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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V 1919 Heft 5/6"

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DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






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ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO* 
ANAL-ySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
V. 5/6. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1919 




Das Unheimliche. 

Von SIGM. FREUD. 

I. 

Jer Psychoanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhe« 
tischen Untersuchungen, auch dann nicht, wenn man die 
Ästhetik nicht auf die Lehre vom Schönen einengt, sondern 
sie als Lehre von den Qualitäten unseres Fühlens beschreibt. Er 
arbeitet in anderen Schichten des Seelenlebens und hat mit den ziel« 
gehemmten, gedämpften, von so vielen begleitenden Konstellationen 
abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der Stoff der Ästhetik 
sind, wenig zu tun. Hie und da trifft es sich doch, daß er sich 
für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, und dann 
ist dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhetischen Fach« 
literatur vernachlässigtes. 

Ein solches ist das »Unheimliche«. Kein Zweifel, daß es zum 
Schreckhaften, Angst« und Grauenerregenden gehört, und ebenso 
sicher ist es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu be« 
stimmenden Sinne gebraucht wird, so daß es eben meist mit dem 
Angsterregenden überhaupt zusammenfällt. Aber man darf doch er« 
warten, daß ein besonderer Kern vorhanden ist, der die Verwendung 
eines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man möchte wissen, was 
dieser gemeinsame Kern ist, der etwa gestattet, innerhalb des Angst« 
liehen ein »Unheimliches« zu unterscheiden. 

Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführlichen 
Darstellungen der Ästhetik, die sich überhaupt lieber mit den schönen, 
großartigen, anziehenden, also mit den positiven Gefühlsarten, ihren 
Bedingungen und den Gegenständen, die sie hervorrufen, als mit 
den gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen beschäftigen. Von Seiten 
der ärztlich«psychologischen Literatur kenne ich nur die eine, inhalts« 
reiche aber nicht erschöpfende, Abhandlung von E. Jentsch <Zur 



298 Sigm. Freud 



Psychologie des Unheimlichen, Psychiatr.=neurolog. Wochenschrift 1906 
Nr. 22 u. 23>. Allerdings muß ich gestehen, daß aus leicht zu erratenden, 
in der Zeit liegenden Gründen die Literatur zu diesem kleinen Beitrag, 
insbesondere die fremdsprachige, nicht gründlich herausgesucht wurde,' 
weshalb er denn auch ohne jeden Anspruch auf Priorität vor den 
Leser tritt. 

Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlidien betont 
Jentsch mit vollem Recht, daß die Empfindlichkeit für diese Ge= 
fühlsqualität bei verschiedenen Menschen so sehr verschieden ange= 
troffen wird. Ja, der Autor dieser neuen Unternehmung muß sich 
einer besonderen Stumpfheit in dieser Sache anklagen, wo große Fein» 
fühligkeit eher am Platze wäre. Er hat schon lange nichts erlebt oder 
kennen gelernt, was ihm den Eindruck des Unheimlichen gemacht 
hätte, muß sich erst in das Gefühl hineinversetzen, die Möglichkeit 
desselben in sich wadirufen. Indes sind Schwierigkeiten dieser Art 
audi auf vielen anderen Gebieten der Ästhetik mächtig,- man braucht 
darum die Erwartung nicht aufzugeben, daß sich die Fälle werden 
herausheben lassen, in denen der fragliche Charakter von den meisten 
widerspruchslos anerkannt wird. 

Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welche 
Bedeutung die Sprachentwicklung in dem Worte »unheimlich« nieder* 
gelegt hat, oder zusammentragen, was an Personen und Dingen, 
Sinneseindrücken, Erlebnissen und Situationen das Gefühl des Un= 
heimlichen in uns wachruft, und den verhüllten Charakter des Un* 
heimlichen aus einem allen Fällen Gemeinsamen erschließen. Ich will 
gleich verraten, daß beide Wege zum nämlichen Ergebnis führen 
das Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche auf das Alt- 
bekannte, Längstvertraute zurückgeht. Wie das möglich ist, unter 
welchen Bedingungen das Vertraute unheimlich, schreckhaft werden 
kann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden. Ich bemerke 
noch, daß diese Untersuchung in Wirklichkeit den Weg über eine 
Sammlung von Einzelfällen genommen und erst später die Be= 
stätigung durch die Aussage des Sprachgebrauchs gefunden hat. In 
dieser Darstellung werde ich aber den umgekehrten Weg gehen. 

Das deutsche Wort »unheimlich« ist offenbar der Gegensatz 
zu heimlich, heimisch, vertraut und der Schluß liegt nahe, es sei 
etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und vertraut ist. 
Natürlich ist aber nicht alles schreckhaft, was neu und nidit vertraut 
ist,- die Beziehung ist nicht umkehrbar. Man kann nur sagen, was 
neuartig ist, wird leicht schreckhaft und unheimlich,- einiges Neuartige 
ist schreckhaft, durchaus nicht alles. Zum Neuen und Nichtvertrauten 
muß erst etwas hinzukommen, was es zum Unheimlichen macht. 

Jentsch ist im ganzen bei dieser Beziehung des Unheimlichen 
zum Neuartigen, Nichtvertrauten, stehen geblieben. Er findet die 
wesentliche Bedingung für das Zustandekommen des unheimlichen 
Gefühls in der intellektuellen Unsicherheit. Das Unheimliche wäre 
eigentlida immer etwas, worin man sich sozusagen nicht auskennt, 



Das Unheimliche 299 



Je besser ein Mensch in der Umwelt orientiert ist, destoweniger 
leicht wird er von den Dingen oder Vorfällen in ihr den Eindruck 
der Unheimlichkeit empfangen. 

Wir haben es leicht zu urteilen, daß diese Kennzeichnung nicht 
erschöpfend ist, und versuchen darum, über die Gleichung unheimlich 
= nicht vertraut hinauszugehen. Wir wenden uns zunächst an andere 
Sprachen. Aber die Wörterbücher, in denen Wir nachschlagen, sagen 
uns nichts Neues, vielleicht nur darum nicht, weil wir selbst Fremd= 
sprachige sind. Ja wir gewinnen den Eindruck, daß vielen Sprachen 
ein Wort für diese besondere Nuance des Schreckhaften abgeht 1 . 

Lateinisch: (nach K. E. Georges, Kl. Deutschlatein. Wörter« 
buch 1898) ein unheimlicher Ort — locus suspectus,- in unh. Nachts 
zeit — intempesta nocte. 

Griechisch (Wörterbücher von Rost und von Schenk!) 
|sVog — also fremd, fremdartig. 

Englisch <aus den Wörterbüchern von Lucas, Bellow, 
Flügel, Muret=Sanders> uncomfortable, uneasy, gloomy, dismal, 
uncanny, ghastly, von einem Hause: haunted, von einem Menschen 
a repulsive fellow. 

Französisch (Sachs-Villatte) inquierant, sinistre, lugubre, 
mal ä son aise. 

Spanisch (Tollhausen 1889) sospechoso, de mal aguero, 
lugubre, siniestro. 

Das Italienische und Portugiesische scheinen sich mit Worten 
zu begnügen, die wir als Umschreibungen bezeichnen würden. Im 
Arabischen und Hebräischen fällt unheimlich mit dämonisch, schaurig 
zusammen. 

Kehren wir darum zur deutschen Sprache zurück. 

In Daniel Sanders' Wörterbuch der Deutschen Sprache 1860 
finden sich folgende Angaben zum Worte heimlich, die ich hier 
ungekürzt abschreiben und aus denen ich die eine und die andere 
Stelle durch Unterstreichung hervorheben will: (I. Bd„ p. 729.) 

Heimlich, a. (=keit, f. «en>: 1. auch Heimelich, heimelig, zum Hause ge= 
hörig, nicht fremd, vertraut, zahm, traut und traulich, anheimelnd etc. a) (veralt.) 
zum Haus, zur Familie gehörig oder: wie dazu gehörig betrachtet, vgl. lat. 
familiaris, vertraut: Die Heimlichen, die Hausgenossen; Der heimliche Rat. 
1. Mos. 41, 45,- 2. Sam. 23, 23. 1. Chr. 12, 25. Weish. 8, 4., wofür 
jetzt: Geheimer (s. d 1.) Rat üblich ist, s. Heimlicher — b) von Thieren 
zahm, sich den Menschen traulich anschließend. Ggstz. wild, z. B. Tier, 
die weder wild noch heimlich sind etc. Eppendorf. 88,- Wilde Thier . .- ,- 
so man sie h. und gewohnsam um die Leute aufzeucht. 92. So diese 
Thierle von Jugend bei den Menschen erzogen, werden sie ganz h., freund« 
lieh etc. Stumpf 608a etc. — So noch: So h. ist's (das Lamm) und frißt 
aus meiner Hand. Hölty,- Ein schöner, heimeficher (s. c) Vogel bleibt- der 
Storch immerhin. Linck, Schi. 146. s. Häuslich. 1 etc. — c) traut, 

1 Für die nachstehenden Auszüge bin ich Herrn Dr. Th. Reik zu Dank 
verpflichtet. 



trauhA anheimelnd, das Wohlgefühl stiller Befriedigung etc., behagliAer 
Kühe u. siAern SAutzes, wie das umsAlossne wohnliche Haus erregend 
<vgl. Geheuer): Ist dir s h. noA im Lande, wo die Fremden deine Wälder 
roden? Alex.s H. 1, 1, 289,. Es war ihr nicht allzu h. hei ihm. Brentano 
Wehrn. yz, Auf einem hohen h-en Schattenpfade . . , längs dem rieselnden 
rauschenden und plätschernden Waldbach. Forster B. 1, 417 Die H-keit 
der Heimath zerstören. Gervinus Lit. 5, 375. So vertraulich und heimlich 
habe ich nicht leicht ein Plätzchen gefunden. G. 14, 14/ Wir dachten es uns 
so bequem, so artig, so gemütlich und h. 15, 9, In stiller H-keit, umzielt 
von engen Schranken. Haller.- Einer sorglichen Hausfrau, die mit dem 
Wenigsten eine vergnügliche H-keit <Häuslichkeit> zu schaffen versteht 
Hartmann Unst. 1, 188, Desto h-er kam ihm jetzt der ihm erst kurz 
noch so fremde Mann vor. Kerner 540, Die protestantischen Besitzer 
fühlen sich . . . nicht h. unter ihren katholischen Unterthanen. Kohl. Irl. 1, 172- 
T-T% \n k i.u nd } e } se , ldi z Abendstille nur an deiner Zelle lauscht! 
liedge Z, 39, Still und lieb und h., als sie sich / zum Ruhen einen Platz 
nur wunsAen möchten. W. 11, 144, Es war ihm garnicht h. dabei 27, 
P-T 1 i™ Auch: Der Platz war so still, so einsam, so schattend. Scherr 
rug. 1, t/U, Die ab» und zuströmenden Fluthwellen, träumend und wiegen» 
hed-h -Könner, SA. 3, 320 etc.. . - Vgl. namentl. Un-h. - Namentl bei 
schwab., sAwzr. SAnftst. oft dreisilbig: Wie »heimeliA« war es dann Ivo 
Abends wieder, als er zu Hause -lag. AuerbaA, D. 1, 249, In dem Haus 
ist mir-s so heimelig gewesen. 4, 307,- Die warme Stube, der heimelige 
NaAm.ttag. Gottheit SA. 127, 148, Das ist das wahre Heimelig, wenn 
der Mens* so von Herzen fühlt, wie wenig er ist, wie groß der Herr ist. 
a Tri ?A n A adl und , nadl re^t gemütliA und heimelig mit ein» 
ander. LI. 1, 297, Die trauliche Heimeligkeit. 380, 2, 86, HeimeliAer wird 
es mir wohl nirgends werden als hier. 327, Pestalozzi 4, 240, Was von ferne 
herkommt... lebt gwnidit ganz heimelig CheimatliA, freundnaAbarliA) 
mit den Leuten. 325, Die Hütte, wo / er sonst so heimelig, so froh/ 
im Kreis der Seinen oft gesessen. Reithärd 20, Da klingt das Hörn des 
Wächters so heimelig vom Thurm / da ladet seine Stimme so gastliA. 49- 
tis schlaft siA da so lind, und warm / so wunderheim'lig ein. 23 etc - ■ 
Diese Weise verdiente allgemein zu werden, um das gute 
Wort vor dem Veralten wegen nahe liegender Verwechs» 
lr* ng "V/ Z 2U bewahren, vgl.: »Die Zecks sind alle h. <2>« 
n..,l Was verstehen sie unter h..? - »Nun ... es kommt 
mir mit ihnen vor, wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder 
einem ausgetrockneten Teich. Man kann, nicht darüber gehen 
ohne daß es Einem immer ist, als könnte da wieder einmal 
Wasser zum Vorschein kommen.« Wir nennen das un-h • Sie 
nennen s h. Worin finden Sie denn, daß diese Familie etwas Ver- 
stecktes und Unzuverlässiges hat? etc. Gutzkow R. 2, 61' - 
*.*-?. namentl. sAles.: fröhliA, heiter, auA vom Wetter, s. Adelung 
und Weinhold - 2. versteckt, verborgen gehalten, so daß man Andre 
nicht davon oder darum wissen lassen, es ihnen verbergen will, vgl. Ge» 
heim <2> von welAem erst nhd. Ew. es doA zumal in der altern SpraAe, 
z. B. in der Bibel wie Hiob 11, 6, 15, 8, Weish. 2, 22, 1. Kor. 1,7 etc 
und so auA H-keit statt Geheimnis. Math. 13, 35 etc. nicht immer ge» 
nau gesAieden wird: H. (hinter Jemandes Rüden) Etwas thun, treiben, SiA 

1 Sperrdruck <audi im folgenden) vom Referenten. 



Das Unheimliche 



301 



h. davon schleichen/ H—e Zusammenkünfte, Verabredungen/ Mit h— er 
Schadenfreude zusehen/ H. seufzen, weinen/ H. thun, als ob man etwas zu 
verbergen hätte,- H—e Liebe, Liebschaft, Sünde/ H—e Orte <die der' Wohl« 
stand zu verhüllen gebietet). 1. Sam, 5, 6/ Das h—e Gemach (Abtritt) 

2. Kön. 10, 27/ W. 5, 256 etc., auch: Der h-e Stuhl. Zinkgräf 1, 249,- 
In Graben, in H— keiten werfen. 3, 75, Rollenhagen Fr. 83 etc. — Führte, 
h. vor Laomedon / die Stuten vor. B. 161 b etc. — Ebenso versteckt, 
h., hinterlistig und boshaft gegen grausame Herren . . . wie offen, frei, 
theilnehmend und dienstwillig gegen den leidenden Freund. Burmeister gB 2, 
157,- Du sollst mein h, Heiligstes noch wissen. Chamisso 4, 56,- Die h—e 
Kunst <der Zauberei). 3, 224,- Wo die öffentliche Ventilation aufhören muß, 
fängt die h— e Machination an. Forster, Br. 2, 135,- Freiheit ist die leise Parole 
h. Verschworener, das laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden. G. 4, 
222/ Ein heilig, h. Wirken. 15/ Ich habe Wurzeln / die sind gar h., / im 
tiefen Boden / bin ich gegründet. 2, 109,- Meine h—e Tücke <vgl, Heim« 
tücke). 30, 344/ Empfängt er es nicht offenbar und gewissenhaft, so mag- 
er es h. und gewissenlos ergreifen. 39, 22,- Ließ h. und geheimnisvoll achro« 
matische Fernröhre zusammensetzen. 375/ Von nun an, will ich, sei 
nichts H— es mehr unter uns. Seh. 369b, — Jemandes H— keiten entdecken, 
offenbaren, verratheii/ H— keiten hinter meinem Rücken zu brauen. Alexis. 
H. 2, 3, 168/ Zu meiner Zeit /befliß man sich der H— keit. Hagedorn 

3, 92/ Die H— keit und das Gepuschele unter der Hand. Immermann, 
M. 3, 289/ Der H— keit <des verborgnen Golds) unmächtigen Bann / kann 
nur die Hand der Einsicht lösen. Novalis. 1, 69/ Sag an, wo du sie ver« 
birgst. . . in welches Ortes verschwiegener H. Seh. 495b,- Ihr Bienen, die ihr 
knetet / der H— keiten Schloß (Wachs zum Siegeln). Tieck, Cymb. 3,2/ 
Erfahren in seltnen H— keiten (Zauberkünsten). Schlegel Sh. 6, 102 etc. 
vgl. Geheimnis L. 10, 291 ff. 

Zsstzg. s. 1 c, so auch nam. der Ggstz: Ün«: unbehagliches, banges 
Grauen erregend: Der schier ihm un«h., gespenstisch erschien. Chamisso 
3, 238/ Der Nacht un«h, bange Stunden. 4, 148,- Mir war schon lang' 
un«h., ja graulich zu Mute. 242/ Nun fängts mir an, un=h. zu werden. 
Gutzkow R. 2, 82/ Empfindet ein u — es Grauen. Heine, Verm. 1, 51/ 
Un«h. und starr wie ein Steinbild. Reis, 1, 10/ Den u— en Nebel, Haar« 
rauch geheißen. Immermann M, 3, 299,- Diese blassen Jungen sind un«h. 
und brauen Gott weiß was Schlimmes. Laube, Band 1, 119/ Unh. nennt 
man Alles, was im Geheimnis, im Verborgnen . . . bleiben sollte 
und hervorgetreten ist. Schelling, 2, 2, 649 etc. — Das Göttliche 
zu verhüllen, mit einer gewissen U— keit zu umgeben 658 etc. — Un= 
üblich als Ggstz. von <2), wie es Campe ohne Beleg anführt. 

Aus diesem langen Zitat ist für uns am interessantesten, daß 
das Wörtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner Be= 
deutung auch eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz unheimlich 
zusammenfällt. Das heimliche wird dann zum unheimlichen/ vgl. das 
Beispiel von Gutzkow: »Wir nennen das unheimlich, Sie nennen's 
heimlich.« Wir werden überhaupt daran gemahnt, daß dies Wort 
heimlich nicht eindeutig ist, sondern zwei Vorstellungskreisen zuge« 
hört, die, ohne gegensätzlich zu sein, einander doch recht fremd sind, 
dem des Vertrauten, Behaglichen und dem des Versteckten, Ver= 
borgen gehaltenen. Unheimlich sei nur als Gegensatz zur ersten Be- 



Sigm. Freud 



deutung, nicht auch zur zweiten gebräuchlich. Wir erfahren bei 
Sanders nichts darüber, ob nicht doch eine genetische Beziehung 
zwischen diesen zwei Bedeutungen anzunehmen ist. Hingegen werden 
wir auf eine Bemerkung von Sehe Hing aufmerksam, die vom In= 
halt des Begriffes Unheimlich etwas ganz Neues aussagt, auf das 
unsere Erwartung gewiß nicht eingestellt war. Unheimlich sei alles, 
was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorge= 
treten ist. 

Ein Teil der so angeregten Zweifel wird durch die Angaben 
in Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 
1877 <IV/ 2 , p. 874 f> geklärt: 

»Heimlich/ adj. und adv. vernaculus, occultus/ mhd. heimelidi, 
heimlich, heinlich. 

S. 874: In etwas anderem sinne: es ist mir heimlich, wohl, frei von 
furcht .... 

b) heimlich ist auch der von gespensterhaften freie ort . . . 
S. 875: ß) vertraut,- freundlich, zutraulich. 

4. aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter 
der begriff des fremden äugen entzogenen, verborgenen, ge = 
heimen, eben auch in mehrfacher Beziehung ausgebildet ... 

5. 876: »links am see 

liegt eine matte heimlich im gehölz.« 

Schiller, Teil I, 4. 
. . . frei und für den modernen Sprachgebraudi ungewöhnlich . . . heimlich ist 
zu einem verbum des verbergens gestellt: er verbirgt mich heimlich in seinem 
gezelt. ps. 27, 5. <. . . heimliche orte am menschlichen Körper, pudenda . . . 
welche leute nicht stürben, die wurden geschlagen an heimlichen orten. 
1 Samuel 5, 12 . . . 

c) beamtete, die wichtige und geheim zu haltende ratschlage in Staats» 
sachen ertheilen, heiszen heimliche räthe, das adjektiv nach heutigem Sprach- 
gebrauch durch geheim <s. d.) ersetzt: . . . <Pharao> nennet ihn (Joseph) den 
heimlichen rath. 1. Mos. 41, 45/ 

S. 878. 6. heimlich für die erkenntnis, mystisch, allegorisch : heimliche 
bedeutung, mysticus, divinus, occultus, figuratus. 

S. 878: anders ist heimlich im folgenden, der erkenntnis entzogen, un= 
bewuszt: ... 

dann aber ist heimlich auch verschlossen, undurchdringlich in bezug 
auf erforsohung: ... 

»merkst du wohl? sie trauen mir nicht, 
fürditen des Friedländers heimlich gesicht.« 

Wallensteins lager, 2. aufz. 
9. die bedeutung des versteckten, gefährlichen, die in der 
vorigen nummer hervortritt, entwickelt sich noch weiter, so 
dasz heimlich den sinn empfängt, den sonst unheimlich (gebildet 
nach heimlich 3, b) sp. 874) hat: »mir ist zu Zeiten wie dem menschen der 
in nacht wandelt und an gespenster glaubt, jeder winkel ist ihm heimlich 
und schauerhaft.« Klinger, theater, 3, 298. 

Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einer 
Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz 



Das Unheimliche 



303 



unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von 
heimlich. Halten wir dies noch nicht recht geklärte Ergebnis mit der 
Definition des Unheimlichen von Schleiermacher zusammen.. Die 
Einzeluntersuchung der Fälle des Unheimlichen wird uns diese 
Andeutungen verständlich machen. 

IL 

Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, 
Eindrücke, Vorgänge und Situationen herangehen, die das Gefühl 
des Unheimlichen in besonderer Stärke und Deutlichkeit in uns zu 
erwecken vermögen, so ist die Wahl eines glücklichen ersten Beispiels 
offenbar das nächste Erfordernis. E. Jentsch hat als ausgezeichneten 
Fall den »Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen 
Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht 
etwa beseelt sei« hervorgehoben und sich dabei auf den Eindruck 
von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und Automaten berufen. Er 
reiht dem das Unheimliche des epileptischen Anfalls und der 
Äußerungen des Wahnsinnes an, weil durch sie in dem Zuschauer 
Ahnungen von automatischen — mechanischen — Prozessen geweckt 
werden, die hinter dem gewohnten Bilde der Beseelung verborgen 
sein mögen. Ohne nun von dieser Ausführung des Autors voll 
überzeugt zu sein, wollen . wir unsere eigene Untersuchung an ihn 
anknüpfen, weil er uns im weiteren an einen Dichter mahnt, dem 
die Erzeugung unheimlicher Wirkungen so gut wie keinem anderen 
gelungen ist. 

»Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen 
durch Erzählungen hervorzurufen,« schreibt Jentsch, »beruht nun 
darauf, daß man den Leser im Ungewissen darüber läßt, ob er in 
einer bestimmten Figur eine Person oder etwa einen Automaten 
vor sich habe, und zwar so, daß diese Unsicherheit nicht direkt in 
den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, damit er nicht veranlaßt 
werde, die Sache sofort zu untersuchen und klarzustellen, da hie- 
durch, wie gesagt, die besondere Gefühlswirkung leicht schwindet. 
E. T. A. Hoffmann hat in seinen Phantasiestüden dieses 
psychologische Manöver wiederholt mit Erfolg zur Geltung gebracht.« 

Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Er» 
Zählung »Der Sandmann« in den »Nachtstüdken« <dritter Band der 
Grisebachschen Ausgabe von Hoffmanns sämtlichen Werken), 
aus welcher die Figur der Puppe Olimpia in den ersten Akt der 
Offenbachschen Oper »Hoffmanns Erzählungen« gelangt ist. 
Ich muß aber sagen, — und ich hoffe die meisten Leser der Geschichte 
werden mir beistimmen — daß das Motiv der belebt scheinenden 
Puppe Olimpia keineswegs das einzige ist, welches für die um= 
vergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung verantwortlich 
gemacht werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem diese Wirkung 
in erster Linie zuzuschreiben wäre. Es kommt dieser Wirkung auch 
nicht zustatten, daß die Olimpiaepisode vom Dichter selbst eine 



301 



Sigm. Freud 



leise Wendung Ins Satirische erfährt und von ihm zum Spott auf 
die Liebesuberschatzung von Seiten des jungen Mannes gebraucht 
v td Im Mittelpunkt der Erzählung steht vielmehr ein anderes 
Moment, nach dem sie auch den Namen trägt, und das an den 
entscheidenden Stellen immer wieder hervorgekehrt wird: das Motiv 
des Sandmannes, der den Kindern die Augen ausreißt 

Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die 
phantastische Erzählung anhebt, kann trotz seines Glückes in der 
Gegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an den 
rätselhaft erschreckenden lod des geliebten Vaters knüpfen. An 
gewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnung 
zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich hört 
das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, der 

aZ\ A uT Ah < end in Äns P ruA ^mmt. Die Mutter, nach 

dem Sandmann befragt, leugnet dann zwar, daß ein solcher anders 
denn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau weiß greifbarere 

K±n w geben: •!? aS iSt p dn böser Mann ' der kommt Tu den 
Kindern wenn sie^nichtzu Bette gehen wollen und wirft ihnen 
Hände voll Sand in die Augen daß sie blutig zum Kopf herausspringen 
|e wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond^ 
Atzung für seine Kinderchen, die sitzen dort im Nest und haben 
krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen 
Menschenkindlein Augen auf.« "»dingen 

Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war 
um so schauerlkhe Zutaten zur Figur des Sandmannes abTuwefeen 
so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm feit Et 
beschloß zu erkunden, wie der Sandmann aussehe, und verbarg skh 
eines Abends als er wieder erwartet wurde, im Arbe tsz mm er 

Coppehus, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der sich die Kinder 
zu scheuen pflegten wenn er gelegentlich als Mittagsgast erschien 

F& dt tT "p dieSen C f° PPeIi ^ S mit dem ^fürchteten Sandmanm 
Ä I f e " Fort § an S dieser Szene macht es der Dichter bereits 
zweifelhaft ob wir es mit einem ersten Delirium des angstbesessenen 
Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben, der all rea n der 
Darsteilungswelt der Erzählung aufzufassen ist. Vater und Ga£ 
machen sich an einem Herd mit flammender Glut zu schaffen Der 

veS s^ U dtch h s Ört C TtT mkn J »^ her ' Auge e n"her: 
verrat sich durch seinen Aufschrei und wird von Coppelius gepadrt 
der ihm g utrote Körner aus der Flamme in die Augen Seufn 
will, um sie dann auf den Herd zu werfen. Der Vator bittet die 

t*? d f R in , d f. fre |w Eine tkfe ° hnraaAt «nd lange Kankheft 
beenden das Erlebnis Wer sich für die rationalistische Deutung des 
Sandmannes entscheidet, wird in dieser Phantasie des Kindes den 
Wttf ' enerE f-hlung der Kinderfrau nichfveSnnen 
Anstatt der Sandkorner sind es glutrote Fiammenkörner, die dem 
Kinde in die Augen gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damft 



Das Unheimliche 



305 



die Augen herausspringen. Bei einem weiteren Besuche des Sand« 
mannes ein Jahr später wird der Vater durch eine Explosion im 
Arbeitszimmer getötet/ der Advokat Coppelius verschwindet vom 
Orte, ohne eine Spur zu hinterlassen. 

Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student 
Nathaniel in einem herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe 
Coppola zu erkennen, der ihm in der Universitätsstadt Wettergläser 
zum Kauf anbietet und nach seiner Ablehnung hinzusetzt: »Ei nix 
Wetterglas, nix Wetterglas! — hab auch sköne Oke — sköne Oke.« 
Das Entsetzen des Studenten wird beschwichtigt, da sich die ange* 
botenen Augen als harmlose Brillen herausstellen,- er kauft dem 
Coppola ein Taschenperspektiv ab und späht mit dessen Hilfe in die 
gegenüberliegende Wohnung des Professors Spalanzani, wo er 
dessen schöne, aber rätselhaft wortkarge und unbewegte Tochter 
Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich bald so heftig, daß er 
seine kluge und nüchterne Braut über sie vergißt. Aber Olimpia 
ist ein Automat, an dem Spalanzani das Räderwerk gemacht und 
dem Coppola — der Sandmann — ■ die Augen eingesetzt hat. Der 
Student kommt hinzu, wie die beiden Meister sich um ihr Werk 
streiten,- der Optiker hat die hölzerne, augenlose Puppe davongetragen 
und der Mechaniker, Spalanzani, wirft Nathaniel die auf dem 
Boden liegenden blutigen Augen Olimpias an die Brust, von denen 
er sagt, daß Coppola sie dem Nathaniel gestohlen. Dieser wird von 
einem neuerlichen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen Delirium sich 
die Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck 
verbindet: »Hui — hui — hui! — Feuerkreis — Feuerkreis! Dreh' 
dich Feuerkreis — lustig — lustig! Holzpüppchen hui, schön Holz-» 
püppchen dreh' dich — , « Damit wirft er sich auf den Professor, den 
angeblichen Vater Olimpias, und will ihn erwürgen. 

Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel end= 
lieh genesen. Er gedenkt seine wiedergefundene Braut zu heiraten. 
Sie ziehen beide eines Tages durch die Stadt, auf deren Markt der 
hohe Ratsturm seinen Riesenschatten wirft. Das Mädchen schlägt 
ihrem Bräutigam vor, auf den Turm zu steigen, während der das 
Paar begleitende Bruder der Braut unten verbleibt. Oben zieht eine 
merkwürdige Erscheinung von etwas, was sich auf der Straße heran* 
bewegt, die Aufmerksamkeit Claras auf sich. Nathaniel betrachtet 
dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv, das er in seiner Tasche 
findet, wird neuerlich vom Wahnsinn ergriffen und mit den Worten : 
Holzpüppchen dreh' dich, will er das Mädchen in die Tiefe schleudern. 
Der durch ihr Geschrei herbeigeholte Bruder rettet sie und eilt mit 
ihr herab. Oben läuft der Rasende mit dem Ausruf herum: Feuer- 
kreis dreh' dich, dessen Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen, 
die sich unten ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der 
plötzlich wieder erschienen ist. Wir dürfen annehmen, daß es der 
Anblick seiner Annäherung war, der den Wahnsinn bei Nathaniel 
zum Ausbruch brachte, Man will hinauf, um sich des Rasenden zu 



Imago V/5— 6 



20 



306 



Sigm. Freud 



bemächtigen, aber Coppelius 1 ) lacht: »wartet nur, der kommt sdion 
herunter von selbst.« Nathaniel bleibt plötzlich stehen, wird den 
Coppelius gewahr und stürzt sidimit dem gellenden Schrei ; Ja! »Sköne 
Uke — Sköne Oke« über das Geländer herab. Sowie er mit zer- 
schmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist der Sandmann 
im Cewuhl verschwunden. 

Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber 
bestehen lassen, daß das Gefühl des Unheimlichen direkt an der 
ürestalt des Sandmannes, also an der Vorstellung der Augen be- 
raubt zu werden haftet, und daß eine intellektuelle Unsicherheit im 
Sinne von Jentsch mit dieser Wirkung nichts zu tun hat. Der 
Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der Puppe Olimpia gelten 
lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Beispiel des Unheimlichen 
überhaupt nicht in Betracht. Der Dichter erzeugt zwar in uns anfäne- 
lieh eine Art von Unsicherheit, indem er uns, gewiß nicht ohne Ab- 
sieht, zunächst nicht erraten läßt, ob er uns in die reale Welt oder 
in eine ihm beliebige phantastische Welt einführen wird. Er hat ia 
bekanntlich das Recht, das eine oder das andere zu tun, und wenn 
er z. b. eine Welt, in der Geister, Dämonen und Gespenster äderen 
zum Schauplatz seiner Darstellungen gewählt hat, wie Shake- 
speare im Hamlet, Macbeth und in anderem Sinne im Sturm und 
im Sommernachtstraum, so müssen wir ihm darin nachgeben und 
diese Welt seiner Voraussetzung für die Dauer unserer Hingegebenheit 
wie eine Realität behandeln. Aber im Verlaufe der Hoffmann sehen 
Erzählung schwindet dieser Zweifel, wir merken, daß der Dichter 
uns selbst durch die Brille oder das Perspektiv des dämonischen 
Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in höchsteigener 
Person durch solch ein Instrument geguckt hat. Der Schluß der 
Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich der 
Advokat Coppelius 1 und also auch der Sandmann ist. 

Eine »intellektuelle Unsicherheit« kommt hier nicht mehr in 
b; rage: wir wissen jetzt, daß uns nicht die Phantasiegebilde eines 
Wahnsinnigen vorgeführt werden sollen, hinter denen wir in rational 
stischer^Uberlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen mögen, 
und — der Eindruck des Unheimlichen hat sich durch diese Aufklärung 
nicht im mindesten verringert. Eine intellektuelle Unsicherheit leistet 
uns also nichts für das Verständnis dieser unheimlichen Wirkung 
Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daram 
daß es eine schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu besdiädircn 
oder zu verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit ver- 
blieben und sie fürchten keine andere Organverletzung so sehr wie 
die des Auges. Ist man doch auch gewohnt zu sagen, daß man etwas 
behüten werde wie seinen Augapfel. Das Studium der Träume, 
der Phantas ien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß die Angst 
« Zur Ableitung des Namens: Coppeiia = ProSiertieeel <die chemischen 
B^^o^Z^^ VerUn * IÜAt >' -PPO = Auge„ g ähf Äter 



Das Unheimliche 



307 



um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug ein Ersatz 
für die Kastrationsangst ist. Audi die Selbstblendung des mythischen 
Verbrechers Oedipus ist nur eine Ermäßigung für die Strafe der 
Kastration, die ihm nach der Regel der Talion allein angemessen 
wäre. Man mag es versuchen, in rationalistischer Denkweise die 
Zurückführung der Augenangst auf die Kastrationsangst abzulehnen,- 
man findet es begreiflich, daß ein so kostbares Organ wie das Auge 
von einer entsprechend großen Angst bewacht wird, ja man kann 
weitergehend behaupten, daß kein tieferes Geheimnis und keine 
andere Bedeutung sich hinter der Kastrationsangst verberge. Aber 
man wird damit doch nicht der Ersatzbeziehung gerecht, die sich 
in Traum, Phantasie und Mythus zwischen Auge und männlichem 
Glied kundgibt, und kann dem Eindruck nicht widersprechen, daß 
ein besonders starkes und dunkles Gefühl sich gerade gegen die 
Drohung das Geschlechtsglied einzubüßen erhebt, und daß dieses 
Gefühl erst der Vorstellung vom Verlust anderer Organe den 
Nachhall verleiht. Jeder weitere Zweifel schwindet dann, wenn man 
aus den Analysen an Neurotikern die Details des »Kastrationskom- 
plexes« erfahren und dessen großartige Rolle in ihrem Seelenleben 
zur Kenntnis genommen hat. 

Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Auf» 
fassung raten, sich für die Behauptung, die Augenangst sei etwas vom 
Kastrationskomplex Unabhängiges gerade auf die Hoff mann sehe 
Erzählung vom »Sandmann« zu berufen. Denn warum ist die Augen* 
angst hier mit dem Tode des Vaters in innigste Beziehung gebracht ? 
Warum tritt der Sandmann jedesmal als Störer der Liebe auf? Er 
entzweit den unglücklichen Studenten mit seiner Braut und ihrem 
Bruder, der sein bester Freund ist, er vernichtet sein zweites Liebes« 
objekt, die schöne Puppe Olimpia, und zwingt ihn selbst zum Selbst* 
mord, wie er unmittelbar vor der beglückenden Vereinigung mit 
seiner wiedergewonnenen Clara steht. Diese sowie viele andere Züge 
der Erzählung erscheinen willkürlich und bedeutungslos, wenn man die 
Beziehung der Augenangst zur Kastration ablehnt, und werden 
sinnreich, sowie man für den Sandmann den gefürchteten Vater ein* 
setzt, von dem man die Kastration erwartet 1 , 

1 In der Tat hat die Phantasiebearbeitung des Dichters die Elemente des 
Stoffes nicht so wild herumgewirbelt, daß man ihre ursprüngliche Anordnung nidit 
wiederherstellen könnte. In der Kindergeschichte stellen der Vater und Coppeiius 
die durch Ambivalenz in zwei Gegensätze zerlegte Vaterimago dar/ der eine droht 
mit der Blendung (Kastration), der andere, der gute Vater, bittet die Augen des 
Kindes frei. Das von der Verdrängung am stärksten betroffene Stück des Korn» 
plexes, der Todeswunsch gegen den bösen Vater, findet seine Darstellung in dem 
Tod des guten Vaters, der dem Coppeiius zur Last gelegt wird. Diesem Väter» 
paar entsprechen in der späteren Lebensgeschichte des Studenten der Professor 
Spalanzani und der Optiker Coppola, der Professor an sich eine Figur der Vater» 
reihe, Coppola als identisch mit dem Advokaten Coppeiius erkannt. Wie sie damals 
zusammen am geheimnisvollen Herd arbeiteten, so haben sie nun gemeinsam 
die Puppe Olimpia verfertigt/ der Professor heißt auch der Vater Olimpias. Durdi 
diese zweimalige Gemeinsamkeit verraten sie sich als Spaltungen der Vaterimago, 

20* 



308 



Sigm. Freud 



auf älllfT T- a Jf-l Wa i en ' daS U ? heimIiAe des Sandmannes 
mit die Angst des kindlichen Kastrationskomplexes zurückzuführen 
Sowie aber die Idee auftaucht, ein solches infantiles Moment für 
die Enstehung des unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen' 
werden wir auch 2 um Versuch getrieben, dieselbe Ableitung für 
andere Beispiele des Unheimlichen in Betracht zu ziehen. Im Sand* 
mann findet sich noch das Motiv der belebt scheinenden Puppe, das 
Jentsch hervorgehoben hat. Nach diesem Autor ist es eine be- 
sonders _ günstige Bedingung für die Erzeugung unheimlicher Gefühle 
wenn eine intellektuelle Unsicherheit geweckt wird, ob etwas belebt 
oder leblos sei, und wenn das Leblose die Ähnlichkeit mit dem 
Lebenden zu weit treibt. Natürlich sind wir aber gerade mit den 
Puppen vom K.ndliAen nicht weit entfernt. Wir erinnern uns, daß 

Belebtem und Leblosem unterscheidet und daß es besonders *erne 
seine Puppe wie ein lebendes Wesen behandelt. Ja, man hört Zt 
legenthch von einer Patientin erzählen, sie habe noch im Alter von 
acht Jahren die Überzeugung gehabt, wenn sie ihre Puppen auf eine 
gewisse Art, möglichst eindringlich, anschauen würde/müßten dkse 
lebendig werden. Das infantile Moment ist also auch hier leicht nal 
zuweisen, aber merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es 
sich um die Erweckung einer alten Kinderangst, bei der lebenden 
Puppe ist von Angst keine Rede, das Kind hat sich vor dem Be~ 
lebensferner Puppen nicht gefürchtet, vielleicht es sogar gewünscht. Die 

d. h- sowohl der Mechaniker als auch der Optiker sind der Vater der Olimpia wie 
des Natham el. In der Schreckensszene der Kinderzeit hatte fV«««™ „ilZ 
sVaubt die Io fl ii nS d£S feinen verzichtet, ÄÄÄSÖ&SS 
IZau 9 5 ei " Medlamk , er an e! ner P«PPe mit ihm gearbeitet Dieser 
sonderbare Zug, der ganz aus dem Rahmen der SandmannvorSng heraustritt 
bringt ein neues Äquivalent der Kastration ins Spiel,, er weist aber auTauf de 
innere Identität des Coppelius mit seinem späteren Widerpart dem Mechaniker 
Spalanzan. hm, und bereitet uns für die Deutung der Oiimpia vor Diese automa," Je 
Puppe kann nichts anderes sein als die Materialisation von Narhaniels femta ner 
Einstellung zu seinem Vater in früher Kindheit. Ihre Väter - Späknzanl ™d 
Coppola - sind ja nur neue Auflagen, Reinkarnationen, von. NathS Vä"er- 
E „1 i° n A unveretän dHAe Angabe des Spalanzani daß de Optiker dem 
Nathan.e die Augen gestohlen <s. o.>, um sie der Puppe einzusetzen Gewinnt so 
als Beweis für die Identität von Olimpia und Nathaniel ihre sEnnf OfcLl* 
ist sozusagen ein von Nathaniel losgelöster Komp£ der fhm ä s PersS X 
gegentritt, die Beherrschung durch diesen Komplex findet in der unsinnig rLnl 
na Stf* T ° Km P ia , ih ™ Ausdruck. Wir'haben das Red , Z se Lieb! e ?ne 
öbeft enlfremdet Wie™ d TT *% ^ ^ ihr Y erMene siA <*em ^itrlkesf 

SSÜSrftJ^S'ÖI^Ä der a Sfz d um $ t* ft- 1 ^ 
zeigen zahlreiche Krankenanalysen K fnhaTt zwa w^eTptntTs S? ^J 
kaum minder traurig ist als die Geschichte des Studenten Nathankl ' *" 

UUr* V \ H °rrmann war das Kind einer unglüddichen Ehe. Als er drei 

Jahre war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und (lebte nie wieder 



Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also hier nicht eine Kinder- 
angst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur ein Kinderglaube. 
Das scheint ein Widerspruch,- möglicherweise ist es nur eine Mannig- 
faltigkeit, die späterhin unserem Verständnis förderlich werden kann. 
E. T. A. Hoff mann ist der unerreichte Meister des llnheim- 
liehen in der Dichtung. Sein Roman »Die Elixire des Teufels« 
weist ein ganzes Bündel von Motiven auf, denen man die unheim- 
liehe Wirkung der Geschichte zuschreiben möchte. Der Inhalt des 
Romans ist zu reichhaltig und verschlungen, als daß man einen Aus- 
zug daraus wagen könnte. Zu Ende des Buches, wenn die dem 
Leser bisher vorenthaltenen Voraussetzungen der Handlung nachge- 
tragen werden, ist das Ergebnis nicht die Aufklärung des Lesers, 
sondern eine volle Verwirrung desselben. Der Dichter hat zu viel 
Gleichartiges gehäuft,, der Eindruck des Ganzen leidet nicht darunter, 
wohl aber das Verständnis. Man muß sich damit begnügen, die hervor- 
stechendsten unter jenen unheimlich wirkenden Motiven herauszu- 
heben uni zu untersuchen, ob auch für sie eine Ableitung aus 
infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies das Doppelgängertum 
in all seinen Abstufungen und Ausbildungen, also das Auftreten 
von Personen, die wegen ihrer gleichen Erscheinung für identisch 
gehalten werden müssen, die Steigerung dieses Verhältnisses durch 
Überspringen seelischer Vorgänge von einer dieser Personen auf die 
andere, — was wir Telepathie heißen würden — so daß der eine das 
Wissen, Fühlen und Erleben des andern mitbesitzt, die Identifi- 
zierung mit einer anderen Person, so daß man an seinem Ich irre 
wird oder das fremde Ich an die Stelle des eigenen versetzt, also 
Ichverdopplung, Ichteilung, Ichvertauschung - und endlich die be- 
standige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der nämlidien 
Gesichtszüge, Charaktere, Schidcsale, verbrecherischen Taten, ja der 
Namen durch mehrere aufeinanderfolgende Generationen. 

Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen Arbeit 
von U. Rank eine eingehende Würdigung gefunden 1 . Dort werden 
die Bedienungen des Doppelgängers zum Spiegel- und Schattenbild, 
zum Schutzgeist, zur Seeienlehre und zur Todesfurcht untersucht, 
es hallt aber auch helles Licht auf die überraschende Entwicklungs- 
geschichte des Motivs. Denn der Doppelgänger war ursprünglich eine 
Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine »energische De- 
mentierung der Macht des Todes« <0. Rank) und wahrscheinlich 
war die »unsterbliche« Seele der erste Doppelgänger des Leibes. 
Die öchoptung einer solchen Verdopplung zur Abwehr gegen die 
Vernichtung hat ihr Gegenstück in einer Darstellung der Traum- 
sprache, welche die Kastration durch Verdopplung oder Vervielfältigung 
des Genitalsymbols auszudrücken liebt; sie wird in der Kultur der 
alten Ägypter ein Antrieb für die Kunst, das Bild des Verstorbenen 
in dauerhaftem Stoff zu formen. Aber diese Vorstellungen sind auf 

1 O, Rank, Der Doppelgänger, Imago III, 1914. 



°JQ Sigm. Freud 



dem Boden der uneingeschränkten Selbstliebe entstanden, des primären 
Narzißmus, welcher das Seelenleben des Kindes wie des Primitiven 
beherrscht, und mit der Überwindung dieser Phase ändert sich das 
Vorzeichen des Doppelgängers, aus einer Versicherung des Fort* 
lebens wird er zum unheimlichen Vorboten des Todes. 

t- i- y° rS l e T IIung „ des Doppelgängers braucht nicht mit diesem 
urantanglahen Narzißmus unterzugehen, denn sie kann aus den 
spateren jbntwiddungsstufen des Ichs neuen Inhalt gewinnen. Im Ich 
bildet sich langsam eine besondere Instanz heraus, welche sich dem 
übrigen Ich entgegensteilen kann, die der Selbstbeobachtung und 
Selbstkritik dient, die Arbeit der psychischen Zensur leistet und 
unserem Bewußtsein als »Gewissen« bekannt wird. Im patho- 
logisdien i-alle des Beachtungswahnes wird sie isoliert, vom Ich 
abgespalten, dem Arzte bemerkbar. Die Tatsache, daß eine solche 
Instanz vorhanden ist welche das übrige Ich wie ein Objekt be- 
handeln kann also daß der Mensch der Selbstbeobachtung fähig ist, 
macht es mogliA die alte Doppelgängervorstellung mit neuem Inhalt 
zu erfüllen und ihr mancherlei zuzuweisen, vor allem all das, was 
der Selbstkritik als zugehörig zum alten überwundenen Narzißmus 
der Urzeit erscheint 1 . 

Aber nicht nur dieser der Ichkritik anstößige Inhalt kann dem 
Doppelganger einverleibt werden, sondern ebenso alle unterbliebenen 
Möglichkeiten .der Geschicksgestaltung, an denen die Phantasie noch 
festhalten will, und alle Ichstrebungen, die sich infolge äußerer Un- 
gunst nidit durchsetzen konnten, sowie alle die unterdrückten Willens- 
entsche.dungen, die die Illusion des freien Willens ergeben haben 2 . 
Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der Doppel- 
gangergestalt betrachtet haben, müssen wir uns sagen: Nichts von 
alledem macht uns den außerordentlich hohen Grad von Unheimlich- 
keit der dir anhaftet, verständlich, und aus unserer Kenntnis der 
pathologisdien Seelenvorgänge dürfen wir hinzusetzen, nichts von 
diesem Inhalt konnte das Abwehrbestreben erklären, das ihn als 
etwas fremdes aus dem Ich hinausprojiziert. Der Charakter des 
Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppelgänger 
eine den überwundenen seelischen Urzeiten angehörige Bildung ist, 

l Ich glaube, wenn die Dichter klagen, daß zwei Seelen in des Menschen 
Brust wohnen, und wenn die Populärpsychologen von der Spai ung des las im 

oer rsycnoanalvse aufgedeckte Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und dem un= 
bewußten Verdrängten Der Unterschied wird allerdings dadurch verwisAt daß 

t^. 3 *?- d n *?' !* Ewers sehen Dichtung »Der Student von Prar« von 



Das Unheimliche 311 



die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte. Der Doppel- 
ganger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter nach dem 
Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden <H. Heine, Die Götter 
im Exil). 

Die anderen bei Hoff mann verwendeten Ichstörungen sind 
nach dem Muster des Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. Es 
handelt sich bei ihnen um ein Rückgreifen auf einzelne Phasen in 
der Entwicklungsgeschichte des Ichgefühls, um eine Regression in 
Zeiten, da das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt und 
vom Anderen abgegrenzt hatte. Ich glaube, daß diese Motive den 
Eindruck des Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es nicht leicht 
ist, ihren Anteil an diesem Eindruck isoliert herauszugreifen. 

Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als 
Quelle des unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann. An- 
erkennung finden. Nach meinen Beobachtungen ruft es unter gewissen 
Bedingungen und in Kombination mit bestimmten Umständen un- 
zweifelhaft ein solches Gefühl hervor, das überdies an die Hilf- 
losigkeit mancher Traumzustände mahnt. Als ich einst an einem 
heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren 
Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine 
Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. 
Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen 
Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die 
nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile 
führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben 
Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und 
meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen 
Umwege zum dritten Male dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein 
Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann, und ich war froh, 
als ich unter Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich 
von mir verlassene Piazza zurückfand. Andere Situationen, die die 
unbeabsichtigte Wiederkehr mit der eben beschriebenen gemein haben 
und sich in den anderen Punkten gründlich von ihr unterscheiden, 
haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und Unheimlichkeit zur 
Folge, Zum Beispiel wenn man sich im Hochwald, etwa vom Nebel 
überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, einen 
markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu der einen, 
durch eine bestimmte Formation gekennzeichneten Stelle zurückkommt. 
Oder wenn man im unbekannten, dunkeln Zimmer wandert, um 
die Türe oder den Lichtschalter aufzusuchen und dabei zum xten 
Male mit demselben Möbelstück zusammenstößt, eine Situation, die 
Mark Twain allerdings durch groteske Übertreibung in eine unwider- 
stehlich komische umgewandelt hat. 

An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch 
mühelos, daß es nur das Moment der unbeabsichtigten Wieder- 
holung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und uns 
die Idee des Verhängnisvollen, Unentrinnbaren aufdrängt, wo wir 



312 Sigm. Freud 



sonst nur von »Zufall« gesprochen hätten. So ist es z. B. gewiß ein 
gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine in einer Garderobe 
abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen Zahl — sagen 
wir: 62 — erhält oder wenn man findet, daß die zugewiesene 
Sdiiffskabine diese Nummer trägt. Aber dieser Eindruck ändert sich, 
wenn beide an sich indifferenten Begebenheiten nahe aneinander 
rücken, so daß einem die Zahl 62 mehrmals an demselben Tage 
entgegentritt, und wenn man dann etwa gar die Beobachtung machen 
sollte, daß alles, was eine Zahlenbezeichnung trägt, Adressen, Hotel» 
zimmer, Eisenbahnwagen u, dgl, immer wieder die nämliche Zahl 
wenigstens als Bestandteil, wiederbringt. Man findet das »unheim» 
lieh« und wer nicht stich« und hiebfest gegen die Versuchungen des 
Aberglaubens ist, wird sich geneigt finden, dieser hartnädrigen Wieder» 
kehr der einen Zahl eine geheime Bedeutung zuzuschreiben, etwa 
einen Hinweis .auf das ihm bestimmte Lebensalter darin zu sehen. Oder 
wenn man eben mit dem Studium der Schriften des großen Physiologen 
E. Hering beschäftigt ist, und nun wenige Tage auseinander Briefe 
von zwei Personen dieses Namens aus verschiedenen Ländern 
empfängt, während man bis dahin niemals mit Leuten, die so heißen, 
in Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat vor 
kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art 
gewissen Gesetzen unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Un= 
heimlichen aufgehoben werden müßte. Ich getraue mich nicht zu 
entscheiden, ob es ihm gelungen ist 1 . 

Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem 
infantilen Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten und 
muß dafür auf eine bereitliegende ausführliche Darstellung in anderem 
Zusammenhange verweisen. Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich 
die Herrschaft eines von den Triebregungen ausgehenden Wieder* 
holungszwanges erkennen, der wahrscheinlich von der innersten 
Natur der Triebe selbst abhängt, stark genug ist, sich über das Lust» 
prinzip hinauszusetzen, gewissen Seiten des Seelenlebens den dämoni» 
sehen Charakter verleiht, sidi in den Strebungen des kleinen Kindes 
noch sehr deutlich äußert und ein Stück vom Ablauf der Psychoanalyse 
des Neurotikers beherrscht. Wir sind durch alle vorstehenden Er» 
örterungen darauf vorbereitet, daß dasjenige als unheimlich ver» 
spürt werden wird, was an diesen inneren Wiederholungszwang 
mahnen kann. 

Nun, denke ich aber, ist es Zeit uns von diesen immerhin 
schwierig zu beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und unzweifel» 
hafte Fälle des Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse wir 
die endgültige Entscheidung über die Geltung unserer Annahme er» 
warten dürfen. 

Im »Ring des Polykrates« wendet sich der Gast mit Grausen, 
weil er merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung 



1 P. Kämmerer, Das Gesetz der Serie, Wien 1919. 







Das Unheimliche 



313 



geht, jede seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben 
wird. Der Gastfreund ist ihm »unheimlich« geworden. Die Auskunft, 
die er selbst gibt, daß der allzu Glückliche den Neid der Götter 
zu fürchten habe, erscheint uns noch undurchsichtig, ihr Sinn ist 
mythologisch verschleiert. Greifen wir darum ein anderes Beispiel 
aus weit schlichteren Verhältnissen heraus : In der Krankengeschichte 
eines Zwangsneurotikers l habe ich erzählt, daß dieser Kranke einst 
einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt genommen hatte, aus 
dem er sich eine große Besserung holte. Er war aber so klug, diesen 
Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers, sondern der Lage seines 
Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer einer liebenswürdigen 
Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als er dann zum zweiten Mal 
in diese Anstalt kam, verlangte er dasselbe Zimmer wieder, mußte 
aber hören, daß dies bereits von einem alten Herrn besetzt sei und 
gab seinem Unmut darüber in den Worten Ausdruck: Dafür soll 
ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr 
wirklich einen Schlaganfall. Für meinen Patienten war dies ein »un- 
heimliches« Erlebnis. Der Eindruck des Unheimlichen wäre noch 
stärker gewesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener Äußerung 
und dem Unfall gelegen wäre oder wenn der Patient über zahl» 
reiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In der Tat 
war er um solche Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht er allein, 
alle Zwangsneurotiker, die ich studiert habe, wußten Analoges von 
sich zu erzählen. Sie waren gar nicht überrascht, regelmäßig der 
Person zu begegnen, an die sie eben — vielleicht nach langer Pause 
— gedacht hatten,- sie pflegten regelmäßig am Morgen einen Brief 
von einem Freund zu bekommen, wenn sie am Abend vorher ge= 
äußert hatten : Von dem hat man aber jetzt lange nichts gehört, und 
besonders Unglücks^ oder Todesfälle ereigneten sich nur selten, 
ohne eine Weile vorher durch ihre Gedanken gehuscht zu sein. Sie 
pflegten diesem Sachverhalt in der bescheidensten Weise Ausdruck 
zu geben, indem sie behaupteten, »Ahnungen« zuhaben, die »meistens« 
eintreffen. 

Eine der unheimlidhsten und verbreitetsten Formen des Aber^ 
glaubens ist die Angst vor dem »bösen Blick«, welcher bei dem 
Hamburger Augenarzt S.Seligman 2 eine gründliche Behandlung ge= 
funden hat. Die Quelle, aus welcher diese Angst schöpft, scheint niemals 
verkannt worden zu sein. Wer etwas Kostbares und dodi Hinfälliges 
besitzt, fürchtet sich vor dem Neid der anderen, indem er jenen 
Neid auf sie projiziert, den er im umgekehrten Falle empfunden 
hätte. Solche Regungen verrät man durch den Blick, auch wenn man 
ihnen den Ausdruck in Worten versagt, und wenn jemand durch auf= 
fällige Kennzeichen, besonders unerwünschter Art, vor den anderen 

L Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f. Psychoana= 
lyse, I, 1909 und Sammlung kl. Schriften, dritte Folge, 1913. 

2 S, Seligmann, Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände, Berlin 1910 
u. 1911. 



314 Sigm. Freud 



hervorsticht, traut man ihm zu, daß sein Neid eine besondere 
Stärke erreichen und dann auch diese Stärke in Wirkung umsetzen 
wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht zu schaden, und auf 
gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die 
Kraft zu Gebote steht. 

Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem 
Prinzip ab, das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die »AU» 
macht der Gedanken« benannt habe. Wir können nun nicht mehr 
verkennen, auf welchem Boden wir uns befinden. Die Analyse der 
Fälle des Unheimlichen hat uns zur alten Weltauffassung des Ani» 
mismus zurückgeführt, die ausgezeichnet war durch die Erfüllung 
der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische Überschätzung 
der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der Gedanken und 
die darauf aufgebaute Technik der Magie, die Zuteilung von sorg» 
fältig abgestuften Zauberkräften an fremde Personen und Dinge 
<Mana>, sowie durch alle die Schöpfungen, mit denen sich deruneinge» 
schränkte Narzißmus jener Entwicklungsperiode gegen den unver» 
kennbaren Einspruch der Realität zur Wehre setzte. Es scheint, daß 
wir alle in unserer individuellen Entwicklung eine diesem Animismus 
der Primitiven entsprechende Phase durchgemacht haben, daß sie bei 
keinem von uns- abgelaufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste 
und Spuren zu hinterlassen, und daß alles, was uns heute als »un» 
heimlich« erscheint, die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste 
amnestischer Seelentätigkeit rührt und sie zur Äußerung anregt 1 . 

Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich 
den wesentlichen Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen 
möchte. Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Be» 
hauptung recht hat, daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleich» 
gültig von welcher Art, durch die Verdrängung in Angst verwandelt 
wird, so muß es unter den Fällen des Ängstlichen eine Gruppe 
geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas wieder» 
kehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des Ängstlichen wäre eben 
das Unheimliche und dabei muß es gleichgültig sein, ob es Ursprung» 
lieh selbst ängstlich war oder von einem anderen Affekt getragen. 
Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur des Unheimlichen 
ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch das Heimliche in seinen 
Gegensatz, das Unheimliche übergehen läßt <S. 302), denn dies Un» 
heimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas 
dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den 
Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf 
die Verdrängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche De» 

1 Vgl. hiezu den Absdinitt III Animismus, Magie und Allmacht der Ge= 
danken in des Verf. Buch: Totem und Tabu. 1913. Dort auch die Bemerkung 
<S. 19 Note): »Es scheint, daß wir den Charakter des unheimlichen' solchen 
Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistische Denk- 
weise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von ihr ab- 
gewendet haben,« 






finition, das Unheimliche sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben 
sollen und hervorgetreten ist. 

Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen 
haben, an der Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen 
zu erproben. 

Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, 
was mit dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, 
mit Geistern und Gespenstern zusammenhängt. Wir haben ja ge* 
hört, daß manche moderne Sprachen unseren Ausdruck : ein unheim* 
liches Haus gar nicht anders wiedergeben können als durch die Um- 
schreibung: ein Haus, in dem es spukt. Wir hätten eigentlich unsere 
Untersuchung mit diesem, vielleicht stärksten Beispiel von Unheim« 
lichkeit beginnen können, aber wir taten es nicht, weil hier das Un» 
heimliche zu sehr mit dem Grauenhaften vermengt und zum Teil 
von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum einem anderen Gebiet hat sich 
unser Denken und Fühlen seit den Urzeiten so wenig verändert, 
ist das Alte unter dünner Decke so gut erhalten geblieben, wie in 
unserer Beziehung zum Tode. Zwei Momente geben für diesen Still» 
stand gute Auskunft: Die Stärke unserer ursprünglichen Gefühls« 
reaktionen und die Unsicherheit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. 
Unsere Biologie hat es noch nicht entscheiden können, ob der Tod 
das notwendige Schicksal jedes Lebewesens oder nur ein regele 
mäßiger, vielleicht aber vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens 
ist. Der Satz: alle Menschen müssen sterben, paradiert zwar in den 
Lehrbüchern der Logik als Vorbild einer allgemeinen Behauptung, 
aber keinem Menschen leuchtet er ein und unser Unbewußtes hat 
jetzt so wenig Raum wie vormals für die Vorstellung der eigenen 
Sterblichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der unableug- 
baren Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen 
die Existenz über das Lebensende hinaus fort, die staatlichen Ge* 
walten meinen die moralische Ordnung unter den Lebenden nicht 
aufrecht erhalten zu können, wenn man auf die Korrektur des Erden- 
lebens durch ein besseres Jenseits verzichten soll, auf den Anschlag- 
säulen unserer Großstädte werden Vorträge angekündigt/welche Be= 
lehr ung spenden wollen, wie man sich mit den Seelen der Verstorbenen in 
Verbindung setzen kann, und es ist unleugbar, daß mehrere der 
feinsten Köpfe und schärfsten Denker unter den Männern der 
Wissenschaft, zumal gegen das Ende ihrer eigenen Lebenszeit, ge* 
urteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen Verkehr nicht 
fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch so denken wie 
die Wilden, ist es auch nicht zu verwundern, daß die primitive Angst 
vor dem Toten bei uns noch so mächtig ist und bereit liegt, sich 
zu äußern, sowie irgend etwas ihr entgegen kommt. Wahrscheinlich 
hat sie auch noch den alten Sinn, der Tote sei zum Feind des Über- 
lebenden geworden und beabsichtige, ihn mit sich zu nehmen, als Ge= 
nossen seiner neuen Existenz. Eher könnte man bei dieser Unverändert 
lichkeit der Einstellung zum Tode fragen, wo die Bedingung der 



316 



Sigm. Freud 



Verdrängung bleibt, die erfordert wird, damit das Primitive als 
etwas Unheimliches wiederkehren könne. Aber die besteht doch auch ■ 
ofoaell glauben die sogenannten Gebildeten nicht mehr an das Sicht» 
barwerden der Verstorbenen als Seelen, haben deren Erscheinung 
an entlegene und selten verwirklichte Bedingungen geknüpft, und die 
ursprunghA höchst zweideutige, ambivalente Gefühlseinstellung zum 
loten ist für die höheren Schichten des Seelenlebens zur eindeutigen 
der Pietät abgeschwächt worden 1 . 

_ Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem 
Animismus, der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, 
der Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung und 
dem Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente die 
das Angstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich ersdSpft. 

Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar 
dann, wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin 
wir müssen noch hinzutun, daß diese seine Absichten uns zu sAaden 
sich mit Hilfe besonderer Kräfte verwirklichen werden. Der »GettaToreT 
<st e m gutes Bespiel hiefür diese unheimliche Gestalt des roman sehen 
Aberglaubens,d.eAlbrechtSchäffer in dem Buche »Josef MontforS 
mit poetischer Intuition und tiefem psychoanalytischem Verständnis 
zu einer sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit diesen 
geheimen Kräften stehen wir bereits wieder auf dem Boden des 
Animismus. Die Ahnung solcher Geheimkräfte ist es, die dem 
frommen Gretchen den Mephisto so unheimlich werden läßt: 

»Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie, 
Vielleicht sogar der Teufel bin.« 

Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben Ur- 

dfeT/'im Noh 316 Sie i l hier . dk Äußemn * VOn Kräften -r sien, 
t Z\ Neh ™ m ™ s &™ nicht vermutet hat, deren Regung er aber 

LI Jn™ M mk f n de / dgenen Peinlichkeit dunkel zu spüren 
vermag. Das Mittelalter hatte konsequenterweise und psychologisch 
beinahe korrekt al e diese : Krankheitsäußerungen der Wirkungen 

£ a ren° ne d n aß 2 X S p n l en ' ] f' 'V^ mlA ni4t verwundern zu 
hören, daß die Psychoanalyse, die sich mit der Aufdeckung dieser 
geheimen Kräfte beschäftigt, vielen Menschen darum selbst unheiml S 
geworden ist. h einem Falle, als mir die Herstellung eines dt 
vielen Jahren siechen Mädchens - wenn auch nicht sehr rasch - 

dlteTselEVht "' W ° & **** fe te ** ^ <* 
Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm 
geloste Hand wiein einem Märchen von Hauff, Füße, «flTfär sS 
allem tanzen wie in dem erwähnten Buche von A. Schaeffer haben 
etwas ungemein Unheimliches an sich, besonders wenn ihnen wie 
im letzten B eispiel noch eine selbständige Tätigkeit zugestanden wS 

1 Vgl,: Das Tabu und die Ambivalenz in »Totem und Tabu«. 



Das Unheimliche 317 



Wir wissen schon, daß diese Unheimlidikeit von der Annäherung 
an den Kastrationskomplex herrührt. Manche Menschen würden die 
Krone der Unheimlidikeit der Vorstellung zuweisen, scheintot be- 
graben zu werden Allein die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß 
diese schreiende Phantasie nur die Umwandlung einer anderen ist- 
die ursprünglich nichts Schreckhaftes war, sondern von einer gewissen 
Lüsternheit getragen wurde, nämlich der Phantasie vom Leben im 
Mutterleib. 

Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was strenggenommen 
bereits in unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus 
und die überwundenen Arbeitsweisen des seelischen Apparats ent- 
halten ist, aber doch einer besonderen Hervorhebung würdig scheint 
daß es nämlich oft und leicht unheimlich wirkt, wenn die Grenze 
zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt wird, wenn etwas 
real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten 
haben, wenn ein Symbol die volle Leistung und Bedeutung des 
Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr. Hierauf beruht auch 
ein gutes Stück der Unheimlidikeit, die den magischen Praktiken 
anhaltet. Das Infantile daran, was audi das Seelenleben der Neu- 
rotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychischen Realität im 
Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher sich der Allmacht der Ge- 
danken anschließt. Mitten in der Absperrung des Weltkrieges kam 
eine Nummer des englischen Magazins »Strand« in meine Hände 
in der ich unter anderen ziemlich überflüssigen Produktionen eine Er- 
zählung las, wie ein junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht in 
der sich ein seltsam geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen 
befindet Gegen Abend pflegt sich dann ein unerträglicher, charak- 
teristischer Gestank in der Wohnung zu verbreiten, man stolpert 
im Dunkeln über irgend etwas, man glaubt zu sehen, wie etwas 
Undefinierbares über die Treppe huscht, kurz, man soll erraten, daß 
infolge der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische Krokodile im 
Hause spuken, oder daß die hölzernen Scheusale im Dunkeln Leben 
bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine recht einfältige Ge- 
schichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man als ganz 
hervorragend. 

Zum Schlüsse dieser gewiß noch unvollständigen Beispiel- 
sammlung soll eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit er- 
wähnt werden, die, wenn sie nicht auf einem zufälligen Zusammen- 
treffen beruht, die schönste Bekräftigung unserer Auffassung des 
Unheimlichen mit sich bringt. Es kommt oft vor, daß neurotische 
Manner erklären, das weibliche Genitale sei ihnen etwas Unheimliches. 
Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten Heimat des 
Menschenkindes, zur Ortlichkeit, in der jeder einmal und zuerst ge- 
weilt hat. »Liebe ist Heimweh«, behauptet ein Scherzwort, und 
wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder Landschaft noch im 
1 räume denkt: Das ist mir bekannt, da war ich schon einmal, so 
darf die Deutung dafür das Genitale oder den Leib der Mutter 



318 Sigm. Freud 



einsetzen. Das Unheimliche ist also auch in diesem Falle das ehe- 
mals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe un an diesem Worte 
ist aber die Marke der Verdrängung. 

III. 

Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen 
werden sich beim Leser Zweifel geregt haben, denen jetzt gestattet 
werden soll sich zu sammeln und laut zu werden. 

Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische 
ist, das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt 
ist, und daß alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. Aber mit 
dieser Stoffwahl scheint das Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. 
Unser Satz verträgt offenbar keine Umkehrung. Nicht alles was 
an verdrängte Wunschregungen und überwundene Denkweisen der 
individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist darum auch 
unheimlich. 

Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu 
jedem Beispiel, welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges 
finden läßt, das ihm widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im 
Hauffschen Märchen »Die Geschichte von der abgehauenen Hand« 
wirkt gewiß unheimlich, was wir auf den Kastrationskomplex zurückge- 
führt haben. Aber in der Erzählung des Herodot vom Schatz des 
Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die Prinzessin bei der Hand fest- 
halten will, ihr die abgehauene Hand seines Bruders zurück, und andere 
werden wahrscheinlich ebenso wie ich urteilen, daß dieser Zug keine un= 
heimliche Wirkung hervorruft. Die prompte Wunscherfüllung im »Ring 
des Polykrates« wirkt auf uns sicherlich ebenso unheimlich wie auf 
den König von Ägypten selbst. Aber in unseren Märchen wimmelt es 
von sofortigen Wunscherfüllungen und das Unheimliche bleibt dabei 
aus, Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich die Frau durch 
den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß sie auch 
so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es vor ihr auf dem 
Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vorwitzigen an 
der Nase hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer Nase. Das ist 
sehr eindrucksvoll, aber nicht im geringsten unheimlich. Das Märchen 
stellt sich überhaupt ganz offen auf den animistischen Standpunkt 
der Allmacht von Gedanken und Wünschen, und ich wüßte doch 
kein echtes Märchen zu nennen, in dem irgend etwas Unheimliches 
vorkäme. Wir haben gehört, daß es in hohem Grade unheimlich 
wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, Puppen, sich beleben, aber in 
den Andersenschen Märchen leben die Hausgeräte, die Möbel, der 
Zinnsoldat und nichts ist vielleicht vom Unheimlichen entfernter, Auch 
die Belebung der schönen Statue des Pygmalion wird man kaum 
als unheimlich empfinden, 

Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr 
unheimliche Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber 
wiederum im Märchen sehr gewöhnlich/ wer wagte es unheimlich 



Das Unheimliche 319 



zu nennen, wenn z. B, Schneewittchen die Augen wieder aufschlägt? 
Auch die Erweckung von Toten in den Wundergeschichten z, B. des 
Neuen Testaments ruft Gefühle hervor, die nichts mit dem Un- 
heimlichen zu tun haben. Die unbeabsichtigte Wiederkehr des 
Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheimliche Wirkungen ergeben 
hat, dient doch in einer Reihe von Fällen anderen, und zwar sehr 
verschiedenen Wirkungen. Wir haben schon einen Fall kennen ge= 
lernt, in dem sie als Mittel zur Hervorrufung des komischen Ge- 
fühls gebraucht wird und könnten Beispiele dieser Art häufen. Andere 
Male wirkt sie als Verstärkung u. dgl., ferner: woher rührt die 
Unheimlichkeit der Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten 
diese Momente nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung 
des Unheimlichen, wenngleich es dieselben Bedingungen sind, unter 
denen wir die Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und 
können wir wirklich das Moment der intellektuellen Unsicherheit 
ganz vernachlässigen, da wir doch seine Bedeutung für das Un- 
heimlidie des Todes zugegeben haben? 

So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das 
Auftreten des unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns 
vorangestellten stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man könnte 
zwar sagen, mit jener ersten Feststellung sei das psychoanalytische 
Interesse am Problem des Unheimlichen erledigt, der Rest erfordere 
wahrscheinlich eine ästhetische Untersuchung. Aber damit würden 
wir dem Zweifel das Tor öffnen, welchen Wert unsere Einsicht in 
die Herkunft des Unheimlichen vom verdrängten Heimischen eigentlich 
beanspruchen darf. 

Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Un- 
sicherheiten weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen 
widersprechen, sind dem Bereich der Fiktion, der Dichtung, ent- 
nommen. Wir erhalten so einen Wink, einen Unterschied zu machen 
zwischen dem Unheimlichen, das man erlebt, und dem Unheimlichen, 
das man sich bloß vorstellt, oder von dem man liest. 

Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, 
umfaßt aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich aus- 
nahmslos unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurückführung 
auf altvertrautes Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine wichtige 
und psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials vorzunehmen, 
die wir am besten an geeigneten Beispielen erkennen werden. 

Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der 
prompten Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte, der 
Wiederkehr der Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier das 
Gefühl des Unheimlichen entsteht, ist nicht zu verkennen. Wir — 
oder unsere primitiven Urahnen - haben dereinst diese Möglich- 
keiten für Wirklichkeit gehalten, waren von der Realität dieser Vor= 
gänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr daran, wir haben 
diese Denkweisen überwunden, aber wir fühlen uns dieser neuen 
Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben noch in uns fort 



320 Sigm. Freud 



und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun etwas in unserem Leben 
ereignet, was diesen alten abgelegten Überzeugungen eine Be= 
stätigung zuzuführen scheint, haben wir das Gefühl des Unheim- 
liehen, zu dem man das Urteil ergänzen kann: Also ist es doch 
wahr, daß man einen anderen durch den bloßen Wunsch töten 
kann, daß die Toten weiterleben und an der Stätte ihrer früheren 
Tätigkeit sichtbar werden u. dgl, ! Wer im Gegenteile diese animisti= 
sehen Überzeugungen bei sich gründlich und endgültig erledigt hat, 
für den entfällt das Unheimliche dieser Art. Das merkwürdigste 
Zusammentreffen von Wunsch und Erfüllung, die rätselhafteste 
Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an demselben Ort oder zum 
gleichen Datum, die täuschendsten Gesichtswahrnehmungen und ver- 
dächtigsten Geräusche werden ihn nicht irre machen, keine Angst 
in ihm erwecken, die man als Angst vor dem »Unheimlichen« be= 
zeichnen kann. Es handelt sich hier also rein um eine Angelegen- 
heit der Realitätsprüfung, um eine Frage der materiellen Realität 1 . 
Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von ver- 
drängten infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, 
der Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche 
diese Art von Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein können. 
Das Unheimliche des Erlebens gehört zumeist der früheren Gruppe 
an, für die Theorie ist aber die Unterscheidung der beiden sehr 
bedeutsam. Beim Unheimlichen aus infantilen Komplexen kommt 
die Frage der materiellen Realität gar nicht in Betracht, die psychi- 
sche Realität tritt an deren Stelle. Es handelt sich um wirkliche Ver- 
drängung eines Inhaltes und um die Wiederkehr des Verdrängten, 
nicht um die Aufhebung des Glaubens an die Realität dieses 
Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle sei ein gewisser 
Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an seine <materielle> Realität 
verdrängt. Aber die letztere Ausdrucksweise dehnt wahrscheinlich 

1 Da auch das Unheimliche des Doppelgängers von dieser Gattung ist, 
wird es interessant, die Wirkung zu erfahren, wenn uns einmal das Bild der 
eigenen Persönlichkeit ungerufen und unvermutet entgegentritt. E. Mach berichtet 
zwei solcher Beobachtungen in der »Analyse der Empfindungen«, 1900, Seite 3. Er 
erschrak das eine Mal nicht wenig, als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das 
eigene sei, das andere Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den anscheinend 
Fremden, der in seinen Omnibus einstieg, »Was steigt doch da für ein herabge* 
kommener Schulmeister ein«. — Ich kann ein ähnliches Abenteuer erzählen: Ich 
saß allein im Abteil des Schlafwagens, als bei einem heftigeren Ruck der Fahrt- 
bewegung die zur anstoßenden Toilette führende Türe aufging und ein älterer 
Herr im Schlafrock, die Reisemütze auf dem Kopf, bei mir eintrat. Ich nahm an, 
daß er sich beim Verlassen des zwischen zwei Abteilen befindlichen Kabinetts in 
der Richtung geirrt hatte und fälschlich in mein Abteil gekommen war, sprang auf, 
um ihn aufzuklären, erkannte aber bald verdutzt, daß der Eindringling mein eigenes 
vom Spiegel in der Verbindungstür entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir 
die Erscheinung gründlich mißfallen hatte. Anstatt also über den Doppelgänger 
zu erschrecken, hatten beide — Mach wie ich — ihn einfach nicht agnosziert. Ob 
aber das Mißfallen dabei nicht doch, ein Rest jener archaischen Reaktion war, die 
den Doppelgänger als unheimlich empfindet? 



den Gebrauch des Terminus »Verdrängung« über seine rechtmäßigen 
Frenzen aus. Es ist korrekter, wenn wir einer hier spürbaren 
psychobgischen Differenz Rechnung tragen und den Zustand, in 
dem sich die amnestischen Überzeugungen des Kulturmenschen befinden 
als ein - mehr oder wenig vollkommenes - Überwundensein 
bezeichnen. Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Er- 
lebens kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe 
durch einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn über- 
wundene primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen 
Endlich darf man sich durch die Vorliebe für glatte Erledigung 
und durchsichtige Darstellung nicht vom Bekenntnis abhalten lassen 
dal) die beiden hier aufgestellten Arten des Unheimlichen im Er- 
leben nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt 
daß die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den infan- 
tilen Komplexen zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln 
wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht viel 
verwundern. 

Das Unheimliche der Fiktion - der Phantasie, der Dichtung 
~- verdient in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor 
allem weit reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es um- 
talrt dieses in seiner Gänze und dann nbch anderes, was unter den 
Bedingungen des Erlebens nicht vorkommt. Der Gegensatz zwischen 
Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne tiefgreifende Modi- 
hkation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen werden, denn 
das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner Geltung, daß 
sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. Das paradox klin- 
gende Ergebnis ist, daß in der Dichtung vieles nicht un- 
heimlich ist, was unheimlich wäre, wenn es sich im Leben 
ereignete, und daß in der Dichtung viele Möglichkeiten be- 
stehen unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben 
wegrallen. 

Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine 
Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der uns 
vertrauten Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie von ihr ent- 
fernt Wir folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des Märchens z. B 
hat den Boden der Realität von vornherein verlassen und sich offen 
zur Annahme der animistischen Überzeugungen bekannt. Wunsch- 
errullungen geheime Kräfte, Allmacht der Gedanken, Belebung des 
Leblosen die im Märchen ganz gewöhnlich sind, können hier keine 
unheimliche Wirkung äußern, denn für die Entstehung des unheim- 
lichen (jrefuhls ist, wie wir gehört haben, der Urteilsstreit erfordert 
ob das überwundene Unglaubwürdige nicht doch real möglich ist' 
eine Wage, die durch die Voraussetzungen der Märchenwelt über- 
haupt aus dem Wege geräumt ist. So verwirklicht das Märchen 
das uns die meisten Beispiele von Widerspruch gegen unsere 
Losung des Unheimlichen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, 
da» im Reiche der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was ünheim- 

Imago V/5 — 6 



322 Sigm. Freud 



lidi wirken müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen 
fürs Märchen noch andere Momente, die später kurz berührt 
werden sollen. 

Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die 
minder phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen doch 
durch die Aufnahme von höheren geistigen Wesen, Dämonen oder 
Geistern Verstorbener scheidet. Alles Unheimliche, was diesen Ge- 
stalten anhaften könnte, entfällt dann, soweit die Voraussetzungen 
dieser poetischen Realität reichen. Die Seelen der Danteschen Hölle 
oder die Geistererscheinungen in Shakespeares Hamlet, Macbeth, 
Julius Caesar mögen düster und schreckhaft genug sein, aber un<* 
heimlich sind sie im Grunde ebensowenig wie etwa die heitere 
Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil den Bedingungen 
dieser vom Dichter fingierten Realität an und behandeln Seelen, 
Geister und Gespenster, als wären sie vollberechtigte Existenzen, 
wie wir es selbst in der materiellen Realität sind. Auch dies ist ein 
Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird. 

Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf 
den Boden der gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt er 
auch alle Bedingungen, die im Erleben für die Entstehung des un« 
heimlichen Gefühls gelten, und alles was im Leben unheimlich wirkt, 
wirkt auch so in der Dichtung, Aber in diesem Falle kann der 
Dichter auch das Unheimliche weit über das im Erleben mögliche 
Maß hinaus steigern und vervielfältigen, indem er solche Ereignisse 
vorfallen läßt, die in der Wirklichkeit nicht oder nur sehr selten zur 
Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann gewissermaßen an 
unseren für überwunden gehaltenen Aberglauben, er betrügt uns, 
indem er uns die gemeine Wirklichkeit verspricht und dann doch über 
diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wir wir auf 
eigene Erlebnisse reagiert hätten/ wenn wir den Betrug merken, ist 
es zu spät, der Dichter hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich 
muß behaupten, er hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt 
ein Gefühl von Unbefriedigung, eine Art von Groll über die ver= 
suchte Täuschung, wie ich es besonders deutlich nach der Lektüre von 
Schnitzlers Erzählung »Die Weissagung« und ähnlichen mit dem 
Wunderbaren liebäugelnden Produktionen verspürt habe. Der Dichter 
hat dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser 
unserer Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen für 
das Erreichen seiner Absichten verbessern kann. Es besteht 
darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche Vor* 
aussetzungen er eigentlich für die von ihm angenommene Welt ge= 
wählt hat, oder daß er kunstvoll und arglistig einer solchen ent= 
scheidenden Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im ganzen wird 
aber hier der vorhin angekündigte Fall verwirklicht, daß die Fiktion 
neue Möglichkeiten des unheimlichen Gefühls erschafft, die im Er- 
leben wegfallen würden. 

Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen 



Das Unheimliche 323 



nur auf das Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. Das 
Unheimliche aus verdrängten Komplexen ist resistenter, es bleibt 
in der Dichtung — von einer Bedingung abgesehen — ebenso 
unheimlich wie im Erleben. Das andere Unheimliche, das aus dem 
Überwundenen, zeigt diesen Charakter im Erleben und in der 
Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen Realität stellt, 
kann ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen Realitäten 
einbüßen. 

Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit 
die Vorrechte der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung des 
unheimlichen Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen nicht 
erschöpft werden. Gegen das Erleben verhalten wir uns im all« 
gemeinen gleichmäßig passiv und unterliegen der Einwirkung des 
Stofflichen. Für den Dichter sind wir aber in besonderer Weise 
lenkbar, durch die Stimmung, in die er uns versetzt, durch die Er« 
Wartungen, die er in uns erregt, kann er unsere Gefühlsprozesse 
von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen einstellen, 
und kann aus demselben Stoff oft sehr verschiedenartige Wirkungen 
gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und wahrscheinlich von 
den berufenen Ästhetikern eingehend gewürdigt worden. Wir 
sind auf dieses Gebiet der Forschung ohne rechte Absicht ge» 
führt worden, indem wir der Versuchung nachgaben, den Wider« 
sprach gewisser Beispiele gegen unsere Ableitung des Unheimlidien 
aufzuklären. Zu einzelnen dieser Beispiele wollen wir darum auch 
zurückkehren. 

Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz 
der Rhampsenit nicht unheimlich wirke wie etwa in der Hauff« 
sehen »Geschichte von der abgehauenen Hand«. Die Frage erscheint uns 
jetzt bedeutsamer, da wir die größere Resistenz des Unheimlichen aus 
der Quelle verdrängter Komplexe erkannt haben. Die Antwort 
ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in dieser Erzählung nicht 
auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die überlegene Schlauheit 
des »Meisterdiebes« eingestellt werden. Der Prinzessin mag das un= 
heimliche Gefühl dabei nicht erspart worden sein, wir wollen es selbst 
für glaubhaft halten, daß sie in Ohnmacht gefallen ist, aber wir 
verspüren nichts Unheimliches, denn wir versetzen uns nicht in sie, 
sondern in den anderen. Durch eine andere Konstellation wird uns 
der Eindruck des Unheimlichen in der Nestroyschen Posse »Der 
Zerrissene« erspart, wenn der Geflüchtete, der sich für einen Mörder 
hält, aus jeder Falltüre, deren Deckel er aufhebt, das vermeintliche 
Gespenst des Ermordeten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft: 
Ich hab' doch nur einen umgebracht. Zu was diese gräßliche 
Multiplikation? Wir kennen die Vorbedingungen dieser Szene, teilen 
den Irrtum des »Zerrissenen« nicht, und darum wirkt, was für ihn 
unheimlich sein muß, auf uns mit unwiderstehlicher Komik. Sogar 
ein »wirkliches« Gespenst wie das in O. Wildes Erzählung 
»Der Geist von Canterville« muß all seiner Ansprüche, wenigstens 



324 Sigm. Freud 



Grauen zu erregen, verlustig werden, wenn der Diditer sich den 
Scherz macht, es zu ironisieren und hänseln zu lassen. So un- 
abhängig kann in der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung von der 
Stoffwahf sein. In der Welt der Märchen sollen Angstgefühle, also 
auch unheimliche Gefühle überhaupt nicht erweckt werden. Wir 
verstehen das und sehen darum auch über die Anlässe hinweg, bei 
denen etwas Derartiges möglich wäre. 

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts 
anderes sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche 
die bei den meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst 
geknüpft ist. Die psychoanalytisdie Forschung hat sich mit dem 
Problem derselben an anderer Stelle auseinandergesetzt. 







Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 325 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 

Von Dr. THEODOR REIK 1 . 
1. Jaäkobs Kampf. 

Gabriel : 

»Noch einmal — mein Jaäkob — sinke 
Zurück auf deinen Stein — zu kurzer Ruh! 
Wenn du mit dir— mit Fremdem ringst — gedenke 
Mit Gott dem Herren rängest heute du! 
In deinem Samen schau're immer wieder 
Erinnern dieser Nacht — so Sein Befehl! 
Schon rötet sich Sein Morgen! Auf die Lider 
Und: 
Wandle — schaue — höre Jisro»El!« 

Richard Beer-Hofmann, »Jaäkobs Traum«. 

In der schwierigen Darstellungsweise psychoanalytischer Erkennt- 
nisse ist jener Weg nicht der schlechteste, welcher zeigt, wie 
der Psychoanalytiker anscheinend zufällig auf ein Problem stoßt, 
und schrittweise unter Überwindung äußerer Hindernisse und seiner 
eigenen Einwendungen seiner Lösung näherzukommen sucht. Diesen 
Weg will die folgende Arbeit einschlagen. 

Wenn man sich, müde der neudeutschen Stilkunst, die vor» 
läufig im Dadaismus in einer verblüffend naturgetreuen Wiedergabe 
von Tierlauten gipfelt, wieder der Bibellektüre zuwendet, empfindet 
man erst recht die verjüngende Wirkung alttestamentarischer, elemem* 
tarer Sprachgewalt. Man liest etwa die Geschichte Jaäkobs, seiner 
Geburt, der listigen Übervorteilung des Bruders, seines Werbens 
um Rahel, seiner Dienstzeit bei Laban, seiner Flucht und kommt 
nun zu jener Stelle, die, rätselhaft genug, Jaäkobs Ringkampf mit 
Gott schildert. Wir stehen vor einem Problem. 

