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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V 1917 Heft 2"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHÖ* 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
V. 2. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1917 



Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und 

Wahrheit«. 

Von SIGM. FREUD <Wien>. 

»Wenn man sich erinnern, will, was uns in der frühesten 
Zeit der Kindheit begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, 
dasjenige, was wir von anderen gehört, mit dem zu verwechseln, 
was wir wirklidi aus eigener anschauender Erfahrung besitzen.« 
Diese Bemerkung macht Goethe auf einem der ersten Blätter 
der Lebensbeschreibung, die er im Alter von sechzig Jahren auf= 
zuzeidinen begann. Vor ihr stehen nur einige Mitteilungen über 
seine »am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlag zwölf« 
erfolgte Geburt. Die Konstellation der Gestirne war ihm günstig 
und mag wohl Ursache seiner Erhaltung gewesen sein, denn er 
kam »für todt« auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen 
brachte man es dahin, daß er das Licht erblickte. Nach dieser Be= 
merkung folgt eine kurze Schilderung des Hauses und der Räum= 
lichkeit, in welcher sich die Kinder — er und seine jüngere Schwester 
— am liebsten aufhielten. Dann aber erzählt Goethe eigentlich nur 
eine einzige Begebenheit, die man in die »früheste Zeit der Kind= 
heit« <in die Jahre bis vier?) versetzen kann, und an welche er eine 
eigene Erinnerung bewahrt zu haben scheint. 

Der Bericht hierüber lautet: »und mich gewannen drei gegen» 
über wohnende Brüder von Ochsenstein, hinterlassene Söhne des 
verstorbenen Schultheißen, gar lieb, und beschäftigten und neckten 
sich mit mir auf mancherlei Weise.« 

»Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen 
mich jene sonst ernsten und einsamen Männer angereizt. Ich führe 
nur einen von diesen Streichen an. Es war eben Topfmarkt gewesen 
und man hatte nicht allein die Küche für die nächste Zeit mit 
solchen Waren versorgt, sondern auch uns Kindern dergleichen 
Geschirr im kleinen zu spielender Beschäftigung eingekauft. An 

Imago V/2 4 






50 Sigm. Freud 



einem schönen Nachmittag, da alles ruhig im Hause war, trieb ich 
im Geräms <der erwähnten gegen die Straße gerichteten Örtlichkeit) 
mit meinen Schüsseln und Töpfen mein Wesen und da weiter nichts 
dabei herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf die Straße 
und freute mich, daß es so lustig zerbrach. Die von Ochsenstein, 
welche sahen, wie ich mich daran ergötzte, daß ich so gar fröhlich 
in die Händchen patschte, riefen: Noch mehr! Ich säumte nicht, so*» 
gleich einen Topf und auf immer fortwährendes Rufen: Noch mehr! 
nach und nach sämtliche Schüsselchen, Tiegelchen, Kännchen gegen 
das Pflaster zu schleudern. Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Bei= 
fall zu bezeigen und ich war höchlich froh ihnen Vergnügen zu 
machen. Mein Vorrat aber war aufgezehrt, und sie riefen immer: 
Noch mehr! Ich eilte daher stracks in die Küche und holte die 
irdenen Teller, welche nun freilich im Zerbrechen ein noch lustigeres 
Schauspiel gaben,- und so lief ich hin und wieder, brachte einen 
Teller nach dem anderen, wie ich sie auf dem Topf brett der Reihe 
nach erreichen konnte, und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, 
so stürzte ich alles, was ich von Geschirr erschleppen konnte, in 
gleiches Verderben. Nur später erschien jemand zu hindern und zu 
wehren. Das Unglück war geschehen, und man hatte für so viel zer- 
brochene Töpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich 
besonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergötzten.« 

Dies konnte man in voranalytischen Zeiten ohne Anlaß zum 
Verweilen und ohne Anstoß lesen/ aber später wurde das analy* 
tische Gewissen rege. Man hatte sich ja über Erinnerungen aus 
der frühesten Kindheit bestimmte Meinungen und Erwartungen 
gebildet, für die man gerne allgemeine Gültigkeit in Anspruch nahm. 
Es sollte nicht gleichgültig oder bedeutungslos sein, welche Einzel* 
heit des Kindheitslebens sich dem allgemeinen Vergessen der Kind= 
heit entzogen hatte. Vielmehr durfte man vermuten, daß dies im 
Gedächtnis Erhaltene auch das Bedeutsamste des ganzen Lebens= 
abschnittes sei, und zwar entweder so, daß es solche Wichtigkeit 
schon zu seiner Zeit besessen oder anders, daß es sie durch den 
Einfluß späterer Erlebnisse nachträglich erworben habe. 

Allerdings war die hohe Wertigkeit solcher Kindheitserinne* 
rungen nur in seltenen Fällen offensichtlich. Meist erschienen sie 
gleichgültig, ja nichtig, und es blieb zunächst unverstanden, daß es 
gerade ihnen gelungen war, der Amnesie zu trotzen,- auch wußte 
derjenige, der sie als sein eigenes Erinnerungsgut seit langen Jahren 
bewahrt hatte, sie so wenig zu würdigen wie der Fremde, dem er 
sie erzählte. Um sie in ihrer Bedeutsamkeit zu erkennen, bedurfte 
es einer gewissen Deutungsarbeit, die entweder nachwies, wie ihr 
Inhalt durch einen anderen zu ersetzen sei, oder ihre Beziehung zu 
anderen, unverkennbar wichtigen Erlebnissen aufzeigte, für welche 
sie als sogenannte Deckerinnerungen eingetreten waren. 

In jeder psychoanalytischen Bearbeitung einer Lebensgeschichte 
gelingt es, die Bedeutung der frühesten Kindheitserinnerungen in 






Eine Kindheitserinnerung aus »Diditung und Wahrheit« 51 

solcher Weise aufzuklären. Ja, es ergibt sich in der Regel, daß 
gerade diejenige Erinnerung, die der Analysierte voranstellt, die er 
zuerst erzählt, mit der er seine Lebensbeichte einleitet, sich als die 
wichtigste erweist, als diejenige, welche die Schlüssel zu den Ge^ 
heimfächern seines Seelenlebens in sich birgt. Aber im Falle jener 
kleinen Kinderbegebenheit, die in »Dichtung und Wahrheit« erzählt 
wird, kommt unseren Erwartungen zu wenig entgegen. Die Mittel 
und Wege, die bei unseren Patienten zur Deutung führen, sind uns 
hier natürlich unzugänglich,- der Vorfall an sich scheint einer auf= 
spürbaren Beziehung zu wichtigen Lebenseindrücken späterer Zeit 
nicht fähig zu sein. Ein Schabernack zum Schaden der häuslichen 
Wirtschaft, unter fremdem Einfluß verübt, ist sicherlich keine passende 
Vignette für all das, was Goethe aus seinem reichen Leben mit= 
zuteilen hat. Der Eindruck der vollen Harmlosigkeit und Beziehungs*- 
losigkeit will sich für diese Kindererinnerung behaupten, und wir 
mögen die Mahnung mitnehmen, die Anforderungen der Psycho* 
analyse nicht zu überspannen oder am ungeeigneten Orte vorzu= 
bringen. 

So hatte ich denn das kleine Problem längst aus meinen Ge- 
danken fallen lassen, als mir der Zufall einen Patienten zuführte, 
bei dem sich eine ähnliche Kindheitserinnerung in durchsichtigerem 
Zusammenhange ergab. Es war ein siebenundzwanzigjähriger, hoch= 
gebildeter und begabter Mann, dessen Gegenwart durch einen 
Konflikt mit seiner Mutter ausgefüllt war, der sich so ziemlich auf 
alle Interessen des Lebens erstreckte, unter dessen Wirkung die 
Entwicklung seiner Liebesfähigkeit und seiner selbständigen Lebens= 
führung schwer gelitten hatte. Dieser Konflikt ging weit in die 
Kindheit zurück,- man kann wohl sagen, bis in sein viertes Lebens«* 
jähr. Vorher war er ein sehr schwächliches, immer kränkelndes Kind 
gewesen, und doch hatten seine Erinnerungen diese üble Zeit zum 
Paradies verklärt, denn damals besaß er die uneingeschränkte, mit 
niemandem geteilte Zärtlichkeit der Mutter. Als er noch nicht 
vier Jahre war, wurde ein — heute noch lebender — Bruder ge= 
boren, und in der Reaktion auf diese Störung wandelte er sich zu 
einem eigensinnigen, unbotmäßigen Jungen, der unausgesetzt die 
Strenge der Mutter herausforderte. Er kam auch nie mehr in das 
richtige Geleise. 

Als er in meine Behandlung trat — nicht zum mindesten 
darum, weil die bigotte Mutter die Psychoanalyse verabscheute — , 
war die Eifersucht auf den nachgeborenen Bruder, die sich seinerzeit 
selbst in einem Attentat auf den Säugling in der Wiege geäußert 
hatte, längst vergessen. Er behandelte jetzt seinen jüngeren Bruder 
sehr rücksichtsvoll, aber sonderbare Zufallshandlungen, durch die er 
sonst geliebte Tiere wie seinen Jagdhund oder sorgsam von ihm 
gepflegte Vögel plötzlich zu schwerem Schaden brachte, waren wohl 
als Nachklänge jener feindseligen Impulse gegen den kleinen Bruder 
zu verstehen. 



52 Sigm. Freud 



Dieser Patient berichtete nun, daß er um die Zeit des Atten- 
tats gegen das ihm verhaßte Kind einmal alles ihm erreichbare Ge- 
schirr aus dem Fenster des Landhauses auf die Straße geworfen 
hatte. Also dasselbe, was Goethe in Dichtung und Wahrheit aus 
seiner Kindheit erzählt! Ich bemerke, daß mein Patient von fremder 
Nationalität und nicht in deutscher Bildung erzogen war,- er hatte 
Goethes Lebensbeschreibung niemals gelesen. 

Diese Mitteilung mußte mir den Versuch nahe legen, die 
Kindheitserinnerung Goethes in dem Sinne zu deuten, der durch 
die Geschichte meines Patienten unabweisbar geworden war. Aber 
waren in der Kindheit des Dichters die für solche Auffassung er» 
forderlichen Bedingungen nachzuweisen? Goethe selbst macht zwar 
die Aneiferung der Herren von Ochsenstein für seinen Kinder- 
streich verantwortlich. Aber seine Erzählung selbst läßt erkennen, 
daß die erwachsenen Nachbarn ihn nur zur Fortsetzung seines 
Treibens aufgemuntert hatten. Den Anfang dazu hatte er spontan 
gemacht, und die Motivierung, die er für dies Beginnen gibt: »Da 
weiter nichts dabei <beim Spiele) herauskommen wollte«, läßt sich 
wohl ohne Zwang als Geständnis deuten, daß ihm ein wirksames 
Motiv seines Handelns zur Zeit der Niedersdirift und wahrscheinlich 
auch lange Jahre vorher nicht bekannt war. 

Es ist bekannt, daß Joh. Wolfgang und seine Schwester 
Cornelia die ältesten Überlebenden einer größeren, recht hinfälligen 
Kinderreihe waren. Herr Dr. Hanns Sachs war so freundlich, mir 
die Daten zu verschaffen, die sich auf diese früh verstorbenen Ge- 
schwister Goethes beziehen. 

Geschwister Goethes: 

a) Hermann Jakob, getauft Montag, den 27. November 1752, 
erreichte ein Alter von sechs Jahren und sechs Wochen, beerdigt 
13. Januar 1759. 

b) Katharina Elisabetha, getauft Montag, den 9. Septem» 
ber 1754, beerdigt Donnerstag, den 22. Dezember 1755 
<ein Jahr vier Monate alr). 

c) Johanna Maria, getauft Dienstag, den 29. März 1757 und 
beerdigt Samstag, den 11. August 1759 <zwei Jahre vier Mo- 
nate alt). <Dies war jedenfalls das von ihrem Bruder ge- 
rühmte sehr schöne und angenehme Mädchen.) 

d) Georg Adolph, getauft Sonntag, den 15. Juni 1760/ be- 
erdigt, acht Monate alt, Mittwoch, den 18. Februar 1761. 

Goethes nächste Schwester, Cornelia Friederica 
Christiana, war am 7. Dezember 1750 geboren, als er fünf- 
viertel Jahre alt war. Durch diese geringe Altersdifferenz ist sie als 
Objekt der Eifersucht so gut wie ausgeschlossen. Man weiß, daß 
Kinder, wenn ihre Leidenschaften erwachen, niemals so heftige 
Reaktionen gegen die Geschwister entwickeln, welche sie vorfinden, 
sondern ihre Abneigung gegen die neu Ankommenden richten. Auch 






Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit« 53 

ist die Szene, um deren Deutung wir uns bemühen, mit dem zarten 
Alter Goethes bei oder bald nadi der Geburt Corneliens un= 
vereinbar. 

Bei der Geburt des ersten Brüderchens Hermann Jakob war 
Joh. Wolfgang dreieinviertel Jahre alt. Ungefähr zwei Jahre später, 
als er etwa fünf Jahre alt war, wurde die zweite Schwester ge* 
boren. Beide Altersstufen kommen für die Datierung des Geschirr-* 
hinauswerfens in Betracht,- die erstere verdient vielleicht den Vorzug, 
sie würde auch die bessere Übereinstimmung mit dem Falle meines 
Patienten ergeben, der bei der Geburt seines Bruders etwa drei= 
dreiviertel Jahre zählte. 

Der Bruder Hermann Jakob, auf den unser Deutungsversuch 
in solcher Art hingelenkt wird, war übrigens kein so flüchtiger Gast 
in der Goetheschen Kinderstube wie die späteren Geschwister. Man 
könnte sich verwundern, daß die Lebensgeschichte seines großen 
Bruders nicht ein Wörtchen des Gedenkens an ihn bringt, Er wurde 
über sechs Jahre alt und Joh. Wolfgang war nahe an zehn Jahre, 
als er starb. Dr. Ed. Hitschmann, der so freundlich war, mir 
seine Notizen über diesen Stoff zur Verfügung zu stellen, meint: 

»Auch der kleine Goethe hat ein Brüderchen nicht 
ungern sterben gesehen. Wenigstens berichtete seine Mutter 
nach Bettina Brentanos Wiedererzählung folgendes: ,Sonderbar fiel 
es der Mutter auf, daß er bei dem Tode seines jüngeren Bruders 
Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien 
vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Ge» 
schwister zu haben,- da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, 
ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, 
brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen 
und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte ihr, daß er dies alles 
gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.' Der ältere Bruder 
hätte also immerhin gern Vater mit dem Jüngeren gespielt und ihm 
seine Überlegenheit gezeigt.« 

Wir könnten uns also die Meinung bilden, das Geschirrhin= 
auswerfen sei eine symbolische, oder sagen wir es richtiger: eine 
magische Handlung, durch welche das Kind <Goethe sowie mein 
Patient) seinen Wunsch nach Beseitigung des störenden Eindringe 
lings zu kräftigem Ausdruck bringt. Wir brauchen das Vergnügen 
des Kindes beim Zerschellen der Gegenstände nicht zu bestreiten, 
wenn eine Handlung bereits an sich lustbringend ist, so ist dies 
keine Abhaltung, sondern eher eine Verlodtung, sie auch im Dienste 
anderer Absichten zu wiederholen. Aber wir glauben nicht, daß es 
die Lust am Klirren und Brechen war, welche solchen Kinderstreichen 
einen dauernden Platz in der Erinnerung des Erwachsenen sichern 
konnte. Wir sträuben uns auch nicht, die Motivierung der Handlung 
um einen weiteren Beitrag zu komplizieren. Das Kind, welches das 
Geschirr zerschlägt, weiß wohl, daß es etwas Schlechtes tut, worüber 
die Erwachsenen schelten werden, und wenn es sich durch dieses 



-54 Sigm. Freud 



Wissen niefit zurückhalten läßt, so hat es wahrscheinlich einen Groll 
gegen die Eltern zu befriedigen,- es will sich schlimm zeigen. 

Der Lust am Zerbrechen und am Zerbrochenen wäre auch 
Genüge getan, wenn das Kind die gebrechlichen Gegenstände ein= 
fach auf den Boden würfe. Die Hinausbeförderung durch das Fenster 
auf die Straße bliebe dabei ohne Erklärung. Dies »Hinaus« scheint 
aber ein wesentliches Stück der magischen Handlung zu sein und 
dem verborgenen Sinn derselben zu entstammen. Das neue Kind 
soll fortgeschafft werden, durchs Fenster möglicherweise darum, 
weil es durchs Fenster gekommen ist. Die ganze Handlung wäre 
dann gleichwertig jener uns bekannt gewordenen wörtlichen Reaktion 
eines Kindes, als man ihm mitteilte, daß der Storch ein Geschwister^ 
dien gebracht. »Er soll es wieder mitnehmen«, lautete sein Bescheid. 

Indes, wir verhehlen uns nicht, wie mißlich es — von allen 
inneren Unsicherheiten abgesehen — bleibt, die Deutung einer 
Kinderhandlung auf eine einzige Analogie zu begründen. Ich hatte 
darum auch meine Auffassung der kleinen Szene aus »Dichtung 
und Wahrheit« durch Jahre zurückgehalten. Da bekam ich eines 
Tages einen Patienten, der seine Analyse mit folgenden, wortgetreu 
fixierten Sätzen einleitete: 

»Ich bin das älteste von acht oder neun Geschwistern 1 . Eine 
meiner ersten Erinnerungen ist, daß der Vater, in Nachtkleidung 
auf seinem Bette sitzend, mir lachend erzählt, daß ich einen Bruder 
bekommen habe. Ich war damals dreidreiviertel Jahre alt; so groß 
ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem nächsten Bruder. 
Dann weiß ich, daß ich kurze Zeit nachher <oder war es ein Jahr 
vorher?) 2 einmal verschiedene Gegenstände, Bürsten, — oder war 
es nur eine Bürste? — Schuhe und anderes aus dem Fenster auf 
die Straße geworfen habe. Ich habe auch noch eine frühere Erinne- 
rung. Als ich zwei Jahre alt war, übernachtete ich mit den Eltern 
in einem Hotelzimmer in Linz auf der Reise ins Salzkammergut. 
Ich war damals so unruhig in der Nacht und machte ein solches 
Geschrei, daß mich der Vater schlagen mußte.« 

Vor dieser Aussage ließ ich jeden Zweifel fallen. Wenn bei 
analytischer Einstellung zwei Dinge unmittelbar nacheinander, wie 
in einem Atem vorgebracht werden, so sollen wir diese Annähe» 
rung auf Zusammenhang umdeuten. Es war also so, als ob der 
Patient gesagt hätte: Weil ich erfahren, daß ich einen Bruder be= 
kommen habe, habe ich einige Zeit nachher jene Gegenstände auf 
die Straße geworfen. Das Hinauswerfen der Bürsten, Schuhe usw. 
gibt sich als Reaktion auf die Geburt des Bruders zu erkennen. 



1 Ein flüchtiger Irrtum auffälliger Natur. Es ist nicht abzuweisen, daß er 
bereits durch die Beseitigungstendenz gegen den Bruder induziert ist. (Vgl. 
Ferenczi: Über passagere Symptombildungen während der Analyse, Zentralbi 
f. Psychoanalyse. IL, 1912.) 

2 Dieser den wesentlichen Punkt der Mitteilung als Widerstand annagende 
Zweifel wurde vom Patienten bald nachher selbständig zurückgezogen. 



Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit« 55 



Es ist auch nicht unerwünscht, daß die fortgeschafften Gegenstände 
in diesem Falle nicht Geschirr, sondern andere Dinge waren, wahr* 
scheinlich solche, wie sie das Kind eben erreichen konnte . . . Das 
Hinausbefördern (durchs Fenster auf die Straße) erweist sich so als 
das Wesentliche, der Handlung, die Lust am Zerbrechen, am Klirren 
und die Art der Dinge, an denen »die Exekution vollzogen 
wird«, als inkonstant und unwesentlich. 

Natürlich gilt die Forderung des Zusammenhanges auch für 
die dritte Kindheitserinnerung des Patienten, die, obwohl die früheste, 
an das Ende der kleinen Reihe gerückt ist. Es ist leicht, sie zu er* 
füllen. "Wir verstehen, daß das zweijährige Kind darum so unruhig 
war, weil es das Beisammensein von Vater und Mutter im Bette 
nicht leiden wollte. Auf der Reise war es wohl nicht anders mög* 
lieh, als das Kind zum Zeugen dieser Gemeinschaft werden zu 
lassen. Von den Gefühlen, die sich damals in dem kleinen Eifer* 
süchtigen regten, ist ihm die Erbitterung gegen das Weib verblieben, 
und diese hat eine dauernde Störung seiner Liebesentwicklung zur 
Folge gehabt. 

Als ich nach diesen beiden Erfahrungen im Kreise der psycho» 
analytischen Gesellschaft die Erwartung äußerte, Vorkommnisse 
solcher Art dürften bei kleinen Kindern nicht zu den Seltenheiten 
gehören, stellte mir Frau Dr. v. Hug*Hellmuth zwei weitere 
Beobachtungen zur Verfügung, die ich hier folgen lasse: 



Zum Hinauswerfen von Gegenständen aus dem Fenster 
durch kleine Kinder. 

I. 

Mit zirka dreieinhalb Jahren hatte der kleine Erich »urplötzlich« die 
Gewohnheit angenommen, alles, was ihm nicht paßte, zum Fenster hinaus» 
zuwerfen. Aber er tat es auch mit Gegenständen, die ihm nicht im Wege 
waren und ihn nichts angingen. Gerade am Geburtstag des Vaters — da 
zählte er drei Jahre viereinhalb Monate — warf er eine schwere Teigwalze, 
die er flugs aus der Küche ins Zimmer geschleppt hatte, aus einem Fenster 
der im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung auf die Straße. Einige Tage 
später ließ er den Mörserstößel, dann ein Paar schwerer Bergschuhe des 
Vaters, die er erst aus dem Kasten nehmen mußte, folgen 1 . 

Damals machte die Mutter im siebenten oder achten Monate ihrer 
Schwangerschaft eine fausse couche, nach der das Kind »wie ausgewechselt 
brav und zärtlich still« war. Im fünften oder sechsten Monate sagte er 
wiederholt zur Mutter: »Mutti, ich spring' dir auf den Bauch« oder »Mutti, 
ich drück' dir den Bauch ein«. Und kurz vor der fausse couche, im Okto« 
ber; »Wenn ich schon einen Bruder bekommen soll, so wenigstens erst 
nach dem Christkindl.« 



1 Immer wählte er schwere Gegenstände. 



56 Sigm. Freud 



II. 

Eine junge Dame von neunzehn Jahren gibt spontan als früheste 
rundheitserinnerung folgende: 

»Ich sehe mich furchtbar ungezogen, zum Hervorkriechen bereit, unter 
l" 1 ! C ' m S P eisezimmer sitzen. Auf dem Tische steht meine Kaffee- 

schale, — ich sehe noch jetzt deutlich das Muster des Porzellans vor mir 
— ■ die ich in dem Augenblick, als Großmama ins Zimmer trat, zum 
Fenster hinauswerfen wollte. 

Es hatte sich nämlich niemand um mich gekümmert, und indessen 
hatte sich auf dem Kaffee eine »Haut« gebildet, was mir immer fürchterlich 
war und heute noch ist. 

An diesem Tage wurde mein um zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder 
geboren, deshalb hatte niemand Zeit für mich. 

Man erzählt mir noch immer, daß ich an diesem Tage unausstehlich 
war,- zu Mittag hatte ich das Lieblingsglas des Papas vom Tische geworfen, 
tagsüber mehrmals mein Kleidchen beschmutzt und war von früh bis 
abends übelster Laune. Auch ein Badepüppchen hatte ich in meinem Zorne 
zertrümmert.« 

Diese beiden Fälle bedürfen kaum eines Kommentars. Sie be- 
stätigen ohne weitere analytische Bemühung, daß die Erbitterung 
des Kindes über das erwartete oder erfolgte Auftreten eines Kon- 
kurrenten sich in dem Hinausbefördern von Gegenständen durch 
das Fenster wie auch durch andere Akte von Schlimmheit und 
Zerstörungssucht zum Ausdruck bringt. In der ersten Beobachtung 
symbolisieren wohl die »schweren Gegenstände« die Mutter selbst, 
gegen welche sich der Zorn des Kindes richtet, so lange das neue 
Kind noch nicht da ist. Der dreieinhalbjährige Knabe weiß um die 
Schwangerschaft der Mutter und ist nicht im Zweifel darüber, daß 
sie das Kind in ihrem Leibe beherbergt. Man muß sich hiebei an 
den »kleinen Hans« <Jahrb. f. Psychoanalyse, Bd. I., 1909> erinnern 
und an seine besondere Angst vor schwer beladenen Wagen 1 . An 
der zweiten Beobachtung ist das frühe Alter des Kindes, zweiein- 
halb Jahre, bemerkenswert. 

Wenn wir nun zur Kindheitserinnerung Goethes zurückkehren 
und an ihrer Stelle in »Diditung und Wahrheit« einsetzen, was 
wir aus der Beobachtung anderer Kinder erraten zu haben glauben, 
so stellt sich ein tadelloser Zusammenhang her, den wir sonst nicht 
entdeckt hätten. Es heißt dann: Ich bin ein Glückskind gewesen,- 
das Schicksal hat mich am Leben erhalten, obwohl ich für tot zur 

, ! ^r diese Symbolik der Schwangerschaft hat mir vor einiger Zeit eine 
mehr als fünfzigjährige Dame eine weitere Bestätigung erbracht. Es war ihr wieder- 
holt erzahlt worden, daß sie als kleines Kind, das kaum sprechen konnte, den 
Vater autgeregt zum Fenster zu ziehen pflegte, wenn ein schwerer Möbelwagen auf 
der Straße vorbeifuhr Mit Rücksicht auf ihre Wohnungserinnerungen läßt sich 
teststellen, daß sie damals jünger war als zweidreiviertel Jahre. Um diese Zeit 
wurde ihr nächster Bruder geboren und infolge dieses Zuwachses die Wohnun? 
gewechselt. Ungefähr gleichzeitig hatte sie oft vor dem Einschlafen die ängstliche 
Empfindung von etwas unheimlich Großem, das auf sie zukam, und dabei »wurden 
ihr die Hände so didc«. 



Eine Kindheitserinnerung aus »Diditung und Wahrheit« 57 

Welt gekommen bin. Meinen Bruder aber hat es beseitigt, so daß 
ich die Liebe der Mutter nicht mit ihm zu teilen brauchte. Und 
dann geht der Gedankenweg weiter, zu einer anderen in jener 
Frühzeit Verstorbenen, der Großmutter, die wie ein freundlicher, 
stiller Geist in einem anderen Wohnraum hauste. 

Ich habe es aber schon an anderer Stelle ausgesprochen: 
Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so 
behält man fürs Leben jenes Eroberergefühl, jene Zuversicht 
des Erfolges, welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht. 
Und eine Bemerkung solcher Art wie: Meine Stärke wurzelt in 
meinem Verhältnis zur Mutter, hätte Goethe seiner Lebensge^ 
schichte mit Recht voranstellen dürfen. 




58 Dr. H. Protze 



Der Baum als totemistisches Symbol in der Dichtung. 

Von Dr. H. PROTZE (zurzeit Bad Ems). 

Seit sich die psychoanalytische Wissenschaft, unter dem Vorgang 
Freuds, der Erforschung der totemistischen und tabuistischen 

Phänomene zugewandt hat, sind in der psychoanalytischenLiteratur 
mehrfach Fälle von sogenanntem »individuellen Totemismus« mitgeteilt 
worden, zuletzt meines Wissens von Abraham in seiner Arbeit Ȇber 
Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust« {Jahrbuch 1914). 
Unter anderem bespricht Abraham dort den Fall eines Psycho« 
neurotikers, welcher, in Träumen wie in Wachphantasien, die Er- 
scheinungen eines ausgesprochenen Baumtotemismus bot. 

Über ein Gegenstück hiezu, ein analoges Gebilde aus dem 
Gebiet der dichterischen Produktion, möchte ich im folgenden 
Näheres berichten. Ein solches fand ich in der Erzählung des früher 
viel gelesenen, jetzt wohl wenig mehr bekannten österreichischen 
Schriftstellers Karl Postl (Charles Sealsfild) »Die Prärie am 
Jacinto«, einem selbständigen Fragment aus des Dichters Roman 
»Das Kajütenbuch«. — Dies Phantasiestüch, äußerlich betrachtet 
nichts weiter als die Schilderung eines Reiseabenteuers, erweist sich 
bei näherer Musterung als eine symbolische Darstellung unbewußten 
Erlebens, eben in jener eigenartigen, an den Pflanzentotemismus der 
Primitiven gemahnenden Form,- dabei ist besonders bemerkenswert, 
daß die Dichtung ihre totemistische Symbolik gleichsam selbst 
kommentiert, insofern ihr sonstiger Inhalt auf diejenigen infantilen Ten» 
cfenzen und Einstellungen, in denen die Psychoanalyse die Wurzeln 
totemistischer Bildungen vermutet, mit unverkennbarer Deutlichkeit 
hinweist. — Gerade wegen letzterer Eigenheit, vermöge deren die 
Dichtung zur Verifikation der psychoanalytischen Hypothese über den 
Ursprung des Totemismus beiträgt, möchte ich sie im folgenden in extenso 
wiedergeben,- es dürfte jedoch, da die Erzählung an eine bestimmte 
Episode in des Dichters Leben anknüpft, und auch sonst Züge aus 
dessen realen Erleben verwertet, zweckmäßig sein, einige Daten aus 
der Biographie des Autors voranzustellen. 

Nach der mir vorliegenden, leider sehr summarischen bio- 
graphischen Skizze wurde der Dichter Karl Postl 1793 in einem 
kleinen Dorfe in Mähren, wo sein Vater die Würde eines Dorf- 
richters (»Gemeindevorstehers«) bekleidete, geboren. Der Vater, eine 
harte, derbe Bauernnatur, erzog ihn mit eiserner Strenge, weshalb 
der Knabe zuweilen dem elterlichen Hause entfloh und sich tagelang 
in der durch Naturschönheit ausgezeichneten Umgebung seines 
Heimatdorfes umhertrieb. Hier wurden, meint der Biograph, die 
Keime zu seiner späteren, namentlich in Natur-Schilderungen brillieren- 
den, poetischen Produktion geweckt. 

Schon im frühen Alter von 8 Jahren wurde Postl, auf Wunsch 
seiner Mutter, aber auch seinen eigenen Wünschen gemäß, für den 



Der Baum als totemistisches Symbol in der Dichtung 59 

geistlichen Stand bestimmt, und bezog noch als Knabe das Jesuiten-» 
gymnasium zu Znaim, um Ordenspriester zu werden. Er gelangte 
auch ohne besondere Zwischenfälle zum Ziele, entsagte jedoch plötzlich, 
ohne zwingenden äußeren Anlaß, in seinem neunundzwanzigsten Jahre 
der Priesterwürde, brach alle Beziehungen zu seinem Orden, wie 
auch zu seinen Angehörigen ab und begab sich nach Amerika, wo 
er den Namen Charles Sealsfild annahm. — Dort führte er ein 
unstetes Leben, wechselte häufig Wohnsitz und Beruf, hielt sich 
unter anderem längere Zeit in Texas auf, wo er den mißlingenden 
Versuch machte, sich als Farmer anzusiedeln, und kehrte 1832 nach 
Europa zurück. — Nach abermaligen längeren Irrfahrten in England 
und Frankreich machte er sich schließlich in der Schweiz seßhaft, 
nahm aber in der Folgezeit noch dreimal längeren Aufenthalt in 
Amerika, um dann endgültig in die Schweiz zurückzukehren und 
dort seine Tage zu beschließen. — Verheiratet war Postl nicht. 
Über etwaige sonstige erotische Beziehungen ist nichts bekannt. — 

Ein bemerkenswerter Zug seiner vielseitigen literarischen 
Tätigkeit ist, neben anderen, seine ausgesprochene Vorliebe für 
Napoleon I. Er redigierte, obwohl Österreicher, zeitweise in 
Neuyork eine Zeitung, die der Propagierung bonapartistischer 
Ideen und Interessen in Amerika dienen sollte, und trat auch später 
zu den in der Schweiz lebenden Napoleoniden in Beziehung. — 

Wir werden bei einem Manne, den wir, anscheinend un-» 
motivierter Weise, sein Vaterland und Vaterhaus, seinen Vaters» 
namen — und seinen Beruf als Pater aufgeben sahen, eine stark 
negative Einstellung zum Vater vermuten dürfen. Hören wir nun 
die Dichtung. — 

Ein junger Amerikaner, aus dem Norden der Union, der 
zwecks Gründung einer Farm in Texas weilt <hierin also ein Eben- 
bild des Dichters), unternimmt gegen den Rat eines erfahrenen älteren 
Mannes ohne Begleitung einen Ritt in die Prärie und verirrt sich 
dort. Nach langem Umherreiten gelangt er, inmitten der Wildnis, 
an einen sehr großen, alten Baum von majestätischer Schönheit, 
»von dessen mächtigen Zweigen Tausende von Flechten jenes eigen» 
artigen, silbergrauen, spanischen Mooses, die wie wallende Greis en= 
bärte aussehen, herabhängen«. 

Der Baum führt, wie man später erfährt, unter den Ansiedlern 
den Namen »Der Patriarch«. — Nachdem der Jüngling dies Natur= 
phänomen eine Weile mit ehrfürchtigem Staunen, aber auch mit Be» 
klemmung, »mit einem Gefühl, das peinlicher Angst nahe verwandt 
ist«, betrachtet hat, eilt er weiter, ohne aber den ersehnten Aus* 
weg aus der Prärie finden zu können. Endlich, nach tagelangem 
Umherirren, macht er die peinliche Entdeckung, daß er sich wieder 
in unmittelbarer Nähe jenes Baumes, des Patriarchen, befindet, 
den er, wie durch einen tückischen Zauber gebannt, fortwährend 
umkreist hat. Verzweifelt, bewußtlos bricht er unter demselben 
zusammen. 



60 Dr. H. Protze 



Als er wieder zu sich kommt, findet er sich in den Armen 
eines Prärienjägers, der ihn durdi einen stärkenden Trank wieder 
zum Leben erwedtt hat, und mit dem er dann die Reise fortsetzt. — 
Dieser Lebensretter, der Jäger Bob, wird von da an der Hauptheld 
der Erzählung. — Er macht dem jungen Reisenden von Anfang 
an einen unheimlichen, grausigen Eindruck, »als ob er eine sehr 
schwere Tat, etwa einen Brudermord, begangen haben könne« und 
nun »von gräßlicher Gewissensangst gepeinigt werde«. Audi führt 
er verworrene Reden, in denen der »Patriarch« wieder und wieder 
erwähnt wird. — Schließlich beichtet der unheimliche Geselle, daß 
er vor kurzem einen älteren Mann, einen »Familienvater«, dessen 
reich gefüllte Geldkatze seinen Neid erregte, unter dem »Patriarchen« 
ermordet und dort verscharrt hat. — Seitdem kann er nirgends Ruhe 
finden. Er irrt planlos umher, aber immer wieder zieht es ihn mit 
magischer Gewalt zu dem Baume hin, er kann nicht von ihm 
loskommen. Und wenn er ferne von ihm ist, erscheint ihm der 
»Patriarch« als Gespenst, in Gestalt eines riesigen, weißbärtigen, 
zürnenden, alten Mannes, hinter welchem dann noch dasSchein« 
bild des ermordeten Familienvaters, Rache drohend, auf« 
taucht. — Diese Qualen sind dem Mörder jetzt unerträglich ge= 
worden, und er bittet seinen Reisegenossen, ihn zu einem in der 
Nähe wohnenden, besonders vertrauenswürdigen Richter zu geleiten, 
dem er sich entdecken und den er veranlassen will, die Strafe für 
seine Untat an ihm vollziehen zu lassen, eine Strafe, die er sich 
selber ausgedacht hat und die darin bestehen soll, daß er an dem 
»Patriarchen« aufgehängt wird. 

Hatten wir in der Figur des Mörders eine »Verdoppelung« 
des anfänglichen, mit dem Dichter identischen Helden der Erzählung 
zu erblicken, so wird der nunmehr auftretende Richter als ein 
Duplikat des Vateridoles kenntlich gemacht, Wir erfahren, daß 
vor der Tür seines Hauses ebenfalls ein »Lebenseichenbaum«, ein 
Gegenstück zum »Patriarchen«, sich erhebt, ferner daß er selbst ein 
älterer Mann von hochragendem, majestätischem Wüchse ist, und 
daß er sein Richteramt in würdigen, zugleich aber wohlwollend=be» 
häbigen, kurzum »patriarchalischen« Formen führt. 

Er spricht denn auch zunächst dem beichtenden Verbrecher in 
väterlicher Weise zu, entschließt sich dann aber doch, den Urteils» 
spruch zu fällen und ihn in der gewünschten Weise vollziehen zu 
lassen. — Die Erhängung am »Patriarchen« durch den Richter und 
seine Helfer, wird dramatisch geschildert. — Dann, ganz am Schluß, 
nimmt die Erzählung plötzlich eine versöhnliche Wendung. Der 
Mörder, schon in der Schlinge hängend und fast ersticht, macht den 
Richtern verständlich, daß er noch Wichtiges zu sagen habe,- man 
löst ihn los, er wird durch die besonderen Bemühungen des Vater- 
Richters wieder zum Leben erweckt, und teilt diesem nun eine be= 
deutsame, auf den unmittelbar bevorstehenden Befreiungsaufstand 
des Landes Texas bezügliche Nachricht mit, eine Nachricht, durch 






Der Baum als totemistisches Symbol in der Dichtung 61 



die er dem Richter und seinen Helfern, sämtlich Teilnehmer 
an einer dahinzielenden Verschwörung, das Leben rettet, und 
das Mißlingen ihrer Pläne verhütet. Zum Dank sprechen sie ihn auf 
der Stelle der Strafe ledig und akzeptieren ihn als Mitkämpfer. 

Im weiteren Verlauf des Romans <denn hiemit schließt die 
Teilerzählung) erfährt man dann noch, daß der Verbrecher, im Verein 
mit dem Richter und dem jungen Reisenden, im Befreiungskampfe 
Wunder der Tapferkeit verrichtet und schließlich in den Armen des 
Richters den Heldentod stirbt. 

Wie eingangs bemerkt, ist unser Phantasiestück in seinen Grund- 
linien so durchsichtig, daß es eines analytischen Kommentars kaum 
mehr bedarf. Der Baum ist unverkennbares Vatersymbol, und zwar 
ein Symbol mit totemistisrJhen Zügen,- er erscheint einerseits als 
Objekt abergläubischer Verehrung, anderseits als ein furchterregendes, 
Rache drohendes, Opfer heischendes Wesen. Letztere Qualitäten 
erlangt er im Zusammenhang einer wenig verhüllten Vatermords» 
phantasie. 

Das Inzestmotiv kommt in der Dichtung scheinbar nicht zum 
Ausdruck. Um sein Vorhandensein aufzuzeigen, muß ich den oben 
erwähnten Parallelfall vergleichend heranziehen. Jener Neurotische, 
von dessen Baumtotemismus Abraham berichtet, produziert u. a. 
Wachträume, in denen er selbst als Baum im elterlichen Garten 
steht und dort feste Wurzeln geschlagen hat. — Im Gegensatz 
dazu steht sein reales Erleben, in welchem er sich »sozusagen be= 
ständig auf der Flucht vor dem Mutterinzest befindet«, daher von 
ständiger Unruhe geplagt wird und nirgends seßhaft werden kann. 
Was zunächst dies letztere anlangt, so finden wir die gleiche 
Eigentümlichkeit im Leben unseres Dichters wieder. Auch er ist ein 
ewiger Wanderer. Einmal freilich versucht er sich als Farmer, also 
offenbar für die Dauer, seßhaft zu machen,- und zwar im Lande 
Texas, jenem Lande, dessen »jungfräuliche, unberührte Schönheit« 
er an verschiedenen Stellen seiner Schriften in glühenden Farben 
schildert. 

Gerade an diese Episode seines Lebens knüpft unsere Er= 
Zählung an. Der Held derselben wird als Träger der gleichen Absicht 
eingeführt,- aber schon beim ersten Betreten des »jungfräulichen« 
Bodens kommt er in Konflikt mit dem »Patriarchen«, der die er* 
sehnte Position des »Wurzeins« in diesem Boden bereits innehat. 
Im Anschluß daran entspinnt sich dann die lange Verirrungs», 
Vatermords* und Bestrafungsphantasie, die damit schließt, daß sich 
die beiden Helden der Dichtung an der Eroberung des Landes 
beteiligen. 

Es ist offensichtlich, daß wir hier, mit geringer Abweichung, 
die gleichen Vorstellungsverknüpfungen vor uns haben: Der Baum 
der Vater, das Erdreich die Mutter, das »Wurzeln« das »sich seß* 
haft machen« — besonders als Ackerbauer — gleichbedeutend 



mit dem Inzest. 






