber hinaus, war der unbewußte Sinn der sich aufdrängenden Eifersuchts- 
gedanken die orale Introjektion. 

Die ursprüngliche präödipale Mutterbindung war in typischer Weise — 
durch Geburt der jüngeren Schwester und durch die Penisentdeckung — ge- 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



153 



stört worden. Die Reaktion auf die Störung war aber nun nicht eine einfache 
Hinwendung zum Vater, sondern zunächst eine Fixierung der libidinösen 
Erregung überhaupt an die Phantasie „Ich werde beraubt und ich raube". Die 
Fixierung an diese Phantasie ist die „prägenitale Färbung", die die Patientin 
in ihre Genitalität mitbrachte und von der Mutter auf den Vater übertrug; 
ihretwegen verblieben alle Liebesbeziehungen auf der Stufe der Partialliebe. 
Die Aufstachelung ihres Ödipuskomplexes in der Pubertät durch das Erlebnis 
mit dem Dienstmädchen, das sie im Sinne ihrer Raubphantasie verarbeitet, 
(und die Erzählung der Kameradin von der Schauszene, die geeignet ist, als 
„Deckerlebnis" für die fast gleichzeitige Dienstmädchengeschichte zu gelten), 
prägt die endgültige Fixierung an die oral-sadistisch aufgefaßte Dreiecks- 
situation. Die Eifersucht, das Gefühl, keine Dreieckssituation vertragen zu 
können (und dennoch immer an eine solche denken zu müssen), entspricht dem 
Versuch, den eigenen Oral-Sadismus zu verdrängen (und dennoch zu be- 
friedigen). Das Verdrängungsmotiv ist Vergeltungsangst. Diese wird natür- 
lich gesteigert, wenn die Patientin das Gefühl hat, daß ihr wirklich etwas 
geraubt werde. 

Sehen wir uns nun, nachdem wir dies gefunden haben, den früher erwähnten 
Fall von Frau Ri viere näher an, so sind wir zunächst über die weitgehenden 
Übereinstimmungen verblüfft: 

Auch in dem von Frau Riviere geschilderten Fall zeigte sich, daß die 
schwere Eifersucht einer Frau verbunden war mit der unbewußt vorherrschen- 
den Phantasie, deren manifeste Abkömmlinge die verschiedensten Verkleidun- 
gen annahmen, sie müsse einem geliebten Menschen etwas rauben, wodurch 
sie ihn sehr schädige. Die „Dreieckssituation" enthielt die Patientin selbst, 
das beraubte Objekt und das Geraubte. So beschäftigte sich die Patientin in 
einer Übertragungsphantasie damit, daß der Mann der Analytikerin sterbe. Sie 
wünschte, die Analytikerin ihres Mannes zu berauben, um sie selbst besitzen 
zu können. Der Tod gehörte in ihrer Phantasie zu den Formen der Beraubung 
und bedeutete ihr auf doppelte Weise die Möglichkeit, sich selbst Befriedigung 
zuzuführen, einmal durch die Verschaffung des Besitzes, zum andern durch 
das Leiden, das sie der beraubten, geliebten Person zufügt. Auch hier gelang 
der Nachweis des präödipalen Ursprungs dieser oral-sadistischen Fixierung 
durch die Analyse der führenden Onaniephantasie, welche lautete: Ein junges 
Mädchen wird, unbekleidet, von einem Arzt untersucht; eine Frau steht dabei 
im Hintergrund des Zimmers. Die untersuchte Frau stellte die Patientin 
selbst dar, die Frau im Hintergrund die Mutter, der sie den Vater raubt. — 
Die Ausbrüche der Eifersucht erfolgten, wenn die reale oder Übertragungs- 
situation eine Verwirklichung der Phantasie in den Bereich der Möglichkeit 
rückte und dadurch das Maß der ihr entgegenstehenden Angst steigerte. Daß 



»54 



Otto Fenichel 



hierbei der Vater = der Penis des Vaters wie ein Besitzstück der Mutter be- 
handelt wurde, erklärt Frau Ri viere mit Hilfe der Vorstellung vom „Penis 
des Vaters im Leibe der Mutter". Die Wunschphantasie der Patientin war also, 
alleinige Besitzerin der Mutter zu sein und sie ihres Leibesinhaltes zu berauben. 
Im Unbewußten der Patientin war es wohl nie zur vollen Objektbeziehung 
zum Manne gekommen, die genitalen heterosexuellen "Wünsche spielten eine 
nebensächliche Rolle im Vergleich zum homosexuellen oralen Sadismus. 

Soweit ist die Übereinstimmung mit unserm Fall also tatsächlich frappierend, 
so daß wir unsere ganzen bisherigen Ausführungen als eine Bestätigung für die 
Ansicht von Frau Ri viere auffassen können, daß bei Menschen, bei denen 
Eifersucht oder zwanghafte Untreue wesentliche Züge der Persönlichkeit sind, 
anzunehmen sei, daß der Liebesverlust bzw. die Sucht nach Liebe nicht so sehr 
genitalen Charakter trägt, als daß sie vielmehr dem Verlangen entspringen, 
Teilobjekte zu erobern, um sie sich einzuverleiben. Dadurch wird die relative 
Unwichtigkeit des Objektes und der häufige Objektwechsel verständlich. 

Dagegen haben wir gegen einige Folgerungen, die Frau Ri viere aus diesen 
Befunden zieht, theoretische Bedenken, die Erörterung verdienen: 

Die Eifersucht wird von Frau Riviere wiederholt als „defence", als schüt- 
zende Abwehrmaßnahme des Ichs bezeichnet. Insofern die Eifersucht eine 
Intoleranz gegen Dreieckssituationen darstellt, diese also zu vermeiden 
sucht, leuchtet das ein. Es ist das Bestreben, gerade die Situation, die un- 
bewußt ersehnt wird, zu vermeiden. Es ist klar, woher dieses Streben nach 
Vermeidung stammt: ebenso wie alle infantile Triebabwehr aus einer der 
Vorstellung der Triebhandlung entgegenstehenden Angst, in unserm Falle aus 
Vergeltungsangst wegen des eigenen Oralsädismus. (Allerdings enthält die Eifer- 
sucht nicht nur die Abwehr der Dreieckssituation, sondern auch die in ent- 
stellter Form erfolgende Wiederkehr des Abgewehrten aus der Abwehr.) — 
Fassen wir so die Eifersucht als den — mißlingenden — Versuch auf, eine 
Triebphantasie abzuwehren, so hat es, scheint uns, dagegen wenig Sinn, auch 
die abgewehrte Triebphantasie selbst als „Abwehr" zu bezeichnen. Gerade 
das aber tut Frau Riviere. Nun wissen wir zwar, daß die Triebziele, an die 
ein Mensch nach Durchlaufen der infantilen Sexualität „fixiert" bleibt, nicht 
einfach identisch sind mit „konstitutionellen" Triebzielen des Es; son- 
dern daß es sich da schon um Kompromißbildungen handelt, bei deren 
Zustandekommen auch das triebabwehrende Ich beteiligt ist. Dennoch 
müssen wir natürlich solche unbewußten Triebziele, mit deren Abwehr sich 
dann das Ich zu beschäftigen hat, in erster Linie als Ausdruck des lustgierigen 
Es betrachten (auf das nur das abwehrende bzw. auswählende Ich modifizieren- 
den Einfluß genommen hat). — Frau Riviere dagegen sieht in der Fixierung 
an die Phantasie selbst in erster Linie ein „defence", meint, daß die Bedeutung 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



155 



dieser Phantasie im Leben der Patientin daher komme, daß es ihr gelungen 
sei, die phantasierte Situation, die aus Wunsch und Angst zusammengesetzt 
sei, in eine Situation der Sicherheit und der Verteidigung zu verwandeln. Die 
Mutter der Patientin war in Wahrheit eine sehr gütige Person, die die ver- 
schiedensten Verluste erlitt, aber das Kind dann nur um so mehr liebte. Des- 
halb meint Frau Ri viere, daß die Patientin, deren Sexualität durch die ihrem 
Oralsadismus entgegenstehende Vergeltungsangst eingeschränkt ist, nur dann 
in sexuelle Erregung geraten kann, wenn sie durch Hervorhebung der Drei- 
ecksphantasie sich an die beruhigende Erfahrung erinnere: „Ich habe ja auch 
als Kind der Mutter schlimme Dinge zugefügt, ohne daß mir etwas geschehen 
wäre." Die Ursache der Fixierung wäre also der Versuch, die Vergeltungsangst 
zu widerlegen (nicht etwa die ursprünglichen oral-sadistischen Phantasien 
selbst, die während der Kindheit Gelegenheit zur besonderen Befriedigung 
hatten, und denen eben die Vergeltungsangst entgegensteht). — Hätte Frau 
Ri viere damit recht, daß das Auftreten der Dreiecksphantasie der Absicht diene, 
sich zu überzeugen, daß man rauben könne, ohne Strafe befürchten zu müssen, 
so müßte man erwarten, daß die Patientin bei Gelegenheiten, die die Reali- 
sierung der Dreiecksphantasie in den Bereich der Möglichkeit rücken, freudig 
Zugriffe, ja, daß sie nur bei dieser Gelegenheit wirklich ungestörten sexuellen 
Genuß empfinden könnte. Wir sehen aber das Gegenteil, daß nämlich die 
Patientinnen gerade dann zurückweichen und Eifersucht und neurotische 
Reaktionen entwickeln. Warum? Frau Riviere weiß darauf nur die Antwort, 
daß auch eine gegen die Vergeltungsangst in Szene gesetzte Abwehrmaßnahme 
versagen kann, wenn die Vergeltungsangst gar zu stark wird. — Ist es nicht 
viel einfacher, die Fixierung an die oral-sadistische Phantasie, wie wir es sonst 
gewohnt sind, als ein Zusammenspiel von konstitutionellen Momenten mit beson- 
deren Befriedigungen (oder Versagungen), die das Kind während der oralen Or- 
ganisationsstufe der Libido erlebte, also als ein „Es-Phänomen" anzusehen — 
die Eifersucht dagegen als eine (mißlingende) Ich-Maßnahme? (Wobei zuge- 
geben werden muß, daß, wie die Perversionen beweisen, Fixierungen auch 
gerade an jenen Libidopositionen zustande kommen, die geeignet sind, eine 
gleichzeitige Angst des Ichs zu widerlegen.) Der Versuch, im Vorhanden- 
sein einer libidinösen Regung, noch dazu einer, gegen die das Ich aus 
lauter Vergeltungsangst die imponierendsten Abwehrmaßnahmen in Szene 
setzt, in erster Linie eine Maßnahme des Ichs zur Angstabwehr, eine 
„defence" zu sehen, scheint mir eine jener in unserer Literatur häufig ver- 
tretenen Überschätzungen der (tatsächlich vorhandenen) Rolle der Libido als 
Angstabwehrmittel, der Unterschätzung ihrer Natur als biologische Gegeben- 
heit zu sein, über die ich an anderer S telle ausführlich gesprochen habe. 12 
12) Über Angstabwehr, insbesondere durch Libidinisierung, Int. Ztschr. f. Psa., XX. 



156 ' Otto Fehichel 



Sodann: Frau Ri viere nennt die die Eifersucht konstituierende Vergeltungs- 
angst unbedenklich eine „Angst des Ichs vor seinem Über-Ich". Sie folgt dabei 
dem Sprachgebrauch von Melanie Klein und kann sich darauf berufen, daß 
gerade in ihrem Fall der Gegensatz zwischen der wirklichen gütigen Mutter 
und den Schreckensvorstellungen der „introjizierten Mutter" besonders groß 
war. Gerade eine so gütige Mutter, deren Entgegenkommen dem Kind wenig 
Gelegenheit zu äußeren Aggressionen gebe, erhöhe eben um diesen Betrag die 
Strenge der Aggressionen des frühen „Über-Ichs". Vor diesem frühen Über-Ich, 
das die Patientin von innen bedrohe, müsse sie sich schützen. Vor diesem 
Über-Ich fliehe sie in der Dreiecksphantasie zur realen Mutter („Flucht zur 
Realität"), die man berauben kann, ohne daß einem etwas geschieht. — Wir 
bezweifeln weder, daß die der Realität so grotesk widersprechenden Ängste 
der Kinder aus einer Projektion eigener sadistischer Regungen stammen, noch 
daß bei ihrer Genese auch Introjektionen eine wesentliche Rolle spielen. Aber 
wir meinen, daß es eben charakteristisch für solche „Vergeltungsängste" des 
Kindes ist, daß das Kind das Unheil wirklich, von außen erwartet, also — 
in projektivem Mißverständnis der Außenwelt — tatsächlich in seinen Hand- 
lungen mehr durch äußere Angst als durch Gewissensangst gehemmt werde. 13 
Daß (wie schon Freud betonte 14 ) das Gefühl „Ich selbst bin schuld am Liebes- 
verlust" kontsitutiv zur Eifersucht gehört, beweist nicht, daß diese ein Sym- 
ptom von aus dem Über-Ich stammenden, gegen das eigene Ich gerichteten un- 
bewußten Anklagen sei. Eine Herabsetzung des Selbstgefühls als Folge eines 
Liebesverlustes ist auch ohne Beteiligung des Über-Ichs denkbar, gerade bei 
oral fixierten Personen, deren Selbstgefühlniveau von vornherein von äuße- 
ren Liebeszufuhren abhängt. 

Ein Wort noch zu der oft zitierten Vorstellung vom „Penis des Vaters im 
Leibe der Mutter". Auch unser Fall schien — ebenso wie der Frau Ri vi er es 
— diese Vorstellung zu haben. Den Penis, den sie am Vater gesehen hatte, 
begehrte sie unzweifelhaft von der Mutter und zeigte das unbewußte Be- 
streben, ihn aus ihrem Leibe herauszuholen. Derartiges findet man tatsächlich 
häufig. Die Existenz dieser Vorstellungen scheint uns auch nicht proble- 
matisch; fraglich ist nur, ob eine solche Vorstellung immer von einer Phantasie 
über einen Koitus zwischen den Eltern, bei dem der väterliche Penis im 
Mutterleib zurückgeblieben wäre, oder dergleichen, stammen muß. Hier 
scheint uns viel gesündigt zu werden dadurch, daß man der Integriertheit jener 
Schichten bzw. jener Zeit zu wenig gerecht wird und immer noch zu viel 
„erwachsene Logik" dem Verständnis prägenitaler Denkwelten zugrunde legen 
will. Wenn ein Mädchen aus ganz andern Gründen (nämlich, weil zur 

13) Vgl. die Ausführungen darüber in meiner eben zitierten Arbeit. 

14) Über einige neurotische Mechäflisfrien bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität, 
Ges. Sehr., Bd. V. 



Beitrag zur Psychologie der Eifersucht 



157 



präödipalen Zeit die Mutter das einzig wesentliche Objekt ist), die Gewohnheit 
hat, alles, was es fordert, von der Mutter zu fordern, wenn es darüber hinaus 
aus seiner prägenitalen Zeit eine oral-sadistische Bindung mitbringt von der 
Art „Ich will etwas zerstören, um mir etwas Vorenthaltenes zu holen", so wird 
auch der Penisneid nach diesem präexistenten Schema verarbeitet. Tatsächlich 
finden wir in Fällen, wo die in Rede stehende Vorstellung besonders aus- 
gesprochen ist, immer, daß andere schwere (objektive oder bloß subjektive) 
Enttäuschungen durch die Mutter vorangegangen sind, denen sich der 
Penisneid zugesellt und die mit der Phantasie des „Aus-dem-Leibe-Reißens" ge- 
endet haben; vor allem Schwangerschaften der Mutter, aber auch Konflikte 
der Reinlichkeitserziehung und der Entwöhnung; man vergesse nicht, daß 
die Phantasie vom Leibesinhalt, der weggenommen wird, vom Kote stammt, an 
dem das tatsächlich erlebt wurde; man denke an dievonFreud hervorgehobene 
Bedeutung der Klystiere. 15 Die integrierte Reaktion eines Mädchens auf den 
Penisanblick ist dann die Verarbeitung dieses Anblickes im Sinne früherer Er- 
lebnisse. Der Penis (des Vaters) tritt nur als letztes und oft ausschlaggebendes 
Glied in die Reihe der Introjekte Milch, Kot, Kind, Penis, um die sich das 
kleine Mädchen geschädigt glaubt, und die sie — bei entsprechender Fixierung 
— mit oral- (pseudo-phallisch-) sadistischem Vorgehen gegen die Mutter be- 
antworten kann. 16 



15) Freud: Ober weibliche Sexualität, Ges. Sehr., Bd. XII. 

16) Vgl. Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen, S. 57 f. 
Imago XXI/2 



Bin Opfer der Verbrechermoral 
und eine nicht entdeckte Diebin 

Zwei Analysen Krimineller 1 

Von 

Franz Alexander und William Healy 

Chicago Boston 

II. 

Der Fall Richard Vorland 

Richard war acht Jahre alt, als ihn seine Mutter zu der Fürsorgestiftung 
„Judge Baker" brachte. Sie lebte in einem ziemlich entfernten Industriezen- 
trum und kam, um sich Rat über den Jungen zu holen. Eine Dame, die sich 
mit freiwilliger Fürsorgearbeit befaßte, hatte ihr nämlich mitgeteilt, es gäbe 
die Möglichkeit, daß man ihn genau untersuchen und in einer besseren Um- 
gebung unterbringen werde. Als die Analyse begann, war Richard 20 Jahre alt. 

Im Alter von sechs Jahren, unmittelbar nachdem sein Vater bei einem Un- 
glück ums Leben gekommen war, kam Richard mit seiner Mutter und seinen 
Brüdern aus ihrer Heimat Virginia nach New York. Sein Vater, der 1878 
in der Hügellandschaft am Fuße des Virginia-Gebirges geboren war, hatte 
während seines ganzen Lebens in den Südstaaten gelebt. Auch Richards 
Mutter war im Jahre 1885 in Virginia geboren; sie stammte aus einer Fa- 
milie aus New England mit einer Beimischung französischen Blutes. Nach 
dem Tode ihres Gatten kam sie nach Worcester, wo Verwandte von ihr 
lebten, und arbeitete dort in einer Bäckerwerkstatt, um den Lebensunterhalt 
für sich und ihre Kinder zu verdienen. Sie war katholisch, ihr Mann war 
Protestant; von den Kindern wurden einige in dem einen, die anderen in dem 
anderen Glauben erzogen. 

Richard ist das jüngste der fünf Kinder. Das älteste Kind, ein Mädchen, 
blieb bei Bekannten in Virginia und hat dort geheiratet. John, acht Jahre 
älter als Richard, hatte sich bereits im Süden kriminell verhalten und blieb 
auch weiterhin ein schwerer Fall. Nach John kam Wilbur, der zweieinhalb 
Jahre älter war als Richard; die Mutter bezeichnete ihn als Richards „Kumpan". 
Sie legte besonderes Gewicht darauf, Richard dem Einfluß Wilburs zu ent- 
ziehen. 

Die Mutter stellte Richards Probleme folgendermaßen dar: Er pflegte 
außerordentlich häufig die Schule zu schwänzen und sei einmal die ganze 

1) Aus einem im Erscheinen begriffenen Buch der beiden Autoren „Roots of Crime", 
Alfr. A. Knopf, Inc., New York. Vgl. den I. Teil, diese Zeitschrift, dieser Jahrgang, S. 5 ff. 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



159 



Nacht vom Hause fortgeblieben. Während eines Jahres oder noch längerer 
Zeit beging er zu Hause und in Geschäften eine Menge kleiner Diebstähle; 
erst neulich hatte sich Richard im Büro einer Fabrik versteckt und eine große 
Summe Geldes gestohlen, von der er einen Teil Wilbur gab. Der Mutter machte 
es große Sorge, daß Richard gefahrvolle Fahrten auf Eisenbahnfrachtwagen 
unternahm, daß er zu Hause so ungehorsam und schwer zu behandeln war 
und manchmal schwere Wutausbrüche hatte. 

Richards Vater stammte aus einer wohlangesehenen Familie und hatte in 
einem College in den Südstaaten ein Diplom erworben. Obwohl er für sehr in- 
telligent gehalten wurde und völlig gesund war, begnügte er sich doch mit 
einer bescheidenen Stellung, die er behielt, ohne irgendwelche Anstrengungen 
zu machen vorwärts zu kommen. Er war ein periodischer Alkoholiker, im 
betrunkenen Zustand unangenehm und dem Fluchen ergeben; dies hatte sich 
besonders in dem letzten Jahre seines Lebens sehr verstärkt. An seinen Kin- 
dern nahm er sehr wenig Interesse und benahm sich seiner Familie gegenüber 
durchaus unverantwortlich. 

Die Mutter ist eine Frau von kleiner Statur, die oft durch Sorgen und 
Ängste abgehärmt aussieht; sie hat stets mit harter Ausdauer gearbeitet und 
getreulich für ihre Kinder gesorgt. Sie hatte nur eine recht kärgliche Erziehung 
genossen, hatte früh geheiratet und war oft krank. Sie hatte, besonders nach 
dem Tode ihres Gatten, wenig Macht über ihre Kinder und ihre Schwierig- 
keiten wurden durch die Tatsache, daß sie selbst arbeiten mußte, um die 
Kinder zu erhalten, noch vermehrt. Haushaltungsarbeiten liebte sie nicht und 
zog es vor, eine Anstellung außer Haus anzunehmen. Obwohl sie nach dem 
Norden gekommen war, um in der Nähe ihrer Verwandten zu sein, stand sie 
mit den meisten nicht auf gutem Fuße. Sie gestand offen, daß es ihr viel 
leichter fiel, die Mädchen zu behandeln als die Jungen. 

Die äußeren Verhältnisse waren daheim recht armselig. Die Familie lebte 
in einem überfüllten Stadtviertel; die Jungen waren viel auf der Straße. Die 
älteren Brüder hatte die Fürsorgestiftung nie kennengelernt. Kurze Zeit 
bevor man Richard dort das erste Mal sah, waren die beiden älteren Brüder in 
Wohltätigkeitsanstalten untergebracht worden. 

Als Richards Mutter mit ihm schwanger war, begann Richards Vater sich 
sehr dem Trunk zu ergeben. Das war eine sehr unglückliche Zeit für die 
Mutter. Die Geburt Richards verlief normal. Er konnte nicht gestillt 
werden und die Mutter berichtet, das einzige Kind, das sie in zufrieden- 
stellender Weise an der Brust zu stillen vermochte, sei Wilbur gewesen. 
Während des Säuglingsalters gab es bei Richard viele Ernährungsschwierig- 
keiten. Er war ein launenhaftes Kind und weinte bis zum Alter von drei 
Jahren sehr häufig; ernstlich krank war er jedoch nie. Daß dies bei keinem 



ii» 



der Kinder jemals der Fall war, schreibt die Mutter dem Umstände zu, daß 
sie, als die Kinder noch sehr klein waren, stets für große Reinlichkeit und 
dafür gesorgt hätte, daß sie von anderen Kindern ferngehalten würden. Sie 
glaubt, sie hätte Richard ganz besonders von anderen Kindern ferngehalten; 
er war bis zum Alter von sechs Jahren die ganze Zeit bei ihr. Sie fühlte für 
ihn mehr Mitleid als für die anderen, da er so schwach zu sein schien. Es 
schien ihr stets, als ob Richard unter allen Kindern ihr am ähnlichsten sei. 
Richard ist ebenso verschlossen wie sie selbst, während seine Brüder in ihrer 
Redseligkeit dem Vater gleichen. Obwohl Richard schon vom Säuglingsaker 
an Wutausbrüche hatte, die sie nicht zu meistern wußte, und obwohl er manch- 
mal störrisch und eigensinnig schien, spricht sie von ihm doch, als wäre er bis 
zum Alter von sieben Jahren ein reizendes Kind gewesen. Mit dem Essen 
machte er immer Geschichten und zeigte eine fast abnormale Sucht nach 
Süßigkeiten. Von anderen eigentümlichen oder schädlichen Gewohnheiten 
wurde nicht berichtet. Die Mutter schrieb die Betragensschwierigkeiten 
Richards der Tatsache zu, daß er im Alter von sieben Jahren eine Mittelohr- 
entzündung durchmachte und daß er zu jener Zeit in schlechte Gesellschaft 
kam, zu der auch Wilbur gehörte. In späteren Gesprächen betonte die Mutter 
oft, wie gut die Kinder stets zu ihr waren, wie treu sie stets zueinander 
standen, wie sie selbst immer die Partei der Kinder ergriff. Und sie setzte 
hinzu, daß keines der anderen Kinder ihr jemals freche Antworten gab. Richard 
hingegen ist von der Zeit an, als er sechs oder sieben Jahre alt wurde, oft in 
großen Zorn gegen sie geraten und hat sich über die an ihn gerichteten 
Mahnungen bitter beklagt. 

Die körperliche Untersuchung im Alter von acht Jahren zeigte, daß Richard 
schwach entwickelt und ziemlich unterernährt war; er hatte viele schwer 
kariöse Zähne; von Zeit zu Zeit litt er an Ohrenfluß, wodurch sein Gehör 
etwas mangelhaft war; ferner wurde eine ausgesprochene Phimose kon- 
statiert. 

Die psychologische Untersuchung ergab einenIntelligenzkoeffizientenvon95. 
Der Knabe hatte gute Sprachfähigkeiten, war aber erst in der zweiten Klasse 
und konnte selbst die dort erforderliche Arbeit nur mangelhaft leisten, was 
wahrscheinlich dem häufigen Schulschwänzen zuzuschreiben war. Er war ver- 
schlossen und empfindlich und hatte eine tiefe Abneigung gegen die Schule. 

Bei den ersten Gesprächen war es leicht, Richard zu veranlassen, offene Aus- 
sagen über sein Leben zu machen. Er gab einen lebhaften Bericht über seine 
Ideen vom Stehlen, die er von mehreren seiner Gefährten, jenen, die auch 
seine Mutter erwähnt hatte, sowie von seinen Brüdern angenommen hatte. 
Er erzählte, daß sein ältester Bruder ihm und "Wilbur vieles vom Verbrecher- 
tum beigebracht hatte. Dieser älteste Bruder erging sich auch in sexuellen 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



161 



Gewohnheiten, die er vor den jüngeren Knaben zur Schau stellte. Zoten und 
Worte von sexueller Bedeutung, die Richard in und außer Hause gehört hatte, 
kamen ihm oft in den Sinn, obwohl er sie haßte. 

Die Mutter erzählte, daß ihr Mann sie in dem Jahre vor seinem Tod oft 
der Unsittlichkei beschuldigt haben und daß die Kinder dies gehört hätten. 
Richard bereiteten diese Gedanken viel Sorge, worauf auch seine damalige 
Gewohnheit hindeutet, seine Finger kreuzweise übereinander zu halten, um 
zu verhindern, daß ihm geschlechtliche Dinge in den Sinn kämen — eine 
sonderbare Anwendung eines auf das Leugnen bezüglichen Kinderspieles. 
Mehrmals sagte er, daß die Worte, die er gelernt hatte, ihm oft Übelsein 
bereiten — seine Aussage war wörtlich: „Diese Dinge verursachen in mir das 
Gefühl des Übelseins und der Gemeinheit. Sie bringen mich dazu, daran zu 
denken, daß ich mich irgendwo einschleiche und Gegenstände stehle, und des 
Nachts träume ich dann manchmal, daß ich einen Einbruch verübe." Er 
setzte auch hinzu, er wünsche, er könnte vom Ballspielen träumen. 

Richard erzählte noch vieles andere: von einer Bande in der Nachbarschaft, 
die Diebstähle verübte, schmutzige Reden führte und masturbierte, was er 
selbst nicht sehr häufig tat; von Kinostücken, die von Diebstählen handelten; 
von seiner Liebe zu seiner Mutter und zu seinen Brüdern und von dem 
Mangel einer Erinnerung an seinen Vater. (Seine Mutter hatte den Vater im 
Verdacht, daß er sowohl Richard als dessen Brüder in Kneipen führte.) Manch- 
mal spielte er bis zur späten Nachtstunde auf der Straße. Die Schule inter- 
essierte ihn nicht; er wollte Matrose werden und dazu brauchte er keine Er- 
ziehung. 

Die Untersuchungsleiter bemerkten, daß der Knabe einen geringfügigen Ge- 
sichtstic zeige, doch seine Mutter erwähnte dies nicht. 

Man kam naturgemäß zu dem Schluß, es handle sich um einen Fall, der es 
erfordere, den Jungen für lange Zeit in guter Umgebung unterzubringen, doch 
vermutete man bei Richard auch seelische Konflikte, über die man ihm Auf- 
schluß geben könne, und nahm an, daß dies möglicherweise von einer sym- 
pathischen und intelligenten Frau, die sich mit dem Besuch solcher Kinder 
beschäftigte und bei anderen Jungen in ähnlichen Fällen sehr große Erfolge 
erzielt hatte, durchgeführt werden könne. Man empfahl ihn einer Kinder- 
unterbringungsstelle, um ihn in einem guten Heim bei Pflegeeltern zu ver- 
sorgen, und betonte, daß man auf seine körperlichen Bedürfnisse achten und 
gesunde Ersatzinteressen fördern müsse. 

Das ist der wesentliche Inhalt der Information, die dem Analytiker vorlag, 
als Richard im Alter von 20 Jahren seine Zustimmung dazu gab, analysiert 
zu werden, und zu diesem Behufe von einem Bezirksgefängnis in zeitweilige 
Haft nach Boston gebracht wurde. Andere interessante Einzelheiten werden 



l6a Franz Alexander und "William Healy 

in dem Abschnitt mitgeteilt werden, in dem das psychoanalytische Material 
mit den während der dazwischen liegenden Jahre entstandenen sehr aus- 
gedehnten polizeilichen Daten verglichen werden wird (S. 201 ff). 

Die Psychoanalyse Richard Vorlands 
Richard Vorland war 20 Jahre alt als seine Analyse im Gefängnis begann. 
Die ersten sieben Monate seiner Analyse wurden im Gefängnis ausgeführt; 
während der letzten zwei Monate, als er seine Freiheit wiedererlangt hatte, 
fanden die analytischen Sitzungen in der Fürsorgestiftung „Judge Baker" statt, 
wohin er zu diesem Zwecke kam. 

Richard ist ein schlanker Junge von mittlerem Wuchs, ruhig und höflich 
und spricht gewöhnlich mit leiser, etwas undeutlicher Stimme. Er nahm von 
Anfang an eine freundliche und zur Mitwirkung bereite Haltung an. Er er- 
schien pünktlich in der Spitalsabteilung des Gefängnisses, wo seine Analyse 
stattfand, ärgerte sich über die Verspätung der Wärter, wenn sie ihn nicht 
zur rechten Zeit zur Stelle brachten, und zeigte überhaupt während seiner 
ganzen Analyse ein verbindliches Benehmen. 

Er begriff sehr rasch den Sinn des ganzen Verfahrens, assoziierte leicht, hörte 
den Deutungen des Analytikers eifrig zu und zeigte ein ungewöhnliches Ver- 
ständnis für psychologische Zusammenhänge. 

In den ersten zwei Vorbesprechungen gab er eine kurze Übersicht über seine 
Lebensgeschichte. Sein Vater war stets betrunken und starb, als Richard sieben 
Jahre alt war. Sein nächstälterer Bruder Wilbur und er waren zu jener Zeit 
unzertrennliche Gefährten und sozusagen ohne jede Aufsicht. Im Alter von 
sieben Jahren verübte er gemeinsam mit seinem Bruder und einem engen 
Freund seines Bruders seinen ersten Diebstahl. Er stahl 100 Dollar aus einer 
Fabrik, um damit Zuckerwerk zu kaufen. Er wußte nicht, wieviel er stahl; 
er nahm die Banknoten und schob die Rolle unter sein Hemd. 

Nach dem Tode des Vaters wurde das Heim bald aufgelöst und der Patient 
einer Kinderunterbringungsstelle zugewiesen. Von dieser Zeit ab besteht der 
Hauptteil seiner Erinnerungen in Arbeit und wiederum Arbeit — und Arbeit 
haßte er. Man brachte ihn von einem Pflegeelternheim ins andere. In einem 
der Heime, in das er während der Weihnachtsfeiertage gebracht wurde, mußte 
er während der Schulferien für den Türhüter arbeiten. Er stahl Geld aus der 
Schule. Als er zwölf Jahre alt war, war er, wie er sagt, sehr stramm und ver- 
suchte einem Mädchen Gewalt anzutun. Diese ganze Periode, die er bei ver- 
schiedenen Pflegeeltern auf landwirtschaftlichen Betrieben verbrachte, steht 
in seiner Erinnerung als eine Zeit, in der es stets nur Arbeit und niemals 
irgendwelche Unterhaltung gab. Die Schule beendigte er, während er auf einer 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



163 



kleinen Farm arbeitete. Einmal bedrohte er seinen Pflegevater mit der Heu- 
gabel. 

Richard war etwa 17 Jahre alt, als er seine erste Anstellung in der Stadt im 
Geschäfte eines Maklers erhielt. Richard sagt, es sei eine Schwindelgesell- 
schaft gewesen, die falsche Wertpapiere verkauft habe. Er stahl ständig Geld 
aus dem Büro. Er verdiente 10 Dollar wöchentlich und stahl jede Woche 
zo Dollar und noch mehr. Er blieb fünf oder sechs Monate dort und verdang 
sich dann auf ein Obstschiff; doch als er am Morgen um fünf Uhr das Haus 
hätte verlassen sollen, bekam er Nasenbluten und seine Mutter erlaubte ihm 
nicht, aufs Schiff zu gehen. Nachher arbeitete er als Liftboy und Page in ver- 
schiedenen Hotels. In einem Hotel blieb er ein Jahr, fand Gefallen an dieser 
Arbeit und hatte ein gutes Einkommen. Nachdem er diese Anstellung verloren 
hatte, war er eine Zeit lang ohne Beschäftigung. Dann stellte ihn dasselbe Hotel 
wieder an, doch wurde er neuerlich entlassen, da er statt zu arbeiten herum- 
lungerte. In einem anderen Hotel wurde er entlassen, weil er Tabak kaute 
und den Saft ausspie. Dann arbeitete er an verschiedenen Stellen. Einmal 
stahl er in betrunkenem Zustand ein Automobil. Er wurde festgenommen 
und nach zwei Monaten Haft mit Bewährungsfrist entlassen. Dann hatte er 
wieder verschiedene Anstellungen als Liftboy oder Hotelpage. 

Einmal stahl sein Bruder, der ein Automobil besaß, gemeinsam mit einem 
anderen jungen Mann einen Koffer. Richard reklamierte das Automobil auf 
Wunsch seines Bruders als sein Eigentum, wurde aber hierbei ertappt. Man 
nahm ihn fest, doch erwirkte sein Bruder seine Freilassung gegen Kaution. 
Seine Bewährungsfrist wurde auf ein weiteres Jahr verlängert. Eines Nachts 
brach er in betrunkenem Zustand in ein Geschäft ein und stahl einen Radio- 
apparat. Jemand verriet ihn und er wurde festgenommen. 

Während der Analyse vervollständigt er diese Geschichte seines Ver- 
brechertums durch unzählige Angaben über kleinere und größere Diebstähle, 
die niemals zur Kenntnis der Polizei gelangt waren, — Einbrüche in Ge- 
schäfte, Eindringen in Bürogebäude und öffnen der Schubladen; das große 
technische Geschick, mit dem er vorging, hatte er offenbar von seinem Bruder 
gelernt. Es gewährt ihm offenbar Vergnügen, von diesen Tricks und von 
seinen Fähigkeiten zu verbrecherischen Handlungen, sowie über seine Tapfer- 
keit, seine Geschicklichkeit und seinen Zynismus zu sprechen, doch gibt er 
immer zu, sein Bruder sei schneidiger gewesen als er selber. 

Gleich in den ersten Gesprächen gesteht er offen, daß er mit der Art seiner 
Arbeit unzufrieden sei, daß er keine Hoffnung habe, irgend etwas auf 
normalem Wege zu vollbringen, daß er keinerlei Ambition in seine Arbeit 
setze. Das einzige, was ihm Vergnügen mache, sei ein Automobil zu führen, 
doch habe er seinen Führerschein verloren. Die einzige Zukunft für ihn sei, 



l &4 Franz Alexander und William Healy 



ein erfolgreicher Verbrecher zu werden. Wenn sein Bruder sich zum ehr- 
lichen Leben bekehren würde, würde er es vielleicht auch tun, doch sei die 
Neigung zu seinem Bruder zu groß, um seine jetzige Tätigkeit aufzugeben; er 
liebe es, mit dem Bruder zu „arbeiten". Hinderte ihn nicht die Rücksicht 
auf die Mutter, so würde er ein geschickter Verbrecher werden, aber die Er- 
innerung an ihre Verbote halte ihn davon zurück tollkühn zu sein und daher 
unternehme er nicht allzu große Wagnisse. Er liebe es nicht, irgendwelche 
Hilfe anzunehmen oder jemandem verpflichtet zu sein; nichts hasse er so wie 
dies. 

Er liebt das Aufregende und tut der Polizei gern einen Tort an. Er spricht 
stundenlang über die neuen verbrecherischen Pläne, die er ausführen will, 
sobald er das Gefängnis verlassen haben wird. Er erklärt, er habe kein Ge- 
wissen; das einzige Ding, über das er sich empören könne, sei Verrat. Er hält 
treu zu seinen Freunden und erwartet von ihnen dieselbe Treue. 

Den Eindruck, den man in den ersten zwei Sitzungen von Richard be- 
kommt, ist der, daß er sich seiner Schneidigkeit, seiner Geschicklichkeit und 
seines Mutes rühmt und daß er jede Art von Sentimentalität oder Anstand 
leugnet. 

Während der dritten Sitzung erzählt er einen Traum, den er vor zwei 
Jahren hatte, und der sofort tiefe Einsicht in sein zentrales Problem gewährt. 
Er zeigt uns, daß wir es mit einer Persönlichkeit zu tun haben, die an einem 
ausgesprochen neurotischen Konflikt leidet. 

Er träumte, daß er in der Luft wandelte und mit einem anderen Mann wegen eines 
Mädchens stritt. Der Mann war hinter Richards Mädchen her. Er fürchtete sich vor dem 
Mann; trotzdem gab er ihm einen Fußtritt. Er hatte ein Gewehr in der Hand, doch als er 
es abfeuerte, fiel die Kugel aus dem Ende des Gewehrlaufes heraus und zu Boden. 
Dann kehrte er das Gewehr nach oben fso: /), um eine weiterreichende Wurf kurve 
zu bekommen. Doch auch so funktionierte die Sache nicht. Dann warf er das Gewehr 
dem Manne nach, da doch alles umsonst war. In der dieser Sitzung vorangehen- 
den Nacht hatte er einen Pollutionstraum, in welchem sein Bruder mit jemandem 
Geschlechtsverkehr trieb, Richard selbst aber eine Ejakulation hatte. In den Ein- 
fällen zu diesen zwei Träumen betonte er, daß er noch niemals bei einem 
Mädchen versagt und einmal den Beischlaf fünfmal während eines Nachmit- 
tags ausgeführt habe. Als er ein einziges Mal versagte, sei er betrunken gewesen. 
Seit ein und einhalb Jahren hatte er mit einem Mädchen ein ständiges Verhältnis. 

Der Traum zeigte klar, daß sich hinter der Oberflächeneinstellung des betonten 
Mutes tiefe Unsicherheit verbirgt, die mit dem Gefühl geschlechtlicher Unzuläng- 
lichkeit und der Furcht von Impotenz eng verbunden ist. Der Traum zeigt auch 
die sexuelle Konkurrenzeinstellung dem Bruder gegenüber, den er im Traum 
den Geschlechtsakt ausführen läßt, wobei aber gleichzeitig er, der Patient, eine 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



165 



Ejakulation hat. Die Annahme, daß der Kampf mit dem anderen Mann 
sich auf seine feindliche Einstellung gegen seinen Bruder beziehe, im Ver- 
gleich zu dem er sich schwach und geschlechtlich unzulänglich fühlte — die 
Kugel fliegt aus seinem Gewehr nicht hinaus, sondern fällt zu Boden — , wurde 
vom Patienten in demselben Gespräch einbekannt, indem er zugab, daß er, 
obgleich er seinen Bruder außerordentlich liebe, stets sehr eifersüchtig auf ihn 
gewesen sei. Diese Eifersucht habe begonnen, als Richard acht Jahre alt war. Vor 
dieser Zeit waren sie immer zusammen ausgegangen, hatten zusammen herum- 
gelungert, hatten stets zusammen allerhand Unfug getrieben. Etwa damals 
begann der Bruder aber mit anderen Jungen auszugehen und ließ ihn allein, 
so daß er furchtbare Eifersucht empfand. Sein Bruder sei stärker gewesen 
als er. Als er dies gesagt satte, verbesserte er sich: „Nein, er war nicht 
stärker — wenigstens habe ich dies nie zugegeben." 

Er pflegte mit seinem Bruder zu raufen; er erinnert sich an Vorfälle, bei 
denen sein Bruder ihn schlug. Einmal zerbrach er das Rad des Kraftwagens 
seines Buders. Dann stahl er fünf Räder von einem anderen Kraftwagen, aber 
sie paßten nicht. In dem Traum, in dem er jene Balgerei mit dem anderen 
Manne hatte, ist der Schauplatz derselbe Hof, in dem er wohnte, als er acht 
Jahre alt war. 

Von der Zeit dieser dritten Unterredung an träumt der Patient reichlich, 
fast jede Nacht. Mehr als zwei Drittel der Sitzungen werden mit Traum- 
analysen ausgefüllt, die Einblicke in tiefe Schichten des Unbewußten gewähren. 

In der vierten Sitzung bringt der Patient ein Traumpaar: In einem der 
beiden Träume handelt es sich wieder um Gewehre, aber diesmal um zwei Gewehre. 
Er beabsichtigt eines derselben einem Mitglied einer Räuberbande zu verkaufen. Im 
Traum „waren die zwei großen Pistolen wunderbar" . Der zweite Traum ist ein 
manifest sexueller Traum, in dem er in die Frauenabteilung des Gefängnisses ein- 
dringt und mit einer der dort befindlichen Frauen schläft. 

Er liebt Schußwaffen, erzählt von vielen aggressiven Spässen, die er mit 
Schießgewehren trieb, und schildert, ein wie guter Schütze er sei. Er hat auch 
die Geschichte von Wilhelm Teil gelesen. Das Spiel mit Gewehren und die 
Lust am Schießen dienen ihm als Kompensation für die tief verwurzelten Min- 
derwertigkeitsgefühle, die er seinem Bruder gegenüber empfindet. Schußwaffen 
dienen ihm auch als Anlaß für seine aggressiven Tendenzen; das wird auch 
durch die Tatsache bestätigt, daß er, unmittelbar nachdem er über seine 
aggressiven Spässe mit Schießgewehren gesprochen hat (z. B. davon, daß er 
von dem Dach eines Gebäudes nach den Schaufeln einiger Leute schoß, die auf 
dem nebenan liegenden Grundstück arbeiteten), über eine der am meisten trau- 
matischen Episoden seines Lebens berichtet : Er ist manchmal furchtbar eifersüch- 
tig auf seine Mutter. Es gibt einen Kostgänger im Hause, mit dem sie ein Verhält- 



nis hat. Mit diesem Kostgänger hat er mehrmals gerauft; auch sein Bruder hat 
dies getan. Einmal hat ihm dieser Kostgänger drei Zähne ausgeschlagen. 
Richard zeigt dem Analytiker die falschen Zähne, die er sich als Ersatz für die 
ausgeschlagenen einsetzen ließ. Bei der Erzählung dieser Szene gerät er in 
große Aufregung: „"Warum heiratet der Kostgänger sie nicht." Würde seine 
Mutter diesen Mann nicht lieben, so hätte der Patient ihn bereits erschlagen. 

Auf die Frage des Analytikers, ob er auf den Kostgänger nicht ebenso böse 
wäre, wenn dieser die Mutter wirklich heiraten würde, antwortet er: „Ja, 
ich würde ihn hassen, weil er ein nichtswürdiger Kerl ist, aber ich würde 
ihm nichts zuleide tun." Dann setzt er in drohendem Ton hinzu, wenn seine 
Mutter ihre Liebe zu dem Kostgänger nicht aufgebe, werde der Kerl nicht 
lange leben. 

"Während der nächsten Sitzung erzählt er von einem Traum, in welchem er 
zwei automatische Pistolen stahl und sich vor der Polizei fürchtete, weil er 
die Pistolen bei sich trug. Die Gefahr hat für ihn eine große Anziehung. Er 
erzählt Geschichten darüber, wie er mit geschickten Tricks außerordentlich 
viele Diebstähle verübte. Er liebt es, die Behörden zum besten zu halten. Er 
weiß, daß dies mit seinem „Minderwertigkeitskomplex" zusammenhängen 
muß (diesen Ausdruck wendet der Patient selber an, natürlich ohne ihn je vom 
Analytiker gehört zu haben). Er versteht seine Vorliebe für Gewehre, für 
das Schießen und die Aufregung, die ihm diese tollkühnen Wagestücke ver- 
ursachen, die ihm dazu helfen, sein Minderwertigkeitsbewußtsein zu über- 
winden. Das Tragen von Schußwaffen gibt ihm das Gefühl der Kraft und der 
Macht. Als der Analytiker ihn aufforderte, zu der schrägen Stellung, die 
das Gewehr in dem früheren Traum hatte, seine Einfälle auszusprechen, asso- 
ziiert er die Erektion des Penis, die dieselbe Richtung annehme wie das Gewehr 
im Traume. Er gesteht auch zu, daß seine Diebstähle ein irrationales Element 
enthalten; so stahl er von einem anderen Häftling eine Armbanduhr, die 
keinen Wert besitzt und ihm nur Gefahr bringt. Nichtsdestoweniger gibt er 
gefundenes Geld oft zurück; so hat er einmal 10 Dollar, die er in einem Hotel 
fand, zurückgegeben. 