Wie ein von Kyklopen herangewälzter Felsblock ragt diese 
Erzählung von zehn Verszeilen in die sanftere Hirtenlandschaft der 
Jaäkobsgeschichte. Es ist in der Nacht, bevor Jaäkob auf den 
gefürchteten Bruder stoßen soll 2 : Noch in jener Nacht stand er 
auf, nahm seine beiden Frauen, seine Mägde und seine elf Kinder 
und er überschritt die Furt des Jabbok; so nahm er sie und brachte 
vieles, was ihm gehörte, hinüber. Jaäkob selbst blieb zurüde. Da 
rang jemand mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog. Und als er 

1 Nach einem am 13. Februar 1918 in der Wiener psychoanalytischen Ver» 
einigung gehaltenen Vortrag. 
* Gen. 32, 23-33. 



326 Dr. Theodor Reik 



sah, daß er ihn nicht bezwingen konnte, schlug er ihn auf die Hüft- 
pianne Jaäkob aber verrenkte sich die Hüftpfanne, als er mit ihm 
rang. Da sprach er: »laß mich los,- die Morgenröte ist schon herauf- 
gezogen«. Er aber spradi: »ich lasse dich nicht, du segnest midi 
denn«. Er sprach zu ihm: . wie heißt du?« Er spradi: »Jaäkob«. Er 
sprach: »du sollst nicht mehr Jaäkob heißen, sondern Isroel,- denn 
du hast mit Gottern und Menschen gestritten und sie bezwungen« 
Dann fragte Jaäkob und sprach: »nenne mir deinen Namen«. Er sprach' 
»warum fragst du midi nach meinem Namen?« Und er segnete ihn da- 
selbst »Jaäkob aber nannte jene Stätte Penuel, denn ich habe einen Gott 
von Angesicht zu Angesicht geschaut und kam mit dem Leben davon. 
i° l V , an T T Pe , nueI vorüb er war, ging die Sonne auf, er 

aber hinkte an der Hüfte. Darum essen die Söhne Isroels bis heute 
den Huftnerv nicht, der auf der Hüftpfanne liegt, weil er Jaäkob 
auf die Huttpranne geschlagen hat.« 

Die Erklärungsversuche dieser dunklen Stelle, in Kommen- 
taren, Zeitsdiriftenaufsätzen und exegetischen Schriften niedergelegt 
aber auch in Werken über die israelitische Religion und über die 
der Volker des Orients verstreut, machen eine ganze Literatur aus 
und einen Augenblick darf sich der Psychoanalytiker schüchtern 
tragen ob er, mit recht mangelhaften Kenntnissen ausgerüstet 
gegenüber so vielseitiger Gelehrsamkeit Neues und Entscheidendes 
zu Aufhellung der Szene beizutragen vermag. Allein bei wiederkehren- 
1 m a 5 rtr \ ueninseine Wissenschaft versucht er sich vor allem Rechen- 
schart darüber zu verschaffen, worin eigentlich die Schwierigkeiten 
bestehen, welche Fragen hier von den Bibelforschern aufgeworfen 
wurden und es ahnt ihm zugleich, daß außer diesen Fragen neue 
Katsel die alten eher komplizieren als vereinfachen dürften. 

Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Quelfensdieidung. 
Ich setze die Kenntnis voraus, daß die Bibel, wie sie uns vorliegt 
eine relativ späte Bearbeitung darstellt, ferner daß wir wissen, wie 
diese bagen entstanden, durch eine jahrhundertelange Tradition ver- 
ändert wurden, und endlich, daß die schriftliche Sammlung nicht von einer 
Hand noch zur selben Zeit geschah, sondern daß wir die Sammlungen 
der lahwisten, der Elohisten, des Priesterkodex und schließlich der 
Endredaktoren unterscheiden. Die Verteilung auf die Quellen, welche 
sich vornehmlich auf den Gebrauch der Gottesnamen aufbaut, kann 
hier schon deshalb nicht genau vorgenommen werden, weil das 
Wort Elohim hier appellativisch gebraucht und der Name Jahwe 
sorgsam vermieden wird. Ich will hier nicht auf die textkritische 
Untersuchung der Stelle eingehen, sondern nur darauf verweisen, 
daß Holzinger, Luther, Ed. Meyer, Proksdi und Gunkel die einzel- 
nen Verszeilen anderen Redaktoren zuweisen 1 . Damit ist hinlänglich 
erwiesen, wie schwierig, aber auch wie belangvoll für die Erfassung 
des lextes diese Untersuchung ist. 

Götti„gen V f910 G p ne 366. ÜterSet2t " nd ei ' kIärt V0 " Herman " Gunkd ' 3 - Aufl ' 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 327 

Schon in den drei ersten Verszeilen sind mit Sicherheit zwei 
Autoren zu unterscheiden: in der einen Version wird erzählt, daß 
Jaäkob die Furt des Jabbok überschritt, in der anderen blieb er 
allein am diesseitigen Ufer zurück. Dort aber wird er von einem 
Unbekannten überfallen; vnt sagt der Jahwist: ein Mann, jemand. 
Wer dieses Wesen ist, erkennen wir nachträglich: es ist Gott. Aber 
welcher Gott? Kann es Jahwe sein? Nein,- sagen die Kommenta- 
toren, Jahwe ist ja der Gott, der Jaäkob hilft und ihn liebt. Diese 
Gottesfigur ist, wenn wir Gunkel folgen 1 , ein bedeutsamer Beitrag 
zu unserem Wissen um die vorisraelitische, durch den Jahwe» 
glauben zurückgedrängte Religion. Sie ist ein dem Menschen feind- 
liches Wesen, das hier den arglosen Wanderer überfällt und ihn 
töten will. J. S. Frazer, der diese Stelle in einem gründlichen Auf- 
satz in den »Anthropological essays presented to E. B. Tylor« 2 
ausführlich behandelt, meint, es sei das Numen des Flusses gewesen, 
das Jaäkob zürnt, weil er die Furt überschreitet. Diese Ansicht, 
Jaäkobs Gegner sei der Stromgott des Jabbok gewesen, wird von 
ihm durch Angabe von Gebräuchen primitiver Völker bei Fluß- 
übersdhreitungen zu stützen gesucht. Aus der Fülle von Beispielen, 
die Frazer anführt, seien einige als repräsentativ wiedergegeben: 
Als das Perserheer unter Xerxes zum Strymon in Thrazien kam, 
opferten die Magier weiße Pferde und führten andere Zeremonien 
aus, bevor sie den Fluß überschritten. Es wird uns beriditet, daß 
die Kaffern beim Überqueren von Flüssen auf Steine spucken, welche 
sie in das Wasser werfen, Früher hatten sie die Gewohnheit, ent- 
weder Tiere oder Getreide hineinzuwerfen, um die Ahnengeister 
im Fluß zu beschwichtigen. Ähnlich pflegen die Buschmänner bei 
solchem Anlaß Teile des Wildes zu opfern, das sie getötet haben, 
oder, wenn sie keines haben, einen Wurfspieß. Freilich bleibt durch 
diese Annahme vieles ungeklärt, der Schlag auf die Hüftpfanne, 
der Segen etc. Eine lehrreiche Parallele findet sich Exodus 4 <24 — 26), 
wo Jahwe Moses überfällt, um ihn zu töten und durch die Be- 
schneidung von dessen Sohn beschwichtigt wird. Jedenfalls — darin 
stimmen die Kommentatoren überein — zeigt das ganze, in Rem- 
brandtschem Licht erglühende, unheimliche Bild, wie ein unbekannter 
Gott im Dunkel einen Menschen überfällt in der Absicht, ihn zu 
töten, daß die Sage sehr alt ist. In den ältesten Mythen kämpft 
so, Leib an Leib, Herakles mit Antaios, er und Simson mit dem 
Löwen, Freilich hat man versucht, da man an der Tatsache, daß 
Jaäkob mit dem Gotte kämpft, Anstoß nahm, die Art dieses Kampfes 
umzudeuten. Manche Forscher bemühten sich vergeblich, das uns hier 
gegebene sinnfällige Faktum in einen rein seelischen Vorgang umzu- 
formen, manche, denen Herder in seinem Werk über den Geist der 
ebräischen Poesie voranging 3 , glauben, es handle sich um einen Kampf 

1 S. 364 des erwähnten Werkes, 
* Oxford 1907, S. 136. 
» I. 265 f. 



328 Dr. Theodor Reik 



Jaakobs um Gottes Gnade, ein Ringen im Gebet, in Angst über 
die von ihm an Esau begangene Sünde, als Abschluß seiner Läu- 
terung, hin Dichter mag versuchen, den Inhalt des Mythos im Sinne 
seiner Visionen zu deuten <Beer=Hofmann>, ein hochkultiviertes 
Zeitalter mag eine Fülle idealer Gedanken und Gefühle in der 
Erzählung finden — für den primären Inhalt der uralten Sage kommt 
eine solche sublimierte Exegese nicht in Betracht. Durch die erste 
Annahme, daß ein düsteres Traumbild vorliege, wird übrigens die 
xtT wem 'S stens vom psychoanalytischen Standpunkte aus - 
nicht klarer/ wir müßten erst zu erfahren versuchen, was diesem 
Iraum an Sinn und Bedeutung innewohne. Die zweite Hypothese 
des Gebetkampfes ist schon deshalb unhaltbar, weil auch bei ver- 
zweifeltstem Ringen um Gott Luxationen des Hüftgelenkes nicht 
vorzukommen pflegen. Es bleibt uns also nichts übrig, als die Stelle 
so zu nehmem wie sie ist, mit allen ihren zahlreichen Widersprüchen 
und dunklen Tiefen. Vielleicht gibt aber gerade die Tatsache dieses 
Kampfes einen Hinweis auf ihren verborgenen Sinn. Gott und ein 
Mensch kämpfen mit annähernd gleicher Kraft miteinander, ja der 
Mensch besiegt endlich den Gott. Jaäkob wird sonach, wie Gunkel 
betont \ als eine Art Gigant gedacht, der Mensch dem Gotte nahe- 
geruckt Doch wir nähern uns dem vielleicht am schwersten deut- 
baren Vers: »Und als er sah, daß er ihn nicht bezwingen könne, 
schlug er ihn auf die Hüftpfanne.« Wenn man das flüchtig liest 
scheint alles zu stimmen. Doch die Stelle ist deshalb besonders 
aunkel, weil der Exegese durch das Fehlen der Explicita und den 
Wechsel des Subjekts in diesem Satz - übrigens echt hebräisch - 
große Schwierigkeiten erstehen. Wer hat den anderen auf die Hüfte 
geschlagen? Hier wird das Dunkel anscheinend undurchdringlich, 
freilich die nächsten Sätze belehren uns darüber, daß Gott lalkob 
geschlagen habe, aber dann ist nicht zu verstehen, wie es ausdrück- 

ttLff £ W ' ™ daI U a f° b ^ er Rieben ist - Bedeutende 
Bibelforscher wie Max Müller, Ed. Meyer, Luther, Gunkel er- 
klären unter Angabe ernster Begründungen, daß dies die spätere 
Auffassung darstelle: daß der Gott den Menschen geschlagen habe 
scheint das allein Annehmbare für eine spätere Zeit zu sein Der 
■ Zusammenhang würde aber weit straffer und verständlicher, wenn 
man annimmt, daß ursprünglich Jaäkob Gott geschlagen habe: wir 
wurden dann verstehen, warum Gott, so schwer verletzt und zu 
weiterer Kampfhandlung unfähig geworden, Jaäkob bittet: laß mich 
los. üin Einwand gegen die spätere Auffassung ergibt sich auch 
daraus daß im ganzen Verlauf der Sage von einer Wunde Jaakobs 
und seinem Hinken keine Rede mehr ist. Bei Hosea lesen wir 
übrigens ausdruckhdi <12a> in bezug auf den Kampf Jaakobs: »er 
kämpfte mit dem Engel und übermochte ihn: der weinte und bat 
umlade«. Hören wir, was Hermann Gunkel, der hier für andere 



S. 361. 
3 Vgl. Details bei Gunkel, S. 361 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 329 

Forscher sprechen möge, zu dieser Dunkelheit zu sagen hat: »als 
Jaäkob sieht, daß er an Körperkraft dem andern nicht gewachsen 
ist, wendet er, was zu seinem sonstigen Charakter vortrefflich paßt, 
einen Ringerkniff an <ähnlich wie Odysseus II. XXIII. 725 ff.) und 
schlägt den Gegner auf die Hüftpfanne, d. h. die Gelenkhöhle des 
Schenkelknochens.« Es fragt sich freilich, ob die Einfügung dieses 
Zuges »in den sonstigen Charakter« Jaäkobs nicht — wie eben 
dieser ganze Charakter selbst — einer sekundären Bearbeitung der 
Sage entspricht: wahrscheinlich war der ursprüngliche Held ein 
gewalttätiger und von starken Trieben geführter, kein listenreicher, 
verschlagener Charakter. Im Dienste bestimmter Tendenzen hat sich 
erst jene Umbildung, die dem Geschmacke einer späten Zeit ent- 
gegenkam, vollzogen. Aber auch wenn wir die Wahrscheinlichkeit 
dieser Ansicht zugeben, die Tatsache bleibt bestehen, daß der 
Text daneben sagt, Jaäkob sei am Hüftknochen verletzt worden. 
Wir müssen uns entscheiden: entweder Gott hat den Jaäkob ver- 
letzt oder umgekehrt — tertium non datur. Der folgende Satz wider« 
spricht merkwürdigerweise sowohl der einen als der anderen An- 
nahme,- da wird berichtet, Jaäkob habe sich während des Kampfes 
selbst das Hüftgelenk verrenkt. Rätsel über Rätsel, unorganisch und 
nur lose verknüpft steht hier Widerspruchvolles knapp nebeneinander, 
ohne daß ein Lichtstrahl in dieses Dunkel fiele. 

Der Gott bittet, Jaäkob möge ihn loslassen, da die Morgenröte 
schon heraufgezogen sei. Eine Stelle bei Plautus Amphitrio bietet 
eine schöne Parallele: »cur me tenes? Tempus est exire ex urbe prius- 
quam lucescat, volo«. <I. 3. 34 f.) Doch wir denken hier wohl auch 
alle an den Geist von Hamlets Vater, der vor der Morgenröte 
weichen muß. Dem Gott graut vor der Morgenröte, die ihm eine 
unnennbare Gefahr bedeutet: es ist so, als dürfe ihn die Sonne nicht 
besdieinen. Freilich ist uns der Grund dieser göttlichen Furcht un- 
bekannt. 

Und nun steigt jenes Wort auf, das wir seit jeher von wunder- 
vollem Klang gefunden haben: ich lasse dich nicht, du segnest mich 
denn. Wir sind daran gewöhnt, Vorstellungen hohen Inhalts, wie 
etwa das Streben des Forschers nach der Lösung eines Problems, 
das Ringen des Künstlers mit den dunklen Gewalten der Materie 
während der Gestaltung seines Werkes damit zu verbinden. In 
Wahrheit ist die Stelle ohne solchen Nebensinn: ich lasse dich nicht, 
ist hier durchaus im physischen Sinn gemeint. Segnen heißt ein in 
die Zukunft wirkendes Wort spredien. Der Segen ist dem Antiken 
nicht etwa ein frommer Wunsch, Worte, Schall und Rauch, sondern 
etwas Wirksames und Wirklichkeit Erzeugendes. Er kündigt die 
Zukunft nicht nur an, er schafft sie auch, Gunkel weist an anderer 
Stelle 1 darauf hin, daß Sagen, in denen ein Segen vorkommt, diesen 
immer an hervorragende Stelle setzen. Der Segen ist nämlich darin 



1 Gunkel, Genesis, S. 80, 



die Hauptsache, »weil er dasjenige angibt, was noch gegenwärtig als 
Wirkung dieser Geschichte fortdauert,- das, was sonst noch darin 
vorkommt, hat nur den Zweck, Ursache und Gelegenheit dieses 
Wortes anzugeben«. Läßt sich vielleicht von hier aus ein Weg zum 
Verständnis der Sage finden? Dem Segen aber geht noch eine Art 
Dialog voraus. Gott fragt den Jaäkob: »Wie heißt du?« und erfährt 
seinen Namen. Was sollen wir damit anfangen? Voraussetzung 
dieser Frage kann doch nur sein, daß Gott den Jaäkob nicht kennt. 
Sollte doch Frazer Recht haben, wenn er annimmt, es sei ein Fluß« 
gott, der ohne Unterschied der Person alle überfällt, die den Strom 
durchqueren wollen? Etwas hält uns zurück, diese Hypothese, die 
so vieles im unklaren läßt und die Sage auf das niedere Niveau 
eines Lokalereignisses herabdrückt, als ausreichend anzunehmen. Da 
uns aber vorläufig kein Weg offen steht, dieser Schwierigkeit Herr 
zu werden, konstatieren wir, daß auch hier eine Dunkelheit herrscht 
die der Aufhellung harrt. Die Gottheit spricht nun den Segen, indem 
sie den Namen Jaäkob in Isro=El <= Gottesstreiter) ändert mit der 
Begründung: denn du hast mit Göttern und Menschen gestritten 
und sie bezwungen. Wir sind enttäuscht: der Segen, der uns in der 
Erwartung so bedeutungsvoll erschien, läuft also auf eine Namens* 
anderung hinaus? Uns modernen Lesern scheint es, als bestehe eine 
■l SatI j e Dissonan z zwischen den schönen Worten: »Ich lasse dich 
nicht, du segnest mich denn« und diesem recht banalen Namens* 
tausch. Doch erinnern wir uns, daß solche Umbenennungen eine in 
der Antike und bei den primitiven Völkern weitverbreitete Sitte und 
von besonderer Bedeutung sind. »Die Namensänderungen«, sagt 
Heitmuller in seinem Buche »Im Namen Jesu« 1 , »sind nicht etwa 
symbolischer Natur - sie haben realen Wert. Der Name ist Kraft» 
y?A?? s * ic * lS( l ueIIe für seinen Träger«. Diese Bedeutung des Namens 
ist gerade dem Psychoanalytiker sehr einleuchtend,, er hat ja die 
Wichtigkeit der Namensgebung aus der Analyse von Träumen und 
von psychoneurotischen Symptomen, sowie aus der Beobachtung 
kindlichen Seelenlebens erkannt. Merken wir ferner an, daß im antiken 
Orient der Name bei der Geburt des ersten Sohnes geändert wird 
und der Mann von jetzt an Vater des Soundso heißt, als würde 
durch die neue Vaterwürde seine alte Existenz aufgehoben und 
beginne jetzt für ihn ein neues Leben. Wir verhehlen uns freilich 
nicht, daß diese Erklärungen noch immer nicht ausreichend sind und 
nichts Wesentliches zur Aufhellung des ganzen Vorganges beitragen 
können. Denn es kann sich doch unmöglich die ganze Frage darum 
drehen wie Jaäkob zu seinem Namen gekommen ist, also eine rein 
etymologische Erklärung vorliegen. Es ahnt uns, daß diese Namens- 
änderung etwas Besonderes bedeuten und ihr im Gefüge der Sasje 
eine ausgezeichnete Rolle zufallen müsse. Doch noch während wir 
uns bemühen, den latenten Sinn des Satzes zu erfassen, taucht eine ' 

1 S. 16 1 ., zitiert nach Gunkel S. 268. 



Psytfioanafytisdie Studien zur Bibelexegese. I. 331 



neue Frage auf: wie, dieser Gott spricht ja davon, daß Jaäkob früher 
mit Göttern und Menschen gekämpft habe? Es ist uns nichts der* 
gleichen aus der Überlieferung bekannt, keine Andeutung gegeben, 
es müßte denn die Überlistung Esaus und Labans recht gezwungen 
und in einer der antiken Anschauung nicht gemäßen Art mit dem 
Ringkampf Leib an Leib verglichen werden. Und wie sonderbar, 
Gott, der eben den ihm unbekannten Jaäkob um seinen Namen 
gefragt hat, weiß plötzlich Details aus dem Leben seines Gegners. 
Was für ein rätselhafter und inkonsequenter Gott! Merkwürdig auch, 
daß Gott auf die Frage des Jaäkob seinen Namen nicht nennen 
will, doch aus dem weitverbreiteten antiken Glauben zu verstehen, 
daß die Kenntnis des Namens Macht über den Gegner verleihe. 

Jaäkob geht also als Sieger, wenngleich hinkend durch die 
Hüftluxation, aus dem Kampfe hervor. In der weiteren Erzählung 
ist keine Spur einer so schweren und schmerzhaften Verletzung zu 
entdecken. Die ganze Erzählung schließt mit der Konstatierung 1 , daß 
die Söhne Isro=El bis auf den heutigen Tag den nervus ischiadus 
nicht essen, weil er — wieder wird nur von »ihm« gesprochen — 
Jaäkob auf die Hüftpfanne geschlagen hat. Schon der ganze Charakter 
dieses Verses, namentlich aber seine Begründung zeigt, daß er einen 
späten Zusatz darstellt. Eine den Ethnologen bekannte Sitte, das 
Verbot des Genusses bestimmter Tierteile, wird am ehesten in dieser 
Tabuierung bestimmter Körperteile erkannt werden, Frazer selbst 
gibt viele Beispiele solcher Verbote in seinem erwähnten Artikel 2 . 
Im zweiten Bande des »Golden bough« 3 und bei Robertson Smith 4 
ist die besondere Heiligkeit des Hüftnerven erwähnt und mit Bei- 
spielen belegt. Immerhin fällt uns hier auf, daß die Tabuierung der 
verschiedenen Tierteile sich in diesen Beispielen auf dem Boden 
rotemistischer Riten entwickelt hat und sich deren Ableitung aus der 
Tierverehrung der Primitiven erkennen läßt, hier aber wird für das 
Verbot die sonderbare Begründung gegeben, Jaäkob sei von »ihm« 
auf den Hüftknochen geschlagen worden. Außerdem ist an keiner 
der sonstigen Bibelstellen auf diese Ausnahmsstellung des Hüft* 
knochens verwiesen. So entläßt uns noch die ganze Erzählung mit 
einer ungelösten Frage. 

* 

Es wären noch einige andere Schwierigkeiten und Fragen an- 
zuführen, aber ich meine, die hier angegebenen genügten unseren 
bescheidenen Bedürfnissen und wir werden uns zufrieden geben, wenn 

1 S. 142 f. 

2 So wird z. B. bei den Männerfesten der Aranda und Loritja in Zentral^ 
australien den Jünglingen verboten, das Fleisch am Kopf, an den Beinen des 
Wildes etc. zu essen. (Carl Strehlow, Das soziale Leben der Aranda= und Loritja» 
stamme. Frankfurt a. M. 1913.) 

3 Second edition 11/ S. 419-421. 

4 Die Religion der Semiten- Deutsche Übersetzung, S, 293. 



332 Dr. Theodor Reik 



es uns gelänge, sie zu lösen. Ist es doch, als befänden wir uns auf 
einem jener Karstberge des Balkan, über die kein Weg führt, die 
dunkel, voll wilder Felsabstürze, Stein an Stein, Schlucht neben 
steiler Wand daliegen : der Fuß, eingeklemmt zwischen Geröll, findet 
keinen Pfad nach aufwärts. 

Wir haben gehört, daß einzelne, nun schon vergessene Kom= 
mentatoren, wie Michaelis, Hensler, Gabler und andere 1 die ganze 
Sage als ein düsteres Traumbild ansahen. Röscher kennzeichnet sie 
spezieller als einen Alptraum 8 . Kennen wir nun Träume ähnlicher 
Struktur? Gewiß,- es gibt Angstträume, die ähnlich aussehen, in denen 
die Träumer von Unbekannten in dunkler Absicht überfallen werden. 
Wir wissen, daß an der psychischen Genese dieser Träume Schuld» 
bewußtsein wegen sexueller Verfehlungen oder Phantasien, Furcht 
vor drohender Strafe, namentlich vor Kastration, einen bedeutsamen 
Anteil haben. Vielleicht ist aus dem traumhaften Charakter der 
Szene auch zu entnehmen, warum Gott oder wer sonst der un« 
bekannte Angreifer sein mag, mit Tagesanbruch verschwinden muß,- 
es ist wie wenn der Träumer sich im Schlafe beruhigend sagt: es 
ist ja nur ein Traum und wenn der Morgen kommt, ist alles vor= 
über. Dies mag ja auch die Selbstberuhigung Hamlets sein, 
wenn wir die schrecklichen Enthüllungen des Geistes als endo» 
psychischen Vorgang ansehen: beim ersten Hahnenkrähen werden 
die Dinge anders aussehen. Wir legen freilich wenig Wert auf die 
Traumhypothese, sie erklärt uns wenig, jedoch wir ahnen beim 
Vergleich jener Ängstträume und der Struktur dieser Szene, daß 
wohl auch hier ursprünglich ähnliche Affekte ihre Auslösung finden 
mögen. Wir werden nun auch wohl mit mehr Aufmerksamkeit einem 
Autor zuhören, dessen mit Abstrusem und oft mit phantastischer 
Zahlenmystik durchsetztes Werk manchen wertvollen Hinweis auf 
den eigentlichen Sinn alter Mythen gibt: ich meine das »Ethymo* 
logisch «symbolisch «mythologische Real Wörterbuch« von F. Nork. 
Wir finden im I, Bande dieses Werkes 3 den Hinweis darauf, daß 
Herkules zweimal einen ähnlichen Ringkampf zu bestehen hatte: einen 
mit Hippocroon, worin der Heros merkwürdigerweise ebenfalls an der 
Hüfte verletzt wurde, einen zweiten aber in der Palästra zu Olympia 
mit seinem Vater Zeus, der lange unerkannt mit ihm rang und sich 
ihm schließlich zu erkennen gab. Wertvoller noch mag uns eine andere 
Bemerkung erscheinen: die Rabbinen erklären, daß die Spannader, 
die der Gott Jaäkob verletzt habe, mit dem Phallus identisch ist. Im 
Buche Sohar <Parascha Wajischlach f. 170) ist die gleiche Anschauung 
bezeugt. Nun aber dürfen wir uns getrauen, darauf hinzuweisen, 
daß die Psychoanalyse schon diese und ähnliche Verschiebungen in 
den Mythen erkannt und auch das Symptom des Hinkens als eine 

1 Angeführt bei August Dillmann, Die Genesis, S. 365. Leipzig 1892. 

2 Ephialtes. Abhandlungen der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wissen» 
schalten. Phil.-hist. Kl. Bd. XX. 

3 Stuttgart 1843,- unter dem Schlagworte Jacob. 



• 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 



333 



euphemistische Andeutung der Kastration gedeutet hat 1 . Es will uns 
scheinen, als erstehe die ganze Sage jetzt in einem neuen Lichte: 
Gott kastriert Jaäkob oder versucht es wenigstens. Freilich, die 
Schwierigkeiten werden durch die Substitution eher gesteigert als ver^ 
ringert: wer ist dieser Gott, warum der ganze Überfall, was soll der 
Segen bedeuten, wie sind die zahlreichen Widersprüche, auf die wir 
hingewiesen haben, zu- erklären? Wir nehmen noch einmal die ganze 
Erzählung vor, lassen Anfang und Schluß aus besonderen Gründen 
weg und versuchen, unsere jetzige Auffassung mit dem Texte zu 
vereinbaren: da fällt uns in der neuen Beleuchtung auf, daß diese 
ganze Situation, der Überfall, das Ringen mit einem geheimnisvollen 
Wesen, der neue Name und endlich die Verstümmlung des Penis, 
wie wir jetzt sagen dürfen, Ähnlichkeiten mit anscheinend weit ab» 
liegenden Vorgängen aufweist: mit den Pubertätsriten primitiver 
Völker. Dort werden die jungen Leute von einem geheimnisvollen 
Wesen, das wir als den Ahnengeist erkannt haben, überfallen, ge» 
bissen, angeblich getötet — die Tötungsabsicht ist ja bei dem Gotte 
Jaäkobs ersichtlich — und erhalten nach ihrer angeblichen Wieder» 
erweckung einen neuen Namen als Anzeichen ihrer nun veränderten 
Einstellung 1 . Diese Zeremonien finden im Pubertätsalter der jungen 
Leute statt. So weit die ähnlichen Züge,- doch übersehen wir nicht 
die einschneidenden Unterschiede, die geeignet erscheinen, unser ganzes 
Analogiengebäude als ein Kartenhaus zu betrachten. Jaäkob ist an 
unserer Stelle ein reifer Mann, hat sogar zwei Frauen nebst einigen 
Kebsweibern und sage und schreibe elf Kinder. Wir lassen diesen 
Punkt vorläufig ungeklärt, annullieren gleichsam für einen Augenblick 
das ganze Vorleben Jaäkobs und nehmen an, er sei zur fraglichen 
Zeit ein völlig unverheirateter Jüngling gewesen. Wir können dann 
sagen: Gott überfällt Jaäkob, wie das Balumungeheuer die jungen 
Australneger, er kastriert oder beschneidet ihn und gibt ihm einen 
neuen Namen. Für Gott aber können wir hier wie dort den Vater 
einsetzen. Was bedeutet der Segen? Wir erhalten Antwort auf 
diese Frage, wenn wir uns vergegenwärtigen, was der Inhalt 
und das Wesentliche aller alttestamentlichen Segen ist, ja wir 
brauchen nur jenen Segen als Beispiel heranzuziehen, den Jahwe 
Jaäkob im Bethel gegeben hat, der da lautet: »Das Land, auf 
dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Dein 
Same soll dem Staube der Erde gleich werden,- du sollst dich nach 
Westen, Osten, Norden und Süden ausbreiten,- und alle Geschlechter 
des Erdbodens sollen sich mit dir segnen und deinem Samen.« 
Sehen wir von den jüngeren Zusätzen und von den mannigfachen 
Veränderungen ab, welche der Segen erfahren hat, so ist sein 
wesentlicher Inhalt die Verheißung großer Nachkommenschaft und 
des Besitzes des Landes, — was der Inhalt aller Segen der 



1 Vgl. »Die Pubertätsriten der Wilden« in meinen »Problemen der Religions» 
Psychologie«. I. Teil. Internationaler psychoanalytischer Verlag. Wien 1919. 



334 Dr. Theodor Reik 



Heiligen Sdmft ist. Nun kehren wir zu den Initiationsfeierlichkeiten 
der Wilden zurück. In meiner oben angeführten Arbeit habe ich 
versucht zu zeigen, daß der latente, ursprüngliche Sinn dieser Riten 
dann bestand, die auf die Mutter gerichteten inzestuösen Wünsche 
der jungen Leute zurückzudrängen und ihre sexuelle Potenz zu 
vernichten <Beschneidung, ursprünglich Kastration). Durch die Vor- 
nahme der Inzision und mannigfacher anderer Martern wird nun 
in den Einweihungsfesten die Erlaubnis erkauft, in legalen 
Geschlechtsverkehr zu treten. Die Novizen dürfen nun heiraten 
und Kinder zeugen. Wir haben erkannt, daß in den Pubertätsriten 
die von der primitiven Gesellschaft verpönten Wünsche zu gleicher 
Zeit eine partielle Durchsetzung und Verwerfung fanden. Die 
Vatergeneration, welche ihre Söhne nach den Weihen als gleich- 
berechtigt aufnimmt, sagt nun zu den Wünschen der jungen 
Manner Ja und Amen. Diese durch die zärtliche Strömung der 
ambivalenten Einstellung bedingte Zustimmung wird im Laufe der 
Entwicklung immer mehr in den Vordergrund rücken und den ur- 
sprunglichen Sinn des Einweihungsrituals unerkennbar machen. Mit 
der zunehmenden Verdrängung der Haßregungen wird die Zärt- 
lichkeit und väterliche Sorge für die Jungen sogar zum Mittelpunkt 
der Weihen: die Inzision, ursprünglich zur Vernichtung der Potenz 
dienend, wird zu einer Maßregel, die Zeugungsfähigkeit zu er- 
höhen. Als das Ritual einer solchen vorgeschrittenen Entwicklung 
erscheint uns nun auch der Segen, den Jahweh Jaäkob zuteil 
werden laßt: es ist der Segen der Fruchtbarkeit <»Dein Same soll 
dem Staube der Erde gleich werden«). Die Verheißung des Landes 
aber ersetzt das Versprechen des Besitzes der Frau, ursprünglich 
der Mutter OMutter Erde«). In späteren Verheißungen an die 
Nachkommen Jaakobs wird die Erfüllung der Versprechung immer 
wieder an die Bedingung des Gehorsams <= der Verdrängung und 
des Verzichtes auf die feindlichen Tendenzen gegen den Vater- 
Gott und die Inzestwünsche der Mutter gegenüber) geknüpft werden. 
Übersehen wir die Vorgänge der Jaäkobgeschichte, deren 
Ähnlichkeit mit den Pubertätsriten durch die Aufeinanderfolge des 
Überfalles eines geheimnisvollen Gottes, einer Verletzung des 
jungen Mannes, des Namenswechsels und des Segens immer 
deutlicher wird, so erkennen wir, daß in ihr die Kastration Sühne 
und Verhinderung der Inzestwünsche Jaakobs, der Segen aber eine 
Erlaubnis zum Sexualverkehr — freilich anderen Objekten gegen- 
über — darstellt. Wir würden dann auch verstehen, warum Gott 
den Jaakob um seinen Namen fragt, nicht weil er ihn nicht kennt, 
sondern diese Frage ist Bestandteil der alten primitiven Initial- 
zeremonien. In der Erzählung soll sie unsere Aufmerksamkeit auf 
den Namenstausch und seine Bedeutung hinlenken. Wir wundern 
uns jetzt auch nicht mehr, wenn von der schmerzhaften Verletzung 
'•m-x J eine R ede mehr ist: ist doch die Beschneidung ein landes- 
üblicher Brauch, der an allen Jünglingen vollzogen wird. 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 335 

Wir erkennen in unserer Szene also den stark überarbeiteten 
Niederschlag alter Erinnerungen des jüdischen Volkes: an die Bin= 
führung der Kastration oder Beschneidung, die von bestimmten 
kultischen Gebräuchen begleitet vorgenommen wurde und die auf 
dieselben psychischen Motive zurückzuführen ist, wie ich sie bei 
den Primitiven zu zeigen versucht habe. Tatsächlich hat Stade in 
einer scharfsinnigen Arbeit, die freilich in keinem Zusammenhang 
mit der von uns behandelten Sage steht, in einem »Der Hügel der 
Vorhäute« beschriebenen Artikel 1 gezeigt, daß es zu Gilgal eine 
den Männerweihen der Austral» und Afrikaneger ähnliche Männer* 
weihefeier gab. 

An vielen Zügen erkennen wir, daß die Überarbeitung der 
alten Sage, wie sie uns hier vorliegt, in eine relativ späte Zeit 
fällt: schon wird die Operation der Penisverstümmelung,- von Gott 
oder vom Vater vollzogen, als anstößig empfunden, an Stelle des 
Penis ist der Hüftnerv getreten. Dieses Stück des komplizierten 
Umarbeitungsprozesses, dem die Sagen aus der Urzeit des Volkes 
unterliegen, hat natürlich eine Tendenz, die aus dem Zeitpunkt der 
Bearbeitung erklärlich ist. Das kulturell vorgeschrittene Volk sieht 
seine primitiven, wenig rühmlichen Anfänge im Lichte der Gegen« 
wart und sucht demütigende Erinnerungen an seine Urzeit umzu« 
deuten,- das ganze Verhältnis Israels zu seinem Gotte, der sich 
ursprünglich wenig von dem der Nachbarvölker unterschied, kann 
nur durch diesen, auch dem individuellen Seelenleben eigenen Prozeß 
verstanden werden. Die Verdrängung und tendenziöse Bearbeitung 
der Anfänge der Stammesgeschichte, welche den frühen Kindheits= 
erinnerungen des Individuums zu vergleichen sind, werden sogar 
dazu führen, diese Geschichte als den Ausgangspunkt der Auser= 
wählung zu betrachten. Diese Entwicklung ist freilich schon in der 
Aufnahme der Söhne in den Männerbund bei den Primitiven vor» 
bereitet 2 . 

Doch jetzt mögen uns Gewissensbisse daran mahnen, wie 
leichtfertig wir mit dem ehrwürdigen Text der Bibel umgesprungen 
sind. Wir erinnern uns der Verpflichtung, einen Einwand, der unsere 
Erklärung über den Haufen zu werfen drohte und dessen Erle= 
digung wir aufgeschoben haben, Gehör zu verschaffen. Wir sagten, 
daß diese Schichte der Jaäkobserzählung uns eine Erinnerung an die 
ursprüngliche Kastration aufbewahre, wie sie vom Vater an den 
mannbar gewordenen Sohn vollzogen wurde. Doch Jaäkob mußte 
die Beschneidung längst hinter sich haben, da er verheiratet und 
bereits elffacher Vater ist. Hier gibt uns die Vorgeschichte der Sage 
ein Hilfsmittel zur Hand: die Erzähler haben die ganze Sage an 
den Ort Penuel lokalisiert, und zwar aus verschiedenen <etymolo« 
gischen etc.) Gründen, Penuel heißt Gottes Angesicht, dort und nur 

1 Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft. Bd, VI, S. 132 ff. 
s Über das Gesetzmäßige solcher Umdeutungen bei Neurotikern vgl. Freud 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 3. Folge. S. 165, Wien 1913. 



dort konnte, dachten die alten Sammler, Jaakobs Kampf mit der 
Gottheit stattgefunden haben. »Ursprünglich«, sagt Gunkel 1 , »steht die 
S I-i anZ auf ei S enen Füßen und hat mit der Jaäkob-Esau* 
geschieh te nichts zu tun: der mutige Gottbezwinger und Jaäkob, der 
yor Esau zittert, sind eigentlich ganz verschiedene Gestalten. Auch 
in der gegenwärtigen Überlieferung ist die Penuelsage mit dem Vor« 
hergehenden und Folgenden nur sehr lose verbunden,- so tritt, daß 
Jaäkob eine schwere Verletzung erlitten hat, im folgenden nicht 
I°Ü ,a eigentIidl sprengt die Penuelerzählung die beiden Esau« 
geschichten, zwischen denen sie steht, geradezu auseinander. Die 
Sage weist 29 bei J <= Jahwist) auf bereits überstandene Kämpfe 
Jaakobs zurück, bisher hat er nur mit Menschen gekämpft,- in diesem 
seinem letzten und schwersten Kampf hat er auch die Gottheit 
bezwungen. Wofern die Sage unter den Menschen Esau und Laban 
versteht, setzt sie also Geschichten von wesentlich anderer Form 
voraus und jedenfalls kann darauf nicht unmittelbar ein erneutes 
Zusammentreffen mit Esau stattgefunden haben.« 

Fügen wir diesen scharfsinnigen Argumenten ein anderes 
hinzu: den Widerspruch, den wir am Eingang der ganzen Erzählung 
konstatiert haben: es heißt, Jaäkob habe seine Frauen und Kinder 
und alle seine Habe über den Fluß geführt und er selbst habe den 
Jabbok überschritten. Dann konnte der Kampf nicht diesseits statt- 
finden. Der zweite Redaktor sagt: er aber blieb allein zurück, was 
entweder dem früher erzählten Übergang widerspricht oder eine 
neue zweddose Überschreitung des Flusses voraussetzt. Fassen wir 
zusammen: die Geschichte hat mit der Esausage nichts zu tun, ihr 
Charakter widerspricht der übrigen Erzählung, es ergeben sich an 
dieser Stelle zahlreidie Widersprüche und Un Wahrscheinlichkeiten,- 
sie gehört offenbar gar nicht an diese Stelle. Wenn dies aber der 

r S M l H Wen " d ' e Erzänlun S d em chronologischen Verlauf 
von Jaakobs Leben nodi nicht hieher gehört, wohin sie von den 
Redaktoren gestellt wird, ist es da noch so unwahrscheinlich, daß 
sie überhaupt von dem eben mannbar gewordenen Jaäkob auf Jaäkob 
den Ehemann und Vater verschoben wurde? Es war aus Gründen 
die wir noch zu erraten haben werden, ein Stück der Jaäkobsgeschichte 
aus seinen ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und in andere 
eingestellt worden. Wenn aber einmal ein solcher falscher Zusam« 
menhang hergestellt worden war, mußte man, um ihn glaubhaft zu 
machen, um wenigstens dem Scheine nach eine Brücke zu früher 
und später zu schlagen, Verbindungen künstlich schaffen. Jaäkob 
erscheint als verheirateter Mann und elffacher Vater - das sind 
solche künstliche Verbindungsglieder, um zu verwischen, daß das 
bagentragment ursprünglich in einem andern Zusammenhang stand 
und spater einen veränderten Sinn bekam. Sollten aber die Gründe 
dieser Loslösung und Neueinführung nicht erratbar sein? Wir erinnern 

1 Genesis, S. 365. 



uns, Fallen ähnlicher psychischer Leistungen in der Symptomatologie 
der Neurosen begegnet zu sein, welche den Zweck verfolgten, 
unbewußt die llnkenntlichmachung eines wahren Zusammenhanges 
zu bewirken. So gehen etwa Zwangsneurotiker im Autbau ihrer 
Symptome vor, um den wirklichen Sinn der Zwangsgedanken zu 
verschleiern. Es sind vornehmlich moralische Gründe, aus dem Be- 
w ™ tsd " stammend, der Trie kgegensatz zur Persönlichkeit, die zu 
solcher Umarbeitung zwingen. Ähnliches mag in der Geschichte der 
Iradition der Bibel vorausgegangen sein, wie es uns ja durch die 
Parallele religiöser Entwicklung und zwangsneurotischer Mechanismen 
nahegelegt wird. In jedem Falle solcher unbewußten Entsteliungs- 
und Verschiebungsarbeit aber können wir nachweisen, daß in der 
falschen Verknüpfung trotz aller Bewußtseinsarbeit noch die Wahl 
des falschen Ortes und der anscheinend willkürlichen Einreihung 
durch den Zwang unbewußter Faktoren bedingt ist. Wir werden 
noch auf diesen Grund zurückkommen. Früher aber müssen wir 
uns noch der Verpflichtung entledigen, den wahren Zusammenhang 
herzustellen. Wir sagten, in der ursprünglichen Sage müsse Jaäkob 
ein Jungling in der Zeit der Pubertät gewesen sein, vielleicht unmit- 
™ v ° r dem legalen Geschlechtsverkehr oder doch mit dem Ent- 
schluß dazu. Es wird wohl auch stimmen, daß der Überfall des 
Gottes auf einer Reise stattfand. Gibt es nun in der Jaäkobserzäh- 
hing eine Situation, welche diese Bedingungen erfüllt? Gewiß es 
gibt eine 1 ; nach dem listigen Betrug Esau ist dieser entschlossen, 
den Bruder zu erschlagen. Rebekka aber rät Jaäkob zu entfliehen 
bis sich der Zorn des Bruders gelegt hat. Sie hat aber noch ein 
Motiv, das sie ausspricht: Jaäkob soll sich mit einer der Töditer 
Labans, ihres Bruders verheiraten. Auf dem Wege zu Laban zu 
seinem künftigen Sdiwiegervater, trifft Jaäkob eine einsame Statte 
wo er über Nacht bleibt und einen Traum hat. Die Stätte heißt 

» w rf e SteIIe der ErzähI «ng wäre unser Erlebnis zu 
stellen. Wir haben gesagt, daß in den Pubertätsriten der Primitiven 
das Motiv von Tod und Wiederauferstehung die Hauptrolle Spiele- 
rn allen diesen Riten kehren auch die Züge der Einschließung, der 
Initiation in die Stammesreligion und der Bund mit der Vätergene- 
ration wieder. Wenn unsere Deutung richtig ist, müssen noch Reste 
ähnlicher Motive in der Jaäkobsgeschichte erkennbar sein: es fehlen 
uns aber die Absonderungszeit, die geheimnisvolle Einweihung in 
die I otemreligion und der Bund mit dem Vater. Alle diese Mo- 
mente können ohne Zwang in der Betheisage gefunden werden- 
Jaäkob verläßt das Vaterhaus auf längere Zeit und weift an ein- 
samer Stelle, zum erstenmal erscheint hier Gott dem jungen Hirten 
und gibt ihm eine Verheißung, und zwar verspricht er ihm Frucht« 
barkeit und seine Hilfe. In den Worten aber »ich will mit dir sein, 

« Obwohl ich die folgende Hypothese für sehr wahrscheinlich halte, will ich 

■ cWT, l aß a ? d f e , Mö gJ idlke iten der Einreihung der Kampfepisode 
innerhalb der Jaäkobsgeschichte bestehen. 

