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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften XIV 1928 Heft 1"

I M A G O 

XIV. BAND 
1928 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER 

PSYCHOANALYSE AUF DIE NATUR- 

UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 



SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

SÄNDOR RADÖ, HANNS SACHS 
A. J. STORFER 



XIV. BAND 

(1928) 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WT E N / ZÜRICH 



I 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1928 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien 



Druck : Christoph Reisser's Söhne, "Wien V 



INHALTSÜBERSICHT DES XIV. BANDES 

Seite 

R. Allendy: Zur Psychoanalyse der Ahnungen 4 86 

Siegfried Bernfeld: Über Faszination 7 6 

Marie Bonaparte: Über die Symbolik der Kopftrophäen i°° 

C. D. Daly: Der Menstruationskomplex 11 

L. R. Delves Broughton: Vom Leben der Bienen und Termiten 142 

Helene Deutsch: Ein Frauenschicksal — George Sand 334 

Otto Fenichel: Die „lange Nase" 5° 2 

MarjorieE. Franklin: Die bedingten Reflexe bei Epilepsie und der Wieder- 
holungszwang 5"4 

Sigm. Freud: Der Humor J 

— Ein religiöses Erlebnis 7 

Josef K. Friedjung: Zur Psychologie des kleinen Politikers 498 

Heinz Hartmann: Psychoanalyse und Wertproblem 421 

Eduard Hitschmann: Zur Psychoanalyse des Misanthropen von Moliere 88 

— Von, über und um Hamsun 358 

H. C. Jelgersma: Der Kannibalismus und seine Verdrängung im alten 

Ägypten 275 

Georg Langer: Zur Funktion der jüdischen Türpfostenrolle 457 

Bertram D. Lew in: Zur Geschichte der Gewissenspsychologie 441 

Franz Lb'witsch: Raumempfinden und moderne Baukunst 293 

Ruth Jane Mack: Ein Traum aus einem japanischen Roman des elften 

Jahrhunderts 147 

Oskar Pfister: Die Illusion einer Zukunft 149 

Theodor Reik: Bemerkungen zu Freuds „Zukunft einer Illusion 185 >^ 

Albrecht Schaeffer: Geschichte eines Traumes. Gespräch 546 

Emil Simonson: Über das Verhältnis von Raum und Zeit zur Traumarbeit 469 

Richard Sterba: Zum dichterischen Ausdruck des modernen Naturgefühls 522 V" 
Alfred Winter st ein: Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren 

im Märchen 199 

Hans Zulliger: „Die Roichtschäggeten". Über einen Maskenbrauch 447 



REFERATE 

Seite 
Allw ohn: Die Ehe des Propheten Hosea in psychoanalytischer Beleuchtung (Graber) 542 

Baege: Charakterfehler unserer Kinder ; (Graber) 520 

B arr ett : The New Psychology (Jones) 394 

Baudouin: Untergang oder Wiedergehurt? (Graber) 540 

Becher: Metaphysik und Naturwissenschaften (Fenichel) 544 

Benario: Zur Soziologie der Zeitung (StorferJ 508 

Bernfeld: Sozialismus und Psychoanalyse (Fenichel) 385 

Die Formen der Disziplin in Erziehungsanstalten (Fenichel) 416 

Einige spekulative Bemerkungen über die psychologische Bewertung telepathi- 
scher Prozesse (Fenichel) 417 

Brück: Experimentelle Telepathie (Lowtzky) 536 

Bruhn: Gelehrte in Hypnose (Naef) 538 

Bühler: Zwei Knabentagehücher (Bernfeld) 5g6 

Buistendyk und Plessner: Über die Deutung des mimischen Ausdrucks (Gero) 529 

Busse-Wilson: Der russische Mensch (Storfer) 509 

Buttersack: Wider die Minderwertigkeit (Bally) 526 

Chadwick: Psychology for Nurses (Bernfeld) 3g8 

D eliu s : Tanz und Erotik (Bally) 534 

Döblin: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord (Gera) 524 

Eliasberg: Über sozialen Zwang und abhängige Arbeit mit Bemerkungen über 

die Beziehung von Psychoanalyse und Sozialwissenschaft (Storfer) 511 

Elster: Musik und Erotik (Pfiifir) 554 

Farro w: Castration Threats Against Children (Fenichel) 5x8 

Francke: Jugendverwahrlosung und ihre Bekämpfung (Bernfeld) 522 

Heimsoth: Charakterkonstellation (Hitschmann) 531 

Herzberg: Zur Psychologie der Philosophie und der Philosophen (Bally) 403 

Hildebrandt: Gesundheit und Krankheit in Nietzsches Leben und Werk (Bally) 545 

Hoffmann: Charakter und Umwelt (Hitschmann) 531 

Joyce: Jugendbildnis ( Ge ™) 535 

Kaplan: Das Problem der Magie und die Psychoanalyse (Fenichel) 418 

Klages: Handschrift und Charakter (Bally) 527 

Lazar: Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik (Fenichel) 525 

Lewin: Vorsatz, Wille und Bedürfnis (Gerb) 389 

Low: The Cinema in Education (Sharpe) 51g 

Maklezow: Ein grausames Experiment (Lowtzky) 520 

Malinowski: Forschungen in einer mutterrechtlichen Gemeinschaft ... (Storfer) 506 

Man: Die Intellektuellen und der Sozialismus (Bernfeld) 388 

Mendelssohn: Der Mensch in der Handschrift (Bally) 526 

Merzbach und Riese: Sprachpsychologische Parallelen zu sprachlichen Iterativ- 
bewegungen (Storfer) 510 

Müller-Freienfels: Psychologie und Soziologie der modernen Kunst . (Graber) 532 

— Geheimnisse der Seele (Graber) 541 

Nieuwenhuis: Der primitive Mensch und seine Umwelt (Storfer) 506 



Inhaltsübersicht des XIV. BanJes 



VII 



Seite 
Park: Die Stellung von Gruppe und Einzelmensch in der Gesellschaft .(Storfer) 509 

Penrose: Some Psycho-Analytical Notes on Negation (Fenichel) 543 

Plaut: Das soziologische Element in der „Individualpsychologie" (Storfer) 509 

Preuß: Die Erd- und Mondgöttin der alten Mexikaner im heutigen Mythus 

mexikanischer Indianer (Storfer) 506 

Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage (Fenichel) 553 

Reichardt: Die Friiherinnerung als Trägerin kindlicher Selbstbeobachtung in 

den ersten Lebensjahren (Bernfeld) 598 

Reininger: Über soziale Verhaltungsweisen in der Pubertät (Bernfeld) 524 

Riese: Seele und Schicksal . (Graber) 540 

Roffenstein: Zur Psychologie der politischen Meinung (Storfer) 510 

Röheim: The Pointing Rone (Flügel) 528 

Rutter: Slips of the Tongue in Mediaeval English Literature (Fenichel) 533 

Saupe: Einführung in die neuere Psychologie (Bernfeld) 388 

Scheler: Die "Wissenschaftsformen und die Gesellschaft {Gero) 382 

Schneersohn: Die Kritik der Lehre von psychischer Infektion und die objektive 

Aneigiiungstheorie (Storfer) 507 

Seeling: Das Problem der Suggestion in der Erziehung mit Rerücksichtigung 

der Heilpädagogik r (Bernfeld) 523 

Seligman: Anthropology and Psychology (Flügel) 54 1 

Serouya: Die Rolle von Individuum und Gesellschaft beim Hervorrufen von 

Kriegen (Storfer) 511 

Sittlichkeit und Strafrecht. Gegenentwurf zu den Strafbestimmungen des 
amtlichen Entwurfs, herausgegeben vom Kartell für Reform des Sexual- 
strafrechts (Weisskopf) 400 

Stern: Anfänge der Reifezeit (Bernfeld) 399 

Taylor: A Father Pleads for the Death of His Son (Fenichel) 533 

T.hurnwald: Probleme der Völkerpsychologie und Soziologie (Storfer) 505 

— Führerschaft und Siebung (Storfer) 506 

Többen: Neuere Reobachtungen über die Psychologie der zu lebenslänglicher 

Zuchthausstrafe verurteilten oder begnadigten Verbrecher (Weisskopf) 525 

Weimer: Fehlerbehandlung und Fehlerbewertung (Bernfeld) 420 

Wohlbold: Mysterienweisheit (Graber) 543 

Z uliiger: Gelöste Fesseln (Fenichel) 414 

Einige Stimmen zu Sigm. Freuds „Zukunft einer Illusion" (Storfer) 377 

Zeitschrift für Parapsychologie, I. Jg., Heft 1 (Lowtzkf) 537 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik (Fenichel) 403, 512 

Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie (Storfer) 505 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XIV. Band 



L9 2 



8 



Heft 1 



.Der JjLumor 

Von 

jSigm. Jreua 

In meiner Schrift über den „Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" 
(1905) habe ich den Humor eigentlich nur vom ökonomischen Gesichtspunkt 
behandelt. Es lag mir daran, die Quelle der Lust am Humor zu finden, 
und ich meine, ich habe gezeigt, daß der humoristische Lustgewinn aus 
erspartem Gefühlsaufwand hervorgeht. 

Der humoristische Vorgang kann sich in zweierlei Weisen vollziehen, ent- 
weder an einer einzigen Person, die selbst die humoristische Einstellung 
einnimmt, während der zweiten Person die Rolle des Zuschauers und Nutz- 
nießers zufällt, oder zwischen zwei Personen, von denen die eine am 
humoristischen Vorgang gar keinen Anteil hat, die zweite aber diese Person 
zum Objekt ihrer humoristischen Betrachtung macht. Wenn, um beim 
gröbsten Beispiel zu verweilen, der Delinquent, der am Montag zum Galgen 
geführt wird, die Äußerung tut: „Na, die Woche fängt gut an", so ent- 
wickelt er selbst den Humor, der humoristische Vorgang vollendet sich an 
seiner Person und trägt ihm offenbar eine gewisse Genugtuung ein. Mich, 
den unbeteiligten Zuhörer, trifft gewissermaßen eine Fernwirkung der humo- 
ristischen Leistung des Verbrechers; ich verspüre, vielleicht ähnlich wie er, 
den humoristischen Lustgewinn. 

Der zweite Fall liegt vor, wenn z. B. ein Dichter oder Schilderer das 
Gehaben von realen oder erfundenen Personen in humoristischer Weise 
beschreibt. Diese Personen brauchen selbst keinen Humor zu zeigen, die 
humoristische Einstellung ist allein Sache dessen, der sie zum Objekt nimmt 
und der Leser oder Zuhörer wird wiederum wie im vorigen Falle des 

Inugo XIV. 




Genusses am Humor teilhaftig. Zusammenfassend kann man also sagen, man 
kann die humoristische Einstellung — worin immer diese bestehen mag — 
gegen die eigene oder gegen fremde Personen wenden ; es ist anzunehmen, 
daß sie dem, der es tut, einen Lustgewinn bringt; ein ähnlicher Lustgewinn 
fällt dem — unbeteiligten — Zuhörer zu. 

Die Genese des humoristischen Lustgewinns erfassen wir am besten, 
wenn wir uns dem Vorgang beim Zuhörer zuwenden, vor dem ein anderer 
Humor entwickelt. Er sieht diesen anderen in einer Situation, die es erwarten 
läßt, daß er die Anzeichen eines Affekts produzieren wird; er wird sich 
ärgern, klagen, Schmerz äußern, sich schrecken, grausen, vielleicht selbst 
verzweifeln, und der Zuschauer- Zuhörer ist bereit, ihm darin zu folgen, 
die gleichen Gefühlsregungen bei sich entstehen zu lassen. Aber diese Ge- 
fühlsbereitschaft wird enttäuscht, der andere äußert keinen Affekt, sondern 
macht einen Scherz; aus dem ersparten Gefühlsaufwand wird nun beim 
Zuhörer die humoristische Lust. 

So weit kommt man leicht, aber man sagt sich auch bald, daß es der 
Vorgang beim anderen, beim „Humoristen" ist, der die größere Aufmerk- 
samkeit verdient. Kein Zweifel, das Wesen des Humors besteht darin, daß 
man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlaß gäbe und 
sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen 
hinaussetzt. Insofern muß der Vorgang beim Humoristen mit dem beim 
Zuhörer übereinstimmen, richtiger gesagt, der Vorgang beim Zuhörer muß 
den beim Humoristen kopiert haben. Aber wie bringt der Humorist jene 
psychische Einstellung zustande, die ihm die Affektentbindung überflüssig 
macht, was geht bei „der humoristischen Einstellung" dynamisch in ihm 
vor? Offenbar ist die Lösung des Problems beim Humoristen zu suchen, 
beim Zuhörer ist nur ein Nachklang, eine Kopie dieses unbekannten 
Prozesses anzunehmen. 

Es ist Zeit, daß wir uns mit einigen Charakteren des Humors vertraut 
machen. Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes, wie der Witz und 
die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes, welche Züge 
an den beiden anderen Arten des Lustgewinns aus intellektueller Tätigkeit 
nicht gefunden werden. Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narziß- 
mus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich ver- 
weigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum 
Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außen- 
welt nicht nahe gehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu 
Lustgewinn sind. Dieser letzte Zug ist für den Humor durchaus wesent- 



Der Humor 



lieh. Nehmen wir an, der am Montag zur Hinrichtung geführte Verhrecher 
hätte gesagt: Ich mach' mir nichts daraus, was liegt denn daran, wenn ein Kerl 
wie ich aufgehängt wird, die Welt wird darum nicht zugrunde gehen, — so 
müßten wir urteilen, diese Rede enthält zwar diese großartige Überlegenheit 
über die reale Situation, sie ist weise und berechtigt, aber sie verrät auch 
nicht die Spur von Humor, ja sie ruht auf einer Einschätzung der Realität, 
die der des Humors direkt zuwiderläuft. Der Humor ist nicht resigniert, 
er ist trotzig, er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den 
des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu 
behaupten vermag. 

Durch diese beiden letzten Züge, die Abweisung des Anspruchs der 
Realität und die Durchsetzung des Lustprinzips nähert sich der Humor 
den regressiven oder reaktionären Prozessen, die uns in der Psychopathologie 
so ausgiebig beschäftigen. Mit seiner Abwehr der Leidensmöglichkeit nimmt 
er einen Platz ein in der großen Reihe jener Methoden, die das menschliche 
Seelenleben ausgebildet hat, um sich dem Zwang des Leidens zu entziehen, 
einer Reihe, die mit der Neurose und dem Wahnsinn anhebt, und in die 
der Rausch, die Selbstversenkung, die Ekstase einbezogen sind. Der Humor 
dankt diesem Zusammenhange eine Würde, die z. B. dem Witze völlig abgeht, 
denn dieser dient entweder nur dem Lustgewinn oder er stellt den Lust- 
gewinn in den Dienst der Aggression. Worin besteht nun die humoristische 
Einstellung, durch die man sich dem Leiden verweigert, die Unüberwind- 
lichkeit des Ichs durch die reale Welt betont, das Lustprinzip siegreich 
behauptet, all dies aber, ohne wie andere Verfahren gleicher Absicht den 
Boden seelischer Gesundheit aufzugeben? Die beiden Leistungen scheinen 
doch unvereinbar miteinander. 

Wenn wir uns an die Situation wenden, daß sich jemand gegen andere 
humoristisch einstellt, so liegt die Auffassung nahe, die ich auch bereits im 
Buch über den Witz zaghaft angedeutet habe, er benehme sich gegen sie 
wie der Erwachsene gegen das Kind, indem er die Interessen und Leiden, 
die diesem groß erscheinen, in ihrer Nichtigkeit erkenne und belächle. 
Der Humorist gewinne also seine Überlegenheit daher, daß er sich in die 
Rolle des Erwachsenen, gewissermaßen in die Vateridentifizierung begebe 
und die anderen zu Kindern herabdrücke. Diese Annahme deckt wohl den 
Sachverhalt, aber sie erscheint kaum zwingend. Man fragt sich, wie kommt 
der Humorist dazu, sich diese Rolle anzumaßen. 

Aber man erinnert sich an die andere, wahrscheinlich ursprünglichere 
und bedeutsamere Situation des Humors, daß jemand die humoristische 



4 Sigm. Freud 

Einstellung gegen seine eigene Person richtet, um sich solcherart seiner 
Leidensmöglichkeiten zu erwehren. Hat es einen Sinn zu sagen, jemand 
behandle sich selbst wie ein Kind und spiele gleichzeitig gegen dies Kind die 
Rolle des überlegenen Erwachsenen? 

Ich meine, wir geben dieser wenig plausiblen Vorstellung einen starken 
Rückhalt, wenn wir in Betracht ziehen, was wir aus pathologischen Er- 
fahrungen über die Struktur unseres Ichs gelernt haben. Dieses Ich ist nichts 
Einfaches, sondern beherbergt als seinen Kern eine besondere Instanz, das Über- 
Ich, mit dem es manchmal zusammenfließt, so daß wir die beiden nicht 
zu unterscheiden vermögen, während es sich in anderen Verhältnissen scharf 
von ihm sondert. Das Über-Ich ist genetisch Erbe der Elterninstanz, es hält 
das Ich oft in strenger Abhängigkeit, behandelt es wirklich noch wie einst 
in frühen Jahren die Eltern — oder der Vater — das Kind behandelt 
haben. Wir erhalten also eine dynamische Aufklärung der humoristischen 
Einstellung, wenn wir annehmen, sie bestehe darin, daß die Person des 
Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf 
ihr Über-Ich verlegt habe. Diesem so geschwellten Über-Ich kann nun das 
Ich winzig klein erscheinen, alle seine Interessen geringfügig, und es mag 
dem Über-Ich bei dieser neuen Energieverteilung leicht werden, die 
Reaktionsmöglichkeiten des Ichs zu unterdrücken. 

Unserer gewohnten Ausdrucksweise treu, werden wir anstatt Verlegung 
des psychischen Akzents zu sagen haben: Verschiebung großer Besetzungs- 
mengen. Es fragt sich dann, ob wir uns solche ausgiebige Verschiebungen 
von einer Instanz des seelischen Apparats auf eine andere vorstellen dürfen. 
Es sieht wie eine neue ad hoc gemachte Annahme aus, doch dürfen wir 
uns erinnern, daß wir wiederholt, wenn auch nicht oft genug, bei unseren 
Versuchen einer metapsychologischen Vorstellung des seelischen Geschehens 
mit einem solchen Faktor gerechnet haben. So nahmen wir zum Beispiel 
an, der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen erotischen Objektbe- 
setzung und dem Zustand einer Verliebtheit bestehe darin, daß in letz- 
terem Falle ungleich mehr Besetzung auf das Objekt übergeht, das Ich 
sich gleichsam nach dem Objekt entleert. Beim Studium einiger Fälle von 
Paranoia konnte ich feststellen, daß die Verfolgungsideen frühzeitig gebildet 
werden und lange Zeit bestehen, ohne eine merkliche Wirkung zu äußern, 
bis sie dann auf einen bestimmten Anlaß hin die Besetzungsgrößen erhalten, 
die sie dominant werden lassen. Auch die Heilung solcher paranoischer Anfalle 
dürfte weniger in einer Auflösung und Korrektur der Wahnideen als in der 
Entziehung der ihnen verliehenen Besetzung bestehen. Die Abwechslung von 




Der Humor 



Melancholie und Manie, von grausamer Unterdrückung des Ichs durch das 
Über-Ich und von Befreiung des Ichs nach solchem Druck hat uns den 
Eindruck eines solchen Besetzungswandels gemacht, den man übrigens 
auch zur Erklärung einer ganzen Beihe von Erscheinungen des normalen 
Seelenlebens heranziehen müßte. Wenn dies bisher in so geringem Ausmaß 
geschehen ist, so liegt der Grund dafür in der von uns geübten, eher lobens- 
werten Zurückhaltung. Das Gebiet, auf dem wir uns sicher fühlen, ist 
das der Pathologie des Seelenlebens ; hier machen wir unsere Beobachtungen, 
erwerben wir unsere Überzeugungen. Eines Urteils über das Normale getrauen 
wir uns vorläufig nur insoweit, als wir in den [Isolierungen und Ver- 
zerrungen des Krankhaften das Normale erraten. Wenn diese Scheu einmal 
überwunden ist, werden wir erkennen, eine wie große Bolle für das 
Verständnis der seelischen Vorgänge den statischen Verhältnissen wie dem 
dynamischen Wechsel in der Quantität der Energiebesetzung zukommt. 

Ich meine also, die hier vorgeschlagene Möglichkeit, daß die Person in 
einer bestimmten Lage plötzlich ihr Über-Ich überbesetzt und nun von diesem 
aus die Beaktionen des Ichs abändert, verdient es festgehalten zu werden. 
Was ich für den Humor vermute, findet auch eine bemerkenswerte Analogie 
auf dem verwandten Gebiet des Witzes. Als die Entstehung des Witzes 
mußte ich annehmen, daß ein vorbewußter Gedanke für einen Moment der 
unbewußten Bearbeitung überlassen wird, der Witz sei also der Beitrag 
zur Komik, den das Unbewußte leiste. Ganz ähnlich wäre der Humor 
der Beitrag zur Komik durch die Vermittlung des Über-Ichs. 

Wir kennen das Über-Ich sonst als einen gestrengen Herrn. Man wird 
sagen, es stimmt schlecht zu diesem Charakter, daß es sich herbeiläßt, 
dem Ich einen kleinen Lustgewinn zu ermöglichen. Es ist richtig, daß die 
humoristische Lust nie die Intensität der Lust am Komischen oder am 
Witz erreicht, sich niemals im herzhaften Lachen ausgibt; es ist auch wahr, 
daß das Über-Ich, wenn es die humoristische Einstellung herbeiführt, eigent- 
lich die Realität abweist und einer Illusion dient. Aber dieser wenig inten- 
siven Lust schreiben wir — ohne recht zu wissen warum — einen hoch- 
wertigen Charakter zu, wir empfinden sie als besonders befreiend und 
erhebend. Der Scherz, den der Humor macht, ist ja auch nicht das Wesent- 
liche, er hat nur den Wert einer Probe; die Hauptsache ist die Absicht, 
welche der Humor ausführt, ob er sich nun an der eigenen oder an 
fremden Personen betätigt. Er will sagen: Sieh' her, das ist nun die Welt, 
die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz dar- 
über zu machen! 



Freud : Der Humor 



Wenn es wirklich das Über-Ich ist, das im Humor so liebevoll tröstlich 
zum eingeschüchterten Ich spricht, so wollen wir daran gemahnt sein, daß 
wir über das Wesen des Über-Ichs noch allerlei zu lernen haben. Übrigens 
sind nicht alle Menschen der humoristischen Einstellung fähig, es ist eine 
köstliche und seltene Begabung und vielen fehlt selbst die Fähigkeit, die 
ihnen vermittelte humoristische Lust zu genießen. Und endlich, wenn das 
Über-Ich durch den Humor das Ich zu trösten und vor Leiden zu be- 
wahren strebt, hat es damit seiner Abkunft von der Elterninstanz nicht 
widersprochen. 



Vorgelesen von Anna Freud am I. Septem- 
ber T927 auf dem X. Internationalen Psycho- 
analytischen Kongreß in Innsbruck. 




E-in religiöses Erlebnis 

Von 

iSigm. Freud 

Im Herbst 1927 veröffentlichte ein deutschamerikanischer Journalist, 
den ich gern bei mir gesehen hatte (G. S. Viereck), eine Unterhaltung mit 
mir, in der auch mein Mangel an religiöser Gläubigkeit und meine Gleich- 
giltigkeit gegen eine Fortdauer nach dem Tode berichtet wurde. Dies so- 
genannte Interview wurde viel gelesen und brachte mir unter anderem 
nachstehende Zuschrift eines amerikanischen Arztes ein: 

„. . . Am meisten Eindruck machte mir Ihre Antwort auf die Frage, ob 
Sie an eine Fortdauer der Persönlichkeit nach dem Tode glauben. Sie sollen 
geantwortet haben: Daraus mach' ich mir gar nichts. 

Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen ein Erlebnis mitzuteilen, das ich in 
dem Jahr hatte, als ich meine medizinischen Studien an der Universität in X. 
vollendete. Eines Nachmittags hielt ich mich gerade im Seziersaal auf, als die 
Leiche einer alten Frau hereingetragen und auf einen Seziertisch gelegt wurde. 
Diese Frau hatte ein so liebes, entzückendes Gesicht (this sweet faced womanj, 
daß es mir einen großen Eindruck machte. Der Gedanke blitzte in mir auf: 
Nein, es gibt keinen Gott; wenn es einen Gott gäbe, würde er nie gestattet 
haben, daß eine so liebe alte Frau (ihis dear old looman) in den Seziersaal 
kommt. 

Als ich an diesem Nachmittage nach Hause kam, hatte ich unter dem Eindruck 
des Anblicks im Seziersaal bei mir beschlossen, nicht wieder in eine Kirche 
zu gehen. Die Lehren des Christentums waren mir auch vorher schon ein 
Gegenstand des Zweifels gewesen. 

Aber während ich noch darüber nachsann, sprach eine Stimme in meiner 
Seele, ich sollte mir doch meinen Entschluß noch reiflich überlegen. Mein 
Geist antwortete dieser inneren Stimme: "Wenn ich die Gewißheit bekomme, 
daß die christliche Lehre wahr und die Bibel das Wort Gottes ist, dann werde 
ich es annehmen. 

Im Verlauf der nächsten Tage machte Gott es meiner Seele klar, daß die 
Bibel Gottes Wort ist, daß alles, was über Jesus Christus gelehrt wird, wahr 



ist, und daß Jesus unsere einzige Hoffnung ist. Nach dieser so klaren Offen- 
barung nahm ich die Bibel als das Wort Gottes und Jesus Christus als den 
Erlöser meiner selbst an. Seither hat Gott sich mir noch durch viele untrüg- 
liche Zeichen geoffenbart. 

Als ein wohlwollender Kollege (brother physician) bitte ich Sie, Ihre Ge- 
danken auf diesen wichtigen Gegenstand zu richten und versichere Ihnen, 
wenn Sie sich offenen Sinnes damit beschäftigen, wird Gott auch Ihrer Seele die 
Wahrheit offenbaren, wie mir und so vielen anderen ..." 

Ich antwortete höflich, daß ich mich freute zu hören, es sei ihm durch 
ein solches Erlebnis möglich geworden, seinen Glauben zu bewahren. Für 
mich habe Gott nicht so viel getan, er habe mich nie eine solche innere 
Stimme hören lassen und wenn er sich — mit Rücksicht auf mein 
Alter — nicht sehr beeile, werde es nicht meine Schuld sein, wenn ich 
bis zum Ende bleibe, was ich jetzt sei — an infidel jew. 

Die liebenswürdige Entgegnung des Kollegen enthielt die Versicherung, 
daß das Judentum kein Hindernis auf dem Wege zur Rechtgläubigkeit 
sei und erwies dies an mehreren Beispielen. Sie gipfelte in der Mitteilung, 
daß eifrig für mich zu Gott gebetet werde, er möge mir faith to believe, 
den rechten Glauben, schenken. 

Der Erfolg dieser Fürbitte steht noch aus. Unterdes gibt das religiöse 
Erlebnis des Kollegen zu denken. Ich möchte sagen, es fordert den Versuch 
einer Deutung aus affektiven Motiven heraus, denn es ist an sich befremdend 
und besonders schlecht logisch begründet. Wie bekannt, läßt Gott noch 
ganz andere Greuel geschehen, als daß die Leiche einer alten Frau mit 
sympathischen Gesichtszügen auf den 'Seziertisch gelegt wird. Dies war zu 
allen Zeiten so und kann zur Zeit, als der amerikanische Kollege seine 
Studien absolvierte, nicht anders gewesen sein. Als angehender Arzt kann 
er auch nicht so weltfremd gewesen sein, von all dem Unheil nichts zu 
wissen. Warum mußte also seine Empörung gegen Gott gerade bei jenem 
Eindruck im Seziersaal losbrechen? 

Die Erklärung liegt für den, der gewohnt ist, die inneren Erlebnisse 
und Handlungen der Menschen analytisch zu betrachten, sehr nahe, so 
nahe, daß sie sich in meiner Erinnerung direkt in den Sachverhalt ein- 
schlich. Als ich einmal in einer Diskussion den Brief des frommen Kollegen 
erwähnte, erzählte ich, er habe geschrieben, daß ihn das Gesicht der Frauen - 
leiche an seine eigene Mutter erinnert habe. Nun, das stand nicht in dem 
Brief, — die nächste Erwägung sagt auch, das kann unmöglich darin 
gestanden sein, — aber das ist die Erklärung, die sich unter dem Eindruck 
der zärtlichen Worte, mit denen die alte Frau bedacht wird (sweet faced 



dear old woman) unabweisbar aufdrängt. Den durch die Erinnerung an 
die Mutter geweckten Affekt darf man dann für die Urteilsschwäche des 
jungen Arztes verantwortlich machen. Kann man sich von der Unart der 
Psychoanalyse nicht frei machen, Kleinigkeiten als Beweismaterial heranzu- 
ziehen, die auch eine andere, weniger tiefgreifende Erklärung zulassen, so 
wird man auch daran denken, daß der Kollege mich später als brotlier 
physician anspricht, was ich in der Übersetzung nur unvollkommen wieder- 
geben konnte. 

Man darf sich also den Hergang in folgender Art vorstellen: Der An- 
blick des nackten (oder zur Entblößung bestimmten) Leibes einer Frau, 
die den Jüngling an seine Mutter erinnert, weckt in ihm die aus dem 
Ödipuskomplex stammende Muttersehnsucht, die sich auch sofort durch die 
Empörung gegen den Vater vervollständigt. Vater und Gott sind bei ihm 
noch nicht weit auseinandergerückt, der Wille zur Vernichtung des Vaters 
kann als Zweifel an der Existenz Gottes bewußt werden und sich als Ent- 
rüstung über die Mißhandlung des Mutterobjekts vor der Vernunft legiti- 
mieren wollen. Dem Kind gilt doch in typischer Weise als Mißhandlung, 
was der Vater im Sexualverkehr der Mutter antut. Die neue, auf das reli- 
giöse Gebiet verschobene Regung ist nur eine Wiederholung der Ödipus- 
situation und erfährt darum nach kurzer Zeit dasselbe Schicksal. Sie erliegt 
einer mächtigen Gegenströmung. Während des Konflikts wird das Ver- 
schiebungsniveau nicht eingehalten, von Argumenten zur Rechtfertigung 
Gottes ist nicht die Rede, es wird auch nicht gesagt, durch welche un- 
trügliche Zeichen Gott dem Zweifler seine Existenz erwiesen hat. Der 
Konflikt scheint sich in der Form einer halluzinatorischen Psychose abge- 
spielt zu haben, innere Stimmen werden laut, um vom Widerstand gegen 
Gott abzumahnen. Der Ausgang des Kampfes zeigt sich wiederum auf 
religiösem Gebiet; er ist der durch das Schicksal des Ödipuskomplexes 
vorherbestimmte: völlige Unterwerfung unter den Willen Gott- Vaters, der 
junge Mann ist gläubig geworden, er hat alles angenommen, was ihn seit 
der Kindheit über Gott und Jesus Christus gelehrt wurde. Er hat ein reli- 
giöses Erlebnis gehabt, eine Bekehrung erfahren. 

Das ist alles so einfach und so durchsichtig, daß man die Frage nicht 
abweisen kann, ob durch das Verständnis dieses Falles etwas für die 
Psychologie der religiösen Bekehrung überhaupt gewonnen ist. Ich verweise 
auf ein treffliches Werk von Sante de Sanctis (La conversione religiosa, 
Bologna 1924), welches auch alle Funde der Psychoanalyse verwertet. Man 
findet durch diese Lektüre die Erwartung bestätigt, daß keineswegs alle Fälle 



ireud: Ein religiöses Erlebnis 



von Bekehrung sich so leicht durchschauen lassen, wie der hier erzählte, 
daß aber unser Fall in keinem Punkte den Meinungen widerspricht, die 
sich die moderne Forschung über diesen Gegenstand gebildet hat. Was 
unsere Beobachtung auszeichnet, ist die Anknüpfung an einen besonderen 
Anlaß, der die üngläubigkeit noch einmal aufflackern läßt, ehe sie für 
dies Individuum endgiltig überwunden wird. 



Der jMenstruationskomplex 

Von 

C. D. Daly 

Quetta, Beluasaiistan 

(Aus dem englischen Manuskript übersetzt von Peter Mendelssohn) 



Vorbemerkung 

Die folgende Schrift ist eine Fortsetzung der psychoanalytischen Deutung 
der Gestalt der indischen Göttin Kali 1 und umfaßt eine Erweiterung der 
Freudschen Tabutheorie. Es sollen in dieser Schrift verschiedene Punkte 
in ihrer Beziehung zu ihrer nach meiner Theorie allen gemeinsamen primären 
Basis, dem Menstruationskomplex, beleuchtet werden. Diese Basis muß be- 
reits in einer primitiven Lebensstufe erstmalig wirksam gewesen sein und 
konnte wohl nur durch unbewußte Motive so lange übersehen oder wenig- 
stens unterschätzt werden. 

Erforschung und Verständnis der primären psychischen Faktoren sollen 
aber nicht durch irrationale Motive behindert werden. 

Es ist wahrscheinlich, daß der Menstruationskomplex wesentlich mit- 
gewirkt hat an der Vertiefung des Unterschiedes zwischen dem Verhalten 
des Menschen und dem der übrigen Tierwelt. Das primäre Ich wird nun 
durch einen tiefen Konflikt zerspalten, wobei eine Seite, und zwar die anti- 
soziale, einer allmählichen Verdrängung unterliegt, während die andere, ver- 
drängende, sich als Tabugefühl äußert ; die Verdrängung der Triebe wird an 
inneren Veränderungen sichtbar, die von der Außenwelt auferlegt zu sein 
scheinen; so beginnt die animistische Entwicklungsphase. Der Wert dieses 
Konfliktes als eines Faktors der Entwicklung scheint darin zu liegen, daß 
er den archaischeren Wiederholungszwang, von dem die Tierwelt beherrscht 




12 CD. Daly 

wird, und der auch den Menschen zwingt zu denken, ehe er handelt, im 
Innersten stark erschütterte. Dieser innere Konflikt wird dann in die Außen- 
welt projiziert; die Welt ist dann nicht nur voll von jenen vergleichsweise 
einfachen und harmlosen Realgefahren, deren Bekämpfung Angelegenheit 
des Selbsterhaltungstriebes ist, sondern es finden sich in ihr auch alle jene 
spirituellen Projektionsgefahren, deren Schrecklichkeit sich der normale zivili- 
sierte Mensch gar nicht mehr annähernd vorzustellen vermag. 



I 

Üine Erweiterung der psychoanaly tiscnen 
-fc/ntwicklungstneorie 

Die Hemmung 

In zwei vorangegangenen Schriften habe ich bereits auf bestimmte 
Phänomene hingewiesen, die noch hinter so vielem verborgen liegen, das 
selbst bisher für uns unerklärlich war; in meiner ethnologischen Beschreibung 
der hinduistischen Göttin Kali finden sich in bezug darauf die folgenden 
Bemerkungen: „Obgleich sie eine so zarte Bezeichnung wie die der Mutter 
trägt, wird sie doch weit eher gefürchtet und muß als Quelle allen Übels 
ausgesöhnt werden, als daß sie als Segenspenderin geliebt wird; und ob- 
gleich man von ihr annimmt, daß sie die Zerstörerin der Furcht sei, soll 
sie doch einen besonderen Geruch an sich haben, der eben jene Furcht im 
Menschen erweckt." Wir hoffen zeigen zu können, daß das Verständnis für 
diesen Widerspruch möglich wird auf dem Wege über die Erkenntnis von 
Ursprung und Natur des Menstruations- und Gebärtabus. Havelock Ellis 1 
sagt in seiner interessanten Schrift über den „Einfluß der Menstruation auf 
die Stellung der Frau", daß die Menstruation eine emotionale Atmosphäre 
schafft, durch die der Mann die Frau sieht, und die bis jetzt noch nicht 
völlig geklärt und durchschaut ist. 

Fast die ganze Tierwelt scheint beeinflußt zu werden von dem, was wir 
hypnotische, den Sexualtrieb erregende Gerüche nennen möchten. Sie ent- 
strömen den weiblichen Tieren zur Zeit der Brunst. Es wird in der Wissen- 
schaft ganz allgemein angenommen, daß die Brunst der Tiere biologisch 

l) H. Ellis: Studies in Psychology of Sex. Bd. 1, Anh., S. 284. 



Der Menstruationskomplex 



i3 



der Menstruationsperiode der Frau entspricht. Die weiblichen Genitalien 
bilden außerdem höchst wahrscheinlich für den primitiven Mann einen 
visuellen Reiz. Diese zwei Stimulantien, Geruchs- und Gesichtsreize, müssen 
für unsere primitiven Vorfahren die hervorragendste Quelle der Versuchung, 
das Inzesttabu zu verletzen, gewesen sein, also zum Verbrechen gegen die 
ältesten Gesetze der Menschheit, dessen Aufdeckung den unmittelbaren Tod 
bedeutete. Deshalb mußten diese beiden Quellen der frühen Lustvorstellungen 
mit dem Begriff der Furcht in Zusammenhang gebracht werden. Sie wurden 
für den primitiven Menschen schließlich zu schrecklichen Mahnern an die 
Konsequenzen, die aus einer Schwäche den starken Versuchungen gegen- 
über entsprängen. So wurde der Geruch und der Anblick des weiblichen 
Genitale, die beide von der größten Anziehungskraft für den Mann gewesen 
waren, und der Teil des weiblichen Körpers, der ein Zentrum der Schönheit 
gebildet hatte, mit der größten Furcht des Mannes verbunden; und nun 
folgt die Verdrängung der Triebwünsche und die Verschiebung der Angst, 
wobei der Mensch sich zu dieser Zeit im Gegensatz zu der übrigen Tierwelt 
den Wunsch nach dem Koitus versagte. 1 



F o Ikloristlsche 



u» 



der M-enstruatlon 



>ies zum. Ursprung 

Eine allgemeine frühe Vorstellung über den Ursprung der Menstruation 
besagt, daß sie die Folge eines männlichen Angriffs sei, der in einem Raub 
gipfelte. In der Folklore und in der Mythologie der meisten Länder wird 

») Es ist immerhin eine anerkannte und bedeutungsvolle Tatsache, daß das Trieb- 
verlangen der Frau oft gerade besonders auffällig während ihrer Periode zutage tritt. 
H. Ellis führt eine Anzahl von Autoritäten an, die diese Tatsache bestätigen. Sir 
W. F.Wade sagt in seinem Ingleby „Lectures": „Ich bin überzeugt, daß es möglich 
ist zu beweisen, daß in einigen Fällen die Heftigkeit der Begierde während der tat- 
sächlichen Zeit der Periode ihr Maximum erreicht, und ich vermute, daß Fälle vor- 
kommen, in denen sie, wenn nicht ganz, so doch zum größten Teil, auf diese Zeit 
beschränkt ist." (Lancet, 5. Juni 1886.) Ellis schreibt: „Die Tatsache, daß eine so 
kardinale Beziehung zu dem Sexualleben der Frau von den meisten Autoren über- 
sehen oder ignoriert worden ist, stellt einen eigentümlichen Beweis für eine allgemein 
herrschende Ignoranz dar. Diese Ignoranz ist besonders dadurch gehegt und gepflegt 
worden, daß die Frauen sich selbst oftmals ihre Gefühle verheimlichen. Eine Dame sagte 
einmal, daß sie während der Menstruationsperiode zum Koitus durchaus bereit ge- 
wesen sei, daß aber die Vorstellung von der Unerfüllbarkeit dieses Wunsches sie ver- 
anlaßt habe, sich diesen Gedanken wieder aus dem Kopfe zu schlagen. Ich habe Grund 
zu der Annahme, daß diese Feststellung eine Darstellung der wahren Gefühle sehr 
vieler Frauen enthält. Die Aversion gegen den Koitus ist real, aber oft nicht etwa 
dem Fehlen eines sexuellen Verlangens zuzuschreiben, sondern der hindernden Ein- 
wirkung mächtiger, aber eigentlich unwesentlicher Kausalitäten." 



M 



C. D. Daly 



dieser Angriff der Schlange oder anderen Tieren von ähnlicher symbolischer 
Bedeutung zugeschrieben. Ich führe ein Beispiel an: Bei den Chiriguanos 
in Bolivien laufen alte Weiber mit Stöcken herum, um die Schlange zu 
erschlagen, die die menstruierenden Mädchen verwundet hat. 1 

Bei dem Studium dieser Phänomene am Material primitiver Völker darf 
man nicht aus dem Auge verlieren, daß vielfach Menstruation und Schwänge- 
rung noch nicht auseinandergehalten werden, so wie wir sie im Unbewußten 
noch heute zuweilen miteinander verbunden finden. 

Der folgende Traum einer Frau wurde mir erst kürzlich erzählt: „Ein 
Mann stieß ein Messer zwischen meinen ersten und zweiten Finger; es ging 
gerade durch und kam in der Handfläche wieder heraus. Der Mann zog 
das Messer heraus und das Blut quoll hervor. Dann verwandelte sich das 
Blut in eine kleine Schlange, die ihren Kopf ruckweise hinein und hinaus- 
stieß. Der Kopf wurde größer und größer, so daß ich meine Hand auf ihn 
hielt und ihn niederdrückte, und jemand bat, schnell ein Messer zu holen 
und den Kopf abzuschneiden, nein, ich meine ,herauszuschneiden ." 

Man findet nicht oft einen Traum, der so manifest unbewußtes Material 
enthält und in symbolischer Form so deutlich Koitus, Schwängerung, Nieder- 
kunft und Kastration behandelt. Ich bedaure, daß ich keine detaillierte 
Analyse geben kann, aber wer mit der Traumdeutung vertraut ist, wird 
die Symboldeutung ohne Schwierigkeit vollziehen können. 

„Diese primitive Theorie vom Ursprung der Menstruation bringt uns 
dem Verständnis für das besondere und intime Band in seiner frühesten 
Gestalt näher, das nach altem Glauben die menstruierende Frau mit den 
natürlichen oder übernatürlichen Kräften der Welt in Zusammenhang bringt. 
Überall wird von menstruierenden Frauen angenommen, daß sie von Geistern 
besessen oder mit mystischen Kräften ausgestattet seien." 2 

Das Triebverlangen der Frau ist zudem — wie gesagt — bei Beginn 
der Menstruation auf einem Höhepunkt angelangt, sodaß der Glaube, von 
der Schlange gebissen worden zu sein, etwa einer symbolischen Wunsch- 
erfüllung entspricht. In einigen Gegenden Brasiliens ist es den Mädchen 
im Pubertätsalter verboten, in den Wald zu gehen, aus Furcht vor den 
Liebesangriffen der Schlangen. 3 

Ähnliche Verbote beziehungsweise Vorsichtsmaßregeln existieren auch 



1) H. Ellis, op. dt. I. Bd.; The Phenomenon of Sexual Periodicity, S. 100 und 102 
und Anmerkung. 

2) Havelock Ellis, op. cit. S. 285. 

3) Ibid. 



Der jMenstruatäonskomplex 



in anderen Teilen der Welt. So findet sich in abgelegenen Teilen von 
Bengalen die Vorstellung, daß der Traum von Schlangen die Geburt eines 
Kindes ankündige. 

Der bösartige Aspekt, unter dem die Schlange erscheint, entspricht den 
sexuellen Angriffen des Mannes. Von diesem nimmt man wieder an, daß 
er im Zustand der Erektion von guten oder bösen Geistern besessen sei, 
gemäß denen das Objekt entweder zulässig oder tabu ist. Da aber die männ- 
liche sexuelle Erregung nicht von blutigen Erscheinungen begleitet ist wie 
die weibliche, und da das männliche überdies das stärkere Geschlecht dar- 
stellt, hat die Frau den größten Teil des üblen oder bösen Aspektes der 
Sexualität zu tragen. 



Die Menstruation in der Pubertät und im Leben der Erwach. 



rwachsenen 



Unter den primitiven Völkern finden zwei . der strengsten Taburegeln, 
die sonst bestimmend sind für das Leben der göttlichen Könige oder Priester, 
auch Anwendung auf Mädchen im Pubertätsalter. Die eine besagt, daß die 
Mädchen während dieser Zeit den Erdboden nicht mit den Füßen berühren 
dürfen, da eine solche Berührung Pollution oder irgendwelche Gefahren 
nach sich zöge, während die andere vorschreibt, daß eben die Mädchen 
nicht von der Sonne (oder vom Licht einer Flamme) beschienen werden 
dürfen. In zahlreichen Teilen der Welt werden diese Gesetze mit Gewalt 
aufrecht gehalten. Die Einschränkungen und Verbote, denen die Mädchen 
während der Zeit der Pubertät unterworfen waren und noch sind, wurden 
von Frazer 1 und anderen in weitem Umfange festgestellt, sodaß es hier 
nur nötig ist, sie kurz noch einmal aufzuführen. Man hält die Mädchen 
beispielsweise in engen Käfigen, in Hütten in den Wäldern, in Löchern 
im Erdboden oder an die Decke gebunden, halb in Sand eingegraben, in 
Käfigen in Bäumen, in eigens zu diesem Zweck hergestellten, dem jeweiligen 
Stamme gehörigen Hütten usw. und das ohne Feuer oder Licht, bei äußerst 
eingeschränkter Nahrungsaufnahme und unter dem Zwang, eine Anzahl 
von Gebräuchen und Zeremonien zu zelebrieren, deren Ausfall das Elend 
über alle anderen heraufbeschwören würde und sie vermutlich unwider- 
ruflich aller Gnade verlustig gehen ließe, und zwar für Zeiträume, die von 
einigen Monaten bis zu zirka sieben Jahren variieren, jedoch für gewöhnlich 
etwa für die Zeit von einigen Monaten. Oft dürfen sie während der ganzen 



1) Frazer: The Golden Bough, 2. Ausg., III. Bd., S. 201- 



-230. 



i6 CD. Daly 

Zeit der Abschließung nicht einmal mit den Händen ihren eigenen Körper 
berühren oder ihm Nahrung zuführen, auch werden sie zuweilen von der 
Unterhaltung mit der Außenwelt völlig abgeschlossen und bleiben dann 
für gewöhnlich ganz allein mit einigen alten Weibern. In einigen Fällen 
ist es den Mädchen nicht einmal gestattet, sich in ihrer Stellung zu be- 
wegen oder sich niederzulegen, vielmehr müssen sie während der ganzen 
Zeit entweder hockend, knieend oder auf dem Rücken liegend verharren. 
Sie werden dann als unrein oder als von einer Krankheit befallen angesehen. 
Bei gewissen brasilianischen Indianern ist es üblich, den Mädchen während 
der Pubertät das Haar abzusengen oder bis auf die Kopfhaut abzuschneiden. 
Sie werden dann auf einen flachen Stein gelegt und mit einem Tierzahn 
geschnitten, und zwar von den Schultern ah den ganzen Rücken hinab, 
bis der ganze Körper blutet. Sodann wird die Asche eines wilden Kürbis 
in die Wunden gerieben; das Mädchen wird in eine Hängematte gelegt 
und so fest darein gewickelt, daß es für niemand sichtbar ist. So hat es 
drei Tage ohne Essen und Trinken zu verharren. Nach Ablauf der drei 
Tage steigt es aus der Hängematte heraus auf den flachen Stein, denn 
seine Füße dürfen den Erdboden nicht berühren. Wenn es ein natürliches 
Bedürfnis hat, nimmt eine weibliche Verwandte das Mädchen auf den 
Rücken und trägt es hinaus, eine glühende Kohle dabei in der Hand haltend, 
um die bösen Einflüsse von dem Eintritt in den Körper des Mädchens 
abzuhalten. Wenn es sich wieder in der Hängematte befindet, darf es etwas 
Mehl, gekochte Wurzeln und Wasser zu sich nehmen, Salz und Fleisch 
aber nicht berühren. So wird bis zum Ende der ersten Monatsperiode fort- 
gefahren, nach deren Ablauf dem Mädchen wieder in Brust, Unterleib und 
in den übrigen Körper tiefe Wunden geschlagen werden. Während des 
zweiten Monats bleibt das Mädchen in der Hängematte; das Gesetz der 
Abstinenz ist nun weniger streng, es wird ihm sogar gestattet zu spinnen. 
Im dritten Monat wird das Mädchen mit einem gewissen Pigment schwarz 
gefärbt und darf dann wie gewöhnlich umhergehen. 

Bei den Macusisindianern in Britisch-Guyana finden sich ähnliche Ge- 
bräuche. Der Bannspruch, von dem man annimmt, daß ihm die Mädchen 
unterworfen sind, muß durch den Magier gelöst werden. Dieser spricht 
Zauberworte über sie, haucht sie und die wertvollsten Dinge, mit denen 
das Mädchen in Berührung gekommen ist, an. Nach dem ersten Bad muß 
das Mädchen sich von der Mutter schlagen lassen, ohne einen Schrei aus- 
zustoßen. Dasselbe geschieht am Ende der zweiten Periode. 

Andere Indianerstämme setzen die Mädchen gewissen Ameisensorten aus, 



Der Menstruationstomplex 



»7 



deren Bisse sehr schmerzhaft sind. Die Leidende hat, solange sie hoch oben 
in der Hängematte aufgehängt ist, Tag und Nacht zu fasten, sodaß sie, wenn 
sie herabkommt, fast einem Skelett gleicht. 

Bei den üanpes in Brasilien wird das Mädchen für die Zeit eines Monats 
völlig abgeschlossen und darf nur geringe Mengen Brot und Wasser zu sich 
nehmen. Dann wird es hinausgeführt in den Kreis seiner Verwandten und 
Freunde, von denen ihm ein jeder vier oder fünf Schläge mit einem Stück Sipo 
»iht (einer elastischen Schlingpflanze), bis es bewußtlos oder tot zu Boden 
fällt. Wenn es sich erholt hat, wiederholt sich der Vorgang viermal in 
Zwischenräumen von je sechs Stunden. Es wird als Beleidigung der Eltern 
angesehen, wenn man nicht stark zuschlägt. Inzwischen werden Töpfe mit 
ch und Fisch zubereitet, die Sipos werden hineingetaucht, und das Mädchen 
muß daran lecken. Danach wird es als heiratsfähige Frau angesehen. 

Iliizu bemerkt Frazer noch: „Die Sitte, das Mädchen zu diesen Zeiten 
von Ameisen beißen zu lassen oder mit Buten zu schlagen, wird, und dessen 
können wir sicher sein, nicht als Strafe oder als Probe auf seine Leidens- 
fähigkeit angesehen, sondern als eine Beinigung, deren Aufgabe es ist, die 
bösen und schädlichen Einflüsse auszutreiben, von denen das Mädchen in 
dieser Lage angeblich besessen ist, und die es gefangen halten." 

Ich kann Frazer nur teilweise zustimmen. Wir können, in Anbetracht 
der psychoanalytischen Erkenntnisse, unmöglich über die Befriedigung primi- 
tiver grausamer Triebe hinwegsehen, die in diesen Gebräuchen gegeben sind; 
denn warum sollte man gerade zu so grausamen Maßnahmen seine Zuflucht 
nehmen, wenn eine Beinigung beziehungsweise Läuterung das einzig an- 
gestrebte Ziel wäre? In einem solchen Fall würde allein die Tatsache des 
Badens genügen. Aber der Widerwille und der Abscheu, den diese Sitten 
hervorrufen, ist genügend Gewähr dafür, daß die Primitiven ein beträcht- 
liches Maß von Befriedigung und Genugtuung in der Ausübung solcher 
Grausamkeiten erleben, obgleich die Bationalisierung ihrer Gebräuche die 
Primitiven ohne Zweifel zu der Annahme führt, daß es der einzige Zweck 
solcher Maßnahmen sei, irgendwelche übelwollenden Einflüsse zu bekämpfen, 
von denen die Mädchen besessen sind. Wie viele europäische Schulkinder 
haben von ihren unbewußt sadistischen Schulmeistern ganz ähnliche Er- 
klärungen für die Auferlegung schwerer Strafen erhalten. 

Frazer zieht zur Stützung seiner Überlegungen den MaraA-Gebrauch 
der Cayenneindianer heran, eine Art nationalen Heilmittels, das haupt- 
sächlich auf die Jugend beiderlei Geschlechtes Anwendung findet, und von 
dem angenommen wird, daß es die jungen Menschen stärkt und in jeder 

Imago XIV. 



i8 C. D. Daly 

Weise sichert. Sie unterwerfen sich ihm zwei- oder dreimal während ihres 
Lebens. Frazer führt andere Fälle freiwilliger Leiden an, selbst auferlegte 
Züchtigungen mittels stechender Nesseln u. dgl, und vergleicht sie ganz 
richtig mit Schlägen und Geißelungen in religiösen Kulten, die ursprüng- 
lich einen Modus der Reinigung darstellten. Er sagt: „Sie bedeuteten die 
Austreibung einer gefährlichen Ansteckung oder Seuche, die entweder in 
einem Dämon personifiziert war oder nicht, die sich aber, wie angenommen 
wurde, sichtbar oder unsichtbar dem Körper der Leidenden in physischem 
Sinne anheftete. Die Schmerzen, die der geschlagenen Person zugefügt werden, 
sind nicht anders anzusehen als die, die wir heute bei jeder beliebigen 
Operation zu erdulden haben, sie stellen ein notwendiges Übel dar, und 
das ist alles. Er bezieht sich sodann auf die Tatsache, daß solche Gebräuche 
später in anderer Weise ausgelegt wurden, und daß der Schmerz, der zuerst 
eine Begleiterscheinung war, nunmehr zum Hauptgegenstand der Zeremonie 
gemacht wurde usw., wozu er noch bemerkt, daß „Askese, in welcher Form 
oder Gestalt sie auftreten möge, niemals primitiv sei". Seine Theorien scheinen 
darauf hinzuführen, daß er nirgends das Moment der Grausamkeit als primi- 
tives Agens zulassen, beziehungsweise zugeben möchte, daß die reine Freude 
an der Auferlegung einer Grausamkeit im Dienste des Hasses in den Ge- 
bräuchen und Sitten der Wilden eine große Rolle spielt. Der Psychoanalytiker 
kann jedoch eine solche Auffassung vom Seelenleben der Primitiven nicht 
zulassen, da er weiß, daß die Grausamkeit sowohl bei den Kindern wie 
bei den Primitiven durchaus einem primitiven Triebanspruch entspricht. 
Ich war verpflichtet, mich über diesen Punkt ein wenig zu verbreiten, 
da ich glaube, daß der Menstruationskomplex einen der Gründe 
für das Umschlagen der zärtlichen Ausdrucksformen des Sexual- 
triebes in die grausamen enthält. 

Ehe ich diesen Gegenstand verlasse, ist eine Deutung der Taburegeln, 
die auf Sonne und Erde Bezug haben, notwendig. Die Sonne ist der Phallus, 
d. h. das schwängernde Agens, die Erde stellt den Mutterschoß dar. Sich 
der Sonne auszusetzen bedeutet die Gefahr, geschwängert zu werden; dieses 
Verbot entspricht also dem anderen, daß sie keinen Mann — und besonders 
ihren Vater nicht — zu dieser Zeit in Versuchung führen darf. Da sie als 
unrein gilt, darf sie die Erde nicht berühren, d. h. nicht verunreinigen, 
widrigenfalls daraus alle Arten von Übeln entstünden. Wie sie selbst zu 
dieser Zeit nicht berührt werden kann, darf sie auch die Erde nicht be- 
rühren, Diese Anschauung entspringt einer Furcht der Primitiven vor einer 
Befleckung durch eine Frau, die sich in diesem als krankhaft und unrein 



Der Menstruationstomplex 



*9 



gedachten Zustand befindet. Während der Perioden ihrer Abschließung und 
an deren Ende haben sich die Mädchen allen Arten von Reinigungs- 
und Läuterungsgebräuchen zu unterwerfen, wie Baden, Abreiben mit Erde, 
Sand, dem Saft von Bäumen oder dem Blut frisch geschlachteter Opfer- 
tiere, Schwitzen, zahlreichen Züchtigungen usw. Schließlich werden sie 
den Gebräuchen des Landes entsprechend geschmückt, bemalt, mit Blumen 
und Blättern, beziehungsweise mit Ornamenten oder Juwelen bedeckt. Die 
Kleider und die Gefäße, die sie während dieser Zeit benutzt haben, werden 
verbrannt, zerbrochen, vergraben oder in irgendeiner Weise den Gebräuchen 
des Stammes gemäß vernichtet. 