Die Unsicherheit hinsichtlich seiner Männlichkeit wird immer klarer und 
klarer. Zu einem Traum, in welchem er gewisse Schwierigkeiten hatte, ein 
Badekostüm zum Schwimmen zu bekommen, fällt ihm sein Neid auf 
Männer, die körperlich kräftiger gebaut sind als er, ferner sein Neid auf 
Leute, die bessere sportliche Leistungen aufweisen, auf solche, die reicher sind 
oder schöne Kraftwagen besitzen usw. Er gesteht ein, daß im Mittelpunkt all 
seines Neides seine Einstellung zu seinem Bruder stehe. 

In einem Traum ging er mit seinem Mädel die Straße entlang. Drei Kerle griffen 
sein Mädel an und rissen sie mit sich. Er sagte ihnen, sie mögen sie in Ruhe lassen, 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



167 



aber sie wollten nicht fortgehen. Dann griff er alle drei Männer an. Sie warfen ihn zu 
Boden, aber es gelang ihm zu entkommen; er lief über die Straße und bemerkte dann, 
daß sein Mädel noch immer auf der anderen Seite der Straße stand. Er lief zurück und 
griff die Männer wieder an. Einem derselben, der rotes Haar hatte, schlug er mit einer 
Flasche auf den Kopf, so daß die Flasche zerbrach. Die beiden anderen liefen dann fort. 
Gleich nachher teilt er in einer Assoziation mit, sein Bruder habe rötliches 
Haar. Der geschlechtliche Wettbewerb mit seinem Bruder wird ihm in Ver- 
bindung mit diesem Traume vollkommen bewußt. 

Neidische Rivalität ist jedoch nicht die einzige Einstellung, die er zu 
seinem Bruder hat. Seine passive Abhängigkeit dem stärkeren Bruder gegen- 
über, läuft seiner negativen feindlichen Tendenz parallel. In einem seiner 
Träume wird der Bruder als ein Pferd dargestellt, das ihn zu dem ersehnten Ziel- 
punkt führt. 

Einer seiner früheren Träume (8. Sitzung) offenbart die Tatsache, daß in der 
Tiefe im Mittelpunkt seiner Aggression Männern gegenüber unbewußte Ka- 
strationstendenzen stehen. In diesem Traume befreit er ein Mädchen, welches 
durch ein eigentümliches Tier in Gefangenschaft gehalten wird. Das erste Hindernis 
bei der Rettung des Mädchens bestand in einem Baum, welcher vor der Türe stand und 
dessen Zweige von Schlangen wimmelten. Er schnitt die Schlangen ab und befreit das 
Mädchen; da stellte sich ihm ein sonderbares Tier in den Weg. Er versuchte es mit 
seinem Säbel in zwei Stücke zu schneiden, doch wuchs es wieder zusammen. Das 
Mädchen zeigte ihm dann, wie er das Tier zerschneiden solle, das hernach die Form 
eines kahlköpfigen Mannes annahm. Das Mädchen machte ihn darauf aufmerksam, 
daß er diesen Mann mit dem Säbel mitten in den Rücken stechen könnte. Der Mann 
verwandelte sich sodann in ein mit Ziegelsteinen ausgelegtes Trottoir. Das Mädchen 
beugte sich nieder und nahm die Ziegel aus jener Stelle fort, die sie vorhin als die 
Stelle angezeichnet hatte, auf die man stechen müsse, als das Trottoir noch ein Mann 
war. Nachdem sie die Ziegelsteine herausgenommen hatte, bildete sie daraus einen 
Fußpfad, um das Beschreiten des Weges zu erleichtern. Sodann änderte sich die Szene, 
und er war in einer Buchhandlung. Die Buchhandlung gehörte einem Mann, der 
Zeitschriften feilbot. Der Patient stahl aus dem Stoße von Zeitschriften zwei unten 
liegende Exemplare. 

Das große Tier war wie eine Schlange ohne Kopf oder Schwanz. Dann 
wurde es zu einem kahlköpfigen Manne, der keine Gesichtszüge hatte. Der 
kahlköpfige Mann erinnert ihn an den Penis. Es ist in dem Traum interessant 
zu sehen, daß er in seinem Kampfe gegen den Mann die Hilfe der Frau in 
Anspruch nimmt, der er ebenfalls das phallische Symbol zueignet; das Mädchen 
hat einen Säbel ebenso wie er selbst. Am Ende des Traumes stiehlt er zwei 
Zeitschriften. Die starke rezeptive Anlage gegenüber Frauen zeigt sich zum 
erstenmal in diesem Traum. Die Frau hilft ihm und „pflastert ihm seinen 



i68 Franz Alexander und William Healy 

"Weg" — sie nimmt Ziegel heraus und bildet einen Fußpfad, auf dem man 
leichter vorwärtskommen kann. 

Es ist auch interessant, wie oft in seinen Träumen das Stehlen mit der Zahl 
zwei verbunden ist. In einem früheren Traum besaß er zwei Revolver, in 
einem anderen stahl er zwei Revolver und auch in seinen späteren Träumen 
kommt die Zahl ewzi in Verbindung mit Diebstählen vor. Da man weiß, daß 
die Zahl zwei in den tiefen Schichten des Unbewußten oft die beiden Brüste 
meint, deutet dies darauf hin, daß sich seine Diebstahlstendenz im 
Grunde auf starken oralen aggressiven. Tendenzen (Tendenzen zu nehmen, zu 
beißen) aufbaut, welche sich auf die weiblichen Brüste richten. Auf seine 
starken oralen Tendenzen wurde man schon in der voranalytischen Anamnese 
durch seine außerordentliche Vorliebe für Süßigkeiten als Kind vorbereitet. 
In diesem letzten Traum wünschte er, ein Weib zu retten, damit sie ihm helfe; 
dies entspricht seiner bewußten Einstellung, nach der er seine Mutter vor dem 
Kostgänger retten will, um sie — in seiner rezeptiven und abhängigen Art — 
für sich selber zu besitzen. Diese starke abhängige Bindung an die Mutter wird 
im Laufe der Analyse immer klarer; sie läuft mit der passiven, abhängigen Ein- 
stellung zum Bruder parallel. 

In den folgenden Sitzungen kommt die Schuld- und Schamreaktion seiner 
schmarotzerhaften Wünsche wegen näher zur Oberfläche. Er bittet den 
Analytiker, seinem Bruder Gefälligkeiten zu erweisen, und gesteht sodann, 
daß er alles zwanghaft tun müsse, wozu ihn sein Bruder auffordert. Wenn 
er ein Buch liest und der Bruder es haben will, so gibt er es ihm: oder wenn 
er eine Krawatte besitzt, die der Bruder haben will, so schenkt er sie ihm. 

Während des nächsten Abschnittes der Analyse gibt er einer sehr pessimisti- 
schen Anschauung über das Leben Ausdruck: Er werde nie etwas vollbringen; 
er könne ein Liftboy werden und langsam vorwärtskommen, bis er eine kleine 
Anstellung in einem Hotel oder in einem Bankhaus bekomme, aber ein solcher 
Mann habe am Leben kein Vergnügen, es gebe nichts als Pflichten und 
Kinder. Er ziehe es vor, ein Verbrecher zu sein. 

In der folgenden Sitzung deutet er jedoch in einem Traum eine hoffnungs- 
vollere Einstellung an, die er noch nicht bewußt zuzugeben bereit ist und 
daher in einem Traum ausdrücken muß. Er schlich sich eben in ein Bürohaus, 
wie er es oft tat — es war dies einer seiner alten Tricks. Dort gab es Hüte und 
Regenmäntel. Er nahm einen Hut und einige Briefmarken aus einer Brieftasche. Die 
Marken waren in der Form von Streifen: etwa sechzehn Stück 3 1 / 2 Cent-Marken und 
einige <p-/ % Cent-Marken. Ein alter weißhaariger Mann, der im Liftschacht arbeitete, 
beobachtete ihn durch die Glastür des Büros. Es schien ihm, als wäre es für ihn klüger, 
Reißaus zu nehmen. Er ging durch eine andere Tür hinaus, kam in eine Vorhalle 
und von dort auf die Straße. 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



169 



Er erkannte in dem ältlichen Mann, der aus dem Liftschacht hinausschaute, 
das abschreckende Bild seiner Zukunft, falls er sich zu einem ehrlichen Leben 
bekehren würde: das Bild eines frühgealterten Familienvaters, eines alten 
„Liftboys", wie er es im Sinne hatte. Zum Traum assoziierend sagt er: „Als 
dieser Mann mich im Traum anblickte, sah ich sofort, daß es in dem Raum 
zahlreiche Türen gab, und ich ging durch eine Tür; nicht durch die, durch 
die ich hereingetreten war, und weit entfernt von der Tür, bei der er mich 
gesehen hatte." Er entdeckt im Traum, daß es nicht wahr sei, daß es für ihn 
nur zwei Möglichkeiten gebe — Liftboy oder Verbrecher zu werden; im 
Traume sagt er: Vielleicht gibt es noch einen anderen Ausweg (eine andere 
Tür). In demselben Traum kamen auch zwei Hüte vor. Der eine war zu groß und 
seinem Gefühl nach irgendwie mit seinem Bruder verbunden. Er gehörte seinem 
Bruder. Er nahm den anderen und der war wasserdicht. Er erklärt dies, 
indem er sagt: „Möge mein Bruder seinen eigenen Weg gehen, ich aber will 
ein ehrliches Leben beginnen." Es ist interessant, daß er in diesem Traum 
außer dem Hut auch Briefmarken stiehlt, die einen wirklichen Wert besitzen, 
während der Hut eine symbolische Bedeutung zu haben scheint und mit 
seinem sexuellen Wettbewerb gegen seinen Bruder in Beziehung steht. Dies 
deutet darauf, daß sich in seiner Einbrechertätigkeit zwei Faktoren vermengen: 
1. irrationale Motive, unter ihnen der Neid auf seinen Bruder und der 
Wunsch, so tüchtig zu sein wie sein Bruder es ist und 2. ein rationales, auf 
Nutzen gerichtetes Motiv. 

Ebenso wie sich seine Schuldgefühle dem Bruder gegenüber infolge der 
Kombination von Neid und Abhängigkeit in einer übertriebenen, masochi- 
stisch gefärbten Loyalität gegen den Bruder äußern, führen seine Schuldgefühle 
der Mutter gegenüber infolge seiner abhängigen, schmarotzerhaften Einstellung 
zu ihr zu einer masochistischen Haltung zu Frauen. Dies drückt sich klar in 
folgendem Traum aus: Er saß in einem Omnibus, welcher nach der Stelle eines 
seiner früheren Pflegeheime zurückfuhr. Er war der einzige Passagier. Er hatte ele- 
gante Kleider an wie ein Prinz und 15 Dollar in der Tasche. Er kam in Suxton 
an und fand sich dann in einer Frühstücksstube, wo er Kaffee und ein belegtes Brot 
bestellte, wofür er sehr viel bezahlen sollte. Alles war doppelt so teuer wie anderswo. 
Drei oder vier Leute waren da und er kannte sie alle. Er sagte zu dem Mädchen, 
dem der Laden gehörte: „Zum Teufel mit den Preisen, die ihr hier berechnet!" Sie 
schlug ihm ins Gesicht. Er wendete ihr hierauf die andere Backe zu. Sie schlug ihm drei 
oder viermal ins Gesicht, aber es tat nicht weh. Er fühlte keinen Schmerz; eher war es 
ihm ein Genuß. Von dort ging er hinein in die Stadt auf die Hauptstraße. Er rechnete 
nach, wieviel Geld ihn wohl der Aufenthalt im Hotel kosten würde, und sah sich die 
Geschäfte gut an mit der Absicht, später zurückzukommen und einzubrechen. Er 
sah ein Teppichgeschäft und in diesem einen Juden und dachte daran, wie er wohl 



den Juden aus dem Geschäft herauslocken könne, um dann die Registrierkasse öffnen zu 
können. Er belauschte den Juden, als dieser telephonierte, wahrscheinlich seiner Frau, 
da er hörte, wie er sagte: „Komm herunter, Mutter". Er dachte, der Jude rede seine 
Frau als „Mutter" an. Die Straße war so glatt, daß man leicht auf ihr ausgleiten 
konnte, und als ein Mädchen mit vielen Bündeln die Straße entlang kam, machte er 
sich erbötig, ihr bei der Straßenkreuzung behilflich zu sein. Während er ihr half, ließ 
er ein Paket, das er in der Tasche hatte, zu Boden fallen. Eine Maschine kam 
die Straße entlang, die aus hölzernen Kisten zusammengestellt war. Er hielt das 
Mädchen an und wartete, bis die Maschine vorbeigefahren war. Dann gingen sie 
weiter. Er schaute das Mädchen an und fand sie sehr hübsch. Nachdem er ihr über 
die Straße geholfen hatte, ging er weiter. Er kam in eine helle, sonnige Straße — 
die andere Straße war dunkel und schäbig gewesen ■ — , wo Mädchen und Soldaten 
in der Sonne spazieren gingen. Es war jene Straße, in der die höhere Schule stand, 
die er besucht hatte. 

Seine Einfälle zur Fahrt in einem Omnibus waren: „Im vornehmen 
Lebensstil leben — auf großem Fuße — hochelegant." Er hatte immer nach 
Suxton zurückgewollt; das war der einzige Ort, den er liebte. Er hatte dort 
das zweite Semester seines zweiten Jahres an der Mittelschule verbracht. Er 
liebte den Mann, für den er dort arbeitete, und auch dessen Frau; es war dort 
alles sehr nett. Er verließ Suxton ganz plötzlich, da er seine Mutter besuchen 
wollte; doch ging er wieder dorthin zurück. Er hatte seine Stellung verlassen 
müssen, da er mit dem Angestellten, mit dem er zusammenarbeitete, nicht aus- 
kommen konnte. Dieser Mann wollte ihm gegenüber den Vorgesetzten spielen 
und ihn hin und her kommandieren. Schließlich hatte er eine Rauferei mit ihm. 
Daraufhin schickte ihn sein Arbeitgeber mit der Begründung nach Hause, er 
könne sich mit anderen nicht vertragen. Sein Arbeitgeber hatte ihm einmal 
gesagt, er solle mit einem gewissen Mädchen nicht ausgehen; sie sei eine Hoch- 
staplerin. 

Seine Einfälle dazu, nett gekleidet zu sein, waren: „Ein elegantes Auf- 
treten zu haben — ein tüchtiger Verbrecher zu sein. Es gelingt einem dann 
alles viel besser. Man kann nicht ärmlich angekleidet in ein Geschäft treten 
und hoffen, daß es einem gelingt, etwas zu stehlen." Seine Einfälle zu 
der teueren Frühstücksstube waren: „Vielleicht ist das der Preis, den ich für 
meine Verbrechen bezahle." Das Mädchen im Traum nahm viel mehr Geld 
von ihm, als notwendig gewesen wäre. 

Seine Einfälle zu dem Punkt, daß man ihn ins Gesicht schlug, waren, daß 
manche Leute es lieben, immerwährend Fußtritte zu bekommen. Der Ana- 
lytiker fragte ihn: „Sind Sie einer von diesen Leuten?" Er antwortete: „Nein, 
ich hasse körperlichen Schmerz." Er setzte hinzu, daß er es bewußt nicht liebe, 
von Mädchen geschlagen oder beherrscht zu werden. 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



171 



„Ja, aber im Traume gewährte es Ihnen einen Genuß", sagte der Ana- 
lytiker. „Vielleicht besteht eine solche Tendenz in Ihnen. Später halfen 
Sie dem anderen Mädchen und ließen Ihr eigenes Paket fallen, als ob Sie 
wiederum Ihr eigenes Hab und Gut gerne geopfert hätten, um jenem Mäd- 
chen zu helfen. Die erste hat Sie ausgenützt, der zweiten halfen Sie und ver- 
loren dabei ihr Paket." 

Patient: „Ja, aber ich fand es wieder." 

Analytiker: „Wenn ich richtig verstanden habe, haben Sie im Traum 
die Idee, den Juden zu berauben, in dem Moment aufgegeben, da Sie hörten, 
daß er seine Frau telephonisch anrief." 

Patient: „Ja, aber ich hätte auch nicht einbrechen können, wenn seine 
Frau ins Geschäft heruntergekommen wäre und sie so zu zweit gewesen 
wären." 

Analytiker: „Das klingt mir zu verstandesmäßig, vielleicht gab es dabei 
auch ein Gefühlsmoment." 

Patient: „Vielleicht habe ich mit ihm Mitleid gehabt, weil er ein ver- 
heirateter Mann war. Und außerdem hat er sein Frau .Mutter' genannt. 
Es war ein so freundlicher Mann." 

Der Patient setzt hinzu, daß er selbst es liebe, Frauen Dinge zu schenken, 
aber auch Männern. „Ich habe ein gutes Stück Freigebigkeit in mir." 

Hier weist der Analytiker darauf hin, der Patient liebe es, Dinge zu 
nehmen; er liebe es aber auch zu schenken und halte so ein Gleichgewicht 
aufrecht. In seinem Traum zeigt sich eine ritterliche Haltung gegen Frauen. 
Er hilft einem Mädchen, dann läßt er den Juden seiner Frau zuliebe laufen, 
und von diesen ritterlichen Tendenzen ist es nur noch ein Schritt dazu, von 
einem Mädchen ausgebeutet und beherrscht zu werden; das war dann in der 
Frühstücksstube der Fall. Es scheint, als ob Frauen gegenüber ritterlich zu sein 
oder um Frauen willen zu leiden ein weiteres Mittel für ihn sei, seine Schuld- 
gefühle loszuwerden, ihn ähnlicher Weise, wie es mit der Tendenz der Fall 
ist, sich für seinen Bruder aufzuopfern. 

Patient: „Also lernen wir aus diesem Traum nichts Neues, denn das 
haben wir bereits gewußt." 

Analytiker: „Ja, das Neue an diesem Traume ist, daß Sie in ihm von 
Ihren Schuldgefühlen dadurch befreit werden, daß Sie von einer Frau bestraft 
werden oder daß Sie einer Frau helfen. So sehen wir also, daß die Selbstauf- 
opferungstendenz nicht nur auf Ihren Bruder, sondern auch auf Frauen ge- 
richtet ist. Aber Sie haben recht, dasselbe Motiv kam auch in jenem Traum 
vor, in welchem Sie die Schlange töteten, die das Symbol des männlichen 
Genitales war. Hier hatten Sie die Ausrede, daß Sie damit ein Mädchen 
retteten." 



172 Franz Alexander und William Healy 

Seine tiefe Anhänglichkeit an seine Mutter verhindert ihn daran, zu anderen 
Frauen eine wahre Zuneigung zu entwickeln. In einem seiner Träume war 
er mit seiner Freundin zu Bett und begann den Geschlechtsverkehr mit ihr, als seine 
Mutter eintrat und er aufhören mußte. Er stand zwischen seiner Mutter und dem 
Mädchen, damit seine Mutter das Mädchen nicht sehen und sie nicht aus dem Zimmer 
fortschicken könne. Bei der Besprechung dieses Traumes gesteht er, daß er nie- 
mals ein Mädchen heiraten werde, solange seine Mutter am Leben sei. 

In derselben Sitzung spricht er über seine Masturbation und die mit ihr 
verbundenen Befürchtungen, er werde ein Idiot werden, wenn er damit nicht 
aufhöre. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie derselbe Bursche, der über 
seine Diebstähle mit dem größten Zynismus spricht, seine auf die Masturbation 
bezüglichen Schwierigkeiten nur äußerst unwillig, errötend und mit leiser 
Stimme mitteilt. Offenbar ersetzt das Stehlen den verbotenen Sexualakt, da 
es subjektiv als das geringere Verbrechen empfunden wird. Diese Verschie- 
bung vom Geschlechtlichen auf den Diebstahl kann natürlich nur deshalb 
stattfinden, weil er noch an die prägenitale oral-rezeptive Form der psycho- 
sexuellen Beziehungen fixiert ist. Es ist sehr lehrreich, daß er, nachdem er 
seine Masturbation eingestanden hatte, bei der nächsten Sitzung ostentativ 
eine äußerst skrupellose Verbrecherhaltung zur Schau trägt, über seine Pläne 
spricht, weitere Verbrechen zu verüben, um müssig herumgehen zu können, 
davon berichtet, wie von einem Homosexuellen Geld erpreßt wurde — doch 
von einer Frau würde er niemals Geld erpressen. Im Gegensatz zu dieser 
zynischen Einstellung dem Verbrechen gegenüber erzählte er, wie einer seiner 
Freunde, der ihn besuchte, ihm zwei Dollar schenken wollte, er aber nur einen 
Dollar annahm, da er es nicht liebe, von irgend jemand Geld zu nehmen. 
Hingegen betrog er denselben Freund beim Kartenspiel. Er will das Geld 
haben, er will aber nicht zu Dank verpflichtet sein. Am Schluß dieser Sitzung 
erklärte er mir, daß er nur einen Plan für die Zeit habe, nachdem er das Ge- 
fängnis verlassen haben werde — „größere und bessere Verbrechen". Die 
Tendenz, die schamlose Einstellung gegenüber dem Verbrechen hervorzuheben, 
ist offenbar: „Wenn ich überhaupt schuldig bin, so nur verbrecherischer Hand- 
lungen, die ich nicht als verwerflich betrachte, nicht aber der Masturbation"; 
die Masturbation steht nämlich in engster Beziehung zu der unbewußten oral- 
schmarotzerischen Ausbeutung der Mutter. Später offenbart er in demselben 
Zusammenhang seine Abhängigkeit von seiner älteren Schwester, die ihm 
in der Vergangenheit geholfen hatte; im Bewußtsein jedoch ist die Idee, von 
Frauen Hilfe anzunehmen, mit großen Konflikten verknüpft. Eines Tages 
fühlte er sich sehr gereizt. Seine Mutter hatte ihn im Gefängnis besucht, und 
auch eine Tante kam und brachte ihm Früchte. Er meint, daß ihn dies, 
nämlich dankbar sein zu müssen, gereizt mache. 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



173 



Ein lebhafter innerer Konflikt entsteht in ihm, als er sich seiner starken 
passiven Abhängigkeitstendenz und der selbsttäuscherischen Art bewußt wird, 
in der er sich der Schuld und der Scham wegen seiner Abhängigkeit dadurch 
entledigen will, daß er sich äußerlich den Anschein von Ritterlichkeit, Schnei- 
digkeit und Aggressivität gibt. 

Dem ersten Traum, in dem er sein „verbrecherisches Ich" — wie er es nennt 
— zu töten versucht, folgt später eine Reihe von Träumen, in denen der 
innere Kampf durch einen Kampf zweier Individuen dargestellt wird. Die Ten- 
denz, Frauen gegenüber eine passive Haltung anzunehmen, erklärt einen 
Traum, in dem er ein Mädchen mit einem großen Penis sieht. Er schreibt 
Frauen männliche Eigenschaften zu, um ihnen gegenüber die passive, abhängige 
Haltung annehmen zu können. 

Im weiteren Verlaufe der Analyse kommen von Zeit zu Zeit Träume vor, 
die verhüllte Anspielungen auf den "Wunsch, ein ehrliches Leben zu beginnen, 
enthalten. Doch bewußt will er diesen Wunsch noch nicht zugeben, da das 
Ehrlichwerden für ihn ein Nachgeben bedeutet. Im Bewußten laufen in der 
Regel solchen Träumen betont verbrecherische Haltungen parallel sowie Phan- 
tasien, die Schwester jenes Kerls zu rauben, der ihn der Polizei verraten hatte. 
Er fürchtet sich stets davor, die anderen Leute würden ihm sein Mädchen 
wegnehmen. Er fürchtete dies auch von seinem Bruder, wie aus einem seiner 
Träume klar hervorgeht. 2 Der Gedanke, mit der Schwester jenes Freundes, 
der ihn verraten hatte, geschlechtlich zu verkehren, erscheint plötzlich, schein- 
bar ohne Zusammenhang, während der Analyse. Er kann diesen Wunsch 
leichter in Verbindung mit diesem Freund aussprechen, gegen den er berech- 
tigten Grund zum Zorn hat. Trotzdem bestraft er sich bei der nächsten 
Sitzung nach diesem Geständnis in einem Traum, in welchem er, nachdem er 
freigelassen worden war, in das Gefängnis zurückversetzt wird, um zu arbeiten. 
Während derselben Nacht gibt er in einem Traume seinen Tabak einem an- 
deren Häftling, der auch zur selben Zeit vom Analytiker analysiert wird. Er 
ist auch bestrebt, seine Gefühle wegen seiner Raubphantasie dadurch zu be- 
schwichtigen, daß er den Freund, der ihn und seine Brüder verriet, bitter 
anklagt. 

Es folgt nun eine Periode der Depression, während welcher er keine Nah- 
rung zu sich nimmt, am Erfolg der Analyse zweifelt und voller Selbstanklagen 
ist. Zur gleichen Zeit spricht er von der Sehnsucht nach seinem Bruder. Er 
beklagt sich darüber, daß der Kostgänger ihm verboten habe, seine Mädels 
nach Hause zu bringen. Der Kostgänger verbirgt sich hinter der Mutter des 
Patienten. Er könnte ihn töten! Er wird nicht nach Hause gehen, sondern bei 
seinem B ruder wohnen, doch auch der Bruder bringt seine Freundin nach 
2) Siehe den Traum von den drei jungen Leuten, S. 166 i. 

Imago XXI/z l2 



Hause, und infolgedessen können sie nichts ' miteinander besprechen. „Sein 
verdammtes Mädel ist eine Plage." Die passiv feminine Bindung an seinen 
Bruder kommt dem Bewußtsein immer näher. 

Ungefähr in diesem Abschnitte der Analyse nimmt die Gefühlsbeziehung 
des Patienten zum Analytiker mehr und mehr den Charakter der passiven 
Abhängigkeit an. In einem seiner Träume sieht er ein Bild, des Analytikers. 
Er hat das Gefühl, als wäre der Analytiker fort; er brauche den Analytiker 
nicht länger, denn er könne, so oft er es wünsche, mit dem Bilde des Ana- 
lytikers sprechen. Es zeigt sich, daß dies ein Kompromiß zwischen der passiv 
abhängigen Einstellung und ihrem Gegenteil ist. Er braucht die analytische 
Stunde, aber je mehr er ihrer bedarf, desto mehr wird sein Stolz durch sie 
verletzt. Er hat eine tiefe Sehnsucht nach Freundlichkeit und seiner ent- 
behrungsvollen Kindheit wegen, während der er von einer Farm nach der 
anderen gestoßen wurde, Sehnsucht geliebt zu werden. Es war ein wunder- 
bares Gefühl, im Traum mit dem Bilde zu sprechen, „und dabei hatte ich 
Sie trotzdem nicht nötig". Er versteht jetzt auch, daß er stehlen will, da er 
dann niemandem zu Dank verpflichtet ist. Das Stehlen ist ein Kompromiß, 
das jenem, das im Traum ausgedrückt ist, ähnlich ist: Ohne zu arbeiten ist er 
in der Lage, rezeptive und auf das Nehmen gerichtete Wünsche zu befriedigen, 
und muß trotzdem niemandem verpflichtet sein. Er bekommt nichts, sondern 
er nimmt sich, was er braucht. Er versteht, daß er von seiner Mutter keine 
Hilfe annehmen kann, und er sieht, daß sein Verbrechertum dazu dient, ihn 
„schneidig" erscheinen zu lassen und den weichen Teil seiner Natur zu ver- 
bergen. Er kann es nicht leiden, daß ihm der Bruder hilft, und doch wünscht 
er, daß man ihm helfe. Seine Loyalität entspringt aus dieser Einstellung; wenn 
er seinem Bruder entgegenkommt und ihm in schweren Lagen hilft, so hat er 
das Recht, im Tausch hiefür Hilfe anzunehmen. 

Um die starke passiv rezeptive Einstellung, in der sich der Patient zu dieser 
Zeit dem Analytiker gegenüber befindet, zu kompensieren, wird er im Ge- 
fängnis rebellisch. Er weigert sich, den Wärtern zu gehorchen, zankt zwang- 
haft mit allen Vorgesetzten, um seinen Mut zu zeigen; gleichzeitig drückt er 
auch Eifersucht auf seinen Mithäftling aus, der ebenfalls analysiert wird. Er er- 
klärt, daß er Hilfe nicht annehmen könne und niemals annehmen werde; wenn 
es zum Erfolg der Analyse nötig sei, zu lernen, Hilfe anzunehmen, so werde 
er eben durch die Analyse niemals geheilt werden. Er gesteht zu, daß dieses 
Gefühl sich auf Haß und Stolz aufbaut, und daß er es daher nicht ertragen 
kann, gut behandelt zu werden. Als Beispiel hiefür erzählt er einen paradoxen 
Vorfall aus seinem Leben: Er sei aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, in 
dem man ihn freundlich behandelt hatte, fortgelaufen. Dies war einen Tag 
vor seinem Geburtstag, zu dem seine Pflegeeltern ein Fest und ein Geschenk vor- 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



'75 



bereitet hatten. Er ging zu seiner Mutter, als ob er damit hätte ausdrücken 
wollen: „Ich ziehe es vor, von meiner Mutter gut behandelt und beschenkt 
zu werden und nicht von anderen Leuten", und wies gleichzeitig die gute 
Behandlung dadurch zurück, daß er fortlief. 

Daß die gewonnene analytische Einsicht die Bedeutung seines Verbrecher- 
tums als Ausdruck von Kraft und Schneidigkeit, die seiner Eitelkeit schmei- 
cheln, schmälert, wird in einem Traum klar, in welchem sein Spiegel (der seine 
Eitelkeit darstellt) zerbricht. In demselben Traum macht er eine andere An- 
spielung auf seine Eitelkeit, indem er sich selbst als ein hübsches Mädchen darstellt. 
Im zweiten Teil dieses Traumes gibt es einen großen Weihnachtsschmaus mit 
Hühnern und Gefrorenem in der Küche des Gefängnisses. Das Aufgeben sei- 
ner Eitelkeit ermöglicht ihm die unbehinderte Befriedigung seiner rezeptiven 
Tendenzen. 

Seinen Wunsch, anderen Männern die Frauen wegzunehmen, bekennt er 
immer offener ein; er gesteht das Interesse, das er an der Frau seines Freundes 
nimmt, und erzählt von Beziehungen, die er mit den Frauen verschiedener 
anderer Männer in der Vergangenheit hatte. Einmal, als er 16 Jahre alt war, 
hatte er sexuelle Beziehungen mit der Frau eines Schutzmannes; dadurch 
wurde er „mit der Polizei quitt". Er gesteht auch, daß er sich für das Mädchen 
seines Bruders interessiere, aber nicht weil das Mädchen selbst ihn sexuell an- 
ziehe, sondern aus einem Prestigewunsch heraus, um zu zeigen, er sei eben- 
soviel wert wie sein Bruder. 

In dieser Besprechung beschreibt er genau zwei verschiedene Arten von 
Eifersucht, die er stets seinem Bruder gegenüber empfand. Schon als kleiner 
Junge beneidete er ihn, weil er Abenteuer und Mädels hatte, doch war er 
auch eifersüchtig auf die Mädels seines Bruders, weil sie ihm den Bruder weg- 
nahmen. Er erkennt diese beiden Arten von Gefühlen als die männliche und 
weibliche Form seiner Eifersucht. 

Die passive Liebeseinstellung verwandelt sich nun in aggressive Gefühle 
dem Analytiker gegenüber. In einem Traum schlägt er die Person, die in dem 
Traum den Analytiker darstellt, zu Boden, weil sie seinen Finger ergriffen und 
seine Fingernägel zurückgebogen hatte. Seine Fingernägel stehen im Zusam- 
menhang mit seiner Eitelkeit, weil er große Sorgfalt auf sie verwendet und 
angibt, daß sie den Mittelpunkt seiner Eitelkeit bilden. 

In den folgenden Sitzungen können seine aggressiven Gefühle gegen den 
Analytiker als Neid bezeichnet werden. Im Traum stiehlt er eine Füllfeder und 
einen Schreibblock, die an die Füllfeder und den Schreibblock des Analytikers er- 
innern, die dieser während der analytischen Stunden benützt. Im Traum läßt 
er die Füllfeder in seiner Eile und Aufregung fallen. Seine kastrative Einstel- 
lung dem Analytiker gegenüber verursacht Schuldgefühl und er verliert seine 



12* 



Beute, die Füllfeder. In diesem Zusammenhang erinnert er sich, daß er mit 
seinem Bruder um die Gunst eines Mädchens konkurrierte. Die aggressive 
kastrative Tendenz gegen den Analytiker ist eine "Wiederholung seiner Gefühle 
gegen den Bruder. In einem anderen Traum, dessen Mechanismus dem des 
Füllfedertraumes parallel läuft, führt er den Kraftwagen seines Bruders, um 
seine Pflegemutter zu besuchen. Es ist dort ein großes Picknick, er ist jedoch 
nicht eingeladen. Er benützt den Kraftwagen seines Bruders, um zu der 
Mutter zu gelangen, kann jedoch das Ergebnis nicht genießen. Auch dieser 
Traum zeigt, daß hinter seinem Wettbewerb mit seinem Bruder um die Gunst 
der Mutter nicht eine männliche Haltung steht, sondern der einfache rezeptive 
Wunsch, von der Mutter genährt zu werden. Im Zusammenhang hiermit er- 
innert er sich, den Bruder beneidet zu haben, als dieser vom Vater in Kneipen 
geführt wurde; doch führte sein Vater auch ihn selbst manchmal in Kneipen. 
Er erinnert sich, einmal habe der Vater ihm versprochen, ihn in eine Kneipe 
zu führen, habe aber an seiner Statt den Bruder hingeführt. Nach dem Tode 
des Vaters übernahm die Mutter die Stellung des Vaters in der Familie, und so 
übertrug der Patient die rezeptive abhängige Haltung, die er wahrscheinlich 
dem Vater gegenüber einzunehmen begonnen hatte, auf die Mutter. 

Es folgt ein weiterer Traum, in dem er in einem unterirdischen Fahrweg fährt, 
wobei er einige Überröcke und einige Pakete mit sich trägt, die Pakete aber fällen läßt. 
Zu den Kleidungsstücken assoziierend sagt er, sein Bruder „kleidet sich wie 
ein Geck — er sieht aus wie ein Millionär". Im Traum verliert er die Kleider, 
um die er seinen Bruder beneidet. 

"Während dieses Abschnittes der Analyse, in dem er mehrere Zeichen einer 
aggressiven Einstellung gegen den Analytiker zu zeigen begann, erkrankte er 
an der Grippe. In seiner Krankheit hatte er an zwei aufeinander folgenden 
Nächten zwei Träume, in denen es hieß, man werde ihn hinrichten, und gleich- 
zeitig fühlte er sich während des ersten Abschnittes seiner Krankheit, der zwei 
Wochen dauerte, sehr niedergeschlagen; doch sobald sein körperliches Befinden 
sich verschlechterte, besserte sich seine Stimmung. Das körperliche Leiden 
befreite ihn von seinem Schuldbewußtsein und machte die psychologische 
Form der Selbstpeinigung, die Depression, überflüssig. 

Nach der Krankheit fühlte er sich besser. Er hatte sich entschlossen, nicht 
zu stehlen, wenigstens so lange nicht, als seine Bewährungsfrist dauert. 

Es folgt ein Traum, in dem er eine Person schlägt, die ihn mit einem Hammer an- 
greift, doch seine Schläge bringen den Angreifer nicht zur Ruhe, da dieser die Schläge 
überhaupt nicht verspürt. Der Patient rennt dem Angreifer nach. Es sind auch andere 
Personen dabei, und Richard schlägt nun mit einem Hammer auf diese ein. Es gibt auch 
einen großen Elefanten, den er mit demselben Hammer auf den Kopf schlägt. Als man 
ihn befragt, was er sich bei dem Elefanten denke, sagt er, das sei wahrschein- 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



177 



lieh sein Gewissen, das er nicht los werden könne. Dieser innere Konflikt, der 
sich darauf bezieht, ob er das Verbrechertum aufgeben solle oder nicht, wird 
in dem nächsten Abschnitt der Stunde noch besser aufgeklärt, in welchem er 
den folgenden Traum erzählt: 

Er kam auf eine Lichtung im Wald. Es gab dort ein Schulgebäude, sowie zwei oder 
drei andere Häuser. Er hatte eine Flinte und versuchte einen Fuchs zu schießen, aber 
der Fuchs lief zu rasch, und Richard konnte ihn nicht treffen. Plötzlich hörte er ein 
Geräusch: Schritte am Erdboden. Schafe stampften im wilden Rennen die Straße 
herauf. Einige Leute schrien: „Die Indianer kommen." Dann kam ein Kerl des 
Weges ddhergerannt, ein Ff eil stak ihm im Rücken. Der Patient versuchte den Mann 
aufzuhalten und zu befragen, doch der beeilte sich zu sehr, als daß man mit ihm hätte 
sprechen können. Es war das eine „Ratte", die „pfiff" (ein Verräter). Es wurde 
dunkel und die Indianer näherten sich. Er versuchte, einen der Indianer zu er- 
schießen, doch verfehlte er sein Ziel. Dann versuchte er, ihm mit seiner Flinte „eine 
Bohne zwischen die Rippen zu schießen". Doch verfehlte er sein Ziel wieder, und 
der Indianer ergriff ihn von hinten und quetschte ihn. Er fürchtete sich davor, der 
Indianer würde ihn skalpieren. In diesem Augenblick kam jemand aus dem Schul- 
gebäude heraus, um ihm zur Hilfe zu eilen, und stieß ein Messer in den Rücken 
des Indianers. Er fühlte, wie der Indianer zu Boden fiel. 

Die Lichtung im "Walde und die wenigen Häuser erinnern ihn an Orte, die 
er am Land gesehen hatte. Das Schulgebäude war so wie jenes, das er besuchte, 
als er noch „ein kleiner Junge" war. Er kehrt im Traume zu den Szenen 
seiner Kindheit zurück. 

Zum „Fuchs" assoziiert er, das wäre ein Tier, das schwer zu erlegen sei; es 
sei sehr gewandt. Der Fuchs drückt die Gewandtheit — seine eigene Gewandt- 
heit — aus, seinen "Wunsch, einer Sache Herr zu werden, besser zu sein, als 
jemand anderer. Der Analytiker weist darauf hin, daß es auch der ver- 
brecherische Teil der Persönlichkeit des Patienten sein könne, denn das 
sei jener Teil, den der Patient stets mit der Idee der Gewandtheit, der Ge- 
schicklichkeit und der Geschwindigkeit verknüpfte. 

Zu den Schafen assoziiert er die Vernichtung von Eigentum, Rücksichts- 
losigkeit gegen andere, das Zerstampfen von allen Dingen, die anderen ge- 
hören — „ich mache mir nicht das geringste daraus zu stehlen!". Hier erklärt 
der Analytiker, dies sei eine bildhafte Darstellung der Dinge, die auch durch 
den Fuchs dargestellt würden, — nur werde eine andere Eigenschaft seines 
Verbrecher-Ichs, nämlich das Rücksichtslose, Unbekümmerte an ihm dar- 
gestellt. 

Zu dem „Indianer" assoziierend, sagt der Patient: „"Wahrscheinlich bedeutet 
das dasselbe, doch kann ich es nur mit der Hilfe von jemand anderem über- 
winden. Sie sind der Helfer, der aus dem Schulgebäude kommt. Das be- 



178 Franz Alexander und William Healy 

deutet Kenntnisse. Mit größeren Kenntnissen über mich selber besiege ich den 
Indianer." Seine Assoziationen zu der pfeifenden „Ratte" sind „Ein Feigling 
— das ist F. — " (einer seiner Haftgenossen, der eine Analyse begann, sie aber 
nicht fortsetzen wollte). „Dieser Kerl hat den Kampf aufgegeben und ist aus 
der Behandlung fortgelaufen." 

Der Analytiker stimmt dieser Deutung zu und setzt hinzu: „Nun ist 
der Traum klar. Er stellt Ihren Kampf mit Ihren eigenen verbrecherischen 
Neigungen dar. Aber es ist interessant, die zwei Träume, die Sie mir heute 
erzählten, miteinander zu vergleichen. In dem einen kämpfen Sie mit Ihrem 
Gewissen, im anderen kämpfen Sie mit dem verbrecherischen Teil ihrer Per- 
sönlichkeit. Es scheint, als hätten Sie sich noch nicht entschlossen, welchem 
Teile Sie sich anschließen sollen." 

Der Patient antwortet: „Ich habe mich wirklich noch nicht entschlossen, 
aber während meiner Bewährungsfrist und auch nachher noch werde ich nicht 
stehlen. Ich werde nur des Gewinnes wegen stehlen, aber nicht aus Spaß. Ich 
will nicht in das Gefängnis in M. kommen. Ich habe mich aber nie davor ge- 
fürchtet, gefangen zu werden, und es wäre komisch, wenn ich jetzt plötzlich 
anfinge, mich davor zu fürchten. Ich glaube, die Ursache ist, daß ich Ihren 
Standpunkt nicht annehmen will und daher für meinen Entschluß, nicht zu 
stehlen, ein anderes Motiv angebe und sage, ich will nicht stehlen, weil ich 
nicht eingesperrt werden will, nicht aber deshalb, weil ich Ihren Standpunkt 
annehme." 

Analytiker: „Ja, wie ist es aber mit diesem rationalen Diebstahl?" 

Patient: „Weil ehrlich sein sich nicht auszahlt." 

Analytiker: „Das wissen Sie ja noch gar nicht. Es kann ja sein, daß Sie 
auch auf andere Weise Erfolg haben können." 

Er gibt zu, daß dies möglich sei, und daß er all dies sage, um nicht nach- 
zugeben. 

Der Analytiker erklärt ihm, daß im Traum noch ein anderes Motiv sehr 
klar ausgedrückt sei, und zwar seine passiven und weiblichen Wünsche, über- 
wältigt zu werden. Er versteht, daß der Indianer einen Teil von ihm selbst 
darstellt. Im Traum wird der Indianer von hinten vom Analytiker nieder- 
gestochen. Das zeigt, daß der Patient einen eigenartigen passiven Wunsch 
hat, überwältigt zu werden, und gerade weil diese Tendenz so stark ist, weist 
er sie zurück. Er will niemals in irgendeiner Sache nachgeben, und gerade 
deshalb ist er so empfindlich dagegen, beeinflußt zu werden, und dagegen, daß 
man von ihm denke, jemand würde ihm helfen. Er hat eine sehr starke, aber 
innerlich abgewiesene Tendenz passiv zu sein, und das erschwert es ihm, 
irgend etwas anzunehmen, das ihn an seine Passivität mahnt. Der Analytiker 
erinnert ihn daran, daß man ja bereits entdeckt habe, warum er als ein so 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



179 



„schneidiger", unabhängiger Mensch zu erscheinen wünsche: Damit wolle er 
verbergen, daß er in Wirklichkeit so sehr wünsche, daß man ihm helfe. 
Richard hatte tatsächlich einige Sitzungen zuvor die Möglichkeit zugegeben, 
daß er sich vielleicht sehr danach sehne, daß man ihm helfe und für ihn sorge, 
da er von Jugend an gefühlt hatte, daß man ihn „von einem Ort zum anderen 
stoße". Möglicherweise beruht diese große passive Sehnsucht auf der Tatsache, 
daß er als Kind keine Befriedigung für die passiven abhängigen Tendenzen des 
Kindes erhielt. Diese Tendenzen bestehen in ihm noch immer in großer 
Stärke, und darum schämt er sich ihrer und wünscht sie zu verdrängen. 

Der Patient gibt zu, er empfinde jetzt alles, was der Analytiker sagt, klarer 
denn je. 

Der Konflikt um sein Verbrechertum wird zum Mittelpunkt des 
nächsten Abschnittes der Analyse. Er fürchtet sich, seinem Bruder mitzuteilen, 
daß er sich zu einem ehrlichen Leben bekehrt habe. Er hängt von seinem 
Bruder zu sehr ab. Doch die Diebstähle und Verbrechen, die sie beide ver- 
üben, geschehen der Welt zum Trotz; sie bewirken, daß er seine Kraft gegen 
die Welt wendet, und das ist für ihn eine Kompensation für seine Abhängigkeit. 
Außerdem dient ihm die Tatsache, daß er seinem Bruder hilft, dazu, seinen 
Konflikt zu überwinden. Die Grundtatsache, aus der alles entspringt, ist, daß 
er sich seinem Bruder gegenüber minderwertig fühlt. Nie wird es ihm möglich 
sein, dieses Gefühl zu überwinden. So oft er „einen Kerl nicht verprügeln" 
konnte, half ihm sein Bruder dabei. Seine Abhängigkeit reicht weit in seine 
Kindheit zurück. Einmal versuchte er, sich von seinem Bruder frei zu machen, 
vermochte es aber nicht. Er denkt daran, die Analyse aufzugeben; er will den 
Analytiker nicht enttäuschen, aber er wird sich wahrscheinlich wieder zum 
Verbrechen zurückwenden; seine Haftgenossen verspotten ihn wegen seiner 
Analyse. Ein italienischer Gangster hat ihn vor zwei Wochen während eines 
Streites zu Boden geschlagen; der Patient wird sich rächen: — das ist seine 
Pflicht — und sein Bruder wird ihm dabei helfen. 