Imaf?oV/5— 6 ,, 



338 Dr. Theodor Reifc 



denn ich will dich nicht verlassen, bis ich ausgeführt, was ich dir ver» 
heißen habe«, schließt Gott mit Jaäkob ein Bündnis. Dieser legt am 
Morgen Gott ein Gelübde ab, worin das Versprechen Gottes als 
Bedingung wiederkehrt — wie man sieht, auch seinerseits ein Bund. 
Nach jenem Traum, den Jaäkob hier vor sich'' sieht, erwacht er und 
merkwürdigerweise »fürchtete er sich aber und sprach: »wie schaurig 
ist diese Stätte«, ein Gefühl, das keineswegs zur beglückenden Ver- 
heißung im Traume passen würde und das die Kommentatoren 
recht künstlich mit Jaäkobs Bewußtsein der Anwesenheit Gottes in 
Zusammenhang gebracht haben. Es ist sehr wohl am Platze, wenn 
sich früher hier der Gotteskampf abgespielt hat Ohne allzuviel 
Wert darauf zu legen, dürfen wir auch den Sinn jenes Traumes 
Jaäkobs zu erraten versuchen: »Es träumte ihm, eine Leiter sei auf 
die Erde gestellt, deren Spitzen an den Himmel rühren und Engel 
Gottes stiegen auf ihr auf und ab. Und siehe, Jahwe stand vor 
ihm« und nun folgt die Verheißung. Die Leiter als Traumsymbol 
ist uns aus vielen Analysen bekannt und wir dürfen, wenn wir 
Gott als den Vertreter der Vätergeneration betrachten, den Traum 
zu den homosexuellen Riten der Pubertätsweihen in Parallele setzen. 
Wir erkennen dann den Ablauf einer zweizeitigen Handlung: 
zuerst der Überfall Gottes, die Penisverstümmelung, dann der 
Traum und der Segen, die Verheißung — diese Vorgänge würden 
der Auslösung feindseliger und zärtlicher Regungen seitens der 
Väter in der Männerweihe der Primitiven entsprechen. 

Wir dürfen hier auf den Einwand rechnen, wir hätten völlig 
ungerechtfertigterweise den Vater an Stelle Gottes gesetzt. Doch 
wir sind zu dieser Ersetzung durch die psychoanalytische Forschung 
über die Entwicklung des Gottesbegriffes berechtigt. Für den spe= 
ziellen Fall aber erinnern wir daran, daß die Balumfigur der Puber= 
tätsriten durch die eigenartige Gefühlkomplexion der Vergeltungs* 
furcht die Vertretung des Vaters übernimmt, Doch wir erinnern uns 
auch, daß die Episode des Gotteskampfes, worauf Gunkel hinwies, einen 
völlig anderen Charakter als den des Jaäkob voraussetzt, wie wir 
ihn kennen, und daß der Gott davon spricht, daß Jaäkob schon andere 
Kämpfe mit Menschen hinter sich hat. An bedeutungsvoller Stelle 
der Jaäkobssage kommt ein Segen vor und dieser wird nur durch 
allerlei Umwege erhalten. Jaäkob bekommt den ursprünglich Esau zuge= 
dachten Segen, indem er den Vater überlistet. Erlauben wir uns 
die Hypothese, daß diese Form eine gemilderte, durch spätere, der 
säkularen Verdrängung gemäße Ersetzung unseres ursprünglichen 
Kampfes zwischen Vater und Sohn darstellt, so würden wir hier eine 
Motivdoublierung erkennen. Ein einzelner Zug weist noch auf diese 
zweifache Sagenbearbeitung hin 1 : Jaäkob geht zu seinem blinden 
Vater hinein und sprach; »mein Vater«! er antwortete: »ich höre, 
wer bist du, mein Sohn?« Jaäkob sprach zu seinem Vater: »ich bin 



1 Genesis, 27, 18. 



dein Erstgeborener, Esau.« Wir erinnern uns der Frage an den Gott 
während Jaäkobs Kampfe. »Da trat Isro-El zu seinem Vater Isaäk 
und da betastete er ihn.« Vielleicht können wir hier ein Anzeichen 
des ursprünglichen Kampfmotives erblicken. 

Wir haben behauptet, in den Pubertätsriten wie in der Jaäkobs» 
erzählung werde eine ursprüngliche Inzestneigung der jungen Leute 
gesühnt und durch die äußere Gewalt, die später von den Gewalten 
des Inneren vertreten werden soll, verdrängt. Wenn wir nicht irren, 
finden sich noch Spuren solcher Neigung in der Jaäkobsgesdhichte 
»Jizchak hatte den Esau lieber, denn Wildbret war nach seinem Ge- 
schmack, und Rebekka hatte den Jaäkob lieber.« Diese Neigungen 
dürften wohl gegenseitig sein, Ist es Zufall wenn Rahel, Jaäkobs 
Braut — die übrigens seine Cousine mütterlicherseits ist — in 
derselben Stellung, unter genau denselben Umständen am Brunnen 
von Jaäkob angetroffen wurde, wie einst seine Mutter von dem 
Werber seinem Vater? Soll es nichts bedeuten, daß Jaäkobs Dienst- 
zeit sieben lange Jahre dauert? Es ist ebenso ein Anzeichen der unbe- 
wußten Inzestbedeutung der Ehe Jaäkobs, wenn Rahel lange Zeit 
unfruchtbar bleibt. Sie selbst schreibt ihm die Schuld zu: als sie 
sieht, daß sie von Jaäkob keine Kinder bekam, spricht sie: »Schaffe 
mir Kinder, wo nicht, so sterbeich.« Jaäkob aber ward zornig auf Rahel 
und sprach: »bin ich an Gottes Statt, der dir doch die Leibesfrucht 
versagt hat?« Vielleicht dürfen wir noch ergänzend hinzufügen, daß 
Rüben, Jaäkobs Sohn, wie berichtet wird, wie sein Vater Inzest 
beging, »er lag bei Bilha, seines Vaters Kebsweib«. 

Freilich, hören wir nirgends etwas von einem Konflikt zwischen 
Jaäkob und seinem Vater Isak, was in Anbetracht von Jaäkobs 
Hintergehung des Vaters um so verwunderlicher ist. Aber eine 
Ersatzperson des Vaters, eine Vater-Imago würden wir sagen, 
nämlich der ältere Bruder Esau zürnt Jaäkob und will ihn töten, 
dann aber versöhnt er sich mit ihm: eine bedeutsame Parallele des 
Gotteskampfes und -bundes. Die Brüdereifersucht bei beiden hat 
aber eine lange Geschichte: als Esau zuerst zur Welt kam, erzählt 
die Bibel, habe ihm Jaäkob die Erstgeburt nicht vergönnt und bei 
der Ferse festgehalten, als er das Licht erblickte. Man nannte ihn 
deshalb Jaäkob <Fersenhalter>. Wir sehen, in wie frühe Zeit die 
Bibel, radikaler noch als die Psychoanalyse, die Brüderfeindschaft 
zurüdiführt. Erwähnt sei noch als dritte Motivdoublierung Jaäkobs 
Beziehung zu Laban, der ihm so lange die Tochter vorenthält, der 
ihn, als er mit ihr flieht, in feindlicher Absicht verfolgt und schließ- 
lich mit ihm einen feierlichen Bund schließt — auch das Aufeinander 
von feindlichen und zärtlichen Zügen. Die Phantasietätigkeit der 
Sagenbilder versucht hier wie die Neurose die Erledigung desselben 
Stoffes in verschiedenartigsten, immer entstellteren Formen. Ebenso 
wie der geheimnisvolle Gott wollen auch Laban und Esau über 
Jaäkob in feindseliger Absicht herfallen : wir erkennen in allen diesen 
Erzählungen Wiederholungen des großen Urmotives, das bereits in 



22* 



340 Dr. Theodor Reik 



-dem Betrug Isaäks angeschlagen war: des Kampfes zwischen Vater 
und Sohn. Als der wichtigste Grund dieses Gegensatzes erschien 
uns die sexuelle Rivalität, die noch in der Unterstützung Jaäkobs 
durch Rebekka, im Vorenthalten Raheis durch Laban und in der 
Entführung der Töchter Labans angedeutet ist. Nun aber dürfen 
wir eine Korrektur unserer früheren Auffassung versuchen: die 
Wiederholungen desselben Vorganges, die nur wenig variiert werden, 
lassen die Annahme zu, daß auch die Szenen im Bethel und Penuel 
^uf einen ursprünglichen Vorgang zurückzuführen sind. Der un- 
heimliche Gott, der Jaäkob überfällt, ist ein erhöhter Vater, ebenso 
wie Laban und Esau ursprünglich Väterfiguren sind 1 . Dann aber 
fallen auch die beiden Reisen, die Jaäkob unternimmt, zusammen: 
er flieht vor dem Vater <Isak=Laban>, der ihn verfolgt, weil er 
sich der Mutter bemächtigt hat. Nach dem Kampfe und der Be- 
schneidung durch den Vater darf er frei ziehen: eine Versöhnung, 
eine Brith zwischen Vater und Sohn kommt zustande, die sich 
auf die Verpflichtung des Sohnes, auf die Kinderwünsche zu 
verzichten, und auf das Versprechen der Hilfeleistung des Gott- 
Vaters stützt. Dieser Bund wird zum Vorbild der zwischen Jisro-El 
und Jahwe geschlossenen Brith überhaupt: alle Verheißungen 
Jahwes gelten nur unter der Bedingung, daß sein Volk seine 
Gebote hält. 

Doch noch ein Widerspruch beunruhigt uns und wir werden 
bald sehen, daß gerade er geeignet ist, uns die letzte Aufklärung 
zu geben. Die bedeutendsten Bibelforscher sind der Ansicht, daß 
ursprünglich Jaäkob den Gott auf die Hüfte geschlagen hat, Gott 
bekennt sich ja ausdrücklich als besiegt und bittet um Gnade. Die 
beiden Versionen würden dann nebeneinander stehen, die eine einen 
Gegensatz zur anderen bedeutend, ohne andere Beziehung als durch 
Personalunion miteinander verbunden. Wie ist diese unorganische 
Verbindung zu erklären? Keinesfalls dann, wenn wir die Erzählungen 
nebeneinander laufen lassen, sie flächenhaft auffassen. Aber sie liegen 
auf verschiedenen Ebenen, nur eine historische und genetische Be= 
trachtung kann sie aus ihrem jetzigen Ineinander sondern. Wir dürfen 
folgende Erzählung als die primitivste, den Sagenkern, betrachten : 
Jaäkob überfiel Gott oder den Vater und überwältigte ihn, spezieller 
gesagt, kastrierte ihn. Daß in der jetzigen Auffassung eine gerade 
Umkehrung stattfindet, kann uns nicht verwundern, wenn wir be- 
denken, daß besondere Gründe für die Tradition vorhanden waren, 
sich dieses paranoiden Mechanismus zu bedienen. 



1 Ich übergehe hier alle Deutungen, welche den Gott an der Jabbokfurt als 
Esau oder Laban ansehen wollen, da, was darin Berechtigtes liegt, in der 
obigen Deutung enthalten ist. "Wie in der Exodussage dem jungen Moses, der 
sein Weib umarmen will, erscheint Jahwe hier Jaäkob, der im Begriffe ist, ein Weib 
zu nehmen, das ein Ersatz der. Mutter <Cousine> ist. Hier wie dort ist Jahwe die 
deifizierte Vatergestalt. Das Ablassen Gottes von Moses nach der Besdineidung 
entspricht genau der Versöhnung Labans mit Jaäkob und dem Segen Jahwes in Bethel. 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 341 

' Unter vielen anderen Dunkelheiten ist es uns aufgefallen, daß 
im letzten Satz der Erzählung auf ein Verbot Bezug genommen 
wird, den Hüftnerv von Tieren zu genießen. Es ist uns merkwürdig 
erschienen, daß das Verbot durdi jenen göttlichen Schlag begründet 
war. Anders freilich stellt sich die Sachlage in unserer jetzigen Be* 
leuchtung: das Genießen des Hüftnervs ist verboten, weil Jaäkob 
den Vater geschlagen hat. Wir dürfen dann dieses Verbot als Be= 
standteil eines totemistischen Systems erklären und jetzt, gestützt 
auf Freuds Erforschung der psychischen Wurzeln des Totemismus 1 
und den bisher aufgeklärten Zusammenhang der Sage vermuten, daß 
der ursprüngliche Kern der Sage von Jaäkob uns eine* Erinnerung 
daran überliefert, daß ein Sohn seinen Vater überfallen, getötet und 
verzehrt hat und es seither verboten ist, einen Menschen desselben 
Clans zu töten und zu verzehren. In jenem Motiv des Verbotes, den 
Hüftnerv oder Penis zu verzehren, hat sich noch ein Rest der ur= 
sprünglichen Verbote erhalten, gleichzeitig aber hat sich in dieser 
entstellten Form eine Erinnerung an das wirkliche Motiv des alten 
Vatermordes zu behaupten gewußt: nämlich das des sexuellen Neides 
und der Eifersucht. Wir werden gewiß die falsche Motivierung des 
Verbotes der wahnhaften Umdeutung der Neurotiker vergleichen,- die 
Unwahrscheinlidikeit, ja Unsinnigkeit der Motivierung hat uns ja dert 
Weg zum Verständnis der wahren unbewußten Gründe des Verbotes 
geführt. Aber es ist vielleicht der Treue des Bearbeiters der Tradition 
und dem eigenartigen Konservativismus dieser Tradition zu verdanken, 
daß an dieser, so weit mir bekannt, einzigen Stelle der Ursprung 
totemistischer Gebräuche aus einem Kampfe hergeleitet wird. 

Zusammenfassend dürfen wir sagen: im Anfang gab es eine 
Sage des Inhalts, daß einmal vor Beginn der Tradition ein Mann 
seinen Vater überwältigte und verzehrte: die Sage war die einzige 
Erinnerung an den wirklichen Vatermord ferner Urzeit. Eine zweite, 
spätere Sage hielt die Erinnerung daran fest, daß einmal Väter aus 
Motiven der Vergeltungsfurcht die Söhne kastrierten oder noch später 
sie am Penis verstümmelten. Diese Penisverstümmelung bildete die 
Einleitung zu einer Versöhnung der Väter- und Söhnegeneration. 
Sie hatte die Erlaubnis zum Geschlechtsverkehr zur Folge, da der 
Impuls gegenüber dem ursprünglichen inzestuösen Objekt der Sohnes» 
Libido gehemmt war. 

Wie bei Ausgrabungen einer verschütteten Stadt ist tief unter 
der obersten, uns durch den Bibeltext gegebenen Schichte eine zweite 
aufgedeckt worden und, nachdem wir den Schutt dieser Schichte weg- 
geräumt haben, wurde die letzte sichtbar, die uns den Blick in die 
Urzeiten gestattete. Was birgt alles diese widerspruchsvolle Er- 
zählung in ihren zehn Verszeilen! Erinnerungen art längst ver- 
gessene Tatsachen der ungestümen Entwicklungsgeschichte der jungen 
Menschheit: an den Vatermord der Urzeit, an die ursprüngliche 



Freud, Totem und Tabu. Wien und Leipzig 1914. 



342 Dr. Theodor Reik 






Bedeutung des Totems, an den Ursprung der Pubertätsweihe und 
der Beschneidung. 

Die Aufeinanderfolge von feindseligen, auf der sexuellen Eifer^ 
sucht sidi aufbauenden Regungen gegen den Vater und von Kastra= 
tionsfurdit läßt sich noch an unseren Kindern studieren. Ein Beispiel, 
das diesen gesetzmäßigen Vorgang illustriert, will ich erwähnen: ein 
Knabe von zwei Jahren rief spontan beim Anblick des nadtten 
Körpers seines Vaters »A Messer!« und auf die verwunderte 
Frage, was er damit machen wolle, »Papa Gambi abschneiden« 1 . 
Derselbe Knabe wollte etwa ein halbes Jahr später gerne erst dann 
einschlafen, wenn der Vater ihm eine Geschichte erzählt hätte. Der 
Vater erzählte ihm also eine Geschichte, in der viel von Luftschiffen, 
Automobilen, Radfahrern und Zuckerbäckern die Rede war. Als 
Revanche produzierte das Kind spontan folgende Geschichte: »Es 
war einmal ein Bubi. Hat mit Händen aufgezieht den Gambi, 
da ist Papa gekommen und hat gesagt: Wirst du noch einmal den 
Gambi anrühren? Nein, hat Bubi gesagt. Schnell hat Bubi den Gambi 
angerührt und wieder angerührt. Ist der Papa gekommen, hat gesagt: 
Jöh ! 2 Hat Bubi Gambi ausgerißt und in Ofen gesteckt. Schluß — Buss'« 3 . 
Vielleicht ist dieser Kuß ein Symptom der zärtlichen Regung des 
Kindes im Gegensatz zu den früher erwähnten feindseligen und 
eifersüchtigen Impulsen, die bereits verdrängt wurden. Erwähnens= 
wert scheint mir, daß das Kind niemals zu Hause eine Kastrations^ 
drohung oder Ähnliches gehört hat, also ein Zurückgehen auf die 
Lirphantasie anzunehmen ist. 

An diesem Punkte müssen wir uns wohl oder übel fragen, 
wie die Jaäkobsgesdhichte zu ihrer jetzigen Gestalt gekommen ist. 
Die Sagen der Bibel haben, wie wir wissen, einen langen Weg hinter 
sich. Die Tradition ändert sich, den neuen Anforderungen der Sitt= 
lidikeit, der säkularen Verdrängung entsprechend. Sie wird umge= 
arbeitet, das alte Material zu einem neuen Ziel umgeformt, An= 
stößiges in den Hintergrund gedrängt und eine neue Motivierung 
muß dazu dienen, die neuen Zusammenhänge zu festigen und wahr= 
scheinlicher zu machen, die ursprüngliche, unbewußt gewordene Moti= 
vation zu verdecken. Die so bearbeiteten Sagen wurden nun von 
J. und E. 4 endlich durch den Priesterkodex, von J. und E. durch lange 
Zeit getrennt, und endlich von den Endredaktionen zur Zeit Esras 
auf die jetzige Gestalt gebracht. Schon wurden die ursprünglichen 
Sagen nicht mehr in ihrem ursprünglichen Sinn verstanden, alte und 
neuere Sagenteile wurden miteinander verschmolzen, Figuren ver- 
dichtet und Motivverbindungen hergestellt, die notdürftig genug waren. 
So erklären sich die klaffenden Widersprüche gerade an unserer 
Stelle: aus dem Nacheinander war ein Nebeneinander geworden. 

1 Gambi = Penis. 

2 Wienerisch; Ausruf der Verwunderung oder des Schreckens, 

3 Buss' = Bussi (wienerisch; Kuß>, 

4 In der Bibelforschung gebräuchliche Abkürzungen fürjahwisten undElohisten. 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese- I. 343 

Die Redaktoren von J. und E. versuchten nun jeder auf seine Art 
einen organischen Zusammenhang herzustellen, doch konnten sie 
manches nicht so verkitten, daß Spuren urzeitlicher Wirklichkeit 
und neuzeitlicher Erfindung unauffällig ineinander übergingen So 
haben wir in der Erzählung von dem Schlage Gottes gegen Jaäkob 
noch Überreste der älteren Version, daß Jaäkob Gott geschlagen 
und überwunden habe, erhalten. Dem Priesterkodex und den End« 
redaktionen schließlich muß es gelungen sein, im Sinne ihrer reli« 
giösen Tendenzen weitere Textänderungen, Milderungen und Zusätze 
zu bewirken. Beobachten wir, wie sehr die Bearbeitung der Sagen* I 
geschichten der seelischen Arbeit der Zwangsneurotiker gleicht, wie 
sie in einem Symptom Altes, längst Entschwundenes und Neues zu« 
sammenschweißt, neue wahrhafte Motivierungen undRationalisierungen 
schafft, Auslassungen, Ellipsen und falsche Verbindungsglieder her« 
stellt, um den ursprünglichen unbewußt gewordenen Sinn ihrer 
Zwangsgedanken zu verwischen. In beiden Fällen gelingt es aber, 
den anscheinend sinnvollen Zusammenhang als künstlichen zu er= 
kennen, an gewissen Gewaltsamkeiten trotz aller Rationalisierung den 
Überbau als solchen zu sehen und zu entfernen und zu dem latenten 
und ursprünglichen Sinn der Sagen und der Symptome vorzudringen. 

Wenn wir hier versucht haben, auf analytischem Wege den 
primären Inhalt der Jaäkobsgeschichte, ihre Entwicklung und ihre 
Umformungen zu studieren, so werden wir deshalb keineswegs 
verleugnen, daß sie in ihrer gegenwärtigen Gestalt auch »geistige 
Wahrheiten«, wie sie schon die Propheten, aber auch Herder und 
moderne Bibelforscher, wie Dillmann, angenommen haben, um= 
schließe. Nur würden wir die Worte: »Ich lasse dich nicht, du 
segnest mich - denn« als den Ausdrudi der ewigen Wahrheit an= 
sehen, daß kein Mann zu ungestörtem Glück im Leben und in 
der Liebe gelangen könne, der noch mit dem Schatten des Vaters 
kämpfe. Die partielle Besiegung des Vaters ist ebenso wie die Ver« 
sohnüng mit ihm und seinem Andenken eine Bedingung des Kultur- 
forfschrittes K 

Wir sind von der Textkritik unserer Stelle und von dem 
Moment der Quellenverteilung ausgegangen. Es wäre nun ver- 
lod<end genug, auf Grund unserer Deutung die Verszeilen den 
einzelnen Redaktoren zuzuweisen, Einfügungen und Rang der 
Episode im Rahmen des Ganzen genau festzustellen. Vielleicht 
ist der vorliegende Versuch eine notwendige Vorarbeit für diese 
Aufgabe. Sie selbst liegt, wie ich meine, nicht mehr im Rahmen 
der Psychoanalyse und ist, um mit einer liebenswerten Gestalt 
Fontanes zu sprechen, »ein weites Feld«. 

1 Das kürzlich erschienene Vorspiel »Jaäkobs Traum« von Richard Beer» 
Hofmann gibt ein schönes Beispiel einer sublimierten Auffassung des Stoffes, 
indem es das Ringen Jaäkobs als ein geistiges, als ein Ringen um Gott deutet. 
Merkwürdigerweise drängt auch der Dichter die Ereignisse in Bethel und Penuel 
in eine Nacht zusammen. 



344 Dr. Theodor Reik 



II. Die Türhüter. . 

Bei Jeremias 35, 4 wird ein Mann namens Maaßejas, Sohn 
Sallums, des Türhüters, erwähnt. Audi sonst werden Türhüter, 
und zwar drei an der Zahl im Tempeldienste erwähnt. So wird 
im IL Buche Könige erzählt, daß Priester an der Schweife des Heilige 
tums Wache hielten. <XII, 10.) Wir erfahren, daß Türhütersein ein 
bedeutungsvolles Amt darstellt. Worin aber die Bedeutung dieser Funk- 
tionäre begründet ist, erfahren wir nicht,- es hilft uns wenig, wenn uns 
die modernen Kommentatoren versichern, sie hänge mit der Heiligkeit 
des Tempels zusammen. Das ist zweifellos richtig, aber die be= 
sondere rituelle Bedeutung der Türwache erhält auf diesem Wege 
keine Erklärung. Daß aber eine solche Bedeutung neben und über der 
Aufgabe, Frevler, Trunkene, Verbrecher etc. vom Heiligtum fern- 
zuhalten, bestand, ist sicher. 

Vielleicht erfahren wir etwas Aufklärendes durch eine andere 
Sitte, die wir in der Heiligen Schrift bezeugt finden. Bei dem 
Propheten Zephanja lesen wir folgende Stelle: »Und dann, am 
Tage Jahves, da suche ich heim die Obersten und alle Angehörigen 
des Königs, die das Haus ihres Herrn mit Frevel und Trug füllen, 
und ich suche an jenem Tage alle heim, die über die Schwelle 
hüpfen und die sich in ausländische Gewänder kleiden.« <I. q.) Wir 
verstehen, daß der Herr die Frevler heimsuchen wird, aber warum 
auch jene, die über die Schwelle hüpfen? Die Schwierigkeit der 
Deutung kompliziert sich, wenn die Textübersetzung selbst nicht 
sichersteht. In dieser redigierten Version steht bs, das englische 
Übersetzer wie Driver, aber auch Kautzsch, Nowak und andere 
deutsche Autoren mit »über« übersetzen, Frazer schlägt dafür, wie 
ich meine, mit Recht »auf« vor 1 . Schon die ersten Forscher, die sich 
der Bibelexegese gewidmet haben, haben zur Erklärung der Stelle 
eine andere im I. Buche Samuels 5 (1—5) herangezogen. Dort wird 
berichtet, Israel habe eine Niederlage erlitten, die Philister die Bun- 
deslade erbeutet und nach Ashdod gebracht, wo sie sie im Tempel 
neben dem Götzenbild des Dagon aufstellten. »Als sich aber die 
Männer am folgenden Tage früh aufmachten, da lag Dagon auf 
seinem Angesicht zur Erde vor der Lade des Herrn. Sie nahmen 
den Dagon und stellten ihn an seinen Ort. Als sie sich früh am 
Morgen des folgenden Tages aufmachten, da lag Dagon wiederum 
auf seinem Angesichte zur Erde vor der Lade des Herrn und der 
Kopf Dagons und seine beiden Hände lagen abgetrennt auf der 
Schwelle, nur der Rumpf war übrig geblieben.« Die Folgen, welche 
die Priester aus solchem nächtlichen Raufhandel zwischen den beiden 



1 Es wäre nicht abzuweisen, daß beide Parteien ein Stück weit im Rechte 
wären. Vielleicht war im ursprünglichen Text wirklich der Zorn des Herrn den* 
jenigen gewidmet, die auf die Schwelle traten. Die späteren Redaktoren aber, die 
den Gebraudi des Schwellenüberhüpfens als heidnisch ansahen, ersetzten das »Auf« 
durch »Ober«. 






Psychoanalytisdie Studien zur Bibelexegese. I. 345 

Rivalen zogen, waren gewiß nicht alltäglich, denn es heißt nun: »Darum 
treten noch jetzt die Priester des Dagon und alle, die in das Haus 
des Dagon gehen, nicht auf die Schwelle des Dagon in Ashdod.« 
Wir haben erfahren, daß im Tempel zu Jerusalem drei Tür« 
hüter waren, die bedeutsame, aber uns nicht bekannte Funktionen 
hatten. Ferner wird uns erzählt, daß das Betreten der Schwelle als 
Sünde betrachtet wird. Wir wissen nicht, was das bedeutet und 
hören gerne zu, wenn Frazer in einem ausführlichen »The kippers 
of the threshold« überschriebenen Artikel uns Aufklärung zu geben 
verspricht 1 . Kapitän Conder erzählt uns aus Syrien, daß dort der 
Glaube herrsche, eine Schwelle betreten bringe Unglück. In allen 
Moscheen befindet sich an der Tür ein Holzbalken und die Eintre* 
tenden werden veranlaßt, die Schwelle nicht zu berühren. Derselbe 
Schriftsteller hat ganz ähnliche Gebräuche bei den Heiligtümern auf 
dem Lande und bei den Gräbern der Heiligen beobachtet. Ähnlich ist 
in Fiji das Betreten der Schwelle allen außer den Häuptlingen des 
höchsten Ranges verboten/ alle anderen nehmen sich davor in acht/ 
der Platz ist ein geheiligter, er ist tabu. Personen von Rang treten 
darüber, alle anderen passieren die Stelle auf Händen und Füßen. 
Ähnliches wird bei der Passage der Schwelle, welche ins Haus eines 
Häuptlings führt, beobachtet. Dieser betrachtet sich als Gott, das 
Volk spricht von ihm manchmal als solchem und er beansprucht 
für sich selbst das Recht der Götter, Als Marco Polo zur Zeit des 
berühmten Kublai Khan den Palast von Peking besuchte, fand er, 
daß an der Tür der Hall — wie wir uns modern ausdrücken 
würden — ein Paar großer Männer, gleich Riesen anzusehen, stand, 
an jeder Seite einer, mit Stäben bewaffnet. Ihr Amt bestand darin, 
darauf zu achten, daß niemand auf die Schwelle trete. Wenn sich 
dies aber zufällig doch ereignen sollte, nehmen sie dem Unglücklichen 
die Kleider ab und er muß ein Reuegeld zahlen, um sie wiederzu« 
bekommen, oder aber, statt ihm die Kleider abzunehmen, geben sie 
ihm mit ihren Stöcken eine bestimmte Anzahl von Hieben. Wenn 
Fremde kommen, die nicht wissen, was des Landes der Brauch ist, 
stehen ihnen Barone, welche etwa die Funktion unserer Hof= 
zeremonienmeister bekleiden, zur Verfügung, um sie zu unterrichten 
und sie vor jedem faux pas — diesesmal in wörtlicher Bedeutung — * 
zu bewahren. Es wird allgemein behauptet, daß das Berühren der 
Schwelle Unglück bringe. Nach dem Bericht- Friar Odorics, der im 
Anfang des 13. Jahrhunderts im Osten reiste, scheint es, als hätten 
die Türhüter zu Peking den Übeltätern überhaupt keine Wahl 
gelassen, sondern jeden mit ihren Stöcken geschlagen, der das Un= 
glüdi hatte, die Schwelle zu betreten. Als der Mönch Rubriquis als 
Botschafter Ludwigs IX. am Hofe des Mangu Khan weilte, stol= 
perte einer seiner Gefährten zufällig über die Schwelle. Die Tür= 



1 In den erwähnten »Anthropologicai essays« S. 167 ff. Daraus audi die 
folgende Beispielen. 



34G Dr. Theodor Reik 



hüter ergriffen den Verbredher plötzlich und brachten ihn zum Bulgai, 
welcher der Kanzler oder Sekretär des Hofes ist und der über 
Tod und Leben zu richten Befugnis hat. Dieser wurde mit Mühe 
davon überzeugt, daß das Verbrechen aus Unkenntnis geschehen 
war, verzieh zwar dem Schuldigen, doch wollte er es ihm niemals 
gestatten, das Haus des Mangu Khan wieder zu betreten. Piano 
Carpini, welcher in der Mitte des 13. Jahrhunderts einige Jahre vor 
Rubriquis durch das Land der Tataren reiste, erzählt, daß jeder, 
der die Schwelle einer Hütte oder Zeltes des Tatarenprinzen 
berührte, gewöhnlich durch ein Loch geschleift, das zu diesem Zweck 
unter der Hütte angebracht war, und erbarmungslos getötet wurde. 
Als Pietro della Valle, ein italienischer Reisender, den Palast des 
Perser königs besuchte, bemerkte er, daß dessen Eingangstor zu 
Ispahan die größte Ehrfurcht gezollt wurde, und zwar in solchem 
Maße, daß es verboten war, auf eine bestimmte Holzstufe, die 
daran in erhöhter Lage angebracht war, zu treten. Das Volk küßte 
sie vielmehr angelegentlich als ein heiliges und kostbares Ding. Jeder 
darf den Palast betreten,- er nimmt, indem er die Schwelle küßt, 
Schutz für sich in Anspruch. Die Schwelle ist in solchem Ansehen, 
daß ihr Name Astane zur Bezeichnung für den Hof und den königlichen 
Palast wird. Wir erinnern uns, daß der Name Hohe Pforte in ähnlichem 
Sinn bei uns gebraucht wird. Der Kalif von Bagdad verpflichtet 
alle, die seinen Palast betreten, sich auf der Türschwelle niederzu» 
werfen,- dort ist ein Stück aus dem schwarzen Steine des Tempels 
zu Mekka eingelegt, um die Stelle verehrungswürdiger zu machen. 
Das Volk muß die Stirne darauf pressen und es wäre ein Ver* 
brechen, den Fuß darauf zu setzen. Zusammenfassend dürfen wir 
sagen: bei vielen Völkern besteht ein Verbot, die Türschwelle zu 
betreten,- dort, wo dies erlaubt ist, zeigt sich noch in dem Ritual, 
das den Schwellenübergang begleitet, das Anzeichen eines alten 
Verbotes, das nur teilweise, unter bestimmten Bedingungen aufge= 
hoben wurde. 

Immerhin erkennen wir jetzt, daß das Mißfallen Jahwes an 
dem Volke, das auf die Schwelle trat, keine speziell jüdische Über» 
spanntheit ist; es wird geteilt von Häuptlingen in Fiji, von chine- 
sischen Kaisern, vom Schah von Persien und vom Kalifen von 
Bagdad — wie man sieht, lauter großen Herren. Frazer führt noch 
eine Reihe von weiteren Zeugnissen für die Heiligkeit der Schwelle 
an. Auch die Korwa in Nordwestindien wollen die Schwelle nicht 
berühren. Ein mongolisches Sprichwort lautet: »Tritt nicht auf die 
Schwelle, es ist Sünde.« Im alten Indien war es Sitte, daß die 
Braut die Schwelle ihres Mannes mit dem rechten Fuße zuerst über» 
schritt, sie durfte aber nicht stehen bleiben. In der Altmarkt herrscht 
ein alter Brauch, demzufolge der Bräutigam die Braut vom Wagen 
bis zum häuslichen Herd trug; es war ihr verboten, die Erde zu 
berühren. Die altrömische Sitte, die Braut über die Schwelle des 
Hauses zu tragen, hat wohl denselben Ursprung. Sie hatte nichts 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 347 

mit der Raubehe zu tun, als deren Symbol sie Plutarch deutet. 
Ja bei den Römern gab es sogar einen Spezialschwellengott, den 
Limentimes, der nachher von den diristlidien Patres recht unglimpflicfi 
behandelt wurde. Von den zahlreichen Beispielen, die Frazer noch 
heranzieht, sei nur noch eines aus besonderen Gründen erwähnt. 
Ein Kafir in Hindu Kusch scheint unfähig, die etwas erhöhte Schwelle 
einer Tür ruhig, wie es andere Sterbliche zu tun gewöhnt sind, zu 
betreten. Er muß darauf springen, ohne Rücksicht darauf, wie hoch 
der Türweg ist und wie sehr er den Kopf biegen muß. Er nimmt 
also eine Art von Anlauf »in a sort of minitiure whirlwind«, sagt 
Frazer, springt und seine losen Kleider flattern hinter ihm her. 
Wenn wir hier gerade das verbotene Tun oder Schwellenbetretung 
finden, so geschieht es doch unter so eigentümlichen Umständen, 
daß der Glaube an eine besondere Bedeutung der Schwelle im 
Volke gerade dadurch hervortritt. 

Frazer vermutet nun und, wie aus der Stelle bei Zephanja 
hervorgeht, anscheinend mit Recht, daß die Türhüter im Tempel zu 
Jerusalem das wichtige Amt hatten, darüber zu wachen, daß kein 
Eintretender den Fuß auf die Schwelle setze. Deshalb haben diese 
Türhüter vermutlich auch Stöcke gehabt, um die ÜLeltäter der 
rätselhaften Vorschrift zu züchtigen. Was nun den Grund eines 
solchen Aberglaubens betrifft, meint Frazer, werde es kaum eine 
einheitliche Erklärung geben,- für verschiedene Plätze werden wohl 
Verschiedene Gründe vorhanden sein ,• am ehesten wäre noch anzu= 
nehmen, daß die Schwelle Wohnsitz der Geister sei. Gewisse Be= 
gräbnisriten bei den Primitiven, über die P'razer hier und in seinem 
neuen Buche »The belief in immortality« berichtet, legen die Hypo* 
these nahe, daß das Tabu der Schwelle mit dem Glauben an die 
Wiedergeburt der Toten zusammenhänge. Deshalb meint Frazer, 
haben die Geister ihren Sitz an der Schwelle. Wenn die Geister 
dort hausen, werden sie zugleich zu Wächtern des Hauses. Ihnen, 
welche eigentlich die Ahnen der Hausbewohner sind, muß also 
Respekt erwiesen werden, indem man vermeidet, die Schwelle zu 
betreten. Es ist sicher, daß diese Anschauung, welche die Folgerung 
der Fr az ersehen Hypothese darstellt, eine der Wurzeln des Schwel* 
lentabu darstellt. Allein die Psychoanalyse hat uns daran gewöhnt, 
zu glauben, daß alle seelischen Erscheinungen überdeterminiert 
sind. Frazer selbst setzt seinem Erklärungsversuch mit der ihm 
eigenen Bescheidenheit hinzu; »Aber es ist möglich und sogar wahr* 
scheinlich, daß andere, bisher unbekannte Ursachen es bewirkt haben, 
daß ein Mysterienschein auf diesem Teil des Hauses ruhe.« 

Es steht uns ein anderer Weg offen, einen der bedeutsamsten 
Gründe für das merkwürdige Verhalten gegenüber der Schwelle 
bloßzulegen. Erinnern wir uns, daß die Türe oder die Schwelle 
auch im Leben von uns Normalen eine besondere Bedeutung hat. 
Oder wem ist es noch nicht vorgekommen, daß er bei einem für 
ihn bedeutungsvollen Besuch an der Tür des zu Besuchenden zögernd 



348 Dr. Theodor Reik 



stehen geblieben ist, beim Betreten der Schwelle gestolpert und über= 
haupt beim Eintritt in die Wohnung mancherlei Ungeschicklichkeiten 
begangen hat? Freud hat an einer Stelle 1 seiner Vorlesungen unsere 
Aufmerksamkeit auf eine eigenartige Symptomhandlung seiner neu* 
rotischen Patienten hingewiesen: es ist das Offenlassen der Tüten 
und erklärt, diese Versäumnis beleuchte das Verhältnis des Eintre= 
tenden zum Arzte. Ein Mangel an Respekt, eine unbewußte Regung 
der Veräditlichkeit werde in diesem Symptom zum Ausdruck ge=< 
bracht. Wir dürfen aber annehmen, daß das Benehmen des Eintre* 
tenden überhaupt dem Menschenkenner Einblicke in die Gefühle zu 
geben imstande sein wird, die er dem Besuchten gegenüber hegt, 
namentlich aber in solche Gefühle, die dem Eintretenden selbst 
unbewußt sind. 

Auffälliger noch als in dergleichen Symptomhandlungen wird 
das Verhalten der Neurotiker in gewissen Symptomen, die uns 
eine bestimmte Bedeutung der Türe ahnen lassen : erinnern wir uns 
etwa der Furcht vieler neurotischer Patienten, Türklingen, zu berühren. 
Ich kenne eine junge Dame, die ein dem Tabu der Schwellenlinie 
ähnliches Symptom produziert, das vielleicht allgemeiner ist,- sie 
empfindet es lästig, daß sie beim Gehen in den Straßen zwanghaft 
in die Mitte der Pflastersteine treten muß. Sie verbietet es sich selbst, 
die Ränder oder Fugen der Quadrate zu berühren, ohne daß 
sie den Grund dieser Absonderlichkeit anzugeben wüßte. Ein, wie 
man zugeben muß, höchst beschwerliches Symptom, das aber öfter 
als man glaubt, vorkommt. Wir würden, wenn wir die bestimmte 
Art, welche die Primitiven beim Schwellenübergang beobachten, bei 
einem Neurotiker finden, sie vielleicht als Schwellenzeremoniell 
bezeichnen. Wir wissen, daß in den anscheinend läppischen und 
höchst umständlichen Zeremoniell der Neurotiker, das sich durch 
Verschiebung, Entstellung, Auslassungen etc. sehr weit von seinem 
ursprünglichen Ausgangspunkt entfernt, dunkle Absichten und ihre 
Hemmung zugleich oder in »zweizeitiger« Ausprägung sich bergen. 
Welche Absichten in unserem Falle vorliegen, ist unschwer zu 
erraten. Wir wollen nur darauf verweisen, daß das Übertreten des 
geheimnisvollen Verbotes Schläge, ja sogar den Tod für die Übel= 
täter zur Folge hat und diese Strafe gerade von dem Besuchten 
oder vielmehr von dessen Organen ausge/ührt wird. Wir werden 
auf Grund der Neurosenpsychologie zu der Annahme gedrängt, daß 
das Betreten der Schwelle eine Beleidigung des Besuchten darstellt, 
als wäre dieser Schritt etwas zu energievoll, als drüche sich in ihm 
ähnlich wie in jenem von Freud zitierten Beispiel ein Mangel an 
Respekt und ein gewisses Maß von Geringschätzung aus. Wenn 
wir aber die Strenge des Verbotes, das Ausmaß der Strafe für seine 
Übertretung bedenken, müssen wir auf weit intensivere Gefühle, 
die. unbewußt in den Besudiern der Tempel und Paläste leben, 

1 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Wien. Hugo Heller, 
1917, S. 275. ' 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 349 

schließen: auf starke Züge völliger Respektlosigkeit, auf Impulse zur 
Rebellion und zur Zerstörung. Nur ihrer Umsetzung in motorische 
Aktion wird durch das Verbot ein Riegel vorgeschoben. Daß es 
aber gerade die Schwelle ist, die tabuiert wird, wird uns begreiflich, 
wenn wir daran denken, daß der Eintritt das entscheidende Moment 
bei derartigen Besuchen zu sein pflegt 1 . 

Der Vorgang selbst würde etwa der Verschiebung auf ein 
Kleinstes entsprechen, ein Mechanismus, den wir aus der Neurosen» 
Psychologie genau kennen. Nun dürfen wir daran erinnern, daß 
wohl auch wir von jemandem, dem wir zürnen, zu sagen pflegen: 
Der kommt mir nicht mehr über die Schwelle. 

Kehren wir zu unserem Beispiele zurück: wir verstehen nun, 
daß das Schwellenzeremoniell besonders auffällig bei Tempeln, Pa= 
lasten von Königen und Häuptlingshäusern hervortritt, Es ist eine 
Maßregel, die ergänzend zu dem Tabu der Könige hinzutritt 2 und 
wie dieses die Durchsetzung der unbewußten aggressiven und feinde 
seligen Tendenzen verhindern soll. Auch Details, wie z. B. daß es 
in Fiji nur den Häuptlingen des höchsten Ranges erlaubt ist, die 
Schwelle des Tempels zu betreten, werden so erklärlich. Sie haben 
weniger starke Motive, Gott zu beneiden und böse Impulse gegen 
ihn zu hegen. In der abweichenden Art der Kafirs, auf die Schwelle 
zu springen, wird zwar die ursprünglich verbotene Handlung aus= 
geführt, aber vor ihr ein anderes Zeremoniell, durch unbewußte 
Verschiebung das ursprüngliche vertretend, ausgeführt,- das Zurück* 
ziehen vor dem Sprung deutet die Hemmung an. Gleichzeitig 
erkennen wir in dieser Ausprägung eine Kompromißleistung, die 
wie zwangsneurotische Symptome dem verdrängten Triebe ebenso 
wie den ihn verdrängenden Instanzen dienen. 

Wir dürfen uns jetzt getrauen, anderen Einfällen Raum zu 
geben, die auf dieselben psychischen Motive und eine besondere Be= 
handlung des Einganges hinweisen. Eine Schweifenzeremonie enthält 
Goethes »Faust«; Mephisto macht das Paradigma Pein, »Herein!« muß 



1 Dr. Hans Sachs wies in der Diskussion über diesen Vortrag sehr richtig 
darauf hin, daß für das Unbewußte die Schwelle die Vagina — ebenso wie das 
Haus den weiblichen Körper — bedeutet. . Der Zusammenhang dieser Deutung mit 
der unbewußten Beleidigung oder Beeinträchtigung des Besitzers des Gebäudes 
ergibt sich von selbst. Die sexuelle Bedeutung ähnlicher Gebräuche hat Dr. Ludwig 
Levy in einem soeben erschienenen, wertvollen Artikel: »Die Schuhsymbolik im 
jüdischen Ritus« (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 
62. Jahrgang. Heft 7 — 12) nachgewiesen. 