Frazer schließt daraus, daß der Grund für die Abschließung der Mäd- 
chen während der Pubertät in der tief eingewurzelten Furcht liegt, die der 
Primitive fast durchweg vor dem Menstrualblut hat, eine Überlegung, mit 
der ich völlig übereinstimme. 

Von Gegenständen, die eine menstruierende Frau berührt hat, wird an- 
genommen, daß sie jeden töten, der sie in die Hand nimmt. 

„Ein Australier, der entdeckt hatte, daß sein Weib während der Men- 
struationsperioden auf seiner Decke gelegen hatte, tötete es und starb selbst 
vor Schreck innerhalb von vierzehn Tagen." (Frazer, op. cit. S. 325.) 

Den Knaben dieser Völker wird von Kindheit an gesagt, daß sie graue 
Haare bekommen und ihre Kräfte vor der Zeit verlieren würden, wenn 
sie Menstrualblut sähen. Während ihrer Perioden müssen die Frauen deshalb 
von den Männern gemieden werden, auch sind sie ihrerseits den strengsten 
Einschränkungen und Regelungen unterworfen, denn man ist überzeugt, 
daß der Einfluß der Frauen während dieser Zeit so unheilbringend ist, daß 
schon allein ihre Gegenwart genügen würde, um die Jagd zu verderben, 
die fischhaltigen Gewässer zu verunreinigen usw. Starke Schläge oder gar 
der Tod sind die Strafen, die einer eingeborenen Australierin auferlegt werden, 
wenn sie diese Gesetze verletzt. 

Die Dieri in Zentralaustralien glauben, daß, wenn die Frauen zu dieser 
Zeit Fisch essen oder in einem Fluß baden, die Fische alle sterben und 
das Wasser austrocknet. 

Ahnliche Vorstellungen und Gebräuche sind bei den verschiedensten Völkern 
der ganzen Erde verbreitet; überall gilt die Frau während der Menstruation 
als mit einem unheilvollen Einfluß behaftet, und der Mann lebt in der 
beständigen Furcht, von ihr befleckt zu werden. Bei dem oben erwähnten 
Stamme der Dieri ist es üblich, rund um den Mund der menstruierenden 
Frauen ein Zeichen aus rötlichem Ocker anzubringen. Eine solche Frau 



C. D. Daly 



darf dann niemals Fisch essen. In fast allen diesen Gegenden wird den 
Frauen verwehrt, während dieser Zeit die aufgespeicherten Lebensmittel zu 
berühren oder gar zu essen. Sie dürfen die Felder nicht betreten, die Spuren 
der Jagdtiere nicht kreuzen u. dgl., denn dadurch würden, wie sie glauben, 
die Herden gestört und die Jagden verdorben werden. Bei den Buschmännern 
findet sich der Glaube, daß der Blick eines Mädchens während der Periode 
die Männer in jeder Stellung fixiert, in der sie sich eben befinden, oder 
daß sie in sprechende Bäume verwandelt werden. Die Viehzucht treibenden 
Stämme Südafrikas glauben, daß ihr Vieh stirbt, wenn seine Milch von 
einer menstruierenden Frau getrunken wird ; damit sie sich nicht von einem 
plötzlichen Verlangen übermannen lassen, ist es den Frauen verboten, die 
Dörfer auf den Wegen zu betreten, die die Männer benutzen. Nach dem 
Talmud wird, wenn eine Frau zu Beginn ihrer Periode zwischen zwei 
Männer tritt, der eine von ihnen bestimmt dadurch getötet, befindet sie 
sich hingegen am Ende der Periode, so kann sie immer noch durch ihr 
Dazwischentreten einen heftigen Streit hervorrufen. 

Bei den Guyaquiries am Orinoco findet sich die Ansicht, daß alle Dinge 
oder Lebewesen, auf die eine Frau während ihrer Periode tritt, sterben 
müssen, und daß die Beine eines Mannes, der den Platz betritt, den ihre 
Füße berührt haben, gewaltig anschwellen werden. Die Crecks und die 
friedlichen Indianer der Vereinigten Staaten zwingen ihre Frauen, während 
der Menstruation in abgesonderten Hütten in einiger Entfernung vom Dorfe 
zu leben. Dort müssen sie bleiben, selbst auf die Gefahr hin, von Feinden 
überrascht und erschlagen zu werden. Es wird als eine „höchst schreckliche 
und gefährliche Befleckung angesehen, sich einer Frau zu dieser Zeit zu 
nähern; und diese Gefahr erstreckt sich auch auf die Feinde, die, wenn sie 
die Frauen erschlugen, sich von der Befleckung mittels gewisser geheiligter 
Kräuter und Wurzeln zu reinigen haben. Bei den Thompson-Biver-Indianern 
findet sich der Glaube, daß die Pfeife, aus der eine menstruierende Frau 
raucht, später beim Bauchen immer sofort heiß wird. Wenn die Frau an 
einem Gewehr vorüber geht, bleibt die Waffe hinfort für Krieg oder Jagd 
untauglich, es sei denn, der Eigentümer wäscht sie in „Medizin ', oder schlägt 
die betreffende Frau damit je einmal auf die Hauptkörperteile. Wenn ein 
Mann mit einer menstruierenden Frau ißt oder mit ihr in Verkehr steht, 
auch wenn er nur von ihr gefertigte oder geflickte Kleider oder Mokassins 
trägt, dann hat er auf der Jagd kein Glück und die Bären greifen ihn 
heftig an. Im übrigen findet sich bei verschiedenen Stämmen die Meinung, 
daß die Annäherung an ein menstruierendes Weib irgendwelches Mißgeschick 




Der Menstruationstomplex 



und unglückliche Ereignisse mit sich zöge, so etwa Krankheit oder Unglück 
im Krieg. Anderseits zieht der Gebrauch irgendwelcher Gegenstände, die 
eine menstruierende Frau berührt hat, folgenschwere Krankheiten oder Tod 
nach sich. Bei anderen Stämmen wiederum dürfen Frauen weder Fleisch noch 
irgend etwas Tierisches essen, besonders aber keine Vögel töten, weil deren 
Blut imstande wäre, besonders schwere Blutungen oder einen auf unnatür- 
liche Weise verlängerten Blutfluß bei der Schuldigen hervorzurufen. Auch 
die Tiere könnten davon geschädigt werden. Frazer bemerkt, daß dieser 
Glaube vielleicht das Gesetz zu erklären vermag, nach dem es den Frauen 
während der Periode nur gestattet ist, vegetarische Nahrung zu sich zu 
nehmen. Wir entnehmen diese Ausführungen alle dem „Golden Bough". 
Frazer 1 flicht hier noch die folgende Beobachtung ein: 

„Wer die menschliche Natur studiert, wird beobachten oder lernen, ohne 
darjei sehr zu erstaunen, daß Gedankengänge, die so tief in der Psyche der 
Primitiven verwurzelt sind, in einem höheren Entwicklungsstadium der Ge- 
sellschaft wieder auftauchen, und zwar in jenen überaus fein ausgearbeiteten 
und gegliederten Codices, die von Gesetzgebern zur Führung und Beherr- 
schung ihrer Völker aufgestellt worden sind, die ihrerseits für die Autor- 
schaft ihrer Gesetze und Vorschriften eine direkte göttliche Inspiration für 
sich in Anspruch nehmen." So berichtet der hinduistische Gesetzgeber Manu, 
daß „die Weisheit, die Energie, die Kraft, der Blick und der Lebensgeist 
eines Mannes, der sich einer Frau während ihrer Perioden nähert, alsbald 
dahin schwinden müssen", während all dies wächst und zunimmt, wenn 
er die Frau meidet. 

Der persische Gesetzgeber Zoroaster sagt, daß die Erscheinung der 
Menstruation mit ihren merkwürdigen Äußerungsformen das Werk Ahri- 
mans, des Teufels sei, und daß deshalb während ihrer Dauer die Frau 
„unsauber und von Dämonen besessen" sei. Sie muß unter strengster Auf- 
sicht zurückgehalten werden, fern von den Gläubigen, die durch ihre Be- 
rührung verunreinigt würden, und abseits vom Feuer, das durch ihren Blick 
verletzt und geschändet würde; es ist ihr nicht gestattet, soviel zu essen 
als sie mag, denn die Kraft, die sie dadurch erlangt, geht auf die Feinde 
über und kräftigt sie. Die Nahrung wird ihr nicht von Hand zu Hand, 
sondern über eine große Entfernung hinweg auf langen hölzernen Löffeln 
gereicht. Im Gegensatz hiezu behandelt der Gesetzgeber der Hebräer, Moses, 



1) Frazer: The Golden Bough. Zweite Ausgabe, Bd. III, S. 201—230. Dort auch 
weitere Literaturangaben. 



23 CD. Daly 

diese Angelegenheit mit noch größerer Breite und Ausführlichkeit, wie 
Frazer ausführlich darstellt, um dann noch hinzuzufügen: „Der Aberglaube, 
der sich um diese geheimnisvolle Seite der weiblichen Natur gebildet hat, 
ist unter den zivilisierten Völkern Europas nicht weniger stark im Schwange 
als bei den Primitiven. In einer alten Enzyklopädie — der Naturgeschichte 
des Plinius — findet sich eine Liste aller der Gefahren, die von der 
Menstruation ausgehen, die länger ist als irgendeine von denen, die wir 
bei den Barbaren gefunden haben." 1 Nach Plinius wird Wein durch die 
Berührung mit einer menstruierenden Frau in Essig verwandelt, Herden 
werden mit Seuchen angesteckt, Saaten vernichtet, Gärten versengt und 
verdorben, Klingen werden stumpf, Pferde verunglücken oder gehen ver- 
loren usw. In ähnlicher Weise trifft man in verschiedenen Teilen Europas 
den Glauben, daß der Eintritt einer menstruierenden Frau in eine Brauerei 
das Bier sauer werden lasse; Bier, Wein, Essig oder Milch werden bei 
solcher Berührung schlecht, von einer menstruierenden Frau eingekochte 
Marmelade hält sich nicht; besteigt sie ein Pferd, so wird sie damit ver- 
unglücken, Blumensträuße verwelken bei der geringsten Berührung, und 
Kirschbäume, die sie ersteigt, verdorren und gehen ein. In Braunschweig 
findet sich noch der Glaube, daß das Fleisch eines Schweins, das unter 
Beihilfe einer menstruierenden Frau geschlachtet worden ist, faul wird. 
Auf der griechischen Insel Calymnos ist es den Frauen zu dieser Zeit ver- 
boten, Wasser vom Quell zu holen, einen Strom zu überqueren oder auf 
dem Meere zu fahren. Die Anwesenheit einer Frau während ihrer Periode 
in einem Boot soll einen Sturm heraufbeschwören. 2 

Auf der anderen Seite werden dem Menstrualblut geheimnisvolle Kräfte 
zugeschrieben; so wird es als magische Kraft gegen Feinde angewandt, es 
bannt alle Arten von Übeln, es bewahrt die Felder vor dem Verdorren und 
läßt die Raupen von den Obstbäumen herabfallen, oder das Ungeziefer vom 
Vieh ablassen. 

Über die Anwendung magischer Kraft gegen die entsprechende magi- 
sche Kraft, ein Vorläufer der Versuche, „Gleiches durch Gleiches zu heilen", 
handelt die einschlägige Literatur so ausführlich, daß es nicht nötig ist, 



ll Diese Bemerkung hat jedoch nicht so übermäßig große Bedeutung, wenn wir 
bedenken, daß ja von den meisten Primitiven von allem angenommen wird, daß es 
Menstruationsfolge sei, und ich glaube, daß, könnten die Primitiven Enzyklopädien 
schreiben, diese von beträchtlicher Länge gewesen sein müßten, obgleich das be- 
handelte Gebiet an Umfang wesentlich kleiner gewesen wäre. 

2) Frazer, op. cit. S. 231 ff. 



Der Alenstruationskomplex 



a3 



es hier weiter zu verfolgen. Da der Mann in seiner Angst vor Verletzung 
des Inzesttabus vor solcher magischer Einwirkung zitterte, ist es verständlich, 
daß er von dieser magischen Kraft erwartete, daß sie dieselbe Wirkung auch 
auf seine Feinde habe. Ähnliche Vorstellungen sind auch heute in Europa 
noch zu finden. 

Der Glaube an gute oder böse magische Kräfte der menstruierenden 
Frau ist auf der ganzen Welt verbreitet, aber in einzelnen Gebieten in 
den Details verschieden. Während z. B. der Glaube an die Heilwirkung 
der Menstruation in der zivilisierten Welt meist geschwunden ist, ist der 
an die üblen Einflüsse noch sehr verbreitet. Die wohltuenden Einflüsse 
werden überwiegend mit der Heilung gewisser Krankheiten in Zusammen- 
hang gebracht, schützen vor Stich und Stoß, verhüten das Auslöschen des 
Feuers, beruhigen Stürme usw. Die bösen Kräfte, mit denen die Frau aus- 
gestattet ist, werden gegen die Feinde des Mannes ausgespielt. Der Gebrauch 
des Menstrualblutes als Liebestrank ist weit leichter zu verstehen. H. L. Strack 
berichtet, daß es noch im Jahre 1891 in Deutschland vorgekommen ist, 
daß Mädchen dem Kaffee ihres Liebsten einige Tropfen Menstrualblut bei- 
gefügt haben, um sich seiner Liebe zu versichern. 1 

Auch die Kirche war zu gewissen Zeiten von einer Scheu vor menstru- 
ierenden Frauen erfaßt ; es wurde ihnen verboten, sich geheiligten Plätzen 
zu nähern, ja häufig wurde ihnen nicht einmal das Sakrament zugebilligt. 
Die Priester anderer Religionen treffen menstruierenden Frauen gegenüber 
oft ähnliche Anordnungen. 

Zahlreiche Aberglauben bezüglich menstruierender Frauen sind noch 
heute allerorten unter den europäischen Völkern im Schwange, ja, zum 
Ende des letzten Jahrhunderts leistete sogar die offizielle englische Medizin 
solchem Aberglauben weitgehendsten Vorschub. Havelock Ellis zitiert eine 
Kontroverse aus dem British Medical Journal vom Jahre 1878, in der 
versichert wird, daß Hammel, die von menstruierenden Frauen kuriert 
werden, unweigerlich eingehen müssen. Ein medizinischer Autor äußerte 
daraufhin den Wunsch, zu erfahren, was den Patienten der menstruierenden 
Ärztinnen geschähe. 2 



1) H. L. Strack: Der Blutaberglaube in der Menschheit. 4. Aufl. Zitiert von 
Havelock Ellis. 

a) Havelock Ellis, op. cit. S. 291—293. Der Verfasser bedauert, daß der Platz- 
mangel es ihm nicht gestattet, mehr des wertvollen Materials anzuführen, das Have- 
lock Ellis in diesem Band und in dem Appendix (Menstruation or the position of 
woman) gesammelt hat. Wer hier näher interessiert ist, muß auf das Original ver- 
wiesen werden. 



34 C. D. Daly 

j\lenstrualölut und Schwäche 
Es ist ein allen Völkern tief eingewurzelter Aberglaube, daß die Ver- 
einigung des Mannes mit der Frau den Mann schwäche; überall findet 
sich auch die Furcht des Mannes, er könnte von der Frau beherrscht 
werden. Aus diesem Grunde z. B. verraten die Wahaveita 1 den Frauen 
nicht das Geheimnis des Feueranzündens. Hauptsächlich finden wir aber, 
daß die Gegenwart von menstruierenden, schwangeren oder niederkommenden 
Frauen auf den Mann diesen schwächenden Einfluß haben soll. Es ist eben 
das Menstrualblut oder das Blut des zerrissenen Hymen, das gefürchtet wurde 
und dem man eine gefährliche Wirkung zuschrieb. Dieses Phänomen scheint 
mir in hohem Grade für die Trennung der Geschlechter verantwortlich 
zu sein ; ist es doch ein sehr verbreiteter Glaube, daß der Mann, der eine 
Frau während einer solchen Zeit berührt, von einer Krankheit befallen 
wird. Die Primitiven glauben, daß die Schwäche der Frau gewissermaßen 
übertragbar sei. 2 Der Primitive schreibt diese Schwäche nicht seiner Furcht- 
samkeit vor Frauen zu, vielmehr projiziert er aus seinem Haßempfinden 
heraus diese Ursache direkt auf die Frau selbst, sie ist ihm möglicherweise 
übel gesinnt und hat dann die Macht, die Schwäche ihres Geschlechtes 
auf ihn zu übertragen. Unter den Barea teilen Mann und Frau in den 
seltensten Fällen das Bett. Als Grund dafür wird angeführt, daß „der 
Atem des Weibes den Gemahl schwächen könnte". 3 Die Beziehung von 
Atem und Geschlechtsgeruch ist eine Tatsache, die den Psychoanalytikern 
zu wohl bekannt ist, als daß sie hier weiterer Belege bedürfte. Wir kennen 
einen Glauben der Primitiven, daß die Eigenheiten einer Person in ihren 
Geruch übergehen und durch Geruch übertragen werden. 

Auch das Blut ist lange Zeit als das beste Mittel zur Übertragung starker 
menschlicher Eigenschaften angesehen worden, und man hat angenommen, 
daß der Kannibalismus die Folge dieses Glaubens wäre. Das Menstrualblut, 
obgleich ebenfalls als Überträger aller Arten von Krankheiten durch Be- 
rührung angesehen, wurde dennoch in der Medizin auch als Liebesanreiz 
benutzt.* Auf Grund des Prinzips, daß die böse Macht notwendig sei, um 
die bösen Kräfte zu bekämpfen, ist man von jeher der Ansicht gewesen, 



1) E. T. Dalton: Ethnology of Bengal (55), zitiert von Crawley, op. cit. 
Bd. III, S. 43. 

2) Crawley in „The Mystic Rose" führt dafür zahlreiche Beispiele an. 

3) Munzinger, zitiert von Crawley, op. cit. Bd. V, S. 95. 

4) Crawley, op. cit. S. 109. 




Der Menstruatiomkompl 



piex 



daß das Menstrualblut und die menstruierende Frau ganz allgemein diese 
ganz spezifische Kraft als Gegengift gegen von außen gefürchtetes Unheil 
besitzen. Plinius stellt fest, daß das Benetzen der Türpfosten mit der Men- 
struationsflüssigkeit genüge, um alle Zauberformeln zu lösen. 

Man glaubt weiterhin, daß die intensivierte sexuelle Reizbarkeit der 
Menstrualzeit unter besonderen Umständen durch das Agens der Nahrung 
übertragbar wird. So darf z. B. in Westvictoria die menstruierende Frau 
niemandes Trank oder Speise anrühren, und niemand wird eine etwa 
dennoch von ihr berührte Speise zu sich nehmen, „weil sie schwäche". 1 

Bei den Maoris wird ein Mann, wenn er eine menstruierende Frau 
berührt hat, Tabu, und wenn er Verkehr mit ihr gehabt hat, oder von 
ihr gekochte Nahrung gegessen hat, „Tabu einen Zoll dick". 2 Bei einigen 
Völkern haben die verschiedenen Geschlechter auch verschiedene Speisen, 
die bessere, ursprünglich für die Götter bestimmte, kommt nur den Männern 
zu; den Frauen wird, aus Furcht, sie könnten die Speise verunreinigen, 
bei Todesstrafe verboten, sie zu berühren. 3 

Crawley macht den Versuch, diese Vorschriften auf rationalem Wege 
zu erklären. Er sagt: „Wenn bei den Primitiven die Männer fürchten, daß sie 
durch jede gewöhnliche Berührung mit Frauen mit deren Schwäche behaftet 
werden, und wenn die Zivilisierten eine moralische Verweichlichung 
fürchten, dann ist es ganz natürlich, daß diese Angst beim engsten Kontakt 
sich aufs äußerste steigert." 4 Es scheint an dieser Stelle, als ob Crawley 
den Kontakt allein als zureichenden Grund ansieht, aber es ist nirgends 
ersichtlich, daß etwa auch in der Tierwelt ein sexueller Kontakt von einem 
Furchtempfinden begleitet würde ; und wir müssen wohl noch nach einem 
psychologischen Faktor in der Entwicklung des Menschengeschlechtes suchen, 
um die Trennung der Geschlechter als eine Berührungsfurcht zu erklären. 

Crawley erklärt den fast allgemein verbreiteten Glauben, daß ein sexueller 
Verkehr schwächend wirke, als „eine instinktive Auffassung, die in einer 
Besonderheit der sexuellen Funktion wurzelt". Diese Besonderheit liegt in der 
Tatsache, daß dem sexuellen Verkehr eine vorübergehende Depression folgt, 
die ihre Ursache in einem verstärkten Blutdruck hat. Die Vorstellung, daß 
die Berührung mit Frauen Schwäche mit sich bringe, entsteht so auf zwei 



1) Crawley, op. cit. S. 167. 

2) Crawley, op. cit. S. 167. 

3) Ellis, Polynesian Researches, zitiert von Crawley S. 176. 

4) Crawley, op. cit. S. 187. 



*6 



C. D. Daly 



Wegen, die aber durch ein bemerkenswertes Zusammenfallen im sexuellen 
Akt zusammentreffen. 1 

Crawley macht dann auf die damit in Beziehung stehende Vorstellung 
aufmerksam, nach der die Kraft in der Samenflüssigkeit ihren Sitz haben 
soll, und führt die Tatsache an, daß die Krieger primitiver Stämme Ent- 
haltsamkeit beobachten, um auf diese Weise ihre Kraft und Stärke zu be- 
wahren und zu vermehren. Auch erwähnt er die Vorstellung, daß der Vater, 
dem Kinde die Seele gibt, die Mutter nur den Körper. Er sagt dann : „Wenn 
wir nun diese Vorstellungen mit der physiologischen Tatsache in Verbindung 
bringen, daß der sexuelle Akt eine vorübergehende Depression zur Folge 
hat, dann können wir verstehen, daß sich die mehr oder weniger konstante 
Vorstellung fast mit Notwendigkeit ergibt, daß der Mann bei dem sexuellen 
Akt einen Teil seiner besten Kräfte, einen Teil seiner Seele oder seines Lebens, 
auf die Frau überträgt." 2 Ich halte diese Erklärung Crawleys für unzureichend, 
besonders wenn wir bedenken, daß doch normalen sexuellen Beziehungen 
ohne einen störenden psychologischen Schuldfaktor ein Gefühl des Wohl- 
behagens und der Zufriedenheit folgt. Wenn dem sexuellen Verkehr De-, 
pressionen folgen, dann weist die Analyse dieser Depressionen regelmäßig 
den Einfluß psychischer Faktoren nach, die, wenn überhaupt, so sicher nicht 
völlig als Wirkung der physiologischen Funktion anzusehen sind. Eine solche 
Depression wird in hohem Maße durch den Umstand hervorgerufen, daß 
die psychische Entlastung unvollständig gewesen ist, was seinerseits an 
Hemmungen, wie Schuld, Furcht, Haß usw. liegen mag. 

Crawley schreitet dann weiter zu der Diskussion derjenigen Phänomene, 
die uns meiner Ansicht nach einer korrekten Lösung viel näher bringen, 
nämlich der Zerreißung des Hymens und des Tabus der Jungfräulichkeit. 



Das 1 abu der Virginität 

Freud bringt in einer Studie 3 das Tabu der Virginität in Zusammenhang 
mit der Menstruation und mit der primitiven Lust und Freude am Töten. 
Er macht dabei eine Bemerkung, die für uns besonders bedeutsam ist. 

Die Menstruation, zumal die erste, denkt er (der Primitive) als den Biß 
eines geisterhaften Tieres, vielleicht als Zeichen eines sexuellen Verkehrs 
mit diesem Geist. Gelegentlich gestattet ein Bericht, diesen Geist als den 

i) Crawley, op. cit. S. 187. 
2) t Cr'awley, op. cit. S. 190. 
5; Freud: Das Tabu der Virginität. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 217.) 




Der Atenstruationskomplex 



a 7 



eines Ahnen zu erkennen, und dann verstehen wir in Anlehnung an andere 
Ansichten, daß das menstruierende Mädchen, als Eigentum dieses Ahnen- 
geistes, tabu ist. 1 

Besonders auf diesen letzten Umstand möchte ich Gewicht legen; denn 
wenn die Frau hauptsächlich während der Menstruation Eigentum des Ur- 
vaters war, so stützt das meine Analyse, daß diese Zeit ursprünglich die 
des sexuellen Verkehrs gewesen ist. Die Gefahr dabei ging ursprünglich 
nicht von der Frau aus, sondern von dem starken Arm des Urvaters. Später 
erst, als die Gesellschaft die Pflicht auf sich nahm, mit Nachdruck das 
Inzestgesetz zu stützen, geschah es, daß man die Frau während ihrer Perioden 
selbst als eine Gefahr zu betrachten begann. Der Verfasser glaubt, daß die 
Menstruation der Frau, die den Mann den frühen gesellschaftlichen Inzest- 
gesetzen unterwarf, der Grund für das narzißtische Zurückstoßen der Frau 
durch den Mann ist, das so oft mit Verachtung und Widerwillen zusammen- 
geworfen und verwechselt wird und die die Psychoanalyse 2 bisher dem Kastra- 
tionskomplex zuschrieb, den der Verfasser eher als eine spätere Entwicklung 
ansieht, die der religiösen Phase der psychischen Entwicklung angehört. Es 
ist nötig, auf diesen Punkt in vielleicht etwas weitschweifiger Weise immer 
wieder zurückzukommen, ist es doch meine Absicht, diese Theorie von den 
verschiedensten Gesichtspunkten aus zu diskutieren, und zu zeigen, daß das 
universale Tabu des weiblichen Geschlechtes außerhalb der die Menstruation 
betreffenden Umstände entstand. Was das Tabu der Virginität angeht, so 
halten wir es für nötig, seine Beziehungen et) zum Menstruationskomplex, 
b) zu dem primären Vaterkomplex in Betracht zu ziehen. Was letzteren 
betrifft, so können wir vermuten, daß die Frau zur Zeit der Urhorde sich 
den Annäherungen der „Söhne und Brüder" gegenüber widerstrebend ver- 
hielt, und zwar bei beiden wegen des libidinösen Bandes, das sie an den 
Urvater fixiert und wegen der Züchtigungen, mit denen Schwäche und 
Fehltritt ohne Zweifel bestraft wurden. In dem späteren Menstruationskomplex 
hingegen dürfen wir den primären Hauptgrund für die Frigidität der Frau 
erblicken, — denn der Mann unterzog die Frau, dadurch daß er das Hymen 
verletzte und eine Blutung verursachte, der größtmöglichen Demütigung, 
d. h. einer Erniedrigung, die er ihr gewissermaßen selbst aufgezwungen hat. 
Damit gelangen wir auch zu der Erklärung des Lustgefühls, das die Be- 
schneidung der Knaben und dieExstirpation der Glitoris und der Labia minora 



1) Von mir gesperrt. 

2) Freud, op. cit. S. 226ff. 



der Mädchen, bei den erwachsenen Primitiven hervorruft. Diese ist, glaube 
ich, einer unbewußten Strebung nach Rache zuzuschreiben, die Demütigungen 
der Kinder herbeiführen will, und ist sicher für die Genese des Sadismus 
bedeutungsvoll. Freuds Erklärung des Tabus der Virginität, daß in ihm die 
feindselige Einstellung der Frau auf den Mann übertragen werde, kann 
kaum in Frage gestellt werden. Für uns ist jedoch die Frage von Haupt- 
interesse, wie die Frau zu diesem feindseligen Gefühl gekommen ist ; wir glauben 
darauf antworten zu können, daß der Mann durch seinen Akt die Frau in 
ihren eigenen Augen erniedrigt; dies geschieht auf Grund seines Verhaltens 
dem Blut gegenüber; wenn er jeden Kontakt mit Blut und das Zerreißen 
des Hymens vermiede, brauchte die Frau in seiner Achtung niemals zu 
sinken, sodaß das Menstruationstabu ihn hinfort vor einem neuer- 
lichen Kontakt mit dem Blut bewahrt. So gestattet das Tabu der 
Virginität beiden Geschlechtern, einander mehr zu schätzen, da der ver- 
drängte Haß dadurch an der Manifestation gehindert wird. Man könnte 
einwenden, das sei nicht korrekt, da etwa der ältere Mann, der die rituelle 
Defloration an Stelle des Ehemanns unternimmt, dieselbe Gefahr auf sich 
nehmen müsse, aber in diesem Fall kann der Mann sich mit Hilfe be- 
sonderer Reinigungs- und Vorsichtsmaßregeln vor allem schützen, er ist älter 
und abgehärteter und Erregungen nicht so zugänglich, und außerdem muß er 
nicht in solcher Intimität mit der Frau leben. Bei der Deutung solcher 
Phänomene haben wir äußerst vorsichtig zu sein, damit unsere Kenntnis 
von den Reaktionen der zivilisierten Völker nicht den Blick für die tatsäch- 
lichen Vorgänge bei den Primitiven trübe. Es scheint, als seien aus dieser 
Ursache heraus einige sehr bedeutende Faktoren bisher übersehen worden, 
Beispiel das Folgende: Wenn der Vater des Mädchens oder ein Priester selbst 
erstmalig den Begattungsakt vollzieht, so wird des Mädchens „Sünde" am 
Vater vermieden, und einem Schuldgefühl, das später sexuelle Lustgefühle 
verhindern könnte, vorgebeugt. Ich glaube nicht, daß sehr viele der Gründe, 
die für den Widerstand der jungen Frau gegen den ersten Koitus ins Feld 
geführt werden, standhalten werden, wenn wir bedenken, daß die jung 
verheiratete Primitive in jeder Hinsicht eine weit angesehenere Persön- 
lichkeit ist als das junge, unverheiratete Mädchen. 

Freud meint, 1 daß auf den Penisneid eine feindselige Verbitterung folge, 
die die Frau gegen den Mann zur Schau trägt; diese Verbitterung ver- 
schwindet nie völlig aus den Beziehungen der Geschlechter zueinander, 



1) Freud, op. cit. S. 22/f. 




Der Menstruationslcomplex 



29 



wofür die klarsten Beweise in den Schriften und Bestrebungen der „eman- 
zipierten" Frauen zu finden sind. Ich stimme mit dieser Anschauung überein, 
aber ich glaube nicht, daß diese Regungen bei den Primitiven als primär 
anzusehen sind. 

Ich sehe keinen Grund für die Annahme, daß ein Penisneid bereits vor 
der Bildung des Menstruationskomplexes existiert habe, d.h. einer männlichen 
Einstellung, die die Frau aller der Werte beraubte, die ihr aus den natür- 
lichen Funktionen der Menstruation und der Geburt erstehen, die bis dahin 
ihre Hauptreize ausgemacht haben müssen, — ist doch die Vagina während 
des Stadiums der Tumeszenz ursprünglich die Quelle aller Schönheit und 
möglicherweise auch des Neides des Mannes gewesen. Da aber als Resultat 
des Inzestverbotes ursprüngliche Reize auf den Mann abstoßend wirkten, — 
ohne Zweifel zum Teil auf Grund der Beziehungen zwischen Blut und 
Tod, — begann die Frau, den Mann um den Besitz eines Organes zu be- 
neiden, das fähig ist, in stolzer Erektion gerade nach vorn herauszustehen, 
ohne die Begleiterscheinungen der Menstruation, die bei ihr zu den schreck- 
lichen Einengungen und Demütigungen führten, die wir oben beschrieben 
haben. 

Die Kastrationsangst ist das Komplement zum Penisneid und gehört ent- 
wicklungsmäßig derselben Periode an; denn beide Phänomene sind sekundäre 
Resultate des Inzestverbotes und des Menstruationstabus. Ist eine stärkere 
Ursache für feindselige Reizbarkeit vorstellbar, als die, die ein Mädchen 
haben muß, das nach Monaten oder gar Jahren der Abschließ ung, in denen 
es den strengsten Vorschriften unterworfen war, indem auf Nahrungsein- 
schränkungen quälende Reinigungsprozesse folgten, begleitet von denkbar 
strengster grausamer Behandlung (auf Grund der Pubertätsriten), in roher 
Weise defloriert und schließlich verschmäht und verstoßen wird, weil ihrem 
zerrissenen Hymen Blut entströmt? Ich kenne Fälle von Europäern, bei 
denen die Reaktionen auf den Anblick des Menstrualblutes Gefühlshem- 
mungen zur Folge hatten und wo sich bei solchen Anlässen sowohl bei Frauen 
als auch bei Männern Liebe in Haß umwandelte. Bei den Frauen waren 
diese Erscheinungen von intensiven Gefühlen der Feindseligkeit, der Scham 
und der Erniedrigung begleitet, während sie bei den Männern Haß, Ekel 
und Widerwillen hervorriefen ; dort war hinter diesen Gefühlen der Penisneid, 
hier die Kastrationsangst verborgen, bei unseren primitiven Vorfahren aber 
war meiner Überzeugung nach die Todesfurcht primär. Keine andere Furcht 
kann im primitiven Menschen so erschütternde Reaktionen zur Folge ge- 
habt haben, wie etwa die, die Lust am sexuellen Verkehr völlig zu unter- 



3o C. D. Daly 

binden, oder jegliches Zeugen während der natürlichen Zeit restlos zu ver- 
hindern als eben diese Furcht vor dem Tode. 

Die Todesfurcht und ihr Zusammenhang mit dem Menstrualllut 

Nach einem Mythos der Yars und der Wayisa in Ostzentralafrika kam 
der Tod ursprünglich durch eine Frau in die Welt, die zwei Männer lehrte, 
wie sie schlafen gehen müßten. Eines Tages, als sie schliefen, hielt sie die 
Nasenlöcher des einen zu, bis er nicht mehr atmete und starb. 1 

Bei den Vedahs von Travancore lebt die Frau zur Zeit der Menstruation 
fünf Tage lang in einer Hütte in ziemlich großer Entfernung von ihrem 
Heim. Die nächsten fünf Tage verbringt sie in einer anderen Hütte, die 
sich auf halbem Wege befindet. Während dieser zehn Tage darf der Gemahl, 
aus Furcht, sonst von dem Teufel getötet zu werden, nichts als 
Wurzeln essen. 2 

Die Maoris glauben augenscheinlich, daß der Tod durch den Kahukahu 
(der Personifikation des männlichen Samens) in dem Menstrualblut ent- 
halten liegt. Sie vermeiden jeglichen Kontakt mit dem Menstrualblut, als 
sei es Gift, und glauben, daß der bloße Kontakt mit Dingen, die ein men- 
struierendes Weib berührt hat, genügt, um zu töten. 

Es scheint, als ob Crawley zu einer vollständigen Lösung der Phänomene, 
die er zu erforschen sucht, nicht gelangen konnte, entweder, weil er den 
Begriff der Ambivalenz nicht kannte, den erst spätere psychoanalytische 
Untersuchungen fundiert haben, oder weil er persönlichen Hemmungen 
unterlag. Auf jeder Seite seines Werkes führt er überwältigende Beweise 
an, um das Ausmaß, in dem das Menstrualblut von den Wilden gefürchtet 
wird, aufzuzeigen, und doch sucht er mit größter Mühe Gründe für die 
Annahme zu finden, daß darin nicht die primäre Ursache der Vermeidungs- 
vorschriften liege, sondern daß das Blut vielmehr ursprünglich dazu diene, 
Mut einzuflößen, und getrunken werde, um den Durst zu stillen und Kraft 
zu geben. Die Furcht vor dem Menstrualblut erscheint als eine der intensiv- 
sten Motive für die Ambivalenz der Geschlechter gegeneinander. Diese Furcht 
des Mannes bewirkte, daß er die ursprünglichen Beize der Frau nicht mehr 
schätzen konnte, daß er aber anderseits, wenn er die Furcht verdrängen 
konnte, die Frau vergeistigt und auf ein Piedestal gehoben hat, das sie 



1) Pison and Howitt, zitiert von Crawley, op. cit. IL, S. 27. 

2) Ploß: Das Kind. II, 435. Zitiert von Crawley, op. cit. IL, S. 61. 




Der Menstruationskomplex 



weder verdient hat, noch selbst wünscht. Ich möchte hier auf die Schwierig- 
keit zurückkommen, die bei der Annahme entsteht, daß im Leben der Primi- 
tiven noch irgendein anderer Faktor außer der Todesfurcht stark genug 
gewesen wäre, um den sexuellen Impuls in dem Maße, als es geschieht, 
zu hemmen, und die Unterwerfung der Frau in dem bereits beschriebenen 
Ausmaß zu erzwingen. 

Der genaue Beobachter wird längst entdeckt haben, wie stark des Mannes 
Schuldbewußtsein der Frau gegenüber im allgemeinen ist, und vielleicht 
hat er auch schon vermutet, daß die Ursache dieses Phänomens die Zurück- 
weisung ihrer Liebe ist. 

Ich möchte hier noch einen Punkt aufzeigen, der sich bei unseren primi- 
tiven Vorfahren findet, und der von R. Kleinpaul 1 in Zusammenhang mit 
dem Tabu des Todes erwähnt wird. Nach diesem Autor gipfelt die Be- 
ziehung zwischen Lebenden und Toten in der Überzeugung, daß die nach 
Blut dürstenden Toten die Lebenden zu sich in den Tod ziehen wollen. 
Aus diesem Grunde müssen die Lebenden in irgendeiner Form zwischen 
sich und die Toten Wasser stellen. Später ist man nur mehr gegen solche Tote 
ängstlich und böse gesinnt, die ein Recht zur Erbitterung und zum Haß 
hatten, wie etwa Bräute, die gestorben waren, ohne daß ihr Ver- 
langen befriedigt worden war. Verfolgt man diese Vorstellung weiter, 
so findet man, daß ein Teil der primitiven Konflikte des Mannes darin 
wurzelt, daß er eigentlich seiner Gattin ein Recht, ihn zu hassen, ein- 
räumen muß, weil er sie aus Angst unbefriedigt gelassen und ihren Ver- 
suchungen widerstanden hatte. 



Die 1 riebunterdrückung 

Als der Mensch aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus die sozialen Gesetze 
,Du sollst nicht töten" und „Du sollst nicht ehebrechen" schuf, konnte 
er diese Gesetze nur aufrecht erhalten und ihnen Nachdruck verleihen durch 
die Einführung einer Strafe, durch das gesellschaftliche Übereinkommen, daß, 
wer gegen diese Gesetze verstieß, sein Leben verwirkt habe. Es war, um 
diese frühen Gesetze, die die fundamentale Basis jeglicher Gesetzgebung 
überhaupt sind, praktisch in Anwendung bringen zu können, notwendig, 
daß dem Verhalten des Einzelnen den Interessen der Gesellschaft als Ganzem 



i) R. Kleinpaul: Die Lebenden und die Toten in Folklore, Religion und Mythos. 
1898. Von Freud zitiert in „Totem und Tabu«. 



3 2 C. D. Daly 

gegenüber gewisse Schranken auferlegt wurden. Der frühe sozial empfin- 
dende Mensch äußerte daher ganz instinktiv eine solche kollektive Drohung, 
um seine sexuellen Impulse im Zaum zu halten. So waren die sozialen 
Gefühle ein Resultat der Notwendigkeit, um die Art als solche zu erhalten, 
die egoistischen Impulse der Individuen im ganzen einer Bewachung zu 
unterstellen. Die Umstände, die diese Notwendigkeit erzeugte, waren eine 
zeitweilige Regression auf ungehemmte libidinöse Impulse bei der Auf- 
lösung des Herdensystems, die eine Bedrohung der Arterhaltung darstellten. 
Ob die sozialen Gefühle eine Phase der psychischen Entwicklung darstellen, 
als Weiterentwicklung eines primitiven Herdentriebes, wissen wir nicht, doch 
scheint es wahrscheinlich. Aber soziales Bewußtsein und Herdentrieb müssen 
nicht notwendigerweise dasselbe sein, nur weil sie in mancherlei Hinsicht 
miteinander verknüpft sind. Gibt es doch einen Unterschied, der ganz offen- 
sichtlich ist: Der Herdentrieb enthält keinerlei Konfliktstoff in sich; in ihm 
gibt es nur blinden Gehorsam; wohingegen die sozialen Gefühle sich stets 
in gewissen Ausmaßen mit den individualistischen Tendenzen in Gegen- 
satz befinden, denn sie entstanden ja gewissermaßen bei deren Unterwerfung. 
Wir können an dieser Stelle einen Trugschluß feststellen: Es wird oft 
gesagt, daß die Art, in der ein Durchschnittsmensch seine Meinung über 
Dinge äußert, von denen er keine wirkliche Kenntnis hat, das Produkt 
des Herdentriebes sei, der ihn zwinge, sich im Sinne der allgemein vor- 
herrschenden Meinung zu äußern; obgleich diese Annahme oftmals der 
Wahrheit entsprechen mag, wird doch mindestens ebenso oft festgestellt, 
daß dieses Verhalten egoistischen Charakterzügen zuzuschreiben ist; da 
aber, wie schon gezeigt wurde, gerade das ungezügelte Nachgeben egois- 
tischen Impulsen gegenüber, zu der Bildung der frühen Gesellschaft ge- 
führt hat, ist leicht einzusehen, daß ein anderer Faktor im Menschen vor- 
handen sein muß, der ihn fortgesetzt in Konflikte mit seinen Trieben 
bringt, und daß dieser Faktor bei den in Herden lebenden und instinkt- 
mäßig entsprechend eingestellten Tieren noch nicht vorhanden ist. Darin 
scheint die widerspruchsvolle Natur des Menschen zu liegen, die in ihrer 
endgültigen Form eine Folge der Bedrohung der Selbsterhaltung ist, jener 
Todesdrohung, der der Mensch gegenüberstand, wenn er ungehemmt seinen 
Trieben nach leben wollte; ihr Resultat ist die Unterdrückung des indi- 
viduellen Altruismus, die Umkehrung seiner psychischen Weichheit in 
Grausamkeit, und, wenn sie sich mit der aggressiven Komponente des 
Sexualtriebes verbindet, die Entstehung des Sadismus. 




Der Ätenstruationsitomplex 33 



Der Sadi 



omasochismus 



Wir möchten nun auf die masochistischen Möglichkeiten, sich auf dem 
Wege über selbstzugefügte Schmerzen Lust zu verschaffen, besonders nach- 
drücklich verweisen (sie werden uns später den Weg, den die Entwicklung 
gegangen ist, zeigen), denn jegliche neu erworbene Triebbeherrschung 
wird durch selbstauferlegte Leiden erlangt, wobei die neu erworbene innere 
oder äußere Herrschaft zu neuen Lustmöglichkeiten führt; das Lustgefühl 
selbst ist in erster Linie vollkommen narzißtischer Natur und auf die 
eigene Person beschränkt. Des Menschen Auffassung darüber, was lustvoll 
ist, mag wechseln, die Wirklichkeit allmählich wertvollere und schweren 
Kampfes würdigere Sache werden als die Phantasien, in denen zu leben 
noch heute die Mehrzahl der Menschen vorzieht. Es äußert sich z.B. eine 
Komponente des Sexualtriebes in dem Bestreben, selbständig durch die Herr- 
schaft über die Exkretionsfunktionen Lust zu gewinnen. Das ist möglicherweise 
das erste Stadium einer derartigen Verschiebung der entsprechenden Sexual- 
komponente (Selbstbeherrschung an Stelle ursprünglicher Organlust), ihre Ur- 
sache liegt darin, daß das Kind von der Mutter (besonders an ihren Brüsten) 
keine völlige Befriedigung erlangen kann. Wenn des Kindes ungestümer 
Wunsch, sich an den Mutterbrüsten zu befriedigen, auf Versagung gestoßen 
ist, dann versucht es erst, die Mutter zu verletzen, indem es z. B. die 
Brüste zerbeißt und zerkratzt. Wenn auch diese sadistischen Äußerungen 
unterbunden werden, versucht es, auf narzißtische Weise sich Genugtuung 
zu verschaffen und lernt zu gleicher Zeit, seinem Haß gegen die Mutter 
Ausdruck zu verleihen, indem es ihr seine Fäzes vorenthält, so wie sie 
ihm die Brüste versagte. Wenn dieser Haß sich gegen das Kind selbst 
wendet, so entsteht ein narzißtischer Masochismus. Freud 1 hat darüber 
gesagt, es gäbe ein „Zusammenwirken einer großen Reihe von Momenten, 
welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben und fixieren. 
{Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.) Der Schmerz, der hiebei über- 
wunden wird, reiht sich dem Ekel und der Scham an, die sich der Libido 
als Widerstände entgegengestellt hatten." 

Diese Feststellung Freuds scheint meine Hypothese zu sichern, daß Ekel 
und Scham als Reaktion des Mannes auf die Menstruation der Frau 
aufzufassen sind. Freud sagt weiter: „Daß Grausamkeit und Sexualtrieb 
innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über 



1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 52.) 
Imago XIV. 3 



3-f C. D. Daly 

jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man 
über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausge- 
kommen." 1 

Kehren wir nun zurück zu der Frage nach den Sexualhemmungen. Hypo- 
thetisch können wir vermuten, daß in der präanimistischen Periode die Unter- 
drückung des Sexualtriebes als Folge des Zwanges entstand, unbewußt die 
automatisch sich einstellende Sexualerregung auf äußere oder auf innere 
Anlässe hin als eine Quelle von Gefahr für das unreife Ich anzusehen, 
da für den Fall des Triebgehorsams die Selbsterhaltung direkt bedroht 
war, und die äußere Versagung für die inneren Hemmungen Anlaß wurde, 
sich bemerkbar zu machen. Das Resultat war eine innere Spannung, die 
der primitive Mensch, ähnlich wie der Neurotiker von heute, auf die Dauer 
schwer vertragen konnte. Die neue Gefahr, das Inzesttabu mit seiner unerbitt- 
lichen Todesdrohung, brachte so die Verdrängung aller sexuellen Lustgedanken 
mit sich, insbesondere aber die des Sexualtriebs zu der Zeit der größten 
Anziehungskraft der Frau, der Menstruation. Die den Mann verlockenden 
Reize wurden so von ihrem Ziel abgelenkt, wurden gefährlich und irgend- 
welchen unbekannten Einflüssen, z. B. Geistern, zugeschrieben. 

Nunmehr wird die Angst, die zuerst mutmaßlich durch eine äußere 
Gefahr hervorgerufen worden war, verinnerlicht und macht dann jenen 
höher entwickelten Teil des psychischen Apparates aus, der den Menschen 
zur Kontrolle über die primitiven sexuellen Triebe verhilft, wenn erst das 
Bewußtsein für die Notwendigkeit erweckt ist, die Hemmungsfunktion 
auszuüben, durch welche ■ — ■ im Interesse der Entwicklung von Kultur 
und Gesellschaft — die Triebbefriedigung aufgehoben werden kann. 

Wahrscheinlich wurde die Verdrängung des sexuellen Begehrens gerade 
während der Zeit der weiblichen Periode so zu einem der kausal bedeutungs- 
vollsten. Momente der Neurosen bei Primitiven, da der Trieb dadurch eben 
zu dieser Zeit unbefriedigt blieb. Ich möchte hier an Freuds Begriff des 
„Wiederholungszwanges" erinnern, den er als wesentliches Merkmal alter 
Triebe in seinem Werke „Jenseits des Lustprinzips" beschreibt. Vielleicht 
verhält es sich sogar so, daß es gerade das Inzesttabu und der Menstruations- 
komplex waren, durch die der Trieb seine erste stärkere psychische Beein- 
trächtigung erlitt. Unter den Tieren (besonders deutlich z. B. bei den In- 
sekten) ist, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, die sexuelle Lockung 
stark genug, um allen gewohnten Sinn für Vorsichtsmaßregeln außer Wirkung 

l) Freud, op. cit. S. 52. 




Der Menstruationskomplex 35 



zu setzen, während die Einrichtung der Todesstrafe für Verletzung 
des Inzestverbotes unter allen Umständen den Mann veranlaßt, 
gerade zur natürlichen Zeit des Sexualverkehrs seinen Trieb zu 
verdrängen. Diese Verhinderung der männlichen sexuellen Befriedigung 
durch Verdrängung scheint der Hauptgrund für sein ewiges Vorwärtsstreben 
nach Vollkommenheit zu sein. 

Freuds Ansichten über diesen Gegenstand unterstützen meiner Meinung 
nach meine Theorie: „Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb 
und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige 
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu be- 
dürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von mensch- 
lichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beob- 
achtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, 
auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der 
verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, 
die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde ; 
alle Ersatz-, Beaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um 
seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen 
der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das trei- 
bende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu ver- 
harren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ,ungebändigt immer 
vorwärts dringt' (Mephisto im .Faust' I, Studierzimmer). Der Weg nach 
rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Begel durch die Widerstände, 
welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt, und somit bleibt nichts 
anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fort- 
zuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel 
erreichen zu können." 1 

Später, in demselben Werk stellt Freud die Frage : „Wie soll man aber 
den sadistischen Trieb, der auf die Schädigung des Objekts zielt, vom lebens- 
erhaltenden Eros ableiten können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß 
dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der 
narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt 
zum Vorschein kommt?" (1. c. S. 246.) Ich weiß nicht, wie weit ich hier 
mit Freud übereinstimmen kann. Ich sehe den Sadismus als eine Beak- 
tionsbildung des lebenserhaltenden Eros gegen sein Objekt an, infolge einer 
Todesdrohung, die ursprünglich gegen das Ich selbst gerichtet gewesen war. 

1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. (Ges. Schriften, Bd. VI, 252, 235.) 



36 



C. D. Daly 



Wahrscheinlich ist es die Unterdrückung der aggressiven Komponente, die 
Mut und Zartheit in Feigheit und Grausamkeit verwandelt. Wenn die 
aggressive Komponente des Sexualtriebes geschwächt wird, dann wendet 
sich der sadistische Impuls gegen die eigene Person und wird so auf narziß- 
tischer Grundlage zum Masochismus. Ich glaube, daß die sadistische Kompo- 
nente ruhig als „destruktiv" bezeichnet werden darf in Anbetracht ihres 
auf Zerstörung des anderen gerichteten Zieles, das die Reaktion ist auf 
die der eigenen Person drohende Todesgefahr. Die Grausamkeit des Sadismus 
zeigt, daß sie eine Perversion der Zartheiten des Eros darstellt; aber ob wir 
sie auch als zu dem Todestrieb gehörig betrachten dürfen, ist eine andere 
Frage. Denn der ursprüngliche Sexualtrieb ist auch noch im Sadisten wirksam, 
wenn auch die Fähigkeit zum Sexualverkehr in extremen Formen garnicht 
mehr in Erscheinung treten kann, ehe das Opfer nicht seiner Grausamkeit 
den vollen Preis bezahlt hat. Die Funktion der normalen aggressiven Kompo- 
nente des Sexualtriebes ist die Unterwerfung des Sexualobjektes, während 
die Grausamkeit des Sadismus das Ziel hat, den Schmerz zu überwinden, 
den das Ich als Wirkung des verdrängten Traumas der gegen sich gerichr 
teten Todesdrohung an sich erfährt. 

Wir wollen noch einmal zusammenfassen: Meine Behauptung geht dahin, 
daß die aggressive Komponente des Sexualtriebes durch die Angst unter- 
drückt wurde, die das Phänomen der Menstruation durch die mit ihm ver- 
bundene Todesdrohung erzeugt hat. Der Haß, der so bei der Unterbindung 
des Sexualtriebes entsteht, kehrt die zarte Komponente der Sexualität in 
Grausamkeit und in den Wunsch um, dem Liebesobjekt Schmerz zuzu- 
fügen; vielleicht ist es richtiger zu sagen, daß ein archaischeres primitives 
Grausamkeitsstreben sich jetzt mit der aggressiven Komponente des Sexual- 
triebes verbindet, indem diese auf jenes zurückgreift, also indem eine Re- 
gression eintritt. 

Kehren wir jedoch zu Freuds Vermutungen über die Natur der Triebe 
zurück, nach denen ein Trieb „ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang" wäre, „zur Wiederherstellung eines früheren Zu- 
standes, welchen dies Belebte unter dem Einfluß äußerer Stö- 
rungskräfte aufgeben mußte .* 

Der Menstruationskomplex, der aus dem Inzestverbot entsteht, ist vielleicht 
die wichtigste dieser äußeren Störungskräfte, die die Verdrängung der 



i) Freud: Jenseits des Lustprinzips. (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 226.) — Von mir 
gesperrt. 



Der jMenstruaticmskomplex 



37 



Wiederholungszwangskomponente der Triebe verursacht hat, die den Menschen 
von der übrigen Tierwelt unterscheidet. Hieraus konnte die Phantasie im 
Menschen entstehen, die, wenn von der Realität kontrolliert, sich als seine 
wertvollste Eigenschaft herausstellt. Daß der Sexualtrieb auf diese Weise 
gehemmt wurde, hatte für die ganze menschliche Art traumatische Wirkungen, 
deren Ausmaß wir heute erst ahnen, ohne es ganz zu kennen. 

Gemäß unserer Theorie wendet sich der Neurotiker von der Wirklichkeit 
ab, weil ihre Perzeption seinem Ich zu schmerzlich ist. Aber wir können am 
Grunde dieses „Schmerzes" Bedrohungen der Selbsterhaltung vermuten. Wir 
nehmen an, daß die Versagung des Sexualtriebes das Resultat der bekannten 
Drohung gewesen ist, und daß der Haß gegen die Frau und die vollständige 
Unterwerfung des weiblichen Geschlechtes das Endergebnis der periodischen 
Steigerung ihrer sexuellen Anziehungskraft war, nachdem die Liebe ge- 
zwungen worden war, sich in Haß zu verkehren; ihre Anziehungskraft 
lieferte den Mann an seine von ihm selbst aufgestellten Gesetze zum 
Schutze des Inzestverbotes aus, — auf der einen Seite wurde er durch 
Gerüche und visuelle Reize angezogen, denen er kaum widerstehen konnte, — 
auf der anderen Seite geriet er, wollte er seinem Triebverlangen folgen, 
in akuteste Todesgefahr ; das Ich mußte diesen Konflikt mit einer Abneigung 
gegen sexuelle Reize beantworten, die Lustgefühle, die durch den sexuellen 
Anreiz entstanden, mußten zurückgewiesen werden. Es kann kaum be- 
zweifelt werden, daß der Begriff der Schönheit sich ursprünglich an den 
Reizen, die von den Geschlechtsorganen ausgingen, gebildet hatte und von 
dort aus infolge des besprochenen Konfliktes erst verschoben werden mußte. 
Die volle Bedeutung dieses Konfliktes kann nur richtig eingeschätzt werden, 
wenn man bedenkt, wie vollständig die einschlägigen Vorstellungsinhalte 
aus dem menschlichen Bewußtsein geschwunden sind und wie viele sekundäre 
Folgen daraus entstanden sind. Auch in der Belletristik wie in der Mythologie 
sind Schönheit und Tod stets miteinander verknüpft geblieben. Judith sagt 
in Hebbels Tragödie: „Meine Schönheit ist die einer Tollkirsche. Ihr 
Genuß bringt Wahnsinn und Tod." 1 Jetzt ist es verständlich, warum die 
Vagina und die Frau überhaupt, besonders während der Menstrualzeit, so 
„unheimlich werden mußte, und der Ursprung der Hexenkraft, auf die 
wir in der nächsten Studie zu sprechen kommen werden, liegt jetzt klar 
auf der Hand. 