62 Dr. H. Protze 



Zudem wird klar, daß unsere Dichtung, gleich, den Phantasien 
jenes Neurotischen, auch deshalb als totemistisches Gebilde be- 
zeichnet werden kann, weil sie eben nicht bloße Phantasie ist, 
sondern in wesentlichem und bis in Einzelheiten determiniertem 
Zusammenhang steht mit einem das Leben ihres Urhebers be* 
herrschenden psychischen Zwang. 

Schließlich möchte ich noch auf eine, wie mir scheint bedeutsame, 
Besonderheit im Aufbau der Dichtung hinweisen. Der Vater* 
mörder, der dann von dem Vater*Richter an dem Vater=Baum ge- 
opfert wird, erscheint im ersten Teil der Erzählung als der Retter 
des anderen, gleichfalls in Ungehorsam <= Auflehnung) gegen den 
Vater befindlichen Jünglings, und als dessen Erlöser aus dem Banne 
des »Patriarchen«,- er erscheint ferner, im Verein mit dem Vater- 
Richter als Held im Befreiungskampfe. In diesen Zügen erinnert 
die Dichtung, mutatis mutandis, an jene völkerpsychologisch so wichtige 
Abwandlungsform des primitiven Totemismus, an den Mythus 
von der Opferung des Erlösers. Die Ähnlichkeit mit der uns ge= 
läufigsten Variation dieses Mythus geht sogar überraschend weit, 
denn wir finden, um nur einige Züge hervorzuheben, auch in 
unserer Dichtung die Auferweckung vom Tode durch einen 
wohlwollenden Vater* Vertreter <der vorher den freiwilligen Opfer* 
tod ausdrücklich gebilligt hat), ferner das Zusammenwirken mit 
diesem an einem großen Erlösungswerk und die schließliche Ver= 
klärung. 




Spiegelzauber 63 



Spiegelzauber. 

Von DR. GEZA RÖHEIM (Budapest). 

Motto; »Tat tvam asi« (Das bist du) Chändogya 
Upanishad. VI. 9-15. 

(Siehe P. Deussen: Sechzig Upani= 
shad's des Veda. 1905. 166—170.) 

»Das Selbst, fürwahr, soll man sehen, soll man hören, soll man verstehen, i 
soll man überdenken, o Maitreyf/ fürwahr, wer das Selbst gesehen, gehört, ver- 
standen und erkannt hat, von dem wird diese ganze Welt gewußt.« Brihadäranyaka* 
Upanishad. II. 5.b. IV 6. ' 

(Vgl. Geldner: Die Religion der Inder in Bertholet: Religionsgeschicht- 
liches Lesebuch. 1908. 177 und Deussen: Sechzig Upanishad's des Veda 1905 
417, 483.) 

I. Spiegel und Kind. 
a) Negative Riten. 

ines der wichtigsten Ergebnisse der Freudschen Forschung ist Die drel Haupt- 
die Dreistufentheorie der Libidoentwicklung. Als erste Haupt- Ä^teu- 
stufe kennzeichnet Freud die autoerotische. »Dieselbe entsteht Wdo ' zi ßmus Nar ' 



E 



in Anlehnung an eine der lebenswichtigen Körperfunktionen, sie kennt 
noch kein Sexualobjekt und ihr Sexualziel steht unter der Herrschaft 
einer erogenen Zone« 1 . Auch bei der zweiten Stufe wendet sich die 
Libido dem eigenen Ich zu, doch unterscheidet sich diese von der 
früheren dadurch, daß das Individuum bereits um einen Schritt weiter- 
geht, indem es das eigene Ich personifiziert, um sich selbst oder viel- 
mehr sein Ebenbild lieben zu können. Man nennt diese Stufe mit 
einer aus der Narkissossage gewählten Bezeichnung Narzissismus 
»Die Ichlibido heißen wir im Gegensatz zur Objektlibido auch nar- 
zißtische Libido« . , . »Die narzißtische oder Ichlibido erscheint uns 
als das große Reservoir, aus welchem die Objektbesetzungen aus- 
geschickt' und in welches sie wieder einbezogen werden, die nar- 
zißtische Libidobesetzung des Ichs als der in der ersten 
Kindheit realisierte Urzustand 2 , welche durch die späteren 
Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter den- 
selben erhalten geblieben ist« 3 . Die dritte Stufe ist die Objektwahl, 
nämlich die völlig entwickelte normale Sexualität, bei welcher die 

« S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1915. 46. »Spiegelzauber« 
erscheint zugleich in ungarischer Sprache als Heft 2 der »Neplelektani Dolgozatok« 
(Volkerpsychologische Arbeiten). 

* Von mir gesperrt. 

3 Freud: 1. c. 79, 



64 



Dr. Geza Röheim 



Libido das gesuchte Objekt in der Außenwelt, im anderen Geschlechte 
findet 1 . Schon der der Narkissosmythe entnommene Terminus läßt 
ahnen, daß die in der zweiten Entwicklungsstufe herrschende psychische 
Einstellung auch für den Spiegelzauber ihre Geltung hat. Vor allem 
bleibt es Tatsache, daß die autoerotische Personifikation im Einzel* 
n e arzSÄ'es a ' s Ie . ben durdl *e der Objektwahl vorausgehende Periode, das Kindes* 
Lebensalter, alter am vollkommensten vertreten wird 2 . Dem entspricht auch 
die hervorragende Rolle, welche das Kind im Spiegelzauber und 
Spiegeltabu spielt. Da aber das Tabu die Kehrseite des Magischen 
ist 3 , so bekommen wir, wenn wir statt des Magischen den Wunsch 
einsetzen 4 , eine durch die Hemmung des Wunsches entstandene 
Phobie 5 . Mit anderen Worten: verboten werden muß nur das, 
worauf sich unsere Wünsche richten. Dem Verbot des Spiegel» 
schauens entspricht der kindliche Wunsch nach seinem Ebenbifde. Bei 
den Hienzen darf man das noch nicht einjährige Kind nicht in den 
Spiegel schauen oder es abbilden lassen 6 . In England finden sich 
auch in den Kreisen der Gebildeten viele, die es nicht gerne sehen, 
wenn der Säugling sich im Spiegel betrachtet 7 . In Lincolnshire hatte 
eine junge Frau starke Angst, ihr kleines Kind könnte sich zufällig 

' Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zu Sexualtheorie 1915. Über die 
narzißtische Stufe im Besonderen: S. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. 
Jahrbuch der Psychoanalyse 1914. VI. 1-24. D. s.: Sammlung kleinerer Schriften 
zur Neurosenlehre 1913. III. 249. O.Rank: Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahr» 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. 1911. III. 
401-426. Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 1910. 36. 
I. Sadger: Ein Fall von multipler Perversion. Jahrbuch 1910. II. 112. Den Zu- 
sammenhang zwischen Narzissismus und Seelenbegriff hat O. Rank nachgewiesen, der 
auch die Spiegelwahrsagung von diesem Standpunkte aus behandelt. O. Rank: Der 
Doppelgänger. Imago. 1914. 99—164. Manche Zitate verdanke ich der freundlichen 
Mitteilung des Herrn M. Jellinek (Budapest). Die Abkürzung F. F. bedeutet 
die im ungarischen Nationalmuseum aufbewahrte handschriftliche Sammlung der 
ungarischen Sektion des internationalen Folkloristischen Forscherbundes (Folklore 
Fellows) und der Stadtname daneben den betreffenden Lokalverein. »Ethn.« ist. 
die »Ethnographia«, <Ung.) das Organ der ungarischen Gesellschaft für Völker» 
künde. 

2 Vgl. H. von Hug-Helfmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. Schriften 
zur angewandten Seelenkunde. XV. 1913. 9. 

3 R. R. Marett: The Threshold of Religion 1909. 85. 115. 

* Der große Zauberer vermag durch seinen bloßen Willen Bäume zu ent* 
wurzeln. Merker: Die Masai 1904. 21. 27, Wenn jemand großes Begehren 
™ ITSend einer Obstgattung hat, beschleunigt er damit wirklich ihr Ausreifen. 
O. Roth: Superstition, Magic and Medizine (North Queensland Ethno- 
graphy Bulletin Nr. 5). 1903. 27. »Jeder Mensch hat eine Minute am Tage des 
Wunsches Gewalt.« J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. 
I. 237. In Hawai tötet der Fluch des Zauberers, R, Neuhauß: Anthropolo- 
gische Untersuchungen in Ozeanien. Verh. d. Ges. f, Ethn. 1885. 29. 

6 Vgl. über das Tabu Freud: Totem und Tabu 1913. 

« I. Thirring-Waisbecker: Zur Volkskunde der Hienzen. Ethnologische 
Mitteilungen aus Ungarn, 1896. V. 16. 

7 W. Hazlitt: Brands Populär Antquities of Great Britain 1905, I. 275. 
Es bedeutet Unglück, wenn das Kind in den Spiegel schaut, solange es noch nicht 
gehen kann. S. O. Addy: Household Tales. 1895. 102. E, M. Leather: The 
Folk-Lore of Herefordshire 1912. 113. 



Spiegelzauber 65 



im Spiegel erblicken,- ihre Mutter tröstete sie: »Wenn es nur zufällig 

hineinschaut, hat das nichts zu bedeuten, doch wenn man dem Kinde das 

eigene Bild im Spiegel zeigt, so kann das ihm allerdings Unglück bringen « K 

In Rußland dürfen Kinder nicht in den Spiegel schauen, sonst könnten sie 

nicht ruhig schlafen 2 . Der amerikanische Volksglaube meint, ein Kind, 

das sich im Spiegel erblickt, ehe es das erste Lebensjahr vollendet 

hat, werde ein Leben voller Sorgen führen 3 . In allen diesen Tabus 

verrät sich das unbewußte Wissen* der narzißtischen Einstellung, da Da . s unbewußte 

sie die zu erwartenden Gefahren der durch das Spiegelschauen ' ge» WisS Tabu. d<m 

förderten narzißtischen Fixierung betonen. Am charakteristischesten 

und unbedingt treffend ist der im sächsischen Erzgebirge verbreitete 

Volksglaube, daß kleine Mädchen, die sich häufig im Spiegel betrachten, 

stolz und eitel werden 6 . In Meiderich darf man das Kind nicht in den 

Spiegel schauen lassen, weil es sonst eitel wird 6 . Im Voigtland herrscht die 

Anschauung, ein noch nicht einjähriges Kind, das sich im Spiegel beschaut, 

werde sein ganzes Leben lang eitel sein 7 . Eitel wird das Kind, wenn es 

vor Vollendung des ersten Lebensjahres in den Spiegel schaut,-in der Pfalz, 

in der Rheinpfalz, in Sachsen,- leichtfertig in der Oberpfalz,- hochmütig in 

Schlesien, in Wetterau 8 , in Sachsen, Thüringen, Baden, Voigtland, Medi^ 

lenburg und in der Pfalz 9 . Läßt man das Kind unter einem Jahr in den 

Spiegel sehen, so wird es stolz 10 . In Wales darf man das Kind nicht in 

den Spiegel schauen lassen, bevor es nicht reden kann, sonst wird es eitel u . 

Im V oigtland darf es nicht in den Mond schauen, weil es mondsüchtig 

wird 12 . Beachtenswert ist hier die Erklärung der Mondsüchtigkeit aus 

der Sehnsucht nach dem Monde, beziehungsweise nach dem durch den 

Mond vorgestellten Objekt 13 , in diesem Falle das eigene Ebenbild. 

In Westböhmen soll das noch nicht einjährige Kind nicht in den Spiegel 

1 M. Peacock: Scraps of English Folklore. Folklore 1909. 218. 

2 W. R. S. Ralston: The Songs of the Russian People. 1872. 117. 

8 Knortz: Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart 1913. 42. 

4 Die Sanktion der Verbote entspricht daher entweder unmittelbar oder auf dem 
Umwege der verdrängten Komplexe, d. h. symbolisch, einer intrapsychischen Realität. 

5 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge 1909 57 

6 Dirksen: Aus Meiderich Zeitschr, d. V. f. Volks k. IV. 326. Im selben 
Sinne verwendet von L. Kaplan: Grundzüge der Psychoanalyse 1914. 221. 

7 Köhler: Volksbrauch, Aberglaube, Sagen im Voigtlande. 1867 424 

c tt--« 8 K ' Haberland: Der Spiegel im Glauben und Brauch der Völker.' Zeitschr. 
f. Völkerpsychologie XIII. 341. Nach G. Lammert: Volksmedizin und medizinischer 
Aberglaube in Bayern 1869. 119. Bavaria. IV 257. Wuttke: Volksaberglaube, 
jyz. Vgl. j. W. Wolf: Beitrage zur deutschen Mythologie. 1852 I 208 

9 Wuttke: Der deutsche Volksaberglaube, 1900. 392. Bartsch: Saeen 
Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 53. ' 

10 Die gestriegelte Rocke nphilosophie. 1759. Kap. XXVII p 39 

11 Trevelyan: Folk»Lore and Folk Stories of Wales. 1909 268 

u *£ J ,° h r Aug ' Ernst T Köhler: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere 
alte Überlieferungen im Voigtlande. 1867. 423. Ölsnitz. 

13 Vgl. 1. Sadger; Über Nachtwandeln und Mondsucht. Schriften zur an» 
gew. Seelenkunde. XVI. 1914. Zu Mond = Mutter vgl. Ist ein Kind einmal ab» 
gesetzt, so darf es nicht wieder angelegt werden, sonst wird es mondsüchtig. 
Thüringen. Wuttke: l. c. 393. Bevor das Kind abgesetzt ist, darf die Mutter 
nicht verreisen, sonst wird es mondsüchtig. D. s. ebenda. 392. 

Imago V/2 - 



66 Dr. Geza Roheim 



schauen, weil es sonst furchtsam wird <S<hönwerth, Naflesgrün), oder 
hochmütig <Hochofen>, oder schielend (Karlsbad, Duppau) \ Die mit dem 
Narzissismus eng zusammenhängenden Komplexe der aktiven und pas= 
siven Schaulust erscheinen zum erstenmal in dem letzten Tabu, und zwar 
als Talionstrafe desSichbeschauens. In Disznöshorvät hält man dafür, daß 
man dem Säugling keinen Spiegel in die Hand geben darf, weil er sonst 
erblindet 2 , in Besenyötelke deshalb nicht, weil er sonst schielen wird 3 . Der 
an der Cserta herrschende Volksglaube schaltet in diesem Komplexe 
wieder den Himmelsspiegel ein, denn hier heißt es, daß das Kind, das 
man ins Mondlicht hält und in den Mond schauen läßt, schielen wird 4 . 
Wie in Schönwerth und in Nallesgrün die Furchtsamkeit, hält man in 
Kisvärda die Weinerlichkeit des Kindes für eine Folge des Indenspiegel= 
schauens 5 . Die Furchtsamkeit ist als Reaktionsbildung des narzißti^ 
sehen Selbstgefühles zu deuten. InOst= und Westpreußen wird das Kind, 
das in den Spiegel schaut, krank 6 , in Franken 7 , in der Bakonygegend und 
in dem Bäcser Komitat muß es sterben 8 . Jetzt vermögen wir die ab= 
schredkende Wirkung des Spiegelbildes auch schon des Näheren zu be= 
stimmen,- die Eigenliebe des Kindes erschauert, wenn es sein Spiegelbild, 
d. h. sein zweites Ich in fremder Hand sieht. Das Spiegelschauen fördert 
natürlich die Entwicklung des visuellen Typus, und zwar dessen extreme, 
halluzinatorische Form,- die Gefühlsbetontheit des Selbstschauens dient 
als motorisches Element bei der Wiederbelebung der Deckerinnerungen. 
So haben es beispielsweise die Wenden nicht gerne, wenn das noch 
nicht einjährige Kind besonders um die Mittag- und Abendzeit allein 
bleibt 9 und in einen Spiegel sieht, da es Gespenster sehen und vor allem 
erschrecken würde 10 . In Schlesien darf man das Kind unter einem Jahr 

1 John: Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 109. 

2 Fabian: Nepköltesi gyüjtemeny (Volksdichtung-Sammlung). Särospatak 
F. F. 1914. 38. 

3 Berze=Nagy: Babonäk etc. Besenyötelken. <Aberglaube und Gebräu&e 
in Besenyötelke.) Ethn. 1910, 26. Vgl. Dr. Julius Meszäros: A magyar kerek 
tükör. (Der ungarisdie Rundspiegel) Neprajzi Ertesitö. (Anzeiger der Ethn, Abt. 
des ung. Nationalmuseums) 1914. 240. 

* Gönczi: Göcsej. 1914. 142. 

5 Rubovszky: Nepköltesi gyüjtemeny Kisvärda közsegböl (Gesammelte 
Volksdichtung aus der Gemeinde Kisvärda) Szabolcser Komitat. Eger. F. F. 34. 

« Haberland: Spiegel. Zeitschr. f. Völkerps. XIII. 541. Wuttke: Volksaber- 
glaube. 1900. 392. Tettau und Temme: Die Volkssagen Ostpreußens, Litauens 
und Westpreußens. 1837. 282. 

7 Haberland: Ebenda 341. E. L. Rochholz: Alemannisches Kinderlied 
und Kinderspiel aus der Schweiz. 1857. 318. 

8 J. Käldy: Bakonymegyei babonäk es szoläsmödok (Aberglaube und Redens- 
arten im Bakonyer Komitat). Ethn. 1908. 284. J. Nagy: Bäcsmegyei babonäk 
(Aberglaube im Bäcser Komitat). Ebenda. 18%. 96. Vgl, Dr. Julius Meszäros: 
Der ungarische Rundspiegel Neprajzi Ertesitö. 1914. 240. 

9 Vgl. Haberland: Die Mittagsstunde als Geisterstunde. Zeitschr. f. 
Völkerps. 1882. 310-324. 

10 W. v. Schulenburg: Wendische Volkssagen und Gebräuche. 1880. 233. 
»Wenn Kinder unter einem Jahr in den Spiegel sehen, so bekommen sie Vor* 
ahnungen und werden furchtsam«. Schulenburg: Wendisches Volkstum, 1882. 
109. Läßt man ein Unmündiges in den Spiegel schauen, so wird's ein Narr. Roch» 
holz: Alemannisches Kinderspiel und Spiel in der Schweiz. 1857, 317. 






Spiegelzauber 67 



nicht mit Blumen schmücken, noch in den Spiegel schauen lassen, 
weil es sonst bald stirbt oder eitel wird, oder aber später außer- 
gewöhnliche Dinge <Gespenster> sehen wird 1 . 

Die folgenden Tabus betonen die fixierende Wirkung der nar* Narzißmus und 
zißtischen Einstellung, die sich tatsächlich jeder psychisch determinierten 2 Flxierun 8- 
Wandlung entgegenstellen kann. In Feinemet, wenn das kleine Kind 
in den Spiegel schaut, wird es schwer zahnen 3 . In den Komitaten 
Nogräd 4 und Bäcs 6 wachsen dem in den Spiegel schauenden Säug= 
ling die Zähne nicht aus 6 . In Schwaben wird das kleine Kind, das 



1 P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien 1903. I. 212. 

3 Die unbewußte kollektive Apperzeption macht keinen Unterschied zwischen 
körperlichen und seelischen Erscheinungen, hier ist also alles psychisch determiniert, 

3 Szekely: Magyar Nephagyomänyok Gyüjtemenye (Sammlung ungarischer 
Volksüberlieferungen). Eger. F. F. 1914. 18. 

* Kaunitz: Babonäk (Aberglauben) Magyar Nyelvör. II. 277. 

6 Nagy: Bacsmegyei babonäk (Aberglauben im Bäcser Komitat). Ethn. 
1896. 96. Meszäros: Der ungarische Rundspiegel Neprajzi Ertesitö. 1914. 240. 

6 Der Zahn ist hier wie so oft ein Penissymbol. Vgl. Stekel; Die Sprache 
des Traumes. 1911. 221 — 231. Das mit einem Zahn geborene Kind wird glücklich 
sein und Zauberer werden, aber nur wenn es im Alter von sieben Jahren im 
Ringen mit den älteren Zauberern (tältos) den Zahn zu bewahren vermag (d. h. 
wenn es sich nicht kastrieren läßt). Istvänffy: A borsodi matyo nep elete (Leben 
des Matyövolkes in Borsod). Ethn. VII. 364. Ipolyi: Magyar Mythologia (Un- 
garische Mythologie). 1854. 449. Das Zahnausschlagen und die Riten der Circum=, 
beziehungsweise Subincisio sind gleichwertige Bestandteile der australischen Männer» 
weihen. Vgl. über Beschneidung als Kastrationsäquivalent Reik: Die Pubertäts- 
riten der Wilden. Imago. 1915. 125. Über Beschneidung = Haarabschneiden = 
Zahnausschlagen bei Primitiven und Kindern, vgl. S. Freud: Totem und Tabu. 
1913. 141. (Siehe auch weiter unten über Nägelabschneiden.) Es ist bezeichnend, 
daß bei den Gringai die Mutter den ausgeschlagenen Zahn des Knaben auf- 
bewahrt (A. W. Howitt: The Native Tribes of South=East Australia. 1904. 
575), wohl als symbolischen Ersatz des ihr endgültig entrissenen Knaben. 
Desgleichen bei dem Kamilaroi J. Fräser: The Aborigines of New South 
Wales. 1892. 14. Vgl. die Wenden, bei denen die Mutter den Zahn 
des Knaben, der Vater den des Mädchens verschluckt. (Ploß»Renz: Das 
Kind. 1912. II. 53. 58.) Die Kaitish werfen den ausgeschlagenen Zahn 
in die Richtung des »Alcheringa Lagerplatzes« der Mutter. (Spencer and Gillen: 
The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 589. Aleheringa Lagerplatz = die 
Gegend, wo sich in der mythischen Urzeit die Heroen aufhielten, deren einer sich 
in der Mutter reinkarniert hat.) Nach Kaitish und Unmatjera Überlieferung brachten 
die Alcheringa-Heroen ihre Vorhäute in ihren Nanjabäumen (Lebensbaum) unter. 
Derselbe. Ebenda. 341. »Am Goulbourn River sieht man eine ungewöhnliche An« 
zahl abgestorbener Bäume. Jeder tote Baum repräsentiert ein Mitglied des erloschenen 
Stammes. Die Zähne werden bei der Initiation ausgeschlagen und der Mutter über* 
geben/ sie verbirgt die Zähne in den Rinden eines jungen Gummibaumes.« (Zu 
Mutter und Baum vgl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. 1912. 240, 
254.) »Im Falle nun die Person, welcher der Baum auf diese Art gewidmet ist' 
stirbt, wird vom Fuße die Rinde abgestreift«. R. Oberländer: Die Eingeborenen 
der australischen Kolonie. Globus IV. 281. Die Kastrationsbedeutung des Zahn- 
ausschlagens läßt diese Gewohnheit als Strafe oder als Zeichen der Sklaverei er- 
klärlich erscheinen. R. Lasch: Die Verstümmlung der Zähne in Amerika Mitt 
d. anthr. Ges. in Wien. 1901. S. A. 16. H. H. Bancroft: The Native Races of 
the Pacific States of North America. 1875. I. 764. Vgl. auch H. von Ihering: 
Die künstliche Deformierung der Zähne. Zeitschrift für Ethnologie. XIV. 1882. 
213—262. J. G. Frazer: Totemism and Exogamy. 1910. IV. 180—195. 



68 Dr. Geza Roheim 



man zum Fenster schiebt, nicht wachsen 1 . In Panjab dürfen Kinder, 
besonders wenn sie im Wachsen sind, nicht in den Spiegel schauen 2 . 
Eine Gruppe der Verbote bezieht sich auf das Sprachvermögen. In 
Mecklenburg darf das kleine Kind nicht in den Spiegel schauen, weil 
es sonst im Reden schwerfällig wird 3 . In Ostpommern lernt das 
Kind unter einem Jahr das Reden nicht, wenn es in den Spiegel 
schaut 4 . In Göcsej läßt man nicht zu, daß der ganz junge Säugling 
in den Spiegel schaue, weil ihm sonst die Sprache versagt 5 . In 
Gibraltar heißt es, daß, wenn man das Kind vor dem Spiegel 
wäscht, lernt es erst spät reden 6 . In Somloväsärhely darf man den 
Säugling nicht vor den Spiegel stellen, weil er das Reden nicht 
lernt 7 . In Nagyszalonta darf das kleine Kind, so lange es noch 
nicht reden kann, nicht in den Spiegel schauen, weil es sonst mit 
einem Male zu reden beginnt, dann aber für immer stumm bleibt 8 . 
»Wenn ein Kind in den Spiegel sieht, so nicht sprechen kann, 
ist nicht gut« . In Nagypalugya glaubt man, daß das Kind 
stumm 10 , in Mecklenburg, daß es stottern wird 11 , in Rußland, daß 
es spät reden lernt 12 . Im Voigtland dürfen Kinder unter zwei 
Jahren nicht miteinander spielen, weil sonst das eine schwer 
reden lernt 13 . Hier übernimmt das eine Kind als Doppel* 
ganger des andern die Rolle des Spiegelbildes. Bezeichnend ist 
folgende Angabe: noch nicht einjährige Kinder sollen einander 
nicht küssen, weil sonst keines das Reden erlernt <Karlsbad, 

1 Grimm: Deutsche Mythologie. III. 435. Vgl. J. W. Wolf: Beiträge zur 
deutschen Mythologie. 1852. I. 208. 

2 Mündlich mitgeteilt vom Herrn Umrau Sing ShergiU: Vgl. »A child 

is never shown a looking glass if he sees his reflection, he will become 

unwell. If however he insists upon having it, it will be turned the reverse side«. 
M. N. Venkataswami: Hindu Notes. Folk*Lore XI. 218. 

3 K. Bartsch: Sagen, Märchen usw. aus Mecklenburg. 1880. II. 53. 

4 O. Knoop: Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben und Märchen aus 
dem östlichen Hinterpommern. 1885. 156. 

5 Gönczi: Göcsej. 1914. 143. 

8 Seligmann: Der böse Blick. 1910. I. 180. 

7 L. Nagy. Nephit, babonäk, es nepszokäsok Somloväsärhelyen. (Volks« 
glauben, Aberglauben und Volksbrauch in Somloväsärhely.) Papa. F. F. 
1914. 4. 

8 S. Oltyän: Babonagyüjtemeny <Aberglauben*Sammlung> Nagyszalonta 
F. F. I. a. Vgl. den plötzlich zum Reden gebrachten stummen Wechselbalg. Gönczi: 
Göcsej. 1914. 319. Grimm: Deutsche Mythologie. 1875. I. 388. 

9 Grimm: Deutsche Mythologie. 1878. III. 477. Aus des uralten jungen 
Leiermatz lustigem Korrespondenzgeist. 1668. p. 170 — 176. 

10 Istvänffy: Liptomegyei tot babonäk. (Slowakischer Aberglauben im Lip» 
tauer Komitat.) Ethn. 1912. XIII. 35. Dr. Julius Meszäros: Der ungarische Rund' 
spiegel Neprajzi Ertesitö, 1914. 240. 

11 Wuttke: Volksaberglaube. 392. Haberland: Spiegel. Zt. f. Vps. 
XIII. 341. 

18 Dr. Julius Meszäros: A magyar kerek tükör. <Der ungarische Rund- 
spiegel). Neprajzi Ertesitö (Anzeiger der Ethn. Abt. des ung. Nationalmuseums). 
1914. 240. 

13 Köhler: Volksbrauch etc. im Voigtlande. 423. Ölsnitz. 



Spiegelzauber 69 



Duppau) 1 . In Mecklenburg : wenn zwei Kinder, die die Wörter 
noch nicht richtig auszusprechen vermögen, einander küssen, werden 
sie niemals richtig reden lernen 2 . Der Abwehrcharakter des Tabu 
gegen die narzissistische Fixierung geht deutlich aus der Fassung 
aus Eger hervor, der gemäß das Kind nicht in den Spiegel schauen 
soll, bevor es reden kann, weil es sonst das Reden niemals 
erlernt 3 . 

Um aber das Inhaltliche des Fixierungsbegriffes näher zu be= 
stimmen, muß ich auf eine andere, wenn auch vorläufig hypothetische 
Determinante hinweisen. Laut der Mecklenburger Angabe wird das 
in den Spiegel schauende Kind nicht stumm, sondern ein Stotterer 4 , 
Nun ließe sich aber auch nach unveröffentlichten Forschungen Freuds 
das neurotische Stottern aus der analerotischen Zurückhaltung der 
Wörter erklären 5 . Den Zusammenhang zwischen der analen Erotik Analerotlk - 
und dem Narzissismus hat Freud schon früher festgestellt 6 , er läßt 
sich vielleicht noch augenfälliger mit folkloristischem und ethnologi* 
schem Material beleuchten 1 . Von unseren Tabu wären die folgen* 
den in diesem Zusammenhange zu erwähnen: In Semjen wird das 
vor den Spiegel gehaltene Kind lausig 8 . In Diosgyör: wer nachts 

1 John: Sitte, Brauch und Volksglaube im Deutschen Westböhmen. 1905. 
209. Das zweite Kind entspricht audi der Todesbedeutung des Doppelgängers. 
Wenn in Wales Kinder, die nodi nicht reden können, einander küssen, wird das 
eine von ihnen binnen einem Jahre sterben. Trevelyan; Folklore und Folk»Stories 
of Wales. 1909. 265. Kinder unter einem Jahre dürfen einander nicht anfassen, 
oder küssen, oder nicht miteinander spielen, sonst lernt eines derselben nicht sprechen 
<Schlesien, Wetterau, Böhmen, Voigtland) oder stirbt (Thüringen) oder beide 
wachsen nicht mehr (Erzgebirge). Wuttke: Der deutsche Volksaberglaube. 1900. 
394. J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1882. I. 208. 

8 K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 51. 
Ein neugeborenes Kind soll ein anderes, das noch nicht reden kann, nidit küssen, 
denn sonst wird das Neugeborene schwer reden lernen. Derselbe: Ebenda. II, 42. 

3 P. Läzär: Gyüjtese. Eger. F. F. 66. Ebenso darf in Pamproux das Kind 
noch nicht in den Spiegel schauen, wenn es noch nicht reden kann, weil es sonst 
stumm bleiben wird. Souche: Croyances. 1881. ex Seligmann: loc. cit. I. 180. 

* Das Kitzeln ist gleichfalls eine Reizung der erotischen Zonen. <Vgl. 
I. Sadger: Haut«, Schlrimhaut» und Muskelerotik. Jahrbuch für psychoanal. For» 
schungen. 1912. III. 528. »Wenn's einer Frau im Anus juckt, so wird sie von 
den Männern gelobt.« S. Revai: Baranyai babonäk. Ethn. 1905. 297.) Das Kind 
darf man nicht kitzeln, weil es stottern wird. Rochholz: Alemannisches Kinderlied 
und Kinderspiel aus der Schweiz. 1857. 318. 

5 Dr. S. Ferenczi: Schweigen ist Gold. Int. Zeitschrift für ärztliche Psycho» 
analyse. 1917. 

5 Freud: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 1913. III. 50. 216. 

* Ich meine damit, aus der europäischen Volkskunde: die Schätze tragenden 
Kobolde, aus der allgemeinen Ethnologie: den Krankheitszauber vermittels Körper» 
ausscheidungen und Abfälle, deren Behandlung in diesem Sinne ich mir vorbehalte. 

8 K. Sütö: Lakodalmi köszöntök nepdalok, nepmesek es babonäk gyüjte» 
menye (Sammlung von Hochzeitssprüchen, Volksliedern, Volksmärchen und Aber» 
glauben), Särospatak. F. F. 1915. 175. Vgl. den feurigen Drachen, der die Menschen 
mit stinkendem Schmutz, mit Pferdemist (Oldenburg, Meddenburg, Thüringen) 
oder mit Läusen und Ungeziefer überschüttet. Wuttke: loc. cit. 45. In Wetterau, 
wenn's einem von Läusen träumt, so bekommt man Geld. J. W. Wolf: Beiträge 
zur deutschen Mythologie. 1852. I. 239. 



in den Spiegel schaut, wird magenleidend 1 . Ein Kind muß abends 
nicht in den Spiegel sehen, sonst steht der Teufel hinter ihm 2 . Nach 
den auf das Kindesalter bezüglichen Spiegeltabus können wir auf 
jene Riten übergehen, an denen sich der hinter der Hemmung ver= 
borgene Wunsch dartun läßt. Während in den behandelten negativen 
Riten das Kind dem Spiegel gegenüber passiv magisch war, d. h. 
Objekt einer magischen Wirkung, läßt die nun folgende Gruppe das 
Kind in einer aktiv magischen Situation erscheinen, wie es auf 
dem Wege des Spiegels eine magische Wirkung auf die Spiegel- 
bilder der Dinge ausübt 3 . 

b) Positive Riten. 

^ronder" Wenn in Indien jemand Unsichtbares sehen will, behält er laut 

der Samavidhanabrähmana <Handbuch der altindischen Magie 3, 
vr \ ein n °* ni * r mann ^ ares Mädchen 4 und einen Spiegel eine 
Nacht hindurch bei sich 5 , und singt über den Spiegel einen Zauber- 
spruch. Bei Anbruch der Morgendämmerung wiederhole er die Be- 
schwör ung, wische sich den Mund ab 6 und befehle dem Mädchen 

\t ff ..i. S ,^t keIy: Magyar nephagyomänyok gyüjtemenye {Sammlung ungarischer 
Volksuberheferungen), Eger. F. F. 1914. 19, 

2 Grimm: DeutschesWörterbuch. 1899.' X. 2226. Nach Schütze: IV. 164. Auf 
Analerotik deutet das Erscheinen des Teufels hinter dem Kinde, worüber weiter unten 
. V le aktIve < und P ass j ve Magie, desgleichen die positiven und negativen 
Riten sind verwandte Ausdrücke, die ich hier als termini tedinici einführen möchte, 
ßine nähere Untersuchung des Gegenstandes würde dartun, daß stets dieselben 
Ubjekte und Subjekte, von denen die magische Wirkung ausgeht, zugleich der von 
anderen ausgehenden magischen Wirkung am stärksten ausgesetzt sind. Das ist bloß ein 
Sonderfall des Gesetzes der psychischen Polarität oder Ambivalenz. Vgl. 
P m P inß rU i ndz ?r d S P ( s y*°analyse. 1914. 174. Derselbe: Psydioanalytische 
Probleme 1916 1-16. (Nachträglich bemerke ich die Einteilung in negative und 
positive Riten schon bei A. van Gennep: Les Rites de Passage. 1909 11 > 

»Kanyam adr?tarajasam«, Böhtlingk bringt das Beiwort mit dem Worte 
»adarsa« (bpiegel) in Zusammenhang und übersetzt es mit »blank«. Zachariae: 
zSur indischen Witwenverbrennung, Zeitschr. d. V. f. Volkskunde. 1905. 84. Viel- 
leicht ist das jungfräuliche Mädchen gleichzeitig leuchtend und strahlend, da sie ihr 
eigenes narzißtisch idea isiertes Ebenbild noch nicht verloren hat? Die Galeläresen 
glauben, daß heranwachsende Knaben und Mädchen nicht in den Spiegel schauen 
dürfen, weil der Spiegel sie ihrer Schönheit beraubt. 1. G. Frazer: Taboo and the 
Penis of the Soul. 1911. (Golden Bough, Part. II.) 93^ Zitiert nach I. van Baarda! 
rubelen, Verhaten en Overleveringen der Galelareezen. Bijdragen tot de Taal* 
Land» en Volkenkunde van Nederlandsch=Indie. XLV. 1895. 462. Im rumänischen 
a cx- T? 1 ". 1 «"Spiegel vor, der den hineinschauenden Helden all seiner Kraft 
und isrhonheit beraubt. L. Sainenu: Basmele Romane. 1895 552 553 
— i.A«.r?f Sa ?c i ' t z ( umil "lest zweideutig. Vergleiche zum Zusammenhang 
rZl %l£ Coi us und Spiegelschau folgendes aus den ungarischen Hexenprozeßakten 
W AA l } m A l emtm . Nagd d Ä e G e ni talien dessen, der den Schatz versteckt 
hat und daß dieser dabei mit seiner Frau den Beischlaf ausübte. Den Schatz kann 
nur der heben, der beim Graben dasselbe tut. Komäromy: Magyarorszägi Bo- 
szorkanyperek, Okleveltara. (Ungarländische Hexenprozeßakten.) 1910 251 

Er entfernt die gefährlichen Spuren der magischen Worte. So pflegt z. B. 
cki^n.ge,_ welder Übles geträumt hat, sein Gesicht abzuwischen. H. Oldenburg: 
Die Religion der Veda. 1894 490 oder er badet. I. von Negelein: Der Traum= 
schlussel des Jagaddeva. 1912, 35. 



Spiegelzauber '*■ 



»Siehe« <d. h. in den Spiegel oder in ein mit Wasser gefülltes Ge- 
fäß) und das Mädchen wird sehen 1 . Laut Bellanger de Lespinay 
pflegt man in Pondichery auch heute noch durdi einen kleinen Knaben 
oder eine Jungfrau wahrsagen zu lassen in der Weise, daß man sie 
nachts in einer verlassenen Pagode in ein mit Öl beschmiertes glänzen» 
des Kupfergefäß schauen läßt 2 . Die kanonischen Schriften des Bud= 
dhismus nennen das Spiegelsdhauen »ädäsapaüha«, d. h. »Spiegel- 
befragen«, den damit parallelen Ritus »kumaripanha«, das »Madchen» 
befragen«. Die Gottheit, an die man die Fragen richtet, steigt in 
den Spiegel, beziehungsweise in das Mädchen 3 . Die Malaien glauben, 
daß nur ein Kind, welches schon seiner Jugend halber noch nicht 
gelogen haben konnte, im Wasserspiegel die verborgenen Dinge 
sehen kann 4 . Leo Africanus berichtet über die Zauberer in tez 
»Alii aquam catino vitreo infusam olei guttula admixta lucidam et 
transparentem reddunt, in qua tamquam in speculo daemones se 
videre affirmant, . . . quorum nonnulli in itinere sunt, alii nvum 
transmittunt, alii terrestre proelium gerunt, quos ubi quietos videt, 
de rebus quas scire cupit, interrogat,- daemones porro nutibus 
respondent . . . Vitreum illud vas pueris interdum vix octavum 
egressis annum in manum dant, a quibus num hunc vel lllum dae- 
monem viderint, interrogant« 5 . Die Hindus und indischen Monam= 
medaner nennen den Zauberspiegel »unjoun«, d. h., »lampe noire«. 
Wollen sie die Art der quälenden Krankheit erfahren, so geben sie 
einem Kinde ein »unjoun« in die Hand, und dort sieht das Kind 
die gräßliche Fratze des Krankheitsdämons 6 . Der Falaschazauberer 
schreibt das Wort »Allah« in den Sand und ein junges Kind muß 
starr auf die Buchstaben schauen und den Geisterkönig anrufen. 
Der letztere erscheint, fährt in den in Trance gefallenen Knaben 
und beantwortet die an ihn gerichteten Fragen. In der Regel stellt 
man vor den Knaben Wasser oder einen Spiegel, damit er statt 
in den Sand, dorthinein schaue 7 . Ähnliches finden wir auch im 

< Zachariae: Zur indischen Witwen Verbrennung. Zeitschr. d. V. f. Volksk. 
1905 84 Vgl. auch die Tintenschau. Der Wahrsager im Panjab schreibt Zauber- 
sprüche auf Papier und gießt darüber einen großen Tintenfleck. Er gibt einem 
kleinen Kinde Blumen in die Hand und sagt; »Zitiere die vier Schutzgeister«. 
Crooke: Populär Religion and Folklore of Northern India 1896. 153.154. Vgl. 
Lefebure: Le miroir d'encre dans la magie arabe. Revue Africaine. 1905. Z09. cit. 
Doutte' Magie et Religion dans l'Afrique du Nord. 1909. 388 E. W. Lane: 
Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter (übers. Zenker). 11. 93. 

2 H. Fröidevaux: Une seance de divination a Pondichery. Actes du 
Onzieme Congres international des Orientalistes. 1897. 271-276. 

3 T W Rhys*Davids: Buddhist Suttas. Sacred Books of the Hast. AI. 
1881 199 Zachariae: Loc. cit. 84. R. O. Franke: Dighanikaya. 1913. 20. 

* W. Skeat: Malay Magic 1900. 539. 