Wenn das Schwellenzeremoniell eine seiner Wurzel in dem Tabu der Götter 
und Herrscher hat — dadurch hervorgerufen, daß die Ichgrenze für die Tabuierung 
wegen des unbewußten Andrängens aggressiver Triebe immer mehr erweitert wurde 
— ergibt sich die Ableitung: die Schwelle ist tabu, weil der Inhaber des Hauses 
es ist. Zur Tabuverschiebung vergleiche man etwa das talmudische »Zäune um 
das Gesetz ziehen«. Diese Verschiebung und Verallgemeinerung findet ihre Ana« 
logien in der Symptomatologie der Neurosen, Auch die Theorie des Schutzgeistes 
des Hauses kann mühelos in diesen Zusammenhang eingereiht werden, 

2 Vgl. Freud, Totem und Tabu. Wien. Hugo Heller, 1914. 



350 Dr. Theodor Reik 



Faust dreimal sagen. Auf vielen Häusern lesen wir einladende 
Inschriften wie etwa »Mit Gott tritt ein, bring Glück herein!« — - 
es ist so, als würde die Furcht unterdrückt werden müssen, der Besucher 
könnte eher Entgegengesetztes mitbringen. Noch das Weihwasser 
bei den Katholiken und die heilige Mesuse bei den Juden kann als 
Rest alten Schwellenzeremoniells gedeutet werden. Wenn wir an 
den Palais unserer Hauptstraßen vorübergehen, sehen wir wohl 
große Männer im Phantasiekostüm mit einem goldverzierten Stabe 
stehen, deren würdige Pose uns ein Lächeln abnötigt: erinnern wir 
uns daran, daß ihr antiker Vorgänger weit bedeutsamere Funktionen 
zu versehen hatte und der Stab ursprünglich nicht nur dekorativen 
Zwecken diente. Wesentlicher scheint uns allerdings, daß wir jetzt 
die Worte Zephanjas, welche eine crux interpretum bildeten, ver= 
stehen und über die bisher unbekannten Funktionen der Tür- 
hüter im Tempel zu Jerusalem Auskunft geben können. Wenn 
aber der Herr aus dem Munde seiner Propheten seine Verurteilung 
aller jener, welche die Schwelle betreten, ausspricht, nehmen wir mit 
Befriedigung zur Kenntnis, daß schon einige Jahrhunderte vor Christi 
Geburt Symptomhandlungen in ihrer unbewußten Motivierung er= 
kannt wurden. 



III. Die Sünde der Volkszählung. 

Wir lesen im I. Buche der Chronik, der Widersacher habe 
sich gegen Isroel erhoben und den David verleitet, Israel zu zählen. 
»David sprach zu Joab und den Obern des Volkes: Gehet, zählet 
Israel von Beer^Seba bis Dan und berichtet mir, daß ich ihre Zahl 
wisse.« Joab erwiderte: »Möge der Herr seinem Volke hinzutun, 
so viele ihrer sind, das Hundertfadie. Sind doch, mein Herr und 
König, alle meines Herrn Knechte. Warum verlangt dies mein Herr? 
Warum soll es eine Schuld werden für Isroel?« David aber bleibt 
bei seinem Entschluß. Joab gehorcht und gibt dem König die Zahl 
derer an, die das Schwert ziehen können. Gott mißfiel diese Zählung 
aus dunklen Gründen und er schickte über Israel eine Pest,- ihr fielen 
siebzigtausend Mann zum Opfer, David aber muß das Sündhafte 
seines Vorgehens schon früher eingesehen haben, denn es wird 
erzählt, er habe zu Gott gesprochen: »Ich habe sehr gefehlt, daß ich 
diese Sache getan, vergib die Schuld deines Knechtes, denn ich war 
sehr betört.« Gottes Strafe wird durch einen Engel vollzogen, den 
der Herr gegen Jerusalem gesandt hat. Als dieser aber würgte, hatte 
der Herr ein Einsehen und bedachte sich wegen des Unheils. »Er 
sprach zu dem Engel, der würgte: ,Genug, jetzt laß deine Hand 
sinken'.« Es gibt eine Variation dieser Erzählung im II. Buche 
Samuelis 24,- darin erscheint bemerkenswert, daß hier der Herr selbst 
gegen Isroel erzürnt war und deshalb den David verleitete, die 
Volkszählung vorzunehmen. Die Versionen gehen auf zwei Redak* 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 351 

toren zurüde., deren Meinung über die Quelle der Inspiration Davids 
eine verschiedene war. 

Wer auch immer den König zu diesem Schritt verleitet haben 

mag, das Resultat der Zählung war ein verderbliches. Was wir hier 

nicht verstehen, ist die eigenartige Antipathie des Herrn gegen eine 

Volkszählung und die harte Strafe, die David und sein Volk erleidet, 

Frazer versucht 1 , in der oberwähnten Artikelserie »Folklore in the 

old Testament« der Schwierigkeit dadurch Herr zu werden, daß er 

auf die Volksmeinung, welche dem David die Schuld am Herein^ 

brechen der Pest gibt, und auf analoge Erscheinungen bei anderen 

Völkern hinweist. Die Gallas von Westafrika z. B. halten das Zählen 

der Herde für ein böses Omen, das eine Zunahme der Herden 

verhindern würde. Die Lappländer aber waren unwillig und sind es 

wahrscheinlich noch, wenn man sie zählt und ihre Zahl angibt, weil 

sie fürditen, daß eine solche Untersuchung eine große Sterblichkeit 

im Volke verursachen könnte. Frazer vermutet, daß ein ähnlicher 

Glaube bei den Juden zur Zeit Davids geherrscht haben möge und 

ihnen die Pest, welche der Zählung unmittelbar folgte, als eine 

genügend starke Prüfung galt, welche die Zweifel einer verblendeten 

und verstockten Skepsis zerstören sollte <»as a proof sufficient to 

confute the doubts of the blindest and most obstinate seeptie«). 

Frazer deutet mit diesem Schlußsatze an, daß die Pest ihm als eine 

Strafe für die Zweifel gilt, die David an die uralte Verheißung 

knüpft, die Zahl der Juden dem Sand am Meere gleich zu machen. 

Einen anderen Weg zur Erklärung schlagen die Bibelkommentatoren 

ein: so glaubt Wilhelm Nowak in seinem Handkommentar zu den 

Büchern Samuelis 2 , daß die Volkszählung wohl mit Fragen der 

Steuerpolitik und der festeren militärischen Organisation im Zu* 

sammenhang gestanden habe: »Aus mannigfachen Anzeichen wissen 

wir, wie schwer es der königlichen Macht gelungen ist, festen Fuß zu 

fassen den eifersüchtig auf ihre Rechte sich steifenden Stämmen und 

Stammesbrüdern gegenüber«. An einer anderen Stelle 3 wird in bezug 

auf jene Zählung bemerkt, es sei anzunehmen, daß sie höchst un-= 

populär gewesen sein mag, denn man sah gewiß in ihr einen weiteren 

Schritt zur Befestigung der königlichen Macht, anderseits zur 

Schwächung der Stammesobrigkeit und Stammesselbständigkeit. Wir 

werden nicht allzu kühn erscheinen, wenn wir trotz allem Respekt 

vor dem Scharfsinn und den Kenntnissen der Bibelforscher diese 

und ähnliche Erklärungen als allzu rationalistisch abweisen. Das 

Widerstreben aus Gründen der Stammesrechte vermag nicht zu er= 

klären, warum Joab seinen Herrn in banger Ahnung fragt: »Warum 

soll es eine Schuld werden für Isroel?« es vermag nicht zu erklären, 

warum David nachher die Zählung als seine eigene Sünde und 

nicht als politischen Fehler betrachtet,- es kann uns keine Aufklärung 

1 The sin of a Census. Anthropological Esays etc. 

2 Göttingen 1902, S. 257. 

3 S. 262. 



352 Dr. Theodor Reik 



über den Zorn Jahwes und die harte Strafe, die der Herr verhängt, 
liefern. Wäre Davids Vorgehen nur ein politischer Fehler, so hätte 
der König nicht reuig ausgerufen : »Ich habe ja den Gedanken gehabt, das 
Volk zu zählen und ich bin es, der gesündigt und Unrecht begangen 
habe.« Er hätte eher sagen müssen: »Es war mehr als ein Ver* 
brechen, es war eine Dummheit.« Allein ein solcher Talleyrandscher 
Zynismus lag nicht im Gefühls* und Gedankenkreis der Könige 
Israels, deren Welt doch immer theokratisch blieb. 

Wir glauben vielmehr, daß Frazer auf der richtigen Spur war, 
wenn er auch bei anderen Völkern auf ähnliche Symptome einer 
Scheu vor der Zählung verweist und einen alten Aberglauben vor* 
aussetzt 1 . Freilich brauchte er dazu nicht nach Westafrika und Läpp* 
land zu wandern. Wenn man einen Juden etwa in einem Ghetto 
Galiziens oder Russisch=Polens nach seinem Älter fragt, wird er bei 
der Angabe seiner Jahre nicht verfehlen, die Worte »bis hundert 
Jahr« hinzuzusetzen, und eine Mutter, nach der Zahl ihrer Kinder 
befragt, wird ihrer Auskunft unvermeidlich ein »Unberufen« voran* 
setzen. Es ist anzunehmen, daß auch bei diesen Nachkommen der 
antiken Juden ein Aberglaube in bezug auf das Aussprechen solcher 
Zahlen lebt -— ohne daß in diesem Falle die Notwendigkeit vor* 
läge, an erbliche. Belastung zu denken. Auf welche seelische Fak* 
toren mag solcher Aberglaube sich stützen? Die den Zahlen beige» 
fügten Worte haben offenbar apotropäische Bedeutung: sie sollen 
die Dämonen verscheuchen, welche an die Angabe des Alters oder 
der Kinderzahl eine unheilvolle Wirkung zu knüpfen drohen: nämlidi 
den Tod über das Objekt der Zählung zu verhängen. Wir haben 
durch Freud die Psychogenese solchen Dämonenglaubens kennen ge* 
lernt 2 : Dämonen sind die in die Außenwelt projizierten Gestaltungen 
eigener böser und feindseliger Regungen. Wir müßten also foigerichtig 
annehmen, daß der Mann, der das Alter angibt, und sich jener 
apotropäischen Wendung bedient, sich davor fürchtet, daß eine Stimme 
in ihm ihm selbst den Tod wünsdie. Diese Annahme aber läßt sich 
durch das Vorhandensein unbewußter Selbstbestrafungstendenzen 
und unbewußten Schuldbewußtseins rechtfertigen. In jener aber* 
gläubischen Mutter lebt, in dem Bewußtsein verschlossenen Tiefen 
neben aller bewußtseinsfähigen Liebe, Zärtlichkeit und Aufopferungs* 



1 Unbeschadet des folgenden Erklärungsversuches muß festgehalten werden, 
daß eine Wurzel dieser Scheu in der Natur der Zahl selbst liegt. Wie noch aus 
der Zahlenmystik hervorgeht, gibt es eine Heiligkeit und einen Zauber der Zahl 
analog dem der Namen bei den Primitiven und in der Antike. Diese Eigen- 
schaffen knüpfen wahrscheinlidi an eine Zeit der Überwindung primitiver Un- 
sicherheit durch die Erfindung der Zahl an. Die Festsetzung der Zahl galt ver* 
mutlich einmal als Verzauberung, daher die primitive Scheu der Primitiven vor 
der Zählung. Die Zählung erschien den Wilden einmal als eine magische Maßregel, 
die Gewalt über das Gezählte verlieh,- ähnlidie Bedeutung haben die Zahlen für 
unsere Kinder. Über den Ursprung der Heiligkeit der Zahl vgl. Wundt, Völker- 
psychologie. VI. Bd., 2. Aufl. 1915, S. 357 ff. 

2 Vgl. Freud, Totem und Tabu. 



Fähigkeit eine Regung, die ihren Kindern den Tod wünscht. Die 
Erfahrung der Ambivalenz der Gefühlsregungen gibt hier die Er= 
klärung. 

Kehren wir zum Fall Davids zurück und erinnern wir uns 
einiger hervorstechender Züge: der Einwürfe des getreuen Joab, 
des Schuldbewußtseins Davids und des Einbruches der Pest nach 
der Zählung, fügen wir noch hinzu, daß David zur Sühnung seiner 
Schuld später einen Altar baute, so müssen wir uns sagen, daß 
seine Selbstvorwürfe berechtigt, daß er wirklich durch jene Zählung 
eine Schuld auf sich geladen hat. Wir sind aber in der Psychoana« 
lyse gewohnt, Symptome von Neurotikern zu beobachten, die 
zeigen, daß das als peinlich und unmoralisch empfundene Gefühl, 
das durch das Symptom seine Erledigung und Bewältigung erfahren 
soll, gerade in ihm die ursprünglich beabsichtigte und von der 
Bewußtseinsinstanz abgelehnte Wirkung durchsetzt: im Effekt tritt 
der Erfolg der verdrängten Gefühlszüge zutage. Die Pest, die 
der Zählung folgte, müßte nach dieser Analogie ein Erfolg jener 
Gefühle sein, welche den wirksamsten unbewußten Anstoß zur 
Volkszählung bildete. In welcher Absicht hat nun David die Zäh» 
hing unternommen? Er wollte die Zahl der Wehrfähigen seines 
Volkes wissen. Gewiß hat er sich über die große Zahl gefreut, 
aber ebenso gewiß ist eine unbewußte Regung in ihm, welche diese 
Zahl zu vermindern wünscht, also Tendenzen der Feindseligkeit 
und des Hasses gegen sein geliebtes Volk 1 . Dieses Volk und das 
eigene Schuldbewußtsein des Königs haben recht, wenn es die Zäh= 
lung oder vielmehr ihre dunklen Motive als Sünde verurteilt. Wir 
erkennen hier wieder einmal, daß der Text trotz aller späteren 
Umarbeitungen in seinem durch unbewußte Motive bedingten Gefüge 
die rationalisierenden und nur von sogenannten vernünftigen Erwä* 
gungen geleiteten Exegeten beschämt. 

Wir wissen, daß an der erwähnten Stelle der Chronik Satan 
den David verleitet, die Zählung vorzunehmen. Die Kommentatoren 
klären uns darüber auf, daß die Redaktion der Chronik in eine 
spätere Zeit fällt als die der Bücher Samuelis, in welchen die Ge= 
schiebte dieser Volkszählung ebenfalls berichtet wird. Der bedeute 
same Unterschied besteht darin, daß in der früheren Version Gott 
selbst den David zur Zählung verleitet, welcher Zug später als 
anstößig empfunden und auf Satan übertragen wurde. Bedenken 
wir, daß Gottes Engel, also sein Stellvertreter auf Erden es ist, 
der würgend über den Platz zu Jerusalem zieht, und benützen wir 
die Resultate unserer psychoanalytischen Deutung, so werden wir 
zu der Annahme gezwungen, daß auch Jahwe gegenüber seinem 
Volke nicht nur Gefühle der Liebe und der Anhänglichkeit, sondern 

1 Es sei daran erinnert, daß David auch reale Gründe zu diesen Impulsen 
hatte: dieses Volk, das er vor den Philistern gerettet hatte, hat ihm auf seiner 
Flucht mancherlei Übles getan. 

Imago V/5— 6 23 



354 Dr. Theodor Reifc 



auch solche des Hasses und des Willens zur Vernichtung hegt 1 — 
eine Gefühlseinstellung, deren Wirkung sich in den Schicksalen dieses 
Volkes deutlich genug zeigt. 

Doch bleiben wir bei David: wir ahnen dann, daß es neben dem Tabu 
der Könige auch ein Tabu des Volkes gibt, das nicht ungestraft verletzt 
werden darf: eine Mahnung gegenüber den Regierenden, die, wie ich 
meine, auch in dieser Zeit des Massenmordes wahrhaft aktuell ist 3 . 



IV. Die Bedeutung des Schweigens. 

Bei Habakuk <2, 20> ertönt die Mahnung: »Jahwe ist in seinem 
heiligen Palaste, stille vor ihm, alle Welt!« Zekarja, der Sohn des 
Berekja, schildert in seinem dritten Gesicht, wie nadi allen Bedrängungen 
Jahwe seine Bekenner aus den vier Winden sammelt und Jerusalem 
neu erbauen wird, Früher aber werde er ein Strafgericht halten über 
die Heiden und wieder hören wir das feierliche Wort 3 : »Stille alles 
Fleisch vor Jahwe, denn er regt sich von seiner heiligen Stätte«. 
In einer grandiosen Vision 4 sieht Zephanja den Tag des großen 
Gerichtes, den Tag des göttlichen Zornes : die Feinde, in deren Hand 
der Herr sein Volk gegeben hat, sind seine Vollstrecker. »Stille vor 
dem Herrn Jahwe, denn nahe ist der Tag Jahwes,- denn hergerichtet 
hat Jahwe das Opfer, hat die von ihm Geladenen geweiht.« 

Es fallen uns hier zwei Züge auf: der Ruf »Stille vor dem 
Herrn!« und die Metapher, das Strafgericht sei ein Opfer. Wenden 
wir uns dem zweiten Zug zu, so wird unser Erstaunen noch dadurch 
erhöht, daß wir den Gerichtstag im Bilde eines Opfers, das Jahwe 
bringt, auch bei Jesaias s und Jeremias 6 finden. Jesaias prophezeit 
Edoms Fall, jenes Volkes, »das ich geweiht zum Verderben, zum 
Gericht. Das Schwert des Herrn ist voll Blut, gemästet mit Fett, 
vom Blute der Mastlämmer und Bödie, vom Nierenfett der Widder, 
denn ein Opfer hält der Herr in Bozra und ein großes Schlachten 
im Lande Edom.« Jeremias schildert die Vernichtung Ägyptens und 
das Wort des Herrn, welches an den Propheten erging, lautet also: 
»Das Schwert soll fressen und sich sättigen und trunken werden an 
ihrem Blute, denn ein Opfer hält Gott, der Herr Zebaot, im Lande 
des Nordens, am Strome Euphrat.« 



1 Vgl. außer vielen anderen Stellen Exodus 33, 3: Der Herr will einen 
Engel mit dem Zug der Juden schicken, »denn ich selbst werde nicht hinaufziehen 
in deiner Mitte, weil du ein hartnäckiges Volk bist, daß ich dich nicht vertilge 
auf dem Wege«. 

2 Diese Studien zur Bibelexege wurden zwei Jahre vor der Revolution im 
Winter 1917 an der Balkanfront geschrieben. Die Umwälzung der letzten Zeit 
hat gezeigt, wie bereditigt die oben ausgesprochene Mahnung war. 

3 2, 17. 

4 1, 7. 

» 34, 6. 
8 46, 10. 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 355 

Wir verstehen es nicht ganz, daß der Herr ein Opfer bringt: 
das Opfer wird von uns gewöhnlich als ein sakramentaler Vorgang 
geschildert, der gerade dem Herrn gilt, ihm zu Ehren stattfindet. Die 
Stelle ist erst dann verständlich, wenn wir mit Robertson Smith das 
Opfer auf seinen Ursprung als die Tötung des Totem zurückführen. 
Diese, den offiziellen Bekennern des Jahwismus längst verloren« 
gegangene Bedeutung des Opferrituals muß dem Propheten hier vor« 
geschwebt haben : der anthropomorphe Gott tötet selbst das Totem» 
tier. Wir werden sofort erkennen, daß diese Vorstellung nicht den 
einzigen Anachronismus in diesen Schilderungen darstellt. 

Wir haben durch Freud die Ableitung des Opfers aus der 
Feier der Totemmahlzeit, welche die Ermordung des Vaters erneuerte 
und sühnte, kennen gelernt. Augenfällig waren für jeden im Opfer« 
ritus die dem Herrn zugewendeten ehrfürchtigen und liebenden 
Momente. Doch kein Überbleibsel wies darauf hin, daß auch die 
entgegengesetzten Anteile der ambivalenten Einstellung in der Opfer« 
tat selbst zum Ausdrucke gelangen. Die Anschauung von der ur« 
sprünglich hochsublimierten Natur, wie sie von C. G. Jung vertreten 
wurde 1 , versagt aber schon gegenüber diesen von den Propheten 
geschilderten Bildern. 

Gott hält ein Strafgericht, das Opfer ist sein Volk und diese 
Opfertat ist ein Akt furchtbarster Rache, eine Entladung elemen« 
tarster Feindseligkeit. Wir werden diese Stellen als bedeutsame Be= 
stätigungen der Freudschen Opfertheorie, wie sie in »Totem und 
Tabu« niedergelegt ist, ansehen, weil sie wie inkrustiert die im Opfer« 
akt verdrängten Haßregungen zeigen ~ bedeutsam auch dadurch, 
daß bislang Gott keineswegs als der Parteinahme für die Psychoana« 
lyse verdächtig galt. 

Ein Einwand droht uns hier: es handelt sich ja um eine 
Metapher der in Entzückung geratenen Propheten, die uns vorliegt. 
Doch wir wissen, daß Metapher nur die Poetisierung ehemals realer 
Ansdiauungen bilden — wenn die Dichter vom »Blute der Reben« 
sprechen, war dies der Antike kein Bild, sondern Wirklichkeit — 
und daß auch Metapher wie alle Produkte psychischen Lebens seelisch 
determiniert sind. Wir haben behauptet, daß die ursprüngliche Be« 
deutung des Opfers zur Zeit der Propheten längst verdrängt, also 
bewußtseinsunfähig war. Wie also ist es möglich, daß ein Rest, ein 
Anzeichen der primären Anschauung, aus unerreichbaren Tiefen auf« 
steigend, wiederkehrt? Und gerade bei den Propheten, denen es als 
Lebensaufgabe galt, die Gottesvorstellung zu läutern, deren ethisches 
Verdienst es ist, die antike Jahwereligion auf den Punkt modernster 
Sittlichkeit zu bringen? Eben der Zustand des Entrücktseins, der 
Ekstase, in denen sie ihre beglückenden und furchtbaren Bilder er« 
lebten, mag solchem Emportauchen längst versunkenen Materials 



1 Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen. Bd. IV. 1912. 



23* 



356 Dr. Theodor Reik 



günstig gewesen sein: ihrer Tendenz entgegen kehrte in diesen 
Lagen unter dem Drucke starker Affekte das Verdrängte aus dem 
Verdrängenden wieder. 

Indem wir die Verwertung dieses Hinweises auf die Ursprung» 
liehe Natur des Opfers den Bibelforschern überlassen, wenden wir 
uns dem Moment geheimnisvollen Schweigens zu, das von den 
drei oben genannten Propheten gefordert wird. In dem Zusammen» 
hang, in dem das Herannahen des Herrn angekündigt wird, möchte 
man vermuten, es handle sich nur um ehrfürchtiges Schweigen. Doch 
zwei Momente sprechen dagegen: die formelhafte Fassung bei 
allen drei Propheten und ein Argument, das noch naheliegender ist 
als dieses sprachliche: das Bewußtsein des Herannahens Jahwes 
wird spontan ein soldies Schweigen bewirken. Es bedurfte also 
keineswegs des mahnenden Rufes. 

Wir werden nicht erstaunt sein, wenn wir hören, daß die 
Bibelforsdier auch einen besonderen Grund dieser Mahnung gesucht 
und gefunden haben. So erklärt F. Nowak in seinem Kommentar 
zu den kleinen Propheten 1 : »Wir wissen von den alten Arabern, 
daß sie nach vollzogener Schlachtung eine Zeitlang stumm den 
Altar umgaben, das war der Moment, wo man wohl die Gottheit 
als dem Altar sidi nähernd wähnte, um eben von ihrem Opfer 
ihren Anteil zu nehmen. Ähnlich wird das auch bei den Israeliten 
gewesen sein.« Der Ruf " 'HK 'Jfcö Dn wäre also das einleitende Mo= 
ment jenes Ritualbestandteiles. Ganz ähnlidi urteilt Rudolf Smend 2 
und die meisten anderen Bibelforscher. Erinnern wir uns daran, 
daß das große Gericht, das Jahwe halten wird, im Bilde des Opferns 
dargestellt wird, so werden wir die Heranziehung dieses Opfer^ 
rituals gerechtfertigt finden. Dodi nicht dies ist, was unser Interesse 
erregt, sondern die Natur der Ehrfurcht, die in diesem Schweigen 
so beredten Ausdrudt findet. Die Ehrfurcht ist gewiß dann am 
Platze, wenn wir uns die Opfernden vorstellen, darauf wartend, 
daß Gott herannahe und das ihm dargebrachte Opfer genoß. Abes 
wir wissen 3 , daß diese Vorstellung eine ziemlich späte ist und er 
darf uns ahnen, daß das Sdiweigen Bestandteil eines sehr alten 
Zeremoniells war, daß es darin eine besondere Bedeutung hatte 
und zur Zeit der Umwandlung der periodischen Tötung des 
Totemtiers in ein Opfer ein zweites, sekundäres Motiv erhielt. 

Versetzen wir uns einen Augenblick in die Situation der 
Urhorde 4 , welche in jener dunklen Tat der vereinigten Brüder das 
Urbild der Totemmahlzeit geliefert hat. Nehmen wir an, daß auch 
dieser Zug des Schweigens nach der Tat ebenso wie bei den alten 
Arabern nadi der Schladitung des geheiligten Kamels nicht fehlte. 

1 Die kleinen Propheten. Göttingen 1897, S. 282. 

2 Lehrbudi der alttestamentlidien Religionsgesdiidite. Freiburg 1893. 

3 Vgl. W. Robertson Smith, The. religion of the Semits. London 1907. 
Seconde edition. 

4 Freud, Totem und Tabu, S. 131 ff. 



Psychoanalytische Studien zur Bifaelexegese. I. 357 



Was konnte er bedeutet haben? Vielleicht verhilft uns wie so oft 
die psychoanalytische Kenntnis psychoneurotischer Symptome, die 
uns soviel Aufklärung über Archaisches geben konnte, zur Erklä= 
rang. Das Verstummen des Patienten in der Analyse erscheint uns 
immer als Anzeichen unbewußter Widerstände. Eine scharfsinnige 
Dame, die an Zwangsneurose litt, gab ihrem Schweigen eine spe- 
ziellere Bedeutung: je größer ihre Widerstände waren, um so schwächer 
wurde ihre Stimme, bis sie endlich ganz schwieg. Sie erklärte einmal 
spontan, daß ihr Schweigen eigentlich Totsein bedeute, Sie verur- 
teilte sich damit zum Tode als Selbstbestrafung für ihre bösen 
Wünsche gegen ihren Gesprächspartner. Freud hat in dem Artikel 
über die Kästchenwahl dieselbe Deutung des Verstummens gegeben. 
Es scheint, als wäre das Sprechen überhaupt wie der Gedanke ein 
dem Kulturfortschritt angepaßter Ersatz für die Tat, denselben 
Mechanismen der Verdrängung und Verschiebung unterworfen. 
Kehren wir zu unserem Beispiel zurück. Freud hat uns gezeigt, 
welche gewaltige Reaktionen im Seelenleben der Menschheit jene 
grausame und unheilvolle Tat des ursächlichen Vatermordes aus- 
löste, Gefühle reaktiver Zärtlichkeit, der Reue und des Schuld- 
bewußtseins erwachten nachher in den Brüdern, und zwar mit jener 
Gewalt, die naturgebundenen, primitiven Menschen eigen ist. Wir 
dürfen vielleicht als erstes Anzeichen des Schuldbewußtseins, der 
Reue und der Identifizierung mit dem Toten jenes Symptom des 
Schweigens verstehen, das sich der Brüder nach dem Morde be= 
mächtigte. Wir alle werden an einem Totenbette unwillkürlich ver- 
stummen. In dem Schweigen der Brüder war Ernüchterung nah 
ihrer Gewalttat, darin lag gleichzeitig die unbewußte Identifikation mit 
dem Toten: es war, wie wenn sein Schweigen auf sie übergriffe. 
Es war aber auch zugleich ein Symptom dunklen Schuldbewußtseins : 
sie verurteilten sich darin gleichsam selbst zum Tode. So stark und 
ursprünglich wirkt das uralte, ungeschriebene Talionsgesetz. 

Später, zur Zeit der Transformation der periodischen Totem-' 
mahlzeit in das Opfer, mag wohl das Gefühl der Ehrfurcht vor 
der Gottheit zu den ursprünglichen Motiven des SAweigens hinzu- 
getreten sein, es vertieft, feierlicher und bedeutsamer gemacht haben. 
Daneben aber blieben jene uralten Gefühle, obwohl verdrängt, 
lebendig genug, und sie wirken noch in der formelhaften und bezie= 
hungsreichen Mahnung des Propheten, der da ruft: »Stille, alles 
Fleisch, vor Jahwe!« und damit vielleicht den schönsten und erfüll- 
testen Ausdruck fand für die Unzulänglichkeit aller Menschensprache 
gegenüber dem großen Schweigen 1 . 

1 Es ist selbstverständlich, daß die vorliegende Ableitung nicht beansprucht, 
alle Wurzeln dieses Zeremoniells erschöpft zu haben. So wäre zu erklären, warum 
jede Zauberhandlung von Sdiweigen begleitet sein muß. Das Sprechen ist offenbar 
eine Störung des Zwanges, dessen Charakter jedes Zeremoniell trägt. Dr. Hanns 
Sachs teilt mir freundlichst mit, daß bei den alten Rechtshandlungen das Gebot 
bestand: Lust wird geboten, Unlust verboten (Lust abgeleitet von »losen« = 



358 Dr. Theodor Reik 



V. Unbewußte Faktoren in der wissenschaftlichen Bibelarbeit. 

Es würde sicherlich niemandem einfallen, den Vertretern der alt* 
testamentarischen Wissenschaft ernsthafte und bewußte Widerstände 
in der Exegese solcher Stellen, welche im Widerspruch zur Moral 
unserer Tage stehen, zuzutrauen. Sie, die eine strenge Schule wis- 
senschaftlicher Zucht, peinlicher Gewissenhaftigkeit und reinen Stre= 
bens nach Wahrheit durchgemacht, sind gewiß über kleinliche Be- 
denken dieser Art erhaben. Das Werk, dem sie ihre Lebensarbeit 
gewidmet haben, zeigt ja auch jedem, der sehen kann, deutlich, daß 
der Weg der Menschheit aus dunklen Tiefen animalischer Gebun- 
denheit zu den Höhen reiner Sittlichkeit führt. Nebeneinander stehen 
Zeugnisse primitiver Anschauungen und solche vorgeschrittenster 
Moral. »Es wechselt Paradieseshelle mit tiefer, schauervoller Nacht.« 

Trotzdem halten wir eine Mahnung vor dem Wirken unbe- 
wußter Faktoren auch hier am Platz. Ich möchte an einem Beispiel 
zeigen, wie die Bewußtseinsarbeit die Wirkung solchen unbewußten 
Eingreifens mühsam überdeckt und wie noch immer unbekannte 
Widerstände die wissenschaftliche Arbeit stören und uns zwingen, 
Wege zu gehen, die wir nicht gehen wollten. 

Wer jemals die Erzählung gelesen hat, wie Abraham seinen 
Knecht aussendet, um für seinen Sohn eine Braut heimzuführen, 
und die Werbung und das Zusammentreffen mit Rebekka verfolgt 
hat, wird sich schwer dem Zauber, der dieses Hirtenidyll umglänzt, 
entziehen können. Das Bild Rebekkas am Brunnen, dem Fremden 
den Krug reichend, oder das ihrer Ankunft, da sie ihre Augen 
aufhob, ihren zukünftigen Gemahl zum ersten Male erblicht und 
keusch zu ihrem Schleier greift, um sich zu verhüllen, wird ihm 
unvergeßlich bleiben, Künstler, die wir zu den bedeutendsten zählen, 
haben versucht, diese Szenen auf der Leinwand festzuhalten, und 
Heinrich Heine hat, als er schwerkrank in der Rue Amsterdam die 
Bibel wieder mit den Augen des Künstlers las, sie in Worten, 
umschwebt von der Magie seines leuchtenden Altersstiles, vor uns 
heraufbeschworen. 

In der knappen, wortkargen, aber um so eindrudisvolleren Art 
ältester Erzählung schließt die Episode. »Und Isak führte sie ins 
Zelt seiner Mutter. Er aber nahm Rebekka und sie ward sein 
Weib. Und er gewann sie lieb. So tröstete sich Isak über seine 
Mutter« <Gen. 24, 67). Die Stelle ist ja sonnenklar: Für Isak 
bedeutet wie für jeden Sterblichen die Geliebte den Ersatz der 

schweigen.) Vielleicht ergeben sich weitere Aufklärungen durch die Analyse des 
rituellen Heulens beim Opfer, das nadi den Ausführungen Robertson Smiths 
<Die Religion der Semiten, Deutsch von R. Stube, Freiburg 1899, S. 330 f.> 
ursprünglich eine zwangsmäßige Klage über den Tod des geopferten Tieres war 
und später zum Jauchzen <hallel, tahlfl) wurde. Man vergleiche meine Abhandlung 
über das Schofar im I. Teile der »Probleme der Religionspsychologie«. Wien und 
Leipzig" 1919. 






Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese. I. 359 

dahingegangenen Mutter. Es ist daher verständlich und unserem 
Gefühl gemäß, daß er sie in jenes Zelt führt, das früher die Mutter 
bewohnte. Ausdrücklich wird in der Unbefangenheit des antiken 
Erzählers gesagt: er tröstete sich über seine Mutter <im Texte 
i'dk). Nun, wir nehmen gewiß keinen Anstoß daran, daß Isak seine 
Mutter geliebt hat und daß diese Liebe von früher Kindheit her 
auch aus einer unbewußten, inzestuösen Quelle gespeist wurde, 
scheint uns ebenso natürlich und unbedenklich wie dem biblischen 
Erzähler: wir würden sagen, das sei der Lauf der Welt. 

Um so erstaunter werden wir sein, wenn wir bemerken, daß 
es den meisten Bibelforschern gelungen ist, an dieser Stelle mit 
sicherem Griff das Richtige zu verfehlen. Den Text freilich mußten 
sie lassen stan/ ein Schreibfehler etwa für Vater konnte infolge des be= 
deutenden Wortunterschiedes für die hebräischen Bezeichnungen für 
Vater und Mutter nicht vorliegen. Doch schon der Nestor der alttesta= 
mentarischen Bibelkritik Julius Well hausen nimmt an, daß hier ur= 
sprünglich statt Mutter Vater gestanden haben muß l , Zu diesem Zweck 
muß natürlich, wie Dillmann vorschlägt 2 , früher etwa in v. 62 im 
Text der Tod Abrahams gemeldet worden und später aus dunklen 
Gründen wieder ausgefallen sein. Ball 3 glaubte, durch Einschiebung 
helfen zu können, Cheyne nimmt Textkorruption 4 an, Gunkel 
meint, es seien zwei Rezensionen zu konstatieren, deren eine an die 
Stelle des ursprünglichen Vater Mutter gesetzt habe 5 . Bei diesem 
Forscher mutet es geradezu grotesk an 6 , wenn er den Text übersetzt. 
»So tröstete sich Isak über seine Mutter« und unter dem Strich die 
Stelle zitiert als: »Und er tröstete sich über seinen Vater.« Wenn 
er dann hinzusetzt: »so klingt die liebenswürdige Erzählung anmutig 
aus«, so wird nicht nur der Ästhetiker meinen, die Anmut wäre größer 
gewesen, wenn die junge Frau an die Stelle der toten Mutter trete. 
Jedenfalls wird eine solche Ungewißheit über das Geschlecht der 
Person, über deren Verlust man sich mit dem Besitze einer Frau 
tröstet, nichts Gewöhnliches sein. 

Wir werden neugierig nach den Gründen der Annahme der 
Exegeten fragen: Die Kommentatoren führen also folgendes an: 
Abraham hat seinen Knecht beauftragt, den Freiwerber für Isak 
zu spielen. Als der Knecht aber mit Rebekka zurückkehrt, erzählt 
er alles, was auf der Reise und bei der Werbung vorgefallen ist, 
nicht Abraham, sondern Isaäk, Daraus zogen die Forscher den 
Schluß, daß Abraham in der Zwischenzeit gestorben sein müsse. 
Gunkel setzt sogar in Klammern bei der Erzählung der Ankunft: 



1 Wellhausen, Komposition des Hexateuchs, S. 27 f. 3. Aufl. 

2 Genesis, S. 307. 6. Aufl. 1892. 

3 Ball, Book of Genesis in Hebrew, p. 79. 1896. 

4 Cheyne, Traditions and Belief in The Ancient Israel, S. 350. London 1907. 

5 Gunkel, Handkommentar zum Alten Testament. Genesis, S. 247. 3. Aufl. 
Göttingen 1910. 

6 Gunkel, S. 260. 



360 Dr. Theodor Reit 



des Knechtes, daß dieser jetzt den Tod Abrahams erzählen hört 1 . 
Ist dieser Schluß stringent? Keineswegs. Es wird erzählt, Isak sei 
einmal, da der Abend nahte, um sich zu ergehen, auf das Feld 
gegangen. Als er aufblickte, »da sah er: Kameele kamen daher«. 
Es ist der Zug, welchen der Knecht, die schöne Braut an seiner 
Seite, führt. Ist es da nicht natürlich, daß der Knecht dem jungen 
Bräutigam Isak gleich berichtet, was er zu sagen hat? Schließlich 
wird man nicht leugnen können, daß Isak der Hauptbeteiligte ist. 
Doch selbst, wenn wir annehmen, Abraham sei in der Zwischenzeit 
gestorben, woher nehmen wir das Recht, hier im Text statt »er 
tröstete sich über seine Mutter« gerade »über seinen Vater« zu 
setzen? Meines Wissens hat bisher nur der englische Bibelforscher 
T. K. Cheyne in seinem oben erwähnten Buche den Mut gehabt, 
zu erklären, er könne Wellhausen nicht folgen: »Wirklich, ich muß 
fragen, ob dieser Gelehrte das ganze Problem gesehen hat. Daß 
)DX <= Mutter) falsch ist, gebe ich zu./ aber ist WS <= Vater) richtig?« 
Wir sehen, auch Cheyne nimmt ohneweiters an, Mutter sei falsch. 
Seine eigene, recht weit hergeholte Erklärung, die rein etymologisch 
ist, wird keineswegs den Eindruck der richtigen Textherstellung 
machen können. 

Die Erklärung für die Gründe der Abänderung der Stelle 
scheinen uns allzu gezwungen und völlig unzureichend. Wir haben 
kein angemessenes Motiv, gerade hier den übereinstimmenden Texten 
zu mißtrauen, zumal ja auch gesagt wird, Isak habe die Braut in 
das Zelt der Mutter eingeführt, also zweifach auf den so natür* 
lidien Ersatz hingewiesen wird 2 . Wir können uns auch schwer in 
den von den Exegeten angenommenen Fall einfühlen,- es ist schwer 
vorstellbar, daß Isak das jugendfrische Mädchen als Ersatz für den 
alten, runzeligen und würdigen Patriarchen und Vater angesehen 
habe. Die Mutter aber bleibt für den Sohn, dem sie das erste 
Liebesobjekt früher Kindheit war, unbewußt immer begehrenswert. 

Wir würden eine so unzureichende Erklärung, wie sie uns 
hier von der modernen Bibelforschung geliefert wird, als Ratio* 
nalisierung bezeichnen. Die Achtung, welche wir für so hervor* 
ragende Gelehrte wie Wellhausen, Dillmann, Gunkel usw. hegen, 
warnt uns davor, einfach anzunehmen, ein wissenschaftlicher Irrtum 
und — noch dazu ein so wenig begreiflicher — könne durch Gene- 
rationen weiter übernommen werden, ohne seine Berichtigung zu 
finden, Wir haben früher von einer Art Rationalisierung in der Be= 
gründung des Vorschlages der Textänderung der Stelle gesprochen, 
aber gerade von hier aus könnte ein gewichtiger Einwand seinen 
Ausgang nehmen. Wie, alle diese ernsten Männer sollten unbewußten 
Nötigungen unterlegen sein, sie, die viel krassere Beispiele wirklichen 

1 Gunkel, S. 259. 

2 Freilich wird gerade diese Stelle als syntaktisch unmöglich bezeichnet 
<Gunkel, S. 247 und 260>, aber die spätere Textänderung hatte vielleicht eine 
andere Tendenz als man bisher vermutete. 



Inzestes wie etwa das Judas und Thamars, Lots und seiner 
Töchter vorurteilsfrei annahmen und kommentierten? Gerade an 
dieser Stelle sollten sich Widerstände in ihnen erhoben und ihr 
scharfer Blick einer Art intellektueller Blendung unterworfen ge= 
wesen sein? 

Dieser Einwand, der uns so starken Eindruck zu machen ge= 
eignet scheint, ist indessen leichter zu beseitigen als wir im ersten 
Augenblick glauben. Gerade der besondere Charakter der Werbungs= 
szene bietet dazu die beste Handhabe. Cheyne leitet das diese Epi= 
sode behandelnde Kapitel seines Werkes »The search for a wife for 
Isaac« mit folgenden Worten ein: »Who can resist the charm, gern 
of purest ray' — the story of the wooing and winning of Rebecca? 
Note above all the Homeric simplicity?« Gunkels Wohlgefallen an 
der Erzählung ist uns durch seine oben zitierten Äußerungen bereits 
bekannt. Er setzt zu dem Vers »Er gewann sie lieb« die Ver* 
Sicherung hinzu: »natürlich, ein Mädchen, das alte Leute und die 
Tiere so freundlich behandelt und die <sic!> so schön ist - muß 
man ja lieb haben«. Ähnliche Aussprüche über die Szene werden 
gewiß bei den meisten Gelehrten zu finden sein. Mögen sie über 
die Zuweisung einzelner Textzeilen zu den verschiedenen Redak= 
toren uneins sein, in der Anerkennung der poetischen Schönheit des 
Idylls sind sie einig. Vergessen wir nicht, daß auch Bibelforscher 
menschlichen Trieben unterworfen sind und menschlichen Neigungen 
nachgebend. Die Plastizität, Liebenswürdigkeit und Anmut der Er= 
Zählung wirkt auf sie ebenso wie auf uns ungelehrte Leser ein. 
Unser Wohlgefallen aber sowie das jener Forscher beruht zum 
größten Teil auf einer unbewußten Identifikation mit dem Helden, 
mit dem jungen, glücklichen Bräutigam. Wer von uns möchte nicht 
auch ein so liebenswertes anmutvolles und zurückhaltendes Geschöpf, 
das in jeder Faser ihres Wesens Mädchen ist, als Braut heimführen? 
In der Beziehung Isaks zu seinem jungen Weibe störte es 
unbewußt die Forscher, daß so deutlich die inzestuöse Quelle von 
Isaks Liebe ausgesprochen war. Es ist begreiflich, daß der un= 
bewußte Widerstand in diesem Falle hoher Einfühlung in die Situation 
Isaks stärker war als etwa in dem Falle des wirklichen Inzestes 
Judas und Thamars, Labans und seiner Töchter. Dort lag das 
Primitive und Archaische klar zutage, allzu kraß war das Trieb- 
leben in seiner elementaren Stärke und Ungehemmtheit in den Vorder^ 
grund gestellt, die Tatsachen sprachen eine zu laute Sprache und 
wiesen auf eine uns weit entrückte, kulturell fremde Zeit hin. Eine 
Einfühlung ist schwer zu erreichen. Hier aber, in dieser prachtvollen 
Idylle, findet auch jeder moderne Leser die eigene Jugendzeit mit 
ihren Hoffnungen und Wünschen wieder,- hier wurde die Identi= 
fikation mit dem Helden zur Versuchung, unbewußt Natürliches 
gewaltsam umzudeuten. Die Störung durch die Erinnerung des 
Inzestes, welche sich in jener Textänderung zeigt, weist aber auf 
eine Inzestempfindlichkeit hin, die nur jener der Wilden vergleichbar 



362 Dr. Theodor Reik 



ist 1 . Wir wären versucht, hier einen Fall von gedanklicher »avoidance« 
der Mutter zu konstatieren. 