1) Zitiert nach Freud: „Das Tabu der Virginität." (Ges. Schriften, Bd. V, S. 229.) 



38 



C. D. Daly 



H, 



omo Sexualität un 



lii 



id Jr, 



erversion 



Freud und Ferenczi haben in bezug auf die Objekthomoerotik Fest- 
stellungen gemacht, die meine Ansichten zu stützen scheinen. Ferenczi 
meint, daß die Objekthomoerotik auf Sadismus und Analerotik beruht, 1 
während Freud in seiner Arbeit „Die Disposition zur Zwangsneurose" 
ebenfalls der Meinung ist, daß als ihre konstitutionelle Basis die prä- 
genitale sadistisch-anale Entwicklungsstufe der Libido anzusehen ist. 2 Es ist 
anzunehmen, daß diese beiden prägenitalen Regungen in der dunklen 
Vergangenheit in dem von mir oben beschriebenen Phänomen einen gemein- 
samen Ursprung gehabt haben. Man kann auch daraus ersehen, welche 
Bedeutung diesem Konflikt zukommt, daß er das Wiederauftauchen einer 
Sehnsucht nach dem Vater ermöglichte, nachdem die Ursache des Streites 
mit ihm, das Verlangen nach der Mutter resp. der Frau überhaupt, nicht 
mehr so stark war, sodaß die Liebe der Männer zueinander wieder ge- 
kräftigt werden konnte. 

Der primitive Menstruationskomplex spielt aller Wahrscheinlichkeit nach 
auch für die Inversion keine geringe Rolle, obgleich sein rezessiver Charakter 
ihn später durch andere Abweichungen und Verschiebungen des Sexual- 
triebes hat überdecken lassen. Freud sagt so z. B. von den männlichen 
Invertierten: „Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies 
sich als bedingt durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe." 3 

„Pervers ' nennt man Menschen, die sexuelle Lust bei Handlungen 
empfinden, die in anderen Ekel und Widerwillen hervorrufen, wie Über- 
treibungen normaler Vorbereitungsakte zum Geschlechtsakt, Äußerungen 
der Analerotik u. dgl., die primitiver Natur sind und vermutlich normal 
waren vor dem Auftreten des Inzesttabus, das den Gefühlsumschwung in 
der männlichen Einstellung zum Sexualobjekt mit sich brachte. Diese 
Annahme stimmt mit Freuds Theorie überein, daß der Ekel einer der 
Kräfte war, die die Einschränkung der Sexualität besorgten. 

Freud sagt, daß es einzig die Ausschließlichkeit und die Fixierung* 
der Perversion seien, die es rechtfertigten, sie als krankhaft anzusehen. Be- 
trachten wir z. B. die Fellatio unter phylogenetischen Gesichtspunkten. 



1) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. (Bausteine zur Psycho- 
analyse, Bd. I. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 

2) Freud: Die Disposition zur Zwangsneurose. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

3) Freud: Drei Abhandlungen von Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 18.) 

4) Freud, op. cit. S. 35. 



Der ÄXenstruationsKomplex 



3 9 



Dieses Phänomen mag aus der Zeit stammen, in der es als etwas ganz 
Natürliches erschien, sich gegenseitig die Genitalien zu beriechen und zu 
belecken, während in der prähistorischen Zeit des heutigen Individuums 
die Fellatio erstens mit der Reaktion auf den Verlust der Mutterbrust 
verbunden ist, da das Kind wünscht, sich für den Verlust am eigenen 
Körper zu entschädigen, und zweitens damit, daß später bei Beginn der 
Objektliebe dieser Wunsch die Form annimmt, die Eltern mögen dieses 
Zeichen der Liebe ihm zuteil werden lassen, eine sexuelle Phantasie, die 
oft durch die Angewohnheit mancher Mütter, die Genitalien des Kindes 
zu küssen, aufs äußerste gesteigert werden kann. Als Perversion kann die 
Fellatio eigentlich nur dann angesehen werden, wenn die sexuelle Be- 
friedigung ohne sie beim normalen Vollzug des Koitus nicht erreicht werden 
kann. Wenn die plötzliche Abwendung von der Frau in einem frühen 
sexuellen Entwicklungsstadium stattfindet, kann dieser Wunsch auf den 
Vater verschoben werden, oder es kann eine Regression stattfinden, auf 
koprophile Neigungen, die ihrerseits mit den Perversionen des Schmeckens, 
Beriechens und Befühlens der eigenen Fäzes verbunden sind. Der Ekel 
und Widerwille, den die Perversionen beim Gesunden hervorrufen, deutet 
darauf hin, daß auch bei ihnen ähnliche Wünsche tief im Unbewußten 
verdrängt liegen. 

Genetisch gesehen, ist für die Überschätzung des sexuellen Wertes extra- 
genitaler Körperteile wieder der Menstruationskomplex verantwortlich zu 
machen; ebenso ist ihm die mit vollem Erlöschen des normalen sexuellen 
Verlangens einhergehende Knüpfung der Libido an ungeeignete Objekte 
zuzuschreiben, wie sie im Fetischismus und in der Homoerotik statthat. 
Fer en czi sagt z. B. von den Objekthomoerotikern : „Ich kann hier nur Weniges 
hervorheben: Die Koprophilie und die Riechlust ist bei ihnen tief ver- 
drängt, oft zu Ästhetentum, Vorliebe für Parfüms, Kunstenthusiasmus subli- 
miert. Charakteristisch ist weiter ihre Idiosynkrasie gegen Blut 
und alles Blutige." 1 

Wir geben nachfolgend in abgekürzter Form wieder, was er zu der 
frühen Geschichte der Homoerotiker männlichen Geschlechtes sagt: 

„Sie waren alle schon sehr frühzeitig sexuell, und zwar heterosexuell 
aggressiv . . . Ihre Ödipus-Phantasien waren immer normal und gipfelten 
in sexuell-sadistischen Angriffsplänen gegen die Mutter und grausamen 



1) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. (Bausteine zur Psycho- 
analyse, Bd. I, S. 159 f.) 



4« 



C. D. Daly 



Todeswünschen gegen den störenden Vater. Sie waren alle auch intellektuell 
frühreif und schufen in ihrem Wissensdrang eine Menge infantiler Sexual- 
theorien . . . Nebst Aggressivität und Intellektualität ist die Konstitution durch 
ungewöhnlich starke Analerotik und Koprophilie charakterisiert. Sie wurden 
in frühester Kindheit von einem der Eltern wegen eines heteroerotischen 
Vergehens . . . hart bestraft und mußten bei dieser Gelegenheit . . . einen 
heftigen Wutanfall unterdrücken . . . Beim Libidoschub der Pubertät wendet 
sich die Neigung des Homoerotikers zunächst wieder dem anderen Geschlecht 
zu ; es genügt aber die leiseste Rüge oder Mahnung seitens einer Respekts- 
person, um die Angst vor den Weibern wieder zu erwecken, worauf dann 
unmittelbar oder nach kurzer Latenz die endgültige Flucht vom weiblichen 
zum eigenen Geschlecht stattfindet." 1 

Diese Feststellung Ferenczis scheint die Theorie vom phylogenetischen 
^Ursprung der Gesellschaftsbildung auf homosexueller Grundlage zu recht- 
fertigen. Einzig nicht ganz klar ist, was in diesem Zusammenhange die 
von Freud nachdrücklich erwähnte Tatsache bedeutet, daß ein Verweis von 
seiten der Mutter als ursächlicher Faktor der Homosexualität häufig auf- 
trete. Wir mögen uns hier an das Bild der Kali erinnern und werden be- 
rechtigt sein, zu behaupten, daß — phylogenetisch betrachtet — die älteste 
Drohung als von der Frau selbst kommend empfunden wurde, und zwar 
gerade zu der Zeit der Menstruation, da sie am weiblichsten war. Vielleicht 
beruht in diesem Sinne die Idiosynkrasie der Homoerotiker gegen das Blut 
und alle blutigen Gegenstände auf einer phylogenetischen Erfahrung. Die 
Tatsache der tief verdrängten Riechlust der Objekthomoerotiker sichert die 
Annahme eines solchen Zusammenhangs, besonders wenn man sie im Lichte 
der Phänomene betrachtet, die ich in meiner Schrift : „ Psych ological Reactions 
to Olfactory Stimuli" besprochen habe, wo ich die Verdrängung der Riech- 
lust dem Umstand zuschreibe, daß der Sexualgeruch, der von der Frau 
ausgeht, für den Mann eine Anziehungskraft darstellte, die in ihm nach 
Einführung der gesellschaftlichen Institution des Inzestverbotes die stärksten 
Konflikte hervorrief. 

Das jM.enstruationstaou 

Zum Schluß müssen wir uns noch fragen, wieso die Tabus, die Men- 
struation und Niederkunft betreffen, sich so hartnäckig trotz aller Fort- 
schritte der Erziehung in den vergangenen Jahrhunderten erhalten haben. 



1) Ferenczi, 1. c. 



Der Menstruationskomplex 



41 



Ich glaube, daß das darin seine Ursache findet, daß die Kinder von Anfang 
an unter dem Einfluß der Tabus der Frau stehen und dadurch notwendiger- 
weise den Einschränkungen von selten der Mutter unterworfen werden, sodaß 
die Tabus sich in ihnen geradezu vom Beginn ihrer Existenz an befestigten. 

Wie Freud gezeigt hat, 1 ist der Ursprung des Schuldgefühls auf ein 
Tabu zurückzuführen. Die strenge Gültigkeit des Tabu mag teilweise aus 
Furcht vor den Konsequenzen entstanden sein, die seine Verletzung nach sich 
ziehen mußte (obwohl der letzte Ursprung des Inzestverbotes ungewiß ist 
und nur sehr unbestimmt gemutmaßt werden kann). Die Inzestsünde war 
mit einem ungeheuren Schuldgefühl verbunden, — aber mehr als das, — 
schon der bloße Gedanke einer Verletzung des Inzestverbotes, den doch jeder 
Mann haben mußte, scheint eine so gewaltige Angst zur Folge gehabt 
zu haben, daß der Mann sich von ihr nur dadurch befreien konnte, daß 
er sie auf das schwächere Geschlecht verschob, das aus physiologischen 
Gründen für ihn eine so schwere Versuchung bedeutete. Dies bedarf einiger 
Erläuterungen. Zu diesem Zweck muß ich auch auf die bisher unerklärte 
Tatsache verweisen, daß, während die Frau ihre der tierischen Brunst 
analoge Periodizität, die doch ohne Zweifel — wie noch heute bei den 
Tieren — einmal beiden Geschlechtern zukam, beibehalten hat, der Mann 
eine bestimmte Periode der „Brunst" an sich aber nicht mehr erfahrt. 

Es mag auf den ersten Blick scheinen, als ob unsere primitiven Vor- 
fahren uns durch ihr Bestreben, sich selbst von dem Schuldgefühl zu be- 
freien, das ihnen aus den Versuchungen, das Tabu zu verletzen, entstanden 
war, einen sehr zweifelhaften Segen hinterlassen haben. Denn eben dieses 
Bestreben, den Qualen des Schuldgefühles zu entrinnen, indem man es 
auf das weibliche Geschlecht verschiebt, mag einerseits den ersten Anlaß 
gegeben haben zur Entstehung jener subtilen Triebabwehren der Zwangs- 
neurotiker, die in der Analyse so schwer zu verstehen sind, während ander- 
seits die gleiche Reaktion in späterer Zeit die Quelle des höheren Gewissens 
gewesen sein könnte, das den Mann zwang, seinen Narzißmus zu erkennen. 
Auf jeden Fall scheint sich diese Vorstellung unserer Kenntnis einzufügen, 
daß im Charakter der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissen- 
haftigkeit hervortritt als ein Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten 
lauernde Versuchung und daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade 
von Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. 2 Dieses Vermächtnis der 



1) Freud: Totem und Tabu. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 86.) 



4* 



C. D. Daly 



Primitiven, das bei den Zwangsneurotikern wieder manifest wird, kommt 
mit unseren höheren Ichidealen in Konflikt, der sich infolgedessen möglicher- 
weise bei den Europäern sogar noch vergrößert hat. Diese Erscheinung hängt 
auch damit zusammen, daß die Frauen im Laufe der Entwicklung in der 
sozialen Achtung stiegen, so daß die Schuld, die der Mann seinerzeit auf 
das weibliche Geschlecht verschoben hatte, nun zu ihm in Form eines 
Schuldbewußtseins der Frau gegenüber wieder zurückkehrt. Der Grund 
hiefür liegt allerdings noch völlig im Dunkeln. 

Die Angst des Primitven, die sich, wie Freud gezeigt hat, aus der durch 
die Verdrängung umgewandelten Libido gebildet hat, wird nun leichter 
verständlich. Das Motiv für die Verdrängung jenes Wunsches, das Tabu zu 
verletzen, liegt in der Todesfurcht, 1 während die Verschiebung der Schuld 
auf die Frau ihren Grund in dem Schmerz hat, der der Furcht entsprang, 
die das Ich des Primitiven zu ertragen unfähig war. So setzte der Primitive 
die Frau herab, deren visuelle und geruchliche Reize seine Furcht ge- 
weckt hatten. 

Freud gelangt zu dem Verständnis dieser Dinge durch einen Vergleich 
des Tabus mit den Zwangshemmungen des Neurotikers und faßt sie wie 
folgt zusammen: 

„Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) auf- 
gedrängt und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, 
es zu übertreten, besteht in deren Unbewußtem fort ; die Menschen, die dem 
Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu 
Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die 
Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt 
sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich 
das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes verschiebt. Die Sühne 
der Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung 
des Tabu ein Verzicht zugrunde liegt. 2 

An anderer Stelle finden wir die folgenden Ausführungen: 

„Wir werden also eher die psychologischen Bedingungen für das Tabu 
zu bestätigen suchen, welche wir für die Zwangsneurose kennengelernt 



i) Oder auch in Furcht vor Krankheit. Wir wissen aus Analysen, daß eine solche 
Angst oft die Angst deckt, geschwängert zu werden. In unserem Falle könnte man 
in dieser Angst eine Wiederkehr des verdrängten Wunsches sehen, die Frau zu 
schwängern, weiters die Angst vor der Ansteckung, mit der hei der Frau vermuteten 
Krankheit, also letzen Endes wieder Todesfurcht. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 46.) 



Der JMenstruatiouskomplex 



45 



haben. Wie gelangten wir bei der Neurose zur Kenntnis dieser psycho- 
logischen Momente ? Durch das analytische Studium der Symptome, vor allem der 
Zwangshandlungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden 
an ihnen die besten Anzeichen für ihre Abstammung von ambivalenten 
Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche, 
wie dem Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen 
von den beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es nun gelänge, 
auch an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter 
Tendenzen aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die, nach der 
Art von Zwangshandlungen, beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck 
geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu 
und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert." 1 

Am Menstruationstabu kann man den Anteil beider ambivalenter Regungen 
deutlicher erkennen, als bei irgendwelchem anderen Tabumaterial, das Gegen- 
stand psychoanalytischer Untersuchungen geworden ist. Wir wollen dies 
noch an Hand von einigen weiteren kurzen Anführungen aus der ein- 
schlägigen Literatur verfolgen. Es wird dabei klar werden, wie viel im 
heutigen Verhalten der Männer gegenüber den Frauen in den gleichen 
psychischen Erscheinungen wurzelt, auf Grund deren die Frauen ursprünglich 
während ihrer Periode tabu wurden. 

„Bei den Surinam-Negern muß die Frau während der Dauer ihrer Periode 
in der Einsamkeit leben; es ist für Mann und Weib gleicherweise ge- 
fährlich, sich ihr zu nähern. Wenn sich ihr jemand nähert, so ruft sie 
angstvoll: ,Mi Kay! Mi Kay! Ich bin unrein!'" 2 

Hier erblicken wir die Wirkung des Inzesttabus. Die Frau hat schon 
gelernt, die Hauptquelle ihrer Anziehungskraft zu fürchten, selbst zu glauben, 
daß ihr Übel und Gefahr für die Gemeinschaft entspringt; sie nimmt das 
Gesetz und die Oberherrschaft des Mannes an, sodaß, was vorher ihr 
stärkster Reiz war, nun ihre Schande wurde. 

Beachten wir, was Fr az er dazu sagt. Er faßt seine Ansichten wie folgt 
zusammen: „Der Zweck dieser Abschließung der Frau während der Men- 
struation ist die Neutralisation der gefährlichen Einflüsse, die, wie man an- 
nimmt, von ihr ausgehen. Man glaubt vom Mädchen, es sei im Besitz einer 
mächtigen Kraft, die, wenn sie nicht gefesselt wird, zur Folge hat, daß 
nicht nur das Mädchen selbst, sondern auch alle Personen, mit denen es in Be- 



i) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 46 fV> 
2) H. Ellis, op. cit. S. 284. 



44 



C. D. Daly 



rührung kommt, dem Untergang anheim fallen. Diese Kraft zum Heil aller 
zu bändigen, ist der Zweck des in Frage stehenden Tabus. 1 

Wir können dies mit dem vergleichen, was Freud über die Tabuverbote 
sagt: Es scheint, „als ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Per- 
sonen und Dingen eine gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Be- 
rührung mit dem so beladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung . . . 
Diese Kraft haftet nun an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie 
Könige, Priester, Neugeborene, und allen Ausnahmszuständen, wie den körper- 
lichen der Menstruation, der Pubertät, der Geburt . . . 2 

Der Hauptzweck des Tabus scheint nun der Schutz des Individuums 
und der Gemeinschaft vor ihren eigenen primitiven Begierden zu sein, 
deren Befriedigung nicht im Interesse der Gemeinschaft liegt. 

Die Tatsache, daß alle tabuierten Gegenstände gleichzeitig heilig und 
unrein sind, wird verständlich, wenn wir bedenken, daß die jetzt abstoßenden 
Objekte stets früher in der einen oder anderen Weise anziehend gewesen 
sind. Eine Triebversagung verwandelt die Anziehung in Abstoßung. Die 
Frau während der Menstruation ist für den Primitiven gleicherweise un- 
rein und unheilbringend wie heilig und gesegnet. Sie ist dem Manne 
zu eben der Zeit versagt, in der sie früher so anziehend gewesen ist, daß 
die Männer sich gegenseitig in einem Ausmaße bekämpft und vernichtet 
haben, das für die Gemeinschaft allmählich unerträglich wurde. Daher 
schuf die primitive Gesellschaft Gesetze zum Schutze der Individuen vor- 
einander, Gesetze, die das Faustrecht als alleinigen Schutz des Besitzes be- 
seitigten und dem Stamme Macht über den Einzelnen gaben. Infolge der 
besonderen Stärke des Sexualtriebes wurden diese Gesetze aller Wahrschein- 
lichkeit nach immer und immer wieder verletzt, was stets die unerbittliche 
Vollstreckung der primitiven Gesetze nach sich zog, nämlich das damals 
einzig mögliche Schreckmittel, die Tötung. Man muß daran denken, daß 
einmal die Menschen noch Brunstperioden hatten, in denen ihr Sexualtrieb 
so stark war, daß jede vernünftige Triebeinschränkung, die vielleicht sonst 
schon vorhanden war, hinfällig wurde, indem der Trieb im Nu jeglichen 
Gedanken an das Gesetz und an seine Konsequenzen über den Haufen 
warf. Früher stellten die Männer während der Brunstperiode füreinander 
Feinde dar; nun jedoch wurden die Frauen zur eigentlichen Gefahr. Die 
Zurückdämmung der männlichen Aggressivität gegen Mann und Frau, der 



1) Frazer: The Golden Bough. Kap. IV, S. 28. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 50 t.) 



Der Alenstruationskomplex 



45 



nun jegliches Ventil verschlossen war, erhöhte das libidinöse Verlangen, so- 
daß die Gefahr der weiblichen Anziehung noch weit größer wurde als 
vorher; denn die Perioden der Frau wurden allmählich eine Mahnung an 
den Tod, sie weckten nur Gefühle der Angst und Schwäche, anstatt alle 
Aggressivität wieder ins Leben zu rufen und den Mann zum Kampfe mit 
den Rivalen zu veranlassen, der, hätte er siegreich geendet, alle Begierden 
neu erweckt hätte. 

So wurde das Menstrualblut für den Mann allmählich weit abstoßender 
als irgend etwas sonst; die Frau, die mit dieser widerwärtigen Erscheinung 
behaftet war, wurde zum Gegenstand der Angst, des Ekels und des Ab- 
scheus, wurde eines der nötigen Übel des Lebens, das für die Zwecke des 
Mannes gebraucht und mißbraucht wurde. Und er hat, wie wir gerade 
hier zeigen möchten, die Frau von jeher so angesehen, indem er seinem 
Haß durch Einschränkungen, die er der Frau auferlegte, Luft machte. Zur 
selben Zeit jedoch hat er sie infolge seiner Furcht auch zu einem Ideal 
erhoben, wofür das beste Beispiel die Madonna ist, die unbefleckt empfing. 
Jetzt wird die ganze Frage der großen Muttergöttinnen verständlicher. Eine 
Vereinigung mit ihnen wurde fast allgemein für todbringend gehalten. 

Die Entstehung der Muttergottheit ist in weitem Ausmaße die Folge 
der Verschiebung der Angst vom Mann auf die Frau. Infolge seiner Un- 
befriedigtheit fürchtet der Mann die Vergeltung und so bezaubert die Göttin 
den sterblichen Mann, befriedigt ihre Begierde, aber vernichtet ihn an 
Körper und Seele. 

Kehren wir zu den Primitiven und zu dem Tabu zurück. Zahlreiche 
findige Argumente sind vorgebracht worden, um zu zeigen, daß die Un- 
reinheit des Primitiven etwas anderes bedeutet als unsere moderne Vor- 
stellung von Unreinheit, nämlich daß sie mit dem Heiligen und dem Tabu 
zusammenhängt. In Wahrheit ist der „heilige" Charakter des Tabu (der 
Begriff der Reinheit) seither weggefallen und hat sich mit unseren Vor- 
stellungen in Verbindung gesetzt. Ursprünglich war die Frau zwischen 
ihren Perioden rein, jedoch nicht heilig, während ihrer Perioden unrein 
und heilig, jetzt wird sie für „heilig" gehalten, wenn sie rein ist, d. h. 
erhaben über alle sexuellen Vorstellungen. Dies findet sich besonders deut- 
lich seit der Erhebung der Madonna in ihre Stellung der Heiligkeit im 
Christentum. In anderen Religionen, besonders bei den Hindus, sind diese 
beiden Elemente auf verschiedene Göttinnen aufgespalten; es gibt furcht- 
bare, die versöhnt werden müssen, und solche, die sich dem Madonna- 
Ideal mehr nähern. Die ersten sind jedoch immer noch Göttinnen und 



46 



C. D. Daly 



noch nicht zu Teufeln geworden, die letzteren sind nicht so vollkommen 
über die menschlichen Leidenschaften erhaben wie die Madonna, und von 
beiden wird angenommen, daß sie verschiedene Äußerungsformen der einen 
großen Muttergottheit sind. Die Göttin Kali gilt, wie wir gesehen haben, 
als Göttin der Cholera, der Zerstörung und des Todes. Sie unterscheidet 
sich trotzdem wenig von der anderen großen Muttergöttin, sie stellt nur 
in ihrer besonderen Form den übelwollenden Aspekt der Mutter als Ver- 
körperung von Haß und Ekel dar. Sie kennt keinerlei Scham. Sie schreckt 
den Mann mit ihrer blutigen Vagina, sie kastriert ihn, tritt ihn mit Füßen, 
demütigt ihn aufs äußerste und schlägt ihn mit Krankheiten. Mit anderen 
Worten, sie ist das von dem Primitiven so gefürchtete menstruierende 
Weib. Sie ist auch, wie schon erwähnt, die Beschützerin der Prostituierten; 
auch diese sind schamlos und verbreiten Krankheiten. Sie ist die Schutz- 
göttin der Diebe und derer, die das Gesetz übertreten, d. h. derer, die 
ihre verbrecherischen Neigungen auf Kosten der Gesellschaft befriedigen. 

Wie läßt sie sich mit den anderen großen Muttergöttinnen vergleichen? 

Wir erinnern uns da an die Mythen von Attis und Cybele, von Adonis 
und Aphrodite, von Isis und Osiris. Es gibt in der ganzen Welt zahllose 
solche Mythen, die erzählen, wie ein Sohn, der Inzest beging, mit dem 
Tode bestraft wird; es ist bemerkenswert, daß das sich meist im Frühling 
abspielt. Warum der Mann gerade die Kastration durch die Mutter so 
fürchtet, ist ein Punkt, in dem ich mich nicht festlegen möchte, obgleich 
wir nachgewiesen haben, daß der primitive Haß gegen die Frau stark genug 
ist, um eine erbliche Vergeltungsangst zu erklären, während anderseits 
der männliche Protest der Frau sie dazu veranlaßt haben mag, männlichen 
Kindern „im Spiel" zu drohen. Es ist sehr wohl bekannt, daß Frauen oft 
„im Spiel" ihrem Kinde drohen, ihm den Penis abzuschneiden. Tatsächlich 
werden solche Drohungen als Einschüchterungsmittel gegen die Mastur- 
bation häufig angewandt. Die meisten Kinder bekommen irgendeinmal diese 
Drohung zu hören. Die Erektion des Phallus ähnelt in den Charakteren 
ihrer psychisch-teleologischen Bedeutung denen der Menstruation, denn 
der Penis ist selbst ein Tabugegenstand, wie seine Verehrung bei späteren 
Völkern bezeigt. Der Zustand der Erektion, obwohl primär ein Sinnbild 
der Macht, ist wahrscheinlich später in einem gewissen Ausmaß für. ebenso 
„unrein angesehen worden wie das weibliche Organ; da er aber nicht von 
blutigen Erscheinungen begleitet war, erregte er nicht in demselben Maße 
Ekel und Widerwillen. 

Die in vielen Teilen der Welt verbreiteten Menschenopfer für die Erd- 



Der Menstruationsiomrjlex Aj 



göttin und das Aussprengen von Menschenblut auf Getreidefeldern, hat 
sicher eine Beziehung zum Menstrualblut. Denn obgleich das Menstrual- 
blut später eine Abschreckung bedeutete, muß es letztlich doch sogar im 
Unbewußten des Mannes mit der Schwängerung im Zusammenhang stehen. 
Die Tatsache, daß die Männer dieser Stämme die Frau so verehrten und 
fürchteten, daß sie sie gleichzeitig auf der einen Seite in jeder Hinsicht 
erniedrigten und auf der anderen sie als eine Gottheit verehrten, genügt, 
um den doppelten Zweck zu zeigen, den diese beiden Opfer aller Wahr- 
scheinlichkeit nach zu erfüllen hatten, nämlich die Erde durch Blut und 
Fleisch des Opfers fruchtbar zu machen und die Göttin durch Leid und 
Tod zu besänftigen, weil sonst ihre unbefriedigten Begierden zum Verderben 
des Mannes würden. Wir wissen, daß in höheren Beligionen die Mutter- 
göttin oft den Mann zum Geschlechtsverkehr verführt, einem nur kurz 
dauernden Glück, da ihm bald der Tod des Mannes, entweder selbst auf- 
erlegt oder als Kulthandlung, folgte. Unter einigen Völkern gilt das Inzest- 
verbrechen als Ursache für die Vernichtung der Ernte des laufenden Jahres, 
während auch schon Unzucht und Ehebruch die Ernte sehr verschlechtern! 
Geheime Sünde verbittert die Erde. Noch heute bringt man schwere Kata- 
strophen mit Verbrechen dieser Art in Zusammenhang. Die Opferung eines 
Schweines ist eines der häufigsten Mittel, um eine Katastrophe "abzuwenden, 
die durch ein solches Verbrechen entstehen könnte. Typisch ist ja das 
ambivalente Verhalten der Menschen dem Schweine gegenüber. Die diesem 
Tier geltende Verehrung und Angst, die auf der ganzen Erde verbreitet 
sind, sind in hohem Grade der assoziativen Verbindung mit Schmutz, Un- 
reinheit, Diebstahl zuzuschreiben (früher war das wilde Schwein ein ge- 
fährlicher Feind der Felder des Menschen), daher erinnert das Graben mit 
der Schnauze in der Muttererde an den verbotenen Inzest. Es vereinigt die 
Tabus von Mann und Frau, denn es ist — ähnlich wie die Frau — unrein 
und in seinem symbolischen Inzestvergehen schamlos. Die Sünde des Ehe- 
bruches und der Unzucht zerstört angeblich die Fruchtbarkeit des Landes; 
um sie wiederherzustellen, muß ein Schwein geschlachtet und sein Blut 
der Erde dargebracht werden. 1 

Wir können in den in Frage kommenden Tabuvorschriften den Ausdruck 
der Furcht des Primitiven vor seinen Trieben sehen, die ihn dazu verführen 
wollen, Inzest zu begehen, wenn er durch die physiologischen Anzeichen 
der Bereitschaft der Frau in Versuchung geführt wird; er bemüht sich, 

1) Siehe Prazer, Bd. II, „The Golden Bough". 



48 



C. D. Dal r 



dem dadurch geweckten Schuldgefühl zu entgehen, indem er die Frau als 
Ursache alles Übels ansieht, denn die Reaktionen auf ihre Menstruation, 
von der ja ursprünglich die Anziehung und die Versuchung ausgingen, 
finden ihren Ausdruck in der Umwandlung der Gefühle in Schrecken, Wider- 
willen, Ekel und Scham. 

II 

^M.enstruationstabu und jSexualhemmung 

Vorbemerkung 

Havelock Ellis stellt die Merkmale der sexuellen Zurückhaltung folgender- 
maßen zusammen (1. c. S. 80): 

Unter den Merkmalen, die die Zurückhaltung ausmachen, haben wir 
gefunden: 1) Die primitive, auch bei Tieren zu beobachtende Ablehnung 
männlicher sexueller Annäherungen durch das weibliche Wesen, das sich 
nicht gerade in der Zeit befindet, in der sie die Annäherung des Mannes 
wünscht; 2) die Furcht vor aufsteigendem Ekel; diese Furcht ist vorerst der 
Nachbarschaft von sexuellem Zentrum und Exkretionsorganen zuzuschreiben, 
deren Produkte auch meist für die Tiere nutzlos und ohne Lustbedeutung sind; 
3) die Furcht vor der magischen Wirkung sexueller Handlungen, und die 
Zeremonien und rituellen Übungen, die ursprünglich auf diese Furcht 
gegründet waren und später zu einfachen Sittengesetzen wurden, Zeichen 
und Hüter der Zurückhaltung; 4) die Entwicklung von Schmuck und 
Kleidung, die zu gleicher Zeit die sexuelle Zurückhaltung fördern, die die 
männliche sexuelle Begierde zurückweist, und die Koketterie begünstigen, 
die sie wieder lockt und anreizt; j) die Auffassung der Frau als Eigentum, 
die ihrer affektiven Zurückhaltung, die bereits vorher auf natürliche und 
primitive Tatsachen gegründet war, eine neue und gewichtige Berechtigung 
verleiht. 

Ich meine nun, daß eine Anzahl dieser Faktoren nicht länger mehr 
haltbar ist in Anbetracht der hier von uns vertretenen Theorien über 
primäre Faktoren der Triebhemmung, die von Ellis übersehen worden sind. 
Wir wollen nun aus dem höchst wertvollen Sammelwerk über diesen Gegen- 
stand Auszüge machen und diese analytisch betrachten und kommentieren. 1 

1) Alles, was von besonderer Bedeutung für meine Theorie ist, wurde von mir 
gesperrt, in einigen Fällen, in denen das Original gesperrt ist, wird dies besonders 
bemerkt werden. Die Seitenzahlen, die sich auf Havelock Ellis beziehen, gelten, 



Der Aienstruationskomplex 



49 



Zurückhaltung, Widerwillen und Scham 

Havelock Ellis definiert das. Schamgefühl als eine instinktive Furcht, 
die zur Verheimlichung anreize, für gewöhnlich in den sexuellen Prozessen 
ihren Mittelpunkt habe und, obwohl sie beiden Geschlechtern gleicherweise 
zukomme, doch ausgesprochen feminin sei (S. 1). Er weist auf die 
enorme Bedeutung der schamhaften Zurückhaltung für die Entstehung der 
männlichen Leidenschaft hin und führt einige überaus scharfsinnige Beob- 
achtungen Stendhals an: „Der Nutzen des Schamgefühls liegt darin, daß 
es die Mutter der Liebe ist. Was den Mechanismus dieses Gefühls anlangt, 
so ist er höchst einfach: Die Seele ist nun von einem Gefühl der Scham 
erfüllt, anstatt von Begierde und Verlangen. Begierde ist verboten, 
denn Begierde führt zur Tat" (S. 2). 

Diese Definition zeigt meiner Ansicht nach auf Grund unserer Kenntnis 
des Inzesttabus, daß der Primitive unter dem Antrieb der Furcht vor dem 
als Strafe für den begangenen Inzest drohenden Tode, das Tabu der Men- 
struation als Schutz einsetzte gegen seine eigenen Begierden zur Zeit seiner 
größten Versuchung, während die Frau allmählich in , Anbetracht ihrer 
Unreinheit während der Perioden die Herrschaft des Mannes anerkannte 
und während dieser Zeit ihres größten sexuellen Verlangens auf sich selbst 
voller Scham blickte, besonders da die Befriedigung dieser Begierde für 
den Mann den Tod bedeutete. Die Befriedigung mußte nun zwischen den 
Menstruationsperioden gefunden werden. Das Gefühl der Scham als Folge 
des nicht befriedigten Sexualtriebes bei beiden Geschlechtern und des Schuld- 
gefühls beeinflußte allmählich das gesamte psychische Leben der primitiven 
Gesellschaft. In unseren Kulturkreisen tritt sie nur mehr unter Umständen 
zutage, die bereits sehr weit von ihrer ursprünglichen Quelle entfernt 
sind. Ellis führt Madame Celine Benvoy als Autorin einiger sehr treffender 
Bemerkungen an, obgleich sie seiner Meinung nach falsche Schlüsse zieht, 
indem sie primäre Tatsachen durch Bückführung auf sekundäre Faktoren 
erklären will, die sich in Wahrheit erst während der Dauer der Entwick- 
lung aus jenen gebildet haben. Sie schreibt: „Der Lauf der menschlichen 



wenn nicht anders bemerkt, für Bd. I seiner „Studies in the Psychology of Sex". 
Bezugnahmen auf andere Werke werden in den Fußnoten angemerkt. — Der Autor 
ist an der indischen Grenze stationiert, wo ihm eine einschlägige Bibliothek fehlt 
und die Umstände es ihm nicht gestatten, andere als seine eigenen Bücher mit sich 
zu führen. Die Leser werden die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, würdigen. 
In dieser Position sind die Werke Havelock Ellis unschätzbar; hingegen bedauert 
der Verfasser es sehr, sich nicht auf andere anerkannte Werke beziehen zu können. 

Imago XIV. , 



5o 



C. D. Baly 



Entwicklung hat die Psychologie der Geschlechter ins Gegenteil verkehrt, in- 
dem der Frau eine Konsequenz der männlichen Sexualität aufgezwungen wurde. 
Hier liegt der Ursprung der konventionellen Lügen, die durch eine Art so- 
zialer Suggestion die Frau eingeschüchtert und furchtsam gemacht haben. Sie 
hat, wie sich endlich herausstellt, den Zwang zur Schamhaftig- 
keit, den der Mann ihr auferlegt hat, angenommen, die Sitt- 
samkeit, um derentwillen sie gepriesen wird, wird nur durch 
Sitte und Gewohnheit stets von neuem angeregt und gefördert. 
Sie bedeutet in Wahrheit einen Frevel an ihrem Geschlecht 

(S. 3 )- 

Diese Autorin scheint unter dem Einfluß eines überstarken männlichen 
Protestes zu arbeiten, wenn sich auch in einigen ihrer Bemerkungen eine 
scharfe Intuition zeigt. Der letzte Teil des Zitats bestätigt meine Theorie, 
daß das Schamgefühl auf eine bestimmte primäre Ursache zurückzuführen 
ist, nämlich auf die Äußerungen des Schreckens, des Widerwillens 
und des Ekels beim Manne. 

Die Sittsamkeit ist also in sehr verschleierter Form eine Nachgiebigkeit 
]'enen Begierden gegenüber, die Inzestverbot und Sitte im Menschen ver- 
borgen wissen wollen, eine Nachgiebigkeit, die aber die Angst durchblicken 
läßt, erstens die Furcht vor den Konsequenzen und zweitens die Ungewiß- 
heit, ob das Resultat einer Enthüllung Ekel und Widerwille (mit dahinter 
verborgener Todesangst) oder eine Wertschätzung sein würde. 

„Verlangen und Widerwillen vermengen sich in seltsamer Weise, wenn 
man, selbst unbefriedigt, die Befriedigung eines anderen mit ansieht. Hier 
sehen wir den Beginn des altruistischen Stadiums, das zwei Seiten hat: 
die Furcht, Verlangen im anderen zu erwecken, und die Furcht, 
Ekel zu erregen; in jedem Falle ist eine Vereinsamung das 
Ergebnis". 1 

Die Sittsamkeit scheint aus einem Wissen um die Quellen der ver- 
botenen Anziehung zu entstehen, während die Schamhaftigkeit in der 
Furcht, Ekel zu erregen, ihren Ursprung hat. So sind sie beide, da ihre 
letzte Ursache schließlich die gleiche ist, aufs innigste miteinander ver- 
schmolzen. Gibt es einen Anblick, der mehr verlegen macht, als der einer 
feinfühligen Frau, die unter den unkontrollierbaren Erschütterungen ihres 
Unbewußten leidet, da Schani und Sittsamkeit all das zu verdrängen suchen, 
was im Grunde natürlicher Ausdruck ihrer brennendsten Sehnsucht ist, 



1) Crawley: The Mystic Rose. S. 139. 



-Der .Menstruationskomplex 



5i 



während sie mit der Furcht kämpft, sie könnte Mißfallen oder Abscheu 
erregen, — und wie herrlich reizvoll kann sie dann plötzlich werden, wenn 
diese Tabuvorstellung beiseite geschoben wird. 

Die Frau muß unter einer schweren Demütigung als Folge des ihr vom 
Manne auferlegten Menstruationstabus gelitten haben, von der sie sich nie 
wieder erholt hat, während sie anderseits vielleicht auch aus den magischen 
Kräften, die man ihrer sexuellen Anziehung zuschrieb, einige Vorteile ziehen 
konnte, obgleich die meisten Frauen höchst willfährig, auf das Piedestal, 
auf das sie wegen ihres magischen Einflusses erhoben worden sind, verzichten 
würden; die normale Frau zeigt bei Gelegenheit sehr klar, daß sie lieber 
als Frau, denn als Göttin behandelt zu werden wünscht. 

Die Sittsamkeit scheint daher mit den magischen und religiösen Attributen 
dieses Erscheinungsgebietes verknüpft zu sein, während die Scham wohl fast 
ausschließlich mit dem Moment der Erregung von Abscheu zusammenhängt. 
Professor Richet 1 unterstützt diese Annahmen desgleichen, wenn er (nach 
Ellis, S. 47) den Schluß zieht, daß es das Gefährliche und das Nutz- 
lose sei, was Widerwillen errege (im Original gesperrt). Aber diese beiden 
Faktoren sind wohl im Grunde ein und dasselbe, da im Leben der Primi- 
tiven das Nutzlose gefährlich ist, wie der Glaube an die Gefährlichkeit 
alter Leute beweist, die nicht mehr jagen oder arbeiten können, oder Kranker, 
die ebenfalls zur Arbeit unfähig sind und die Gesunden gefährden sollen. 

Havelock Ellis gibt eine lange Reihe von Zitaten aus verschiedenen 
Werken an, die auf die Sittsamkeit bei den Primitiven und unter den 
modernen Völkern Bezug haben. Für uns ist dabei bemerkenswert, daß in 
nahezu allen diesen Werken eine Bezugnahme auf die Menstruationsperioden 
der Frau fehlt, da fast das ganze Interesse der modernen Forschung auf die 
Zusammenhänge von Sittsamkeit und Nacktheit u. dgl. konzentriert ist. 

Ziehen wir einige der wenigen Ausführungen in Betracht, in denen 
dennoch die Menstruation erwähnt wird: „Die Manduricu-Frauen Brasiliens 
sind vollständig nackt, aber sie vermeiden jede unschickliche Haltung, so 
daß es ganz unmöglich ist, zu bemerken, wann sie menstruiert sind." 2 

Diese Bemerkung ist nicht von Bedeutung, da die Frauen stets darauf 
achten, sich in dieser Zeit keine Blöße zu geben. 

Eine Autorin bemerkt hinsichtlich der Menstruation, daß die Masai und 
andere ostafrikanische Stämme die größte Zurückhaltung beobachten und 



1) C. Richet; Les causes du Degoüt. L'homme de l'intelligence. 

2) Tocantins, zitiert von Mantegazza. Fisiologia della Donna, cap. 9 (p. 12). 



♦* 



5a C. D. Daly 

fast mehr als sittsam sind. 1 Diese Bemerkung hat mehr Bezug auf 
unseren Gegenstand, besonders die Beobachtung, daß sie „mehr als sitt- 
sam sind . 

Unter etwa hundert Zitaten wird hur in diesen beiden Fällen die Men- 
struation überhaupt erwähnt. Wüßten wir nicht, daß die ganze Frage der 
Menstruation auch heute noch tabu ist, wäre diese Tatsache wohl recht 
verwunderlich. Eine besonders prägnante Bemerkung aus der Feder eines 
geschulten und klugen Beobachters bestätigt dies. Ellis sagt von diesem 
Autor (S. 55), er beweise, daß „jedes Gefühl des Widerwillens, das von einer 
Frau ausgeht, notwendigerweise immer die Gegend ihres Schoßes zum 
eigentlichen Inhalt hat. Er schließt daraus, daß diese Gegend am meisten 
tabu ist und daß in diesem Tabu der Ursprung der Sittsamkeit liege". 
„Die Geschlechtsorgane mußten schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt 
verhüllt werden, um zu vermeiden, daß die Gefahr, die von ihnen 
ausströmt, die Umgebung schädige. Die Verhüllung ist ein Mittel, 
magische Einwirkungen zu verhindern. Die Verhüllung wurde dann einmal 
eingerichtet, beibehalten und umgeformt. 2 

Die Sitte, das Antlitz zu verhüllen, kann nun nach Dürkheims Fest- 
stellungen über den Zweck der Genitalverhüllung als Verschiebung von 
unten nach oben aufgefaßt werden. Die Singalesen-Frauen glauben, daß sie 
die Vulva verhüllt halten müssen, damit die Dämonen keinen Verkehr mit 
ihnen haben können (S. 56). Es besteht also kaum ein Zweifel, daß das 
Verhüllen im Grunde eine Vorsichtsmaßregel ist, die in Zusammenhang 
mit dem Tabu entstand, und deren Funktion es war, die von den weib- 
lichen Genitalien ausgehende Inzestversuchung zu verdecken. 3 Später wurde 
die Verhüllung in verschiedene Zeremonien und Riten und in zahlreiche 
magisch-religiöse Gebräuche aufgenommen, — so verhüllten die Leute sich 
beispielsweise, um sich vor dem bösen Blick zu schützen u. dgl. Das Ver- 
hüllen entspricht also in seiner eigentlichen Bedeutung einer Vorsichts- 
maßregel gegen Gefahr; daß es später auch zur Quelle sexueller Anziehung 
wurde, können wir in gewissem Sinne der Abschwächung des Tabu zu- 
schreiben, denn hinter der Furcht lag ja immer der verdrängte Wunsch 



1) Mrs. Frence-Sheldon: Journal of the Anthropological Institute. 1894, p. 582. 

2) Dürkheim: La Prohibition de l'inceste. L'annee sociologique 1898, S. 50. 

3) Die Frauen, die ihre Genitalien verhüllen, verfolgen damit offenbar einen 
doppelten Zweck: Einmal wollen sie das Entweichen der dort zentrierten magischen 
Kräfte verhindern, um sie für sich zu behalten, dann wollen sie aber auch die andern 
vor dem Übel bewahren, dessen Opfer sie selbst schon geworden sind. 



Der Alenstruationskomplex 



53 



bereit, sich wieder geltend zu machen, sobald die Gefahr nachließ. Diese 
Bemerkungen beziehen sich bereits allgemein auf die Frage der Kleidung, 
die wir hier kurz besprechen wollen. 

Ellis weist (S. 55) darauf hin, daß auf einer frühen Kulturstufe „die Men- 
struation als ein Reinigungsprozeß, als ein gefährlicher Ausfluß schlechter 
Säfte angesehen wurde. Daher nannten die alten Hellenen die Menstruation 
auch ,Reinigung"\ Mit Hilfe unserer neuen Theorie ist es für uns nicht 
allzu schwierig zu verstehen, wie es dazu kam. Ellis führt auch das 
mosaische Gesetz an, das besagt: „Wenn ein Mann ein menstruierendes 
Weib enthüllt, dann werden sie beide zugrunde gehen." (Leviticus, Kap. XX. 
V. 18.) Hieraus ist zu ersehen, daß ein Verstoß gegen das Tabu mit den 
schwersten Strafen geahndet wurde. In den Kastrationsdrohungen der Mütter 
oder Ammen gegenüber dem mit dem Genitale spielenden Kind ist das gleiche 
Prinzip noch heute wirksam. 

Ellis meint, daß die Sittsamkeit weit eher sozialen als sexuellen Ursprungs 
sei (S. 36). Ich glaube jedoch zeigen zu können, daß diese beiden Faktoren 
sich nicht so leicht voneinander trennen lassen. Ich möchte die Sittsamkeit 
als Reaktion auf den Menstruationskomplex auffassen, der seinerseits aus 
der Inzestschranke entstanden ist. 

Ellis sagt, indem er Prof. Starbook (Psychology of Religion, Kap. XXX) 
zitiert: „Man kann wohl sagen, daß die volle Entwicklung der 
Sittsamkeit erst zur Zeit der Pubertät statthat", obwohl er zugibt, 
daß die Sittsamkeit ein einfaches und primitives affektives Element ist. Ich 
glaube, daß er im Irrtum ist, wenn er annimmt, daß die sexuelle Zurück- 
weisung, die beispielsweise eine nicht brünstige Hündin einem Hund zuteil 
werden läßt, psychologisch der menschlichen Sittsamkeit entspricht, deren 
klassisches Beispiel die Venus von Medici darstellt, die das Becken zurück- 
zieht, mit der einen Hand die Schamgegend und mit der anderen die Brüste 
schützt. Ellis hält das für äquivalent, denn er meint: „Das wesentliche 
Moment ist in jedem Falle die Verteidigung der Genitalgegend gegen eine 
unerwünschte männliche Annäherung" (S. 38). Die Hündin versagt sich 
allerdings, weil sie sich nicht im Stadium der Rezeptivität befindet. Die 
primitive Frau hingegen versagt sich genau aus dem gegenteiligen Grunde, 
denn sie versagt sich gerade im Stadium der Empfänglichkeit, weil sie be- 
fürchtet, daß ihre sexuellen Reize den Mann zu Handlungen hinreißen 
würden, die sie beide der Grausamkeit des Inzestgesetzes ausliefern müßten. 
Diese Angst ist der Ursprung der Sittsamkeit. Ellis betont selbst an anderer 
Stelle seiner Studien, daß die Zurückhaltung der Frau im Manne eine Leiden- 



5-f C. D. Daly 

schaft auslöst; aber wie sollte das möglich sein, wenn seine ererbten Triebe 
ihm zeigen müßten, daß die sich versagende Frau sich nicht im Stadium 
der Empfänglichkeit befand? 

Ich stimme also mit Ellis darin überein, daß die sexuelle Sittsamkeit 
in der sexuellen Periodizität der Frau wurzle (S. 39), nicht aber darin, daß 
sie „ein unwillkürlicher Ausdruck für die organische Tatsache 
sei, daß für die Liebe die Zeit nicht da wäre" (S. 39). Er meint ja 
in seinen Studien, daß die Brunst der Tiere der Periodizität der Frau ent- 
spreche. Er unterstützt seine Meinung, indem er die Frage nach der 
Koketterie unter den weiblichen Tieren aufwirft, deren die Weibchen sich 
bedienen, um die Männchen in die größte sexuelle Erregung zu versetzen. 
Aber irrt er nicht auch hier, wenn er meint, daß Koketterie dasselbe sei 
wie sittsame Zurückhaltung? Die Koketterie ist viel älter und mächtiger 
als diese. Wenn er jedoch Koketterie und sittliche Zurückhaltung als 
gleich ansiebt, dann hätte ja die Zurückhaltung während der Perioden 
eben zu bedeuten, daß gerade jetzt die Zeit gekommen sei! Sie würde für 
den Mann nicht Versagung, sondern Ermutigung bedeuten. Auch , legt 
die moderne Frau für gewöhnlich außerhalb ihrer Perioden eine weit 
größere Neigung zur Koketterie an den Tag, als während dieser Zeit; 
während dieser Zeit neigt sie vielmehr zu Depressionen und schämt sich 
ihres Zustandes. 

Ellis führt die Koketterie auf den Faktor der sexuellen sittlichen Zurück- 
haltung zurück und führt zahlreiche andere Autoren an, die ähnlicher An- 
sicht sind. Ich möchte diesen Zusammenhang umkehren. Die sitt- 
liche Zurückhaltung hat ein Element der Scham in sich, wohingegen die 
Koketterie bei den Tieren nichts damit zu tun hat, vielmehr eine Form 
der Ermutigung durch Versagung und Verzögerung darstellt. Ellis zieht 
auch Montaignes Meinung über die jungfräuliche Sittsamkeit heran. „Was 
ist der Zweck dieser jungfräulichen Scham, jener gelassenen Kälte, jenes 
strengen Verhaltens, wenn das alles in uns nicht den Wunsch nach Er- 
oberung und Unterwerfung stärken sollte?" (S. 42.) Ellis benutzt hier 
dasselbe Argument, mit dem er vorher bewies, daß die Zeit nicht gekommen 
sei, um nun nachzuweisen, daß sie gekommen sei. 

Ich möchte betonen, daß für den Psychologen die Frage, ob die Men- 
struation dem Oestrum oder dem Praeoestrum der Tiere entspreche, nicht 
bedeutungsvoll ist. Denn auch das Praeoestrum ist für das männliche Tier 
auf jeden Fall ein Zeichen, daß die Zeit, in der seine Begierden befriedigt 



Der Menstruationskomplex 



55 



werden sollen, sich nähert, und ein Mittel, seine Erregung aufs höchste 
zu steigern. 1 

Die Sittlichkeit entsteht also aus Zweifeln darüber, wie der Partner sich 
verhalten werde; sie wird, worauf zahlreiche Autoren bereits hingewiesen 
haben, angelegt wie eine Hülle und wieder abgelegt, sobald der Träger 
merkt, daß der Partner das nicht mißbilligt. 

Ellis zitiert in diesem Zusammenhang Chaucers „Wife of Bath's 
Prologue" (S. 50): 

„He sayde, an woman cast her shame away 
When she cast of her smock." 

Er sagt: „Es ist natürlich unmöglich, aus der Tatsache, daß die Scham- 
gegend des Körpers das Hauptobjekt der Geheimnistuerei ist, die Bedeutung 
dieses Faktors der Sittlichkeit nachzuweisen." Er fügt hinzu: „Wohl kann 
man aber sagen, daß der Schamgegend diese Rolle nicht nur deshalb zu- 
kommt, weil sie der Sitz der Exkretionsfunktionen ist" (S. 51). Diese be- 
deutsame Frage verlangt eine Lösung. Es steht fest, daß heute die meisten 
Menschen die Nachbarschaft von Anus und Vagina als eine Ursache ihrer 
Sexualhemmungen ansehen, und Traumanalysen zeigen, daß dieser Konflikt 
allgemein verbreitet ist. Aber das kleine Kind empfindet den Anus jedenfalls 
nicht als abstoßend, und ich bezweifle, daß die Kinder der Primitiven ihn 
so empfunden haben. 

Es ist anzunehmen, daß gerade das Gegenteil zutreffend ist, und 
daß der Anus ursprünglich seiner Nachbarschaft zur Vagina wegen 
ekelerregend wurde; denn der größte Schrecken und Widerwillen 
des Mannes galt ursprünglich der Menstruation. Derselbe Umstand 
spielt wohl eine Rolle bei der Verdrängung der Analerotik und der Riech- 
lust beim Manne. Die umgekehrte Ansicht hat möglicherweise ihren Grund 
im Unbewußten der Autoren. Wenn man den Ekel den Tatsachen ent- 
sprechend auf die Vagina bezogen hätte, so hätte das dank der Verdrän- 
gung einen schweren Konflikt hervorgerufen. Deshalb wurde der Ur- 
sprung des Widerwillens auf die Analgegend bezogen, die eine 
geringere sexuelle Anziehungskraft hat und damit weniger 
gefährlich ist. 



1 ) H e ap e unterscheidet zwischen dem Praeoestrum oder der Periode der Kongestion 
bei weiblichen Tieren und dem unmittelbar darauffolgenden Oestrum, der Periode 
des Verlangens. Bei den niederen Tieren findet unter allen Umständen der sexuelle 

Verkehr nur während des Oestrums statt und nicht während des Praeoestrums. 

W. Heape: The Sexual Season of Mammals. Zitiert von H. Ellis, op. cit., Bd. II, S. 26. 



56 C. D. Daly 

Havelock Ellis ist der Meinung, daß „die soziale Angst der Menschen, 
sie könnten Abscheu erregen, sich auf dieser animalischen Basis entwickelt 
hat" (S. 50). Ich persönlich glaube, daß Lombroso und Ferrero, die er 
in einer Fußnote zitiert, der richtigen Lösung weit näher gekommen sind. 
Er sagt, daß sie pudor von puderi herleiten, d. h. von dem Widerwillen, 
der durch die sich zersetzenden Vaginalsekrete hervorgerufen wird; man 
muß dabei beachten, daß die Furcht, Ekel zu erregen, bei den 
Frauen der Primitiven das einzige Motiv der sittlichen Zurück- 
haltung ist, wie sie auch noch heute unter den Prostituierten die ein- 
zige Form der Scham bildet (S. 52). (La Donna Delinquenta, S. 540.) Durgas 
ruft aus: „Welche Gefahr bringt doch die Aufdeckung der sonst geheimen 
Begleiterscheinungen der Liebe mit sich! Es drohen Desillusionierung, 
Widerwille, das Bewußtwerden von physischen Unvollkommenheiten, von 
Brutalität und Kälte, Entzauberung ästhetischer Erwartungen, eine empfind- 
liche Erschütterung, die wahrgenommen oder nur geahnt werden. Um ohne 
sittliche Zurückhaltung zu sein, d. h. keine Furcht vor der Feuerprobe 
der Liebe zu haben, muß man seiner selbst ganz sicher sein . . . Nehmen 
wir also an, daß die sittliche Zurückhaltung auf ein ästhetisches Uribe- 
hagen zurückzuführen sei, auf die Furcht der Frau, nicht zu gefallen, oder 
nicht schön genug zu erscheinen (S. 52). Wir können mit der größten 
Wahrscheinlichkeit weiterschließen, daß diese Furcht der Frauen, nicht 
schön genug zu sein, die Folge des Schreckens ist, von dem der Mann be- 
fallen wurde, als ihm nach Errichtung des Menstruationstabus das gezeigt 
wurde, was einst der Hauptreiz der weiblichen Schönheit und Anziehung 
war, so unbegreiflich uns das auch heute scheinen mag. 