Er hat neuerlich einen Traum, in dem der Geschlechtsverkehr unterbrochen 
wird. Die Frau im Traume ist die Gattin seines Freundes. Der Patient erzählt 
den Traum in Bruchstücken und zeigt Zeichen großen Widerstandes. In einem 
zweiten Traum träumt er von erfolgreichem Geschlechtsverkehr mit seiner 
Freundin. In diesem Traum öffnete erst der Kostgänger die Tür, als ob dies 
aus Irrtum geschehen wäre, und nach einer Weile kam seine Mutter herein. Der 
Patient versteht, daß der Traum eine Äußerung von Trotz gegen Kostgänger 
und Mutter sei. Er gibt gereizt zu, daß er gerne die Mutter für sich allein ge- 
habt hätte. Bei dieser Gelegenheit wird zum ersten Male die ödipussituation 
mit dem Patienten besprochen, der sehr wenig Erinnerungen an seinen Vater 
hat. 



180 Franz Alexander und William Healy 



In der folgenden Sitzung erzählt er einen Traum, der eine sehr verhüllte 
Anspielung auf feindliche Gefühle gegen seinen Vater enthält, ferner eine 
Episode, in der sein Bruder scherzhaft das Mädel des Patienten küßt, und 
berichtet, daß er dabei lebhafte Eifersucht empfunden habe. 

Als Reaktion darauf, daß ihm seine Eifersucht gegen Bruder und Mutter 
mehr und mehr bewußt wird, verstärkt sich der Widerstand gegen die Ana- 
lyse. In einem Traum stellt er die Analyse als ein giftiges Gas dar, gegen das er 
sich in der Weise verteidigen muß, daß er in alle Spalten um die Tür herum 
Lumpen stopft, eine interessante Darstellung seines "Widerstandes. In einem 
anderen Traum jedoch kommt das Mädel seines Bruders ins Gefängnis, um ihn zu 
besuchen. Bei der Analyse dieses Traumes wird er sehr gereizt und kriegerisch. 
Der Analytiker weist darauf hin, daß dies ein Wunscherfüllungstraum sei; er 
wünsche, das Mädel seines Bruders möge ihn im Gefängnis besuchen. Der 
Patient weist diese Deutung zurück: er habe dieses Mädchen gar nicht gern, 
„sie redet einem die Ohren vom Kopfe. Ich kann ihr Schwatzen nicht leiden". 
Dann verrät sich seine unbewußte Einstellung in sehr dramatischer Weise. 
Er sagt, er fürchte sich immer, wenn sie kommt, daß sie ihm schlechte Nach- 
richten mitteilen werde, nämlich daß sein Bruder im Gefängnis sei. 

Analytiker: „Ich glaube, die Furcht kann eine Reaktion auf Ihren 
Wunsch sein, daß es geschehen möge." 

Patient (sehr wütend) : „Reden Sie keine Dummheiten!" (diese Antwort ist 
der bisherigen Höflichkeit des Patienten vollkommen entgegengesetzt.) 

Der Analytiker erinnert den Patienten daran, daß er ihm einmal das Auf- 
flackern eines boshaften Vergnügens gestanden habe, das er empfand, als er 
hörte, man habe seinen Bruder festgenommen. Der Patient gibt dann ungern 
zu, daß er sehr wohl wisse, daß er seinem Bruder gegenüber Neid empfinde, 
nicht aber, daß er das Mädel seines Bruders haben wolle. Schließlich aber gibt 
er zu, daß es möglich sei, daß das Mädel des Bruders ihn als „ein gemeinsames 
Feld ihrer Konkurrenz" interessiere. 

Als Reaktion hierauf ist er bei der folgenden Sitzung wieder voll von Plänen, 
die sich auf weitere verbrecherische Tätigkeit, sowie darauf beziehen, dem 
Bruder gegenüber wieder die passive rezeptive Haltung einzunehmen. Er 
liebt es, müßig umherzugehen, und sein Bruder hat ihm immer Geld gegeben. 
Nun folgen Erinnerungen aus seiner Kindheit; er pflegte alle Kinder in der 
Nachbarschaft mit Hilfe seines Bruders zu verprügeln. So weit er sich nur 
erinnern kann, hat er stets gemeinsam mit seinem Bruder gestohlen. Während 
dieser Sitzung enthüllt er unglaubliche Einzelheiten über kleinere und größere 
Diebstähle, die er in seiner Kindheit begangen hat. Er erinnert sich auch, im 
Alter von drei Jahren von zu Hause fortgelaufen zu sein. 

Einer seiner verbrecherischen Pläne für die Zukunft befaßt sich damit, die 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



181 



Bibliothek einer gewissen reichen Dame auszurauben. Er wünscht, seiner 
Mutter zu helfen und die Schulden seines Bruders zu bezahlen. Gleichzeitig 
bekundet er große Feindseligkeit gegen die Wärter des Gefängnisses und knüpft 
daran Phantasien, die sich darauf beziehen, einen dieser Wärter zu erschlagen. 
In diesen Sitzungen findet er großes Vergnügen daran, an seinem Verbrecher- 
tum eigensinnig festzuhalten. Er gibt zu, daß die ostentative Betonung des 
Verbrechertums während der analytischen Sitzung einen Protest gegen die 
passive Abhängigkeit vom Analytiker bedeutet. Er gibt auch zu, daß er an 
den Tagen, an denen er keine Analyse hatte, einen großen Mangel empfand, 
aber er kämpft gegen dieses Gefühl und will es sich selber nicht eingestehen. 
Als wir seine abhängige Liebe zum Analytiker, die er dadurch zu verbergen 
sucht, daß er trotzig über seine verbrecherischen Pläne spricht, analysieren, 
gelingt es uns, seine Reaktion als eine Wiederholung seiner Haltung gegen seine 
Mutter zu verstehen. Obwohl er bewußt behauptet, das einzige Ding das ihn 
vom Verbrechertum zurückhalte, sei Rücksicht auf seine Mutter, entdecken 
wir, daß es unbewußt gerade umgekehrt stehe. Ein wichtiges unbewußtes 
Motiv für sein verbrecherisches Betragen ist, der Mutter zu trotzen, als ob er 
ihr sagen würde: „Wenn Du mich nicht liebst und wenn Du diesen Kostgänger 
hast, dann wirst Du schon sehen, was ich tun werde. Aus mir wird kein ehr- 
licher Mensch werden." 

Als Reaktion auf diese Einsicht hat er die Phantasie, daß er der „Judge 
Baker"-Stiftung eine große Summe Geldes spende, nachdem er einen großen 
Raub erfolgreich ausgeführt hat. Dann folgt ein Sexualtraum mit einer älteren, 
schönen Frau. Schließlich ein anderer Pollutionstraum, in welchem er den 
Lehrer zum Narren hält und Geschlechtsverkehr mit einem Schulmädchen hat; 
dabei fällt ihm das Mädchen eines seiner Freunde ein, mit der er einmal 
einen Flirt hatte. 

Auch andere Kindheitserinnerungen tauchen auf. Als er vier Jahre alt war, 
schlug ihm ein Kind mit einem Stein auf den Kopf, und die Mutter verband 
die Wunde. Während des folgenden Abschnittes der Analyse zeigt sich ein 
interessantes Abwechseln von Aggression gegen den Analytiker und darauf- 
folgender Furcht, die zu passiver Abhängigkeit und dann wieder zur Rebellion 
und zu den wohlbekannten Überkompensationsmechanismen führt. So hat er 
z. B. nach dem Traum, in dem er mit dem Mädel seines Freundes ge- 
schlafen und den Lehrer zum Narren gehalten hatte, einen Traum, in welchem 
er von Wilden, und zwar Negern in Afrika, gefangen genommen wird. Die Neger nahmen 
ihm alle seine Kleider und warfen ihn ins Feuer ; erst aber bestrich der Häuptling, 
ein Mann von starkem Körperbau mit behaarten Armen und behaarter Brust, den 
Patienten mit Öl und dieses Öl rettete ihn davor, verbrannt zu werden. Man brannte 
ihm alles Haar vom Körper weg, auch das Haar unter seinen Armhöhlen. Man wollte 



i8a 



Franz Alexander und William Healy 



ihn nicht vollkommen verbrennen, sondern nur das Haar von seinem Körper ent- 
fernen. 

Zu dem „behaarten Häuptling" assoziierend, erinnert er sich, daß sein Vater 
einen großen Bart hatte. Das Motiv „öl und Haarverbrennen" setzt er 
mit der Analyse in Verbindung. Er sagt: „Sie entkleiden mich aller meiner 
männlichen Ideen — meines Stehlens und meines Verbrechertums. Sie machen 
mich zu einem Weibe. Die Analyse macht mich zu einem Weibe. Weiber 
haben kein Haar auf ihrem Körper." 

^ In unmittelbarem Anschluß hierauf gesteht er dann plötzlich die Phantasie 
eines Raubes im Instrumentenkabinett des Raumes, in dem die Analyse statt- 
fand. 3 Dann folgt eine Kindheitserinnerung an einen Kampf mit anderen 
Jungen. In der folgenden Sitzung hat er einen komplizierten Traum, von 
dem hier nur die hauptsächlichsten Elemente ewähnt werden sollen. Zwei 
Professoren (die beiden Verfasser dieses Buches) arbeiten für ihn. In diesem 
Traum dreht er die Situation so um, daß er der Kommandierende ist und die 
beiden Psychoanalytiker — Alexander und Healy — für ihn arbeiten. Der 
Hauptpunkt des Traumes ist, daß alle Teile eines Radioapparates hinter eine Tafel 
gebracht werden müssen. Der Patient und ein anderer Mann gingen mit zwei Damen 
hinaus, während die Professoren arbeiten mußten, und Richard sagte, er würde zurück- 
kommen nachzusehen, wie die Arbeit ausgeführt würde. Als er zurückkam, war ein 
Kondensator draußen gelassen worden. Zu diesem Kondensator bringt er die 
folgenden Einfälle: „Ein variabler Kondensator, der dem Zwecke dient, 
den Apparat auf die verschiedenen Sendestationen abstimmen zu können — 
verschiedene Stationen nehmen zu können — , verschiedene Dinge in meiner 




Der Kondensator, gezeichnet vom Patienten 

Persönlichkeit finden zu können. Es war ein kahler Raum ohne Wände oder 
Tapeten — nur Bretter — eine typische Radiostation oder Reparaturwerk- 
stätte. Ein Kondensator lag oben auf der Tafel. Der Kondensator ist die 
Hauptsache. Ohne ihn kann man keine Musik bekommen — es ist eine 
Methode aus mir Auskünfte herauszubekommen. Es ist in der Mitte. Mein 
Nabel liegt in der Mitte. Ein technischer Weg, um Auskünfte zu bekommen, 
ein Schlupfloch (loophole) ; ein Schlüssel zu den dahinter liegenden Mechanis- 
men. Der einzige Punkt, durch den man Auskunft darüber bekommen kann, 
wie man dieses Radio in Betrieb halten muß." 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



183 



Aus seinen Einfällen geht ziemlich klar hervor, daß dieses Loch, als 
Weg um in seine Persönlichkeit einzudringen, ein weibliches Symbol — („ein 
Loch im Bauch — Nabel") und eine bildhafte Darstellung seiner passiv-re- 
zeptiven Einstellung dem Analytiker gegenüber ist. Alles muß hinter die Tafel 
gebracht werden, der Kondensator aber wird draußen gelassen. Wieder sieht 
man das Kompromiß: zu Beginn des Traumes protestiert er gegen seine weib- 
liche Einstellung zum Analytiker — die Professoren arbeiten für ihn und nach 
seinen Weisungen — , und trotzdem wird am Ende des Traumes das Symbol 
dieser rezeptiven Einstellung „außerhalb der Tafel gelassen". Es ist inter- 
essant, daß er diese passive (Übertragungs-) Einstellung durch einen wesent- 
lichen Teil des Radioapparates darstellt, durch jenen Teil nämlich, der den 
Radioapparat zum Sprechen bringt. Es ist eine positive Einstellung zum 
Analytiker, die ihn zum Sprechen bringt und ihn veranlaßt, sich selber zu ent- 
hüllen. 

Es ist auch höchst interessant, daß er im Traume die Professoren arbeiten 
läßt; er nimmt die höhere Rolle an, geht mit einem Mädchen aus, während 
die Professoren für ihn arbeiten müssen. Und doch bleibt am Schluß das 
Symbol seiner weiblichen Bindung außerhalb der Tafel, d. h. außerhalb des 
Bollwerkes von Verdrängungen, das die Analytiker im Traum aufzubauen 
haben; eine Situation, die gerade das Gegenteil der Wirklichkeit darstellt, in 
der der Analytiker daran arbeitet, den Widerstand zu beseitigen. 

In dem Maße, in dem sich der Patient seiner ambivalenten Einstellung zum 
Analytiker mehr und mehr bewußt wird, tritt seine Feindseligkeit gegen seinen 
Bruder offen zutage. Er träumt, sein Bruder sei von Gangstem erschossen wor- 
den, und in einem zweiten Traume verdirbt er durch Nachlässigkeit den Anzug, 
den sein Bruder ihm geschenkt hat. Die Träume deuten Feindseligkeit gegen den 
Bruder und darauffolgende Selbstbestrafung an. 

In diesem Abschnitte der Analyse beginnt er immer klarer zu sehen, daß 
sein Verbrechertum auch eine Trotzreaktion gegen seine Mutter darstellt. 
Würde seine Mutter sich mit ihm beschäftigen und „ihm stets in den Ohren 
liegen", dann hätte er keine andere Wahl, als arbeiten zu gehen. Damit sagt 
er aus, er würde vielleicht auf sein Verbrechertum verzichten, wenn seine 
Mutter ihm ihre Aufmerksamkeit in großem Maße zuwenden wollte. Er 
setzt lachend hinzu: „Ich will meine Mutter damit quälen, daß ich ihr sage, 
sie sei verantwortlich dafür, daß ihre Söhne Verbrecher sind." Er glaubt, 
daß dieses Trotzmotiv bei seinem Bruder noch größere Bedeutung gehabt 
habe als bei ihm selber. 

Als er die Trotzreaktion gegen seine Mutter erkennt, lebt er sie in der 
Analyse noch heftiger aus. Die Sitzungen sind wiederum voll von trotziger 
und zynischer Betonung seines Verbrechertums und seiner Gemeinheit. Er 



184 Franz Alexander und William Healy 

hörte, sein Mädel habe sich verheiratet. Er hofft, das sei wahr, denn dann 
würde es um so lustiger sein, mit ihr zu verkehren. „Für die Kinder ist ihr 
Mann da." 

Er will mit der Analyse aufhören, sobald er das Gefängnis verlassen hat, 
aber er will sich nicht zum ehrlichen Leben bekehren. Die Theorie des Ana- 
lytikers ist richtig, aber sie nützt ihm nichts. „Es ist, als wenn man einen 
Kerl mit einem Schwamm totschlagen wollte." 

Dann träumt er, ein anderer Arzt käme an Stelle des Analytikers, ihn zu besuchen, 
und im Traume streitet er mit diesem Arzt, den er nicht leiden kann. Der Traum 
bedeutet, er möchte seine freundlichen Gefühle gegenüber dem Analytiker noch 
unmittelbarer ausdrücken, aber er kann es nicht, da er ihn gern hat. Nach 
diesem Traume erklärt er wieder, daß er das Stehlen fortzusetzen gedenke. 

Der folgende Traum, den er während derselben Sitzung erzählte, zeigt mit 
voller Klarheit seine ganze Hartnäckigkeit, seinen Trotz und seine schmarotzer- 
hafte, infantile Einstellung zur Mutter. Er ging in einem hell erleuchteten Korri- 
dor auf und ab. Eine Frau, die Frau seines Freundes, saß am Boden. Dort stand auch 
eine große Pfanne und darin einige in Stücke geschnittene Apfelkuchen. Er dachte, um 
die Ecke stünden sieben Krüge Wein, und er würde sie nehmen, trinken und nachher 
Geschlechtsverkehr mit der Frau haben. Er ging um die Ecke des Korridors, dann ging 
er um eine zweite Ecke, doch die Krüge waren nicht dort. So ging er zu einer Gruppe 
von Negern und begann, ihnen eine Rede zu halten. Er sagte, daß im Dorfe Leute Hungers 
stürben, daß sie Not an Nahrung und Kleidern litten und daß jeder etwas spenden 
möge. Seine Idee war, daß er, wenn es ihm gelänge, zwei Dollar zu sammeln, damit 
etwas zum Trinken kaufen könnte. Alle gaben Geld. Er setzte seine Rede fort, um noch 
mehr zu bekommen. Dann kam die Frau mit den Kuchen und reichte Erfrischungen 
herum. Er sprach weiter, um mehr Geld zu bekommen. 

Seine Einfälle zum „Korridor" waren, daß dieser nett, reinlich, gut be- 
leuchtet und geradlinig angelegt war, wie es Korridors in Vornehmen Ge- 
bäuden zu sein pflegen. Seine Einfälle zu der Frau besagten, sie sei die 
Gattin eines anderen, sie sei stumm, sie könne kein gutes Englisch sprechen 
und sei von kleinem Wüchse. 

Hier fragt der Analytiker, wer noch von kleiner Statur sei. Der Patient 
antwortet, X. Y. (sein bester Freund) sei klein und ebenso auch die Frau des 
Genannten. Er spricht von der Frau eines anderen seiner Freunde, die eben- 
falls klein sei. Er setzt hinzu, sein Vater sei ein sehr hochgewachsener Mann 
gewesen, und seine Mutter sei mittelgroß. Der Analytiker fragt, wer denn 
schlechtes Englisch spräche. 

Patient: „Ich selbst spreche schlechtes Englisch, ferner die Ausländer 
und ... ich weiß nicht." 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



185 



Analytiker: „Auch ich bin ein Ausländer. Vielleicht spielen Sie auf mich 

an." 

Patient: „Aber Sie sprechen die Worte richtig aus." 

Seine Einfälle zu der Pfanne, die die Apfelkuchen enthält, sind die 
folgenden: „Das ist hier im Gefängnis ein seltener Leckerbissen. Ein guter 
Kuchen ist in Amerika ein seltener Leckerbissen. Am Land kann man gute 
Kuchen bekommen. Frau A. (eine seiner Pflegemütter) pflegte gute Apfel- 
kuchen zu machen, Frau B. (eine andere Pflegemutter) ebenfalls, Frau C. aixch 
usw. (Er erwähnt alle seine Pflegemütter.) Meine Mutter pflegte uns gute 
Apfelkuchen zu geben, aber sie kaufte sie und wärmte sie auf." 

Einfälle zu den sieben Weinkrügen: „Eine ungerade Zahl: die Anzahl 
der Taschen in meinen Kleidern; von sieben Weinkrügen kann man betrunken 
werden." 

Einfall zu der „Gruppe Neger": „Unwissende Leute. Man kann sie be- 
schwindeln." 

Analytiker: „Wen wünschen Sie zu beschwindeln?" 

Patient: „Vielleicht wünsche ich Sie zum Narren zu halten. Es ist ein 
Traum, in dem ich jedem Trotz biete. Ich tue was ich will, einfach um un- 
leidlich zu sein." 

Analytiker: „Und all dies, um mit jener Frau Geschlechtsverkehr zu 
haben?" 

Patient: „Ich habe aber gar keinen Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt." 

Hier versucht der Patient das Thema zu wechseln, in dem er einen anderen 
Traum erzählt. 

Analytiker: „Um auf den ersten Traum zurückzukommen: Es ist, wie 
ich glaube, ein recht egoistischer Traum. Sie benützen diese Frau, um sich 
Geld zu verschaffen. Diese Frau mit dem Apfelkuchen ist das Symbol des 
nährenden Weibes, und das kann niemand anderer sein als Ihre Mutter." 

Der Patient erzählt, daß einmal eine Frau, die 1 8 j Pfund wog, für seinen 
Lebensunterhalt sorgen wollte und verlangte, daß er mit ihr lebe. Ihm gefiel 
sie aber nicht. 

Analytiker: „In diesem Traum gibt es Essen, Trinken, Betrügen und 
Geschlechtsverkehr. Ihr infantiles und verbrecherisches Ich offenbart sich 
ziemlich unverhüllt." 

Patient: „Ich glaube, es ist einfach ein Protest gegen die Analyse." 

Analytiker: „Das ist es sicher, aber nicht gegen die Analyse im Allge- 
meinen, sondern gegen das, was die Analyse Sie einzusehen zwingt: daß Sie an 
Ihre Mutter so stark gebunden sind, und daß Ihr Verhalten ein Protest gegen 
sie ist. Es wird jedoch auch immer klarer, daß es sich bei dieser Bindung um 
ein ziemlich infantiles, rezeptives Gefühl handelt, und daß Sie beim Stehlen 



diese rezeptive, alles ergreifen wollende Einstellung befriedigen. Wenn Ihre 
Mutter Ihre rezeptiven Tendenzen nicht befriedigt, dann stehlen und trinken 
Sie." 

Nachdem sein Verbrecher-Ich so vollständig entlarvt ist, verfällt er in 
extremen Trotz, indem er sich restlos mit seinem Bruder identifiziert. In 
einem seiner Träume stiehlt er gemeinsam mit seinem Bruder, wird von der Polizei 
verfolgt und entrinnt. Dann versucht er, seinen Anzug aus den Kleidungsstücken seines 
Bruders herauszusuchen, und kann seine Kleider von denen seines Bruders nicht 
unterscheiden. 

Er wird das Stehlen fortsetzen, aber er wird sich nie mehr ertappen lassen. 
Er wird, sobald er freigelassen wird, mit seinem Freund ein großes Trinkgelage 
halten. Nach seiner Freilassung will er weder heiraten und Kinder haben, noch 
sich eine gute Erziehung erwerben. So lange sein Bruder stiehlt, wird er auch 
stehlen. In diesem Zusammenhang erinnert er sich seines Wunsches während 
seiner Kindheit, seiner Mutter ungehorsam zu sein dadurch, daß er Zehncent- 
stücke stahl. Wenn er wegen des Kostgängers zu Hause nicht tun kann, was 
er will, wird er nicht nach Hause gehen. Die Mutter ist dafür verantwortlich, 
daß sich der Kostgänger noch immer im Hause aufhält. Er will genug Geld 
verdienen, um fern von daheim leben und seine Mutter unterstützen zu 
können. 

Ein Traum, der geeignet erscheint, die Psychologie von Gefangenen zu illu- 
strieren, ereignet sich während dieses Abschnittes der Analyse: Er überwindet 
die Beschränkungen des Gefängnisses mit Hilfe einer magischen Maschine, durch 
die er jede gewünschte Person zwingen kann, in sein Zimmer zu kommen. Eine 
schöne Frau erscheint auf dem Bett in seinem Zimmer, doch endete der Traum, 
bevor es zum Geschlechtsverkehr kam. 

Dann folgt ein Traum, wie er ihn bereits zweimal vorher gehabt hat; seine 
Mutter und der Kostgänger trachten danach, ihn am Geschlechtsverkehr mit seinem 
Mädel zu verhindern. Im Gegensatz zu früheren Träumen ist es ihm in 
diesem Traum nicht möglich, den Geschlechtsakt zu beenden. Dieser Traum 
bedeutet, daß er es nicht wünscht, unabhängig zu werden und mit einer Frau 
eine erfolgreiche geschlechtliche Beziehung zu haben, da er zu sehr an seine 
Mutter gebunden ist. In seinem Geist beginnen sich zwei Alternativen heraus- 
zukristallisieren: die eine, ein ehrliches Leben zu beginnen und zu heiraten, die 
andere, das Verbrechertum und das Verharren in seiner infantilen Bindung 
an die Mutter. 

Nachdem der Patient diese Einsicht gewonnen hat, ändert sich sein Be- 
tragen. Zum ersten Mal erklärt er jetzt, daß er von seiner Mutter unabhängig 
werden wolle, und daß er sich nicht darum kümmere, was seine Mutter tut; 
doch wird er sehr aufgeregt, so oft er auf den Kostgänger zu sprechen kommt. 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



187 



Er wünscht die Analyse nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis fort- 
zusetzen. Er beginnt von einem sehr begabten Freund zu sprechen, der sich 
sehr leicht seinen Lebensunterhalt verdienen könnte, und der trotzdem ein 
Verbrecher ist. Er nennt diesen Fall „pathologisch". 

Diese gute Einstellung dauert jedoch nicht lange, und es folgt als Reaktion 
die tiefste Regression zu der frühkindlichen rezeptiven Bindung an die Mutter, 
die im Laufe der Analyse bisher beobachtet wurde. Während dieses Zeit- 
abschnittes hat er großes Interesse für das Essen. In einem Traum stiehlt er 
Kuchen. In Wirklichkeit stiehlt er Zwiebeln und Zucker aus der Küche des 
Gefängnisses. Er träumt von Kühen und besteht darauf, im Gefängnis Milch 
zu bekommen. 

Er spricht von einem gewissen Gefängnis, in dem die Häftlinge fast wie 
Gäste in einem Hotel leben, ihre Mahlzeiten anschaffen usw. Das nächste Mal 
möchte er dorthin kommen. Er spricht von Häftlingen, die irgendein Ver- 
brechen begehen, um sich freie Kost und eine Schlafstelle zu verschaffen. 

Nach zwei Träumen, in welchen er ein paradoxes Bedauern darüber aus- 
drückt, daß er nunmehr bald aus dem Gefängnis entlassen werde, ist es un- 
möglich zu übersehen, daß das Gefängnisleben für ihn einen gewissen Reiz hat, 
und daß das Gefängnis in den Tiefen seines Unbewußten für ihn einen Ersatz 
der nährenden Mutter bildet. Das zeigt sich klar in folgendem Traum: 

Er hatte gemeinsam mit einem anderen Mann einen Getreideaufzug ausgeraubt. Er 
wurde gefangen genommen und vor das französische Gericht gestellt. Die Sache geschah 
in Frankreich. „Man verurteilte mich zu lebenslänglicher Haft, wir studierten im 
Gefängnis. Ich aß ein Nachtmahl. Auf den Stühlen, auf denen wir saßen, waren Nummern 
angebracht. Ich ging nach dem Abendessen in meine Zelle. Die Wärter im Gefängnis 
waren Frauen. Ich ging durch ein Zimmer, welches aussah, als wäre es ein Zimmer 
eines Hauses und nicht dasjenige eines Gefängnisses, und fragte eine Frau, wo mein 
Zimmer sei. Ich bat sie sehr höflich darum, indem ich .Pardon, Madame' sagte. Sie 
lächelte mir zu, ich lächelte zurück, und sie sagte mir, ich möge in ihr Büro kommen. 
Ich ging über eine Stiege in ein anderes Zimmer und fragte einen Häftling, wo sich das 
Büro der Frau befände. Der Häftling fragte: ,Sie meinen die Frau von mütterlichem 
Aussehen?' Ich sagte, ja. Er sagte, ihr Büro wäre unmittelbar neben demjenigen des 
Direktors. Ich sah, wie jemand aus dem Zimmer des Direktors kam und an mir vorbei 
zum Korridor hinabging." 

Die Assoziation des Patienten zum „Getreideaufzug" waren: „Etwas, das 
auszurauben, ein Unsinn ist. Ein Überfluß an Nahrungsmitteln. Es ist un- 
sinnig, dort einzubrechen, man kann es ja doch nicht stehlen." 

Analytiker: „Offenbar bedeutet es etwas anderes. Woran denken Sie in 
Verbindung mit einem Getreideaufzug?" 

Patient: „Milch — Herr F. — und (lachend) na, Sie wissen schon." 



Analytiker: „Ich weiß nicht, woran Sie jetzt denken." 

Patient: „Mutter. Wahrend der ganzen Zeit war die Mutter der Hinter- 
grund meiner Gedanken. 

Analytiker: „Sie sehen hier klar, daß Ihr Stehlen auf irgendeinen 
Wunsch in Verbindung mit Ihrer Mutter zurückgeht. Sie ist es, die Nahrung 
liefert, und Sie stellen sie im Traume als Getreideaufzug dar. 

Der Traum stellt den Wunsch dar, von der Mutter genährt, geliebt und be- 
treut zu werden, und nachdem sich der Erfüllung dieses Wunsches Hindernisse 
entgegengestellt haben, haben Sie ihn nicht aufgegeben, sondern es hat sich 
dieser Wunsch in Stehlen verwandelt. Was Sie nicht bekommen, das stehlen Sie." 

Patient: „Sie fragten mich letzthin, ob es mir Freude mache, meiner 
Mutter gestohlenes Geld zu schenken. Es macht mir keine Freude. Einmal 
bat mich meine Mutter, ihr jo Dollar zu geben. Ich hatte 27 Dollar, aber 
ich wollte ihr dieses Geld nicht geben. Ich zog es vor, es für Getränke aus- 
zugeben." — Einmal stahl er 90 Paar seidene Strümpfe. Er schenkte sie ver- 
schiedenen Mädchen, aber nicht seiner Mutter. 

Seine Einfälle zum „französischen Gefängnis" waren: „Ein schweres Los. 
Dort schickt man die Leute auf die Teufelsinsel. Das soll ein ganz elender Ort 
sein." — Es deutet auch auf Lernen — die französische Sprache. „Die Fran- 
zosen erinnern mich an Sie. Sie sind ein Ausländer. Meine Mutter ist keine 
Französin, aber sie ist französischer Abstammung." 

Analytiker: „Das ist ein ziemlich scharfsinniger Traum. Sie werden im 
Traum dazu verurteilt, in ein französisches Gefängnis eingesperrt zu sein, wo 
die Wärter Frauen sind — eine offenbare Anspielung auf Ihre Mutter — und 
Sie gehen in das Büro einer Wärterin von mütterlichem Aussehen." 

Patient: „Ja, es war ein nettes Gefängnis, und ich sprach mit der Frau in 
sehr respektvoller Weise, doch von meiner Art, mit meiner Mutter zu 
sprechen, kann ich dies nicht behaupten. Ich bin nicht so respektvoll zu ihr, 
wie ein Sohn es sein sollte." 

Analytiker: „Das ist der Gereiztheit wegen, die Sie stets Ihrer Mutter 
gegenüber empfinden und deren Ursache wir bereits gut kennen. Doch glaube 
ich jetzt noch mehr als bisher, daß das Gefängnis in Ihrem Unbewußten 
irgendwie mit Ihrer Mutter verknüpft ist. Es ist ein Ort, wo man für Sie 
Sorge trägt, wo Sie keine Sorgen und keinerlei Verantwortung haben." 

Patient: „Im Traum war es aber ein nettes Heim, es hieß nur ein Ge- 
fängnis." 

Analytiker: „Wenn ein Gefängnis gleichzeitig ein nettes Heim wäre, so 
wäre das etwas Ideales für Sie. Sie würden, so scheint es mir, vollkommen 
zufrieden damit sein, daß man für Sie sorgt und daß Sie keine Verantwortung 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



189 



haben. Das würde jenen infantilen Wunsch befriedigen, genährt und versorgt 
zu werden und vollkommen passiv zu sein." 

Patient (lachend): „Ich würde es nicht versäumen, mir den Vorzug zu 
verschaffen, in so ein Gefängnis gesperrt zu werden." 

Analytiker: „Es ist ziemlich interessant, daß tief im Innern das Ge- 
fängnis für Sie eine Anziehung besitzt, obwohl Sie es bewußt durchaus nicht 
lieben. Aber diese infantile Sehnsucht nach der Mutter wird im Gefängnis 
irgendwie befriedigt, insofern Sie dort für sich selbst nicht zu sorgen brauchen. 
Das ist nunmehr bereits der dritte Traum, der Ihr paradoxes Bedauern dar- 
über ausdrückt, daß Sie bald freigelassen werden." 

Ein anderer Traum, in dem er den Wunsch, im Gefängnis zu bleiben, und 
die Furcht vor dem Freigelassenwerden ausdrückt, ist der folgende: 

Er träumte, er wäre wieder im Gefängnis, diesmal in M., für drei Monate. Er war 
mit einem berühmten Dieb zusammen. Sie setzten sich zum Nachtmahl. Es war ein 
ziemlich gutes Nachtmahl. Nachher gingen sie in ihre Zellen. Die Zellen waren versperrt. 
Sie gingen in die nächste Zelle. An den Fenstern gab es keine Gitter. Sie konnten einen 
in der Nähe befindlichen Zaun gut sehen. Man konnte ihn leicht überspringen. Sie 
sahen auf dem Zaun an der Ecke des Hauses ein Maschinengewehr und versuchten 
daher gar nicht, über den Zaun zu springen; übrigens hatte er überhaupt kein Verlangen 
darnach, das Gefängnis zu verlassen. Nachdem sie geschlafen hatten, standen sie auf 
und nahmen ein sehr gutes Frühstück zu sich. 

Doch nach dieser Periode tiefer Regression, welche den Verzicht auf alle 
aggressiven männlichen Wünsche, das Aufgeben jeglichen Lebenskampfes und 
das Annehmen des Friedens und der Sicherheit des Gefängnisses bedeutete, 
folgt eine neue Reaktion. Wieder drückt der Patient in seinen Träumen Am- 
bitionen und Aggressionen aus. Während dieser Sitzung kommt er mit einem 
großer. Küchenmesser in der Tasche, das er im Gefängnis gestohlen hatte, zur 
Analyse. 

Seine Trotzreaktion zeigt sich in einem neuen Licht. In einem Traum hat er 
Sexualverkehr mit einer Frau, während Schulkinder aus einem Fenster heraus- 
schauen und zusehen. Es war ein Pollutionstraum. Wie aus seinen Assoziationen 
hervorgeht, drückt der Traum die Einstellung aus, daß er, wenn er auch 
nicht mehr in die Schule geht und die Schule verlassen mußte, die Schulkinder 
doch sehen lassen will, wie er Geschlechtsverkehr treibt. Er beneidet die 
Schulkinder um die Möglichkeit, eine bessere Erziehung zu erwerben, und er 
macht daher wiederum die Schulkinder auf seine geschlechtliche Freiheit 
neidisch. 

Dann folgt ein Traum, der illustriert, daß sein Stehlen ein Ersatz für die 
infantile Bindung an die Mutter ist: Er verübt einen Diebstahl in einem ßüro- 

Imago XXt/2 13 



igo 



Franz Alexander und William Healy 



gebäude, das im Traum mit seiner Mutter verknüpft ist; dann wird er von einem Mann 
von großer Statur verfolgt. 

Seine Aggressionen gegen den Analytiker, den Bruder und den Kostgänger 
treten mit darauffolgender Furcht, mit Schuldbewußtsein und mit selbst- 
zerstörerischen Tendenzen heftiger zutage als jemals vorher. Während er 
träumte, schlug er sich einmal so heftig auf das Kinn, daß er sich tatsächlich 
einen Zahn brach. Zu diesem Traum assoziierend, erzählt er von einem Rauf- 
handel, den er tags zuvor mit einem seiner Haftgenossen gehabt hatte. Nach- 
her kam sein Bruder in das Gefängnis und hatte einen Streit mit jenem Manne, 
der den Patienten angegriffen hatte. Er schämt sich sehr einzugestehen, daß 
sein Bruder seinen Beschützer gespielt hat. Er gibt neuerlich heftiger Feind- 
schaft gegen seinen Bruder Ausdruck. 

Zu dieser Zeit kämpft er in einem anderen Traum im Dunkeln einen Messer- 
kampf mit einem Mann. Er hatte zwei Messer bei sich, doch der andere brachte 
ihm Messer schnitte am Rücken bei, hinauf- und herablaufende Schlitze. Bei der 
Analyse dieses Traumes wird er außerordentlich erregt. Als der Analytiker 
ihn fragt, wer der Mann, mit dem er im Traum kämpft, wohl sein könne, wobei 
er darauf hinweist, es müsse jedenfalls jemand sein, demgegenüber der Patient 
starke Aggression, gleichzeitig aber auch Schuldbewußtsein empfinde, da doch 
am Ende des Traumes der Patient selbst verletzt wird, schreit er: „Das geht 
Sie nichts an. Weshalb wollen Sie das wissen? Es ist X. Ich werde es Ihnen 
nicht sagen." Am Schlüsse der Sitzung nimmt er jedoch die Deutung an, es 
sei der Analytiker, den er in seinem Traum mit dem Messer angreife, das er 
tatsächlich während etwa einer Woche zu jeder analytischen Sitzung in seiner 
Tasche mitbringt. 

Kurz nach dieser dramatischen Sitzung wiederholt sich der Traum, in dem 
er zu Hause während des Geschlechtsverkehrs mit seiner Freundin gestört 
wird, doch zeigt sich darin ein Zug, der einen Fortschritt zu bedeuten scheint: 
Das Mädel ist zuhause bei ihm in seinem Zimmer. Er versucht den Geschlechts- 
akt auszuführen, wird jedoch wiederholt durch das Klopfen seiner Mutter an der Tür 
gestört. Er wird zornig, zieht seine Kleider an, um fortzugehen und irgendwo außer 
dem Hause ein anderes Zimmer zu finden; als er am Zimmer des Kostgängers vorbei- 
kommt, öffnet sich die Tür, hinter welcher sich sein Bruder und der Kostgänger be- 
finden. Sein Bruder gibt ihm etwas Geld. Er geht hinaus auf die Straße und sagt, er 
werde ein Zimmer suchen. Das Mädchen meint, einen Raum könnten sie immer irgendwo 
finden. Er fragt sie, ob sie arbeite, was sie verneint. 

Patient: „Der Traum gleicht dem, den ich vorher hatte." 

Analytiker: „Ja, es bestehen aber ziemlich große Unterschiede. Wir 
verstehen den Anfang des Traumes, daß Ihre Mutter Ihr Sexualleben stört, 
und daß Sie beschließen fortzugehen. Aber in diesem Traum gehen Sie tat- 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



191 



sächlich fort, wodurch sich Ihr Wunsch nach Unabhängigkeit, der jetzt von 
der Analyse, besonders von der letzten Sitzung, einen stärkeren Impuls er- 
halten hat, ausdrückt. "Was bedeutet es, daß der Kostgänger und Ihr Bruder 
im selben Zimmer beisammen sind?" 

Patient: „Es wird damit ausgedrückt, daß ich gegen beide das gleiche Ge- 
fühl empfinde." 

Analytiker: „Bewußt aber lieben Sie ihren Bruder und hassen den Kost- 
gänger." 

Patient: „Aber beide unterdrücken mich. Beide sind Konkurrenten. Doch 
im Traume hilft mir mein Bruder. Das drückt die Tatsache aus, daß er nichts 
dafür kann, daß ich ihm gegenüber so empfinde. Er stört mein Leben nicht. 
Er hilft mir in Wirklichkeit." 

Analytiker: „Ja, ich glaube, das verstehen Sie ganz gut." 

Patient: „Und daß ich das Mädchen frage, ob Sie arbeitet, drückt die Idee 
aus, daß ich sie jetzt erhalten muß." 

Nun erklärt ihm der Analytiker die Bedeutung des Traumes. Es ist die 
Erfüllung des "Wunsches, unabhängig zu werden und eine Verantwortung an- 
zunehmen, die trotzigen Ansprüche gegenüber der Mutter sowie die schma- 
rotzerhaften Tendenzen aufzugeben, die sich auch in seiner Lebensweise, d. h. 
darin, daß er vom Stehlen lebt, ausdrücken. Doch enthält der Traum ein 
Kompromiß, da ihm sein Bruder Geld gibt. 

Wir sehen, daß er eine bemerkenswerte Einsicht in die Bedeutung des Traumes 
besitzt; während derselben Sitzung erreicht er ein ähnlich klares Verständnis 
für eines der Hauptmotive seines Stehlens. Er gibt das irrationale Element, das 
im Stehlen enthalten ist, zu. Er stahl Kraftwagen und brachte sie, nachdem er 
mit ihnen herumgefahren war, wieder an ihre alte Stelle zurück. Einmal stahl 
er ein Polizeiautomobil, das vor einer Polizeistube stand. Dann benützte er 
dieses Automobil, um Diebstähle auszuführen Er brach in einen Zigarrenladen 
ein, stahl Hunderte von in Kisten gepackten Zigarren und Zigaretten und 
warf nachher den größeren Teil der gestohlenen Zigarren fort. Einmal brach 
er in einen Bäckerladen ein, stahl dreihundert Einpennymünzen und ließ sie 
dann auf der Straße eine nach der anderen fallen. Ein andermal beraubte er 
einen Geldeinwurfautomaten, der vor der Türe einer Toilette stand, weil er 
nicht funktionieren wollte. Er setzt hinzu: „Es war bloße Rache." Er zweifelt 
nicht daran, daß er den größten Teil seiner Diebstähle aus irrationalen, ge- 
fühlsmäßigen Trieben als Rache für die Unfruchtbarkeit seines Lebens, für 
alle seine Entbehrungen verübte. Er stahl um des Stehlens willen. Diese rach- 
süchtige Haltung äußerte sich nicht immer in Diebstählen. Einmal zerschnitt 
er aus rein boshaften Beweggründen das Seil, auf welchem Kleider vor einem 
Laden hingen, und ließ alle Kleider auf den Boden fallen. Es kam vor, daß 

'3' 



er zu einer Zeit, da er 25 Dollar in der Tasche hatte, Zuckerwerk im Werte 
von fünf Cents, eine Sorte, die er gar nicht gern hatte, stahl und nicht aß. 

Am Anfang der Stunde ließ er aus seiner Tasche eine Anzahl von 
Fünf- und Zehncent-Stücken fallen, die dann am Boden lagen, und die er vor 
der Beendigung der Stunde nicht aufheben wollte. Er verließ die Sitzung in 
sehr guter Stimmung, offenbar erleichtert, nachdem er alle diese (anal-sadisti- 
schen) boshaften Tendenzen, Böses um des Bösen willen zu tun, einbekannt 
hatte. 

"Während der letzten vier Tage, die er im Gefängnis verbrachte, drückt er 
abwechselnd Hoffnung, Entmutigung, Furcht und Bedauern über das Verlassen 
des Gefängnisses aus. In einem Traum bekommt er seinen Kraftwagen-Führer- 
schein zurück — einen Kraftwagen zu führen, ist seine Lieblingsbeschäftigung. 
Während derselben Sitzung spricht er jedoch die Meinung aus, alle Leute seien 
unehrlich, schildert Korruption und Bestechung in verschiedenen Stellungen, 
die er bekleidet hat. Von dem Verlassen des Gefängnisses sprechend, sagt er: 
„Lebewohl, gute alte Schattensuppe" — eine Anspielung auf die dünne Suppe, 
die er im Gefängnis bekommt. 

In einem Traum, den er am letzten Tage seiner Haft träumt, spricht er 
seine Anklage gegen seinen Bruder sehr klar aus — sein Bruder sei verant- 
wortlich dafür, daß er im Gefängnis sei; doch wie gewöhnlich, äußern sich 
zur gleichen Zeit seine Schuldgefühle gegenüber dem Bruder in dem Plan, eines 
seiner Messer zu seinem Bruder zu schmuggeln, der zu jener Zeit in einem 
anderen Gefängnis eingesperrt war. 

Seine Reaktion auf das Wiedererlangen der Freiheit ist zuerst vollkommen 
paradox. Er fühlte sich müde, kann nicht schlafen, ist deprimiert, und seine 
Träume drücken ständig Sehnsucht nach der Rückkehr in das Gefängnis aus. 
In den ersten zwei Monaten nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis hat er 
sieben Träume, in denen er seine Sehnsucht, wieder in das Gefängnis zurück- 
zukehren, klar zum Ausdruck bringt. Sofort während der ersten Sitzung nach 
seiner Freilassung erzählt er zwei Träume, in denen er wieder in das Gefängnis 
zurückgekehrt ist. Im ersten Traum ist er im Gefängnis und wartet auf das Glocken- 
zeichen zum Abendessen. Im zweiten Traum ist er ebenfalls im Gefängnis und streitet 
dort mit jemandem. 

Während der ersten Wochen nach seiner Freilassung fröhnt er dem Genuß, 
den ihm einige kleine Diebstähle bereiten. Er stiehlt einige Zeitschriften und 
sechs Paar Socken, die er nicht benötigt. Ein andermal entwendet er aus der Re- 
gistrierkasse einer Straßenküche die Summe von 3 Dollar, die er nicht braucht, 
und gibt die Hälfte davon einem Bekannten. Schließlich stiehlt er eine etwas 
größere Summe aus einem Büro. Sofort hiernach, in der darauffolgenden 
Nacht, hat er einen Traum, in dem die Polizei in sein Haus dringt und ihn auf die 






Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



193 



Polizeiwache führt, nicht auf die, auf die er eigentlich geführt werden soll, sondern auf 
jene, auf der sein Bruder sich einmal, als er verhaftet wurde, für ihn (den Patienten) 
ausgab, um freizukommen. 

Der Wunsch zu stehlen ergreift ihn um diese Zeit stets plötzlich; die Dieb- 
stähle werden von ihm nicht geplant wie früher. Während dieser ersten Tage 
seiner Freiheit trifft sein früheres Mädel Vorbereitungen dazu, sich zu ver- 
heiraten. Er fühlt sich enttäuscht und glaubt, das sei eine der Ursachen, wes- 
halb er stehle. 

Es folgt nun eine höchst deprimierende Suche nach einer Anstellung. Er 
geht bei verschiedenen Stellungsbüros ein und aus, verbringt ganze Vormittage 
in fruchtlosem Warten. Der Wunsch, ein ehrliches Leben zu beginnen, wird 
sichtlich stärker, aber das Vorhandensein eines heftigen Konfliktes ist noch 
immer offenbar. Es ist außerordentlich lehrreich zu beobachten, wie er den 
Wunsch, ein ehrliches Leben zu beginnen, verdrängt, weil dieser den Konflikt 
mit seinem Bruder verstärkt — sowohl sein Schuldgefühl, als auch seine 
Minderwertigkeitsgefühle werden durch diesen Wunsch neu geweckt. So 
kann man die paradoxe psychologische Situation beobachten, daß in seinen 
Träumen der Konflikt zwischen dem Wunsch, ein ehrliches Leben zu beginnen, 
und dem, ein Verbrecher zu bleiben, ausgedrückt wird. In einem Traume 
schießt er auf ein Tier, „aber es wurde von den Kugeln nicht verletzt". Er 
deutet den Traum selbst: er besage, daß er unfähig sei, seine eigene Verbrecher- 
persönlichkeit zu verletzen. In demselben Traume geht er mit einem Mädchen 
und erzählt ihr, er sei ein Innenarchitekt, einer, der sich mit der inneren Aus- 
schmückung von Wohnungen beschäftigt, und erklärt dies in folgender Weise: 
er sei ein Spezialist für innere Ausschmückung, weil er sich selber ausschmücke 
und sich ein Ansehen von Frische, Mut und Schneidigkeit als Reaktion auf sein 
Gefühl der Schwäche gebe. 