Vielleicht darf man nun auch vermuten, warum mit wissen* 
schaftlicher Rationalisierung gerade der Vater von den Forschern an 
die Stelle der Mutter gesetzt worden ist. Der Vater ist es ja, der 
als stärkstes Hindernis für die Inzesterfüllung unserem Unbewußten 
erscheint. Daß gerade er den Ersatz bilden soll, wird erklärlich: er 
ist der Gesetzgeber der Kindheit,- jeder Gedanke an ihn wird die 
Inzestregungen zur Verurteilung zwingen. Dem verdrängten Gedanken 
an die inzestuöse Beziehung bot sich eben ihr erster Störer als 
Ersatz dar. Sollten aber nicht noch andere unbewußte Motive gerade 
für die Aufstellung der Lesart »Und so tröstete er sich über seinen 
Vater« bestimmend gewesen sein? Wir glauben, wenigstens eines 
davon erraten zu können. Wir sprachen schon von der Einfühlung 
der Bibelforscher in die Person Isaks. Daß durch die verborgene 
Arbeit unbewußter Faktoren und die zensurierende Einwirkung der 
Bewußtseinsinstanzen der Vater in der Lesart an die Stelle der Mutter 
tritt, haben wir erwähnt. Diese Ersetzung ist aber ein Zeugnis für 
die gegenüber den unbewußten Wünschen reaktiv verstärkte Zärt= 
lichkeit des einzelnen für den Vater und einen partiellen Sieg der 
homosexuellen Regungen. Gerade die Betonung seines Todes in 
der von den Bibelforschern vorgeschlagenen Lesart der Episode 
zeigt uns aber, wenn wir an die Ausmerzung des inzestuösen 
Hinweises denken, daß eine völlige Unterdrückung menschlicher Re= 
gungen nicht gelingen kann. Dieser »improvisierte« Tod dient nicht 
nur der Verdrängung der Inzesttendenzen gegen die Mutter, 
sondern auch ihrer Durchsetzung. Wenn der Vater gestorben ist — 
hier bricht der ursprüngliche, unbewußte Wunsch durch — steht der 
Vereinigung mit der geliebten Mutter kein Hindernis mehr gegenüber. 
An diesem Anzeichen finden wir noch die Spur der Unterdrückung 
geheimer Tendenzen: sie liefert ein Beispiel der Wiederkehr des 
Verdrängten aus dem Verdrängenden. Wenn wir für einen Augenblick 
die Schranke zwischen unbewußter Phantasietätigkeit während der 
wissenschaftlichen Arbeit und realer Wirklichkeit fallen ließen, würden 
wir den Exegeten übermütig zurufen dürfen: Dieser Abraham starb 
euch sehr gelegen! 

Wir wollen nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß die 
allzu energische Reaktion auf das Empordrängen unbewußter Ten= 
denzen es nicht hat verhindern können, daß trotz aller Zurückwei= 
sung der verpönten Gedanken doch ein Stück der unbewußten 
Wünsche im Produkt der wissenschaftlichen Arbeit seine, wenngleich 
schwer erkennbare Erfüllung in der Phantasie gefunden hat. Denn 
die neue Lesart, die den Tod des Vaters einsetzt, hat immerhin 
zur Folge, daß Isak an die Stelle des Dahingeschiedenen tritt,- 
daneben steht der alte Text, der Rebekka als Ersatz der Mutter 



1 Vgl. Freud, Totem und Tabu. 



Psychoanalytische Studien zur Bibelexegese, I. 363 

ansehen will. Die zwei großen Lirwünsche der Kindheit tauchen 
hier wie in dem Vater= und Mutterspiel unserer Kleinen inmitten 
der ernstesten wissenschaftlichen Arbeit empor und mahnen die 
Gelehrten, nicht allzu streng unterdrücken zu wollen, was doch 
triebhaft in uns allen lebt. Fast sieht es aus, als hätte die Erfüllung 
des einen tiefwurzelnden Kinderwunsches, der Vereinigung mit der 
Mutter oder ihrer jüngeren Stellvertreterin eine Ergänzung im Sinne 
der Wunscherfüllung der zweiten infantilen Phantasie <Wegräumen 
des störenden Vaters) gefunden. Die sekundäre Bearbeitung hat es 
vermocht, die Spuren der unbewußt tendenziösen Veränderung 
scheinbar zum Verschwinden zu bringen. 

Vielleicht ist es als Gewinn zu buchen, daß wir durch die 
Anwendung der psychoanalytischen Methode einen vererbten Irrtum 
aufdecken konnten. Vergessen wir aber nicht, was dieser Irrtum 
und seine Aufklärung für uns bedeutet: eine Mahnung, in der 
wissenschaftlichen Arbeit auf -die Wirkung unbewußter Faktoren 
und der ihnen entgegengesetzten Bewußtseinszensur bedacht zu sein. 
Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. 

Diese Mahnung an die Notwendigkeit der Selbstkritik gibt 
mir Gelegenheit, die Mängel der vorliegenden Studien, die mir 
rückschauend erhöht zum Bewußtsein kommen, hervorzuheben. Sie 
werden — abgesehen vom Erstlingscharakter einer psychoanalyti= 
sehen Bibelexegese — namentlich in zwei Momenten zu suchen sein : in 
der dilettantischen Vorbereitung und den lückenhaften Kenntnissen 
des Autors sowie in der fragmentarischen Form dieser Versuche. 
Vielleicht aber ist der Zweck dieser Studien, die nichts mehr als 
vorbereitende Mitteilungen aus einem größeren Zusammenhange 
sein wollen, erreicht: die Aufmerksamkeit der Vertreter der alt= 
testamentlichen Wissenschaft auf die Anwendung der Psychoanalyse 
und ihre Fruchtbarkeit für die Bibelforschung zu lenken 1 . 

1 Diese Studien sollen in erweiterter Form in einem der späteren Teile 
der »Probleme der Religionspsychologie« ersdieinen. 




364 Willy Bardas 



Zur Problematik der Musik. 

Von WILLY BARDAS {Berlin). 

Unter allen Künsten ist die Musik die populärste, diejenige, 
die den meisten Menschen, oder genauer ausgedrückt, mehr 
Menschen Genuß bereitet, als jede andere. Man müßte 
danach annehmen, daß zu ihrem Verständnis keine besondere Teil« 
begabung erforderlich ist. Anderseits aber ist das musikalische Ohr 
eine Veranlagung, die zwar bei weitem nicht so verbreitet wie die 
Freude an Musik, aber dennodi für die Erfassung ihres ästheti* 
sehen, also künstlerischen "Wertes, Voraussetzung ist. Die Ursache 
der überragenden Popularität gerade der Musik, zu. deren tieferem 
Verständnis also eine nicht allgemein vorhandene, besondere Be= 
fähigung gehört, muß somit auf anderem Gebiete liegen. Die Freude 
an ihr muß in Lustgefühlen wurzeln, die nicht aus verfeinerter 
ästhetischer, sondern nur aus ganz primitiver, und daher allen 
Menschen gemeinsamer, triebhafter Instinktbefriedigung entstehen 
können. 

Wir werden der Beantwortung dieser Frage am nächsten 
kommen, wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß im Brennpunkt 
unseres Handelns das Triebleben steht. Dieses wirkt stets in der 
Richtung, die unseren Interessen voraussichtlich kontinuierlich nützt. 
»Voraussichtlich« deshalb, weil wir dort, wo unsere Handlungs= 
weise in Konflikt mit der eines anderen oder einer Gruppe anderer 
gerät, letztere in unser Kalkül mit einbeziehen und unser Verhalten 
danach einrichten/ und zwar kann dieses Voraussehen bewußt 
intellektuell oder instinktmäßig und unbewußt erfolgen. »Kontinuier= 
lieh« aber deshalb, weil unser Intellekt das letzte Ziel — unseren 
endlichen Nutzen — stets im Auge behält, das wellenartige Auf 
und Ab auf dem Wege zum Erfolge mit in Kauf nimmt, um das 
Ziel zu erreichen, und somit Einzelinteressen zugunsten des End= 
Zweckes zu opfern bereit ist. So wird der Selbsterhaltungstrieb im 
Falle eines Konflikts unter Umständen den Kampf meiden und die 
Flucht als Auskunftsmittel wählen. Oder beide Parteien würden, bei 
gleicher Stärke und voraussichtlicher Sieglosigkeit, einzelne Wünsche 
aufgeben und ein Kompromiß der entgegengesetzten Ziele einem 
dauernden, aufreibenden, und daher die Selbsterhaltung als letztes 
Ziel in Frage stellenden Unfrieden vorziehen. Der Machttrieb wird 
sich selbst die Grenzen abstecken, um nicht im Streben nadi Steigerung 
die Selbsterhaltung aufs Spiel zu setzen. Oder er wird sogar gelegent« 
lieh die Selbstvernichtung riskieren, wenn er seine Interessen als 
identisch mit denen anderer erkennt, durch Anschluß an diese eine 
Mehrheit oder Übermacht gewinnt, und so wiederum letzten Endes 



Zur Problematik der Musik 365 



die Selbsterhaltung winken sieht. Allein nicht immer genügt die 
Aufopferung von Teilinteressen, um dem Endziel zu dienen. In 
vielen Fällen ist mit der Selbsterhaltung des einen Teiles die Ver- 
nichtung oder dauernde Unterdrückung des anderen unbedingt 
verknüpft, und für diesen letzteren gibt es also keinen kontinuier- 
liehen Nutzen, zu dem das Triebleben ihn leiten könnte. Und wenn 
er dennoch im Trieb zur Selbsterhaltung der Vernichtung entgegen= 
geht, so hat ihn hier die Voraussicht getäuscht, denn die Entwich 
lung des Konflikts wird ja nicht vorher gewußt, sondern nur kalku- 
liert und der Irrtum ist möglich. 

In diesem Fall also empfindet das im Kampf überwundene 
Individuum Sehnsucht nach einem anderen Stand der Dinge. Und 
da ist es die Phantasie, die es ihm ermöglicht, sich in die glüddiche 
Lage des andern zu versetzen. Der Spieltrieb, die Fähigkeit, 
Phantasie zu betätigen, bringt ihn nun dazu, in der Kunst einen 
Schein zu verwirklichen, einen Schein des erwünschten Zustandes. 
Zwar ist auch hier der Inhalt wiederum das Spiel der Triebe, 
jedoch mit anderem Ablauf als in Wirklichkeit, unter anderen 
Voraussetzungen, gewissermaßen mit anderen Vorzeichen. Diese 
veränderten Vorzeichen sind einerseits die sittliche Idee, die in der 
Wirklichkeit nicht genügend zu ihrem Recht kam, anderseits das 
Bewußtsein der Täuschung. Hier überwindet nicht stets der 
Stärkere den Schwächeren, sondern unter Umständen der körperlich 
Schwache, aber in irgend einem Sinn höher Stehende den körperlich 
Starken, in jenem Sinne aber minder Befähigten. Die Unwahr* 
scheinlichkeit dieser Tatsache wird ruhig hingenommen, denn es 
handelt sich bewußtermaßen eben nur um ein Spiel, um einen 
Schein, um das Ergebnis einer Flucht in eine Welt mit anderen 
Voraussetzungen. Darum wird auch die Darstellung des Lebens mit 
seiner Unerbittlichkeit und der für den Schwächeren unglückliche 
Ablauf verklärt durch die im Grunde ruhende Überzeugung von 
der Unwirklichkeit des Spieles. So wird der Schmerz veredelt und 
die Erschütterung tröstlich, denn Mitleiden tritt an die Stelle von 
Leiden. Erträglich aber wird auch eine Wiederholung des im Leben 
erfahrenen Unglücks durch das zu innerst waltende lebensbejahende 
Gefühl: »Dies ist zwar wahr, denn es könnte sich so ereignen, allein es 
war nur Schein und — Gott sei Dank — mich hat es nicht getroffen.« 

Dieses Gefühl der Erlösung, dieses Spiel mit Konsequenzen, 
die im wirklichen Leben vital sein müßten, ist die Wurzel des 
Lustgefühls auch in der Trauer und damit der Keim zur künstleri- 
sehen Ausbeute jedes Erlebnisses. 

Insofern nun aber, als die im Lebenskampf Schwächeren sich 
für dieses Minus einen Ausgleich schaffen mußten, um dem »Nein« 
des Lebens ein »Ja« wenigstens im Scheinleben, der Kunst, ent- 
gegenzusetzen, insofern verdanken wir ihnen die Kunst,- insofern 
ist diese mit dem Triebleben verknüpft, und insofern ist auch dieses 
letztere ein direkter Anreiz zur Kunst. 



366 Willy Bardas 



Man könnte nach dem Bisherigen annehmen, daß der Spieltrieb 
allein eine genügende Erklärung für unser Kunsttreiben bildet. 
Allein damit sind wir nur scheinbar an der Wurzel angelangt. Denn 
der Spieltrieb stellt nur die Brücke zwischen unserem wirklichen 
Leben und dem Scheinleben der Kunst dar. Unser wirkliches Leben 
wird in erster Linie beherrscht von jenem Trieb, der auf der 
Gegensätzlichkeit der Geschlechter beruht und der nicht unsere 
Selbsterhaltung unter akzidentellen Umständen wie im Kampf, 
sondern vielmehr unser unmittelbares Fortbestehen im weitesten 
Sinn bezweckt. Und dieses Weiterbestehen, als tiefster Sinn unserer 
Triebe, muß eine umso gesteigertere Sehnsucht gerade derer sein, 
die wir im Vorangehenden als die im Lebenskampf der Wirklichkeit 
Schwä&eren bezeichnet haben: — die Künstler. Gerade für diese 
also ist der Geschlechtstrieb von allergrößter Bedeutung. Denn er 
gewährleistet auch denen, deren Lebenskampf ungünstig steht, den 
Fortbestand, Mußten sie sich mit Hilfe des Spieltriebs ein Schein» 
leben gestalten, in dem die unbefriedigten Triebe ihres Daseins 
noch zu ihrem Recht kommen, so fällt die Frage »Sein oder Nicht» 
Sein« beim Geschlechtskampf nicht mehr als vital, als lebens= 
gefährdend, in die Wagschale. Denn sein Ziel ist nicht mehr nur 
die Selbsterhaltung durch Beseitigung der Gefahr, sondern der 
Fortbestand auf Grundlage der Willensvereinigung beider Teile. 
Hier also haben die lebensbejahenden Instinkte aller, auch der im 
Lebenskampf Schwächeren, in Wirklichkeit Verneinten, ihren wahren 
Tummelplatz. Und insofern wir ihnen, wie bereits ausgeführt, die 
Entstehung der Kunst verdanken, insofern besteht eine innigste 
Verknüpfung der Kunst mit dem Geschlechtstrieb. 

Es wurde zu Anfang behauptet, daß die Musik die populärste 
Kunst sei, und im Bisherigen gezeigt, welches die Wurzeln der 
Kunst überhaupt sind. Aufgabe des Folgenden wird es also sein, 
nachzuweisen, warum gerade der Musik eine so tiefe Verankerung 
im Triebhaften zu einer besonderen Popularität verhelfen muß. 

Die Sonderstellung der Musik unter den Künsten wird durch 
zwei Tatsachen gekennzeichnet: 

Erstens bietet sie zwischen dem Äußerungstrieb und dem 
akustischen Produkt dem Intellekt keinen Raum. Während alle 
anderen Künste sich mit der intellektuellen Wiedergabe des Ge« 
schehens befassen, um, sei es durch Wort, Bild oder Gebärde, 
Gefühle wachzurufen, so befaßt sich die Musik mit den Reflexen 
des Geschehens im Individuum, d. h. mit den durdi das Ge= 
schehen ausgelösten Gefühlen, und läßt erst, gewissermaßen durch 
Reflexion der Gefühle auf ein sie erweckendes Geschehen, ein 
Gleichnis oder Schattenspiel des letzteren entstehen. 

Zweitens bedarf die Musik zur Betätigung des Äußerungs* 
triebes keines mechanischen Behelfs als der Stimme, also des eigenen 
Körpers. Denn die von Instrumenten ausgeführte Musik ist auch 
bei den primitivsten Völkern bereits eine gesteigerte Entwicklungs= 



Zur Problematik der Musik 



367 



stufe im Vergleich zu den Urprodukten jenes Äußerungstriebes, 
der sich instinktmäßig nur der Stimme zu bedienen braucht, um 
wahrnehmbar zu werden. Die akustische Äußerung ist also zunächst 
einmal nur ein körperlicher Reflex, als dessen Urform man schließlich 
den Angst= oder Freudenschrei anerkennen muß. 

Natürlich wird man diesen körperlichen Reflex in seiner 
Urform nicht als Musik bezeichnen, denn was ihn von der Kunst 
trennt, ist der Mangel jenes freien Willens, den wir im Spieltrieb 
erkennen. Aber man wird in diesen beiden Extremen — Angst 
und Freude — die Pole erblicken, deren Gegensätzlichkeit typisch 
ist auch für die in der Kunstmusik zum Ausdruck gelangende 
Gefühlswelt. Denn nur die Reflexe von Lust und Unlust sind 
akustisch durch kontrastierende Darstellung deutlich ausdrückbar. 
Die Melodie ist an sich gewissermaßen neutral. Daß sie in uns das 
Gefühl des Wohlbehagens auslöst, beweist noch nichts für den 
Zustand des Erlebens, aus dem sie entstand, oder den sie aus* 
drücken könnte. Denn wir empfinden dieses Wohlbehagen, einerlei 
ob die Melodie einen heiteren oder traurigen Charakter hat, oder 
nach keiner Richtung hin betont ist. Mithin ist ihr »Inhalt« uner= 
heblich für unseren Genuß, und daher das Wohlgefühl, das sie in 
uns auslöst, rein ästhetisch, aber in keiner Weise inhaltlich be= 
gründet. Anderenfalls müßten ja alle nadi der freudigen Seite 
neigenden musikalischen Ausdrüdte beliebter sein als die traurig 
gefärbten. Und wenn auch ein Beweis dagegen ebenso unmöglich 
zu erbringen ist wie ein exakter Beweis für diese Behauptung, so 
spricht doch der elegische Charakter so vieler, und gerade so vieler 
guter Volksmusik dafür, daß ein Zusammenhang zwischen dem 
Inhalt einer Stimmung und der Freude an ihrem Ausdruck nicht 
besteht und daß der Genuß, den wir beim Hören einer schönen 
Melodie haben, rein formal, aber nicht mit dem Gefühlsinhalt 
verknüpft ist. Dieser Inhalt ist überdies gar nicht eindeutig be- 
stimmbar, solange die Melodie nicht durch Worte ausgedeutet wird 
oder in Gegensatz, respektive Verbindung, mit einem der beiden vorhin 
genannten, deutlich kontrastierenden Gefühlspole tritt. Erst wenn 
dies geschehen ist, kann sich durch die Art der rein musikalisch« 
logischen Beziehung die Möglichkeit ergeben, auch inhaltlich unbe« 
tonteren musikalischen Gedanken einen Gefühlsinhalt anzuempfinden. 

Und hiemit gelangen wir zu dem wesentlichsten Punkte, der 
den musikalischen Genuß von allen anderen Kunstgenüssen unter= 
scheidet. Er betrifft die Fähigkeit, das Gehörte gefühlsmäßig auszu* 
deuten. In der Musik spielt die individuelle Phantasie des 
Hörers eine sozusagen mitschaffende Rolle. Der an und für 
sich intellektuell inhaltslosen Hörbarkeit wird vom Aufnehmenden 
ein Inhalt verliehen, den in den anderen Künsten der Schaffende 
auf dem Wege des Intellekts dem Aufnehmenden vermittelt. Diese 
Phantasie ist eine Funktion des Spieltriebs. Der aber findet auf 
seiten des Aufnehmenden in keiner anderen Kunst ein auch nur 



368 Willy Bardas 



annähernd gleich großes Feld zur Betätigung wie in der Musik. 
Alle anderen Künste erfordern zwar vom Schaffenden ein weit 
höheres Maß von intellektueller Phantasie, wirken aber durch diese 
zum Kunstwerke krystallisierten Gegebenheiten einengend auf die 
Phantasie des Empfangenden. In der Musik aber ist die individuelle 
Phantasie des Hörers in keiner Weise durch den Intellekt auf 
bestimmte Bahnen festgelegt. Vielmehr ist die Aufnahme des Ge= 
hörten ein gedankenfreier, nur gefühlsbetonter Vorgang und das 
Gehörte nur ein zum Gefühl potenziertes Geschehen, eine Allegorie, 
ein Gleichnis des Erlebens, und zwar eines solchen Erlebens, welches 
erst vermöge der eigensten Veranlagung des Hörers, durch dessen 
Gefühlsfähigkeit und ohne jede intellektuelle Beteiligung, eine innere 
Wahrheit empfängt. So wird das Phantasiespiel des Hörers im 
wahrsten Sinne eine schöpferisdie Tätigkeit. Dies aber gibt ihm ein 
gesteigertes, unmittelbareres Lebensgefühl,- denn er wird produktiv 
auch in der Rezeption des Gehörten und so geradezu selbst zum 
schaffenden Künstler des eigenen Genusses. 

Was ist nun aber der Stoff, aus dem die musikalisch=indivi= 
duelle Phantasie des Hörers mitschafft? — Da ihr jede Spezifikation 
des sogenannten »Inhaltes« eines Musikstückes fehlt, kann es sich 
hier nur um die allgemeinsten Empfindungen handeln, die bereits 
erörtert wurden/ um Angst und Freude, Lust und LInlust, und je 
nach Art der Konflikte unseres Trieblebens mit der Umwelt, aus 
denen sie resultieren, um Siegesfreude, Todeswehmut, Haß oder Liebe, 

Es erübrigt sich, des näheren auf die Gattung »Programm^ 
musik« einzugehen, die den Inhalt, im Gegensatz zur reinen Musik, 
von vornherein spezialisiert. Denn es wird keinem Widerspruch be* 
gegnen, wenn behauptet wird, daß die absolute Musik die höher 
stehende ist, und daß gerade die Programmlosigkeit das eigenste 
Wesen der Tonkunst ausmacht. Man kann somit die Programm= 
musik aus diesen Betrachtungen ausschalten, da sie eine Misdi= 
gattung ist. 

Daß die im ersten Teil dieser Ausführungen besprochenen 
Fundamente der Kunst überhaupt uns beim Genuß nicht mit be= 
grifflicher Klarheit vorschweben, beweist nur, daß das Spiel unserer 
mitschaffenden Phantasie in den Tiefen unterbewußten Lebens vor 
sich geht. Der Einwand, es müßten, wenn die genannten Triebe 
tatsächlich die wahren Fundamente wären, beim Anhören eines 
Tonstückes auch tatsächlich Assoziationen des Lebenskampfes oder 
geschlechterproblematische Gedanken in uns wachgerufen werden, 
wird schon durch die bereits genannte Tatsache widerlegt, daß die 
Musik jedes intellektuellen Inhalts entbehrt. Folglich fehlt jedes 
Moment, das eine Assoziation in dieser Richtung auslösen könnte. 
Ebensowenig denken wir ja beim Anblick eines architektonischen 
Kunstwerkes an das Problem des Schutzes gegen klimatische Ver= 
hältnisse, auf dem die Baukunst basiert. Und hier könnte man doch 
die beiden Begriffe »Bau« und »Kunst« wenigstens theoretisdi 



Zur Problematik der Musik 369 



trennen, um zu behaupten, daß nicht jedes »Gebaute« auch »Kunst« 
sei, also ästhetische Werte besitzen müsse,- und man könnte darauf» 
hin folgern, daß ein kunstloser« Bau denkbar wäre, der also das 
Problem »Klimaschutz« assoziativ wachrufen könnte, weil keine 
»Kunst« die Assoziation durch Ästhetik verhindere, während das 
Problem erst bei einem kunstvollen« Bau, vermöge ästhetischer 
Verhüllung, nicht mehr ins Bewußtsein gelange. Aber auch diese 
Behauptung fiele vor der Tatsache, daß wir zwar bewußt und mit 
Absicht etwas tun können, was unserem eigenen besseren Geschmack, 
unserem Schönheitsempfinden, unserer Ästhetik direkt widerspricht 
<was wir aber voraussichtlich nur aus bestimmten Gründen, wenn 
überhaupt, tun würden), daß wir aber instinktiv niemals ohne eine uns 
gemäße Schönheitsform, also geschmacklos, kunstlos, ästhetiklos 
schatten können. Denn wir können diesen Teil unseres Wesens so 
wenig verleugnen, wie einen anderen. Es ist also auch nicht unserem 
iirmessen anheimgestellt, etwas zu bauen, was noch bestimmte 
Assoziationen wachruft, oder etwas anderes, wo dies nicht mehr 
der Fall ist. Denn die Wurzeln der Ästhetik liegen zwar in der 
Zwedcdienlichkeit des Geschaffenen und sind insoweit absolut. Allein 
sie sind problematisch, weil sie wandelbar sind je nach den Voraus» 
Setzungen, unter denen das Problem gelöst werden soll. Gleich» 
zeitig aber ist die Ästhetik, weil wir ihrer unbewußt nie entraten 
können, symptomatisch für unser Wesen. Und da dieses ein Resultat 
von Ineb und Hemmung ist, um nicht zu sagen von Natur und 
Kultur, so ergibt sich daß auch eine Verkettung unseres ästhetischen 
Ümphndens mit der Triebhaftigkeit unseres Kunstschaffens bestehen 
muß. Inwieweit wir dessen bewußt zu werden vermögen, wenn wir 
wollen, ja ob es überhaupt möglich ist, den Zusammenhang im 
einzelnen noch zu erkennen, tut der Tatsache keinen Abbruch. 

Und um nun zur Musik zurüdtzukehren, bei der, wie gezeigt 
worden ist, Assoziationen auf rein musikalischer Basis, also ohne 
Programm, gar nicht entstehen können: In Ermanglung dieser 
Assoziationsmöglichkeit sind wir bei der Musik nicht in der Lage 
uns der Symptome unseres Trieblebens beim Genuß bewußt zu 
werden. Denn es fehlt uns in ihr, um es nochmals hervorzuheben, 
das greifbare intellektuelle Erlebnis, dessen Transposition ins Ir» 
rationale, dessen Schein uns diese Kunst bieten könnte. Wir be» 
sitzen in ihr nur die sich neben einem fiktiven Erlebnis fort» 
spinnende Gefühlsprojektion von etwas Unbegreifbarem, Unspezifi» 
ziertem. Allgemeinem, auf unsere Empfmdungsfähigkeit. 

Weil es sich aber in der Kunst um jene Urprobleme handelt, 
von denen im ersten Teil dieser Ausführungen die Rede war, deshalb 
• fT° e ' n Mitk!in S en unseres Gefühls überhaupt erfolgt <und 
ein solches ist die gedankenfreie Versunkenheit des musikhörenden 
Menschen), dieses Mitklingen des Gefühls sich gleichfalls auf jene 
allerursprünglichsten Probleme beziehen. Freilich kommt uns ihre 
primitivste Gestalt nicht mehr zu Bewußtsein, denn mit der kulturellen 

Imago V/5-6 24 



370 Willy Bardas 



Steigerung der Kunst verhüllt sich ihr problematischer Kern immer 
mehr, und in den uns gegenwärtigen Verästlungen des Baumes der 
Entwicklung lebt kaum eine Ahnung dessen, was einst die Kraft 
zum Wachstum der Wurzel gab. In unser Bewußtsein also ragt 
beim Kunstgenuß weder der Selbsterhaltungstrieb, noch, als besondere 
Form desselben, der Geschlechtstrieb hinein. Aber die Gefühle, von 
denen jene begleitet waren, sind dieselben geblieben. Und wie der 
Schatten unzertrennlich am Körperlichen haftet, so ist auch das 
Gefühlsleben fest verkettet mit den ursprünglichen Erregern und 
daher in diesem Falle mit den Kernproblemen der Kunst. Mit der 
innersten Faser unseres Wesens sind wir noch heute Triebmenschen, 
denn die treibenden Kräfte, Haß und Liebe, Kampf und Geschlecht, 
sind die gleichen geblieben. Und wo wir aller Bindungen an das 
gegenwärtige Sein beraubt werden, wo uns irgend etwas die Be» 
wußtheit unserer Zeitlichkeit benimmt, da versinken wir in die Un=» 
tiefen der Gewesenheit, wo unser eigenes Denken nur mehr als 
dämmerhafte Ahnung schlummert und wo die unbekannte Herkunft 
uns mit allem Lebenden zur Einheit verschmilzt. 

Dieses Versinken in die Tiefen des Unbewußten und diese 
Lösung aller Bindungen unserer Gegenwärtigkeit vollbringt aber 
die Musik direkter als jede andere Kunst, weil sie von Anfang an 
durch Ausschaltung des Intellekts alle Brücken zu unserer eigenen 
Umwelt abbricht. Und dies im besonderen, ganz abgesehen von der 
Verknüpfung jeder Kunst mit den Hauptproblemen des Lebens, ist 
der Grund, weshalb sie in jedem einzelnen Menschen Widerhall 
findet, unabhängig davon, ob er spezifisch musikalisch ist oder nicht, 
und welche bewußte Beziehung zur Musik ihm seine individuelle 
Veranlagung sonst noch gewährt 

Man darf nach all dem Gesagten annehmen, daß der Musik, 
als der intellektfreien Kunst des Gefühls, der Geschlechtstrieb am 
nächsten verwandt ist. Denn er ist die Form unseres Trieblebens, 
in welcher dasselbe gleichfalls als reines Gefühlsleben zum Aus» 
druck kommt. 

Bedarf es eines weiteren Fingerzeiges für diesen Zusammen* 
hang, so sei hier noch kurz auf den Tanz verwiesen. Denn der 
Tanz, die Kunstform der Erotik, kennt unter allen Künsten als 
Begleitung nur die Musik. Lind darin liegt eine tiefe Beziehung: 
Musik begleitet, aber sie verdeutlicht nicht. Nun liegt es unserem 
sittlichen Empfinden sehr am Herzen, über Geschlechtliches Diskretion 
zu bewahren. Jeden Verstoß gegen diese instinktive Forderung 
empfinden wir in den verschiedenen Abstufungen als Frivolität, 
Zynismus, Unsittlichkeit. In demselben Maße nun, in dem der Tanz 
hier indiskret wird, weil er Verschwiegenes und für jeden Person* 
liches zum Ausdruck bringt, in demselben Maße wirkt die Musik, 
obgleich sie sich dieser ihr durch das Gefühl verwandten Kunst 
beigesellt, im Sinne unserer instinktiven Diskretion. Denn sie ver* 
hüllt mit begrifflosem Gefühlsausdruck jenes Plus an Deutlichkeit, 



Zur Problematik der Musik 



371 



das den Tanz kennzeichnet. Sie wahrt das Geheimnis, das jener 
preiszugeben neigt, sie verallgemeinert, was jener zu spezialisieren 
strebt, und sie gibt in schweigendem Einverständnis zu, was jener 
deutlich bejaht. In willigem und fähigem Anschmiegen an jede Regung 
des Tanzes bleibt die Musik dennoch stets vielsagend stumm: Da 
sie nidit die Sprache der Dinge redet, wird sie nie indiskret,- weil 
sie aber Naturlaut ist, bleibt sie allen vernehmlich. 




24 



372 Dr. Otto Rank 



Das Volksepos. 

Psychologische Beiträge zu seiner Entstehungsgeschichte 

von Dr. OTTO RANK. 

II 1 - 

Die dichterische Phantasiebildung. 

»Alle unsere Wünsche und heißen Triebe, die in 
Wahrheit uns in die Zukunft hinübertragen, suchen 
wir aus den Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher 
Erkennbarkeit zu gestalten, um so für sie die Form 
zu gewinnen, die ihnen die moderne Gegenwart nicht 
verschaffen kann.« Richard Wagner. 

Das Wesen des poetischen Schaffens ist — trotz einzelner ver« 
heißender Einblidte — psychologisch noch so ungeklärt, daß 
es scheinen könnte, wir vertauschten eine historisch unlösbare 
Schwierigkeit mit einem individualpsychologisch ungelösten Problem, 
wenn wir versuchen, zum Verständnis des Volksepos von der dichte* 
rischen Phantasiebildung her vorzudringen. 

Bisher mußte nicht nur die Ästhetik mit ihrer begrenzten Problem 
matik und Methodik in der Erkenntnis der poetischen Schöpfung und 
Wirkung letzten Endes versagen, sondern auch die schließlich als Hilfs» 
Wissenschaft beigezogene Psychologie hat, soweit sie sich in der Be» 
Schreibung von Bewußtseinsinhalten erschöpft, nicht minder enttäuscht. 
Die Psychoanalyse hat zwar, von der Pathologie her, den wenig 
durchschauten wesentlichen Anteil der unbewußten Phantasiebildung 
grell beleuchtet, vermochte es jedoch in dem an mancherlei Unfaß- 
barkeiten grenzenden Bereich der Kunst nur zu vereinzelten Ein» 
sichten in den komplizierten Vorgang der dichterischen Produktion zu 
bringen, die noch zu keiner abschließenden Darstellung gediehen sind 2 . 

Immerhin hat die Analyse des menschlichen Phantasielebens 
schon jetzt einige fundamentale Tatsachen sichergestellt, deren Kenntnis 
uns endgültig vor Mißverständnissen und Fehlgriffen ähnlicher Art 
zu bewahren vermag, wie wir sie in dem jahrhundertelangen Streit 
um das Volksepos ebenso hartnäckig bekämpft wie festgehalten sehen, 
Haben einsichtige Forscher längst davor gewarnt, die poetische Leistung 
nach den Regeln einer spitzfindigen Logik zu beurteilen, der selbst 
wenige philosophische Systeme standhielten, so verstärkt die Psycho* 
analyse dieses Argument durch den Nachweis der Abstammung der 
Phantasien aus dem Unbewußten, das nach seinen eigenen, dem 

1 Siehe »Imago« V/3 <bes. Anmerkung S. 137). 

2 Vgl. nebst den vereinzelten grundlegenden Hinweisen von Freud des Ver= 
fassers Arbeiten: »Der Künstler«, 2. und 3. erweiterte Auflage, Wien und Leipzig 
1918, und »Das Inzest»Motiv in Dichtung und Sage«, Wien und Leipzig 1912. 



Das Volksepos II 373 



Bewußtsein fremden Gesetzen arbeitet. Lange Zeiten hindurch wollte 
man sogar einer »naiven« Poesie die unveräußerlichen Vorrechte 
unserer hochentwickelten Kunstübung absprechen, und hat sich erst 
spät besonnen, daß kein echter Künstler der skrupellosen Ausnützung 
des momentanen künstlerischen Effekts auf Kosten der Logik, Wahr« 
scheinlichkeit und Psychologie je aus dem Wege gegangen wäre. Um 
wie viel mehr gilt dies für die aus dem ungehemmten Affekt quellende 
begeisterte Schöpfung des Sängers, der seine Hörer in einen ähnlich 
erregten Zustand versetzt weiß! Dabei sehen wir zunächst ganz ab 
vom Inhalt der dichterischen Phantasie, der durch Anlage und Erleb* 
nisse bestimmt, von »Dichtung und Wahrheit« gestaltet, sich der 
Analyse leicht zugänglich erweist und durch Zurückführung auf das 
verwendete Rohmaterial ein erstes Verständnis mancher Eigenheiten 
künstlerischen Schaffens und Genießens eröffnet. Eine weitere, irr 
diesem Zusammenhang gleichfalls auszuschaltende Quelle unseres 
Verständnisses fließt aus dem lehrreichen Studium der eigentlichen 
poetischen Technik, die der Umwandlung des seelischen Rohstoffes in 
das formgerechte und für das Publikum genußreiche Kunstwerk dient. 
Die hochkomplizierten Probleme der dichterischen Phantasie« 
bildung sind nur zu verstehen, wenn es uns gelungen ist, das Wesen 
der allgemein=menschlichen Phantasietätigkeit überhaupt in seiner 
seelischen Bedeutung zu erfassen. Nun sind gerade die allgemeinsten 
und durchgängigsten Arten, in denen sich das menschliche Phantasie« 
leben entfaltet, von der Psychoanalyse am eingehendsten studiert und 
am vollständigsten aufgeklärt worden: zunächst der Tagtraum und 
der nächtliche Traum. Besonders der erste ist so charakteristisch, 
daß man ihn geradezu als Prototyp des Phantasierens aufgefaßt und 
durch den Namen »Phantasie« schlechtweg gekennzeichnet hat. Das 
Tagträumen ist eine so allgemeine Erscheinung, daß wir für die 
weitere Untersuchung an sein Verständnis anknüpfen wollen, das 
uns durch die analytischen Forschungen Freuds vermittelt worden 
ist. An Stelle eines Beispieles, das jeder leicht aus eigener Erfahrung 
beisteuern kann, stehe hier die simple Formel dieser naiven Phantasie» 
bildung, die unter dem Einfluß von Entbehrungen, Befürchtungen 
und daran knüpfenden Wünschen der Gegenwart das Bild einer 
Zukunft gestaltet, welche diese Wünsche erfüllt. Dieser einfache 
psychologische Tatbestand hat sich jedoch bei näherer Analyse gegen« 
über dem wirklichen Vorgang der Phantasiebildung als nicht völlig 
zureichend erwiesen. Bei Erforschung der unbewußten Phantasien, 
und insbesondere derer, welche die Grundlage der nächtlichen 
Träume abgeben, fand nämlich Freud, daß die Vergangenheit 
einen mitbestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der Zukunfts- 
phantasie hat. Der Mensch greift in die frühen Zeiten seiner Ver« 
gangenheit zurück, in denen jene Wünsche noch erfüllt waren und 
trägt Züge von ihnen in die Zukunftsphantasie ein. Er wünscht 
dann eigentlich, es möge in der Zukunft wieder so sein, wie es 
einst in der Vergangenheit war. 



374 Dr. Otto Rank 



So schwebt die Phantasie nadi der Formulierung Freuds 
»gleidisam zwischen drei Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres 
Vorstellens. Die seelische Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, 
einen Anlaß in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen 
Wünsche der Person zu wecken, greift von da aus auf die Erinnerung 
eines früheren, meist infantilen Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch 
erfüllt war, und schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation, 
welche sich als die Erfüllung jenes Wunsches darstellt, eben den 
Tagtraum oder die Phantasie, die nun die Spuren ihrer Herkunft vom 
Anlaß und von der Erinnerung an sich trägt. Also Vergangenes, 
Gegenwärtiges, Zukünftiges wie an der Schnur des durchlaufenden 
Wunsches aneinandergereiht.« 

Um das Verständnis der Modifikationen und Komplikationen 
zu erleichtern, welche dieser relativ simpelste Fall des Phantasierens 
im Verlaufe unserer Untersuchung erfahren wird, sei es gestattet, 
ihn mittels einer kleinen schematischen Skizze anschaulich zu machen: 



Tagtraum; 




Pfeile bezeichnen die Richtung, die der Wunsch <Bedürfnis, Sehnsucht) nimmt. 

Die Dreizeitigkeit, die in ihrer reinsten Form — geradezu 
paradigmatisch — den Tagtraum beherrscht, läßt sich auch im nacht« 
liehen Traum deutlich erkennen und verfolgen/ nur wird zum Unter« 
schied vom Tagtraum die zukunftgestaltende Wunscherfüllung — infolge 
der Eigentümlichkeiten der Traumbildung — regelmäßig als gegen« 
wärtig dargestellt und empfunden, was beim Tagtraum zwar auch 
häufig, aber keineswegs Bedingung ist,- denn oft genug wird auch 
im wachen Tagtraum die erwünschte Zukunft so intensiv gestaltet, 
daß sie als gegenwärtig und so unmittelbar anstatt der unbefriedi« 
genden Realität empfunden wird: die Zukunft erscheint dem Tag« 
träumer an die Stelle der Gegenwart gesetzt, ' fällt gewissermaßen 
mit ihr zusammen. Das ist nun die Regel im nächtlichen Traum, in 
dem die Gegenwart durch die Tagesreste, als die eigentlichen Traum« 
erreger, vertreten ist, während im Tagtraum die durch das Wach« 
bewußtsein stets festgehaltene Gegenwart mit der Zukunft in eins 
verschmilzt. Die Tagesphantasie liefert also ein Ergebnis, das in die 
Zukunft deutet, der Nachttraum ein Ergebnis, das als Gegen« 
wart genommen wird, wenngleich es eine durch die Vergangenheit 
bestimmte Zukunft ist und auch von der populären Deutung regel« 



Das Volksepos II 375 



mäßig auf die Zukunft bezogen wird. Beiden gemeinsam aber ist die 
Tendenz nadi vorwärts, die auch die dichterische Phantasiebildung 
zu beherrschen scheint. Den reinen Typus des Tagträumens hat 
Freud beim Studium des der neurotischen Symptombitdung voran* 
gehenden Phantasierens als bedeutsam für die literarischen Pro* 
duktionen des Romandichters erkannt <»Der Dichter und das 
Phantasieren«), wobei es dann gleichgültig ist, ob er den Stoff in 
Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft verlegt. Der Dramatiker 
wieder lehnt sich mehr an die traummäßige Gegenwartsdarstellung 
und »Wirkung, ja er reproduziert in der visuellen und kinematischen 
Technik direkt den Charakter des nächtlichen Träumens. 

Für das Epos wird jedoch ein weiterer, gleichfalls von Freud 
durchschauter Typus des Phantasierens bedeutsam, jener, der zur 
Bildung der Kindheitserinnerungen des Individuums führt. Nach 
langjährigem vertieften Studium des von den Erwachsenen aus ihrer 
oft überraschend frühen Kinderzeit Erinnerten stellte sich das uner* 
wartete Ergebnis ein, daß die Menschen keineswegs das von ihrem 
Kindererleben erinnern, was sie selbst glauben und zu wissen 
vorgeben. Die Psychoanalyse konnte vielmehr zeigen, daß die 
meisten und wichtigsten Kindheitserinnerungen vom Halbwüchsigen 
in den Jahren der Vbrpubertät »gemacht« und dabei einem kompli* 
zierten Ümarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher nach Freud 
»der Sagenbildung eines Volkes über seine Urgeschichte 
durchaus analog ist«. Unter dem Einfluß von Wünschen und 
Absichten, welche diese Zeit beherrschen, wird aus dem ganzen 
Gebiete der Kindheitseindrücke dasjenige herausgegriffen, was diesen 
Absichten entspricht, nur dies wird als bewußte Erinnerung vom 
Gedächtnis festgehalten, das andere verfällt der sogenannten infan* 
tilen Amnesie, Dabei kann das Material, das so ausgewählt 
wurde, in zweckdienlicher, aber ziemlich freier Weise umgearbeitet 
und neu angeordnet werden. Als Ergebnis kann sich schließlich 
herausstellen, daß viele der angeblichen Kindheitserinnerungen histo= 
risch unwahr sind, wenngleich sie aus echtem Erinnerungsstoff 
bestehen. 

Im Bemühen, die fest zusammengearbeiteten Fäden dieser 
Phantasiegespinste voneinander zu lösen, hat Freud die entscheid 
denden Kriterien zur Sonderung der verschiedenen Schichten des 
Materials erkannt. Vor allem dürfen wir uns nach ihm die Produkte 
dieser phantasierenden Tätigkeit »nicht als starr und unveränderlich 
vorstellen. Sie schmiegen sich vielmehr den wechselnden Lebens* 
eindrücken an, verändern sich mit jeder Schwankung der Lebens* 
läge, empfangen von jedem wirksamen neuen Eindruck eine söge* 
nannte Zeitmarke«, welche die jeweilige Gegenwart repräsentiert. 
Der Satz von der Bildung der »Kindheitserinnerungen« in der Zeit 
der Vorpubertät ist ferner nicht so zu verstehen, als hätte das Indi* 
viduum die Freiheit, sich nun eine beliebig genehme Vergangenheit 
zu phantasieren. Es ist dabei vielmehr streng an seine eigenen 



Erinnerungsspuren gebunden, von deren unverträglichem Charakter 
die Phantasiebildung ja geradezu den Anstoß erhält, und die sie 
nur zu mildern, zu verhüllen, zu überarbeiten vermag. Auf der 
andern Seite bestimmt die Gegenwart mit ihren erreichten Zielen 
und dem Grad ihrer Ansprüche die Phantasiebildung ebenso unaus» 
weichlich, so daß die vom infantilen Stoff ausgeübte Anziehung und 
die von dem Aktuellen geforderte Anpassung in gleichem Maße 
zusammenwirken. 