Ich beabsichtige nicht, mich hier näher mit der Wandlung des Schön- 
heitsbegriffes und mit der Ausdehnung der Sittsamkeit zu befassen, die 
mit dieser Wandlung Hand in Hand gegangen ist. Ein solches Unterfangen 
überschritte die Grenzen dieser Schrift. Ein Hinweis darauf wurde bereits 
in der ersten dieser Studien gegeben, als die Entwicklung des künstlerischen 
Ausdrucks gestreift wurde. 1 

Ellis hat beobachtet, daß „die Moden der weiblichen Kleidung den 



1) Ich befasse mich hier nur mit den primären Fakten und beschränke mich 
darauf, genügend Beweise für meine Theorie beizubringen. Um den kritischen Ein- 
wand der Einseitigkeit zu verhindern, muß ich feststellen, daß ich wohl weiß, 
daß der männliche Exhibitionismus in der Hervorbringung der in 
Frage stehenden Faktoren eine Rolle gespielt hat. Ich hoffe, diese Seite- 
der Frage in einer späteren Veröffentlichung vollständiger behandeln zu können. 



Der -Menstruationsltoniplex &*? 

doppelten Zweck der Verhüllung und der Anziehung haben, wie übrigens 
auch zuweilen der Gebrauch von Parfüms". Ebenso verhält es sich mit 
dem kleinen Schurzfell der primitiven Schönen (S. 59). Die Erhöhung 
der Anziehung ist in der Tat eine durchaus logische Folge der 
Furcht, Ekel zu erregen (S. 59). Sollte darin das einzige Motiv für 
die weibliche Freude am Schmuck liegen, so können wir damit höchst- 
wahrscheinlich auch die Entstehung dieser Freude am Schmuck auf die 
Schwächung der weiblichen Anziehungskraft und Schönheit zurückführen, 
die das Menstruationstabu mit sich gebracht hat. So kam es, daß die Frau 
sich mehr an Schmuck und Zierat freut als der Mann. 

Zahlreiche Autoren haben Beweise dafür gesammelt, daß der ursprüng- 
liche Zweck der Kleidung nicht die Verhüllung, sondern der Schmuck des 
Körpers war; aber dieses Beweismaterial ist nicht sehr belangvoll, wie man 
leicht erkennen kann, wenn man bedenkt, daß von zehn Autoren, die so viel 
Material über diesen Gegenstand sammelten, neun einen so bedeutenden 
Faktor im Leben der Frau, wie die Menstruation, nicht einmal erwähnen. 
Aber selbst die wenigen, die sie erwähnen, scheinen ungenügend informiert, 
da man ihnen über dieses Phänomen, das streng tabu war, wahrscheinlich 
allzuwenig mitgeteilt hat. Sie verweisen auf das Tätowieren der Geschlechts- 
organe, auf den Gebrauch von Perlenschmuck u. dgl., weiterhin noch auf die 
zahlreichen Belege dafür, daß, wenn irgendeine Verhüllung der Genitalien 
stattfand, sie nur den Zweck hatte, anzuziehen und die Aufmerksamkeit 
zu wecken und nicht zu verbergen. Ohne Zweifel hatten sie recht, wenn sie 
annahmen, daß das Schmücken der Genitalien den sexuellen Reiz nur erhöhe. 
Aber es ist auch zu sagen, daß die Frauen während der Menstruations- 
perioden oft vollkommen in Kleider eingehüllt und jedem Blick völlig 
entzogen werden. Da aber die Frauen der Primitiven gerade in dieser Zeit 
gewöhnlich überhaupt nicht zu sehen sind und sie und ihre Männer 
von selbst nicht davon sprechen, können wir verstehen, wieso es kam, daß 
von den Autoren das größere Gewicht auf Schaustellung und Schmuck 
gelegt wurde, die der Beobachtung leichter zugänglich waren und die die 
Leute jederzeit stolz zu zeigen und zu besprechen bereit waren. Außerdem 
ist noch zu sagen, daß in Ländern, in denen sonst Nacktheit ohne Scham 
ganz allgemein ist, ausnahmsweise getragene Kleider den Körper sicher 
bedecken und verhüllen und nicht enthüllen sollen. 

Ich möchte also annehmen, daß die Kleider möglicherweise ursprünglich 
getragen wurden, um die Tatsache der Menstruation zu verbergen, 
und daß gewisse Parfüms demselben Zweck dienten, daß aber, als die 



^ 






58 C. D. Daly 



Frauen merkten, daß die Kleider einen Anreiz bildeten, sie zur Zeit, da sie 
nicht tabu waren, Kleider und Parfüms weitergebrauchten, jetzt aber, um 
ihr Objekt anzulocken. In frühester Zeit verbargen die Frauen ihre Ge- 
schlechtsteile wahrscheinlich soweit als möglich (wie die Primitiven es 
noch heute tun), dann aber, sobald sie nicht mehr der Menstruation wegen 
abgeschlossen waren, verfielen sie wohl in das entgegengesetzte Extrem, 
schmückten ihre Genitalien und benutzten Parfüms, um sich in den Augen 
ihrer Männer anziehend zu machen. Damit hängt es auch zusammen, daß 
viele Frauen, die sich nicht scheuen, vor dem Manne nackt zu erscheinen, 
doch eine außerordentliche Scheu davor haben, sich in Gegenwart von 
Männern zu entkleiden. Denn wenn die Kleidung einst benutzt wurde, 
um die unausprechliche Schande der blutigen Genitalien zu verbergen, 
dann verstehen wir, daß diese Ängstlichkeit der Möglichkeit gilt, vom 
Manne gesehen zu werden, wenn sie ihre Kleider ablegen, ehe sie sich 
nach der Abschließung gewaschen haben. Und wenn die Frauen später 
ihr Möglichstes taten, um sich auf einem primitiven Wege dem stärkeren 
Geschlecht gefällig zu zeigen, dann mag der Mann im Zurückblicken seine 
Sympathie auf sie ausgedehnt, im Vorwärtsblicken aber erkannt haben, 
daß viele der Züge, die ihm an der Frau mißfallen, eben durch ihn selbst 
der Frau aufgezwungen worden sind. 

Wir dürfen nicht übersehen, daß das Entkleidetwerden immer eine 
Demütigung bedeutet, mag es sich nun um den Schurz und anderen 
Schmuck der Primitiven, oder um die Kleidung des modernen Europäers 
handeln. Ellis sagt darüber: „Das war schon so zu Zeiten des Homer; 
erinnern wir uns doch an Odysseus' Drohung, den Theyester zu ent- 
kleiden. 

Es ist interessant zu bemerken, daß, wenn immer die Frage der Sitt- 
samkeit und Keuschheit in Verbindung mit der Auffassung diskutiert wird, 
die Frau sei Eigentum ihres Mannes, d. h. wenn der Gegenstand weit 
genug von dem gefürchteten Menstruationskomplex abgerückt 
ist, daß dann einige Autoren, Ellis eingeschlossen, die Sache 
vollkommen richtig ansehen. Ellis sagt diesbezüglich: „Diese Sittsam- 
keit ist der Frau so streng auferlegt worden, damit der Mann vor Ver- 
suchung bewahrt bleibt" (S. 64), während Hinton, den er zitiert, so weit 
geht, zu meinen, die körperliche Zurückhaltung sei der Frau vom Manne 
zum Zweck der Erhaltung seiner eigenen Kraft und Tugend auferlegt 
worden. Mit diesen Feststellungen stimme ich überein. — Sodann dis- 
kutiert Ellis die Sprache in ihrem Zusammenhang mit der Sittlichkeit 



Der Alenstruationsiomplex 



6 9 



und hier werden wir weitere Bestätigungen für den Menstruationskomplex 
finden. 

Wie man aus der frühen realistischen dramatischen Literatur verschie- 
dener Länder ersehen kann, bestand in Europa bis zum 17. Jahrhundert 
unter dem Volk keine besondere Abneigung gegen eine offene Ausdrucks- 
weise in sexuellen Angelegenheiten. Von dieser Regel findet sich nur eine 
bemerkenswerte Ausnahme. Es existierte eine solche Abneigung ganz deut- 
lich im Hinblick auf die Menstruation. Es ist nicht schwer zu verstehen, 
warum eine solche Scheu gerade bei dieser Funktion eingesetzt hat. Wir 
haben hier nicht nur eine Funktion, die auf nur ein Geschlecht beschränkt 
ist, und für die eine Bezeichnung sich daher auch leicht nur im Wort- 
schatz dieses Geschlechtes finden mag; sondern, was wichtiger ist, ein 
Glaube, der schon bei den Römern und überall sonst in der Welt bestand, 
hat sich auch das ganze Mittelalter hindurch erhalten. 1 Die Bezeichnung 
„memes (Monate) ist ein Euphemismus, die meisten alten wissenschaft- 
lichen Bezeichnungen für diese Funktion sind in ähnlicher Weise um- 
schreibend. Was die populäre Ausdrucksweise der Frauen vor dem 18. Jahr- 
hundert angeht, so gibt Schur ig darüber weitgehende Auskünfte. 2 Er 
bemerkt, daß sowohl in den lateinischen wie auch in den germanischen 
Ländern die Menstruation gewöhnlich mit einem Terminus bezeichnet 
wurde, der etwa dem Ausdruck „Blumen" gleichkommt. Die Menstruation 
ist ja tatsächlich ein Blühen, das die Möglichkeit einer späteren Frucht 
anzeigt. Die deutschen Bauernfrauen haben dafür die Bezeichnung „Rosen- 
kranz" (S. 68). 

Bezüglich der Erklärung der für „Menstruation" gebräuchlichen Aus- 
drücke möchte ich bemerken: 

Blumen und Bosenkranz: Diese beiden Bezeichnungen ersetzen die 
verabscheute Vorstellung durch eine angenehme. Die unangenehm ge- 
wordenen Vorstellungen der Periode werden verhüllt, aber die ursprüng- 
lichen anziehenden Elemente (Gesichts- und Geruchsreize) verraten sich 
noch in der Wahl der Ersatzvorstellung (schöne und wohlriechende Blumen) ; 
auch das Anzeichen, daß die Möglichkeit der Geburt da sei, wird bei- 
behalten (Blüte!). 3 



1) Siehe z.B. Ploß und Bartels: Das Weib. Bd.I, XIV. Auch H.Ellis: Man and 
Woman. 4. Aufl., Kap. XI. 

2) Parthenologia 172g, S. 27!!. 

3) Eine bekannte englische Schauspielerin erhielt einst beim Verlassen der Bühne 
einen Blumenstrauß. Ein bekannter Komiker betrat nun die Szene und sein Erscheinen 



60 C. D. Daly 

Genau denselben Mechanismus kann man in Träumen beobachten, in 
denen die menstruierende Vagina durch Blumen symbolisiert wird. Ähn- 
liche Symbolik findet sich im Hinduismus, — so Smaret Prathna, Pushpinin, 
wörtlich „als hätte sie die erste Blüte". 



Das Erröten 

Mit dem Phänomen des Errötens sind Sittsamkeit, Scham, Schüchtern- 
heit, Furchtsamkeit und Verwirrung eng verknüpft. Partridge sagt: „Aller 
Augenschein zeigt, daß der seelische Zustand des Errötenden eine Art Furcht 
ist. Das Vorhandensein von manifester Angst, von Herzklopfen, Neigung 
zur Flucht und zum Verstecken, innerer Erschütterung, all dies bestätigt 
diese Anschauung." Auch Medinaud 1 stellt fest, daß das Erröten stets mit 
der Furcht in Zusammenhang steht, — daß der Errötende etwas zu ver- 
hüllen hat, von dem er fürchtet, es könnte entdeckt werden (S. 62). 

Ellis sagt, „man habe nachzuweisen versucht, daß das Erröten der letzte 
Überrest einer allgemeinen krankhaften sexuellen Reizbarkeit 
sei, aus der die Scham entsprang" (S. 75). Diese Feststellung stimmt mit 
meiner eigenen Ansicht überein, und es ist wahrscheinlich, daß das Er- 
röten sich ursprünglich hauptsächlich an den Geschlechtsorganen abgespielt 
hatte und in engem Zusammenhang mit der Tumeszenz steht. 2 

wurde mit großen Ovationen begrüßt, worauf er sagte: „Sie ist mit den Blumen 
davongegangen, und „I have come an wiih the clap" (clap = Applaus, aber auch vulgärer 
Ausdruck für Gonorrhöe"). Man hat mir gesagt, daß dieser Scherz eines der größten 
Gelächter hervorgerufen hat, die London je gehört hat. Die psychologische Bedeutung 
dieses Scherzes ist nicht zu übersehen; ganz abgesehen davon, daß eine schöne Frau 
bloßgestellt worden war, als sähe man ihr die blutige Ausscheidung an, die sie doch 
zu verbergen bemüht sein würde, und daß ein Mann offen zugab, an einer Geschlechts- 
krankheit zu leiden, die allgemein gefürchtet und verheimlicht wird, findet sich noch 
eine tiefere Bedeutung in der Beziehung zwischen der Periode und der Ansteckung, 
die hier in nahen Zusammenhang zueinander gebracht werden und zu der Tatsache, 
daß nur ein paar Sekunden zwischen beiden Ereignissen vergangen waren. 

1) Pourqxioi rougit-on? Revue des deux mondes, Octobre 1895. Zitiert von H. Ellis. 

2) Das erste Zeichen des Praeoestrums, das bei den niederen Säugetieren zu bemerken 
ist, ist Schwellung und gesteigerter Turgor der Vulva, sodann Ruhelosigkeit, Er- 
regbarkeit und Unbehagen. Zahlreiche Affenarten weisen einen Blutandrang im 
Gesicht und in den Brustwarzen auf, auch in den Hinterbacken, den Oberschenkeln 
und den benachbarten Körperteilen; zuweilen sind diese in bemerkenswerter Weise 
angeschwollen. Bei einigen Arten zeigt ein gelegentlich sogar außerordentliches An- 
schwellen der zarten Gewebe um den Anus und die Vagina das Fortschreiten des 
Praeoestrums an. Im Uterus folgt während des Praeoestrums einer Proliferation des 
Stromas rasch eine Proliferation der Gefäße des Stromas. Das Ganze erhält eine 






Der Menstruationskomplex 



Stanley Hall scheint ebenfalls Ansichten zu haben, die mit meiner 
Theorie über den Ursprung der Scham übereinstimmen; aber immerhin 
führt er sie nicht auf das Menstruationstabu zurück. Er wird von Ellis 
wie folgt zitiert: „Hall scheint anzunehmen, daß das sexuelle Erröten 
vikariierend für eine genitale Blutüberflutung eintrete, die von der genitalen 
Sphäre durch eine Furchtregung abgelenkt worden ist, wie auch beispiels- 
weise das Gekicher der Mädchen sehr oft einer Schamregung entspricht; 
das sexuelle Erröten wäre somit die Auswirkung einer archaischen Sexual- 
furcht; daß das Erröten ein Lustelement enthält, entspricht dem Umstand, 
daß es ein Abkömmling der sexuellen Reizbarkeit ist. 1 

Ellis zitiert eine Stelle aus einem Brief, den er erhielt: „Glauben Sie 
nicht, daß das schamhafte Erröten letzten Endes wirklich ebenso wie die 
Erektion nicht im Grunde ein vasomotorischer Entspannungseffekt ist? Das 
Unbehagen des Errötens entsteht, wenn diese vasomotorische Reaktion unter 
Umständen wahrgenommen wird, die im Augenblick als unpassend emp- 
funden werden. Wahrscheinlich entsteht dann Furcht, Mißfallen zu er- 
regen, wenn man seine unangebrachte Erregung merkte. Bekannt ist das 
Erröten junger Mädchen, wenn sie mit Komplimenten überhäuft werden. 
Dieses Erröten scheint von einem Lustgefühl begleitet zu sein, das nicht 
in Furcht oder Widerwillen umschlägt, sondern als reizvoll empfunden 
wird. Wenn es doch unbehaglich wird, so drücken das die Frauen meistens 
aus: „das sieht ja so aus, als könnte ich mich nicht beherrschen." Wird 
solche Selbstbeherrschung überflüssig, so hört die Angst auf, so daß sich 
dem vasomotorischen Effekt ein weiteres Gebiet eröffnet und eine allgemeinere 
Durchblutung entsteht infolge einer Anregung der spinalen sexuellen Zentren. 
So scheint ein solches Erröten ein sexuelles Äquivalent zu sein, das andere 
sexuelle Erscheinungen verhindern kann, sowohl indem es vor ihnen warnt 



stärkere Blutzufuhr, die Oberfläche ist gerötet und in hohem Maße gefäßreich. Der 
Prozeß schreitet vor, bis das ganze innere Stroma gespannt und stark injiziert ist. — 
Die Menstruation der Frau ist in allen wesentlichen Punkten mit der des Affen 
identisch. 

W. Heape: The Sexual Season of Mammals, wie zitiert von H. Ellis, op. cit. III, 
S. 26. Ellis sagt: „Diese Beschreibung zeigt ganz klar den fundamentalen vaskulären 
Charakter des Prozesses, den ich Tumeszenz genannt habe. Es muß jedoch hinzu- 
gefügt werden, daß die nervösen Elemente im Menschen in diesem Prozeß 
mehr in Erscheinung treten und diese primitiven Äußerungen mehr oder weniger 
verwischen. (Von mir gesperrt, da die Bemerkung für die hier vorgetragenen Theorien 
von Bedeutung ist.) Ellis bezieht sich noch auf Heapes Feststellung, daß bei den 
Tieren, die menstruiert sind, der Koitus immer nach der Menstruation statthat. 

1) Stanley Hall: „A Study of fears." American Journal of Psychology 1897. 



C. D. Daly 



und Angst erzeugt, als auch indem es selbst ein bequemes Ventil für die 
vasomotorische Erregung bildet. Wenn die Beziehungen der Beteiligten 
eine ungezwungene ist, wie zum Beispiel in der Ehe, dann findet sich das 
Erröten nicht so oft, noch ist es immer eine Folge von Angst (S. 74). 

Hingegen schreibt Ellis: „Die Bedeutung des Errötens und der da- 
hinter verborgenen Affektstörung als Zeichen der Schamhaftigkeit erweist 
sich an der Tatsache, daß es möglich ist, durch Beschwichtigung der Affekt- 
störung das Gefühl der Scham zu unterbinden. Mit anderen Worten, wir 
haben es hier mit einer Angst zu tun, und zwar in weitem Ausmaß mit 
Sexualangst, die verborgen bleiben möchte und die Aufmerksamkeit der 
anderen fürchtet. Diese Angst verschwindet natürlich, sogar wenn ihre 
augenscheinliche Ursache bestehen bleibt, sobald es offenbar wird, daß kein 
Grund für Angst vorhanden ist" (S. 75). 

In diesem Kapitel über das Erröten, in dem weder von Ellis noch 
von einem der zahlreichen zitierten Autoren der Menstruation 
Erwähnung getan worden ist, gelangen dennoch sowohl Ellis als auch 
manche der anderen Autoren zu Schlüssen, die den meinen weitgehend 
entsprechen. Ich halte das für eine bedeutsame Tatsache und meine, 'daß 
die Autoren zu ganz korrekten Schlußfolgerungen gelangen, solange es sich 
nicht um die Menstruation handelt, bei der das Tabu, das auf der ganzen 
Menschheit ruht, auch die Verfasser hemmt, so daß sie, wenn im unter- 
suchten Material eine Verbindung mit der Menstruation auftaucht, oftmals 
der Wahrheit völlig blind gegenüberstehen. 

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Menstruationskomplex an 
der Wurzel von Zwang und Zweifel liegt, die in der menschlichen Natur 
und in pathologischen Formen in der Zwangsneurose ganz alltäglich sind. 
Oft habe ich bemerkt, daß viele Menschen, wenn man mit ihnen auf Dinge 
zu sprechen kommt, die die Menstruation betreffen, Zwang und Zweifel 
produzieren, und dies kann nirgends besser beobachtet werden als bei den 
persönlichen Hemmungen des Autors jenes unschätzbaren Sammelwerkes, dem 
ich das Material für die vorliegende Arbeit verdanke. Der Verfasser wendet 
sich, wenn er sich den zentralen Faktoren genähert hat, immer wieder von 
ihnen ab und leugnet ihre primäre Bedeutung. Wie nahe kommt er z. B. im 
Folgenden der korrekten Lösung: „Ein anderer Faktor der Sittsamkeit, der 
im primitiven Seelenleben zu hoher Entwicklung gelangt, ist das rituelle 
Element, vor allem die Vorstellung von der zeremoniellen Unreinheit, die 
der Furcht vor den übernatürlichen Einflüssen entspricht, die, wie man 
annimmt, von den sexuellen Organen und Funktionen ausgehen. In ge- 



Der Aienstruationskomplex 63 



wissem Grade mag es auf die Elemente, die hier schon erwähnt wurden, 
zurückzuführen sein." (S. 54.) Und weiter: „Durch diese geheimnisvolle 
Furcht wurden Verstöße gegen das Ritual notwendig; ohgleich sie ernsterer 
Natur sind als Verstöße gegen sexuelle Zurückhaltung oder gegen die Furcht, 
Widerwillen zu erregen, so verdichten sich doch alle diese Elemente, ver- 
stärken einander und sind nur schwer auseinanderzuhalten." 

Die Verfolgung der Frau durch den Mann 

Jetzt ist es vielleicht möglich, ein wenig besser zu verstehen, warum 
der Mann die Frau verfolgt. Der Mann fürchtete seine primitiven Impulse 
der Frau gegenüber; er errichtete Tabus, um sich vor ihnen zu schützen, 
er mußte sich gerade während der Menstruationsperioden das sexuelle 
Objekt vorenthalten. Auf dem Wege über das Inzesttabu entstand 
die wahre Brüderschaft der Männer; das Menstruationstabu ist 
eine der Ursachen jener Gegensätzlichkeit der Geschlechter, 
die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Darin sehen wir 
die Richtigkeit von Freuds Vermutung, daß die Gesellschaft auf homo- 
sexuellen Bindungen basiert sei, während die Heterosexualität ursprünglich 
auf eine Desintegration der Gesellschaft hinzielt. 

Wir hoffen, nunmehr die Behauptung gerechtfertigt zu haben, daß der 
primitive Menstruationskomplex eine reiche Quelle der Ambivalenz des 
Mannes darstellt. 

Jedoch kann der intensive Haß, der gelegentlich gegen die Frauen an 
den Tag tritt, auf diesem Wege nicht ganz erklärt werden. Ich muß auf 
verschiedene, noch unerwähnte Gedankengänge zu sprechen kommen, die 
meine Theorien angehen. Ich muß mir dabei immer wieder die Frage vor- 
legen, ob ein erörterter Faktor für sich allein ausreichend sei, 
um die Intensität der Reaktion zu erklären. Ist er es, dann ist in 
ihm die Hauptursache gefunden; ist er es nicht, so muß man tiefer suchen. 
Im Falle des Hasses gegen die Frauen sind die ausschlaggebenden Faktoren 
nicht schwer zu finden. Der Ermordung des Urvaters folgte ohne Zweifel 
eine lange Periode, in der ein heftiger Kampf der Männer um den Besitz 
der Frauen tobte. So war zwar ihrer Aggressivität ein Ventil dauernd ge- 
öffnet, aber das Leben wurde unerträglich. So wurde das Gesetz „Du 
sollst nicht töten" begründet, mit dem gleichzeitig auch das Inzesttabu 
entstand, das ohne jenes nicht denkbar wäre. So konnten sich die Haß- 
tendenzen des Mannes am bisherigen Objekt nicht mehr befriedigen. „Eva" 



64 C. D. Daly 

war der unschuldige Anlaß gewesen, und schließlich wandte sich der Haß 
gegen sie. Wir dürfen annehmen, daß die Hemmung der aggressiven Im- 
pulse von einem Anwachsen der Sexualtriebe begleitet wurde, die aber 
wiederum durch das Inzesttabu, später durch den daraus entstehenden Men- 
struationskomplex gehemmt wurden. Wir können eine Bestätigung dafür 
darin finden, daß die Verfolgung für gewöhnlich unter mehrminder ähn- 
lichen Umständen stattfindet, so wie etwa während des verschärften Zölibats 
im Dienste des religiösen Idealismus, während der auf einen Krieg folgenden 
Friedenszeiten, während der Vorherrschaft des Feindes in einem eroberten 
Lande, dessen religiöse Vorstellungen von den landesüblichen abweichen. 
Anderseits zeigt die ganze Geschichte der Zivilisation, daß das Sexual- 
verlangen, das nicht mehr auf Brunstperioden beschränkt ist, stetig wächst 
und daß die Notwendigkeit, es zu stillen, unter den Zivilisierten viel größer zu 
sein scheint als unter den Primitiven. Hier machen sich ökonomische 
Faktoren geltend. Die intensiven Energien, die ursprünglich nur während 
der Zeit der Brunstperioden frei wurden, äußern sich nun unausgesetzt 
während des ganzen Lebens. Die Liebe verlangt fortgesetzt ihren Tribut: 
Lust, eine periodische Explosion, gefolgt von Perioden der Inaktivifät. 
Hinter allem Tabu liegen Versuchung, Feindseligkeit und Todeswunsch gegen 
die geliebte Person verborgen. 

In Zeiten religiöser Zölibate ist an Frauen oft schreiendstes Unrecht 
verübt worden, z. B. bei den Hexen Verfolgungen in Europa. Hierin spiegelt 
sich die Rückkehr des Verdrängten weit stärker als in allen anderen Bei- 
spielen für meine Theorie. Keiner war bei der Verfolgung der Frau als 
der Quelle allen Übels gewalttätiger als die Priester, ob heidnisch oder 
christlich. Wieviel unschuldiges Leben hat im sechzehnten und siebzehnten 
Jahrhundert die Kirche vernichtet! Sie lehrte, daß Barmherzigkeit einer 
Hexe gegenüber eine Beleidigung des Allmächtigen sei. 1 „Kirchliche Tribu- 
nale verdammten Tausende zum Tode und zahllose Bischöfe wandten ihren 
ganzen Einfluß auf, um die Zahl der Opfer noch zu vergrößern. Wenn 
ein Volk von einer Art Massenneurose befallen ist, wie es die europäischen 
Völker zur Zeit der Hexenverfolgungen waren, dann finden wir oft, daß 
es vor einer vorgestellten äußeren Gefahr zittert, die der Projektion jener 
inneren Gefahr entspricht, die auf das Opfer verschoben worden ist, an 
dem nun die grausamen Impulse befriedigt werden, deren Psychogenese 
mit dem Menstruationskomplex in ganz enger Verbindung steht. 

1) Lecky: The Rise and Influence of Rationalism in Enrope. Magic and Witch- 
craft. S. 6/7. 



JJer Alenstruationakomplex 



65 



Auf diese Weise ist der Einfluß des Heidentums auf die christlichen 
Taten im Römischen Reich mit Leichtigkeit erkennbar. Damals herrschte 
die schreckliche Vorstellung von einer ewigen Strafe in ihrer materia- 
listischsten Form. Sie ist das natürliche Resultat der Rückkehr des Ver- 
drängten, wenn man annimmt, daß eine der primitivsten Quellen der 
Grausamkeit im Menstruations- und Inzestkomplex zu suchen ist, durch 
den das frühere Paradies des Menschen zu seiner Hölle und die größte 
Anziehungskraft der Frau zu ihrer größten Scham und Erniedrigung ge- 
worden ist. Die Christen glauben, daß aller derer, die ihrer Kirche an- 
gehören, ewiger Friede wartet, und daß alle Außenstehenden zu ewigen 
Qualen verurteilt seien. Eine interessante Rückkehr des Verdrängten sehen 
wir in der Prophezeiung des Enoch. Man nahm damals an, daß die Welt 
voll von Geistern sei; einige Engel, die sich vor der Sintflut mit den 
Töchtern der Menschen verbunden und sie gelehrt hatten, Wolle zu 
färben, und — eine noch größere Schandtat — sich die Ge- 
sichter zu bemalen (worin wir eine Verschiebung von unten nach oben 
erblicken), waren zu ewigem Leiden verurteilt worden. Alle bösen Geister 
„versuchen nun, auf jede Weise die Pläne des Allmächtigen zu durch- 
kreuzen, und ihre besondere Freude ist es, die Verehrung, die allein 
ihm gebührt, auf sich abzulenken". 1 

Alle, sogar die alleredelsten heidnischen Gottheiten, wurden von den 
Christen als unzweifelhaft „teuflisch" angesehen. Die Verlegung der eigenen 
libidinösen Regungen des Mannes in die Frau zeigt sich auch deutlich in 
dem Glauben, daß die Hexen Teufel geheiratet hätten, was übrigens eine 
der gewöhnlichsten Anklagen auf den Hexen tribunalen war; sogar noch in 
späteren Tagen sagte man, daß sie fleischlichen Verkehr mit dem Teufel 
hätten. 2 Das Phänomen des Nachtmahr (Alpdrücken) war, wie schon der 
Name sagt, mit diesem Glauben verknüpft. Frauen, die ein eingeschränktes 
Geschlechtsleben führten, glaubten, daß sie, wenn sie vom Alpdrücken 
heimgesucht worden waren, den Besuch des Teufels empfangen hätten. 
Die Griechen schrieben den Alpdruck einem Dämon namens Ephialtes zu. 

Die mittelalterlichen Christen glaubten sich von allen Arten von bösen 
Geistern verfolgt. Diese waren aber nicht so schrecklich, wie wir vielleicht 
heute glauben könnten; konnten sie doch durch das Zeichen des Kreuzes, 
durch einige Tropfen Weihwasser oder durch den Namen der Maria aus- 



1) Von mir gesperrt. 

2) H. Ellis, op. cit. Bd. I, S. 87. 

Imago XIV 



66 



C. D. Daly 



getrieben werden. Man sieht, -wie die Regression der Massenneurose die 
Menschen ihren primitiven Vorfahren wieder angenähert hat. 1 In ganz 
Europa und Amerika wurden die Hexen Verfolgungen 2 bis in das achtzehnte 
Jahrhundert mit größtem Eifer und mit unbegreiflicher Grausamkeit durch- 
geführt. 3 

Das angebliche Verbrechen der Hexen, nämlich fleischlicher Verkehr mit 
dem Teufel, und seine Bestrafung unter der Begründung, daß es eine 
Beleidigung des Allmächtigen sei, stellt einen seelischen Inhalt dar, 
der in der ganzen Menschheitsgeschichte seine Rolle spielt und bei den 
Neurotikern in überspitzter Form auftritt. Es handelt sich um den Wunsch 
des Mannes, der im Ödipusmythos dargestellt ist, den Vater zu töten und 
geschlechtliche Beziehungen zur Mutter zu haben, um die archaischeste 
Sünde, die später unter dem Einfluß der Religion als gegen Gott, gegen 
das projizierte Vaterideal, gerichtet empfunden wurde. Der Einfluß des 
religiösen Idealismus übertönte alle alten verdrängten Feindschaftsgefühle 
gegen den nunmehr bewußt idealisierten Vater, so daß diese nur in einer 
Hinwendung auf die Frau Befriedigung finden konnten. 

Der J. eujel 

Der Teufel ist eine verdichtete Figur und stellt sowohl den gehaßten 
Vater als auch den Sohn dar. Der Sohn schiebt in seiner Phantasie seine 
schuldhaften Begierden den (im Unbewußten) gehaßten Eltern, besonders 
aber der Mutter zu. Wenn er glauben kann, daß sie gegen den Allmäch- 
tigen gesündigt habe, so wird er selbst von seiner Inzestschuld befreit, 
indem er sie auf die unschuldige Mutter verschiebt. Das wird dadurch 
erleichtert, daß die Mutter, die dem Vater erlaubte, sich ihr zu nähern, 



i) Sigm. Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X.) 

2) Lecky hat Statistiken darüber mit der größten Einsicht zusammengestellt und 
kommentiert. Er hat einen so überwältigenden Beweis erbracht, der die psychoanaly- 
tischen Gesichtspunkte in einer Weise stützt, daß sie keiner weiteren Erläuterung 
mehr bedürfen. 

3) Jede christliche Glaubensgemeinschaft hat irgendwann eine andere verfolgt. 
So verfolgte die englische Regierung beispielsweise auf Anstiftung der schottischen 
Bischöfe und unter Zustimmung der Englischen Kirche die Presbyterianer in Schott- 
land. Man riß ihnen die Ohren ab, verbrannte sie mit heißen Eisen, zerquetschte 
ihnen die Finger in Daumenschrauben, man zerbrach ihnen die Knochen, Frauen 
wurden öffentlich durch die Straßen gegeißelt usw. Ähnliche Barbareien können 
anderen Regierungen nachgewiesen werden, und unaufhörlich verfolgten die christ- 
lichen Sekten einander. 



Der Menstruationskomplex 



67 



dem Sohne aber nicht, in dessen Unbewußtem schon deswegen keineswegs 
5 wirklich unschuldig galt. Der Teufel, der mit der Mutter Sexualverkehr 
hat. ist auch ein verdrängtes Vaterideal und hilft vieles im Verhalten des 
Sohnes als Rückkehr des Verdrängten verständlich zu machen. In der 
Phantasie ahmt er die sexuelle Aggression seines früheren Vaterideals nach, 
in der Realität handelt er grausam nach außen hin. Wie ist das zu er- 
klären? Seine homosexuellen Tendenzen gestatten ihm nicht, seine Aggres- 
sivität gegen den Vater zu wenden, und zwar aus zwei Gründen: Erstens 
der verschobenen Liebe zu seiner Mutter wegen, denn er würde damit 
sein primäres Mutterideal töten, und zweitens der Furcht vor der Gesell- 
schaft wegen, die ursprünglich aus dem Gesetz: „Du sollst keinen Mann 
töten" entstand. In der Verfolgung der Frau aber finden seine grausamen 
Impulse, die teilweise durch die Erinnerung an den Menstruationskomplex 
verstärkt sind, dessen Inhalt zwar verdrängt wurde, dessen Wirkung aber 
fortbesteht, offenen Ausdruck. 

Daß der Mann als Resultat einer Gefühlshemmung der Frau gegenüber 
homosexuelle Tendenzen entwickelte, muß doch in großem Ausmaß dem 
Menstruationskomplex zuzuschreiben sein. 

Auch der Primitive sieht die Frau als mächtige Hexe an und glaubt, 
daß sie zur Zeit der Menstruation Beziehungen zur Geisterwelt unterhält. 
Die frühere unbewußte Quelle dafür mag der Periode der Urhorde an- 
gehören. 

Das (Jpjer 

Hiebei ist noch ein anderer Faktor zu beachten. Mit diesem seelischen 
Mechanismus vermied der Mann Konflikte mit dem Vater; überdies be- 
sänftigte er ihn durch Opfer. Die spanische Inquisition und die Hexen- 
v-rfolgungen haben durchaus die Natur eines Opfers gehabt. Ich möchte 
das an Hand eines Traumes eines Mannes erläutern: „Der Vater (der 
schon tot ist) kommt, seinen Sohn zu besuchen; er bringt ihm als Geschenk 
zu ei gebratene Seelen mit. Er gibt sie dem Sohn jedoch nicht, sondern 
setzt sich nieder und ißt sie mit ihm auf." Hier findet sich in einem 
Traume eine Art Kommunion, in der Vater und Sohn sich in die In- 
korporation des mütterlichen Leibes teilen. Die beiden gebackenen Seelen 
stellen die Mutter und die Schwester des Träumenden dar. (Die Mutter 
war schon tot, und der Träumende wünscht unbewußt, daß seine Schwester 
es auch sei.) So kehrt der gefürchtete und abgeschiedene Vater mit den 
Seelen der abgeschiedenen Mutter (und Schwester) zurück, nachdem er 



68 



C. D. Daly 



sie getötet und gebacken hat. Dies zeigt, wie der Sohn seine auf die 
Mutter gerichtete sadistisch gefärbte, unbewußte Aggressivität dem gehaßten 
Vater zuschiebt und sich so von der Last seines Schuldgefühls befreit. Die 
sadistische Sexualauffassung stammte aus einer frühen Urszene und hatte 
sich anläßlich des Anblicks einer Vagina reaktiviert; seine natürliche Ag- 
gressivität war in Grausamkeit gewandelt (Regression auf die sadistische 
Stufe), während die Liebe zur Mutter auf den vormals gehaßten Vater 
übertragen wurde. 

Was für Konsequenzen hätte eine solche Entwicklung in einem überaus 
religiösen Zeitalter gehabt, wenn eine solche Persönlichkeit in einem Hang 
zum Idealismus sich dem Leben im Zölibat hingegeben hätte? Die Antwort 
darauf vermittelt eine genaue Lektüre des ersten Kapitels von Leckys „The 
History of the Rise and Influence of the Spirit of Rationalism in Europe", 

Wenn ein Mann unserer Tage in die entsprechende seelische Situation 
gelangt, dann ist, wie wir wissen, eine ernste Neurose die nahezu unver- 
meidliche Folge. 

Lieben und Tod 

Ich möchte nunmehr einen Traum in drei Fragmenten hier wieder- 
geben, der ein verdrängtes Kindheitstrauma klar durchschauen läßt, indem 
der Träumer einen Teil seiner längst für begraben gehaltenen Vergangen- 
heit wieder belebt. 

Erstes Fragment. „Der Träumende ging, um eine bekannte alte Pro- 
stituierte aufzusuchen, mit der Absicht, mit ihr zu verkehren. Er wußte, 
daß sie hübsch und sauber war, obgleich ihre Vagina trocken und sie selbst 
nicht sehr anziehend war. Als sie sich jedoch ihm hingab, war ihm der An- 
blick ihrer Genitalien ekelerregend und widerwärtig und dabei unbegreif- 
lich aufregend." 

Zweites Fragment. „Der Träumer traf einen Mann mit einem roten 
Hut, der eine Frau für ihn finden sollte, und er führte ihn mit sich 
an einen Ort, wo eine Anzahl junger, sauberer und anziehender Mädchen 
sich unter Aufsicht einer alten Frau befand. Er wollte ihre Klitoris küssen, 
hatte aber Angst vor Ansteckung. Er wählte eine, die auf einer Felsenplatte 
stand. Er legte seine Hand zwischen ihre Beine und war erfreut, zu finden, 
daß sie regelmäßig gebildet und erregt war. Das war für ihn ein Zeichen 
der Liebe und beruhigte seine Angst. Da merkte er aber, daß sie leicht 
blutete, weil sie gerade ihre Periode hatte." Hier brach die Erinnerung des 
Traumes unmittelbar ab. 



Der Menstruationskomplex 



Drittes Fragment. „Der Träumer ging mit einer anziehenden Frau in 
Schwarz spazieren. Sie sagte, die Landschaft (man war mitten in den Bergen) 
sei sehr schön. Er fand das nicht, denn er hatte die Gegend schon einmal 

tehen und sie gefiel ihm ganz und gar nicht. Die auffallend großen, 
länglichen, roten Lehmflecken fand er sehr häßlich. Sie aber lenkte seine 
Aufmerksamkeit auf eine schöne Stelle mit bunten Blumen in der Mitte eines 
Tales. Er blickte auf sie und wurde alsbald bewußtlos. Als er wieder 
zu sich kam, fand er, daß er mit einem Arm an der Spitze einer Klippe 
hing, die Frau lag auf dem Weg über ihm. Er bat sie, sich nicht zu be- 
wegen, denn sie würde, wenn sie es täte, unweigerlich herabfallen und tot 
sein. Wenn er sich aber nur von der Klippe erheben könnte, dann würde 
alles gut sein und er zu ihr Beziehungen unterhalten können. 

Es ist hier nicht möglich, eine vollständige Analyse dieses Traumes zu 
geben. Der Patient hat in seiner Kindheit unter Ohnmachtsanfällen ge- 
litten. Dieser Traum stellt nun die ausschlaggebenden Erlebnisse seiner 
Kindheit dar. Das erste Fragment bezieht sich auf seine Mutter und auf 
seine Großmutter, zu denen er verdrängte Inzestneigungen hatte, und 
der zufällige Anblick der Vagina der einen von beiden hatte den ersten Ohn- 
machtsanfall ausgelöst. Er versichert wiederholt, was für ein abstoßender 
Anblick es gewesen sei und was für ein stechender Geruch davon aus- 
gegangen sei. 

Das zweite Fragment betrifft seine um vier Jahre ältere Schwester. Als 
er vier Jahre alt war und ein kleiner Bruder geboren wurde, war die 
Schwester beim Anblick einer Schüssel mit Blut, die aus dem Schlafzimmer 
der Mutter getragen wurde, ohnmächtig geworden. Diesen Vorfall ahmte 
der jüngere Bruder in seinen Anfällen nach; bald danach versuchte die 
Schwester, mit ihm Vater und Mutter zu spielen; dabei verletzte er sich 
am Penis; überdies erschreckte ihn der Anblick ihrer Vagina um so mehr, 
als ihm die Schwester auch drohte, sie werde ihm den Penis abschneiden, 
wenn er nicht täte, was sie verlangte. An diesem Traumteil ist be- 
merkenswert, daß alle Erinnerung mit dem Anblick der blutenden Vagina 
aufhört. 

Das dritte Fragment reproduziert eine wirklich durchgemachte Ohnmacht. 
Mutter und Schwester sind in dem Traum enthalten. Die Schwester hatte 
ihm ihre Vagina gezeigt und ihm gesagt, sie sei viel schöner als sein Penis. 
Auf Grund dieser Erfahrungen an der Schwester hat er sich dann Vorstel- 
lungen über die Genitalien der Mutter gemacht. Der Ort mitten in den 
iergen ist die Vagina, die er für häßlich und sie für schön hielt. Die 



7 o C. D. Daly 

Berge sind auch die Brüste der Mutter. Die Stelle mit den Blumen 'in der 
Mitte des Tales bedeutet die Ideal -Vagina, während die großen roten Flecken 
die geöffneten weiblichen Genitalien darstellen, wie er sie in Wirklichkeit 
gesehen hatte; er hatte sie damals als unangenehm empfunden und wollte 
diesen Anblick nicht wieder haben. Beim realen Anblick der Vagina hatte 
er ja die Handlungsweise seiner Schwester bei der Geburt des Brüderchens 
nachgeahmt und zum erstenmal das Bewußtsein verloren. In allen drei 
Fragmenten finden wir die gegensätzlichen Vorstellungen von Sauberkeit 
und Schmutz, von Anziehung und Abstoßung. Im zweiten Fragment erscheint 
der Mann mit dem roten Hut = der Vater, sowie die alte Frau = die Groß- 
mutter oder Mutter, die seine Begierde erregt und dadurch hemmende Kräfte 
geschwächt hatten. Sie konnten jedoch nicht völlig beseitigt werden, weil 
das Tabu doch zu stark war. Daß die Frau im Traum sich auf einer 
höher gelegenen Felsplatte befindet, bedeutet, daß sie auf Grund des Inzest- 
tabus für ihn unerreichbar ist. Als der Träumende dennoch versucht, das 
Tabu zu überwinden, sieht er sich dem Schrecken der Menstruation gegen- 
über. 

Im dritten Fragment ist die Frau schwarz gekleidet und anziehend und 
verbindet so Vorstellung des Todes mit der sexuellen Anziehung. Das be- 
deutet dasselbe wie der Gegensatz des schönen und des häßlichen Ortes, 
nämlich die Verlegung des Begriffes des „Schönen" von den Genitalien zur 
Brust und zum Antlitz. Die Berge stellen die Brüste dar, während die 
schönen Seen, die dort waren, die Augen symbolisieren. Die Blumen stehen 
symbolisch für die Vagina und sind ein sehr volkstümliches Bild für die 
Menstruation. 

Die Vagina übt auf den Träumenden eine verhängnisvolle Anziehungs- 
kraft aus: Er blickt nach ihr und verliert das Bewußtsein. Dann sieht er 
sich dem Tod gegenüber, indem er mit einer Hand an der Spitze einer 
Klippe hängt, während seine Mutter in Schwarz, die auch den Tod dar- 
stellt, auf einem nahen, sicheren Weg liegt. Er bittet sie, sich nicht zu 
rühren, sonst würde sie herabfallen. Hier sehen wir den Kampf mit der 
Begierde und deren Verschiebung auf die Mutter. Eigentlich ist gemeint: 
Beweg dich nicht "oder ich werde getötet! Und dann ist da noch jene 
Bemerkung, daß er, wenn er sich zur Klippe erheben, also das Inzesttabu 
überwinden kann, mit ihr Beziehungen haben wird. Aber auch sie ist auf 
der Klippe über ihm unerreichbar, und er hat nicht die Kraft, sich zu 
ihr hinaufzuziehen. 



Der Atenstruationakomplex 



7 1 



Haß und Zwangsneurose 

Ich komme nunmehr zu der Vermutung, daß viele der Erscheinungen, 
j. ^ er Analerotik zugerechnet werden, einer regressiven Verschiebung der 
genitalen Erotik entsprechen ; der Umstand, daß wir nichts vom Menstruations- 
komplex wußten, hat zur Folge gehabt, daß wir viele Erscheinungen als 
primär anal aufgefaßt haben, die in Wirklichkeit durch eine Regression 
von der schon erreichten genitalen Stufe auf die anale zustande gekommen 
sind. Es scheint mir z. B., daß wir in der Frage der Psychogenese des 
Hasses manches werden neu sehen lernen müssen, ebenso in der des Sadis- 
mus und in noch manchen anderen bedeutungsvollen Fragen. 

Sicher liegt eine der bedeutungsvollsten Quellen von Zwang und Zweifel 
in diesem Konflikt zwischen sexueller Begierde und hindernder Todesfurcht, 
entsprechend der psychischen Situation des Sohnes der Urhorde vor dem 
Vatermord, die seit dem Erscheinen von Freuds „Totem und Tabu 
klassisch geworden ist. Jones meint, daß irgendein ererbter Zusammen- 
hang bestehen müsse zwischen dem Haß und der Analerotik, der in der 
Zwangsneurose besonders deutlich werde. 1 Wir hoffen, daß unsere Über- 
legungen auch die Existenz dieses ererbten Zusammenhanges deutlich 
machen kann. 

Jones macht die interessante Beobachtung, daß wir „niemals eine 
Person hassen, die nicht in irgendeiner Weise, oft ganz unauffällig, stärker 
ist als wir oder uns doch in irgendeiner Hinsicht in ihrer Macht 
hat". 2 

Es scheint, als habe sich der Haß in erster Linie gegen den Urvater 
entwickelt, der den Sohn von der Mutter und den anderen Frauen der 
Horde trennte. Aber die Mutter war auch für den Sohn die große Ver- 
sucherin, die in ihm den Wunsch hochkommen ließ, den Vater zu er- 
morden, damit er seine Inzestneigungen befriedigen könne. Später jedoch 
wandelten die abschreckenden und an das Tabu gemahnenden Menstruationen 
die Einstellung zur Mutter in einen intensiven Haß, während der Sohn 
unter einem unbewußten Schuldgefühl leidet und sich vielleicht nach seiner 
alten Sicherheit zurücksehnt. 

Die erste Beziehung! zum Vater war die der Rivalität, aber die Angst 
vor dem als Strafe drohenden, nahezu gewissen Tode, war vermutlich noch 

1) Jones: Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, I, 1913, S. 427. 

2) Von mir gesperrt. 



7-a 



C. D. Daly 



nicht vorhanden. Sie entstand erst mit der Einrichtung des Inzestgesetzes. 
Mit ihr treten andere Faktoren, hauptsächlich Furcht und Schuld, ins Spiel, 
und wandeln den Haß aus der ursprünglichen Äußerung der sexuellen 
Rivalität zu einem hochentwickelten Gebilde mit komplizierter Psycho- 
genese. 

Jones 1 meint, daß der Haß sich zuerst gegen die Imago der späteren 
Liebesobjekte entwickelt, so daß die Liebesfähigkeit schon bei ihrem Ur- 
sprung „gehemmt oder vernichtet wird". Wenn das richtig ist, dann werden 
meines Erachtens die Probleme immer schwieriger. Aber wir wollen unsere 
Hypothese weiter verfolgen, ohne uns unbedingt auf sie in allen Details 
festzulegen. Wenn also diese Feststellung richtig ist, dann glaube ich, werden 
wir annehmen müssen, daß der Haß gegen die Mutter sich als Resultat 
des Inzestverlangens des Sohnes entwickelte, und zwar vor dem Tode des Ur- 
vaters, wenn die Mutter möglicherweise den Sohn, bei Eintritt einer späteren 
Schwangerschaft, vernachlässigte und verachtete, so daß dieser seine früheren 
Leidenschaften zum Teil aufgeben und die nötige Energie entwickeln mußte, 
um selbst in kurzer Zeit Vater einer Horde zu werden. (Dies ist kaum mehr 
als Hypothese, aber das Studium der Verhaltungsweise der weiblichen Tiere 
ihren Jungen gegenüber stützt sie einigermaßen.) 

Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, daß noch ursprünglicher der 
Haß sich gegen den Urvater richtete, der versagend zwischen den Mann 
und seine Begierden trat. Wir dürfen nicht übersehen, daß der Sohn sich 
gegen den Vater mit Erfolg auflehnt, während beide gegen die Tabus der 
frühen Gesellschaftsordnung verstoßen. 

Die Intensität dieses Hasses ist von sehr großer Bedeutung und für die 
Schwere des späteren Kastrationskomplexes ausschlaggebend. Jones meint, 
daß der Zusammenhang mit der Analerotik zu erklären vermag, warum 
die Zwangsneurose bei Männern viel häufiger auftritt als bei Frauen. Ich 
kann ihm hierin nicht mehr beistimmen, weil ich finde, daß der genitale 
Kastrations- und Menstruationskomplex von weit größerer Bedeutsamkeit ist 
als die Analerotik, und daß diese Komplexe erst die Regression auf die 
anale Stufe hervorriefen. Mit der Annahme, daß der Haß primär in Ver- 
bindung mit der Analerotik entstand, gingen wir wohl fehl. Diese Annahme 
hätte nicht mehr Recht, als daß die Vagina ekelerregend sei, weil sie dem 
Anus benachbart ist, während meiner Ansicht nach, gerade das Umgekehrte 
richtig ist. Es fehlt jeder Beweis dafür, daß der Haß zuerst in Verbindung 



1) Jones, op. cit. S. 428. 



Der M^nstmationskomplex 



73 



mit der Analerotik entstand, aber ich glaube, daß das Menstrualtabu 
uns Beweis genug dafür ist, daß der Anblick der menstruierenden Frau den 
Mann mit Angst, mit Schrecken und Ekel erfüllte. An dieser Theorie 
dürfen wir so lange festhalten, bis sie jemand widerlegt. 

Der Verfasser will in keiner Weise die Analerotik etwa als irrelevant 
hinstellen, besonders von ihrer Bedeutung, für die Erziehung und die Charakter- 
bildung ist er überzeugt. Wir wollen nur unsere Werteinschätzung der 
Analerotik um ein weniges korrigieren. Sie wird erst nach einer Begression 
von der bereits erreichten genitalen Stufe bedeutungsvoll. Es ist offensichtlich, 
daß Erlebnisse während der analen Phase in der Kindheit eine Fixierung 
setzen und so eine nachmalige Begression aus Kastrationsangst erleichtern 
können. 

-C-m Hoffnungsstrahl 

Ferenczi 1 sagt: „Es ist in der Tat erstaunlich, wie sehr den heutigen 
Männern die Neigung und die Fähigkeit zur gegenseitigen Zärtlichkeit und 
Liebenswürdigkeit abhanden gekommen ist. Statt dessen herrscht unter 
Männern ausgesprochene Schroffheit, Widerstand und Streitsucht." Er faßt 
diese Symptome als Zeichen der allgemeinen Verdrängungsneigung gegen- 
über homosexuellen Begungen auf. Wollen wir solche Tatbestände verstehen, 
so müssen wir, obgleich das Kind in seiner Entwicklung auch die psychi- 
sche Phylogenie der Menschheit wiederholt, uns von dem Bilde des 
einzelnen heutigen Neurotikers losmachen und zu unserem Studium der 
Massenneurose eines ganzen Volkes zurückkehren, denn das Individuum 
gibt mit allen seinen Begressionen kein vollständiges Bild der phylogeneti- 
schen Vergangenheit. Zahlreiche, für die Phylogenie belangreiche Sym- 
ptome mit rezessivem Charakter, wie eben der Menstruationskomplex, 
können als offenkundige aktive Faktoren in Individualneurosen bereits 
verschwunden sein und nur außergewöhnlich als sehr starke konflikt- 
lose Tendenzen zurückbleiben. Ich möchte daher annehmen, daß die von 
Ferenczi hervorgehobene Kulturerscheinung auch teilweise der Abnahme 
der Furcht des Mannes vor der Frau zuzuschreiben ist, die mit einer 
allmählichen Bückkehr seiner früheren Aggressivität zusammengeht. Sollte 
diese Annahme, so anfechtbar sie in mancher Hinsicht sein mag, richtig 
sein, dann dürfen wir eine Phase erwarten, in der die Zuneigung 



i) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. („Bausteine zur Psycho- 
analyse." Internationaler Psychoanalytischer Verlag-.) 



7< 



C. D. Daly 



zwischen den Männern in noch höherem Maße abnehmen und ihre Ver- 
haltungsweise beiden Geschlechtern gegenüber noch weniger ambivalent 
sein wird. Wir sollten dieses Stadium begrüßen, denn es bedeutet eine 
natürliche Remission einer auf der ganzen Welt verbreiteten Neurose der 
Menschheit (nämlich der Menstruationsangst), vielleicht den Anfang des 
größten Fortschritts, den die Menschheit jemals gemacht hat, die erste 
wahre Frucht der vereinigten Wirksamkeit der modernen Wissenschaften. 
Das wäre aufs innigste zu wünschen und die Tatsachen, die zu diesen An- 
schauungen führten, scheinen eine solche hoffnungsvolle Prognose zu ge- 
statten. Allerdings bin ich nicht optimistisch genug, um zu glauben, daß 
ein solcher Wechsel sich sehr schnell vollziehen wird. Es wird dem Mann 
nur nützen, wenn er ein wenig von seiner verdrängten Feindseligkeit 
vom weiblichen Geschlecht auf sein eigenes wird hinübergleiten können. 
Ich glaube nicht, daß wir dabei nachteilige Folgen zu befürchten hätten, 
da es sich ja nicht um eine Regression, sondern um die Lösung einer 
unserer schwersten Hemmungen handelte. Würde eine solche Verstärkung 
der Aggressivität mit einer Überwindung der so tief verwurzelten Furcht- 
und Haßgefühle, mit einer Herabminderung der Grausamkeit bei gleich- 
zeitig wachsender Unabhängigkeit einhergehen, dann können wir auf das 
Nahen einer wahren Freundschaft zwischen den Geschlechtern hoffen, 
die auf gegenseitigem Verständnis und nicht auf Furcht gegründet sein 
wird. 

Die Annahme einer möglichen Selbstheilung einer Neurose ist nicht 
unwahrscheinlich. Ebenso wie die Natur jeweils eine Immunität gegen 
Infektionskrankheiten herstellt, so wird sie in der Sphäre des Psychischen 
auch die Neurose allmählich überwinden, wenn diese ihren Zweck erfüllt 
hat; natürlich könnte auch der Zweck der Neurosen sein, den Menschen 
zu vernichten, um den Weg für eine höher entwickelte Art frei zu machen, 
aber ich bin nicht dieser pessimistischen Ansicht. Die psychoanalytische Auf- 
fassung der „Sublimierung" zeigt den Weg, auf dem eine Weiterentwick- 
lung möglich ist. So wichtig aber die Sublimierung auch sein mag, ebenso 
wichtig ist auch die Aufhebung jener Schranken, die uns die freie Ver- 
fügung über unsere Triebenergien und damit auch die Möglichkeit noch 
weitergehender Sublimierungen rauben. 