5 Leo Africanus: Africae descriptio. 1632. <Elzevir.> 335, 330. 

6 Maury: La Magie et 1' Astrologie dans l'Antiquite et au Moyen Age. 
1864. 441 nach Qanoon e islam publ. Herklots. 378. 

7 Et Combe: Quelques coutumes des populations souclanaises. Kevue 
de l'Historie des Religions 1911. 324. Vergleiche: E. Doutte: Magie et Religion 
dans lAfrique du Nord. 1909. 590. 



tur et a JK c' CUntun JuJ«nus fecit, tuncque puer vidisse dici- 

Albredtts von Bayera ' 1«5> JS",II, '¥" < £ bame * herz °« 
Grimm folgendes- »ra» SS r» • f verb f K ", K V" SK entnimmt 
die kunst aU i„S SleSen S p£ä Idt'f """VS "'i,™ 
ein sehen«, »audi treibt man dl» .1- • e 1 k "" fer *"• 
pnlierten swer.« »So soll da" a „ ™e„'°„ a '°^ "HT sl T 2m 

Wank polierte StahlsSe ir , Tal mit H,I f P e,nes Stahlspiegels <eine 
Holzstiel) in der Erde ein^ wit * &' auf A inem s *™en 
mit Silber gefüllt Darauf ? J*2 Zur "alfte mit Gold, zur Hälfte 

1 Augustinus: De Civitate Dpi VII 7'; /i c. <™,- 

risches ArÄiv für Volfcskunde C Xn n i908 P °122 aireS "" Pays d ' Enhaut ' Sdlweize = 
Pulta^ «jj^"^^ ül W8 - 431 " AhnliAes über > g e» 

nsAer Volksub1ri4fourS, «14 *gj^^ j?*^* 1 *« <Samm[u„g Unga= 
von S 2 L^ s f E fhn V i a 908 a: il arVaSVid ^ babonä k. "(Aberglauben aus der Gegend 
9 B. Szfvos: Alfeld! kineskeresök <SAat 2 suAer im Alfeld). Ethn. XXIII. 34 



Spiegelzauber 73 



Schatz bestehe aus Gold oder Silber, befinde sich in einem Faß 
oder in anderem Gerät, sei zwei Klafter tief unter der Erde ver* 
graben und werde von einem Hunde solcher oder solcher Farbe 
bewacht. Dann beginnt man die Erde aufzugraben und wenn man 
sich der angegebenen Tiefe bereits nähert, sucht man einen Hund, 
der dem von dem Kinde erwähnten in der Farbe ähnlich ist, tötet 
ihn und schmiert sein Blut auf dem Boden der Grube 1 . In Pärkany 
hatte man im Erdboden eines Baumes Gold vermutet. »Man rief 
ein magisch begabtes <tältos> Mädchen, es möge mit dem Stahl* 
spiegel schauen.« Das Mädchen sieht, daß unter der Erde an einem 
großen Balken mit einer Kette ein Kessel angebunden ist, in diesem 
befindet sich das Geld. Auf dem Balken sitzt ein Büffel, der nachts 
auf dem Grunde des Bauern stets zur Tränke geht. Sie können 
aber den Schatz nicht erreichen, denn wie sie graben, geht der 
Büffel mit dem Balken und dem Kessel immer weiter 2 . John of 
Salisbury verzeichnet, als er noch Kind gewesen, habe ihn ein 
Geistlicher zuweilen in einen mit Chrisma bestrichenen glänzenden 
Kelch schauen lassen, damit er wahrsage. Die anderen Kinder 
hätten denn auch in dem Kelch verschiedene Nebelbilder ge* 
schaut,- ihn aber, der stets nur einen glatten Kelch gesehen, 
habe man später gar nicht mehr gerufen 3 . Den Dieb oder den 
gestohlenen Gegenstand kann man ausfindig machen, wenn 
man einem »unschuldigen« Knaben ein mit Weihwasser gefülltes 
Glasgefäß in die Hand gibt und der Knabe mit dreimaliger 
Verbeugung sagt: »Du heiliger Engel, Du schneeweißer Engel, 
durch meine Keuschheit und deine Heiligkeit zeige mir den Dieb« 4 . 

» Janeso es Somogvi: Arad Värmegye Monographiäja (Monographie 
des Komitates Arad> III. 1912. Abt. 1. S. 344. Wenn man den Schatz nicht findet, 
so hat sich das Kind in der Farbe des Hundes geirrt Die schatzhütenden Tiere 
sind Seelentiere, also wohl symbolische Vertreter der Vaterimago. Den Schatz im 
Schöße der Mutter Erde erlangt man aber durch das Töten des schatzhüten* 
den Hundes, bezüglicherweise seines Ebenbildes, mit anderen Worten des Vaters 
Beim erwachsenen Manne kehrt das Motiv in der Retributionsform wieder: der 
Ural muß seine Söhne verlieren, wenn er den Schatz heben will. R. Kühnau: 
Schksische Sagen. III. 1913. 620. Die zu opfernden Hühner <Vgl. F. S. Krauss: 
Volksglaube und religiöser Brauch der Südslawen. 1890. 103. B. Szivos- Alföldi 
kineskeresök (Schatzsucher im Alföld). Ethn. XXIII. 30. In einer finnischen Vari* 
ante wird das Blut von »9 Brüdern« gefordert, doch der betreffende berichtigt die 
Forderung »9 Hähne«. A. Bän: A kineskereses a nephitben. (Schatzsuchen im 
Volksglauben.) Ethn. 1915. 34. In Torda hütet eine Henne mit ihren Küchlein 

LtoÄ der Hexe> das GeId und es S ehört da s Blut von neun Brüdern 
<d. n. 9 Küchlein) dazu, um es zu heben. Jankö: Torda, Aranyosszek, Toroczkö 
magyar nepe. 1893 244. Scheftetowitz: Das stellvertretende Huhnopfer (1914) 
sind wohl symbolische Äquivalente für ein Menschenleben. 

i- (-• j. a ° r l y: Babonas hiedelmek a feketekörösvölgyi magyaroknäl (Aber= 
1916 88 e AnS * auUnsen bei den U "Sarn im Tal der Schwarzen=Körös). Ethnogr. 

n lu* S °'d a n/Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 1911. I. 97. Bastian: 
Der Mensch in der Geschichte. 1860. II. 149. 

„, . \ Montanus: Die deutschen Volksfeste, Volksbräuche und deutscher Volks- 
glaube. 1854. 117 ex Fehrle: Die kultische Keuschheit im Altertum. 1910. 59. 



74 Dr. Geza Röheim 



Ganz dasselbe beriditet Rimuald: man nehme einen Spiegel 
oder eine Phiole und eine Weihkerze und indem man die Formel 
»Ange blanc, ange saint, par ta saintete et par ma virginite, 
montre moi qui a pris teile chose« hersagt, erblickt man das 
Bild des Diebes in der Phiole 1 . Der »Höllenzwang« verpflichtet 
denjenigen, welcher die Spiegelschau unternehmen will, zu drei= 
tägiger Enthaltsamkeit 2 . Wollte man den Aufenthalt des Diebes 
durch die Kristallschau ermitteln, ließ man einen etwa zehnjährigen 
Knaben, der noch unbefleckt und ein ehelich geborenes Kind 
sein mußte, in den Kristall schauen 3 . In Pembridge ließ man 
im Jahre 1671 ein unschuldiges Mädchen <oder einen unbefleckten 
Knaben) um Mitternacht in den Kristall schauen, damit sie 
darin den Dieb sehen mögen 4 . Bodinus erzählt den Fall eines 
Nürnberger Bürgers, der ein junges Kind in den Kristallring 
schauen ließ 5 . 
Nagelschau. Im Mittelalter zitierte man Erscheinungen nicht nur in den 

Kristall und in den Spiegel, sondern auch in die flache Hand. Im 
finsteren Zimmer schmierte man die Hand mit Öl und Ruß ein 
und beim Licht der Kerzen sah man die Erscheinung. Wenn der 
Betreffende das Gesicht aus der Hand eines Knaben schauen wollte, 
flüsterte er dem Kinde ins rechte Ohr, dreimal die Namen >Gar= 
diab, Fardiar, Ipodhar« 6 . Spanische Hexen zeigten das gewünschte 
Gesicht, ob es nun ein Lebender, oder ein Toter sein mochte, in 
einem Spiegel oder im Nagel eines Kindes 7 , In den Hexenprozeß^ 
akten von Debreczen tritt neben dem Stahlspiegel, durch welchen 
das Mädchen die Schätze erblicken soll, als subsidiärer Ritus auch 
das Kratzen der beiden Daumennägel auf 8 . In Toulouse las ein 

1 L. Maury: La Magie et L'Astroiogie dans lAntiquite et au Moyen 
Age. 1864. 441 nach Rimuald: Consil. in caus. graviss. 414t. IV. p. 254. Vgl. 
bei Cardanus." De rerum varietate. 1556. p. 1089 »per tuara sanctitatera et 
meam virginitatem«. . 

s Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition 1893. 464, 465 
Vgl ebenda. 490. 

3 Hieron. Cardanus: De rerum varietate. 1556. 1088. Lib. XVI. 
cap. 93. 

4 Leather: The Folklore of Herefordshire. 1912. 66. 

5 J. Bodin; De Magorum Daemonomania. Vom Ausgelasne Wütigen 
Teufelsheer Allerhand Zauberern, etc. 1586. Ebendort auch Nagelschau. Es lohnt 
sich die Erklärung Bodinus über die Rolle der Jungfräulichkeit in der Magie an= 
zuführen: »Dann dieser Unrein Geist nimmt sich an als belieb er auch die reine 
Jungfrauschaft, damit er Leut durch solche Mittel von ihrer zarten Jugend auff 
mög an sich ziehen: Auch zum theil dardurch die Vermehrung des Mensch« 
liehen Geschlechts hinderen und zerstören. Und nicht desto minder und er 
deß reitzt er die Personen, so er gewinnet zurSodomy und unkeusch« 
heit wider die Natur an.« p. 227. 

6 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 490. 

7 Schorfer: Die Novellen des Cervantes. 1907. II. 237 ex Soldan» 
Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. II. 158. 

8 F. Szell: Törvenykezesi adatok alföldi babonäkrol. (Gerichtsakten über 
Aberglauben aus dem Alföld.) Ethn. 1892. III. 113. 



Spiegelzauber 75 



Portugiese aus dem Nagel eines Kindes verborgene Dinge 1 . Laut 
Bodinus kann das Nagelschauen nur »ein jung Kind, das nie kor« 
rumpiert worden«, vollbringen 2 . In Märmaros finden wir wieder das 
siebente Kind, das diesmal nicht mit dem Stahlspiegel, sondern 
durch den Mittelfinger der rechten Hand das Geld erblickt 3 . Man 
muß den Nagel des Mittelfingers der rechten Hand mit Mohnöl 
bestreichen und durch diesen hindurchschauen 4 . In der Plattensee* 
gegend bestreicht man den Nagel des siebenten Kindes mit 
Eidechsenöl und in diesem sieht es das verborgene Geld 5 . In 
Aranyosszek bestreicht man dem siebenten Kind den bunten Nagel 
mit Leinöl, führt es abends hinaus in die Gemarkung und wo es 
laut aufkreischt, dort befindet sich der Schatz 6 . Im Szeklerland: 
wenn man dem siebenten siebenjährigen Kinde den Daumennagel 
mit weißem Mohnöl bestreicht und es dann unter ein Leintuch 
hüllt, vermag es anzugeben, wo sich das Geld in der Erde befindet 7 . 
Gleichfalls in Aranyosszek muß man um den Annentag herum bei 
Vollmond, vor der Morgendämmerung, auf dem Bauche kriechend 
Springwurzel suchen, womit man sich den Nagel bestreicht, um 
durch diesen hindurch das im Schoß der Erde verborgene Geld zu 
schauen 8 . In Felsö Boldogfalva; wenn man dem siebenjährigen 
Knaben den Daumennagel der rechten Hand mit Mohnöl bestreicht, 
wird das Kind, wie durch ein Glas durch den Nagel sehen und 
den in der Erde vergrabenen Schatz finden 9 . Der oben angeführte 
Doctor Hartlieb berichtet <1455> »Die kunst pyromancia treibt man 
gar mit manigerlei weis und form, etlich maister der kunst nemen 
ain rains kind und setzen das in ir schoss, und lassen das in seinem 
nagel sehen und beschweren das chind und den nagel mit ainer 
großen beswerung, und sprechen dan dem chind in ain ore driu 
unchunde wort der ist ains Oriel 10 <cap. 83>«. Ferner »mer ist ain 

1 Hazlitt : Populär Antiquities 1905. 1. 274. In hac oleo ac fulligine impollurf 
pueri unguem illinebant et usque solem versus obverso certum quid submurmurantes 
videbant que cupierant. Quendam militem Hispanum novi, qui Bruxellis in ungue suo 
classem e portu Corunnae sofuentum et paullo post procellis vehementer afffictam 
YSlHJ in speculo, clare ostendebat. M. Delrius: Disquisitionum magicarum libri sex. 
1603. Totnus secundus. Lib. IV. C. II. Q. VI. Lee. IV. 6 Punkt. S. 170. 171. 

s J. Bodin: De Magorum Daemonomania 1586 227. 

3 P. Visfcy: Babonäk (Aberglauben). Nyelvör. VII. 206. 

* Versenyi: Adalekok a gyermekrf'l valo magyar nephithez. (Beiträge 
zum ungarischen Volksglauben über das Kind.) Ethn. 1894. 111. 

5 J. Jankö: A balatonmelleki (akossäg neprajza. (Ethnographie der An» 
wohner des Balaton.) 1902. 408. 

\r u ■ ' t^ a , nk ^ : Torda ' Aranyosszek, Toroczko magyar nepe. (Das ungarische 

Volk in Torda, Aranyosszek und Toroczko.) 1893. 344. 

1891 3 ? 59 ' Benkö: Häfomszeki babonak. (Aberglauben im Häromszek.) Ethn. 

8 k^D n . k ° : Torda ' Aranyosszek. 1. c. 1893. 344. 
n.u Lai ^a/t 1 , Sz f e] y kinesäso babonak- (Szekler Schatzgräber-- Aberglauben.) 
Ethn. 1897. 296. Udvarhelyer Komitat. 

'" Y*l- »die spryte Oryance« im Kristall G. F. Black: Scottish Charms 
and Amulets. Proc. Soc. Ant. Scot. XXVII. 436. 



76 Dr. Geza Roheim 



trugenlicher list in der kunst, das die maister nemen öl und russ 
von ainer pfannen und salben audi ain rains Kind die haut . . . 
und heben die hand an die sunnen, da die sunn darein schein oder 
sie heben kerzen gegen der hend und lassen das chind darein sehen« 
<cap. 84, usw.) 1 . Geiler von Kaisersberg verzeichnet: Man habe den 
Nagel eines Kindes mit Öl bestrichen, der Sonne zugewandt und 
daraus gewahrsagt. Wenn man aber nicht in den Nagel des Kindes 
schaut, muß wenigstens der Nagelbeschauer ein Kind oder eine un- 
befleckte Jungfrau sein 3 . 
vwbedtagung Von dieser Ritengruppe ausgehend, können wir die Keusch» 

der Visionen, hcit als Bedingung des magischen Handelns, besonders beim 
Schauen der verborgenen Dinge, als Steckenbleiben im visio* 
nären Narzißmus — im Sinne einer nicht erreichten erotischen 
Objektwahl erklären. Zum Fernschauen, zur Entdeckung ver» 
borgener Gegenstände dient in Indien ein Knabe, dessen Körper 
günstige Omina zeigt 3 . In Nürnberg pflegten im sechzehnten Jahr» 
hundert die Menschen einander damit zu bedrohen: »Rede die 
Wahrheit oder ich gehe zu dem kleinen Mann!« Der kleine Mann 
erschien im magischen Kristall und zeigte den Menschen alles, aber 
das Männchen selbst konnte in dem Kristall nur ein unbefleckter 
Knabe .schauen 4 . Laut der Lku'ngen Sage kann man auf dem 
Berge Ngä'k'un auch jetzt noch den Strick sehen, an dem sich 

1 Grimm: Deutsche Mythologie. 1878. III. 431. Vgl. den Text bei S. 
Riezler: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. 1896. 333. Vgl. ebenda, 330 
über »Jdromancia« mit einem reinen Kind- »Am Sonntag vor Sonnenaufgang geht 
man zu drei fließenden Brunnen und schöpft aus jedem ein wenig "Wasser in ein 
lauteres poliertes Glas . . ., brennt Kerzen davor und tut dem Wasser Ehre 
an wie Gott selber«. 

8 A- Hermann: A köröm a nephitben. (Der Fingernagel in Volksglauben.) 
Ethn. 1893. 119. E. L. Rochholz: Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel 
aus der Schweiz. 1857. 107. Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 129, nach 
Geiler von Kaisersberg: Ameis. Bl. 39. Das den Schöpfungssagen eigene 
Motiv vom Verluste der Hornhaut als Folge des Verlustes der Unschuld, des 
Sündenfalles entspricht völlig dem im Ritus na&gewiesenen Zusammenhang zwischen 
Nagelschauen, Unbefledrtheit und Kindheit. Psychologisch einwandfrei ist die Auf» 
fassung der Sage, die das Aufhören des sich selbst bewundernden, den ganzen 
Leib als eine spiegelnde Fläche (Fingernagel) apperzipierenden Narzissismus vom 
ersten Coitus her datiert. Die Hornhaut der Urzeit des Menschengeschlechtes ist 
natürlich eine Projektion der Kindheitserinnerungen ins Kollektive. Vgl. die Sage 
bei Dähnhardt: Sagen zum alten Testament (Natursagen I.). 1907. 226. 
Munkäcsi: A szegedvideki magyar vilägteremtesi regek vältozatai. (Varianten 
zu den Schöpfungssagen aus Szeged.) Ethn. V- 266. Schreiner: A vogul 
kozmogonia eredetehez. (Zum Ursprung der wogulischen Kosmogonie.) Ebendort: 
1892. 296. F. Gönczi: Göcsej. 1914. 181. Carra de Vaux: L'Abrege des 
Mervailles. 1898. 76. 

' H. Tawney: The Katha Sarit Sagara. 1884. II. 149. Das oben Gesagte 
bedarf allerdings einer einschränkenden Klausel. Die Visionen gehören teilweise 
nicht mehr dem rein narzißtischen Stadium an, jedenfalls ist aber die Keuschheit 
als Bedingung der Visionen mit Bezug auf Onaniephantasien zu deuten. 

* Hartland: The Legend of Perseus. II. 15, 16. Bertsch: Welt- 
anschauung, Volkssage und Volksbrauch. 1910. 138. Pröhle: Deutsche Sagen. 
1879. 232. 



Spiegelzauber 77 



die irdischen Gattinnen der Sterne vom Himmel herunterließen. Aber 
nur ein solcher Jüngling kann ihn schauen, der jedes Tabu streng 
einhält, viel badet und noch niemals ein Weib berührt hat 1 . Auch 
den heiligen Gral kann nur der keusche Held erblicken 2 . Die 
Zauberin und Seherin Ilona Borsi mied die Männer, »daß ihre 
Kunst die Wirksamkeit nicht verliere« 3 . Kassandra, Pythia 
und die vielen anderen Seherinnen des Altertums sind Jung^ 
frauen 4 , Gemahlinnen Apollos, eines Gottes, nämlich ihrer eigenen, 
ins Übernatürliche projizierten heterosexuellen Abspaltung 5 . Bei den 
Shuswap konnte der herangewachsene Jüngling die Schamanenweihen, 
die in der Traumerscheinung des Schutztieres gipfelten, nur dann 
durchmachen, wenn er noch kein Weib berührt hatte. Sowohl bei 
Knaben, als auch bei Mädchen würde der geschlechtliche Verkehr 
die Materialisierung des Schutzgeistes, mit anderen Worten die 
Vision, unmöglich machen 6 . Bei den Haida nimmt der zur Scha= 
manenweihe bestimmte nur sehr wenig Nahrung zu sich und ent« 
hält sich gänzlich des Weibes. Schließlich trübt sich sein Geist ein 
wenig, er redet unverständliches Zeug und schaut verborgene Dinge 7 . 
Dann wird er als Schamane anerkannt. 

Die Rolle des mit dem Spiegel abwechselnden Fingernagels Die narzißtische 
beansprucht ebenfalls einige Worte. Vom Standpunkt des Narzissis= " NageÜL des 
mus ist der Nagel ein besonders geeignetes Objekt, denn außer 
der spiegelnden Fläche wird ihm noch ein Libidozuschuß, durch die 
Zugehörigkeit zum eignen Leibe, zuteil. Bezeichnend ist der Schweizer 
Volksglaube, ein Kind, das noch nicht in den Spiegel geschaut 
hat, könne in der linken Handfläche das eigene Antlitz schauen. 
Man darf dem Kinde keinen Strauß in die Hand geben, weil es 
sonst eitel wird,- »denn so oft sie dabei auf ihre Händchen nieder^ 
schauen, beschauen sie sich selbst drinnen und lächeln mit herzlichem 



1 F. Boas: Indianische Sagen von der Nordpazifischen Küste Amerikas. 
1895. 63. 

2 Maiory: Le Morte d' Arthur. Book. XIII. Ch. XVI. 

3 Lehoczky: Beregvärmegye Monographiaja. (Monographie des Komitates 
Bereg.) II. 1881. 248. 

4 Fehrle: Die kultische Keuschheit im Altertum. 1910, 7. 78, et. pa. 

5 Vergleiche: Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch für 
Psychoanalyse. VI. 1914. 15. 

6 J. Teit: The Shuswap. <Jesup North Pacific Expedition.) 1909. 589, 590 
' Dawson: Report on the Queen Charlotte Islands. 1880. 127. Zitiert 

nach Frazer: Totemism and Exogamy. 1910. III. 437. I. R. Swanton: Contri« 

D ir.mc .Ä lo ^ ?? t ! ie Haida <J esu P North Pacific Expedition. Vol. V. 
£ U. 19U5. 40. Über die Enthaltung vom Coitus und die magische und mystische 
Bedeutung der Unbeflecktheit im allgemeinen, vgl. J. G. Frazer: Taboo and 
the Penis of the Soul. 1911. 5. 6. 11. 142 157 158 161 163 — 167 175 17« 
VI 1& K L 'S • 191 -~ 1 ^ 20 °~ 204 ' 207. 216.221. 272 293. Fehde 7 :' üfe kut 
SS e £rf1 1 7« ,t w A Äl rtU ^ 191 °- R Crawley: The Mystic Rose. 1902. 

Ä i l/ lQn7 3 . 4 T 6> 4 J eS ^ rm , arck: The ° ri S in ^ Development of 
Ae Moral Ideas 1908. II. 406-421. A Abt: Die Apologie des Apuleus von 
Madaura und die antike Zauberei <Rel. Vers. u. Vorarb. IV. 2.). 1908. 161. 
Iot. lo5. 



78 Dr. Geza Röheim 



Wohlgefallen« 1 . Die auf dem Körper befindliche spiegelnde Ober- 
fläche steht in näherer Beziehung zum Autoerotismus, der sich nur 
unter langsamen Übergängen in den Kultus des vom eigenen Leibe 
losgelösten zweiten Ichs, in den Narzissismus umwandelt. Des* 
halb hält man in der Gegend an der Cserta dafür, das Kind er- 
blicke sich eine Zeitlang in den Fingern, könne sich aber hingegen 
im Spiegel oder im Löffel nicht sehen. In Nagylengyel kann das 
Neugeborne, bis man ihm nicht Geld, einen Spiegel oder ein Ei 2 
in die Hand legt, sich in der Handfläche schauen 3 . Von dem Kinde, 
das im Traum lacht, sagt man, es spiele mit seinem Schutzengel*. 
Der Schutzengel entspricht in der Sprache der Psychoanalyse natür- 
lich der narzissistischen Abspaltung. Der Szöreger Volksglaube 
meint, mit dem Kinde unterhält sich sein Engel, auch dann, wenn 
es nicht schläft, sondern auf die Finger schauend lacht. Man sagt 
dann auch, das Kind spiele mit seinem goldenen Apfel. In Oszent* 
ivän spielt das Kind, wenn man es nicht in den Spiegel schauen 
läßt, ehe es einen Zahn bekommt, mit dem goldenen Apfel, den 
sein Schutzengel ihm zeigt,- es lacht dann auf und schaut auf die 
Finger 5 . Während der Spiegel und der Schutzengel die symboli* 
sehen Vertreter des Narzissismus sind, weist das Abwechseln 
des goldenen Apfels mit dem Spiegel auf die Rolle, welche 
der Mutter^Imago in der Entstehungsgeschichte des Narzissismus 

1 E. L. Rochholtz: Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der 
Schweiz. 1857. 318. Zum Blumenstrauß, vgl. Kinder unter einem Jahre soll man 
nicht abbilden und nicht bekränzen, ihnen überhaupt keine Blumen geben, sonst 
sterben sie bald (Rheinlande, Westfalen, Thüringen, Schlesien, Süddeutschland), sie 
dürfen nicht an Blumen riechen, sonst verlieren sie den Geruch (Erzgebirge). 
Wuttke: 1. c. 394. Das Sterben deutet wohl auf sympathetische Identifikation 
mit der dahinwelkenden Blume, das letztere aber auf die Verdrängung der ur- 
sprünglich übermäßigen Riedilust, welche wiederum ein Ableger der analerotischen 
Triebe zu sein scheint. Vgl. »Sieht abends man bei Lichterschein, Noch in den 
Spiegel stolz hinein, Schaut reizend wie ein Blumenstrauß, Gifthauchend, Satanas 
heraus«. Steiger: Sitten. 139, bei Wander: IV. 693. ex Grimm: Deutsches 
Wörterbuch. 1899. X. 2226. Blumen gibt man dem Kind in die Hand bei der 
Tintenschau (miroir d'encre). Crooke: Populär Religion and Folklore of Northern 
India. 1896. 153, 154. - 

s Das Ei als Spiegel kommt in einer bogormhschen bchoprungssage vor. 
K. K. Grass: Die russischen Sekten. I. Die Gottesleute oder Chüsten. 1907. 633. 
Vergleiche übrigens das Motiv »Rieseneiseele«. Roheim: A külsö lelek es syno« 
nimäi a nepmeseben. <Die Außenseele und ihre Synonima im Märchen.) Ethn. 
1915. 299. Köhler: Kleinere Schriften zur Märchenforschung. 1898. 57, 158-161, 
348 404 Frobenius: Zeitalter des Sonnengottes. 1904 391. Mogk: Das Ei 
im Volksbrauch und Volksglauben. Zt. d. V. f. Vk. 1915. 217, 218. J. G. Frazer: 
Baldrr the Beautiful. <The Golden Bough. P. VII.) 1913. II. 106, 110, 125, 
132, 140. 

» Gönczi: Göcsej. 1914. 142. »Geld« wird natürlich ebenfalls der 
spiegelnden Oberfläche halber verwendet/ außerdem aber führt eine Assoziations* 
reihe von Geld zum Ei, wobei das Mittelglied (Exkremente) der Verdrängung 
anheimfällt. ... 

4 L. Kälmäny: Boldogasszony, ösvalläsunk istenasszonya. (»Unsere liebe 
Frau«, eine Göttin unserer Urreligion.) 1885. 21. 

9 L. Kalmäny: Ebenda. 22. 



Spiegelzauber 79 



zukommt 1 . In Szöreg sagt man, solange das Kind nicht die Katze 
fängt, spiele es stets mit dem goldenen Apfel 2 . Den goldenen Apfel 
gebe die heilige Jungfrau, also die Mutter Gottes dem Kinde in die 
Hand, »Christus der Herr hat mit dem goldenen Apfel gespielt, die 
heilige Jungfrau hat ihm denselben in die Hand gegeben. Man nennt ihn 
den goldenen Apfel des Jesuskindes« 3 . Der Spiegel verdrängt den 
goldenen Apfel, die Handfläche, den Fingernagel von seiner Stelle. 
Die Schöpfungssage der Pawnee projiziert diese SpiegeUNagelvor-* 
Stellung auf die Götter. Tirawa erschafft den Menschen und gebietet 
ihm, mit zusammengepreßten Daumen nach Norden zu weisen. 
Auf dem Nagel des Daumens bleibt der Abdruck des Gesichts 
der »vier Götter des Nordens« zurück. Im Ritus symbolisieren auf 
vier Säulen gelegte Muscheln und eine Scheibe aus Muscheln die 
auf dem Nagel des Urmenschen sichtbaren Göttergesichte und die 
Götter selbst*. Die Wichtigkeit, die dem Nagel vom Gesichtspunkte 
des kindlichen Narzissismus, beziehungsweise bereits vom Auto= 
erotismus innewohnt, zeigt schon die Verbreitung der Tabus des 
Nagelschneidens 5 . In Göcsej darf man den Nagel des kleinen Kindes 

1 Vgl. Sadger: Psychiatrisch*neurologisches in psychoanalytischer Beleuch» 
tung. Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin. 1908. 11 — 12, Zitiert nach 
O. Rank: Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrbuch. III. 411. 

2 Die erotische Bedeutung des Apfels wird von Kälmäny sehr wohl erkannt, 
wenn er ihn mit dem Brautapfel in Verbindung bringt. Kälmäny: Ebenda. 22. 
Vergleiche des weiteren Roheim: A luczaszek. (Der Hexenstuhl.) Neprajzi 
ErtesitÖ. (Anzeiger des ethnographischen Museums.) 1916. 31—37. Der goldene 
Apfel ist hier speziell die Mutterbrust, während die Katze der Vagina gleidizu* 
setzen wäre. Siehe Roheim: A luczaszek. (Der Hexenstuhl.) Ebenda. 1916 
24-26. 

3 L, Kälmäny: Boldogasszony, 1885. 23. Vgl. das Motiv der Schatzsagen. 
Eine Mutter verliert ihr Kind beim Schätzesuchen, nach Jahr und Tag findet sie 
es wieder/ siehe da, das Kind spielt mit einem goldenen Apfel. (Das Spielen mit 
dem Apfel ist eben das Finden der Mutterbrust/ dasselbe wird einmal symbolisch, 
einmal unmittelbar erzählt.) Vgl. R. Kühnau: Schlesische Sagen. III. 1913 578 
600, 602, 609, 615, 623, 637, 651, 652, 654, 657, 659, 667, 755. Zum Apfel 
des Jesuskindes vgl. die rumänische Überlieferung Dähnhardt: Natursaeen 
1909. II. 79. 5 ' 

4 G. A. Dorsey: The Pawnee. Mythology. Carnegie Institution. Publ. 
Nr. 59. 1906. 28. Diese Götter verleihen dem Urmenschen die »power« (mana?) 
sich ein Weib zu erschaffen. Dorsey. Ebendaselbst. (Der narzissistische Weg der 
Libidoübertragung!) Hinsichtlich der Muschel vergleiche die Wakandamuschel 
der Kansa. (Dorsey: A Study in Siouan Cults. Bureau of Ethnology. Rep. XI. 
372), ferner die »Muschelgesellschaften« der Omaha, Menonimi usw A C 
Fletcher and F. la. Fl es che: The Omaha Tribe (XXVIII. Report. Bureau 
of Ethnology). 1911. 509-565. W. I. Hoffmann: The Menomini Indians (XIV. 
Report). 1896. 102. P. Radin: The Ritual and Significance of the Winnebago 
Medicine Dance. Journal of American Folk=Lore. 1911. 159. 182 — 187. 190—193. 
St. R. Riggs: Dakota Grammar, Texts and Ethnography. (Contributions to 
North American Ethnology. IX.) 1893. 228. Ferner: P. Sebillot: Legendes, 
Croyances et Superstitions de la Mer. 1886. II. 275—278. Nork: Etymologisch« 
symbolisch=mythologisches Realwörterbuch. 1845. III. 208. 

5 Hier berühren wir schon das Gebiet der sympathetischen Magie, auf die 
ich behufs einheitlicher Erklärung im ähnlichen Sinne anderwärts zurückzukehren 
Gelegenheit finden werde. 



80 



Dr. Geza Roheim 



nicht stutzen, weil es sonst diebisch wird 1 . In Pommern deshalb 
nicht, weil es sonst unglücklich wird 2 . In Schlesien beißt im ersten 
Jahre die Mutter des Kindes die Nägel ab 3 , denn wenn sie das 
nicht tut, wird das Kind zum Selbstmörder, wenn man ihm aber 
vor dem vollendeten ersten Lebensjahre die Nägel stutzt, oder das 
Haar schneidet, wird es unglücklich 4 . Man kennt dieses Tabu auch 
in Tirol 5 , und mit verschiedenen Begründungen überall in ganz 
Deutschland 6 . In Mecklenburg erstrecht sich das Verbot auf das 
Haar und die Nägel 7 , ebenso in Böhmen, denn man schneidet dem 
Kinde den Verstand, das Glück ab, oder es wird sich später mit 
irgend einem scharfen Werkzeuge schneiden 8 . In der Gironde 
schneidet man die Nägel des erstgeborenen Sohnes unter einem 
Rosenbaum, wenn man nach ihm ein Mädchen erwartet 9 . In Here* 
fordshire 10 , in Vork"und in Wales ist es verboten, dem noch nicht 

l Gönczi: Göcsej. 1914. 142. Das Nagefschneiden ruft das Gefühl des 
Beraubtseins, des Mangeis hervor,- das Stehlen als Symptomhandlung, dient zur 
Behebung dieses Unlustgefühles und die gestohlenen Objekte bilden einen 
symbolischen Ersatz der verlorenen Körperteile. <Eine Erklärung der 
Kleptomanie? Vgl. W. Stekel: Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie. Zeit» 
schritt für Sexualwissenschaft. 1908. 588-600. O. Pf ist er: Anwendungen 
der Psychoanalyse in der Pädagogik und Seelsorge. Imago. 1912. 61) Ver= 
gleiche noch die magische Bedeutung der gestohlenen Gegenstände, die offenbar 
die Objektivierung der beim Stehlen empfundenen Gefühlsspannung ist. Siehe- 
Sebillot: Le Folklore de France. 1906. II. 241. 487. P. Drechsler: Sitte! 
Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. II. 99. 113. 243. 255. 261 300 
Wuttke: Der deutsche Volksaberglaube. 1900. 89. 171. 203 364 492 513 522' 
537. 616. 650. 652. 658. 673. 702. 703. 711. §§. Strackerjan: Aberglaube und 
Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. II. 1909. 219. A. John: Sitte, Brauch und 
Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 265. Thos. I Westropp- 
A Folklore Survey of County Cläre. Folk-Lore. 1911. 57. A. R. Wright: 
Secret Societies and Fetishism in Sierra Leone. Folk=Lore. 1907. 427. J. H. 
Weeks: Notes on Some Customs of the Lower Congo People. Foik-Lore i908 
419. Sartori: Diebstahl als Zauber. Schweiz. Arch. f. Vk. XX. 380. In Indien 
versammeln sich bei Diebstahlsverdachte die Familienmitglieder und reiben ihre 
Daumennägel aneinander, wodurch auf einem derselben der Name des Diebes 
leserlich wird. F. A. Wiese: Indien. 1836/37. II. 464 ex Haberland: Spiegel. 
Zt. f. Vps. XIII. 337. Hier finden wir also den mit dem Stehlen assoziativ ver- 
bundenen Nagel in der Umkehrung als Spiegel zum Auffinden des Diebes. 

, ä O- Kn °PP : V °lkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und 
Märchen aus dem östlichen Hinterpommern. 1885. 157. »Man schneidet ihm das 
Glüdc ab.« Erzgebirge, Wuttke: 1. c. 392. Glück <hier> = Ichlibido. 

3 Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. I. 1903. 215. 

4 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge. 1909. 
59. Über den Zusammenhang zwischen Selbstmordimpulse und Narzißmus vgl' 
Rank: Der Doppelgänger»Imago. 1914. 

<or-, a J' Zin S er,e: Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 
1857. 4. 

6 Wuttke: Volksaberglaube. 692. 

* K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 
1880. II. 51. 

8 A. John: Sitte, Brauch etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 109 

9 Sebillot: FohVLore de France. III. 391. 

10 Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 113. 

11 S. O. Addy: Household Tales with other Trational Remains. 1895. 102. 



weil es sonst diebisch 



einjährigen Kinde die Nägel zu stutzen, 
wird l . 

Die bisherigen Resultate zusammenfassend, können wir die Zusammen- 
auf das Kind bezüglichen Spiegeltabus als Verdrängungsformen ÄÄ 
des Narzissismus und der Schaulust, das Spiegelschauen aber als geb * isse - 
ungehemmtes Hervorbrechen derselben Triebe deuten An Stelle 
der unzensurierten Wunschbetätigung könnten wir unter Annahme 
der von Rank in einem analogen Falle vorgenommenen Ein- 
teilung auch die Rückkehr des Verdrängten aus der Verdrän- 
gung setzen 2 . Die beiden Erklärungen sind eigentlich gar nicht ver- 
schieden denn beide gehen von der positiven Seite, von dem Wunsche 
aus und erklären aus diesem den negativen Ritus, mit anderen 
Worten die Verdrängung. Im Hinblich darauf, daß unser Material 
sich auf das Kindesalter bezieht, dürfen wir wohl in den positiven 
Kiten berechtigterweise eine primäre und nicht eine tertiäre Bildungs- 
stufe erblichen 8 . Diese unsere Auffassung wird auch durdi die Beob- 
achtungen der Kinderpsychologie bestätigt. Laut Sully erkennt das 
vor den Spiegel gehaltene Kind nicht sofort sein eigenes Ebenbild, 
»bchon in der zehnten Woche lächelt es seinem Ebenbilde zu « 
Anfangs, ja sogar noch einige Monate hindurch betrachtet das Kind 
sein Ebenbild als ein selbständiges Objekt, lächelt ihm manchmal 
zu, als ob es vor einem Fremden stehen würde, ja es küßt es so- 

g f r ? wTi™ 6 sidl dieses mit einem kIeinen fünfzehn Monate 
alten) Madchen zugetragen - schenkt es ihm allerlei, wobei es 
»la« (Danke! als Zeichen der Annahme) sagt 4 . Die Erklärung 

' T , re y. eI yan: Folk=Löre and Folk-Stories of Wales. 1909. 267 Ver- 
gleiche noch die Tabus bei M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren 1867 82 

AAilr^t«^- r ÜS 1 er °W a 'f 1859 - ?• 252 - Gönczi: Göc ^'- 1914. '206: 
Adler Allerlei Brauch und Glauben aus dem Geiselthal. Zeitschrift des Vereins 

1852Yä8 nd 209 19 W 429 • , '^ W0lf: «? dtr ft 2Ur deutsdlen SÄ 
185Z 1. 208, 209. »Wenn ein Kind unter einem Jahre in den Spiegel schaut so 

Ä- ? t 'a T*- S °r Iang r d f f "T, "fc? auA die m « d nicht abschneiden.. 
(Ober Zahn und Spiegel vgl. oben.) Moldovän: A magyarorszäVi romänok 
<Die Rumänen in Ungarn.) 1913. 149. .Unter einem Jahre dKdÄ 
nichts abschneiden z. B. auch keinen Heftel vom Kleide, sonst schneidet man Him 
von semem Glucke e twas ab« Ebendort Nagel und Stehlenlernen. J A. E. 
Kohl er: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen etc. im Voigtlande. 1867. 424 
D a! Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens. 1913 58 
L Anr « : Braunschweiger Volkskunde. 1901. 292. Nagy: Bacsmegyei babonak. 
Aberglauben aus dem Komitat Bäcs.) Ethn. 1896. 97 Zu den Spieseitabus 
<oben) vgl. noch: »Der Spiegel muß verhängt werden, denn er bebt vor" seinem . 

Spiegelurangutang <SchneiderK Rank: Doppelgänger. Image. 1914 107 »Sieht 
ein kleines Kind vie in den Spiegel, so wird's ein Affe.« R. Andree- Braun« 
Schweiger Volkskunde. 1901. 293. ' Draun 

! 9~ R , a j nk \ ^Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 445 

* Nanihch: 1. Wunsch, 2. Verdrängung, 3. Rückkehr des Verdrängten 

* Sully: Studies of Childhood. 1912. 112, vgl. S. 309 Vd lekels- 
Narzissismus bei einem kleinen Kinde. Int. Zt. f. ärztl. Psychoanalyse! 1913! 
3/5, 376. Vgl. noch die Experimente mit Affen vor dem Spiegel. Ch. Darwin' 
The Descent of Man. 1898. 11.443. Hachet= Soup let: Untersuchungen über 
die Psychologie der Tiere. 1909. 106. «i»u«wigen uDer 

Imago V/2 



82 



Dr. Gezä Rdheim 



Sullys: Das Kind, das sein Ebenbild im Spiegel anlächelt und küßt, 
es überdies noch beschenkt und die Geschenke im Namen des 
Ebenbildes auch annimmt *, erkenne nicht seine eigene Identität mit 
dem Bild im Spiegel, läßt sich also kaum annehmen. Wir möchten 
im Gegenteil sagen, das Kind handle deshalb so, weil es sich er- 
kennt. Eben darin sehe ich das Übergewicht der auf die Psycho- 
analyse gestützten Erklärungen gegenüber dem bisher gebräuchlichen 
'Verfahren, daß sie auch die geringen Einzelheiten als verstand- 
liehe, den gesamten Zusammenhang aber als einen determinierten, 
notwendigen erscheinen läßt. 