_ Anläßlich der Analyse dieses Umarbeitungsprozesses, dem die 
Erinnerungsbrocken bei Überführung in das zusammenhängende 
Erinnerungsbild unterliegen, lernte man auch die Motive kennen, 
die das Individuum unbewußterweise zur phantastischen Aus* 
schmückung seiner Vergangenheit nötigen. Sie lassen sich leicht ver» 
stehen, wenn man erfahren hat, wie sehr sich der heranwachsende- 
Mensdi seiner kindlichen Einstellungen und Betätigungen zu schämen 
pflegt, wie die Erinnerung daran sein nadi Festigung ringendes 
Selbstgefühl stört und wie er, »ein richtiger Geschichtsschreiber, 
die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart erblicken will«. So 
tragen die in einer späteren Periode gestalteten »Dichtungen« über 
die Urzeit alle Zeichen einer entstellenden und beschönigenden Zurecht» 
rückung der Tatsachen an sich, die bis zur völligen Umwertung der 
anstößigen historischen Wahrheit in ihren Wunschgegensatz gehen 
kann. Diesen Entstellungsprozeß, dem eine peinlich gewordene Ver» 
gangenheit beim Rückblick aus der Gegenwart notwendig unterworfen 
wird, zu durchschauen und rückgängig zu machen, ist die wichtigste 
Voratissetzung zum Verständnis der individuellen Erinnerungsbildung. 
Diese geht also nicht wie der Tagtraum von einer Unzufrieden« 
heit mit der Gegenwart, sondern von einer solchen mit der Vergangen» 
heit aus,- ebenso zielt sie — gleichfalls zum Unterschied vom Tagtraum 
— ihrer Natur nach in die Vergangenheit, ist also rückwärts» 
gewendet, und erschöpft ihre wunschbildende Tendenz in der 
Idealisierung der Vergangenheit wie die Tagträume in der 
Schöpfung einer besseren Zukunft. In dem Effekt, etwas anderes 
an Stelle des Wirklichen zu versetzen, treffen aber beide Typen 
menschlicher Phantasiebildung zusammen, deren Material auch beide 
j xT° n der UnausIös & Iic hkeit der Kindheitseindrücke bestimmt 
wird. Nur verwertet der Tagtraum das wunschgemäße Kindheits» 
matenal unmittelbar als zukunftsbildenden Faktor, während die 
Erinnerungsbildung die mit dem erwachsenden Ich unverträglichen 
Infantilerfahrungen abweist, um sie durch ichgerechtere zu ersetzen. 
Im wesentlichen ist also die Erinnerungsbildung ein rückwärts» 
gewandtes Phantasieren, dessen Ergebnis in die Vergangenheit ver» 
setzt wird und selbst eine andere reale Vergangenheit ersetzt, 
wahrend der Tagträumer seine reale Gegenwart durch eine andere 
psychologische Gegenwart ersetzt. Das oben gegebene Schema des 
lagtraumes erfährt also bei der Erinnerungsbildung eine bedeut- 
same Modifikation: 



Das Volksepos II 



377 



Erinnerungsbildung: 




Die Zukunftswünsche des Mensdien werden dabei in die Ver- 
gangenheit geworfen, während der Tagträumer sie in die Gegenwart 
stellt. Im Tagtraum macht der Mensch seine Vergangenheit zur Zu= 
kunft, bei der Erinnerungsbildung macht er seine Zukunft zur Ver- 
gangenheit. Beim Tagträumen ist das Motiv die Unzufriedenheit mit 
der Gegenwart — bei befriedigender Vergangenheit — , bei der Er* 
innerungsbildung die Unzufriedenheit mit der Vergangenheit — bei 
befriedigender Gegenwart. Eine volle Entsprechung ist natürlich nicht 
zu erwarten, da die Vergangenheit immer ihre Bedeutung behält, 
während die unbestimmte Zukunft nie eine eigene hat und sich beim 
Tagtraum an die Vergangenheit, bei der Erinnerungsbildung an die 
Gegenwart anlehnt. 

Wollen wir uns der Deutlichkeit wegen entschließen, die Zeit 
in weldier die gebildete Phantasie spielt, als Darstellungszeit zu' 
bezeidinen, so ergibt sich für das Schema der Erinnerungsbildun? 
nachstehende ergänzende Korrektur: ^ 




j e $£ sidltIidl lst ' fälIt aIso bei der individuellen Erinnerungs* 
bildung die Darstellungszeit nahezu mit der Vergangenheit zusammen 
wie die Gegenwart mit der hier wenig betonten Zukunft, die an* 
scheinend überhaupt fehlt. Dabei bildet das Individuum aus der 
Darstellungszeit eine neue Wunschvergangenheit, die zwar nicht 
immer zeitlich, wohl aber psychologisch zwischen der eigentlichen 
Vergangenheit und der Gegenwart steht, während die Zukunft mit 
der Gegenwart in eins verschmilzt. Im Grunde genommen ent* 
sprechen jedoch diese Phantasiebildungen über die Kindheit eigentlich 
den Zukunftswünschen des Individuums, die aber mittels einer eigen* 
artigen Rochade in die neue Vergangenheit geworfen werden. 
Es ergeben sich also hier manifest zwei Vergangenheiten — die reale 
und die psychologische — wie im Nachttraum die zwei entsprechen* 
den Gegenwarten, und beide Male steckt in der jeweils doublierten 
Zeit die wunschgemäß phantasierte Zukunft. 



378 Dr. Otto Rank 



Nachdem wir so die psychologischen Gesetze und Mechanismen 
der Haupttypen menschlichen Phantasierens festgestellt und schematisch 
erläutert haben, dürfen wir erwarten, auf prinzipiell ähnliche Vor= 
gänge bei der dichterischen Phantasiegestaltung und insbesondere bei 
der mit der Erinnerungsbildung nahverwandten Epenschöpfung zu 
stoßen. Allerdings müssen wir darauf vorbereitet sein, noch andere 
Schemata des Phantasierens in der Dichtung aufzufinden, die sich 
aber mit mehr oder weniger bedeutenderen Modifikationen wahr- 
scheinlich alle auf den Tagtraum und das ihm zugrundeliegende ein» 
fache Dreizeitenschema zurückführbar erweisen dürften. 

Ehe wir die entwickelten Gesichtspunkte an dem durchsich« 
tigen Beispiel eines Volksepos zum Verständnis seines historischen 
Werdens und dessen seelischen Motiven erproben, soll an einigen 
diarakteristischen und darum besonders lehrreichen individuellen 
Dichtungen aufgezeigt werden, wie sich die Wirkung des der dichte« 
rischen Phantasie immanenten Gesetzes von den drei Zeiten auf den 
Stoff und seine poetische Gestaltung äußert. 

Die folgenden drei Beispiele sind so gewählt und angeordnet, 
daß der mit seiner dunklen mythischen Quelle der epischen Urzeit 
am nächsten kommende Stoff von Shakespeares »Macbeth« 
zuletzt besprochen wird, das auf historischer Grundlage in deutlich 
tendenziöser Weise gestaltete Drama Kleists »Die Hermann- 
schlacht« an zweiter Stelle steht, während die voll bewußt archai« 
sierenden und anachronisierenden Dichtungen von Macaulay voran* 
gestellt werden sollen, um so vom durchsichtigsten Fall der bewußt- 
überlegten Handhabung des Dreizeitenschemas zu dem völlig im Unbe- 
kannten verlaufenden Vorgang der Epenbildung eine übersehbare 
Kette zu bilden. 

1, Macaulays »Lays of ancient Rome«. 

Macaulays altrömische Heldenlieder sind für unsere Unter« 
suchung deshalb so lehrreich, weil sich in ihnen eine vollbewußte artefi« 
zielle Nachbildung desjenigen Kunstmittels verrät, das Freud als imma= 
nentes Gesetz der unbewußten dichterischen Phantasiebildung zuschreibt. 

In einer den Gedichten vorausgeschickten Einleitung gibt der 
große englische Historiker, der hier als Poet auftritt, Nachricht über 
Entstehung und Absicht dieser sonderbaren Dichtungen. Gestützt 
auf die Auffassung des Perizonius, insbesondere aber Niebuhrs, 
von der fabelhaften römischen Geschichte als Abkömmling früh ver* 
lorener epischer Dichtung, hat Macaulay es unternommen, dieser 
scharfsinnigen Hypothese dadurch Anschaulichkeit zu verleihen, daß 
er den Weg dieser Entwicklung alter Balladen in Geschichte in um= 
gekehrter Richtung ging, »d. h. einige Teile der älteren römischen 
Geschichte wieder in die Dichtung umzuwandeln, aus der sie enfc» 
standen« 1 . Die geistreiche und taktvolle Art, mit der ihm dies in 

1 Alle Zitate nach der Übersetzung in Reclams Universalbibliothek, 



Das Volksepos II 



379 






Anlehnung an bewährte epische Vorbilder gelungen ist, spricht eben= 
sosehr für seinen weit= und tiefreichenden historischen Blich, wie für 
seine poetische Begabung. Uns soll jedoch hier nur der eigenartige zeit» 
liehe Standpunkt beschäftigen, den der Wiederhersteller alter römU 
scher Balladendichtung als moderner Engländer des neunzehnten 
Jahrhunderts einzunehmen hatte. Macaulay sagt darüber in der 
Einleitung: »In den folgenden Dichtungen spricht der Ver» 
fasser nicht von seinem Standpunkte aus, sondern von 
dem der alten Sänger, die nur das kennen, was ein römi= 
scher Bürger, drei- oder vierhundert Jahre vor dem christ* 
liehen Zeitalter geboren, mutmaßlich gekannt hat, und die 
keineswegs über den Leidenschaften und Vorurteilen ihrer Zeit und 
ihres Volkes stehen. Diesen fingierten Dichtern muß man 
einige Irrtümer zuschreiben ... In Wahrheit wäre es ein Irrtum 
gewesen, diese alten Dichter als tiefbewandert in der alten Geschichte 
und chronologischer Genauigkeit beflissen erscheinen zu lassen.« 

Unter dieser Voraussetzung besingt der Dichter die Überlieferung 
von Horatius Cocles, der durch seine heldenhafte Verteidigung der 
Tiberbrücke Rom vor der Einnahme durch Lars Porsena und seine 
Verbündeten rettete,- ferner die Schlacht am See Regillus, in der die 
mythischen Heroen Kastor und Pollux auf Seiten der Römer den 
Sieg erfochten haben sollen,- dann die Ermordung der durch die 
Gelüste des tyrannischen Appius Claudius gefährdeten Virginia von 
der Hand ihres Vaters und endlich die Weissagung des Capys, 
welche dem Romulus die Gründung der ewigen Stadt aufträgt. Der 
Dichter, den neben seinem historischen Interesse noch politische und 
persönliche Motive seiner englischen Aktualzeit zu der Gleichstellung 
seines demokratischen London mit dem Bürgertum Roms veranlaßten, 
stellt sich auf den Standpunkt eines römischen Balladendichters, 
der 300 bis 400 Jahre v. Chr. Vorgänge der römischen Urzeit 
besingt. Der gegenwärtige Dichter läßt einen vergangenen Stoff durch 
einen <fiktiven> alten Dichter darstellen, wobei die Darstellungszeit 
mit der alten Gegenwart zusammenfällt. Es handelt sich also hier 
um eine bewußterweise rückgreifende Art des Phantasierens, bei der sich 
der merkwürdige Fall von zwei Gegenwarten herstellt, während die 
Darstellungszeit als eine Art »Mitvergangenheit« erscheint. 



Macaulay: 



Sröm.Gg. modGg. 
7a *? 




(Zukunftswunsch) 



Diese Komplikation des Schemas, in dem der Hauptakzent 
auf den Anlässen zur Dichtung liegt, wird dadurch wettgemacht, 
daß auf dem Wege der artifiziellen Epenschöpfung der alte Dichter 



380 Dr. Otto Rank 



eine überdeutliche Unterstreichung seiner Zukunftstendenz verrät, die 
für den modernen auch schon der Vergangenheit angehört. Die Zu« 
kunft wird hier so glorreich gestaltet wie die Vergangenheit es war 
und die Tatsache einer ruhmreichen Vergangenheit — im Gegensatz 
zu der zu verdrängenden bei der Erinnerungsbildung — ermöglicht 
ohne die Nötigung zur Korrektur eine bloße Verschiebung des Ver- 
gangenheitsmaterials aus der »Urzeit« in die »Darstellungszeit«. 

Außerdem zeichnet sich dieser Fall noch durch die feine Moti* 
vierung der fingierten Anlässe zu den Dichtungen aus, welche den trei< 
benden Faktor und die drei Zeiten innerhalb der römischen Periode 
selbst andeutet. So soll beispielsweise das Heldenlied von Horatius 
um das Jahr 360 nach Gründung der Stadt gedichtet sein, also 
»etwa 120 Jahre nach dem Kriege, den es feiert, und unmittel» 
bar vor der Eroberung Roms durch die Gallier«. Mit diesem Hin= 
weis gibt Macaulay zu verstehen, daß der Anlaß zur Dichtung 
Beziehungen zu ihrem Stoff aufweisen muß, und daß sich der Sänger 
darum so leicht aus der Gegenwart direkt in die Urzeit versetzen 
kann, weil die Situation der bedrohten Vaterstadt die gleiche ist 
und er die stärksten Motive hat, seine Volksgenossen durch Ver^ 
herrlichung der edlen Rettungstat zu gleich kühner Gegenwehr an« 
zuspornen 1 . 



1 Ein ganz ähnliches Beispiel von bewußter Archäisierung, das überdies 
mit Homer in Verbindung gebracht wurde, findet sidi schon im Altertume selbst, 
in den Gedichten des Tyrtäos, die Beziehungen zur altjonischen Elegie aufweisen, 
welche ihrerseits wieder Spuren in der Uias hinterlassen haben soll. Nach Mülder 
<Homer und die altjonische Elegie. Progr. Hildesheim 1906) tritt der militärisch und 
politisch lehrhafte Charakter der Elegie an mehreren Stellen der Ilias hervor. Ja, 
Mülder will sogar eine Beziehung zwischen den Worten herstellen/ mit denen Priamos 
den Sohn vom Kampf zurückzuhalten sucht und denen, durch die Tyrtäos <X, 21 ff.) 
das Heer zum Kampfe anspornt <X, 71 ff.>. Mülder weist darauf hin, daß der 
ganze Plan der Ilias einer Periode angehöre, deren Kampfesweise von der des 
ritterlichen Zeitalters, das einst den Heldengesang erzeugt hatte, wesentlich ver» 
schieden war, dagegen mit derjenigen übereinstimme, die in der jonischen Elegie 
vorausgesetzt wird. Die Dichtungen, namentlich Kampflieder des Tyrtäos haben 
die Kämpfe um Sparta zum Gegenstand und zeigen nach Cauer (Grundfragen 
der Homerkritik, 2. Aufl., S. 530) einen Mangel an bestimmtem historischen Hinter-* 
grund,- sie erweisen sich als Fiktionen, bei deren Schöpfung ein alter Bestand joni« 
scher Poesie verwertet scheint. Wie Eduard Schwartz <Hermes 34, 1899, S. 428 ff.) 
gezeigt hat, sind sie in Athen zur Zeit des peleponnesischen Krieges entstanden 
und nur einem Spartaner in den Mund gelegt. Die spätere Spannung zwischen 
Athen und Sparta erscheint hier auf die frühere Zeit des sogenannten zweiten 
messenischen Krieges (Ende des siebenten vorchristlichen Jahrhunderts) übertragen. 
Wilamowitz (Textgeschichte der griech. Lyriker, Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss. 
phil. Kl., N. F. IV, Nr. 3, 1900, S. 97 ff.) hat nun erkannt,- daß der in den Nach- 
dichtungen des Tyrtäos verwendete alte Kram zur politischen und militärischen 
Lage Spartas um 650 paßt und dieses Zusammentreffen war wohl der Anlaß für 
den Dichter, die alten Gesänge wieder aufzufrischen (zu aktualisieren). Den per» 
sönlichen Anlaß für den Dichter vermutet Wilamowitz darin, daß Tyrtäos, der 
Dorer, der spartanische Krieger zum Kampfe gegen die abgefallenen Messenier 
führte, sich für die Lieder, mit denen er sie zum Kampfe ermunterte, der Formen 
jonischer Dichtung bediente. Daß sich an Tyrtäos, ähnlich wie an Homer, die Legende 
vom lahmen Schulmeister heftete, sei nur der Merkwürdigkeit wegen erwähnt. 



Das Volksepos II 381 



In ähnlicher, wenn auch nicht überall so scharf pointierter Weise 
tritt der Gegenwartsanlaß zur poetischen Schöpfung in der fiktiven 
Dichtung Macaulays hervor, der aber nicht — wie wir das vom 
modernen' Dichter gewohnt sind — rein persönlicher Natur, sondern 
allgemeiner und der Gesamtheit näheigehend gedacht ist. Dadurch 
aber, daß sich der eigentliche Dichter völlig hinter dem fingierten 
verliert, ist uns das Interesse zur Aufspürung des persönlichen An» 
lasses für den wirklichen Sänger und der Tendenz, der seine geschieht» 
liehe Verkleidung dienen soll, entzogen. Dieser Seite des Themas wollen 
wir daher im nächsten Beispiele besondere Aufmerksamkeit schenken, 

2. Kleists »Hermannschlacht«. 

In dieser von einem echten Künstler gestalteten reinen Tendenz» 
dichtung liegt der aktuelle Anlaß klar zutage. Es ist die durch die 
erfolgreichen napoleonischen Kriege geschaffene mißliche Lage 
Deutschlands, die — neben Motiven rein persönlicher Natur — 
»den unglücklichen Dichter der Liebe« <Siegen> in den patrioti» 
sehen Sänger des Hasses und der Rache verwandelt. 

Im Mai 1808 sehen wir den Schöpfer des »Käthchen von 
Heilbronn« sich für den Stoff der »Hermannschlacht« begeistern und 
in wenigen Monaten war das patriotische Drama vollendet. Kleists 
nationales Gefühl hatte sich vornehmlich am Haß gegen Napoleon, 
diesem »bösen Geist der Welt« entzündet, für den er aber auf der 
andern Seite als Verehrer des Genies ein Stück Bewunderung 
gewaltsam niederringen mußte <Meyer»Benfey, 291). Aus dieser 
persönlichen, psychoanalytisch gut verständlichen ambivalenten Ein» 
Stellung gegen den mächtigen Eroberer erklärt sich leicht, daß 
Kleists Groll den Höhepunkt erreichte, als Napoleon — nach 
der Zweikaiserzusammenkunft in Erfurt <27. September 1808) auf 
dem Gipfel seiner Macht stand. Zwar hatte der Dichter schon nach 
der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz <2. Dezember 1805) nur noch 
auf einen »schönen Untergang« gehofft,- aber erst nach der für 
Preußen so unglücklichen Doppelschlacht von Jena und Auerstädt 
<14. Oktober 1806) bricht seine Wut gegen den Anstifter alles 
Übels, den »glüdgekrönten Abenteuerer« los. Aus Königsberg 
schreibt er an seine Schwester: »Wir sind die unterjochten Völker 
der Römer. Es ist auf eine Ausplünderung von Europa abgesehen 
. . . doch wer weiß, wie es die Vorsehung lenkt.« Doch erst in 
der allgemeinen Ermunterung, die im Laufe des Jahres 1808 ein» 
trat und in den Hoffnungen auf ein Zusammenwirken Preußens 
und Österreichs gipfelte, wurde der Dichter mitgerissen und befähigt, 
»dem deutschen Volke und seinen Fürsten im Spiegel der Ver» 
gangenheit zu zeigen, was die Gegenwart von ihnen verlange: treues 
Zusammenhalten im Kampfe gegen den Unterdrücker Napoleon, denn 
diesen und die Franzosen meint er, wo er Varus und die Römer 
nennt« <Siegen, LXXXVI). 



382 Dr. Otto Rank 



Die Dichtung wurde vom Mai bis Dezember 1808 vollendet, 
in einer Zeit also nach den schweren Schicksalsschlägen der letzten 
Jahre und vor einem erneuten Aufschwünge, der auch einen neuen 
Befreier Germaniens erhoffen ließ. Aber der Dichter war der Ent- 
Wicklung der Dinge, wie so oft, vorausgeeilt und sein begeisterter 
Ruf fand zunächst taube Ohren, so daß Kleist der Handschrift, die 
wegen der deutlichen Anspielungen auf die Zeitverhältnisse nicht ge=< 
druckt werden konnte, das resignierende Motto voranstellte: 

Wehe, mein Vaterland, dir! die Leier zum Ruhm dir zu schlagen, 
Ist, getreu dir im Schoß, mir, deinem Dichter, verwehrt. 

Als 1813 das neugeordnete Deutschland auf Grund des Bündnisses 
mit Österreich und der durch Scharnhorst eingeführten allgemeinen 
Wehrpflicht den großen und mit der Völkerschlacht bei Leipzig ge= 
krönten Freiheitskampf eröffnet hatte, war der durch den Mund des 
Dichters prophezeite Traum der Erfüllung nahe. Aber erst nach dem 
Siege von 1870/71, als das nun auch innerlich geeinigte Deutsch» 
land mächtig dastand und alles erfüllt war, was der Dichter aus 
der Fülle der Not herbeigewünscht hatte, war die Zeit für die 
Aufnahme des Werkes im Volke gekommen. <Eine gelegentliche Auf- 
führung zum fünfzigsten Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig — ■ 
am 18. Oktober 1863 — blieb ohne nachhaltigen Eindruck.) »Der 
Jubel über den Zusammenbruch und das geeinte Vaterland, das in 
einer neueren Dichtung nicht ausgesprochen war, fand sich in diesem 
Werk wieder« <Brahm>, das so gewissermaßen wie aufs neue ge» 
schaffen wirkte, trotzdem der Dichter darin ganz in seiner gegen- 
wärtigen Zeit steht, aus der er auf die noch von den Nebeln der 
Mythe umschattete Vorzeit zurückgreift, in der Germanien das Jodi 
der Römer abgeschüttelt hatte. 

Mit Recht hat die literarhistorische Kritik gefunden, daß der 
altbeliebte Stoff und besonders die Art seiner Behandlung durch 
Kleist, die sich grundsätzlich von der seiner zahlreichen Vorgänger 
unterscheidet, viel mehr epischer als dramatischer Natur ist,- ja, 
daß der Befreiungskrieg im Teutoburgerwald überhaupt der dramati- 
schen Behandlung widerstrebe <Khull, Meyer»Benfey, Ortner, Julian 
Schmidt). Meyer=Benfey, der ausdrücklich sagt, daß solche Völker» 
kämpfe der bevorzugte Gegenstand des alten heroischen Epos seien, 
glaubt, der Dichter habe nur der eindringlichen Wirkung wegen die 
dramatische Form gewählt. Dem scheint aber die Tatsache zu wider» 
sprechen, daß es Kleist, der wie kein zweiter als der geborene Dramatiker 
gelten darf, nicht gelungen ist, das Undramatische des Stoffes zu be» 
wältigen ,- sein richtiger poetischer Instinkt hat ihm vielmehr die Ver» 
Wendung epischer Darstellungsmittel nahegelegt: so vermißt 
man die Entwicklung der Hauptcharaktere aus den verschiedenen 
Situationen, das Gegenspiel, die Schürzung und Lösung des tragi» 
sehen Konfliktes,- dagegen herrscht eine Retardation vor, die der 
Held ständig bewirkt und das Stüdc bewegt sich in den Formen 



Das Volksepos II 383 



epischer Fortführung statt dramatischer Steigerung. Damit steht die 
für das Epos bezeichnende Freiheit, namentlich in den zeitlichen 
Verhältnissen, im Einklang. Es finden sich in dem Stücke massenhaft 
Unstimmigkeiten, historische, chronologische, technische Verstöße, die 
man dem Dichter einerseits übel angemerkt hat, während man ander* 
seits gerade in dieser genialischen Unbekümmertheit um Daten und 
Dokumente den gewaltigen Vorsprung Kleists vor den früheren 
pedantischen Bearbeitern desselben Stoffes erblickte <Hutten, Lohen« 
stein, Elias Schlegel, Moser, Ayrenhoff, Klopstock, Fouque, Grabbe, 
Körner). 

In der »Hermannschlacht« will der Dichter eine Darstellung 
der gegenwärtigen Verhältnisse im Spiegel der damit auffällig ahn« 
liehen germanischen Urzeit geben und modernisiert rücksichtslos das 
Alte, das auf die aktuelle Tendenz zugeschnitten werden soll. So 
spricht er von einem gesamten Reich Germaniens und seinen Staaten 
zu einer Zeit, wo es nur einzelne Völkerschaften gab, und verrät 
damit, »daß die Gestalt, in der er Germanien erblickt, in den großen 
Zügen durch die politischen Zustände seines Deutschland bedingt ist« 
<Brahm>. Ähnlich widerspricht auch die Beiziehung Marbods, des 
Suevenfürsten, als Verbündeten Hermanns, den historischen Tat« 
Sachen,- aber der Dichter brauchte eine Verkörperung für den aktuellen 
österreichischen Bundesgenossen, während er auf der andern Seite in 
den eigenmächtigen kleinen Fürsten die Herrscher von Napoleons 
Gnaden, den »hündischen Rheinbundgeist« gezeichnet hat, wie er 
»treffender gar nicht geschildert werden kann« <Brahm, 327). Auch 
mit der zeitlichen Verschiebung von Ereignissen verfährt der Dichter 
seinen Zwecken gemäß und läßt gegen jede chronologische Möglich= 
keit den Hermann an der Schlacht des Ariovist teilnehmen, mit der 
die Eroberung Deutschlands begann und die doch siebenundsechzig 
Jahre vor der Teutoburgerschlachr, im Jahre 58 v. Chr., stattgefunden 
hatte. »Eine vertraute, lange gehegte Vorstellung war es ihm, Ver« 
gangenheit und Gegenwart so in eins zu sehen . . . So schildert er 
zugleich mit dem Befreier Germaniens, den neuen Hermann, den er 
für das Vaterland sich herbeiwünscht. Wie einst der Dichter der,Emilia 
Galotti' italienische Zustände darstellte und an deutsche dachte, denkt 
Kleist bei seinen alten Germanen fort und fort an die neuen. Von 
denen, die vor ihm und nach ihm den Stoff behandelt hatten . , . ist er 
schon durch diese Grundstimmung verschieden,- und die Freiheit, mit der 
er wiederum Zeiten und Vorstellungskreise durcheinandergemischt hat, 
führt hier zu ganz neuen und großen Wirkungen« <Brahm>. 

So hat hier der mächtige aktuelle Anlaß und die alles beherr- 
schende persönliche Zukunftstendenz der Dichtung eine weitere Modi« 
fikation des Schemas bewirkt, die uns die Kleistsche Dichtung als 
klassisches Beispiel einer Rochade erscheinen läßt, insofern der Zu« 
kunftswunsch, dessen individuelle Affektbetonung in den gleichsinnigen 
Volkshoffnungen eine mächtige Resonanz findet, ganz in die Ver« 
gangenheit geworfen wird, die auch mit der Darstellungszeit zu- 



384 



Dr. Otto Rank 



»Hermannschlacht«: 




sammenfälft, wie im Falle der Erinnerungsbildung. "Während es sich 
jedoch dort um eine unbefriedigende Vergangenheit handelt, die 
korrigiert werden soll, und bei der Macaulayschen Epenbildung um 
eine glorreiche, die unverändert in die Zukunftsabsicht übernommen 
werden kann, dient hier die ziemlich indifferente Vergangenheit zur 
Beeinflussung der Zukunft/ dabei tritt aber auch eine teilweise Er« 
Setzung der wirklichen Vergangenheit durch eine — verbesserte — 
fiktive ein. Dieser Fall zeigt mit besonderer Deutlichkeit, wie hinter 
der kollektiven Sehnsucht die individuelle das treibende Moment ist 
und wie das von Tacitus überlieferte Bild der vorhistorischen Urzeit 
zugunsten eines individuellen urzeitlichen Kernes abgestoßen wird, 
dessen Überwiegen die volksmäßige <epische) Einfühlung zurücktreten 
läßt, wenn das individuell-infantile Material nicht zufällig so aus- 
gezeichnet zu dem urzeitlich-mythischen Kern paßt, wie in Shake- 
speares »Macbeth«, dem wir uns nun zuwenden wollen. 

3. Shakespeares »Macbeth«. 

In dieser großartigen, echt dramatischen Schöpfung ist außer dem 
aktuellen Anlaß und der historischen Darstellungszeit, auf die er 
zurückweist, auch der eine ferne Urzeit repräsentierende mythische 
Stoff deutlich erkennbar, und neben diesen gegebenen Quellen die 
persönlichen und inneren Motive des Dichters so mächtig vordringend 
und von so großer psychologischer Bedeutung, daß unser beson- 
deres Interesse an dieser wiederholt analysierten Dichtung Shake- 
speares in diesem Zusammenhang gerechfertigt erscheint. 

Der äußere Anstoß, dem das Stüdc oder mindestens der 
Zeitpunkt seiner Konzeption zugeschrieben wird, ist die Krönung 
Jakobs VI. von Schottland, der nach dem Tode der Elisabeth 
<24. März 1603) als Jakob I. zum erstenmal die Königreiche 
von England und Schottland unter einem Zepter vereinigte <20. Ok- 
tober 1604). Der neue Herrscher, der in seiner Person die alt- 
verfeindeten Reiche zunächst äußerlich zu einem einheitlichen Staate 
zusammenfügte, wurde vom Volke mit großen Erwartungen und 
Hoffnungen auf eine friedliche und glückliche Zukunft begrüßt. Unter 
den zahlreichen Huldigungsdichtungen, die dem König bei seinem 
Einzüge dargebracht wurden (Brandes, S. 588), ragt das Drama 
von Macbeth, wie begreiflich, weniger durch seine aufdringliche 
lendenz wie seines tiefen menschlichen und künstlerischen Gehaltes 



Das Volksepos II 385 



wegen hervor, obwohl gerade Shakespeare als Haupt der vom 
Konig bevorzugten und ausgezeichneten Theatertruppe mehr Grund 
zur Anbringung von Schmeicheleien gehabt hätte, als die meisten 
anderen Gelegenheitspoeten. Trotzdem sind die Anspielungen auf 
das eine neue Periode der englischen Geschichte eröffnende Ereignis 
zu deutlich, als daß es noch der beigebrachten äußeren Zeugnisse 
bedürfte <Darmesteter>, um die Entstehungszeit des Stückes nicht 
allzulange nach der Krönungsfeier anzusetzen. Daß mit dem Regierungs- 
antritt Jakobs die schottische Geschichte in England »modern« wurde, 
ist leicht begreiflich, und daß der Dichter, der nach Brandes' Ver= 
mutung bereits drei Jahre vorher von der schottischen Landschaft 
und Sagenwelt nachhaltige Eindrücke erfahren hatte, eben den Stoff 
des Macbeth wählte, erklärt sich — abgesehen von der seelischen 
Grundstimmung, die er mit dem unmittelbar vorhergehenden »Hamlet« 
gemeinsam hat <Brandes, S. 592 ff.) — aus den Beziehungen auf die 
aktuelle politische Situation, die sich durch leichte Modifikationen 
verstärken ließen. So wird verständlich, daß dem neuen König 
auch unabhängig von Shakespeare mit der Macbethgeschichte ge= 
huldigt wurde: wie bei einem gelegentlichen Besuche in Oxford <1605> 
von den Studenten <Darmesteter, LXVI), von Warner in »Albions 
England« <1606> und von Slatyer in seinem »Palae albion« <Kroeger>, 
Das Geschlecht der Stuarts, dem Jakob angehörte, führten einzelne 
Chronisten bis in die sagenhafte Zeit Duncans zurück, wo sich die 
ganze schottische Geschichte in mythisches Dunkel verliert,- damit 
bot sich diese — an der Grenze von Sage und Historie stehende — 
Periode von selbst zur Verherrlichung des königlichen Stammhauses 
dar. Banquo, der nach Shakespeares Quelle, der Chronik Holinsheds, 
an der Ermordung Duncans mitschuldig war, wird vom Dichter 
entlastet, um dem König einen tadellosen Stammvater vorzuführen, 
ja, er wird selbst von Macbeth aus dem Wege geräumt und sein 
Sohn Fleance, der dem Anschlage entkommt, wird zum Träger des 
Geschlechts. Die Hexen lassen dann auch die acht von Banquo 
gefolgten Könige auftreten, die bis zu Shakespeares Tagen aus dem 
Hausfe Stuart regiert hatten, und einige, »die zwei Reichsäpfel und 
drei Zepter tragen«, spielen direkt auf die kurz vor der Auf- 
führung erfolgte Vereinigung der Königreiche England und Schott- 
land und deren Verbindung mit Irland an <Darmesteter, LXI, 
Brandes, 600). Und der Ausgang des Stückes ist — ähnlich wie 
in »Richard III.« und »Hamlet« — eine heitere Perspektive in die 
Zukunft nach einer Zeit voll Mord und Greuel, wie ja auch Jakob 
mit den besten Hoffnungen auf ein neues friedliches Zeitalter begrüßt 
wurde. Ein weiteres Kompliment für den König ist die Einführung 
des schottischen Edelmannes Lenox, aus dessen Hause Heinrich 
Darnley, der Gemahl der Mary Stuart und Vater Jakobs, stammte: 
es mußte dem König schmeicheln, wenn hier sein Ahn von Vater- 
seite in der Rettung des Vaterlandes eine führende Rolle spielte 
<Kroeger, 204). Eine Huldigung für den Herrscher bedeutet auch 

Iraago V/5-6 25 



386 Dr. Otto Rank 



die Erzählung des Arztes bei Shakespeare <IV, 3> von der Wunder- 
gäbe der plötzlichen Heilung und Prophezeiung, welche die englischen 
Könige einander zum Segen ihres Volkes hinterließen. Auch sonst 
finden sich vereinzelte Anspielungen, die der Dichter aus seiner Zeit 
in die Darstellung der alten Ereignisse einfließen ließ. 

Die wirklichen, dem Stücke zugrunde liegenden historischen 
Begebenheiten um das Jahr 1040 — aus der von uns so genannten 
»Darstellungszeit« — sind infolge mangelhafter und durch die Chro- 
nisten sagenhaft ausgeschmückter Überlieferung nur in den knappsten 
Umrissen festzustellen, aber auch als dem Dichter wahrscheinlich un- 
bekannt, von keinem weiteren Interesse. Den zwischen seiner Quelle 
(Holinshed) und den tatsächlichen Ereignissen liegenden Prozeß der 
sagenhaften Ausgestaltung hat Kroeger in seiner eminent fleißigen 
Arbeit Schritt für Schritt verfolgt und dabei ihren kunstmäßig 
tendenziösen Ausbau im Gegensatz zu den allen großen epischen 
Dichtungen zugrunde liegenden Volkssagen hervorgehoben, »bei denen 
der historische Kern in jahrhundertelanger Entwicklung vom Volke 
unbewußt, gleichsam im geheimen, bereichert wurde« <S. 225). 

Schon die ersten ausführlichen Darstellungen der Geschichte 
Macbeths, etwa drei Jahrhunderte nach den historischen Ereignissen, 
weichen vielfach von der geschichtlichen Treue ab, und die weitere Ent- 
wicklung des Stoffes hat die in ihm liegenden poetischen Motive und 
tragischen Verwicklungen so kräftig herausgearbeitet, daß der Dichter, 
der darin starke Anlehnung an seine persönlichen Konflikte und Hoff- 
nungen fand, sie unverändert seinem reichen dramatischen Aufbau 
zugrunde legen konnte und so gleichsam zum Mitschuldigen an 
dieser Geschichtsfälschung wurde. Historisch ist nur die Ermordung 
Duncans durch Macbeth im Jahre 1040,- aber der Mord erscheint hier 
in viel milderem Lichte, da alte Blutschuld zwischen den Familien 
Duncans und Macbeths schwebte,- dieser den König auch nicht als 
Gast bei sich im Hause tötete 1 , sondern als Feind in offener Feld- 
schlacht und außerdem durch seine Heirat mit der Gruach ein größeres 
Anrecht auf den Thron erworben hatte. Lady Macbeth war nämlich 
die Enkelin des regierenden Königs Duff gewesen, der von Malcolm IL, 
dem Großvater Duncans, erschlagen worden war,- ihr einziger Bruder 

1 Der Macbeth von der Sage zur Last gelegte Mißbrauch des Gastrechtes 
bei Ermordung des Königs soll nadi Brandes (S. 601> eine Parallele im Leben 
Jakobs gehabt haben : »Wie Macbeth, da er als Wirt den König Duncan behausen 
soll, ihm zu seiner Burg voranreitet, so war Alexander Ruthren, sobald der König 
ihm seinen Besuch zugesagt hatte, vor James nach Perth geritten. Er war gedanken= 
voll und zerstreut bei dem Bankett, das er dem König gab, wie man sich Macbeth 
bei der festlichen Mahlzeit vorstellen muß, die er für Duncan hat herrichten lassen. 
Und Alexander geleitete James zu dem Zimmer, wo er ihn zu ermorden versuchte, 
wie Macbeth seinen König zu dem Sdilafzimmer führt, das er lebend nidit mehr 
verlassen wird.« Alle Einzelheiten der Mordszene entnimmt der Dichter Holinsheds 
Schilderung vom Tode König Duffs, der vom Befehlshaber der Burg Forres über- 
fallen wird und wobei audi die Lady, die in den Chroniken eine sehr große Rolle 
spielt, zu der ihr vom Dichter verliehenen Bedeutung gelangt, da der Mörder 
»durch Worte seiner Frau zu der Untat aufgehetzt worden war« ! 



Das Volfcsepos II 387 



wurde auf Malcolms Befehl ermordet und audi ihr erster Gatte hatte 
ein gewaltsames Ende gefunden 1 . Aber audi Macbeths Vater selbst 
verlor im Kampfe mit seinem Neffen Malcolm das Leben. So war 
also Macbeth trotz der entfernten Verwandtschaft mit Duncan — 
bei Shakespeare heißen sie noch Vettern — berechtigt, für sich und 
sein Weib Blutrache zu üben und die usurpierte Herrschaft an sich 
zu reißen. Er soll auch gerecht und milde regiert haben und das 
schottische Volk hat noch lange an die goldenen Tage unter Macbeth 
gedacht, während die Chronisten ihn zum feigen, blutgierigen Tyrannen 
machten. 

Es scheint sich hier das besonders aus der antiken Überlieferung 
geläufige Beispiel zu wiederholen, daß auf eine bedeutende historische 
Persönlichkeit ein mythischer Charakter gepfropft wird. Diesen erklärt 
Simrock aus alten gottesdienstlichen Gebräuchen, welche die Germanen 
am Maifeste übten, um die Eroberung des Winters durch den Frühling 
zu symbolisieren. Am 1. Mai zog alles in feierlichem Zuge in den 
Wald, den Sommer einzuholen, der vom Maigrafen oder Maikönig 
dargestellt wurde. Dieser wählte sich nach dem Sieg über den Winter 
eine Gemahlin, die Maikönigin, und alles schmückte sich darauf mit 
abgehauenen Zweigen der Bäume, so daß es bei der Rückkehr schien, 
als käme ein ganzer Wald gegangen. Aus diesem »Mairitt« oder 
Sommerempfang leitet Simrock die Sage vom wandelnden Wald ab, 
die sich auch in der hessischen Überlieferung vom König Grunewald 
findet 2 , und er weist darauf hin, daß dem Dichter das Motiv des 
Kampfes zwischen Sommer und Winter nicht fremd war: schon in 
seinem frühesten Lustspiel »Verlorene Liebesmüh« hat er es ver» 
wendet,- der in der Walpurgisnacht spielende »Mittsommernachts» 
träum« gehört ganz hieher und in einem seiner letzten Werke, dem 
»Wintermärchen« klingt es wieder deutlich an <IV, 3). 

Auch von diesem mystischen Kern aus führen wieder Fäden 
zu den persönlichen Anlässen und Motiven des Dichters, die ihn zur 
dramatischen Gestaltung dieses Stoffes drängten und von denen wir 
mindestens die wichtigsten kurz hervorheben wollen. Das Jahr 1601 
bildet mit dem »Hamlet« einen auffälligen Wendepunkt im Leben 

1 Nach Wintouns Chronik durch Macbeth, der in ihm seinen Oheim erschlagen 
hatte und dessen Frau dann heiratete. Vgl. die Beziehungen zum Hamletstoff. 

»Es ist von Interesse, daß Kroeger <S. 86> die auf den HawaWnseln 
heimische Htnasage, eine Art Ilias, als verwandt mit der Sage vom wandelnden 
Wald anführt und auf die Ansicht eines Forschers verweist, der den zur Einnahme 
der Stadt Haupu von den Belagerern erhauten »wandernden Wall« als Mittel» 
und Bindeglied zwischen dem wandelnden Wald und dem hölzernen Pferd von 
Troja bezeichnet. Über das Vorkommen der Motive vom »wandelnden Wald« 
und dem nicht vom Weibe Geborenen in der serbischen Volkskunde sprach im 
Jahre 1915 der serbische Forscher Prof. Popovitsch von der Universität Bei« 
grad in der Londoner Shakespeare Association <vgl. »Vossische Zeitung« vom 
25. Jänner 1916) und verwies dabei auf die anglizistische Forscherin Mrs. C. Hopes, 
die darauf aufmerksam gemacht hat, daß die Männer von Kent sich auch der Zweige 
bedienten, als sie bei der normannischen Eroberung Wilhelm den Eroberer be» 
kämpften. 