Nun da er frei ist, läßt er seinen aggressiven Tendenzen sowohl in seinen 
Träumen wie in der Wirklichkeit freien Lauf. Er träumt, sein Bruder hätte 
ein blaues Auge bekommen, doch assoziiert er hierzu sofort, daß er die Nacht 
zuvor eine Rauferei in einer Bar gehabt hatte, die ihm großen Spaß gemacht 
hatte, und daß er eine Bierflasche am Kopfe eines anderen Mannes zerbrochen 
hatte. Die Situation daheim spiegelt sich in seinen Assoziationen sehr lebhaft 
wieder. Zu Hause sind alle Leute „pleite"; die meisten seiner Freunde ebenso 
wie seine Brüder, die, derzeit beide wieder auf freiem Fuße, Tag für Tag 
mit krimineller Tätigkeit beschäftigt sind; sie kommen und gehen, brin- 
gen gestohlene Gegenstände nach Hause, es gibt immer Aufregung wegen der 
Polizei. Die Mutter geht frühmorgens nach ihrer Arbeitsstelle und kehrt spät 
abends zurück; nachher geht sie mit dem Kostgänger ins Kino, während 
Richard das Geschirr abtrocknen muß. Er hat den Wunsch, dem Kostgänger 



eine Bierflasche an den Kopf zu werfen. Er kann seine Eifersucht nicht über- 
winden. Es ist nur natürlich, daß er in dieser Umgebung ein boshaftes Ver- 
gnügen daran findet, das Elend anderer Leute zu sehen; das verschafft ihm das 
Gefühl, daß er nicht der einzige Leidende ist. 

Träume eines neuen Typus beginnen sich zu zeigen, die den scheuen, aber 
sich allmählich verstärkenden Wunsch ausdrücken, ein ehrliches Leben zu be- 
ginnen. Er träumt wiederholt von einem Freund Y., der schwer arbeitet, in 
die Abendschule geht und alle Anstrengungen macht, im Leben vorwärts 
zu kommen. Der folgende Traum zeigt diese Einstellung in sehr überzeugender 
Weise: 

Er träumte, er sei mit Y. in Maine und sie versuchen durch allerhand Kniffe, 
ihren Weg nach Hause zu machen. Ein anderer Bursche ist auch bei ihnen. Richard 
springt auf einen Lastzug. Ein kleiner Kraftwagen kommt die Straße entlang. Es sieht 
aus wie ein kleines Wägelchen. Er hält den Wagen an und fordert den Wagenführer 
auf, er möge sie nach Boston mitnehmen. Sie setzen sich in den Wagen. Er lenkt und Y. 
schiebt mit seinen Füßen, wie Kinder ihre Wagen schieben. Er lenkt den Wagen so, 
daß er im Zickzack über die Straße fährt. Y. sagt: „Du kannst es doch viel besser 
machen." Dann setzt er den Wagen mittels einer Art von Hebel in Betrieb, ähnlich wie 
bei den Draisinen auf dem Eisenbahngeleise. Sie müssen eine große Steigung hinauf- 
fahren. Es ist eine harte Arbeit, aber schließlich kommen sie auf die Anhöhe. 

Seine Einfälle zu „Maine" sind folgende: Er hatte dort vor Jahren, als 
er dreizehn Jahre alt war, einige Zeit gelebt, dort die Schule besucht und 
gearbeitet. Es war dort „ziemlich kalt, manchmal 20 unter Null". Es gefiel 
ihm dort nicht. Seither haben ihn einmal ein Mann und zwei Mädchen mit 
dem Auto dorthin geführt. Sie nahmen ihren eigenen Vorrat an Getränken 
mit. Er ging mit Y. und dessen Frau; sie fuhren nach Maine, kamen um elf 
Uhr nachts an und fuhren sofort zurück, doch waren ihre Luftreifen flach, so- 
daß sie erst am nächsten Abend um elf Uhr nach Boston kamen. Er erzählt von 
einer berühmten Straße, die nach Maine führt, der Newburyporter Landstraße, 
einer alten Landstraße, die neuerdings zu einer Betonstraße umgestaltet wor- 
den war, sodaß sie breit genug für vier Kraftwagen war. Es gibt eine Stelle 
mit großer Steigung auf dieser Straße. 

Analytiker: „Vielleicht träumen Sie von Maine, weil diese Stadt für Sie 
das Fortsetzen des Arbeitens, des ehrlichen Lebens, das Fortsetzen dort, wo 
Sie aufgehört hatten, bedeutet. Die Schwierigkeiten beim Führen des Kraft- 
wagens bedeuten vielleicht Ihre jetzige Einstellung zur Analyse, die Sie teil- 
weise unter dem Einflüsse des Beispiels Y.s, jedoch auch aus eigener Initiative 
fortsetzen. Auf die Höhe der Steigung zu gelangen, bedeutet Ihren Wunsch, 
die Analyse möge gelingen." 

Patient: „Möglich. Ich habe keine bessere Erklärung." 



Analytiker: „War Maine ein Wendepunkt in Ihrem Leben?" 
Patient: „Ja. Dort machte ich zwei Klassen, die siebente und achte gleich- 
zeitig, und absolvierte die Schule. Ich arbeitete dort als Portier der Schule; es 
war aber recht unangenehm, bei 20 Grad Kälte in die Schule zu gehen, um 
frühmorgens Feuer zu machen. Ich war der Älteste in der Schule. Es war eine 
kleine Schule; alles spielte sich in einem einzigen Schulzimmer ab." 

Sobald etwas im Schulzimmer nicht in Ordnung war, machte der Lehrer 
ihn dafür verantwortlich. Er war der Rädelsführer. Er erzählt von verschie- 
denen Streichen, die sie spielten, um nicht in die Schule gehen zu müssen. 
So ließen sie etwa Rauch in das Schulzimmer ziehen. Einmal im Sommer ging 
er zur Seeküste und besuchte dort die Schule. Dort gab es zwei Burschen, die 
er. nicht verprügeln und denen er auch keinen Schrecken einjagen konnte. Das 
konnte er anfangs nicht verstehen. Er wollte mit ihnen nicht raufen, aber 
auch sie wollten mit ihm nicht raufen. Zu Hause hatten er und sein Bruder 
früher stets jeden der Jungen in der Klasse verprügelt und ebenso in der 
Schule, die er später besuchte. Er hatte stets die Empfindung, er könnte die 
beiden verprügeln, wenn er nur Gelegenheit hätte, mit ihnen zu raufen. 
Die beiden waren die Rädelsführer in der Schule. Als er in die neue 
Schule kam, suchte er sich diese beiden aus, um sie zu verprügeln, aber 
konnte es nicht — besonders den einen nicht. Das war die erste Niederlage, 
die er erlitt. In früheren Zeiten versuchte er, wenn er einen Burschen nicht 
leiden konnte, ihn an Schneidigkeit zu übertreffen oder ihn zu bluffen, aber 
in diesem Falle sah er, daß er jedenfalls unterliegen werde. 

Dann erzählte er, daß er mit seinem ältesten Bruder in die Stadt gekommen 
wäre. Sie trafen zwei Diebe, sein Bruder wollte mit ihnen gehen, tat es aber 
nicht. „Es ist vornehm, pleite zu sein." 

Analytiker: „Sind Sie derzeit pleite?" 

Patient antwortet, er sei nicht gerade pleite, aber fast; er habe etwa 
80 Cents oder einen Dollar, den er von seiner Mutter oder von seinem Bruder 
geborgt habe. 

Es ist offenbar, daß die Reise auf der Draisine auf dem Eisenbahngeleise in 
diesem Traum das harte Arbeiten bedeutet; sein Freund, der für ihn das Bei- 
spiel des ehrlichen Lebens ist, ermahnt ihn, „du kannst das ja viel besser 
machen", als er den Kraftwagen im Zickzack führt. In seinem Traum geht er 
zu der Stelle zurück, wo er seine erste Niederlage im Kampf erlitten und sich 
vor der Arbeit gedrückt hatte; im Traume überwindet er die Schwierigkeit. 

Doch wechselt die hoffnungsvolle Haltung, die sich in dem vorhergehenden 
Traume und den zugehörigen Assoziationen ausdrückt, mit einer allgemein 
apathischen, deprimierten Stimmung ab. Er stiehlt nicht mehr — eine Tat- 
sache, die er nicht verstehen kann. Er glaubt, er sei diese Gewohnheit voll- 



ig6 Franz Alexander und William Healy 

kommen los, doch gleichzeitig ist er stets krank, hat stets Kopfschmerzen, 
keinen Appetit, kann nachts nicht schlafen und liegt bis zur Mittagszeit im 
Bett. In einem seiner Träume wirder zu zwei JahrenGefängnis verurteilt, entkommt, 
wird aber nachher wieder zurückgebracht. 

Seine Haltung dem Analytiker gegenüber entspricht seiner ambivalenten 
Einstellung zu Verbrechertum und ehrlichem Leben. In einem seiner Träume 
drückt er die Ambivalenz dem Analytiker gegenüber in einer sehr einfachen 
und unmittelbaren Weise aus. Er trifft einen Philosophen, der fredigt. Später ist 
dieser Philosoph tot, noch später aber ist er wieder am Leben, und der Patient sagt 
ihm, es täte ihm leid, daß er (der Philosoph) tot sei. Der Patient deutet den Traum 
als den Wunsch, der Analytiker möge tot sein, weil er (derPatient) gerne zum 
Stehlen zurückkehren möchte. Dieselbe Nacht träumte er auch, er habe ein Ver- 
brechen begangen und sei verhaftet worden. 

Von dieser Zeit an ändert sich jedoch seine Stimmung entschieden. Er 
fühlt sich hoffnungsvoller und entschlossener, ein ehrliches Leben zu beginnen. 
Er geht in ein Geschäft und kauft etwas, ohne irgendeinen Wunsch zu emp- 
finden, etwas zu stehlen, und das ist, so lange er sich erinnern kann, noch nicht 
vorgekommen. Der Trieb zum Diebstahl ist verschwunden. 

Sein letzter ambivalenter Traum zum Thema „Arbeiten oder Stehlen" zeigt 
ein interessantes Kompromiß: Er spricht (im Traum) nachts mit seiner Mutter. 
Y. kommt des Weges mit zwei anderen Burschen. Der eine heißt James, der andere 
William. Sie sind beide aus Süd-Boston. Y. trinkt Bier mit ihm. Er will, daß seine 
Mutter das Bier nicht sehe, doch sie sieht es und lacht und macht sich erbötig, es aufs 
Eis zu legen. Y. gibt ihr zwei Flaschen, sie möge sie aufs Eis stellen; er hat aber noch 
eine Flasche übrig, und Y. gibt, nachdem die Mutter des Patienten mit den anderen 
zwei Flaschen hinausgegangen ist, dem Patienten das Bier zu trinken. Es schmeckt gut, 
aber es ist eine Menge Hefe am Boden. Er gibt davon den Anderen zu trinken. Y. be- 
kommt eine Menge Hefe in den Mund. Die beiden Anderen beginnen den First des 
Hauses mit weißer Farbe anzustreichen. Etwas Farbe lassen sie herabtropfen. Er weiß 
nicht, ob es auf seine Kleider tropft oder nicht. 

Seine Assoziationen zu James und William sind folgende: „Diese beiden 
Burschen haben ihr ganzes Leben hindurch gearbeitet. Es sind Arbeitsmen- 
schen. Sie tragen Kübel; das bedeutet, daß sie arbeiten. Y. ist eher ein Be- 
trüger, aber er arbeitet, weil er verheiratet ist." 

Seine Assoziationen zu „Bier" sind die, daß seine Mutter immer zu „keifen" 
pflegte, wenn er Bier trank; dann machte er sich selber Bier, damit seine 
Mutter nicht so viel schimpfe. 

Analytiker: „Was assoziieren Sie zu der unerwarteten Einwilligung 
Ihrer Mutter zu dem Trinkgelage?" 

Patient :„Ich habe keine Ahnung." 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 197 

Er setzt mit seinen Assoziationen zu „Hefe" fort. „Ich habe Hefe nicht 
gern. Es tut einem nicht gut, ebenso wie Schlamm einem nicht gut täte." 
„Es war zu Hause verfertigtes Bier." Zum „Anstreichen" assoziiert er „Ar- 
beiten". 

Analytiker: „Und die Farbe, die auf Sie tropfte?" 

Patient: „Das bedeutet, mit demselben Zeichen gefärbt, mit demselben 
Pinsel angetupft zu werden, d. h. zu derselben Gruppe zu gehören." 

In diesem Traum wird er von dem Arbeitsgeist seiner drei arbeitenden 
Freunde James, William und Y. angesteckt (mit der weißen Farbe betupft). 
Zweifellos war es nicht leicht, in seiner Verbrecherumgebung drei ehrliche 
Freunde herauszufinden. Umso bedeutungsvoller ist es, daß er diese drei 
Musterknaben in seinem Traume erscheinen läßt. Das Kompromiß besteht 
aber darin, daß die Mutter die trinkende Gesellschaft freundlich aufnimmt 
und ihnen sogar hilft. Zu gleicher Zeit aber bekommen seine Freunde die 
Hefe des Biers in den Mund. Im Traume sagt er: „Wenn ich meine Mutter 
dazu bewegen könnte, mir zu helfen und mit meinem Trinken Nachsicht zu 
haben, so hätte ich nichts dagegen, so zu werden wie James, William und Y. 
und zu arbeiten." 

In der vorletzten Sitzung erzählt er wieder einen Traum, in dem er von der 
Polizei verhaftet wird, doch in der Nacht vor der letzten Sitzung hat er einen 
Traum, der wieder den Wunsch ausspricht, ein ehrliches Leben zu beginnen. 

Er träumt, ein Bursche sei in einer Wohnung. Er gehe aus dem Zimmer und ein 
anderer ganz ähnlicher Kerl komme herein. Er setze sich an derselben Stelle nieder, 
die der andere verlassen hat. Der, der hinausging, sei ein guter Bursche und der, der 
hereinkam, ein schlechter. Er hätte daher nicht die Stelle besetzen sollen, die der Gute 
verlassen hat. Der Gute kommt zurück und weist den Schlechten hinaus. Der Schlechte 
will nicht fortgehen. Da kommt ein dicker Mann, und die beiden — der Gute und der 
Dicke — ergreifen den schlechten Burschen, reißen ihm sein Herz heraus und töten ihn. 

Der Patient sagt: „Das erfordert keine Erläuterung, aber es ist spassig." 

Bevor er diesen Traum träumte, las er eine Erzählung, die „Der Zweikampf" 
hieß. Ein im Geheimdienst stehender französischer Offizier sollte sich so ver- 
kleiden, daß man ihn für einen gewissen deutschen Spion halte, und sollte den 
deutschen Spion selbst im Schlafe töten; doch der deutsche Offizier wachte auf 
und erbot sich, dem französischen Offizier die deutschen Geheimnisse zu er- 
zählen; der französische Offizier aber nahm diesen Vorschlag nicht an, und sie 
fochten einen Zweikampf aus, in dem der französische Offizier getötet wurde. 
Der deutsche Spion übernahm die Stelle des französischen Offiziers, tat dessen 
Arbeit und setzte sein Leben fort. Diese Erzählung mag seinen Traum be- 
einflußt haben. „Ich benützte aber diese Geschichte für meine eigenen Zwecke." 

Analytiker: „Sie meinen, um Ihren eigenen Konflikt auszudrücken." 



Franz Alexander und William Healy 



Patient: „Ja." 

Analytiker: „Sie und ich reißen der schlechten Hälfte Ihrer Persönlich- 
keit das Herz aus." 

Patient: „ Ja, das ist es." 

Analytiker: „Die Frage ist, ob wir es wirklich getan haben, oder ob es 
bloß ein Wunsch ist, es möge so sein." 

Patient: „Das wird sich ja zeigen, nicht wahr?" (Ende der Behandlung.) 

■ 
Epilog 

Zwei Wochen nach der letzten Sitzung wurde Richard wieder ins Ge- 
fängnis gesperrt. Die Polizei faßte Verdacht gegen seinen Bruder, hielt eine 
Hausdurchsuchung und fand gestohlenes Geld, welches seinem Bruder gehörte. 
Der Patient war zu Hause und erklärte, daß das Geld ihm gehöre, da er 
glaubte, bestimmt beweisen zu können, daß er unschuldig sei. Am Tage, an 
welchem der Bruder das Verbrechen beging, dessentwegen das Haus durchsucht 
wurde, lag Richard den ganzen Tag krank im Bett, da er sich in einer Straßen- 
rauferei mit einem Taxichauffeur ein gebrochenes Kinn geholt hatte. Deshalb 
glaubte er, er könne seinem Bruder dadurch, daß er die falsche Aussage mache, 
helfen. Er versicherte mir, daß er ganz unschuldig sei, und ich habe keine 
Ursache, an seinen Aussagen zu zweifeln, da er mir vorher unzählige Einzel- 
heiten von verbrecherischen Handlungen, die er verübt hatte, gestanden hatte. 
Er war sich auch im Klaren darüber, daß ich mit der Polizei in keinerlei Ver- 
bindung stand und ihn nur als Patienten behandelte. 

Am Tage nach seiner Verhaftung besuchte ich ihn wieder im Gefängnis, 
und er sagte mir, die Behandlung hätte ihm genützt. Er sprach davon, wie 
viele Leute gewisse Dinge tun und dann Begründungen für ihre Handlungen 
erfinden, die von ihren wirklichen Beweggründen sehr verschieden sind. Er 
verstand auch sehr gut, wie manche Leute Genuß daran fänden, eingesperrt zu 
sein, ohne daß sie es zugeben würden; er wies darauf hin, daß die Leute im 
Gefängnis fett werden, daß sie keine Sorgen haben, er war dessen sicher, daß 
solche Leute Verbrechen begehen, um eingesperrt zu werden. Er hoffte ent- 
schieden, daß man ihn nicht verurteilen werde, da er unschuldig war und sich 
vollkommen entschlossen hatte, arbeiten zu gehen; er wollte Kinooperateur 
werden. 

Bei einem späteren Gespräch, als er wieder auf freiem Fuße war, versicherte 
er dem Analytiker, er würde sehr glücklich sein, eine Anstellung auf einer 
Farm zu finden, und schien sehr zufrieden und voller Hoffnung. 

Eine Anstellung in einem landwirtschaftlichen Betrieb fand sich nicht so 
leicht, und inzwischen bot sich Richard eine Möglichkeit, auf dem Lande bei 
der Ausführung eines Regierungsprojektes zu arbeiten. Dazu hatte er keine 






Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 19g 

Lust. Zwei Monate später kam die Nachricht, Richard und sein Bruder Wilbur 
seien nach Ohio gegangen, und dort habe einer von ihnen oder beide 
während des Kampierens im Freien einen Juwelierladen ausgeraubt. Mit Rück- 
sicht auf Richards Seelenzustand nach Beendigung seiner Analyse bezweifeln 
w ir sehr, daß er sich an diesem Raubanfall tätig beteiligt hat. Es ist aber 
wahrscheinlich, daß seine Anhänglichkeit an seinen Bruder ihn veranlaßt hatte, 
ihm wenigstens irgendwie indirekt Hilfe zu leisten. "Wie so oft in der Ver- 
gangenheit war Richard derjenige, der verhaftet wurde, und Wilbur fuhr 
zurück nach Worcester. Bei einer polizeilichen Durchsuchung seines Zimmers 
entdeckte man einen Teil der gestohlenen Juwelen. Richard wurde in Ohio 
verurteilt. Inzwischen war Wilbur wegen eines anderen Vergehens verhaftet 
worden und zur Verbüßung einer kurzen Gefängnisstrafe in Massachusetts 
verurteilt worden. Der ältere Bruder war bereits dabei, eine längere Strafe 
abzusitzen, so daß zur Zeit, da wir dies schreiben, alle drei Brüder im Ge- 
fängnis Strafen abbüßen. 

Zusammenfassung 

Richards Fall ist in vieler Hinsicht sehr aufschlußreich. Der Patient ist 
ein Verbrecher, äußerlich vielen Tausenden anderer Verbrecher ähnlich. Seit 
seinem achten Lebensjahr ist er ein gewohnheitsmäßiger Dieb, der beim Stehlen 
keinen bewußten Konflikt hat; er betrachtet dies als eine Art und Weise, sich 
den Lebensunterhalt zu erwerben, sowie als ein Zeichen seiner Geschicklich- 
keit, seiner Schneidigkeit, seines Mutes — kurz, als eine Tugend. Die analy- 
tische Untersuchung zeigt, daß sein Stehlen hauptsächlich durch irrationale, 
gefühlsmäßige und unbewußte Motive und nicht so sehr durch das rationale 
Motiv des Gewinns determiniert ist. 

i. Das Stehlen ist eine Reaktion auf ein starkes Minderwertigkeitsgefühl, 
das ihm die Empfindung der Schneidigkeit und des Herrseins über Schwierig- 
keiten verschafft. Dieses Minderwertigkeitsgefühl ist selbst eine Reaktion auf 
einen starken Wunsch nach Abhängigkeit, der sich in dem Verlangen, Dinge 
zu bekommen, ohne daß man für. sie arbeitet, ausdrückt. Es war dem Analyti- 
ker möglich, klar zwischen zwei Quellen der rezeptiven Haltung des Patienten 
zu unterscheiden: a) eine starke schmarotzerhafte (oralrezeptive) Bindung an 
die Mutter, und b) eine intensive Bewunderung des stärkeren Bruders und ein 
Sichstützen auf ihn, das im Unbewußten auf einer ausgesprochen passiven 
weiblichen Haltung gegenüber dem Bruder aufgebaut ist. 

2. Das Stehlen ist ferner auch ein Mittel für ihn, die Schuldgefühle seinem 
Bruder gegenüber loszuwerden. Er hilft seinem Bruder, setzt sich ihm zu- 
liebe Gefahren aus und geht sogar für ihn ins Gefängnis. 

3. Es ist ferner eine Trotzreaktion gegen die Mutter mit der unbewußten 



Bedeutung: „Wenn du dein Interesse und deine Liebe an den Bruder und den 
Kostgänger und nicht an mich wendest, dann räche ich mich an dir dadurch, 
daß ich als Verbrecher Schande über dich bringe." Gleichzeitig aber bedeutet 
diese Reaktion auch: „Wenn du mir deine Liebe nicht gibst und mich nicht 
so erhältst, wie ich erhalten zu werden wünsche, dann werde ich mir mit Ge- 
walt und Raub nehmen, was ich brauche." 

4. Endlich sehen wir auch in tief en Schichten das paradoxe Motiv, das sich in 
zahlreichen Träumen ausdrückt: das Verbrechertum als Mittel, um ins Ge- 
fängnis zu gelangen, wo sich Richard einer sorglosen, vegetativen Existenz 
hingeben und seine infantilen, schmarotzerhaften Wünsche befriedigen kann. 

So können wir hinter Richards verbrecherischen Handlungen folgende vier 
unbewußte Motive unterscheiden: 

1. Die Uberkompensierung für ein Minderwertigkeitsgefühl. 

2. Die Versuche, ein Schuldgefühl zu erleichtern. 

3. Die Trotzreaktion gegen die Mutter. 

4. Den Wunsch nach direkter Befriedigung seiner Abhängigkeitsstrebungen 
in einer sorgenfreien Existenz im Gefängnis. 

Die Analyse gewährte auch Einsicht in die Psychogenese dieser Tendenzen 
und Konflikte. 

Von seinem achten Lebensjahre an wurde Richard von einem Pflegeheim 
zum anderen geschickt, in denen er seinen Berichten nach meist schwere 
Arbeit zu verrichten hatte. Obwohl er die Leiden und Entbehrungen, die er 
in den Pflegeheimen zu erdulden hatte, offenbar übertreibt, war er zweifellos 
von seinem achten Lebensjahr an in seinen rezeptiven Ansprüchen unter- 
ernährt, und die orale Regression entstand aus dem Mangel an jenen sublimier- 
ten Befriedigungen, die andere Jungen unter günstigeren Bedingungen im 
Familienleben genießen. Der Mangel wahren Interesses und wahrer Liebe 
seitens der Umgebung warf Richard auf die ursprünglichen Ansprüche, von 
der Mutter genährt zu werden, zurück. Diese Regression war tatsächlich der 
Ausdruck seines Durstes danach, daß man ihn liebe und für ihn sorge, An- 
sprüche, auf die er von seinem achten Lebensjahr an endgültig hatte ver- 
zichten müssen. Doch die gefühllose Atmosphäre seiner Umgebung war nicht 
der Ort, um irgendwelche Gefühle zu zeigen, die der Sentimentalität auch 
nur von weitem ähnlich sahen. Nichts mußte man in dieser Umgebung mehr 
verbergen als Weichlichkeit und Sehnsucht nach Abhängigkeit. Das Zurschau- 
stellen von übertriebener Schneidigkeit und Unabhängigkeit, von Mut, Groß- 
mut und Loyalität seinen Kameraden gegenüber waren die Resultate des Trieb- 
konfliktes zwischen prägenitalen rezeptiven und passiven weiblichen Sehn- 
süchten einerseits und männlicher Aggressivität andererseits. Es war tatsäch- 
lich ein faszinierendes und unerwartetes Ergebnis der Analyse, in den Tiefen 



der Persönlichkeit dieses jungen Banditen den verzweifelten kleinen Jungen 
zu entdecken, der nach seiner Mutter weinte und bei seinem älteren und 
stärkeren Bruder Hilfe suchte. 

Gegenüberstellung der früheren Aufzeichnungen über den Fall 
mit dem psychoanalytischen Material 
Die Gegenüberstellung des psychoanalytischen Materials mit den ausge- 
dehnten Aufzeichnungen über den Fall zeigt, daß die Analyse in erstaunlichem 
Maße mit den bekannten Tatsachen übereinstimmt und eine zweifellos stich- 
haltige Darstellung der außerordentlich wichtigen, vefborgenen Untergründe 
des Gefühlslebens Richards bietet. Sogar die Abweichungen hinsichtlich der 
angeblichen Entbehrungen in den Pflegeheimen beweisen nur die Tatsache, 
daß die tieferen Gefühle in menschlichen Beziehungen für die Entwicklung 
des Charakters und des Verhaltens viel wichtiger sind als die manifesten Um- 
stände und Reaktionen. 

Richard wurde bis zum Alter von sechzehn Jahren in Pflegeheimen er- 
zogen, ist ein gesunder und starker Junge geworden und bis zum Niveau der 
zweiten Klasse der höheren Schule unterrichtet worden. Der umfangreiche 
laufende Bericht über seine Persönlichkeitsentwicklung, über die Umstände in 
den Pflegeheimen, über die Reaktionen auf diese und über eine Menge anderer 
Einzelheiten bildet ein äußerst interessantes und verläßliches Datenmaterial. 
Richard mußte infolge seines Stehlens und seiner Unwilligkeit mehrmals an 
neue Stellen versetzt werden; in einem Heim aber blieb er länger als 
zwei Jahre mit einer Unterbrechung, als er Sommerferien in den Bergen 
verbrachte. In manchen der Heime brachte man dem Jungen trotz 
seiner Betragensschwierigkeiten viel Zuneigung entgegen; er benahm sich ge- 
wöhnlich während einiger Monate nach seinem Eintritt in ein neues Heim 
gut. Eine Pflegemutter bedauerte es tief, sich von ihm trennen zu müssen; sie 
hatte für ihn eine so große Zuneigung gewonnen, daß sie hoffte, sie könne 
ihn behalten, bis er erwachsen sei. Bis zum Alter von ungefähr vierzehn Jahren 
stand Richard unter der Aufsicht einer sehr intelligenten Dame, die sich mit 
Besuchen von Familien, die der sozialen Aufsicht bedürftig waren, beschäftigte. 
Diese Dame befaßte sich sehr mit ihm, erreichte wirklich recht viel bei ihm, 
und er war ihr sehr zugetan. Auch noch im Alter von achtzehn Jahren schrieb 
Richard in einem seiner Briefe an diese Dame, er schulde ihr soviel für alles, 
was sie für ihn getan habe, daß er diese Schuld nie werde abzahlen können. 
Von Anfang an war Richard stets in Heimen von gutem Niveau unter- 
gebracht. Besonders, weil man wußte, daß er sein Leben unter so 
traurigen Umständen begonnen hatte, gab man ihm alles, was ein Junge sich 
nur wünschen kann. Seine Diät wurde sorgsam überwacht, und er bekam 



Extramengen von Milch und anderen nahrhaften Speisen; einem ärztlichen 
Rate folgend, versah man ihn reichlich mit Süßigkeiten. Man schenkte ihm 
hübsches Spielzeug und später, als er ein eifriger Leser wurde, gab man ihm 
viele gute Bücher. Er bekam Taschengeld, damit er nicht in Versuchung 
komme, zu stehlen. Wegen seines anfänglichen langsamen Vorwärtskommens 
in der Schule hielt man ihm einen besonderen Lehrer, der von der Vermitt- 
lungsstelle bezahlt wurde. Dies ermöglichte ihm, in den Schularbeiten das 
Versäumte rasch nachzuholen, sodaß er nachher meistens gute Noten bekam. 
(Mit elf Jahren war Richards Intelligenzziffer 109; im Alter von vierzehn 
Jahren war sie auf 124 gestiegen. Er besaß damals eine hohe Ziffer sowohl in 
Sprachen und in apperzeptiven Fähigkeiten als auch in den Proben der Hand- 
fertigkeit.) Er absolvierte die achte Klasse mit vierzehn Jahren und nahm 
weiter bis zum zweiten Jahr der höheren Schule am Unterricht teil. 

Die Pflegeheime waren alle in vorstädtischen und ländlichen Bezirken, wo 
es reichliche Gelegenheit zum Leben im Freien gab. Richard betätigte sich 
mäßig in knabenhaften Sportarten und bildete sich hauptsächlich im Turnen 
aus. Briefe aus einem der Heime sprechen von seiner Kühnheit und seiner 
großen Vorliebe für das Klettern auf hohe Bäume; in einem anderen Heim 
hatte er einige Gelegenheit, Jagd zu treiben und sich im Schießen zu üben; mit 
Ausnahme eines oder zweier Vorfälle scheint er sich im sozialen Kontakt mit 
anderen Kindern zufriedenstellend verhalten zu haben; für Tiere schien er 
nicht viel Liebe zu besitzen. 

Bis zu dem letzten Platz, an dem er untergebracht wurde, wo er einwilligte, 
für seine Kost zu arbeiten, konnte Richard sich nicht darüber beklagen, daß 
man ihn mit Arbeit überanstrenge. Früher wurde er als freudiger und willi- 
ger Arbeiter bei Tätigkeiten im Haushalt angesehen, doch diese letzte Arbeit 
war eine landwirtschaftliche Beschäftigung, und er erklärte offen, er sei der 
Landwirtschaft vollkommen überdrüssig, wünsche in die Stadt zurückzukehren, 
und verließ mit dieser Absicht das in Rede stehende Heim. In seinen Briefen, 
in Gesprächen mit der Heimbesucherin oder bei seinen Besuchen auf der Klinik 
behauptete er niemals, daß die Verhältnisse in irgendeinem Heim daran schuld 
seien, daß er sich unglücklich fühle. Tatsächlich verließ er die Pflegeheime, 
sobald dies notwendig wurde, mit Ausdrücken des Bedauerns und ohne irgend- 
eine gehässige Haltung den Pflegeeltern gegenüber. 

Richard erhielt schon frühzeitig gute ärztliche Behandlung und entwickelte 
sich nach einem etwa ein Jahr lang dauernden schlechten Ernährungszustand 
ganz normal; im Alter von sechzehn Jahren war er ein schlanker, wohl- 
geformter, strammer junger Mann. Das Ohrenleiden, das sich bei ihm zuerst 
im Alter von sieben Jahren zeigte, besserte sich zusehends, so daß er nicht 
mehr an mangelhaftem Gehör litt, doch flackerte das alte Leiden noch manch- 



Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin 



203 



mal auf und wurde, als er vierzehn Jahre alt war, als Entzündung des Antrum 
mastoideurn diagnostiziert; doch wurde keine Operation angeraten. Dieses 
Leiden scheint während der folgenden Jahre aufgehört zu haben, und Richard 
blieb gesund. 

Im Alter von acht Jahren zeigte Richard einen geringfügigen Gesichtstic. 
Nachdem er in einem Pflegeheim untergebracht worden war, verstärkte sich 
dieser Tic entschieden, zeigte jedoch im Laufe der Zeit große Schwankungen. 
Seine Besucherin suchte ihn nach den Prinzipien gewisser, auf dem einfachen 
gesunden Menschenverstand aufgebauten Psychotherapien durch Entwicklung 
der Selbstbeherrschung zu erziehen. Als er das Alter von zwölf Jahren erreicht 
hatte, war dieser gewohnheitsmäßige Krampf so gut wie verschwunden und 
ist seither nicht wiedergekehrt. 

Es war von Anfang zu bemerken, daß Richards schlechte Laune, sein mürri- 
sches Benehmen und sein Stehlen nach Besuchen, die er seiner Mutter oder 
diese ihm abstattete, oder nach Begegnungen mit seinem Bruder, stark zunahm 
oder erst bei solchen Gelegenheiten begann. Eine seiner schlechtesten Perioden 
begann, nachdem seine Mutter ihn in Gesellschaft ihres Freundes besucht hatte, 
eine andere, nachdem er für einige Tage nach Hause gereist war. Mit gewissen 
Pausen zeigten sich die unehrlichen Neigungen Richards nahezu in jedem der 
Pflegeheime, in denen er -sich aufhielt. Trotz seines guten Appetits bei den 
Mahlzeiten und einer normalen Menge von süßen Speisen und Zuckerwerk, 
die er erhielt, gab er viel von dem gestohlenen Geld für Zuckerwerk aus, von 
dem er dann oft einen Teil in großmütiger Weise verschenkte. An diese Eß- 
gewohnheiten Richards denkend, fragte die Besucherin den Kinderarzt, der 
Richard untersuchte, um Rat; der Arzt konnte jedoch keine körperliche Ur- 
sache für Richards Sucht nach Süßigkeiten finden. 

Auffallender als alles andere, zeigt sich in den Aufzeichnungen die große 
Veränderlichkeit in den Gefühlseinstellungen und Verhaltenstendenzen 
Richards. Manchmal war Richard zweifellos glücklich, nahm am Familien- 
leben und an anderen sozialen Tätigkeiten mit normalem Eifer teil und er- 
schien oft als ein rotwangiger, aufgeweckter Junge von gutem Benehmen. Zu 
anderen Zeiten wieder, ohne offenbare äußere Ursache, war er verzweifelt, 
unglücklich, gespannt, elend und erbärmlich. Früher pflegten seine Gesichts- 
züge nach einzelnen seiner Missetaten, wenn ihm diese vorgehalten wurden, 
gespannt und blaß zu sein; nur im letzten Jahr wurde er roh und ge- 
fühllos. Bilder, die von ihm zu verschiedenen Zeiten gemacht wurden, zeigen 
eine ungeheuere Veränderlichkeit des Ausdrucks. Im Alter von vierzehn 
Jahren war er einige Zeit hindurch so ausgesprochen unglücklich, daß dies 
einer Depression gleichzukommen schien, und man glaubte an die Möglich- 
keit, daß sich, bei ihm eine Psychose entwickle; nach einigen "Wochen jedoch, 



während deren man sich mit ihm persönlich intensiver beschäftigte und ihn 
ermutigte, verschwanden diese Anzeichen. 

Richards Mutter hatte von den Pflegeheimen eine sehr gute Meinung, zeigte 
keinerlei Eifersucht auf die Pflegemütter und war Richard gegenüber stets 
aufmerksam, indem sie ihm Besuche machte und Geschenke schickte. Weit 
entfernt davon, jemals irgendeine verwerfende Haltung gegen ihn einzu- 
nehmen, bewies sie ihm stets die höchste Treue, wie sie es übrigens auch 
ihren zwei anderen sehr schwierigen Söhnen gegenüber tat. Die Bindung zwi- 
schen Mutter und Sohn war aber gegenseitig. Richards Besucherin hat seine 
Mutter öfters aufgesucht und diese erzählte ihr aufrichtig von der Eifersucht 
und der abweisenden Haltung Richards gegen ihren Freund. Sie behauptete 
aber, Richards schlechtes Benehmen habe bereits begonnen, bevor sie diesen 
Kostgänger aufgenommen hatte, ohne dessen Unterstützung sie ihr Heim nicht 
aufrecht erhalten könne; übrigens sei er selbst ein periodischer Alkoholiker 
und bedürfe dringend ihrer Hilfe. 

Einem seiner Pflegeväter, der eine Art von Philosoph war, machte Richard 
einige vertrauliche Eröffnungen über etwas, das seinen Geist bedrücke und 
das in die ferne Kindheit zurückreiche. Etwas war geschehen, als Richard fünf 
Jahre alt war; der Junge war geneigt, diese allgemeine Tatsache mitzuteilen, 
doch nicht das Ereignis selber, und was es für ihn eigentlich bedeutet habe. 
Spätere Versuche, ihn zu bewegen, seine Gefühle voll zu enthüllen, waren 
erfolglos. Als er das Jünglingsalter erreicht hatte, zeigte Richard keine Nei- 
gung, etwas anderes zu tun, als sein Los auf eine oberflächliche und „hart- 
gesottene" Weise auszuf echten. Es war der Pflegevater in seinem letzten 
Heime, dem er diese halben Geständnisse machte, und mit dem er sich so 
verzweifelt stritt. Nachdem Richard dieses Heim verlassen hatte und nach 
Hause zu seiner Mutter zurückgekehrt war, entwickelte er gegen seine Mutter 
ein besonders mürrisches und beleidigendes Benehmen, wobei er gleichzeitig 
damit einverstanden war, daß sie ihn erhalte. Zur selben Zeit erzählte seine 
Mutter der Besucherin, die Richard während so vieler Jahre ihre Freundschaft 
hatte angedeihen lassen, vertraulich eine heftige Szene. Die Mutter war sehr 
aufgeregt und enttäuscht über die schrecklichen Reden, die Richard gegen 
sie führte, und über sein empörendes Benehmen zu Hause. Sie teilte ihm mit, 
sie könne dies nun nicht mehr länger aushalten, und er müsse fortgehen 
und anderswo wohnen. Er ging auch fort, kam aber einige Stunden später 
zurück, brach vollkommen zusammen und weinte während zweier Stunden, 
seine eingebildete Heimatlosigkeit und seine Stellung in der Welt beklagend. 
Sie versuchte auf jede Weise, ihn zu trösten; er antwortete, sie sei die schönste, 
wunderbarste Mutter auf der Welt, und schloß damit, er wünsche, von dieser 
Episode möge niemand jemals etwas erfahren. Wir dürfen mit diesem Vor- 



fall eine Tatsache in Beziehung setzen, die wir aus den Aufzeichnungen er- 
fuhren: So oft Pflegemütter sich Richard in liebevoller "Weise nähern wollten, 
wies er sie zornig zurück, und als eine von ihnen meinte, es werde ihm 
vielleicht Freude machen, in seinem Zimmer ein Bild seiner Mutter zu haben, 
erwiderte er, er brauche keines, da er ihr Bild stets in seinem Herzen trage. 

In den frühen Aufzeichnungen gibt es auch andere Beweise für die Anhäng- 
lichkeit Richards an seine Mutter und für sein trotziges Benehmen ihr gegen- 
über, für jene zwei Faktoren, die während der Analyse so klar wurden. Ein^ 
mal, als er über ihre Ermahnungen sprach, beklagte er sich: „Sie liegt mir zu 
viel in den Ohren." Seine widersprechende Haltung seiner Mutter gegenüber 
wird weiter auch durch die Tatsache bekräftigt, daß Richard mit siebzehn 
Jahren — zu einem Zeitpunkt, da er in seinem häuslichen Leben schrecklich 
unzufrieden und unglücklich zu sein schien — , als man ihm Gelegenheit gab, 
Arbeit an einem entfernten Orte zu finden, sagte, er habe, obwohl er den 
Drang fortzugehen verspüre, auch ein so tiefes Gefühl für seine Mutter, daß er 
beschlossen habe, sie nicht zu verlassen — wenn er auch gerne einmal tausend 
Meilen fort wäre. Die Aufzeichnungen enthalten auch einen Bericht über den 
Kampf mit dem Kostgänger, bei dem dieser Richard einige Zähne ausschlug, 
und darüber, daß sich die beiden nachher versöhnten und einwilligten, zu- 
sammen in demselben Haushalt zu leben. 

Über die Beziehung zwischen Richard und seinem Bruder "Wilbur und über 
ihre zahllosen kriminellen Taten erfährt man durch die Analyse weit 
mehr als durch die Aufzeichnungen. In den späteren Sitzungen in der Klinik 
wird es klar, daß Richard der "Welt gegenüber sehr verbittert, gewitzigter und 
sarkastischer geworden ist. 

Er spricht über den Einfluß von Kriminalanwälten, von illegalen Einflüssen 
bei der Polizei und von deren Verbindung mit dem Alkoholhandel. "Wie er 
sagt, gehören bereits Betrüger und Taschendiebe zu seinen Bekannten. Überall 
gebe es Korruption. Einmal seien, — so erzählt er, — als er eben auf "Wilbur 
wartete, zwei Mädchen vorübergegangen, die er gerne ansprechen wollte. Er 
wagte es aber nicht, weil er hinter ihnen einen Schutzmann sah, der ihn furcht- 
bar anblickte. Dann kam "Wilbur des Weges und fragte ihn, wo der dienst^ 
habende Schutzmann sei. Als er ihn gefunden hatte, wies der Schutzmann 
Wilbur den Weg zu einem „Alkoholladen", wo er sich ein halbes Liter Brannt- 
wein verschaffte. 

Auch Richards Mutter ist durch ihre Erfahrung zu der Einsicht gelangt, 
daß ein Kriminalanwalt oder andere Leute gewisse Einflüsse ausüben könnten, 
die entschieden dazu verhelfen, die Folgen von Vergehen zu mildern. Sie hat 
sich für ihre Jungen sehr oft an Leute um solche Hilfe gewandt. 

Trotz den stets so außerordentlich heftig wiederkehrenden verbrecherischen 

Imago XXI/2 t . 



Neigungen, ist die Persönlichkeitsentwicklung Richards nicht frei von wider- 
sprechenden Tendenzen. Im frühen Jünglingsalter stellte man eine Diagnose, 
nach der Richard ein „Introvertierter des gefühlvollen Typs" sei. Damals be- 
klagte er sicherlich sein Stehlen, behauptete aber, seine größten Fehler 
seien seine Unwilligkeit und sein Jähzorn. Er wurde als Protestant erzogen, 
während Wilbur Katholik war. Nach einer seiner rebellischen Zeiten, 
etwa im Alter von zwölf Jahren, schlug Richard vor, man möge ihn 
katholisch taufen und in jenes Institut senden, wo sich Wilbur zwecks Be- 
handlung aufhielt. Diese Forderung stellte er, obwohl beide Jungen schon 
einmal kurz nach dem Tode des Vaters in eine Anstalt geschickt worden 
waren, aus der sie aber bald fortliefen, und über die sie sich bitter beklagten. 
Man könnte den Aufzeichnungen auch andere Tatsachen entnehmen, die 
mit dem psychoanalytischen Material in interessanter Weise zusammenhängen, 
wie etwa Richards auffallende Bewunderung für starke Männer von schönem 
Aussehen, ferner, daß er in einigen Pflegeheimen, ebenso wie zu Hause große 
Vorliebe für Pistolen und Gewehre gezeigt hatte. Außerdem wird der Gleich- 
mut, das Wohlbefinden und, fast möchte man sagen, das Gefühl der Befriedi- 
gung darüber, im Gefängnis zu sein, von den Aufzeichnungen reichlich be- 
stätigt. Briefe, die er aus der Haft geschrieben hat, bezeugen dies ebenso wie 
manche seiner Besuche. 

Wenn man das analytische Material mit den früheren Aufzeichnungen ver- 
gleicht, ergibt sich als sicher, daß die Pflegeheime, obwohl sie sorgsam aus- 
gewählt wurden und wahrscheinlich die besten waren, die es überhaupt gab, 
in gefühlsmäßiger Hinsicht doch keinen Ersatz für das Elternhaus bieten 
konnten, das nach dem Tode des Vaters, als Richard sechs Jahre alt war, auf- 
gelöst wurde. Die Gefühle Richards über sein Hin- und Hergeschicktwerden 
sind unzweideutig. Er spricht oft davon, wie man ihn als kleinen Jungen von 
einem Heim zum anderen „herumgeworfen" habe. Es ist von sekundärer Be- 
deutung und auch zwecklos, feststellen zu wollen, wieviel wirkliche Zuneigung 
und Wärme er in diesen verschiedenen Pflegeheimen erhielt; jedenfalls erhielt 
er weniger, als zur Erfüllung seiner subjektiven Bedürfnisse nötig gewesen 
wäre. Es ist kaum zu bezweifeln, daß er seine früheren Entbehrungen über- 
trieben darstellte. Richards Anhänglichkeit an seine Mutter war aber zu jener 
Zeit so stark, daß niemand ihre Stelle einnehmen konnte. Es gibt viele Beweise 
dafür, daß die Mutter diesem verhältnismäßig empfindlichen Jungen besonders 
viel Sorge zugewendet hat, und daß die Anhänglichkeit eine gegenseitige war. 
Das kann als Erklärung dafür dienen, daß die Behandlung, die der Junge in 
den Pflegeheimen erfuhr, keine günstigen Resultate ergab, obwohl die Heime 
mit besonderer Sorgfalt ausgesucht waren. 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 1 

Von 

Desiderius Mosonyi 

Szombathely 

Die psychoanalytische Lehre hat in ständiger Infiltration fast alle Gebiete der 
Kunst und der Psychologie der Künste befruchtet. Merkwürdigerweise blieb 
sie, die Seelenkunde des Irrationalen, gerade der Musik, der irrationalsten aller 
Künste, fern. Nur Teilprobleme wurden behandelt, das Ganze, die Grundlagen 
blieben unangetastet. 