II. Der Spiegel des Sehers. 
Das infantile in T n J en j et2t folgenden positiven Riten sind die Seher Er- 

EinstenunsTdes" wachsene, die der Beihilfe von Kindern nicht mehr bedürfen. Wir 
Sehers. können gleich hinzufügen, sie bedürfen ihrer deshalb nicht, weil sie 
selbst in ihrem Innern genügend von dem infantilen Narzissismus 
und der Schaulust bewahrt haben. Sie haben sich dieses Stadium 
entweder so bewahrt, daß sie die Verdrängung dieser Wünsche 
überhaupt niemals vollzogen haben, oder, aber deshalb, weil ihre 
ursprüngliche psychische Einstellung die Hemmungen durchbrechend 
aus der Verdrängung zurückkehrt. Vom Standpunkte des erwach- 
senen Sehers ausgehend, läßt sich auch unschwer eine neue psycho- 
logische Erklärung der bei der Spiegelschau beteiligten Kinder 
gewinnen, wenn wir sie nämlich autosymbolisch als Objektivationen 
des Infantilen im Seelenleben der Erwachsenen betrachten. Bei den 
Die Seher der verschiedenen Abarten der Schamanen, Zauberer und Priester ist 
das Spiegel- und Kristallschauen so sehr verbreitet 2 , daß wir mit 
dessen Hilfe geradezu den psychischen Sondertypus des Sehers 



1 Wir finden eine primitive narzissistische Wurzel des Opfers in dieser 
Form, die dem eigenen Selbste opfernd die Freude des Empfangens mit dem 
Stolz des Gebens vereint und mit dem Schmelz der Entsagung überzieht. In Rom 
ist der Geburtstag das Fest des Genius', der verbrauchte Weihrauch und Kuchen 
das dem Genius dargebrachte Opfer. H. Usener: Götternamen. 1896. 297. 
Wissowa: Religion und Kultus der Römer. 1902. 155. Schmidt: Geburtstag 
im Altertum 1908. 9. 23. Die Batak opfern Geschmeide, Kleider, Speisen, lebende 
Tiere usw., dem eigenen >tondi«. J. Warneck: Die Religion der Batak. 1905. 
55—60. Die Tshi bringen am Geburtstage der eigenen Seele Opfer dar. A. B. 
Ellis: The Tshi Speaking People. 1887. 15. 149. 153-157, zitiert bei Crawley: 
The Idea of the Soul. 1909. 175. Die Asaba opfern »ihrem Glüdc«. I, Parkinson: 
On the Asaba People of the Niger. Journ. Antrop. Inst. XXXVI. 312—314. 
Vergleiche die Opfer der Tshi und Ewe an das eigene »Aklama« (Seele, Glück, 
Schutzgeist). Westermann: Die Begriffe Seele, Geist und Schicksal bei dem Ewe 
und Tshivolk. A. R. W. VIII. 105. 106. Hinsichtlich des dem persönlichen Schutz* 
geist dargebrachten Opfers vergleiche Waitz: Anthropologie der Naturvölker. 
1859. II. 182. I. L. Wilson: Western Africa. 1856. 387. F. Boas: The Eskimo 
of Baffin Land and Hudson Bay. Am. Mus. Nat. Hist. 1901. XV. 156. 511. 
W. Bogoras: The Chukchee. <Jesup Nort-Pac. Exp. Vol. VII.) II. Religion. 
1907. 422. 

s Leider war mir N. W. Thomas: Crystal-Gazing 1909 zurzeit nicht 
zugänglich. 



Spiegelzauber 83 






abgrenzen können. Bei den Euahlayi in Australien gebraucht der Australien und 

Schamane zum Kristallschauen den größten und wertvollsten der zem e "' 

Zaubersteine, aus dem der »yowee« <Seele> aufsteigt, um den 

Menschen, von dem wir etwas zu wissen wünschen, aufzusuchen 

und uns sein Bild im Kristall zu zeigen 1 . Diese »gubberah« sind 

geschliffene, halb durchsichtige Kristalle, in denen die wi=wirreenun, 

die Weisesten der Seher, Vergangenheit und Zukunft und die 

Bilder der verborgenen Dinge sehen 2 . Murri^kangaroe erzählt die 

Geschichte seiner Weihe, bei der sein Vater die Quarzkristalle, die 

er ihm später in Wasser trinken ließ, in den Körper zauberte. 

»After that I used to see things that my mother could not see« 3 . 

In West Maitland <Westaustralien> kriecht der Seher in die ge* 

schliffene Steinkugel, um den zu erwartenden Ausgang des Unter* 

nehmens zu sehen 4 . Die Fijier kennen ein Kristall, woraus das Heilmittel 

jeder Krankheit ersichtlich ist 5 . In Tahiti gräbt der Priester ein Loch in 

den Boden des Zimmers und gießt Wasser hinein. Dann bringt ihm die 

Gottheit die Seele des Diebes und läßt sie sich im Wasser spiegeln 8 . 

In Samoa fängt Sinasengi die Schatten der Ereignisse in ihrem 

Zaubertümpel und fixiert sie an der Wasserfläche. Wer den Stein, 

der den Tümpel bedeckt, entfernt, sieht Tänze, Wettspiele, Kämpfe 

und Versammlungen im Wasserspiegel 7 . Die Medizinmänner in 

Nias benützen silberne Spiegel 8 . Der Schamane in Borneo 

trägt den magischen Stein, der ihm die Ursachen der Krankheiten 

anzeigt, im Zaubersärhchen 9 . Er schaut in den »bata ilau« <Stein 

des Lichtes) und erblicht dort, wo sich die Seele des Kranken be« 

findet und welche Riten seine Gesundheit wieder herstellen könnten 10 . 

Die übernatürliche Macht des Kristalles zeigt das Wesen der Krank* 

1 K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 36. 

' K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 26. 

3 A. W. Howitt: The Native Tribes of South East Australia. 1904. 
406. Wiradyuri. In den Weihen scheint eine Übertragung auf den Vater stattzu* 
finden, wobei der Jüngling übergangsweise in eine passive, weibliche Rolle ge= 
drängt wird. »He placed two large quartz crystals against my breast and they 
vanished into me. I do not know how they went, but I feit them going 
through me like warmth.« Von nun ab sieht er die Geister der Toten und 
erbt auch den individuellen Totem seines Vaters. Ebenda. 

. „.„* A -, La S| : The Makin S °f Religion. 1909. 83. Vgl. dazu über den Stein 
im Körper des Schamanen. Roheim: A varäzserö fogalmänak eredete (Ursprung 
des Manabegriffes.) 1914. 57-60. In diesem Falle findet eine Umkehrung des 
ursprünglichen Motives statt <Vgl, Freud: Traumdeutung. 1911. 257 und L 
Frobenius: Die Weltanschauung der Naturvölker. 1896. 396>, der Zauberer 
verschwindet im Zauberstein. 

5 D. Jenness: The Magic Mirror: a Fijian Fofk Tale. Folk-Lore. 1913 233 

c Ellis: Polynesian Researches. 1830. II. 240. 

7 G. Turner: Samoa. 1884. 101, 102. 

8 Folk-Lore. 1910. 2. 

«„n* t 9 H. L ing«.Roth: The Natives of Sarawak and British North Borneo. 
1896. I. 269. 

',«,< ?*?'J£. Gomes: Seventeen Vears among the Sea Dayaks of Borneo. 
1911. 165, 166. 



84 



Dr. Geza Röheim 



heit und ermöglicht das Zurückholen der fliehenden Seele 1 , Bei den 
Amerika. L en g uas in Südamerika verlangen die Träumer oft die Hilfe des 
Zauberers, besonders wenn ihre Seele auf der Wanderschaft von 
bösen Geistern belästigt wurde. Sie glauben nämlich, daß dieser in 
der spiegelnden Fläche seiner glänzenden Metallohrringe die Schatten 
der vorbeiziehenden Geister sehe 2 . Bei den Huille=che in Südamerika, 
ebenso wie im europäischen Volksglauben sind es die Schatzgräber, 
die einen glatten schwarzen Stein anstarren 3 . Der Iossakeed der 
Apachen hat keine Theorie für die Operationsweise des Kristalles 
und sagt nur soviel, daß er darin alles sehe, was er wolle 4 . In 
Vucatan heißt der Wahrsager h'men <aus dem Zeitworte men = 
wissen). Er ist >der Wissende«, der sein Wissen auch in Taten 
umsetzt. Seine wichtigste Handhabe ist der Zaztun <zaz = hell, 
durchsichtig, tun = Stein). Unter Hersagen im altertümlichen Dialekte 
gehaltener Zaubersprüche und Verbrennen von Copal wird der 
Ojciarzkristall oder ein anderer durchsichtiger Stein geweiht, und 
auf diese Weise Vergangenheit und Zukunft widergespiegelt, der 
Seher aber, der seinen Blick in die durchsichtigen Tiefen des Steines 
dringen läßt, sieht dort die verlorenen Gegenstände, erfährt das 
Schicksal der Abwesenden und erblickt den dem Fragenden feindlich 
gesinnten Zauberer 5 . Der heilige Obsidian der Cakquichel, ihr 
Stammesorakel, steht nach ihren Sagen in mystischem Zusammen^ 
hang mit dem Ursprung des Menschengeschlechtes . Die Cherokee 
finden den Ulüiisu'ti (durchsichtig), d. h, den Kristall im Kopfe der 
Uktena »der scharf blichenden« Schlange. Im Besitze eines solchen 
Kristalles kann man die »little people« <Zwerggeister) zitieren. Der 
Kristall bringt Glück in der Liebe, bei der Jagd, beim Regenmachen 
und allen anderen Unternehmungen, sein Hauptzwedc aber ist, den 
Blick in die Zukunft zu gewähren, denn die Zukunft spiegelt sich 
im durchsichtigen Kristalle wie der Baum im glatten Spiegel des 
vorbeifließenden Baches. Der Zauberer erblickt im Kristalle die ge- 
suchte Person oder Ereignis und je nach der Entfernung des Bildes 
von der Oberfläche stellt er die räumliche oder zeitliche Entfernung fest 7 . 

1 Ling^Roth: Natives of Sarawak. 1896. I. 273. 

2 W. Barbrooke = Grubb: An Unknown People in an Unknown Land, 
1911. 149. 

" Fitzroy: Adventure. II. 389 ex Lang: The Making of Religion. 1909. 84. 

* Bourke: The Medicine Men of the Apache. Rep. Ethn. Bureau. 1887/88. 
IX. 461. 

5 D. G. Brinton: Essays of an Americanist. 1890. 165. 

• E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. II. 17. 

' Mooney: Myths of the Cherokee. XIX. th. Report. Bureau of Ethn. 1900. 
289, 460, 461. Das Räumliche wird also ins Zeitliche projiziert, beziehungsweise das 
Zeitliche wird vom Unbewußten auch räumlich apperzipiert. Die schlafende Schlange 
zu erblidcen bedeutet den Tod, aber nicht dem Zauberer, der den Schlangenstein 
(Ulünsu'ti) sucht, sondern seiner Familie. Ebenda. 298. Das schlafende Wundertier 
ist wohl das Verdrängte, Schlummernde im Zauberer, denn wenn er dieses erblickt, 
d. h. die endopsychische Zensur durchbricht, werden die Todeswünsche frei, und seiner 
Wünsche Gewalt bringt seiner Familie den Tod. Zu den Schlangen, deren Anblick tot" 
bringend ist, vgl. Dorsey: A Study of Siouan Cults. Rep. Ethn. XI. 1894. 393, 441. 



Spiegelzauber 85 



Die Tuscarora legen einen Kristall in Wasser, worauf auf dessen 
Spiegel das Bild des bösen Zauberers erscheint 1 . Die Latoka 
haben durchsichtige Steine, die ihnen den Dieb zeigen 2 . Die Gangas 
in Westafrika zitieren das Bild des Diebes in einem Spiegel, der Afrika 
an dem Bauche des Fetisches angebracht ist 3 . Der Befestigungsort 
des Spiegels weist auf den Bauch als Seelensitz hin, wie dies schon 
Haberland richtig bemerkt hat 4 . Der Manganja^Seher schüttelt den 
mit Kieselsteinen gefüllten Kürbis und schöpft dann seine Antwort 
aus dem im anderen Kürbisse befindlichen Holz=, Bein= und Glas= 
Stückchen 5 . Die Seher der Malimba schauen Zauberer und Ver= 
brecher in einer mit Wasser gefüllten Schüssel 6 . Die Wadschagga 
haben fünf Klassen von Wahrsagern. Die erste ist die der Wasser« 
seher. Der Wasserseher schöpft Wasser mit einem großen Schöpf» 
löffel, und schlägt dieses Wasser dann mit einem Drazänenblatt, 
wobei er unverwandt in das bewegte Wasser schaut, bis ihm darin 
der Geist erscheint, dem das erlösende Opfer zu bringen ist 7 . 
Die Boloki gießen Wasser in die Zauberschüssel und nach= 
dem sie den Seelen und Geistern ein Palmweinopfer bringen, 
erscheinen diese in der Schüssel, welche aber nur vom Schamanen 
betrachtet werden darf 8 . Lobengula, der Matabelehäuptling pflegte 
in einen tiefen Teich zu schauen, um den Ausgang der Schlacht 
zu erkunden 9 . Die Kagoropriester gießen Mehl in ein mit Wasser 
gefülltes Gefäß und wahrsagen daraus 10 . Bei den Zulus schaut der 
Häuptling in einem Becken die Zukunft 11 und in Madagaskar findet 
sich das Wahrsagen aus Kristall 12 . In China steigt die Gottheit in Asien. 
das mit reinem Wasser gefüllte Gefäß, in ihrem Namen beantwortet 

1 E. A. Smith: Myths of the Iroquois. II. Rep. Bureau of Ethn. 1883. 
68, 69. 

2 J. O. Dorsey: A Study of Siouan Cufts. XL Report. 1894. 447. 

3 A. Bastian: Der Papua. 1885. 69. PechueULoesche: Die Loango» 
Expedition. 1907. II. 365, 366. R. H. Nassau: Fetichism in West=Africa. 
1904. 134. 

* K. Haberland: Der Spiegel. Zt f. Vps. XIII. 1882. 330. In Guiana 
legt man dem Toten einen Spiegel aufs Herz. R. Schomburgk: Journal of the 
Ethnological Society. 1848. I. 275. Der chinesische Kriegsgott Quanti hat ein 
Glasstück am Bauch. Smith: Basler Missionsmagazin. 1848, 125. Beide ex Haber« 
land/ loc. cit. 

5 H. W. Garbutt: Native Witdicraft and Superstition in South Africa. 
Journ. Anthr. Inst. 1909. 558. 

6 Schneider: Die Religion der afrikanischen Naturvölker. 1891. 244. Das 
Ausland. 1888 145. " 

7 Gut mann: Wahrsagen und Traumdeuten bei den Wadschaeea Globus. 
XCII 1907. 166. 

8 J. H. Weeks: Among Congo Cannibals. 1913. 286. 

5 - M. R. Cox: An Introduction to Folk=Lore. 1897. 25. 

10 A. I. N. Tremearne: Notes on Some Nigerian Head Hunters. Journ. 
Anthr. Inst. 1912. 160. 

11 Callaway: The Religious System of the Amazulu. 1870. 341. 

12 Lang: Making of Religion. 1909. 84, 85 nach Flacourt: L'Histoire 
de la Grand Ile Madagascar. 1661. 76. 



86 



Dr. Geza Roheim 



das Medium die gestellten Fragen \ und taoistische Zauberer trugen 
Spiegel am Rüden 2 . In Hinterindien hat man im Inventar eines 
Kabuizauberers einen Spiegel gefunden, der wahrscheinlich dazu 
diente, die Seele des zum Opfer bestimmten Menschen aufzufangen 3 . 
Ein wesentlicher Bestandteil des Schamanenkleides bei den Golden 
und auch bei den Karagassen Südsibiriens ist der runde ßronze- 
spiegel 4 . Der Zauberer der Tschuwaschen erblickt die Ursache der 
Krankheit aus einem Glas Wasser 5 , und dasselbe Verfahren findet 
sich auch bei den Tscheremissen 6 . Die Syrjänen entdecken den Dieb 
oder verborgene Schätze durch Wasserschau 7 . Bei den Tataren in 
Kazan sieht der Zauberer aus dem Spiegel, wo das Gestohlene sich 
befindet und wer den Kranken verhext hat 8 . Kalikuter Magier zeigten 
dem Volke in einem mit Wasser gefüllten Gefäße Vasco de Gamas 
ankommende Schiffe". Die Geisterbeschwörer in Tibet schauen die 
Ankunft Gottes aus ihren Spiegeln 10 . Laut Angabe Ibn Khaldouns 
bedarf der wahrhaftige Seher keiner äußeren Hilfe, um den über 
unsere sinnlichen Wahrnehmungen gelegten Schleier zu durchdringen, 
während die übrigen, weniger vollkommenen <Seher> alle ihre Per= 
zeptionen in einen einzigen Sinn, in das Gesicht verdichtend, ihr Ziel 
zu erreichen trachten. In dem Nebelschleier, der sich zwischen dem 
Seher und den Spiegel herabläßt, sehen sie dann mit ihren geistigen 
Augen das Gewollte 11 . Auch die Malaien kennen die Hydromantie, 
doch wie es scheint, durch arabische Vermittlung. Die Beschreibung 
Swettenhams zumindest spricht von einem Araber, der es unter- 
nimmt, nach dreitägiger Einsamkeit, Fasten und Gebet den Ort 
anzugeben, wo sich das gestohlene Gut befindet. Er nimmt in die 
Hand ein beschriebenes Papierblatt, auf das er Wasser gießt, in 

^, 1 _Go\tz; Zauberei und Hexenkünste, Spiritismus und Chamanismus in 
China. Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Natur und Völkerkunde Ost- 
asiens. VI. 28 ex Zachariae: Witwenverbrennung. Zt. d. V. f. Vk. 1905. 84 
■ h l M, de Groot: The Religious System of China. Vol. VI. Book. II. 

3 T. C. Hodson: The Naga Tribes of Manipur. 1911. 142. 
,* Meszaros: A magyar kerek tükör. <Der ungarische Rundspiegel.) Nep= 
rajzi Ertesito. 1914. 13 nach V. K. Vasiliev: Kratkii oöerk karagasov. 1910. 29. 

* M eszäros: ^ csuvas ösvalläs emiekei. <Urreligion der Tschuwaschen.) 
1909. 269. 

6 Mikhailowski: Shamanism in Siberia and European Russia. Journ. 
Anthr. Inst. 1894. XXIV. 155. Nach Rychkov: Zhurnal ili dnyevnyya zapiski. 86. 

7 D. R. Fuchs: Eine Studienreise zu den Syrjänen. Keleti Szemte. XVI. 98. 

8 Meszaros: A magyar kerek tükör. (Der ungarische Rundspiegel.) Nepr- 
Ert. 1915. 40. Nach eigenen Sammlungen. Diese Parallelen sind allerdings nicht 
»asiatisch« im geographischen Sinne, aher doch wohl im kulturhistorisdWthno* 
graphischen. 

9 E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. II, 16. Avebury: The 
Origin of Civilisation. 1902. 263 nach De Faira: Astleys Collection of 
Voyages. I. 63. 

10 Zachariae: Witwenverbrennung. Z. v. V. f. Vksk. 1905. 84 Zitiert 
nach Waddell; Buddhism of Tibet. 1895. 482. 

•c r, .! 1 . VsI -,^ f,i -, n ^ 9 e /*i* te d es Aberglaubens. 31. A. Lang: The Making 
of Religion. 1909. 340-343 bringt nach Lefebure den ganzen Text. 



welches er hineinstarrt, worauf ihm ein altes Männchen erscheint, 

ein Dschin, der ihm sodann auf der Wasserfläche die ganze Dieb» 

Stahlsszene vorspielt 1 . Laut Pausanias erfuhren die Griechen in des er s Xrf in 

Patrai beim Heiligtum der Demeter das Schicksal des Kranken in ^Pf-^- 

der Weise, daß sie einen Spiegel auf die Oberfläche des Wassers Mittelalter. 

niedergleite'n ließen und je nachdem, wie der Kranke in dem Spiegel 

recht bei Fleische oder aber bleich und schwach erschien, prophezeite 

man ihm Genesung oder Tod. In Kyaneai in Lykien befand sich a 

eine Quelle, wo derjenige, welcher hineinschaute, alles sah, was er 

zu wissen wünschte 3 . Pythagoras (550 ante Chr.) soll um Voll= 

mond aus einem blank polierten Spiegel die Katoptromantie be= 

trieben haben 3 . In Rom nannte man diese Weissager »specularii« 4 , 

und deren Existenz ist noch um das Jahr 450 <post Christum) in 

Irland bezeugt 5 . Die um 1270 entstandene »Summa de officio in- 

quisitionis« erwähnt die mit Spiegeln, Schwertern, Fingernägeln, 

Elfenbeinkugeln, Wasser, Ringen usw. betriebene Zauberei 6 . Im 

Jahre 1326 erläßt Papst Johann die »Super illius specula«, in der 

er die Menschen tadelt, die den Dämonen opfern, in Ringe, 

in Spiegel und Fläschchen, Dämonen einschließen und von 

diesen Antwort auf ihre Fragen, Hilfe in ihrer Not erwarten 7 . 

In 1398 werden diese Praktiken von der theologischen Fakultät in 

Paris als Götzendienst verurteilt 8 . Im Jahre 1411 schreibt Vintler 

in den »Pluemen der Tugent« »und will die sehen in die Spiegel, 

Manigen wunderlichen triegel« 9 , in 1471 wird in Frankfurt eine 

Frau der Zauberei geziehen, die angeblich aus dem Spiegel die 

gestohlenen Gegenstände erkennt 10 . Thomas von Haselbach erwähnt 

gleichfalls den Zauberspiegel, der den Dieb anzeigt: »Item omnino 

reprobantur benedictiones speculorum ad inueniendum furtum« 11 . 

Ebenso berichtet Gervasius von Tilbury in den Otia imperialia 

über Spiegel und Schwertklingen beim Wahrsagen 12 . Auch der 

i W. Skeat: Malay Magic. 1900. 38. 539. 

s Pausanias: VII. 21. 12. 13. Erwähnt bei W. E. Hazlitt: Brands 
Populär Antiquities of Great Britain. 1905. I. 274,^ der nadi Pott er: Greek 
Antiquitates. I. 315 zitiert. 

3 M. R. Cox: An Introduction to Folk-Lore. 1897. 26. 

* Ducange: Glossarium mediae et infimae latinitatis. VII. 1886. 549. 

5 A. Maury: La Magie et V Astrologie dans l'Antiquite et au Moyen 

Age. 1864. 438. . „,-.„,, 

6 J. Hansen: Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter. 

1900. 242. e ■ 

1 Hansen: Ebenda. 255. »cum morte foedus ineunt et pacium faciunt 

cum inferno.« 

6 Maury: La magie. 1864. 440. 

3 Zingerle: Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 1857. 196, 
197. Zeile 314, 315 in Zingerles Ausgabe. 

10 Soldan^Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 1911. I. 231. Hansen: 
Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns im Mittelalter. 1901. 579. 
Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde von Frankfurt. VI . 188 1 . 72. 

11 A. Franz: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter. 1909. I. 469. 

12 Maury: 1. c. 440. 



Primitive Steinspiegel taucht neuerdings auf in der Wahrsag* aus 
dem glanzenden Stuck Kohle oder Stein. Einen solchen gesSenen 
tlu^T^t den , S P ie ^ des Teufels». In Bayern verbietet 
.m Jahre 16 1 Maximilian solche Praktiken, wie das »wahrsagen 
durch spiegel oder glass oder durch christall oder parilW Be- 
sonders die »fahrenden Schüler« betrieben solches < Anno 1564 
bekennt ein altes Weib in Görlitz, daß sie einen Eaubersp egel 
* besäße mit dessen Hilfe sie verlorene Sachen wieder verschaffen 
konntet In Mecklenburg legt Kroger am 13. Oktober 1570 in 
SSSÜt Kf %? ZeSse das Geständnis ab, wie er die Kristallschau 
gelernt hat Wenn er den Namen des Verdächtigten weiß, nimmt 
er den Kristall und beschwört ihn. »Der hillige licham, dat hZe 
testament, dat sacrament und der leve vader im hemmel, do dkk 
up, im namen dess vaderss, des sohns und des hilligen feistes « 
Dann .erscheint im Kristall ein weißer Engel, sowie das S des 
Schulden und der Engel zeigt auf den Menschen*. Bei Gertrud 
Schwarth <23. Dezember 1587) hat man Haselruten und Kristall 
gefunden, diesen hat sie beim Besuch von Kranken entnommen 

A tf /fX de ein t e gI ? dMe oder unglückliche sein wS?' 
Chettle <1592> erwähnt gfeichfalls den magischen Kristall und nach 
Akten aus der Zeit der Königin Elisabeth von England erschein? 

GM TP.ßTT" ™ KristaI1 mdzdgt, wo sich das verborgine 
Geld befindet«. Laut Pico di Mirandola kann man aus einem 
astrolog 1S chen Spiegel die Zukunft ersehen. Potet und Caghöstro 

s pi e g eiu„ d K?f e " Sldl - *%**&>. dieses Mittels der Prophezeiung^ n 

s t'Ury die ^ u %'n Ostpreußen, in Friesland, in Schlesien zeigt der 

" g Ä s Magier dem Fragenden im Zauberspiegel die gesuchte Hexe, den Dkb 

oder den zukünftigen Gatten«. In Leeminster gab es einen »weißen 

dtT3 te V er in den Kn ' StaI1 < Ber y H > sAaute und ^«us auf 
%Stt A T 8m antworte c , te9 - Aubrey beschreibt einen solchen 
»Beritt«, der sich ,m Besitze Sir Edward Harleys befand. In dem 

in der \£^ ! är^^^ dkpam ^ ^ l Ä Ki <— ««= Paust 
«t Ver.% E Vo'ik 1 S fc n i9lf U i3j berg,auI>enliste in VifltIers PIuemen der Tugent. Zt. 

I w I5 ünnau: Schlesische Sagen. 1913. III. 258 

' Bartsch* pÄ "' I ^ är * en I und GeSräuAe aus Mecklenburg. 1880. II. 8. 
eher auf die $£* täSS "* ^ ^ *** TeÄ Mt S '' A der Nef ~ 
XXVIL 436 F ' B ' aCk: Scottish Charms and Amuiets. Proceed. Soc. Ant. Scot. 

logie 1864 Ub 44T Ä ^Aberglaubens 31/ Maury: La magie et l'Astro- 
P O SnL;; tut • - Gr , lmolre ou Ia Magie Naturelle. A. La Haye 309 
P. G. Schott: Mag Ia universalis naturae et artis. 1677. IV. 553 M Dd'riu, 

vTTTo TT" 8 ? mi Tom« Secundu.. Lib. IV C I Q." 
XXV Cao 188 N p, !■■ Pra etonus: Der abenteuerliche Glückstopf. 1669. 
?n7Ea^n„S„.l693 e ?L S 3l|. : Daem ° n0,atria '^Beschreibung von Zauberern 
2 Wuttker Volksaberglaube. 245. 246 
Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 66. 



Spiegelzauber 



Kristall erblickte man das Heilmittel oder die Beschreibung des zu 
beobachtenden Verfahrens. Engel meldeten dem Besitzer seine 
Todesstunde. Der Berill ist eine vollständige Sphäre. An den vier 
Ecken sind die Namen Gabriel, Raphael, Uriel und Michael ange- 
bracht 1 . In den Ardennen geht der Mensch, der behext worden ist, 
zum »marechal de Verlee«, der ihm in einem Spiegel das Bild des» 
jenigen zeigt, welcher ihm den bösen Zauber zugefügt hat 2 . In 
Böhmen zeigt ein in den »Erzspiegel« <Hexenspiegel — nekroman- 
tischer Spiegel), der Wunderdoktoren oder »weiser Männer« ge= 
worfener Blick den Dieb (Schönwerth, Egerland) 3 . Der weise Mann 
oder die kluge Frau schaut in den Stein, in den Kristall oder in 
den Spiegel, murmelt seine Beschwörungen und sieht die Gesichte 4 . 
In Schleswig-Holstein stellt der Hexenmeister ein Sieb über 
das Wasser und erkennt den Dieb darin 5 . Aus Deslawen gehen 
manche nach Saaz, ja sogar nach Wien zu einem ehemaligen 
Scharfrichter, denn dieser besitzt einen solchen Zauberspiegel 6 . Der 
Darmstädter Scharfrichter sieht die verirrte Frau in einem Eimer 
Wasser 7 . Im Tal von Harmersbach sieht der »Hetlischsbur« in dem 
aus reinem Bergkristall angefertigten »Bergspiegel« jede Krankheit 
und deren Heilmittel. Noch berühmter ist der »Schwabendoktor« 
in Kinzigthal und in der Murgegend, der gleichfalls mit dem Berg= 
Spiegel arbeitet. Der Schmied von Waldulm hat von ihm nur einen 
fehlerhaften »Bergspiegel« bekommen, deshalb ist sein Ruhm auch 
minder groß. Auch das Elzthal hat seinen »Weltspiegel«=Inhaber. 
Andere ließen den Fragesteller in Glas schauen. Nach Meyer zeigten 
solche Spiegel ursprünglich die in der Tiefe der Berge verborgenen 
Schätze und erst später auch die Diebe, die Hexen und die bösen 
Zauberer 8 . Diese Annahme ist jedenfalls irrig, denn ein Vergleich 
mit den primitiven Völkern beweist den entgegengesetzten Gang 
der Entwicklung. Bemerkenswert ist auch die Rolle des Schmiedes 
als Seher 9 . Im Jahre 1629 geriet in Calbach ein »krystallseher und 
zauberer« namens Breull in Untersuchungshaft, weil er mehrere 

1 Aubrey: Miscellanies. 1696. 129—131. Die Angabe aus 1645, zitiert 
Hazlitt: i. c. I. 275 und Leather: 1. c. 66. 

3 A. Harou: Traditionnisme de la Beigique. La Tradition. 1903. 129. 

3 A. John: Sitte, Brauch und Volksglauben im deutschen Westböhmen. 
1905. 276. 

* John: Ebenda. D. s.: Volksglauben im Egerlande. Zeitschr. f. österr. 
Volksk. VI. 118. 

5 Müllenhoff: Sagen, Märchen etc. von Sdileswig=HoIstein. 1845. 200. 
Bertsch: Weltanschauung, Volkssage und Volksbraudi 1910. 137. 

6 John: Sitte, Brauch etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 277. 

' J. W. Wolf: Hessische. Sagen. 1853. 63 ex Bertsch: 1. c. 137. 

8 E. H. Meyer: Badisches Volksleben im neunzehnten Jahrhundert. 1900. 
563. 564. 

9 Vgl R. Andree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 1878.153—159. 
O. Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte. 1906. II. 13^-28. A. P. Zvon- 
kov: Oeerk vjerovanij krestyän Jelatomskavo ujezda Etn. Obozr, 1889. II. 71. 
B. Gutmann: Der Sdimied und seine Kunst im animistisdien Denken. Zeitschrift für 
Ethnologie. 1912. 81-93. A. E- Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 111, 116. 



90 



Dr. Geza Roheim 



Frauen der Hexerei beschuldigte 1 . Er bekennt, den Kristall von 
einem Schmied in Altengronau, den man auch »der weise Mann« 
zu nennen pflegte, bekommen zu haben. In dem Kristall ist ein 
kleines, schwarzes »Dingelchen«, wenn das zittert, kann man aus 
ihm erfahren, was dem Vieh fehlt. Die Spiegelschau kann nicht nur, 
schoß te Erde wie bei den Schatzsuchern, nach dem Schoß der Erde, sondern in 
Mutterschoß, den Mutterschoß gerichtet sein, und es ist wohl kaum zu bezweifeln, 
daß wir darin die Urform des Brauches gefunden haben, aus 
welchem das Schauen in den Schoß der Mutter Erde erst durch 
Übertragung entstanden sein kann. Die Zigeuner erkennen das 
Geschlecht des zu gebärenden Kindes, indem sie durch einen Trichter 
auf eine polierte Bleiplatte schauen, zuweilen sehen sie auf dieser 
auch das Gesicht des Dämons, der die von den Wehen ergriffene 
Frau quält 2 . Bei den Ga schaut der Wongtschä in einem Topfe 
mit Wasser die Ahnenseele, welche in einem Neugeborenen wieder 
zur Welt gekommen ist 3 . In Westafrika geht eine Eingeborne, die 
im Geheimen das Weib eines Europäers geworden war, zum 
Seher. Dieser sagt ihr aus dem Zauberspiegel, sie werde von einem 
Weißen geliebt, und er sehe in ihrem Schoß zwei Kinder 4 . 
Der »Bergspiegel« zeigt die Lage des Schatzes im Schoß der Erde 
an und schützt vor den schatzhütenden Geistern, sowie vor dem 
bösen Blick der Hexen 5 , Nach dem ungarischen Volksglauben sieht 
derjenige, der am Gründonnerstag von der Frühe bis zum Abend 
mit einem Spiegel in der Hand auf einem Grabe sitzt, eine kleine 
Flamme in dem Spiegel, zum Zeichen, daß er noch im selben Jahre 
einen Schatz finden wird 6 . Gleichfalls nach dem ungarischen Volks- 
glauben besitzen die Hexen einen solchen Spiegel, durch den hin- 
durch sie jeden in der Erde befindlichen Schatz sehen 7 . Zu Pfingsten 
kauft man vor Sonnenaufgang ohne zu handeln einen Spiegel und 
schreibt darauf die Worte — oh + Holon + Taller -f Ihatal + Thaler 
+ Theja + ganelei 8 . Der Spiegel ist zwar im allgemeinen das 
Attribut der »Hexenriecher«, der Seher, da aber die verschiedenen 
Typen der Priester und Zauberer ineinanderfließen, kann der 
Spiegel auch den Zwecken der Hexe dienstbar sein. In Nieder- 
österreich weiß der Volksglaube von neun »Walpurgisnächten«,- so 
bezeichnet man nämlich die der Walpurgisnacht vorausgehenden neun 

1 W. Crecelius: Frau Holda und der Venusberg. Zeitschrift für deutsche 
Mythologie und Sittenkunde. I. 1853. 272. 

2 Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1893. 94. 
xt , , S , Y" Schneider: Die Religion der afrikanischen Naturvölker. 1891. 259. 
Nach H. Bonner: Im Lande des Fetisch. 1890. 146, 219, 221, 224. 

4 R. H. Nassau: Fetichism in West-Africa. 1904. 134. 

5 G. Graber: Sagen aus Kärnten. 1914. 221. 

, „' A ' Hermann: Der volkstümliche Kalenderglaube in Ungarn. Zeitschrift 
des Vereins für Volkskunde. 1894. 393. 394. 

7 Ipolyi: Magyar Mythologia. <Ungarische Mythologie.) 1854. 442 

8 J. Wieder: Kincsäso babonäk es räolvasäsok. (Aberglauben und Zauber- 
formeln beim Schatzgraben.) Ethn. 1890. I. 248. Vgl. noch über Schatzspiegel im 
vorigen Kapitel. S. 70, 72, 74, 75. 



Spiegelzauber 



91 



Nächte 1 . Während dieser Zeit wird die heilige Walpurga durch die Geister 
verfolgt. In Mank hat einmal ein Mann eine weiße Frau gesehen, 
mit feurigen Schuhen, langem wallendem Haar, auf dem Haupt eine 
goldene Krone, die von einer auf weißem Pferde reitenden Gestalt 
verfolgt wurde, und die Verfolgte hielt in den Händen einen Spiegel 
und ein Spindel, diese war die heilige Walpurga. Während dieser 
neun Tage können die Hexen von der Heiligen verschiedene Dinge 
erbitten, namentlich Walpurgis-Spiegel, »Fäden, -Kräuter und »Blumen. 
Die Walpurgis»Spiegel sind kleine dreieckige Spiegel aus denen sich 
jedes erfolgende Ereignis im vorhinein ersehen läßt. St. Walpurga 
trägt außer dem Spiegel auch eine Spindel mit sehr feinen Fäden. 
Ein solcher Faden vermag den Menschen aus der Gefahr zu er- 
retten. Die Kräuter werden öfters mit Sand auf eine Pflugschar 
gelegt und über Feuer gestellt. Sobald das Gemenge anfängt übel 
zu riechen, so muß derjenige erscheinen, an den man denkt. Die 
Blumen erhöhen die Schönheit der Mädchen, der Faden dient zum 
Wahrsagen in Liebesangelegenheiten 2 . Obschon das differenzierende Die Verdrän- 
Moment in der psychischen Einstellung des Zauberers im Vorherrschen EU seher!' m 
der Befriedigungsform 3 zu suchen ist, im Gegensatz zu den neurotischen 
Hemmungen der Tabu, so behält das Gesetz der Ambivalenz doch 
ihre Gültigkeit und die negativen Tendenzen lassen ihre Spuren im 
Ritus zurück. In Neuenburg zeigt der »Erdspiegel« den Teufel, 
doch vorher müssen zwei Tiere hineinschauen, die der gräßliche 
Anblick sofort tötet*. Laut Albertus Magnus muß in jeden Zauber» 
spiegel zuerst ein Hund oder eine Katze hineinschauen, damit dem» 
jenigen, der zuerst hineinschaut, kein Unglück treffe 5 . In einer aus 
dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts stammenden deutschen 
Handschrift finden wir denn auch die Anleitung, daß der Mensch, 

1 Vergleiche hinsichtlich der entsprechenden ,neunrägigen Winterperiode. 
Roheim: A luczaszek. <Der Hexenstuhl.) Neprajzi Ertesitö. 1916. »Am 1. Mai 
oder neun Tage vorher und neun Tage nachher, ebenso am Luzetage kommen die 
Hexen und wollen sich etwas borgen, was beim Vieh gebraucht wird, damit sie 
einem etwas antun können, da darf man ihnen nichts borgen, vor allem kein 
Feuer, kein Salz. (Vgl. Jones: Die Bedeutung des Salzes. Imago. I. 361. Das 
Feuer natürlich im selben Sinne zu deuten)«. W. v. Schulenburg: Wendisdhe 
Volkssagen und Gebräuche. 1880. 159, 160. Vgl ebenda. 246, 247 über die 
Periode neun Tage vor Weihnachten. In diesen Tagen soll man die verschiedenen 
Liebesorakel unternehmen aber. auch wachen wieder die Hexen <die Vertreterinnen 
der mit negativem Vorzeichen versehenen Mutterimago) ,■ funktionell entsprechen 
sie der Regression, daher ist ihr Auftreten am meisten zu befürchten, zur selben 
Zeit, wo man die Liebesorakel unternimmt, d. h die Libido zum Objekt fort» 
schreiten soll. 

2 Th. Vernaleken: Alpensagen. 1858. 109-112. 

3 Vgl Rank: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 455. 
Anderseits bildet diese vom Durchschnittlichen abweichende Befriedigung die 
Kompensation anderer, gleichfalls außergewöhnlicher Hemmungen. Vgl. A. Hörn» 
effer: Der Priester. 1912. I. 28. 46. Disharmonie. 

VSchönwerth: Aus der Oberpfalz. 1859. III. 41. 

5 K. Haberland: Der Spiegel im Glauben und Brauch des Volkes. Zeit» 
sehr. f. Völkerps. XIII. 339. Nach Albertus Magnus: Ägyptische Geheimnisse 
für Menschen und Vieh. JI. 19. 



92 Dr. Geza Röheim 



bevor er den Zauberspiegel gebraucht, einen Hund oder eine Katze 
volVoS. hineinschauen lassen möge *, Alle diese Gebräuche deuten auf die 
neurotische Verdrängung. Die Berechtigung einer auf die Psycho» 
pathologie gestützten Methode wird durch den Fall der Seherin 
von Dormänd nur bekräftigt. Diese dormänder Seherin vermochte 
jedem über seine Toten Aufklärung zu geben: wo der Tote ruht, 
wo sich seine Seele befindet usw., mit einem Wort, sie bekundet 
sich als richtige Visionärin. Das Totensehen wurde bei ihr durch 
folgendes Trauma wachgerufen. Die Beschreibung sagt: Diese ihre 
»Begabung« zeigte sich schon in ihrem Mädchenalter, sie und ihre 
Mutter kämmten sich eines Morgens,- da sie aber nur einen Spiegel 
hatten, kämmte sich die Mutter vor diesem, die Tochter aber vor 
dem Glasdeckel des Marienbildes. Wie sie sich kämmen, erscheint 
auf der Glasplatte ein Totenkopf, worauf das Mädchen in Ohn» 
macht fiel und erst nach längerer Zeit konnte man sie wieder zum 
Leben bringen. Von diesem Augenblick an sieht sie die Toten. Sie 
sagt dem Erzbischof, daß seine Mutter in der Nähe von Trencsen 
begraben ist und in den Armen ein kleines Kind hält, worauf der 
Erzbischof ihr verbietet, den Leuten Aufklärung über ihre Toten 
zu geben 2 . Wenn wir nun eine einheitliche Erklärung der ganzen 
D KonsHtS!ion e Situati °n versuchen, so kommen als auslösende Momente des Toten- 
des Sehers, sehens eine Regression der Libido, die in der unzweifelhaft 
narzißtisch gefärbten Lage des Kämmens vor dem Spiegel auf- 
tritt 3 und funktionell durch das Erscheinen des Totenkopfes sym= 
bolisiert wird, und die sexuelle Rivalität mit der Mutter in 
Betracht 4 . Unter Berücksichtigung der Rolle, welche die Mutter 

1 C. Bartsch: Zauber und Segen. Zeitschrift für deutsche Mythologie. 
it. Vgl. dasselbe in Ungarn. S. Wieder: Kincsäsö babonäk es räolvasäsok. 
(Aberglauben und Zauberformeln beim Schatzgraben.) Ethn. 1890. I. 248. »V61e= 
genyidezes.« <»Bräutigamzitierung.«> 1910. 39. 