25« 



388 Dr. Otto Rank 



und Schaffen des Dichters, den Freud aus dem Tod von Shake* 
speares Vater und den sich daranschließenden Gefühlsreaktionen 
psychologisch verständlich gemacht hat. Daß »Macbeth« der gleichen 
Stimmung entstammt, wird schon rein äußerlich durch einen von Brandes 
<S. 595) charakterisierten Umstand angedeutet: »Nur in diesen Dramen 
kehren die Toten aus ihren Gräbern zurück, um auf der Bühne des 
Lebens aufzutreten,- nur in ihnen dringt ein Hauch aus der Geisterwelt 
in die Athmosphäre der Lebenden. Weder in Othello noch in Lear 
kommt etwas Ähnliches vor.« — Beide Helden, vom Schicksal zu einer 
großen Tat bestimmt, leiden unter Selbstvorwürfen und Gewissens« 
quälen: Hamlet vor der Tat — Macbeth nachher, und in beiden 
Fällen handelt es sich um den Mord eines Verwandten, der dem 
Mörder den Platz des Vorgängers sichern soll. In beiden Dramen 
wird aber der tragische Konflikt durch den Tod des Vaters direkt 
ausgelöst: Im Hamlet überdeutlich, da seine vorausgegangene Er* 
mordung die ganze Handlung überschattet und treibt, im Macbeth 
nur nebenbei gestreift, aber von ebenso entscheidender Bedeutung 
für das Verständnis des Stückes. Denn die Handlung nimmt ihren 
Ausgang von der Weissagung der drei Schicksalsschwestern, die den 
Ehrgeiz des Feldherrn durch Begrüßung als Than von Glamis, 
Cawdor und endlich König anstacheln und durch die unerwartete 
Erfüllung der ersten Bedingungen ihm Hoffnung auf Erreichung der 
letzten, noch ausstehenden, machen. Unmittelbar nach dem Aus* 
sprach der Hexen wird Macbeth durch die Ernennung zum Than 
von Cawdor überrascht. Than von Glamis aber war er bereits, 
und zwar durch den in einer einzigen Zeile und auch da nur an* 
gedeuteten Tod seines Vaters: »Durch Sinels Tod zwar bin ich 
Than von Glamis.« <I, 3.) Hier liegt einer der Angelpunkte zur 
Erkenntnis des geheimen seelischen Mechanismus des Stückes: durch 
den Tod des Vaters werden seine ehrgeizigen Wünsche und die zu 
ihrer Erfüllung nötige Tatkraft erst frei. Bei Macbeth wird dies 
durch den äußeren Anlaß des Thronwechsels ermöglicht, indem der 
Dichter die persönlich notwendige innerliche Wandlung sozusagen 
unter dem Schutze der allgemeinen sozialen Wandlung mitmachen 
kann. Er identifiziert sich auf Grund des nicht weit zurückliegenden 
Todes seines eigenen Vaters mit dem neuen Herrscher <Vater>, setzt 
aber sogleich — eben im Drama — hinzu: wenn ich jetzt Nachfolger 
des Verstorbenen <des Vaters) würde, so hätte ich das Gefühl, meinen 
Vorgänger ermordet zu haben. Dieses bei Shakespeare dominierende 
Schuldgefühl 1 schafft das Motiv der »Vergeltungsfurcht«, d. h. der 
Furcht vor Nachkommenschaft, der auf der andern Seite Macbeths 
Wunsch nach einem Thronerben entgegensteht. Es ist nicht ohne 
Interesse, daß in der Quelle, die Holinshed einfach ausschrieb, in 
der Chronik des Hektar Boethius, dieses Motiv bereits angedeutet 
ist. Nach zehn Jahren gerechter Herrschaft verfällt Macbeth plötzlich 

1 Rank/ »Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage«. 1912. Kap. VI. 



Das Volksepos II 389 



wieder in seinen ursprünglichen bösen Charakter: »Die Furien regen 
ihn auf und flößen ihm die Furcht ein, man könnte ihm tun, wie 
er einem andern <nämiich Duncan) getan« und sein Argwohn 
wendet sich zunächst gegen Banquo und seinen Sohn Fieance, weil 
ihren Nachkommen die Krone versprochen ist <Kroeger, 113>. 

Dies Motiv der Furcht vor der heranwachsenden und auf 
ihre Rechte pochenden Jugend, das Ibsen in dem gleichfalls kinderlos 
gewordenen »Baumeister Solness« verkörpert hat, konnte in der 
mythischen Darstellung des festverschanzten Winterriesen, der dem 
heranrückenden Sommer weichen muß, eine naive Einkleidung finden. 
Der alte böse Geist wehrt sich nach Kräften, muß aber schließlich 
doch der unaufhaltsam vorrückenden grünen Jugend weichen, die 
das Hexenorakel durch ein »gekröntes Kind mit einem Baum in der 
Hand« ankündigen läßt. Und auch der vorhergehende Trostspruch 
des blutigen Kindes: »Dir schadet keiner, den ein Weib gebar«, soll 
diese Furcht bannen, indem er besagt; Dir wird kein Kind schaden. 
Zur Sicherheit muß jedoch die ganze junge Generation Macduffs 
sterben, der junge Siward stirbt, die Söhne Duncans flüchten und 
Fieance entkommt dem allgemeinen Kindermord nur als prophezeiter 
Stammvater der Stuarts. Aber indem ihm, wie den Söhnen Duncans, 
von Macbeth nachgesagt Wird, sie seien geflohen, weil sie ihre eigenen 
Väter ermordet hätten, deutet der Dichter das Motiv der Vergeltungs- 
furcht wieder an, dem zuliebe die in Banquos Sohn verkörperte junge 
Generation ausgerottet werden soll. Sein Neid gegen Banquo wurzelt 
darin, daß dieser wohl nicht selbst König wird, aber Könige zeugt, 
für die dann Macbeth all die Verbrechen auf sich gehäuft hätte. So 
liegt seine tragische Schuld in dem verzweifelten Ankämpfen gegen die 
Naturnotwendigkeit des Alterns und Abtretens zugunsten der Nach- 
kommenschaft und er bricht eigentlich daran zusammen, daß es ihm 
nur äußerlich gelingt, sich an die Stelle des Vaters <Königs> zu setzen, 
während er es zur wirklichen Vaterschaft nicht bringen kann. Hier 
mengen sich wieder starke persönliche Motive des bekanntlich selbst 
um einen früh verstorbenen Sohn namens Hamnet trauernden Dichters 
ein, die möglicherweise die unlösbaren Widersprüche des Stückes in 
bezug auf Macbeths Nachkommenschaft mitverschuldet haben könnten. 

Zu dem stark persönlichen und in dem widerspruchsvollen Ge= 
fühlsieben des Dichters verankerten individuellen Anteil an dem Haupt- 
thema des Dramas, der Kinderlosigkeit, den in der sagenhaften Über- 
lieferung gegebenen Unsicherheiten und den von aktuellen Ereignissen 
geforderten Modifikationen, tritt noch ein weiteres aktuelles Motiv, 
das man wahrscheinlich als das bewußt treibende ansehen darf. 
Königin Elisabeth, die der Dichter seit der 1601 erfolgten Verur- 
teilung seiner geliebten Gönner Southampton und Essex gehaßt 
hatte, war ja ohne Erben gestorben und hatte in letzter Stunde 
Jakob, den Sohn ihrer Todfeindin Maria Stuart, zum Nachfolger 
ernennen müssen. In welcher Weise dieses Verhältnis zu Elisabeth 
bestimmend auf die Gestaltung des Stoffes gewirkt haben mag, hat 



390 Dr. Otto Rank 



Freud in seiner Skizze Ȇber einige Charaktertypen aus der psycho* 
analytischen Arbeit« 1 zu verstehen gesucht. Die »jungfräuliche« Königin, 
von der ein Gerede wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen 
wäre, ein Kind zu gebären, und die sich einst bei der Nachricht von 
Jakobs Geburt im schmerzlichen Aufschrei als »einen dürren Stamm« 
bezeichnet hatte 2 , war gewiß mitbestimmend dafür gewesen, daß 
die Lady Macbeth des Stückes kinderlos bleiben mußte. Auch 
durfte Macbeth selbst, abgesehen von den entwickelten psycho* 
logischen Momenten und historischen Zeugnissen auch aus rein 
tendenziösen Gründen keine Kinder haben, wenn die aus Banquos 
Stamm hervorgegangenen Stuarts entsprechend verherrlicht werden 
sollten. »Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstration 
des Huches der Unfruchtbarkeit und der Segnungen der fortlaufenden 
Generation« <Freud>. Es scheint, daß der Dichter im Macbeth seiner 
Genugtuung über diese Bestrafung der Elisabeth an dem empfind* 
hdisten Punkte ihrer Weiblichkeit und Königswürde Ausdruck ver* 
leihen wollte. Die wegen ihrer Tyrannei längst unbeliebt gewordene 
Königin, die ähnlich dem grausamen Macbeth der Sage nicht ab- 
treten wollte, hatte das Vorbild dafür geliefert, wie man sich 
auf der Höhe der Macht der gefürchteten Rivalen und Günstlinge 
entledigt. Hatte sie doch — wie Macbeth — ihre Blutsverwandte 
und Gastin Maria Stuart beseitigen lassen, um schließlich infolge 
der eigenen Unfruchtbarkeit gezwungen zu sein, den Sohn ihrer 
lodfeindin das Erbe antreten zu lassen — ganz wie Macbeth 
Banquos Sohn Fleance. Dann hatte die Königin gerade in dem 
entscheidenden Wendepunkt in des Dichters Innenleben, 1601, — 
wenige Monate vor dem Tode von Shakespeares Vaters — seine 
beiden Freunde und Gönner Essex und Southampton hinrichten 
lassen Wie tief des Dichters Abneigung gegen Elisabeth bei ihrem 
I ode bereits Wurzel geschlagen haben muß, zeigt sich unter anderem 
darin, daß er in die zahlreichen poetischen Trauergesänge nicht ein« 
stimmte, ja, trotz Chettles ausdrücklicher Aufforderung keine Zeile 
zu ihrem Preise schrieb <Brandes, 350). Er hatte also auch von 
dieser Seite her besondere persönliche Gründe, in Jakob eine neue 
Zeit zu begrüßen. 

Gerade dieses starke Hervortreten der subjektiven und aktuellen 
Elemente, wie es in Shakespeares Macbeth <und auch im Kleistschen 
Drama) der Fall ist, scheint eine der Bedingungen zu sein, welche 
die Gestaltung eines historischen Stoffes zum Drama anstatt zum 
Epos ermöglichen. Wie bei der »Hermannschlacht« erfolgt auch im 

1 Imago IV, 1915—1916, Heft 6. 

2 Vgl. Macbeth <Akt III, Sz. 1): 

Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold, 
Ein dürres Zepter reichten sie der Faust, 
Daß es entgleite dann in fremde Hand, 
Da nicht mein Sohn mir nachfolgt .... 



Das Volksepos II 391 



Macbeth eine Rochade der Zukunft in die Vergangenheit, nur wird 
das Erhoffte hier nicht in die Urzeit, sondern in eine Mittelzeit 
geworfen, 

Macbeth: 




Wie das Schema zeigt, ist hier die Vergangenheit deutlich in 
die Urzeit und die »Mitvergangenheit« geschieden, ähnlich wie bei 
der Erinnerungsbildung, nur wird hier in die Darstellungszeit, die 
gleichsam einer Projektion der Zukunft entspricht, der (mythische) 
Stoff der Urzeit verarbeitet und so der Anschein von vier Zeiten 
erweckt, da durch diese aus besonderen Motiven erfolgende Rochade 
zwei Vergangenheiten geschaffen werden. 

Es kann uns im ganzen nicht überraschen, daß sich die Motive 
der individuellen Dichtung mannigfaltiger erwiesen haben als die 
der banalen Phantasiebildung aller Menschen. Bei der einzelnen, von 
der Überlieferung bewahrten Dichterpersönlichkeit wirken subjektive 
Tendenzen und die eigene — infantile — Vergangenheit als ver* 
stärkende, und oft genug die generellen Motive überdedtende Faktoren, 
während das Epos mit seiner aus der mythischen Kindheit des ganzen 
Volkes stammenden generellen Urzeit nach unserer Erwartung einen 
wesentlich einfacheren Mechanismus zeigen müßte. 

Das Grundgesetz vom dreizeitigen Charakter der Phantasie* 
bildung wird sich unserer Erwartung nach auch beim Epos auffinden 
und zu seinem Verständnis in ähnlicher Weise verwerten lassen wie 
bei den besprochenen Dichtungen, die sich zum »Volksepos« etwa 
so verhalten wie etwa Artifizielles zum Spontanen. Denn das der 
Phantasiebildung scheinbar immanente Gesetz ist — mag es nun in der 
Tendenzdichtung in bewußter Verwendung auftreten oder sich im 
Volksepos in seiner unbewußten Wirksamkeit entfalten — über alle 
äußerlichen Unstimmigkeiten erhaben und so mögen sich in der Epen* 
bildung all die Inkongruenzen hergestellt haben, an denen die Kritik 
mit Recht Anstoß genommen hat. 

Die unleugbaren Widersprüche und zeitlichen Abweichungen 
innerhalb des Epos selbst müssen daher nicht a priori spätere Zu* 
taten unverständiger Interpolatoren sein, die mit logischen, ästhe« 
tischen oder psychologisierenden Betrachtungen zu verstehen oder zu 
beseitigen wären, sondern verlangen nach einer genetischen Er« 
klärung, wie sie bereits Friedrich Schlegel angedeutet hatte in der 
Auffassung, daß der epische Dichter selbst »Vergangenheit, Gegen» 
wart und Zukunft miteinander verschmilzt«, was übrigens auch in 



392 Dr. Otto Rank 



der Sprache zum Ausdruck kommt, die alte und neue Ausdrücke 
nebeneinanderstellt und verschiedene Dialekte unbedenklich mischt. 
Das Epos stellt die Handlung, wie Schlegel ausführt, nicht als 
gegenwartig dar, es macht auf den Schein der Wirklichkeit keinen 
Anspruch. Hier seien Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ganz 
gleich Die Erzählung des Epikers gehe von einem zum andern 
ohne Zwang: Blicke in die Zukunft, Darstellungen der Unterwelt 
S f e l „ ebt ' ebenso wie Vor;S und Rückgriffe des Epikers. Das 
gleiche Prinzip offenbare sich auch im formalen Moment, indem die 
Erzählung in der Mitte anfange und das Vorhergehende nachtrage, 
wahrend es oft genug in der Mitte ende <»Gedanken über das 
i±pos«>. bo steht im Epos Gegenwärtiges, Vergangenes und Ur= 
zeitliches nebeneinander, gleichsam in eine Ebene projiziert und die 
mangelnde Einsicht in diese auf dem Gebiete der bildenden Kunst 
langst erkannten technischen Eigenheiten hat die Reihe von schweren 
Mißverständnissen, schiefen Auffassungen und haltlosen Theorien 
gezeitigt, die sich vergeblich bemüht haben, offenkundige Wider- 
spruche und Abweichungen im Inhalt des Epos durch Streichungen 
<Athetesen> und scharfsinnige Kommentierung zu beseitigen, wie die 
Alten, oder neuestens die Schwierigkeiten durch historische Auf« 
tassung zu umgehen und eine epische Schichtenbildung anzunehmen, 
die den mystischen Begriff eines vom Volk allmählich geschaffenen 
(jedichtes oder eine rein mechanische Zusammenkleisterung ver* 
schiedenwertigen Materials voraussetzt. Beide Auffassungen haben 
sich als unhaltbar herausgestellt, aber noch ist nichts Brauchbareres an 
ihre Stelle getreten. 



Das Volksepos II 393 



Literatur, 

Rr a a J?,. r° ! D w-n- ben cW nridl V0 ?K' ei ^. Neue Ausgabe, Berlin 1911. 
Krandes Georg: William Shakespeare. München 1896. 

hreud Sigm.: Der Dichter und das Phantasieren. Neue Revue I, 10. März 1908 
S 197 ff m! SammIung kIdner SArift en zur Neurosenlehre. 2. Folge, 

Freud Sigm.: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Jahrbuch für 
psychoanalytische Forschungen I 1909, S. 393, Anmerkung. Abgedruckt in: 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 

Freud Sigm-: Hur Psychopathologie des Alltagsleben. 

Freud Sigm.: Die Traumdeutung. 

Kleist Heinrich: Sämtliche Werke in 4 Bänden. Herausgegeben von Prof. 
Karl Siegen. Leipzig. O. J. (Hesses Klassiker.; 

Ion Ki^uf*- ° ie 1 ?oT n / a l ? ns<ilIadlt Für de " Schulgebrauch herausgegeben 
von Khull. Leipzig 1893. (Freytag.) 5 5 

Band"?""*' Herausgegeben von Stefan Wukadfnowic. Neuere Dichter. 

KI Mit p. d f r -i di: Hera ff5S eb c en von Ludwig Tieck. 2. Ausgabe. Berlin 1863. 

Mit iiinleitung von Julian Schmidt. 
Kroeger Emil: Die Sage von Macbeth. 1904 
Macaulay, Lord Thomas B.: Lays of Ancient Rome with Jovy and the 

Armada. Illustrated. London 1884. 
Macaulay, Lord Thomas B.: Aftrömische Heldenlieder. Deutsch von Harry 

v. Pilgnm. Reclams Universal=Bibliothek Nr 3974 
Meyer=Benfey R.: Das Drama Heinrich von Kleists. Band 2. Berlin 1911 
Urtner Heinrich: Bemerkungen zu Kleists Hermannschlacht. Programm ' des 

JNeuen Gymnasiums zu Regensburg 1894. 

Rank Otto: Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsychologie. Wien und 
Leipzig" iyu/, 

Ra ü k m£ ® a i Inz c e i tm ° tiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer Psychologie 
des dichterischen Schaffens. Leipzig und Wien 1912 

Witon P par r is : i887 Cbeth ' ^^^ dassique par JamesDarmesteter. Deuxieme 
Simrock: Handbuch der deutschen Mythologie. 4. Aufl. Bonn 1874 
bimrock: Die QueHen des Shakespeare. 2. Aufl. 1870. Band II, S. 257 ff. 

W D ? id 1 Ci a L^g ne i8^1-S S 0. an mdne FreUnde ' GeSamme ' te SAriften ™ d 




394 Dr, S. Ferenczi 



Zur Psychogenese der Mechanik. 

(Kritische Bemerkungen über eine Studie von Ernst Mach.) 
Von Dr. S. FERENCZI (Budapest). 

Der Psychoanalytiker, welcher der fast einmütigen Ablehnung 
seiner Erkenntnisse durch die in ihrer Seelenruhe gestörten 
Menschheit einen gewissen Fatalismus entgegenzusetzen gelernt 
hat, wird in großen Zeitabständen von gewissen Erfahrungen vorüber-» 
gehend aus dieser Stimmung aufgerüttelt. Während die tonangebenden 
Gelehrten unausgesetzt damit beschäftigt sind, unsere Wissenschaft 
zum soundsovielten Male zu vernichten und zu begraben, meldet sich 
bald aus dem fernsten Indien, bald aus Mexiko, Peru oder Australien 
ein einsamer Denker, Arzt oder Menschenbeobachter, und erklärt 
sich als Anhänger Freuds. Noch überraschender ist es, wenn es sich 
herausstellt, daß in unserer nächsten Nähe im stillen ein Psychoana- 
lytiker gearbeitet hat und mit dem jahrelang gesammelten psycho« 
analytischen Wissen plötzlich vor die Öffentlichkeit tritt. Am aller» 
seltensten kommt man aber in die Lage, in den Werken der aner- 
kannten Größen der heutigen Wissenschaft Spuren des psychoana- 
lytischen Einflusses oder einen Parallelismus ihrer Denkrichtung mit 
jener der Psychoanalytiker zu entdecken. 

Bei diesem Stande der Dinge wird es wohl jeder verzeihlich 
und verständlich finden, daß ich bei der Lektüre des Vorwortes 
von Ernst Machs Arbeit: »Kultur und Mechanik« 1 die, natür- 
lieh immer nur notgedrungene, und schwer zu ertragende fatalistische 
Einstellung für einen Moment wieder fallen ließ und mich der optimisti- 
sehen Idee hingab, in einem der bedeutendsten der jetzt lebenden 
Denker und Gelehrten 2 einen Gleichgesinnten begrüßen und verehren 
zu können. 

Meine — wie sich bald herausstellte — irrige Erwartung wird 
mir jeder Psychoanalytiker nachempfinden, der dieses Vorwort — 
dessen Inhalt ich hier zum Teile wiedergebe — liest. 

»In der Einleitung der 1883 erschienenen ,Mechanik' des Ver- 
fassers ist die Anschauung vertreten« — heißt es am Anfange des 
Vorwortes — »daß sich die Lehren der Mechanik aus den Erfahrungs- 
schätzen des Handwerks durch intellektuelle Läuterung ergeben haben.« 

»Es bot sich nun die Möglichkeit, noch einen Schritt weiter zu 
gehen, indem es meinem in frühester Kindheit mechanisch 
sehr veranlagten Sohne Ludwig auf meine Veranlassung ge- 
lang, durch immer neu einsetzende Erinnerungsversuche 
seine damalige Entwicklung mit vielen Einzelheiten im 
wesentlichen zu reproduzieren, wobei es sich zeigte, daß die 



1 Stuttgart, Verlag von W. Spemann, 1915. 

ä Seit der Niederschrift dieser Zeilen ist Ernst Mach gestorben. 



Zur Psychogenese der Mechanik 395 



gewaltigen, unauslöschlichen dynamischen Empfindungs- 
erfahrungen jener Zeit uns mit einem Male audi dem instink- 
tiven Ursprünge aller Behelfe, wie Werkzeuge, Waffen und 
Maschinen, naherücken.« 

*Y>°? f der Überzeugung geleitet, daß ein weiteres Verfolgen 
soldier Erfahrungen eine unvergleichliche Vertiefung der Ur- 
geschichte der Mechanik ermöglichen, außerdem aber audi nodi 
zur Begründung einer allgemeinen genetischen Technologie 
führen könnte, habe ich diese Studie als bescheidenen Schritt in dieser 
Richtung unternommen . , ,<\ 

In diesen Sätzen findet der Psychoanalytiker ihm längst ver- 
traute Ideen und geläufige Arbeitsweisen wieder. 
x- j. Di % eigentlichen Grundlagen eines hochzusammengesetzten psy- 
chischen Gebildes mittels »immer neu einsetzenden Erinnerungsver- 
suchen« aus primitiven abzuleiten und ihre Wurzel schließlich im in- 
fantilen Erleben zu finden, ist das Wesentliche an der psychoanalyti- 
schen Methode und ihr wichtigstes Ergebnis. Seit mehr als zwanzig 
Jahren wurde Freud nicht müde, diese Methode mit dem gleichen 
Ergebnis an den verschiedenartigsten psychischen Gebilden : an neuroti- 
sehen Symptomen der Kranken, an komplizierten psychischen Leistun- 
gen des Gesunden, ja auch an gewissen sozialen und künstlerischen 
Schöpfungen der Menschheit zu erproben. Einige Schüler Freuds 
veröffentlichten bereits sogar psychogenetische Theorien und Er- 
fahrungssätze, die auf das Spezialgebiet Mach s, die Entwicklung der 
Mechanik, einiges Licht werfen. 

In den einleitenden Sätzen Machs sind aber auch andere, 
bisher fast nur von der Psychoanalyse befürwortete oder zuerst von 
ihr ausdrücklich betonte Anschauungen subsumiert. Die Worte 
»unauslösdiiiche Empfindungserfahrungen der ersten Kindheit« klingen 
wie der Freudsche Satz von der Unzerstörbarkeit und Zeitlosigkeit 
des Infantilen und Unbewußten. Der Plan, die Urgeschichte der 
Mechanik statt durdi Ausgrabungen durch methodische genealogi- 
sche Untersuchungen des individuellen Seelenlebens zu fördern 
wiederholt nur die psychoanalytische These, wonach im Unbewußten 
des Erwachsenen nicht nur psychische Tendenzen und Inhalte der 
eigenen Kindheit, sondern auch solche der stammesgeschichtlichen 
Vorfahren nachzuweisen sind. Die Machsche Idee, die Kulturge- 
schichte der Menschheit — auf der Grundlage des biogenetischen 
Grundgesetzes — individualpsychologisch zu fördern, ist in der 
Psychoanalyse gang und gäbe. Ich verweise nur auf die epoche- 
machende Arbeit Freuds »Totem und Tabu« <1913>, in der das 
Wesen dieser bisher unerklärten sozialen Institutionen mit Hilfe 
individueller, bis auf die Kindheit zurüdtreichender Seelenanalysen 
dem Verständnis näher gebracht wurden 2 , 

1 Die Hervorhebungen stammen vom Referenten. 

2 Siehe auch die Arbeiten von Storfer <»Zur Sonderstellung des Vater* 
mordes«), die Arbeiten Sperbers über die Psychogenese der Sprache Gieses 



396 Dr. S Ferenczi 



Ich muß es gleich vorwegnehmen, daß meine Hoffnung, Mach 
hätte bei seinen Untersuchungen die Ergebnisse der Psychoanalyse 
benützt oder berücksichtigt, sich nicbt erfüllt hat. Es wird zwar nir= 
gends gesagt, welcher Art jene »immer neu einsetzenden Erinne« 
rungsversuche« waren, deren sich der Autor bediente,- weder der 
Hergang noch das Ergebnis dieses psychologischen Experimentes 
wird uns mitgeteilt, nur die Schlüsse, die" daraus gezogen werden 
konnten. Aber schon diese Schlüsse gestatten uns den Rückschluß, 
daß es sich einfach um wiederholte Anstrengungen handelte, das 
Vergangene durch bewußtes Hinlenken der Aufmerksamkeit zu 
erinnern. Ob und inwieweit dabei die — hier gewiß nicht unwirk- 
same, weil väterliche — Suggestion die Erinnerungswiderstände 
überwinden half — etwa im Sinne der ersten analytischen Ver« 
suche Freuds — erfahren wir nicht. Keineswegs scheint aber die 
freie Assoziation angewendet worden zu sein, das heißt die einzige 
Methode, die über alle affektiven Widerstände, die die infantile 
Amnesie verschulden, hinweghilft und die Vergangenheit fast restlos 
zu reproduzieren gestattet. Dementsprechend ist die affektive Deter* 
minierung der infantilen <und archaischen) mechanischen Entdeckungen 
in dieser Arbeit Machs nicht hinreichend gewürdigt und die Fort« 
schritte der Technik fast nur vom rationalistischen Standpunkte, als 
fortschreitende Entwicklung der Intelligenz beschrieben, 

Machs Auffassung über die Genese der ersten kindlichen und 
urzeitlichen Entdeckungen ist folgenden Sätzen zu entnehmen: 
»Rückblickend <auf die Kindheit, auf die Urzeiten) sehen wir mit 
Staunen, daß unser ganzes weiteres Leben nur eine Fortsetzung 
unseres damaligen Verhaltens ist,- wir bemühten uns, mit unserer 
Umgebung fertig zu werden, sie zu verstehen und dadurch unseren 
Willen zu erreichen« . . . »Mit einem Male ist uns nahegerückt, 
wie ungezählte Generationen, manchmal durch Klima und Boden 
etwas begünstigt, im dunklen Drange, besser zu leben> aber allge- 
mein unter Verhältnissen, deren Härte wir gar nicht mehr einzu=> 
schätzen vermögen, sich durch lange Jahrhunderte bemühten und 
Werke schufen, deren heutige Endglieder wir in den Händen haben« . . . 
»Denken und träumen wir aber über diesen Dingen längst ver« 
schwundener Zeiten, so steigen gleich einer Illusion alte Erinnerungen 
an Erlebtes und Gefühltes auf, und in unsere dereinstige kindliche 
Empfindungswelt zurückversinkend, ahnen und erwarten wir die 
mannigfachen Entstehungsweisen und Wege für jene Funde von so 
unermeßlicher Tragweite.« 

Dieses, wie gesagt auch von unserem Standpunkte, durchaus 

Untersuchungen über die der Werkzeuge, Abrahams, Ranks Arbeiten über die 
Genese von Mythen und Dichterwerken und die noch nicht publizierten Unter« 
suchungen von Sachs über die Pflugkultur und ihren symbolischen Niederschlag 
im Seelenleben des Menschen. — Einen Versuch, das besondere Interesse der 
Menschen am Gelde ontogenetisch zu erklären, habe ich selbst unternommen. 
(Internationale Eeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, II, 1914, S. 506 ff. 



Zur Psydiogenese der Mechanik 397 

richtige Programm wird aber von Mach nur unvollkommen aus« 
geführt. Da er es verschmäht, die psychoanalytische Methode anzu« 
wenden, die bewußten Träume und Gedanken, die infantilen Deck- 
erinnerungen durch Aufdeckung ihres unbewußten Hintergrundes 
zu ergänzen, ihre Entstellungen rückgängig zu machen, müssen seine 
Erkenntnisse oberflächlich bleiben und — da die libidinösen Motive 
zumeist verdrängt und unbewußt sind — konnten seine Versuche 
fast überall nur rationalistische Erklärungen für die technischen Fort» 
schritte ergeben, richtiger gesagt: nur die rationelle Seite der Moti« 
vierung beleuchten. 

Die Tonschalen entstanden zuerst vielleicht »als Ersatz der 
Hohlhand beim Trinken«, indem etwa >-das in hohlen Steinfragmenten 
sich sammelnde Wasser den Anstoß zur Herstellung von Gefäßen 
bildete, bloßen Tonklumpen, in die mit der Hand Höhlungen ge= 
drückt wurden «x Warum aber »der zutage liegende feinplastische Ton 
immer ein sehr anregendes Material gewesen sein muß«, wird nicht 
weiter untersucht. Und doch liefert die Psychoanalyse diesen fehlen« 
den Teil der Erklärung, indem sie diese sonderbare »Anregung« 
auf ganz bestimmte erotische Komponenten der Libido zurückzu« 
führen gestattet 1 . 

Ebensowenig wird bei Mach danach geforscht, warum zum 
Beispiel »das Flechten und Drehen textiler Substanzen ein starker 
Anreiz für den Beschäftigungstrieb — ein ständiges Vergnügen« ist. 
Mach begnügt sich mit der Annahme eines primären Beschäftigungs« 
triebes, dessen Erinnerungsspuren in Zeiten des Bedürfnisses blitz« 
artig auftauchen und verwertet werden. 

»Das Glätten vorhandener Rotationskörper, wie das runder 
Aststäbchen, gehörte wohl mit zu den Spielen primitivster Zeiten. 
Als Kinder haben wir es unzählige Male ausgeübt und ein solches 
Stäbchen einmal in irgend einer Rinne ohne axiale Verschiebung 
mit der Hand hin» und hergerollt, wobei irgend eine Rauhigkeit eine 
schöne Rinne zog . . . usw.« <Urform der Drehbank.) 

. . . »Unsere eigenen spielenden Finger in der frühesten Kind« 
heit haben uns die Schraube vermittelt,- irgend etwas von schrauben« 
förmiger Struktur war uns in die Hände geraten , . ., es im Spiele 
drehend, fühlten wir, wie es sich in die Handfläche einbohrte — 
ein für uns damals besonders rätselhaftes Gefühl, das stets zur 
Wiederholung lockte . . .« 

In ähnlicher Weise erklärt uns Mach das Entstehen der 
Feuerbohr» und «reibmaschinen, der Wasserschöpf« und 
Pumpwerkzeuge etc. Immer und überall sieht er das Walten 
eines Betätigungstriebes, der durch den glücklichen Zufall begünstigt, 
zu einer Erfindung führt. »Erfindungen werden da gemacht, wo 
die Verhältnisse am günstigsten, die Schwierigkeiten am kleinsten 

1 S. Freud, Charakter und Analerotik, sowie die schon zitierte Arbeit 
des Referenten »Zur Ontogenese des Geldinteresses«. 



398 Dr. S. Ferenczi 



sind.« Nach Mach können sidi also Erfindungen »im Laufe riesiger 
Zeiträume in das Leben unsererVorfahren ganz ohne das Hinzutun 
besonderer Persönlichkeiten und Individualitäten eingeschlichen haben.« 

Die Psychoanalyse lehrt es anders. In einer mehr programma- 
tischen Arbeit über die Entwicklung des Realitätssinnes 1 mußte ich 
auf Grund psychoanalytischer Erfahrungen annehmen, daß sowohl 
in der individuellen, wie in der Artentwicklung, also auch in der 
Entwicklung der Kultur des Menschen, die Not als treibendes 
Motiv gewirkt haben mag. Ich wies besonders auf die Entbehrungen 
der Eiszeiten hin, die einen bedeutenden Entwicklungsschub ver- 
anlaßt haben mögen. Wenn nach Machs Mitteilung »der Erfindungs- 
geist des Eskimos nach übereinstimmenden Aussagen unerschöpflich 
sein soll«, ist es schwer, eine besondere Begünstigung seitens des 
Klimas und Bodens als zufällige Ursache der Erfindungen anzu- 
nehmen. Viel plausibler ist es, besonders anpassungsfähige Indivi- 
duen, also Persönlichkeiten zu postulieren, die, den nie fehlenden 
»Zufall« in ihren Dienst zwingend, zu Entdeckern wurden. 

Mit der Anpassung an die Realität sieht aber die Psychoana- 
lyse nur die eine Seite des Problems beleuchtet. Sie lehrt, daß Ent- 
deckungen außer der egoistischen fast immer auch eine libidinöse Wurzel 
im Seelenleben haben. Die Bewegungs- und Beschäftigungslust des 
Kindes beim Kneten, Bohren, Wasserschöpfen, Spritzen etc. fließt 
aus dem Erotismus der Organbetätigung, deren eine Sublimierungs- 
form das »symbolische« Reproduzieren dieser Tätigkeiten in der 
Außenwelt darstellt. GewisseEinzelheiten— besonders die Benennungen 
— der Werkzeuge des Menschen zeigen uns noch die Spuren ihrer 
zum Teile libidinösen Herkunft 2 . 

Solche Anschauungen liegen aber Mach, der die analytische 
Psychologie des Menschen nicht kennt, ganz fern. Er nennt sogar 
die Anschauungen des Hegelianers E. Kapp, »der die mechanischen 
Konstruktionen als unbewußte Organprojektionen auffaßt«, Witze, 
die ernst zu nehmen man sich hüten muß, da »durch Mystik in der 
Wissenschaft nichts klarer« wird. Die Spenc ersehe Idee aber, wo- 
nach die mechanischen Konstruktionen Organ-Verlängerungen sind, 
sei unverfänglich. 

Unserer psychoanalytischen Auffassung widerspricht keine dieser 
Erklärungen, ja, meiner Anschauung nach widersprechen sie auch 
einander nicht. Es gibt wirklich primitive Maschinen, die noch nicht 

1 Internationale Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse, I. Jahrg. 1913. 

» Machs Anschauung über diesen Gegenstand, die die libidinösen Triebe 
gar nicht berücksichtigt, ist ebenso unvollkommen, wie die gegenteilige Übertrei= 
bung Jungs, nach dem die Werkzeuge nur verdrängte erotische Neigungen repro= 
duzieren wollen, zum Beispiel die Feuerbohrer die unterdrückte Genitalbetätigung. 
Nach unserer Ansicht stammen, wie ges'agt, die Entdeckungen aus zwei Quellen, 
einer egoistischen und einer erotischen. Zuzugeben ist aber, daß für die schließ* 
liehe Gestaltung des Werkzeuges sehr oft eine libidinöse Organfunktion vor» 
bildlich ist. 



Zur Psychogenese der Mechanik 399 

Projektionen der Organe, sonderen Introjektionen eines Teiles der 
Außenwelt bedeuten, durch die der Wirkungskreis des Ich vergrößert 
wird — so der Stock oder der Hammer. 

Die selbsttätige Maschine dagegen ist sdion fast reine Organ- 
projektion: ein Stück der Außenwelt wird mit Menschenwillen 
»beseelt« und arbeitet statt unserer Hände, Die Introjektions« und 
die Projektionsmaschinen — wie ich sie nennen möchte — schließen 
einander also nicht aus, sie entsprechen nur zwei psychischen Bnt« 
Wicklungsstufen der Realitätsbewältigung. Der ins Auge springenden 
Analogie gewisser Maschinen mit Organen J kann sich übrigens auch 
Mach nicht ganz entziehen. 

Mit all diesen Bemerkungen will ich den großen Wert und 
die Bedeutsamkeit der Machschen Arbeit durchaus nicht schmälern, 
mein Zweck war nur, darauf hinzuweisen, welch reiche Erkenntnis« 
quellen unsere Gelehrten durch die Nichtberücksichtigung der Psycho« 
analytik vor sich verschließen. Auch wir Psychoanalytiker wünschen 
nichts sehnlicher, als die von Mach in diesem Werke geforderte 
Zusammenarbeit der Psychologie mit den exakten Wissenschaften, 
verlangen aber, daß die exakten Wissenschaften in Fragen der Psycho« 
genetik auch unsere psychologischen Untersuchungsmethoden anwenden 
und die sie interessierenden psychologischen Probleme vom übrigen 
seelischen Material nicht künstlich isolieren sollen. Mach selbst er« 
achtet es für einen Fehler, »aus der Fülle der auf das Individuum 
einwirkenden Eindrücke . . . gerade die mechanischen zu verfolgen, 
während in der Natur, im Leben, die verschiedenartigsten instinktiven 
und empirischen Einblicke sich zweifellos mit« und auseinander dereinst 
entwickelt haben« <und darum gibt es in dieser Arbeit Beispiele nicht 
nur mechanischer, sondern auch metallurgischer, chemisch«techno« 
logischer, ja sogar biologischer und toxikologischer Entdeckungen). 

An anderer Stelle des Buches betont er, daß die ganze Media« 
nik eine Idealisierung ist, eine Abstraktion, die die nicht umkehr« 
baren <thermodynamischen> Prozesse exakt darzustellen nicht imstande 
ist. Mit derselben Unparteilichkeit aber, mit der Mach die Grenzen 
seines Spezialgebietes absteckt, könnte er sich auch eingestehen, daß 
die aus dem übrigen seelisdien Zusammenhange gelöste Betrachtung 
der Entwicklung unserer mechanischen Fähigkeiten, wie er sich aus« 
drücken würde, »durch Außerachtlassung und Übersehen notwendig 
an Wahrscheinlichkeit verlieren« und eine der Realität entrückte 
Idealisierung bleiben muß. 

Nur noch zu einer Anregung Machs möchten wir Stellung 
nehmen. »Ein hervorragend wichtiges Hilfsmittel einer experimen« 
teilen Ethnographie«, meint Madi, »wäre die Beobachtung isolierter, 
ihrer Umgebung schon in allerersten Anfängen entzogener und 



1 Vergleiche dazu das instruktive Buch »Die Maschine in der Karikatur« 
von Ing. H. Wettich <mit 260 Bildern). Berlin 1916, Verlag der »Lustigen Blätter« 
<Dr. Eysler <£) Co.), Ges. m. b. H. 



400 



Dr. S. Ferenczi 



möglichst sich selbst überlassener Kinder. Nachdem erfahrungsge- 
mäß Elementarkenntnisse auch von älteren Individuen in kürzester 
Zeit nachgeholt werden, würde dies keinesfalls einen Eingriff in das 
Leben des einzelnen bedeuten,- anderseits steht bei dem aus= 
schlaggebenden und richtungbestimmenden Einfluß des Charakters 
der ersten Entwicfclungsperiode auf das ganze Leben zu erwarten, 
daß durch ein solches Verfahren gegenteilig hervorragende Qualitäten 
des einzelnen geweckt und hiedurch neue Werte von großer Trag- 
weite geschaffen würden.« 

Ich glaube endlich das entscheidende Argument gegen die Reali- 
sierbarkeit dieses, bei Poeten und Philosophen immer und immer 
wiederkehrenden (weil einem tiefen, eigenen, unbewußten Wunsche 
entspringenden) Plane der Züchtung von solchen unkultivierten 
»Naturkindern« gefunden zu haben. Einen kleinen Urmenschen zu 
erziehen ist darum unmöglich, weil wir den Neugeborenen — soll 
er von der Kultur absolut nicht berührt werden — sofort nach der 
Geburt in ein Urmenschenmilieu versetzen müßten, etwa in eine 
Urmenschenfamilie vor der Erfindung der ersten mechanischen Werk- 
zeuge. Daß dies undurchführbar ist, wird wohl jeder ohneweiters 
einsehen. Höchstens könnte man ihn von einer Draviden- oder Süd- 
seeinsulanerfamilie adoptieren lassen,- das ist aber durchaus über- 
flüssig, es gibt ja ohnehin Kinder bei den Draviden und Insulanern, 
der Ethnograph braucht nur hinzureisen, um sie beobachten zu 
können. Die Idee aber, ein Kind »ohne Milieu« sich selbst zu über- 
lassen, ist widersinnig,- nie noch hat es ein menschliches, auch kein 
urmenschliches Wesen ohne entsprechendes Milieu gegeben, das ihm 
die sihon gewonnene, wenn auch noch so bescheidene Kultur über- 
mittelte. Die Anfänge der Kultur findet man schon bei unseren 
tierischen Vorfahren, — Mach selbst schreibt ja den Affen mecha- 
nische Begabung zu. Die vorgeschlagene Art experimenteller Ethno- 
graphie wird also niemals zur Tat werden können,- auch bin ich 
nicht sicher, ob aus dem Kinde, das — »ohne Milieu« — sich selbst 
überlassen bliebe, nicht ein Imbeciller würde. Auch die Begabung 
bedarf ja der Anregung von außen. Die Jungle-Book-Phantasie bleibt 
also besser den Poeten überlassen. 

Trotz diesen, zum Teil übrigens unwesentlichen Einwendungen, 
muß ich auch nach der Lektüre des Buches Mach für einen Psycho- 
analytiker erklären, möchte sich der kritische Verfasser des Werkes 
»Erkenntnis und Irrtum« dagegen noch so scharf verwahrt und 
die Psychoanalyse als »Mystik« abgewiesen haben. 

»Wohl unbewußt fußen Empfindung und Verständnis in 
unserer oder unserer Ahnen Erinnerung« . , . »Kindheits- und Ahnen- 
gefühle lassen für uns die archaisch angehauchten Kunstwerke so 
tief ergreifend finden.« Dies sind Sätze, die ebensowohl in einem 
psychoanalytischen Aufsatze vorkommen könnten — sicher auch schon 
vorgekommen sind,- auch ist es die Psychoanalyse allein, die für die Tat- 
sächlichkeit dieser Behauptungen exakte Beweise anzuführen imstande ist. 



Zur Psychogenese der Medianik 401 

»Von dem Kulturstadium, in das wir hineingeboren sind, auf 3 
genommen, durcheilen wir in einer kurzen Lernzeit <ähnlich wie im 
fötalen Zustande) ungeheure Arbeits** und Entwicklungszeiten , . ,« 
Ginge die Kultur plötzlich verloren, so müßten die Maschinen von 
den einfachsten Fertigkeiten des Naturmenschen ausgehend — wieder 
in der alten Reihenfolge aufgebaut werden. Mach scheint hier den 
unerbittlichen Instanzenzug, der im Psychischen Vielleicht im Or<= 
ganischen überhaupt) herrscht und den Freud zuerst demonstrieren 
konnte, genial erfaßt zu haben. Er beschreibt die komplizierte 
mechanische <und anderweitige) Kultur als höchste Blüte mensch*» 
liehen Könnens, die aber auch heute noch in einfachsten Betätigungs= 
trieben wurzelt und nur aus ihnen regeneriert werden kann. 

Darum macht auch Mach — den bisher nur jene Gedanken« 
arbeit beschäftigte, die sich in der wissenschaftlichen Literatur der 
Mechanik vollzieht — nunmehr den einfachen Arbeiter, das Kind, 
den Urmenschen zum Objekte seiner Untersuchung/ er hat eingesehen, 
daß die Kenntnis einfacherer Verhältnisse »die notwendig voraus» 
gehende Grundlage und Bedingung« für das Verständnis des Kompli« 
zierteren ist. Auch hierin möchten wir einen Parallelismus mit dem 
Arbeitsplane der Psychoanalytiker erblicken, die ja überhaupt aus dem 
kindlichen, oder in Traum und Krankheit zur Kindheit regredierten 
Seelenleben das Verständnis für die verwickeltesten Kulturleistungen 
des wachen Normalmenschen holen will. 

Nicht unerwähnt darf ich den freien animistischen Geist 
lassen, der dieses Werk eines so hervorragenden Kenners der 
physischen Welt durchweht. Er scheut sich nicht, einzubekennen, 
daß ein Mechanismus für sich unbeweglich sein müßte, da »erst 
durch die Kraft Bewegung in ein mechanisches System kommt«/ 
Leibnitz aber sprach das glückliche Wort aus: »die Kraft sei etwas 
der Seele Analoges«. 

Wann werden der Physiker, der im Mechanismus die Seele 
findet, und der Psychoanalytiker, der in der Seele Mechanismen 
sieht, einander die Hände reichen und an einer von Einseitigkeiten und 
»Idealisierungen« freien Weltanschauung mit vereinten Kräften arbeiten? 




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