„Die Anerkennung der Umwelt, d. h. die Bejahung auch der Unlust, ist 
aber nur möglich, wenn vorerst die Abwehr der unlustbringenden Objekte 
und deren Verneinung aufgegeben wird und deren Reize ,dem Ich' ein- 
verleibt, zu inneren Antrieben umgewandelt werden. Die Macht, die diese 



Umwandlung verwirklicht, ist der bei der Triebentmischung freiwerdende 

Eros." 1 

Wer weiß, welche Möglichkeiten sich dem Menschengeschlecht eröffnen 

werden wenn es gelernt haben wird, inneres Leid zu ertragen, Illusionen 

beiseite zu tun und für die Wahrheit den Blick zu öffnen? 



i) Ferenczi: Das Problem der Unlustbejahung. („Bausteine zur Psychoanalyse" 
Bd. I, S. 99. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 



Über -Faszination 

Von 

Siegfried Bernfeld 



Berlin 



Der Begriff der Identifikation erweist sich der fortschreitenden psycho- 
analytischen Forschung als äußerst wichtig und fruchtbar, zugleich aber auch 
als reichlich ungeklärt. 1 Insbesondere die Anfänge der Identifikation sind 
noch nicht endgültig verstanden. Freud sieht in der Identifikation eine 
primitive Form der Objektbeziehung, eine Art Zwischenstadium zwischen 
primärem Narzißmus und eigentlicher Objektbesetzung. Andrerseits aber 
ist Identifikation eine Ichveränderung, und es ist fraglich, inwieweit jene 
frühe Säuglingszeit, der die ersten Objektbesetzungen angehören, ein Ich 
besitzt, von dessen Veränderung im eigentlichen Sinn des Wortes gesprochen 
werden kann. Dieser — gewiß nicht unlösbare — Widerspruch ist eines 
der Anzeichen dafür, daß die Bildung des Begriffs Identifikation noch nicht 
abgeschlossen ist. Im folgenden möchte ich versuchen, zur Klärung der 
Tatsache und des Begriffs Identifikation beizutragen, indem ich einigen 
wenig beachteten Verhaltungsweisen der frühesten Kindheit Aufmerksamkeit 
widme, die sich als verwandt mit den eindeutig als Identifikation bekannten 
Ichveränderungen erweisen. 

Der Mechanismus der Identifikation ist von Freud an Kinderspielen aus 
dem zweiten Lebensjahr geschildert worden. 2 unzweifelhaft ist dieser Vor- 



7ril ft « , v f S1 ° h bei Penichel = Die Identifizierung. Internationale 
Zeitschrift ^fur Psychoanalyse XII, 1926. Außerdem Müller-Braunschweig- Bei- 
trage zur Metapsychologie. Inaago XII, 1Q2 6; Schneider: Identifikation. Imago XII 
1926; Simmel: Doktorspiel. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XII, 1026- 
Sachs: Gemeinsame Tagträume. Imago -Bücher V, 1925. 
2) Jenseits des Lustprinzips. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



üter F 



er üaszmation 



77 



gang von entscheidender Bedeutung nicht allein für die Psychologie des 
Kinderspiels und jedes Spiels, sondern für das geistige Wachsen und Sichent- 
wickeln der kleinen, für das Lernen der größeren Kinder. Voraussetzung 
solcher Identifizierung ist: a) eine libidinöse Bindung an ein Objekt; b) der 
Verlust dieses Objektes; c) ein Ich, das bereit und fähig ist, eine Änderung im 
Sinne der Angleichung an das verlorene Objekt unter dem Druck der libidi- 
nösen Es- Anforderungen vorzunehmen. Alle drei Bedingungen treffen offenbar 
für das Kind im zweiten Lebensjahr zu. Frühere Identifikationen sind bisher 
nicht beschrieben worden; doch müssen wir wohl annehmen, daß sie vor- 
handen sind oder die Vorstadien aufdecken, aus denen die volle Identifikation 
erwächst. 

Die Identifikation ist vom Es aus gesehen : Folgsamkeit des Ich gegenüber 
dem Es; von den Objekten aus gesehen: Imitation; das Ich verändert sich, 
dem Es folgsam, indem es das Ebenbild des Objektes wird. Beachten wir 
zunächst die Beziehung zu den Objekten, und suchen wir die Fälle, in 
denen im Säuglingsalter Imitation zu finden ist, schalten wir dabei zunächst 
alle Erwägungen über psychische Struktur des Säuglings und über Imitations- 
absicht aus, so ergeben sich folgende drei Typen, von objektiv imitativen 
Handlungen. 

Fall (i) : Die Mutter lächelt — das Kind lächelt wieder. 

Fall (2): Die Mutter erzeugt etwa durch Klappern mit dem Eßbesteck 
ein Geräusch — das Kind ergreift gleichfalls einen Gegenstand und lärmt 
mit ihm. 

Diese beiden „Imitationen" sind gewiß nicht gleichartig. Ihr Besultat 
ist jedoch die Herstellung eines Ebenbildes. Im Falle (2) erzeugt das Kind 
den Lärm selbst und nochmals, den vor ihm die Mutter verursachte; im 
Fall (1) verändert es seine Mimik objektiv ebenbildlich. Gewiß ist der 
Fall (1) keine Nachahmung im üblichen Wortsinn; und auch Fall (2) muß 
nicht als „Nachahmung" aufgefaßt werden, sondern ist Wiederholung oder 
sogar nur aktive Fortsetzung der Hörlust. Aber die Relation zwischen Vorbild 
und Resultat der Handlung des Kindes ist objektiv die der Imitation, der 
ebenbildlichen Wiederholung. 

Dieser Tatbestand der objektiven Imitation trifft auch für den Fall ()) 
zu, obzwar ihm noch viel weniger als den beiden anderen irgendein kompli- 
ziertes Erleben entsprechen kann. 

Fall (3) : Die Kerzenflamme, vor den Augen des Kindes bewegt, veran- 
laßt ein Mitgehen von Augen und Kopf, die die Bewegungslinie des Objektes 
ebenbildlich wiederholen. 



yo Siegfried -Bernleid 



In diesen drei typischen Fällen liegt ein Verhalten vor, das, ihnen ge- 
meinsam, zu objektiver Imitation führt und sich darin von dem sonstigen 
Verhalten des Säuglings unterscheidet. Dessen vorherrschendes Verhalten zu 
Objekten ist bekanntlich nicht solche Imitation, sondern Begehren, das zu 
oraler Einverleibung führt oder doch diese intendiert. Jedes vom Kind 
gesehene Objekt wirkt als Störungsreiz, der aus der Welt geschafft wird, 
indem ihn das Kind oral beseitigt (S). % Dies ist die regelmäßige Tendenz 
aller optisch ausgelösten Handlungen. Es gibt hiervon bloß zwei Ausnahmen : 
a) die drei Fälle imitativen Verhaltens; b) bei einigen Objekten tritt Angst* 
Abwehr, Flucht ein. Die optische Wahrnehmung vermittelt Signale für 
Zuwendungs- = Bemächtigungshandlungen oder für Abwehr- = Fluchthand- 
lungen. Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres, oder auch erst später, sehen 
wir optisch ausgelöste Handlungen, die weder der oralen Bemächtigung, noch 
der Abwehr dienen, sondern die zur Kategorie der Zärtlichkeitshandlungen 
oder zu den eigentlichen Nachahmungen gehören; schließlich jene mannig- 
faltigen Tätigkeiten, die man Spiele nennt. Hingegen reichen jene drei 
Imitationsfälle bis an die Anfänge des Seelenlebens zurück; (ß) bis in die 
ersten Tage, (i) und (2) in die ersten Lebenswochen. 

Die Zärtlichkeitshandlungen lassen sich als modifizierte Bemächtigungs- 
handlungen erweisen (S); die Spiele dienen der Lust-, Triebökonomie, in 
ihnen ist die Identifikation bereits entscheidend wirksam. Die eigentlichen 
Nachahmungen dürften mit Identifikation nur nebenbei oder indirekt ver- 
knüpft sein. So wenn das Kind Kleider putzen, Stuben fegen u. dgl. „nach- 
ahmt" ; wenn es das Spielzeug des Anderen haben will, wenn es Schaffner 
spielt oder „Briefe schreibt". 2 

Die Analyse solcher Vorgänge zeigt, daß sie kaum durch eine Identi- 
fikation konstituiert sind, sondern Lusthandlungen darstellen. Alle eigent- 
lichen Nachahmungen sind Handlungen, die dem Motiv „Ich auch" und 
„Noch" entspringen.3 Womit die Sonderstellung der drei Imitationsfälle deut- 
lich genug herausgearbeitet sein mag, um ihnen Beachtung zu erzwingen. 

Was können wir zu ihrem Verständnis beitragen? Der Fall (}) tritt 
offenbar ein, wenn das Kind zu einer Bemächtigung noch nicht fähig ist. 
Statt der noch nicht möglichen oralen Bemächtigung sehen wir eine, sozu- 



1) Mit (S) verweise ich auf meine: Psychologie des Säuglings. Springer, Wien 1925. 

2) Viele typische Beispiele hei Guillaume: Limitation chez l'enfant. Paris 1925. 

3) Die nähere Begründung für diese und ähnliche Behauptungen kann in diesem 
Aufsatz nicht gegeben werden; er ist ein kleines Bruchstück einer größeren Unter- 
suchung, auf deren späteres Erscheinen ich verweisen muß. 



Über Faszination 



79 



sagen reine, aber auch hartnäckig festhaltende Zuwendung. Ist das Objekt 
bewegt, so wird das Zuwenden zum Folgen. Die Ähnlichkeit zwischen 
Körper- und Gegenstandsbewegung ist zufällig. Entscheidend ist die „Folg- 
samkeit", die als aufmerksames Schauen oder als starres Folgen sich äußern 
mag. Der Säugling ist in seinen ersten Lebenswochen sozusagen „ästhetisch 
eingestellt, er „will" noch nichts von jenen Bildern, die er später als Welt 
begehren wird, sondern betrachtet sie, vertieft sich in sie, „folgt" ihnen — 
soweit sie bei ihm nicht Angst erwecken, und soweit er überhaupt „sieht"; 
jedenfalls vollzieht er eine gewisse libidinöse Besetzung einer Anzahl von 
Bildern, die noch nicht Gegenstände und nicht Objekte sind, ehe er 
sie begehren und ehe er sie lieben kann. Ich habe versucht, auf die Tat- 
sache des späten Einsetzens der Bemächtigung in ihrer allgemeinen Be- 
deutung für den Aufbau der Wahrnehmungswelt hinzuweisen (S). Hier 
interessiert uns, daß die komplizierten Vorgänge der ästhetischen Einfühlung 
des Erwachsenen auf dieses Urstadium „Vor der Bemächtigung" sich zurück- 
führen. Sie sind gebunden an die Unterdrückung der Bemächtigung. Die 
Vertiefung in einen Außenweltgegenstand, die ästhetische, „uninteressierte" 
Haltung wird auch im späteren Leben nur dann eintreten, wenn die Be- 
mächtigungswünsche unterdrückt sind, so wie sie bei Fall ()) zwar nicht 
unterdrückt, aber noch nicht vorhanden waren. Was für die Einfühlung 
speziell gilt, sagt auch für alle Identifikationsvorgänge etwas, freilich sehr 
Allgemeines: wenn die Bemächtigung gestört ist, kann Identifikation ein- 
treten. Verlust des Objektes ist gewiß auch Störung der Bemächtigung. 
Und einJTeil der Identifikation besteht in der Anwendung dieses primären 
Mechanismus: Gegenstände, die durch Handlungen — motorisch — nicht 
(noch nicht — nicht mehr) erreichbar sind, werden vermittels intensivierter 
psychischer Tätigkeit — innerlich — festgehalten. 

Fall (2) ist wohl ebensowenig eine Identifikation, wie (}). Es wäre kaum 
gerechtfertigt zu sagen, das Lärm wiederholende Kind identifiziere sich mit 
der Mutter oder gar mit dem Lärminstrument. Einfacher ist die Deutung, 
die ebenbildliche Wiederholung sei ein Festhalten des lustvollen Geräusches. 
Sie ermöglicht dem Kind das „Noch' , auch wenn die Mutter nicht weiter 
Lärmquelle sein will. Aber auch wenn wir Fall (2) ohne Identifikation 
denken können, enthält er objektiv einige jener Bedingungen und Besultate, 
die Identifikation ausmachen. Das lustvolle Geräusch bum-bum ertönt und 
verschwindet, hinterläßt den Wunsch nach „Noch", Sehnsucht nach seiner 
Wiederkehr darf man sagen, die sich aber nicht erfüllt. Darauf sagt oder 
macht das Kind selbst bum und der verlorene Ton ist wieder da. Den 



8o Siegfried Bernfeld 



Verlust überwindet das Kind durch Aktivität. Aus dem passiven Hören 
wird aktives Tun. Der lustvolle, verlorene Ton wird durch aktive, eben- 
bildliche Wiederholung festgehalten. [Diese Wendung vom Passiven zum 
Aktiven, vom Zwang der Dinge zur psychischen Spontaneität hatte Freud 
an wichtiger Stelle eingeführt; 1 ich habe versucht, diesen Prozeß als sehr 
häufig gültigen Bewältigungsmodus für Angst und Unlust zu erweisen CS). 
In „Hemmung, Symptom und Angst" entwickelt Freud dieselbe Auffassung 
prinzipiell, die sich an der Psychologie des Säuglings empirisch fundieren 
ließ.] Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß diese Deutung Fall (2) 
nicht voll erschöpft. Die Betrachtung der Reaktionen des Neugeborenen und 
Säuglings auf Gehörreize überhaupt gibt doch den Eindruck, als wäre nicht 
bloß das „Noch" Motiv für die ebenbildliche Wiederholung entscheidend. 
Zeigt doch das Kind eine deutliche Neigung auch solche Geräusche zu 
produzieren, die noch nicht „verloren" sind. Lärmende Kinder, die redende 
Mutter, ja zwitschernde Vögel, veranlassen den Säugling mitzuschreien. Viele 
solche Tatsachen sind es, die die Psychologen an einem Nachahmungstrieb 
festhalten lassen. Man muß diese gewagte Aufstellung aber kaum machen, 
nur weil tatsächlich eine frühe und deutliche Tendenz zur akustischen Nach- 
ahmung feststellbar ist. Diese bleibt nicht ganz rätselhaft, wenn wir den 
Unterschied zwischen optischer und akustischer Wahrnehmung betrachten. 
Wir vermuteten oben, bei gehemmter Bemächtigung intensiviere sich die 
optische Wahrnehmung. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß bei 
Verlust eines begehrten (optischen) Gegenstandes dieser psychisch als Halluzi- 
nation, als Phantasie, eidetisch festgehalten, also „ebenbildlich wiederholt" 
werde. Niemand wird diesen Vorgang einem Nachahmungstrieb zuschreiben 
wollen. Im Prinzip gleich und doch unähnlich verhält es sich mit der akusti- 
schen Sphäre. Bemächtigungswünsche werden akustisch überhaupt nicht aus- 
gelöst (im Säuglingsalter), sondern auf das Geräusch folgt Hinsehen, und erst 
der visuelle Eindruck wird zum Signal der Bemächtigung. Die Einstellung 
zum Akustischen ist also prinzipiell „ästhetisch". Ferner: Während die optische 
Halluzination ziemlich sicher ein primärer Mechanismus ist und ursprünglich A, 
ein mit dem Gegenstand annähernd identisches Bild gibt, ist es sehr fraglich, / 
inwieweit es sich mit der akustischen Halluzination ebenso verhält. Ja, es 
ist mit Gründen bezweifelbar. Jedenfalls ist das Kind erst sehr spät fähig, 
„verlorene" optische Gegenstände real aktiv herbeizuschaffen (durch Loko- 
motion), während die Produktion von Geräuschen seit den ersten Lebens- 



1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. (Ges; Schriften, Bd.' VI.) 



über Faszination 



tagen dem Säugling geläufig ist. Die „ebenbildliche Wiederholung von 
Geräuschen, deren Nachahmung, entspricht also der optischen Halluzination; 
ersetzt die akustische Halluzination. Beinahe so wie der optischen Wahr- 
nehmung ein Phantasieteil (ein produktiver Faktor) innig verknüpft ist, ist die 
akustische Wahrnehmung mit Geräusch-Produktionen verbunden. Es besteht 
mindestens eine starke Tendenz hiezu. So wenig man den reproduktiven und 
produktiven Anteil der optischen Wahrnehmung einem „Nachahmungstrieb 
zuschreibt, so wenig Anlaß ist, für den produktiven und reproduktiven der 
akustischen Wahrnehmung diesen dunklen Begriff heranzuziehen. Das hieße 
den Unterschied, der darin besteht, daß die ebenbildliche Wiederholung bei 
der optischen Wahrnehmung (als Halluzination, Phantasie) innerlich, lautlos, 
bei der akustischen laut (als Geräuscherzeugung) geschieht, überschätzen. 

Fall (i) führt in das reichlich rätselhafte Problem der Ausdrucksbewegung. 
Wir haben keine Möglichkeit, an ihm die Identifikation studieren zu können ; 
im Gegenteil hoffen wir, mit einem geklärten Begriff von Identifikation 
dieses Problem zu bewältigen. Fall (i) bleibt daher besser in diesem Zu- 
sammenhang unerörtert. 

Die Identifikation läßt sich also, soweit die Belation Ich-Objekt (Gegenstand) 
in Frage steht, als eine Anwendung schon in der Säuglingszeit vorhandener 
Mechanismen auffassen. Indem nach dem Verlust eines geliebten Gegen- 
standes jene Ichveränderung statthat, die ihn sozusagen in psychischem 
Material durch ebenbildliche Beproduktion festhält, geschieht jene Intensi- 
vierung der psychischen Vorgänge, die regelmäßig bei ausgeschalteter Be- 
mächtigung statthat, jene Wendung zur Aktivität, die dem „Noch" entspricht, 
jene ebenbildliche Beproduktion, die der Halluzination, der intensivierten 
Wahrnehmung, der Lautreproduktion (statt unmöglicher akustischer Halluzi- 
nation) gleichfalls zukommt. 

Unbetrachtet blieb bisher die Belation Ich -Es, die für die Identifikation 
bezeichnend ist. Im Fall ()) dürfen wir eine Sonderung von Es und Ich 
nicht annehmen; das Ich mag im Bewußtsein, der Wahrnehmung kernhaft 
angedeutet sein, aber die Folgsamkeit dem Gegenstand gegenüber werden 
wir als Triebeigenschaft auffassen; ebenso wie wir den Akt der Flucht 
und der Bemächtigung als einfaches Triebverhalten verstehen und dem Ich 
dabei kaum mehr zugeschrieben werden muß, als die Bolle eines Signal- 
empfängers. Die Wahrnehmungsfunktion ist ja in diesen Fällen mit der 
flüchtigsten Erkennung des Gegenstandes als „triebgemäß" oder „trieb- 
widrig" erschöpft. Wenn das Wahrnehmungs-Ich beim Menschen so um- 
fangreich, mannigfaltig, verselbständigt ist, er keineswegs bloß Signale zu 

Imago XIV. 6 



8a Siegfried BernfelJ 



Flucht oder Bemächtigung wahrnimmt, sondern eine reiche, mit dem 
Triebleben sogar zum Teil wenig verknüpfte, Welt hat, so kann diese Ent- 
wicklung nur unter gehemmter Bemächtigung sich vollzogen haben, also, 
wie bereits erwähnt, unter Anknüpfung an die Vorbemächtigungszeit in 
„ästhetischen" Zuständen und in Halluzinationen. Aber nicht das Wahr- 
nehmungs-Ich geht uns hier an, denn nicht dieses erfährt den wesentlichen 
Teil jener Veränderungen, die Identifikation heißen. 

Im Fall (2) ist die Mitwirkung eines Ich kaum auszuschließen. Zu jenen 
Kriterien, die uns veranlassen, ein Ich als vom Es gesonderte Instanz (Struktur) 
anzunehmen, gehört das Maß der Organisiertheit einer Handlung, Stellung- 
nahme. Im Fall (2) liegt ein hochorganisiertes Zusammenwirken verschie- 
dener Körperzonen, Triebregungen, liegt Kontinuität mit der Vergangenheit, 
Zielstrebigkeit in die Zukunft vor. Wir sehen hier das Es in gewissem Sinn 
von einer zentralen, gar nicht machtlosen Instanz gebändigt und benützt. 
Von einer Ichveränderung aber nach Art der Identifikation ist keine Spur 
zu sehen. 

Wir wenden uns daher besser dem anderen Kriterium für ein gesondertes 
Ich zu: der Hemmung. Wo wir einen triebhaften Vorgang gehemmt sehen, 
dürfen wir wohl diese Komplikation eines primären Ablaufs einer eigenen, 
dem Es gegenüberstehenden Instanz, dem Ich, zuschreiben. Die Spuren 
einer solchen hemmenden Instanz sind weit zurück zu verfolgen. So ergibt 
das Studium der Beaktion auf Gehörreize (S): Erstes Stadium: Schreck-, 
Schock-, A.ngst-, Unlustreaktion bei allen Geräuschen. Drittes Stadium: 
lustvolle Zuwendung zu Gehörsreizen, schließlich von Jubel und aktiver 
Geräuschproduktion begleitet. Zwischen diesen beiden Stadien ist als zweites 
festzustellen, daß der Säugling unter gehemmter Angstreaktion in einem 
Zustand ängstlicher, intensiv aufmerksamer Spannung verharrt, um je nach 
der Natur des Geräusches, in Abwehr- oder Zuwendungsreaktionen über- 
zugehen. Sichtlich hat hier die Aufmerksamkeit hemmende Funktion. Sie 
unterbricht die Angst-, Flucht-, Abwehrreaktion, sie ermöglicht Zuwendung, 
Lust. Sehr viel später erst gewinnt das Ich auch die Möglichkeit der Hemmung 
anderer Triebäußerungen, etwa Bemächtigungswünsche oder Sexualtriebhand- 
lungen. Auf diesem Weg liegen nun eine ganze Anzahl von sonderbaren 
Hemmungsvorgängen, die wohl mit dem Wort Faszination am zwang- 
losesten bezeichnet werden. (Bichtiger wäre wohl von Fasziniertheit zu 
sprechen.) Bezeichnende Zustände von Faszination werden von Scupin etwa 
so geschildert: „Das Kind blickt gebannt und regungslos", „starrt wie hypnoti- 
siert , „mitten in recht unzufriedenem Nörgeln hörte es plötzlich auf und 



über Faszination 



83 



sah lange interessiert nach einem hellroten Lampenschirm; drehte man das 
Kind langsam einer anderen Richtung zu, so wandte es sofort den Blick 
nach rückwärts dem Lampenschirm wieder zu", „starrt unverwandt nach 
und ist durch nichts davon abzubringen". Die Faszination wäre also 
ein Zustand höchst gesteigerter Aufmerksamkeit bei voller motorischer Ge- 
hemmtheit; bei längerem Anhalten wäre beinahe von Lähmung zu sprechen. 
Viel mehr läßt sich über sie vermittels Beobachtung am Säugling nicht 
feststellen. Höchstens gewinnt man den Eindruck, daß der Aufmerksamkeit 
das sonst charakteristische Element der Wachheit fehlt, sie ist starr auf den 
Gegenstand gerichtet; sicher kann die Faszination zuweilen einen ängstlichen, 
ratlosen Zug haben, oder wird meistens mit einer Art Unheimlichkeit, Fremd- 
artigkeit oder Ratlosigkeit einsetzen. 

Auch der Erwachsene kennt dies Phänomen und wird es als ein Außer- 
sichsein, aber ebenfalls als erregungsloses und motorisch gehemmtes erleben ; 
er wird sagen, daß er „sich verloren habe. Die Augen sind starr gebannt 
von dem Gegenstand, die Motorik gelähmt oder doch stillgelegt. Man ist 
in den Gegenstand versunken; gewiß nicht psychisch gelähmt, sondern 
psychisch bewegt, aber es ist, als wäre das ganze Ich von dem einen Gegen- 
stand „ausgefüllt . Assoziationen, Gedanken stellen sich nicht ein, die Konti- 
nuität des Ich in die Vergangenheit ist nicht aufrecht (was eben der Aus- 
druck Sichverlorenhaben meint), die Orientiertheit in der Gegenwart ist nicht 
lebendig; es richten sich auch keine Wünsche auf den Gegenstand für die 
Zukunft, die Zielstrebigkeit des Ich ist ausgeschaltet. Es sind somit tat- 
sächlich alle Ichfunktionen nicht in Tätigkeit, mit Ausnahme der Hemmung 
des motorischen Apparates. Der Zustand hätte viel Ähnlichkeit mit dem 
Schlaf, wenn nicht alle psychischen Energien dazu verwendet würden, ein 
reales Bild zu besetzen, also wach wären. Auch zur Hypnose bestehen be- 
deutsame Beziehungen. Die Faszination kann leicht in Hypnose übergehen. 
Hingegen unterscheidet sich die Faszination von zwei anderen radikalen 
Ichverarmungen (Selbstverlusten) ; von der Verliebtheit durch das Fehlen jedes 
Begehrens [(der faszinierende Gegenstand ist nicht Triebobjekt); von der 
Ekstase durch das Fehlen der motorischen Erregung. Die Nähe zur Hypnose 
wird noch größer durch die Tatsache, daß die Faszination leicht in motorische 
Folgsamkeit übergeht. So wird man, eventuell automatisch, den Bewegungen 
des faszinierenden Gegenstandes folgen. Handelt es sich um einen Menschen, 
der (oder an dem etwas) faszinierte, und liegt diese Folgsamkeit in dessen 
Absicht, so ist ein Unterschied zur Hypnose oder Suggestion nicht mehr 
feststellbar. Der Erwachsene verhält sich in der faszinierten Folgsamkeit 



84 Siegfried Bernfeld* 



nicht viel anders als das Neugeborene, das der Kerzenflamme folgt; das 
Ich ist ausgeschaltet, auf seine Wahrnehmungsfunktion eingeschränkt; der 
faszinierende Gegenstand hat sozusagen direkten Zugang zum motorischen 
Apparat, den sonst das Ich beherrscht. Doch ist das gewiß ein hochkom- 
plizierter Vorgang, der nur unter bestimmten libidinösen und ökonomi- 
schen Bedingungen eintreten kann. Wir brauchen uns mit ihnen aber 
nicht zu befassen, da ja hier nicht die psychoanalytischen Aufstellungen 
über Suggestion und Hypnose ergänzt werden sollen, sondern wir uns 
lediglich aus der Betrachtung der erwachsenen Faszination Anregungen zur 
Deutung der Säuglingsfaszination holen wollen. 

Der Sprachgebrauch kennt eine andauernde Faszination; so kann man 
sagen, jemand sei von einem Menschen fasziniert und meint damit, daß 
er in ihn verliebt sei oder unter seinem dauernden Einfluß stehe; ich 
meine aber hier die Faszination, die auf einen kurzen Zeitraum eingeschränkt 
ist. Wie geht die Faszination in den habituellen Zustand über? Man erlebt 
dies als ein „Zusichkommen", es ist, als wenn man erwachte oder der 
faszinierende Gegenstand zurück in den realen Zusammenhang spränge. 
Er unterscheidet sich hernach nicht mehr von anderen Gegenständen; das 
Ich gewinnt seine Gegenwartsorientierung, seine Vergangenheitskontinuität, 
seine Zielstrebigkeit, seine Einheitlichkeit und Prägnanz und die Verfügung 
über den motorischen Apparat zurück. Nun können sich libidinöse Strebungen 
auf den Gegenstand richten, Bemächtigungswünsche oder aber Gleichgültigkeit. 
Die Konzentration psychischer Energie auf das Gegenstandsbild wird auf- 
gehoben, die Energie besetzt die habituellen Positionen des Apparates. Dies 
tritt nach relativ kurzer Zeit ein, wenn der Gegenstand nicht Folgsamkeit 
forderte (oder die libidinöse Bindung an ihn nicht zustande kam, die wohl 
die Voraussetzung zu dauernder Folgsamkeit oder Verliebtheit ist). Was aber 
geht phänomenal im faszinierten Ich während der Faszination vor, deren 
Anfang und Ende bloß wir bisher andeutend beschrieben haben, wenn 
der Gegenstand keinerlei Folgsamkeit fordert oder ermöglicht? Faszination 
geht ja auch von Naturgegenständen, von leblosen Gegenständen, von Kunst- 
werken, von künstlerischen Darbietungen aus, nicht nur von Menschen, 
die etwas „fordern". Etwa: Ich sehe einen Jongleur im Varietö. Mein 
Interesse an der Darstellung kann sich so steigern und gestalten, daß der Zustand 
der Faszination eintritt. Mit gehemmter Motorik und voller Ichverlorenheit 
gehe ich im Zusehen auf und bin innerlich an Stelle des Jongleurs, seine 
Bewegungen — gehemmt — nachfühlend, in einem besonders erregenden 
Augenblick vielleicht sogar wirklich seine Bewegung durchführend. Ganz 



über Faszination 



85 



ebenso etwa von einer Filmszene fasziniert, wird mich der dargestellte Affekt 
bis zu den Ausdrucksäußerungen „anstecken". Die Kunstpsychologie nennt 
dies Einfühlung. Wir erkennen in diesem Prozeß die Identifikation. Aber 
nicht die Identifikation als dauernde Ichveränderung, sondern die vorüber- 
gehende Ersetzung des Ich durch einen Gegenstand, wie nicht ganz präzise 
gesagt werden mag. In der Faszination gehorcht der psychische Apparat 
den Befehlen der Gegenstände; befiehlt der Gegenstand nichts, so wird er 
„nachgeahmt". Man könnte einwenden, die Einfühlung löse nur Phantasien 
aus, die unter habituellen Bedingungen unter Zensur standen. Für die ge- 
nannten Beispiele möchte dies zutreffen, wird es sogar gewiß überdetermi- 
nierend mitwirken. Wenn ich aber in ein Ornament vertieft bin, so kann 
der Anlaß hievon gleichfalls als Faszination gegeben sein, im Verlauf ihres 
Anhaltern wird sich mir die Linienführung des Ornamentes als lebendig auf- 
drängen, es wird sich eine gewisse Tendenz, die Dreiecke, Wellen, Bosetten 
innerlich nachzuzeichnen, nachzugehen, nachzuleben einstellen, als wäre statt 
meiner diese Linie da und wie ich sonst mich erlebe, erlebe ich dieses geo- 
metrische Arrangement. Hier müssen nicht Phantasien mitspielen. 

Gewiß ist die Abgrenzung der Faszination von Prozessen und Zuständen, 
die ihr ähnlich sind und mit ihr zusammenfließen, durch das Gesagte nicht 
ausreichend geschehen, aber es reicht vielleicht zur Durchführung meiner 
Aufgabe hin. Das Ende der Faszination ist nämlich im Säuglingsalter dem 
der Erwachsenen im entscheidenden Punkt ähnlich. Entweder erfolgt eine 
begehrende Zuwendung zu dem Gegenstand (eventuell auch, aber wohl nur 
nach so kurzem Andauern der Faszination, daß sie von ratloser ängstlicher 
Aufmerksamkeit kaum unterscheidbar wird: Angst, Abwehr) oder er wird 
wieder ein belangloses Stück Außenwelt, oder schließlich : das Kind ahmt den 
Gegenstand nach, es findet eine faszinierte Wiederholung seiner Bewegungen 
statt. Dies letztere jedoch, soviel ich sehe, nur dann, wenn die Bewegungs- 
melodie in ihrer wesentlichen Struktur schon vorher vom Kinde ausführbar 
war. Als Beispiel hiefür dient unser Imitationsfall (i). Dies Wiederlächeln 
des Kindes kommt nicht selten so zustande: Das Kind greift in Erfüllung 
seines Bemächtigungsdranges nach der lächelnden Mutter; eine Bemächti- 
gung aber kann — anders als bei vielen anderen Objekten — nicht statt- 
finden, nun verharrt das Kind in Faszination, um schließlich in ein erst 
ansetzend unsicheres, dann volles wiederholendes, antwortendes Lächeln 
überzugehen. 1 Ganz ähnlich bei den ersten Lautproduktionen, bei den Sprech- 

l) Bemerkenswerterweise bleibt dies Lächeln zeitlebens ein Ausdruck der Ver- 
legenheit. 



86 Siegfried Bernfelci 



anfangen, ähnlich bei der Aneignung vieler Bewegungen aus den Dressur- 
kunststückchen, die dem Säugling gelehrt werden. Sowohl dies Lächeln, als 
auch die Laute und Bewegungen, die das Kind auf diese Weise wiederholt, 
hatte es früher schon in anderer Funktion ausüben gelernt. 

Die faszinierte Wiederholung ist unter den drei Imitationsfällen im Gesamt- 
vorgang der Identifikation am nächsten; auch sie findet bei „ Objekt verlust" 
statt, (d. h. bei gehemmter Bemächtigung), wie wir es bei der akustischen 
„Noch"- Wiederholung fanden, sie führt zu einer Wiederholung des Verhaltens 
des Gegenstandes, aber sie ist keine dauernde Ichveränderung. Sie findet auch 
anscheinend nicht unter dem Druck des Es statt, sondern vielmehr ist sie 
das Ergebnis einer Ichleistung: der Hemmung der Bemächtigung. Es scheint, 
als könnte das Ich anfangs diese Leistung nur vollbringen, indem es auf seine 
übrigen Funktionen verzichtet; es hält das Es gelähmt, aber es weiß nicht, 
was es sonst tun soll. Die Triebaktionen auf das Signal Abwehr oder Zu- 
wendung sind gehemmt, andere nicht vorhanden, ohne Aktion kann es 
nicht bleiben, so vollzieht es unter allen sichtbaren Bewegungen des Gegen- 
standes jene, die es selbst bereits früher vollzog. Es wendet sich dabei vom 
Passiven zum Aktiven und stellt bei gehemmter Bemächtigung den Zustand 
wieder her, der auf dem niedrigeren Niveau vor der Bemächtigung bestanden 
hatte: die Motorik wird den Gegenständen direkt gehorsam, ohne ein 
verwerfendes (hemmendes) oder bejahendes (ausführendes, organisierendes) 
Ich. In dieser Auffassung scheint mir viel Ansprechendes zu liegen, aber 
sie löst nicht die Frage, wie die Transponierung eines optischen Geschehens 
in ein motorisches geschieht, welcher Weg vom Sehen einer Bewegung 
zum Selbsttun führt. Doch spricht diese Lücke nicht gegen die vorgetragene 
Ansicht, da sie bisher noch von keiner Seite ausgefüllt wurde, am wenigsten 
durch die Theorie des Nachahmungstriebes. 

Ebenso unerledigt bleibe — wenn auch bloß in diesem Aufsatz — - die 
Frage nach den Gründen des Eintrittes der Faszination oder auch der Hemmung 
der Bemächtigung. Aus welchen Gründen immer die Faszination eingetreten 
sein mag und wie immer es in ihr zur faszinierten Wiederholung gekommen 
sein mag — sicher führt sie zu einer neuen und dauernden Verhaltungsweise. 
Dieser Vorgang sei in drei sukzedierenden Situationen, des Falles (i), fest- 
gehalten, (la) Das satte Kind, einschlafend, lächelt. (Über die Determi- 
nation dieser Bewegung habe ich versucht, einiges über das bisher Bekannte 
hinaus aufzustellen (S). (ib) Das Kind, unter dem faszinierenden Eindruck 
der lächelnden Mutter, produziert ein zaghaftes, verlegenes, ängstlich-ratloses 
Lächeln als faszinierte Wiederholung; Bemächtigung gehemmt, andere Be- 



Über X assmation 



8 7 



ziehung zur Mutter noch unbekannt, (ic) Tritt die Mutter lächelnd zum 
Kind, so lächelt es lustvoll wieder, das Lächeln ist zum Verhalten geworden, 
es schafft Rapport zwischen dem Kind und der Mutter. War die Mutter in der 
Situation (ib) ein Gegenstand, mit dem man nichts „anzufangen" wußte, da 
man sich ihrer nicht bemächtigen konnte, durfte, so ist sie nun ein Gegen- 
stand geworden, zu dem man eine feste Verhaltungsweise gewonnen hat : man 
lächelt ihr zu, erwidert ihr Lächeln. Das Kind ist mit ihr in dieser Aktion 
identifiziert" ; es hat ihr Lächeln übernommen (genauer, sein eigenes Lächeln 
in neuer Situation durch faszinierte Wiederholung anwenden gelernt), ist 
aber zugleich von ihr um ein Stück abgelöst, abgegrenzt: das Bild der 
lächelnden Mutter gewinnt keinen unmittelbaren Zugang zum motorischen 
Apparat des Kindes mehr (sondern vielleicht erst die redende oder Brauen zu- 
sammenziehende, drohende Mutter), zwischen ihm und diesem Gegenstand 
steht das Ich, das selbst lächeln kann und diese Aktion als Handlung (Rapport- 
handlung) zu verwenden oder zu unterlassen versteht. Zahlreiche Züge des 
Verhaltens der Mutter werden auf diese Weise vom Kind übernommen. Es 
führt also in einem gewissen Sinn die faszinierte Wiederholung zu einer 
ebenbildlichen Ichveränderung, zugleich mit der Entwicklung des Ich selbst. 
In ihr und den anderen Imitationsfällen kann man folglich Vorstufen der 
eigentlichen Identifikation sehen. Es erweist sich so die Freudsche Ansicht, 
daß der Mechanismus der Identifikation mit dem Ichaufbau innig verknüpft 
ist. Soweit es ohne weitgehende Erörterungen über Libido, Bemächtigungs- 
drang, Es und Ich möglich ist, läßt sich jedoch der Eindruck formulieren, 
als käme diese früheste Identifikation weniger unter dem Druck des Es, als 
vielmehr aus ökonomischen Verhältnissen im Ich zustande. Denn allem An- 
schein nach ist die Faszination den Zuständen von Unheimlichkeit und Angst 
sehr nahe, die auftreten, wenn das Kind bekannte Gegenstände teilweise ver- 
ändert sieht; wenn z. B. die wohlbekannte Mutter einmal mit einem schwarzen 
Hut an das Kind herantritt. Die faszinierte Wiederholung und deren Ver- 
festigung zu einem Stück Ichverhaltens diente dann wohl der Angst- 
bewältigung. Aber auch, wenn, wie in manchen Fällen die Beobachtung nahe- 
legt, die eintretende Faszination nicht aus ängstlicher Situation erfolgt, muß 
die Hemmung der Motorik und des Bemächtigungsdranges, der ja zweifellos 
mindestens eine libidinöse Komponente enthält, eine ökonomische Situation 
herstellen, die nach Abfuhr und Bindung drängt und deren Wiedereintritt 
durch ein neues Ichverhalten verhindert werden soll. 



Zur Psychoanalyse des Misanthropen 
von JVLoliere 

Von 

Eduard Hitscnmann 

Wien 

Ich erkläre von vornherein, hier alles historische und literarische Material 
nicht berücksichtigend, rein psychologisch an das Charakterbild des Misan- 
thropen heranzutreten. 

Wir begegnen in der Titelfigur dieser ernsten Komödie einem Original 
von Menschen, der keineswegs einfach zu erklären ist und keineswegs immer 
und auf jedermann so wirkt, wie sein so vernünftiger Freund Philinte ihm 
ins Gesicht sagt: „sein Zorn über die Welt wirke wie ein Lustspiel, wo 
er sich sehen lasse; sein erhabener Kampf mit seiner Zeit habe ihn schon 
zu einer komischen Figur gemacht." 

Alceste ist ein angesehener Mann von Charakter und Geist; zwei so 
wertvolle, lebenskluge Menschen, wie Philinte und Eliante, halten treu zu 
ihm, so sehr sie sich auch über ihn wundern. Ja, Eliante würde ihn selbst 
zum Manne nehmen und sein Freund sieht ein, daß er vorzuziehen sei. 
Mag das Exzessive seines Wesens — sein eigener Freund spricht von Krank- 
heit — ihn auch manchem lächerlich erscheinen lassen ; er ist ein Unglück- 
licher, ein Mensch von bestem Wollen, der sich selbst ins Unheil bringt, 
für diese Welt zu gut ist, so daß er aus ihr flüchtet. Für diesmal noch 
nicht endgültig, aber er spricht mehrmals von Selbstmord. Wir modernen 
Theaterbesucher sehen in Alceste eher eine tragische Figur, denn wir ahnen, 
daß er unheilbar ist; können wir über einen Krüppel lachen, weil er 
komisch wirkt — und wenn es nur ein Krüppel der Seele wäre!? Es ist 
viel Würde in diesem Manne und es verlohnt, eine psychoanalytische Unter- 
suchung anzustellen, die Wurzeln seines paradoxen Wesens aufzudecken. 



2/ur Psycnoanalyse des Axisantkropen von Moliere 



89 



Freilich ist es nicht Molieres oder seiner Zeit Art, uns etwa durch ein- 
gefügte Momente aus der Vorgeschichte oder gar Kindheit des Helden die 
Aufgabe zu erleichtern. Hat er je schon geliebt? Diesmal scheitert er damit. 
Wir hören nicht eine Silbe über seine Eltern oder Geschwister; wissen 
nichts über Vererbung und Anlage. Und doch gilt auch für diesen, von 
einem Genius erdachten Menschen: man kann ihn nur erklären, ganz ver- 
stehend einreihen in die um uns Lebenden, wenn man sein Wesen aus 
seinen Triebanlagen, ihren Schicksalen, seinem frühen Erleben rekonstruiert. 
Nur psychoanalytische Erfahrung kann uns ermöglichen, den Versuch, des 
großen Dichters intuitive Projektion in den Hauptlinien nachzuziehen, mit 
einiger Aussicht zu unternehmen. 

Alceste, diesem seriösen Mann, der mit seinen moralischen Forderungen 
überall und an alle herantritt, können wir unseren Respekt nicht versagen ; 
seine ethische Reinheit, seine Korrektheit sind offenbar. Freilich ist es eine 
Überkorrektheit, ein Puritanertum, wie wir es nicht gewohnt sind. Er duldet 
keine Protektion, auch, ja gerade nicht, wenn er eigene Ziele verfolgt. 
Für ihn gibt es kein „corriger la fortune , kein Umschmeicheln Einfluß- 
reicher. Im Gefühl seines inneren Wertes bittet er um nichts für seine 
Person. Die gleiche Selbststrenge verlangt er aber auch von allen anderen. 
Ex ist ein Weltverbesserer in diesen Belangen, gerät in Wut und Poltern, 
wenn er sieht, wie die meisten Menschlein sich nicht scheuen, ihr Ge- 
meinschaftsleben durch kleine Falschheiten, Nachsichten, Liebenswürdig- 
keiten zu erleichtern. 

Auch auf ästhetischem Gebiet, wo er sichtlich ein selbständiges Urteil 
hat, macht Alceste nicht die geringste Konzession. Auch hier ist es der 
höchste Maßstab, den er anlegt; einem Dichterling zu schmeicheln, liegt 
ihm fern, wodurch er sich große Unannehmlichkeiten zuzieht. Nein, er ist 
Anhänger des Einfachen, Altbewährten, Klassischen! 

Absolute Aufrichtigkeit ist seine Forderung. Er ist ein Wahrheitsfanatiker 
und verlangt von sich und seinen Freunden: stets nur zu reden, wie man 
wirklich denkt. Er geht noch weiter : er fühlt sich verpflichtet, den Neben- 
menschen ihre Fehler ins Gesicht vorzuwerfen; denn tiefe Entrüstung er- 
füllt ihn über die Schlechtigkeit der Welt. 

„Find' ich doch allerorten nichts als feige 
Unwürd'ge Schmeichelei, als Eigennutz, 
Verrat, Falschheit und Ungerechtigkeit!" 

Wie verhält sich dieser Pessimist — wird man sich fragen — gegenüber 
seinen Nächsten? Kennt er Liebe und Freundschaft? Ruht sein Herz bei 



"^ 



90 Eduard Hitscbmarm 



einigen wenigen Vertrauten aus? Kennt er behagliche Stunden bei einer 
liebenden Frau, im gleichgesinnten Gespräch mit ergebenen Freunden? 
Ist etwa üble Erfahrung nur oder üble Laune am Räsonnieren schuld? 

Es würde uns erleichtern, wenn Alceste auch seine leichtherzigen Stunden 
hätte. Aber es ist nicht der Fall und dies wirkt ein wenig beängstigend; 
auch mit der jungen Witwe, die er heiß zu lieben behauptet und die ihm 
ihre Neigung gesteht, gibt es nur Streit und Enttäuschung, gegenseitige 
Vorwürfe. Die Komödie endigt mit dem Auseinandergehen der Liebenden. 
Offenbar hat der Dichter in seinen Szenen den Höhepunkt der Schwierig- 
keiten dieses Sonderlings im Zusammenleben mit der Umwelt bringen 
wollen, denn von Stunde zu Stunde häufen sich gegen ihn Wolken der selbst- 
verschuldeten, selbstverschlimmerten Angelegenheiten. Er verliert einen 
Prozeß, obwohl das Recht auf seiner Seite ist, es droht ihm Verhaftung. 
Allerdings hat er sich durch seine abfällige Kritik eines Gedichtes den 
harmlosen Autor zum Feind gemacht, der ihm nun aufsässig ist. Auch ist 
er gar nicht geneigt, ans Gericht zu appellieren, um sein Recht zu finden. 
Überdies durchläuft ein schändliches, abscheuliches Buch die Stadt, als dessen 
Autor man diffamierend Alceste angibt. Schutz am Hofe zu suchen, , ist er 
seinem Stolz zufolge ganz ungeeignet. 

In dieser Verstörung bedarf es nur noch eines Zwischenfalles, um dem 
Faß den Boden auszustoßen; Alceste flüchtet, wie er schon oft gedroht hat, 
„in einen abgelegenen Winkel, wo er die Freiheit habe, ein Ehrenmann 
zu bleiben". Man muß froh sein, daß es nur ein gesellschaftlicher Selbst- 
mord ist, denn er hat auch mit dem realen schon gedroht; wenigstens mit 
dem Wort gespielt. (Vgl. erster Akt, erster Auftritt: „ich ging aus Unmut 
gleich und hängte mich" und „es bringt mich um, mitanzusehen". . .) 

Mag sein, es ist nur seine gewalttätige Ausdrucksweise schuld. Denn 
seine Rede ist immer gereizt, seine Zunge eine gefährliche, wie er selbst 
weiß, ohne sich beherrschen zu können. 



„Ich halte meine Zunge nicht genug 



Im Zaum, will nicht vertreten, was ich alles 
Noch sagen könnte." 

Celimene spricht von seinem polternden Auffahren und seiner melan- 
cholischen Zanksucht. Mit Worten Toben, Kritisieren, Anklagen, Schimpfen 
sind seine Kampfmittel, seine Kraftausgabe („oraler Sadismus"). 

Haß dominiert sein Wesen. Es ist fast, als ob der Haß da wäre und 
die Objekte suchte. „Ich will der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären". 
Jähzorn reißt ihn hin: „Ich gehöre mir nicht selbst, mein Zorn ist Meister 



Zur Psymoanalyse des Misanthropen von JMoliere 



9 1 



über mich." Dieser Übergerechte setzt sich selbst durch Streitsucht ins 
Unrecht, ist hart und droht mit Bruch für immer. Er wird leicht feindselig, 
ouält seine Freunde und seine Geliebte ; spielt den Tyrannen, wie sie sagt. 
So tief verstimmt, so herb in seinem Urteil," sagt Philinte, „versteh' 
ich nicht, wie er an Liebe denkt . 

Dieses sein Lieben finden übrigens auch die Kritiker der Komödie paradox ; 
wir werden dazu Stellung nehmen müssen. 

Wahrhaftig, dieser tragikomische Held ist ein eigenartiger Liebhaber; 
wenn der Vorhang zum letztenmal fällt, steht er allein und bleibt wohl 
für immer ein Hagestolz. 

Die Liebe zu Celimenen, deren Gefallsucht und Neigung zu leicht- 
fertigem Spott so offenbar sind, deren Fehler er alle sieht und tadelt, ist eine 
Zwangsliebe. Er kann von ihr nicht lassen und sagt über die unbewußten 
Quellen des Verliebens sehr wahr: „Wann richtet Liebe sich nach Gründen?" 

Das heißt, die Liebe entspringt nicht bewußten Überlegungen, sondern 
unbewußten Motiven. 

Alceste ist gefesselt, bald meint er, durch ihre Anmut; bald sagt er, er 
liebe sie um seiner Sünden willen so unermeßlich. Er erklärt zu ringen, 
wie er könne, um das Band zu sprengen; er erkennt seine Schwäche und 
schämt sich seiner unwürdigen Glut. 

Weitere Eigenarten seines Liebens, neben diesem leidensfreudigen Zwangs- 
haften, sind heftigste Eifersucht, — die echte Liebe verlange ausschließlichen 
Alleinbesitz; — ferner die Phantasie, die Geliebte sollte arm und verlassen 
sein, sollte alles nur ihm verdanken. Eine Art von Rettungsphantasie, über 
die noch später gesprochen werden soll. Den Bruch bringt ihr die Eifersucht! 
Denn während Alceste von jedem liebenswürdigen Wort, das die kokette, 
medisante Celimene an andere Männer richtet, Böses denkt, mißtrauisch 
ist und nicht früher ruhen kann, bevor er sie nicht zu seinem Alleinbesitz 
in die Verborgenheit verschleppt hat, — dies alles, obwohl sie ihm ge- 
standen hat, ihn zu lieben, — ist Celimene aus ganz anderem Holz geschnitzt, 
allerdings auch noch viel jünger. 

Der biedere Philinte empfiehlt ihm vielmehr als zu ihm passend die 
charaktervolle Eliante, denn er ahnt Böses. 

Celimene, so scharmant und schön sie sein mag, so scharf sie Menschen 
charakterisieren kann, ihr Bedürfnis, mit allen gut zu stehen, alle zu 
Freunden zu haben, von allen hofiert zu sein, muß den krankhaft eifer- 
süchtigen Mann vertreiben, dem aller Opportunismus so zuwider ist. Mag 
sie ein wenig leichtsinnig sein, im Kern ist sie gut, sagt den Leuten wohl 



9* Eduard Hitsdimann 



ihre lustige Kritik nicht gern ins Gesicht, aher wenn sie nur ein wenig klüger 
wären und weniger eitel, müßten sie annehmen, daß keiner vor ihrer 
scharfen Zunge sicher sei. Gehörte in weniger gereizten Zeiten nicht ihr 
Medisieren zu dem, was den Menschenfeind anzog!? War einmal mehr Über- 
sehen ihrer Fehler in seiner Liebe!? Eliante vermißt mit Recht die Kristalli- 
sation (Stendhal), Freuds Sexualüberschätzung in Alcestes Liebesverhalten. 
Er hört nie auf, auch die Fehler seiner Geliebten zu sehen. Er liebt nicht 
ganz, nicht voll, zu kritisch. Denn, sagt Eliante vom normal Liebenden: 

„Es wird ein äußerst Liebender 

Die Fehler selbst an der Geliebten Heben." 
Und „Jeder überschätzt die Auserkorene." 

Alceste bleibt nüchtern, ihn drängt sichtlich keine befriedigungsbedürftige 
Leidenschaft nachzugeben, auch nur für eine Stunde die Grenzen dieser 
schönen Frau zu vergessen. Dieser Liebhaber gibt zu leicht auf; zieht sich zu 
leicht zurück, als daß wir ihm unwiderstehlichen Drang nachsagen könnten. 
Er prophezeit schon im zweiten Akt den kommenden Bruch. Freilich, seine 
Eifersucht ist übermäßig; er könnte nur nachsehen und lieben, wenn er — 
sicher vor jedem Zusammentreffen mit anderen Männern — sein -Weib 
allein bei sich in der „Wüste" hätte. Je enger aber die Bedingungen für 
das Lieben gestellt werden, desto — schwächlicher, ungesünder ist es zu 
klassifizieren. 

Wir können den Schluß ziehen, dieser Mann versteht nicht eine Frau 
zu lieben, sein Lieben enthält Bedingungen, die zum Scheitern führen 
müssen. Die unbewußten Gründe dafür werden später auszuführen sein. 

Unser Held versteht aber auch nicht, Menschen überhaupt zu lieben. 
Er hat keine Freude an den Menschen, keinen Sinn für harmloses Zu- 
sammensein. Er ist asozial, antisozial. Von Güte, Nachsicht gegen die Um- 
gebung keine Spur ! Allerdings erkennt er sie nicht als Seinesgleichen an ; 
er ist ja ein Besserer. Jeder wird ihm bald zu schlecht, immer droht der 
Bruch. Selbst einem so treuen, opferbereiten Freund wie Philinte, wird 
fast der Laufpaß gegeben. Auch gegen Männer besteht die scharfe Kritik, 
die Unduldsamkeit. Zuneigung schlägt allzuleicht in Abneigung um. Alle 
Beziehungen sind „ambivalent". Das Zusammensein mit Menschen enthält 
soviel Zündstoff, daß die Einsamkeit ihm als die einzige Lebensmöglichkeit 
erscheinen muß. 

Es sei noch erwähnt, daß auch in den Beziehungen zum Mann die Eifer- 
sucht mitzuspielen scheint. So beginnt das Lustspiel mit Vorwürfen gegen 
den zu liebenswürdigen Philinte; schadet Eifersucht nicht auch dem Ge- 



Zur Psychoanalyse des Misanthropen von Moliere 



9 3 



dicht von Oronte? Aber es ist auch ein gewisser Geiz in Alceste, er geizt 
mit Gefühlen, mit Lob, mit sonst allgemein üblicher Freundlichkeit. 
Woher die Lieblosigkeit, die Verdrossenheit, die Unzufriedenheit? Was 
wir vielleicht in uns einmal als üble Laune durch Enttäuschung finden, 
hier ist der Zustand ein habitueller. Das Material, das der psychoanalytischen 
Deutung harrt, wird immer reichlicher. 

Wir müßten großen Wert auf das gesteigerte Selbstgefühl des Misan- 
thropen legen, das ihn allen gegenüber als Lehrmeister, Besserwisser auf- 
treten läßt. Davon muß ein gut Teil insofern berechtigt genannt werden, 
als seine Umgebung ihn hoch einschätzt, nicht nur Arsinoe und Oronte, 
die ihm schmeicheln. Eliante hebt bewundernd seine strenge Wahrheits- 
liebe hervor. Man ließe sich von ihm nicht soviel Räsonnieren gefallen, 
wenn er nicht schon eine überlegene Stellung eingeräumt hätte. Philinte 
ist ihm treu ergeben, obwohl er seine Exzesse kennt. Auch Celimene sagt 
ihm gelegentlich Wahrheiten : 

„Muß unser Freund nicht ewig opponieren? 

Hat er jemals der Mehrheit sich gefügt, 

Und flammt nicht stets der Geist des Widerspruchs, 

Den ihm der Himmel mitgab, in ihm auf? 

Die Ansicht seines Nächsten teilt er nie, 

Und nimmt Partei, wie sich von selbst versteht, 

Für dessen Gegner. Fürchten müßt' er ja 

Für ein alltäglich Menschenkind zu gelten, 

Wenn er urteilte, wie's ein andrer tut." 