Es mögen wohl persönliche Gründe, wie Mangel an musikalischem Inter- 
esse bei den führenden Vertretern der Lehre, Anteil an diesem Ausfall haben. 
Doch ist vielleicht die angewandte Methode, die — z. B. vom erzählten 
Traume ausgehend — an Worte und an durch Worte beschriebene Bilder ge- 
bunden ist, ungeeignet, Musik zu erklären. Ton und Geräusch sind Vorstufen 
des Wortes und der Sprache, daher ursprünglichere und unmittelbarere Aus- 
druckserscheinungen. Man muß ihr Wesen in ihrer primitivsten Form er- 
fassen, als die unmittelbare Abfuhr einer reizverursachten Spannung, als eine 
muskuläre Reaktion zum Ausgleich einer Gleichgewichtsstörung, die als lust- 
betontes Nebenprodukt einen unartikulierten, ungeformten Schrei hervorruft. 
Man muß sie außerdem immer als Ausdruck erklären wollen, nicht als Ein- 
druck, der doch immer sekundär ist. 

Der erste Schrei des Kindes, ausgelöst vom Kältereiz der Haut, das un- 
artikulierte Jammern des in Schmerzen sich windenden Menschen sind pri- 
märe akustische, lustbetonte und irrationale Ausdruckserscheinungen; lust- 
betont, da sie Erleichterung schaffen, irrational, da sie ungehemmt maßlos 
sind. Man könnte auch vermuten, sie seien lustbetont, weil ihre Abfuhr un- 
gehemmt erfolgt. 

Zunächst soll der Begriff der Irrationalität untersucht werden. Irrational 
ist nicht zwecklos, nur unzweckmäßig; das Maß entspricht dem Zweck nicht. 
Die angewandte oder bereitstehende Kraft ist zu groß, oder der Zweck ist zu 
hoch, unerreichbar, verborgen. Irrational ist also eine maßlose, ungehemmte 
Antwort auf Reize, ein Überfluß, ein Luxus der organischen Natur. Rational 
nennen wir dagegen das durch Erfahrung, Zwang angepaßte adäquate Ver- 
hältnis zwischen Kraft und Zweck. Im praktischen Sinne stellt sich dieses Ver- 
hältnis als das zur Erhaltung des Lebens notwendige Maß der Kräfte und Be- 
dürfnisse dar; irrational ist aber immer Verschwendung derselben. Die Ber 

i) Gedankengang des Buches „Psychologie der Musik auf neuen Wegen", ungarisch bei 
Somlö, Budapest, 1934. 



208 Desiderius Mosonyi 



griffe Kunst und praktisches Leben, Künstlertum und Realberuf enthielten 
stets diese polare Spannung. 

Wenn die Theorie der Libido die treibende Energie des ganzen Seelenlebens 
von den Trieben ableitet, bietet sie uns dieselbe Polarität im Lust- und Reali- 
tätsprinzip. Der hemmungslosen, lustvollen Abfuhr stellt sich ein zur Ratio- 
nalität zwingender innerer und äußerer Widerstand entgegen. Jede Äußerung 
des : seelischen Lebens erscheint als ein mehr oder weniger gelungenes Kom- 
promiß zwischen Trieb und Hemmungen seiner Befriedigung. Die Lust ist — 
wenigstens ursprünglich — proportional der Energiebesetzung der Trieb- 
handlung und der Hemmungslosigkeit der Abfuhr. So finden wir in allen 
lustbringenden Gebieten des individuellen und sozialen Lebens eine Neigung 
zum Übermaß, zur Ekstase. 

Fast alle primitiven Völker haben ihre Feste, die in innigem Zusammenhang 
mit sexuellen Ereignissen stehen. Sie beginnen regelmäßig mit traditionellem 
Tanz, Zeremoniell und Musik und enden in sexuellen Orgien. Auch Faschings- 
ader andere Unterhaltungen bei Kulturvölkern neigen zur selben Maßlosigkeit. 
Dieser hemmungslose lustvolle Exzeß über die alltägliche Ordnung hat zwei 
alternierende Bedingungen: Herabsetzung der rationalen Kritik des In- 
tellekts oder dessen Überwältigung durch Steigerung der Energiebesetzung der 
Triebe. Alkohol oder andere Rauschgifte machen den Weg frei, Tanz und 
Musik peitschen die Libido zur Ekstase. Doch, auch Alkohol macht fast jeden 
Betrunkenen singen, auch den Unmusikalischen, und eine Betäubung, Ver- 
zauberung des Intellekts ermöglicht erst überhaupt den lustvollen musikali- 
schen Ausdruck. 

Im Sinne des Lustprinzips verlangt die unlustvolle Spannung akustische 
Abfuhr. Eine arabische Legende leitet die Entstehung des Gesanges aus dem 
Schmerzensschrei eines Kameltreibers ab, der von seinem Kamel fiel und den 
Arm brach. Die anderen Treiber ahmten ihn nach, und seither singen sie alle. 
In dieser naiven Erklärung finden sich zwei wichtige Momente: der Schmerz 
als ursprüngliche Quelle der Musik und die spielerische Nachahmung des 
schmerzverursachten akustischen Ausdrucks als Gesangskunst. Das Lob- und 
Jubelwort Halleluja der Bibel bedeutete ursprünglich Wehklage. „Aus meinen 
großen Schmerzen mache ich die kleinen Lieder", sagt Heine. Der intensive, 
mit irreversiblen physiologischen Veränderungen im Körper einhergehende 
Schmerz allerdings verlangt eine elementare Abfuhr, wird daher nicht in 
Kunst, Musik umgewandelt. Nur wenn die Intensität schon ursprünglich gering 
war oder die verdrängte Schmerzempfindung nur mehr als eine verminderte 
unlustvolle Spannung weiterlebt, kann die Umwandlung in einen musikali- 
schen Ausdruck erfolgen. Die Trauergesänge vieler primitiver Völker werden 






Die irrationalen Grundlagen der Musik aoo, 

niemals im Momente der Trauer gesungen. Die Schmerzen, die sich in musi- 
kalischem Ausdruck äußern, sind eben meistens Schmerzen — der Liebe. 

Daß Kunst im allgemeinen eine sublimierte narzißtische Befriedigung der 
Libido ist, haben Rank, Baudouin und andere bewiesen. Doch in keiner 
Kunst außer dem Tanze — der ohne Musik kaum vorkommt — ist diese Be- 
ziehung so unmittelbar und sichtbar wie in der Musik. Nicht nur die 
Psychologie, auch die naturwissenschaftliche Beobachtung liefert dafür Beweise. 
Gesang, die ursprünglichste Art der Musik, ist auch den Vögeln gegeben und 
kommt fast nur während der Zeit der Paarung vor. Valentin Ha eck er, ein 
Forscher des Vogelsanges, vermutet, daß die Stimme der Vögel bei beiden 
Geschlechtern ursprünglich als Ausdruck eines schmerzhaften Affektes ent- 
standen ist. Dann wurde sie als Lock- und Signalruf einesteils zum rationalen 
Mittel der Selbsterhaltung (Zusammenhalten der Schwärme) benützt, andernr- 
teils zu Paarungsruf und Gesang umgebildet. Den Gesang außerhalb der 
Paarungszeit erklärt Haecker zum Teil mit einem rationalen Motiv, und 
zwar mit der Erhaltung eines sexuellen Erregungszustandes während der Brut- 
zeit, um diesen vielleicht auch außerhalb des Termins wieder aufnehmen zu 
können, zum Teil aber mit einer irrationalen, freudigen Spielstimmung, in 
welche diese Erregung übergeht. Hier ist der Ursprung der Musik zu suchen. 
Denn eben diese narzißtische Lust, die mit der Fortpflanzung nichts mehr zu 
tun hat, begleitet den musikalischen Ausdruck und bezieht seine Energie aus 
dem Sexualtriebe. 

Oberflächliche Durchsicht der Musik primitiver Völker scheint diese Be- 
hauptung kaum zu unterstützen. Man findet zwar Liebeslieder — mit Maul- 
trommel und Rohrpfeife sucht der Jüngling seine Schöne zu erobern — , aber 
im allgemeinen ist die Musik mehr dem Krieg und der Jagd gewidmet. Doch 
lassen wir uns vom Schein nicht täuschen. Wenn man die Tänze der Primi- 
tiven in die Betrachtung miteinbezieht — und dazu sind wir berechtigt, denn 
ihr motorischer und musikalischer Ausdruck ist untrennbar — , so drängen 
sich die sexuellen Zusammenhänge immer mehr in den Vordergrund. Es sei an 
analoge Zusammenhänge zwischen sexuellem Werbetanz und Kampfspielen 
aus der Tierwelt erinnert. Kein Forscher bezweifelt die sexuelle Bedeutung des 
Werbetanzes der Vögel. Die Birkhühner aber bieten eine reine Analogie zu 
den Kampf- und Jagdspielen der Primitiven. Zur Zeit der Paarung kommen 
die Birkhähne auf einem gemeinsamen Platze zusammen, um nebeneinander 
zu balzen und zu kämpfen. „Kampf und Tanz lassen sich dann nicht von- 
einander trennen", sagt Haecker. „Die Kämpfe werden beim Birkhahn 
geradezu eine Hauptsache. Ihr ursprünglicher Zweck, die Vertreibung des 
Nebenbuhlers, wird mehr und mehr verwischt. Der Kampf wird selbst zu einem 
Schauspiel, zu einem die eigene Erregung und die des Weibchens steigernden 



Akt, dem die gleiche Bedeutung zukommt wie dem Gesang." Sogar eine 
Sublimierung des libidinösen Vorganges kann man in der Tierwelt beobachten. 
Die Männchen des Kampfläufers erscheinen allein am Kampfplatz ohne "Weib- 
chen und kämpfen ganz sportmäßig gegeneinander. Es gibt keine ernsten 
Sieger oder Besiegten, es ist ein reines Spiel. Die Männchen suchen nach dem 
Wettspiel die Weibchen auf, doch ohne Rücksicht auf die Vorgänge beim 
vorhergehenden Kampf. Diese Kampfspiele sowie die gemeinsamen Tänze der 
südamerikanischen sporenflügligen Kiebitze und der Kraniche waren nach 
Haecker ursprünglich Kämpfe der Männchen gegeneinander um die Weib- 
chen, verloren aber später den rationalen Zweck. Die Tänze der primitiven 
Völker bieten dasselbe Bild. Ob Kriegs- oder Liebestänze, sie ahmen meistens 
den Geschlechtsakt nach, und wenn auch der erotische Charakter zu Beginn 
nicht hervortritt, wird er mit steigender Erregung immer manifester. (Den 
Batuk, den Hochzeitstanz in Loango, beschreibt Landsdorf folgendermaßen: 
Männer und Weiber stellen sich im Kreise auf und drehen sich bei Trommel- 
schlag und monotonem Gesang auf derselben Stelle stundenlang, bis sie vor 
Erschöpfung umfallen. Zeitweise springen ein Mann und eine Frau in die 
Mitte des Kreises vor und ahmen den Geschlechtsakt stehend nach.) In der 
Sprache eines nordamerikanischen Indianerstammes (Omashaw) bezeichnet 
dasselbe Wort den Tanz und den Koitus. Es besteht kein Zweifel, daß der 
Tanz ein künstlerisch geformter Liebesakt ist. Deshalb unterliegt er den ver- 
schiedensten Arten der Verdrängung in Form von Verboten, die sich sowohl 
bei den historischen Völkern, Griechen, Römern, als bei den Hindus und 
Mohammedanern finden. Sehr häufig ist die Sitte, daß nur Prostituierte 
tanzen dürfen. 

Die Verdrängung betrifft aber nicht nur den Tanz mit Musik, sondern oft 
auoh die Musik allein. Als Mohammeds Ausspruch wird berichtet: „Die 
Musik ist ein schlechter Rat des Teufels, um die Menschen zu verderben." Bei 
den Sinaiarabern gilt es als unanständig, vor einer Hörerschaft auf der Rebaba 
(Gitarre) zu spielen. Eine Variation der Verdrängung ist es auch, wenn die 
Musik zwar erlaubt, der Musiker aber verachtet wird, wie dies bei vielen afri- 
kanischen Negerstämmen Sitte ist. Die Araber halten das Pfeifen für ein Ge- 
plauder der Geister, und der Mund des Pfeifers ist vierzig Tage unrein. Eben 
diese Tabuvorschriften, an deren sexuellem Ursprung wohl kaum gezweifelt 
werden kann, sind bezüglich des Tanzes, der Musik und der musikalischen 
Instrumente derart häufig, daß sie nicht dem Zufall zugeschrieben werden 
können. Tabu ist zeitweise der Tanzplatz für Frauen, Tabu die Flöten der 
Papuamänner, die Trommeln in Neuguinea, die Tuben aus Baumrinde bei den 
Indianerstämmen am Amazonas. Hunderte von Beispielen beweisen, daß das 
Musikinstrument Penissymbol ist. Jüngst fand Roheim bei den australischen 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



211 



Urbewohnern in dem Tschurunga, das als Schwirrholz benützt wird, ein nicht 
z u verkennendes Penissymbol. Die Verbote bedrohen die Frauen oft mit 
Todesstrafe: ein Beweis dafür, daß sich hinter dem unschuldigen Instrument 
eben der wichtigste Trieb versteckt. 

Bei allen sozial-religiösen Festen der Primitiven — wie Beschneidung, In- 
fibulation, Hochzeit, Geburt — ist Musik eine der wichtigsten Komponenten 
des Zeremoniells. Das Trauerfest der Sulimas (östlich der Sierra Leone-Küste) 
weist eindeutig auf den Ödipuskomplex hin: am Grabe des vor einem Monat 
verstorbenen Mannes wird ein Tanz mit Musikbegleitung ausgeführt, und nur 
bei dieser Gelegenheit dürfen die sonst dezenten Frauen unanständige Gebärden 
ausführen. Die religiösen Feste der Antike, in welchen schon Nietzsche den 
Ursprung der Musik als den Ausdruck der Befreiung von Triebvefboten sah, 
wurden auch von Freud als vom Gesetze erlaubte Exzesse gedeutet, und die 
freudige Ekstase wurde durch das Verschmelzen des Ichs mit dem Ich-Ideal 
erklärt. Die Ekstase der Feste ist nur durch Tanz und die von ihm untrennbare 
Musik zu erreichen. Die Maßlosigkeit, die Irrationalität der berauschenden, 
von der Libido geschürten Ekstase der Töne ist sogar in der Tierwelt nicht 
unbekannt. Die Lerche schwingt sich im Singflug, der durch bessere Akustik 
die Erregung des Weibchens steigern soll, so hoch in die Lüfte, daß das Weib- 
chen den Gesang des Männchens gar nicht mehr hören kann. Die Lust er- 
scheint in der maßlosen Steigerung der motorischen und akustischen Abfuhr 
in ihrer reinsten Form. 

Nun könnte man unserer Auffassung entgegenhalten: Musik wird zur 
Steigerung des Lebensgefühls und damit auch zur Erregung der Libido gleich 
anderen Rauschmitteln benützt, ohne daß ein inniger entwicklungsgeschicht- 
licher Zusammenhang zwischen Libido und Musik bestünde. Die Musik der 
Primitiven ist aber keine Musik, der man zuhört. Alle Anwesenden nehmen 
daran aktiv teil; sie ist ein soziales Geschehen. „In der Urzeit gibt es keine 
Zuhörer, nur Mitwirkende", sagt Wallasche k. Wenn man beim Tanz den 
libidinösen Charakter nicht leugnen kann, so muß man ihn auch als Lust- 
quelle der Musik anerkennen, da bei Primitiven immer beide gemeinsam er- 
scheinen. Die Musik löst sich langsam vom Tanze ab und wird zu einer 
sublimierten narzißtischen Triebbefriedigung, die den ursprünglichen Zu- 
sammenhang kaum mehr erkennen läßt. In einer Symphonie Beethovens 
den sexuellen Trieb nachzuweisen, ist natürlich ein unfruchtbares Unternehmen. 
Die Kunstwerke der Instrumentalmusik schweben vom irdischen Trieb los- 
gelöst in verklärten Höhen, auch die erzeugten Lustempfindungen sind ver- 
feinert, sublimiert, aber auch weniger intensiv. Neben dieser sublimen Form 
bleibt auch die primitivere bestehen: primitiver als Ersatzbefriedigung, obwohl 
sie die entwickeltere Technik voll benützt. Wo Musik die uralten unmittel- 



212 Desiderius Mosonyi 



baren Beziehungen zum Körper wie in der Tanzmusik bewahrt hat, ist ein 
direkter Zusammenhang mit dem Trieb als Lustquelle auch jetzt noch offen- 
bar. Die rohere, weniger verhüllte Erotik der modernen Tänze zu einer 
von Negern stammenden Musik von synkopisiertem, aufreizendem Rhythmus 
soll als Beweis erwähnt werden. 

Die Geschichte jeder Kunst führt über das Spiel. Das Spiel der jungen 
Tiere, das Spielen der Kinder als eine Vorübung der ererbten Fähigkeiten zur 
späteren praktischen Ausübung aufzufassen — wie Karl Groos es tat — ist 
gewiß berechtigt; doch die Lust am Spiele stammt aus einer irrationalen Quelle. 
Je mehr das Spiel zu einer rationalen Tätigkeit wird, desto geringer wird seine 
Lustbetonung. Denn die starke Objektbesetzung der zielgerichteten rationalen 
motorischen Abfuhr trachtet jeden Überfluß, jede Maßlosigkeit auszuschalten; 
dagegen verlegt das dem Lustgewinn zugewandte Spiel die Objektbesetzung 
in das Ich und errichtet der motorischen Abfuhr Schleusen, die nur zur Stau- 
ung dienen, um den Wasserfall kräftiger zu gestalten. Man könnte dem ent- 
gegenhalten, es sei ein Widerspruch, daß wir die Lustbetontheit der un- 
gehemmten motorischen Abfuhr zuschreiben, während es im Spiel doch — 
besonders in seiner entwickelten Form — Regeln gibt, deren Einhaltung ihm 
erst Reiz verleiht. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Die Regeln, die 
Hemmungen im Spiel, sind selbstgewählte, die lustvolle Spannung leicht er- 
höhende, der Triebenergie keinen ernsten Widerstand leistende Schleusen. 
Zudem ist die Energiebesetzung im Spiele eine geringe. Wenn sie steigt, wird 
aus dem Spiele Ernst, kommt es zu einem elementaren Durchbruch. 

Auch die Entwicklung der Musik führt über das Spiel. Den Ausdruck 
„Spiel" aber verwendet die Sprache für keine andere Kunst — außer für das 
Theater. Musik wird gespielt, wenn auch viele ernste Männer als Orchester 
am Podium sitzen. Die Musik entwickelt sich aus der primären motorischen 
Abfuhr innerer Spannungen. Der akustische Ausdruck als Nebenprodukt über- 
nimmt einen Teil der primären Entladung. Die ursprüngliche hemmungslose 
motorische Abfuhr des Triebes wird nicht zugelassen, gleichzeitig unterliegt 
der primäre akustische Ausdruck der Verdrängung und verwandelt sich in 
einen lustvollen, geformten, musikalischen, der indes auch nur zeitweise und 
bei gewissen Gelegenheiten, wenn Hemmungen der Vernunft, der sozialen 
Umstände u. dgl. wegfallen, lustbetont erscheinen darf. Motorische und 
akustische Abfuhr werden zum Lustgewinn in ein gemeinsames Spiel, Tanz 
und Tanzmusik, umgewandelt. Später, wenn sich die Musik vom Tanze löst, 
bleibt von der motorischen Abfuhr die latente Innervation des Kehlkopfes 
und der im Tanze in den Mitbewegungen beteiligten Muskelgruppen übrig. 
Der Lusteffekt der musikalischen Wirkung verliert durch den Sublimierungs- 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



213 



prozeß an Intensität, da ja nur ein Teil der Energie des Triebes umgewandelt 
und in musikalischer Form abgeführt wird. 

Zwischen dem eigenen und dem gehörten musikalischen Ausdruck ist 
der Unterschied nur quantitativ. Auch der Eindruck ist nur dann lustvoll, 
wenn er zum Ausdruck, d. h. durch die Einfühlung zum Mittel der Abfuhr 
eigener psychischen Spannung wird. In der Störung, die jeder Reiz im Or- 
ganismus hervorruft, ist schon eine motorische Antwort enthalten, die einem 
neuen Gleichgewichtszustande zustrebt. Ist der Reiz neu, noch nicht oder 
selten empfunden worden, wird die Gleichgewichtsstörung eine intensivere 
sein, da sie noch keine vorbereitete, eingeübte motorische Antwort enthält. 
Die Abfuhr kann also nicht prompt und dezidiert erfolgen, daher entsteht 
Unlust. Durch Wiederholung wird der Reiz bekannt, die Abfuhrbahn ein- 
gefahren, die Freude am Erkennen begleitet die Abfuhr. In diesen Regeln ist 
die Tragödie jedes genialen Musikers enthalten; der bittere Kampf gegen eine 
gewohnte, dem musikalischen Publikum zum eigenen Ausdruck gewordene 
geliebte Musik mit neuen, fremden, befremdenden Mitteln. Kein großer Musiker 
ist dem Unverständnis der Zeitgenossen entgangen. Der Komponist, der seine 
eigene seelische Spannung durch Musik abreagiert, erlebt ein intensiveres 
Lustgefühl als der Spielende oder der Hörer. Aber auch dieser kann nur durch 
Identifizierung mit dem Gehörten, durch Wahrnehmung einer Analogie zwi- 
schen eigenem und fremdem Ich musikalische Lust empfinden; letzten Endes 
also ist diese Lust auch auf die allererste Identifizierung mit der Mutter oder 
mit dem Vater zurückzuführen. Der stürmische, zu jedem Liebesbeweise 
fähige Enthusiasmus, den Komponisten, aber noch mehr Dirigenten und Vir- 
tuosen besonders in jüngeren Hörern und Hörerinnen entfachen, ist eine un- 
verkennbare Offenbarung dieser libidinösen Bindung. 

Rhythmus 

Das ursprünglichste der musikalischen Elemente ist der Rhythmus. So 
heißt die Wiederkehr periodischer Bewegungen im allgemeinen, im organischen 
Leben aber die auf Reize sich wiederholende Bewegung. Die Wiederholung 
ist das Essentielle, die Perioden im Sinne gleicher Zeitabschnitte sind von 
sekundärer Bedeutung. 

Rhythmisch sind viele lebenswichtigen Funktionen des Körpers — Blutkreis- 
lauf, Atmung, Darmbewegungen, Geschlechtstätigkeit. Ihre Gefühlsbetonung 
kann nur negativ bewiesen werden; wenn ihr Ablauf gestört ist, empfinden 
wir sie unlustvoll, sonst werden sie uns meist nicht bewußt. Im Sinne des 
Arndt-Schultzschen Gesetzes werden sie durch kleine Reize ausgelöst; 
steigt die Intensität der Reize bis zu einem mittleren Grade, wird auch ihre 
Lustbetonung bewußt. Da der Lusteffekt die motorische Abfuhr der Spannung 



begleitet, wird die Intensität der Lust in jenem Momente am stärksten sein, 
in dem die Hemmung durchbrochen, die Trägheit des Organs überwältigt 
wird, also im plötzlichen Beginne der Bewegung oder bei langsam sich sam- 
melnder Kraft im Zeitpunkte der höchsten Spannung des Muskels. Bei der 
periodisch wiederkehrenden Bewegung bringt jeder neue Beginn ein Anschwel- 
len der Lustintensität, eine Akzentuierung. Diese ist neben der periodi- 
schen Wiederholung das wichtigste Kennzeichen jeder rhythmischen Kunst. 

Der Akzent, die Betonung ist jeder Bewegung eigen, sei sie rational oder 
irrational. Bei der rationalen, d. h. automatisch sich wiederholenden Bewe- 
gung jedoch wird die Betonung der Bewegung und der Lust gar nicht bewußt. 
Beim Gehen z. B. empfinden wir sie nicht; sie tritt aber sofort lustvoll ins 
Bewußtsein, wenn eine Marschmusik ertönt. Aus dem nüchternen Gang wird 
ein Tanz im Marschrhythmus. Die Änderung erfolgt teils durch Steigerung 
der Intensität der motorischen Abfuhr (stärkere Betonung — Weg zur Ekstase), 
teils durch Herabsetzung der nüchternen Kritik. Der ursprüngliche Zusam- 
menhang von Musik und Tanz wird hergestellt, und sofort tritt die erhöhte 
Lustbetonung ein. 

Zwei einander scheinbar widersprechende Komponenten der rhythmischen 
Lust tauchen empor: die Betonung als einmalige Erscheinung, die ihre Kraft 
und Lustbetonung aus dem Sturm des Triebes zur Ekstase, zur hemmungs- 
losen Entladung schöpft und sich von dieser nur quantitativ unterscheidet; 
die andere Komponente ist aber die Wiederholung, lustbetont durch die 
Freude am Erkennen, jedoch durch die erleichterte Abfuhr die Spannung 
rasch entladend, die Kraft der einmaligen Explosion herabsetzend. Zwischen 
den zwei gegeneinander gerichteten Kräften entsteht ein Kompromiß zur Er- 
haltung des Lusteffektes, ohne dem Triebe die maßlose verderbliche Entladung 
zu gestatten — ein Kompromiß gleich den in der Neurose, in der Dichtung, 
im Mythos, in der Religion bekannten. Im Rhythmus wird die wilde irratio- 
nale Durchschlagskraft des Triebes gezähmt und die explosive Spannung zur 
pulsierenden Lust umgewandelt. Das einmalig Maßlose wird zur Triebkraft 
der Wiederholung, des Maßes, der Ordnung. 

Der Takt — praktisch mit dem Rhythmus identisch — bezeichnet die 
Wiederholung der Betonung in gleichen Zeitabschnitten. Doch sind die Aus- 
nahmen der Gleichmäßigkeit zahlreich. Am gleichmäßigsten erscheint der 
Rhythmus im Tanz und in der Tanzmusik. Eine auffallend vollkommene 
rhythmische Fertigkeit zeigt sich im Tanze der primitiven Völker. Rhythmus 
ist hier soziale Funktion, Zusammenwirken, Einschränkung des eigenen 
Triebes zugunsten des Stammes. Doch nähert sich die Energie des Triebes der 
ekstatischen Höhe, die ordnende Bindung des Taktes verschwindet, und nur 
unregelmäßige Höhepunkte bleiben als das Essentielle des Rhythmus übrig. 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



215 



Die Betonung, der positive Teil des Rhythmus, ist der Höhepunkt der Be- 
wegung und der Lust; nachher entspannen sich die Muskeln, die Lust ebbt 
wellenhaft ab, und es bedarf eines neuen Reizes, um die Kraft des Triebes zur 
neuen "Welle zu erhöhen. Diese Phase der Ermüdung ist gleichzeitig Samm- 
lung; von der Kulmination strahlt noch ein Teil der Lust herüber, doch bildet 
sich schon unlustvolle Spannung aus. Das Gehen und seine spielerische Abart, 
der Tanz, verlangten durch die wechselnde Benützung der Beine eine baldige, 
gleichmäßige Wiederholung der Bewegung. Eben deshalb leiten wir vom 
Gehen den Rhythmus ab, nicht vom Herzrhythmus, wie es von Aristoteles 
bis Riemann viele Forscher versucht haben. Erhöhte und bewußte Be- 
tonung des Herzrhythmus ist krankhaft, der Automatismus selbst aber ohne 
Lustgefühl. Die Sprache als Quelle des Rhythmus anzunehmen, wäre eine 
Verwechslung von Folge und Ursache. Wenn die Sprache durch ihren Rhyth- 
mus Lust zu wecken bezweckt, muß sie ihre rationale Aufgabe der Mitteilung 
teilweise preisgeben und zu einem ursprünglicheren, spielerischen Ausdruck 
zurückkehren. „Was so dumm ist, daß man es nicht sagen kann, kann noch 
immer singen", sagt Beaumarchais. Die Sprache, der Sprachgesang, der 
rezitierende Gregorianische Choral hat zwar Rhythmus, aber keinen Takt; 
nur wo volkstümliche, von der Tanzmusik stammende Elemente in den 
Kirchengesang einsickern, wird der Takt fühlbar. 

Durch Schlagen oder Pfeifen erzeugte Objektgeräusche haben auch eine Be- 
tonung, die mit dem Höhepunkte der Muskelspannung zusammenfällt und 
dann verhallend abflaut. Die rhythmische Wiederholung der Geräusche bei 
der Arbeit verleiteten Karl Bücher zu dem Versuch, den Rhythmus aus 
ihnen abzuleiten. Doch gilt von der Arbeit dasselbe, was wir von der Sprache 
sagten. Rationalisierte Arbeit ist mit ihrem automatischen Rhythmus lustlos 
und geistig ermüdend; die bewußte Betonung, etwa durch Singen im Takte 
der Arbeit, macht sie lustvoll, aber auch irrational, mit kleinen Unregelmäßig- 
keiten und überflüssigem Kraftaufwand von der eisernen Automatik ab- 
weichend. Freudebringend ist nicht die regelmäßige Wiederholung, sondern 
eben die Durchsetzung des regellosen Triebes, dem das künstliche Hindernis 
der Regel in den Weg gestellt wurde. 

Im Tanze finden wir dieses Spiel des Triebes mit der selbstgewählten Hem- 
mung, Takt genannt, am deutlichsten und ursprünglichsten. Die Natur des 
Triebes ist hier weniger verdeckt. Die hauptsächlichen ausführenden Organe, 
die den spielerischen Ersatz der libidinösen Abfuhr ausdrücken, sind die Beine. 
Ihre Bewegung begrenzt den Takt als Zweier- oder Dreiertakt. Im Takte spielt 
sich der Kampf zwischen maßloser Abfuhr des Triebes und der ihr wider- 
strebenden rationalen Hemmung im verkleinerten Spiegelbilde ab. Mit der 
Betonung als gehemmter Abfuhr beginnt der Takt; das Abschwellen erfolgt je 



2l6 Desiderius Mosonyi 



nach der stärkeren oder geringeren Hemmung langsamer oder schneller. Eine 
zweite Betonung kann die völlige Entspannung aufhalten; es kann zu vier bis 
acht und auch mehr Betonungen von geringerer Intensität kommen, doch muß 
die Hemmung des natürlichen Ablaufs durch höhere Energiebesetzung kom- 
pensiert werden. Eine immer lustbetontere Steigerung entsteht, die im Takte 
selbst in einer immer heftiger pulsierenden Bewegungsfolge sichtbar wird. In 
weiterer Steigerung verschwindet die negative Phase und eine maßlose, eksta- 
tische, fortwährende Energieabfuhr räumt die künstliche Hemmung des Taktes 
aus dem "Wege. 

Bei Marschrhythmus wird der natürliche Ablauf der Bewegung — der 
Automatismus des Ganges — gehemmt und die Zeit des natürlichen Abschwel- 
lens verlängert, wodurch auch eine stärkere Betonung zustande kommt. 
Hemmung ist mit Abwehr des Triebes, mit Angst identisch; Erwartung einer 
innervierten noch nicht erfolgten Bewegung eine quantitativ auf das Mindest- 
maß beschränkte Angst. Die ausgeführte Bewegung erlöst von der unlust- 
vollen Spannung; zurückgedrängt steigert sie sie um so mehr, je länger sie 
gehemmt wird. Im Marsche wird sie nur zurückgehalten, um eine stärkere 
Betonung zum Bewußtsein bringen zu können. Daher ist der Marsch heiter, 
wird aber sofort ernster, wenn die Abfuhr der motorischen Innervation länger 
zurückgehalten wird. Der Rhythmus wird feierlicher, pathetischer, die Wir- 
kung ein komplexes Gefühl aus Lust- und Angstkomponenten. Derselbe Vor- 
gang spielt sich in jeder festlichen, religiösen Musik ab. Die Hemmung der 
abschwellenden und gleichzeitig neuentstehenden Bewegung kann bis zum 
völligen Stillstand, genannt Pause, gesteigert werden. Eine Pause im feier- 
lichen Rhythmus wird deutlich als Angst empfunden. Im punktierten Rhyth- 
mus ist diese hemmende Gegenkraft der Angstkomponente auf das Mindest- 
maß des spielerischen Narzißmus reduziert. 

Melodie 
Musik beginnt eigentlich nicht mit dem Rhythmus, sondern mit dem Tone, 
mit dem Bausteine der Melodie. Praktisch treten sie jedoch gleichzeitig auf. 
Der Schmerz verschafft sich durch die motorische und akustische Abfuhr Er- 
lösung, die dann zum narzißtischen Lustgewinn umgewandelt wird. Der Ton 
entsteht im Momente der jeweilig höchsten Spannung des Muskels, er ist die 
akustische Form der motorischen Betonung. Ton wie Betonung sind als 
Durchbruch des Triebes durch die im Wege stehenden Hemmungen auf- 
zufassen. Das Verhältnis der gegeneinander kämpfenden Kräfte bestimmt 
ebenso die Qualität des Rhythmus wie die des Tones, die wir Höhe nennen. 
Der Steigerung der Triebenergie, die wir in ihrer Lustwirkung als Weg zur 
Ekstase im Rhythmus erkannten, entspricht die Steigerung der Tonhöhe. Im 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



217 



Rhythmus war diese Steigerung in der stärkeren Betonung sichtbar: Tonhöhe 
und Tonstärke steigen und sinken als Urerscheinungen parallel miteinander. 
Primitive Völker und Kinder singen bei erhöhter Stimmung höher und lauter. 
Daß die Begriffe Höhe und Stärke in der späteren Musik zu künstlerischer 
Wirkung getrennt auftreten können, beweist nichts gegen ihre ursprüngliche 
Zusammengehörigkeit. Ein hoher Ton wird durch eine größere Anstrengung 
der Muskeln hervorgebracht, entspricht also dem stärkeren Durchbruch der 
rhythmischen Betonung. 

Dem Abschwellen der rhythmischen Betonung, dem Nachlassen der Muskel- 
spannung entspricht eine Abnahme der Stärke des Tones mit gleichzeitiger 
Erniedrigung der Tonhöhe. Somit bedingt das dynamische Schwanken des 
Rhythmus eine wechselnde Erhöhung und Vertiefung des Tones; eine Melodie. 
Auch die Unsicherheit der Intonierung — besonders bei weniger Geübten, bei 
Kindern — , eine gewisse Sammlung der Muskelspannung zxir intendierten 
Höhe ergibt eine dem rhythmischen Auftakt entsprechende kontinuierlich 
gleitende Erhöhung des Tones, ebenfalls den Kern einer Melodie. (Von der 
Höhe des affektlosen individuellen Sprachtones ausgehend, bedeutet der er- 
höhte Ton erhöhten Affekt, Steigerung der Lustkomponente, der erniedrigte 
Ton die stärkere Auswirkung der hemmenden Angstkomponente. Der ge- 
hemmte, festliche Rhythmus bedingt meist tiefe Lage der Töne.) 

Die kontinuierlich gleitende Chromatik ist die hemmungslose akustische Ab- 
fuhr, der Schmerzens- und Freudeschrei. Das Festhalten einer bestimmten 
Tonhöhe erfordert dagegen Hemmung, strenge Koordination der Muskeln. 
Die chromatisch gleitende Steigerung und Abnahme der Tonhöhe ist also die 
primitivste Melodie. Die Instrumentalmusik benützt dieses Gleiten, das so- 
genannte Portamento oft, um primitivere Lust zu wecken. Aber auch die 
abgestufte Chromatik bleibt die musikalische Sprache der Leidenschaft. 

Ist die Stufe der regelmäßigen Koordination der Innervierung auf bestimm- 
ter Tonhöhe erreicht, geschieht die Zusammenfügung der einzelnen Elemente 
nach den Gesetzen der Verwandtschaft, der Identifizierung der analogen Eigen- 
schaften. Es gibt zweierlei organisch bedingte Tonverwandtschaft: die Ton- 
nachbarschaft, die durch Mitschwingen der Nervenfasern, die der der Wellen- 
zahl des Tones entsprechenden Cortischen Nervenfaser benachbart sind, ent- 
steht; und harmonische Verwandtschaft, die im Mitschwingen der Nerven- 
fasern, die den Obertönen entsprechen, begründet ist.. Wenn man die Ton- 
leiter im harmonischen Sinne hört, — wie wir unsere Musik, die atonale 
Musik ausgenommen, eben zu hören gewohnt sind, — besteht ein unversöhn- 
licher Gegensatz zwischen beiden Verwandtschaften, denn der Sekundenschritt 
oder der Halbtonschritt verbindet eben in der physikalischen Verwandtschaft 
einander am fernsten stehende Töne. Der Gegensatz verschwindet und auch 



andere, psychologische Verwandtschaften, z. B. hoch — tief, werden erklärt, 
wenn man einfach die Freude am Erkennen gleicher Elemente in der Folge 
der Töne, in der Melodiebildung als Prinzip gelten läßt. 

Unsere Tonleiter ist eine auf harmonischer Basis rationalisierte Tonfolge. Eine 
ältere, sehr verbreitete war die Pentatonik, die fünfstimmige starre Tonleiter. 
Charakteristisch ist, daß sie sich meist im strengen kultischen Gesang findet, 
während die Halbtöne enthaltende, der ursprünglichen Chromatik sich nä- 
hernde Melodie bei den Griechen unter den Melikern, den Dichtern der Liebe 
und des Weines, im Mittelalter beim losen Volk der fahrenden Gesellen, im 
16. Jahrhundert mit der Lockerung der religiösen Strenge bei den musikalisch- 
dramatischen Darstellern der Leidenschaften erscheint. Aus der ursprünglichen 
Tonnachbarschaft bei allmählicher Erkenntnis der harmonischen Tonverwandt- 
schaft entwickelte sich die Melodie als ein Kompromiß des freien Triebes und 
der rationalen und kulturellen Widerstände. 

Die sicherste Verwandtschaft, die die Assoziation der Töne bewirkt, ist 
die Identität. Tatsächlich ist die Wiederholung gleicher Töne, z. B. bei den 
Vögeln, die erste Form der Melodie. Die Freude der Wiederholung ist die 
Freude am Erkennen des Bekannten. Doch um es zu erkennen, muß dieses 
Bekannte eine Zeitlang unerkannt oder verschwunden gewesen sein. In der 
Wiederholung stellt sich dieser Prozeß als ein Versteckenspiel dar. Das 
ist aber das erste Spiel des Säuglings. Man kann beobachten, daß Säuglinge schon 
im dritten, vierten Monat am Rücken liegend mit vergnügtem Gesichtsaus- 
druck ihre Hand vor ihre Augen bringen, dann wieder seitwärts aus ihrem 
Gesichtskreise verschwinden lassen. Da — nicht da — heißt dieses Spiel und 
ist der zum Lustgewinn reproduzierte Ablauf der Welt, wie sie dem Säugling 
erscheint. Indem er seine Hand verschwinden läßt, baut er sich ein künstliches 
Hindernis, um es siegreich und eben deshalb lustvoll zu überwinden. 

Versteckenspiel ist die durchschlagende und verschwindende Betonung des 
Rhythmus; die Wiederholung gleicher oder verwandter Töne, in welchen das 
Identische durch neue Elemente verdeckt ist. Durch Erkennen neuer Ana- 
logien wird die Verwandtschaft und damit auch der Umfang des Verstecken- 
spieles größer. Der Einfluß des Taktes äußert sich, indem schon bekannte, 
daher lustvoller empfundene Elemente enthaltende Töne der Melodie auf be- 
tonte Taktteile fallen, während das Neue, zur Verschleierung Dienende in der 
unbetonten Zeit sich abspielt. Die Rückkehr ähnlicher Melodieelemente auf 
betonten Taktteilen bewirkt bei einander folgenden Takten eine Symmetrie 
der Melodiebildung. So entsteht zunächst als „einzelne Gebärde des musikali- 
schen Affekts" (Nietzsche) das Motiv. Sein einfaches Verschwinden und 
Erscheinen ist lustvolles Versteckenspiel, seine Wiederholung in tieferer, 
höherer Lage — Sequenz genannt — ein erweitertes Spiel, das bei stärkerer 



Desiderius Mosonyi 



219 



Dynamik am Wege zur Ekstase die spielerische Hemmung der Symmetrie durch- 
brechen kann. Bleibt die Energiebesetzung gering, so kehrt die Sequenz zum 
Ausgangspunkt zurück und eine runde Periode (eine Runde im Tanz) ent- 
steht. Eine Sequenz ist offene Spannung, erlaubt noch freie Entfaltung des 
Triebes entsprechend der Energiebesetzung, während die Periode ein ab- 
geschlossenes Spiel darstellt. Sie kann als Ganzes Verstecken spielen, indem sie 
sich in Variationen verkleidet. 

Gesteigerte Affekte verzögern die tanzartige Rückkehr zum Ausgangspunkt, 
eine freiere Klangassoziation wird gesucht, wobei das Versteckenspiel weiter 
führendes Prinzip bleibt. Die ausgeprägten bekannten Melodiewerte treten 
in den Hintergrund, ihre weniger sichtbaren Elemente bilden den Zusammen- 
hang. Aus dem Motiv wird das Thema, eine Einheit, die in der sogenannten 
Durchführung, in Elemente zerpflückt, in den Wellen der freieren klang- 
lichen Assoziation untertaucht und wiedererscheint. Steigerung der Energie- 
besetzung führt auch in der Melodie zu loseren klanglichen Assoziationen, zu 
Exzessen in Höhen und Tiefen, zur klanglichen Ekstase. 

Die Beziehung der Melodie zum Texte läßt sich folgendermaßen kurz zu- 
sammenfassen: die Form des Sprachsatzes, Betonung, Rhythmus der Worte, 
also seine musikalischen Elemente beeinflussen zweifellos die Melodie auf 
Kosten des Verstandes. Der Gedanke selbst beeinflußt wenig die Melodie, nur 
der Affekt, der hinter dem Gedanken, noch mehr hinter dem Einzelwort steht. 
Beethovens Grundidee in der C-Moll-Symphonie: „Das Schicksal klopft an 
die Pforte" äußert sich in einem mit größter Wucht gebrachten Anfangsmotiv 
als Symbol. Aber dasselbe Motiv kommt bald fianissimo in den hohen Tönen 
der Geigen wieder, wird von einem Instrument dem andern wie ein Spielball 
zugeworfen, verschwindet, taucht wieder auf: kurz das Spiel hat gesiegt, der 
Gedanke ist zurückgetreten. 

Wir wollen uns eben von der Tyrannei der Vernunft losreißen und zur 
kindlichen Arbeitsweise des Seelischen zurückkehren, der Realität entrinnen, 
und uns der irrationalen Triebbefriedigung nähern. Die melodischen Symbole 
— so der „Seufzer", fallende Chromatik der traurigen Gefühle usw. — sind 
naiv, wenn wir sie vernunftgemäß auslegen, doch echt und ursprünglich, um 
unser zu primitiver, erhöhter Lust strebendes inneres Wesen auszudrücken. 
Deshalb drängen sie das differenzierte Mittel des Wortes beiseite. Wie sich 
der nüchterne Gang in lustbetonten Marsch und Tanz wandelt, so wird aus 
der rationalen Sprache der lustvolle Sprachgesang. Auf Kosten der Vernunft 
entsteht in jenem Falle das Spiel der Bewegung, in diesem das Spiel des 
Tones: der Trieb, umgewandelt in die gezähmte Irrationalität des Rhythmus 
und der Melodie. 



n 



Desiderius Mosonyi 



Harmonie 

Den Begriff der Harmonie zu begrenzen ist nicht leicht. Die klassische 
Harmonielehre hat für die Musik von heute keine Gültigkeit mehr. Nie galt 
sie außerhalb der Grenzen der westlichen Musik, obwohl sie wohlfundierte 
physikalische Grundlagen besitzt. Die Entwicklung der Harmonie hat enge Be- 
ziehungen zur Technik der Musikinstrumente, denn erst die Orgel ermöglichte 
das Festhalten eines Grundtones und somit den weiteren harmonischen Auf- 
bau. Dadurch schon müssen wir der Harmonie zum größten Teil einen 
rationalen Charakter zuerkennen. Außerdem ist die Harmonie ein soziales 
Produkt; denn, ursprüngliche Verhältnisse vorausgesetzt, gehören zur Er- 
zeugung eines Zusammenklanges mindestens zwei Individuen. "Während 
also die individuelle Tendenz zur Triebbefriedigung allein schon die elementare 
Erscheinung des Rhythmus und der Melodie schaffen kann und das Realitäts- 
prinzip, die Hemmungen, sozialen Bindungen nur ihre Spielform gestalten, die 
Lust aber unmittelbar aus der Quelle des Triebes fließt, scheint die Harmonie 
von dieser Urquelle in ihrer Lustwirkung unabhängig zu sein. Eine primäre 
Lust scheint ihr nicht zuzukommen. Die Fähigkeit, die Obertöne aus dem 
Klange herauszuhören, worin eben die physiologische Grundlage der Harmonie 
zu suchen ist, befindet sich erst in Entwicklung. 