' E. Benkoczy: Egervideki babonäk. (Aberglauben in der Egerer Gegend.) 
Ethn. 1907. 102. Das »Können« (tehetseg = Können, Fähigkeit in der Literatur- 
sprache Talent) der weisen Frau aus Novaj stammt daher, daß sie eines Sonntags 
sich eilends für den Kirchgang vorbereitete. Sie fand in der Schnelligkeit den Spiegel 
nicht und band sich vor dem Glase eines Heiligenbildes das Tuch zurecht. (Nach 
anderen hat sie beim Kämmen in das Glas des Heiligenbildes wie in einen Spiegel 
geschaut.) In dem Heiligenbilde aber sah sie statt des eigenen Gesichts einen Toten* 
köpf und von da an würde sie Totenseherin. (Halottlätö = Totenseherin heißen 
diese Frauen, da ihre Sehergabe sich überwiegenderweise zu den Toten hinwendet ) 
Wenn dies tatsächlich die Gesdnchte der weisen Frau von Novaj wäre, würde 
dies in hohem Maße die Wahrscheinlichkeit der im Text entwickelten Theorien 
bestätigen. Aber der Aufzeichner weiß, daß dies auch die Geschichte der Toten- 
seherin von Dormänd ist und seiner Meinung nach wird sie irrtümlich über die 
von Novaj erzählt. Soviel steht aber fest, daß auch in den Visionen der novajer 
Totenseherin die Mutter Gottes neben dem Toten vorkommt, J. Fekete: Tudos» 
asszonyok. (Weise Frauen.) Ethn. 1910. 291. 

3 Vgl. weiter unten die Liebesorakel. 

' Die Mutter bekommt den Spiegel, die Tochter bloß ein Ersatzobjekt. Die 
Situation entspricht dem Anfangsmotiv des Schneewittchentypus (vgl. O. Rank: 
Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho* 
logische Forschungen. III. 1. 1911. 406), insoferne Mutter und Tochter hier Rivalen 



Spiegelzauber 93 



Gottes in diesen Visionen spielt, können wir dem noch hinzufügen, 
daß hinter der Rivalität mit der Mutter ein Sich-identifi zieren, 
eine positive Libidoströmung der Mutter gegenüber zu vermuten 
wäre, während sich anderseits der Totenkopf als ein aus abge» 
lehnter Liebe entsprungener Todeswunsch darstellt. Ganz klar 
läßt sich aber aus alldem der Kern herausheben,- eine Art experi= 
mentelle Verifizierung des Grundgedankens dieses Kapitels, daß 
nämlich das Differenzierende in der psychischen Konstitu» 
tion des -Sehers im Narzißmus zu suchen ist 1 , Ferner ist es 
auch wahrscheinlich, daß diese Totenseherinnen, deren Schaulust ur= 
sprünglich wohl auf Lebende, in erster Reihe auf die Eltern gerichtet 
war, indem sie nun ihre AfFektivität und Interesse auf die Dahin- 
geschiedenen übertragen, dasselbe auch den Lebenden entziehen 
müssen. So hält z. B. die jaszberenyer Totenseherin die Augen 
stets niedergeschlagen, als ob sie dem Blick Fremder ausweichen 
wollte und pflegt träumerisch vor sich hinzuschauen. Sie sieht seit 
Vollendung des siebenten Lebensjahres Geister und hat sich bereits 
so sehr an sie gewöhnt, daß ihre fortwährende Gegenwart sie nicht 
im geringsten in ihren Verrichtungen stört 2 . Der Narzißmus ist im 
allgemeinen bei den Frauen mehr ausgesprochen und die bisher 
bekannten Totenseher in Ungarn sind alle Frauen 3 . Das Tabu des 
Voghin zeigt den Narzißmus schon im Stadium der Verdrängung, Weiteres zum 
denn wenn das Bild des in Wasser, in Öl, in einem Spiegel oder e drän K e ten VCr 
in zerlassener Butter schauenden Voghin sich ohne Haupt zeigt, Na "> ßmus - 
oder wenn ihm der Kopf schief sitzt, bedeutet dies den nahen Tod 
des Sehers 4 . Ebenso ist dem zukünftigen Zauberer, beziehungsweise 

sind, aber umgekehrt,- denn bei der dormänder Totenseherin ist die bewegende 
Kraft der Handlung der Neid der Tochter, bei Sdineewittchen »die verzweifelte 
Gegenwehr der Mutter« <Rank: Ebenda.). Vgl. Bolte = Polivka: Anmerkungen 
zu den Kinder« und Hausmärdien. 1913. I. 450—464. E. Böklen: Schneewittchen« 
Studien. I. (Mythologische Bibliothek. III. 2.) 1910. II. <Ebenda. VII. 3.) 1915. 
L. Ciorbea: Apa tinere^elor ?i alte Pove?ti Poporale. 1904. 85. I. Läzär: AI* 
söfeher värmegye monografiäja. 1899. I. 2. 597. Gewissermaßen ein männliches 
Gegenstück zum Motiv »Sdiönheitswettstreit« findet sich in einem orientalischen 
Märdientypus. Vgl. Solymossy: A szep ember mesej'e. <Das Märdien des 
schönen Mannes.) Ethn. 1916. 257-275. 

1 Außerdem noch in der Schaulust, die sidi als Partialtrieb sehr leicht mit 
dem Narzißmus verbindet. Das narzißtisch, gesteigerte Selbstgefühl durdibriit 
leichter die Hemmungen, die sidi dem Bewußtwerden und noch mehr dem Erzählen 
der unbewußten Phantasiebildungen entgegenstellen, das Selbstschauen fördert die 
Tendenz des Visualisierens 

2 A. Nyäry: A halottläto. (Die Totenseherin.) Ethn. 1908. 94. 

3 A Nyäry: Ebenda. 95. In Besenyötelke findet sich aber doch ein Mann 
als Totenseher. Berze Nagy: Babonäk, babonäs alakok es szokäsok Besenyötel- 
ken. (Aberglauben, abergläubische Gestalten und Gebräuche in Besenyötelke.) 
Ethn. 1910. 27. Etwas anders liegt die Sache bei den Primitiven,- die Männer be- 
sitzen hier auch unter den Sehern das Obergewicht. 

4 Zachariae: Zur indischen Witwenverbrennung. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. 1905. 84, zitiert: Sarngadharapaddhati. 4576. A. Bertholet: 
Religionsgeschiditlidies Lesebuch. 1908. Geldner: Die Religion der Inder. 133, 
zitiert Aiteraya-Aranyaka. 3. 2. 10. 



94 Dr. Geza Röheim 



Priester verboten, das eigene Spiegelbild zu schauen 1 . Gleichfalls 
mit negativem Vorzeichen erscheinen dieselben Gefühle bei einem 
dalmatinischen Seher, nachdem die übermäßig energische Verdrän- 
gung seine eigene Neigung zum Selbstbespiegeln in feindliche Ein» 
Stellung gegenüber ähnlicher Gefühle der anderen gewandelt hat. 
Wenn die Fechsung schlecht war, pflegte der alte Radivoj, der be= 
rühmte Seher, zu sagen: Verflucht sei, wer den Spiegel dem Volk 
gebracht hat! Wenn es keinen Spiegel gäbe, würden die Ähren 
zweimal im Jahre reifen. Die Mädchen vergaffen sich in ihr eigenes 
Spiegelbild, flechten sich noch mehr Haare in den Schopf und des» 
halb versengt die Sonnenglut alles auf Feld und Flur 2 . 
Das mauste Die bisher ange f ü h rten Beispiele zeigen das unbewußte Funk- 

tionieren der Psyche des Sehers. Da der Fragende aber häufig un= 
bewußt die Antwort auf das, was er vom Seher erfragen will, 
sehr wohl weiß, ist es natürlich, daß solche Antworten die größte 
Wirkung erzielen, die dieses verdrängte Wissen auf die Oberfläche 
bringen 3 . Deshalb schaut der Seher häufig nicht selbst in den 
Zauberspiegel, sondern überläßt es dem Fragenden, daraus die aus 
dem eigenen Unbewußten hervorbrechende Antwort abzulesen. 
Manche der östlichen Cherokee erklären die auf solche Weise ge- 
wonnene Offenbarung als zutreffend. Drei Cherokee gingen zum 
Medizinmann, der sie in den Ulünsu'ti <Kristall, Schlangenstein) 
blicken läßt. Alle drei sehen am Grund des Kristalls ihre eigene 
Gestalt. Der roten Linie folgend, steigen die Gestalten langsam im 
Kristall, doch nur eine erreicht die Oberfläche, die beiden anderen 
kommen nur bis zur mittleren Linie und sinken dann auf den 
Grund zurück. Es kam so wie der Medizinmann voraussagte/ denn 
nur der Erzähler, dessen Ebenbild die Oberfläche erreicht hatte, 
überlebte den Feldzug 4 . In Wagawaga wird folgendes aus Awai* 
ama stammendes Verfahren angewendet, um einen vermuteten Ehe» 
bruch zu beweisen. Der rote Saft der Blätter des »Popori «»Baumes 
wird in ein altes Gefäß oder eine Schüssel gedrückt. In der Ein» 
samkeit seines eigenen Hauses starrt dann der Mann in die Schüssel,- 
dort sieht er das Bild seiner Frau und das ihres Geliebten,- und 
wenn die Frau trotzdem leugnet, so läßt er sie in die Flüssigkeit 

1 I. Jolly: The Institutes of Vishnu. <Saced Books of the East. VII.) 
1880. 226. 

ä F. S. Krauss: Tausend Märdien und Sagen der Südslawen. 1914. I. 
376. Beachtenswert ist die Verknüpfung zwischen dem narzißtischen, also unfrucht» 
baren Spiegelschauen und der Unfruchtbarkeit der Erde. Das Steckenbleiben im 
Narzissismus wird durch die Sonne, als Vertreter der Vaterimago, bestraft (vgl. 
dazu Kapitel VIII). Die Objektliebe ist ja beim Mädchen die Wiederbelebung der 
Vaterimago, der Konflikt ist also der Konflikt des Narzißmus und des »Anleh» 
nungstypus«. Vgl. S. Freud: £ur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch für 
Psychoanalyse. VI. 1914. 15. 

» Vgl. Silberer: Lekanomantische Versuche. Zentralblatt für Psychoanalyse. 
II. 1912, 383, 438, 566. 

4 J. Mooney: Myths of the Cherokee. <XIX. Annual Report of the 
Bureau of Am. Ethn.) 1900. 461. 



Spiegelzauber 95 



schauen und sie erblickt darin ihr eigenes Gesicht nebst dem ihres 
Geliebten. Der, den man durch dieses Verfahren entdeckt, traut sich 
nicht seine Schuld zu leugnen »inside belong him no good, man 
he savy« 1 , d. h. man appelliert zum Unbewußten als oberste In= 
stanz. In St. Gildas, wenn jemand wissen will, ob der Hund, der 
ihn gebissen, toll war oder nicht, so geht er zur Quelle und wenn 
er an Stelle seines Ebenbildes im Wasserspiegel einen Hund er= 
blida, so ist die Tollwut schon in ihm. Am Cap Sizun läuft 
der Gebissene dreimal um die Kapelle vom hlg. Tugen und 
blickt dann in den Wasserspiegel, wenn er dort sein eigenes 
Antlitz erblickt, ist alles in Ordnung, wenn aber das Spiegelbild 
des Hundes sich zeigt, so war dieser schon früher beim 
Heiligen, der nun keine Macht mehr über die Tollwut besitzt 2 . 
Der Zauberspiegel <in Thüringen Erdspiegel, in Kärnten Berg» 
spiegel) ist in der Regel ein mit Schieber verschließbarer, ein- 
facher, viereckiger Glasspiegel, das charakteristische Werkzeug des 
»Venedigers«. In Württemberg schreibt die weise Frau oder der 
weise Mann den Taufnamen des Fragestellers auf einen Zettel, 
dann schickt er den Betreffenden in ein anderes Zimmer, wo er im 
Spiegel Erscheinungen, wahrscheinlich Verstorbene sieht, die auf 
seine Fragen Antwort geben. Ein solcher Spiegel erhält seine 
Zauberkraft dadurch, daß man ihn um Mitternacht vor das Gesicht 
eines Leichnams hält*. Es ist bemerkenswert, daß die Spiegelschau, 
offenbar infolge der suggestiven Wirkung des Prestige des magischen 
Gegenstandes und des Sehers, gerade die am stärksten verdrängten 
Vorstellungen auf die Oberfläche bringt. So zeigt z. B. der Sicht= 
spiegel des Mannes in Schwarzwasser die wahren Diebe, »Leute, 
von denen man es kaum geglaubt hätte« 4 . Zwei Dorfbewohner bei- 
gaben sich nach Swansea, Weizen zu verkaufen,- unterwegs aber 
schliefen sie ein und jemand stahl den Weizen aus ihren Säcken, 
das Geld aus ihren Taschen. Sie gingen darauf zu Dr. Harris, dem 
berühmten Seher. Dieser führte sie im Zimmer im Kreise herum 
und hielt ihnen einen runden Spiegel vor, damit sie hineinschauen 
mögen. Sie sahen in dem Spiegel nicht das eigene Gesicht, sondern 
die Landstraße, auf der sie gekommen waren, sich selbst, wie sie 
schliefen, und einen ihrer Nadibarn, den zu verdächtigen sie nie 
gewagt hätten, wie er den Weizen und das Geld stiehlt 5 . In 



1 C. G. Seligmann: The Melanesians of British New Guinea. 1910. 
654, 655. 

8 P Sebillot: Le Folklore de France. II. 1905. 245. In Saint=Segal gilt 
gerade das Entgegengesetzte: Wenn er den Hund im Wasserspiegel erblickt, bleibt 
er gesund. In Saint Gildas kann man sich loskaufen, wenn man einen Hahn opfert. 
Ebenda. Vgl. ante über ähnliche stellvertretende Opfer beim Schatzsuchen, und 
auch Ferenczi: Ein kleiner Hahnemann. Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse. 
1913. 240. 

3 Wuttke: Volksaberglaube. 245. 

1 R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1913. III. 203, 204. 

5 Trevelyan: FoIk=Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 215, 216. 



96 



Dr. Geza Röheim 



Schweigershausen wurde einem Mann sein Bienenkorb gestohlen. 
Er geht zum »weisen Mann« nach Gieboldshausen und dieser läßt 
ihn in den Spiegel schauen. Dort sieht er den eigenen Bruder mit 
dem Bienenkorb 1 . In Flums zeigt der Zauberer dem Bestohlenen 
auf sein Begehren im Berg= oder Weltspiegel den Dieb/ dort sieht 
er, wie der Teufel an einer Furke seinen eigenen Bruder herhält 2 . 
In Mecklenburg zeigt der Spiegel bei der Frage nach der Hexe, 
welche das Vieh oder die Menschen behext hat, häufig die Mutter 
der Fragenden 3 . Eine Rauriser Sage erzählt, daß der weise Mann 
in einem Glas Wasser das entfernte Heim zeigt und die auf dem 
Hausdach herumgehende Hexe, wie sie einen Eimer Wasser in den 
Hof schüttet. Dieses hat das Vieh verzaubert 4 . Ebenso zeigt der 
Zauberer von St. Triphon in einer französischen Sage den Ver= 
Zauberer der Kühe im Spiegel, doch früher muß der Beleidigte 
schwören, daß er keine bösen Gedanken gegen seinen Feind haben 
wird 5 . In Platznau sieht ein Hirte, wie das »Venedigermandel« 
Gold wäscht und er bringt ihm den goldtragenden Sand nach 
Venedig. In einem fürstlichen Palaste sieht er den Venediger wieder 
und dieser zeigt ihm in seinem Spiegel, was seine Frau zu Hause 

1 Schambach und Müller: Niedersächsische Sagen und Märchen 1855. 
172, 173. 

2 W. Manz: Volksbrauch und Volksglaube des Sarganserlandes. (Schriften 
der schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde Nr. 12.) 1916, 115, 116. 

3 Wuttke: Volksaberglaube. »Der dreizehnjährige Sohn des' Opfermannes 
zu Geitelde, Hans Reinhart wollte <1661> die Hexen sehen. Er setzt sich in der 
Walpurgisnacht auf einen hölzernen dreibeinigen Schemel, fährt damit in des 
Teufels Namen dreimal um das Dorf und setzt sich am Kreuzweg im Kreis. 
Endlich kommt ein grausamer Windsturm und darin sechs alte Weiber, die 
wollten ihn aus dem Kreise ziehen. Er nannte dann sechs Frauen aus Geitelde, 
darunter die eigene Mutter als Hexen. R. Andree: Braunschweiger Volks* 
künde. 1901. 381, 382 und Soldan-Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 
1911. IL 371. Beide nadi H. Rhamm: Hexenglauben in braunschweigi« 
sahen Landen (Wolfenbüttel). 1892. 94. Vgl. Röheim: A luczaszek. <»Der 
Hexenstuhl«.) Neprajzi Ertesitö. 1915. 8, 9. A. Löwenstimm: Aberglaube 
und Strafrecht, 1897. 47. Wenn wir nun bedenken, daß die häufigste Be* 
schuldigung, welche man gegen die Hexen ins Feld führt, daß sie »virosque ne 
uxoribus, et mulieres, ne viris actus coniugales reddere valeant, impedire«. 
J. Hansen: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns. 1901. 
25. »viros ad coeundum maleficio reddunt impotentes«. Ebenda 294 <vgl eben- 
da: 97, 108, 129, 141, 210, 245, 260, 262, 283, 289, 295, 296, 320, 339, 350, 
417, 452, 577 und Komäromy: Magyarorszägi Boszorkänyperek Okleveltära. 
1910. 2, 5, 18, 38, 85, 87, 156, 157, 175, 176, 194, 195, 209, 244, 245, 264, 
508, 509, 514, 530, 678) und daß die psychische Impotenz wirklich durch eine 
Fixierung der Libido an die Mutter entstehen kann. <Vgl. Ferenczi: Lelekelemzes 
(Psychoanalyse). 1914. 60), so werden wir das Erscheinen der Mutter im Spiegel 
als eine endopsychische Wahrnehmung deuten. Von diesem Standpunkt aus fällt 
ein ganz neues Licht auf den charakteristischen Zug der Hexenprozesse, daß die 
nächsten Angehörigen einander des Malefiziums beschuldigen. Vgl. noch C. G. 
Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. 1912. »Mutter, furchtbare« im Index. 

* M. Andree-Eysn: Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen 
Alpengebiet. 1910. 212, 213. 

8 J. Jegerlehner: Sagen aus dem Unterwallis. (Sehr. d. Schweiz. Ges. 6.) 
1909. 56. 



Spiegelzauber 97 



macht. Das war der Bergspiegel, mit dessen Hilfe er das Gold im 
Berge gesehen hatte. Als der Hirte versucht, die Goldmacherkunst 
zum eigenen Besten zu betreiben, verschwindet alles 1 . Zu einem 
Mann in Grund kamen jedes Jahr Leute aus Venedig, schauten in 
den Spiegel und sahen darin alles, was in den Bergen verborgen 
war, Der Gastgeber wußte dies und stahl den Spiegel. Er sah 
auch darin, daß das Innere des Iberg lauter Eisen ist und das 
Ganze auf Wasser schwimmt. Aber in der Frühe bemerkten die 
Venediger den Diebstahl, nahmen den Spiegel zurück und kamen 
niemals wieder in diese Gegend. Der Dieb verlor das, was er an den 
Venedigern stets verdient hatte 2 . In Edwein belauschte ein Bauer 
einen Fremden, wie er im Sande Gold wusch und ahmte ihm nach. 
Er geht mit dem Golde nach Salzburg,- da ruft plötzlich einer 
aus dem Fenster und ladet den Bauer ins Haus hinein. »Du, rühre 
nicht an meinem Sande, denn ich erschieße dich«, sagt der Fremde. 
Dann zeigt er ihm seinen Spiegel und in diesem sieht der Bauer 
sein Gehöft, seine Kühe und seinen Hirten 3 . Die Spiegelschau be= 
lebt die Erinnerungsbilder und diese bedeuten die Vergangenheit, 
das nicht Bewußte und dunkel Geahnte und diese vertreten Gegen» 
wart und Zukunft. Der Venediger nimmt den Bergmann mit in 
seinen glänzenden Palast, wo er ihn vor einen Spiegel führt. In 
dem Spiegel sieht der Bergmann sich selber, wie er um die Hand 
seiner jetzigen Frau wirbt, wie er seine Braut zum Altar führt 
und noch vieles andere, was er schon längst vergessen hatte, was 
er sich aber jetzt ins Gedächtnis zurückruft. Dann führt ihn der 
Venediger vor einen anderen Spiegel, in diesem sieht er sein Heim, 
seine Frau und seine Kinder, die weinen und jammern, weil sie 
ihn für tot halten. Dieser Anblick greift ihm so sehr ans Herz, daß 
er in Tränen ausbricht. Schließlich zeigt ihm der dritte Spiegel die 
Zukunft 4 . Er lebt mit seiner Familie in Hülle und Fülle, 
aber seine Habsucht stoßt ihn wieder in das Elend zurück. »Siehst 
du, sagt ihm der Venediger, das letzte wird nicht erfolgen, wenn 
du mir gehorsam bleibst.« Natürlich hält der Bergmann das Tabu 
nicht ein und die geträumten Schätze verschwinden 6 . Wie im Spiegel 
des Venedigers, so zeigt sich die Zukunft öfters im Spiegel, und 
jeder Versuch, dem Schicksal zu entrinnen, bleibt vergeblich, was 



1 I. N. Afpenburg: Deutsche Alpensagen. 1861, 204, 205. 

2 Wrubel: Sammlung bergmännischer Sagen. 1882, 98, 99. 

* Andree-Eysen: Volkskundlidies aus dem bayrisch»österreichischen 
Alpengebiete. 1910. 212. Vgl. auch W. Manz: Volksbrauch und Volksglaube 
des Sarganserlandes. <Schrift. d. Schweiz. Ges. f. Volksk. 12.) 1916. 146. C. 
Meyer: Der Aberglaube des Mittelalters. 1884. 283. 

4 Hinsichtlich der drei Spiegel, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 
zeigen, vgl. I. Bibö: A szämok jelentese es a gondolkodäs alapformäinak törtenete. 
<Die Bedeutung der Zahlen und die Geschichte der Grundformen des Denkens.) 
Neplelektani dolgozatok. <Völkerpsydiologis<he Arbeiten.) 1. 1917. 16—21 33 34 
27, 37, 44, 49, 74. ' 

5 Wrubel: Ebenda. 93-98. Nach Ey: Harzmärchenbuch. 40. 

lmago V/2 7 



98 



Dr. Geza Roheim 



von der Sprache der Sage ins Psydiologische umschrieben der de» 
terminierenden Gewalt des Unbewußten gleichkommt. Eine Jungfrau 
sieht in einer großen kristallenen Kugel, daß der Bräutigam mit 
der Pistole auf sie zielt und dann auf sich selbst. Sie verlobt sich 
daraufhin mit einem anderen, aber die Vision bewahrheitet sich 
doch 1 . Die Vision im Spiegel drückt die unbewußten Befürchtungen 
des Mädchens, die es vor dieser Verlobung hegt und die 
dann durch die Lösung der Verlobung in der Tat die Ober- 
hand gewinnen, aus. Das folgende Beispiel zeigt wieder, wie der 
Verdacht zur Gewißheit wird. In Llandovery ging ein Knecht zum 
Seher und wollte erfahren, wer den in Verlust geratenen Widder 
gestohlen habe. Der Seher zeigt ihm in einem großen Spiegel den 
Nachbarn seines Herrn. Er sagte ihm, daß nach drei Tagen abends 
neun Uhr der Dieb am Fuße eines Berges ihm entgegenkommen 
und sagen werde: »Hier ist der Widder deines Herrn, er hatte 
sich in die Ferne verirrt und ich habe ihn gefunden.« Und so ge- 
schah es auch 2 . In Steinitz hatte ein kluger Mann einen Zauber^ 
spiegel, zu dem ging ein Schäfer aus Schleife, um in den Spiegel 
zu sehen, weil ihm eine Hexe am Vieh und auch sonst viel 
Schaden tat. Aber der kluge Mann wollte dem Schäfer den Spiegel 
nicht zeigen, weil, wer hineinsieht, einen großen Schredcen kriegt. 
Denn der Böse hält die Hexe im Spiegel vor sich und sieht ihr 
über die Schulter 8 . Dem Fragenden erscheinen im Sichtspiegel des 
Mannes zu Schwarzwasser fünf verschiedene Bilder vom Schmuggler- 
zuge. Er sieht auch seine Frau mit den Schmugglern und beobachtet 
die Gesellschaft bis zu ihrer Ankunft im Lager auf dem Rotenberge. 
Dann geht er zum Rotenbergwirt, der zeigt ihm die Lagerstätte, 
welche genau so aussah wie er sie im Spiegel gesehen hatte 4 . Auf 
Jahrmärkten werden eine Art von Guckkästen aufgestellt, in denen 
jedermann die zukünftige Geliebte oder den Bräutigam im Spiegel 
sehen kann 5 . Hier wird gewiß der Ursprung des Schrankes der 
Siebenbürger Zigeuner zu suchen sein, von dem sie selbst sagen, 
er sei »für die Weißen« angefertigt. Der Apparat besteht aus 
einem kleinen Schranke, in welchem eine von außen drehbare vier= 
seitige Walze angebracht ist,- über der Walze ist ein Spiegel be- 
festigt, einem in der Seitenwand des Schrankes befindlichen Gud<= 
loche gegenüber. Auf zwei Seiten der vierseitigen Walze ist je ein 
Bild eines Mannes oder Weibes angebracht. Wenn nun der Fra= 
gende durch das Loch in den Schrank sieht, so erblidct er sein 
Gesicht im Spiegel, weil eben die bilderlose Seite der Walze dem 
Spiegel zugekehrt ist, die Frau lenkt die Aufmerksamkeit des 
Fragenden ab, so daß er abermals in den Schrank blickend das 



1 Grimm. Deutsche Sagen Nr. 118. I. (Müllersche Ausgabe.) 144 — 174. 

2 E. M. Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 59. 
» \V. von Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882. 88, 

4 R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1913. III. 204-206. 

5 Wuttke: Ebenda. 246. 



.41 



Spiegelzauber 99 



Bild, das sich auf der inzwischen gedrehten Walze befindet, im 
Spiegel sieht. Natürlich nur trübe und verschwommen, so daß die 
Einbildungskraft dann was immer daraus heraussehen kann 1 . 

Da das im Spiegel erscheinende Ebenbild das zweite Ich des Analogiezauber 
Individuums ist, kann der Seher den in den Spiegel zitierten Dieb 
oder die Hexe auch verletzen. In der Nähe von Hohenstein zeigt 
der »Oberhexer« für einen Gulden die Hexe, von der man behext 
ist und bestraft sie auch gleich. Er schneidet dem Spiegelbild Nase 
und Ohren ab, damit man die Hexe solcher Art erkennen könne, 
doch über Wunsch des Verzauberten schneidet er ihr auch den 
Hals ab 2 . Wenn jemand in Nikolivin <Gouvernement Jaroslav) 
beleidigt worden ist, so geht er zu einem Wahrsager. Der läßt ihn 
in ein Glas Wasser sehen, in dem nach einiger Zeit das Bild seines 
Feindes erscheint,- der Beleidigte sticht nun womöglich in die Augen 
oder wenigstens in das Gesicht des Bildes und so kann er seinen 
Gegner an derselben Stelle verletzen 3 . In Gieboldshausen zeigt der 
weise Mann dem Fragesteller im Spiegel den Bruder als Dieb des 
Bienenkorbs. Der Wahrsager fragt: »Soll er nun sterben oder soll 
er ihm einen Arm oder einen Fuß abschneiden?« Der Geschädigte 
antwortet auf all das mit Nein, er will den Bruder nicht so streng 
bestrafen. Schließlich einigen sie sich dahin, daß sein Körper an= 
schwellen möge, bis er beinahe erstickt, dann aber soll er genesen 4 . 
Im Kanton Zürich gab es einen Bezirksrichter, der den in den 
Zauberspiegel zitierten Dieb auch gleich umbrachte 5 . In Edwein 
schießt der Venediger mit der Pistole auf das Spiegelbild der Kuh, 
zur selben Stunde steht zu Hause die Kuh des Bauern um 6 . Im 
CIL Kapitel des Gesta Romanorum findet sich das Motiv des 
Ebenbildes gedoppelt, nämlich in der Form des Spiegels und des 
Wachsbildes. Die Frau eines Ritters, der das Heilige Grab besuchen 
will, verliebt sich in einen Kleriker »der wohl in der schwarzen 
Magie erfahren war« und von der Frau aufgefordert, ein Bild mit 
Namen des Ritters macht. Als der Gatte in Rom ankommt, ver* 
ständigt ihn ein gewisser, »kluger Meister« 7 von der drohenden 

1 Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1893. 94, 95. 

2 I. W. Kostolowski: Rache für eine Beleidigung. Archiv für Anthro- 
pologie. Bd. XXXIII. 1906. 306 <Etn. Ohozr. 1902. Nr. IV.>. 

3 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1867. 39. 

* Schambach-Müller: Niedersächsische Sagen. 1855. 172, 173. 

5 Wuttke: 1. c. 246. Schweizerisches Archiv für Volkskunde. II. 269. 

Andree^Eysn: Volkskundliches etc. 1910. 212. 

' Laut anderen Texten Virgilius, vgl. Charles Swan: Gesta Romanorum. 
11.65. Deslongchamp: Essai sur les fables indiennes. 1838.1. 153.1, G. Büsching: 
Erzählungen, Dichtungen, Fastnachtsspiele und Schwanke des Mittelalters. I. 130. 
All diese zitiert G. Huth: Die Reisen der drei Söhne des Königs von Seren- 
dippo. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte- 1890. N. F. III. 310. »Ein 
kluger Meister« in der ungarischen Fassung. Katona: Gesta Romanorum. Übers. 
Haller <R M. K. XVIII). 1900. 295-297 und in H. Oesterley: Gesta Ro- 
manorum. 1872. 428. Vgl. ebenda. 727. Parallelen zu den Wachsbildern und 
J. G. Th. Grässe: Gesta Romanorum. 1905. II. 266. Bodinus: De magorum 
daemonomania. 1586. 27, 387-390. 



100 Dr. Geza Roheim 



Gefahr. Er läßt ein Bad bereiten und den Ritter sich hineinsetzen. 
Nachher aber gab er ihm einen hellpolierten Metallspiegel in die 
Hand, der ihm Wunderdinge zeigte. Er sieht in seinem Hause den 
Mönch, der ein ihm ähnliches Bild von Wachs gemacht hat, dieses 
an die Wand gestellt und nun mit einem Pfeil durchbohren will. 
Der Meister gebietet ihm, noch bevor jener den Pfeil abschnellt, ins 
Wasser unterzutauchen, denn so kann er das Bild nicht treffen. 
Der Versuch wiederholt sich dreimal, bis der zurückschnellende Pfeil 
den Mönch tötet 1 . Das Wasser wehrt dem Zauber, dies dürfte 
die geschützte Lage der Leibesfrucht im Mutterschoß symboli= 
sieren,- wenn sich der Ritter im Wasser versteckt, folgt ihm auch 
sein Ebenbild in die Abgeschlossenheit vor den bösen Zauberern 
der Außenwelt 2 . 

1 Katona: Gesta Romanorum. (Text der Übersetzung von I. Haller. 
R. M. K. XVIII.) 1900. 295-297. ). G. Th. Grässe: Gesta Romanorum. 1905. 

I. 181 — 184. Vgl. dasselbe Grimm: Deutsche Mythologie. Vierte Ausgabe. 1877. 

II. 913 aus »Schimpf und Ernst«, cap. 272. 

2 Das Wasser bricht des Zaubers Macht, hebt den Einfluß der Dämonen 
auf, es bildet die wichtigste Grenze <vgl. A. van Gennep: Les Rites de Passage. 
1909.) zwischen den beiden "Welten des Profanen und Heiligen. Bei der Rückkehr 
vom Begräbnis läuft man in Tahiti ins Meer, taucht im Wasser unter und wirft 
die Kleider hinein. Ellis: Polynesian Researches. 1830. I. 403. Auch nach dem 
sakralen Bogenschießen wird gebadet, ebenda. 301 und das Tabu kann man durch 
Waschen entfernen J. Cook: A Voyage to the Pacific Ocean. 1785. I. 410. 
Der Priester der Matamba wirft die Witwe einigemal ins Wasser, damit die Seele 
des Mannes darin ertrinken und die Frau in Ruhe lassen soll. W. Sonntag: 
Die Totenbestattung. 1878. I 113 und genau dasselbe geschieht in Celebes. 
G A Wilken: Das Haaropfer Revue coloniale internationale. II. 1886. 248, 249. 
D. s. : De Verspreide Geschriften. III. 427- In Borneo waschen die Kenyah die 
Krankheit, die aus dem Obertreten des Tabu stammt, mit dem Blute eines Opfer» 
huhns und mit Wasser weg. Ch. Hose and W. Mc. Dougall: The Pagan 
Tribes of Borneo. 1912. II. 128. In Minehasa vertreibt das Wasser die Krank- 
heitsdämonen und schützt vor dem bösen Zauber. Wilken: Haaropfer. 1. c. 251. 
Geschriften. III. 429. Die Bangalas bespritzen Bäume und Flußufer mit heiligem 
Wasser beim Anblick der ersten Europäer, die sie für böse Geister halten. 
H. M. Stanley: The Congo and the Founding of its State. 1885, II. 106. Die 
Karen ziehen einen Faden über den Bach für die Seele. E. B. Tylor: Primitive 
Culture. 1903. I. 442. König Guntrams Seele verläßt im Traum seinen Leib in 
Tiergestalt, aber den Bach kann es ohne Hilfe nicht überschreiten. J. Grimm: 
Deutsche Mythologie. 1877. II. 905. Die Baschkiren glauben, daß der Fiebergeist 
kein Wasser überschreiten kann. S. Roudenko: Traditions et Contes Bachkires. 
Revue des Traditions Populaires. XXIV. 1909. 132. Fließendes Wasser zum Ver» 
treiben der bösen Mächte kennt sowohl die hebräische wie auch die assyrische 
Magie. R. C. Thompson: Semitic Magic. 1908. 185, 188. (Vgl. ebenda im 
Index »Water« und »Washing«.) Fieberfrost heilt man, indem man ihn in eine 
Weide hineinhaucht, aber man darf über kein Wasser gehen. Grimm: Deutsche 
Mythologie. III. 475. Will man die Hexen sehen, so darf man am Weg kein 
Wasser überschreiten. Kühnau: Schlesische Sagen. III 1913. 34. Langer: 
Deutsche Volkskunde aus dem östlichen Böhmen. VI. 1901. 203. Hat man sie 
aber schon gesehen, so soll man schnell trachten, unter der Traufe oder übers 
Wasser zu gelangen, dann können einem die Hexen nichts anhaben. Drechsler: 
Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. II. 246. Man sieht in der- 
Andreasnacht des Zukünftigen Bild im Brunnen, aber nur, wenn man keine Wasser» 
leitung überschreitet. Hoffmann»Krayer: Feste und Bräuche des Schweizer» 
Volkes. 1913. 96. In Guldal ist es wegen der Hexen gefährlich, den Arbeitern am 



-JJ 



Spiegelzauber 101 



Wir können jetzt auf jene Riten übergehen, mit deren Hilfe ste jfiteJl? e 
ein gewöhnlicher Spiegel in einen magischen umgewandelt werden 
kann. Da sich an jeden Spiegel gewisse Wünsche und Besorgnisse 
heften, deren Objektivierung nur in der Form magischer Qualitäten 
erfolgen kann, handelt es sich hier bloß um eine Steigerung der 
magischen Eigenschaften. Wir können auch hier, wie im allgemeinen 
bei jedem steigernden Ritus das Hineinspielen des Begriffs der 
Zauberkraft <Mana) voraussetzen, ohne uns mit dieser Erklärung 
zufrieden zu geben. Aus den aufzuzählenden Beispielen erhellt, daß 



Felde Milch über einen Bach zu tragen. K. Liebrecht: Zur Volkskunde. 1879. 
316. Die Bangalas überschreiten einen Bach, um sich vor der Seele der beerdigten 
Verwandten zu sdiützen. J. H. Weeks: Notes on Some Customs of the Ban* 
gala Tribe Folk=Lore. 1908. 93. Anderseits dürfen gerade die Totenträger nicht 
über Wasser. F. D. Bergen: Current Superstitions Journal of American Folk= 
Lore. 1889, 14. Bei den Weihnaditsumzügen der »RusalkUGesellschaften« der 
Bulgaren dürfen die Mitglieder bei ihren Wanderungen von Dorf zu Dorf nicht 
ins Wasser treten. Wenn ein Bach ihren Weg versperrt und sie ihn nicht über* 
springen oder umgehen können, so lassen sie sich hinübertragen. Strausz: Die 
Bulgaren. 1898. 357. In Nordungarn glaubt man, daß die Feen zwar bei der 
Quelle hausen, doch das Wasser nicht überschreiten können. Z. Elek: Gömör» 
megyei babonäk. (Aberglauben aus Gömör.) Ethn. VII. 1896. 288. In Irland 
kann sich einer, dem Feen oder Gespenster nachsetzen, in vollkommener Sicherheit 
fühlen, sobald er fließendes Wasser überschritten hat. W. I. E. Wentz: The 
Fairy Faith in Celtic Countries. 1911. 38. »It is a well=known fact, that witches, 
or any evil spirits, have no power to follow a poor wight any farther than the 
middle of the next running stream.« R. A. Willmott: The Poetical Works of 
Robert Bums. 1856. 154. Tarn o' Shanter. »If you can interpose a brook betwixt 
you and witches, spectres or even fiends, you are in perfect safety. It is a firm 
article of populär faith, that no enchantment can subsist in a living stream.« W. 
Scott: Lay of the Last Minstrel. Canto- III. Vers. XIII. Anmerkung. (The 
Poetical Works of Sir Walter Scott. Albion Edition, p. 680.) An den Banks- 
inseln verrichtet jeder seine Notdurft im Meere, weil das Wasser den Zauberer 
verhindert, der Exkremente habhaft zu werden und mit ihrer Hilfe den Menschen 
zu töten. Codrington: The Melanesians. 1891. 203. Kranke Kinder, die im 
Heilen begriffen sind, darf man vierzig Tage lang über kein Wasser tragen. 
Strausz: Bolgar nephit (Volksglaube der Bulgaren). 1897. 346. Die Ehsten spritzen 
ein paar Tropfen vom ersten Badewasser des Kindes auf das Fenster, damit 
Mondschein und Dämmerung dem Kinde nidit schaden sollen. Wiedemann: Aus 
dem inneren und äußeren Leben der Ehsten. 1876. 307. Vgl. ferner Goldziher: 
Wasser als Dämonen abwehrendes Mittel. Archiv für Religionswissenschaft. 1910. 
XIII. 20 Sartori: Das Wasser im Totengebrauche. Zeitschrift des Vereins für 
Volkskunde. XVIII. 1908. 353, 375. J. G/Frazer: On certain Burial Customs 
as illustrative of the Primitive Theory of the Soul, Journ. of the Anthr. Inst. 
1885. 80. E. Crawley: The Mystic Rose. 1902. 198-200. E. B. Tylor: 
Primitive Culture. 1903. II. 429—434. Georgi: Beschreibung aller Nationen des 
russischen Reiches. 1776. 32, 34. Scheftelowitz: Die Sündentilgung durch 
Wasser, Archiv für Religionswissenschaft. 1914. 353— 412. Usener: Heilige Hand= 
lung. Ebenda. VII 1904. 290. D. Westermann: Über die Begriffe Seele, Geist 
Schicksal bei dem Ewe= und Tschivolk. A. R, W. VIII. 106. A- W. Howitt: 
Native Tribes of South East Australia. 1904. 461. W. Crooke: An Indian 
Ghost Story. Folklore. XIII. 282. D. s.: Populär Religion and Folk-Lore of 
Northern India. 1896. II. 25. Skeat: Malay Magic, 1900. 77, 81, 277-279, 347, 
348, 387, 399-401, 424. E, Samter: Geburt, Hochzeit und Tod. 1911. 85-89. 
A. van Gennep: Les Rites de Passage. 1909. 39, 134, 136, 138, 191, 227. 
R, Pettazzoni: I primordi della Religione in Sardegna. Archiv für Religions« 