Philinte fügt hinzu: 

„Wahr ist es allerdings, daß Eu'r Verstand 
Sich gegen alles auflehnt, was Ihr hört; 
Und Eure finstre Laune — leugnet's nicht — 
Nicht Lob noch Tadel gelten irgend läßt!" 

Dieses Neinsagen um jeden Preis, dies Opponieren aus Prinzip muß 
eine tiefere Ursache haben. In Wahrheit ist solch tiefer Affekt nie durch 
fremde Angelegenheiten bedingt ; das Weltverbessern und die Unzufrieden- 
heit mit der Welt ist nicht aus objektiver Wertung entspringend. Alcestes 
Intoleranz für die immerhin den Meisten erträgliche und vielfach sogar 
vergnügliche Welt muß aus seinem Unbewußten, seinem Persönlichen ab- 
leitbar sein. 

Neben den Zügen von grausamem Haß, harter Kritik, Lust am Nein- 
sagen und Schimpfen, neben diesem gesteigerten Selbstgefühl und herrischen 
Erziehenwollen - — diesem Stück Sadismus im weiteren Sinn des Wortes, 



94 



Eduard Hitsdamaiin 



auch in der Form des Trotzes, finden sich Züge des Leidenwollens, des 
Opferbringens ; des Leidens, ohne etwas dagegen zu tun, um nur dann 
recht klagen zu können und Recht zu behalten. „Mir soll's recht sein, 
wenn ich unterliege." Man gewinnt den Eindruck, als hätte Alceste früher 
lange geduldet, erst im Verlaufe der Komödie bricht die Auflehnung aus 
und steigert sich bis zum Schlüsse. Verbirgt die rauhe Außenseite am 
Ende vielleicht ein heimlich Leiden ? Jedenfalls ist der Held dieser Komödie 
ein immer und unter allem Leidender. Wie leidet er in seiner Liebes- 
beziehung! „Ich ringe, wie ich kann, um jenes Band zu sprengen! Wie 
anders denkt der eitle Acaste im Kraftgefühl seiner Jugend; narzißtisch, 
wie er ist, will er nicht werben, schmachten: auf halbem Wege soll man 
ihm entgegenkommen. Man ahnt hier etwas von einem Minderwertig- 
keitsgefühl des Alceste gerade auf erotischem Gebiet. Sein Narzißmus ist 
nur auf Geist und Charakter gestützt; Eigenschaften, die bekanntlich 
allein nicht genügen, um den Ehegenossen glücklich werden zu lassen. 

Lebensfreude, Heiterkeit, Kraftgefühl, gesunde Sinnlichkeit — davon ist 
keine Spur in Alceste zu finden. 

Was über dieses kranke Gemüt vielmehr die Oberhand hat, ist^ — wie 
die Psychoanalyse es nennt — der Todestrieb. Haß, Verneinung, Isolierung, 
Mißtrauen dominieren. Nahe liegt ihm immer, das Spiel nicht weiter zu 
spielen, das Leben oder wenigstens das Leben unter den Menschen hin- 
zuwerfen. Kein Sonnenstrahl eines tout comprendre, eines pardonner leuchtet 
in die Düsterkeit strengster Lebensauffassung. Ein strenges Gewissen (Über- 
ich) umdunkelt diesen herben Charakter, der selbst das Gewissen seines Gesell- 
schaftskreises darstellen könnte, würden nicht seine Übertreibungen sein Tun 
und Reden wieder entwerten. 

Übermoral und Überkorrektheit, Überreinlichkeit in sittlicher Hinsicht, 
Pedanterie in Sachen des Taktes und der Unabhängigkeit, schroffster Wahr- 
heitsfanatismus beherrschen ihn und sind vergebens bemüht, die Umwelt 
anzugleichen. Nichts von Gefälligkeit, Courtoisie, Wärme, auch nur von 
schonendem Verschweigen wird dem Mitmenschen bewilligt, so groß ist 
der Gefühlsgeiz. Geiz und Trotz strahlen von ihm aus. Auch in der extre- 
men Eifersucht mit dem Alleinbesitzenwollen, 1 mit sich in die Einsamkeit 
entführen wollen, liegt Härte und Geiz. Als komische Episode wirkt Alcestes 
Diener Dubois. Ist es Geiz, daß er sich einen solchen Tölpel als Diener hält? 

l) Vgl. Karen Horney: „Die monogame Forderung" (Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, XIII (1927), Heft 4. 



Zar Psymoanalyse des Misantkropen von Moliere 



9 5 



Endlich : 



Hier müssen wir zusammenfassend Alceste einen Zwangscharakter im 
psychoanalytischen Sinne nennen: Haß- und Grausamkeitsregungen, ein 
überstrenges Über-Ich: daneben die Züge von Trotz, Überkorrektheit, 
Pedanterie aus „analer" Wurzel. Es resultiert ein Asozialer, der zu seinen 
Mitmenschen keine von negativen Regungen freie Neigung aufbringt. 
In erotischer Hinsicht ein Zurückgebliebener, in der anal-sadistischen 
Stufe fixiert Gebliebener, ein unvollkommener, gehemmter, ambivalenter 
Kauz. Zum tieferen analytischen Eindringen sei noch auf folgende Ein- 
drücke aus dem Theaterstück hingewiesen. Sonderbare Darstellungen von 
Gefahren, die ihn angeblich bedrohen, finden wir schon im ersten Auftritt : 

„Ich sollt' erleben, wie man mich bestiehlt, 
Verrät, in Stücke reißt, " 

Oder an anderer Stelle: 

„Nein, länger duld' ich all die Qualen nicht, 
Die mir das Leben schmiedet. Ich will fort 
Aus diesem "Wald, aus dieser Mördergrube!" 

„Von Ungerechtigkeit erdrückt, verraten 
Von allen Seiten, will ich einem Schlund 
Entfliehen, in dem das Laster triumphiert — ." 

Gewiß, wir sind die verbalen Übertreibungen unseres Helden gewohnt. 
Aber hier ist ein Grundton der Angst vor einem Überfall an einem dunklen 
Ort, vor einer Mehrzahl überlegener, unentrinnbarer Diebe und Mörder. 
Die Richtung, in welche diese Phantasien deuten, sind unbewußte Kastra- 
tionsangst und unbewußte feminine Einstellung (Homosexualität). Hier ist 
sein Charakter von paranoider Artung. 

Ein Eindruck hat den Erfahrenen hier nicht verlassen : ein voll liebes- 
fähiger, liebesbefriedigter, seiner Tüchtigkeit und Gesundheit voll be- 
wußter Mensch kann nicht so verdrossen, unzufrieden, streitsüchtig tagaus, 
tagein die Menschen und die Welt verbessern wollen. Psychoanalytisch ge- 
sprochen: wer ein so ambivalentes, haßbereites Verhältnis nicht nur zum 
Weibe, sondern zu allen Menschen hat, — der hat die postambivalente 
genitale Stufe nie erreicht, oder regressiv wieder verlassen. 

Die psychoanalytische Charakterologie kann ihre Kasuistik auf natur- 
wissenschaftlicher Erfahrung aufbauen. Das Interesse, das sie dem Trieb- 
leben, namentlich in den Zeiten der frühen Lebensjahre, zugewendet hat, 
hat ihr ein wertvolles Rüstzeug für eine genetische Charakterlehre in die 
Hand gegeben. 

Und für Alcestes Verschrobenheit, für seinen schwer verbitterten Charakter, 



q£ Eduard Hitsdimarm 



— wenn wir nicht mit Philinte, vielleicht mit Moliere, von Krankheit 
reden wollen — ist ein Defekt, eine tiefe Ichkränkung (ohne recht bewußt zu 
sein) Voraussetzung. Ein Teil der übertriebenen Eifersucht auf Celimene 
gehört hieher, ist eine Konsequenz des dunklen Gefühls der Unvollkommenheit. 
Ebenso kann das übermäßige Selbstgefühl, das Geltenwollen durch strenge 
Ethik und ästhetische Höchstforderung, hier mitbegründet sein. Der Haupt- 
sache nach ist dieses Selbstgefühl ein Zeichen seines Narzißmus, der um so 
größer ist, je weniger Liebe zu den umgebenden Menschen ausgesendet ist. 

Was also hier dem Dichter ganz unbewußt darzustellen gelungen ist, 
ist ein neurotischer Charakter. Sein Held hat weder durch gelungene Ver- 
drängung, noch durch Sublimierung seine Triebanlagen erledigt, namentlich 
die Analität und die Aggression. Er ist daher ungeeignet zur sozialen Ein- 
ordnung. Im Prägenitalen fixiert, ermangelt er der Fähigkeit zu einer voll 
befriedigenden, Ungeduld und Reizbarkeit bannenden sexuellen Entlastung. 

Sollte einem Leser die Frage auftauchen, ob Alceste durch ärztliche Be- 
handlung, etwa durch Psychoanalyse seiner narzißtischen Neurose, zu helfen 
gewesen wäre, ist zunächst zu sagen : er wäre nie zum Arzt gegangen, 
hatte nicht das Gefühl einer Abnormität. Und nehmen wir an, Celimene 
hätte ihn dazu gedrängt, so hätte sein Narzißmus ihn wieder weggetrieben. 1 

Was mir noch erübrigt, ist eine versuchte Rekonstruktion der Libido- 
und Ichentwicklung Alcestes. Nehmen wir an, er sei ein der zärtlichen 
Mutter besonders ergebenes und ursprünglich verwöhntes Kind gewesen. 
Der Vater war aus gröberem Holz, grob, ein Handwerker etwa von nicht 
der strengsten Sittenstrenge. Der Sohn, an die Mutter fixiert, dem Vater 
eifersüchtig und immer kritischer gegenüberstehend, würde sich aus der 
zu überwindenden Feindseligkeit heraus, ein besonders strenges Über-Ich auf- 
richten. Inzestuöse Phantasien auf die Mutter (später Schwester) ließen das 
Sexuelle doppelt ablehnungswert erscheinen; es fiele auch mit unter das 
viele Ekelhafte, das ein anal Veranlagter verwirft. Narzißmus plus Analität 

1) Wollen wir nicht unterlassen, die Krankheitstypen aus der Psychopathologie 
zu streifen, an die Alceste den ärztlichen Leser gemahnt, so wären verschrobene 
Perverse, namentlich durch Regression gewordene „narzißtische Neurosen" zu nennen: 
Männer mit nur geringem Drang zur Frau, der Hauptsache nach sadistisch-anale 
Homosexuelle, die autoerotisch leben, die genitale Entwicklungsstufe kaum erreicht 
oder wieder aufgegeben haben. Ihre Fixierung an die prägenitalen Organisationen 
und deren Reaktionen geben dem Charakter die misanthropische Färbung. Aufgesetit 
wäre diesem Krankheitsbild hier das einer Eifersuchts-Paranoia, welche die Tages- 
phantasien und die Träume der Nacht mit Konflikten mit Männern ausfüllt, die das 
wahre Objekt der Libido sind, während die Frau nur mehr als Gegenstand funktio- 
niert, um den der unbewußt-homosexuelle Trieb sich die Partner sucht. 



Zur Psychoanalyse des Misanthropen von JMoliere 



97 



geben eine Disposition zur Homosexualität, die durch Identifizierung mit der 
Mutter verstärkt, aber nie manifest würde. Das Vorbild der Mutter müßte 
viel strenge Gesittung, etwa auch kritisch gegen den weniger gediegenen 
Vater ausgespielt, zur Nachlebung enthalten. Innerer Zwang zur Enthalt- 
samkeit, gesteigert durch ängstlich einschüchternde Erziehung der Mutter, 
welche die Forderung, ausschließlich ihn zu lieben, enttäuschen mußte, 
ließe nichts übrig, als Unfähigkeit und Kränkung. Die sadistische Anlage ist 
nicht zu vergessen. Das Resultat ein nazarenischer, gar nicht hellenischer 
Mann, ein Enttäuschter, ein Weltverbesserer, ein Ethiker, aber ein polternder, 
ohne Liebe, über dem ein düsterer Schatten ruht. 

Ein tüchtiger, angesehener Mann, aber zum Hagestolz bestimmt. Einen 
Versuch, natürlich einen mißglückten, dessen Schicksal zu vermeiden, stellt 
die Komödie dar. Er verliebt sich — vielleicht nur einmal im Leben — 
in eine schöne, junge Witwe, also eine Frau, die schon einem anderen angehört 
hat. Eine Frau, die immer umgeben ist von einer Schaar von Anbetern. Eifer- 
sucht, von unbewußter Gleichgeschlechtlichkeit erhitzt, feiert hier schmerz- 
liche masochistische Orgien. Die Eifersucht als Liebesbedingung gemahnt an 
die einstige inzestuöse Bindung, ebenso das Bedürfnis, der Retter der Geliebten 
zu sein. Vielleicht ist damit das Paradoxe dieser zwanghaften Liebe zu einer 
relativ Unwürdigen teilweise behoben. Der Instinkt mancher Kritiker hat 
mit Recht das Lieben des Misanthropen nicht überzeugend befunden. 

Lohnend wäre der hier geleistete Versuch erst, wenn er auch über den 
Dichter, der diesen komplizierten, interessanten Sonderling erfunden hat, 
etwas aussagen würde. Zweifellos steht der Dichter nicht etwa auf Seite 
der Weltanschauung des Misanthropen. Es ist geschickt inszeniert, daß sich 
der Untergang des Helden zwischen zwei Szenen erledigt: der ersten und 
der letzten, in denen der maßvolle, man könnte sagen weise Philinte das 
erste und das letzte Wort spricht. Die gesunde Vernunft dient der Gestalt 
des Misanthropen als Folie, setzt ihn ins Unrecht. Und doch kann kein 
Zweifel bestehen, daß auch der Misanthrop eine Projektion eines Teiles der 
Persönlichkeit des Dichters darstellt, wie der Tartüff, der Geizige, der ein- 
gebildete Kranke u. a. ; man darf sagen, um so weniger, als die Gestalt des 
Misanthropen nicht einem bereits vorliegenden literarischen Vorbild nach- 
erfunden wurde, sondern als Molieres originelle Erfindung gilt. 

Hier ist kein grimmiger, geiziger Vater — wie so oft bei Moliere — 
dargestellt, der die Liebe seiner Kinder stört, 1 kein Haustyrann, der sich 



i) Vgl. Ludwig Jek eis: „Zur Psychologie der Komödie". Imago XII, 1926, Heft 2/5. 
Imago XIV. 7 



o8 Eduard xlitsdimann 



gegen die Seinen mit einem Tartüff verbündet, kein böser Hypochonder, 
sondern einer, der seine eigene Liebe stört, einer, der nicht zu lieben 
versteht. Auch Moliere ist vor allem ein Wahrheitsager und Weltver- 
besserer, aber ein heiter spottender Satiriker, der in seinen Komödien die 
Bösewichter lächerlich und unschädlich macht. Ein Dichter der Liebe hin- 
gegen ist er nicht, die Liebesbeziehungen in seinen Komödien sind nur 
schematisch, er hat das Thema der Liebe nicht bereichert. Wie unnatür- 
lich ist es, daß Philinte auf die geliebte Eliante so leicht zugunsten Alcestes 
verzichten will! Ist das überhaupt Liebe!? Treffsicher aber ist die Schilde- 
rung der Eifersucht, wie selbsterlebt vom Dichter. Er war als Jüngling 
lange an seine Schwester fixiert, wird berichtet; hat erst mit vierzig Jahren 
das neunzehnjährige Fräulein Bejart geheiratet, „eine Schwester , nämlich 
die seiner Freunde Bejart. Sie war neunzehn Jahre alt und keine Schönheit; 
Moliere ließ sich von ihr betrügen. Sind auch die Stoffe seiner Stücke oft 
entlehnt und nachgedichtet, das Thema der Erziehung zur Ehe, der Abarten 
der Frauen, des Ehebruches sind bevorzugt. Die Eifersucht hat Moliere 
mit merkwürdiger Vorliebe behandelt. Eine Art Wahlverwandtschaft, sagt 
ein Biograph, schien ihn zu deren Studium hinzuziehen. Hier brauchte er 
wohl nicht erst seine Umgebung zu belauschen und zu durchforschen. 

Nur ein Genius kann eine Gestalt, wie den Misanthropen schaffen, so 
in die innersten Tiefen der Seelen, die geheimsten Regungen eindringen. 

Doch ist ein Teil der Technik seiner Karikatur — Übertreibung. Wie 
mit der Laterna magica hat der Dichter in sich Gefühltes hier vergrößert, 
vergröbert abgemalt. Hier liegt die Gefahr, daß eine misanthropische Kritik, 
die Analogie mit wissenschaftlicher Beobachtung und Erfahrung erwartet, 
„nicht zufrieden ist. 

Laune wird in dieser Vergrößerung des karikierenden Satirikers fast — 
zur Neurose, der Hagestolz fast — zum seelisch Gehemmten, ein Charakter 
wie Alceste fast — zur Psychose. Launen, Charaktere, Neurosen — alle 
wachsen aus demselben allgemein-menschlichen Material, in der Univer- 
salität des Genius sind sie alle enthalten, werden zu die Menschheit er- 
schütternden, erhebenden, amüsierenden dichterischen Gestalten hinaus- 
projiziert. Die Psychoanalyse, die Exzeß- und Defektbildungen der Charaktere 
abzuschleifen die Macht hat, könnte — rechtzeitig zu Hilfe gerufen — 
sozusagen alle dramatischen Konflikte verhindern, dem Spott und Unver- 
standenbleiben ausgesetzte Personen davor behüten, ihr tragisches Ende auf- 
halten. Gestatten wir uns die Überhebung einer Zukunftsphantasie: die 
Psychoanalyse wird einstens die seelischen Konflikte der Tragödie ver- 



Zur Psychoanalyse des Misanthropen von Moliere 



99 



hindern, die Figuren der satirischen Komödie verschwinden lassen. Ist erst 1 
„die vollkommene Umwertung des Psychischen geglückt, das unzweck- 
mäßig verdrängte Unbewußte bewußt geworden, dann wird der unkünst- 
lerische Übermensch, leicht und stark wie ein ,Gott\ mitten im Spiel des 
Lebens stehen und seine ,Triebe' mit sicherer Hand lenken und beherrschen". 



1) Otto Rank: „Der Künstler" (Imago-Bücher I). 



über die Symbolik der Jvopltropnäen 

Vortrag in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am }o. November 1927 

Von 
JVtarie Bonaparte 

Paris 



Die Redensart vom „gekörnten xChemann 

Als Ausgangspunkt wollen wir ein kleines Problem wählen, das schon 
seit geraumer Zeit Forschern viel Kopfzerbrechen verursacht. Schon im 
Altertum und noch heute, bei den meisten zivilisierten Völkern, stattet die 
Volksironie den betrogenen Ehemann mit Hörnern aus. Nun sind aber 
die Hörner ein Merkmal der Kraft, bei vielen Tiergattungen sogar das der 
Männlichkeit und bei vielen Religionen auch das Kennzeichen der mäch- 
tigsten Götter. Auf welchem Umwege mag dieses Attribut der Männlich- 
keit dazu gekommen sein, in den Augen des Volkes gerade die Schwäche, 
die Blindheit, das Unvermögen des betrogenen Ehemannes zu symbolisieren ? 

Denn der Ehemann z. B., der Rache nimmt und tötet, gilt weder 
dem Franzosen als „cocu", noch dem Deutschen als „Hahnrei" und auch der 
Volksmund wird ihm keine Hörner aufsetzen. Nur den hintergangenen 
Ehemann trifft das Volk mit dieser Bezeichnung. 

Wir stellen das Problem am besten dar, wenn wir zunächst Hermann 
Schrader („Der Bilderschmuck der deutschen Sprache", Artikel „Das Hörn , 
7. Ausgabe, S. 107 fr. Berlin 1912) zitieren. Nachdem er verschiedene Horn- 
symbole geschildert hat, die das Hörn mehr oder weniger als Kennzeichen 
der Kraft und Macht erscheinen lassen, sagt Schrader: 



über die Symbolik Jer Kopitrophäen 



Die schwierigste Deutung haben wir bis zuletzt aufgespart. Man sagt von 
einer Frau, welche ihrem Manne die eheliche Treue gebrochen hat, sie habe 
ihm Hörner aufgesetzt, ihn gehörnt, auch wohl, ihn mit einem Hirsch- 
geweih gekrönt. Daher die Worte Hörnerträger, Hörnerdreher. Man hat den 
seltsamen Ausdruck oft recht ungeschickt zu erklären versucht. 

a) Körte. Der griechische Kaiser Andronicus (1 183) lebte mit den schönsten 
Frauen seiner Residenz im vertrautesten Umgange und verlieh deren Männern, 
um sie leichter zu beseitigen, die Jagdgerechtsamkeit. Das Zeichen derselben 
war ein Hirschgeweih am Hause. Die Männer freuten sich der Auszeichnung 
und die Weiber verschafften sie ihnen um so lieber. 

b) Wenn man junge Hähne zu Kapaunen macht, so wird ihnen der Hahnen- 
sporn abgeschnitten und auf die Stirn versetzt. Dieser heißt dann das Hörn 
der Kapaunen. Dieses Bild würde aber auf eine impotentia des Mannes 
hindeuten — was doch hier ganz fern liegt. 1 

c) Das Wunderlichste hat wohl Wurzbach zusammengetragen. Er sagt: 
,Horn ist harte Haut. Hörn im Angelsächsischen ist hyrn, d. h. Hirn. Das 
Aufwachsen solcher ist Wirkung eines kranken Gehirns. Gehörnte und Schwach- 
köpfe sind identisch. Das griechische xsoag (Hörn) ist mit cervus (Hirsch) ver- 
wandt. Körnung bedeutete ein uneheliches und außereheliches Kind, das logisch 
auf einen hörnertragenden Vater zurückführt. Das sieht gelehrt aus, aber — 
es sieht bloß so aus. Er möchte sich übrigens für die Deutung a) entscheiden. 

d) Der sonst oft so scharfsinnige Dr. Brinkmann sagt: Der Grund dieser 
Metapher muß in folgendem Charakterzuge des Bockes zu suchen sein. ,Der 
Bock ist — sagt Buffon — ,ein ziemlich schönes Tier, sehr kräftig und sehr 
heißblütig; ein einziger Bock kann während zwei oder drei Monaten mehr als 
hundertfünfzig Ziegen genügen; doch dauert diese Glut, die ihn verzehrt, nur 
drei oder vier Jahre und diese Tiere sind mit fünf oder sechs Jahren voll- 
kommen erschöpft und ganz alt.' — Den Vergleichungspunkt findet er in der 
Eifersucht. — ,Die Eifersucht aber muß um so mehr aufgeregt werden, je heißer 
die Liebe war. 

e) Weber im ,Demokrit' sagt: Im romantischen Mittelalter setzten die Damen 
ihren Rittern, wenn diese ins Feld zogen, die Helme auf, welche häufig Hörner 
verschiedener Tiere zur Zierde hatten. Wenn nun der Geliebte fortgezogen war, 
so hatte die alleingelassene Dame gar oft Langeweile zu Hause und suchte sich 
diese durch anderweitige angenehme Gesellschaft zu vertreiben, und so wurde 
denn die Redensart: Hörner aufsetzen, allmählich gleichbedeutend mit untreu 
werden. — Allzu gesucht! Wohl nur sehr wenige Helme hatten Hörner und wohl 
nur sehr wenige Frauen setzten dem scheidenden Manne den Helm auf, was 



1) V. Tolnai, in der Zeitschrift „Magyar Nyelv" XVIII, 1922, S. 128, schreibt: 
„Hörner trugen nämlich unter dem Federvieh die Kapaune. Beim Kastrieren schnitt 
man dem jungen Hahn auch Sporen und Kamm ab. In die frische Wunde am Kopf 
wurden dann die Sporen gelegt, so daß die Wunde vernarbte und die Sporen fest- 
hielt." „In Ungarn ist dieser Brauch im sechzehnten Jahrhundert belegt. Falls die als 
Hörner aufgesetzten Sporen abfallen, macht man andere Hörner aus Wachs. Auf alle 
Fälle sind die Hörner vergoldet vmd das Tier wird mit diesen Hörnern serviert." 



Atarie Bonaparte 



sicherlich der Ritter meist selber tat. Und wenn auch, so bleibt eine tiefe Kluft 
zwischen Tun und Bedeutung. 

f) Dr. M. Heyne sagt: Diese Redensart scheint die unverstandene Erinnerung 
an eine im Mittelalter verbreitete, auch poetisch dargestellte Erzählung zu ent- 
halten, nach welcher der Zauberer Virgilius zu Rom ein Erzbild gefertigt hatte, 
das jeder wegen Untreue angeklagten Frau, die ihm die Finger zum Schwüre in 
den Mund legte, dieselben abbiß ; die Untreue der Frau selbst aber ward angezeigt, 
indem ihrem Manne ein Hörn aus der Stirne wuchs. — Wir meinen jedoch, daß 
diese Geschichte des Mittelalters erst auf die schon vorhandene, weit ältere Redens- 
art aufgebaut ist. 

g) Den Weg zur richtigen Deutung kann uns die Tatsache zeigen, daß schon 
bei den alten Griechen unser Bild und unsere Redensart sich findet. Kegoxicu; und 
KEQaTotc; ist ein Gehörnter, und xsQactpöpoi; (sc. &vr\()) ein Hörnerträger in unserem 
Sinne, ebenso xeoata jioieTv wi, einem Hörner machen. Cornua viris uxores 
facere dicuntur hodie, quae adulterantur, quam proverbialem formulam apud 
veteres perinde usitatum fuisse, Artemidorus testimonio est oneiros. (Man sagt 
heutzutage, daß die Frauen, welche die Ehe brechen, ihrem Mann Hörner auf- 
setzen und es geht aus dem Traumbuche des Artemidorus klar hervor, daß diese 
sprichwörtliche Redensart schon bei den Alten gebräuchlich war.) (Gesner, I, 12). 

Außerdem findet sich das Bild in allen modernen Sprachen, italienisch : avere 
le corni, spanisch : cornudo, französisch : avoir les cornes, englisch : to harn, cor- 
nuto, wear horns. Eine solche Übereinstimmung der Anschauung kann nicht 
wohl aus einer einzelnen lokalen Geschichte hervorgehen; das Bild gehört ja auch 
schon der alten Welt an. Es muß der Natur selbst, und zwar dem gehörnten Tier- 
geschlechte seinen Ursprung verdanken, und unter diesem speziell dem bekann- 
testen, dem Menschen vertrautesten, dienstbarsten, nützlichsten, dem Geschlechte 
der Rinder. Das ist das Zunächstliegende. Und welches ist dann der charakteri- 
stische Zug, den wir an Kalb, Kuh, Ochs in ungezählten Redensarten erkannt 
haben. Es ist mit einem Worte die Dummheit und Roheit in allen ihren Ver- 
zweigungen. Gehen wir der Sache auf den Grund. Wie kommt ein Weib zur ehe- 
lichen Untreue? Wir geben in voller Zuversicht die Antwort: unter hundert Fällen 
trägt neunundneunzig Mal der Mann die Mitschuld. Mag er nun in roher Weise 
(wie der Pöbel) sein Weib mißhandeln, mag er sie in feinerer, aberinnerlich ebenso 
verletzender Weise durch Worte kränken, mag er kalt und gleichgültig ihre 
Dienste annehmen und ihrem liebebedürftigen Herzen keine Erwiderung und 
Stillung geben, mag er geistig tief unter ihr stehen, so daß sie ihn übersieht 
und keine Hochachtung vor ihm haben kann ; oder geht er gar offenkundig in 
Untreue voran, kurz: zeigt er sich roh und rücksichtslos (dem Rindvieh ähnlich) 
und gibt durch das alles dem Weibe Reizung zur Untreue und Entschuldigung 
für Untreue; oder — im umgekehrten Falle — wenn die Schuld allein oder 
zumeist am Weibe liegt, welches ihn hintergeht und anführt, wenn er in seiner 
Dummheit nichts merkt und sich anführen läßt: liegt es da nicht sehr nah, 
daß das Volk, welches sich gern kräftig und derbe ausdrückt, ihn ein Rind- 
vieh, ein Hornvieh nennt, oder sagt: dem ziemen Hörner, der hat, trägt Hörner 
auf dem Kopf, dem wachsen die Hörner aus dem Kopf? Kurz : die Hörner (des 



über die Symbolik der Kopftrophäen 



lo3 



Ochsen und erst in naheliegender Weiterbildung : das Geweih des Hirsches, lat. 
cornua) sind ein freilich derbes, aber treffliches Sinnbild von der Roheit und 
Dummheit solchen Mannes." 

Schrader verteidigt sodann seinen Standpunkt, indem er daran erinnert, 
daß bei den alten Griechen xsoaöcpöooQ sowohl den Hintergangenen im all- 
gemeinen, als auch den betrogenen Ehemann bedeutete. Zum Schlüsse fügt 
er noch hinzu : 

„Eine Hindeutung auf unsere Auffassung finden wir auch in Petron (39), 
wenn er von Verzagten scherzweise sagt, Ulis prae mole sua cornua nasci (daß 
ihnen vor Angst Hörner wachsen). — Bei Artemidoros (aus Ephesos, zur 
Zeit der Antonine) findet sich der Satz: „Deine Frau wird (ihrer Neigung) eine 
Richtung zu geben wissen und dir, wie man zu sagen pflegt, Hörner aufsetzen. 

Auf diese Weise zeigt uns Schrader die verschiedenen, ihm bekannten 
Lösungen des Problems, das uns beschäftigt, und fügt dann noch eine eigene 
hinzu. Wir werden später sehen, was wir davon zu halten haben. Wir wollen 
nur noch einen Autor zitieren, A. J. Storfer, und zwar eine Stelle seines 
Buches über „Marias jungfräuliche Mutterschaft". Berlin 1914. (Anmerkung 
von S. 107): 

„Das Gehörntsein als Symbol des betrogenen Ehemannes steht mit dem Hörn 
als sexuelles Machtsymbol scheinbar in Widerspruch. Die Erklärung von Bolte 
(Bilderbogen aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Z. d. Ver. f. 
Volksk. 19, 65), ,Du bist unter dem Zeichen des Steinbocks geboren und zum 
ehelichen Unglück bestimmt', halte ich für nicht befriedigend. Sittl (Die Ge- 
bärden der Griechen und Römer. Leipzig 1890) knüpft an Artemidoros 2, 12, 
jTräumest du von einem Widder, so treibt deine Frau Unzucht an und deutet 
die alte Form des Symbols, die römische Sitte, jemand durch die Gebärde des aus- 
gestreckten kleinen und des Zeigefingers zu beschimpfen, indem er ihr den Inhalt 
unterlegt: ,Deine Frau hat zwei Männer. Die symbolische Gleichung ,Finger = 
Penis spricht zwar für diese Erklärung, gegen sie aber ist einzuwenden: Die 
Zweizahl ist nicht das Wesentliche für diesen Symbolismus, und nur bei dem 
Einhorn könnte die Zahl, als von der gegebenen zoologischen Anschauung 
abweichend, als entscheidender Faktor gelten; zudem ist ja auch die Zwei- 
männerzahl für die ,Unzucht der Frau völkerpsychisch nicht typisch; es hieße 
mythisches Material durch moderne Brillen betrachten, wollte man im völker- 
psychischen Ehebruch just , dreieckige Verhältnisse sehen. Daß die Zweizahl 
im römischen Hörnergestus nicht ohne Bedeutung ist, beweist, daß auch ein 
vorgestreckter Finger als Schimpf galt (vgl. oben S. 35). Während aber Einen- 
fingerstrecken bloß das symbolische Phallusstrecken schlechthin war, so war 
das Zweifingerstrecken eine Anspielung auf das Gehörntsein, beziehungsweise 
auf gewisse phallische (gehörnte) Tiere. Der Ziegenbock ist ein phallisches 
Tier, aber eines, das (wie Affe und Esel) die verpönte hetärische (mutter- 
rechtliche) Sexualität im Gegensatz zu dem phallisch-vaterrechtlichen (Adler, 



lo*f JVlarie Bonaparte 



Stier usw.) symbolisiert. Die männlichen Symboltiere der hetärischen Sexualität 
kennzeichnen sich dadurch, daß sie als verpönt (Teufel, Schlange im Sündenfall) 
oder lächerlich (ob ihrer Geilheit: Bock, Esel) gelten. Gehörntsein ist also 
ursprünglich nicht das Symbol des Betrogenseins, sondern des hetärisch freien 
ehelosen Geschlechtsverkehrs. Aus der Tatsache, daß in der vaterrechtlichen 
Gesellschaftsordnung sich in bezug auf den Ehebruch des Mannes und den des 
Weibes eine ,doppelte Moral' entwickelt hat, daß der Ehebruch des Mannes 
als der weitaus harmlosere gilt, folgt nun, daß die Anspielung (durch das Zeichen 
des Ziegenbockes) auf die Geilheit, auf den außerehelichen Geschlechtsverkehr, 
besonders in der Beziehung auf den Ehebruch des Weibes bedeutsam, höhnisch, 
beleidigend wird. (Der Hörner Jahrmarkt am Sankt-Lukas-Tag zu Carlton in der 
Grafschaft Kent — vgl. Bourke-Krauß-Ihm, a. a. O. 374 — scheintauch 
ein Fest hetärischer Freiheit, wie Eselsfest, Narrenfest, Karneval usw. zu sein.) — 
Ein Pendant des Symbols des Gehörntseins ist das Eselsohr. Der bekannte Esels- 
ohrgestus (auch hier spielt die Zweizahl keine Bolle) ist dem Symbol des Ge- 
hörntseins nahe verwandt. Vgl. den Abschnitt ,Esel'." 

Wir haben also nach den Deutungsversuchen eines Autors der voranalyti- 
schen Zeit (Schrader) jene eines Autors angeführt, der mit der Psycho- 
analyse vertraut ist (A. J. Storfer). Aber diese Erklärungsversuche können 
uns nicht befriedigen, denn wir haben nicht das Gefühl, daß sie zum Kern 
dieses Problems vordringen. Die Aufgabe der Problemstellung bleibt aufrecht, 
und es ist nun an uns die Reihe, sie richtig anzugeben; wozu wir aller- 
dings vorerst einen Umweg machen müssen. 






II 
-Die heroischen Hörner 

Im „Archiv für Religionswissenschaft" (Bd. XV, 1912, S. 451 ff.) be- 
handelt I. Scheftelowitz „Das Hörnermotiv in den Religionen". Nach- 
dem er die verschiedenen Tierformen aufgezählt hat, welche die Götter 
der Ägypter, Babylonier, Hebräer, Araber, Inder, Perser, Griechen, Römer, 
Gallier, Germanen und Japaner angenommen hatten, behandelt er (vgl. 
S. 456 ff.) „die Hörner am Haupte der Götter, die als Überreste ihrer ur- 
sprünglichen Tiergestalt die Symbole der übermenschlichen Kraft 
geworden sind". 

Von primitiven Tiergestalten, — schreibt Scheftelowitz, — die ursprünglich 
ganz deutlich die physische Kraft der Götter verkörperten, blieben nach und 
nach nur die Hörner, als Symbole der Kraft und Macht, übrig. 



über die Symbolik der Kopftropliäen 



lo5 



„Hörner sind zunächst bei solchen Göttern, die auch als Stiere aufgefaßt 
worden sind, ganz selbstverständlich. So werden die zwei Hörner des Agni, 
. der als Stier bezeichnet ist, häufig erwähnt. Atharvaveda VIII, 3, 25, heißt 
es: ye te sringe ajare jätavedas tigmaheü hrahmasamsite, tabhyäm durharam. 
ahhidasantam kimidinam pratyäncam arcisa jatavedö vi niksva. ,Mit deinen 
beiden Hörnern, o Jätavedas (= Agni), die unvergänglich und eine spitze Waffe 
sind und von Brahma geschärft sind, durchbohre den lästigen Feind, den her- 
anstürmenden Unhold mit deiner Flamme.' Noch im Buddhismus hat der 
Totengott Yama Stierhörner auf dem Haupte. Der Bodhisatva Manjusri, der 
den Totengott Yama bändigt, als er Tibet entvölkerte, hat auf seinem Haupte 
zwei gewaltige Stierhörner. Der Göttervogel Garuda hat einen blauschwarzen 
Kopf mit zwei Hörnern. Sämtliche babylonischen menschengestalteten Götter tra- 
gen eine mit Hörnern versehene Kopfbedeckung als göttliches Abzeichen. So 
hat Asur auf seinem Haupte zwei Stierhörner, dagegen Ramman vier Stier- 
hörner, von denen zwei nach vorn, zwei nach hinten gebogen sind. Ebenso 
ist der phönizische Ba'al Hamman mit Widderhörnern am Kopfe dargestellt. 
Im prähistorischen Ägypten kommen zwei abwärtsgebogene Hörner als Götter- 
symbole vor. Auch in der griechischen und römischen Mythologie sind viel- 
fach die Hörner als die letzten Überreste aus der Zeit, in welcher die Gott- 
heit in Gestalt eines gehörnten Tieres verehrt wurde, übrig geblieben. So sind 
Acheloos und die übrigen griechischen und römischen Flußgötter, die man 
sich ursprünglich in Stiergestalt dachte, auf späteren Münzen als Menschen mit 
Stierhörnern abgebildet. Pan, der ursprünglich als Bock verehrt war, wurde 
im Laufe der Zeit immer mehr vermenschlicht und behielt von seiner ehe- 
maligen Tiergestalt schließlich nur noch die Hörner zurück. Dieselbe Entwick- 
lung machten auch die ursprünglich bockgestaltigen Satyrn durch, an deren 
tierische Gestalt in jüngerer Zeit nur noch die Hörner erinnern. Ebenso wurden 
die jonischen Silene, die ursprünglich Pferdegestalt hatten, in der praxitelischen 
Zeit nur noch durch ihre gespitzten Ohren gekennzeichnet. Der von dem 
griechischen stiergestaltigen Dionysus beeinflußte römische Gott Bacchus hat 
nur noch Hörner. Bilder von gehörnten Kentauren sind in Cypern gefunden. 
Viele altgallische Götter haben Hirschhörner. Derartigen menschengestalteten 
Göttern mit Hörnern am Haupte begegnet man auch bei den Indianern. So 
ist auf der Trommel des Medizinmannes aus Missouri, womit er Krankheits- 
dämonen verscheucht, ein Götterkopf dargestellt, der mit zwei Hörnern und 
kurzen Strahlen versehen ist. Der Kriegsgott und die Kriegsgöttin der Dakotas 
haben zwei mächtige Hörner auf dem Haupte. Ebenso haben verschiedene 
andere Götter der Dakotas zwei Hörner, wie der Sonnengott. Den göttlichen 
Herrscher der abgeschiedenen menschlichen Seelen, Unkatahe, stellen sie sich 
als ein Wassertier mit zwei Hörnern dar. Eine andere amerikanische Gottheit 
hat die Gestalt eines Panthers, der auf seinem Kopfe die zwei Hörner trägt. Der 
schützende Hausgeist der nordamerikanischen Indianer hat ebenfalls zwei Hörner 
auf seinem Haupte. In der Magik der Indianer spielen gehörnte überirdische 
Wesen eine große Rolle. Der amerikanische Gott Nanabush, der Schöpfer der 
Geister, ist ebenfalls gehörnt. Eine Götterfigur der Hopi-Indianer hat auf dem 



106 jVtarie Bonaparte 

Haupte zwei kleine Hörner, während sie in der Hand ein Hirschgeweih trägt. 
Viele bei den Festen der HopiTndianer verwendete Masken, durch welche 
gewisse Götter personifiziert sind, tragen auf dem Haupte meistens zwei Hörner, 
die teils senkrecht auf dem Haupte stehen, teils Büffelhörner, Ruhhörner, 
Schafhörner oder Hirschgeweih sind. Einzelne tragen auf dem Haupte nur 
ein Hörn, andere tragen in der Hand Geweih von Elch und Hirsch." 

Scheftelowitz spricht sodann von Dämonen, von bösen Geistern, 
die in fast allen Religionen mit Hörnern ausgestattet sind, was uns nicht 
überraschen kann, da doch die Dämonen sozusagen die „Kehrseite der 
Götter' , gefallene Götter, darstellen. Weiter unten schreibt er (S. 464 ff.) : 

„Die ältesten Sprachdenkmäler beweisen, daß Hörner das Symbol der Kraft 
und Macht sind. Als der König Ahab vor Beginn des Kampfes mit den Syrern 
die Baalpriester um den Ausgang der Schlacht befragte, machte sich einer von 
ihnen zwei eiserne Hörner und sprach: ,Mit diesen (Hörnern) wirst du die Syrer 
niederstoßen, bis du sie völlig vernichtet hast. Der kräftige Stamm Josef wird 
(5. M. 35, 17) mit einem , erstgeborenen Stiere von majestätischem Aussehen' 
verglichen: ,Seine Hörner sind wie die Hörner des Tieres Reem, mit denen 
er die Völker insgesamt niederstößt. Die pflichtvergessenen Fürsten werden 
(Ezechiel 34, 21) mit mächtigen Hörnern tragenden Böcken verglichen, die 
mit ihren Hörnern die Schwachen zurückdrängen und nach außen versprengen. 
Auf einem altägyptischen Denkmale wird ein mächtiger König, der seine 
Feinde bezwingt, als ein gewaltiger Stier dargestellt, der mit seinen Hörnern 
nicht nur die Feinde, sondern auch die Wälle einer feindlichen Stadt nieder- 
stößt. Daher waren die assyrischen Standarten mit zwei Stierhörnern versehen, 
die den Feind niederschlagen sollten." 

„Wegen ihrer Stärke werden darum die Helden mit Stieren und Löwen 
verglichen, so z. B. bei Homer. Als ein äußeres Zeichen ihrer Stärke trugen 
deshalb auch die Krieger Hörner auf den Helmen. So waren die Helme der 
altgriechischen Krieger, der Etrusker, Gallier und Angelsachsen häufig mit 
Hörnern verziert. Die im altägyptischen Grabe des Seti I abgebildeten libyschen 
Krieger haben eine Kopfbedeckung mit zwei Hörnern. Die Krieger der afri- 
kanischen Neger tragen ebenfalls Hörner am Kopfe. Die Negerkrieger an den 
Nilquellen tragen sogar ein ganzes Tierfell (gewöhnlich Antilopenfell), dessen 
Kopfstück nebst Hörnern über das Haupt des Kriegers gestülpt ist. Römische 
Soldaten erhielten als äußere Auszeichnung ein corniculum, , einen hornförmigen 
Ansatz am Helme . Ein mit solchen Ehrenhörnchen ausgezeichneter Soldat hieß 
Cornicularius. Das Haupt eines siegreichen Helden scheint noch zu Shakespeares 
Zeiten mit Hörnern geschmückt worden zu sein, vgl. Shakespeare, As you 
like it, Act IV, sc. 2 : Let's present him (ihe killed deer) to ihe duke, like 
a Roman conqueror ; and it ivould do well to set ihe deer's horns upon his 
head for a branch of victory. Auch die Kopfbedeckungen der Indianer haben 
zuweilen zwei Hörner." 

„Daß das Hörn schon in sehr alter Zeit als äußeres Merkmal für die 
Stärke, womit das mächtige Tier alles Feindliche niederwirft, aufgefaßt wurde 



über die Symbolik der KopftropLäen 



107 



und somit die wuchtige Kraft das dominierende Element in der Vorstellung 
von dem Ausdruck Hörn bildete, beweist der Begriffswandel dieses Wortes. 
,Horn' hat in mehreren Sprachen auch die Bedeutung ,Stärke, Macht' erhalten, so 
im Hebräischen fqerenj, Altindischen ßrhgaj und Lateinischen (cornu). Der 
schwergeprüfte Hiob ruft aus: Meine Macht (qeren) liegt im Staube (Hiob 16, 15); 
vgl. Arnos 6, 15: Wir haben uns Macht (qeren) verschafft; Jerem. 48, 25: 
Zerbrochen ist Moabs Macht; Ps. 148, 14: Er erhöht die Macht seinem Volke. 
Das Hörn in seiner eigentlichen Bedeutung und als Merkmal der Machtfülle 
kommt in Ps. 92, 11, klar zum Ausdruck: Du erhöhst mein Hörn wie das 
Hörn des Tieres Reem. In diesem Sinne sagt auch der Midras Ekä Rabbä II, 5 : 
Zehn Hörner gibt es in Israel: 1. das Hörn Abrahams; 2. das Hörn Isaaks ; 
5. das Hörn Josefs; 4. das Hörn Moses'; 5. das Hörn des Gesetzes; 6. das 
Hörn des Priestertums ; 7. das Hörn des Levitentums; 8. das Hörn der Prophetie; 
g. das Hörn des Tempels; 10. das Hörn Israels. Andere Gelehrte setzen für 
letzteres das Hörn des gesalbten Königs ein. Alle diese Hörner wurden dem 
Volke Israel aufs Haupt gesetzt, aber als_sie gesündigt hatten, wurden sie 
ihnen wieder abgenommen, wie es heißt (Ekä 2, 5): Gott hieb ab in heißem 
Zorne Israels ganzes Hörn; und sie wurden alsdann den heidnischen Völkern 
gegeben. Im Altindischen vgl. Rgv. VIII, 86, 5: Die Macht des Rechts (srhgam 
rtasya) hat Gott Savitar weit verbreitet. Viele Belege über lat. cornu im Sinne von 
, Kraft, Macht' sind im Thes. Ling. Lat. IV, Sp. 973, enthalten." 

An einer anderen Stelle befaßt sich Scheftelowitz mit den Hörnern auf 
dem Haupte der Könige und Priester als Symbol göttlicher Macht (S. 471 ff.): 

„Bei den Orientalen und vielen primitiven Völkern herrschte die An- 
schauung vor, daß der König die Inkarnation eines Gottes sei. So haben 
assyrische Fürsten zwei Hörner auf ihrer Kopfbedeckung, wie sie sonst bei 
den Göttern üblich sind. Gemäß einer römischen Sage wird die Königswürde 
durch Hörner auf dem Haupte angedeutet. So soll der Praetor Genuvius 
Cipus, als er bei seiner Rückkehr von einem siegreichen Feldzuge in einen 
Fluß blickte, Hörner auf seinem Haupte bemerkt haben. Die Haruspices, die 
er darum befragte, sagten ihm, daß Hörner die ihm in Rom bevorstehende 
Königswürde bedeuteten. Da er aber als Republikaner niemals König sein 
wollte, ging er freiwillig in die Verbannung, weshalb die Römer aus Dankbarkeit 
sein gehörntes Bild in das Tor einmeißeln ließen. Alexander der Große, der 
den Beinamen hatte, ,der mit Hörnern versehene', sagt in der Alexander- 
legende zu Gott: ,Ich weiß, daß du meine Hörner auf meinem Haupte hast 
wachsen lassen, daß ich die Reiche der Welt zerstoße.' Bei den nordamerikanischen 
Indianern sind die Häuptlinge an ihrem Kopfe häufig mit Hörnern geschmückt. 
Der Häuptling der Iroqois-Indianer trug als Zeichen seiner Würde Hörner, 
die nach seinem Tode von dem Oberhäuptling auf dem Grabhügel an der 
Stelle, wo sein Kopf unten ruhte, niedergelegt wurden. Erst bei der Einsetzung 
seines Nachfolgers wurden diese Hörner vom Grabe genommen und dem neuen 
Häuptling aufs Haupt gesetzt. Auch in Durban tragen die Kaffir-Häuptlinge 
Hörner auf ihrem Haupte." 



Alane Bonaparte 



„Die Priester, welche die Stelle der Götter vertraten, nahmen bei zere- 
moniellen Ausübungen die äußere Gestalt der Götter an, die sie repräsentierten. 
Daher trugen die sumerischen und babylonischen Priester zwei Hörner auf 
ihrer Kopfbedeckung. Die Salier, die römischen Priester des Mars, hatten einen 
Hornansatz auf ihrer Mütze. Gehörnte Mützen tragen auch die Priester (Schamanen) 
vieler primitiver Völker, so die der Kamaschinzen (Sibirien), der Musquakie- 
Indianer (Nordamerika). Die Priester der Amurvölker haben ein eisernes 
Hirschgeweih als Kopfschmuck. Eine mit vielen Hörnern versehene Kopf- 
bedeckung, welche die Sonne darstellen soll, wird von den chinesischen Priestern 
getragen. Die Priester und Zauberer vieler afrikanischer Negerstämme sind 
mit Antilopenhörnern ausgestattet, da sie glauben, daß man durch sie im 
Kampfe gegen die Geschosse der Feinde gefeit und auf der Jagd vor den 
Krallen der wilden Tiere und im gewöhnlichen Leben vor Krankheitsdämonen 
geschützt sei. ' 

Scheftelowitz spricht sodann von Hörnern als Schmuck der heiligen 
Altare in verschiedenen Religionen. Der alte Altar der Hebräer war z. B. 
mit vier Hörnern ausgestattet, die mit dem Blut der Opfertiere eingerieben 
werden mußten. Dann geht er auf das Hörn über, das als Amulett 
gegen Dämonen und den bösen Blick verwendet wurde. (Wir werden 
uns übrigens bald mit diesen magischen Hörnern befassen.) Er schließt, 
indem er noch das Windhorn, dem auch eine magische Macht gegen 
Dämonen zugeschrieben wird, und das Füllhorn erwähnt. 

Das Ergebnis des Überblicks über die Arbeit von Scheftelowitz ist 
dasselbe, das wir auch aus jeder anderen Arbeit gewinnen würden, die das 
Material über das Hörnermotiv darbietet. Seit den ältesten Zeiten hat der 
Mensch das Hörn als ein souveränes Symbol der Macht betrachtet. 
Einen realen Anhaltspunkt für diese Vorstellung bietet die wirkliche Beob- 
achtung der gehörnten Tiere, bei denen das Männchen die schönsten 
Hörner trägt, die ihm als Angriffs- und Schutzwaffe dienen. Unter den 
Totemtieren der primitiven Stämme finden wir häufig gehörnte Tiere. Doch 
im selben Maße, in dem sich der Mensch zivilisierte, wurden die Götter- 
gestalten immer weniger tierähnlich. Selbst an Stelle der Götter mit 
Menschengestalt und Tierköpfen, treten Götter mit Menschengesichtern, 
bei denen manchmal nur mehr die Hörner erhalten geblieben sind. Das 
kommt daher, weil die Menschheit in ihrer Gesamtheit dieselbe Entwicklung 
durchmacht, die jeder Einzelne individuell durchmacht. Für die primitive 
Undifferenziertheit, die gleich dem Kinde, alles was sich bewegt und lebt, 
sei es nun Mensch oder Tier, vermengt, kann das Eine ebenso ein Anderes 
vorstellen, dank der vermittelnden Vorstellung einer Eigenschaft, ■ — z. B. 
der Kraft, — die beiden eigentümlich ist. 



über die Symbolik der Kopftropkä 



Dphaen 



In den Tierphobien der Kinder sind die Tiere meistens ein Vater- 
ersatz und in den Totemkulten ist der Totem der Vater des Stammes. 
(Vgl. Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, Ges. Schriften, 
Bd. VIII, und Totem und Tabu, Ges. Schriften, Bd. X.) Doch vollzieht sich 
die Wiederkehr des Verdrängten, der primitiven Vorstellung, in der 
Geschichte der Menschheit gerade so wie in einer Neurose, und der Mensch 
kommt nach und nach in den Götterbildern, an Stelle der Tiere zum Vor- 
schein, wobei er oft vom ursprünglichen Totem nichts zurückbehalten hat 
als einige Merkmale, von denen das Hörn das bedeutsamste ist. 



III 



D 



Hc 



ie magischen xlorner 

Hier müssen wir noch einmal auf die Abhandlung von Scheftelowitz 
zurückgreifen. Im VII. Kapitel (S. 474 ff.) über „Hornamulette zur Abwehr 
von dämonischen Einflüssen und zur Überwindung feindlicher Angriffe", 
schreibt er: 

„Figuren gewisser, mit natürlichen Waffen ausgestatteter Tiere, wie auch 
einzelne charakteristische Teile davon, dienen häufig als Abwehrmittel gegen 
dämonische Einflüsse, so die Hörner des Stieres, Hirsches, Widders, der Ziege, 
der Antilope, des Renntieres, ferner die Krallen und Zähne oder der zahn- 
besetzte drohende Rachen des Löwen, Tigers, Bären, Krokodils, Haifisches, 
Hundes, ebenso die Stoßzähne des Elefanten und Ebers. Selbst der Giftzahn 
und stiere Blick der Schlange, der scharfe und spitze Schnabel von Vögeln, 
wie Adler, Hahn, Schwan, und der Giftstachel des Skorpions, bieten Schutz 
vor dämonischen Angriffen." 

„Figuren von Stieren und gehörnten Löwen dienen den Hindus als Schutz- 
mittel vor dämonischen Einflüssen. Die beim Shivakult verwendeten Gebet- 
schellen sind meist mit einem Stierbild versehen." 

„Aus der ältesten ägyptischen Zeit sind uns zahlreiche Stierkopfamulette 
erhalten, deren Hörner häufig abwärts gekrümmt sind. Denselben Zweck hatten 
die in den mykenischen Schachtgräbern gefundenen Goldplättchen, welche Stier- 
köpfe darstellten, die zwischen den Hörnern noch Doppelbeile hatten. Durch 
das angefügte göttliche Symbol der Doppelaxt soll die magische Wirkung des 
Hornes verstärkt werden. Auf dem Henkel einer Silbervase mykenischer Zeit 
aus Cypern sind Rinderköpfe abgebildet, die solche abwärts gekrümmte Hörner- 
paare haben, wie sie auch bei den ägyptischen Amuletten vorkommen. Ebenso 
sind bei einem Kuhkopfamulett aus Santa Lucia die Hörner nach abwärts 
gebogen. In einem römischen Grabe, nahe bei der Feste Asperg, fand man 



llo Marie Bonaparte 

neben etruskischen Schalen ein goldenes Amulett in Form eines Hornes mit 
einem Stierkopf, der an der Schnauze ein kleines Loch zum Anhängen hat. 
Zum Schutze gegen dämonische Gewalten sind antike Lampen mit Stierfiguren 
versehen. Mehrere antike Amulette haben die Form zweier symmetrisch mit- 
einander verbundener gehörnter Tierköpfe. Aber auch einen menschlichen, bärtigen 
Kopf mit Stier- oder Widderhörnern, sehen wir auf dem Harnisch an der 
Stelle des Gorgonenhauptes und am Helm. Gehörnte Mannsköpfe brachten 
bereits die Etrusker an Schilden an. In Griechenland werden Münzen mit dem 
Kopfe Alexanders des Großen, der mit Widderhörnern versehen ist, als Schutz- 
mittel getragen. Amulette, die einen Stierkopf darstellen und aus prähistorischer 
Zeit stammen, wurden in Ungarn und bei Fehrbellin (Brandenburg) gefunden. 
Kleine, römische Stierköpfe (aus Bronze), mit einem Loch zum Aufhängen, 
wurden in Köln ausgegraben. In Schwaben schützt man das Haus vor Dämonen, 
indem man Ochsenköpfe mit Hörnern an dasselbe hängt. An dem obersten 
Dachraum alter Häuser im Schwarzwald, Schwaben, Franken, Westfalen und 
Baden sind zwecks Bannung von Gewittern, bösen Geistern und Flüchen Stier- 
köpfe oder Boßköpfe angebracht, welche die Niedersachsen in Ornament ver- 
wandelt haben. Glaubt man in Esthland, daß etwas im Hause bezaubert sei, 
so läßt man alle Geräte von einem Stier anstarren. Stierschädel mit Hörnern 
finden sich nicht selten an prähistorischen Wohnplätzen in der Art zugerichtet, 
daß man daran denken darf, sie seien zum Anheften etwa an einer Hütte 
bestimmt gewesen. Solche Stücke wurden in bronzezeitlichen Pfahlbauten gefunden. 
Die alten Pfahlbauten der Schweiz ergaben einfache Hörnerpaare." 