Als Anfang der Harmonie müssen wir neben einer lustbetonten motorisch- 
akustischen Abfuhr der individuellen Spannung eine Summierung der Lust 
durch gleichzeitiges Hören ähnlicher motorisch-akustischer Abfuhr anderer 
Individuen annehmen. Diese Summierung ist schon bei Tieren nachweisbar, 
noch mehr bei Kindern und bei den Festen primitiver Völker. Die Ekstase ist 
eben an die Masse gebunden; ein einzelner kommt wohl meist nur vor einer 
Hörerschaft in diese Hochspannung. Die leichte Auslösbarkeit elementarer 
Ausbrüche ist eine bekannte massenpsychologische Erscheinung; die addierten 
Spannungen erhöhen die individuelle Energie des Triebes zu einer Gewalt, der 
die Kritik und der Widerstand der Vernunft nicht mehr gewachsen sind. Nun 
versuchten wir im Rhythmus und in der Melodie die musikalische Lust als 
eine qualitativ verminderte Ekstase zu erklären. In der Harmonie finden wir 
als Grundbedingung eine ebenfalls elementare massenpsychologische 
Wirkung. Der Ausbruch der Massenseele ist chaotisch — das Gegenteil von 
Harmonie: doch stammt die primäre Lust eben aus dem Chaos, das durch 
ordnende Hemmung gebunden wird. 

Die historische Entwicklung gibt uns hier recht. Auf der tiefsten Stufe findet 
sich rhythmisch geordnete Massenmusik, fast ohne Melodie in unserem Sinne; 
sie heißt Heterophonie, Durcheinandersingen (z. B. bei den Weddas). 
Die Klangfülle selbst genügt als lustbetonter musikalischer Ausdruck. Die 
Fähigkeit, die Tonhöhen zu unterscheiden, entwickelt sich allmählich, da- 






Die irrationalen Grundlagen der Musik 



221 



durch wird die Lust der elementaren Abfuhr des Triebes auf die Freude am 
Wiedererkennen verschoben. Gleiche Elemente enthaltende, gleichzeitig er- 
tönende Klänge werden angenehm empfunden, ungleiche dagegen als Fremde 
behandelt. Die erste Form harmonischer Bindung der elementaren Massenlust 
ist das Unisono: gleichzeitige Wiederholung desselben Tones. Der Bourdon 
oder Bordone — ein ausgehaltener tiefer Ton, der eine Melodie ohne har- 
monische Beziehung begleitet — zeigt eine andere Methode des Versteckens. 
Wiederfinden des bekannten Tones in der zufälligen Verschmelzung beider 
Melodien. Ähnlich, doch vollkommener ist die Begleitung in der Oktave, das 
gleichzeitige Wiederhören desselben Tones in einer höheren oder tieferen Lage. 
Die antike Musik kannte noch keine anderen Arten der Harmonie. Die Be- 
gleitung in der Oktave ist physikalisch die vollkommenste Verschmelzung; 
psychologisch aber wirkt sie bald eintönig, weil das Versteckte zu leicht 
gefunden wird. Darum suchte man neue, entferntere Verwandtschaften: die 
Quinte, die Quarte, die ungefähr im 10. Jahrhundert auftreten; dann folgt im 
13. Jahrhundert die Terz, wodurch der Dreiklang vollständig wird. Die 
Septime wurde eigentlich erst durch Johann Sebastian Bach zu der Rolle 
emporgehoben, die sie als Leitton und wichtigster Teil der Dominante spielt. 
Die Möglichkeit, daß die höheren Obertöne auch als Verwandte erkannt und 
begrüßt werden, ist heute schon zur Tatsache geworden, da die schärfsten 
Dissonanzen, z. B. die kleine Sekond, verwendet werden. 

Zusammenfassend können wir also feststellen: Die ursprünglichste Lustquelle 
der Harmonie ist die elementare massenpsychologische Ekstase, aus der durch 
Koordination auf der Grundlage des immer feiner differenzierten Erkennens 
und Reproduktionsvermögens der Teiltöne des Klanges das Versteckenspiel der 
bekannten und unbekannten Tonkombinationen sich herausbildet und in 
weiterer Ausbildung begriffen ist. 

Die Grundlage der harmonischen Musik ist die Spannung zwischen Tonika 
und Dominante, die im Leitton ihren Gipfel erreicht. Den versteckten Grund- 
akkord aufzufinden ist der Endzweck, die Spannung durch die Nähe des Ziels 
zu steigern und die beruhigende Befriedigung hinauszuschieben ist der Reiz 
des Spieles; ein vollkommen der sexuellen Befriedigung analoger Vorgang. 

Eine zweite grundlegende Spannung ist die zwischen der heiter empfundenen 
Dur- und der mehr traurig gefühlten Molltonart. Der Unterschied ist eine 
Senkung der Terz des Durakkordes um eine halbe Stufe. Eine Erschlaffung 
der Muskel- und Nervenspannung nach erreichter Höhe ist die physikalische 
Grundlage der traurigen Stimmung. Durch die Erschlaffung des innervierten 
siegreichen Durklanges entsteht der depressive Gefühlsinhalt des Mollakkordes. 
Wie sich die orgiastische Lust des maßlosen Klangdurchbruchs zur gefestigten 
Tonstufe oder Tonstufenfolge, in der Harmonie zum sozialen Zusammenklang 

Imago XXI/2 I3 



222 Desiderius Mosonyi 



ordnet, bleibt die Depression der postorgiastischen Erschlaffung im Moll be- 
stehen, und zwar durch geringere Energiebesetzung zum Spiel verwendet. 

Die Relativität der Klänge, der Umstand, daß ihr Dur- oder Mollcharakter 
erst durch die Fortsetzung entschieden wird — die Enharmonie — , gibt der 
Verwechslung und dem Versteckenspiel neue Möglichkeiten. Nicht die Inter- 
valle, die das Verhältnis der Töne in einem einzigen Klange bestimmen, ent- 
scheiden, ob wir einen Akkord konsonant oder dissonant empfinden, sondern 
nur das Verhältnis zum Ausgangspunkt, d. h. zum Bekannten oder zur Nach- 
barschaft, die durch Klangassoziationen ebenfalls schon bekannt geworden ist. 
Eine unerschöpfliche Variationsfähigkeit des harmonischen Versteckenspieles 
ist die Folge. Steigerung der Leidenschaft, stärkere Energiebesetzung des 
Triebes führt auch in der Harmonie — wie in Rhythmus und Melodie — zur 
Rückkehr zu elementaren Ausdrucksformen, zur Disharmonie. Bei geringer 
Energiebesetzung aber dient die Disharmonie, d. h. das Auseinanderstreben 
der koordinierten Töne nur zur Verschleierung der Konsonanz als fortwährend 
erneuter Reiz. 

Aus der Heterophonie wurde durch verfeinerte Empfindung und soziale 
Koordination die Polyphon ie. Sie fand ihr adäquates Heim in der Kirche, die 
die stärkste soziale Bindung repräsentiert. Die Tendenz der Polyphonie war 
der ständige Zusammenklang mit zufälligen oder unvermeidlichen Dissonanzen 
und der Mangel an stark ausgeprägtem Rhythmus. Die Tanzmusik des Volkes 
dagegen betonte ihren libidinösen Charakter im Rhythmus und unterordnete 
den Klang der Betonung. Die Polyphonie spielte mit ähnlichen, die ursprüng- 
liche Melodie imitierenden Melodien Versteckenspiel; Steigerung der Energie 
führte zur Vermehrung der Stimmen, zur übermäßigen Komplizierung und 
endlich zur Auflösung der Polyphonie. Die geordnete Massenekstase der poly- 
phonen Musik ließ das Ich — die individuelle Stimme — kaum mehr heraus- 
hören. Nun ist die Melodie die einzige musikalische Form der individuellen 
Abfuhr, denn der Rhythmus ist motorisch, vormusikalisch, die Har- 
monie überindividuell. Die rhythmische Tanzmusik schlich sich lang- 
sam in den Kirchengesang ein — im Trecento des Boccaccio! — und löste 
die streng sozial gebundene Polyphonie zur individuell-libidinös gefärbten 
Homophonie auf. 

Die individuelle Färbung bedingt auch die Entwicklung der Klangfarbe 
in der Harmonie. Physikalisch wurde die Klangfarbe durch verschiedene Kom- 
bination der Obertöne — doch nicht restlos — erklärt. In diesem unauf- 
geklärten Rest scheint das Individuelle des Materials enthalten zu sein, die un- 
regelmäßigen Schwingungen des individuellen Ausdrucksorgans oder Instru- 
mentes. Die primäre Lust des Stofflichen, der Berührung, von der aus sich 
durch die Brücke der Vibrationsgefühle das bewegte und verfeinerte Tasten 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



223 




des Hörorgans ableitet, erklärt die sinnliche Wirkung der Klangfarbe. Die Lust 
an der eigenen oder einer bestimmten fremden Stimme beruht auf der Be- 
friedigung der narzißtischen oder der der Mutter als erstem Objekt geltenden 
Liebe. Und aus einem Klangfarbengemisch wollen wir auch wieder eine 
führende, eine unsere eigene Affektspannung ausdrückende Farbe heraushören. 

Form 

Die musikalische Form bedeutet eine von typischem Anfang und Ende be- 
grenzte, einer gewissen Epoche zugehörige Einheit. Anfang und Ende ge- 
winnen als Grenzpfähle eine erhöhte Bedeutung, da der Unterschied zwischen 
Form und Formlosem eben in der Abgrenzung liegt. 

Der Anfang ist der Durchbruch der im Unbewußten aufgestapelten und 
musikalisch umgewandelten Energie. Das Ende bewegt sich im Spielraum 
zwischen zwei extremen Möglichkeiten: zwischen ekstatischer Steigerung und 
träumerischem Verhallen. Die Begrenzung der Form stammt aber immer 
vom Rhythmus, vom Tanze. Ein Takt, dem ein nächster mit einer kleinen 
rhythmischen, später melodischen Änderung — dem Prinzip des Verstecken- 
spieles gemäß — hinzugefügt wird, ist schon eine neue Einheit, in welcher 
Anfang und Ende unterschieden sind. So entstehen zwei bis vier Takte und wir 
haben die Periode des Tanzliedes vor uns. Ohne Tanzrhythmus — z. B im 
rezitierenden kultischen Gesang — ist die Form weniger markant. Ein langer 
ausgehaltener Ton bedeutet das Ende in den Formen der griechischen, hebräi- 
schen und der westlichen Musik bis zum 13. Jahrhundert. Der gemeinsame, 
sozial abgerundete Tanz gibt aber auch der Musik abgerundete Konturen. 
Die Spannung zwischen Lust- und Realitätsprinzip äußert sich in der Form als 
romantische und klassische, individuelle und soziale Tendenz. Schon bei den 
Primitiven tritt aus der Masse der Künstler hervor, in dessen Person die 
asoziale Libido die gewohnte Form durch melodische Freiheit, stärkere Dynamik 
durchbricht. Die mittelalterliche Kirche muß immer wieder die individuellen 
Freiheiten verbieten, selbst J. S. Bach bleibt die Rüge seiner Gemeinde nicht 
erspart. Der Versuch zur siegreichen Erhebung des eigenen Narzißmus über 
das soziale Gleichgewicht ist die treibende Kraft, die im Kompromiß mit der 
gesellschaftlichen Hemmung die Form schafft. Innerhalb der rohen Tanz- 
form einzelner Epochen setzt das individuale Prinzip mit Variationen des Ab- 
laufs ein und züchtet mit Beibehaltung der spielerischen Energiebesetzung eine 
feinere Abart derselben Tanzmusik als klassische Form der Epoche hoch. Diese 
Form wird geheiligte Konvention, der nächste Genius dehnt sie mit seiner 
individuellen Kraft, bis sie zerbricht; dafür trifft ihn die gerechte Strafe: er wird 
geächtet. Nach der ersten Periode des Ringens macht die neue Musik dem 
allgemeinen Geschmack Konzessionen, der soziale "Widerstand verliert durch 

15* 



224 



Desiderius Mosonyi 



allmähliche Gewöhnung an Schärfe, ein neues Kompromiß entsteht, und aus 
der romantisch kämpfenden Epoche wird eine klassizistisch ausruhende. "Wie 
in den einzelnen Komponenten der Musik, so bildet auch in der Zusammen- 
fassung zur Form der Kampf der zur Ekstase strebenden Libido der rational- 
kulturellen Hemmung den Inhalt des Kompromisses. Die verbotenen Be- 
friedigungstendenzen der Libido — Inzest, Ehebruch in Wagners Musik- 
dramen — drücken sich in seiner Musik als die formensprengenden Kräfte 
seiner Epoche aus. 

Die Musik und das Unbewußte. 
Musikalisches Schaffen und Traumarbeit haben mannigfache Ähnlichkeiten. 
Grundbedingung des Traumes wie der Träumerei ist eine Einschläferung des 
kritischen Bewußtseins. Auch der musikalische Genuß, noch mehr das pri- 
märe Schaffen, ist an die Verzauberung des Intellektes gebunden. Traum und 
Musik sind irrational im Sinne der Maßlosigkeit, der Unproportionalität, und 
entsprechen einer mehr kindlichen Reaktionsweise. Die Beziehung zwischen 
vorgefaßtem Inhalt und seinem musikalischen Äquivalent ist in der Musik 
kaum enger als zwischen Traum und Traumgedanken. Die charakteristischen 
Imitationen natürlicher akustischer Phänomene — Donner, Murmeln des 
Baches u. dgl. — entsprechen den Tagesresten im Traum; sie sind indifferente 
bewußte oder vorbewußte Wahrnehmungserinnerungen, die sich nur durch 
ihre in die Tiefe reichenden Assoziationen eine Gefühlsbetonung aneignen. Sie 
bilden sich meistens nur im Rhythmus und in den Grundmotiven der Melodie 
oder in der Begleitung imitatorisch oder konventionell-symbolisch ab. Die 
Verdichtung der Traumarbeit läßt sich in der Musik im Komprimieren ver- 
schiedener Motive, in der Gleichzeitigkeit differenter Melodien, synkopisierten 
Rhythmen nachweisen. Die Mischbildungen, die im Traum, im Mythos, in 
den Fehlleistungen regelmäßig auftreten, im rationalen Handeln jedoch ver- 
pönt sind, geben dem musikalischen Schaffen seinen eigentümlichen Reiz. Die 
Art der klanglichen Assoziation entspricht ebenfalls der oberflächlichen Wort- 
und Ideenverbindung des Traumes. Wie der Träumer, der Schizophrene die 
Worte zerpflückt, ziert, spielt die Musik ebenfalls mit ihren Worten, ihren 
Motiven. Die Durchführung des Themas in der Sonatenform ist als eine solche 
kindisch-traumhafte freie Assoziation zu bezeichnen. Die Bearbeitung ge- 
schieht im Unbewußten, während das Vorbewußte den leitenden Obergedan- 
ken, die zeitgenössische Form bereit hält. Mittel der sekundären Bearbeitung 
sind gewohnte Melodien, Klangbilder, Endungen. Die primäre, triebhafte 
akustische Abfuhr wird im Unbewußten zunächst zu einem kindlichen Spiel 
umgewandelt; das Vorbewußte bringt es dann in einer zeitgemäßen Form als 
Neues, gleichzeitig Altbekanntes zur Anerkennung. 



Die irrationalen Grundlagen der Musik 



225 



Das musikalische Schaffen hat ebenso wie der Traum Wunschcharakter: den 
allgemeineren Wunsch, wieder als ein Kind spielen zu können, und den spe- 
ziellen, Affekte, die klanglichen Ausdruck finden, abzureagieren. Die spezielle 
Veranlagung des Musikers ist aber eben, daß alle Erlebnisse und in erster Linie 
seine Triebe mit Klängen verbunden sind und klanglichen Ausdruck suchen. 
"Wagner erzählt, wie der Klang der Quinten bei ihm mit einem angst- 
vollen Kindheitserlebnis, mit dem Gespenstischen überhaupt verbunden war, 
so daß er z. B. Beethovens Todesnachricht als einen Quintenklang empfunden 
hat. Eine Neigung zur spielerischen Behandlung akustischer Erinnerungs- 
spuren gehört wahrscheinlich auch zur musikalisch-schöpferischen Anlage. 
Beethovens Briefe sind voller naiver Wortspiele. Eine Fähigkeit, sogar ein 
Zwang zu akustischen Halluzinationen findet sich oft bei schaffenden Mu- 
sikern. 

Das Entstehen einer Komposition kann man sich etwa folgendermaßen vor- 
stellen: Im Unbewußten entsteht eine noch wirre, traumähnliche, dem er- 
weckten Komplex gemäß affektbetonte musikalische Halluzination, die den 
Sachvorstellungen des Traumes entspricht. Die musikalischen Vertreter des 
Komplexes werden über die Schwelle des Vorbewußten durchgelassen, indem 
sie sich mit musikalischen Formeln — den Wortvorstellungen entsprechend — 
verbinden, die geläufig und bewußtseinsfähig sind. Die Affektbetonung 
kommt aus dem Unbewußten; ist sie gering, so kann das Vorbewußte das zur 
Verfügung stehende Material in ein Spiel mit gewohnten Formeln verwandeln. 
Ist die Spannung der latenten Konflikte größer, dann fordert ihre Umformung 
einen erhöhten Widerstand der Zensur. Eine Unruhe, ein häufiger Wechsel 
der Motive, des Rhythmus, der Harmonie, des Gefühlscharakters, melodische 
und harmonische Freiheit wird den Konflikt verraten. Das Vorbewußte 
zwingt auch eine zeitliche Einordnung auf und vermittelt es halluzinatorisch 
dem Bewußtsein. 

Große Komponisten wissen selbst wenig vom Schaffensprozeß mitzuteilen, 
ihr Werk „fällt ihnen eben nur ein". Auch die Analyse dürfte außer der als 
Motiv wirkenden Komplexe keine weitere Aufklärung geben. Die Analyse 
arbeitet mit Worten, der Musiker drückt sich aber in Tönen und Klängen aus. 
Äußere klangliche Eindrücke werden oft erwähnt; Wagner z. B. fühlt es 
aber klar, daß diese nur tiefere Schichten anregen. Er beschreibt auch, daß das 
Schaffen oft in einem Zustand von Trance vor sich geht, von einer qualvollen 
Spannung erlösend. 

„Ich versank in eine Art von somnambulen Zustand, in welchem ich plötzlich die Emp- 
findung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen desselben 
stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-Dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam 
in figurierter Brechung dahinwogte; diese Brechungen zeigten sich als melodische Figura- 



tionen von zunehmender Bewegung, nie aber veränderte sich der reine Dreiklang von Es-Dur, 
welcher durch seine Andauer dem Elemente, darin ich versank, eine unendliche Bedeutung 
geben zu wollen schien. Mit der Empfindung, als ob die Wogen jetzt hoch über mich dahin- 
brausten, erwachte ich in jähem Schreck aus meinem Halbschlaf. Sogleich erkannte ich, daß 
das Orchestervorspiel zum Rheingold, wie ich es in mir herumtrug, doch aber nicht genau 
hatte finden können, mir aufgegangen war; und schnell begriff ich auch, welche Bewandtnis 
es durchaus mit mir habe: nicht von außen, sondern nur von innen sollte der Lebensstrom 
mir zufließen." 

Dieser gebrochene Es-Dur-Akkord vereinigt, verdichtet unendlich zahl- 
reiche und bis zum Erwachen des Lebens zurückreichende Erlebnisse und 
Empfindungen: den typischen Geburtstraum, das nächtliche Grausen der 
Kindheit mit dem jähen Erwachen und die ganze Sphäre, die es umgibt, den 
tragischen Konflikt des Erwachsenen zwischen Liebe und Gold, mythologische 
Bilder und schließlich den leitenden Gedanken: den Sieg des eigenen Lebens- 
stromes. Auch dieser Lebensstrom fließt aus dem verlorenen Paradies, das 
alle irrationalen Wege der Menschheit zu erreichen suchen. Der irrationalste, 
am meisten schicksalhafte ist der des Wahnsinns, ein unvollkommener Irrweg 
die Neurose; auf heiteren und unendlich mannigfachen Pfaden aber führt uns 
die Kunst. Der schaffende Musiker und mit ihm der einfühlende Hörer bannt 
im Zauber, dessen breite Skala vom seligen Dahindämmern bis zum heiligen 
Wahn der Ekstase reicht, das verlorene Paradies des wünsch- und bewußtseins- 
losen, narzißtisch-glücklichen eigenen frühesten Lebens. 



. 


















Die Heilung der Elisabeth Browning 
in ihren Sonetten 

Von 

Johanna Heimann 

Berlin 

Der Gegenstand dieser Untersuchung ist die Spontanheilung einer am Ende 
der Dreißig stehenden Frau aus langjähriger körperlicher und seelischer Krank- 
heit. Das Phänomen einer solchen Spontanheilung kann an dem der Unter- 
suchung zugrunde liegenden Material weder umfassend dargestellt noch er- 
schöpfend analysiert werden. Eine Dichtung einer nicht mehr lebenden 
Dichterin soll uns den Prozeß ihrer Heilung erschließen. 

Wir lernen Elisabeth Barrett Brownings Krankheit in der Literatur- 
geschichte als tuberkulöses Lungenleiden kennen, dem sie, allerdings mit 
großen Schwankungen, von der Pubertät bis zum Tode unterworfen war. An 
dem Vorhandensein eines Lungenleidens kann nicht gezweifelt werden, auch 
wenn die Vermutung sich aufdrängen sollte, daß dieses Leiden vielleicht selbst 
schon psychisch bedingt war. Eine exakte Untersuchung dieses Punktes dürfte 
außerordentlich schwierig sein. Unbestritten ist der seelische Ursprung 
der Lebensabgewandtheit der Elisabeth Browning, die sie fast ein Jahr- 
zehnt lang an ihr Krankenzimmer gefesselt hielt; ebenso sicher scheinen ihre 
Ohnmachtsanfälle und die ungeheure Schwäche, die jahrelang ihrem Leben nur 
noch eine kurze Frist zu setzen schien, psychisch bedingt gewesen zu sein. Im 
Rahmen meiner Aufgabe kann dieser psychische Anteil ihrer Krankheits- 
symptome nur gestreift werden. "Wir werden diese analytisch zu erfassen 
suchen, soweit sie sich zwanglos aus den bekannten Daten ihres Lebens ver- 
stehen lassen. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt aber nicht in der 
Krankheit, sondern in der Heilung. Für diesen Heilungsprozeß haben wir 
glücklicherweise aus der entscheidenden Zeit der Genesung zwei authentische 
Dokumente: die Liebesbriefe der Brownings und die Sonette. 

Von Elisabeth Browning weiß man heute im allgemeinen nicht viel mehr, 
als daß sie eine englische Dichterin um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die 
Verfasserin der „Sonette aus dem Portugiesischen" und die Frau von Robert 
Browning gewesen ist. Vielleicht erinnert sich der und jener dann noch an eine 
sehr rührende Krankheits- und Liebesgeschichte der Dichterin, die so sonder- 
bar anmutet, daß sie ins Reich der Märchen und Wunder zu gehören scheint. 
Worin besteht nun das Wunder, aus welchen psychologischen Vorbedingungen 
ist es organisch erwachsen? Eine Darstellung ihres Lebens soll das Verstehen 
dieser Frage erleichtern. 



228 Johanna Heimann 



Elisabeth Barrett Browning wurde im Jahre 1806 in der englischen Graf- 
schaft Herefordshire geboren. Sie war das älteste von elf Kindern und verlebte ihre 
Jugend auf dem elterlichen Landsitz in Hope End in Devonshire. Die Erziehung lag 
im wesentlichen in den Händen ihres Vaters, eines sehr eigentümlichen Mannes, dessen 
erklärter Liebling sie war. Er ließ sie, wie anscheinend auch ihre Geschwister, in 
voller Freiheit und Ungebundenheit des Landlebens aufwachsen und widmete anderer- 
seits ihrer Erziehung die größte Sorgfalt. Er ließ sie gemeinsam mit ihrem zwei Jahre 
jüngeren, abgöttisch geliebten Bruder in den Gymnasialfächern unterrichten und 
förderte ihr schriftstellerisches Talent in vorbildlicher Weise. Elisabeth war ein 
wildes, phantasievolles Kind, das seit dem achten Lebensjahr beim Milchtrinken Verse 
machte und seine Liebe zwischen Agamemnon und einem schwarzen Ponny teilte. 
Man hat den Eindruck, daß ihre Kindheit und erste Jugend ausnehmend glücklich ge- 
wesen ist, besonders durch ihre Verbundenheit mit der Natur, die vertrauende und 
zärtliche Verehrung für den Vater und die innige und überströmende Liebe zum 
Bruder, die von der frühen Kindheit bis zu seinem Tode immer die gleiche geblieben 
ist. Sie wird nicht müde, immer wieder zu versichern, mit welcher verstehenden 
Güte ihr Vater, der ihr Kritiker und ihr Publikum war, ihre schriftstellerische Lauf- 
bahn von den ersten Anfängen an begleitet hat, und sie sieht ihr Lebensziel darin, 
ihm in ihrem Leben und in ihren "Werken dafür zu danken. 

Die positive Einstellung ihres Vaters Edward Barrett zu ihr muß hier so betont 
werden, um ihre Bindung an ihn und den Gewissenskonflikt, den sie später auszu- 
kämpfen hatte, in ganzer Schärfe verständlich zu machen. Er entstammte einer 
Familie von Plantagenbesitzern in Westindien und verdankte seinen Reichtum diesen 
Besitzungen, indirekt also der Institution der Sklaverei. Nach deren gesetzlich er- 
folgter Aufhebung erlitt er erhebliche Vermögensverluste, und von da ab ver- 
düsterte und verhärtete sich sein Charakter derart, daß die Behauptung aufkom- 
men konnte, er habe die Methoden des Sklavenhaltens später in seinem eigenen Hause 
angewandt. 

Von der Mutter erfährt man wenig individuelle Züge. Sie war einige Jahre älter 
als ihr Mann und scheint eine weichherzige, kränkliche Frau gewesen zu sein, ganz 
von der Geburt und Aufzucht ihrer Kinder in Anspruch genommen. Mit den Ge- 
schwistern, zwei Schwestern und sieben Brüdern, 1 verband Elisabeth lebenslang herz- 
liche Liebe und in späteren Jahren ein starkes Solidaritätsgefühl gegenüber dem 
Familienoberhaupt. 

Bis zum fünfzehnten Jahr scheint Elisabeth ganz gesund gewesen zu sein. Von da 
an kränkelte sie und hat ihre volle körperliche Leistungsfähigkeit und Frische nie 
wieder erlangt. Es ist bezeichnend für den Schleier, der über ihrer ganzen Krank- 
heitsgeschichte liegt, daß man die genaue Herkunft ihres Leidens nicht kennt. Dies 
Leiden scheint ihr anfangs außer dem Verzicht auf körperliche Anstrengungen wenig 
Entbehrungen auferlegt und sie nur desto ausschließlicher zu literarischer Arbeit ver- 
anlaßt zu haben. Als sie dreiundzwanzig Jahre alt war, starb die Mutter, ein Er- 
eignis, das mindestens für ihr Bewußtsein weniger einschneidend gewesen ist, als vier 

1) Ein Bruder starb früh; Angaben fehlen darüber völlig. 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



229 



Jahre später die Übersiedlung der Familie von ihrer ländlichen Heimat Hope End 
nach dem Küstenstädtchen Sidmouth und einige Jahre später nach London. 

Elisabeths Leben ist von ihrem achtundzwanzigsten Jahre an für die nächste Zeit 
gekennzeichnet durch die bedrohliche und anhaltende Verschlimmerung ihrer Krank- 
heit und ihre gesteigerte und intensivierte dichterische Produktivität. Ihr allmäh- 
liches Bekanntwerden in der Öffentlichkeit vermittelte ihr wichtige menschliche und 
literarische Beziehungen. Der Aufenthalt in der staubigen, steinernen Enge der Groß- 
stadt bedrückte ihr Gemüt und verschlimmerte ihr Leiden im Laufe von drei Jahren 
so, daß die Ärzte bei dem Londoner Klima für ihr Leben fürchteten. So wurde sie 
nach Torquay an der englischen Küste gebracht, wo sie drei Jahre lang in der ab- 
wechselnden Gesellschaft ihrer Geschwister blieb. In Torquay traf sie der schwerste 
Schlag ihres Lebens: ihr Lieblingsbruder Edward ertrank. 

Versuchen wir nun, uns über ihre psychische Situation vor und nach der Kata- 
strophe zu orientieren; sie ist der Brennpunkt, in dem sich alle Strahlen von Elisabeths 
Lebensschicksal sammeln. Drei Faktoren sind, wenn nicht für die Entstehung, so 
für die Form ihrer Neurose von entscheidender Bedeutung gewesen: die ungewöhn- 
lich starke Bindung an ihren Vater, der verhältnismäßig frühe Tod der Mutter und 
schließlich das jähe Hinscheiden ihres Bruders, das ihrem Leiden Jahre hindurch das 
Siegel absoluter Hoffnungslosigkeit aufgedrückt hat. Aus ihrer Kindheit und frühen 
Jugend erfahren wir an nervösen Symptomen nichts außer einer starken Gewitter- 
angst. Vielleicht darf man aber daran erinnern, daß ihr Lungenleiden oder jedenfalls 
ihre Kränklichkeit in der Pubertät, der Zeit verstärkter erotischer Spannungen, be- 
gann. Die Bindung des Vaters an sie wird vermutlich ihre Loslösung sehr erschwert 
haben; war sie doch ein Mädchen von gewinnendem Liebreiz, dazu sein ältestes und 
begabtestes Kind. Zudem war er selber nur ungefähr zwanzig Jahre älter als die 
Tochter, und man muß nach seiner merkwürdigen Stellung zu Ehefragen annehmen, 
daß er in seiner eigenen Ehe mit der älteren Frau schwer enttäuscht war. 

Der Tod der Mutter hatte wenig unmittelbaren Einfluß auf Elisabeths Befinden. 
Es wird aber übereinstimmend berichtet, daß sie danach dem Vater gegenüber größere 
Zärtlichkeit und stärkere Verantwortlichkeit zeigte. Man wird also wohl den Schluß 
ziehen dürfen, daß ihre ödipuswünsche mit dem Ableben der Mutter von neuem auflebten 
und durch die psychische Haltung des Vaters, dessen Wunderlichkeit damals schon 
recht fühlbar gewesen sein muß, stets frische Nahrung erhielten. Dieser Mann 
herrschte als ein auch für damalige Verhältnisse unerhörter Autokrat über seine 
Familie. Er hielt alle seine Kinder, Söhne wie Töchter, in finanzieller Abhängigkeit 
von sich und setzte jedem Streben nach persönlicher Befreiung oder erotischer 
Partnerschaft eisernen Widerstand entgegen. Drei seiner Kinder haben es bei seinen 
Lebzeiten gewagt, eine Ehe einzugehen; er hat sie alle verstoßen. 

Dennoch standen Elisabeth drei Wege offen: der eine führte in die Natur, in der 
sich ihre Lebensenergie mit vitaler Kraft verjüngte, der zweite in die Kunst, in der 
sie einen Teil ihrer Liebesansprüche umschaffen und zu geistiger Schöpfung sub- 
limieren konnte, der dritte mündete bei einem ursprünglichen Liebesobjekt, dem 
Bruder. 



. 



230 Johanna Heimann 



Man kann sich die verheerende Wirkung vorstellen, die der Verlust zweier dieser 
Ventile, der ihrer ländlichen Heimat und der ihres Bruders auf sie haben mußte. 
Tatsächlich war denn auch der Abschied von ihrer Heimat der endgültige Abschied 
von ihrer Jugend, ihrer sorglosen, glücklichen Zeit. Er mußte ihr noch einmal den 
Tod der Mutter bedeuten, der sie schutzlos dem Vater preisgab. Ihre verzehrende 
Sehnsucht nach der nie vergessenen Heimat zeigt, daß das Verlangen nach Ruhe und 
Geborgenheit im Schoß der Mutter mächtig wirksam war. An diese Gleichsetzung 
von Heimat und Mutter werden wir denken, wenn wir später in den Sonetten ihrer 
Todessehnsucht, der Grundmelodie in den Gedichten, begegnen. Ihre Gesundheit 
verschlechterte sich von da ab zusehends. War der Verlust der Heimat und das Leben 
in der Großstadt eine schmerzliche Entbehrung, so wirkte der Tod ihres Bruders wie 
ein furchtbares Gottesgericht, das ihr Leben mit einem Schlage zerbrach. Das Ver- 
hältnis zu diesem Bruder war, ehe Browning in ihr Leben trat, ihr Freudensquell. 
Ihre Äußerungen über ihn, fast alle nach seinem Tode, sind erfüllt von glühender 
und hingebender Liebe. Wenn man bedenkt, daß Elisabeth, als sie ihn verlor, im 
fünfunddreißigsten Lebensjahr stand und noch nie für einen anderen Mann Liebe 
empfunden hatte, wenn man sich ferner die unnatürliche, eifersüchtige Selbstherr- 
lichkeit ihres Vaters vor Augen hält, so leuchtet es ein, daß sie auf diesen Bruder, 
der ihr auch an Alter und Begabung am nächsten stand, alle Zärtlichkeit konzen- 
trierte, die normalerweise einem erwählten Freund gegolten hätten. 

Elisabeth wurde, wie schon erwähnt, in äußerst bedenklichem Zustande nach 
Torquay gebracht; so schwach, daß sie fast jedesmal ohnmächtig wurde, wenn sie für 
einige Minuten vom Bett zum Sofa getragen wurde. Dieses Symptom scheint in 
dieser Häufigkeit und Schwere erst jetzt aufgetreten zu sein. Dennoch war sie nicht 
unglücklich, weil sie in der Gegenwart des Bruders ein so vollkommenes Glück emp- 
fand, daß sie auch Krankheit und Schwäche heiter ertrug. Nun aber rief ihn der 
Vater zurück. Elisabeth war verzweifelt und die Ärzte erklärten, Aufregung und 
Schmerz könnten sie das Leben kosten. Man wagte Einspruch gegen den väterlichen 
Befehl und bat um dessen Aufhebung. Die Antwort lautete: „Unter solchen Um- 
ständen weigere er sich nicht, seinen Befehl aufzuheben, aber er erachte es als sehr 
unrecht von ihr, so etwas zu fordern." Also blieb Edward Barrett länger als ein- 
einhalb Jahre bei seiner Schwester. Da geschah das Unglück. Von einer Segelfahrt, 
die er bei strahlendem "Wetter und ruhigem Seegang mit zwei Freunden unternom- 
men hatte, kehrte er nicht zurück. Drei Tage und Nächte verbrachte Elisabeth mit 
ihren Schwestern in qualvoller Ungewißheit, bis keine Hoffnung mehr war. Sie 
schwebte lange zwischen Leben und Tod, vielfach ohne Bewußtsein; mit ihren 
eigenen Worten: „Unfähig zu sprechen und zu weinen, zu nahe, unter dem zer- 
malmenden Druck von Gottes Hand, um zu beten." 

Ihre Lebensfähigkeit schien nun endgültig zu verlöschen. Die Rückkehr 
nach London war in diesem Stadium der Krankheit ausgeschlossen. Als sie 
gegen jede Erwartung am Leben blieb und sogar kräftiger wurde, war ihr 
erster mit Zähigkeit ergriffener Gedanke, zurückzukehren. Sie wollte den Ort mit 
seinen furchtbaren Erinnerungen verlassen und zum Vater zurückkehren, ihm den 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



231 



häuslichen Frieden wiederherstellen. „Genug ist getan und gelitten worden für mich. 
Ich danke Gott, daß ich endlich nach Hause komme." Nach dreijähriger Abwesen- 
heit war sie wieder im Vaterhaus, führte sie wieder das arbeitsame, zurückgezogene 
Leben wie vor ihrer unglücklichen Reise. Ein kranker Mensch, dem die einzige 
Freude im Leben genommen und die Gewißheit geblieben war, daß es niemals anders 
werden könne: so siechte sie in ihrem düsteren Hinterzimmer in der Wimpolestreet 
dahin. Hatte bis jetzt die Wahrscheinlichkeit eines neurotischen Anteils an ihrer 
Krankheit bestanden, so verdichtet sich seit dem Unglücksfall diese Annahme zur 
Gewißheit. Elisabeth hatte schon jahrelang teils durch ihre zarte Gesundheit, teils 
durch das ungastliche "Wesen ihres Vaters — auch die Söhne durften ihre Freunde 
nicht einladen — sehr zurückgezogen gelebt. Nun aber war ihre Menschenscheu 
krankhaft gestiegen. Außer ihrer Familie und zwei oder drei alten Freunden konnte 
sie niemanden sehen. Es war ihre größte soziale Leistung, Sonntags ihre ganze Familie 
auf eine halbe Stunde bei sich zu versammeln. Sie lebte ihrer Dichtung und pflegte 
menschlichen Verkehr nur im Rahmen ihrer ausgedehnten Korrespondenz, die sich 
von Jahr zu Jahr erweiterte, und die nur in den Monaten schwersten Darniederliegens 
eine Unterbrechung erfahren hatte. Offenbar hatte diese von ihr selbst als nervös 
bezeichnete Angst vor jedem neuen Gesicht den geheimen Zweck, neue Bekannt- 
schaften und Gefühlsbeziehungen unmöglich zu machen. Das durfte nie mehr sein, 
nachdem die einzige Leidenschaft, der sie sich hingegeben hatte, so grausam gestraft 
worden war. Gewiß bot ihr die innige Harmonie, die sich durch ihren Verzicht auf 
Leben und Gesundheit zwischen ihr und dem Vater bildete, tiefe Befriedigung. Sie 
lebte nun, ihrem kindlichen Vorsatz gemäß, nur noch für ihn und erkannte keine an- 
dere Daseinsberechtigung mehr an. Zu der alten Bindung an den Vater kam die neue, 
hervorgerufen durch ihre schweren Schuldgefühle beim Tode seines Sohnes. Sie be- 
richtet vom Vater: „Nicht nur war er in der langen, ermüdenden Krankheit immer 
freundlich und geduldig und rücksichtsvoll gewesen, sondern in jener Stunde bitterer 
Prüfung hat er mir nicht ein einziges Mal ein Wort des Vorwurfs gesagt, weder da- 
mals noch jemals später." „Er hat es nie getan", schreibt sie an Browning, „und er 
hätte es tun können, denn ich bin, wenn nicht mit der Hand, so doch mit dem 
Herzen, und wenn nicht mit der Absicht meines Herzens, so doch mit seiner Schwäche 
der Anlaß zu jenem Elend geworden." Es läßt sich gar nicht übersehen, in welchem 
Maße diese schweigende Güte des Vaters verhängnisvoll für Elisabeth gewesen ist. 
Sie hat ihr jede Möglichkeit zu affektgeladenem Abreagieren des Erlebnisses, alles, was 
man unter der Bezeichnung Katharsis zusammenfassen könnte, abgeschnitten und 
hat die stets mächtig wirkende Bindung an den Vater nun zu einer nahezu unlös- 
baren gemacht. 

Ihre nie erlöschende Trauer um den Toten, die es ihr unmöglich machte, auch 
nach vielen Jahren glücklicher Ehe ein Wort über ihn zu sprechen, zu hören oder 
gar die alte Heimat wiederzusehen, legt die Vermutung nahe, daß dieser geliebte 
Bruder im Unbewußten doch das Ziel heftiger Todeswünsche gewesen ist. 2 Eine Ur- 
sache für diesen Haß, der nie in ihr bewußtes Empfinden gedrungen ist, ist nicht er- 




232 Johanna Heimann 



sichtlich, außer der einen, vom Schicksal gegebenen, daß er eben ein Bruder, ein Mann 
war. Die Unvergänglichkeit ihrer Trauer würde sich dann aus der Schwere der 
Schuldgefühle erklären, die ja nicht weichen konnten, weil der wirklich eingetretene 
Tod vom Unbewußten als Erfüllung seiner Wünsche aufgefaßt wurde. 

Eine andere Spur, der wir folgen müssen, bilden die Ohnmachtsanfälle. Die Nei- 
gung zu Ohnmächten, die schon vor dem Verlust des Bruders und gerade während 
des intensiven Zusammenlebens mit ihm das Krankheitsbild beherrschten, wurde zum 
auffallendsten Symptom. "Wir kennen die allgemeine Bedeutung hysterischer Ohn- 
mächten. Sie bedeuten das Aufgeben der bewußten Abwehr gegen die aus dem Unbe- 
wußten aufsteigenden "Wünsche. Im Falle Elisabeth Brownings bedeutete das Ohn- 
mächtigwerden ein Sichfallenlassen in die vom Unbewußten andrängende Gewalt der 
Liebes- und Todessehnsucht. Diese Deutung, die sich aus den Sonetten unmittelbar 
ergibt, wird durch theoretische Überlegungen über das Zustandekommen der Sym- 
ptome bekräftigt. In einem neurotischen Symptom findet sich sowohl die Tendenz 
zur Triebbefriedigung als auch die zur Unterdrückung des Triebes. 

Triebbefriedigung: Die Ohnmachtsanfälle Elisabeth Brownings stellen den denkbar 
stärksten Ausdruck für weibliche Schwäche und weibliches Verlangen nach Über- 
wältigung dar; Triebunterdrückung: Zugleich bedeutet die Bewußtlosigkeit die Flucht 
vor der Liebe und die Bestrafung für das Liebesverlangen durch den Tod. 

Elisabeths Neurose ist also folgendermaßen determiniert: 

1. Sie gewährt Schutz vor des Vaters und den eigenen Triebregungen. 

2. Sie stellt eine Identifizierung mit der kranken Mutter dar. 

3. Sie erstrebt den Tod, um die Vereinigung mit dem Bruder zu erreichen. 

4. Sie bezweckt den Tod als Sühne für Wunschphantasien und Gewissensschuld. 
Unter dem Druck solchen Leidens wartete Elisabeth Browning auf den Tod, als die 

Wende in ihr Leben trat. Zwei Zeugnisse aus dieser Zeit sollen angeführt werden, die 
die Spannweite zwischen ihrem damaligen und ihrem späteren seelischen Standort 
überzeugend beweisen. Das eine, aus der Widmung ihrer Gedichte an den Vater, 
zeigt ihre Fixierung an ihn, das andere, dem Brief an eine Freundin entnommen, die 
Trostlosigkeit ihres Daseins. 

Aus der Widmung an den Vater 

. . . „Mein Wunsch ist, daß Du, der Du Zeuge bist, wie diese Kunst meinen erschöpften 
Händen entglitten sein müßte, wenn sie mir nicht solch ernstes Ziel gewesen wäre, daß Du, 
der alles Herbe und Süße mit mir getragen, es gemildert oder gesteigert hast — daß Du, der 
Du mit mir über alles Gefühl von Verlust und Vergänglichkeit hinweg eine Hoffnung und 
einen Namen festhältst, die Zueignung dieser Bücher annehmen mögest, der Exponenten 
einiger Jahre eines Daseins, welches von Dir nicht nur gegeben, sondern auch erhalten und 
mit Trost gelabt wurde. 

Zaghafter, als ich früher war, möchte ich gleichsam zu einer sichtbaren persönlichen Ab- 
hängigkeit von Dir zurückkehren, als wäre ich wirklich wieder ein Kind, Dein geliebtes Bild 
zwischen mich und das Publikum heraufbeschwören, um doch des Lächelns eines Menschen 
sicher zu sein und — indem ich meinen Ehrgeiz heilige — meinem Herzen Genüge tun durch 
die Vereinigung des größten Strebens in meinem Leben mit seiner zartesten und heiligen 
Liebe." 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



233 



Zitat aus einem Brief 
.„Meine Familie war es so gewohnt, mich in jenem Zimmer weiter leben zu wissen, 
daß, während mein Herz sich verzehrte, ihre Liebe für mich Trost fand und das Leiden 
schließlich kaum noch bemerkt wurde. Es war kein Mangel an Liebe und an sich ganz 
natürlich, wir alle gewöhnen uns an den Gedanken eines Grabes; und ich war begraben, das 
W ar alles . . . Könnte ich Dir beschreiben und aufzeichnen, wie vollkommen ich, nach dem, 
was mein Herz in Torquay gebrochen hatte, an der Peripherie meines Lebens dahinlebte; 
jahrelang, im Blinden und Dunkel von Tag zu Tag, jeder Art Hoffnung so vollkommen er- 
storben, als hätte ich mein Gesicht einem Grabe zugewandt." 

Aber an diesem absterbenden Organismus grünte ein Zweig so kräftig, als ob er 
täglich frisch begossen würde: ihre Dichtung. War auch ihre ganze Libido vom 
Vater mit Beschlag belegt und waren auch alle Wege zu Objektbeziehungen gesperrt, 
den der Sublimierung hatte er ihr selber freigegeben und geebnet. So kam es, daß 
gerade in den ödesten Jahren ihre Dichtung an Tiefe und Sicherheit der Form ge- 
wann, und als sie 1844 zum erstenmal ihre gesammelten Gedichte herausgab, zeigte 
es sich, daß sie nicht nur einen Kreis von Freunden und Verehrern erworben hatte, 
sondern daß sie darüber hinaus eine der populärsten Dichtererscheinungen Englands 
geworden war. 

Unter ihren Anhängern war auch Robert Browning, der seiner Bewunderung in 
einem Briefe Ausdruck gab. Er bat im folgenden um die Erlaubnis, sie aufzusuchen, 
und war der erste seit Jahren, dem die Erfüllung dieser Bitte erst in Aussicht gestellt 
und einige Monate später wirklich gewährt wurde. 

Was diesen dreiunddreißigjährigen kerngesunden Mann voll unerschöpflicher Lebens- 
kraft und Frische, dessen eigener Ruhm im Aufsteigen war, der in einem selten har- 
monischen Elternhaus aufgewachsen war, den weder materielle Sorgen noch innere 
Konflikte ernstlich bedroht hatten, der Zeit seines Lebens so viele Frauen gewinnen 
konnte, wie er nur wollte — was diesen Sonntagsmenschen bewogen hat, seine Kraft 
und seine Liebe dieser gebrochenen Frau zu schenken, verdiente eine selbständige 
Untersuchung. 