102 Dr. Geza Roheim 



man das Ziel auf dem Wege des Berührungszaubers <conta= 
gious magic) erreicht, indem nämlich der Spiegel mit einem Toten 
in Berührung kommen muß, von welchem er gewisse Eigenschaften 
übernehmen kann. Die Vorstellung des Spiegeis, der alles zeigt, 
eine Objektivierung des Wunsches der Lebenden, alles zu sehen, 
verschmelzt leicht zu einem Komplex mit der Vorstellung über die 
Verstorbenen, die als Ersatz für den Tod ihres Leibes, nebst vielem 
anderen auch die Fähigkeit der Allsichtigkeit besitzen. Ein großer 
Teil der infantilen Schaulust wird ja gerade den Eltern, den Toten 
gegolten haben,- nun wird diese Schaulust in eine entsprechende 

Wissenschaft 1913. 333. W. H. Bird: Ethnographical Notes about the Buccaneer 
Isländers. Anthropos. 1911 177. (Wasser vernichtet die Kraft des gegen das 
Ebenbild gerichteten Zaubers.) Nassau: Fetichism in West-Africa. 1904. 219. 
Moldovän: Alsöfeher varmegye romän nepe. (Die Rumänen im Komitat Also- 
feher.) 1899. 223. Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 
1891. 113. I. Doolittle: Social Life of the Chinese. 1867. II. 373. Furness: 
Folk»Lore in Borneo. 1899. 24. F. Boas: Chinook Texts. (Bureau of Ethnology.) 
1894. 209. Milne: Shans at Home. 1910. 34, 35. Nicholas: Reise nach Neu- 
seeland. 1891. 41. W. E. H. Barrett: Notes on the Customs of the Wa-Giri« 
ama. Journ. Anthr. 1911. 33,^ 34. Z. Nuttal: Mexican Superstitions Journ. Am. 
Folk-Lore. X. 277. Hornyanszky: A pröfetai ekstasis es a zene. (Extase der 
Propheten und die Musik.) 1910. 56 Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 1889. I. 
116, 117. Strausz: Vilägteremtesi mondäk a bolgär nephagyomänyban. (Schöp- 
fungssagen in den bulgarischen Volksüberlieferungen.) Ethn. 1896. 209. Ich habe 
früher die Ansicht vertreten, daß diese Eigenschaften des Wassers aus dem Er* 
leichterungsgefühl zu erklären sind, die man bei seelischer Erregung, Fieber oder 
brennenden Wunden verspürt, wenn man sie mit dem Wasser in Berührung 
bringt. Die »Bösen« (Geister oder Menschen) oder die böse Zauberkraft ist die 
Ursache aller dieser Hitzegefühle, ist selbst ein übernatürliches Feuer und wird 
somit durch ein ebenfalls magisches Wasser gelöscht. Roheim: A varäzserö fo= 
galmänak eredete. (Ursprung des Manabegriffes > 1914. 225. Die Deutung dürfte 
ja aufrechtzuhalten sein, sie reicht etwa bis in die psychische' Schichte des Vorbei 
wußten. Wenn wir aber die Bedeutung des Wassers als Grenze des Jenseits 
(Wassergrab etc.) mit in Betracht ziehen (vgl. O. Rank: Der Mythus von der 
Geburt des Helden. 1909.), so dürfen wir doch annehmen, daß das unbewußte, 
halb physische Weiterleben der Erinnerung an die geschützte Lage im Uterus die 
tiefste Wurzel dieser Vorstellungen bildet. Die weit verbreitete Sitte der Taufe, 
die zweite Wassergeburt des Kindes stellt ganz sicher, wie Jung es richtig bemerkt, 
eine Nachahmung der Geburt dar (C. G. Jung: Wandlungen und Symbole der 
Libido. 1912. 306, vgl. E. Thurston: Castes and Tribes of Southern India. 
1909. 52 ), sie deutet aber auch den Weg der Übertragung vom Fruchtwasser 
auf die Gewässer der Außenwelt an, wobei ihre dämonenabwehrende Kraft den 
»missing link« der ganzen Beweisführung herstellt. Vgl. über Taufgebräuche 
Pfannenschmidt: Das Weihwasser. 1870. Krohn: A finnugor nepek pogäny 
istentisztelete. (Heidnischer Kultus der finnisch-ugrischen Völker.) 1908. 183, 185. 
Mikhailovski: Shamanism in Siberia and European Russia. Journ. Anthr. 1894. 
148. W. Taurat: Die Zauberei der Basotho. 1910. 12. L. R. Farnell: The 
Evolution of Religion. 1905. 56, 57, 88, 162. W.E.Roth: Marriage Ceremonies 
and Infant Life. (North Queensland Ethnography Bulletin. 10.) 1908. 14. K. L. 
Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 52. R. Parkinson: Dreißig Jahre in der 
Südsee. 1907. 70, 71, 437, 442, 530. H. Zahn: Die Jabim. 294. St. Lehner: 
Bukaua. 400. (R. Neuhauss: Deutsch Neu-Guinea. 1911. III.) D. G Brinton: 
Myths of the New World. 1908. 144-151. A. v. Gennep: Les Rites de 
Passage. 1909. 88-90. Nassau; Fetichism in West-Africa. 1904. 212, 213. 
Ploss-Renz: Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. 1911. I. 294-323, 






magisdhc Fähigkeit umgewandelt und auf die Toten projiziert 1 . 
Wer in der Weihnachtsnacht, vor der Mitternachtsstunde einen am 
St. Nikolaustage »unbeschrien« gekauften Spiegel vergräbt, wird 
nach einem Jahre einen »Bergspiegel« erlangen, der alle Schätze der 
Erde zeigt 2 . Um die Spitzbuben sehen zu können, kaufen die 
Wenden einen Spiegel, ohne etwas abzuhandeln, und graben ihn 
unter einen Galgen, wo schon Menschen erhängt wurden, neun 
Nächte lang ein, und zwar jede Nacht an einer verschiedenen Stelle. 
Die letzte Nacht, wenn man den Spiegel abholen will, kommt der 
Teufel <cert> und hält ein Buch hin, in dem muß man sich unter* 
schreiben 8 . In Deslawen kauft man, ohne zu handeln, einen Spiegel 
und sowie jemand im Dorfe stirbt, legt man den Spiegel mit nach 
abwärts gekehrter Spiegelplatte auf sein Grab. Nach einem Monate 
hebt man ihn aus und der Zauberspiegel zeigt jetzt jeden Diebs« 
anschlag oder feindliche Absicht. Den Toten, in dessen Grab der 
Spiegel war, muß man anrufen: »Josef, ich bitt dich, zeig mir den, 
der das oder das gestohlen hat.« Darauf erblickt man im Spiegel 
die Gestalt des Diebes 4 . In Baden vergräbt man einen an den vier 
Eden mit dem Kreuzzeichen versehenen Spiegel in Gegenwart 
zweier Zeugen, ohne dabei ein Wort zu reden, in mondheller 
Nacht auf dem Kreuzwege. Wenn man ihn solange dort läßt, bis 
drei Leichen darüber fahren, wird daraus ein Bergspiegel 5 . In 
Vohenstrauß öffnet man um Mitternacht das Grab des Selbst* 
mörders 6 und legt den Spiegel auf dessen Antlitz. Man muß ihn 
drei Tage und drei Nächte hindurch, dort liegen lassen und dann 
in einer einsamen Waldquelle abwaschen. Man bekommt dann einen 
»Erdspiegel«, aus welchem man alles sehen kann, was man nur 
will. Ein solcher Spiegel zeigt die verborgenen Schätze, die Erz= 
lager, die Quellen, das gestohlene Gut und den Aufenthaltsort der 
Seelen in der Unterwelt 7 . Außer den Selbstmördern sind die im 
Wochenbett verstorbenen Frauen geeignet, den Spiegel in einen 
magischen zu verwandeln 8 . Beim Thema des Schatzsuchens habe 
ich bereits die Möglichkeit der symbolischen Übertragung von der 
Mutter auf die Mutter Erde angedeutet. Wir können jetzt bereits 

1 Dazu kommt noch das Motiv der infantilen Furcht vor dem allsehenden 
Auge des Vaters. Vgl. 7. und 8. Kapitel unten. 

8 Birlinger: Volkstümliches aus Schwaben. 1861. I. 337. 

ä W. v. Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882. 87, 88. 

4 A lohn: Sitte etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 276, 277. 

■> E. H. Meyer: Badisches Volksleben. 1900. 563, 564. 

Vgl. über den im Augenblick des Selbstmordes erscheinenden Doppel» 
ganger. O. Rank: Der Doppelgänger. Imago. 1913. 99, 108, 117. Vgl. auch 
Seefried = Gulgowski: Von einem unbekannten Volke in Deutschland. 1911. 190. 

■ Schönwerth: Aus der Oberpfalz. 1859. III. 218. 

8 Vgl. dieRolle der schwangerenFrau bei der Spiegelschau. Kiesewetter: 
Faust in der Geschiente und Tradition. 1893. 466. »Adhibebatur puer impollutus 
aut mulier praegnans.« P. G. Schott: Magia universalis naturae et artis. 1677. 
IV. Lib. VI. III. 533, ferner bei den Spiegel schauverboten, hinsichtlich der Frauen 
im Kindbett,- ebenda. Siehe die Erklärung, ebenda und im Kapitel Reinkarnation. 



104 Dr. Geza Röheim 



mit größerer Bestimmtheit darauf hinweisen, daß man mit Hilfe des 
von der verstorbenen Mutter erlangten Spiegels in den 
bchoß der Mutter Erde hineinschauen kann 1 . Im 72. Kapitel 
des »Hollenzwanges« wendet man sich bei der Spiegelschau an Sancta 
Helena-, Hinter dem Rüdten eines keuschen Knaben kniet der 
Beschwörer und bittet die Heilige, daß sie »durch die Liebe, die 
du zu deinem Sohne Constantinum gehabt hast usw., im Kristall 
die gesuchte Vision offenbare« 3 . Dann erscheint im Kristall ein 
Üngel der die Fragen des Knaben beantwortet. Das alles soll 
geschehen »in ortu Solis, cum iam Sol emerserit et aer fuerit 
serenus et ciaras« 4 . Es ist klar, daß in den folgenden Riten 
die im Kindbett verstorbenen Frauen gleidisam den Prototypus 
des Weibes die Mutter « darstellen. In Thüringen kauft man, 
ohne zu feilschen, einen durch ein kleines Deckblatt verschließbaren 
Spiegel und wartet, bis sich eine im Kindbett verstorbene Frau 
findet, die am Charfreitag begraben wurde. Wer den magischen 
Spiegel erlangen will, geht bloß mit einem Mantel bekleidet um 
elf Uhr m den Friedhof. Bei der Friedhofsmauer wirft er den 
Mantel ab und springt ganz splitternackt über die Mauer. Im 
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes steckt 
er den Spiegel mit nach abwärts gekehrtem Spiegelblatt in das Grab 
und das (jesicht dem Spiegel zugewendet, geht er rücklings schrei= 
tend zurück Er muß dies drei Nächte hindurch wiederholen, in der 
dritten Nacht entsteht ein Gewitter. Jetzt nimmt er bereits »in 
üreitcuielsnamen« den Spiegel heraus und geht, das Spiegelblatt an 
seinen Leib pressend, rücklings schreitend damit fort. Mittlerweile 
quält der Teufel den Menschen ab, doch dafür besitzt er jetzt schon 
den Zauberspiegel, der den Dieb, die verborgenen Sdiätze zeigt und 
die Hexe erkennt usw. 6 . In Neukirchen legt man sich mit dem 
Kucken auf das Grab einer Wöchnerin, unter sich einen Spiegel 
Die brau k ann den Spiegel nicht ertragen und stößt ihn heraus,- 

• ,' Yf'' d !f £ rkIä ™ n & die Wünsch zur ersten Silbe des Wortes Erd- 
R WvÄ Un F- U nü das Spk|*>rakel im Heiligtum der Erdmutter Demeter. 
1904 156 i : ™F denW A aId A t Zal, K erSpi ! f gd ' Hessisdle BIätter för Volkskunde. 
1908! 99 F : Die A P° ,0 S ie <ks Apuleus von Madaura. 

der ^J^%t 8 mlm E 505 UC ' tX1S: ^ ****« *" "^"^ h 
I g. Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 466, 467 
Hier. Uardanus: De rerum varietate. 1556. 1088, 1089. Lib. XVI.' 
cap. yj. 

f f • \X g i ' hre RoII , e in der mexikanischen Mythologie. W. Lehmann- Die 
fünf im Kindbett gestorbenen Frauen des Westens und die fünf Götter des Südens 
in der mexikanischen Mythologie. Zeitschrift für Ethnologie. 1905 848 
Ritus 8% U 9 F I \245 246 Weinhold- Zur Entwicklung des Heidnischen 
Kitus löW). 9. EL. Wucke: Sagen, von der mittleren Werra. 1864. II 29 
pl^Ä symbolisiert die Regression, und zwar in diesem Falle die 
Regression in der Ricritung des Narzißmus und der auf den Teufel projizierten 



Spiegelzauber 106 



so wird daraus ein »Erdspiegel«. Jeder glänzend polierte Gegen= 
stand kann für diesen Zweck benützt werden 1 . Die auf die An* 
fertigung des »Erdspiegels« bezügliche Anleitung des »Höllenzwanges« 
weicht von dem bisherigen insofern ab, daß der die Zauberkraft 
erteilende Verstorbene hier ein Mann ist, Kapitel LXVII handelt, 
»wie man einen Erdspiegel macht, alles in der Erde verborgene 
Gut darinnen zu sehen« 2 . An einem Freitag muß man, ohne zu 
feilschen 3 , einen neuen Spiegel kaufen. Man muß ihn im eigenen 
Namen 4 im Friedhof auf das Antlitz eines verstorbenen Marines 
eingraben und acht Freitage lang dort lassen. Am neunten Freitag 
nehme ihn heraus, geh damit an einen Kreuzweg und lege ihn »in 
dreyer Geister Namen« in die genaue Mitte des Kreuzweges. Jetzt 

1 Schönwert: Aus der Oberpfaiz. 1859. III. 218. 

a Die Schätze gehören natürlich den Seelen der Unterwelt, deshalb bedarf 
es für den Spiegel der Kraft einer Seele. Vgl. A. Bän: A kincskereses a nephhv 
ben <Das Schatzsuchen im Volksglauben.) Ethn. 1915. 28. 

9 Eine Erklärung für diese außerordentlich verbreitete Regel wird ebenfalls 
gegeben, »damit dir ihn kein Geist tadeln kann«. Kiesewetter: 463. Wer 
handelt, bewertet den Gegenstand, den er kaufen will, geringer, d. h. er setzt dessen 
Wert auch objektiv herab Vgl. J. A. E. Köhler: Volksbrauch, Aberglauben etc. 
im Voigtlande. 1867. 364. R. Reichhardt: Die deutschen Feste in Sitte und 
Brauch. 1911. 55. Benköczy: Egervideki babonäk. (Aberglauben aus Eger.) 
Ethn. 1907. 101. Die Geister, die den gekauften Spiegel tadeln könnten, sind auch 
hier, wie stets, die eiizierten Komplexe des Käufers, für die also die Größe des 
gebrachten Opfers den subjektiven <d. h. also auch magischen) Wert des Gegen= 
Standes bestimmt. 

4 Besser als mit den »im eigenen Namen« durchgeführten Ritus kann man 
die seelische Attitüde des Narzißmus kaum charakterisieren. In diesem Falle ist 
der Ritus eher progressiv oder stagnierend, denn der Spiegel wird »im eigenen 
Namen« vergraben und dann »in dreyer Geister Namen« am Kreuzweg hingelegt. 
Infolgedessen entfällt das Motiv des Rüdrwärtsgehens. Außer der Regression kann 
das Rückwärtsgehen auch das Rückgängigmachen des Geschehenen bedeuten, z. B. : 
Man »kn'egt das Messen«, wenn man nur in einem Schuh läuft, man kann jedoch 
dadurch vorbeugen, daß man den nämlichen Weg wieder zurückläuft. P. Drechsler: 
Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. II. 1996. 312. Vgl. D. s. : Mitteilungen 
der Gesellschaften für schlesische Volkskunde. VII. 45. Die Regression ist ja 
auch ein Rückgängigmachen des intrapsychisch Geschehenen. Das Rückwärtsgehen 
wird als Zurückgehen in den Mutterleib gedeutet von M. Jellinek: A sarü 
eredete. (Ursprung des Schuhes.) 1917. Vgl. Silberer: Probleme der Mystik und 
ihrer Symbolik. 1914. 175. Wenn ein Kindermädchen mit dem Kinde auf 
dem Arm rückwärts geht, bevor dasselbe laufen kann, so lernt das Kind 
schwer gehen. Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische 
Gebräuche. 1880. 447. Das bulgarische Kind darf beim ersten Ausgang 
aus dem Hause nicht rückwärts hinausschreiten. Strausz: Die Bulgaren. 
1898. 298. Kinder, die rückwärtsgehen, graben zwar nicht sich selbst, 
sondern den Eltern das Grab. Drechsler: Sitte, Brauch. I 216. Wuttke: 1. c. 
394 als Analogiezauber zu deuten ist/ dadurch sollen die Eltern auch rückwärts* 
gehen, d h. sterben. Vgl. noch: »Wenn ein Anfall von Fallsucht auftritt, so 
dreht man den Spiegel um (Wuttke: 334). Man will hier den Doppelgänger, der 
sich gewissermaßen »verkehrt« und dadurch den epileptischen Anfall hervorgerufen 
hat, durch abermaliges Umkehren in die alten Bahnen bringen«. Negelein: Bild, 
Spiegel und Schatten im Volksglauben. Archiv für Religionswissenschaft. V. 29. 
D. h., wenn wir die Rolle der Regression im Krankheitsbild der Epilepsie 
berücksichtigen, so bedeutet das Wenden des Spiegels den Versuch, die Richtung 
der Libidoströmung wieder ins Progressive zu wenden. 



106 Dr. Geza Roheim 



muß man sich die Hilfe Ariels und Marbuels verschaffen, die die 
Tiefen der Erde auftun und die schatzhütenden »Stammgeister« 
vertreiben. Schließlich bleibt der Spiegel noch weitere neun Freitage 
hindurch im Grabe, dann muß man ihn herausnehmen und ohne 
hineinzuschauen folgendes sagen: Bannung. »Ich N. banne dich 
Geist Ariel, dich Geist Aciel, dich Geist Marbuel, in meinen 
Spiegel durch Rore + ipse -f- Loisant -f- et Dortam + Bolaimy + 
Acom -f- Coelum + Quiavitit + Sammas + Restacia -f o Adonay -f- 
o Jehova + prasa Deus.« Und so fort in einer unendlichen Litanei,- 
die eingangs genannten drei Geister <»drey Fürsten«) bittet man, 
im Spiegel zu bleiben und die Welt der verborgenen Schätze zu 
offenbaren. Aber Mephisto hat an all dem noch nicht genug, denn 
wenn die drei Geisterkönige bereits glücklich in den Spiegel gebannt 
sind, fordert er, »daß du ihn <nämfich den Spiegel) auf einen Altar 
bringst, daß die Geister, von einer ordinierten Person konsekriert 
werden, damit sie dir die Wahrheit anzeigen«. Drei Sonntage bleibe 
der Spiegel auf dem Altare, aber man muß acht haben, daß in- 
zwischen keine »Leichen=Konsekration« darauf stattfinde, denn 
sonst ist die ganze Mühe vergeblich gewesen 1 . Eine Handschrift 
aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts zeigt den seltenen 
Fall, daß man den Ausgangspunkt eines Teils des Ritus im Volks- 
märchen suchen muß. Die Anleitung besagt, »sich unsichtbar zu 
machen, auch Fortunatusbeutel und einen glücklichen Spiegel zu 
bekommen«. Kaufe am Charfreitag, ohne zu handeln, drei schwarze 
Hennen, koche sie, ohne dabei ein Wort zu reden, an einem ver= 
borgenen Orte gar und trage sie nach Sonnenuntergang »unuer= 
meldt« dorthin, wo sich der Weg spaltet, grabe drei Löcher und 
in jedes stecke ein gekochtes Huhn. Am Morgen, wenn du zurück- 
kommst, findest du im ersten Loch einen Ring, wenn du diesen an 
deinem Finger oder Halse umdrehst, bist du unsichtbar, solange, 
bis den Ring nicht Wasser trifft. Im zweiten Loch findest du 
einen ■ Gulden, so oft du diesen auch ausgibst, wird daneben 
immer ein anderer sein. Im dritten Loch findest du einen Spiegel, 
in welchem du alles, was du willst, siehst, aber du mußt zuerst 
einen Hund oder eine Katze hineinschauen lassen 8 . Abgesehen 
von den aus dem Fortunatusmärchen hiehergelangten Zügen weisen 
die nächtlich e Stunde, die Gruben, der sich spaltende Weg 3 und 

1 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 463, 464. 

2 C. Bartsch: Zauber und Segen. Zeitschrift für deutsche Mythologie. III. 330. 

3 Yin über Kreuz " und Scheidewege. Röscher: Hekate. Ausf. Lexikon. 
I'ri! t JJl '. 1894 ' Gru PP e: Griechische Mythologie und Religionsgeschichte. 
1906. I. 761. II. 1291. F. Boll: Griechische Gespenster. Archiv für Religions- 
wissenschaft. XII. 149-151 <Lekanomantie auf dem Kreuzwege). R. C. Thomp- 
son: Semitic Magic. 1908. 177, 201. Otdenberg: Die Religion des Veda. 1894. 
267, 268, 442, 495, 497, 510, 562. (Auf dem Kreuzwege errichtet man dem König 
einen Grabhügel.) W. Crooke: The Populär Religion and Folk-Lore of Northern 
India. 1896. I. 78, 165. A. Maury: La Magie et lAstrologie. 1864. 176, 177. 
F. S. Krauss: Slawische Volksforschungen. 1908. 38. Drechsler: Sitte, Brauch etc. 
und Volksglaube in Schlesien, 1903. I. 1906. II. Laut Index. Wuttke; Volks- 






Spiegelzauber '"' 



das Opfer schwarzer Hühner 1 auch hier auf den chronischen Vor* 
Stellungskreis. 

Bevor wir die Märchenvarianten des Seherspiegels berücksichtigen, EUm |g|fW soB ' 
wollen wir der materielUethnographisehen Seite der Frage, dem so= historisches. 
genannten Formkriterium 2 einen kurzen Exkurs widmen. In Österreich 
finden wir den dreieckigen Walpurgisspiegel 3 . In Thüringen den viereckigen 
Zauberspiegel 4 . In Lechrain den »Bergspiegel«, ein mit Weihwasser 
gefülltes »Llringlas« und den Erdspiegei, eine runde Metallscheibe 5 , 

aberglaube. 89 und laut Index. Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der 
Magyaren. 1893. 166. P. Sebillot: Le Folk-Lore de France. I. 80, 206-208, 
210, 288. III. 36, 86, 123, 135, 240, 487. A le Braz: La Legende de la Mort 
diez les Bretons Armoricains. 1902. I. 56, 172. {Vernichtungszauber an drei Kreuz- 
wegen. II. 314, 390, 396.) J. H. Weeks: Notes on Some Customs of the Lower 
Congo People. Folk=Lore. XIX. 423 (Zwillinge, durch den Blitz erschlagene 
Menschen und Selbstmörder bestattet man am Kreuzwege. Vgl. die oben zitierten 
griechischen Quellen und E. Rohde: Psyche. 1907. I. 320, II. 83, 410). B. Gutt- 
mann: Die Opferstätten der Wadschagga. A. R. W. XII. 98 <Opfer der herum= 
irrenden Seelen). Abi ose: Some West^African Customs. Folk=Lore. XVIII. 
1907. 871 (Das krähende Huhn tötet man und verzehrt es auf dem Kreuzwege). 
J. H. Weeks: The Congo Medicine Man. Folk-Lore. 1910. 454. E. M. Leather: 
The FoIk«Lore of Herefordshire. 1912. 83, 122, 123. W. Crooke: King Midas 
and his Ass's Ears. FonVLore 1911. 185. E. Westermarck: The Origin and 
the Development of the Moral Ideas. 1908 II. 256 (Begräbnis). Lippert: Die 
Religion der europäischen Kulturvölker. 1881. 310. Der Kreuzweg ist die auto* 
symbolische Projektion der seelischen Spaltung, der einander kreuzenden Impulse, 
welche die sich an die Bewohner der Unterwelt wendende gerährliche Zeremonie, 
d. h. die Introversion, begleiten. Dieselbe Erklärung gibt Silberer: Probleme der 
Mystik und ihrer Symbolik. 1914. 171 über Scheidewege im Märchen. 

1 Vgi.I. Scheftelowitz: Das stellvertretende Huhnopfer. 1914. F Dörfler: 
Kakas, tyuk es tojas a magyar nephitben. (Hahn, Huhn und Ei im ungarischen 
Volksglauben.) Ethn. VI. 205. Blau: Huhn und Ei im Glauben des Volkes im 
oberen Angeltale. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 1902 Fehrle: Der Hahn 
im Aberglauben. Hessische Blätter für Volkskunde. XVI. 65. Wasiljew: Über* 
sieht über die heidnischen Gebräuche, Aberglauben und Religion der Wotjaken. 
Mem de la Soc. Finno-Ougrienne. XVIII. 1902. 108. A. Strausz: Bolgar nephit. 
(Bulgarischer Volksglaube.) 1897. 340. G. Moldovän: A magyarorszägi romä= 
nok. (Die ungarländischen Rumänen.) 1913. 491. Wlislocki: Volksglaube und 
religiöser Brauch der Magyaren. 1893. 166. Marienescu: Az äldozatok. (Die 
Opfer.) Ethn. II. 56. Vgl, auch oben über Huhnopfer und Schatzgräberei. 

1 Dem Formkriterium wird im Lager der »Kulturkreisler« eine außerordent* 
lieh übertriebene Bedeutung zugeschrieben. Vgl. Gräbner: Die Methode der 
Ethnologie. 1911. Dr. Meszäros, geht in seiner öfter zitierten Abhandlung (Der 
ungarische Rundspiegel. Neprajzi Ertesitö. 1914, 1915.) von der Annahme aus, 
der runde, grifflose Spiegel sei ausschließlich dem Kulturkreis der Völkerwanderung 
eigen und somit seien auch die westungarischen Formen auf China zurüdezuführen. 

3 Th. Vernaleken: Alpensagen. 1885. 109-112. 

4 Wuttke: Volksaberglaube. 245. 

5 Leoprechting: Aus dem Lechrain. 1855. 93, 94. Zum Uringlas mit Weih= 
wasser, vgl. Scot: Discoverie of Witchcraft. 1651. 188. Bourke«Krauss*Jhm: 
Der Unrat in Sitte, Brauch etc. der Völker. Beiwerke zum Studium der Anthro» 
pophyteia. VI- 1913. 222. Eine besondere Determinante für das »Uringlas« bildet 
natürlich die magische, beziehungsweise vom Standpunkte der infantilen Sexualität, die 
affektive Bedeutung des Urins. Die Mongolen haften, um zu dem als Arznei hoch» 
geschätzten Schildkrötenurin gelangen zu können, dem Tiere einen Spiegel vor, worauf 
dieses beim Anblick seines Ebenbildes ihnen das Gewünschte abgibt. Seligmann: 
Der böse Blick. 1910. I. 182, nach Kirilow: Bote für Sozialhygiene. 1892. 103. 



108 



Dr. Geza Roheim 



also eben jener Typus, der nach Dr. Meszäros auf den chinesi» 
sehen Ursprung hindeutet. Ebenso wie Europa nicht aus= 
schließlich die Heimat der viereckigen oder mit einem Griff ver= 
sehenen runden Typen bildet, finden wir auch im nahen Orient 
nebeneinander die runden und eckigen, gestielten und grifflosen 
Formen 1 . Im fernen Westen, in Wales finden wir ebenfalls den 
Rundspiegel 2 . Von allen diesen aber wissen wir nicht sicher, ob sie 
nicht zu dem gestielten, runden Typus gehört haben,- die Grifflosig- 
keit ist aber ganz sicher bei dem odenwalder Zauberspiegel. Dieses 
Exemplar wurde in Breitenbrunn aufbewahrt, es diente zum Sehen 
in die Zukunft, sowie auch zum Schatzsuchen. Nur ein am weißen 
Sonntag 3 geborner Mensch kann ihn benützen und auch dieser muß 
ihn anfangs vor den Augen halten und mit dem Hut zudecken. 
Das Ganze ist ein rundes Lederfutteral im Durchmesser von 
sieben Zentimeter mit ein Zentimeter hohem Rand, dazu gehört 
ein Deckel aus Fensterglas und ein rundes Papierblatt, auf welchem 
auf das achtzehnte Jahrhundert deutende Buchstaben sichtbar sind. 
In das Lederfutteral füllt man Erde (deshalb Erdspiegel). Auf diese 
legt man das Papierblatt und darauf die Glasscheibe, auf welcher 
die gewünschte Vision erscheint. In der Mitte des Papierblattes ist 
der »Drudenfuß«, das Hexagramm sichtbar, die Buchstaben aber 
ergänzt Wünsch folgendermaßen: [Eli] as [pro] phet [a]. Das 
Hexagramm umgeben die Planeten 4 . Das Hexagramm ist in ein 
Quadrat gefaßt, in dessen vier Ecken wir die Namen der vier 
Erzengel sehen. Das Quadrat ist von zwei konzentrischen Kreisen 
umgürtet, im inneren Kreise befinden sich die Namen der vier 
Evangelisten, im äußeren Kreise ist die Schrift nur zur Hälfte les^ 
bar . . . Jehova -j- . . . Alpha et Omega". Die Formel können wir 
nach Quellen aus dem sechzehnten Jahrhundert dahin ergänzen 
»+ om -j- Elohim + Adonai -f El Zebaoth + Agla Jehova + Alpha 
+ Omega 6 . Aus Haute=Gruyere ist ein mit ähnlicher Formel ver» 
sehener Spiegel bekannt. Die ganze folgende Beschreibung stammt 

1 M. Reinaud: Monumens arabes, persans et turcs 1825. IL 393, 394. 
China wird hingegen tatsächlich durch den runden Typus charakterisiert <R. 
Wilhelm: Chinesische Spiegel. Ostasiatische Zeitschrift. IL 65—87). 

2 Trevelyan: Folk-Lore and Folk*Stories of Wales. 1909. 215, 216. 

3 Invocavit: der erste Sonntag der Fastenzeit. Der Zusammenhang 
zwischen der Gehurt am Fastensonntag und der Spiegelschau haben wir wahr» 
scheinlich in dem dem Sehen vorausgehenden Ritus des Fastens zu suchen. 
Wer »an einem goldenen Sonntage« in den »Erdspiegel« schaut, soll unter einem 
gewissen Zeichen in der zwölften Stunde geboren sein. Leoprechting: Aus 
dem Lechrain. 1855. 93. Haberland: 1. c. 338. 

* Vgl. den nach astrologischen Prinzipien verfertigten Zauberspiegel des 
Pico di Mirandola. S. Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 31. M. Reinaud; 
Monumens arabes, persans et turcs. 1828. II. 404 — 417. Miroir astrologique. 

5 R. Wünsch: Ein Odenwalder Zauberspiegel. Hessische Blätter für 
Volkskunde. 1904. 155. 

6 W. Mannhardt: Zauberglaube und Geheimnisse im Spiegel der Jahr= 
hunderte. 1909. 165. Die Ergänzung ist nach Wünsch, obschon in der Quelle 
die Formel sich nicht auf einen Spiegel, sondern auf einen magischen Kreis bezieht. 
Vgl. zum Ganzen Zt. d. V. f. Vk. 1913. 223. 



Spiegelzauber 109 



aus dem französischen »Grand Grimoire«. Sie hat den Titel »Secret 
magique, rare et surprenant, Maniere de faire le miroir de Sala» 
mon 1 propre a toute divination«. Solange als der Spiegel verfertigt 
wird, darf man keine »action charnelle« begehen weder in der Tat, 
noch in Gedanken. Wir finden hier also wieder den oben behan= 
delten Zusammenhang zwischen Narzißmus, Spiegelschau und 
Keuschheit. Doch neben der individualpsychologischen Erklärung 
erscheint dies natürlich auch als Ausfluß der christlich=mittelalterlichen 
Weltanschauung, wie dies die folgende Regel zeigt, die viele mild= 
tätige, fromme Handlungen vorschreibt. »Dann nimmt man eine 
glänzend geschliffene, ein wenig konkave Stahlplatte und schreibt 
mit dem Blute einer weißen Taube 2 in die vier Ecken die Namen 
Jehova, Elohim, Mebiaton <sic>, Adonai und wickelt sie in reine, 
weiße Leinwand. Wenn man den Neumond sieht 3 , geht man in 
der ersten Stunde nach Sonnenuntergang zum Fenster und sagt 
andächtig: »O Eternel, O Röi eternel, Dieu ineffable qui avez cree 
toutes choses, par amour et par un jugement occulte, pour la sante 
de l'homme, regardez^moi, N. votre serviteur tres indigne et mon 
intention et daignez m'envoyer fange Anael sur ce miroir qu'il 

1 Der berühmte magische Ring des^ Königs Salamon (Salzberger: Die 
Salamonssage in der semitischen Literatur. 1907. Kap. II.) scheint sich im euro* 
päisdien Folk-Lore in den Spiegel Salamons verwandelt zu haben. So in zwei 
russischen Salomosagen bei Dr. Meszäros: A magyar kerefc tükör. (Der unga» 
rische Rundspiegel.) Ertesitö, 1914. 238, Ferner: »Oglinde lu Solomonu Imperatu«. 
Saineanu: Basmele Romane. 1895. 771. Auch auf dem Odenwalder Spiegel 
befindet sich das Sigillum Salamonis. Der Spiegel gleitet in den Typus des Fortu- 
natusmärchen hinüber und erscheint dort als Wunschgegenstand neben dem Ring. 
<A. Aarne: Vergleichende Märchenforschungen. Mem. Soc. F. Un. XXV. 1908. 
34.) Der alles zeigende Spiegel und der unsichtbar=machende Ring <0. Rank: Die 
Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 438 ) sind komplementäre Symbole, 
denn der mit Hilfe des Ringes unsicbtbar gewordene Mensch befriedigt die eigene 
Schaulust: Gyges belauscht die nackte Königin. 1. c. Der Spiegelschau analog ist 
das Schauen durch den Ring oder durch eine Spalte. <H. Bert seh: Weltanschauung, 
Volkssage und Volksbrauch. 1910. 138, 139.) Vgl. Feilberg: Der böse Blick in 
nordischer Überlieferung. Zt. d. V. f. Vk. 1901. 429. Den Spiegel Salamonis erwähnt 
noch Reichardt: Vermischte Beiträge zur Beförderung einer näheren Einsicht in 
das gesamte Geisterreich. 1781. I. 518, zitiert bei Kiesewetter: Faust. 334. 

2 Mit dem Taubenblute vertreibt man die Warzen und sonstigen Aus- 
schläge, es ist also offenbar das Symbol der auch anderwärts betonten Reinheit. 
Vgl. Wuttke: 1. c. 343, 119. Die Taube ist im allgemeinen Symbol des 
Heiligen Geistes und als solcher Gegner des Teufels. (Vgl. übrigens E. Jones: 
Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. Jahrbuch der Psychoanalyse! 
1914. VI. 187, 188 > Intrapsydiisch aufgefaßt entspricht ihre Rolle der Sublimierung, 
besonders der teuflischen, der schwarzen (analerotischen) Wünsche. Vgl. den 
Kampf der Taube und des Raben um die Seele (Autosymbolisch), E. M. Leather- 
The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 166. Strackerjan: Aberglauben und 
Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 1909. I. 320. Ipolyi: Magyar Mythologia 
(Ungarische Mythologie.) 1854. 359. Die Hexen vermögen die Gestalt eines jeden 
Tieres anzunehmen, nur nicht die der Taube. Drechsler: Sitte, Brauch usw. II. 
123. Strackerjan: Aberglaube etc. aus Oldenburg. 1909. I. 403. H. v. Wlis« 
locki: Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner. 1886. 105. R Kühnau' 
Schlesische Sagen. 1911. II. 559, III. 1913. 226. 

3 Vgl. den Zauberkreis am Neumondfreitag. Kiesewetter: Faust. 1893. 447. 



mande, commande et ordonne ä scs compagnons et ä vos sujets 
que vous avez faits 6 Tout-puissant, qui avez ete, qui etes et qui 
serez eternellement qu'en votre nom ils jugent et agissent dans 
la droiture pour m'instruire et me montrer ce que je leur deman- 
drai«. Man nimmt entsprechend wohlriechende glühende Kohle und 
spricht ■ unter Erwähnung der Cherubim und Seraphim ein neues 
Gebet, in welchem man Anael in einer der vorigen ähnlichen Weise 
anruft. Das muß man achtundvierzig Tage hindurch wiederholen. 
Nach Ablauf der achtundvierzig Tage, manchmal auch schon 
früher, erscheint Anael in Gestalt eines herrlichen Knaben 1 und be- 
fiehlt seinen Genossen, dem Eigentümer des Spiegels Gehorsam zu 
leisten. Vor dem Gebrauch muß man den Spiegel stets mit Safran 
duftig machen und mittels der Zauberformel Anael zitieren 2 . Dem 
französischen Verfahren entspricht vollkommen das des »Höllen- 
zwangs« 3 , das seinerseits wieder dem ungarischen Stahlspiegel zum 
Muster diente. Der Titel des Kapitels lautet: »Ein Experiment 
von einem stählernen Spiegel seu Divinatio Specularis.« Fertige 
einen Stahlspiegel an, das heißt, nimm ein rundes Blechstück als 
Spiegel und laß es schleifen bis es völlig glänzend wird. Dann nimm 
einen anderen Stahlspiegel, einen ebenso großen, doch dieser soll 
nicht glänzend sein und lege ihn auf die andere Seite, ohne hinein- 
zuschauen. Es bedarf auch eines Stück Holzes oder, wenn dieses 
nicht vorhanden ist, eines Papiers, über welches der Geistliche das 
Evangelium Johanni lesen muß, aber der Geistliche muß sich vor- 
her drei Tage des "Weibes enthalten haben, auch soll das Papier- 
blatt mit Weihrauch beräuchert, mit Weihwasser besprengt worden 
sein. Aus dem Papier schneide ein rundes Blatt heraus, genau so 
groß, daß es dem Spiegel entspricht,- auf dieses aber schreibe in 
den ersten Kreis Alpha et Omega, Adonay, in den zweiten 
Tetragrammaton, Sabaoth, Emanuel, in den dritten »Verbum caro 
factum est«. »Der schwarze Circul oder Umkreis aber soll haben 
eben diese Namen in einem Umkreisse durch das Widerspiel.« Der 
Geistliche liest drei Messen über dem Spiegel, dann das Evangelium 
Johanni und, wenn er zu den Worten kommt »Verbum caro fac- 
tum est«, macht er über den Spiegel das Kreuzzeichen und sagt 

1 Der in Gestalt eines herrlichen Kindes erscheinende Engel dürfte ein 
idealisiertes Eiect der infantilen Persönlichkeit des Spiegels&auers sein. Vgl- den 
»kleinen Mann« der Nürnberger Sage, der aber nur dem keuschen Knaben er- 
scheint. E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. II. 15. »He who owns 
a crystal can call one of the Little People to him at any time and make him do 
his bidding.« Mooney: Myths of the Cherokee. <XIX. Report.) 1900. 460. Laut 
der Sage war einer dieser Zwerggeister einst ein Knabe, der in den Wald entlief 
und nun, um seine neckischen Spiele ausführen zu können, immer unsichtbar bleiben 
will. Ebenda: 334, 335. Das Neckische im Wesen der Puck's et Consortes deutet 
auf ihren Ursprung aus dem Infantilen. 