„Das Hörn als der wesentliche Teil des Tierkopfes ist in allen Erdteilen, 
wo gehörnte Tiere vorkommen, also in Europa, Asien, Afrika und Amerika 
ein sehr verbreitetes Amulett. In alten bergischen Häusern sind zum Zwecke 
der Abwehr von Unheil häufig Hornfiguren angebracht. Vereinzelte Beste 
von diesem uralten Brauch haben sich auch in Sachsen erhalten. In Böhmen 
schützt das Hörn des Ziegenbockes das Haus vor Batten und Mäusen. Im acht- 
zehnten Jahrhundert waren die Giebelbretter bei Augustenburg (auf Alsen) 
noch wie Ochsenhörner geformt, , ähnlich den jetzigen auf der dänischen Insel 
Lolland . Sie erinnern am bestimmtesten an das altsächsische hornseli in Heljand, 
das angelsächsische hornreced, das Hirschdach, im Beowulf und an den Herrscher- 
palast, der heorot, d. i. ,Hirsch hieß. In Italien sind vor dem Eingang des 
Hauses und in Schlafzimmern häufig Ochsenhörner als Amulette aufgehängt. 
Auf einer antiken Stehlampe, die sich im Museum zu Neapel befindet, sind 
neben dem Skorpion noch zwei Stierhörner zwecks Verscheuchung von Dämonen 
abgebildet. Im heutigen Italien sind Hörner und Hornbilder ein gewöhnliches 
Amulett, welches man um den Hals oder an der Uhrkette trägt. Auch Ohr- 
und Fingerringe sind mit Hornfiguren versehen. Der Italiener, der einen bösen 
Blick fürchtet, ergreift ein Hörn und wendet dessen Spitze nach der Bichtung, 
woher das Unheil kommen soll. Der unsichtbare Dämon wird hiedurch gleich- 
sam niedergestoßen. Der Neapolitaner glaubt schon durch das Aussprechen des 
Wortes corno (Hörn) die Dämonen zu bannen. Infolge dieser, dem Hörne 
innewohnender Kräfte wurde es sehr viel zu Heilzwecken verwendet, beson- 



über die Symbolik der Kopftropkäen 



ders das Hörn der Gazelle (cornu bubalum) und das Hirschhorn, indem es zu 
Asche verbrannt wurde, vgl. Plinius (H. N., XXVIII, 177); dentes mobiles con- 
firmat cervini cornus cinis. (Die Asche des Hirschhornes befestigt lockere Zähne.)" 
„Die etruskischen Aschenurnen waren häufig mit Hörnern versehen, um 
die Dämonen davon fernzuhalten. Das Gorgonenhaupt wurde im Altertum 
noch zur Verstärkung der Wirkung mit Hörnern verziert. Gerade unter den 
kretischen Funden sind kleine Hörneramulette aus Bronzeblech aufgedeckt, 
ferner auch zahlreiche gehörnte Geräte. Ein Hörnerpaar aus bemaltem Ton 
wurde in der Höhle von Patso (Kreta) gefunden. Stierhörner, mit einem Doppel- 
beile versehen, kommen auf einer mykenischen Vase von Kypros und auf 
einem Tonsarge aus Palaikastro (Kreta) vor. Mit Hilfe von Tierhörnern wenden 
die heutigen Albaner und Türken dämonische Einflüsse ab. Das Hörneramulett 
ist auch in Malta, Spanien und Portugal verbreitet. In manchen Gegenden 
Portugals sind zur Abwehr des bösen Blickes Ochsenhörner auf Stangen be- 
festigt. " 

„Hornförmige Ansätze an Tongefäßen sind in Caslau (Böhmen) ausgegraben 
worden. Bereits die Bronzezeit der Terramare (im westlichen Oberitalien) 
kennt Doppelhörner als symbolische Aufsätze von Schalenhenkeln'. Altgriechische 
Gefäße haben neben den Henkeln zuweilen zwei Hörner." 

„In Deutschland diente das Hörn, wie bereits oben erwähnt ist, vor allem 
zum Schutze des Hauses vor Dämonen. Nach isländischem Volksglauben fürchten 
sich Gespenster und sonstige Dämonen vor einem Widderhorn, wenn es ver- 
brannt wird, und Schlaflosigkeit glaubt man in Island dadurch heilen zu können, 
daß man einem solchen Leidenden ein Ziegenhorn unter den Kopf legt. Dieses 
Hornamulett ist auch in den jüdischen Volksbrauch übergegangen, wo es die 
Krankheitsdämonen verscheucht. So heißt es in einem jüdischen Werke, das 
um 1700 verfaßt ist, ,Schreit ein Kind unaufhörlich, so lege man unter' sein 
Kopfkissen das Hörn einer Ziege, wodurch es zu weinen aufhört. Eine schwan- 
gere Frau, die schwere Geburtswehen hat, möge in ihrer Hand das rechte 
Hörn einer Ziege halten, dann wird sie leicht gebären'." 

„Auch in den verschiedenen Gegenden Asiens treffen wir das Hornamulett 
an. In Kleinasien werden hölzerne Hörner an die Mützen der Kinder genäht, 
wodurch sie vor Dämonen geschützt sind. Im älteren Persien wird ein mit 
Widderhörnern verzierter Stuhl erwähnt, den der König Kai Käös dem Heros 
Rüstern schenkt." 

„Das Hörn der Gazelle verscheucht in Indien die Xetriya-Krankheit, und 
als wirksames Schutzmittel vor Dämonen galt das Satavara-Amulett mit seinen 
zwei Hörnern. Hörner von Schafböcken zieren die Heiligengräber in Turkestan, 
wodurch die Leichendämonen ferngehalten werden soUen. Aus demselben 
Grunde sind bei den Alfuren (im Malaiischen Archipel) die Dächer der Toten- 
hauschen, worin die Gebeine beigesetzt werden, mit zwei Stierhornfiguren 
versehen. Der Bergstamm der Khassia errichtet vor den Denksäulen ausge- 
zeichneter Verstorbener Holzgerüste, die mit Stierhörnern ausgestattet sind. 
öei den Bergstämmen von Assam wird nach einem Begräbnis am Rande des 
Dorfes ein Pfahlwerk aus gabelförmigen Stöcken errichtet, woran Büffelhörner 



JMarie Bonaparte 



befestigt werden. In Flores steht auf dem Grabe eines vornehmen Mannes ein 
Bambusstock, der mit Hörnern und Karbauenschädeln behängt ist. Hörner- 
amulette trifft man ferner an bei den Jakuten, Malaien und den Rachyen 
(an der Grenze von China und Birma). Auch japanische und chinesische 
Fratzen, die als Abwehrmittel gegen die Dämonen gelten, sind gewöhnlich mit 
Hörnern versehen." 

„Der Glaube, daß das Hörn ein vortreffliches Schutzmittel gegen dämonische 
Mächte sei, ist besonders in ganz Afrika verbreitet. Hornartige Amulette, die 
man sich um den Hals band, sind bereits in altägyptischen Gräbern gefunden. 
Eine altägyptische Vase ist in Gestalt einer knienden Frau gebildet, die in 
ihrer Hand ein Hörn hat. Das Hörn als Abwehrmittel ist in Algerien in Ge- 
brauch, ferner werden bei den Loango, Wanjoro und Bari (am oberen Nil) 
Hörner als Amulette getragen. In Ostafrika wird zu diesem Zwecke besonders 
das Antilopenhorn verwendet. Der Fetischdoktor an der Loangoküste trägt 
eine gehörnte Maske, wenn er die in Wäldern hausenden Dämonen vertreibt. 
Im Südosten Deutsch- Afrikas bilden Tier hörner die Schutzmittel gegen Ver- 
zauberung und Krankheit. Bei den Eweern (Togo) trägt jeder Fürst folgende 
Amulette bei sich: an der Brust hängen Büffel- und Widderhörner, während 
das Kleid ringsherum mit Glöckchen besetzt ist. Der Ewe-Neger hängt sich 
zwei Hörner des kleinen Springbockes als Amulett um, wenn er auf Reisen 
geht. Diese Hörner bewirken, daß er gute Geschäfte macht. Übrigens ist das 
Ziegenhorn in Verbindung mit verknoteten Stricken ein wirksames Schutzmittel 
bei diesen Ewe-Negern. Die Togo-Frauen tragen Hörner als Haartracht, ebenso 
die Männer der Wabuma (oberhalb Stanley Pool). Die Yolof in Westafrika 
betrachten das Widderhorn als Fetisch. Will der Eingeborene von Zentral- 
afrika seinen Feind vernichten, so vergräbt er ein Hörn unter Aussprechung 
von Verwünschungsformeln. In Kamerun und M'Pangwe werden Antilopen- 
hörner als Schutzmittel gegen Krankheiten und sonstige schlimme Einflüsse 
getragen. Hornamulette, die an die Haare gehängt werden, kommen bei den 
Hottentotten vor. 

„Bei den Indianern der Vereinigten Staaten Amerikas werden Hörner und 
Krallen von wilden Tieren als Amulette verwendet. Zu demselben Zwecke 
tragen die Chipewyan-Indianer (Nordamerika) Hörner und Zähne auf ihrem 
Körper. Als Schutzmittel gegen Krankheiten trägt der Shoshone-Indianer Büffel- 
hörner. Die Gros Ventre-Indianer haben bei einem religiösen Tanz ein Ziegen- 
horn in der Hand, womit sie jeden in der Nähe weilenden Menschen stechen 
und kratzen. Die Indianer von Neumexiko rüsten sich, wenn sie in den Krieg 
ziehen, mit den Köpfen und Hörnern wilder Tiere aus. Das Hornamulett 
diente also zur Überwindung feindlicher Angriffe und zur Abwehr von dämo- 
nischen Einflüssen." 

„Die gleiche Verwendung wie die Hörner hat auch das Geweih des Hirsches 
und des Renntieres seit den ältesten Zeiten gefunden. Antike Hirschgeweih- 
amulette sind bei Vindonissa (Schweiz) und in bajuvarischen Gräbern aufge- 
funden. In Frankreich herrscht der Volksglaube, daß ein Stück Hirschgeweih 
vor Zauberei und Krankheit schütze. Auch in Süditalien, Andalusien und Persien 



über die Symbolik der Kopftroptäen 



ll3 



^ird das Hirschgeweih für ein Abwehrmittel gegen Unheil gehalten. In Nor- 
wegen glaubt man, daß ein Stück Renntiergeweih die bösen Geister fernhält. 
Die "Vorstellung scheint bereits in der prähistorischen Renntierzeit geherrscht 
zu haben. So sind aus jener Zeit viele Fragmente von Renntiergeweih er- 
halten, die als Amulette gedient haben, deren magische Wirkung noch durch 
Fischzeichnungen verstärkt wurden. Nach dem Glauben der Ureinwohner 
Brasiliens wird der Biß einer Giftschlange unschädlich gemacht, indem man 
ein Stück Rehgeweih, das man geröstet hat, auf die Wunde bindet. Bei den 
Dajaks (Borneo) wird das Hirschgeweih als Amulett verwendet." 

Dieses lange Zitat war unvermeidlich, um die ungeheure Verbreitung 
des Horns, nicht nur als Heldensymbol, sondern auch als „magische 
Waffe" zu zeigen. Es geht daraus hervor, daß auch das magische Hörn 
ein „ewig menschliches" Symbol ist, das ungefähr allen Ländern und allen 
Zeiten angehört. 

Die Frage drängt sich uns auf: warum? Worin besteht die magische 
Eigenschaft, die der Mensch dem Hörne zuschreibt? 

Sie ist unzweifelhaft gleicher Natur wie die des heroischen Horns. Die 
heroischen Hörner auf der Stirne der Götter, der Könige, sind die In- 
signien ihrer Macht. Das kleine Korallenhorn an der Uhrkette des Neapo- 
litaners ist auch ein Abzeichen der Macht. Es ist aber, sozusagen, degradiert, 
es ist nicht mehr, wie bei den gehörnten Göttern, ein Teil ihres Körpers, 
ihrer Person, ihres Wesens, sondern es entspricht gewissermaßen einer 
Trophäe — von der mächtigen Gesamtheit eines anderen höheren Wesens 
abgelöst, dem man auf diese Weise seine Eigenschaften, seine Kraft ge- 
raubt hat, um diese nun für sich selbst zu haben. Dies kommt noch viel 
deutlicher zutage, wenn die Amulette nicht mittels eines anderen Materials 
— wie Gold oder Koralle — imitierte Tierhörner darstellen, sondern 
schlechthin Tiertrophäen sind, wie z. B. die Hörner des Büffels oder 
des Widders, wie sie bei den Ewe in Togo jeder Negerprinz trägt, oder 
die Hörner des Ochsen, die in Italien am Tore des Hauses oder im Schlaf- 
zimmer angebracht werden. 



Die Menschen aller Zeiten und aller Länder haben nicht Hörner allein 
als Amulette besessen, obwohl die große Bedeutung dieses „Fetischs" für 
die Menschheit nicht abzusprechen ist. Alle möglichen Gegenstände dienten 
und dienen noch der magischen Verwendung, das Unglück abzuwenden. 
In seiner interessanten Arbeit über den bösen Blick (Der böse Blick, Berlin 
1916) zählt Seligmann den Dreizack, den Schlüssel, das Hufeisen, die 
Sichel des Mondes, den Nagel eines Tieres, den Zahn, eine Münze, den 

Imago XIV o 



11^ Alarie Bonaparte 



Meteorstein, die Form des Auges, die Mandragorawurzel, die Lilie, den 
Holzschuh und noch viele andere Gegenstände als Amulette auf. Aber aus 
dieser Aufzählung Seligmanns geht hervor, daß vor allem drei Amulett- 
arten bei den Menschen sehr in Gunst stehen: die Hand, das Hörn und 
der Phallus. 

Seligmann schreibt (Bd. II, S. 188): 

„Der Phallus oder das männliche Glied war im Altertum ein Hauptmittel 
gegen die Faszination und wurde deswegen von den Römern auch fascinum 
genannt. Es ist wohl kein Gegenstand so häufig bei fast allen Völkern der 
Erde dargestellt worden, wie der Phallus, und deshalb müssen wir uns um so 
mehr davor hüten, in jedem Bilde desselben auch ein Schutzmittel sehen zu 
wollen. 

Demnach teilt der Phallus das Schicksal des Hornes: ebenso wie es 
heroische und magische Hörner gibt, gibt es heroische Phalli, Merkmale 
oder Vertreter der größten Götter, wie z. B. Lingam, der auf dem Berge 
Meru (Seligmann, Bd. II, S. 18g) in Indien, in engem Zusammenhang 
mit dem Shivakult, angebetet wird, und auch magische Phalli, wie z. B. 
die zahlreichen Phalli, die bei italienischen Ausgrabungen gefunden worden 
sind und als Amulette getragen wurden. 

„Der Glaube — schreibt Seligmann (Bd. II, S. 202) — „an die schützende 
Kraft des Phallus ist noch nicht ausgestorben. Man verkauft sie in großen 
Mengen in Neapel, alle ithyphallisch, manchmal geflügelt oder von einer Schlange 
umgeben, und fast alle mit einem Bing zum Anhängen versehen. Man be- 
festigt sie gegen die jettatura an die Schultern der Kinder, und in Sizilien, 
Syrien und auf den Cycladen, hängt man sie um den Hals. Im italienischen 
Argot heißt der Phallus corno." 

Dies bringt uns unserem Thema näher. Wir wissen, daß die Sprache 
oft tiefere Zusammenhänge aufdeckt, die im Unbewußten zwischen den 
Dingen bestehen, und wir haben bereits geahnt, daß zwischen dem Phallus 
und dem Hörn auch solch ein Zusammenhang vorliegen muß. 

Dieser Zusammenhang stützt sich vor allem auf physiologische Tat- 
sachen. Gewiß gibt es auch weibliche Tiere, die Hörner haben, wie 
z. B. die Kuh, die Ziege, doch sind die stark entwickelten Hörner in der 
Tierwelt immerhin Merkmale des männlichen Geschlechtes. Die Kuh hat 
viel kleinere Hörner als der Stier und die Hirschkuh kann sich in dieser 
Beziehung nicht mit dem Hirsch vergleichen. 

Es überrascht uns gar nicht, daß das Unbewußte des Menschen, das 
ohnehin so dazu neigt, sich aller Gegenstände als Symbole, vor allem als 
Sexualsymbole zu bedienen, in dem Hörn, dem mächtigen Merkmal der 



über <Jie Symbolik der KopftropLäen 



115 



Männlichkeit, ein Phallussymbol gesehen hat, von dem alle Kraft herrührt. 
Gewisse alte römische Amulette drücken diese Symbolik sogar direkt nach 
der Art des Unbewußten aus, nämlich durch Nebeneinanderstellung. 
Seligmann reproduziert ein solches Amulett (Fig. 60), einen Stierkopf 
(nach Knight, Worship of Priapus, Fig. 3, 2), der oben Hörner und unten 
zwei Phalli trägt. 

Wenn die Hand mit dem Phallus und dem Hörn die Ehre teilt, 
eines der drei Hauptamulette der Menschen zu sein, so verdankt sie dies 
ihrer auserwählten symbolischen, phallischen Bedeutung, die niemandem, 
der mit der Psychoanalyse vertraut ist, erst näher erklärt werden muß. 
Die verschiedenen Stellungen der Hand, die wir auf den Amuletten finden, 
sind gerade für die Frage der Hörner äußerst lehrreich. Es gibt drei Haupt- 
stellungen: die ausgestreckte Hand, häufiges Amulett bei den Mohamme- 
danern (Seligmann, II, S. 68), die mano cornuta der Italiener (bei welcher 
der Zeigefinger und der kleine Finger die Hörner bilden) und die mano fica 
(bei welcher der Daumen zwischen den Zeigefinger und den Mittelfinger 
der geschlossenen Hand gesteckt wird). Um den bösen Blick zu bannen, macht 
man mit der eigenen Hand entweder den Gestus der mano cornuta oder 
den der mano fica. Der Gestus der mano fica stellt symbolisch die Vereini- 
gung der beiden Geschlechter dar und daher kommt es auch, daß sie bald 
die Bedeutung einer Beleidigung, bald die der Abwehr des bösen Blickes 
hat: d. h. sie hat immer die Bedeutung einer gegen jemand gerichteten 
Machthandlung, sei es zum Angriff oder sei es zur Verteidigung. Der Gestus 
der mano fica scheint noch mehr verbreitet zu sein als der der mano cornuta 
(Seligmann widmet dem ersteren jedenfalls mehr Seiten, mano cornuta, 
II, S. 136, mano fica, II, S. 184 ff.), vielleicht weil er unverblümter sexuell 
ist als der der mano cornuta. Dieser Gestus ist bei den Italienern, Fran- 
zosen, Spaniern, Engländern, Ungarn, Polen usw. gebräuchlich; er wurde 
schon im Mittelalter gemacht und die Ausgrabungen in Italien haben uns 
häufig Amulette geliefert, die auf der einen Seite einen erigierten Phallus 
und auf der anderen, ganz symmetrisch, eine mano fica trugen und in der 
Mitte, zwischen den beiden, noch einen kleinen Phallus (Seligmann, 
Fig- 178). 

Bei diesen letzteren Arten von Amuletten zeigt uns die Nebeneinander- 
stellung der mano fica und des Phallus das, was wir bereits wußten, die 
enge symbolische Verwandtschaft der Hand mit dem Phallus. Bei der ein- 
fachen mano fica stellt der Daumen den Phallus vor, wie bei der ein- 
fachen mano cornuta der Zeigefinger und der Daumen die Hörner vor- 



M.arie Bonaparte 






ill 



stellen. Es scheint, daß die Hand bei der mano cornuta die Rolle des 
tertium comparationis zwischen dem Hörn und dem Phallus spielt und dazu 
beiträgt, den Zusammenhang zwischen beiden herzustellen. 

Mit einem Wort, der symbolisch-phallische Sinn der Hörner 
scheint ein allgemeiner zu sein. Als Wahrzeichen der männlichen Macht 
schützen bei vielen Völkern die Hörner das Haus und schmücken die 
Stirne der größten Götter. Und eben diese symbolisch-phallische Bedeutung 
schafft die heroischen und die magischen Hörner. 

Dieselben Gegenstände können einmal heilig, einmal magisch und 
einmal obszön sein. Seligmann (II, S. 195) macht darauf aufmerksam, 
wie schwer es manchmal sei festzustellen, ob ein Gegenstand die eine 
oder andere der drei Bedeutungen habe. Es versteht sich von selbst, daß 
der Phallus einmal heilig, einmal magisch und einmal obszön sein kann; 
auch die Hand — dem Phallus nahe verwandt (sogar in der Wirklichkeit, 
durch die Zusammengehörigkeit bei der Masturbation) — kann diese drei 
Charaktere annehmen : heroisch, wenn sie die bewaffnete Kraft, die Macht 
symbolisiert (vgl. Seligmann, Fig. 148, eine Hand, die Standarte einer 
römischen Legion überragend), magisch, wenn sie durch ihr Fluidum 
den bösen Blick, die schädlichen Einflüsse bannt; obszön in gewissen 
Gesten — in denselben, die sonst „magisch" sind (z.B. mano fica, Rück- 
kehr zum primitiven Sinn). Wir haben gesehen, daß das Hörn heroisch 
oder magisch sein kann — sein obszöner Charakter kommt weniger zum 
Ausdruck. Und dennoch kann der Gestus des mit der Hand gemachten 
Hornes, gerade so wie der der mano fica, obszön erscheinen, besonders 
wenn — wie Storfer behauptet — es eine Anspielung auf die Hörner 
eines betrogenen Ehemannes vorstellen soll. In diesem Gestus liegt aber 
weniger Obszönität als Ironie. Wir müssen uns allerdings noch etwas 
gedulden, bevor wir den Versuch machen können, dieses Problem zu 
lösen. 



Zum Abschluß dieses Kapitels über die magischen Hörner möchten 
wir noch einige Worte über die Magie im allgemeinen sagen. 

Freud hat uns in „Totem und Tabu" den animistischen Mechanismus 
der Magie, die „Allmacht der Gedanken", die Projektion der eigenen 
Wünsche, an die der Primitive glaubt, gezeigt. Alle magischen Praktiken, 
die heute noch im Volksaberglauben erhalten geblieben sind, sind Überreste 
jener fernen Zeit. 






über die Symbolik der Kopftroptäen 



ll 7 



Aber diese alten Bildungen leben heute noch in jedem unserer Kinder. 
Unsere Kinder — jedes zu seiner Zeit — glauben an Feen, an ihre Zauber- 
stäbchen, mit denen sie sich, in ihrer Einbildung, selbst ausstatten. Der 
Zauberstab des Zauberers oder der Fee ist eigentlich dasselbe, was wir hinter 
dem Symbol der Hand und des Hornes entdeckt haben: der allmächtige 
Phallus, der Schöpfer alles Lebenden. 

Die Magie ist in der Tat sehr nahe mit der Erotik verwandt. Während der 
Wilde und das kleine Kind an die Allmacht ihres Gedankens, an seine 
Fähigkeit, die Welt neu zu erschaffen oder sie umzuwandeln, glaubt, muß 
der zivilisierte Erwachsene, leider, diese Illusion aufgeben. Es gibt jedoch 
ein Gebiet, auf dem er sich, mit vollem Recht, weiterhin allmächtig, 
schöpferisch fühlt, sogar wenn es diese magische Macht verwendet — und 
das ist die Erotik. Denn der Mensch fühlt, daß die Magie, die Fähigkeit, 
die Welt neu zu erschaffen, sie umzuwandeln, in der in ihm steckenden 
schöpferischen Kraft liegt. Die erotische Funktion ist die einzige aller unserer 
Funktionen, die uns die innere Empfindung des Feenhaften, des Zauberhaften 
verleiht. Und nur durch den Beitrag, den die Erotik ihr liefert, erhält die 
Ernährungsfunktion ihren magischen Anstrich, wie z. B. in den Märchen, 
in denen die Königin durch den Genuß einer bestimmten Frucht be- 
fruchtet wird; die Tatsache der Nahrungszufuhr allein wird noch nicht 
als „magisch empfunden. 

Und ist die Erotik bis in die Tiefe unseres Körpers nicht eigentlich 
die Magie? Wir essen, verdauen, schlafen, haben unsere Absonderungen 
und dabei beherrscht eine dunkle Regung unseren Körper, eine Art von 
nervöser Erregung, die wir meistens nicht begreifen können : es ist die 
Kraft, die erotische Spannung. Und wenn in unserem Körper, der so 
friedlich schien, das sexuelle Verlangen deutlicher zutage tritt, haben wir 
das Gefühl, als hätten sich unsere Zellen umgewandelt ; und die Be- 
friedigung unseres sexuellen Verlangens, der Orgasmus, erscheint wirklich 
wie ein magischer Vorgang, der unseren Körper in eine ganz andere Sub- 
stanz verwandelt, die uns, einen Augenblick vorher, noch unbekannt war. 
Alles, was mit Liebe, mit dem geliebten Objekt, das uns bezaubert, zusammen- 
hängt, hatte von jeher den Charakter des „Magischen". 

Obwohl jede Funktion, jedes Organ, jeder Körperteil durch die flottierende 
Libido „erotisiert" werden kann, ist es nicht zu übersehen, daß jedes Organ, 
jeder Körperteil, außer der magisch wirkenden libidinösen Funktion, in 
dessen Dienst er sich stellen kann, auch eine Funktion für sich hat. 

Der Magen ist gewiß zur Verdauung bestimmt, obwohl er eines jener 



118 Marie Bonaparte 

Organe ist, das die Konversionshysterie bevorzugt. Die Hand ist gewiß die 
Hand an sich und gleichzeitig ein Phallussymbol. Man könnte an dieser 
Stelle an das psychoanalytische Scherzwort erinnern: „Das Flugzeug ist ein 
Sexualsymbol, aber man kann damit auch von Wien nach München 
fliegen." Die Hand ist dazu da, die Gegenstände zu fassen, Substanzen 
zu formen und Waffen zu halten; desgleichen sind das Hörn, das Auge 
an sich auch Waffen der Macht ; und wenn wir uns im Kampfe befinden, 
so haben die Hand, die die Lanze oder das Schwert hält, das Hörn, das 
schlägt und niederstößt, das Auge, das den Feind erblickt und den Stoß 
lenkt, ihren Wert an sich. Und noch viel mehr Anspruch darauf hat der 
Kopf, der Behälter des Gehirns, der die Hand, das Auge und das Hörn 
lenkt. Man muß aber einen Unterschied machen zwischen der Kraft und 
der Funktion, die jedem Glied, jedem Organ innewohnt und der symbolischen 
Kraft, die entweder durch eine wirkliche oder eingebildete Verschiebung 
der Libido auf dieses Organ demselben zugeschrieben wird. Das Köpfen 
erscheint in den Träumen, trotz des unleugbaren Wertes, den der Kopf 
als Körperteil an sich vorstellt, dennoch als Kastrationssymbol; der Kopf 
wird im Traum dem Penis gleichgestellt. Jedes Organ, jeder Körperteil 
und sei er noch so sehr berechtigt, seine Autonomie zu beanspruchen, ist 
für einen solchen Libidozuschuß empfänglich, und unzweifelhaft bildet 
diese Tatsache die Grundlage zur Sexualsymbolik verschiedener Körperteile. 
Durch diesen Zuschuß wächst die diesem Organ, diesem Gliede, diesem 
Körperteil innewohnende Kraft in der Einbildung des Menschen, bis sie 
— bewußt oder unbewußt — einen übernatürlichen, magischen Wert 
erwirbt, und das Organ, das Glied, der Körperteil fängt an, außer seiner 
eigenen Funktion noch eine andere, von der Erotik herrührende Funktion 
darzustellen. 

Diese, dem einen oder anderen Körperteil zugeteilte libidinöse Funktion 
tritt um so klarer hervor, je weniger eigene Kraft der in der Vorstellung 
erotisierte Körperteil an sich besitzt und je mehr Kraft er durch die ihm 
hinzugefügte Symbolik erwirbt. Dies gilt z. B. für das Haar. Es ist sicher, 
daß die Stärke eines Menschen nichts mit seinem Haar zu tun hat ; das 
wußten die Bömer, ein überaus männliches Volk, und rasierten sich ohne 
Bedenken Bart und Kopfhaar (wie heute die Amerikaner). Das Unbewußte 
des Menschen hat jedoch den Mythus von Simson geschaffen, der in der 
Folklore nicht ganz allein dasteht. Durch Dalilah wurde ihm die Kraft mit 
seinem Haar genommen. Dies ließe sich nur durch die unbewußte „Ver- 
schiebung" der männlichen, phallischen Kraft auf das Haar erklären; 



Über die Symbolik der Kopftropkäen 



119 



anderseits ist es bekannt, daß die alten germanischen Recken ihr langes 
Haar als heilig betrachteten, und wenn Simson mit seinem Haar seine 
Kraft verliert, so will das bedeuten, daß sein Haar symbolisch eigentlich 
sein Phallus ist. Und nun nähern wir uns dem neuen Gegenstand, mit dem 
wir uns befassen wollen. 

IV 
JDie JVriegstropnäen 

Wir finden bei den unzähligen Volksstämmen, bei denen der Brauch 
bestanden hat oder vielleicht noch besteht, dem Körper ihrer besiegten Feinde 
Trophäen abzunehmen, drei Hauptarten von Trophäen, die mit den drei 
häufigsten Amulettarten übereinstimmen: den Phallus, die Hand und 
— da der Mensch von Natur aus kein Horntier ist — an Stelle der Hörner 
den Kopf — oder das Haar. 

Von den Assyriern wissen wir zum Beispiel, daß sie „die Köpfe abschnitten, 
während die Ägypter Hände und Phalli vorzogen und die amerikanischen 
Indianer Skalpe .* Doch wollen wir uns nicht bei den alten Völkern auf- 
halten, wir sind durchaus nicht darauf angewiesen, unsere Beispiele aus 
dem grauesten Altertum hervorzuholen. 

In ganz Ostafrika und zum großen Teile auch in Nordafrika sind die 
phallischen Trophäen erhalten geblieben und die Bemühungen der 
Kolonisierung haben in vielen Gebieten diese alte Sitte nur schwer be- 
kämpfen können. Um uns zu überzeugen, genügt es zu lesen, was Stoll 2 
darüber schreibt; es sind übrigens Tatsachen, die während des italienischen 
Feldzuges in Abessinien allgemein bekannt waren: 

„Die Verstümmelung erstreckt sich bei gewissen afrikanischen Völkern auf 
die gesamten männlichen Genitalien, die radikal amputiert werden, und zwar 
nicht erst beim getöteten, sondern auch beim noch lebenden, überwundenen 
Feind. Diese Art der Kastration war früher auch in der Kriegführung der 
bekanntlich christlichen Abessinier allgemein üblich, und Herr A. Dg erzählt 
mir, daß noch im letzten italienisch-abessinischen Kriege in der Schlacht von 
Adua viele Italiener in dieser Weise durch die Radikalamputation ihrer Geni- 
talien kastriert worden sind. Viele davon blieben am Leben und Hg sah sie 
noch jahrelang nach der Schlacht in Abessinien, wo sie gebheben waren. Kaiser 
Menelik verbot zwar die Kastration als Kriegssitte strikte, sie wird aber dennoch 



1) Olmstead: History of Assyria, S. 646. New York-London 1925. 

2) Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie. Leipzig 1908. 



Alarie Bonaparte 



auch jetzt (1908) praktiziert, und zwar auch außerhalb des Krieges. So erzählt 
mir Herr Hg, daß ein abessinischer General, der seine Bauern hart drückte 
von diesen kastriert wurde, da sie ihn nicht zu töten wagten. Die von den 
Abessiniern als Kriegstrophäen amputierten Genitalien, Skrotum und Penis, werden 
geschunden, indem man die Haut davon abzieht, sie aufbläst und ausstopft, um 
sie dann als Trophäen am Halse der Reitpferde anzubringen oder im Innern 
der Häuser über der Tür aufzuhängen. In einem abessinischen Hause sah Ilg 
nicht weniger als vierundzwanzig solcher präparierter Genitalien." 

St oll berichtet sodann auf den folgenden Seiten, daß die Kriegskastration 
bei den Galla, Nachbarn der Abessinier, noch gebräuchlich ist (1908). Und 
er zeigt an Hand auch von weiteren, andere benachbarte Stämme be- 
treffenden Beispielen, daß diese Art von Trophäen dem Krieger, der sie er- 
rungen hatte, Achtung verschaffte, Achtung von Seiten des Häuptlings und 
der Schönen, denen er sie als das wertvollste Hochzeitsgeschenk, als Hals- 
ketten, anbot. Die Achtung steigt mit der Anzahl der Trophäen. 

Anderseits haben wir in Frankreich alle während des Riffeidzuges gegen 
Abd-el-Krim davon sprechen gehört, daß die Truppen Abd-el-Krims die 
französischen Gefangenen kastrierten. Die französischen Soldaten fürchteten 
die Gefangennahme wegen des fürchterlichen Schicksals, das ihnen die Riff- 
bewohner bereiteten, indem sie der Hinrichtung alle möglichen Torturen 
und Verstümmlungen, von denen die Kastration die beliebteste war, voraus- 
schickten. Alle Offiziere der marokkanischen Armee können dies bezeugen. 

An einer anderen Stelle (S. 987) schreibt aber Stoll: 

„Die klassischen Gebiete für die gewaltsame, gegen den Willen des Be- 
troffenen durchgeführte Kastration sind von uralter Zeit her Asien und die 
Länder von Nordostafrika gewesen: kein einziger ethnischer Fall von blutiger 
Entmannung an Lebenden ist aus Amerika, Australien und Polynesien bekannt 
geworden, trotzdem in diesen Gegenden die Genitalien ebenfalls der Gegenstand 
zahlreicher chirurgischer Eingriffe geworden sind und trotzdem wir für Amerika 
in den Mujerados der Pueblo-Indianer einen eigentümlichen Fall absichtlicher, 
aber unblutiger Entmannung kennen gelernt haben." 

Alle Angaben stimmen in einem Punkte überein: bei den Indianern 
von Südamerika, bei denen Kopftrophäen üblich waren, und bei denen 
von Nordamerika — so berühmt wegen ihres sonderbaren Brauches des 
Skalpierens (ein Brauch, der sie übrigens vor dem Vorwurf der weiblichen 
Sanftheit schützt) — scheint im allgemeinen das Amputieren von 
Phallustrophäen weder an Lebenden noch an Toten vorgenommen 
worden zu sein. Georg Friederici schreibt in seiner schönen Dissertation, 
„Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche der Indianer", S. 74 (Braun- 
schweig 1906) folgendes: 



über die Symbolik der Kopftropbäen 



„Diese Sorte Trophäen (die Genitalien) . . . findet sich unter den Eingeborenen 
Amerikas so gut wie gar nicht. Von solchen Zuständen wie in Afrika, wo der 
Gallajüngling ohne die Überreichung einer solchen Trophäe nicht hoffen konnte 
das Jawort seiner Geliebten zu erlangen, wo man in Ermanglung von Feinden 
in der Verlegenheit Esel für diesen Zweck kastrierte, wo sich die Frauen Hals 
und Arme damit schmückten und wo sie bei Paraden und feierlichen Einzügen 
zur Schau getragen wurden, von solchen Zuständen ist in ganz Amerika keine 
Spur. Es ist überhaupt fraglich, ob Genitalia bei den Indianern in einem ein- 
zigen Falle als wirkliche Trophäen aufgetreten sind. Mißhandlung und Ab- 
schneidung der Geschlechtsteile war eine regelmäßige Begleiterscheinung der 
Leichenverstümmlung und der Tortur, denen sich nach den übereinstimmenden 
Zeugnissen mit ganz besonderer Vorliebe die Weiber hingaben; als Sieges- 
zeichen galten solche abgeschnittene Stücke aber nicht. Die Frauen trieben 
Spott und Kurzweil mit ihnen, hingen sie ihren Hunden um den Hals und 
jagten diese unter Lachen und schlüpfrigen Scherzworten vor sich her." 

Alle diese Angaben geben uns zu denken. Es ist allerdings sonderbar, daß 
die phallischen Trophäen gerade dort fehlen, wo die Kopftrophäen 
— ganze Köpfe oder Skalpe — in hohen Ehren stehen und daß, wenn in 
dieser Gegend Toten oder Gefangenen dennoch die Geschlechtsteile abge- 
schnitten werden, diese nicht mehr als heroische Trophäen behandelt werden, 
sondern dem Spotte anheimfallen. Man könnte sagen, um sich analytisch 
auszudrücken, daß die Libidobesetzung von ihnen zum großen Teile zurück- 
gezogen worden ist, zugunsten des Kopfes, der dadurch zur Trophäe wird, 
auf der nun bei diesen Völkern die ganze Kraft des Akzentes ruht. 

Nicht nur die amerikanischen Indianer, sondern alle jene Völker, die 
Kopftrophäen verehren, scheinen die Genitaltrophäen vernachlässigt, ihnen 
einen mehr oder weniger bedeutungslosen Platz eingeräumt zu haben. Wir 
haben bereits gesehen, daß die Assyrier Köpfe abschnitten, während die 
Ägypter Phalli und Hände abschnitten und die Marind-Anim, z. B., auf Neu- 
Guinea, 1 — große Kopfjäger bis zum Jahre 1913, in dem die holländische 
Regierung ihren Beutezügen ein Ende machte — legten nur auf diese eine 
Trophäe Gewicht, sowie auch die Dayaks von Borneo. 

Unseren Feststellungen stehen vielleicht irgendwo auch Ausnahmen gegen- 
über, doch kennen wir sie nicht, und es scheinen im allgemeinen die Kopf- 
und Phallustrophäen miteinander zu Vikariieren. 

Was mag wohl die Ursache sein dieses Gleichgewichtes zwischen der Be- 
deutung der kriegerischen Ehre, die einmal der Phallustrophäe und das andere 
Mal der Kopftrophäe bei den verschiedenen Völkern zugeschrieben wird? Wie 



1) Wirz: Die Marind-Anim. Hamburg 1922 — 1925. 



Alane Bonaparte 



kommt es, daß, was die eine an Ehre verliert, die andere regelmäßig gewinnt, 
wie wenn eine einzige und gleiche Menge von Ehre nicht gleichzeitig 
mehreren menschlichen Körperteilen zuteil werden könne und daher einmal 
dem einen und einmal dem anderen Körperteil zuteil werden müsse? 

Wir haben hier, so scheint es mir, ein schönes Beispiel von Libido- 
verschiebung vom Unterkörper auf den Oberkörper. Dieser Prozeß — 
klassisch in den Erscheinungen der Konversionshysterie, häufig sowohl in 
den individuellen Träumen als auch in den kollektiven Mythen — kann 
nun hier auf einer ethnologischen Stufe beobachtet werden. 

Die Kopftrophäe scheint ein Fortschritt gegenüber der Genitaltrophäe zu 
sein, zuzuschreiben einem zivilisatorischen Vorgang, einer Art von „Suhli- 
mierung". Während die Phallustrophäe häufig bei Völkern, wo sie in - Blüte 
ist, von der Handtrophäe begleitet auftritt, ohne jedoch jemals von dieser 
ersetzt zu werden (alte Ägypter, Soldaten des Abd-el-krim), beansprucht die 
Kopftrophäe dort, wo sie vorkommt, fast die ganze Ehre für sich allein. 
Das kommt daher, weil die Hand, ein einfaches Organ des Handelns, weniger 
„sublimiert" ist als der Kopf. Der Kopf, Träger der Sinnesorgane und des 
Gehirns, ist von anderer, vornehmerer Beschaffenheit, und sowohl die Primi- 
tiven als auch die Völker des Altertums haben seine innige und phylo- 
genetische Verwandtschaft mit den libidinösen Kräften in dem Brauche der 
Kopftrophäen, die, wo immer sie auftauchten, an Stelle der phallischen 
Trophäen getreten waren, herausgefühlt. Diese Verschiebung des Akzentes vom 
Unterkörper auf den Oberkörper hat sich, in bezug auf Trophäen, in der 
Geschichte und sogar in der Urgeschichte der Menschheit, teilweise sehr früh 
vollzogen. 

Der Brauch, den Kopf der Toten aufzubewahren 1 hat schon in den 
ältesten Zeiten bestanden. Als Beweis dienen die Schädel in Form von 
Trinkschalen, die man in den Pfahlbauten auf dem Bieler See gefunden 
hat und die von Herodotos erwähnten Schädel, die dieselbe Verwendung 
hatten: bei den Issedoniern tranken die Söhne zu feierlichen Gelegenheiten 
aus dem Schädel des Vaters ; bei den Skythen waren es die Schädel der ver- 
haßtesten Feinde oder diejenigen von Verwandten, mit denen man in Fehde 
lebte (Andree, S. 153). Der Brauch, aus Schädeln zu trinken, der, wie 
Friederici sagt (S. g6) überall in der gleichen Form aufgetreten war, so daß 
eine Beschreibung dieser Bräuche bei den Germanen Wort für Wort auf 



1) Vgl. Richard Andree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche, S. 127 ff. 
Artikel „Schädelkultus". (Stuttgart 1878.) 



Über die Symbolik der Kopftrophäen 



die Araukanier angewendet werden könnte, hat seine Spur in der Sprache 
zivilisierter Völker zurückgelassen. Das Wort cuppa zeugt von einer alten 
Verwandtschaft mit dem Wort Kopf; das moderne deutsche Wort Schale, 
bedeutete im Altdeutschen auch Schädel; es ist bekannt, daß das Wort „Skaal", 
mit dem die Skandinavier einander zutrinken, dasselbe Wort wie das englische 
„skull" (Schädel) ist. 

Bei Herodotos finden wir, daß in dieser Hinsicht sowohl dem Vater, als 
auch dem Feinde oder dem Verwandten, mit dem man in Zwietracht gelebt 
hatte, dieselbe Behandlung zuteil wurde: man trank bei feierlichen Gelegen- 
heiten aus den Schädeln von allen. 

Der Brauch, die Schädel der Vorfahren — wenn auch nicht als Trophäen — 
als Gegenstand der Verehrung für die Nachkommen aufzubewahren (ein 
Brauch, der sich bis heute in gewissen Reliquienkulten von Heiligen und sogar 
in der häufigen und verbreiteten Gewohnheit, Haarlocken geliebter Toter auf- 
zubewahren, erhalten hat) ist überall, wo er besteht, mehr oder weniger mit 
dem Brauch, die Schädel gefürchteter Feinde als Trophäen zu behalten, ver- 
mengt, gleichviel, ob man sie einem mächtigen Gott in Hekatomben als 
Sühnopfer darbrachte, wie die Azteken von Mexiko an Huitzilopochtli ihrem 
Kriegsgott (Friederici, S. 79), oder sie als persönliche Trophäe aufbewahrte, 
um sie sodann seinen Kindern als glorreiches Erbstück zu hinterlassen. 

Dies ist keineswegs überraschend für uns. Hat uns doch Freud gezeigt 
(in „Totem und Tabu '), wie der Primitive nach dem Urmord an dem „Vater" 
der Urhorde von Reue gepackt sein mußte, die dazu führte, daß er einer- 
seits durch Projektion den geliebten und gefürchteten Vater in dem Totem- 
tier und anderseits den gehaßten Vater in jedem seiner wirklichen „Feinde" 
wieder auferstehen ließ. Doch war der Haß, der die herangewachsenen 
Söhne zum Vatermord trieb, nur die eine Seite des ambivalenten Gefühls, 
das sie an den Vater band, des Gefühls, das unter dem Einfluß des Schuld- 
gefühls, in seiner positiven Komponente wiederauferstehend, den Totem 
geschaffen hatte. Dasselbe Gefühl mit seiner Ambivalenz ist oft auf die 
wirklichen Feinde übertragen worden: denken wir nur an die „Versöhnungs- 
zeremonielle", die die Wilden ihren getöteten Feinden aufführten und vor 
allem an die sonderbare und freundschaftliche Art, in der die Dayaks die 
heimgebrachten Köpfe ihrer Feinde behandelten. 1 Der Feind hat also etwas 
vom Vater, ebenso wie der Vater, und zwar in höherem Maße, etwas 
vom Feinde an sich hat, dessen erstes Vorbild er eigentlich war. 



1) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 49.) 



12^ Alane Bonaparte 



Aus diesem Grunde sind alle vom Feinde herrührenden Trophäen, 
gleichviel ob Phallus, Hand, Kopf oder Skalp, gleichzeitig die mit Neid be- 
gehrte Urtrophäe, die die siegreichen Söhne nun endlich dem überwältigten 
Leib des Vaters entreißen konnten, dieselbe Trophäe, die schon Zeus dem 
Leibe Kronos und dieser dem Leibe Uranos entrissen hatte. 

Daher rührt die Kraft, der Ruhm, die Ehre, die die Kriegstrophäe dem 
verleiht, der sie erringt. In dem totemistischen Opfer, dem gemein- 
samen Mahle, bei dem man auf rituelle Weise das heilige Tier verzehrte 
( — sonst den lüsternen Kindern versagt — ) glaubten die Primitiven, indem 
sie das Totemtier, die Vaterimago, verzehrten, sich gleichzeitig seine Kraft 
einzuverleiben, wie sie sich bei dem kannibalischen Urmahle, dessen ritu- 
elle Reproduktion das Totemmahl vorstellt, die Kraft des Vaters im Wege 
der Identifikation dadurch einverleibten, daß sie ihn tatsächlich verspeisten. 
Dieser ganze Ritus beruht auf der kontagiösen Magie. Es wäre interessant 
nachzuforschen, bis zu welchem Grade heute noch dieser archaische Begriff 
den Glauben an die organotherapeutische und endokrinologische Behand- 
lung bestärkt. Doch die kontagiöse Magie, die Idee, daß die Kraft höherer 
Wesen sich uns durch den Kontakt mitteilen kann, erstreckt sich auch 
auf andere Formen des Kontaktes, als auf den — den innigsten — des 
Essenden mit dem Gegessenen. Der Besitz der Trophäe des Feindes, seines 
Phallus, seiner Hand oder seines Schädels, der Besitz der möglichst größten 
Anzahl dieser Trophäen, verleiht dem Krieger, der sie erringt, in der pri- 
mitiven Vorstellung, einen dementsprechenden Zuschuß an Kraft. 

Wir alle haben eigentlich in der Tiefe unseres Unbewußten Spuren 
dieses archaischen Gefühls bewahrt. Kommt der Weiße mit einer über- 
wiegenden Anzahl von Wilden in Berührung, wie z. B. in den Kolonien, 
so fängt die Verdrängung seiner alten Triebe an nachzulassen ; er gibt sich 
manchmal Grausamkeiten hin (man denke etwa an den bekannten Prozeß 
der belgischen Grausamkeiten im Kongo vor einigen Jahrzehnten) und nimmt 
gelegentlich sogar den Trophäenbrauch an, der bei den ihn Umgebenden 
Wilden üblich ist. 

Die Geschichte des Skalpierens in Nordamerika ist in dieser Hinsicht 
äußerst lehrreich. Bei Friederici können wir über die Emsigkeit lesen, 
mit der Engländer und Franzosen, nach der Eroberung dieses Konti- 
nents, in bezug auf die „Skalpprämien" miteinander wetteiferten. Gewisse 
Indianerstämme skalpierten vor dem Auftauchen der Weißen, aber nicht 
alle. Durch die Einführung der Skalpprämien verliehen die Weißen diesem 
Brauche erst den nötigen Umfang. Sie zahlten nicht nur den verbündeten 



Ufaer <3ie Symbolik der KopftropLäen 



Indianern Prämien, wenn diese ihnen Skalpe feindlicher oder nichtfeind- 
Hcher Indianer brachten, sondern auch häufig ihren eigenen Soldaten und 
viele weiße Hände haben das Skalpiermesser gehandhabt, und zwar häufig 
auch an Schädeln, die mit weißer Haut bedeckt waren. Im achtzehnten 
Jahrhundert, zur Zeit des französisch-englischen Krieges, erreichte der Brauch 
des Skalpierens und der Prämien seinen Höhepunkt; die Engländer über- 
boten die Preise, die die Franzosen zahlten (nicht weil sie die grausameren, 
sondern weil sie die reicheren waren) und vielleicht die höchsten Prämien, 
die jemals angeboten wurden, zahlten die Abkömmlinge der Puritaner für 
die Skalpe von französischen Jesuiten, hatten ja schon ihre Vorfahren 
solches Vorgehen durch Beispiele, die sie der Bibel entnahmen, gerecht- 
fertigt. Selbstverständlich haben heute die Amerikaner diese Erinnerungen 
„vergessen", verdrängt. 

Zweifellos sprachen auch rationelle Gründe für die Förderung dieses 
Brauches; er begünstigte tatsächlich das Verschwinden feindlicher Stämme 
und trug in ausgiebiger Weise dazu bei, den amerikanischen Boden von 
den Eingeborenen zu säubern und ihn der weißen Zivilisation zugänglich 
zu machen. Es mußte aber noch etwas anderes dahinterstecken: das Er- 
wachen der alten Triebe in den Weißen, die endlich Befriedigung finden 
konnten. Der weiße Pionier, der in seiner Hütte Skalpe aufhängte, war 
zweifellos von einem gesteigerten Machtgefühl erfüllt, ähnlich dem, das 
ein Rothäutiger empfinden mußte: denn darin beruht die magische Kraft, 
die die Trophäe dem einflößt, der sie erringt oder besitzt. 



Obgleich die vom Körper des Feindes stammende Kriegstrophäe seither 
offiziell aus dem Bilde des modernen Krieges zwischen zivilisierten 
Völkern verschwunden ist, so ist doch ein von dem Unbewußten der 
Menschen herrührender unverwüstlicher Überrest geblieben. Auf dem von 
uns erreichten Grade der Zivilisation flößen uns Verstümmelungen einen 
viel größeren Abscheu ein, als ein gewöhnlicher Mord. Wir hängen, köpfen, 
richten ohne große Bedenken unsere Verurteilten durch den elektrischen 
Stuhl hin, doch unterwerfen wir sie keinen Verstümmelungen und Folter- 
qualen mehr. Jeder Eingriff, gleichviel, ob es sich um den Körper eines 
zu Tode Verurteilten und um einen gemeinnützigen wissenschaftlichen 
Zweck handelt, flößt uns gewöhnlich Entsetzen ein. Bricht aber heute 
ein Krieg aus, so mutet dennoch sofort ein Volk dem anderen 
die grausamsten Verstümmelungen zu. 



Alane Bonaparte 



Vereinzelte Fälle eines Rückfalles in den Zustand der Wildheit können 
sicher in jeder Armee vorkommen; doch diese Fälle dürften vereinzelt sein, 
sofern es sich um weiße Truppen handelt. Das Voraussetzen solcher Ver- 
stümmelungen muß wohl eine andere Grundlage als die der tatsächlichen 
Beobachtung haben: es ist zweifellos der Haß. Und hier müssen wir auch 
wahrscheinlich die Lösung unseres Problems suchen. Im Unbewußten der 
meisten Menschen erwachen in Kriegszeiten die durch die Zivilisation 
der Friedenszeit verdrängten Urtriebe. Und jeder Mann trägt noch den 
Wunsch in sich, den Feind, den Ersatz des Vaters, zu töten und zu kastrieren. 
Die dem Feinde gewöhnlich in so ausgiebiger Weise zugeschriebenen Ver- 
stümmelungen rühren ohne Zweifel von dem wohlbekannten Mechanismus 
der Projektion her, der ja auch die erschreckenden Gespenster und den 
Glauben an die Wiederkehr der Toten zum Zwecke des Angriffes und der 
Rache geschaffen hat. Man schreibt dem Feinde Taten zu, die man 
unbewußt, ohne es sich selbst einzugestehen, am liebsten an 
ihm verüben möchte. 

Besonders lehrreich in dieser Hinsicht ist das Gerücht, das vor dem 
Weltkrieg entstand. Der österreichisch-ungarische Konsul in Pfizrend, 
namens Prochaska, der von seinem Posten noch nicht zurückgekehrt war, 
sollte angeblich von den Serben lebend kastriert worden sein. Dieses 
Gerücht trug während einiger Tage dazu bei, eine Entrüstung und krie- 
gerische Begeisterung in Wien hervorzurufen, die jene vielleicht über- 
traf, welche vorher der Mord an Franz Ferdinand erweckt hatte, den das 
Volk rächen wollte, obzwar es ihn, als er noch am Leben war, gehaßt 
hatte. Als aber Herr Prochaska endlich gesund und wohlbehalten aus 
Pfizrend zurückkam, fiel es niemand ein, das Gerücht zu widerrufen. 

Dieses Gerücht entsprach nämlich einem von den Österreichern pro- 
jizierten tiefen und unbewußten Wunsch, dessen Verwirklichung den 
Serben zugeschrieben wurde, wodurch es dem Österreicher selbst möglich 
wurde, Gefallen daran zu finden. Es muß bemerkt werden, daß gerade 
Kaiser Franz Josef zu dieser Zeit in Wien als Spitznamen den dort 
ziemlich häufigen tschechischen Namen „Prochaska" trug. Der den Serben 
zugeschriebene Gewaltsakt war eine tatsächliche Majestätsbeleidigung, die 
von dem Kaiser auf eine andere Person verschoben war, und zwar wurde 
auch die Ausführung einem anderen in die Schuhe geschoben: doppelte 
Verschiebung. Und während einerseits die Komponente „Liebe" des ambi- 
valenten Gefühles, das den Vätern, Häuptlingen, Königen entgegengebracht 
wird, aus Rache für das Verbrechen, zum Krieg mit dem durch die Pro- 



über die Symbolik der KopftropLäen 



jektion verantwortlich gemachten Feind führen mußte, gefiel sich ander- 
seits die Haßkomponente an der unbewußten und latenten Kastrations- 
phantasie in bezug auf den Kaiser-Prochaska, die durch die bewußte und 
manifeste Legende der Kastration des Konsuls Prochaska realisiert werden 
sollte. 

Wenige Jahre später mußte Kaiser Karl seinerseits das Los erleiden, das 
das Unbewußte seines Volkes schon seinem Vorgänger vorbereitet hatte, 
doch diesmal unter dem Einflüsse desselben Mechanismus der Verschie- 
bung von unten nach oben, vermöge der an Stelle der Phallustrophäen 
Kopftrophäen gelangen. Er verlor seine Krone, die jetzt endgültig von ihrem 
Träger getrennt und gleichsam als Trophäe des Volkes in der Schatzkammer 
der Hofburg verblieb. 

Es kann auch wahrscheinlich kein einfacher Zufall sein, daß erst die 
französische Revolution die Guillotine einführte und daß unter den Köpfen, 
die sie vom Rumpfe trennte, jener des Königs nicht fehlte. 



V 

JDie J agotrophäen 

Messire Robert de Salnove hat seinem Buche „La Venerie Royale" 
(Königliches Weidwerk), erschienen in Paris 1665, folgende, König Lud- 
wig XIV. gewidmete Worte, vorangeschickt: 



„Sire, 



Au Roy 



La chasse est un si noble exerciee, qu'il est presque le seul oü les Princes 
s'adonnent, comme a l'apprentissage de la guerre, le plus illustre des arts, et 
le plus genereux des emplois, oü se trouvent les memes ruses et les 7nem.es 
fatigues; si bien que le chasseur et le guerrier ont peu de difference. Les Roys 
mesmes sont egalement jaloux des droicts et des ordres de la chasse et de la 
guerre: et comme ü s'y rencontre de la peine et du plaisir, ils en jugent 
absolument l'exercice royal. A qui pourrais-je donc plus justement offrir ce 
livre de chaJse, qu'au plus grand Roy du monde ..." 