Der erste Brief von Browning an Elisabeth leitet bereits die Genesung ein. Der 
Gesundungsprozeß, der sich nun vollzieht, wird am besten durch die bloßen Tatsachen 
illustriert. Brownings erster Brief wird am 10. Jänner geschrieben. Elisabeth er- 
widert ihn sofort und bis Mitte Mai wird der Briefwechsel eifrig fortgesetzt. Am 
17. Mai erreichte es Browning, sie zum erstenmal zu sehen. Bei diesem Besuch war 
er in der irrigen Meinung befangen, daß Elisabeth unheilbar rückenmarksleidend sei 
und niemals imstande sein würde, aufrecht auf ihren Füßen zu stehen. Schon am 
nächsten Tage schreibt er ihr ein offenes Liebesbekenntnis. Seine Besuche werden 
nun regelmäßig einmal, zuweilen auch zweimal wöchentlich fortgesetzt. Hand in 
Hand damit gehen die Fortschritte in Elisabeths Befinden. Im September ist ihr 
Zögern endlich überwunden und sie willigt ein, seine Frau zu werden, falls sie nicht 
rückfällig werde. Ein Jahr später, am 12. September 1846, also 20 Monate nach dem 
ersten Brief, 16 Monate nach dem ersten Zusammensein, läßt sie sich heimlich trauen 
und verläßt einige Tage später — ohne sich auch nur einem Menschen anzuvertrauen 
— ihr Vaterhaus, um ihrem Mann in ihre zweite Heimat, nach Italien zu folgen. 



n 



234 Johanna Heimann 



Es drängt sich nun die Frage auf: Wie weit kann hier bei diesem scheinbaren Uber- 
tragungserfolg von Heilung und wirklicher Genesung die Rede sein? — Im streng 
medizinischen Sinne gewiß nicht. Ihr Lungenleiden machte sich oft bemerkbar, und 
ihre zarte Konstitution mußte in allen Lebenslagen sorgsam berücksichtigt werden. 
Aber der neurotische Charakter des Leidens war geschwunden. Sie hat die folgenden 
15 Jahre bis zu ihrem Tode den Reichtum des Daseins genossen und drei Lebens- 
aufgaben des Menschen: Beruf, Erotik und Gemeinschaft, aufs glücklichste gelöst. 

Mit 40 Jahren hat sie geheiratet, mit 43 Jahren ohne größere Beschwerden ein ge- 
sundes Kind geboren und alle bedeutsamen Erlebnisse, z. B. große Reisen, mit ihrem 
Mann geteilt. Sie hat ständig literarisch gearbeitet und im Laufe ihrer Ehe den 
Gipfel ihres Ruhmes erreicht; sie hat Freundschaft und Geselligkeit gepflegt und hat 
schließlich leidenschaftlich an den Bestrebungen zu Italiens politischer Einigung An- 
teil genommen. 

Einen Einblick in das innere und äußere Geschehen zwischen Browning und ihr 
gewährt der Briefwechsel; was aber in den tiefsten Schichten von Elisabeths Seele vor 
sich ging und auch nur mit dem Einsatz ihrer letzten Kräfte ausgefochten werden 
konnte, das spiegelt sich und ist Gestalt geworden in den Sonetten. 

Die 44 Liebessonette, die später unter dem Namen „Sonette aus dem Portu- 
giesischen" veröffentlicht wurden, sind gleichzeitig mit den Briefen zwischen 
dem ersten Zusammensein und der Heirat, also zwischen Mai 1845 und Sep- 
tember 1846 entstanden. Sie stellen ein geschlossenes, organisch erwachsenes 
Kunstwerk dar und sind zugleich für Elisabeth von höchster Aktualität ge- 
wesen. Sie sind sämtlich an Browning gerichtete Gespräche, in denen sie ihm, 
als imaginärem Zuhörer, all ihre Zweifel und ihre Bedenken rückhaltlos bekennt, 
ohne durch Anteilnahme und Gegenrede von ihm gestört zu werden. Sie hat 
also hier für ihre Dichtung eine Form gefunden, die in einer Hinsicht der vom 
Analytiker künstlich geschaffenen Situation ähnlich ist. Ein paar Worte über 
Brownings Rolle in dem Drama sind an dieser Stelle unerläßlich. 

Wenn man unbefangen, und ohne sonst etwas von ihm zu wissen, Robert 
Browning betrachtet, wie er uns aus den Briefen entgegentritt, ist man ge- 
radezu verwundert über den selbstverständlichen Takt und die überlegene Klug- 
heit, mit der er alle Situationen meistert. Ab und zu zweifelt man, ob er 
nicht in klarer Übersicht der Gesamtlage handelt. Aber dann überzeugt er 
wieder durch ein paar Worte von der völligen Spontaneität seines Verhal- 
tens. Er ist getragen von dem Vertrauen zu der Echtheit und Unbesiegbar- 
keit von Elisabeths großer Natur und zu der Kraft seiner Liebe, die ihr den 
verlorenen Lebensmut wiedergeben müsse. Daß er in allen Einzelheiten zarteste 
Vorsicht und größte Klugheit walten läßt und wie ein erfahrener Psycho- 
therapeut an den richtigen Stellen Zuspruch, Trost und auch Suggestionen ein- 
fließen läßt, bildet die sichtbare Ergänzung zu seinem unbeirrbaren Optimismus. 
Außer seinen persönlichen Vorzügen gab es noch einige naturgegebene Um- 






Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



235 



stände, die Browning zu seiner Befreierrolle prädisponierten. Er wird allge- 
mein — nicht nur von Elisabeth — als ungewöhnlich schöner, blühender 
Mensch geschildert, dessen gesunde Kraft gleichermaßen in seinem Aussehen 
wie in seinem Wesen zum Ausdruck kam. Elisabeth begründet aber ihre Liebe 
zum Vater wegen dessen männlicher Festigkeit und Energie einmal mit den 
Worten: „Immer hat er mein ganzes Herz besessen, weil ich zu jenen 
schwachen Frauen gehöre, die starke Männer lieben." Und über Browning ist 
ein Wort von ihr erhalten, sie habe die „Meisterschaft in ihm gefühlt beim 
ersten Wort und ersten Blick". So war also ein wichtiger Faktor vorhanden, 
der die Übertragung vom Vater auf ihn ermöglichte. Aber wichtiger noch 
war es, daß Browning sechs Jahre jünger war als Elisabeth. Diese Tatsache 
empfand sie bewußt oft genug als erschwerend für ihre Verbindung, während 
sie in Wahrheit nach zwei Seiten hin als besonders günstig angesehen werden 
muß. 

Elisabeths Mutter war fünf Jahre älter gewesen als ihr Mann; es war also 
das Altersverhältnis zwischen Elisabeth und Browning etwa ebensogroß wie 
zwischen ihren Eltern; ihr geliebter Bruder wiederum war zwei Jahre jünger 
gewesen als sie. Ihr Wunsch nach Identifizierung mit der Mutter, die sich 
während ihrer Bindung an den Vater nur in der Krankheit äußern konnte, war 
in dieser neuen Beziehung unmittelbar befriedigt und konnte von nun an auf 
neurotische Einkleidung verzichten. Wahrscheinlich ist der Altersunterschied 
zwischen ihr und Browning, insofern er das Schwester-Bruder- Verhältnis 
wiederholt, noch einflußreicher gewesen. Dem Bruder galt ja Elisabeths schran- 
kenlose Liebe. Er war für sie das Glück schlechthin. Browning scheint ihm 
in manchen Zügen, vor allem in seiner nie versagenden Ritterlichkeit, ge- 
ähnelt zu haben und viele sehr interessante Abschnitte aus dem Briefwechsel 
lassen darauf schließen, daß er im wesentlichen der auferstandene Bruder für 
sie war. 

Brownings Vater- und Bruder-Ähnlichkeit boten Elisabeths gefesselter Liebes- 
fähigkeit glückliche Hilfen für den Übertragungsweg; ein Browning persön- 
lich zugehöriges Moment zur Gewinnung ihrer Liebe aber war seine Eigen- 
schaft als Dichter. Es muß eindringlich gesagt werden und wurde von 
Elisabeth in den Sonetten immer wieder betont, daß er, der Dichter, sie, die 
Dichterin, erkannt und gerufen hat und daß sie diesem Ruf des Dichters, dem 
sie sich ebenbürtig fühlte, gefolgt ist, ehe er sie noch gelehrt hatte, Weib und 
Geliebte zu sein. Wir erleben hier das seltene Schauspiel, daß Vergeistigung 
und höchste Sublimierung am Anfang und triebsstarke Sinnenhaftigkeit am 
Schluß eines psychologischen Werdeganges steht. Brownings Künstlertum ist 
auch der einzige Punkt, an dem er unnachgiebig sein konnte. So hat er nur 
einmal einen Wunsch Elisabeths nicht berücksichtigt: nämlich als er auf der 



236 Johanna Heimann 



Veröffentlichung der Sonette, die die Krone ihrer Dichtung bilden, bestand. 
Elisabeth Browning, die allein durch ihr Schicksal der Geschichte angehört, ist 
durch ihre Sonette zu einer großen Dichterin geworden. 

Wollte man die Entstehung des Kunstwerkes psychologisch motivieren, so 
wäre ihm die Aufgabe zuzuschreiben, die Spannung zwischen dem Es und 
Über-Ich auszugleichen. 3 Diese Behauptung findet man vollauf bestätigt, wenn 
man die Sonette daraufhin einzeln nachprüft. Hier findet sich die zweite 
Analogie zur Analyse, der es ja gleichfalls obliegt, die aus dem Ubw. stam- 
menden Triebwünsche mit den Ansprüchen des Über-Ichs in Einklang zu brin- 
gen. Bei Elisabeth Browning ist dieser Spannungsausgleich zwischen Es und 
Über-Ich von entscheidender Bedeutung für ihre Heilung. 

Elisabeths Neurose war, wie wir gesehen haben, von vier Tendenzen be- 
herrscht: Sie war der Ausdruck für die Identifizierung mit der Mutter, die 
Liebesgenuß erlebt und den Tod erlitten hatte; sie bot Schutz vor unerlaubten 
Trieb wünschen; sie erstrebte den Tod als Sühne für die inzestuöse Bindung an 
Vater und Bruder; und sie erstrebte den Tod als Mittel zur Vereinigung mit 
dem geliebten Bruder. 

Diese vier Strebungen haben deutlich zwei Mächte zum Ausgangspunkt und 
zum Ziel: den Tod und die Liebe. Es leuchtet ein, daß bei der Verteilung in 
ihre Heimatbezirke das Todesstreben dem Über-Ich, das Liebesverlangen dem 
Es zugewiesen werden muß, daß also in dem Heilungsvorgang der Spannungs- 
ausgleich zwischen Es und Über-Ich inhaltlich als ein solcher von Todessehn- 
sucht und Liebessehnsucht zum Ausdruck kommt. 

Diese für Elisabeth so charakteristische Verdichtung von beiden muß, da 
sie das Kernstück ihrer Neurose bildet, auch die Leitlinie für ihre Heilung 
sein. Dementsprechend ist auch das Thema, das die Sonette vom ersten bis 
zum letzten in großen Schwingungen durchzieht, die Auseinandersetzung mit 
der Gleichung zwischen Tod und Liebe. In einer Arbeit von Helmuth Kaiser 
über den „Prinzen von Homburg", die das gleiche Thema behandelt, 4 wurde 
gezeigt, daß Kleist sterben mußte, weil er bewußt die Liebe, aber unbewußt 
den Tod suchte. Bei Elisabeth Browning findet das Umgekehrte statt. Sie er- 
sehnte bewußt den Tod und unbewußt die Liebe. Die Bewußtwerdung 
dieser stärkeren unbewußten Tendenz ist die Arbeit in den Sonetten. Die 
Frucht der Sonette ist ihr endlicher Sieg. 

Im ersten Gedicht haben wir als Anfangsstadium in einem Bilde die völlige 
Identität von Tod und Liebe: eine Gestalt, die der Tod zu sein scheint, ent- 
hüllt sich in Wahrheit als Liebe. Im weiteren Verlauf der Dichtung können 
wir das Auseinanderrücken dieser beiden Gestalten und das allmähliche Über- 



3) s. H. Sachs, „Gemeinsame Tagträume", Wien 1924. 

4) Imago, Bd. XVI, 1930. 



gewicht der Liebe über den Tod schrittweise verfolgen und dabei wie in einer 
schulgerechten Analyse den Wechsel zwischen Fortschritten und Rückschlägen 
beobachten. Das 43. Sonett, dem Sinne nach das letzte des Zyklus, versucht 
den Umkreis ihres Liebens noch einmal zu umreißen und schließt mit der zu- 
versichtlichen Gewißheit, daß ihre Liebe, stärker als alle anderen Schicksals- 
mächte, auch den Tod überdauern wird, Damit ist der denkbar stärkste Aus- 
druck für das Hinauswachsen der Liebe über den Tod gegeben. Thema und 
Hauptinhalt der Sonette ist damit bezeichnet; ein eng dazugehöriger zweiter 
Gesichtspunkt muß aber noch besonders erwähnt werden. Es ist die Wand- 
lung der Dichterin von der stürmisch umworbenen Geliebten zum liebenden 
Weib. Hier wird der wichtigste Faktor im Heilungsprozeß dargestellt, dessen 
Niederschlag vornehmlich in der reichen Bildersprache der Dichtung zu finden 
ist. Fassen wir die Gedichte etwa wie Mitteilungen in der Analyse auf, so 
geben sie uns Aufschluß darüber, wie Elisabeth über ihre unbewußte Einstel- 
lung zu Vater, Mutter und Bruder im einzelnen Herr wird und somit zur 
vollen Bejahung ihrer eigenen erwachsenen Geschlechtsrolle gelangt. Im An- 
schluß an diese Entwicklung von der Geliebten zum liebenden Weib, die prak- 
tisch die Wandlung von passiver Hingabe an das ihr bestimmte Schicksal zu 
höchster Aktivität, ja, zu wirksamer Gestaltung dieses Schicksals selbst be- 
deutete, ergibt sich der dritte und vielleicht der wichtigste Gedanke über die 
grundsätzliche Bedeutung der Sonette. Es handelt sich um die Frage: Ist sie 
durch die besonderen Umstände ihres Liebeserlebens gesund geworden und hat 
sie diesen Werdegang in den Sonetten niedergelegt, künstlerisch zwar in voll- 
endeter Form, aber von keiner anderen Absicht geleitet, als ein Tagebuch- 
schreiber, der nur berichtet? Oder hat sie sich durch die dichterische Arbeit 
Schritt für Schritt, Gedicht für Gedicht, erst reif und fähig gemacht, diese 
Liebe zu bewältigen und selbständig zu gestalten? Mit einem Wort: Sind die 
Sonette eine Darstellung ihrer Heilung, oder sind sie die Heilung selbst? 
Die zweite Ansicht, der Heilungsprozeß gehe in den Gedichten erst wirk- 
lich vor sich, die den Anstoß zu dieser Arbeit gegeben hat, möchte ich nun 
verdeutlichen, indem ich das Schema meiner Untersuchung kurz skizziere und 
dann die Sonette einzeln durchgehe. 



Ich habe die 44 Gedichte ausnahmslos unter Berücksichtigung folgender drei 
Gesichtspunkte analysiert: Was ist der bewußte Inhalt des Gedichtes? Was ist 
an unbewußten Wünschen, Befürchtungen oder Einsichten in dem Gedicht 
enthalten? Welche Bedeutung kommt dem Gedicht im Gesamtaufbau zu, 
welche Funktion hat gerade dies Sonett an dieser Stelle im Heilungsprozeß 
zu erfüllen? Der letzte und zugleich wichtigste Gesichtspunkt für unsere 
Untersuchung ließ sich manchmal nur aus dem Verständnis der nachfolgenden 

Imago XXI/2 !5 



n 



338 Johanna Heimann 



Gedichte erschließen. Versucht man den im Ubw. verlaufenden Gedanken- 
gängen zu folgen, so läßt sich der für die Heilung maßgebende Aufbau der 
Sonette folgendermaßen darstellen. 

Die ersten drei, 5 von hoffnungsloser Traurigkeit erfüllten Sonette haben die 
Aufgabe, die Notwendigkeit des gottgewollten Verzichts unter vielfacher Be- 
tonung des Wertunterschiedes zwischen Browning und Elisabeth unwider- 
ruflich auszusprechen. Es wurde schon gesagt, daß im ersten Gedicht eine 
völlige Identität von Tod und Liebe herrscht. Eine unbekannte Gestalt steht 

' Und eine Stimme rief, die furchtbar war: 

„Rate, wer hält dich so? — Der Tod gewiß." 

— „Die Liebe" — klang es wieder, sanft und nah. 

Entgegen der allgemeinen Auffassung steht die Vergangenheit vor ihren 
Augen, die Zunkunft hinter ihr, weil jede Möglichkeit vermieden werden 
muß, in der Gestalt der Zukunft die Liebe zu erkennen. 

Im 4. (VI.) Sonett wird zum erstenmal in mannigfacher bildlicher Einklei- 
dung der Akzent auf den Geschlechtsunterschied gelegt. Solche Häufung 
der Bilder ist charakteristisch für Elisabeth, wenn eine ubw. gewesene Emp- 
findung ins Bereich des Sagbaren vorstößt. Es heißt da: 

„Und es gefällt dir, dieser dürftigen Tür 
Griff anzurühren? Ist es auszuhalten, 
daß deiner Fülle Klang in goldnen Falten 
vor eine Türe fällt, zu arm dafür? 
Sieh die zerbrochnen Fenster . . ." 

In diesen verschiedenen Symbolen verweist Elisabeth auf die Dürftigkeit 
des weiblichen Genitales und bringt sowohl den Wunsch zum Ausdruck, als 
Frau genommen zu werden, als auch die Angst, ihm eben, weil sie Frau ist, 
nicht zu genügen. 

Die einmal angeschnittene Frage des Geschlechtsproblems bewirkt nun 
einen gewaltigen Vorstoß in das Kernproblem, den Ödipuskomplex, dessen 
Untergang im nächsten Gedicht in unerhört plastischer Sprache geschildert 

Ich heb mein schweres Herz so feierlich, 
wie einst Elektra ihre Urne trug, 
und, dir ins Auge schauend, hin vor dich 
stürz ich die Asche aus dem Aschekrug. 

Ebenso aufschlußreich sind die letzten Zeilen des Gedichts durch die an 
Browning ergehende Warnung vor Kastration. Nach der Aufforderung, die 
Aschenglut auszutreten, heißt es weiter: 

5) Ubers. von R.M.Rilke: „Sonette aus dem Portugiesischen", Inselbücherei; die röm. 
Ziffern entsprechen der Anordnung der Übersetzung, die arab. Ziffern der tatsächlichen 
Reihenfolge. 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



239 



Denn wenn du so 
an meiner Seite wartest, bis den Staub 
ein Wind aufwehte . . . dieses Lorbeerlaub 
auf deinem Haupt, Geliebter, schützt nicht, wo 
es Feuer regnet, deine Haare. Eh 
sie dir versengen: tritt zurück. Nein: geh. 

Das Sonett verrät, daß der Tod des Vaters (das Austreten seiner Asche) die 
Voraussetzung der Liebe zu Browning ist, und enthält erstmalig eine Erklä- 
rung, wie es zu der Gleichung zwischen Tod und Liebe kommen konnte. 

Das 6. (VIII.) Sonett zeigt eine starke Reaktion im Sinne der Entsagung. 
Ein neues Moment findet sich hier, indem Elisabeth, um zum Verzicht zu ge- 
langen, den Weg der Identifizierung mit Browning beschreitet, die in mehreren 
Bildern sehr klar ausgesprochen wird. („Dein Herz muß in dem meinen bleiben, 
die Trauben sind überall im Wein.") Die Frage nach der Funktion dieses Ge- 
dichtes im Heilungsprozeß läßt sich leicht dahin beantworten: Durch die Iden- 
tifizierung mit Browning, die ja einem tatsächlichen Verzicht auf Liebesglück 
gleichkommt, wird Gott, also ihr Uber-Ich, besänftigt. Man darf erwarten, 
daß dieses sanftere Über-Ich ihr die Erfüllung ihrer Liebeswünsche in Zukunft 
leichter gestatten wird. 

Gleich im nächsten 7. (IX.) Sonett wird diese Vermutung bestätigt. Das für 
den Genesungsprozeß charakteristische Moment dieses Gedichtes liegt in den 

Die Namen: Heimat, Himmel schwanden fern, 
nur wo du bist, entsteht ein Ort. 

Sie weiß also, daß sie um Brownings willen ihre lebenden und ihre toten Ge- 
liebten aufgeben muß. Gleichzeitig mit dem Verzicht auf die ödipusobjekte 
widerruft sie den Verzicht auf Browning, den sie zum erstenmal als Objekt 
der Außenwelt wählt und bejaht. 

Die beiden nächsten Sonette handeln von dem Recht Elisabeths, Liebe an- 
zunehmen und wieder zu geben; eine Frage, die sie immer wieder beschäftigt, 
und auf die sie hier, entsprechend ihrer masochistischen Tendenz, die vor- 
läufige Antwort findet: Ich darf dich lieben, wenn ich dir zugleich entsage. 

Abwehr und Entsagung der letzten Gedichte werden im 10. (XII.) Sonett 
erheblich abgeschwächt, dessen Grundgedanke in den Worten liegt: 

„Es strahlt die Flamme, 
ob Tempel brennen oder Werg. Es bricht 
Licht aus dem Abfall und dem Zedernstamme. 
Liebe ist Feuer." 

Die Bedeutung dieser Worte läßt zum erstenmal die Erkenntnis ahnen, die 
sich später ins Bewußtsein durchdringt: die Liebe hat jetzt für mich schon die 
gleiche Funktion wie früher der Tod: sie macht uns einander gleich. 

16* 



Das ii. (XIII.) Sonett ist schon beim flüchtigen Lesen durch eine merkwür- 
dig sprunghafte, schwer verständliche Gedankenfolge gekennzeichnet, die sich 
erst aufhellt, wenn man die außerordentlich starke Ambivalenz — viermaliger 
Wechsel von Dürfen und Nichtdürfen innerhalb von vierzehn Zeilen — darin 
erkennt. Der aus den letzten Gedichten übernommene Gedanke, „ich verdiene 
zu lieben, bin deiner nicht unwert", tritt klar und einfach hervor, erfährt aber 
wieder die Einschränkung, „wenn ich dir entsage". Der bildlich ausgedrückte 
ubw. Inhalt des Gedichts würde in vereinfachter Form etwa heißen: „Ich 
wollte mit Hilfe meines Dichtens auf einen so hohen Berg, daß kein Vogel 
(kein Mann) mir nahen könnte (man beachte, daß bird im Englischen männ- 
lich ist). Nun kann ich es gerade mit einem gewöhnlichen Vogel weibchen im 
Tal aufnehmen. Ich muß dir also entsagen, weil du ein Mann bist, den ich 
zwar bewundere, aber zugleich fliehen muß." 

Während die früheren Gedichte den Kampf zwischen Es und Über-Ich, den 
Kampf um die Ablösung von den ödipusobjekten zeigten, leitet dieses Sonett 
den Kampf zwischen zwei Strömungen in einer tieferen Schicht ein und zeigt 
ein neues Motiv für ihre Ablehnung des Mannes: „Ich will mir selbst genug, 
selbst Mann sein". Das Erstmalige dieses Sonetts, das wir zugleich als seine 
Funktion im Heilungsprozeß bezeichnen dürfen, ist demnach der in sehr lar- 
vierter Form auftretende Konkurrenzkampf zwischen dem eigenen und dem 
männlichen Geschlecht, der in der Ambivalenz des Gedichtes zum Ausdruck 
kommt. 

Aus wahrscheinlich ubw. Schuldgefühlen wird der Konkurrenzkampf mit 
dem Mann im 12. (XIV.) Sonett wieder aufgegeben, dagegen der für ihre 
Heilung überaus wichtige Versuch der Übertragung ihrer Liebe vom Vater 
auf Browning erstmalig unternommen. Die Übertragung ihrer Beziehung zu 
den verschiedenen ödipusobjekten auf Browning bildet von nun an den wich- 
tigsten Bestandteil ihrer dichterischen Arbeit und zieht sich in den mannig- 
fachsten Schattierungen durch den ganzen Zyklus hindurch. Naturgemäß be- 
ginnt sie beim Vater, indem sie die ihm und Browning gemeinsame Stärke 
hervorhebt. Sie versichert, daß auch ihre Liebe zu Browning sein Werk sei, da 
er diese Liebe mit solchem Ernst von ihr gefordert habe, und zieht im Ubw. 
daraus den Schluß, „ich habe keine Schuld an meiner Liebe, denn du bist es 
ja, der mich fast verführt, wie früher der Vater". 

Die beiden nächsten Sonette scheinen auf den Gang der Heilung keinen we- 
sentlichen Einfluß zu haben. Das 13. (XV.) muß aber erwähnt werden, weil 
Elisabeths Verhältnis zur Sprache darin berührt wird. Trotz aller Bemühungen 
ist das Problem, was das tönende Wort für Elisabeth bedeute, undurchsichtig 
geblieben. Die Frage, wann das Wort ihr Erlösung bringe und wann im Gegen- 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



241 



teil Schrecken und Vernichtung, — für beides sind namentlich im Briefwechsel 
zahlreiche Hinweise vorhanden, — konnte nicht beantwortet werden. 

Das 15. (XVII.) Sonett hat zum Inhalt die deutliche, fast bewußte Anstren- 
gung, ihre Liebe vom Bruder auf Browning zu übertragen. Dieser erste Ver- 
such gelingt nur insofern, als sie sich Brownings Liebe, die „ihren Schmerz 
ringsum umschlossen hat mit Herrlichkeit" getrost überläßt, ohne doch an 
ihren Fortbestand zu glauben. Elisabeth rührt in diesem ergreifenden Gedicht 
an den tiefsten Schmerz ihres Lebens, den Tod ihres Bruders. Wir sehen, wie 
jede Hoffnung, jeder Gedanke an eine lichtere Zukunft hier strandet, wie es 
ihr trotz ihrem schon erstarkten Selbstgefühl unumstößliche Gewißheit ist, 
daß auch diesmal wie damals beim Bruder die Liebe mit dem Tod enden muß. 

„Doch, in dich verloren 
seh ich die Liebe und der Liebe Ende. 
Und das Vergessen rauscht in meinen Ohren. 
So sieht, wer hoch sitzt, aller Ströme "Wende 
und Ausgang in des Meeres bittre Tiefe." 

Kaum glaublich, daß die Szenerie dieses Gedichtes zufällig sein sollte und 
nicht vielmehr eine Erinnerung an jene Stunden, da sie von den Klippen von 
Torquay hinuntergeschaut hatte aufs Meer; kaum der Erwähnung bedürftig, 
daß der Gedanke sie nicht verläßt: ich sehe überall, wie der Strom der Liebe 
ins bittere Meer der Vergessenheit mündet, in dem der Bruder versinken wird, 
so wie er vor Jahren im wirklichen Meer versunken ist. Warum vermag sie 
sich auch jetzt noch nicht von diesem düsteren Geschehen zu lösen? Weil der 
Tod des Bruders nicht nur Verlust, sondern vor allem Vorwurf für sie ist. 
Früher war sie bereit, für ihre Schuld am Bruder — und wir dürfen ergänzen: 
an der Mutter — mit dem Tod zu büßen, und sie hat diese Sühne durch 
Krankheit und völlige Isolierung zu realisieren versucht. In diesem Sonett ver- 
bindet sie — ein deutliches Zeichen ihrer Gesundung — zum erstenmal de- 
pressive Stimmungen nicht mit dem Tod. Der Leitgedanke dieses schwer zu 
durchschauenden Sonetts könnte vielleicht heißen: Durch die Liebe von meinen 
Gewissensqualen befreit, versuche ich zu vergessen, daß der Bruder gestorben 
ist — doch kann ich's nicht. Immer rauscht die Erinnerung wie damals die 
Meeresbrandung in meinen Ohren. Wenn auch die drängende Fülle der Emp- 
findungen das klare Verständnis des Sonetts beeinträchtigt, so ist eine Deu- 
tung doch mit Sicherheit erlaubt, die zugleich seine ökonomische Tendenz 
enthüllt: das Gedicht zeigt den gelungenen Versuch, sich durch die Hinwen- 
dung auf ein geeignetes Ubertragungsobjekt von den Schuldgefühlen wegen 
der Inzestobjekte zu entlasten. Diese Bedingung erklärt es auch, daß die Liebe 
so ungeheuer stark werden mußte. 

Nach der Minderung der dem Uber-Ich geltenden Angst vor dem 



242 



Johanna Heimann 



Schicksal und der Schuldgefühle gegen die Inzestobjekte kann sich Elisabeth 

dem Liebesobjekt offener zuwenden. Der Kern des 16. (XVIII.) Sonetts ist, 

bewußt wie unbewußt, derselbe: Ich wehre mich nicht mehr gegen deine 

Liebe. Ich bin besiegt. Mache du mich besser und reicher. Mit ihren eigenen 

Worten: ,_, . c . 

Ob einer Sieg ertrug, 

ob er ihn siegte: jedes kann vollkommen 

und adlig sein. Dem, der ihn aufgenommen 

vom blutigen Boden, reicht ihm der Soldat 

nicht seinen Degen hin, so wie ich jetzt 

feststellen will, daß ich mich nicht mehr wehre? 

Die Bejahung der weiblichen Rolle zeigt sich hier wieder in der reichen 
Symbolsprache, die ins Realistische übersetzt heißen würde: Der Soldat ruht 
auf blutigem Boden (ich habe mich bisher als Mann gefühlt, nun habe ich 
keine Deflorationsangst mehr), er reicht dem Sieger den Degen hin (ich gebe 
dir meinen phantasierten Penis ab und erkenne damit an, daß du Mann bist 
und ich Frau). Nimmt man noch die Schlußworte hinzu: 

„Dein Wort ist mächtig über mich gesetzt. 
Was kann ich tun, wenn deine Liebe naht, 
als wollen: daß sie wachsend mich vermehre," 

die ja deutlich den Wunsch enthüllen, sich durch seinen Samen zu vermehren, 
ein Kind von ihm zu tragen, so darf man die Behauptung wagen, daß der 
Konkurrenzkampf zwischen den Geschlechtern, der hier als Kampf um Tod 
und Leben greifbar dargestellt wird, mit diesem Sonett grundsätzlich entschie- 
den ist. Trotz der bisher unerreicht positiven Einstellung zur Liebe wird in 
dem Gedicht nichts von Tod und Buße erwähnt. Die ausschlaggebende und 
weittragende Bedeutung des Sonetts für die Heilung liegt in dem vollen, un- 
eingeschränkten Bekenntnis zur Weiblichkeit. 

Im 17. (XIX.) Sonett erreicht die Verherrlichung Brownings, eingeleitet 
durch die Worte: „Du hast, mein Dichter, alle Macht, zu rühren an Gottes 
äußersten und letzten Kreis", einen fast ekstatischen Grad. Browning, das 
irdische Liebesobjekt, ist zum Vertreter Gottes geworden und soll als solcher 
über ihre fernere Zukunft bestimmen. 

„Deine Heilkunst weiß 
ein Gegengift zu finden, dessen Kraft 
selbst Aufgegebene noch rätselhaft 
zu retten scheint. Gott gab dir das Geheiß, 
dieses zu tun, so wie er mir befahl, 
zu tun nach deinem Wort. Was soll ich sein: 
Vergangnes oder Kommendes, daß dein 
Gesang es grüße oder es beweine? 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 243 

Ein Schatten, der dich mahnt an Palmenhaine? 
Ein Grab, dabei du ruhst? — Du hast die Wahl." 

Die Verzichtsstimmung, die zur Frage „Schatten oder Grab" führt, wird 
verständlich, wenn man annimmt, daß der Entschluß im vorigen Sonett, 
Frau zu sein, die Identifizierung mit der Mutter frisch belebt hat. Damit zu- 
gleich mußte aber die Todeserwartung aktiviert werden, denn auch die Mutter 
mußte sterben, als es Gott gefiel. Der in dem Gedicht oft wiederholten An- 
rufung Brownings als Dichter liegt der ubw. Sinn zugrunde: die Form der 
Sublimierung, die wir beide gewählt, und die Höhe, die wir in ihr erreicht 
haben, schafft mir die Möglichkeit, mir meine Triebwünsche zu gestatten. 

Die beiden nächsten Sonette handeln von einem damals üblichen Freund- 
schaftsbeweis: dem Austausch einer Locke. Von den mancherlei Bedeutungen 
dieser Handlung sei die für die Heilung wesentlichste hervorgehoben. Die frei- 
willige Trennung von ihrem Haar bedeutet für ihr Ubw. vor allem den Be- 
weis, daß sie keine Kastrationsangst mehr hat, und die Ausführung des im 
16. (XVIII.) Sonett ausgesprochenen Vorsatzes, dem Sieger Browning ihren 
Degen zu überreichen. Den symbolischen Worten von damals folgt die reale 
Handlung. 

Die Bedeutung des 21. (XXIII.) Sonetts wird bestimmt durch die erstmalig 
auftretende Forderung nach Liebe und Geliebtwerden, die wiederholt und fast 
heftig ausgesprochen wird. Die mitten im Gedicht hervorbrechenden Ängste 

und Zweifel: 

Geliebter, da im Dunkel redet höhnend 

ein Zweifelgeist mich an; ich möchte schrein: 

„Sag wieder, daß du liebst," 

dürfen aber nicht nur als bewußte Angst vor Liebesversagung gewertet wer- 
den, sondern auch als Ausdruck für die unbewußte Unersättlichkeit ihres Be- 
gehrens, das durch die Angst überdeckt werden soll. 

Die beruhigende Antwort auf diese Zweifel findet Elisabeth im nächsten 
22. (XXIV.) Sonett, in dem sie vom Bewußtsein her zeigt, wie sie und Brow- 
ning einander vor jeglicher Gefahr beschützen müssen. Als ungelöstes Problem 
erscheint auch hier ihre Stellung zum "Wort: das Schweigen auf der Erde wird 
dem Gesang im Himmel vorgezogen. 

Was tut uns diese Erde dann noch Banges? 
Und stiegst du lieber durch die Engel? Kaum; — 
sie schütteten uns Sterne des Gesanges 
in unsres Schweigens lieben tiefen Raum. 

Das 23. (XXV.) Sonett zeigt, daß ihre Angst vor der gefürchteten Liebesver- 
sagung gewichen und das Gefühl tief glücklicher Beruhigung über die fast un- 
wirkliche Erfüllung ihrer Wünsche an ihre Stelle getreten ist. 



a 44 Johanna Heimann 



So ist es wirklich wahr, daß, stürb ich dir, 
du fühltest, wie das Leben dann um meins 
weniger wurde. Dieses Sonnenscheins 
Gefühl, es trübte sich, wenn hier 

um mein Gesicht Grabschwärze wäre? Fast 
erschrak ich, da du's schriebst. Ich bin ja dein; 
aber daß du an mir so Großes hast — ? 



O dann 
träum ich nicht mehr vom Tod. Dann sieh mich an, 
Geliebter, liebe mich, umgib mich ganz. 

Sehr große Damen taten ihren Glanz 

um solche Dinge ab. Ich aber werde 

dem nahen Himmel fremd um deine Erde. 

^ Zum Verständnis dieses überaus wichtigen Gedichtes ist es erforderlich, sich 
die Grundgedanken des 17. (XIX.) und des vorletzten 21. (XXIII.) zurückzu- 
rufen, die hier wieder anklingen. In ersterem wurde die Frage gestellt: „Was 
soll ich sein: Vergangenes oder Kommendes, daß dein Gesang es grüße oder es 
beweine?"; auf den Inhalt des letzteren mit den Anfangsworten: „Sag immer 
wieder und noch einmal sag, daß du mich liebst", wurde eingangs hingewiesen. 
Browning scheint beides zugleich beantwortet zu haben, die im 17. (XIX.) und 
19. (XXI.) gestellte Frage: „Bestimme, ob ich leben oder sterben soll?" mit 
der Entscheidung: „Du sollst leben"; die angstvollen Zweifel im 21. (XXIII.) 
und 23. (XXV.) Sonett: „Liebst du mich auch genug?" mit der eindeutigen 
Entgegnung: „Du sollst für mich leben, du darfst mir nicht sterben". 

Dieses „Du sollst leben" aus Brownings Mund ist eine Aufhebung des Ge- 
botes der Mutter „Du mußt sterben", das bisher ihr Leben beherrscht hatte. 
Zugleich mit dem ausdrücklichen Befehl „Du sollst leben" wird ein Teil der 
Identifizierung mit der Mutter gelöst, nämlich der Zwang, wie sie zu sterben, 
jene aus Straf bedürfnis entspringende Todeserwartung, die im 17. (XIX.) So- 
nett angedeutet war. Damals hieß es, „wenn ich die Mutter bin, muß ich auch 
wie sie sterben, sobald es Gott (dem Vater) gefällt". Nun heißt es, „ich darf 
die Mutter sein und soll doch auf Wunsch meines Gottes (Browning) und ihm 
zuliebe leben". 

Als neuer Gedanke kommt hinzu, daß sie die Liebe für den Tod eintauscht. 
(Ich werde dem nahen Himmel, d. i. der toten Mutter, fremd um deine Erde.) 
Damit ist zum erstenmal die Gleichwertigkeit von Tod und Liebe bewußt, 
wenn auch vom Gleichnis noch leicht verhüllt, anerkannt. Mit Selbstverständ- 
lichkeit ergibt sich aus der Analyse dieses Gedichtes seine Funktion für die 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



245 



Heilung: Elisabeth hat eine der stärksten Wurzeln ihres Todesstrebens, das 
w ie eine Verpflichtung zu sterben anmutete, nämlich die Identifizierung 
mit der toten Mutter aufgegeben und ihre Hinwendung zum Liebesobjekt ent- 
scheidend gefördert. 

Bisher dienten die Sonette der Auseinandersetzung mit den Inzestobjekten 
und dem Über-Ich; im 24. (XXVI.) Sonett wird die schon im vorletzten be- 
gonnene Auseinandersetzung mit der Realität wieder aufgenommen. 

Jedoch wird dieser Versuch gleich danach im 25. (XXVII.) Sonett zugunsten 
der Rückkehr zum Liebesobjekt wieder unterbrochen: 

Gott war zu schwach, 
mein überladnes Herz hinauszuheben 
über die bange Welt. 



Durch die eigne Schwere 

sinkt es in deine Tiefen, die wie Meere 
sich drüber schließen, füllend alle Ferne 
zwischen dem Schicksal und dem Stand der Sterne." 

Zwei neue und wichtige Gedanken sind in diesen Zeilen enthalten: Du 
kannst mehr als Gott (der Vater); und weiterhin die Vorstellung: Ich versinke 
in dir, du umhüllst mich ganz. Da das Ganzumschlossensein mütterlichen 
Charakter hat, der durch das Bild der sich darüber schließenden Meere noch 
ergänzt wird, so kann man den Sinn des Sonetts in die "Worte kleiden: „Du 
bist mehr als der Vater, du bist Vater und Mutter zugleich." 

Im 26. (XXVIII.) Sonett wirft Elisabeth einen Blick auf ihre leere, nur durch 
schemenhafte Phantasiegestalten belebte Vergangenheit und äußert am Schluß 
ein entschiedenes Bekenntnis zur Realität, verkörpert in der Person Brownings. 

Die beiden ersten Strophen des 27- (XXIX.) Sonetts lauten: 

„Geliebter, Meiner, der mich sehr erschrocken 
von dieser öden Erde Flachland hob 
und der den Vorhang meiner matten Locken 
mit einem Kusse auseinander schob, 
drin Leben wehte! Engel wundern sich, 
wie meine Stirne scheint. O Meiner, Meiner, 
die ganze Welt verging, und es kam Einer, 
ich suchte Gott allein, da fand ich dich." 

Das Gedicht schildert dann weiter die Stimmung eines Menschen, der Ober- 
und Unterwelt, Gutes und Böses kennengelernt hat und bezeugt: 



„Die Liebe kann — stark wie der Tod — erlösen.' 



246 



Johanna Heimann 



Der führende Gedanke in den beiden Strophen könnte in folgender Weise er- 
läutert werden: „In deinem Kuß war Leben (in dem der Mutter der Tod) ent- 
halten. Für meine Sünde war der Tod die willkommene Sühne. Nun ist mir 
verziehen, die Liebe ist mir erlaubt." In den Worten „ich suchte Gott allein, 
da fand ich dich" ist der tiefere Sinn verborgen, „ich erwartete den strengen 
Vater, der meine Sexualität verbot, da fand ich dich, den guten Vater, der 
mir Liebe und Liebesgenuß schenkte, indem er den Vorhang meiner Locken 
auseinanderschob" (Verschiebung nach oben). In scharfem Gegensatz zu- 
einander stehen in diesem Sonett der strenge Vater = Tod = Gott und der 
gute Vater = Liebe = Browning. 

Die Bedeutung des Gedichtes für die Heilung liegt in der letzten Zeile, dem 
bewußten Bekenntnis zur entsühnenden und erlösenden Macht der Liebe. 

Eine leise, im 28. (XXX.) Sonett spürbare, Ängstlichkeit versucht Elisabeth zu 
bannen, indem sie einzelne, für die Entwicklung ihrer Liebe besonders wich- 
tige, aus Brownings Briefen herausgreift und sich an ihnen aufrichtet. Es ist 
ein Zeichen ihrer erstarkten Gesundheit, daß sie den Ausgleich ihrer ängst- 
lichen Spannung versucht, indem sie von den objektiven Beweisen ihrer Liebe, 
den Briefen, Besitz ergreift, um Angst und Zweifel, die subjektive Realität zu 
besiegen. 

Trotz dieses Beruhigungsversuches steigert sich ihre Ängstlichkeit im 29. 
(XXXI.) Sonett und gipfelt in dem Wunsch nach sexueller Überwältigung, der 
in dem ausführlichen Vergleich vom Baum und dem Schlinggewächs ein- 
drucksvoll dargestellt wird. Zweierlei ist bei diesem Sonett bemerkenswert: 
Die schon mehrfach sichtbar gewordene Bevorzugung der Realität vor dem 
Phantasieleben erreicht hier einen Höhepunkt („ich will nicht diese Gedan- 
ken an dich, sondern dich selbst") und zeigt die Wucht ihres sexuellen Ver- 
langens, die sich am besten mit Hilfe des im Sonett verwendeten Bildes ver- 
deutlichen läßt: „Komm, zeige deine starke Männlichkeit (rausche als mäch- 
tiger Baum) und wirf mich, das wuchernde Schlinggewächs, zu Boden, daß all 
meine Phantasien mir über meinem Erleben vergehen. Meine Gedanken an 
dich (meine bisherigen Gedichte) hatten den Sinn, mir Mut zur Bejahung 
deiner Männlichkeit zu geben. Jetzt brauche ich sie nicht mehr." Als Funktion 
im Heilungsprozeß ist das Sichklarwerden über die Stärke und die Ziel- 
strebigkeit ihrer Leidenschaft unschwer zu erkennen. 

Die Unsicherheit in den letzten Gedichten muß mehreren Quellen ent- 
sprungen sein; einmal dem unbefriedigten Begehren und der daraus erwach- 
senden Angst vor Liebesentzug, dann vor allem der Angst und dem Schuld- 
gefühl aus dem eigenen Innern. Die unerfüllte Sehnsucht des vorigen 
schlägt im 30. (XXXII.) Sonett in bewußte Angst um, sogar mit einem Anflug 
von Mißtrauen. Nachdem sie ausgesprochen hat, daß sie in seiner Gegenwart 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



247 



ruhig ist, daß aber Angst und Zweifel sie befallen, sobald er sich entfernt, fährt 
sie fort: c 

Mt „So mag 

der Akoluth unter Musik und Riten 
hinfallen auf sein Angesicht verstört, 
und wie er dann vom Chor das Amen hört, 
unfähig seinen Sinnen zu gebieten, 

hör ich bestürzt und zweifelnd deinen Schwur, 
wenn du nicht da bist. Liebst du? War es nur 
in meinem Traum, wo diese Herrlichkeit 

mich überwand, 6 mein liebstes Traumbild weit 
über mein Schaun erweiternd?" 

Diese Strophen enthalten außer dem Ausdruck ihrer Angst einen dreimal 
wiederholten Hinweis auf ihre neurotischen Ohnmächten in den Worten, „der 
Akoluth mag hinfallen auf sein Angesicht verstört", er ist „unfähig, seinen 
Sinnen zu gebieten" und zuletzt in unnachahmlicher Deutlichkeit bei der 
dritten Wiederholung mit dem Ausdruck „fainted". Die häufige Erwähnung 
des Symptoms in diesem Sonett und die vollkommene Klarheit, mit der sie das 
letzte Mal geschieht, gestattet die Annahme, daß Elisabeth seinen neurotischen 
Charakter verstanden hat: sie wurde ohnmächtig, wenn ihre Phantasie die 
Hemmung durchbrechen wollte und der Wunscherfüllung zu nahe kam, 
wahrscheinlich unmittelbar vor dem Bewußtwerden. Dieses Sonett ist ein 
Markstein auf dem Wege ihrer Heilung, weil sie ihr Symptom so wirklich- 
keitsgetreu darin darstellen konnte. 
Das 31. (XXXIII.) Sonett schildert zwei Stimmungen: Sicherheit — 

„Du kommst. Und alles klärt sich ohne Wort. 
Ich sitz in deinem Blick: in Mittagssonne 
sitzen die Kinder so," 

und ängstliche Erwartung, die typische Verfassung einer Frau, deren sexuelles 
Verlangen noch unerfüllt ist: 

„Bleib ganz dicht, 
Hilfreicher. Siehst du meine Angst sich heben, 
so stelle hell dein breites Herz um sie." 