2 T. Lambelet: Les croyances populaires au Pays«d'-Enhant. S&weize- 
risdies Archiv für Volkskunde. 1908. XII. 123. 

8 Der »Grimoir ist offenbar der direkte Vorläufer des Höllenzwangs« 
Kiesewetter: Faust. 345. 



Spiegelzauber 



111 



die »Beschwörung« her. Ein anderer, als der Eigentümer, darf nicht 
in den Spiegel schauen, denn der Spiegel würde dadurch befleckt 
werden 1 . Aber auch der Eigentümer des Spiegels kann das Ge= 
wünschte im Spiegel nur dann sehen, wenn er in reiner Kleidung 
und in unbeflecktem Zustande hineinschaut 2 . Schon die in den ver= 
schiedenen Varianten figurierenden Namen <die vier Erzengel 3 usw.) 
deuten gleichfalls auf eine einheitliche Quelle. Bei einer Geisterbe- 
schwörung in Wales besprengt der Beschwörer Teppich, Tisch und 
Kristall mit dem eigenen Blute und zitiert den Geist, den er hier 
Phanael <vgl. Anael) nennt, »by the power of the holy names 
Aglaen, Eloi, Sabbathon, Anepituraton, Jah . . ., Immanuel . . ., 
Sadai . . . 4 in den »fleckenlosen« Kristall 6 . Die gesamte Überliefe- 
rung weist nach Osten hin,- nicht die primitive, allgemein^menschliche 
Zauberei, sondern die gelehrte Magie des hellenistischen Zeitalters 
gibt die gemeinsame Urquelle ab. Auch arabische Handschriften 
wissen von auf den Spiegel geschriebenen Koranworten, durch die 
der in den Spiegel schauende Kranke gesund wird,- man macht den 
Spiegel duftig <vgl, ante, über den Safran), beschwört die Engel 
und Erzengel, an den Rand des Spiegels schreibt man den Namen 
der vier Erzengel <Gabriel, Michael, Asrael und Asrafel), man 
fastet sieben Tage und schließt sich von der Außenwelt ab, worauf 
über Beschwörung der Engel im Spiegel erscheint, um den Wunsch 
des Beschwörers zu erfüllen 7 . Wie der deutsche Höllenzwang im 
Abhängigkeitsverhältnis steht gegenüber dem französischen Grimoire, 
so läßt sich auch der literarische Einfluß auf die ungarische münd= 
liehe Überlieferung und deren Abhängigkeit vom Deutschen voraus^ 
setzen. Die hohe Schule der Magie hat trotz ihrer aus dem Orient 
stammenden Elemente in Europa offenbar denselben Weg zurück^ 
gelegt, wie die systematische Hexenverfolgung vom Westen nach 
Osten 8 . Auch in den Stahlspiegel des ungarischen Schatzgräbers 
läßt man ein Kind schauen 9 ,- wir finden hier ebenfalls die auf den 

1 Vgl.: Der Spiegel wird fleckig, wenn eine menstruierende Frau hinein- 
schaut. Plinius: Historia Naturalis. Lib. VII. Cap. XV. 

2 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 464, 465. 
Die Betonung der Reinheit ist vielleicht eine Verdrängungsform der Analerotik. 
Vgl. weiter unten das Verwenden von Safran, um den Spiegel duftig zu machen. 

3 Vgl. ante beim Beryll Aubrey: Miscellanies und die Verbreitung der 
Erzengelnamen in den Papyri, besonders eben bei der Lekanomantie. A. Abf 
Die Apologie des Apuleius von Madaura. 1908. 257. 

* Über den Namen Jao Sabaoth in den Zauberworten. Abt: Ebenda 254 
5 J. C. Davis: Ghost=Raising in Wales. Foik-Lore. XIX. 328. 
° Aciel, Azernel, Azarel, Azael und ähnliche Namen in den mittelalterlichen 
Zauberbüchern. Kiesewetter: Ebenda. 406, 407. et pa. 

7 M. Reinaud: Monumens arabes, persans et turcs. 1828. II. 401, 402 

8 F. Hansen: Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter. 

° M. M. R. Varga: Szarvasvideki babonäk. (Aberglauben aus der Szar- 
vaser Gegend.) Ethn. 1908. 162. F. Szell: Törvenykezesi adatok alföldi babo- 
nakrol. <Gerichtsakten über Aberglauben im ungarischen Tiefland.) Ethn. 1892 
113. Dr. M6szäros: 1. c. Ertesitö. 1915. 46. 



112 Dr. Geza Roheim 



Spiegel geschriebenen Zauberworte und ähnlich wie bei den Deutschen 
das Vergraben am Kreuzweg, und das vorherige Hineinschauen- 
lassen durch einen Hund 1 . Audi jene Voraussetzung Dr. Meszäros', 
daß der griffiose Rundspiegel nur auf dem von der Völkerwande- 
rung berührten Gebieten figuriert, ist nicht stichhaltig. Auf isoliertes 
Vorkommen weist er selbst hin 2 und er würde gewiß dessen Vor- 
kommen in Wales, im Odenwald, in Ledirain gleichfalls hieher ein- 
reihen. Ich war nicht in der Lage, derzeit behufs Anstellung von 
Vergleichen die Museen Österreichs abzusuchen, aber ich habe 
Dr. Trebitsch in der Ethnographischen Abteilung des ungarischen 
Nationalmuseums die westungarischen Spiegelhölzer gezeigt und ihn 
gebeten, sich für dieses Thema in Wien weiter interessieren zu 
wollen. Seine Antwort lautete, daß das Museumsmaterial zurzeit nicht 
zugänglich sei, aber laut Professor Haberlandts mündlichen Angaben 
schreibe er, daß der griffiose Rundspiegel in den Alpenländern sehr 
häufig vorkommt. Wie also die ungarischen magischen Stahlspiegel 
und der darangeknüpfte Volksglaube sich als aus den Westen 
stammend erweist, so ist auch anzunehmen, daß auch die west- 
ungarischen Spiegelhölzer eher zu ihren heutigen westlichen Nach- 
barn, als zu den Spiegeln aus der Periode der Völkerwanderung, 
sowie zu den chinesischen in Verwandtschaft stehen. Der grifflose 
runde Typus war übrigens seinerzeit auch in Mitteleuropa vor- 
herrschend. Weinhold erwähnt neben den Spiegeln mit Griff die aus 
»grifflosen runden Kapseln« bestehenden, die man auf einer Schnur 
befestigt zu tragen pflegte 3 , und die deutschen Spiegel sind im all- 
gemeinen ursprünglich runde polierte Bronze-, Silber- oder Stahl- 
spiegel. Die letzteren standen noch im fünfzehnten Jahrhundert in 
Gebrauch 4 . Der Glasspiegel war wohl schon im dreizehnten Jahr- 
hundert gebräuchlich, aber nur in der Form kleiner runder Kapseln 5 . 
D M' Sp h iegel i ' m Zweifellos gehören die alles zeigenden Spiegel der Märchen, 

Objektivierung die gewöhnlich in der Gesellschaft anderer »Wunschobjekte« vor- 
de scha n u d iÜst! en kommen, in ein und dieselbe Kategorie mit dem Spiegel des Sehers 
und spielen gleichzeitig dem infantilen Charakter des Märchens ent- 
sprechend die Rolle der Objektivation der kindlichen Schaulust. In 
einem russischen Märchen wird ein kleines Mädchen durch die älteren 
Schwestern umgebracht, damit sie ihm den silbernen Teller, in 
welchem es herrliche, ferne Gegenden, Städte, Flüsse, Wälder, 






1 I. Wieder: Kincsäso babonäk. (Schatzgräber- Aberglauben.) Ethn. 1890.248. 

2 M. Moore: Carthage of the Phoenicians. 1905. 91. E. B. Tylor: Eariy 
History of Mankind. 1870. 255. E. Seler: Gesammelte Abhandlungen zur 
amerikanischen Sprach' und Altertumskunde. II. 850, 852. III. 412. (Meszäros: 
1. c. 1914. 19, 20.) 

3 K. Weinhold: Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. 1882. II. 338. 
1 K. Weinhold: Ebenda. II. 336. A. Schultz: Das höfische Leben zur 

Zeit der Minnesinger. 1879. I. 176. 

5 A. Schulz: 1. c. I. 176, 177. Auf der Rückseite des einen Spiegels die 
allegorische Abbildung von »vrouvce Minne«. Vgl. noch F. Hottenroth: Hand- 
buch der deutschen Tracht. 557. 



^fl 






Spiegelzauber 113 



Meere, mächtige Berge und wunderschöne Himmel sieht 1 , weg= 
nehmen können. In einem rumänischen Märchen schickt die böse 
Schwiegermutter zu den mit Sonnen- und Mondsymbolen 2 geborenen 
Kindern der Schwiegertochter die alte Hebamme, auf deren Zureden 
hin das Mädchen von seinem Bruder folgendes verlangt: 1, Vogel» 
milch. 2. Den Spiegel der Lamia 3 . 3. »Die Schöne der Welt« 4 . Zum 
selben Typus gehört ein ungarisches Märchen. Der goldhaarige 
Königssohn ist traurig. 1. Weil er den Vogel haben will, der 
Goldwasser trinkt. 2. Weil ihm der Spiegel fehlt, aus welchem 
er die ganze Welt sehen könnte. 3. Weil er das Fräulein des 
Meeres haben will. Den Spiegel bewachen zwölf Teufel, die nur 
um Mitternacht zehn Minuten schlafen. Das Zauberpferd zeigt ihm 
im Spiegel eine Steinmauer: »Dort wohnt eine sündhafte Frau, ich 
spucke sie stets an, wenn ich dieses Weges gehe.« »Spuck' nicht 
mehr hin, das ist deine eigene Mutter« 5 . In einer neugriechischen 
Variante schickt die alte Königin, um die Kinder aus der Welt zu 
schaffen, zur Tochter eine Hebamme, die dieser einredet, es fehle 
ihr zum vollen Glück noch: 1. Der Zweig, welcher Musik macht. 
Den hüten zwei Drachen, die jeden verschlingen, aber um Mitternacht 
schlafen sie mit aufgesperrten Rachen, da muß man ihnen in den 
Rachen schießen. Die Sonne und der Morgenstern bringen ihn her- 
bei. 2. Der Spiegel, in welchem man alle Dörfer, alle Städte, alle 
Länder und Prinzen sehen kann. Den hüten vierzig Drachen, die 
um Mitternacht schlafen. 3. Den Vogel Dikjeretto, welcher alle 
Sprachen der Welt versteht und wenn er in den Spiegel schaut, 
sagen kann, was auf der ganzen Welt die Menschen reden. Der 
Vogel versteinert durch seinen Blick beide Geschwister,- die Hemden, 
die sie zu Hause gelassen, färben sich schwarz. Den Vogel vermag 
nur das Mädchen selbst zu holen, die sich ihm von rückwärts 
nähert, wobei sie nackt sein muß. Sie weckt die Geschwister aus 
der Versteinerung, der Vogel erzählt dem König das Vorgefallene 6 . 

1 J. A. Macculloch: The Childhood of Fiction. 1905. 35, zitiert T I 
Naake: Slavonic Fairy Tales, 1874. 170. Zur Vision, vgl.: in Wales erscheinen 
im Kristall verschiedene Gesichte, ausgetretene Pfade <Die ausgelaufenen Bahnen! 
Die Visionen sind ja symbolische Erinnerungsbilder, deren Wiedererscheinen am 
ausgetretenen Pfade erfolgt.) mit ruhig einherwandelnden Männern, Frauen/ Flüsse, 
Brunnen, Berge und Meere. Am sonnbeschienenen Hügelabhang weidet der Hirte 
seine Herde,- sieht man unzählige Tiere, Vögel, Ungetümer. I. C Davies- 
Ghost=Raising in Wales. Folklore. XIX. 329. 

5 Vgl. Prato: Sonne, Mond und Sterne als Schönheitssymbole in Volks- 
märchen und in Liedern. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 1895.363. 1896. 24. 
_ 3 Vgl. Synodus S. Patricii et Auxentii cap. 16. Christianus, qui crediderit 
esse Lamiam in Speculo, quae interpretatur striga, usw. Ducange- Glossarium 
mediae et infimae latinitatis. VII. 1886. 549. Specularii. 

* Frumösa pämmtului. Sainenu: Basmele Romane. 1895. 411. 

5 L. Kälmäny: Ipolyi Arnold mesegyüjtemenye. <A. Ipolyis Märchen* 
Sammlung.) 1914. 318-323. 

6 I. G. v. Hahn: Griechische und albanische Märchen. 1864. II. 40—49. 
Aarne: Verzeichnis. F. F. Communications Nr. 3, Typus. 707. Bolte-Polivka- 
Anmerkungen zu den K. u. H. M. II. 1915. 380-394. Der Spiegel auch in einer 

Imago V/2 8 



114 



Dr. Geza Roheim 



Es läßt sich leicht erraten, daß der Wundervogel, der musizierende 
Zweig, der alles offenbarende Spiegel, die Schönste der Welt, alle 
dasselbe bedeuten, nämlich eben »die Schönste der Welt«. Bei ein» 
gehender Analyse ließen sich die Verzweigungen sämtlicher Motive 
verfolgen, doch mangelt es uns hiezu an Raum,- auch bedürfen wir 
ihrer nicht. Es genügt der Hinweis, daß schon die beiden Protago- 
nisten des Schauspiels, Bruder und Schwester, darauf deuten, daß 
die den Symbolismus herbeiführende Verdrängung den inzestuösen 
Wünschen der Kindheit gilt 1 und daß das In=den~Spiegel=schauen 
auch hier gewissermaßen ein reduziertes Symbol der erotischen 
Triebe darstellt. 

III. Spiegel und Herrscher. 

Das Zepter der schottischen und der ungarischen Könige wird 
durch eine Kristallkugel gekrönt, deren Gestalt an den zu magischen 
Zwecken benützten »Beryll« erinnert 2 . Zwischen den Welteroberern 
Asiens ist es Timur Lenk, der mit dem Spiegel als Brustschmuck 
abgebildet wird 3 und für das Haus der Baberiden war die auf dem 
Bruststück der Kleidung angebrachte Schmuckscheibe derart charakte= 
ristisch, daß man die königliche Familie geradezu die mit dem 
»Spiegel« nannte*. In Afrika binden die Kabinda zum Zwecke der 
Wahrsagerei Spiegel auf ihre Hausgötzen. Quenquea, der König 

türkisdien Variante <Jakob: Türkische Bibliothek. II. 22. Bolte: 389.) und in 
einem swanetischen Märchen (Ebenda. Etn. Obozr: VIII. 153.) und in einem 
serbischen (Ebenda. 384. Dvorovic: 91—94. Blume, der Spiegel der Feenkönigin, 
die Feenkönigin selbst). 

1 Im Märchen wird die Wunscherfüllung durch eine doppelte Projizierung 
bewerkstelligt. Die Tochter projiziert ihre gefährlichen Wünsche auf das einflüsternde 
alte Weib <Mutter=Imago>, der Bruder, der die Wunschgegenstände holt, auf die 
Schwester, deren Wünsche er erfüllt. Die Mutter^Imago ist in eine feindliche 
(Schwiegermutter, alte Hebamme) und in eine erotisch betonte Form (Schwester- 
Meerfräulein) gespaltet. (In der ungarischen Variante zeigt ja der Spiegel nicht den 
Prinzen oder die Schöne, sondern das Bild der Mutter.) Für die Identität der 
Schwester mit der Schönen der Welt spricht ein Parallelmotiv, demgemäß die drei 
magischen Gegenstände, unter ihnen der Spiegel von den Freiern eben der 
Schönen der Welt gebracht werden. (Vgl. Macculloch: The Childhood of Fio 
tion. 1905. 36, siehe weiter unten.) Das Mädchen wünscht ja eigentlich sich selbst 
(Meerfräulein), deshalb muß es auch selbst die Aufgabe lösen (Narzißmus). Die 
dabei geforderte Entblößung ist die naturgemäße Ergänzung der Schaulust (Spiegel). 
Drachen, Symplegaden, der versteinernde Vogel (Medusa) bezeichnen den Weg, 
auf welchem eine eingehendere Analyse fortschreiten könnte. Zu dem Spiegel des 
Sehers im Märchen, vgl. noch AfanassjevMeyer: Russische Märchen 1906. 
I. 105. R6na*Sklarek: Ungarische Volksmärchen. 1909. Neue Folge. 227. 

2 G. F. Black: Scottish Charms and Amulets. Proceed Soc. Ant. Scot. 
XXVII. 1893. 436. Ebenda. XXIV. 98, 116. Ipolyi: A magyar szent korona 
es a koronäzäsi jelvenyek. (Die heilige ungarische Krone und die Krönungs» 
insignien.) 1886. 208. Im Kristall sind Fabeltiere eingraviert, ferner ein angeblich 
»kabalistisches« Zeichen. 

3 Dr. Meszäros: A magyar kerek tükör. (Der ungarische Rundspiegel) 
Ertesitö. 1915. 35, nach T. Mann: Der Islam einst und jetzt. 93. 

4 Dr. Meszäros: Ebenda nach A. Racinet; La costume historique. 
1888. III. Unter dem Zeichen ¥ *de ' a famille de Celles dites ä miroirs«. 






Spiegelzauber 116 



von Remba/ wollte sich um keinen Preis von seinem Spiegel 

trennen, denn er glaubte, daß, wenn der Spiegel bridit, auch sein 

Lebensfaden sofort abreißt 1 . Der dritte Typus also, auf den wir 

im Zusammenhang mit dem Spiegel hinweisen können, ist nach dem 

Kinde und nach dem Seher der König. Den Ursprung des Königtums £'.? d .> Se p er I1 u ! ld 

aus der gesellschaftlidien Schichte der Zauberer hat Frazer meisterhaft rmgäeAatm- 

nachgewiesen,- in den früheren Ausführungen aber vermochten wir phLtasü^auf 

darauf hinzudeuten, daß die Fähigkeit des Sehers aus dem zähen den primitiveren 

Festhalten an dem infantilen Narzißmus und Schaulust, oder aber Königtum" 

aus dem Rückfall in diese verständlich wird. Wir dürften kaum 

irren, wenn wir dieselbe psychische Konstellation auch bei der könig* 

liehen Kategorie der Zauberer voraussetzen. Die Allmachtsphantasien 

des Kindes werden bei den Königen der Primitiven realisiert 2 und 

die Selbstanbetung des Kindes wird durch die Anbetung eines 

Volkes abgelöst 3 . Dem König bleibt auf Erden nichts anderes zum 

Anbeten, als das eigene Ich,- die augenfälligste Form dieser An* 

betung ist das selbstgefällige Betrachten des Ebenbildes im Spiegel. 

In Indien gehörte das Schauen in den Spiegel zu den gewöhnlichen, 

alltäglichen Pflichten des Königs. »Gesalbt und geschmückt beschaue 

er sein Gesicht im Spiegel.« Nachdem der Landesfürst den Göttern 

und seinen Lehrern gehuldigt, einem Brahminen eine trächtige Kuh 

geschenkt, sein Gesicht in zerlassener Butter oder in einem Spiegel 

betrachtet hat, möge er erkunden, in welchem Sternzeichen der 

Mond steht usw. 4 . Vor Beginn eines Feldzuges ist die Zeremonie 

der königlichen Spiegelschau von besonderer Wichtigkeit 5 . Das erste 

Morgengeschäft Krsnas ist, unter die Brahminen tausend Kühe zu 

verteilen, glückbringende Gegenstände zu berühren und in einen 

glänzenden Spiegel zu schauen 6 . Das Pantschatantram beschreibt die 

Königswahl der Vögel und erwähnt unter den für die Krönung 

1 W. W. Reade: Savage Africa. 1863. 542. Macculloch: The Child- 
hood ofFiction. 1905. 123. Vgl. über die spiegeltragenden Häuptlinge. Pechuel- 
Loesche: Loango-Expedition. III. 2. 1907. 366. 

2 Die Sondergötter der Könige sind die ins Übernatürliche projizierten 
Vertreter ihrer eigenen Persönlichkeit/ der Gott der Könige ist der König der 
Götter, oder der Ahnherr der Könige, der König des mythischen Zeitalters. 

3 Eine Novelle von Jan Maclaren führt den Titel: »His Majesty Baby < 
1 Zachariae: Zur indischen Witwenverbrennung. Zeitschrift des Vereins 

für Volkskunde. 1905. 81. Agnipuräna. 234. 6, 7. 

5 I. v. Negelein: Der Traumschlüssel des Jageddevva. <Rel Vers u 
Vorarb. XII. 4.) 1912. Jogayatra. 2. 23. 

6 Zachariae: Witwen Verbrennung. Ztschr. d. V. f. V. 1905. 81. Mahab» 
harata. XII. 53. 7. Unter den acht glückbringenden Gegenständen <mangala> figu- 
riert in der Regel auch der Spiegel <die andern sind z. B.: svastika, Sonnenschirm, 
Thron, gefüllter Krug, Muschel, Lampe usw.). Zachariae: Ebenda. 78. Vgl 
über dieselbe Bedeutung dieser Gegenstände (Spiegel usw.) im Traume. I. v. 
Negelein: Der Traumschlüssel des Jagaddevva <Rel. v. u. V. XI. 4). 1912! 
126 127. Auch in Tibet figuriert der Spiegel an erster Stelle unter den acht 
Glücksobjekten. L. A. Waddell: The Buddhism of Tibet. 1895. 393. In Indien 
unterzieht sich der Haupttrauernde einer Reinigungszeremonie, bei welcher er ver* 
schiedene glückbringende Gegenstände, z. B. einen Spiegel berührt. Zachariae: 
1. c. 76. In Bombay ist der Barbier sehr gnädig, wenn er gestattet, daß der 

8« 



116 



Dr. Geza Röheim 



nötigen glückbringenden Gegenständen auch den Spiegel 1 . Das 
Märchen nimmt offenbar seinen Ausgang von den indischen Ge= 
brauchen desselben Zeitalters, denn nach der Agnipurana muß der 
König bei der Krönung in den Spiegel schauen 2 . Auch bei den 
gewöhnlichen Menschen steigert das Schauen in den Spiegel das 
Selbstbewußtsein oder das Glück ebenso, wie bei den Königen. 
In Gudzerat kann man dem durch den LInglückstag verursachten 
bösen Schicksal ausweichen, wenn man in den Spiegel schaut oder 
Reis ißt 3 . Außerhalb Indiens ist der Königsspiegel am besten 
aus Ostasien belegt. In Japan werden dem Mikado gelegentlich der 
Thronbesteigung die Regalia überreicht: Der Spiegel, das Schwert 
und der Edelstein, Von diesen hält Aston den letzteren für eine 
spätere Zutat 4 . Die feierliche Überreichung ist von dem Hersagen 
der Worte Amaterasus begleitet,, die man natürlich im Sinne 
eines übernatürlichen Vorbildes für den irdischen Vorgang auffaßt: 
»Mein Kind, wenn du diesen Schatzspiegel siehst, achte das so, als 
ob du mich selbst sähest« 6 . Mit dem königlichen Spiegel ist zu ver- 
gleichen vor allem der »sonnenförmige Spiegel«, der »mitama« der 
Urmutter der Mikados, der Sonnengöttin 6 . Das mitamashiro <»Sinn= 
bild des Geistes«) oder shintai (Körper Gottes) 7 läßt sich als Eben* 
bild Gottes auffassen. Nach dem Mythos hat man diesen Spiegel 
vor die Höhle gelegt, um Amaterasu, die Urmutter der Mikados, 
welche die Welt in Finsternis gehüllt hielt, damit hervorzulocken, 
nämlich, um damit das Spiegelbild der Sonne aufzufangen. Bisher 

»Patient« einen verschämten Blick in den Spiegel werfe. K. Boeck: Durch Indien 
ins versdilossene Land Nepal. 1903. 122. Der Barbier gibt übrigens den Spiegel 
nicht gern aus der Hand, denn die Begegnung mit ihm bedeutet nur dann Gluti, 
wenn er mit seinem Spiegel versehen ist. Zachariae: Ebenda. 76. 

1 Th. Benfey: Pantschatantra. 1859. II. 224. 

2 Zachariae: 1. c. 82. Agnipurana. 218. 28. 

3 Campbell: Indian Antiquary. XXV. 78. Zitiert bei Zachariae: 1. c. 
78. Das »Glück« ist wahrscheinlich nichts anderes als die Objektivierung des ge= 
steigerten Selbstbewußtseins. 

* W. G. Aston: Shinto. 1905. 135. Die maga«tana, nämlich eine Kristall- 
kugel, ist das Ebenbild der Seele des Weibes, das Schwert das der Seele des 
Mannes, und der Spiegel das Symbol der Seele der Sonnengöttin. G. Bonsquet: 
Le Japon de nos jours 1877. Zitiert bei Wlislocki: Vom wandernden Zigeuner- 
volke. 1890. 220. D. Brauns: Japanische Märchen und Sagen. 1885. 134. Die 
Kristallkugel und der Rundspiegel sind nahverwandte Varianten. 

5 K. Florenz: Japanische Mythologie 1901. 199, 200. In alten Zeiten 
soll der Kaiser den Spiegel ins Haar gesteckt haben,- wahrscheinlich als Amulett. 
Die mexikanischen Götter Tezcatlipoca und Huitzilopochtli tragen runde Spiegel 
an der Schläfe. E. Seier: Gesammelte Abhandlungen zur amerikanischen Sprach* 
und Altertumskunde. 1908. III. 280—282 und bei den Lenguas dienen die Ohr- 
gehänge der Medizinmänner als Spiegel. W. Barbrooke = Grubb: An Unknown 
People in an Unknown Land. 1911. 149. Nach einer anderen Variante: »Meine 
Seele ist die Wahrheit und wenn du in diesen Spiegel schaust, wirst du die 
Wahrheit sehen.« G. Bonsquet: Le Japon de nos jours. 1877, zitiert beiWlis* 
locki: Vom wandernden Zigeunervolke. 1890. 220. 

6 Aston: Shinto. 1905. 70. »mi=tama« = »Erlauchter Geist, Seele«. K. 
Florenz: Japanische Mythologie. 1901. 287. 

7 Aston: 1. c. 100. Florenz: I. c. 98. 



Spiegelzauber 



117 



also könnten wir den Spiegel als Symbol der Lirmutter der 
Herrscherfamilie auffassen. Nach japanischer Auffassung ist nämlich 
der Spiegel die Seele der Frau, das Schwert die des Mannes 1 . 
Auf alten Gräbern finden wir häufig die heute die Regalia bildenden 
drei Insignien, das Schwert, den Spiegel und den Edelstein 2 . Wenn 
also die Symbole des japanischen Herrschers sich in ein weibliches 
(Spiegel) und in ein männliches (Schwert) spalten, so ist damit der 
bisexuelUautoerotische Charakter dieser Regalia angedeutet. Es 
scheint, daß die Herrscherwürde und der Spiegel auch in China in 
irgend einem Zusammenhang standen. Laut dem Si«King=tsah=ki 
hat Kaiser Süen <87 ante Christum), als er im Alter von zwei 
Monaten, in den großen Hexenprozeß verwickelt, in den Kerker 
geworfen wurde 3 , auf seinem Körper einen die Dämonen zeigenden 
und glückbringenden Zauberspiegel getragen. Zum Andenken daran 
hat er, nachdem er, erlöst aus dieser gefährlichen Situation, den 
Thron bestiegen, den Spiegel ständig in der Hand gehalten 4 . Wenn 
wir die bereits behandelten indischen und japanischen Parallelen be* 
achten, erscheint es sehr wahrscheinlich, daß der Spiegel früher auch 
in China zu den kaiserlichen Insignien gehörte und daß die obige 
Sage ursprünglich einen Zug des kaiserlichen Rituells erklären soll. 

Der Spiegel als königliches Symbol war einst gewiß weiter stfeeenn der 
verbreitet, denn Qberlebsel davon sind in der Sage nachweisbar. sage. 
Die Aufzählung der Sagen wollen wir gleichfalls mit einem asiati« 
sehen Herrscher beginnen. Der legendäre Priester Johannes des 
Mittelalters, in welchem Oppert den Korkhan Karakhitais erblickt, 
beschreibt seinen Zauberspiegel folgendermaßen : »Ante foras palacii 
nostri iuxta locum in quo pugnantes agonisant est speculum pretiose 
magnitudinis et quod per gradus viginti quinque ascenditur ... In 
summitate vero supreme columne, est speculum, tali arte conse* 
cratum quod omnes machinationes et omnia quae pro nobis vel 
contra nos et adiacentibus et subiectis nobis provineiis fiunt, a 
contuentibus liquidissime videri et agnosci possunt. Custoditur 
autem a tribus millibus armatorum, tarn, in die quam in nocte. Ne 
forte aliquo casu frangi possit et deiiei« 5 . Der zweite mythische 
Weltherrscher, an den sich das Spiegelmotiv knüpft, ist der Jama 
oder Husrava von Iran, in dessem aus sieben Spiegeln bestehen» 

1 W. Müller: Japanisches Mädchen im Knabenfest. Zeitschrift für Ethno» 
logie. 1911. 572. 

2 H. Florenz: Japanische Analen. 1903. 260. 

3 I. I. M. de Groot: The Religious System of China. Book. II. Vol. V. 
1907. 842. 

4 I. I. M. de Groot: Religious System. Book. IL Vol. VI. 1910. 1001. 

5 Epistola Presbyteri Joannis. 184—200. Oppert: Der Presbyter Johannes. 
1870. 175, 176. Laut Joannes de Hese. »Est ibi etiam speculum continens tres 
lapides precioses quorum unus aeuit visum, alter sensum, tercius experientiam, 
ad quod sunt electi quattor doctores qui intuendo ipsum omnia sciunt que fiunt 
in mundo.« Ebenda. 42. Vgl. G. Huth: Die Reisen der drei Söhne des Königs 
von Serendippo. Etschr. f. Vgl. Literaturgesch. 1890. III. 309, 



118 



Dr. Geza Roheim 



den Kelche sich die Ereignisse der sieben Weltgürtel spiegelten 1 . 
Der in sieben Teile geteilte mystische Kelch Dschemschids entspricht 
nämlich dem »Weltenspiegel« Kai Chosrus, der die sieben Welt- 
gegenden zeigt*. In der »Schahname« kehrt Kai Chosru, der Schah, 
nachdem er zu Ormuzd gebetet hatte, daß er sein Reich vor Ahriman 
beschütze, in seinen Palast zurück und von Glorienschein umgeben. 

>Trat zu dem Weltenbecher hin der Schah, 
Indem er alle sieben Kisdiwers sah/ 
Das Weltall sah er in dem Zauberischen 
Vom Widderzeichen an bis zu den Fischen,- 
Er sah die Himmel, die sich ewig schwingen, 
Sah das Warum und Wie von allen Dingen 
Sah Mond, Saturn und Mars und Nahid rollen 
Und durch den Zauber, den Geheimnisvollen 
Ward alles was verborgen ist, ihm klar 
Und die verhüllte Zukunft offenbar« 3 . 

Alexander der Große hatte auf dem Pharos in Alexandria einen 
Spiegel, der ihm das Land Rum zeigte, die Inseln des Meeres, die 
ankommenden und abfahrenden Schiffe, ferner alles, was die 
Menschen taten. Christliche Schiffe können in den Hafen von 
Alexandria erst gelangen, seit ein Grieche den Spiegel zerbrochen 
hat*. Offenbar ist auch in der folgenden Sage Alexander der Große 
gemeint: in der Stadt Ca am Nilufer befand sich eine Säule, dar- 
auf ein Spiegel, in welcher der König der Stadt Qa alle irdischen 
Dinge sah 5 . In einer anderen Variante heißt der reichste König der 
Erde Saurid/ dieser hatte aus einer Mischung verschiedener Eie- 
rn t 'r.9/ Hüsing: Die iranische Überlieferung und das arische System. 1909. 
Myth. Bibl. II. 2. 31. V. Jäkel: War der magische Spiegel im Besitztum der 
Vorzeit? Internationales Zentralblatt für Anthropologie. 1903. 262, 263. 

2 A. F. v. Schack: Heldensagen von Firdusi. 1855. 71. Über die sieben 
Weltgegenden y a st. 10, 15. F. Wolff: Avesta. 1910. 200. Vgl. die Goldpfeifen, 
deren sieben Löcher den sieben Weltgegenden entsprechen: wenn der König in 
ein solches Loch hineinpfeift, erscheint vor ihm alles, was in den betreffenden 
Weltgegenden geschieht. Carra de Vaux: Avicenne. 1900. 294. 

3 Schack: Heldensagen. 1851. 466, so findet er den in Gefangenschaft 
geratenen Bissen am Ende der Welt. Vgl. weiter unten den Spiegel der Königs- 
tochter und den versteckten Freier im Märdien. 

, j *£PP«t: Der Presbyter Johannes. 1870.42. Liebrecht: Zur Volks- 
kunde. 1879. 89. <Masudi,- Benjamin von Tudela. I. 155. ed. Asher. Early Tra- 
vels in Pafestine. Ed Wräght. 1848.) L. Desiongchamps: Essai sur les fables 
mdiennes. 1838. 152-154. Guignes: Notices et Extraits des Manuscrits. I. 25 
ex Huth: Ztschr. f. vgl. Lit. 1890. 308. 

5 Liebrecht: 1. c. 88. Orient und Okzident. I. 335. Eine andere Variante 
spricht von mehreren Spiegeln, von denen ein Teil dazu dient, die Seeungeheuer 
davon abzuhalten den Strandbewohnern Böses zuzufügen, andere wieder werfen 
die Sonnenstrahlen auf die Schiffe des Feindes zurüde und verbrennen die Schiffe ■ 
in anderen kann man die auf dem jenseitigen Strande des Meeres befindlichen 
Städte sehen, wieder andere zeigen ganz Ägypten und geben an, wo sich eine 
^ U f te J?« te < f rw ( arten Iäßt - Carra de Vaux: L Abrege des Merveilles. 1898. 282. 
Gleichfalls Sa ließ in Memphis einen Spiegel anfertigen, der die Zukunft zeigt, 
besonders, wo Dürre zu erwarten ist und wo eine gute Ernte. 



Spiegelzauber 119 



mente einen Spiegel madien lassen, der alles zeigte, was unter den 
sieben Himmelszonen geschah, wo man den Acker begoß und wo 
nicht. Dieser Spiegel stand auf einer grünen Marmorsäule in der 
Stadt Amsüs <Emesa> 1 . Die Sage haftet audi an anderen mythischen 
Herrschern,- so an Nekraus 2 , an Misraim, dessen Spiegel für den 
Spiegel Alexandriens zum Muster gedient haben soll 3 , an Koftarim 4 
und an Kersounos, dessen Spiegel auf die Schiffe seine Anziehungskraft 
äußerte und sie solcher Art zur Mautbezahlung zwang,- damit das 
Schiff dann weiterfahren könne, mußte man den Spiegel verhüllen 5 . 
In Konstantinopel befand sich ein magischer Spiegel, den Kaiser 
Leo der Weise hatte anfertigen lassen, in welchem alles klar zu 
sehen war, was auf der Welt sich ereignete, ja sogar auch das, 
was die Menschen erst planten. Als dann jemand Michael beim 
Gelage meldete, der Spiegel zeige, wie sich die Griechen rüsten, 
um gegen Konstantinopel zu ziehen, ließ er den Spiegel in Stücke 
schlagen, um in seiner Unterhaltung nicht gestört zu werden 6 . Die 
neunte Erzählung des »Liber de septum sapientibus« berichtet, daß 
Virgilius in Rom »erexit columnam et super columnam posuit 
speculum, in quo repraesentabantur omnes apparatus omnes con- 
gregationes quae fiebant ad destructionem civitatis« 7 . In naher 
Verwandtschaft zur Säule des Virgilius und des Priesters Johannes 
steht die magische, runde Säule des Chateau Merveille, welche 
Klinschor aus dem Lande des Feirefis entwendet hatte: 



1 Carra deVaux: L' Abrege des Merveilles. 1898. 201. Liebrecht: 1. c. 88. 
Orient und Okzident. I. 331. 

2 Carra de Vaux: L Abrege des Merveilles. 1898. 175. 

* Carra de Vaux: 1. c. 234. Den Spiegel läßt ein ihm feindlich gesinnter 
König rauben und zerschlagen. 

4 D. s.: 1. c. 238, 250. 

5 D. s.: I.e. 281- Vgl. auch über diese ägyptischen Spiegel auch M. Reinaudi 
Momunens arabes, persans et turcs. 1828. II. 418, 419. L. Deslongchamps: 
Essai sur les fables indiennes. 1838. 153. 

6 Liebrecht: Zur Volkskunde. 1879. 85. Zeitschrift für deutsche Philo» 
logie. II. 177. Neugriechische Sagen. <Aus einem in 1763 in Venedig gedruckten 
Buche.) 

7 Huth: Die Reisen der drei Söhne des Königs von Serendippo. Ztschr. 
f. vgl. Lit. 1890. III. 309. K. Gödeke: Orient und Okzident. III. 1866. 412. 
Huth gibt zahlreiche Nachweise über Spiegel in den englischen, französisdien und 
italienischen Versionen des Buches der »Sieben weisen Meister'. In dem Buch 
»Seven Sages« <ed. Wright. 1845. Percy Society LIII.) macht den Spiegel Merlin, 
anderwärts ist überall Virgilius der Anfertiger. Ober von Virgilius stammende 
Gegenstände ähnlicher Bestimmung Huth: 1 c. 313. Vier Totenköpfe. <Mass= 
mann: Kaiserchronik. 1854.111.448.) Jede Säule entspricht einer römischen Provinz 
und wenn in irgend einer dieser Provinzen ein Aufstand ausbricht, beginnt die 
Glocke zu läuten. <L. Deslongchamp: Essai sur les fables indiennes. 1838. 151. Die 
sieben weisen Meister. Die fünfte Rede der Kaiserin. Von dem Kaiser Octavianus. 
Benz: Die deutschen Volksbücher. 1911. 70.) »Mit teuflischer Kunst hat er ein 
Standbild verfertigt . . ., welches Bild jedermanns geheim gehaltene Versündigung 
dem Kaiser meldete « Gesta Romanorum : Regi Magyar Könyvtär. <Alte ungarische 
Bibliothek.) Nr. 18, 204. Teil LVII. Vgl. J. G. Tri. Grässe: Gesta Romanorum. 
1905. I. 83, IL 261. 



120 



Dr. Geza Roheim 



»Inmitten dieser Herrlichkeit, 

Stand eine Säule, groß und breit, 

Da sah er, was er nie gesehen, 

Die Lande sich im Spiegel drehen, 

Sah Berg und Tal vorübergleiten 

Und Leute stehn und gehn und reiten;« 

Arnive erklärt Gawan den Ursprung und die Rätsel der spiegelnden 
Säule: 

»Es sei Geflügel, sei Getier, 

Wer fremd, wer heimisch im Revier, 

Zu Wasser und Gefilde, 

Erscheint im Spiegelbilde« \ 

Es scheint, als ob die Einleitung des neugriechischen Märchens, laut 
welchem der König einen solchen Spiegel hat, der ihn alle dem 
Reiche nahenden Feinde anzeigt, ein Widerhall der byzantinischen 
Sage wäre. Einmal hatte ein Orkan den Spiegel fortgeweht und 
der »Drakos« hängte ihn in seinem Garten auf einen großen Apfel- 
kaum, ^mit, wenn jemand Äpfel stehlen käme, der Spiegel die 
Wächter rufe. Der jüngste Prinz geht zur Mittagszeit, als der 
Drache schläft, zu dem Baume hin, doch als er den einen Apfel 
berührt, erklingt der Spiegel 2 . 

i Parzival übers. W. Hertz: 1914. XII. 310, 311. Vgl. die Übersetzung 
von Panmer: Parzival Reclam. XII. 589-592. S. 187-189. <Der Ursprang aus 
dem Lande des Feirefis zeigt die Einwirkung der Sage von dem mythischen* 
orientalischen Herrscher, dem Presbyter Johannes auf die Gralsage, (Vgl. Oppert • 
Der Presbyter Johannes. 1870. 219) Gewiß befand sich unter den Regalia des 
Herrschers von Karakhitai, der bei den angrenzenden Herrschern in Ost-, Süd» 
und Mittelasien nachgewiesene Spiegel. Im Zusammenhang mit dem hispanischen 
Schauplatz der Gralssagen (Vgl, Oppert: I. c. 203.) erscheint die arabische Sage, 
beachtenswert die den Tisch Salomonis nach einem Palast in Spanien verlegt Neben 
dem aus Gold angefertigten mit kostbaren Steinen geschmückten Tisch befindet sich 
der Zauberspiegel, der die sieben Weltgegenden zeigt. Carra de Vaux: L'Ab= 
rege des Merveilies. 1898. 122. 

tt < ' *' 9: v ' H a hn: Griechische und albanische Volksmärchen. 1864. 1. 284-286 
Vgl zum Parallelismus zwischen Apfel und Spiegel folgendes aus dem Briefe 
des Presbyter Johannes: »In extremitatibus vero super culmen paliacii sunt duo 
poma aurea, in unoquoque sunt duo carbunculi ut splendeat aurum in die et 
carbunculi luceant in nocte. 161-164 s. Oppert: 1. c. 174. Vgl. noch Apfel 
und ispiegel im Liebeszauber, ferner oben den goldenen Apfel des Jesuskindes 




UM 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 



121 



Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

Redigiert von Dr. H. v. HUG=HELLMtITH. 

I. 

Von frühem Lieben und Hassen. 

Die Erbitterung, mit weither der Widerstand gegen eine Sache arbeitet, 
ist ein Maß für die unbewußte Anerkennung der Richtigkeit des 
Bestrittenen. So erklärt sich auch gut die hartnäckig böse Stimmung 
des Laien gegen den »Ödipuskomplex«, gegen die ambivalente 
Gefühlseinstellung des Kindes zu den Eltern, seine der Erotik ent» 
springende Identifikation mit Vater oder Mutter und nicht weniger gegen 
die von unbewußter Sinnlichkeit keineswegs immer freie elterliche Liebe 
zu Sohn oder Tochter. 