Die Jagd wird noch heute als ein edler Sport betrachtet, vor allem die 
Jagd auf Hochwild und in Frankreich besonders die Parforcejagd, die als 
em seltenes und fast königliches Vermächtnis vergangener Zeiten, einigen 
reichen aristokratischen Familien, oder solchen, die die Aristokraten spielen 
wollen, vorbehalten ist. Es wird uns am besten gelingen, den Sinn der bei 



ia8 -Alane Bonaparte 

der Parforcejagd üblichen Zeremonielle zu erfassen, wenn wir uns an die 
Angaben aus der Zeit der „Venerie Royale" halten. 

Nachdem Salnove die Eigenschaften, die die Hunde, die Piqueure haben 
müssen, beschrieben hat und auch die Art und Weise, in der der Hirsch 
angegriffen und verfolgt werden soll, fährt er fort (S. 177): 

„Et le cerf etant pris, vous en sonnez la mort ... et en suite la retraite, 
cependant que l'un des picqueurs en leve le pied droit de devant avec un 
couteau, en fendant la peau entre le gros nerf et l'os, la longueur de demy- 
pied qu'il coupera comme la peau de dessus, la levant jusqu'au premier Joint 
du pied, et le decernant, il l'enlevera, puis fendra le nerf et la peau environ 
trois doigts pour y passer la main, et apres le presentera au grand Veneur, 
ou en son absence au Commandant qui le donnera au Roy ..." 

Später (S. 165) beschreibt Salnove das feierliche Ritual, das dem Aus- 
weiden (la curee) voranzugehen hat: 

„Les valets de chiens le mettront (le cerf) sur le dos, soutenu de son bois; 
et si c'est dans le temps de la Cervaison, il faut qu'ils aient fait provision 
d'un crochet de bois pour y mettre et accrocher les menus droits qui appar- 
tiennent au Roy, et commencer par la coupe des bouts de la teste qui en sont 
mols, et jusquesau dur fear le reste doit servir a faire de l'eau) et mettre 
ces bouts de teste dans une serviette blanche; puis ils leveront les dintiers 
[Hoden], le baut du mufle, et les aureilles qu'ils mettront au crochet par une 
fente qu'ils auront faite ä la peau ..." 

„Apres ils prendront le pied droit dont ils couperont la peau alentour de 
la jambe . . . 

„Ce qu'estant fait, on lui doit laisser la nappe sous le corps pour lever la 
langue, et le reste des menus droits, coupant les quatre noeuds qui sont au deffaut 
des epaules et des cuisses qu'ils mettront pareillement au crochet . . . la franc 
boyau, qui est encore des menus droits, qui se doit mettre au crochet, et pour le 
membre du cerf, il doit etre leve, dont les valets de chien doivent avoir soin 
de le laver, nettoyer et le mettre tremper vingt' quatre heures dans du fort vinaigre, 
et apres l'en tirer, pour le faire secher au four, ou au soleil, selon la saison; pour 
quand il sera sec, le remettre au maistre valet de chiens, qui le doit donner au 
Lieutenant, ou au Grand Veneur, s'il le veut, dont la vertu est de guerir le 
flux de sang. Comme l'os que Von doit tirer du coeur du cerf ..." 

„Et quant au bois du cerf il doit etre parte au Roy. ' 

Wir sehen nun aus dieser alten Darstellung der Parforcejagd, daß dem 
Hirsch dieselben Haupttrophäen abgenommen werden, wie den be- 
siegten Feinden, wie wir es bei den Kriegstrophäen behandelt haben: 
der Phallus als homöopathisches Amulett gegen Blutungen, der rechte Fuß 
(als Pendant der menschlichen Hand), und die Hörner, die gleichbedeutend 
sind den Kopftrophäen und dem Skalp. 



Über die Symbolik der Kopftroptäen 



129 



Es sind sozusagen immer dieselben Trophäen, denen wir am häufigsten 
als Jagdtrophäen begegnen: das Geweih des Hirsches, des Rehes, des Elen- 
tieres, des Büffels, je nach dem Lande; der „Fuß" des Hirsches, des Rehes, 
des Hasen. „Fuß" (pied), den man nicht, ohne sich die Verachtung des 
Jägers zuzuziehen, „Pfote" (patte) nennen durfte, und an Stelle des Phallus, 
durch Verschiebung, der Schwanz (coda), z. B. des Fuchses in England. 
Dieser Ersatz des Phallus durch den Schwanz kann überdies bei unseren 
Haustieren beobachtet werden: jenes Haustier, das zum Gegensatz seiner 
Gefährten — Rind, Pferd, Lamm, sogar Kater — niemals kastriert wird, 
der Hund, muß vielfach diese Verschonung mit dem mehr oder weniger voll- 
kommenen Opfer seines Schwanzes, der symbolischen Kastration, bezahlen. 

Doch kehren wir zur Parforcejagd zurück. In Frankreich, wo sie mit 
den Hundemeuten von den Franken eingeführt worden ist, würde es für den 
Jäger und sogar für den Hirsch als entehrend betrachtet, dieses edle Tier 
auf eine andere Art zu erlegen. Zu dem Tode des Hirsches gehört die 
Hundemeute, die Tracht der Kavaliere und der Amazonen, das Hornblasen 
der Piqueure und die wilde Verfolgung durch die Wälder. 

Die Jäger rationalisieren all das, indem sie von der Notwendigkeit des 
ästhetischen Aufwandes sprechen. Aber der unbewußte und tiefe Grund, 
der eine so barbarische Institution wie die Parforcejagd bis auf unsere Tage 
erhalten hat, ist anderswo zu suchen. Er reicht bis in die alten Zeiten 
zurück, in denen unsere Vorfahren noch das Totemtier angebetet haben. 
Wenn der Hirch ein so „edles" Tier ist, wenn seine Jagd mit der der 
Kaninchen, der Fasanen, der Rebhühner sich nicht vergleichen läßt, wenn die 
Verfolgung des Hirsches und seine Tötung in Frankreich nur durch kollek- 
tives Vorgehen erfolgen darf, so will das heißen, daß der Hirsch für das 
Unbewußte des Jägers, wenn auch in außerordentlich abgeschwächter Form, 
eine Art von Totem geblieben ist, und daß seine Tötung irgendwie noch 
jenem zeitweiligen Opferritual entspricht, unter dessen Beachtung die Pri- 
mitiven das für gewöhnlich verehrte und behütete Totemtier gemeinsam 
töteten und verzehrten. 

Die grausamen Gebräuche bei der Ausweidung erinnern tatsächlich 
an das Totemopfer, so wie es Robertson Smith in seiner genialen 
Arbeit „The Religion of the Semites" (erschienen 1889) beschrieben hat. 
Er berichtet über die Opferung eines Kamels durch Beduinen im vierten 
Jahrhundert nach Christo, bei welcher Gelegenheit das Tier in tausend 
Stücke gerissen und sofort verzehrt worden war. Gewiß ist der Hirsch 
beim Ausweiden bereits tot und die Menschen sind durch die Hunde er- 

Imago XIV. 



j3o Alarxe Bonaparte 



setzt. Aber der Hase zum Beispiel wird, wenn auf dieses kleine Tier eine 
Treibjagd veranstaltet wird, den Hunden sogar lebend ausgeliefert und wenn 
die Menschen von heute sich auch nicht auf den noch rauchenden Hirsch 
stürzen, so teilen sie sich doch mit ihren Hunden in seiner Verfolgung, 
und es ist eine zur Hälfte aus Hunden und zur Hälfte aus Menschen 
bestehende Meute, die den Hirsch in den grausamen Tod treibt. 

Wie bei dem totemistischen Opfer und dem darauffolgenden Mahle, 
ist die Verantwortung für den Tod des Hirsches kollektiv und soll 
es auch bleiben. Daher kommt es auch, daß der französische Parforcejäger 
das Pirschen, die individuelle Jagd auf das edle Tier, so wie sie in Ungarn, 
Rußland, Polen oder Österreich üblich ist, in hohem Maße mißbilligt. 

Von der unbewußten Erlaubnis, den „geheiligten" Hirsch in indi- 
vidueller Jagd zu töten, ist heute nur mehr in der Parforcejad der Dolch- 
stich übrig geblieben, der dem Jagdherrn vorbehalten ist, wenn der Hirsch 
schon bezwungen ist. 

Wollen wir aber den archaischen Gedanken, der hinter den Jagd- 
gebräuchen steckt, in seiner Nacktheit näher betrachten, so müssen wir 
uns eher an die Länder Mitteleuropas halten, wo nicht die Parforcejagd, 
sondern das Pirschen, die individuelle Jagd, in Ehren steht. 

Die Hirschjagd wird in Mitteleuropa, ganz im Gegenteil zu dem Gebrauch 
in den Ländern der Parforcejagd, zur Brunstzeit, wenn der Hirsch den 
Wald mit seinem Röhren erfüllt, eröffnet. 

Während des Tages bleiben die Tiere im Wald, doch beim Einbruch 
der Dämmerung kommen sie heraus, um an dem Waldesrande bis zum 
Morgengrauen zu äsen. Der Jagdherr kann sich daher nur in der Früh 
oder am Abend auf den Anstand begeben, von wo aus er den Hirsch töten 
kann. 

In Österreich geht es bei der Hirschjagd folgendermaßen zu: Ein 
Berufsjäger oder ein Angestellter des Jagdherrn, der „Jäger , kundschaftet 
die Stellen aus, die von den Hirschen aufgesucht werden, führt den Jagdherrn 
jeden Abend bei Einbruch der Dämmerung und jeden Morgen vor Tages- 
anbruch auf einen geeigneten Anstand. Der Weidmann scheint während 
der Dauer, der Jagd in seinem Eifer fast ganz auf den Schlaf verzichten 
zu können. 

Seit Morgengrauen in der Kälte auf dem Anstand, traut sich nunmehr 
der Jagdherr weder zu sprechen, noch sich zu bewegen. Aus der dunklen 
Masse des Waldes dringt von Zeit zu Zeit das Röhren des Hirsches zu ihm, 



über die Symbolik Jer KopftropLäen 



das tatsächlich einem königlichen Gehrüll ähnlich ist und das Herz des War- 
tenden schneller klopfen macht. Doch nach und nach wird mit dem Heran- 
nahen des Tages die Masse des Waldes immer heller, der Rand hebt sich 
deutlicher ab und an dem Rand der kleine fahlrote Fleck ist der Hirsch. 
Groß und königlich schreitet er herum, laut rufend den Hindinnen oder 
seinen Rivalen. Erst wenn der Feldstecher mindestens acht Sprossen auf 
dem Kopfe des Hirsches gezeigt hat, legt der Jagdherr an und, wenn er 
geschickt ist, stürzt der Hirsch zu Roden. 

In seltenen Fällen stößt einem auch das Glück zu, Zeuge eines Hirsch- 
kampfes oder einer Paarung zu sein. Dieser Anblick feuert den Weidmann 
nur noch mehr an, da er auf diese Weise manchmal den Hirsch ver- 
schlungen mit seiner Hindin oder mit seinem Feinde töten kann. 

Ist der Hirch gefallen, eilen Herr und Regleiter hin und nehmen in 
Augenschein, wo und wie das Rlei eingedrungen ist. Hat der Schuß den 
Hirsch nicht getötet, wird ihm das Messer ins Genick gestoßen. Dann 
entfernt sich der „Jäger" und holt dem Herrn einen kleinen Tannenzweig 
mit drei Nebenzweigen. Dies ist der Anfang des Zeremoniells. Er taucht 
ihn in das Rlut des Tieres und überreicht ihn dem Herrn, der getötet 
hat und dieser muß ihn an den Hut stecken, denn der Tannenzweig mit 
drei Nebenzweigen ist das Zeichen, das den Weidmann, bei der Rückkehr 
ins Dorf und ins Schloß, als Triumphator erkennen läßt. 

Dann beginnt die Rearbeitung des Tieres. Entweder der Herr selbst 
oder sein Jäger legt das Tier auf den Rücken und schneidet ihm erst die 
Hoden und dann das Glied ab. Dann wird das Tier vom Hodenansatz bis 
zum Rrustbein aufgeschlitzt. Wenn die Lunge und das Herz richtig durch- 
schossen sind, quillt das Rlut mit den Eingeweiden hervor. Ein richtiger 
Blustrom, dessen Anblick das Auge des Weidmanns erfreut, und sei er 
auch der sanfteste Mensch im gewöhnlichen Leben. 

Nachzutragen ist noch, daß die zwei Oberzähne — die Krandeln — 
gleich am Anfang vom Kiefer des Hirsches abgelöst werden und (an Stelle 
des Fußes) entweder vom Jagdherrn selbst als Trophäe behalten, oder, wenn 
eine Dame mit ist, ihr angeboten werden. Was das Geweih anbetrifft, so 
könnte nichts den Schützen dazu bringen, darauf zu verzichten, denn, wie 
schon der alte Salnove gesagt hat, des Hirsches Geweih ist des Königs Teil. 
Es kommt vor, daß der Hirsch auf Männer, die die besten Schützen 
sind, sofern es sich um Kaninchen, Rebhühner handelt, einen solchen Ein- 
druck macht, daß sie ihn fast immer verfehlen. In diesem Falle sagt man, 
daß sie vom „Jagdfieber" befallen seien. 

9* 



Alane Bonaparte 



Andere wieder werden vom Erscheinen des Hirsches derart angeregt, 
daß sich ihre Kraft, ihre Fähigkeiten verdoppeln; Leute, die in der Stadt 
kaum eine Stunde gehen können, marschieren im Gebirge acht bis zehn 
Stunden und ihr Blick wird, wenn es sich darum handelt den Hirsch 
zu sichten, fast unfehlbar. Das Gemeinsame dieser beiden Jägertypen ist 
ein überreizter Gemütszustand, der sich bei dem einen als Angst und bei 
dem anderen als Begeisterung äußert. 



Wir können diese verschiedenen psychologischen Phänomene, dessen 
Wesentlichstes die Rückkehr im Alltag sanfter Kulturmenschen zu einer 
barbarischen Brutalität ist, nicht erklären, wenn wir nicht daran denken, 
daß keine einzige Phase, die die Menschheit im Laufe der Zeiten durch- 
gemacht hat, in unserem Innern wirklich ausgelöscht ist. 

Es ist nicht allein, wie der Jäger behauptet, um die Regungen seines 
Instinktes zu rationalisieren, der Duft des Morgens und des Abends im 
Walde, nicht allein der Strahlenglanz der untergehenden und aufgehenden 
Sonne auf dem herbstlichgelben Laube, nicht allein das Gefühl des freien 
Umherstreifens im Gebirge und in den Wäldern und nicht allein das 
Vergnügen gut zu zielen, das das große Vergnügen am Jagen ausmacht. 
Es ist vor allem — so sehr der Zivilisierte sich auch dagegen sträuben mag — 
die Lust am Töten, die — wenn man nicht gerade Henker ist — in 
Friedenszeiten auf das Gebiet der Jagd beschränkt ist. 

Diese Lust am Töten wurde von zahlreichen Denkern als wesentlichster 
Beweggrund der Jagd hervorgehoben. Denn durch den Nahrungstrieb kann 
es nicht mehr gerechtfertigt werden; die Zeit, in der die Jagd eine Not- 
wendigkeit war, ist vorüber, haben wir doch Fleischhauer, Geflügel- und 
Wildbrethändler und Schlachthäuser. Doch ein Moment, worüber uns die 
verschiedenen vorpsychoanalytischen Autoren keinen Aufschluß gegeben 
haben, ist das der verschiedenen Wertung der verschiedenen Wildarten als 
„edel . Man hat zur Erklärung dieses Unterschiedes bisher nur einen ob- 
jektiven Unterschied herangezogen, und zwar den des Körperumfangs. 

Der Körperumfang des Wildes kann wohl in Betracht gezogen werden, aber 
nur im Zusammenhange mit dem Moment, das uns jetzt beschäftigen wird. 

Wie wir schon weiter oben erwähnt haben, hat uns Freud in „Totem 
und Tabu gezeigt, wie die Söhne des Urvaters der Horde, nach dem Ur- 
morde, unter dem Drucke des Schuldgefühls den Totemismus eingeführt 
hatten, die primitive Form der Religionen, in der ein Tier als Vaterersatz 



über die Symbolik der Kopftropliäen 



l33 



die retrospektive Achtung genießt, die die reumütigen Söhne dem Vater 
schulden. Noch vor den Totemkulten hat die Haßkomponente des dem 
Vater entgegengebrachten ambivalenten Gefühls — zweifellos unter dem 
Einfluß der Brunst der Söhne, denen es nach den Weibern gelüstete, deren 
alleinigen Besitz der eifersüchtige Vater bewahren wollte — einmal die Ober- 
hand gewonnen und zu dem Morde des Vaters geführt, dem das gemein- 
schaftliche Mahl, das Verspeisen seines Körpers gefolgt war. Daher kommt 
es, daß in den späteren Totemkulten diese Haßkomponente, obwohl durch 
die nachträgliche Zärtlichkeitskomponente verdrängt, von neuem zum Vor- 
schein kommt und sich wieder zeitweise durch den Gebrauch des kollek- 
tiven Totemop fers befriedigt. 

Doch nach dem Urmorde des Vaters, der durch die Verschwörung der 
Hordenbrüder zustande gekommen ist, wollte jeder von ihnen selbst Vater 
werden; der Neid, den seine Stellung als allmächtiger, über alle Weiber 
alleinherrschender Mann hervorrief, hatte seine Söhne zu dem Morde ge- 
trieben. Aber es sind der Söhne zu viel; dem Ehrgeiz jedes Einzelnen 
stellt sich der Ehrgeiz aller übrigen entgegen und der Urmord bedeutet 
für jeden von ihnen einen sehr unvollkommenen realen Triumph. 

Wir haben gesehen, daß die totemistische Assimilation des Vaters 
an die mächtigen, gehörnten Tiere in fast jeder Religion weiterlebt; 
die Götter, die Könige und die Priester sind gehörnt. So ist auch Moses 
gehörnt dargestellt, und zwar nicht wegen eines unverstandenen Textes, 
wie behauptet wurde, sondern, wie uns Reik in seiner fesselnden Arbeit 
„Probleme der Religionspsychologie", Das Schofar, S. 257 ff. 1 (Wien 1919) 
gezeigt hat, weil die Hörner des Stieres, des totemistischen Urtieres der 
Hebräer, in Moses weitergelebt haben. Bei den alten Priestern war es 
Brauch, sich, wie die Wilden bei den Totemfesten, mit den abgezogenen 
Fellen oder den Insignien ihrer tiergestalteten Götter zu bekleiden. 

Wenn auch der Totemismus in seiner reinen Form nur mehr bei uns 
in den Tierphobien unserer Kinder erhalten geblieben ist, so sind doch in 
unserem Unbewußten, dem Unbewußten Erwachsener, Spuren geblieben, 
deren deutlichste vielleicht in manchen unserer Jagdgebräuche zu finden sind. 
Die Parforcejagd verdankt zweifellos ihre Entstehung der im Un- 
bewußten aufbewahrten Erinnerung an den durch die Urhorde 
verübten Vatermord und an das kollektive Totemopfer, das das von 



1) Die zweite Auflage dieses vergriffenen Werkes befindet sich — unter dem Titel 
»Das Ritual" — in der Presse. 



i3*f Marie Bonaparte 



ihnen verdammte und gleichzeitig herbeigesehnte Verbrechen periodisch 
erneuerte, und hat sich mit allen ihren Gebräuchen aus diesem Grunde 
bis heute erhalten. 

Doch der tiefe, unterdrückte Wunsch, der ursprünglich in dem Herzen 
aller Brüder wohnte und sie antrieb, feindliche Brüder zu werden, der 
Wunsch, der einzige Erbe des Vaters zu werden, der mit dem Bedauern 
gepaart war, nicht alleiniger Mörder gewesen zu sein, woraus dann das 
Becht entstanden wäre, sein einziger Nachfolger zu sein, dieser archaische 
Wunsch, der, wie uns Rank gezeigt hat, die Grundlage vieler Mythen 
über die „Helden, die allein die Schuld und den Ruhm auf sich nehmen", j 
gebildet hatte, ist in der Hirschjagd, im „Pirschen", wie es in Mittel- 
europa üblich ist, wieder zum Ausdruck gekommen. Daher das Gefühl des 
Freudentaumels, des unvergleichlichen Triumphs, das den Jäger erfüllt, 
wenn er mit dem kleinen dreiteiligen Tannenzweige am Hute — der 
mit dem Blute des Hirsches zuerst benetzt wurde, was eine Identifizierung 
des „Mörders" mit dem „Totem" darstellt — von den Bergen zurückkehrt. 

Der Hirsch wirkt durch seine Schönheit tatsächlich imposant. Wegen 
seines Geweihs wird er oft König des Waldes genannt. Hat er mehr als 
zwei Zacken auf einer Sprosse seines Geweihes, so wird es Krone genannt 
(Grimm). Er wird daher leicht eine Vaterimago für das Unbewußte der 
Menschen, das noch von totemistischen Reminiszenzen imprägniert ist, — 
geht doch kein Erwerb der phylogenetischen Entwicklung verloren. Außer- 
dem entsprechen die Sitten dieses Tieres vollkommen den vorher be- 
schriebenen Sitten, die vom Unbewußten des Jägers herbeigesehnt werden. 
Der alte Hirsch, dessen Geweih während der Brunstzeit so sehr begehrt 
wird, regiert tatsächlich wie der Urvater der Urhorde über eine kleine 
Horde von Weibchen, die er eifersüchtig behütet und die ihm die jüngeren 
Hirsche neiden. Diese verbünden sich nicht, um ihn aus dem Besitz zu 
vertreiben, vielleicht ist dazu die Erinnerung, gemeinsam aufgewachsen 
zu sein, nötig, die die jungen Hirsche, mangels dieses Brauches, nicht 
haben. Doch fordern die jungen Hirsche den alten einzeln zum Kampfe 
heraus und trotz seiner überlegenen Kraft wird dieser manchmal, erschöpft 
durch die Brunft, überwältigt. Dasselbe macht der Jäger; er tötet den 
alten väterlichen Hirsch und es bereitet ihm Vergnügen, zu erzählen, wie 
die Weibchen, denen die Treue glücklicherweise unbekannt ist, sich einen 
Augenblick später dem jungen Männchen hingeben, das in der Nähe 



i) Vgl. Der Mythos von der Geburt des Helden. Deuticke, Leipzig-Wien 1922. 






über die Symbolik der KopftropLäen 



i35 



mit Begehren auf sie wartet. Der Jäger identifiziert sich unbewußt 
auch mit dem jungen Männchen und kann so, auf eine unverpönte, 
weidmännische Art, den infantilen Triumph über den Vater feiern, einen 
Triumph, von dem er früher geträumt hatte und den unsere Sitten schon 
seit langem nicht mehr zulassen. 

Alle Vorstellungen, die sich auf das Studium der Mythen gründen, be- 
stätigen diese Anschauung. Mithra, dieser Gott-Sohn, der eine Zeitlang 
dem Christentum — auch eine Religion des Sohnes — die Weltherrschaft 
strittig gemacht hat, ist auch durch den Mord an dem Stier, dem mächtigen, 
gehörnten, väterlichen Totemtier, dessen Gestalt Zeus so oft angenommen 
hatte, ein heiliger Held geworden. Die spanischen Stierkämpfe mit der 
frenetischen Bewunderung, die der Matador hervorruft, sind wie ein ent- 
ferntes, abgeschwächtes Echo derselben unbewußten totemistischen Auffassung. 

Anderseits wird der Sohn-Jäger oft wegen seines frevlerischen Unter- 
nehmens gegen das väterliche Totemtier bestraft. So wird Adonis, der 
Liebling Aphrodites, der großen mütterlichen Gottheit, durch einen Eber 
getötet. Demselben Tier verdankt er, nach Servius, seine Geburt, denn es 
hat mit seinen Stoßzähnen den mütterlichen Baum — den Myrrhenbaum — 
geöffnet, in den Myrrha, seine Mutter, verwandelt worden war und in dem 
er, Adonis, seine Geburt erwartete. Der Mythus nach Servius verrät die 
primitive Identität, er schwankt zwischen zwei Versionen: einmal ist es 
der Vater des Adonis mit seinem Schwert, ein andermal der Eber mit 
seinen Stoßzähnen, der den Baum aufgeschlitzt hat. 1 Obschon aber Adonis 
durch den väterlichen Eber zur Strafe für den mütterlichen Inzest getötet 
wurde, kehrt er triumphierend wieder ins Leben zurück, wie es in jeder 
Religion der Fall ist, in der der Sohn zum Gotte erhoben worden ist. 

Der heilige Hubertus, der 727 als Bischof von Lüttich gestorben ist, 
ist ein gutes Beispiel für den reuigen Sohn, der heilig gesprochen wurde, 
weil er auf den symbolischen totemistischen Urmord verzichtet 
iiat. Ein leidenschaftlicher Jäger, verzichtete er an einem Karfreitag auf 
die Jagd. Es erschien ihm beim Jagen ein göttlicher Hirsch, der zwischen 
seinem Geweih ein glänzendes Kreuz trug. Durch die Wiederkehr des Ver- 
drängten in dem Verdrängenden, ein Vorgang, der jedem der mit dem 
Mechanismus der Zwangsneurosen vertraut ist, bekannt ist, wurde Sankt 
Hubertus, der wegen seines Jagdverzichtes heilig gesprochen wurde, gerade 
Schutzpatron der Jäger. 



1) Vgl. Roschers mythologisches Lexikon, Artikel Adonis. 



l38 JMarie Bonaparte 



des Ödipuskomplexes des kleinen Knaben, in der er den ältesten eroti- 
schen Wunsch seines Lebens, den Wunsch, die Mutter zu besitzen, unter 
dem Einflüsse der Kastrationsdrohung — und zwar der Kastration durch den 
Vater — untergehen sieht. Das ist der klassische Mechanismus, durch welchen 
die große infantile Periode des Ödipuskomplexes, um das fünfte Lebensjahr 
herum, ihr Ende findet. 1 Betrogen um seinen großen Wunsch, den er auf- 
geben muß, um sich den Penis, das kostbare, bedrohte Organ zu sichern, 
wünscht der kleine Knabe sich nun als Rache, als Vergeltung — gleich einem 
jungen Zeus — die Kastration des alten Kronos. Diese alten, tiefen Regungen 
der Kinderseele, die im Unbewußten niemals ganz verschwunden waren, 
sind es, die beim Anblick des betrogenen Ehemannes in uns erwachen. 

Der von der Frau und dem Geliebten betrogene Ehemann wird tat- 
sächlich von dem Zuschauer, der ihn sieht und den andern zeigt, dem Vater 
der Kinderzeit gleichgestellt. Der infantile Wunsch wird hier nun endlich 
verwirklicht, der Zuschauer identifiziert sich mit dem Liebhaber und 
identifiziert die treulose Frau mit der Mutter. Die treulose Frau 
macht das, was er, als kleiner Knabe, von der Mutter gewünscht hatte, 
daher kommt die große Befriedigung, die der Anblick eines betrogenen 
Ehemannes gewöhnlich jedem männlichen Zuschauer bereitet. 

Die Menschen haben aber im Laufe ihrer phylogenetischen Entwicklung 
viele Phasen durchlaufen, die alle in ihrem Unbewußten Spuren zurück- 
gelassen haben. Von der Phase des Jagens ist ihnen gegenüber den 
wilden Tieren, die gleichzeitig ihre gefürchteten und verehrten Feinde 
sind, — wie der "Vater, ■ — eine Art von „Sohneinstellung" geblieben, und 
diesem Umstand verdanken diese es auch, daß nach dem Urmorde des 
Vaters eines oder das andere von ihnen zum Vaterersatz, zum Totem erhoben 
wurde. Der Totemismus lebt in jedem von uns weiter, in den Tierphobien 
der Kinder in seiner reinen, ursprünglichen, in unseren Jagdgebräuchen in 
abgeschwächter Form. Und das macht es dem Zuschauer dieses Schauspiels 
möglich, in dem betrogenen Ehemann auf dem Wege der Übertragung den 
Vater seiner Kindheit zu sehen und ihn mit dem Geweih des großen 
Hirsches der Wälder auszustatten. 

Die Phase des Hirtentums, die nach der Jagdphase gekommen ist, 
hat auch ihre Spuren im Unbewußten der Menschen zurückgelassen. Das Rind 
wurde also, durch die Kastration der männlichen Tiere, dem Joche der 
Menschen unterworfen. Diese unverstandene Anspielung auf die reale 

1) Vgl. Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes. (Ges. Schriften, Bd. V.) 







über die Symbolik der Kopltrophäen l3o, 

Kastration ist es, die manche, wie z. B. Seh rader, auf die Idee gebracht 
hat die Symbolik des betrogenen Ehemannes auf das Rind zurückzuführen. 
Diese Symbolik gehört trotzdem in erster Linie der Phase des Jagens an, 
welcher die Sitte der Kopftrophäen eigen ist. 

Wie wir jedoch schon früher gesehen haben, liegt die Hauptbedingung 
für das Komische der Symbolik des betrogenen Ehemannes darin, daß die 
Menschen in ein Stadium der Zivilisation geraten sind, in dem gelegent- 
lich der Ehebrüche kein Blut mehr vergossen wird. Um der Ironie 
freien Lauf zu lassen, muß sich das ganze Drama sprachlich abspielen. 

Betrachten wir uns einmal die Dinge näher. Wem erscheint der betrogene 
Ehemann komisch? In seinen eigenen Augen ist er es nicht, das ist klar. 
In den Augen seiner Frau und auch in denen des Liebhabers nicht 
immer, da ja beide in dem Stücke mitspielen und nicht viele Muße zum Zu- 
schauen haben. Vor allem ist das Stück für die Zuschauer, die darin über- 
haupt keine Rolle spielen, komisch. Zum „Publikum" gehören zumindest 
zwei Zuschauer. Betrachten wir einmal die beiden Zuschauer — natürlich 
können es auch mehrere sein. Einer von ihnen, indem er den betrogenen 
Ehemann des Dreiecks und die Frau und den Liebhaber entdeckt, identifiziert 
sich gleichzeitig mit letzterem. Der Zuschauer aber, vor dem sich dieses 
Stück abspielt, wäre nicht wirklich befriedigt, wenn er allein wäre, wenn 
er nicht jemand hätte, der ihn, in seinem phantasierten Triumph, den er 
über dem Vater im Wege seiner Identifikation mit dem Geliebten feiert, 
bewundert. 

Er lenkt daher die Aufmerksamkeit eines anderen auf den Anblick und, 
um diesen anderen zu der Kastration des Vaters anzuspornen, — ein soziales 
Phänomen, an die Verschwörung der Brüder gegen den Urvater erinnernd, — 
schreibt er ihm, dem Vater, das grandioseste, das auffallendste männliche 
Merkmal zu, und zwar die Hörner des großen Hirsches der Wälder. 



Den betrogenen Ehemann, in dem Augenblick, in dem er machtlos, 
kastriert erscheint, mit der männlichsten der Zierden auszustatten, ist wohl 
eine „Darstellung durch das Gegenteil . 

Die Darstellung durch das Gegenteil ist der wesentlichste Mechanismus 
der Ironie, 1 dieser sozialen Erscheinung, vermöge der man in einem Ge- 
spräch gerade demjenigen gewisse außerordentliche Qualitäten zuschreibt, 

i) Freud: Ges. Schriften, Bd. IX, S. 7, 8. 



l^O 



Mb 



ionaparte 



die er gerade am wenigsten hat, wodurch der Zuhörer oder die Zuhörer 
angeregt werden, jenem im Gedanken wieder das fortzunehmen, was 
man ihm eben mit Worten erteilt hat. Von einem ungewöhnlich 
häßlichen Mann wird zum Beispiel gesagt, wie schön er doch sei, damit 
der Zuhörer ihm gerade diese Eigenschaft wegnehmen kann. 

Es gibt auch noch eine andere Symbolik und eine andere Ausdrucks- 
form, in der die Darstellung durch das Gegenteil üblich ist. Der Schleier 
ist das Symbol der Jungfräulichkeit und die Bräute treten verschleiert vor 
den Altar. Indessen war der Schleier, wie auch Storfer erwähnt, 1 im 
Mittelalter das Kennzeichen der Prostituierten. Und man bezeichnet im 
Deutschen mit dem Ausdruck „Dirne" und im Französischen mit „fille" 
gerade die Prostituierten, sowie in Hamburg die von Prostituierten be- 
wohnte Straße Jungfernsteig heißt. 

Darin liegt ein Stück Volksironie. Man schreibt der Prostituierten nur 
deshalb die Jungfräulichkeit zu, um den Zuhörer, mit dem man spricht, 
zu veranlassen, ihr diese in Gedanken gleich wieder wegzunehmen. Es ist 
eine Art von „verbaler Defloration". 

Die Darstellung durch das Gegenteil hat auch den Vergleich zwischen 
dem betrogenen Ehemann und dem Kuckuck geschaffen. Dieser Vogel ist 
nach Littre 3 und Swainson 3 zuerst als außerordentlich männlich be- 
zeichnet worden; es wurde von ihm gesagt, daß er die Weibchen anderer 
Vögel befruchte, später aber wurde ihm die Rolle des betrogenen Ehe- 
mannes zugeteilt, in derselben Weise wie im Deutschen der Hahnrei aus 
dem Hahn entstanden ist. 

Dieser Mechanismus der Ironie, die Darstellung durch das Gegenteil, 
eignet sich ganz besonders zur Vorstellung der Kastration: Ein Zuschauer 
zeigt dem Publikum den großen Phallus des Vaters, um den 
anderen oder die anderen anzuspornen, jenem den Phallus weg- 
zunehmen. 

Aber der mächtige Affekt, der der „tragischen Seite" des Vergleiches 
zwischen dem betrogenen Ehemann und dem Hochwild des Waldes, dem 
Vaterersatz, anhaftet, hat heutzutage, da um eines Ehebruches kein Blut 
mehr vergossen wird, nicht mehr die Möglichkeit, abreagiert zu werden. 
Es ist nur mehr eine „verbale Kastration" Und in der Vorstellung des 



1) Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft, S. 54. 

2) Artikel Cocu (gehörnt). 

3) The Polk Lore and Provincial Names of British Birds. S. 121. London 1886. 



über die Symbolik der Kopftrophäen 



1*1 



Volkes, in seinem Vorbewußtsein, vollzieht sich der Vergleich zwischen 
den verschwundenen großen blutigen Gesten, die in den primitiven Kul- 
turen mit der Rache für den Ehebruch einhergingen, und der heute 
gegebenen Blindheit und Schwäche des zivilisierten Ehemannes — und da 
der mächtige und grausame Affekt, der jenen Vorstellungen anhaftet, sich 
den kleinen nicht mehr anpassen kann, macht er sich durch Lachen Luft. 
Der Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen ist wirklich ein un- 
geheurer, und dieser Umstand erklärt zweifellos, warum das Motiv des 
betrogenen Ehemannes im Bereiche der Komik, vielleicht auch als die 
Komik par excellence, erscheint. 

Das kollektive Lachen, in das die Männer bei dem Anblick des betrogenen 
Ehemannes ausbrechen, erinnert mehr an die Symbolik der Parforcejagd, 
als an die der individuellen Jagd, des Pirschens. Gewiß identifiziert sich 
jeder, der lacht, mit dem Liebhaber, und möchte am liebsten der Einzige 
sein, der aus dem Ehemann einen „Hahnrei" macht. Diese Art der Ironie 
bleibt jedoch ein kollektives Phänomen, und es dürfte vielleicht kein bloßer 
Zufall sein, daß Frankreich, das Land der Parforcejagd, auch das Land der 
Lustspiele ist, deren häufigstes Motiv der betrogene Ehemann ist. 

Da aber heute das Blut nicht mehr fließen und der primitive Sadismus 
nicht mehr erkenntlich durchblicken darf, — da er unbedingt verurteilt 
würde, — verwandelt sich das alte Verlangen nach Blut in Lachlust. 

Es ist sicher, daß wenn das Motiv des betrogenen Ehemannes dem 
Publikum als das komischeste erscheint, es darum so ist, weil es im Grunde 
genommen zweifellos das tragischeste ist. 

Im Verlaufe dieser Arbeit haben wir gesehen, daß die tragischesten und 
archaischesten Motive, die im Unbewußten der Menschen wirksam sind, 
gerade die komischesten werden können, wenn sie in der Realität nicht 
mehr „ausgelebt" werden können und durch die notwendige Verwandlung 
des Affektes auf soziale Weise, mittels des Lachens, abreagiert werden. 

Doch welch langen Weg mußten die Menschen zurücklegen, bis sie 
hiehergelangt sind! Das alte Sprichwort müßte folgendermaßen richtig- 
gestellt werden: Vom Erhabenen zum Lächerlichen sind es Tausende und 
Tausende von Schritten. 



Vom Leben der ijienen und lermiten 

Jcsyclioanalytiscne .Bemerkungen 

Von 
L. R. Delves Brougnton 

Biaa, Nigeria 

Maeterlinck entwirft in seinen Schriften über „Das Leben der 
Bienen" und über „Das Leben der Termiten" ein wunderbares Bild 
der Insektengemeinschaften, ihrer Organisation, der offensiven wie der 
defensiven, ihrer absoluten sozialen Opfer, äußert auch nachdrücklich die 
Vermutung, daß] sie eine Sprache irgendwelcher Art besitzen.] Es er- 
gibt sich ihm die Frage: was ist die Macht, der diese Organisation unter- 
worfen ist und was ist das Ideal, dem die persönlichen Opfer gebracht 
werden. Er selbst gelangt zu keiner befriedigenden Antwort und gibt zu, 
daß er, indem er einen „Geist des Bienenstocks" annimmt, der sich 
aus den Einheiten der Insektindividuen zusammensetzt, wie etwa aus den 
Zellen der lebenden Körper, nur eine neue Benennung einer unbekannten 
Kraft umhängt, die man verschiedentlich als Instinkt, Intelligenz, oder 
einfach als Zufall voraussetzt. Es will mir scheinen, daß die Theorien, die 
Freud in seiner „Massenpsychologie" auseinandersetzt, geeignet sind, 
zumindest auf einen Teil dieser verwirrenden Fragen die Antwort zu liefern. 
Freud stellt dar, daß Bindungen der Masse libidinös sind, daß die 
Glieder vermöge von Identifikationen zusammengehalten werden, erstens 
von Identifikation mit dem Führer und zweitens von gegenseitigen Iden- 
tifikationen untereinander auf Grundlage jener ersten Identifikation. Der 
Führer ist in der Lage eines Hypnotiseurs, dem die übrigen ihr „Ichideal 
ausgeliefert haben und das Ganze erinnert an die Organisation einer An- 
zahl von Kindern unter einem despotischen Vater. 



Vom Lelen der Bienen und Termiten 1^3 

Nun scheint mir, daß etwas diesen Bedingungen sehr Ähnliches in der 
Organisation der Bienen und Termiten gefunden worden ist. (Über die 
Ameisen fehlen mir leider Kenntnisse.) Die Königin ist eine Despotin, 
die die sexuelle Funktion ihrer zahllosen Töchter — in dem Falle der 
Termiten, mit kleinen Ausnahmen auch die ihrer Söhne — an sich gerissen 
hat. Wegen der ihnen auferlegten Unfruchtbarkeit sind die Arbeiter ge- 
zwungen, sich mit der Königin zu identifizieren, um sich auf diese Art 
eine direkte sexuelle Befriedigung zu verschaffen, ebenso müssen sie sich 
notwendigerweise auch untereinander, eine mit der anderen, identifizieren. 
Aber sogar die auf diesem Wege erreichbare Befriedigung ist so beschränkt, 
ein so schwacher Ersatz, daß man annehmen könnte, — falls man ihnen 
eine der unseren ähnliche geistige Ökonomie zugesteht, — daß eine sehr 
ausgiebige Sublimierung dazu verwendet wird, über die überschüssige Libido 
zu verfügen. Ich glaube mich zu erinnern, daß Freud festgestellt hat, 
daß die Fähigkeit des Menschen zur Zivilisation durch seine Fähig- 
keit zur Neurose bedingt ist; mit anderen Worten, daß der Ursprung 
der Kunst, der Technik und des Ackerbaus usw. in der Libido zu suchen 
ist, die von ihrem ursprünglichen Ziel abgelenkt und in andere, vom 
sozialen Standpunkt ungefährliche Bahnen gebracht worden ist. Diese Be- 
hauptung ist durch das Studium der staatenbildenden Insekten bestätigt 
worden, bei denen Verdrängungen, den unseren ähnlich, doch weitaus 
strengerer Art, eine Zivilisation entstehen ließen, die in vielen Beziehungen 
der unseren gleich ist. Meiner Ansicht nach haben wir hier das Geheimnis 
der Eintracht und des sinnvollen Verhaltens dieser Insekten, das Maeter- 
linck nicht imstande war zu lösen. Der Bienenstock ist eine seelische 
Einheit, dank der Identifikation, und derselbe Prozeß, durch den die 
Identifikation Verstärkung erfahren hat, hat einen Energiebeitrag abgegeben, 
der bei normalen Tieren nicht im Dienste der Selbsterhaltung steht. 

Auch wenn wir nicht von der Wahrscheinlichkeit ausgingen, daß die 
Kräfte, die die Zivilisation der Bienen und Termiten geschaffen haben, 
libidinösen Ursprungs seien, würden die eigentlichen Wege, die diese 
Kräfte einschlagen, uns einen solchen Ursprung ahnen lassen. Der Aufbau 
einer Wohnstätte, die kugelförmig ist und tatsächlich eine Art von Aus- 
dehnung der Person der Königin ist, so unzertrennlich von ihr wie sie 
von ihm, was könnte er sonst sein als der praktische Ausdruck der Sehn- 
sucht nach dem Narzißmus und dem Geborgensein im Mutterleibe, 
welche uns aus den Träumen so wohlbekannt ist. Wir können füglich als 
den Ursprung des Anbaus von Pflanzen und des absichtlichen Beherbergen^ 



1^4 L. R. Delves 



von Eingeweideparasiten — abgesehen von ihrem praktischen Wert — den 
für immer versagten Wunsch einen Sprößling hervorzubringen und zu 
tragen, betrachten. Der komplizierte Apparat der Bienen zur Wachserzeugung, 
der bei der Königin nicht vorhanden ist, mag demselben Gebärtrieb 
entstammen. Anderseits ist es eine gesicherte Tatsache, daß der Geiz beim 
Menschen in allen seinen Erscheinungsformen in engem Zusammenhang 
mit der Analerotik ist, die ihrem Wesen nach eine Regression der ent- 
täuschten Libido auf eine primitivere Stufe vorstellt. In Anbetracht der 
peinlichen Sauberkeit der Bienen, die lieber an Tausenden von Ver- 
dauungsbeschwerden zugrunde gehen, als den Stock bei kalter Witterung 
zu beschmutzen, können wir füglich bei ihnen eine ausgiebige Regression 
dieser Art voraussetzen und darin auch eine zufriedenstellende Erklärung 
finden für ihr Honigsammeln, vielleicht sogar für die mathematische 
Exaktheit ihrer Zellen. Eine Regression auf dieselbe Stufe, jedoch ohne 
jene Verdrängungen, welche bei der Biene die Liebe zum Schmutz in eine 
Liebe zur Reinlichkeit wandeln, könnte das Vergnügen der Termitenarbeiter 
an ihren eigenen Exkrementen, die ihnen auch als Nahrung dienen, er- 
klären, wobei bemerkt werden muß, daß die Königin und die königliche 
Familie das Privilegium haben, nicht aus dem Anus, sondern aus dem Mund 
ihrer Diener gefüttert zu werden. 

Der Sadismus, das Element der Grausamkeit, unzertrennlich von der 
Liebe, der eigentlich nichts anderes als im Dienste des Eros auf die 
Außenwelt projizierter Todestrieb ist, hat, wenn ich mich nicht irre, in 
besonderem Maße an der Entwicklung dieser beiden Insekten teilgenommen. 
Es soll vor allem daran erinnert werden, daß die Angriffswaffe der Biene 
nichts anderes als die Modifizierung der verkümmerten Eileiter ist, daß 
ihr Gebrauch gegen die Königin durchaus verboten ist und daß die Bienen 
bereit sind, sie gegen jeden Eindringling von Seiten der Außenwelt — Köni- 
ginnen stets ausgenommen — zu verwenden, obwohl dessen Gebrauch 
todbringend für sie ist. Wenn wir uns den Termiten zuwenden, sehen wir 
eine viel tiefergehende Modifikation: die Entwicklung einer besonderen 
Kriegerkaste, ermöglicht durch die Anpassungsfähigkeit des Insektkörpers 
und vielleicht auch durch die Ersparung an Libido, die durch das Fehlen 
der Augen und Flügel erzielt worden ist. Sogar die Spritzentermiten, die 
wenigstens so allgemein wie diejenigen mit hypertrophisierten Kiefern sind, 
scheinen durch die Bildung eines Ejakulationsorgans zum Gebrauch gegen 
die , Feinde hier die wahre Natur der Kraft zu zeigen, welche sie zu 
Hilfe gerufen haben. 






Leben der B: 



neuen ua 



JTe 



l45 



Was die Blendung der Arbeitertermiten betrifft, kann uns unsere 
eigene Erfahrung vielleicht eine Erklärung dafür geben. Das Blenden in 
Träumen und Legenden bedeutet meistens Kastration; und in der Ter- 
mitengemeinschaft, in der sowohl Männchen wie auch Weibchen den 
Verlust ihrer sexuellen Fähigkeit erleiden müssen, kann das, was bei uns 
ein einfaches Symbol ist, im Interesse eines vollkommeneren Opfers in 
Wahrheit umgesetzt werden. 

Maeterlinck ist es nicht gelungen, im Leben der Bienen, beziehungs- 
weise in dem der Termiten auch nur annähernd eine Spur von irgend- 
welchen den unseren ähnlichen L u s t möglichkeiten zu finden, von irgend- 
welchen Einrichtungen, die nur dem eigenen Wohl und nicht dem In- 
teresse der Gemeinschaft dienen. Gleichzeitig aber berichtet er in weit- 
läufiger Weise über die zeremoniellen Tänze, welche von beiden ausgeübt 
werden und erwähnt bei den Termiten auch eine Art von Gesang. Bei den 
Bienen scheinen die Tänze irgendwelchen erzieherischen Wert zu haben; 
möglicherweise sind sie die ersten Schritte zur Sublimierung, um uns so 
auszudrücken, und geben den jungen Bienen Weisung wie und bis zu 
welchem Maße sie den Libidoüberschuß verwenden können. Bei den Ter- 
miten scheinen diese Tänze ganz spontan zu sein; sie können künstlich 
hervorgerufen werden, wenn man das Insekt in einem Kessel schüttelt 
und erscheinen daher als die momentane Hingabe an das Lustprinzip in 
seiner einfachsten Form. 

Bei den Bienen gibt es noch eine unzweifelhafte Lustquelle, das 
Schwärmen. Bei dieser Gelegenheit werden die Einschränkungen des 
Bienenstocks in gewissem Maße gelockert und es ergibt sich eine unseren 
Feiertagen ähnliche Situation. Bei den Termiten» ist es anders. Sie senden 
eine Art von Schwärm aus, doch nur aus den völlig entwickelten Gliedern 
beiden Geschlechts bestehend; aus dieser Gelegenheit erwächst großes Ver- 
derben und schwere Besorgnis für die Stadt, welche dann und nur dann den 
Angriffen der Ameisen wehrlos ausgesetzt ist- Da die Termiten imstande sind, 
neue Königinnen aufzuziehen, um die alte in der Stadt zu ersetzen, bleibt 
das Motiv für das Schwärmen ganz im Dunkeln. Es ist möglich, daß sie sich 
bis zu einem gewissen Maße mit den Emigranten identifizieren und sich 
durch deren Freiheit eine Art von Ersatzbefriedigung verschaffen, während 
deren alljährliche Verbannung sie für ihre eigene Verzichtleistung ent- 
schädigt, oder aber vollzieht sich die Flucht ausschließlich im Interesse 
der Kreuzbefruchtung, da es gewiß erscheint, daß die Termiten im Besitze 
biologischer Kenntnisse sind, die den unseren voraus sind. 

Imago xiv. 10 



i4 6 



Delves : Vom Leben der Bienen und Termiten 



Wenn wir den sexuellen Despotismus bei der Königin voraussetzen, 
welche Annahme sich uns unbedingt aufdrängt, müßten wir in ihren 
Untertanen eine Gefühlsambivalenz annehmen, die wenigstens so aus- 
geprägt ist, wie die unseren Monarchen entgegengebrachte. Wir haben reich- 
liche Beweise für die Existenz dieser Ambivalenz, unter anderem die Sitte, bei 
den Bienen eine fremde, in ihren Stock eingedrungene Königin „zu Tode 
zu drücken". Der Haß veranlaßt sie, den Eindringling zu töten und ihn nicht 
zu verjagen, doch hat die Ehrfurcht ein System hervorgebracht, durch 
welches kein Einzelwesen für den Tod verantwortlich gemacht werden 
kann. Termiten belecken ihre Königin mit Vorliebe und verzehren ihre 
Exkremente, und wenn sie von den Soldaten nicht daran gehindert werden, 
lösen sie sogar während dieses Prozesses Stückchen aus ihrem Fleisch ab. 
Die Königinnen beider Insektarten sind einer strengen Gefangenschaft im 
Stock unterworfen, und das Behaupten ihrer Stellung ist, wie bei gewissen 
wilden Häuptlingen, ausschließlich von ihrer Fruchtbarkeit abhängig. Die 
Leichname der Termitenköniginnen werden in der Regel aufgefressen. Es 
muß bemerkt werden, daß dem Niedergang eines Stockes gewöhnlich die 
Treulosigkeit gewisser Arbeiter vorausgeht, die diesen Niedergang wahr- 
scheinlich dadurch verursachen, daß sie selbst Eier legen, wodurch das se- 
xuelle Vorrecht der Königin zerstört wird, was wieder ein Beweis dafür ist, 
daß die Bande, die den Stock zusammenhalten, von diesem Vorrecht abhängen. 

Zum Schlüsse möchte ich noch durch ein Beispiel die Tatsache erläutern, 
daß die Menschen den matriarchalischen Charakter der Termitenstadt 
ahnen und in ihm eine Kraft verehren. Ich habe in dieser Gegend häufig 
kleine Blätterpäckchen, welche auf Termitenhügeln in der Nähe der Straßen 
lagen, bemerkt. Als ich mich nach der Ursache dieses Umstandes erkundigte, 
wurde mir mitgeteilt, daß diejenigen, denen ein Wunsch unerfüllt geblieben 
ist, zu einem im Orte befindlichen Zauberer gehen, der ihnen eine „Medizin" 
verabreicht und sie anweist, diese an einen Kreuzweg oder an eine Quelle 
oder auf einen Termitenhügel zu legen. Das Symbolische der ersten zwei 
Plätze wird jedem Traumforscher einleuchtend sein, und ich kann nur 
daraus folgern, daß der primitive Mann, aus Ursachen, die ich mit den 
vorangegangenen Ausführungen kurz zu charakterisieren versucht habe, in 
der Termitenstadt noch ein anderes Symbol für die Mutter-Götter gefunden 
hat, dem ältesten bekannten Objekt der menschlichen Verehrung, von dem 
wir alle ausgegangen sind und nach dem wir alle streben. 






Ein Traum aus einem japanischen Roman des 
eilten Jahrhunderts 

Von 
Rutk Jane .Mack 

New York 

In den Jahren 1001 — 1015 A. D. verfaßte eine japanische Hofdame, 
Lady Murasaki, einen großen Roman unter dem Titel „Die Geschichte 
der Abenteuer des Prinzen Genji", der uns im Juni 1925 in einer 
englischen Übersetzung von Arthur Waley zugänglich wurde. 1 Neben der 
großen poetischen Schönheit dieses Werkes, die der Übersetzer mehr als 
alle seine anderen Vorzüge zu schätzen scheint, interessiert uns vor allem 
die psychologische Beleuchtung der Liebesabenteuer dieses japanischen Don 
Juans. Unter vielen Stellen, die man in dieser Hinsicht hervorheben könnte, 
erscheint mir die Verwertung eines Traumes die interessanteste zu sein. 

Der Vorfall spielt nach dem Tode Aois, der ersten Frau des Prinzen 
Genji. Dem herrschenden Glauben entsprechend, wird auch hier ange- 
nommen, daß der Haß irgendeines Feindes an ihrem Tode schuld ist. 
Genjis Maitresse, Lady Rokujo, weiß, daß man Aois Tod den Ränken ihres 
„lebendigen Geistes" zuschreibt. Sie versucht, sich über ihre Gefühle gegen 
Aoi klar zu werden, kann aber nichts in sich entdecken, als das Bewußt- 
sein ihrer eigenen unglückseligen Lage. „Trotzdem war sie nicht sicher, 
ob nicht am Grunde ihrer von Gram verzehrten Seele ein Funken Groll 
in der Verborgenheit schlummerte." Dabei erinnert sie sich an folgenden 
Traum : 



1) The Tale of Genji, by Lady Murasaki, translated from the Japanese by Arthur 
Waley. London, George Allen and Unwin Ltd. 



10* 



1^8 Alack: Ein Traum aus einem japanisdien Roman des elften Janrnunderts 



„Sie ist in einem großen, prächtigen Raum; dort liegt ein Mädchen, das 
sie als die Prinzessin Aoi erkennt. Sie packt die Hingestreckte beim Arm, 
zerrt sie hin und her, schlägt auf sie los, all das in einem Ausbruch wilder 
Wut, xuie sie ihr im Wachen völlig ferngelegen hätte. Derselbe Traum hatte 
sich später noch mehrmals wiederholt. Wie entsetzlich! So konnte es doch 
geschehen, daß der Geist den Körper verließ und Gefühle aus ihm hervor- 
brachen, die das wache Denken niemals geduldet hätte." 

Über diese Stelle, welche die • — wir könnten sagen — psychoanalytische 
Einsicht Murasakis beweist, macht der Übersetzer folgende Bemerkung: 

„Sie (Murasaki) erscheint uns modern, weil der mittelalterliche Buddhismus 
zufällig über gewisse psychologische Begriffe verfügte, die gerade im heutigen 
Europa Allgemeingut geworden sind. Die Vorstellung, daß die Persönlichkeit 
aus verschiedenen Schichten aufgebaut ist, deren Inhalt miteinander in Konflikt 
geraten kann, daß ein Gefühl in voller Intensität vorhanden sein kann, ohne 
doch von dem betreffenden Individuum wahrgenommen zu werden, — ■ solche 
Auffassungen waren im alten Japan nichts Ungewöhnliches. Sie verleihen 
Murasakis Buch einen täuschenden Anschein modernen Denkens.' 

Uns Analytikern aber kann es doch nicht als „zufällig erscheinen, daß 
Grundsätze, die im alten Japan allgemein anerkannt waren, in so sonder- 
barer Weise mit den Resultaten unserer mühsamen wissenschaftlichen 
Forschung übereinstimmen, welche sich zu den herrschenden abendländi- 
schen Anschauungen seit jeher im Gegensatz befinden. Eine Untersuchung 
dieser Übereinstimmungen, besonders in bezug auf das Unbewußte, seine 
Äußerung in Träumen und der Träume selbst als Ausdruck von Wünschen 
und Gefühlen, die „das wache Denken niemals geduldet hätte , scheint sehr 
vielversprechend. Dabei bleibt natürlich die verhältnismäßige Unzugäng- 
lichkeit der Quellenliteratur, von der nur einiges in Übersetzungen zu 
finden ist, für jeden in den ostasiatischen Sprachen nicht Bewanderten 
eine beträchtliche Schwierigkeit.