Das Sonett läßt einen Zusammenhang zwischen einer Affektlage in der Kind- 
heit und ihrer jetzigen Angst erraten: „Damals war ich glücklich beim Vater 
wie jetzt bei dir. Wenn du nicht da bist, habe ich Angst. Nur deine Nähe be- 
ruhigt mich, da ich deiner steten Gegenwart bedarf, um zu wissen, daß meine 
Liebe zu dir nicht schuldhaft ist, wie es meine Liebe zum Vater war." 

6) Englisch: fainted. 






} 



248 



Johanna Heimann 



Das folgende 32. (XXXIV.) Sonett scheint ganz in der masochistischen Ein- 
stellung der ersten Gedichte gehalten. Soeben hatte sie in symbolischer Ver- 
kleidung vom „Sichsonnen in der Liebe des Vaters" gesprochen, gleich da- 
nach erinnert sie sich voll Angst der Mutter, die das unerlaubte Bündnis lösen 
•wird. Die Erinnerung an die Mutter (Mond = Mutter) weckt die alten 
Schuldgefühle, und diese treiben wiederum in die alte masochistische Ein- 
stellung hinein. 

„"Wer vermiede 
nicht eine Geige, welche seinem Liede 

nur Schaden tut: wer legte sie nicht hin 
beim ersten Mißton? Ach, ich hatte recht 
für mich und für mein Herz, doch nicht für deines." 

Nach diesem Sonett, das wie eine Anklage gegen den Vater klingt — „ich 
bin ja gewöhnt, beim ersten Mißton beiseite getan zu werden" — , kann man 
annehmen, daß seine zu hohen Anforderungen die Ursache ihres zäh festge- 
haltenen Masochismus waren, der seinen Ursprung im Schuldgefühl gegen die 
Mutter hatte. Nachdem dieser Vorwurf gegen den Vater in Worte gefaßt 
ist, kann sie die masochistische Anwandlung überwinden und sich wieder 
mit erneutem Vertrauen Browning zuwenden. 

Die beiden letzten Gedichte, 31 (XXXIII) und 32 (XXXIV), entsprechen 
im zeitlichen Ablauf durchaus ihrem früheren Leben. "Während sie im vorigen 
Sonett als Kind mit einem liebevollen Vater erschien, ist sie hier wiederum 
zum letzten Mal eine kranke und minderwertige Frau, die nun aber Ver- 
ständnis und Heilung bei dem mächtigen und doch gütigen Vater findet. 

Dem Rückblick auf die dunkle Vergangenheit folgt im 33. (XXXV.) Sonett 
die Erinnerung an die glückliche und liebereiche Kindheit, die in dem Kose- 
namen „Ba" zusammengefaßt ist. Das Gedicht beginnt mit der Bitte 

„Nenn mich, wie sie als Kind mich riefen: ja." 
und kehrt dann wieder in die Vergangenheit zurück: 

„Wie vermiß ich sie, 
diese geliebten Stimmen, die mich nie 
mehr rufen, mit den Himmeln sich verklärend 
seit jenem Schweigen auf der Bahre, während 

mir zufiel, Gott zu rufen. — Deinen Mund, 
laß ihn den Erben sein der Abgelebten. 
Nimm kleine Blumen zu den südlich reichen 
und frühe Liebe in die späte und 
dann ruf mich so: ich werde mit dem gleichen 
Herzen dir Antwort geben, dem durchbebten." 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



249 



Die den Toten gewidmeten Worte enthalten für unsere Betrachtung den 
wichtigsten Gedanken: die geliebten Stimmen, Mutter und Bruder rufen mich 
nicht mehr; sie sind tot. Seither fällt es mir zu, Gott (den Tod) zu rufen. 
Derselben Vorstellung sind wir schon im 18. (XX.) und 27. (XXIX.) Sonett 
begegnet. Dort hieß es: der Kuß der Mutter bedeutete den Tod, dein Kuß 
bedeutet Leben. Hier heißt es: der Ruf des Bruders mit diesem Namen (von 
dem er stammt) bedeutet den Tod, dein Ruf mit diesem Namen bedeutet Le- 
ben. Der Grundgedanke des Sonetts, in die schlichten "Worte gefaßt: „Nimm 
frühe Liebe in die späte und dann ruf mich so", zeugt von der Erkenntnis, 
daß die zur Überwindung der Neurose notwendige Übertragung von den 
Inzestobjekten auf das Liebesobjekt vollzogen ist. Elisabeths Fähigkeit, diese 
bewußt gewordene Erkenntnis in so vollendeter Einfachheit und Klarheit 
auszusprechen, ist ein Beweis dafür, daß dieser entscheidende Schritt mit 
vollster innerer Zustimmung geschehen ist. Es sei daran erinnert, daß dieser 
Vorgang gleichsam feierlich besiegelt wird mit dem geweihten Namen, den sie 
fortan aus Brownings Mund hören will. Wiederum ein Zeichen für Eilisabeths 
Glauben an die fast allmächtige Kraft der Sprache. 

Im folgenden 34. (XXXVI.) Sonett macht Elisabeth den weiteren Schritt aus 
der Übertragung heraus. In den "Worten 

„Es kann kein Kind 
gelaufen kommen, wie mein Blut zu deinem", 

verzichtet sie auf den ausschließlichen Übertragungscharakter ihrer Liebe und 
spricht aus, daß ihre Liebe nicht die eines Kindes, sondern die eines begehren- 
den "Weibes ist. Den zuletzt behandelten vier zuversichtlichen Gedichten fol- 
gen nun Zweifel und zum erstenmal Erwägungen, ob ihre Opfer sich lohnen 
und durch seine Gegengaben aufgewogen werden. Damit beweist sie eine noch 
nie erreichte Selbsteinschätzung. 

„Und hast du irgend zärtlichen Ersatz 
für Augen Toter, die an ihrem Platz 
festhalten? Besser 7 ist es Schmerzen mit 
der Liebe zu erringen; denn der Schmerz 
umfaßt sich selber und die Liebe, — beides. 

Das Schwergewicht des Sonetts liegt in der zweifelnden Frage: „"Würdest du 
mir auch die Toten (den Bruder) ersetzen können?" "Was bindet sie an den 
Toten so stark? "Warum ist der Schmerz schwerer zu besiegen als die Liebe? 
Weil das Schuldgefühl den Schmerz immer wach erhält. Sie fürchtet also, ihre 
Liebe mit ihren Schuldgefühlen zu belasten, die noch immer dem Bruder gel- 

7) Dem Sinne nach: schwerer. 



250 Johanna Heimann 



ten. Es ist ein Zeichen ihrer Gesundung und ihres milder gewordenen Über- 
Ichs, daß sie trotz den noch nicht besiegten Schuldgefühlen Browning ver- 
trauensvoll bittet, sie dennoch zu lieben. 

Die restlichen Schuldgefühle, mit denen sie eben zu Browning geflüchtet ist, 
haben sich im nächsten 36. (XXXVIII.) Sonett zu heftiger Angst vor dem 
Ende der Liebe verdichtet. 

„Wenn 
ich jetzt auch ruhig bin und stark, — will denn 
Gott nicht, daß meine Angst sich stets erneue . . . 

O Liebe — Treue... diese Angst: daß Hand 
aus Hand sich löste, daß ein Kuß vom Rand 
der Lippen fiele, kühl und ungenommen." 

Sie meint also: „Ich werde meine Schuld an dir ebenso wie die am Bruder 
mit dem Ende unserer Liebe bezahlen müssen. Gott (mein Über-Ich) erlaubt 
mir kein dauerndes Glück." Die Doppeldeutigkeit in dem Ausdruck, „daß ein 
Kuß vom Rand der Lippen fiele, kühl und ungenommen", im Englischen: 
„once the Ups being coli", weist auf den ubw. Zusammenhang zwischen ihren 
dem Geliebten geltenden Worten und dem Bruder hin, mit dem Sinn: der 
Bruder wird sich durch dich rächen, indem du mich verschmähst. Ihre größere 
Lebensfähigkeit zeigt sich darin, daß sie auf eine solche Stimmung nicht wie 
früher mit Entsagungswünschen und Todesgedanken reagiert, sondern daß sie 
gewillt ist, ihr Liebesschicksal mit allen Konsequenzen zu tragen. Die narziß- 
tische Kränkung eines etwaigen Liebesverlustes wird dann aufgewogen durch 
die narzißtische Befriedigung, daß er ertragen wird, um Brownings uneinge- 
schränkte Lebensfreude zu sichern. Die Behandlung und Bewältigung der 
Angst in diesem Sonett läßt erkennen, daß ihre noch vorhandene Strafangst 
den Charakter ruhigen Abwartens angenommen hat und sie nicht mehr daran 
hindert, die realen Möglichkeiten der Gegenwart zu erfassen. 

Das 37. (XXXIX.) Sonett klingt von der ersten bis zur letzten Zeile wie 
eine leidenschaftliche Bitte um Verzeihung für ihre Unfähigkeit, Browning 
seinem Werte entsprechend zu schildern. Sie erinnert sich der „harten Jahre" 
und fährt fort: 

„sie haben mein verwirrtes Hirn gewöhnt, 

Zweifel und Angst so lange zu ertragen, 

daß deiner Liebe köstliche Kontur 

ihm anders nicht gelingt als halbentstellt." 

Man darf vermuten, daß die im vorigen Sonett geäußerte Befürchtung, 
Browning könnte sie verlassen, als schwere Schuld gegen ihn empfunden 
wurde, die zu der Bitte um Verzeihung führt. Im Gegensatz zu früher tritt 






Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



251 



aber nicht eine Herabsetzung ihrer Person, sondern nur eine Herabsetzung 
ihrer Fähigkeit der Schilderung ein, die praktisch einer Erhöhung Brownings 
gleichkommt. Die "Wendung, Zweifel und Angst der vergangenen harten Jahre 
hätten ihr Gehirn verwirrt, weisen darauf hin, daß ein „brüchiges Bild" von 
Browning, falls es je zu einem solchen kommt, notwendig dem Vater ähnliche 
Züge tragen muß. Die letzte Behauptung bringt uns den eigentlichen ubw. 
Sinn des Sonetts näher und stellt uns vor die Frage: Kommt es denn jemals zu 
der Schilderung, die „ihm anders nicht gelingt als halbentstellt"? Die Antwort 
heißt „ja" und ist den letzten Zeilen des Gedichtes zu entnehmen: 

„So kann ein Heide nach dem Schiffbruch nur 
den Rettenden, den Herrn der Wogenwelt 
sich formen als unförmlichen Delphin; 
und so, am Tempeltor, verehrt er ihn." 

Die beiden Leitgedanken des Gedichtes werden in diesen Zeilen deutlich: 
erstens: du bist ein unsterblicher Meeresgott, der in seinem Element nicht 
untergehen kann; und zweitens: ich bin ein Schiffbrüchiger und glaubte, 
wie der Bruder ertrinken zu müssen. Du hast mich vor dem sicheren Tode 
gerettet. 

Das entstellte Bild haben wir in dem „unförmlichen Delphin" zu sehen, 
der am Tempeltor verehrt wird. So geringfügig diese Herabsetzung vom 
Meeresgott zum unschönen Meerestier an sich sein mag, so notwendig ist es 
für den seelischen Umbau der Dichterin, daß sie sich diesen unschuldigen Aus- 
druck ihrer Ambivalenz gestattet. Der ubw. Sinn des Gedichtes ist also: Der 
unsterbliche Meeresgott hat den ertrinkenden Schiffbrüchigen aus dem Ele- 
ment errettet, in dem der Bruder durch seine Schuld den Tod gefunden hat. 
Die weittragende, grundsätzliche Bedeutung des Sonetts liegt in der von Brow- 
ning, dem Meeresgott, vollzogenen Aufhebung des Taliongesetzes. Ein Schritt 
weiter führt zu der Folgerung, daß Elisabeth entsprechend der Überwindung 
des Taliongesetzes im Gedicht auch die Zwangsläufigkeit der alten Übertra- 
gungen in ihrem Leben überwunden hat. 

Mit dem eben besprochenen Sonett ist der Heilungsprozeß im eigentlichen 
Sinne oder, vom Standpunkt des Analytikers aus, die Durcharbeitung beendet. 
Die restlichen sechs Gedichte bringen kaum noch neues Material, sondern 
dienen im wesentlichen dem Ausbau und der Befestigung der eroberten Po- 
sition. 

Im 38. (XL.) Sonett ist die Entwicklung ihrer Liebe noch einmal am Bei- 
spiel der sich steigernden empfangenen Zärtlichkeiten skizziert. 

Der Antrieb zum 39. (XLI.) Gedicht läßt sich in einem Satz zusammen- 
fassen: „Lehre mich, dir zu danken für die Macht des starken und die Gnade 



des guten Vaters, die du mir gezeigt hast." Aus Elisabeths dreimal wiederholter 
Versicherung, daß Browning hinter Masken und Schleiern ihr wahres Gesicht 
erkannt hat, kann man schließen, daß eine mächtige Wurzel ihrer Dankbarkeit 
das ubw. "Wissen über den Zusammenhang von ihrer in der Kindheit gestörten 
und nun wiederhergestellten Entwicklung ist. Es ist, als wollte sie sagen: ,,Vor 
meiner Erkrankung hatte ich das Genitalprimat schon erreicht und war grund- 
sätzlich zur Liebe fähig. Du, mein neues Ober-Ich, hast mir geholfen, meine 
Entwicklung an der damals abgebrochenen Stelle wieder anzuknüpfen und 
mich zur vollen Genitalstufe aufzubauen." Sie beweist damit, daß sie die wahre 
Bedeutung von Brownings Rolle in ihrem Heilungsprozeß wohl verstanden 
hat. 

Wie im letzten Sonett seiner Güte, so gilt im 40. (XLII.) Elisabeths Dank 
im besonderen Brownings Geduld, die sich darin bewährte, daß er auf das 
Schwinden der Trauer und das Ende der Krankheit warten konnte und nicht 
wie der Vater war, der sie im Grunde haßt und sie sogar vergessen wird, wenn 
sie, sein Liebesobjekt, sich seinem Bemächtigungstrieb nur ein wenig entziehen 
will. 

Die drei letzten Gedichte betonen ständig die Besonderheit Brownings vor 
allen anderen Menschen. Der Dank an alle, der das 41. (XLIII.) Sonett ein- 
leitet, erhebt sich zu einem bewegenden hymnischen Dank an Browning, der 
weit über ihr zeitliches Leben hinausgreift und an die letzten Geheimnisse 
ihres dichterischen Schaffens rührt: 

„Doch du, 
der, weil da meine Stimme schluchzend fiel, 
um ihretwillen nur, ein Saitenspiel 



von solcher Hoheit sinken ließ, um das 

zu hören, was ich zwischen Tränen sage, . . . 

lehr mich dir danken. In die fernsten Tage 

ergösse gern sich meiner Seele Süße, 
daß sie von dort, was ohne Unterlaß 
vorüberfließt, mit ihrem Dauern grüße." 

Die Gedanken dieser absichtlich aus 3 und 4 (V und VI) wieder aufgenom- 
menen Bilder (der hinter Kerkermauern singende Gefangene und der gött- 
liche Sänger), führen aber nicht zu dem früheren Ergebnis: Tod oder Tren- 
nung, sondern zu dem Wunschziel: „Ich möchte dir danken, indem der ganze 
Reichtum meiner Seele, den du erschlossen hast, sich in den Gesang ergieße 
und dieser Gesang noch in den fernsten Tagen das vorüberziehende Leben 
grüße." Die Antwort auf die Frage nach der Funktion des Gedichts liefert 
uns den Schlüssel zum Verständnis der Gesamtfunktion der ganzen Dichtung, 



Die Heilung der Elisabeth Browning in ihren Sonetten 



253 



denn es erleuchtet für einen Augenblick das Rätsel, warum die Gedichte ihr 
Heilung bringen konnten. Freilich konnte diese Antwort erst am Schluß des 
Werkes nach Erfüllung seiner therapeutischen Funktion gegeben werden. Der 
tiefste Ursprung von Elisabeths Angst und Leiden ist Todesangst. Wächst ihre 
Gestaltungskraft, so daß sie ausreicht, um Worte zu finden, die ihr Leben 
überdauern, so ist ein Teil ihrer Todesangst damit überwunden; sie trägt 
gleichsam das Bewußtsein in sich: „Ich kann ja gar nicht sterben." Diese 
Wirkung kann aber erst von diesem Werk und nicht von ihren früheren Ge- 
dichten ausgehen. Denn es ist hervorgerufen durch Browning, der ihr mit 
diesen Liebesgedichten alles entlockt hat, was sie an Leid und Klagen in sich 
getragen hat; der sie ohne Worte durch seine bedingungslose Bejahung ihrer 
Persönlichkeit mit Einschluß der Neurose veranlaßt und ermutigt hat, alle 
unausgesprochene Angst und allen uneingestandenen Jammer in diesen Liedern 
ausschwingen zu lassen. 

Er hat ihr, wie der Analytiker es tut, die Möglichkeit verschafft, das aus- 
zusprechen, was für ihr Schicksal entscheidend geworden ist; eine Möglichkeit, 
die sich ihr sonst nie geboten hätte. Daß sie es in einer Form hat sagen 
können, die ihr Leben überdauert hat, bleibt göttliches Geschenk, bei dem sich 
„Verdienst und Glück verketten". 

Nach der eingehenden Würdigung dieses Sonetts darf man eine Erklärung 
für Elisabeths- Heilung durch ihre Gedichte versuchen. 

Sie genas, weil sie als Dichterin mit ihren unsterblichen Worten den Tod 
in Wahrheit überwunden hatte. Als Weib wurde sie durch Verminderung der 
Todesangst dem Leben und der Liebe gewonnen. Im 42. (XLIV.) Sonett zieht 
Elisabeth einen Schlußstrich unter ihre Vergangenheit. An einem dreimal an- 
gewendeten Bild vom Engel, der sich vollständig mit dem Begriff vom Über- 
Ich deckt, und der einmal den Vater, einmal Browning darstellt, führt sie aus, 
daß an Stelle ihres alten Über-Ichs Browning getreten ist, dessen Uber-Ich 
ebenso großartig ist wie das ihre und der ihr dennoch Trost und Befreiung 
vom Siechtum gewährt. In der letzten Strophe entbietet sie der Zukunft einen 
Gruß: 

„und schreib mir meiner Zukunft Überschrift, 
mein neuer Engel." 

Aus jeder Zeile des Gedichts spricht das gleiche: endgültige und versöhnte 
Abwendung von der Vergangenheit. 

Wir kommen nun zum letzten Sonett des Zyklus, das, obwohl es dem Ver- 
ständnis unmittelbar zugänglich ist, die vorliegende Arbeit abschließen soll. 
(Das in der Sammlung an letzter Stelle stehende Gedicht ist eine nachträglich 
hinzugefügte Zueignung an Browning und gehört nicht mehr in den Rahmen 
unserer Betrachtung.) 

Imago XXI/ä zj 



254 Johanna Heimann: Die Heilung der Elisa beth Browning in ihren Sonetten 



„Wie ich die liebe? Laß mich zählen, wie. 
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit, 
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie 
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit. 

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand, 
den jeder Tag erreicht im Lampenschein 
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein 
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt. 

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit 

und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit 

ich meine Heiligen nicht mehr geliebt. 

Mit allem Lächeln, aller Tränennot 

und allem Atem. Und wenn Gott es gibt, 

will ich dich besser lieben nach dem Tod." 

Aus ihren Worten, in denen sie ihre Liebe als ihr freies Recht beansprucht 
spricht die Unabhängigkeit des Wolfens und die Selbständigkeit des Handelns' 
die den Weg des freien und in sich gefestigten Menschen bestimmt. 

Ein schönes Zeugnis für ihre Einsicht in das Werden ihrer Heilung und für 
die wahrhaftige und sichere Grundlage, auf der diese ruht, ist das Bekenntnis 
daß die Kraft, die in den alten Leiden und dem Schmerz um die geliebten 
Toten wirksam war, nicht aufgezehrt wurde, sondern in verwandelter Form 
nach fruchtbarer Verwendung drängt. 

Mit den Schlußworten, die wie ein feierlicher Choral den Sieg der Liebe 
über den Tod verkünden und die volle Harmonie zwischen bewußten und 
unbewußten Kräften besiegeln, ist ihr Werk vollbracht. 



BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur 



-4. Deutsche Übersetzung 



ALEXANDER, FRANZ: A Note on Falstaff. Psa. Quarterly II, 3- 
im „Almanach der Psychoanalyse 1935". 

Falstaff ist eine Doublette des Prinzen. Er stellt den verborgenen Teil von dessen 
Persönlichkeit dar, nämlich die einfache animalische Daseinsfreude, die narzißtische Li- 
bido des Kindes, die nicht überwindbar ist. Solange wir, meint Alexander, an dieser 
Figur Freude haben, die uns unser infantil-allmächtiges individuelles Selbst repräsentiert, 
sind wir vor der Gefahr gefeit, in einem Termiten-Kollektivismus unterzugehen. 

O. Fenichel (Oslo) 

GRODDECK, GEORG: Exploring the Unconscious. London, The C. W. Daniel Company, 
1933. 224 Seiten. 

Diese Sammlung von Aufsätzen gibt einen Querschnitt durch die geistige Welt des Ver- 
fassers. Mit Ausnahme eines Kapitels, das auch in deutscher Sprache bereits teilweise er- 
schienen war und den Titel „Der Mensch als Symbol" trägt, handelt es sich um Skizzen, die 
nicht für den Druck und für die Allgemeinheit bestimmt waren, sondern in Privatdrucken 
unter den Freunden und Anhängern Groddecks zirkulierten. Mit diesem Maße gemessen, 
zeigen sie alle Vorzüge ihres Autors: die Weite seines Interessengebietes, seines lebendigen, 
beweglichen Geist, sein kämpferisches Temperament und seine Liebe zur Natur. Freuds 
Entdeckung des Unbewußten wurde zum formenden Inhalt seines Lebens, den er auf seine 
Weise verarbeitet und weiterführt. Auch in diesem Buch wie in allen seinen Arbeiten gilt 
sein Hauptinteresse den psychophysischen Wechselwirkungen; mit Hilfe des Unbewußten will 
er die organischen Erkrankungen verstehen und heilen lernen. Trotz seiner Überzeugung, 
daß die organischen Erkrankungen auf dem Umweg über das Unbewußte ihr Geheimnis am 
schnellsten und sichersten preisgeben, sieht er die Bedeutung der Analyse weniger in ihrer 
therapeutischen Wirkung auf Neurosen und organische Erkrankungen als in ihrem Zugang 
zum Verständnis der allgemein menschlichen Lebensäußerungen überhaupt. 

Im Gegensatz zu Groddeck, der seine geistige Heimat, die Analyse, nie verleugnet, 
führt die tönende Vorrede zwar Hippokrates und noch einige Vorläufer und Anreger 
Groddecks an, aber sie vergißt den zu nennen, dessen Einfluß ununterbrochen spürbar 
wird - Hedwig Hoffer-Schaxel (Wien) 



Aus der Literatur der Grenzgebiete. 

CANTARELLA, R.: Elementi psicanalitici nella tragedia Greca. Estratto da „Dionisio" — 
Bollettino dell' Istituto Nazionale del Dramma Antico, vol. III, 1933, p. 321— 33 j; vol. IV 
1934, p. 120— 141, 211—229. (SA. Syracus, 1934.) 

Das Bekenntnis des bewährten, an der Universität Neapel lehrenden Vertreters der 
klassischen Philologie zu Grundanschauungen und Leistungen der Psychoanalyse ist dankbar 
zu begrüßen. Aus den Ergebnissen dieser schönen und gründlichen Studie sollen einige hier 
mitgeteilt werden. 

Die Arbeit C.s zerfällt in zwei Teile. Der erste nimmt zu grundsätzlichen Fragen Stellung. 
Als Ausgangspunkt dient die Gegenüberstellung der auf Grund der psychoanalytischen 



1 



256 Besprechungen 



Psychologie zugänglichen Einsichten auf dem Gebiet von Kunst und Mythos und älterer 
Anschauungen, etwa der natur-mytischen Deutungen, die es versuchten, „die unendliche 
Mannigfaltigkeit der Mythen" als Ausdruck „einer banalen und monotonen Allegorie zweier 
oder dreier Ereignisse der Natur" zu verstehen. Die Leistung Freuds und seiner Schüler, 
unter denen der Verfasser Abraham, Rank, Lorenz und Winterstein nennt, wird 
als Erneuerung von Geist und Wissenschaft unserer Tage durch die Psychologie mit der — 
außerhalb Italiens vielfach tatsächlich unterschätzten — Umgestaltung der Geisteswissenschaft 
durch die Geschichtsauffassung des Giovanni Battista Vico (1668 — 1774) verglichen, nur daß 
sich noch nicht absehen lasse, zu welchen unerwarteten Anwendungen und Einsichten diese 
neue psychologische Lehre führen werde. 

Falle dem Mythos die Aufgabe zu, durch die Verkleidung, die er dem allgemeinen mensch- 
lichen Stoff leihe, anzudeuten, daß, was er berichte, dem täglichen Leben der Menschen 
glücklicherweise ferne bleibe, so sei die Deutung des mythischen Gehaltes durch das Drama 
— eine „wesensmäßig psychoanalytische Kunstform" — von anderer Art: Das Geschehen des 
Mythos werde aus der Ferne der Zeiten, in der es verschwimme, herabgerufen, um sich 
vor unseren Augen in einem Kunstwerk, aber zugleich als Ereignis unseres Lebensraumes 
zu verkörpern: Aus der Legende wird Handlung. Die Handlung aber wird durch die 
Kunstform, in die sie gekleidet ist — durch die Atmosphäre, in die Musik, Tanz und 
Poesie die Wechselfälle des tragischen Geschehens einbetten — doch wieder umgestaltet, bis 
letztlich ihr rein menschlicher Gehalt doch wieder verhüllt ist; diese Verhüllung ist das Werk 
des Dichters. Der Gehalt des Mythos aber lebt neu auf, da er durch die Verarbeitung des 
Dichters neue Gestalt gewonnen hat. 

Diese Überlegungen stützt der Verf. durch eine geschichtliche Ableitung, in der die These 
entwickelt- wird, daß das Drama die erste Kunstform sei, in der Anschauung und Erlebnis 
eines einzelnen, „eine persönliche Vision des Lebens", zu vollkommenem Ausdruck gelange. 
Denn die neue Bedeutung des Subjektivismus im Kulturleben der Griechen hatte in nach- 
homerischer Zeit der Lyrik den Weg geebnet, aber auch die Lyrik bleibt in ihrem Subjek- 
tivismus begrenzt. Diese Entwicklung, deren Ablauf auch an geisteswissenschaftlichen Paral- 
lelen überprüft wird, wird erst durch die Einführung des zweiten Schauspielers, durch 
Aischylos in neue Bahnen gelenkt; die Form der Darstellung verläßt den „Monolog", aber 
„da ... es sich nicht mehr um eine mythische Tragödie handelt, sondern um eine Tragödie 
lebender und handelnder Personen in einer räumlichen und zeitlichen Wirklichkeit" . . .. und 
da sich endlich die Tragödie „als eine unversöhnliche Antithese der handelnden Persönlich- 
keiten erweist", so sind wir zu folgender Einsicht geführt: „Die Tragödie ist nichts anderes 
als der Konflikt eines Ich, das, in die Außenwelt projiziert, einem anderen Ich begegnet; oder 
besser — und hier liegt vielleicht die Wahrheit — einem anderen Ich zu begegnen meint und 
nur einem anderen Aspekt seiner selbst begegnet". Das erst macht den Konflikt un- 
lösbar und diese Unlösbarkeit des Konfliktes erst läßt uns die zentrale Stellung verstehen, 
die dem Selbstmord als Ausweg aus unserem Konflikt im Drama der Griechen zukommt. 

Es kann hier nicht versucht werden wiederzugeben, wie C. von diesen Einsichten her auch 
manche Einzelheiten in dramatischer Handlung und im dramatischen Brauch des griechischen 
Theaters zu erklären unternimmt ■ — die Rolle der Maske etwa oder das Fehlen weiblicher 
Schauspieler — , Anschauungen, die, oft nur angedeutet, vielleicht gerade den Psychoanalytiker 
nicht immer voll befriedigen. 

Der zweite Teil der Studie verfolgt im wesentlichen die Rolle des Traumes in den Dichtun- 
gen des Aischylos, des Sophokles und des Euripides, wobei in sorgfältigen Einzel- 
analysen die Wandlungen verfolgt werden, die die Einstellung der Dramatiker in jenem 
Jahrhundert erfährt. Im Schaffen des Aischylos, der als erster dem Traum, dem Orakel und 






Besprechungen 



257 



dem Delirium ihren Platz im Handlungsablauf einräumt, liegt das Wesen des Tragischen in 
der Einsicht begründet, daß das menschliche Leben unvermeidbarem Konflikt ausgesetzt, 
einem inneren Kampfe verfallen ist, den der Mensch von der Geburt an in seinem Innern 
trägt, und der die Grundlage dieses Lebens selbst ist. Die Kräfte des Ich- Willens, Erziehung, 
moralische und religiöse Gesinnung — sind letzten Endes vergeblich vor der Macht dieses 
Geschehens, das vom Schicksal geleitet ist, vom Schicksal, dessen Dunkel sich nur zuweilen, 
im Delir, im Warnungstraum oder im Orakel aufhellt. Das äußere Geschehen, an dem 
dieses Schicksal abläuft, ist von sekundärer Bedeutung. In ihrem Kern ist die Tragödie 
immer nur eine, ein immer identisches Geschehen. 

In der sophokleischen und noch mehr in der euripideischen Tragödie zerfällt diese groß- 
artige Einheit; die Menschen stammen aus einer neuen Welt, und die Dichter dringen mit 
psychologischem Verstehen tief in die Seele der handelnden Personen ein: Das ist der Grund, 
aus dem der Oidipus Tyrannos des Sophokles erwächst, das „Drama des menschlichen Ge- 
wissens", in dem die unbewußten Triebkräfte menschlichen Handelns zuerst als solche er- 
kannt sind. E. Kris (Wien) 



CRONB ACH, ABRAHAM: The Psycho- Analytic Study of Judaism. Cincinnati Offprint 

from the Hebrew Union College AnnuaL, Vol. VIII. — IX., 1931 — 1932. Pp. 605 — 740. 

Der Großteil dieses Buches (94 Seiten) stellt eine Zusammenfassung psychoanalytischer 
Studien über das Ritual und Dogma dar, wobei hauptsächlich, aber nicht ausschließlich Vor- 
schriften des jüdischen Rituals als Ausgangspunkte dienen. Der Verfasser gruppiert sein 
Material in neun Abteilungen; diese Einteilung führt ihn zu manchem Mißverständnis. 

Die erste Abteilung ist der Ambivalenz gewidmet, die als nichtsexuell bezeichnet wird 
und dadurch im Gegensatz zu den anderen Themen steht. Aber bei der Besprechung der 
Ambivalenz schreibt C, die Sexualität werde durch einen Faktor kompliziert, der als Am- 
bivalenz bekannt ist. Keine der Abteilungen nimmt auf die aggressiven oder destruktiven 
Triebhandlungen Bezug, ob diese nun als primäre oder als mit libidinösen Triebanteilen ver- 
mischt angesehen werden. 

An die Einleitung schließt sich ein komplizierter Überblick (31 Seiten), der mit dem ent- 
waffnenden Zugeständnis beginnt, daß der Verfasser keine besondere Schulung der Psycho- 
analyse und weder klinische noch sonst praktische Erfahrung besitzt; es handelt sich um 
Urteile eines „Laien", um „literarische" Wertungen. Dieser Überblick ist einer Anzahl von 
Psychoanalytikern und anderen Forschern zur Beurteilung und Verbesserung übergeben wor- 
den. Die klinischen Bemerkungen der Psychoanalytiker werden vom Autor angeführt, im 
ganzen aber bleibt er durch sie unberührt; er bleibt noch immer bei seiner Meinung, außer 
freilich wenn der Analytiker ihm zustimmt. So meint C. etwa, daß „unbekannt" (unnamed) 
oder „unaussprechbar" (inarticulate) ein besserer Terminus wäre als der Terminus „unbe- 
wußt", und Stekel schreibt ihm: „Auch ich bin Ihrer Ansicht". Mehrere Analytiker weisen 
darauf hin, daß die Gesetze des Unbewußten sehr entschieden von denen der bewußten 
Geistestätigkeit abweichen — C. aber bleibt unbelehrt (mit Stekels Unterstützung). 

Der Verfasser meint, daß der Beweis für viele der Behauptungen der Psychoanalyse un- 
zureichend sei, etwa dafür, daß „Träume", „Scherze" und „Neurosen" Wunscherfüllungen seien. 
Es hat den Anschein, als ob der Verfasser in der Tat die Arbeit über jüdisches Ritual etc. 
sorgfältig durchgearbeitet hatte, aber daß er eine ebenso sorgfältige Beschäftigung mit jenen 
Studien vernachlässigt hätte, die den Arbeiten der angewandten Psychoanalyse zugrunde 
liegen. Freuds „Traumdeutung" liefert den Beweis für die Wunscherfüllung im Traum. 
Ferenczis „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" den Beweis für die Lehre von 
der Allmacht der Gedanken; freilich war das nur ein erster Schritt zu unserem späteren, 



aber noch immer unvollständigen Wissen vom Wachsen des Wirklichkeitssinnes Ich hab 
den Eindruck, daß C. meint, daß etwa die Symbolik, die unter anderem im Traum gefunde*" 
wird, eine Entdeckung oder Erfindung der Psychoanalyse sei. 

Das Absurde, das Groteske und das Anstößige, so meint C, seien p w excelhnce die 
Domäne der Psychoanalyse, während sich der Psychoanalytiker damit zufrieden gibt anzu 
deuten, wie es zustandekommt, daß bestimmte Erscheinungen als absurd oder anstößk K P 
zeichnet werden. 8 

Endlich wünscht C. - und hier wird vermutlich der Analytiker mit dem weitherzigen 
Verfasser übereinstimmen -, daß „großzügige finanzielle Unterstützungen für psychoanalv 
tische Forschungen bereit gestellt werden mögen". Nun gibt C. seine Gründe für diese sein« 
großmütige Anregung an: „Wer weiß, ob wir nicht, von Psychoanalytikern unterstützt 
erfolgreich imstande wären, Probleme, wie den Tempelbesuch, begeisternden Religionsunter' 
rieht, soziale Gesinnung oder andere Aufgaben zu lösen, die sich dem religiös gesinnten 
Autor stellen." 6 B en 

Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Psychoanalyse, so reichlich man sie auch finanziell 
unterstützt, die Probleme lösen wird, an die C. denkt, noch auch die Probleme derer die 
nach seiner Beschwerde zwar einzelne Gesetze des Glaubens, etwa die Speisevorschriften 
einhalten, aber nicht den Sabbat. Dieses Buch ist ein mutiger und offener Versuch, aber 
einer, der uns den Verfasser auffordern heißt, die klassischen Schriften, Freuds „Traum- 
deutung", das „Ich und das Es" u. a. m. durchzuarbeiten oder neuerlich durchzuarbeiten 
ehe er darüber klagt, daß die Arbeiten über die Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Forschung des Rituals versäumt haben, für ihre Behauptungen Beweise zu erbringen Er 
wird dann entdecken, daß der Psychoanalyse ein weiteres Feld zukommt als das der 
Therapie, in dem ihre Lehre ursprünglich entstanden ist. M. D. Eder (London). 

GROEBEN, MARGARETE VON DER: Konstruktive Psychologie und Erlebnis. Studien zur 
Logik der Diltheyschen Kritik an der erklärenden Psychologie. — Sechstes Heft der 
Göttinger Forschungen. — Stuttgart-Berlin, W. Kohlhammer, 1934. VIII und 173 Seiten. 
Aufschlußreich ist die Studie in ihren historischen Ansätzen (Hegel, Dilthey, Tainc, 
Wundt), die die Gegensätze: Verstehen — Erklären, Beschreiben — Konstruieren betreffen! 
Sie mündet in die moderne ganzheitliche Auffassung. „Wir verstehen immer vom Ganzen 
her." Dieses Ganze sei aber nicht empfindungsmäßig gegeben, sondern als „Welt", und 
wird uns durch die Sprache, die weiter als die Empfindung reicht, erschlossen. Die 
Sprache führt vom Erleben, vom Lebensvorgang „Besinnung" weiter. — Warum aber beim 
historischen „Ganzen" die Psychoanalyse unerwähnt lassen? Mancher in der vorliegenden 
Studie philosophisch erkämpfte Standpunkt ist in der Psychoanalyse schon praktisch 
erprobt. Auch Besinnung, Verstehen und Erklären stehen in der Psychoanalyse neben- 
einander, wie es auch dem Wesen Mensch — nach dieser Studie — entsprechen soll. „Das 
Leben ist nur im Menschen zu fassen; so richtet sich heute der Wille zur Neuformung" auf 
die menschliche Substanz" - heißt es zum Schlüsse. Auch die Möglichkeiten dieses Tuns 
könnten von der Psychoanalyse aus schärfer gesehen werden. 

I. Hermann (Budapest) 

KLATZKIN, JAKOB: Der Erkenntnistrieb als Lebens- und Todesprinzip. Zürich, Rascher 
& Cie., 193 j. 330 Seiten. 

Im wesentlichen versucht K. in dem interessanten Buch eine Metaphysik der Triebe. Er 
bringt dabei Bewußtsein und Triebleben in engen genetischen Zusammenhang, meint „kein 



Besprechungen 



259 



appetiius, kein Triebleben und keine Sinnlichkeit jenseits des Bewußtseins", ja er stellt den 
Satz auf „das Bewußtsein ist seinem Wesen nach appetitio, Bedürfnis und Hunger". Er 
gerät so mit den Lehren der Psychoanalyse in Konflikt, kann den Unterschied zwischen be- 
wußt und unbewußt nur graduell, nicht systematisch gelten lassen und bestreitet die 
Autonomie des Unbewußten. Er muß dabei allerdings Zuflucht in eine Unterscheidung 
gewußt — ungewußt nehmen. 

Eine ausgreifende Polemik gegen die Psychoanalyse, der er im übrigen anerkennend und 
verständnisvoll gegenübersteht, richtet sich gegen die Todestrieblehre. Diese paßt sich 
freilich seiner Systementwicklung wenig an. Für sein System muß als Tendenz der Tod dem 
Leben „ein Auswärtiges, ein Anderes, ein Fremdes, ein Transzendentes" sein. Die analytische 
Klinik, die Freud zur Spekulation über das destruktive Triebgeschehen nötigte, bleibt dabei 
freilich außer acht oder wird vom Verfasser nicht gekannt. 

In vieler Beziehung, so in der Aufrollung des Lust-Unlustproblems, in der Aufstellung der 
Schichtung des Bewußtseins, in der Stufung von Affektionsvermögen über Vorstellung, Ein- 
bildungskraft zu Denkvermögen und in manchem anderen gibt das Buch reichlich An- 
regungen. R. Sterba (Wien) 

LANDSBERG, PAUL L.: Einführung in die philosophische Anthropologie. Frankfurt a. M., 
Vittorio Klottermann, 1934, 199 S. 

Die vorliegende „Anthropologie" hat nichts mit Rassenforschung oder Schädelmessung 
zu tun, sondern beschäftigt sich mit der „begrifflich klärenden Entfaltung einer Idee vom 
Menschen aus seiner Selbstauffassung auf einer bestimmten Stufe seiner Menschlich- 
keit" (pag. 9). Sie zielt auf eine „Gesamtauffassung des Menschen von sich selbst" und „ist 
wohl nicht zu trennen von der Grundfrage nach der Eigenart philosophischer Erkenntnis 
überhaupt, von der Besinnung der Philosophie auf ihr eigenes Recht und Wesen, das weder 
Wissenschaft noch Kunst, noch Religion, sondern eben Philosophie ist" (pag. 13). 

Der Analytiker, der von seiner praktisch gerichteten Psychotherapie herkommt, hat es 
nicht leicht, in diese Arbeit einzudringen, wenn er nicht eine gewisse Vorbildung oder 
Vorliebe für philosophische Probleme bereits mitbringt. Er wird aber gerne eine Höhen- 
wanderung mitmachen, die ihm den Überblick über so verschiedene Geistesgebiete ver- 
schafft, unter denen die Analyse Freuds und ihre Ergebnisse mit respektvoller Anerken- 
nung genannt und verwandt werden. „Insbesondere aber hat sich, vor allem im Gefolge der 
Lebensarbeit Freuds, eine die seelische Wirklichkeit verstehende Psychologie entfaltet, die 
nicht bloß der Fachwissenschaft angehört, sondern aus der Gesamtsituation des Menschen 
unserer Zeit nicht mehr fortzudenken ist" (pag. 10). 

Im ersten Teile forscht der Autor nach einem „Prinzip des Menschtums, das den Men- 
schen mindestens abheben soll von Pflanze und Tier überhaupt" (pag. 16), um zu einem 
Wesensbegriff des Menschen vorzudringen, und sucht so die Unterscheidung des 
empirischen Gattungsbegriffes von seinem Wesensbegriff an Hand von Michelangelos 
„Schöpfung des Menschen" (Deckenmalereien der Sixtinischen Kapelle in Rom) zu er- 
läutern. Er sagt: „Die Frage nach dem Ursprung des Menschen ist hier verstanden und 
im Bildsymbol beantwortet. — Was stellt er uns dar? Eben noch ist Adam ein Tier gewesen, 
nun ist er ein Mensch, da Gott die Hand zu ihm hingestreckt hat. — Nun ist er wie ein 
Erwachender, der an sein Wachsein noch nicht recht glaubt, für den Welt und Ich auf 
geheimnisvolle Weise anders da sind als für den Schlafenden, der er eben noch war. — 
Er ist aus der Tierheit zur Menschheit erwacht" (pag. 18). 

Der zweite Teil untersucht die Motive der „Selbstauffassung" und gipfelt in der Unter- 
suchung der Humanitätsidee von Goethe, Herder und Kant. „Die Selbstbesinnung des 



deutschen Geistes ist darum gebunden an Besinnung auf den dauernden Wert der Hu- 
manitätsidee. — Von hier aus allein ist auch das deutsche Bildungsproblem zentral zu be- 
trachten und schon die echte Frage nach unserem Verhältnis zur Antike zu bestimmen. 
Den Gesichtspunkt gibt ein Wort Goethes an: „Wenn wir uns dem Altertum gegenüber- 
stellen und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir 
die Empfindung, daß wir erst eigentlich zu Menschen würden" (pag. 96). 

Der dritte Teil zeigt, in wie verschiedener Weise menschliche Selbstauffassung entwickelt 
werden kann. So wird die mythische, die poetische und theologische Selbstdarstellung des 
Menschen in Betracht gezogen, vor allem findet hier die Auseinandersetzung mit dem 
modernen Evolutionismus ihren Platz. 

Ein Schlußkapitel diskutiert die Probleme der inneren Erfahrung, „um ihren Wert 
erkenntnistheoretisch zu sichern". " Ph. Sarasin (Basel) 

STORFER, A. J.: Wörter und ihre Schicksale. Atlantis- Verlag, Berlin-Zürich (1935), 399 S. 

Statt eines Vorwortes dienen der Einführung des Lesers klug gewählte Zitate — von 
Luther bis Jespersen. Einer dieser Sprüche kann die Beziehung von Storfers neuestem 

Buch zur Psychoanalyse beleuchten: „Die Ableitung führt auf das Bedeutende des Wortes 

und stellt manches Gehaltvolle wieder her..." (Goethe). Wir alle kennen die Rolle des Wortes, 
der Wortwahl und der geheimen Wortbedeutung für das Unbewußte des Menschen, aber 
erst die Lektüre dieses Buches wird für die Weite und Eigenart der Frage hellhörig machen. 
Denn wie sich geschichtliche Tatbestände in Wort- und Spruchentstehung verketten, wie 
hinter sinnentleertem Sprachgebrauch der Sinn von gestern steht, wird hier mit doppelter 
Meisterschaft berichtet. 

Die Sicherheit und Gefügtheit des etymologischen Wissens ist erstaunlich — wer im Be- 
wußtsein zufälliger Vertrautheit mit einem Einzelfall der Wortgeschichte nachprüfen zu 
können meint, wird beschämt und bewundernd die Vollständigkeit und die Umsicht der 
Abhandlungen rühmen — und die Darstellungsart ist fesselnd und reizvoll. Diese Lebendig- 
keit ist aber nicht allein schriftstellerischer Gewandtheit zu danken, sondern mit der Auf- 
fassung gegeben, die S. seinem Gegenstand entgegenbringt. 

Schon die Wahl der etwa 1 50 Wörter und Redensarten spricht für die Absicht nach 
Lebensnähe. Da stehen Dialektausdrücke verschiedenster Herkunft (Knorke, doof, aufdröseln, 
o. k.) neben Redensarten (Federlesens machen, unter einer Decke stecken, sein Schäfchen ins 
Trockene bringen) und alten und neuen Terminis (Husar, Dumdum, Grubenhund) und in 
jedem Falle werden neben den richtigen auch die falschen Erklärungsversuche vorgebracht 
und in ihrer Entstehung erläutert. In die den einzelnen Wörtern gewidmeten Abschnitte 
sind jeweils zugehörige Exkurse eingeschaltet, deren einer über „witzige Verschmelzungs- 
wörter" unmittelbar an Freuds Buch über den Witz anknüpft. Aber die Grundeinstellung 
ist nicht nur hier die des Psychologen: immer wieder ist der Leitgedanke zu merken, die 
Brücke von der Sprache zum Menschen zu schlagen, der sie schafft und spricht. 

E. K. (Wien)