Und darum ist jede Bestätigung dieser psychoanalytischen Erkennt« 
nisse aus dem Alltag, aus den Werken feinfühliger Autoren wertvoll und 
es mögen in der nachstehenden Zusammenstellung eine Reihe solcher Belege 
Platz finden/ zunächst einiges aus der direkten Kinderbeobachtung: 

I. Ein vierjähriger Knabe, der an der Mutter mit großer Zärtlichkeit 
hängt, im Vater aber in erster Linie eine zu fürchtende stärkere Macht 
erblickt, die man wohl »auch gern hat, weil es eben der Papa ist«, sagt: 
»Wenn ich groß bin, kauf ich mir und der Mama eine Kuh, die den 
Papa beißt.« 

Die Zusammenstellung »mir und der Mama« ist bezeichnend genug 
für die kindliche Auffassung über die Zusammengehörigkeit der Familien« 
mitgiieder. Gerade vom Vater aber wurde der Knabe wegen seiner starken 
exhibitionistischen und onanistischen Gelüste wiederholt derb bestraft. Die 
Kindern, besonders Knaben sehr geläufige Vorstellung, das Kuheuter sei 
dem namenlosen 1 und doch als so wichtig gefühlten Teil des eigenen 
Körpers gleich, mag neben der Größe des Tieres Anlaß sein, daß der 
Knabe gerade eine Kuh zur Vollstreckerin seiner Rachegedanken gegen den 
Vater wählt. Auch wurde dem Kinde wiederholt die Drohung ausge« 
sprachen, ein Hund werde ihm die »schlimmen Finger« abbeißen. Was der 
Hund an ihm vollziehen soll, muß an dem großen Vater mit den großen 
Händen natürlich ein entsprechend großes Tier tun. 

IL Zwei Knaben von fünf und drei Jahren gilt es als größte Freude, 
des Morgens, sobald der Vater das elterliche Schlafzimmer verlassen hat, 
in Mutters Bett zu schlüpfen. Der Besitz ihres Körpers wird genau zuges- 
tellt und keiner darf in das Gebiet des andern auch nur mit einem Finger 
hinüberlangen. Jeder solchen Übertretung folgt ein erbitterter Kampf — auf 
dem Körper der Mutter. Die Neigung zum Vater richtet sich nach der 
jeweiligen eingebildeten Bevorzugung des Konkurrenten durch die Mutter. 
Die Grundstimmung gegen ihn ist bei beiden Knaben eine ausgesprochen 
' feindliche, eifersüchtige. 

Der eine der beiden Söhne stirbt in seinem sechzehnten Lebensjahr, 
der andere bleibt zeitlebens an die Mutter fixiert, deren Einstellung zu ihm 

: Frühzeitig tritt die Frage nach dem » ordentlichen < oder »wirklichen! 
Namen des in der Kinderstube nach seiner vorläufigen Funktion benannten Penis auf. 



128 Dr. H v. Hug-Hellmuth 



sich in dem typischen Verhalten der Schwiegermutter gegen die Frau des 
Sohnes kundgibt. 

Mit dreißig Jahren fällt ihm bei einem Gang durch die Stadt eine 
Dame, die vor ihm geht, so angenehm auf, daß er ihr folgt. Wie er sie 
an einer Straßenecke einholt und sie eben ansprechen will, wendet sie den 
Kopf und er erkennt in ihr mit Bestürzung — seine Mutter. 

III. Die eigentümliche Gewohnheit mancher Kinder, einen Elternteil 
beim Vornamen zu rufen, findet sich in überwiegender Mehrzahl bei 
Knaben der Mutter gegenüber, selten bei Mädchen zum Vater/ fast nie aber 
nennt meines Wissens ein Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil mit 
dem Rufnamen. Es handelt sich eben dabei um eine Identifikation mit dem 
letztern und um unbewußte heterosexuelle Anziehung. 

IV. Da, soviel mir bekannt ist, noch keine Beobachtung über die 
Entwicklung des Ödipuskomplexes bei Kindern, die infolge einer Trennung 
der elterlichen Ehe nur unter der mütterlichen Obhut — die väterliche 
allein kommt aus äußeren Gründen kaum in Betracht — aufwuchsen, mit= 
geteilt wurde, sei folgender Fall berichtet: 

Die Eltern eines Knaben trennen ihre Ehe, als dieser drei Jahre alt. 
Das Kind bleibt bei der Mutter, liebt sie zärtlich, ist aber bis zu seinem 
sechsten Lebensjahr von großer Sehnsucht nach seinem Vater erfüllt, wenn* 
gleich sich schon in dieser frühen Zeit oft eine scharfe Kritik über das 
Fernsein des Vaters bemerkbar macht. Trotz aller Vorsicht und feinen 
Taktes der Mutter entnimmt der aufgeweckte Junge aus erlauschten Ge= 
sprächen mit Familienmitgliedern und Freunden, daß der Vater keine 
schöne Rolle gespielt und Frau und Kind einfach im Stiche gelassen 
habe. So nistet sich nach und nach neben der Sehnsucht ein tiefer Haß 
gegen den Vater in seiner Seele ein, der ihn trotz zärtlicher Briefe, die er 
an den Vater schreibt, gelegentlich - mit sieben Jahren - in böse Worte 
ausbrechen läßt: »Wenn ich groß bin und mein Papa alt ist und zu mir 
betteln kommt, werd' ich sagen: Ich geh' dir nichts,- denn wie ich klein 
war, hast du dich auch nicht um mich und um die Mutter gekümmert. 
Geh nur wieder fort.« 

JJnd doch wieder, wenige Tage später drängt er auf einer Reise mit 
der Mutter, da sie den Aufenthaltsort des Vaters berühren, zu einem 
Besuch bei ihm, hofft ihn auf dem Bahnhof zu sehen, ist während des 
Weges von hier zum Hotel ganz aufgeregt und glaubt in jedem Passanten 
den Vater zu erkennen. So streiten Liebe und Haß um die Herrschaft in 
der kindlichen Seele und machen sie frühreif, verwirrt und müde. 

Und trotz der zärtlichen Liebe zur Mutter steht der Knabe manch» 
mal auf Vaters Seite, so wenn ihm ihre Kleidung zu einfach scheint und 
er sagt: »Wenn wir nach X. <der Stadt, in welcher der Vater lebt) fahren, 
mußt du aber ein schönes Kleid anziehen, damit du dem Papa gefällst, 
wenn wir ihn sehen.« Er bemängelt häufig ihre Toilette, sieht nicht gern, 
wenn sie erhitzt oder übermüdet von ihrem Beruf nach Hause kommt und 
will ihr, wenn er groß ist, schöne Kleider und Hüte kaufen und »viele 
Flaschen Parfüm, damit du recht gut duftest«. 

Aus diesem Falle und dem ähnlich verlaufenden Geschiefe eines 
kleinen Mädchens läßt sich entnehmen, daß in Kindern, deren Eltern ge= 
trennt leben, gegen den abwesenden, d. i. für das Kind schuldigen Teil 
neben einem offenkundigen Haß eine tiefe oft unbewußte Sehnsucht nicht 
zum Schweigen kommt, ja daß diese sich gerade in den Haß hüllt, um sich 
Ausdruck zu verschaffen. Df R y Hug-Hellrauth. 



1 






^ 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 123 



IL 

Eine Kinderbeobachtung. 

Es sei hier einiges von einem jetzt dreijährigen Mädchen berichtet, 
das keine Bevorzugung oder Besonderheit in seiner analen, urethralen oder 
genitalen Trieblokalisa tion zeigt, in der Mundzone sich aber gleich anfangs 
auffallend »trinkfaul« zeigte, keine Anstrengung machte, die Mutterbrust 
reichlich auszunützen, so daß nach wenigen Monaten zur Milchnahrung aus 
Fläschchen übergegangen werden mußte, wonach der Säugling aufblühte. 
Eine Schwäche der Eßlust, ein Sträuben bei den Mahlzeiten zeigt sich an= 
dauernd. Das Kind ist trotzdem von gutem Aussehen und nascht Bonbons 
und Obst gelegentlich gern. Zum letzten Geburtstag wünschte es sich »einen 
Tag nicht essen zu müssen«. Man hat deutlich den Eindruck, daß hier 
nicht das Bedürfnis des Organismus nach Nahrung, sondern ein vermutlich 
ererbt minderwertiger Eßtrieb die Hauptrolle spielt. Sadomasochismus, 
Schau» und Exhibitionsneigung treten gar nicht hervor. Von neurotischer 
Angst trat nichts in Erscheinung außer eine lebhafte Angst, mit einer laut 
schlagenden Stehuhr allein im Zimmer zu bleiben. Dies trat ein, nachdem 
die bis dahin harmlos geliebte Uhr durch Monate beim Uhrmacher gewesen 
war. Die Abwesenheit war dem Kinde aufgefallen. Ein großes Interesse 
für alle Uhren, besonders Turmuhren, auch auf Bildern, entsprang von 
dorther. Die Neurose hat sich etwa mit eineinhalb Jahren entwickelt und 
hält in abgeschwächter Form, auch mit Spott über sich selbst, noch an. 
Ängstigend scheint vor allem das laute Schlagen dieser Repetieruhr zu 
wirken,- was sich analog beim plötzlichen Ertönen des Tischtelephons im 
gleichen Zimmer einstellt. Die Angst wird schlimmer nach einem gelegene 
liehen strafenden Angefahrenwerden des Kindes, was am häufigsten <wenn 
auch im ganzen selten) von Seite der Mutter geschieht. Diese gibt übrigens 
auch laute Klänge von sich, — sie ist nämlich Sängerin. Das Personifizieren, 
Beleben, Animisieren der Uhr scheint Voraussetzung dieser Phobie zu sein. 
Die ihm gegebene Beruhigung: »Es ist ja nur eine Maschine mit Rädern«, 
wiederholt das Kind gern zur Selbstberuhigung. 

Die Uhr scheint wie ein Symbol für strafende Autorität zu wirken,- 
wie sie etwa auf einen Wilden wirkte. So wirkte einmal die rotglühende 
Sonnenkugel hinter dem Nebel oder starker Wind, ein großes flatterndes 
Blatt auf das Kind. 

Aber warum hat die Uhr erst nach ihrer Abwesenheit so gewirkt!? 
Die, wenn auch nur entfernte Möglichkeit, daß hinter der Uhrenphobie 
Gedanken gegen die Mutter stecken, legt uns nahe, über die Zeichen der 
Ödipuseinstellung bei der Kleinen zu berichten. 

Als Voraussetzungen muß betont werden, daß der Vater — wie 
meist — durch seine häufige Abwesenheit Raritätswert genießt, die Mutter 
als Haupterzieherin oft auch verbieten oder kritisieren und gelegentlich zum 
Weinen bringen muß. Die Mutter wäscht, badet und frisiert das Kind — 
was neben Lust* auch Schmerzgefühle erregt. Das Zureden, Zwingen zum 
Essen hängt mit oben Angeführtem zusammen. 

Trotz dieser fördernden Prämissen erscheint die Ablehnung der Mutter 
bei Gelegenheit deutlich. Wenn der Vater mit dem Kind spielt oder ihm 
erzählt, verrät es manchmal, daß das Eintreten oder Teilnehmen der Mutter 
ihm unangenehm ist und weist die Mutter hinaus. Dies geschah anfangs 
deutlich, jetzt nur andeutungsweise, mit Unterdrücken <Ähnliches geschah 
nie bei umgekehrter Situation). Es fiel auch einmal zögernd die Äußerung 



124 Dr. H. v. Hug-Hellmuth 



zur Mutter: »Ich mag dich nicht — wenn du nervös bist!«, mit Anknüpfen 
an ein aufgeschnapptes Wort. Scharf ist auch die Kritik der Kleidung der 
Mutter/ einfache oder rauhe und unscheinbare Bekleidung macht manchmal 
die Mutter dem Kinde unsympathisch/ es schickt die Mutter hinaus, sich 
umkleiden ! 

Trotz alledem ist die Mutter ein beliebter, lustiger, immer was Neues 
erzählender oder singender Kamerad. 

Der eigentliche Kamerad, mit dem man spontan jubelnd hetzt, den 
man gelegentlich schlägt, neckt, dem das Kind alles nachmacht und mit dem 
es sich identifiziert, ist das Kindermädchen \ Für seine Kleider und Hüte, 
für seine Einkäufe, Telephongespräche, für seine Tätigkeit wie Wäsche- 
waschen, Aufräumen, Kehren und Wischen besteht nicht nur größtes 
Interesse, sondern höchstes, oft unmittelbar folgendes Bedürfnis, es ihr 
nachzutun. In diesen narzißtischen Phantasien, in denen die mahnenden 
Worte des Kindermädchens — vom Kind gegenüber der Puppe nachgesagt 
werden, das Setzen, Heben, Legen, Fahren genau wiederholt wird, besteht 
das eigentliche, lebhafteste, eingesponnenste Spielen des Kindes. Hierin 
läßt es sich nur ungern stören, bezieht die Erwachsenen als Ersatz von 
Phantasiepersonen mit ein, sagt dabei den Eltern »Sie« oder »Herr 
Doktor« und »Gnädige Frau« und ist wie abwesend! Man gewinnt den 
Eindruck größter Ähnlichkeit mit dem halluzinierenden Tun Psychotischer, 
die, abgewendet von der Wirklichkeit, »einen Traum leben«. Beginnt diese 
identifizierende, nachahmende Tätigkeit, so wird sie oft begründet mit »Ich 
muß jetzt z. B. aufräumen«. In dieses geschäftige Tun flüchtet das Kind 
auch gern, wenn die Großen, etwa weil Besuch da ist, sich mit ihm nicht 
abgeben. Auch Tätigkeiten der Mutter werden nachgemacht und die Identi- 
fikation ist auch hier deutlich. Wie aus einer Kombination von Identifizier 
rung mit der Mutter und doch Bevorzugung des Vaters scheint es zu ent- 
springen, daß das Kind den Vater <nur diesen) gern mit seinem Vornamen 
ruft, und ausnahmsweise zu den Eltern ins Bett gehoben, beim Vater liegen 
fTi re ? pefetive an SteIIe der Mutter in deren Bett. Nachgeahmt wird frei- 
lieft auch z. B. ein Mädchen, das tags vorher zur Laute gesungen hat. Das 
Befriedigende »Ich tu es auch!, ich kann es auch!« sieht man dem Kind 
vom Gesicht ab. Es zieht Kinder seines Geschlechts vor, fürchtet sich vor 
den »bösen Buben«. Charakteristisch ist auch ein selbstgefällig konstatie- 
rendes Fragen nach einem geglückten Tun: »Was hab' ich jetzt getan?!« 

Multaretuli. 
III. 

Kinderszene. 

Die Analyse weiblicher Patienten hat schon oft dazu geführt, eine 
Phantasie früher Kinderjahre wieder bewußt zu machen, in der sich das 
kleine Mädchen als Mutter mehrerer Kinder sah. Man hat das Bestehen 
solcher »unkindlicher« Phantasien als Suggestionsprodukt der Analyse be- 
zeichnet und ihnen, ebenso wie dem zugrunde liegenden Wunsch des Kindes, 
die Stelle der Mutter einzunehmen, die dem geliebten Vater Kinder geboren 

' Für dieses ruhige, langweilige Mädchen, das dem Wunsch der Eltern 
gemäß von Zärtlichkeiten absieht, besteht offenbar große Neigung. Das Kind hat 
ganz von selbst ihm Kosenamen gegeben, z. B. Ninerl, Nannerl u. dgl. Es ist 
sett der Ueburt im Hause und liebt das Kind sehr. 



m±M 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 



126 



hat, jeden Glauben versagt. Es ist deshalb nicht ohne Interesse zu sehen, 
wie gut die vorurteilslose Kinderbeobachtung mit den Resultaten der Analyse 
übereinstimmt, um so mehr, als es sich um Ereignisse zu Beginn des vorigen 
Jahrhunderts handelt, die gewiß nicht durch eine Voreingenommenheit zu- 
gunsten der Analyse veranlaßt wurden. 

In dem Buche »Gabriele Humboldt, Ein Lebensbild« ist ein Brief 
Wilhelm von Humboldts vom Mai 1804 enthalten, in welchem dieser 
seiner Gattin von Rom aus über die bei ihm zurückgebliebenen Kinder Mit- 
teilung macht (S. 48). »Sie <die vierjährige Tochter Adelheid und die zwei» 
jährige Gabriele) sind allerliebst zusammen, die Adel geht wie mit ihrem 
Kinde mit ihr um und sorgt dafür, daß sie alle Tage spazieren gehen 
muß. Erst fragt sie mich deutsch um Erlaubnis und dann geht sie zu 
Vicenza: ,Dice cosi: dovete andare a spasso, ma nel sole no!'« <Er sagt 
so: Ihr sollt spazieren gehen, aber in der Sonne nicht.) Durch dieses Be- 
nehmen, die Fürsorge um die kleine Schwester, die Einholung der Wünsche 
des Hausherrn in der den andern unverständlichen Sprache und die Weiter- 
gabe seiner Befehle zeigt die kleine Adelheid nicht nur, wie Humboldt 
ganz richtig empfindet, ihre mütterliche Einstellung zur Schwester, sondern 
auch dem Vater gegenüber, da sie, soweit es ihr möglich ist, die abwesende 
Hausfrau kopiert. Immerhin ließe sich dies vielleicht noch mit der Phrase 
abtun, daß sie eben das Bedürfnis habe, die Große zu spielen und An- 
ordnungen zu geben, statt ihnen zu gehorchen. 

Es folgt aber bald darauf in Marino, das die Familie als Sommer- 
frische aufgesucht hat, eine Szene, die keine Mißdeutung mehr zuläßt. 
Humboldt schreibt <S. 50): »Die Adel hat hier einen ganz sicheren Balkon, 
auf dem sie manchmal steht, und der nach der Straße geht. Von da herab 
hält sie Konversationen mit den Kindern, die sich unten versammeln, wirft 
auch wohl manchmal einen Bajocco hinunter, aber selten, weil sie das 
Aufheben liebt. Neulich hatte sie eine göttliche Szene. Sie erzählte den 
Kindern sehr weitläufig, daß sie in Paris geboren wäre — das ließen sie 
nun so hingehen — daß sie einen Mann hätte — da lachten sie schon — 
und daß sie sechs Kinder hätte. Darüber machten die unten einen großen 
Lärm. Adel nahm das aber so übel, daß sie sich auf die Erde warf und 
fürchterlich weinte. Wie sie indes sah, daß das Weinen nicht half, sprang 
sie auf einmal auf, lief wieder hin und schimpfte aus vollem Halse: 
,Maledette bestie' und Gott weiß was für entsetzliche Schimpfwörter und 
immer dazwischen: ,E vero, e vero, ho sei creature', zum Todlachen . . .« 
Es ist anzunehmen, daß die kleine Adelheid Humboldt, ein Kind von 
bemerkenswert hoher Intelligenz, ebensoviel Einsicht wie die Straßenjugend 
von Marino besaß und die Unmöglichkeit ihrer mehrfachen Mutterschaft 
zu erkennen vermochte. Wenn sie trotzdem mit solcher Zähigkeit an dieser 
»Kinderlüge« festhielt und dem Hohn und Unglauben einen so außer- 
ordentlich starken Leidenschaftsausbruch entgegensetzte, so geht dies offen- 
bar nicht auf intellektuelle Motive zurück, sondern auf die Affektstärke, 
mit der sie an jener Phantasie hing. Zur vollen Aufklärung des Falles 
ist nur die Angabe hinzuzufügen, daß ihre Mutter, die sich in Paris auf- 
hielt, eben damals einem sechsten Kinde das Leben gab. 

Hanns Sachs. 



126 



Dr. H. v. Hug»Hellmuth 



IV. 

Anatole France über die Seele des Kindes. 

Mitgeteilt von Dr. J. HÄRNIK, derzeit im Felde. 

Ferenczi hatte es vor wenigen Jahren unternommen 1 , den 
Seelenkenner und Philosophen Anatole France als einen der wenigen 
großen Vorläufer Freuds im Erfassen und in der Schilderung seelischer 
Vorgänge darzustellen. Einige Ansichten über psychisches Geschehen, die 
intime Psychologie in der Erzählung verwichelt-rätselhafter menschlichen 
Handlungen, Ausführungen über die Genese der Geisteskrankheiten — von 
Ferenczi mit geübter Hand ausgewählt — haben, durch ihre auffallende 
Übereinstimmung mit der psychoanalytischen Betrachtungsweise, überraschend 
und überzeugend gewirkt. Gleichsam ergänzend zu diesem Referat möchte 
ich nun die Aufmerksamkeit des psychoanalytischen Publikums auf eines 
der schönsten und ergreifendsten Bücher dieses Meisters lenken, welches 
»Das Buch meines Freundes« betitelt 2 , Beobachtungen und Reflexionen 
über die seelische Entwicklung des Kindes enthält, und schon mehr als 
hundertunddreißig Auflagen erlebt hat. 

Das Buch zerfällt in zwei Teile: Im ersten Teil gibt der Verfasser, 
allem Anschein nach, seine eigenen Kindheitserinnerungen, der zweite Teil 
enthält Beobachtungen über das Gebaren und die Entwicklung seines 
kleinen Töchterchens, Suzanne. Alle seine feinen Bemerkungen, viele ent- 
zückende Einzelheiten bei Seite lassend, will ich hier nur den Inhalt des 
schönen Kapitels ausführlich wiedergeben, in dem uns France die Ge» 
schichte Andres, eines kleinen Freundes seiner Tochter, schlicht und er- 
greifend erzählt. Eine Geschichte, die wie eine Kindheitserinnerung anmutet, 
welche als Ergebnis einer psychoanalytischen Sitzung zutage gefördert wird. 

Andre ist der Sohn des berühmten Arztes Doktor Treviere. Der 
Vater aber starb, als der Junge noch sehr klein war und so blieb er mit 
seiner Mama allein. Dem netten, munteren Knaben tut die Großstadtluft 
nicht wohl, daher führt ihn die Mutter auf das Land, zu den Großeltern 
des Kindes. 

Andre ist der schönen, jungen Mutter sehr zugetan. Das bezeugt 
unter anderem diese kleine Szene, die den ersten Abend am Dorfe 
abschließt: 

»Sie zog Andre die Kleider aus. 

— Nun, sagte sie ihm, verrichte dein Gebet. 
Er murmelte: 

— Mama, ich liebe dich. 

Und, mit diesem Geständnis, den Kopf fallen lassend und die 
beiden Fäuste schließend, schlief er in Frieden ein. 

Es kommen nun schöne, glückliche Tage der Sommerfrische. Doch 
wird das friedliche Beisammensein bald durch das Auftauchen eines alten 
Bekannten gestört, des benachbarten Fabriksbesitzers Lassalle. Der Junge 
scheint ihn als Störenfried zu betrachten, er empfängt ihn schlecht, ist mit 
ihm unhöflich, und äußert sich über den Herrn, der der jungen Frau und 
auch ihren Schwiegereltern sehr gefällt, folgendermaßen: 

1 Im ersten Jahrgang des Zentralblattes für Psychoanalyse. 

2 A. F. Le livre de raon ami. Paris, Calmann*Levy, editeurs. 



*2A 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 



127 






— Er ist garstig, der Herr. Worauf er natürlich tüchtig geschimpft wird. 
Aber die Neigung der jungen Frau für ihren Verehrer wächst von 

Tag zu Tag und bis der Herbst kommt, wirbt er in einem schönen Brief 
um ihre Hand. Sie liest ihn an einem kühlen, stürmischen Herbstabend 
nachdenklich und voller Sehnsucht nach verlorener Zärtlichkeit. 

Sie erinnert sich an ihren verstorbenen Mann. Dann dachte sie wieder nach. 

— Eine Frau kann nicht ganz allein einen Knaben erziehen . . . 
Andre wird einen Vater haben. 

— Mama! 

Bei diesem Ruf, der aus dem kleinen Bette kam, fuhr sie erschreckt 
zusammen. 

— Was willst du, Andre? Du bist recht unruhig heute. 

— Mama, ich dachte an etwas. 

— Anstatt zu schlafen . . , An was? 

— Papa ist tot, nicht wahr? 

— Ja, mein armes Kind. 

— Also wird er nicht mehr zurückkommen? 

— Ah! nein, mein Lieber. 

— Nun, Mama, das ist doch ein Glück. Denn, ich liebe dich so 
sehr, siehst du, Mama, so sehr, daß ich dich für alle beide liebe. Und 
wenn er zurückkäme, könnte ich ihn gar nicht mehr lieben. 

Sie betrachtete ihn einige Zeitlang mit Unruhe und fiel in den 
Lehnstuhl zurück, wo sie, den Kopf in den Händen, unbeweglich blieb. 

Mehr als zwei Stunden lang schlief schon das Kind beim Geräusch 
des Gewitters, als sie sich ihm nähernd ganz leise seufzte: 

— Schlafe! Er wird nicht zurückkommen. 

Und doch kam er, zwei Monate später, zurück. Er kam zurück 
in der kräftigen Gestalt des Herrn Lassalle, des neuen Herrn des Hauses. 
Und der kleine Andre fing wieder an, bleich zu werden, abzumagern 
und der Mattigkeit zu verfallen. 

Jetzt ist er schon geheilt. Und er liebt sein Kindermädchen wie er 
früher seine Mutter geliebt hat. Er weiß nicht, daß sein Kindermädchen 
einen Liebhaber hält.« — 

Ich habe den Schluß des Kapitels wörtlich hieher gesetzt, und habe 
eigentlich zur Erzählung des Meisters keine Bemerkung hinzuzufügen, da 
sie für sich selbst spricht und jedem Psychoanalytiker lebensgetreu er= 
scheinen muß. Es soll auch nur noch, da es einen Einblick in die ver= 
schlungenen Wege der künstlerischen Formgebung gewährt, die Erwähnung 
eines Details folgen, das im ersten Teile des Buches die Aufmerksamkeit 
fesselt. Bei der Schilderung der eigenen Kindheitserinnerungen sehen 
wir nämlich das Prinzip der Verdrängung mit der ganzen Kraft 
walten, indem hier der Verfasser — der doch das Verhältnis des Sohnes 
zur Mutter im Sinne der Psychoanalyse auffaßt und darstellt — diese erste 
und wichtigste Stufe in der erotischen Entwicklung gleichsam überspringt. 
Der kleine Pierre Noziere nämlich, der Held dieses ersten Teiles, dessen 
Verhältnis zu seiner Mutter mit wunderbar zarten, feinen Linien gezeichnet 
ist, verliebt sich zuerst <mit etwa vier bis fünf Jahren) in »die Dame in 
Weiß«, die neben ihnen wohnt. Auch vertreibt er einmal, als eifersüchtiger 
Nebenbuhler unerwartet auftretend, einen Herrn Arnold, der eben um die 
Liebe dieser Dame wirbt. Hier wird also die erotische Objektwahl des 
jungen Knaben schon in der Form der Übertragungsliebe unseren 
Augen vorgeführt. 



128 



Dr. H. v. Hug-Helimuth 



V. 

Eine Kindheitserinnerung Alexander Dumas'. 

Der Verfasser des »Grafen von Monte Christo« erzählt in seinen 
»Memoiren« von dem starken Eindruck, den der Tod seines Vaters auf 
ihn als Kind gemacht habe. Alexander war damals vier Jahre alt geworden. 
Er liebte seinen Vater, den berühmten Reitergeneral und Kampfgenossen 
Bonapartes, »grenzenlos«, wie er selbst sagt. »Vielleicht war diese grenzen» 
lose Verehrung in jenem Alter des Gefühlslebens — das Alter der Liebe 
möchte ich es heute nennen — nichts weiter als naives Erstaunen über 
diesen herkulischen Wuchs, über diese gigantische Kraft, die ich ihn so oft 
entfalten sah, vielleicht war es auch nur eine kindisch stolze Bewunderung 
für seinen gestickten Rock, seinen dreifarbigen Federbusch und seinen großen 
Säbel, den ich kaum von der Stelle heben konnte . . .« Als der General, 
den Napoleon mit Vorliebe »Herkules« nannte, dem Sterben nahe war, 
wurde der kleine Alexander zu einem Onkel gebracht. Dumas erzählt 
nun, daß er nach einer sehr unruhig verbrachten Nacht geweckt wurde: 
»Dann vernahm ich ohne zu wissen, was sie bedeuten sollten, die Worte: 
,Mein armes Kind, dein Väterchen, das dich so sehr geliebt, ist tot.' Ich 
blieb einen Augenblick nachdenkend. Obwohl noch ein Kind und schwach 
an Einsicht, fühlte ich dennoch, daß ein verhängnisvolles Ereignis in meinem 
Leben eingetreten sei. Im nächsten Augenblick, wo ich mich unbemerkt 
sah, ging ich meinem Onkel auf und davon und lief geradewegs zu meiner 
Mutter. Die Türen standen offen, ich trat ein, ohne von jemand gesehen 
oder bemerkt zu werden. Ich erreichte die kleine Kammer, in der die 
Waffen aufbewahrt wurden. Dort bemächtigte ich mich eines Gewehres, 
das meinem Vater gehörte, und das man mir versprochen hatte, wenn ich 
einmal groß sein würde. Mit diesem Gewehr schleppte ich mich die Treppe 
hinauf. Im ersten Stock begegnete ich meiner Mutter. Sie kam eben aus 
dem Zimmer, wo der Tote lag. ,Wo gehst du hin?', fragte sie erstaunt, 
mich hier zu sehen, während sie mich bei meinem Onkel wähnte. jch 
gehe in den Himmel', erwiderte ich. ,Wie? Du gehst in den Himmel?' — 
Ja, laß mich, Mutter.' — Aber, was willst du denn im Himmel, mein 
armes Kind?' — ,Ich will den lieben Gott tot machen, weil er unser 
Väterchen tot gemacht hat.' Man hatte mir nämlich bei meinem Onkel 
gesagt, daß der liebe Gott meinen Vater zu sich genommen habe und daß 
der liebe Gott im Himmel wohne. < 

Diese Kindheitsreminiszenz darf uns an typische Rachephantasien bei 
Neurotikern erinnern, welche oft nach des Vaters Tod auftauchen. Die 
Person, an welcher der Vater gerächt werden soll, ist selbst eine Ersatz- 
figur des Vaters und ihr wendet sich der unbewußte Sohneshaß zu, während 
das durch Selbstvorwürfe reaktiv gesteigerte Liebesgefühl des Sohnes im 
Verlangen nach Rache für den Dahingeschiedenen befriedigt werden soll. 
Rank hat das Wirken dieses Projektionsmechanismus in seiner Analyse des 
Hamlet dargestellt 1 . In unserer Kinderphantasie ist an die Stelle des alten 
Dänenkönigs und Claudius der tote Vater und ein noch höherer getreten: 
ein Wesen, das sich auf den ersten Blick als deifizierter Vater manifestiert. 
Das Motiv der Vaterrache ist hier so gewendet, daß die abgespaltene 
Vaterimago, an der Rache geübt werden soll, ein Objekt stärkster Ehr- 
furcht und Verehrung ist: der »liebe« Gott. Wir haben durch die Psycho- 

1 Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Wien 1912, S, 57 ff. 



— '■'* 






Vom wahren Wesen der Kinderseele 129 



analyse erfahren, daß auch den Ersatzfiguren des Vaters die ambivalente 
Gefühlseinstellung gewidmet ist. An unserem Beispiel finden wir dafür wieder 
eine Bestätigung: denn dem liehen Gott gilt nicht nur der kindliche, ur= 
sprünglich dem Vater seihst zugewendete Todeswunsch, sondern auch die 
Sohnesliehe. Wenn sich der Vierjährige als Racheobjekt gerade dieses 
höchste Wesen wählt, so dürfen wir daran erinnern, daß er seinen Vater 
grenzenlos verehrt, ja angebetet <»adore«> hat. Niemand Geringerer durfte 
die Stelle des übermäßig verehrten und unbewußt beneideten und gehaßten 
Vaters einnehmen. Wir haben durch die Forschungen Freuds die Psycho» 
genese des Gottesbegriffes tiefer erfassen gelernt: der von der primitiven 
Lirhorde ermordete Vater wurde als Gott wieder erweckt, und zwar in 
anthropomorpher Gestalt. Dieser wurde bestraft und gezüchtigt, wenn er 
den Seinen nicht half oder ihnen gar Unglück sandte; Revolutionen gegen 
die Gottheiten gehören zu den häufigen Vorgängen der primitiven Religionen. 
Das Emporrücken des toten Vaters an die Stelle Gottes findet in unserer 
kleinen Kindergeschichte eine Parallele. 

Es sei schließlich noch darauf verwiesen, daß auch in der geplanten 
Rache der neurotisch»infantile Kompromißcharakter erkennbar ist. Denn zur 
Ausführung seiner Absicht bemächtigt sich der kleine Junge jenes Gewehres, 
das dem Vater gehörte <Verbotübertretung unmittelbar nach des Vaters 
Tode), er eignete es sich so an, als ob er gerade jetzt und durch des 
Vaters Tod »groß« geworden wäre. Gerade jenes Instrument aber, das er 
widerrechtlich, gegen des Vaters Gebot an sich genommen hat, soll der 
Rache für den Vater dienen. Diese Aneignung aber gibt uns einen Finger« 
zeig, wem ursprünglich der Gewehrschuß zugedacht war. So mengen sich 
also gerade in jene Handlung, welcher der Liebe und Verehrung des 
Sohnes gelten soll, Züge, welche den entgegengesetzten Tendenzen des 
Trotzes und der revolutionären Feindseligkeit dienen, 

Dr. Theodor Reik. 

VI. 

Mutter — Sohn, Vater — Tochter. 

Ein reizendes Büchlein von Meta Schoepp »Mein Junge und ich« 1 
läßt uns die feine Erotik im Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem 
Söhnchen in so klaren Worten schauen, daß diese schönen Stellen zitiert 
zu werden wohl verdienen. Der kleine Junge, der »nur das gern ißt, was 
die Mama gern ißt«, vertraut ihr auf dem blauen Sofa, auf dem die 
beiden eine Welt für sich erleben, sein süßestes Geheimnis an: »Liebling, 
ich will dich heiraten. Eine andere mag ich nicht.« 

»Ach, Fritzchen, das geht ja nicht. Erstens habe ich schon einen 
Mann. Und zweitens muß doch der Mann immer ein bißchen älter sein als 
die Frau. Willst du dir's nicht noch überlegen?« 

_ »Und er überlegte sich's. Am nächsten Tag sagte er mir Bescheid. 
Er stieg dazu aus seinem Bettchen in meines, lag gedankenvoll einige Zeit 
in meinem Arm und wartete, daß der Vater das Zimmer verließ. Denn 
in seiner Gegenwart kann man sich doch keine Geheimnisse erzählen! 
Kaum ist also der Vater gegangen, da fängt er an — »Ich werde nun gar 
nicht heiraten, Liebling.« »Ach, wie schade! Ich hatte mich schon so auf 

1 Berlin, Concordia, Deutsdie Verlagsanstalt, 1910. 

Imago V/2 9 



deine kleine Frau gefreut! Warum denn nidit?« »Sie könnte vielleicht 
keine gute Mutter für meinen Jungen sein.« 

»Und drei Jahre später, mit sechs oder sieben, ist seine Weltanschau- 
ung noch düsterer geworden: »Ich heirate nicht«, sagt er — »zuerst sind 
die Frauen immer sehr nett. Und nachher sind sie ganz anders.« 

» Ach,« sagt das Fräulein, »dann wirst du ja ein langweiliger Jun^ 
geselle!« 

Er überlegt. 

»Nein. Meine Frau ist dann einfach schon gestorben. Und als 
Admiral« — das will er werden — »kann ich gar keine Frau brauchen. 
Dann habe ich einen Koch.« 

Und bei einem sangreichen Spaziergang durch den Wald, da die 
Mutter sein Lieblingslied »die beiden Grenadiere« vorschlägt: 

»Nein, die kann ich nicht mehr leiden.« 

»Warum denn nicht?« 

c *T e !';r Sie keine guten Papas smd - Was S0,Ien dann nun ihre Jungen 
anfangen? Mamas sind überhaupt viel besser als Papas. Hermann sagt — 
das war ein Freund - »er mag Papas überhaupt nicht, die hauen bloß.« 

»Aber deiner ist doch so gut!« 

»Ja. Aber hauen tut er auch.« 
u n Aber aus der zärtlichen Neigung zur Mutter lodert gelegentlich böser 
Haß, Der kleine Wicht weiß, daß er Mutter bei der Arbeit nicht stören 
dürfe. Und trotzdem will er gerade da der Mutter »bloß 'nen Kuß geben«. 
»Und nach einigen guten Ratschlägen über Zeitanwendung wird die Tür 
wieder geschlossen.« 

™ , , , Einen Augenblick Ruhe. Aber dann erhebt sich ein Geschrei und 

Wehklagen und eine verzweifelte Stimme heult: 

»Du liebst mich nicht mehr! Du liebst mich nicht mehr!« 

Adieu Arbeit! »Aber Mäuschen ich liebe dich! Ich liebe dich! 

JNur wenn Mama arbeitet — — « 

»Nein, ich hab's schon immer gewußt, daß du mich nicht liebst!« 

Gegenseitige Liebesbeteuerungen und Versöhnung. — 

»Warum hat dir der liebe Gott eigentlich goldene Haare gegeben?«, 

fragte er mich. Er sah so gern zu, wenn ich mein Haar kämmte. Wenn 
?2* c ' Ieucntete es und dann mußte er es küssen. 

Ich seufzte: »Etwas Schönes wollte er mir wohl auch geben.« 
Wir verkehrten an dem Morgen sehr höflich miteinander, bis - ja, 

bis auf einmal Meinungsverschiedenheiten ausbrachen ... - Da wurde er 

wütend. »Und du hast überhaupt kein goldenes Haar, Liebling«, schreit 

er, »Hexenhaar hast du!« 

Neben vielen andern prächtigen Stellen dieses Büchleins scheinen mir 
aber auch jene bedeutsam, die den verborgensten Winkeln der Frauenseele 
entstammen. Die uns zeigen, daß auch die elterlichen Gefühle eines unbe- 
wußt hbidinosen Charakters nicht entbehren, der sich später offenbart in 
den wohlbekannten eifersüchtigen Regungen der mütterlichen Liebe zum 
fconn, der vaterlichen zur reifenden Tochter. 

c-if #, Weine ■vierjährige Fritz zum erstenmal sein Persönlichkeits, 
gehihl zur Geltung bringt in der Behauptung: »Wenn Papa und Liebling 
nicht zu Hause sind, hat Mäuschen zu sagen. Dann ist Mäuschen der Herrl«, 
taucht in Frau Meta Schoepp der Gedanke an die Zukunft auf: »dieses 
kleine Ding sagt: ,Ich bin der Herr!' Ich vergaß, daß mit dem ersten 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 



131 



Schrei so ein kleiner Mensch eine Persönlichkeit ist/ ach, dachte ich, nun 
geht er seine eigenen Wege! Nun hat er schon seine eigenen Gedanken! 
Wie wird das später werden! Eines Tages wird er mir nicht mehr 
gehören! Eines Tages wird er eine Geliebte haben und seine 
Mutter wird er besuchen, wenn er gerade Zeit übrig hat! Nur 
für eine andere Frau haben wir unsere Söhne geboren! Ich dachte 
gar nicht daran, daß diese Geliebte noch gar nicht geboren war,- aber ich 
hatte einen richtigen Haß auf das unbekannte Geschöpf, das 
mir meinen Sohn nehmen wollte.« — 

Diese eifersüchtige Liebe der Mütter ist der heimliche Grund, warum 
sie ihre Knaben so lange im Kittelkleidchen gehen, das Haar in Locken 
wachsen lassen . . . 

Wie aber auch die Gefühle des Vaters zur heranwachsenden Tochter 
sich eines sexuellen Untertones nicht immer erwehren können, davon spricht 
Geijerstam in seinem Roman »Frauenmacht« ein feines Wort: »Ein 
Vater, der allein gelassen wird mit seiner Tochter, bekommt leicht in seinem 
Benehmen dem Kinde gegenüber ein gewisses Etwas, das zeigt, wie wenig 
er den Unterschied des Geschlechtes zwischen ihnen vergessen kann. So 
weit ich zurückdenken kann, war Gretchen für mich immer das kleine 
weibliche Wesen, sie war es von den ersten Tagen an, wo sie sich nach» 
denklich in der Metallplatte der Ofentür spiegelte oder mich bat, mit ihr 
zu spielen, ich sei ihr kleines Kind . . . 

Hier, gerade hier stand sie jeden Mittag, wenn ich nach Hause kam, 
sie stand ruhig und wartete, bis ich mich meines Überrocks entledigt 
hatte, um sich mir dann in die Arme zu werfen, mehr wie ein liebendes 
Weib als wie ein Kind ... Sie war schon ein kleines Weib, während sie 
noch ein Kind war. . .« r^ 1 1 tt ,, .. 

Dr. H. v. Hug^Hellmuth. 




Budidruckerei Carl Fromme, G. m. b. H., Wien V. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN