(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V 1917 Heft 4"

I 





GO 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO^ 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG; 
V. 4. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1919 



»Der Sturm.« 

Von Dr. HANNS SACHS <Wien>. 
I. Einleitung. 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 





|en Mensdien fehlt es an einem Mittel der Verständigung. 
Die Spradie reidit wohl aus, um uns gegenseitig unsere 
Wünsdie und Bedürfnisse mitzuteilen, nidit aber audi die 
Zustände, in denen jene wurzeln,- wir müssen uns daher meist 
damit begnügen, uns die fremde Seele nadi dem Muster unserer 
eigenen vorzustellen, froh genug, wenn sidi uns nur hie und da 
ein Zipfel des Vorhangs lüftet, den unsere Eigenart über alles 
Seelisdie außer uns breitet. Sidi selbst in eine fremde Seele umzu= 
formen, so daß man nidit nur Sehnsudit und Sorge des Tages, 
nein, audi die im Dämmerlidht des Geistigen versdiwebenden 
Phantasien bis in den Traum hinein zu erkennen und vorauszu» 
ahnen vermag, dann aber diesen Zustand der Einfühlung so fest^ 
zuhalten, daß andere folgen und das Wunder mit wadien Augen 
schauen können — das ist ohne Zweifel das größte Befreiungs« 
werk an der Mensdiheit. 

Diese Psydiagogie ist es, der von Anbeginn die Diditer nadi^ 
streben und die nur ein Einziger gemeistert hat. 

Die Mensdien Shakespeares spredien nidit aus ihrer 
Situation heraus, in die sich der Diditer versetzt hat, sondern aus 
dem eigenen Idi, und in so tiefstmenschlicfier Wahrheit, daß zwar 
lauter einzigartige, nie wiederkehrende Persönlidikeiten vor uns zu 
stehen sdieinen aber dodi die Worte seiner Helden und Lumpen, 
Königinnen und Dirnen nodi heute von allen Menschenlippen klingen. 

Wer so fürstlidi über allen andern Geistern thront, der wird es 
lieben, seinen Glanz zu verhüllen, um unerkannt, wie Harun al 
Rasdiid durdi die Gassen Bagdads, durdi das Leben zu ziehen. 
War es nun Absidit oder ein dienender Zufall, jedenfalls ist es 



Shakespeare vollkommen geglüdit, das Inkognito seiner Seele 

Nidit daß wir so wenig von ihm wüßten. Von dem Mist-- 
häufen vor der Türe, für den sein Vater Strafe zahlen mußte, bis 
zu der halberzwungenen Ehe mit dem geschwängerten ßauern» 
mäddien, und später dann, nadi errungenem Ansehen und Wohl= 
stand, von Kontrakten, Klagen und Prozessen wissen wir genug. 
Aber von dem, was sein Inneres bewegt hat, von semen Leiden- 
sdiaften und Entsagungen kennen wir nidit einmal das aulkrlidie 
Kleid der Anlässe und Umstände. Zahllose Kommentatoren haben 
vcrsudit, das, was ihnen die gesdiiditlidie Forsdiung versagte, aus 
seinen Werken herauszulesen. Aber eben seine Größe, die Gallig- 
keit sidi in jede Persönlidikeit, die seine Kunst besdiworen hatte, 
zu verwandeln, hat alle diese Bemühungen vereitelt. 

Die Psydioanalyse darf sidi dieser Aufgabe mit besserer 
Aussidit unterziehen. Die Quelle jenes unendÜdien Reiditums, jener 
nimmermüden Wandlungsfähigkeit ist das Unbewußte, das, als das 
allgemeinst Mensdilidie, die MögÜdikeit in sidi sdiließt, jede Wesens- 
art anzunehmen. Die Psydioanalyse aber steht der Pythia ver= 
gleidibar weissagend an der Stelle, wo aus den dunkeln, unzu- 
gänglidien Klüften des Unbewußten die Dämpfe an die Obertladie 
steigen. Sie allein vermag von den Vorgängen, in denen sidi Unbe- 
wußtes zu Gestalten formt, etwas zu verkünden. 

Im folgenden wurde von der neuen Möglidikeit nur be- 
sdieidener Gebraudi gemadit, um einen einzelnen Zug aus 
Shakespeares Seelenleben in seinen Altersjahren zu erfassen. 
Die Analyse liebt es, rüAwärts zu sdireiten, und so sdiemt es 
nidit ungereditfertigt, bei seiner letzten Liebe zu beginnen. 

II, Entstehungszeit und Anlaß. 

Ein Einzeldrudc des »Tempest« vor der großen Gesamt=^ 
ausgäbe von 1623 ist nidit ersdiienen, der Anhaltspunkt, den diese 
»Quartos« zur Bestimmung des spätesten Termins der Entstehung 
vieler Shakespearesdier Werke bieten, fehlt also hier. Im »hoho« 
hat der »Tempest« die allererste Stelle. Da die Werke im »Foho« 
bestimmt nidit in dironologisdier Anordnung stehen, laßt sich 
daraus nidit viel sdiließen. Immerhin liegt die Annahme nahe, daß 
die Herausgeber des Folio, als sie daran gingen, die Dramen zu 
sammeln, unwillkürlidi zunädist nadi dem letzten Werke gri&en 
und ihm den Vorrang einräumten. Vielleidit hatten sie sogar ur- 
sprünglidi die Absidit, chronologisdi in der umgekehrten Reihe der 
Entstehung fortzusdireiten und gaben dann im Vedauf der Arbeit 
diese Absidit auf, sei es, weil audi bei ihnen die Chronologie der 
früheren Werke nidit mehr feststand, sei es, weil sie sidi spater 
für ein anderes Einteilungsprinzip — in Comedies, Histories und 



»Der Sturm« 205 



* 
^ 



Tragedies — entsdiieden, das mit dem dironologisdien in Wider- 
sprudi stand. Derlei Vermutungen, die an und für sidi bedeutungs* 
!os wären, erhalten ein gewisses Gewidbt, wenn sidi aus anderen 
Beweisquellen hinsiditlidi der Entstehungszeit dasselbe Resultat 
ergibt,- tatsädilidi deuten auA alle anderen inneren und äußeren 
Kennzeidien darauf hin, daß der »Sturm« das letzte Werk Shake» 
speares ist — wenn man Heinridi VIIL, der gewiß nur zum 
kleineren Teil von Shakespeare stammt, aus dem Spiel läßt. 

Man hat über das Nadizählen der Reimzeilen, der betonten 
Endsilben und der regelmäßigen oder unregelmäßigen Silbenzahl 
der Verse oft gespottet und gemeint, daß derlei Nebensädilidi= 
fceiten nie die Zugehörigkeit eines Werkes zu einer bestimmten 
Epodie, ja überhaupt keine verläßlidie Gruppierung erweisbar 
madien würden. Höhnisdi wurde gefragt, ob man denn wirklidi 
glaube, Shakespeare habe sidi gesagt: »Halt, in diesem Werk darf 
idi keinen weiteren Reim mehr anbringen, es würde sonst die für 
meine jetzige Epodie gehörige Anzahl übersteigen!« Dieser Spott 
ist billig und der Zweifel ganz unbereditigt. Hinter diesen sdiein^ 
baren Nebensädilidikeiten stedcen nämlidi sehr widitige Tatsadien, 
wie die, Befreiung des Diditers von der lästigen Fessel, die den Ge« 
danken an dem Versbau festsdimiedet, und der Verzidit auf den äußer- 
lidien Aufputz des Reimes. Daß sidi diese Entwidilungsfortsdiritte im 
einzelnen und Kleinsten offenbaren, darin liegt, neben dem Vorteil 
der Meß^ und Zählbarkeit, gerade die größte VerläßliAkeit der Me= 
thode,- in dem sdieinbar Zufälligen stedit die sidierste Gesetz» 
mäßigkeit und das Kleinste und Nebensädilidiste bewahrt ihre Spuren 
am getreuesten. Die Psydioanalyse hat es unwiderlegliÄ festge= 
stellt, daß eben jene kleinen Details, die bei der Ausführung einer 
Tätigkeit mitunterlaufen, aber sidi der bewußten Aufmerksamkeit 
ganz oder zum Teil entziehen, daß gerade diese »Symptom* 
handlungen« durdi die jedesmalige im Seelenleben herrsoiende 
Konstellation aufs genaueste determiniert sind. So hat das freiere 
Formgefühl, das erstarkte Ausdrudesbedürfnis den Vers determi* 
niert, audi in Einzelheiten der Silbenzählung, die dem Diditer gar 
nidit zum Bewußtsein gekommen sein müssen. 

Die Nadizählungen sind von versdiiedenen Forsdiern nadi 
versdiiedenen Gesiditspunkten angestellt worden. Wenn trotzdem 
die Resultate fast vollständig übereinstimmen, so verdienen sie 
sdion deshalb die größte BeaAtung. 

Charles Bathurst teilte die Dramen nadi der Versifikation in 
vier Klassen und reihte den »Tempest« in die vierte, späteste Klasse. 
Dr. W A. Hertzberg untersudite bei siebzehn Sdiauspielen das Ver* 
hältnis der elfsilbigen zu den regelmäßigen Versen und erhielt den 
kleinsten Prozentsatz bei »Loves Labours Lost« mit vier Prozent, 
den größten bei »Winters^Tale«, »Cymbeline« und »Tempest«, 
nämlidi bei dem ersten 31 '09 Prozent, bei den beiden anderen 
32 Prozent. F, G. Fleay zählte die gereimten Versreden und fand 



206 Dr. Hanns Sadis 



sie am wenigsten zahlreidi bei » Winters =TaIe«, wo ihre Anzahl 
zwei und bei »Tempest«, wo sie Null beträgt (natürlich ohne die 
Lieder und Maskenspiele), während sidi z. B. in »Coriolan« sowie 
bei »Anthony und Cleopatra« 42 Reimpaare finden. Am meistea 
Rücksidit auf die Entwidilung zur Freiheit von der Einengung des 
Gedankens durdi den Vers nahm Prof. Ingram. Er prüfte Vers 
für Vers, die Zahl der weak endings, d. h. jener Endworte, die 
keinen Absdiluß des Sinnes enthalten, sondern auf das erste Wort 
des nächsten Verses gebieterisdi hinweisen, wie z. B. eine Präpo- 
sition, auf die zu Beginn des nädisten Verses das dazugehörige 
Hauptwort folgt. Diese Überspringung des Versendes war vor 
Shakespeare unbekannt und audi er hat sie sidi erst nadi und nadi 
angeeignet. Prof. Ingram gewann so eine Liste, bei weldier »Loves 
Labour Lost« <mit den wenigsten weak endings) Nr. 1 trägt, 
»Perikles« Nr. 28, »Tempest« Nr. 29, »Cymbeline« Nr. 30^ 
»Winters=Tale« Nr, 3L 

Diese Untersudiungen weisen also einhellig darauf hin, daß 
der »Tempest« den Sdiluß von Shakespeares Entwiddung bildet^ 
d. h. zu seinen letzten Dramen gehört und mit »Winters»Tale« 
und »Cymbeline« in engster Beziehung steht. Über die Reihenfolge 
der Entstehung innerhalb dieser Gruppe können die »metrical tests« 
natürlidi nidits mehr aussagen. 

Einen widitigen Anhaltspunkt für die Bestimmung des Datums 
bilden die Zitate, mögen sie nun bewußte oder unbewußte Ent^ 
lehnungen darstellen, insoweit sie damaligen Neuersdieinungen 
entnommen sind. Dies gilt für das berühmte Montaigne^Zitat, die 
Sdiilderung des staadosen Idealstaates, die Shakespeare dem 
Gonzalo in den Mund legt <II. 1>. Diese sdiließt sidi mit einer 
auffälligen Übereinstimmung des Wortlautes an die Montaigne- 
Übersetzung des Florio an, die 1603 ersdiicnen ist. Ob die Über^ 
Setzung nidit sdion vorher handsdiriftlidi verbreitet war und in 
dieser Form in Shakespeares Hand gelangt sein kann, oder ob die 
Unhaltbarkeit dieser Behauptung durdi einen Drudfehler bewiesen 
wird, der nur in den späteren Originalausgaben ^ Montaignes vor= 
kommt und von Florio übernommen wurde, darüber besteht allere»- 
dings ein Streit, in den wir uns glüdilidierweise nidit einzumisdien 
braudven. 

Der Name von Calibans Gott Setebos stammt aus einer 
sdion 1577 ersÄienenen Sdiilderung von Magellaens Reise, wo der 
gefangene Patagonier »cried upon their great devil Setebos to help 
him« und, als das Kreuz über ihn gesdilagen wird, »shudenly cried out 
Setebos«. Trinculos und Antonios Namen kommen im »Albumazar« 
vor, einem Sdiauspiel, das 1614 zum erstenmal gedrudit, aber wahr* 
sdieinlidi sdion mehrere Jahre früher aufgeführt wurde. 



1 Von der Ausgabe von 1600 angefangen steht mäneant statt manent im 
I.Budi, Kap, 19, .-.. ;;s~:-i, ..'.-: . - .;.,:,:._.. ..x,j . .. 



»Der Sturm« 207 



Die Anrufung Prosperos <V. 1> ist eine stellenweise wört« 
lidie Entlehnung aus Medeas Anrufung der Götter in Goldings 
Übersetzung des Ovid (Metamorphosen VII. 197—206). Da dieses 
Werk aber schon 1567 ersdiienen ist, ist die Tatsadie für unsere 
Zwecke ohne Bedeutung. 

Hingegen ist die Ähnlidikeit bemerkenswert, die zwisdien den 
Worten Prosperos über das Sdieinhafte des Daseins und einer Stelle 
der im Jahre 1603 gedruckten »Tragedie of Darius« des William 
Alexander, späteren Earl of Sterling, besteht, denn sie weist ebenso 
wie das Montaigne=Zitat auf eine Entstehung nadi 1603 hin. 

Die Erwähnung des Namens Bermudas wäre an und für sidi 
^hne großes Interesse, da dieser Name seit den Entdediungsfahrten 
von Sir Walter Raleigh und Sir Robert Dudley, also mindestens 
seit 1596 in England bekannt war. An diese Erwähnung des Namens 
schließt sidi aber noch anderes, was weit über den Rahmen der 
Entlehnung oder Übernahme einer aus dem Zusammenhange gc* 
hobenen Einzelheit hinausgeht. 

Bei der Pflanzung der Kolonie Virginia hatte sidi im Jahre 

1609 ein Zwischenfall ereignet, der in London großes Aufsehen er= 
regte und kurz darauf eine ziemlidi ausgedehnte Literatur hervor^ 
rief. Eine Flotte mit Auswanderern nadi Virginien war unterwegs 
von einem Sturme ereilt und zerstreut worden. Das Admirals- 
schiff, an dessen Bord sidi der Befehlshaber der Expedition, Sir 
George Somers, befand, blieb nebst einigen anderen verschollen und 
galt den übrigen, die ihr Ziel, die amerikanisdie Küste, erreiAten, als 
verloren. Es war jedodi in der Nähe des Strandes der Bermudas 
gescheitert, ohne daß ein Mensdienleben verloren ging, weil das 
Schiff, wie durch ein Wunder, zwischen zwei nahestehenden Felsen 
stedien blieb. Die Schiffbrüchigen fanden auf der als »Teufelseiland« 
verrufenen, wegen ihrer Stürme von den Seeleuten gemiedenen 
Insel zu ihrer Überrasdiung fruchtbaren Boden und ein herrliches 
Klima. Sie erneuerten ihren Proviant, zimmerten sich Flöße und 
erreichten mit ihnen glüdlidi ihre Kameraden in der neuen Kolonie. 
Die Nachricht, daß die als verloren Gemeldeten wohlbehalten an- 
gekommen seien, erregte in London die größte Freude,- im Jahre 

1610 kamen einige der Geretteten in die Heimat und ihre Erlebnisse 
i wurden in mehreren Sdiriften geschildert. 

" Das Material der auf diesen Gegenstand bezüglidien Schriften, 

unter denen sich die Berichte und Vorschläge des »Council« für die 
Gründung und Regierung der neuen Kolonie, aber audi Verse 

f. <Newes from Virginia) befinden, ist mit Hinblid^ auf seine möglidie 

Verwendung im »Tempest« gründlidi gesiditet worden. Nur drei 
Sdiriften sind von Interesse, weil sie Züge enthalten, die für Shakespeare 
als Anregung gedient haben können. 

Im Oktober 1610 erschien »A Discovery of the Bermudas, 
otherwise called the Isle of Divels« von Silvester Jourdan, Mit 

i dem Datum vom 8. November desselben Jahres ist im Stationers 



208 



Dr. Hanns Sadis 



Register »A True Declaration« eingetragen, die vom Konzil für 
Virginia ausging. Ein nocfi früheres Datum als diese beiden Sdiriften, 
nämlidi das des 15. Juli 1610, trägt Stradieys »Letter of Reportory«, 
Dieser »Brief« wurde allerdings erst viel später gedrudit,- es ist aber 
keineswegs unwahrsdieinlidi, daß er dem Diditer sdion im Manu- 
skript vorlag, denn Stradiey war Sdiriftsteller von Beruf und könnte 
mit Shakespeare persönlidi bekannt gewesen sein. Diese sämtlidien 
Quellen stammen also aus der zweiten Hälfte des Jahres 1610. 
Daneben verdient nodi eine kleine Sdirift erwähnt zu werden, in 
der Rudyard Kipling erzählt, wie Shakespeare mit einem Matrosen, 
der den SdiifFbrudi des Sir George Somers mitgemadit hat, bekannt 
wird, sidi von ihm beim Glase seine Erlebnisse sdiildern läßt und 
so die Anregung für die Anfangsszenen und die Lokalität d^s 
»Tempest« erhielt. Audi diese diditerisdi supponierte mündlidie Mit- 
teilung müßte in die zweite Hälfte des Jahres 1610 verlegt werden. 
Was hat nun Shakespeare den Beriditen über die Expedition 
des Sir George Somers entnommen? Es wird gut sein, bei Beant^ 
wortung dieser Frage Vorsidit walten zu lassen. Sehr vieles, was 
als Übereinstimmung reklamiert wird, ist das unvermeidlidie Bei= 
werk jeder Sdiilderung von Sturm und Sdiiffbrudi, das im »Tempest« 
sowohl, wie in jenen Sdiriften, wie audi in der ebenfalls als Vorbild 
genannten Übersetzung des »Rasenden Roland« von Harrington 
wiederkehrt und wahrsdieinlidi bei den meisten Beriditen über der- 
artige Ereignisse nidit fehlt. Sdiwarzc Wolken, hodigehende Wogen, 
Geheul des Sturmes und Gesdirei der Mannsdiaft bedeuten nidits, 
hödistens läßt sidi das Elmsfeuer, das in Stradieys »Letter« und 
in Harrisons Übersetzung erwähnt wird i, mit der Sdiilderung Ariels 
<I, 2> in Beziehung setzen. Die Übereinstimmung, die darin liegt, daß 
im »Tempest« wie bei dem SdiifFbrudi Somers das Sdiiff, auf dem sidi 
der Träger der hödisten Autorität befindet, von den anderen ge» 
trennt wird und seine Besatzung, während sie für verloren gilt, 
durdi eine wunderbare Landung auf einer Zauberinsel gerettet, 
wieder zu der übrigen Flotte stößt, läßt sidi audi nidit sehr hoA 
werten. Dieses Detail lag für Shakespeare sdion im Stoff enthalten, 
denn er konnte dodi das Sdiiff, das einen König trägt, nidit unbe- 
gleitet sein lassen, während er für die eigentlidie Handlung natürlidi 
nur ein Sdiiff braudien konnte. Der »Tempest« stimmt mit diesen 
Beriditen audi darin, daß die Gestrandeten das Klima und die 
Fruditbarkeit der Insel über alle Erwartungen günstig finden. Aber 
dieser Zug kehrt audi, zusammen mit dem Sdiiffbrudi an derselben 
Küste und der Rettung, in folgender Erzählung wieder: „Das SAiff, 
worauf er überging, sAeiterte an einer kleinen, unbewohnten bermu- 
disAen Insel und von dem SAiffsvolk ersoff, außer der Familie des 
Predigers, fast alles. Der Prediger fand diese Insel so angenehm, so 



' And blacfe thick clouds, that with the storme did rise From Jience some» 
time great ghastly flames did sparke. 



»Der Sturm« 209 



i 



i 



gesund, so reich an allem, was zur Unterhaltung des Lebens gehört 
<vgl. Tempest IL, 1. »Hier ist alles zum Leben Dienlidie vor^' 
banden — Riditig ausgenommen Lebensmittel«), daß er sidi gerne 
gefallen ließ, die Tage seiner Wallfahrt daselbst zu besdiließen. 
<Vgl. Tempest V., L »Hierlaßt midi immer leben«.)" Trotzdem läßt 
sidi ein Zusammenhang zwisdien diesen Zeilen auf der einen und dem 
Sdiiffbrudi des Jahres 1609 oder dem »Tempest« auf der anderen 
Seite nidit behaupten, denn sie stehen in den »Axiomata wider 
den Herrn Pastor Goeze in Hamburg« von G. E. Lessing. Nodi 
weniger Gewidit mödite idi der Ähnlidikeit zwisdien der Toditer 
des Indianerhäuptlinges Powatan und der unvergleidilidien Miranda 
beilegen. Wenn sidi aber die Übereinstimmung in den Einzelzügen 
audi als sdiattenhaft erweist, so bleibt der Eindrudc der allge= 
meinen Anregung, die Shakespeare aus jenen Quellen empfing, 
dodi ungemindert bestehen. Sdion die Verwendung der beiden 
fremden Ausdrüdie, »Setebos« und »still vexed Bermouthes« be= 
weist, daß der Diditer damals in den Gedankenkreis jener Reise^^ 
besdireibungen eingetreten ist und sidi Material und Anregung von 
dorther versdiafft hat. Die ziemlidi willkürlidie Vcrfleditung der 
Bermudas in die Zwiespradie zwisdien Prospero und Ariel weist 
darauf hin, daß er mit dieser Anspielung einen bestimmten Zwedc 
verfolgt«, der nur die Benützung ihres Aktualitätswertes sein konnte. 
Nimmt man dies aber als gesidiert an, so erhält zwar nidit irgend ein 
Einzelzug, aber der ganze Komplex von Ähnlidikeiten und An» 
klängen hinreidiende Bedeutung, um die Behauptung zu reditfertigen, 
daß die Beridite über den Sdiiffbrudi auf den Bermudas dem Dichter 
vorgelegen sein müssen, als er den »Tempest« schrieb, so daß dieser 
keinesfalls vor der zweiten Hälfte des Jahres 1610 entständen 
sein kann. 

Malone, einer der frühesten Shakespeareforscher, wies auch 
noch auf eine andere Aktualität hin, die seiner Meinung nach min» 
destens auf die Titelgebung des Werkes einen Einfluß ausgeübt 
haben dürfte, nämlich auf den großen Sturm, der in England in den 
Monaten Oktober bis Dezember 1612- herrschte. Das Werk, so 
meint er, könnte schon vollendet gewesen sein, als Shakespeare sich 
bewogen fühlte, es nadi dem großen Naturereignis zu benennen. 
Er verlegt demnach die Entstehung des »Tempest« in das Jahr 1612, 
bis er späterhin seine Ansicht änderte und das Werk in unmittel» 
baren Zusammenhang mit der Nachricht von der Errettung des Sir 
George Somers braAte. Er fügt hinzu; „as I know that it had, 
»a being and a name« in the autumn of 1611 the date of the 
play is fixed and ascertained with uncommon precision, between 
the end of the year 1610 and the autumn of 1611 and that it may 
with great probability be ascribed to the spring of the latter year«." 
Leider gibt Malone die Quelle nicht an, aus der er das positive 
Wissen schöpfte, daß der »Tempest« im Herbst 1611 »Namen und 
Bestand« besessen habe. Da er als sehr zuverlässig gilt und zu 

Imajo V/4 1 



210 



Dr. Hanns Sadis 



Beginn des vorigen Jahrhunderts in den Ardiiven, die er durdisudite^ 
vielleidit nodi Aufzeichnungen vorhanden waren, die seitdem in Ver= 
last geraten sind, verdient seine Feststellung trotz ihrer UnvoIU 
ständigkeit Beaditung. 

Wir haben uns bis jetzt mit jenen Kennzeidien der Entstehungs« 
zeit besdiäftigt, die das Werk in sidi selbst enthält,- ehe wir auf 
die Gruppe der aus anderen Federn stammenden Aufzeidinungen 
und Anspielungen übergehen, müssen wir uns mit der Hypothese 
eines Forsdiers, des Rev. Josef Hunter, auseinandersetzen, der den 
»Tempest« in das Jahr 1596 verlegt, in Widersprudi mit so ziemhdi 
allen übrigen Datierungen, die das Werk frühestens im Jahre 1610 
entstanden sein lassen. 

Hunter geht von der bekannten Stelle in »Palladis Tamia« von 
Francis Mercs (ersdiienen 1598) aus, in weldier nebst anderen 
Werken Shakespeares dessen »Loves Labours lost« und »Loves 
Labours wonne« aufgezählt werden. Das zweite Werk ist, wie all* 
gemein angenommen wird, nidit etwa verloren gegangen, sondern 
unter einem veränderten Titel in die Folioausgabe übergegangen 
und nadi Ansidit Hunters ist dieser neue Titel der »Tempest« und 
das Drama, das ihn trägt, eben jenes »Loves Labours wonne«. 
Hunter beruft sidi darauf, daß der wesentlidie Inhalt des »Tempest« 
die Werbung Ferdinands um Miranda sei,- sie wird von Erfolg 
gekrönt, weil Ferdinand sidi aus Liebe demütigt und die unedle 
Arbeit des Holzsdileppens verriditet. So gewinnt er durdi seine Mühe 
den Preis der Liebe. Man hat gegen diese Ansidit eingewendet, 
Ferdinand verridite keine »Liebesmühe«, weil er von Prospero unter= 
jodit worden sei und auf alle Fälle seinen Befehlen gehordien müsse. 
Das ist ganz falsdi,- allerdings lähmt Prospero den Ferdinand zuerst, 
aber später, als er ihn an die Arbeit ruft, gibt er ihm die Freiheit 
der Bewegung wieder — wenigstens muß Ferdinand sidi völlig frei 
glauben. Freilidi hat er die Madit Prosperos kennen gelernt, aber 
wem er es unterläßt, sidi nodi einmal gegen ihn aufzulehnen, so 
geschieht es nidit aus Unvermögen oder Mutlosigkeit, sonclern weil 
er sidi dem Vater der Gehebten nicht entgegenstellen, sondern ihr 
zuhebe sein Jodi auf sidi nehmen will. 

». . . . und trüg so wenig wohl 

Hier diese hölzerne Leibeigenscfiaft 

Als ich von einer Fliege mir den Mund 

Zerstedien ließ'. — Hört meine Seele reden! 

Den Augenblid?, da idi eudi sähe, flog 

Mein Herz in euern Dienst; da wohnt es nun, 

Um midi zum Knedit zu machen; Euretwegen 

Bin idi ein so geduldiger Tagelöhner.« <III. 1.) 

Wenn er nidit wirkhdi davon überzeugt ist, er habe die Arbeit 
freiwillig auf sidi genommen, wenn er einfadi dem Zwang Prosperos 
gehordite, dann wären diese Worte eine alberne Prahlerei,- durdi 
eine soldie Auffassung würde der Charakter des Ferdinand in^ 



grotesker Weise entstellt. Hunter 

Prosperos berufen: 

»All deine Plage 
War nur die Prüfung deiner Lieb' und du 
Hast deine Probe wunderbar bestanden.« 

Es kann kein Zweifel bestehen, das Stüd hätte mit vollem Recht 
»Loves Labours wonne« genannt werden können, aber daraus folgt 
nodi keineswegs, daß es wirklich so genannt wurde. Die übrigen 
Argumente Hunters sind hinfällig. Er beruft sidi auf eine angebliche 
Anspielung auf den »Tempest« im Prolog zu Johnsons 1598 gespielten 
»Every Man in his Humour«, aber diese Anspielung bezieht sidi 
wahrscheinlich nur auf die Königsdramen und außerdem ist der 
Prolog in der Quartoausgabe des Stücices von 1601 noch nidit ent= 
halten, sondern erst im Folio von 1616. Um die Titelfrage richtig 
zu würdigen, muß man sidi vergegenwärtigen, daß es damals mit 
der Namengebung keineswegs sehr genau genommen wurde,- man 
wollte einfadi eine deutlidie und einprägsame Kennzeichnung haben 
und so wurde mandies Stück, wie »Twelfth Night« und »Midsummer^ 
nights=Dream«, nadi dem Zeitpunkt der Erstaufführung benannt. 
Wie wenig streng fixiert die Titel waren, geht aus den Rechnungen 
des Master of the Revels vom Jahre 1613 hervor. Wir finden da 
einen »Hotspur«, offenbar eine unriditige — denn nicht Percy, 
sondern der Prinz ist der Held — aber zur Vermeidung von Ver= 
wechslungen viel bequemere Bezeidinung des I.Teiles von »HeinridilV.« 
ferner ein »Benedict and Beatteris«, womit doch nur »Mudi adc> 
about Nothing« gemeint sein kann. Sdiließlicfa ist mit »Labours« 
gewiß nidit bloß eine physisdie Arbeit, wie das Holzsdileppen ge- 
meint, sondern, wie das Gegenstücii »Loves Labours lost« klar 
beweist, jede Art von Liebesmüh'. Dann kann der Titel aber nicht 
bloß auf den »Tempest« angewendet werden, sondern fast auf jedes 
Stück, wo nadi einigen Schwierigkeiten Held und Heldin »sidi kriegen« 
Dies trifft audi in vollem Maße für »All's well that ends well« zu, 
das heute in ziemlidi allgemeiner Übereinstimmung für das ehemalige 
»Loves Labours wonne« gehalten wird. M. A. E. Brae, der dieses 
Stück in »Mudi ado about Nothing« wiederfindet, Craik'und Hertz» 
berg, die »The Taming of a Shrew« dafür in Anspruch nehmen, 
können sidi ebenfalls darauf berufen, daß der angeblidie frühere 
Titel sehr gut zu diesen Lustspielen paßt. Er paßt eben nahezu für 
^'^i^^ Lustspiel und ließe sidi ebenso zwanglos zur Bezeidinung von 
»Twelfth Night« verwenden, wo der Liebesmühe Violas um den 
hierzog, Olivias um Viola der Preis gewährt wird, wie für »As you 
please« wo Orlandos Dienst bei dem mutwilligen Pagen durdi die 
1 f < j^^'i?^^"^ belohnt wird. Die Folgerungen, die Hunter hin- 
siditlidi des Titels zieht, gehen viel zu weit und alle übrigen Kenn- 
zeidien sprechen gegen seine Ansdiauung. 

Die erste Erwähnung des »Tempest« in der zeitgenössisdien 
Literatur findet sidi ziemlidi spät. Es ist in einem Stüdk von Ben 



14* 



212 Dr. Hanns Sadis 



Jonson, der Shakespeares Freund war und mit ihm, wie wir aus 
ziemlidi verläßliAer Quelle durdi Sdiilderung ihrer Witzgefedite 
wissen, im persönlidien Verkehr auf einem Nedifuß stand, der sidi 
audi in die Literatur hinein fortsetzte. Johnsons Anspielungen und 
Sdierze fielen, seiner Natur gemäß, etwas massiv aus und so heißt 
es im Epilog zu seinem Bartholomcw's fair; »If there be never a 
Servant monster i the Fair, who can help it, he says? nor a nest 
of Antidcs? He is loth to make nature afraid in his Playes like 
those that heget Tales, Tempests and sudi like drolleries.« »Servant= 
monster« wird bekanntlidi Caliban im Sturm genannt,- »nest of 
antiAs« ist eine Anspielung auf die Tänze in »Winters=TaIe«,- daß 
dann unmittelbar darauf Tempest und Tale genannt wird, madit 
jeden Zweifel an dem Sadiverhalt unmöglidi^. 

Die amdidien Aufzeidinungen lassen uns den »Tempest« nodi 
etwas weiter zurüde verfolgen als in das Jahr 1614. Von den zwei 
dabei in Frage kommenden Dokumenten ist das eine allerdings als 
Fälsdiung erkannt worden, die aber audi nodi als Fälsdiung eine 
gewisse Beaditung verdient. Sie wurde nämlidi nidit von einem ge= 
wöhnlidien Sdiwindler unternommen, sondern von einem Manne, 
der als Forsdier einen geaditeten Namen besaß, von Peter Cunning-- 
ham, dem Sdiatzmeister der englisdien »Shakespeare Society«. 
Dieser wollte 1842 in dem Ardiiv von Somerset=House in zwei 
Büdiern, weldie die Redinungen für die Theateraufführungen bei 
Hofe <Revel Accounts) aus den Jahren 1600 bis 1605 und 1611 
bis 1612 enthielten, ein paar lose Blätter gefunden haben, auf denen 
sidi Aufzeidinungen über adit bei Hofe gespielte Stüdce von »Shax= 
berd« befanden, darunter audi die Notiz aus dem Jahre 1611; »By 
the Kings Players : Hallomas nyght was prcsented at Whithall before 
the Kings Maj, a play called the ,Tempest'.« Die Fälsdiung wurde 
im Jahre 1868 aufgededct, dodi halten es mandie Forsdier für möglidi, 
daß Cunningham, der zu den Papieren Malones Zutritt besaß, die 
Fälsdiung in Kenntnis der von jenem versdiwiegenen Beweise für 
die Entstehung des »Tempest« im Jahre 1611 ausübte und so, wenn 
audi auf betrügerisdie Weise, den wahren Sadiverhalt wieder^ 
gegeben hat^. 

^ Nur GifFord, ein Biograph Johnsons, hat es versucht, der Stelle einen 
anderen Sinn zu geben, indem er darauf hinwies, daß »drolleries« Puppenspiele 
bedeuten und »Servant=monster« das abgeriditete Wundertier auf den Jahrmärkten 
genannt wurde — worauf sidi übrigens Stephano im »Tempest« zu beziehen sdieint. 
GifFord übersieht dabei nur, daß die Maske im »Tempest« selbst »a living drollery« 
genannt wird <III. 3.) und daß es dodi kein Zufall sein kann, wenn dieselbe Stelle 
ein so auffälliges Wortgebilde wie »Servant-monster« und gleidi darauf den Titel 
des Stüdjes, in dem davon Gebraudi gemadit wird, enthält. 

2 Furneß sagt darüber: »The dates of 1611 are given for Performances of 
,The Tempest' in the Revels Accounts forged by Peter Cunningham. That sixty 
years before Cunningham offered his forgery for sale to the Britisdi Museum, 
Malone should have said, that he knew these dates to be true, deepens the mystery 
involved in these forged ,ReveIs Accounts', where of their Ms. record is as uw 
questionable forged as their dates seem to be unquestionable true.« 



Die Authentizität der zweiten Aufzeidinung, des sogenannten 
»Vertue Manusl^ripts« wird nidit angezweifelt. Es enthält die Ab^ 
redinung des Oberkämmerers Jakobs I. über den auf Anweisung des 
Geheimrates vom 20. Mai 1613 an John Heminge für Aufführungen 
bei Hofe gezahlten Betrag. Es sind darin sedis Dramen von Shake= 
speare neben soldien anderer Autoren genannt, im ganzen vierzehn 
Sdiauspiele, und mitten darunter audi der »Tempest«. Die Aufführungen 
bildeten einen Teil der Hodizeitsfcier anläßlich der Vermählung der 
Toditer Jakobs, Elizabeth, mit dem Kurfürsten von der Pfalz, wie 
aus der Bemerkung »for presentinge before the Princess Highness 
Lady Elizabeth, the Prince Pallatyne Elector« hervorgeht. 

Am 14. Februar 1613 fand die Hodizeit statt, am 10. April 
verließ das junge Paar Whitehall, um sidi vierzehn Tage später nadi 
Holland einzusdiiffen. Zwisdien diesen beiden Daten fanden wahr* 
sdieinlidi die Aufführungen statt. 

Die Vermutung lag nahe, es sei die erste Erwähnung einer 
Aufführung des »Tempest« bei Gelegenheit dieser Hodizeit mehr 
als ein Zufall,- eine Reihe von Gründen wurde angeführt, um dar- 
zutun, daß ein ursädilidier Zusammenhang bestehe, mit anderen 
Worten, daß der »Tempest« aus Anlaß und zur VerherrliAung 
dieser Vermählung im königlidicn Hause gesdirieben sei. Tied^ war 
der erste, der diese Hypothese ausspradi: »Idi vermute, daß der 
,Sturm' in demselben Jahre 1613 mit der Eröffnung des größeren 
Sommertheaters, des Globus in Southwark, gegeben wurde, als die 
Erinnerung der Vermählung und ihrer Feicrlidikeiten nodi frisdi im 
Gedäditnis der Zusdiauer und alle Anspielungen verständlidi waren, 
um mit Liebe aufgenommen zu werden. Denn diese Vermählung 
des jungen Ferdinand, die weite Reise, die Segenswünsdie, vor» 
nehmliÄ die feierlidien "Worte des biederen Gonzalo, sollten gewiß 
ebensoviele Glüdcwünsdie für den Pfalzgrafen und die Prinzessin 
Elizabeth sein. Deshalb nimmt audi die Maske einen so großen 
Raum ein, « Tiedc sdieint also die Tatsadie der Aufführung bei Hof 
nodi gar nidit gekannt zu haben, die inneren Gründe allein waren 
für seine Annahme ausreidiend. Spätere Autoren, vor allem Garnett ^ 
und Brandes haben sidi ihm angesdilossen und seine Argumentation 
erweitert. 

Zunädist fällt beim »Tempest« die außerordentlidie Kürze in 
die Augen, die ihn für ein Festspiel sehr geeignet ersdieinen läßt. 
Dem läßt sidi allerdings erwidern, daß er bei jener Redinungslegung 
des Oberkämmerers mitten unter andere Dramen gestellt wird, denen 
diese Eigenschaft abgeht, die damals audi nidit neu und gewiß nie 
als Vermählungsfeststüdie gedadit waren, wie z. B, Othello. Weit 
sdiwerer zu entkräften ist der Hinweis auf die Masques, d. h. die 
Zwischenspiele, die mit Gesang, Tanz und Ausstattungspradit dazu 
dienen sollen, die Zusdiauer zu ergötzen, ohne daß sie in engem 



Dr. Garnett, Universal Review, Apri! 1889. 



!^^ Dr. Hanns Sadis 



Zusammenhang mit der Handlung des Stüdes stehen müssen Es 
.st johl nAtig daß soldie Masques audi bei gewöhnLrTheate;! 

wen1>"dirStlSe""'"^ -1" ^^, '1 ^^^'^ ein"'tTnJhm3 I 

XTs r V^'^ono/n'e eines Studes gleidi zwei soldier »Masaues« 

vertragt, w es beim .Tempest« der Fall ist <IIl3, IV,> ''^'^''^"''' 

Die Masque im vierten Akt nimmt so viel Raum ein daß 

ärntOA tr ^Tn "^^f ''t- ''!?'^'.^, ^^"^ Resf^ Ak"tes' s 
Sgent Aer Jihat r^nl'T 5^' n^t Maskenspiel, dieses selbst sein 
2ß de GIü,^ r^/'^A*' ^^'^^^ '^^ ^^ '^^' d^"t'iA fühlbar, 

da Rühn7 7"'*' "^^^ Göttinnen siA nidit bloß an das Paar auf 
ZusSa "r^-'w^r "" ^'"fJ^"A^^^ jungvermähltes Paar unter den 
^usdiauern r diten ganz ebenso wie die Segensworte des Oberon 

belhrTm Aufband" ''"Ti^^'^-"---sh?^--D-a-. übSfupt 

sdineben wurde Wie in jenem, teilen siA hier die FiVuren Tn drei 
Gruppen: d.e Geisterwelt, dann die fürsriiAe Sphär^ n der dTe 
«aT?! """^ '"^.r MensAliAkeiten siA abs^klen und 
W^lt ObSo71d'V^i'- "T"''^' l^O'-i^AenBesäränkth it 
Ariel und rJh r R ""i 'f ^'F Prospero mit seinen Dienern 
bTnI. M r ". "^"f ^"^l'^' ^^^ ^'^ ^^-ei Welten miteinander ver 
D e';^erS„f SS'un?zt M'^-— jgf^ts-Dream bezdAnend- 
wedef n deV S^Jf f ^"^^'"anderung, da sämtliAe Szenen ent. 

oer letzten Periode Erstaunen erweden, da im »Perikles« und auA 

von SmTnMAT"?'" »Winters-Tale, mit Ortstränderunget 
von ßohmen naA Sizihen, von Sizilien naA Delphi niAt gespart wird 

zehnteri'"T^'%^""'" ™^ V''''" ^kt mehr^ls andIrthS jX 
zehnte hegen Im »Tempest«ist aber die Einheit noA strenger rwahrt 

nur '"drlfstS "1°*^'^'^^' 'T *f ^^"^ HaXnf ^mmt 
Tn/ f P -stunden m AnspruA und spiet aussAIießÜA auf der 

ol K'°'f™^ t""" ""J^^^^ Küste sAeiternden SAiff Ebe 

Urt und Zeit hmwegzudenken, sie soll au A während des Soieles 
auA lß"^"'T' ''''^''^'t "^'^^" J^önnen. So erwlrt es s A 

merLm"da's"wa:" ^"?'^- ^^ ^-^^It TiA voT da If ga^ nil 
mehr um das Was? sondern nur um das Wie?, daß nämliA die 



»Der Sturm« 215 



jedem Zuschauer selbstverständliche Entwicklung auf graziöse und 
unterhaltsame Art durchgeführt werde. 

Auch die inhaltlichen Übereinstimmungen mit dem festlidien 
Anlaß und seinen Personen lassen sich nicht verkennen. Der weise 
Magier Prospero ist ein Kompliment für Jakob I., der so stolz auf 
seine wissenschaftliche Bildung und insbesondere auf seine Kenntnis des 
Hexen^ und Zauberwesens war, über das er sogar ein Buch ge- 
schrieben hatte. Durch den edlen Freier, der um die Tochter des 
Inselfürsten wirbt und sie hinwegführt, wird auf den jungen Gemahl 
der Prinzessin Elizabeth angespielt. Brandes sieht audi noch ein 
anderes Ereignis im »Tempest« widergespiegelt. Kurz vor der Ver^ 
mählung, am 6, November 1612, war Henry, Prinz von Wales, 
der älteste Sohn des Königs, gestorben. In den Klagen Alonzos um 
den totgeglaubten Ferdinand erblickt Brandes die Bekundung der 
Teilnahme Shakespeares mit Jakobs Vaterschmerz. Mich würde dieser 
Zug eher veranlassen, alle Gründe in den Wind zu schlagen und 
der Ansicht, daß der »Tempest« für diese Hodizeit geschrieben sei, 
entgegenzutreten. Läßt sich etwas Taktloseres denken, als einem 
Vater den Verlust, den er soeben erlitten hat, durch die Situation 
auf der Bühne möglichst deutlich vor Augen zu führen, die eben 
verheilende Wunde mit roher Hand aufzureißen? König Jakob 
war übrigens bei jener höfischen Aufführung des »Tempest« nicht 
zugegen, wahrscheinlich schloß er sich eben wegen jenes Traucrfalles 
von den Festlidikeiten aus. Die Anstößigkeit einer beabsiditigten 
Parallele wird noch greller, wenn man die Worte des Sebastian 
<II, 1.) bedenkt, in denen er dem Vater die Schuld am Tode des 
Sohnes gibt, weil er darauf bestanden habe, die Tochter außer Landes, 
über See zu verheiraten. Diese Worte können unmöglich eigens 
zur Feier der Hochzeit einer Braut gedichtet sein, die eben den 
Bruder verloren hat und im Begriff steht, ihrem Gatten über das 
Meer in ein fernes Land zu folgen. 

So ziemlich alle Shakespeareforscher stimmen darin überein, 
daß der »Tempest« aus äußeren und inneren Gründen des Dichters 
letztes Werk sei. Der Zwiespalt besteht nur darin, daß die über= 
wiegende Mehrheit, dem Beispiel Malones folgend, als Entstchungs= 
zeit die Monate vom Herbst 1610 bis zum Sommer 1611 annimmt, 
während jene Gruppe, die ihn als zur Vermählung der Prinzessin 
Elizabeth verfaßt ansieht, ihn notwendigerweise auf das Ende des 
Jahres 1612 verlegen muß. So gut die Gründe auch sind, die dafür 
sprechen, daß die Aufführung bei einer fürstlichen Hochzeit dem 
Diditer bei der Komposition seines Werkes vorschwebte, so steht — 
abgesehen von dem Mißklang durch den Hinweis auf den Tod des 
Prinzen Heinridi — noch ein anderes, schwerwiegendes Argument 
der Verlegung auf das Ende des Jahres 1612 oder den Anfang 1613 
entgegen. 

Dem »Tempest« ging »Winters=Tale« unmittelbar vorher,- das 
beweist nicht nur die äußere und innere Verwandtschaft, sondern 



auA, daß die samtlichen Kennzeidien für die Datierung darauf hin^ 
deuten, daß »Winters^Tale« das späteste der Shakespearesdien Stüdce 
war, nur eben den »Tempest« ausgenommen. Einzelne Forsdier 
versetzen es sogar an dessen Stelle an den SAIuß von Shakespeares 
bdiafiFen. Nun muß »Winters-Tale« im Winter 1610/1611 und zwar 
spätestens in den ersten Monaten des Jahres 1611 entstanden sein 
denn aus den Aufzeidinungen des Astrologen Dr. Foreman geht 
hervor, daß er bei einer Aufführung dieses Stüdes zugegen war 
die am 15. Mai 1611 im GIobe-Theater stattfand und die keines^ 
wegs eine Erstaufführung gewesen sein muß. Wer den »Tempest« 
als Hodizeitsstüd, gesdirieben zur Feier der Vermählung des Kur= 
fursten von der Pfalz, ansieht, muß eine fast zweijährige Pause in 
Shakespeares dramatisdier Produktion annehmen, die er nur unter- 
brochen hatte, um dann vollständig zu verstummen. 

UnmögliA ist eine soldie Annahme allerdings nidit, aber sie 
ci V" Widersprudi mit dem Rhythmus, in dem sidi sonst das 
ödiatten des Diditers vollzog. Shakespeare steht an der Spitze der 
Foeten, die imstande waren, »die Poesie zu kommandieren«. Ein 
Abwarten der Inspiration hat er gewiß kaum gekannt, eher mag 
ihn die übergroße Fülle seiner Gestaltungskraft gequält haben. Nur 
so ist es verständlidi, daß er, der Sdiauspieler, Direktor und viel= 
geplagte GesAäfts= und Gesellsdiaftsmensdi in weniger als drei 
ahrzehnten diese Fülle von Dramen sdiaffen konnte — von den 
klemen Epen und Sonetten, von den Werken anderer Diditer, die 
er zur Authihrung zureditstutzte, ganz zu gesdiweigen. In 14 Tagen 
soll er die »Lustigen Weiber« gesdirieben haben und die Heraus- 
geber des J-oIio beriditen, seine Manuskripte hätten selten audi nur 
die kleinste Korrektur gezeigt. Diese Leiditigkeit des Sdiaffens war 
^m eine willkommene Hilfe — nidit zur Erlangung literarisdien 
Ruhmes denn er hat wohl seine episdien, aber keines seiner drama- 
tisdien Werke zum Drude befördert, sondern zum Erwerb von Ver- 
mögen und sozialer Stellung. Die Teilhabersdiaft an einem Theater 
war ein außerordentlidi einträglidies Gesdiäft, aber als Sdiauspieler 
hatte er sidi kaum zu einem soldien Posten aufgesdiwungen, wäre 
Ihm niAt die Fähigkeit zu Gebote gestanden, jedes Jahr ein bis, 
zwei erfolgreidie Bühnenstüde zu sdireiben. Es ist sehr unwahr- 
scheinlidi daß er diese durdi so viele Jahrzehnte geübte Tätigkeit 
unterbrodien und -- sei er nun in London weilend oder sdion nadi 
btratford heimgekehrt — nadi zweijähriger Pause einem Hoffest • 
zuliebe wieder aufgenommen habe. Viel wahrsdieinlidier ist es, daß 
er die J-eder erst hinlegte, als er sidi von allen seinen Berufsbe- 
ziehungen losgelöst hatte, um von nun an das Leben eines Land- 
edelmannes zu führen, sie aber dann in seiner neuen Existenz nidit 
wieder aufnahm, es sei denn, um einem jungen Kollegen mit Rat 
und Tat beizustehen Mit dieser Annahme stimmen die übrigen 
Anhaltspunkte für die Datierung überein, insbesondere audi die 
Beziehungen zu Somers Expedition, die alle auf das Jahr 1611, nidit 



»Der Sturm« 217 



auf das Ende von 1612 verweisen. Nidit allzulange nadi VolU 
endung des »Winters=TaIe«, also nodi im Laufe des Jahres 1611, 
so müssen wir vermuten, setzte Shakespeare sein ununterbrodien 
weiterströmendes Sdiaffen fort und sdiuf den »Tempest«. 

In diesem Falle wäre also der »Tempest« kein HodizeitsstüA/ 
er wurde nur zufällig mit mehreren anderen älteren Stücken zu= 
sammen bei der Hodizeit aufgeführt. Es bleibt aber quälend, daß 
soviele bedeutungsvolle Merkmale das StüA als eigens zu dem 
Zwedi gesdiafFen, dem es bei jener Aufführung diente, zu kenn= 
zeidinen sdieinen. Gibt es kein Mittel, um diesen Zwiespalt zu 
beseitigen? 

Idi glaube dieses Mittel gefunden zu haben, und es sdieint 
mir kein bloßer Verlegenheitsausweg, da dadurdi audi auf den Stoff 
und die Vorgesdiidite des »Tempest« ein neues Lidit geworfen würde. 

Sdion längst vor der Verehelidiung der Lady Elizabeth 
hatten, wie das bei einer Prinzessin selbstverständlich ist, Ver= 
handlungen mit Bewerbern um ihre Hand stattgefunden. Ihre Ehe 
ist übrigens wirklidi eines der bedeutsamsten Ereignisse in der 
Gesdiidite Englands, denn durdi die Abstammung von ihr be- 
gründete das Haus Hannover seine Redite auf den englisdien 
Thron, den es seit 1714 bis heute inne hat. Unter ihren Be= 
Werbern befand sidi der Dauphin von Frankreidi, Moriz von 
Oranien, Philipp III, von Spanien, weitaus die bedeutsamste Ge=' 
stalt aber war Gustav Adolph, der spätere Held des Dreißig- 
jährigen Krieges, der gerade damals <im Oktober 1611) den durdi 
den Tod seines Vaters, Karl IX., leer gewordenen Thron bestieg. 
Gustav Adolph übernahm als Erbe seines Vaters den Krieg gegen 
den König Christian von Dänemark. Jakob I, von England ver« 
mittelte zwisdien den beiden Gegnern, aber erst im Jahre 1613 
kam der Friede von Knäred zustande. Wäre es zur Ehesdiließung 
mit der Lady Elizabeth gekommen, so hätten die Feindseligkeiten 
gewiß viel früher, eben durdi diese Ehesdiließung ihr Ende ge= 
funden, denn Elizabeths Mutter, Anna, war die Sdiwcster des 
dänisdien Königs Christian IV. Diese Heirat hätte also eine 
Friedensstiftung bedeutet,- die Analogie mit dem »Tempest« ist 
aber nodi viel enger, denn der Ahne Gustav Adolphs, Gustav 
Wasa, hatte das dänisdie Königshaus, also die Voreltern der Lady 
Elizabeth, aus Sdiweden vertrieben und selbst die Krone aufge« 
setzt. Die Ehe zwisdien Gustav Adolph und Elizabeth wäre also 
das genaue Vorbild des im »Tempest« zwisdien Ferdinand und 
Miranda gesdilossenen, von Prospero <Iames> gesegneten Bundes. 
Bei dieser nordisdien Heirat konnte die Erinnerung an die »einzige 
romantisdie Episode im Leben des prosaisdiesten Mitgliedes einer 
sehr poetisdien Familie« leidit mitunterlaufen. Als Anna von 
Dänemark, König Jakobs Braut, zur Hodizeit nadi England fuhr, 
wurde ihr Sdiiff vom Sturm in einen norwegisdien Hafen ver=- 
sdilagen und man fürditete seinen Verlust. Jakob fuhr aus, um sie- 



zu sudien,. er fand die Braut und bradite sie im Triumph nadi 

i^'^ci^L™^ .^^r ^^'° ^"* *^ Anknüpfung an das Scesturm- 
und ödiittbrudisabenteuer des »Tempest« gegeben. War des 
Uiditos BliA einmal auf das Haus Wasa gelenkt, so fand er dort 
den Ihronraub durdi den Jüngern Bruder in mehr als einem Falle. 
Oustav Adolphs Vater, Karl IX., war, wie Antonio für Prospero, 
Keidisverweser für seinen Bruder Sigismund gewesen und hatte 
wie Antonio, den Bruder vom Thron gestoßen, um ihn selbst zu 
besteigen, ütwas von all diesen Dingen, vor allem aber die Bei- 
legung eines unseligen Zwistes um eine geraubte Krone durdi die 
Heirat zwisdien den Kindern des entthronten und des neugekrönten 
Pursten sdieint sidi im »Tempest« deutlidi widerzuspiegeln. 

Wir wissen leider nidit, wie weit die Verhandlungen bei der 
Bewerbung Gustav Adolphs um die Hand Elizabeths gediehen 
sind. Sidier^t nur, daß sie im Jahre 1611 stattfanden, durdi den 
lod Karls IX. der dessen jugendlidien Sohn zum König von 
^diweden madite, erhielten sie vielleidit eine verstärkte Bedeutung 
Denn einerseits mußte der König ein willkommenerer Sdiwiegersohn 
sein als der Kronprinz und anderseits bemühte sidi Gustav Adolph 
vom 1 age seiner Thronbesteigung an um die Beendigung jenes Krieges 
mit Danemark und dazu war die Ehe mit der Toditer Jakobs, der mit 
seinem bdiwager Christian sehr innig befreundet war, der beste Wes 
Shakespeare, der als Mitdirektor der »Kings players«, als »HofsAau- 
Spieler« gewiß nidit ohne höfisdie Beziehungen war, mag vor oder nadi 
dem Oktober 1611 von der wahrsdieinlidi bevorstehenden Vermählung 
Elizabeths mit dem siebzehnjährigen sdiwedisdien Thronfolger — oder 
Konig - gehört haben, Das Motiv der feindlidien Brüder, von denen 
der jüngere den älteren um sein Erbe bringt, lag ihm, wie wir sehen 
werden sAon längst nahe, er hatte es in seinem Sdiaffen oft genug 
gebraucht. Hier fand siA eine neue, versöhnende Lösung, das mag ihn 
gereizt haben, und so entstand der »Tempest«. 
u u i^^" "l"ß ^^bei allerdings die Vorstellung fernehalten, als 
habe dei- Uiditer nur eine allerhödiste Vermählung abgewartet um 
sie durdi ein Gelegenheitsstüd feiern zu können, Shakespeare war 
kein Hofmann: die Anspielungen auf die Tugenden der Hcrrsdier 
und die Sdimeidieleien die der damalige Braudi verlangte, sind bei 
Ihm sehr^ selten, viel seltener als sidv nadi seiner bevorzugten 
Stellung bei Hofe erwarten ließe. Nadi Aussage seines Kollegen 
John Sacy ging er nur sehr ungern zu Hofe »if invited to 
court, he was in payne«, JA will damit gar nidit versudien, dem 
Diditer einen Zug von »Männerstolz vor Fürstenthronen« anzu- 
sdiminken, soweit wir seine Lebensziele kennen, überwog bei ihm 
einfadi der Welt= und Gesdiäftsmann den Höfling. Der Hof ^alt 
ihm nur als Mittel zum widitigsten ZweA: Geld zu erwerben und 
den Lrlanz seines Hauses wieder herzustellen. 

Als er, durdi jene Gerüdite über die bevorstehende Ver- 
mahlung angeregt, ein Stüdc zu sdireiben begann, nahm er aller= 



»Der Sturm« 



219 



-dings in versdiiedenen Einzelheiten darauf Rüdisidit, daß das Werk 
zur Festaufführung bei einer fürstlidien Vermählung geeignet sei. 
-Aber er ging keineswegs so weit, alles diesem einen Zweck untere 
zuordnen und einen Prolog für einen Polterabend zu sdireiben. 
Wenn er also audi auf den Brautvater, auf den Hergang der Ver« 
mählung und ihre Folgen Anspielungen einstreute, so blieben diese 
so unvordringlidi, daß sie einer anderen Verwendung nidit ent= 
gegenstanden. Als es dann im Jahre 1611 zur Vermählung nidit 
kam, ließ Shakespeare sein Drama, dessen Aufführung für ihn 
eine erheblidie Einnahme bedeutete, wohl nidit im Sdireibtisdi 
liegen, sondern bradite es auf seiner Bühne zur Darstellung. Ein 
Jahr später kam dann der »Tempest« zusammen mit älteren 
Shakespearesdien Werken zu der Verwendung, für die er Ursprünge 
lidi beabsiditigt war, ohne daß jene Züge, die nun nidit mehr 
paßten, retoudiiert wurden, wie etwa die Anspielungen auf einen 
jüngstverstorbenen Königssohn und auf das Alter der Prinzessin. 
Miranda, die Vertreterin der fürstlidien Braut auf der Bühne, ist, 
wie aus I, 2 hervorgeht, 15 Jahre alt und ebensoviele Jahre zählte 
die im Jahre 1596 geborene Prinzessin Elizabeth gerade im 
Jahre 1611, in weldiem der »Tempest« nadi der hier dargelegten 
Ansidit mit Hinblidc auf sie verfaßt wurde — eine Überein« 
Stimmung, die in diesem Zusammenhang dodi nadi mehr als bloßen 
Zufall aussieht. 

Es darf nidit unerwähnt bleiben, daß eben damals ein 
historisdies Ereignis die Gemüter erregte, das mit der Vorgesdiidite 
des »Tempest« große Ähnlidikeit hat. Diese Ähnlidikeit — es 
handelt sidh um den »Bruderstreit im Hause Habsburg« — ■ wird 
dadurdi sehr vertieft, daß die Hauptperson, der kaiserlidie Ein= 
Siedler am Hradsdiin, in einzelnen Zügen so sehr an Prospero 
erinnert, daß er ihm sehr wohl als Vorbild gedient haben mag. 
Wie Prospero war Rudolf den geheimen Wissensdiaften, Aldiimie 
und Astrologie, leidensdiaftlidi ergeben. Wie Prospero sperrte er 
sidi, um seinem Studium ungestört nadihängen zu können, von der 
Außenwelt ab. Wie Prospero setzte er seinen Bruder Matthias als 
Stellvertreter in einen Teil der fürstlidien Gewalt ein und wie 
Prospero wurde er von seinem Stellvertreter entthront. Diese 
Ereignisse fanden im Sommer 1611 statt. Am 23, Mai wurde 
Matthias in Prag gekrönt, am 11. August fand die endgültige 
Auseinandersetzung zwisdien den Brüdern statt, in weldier 
Rudolf an Matthias die Herrsdiaft abtrat und dieser dem Ent= 
thronten das Sdiloß am Hradsdiin als Wohnsitz — halb Zu« 
fludit, halb Gefängnis — überließ. Die Nadiridit von dem Thron« 
wedisel und seinen Umständen war im Spätsommer 1611 gewiß in 
England sdion verbreitet,- mag sie nun auf den Entwurf des 
»Tempest« miteingewirkt haben oder nidit, keinesfalls ergibt sidi 
daraus ein zeitlidier Widersprudi mit unserer Hypothese und nodi 
■weniger ein inhaltlidier: diditerisdie Stoffe sind überdeterminiert und 



Shakespeare mag, als er dabei war, die Folgen eines Bruderzwistes. 
zu gestalten, den Nadiriditen, die aus Österreidi ähnlidies be= 
Halteten, ein aufmerksames Ohr geliehen und in sein Bild, die Züge 
die ihm passend sdiienen, eingetragen haben. 

III. Quellen. 

Der Forsdier nadi den Quellen eines Shakespearesdien Stüdces 
hndet in sehr vielen Fällen das Werk in stofFlidier Hinsidit von 
emem älteren Drama, einem Gesdiiditswerk, einer älteren oder 
zeitgenössisAen Novelle so stark abhängig, daß ein Zweifel über 
die beraitzte Vorlage nidit mehr möglidv ist. Beim »Tempest« liegt 
die badie anders,- wir kennen zwar zwei Werke von Zeitgenossen 
biiakespeares, die inhaltlidi und sogar in gewissen Einzelzügen mir 
dem »Tempest« soviel Ähnlidikeit haben, daß es ausgesdilossen 
ist dieses letzte Werk des Diditers als Gesdiöpf seiner freien 
b^rhndung zu betraditen, anderseits kann keines dieser beiden 
Werke aus bestimmten äußeren Gründen Shakespeares Vorbild ge<- 
Wesen sein. Es bleibt also der Kombination ein weites Feld 
Hatten die beiden verwandten, aber geographisdi weit getrennten 
Werke eine gemeinsame Wurzel? Und weldier Art war diese? 
Gehorte sie audi der Kunstpoesie an oder sdiöpften der spanisdie 
ürzahler und der deutsdie Dramatiker voneinander unabhängig ' 
aus dem Märdienbrunnen des Volkes? Ist Shakespeare bis auf diese 
gemeinsame Wurzel zurüdigegangen oder kannte er einen dritten 
Abstämmling, der auf englisdiem Boden gewadisen war? 

Im Jahre 1610 ersdiien die Novellensammlung »Nodies de 
Invernio« <Winternädite) von Antonio de Eslava, weldie bei Leb= 
zelten Shakespeares in keine andere Spradie übersetzt wurde Sie 
enthielt im vierten Kapitel eine Erzählung, die, von dem über- 
Hussigen mythologisdien Zierat entkleidet, den folgenden Inhalt hat^- 
Ein Fürst verlangt die Erbfolge im Nadibarreidie für seinen Sohn' 
da er mit der Herrsdierfamilie verwandt sei und der Nadibarfürst 
selbst nur eine Toditer habe. Dieser erklärt sidi einverstanden, 
wenn der Sohn seine Toditer heiraten wolle. Seine Bedingung 
wird abgewiesen und sein Reidi mit Krieg überzogen, so daß er 
gezwungen wird, sidi mit seiner Toditer in den Wald zu flüditen 
Er erreicht von dort aus die Küste und erriditet nun einen herr= 

lidien Palast unter dem Meer mit Hilfe seiner Zauberkunst, die er nur ' ' ^ ^ 

im Kriege nidit verwenden konnte, weil ihm verboten war, gegen H 

Mensdien damit zu wirken. In diesem Palast lebt er in großer ^M 

Pradit mit seiner ToAter. Inzwisdien stirbt der Eroberer und ^" 
hinterlaßt sein Reidi mit Übergebung des älteren Sohnes dem 
jüngeren. Der ältere muß fliehen, kommt aufs Meer und wird vom 



Bd. 43. 



' Nadi der Übertragung von Gustav Bedter, Shakespeare-Jalirbudi 1907, 



»Der Sturm« 



221 



Zauberer in seinen Palast entführt, wo er sidi in dessen Toditer, 
die der Vater einst für ihn bestimmt hatte, verliebt und sidi mit 
ihr vermählt. Wahrend der Hodizeitsfeier fährt auf dem Meer der 
ebenfalls neuvermählte jüngere Bruder und -wird gerade oberhalb 
des unterseeisdien Palastes von einem Sturm — der nicht von 
dem Zauberer erregt wurde • — ergriffen. Ein Teil der Flotte geht 
unter und da die sinkenden Sdiiffstrümmer die Hodizeitsgesellsdiaft 
in der Tiefe belästigen, erhebt sidi der Zauberer an die Oberflädie, 
hält dem Frevler eine Strafpredigt und prophezeit ihm den baldigen 
Tod, der ihn gleidi nadi der Heimkehr audi wirklidi ereilt. Der 
ältere Bruder besteigt nun den ihm von Redits wegen zukommenden 
Thron, sein Sdiwiegervater lebt nodi zwei Jahre in einem Sdiloß, 
das er sidi auf im Hafen liegenden Sdiiffen erbaut. 

Die Verwandtsdiaft mit der Sturmfabel ist in die Augen 
fallend: Der vertriebene Fürst findet für sidi und seine Toditer 
ein Asyl in der Meeresöde, wobei allerdings die wüste Insel für 
den Unterseepalast eintreten muß, eines wie das andere ein 
riditiges Märdienrequisit. Durdi Zauberkraft weiß er den Sohn 
seines Bedrängers, den er zum Sdiwiegersohne gewählt hat, an sidi 
zu ziehen, Der Bruderstreit fehlt nidit, ebensowenig Sturm und 
SdiifFbrudi bei der Heimkehr von einer Hodizeit sowie die Wieder» 
Einsetzung des reditmäßigen Herrsdiers. 

Die Abweidlungen Shakespeares von der Erzählung lassen 
sidi sehr gut aus den Gründen der dramatisdien Tedinik ver= 
stehen. So hat er den Bruderzwist, der bei Eslava in der zweiten 
Generation spielt, nadi vorne verlegt und ihn mit dem Vertreibungs* 
motiv kombiniert,- neben dem vertreibenden Herrsdier, dessen Sohn 
die Toditer des Entthronten heiratet, steht nodi der jüngere Bruder 
des Vertriebenen, der eigentlidie Urheber und Nutznießer des ge= 
sdiehenen Unredits. So wird eine dramatisdie Konzentration, ein 
Zusammen« und Gegeneinanderwirken der Motive erreidit, die in 
der Novelle in episdier Breite aufeinanderfolgen. Durdi den Verrat 
des Bruders motiviert es Shakespeare weit besser als Eslava, warum 
der den Elementen gebietende Zauberer sidi nidit seiner Feinde erwehren 
konnte. Sdiließlidi ist bei Eslava das Zusammentreffen des mit dem 
Sturm kämpfenden Usurpators mit dem vertriebenen Fürsten ein bloßer 
Zufall, der außer der prophetisdien Vorhersage des baldigen Todes 
audi keine weiteren Folgen hat, während Shakespeare, audi hier 
das Episdie ins Dramatisdie umbiegend, den Sturm sowohl als die 
Landung der Fürsten das Werk Prosperos sein läßt, der seinen 
darauf gegründeten Plan bis zum glüAlidien Ende durdiführt. In 
den Grundlagen der Handlung also dedct sidi Shakespeare mit 
Eslava so genau, als es mit seinen Zielen, dramatisdie Wirkung und 
Zusammendrängung der Handlung auf wenige Stunden, vereinbar ist. 

Es sdieint demnadi, als brauditen wir nadi einer anderen 
Quelle nidit mehr zu sudien. Trotzdem gibt es eine zweite, die uns 
mehrere Züge liefert, die bei Eslava fehlten. Es ist »Die Comedia 



222 Dr. Hanns Sadis 



von der sdiönen Sidea, wie es ihr bis zu ihrer Verheiratung 
ergangen«, von Jakob Ayrer, Notarius zu Nürnberg und als dra- 
matisdier Diditer ein Rivale des Hans Sadis, übrigens ein erz= 
prosaisdicr Gesellet Die ersten drei Akte seiner »Sidea« zeigen, 
wie der bösartige Tyrann Ludoffi in einer Fehde mit einem anderen 
Fürsten gesdilagen und seines Landes verlustig wird. Er flieht mit 
seiner Toditer Sidea in den Wald, wo es ihnen erbärmlidi sdiledit 
geht, aber LudoIfF getröstet sidi dessen im Vertrauen auf seine 
Zauberkunst. Er kommt bald in die Lage, sid\ dieser zu bedienen, 
Engelbredit, der Sohn seines Feindes, jagt im selben Walde,- er madit 
ihn durdi Berühren mit dem Zauberstabe wehrlos und befiehlt ihm: 

»Sollst meiner Toditer Holz tragen 
Und alles was sie dir tut sagen 
SoIIstu verriditen und vollbringen. 
Dazu solls Didi mit Sdilägen zwingen 
Und wo sies klagweis bringt für midi 
Daß du wollst etwa weigern Didi 
Alsbald will idi ersdilagen Didi.« 

So dient Engelbredit der Sidea und ein dienender Geist Lii- 
dolffs, der Teufel Runcifal wird zum Wäditer bestellt: 

»Und daß kein LöfFlerey nit treiben 
Meine Toditer und der Engelbredit 
Soll er auf sie adit haben sdiledit.« 

Die Vorsidit des Vaters ist vergebens. Sidea wird durdi 
Engelbredits Bitten erweidit/ nadidem er ihr gesdiworen hat, sie 
daheim zur Frau zu nehmen, flieht sie mit ihm. Vorher versdiließt 
sie mit dem Zauberstab dem Teufel Runcifal den Mund, damit er 
ihre Fludit dem Vater nidit verrate. 

Das Motiv des Bruderzwistes fehlt hier allerdings, dafür sind 
Ähnlidikeiten vorhanden, die das Drama nodi näher an die Sturm- 
fabel zu rüAen sdieinen, als Eslavas Novelle; Der Zauberer fristet 
mit seiner Toditer sein Leben in der Wildnis. Der Sohn des Feindes 
fällt in seine Gewalt <daß Engelbredit, sowie Ferdinand, der Bewe- 
gungsfähigkeit beraubt wird und das Sdiwert nidit zu ziehen vermag, 
darauf ist wohl nidit viel Gewidit zu legen, denn diese Hemmung, 
eine allen Mensdien bekannte Traumsensation, gehört zu den allgemein 
üblidien Hilfsmitteln der Zauberei) und er gebraudit seine Madit, 
um den Unterworfenen in der sdimählidisten Kneditsdiaffi zu halten. 
Sogar die Art der Dienstbarkeit ist bei Shakespeare und Ayrer 
genau dieselbe und dies kann unmöglidi ein Zufafl sein: Ferdinand 
und Engelbredit müssen Holz sdileppen. 

Ein widitiger Zug fehlt in der »Sidea« wie in den »Winter« 
näditen«, denn in beiden ist die mit dem Vater fliehende Toditer 
als erwadisenes Mäddien gedadit,- nur im »Tempest« wädist die zur 

1 Vgl. Dr. Willibald Wodik, »Ayrers Dramen in iiirem Verhältnis zur ein«' 
heimisdien Literatur und zum Sdiauspiel der englisdien Komödianten«. 



Zeit der Vertreibung dreijährige Miranda in Obhut und Pflege ihres 
Vaters heran. Dagegen ergänzen sidi die beiden Quellen hinsiditlidi 
der Liebesgesdiidite: Bei Ayrer wie im »Tempest« wird der Lieb= 
haber vom Vater feindselig aufgenommen und als Knedit behandelt, 
dort wie hier spielt sidi die Liebesszene ab, während der Königs» 
söhn seinen Rüdien unter der Last der Holzklötze beugt und — 
wenigstens vermeintlidi — ohne Wissen und gegen den Willen 
des Vaters, Eslava hat mit Shakespeare wieder gemeinsam, daß 
der Prinz sdion längst vom Vater des Mäddiens als Eidam aus= 
ersehen war und daß der Vereinigung der beiden der väterlidie 
Segen nidit fehlt und die Strafe für den Usurpator unmittelbar 
nadifolgt. 

Die Zustimmung des Vaters muß in der »Sidea« sdion des^ 
wegen ausbleiben, weil mit dieser die Handlung zu Ende ist und 
Ayrer die seinige weiter führt. Der mit seiner Retterin fliehende 
Prinz erreidit die Heimat. Er will zunädist allein vor seinen Vater 
treten und verbirgt die sdiöne Sidea in einer Baumkrone über einem 
Brunnen, von wo er sie in kurzer Zeit zu holen und als Braut 
heimzuführen verspricitt. Nun folgt ein reizendes, edit märdienhaftes 
Zwisdienspiel: ein paar Frauen aus der Stadt kommen eine nadi 
der anderen zum Brunnen. Jede erblidt, indem sie sidi zum Sdiöpfen 
hinunterbeugt, auf der Wasserflädie das Spiegelbild der über ihr 
verborgenen Sidea und jede glaubt ihr eigenes Bild zu sehen, freut 
sidi ihrer Sdiönheit und hält sidi von nun an zu gut für die niedrige 
Arbeit und den bisherigen Genossen. Sidea wartet vergebens, durdi 
eine Bezauberung hat Engelbredit ihrer vergessen, sein Vater hat 
eine Prinzessin als Braut kommen lassen und rüstet jetzt die Hodizeit. 
Die Verlassene geht verkleidet an den Hof, im letzten Augenblid^ 
gelingt es ihr, den Zauber zu lösen und die Erinnerung zu wed^en, 
Engelbredit versdimäht die neue Braut und vermählt sidi mit der 
Wiedererkannten, Der Vater Ludolff, der, ebenfalls verkleidet, seiner 
Toditer gefolgt ist, findet volle Vergebung. 

Das Ganze hat trotz des unerträglidi trodienen und platten 
Dialogs und trotz des derben Bauernzwisdienspieles, das mit der 
Handlung nidits zu tun hat, es sei denn, daß man um jeden Preis 
eine Ähnlidikeit zwisdien dem Teufel Runcifal und Ariel konstruieren 
will, den poetisdien Glanz des Volksmärdiens nidit völlig abzustreifen 
vermodit. Überhaupt, so unleugbar die Ähnlidikeit im Gang derHand= 
lung ist, so himmelweit stehen Sidea und Tempest, nidit bloß durdi 
das künstlerisdie Niveau, sondern audi in jeder anderen denkbaren 
Beziehung, voneinander ab. Ein deutsdier Gelehrter, Johannes Meissner, 
hat in seinen »Untersudiungen über Shakespeares Sturm« trotzdem 
wördidie Übereinstimmungen zu finden geglaubt und die vermeint= 
lidien Parallelstellen nebeneinander gehalten. Aber weiter als bis zur 
Gemeinsamkeit soldier Worte, wie »Liebe«, »Madit«, »Kneditsdiaft« 
geht die Ähnlidikeit nidit. So sagt Sidea in der Liebesszene, wo 
die Annäherung am deutlidisten sein soll: 



224 Dr. Hanns Sadis 



»Balt keil mir das Holte zu sdieiten 
Wil tu änderst die streidi nit leiden 
Du bist ein rediter fauler Hund.« 

Ehe sie Engelbredit erhört, läßt sie sidi erst gründlich und in 
aller Form ein Eheversprecfien geben,- wo bleibt da die jungfräulidie 
Hingabe Mirandas? — Die englisdien Komödianten waren zuerst 1593 
und dann wiederholt, so 1604 und 1605 in Nürnberg,- Ayrer hat 
sie gekannt und ihre Studie ausgiebig plagiiert. Aber daraus sdiließen 
zu wollen, daß audi die Engländer — die nidit Deutsdi spradien — 
Ayrers Stück kennen lernten und ihrem Kollegen Shakespeare 
dessen Kenntnis vermittelten, geht entsdiieden zu weit. Das Riditige 
sdieint audi hier Tiedi <Deutsdies Theater, Vorrede p. 29) getroffen 
zu haben: »Das Verhältnis des Prinzen zum Zauberer, seine Dienst^ 
barkeit unter diesem, nodi bestimmter sein Herbeisdileppen der Holz= 
klotze, erinnern an den ,Sturm' Shakespeares,- von diesem wunder^ 
baren Sdiauspiele haben die Engländer bis jetzt nodi keine Quelle 
auffinden können und mir ist es mehr als wahrsdieinlidi, daß Shake» 
speare die Gedanken zu seinem Werke aus dem nämlidien alten 
Studie nahm, weldies Ayrer hier nadigeahmt hat. Die Namen und 
Gegenden sdieint unser Autor willkürhdi geändert zu haben, sowie 
er die komisdie Episode ganz ohne Zusammenhang mit dem übrigen 
Stüdce eingesdialtet hat, ganz auf die Weise des ältesten englisdien 
Theaters«, Daß ein Märdien — mittelbar oder unmittelbar — Ayrers 
Vorlage bildete, sdieint unbestreitbar : Ein Königssohn verirrt sidi bei 
der Jagd im Walde. Er kommt zum Hause eines Zauberers <oder 
einer Hexe) und gerät in seine Gewalt. Von seiner Kneditsdiaft <oder 
von der drohenden Ermordung) wird er durdi die Toditer des Zauberers 
befreit. Sie fliehen miteinander, der Hexenmeister verfolgt sie vergeblidi. 
Daß der Sdiluß, ' das Verlassen vor dem Tore, die Verzauberung 
<les Vergessens und ihre Lösung in zahlreidien deutsdien Märdien 
wiederkehrt <z, B, im »Liebsten Roland« bei Grimm K. H. M.), 
braudit kaum hervorgehoben zu werden. Audi zum Anfange gibt 
es zahlreidie Parallelen. Newell^ glaubt das beste Vorbild in einem 
in Massadiusetts verbreiteten Märdien »Lady Featherflight« gefunden 
zu haben. Aber audi auf dem Boden des alten Europa blüht die 
Erzählung von dem verirrten Königssohn — oder Knaben ■ — den 
die Toditer des Hexenmeisters befreit, um mit ihm zu fliehen, nodi 
Immer. So in dem Bedistein=Märdien »Von dem Knaben, der das 
Hexen lernen wollte« und in den von Kuhn gesammelten »Märkisdien 
Sagen«. Bei letzterem ist die Königstoditer vom Popanz geraubt 
worden und ähnlidi wie bei Miranda »war es sdion lange her, daß 



I 



' Sources of Stiakespeares Tempest, Journal of American FoIIdore, 
Vol. XVII. Die Abiiandlung war mir leider nidit direkt zugänglidi, idi mußte midi 
mit einem Referat begnügen. Es sdieint, daß der Autor der Ansidit ist, daß das 
Märdien, in weldiem er die Urform der Sturmfabel sieht, Shakespeare in einer 
literarisdien Version, und zwar in der Novelle »La Palomna« des Pentamerone von 
Basile vorgelegen ist. 



»Der Sturm« 



22B 



sie keinen Menschen gesehen«. Der Prinz und Befreier ist ihr Bruder* 
söhn, was Shakespeare dadurch vermeidet, daß er den Usurpator 
in zwei Gestahen zerlegt, einen Verräter und Bruder, den anderen 
edel und Vater des Erwählten sein läßt. Insel und Schiffbruch fehlen 
in den »Märkischen Sagen« nicht. 

Der Stoff des »Tempest« oder vielmehr der Stoffkeim ist also 
ein echtes und altes Volksmärchen, Von diesem Märchen wurde 
der zweite Teil fortgelassen — die Flucht, das Vergessen und Wieder* 
finden der Befreierin — und der ersie Teil logisch vervollständigt, 
indem eine Verbindung zwischen Königssohn und Zauberer über 
das zufällige Zusammentreffen hinaus vorgenommen wurde: Der 
Königssohn wird der Sohn des Feindes, der den Zauberer um sein 
Reich gebracht hat. Diese Motivierung treffen wir sowohl bei Ayrer 
wie bei Eslava, die Abkürzung nur bei letzterem,- jedenfalls mußte 
sie nicht erst von Shakespeare vorgenommen werden. 

Hat Shakespeare unmittelbar aus dem Volksmärchen geschöpft 
oder eine kunstmäßige Darstellung als Vorbild benützt? Wenn wir 
bedenken, daß der Dichter bei den anderen Märchendramen derselben 
Epoche regelmäßig ein literarisches Produkt als Quelle erwählt hat 
— bei Perikles wird es ausdrüchlich im Stück selbst hervorgehoben, 
bei »Winters =Tale« war es die »Faunia« von Greene, bei »Cym= 
beline« eine Novelle von Boccaccio und eine Episode aus dem 
»Mirour of Knighthood« — so liegt die Annahme nahe, daß er 
beim »Tempest« ebenso gehandelt hat. Sein Vorbild mag im ganzen 
der Novelle von Eslava ziemlich geglichen haben, trug aber einige 
Züge, die Ayrer auch gebraucht hat. Shakespeare hat hier wie 
sonst nur dieser Züge, wie leiser Erinnerungsspuren der Volks« 
poesie, bedurft, um sie in ihrer ganzen Schönheit und Kraft wieder* 
herzustellen. 

IV. Analytiscfier Teil. 

»Künftighin ist Prospero nur mehr ein Mensch, nicht mehr 
länger der große Bezauberer. Er kehrt zurück in sein Herzogtum, 
das er in Stratford am Avon verloren hatte.« In diese Worte hat 
Dowden seine Überzeugung gefaßt, die von späteren Forschern fast 
ausnahmslos angenommen wurde: Prospero ist Shakespeare ^ seine 
Zaubermacht ist die Dichtkunst, und mit den Worten: 

»so zerbrech icfi meinen Stab, 
Begrab ihn manche Klafter in die Erde, 
Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht, 
Will ich mein Buch ertränken.« <V. 1.) 

hat er seinen Entschluß ausgesprodien, der Kunst zu entsagen 
und heimzukehren. Die trübe Vorahnung, die er mit den Worten: 
»Mein dritter Gedanke soll das Grab sein« andeutet, ist durch 



' Vgl. auch die Seite 230 zitierte Stelle aus Furnivalls Einleitung. 
Imago V/4 



226 Dr. Hanns Sadis 



seinen frühen Tod, einige Jahre nadi der Rüdikehr in Erfüllung 
gegangen!. 

Die von einzelnen geäußerte Einwendung, daß der Vorsatz 
Prosperos, sein Budi zu verniditen, keine persönlidie Beziehung aus= 
drüdce, sondern einfadi auf die damalige, audi im Gesetz ausge-» 
sprodiene Ansdiauung zurüdcgehe, nadi der ein Zauberer nidit früher 
als gereinigt angesehen werden kann, als bis er sein Zauberbudi 
verbrannt hat, verdient keine Berüdes iditigung. Die Strafbarkeit der 
Zauberei lag darin, daß sie ein Teufelsbündnis zur Voraussetzung hat,- 
davon ist bei Prosperos Herrsdiaft über die Geister keine Rede. 
Audi braudit er sidi nidit zu reinigen, denn es ist niemand auf den 
Gedanken verfallen, ihn anzuklagen, audi damals nidit, als er siÄ 
in Mailand in die geheime Kunst versenkte und seinem Bruder 
gewiß jedes Mittel redit gewesen wäre, ihn verdäditig zu madien, 
um ihn zu verdrängen. Da audi von Gewissensbissen Prosperos 
nirgends die Rede ist, darf es als ausgesdilossen gelten, daß Shake= 
speare ganz am Sdiluß ein bisher gar nidit angedeutetes Motiv hätte 
einführen wollen. 

Wenn Prospero der Diditer ist, so bedeutet die Insel, die er 
allein mit seiner Toditer durdi so viele Jahre bewohnt hat und, 
seinen Zauberstab niederlegend, verläßt, die Diditkunst, der er Lebe= 
wohl sagt, oder genauer nodi, die Bühne, auf der er seine Kunst 
zeigte. Es darf uns nidit überrasdien, daß wir, gleidi nadidem wir 
eine Darstellung seiner künstlerisdien Leistung — die Zauberkunst ' 
— kennen gelernt haben, daneben eine zweite finden,- ja wir müssen ' 
gefaßt darauf sein, noch mehrere andere zu finden, sowie audi in 
einem und demselben Traum derselbe Gedankeninhalt in ver= 
sdiiedenen Verkleidungen auftritt. Es handelt sidi beim Traum wie 
beim Kunstwerk eben nidit um eine trodene Übersetzung von 
einer Ausdrudsform in die andere, sondern darum, Wünsdie aller 
Art, bewußte, vorbewußte und unbewußte, als erfüllt darzustellen, 
ihre Befriedigung in der Phantasie zu durdileben, und das kann 
nidit zu oft gesdiehen. Caliban bestätigt unsere Auffassung mit 
den Worten: 

»Die Insel ist voll Lärm, 

Voll Tön' und süßer Lieder, die ergötzen 

Und niemand Sdiaden tun.« . ' 



1 Es ist meines Wissens nadi nidit hervorgehoben worden, wie ähnlidi 
der Lebenslauf Prosperos mit dem von Shakespeares Vater ist. Erst, während 
der Jugend des Diditers, ein angesehener und sogar gewaltiger Mann, wenn audi 
naturlidi in sehr verkleinertem Maßstab: Burgess, alderman, faailifFund mayor. Dann 
plotzlidi so verarmt, daß er das Haus nidit verlassen durfte, aus Angst vor dem 
Ftandarrest — also ebenso von aller Welt abgesdiieden, wie Prospero auf einer 
Insel, der sidi von seiner »armen Zelle« audi nidit weit entfernen kann. Audi 
Prospero behilft sidi mit den Resten des einstigen Reiditums »Leinwand, Zeug und 
allerlei Uerat, das viel seitdem genützt«. Dann wieder, ganz plötzIidi, ist der Stern 
des alten John Shakespeare im Steigen. Er wird völlig rehabilitiert durdi die Adels^ 
Verleihung und sdion zwei Jahre später stirbt er. 



»Der Sturm« 



227 



Im Epilog, der aller Wahrsdieinlidikeit nadi von Shakespeare 
selbst herrührt 1, spricht der Dichter durdi den Mund Prosperos zum 
Publikum. In dieser bewußten Identifikation bestätigt er die Deutung, 
denn er nennt die Bühne »this bare island«, dies öde Eiland — 
das sie bis dahin aucii dargestellt hatte. 

Ariel, der die Insel mit seiner Musik, seinen süßen Liedern 
belebt, der jeden, der die Insel betritt, auf Befehl seines Meisters 
betört, der die Sinne verwirrt und wieder freiläßt, ist dann erst 
redit ein Sinnbild von Shakespeares Kunst und es ist ein Beispiel 
echt Shakespearischer Ironie, wenn Ariel die rohen Rüpel erst in die 
Irre führt und dann mit Hunden hetzt, wenn für die niedrig Den= 
kenden und Gemeinen sidi die Insel in einen Pfuhl verwandelt und 
sie »nach Pferdeharn riechen« läßt. 

Prosper nimmt nodi einen vierten Absdiied, als er Zauber=^ 
kunst und Insel verläßt und seinen Ariel freigibt, einen Absdiied, 
der ihn mehr Überwindung zu kosten sdieint, als alle anderen. Er 
tritt seine Toditer, die zwölf lange Jahre seine einzige Gefährtin 
war, an einen Jüngling ab, den sie auf den ersten Blidc zu lieben 
begonnen hat. Als er einst, ausgesetzt auf dem »faul' Geripp' von 
Boot« verzweifelte, gab ihm ihre Nähe Kraft: 

»ein Cherub 
Warst du, der mich erhielt! Du lächeltest 
Beseelt mit Unersdiroctenheit vom Himmel, 
Wenn ich, die See mit salz'gen Tropfen füllend, 
Ächzt' unter meiner Last; und das verlieh 
Mir widersteh'nde Kraft, um auszuhalten. 
Was aucii mir widerfuhr«. <I, 2,> 

Läßt es sich in einem schöneren Gleichnis schildern, wie die 
schöpferisdie Phantasie den Dichter in jeder Not aufrecht erhält, als 
in diesem Kindeslächeln, das den von den Mensdhen Verlassenen 
in der Meeresöde tröstet und ermutigt? 

Das Gebot ihres Erzeugers übertretend, enthüllt sie dem 
Königssohn, der um sie wirbt, ihren Namen und gibt sidh ihm 
dadurch zu eigen, da bisher nur ein Einziger sie rufen konnte, claß 
sie ihm erscheine^. »Miranda — die Bewundernswerte« übersetzt der 
Beglückte,- aus diesem Namen tönt ihm und uns der gerechte Stolz 
entgegen, mit dem der Diditer seiner Kunst ins Antlitz sieht, eh' 
er auf immer von ihr Abschied nimmt. 

Der Verzicht auf die Kunst wird auch hier, wo sie in Miranda 
verkörpert ist, wiederholt und sogar in doppelter Form: Mit voller 
Deutlidikeit am Schluß dadurch, daß Prospero sie dem von ihr geliebten 
Ferdinand vermählt,- aber dasselbe ist audi in der zweiten Szene 



1 Dieser Meinung ist der Herausgeber des Arden Shakespeare, Morton Luce. 
^ Ferdinand: Wie heißet Ihr? 
Miranda: Miranda. O mein Vater 

Idi hab' Eu'r Wort gebrodien, da idi's sagte, <III. l.> 



15» 



228 Dr. Hanns Sadis 



des ersten Aktes angedeutet; Miranda sdilummert ein und erfüllt 
damit Prosperos Wunsdi: 

»Didi sdiläfert; diese Müdigkeit ist gut 

Und gieb ihr nadi. — Idi weiß du kannst nidit anders.« 

Merkwürdig ist dabei das Mittel, durdi das Prospero ihre Sdiläfrigkeit 
herbeigeführt hat; Er hat ihr die verwisditen und vergessenen Erinne- 
rungen der frühesten Kindheit^ wieder ins Gedäditnis gerufen und 
gerade auf diese Weise, durdi Bewußtmadiung von Erinnerungen, 
wird nadi der Erfahrung der Psydioanalyse die aus den Quellen des 
Unbewußten sdiöpfende Phantasie zur Ruhe gebradit. 

Freiwillig gibt Prospero seine Toditer hin, freiwillig verläßt 
er die Insel,- vorher zeigt er nodi, daß er sie zu behaupten versteht, 
wenn er will und sie sidi nidit mit Gewalt entreißen läßt. 

Von drei Seiten wird ihm sein Besitz streitig gemadit; von 
Caliban, Stephano und Ferdinand, den drei versAiedenen Typen 
seiner Rivalen, die seine Nadifolger zu werden wünsdien. 

Caliban, der plumpe, rohe, unentwidielte, der nur bellen konnte, 
ehe ihm Prosper die Spradie verlieh, hauste sdion vor ihm auf der 
Insel. Er ist die Verkörperung der Vorgänger Shakespeares, der 
älteren dramatisdien Sdiule mit ihrer rohen Häufung von Greueln 
und Sdiandtaten und ihrer plumpen Spradie, die erst unter Shake« 
speares Einfluß gesdimeidig und wohlklingend wurde. Weil er sÄon 
vor Prosperos Ankunft auf der Insel gewesen ist, hält er sidi für 
ihren rechtmäßigen Herrn und sdiilt den, der sie durdi seine Kunst 
erst bewohnbar gemadit hat, einen Usurpator; 

»Dieses Eiland 
Ist mein, von meiner Mutter Sycorax, 
Das du mir wegnimmst.« 

Genau so hat zum mindesten ein Vorgänger Shakespeares, der 
Dramatiker Robert Green, ihn des Plagiats besdiuldigt und mit 
Sdiimpfreden überhäuft, ihn einen »Shakescene«, »upstart crow« 
und »tygers heart wrapt in a players hide« genannt^. Mit roher 
Gewalt sudite sidi Kaliban Mirandas zu bemäditigen, aber selbst 
wenn es ihm gelungen wäre, das wunderbare Mädchen zu besitzen, 

1 Prospero; »Kannst du didi einer Zeit 

Erinnern, eh' zu dieser Zell' wir kamen? 

Kaum glaub ich, daß du's kannst, denn damals warst du 

Nodi nicht drei Jahre alt. 
Miranda: Allerdings idi kann's. 
Prospero: Worap? An anderen Häusern, andern Mensdien? 

Sag mir das Bild von irgend einem Ding 

Das dir im Sinne geblieben. 
Miranda: S' ist weit weg 

Und eher wie ein Traum als die Gewißheit, 

Die mein Gedäditnis aussagt. Halt ich nidit 

Vier bis fünf Frauen einst zur Wartung? 

2 Robert Green <1560-1592>, A groats worth of wit boiight with a million 
cir repentance, 



er hätte mit ihr nur die ganze Insel »mit lileinen Kalibans bevölkern« 
können. 

Ist Kaliban trotz seiner untermensdilicfien Wildheit nadi 
Coleridges AusspruÄ doch »in some respects a noble being«, so 
stellen Stephano und sein Genosse Trinculo die reine Gemeinheit 
dar, Sie haben nidit die Entsdiuldigung für sidi, daß sie Hexenkinder 
und auf einer wüsten Insel aufge\yadisen sind. Sie stammen von 
Mensdien und haben unter Mensdien gelebt, trotzdem erheben sidi 
ihre Gedanken nie über die gemeinsten Bedüi/nisse. Säufer, Lügner, 
Meudielmörder, zu nidits gut, als zu ein paar Wortverdrehungen, 
so hat sie Shakespeare mit einer Veraditung gesdiildert, der die 
Bitterkeit nur deshalb fehlt, weil die Distanz allzugroß ist. Soldie 
Lumpen sollen daran denken, aufProsperos Insel zu herrsdien und 
seine Toditer zu besitzen! Sie greifen nadi dem abgebrauditen 
Trödel, den er ihnen hinwirft,- der falsdie Flitterglanz der Phrasen, 
fadensdieinige Sentenzen und der nadigemadite Königsmantel seines 
tragisdien Stils, das ist es, was sie anzieht und blendet und über 
diesen abgesdimad^ten äußeren S<hein der Kunst, den sie »am 
Sdinürdien stehlen«, vergessen sie, nadi der wahren Herrsdiaft zu 
streben. Unendlidi treffend sind die äußerlidien NaAahmer und 
Nadiempfinder, die keinem großen Diditer fehlen, in dieser Szene 
des vierten Aktes gesdiildert, in der die Narren von ihrem Thron» 
folgeplan dadurdi abgelenkt werden, daß sie sidi in die Trödel* 
pradit vergaffen, die Ariel ihnen auf Prosperos Geheiß in den Weg 
hängt. Kaum sitzt ihnen der erborgte Prunk am Leibe, so wird er 
von den Hunden heruntergerissen und im Sumpf sein Glanz ver»' 
dorben. Durdi die Verkleidung in flittergoldne Königsmäntel werden 
sie gleidizeitig als Sdiauspieler gekennzeidinet V vielleidit gab es unter 
Shakespeares Kollegen ein paar junge Leute, die durdi Nadiahmung 
seiner Eigenart für sidi einen dem seinigen ebenbürtigen Erfolg zu 
erringen hofften. ^ 

Caliban und Stephano sind Kontrastfiguren, damit das IdeaU 
bild des Nachfolgers, wie ihn Shakespeare als den wahrhaft würdigen 
herbeisehnt, sich desto heller abhebe. Audi er wird, wenn auch nur 
scheinbar, von Prospero beschuldigt, durdi unlautere Mittel nach der 

Herrschaft zu streben: i^ < j- t t 

ȟu hast die Insel 

Betreten als Spion, mir, ihrem Herrn 

Sie zu entwenden.« 

Aber kein unlauterer Gedanke lebt in ihm und obgleidi er, 
der Königssohn, auf die unwürdigste Art behandelt wird, vergißt 
er seinen Stolz und verzichtet auf die Radie um der Geliebten 
willen. Er fügt sidi dem tyrannischen Willen, weil Prosper der 
Vater Mirandas ist und erwirbt sie auf die einzige Weise, in der 
man sie erwerben kann: durdi freiwillige Dienstbarkeit. 

' Diesen Hinweis verdanke idi einer mündlicfien Mitteilung des Herrn 
Prof. Freud. 



230 Dr. Hanns Sadis 



r 



Em feinsinniger Shakespeare-Forsdieri hat in Ferdinand den 
lungen Hetdier wiedererkennen wollen. Idi glaube die Züge 
i^erdinands sind zu wenig sdiarf umrissen, als daß man in ihnen 
ein Fortrat erkennen könnte, es ist ein Idealbild, dem der glänzendste 
und bedeutendste seiner Nadifolger notwendig am nädisten kommen 
mui). Im Cjrrunde gibt es für jeden Mann nur einen idealen Nadi= 
tolgcr und das ist der eigene Sohn. Da es dem Diditer versagt 
gebheben ist, ein soldies verjüngtes Ebenbild heranwadisen zu sehen 
hat er seine Sehnsudit in einem Phantasiegemälde befriedigt und 
verewigt. 

Was bisher geleistet wurde, war bloß der Nadiweis und die 
Übersetzung allegorisdier Gestaltungen, wie sie der diditerisdien 
Uarstellung harmloser Gedankenzüge, die nidit bewußtseinsfremd 
zu sein brauAen, entspredien. Nur an einer Stelle, bei Ferdinand, 
wurde das Persönlkfiste des Mensdien Shakespeares, nidit des 
DiAters, gestreift. Wo len wir davon mehr erfahren und uns das 
Kedit zu tiefer sdiürfenden Deutungen erwerben, so dürfen wir den 
»bturm« nidit länger isoliert betraditen, sondern im Zusammenhang 
mit dem bdiaöen der ganzen letzten Periode, deren Endpunkt er ist 

Lassen wir zunädist den Forsdiern das Wort, die uns die 
Gemeinsamkeiten der vier letzten StüAe <Perikles, Cymbeline, Winter- 
mardien, Sturm) sdiildern. 

Morton Luce^ sagt; »Sie erzählen alle von Reue und Ver- 
söhnung von Vergebung, Liebe und Frieden. In allen finden wir 
die nadidenk lidie und dodi zärtlidie Teilnahme, die von den reiferen 
Jahren bei den Freuden und Leiden der Jugend empfunden wird 
und nidit selten wird des Diditers ernstere Stimmung durdi Wieder- 
Verjüngung aufgeheitert. In jedem gibt es eine Wiedervereinigung 
mit von dem Tode auferstandenen Kindern - Marina, Miranda! 
Perdita der Sohn des Alonso, die Söhne des Cymbeline,- und selbst 
Ihre Namen Marina, Miranda und Perdita sind nadi demselben 
Muster geformt. In drei dieser Stüdce wird ein Weib von ihrem 
Liatten gerissen und sdiließliA in einem vollkommeneren Band der 
Neigung ihm wieder gesdienkt. In allen fühlt man eine entzüdcte, 
fast eidensdiafthdie Wiederkehr zur Natur, zu der sdiönen Szenerie 
Englands - was immer ihre dramatische Lokalität sein mag — 
zu dem frohlidien, unsdiuldigen Leben in Hügel und Strom, Busdi 
und Baum. 

Furnivall^: »Dieses Stück <PericIes> bildet den riditigen Eingang 
für die vierte Periode, mit seiner fröhlidien Wiedervereinigung der 
Iang_ getrennten Familie, Vater, Mutter und Toditer <Shakespeare 
hat jetzt nur zwei Töditer, sein Sohn starb 1596)« ... und später- 
»Miranda u nd ihre Genossin Perdita sind die Idealisierung des holden 

^ Arden, Shakespeare, Introductton p. 25. 

young hletdier?« Dowden, »Shakespeare, His Mind and Art« 
Leopold Shakespeare, Introdiiction p. 57 fF. 



»Der Sturm« 



231 



Landmäddiens, das Shakespeare in seinem erneuerten Familienleben 
in Stratford um sidi sehen würde ... Es ist bemerkenswert, daß 
in allen den vier Stücken der vierten Periode verlorene Töditer 
und Söhne vorkommen.« 

Brandes^: »Selbstverständlidi haben sie <Marina, Imogen, Perdita 
und Miranda) Modelle oder ein Modell gehabt. Eine neue Welt 
hat sidi Shakespeare geoffenbart und es würde unfruditbar sein, sidi 
den vielfältigen, nahe oder ferne liegenden Vermutungen zu über- 
lassen, wie oder durdi wen sie sidi ihm geoffenbart hat ... Es 
liegt überhaupt in der Sdiildcrung von Miranda wie von Marina 
etwas halb Väterlidies, und zwar in der Zärtlidikeit, womit die 
Gestalt gezeidmet ist,- insbesondere auffallend ist im ,Sturm' die 
Auffassung des jungen Mäddiens in seiner natürlidien Anmut als 
eines bewunderungswürdigen Mysteriums. , . . Und nun zum SdhluB 
das ganz junge Mäddien, betrachtet mit dem warmen Blici des reifen 
Mannes, mit der Freude an ihrer Jugend und mit einer gewissen 
Erotik der Bewunderung, 

Sie war ihm verloren gegangen, wie Marina ihrem Vater 
Perikles, Perdita ihrem Vater Leontes. Er vertieft sidi in ihr Wesen 
mit der väterlichen Zärtlidikeit, die er selbst seinem Geschöpfe 
Imogen gegenüber empfindet und die seine letzte Inkarnation der 
Magier Prospero, für seine Tochter Miranda fühlt.« 

Wir wollen zusammenfassen, daß in allen vier Stücken ein 
mit besonderer Liebe und Zartheit gesdiildertes, junges Mädchen 
im Mittelpunkt steht ''. 

Die Einstellung, von der aus diese Gestalten gesehen und ge» 
sdiildert sind, ist im wesentlichen die väterliche, doch verdient es 
hervorgehoben zu werden, daß Brandes daneben noch eine unzwei* 
deutig erotische Beziehung vermutet. Entsprechend der Einstellung 
des Dichters steht auch in den vier Dramen das Verhältnis zwischen 
Vater und Toditer im Vordergrund, alle vier Frauenengestalten sind 
als Töditer geschildert und drei von ihnen als verlorene Töditer, die 
ihren Vätern als tot gelten und ihnen am Sdiluß durch die Gunst 
des Sdiicksals zurückgegeben werden. Es ist nicht wohl möglidi, diese 
Übereinstimmung als Zufall zu behandeln oder zu übersehen, wie 
gut sie zu der Lage paßt, in der sich Shakespeare damals, kurz vor 
dem endgültigen Absdiied von seiner Kunst, befunden haben muß, 
als er den Tag herankommen sah, der ihn wie Perikles, Leontes 
und Cymbeline mit den Verlorengeglaubten vereinigen, ihm die vor 
einem Vierteljahrhundert bei seinem Auszug nadi dem Glück als 
Kind verlassene Tochter als vollerblühtes Weib wiedergeben sollte. 
Wir sind hier also auf einige der wenigen Stellen gestoßen, wo das 
dichterische Schaffen Shakespeares wesentlich, in der Stoff=' und Motiv« 

' Georg Brandes, William Shakespeare, S- 821—823. 

^ Audi nadi einer von Conrad in den »Preußisdien Jahrbüdiern« veröffent= 
liditen Studie hat das Wintermärdien eine deutlidie Beziehung zur Toditer Shake= 
speares/ er habe dieses Stüdi für seine Toditer Susanna verfaßt. 



232 Dr. Hanns Sadis 



wähl und in der Gestaltung der Figuren, von inneren Erlebnissen 
beeinflußt war deren Verursadiung und äußeren Anlaß wir genau 
kennen. Von hier aus ist ein Zugang zu Seelenvorgängen eröffnet 
die sonst hinter tiefen Sdileiern verborgen sind. Um so mehr muß 
es wundernehmen, daß audi diejenigen Biographen, die die TatsaAe 
anerkennen und hervorheben, dodi darüber leidit hinweggleiten ohne 
sidizu bemühen auf die Einzelheiten näher einzugehen, die Wider- 
spruche, die nodi bestehen bleiben, aufzuklären. 

Der gröbste dieser Widersprüdie, der die ganze Auffassung 
zu ersAuttern geeignet sAeint, liegt darin, daß gerade in dem allere 
letzten btude »dem Sturm«, niAt wie in den drei vorhergehenden 
btu&en eine dem Vater entrissene ToAter ihm wiedergegeben wird- 
das volle Gegenteil ist der Fall: Die ToAter lebt von ihrfr frühlsten 
Jugend an in der denkbar innigsten GemeinsAaft mit dem Vater 

'° Äf'ß J^'T-t,^""^?^'? ^^"" ^^^ '^" ^e""f' ™d geht ihm erst 
am SAluß durA ihre EhesAIießung verloren ^ Der »sLm« Tt also 
m dieser HmsiAt das Negativ der drei vorhergehenden Dramen 
A;. i^"'' ^^"^„PS>:.'^oanaIy«sAe BetraAtungs weise ist dieser Einwand 
die sAonste Bestätigung. Im Unbewußten wohnen die Gegenlätze 
eng nebeneinander und in den Gebilden, die ihm nahestehen, ta 
1 räum, aber auAnoA in den primitiven SpraAen^ kann ein Gegensatz 
für den andern eintreten. Das ist weder Willkür noA Rätselspielerei 
sondern eine durA die Grundgesetze des PsyAisAen begründete 
W 1'' "^'i m ^^'J^^sf^" verständliA ist, wo es siA, wie hier, um 
WunsA und WunsAgegensatz handelt. In den drei vorhergehende^ 
Dramen hatte Shakespeare das Verhältnis dargestellt, wie S wirS 
A-If\ "xT ""•■ ^'? ^^'V'^ '^'"^" AbsiAten entspreAend hinzu= 
?. w.r k ^™/''ri-f '*°" unniittelbar vor der Erfüllung und 
es war kaum der Muhe wert, das in der Phantasie zu genießen 
was ihm in wenigen Monaten die WirkliAkeit bieten mußte. Ein 
anderer sAmerzliAer Gedanke aber war dringender geworden, je 
naher Ae Wiedervereinigung rüAte: die verlorenen jfhre wurden 
damit doA niAt zurüdgegeben, die Trennung nicht wieder gutgemaAt, 
A^^utu^^'^'k "^'^'Tl ^^"^^ Abwesenheit hervorgerufen hatte 
niAt behoben Der Anlaß, für den der »Sturm« gediAtet wurde 
die furstliAe Vermählung mußte diese Besorgnisse und trübeTGe'' 
danken verstarken : wie bald wird auA die eine noA unvermählt 
gebliebene ToAter heiraten und verloren gehen? Von dieser Se 
ausgehend hat der DiAter Ae Vergangenheit in ihr Ge^eniil um 

PeS ■ ^^"' R-'' ™''i ß\"f " ™^ Rüpeln aufglwaAsenTn 
PerAta wird Ae FurstentoAter Miranda, die durA ihren Vater und 
emzigen Lehrer in Weisheit unterwiesen wurde, und von allen 
MensAen abgesAieden mit ihm auf einer wüsten Insel lebt 

].hr. hf^'^^T ^^"^ ^^f ^°*'^^^ ^'^ ältere, Susanna, Ae im 
>^^'^ ^^^3 geboren war, hatte sAon 1607 den bekannten Arzt 

' ^For I have lost my daughter« V. I. 

ä Über den Gegensinn der Urworte, Freud, Jahrtud, II, 1910, S. 179 ff. 



mn 



r 



»Der Sturm« 



233 



Hall in ihrer Vaterstadt geheiratet. Die jüngere, Judith, zugleich mit 
dem frühverstorbenen Söhndien Hamnet, 1585 geboren, war, als der 
»Sturm« gesdirieben wurde, 26 Jahre, also gerade so alt, wie ihre 
Mutter gewesen war, als Shakespeare an ihr Gefallen gefunden und 
sie bald darauf mehr oder weniger freiwillig geherratet hatte. 

Susanna gilt als das Lieblingskind des Vaters, weil er sie in 
seinem Testament zur Universalerbin eingesetzt hat. Der Schluß ist 
etwas voreilig, denn er läßt außer adit, daß eine der wichtigsten 
Lebenstendenzen Shakespeares die Gründung eines Hauses war, 
das als grundbesitzender Landadel durdi viele Generationen blühen 
und gedeihen konntet Die Aussicht, diesen Lieblingswunsch erfüllt 
zu sehen, gab ihm nur die Einsetzung der älteren Tochter, die an 
einen tüchtigen und hochgeaditeten Mann verheiratet war und auch 
von ihm sdion Nachwuchs hatte. Die jüngere, Judith, war zur Zeit 
der Abfassung des Testamentes, am 5. Jänner, nodi nicht verheiratet 
und was aus ihrer im Februar mit allen Zeidien der Überstürzung 
gesdilossenen Ehe werden würde, ließ sidi Anfang März, als das 
Testament unterfertigt wurde, nidit mit hinreichender Sidierheit sagen, 
um eine Abänderung des Testamentes zu redbtfertigen. Übrigens 
gibt das Testament deutlich Zeugnis von dem liebevollen Gedenken 
an die jüngere Toditer: der Vater hinterläßt ihr das lebenslängliche 
Mietrecht an einem Hause, zwei Legate von je 150 Pfund — eine 
für damalige Zeit sehr erheblidie Summe, hatte dodi Shakespeare 
für sein Haus, eines der sdiönsten in Stratford, nur 60 Pfund gezahlt 
- und eine »broad gilt silver bowl«, die wahrsdieinlich das wert= 
vollste Stüci seines Hausrates war. 

Damit soll nidit behauptet werden, daß nur die jüngere Tochter 
in dem Dichter jene Gefühle erwedit hat, die in den Dramen der letzten 
Periode zum Ausdruck kommen. Die Grundlage der Empfindungen 
war aller Wahrscheinlichkeit nach dieselbe für beide Töchter. Aber 
die ältere war damals, als die seelische Heimkehr des Diditers be= 
gann, schon verheiratet und Mutter, ihre Liebe war weggegeben, 
überdies sdieint sie eine glaubenseifrige Puritanerin gewesen zu sein. 
Die jüngere hatte, obgleidi es ihr, der reidisten Erbin von Stratforcl, 
nidht an Bewerbern fehlen konnte, unvermählt ausgeharrt, als wollte . 
sie, wie Miranda, den Bräutigam aus der Hand des Vaters empfangen. 

Des Lesens und Sdireibens waren beide unkundig, aber dal? 
Shakespeare sidi mäddienhaften Reiz audi ohne Bildung denken 
konnte, sdieint mir nidit zweifelhaft. Idi glaube nidit, daß Florizel 
sich nach Perditas Schulzeugnissen erkundigt hat. 

Die Phantasie von der verlorenen und wiedergefundenen 
Toditer, die die drei ersten Studie der letzten Periode durdizieht, 
ist also in ihrer psydiischen Grundlage identisdi mit der sdieinbar 
gegensätzlidi ausgemalten Situation des »Sturm«. Nun enthält die 
Liebesfabel des »Sturm« sehr charakteristisdie und auf den ersten 

' Auch Sidney Lee erklärt die Bevorzugung der älteren Toditer mit den 
»aristocratics tendencies« des Diditers. 



I 



234 Dr. Hanns Sadis 



Blick nidit ganz verständlidie Details; Die strenge Prüfung, die 
Prosper über Ferdinand verhängt, obgleidi er ihn dodi gut genug 
kennt und die Heirat von Anfang an billigt, ja herbeiführt,- dann 
die auffällig oft, sogar nodi in der »Maske« wiederholte Mahnung 
der Enthaltsamkeit, die dem von uns angenommenen Anlaß, der 
fürstlidien Hodizeit, gar nidit sehr gut angepaßt ist. Um diese Züge 
zu verstehen, müssen wir auf die Aarakteristisdien Details der anderen 
Dramen eingehen, die auf derselben Motivgrundlage erridhtet sind. 
Im »Perikles« kommen außer dem Titelhelden nodi zwei Väter 
mit ihren Töditern vor,- der eine von ihnen, mit dem das Drama 
anhebt, lebt mit seiner Toditer im Inzest und bedroht jeden Freier, 
der ihn der Geliebten zu berauben droht, mit dem Tode. Allerdings 
dürfte dieser Teil des Dramas nidit von Shakespeare sein,- da er 
aber die Fortsetzung ausgearbeitet hat, so muß er die erste Hälfte 
dodi wohl gekannt haben und von ihr zum Sdiaffen jenes Teiles, 
der die Fabel von der verlorenen Toditer in der als Vorbild he^ 
nützten Quelle verwertet, angeregt worden sein. 

Im »Wintermärdien« hat sidi Shakespeare fast in allen Punkten 

eng an seine Quelle, die beliebte Erzählung von Green: Pandosto, 

The Triumph of Time, gehalten. Die wesentlidiste Abweidiung liegt 

darin, daß das Vorbild den Versudi einer Verführung der - un» 

erkannten - Toditer durdi den Vater enthält, den Shakespeare 

gestridien hat, der audi in den zarten, märdienhaften Ton, in dem 

der letzte Teil seines Werkes gehalten ist, nur sehr sdiledit passen 

würde. In der Erzählung läßt Pandosto — bei Shakespeare Leontes 

— den Prinzen, der sidi als Ritter ausgibt, in den Kerker werfen 

und »entgegen seinen hohen Jahren, begann er durdi die Sdiönheit 

Faunias <der Name Perdita ist Shakespeares Eigentum) gereizt zu 

werden«. Es folgen dann lange Selbstgesprädie und Liebeserklärungen, 

bis Pandosto, durdi ihren Widerstand gereizt, sdiwört: »wenn sie 

nidit in kürzester Zeit sidi überreden ließe, wolle er alle Lebensart 

<courtesie> beiseite setzen und sie mit Gewalt zur Gewährung 

zwingen«. Die Entdedung kommt reditzeitig, um das Äußerste zu 

verhüten, er anerkennt mit Rührung die Verlorene, feiert ihre Hodi« 

zeit und bringt sidi bald darauf, von Gewissensbissen gefoltert, um. 

Diese ganze Episode ist bei Shakespeare versdiwunden und hat 

nur eine leise Spur hinterlassen; 

Florizel; »Mit dem Gefühl 

Seid mein Vertreter jetzt, denn wenn Ihr bittet. 
Gewährt mein Vater Großes leidit wie Tand. 

Leontes; Eu'r sdiönes Liebdien müßt er dann mir geben. 
Da er's für Tand nur aditet. 

Paulina; Herr mein Fürst 

Eu'r Äug' hat zu viel Jugend. Einen Monat 
Vor Eurer Königin Tod war soldier Blide 
Sie würdiger, als was Ihr jetzt betraditet. 

Leontes: Nur ihrer dadite mein entzüdtes Auge.« 



»Der Sturm« 



235 



I 



Audi Shakespeare läßt also Leontes nidit ungerührt bleiben, 
aber er weiß ein tief psydiologisdies Motiv dafür einzuführen, das 
Green völlig entgangen ist. Die Ähnlidikeit Perditas mit ihrer Mutter 
ist es, die ihn unwiderstehlidi anzieht, ganz so wie in dem Grimm» 
sdien Märdien, das der Quelle des »Perikles« zugrunde liegt oder 
nahesteht, der König seine Toditer begehrt, weil sie die einzige ist, 
die der verstorbenen Gattin ähnlidi ist. Die Toditer tritt vor Leontes 
als die jung gebliebene Gattin hin, als Ebenbild des Gegenstandes 
seiner Liebe zur Eeit seines heißesten Begehrens, das sie gegen 
seinen Willen in ihm wiedererwedit. 

Dieser zärdidien, deudidi erotisdi gefärbten Einstellung zur 
Toditer entspridit die Ablehnung des Alterns, der WunsA, daß 
die Gattin ewig jung geblieben sein mödite, ewig sidi selber gleich 

— wie ein Bild oder eine Statue. Die merkwürdige Erfindung von 
der sdieinbaren Statuenhaftigkcit Hermionens, die in Greens Erzäh- 
lung, wo die Königin wirklidi stirbt, nidit vorkommt, für die man 
bisher audi keine andere Quelle nadiweisen konnte, wird durdiaus 
verständlidi als Darstellung einer Wunsdierfüllung. Das malt sidh 
aufs deutlidiste in der Enttäusdiung des Leontes, gleidi nadidem er 
der angeblidien Statue ansiditig wird: 

»Dodi, PauJine, 
Hermione war nidit gealtert, so 
Wie dieses Bild sdieint.« 

Wie gut das alles zu Shakespeare paßt, der bei der Heimkehr 
die Gemeinsdiaft mit seiner Gattin wiederaufnehmen mußte, die 
mehrere Jahre älter war als er selbst, das braudit nicht ausführliA 
auseinandergesetzt zu werden. 

Die erotisdie Einstellung, die Brandes neben der väterlidien 
herausfühlt, ist also wirklidi vorhanden, aber sie fließt mit dieser aus 
derselben Quelle, der Liebe des Vaters zur Toditer. 

So wie im Imogen=Stoff des »Cymbeline« nadi Simrodcs 
Ansidit das Sdineewittdienmärdien anklingt — der sdieinbare 
Vergiftungstod, der durdi die böse Sdiwiegermutter herbeigeführt 
wird — so läßt sidi als Grundlage des Wintermärdiens ein Griseldis« 
Stoff erkennen, wenn man den psydiologisdien Gehalt, wie ihn die 
Untersudiung Ranks ^ klargelegt hat, ins Auge faßt. Audi bei Griseldis 
handelt es sidi um die Bevorzugung der Toditer vor der alternden 
Mutter. So wie Griseldis verbannt wird, wird Hermione verurteilt 

— wobei es im hödisten Maße diarakteristisdi ist, daß diese Ver-» 
urteilung erfolgt, gleidi nadidem sie einer Toditer das Leben gegeben 
hat. Es ist, wie wenn der Gatte sagen würde: Nun, wo idi eine 
Toditer von dir habe, braudie idi didi nidit mehr. Dies gilt natürlidi 
nur von der Grundlage der Fabel, die Shakespeare sAon in einer 

' Ranic, »Der Sinn der Griseldafabel«. Imago I, 1, 1912. Daß Siialjespearc 
mit dem Griseldis^Märdien vertraut war, geht aus »The Taming of the Shrew«, 
II, 1 hervor. 



236 Dr. Hanns Sachs 



nadi ganz anderen Tendenzen bearbeiteten Form übernommen hat. 
Seine Größe liegt aber darin, daß er jedesmal den eigentlidien, 
wahrsten und tiefsten Grund, den unbewußten Gehalt heraus» 
zuempfinden versteht,- dadurdi gelingt es ihm, bei der Bearbeitung 
von ganz gleidigültigen Literatur^Produkten mit sdieinbar geringen 
Änderungen die tiefsten Wirkungen hervorzubringen. Die uw 
verständlidie Eifersudit des Leontes, die dodi mit soldier Wahrheit 
wirkt, daß man ihn deshalb mehr bemitleiden, als hassen muß, hat 
eine soldie unbewußte Wurzel in der Ablehnung der Frau — zuerst 
wegen ihrer SAwangersdiaft und dann, weil sie durdi die Toditer 
unnötig geworden ist. Wie bei Griseldis kann die Wiedervereinigung 
der Ehegatten erst erfolgen, nadidem die herangewadisene Toditer 
an den Hof des Vaters gekommen ist und dieser auf sie verziditet 
hat. Im Märdien und Drama kommt die Moral zu ihrem Redit, das 
ist eine Bedingung der teilweisen Durdisetzung einer durdiaus nidit 
moralisdien unbewußten Phantasie. 

Die Quelle des Wintermärdiens enthält also wie der erste 
Teil des »Perikles« eine inzestuöse, leidensdiaftlidi^erotisdie Beziehung 
des Vaters zur Toditer. In Shakespeares Bearbeitung wurde das 
Motiv nur verwisdit, ohne zu versdiwinden, und seine psydiologisdie 
Wurzel, die Bevorzugung des jungen Ebenbildes vor dem gealterten 
Urbild, blieb bestehen. 

Im »Cymbeline« finden wir zwisdien Vater und Toditer keine 
sehr innigen Beziehungen. Nur eines ist hervorzuheben, daß er sie 
von dem Geliebten fernzuhalten bestrebt ist. Er vermählt sie zwar 
mit ihm, verbannt ihn aber vom Hofe, so daß die Ehe nidit 
vollzogen werden kann. Dieses unsinnige Vorgehen paßt gar nidit 
zu der »rationalisierten« Begründung, der die unebenbürtige Ab- 
stammung Leonatos zum Vorwand dient. 

Jüngere, glüddidiere Bewerber von der Toditer abzuhalten, 
sidi ihren Alleinbesitz zu bewahren, wie es Antiodius und Cymbeline 
bestrebt sind, das hat das Sdiidisal dem Prospero, dem Herrn der 
wüsten Insel, erspart, denn er ist der einzige Mann, den das Mäddien 
je gesehen hat. Der Inhalt des Stüdies ist sein freiwilliger Verzidit 
auf sie und nadi dem, was uns die anderen Dramen gezeigt haben, 
ist es nidit mehr sdiwer, alles, was unverständlidi sdiien, aus dem 
Widerstand gegen diesen Verzidit zu erklären. Zwei von den drei 
Bewerbern, Caliban und Stephano, werden mit der größten Ver= 
aditung gesdiildert, als Auswurf, dessen bloße Gedanken sdion die 
jungfräulidie Reinheit besdimutzen. Der dritte, Auserwählte, erhält 
sie sdiließlidi, aber erst nadidem ihm Prospero mit unnadisiditlidier 
Strenge entgegengetreten ist und ihn seine Übermadit aufs deutlidiste^ 
fühlen hat lassen. Er muß ihm als Knedit dienen und sidi zu derselben 
Arbeit wie Caliban gebraudien lassen, ehe er ihm die Toditer über» 
gibt. Als er ihre Liebessdiwüre belausdit, bridit er in die Worte aus : 

»So froh darob kann idi nidit sein, wie sie« 



»Der Sturm« 



237 



und setzt erst sidi fassend hinzu: 

»Dodi größre Freude 
Gewährt mir nicfits.« 

Den Klagen Alonzos um seinen toten Sohn erwidert er halb 
sdierzhaft, halb aufriditig; 

»Gleidi groß ist mein Verlust,- und ihn erträglidi 
Eu finden, hab' idi dodi weit sdiwädiere Mittel, 
Als ihr zum Trost herbei könnt rufen: idi 
Verlor ja meine ToAter.« 

Die beiden letzten Zeilen sind deutlidi. Prospero spielt mit 
Alonzo und deutet in einer für jenen unverständlidien Form an, sein 
Sohn lebe nidit nur, er könnte ihn sogar herbeirufen,- er selbst aber 
habe seine Toditer so verloren, daß ihm kein Zurüdirufen mehr helfe. 

Nadi Ansidit der primitiven Völker, die sidi in zahllosen 
Märdien und Gebräudien erhalten hat, gewinnt man die Herrsdiaft 
über einen Mensdien, wenn man seinen Namen kennt, <Z, B. im 
Märdien vom Rumpelstilzdien.) Der Name ist audi für unser Emp^ 
finden ein widitiges Stüdc der Persönlidikeit. Sobald Miranda ihren 
Namen, das Verbot des Vaters übertretend, preisgegeben hat, verlor 
er ihren Alleinbesitz an den jüngeren Werber. 

Die ganze Behandlung des Ferdinand durdi den Sdiwiegervater 
hat zahlreidie Analogien in Märdien, wo der Held um die Toditer 
des Zauberers unter Einsatz seines Lebens dienen muß. Der Unter* 
sdiied liegt darin, daß der Groll Prosperos nur sdieinbar ist, wodurdi 
das Ganze auf ein höheres Niveau gehoben wurde, während der 
alte Aifektinhalt nodi deutlidi durdisdhimmert. 

So hat sidi audi das Gebot der Enthaltsamkeit hinter eine 
ethisdie Verkleidung geflüditet, und nur die aufdringlidie Sdiärfe mit 
der es eingeprägt und wiederholt wird, deutet an, daß es sidi um 
die Reste väterlidier Eifersudit handelt. 

Hat der Dienst Ferdinands seine Analogien im Märdien, 
so wiederholt das Enthaltsamkeitsgebot eine weit verbreitete Sitte, 
nadi der sidi das junge Paar eine Zeitlang — meist die ersten drei 
Nädite — nidit angehören darf, Ursprünglidi war die erste Um* 
armung dem Vater vorbehalten, an dessen Stelle später das Clan* 
Oberhaupt und sdiließlidi der Gutsherr trat <ius primae noctis) ^ 
Als sidi das Alleinredit des Gatten durdigesetzt hatte, wurden diese 
Nädite dem hödisten Vater, Gott, geweiht und an Stelle der Hin* 
gäbe trat die Enthaltsamkeit im Namen Gottes <Josefs*Ehe>2. Soldie 
Enthaltsamkeit verlangt audi Prospero von dem Freier seiner Toditer, 
bis zur Ehesdiließung, wo er sie ihm ganz und bedingungslos überläßt. 

1 Siehe Freud, Das Tabu der Virginität. <SammIung Itleiiier Sdiriften zur 
Neurosenlehre. Vierte Folge, 1918, S. 229 fF.> 

^ Diesbezüglidi sind insbesondere die Bemerkungen in Storfers »Zur 
Sonderstellung des Vatermordes«, (Sdiriften zur angew. Seelenkunde, heraus« 
gegeben von Freud, Heft 12, 1911) hervorhebenswert. 



238 Dr. Hanns Sadis 



Und was gesAieht dann, wenn dieser sdiwerste Verzidit zu Ende 
geführt ist? Prospero sagt es uns: 

»Dort hab' idi Hoffnung, die Vermählungsfeier 
Von dieser Herzgeliebten anzusehen. 
Dann zieh' idi in mein Mailand, wo mein dritter 
Gedanke soll das Grab sein.« 

Nur der Gedanke an das Grab bleibt dem Alternden übrig, wenn 
die Hodizeit der Toditer vollzogen ist. Pandosto, der abgewiesene 
Freier um die Toditer — die Quelle ist fast überall deutlidier als die 
Bearbeitung — tötet sidi selbst gleidi nadi der Hodizeit. Das Merk= 
würdigste aber ist, daß die Prophezeihung für Shakespeare selbst 
ganz genau eingetroffen ist. Seine Toditer Judith heiratete unter 
sehr auffallenden Umständen. Denn obgleidi sie ihren Gatten, der 
übrigens vier Jahre jünger war als sie, von frühester Jugend 
an gekannt haben muß <die beiden Honoratiorenfamilien zu Stratford 
waren eng befreundet, der Vater des Bräutigams, Ridiard Quiney, 
hat den einzigen erhaltenen Brief an Shakespeare gesdirieben), wurde 
trotzdem die Heirat mit soldier Eile betrieben, daß weder für eine 
Aufbietung, nodi für die Dispens davon Zeit blieb. Den jungen Ehe- 
leuten wurde von der kirdilidien Behörde eine Geldstrafe auferlegt 
und ihnen überdies die Exkommunikation angedroht ^ Die Hodizeit 
fand am 10, Februar 1616 statt und wenige Wodien darauf, am 
23, April 1616, starb "William Shakespeare, 

Wir müssen nodi zu einer anderen Abänderung zurüdckehren, 
die Shakespeare an dem Vorbild seines »Wintermärdien« vorge- 
nommen hat. Bei Green langt, wie bei Shakespeare, die Antwort 
des Orakels an, durdi die Hermione sdiuldlos erklärt wird, Pandosto 
bereut daraufhin seine Eifersudit, allein es ist zu spät, sein kleiner 
Sohn stirbt und aus Sdimerz über diese Nadiridit audi die unsdiuldig 
angeklagte Gattin, Bei Shakespeare tut Leontes die Antwort des 
Orakels, die alle anderen überzeugt, mit den Worten ab; 

»Nur Lug und Falsdiheit spridit aus dem Orakel/ 
Fort geh' die Sitzung, dies ist nur Betrug.« 

Und wird dann mit einem Sdilag umgestimmt, als er erfährt, sein 
Sohn sei gestorben. 

Hier läßt sidi auf den Untersdiied zwisdien dem Durdisdinitts= 
köpf und dem Genie der Finger legen. Der Hergang, wie ihn Green 
erzählt, ist logisdi riditig und läßt trotzdem die Hörer kalt. Bei 
Shakespeare ist die Folgerung logisdi unsinnig, aber die Handlung 
wirkt tief ersdiütternd, weil sie auf der tiefsten psydiologisdien 
Wahrheit aufgebaut ist. 

Sdion Brandes meint, daß der Mamilius des »Wintermärdien« 
den Diditer an sein mit elf Jahren verstorbenes Söhndien erinnern 
mußte, Nodi einen Sdiritt weiter und wir stehen vor dem Problem 

' Sidney Lee, Slial^espeare p, 271, ■. 




der Sdvuld und $einer Lösung. Mamilius stirbt durdi die Sdiuld des 
Leontes, weil dieser seine Frau, die Mutter seines Sohnes, miß- 
handelt und von sidi gestoßen hat: 

»Der Prinz, dein Sohn, aus Furdit und Herzeleid 
Der Königin halb, ist hin.« <III. 2.) 

. Audi Shakespeare hat seine Frau von sidi gestoßen, als er 
allein nadi London ging und dort ohne sie blieb, audi Shakespeare 
hat seinen Sohn verloren — die Parallele wäre' vollständig, wenn 
die Motivverbindung, die in dem Drama zwisdien den beiden Tat^ 
sadien besteht, audi in seinem Leben herzustellen wäre. 

Diese Verbindung besteht, sobald wir einen Satz ' der Psydio»» 
analyse darauf anwenden, der von dem Glauben an die »Allmadit 
der Credanken« handelt. 

Wenn ein Mann von einer Frau frei zu sein wünsdit, an die 
Ihn die ühe bindet, so empfindet er die Kinder als die lästigste 
Fessel, die sidi am sdiwersten abwerfen läßt,, im Unbewußten, wohin 
die zarte Sorgfalt, die unsere Kulturmensdiheit für fremde Mensdien= 
leben zeigt, nodinidit gedrungen ist, sondern nodi die primitive Wildheit 
herrsdit, im Unbewußten reagiert er auf diese Empfindung mit dem 
WunsAe nadi dem Tode der Kinder. Da nun der Glaube an die 
Allmadit der eigenen Wünsdie, der in den Anfängen mensdilidier 
J^ultur, im Animismus, nodi deutlidi siditbar ist, im Unbewußten 
nodi unvermindert herrsdit, so muß er sidi als Mörder fühlen wenn 
einer, dem seine Todeswünsdie gelten, wirklidi stirbt, und wenn der 
Verstorbene nidit nur gehaßt, sondern audi zärriidi geliebt war wie 
es bei dem einzigen Sohne zweifellos der Fall ist, dann wird er zeit- 
lebens nidit das peinigende Sdiuldgefühl los werden. Diese düsteren 
Begleiter seines Lebens hat Shakespeare mehrere Male in seiner 
iJiditung aus dem Unbewußten heraus gestaltet i, aber nirgends so 
deuthdi wie hier. Die Gedanken an die Heimkehr boten dafür audi 
den stärksten Anlaß,, alles Wünsdien war vergeblidi, war töridit 
gewesen, ihm blieb dodi nidits als die Rüdkehr zur verlassenen 
Lrattin übrig und der arme Kleine war ein Opfer ziellosen Ehrgeizes 
geworden, ^ 

Daß Leontes nidit durdi das Orakel, sondern durdi den Tod 
seines Sohnes überzeugt wird, ist also psydiologisdi riditig, wenn 
wir den Diditer selbst an seine Stelle setzen. An diesem Tode muß 
er sidi selbst die Sdiuld geben, wie es Leontes tut, und die Er- 
kenntnis eigener Sdiuld bedeutet für Leontes audi den Beweis der 
Unschuld seiner Gattin. - Audi Cymbeline wird beinahe zum 
JVlorder seiner Söhne, 

Im »Sturm« ist von dem allen nidits zu spüren und das gibt 
dem StuA die heitere Ruhe, das Gefühl der Sidierheit vor den 
bösesten un d unheimlidisten Mensdienhändeln, die Befreitheit von 

p.:„,-,..l Siehe J ekel s' Mactetli-Arbeit (Image V, 3>, der in dieser HinsiAt die 
l'riontat gebulirt. Das ganze Problem wird in »Baumeister Solness« aufgerollt. 



240 Dr. Hanns Sacfis 



der Erdsdiwere, Prospero ist ein Vollendeter, dem die Liebe zur 
Toditer nur wie ein letzter Rest von Mensdiensdiwädie anhängt. 
Aber ohne Mitarbeit des Unbewußten gibt es kein diditerisdies 
SdiafFen und das Unbewußte ist jenseits von Gut und Böse. Um 
trotzdem die Stimmung der Meeresstille — denn die herrsdit im 
»Tempest« trotz des Titels und des stürmisdien Anfanges — zu 
behaupten, hat er alles Trübe und Böse von den drei Hauptpersonen 
weg auf die Nebenfiguren versdioben und dort nur leidithin, ober^ 
flädilidi angedeutet. Die Puppen hängen sdion in sdilaffen Drähten, 
denn der Puppenspieler geht bald zur Ruhe, 

Audi das Motiv der Sdiuld am Tode des Sohnes fehlt nidit, 
und wieder ist es ganz dieselbe Ursadie wie im Wintermärdien, die 
diesen Tod versdiuldet hat. Er muß sterben, weil sein Vater die 
Toditer — die hier an Stelle der Frau steht — von sidi gestoßen 
hat. Aber der Vorwurf hat nidits mehr von der alten Sdiärfe, denn 
einer der Bösewidite des Stüdces spricht ihn aus und nidit um der 
Wahrheit willen, sondern in der offenkundigen Absidit, zu kränken 
und zu verletzen. 

Sebastian: Herr, dankt Eudi selber nur für den Verlust^ 
Ihr gönntet nidit Europa Eure Toditer, 
Verlort sie an den Afrikaner lieber. 
Wo sie verbannt dodi lebt vor Eurem Auge, 
Das diesen Gram zu netzen Ursadi'. 

Alonso; O still dodi! 

Sebastian: Wir alle knieten und bestürmten Eudi 
Vielfältig, und die holde Seele selbst 
Wog zwisdien Absdieu und Gehorsam, weldie 
Der Sdialen sinken sollte. Euern Sohn 
Verloren wir für immer, wie idi fürdite. 

Nodi an einer anderen Stelle klingt der Sohnestod, wenn audi 
sehr leise und entfernt, an: In seiner Lobrede auf Miranda, als 
er sie dem Bräutigam übergibt, nennt sie Prospero <IV, 1.) »a third 
of my own life«, »Ein Dritteil meines Lebens.« Das haben alle 
Kommentatoren unverständlidi gefunden, denn Miranda, das einzige 
Kind Prosperos, kann dodi nur die Hälfte seines Lebens genannt 
werden, Mandie Herausgeber^ ändern deshalb, obgleidi gerade der 
»Sturm« im Folio von 1623 sehr gut gedrud^t ist, den Text ab und 
lesen; »a thread, ein Faden meines Lebens.« Aber diese Gewalt» 
samkeit gibt erst redit keinen Sinn, denn Prospero fährt fort; »or 
that for whidi I live« und er kann dodi nidit sagen wollen, daß er 
für einen Faden, d. i. für einen geringfügigen Bestandteil seines Lebens 
gelebt habe. Die Stelle gibt aber einen sehr guten Sinn, wenn wir 
annehmen, daß Shakespeare sidi unwillkürlidi selbst an die Stelle 
des Prospero gesetzt hat, denn, da er zwei Töditer hatte, durfte er 
die eine ein Dritteil seines Lebens nennen. Nodi besser wird der 



1 Der Tod Ferdinands ist gemeint. 

°' Z. B. Im Leopold Shakespeare und die ihm folgenden. 



»Der Sturm« 241 



Sinn allerdings, wenn Prospero sidi bei dem Dritteil gar nidit mit= 
redinet, weil dann die Fortsetzung, »oder das, wofür idi lebe«, erst 
die volle Bedeutung erlangt,- und audi diese Dreizahl läßt sidi redit« 
fertigen, wenn man annimmt, daß Shakespeare sidi in dieser kleinen 
»Fehlhandlung« in die Zeit zurüdiversetzt, in der ihm nodi der Sohn 
lebte und er drei Kinder besaß. 

Es sdieint, als hätte Shakespeare überhaupt, so wie er sidi 
in der Hauptperson idealisiert, in den Nebenfiguren seine Sdiwädien 
und Laster verspottet. 

Von den beiden Versdiwörungen gegen den Bruder <Sebastian 
und Antonio) läßt sidi ohne gründlidie Ontersudiung nidits sagen, 
denn dies ist eines der Lieblingsmotive Shakespeares, das in zahl= 
reidien Dramen : Lear, Hamlet, Wie es eudi gefällt. Viel Lärm um 
nidits, behandelt wird. Aber Stephano und Caliban sind die Ver= 
körperung von Fehlern, die ihm, wenn wir dem Gerüdit trauen 
dürfen, nidit fremd waren. 

Stephano, der ohne sein Allheilmittel, die Flasdie, nidit leben 
kann, ist die mensdigewordene Trinklust. Daneben zeidinet ihn 
eine Vorliebe für Wortspiele und Silbenstediereien aus '\ die Shake^« 
speare selbst in hohem Grade besessen zu haben sdieint, 

Caliban wird immer wieder »Fisdi« genannt, aber nidit in 
demselben Sinn, wie Thersites in »Troilus und Cressida« den Ajax 
wegen seiner Stummheit »Land^Fisdi« nennt, denn Caliban kann 
sehr gut reden, seit Prospero es ihn gelehrt hat. Vielmehr muß 
man daran denken, daß Caliban der Sohn einer Teufelsbuhle ist, 
die selbst den Luftgeist Ariel für ihre Gelüste mißbraudien will. 
Der Sohn ist ihr nadigeraten, denn er versudit es, der Toditer 
seines Wohltäters Gewalt anzutun und ladit nodi wohlgefällig, 
wenn er daran erinnert wird. Der Fisdi ist eines der verbreitetsten 
männlidhen Sexualsymbole ^ und wäre Caliban ein Gesdiöpf des 
Mythos, statt ein Erzeugnis diditerisdier Phantasie, die Mytho= 
logen würden ihn ohne Zagen als »phallisdien Dämon« bezeidinen. 

Ob der Diditer, der in diesem Drama wie seiner Kunst, audi 
seiner Jugend endgültig Lebewohl sagt, mit diesen Gestalten audi 
von den Fehltritten und Verirrungen seiner Jugend Absdiied nimmt, 
das läßt sidi allerdings niAt mehr als vermuten', da er selbst nidit 
die leiseste persönlidie Beziehung anbringt. 

Von der Verfolgung der entfernteren Ausstrahlungen müssen 
wir zum Mittelpunkt des Stüdes zurüdckehren. Denn jedes Shake*» 
spearesÄe Stüdi hat einen soldien Mittelpunkt, keinen abstrakten 
Grundgedanken, sondern eine lebendige Seele, ein Stüdi tiefster 
Mensdilidikeit, auf das alle Ereignisse und Worte hinweisen. Im 
»Sturm« ist es das Problem des Dienens, das den Diditer in dem 
Augenblidie fesselt, wo er sidi dem Dienste des Hofes und der 
Stadt, des Ruhmes und Gewinnes entzieht, um frei und unab^ 

' »Witz soll nidit unbelohnt bleiben, so lang' idi König in diesem Lande bin.« 
' Vgl. Eisler, Der Fisdi als Sexualsymbol, Imago, III, 1914, S. 165 ff. 

Imago V/4 16 



hängig auf eigenem Grund als sein eigener Herr sein Leben zu 
besdiließen. Alle Gestalten des Stüdes dienen: Antonio, der um 
Herzog zu heißen, die Lehenspflidit gegen Neapel auf sidi nimmt, 
handelt nicfit einsiditsvoller als Caliban, der in demselben Atemzuge 
ruft: »Caliban hat einen neuen Meister, Hurra Freiheit.« Ebenso 
■wie Caliban den Stephane, stiftet er den Sebastian zum Morde an 
seinem Herrn an. Das sind die ganz niederen Naturen, für die das 
Wort Freiheit gar keinen Sinn hat, weil sie nidit frei zu sein ver^ 
mögen, die immer in Kneditsdiaft verfallen müssen, aber dodi immer 
ihren Herrn hassen und gegen ihn meutern. Die nädiste Stufe ist 
Ariel, der so gut zu dienen versteht, aber wie ein Stüdi Natur, 
das er ist, Dienst und Knedhtsdiaft nur ungern erträgt. Die dritte 
Stufe nimmt Ferdinand ein, der darauf verziditet, frei zu sein, und 
es nidit aus Zwang oder um Lohn, sondern um der Liebe willen 
vorzieht, zu dienen. Dies ist die redite und wahre Art des Dienstes, 
die den hödisten Lohn verdient. 

Aber audi Prospero dient, denn in seiner letzten Ausrufung, 
mit der er den Zauberstab niederlegt, nennt er die Geister »sdiwadie 
Meister«. Aud:i das Herrsdien bedeutet nodi ein Für=andere=da=sein 
und also ein Dienen. Wenn Prospero audi diese letzte Fessel abwirft, 
so steht er sdion jenseits des Mensdilidien und es bleibt ihm kein 
anderer Weg offen, als der ins Grab. 

Vorher aber bemüht er sidi, die Toditer, das einzige Wesen, 
das ihn nodi an die Mensdiheit band, zu beglüden, indem er sie 
freigibt und dem Geliebten zuführt. Dies ist sein und war Shake^ 
speares letzter Dienst für die letzte Liebe, 




Äußerungen infantil^erotischer Triebe im Spiele. 

(Psycfioanalytisdie Stellungnahme zu den wichtigsten Spieltheorien.) 
Von Dr. SIGMUND PFEIFER <Budapest>. 



Ausgehend von den Mitteilungen eines Mäddiens mit stark ent= 
/ \ widcelter Urinerotik über ihr Lieblingsspiel aus der Kind^ 
J. X heit — sie hielt ihre Polster und andere Bettsorten gerne 
unter den Wasserstrahl des Brunnens, weil sie neugierig war, »wie 
die Federn aussdnauen, wenn sie einmal naß werden«: eine sym= 
bolisdie Wiederholung des lustvollen Bettnässens in Spielform — 
habe idi versudit, die Betraditungsweise und Methoden der Psydio- 
analyse audi bei den Spielen, sowohl bei den individuellen, wie bei 
den typisdien, anzuwenden, Die vorgenommenen Spieluntersudiungen 
haben audi ergeben, daß die Spiele mit den Mitteln der Analyse 
ebenso deutbar sind, wie die Träume, Mythen, Neurosen u. a. 
Produkte des Unbewußten der Individual= oder Massenseele, daß 
das Spiel in seinem Wesen die weitestgehende Übereinstimmung mit 
diesen aufweist, da audi seinen Kern die infantilerotisdie Betätigung 
der Partialtriebe der Sexualität bildet. 

Dieser Gedanke lag eigentlidi auf der Hand. Freud teilt 
sdion im Jahrbudi für psydioanalytisdie und psydiopathologisdie 
Forsdiungen 1909 I, Bd. <Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben, s, 63 bis 97 ff.) ein vollständig analysiertes, individuelles 
Spiel mit, eine Symptomhandlung des kleinen Hans mit ausge= 
sprodienem Spieldiarakter, dessen Bedeutung für die Analyse des 
Spieles idi erst während meiner Spieluntersudiungen erkannt habe. 
Ebenso habe idi nodi später einen kurzen, jedodi vielsagenden 
Hinweis Freuds in »Totem und Tabu« kennen und würdigen 
gelernt, daß das Spiel »eine motorisdie Halluzination« sei. Beide 
auf dem gleidien Wege gefundenen Meilensteine betradite idi als 
Beweise für die Riditigkeit des eingeschlagenen Weges. 

Der kleine Hans spielt unermüdlich mit einer Gummipuppe. 
Er stedt ein Tasdienmesser der Mutter durch ein Quietsdilodi in 
den Baudi der Puppe, reißt dann ihre Füße auseinander und läßt 
so das Messer wieder fallen. Bei diesem Spiel fällt zunächst seine 
lusterzeugende Natur auf, sdion aus dem Grunde, da das Spiel 
unermüdlidi wiederholt wird. Man muß sidi die Frage stellen, wo 
diese Lust bei einer sdieinbar so sinnlosen Tätigkeit, wie dieses 
Spiel, herstammt. Die Analyse hat zunächst ergeben, daß das Spiel 



16» 



244 Dr. Sigmund Pfeifer 



hinter seinem manifesten audi einen verborgenen, unbewußten Inhalt 
hat, der einen in der Seele Hansens tiefbegründeten Sinn verrät, 
und aus weldiem der erstere durdi eine Entstellung entstanden ist. 
Wird die Entstellung durdi die Analyse rüdegängig gemadit, so 
verrät das Spiel seinen unbewußten Inhalt: daß die Puppe im Spiele 
für Hans, der an seinem Inzestkomplex erkrankt ist, seine Mutter 
repräsentiert, und die ganze Handlung nidits anderes ist, als die 
ersehnte, phantasierte und an diesem symbolisdien Ersatz vollführte 
Vereinigung mit der Mutter, also der Inzest, mit der darauffolgenden 
Geburt, Er wählt zum Zwede dieser Darstellung die ihm geläufige 
und mit so vielen, man kann sagen, mit den meisten Kindern 
gemeinsame sadistisdie Auffassung des elterlidhen Koitus, dessen 
Versinnbildlidiung dieses gewaltsame Eindringen mit dem Messer 
<einem bekannten Penissymbol) in den Mutterleib ist. Dadurdi nimmt 
.Hans die Mutter in Besitz und versetzt sidi an die Stelle des 
Vaters. Audi der ihn so viel besdiäftigenden Phantasie von der Geburt 
des Kindes wird im Spiele zum Ausdrudi verhelfen und seine dies= 
bezüglidie Neugierde befriedigt. Wenn wir annehmen, daß der 
assoziative Zusammenhang in der Analyse im seelisdien Gesdiehen 
einen kausalen und affektiven vertritt — und das können wir auf 
Grund der Traum-, Neurosen*, Symptomhandlungsforsdiungen der 
Psydioanalytiker, übrigens findet dieser Zusammenhang audi in 
der Analyse des Spieles des kleinen Hans eine direkte Bestätigung 
— so werden wir finden, daß die Spielfreude in diesem Falle im 
großen Maße aus der Inzestlibido stammt, deren andersartige 
Verwendung bei Hans die neurotisdie Erkrankung mit all ihren 
Symptomen, mit der Angst und der Phobie hervorgerufen hat\ 

Eine andere Quelle der Spielfreude ergibt der Analyse gemäß 
die analerotisdie Lust, die sidi im Spiele in der Form einer Hand= 
lung äußert, die gleidizeitig Geburt und Defäkation darstellt auf 
Grund der infantilen Analgeburt=Theorie oder nadi Hansens eigener 
Bezeidinung der »Lumpf«theorie. <Das, was aus einem Lodi der 
Mutterpuppe herausfällt, das ist gleidizeitig Kind und Fäzes. Selbst 
die Puppe ist ein »Lumpf«syriibol.> Dadurdi vereinigt er mit der 
Lust aus dem Elternkomplex die analerotisdie. 

Eine dritte Lustquelle ist der sdion erwähnte kindlidie Sadis= 
m u s, der sidi in der Auffassung der Koitus* und Geburtsvorgänge 
als gewaltsamer Handlungen äußert. Im Spiele zwängt Hans das 
Messer in den Baudi der Puppe und läßt es dann auf die Erde fallen^. 
Er reißt die Füße der Puppe gewaltsam auseinander, was der sadi= 
stisdien Auffassung der Kinder von der Geburt <Aufsdineiden des 



1 Allerdings war die Krankheit und die Phobie in der Zeit, wo dieses Spiel 
entstanden ist, schon im Abklingen begriffen Vielleidit können wir das Ausleben 
der Inzestwünsdie in Spielform gerade als ein Zeidien der beginnenden Genesung 
betraditen. 

' Vgh das Fallenlassen des Pferdes in einem anderen Spiele des Hans, wo 
dies audi den Tod des Vaters bedeutet. 



Äußerungen infantiI»erotisdier Triebe im Spiele 



245 



mütterlidien Baudies) entspridit. Es kommen hier nodi die kindlidie 
Schaulust mit der kindlidhen Wißbegierde für die sexuellen 
Verhältnisse und Organe der Erwachsenen als Lustquellen 
dieses Spieles in Betracfit. <Hans gibt selber an, daß er den Wiwi» 
madier [das Genitale] der Puppe sehen wollte.) 

Die Mittel des Spieles: die Puppe, das Messer, das Lodi sind 
bekannte Sexualsymbole. Die Puppe symbolisiert hier in erster Linie 
die Mutter, hat aber gleidizeitig die Bedeutung des Kindes und des 
»Lumpfes«, bedeutet sogar im gewissen Maße den Spieler selbst 
durÄ die Identifikation seiner selbst mit der Mutter i. Das Lodi auf 
dem Baudie der Puppe ist ein unverkennbares Genitalsymbol mit 
mütterlidier Bedeutung, durdi den Medianismus der »Verlegung nadi 
oben« von dem Genitale auf die Nabelgegend verlegt. Es hat aber 
gleidizeitig die Bedeutung: anale Öffnung. Das Messer fungiert im 
Spiele, wie in Phantasien, Traum, Neurosen etc. vorwiegend als 
Penissymbol, vereinigt aber audi die Bedeutungen: Phallus, Fäzes, 
Kind in sidi. Die jetzt erwähnten Symbole der libidinösen Hand= 
lungen und Objekte sind Mittel zu einer Entstellung des latenten, 
unbewußten Inhaltes des Spieles, die sidi sdion aus dem Gegen= 
überstellen des manifesten Inhaltes mit dem latenten ergeben hat. 
Die Ursadie dieser Spielentstellung müssen wir in moralisdien und 
sozialen Hemmungen sudien, die nidit mehr erlauben, einmal Iust= 
voll gewesene Regungen auf direktem Wege durdi das Bewußtsein 
dem Ausleben zuzuführen. Freud hat diese Hemmungen, die 
sexuelle und egoistisdi lustvolle Regungen von dem Bewußtsein fern» 
halten, in ihrer Wirkung Verdrängung genannt, und ihre ent= 
stellende Rolle im Falle Hansens sowohl bei der Ausbildung der 
neurotisdien Symptome, wie dieser Symptomhandlung, die alle 
Kennzeidien des Spieles an sidi trägt und die sdiledithih ein harm= 
loses Spiel eines jeden Kindes sein könnte, nadigewiesen. 

Was ist der weitere Medianismus der Spielentstellung? Zu- 
nädist die sdion erwähnte symbolisdie Darstellungsweise. Beim Ver« 
gleidi der beiden Inhalte fällt dann auf, daß Hans die Rolle der 
Mutter einer Puppe zuteilt. Er identifiziert auf Grund einiger 
oberflädilidier Ähnlidikeiten, die beim Symbol notwendig sind, wie 
z. B. hier Mensdiengestalt, Lodi, Quietsdien, die Puppe, also ein 
lebloses Objekt mit der geliebten Mutter. Er wendet seine m= 
zestuöse Libido, die er bei der Mutter infolge der Verdrängung 
niÄt mehr anbringen kann, der Puppe zu. Durdi diese libidinöse 
Identifikation erhält die Puppe als Symbol der Mutter in der Phan= 
tasie Hansens die Existenz eines lebenden Wesens, bei dem er 
seine Mutterlibido unterbringen und ausleben kann^ ohne daß das 
Bewußtsein von diesem Vorgang Kenntnis nehmen könnte. Man 
kann audi gleidizeitig die Verschiebung des erotisdien Interesses 
von seiner adäquaten Stelle in der Gedankenwelt des spielenden 

1 <»Idi kriege auch eine Hanna.«> 

2 Dieser Vorgang, »die BMebung«, hat in vielen Spielen große Bedeutung. 



246 



Dr. Sigmund Pfeifer 



Kindes auf eine nebensäcfilidie oder minderwertige, konstatieren. 
Hieher gehört auA die Verlegung der GenitalöfFnung nach oben. 
Versdiiedene Objekte und Handlungen der sexuellen Lust werden 
unter dem Bilde eines Symbols verdichtet, wie Penis, Kind 
»Lumpf« unter dem Bilde des Messers, Geburt und Defäkation im 
Fallenlassen. <Dem letzteren entspridit in sehr vielen Spielen der 
»Wurf«.) Hans identifiziert audi sidi selbst gleidizeitig mit dem Vater, 
mit der Puppe, d. i. der Mutter und mit dem »Lumpf«. Es liegt 
audi ein rationalisierender Zug im Geständnisse Hansens, daß 
er bei dem Spiele den »Wiwimadier« der Puppe sehen wollte. 

Diese Medianismen der Verdrängung, Versdiiebung, Symbol» 
bildung, Verdiditung, Identifikation, Rationalisation entspredien volL 
kommen denen des Phantasierens, des Traumes und anderer psydii= 
sdien Gebilden, die aus dem unbewußten Seelenleben des Mensdien 
entstammen. Diese Übereinstimmung habe icfi audi bei allen anderen 
analysierten Spielen gefunden. 

Es seien hier nodi einige Beispiele angeiführt, wo das Unbe= 
wußte demselben Wunsdi : Zurüdkehren in den Mutterleib, Besitz^ 
nähme der Mutter, also dem Inzest und der Wiedergeburt mit den 
Mitteln des Spieles zum Ausdrud verhilft. Eine als Zerstreutheits= 
spiel aufskizzierte Landsdiaft hat folgende Details: Ein Teidi mit 
vielem Sdiilf an den Ufern, in der Mitte ein Boot, in diesem rudert 
jemand und steuert gegen eine Sdimalseite des Teidies, wo ausge* 
höhlte Hügel sind. In einer Grotte liegt dort eine sdiöne, etwas 
ältlidie Frau auf einem Bett. Die Analyse ergab, daß der Ruderer 
kein anderer als der Zeidiner selbst war, Teidi, Sdiilf, Kahn, Hügel, 
Höhle verrieten bald ihre Bedeutung als Genital- und Mutterleibs- 
symbole, audi die Frau im Bette wurde mit der Mutter identifiziert, 
somit ist die dem Spiele zugrundeliegende Inzestphantasie bewußt ge- 
worden und audi die mit dieser und ähnlidien Spielereien verbundene 
Zerstreutheit versdiwunden. Das vorgezeidinete Bild ist uns aus 
Träumen, Mythen etc., die typisdie Deutung aus Analysen genügend 
bekannt. Letztere wurde nodi verstärkt durdb die Analyse des 
folgenden Spieles eines aditjährigen Knaben; Es wurden kleine 
Hügeldien aus Sand und Gartenerde aufgehäuft, in diarakteristisdier 
Form ausgegraben und durdi unterirdisdie Gänge und Höhlen unter- 
miniert. Die Konstruktionen waren in der Phantasie des spielenden 
Kindes teils für Liebesabenteuer, teils für Feuerung bestimmt. In 
die untere Öffnung wurden Holzstäbdien hineingestedt, angezündet, 
die obere war, um den Raudi herauszulassen, da, Audi als Badeöfen 
haben sie gegolten. Die Analyse des Spieles stimmte mit der der 
oben erwähnten überein, mit der Zutat, daß hier an der Gestaltung 
des Spieles audi die anal- und urinerotisdie Lust ihren besonderen 
Anteil gehabt hat. <Das Kind hat Wasser, oft audi seinen Urin in 
das obere Lodi gelassen und mit großer Freude betraditet, wie die 
Flüssigkeiten unten zwisdien den zwei Fortsätzen — in der Analyse 
zwei Sdienkel — herausgeronnen sind. Audi als, Klosett wurde das 



Äußerungen infantiI=erotisAer Triebe im Spiele 



247 



Lodi in der Analyse erkannt.) Diese Konstruktion ist einem Bau 
von einem siebenjährigen Mädchen sehr ähnlidi, bestehend aus zwei 
zusammenlaufenden Geländern, die zu einem Tor führen, das 
turmartig ausgebaut ist. Die konsequent neben diesen Bauten auf« 
gestellten Puppen, sitzend, nadit, mit gespreizten Füßen ließen 
keinen Zweifel übrig, daß sie ihre Entstehung dem damals gerade 
sehr akuten erotisdien Interesse des Mäddiens für die Gcsdiledits= 
teile des mensdilidien Körpers verdanken. Daß bei diesem und 
ähnlidien Spielbauten das erotisdie Interesse an dem mensdilidien 
Körper sidi durdi Symbolbildung seinen spielerisdien Ausdrudi 
gesdiaffen hat, wird durdi eine Spielzeidinung desselben Mäddiens 
direkt bestätigt V auf der es die Front des Hauses durdi ein mensdi^ 
lidies Gesidit abgebildet hat. <Auf die Frage: ist das ein Haus oder 
ein Mensdi, antwortet es; »Das kann man eben nidit wissen.«) Die 
erotisdie Bedeutung des Hauses ist aus dem hineingezeidineten Liebes= 
paar ersidididi, das die damals bei ihr die Elternrolle bekleidenden 
Ehegatten abbilden soll. 

Das Lieblingsspiel eines Jugendfreundes von vier bis sedis 
Jahren, N. J., war das »Sdiweinestedien«. Alte Krughenkel oder 
ein Stüdc Holz hat er, als Sdiweine, mit einer Satderahle abge= 
stodien,- er kniete selbst darauf und quietsdite wie ein Sdiwein, das 
eben abgestodien wird. Nadiher hat er die so hingeriditeten Sdiweine 
mit großer Pietät begraben, wobei er sidi mit Vorliebe als Glödner 
oder als Fahnenträger gebärdet hat. In diesem Falle konnte die 
Psydioanalyse nidit durdigeführt werden, sie läßt sidi aber mit 
großer Sidierheit aus den familiären Verhältnissen des spielenden 
Kindes ersetzen. Abgesehen davon, daß das Töten eines Tieres mit 
darauffolgendem Betrauern ein Totemritus ist, von dem Freud be- 
wiesen hat, daß er auf typisdie Inzest- und Vatermordwünsdie 
zurüdtzuführen ist, deuten viele Züge des Spieles und der Eltern= 
konstellation in der Familie des spielenden Kindes mit einer erbitterten 
Gegnersdiaft zwisdien dem von der Mutter verzärtelten Sohn und 
dem strengen Vater auf den typisdien Todeswunsdi des Sohnes 
gegen den letzteren. Sehr klar ist in diesem Falle die Identifikation 
des Sohnes mit dem Vater, der als Satder audi mit der Ahle ge= 
arbeitet und im Winter seine Mastsdiweine selbst gestodien hat. Es 
war sdion beim Spielen sehr auffallend, daß N. J. beim Sdiweine= 
sdiladiten mit der Ahle dieselben diarakteristisdien Sattlerstidie aus= 
geführt hat, wie sein Vater bei der Arbeit. Ebenfalls war sein Vater 
ein Fahnenträger bei den Prozessionen der dortigen katholisdien 
Kirdiengemeinde, besonders bei den Osterfestzügen, wo audi viel 
geläutet wurde, wie audi bei seinen Begräbnisspielen, in weldien er 
offenkundig eine Vaterrolle gespielt hat. Aber wenn ein Kind nadi 
einem Totemmord sidi an die Vaterstelle versetzt, so kann der feierlidi 
Begrabene in einer von der Realität nidit gebundenen, frei erdaditen 



Gleidisam eine Symbolbildung, in statu nascendi fixiert. 



248 Dr. Sigmund Pfeifer 



Sdieintätigkeit nur der getötete Vater sein. Das dürfte \vahrsdiein= 
lidi audi der Vater mit vielem psydiologisdien Sinn, dodi mit wenig 
Verständnis nadiempfunden haben, denn regelmäßig ist er auf das 
Geläute <d. i. Lärmsdilagen mit einem Stode auf den Zaun) aus 
seiner Werkstatt herausgestürzt und hat seinen Sohn durdigeprügelt, 
obwohl er gewöhnlidi gegen Geräusdie gar nidit empfmdlidi war. 
Wir können audi ganz verläßlidi annehmen, daß im Sdiweinestedien 
ebenfalls ein sadistisdi aufgefaßter Koitus der Eltern dargestellt 
wird, den zu beobaditen das Kind bei der engen gemeinsamen 
Wohnung viel Gelegenheit gehabt hat. Zur Analyse gehört audi 
der Umstand, daß das junge Kind mit keiner nodi so strengen Er» 
Ziehungsmaßregel des Vaters davon abzubringen war, ein ungarisdies 
Schimpfwort zu gebraudien, in dem kategorisdi ein Koitus mit der 
Mutter angedeutet wird. Der Junge hat sidi beim Eintritt in die 
Pubertät aus unglüdilidier Liebe ersdiossen,- die analytisdien Er- 
fahrungen zeigen, daß audi dieser Umstand nadi dem Taliongesetz 
des Unbewußten auf eine starke Fixierung im Inzestkomplex mit 
Todeswünsdien gegen den Vater hindeutet. 

In den mitgeteilten individuellen Spielen konnten wir nadi An= 
Wendung der Methoden der Psydioanalyse die ursädilidie Rolle 
infantlUerotisdier Triebe und Komplexe <in den obigen Beispielen 
vorwiegend des Inzestkomplexes) nadiweisen, die in einer besonderen 
Form der Entstellung unter der Bildung einer Spielfassade zur 
Wunsdierfüllung durdigedrungen sind. Unterziehen wir jetzt der 
Analyse einige allgemein bekannte und verbreitete Spiele, weldie 
mit den mitgeteilten individuellen Spielen gemeinsame Elemente auf» 
weisen. 

Ein sehr verbreitetes Spiel ist z, B. der »Fuchs ins Lodi« 
<französisdi Mere Garudie, la vielle mere Garudie, ungarisdi sänta 
roka). Man zeidinet einen Kreis auf die Erde, der ist das Haus 
oder Lodi des Fudises <französisdi maison, camp, ungarisdi lyuk). 
Im Hause <Lodi) steht der Fudis — Mere Garudie — auf beiden 
Füßen, in der Hand die »Garuche«, das ist der Plumpsack oder 
Peitsdie aus einem zusammengerollten Tasdientudi mit einem Knoten 
am Ende. Der Fudis kommt aus seinem Lodi heraus, verfolgt die 
anderen Spieler, jedodi immer nur auf einem Fuße hüpfend und 
wenn er einen mit seinem Plumpsadi erwisdit, sdilägt oder berührt, 
so wird dieser selbst der hinkende Fudis=Mere Garudie und von 
den anderen Spielern mit ihren Peitsdien verfolgt und gesdilagen, 
solange er sidi nidit in sein Lodi flüditet, wo er vor seinen Ver= 
folgern in Sidierheit ist. Ebenso gesdiieht es dem Fudise, wenn er 
außerhalb seines Haus=Lodies den Boden mit dem zweiten Fuß 
berührt. Und so wediselt das Spiel und geht oft stundenlang weiter. 

Wenn sdion die individuell erfundenen Spiele ihre bedeut= 
samsten Triebkräfte aus dem nie versiegenden Reservoir der infan« 
tilen Sexualität erhalten, so können wir im vorhinein mit großer 
Wahrsdieinlidikeit annehmen, daß bei der Bildung soldier allge» 



1 



Äußerungen infantiUerotiscfier Triebe im Spiele 



249 



meinsten Formen der lustvollen Betätigungen, wie das oben be= 
sAriebene Spiel, dieselben Kräfte die Hauptrolle gespielt haben, wie 
in den typisdien Träumen, Sagen, Märdien und Neurosen etc. Die 
oft überrasAende Offenheit der Symbolik weist auA in diese RiA= 
tung und erleiAtert den Weg zum Verständnis, besonders wenn 
wir zur Deutung vergleiAendes analytisAes Material aus den 
letzterwähnten Wirkungsgebieten der unbewußten sexuellen Regungen 
der Mensdien herbeiziehen. 

Zunädist fällt die Ähnlidikeit des »Hauses«, »LoAes« mit dem 
Hause, Lodie, Höhle in den früher erwähnten individuellen Spielen ^ 
auf. Vgl. noch zum »Lodi« den folgenden BefruAtungszauber des 
australisAen Stammes der WatsAandies (mitgeteilt von Jung: Jahr= 
buA für psyAoanalytisAe und psyAopathologisAe ForsAungen, 
IV. Bd. I. Wandlungen und Symbole der Libido). »Sie graben ein 
LoA in den Boden, so geformt und mit BüsAen so umsteAt, daß 
es ein weibliAes Genitale naAahmt. Um dieses LoA tanzen sie die 
ganze NaAt, wobei sie die Speere so vor siA halten, daß sie an 
einen Penis in erectione erinnern. Sie umtanzen das LoA und stoßen 
die Speere in die Grube, indem sie dazurufen: pulli nira, pulli nira, 
wataka! <non fossa, non fossa, sed cunnus!) Wenden wir die 
Ergebnisse der Analyse bei diesem Spiel an, so müssen wir auA 
in diesem LoA, Haus, wie in dem LoAe auf dem BauAe der 
Puppe des Hans, das Genitalsymbol mit elterliAer Bedeutung er^ 
kennen, vor allem des MuttersAoßes, wo das Kind gegen alle 
Gefahren und SAwierigkeiten der Außenwelt gesAützt ist, wohin 
es seine Liebe und sein erotisAes Interesse hinzieht, wohin es siA 
immer zurüAsehnt. In den MärAen und Sagen kommt dieses Motiv 
meistens in der Form vor, daß der Held in ein sehr kleines oder 
sehr großes Haus kommt, wo ein alter Mann oder viel häufiger 
ein altes Weib ist, z. B. Frau Holle mit dem langen Zahn oder 
im ungarisAen MärAen die Hebamme mit der eisernen Nase, Der 
Name der Hauptperson in der französisAen Form heißt »Mere 
GaruAe«, gleiA ihre Mutter^Imagorolle auf der einen Seite ver= 
ratend. Anderseits ist die »GaruAe« der PlumpsaA, das sAlangen^ 
förmig zusammengerollte TasAentuA, die PeitsAe — beide sAwer 
verkennbare Penissymbole, also parallel dem als Penis gedeuteten 
Messer im Spiele des kleinen Hans — ein männliAes, sogar väter^ 
liAes Attribut, wie die eiserne Nase des MütterAens im ungari= 
sAen und der lange Zahn der Frau Holle im deutsAen MärAen^. 
Die gleiAe Konstellation ist angedeutet im ungarisAen Namen: der 



1 Der Fudis wohnt audi in Höhlen, Lödiern, das ist im Spiele als ein 
rationahsierendes Element verwendet. 

'^ Idi mödite hier auf eine Wendung der ungarisAen Märdien hinweisen, 
weldie bei jeder Begegnung mit dieser Gestalt vorkommt: der Held grül3t sie: 
»Guten Tag, Großmutter!«, die alte Frau antwortet: »Dein Glück, daß du midi 
Großmutter genannt hast, sonst wärst du gestorben«. Vgl. die Begegnung mit der 
Sphynx im Mythos. Siehe Rank: Das Inzestmotiv in Diditung und Sage, S. 256 ff. 



lahme (oder hinkende) Fudis. Der Fucfis wie der Wolf und andere 
Raubtiere werden in den Märdien, Tierfabeln oft als Symbol der 
Männlidikeit hingestellt ^ sdion wegen seiner Agressivität und seines 
schönen, langen Sdiweifes, 

Dagegen kann das Hinken als eine weiblidie Eigensdiaft ge= 
deutet werden, verursadit durcfi das Fehlen eines bedeutsamen 
Gliedes und wir wissen aus der analytisdien Erfahrung, daß dieses 
Glied, dessen Mangel dem Kind an Mutter und Schwester am meisten 
auffällt, der Penis ist. Dieser Umstand wird vom Kind als eine Minder^ 
Wertigkeit betraditet, daher im Spiele, Mythos etc. das Hinken. 

Bisher ist diese Konstellation nichts anderes, als die symboIi= 
sdie Einkleidung der Erkenntnis eines sexuellen Tatbestandes, be= 
treffend die Eltern, insbesondere die Mutter und deren Genitalien, 
den man so ausdrücken könnte: Der väterlidie Penis befindet sidi in 
der mütterlidien Vagina <Sdioß, Lodi, Höhle). Bei der Überdeter= 
miniertheit der Symbole werden gleichzeitig nodi zwei andere Er= 
kenntnisstufen der sexuellen Situation ausgedrückt,- die eine ist, daß 
die Mutter einen ebensoldien Penis hat, wenigstens in der spiel= 
erzeugenden Phantasie des in sich narzistisdi verliebten Kindes, wie 
es selbst, und die zweite meistens unter dem Eindruck der Kastra= 
tionsdrohung entstandene, daß sie ihn gehabt, jedocfi auf irgend= 
weldie Art durdi Absdineiden, Operation, Unfall, eingebüßt hätte 2. 
Die an das erotisdie Interesse für die Genitalien der Eltern ge= 
knüpfte Lust, die die sdion ausgebauten Verdrängungstendenzen ins 
Unbewußte verbannt hat, kann nur durdi eine Form der Dar- 
stellung ausgelebt werden, die sie für das Bewußtsein unerkennbar 
madit und für das Unbewußte dodi ihre Herkunft verrät. Dazu ist 
die von uns erkannte symbolisdie oder mythologische Form des 
Denkens und Handelns im Spiele ebensogut geeignet, wie bei anderen 
seelisdien Produkten mit dem Ursprünge aus dem unbewußten Trieb=- 
leben der Mensdien, wie Phantasie, Traum, Neurose usw. Die Trieb= 
kraft gibt dazu die zum Ausleben drängende sexuelle Lust selbst 
her. Solange sie nidit unterdrückt ist, bedarf die Lusterzeugung keiner 
symbolisdien und spielerisdien Einkleidung, sondern betätigt sich in 
den unverhüllten Äußerungen der polymorphen kindlidien Sexualität. 
Jetzt können wir einen Sdiritt in der Analyse weiter maAen. 
Wenn wir den hinkenden Helden des Spieles ins Auge fassen und 

' Man vergleidie die stark unterstridiene Männlidikeit des Heldes in Goethes 
»Reinede Fudis«, Reinecke vergeys'altigt dort die Frau des Wolfes, des »Rates« 
des Königs. 

Mm Spiele wird dieser Umstand durdi das Hinken ausgedrüdt. Vgl, damit 
den alten, wahrsdieinlidi aus der Türkenzeit in Ungarn stammenden ungarisdien 
Kindervers: <in wörtlidier Übersetzung) »Stordi, Stordi, warum ist dein Fuß so 
blutig? Türken= <oder audi Juden») Kind sdinitt ihn, Ungarkind heilt ihn . . .« Der 
blutende Fuß und der auf angedeutete Kastration zurüdizuführende Gebraudi der 
Zirfcumzision der Türken und der Juden <siehe Rank: Inzest, S, 305) deuten auf 
ein Absdineiden des Penis hin. (Stordi — der die Kinder bringt — Mutter.) Dieser 
Umstand stimmt sehr gut mit dem Hinken und lahmen Fuß im Spiele überein. 



1 
I 



Äußerungen infantil-erotisdier Triebe im Spiele 



251 



ihn mit ähnlidien Mythengestaltcn vergleichen, so werden wir bald 
auf ein mäditiges Motiv aus dem Komplexe der Inzestphantasie stoßen, 
idi meine den Kastrationskomplex. Es ist nidit notwendig, daß idi 
die zahlreidien Helden mit körperlidien Gebredien hier anführe, es 
wird die Erwähnung des hinkenden Vulkan, des geblendeten 'ein= 
äugigen Polyphemosi und des Königs Oedipus, Pelops mit der 
fehlenden Sdiulter und des entmannten Osiris^ genügen. Letztere 
verraten uns die latente Bedeutung des fehlenden Gliedes, audi 
den Sinn der Verstümmelung als Kastration. Audi die Analysen von 
Träumen und Neurose lassen daran keinen Zweifel. 

In den Mythen kommt die Kastration in zwei Formen vor. 
Entweder wird die Kastration, meistens in der Form einer Selbst^ 
entmannung oder Entmannung durdi den Vater, als die Sühne des 
begangenen Inzestes betraditet <Oedipus, Osiris), oder der eifer- 
süditige, in seinen Wünsdien die Vaterstelle bei der Mutter an= 
strebende Sohn entmannt, tötet den Vater (Zeus, Horus usw.). Es 
ist sdion eine Entstellung des Komplexes, daß der Sohn, der im 
Besitze von irgend einem Symbol des großen Penis ist, an irgend 
einem anderen Körperteil- besdiädigt ist. Zum Beispiel Vulkan, selbst 
sdion eine Verdoppelung des seinen Vater entmannenden Zeus, 
besitzt als Symbol seiner Madit und seines Könnens den großen 
Hammer, dagegen hinkt er an einem Fuße», gerade wie in unserem 
bpiele der Fudis mit dem Plumpsade <Peitsdie, Garudie) auf dem 
einen Bein hüpfen muß. 

Der Fudis darf nadi dem Verlassen des Kreises den Erdboden 
mit dem einen Fuß nidit mehr berühren. Wenn wir die zeitlidie 
Aufeinanderfolge als ursädilidie annehmen*, so müssen wir das 
Hinken als eine Folge des Verweilens im Kreise <LoA, Haus) an= 
sehen, also in die Spradie des Bewußtseins übersetzt, die Kastration 
als eine Folge und Strafe des begangenen Inzestes. In den Märdien, 
Sagen kommt es oft vor, daß der Held nadi dem Eindringen 
in irgend ein Mutterleibssymbol: Burg, Hain, Höhle, Unter» 
weit usw., irgend eine seiner Fähigkeiten einbüßt, verstümmelt, ver= 
steinert, zerstüdelt wird^ alle mit der gleidien Kastrationsbedeutung. - 
Audi Oedip us verliert nadi dem Inzest seine Augen, muß seine Heimat 

rtf. o- -"^'i Penisbedeutung; des Auges, siehe bei Abraham: Jahrbudi Bd. VI, 
Über Üinsdirankungen und Umwandlungen der Sdiaulust, und Ferenczi: Ideges 
tünetelc keletkezese es eltünese. 

2 Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage, S. 321 fF. 

3 übrigens ist das Hinken des Vulkan ebenfalls die Folge eines Streites 
zwisdien ihm und seinem Vater wegen der Mutter. In einer Version der Götter« 
sage wird auA Kronos, statt der Entmannung, an den Fußsehnen gesdiwädit 
<Rank; Inzest, S. 269>. 

* Das Unbewußte hat eben keine anderen Mittel zum AusdruA der 
Ivausahtät. 

^r ^^^ Allatu, die Göttin der Unterwelt, verwünsdit den Eindringling: 
»Mit Krankheit an den Augen (Oedipus), an den Hüften <Jakob>, an den Füßen 
,it?^'i A^*°^/t VP"°"^' ^"" Herzen <Don Carlos), am Kopfe (Hamlet, Orestes). 
(JNadi Dr. H. Sdiillers Weltgesdiidite, I. Bd. Quellensammlung, S. 15.) 



262 



Dr. Sigmund Pfeifer 



verlassen, irrt herum, bis er sidi in Kolonos in einem geweihten 
Hain mit der Mutter=Erde vereinigt und so seine Ruhe wiederfindet i. 
<Sein Fuß ist ebenfalls fehlerhaft, die Knedite des Vaters haben 
seine Knödiel durdibohrt, sein Name bedeutet »Sdiwellfuß«.) 

Wie Oedipus und andere große Inzestsünder der griediischen 
Mythologie von Selbstvorwürfen und Reue geplagt werden, ver= 
körpert durdi die Erynien: eine häßlidie Sdhwestersdiar verfolgender 
Weiber mit Fadel oder Peitsdie, so wird audi im Spiele der Fudis 
nach dem Berühren der Erde, also in dem Falle, wo wieder eine 
Inzesthandlung begangen und eine Hemmung eigenwillig aufgehoben 
wird, von den Mitspielern mit Peitsdiensdilägen verfolgt, bis er sidi 
in das Lodi«Haus flüAtet. 

Soldie Refugia, Zufluditsorte, wie das Lodi-Haus im Fudis^ 
Spiel, sind aus der GesAidite und Mythologie mehrere bekannt. 
Die Tempel, die Kirdien, audi einzelne geweihte, geheiligte Orte, 
meistens Auen <vgl. Oedipus in Kolonos). Berühmt ist audi da^ 
Refugium, das den Kern des von Romulus gegründeten Roms 
bildete, Romulus zog bekann tlidi mit seinem Pflug einen Kreis auf 
dem Adierfeld und in diesem baute er Rom und sein Refugium 
auf. Hier wird es aber von Interesse sein, abgesehen vom Inzest^ 
gehalt des Romulus^ und Remus^Mythos, daß die ersten Bewohner 
der Stadt Roma die Räuber und Totsdiläger waren, die sidi in das 
Refugium versammelten, und daß, worauf S torfer <Zur Sondern 
Stellung des Vatermordes) hinweist, der Totsdilag bei den ersten 
Römern nadi dem Numäisdien Gesetz »paricidium«, Vatermord 
genannt wurde. 

Als gemeinsames Element des Spieles und des Mythos wollen 
wir vorläufig den Kreis auf der Erde, dessen Mutterleibbedeutung 
im Spiele sdion betont wurde, und eine Andeutung der Inzest* 
beziehungen herausgreifen, bis uns eine Anmerkung Storfers^ 
einer nodi überrasdienderen Übereinstimmung belehrt. Storfer 
bemerkt in seiner Arbeit; ». , . , Es sei betont, daß ,Mutter Erde' 
nidit bloß eine poetisdie Redewendung ist, sondern daß die ,Erde' 
nadi dem Nadiweis Bachofens, des genialen EntdeAers des 
Mutterredits der indoeuropäisdien Urzeit, als Symbol der Mütter* 
lidikeit, des Hetaerismus zu betraditen ist, — Vgl. audi Hitzig: 
Tötungsverbredien. Zeitsdirift für sdiweizerisdies Strafredit. IX, 41 : 
,Dem Vatermörder werden hölzerne Sohlen unter die Füße ge* 
bunden, damit sein Sdiritt die Erde nidit entweihe', — Der sexual* 
symbolisdie Charakter der Erde in der Völkerpsydiologie läßt sidi 
durdi unzählige Belege nadiweisen. In der Catapatha*Bramana wird 
Prajapati während eines blutsdiänderisdien Aktes von Rudra durdi* 
bohrt,- dabei fällt die Hälfte des Samens auf die Erde, und so 
entsteht die Vegetation , , . , Man beadite audi die Gleidiung 

1 Nadi einer Version. 

^ A. J. Storfer: Zur Sonderstellung des Vatermordes, S. 27, Anm, 3. 
Wien=Leipzig 1911, DeutiAe. 



1 



Äußerungen infantil^erotisther Triebe im Spiele 



253 



Weib == Acker <z. B, Manu IX, 33, Koran II, 27), dementsprechend 
Pflug usw. = Penis <besonders auf etruskisdien Denkmälern). Den 
Gebrauch von ,Säen' im Sinne ,Koitieren' anerkennt auch Schrader: 
Reallexikon 581, " Daß hölzerne Sohlen unter den Fuß des Vater= 
mörders gebunden wurden, wird um so verständlicher, wenn wir wissen, 
daß der Fuß allgemein als Penissymbol gilt. (Daher als Rudiment des 
jus primae noctis, das offenbar symbolische Recht des Gutsherrn, seinen 
entblößten Fuß ins Brautbett der Leibeigenen zu legen, Schmidt: Jus 
primae noctis 54, 254, 283, 284.) "Wie stark das erotische Moment bei 
der Auffassung der Beziehung zwischen Fuß und Erde zum Durchbruch 
gelangt, zeigt die Sitte im kaiserlichen Rom, den Schuh mit erotischen 
Emblemen zu schmücken <Mauersberg: Kufturbilder aus dem untere 
gehenden Rom. Zeitschrift für Kulturgeschichte, VIII, 129). Sartori 
führt für die folkloristische Auffassung moderner Völker, daß der 
Fuß die Erde befruchtet, unzählige Quellenbelege an, — Dies alles 
macht es zweifellos, daß es sich bei unserem Hinrichtungszeremoniell 
darum handelte, zu verhindern, daß der Vatermörder mit der 
,Mutter' in Berührung gerate.« 

In der verhinderten Berührung der Erde beim Zeremoniell der 
Hinrichtung des Vatermörders können wir nach alldem nichts anderes 
sehen, als eine völkerpsychologische Parallele zum Hinken im Spiele 
»Fuchs ins Loch« mit unzweideutig sexueller Motivierung. Der 
Untersdiied zwischen beiden, namentlidi der Umstand,' daß der 
Spieler mit einem Fuß den Boden doch berührt, ihn sogar stößt, 
— übrigens eine in Märchen und Sagen oft verwertete Koitus^ unci 
Befruchtungssymbolik 1 : die getretene Erde birst und verschlingt 
den Helden (Teufel mit dem Pferdefuß u, a.>, oder wirft irgend 
jemanden oder .etwas herauf aus ihrem Schöße, oder aus der 
entstandenen Spalte — hat eben seinen guten Grund und seine 
Bedeutung. Durch den aufgezogenen, vermißten zweiten Fuß wird 
der andere akzentuiert und mit dieser Verschiebung des psychischen 
Akzentes, während der regressiven Rauschstimmung des Spieles 
funktioniert der eine Fuß selbst als Penissymbol, berührt rhythmisch 
die Mutter*Imago »Erde« und das Spiel hat den Spieler, wenn auch 
nur symbolisch, doch zur erwünschten Befriedigung verhelfen, der er 
bewußt schon entsagte. Wie ungerne, das wird uns im Seelenleben 
der Kinder und sogar der Erwachsenen durch die Psychoanalyse 
solcher Regressionen, wie Phantasien, Träume, Neurosen und auch 
der Spiele gezeigt. Hier sei bemerkt, daß solche Überdeterminiertheit 
des manifesten Inhaltes im Spiele, welcher in sich gleichzeitig Gegen= 
Sätze vereint, für den Analytiker nidits Ungewohntes ist. Diese Art 
des Funktionierens, wie in dem behandelten Spiel, ist geradezu 
charakteristisch für das neurotisdie Symptom ^ welches auf der einen 

1 Die Befruditungssymbolik spielt eine große Rolle in »Bonhorame«, einer 
französischen Variation des Spieles »Fuchs ins Loch«. Siehe später. 

^ Die Neurose erwähne idi hier absiditlidi, die Gegensätzlidikeit ist jedodi 
sehr allgemein wirksam unter den Medianismän des Unbewußten. 



254 



Dr. Sigmund Pfeifer 



Seite eine Abwehrmaßregel gegen einen unbewußten Wunsdi sein 
kann, auf der anderen jedodi auf irgend eine verkleidete Art audi 
die Erfüllung dieses Wunscfies in siA birgt. 

Nodi eine Eigentümlidikeit fällt in der Spielregel des Hinkens 
auf; eben das Zwangsartige. Das Hinken könnte ebensogut ein 
Symptom einer Neurose, einer Zwangshysterie sein, z. B. eine 
hysterisdie Lähmung, eine Berührungsphobie, wie eine unsdiuldige 
Spielregel. Die Übereinstimmung mit einer Phobie geht bis auf die 
Einzelheiten, sogar die Angst vor der Berührung der Erde mit 
dem anderen Fuß ist vertreten, ausgedrüdit durdi die Drohung, daß 
die andern Spieler dieses Übertreten des Verbotes mit Peitsdien» 
sdilägen strafen \ Und wenn dieser Fall dodi eintrifft, dann flüditet 
der Täter eiligst in das Haus=Lodi, gerade wie ein Neurotiker unter 
Gewissensbissen und Verfolgungsangst sidi nadi Hause flüditen würde, 
wenn er seine Abwehrmaßregeln zu treffen durdi innere und äußere 
Ursadien nidit imstande wäre. Es gibt zwar Kinder, die diese 
Regel absidididi fredi verletzen und die anderen dadurch gleidisam 
besdiimpfen^ aber die große Mehrheit hütet sidh mit dem F'uß den 
Boden zu berühren, und wenn sie audi auf einem Fuß vor An» 
strengung das Lodi kaum erreidien. Einige Kinder, die aus Ermü* 
düng die Erde berührten, sah idi mit dem Ausdrude großer Angst 
eiligst ins Lodi rennen, trotzdem die Verfolger nodi in ungefähr« 
lidier Weite waren. Dagegen habe idi einmal die Gelegenheit gehabt 
zu beobaditen, daß ein Kind, das den aufgezogenen Fuß herunter« 
ließ, in große Verwirrung geriet und knapp vor dem Lodi erwartete 
es wie gelähmt die Verfolger, bis ein Regen von Peitsdienhieben 
ihn zum Fliehen drängte. Der Vorfall ist unter dem ausgesprodienen 
Bilde einer neurotisdien Hemmungsersdieinung abgelaufen und idi 
fürdite nidit, irre zu gehen, wenn idi — abgesehen von den bestimmt 
mitspielenden masodiistisdien Triebregungen — die Ursadie der Hem= 
mung <Lähmung> hier, wie bei der Neurose, in einem Konflikte zwisdien 
dem durdi das Spielen plötzlidi aktuell gewordenen Inzestwunsdi, der 
in das Bewußtsein durdibredien will, und zwisdien den Verdrängungs» 
tendenzen, die diesen Durdibrudi, das Bewußtwerden zu verhindern 
sudien, annehme. 

In die Kategorie der gegensätzlidien Determinierung gehört 
aud) der Wedisel in der Person des »Fudises«. Das Kind aus der 
Spieler« (Brüder) sdiar, auf weldies der Vater-Fudis die Madit, seine 
feindlidi gesinnten Kinder ^ <Brüder> zu bestrafen und den Inzest zu 



' Vergleidie die schon erwähnte Eryniensymbolik der Angst, der Vergeltung 
und der Sühne. 

2 Der Medianismus dieser Herausforderung ist derselbe wie der der obszönen 
und Sdiimpfworte, Weiteres darüber später bei der Behandlung der nedcenden Spiele. 

' Daß die Spieler die »Söhne« des Fudises sind, wird im Spiele : Bonhomme, 
einer französisdien Variation des »Fudis ins Lodi« direkt bestätigt. Hier werden 
die berührten oder gesdilagenen Spieler die »Kinder« des Bonhomme. Audi im 
Spiele: Chat perche. 



Äußerungen infantiUerotisdier Triebe im Spiele 



255 



begehen durA einen Peitsdiensdilag magisAi überträgt, übernimmt 
diese Rolle niAt nur aus äußerem Zwang, wie man aus dem mani- 
festen Inhalt des Spieles und bei oberflädihdier Beobaditung der 
Spielenden aHein folgern könnte. Wer sAon die nidit gerade seltenen 
leidensdiafthdien Revolutionen der Kleinen gegen einen »FuAs" 
der keinen Mitspielenden sdilagen, also seine ifolle gegen die ver- 
meintlidi angenehmere der anderen siditbar nidit vertausdien will 
der muß unbedingt^ zur Einsidit gelangen, daß diese Rolle an sidi' 
tur das spielende Kind keineswegs nur unangenehme Seiten haben 
kann, vielmehr muß sie auf die Kinder, wenn audi meistens unbe- 
wußt, eine große Anziehungskralt ausüben. Ein anderer Ausgang 
solcher Fixierungen in der Vaterrolle - es kommt audi in anderen 
ahnlidien Spielen ziemlidi oft vor - ist, daß das Spiel langsam 
verödet, die Kinder verlieren bald die Lust weiter zu spielen, was 
nach dem oben Gesagten leidit zu verstehen ist, da ihnen die 
I i 1 Triebfeder dieses Spieles, die Möglidikeit des symboli- 
sdien Auslebens ihrer unbewußten Inzestwünsdie, genommen wurde 
Interessant ist auch das Benehmen solcher »an das Loch Fixierten« 
Diese laufen bei Gelegenheit <wenn die Mitspieler entfernter stehen) 
wiederholt auf beiden Füßen aus dem Lodi hinaus und flüditen 
gleidi wieder hinein. Das madit ihnen augensidididi Spaß. Daee^en 
wird der Luchs von den Mitspielern dadurdi gereizt, daß sie mit 
Ihren Plumpsaden absiditlidi in das Lodi hineinfahren und dann 
wieder weglaufen. Diese Gegensätzlichkeit zwisdien manifesten (be- 
wußten) und latenten (unbewußten) Motiven hat das Spiel mit dem 
1 räum und der Neurose gemein, diese Umkehrung eines Affektes 
in das Gegenteil dient audi im Spiele wirksam der Verstellung 

Nodi eine Ejgensdiaft des Spieles bedarf hier der besonderen 
Behandlung und das ist die fortlaufende Wiederholung. Die 
Wiederholung kann entweder das ganze Spiel, wie in den meisten 
Spielen betreffen, oder können sidi einzelne Handlungen, sogar das 
Auttreten einzelner Personen wiederholen. Im Fudisspiel kehrt der 
i^uAs, solange es möglidi ist, immer wieder in das Lodi zurüd und 
fahrt wieder hinaus, audi das rhythmisdie Berühren der Erde mit 
dem hupfenden Fuß gehört in vieler Beziehung hieher. Wieder- 
holungen von Personen, wie z. B. der Verfolger des »Fudises« 
oder die anderer Kinder untereinander als Söhne, sind uns sdion 
aus der Mythologie unter dem Namen »Doublierungen«^ bekannt 
Wenn wir die Vater-Sohn-Konstellation zwisdien Fudis und 
den Spielern im Auge behalten, bekommt die Wiederholung einer 
Spielperiode das Bild eines Generationswedisels. Nur innerhalb 
zweier soldier Perioden ist die Inzestphantasie vollendet, indem 
der Sohn d ie Stelle des Vaters im mütterhdien Kreise, zugleidi mit 

fihirfinAL^u'^Sn''!-'^".^^^'^''^,!""^ "^St im Spiele immer eine sdion bestehende 
SÄeMSeftgrunde" '" '"^°" ""' '^^" '''''''" ''' übertragenden und 
2 Rank: Der Mythos von Geburt des Helden, 



266 



Dr. Sigmund Pfeifer 



der MaAt seine Kinder zu strafen, übernimmt. In anderen Spielen über-' 
nimmt das Kind bei soldiem Wedisel als Sinnbild der Madit des Vaters 
irgend ein Phallussymbol, z. B. bei einer Form des ungarisAen »Käplär«^ 
Spieles ^ wo der König allein die Peitsdie führt, übernimmt der werdende 
König dieselbe vom sdieidenden. In anderen Spielen einen Stodc oder 
ein Sdiwert, im Fudisspiel übernimmt der Fudis nur die Madit, dieses 
Symbol, die Peitsdie, zu gebraudien. 

Diese Verteilung des Inzestes auf zwei und mehrere Genera= 
tionen findet ihre ausgesprodiene Parallele in der Mythologie, und 
ist audi analytisdi un^esdiulten Mythologen aufgefallen ^. Der Mythos 
vom Sdiidcsal der Tantaliden mit seinen kettenartigen Inzestbege= 
hangen und Vatermorden weist denselben Medianismus auf, wie 
das Spiel »Fudis ins Lodi«, ebenso viele andere, wie z, B . die 
Legende von Apollonius von Tyrus^. Sdion Rank erwähnt, daß 
die Verteilung des Inzestes auf mehrere Generationen und auf 
Doubletten der bedeutsamen Personen im Dienste der Verdrängung 
steht, weil dadurdi versdiiedene Versdiiebungen in den Rollen 
der einzelnen handelnden Personen und in ihren inzestuösen 
Wiinsdien ermöglidit werden, so AfFektversdiiebungen vom Vater 
auf seinen Doppelgänger, auf den Oheim, auf einen anderen Sohn 
(also Vater aus einer anderen Generation), von Mutter auf die 
Sdiwester usw.*, Z. B. in der Tantalidensage zerstückelt Tantalus 
seinen Sohn und in der dritten Generation widerfährt dasselbe 
Sdiidsal Tantalus selbst und dadurdi kann man die volle Inzest» 
bedeutung des Mythos, der wegen der Verstellung im Sdiidsale 
einer Generation nidit gleidi erkennbar ist, rekonstruieren. Diese 
Medianismen finden ihr Ebenbild im Spiele, Der Generationswedisel 
wurde sdion erwähnt, es soll nidit im selben Spiele auf die Ver= 
vielfältigung des feindlidi gesinnten Sohnes, die Brüdersdiar auf= 
merksam gemadit werden. In anderen gegenseitigen Spielen entsteht 
durdi Verdoppelungen der Vater=-Imago eine zweite Brüdersdiar, 
mit gleidizeitiger Vaterbedeutung, z, B. im ungarisdien Kettenspiel 
»König, gib mir einen Soldaten!»« — Die Reihenbildung aus Vater= 
und Mutter=Imagines ist seit den trefflidien Beobaditungen Freuds 
und Ranks° audi im Seelenleben des normalen Mensdien bekannt 

1 Drei Personen, König, Korporal, Bauer, durch Losen verteilt: naA Bescheid 
des Königs kriegt der Bauer von der Hand des Korporals Schläge mit dem Plump» 
sadc von bestimmter Zahl und Stärke. 

2 Bei Mannhardt, S. Rank: Inzest, S. 323. 
^ Ebenda. 

* Vgl, Abraham: Die Stellung der Verwandtenehen. Jahrbudi I, 
^ Die Spieler bilden zwei Ketten, auf einem Flügel die zwei stärksten als 
Könige. Es werden einzelne Spieler aus der Gegenpartei gerufen, diese versudien 
durdi Anlauf und Anprallen die feindlidie Kette zu zerreißen. Die so vom König 
abgetrennten Kinder werden als Gefangene mitgenommen und in die eigene Kette 
eingereiht/ so lange wird dies fortgesetzt, bis einer oder der andere König gefangen- 
genommen wird. 

<= Freud: Jahrbuch: Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim 
Manne. Rank: Das Inzestmotiv. 



Aufierungen infantil^erotisAer Triebe im Spiele 



257 



geworden Freud besAre.bt einen Typus des Liebeslebens, in dem 
die Individuen, deren Liebe in der Kindheit an die Mutter fixim 
wurde, audi in ihrem späteren Liebesleben deren Bild sudien jedoA 
von dem Ersatz unbefriedigt, ihre Liebe immer von n?uem einS 
anderen Mutter- mago zuwenden gleidisam die UnerrefAbarkdt 
der Befriedigung ihrer LeidensAaft andeutend. Denselben seelisE 
Vorgang -Reihenbildung aus der Eltern-Imago - hat Rank vom 
Standpunkte des Weibes besArieben^ In vielen Spielen finden wS 
Verdoppelungen oder Reihen des mütterhdi, oder, wie es später 
behandelt wird, analerotisdi gedeuteten LoAes (Haus, Kreis, EA 
reld, (jrool, Pot etc.). ' ^^ 

Die Verdoppelung kann audi auf einem anderen Wege Zu- 
standekommen In der geläufigen Form des sdion erwähnten Kor- 
poral=6pieIes bekleiden eigentlidi zwei Personen die Vaterrolle: Der 
Könige der die Befehle erteilt, eine gewisse Anzahl Sdiläge auszu! 
Sf V A^°;,Pr'' '^f ''''' SA^ert, d. i. die Peitsdfe, Pkmp, 
sad,GaruAe handhabt und seine Befehle ausführt. Hier spielt der 
Ä wW '' ^'°" ^T ^r^' ^^espaltene Korporal 'dieselbe 
dof R.J n^f" '"t^^" '^'^'^" Szenen des .Hamlet«3, oder 
Könf.?5v / n'^^'P"''- Laertes führt dort auf Veranlassung des 
Königs <Va ers) ein vergiftetes Sdiwert gegen Hamlet <Sohn) wie 
der Korporal em anderes Penissymbol, die Peitsdie, gegen den BauTr 

Uie Abspaltung mit Identifikation ist unter den Entstellungs- 
mediamsmen m der Psydioanalyse wohlbekannt. <VgI. z, B. .TrauS- 
fTT^A lu ."«^'i^Af ^t sidi von der einfadien DoublettLrung 
dadurdi, daß bei ihr die aktive, affektbetonte Tendenz, das wrksamf 
Pnnzip, m unserem Falle die phallisdie Madit d^s Vati vom 
oSr-r''"" ^^'^r^^^ wird. Das so entstandene sekundär^ 
Gebilde ist vom Standpunkte des Sohnes <Mitspieler, Hamlet) der 
Vertreter der großen feindlidien Madit des Vaters ' <PeSe mi 
dem Knoten, Laertes mit dem giftigen Sdiwert), aus dem Gesidits- 
punk e des rekonstruierenden Analytikers ebenfalls eine Vater-Imago 
Aarakterisiert durA die Züge der gegen den Sohn geriditeten, S 
niditenden, übermächtigen Aktion und Affekte, dargestellt durdi ein 
Symbol des Komplexes: großer Penis. Der Kampf zwisdienVaS 

eroßen PenT; i^'^^-'^'""'" ^''^^^^ ^^"^^ ^^^ kleinen und 

groDen Penis, eines der häufigsten unbewußten Motive des Spieles 

roSslL^""? Beispiel in einigen Spielarten des »Fudfs ins' 
Lodi.-bpiele s darf nur der FuAs einen Knoten auf seiner Peitsdie 

1 Rank: Das Inzestmotiv, S. 379, 380 

Arbei-tJn^F^^eorAtafcl^aS*"^' '''''°' '^^ '^ ^^^ ^^'e^^ *^ 

T» A ' ^f V.^^''*^^ '»•er wirklich eine Abspaltung, die Personifizierung einer 
Tendenz des Vaters ist, zeigt die ursprüngliAe FaSung der Setsage Zo 
Hamlet sein Sdiwert, das in die SAeide eingekeilt, also minderweräglt iit' dlm 
tegn^mmf '''"'"'*' """^ " ^^^ ^*^^" ^^« K°"'ss von 'ds'en Bette 



Imago V/4 



17 



258 Dr. Sigmund Pfeifer 



haben, gegen die glatten Peitschen der Kinder ^ In der Sage führt 
Laertes das vergiftete Sdiwert des Königs, Hamlets Sdiwert ist in 
die Sdieide eingekeilt, also das erste über-, das zweite minderwertig, 
und Sdiwert ist ein bekanntes Phallussymbol. Daß Laertes mit dem 
Sdiwert selbst nidits anderes ist, als ein soldies, das verrät außer 
dem Gesagten die Identifikation der Spradie: Degen = Sdiwert und 
Held. Der Medianismus der Identifikation bedient sidi im Mythos 
wie im Spiele der Assoziation: Penis — Kind. Laertes als Sohn des 
Polonius, einer Doublette des Königs, handelt audi als ein Sohn 
des Königs. Im Spiele wird diese Assoziationskette wieder belebt: 
in einigen Variationen des »Fudis ins Lodi«=Spieles, »Mere Garudie 
ä cIodie=pied« und im »Bonhomme« werden die Verfolger durdi 
den Peitsdiensdilag ihre »Söhne«, d. h. Gefangene, Diener, die ihnen 
in das Lodi folgen und es mit ihnen verlassen, ihnen mit der Peitsdie 
oder audi ohne diese in der Verfolgung mithelfend. Bezeidinend 
ist, daß in den ungarisdien Spielen die Kette von Kindern allgemein 
»Peitsdie« genannt wird, gleidizeitig ein sdiönes Beispiel für die 
weitere Verdoppelung der Abspaltungen dieser Art. Im Spiele 
kommen beide Arten der Verdoppelungen sehr häufig vor und lassen 
einige interessante theoretisdie Sdilüsse zu, die idi wegen ihrer reidien 
Beziehungen zum Spiele und anderen seelisdien Produkten sdion 
hier erwähnen mödite. 

Verdoppeln, gelegentlidi mehrfadi — bis zur Reihenbildung — 
wie wir gesehen haben, können sidi Ersatzbildungen von Objekten 
und Handlungen verdrängter Zu- oder Abneigung, sehr a\U 
gemein ausgedrüdct, der verdrängten Lust oder Unlust. Wir können 
sogar von Handlungen der unverdrängten Komponenten der Libido 
sexualis ausgehen, indem wir konstatieren, daß soldie Handlungen 
sehr oft den Charakter des Automatismus an sidi tragen, mit anderen 
Worten, sie wiederholen sidi von selbst so lange, bis äußere Gründe 
oder eine Art innerer Ermüdung dem ungehemmten Lauf der lust'' 
vollen Betätigung ein Ende bereiten. So lange dem Organismus 
Libido zur Verfügung steht ^ und sidi nodi keine Hemmungen ge- 
bildet oder eingestellt haben, gehen soldie Handlungen automatisdi 
wiederholend vor sidi. Man denke nur an die Endlosigkeit des 
Lutsdiens und ähnlidien Lusthandlungen der Kinder und an einige 
Formen der kindlidien Onanie, denen meistens erst der Sdilaf ein 
Ende madit. Diese Eigensdiaften treten am klarsten, weil am min= 

' In der Märdiendiditung Goethes: »Reinedse Fudis« wird dieser Kampf 
des FuAses und des Wolfes <der phallisdien Tendenz des Sohnes und des Vaters) 
direkt als Peniskampf dargestellt. Der Fudis blendet mit seinem Schwänze die 
Augen des Wolfes, nadidem er sein Weib vergewaltigt hatte, dann zieht er die 
»Schuhe« von den Pfoten des Wolfes herunter, so daß der Wolf hinkend und 
ohne Klauen weggeht, und entsdiieden wird der Kampf dadurdi, daß der Fuchs, 
dem der Wolf eben seinen Fuß abbeißen will, die Genitalien des Wolfes 
erwisdit und abbeißt. 

2 Es hat nadi Freud (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie) den Ansdiein, 
als produziere sie der Organismus wie einen diemisdien Stoff. , 



Äußerungen infantil^erotisdier Triebe im Spiele 



259 



desten kompliziert, bei den autoerotisdien Partialtrieben zutage. 
Bei Fixierungen oder pathologisdien Regressionen auf diese treten 
sie audi im späteren Alter kraß hervor, z. B. bei dementen Geistes- 
kranken, wo diese Automatismen einen großen Teil ihrer Betäti- 
gungen ausmadien. Als gutes Beispiel kann man hier das lustvolle 
Kratzen 1 erwähnen, wo die lustvolle Betätigung bei der erhöhten 
und fixierten Hauterotik so lange fortgesetzt wird, als Sdimerz oder 
Ermüdung es erlauben, und sehr oft audi über diese hinaus. Hier 
will idi nodi auf ein Moment hinweisen, das idi bei der spielerischen 
Wiederholung infantiler Lusthandlungen wirksam gefunden habe. 
Es werden fast aussdiließlidi soldie Handlungen in unendlidien 
Reihen wiederholt, weldien — im Gegensatze zur ausgebildeten 
Sexualität — ein Teiltrieb mit ausgesprodienem Vorlustdiarakter 
zugrunde liegt, so z.B. das Kratzen mit seiner Haut= und Berührungs», 
der Tanz und im Spiele das Hinken mit seiner Muskelerotik. Unter 
diesem Gesichtspunkt können eigentlich audi einige rhythmische Tätig- 
keiten erwähnt werden, die den Spielrausdi, diesen hypnoidähnlidien 
Bewußtseinzustand des Spieles erzeugen können, weldiem im Spiele 
wegen seiner quartiermadienden Wirkung für den Einzug des Lust- 
prinzips ins seelisdie Geschehen audi eine Vorlustrolle zuzusdireiben 
ist <z. B. vor und während des Tanzes, in der Musik, rhythmische 
Sprudle und Handlungen vor den Spielen. Auf die Rolle des Rhythmus 
im Spiele komme idi bei einer anderen Gelegenheit zurück). Dem- 
gemäß würden Handlungen wiederholt, bei denen momentan ein 
Trieb zum Selbstziel wird, weldier eigentlidi nie vollends befriedigt 
werden kann, nur durch Hinzutreten anderer. 

Bei Ersatzbildungen sexueller Triebe auf dem Wege der 
Symbolbildung, die wir nadi Freud allgemein Symptomhandlungen 
nennen können, beobaditen wir oft, daß der erotisdie Trieb seinen 
Automatismus behielt, oder sogar erst jetzt redit den Automatismus- 
diarakter aufweist, nadidem der Motor dieses rätselhaften psydiisdien 
Gesdiehens, der lustvolle erotische Trieb durdi die Verdrängung 
dem Bewußtsein vorenthalten und für dessen regulierenden Einfluß 
unzugänglidi gemadit wird. Audi soldie Automatismen werden dann 
bis zur vollständigen Ersdiöpfung oder überwältigenden SAmerzent- 
widlung, oft audi trotz dieser ausgeübt. Beispiele, besonders aus 
der Pathologie der Neurosen und Psydiosen, sind in soldier Menge 
bekannt, daß idi hier ihre Erwähnung ersparen kann <besonders in 
der Hysterie und Dementia praecox). Ich will hier nur darauf hin- 
weisen, daß die Wiederholungen der Spiele und der spielähnlidien 
Tätigkeiten <z. B. Tanz) bis zur vollständigen Erschöpfung, oft Be- 
wußtlosigkeit, in ihrem Wesen soldien Automatismen cntspredien. 
Wesentlich dasselbe Moment wie bei den Wiederholungen 
der Handlungen mit Vorlustciarakter ist bei der zweiten Art 
wirksam, d. i. den Wiederholungen der Objektsymbole der verdrängten 

' Die »Onanie cutanee« der französiscfien Dermatologen. 



260 Dr. Sigmund Pfeifer 



Libido, also bei den sogenannten Doublettierimgen oder Reihen« 
bildungen der Imagines. Bei diesen wird der erotisAe Trieb von 
seinem eigentlidien Ziel verdrängt und einem anderen zugeführt, 
weldies in seiner mehr oder weniger entstellten Gestalt das erstere er» 
setzen soll. Dieser Medianismus erlaubt dem Idi, seinen unterdrüAten, 
erotisdien Triebe zur Abfuhr zu verhelfen, damit ihre Lust in 
irgendweldier Form genossen wird und in der Seele keine unlust^^ 
volle Spannung entsteht, anderseits nimmt es ihnen jedoÄ die Mög«» 
lidikeit einer vollkommenen Befriedigung, die erst erfolgen kann, 
wenn die Libido an das ihr äquivalente Objekt geknüpft wird. 
Dieses Minus in der Befriedigung am Ersatzobjekt und die dadurdi 
erzeugte seelisdie Spannung gibt den einen Anlaß zur Vermehrung 
der Objekte ^, wie bei den unendlidien irrationalen Zahlen und anderen 
uncndlidien Reihen der Mathematik, weldie in ihren ewigen Wieder- 
holungen einen Wert anstreben, den sie unmöglidi erreidien können. 
Wie im Mythos und Märdien, sind audi im Spiele soldbe Doublettie= 
rungen sehr zahlreidi, idi möchte hier wieder nur an die drei bedeute 
samsten Arten erinnern, auf die Verdoppelungen der Vater=, 
Mutter* und analerotisdien Imagines. 

Die Untersuchung der zweiten Gattung der Doublettierungen, 
der Reihenbildung, aus verdrängten Objekten der negativen Libido 
gestattet einen Einblid in das Verhältnis zwisdien dem Idi und der 
Verdrängung. Wenn wir die Abspaltungen und Reihenbildungen 
soldier Libidoobjekte mit Aufmerksamkeit begleiten, wo die Libido 
eine sehr starke Verdrängung erfahren hat, die in dem Angstdiarakter 
des Symbols zum Ausdrud kommt, können wir besonders im Spiele 
und im Märdien, aber audi im Mythos und sehr ausgesprochen 
In gewissen Psydiosen <DeIirium tremens) beobachten, daß diese 
Symbole auffallend öfter, als soldie mit mehr Lustdiarakter eine Ver- 
vielfältigung und Reihenbildung erfahren, z, B. die unzähligen Mengen 
von Teufeln und anderen Dämonen, im mittelalterlidien Kathoiizis» 
mus, audi in anderen Religionen, wie die Scharen von Djinnis in 
der mohammedanischen. In der brahmanischen Religion sind diese 
Spaltungen auf den Götterbildern plastisch dargestellt. Sdiaren des 
»Feindes«, »dessen Zahl Legion«, wie der Teufel mit Vorliebe ge- 
nannt wurde, dessen phallisdien Charakter Jung, seine Beziehungen 
zum Inzest Jones betont hat und dessen ausgesprodiene analerotische 
Bedeutung audi ich unterstreidien mödite, finden wir in vielen 
Märchen, meistens in soldier Form, daß der Held anstatt direkt gegen 
eine feindlidie Vater-Imago vielmehr gegen deren unzählige Soldaten, 
Kinder, Diener, Tiere zu kämpfen hat, die in einigen Märdien und 
Mythen immer mehr und mehr werden, je mehr ihrer der Held 
tötet. Man vgl. audi die versdiieden-vielköpfigen Dradien, bei welchen 
die abgeschlagenen Köpfe wieder heranwadisen oder sidi sogar ver- 

» Wann diese Spannung eintritt und wann sie zur Reihenbildung führt, ist 
wahrsdieinlidi von dem bestehenden Kräfteverhältnisse zwisdien Fixierung und 
Verdrängung abhängig. 



Äußerungen infantiI=erotisdier Triebe im Spiele 



261 



doppeln, wie im Herakles=Mythos/ oder der Held muß bei jeder 
neuen Gelegenheit — meistens dreimal* — mit immer mehrköpfigen 
Dradien kämpfen. Z, B. in einem ungarisdien Märdien, in dem die 
starke Verdrängung der Inzestwünsdie durdi die vielen Gefahren 
und Sdiwierigkeiten angedeutet wird, weldie der Held zu bewältigen 
hat — unter anderem das Motiv des Glasberges, das die Un= 
möglidikeit des Besteigens des Berges andeutet, auf dessen Spitze 
oder in dem die Burg mit der zu befreienden <rettenden> Königs» 
toditer <Mutter=Imago> sidi befindet — vermehren sidi die feind= 
lidien Soldaten immer mehr und mehr, trotzdem sein Zauber» 
Schwert mit jedem Hieb ein Regiment davon niederstredct. Erst 
dann, als er mit seinem Zauberroß hinzusprengt, von wo die Sol* 
daten kommen, sieht er eine alte Frau <das Mütterchen mit der 
eisernen Nase, eine ihm feindlidie Hexe), wie sie auf einem Web- 
stuhl arbeitet und wie bei jeder Bewegung des Sdiiffdiens^ aus den 
Rippen ein Regiment Soldaten herausspringen. Er muß erst die Hexe 
töten, nur dann kann er mit den Soldaten fertig werden. Bei diesem 
Märdien, das idi audi wegen seiner großen Analogie mit vielen 
Spielen — • deren Typus ein mütterlidier Kreis, Lodi, Haus ist, die 
eine feindlidie Sdiar gegen den Eindringling verteidigt — erwähnt 
habe, finden wir, wenn wir die offensprediende Sexualsymbolik 
deuten, statt des feindlidien Vaters, der den Eintritt in die mütter^ 
lidie Höhle abwehren will, eine unendlidie Reihe von Abspaltungen^ 
aus seiner Person, die seine väterlidi=phallisdie Madit symbolisieren 
sollen, denen gegenüber aber der Sohn=Held infolge seiner ungeteilten 
Überlegenheit, eine relative Sidicrheit genießt. (Vgl. die Zauber» 
kraft des eigenen Sdiwertes gegen so viele Tausende.) Wenn wir 
diese, durdi die Zersplitterung verblaßte feindlidie Madit der Vater- 
Imago mit der ziemlidi gefährlidien, furdit» und angsterregenden 
der ungeteilten Symbole vergleidien, müssen wir zur Einsidit ge» 
langen, daß das Unbewußte mit dieser Spaltung ein Ziel verfolgt, 
und zwar die Angstentwiddung aus der übersdiüssigen Inzestlibido 
durdi diese — bildlidi ausgedrüdit — Verdünnung des Abreagierens 
in Raum und Zeit zu vermeiden. Ein Vater, der sidi tausend» und 
aber tausendmal und in ebensoviel Teilen totsdilagen läßt, verursadit 
keine soldien Gewissensbisse, wie ein mörderisdier Sdilag auf Laios 
von Oedipus' Hand. Neben dem Generationswedisel finden wir audi 
diese Art der Rcihenbildung im Spiele sehr oft vor. Z. B. im Spiele 
»Fudis ins Lodi«, in der Variation »Mere Garudie ä cIodie=pied«, 
die wie aus der Peitsdie sidi vermehrende Kindersdiar, die dann die 
Rolle des Fudises übernimmt, mit oder ohne Peitsdie, aber ihre 



• Phallisdie Dreiheit. 

^ Das Motiv des »Wurfes« im Spiele. 

' Daß diese gleidizeitig Kinder der sdiredtlidien Mutter, also audi des Vaters 
bedeuten, spridit audi für diese Deutung nach allem, was über die Assoziation 
Penis— Schwert — Kind gesagt wurde. Vgl. auch da^ bei «ler Hamlet^Säge Gesagte 
über die Rolle des Laertes gegenüber Hamlets. 



262 Dr. Sigmund Pfeifer 



Macht ist immer bedeutend minderwertiger, als die des Fudises. Die 
Assoziation Peitsdie— Kind wird im ungarisdien Spiele »Peitsdie« 
direkt belegt, indem hier die Peitsdie aus Reihen von Kindern ge^ 
bildet wirdi. Im Spiele »Knüppel aus dem Sadc« oder »der PIump= 
sadc geht herum« wird der Spieler direkt mit dem Knüppel, d. i. 
mit der Peitsdie identifiziert. Idi erwähne sdion hier die Reihen- 
bildung aus den Objekten der unterdrüAten analerotisdien Lust, wie 
idi es zu beobaditen einmal selbst Gelegenheit hatte, als ein Delirium 
tremens=Kranker die bei dieser Krankheit wohlbekannten Sdiaren 
von furdit^ und absdieuerregenden kleinen, sdiwarzen Tieren aus 
offenkundig analerotisdien Lustobjekten entwidtelte. 

^ Nadidem wir wissen, daß die Verdrängung selbst eine Abwehr»' 
reaktion der ihre narzißtisdi=allmäditige Unantastbarkeit gegen die 
durdi Unterdrüdiung sekundär unlusterzeugend gemaditen infantil^ 
erotisdien Regungen verteidigenden Seele ist, so müssen wir auA 
diesen Medianismus der Abspaltungen mit Reihenbildung als eines 
der diarakteristisdien Mittel der Verdrängang, wie Versdiiebung, 
Verdiditung etc. ansehen. Idi mödite nodi voraussdiidend hinzu= 
fügen, daß dieser Medianismus, auf den idi eben bei der Besdiäfti» 
gung mit dem Spiele aufmerksam geworden bin, für das Spiel 
eine besondere Bedeutung hat, außer der sdion erwähnten, die näm= 
lidi, daß er dem Spieler erlaubt, die Einstellung des einzelnen gegen 
Inzestkomplex und Analerotik — um nur die widitigsten zu er- 
wähnen — die ja bekanntlidi für die CharakterentwiAlung eines 
jeden Mensdien vorbildlidi sind, auf dem Wege der Übertragung 
und auf eine typisdie Weise gegen die Mitspielenden, die Bruder^ 
sdiar, später audi gegen die Mitmensdien, die Gesellsdiaft, das 
Gesetz, mit einem Wort gegen jede menschlidie Autorität geltend 
zu madien ^. 

In den angeführten Beispielen haben wir bisher die mäditigste 
der infantil-^erotisdien Regungen, den Inzestkomplex als primum movens 
tätig gefunden. Kurz mödite idi dazu nodi einige Spielparallelen er^ 
wähnen. In erster Linie einige Variationen vom »Fudis ins Lodi« 
oder »Vielle Mere Garudie«, wie z. B. »La Moudie«. Hier fehlt 
das Hinken, die Strafe für den Besitz des mütterlidien Genitalsymbols, 
durdi ein Kastrationssymbol ausgedrüdt. Nur durdi denselben Um- 

' In französisdien Spielen wird die Kinderreihe »queue« genannt, was sehr 
gut zu den Symbolen Fuchs und Peitsche paßt. 

2 Als eine andersseitige Bestätigung des oben Gesagten fasse ich einen 
neuhdi ersdiienenen Aufsatz Ferenczis über die Kriegs» (UnfalM Neurosen 
in der Zeitsdinft für ärztlidie Psychoanalyse auf, in weldiem er einen ähnhdien 
oder wahrsdiemlidi denselben Abwehrmedianismus der Psydie in Betraditung zieht 
nur handelt es sich bei ihm nidit um die Unterbringung starker hbidinöser Re=' 
gungen gegen die Idi-Sidierungen, sondern um Abreagieren äußerer überwähigender, 
die narzißtisdi erhöhten Idi=GefühIe verletzender Eindrücie, die im Zeitpunkte des 
Ümwirkens psydiisdi nicht bearbeitet werden konnten und nur in mehr weniger 
entstellter Gestalt -• meistens in der Form hysterisdier Konversionen - der Psydie 
immer von neuem zwecks Bearbeitung und Bewältigung zugeführt werden. ' ' 



Äußerungen infantiI=erotisdier Triebe im Spiele 



263 



stand, das Fehlen der Peitsdie ist die Kastration ausgedrückt ,• wo diese 
durdi das Aneignen eines neuen Gliedes, d. i. durdi die Gefangennahme 
eines »Kindes« (vgl. Kind— Penis) vereitelt wird, setzt ein Ängste 
äquivalent ein: die Spieler verfolgen »die Fliege« mit ihren Peitschen 
von dem Moment an, wo sie ein Kind erwirbt, samt demselben, 
beide fliehen dann so rasdi als möglidi in das sdiützcnde Haus=Lodi 
zurüde. Daß Fliegen, Wespen und ähnlidie kleine »Seelentierdien« ^ 
mit allem Redit die Stelle ein Totemtieres, wie der Fudis vertreten, 
von den Generationen abstammen, weldhe an ihn ambivalente Affekte 
knüpfen, ihn vor sidi selbst durdi versdiiedene Verbote <vgl. reli- 
giöse und Tabuvorsdiriften) sdiützen, und ihn dodi von Zeit zu Zeit 
töten <indem im Spiele einer sidi an seine Stelle setzt und so 
seiner phallisdien Madit ein Ende bereitet), das wird unterstützt 
durdi Analysen Abrahams, der bei einem seiner neurotisdien 
Patienten einen ausgesprodienen Fhegentotemismus gefunden hat^. 
Nadiher wird uns aber ein anderes, für die Fliege typisdies Ka» 
strationssymbol im Spiele auffallen. Abraham bringt die Totemrolle 
der Fliege und ähnlicher »Seelentiere«, die durdi ihre leichte Beweg= 
lidikeit rasch erscheinen und wieder versdiwinden, unter anderem 
mit der sexuellen Funktion des Sdiauens in Zusammenhang. Und 
in den eigentlidien Fliegenspielen, in der italienischen »mosca cieca« 
und in der griediisdien »eisernen Fliege«, also im wohlbekannten 
deutschen »Blindekuh «=^Spiel, finden wir, daß die »Fliege« eben die 
Funktion des Auges — von dem wir aus zahlreichen Analysen 
<u. a. von Ferenczi, Freud, Abraham) wissen, daß es das 
männliche Genitale vertreten kann <vgl. Oedipus' Selbststrafe nach 
dem Inzest) — eingebüßt hatte. Das Spiel analysiert selbst, worum 
es sich eigentlich handelt: in Siam, wie Bastian berichtet, wird die 
Binde so über die Augen geknüpft, daß sie in der Form eines 
Elefantenrüssels herunterhängt. Der Rüssel, wie auch die Nase ist 
ein noch offenkundigeres Penissymbol, wie es von der Peitsche <in 
Wirklichkeit ist ja dieser Rüssel nichts anderes, als eine »Garuche«) 
schon früher dargelegt wurde, Im siamesischen Spiel versinnbildlicht 
der Rüssel^ einerseits, was den »Spieler im Kreise« auszeichnen sollte, 
was ihm aber anderseits genommen wurde: dem manifesten Inhalt 
nach das Sehen mit seinen verderblichen Folgen für die Spielerschar, 
dem latenten nach die phallische Macht des Vaters über die Söhne*. 



1 Siehe Abraham: Über Einschränkungen und Umwandlungen der Schau» 
lust. Jahrbudi VI. 

^ Ebenda. 

^ Vgl. das Spielzeug, welches Abraham erwähnt: eine Puppe, der auf 
einen Druti aus der Stelle eines dritten Auges mitten in der Stirne ein Phallus 
herausspringt. Siehe audi den »Beitrag zur Augensymbolik« von Dr. R. Reitler 
in der Internationafen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Jahrg. 1913, S. 159. 

* Der elefantenköpfige Gott der Weisheit der Inder, Ganesa bildet dazu 
eine mythologisdie Parallele, die den Psychoanalytiker besonders nach den Aus- 
führungen Abrahams und Wintersteins über die Beziehungen zwischen sexuellem 
Schauen und sexuellem Wissen interessieren wird. 



261 Dr. Sigmund Pfeifer 



Auf den Zusammenhang zwischen verbotenem sexuellen Schauen und 
dessen Strafe, die Erblindung im Spiele, werde ich bei einer anderen 
Gelegenheit näher eingehen, in diesem Zusammenhang möchte ich 
nur auf eine Rolle des Niditsehens, der Blindheit und der daraus 
resultierenden Finsternis aufmerksam madien, die Abraham in 
seiner Abhandlung! auf Grund eines anderen Materials näher analy= 
siert und detailliert hat, nämlidi auf ihre Rolle als Mutterleibs« 
Symbol. Als soldies hat sie die gleidie Bedeutung, wie Haus, Lodi, 
Kreis auf der Erde oder Kreis der Spieler. Man könnte hier nodi 
die englisdien und altfranzösisdien Bezeidinungen der »blinden Kuh« : 
»hoodman blind« und »diapifou« erwähnen, die darauf zurüdczu- 
führen sind, daß bei diesen die Blindheit durdi eine über die Augen 
gezogene Kapuze erreidit wurde, audi hier wird der phallisdie 
Charakter des unwirksam gemadhten Sehens durcii die Art des an« 
gewendeten Mittels symbolisdi angedeutet. <Siehe die Kapuze, Hut 
als Penissymbole bei Jung, Freud.) Aber die Verbindung, »mosca 
cieca«: mütterlidier Kreis <Ring der Spieler und Dunkel) und ent- 
fernter Penis, oder in der Synthese: der vollbradite — mit Allmadit 
der Gedanken gewünsdite Inzest, dessen Zeidien: die Tötung, Ent= 
mannung des Vaters und dessen Strafe, die Kastration des Sohnes, 
stellt dieselbe Konstellation dar, weldie wir bei der Analyse des 
Namens und der Person des »hinkenden Fudises« oder »Mere 
Garudie« gefunden haben und die wir bei einer zahlreidien 
Kasuistik ähnlidier Spiele immer von neuem finden werden. Nodi 
^•nfr französisdien Variation, des Spieles »Mere Garudie« sei 
gedadit: der sdion erwähnten »Le Bonhomme«, die sidi von der 
»LaMoudie« nur darin untersdieidet, daß hier Bonhomme — ein 
lädierlidi aufgefaßter Vater, eine häufige Spielfigur — die Garudie hat, 
und die er mit dieser berührt, zuerst zu seinen Kindern, dann zu 
Gegenständen seines Haushaltes werden, diese: ses fils, sa marnite, 
son poireau, son navet etc., können leidit als Sexualsymbole ge« 
deutet werden. In dieser Variation, neben ihrer der früheren ver» 
wandten Charakteristik, können wir ein nidit mehr ganz neues Element 
entdeAen, nämlidi das Neden und Foppen des Vaters, wobei die 
feindlidie Einstellung des Sohnes gegen den Vater sidi in der Form 
des Lädierlidimadiens äußert. Das Reizen des »Fudises« durdi 
das absidiriidie Hineinfahren in sein Lodi mit der Peitsdie habe idi 
sdion früher erwähnt. Ein eklatantes Beispiel dieser Stellungnahme 
des bohnes gegen den Vater liefert das anderswo zu analysierende 
bpiel »Der Großmogul«, dessen Inhalt ist, daß der Großmogul sidi 
auf irgend ein Postament stellt und alle möglidien Fratzen sdineidet. 
Die Kinder dürfen ihn aber nidit ausladien; weldies über ihn ladit, 
gibt entweder ein Pfand oder wird selbst der Großmogul. Außerdem 
konnte man das Spiel »Le Bonhomme« mit einer der vielen drolligen 
Geburtstheorien vergleidien, durdi weldie die Kinder die Erwadisenen 

' Siehe Abraham I. c. 



Äußerungen infantil=erotisdier Triebe im Spiele 



265 



zum besten und über ihre sexuelle Kenntnisse im unklaren halten. 
Die Bedeutung der Peitsdie und des Sdilagens als FruAtbarkeits- 
Symbole tritt in diesem Spiele audi hervor. <Vgl. die Rolle des Sdiwertes 
beim Mythras-Ritus und die dadurdi hervorgebraAte Fruditbar« 
keit, oder einen der zahlreidien Aberglauben zur Eireidiung der= 
selben, wie die ungarisdie Sitte zu Allerheiligen, die Mäddien mit 
einer aus Weidenästen gefloditenen Peitsdie zu sdilagen und dazu 
ein Lied zu singen, welches in der Übersetzung ungefähr so lautet : 
»Werde frisdi, werde gesund, du sollst so groß die Brüste haben, 
wie ein gebäuditer Krug und einen so großen Hintern, wie einen 
Badiofen.« Wobei der Hintere offenkundig eine geläufige Versdiiebung 
des erotischen Interesses von der Gebärmutter auf diesen Körperteil 
bedeutet.) 

Man kann selbstverständlich die Bewegungselemente und an 
dem Spiel teilnehmende nichtsexuelle Triebe auch nicht außer acht 
lassen. Unter den letzteren hebt Groos^ den Jagdtrieb im »Fudis 
ins Loch« besonders hervor. Betrachten wir diese jetzt näher: 
Es ist sicher, daß angeborene nichtsexuelle Triebe und Instinkte bei 
Gelegenheit das Zustandekommen von Spielen hervorrufen oder be« 
günstigen können. Anderseits haben wir bei den angeführten Beispielen 
gesehen, daß diese Triebbetätigung beim Menschen nachweisbar einen 
mächtigen psychischen Überbau bekommen hat, durdi die Teilnahme 
der Sexualität im Aufbau des Spieles, in dem diese sogenannten 
nichtsexuellen Triebe viel zu leicht aufgenommen, vermischt und be* 
arbeitet wurden, um annehmen zu können, daß diese Triebe, richtiger 
gesagt Triebkomplexe, dem Sexualtriebe nur durchwegs artfremde 
Komponenten haben. Das Spiel »Fudhs ins Lodi« reiht Groos, der 
das Spiel im allgemeinen biologisdi erklärt, unter die Jagdspiele ein, 
da in ihm Verfolgen und Fliehen vorkommen. Vereinfachen wir 
dieses Beispiel daciurch, daß wir erst das einfachste Fangspiel, auch 
»Katz und Maus«, früher »Zedi« oder »Zidcenspiel« genannt, ins 
Auge fassen. Hier wird der eine Spieler vom andern verfolgt,- wird 
er eingeholt, mit der Hand berührt oder geschlagen, so werden die 
Rollen vertauscht. Gleich hier erwähne ich zwei andere, noch immer 
sehr einfädle Formen desselben Spieles, eine, wo die Rollen nicht 
vertauscht werden, sondern der Gefangene hilft im Nadijagen dem 
Verfolger, bis alle Spieler gefangengenommen sind und eine weitaus 
häufigere, wo die Spieler einen besonderen Platz oder ein Mal als 
Zufluchtsort haben, wo sie nicht verfolgt werden dürfen. 

Gehen wir diesmal von der Triebseite aus und analysieren 
wir zunächst den motorischen Trieb und dessen Rolle im Spiele. Das 
Material desselben ist eine große Muskelarbeit beansprudiende 
sdinelle Bewegung, das Laufen. Das Laufen ist eine Bewegung, der 
organische Reflexe zugrunde liegen, seine Triebartigkeit demonstriert 
sich bei vielen Tieren, welche gleich nach ihrer Geburt mit dem 



' Groos: Spiele des Menschen. Jagdspiele, 



265 Dr. Sigmund Pfeifer 



Muttertier mitlaufen. Ob das Laufen an und für sidi lustvoll ist, 
kann man nidit mit Bestimmtheit sagen. Als Arbeit sdieint es nidit 
lustvoll zu sein, wohl aber als Spiel und Weg zum Abführen 
übersdiüssiger Kräfte i, das idi vom Spiel auseinanderhalten mödite, 
weil es sich in diesem Falle mehr um das Aufheben einer un- 
angenehmen Spannung als um das Erzeugen positiver Lustgefühle • 
handelt. Dagegen wissen wir aus der psydhoanalytisdien Erfahrung, 
daß ein Element des Laufens, die starke Muskeltätigkeit, oft von 
ausgesprodienen erotisdien Gefühlen begleitet wird, und es ist noch 
vielmehr der Fall, wenn die Muskclbetätigung eine sdinelle Be* 
wegung erzeugt l Somit hat sidi die Lust an der starken Muskel- 
betätigung als eine sexuelle entsdileiern lassen und als Partialtrieb 
der Sexualität durdi seine engen Beziehungen zu den motorisdien 
Trieben erfüllt sie eine widitige Vermittlerrolle zwisdien den 
letzteren und den anderen Partialtrieben der Sexualität, 
rr n j^*°" ^^^ Hinzutreten der Muskelerotik zum normalen Ab- 
fluß des niditsexuellen Triebes kann dem Vorgang einen editen Spiel- 
diarakter geben, wenigstens nadi meinen Erinnerungen konnte idi 
dem Gefühl nadi immer deutlidi untersdieiden — und so habe idi ^^ 

es audi von anderen vernommen — wann das Laufen ein Spiel war, ^H 

und wann eine Folge davon, wenn einen »der Hafer stidit«. Selbst- ^H 

verständlidi sind die Grenzen nidit sdiarf, denn die mit der Trieb- lH 

betätigung wachgerufene Muskelerotik gestaltet sehr bald eine jede 
soldie Kraftentfaltung zum wirklidien Spiele um. Die aus den Sdiulen 
herausströmenden Jungen laufen nidit lange ohne Ziel, aus dem 
Rennen ist nadi einigen Minuten ein Wettrennen, ein Fangspiel 
oder ein Balgen geworden. Gewiß verändert sdion der Bewegungs- 
trieb den Bewußtseinzustand des Kindes, indem er, wie es später 
ausführlidier behandelt werden soll, im Kinde ein Allmaditsgefühl 
entwidelt, das wieder seinerseits den Boden vorbereitet für die mit 
dem Auftreten der infantil-erotisdien Triebe sidi über die Seele aus- 
breitenden Vorherrsdiaft des Lustprinzips. Seine Anwesenheit verriet 
sdion der in der Triebstufe des Spieles wahrnehmbare Spielrausdi, 
der ständige Begleiter des Allmaditsgefühles und des Wunsdiprinzips, 
_ In der psydioanalytisdien Erfahrung finden wir zahlreidie 
Belege audi für den sexuellen Lustdiarakter der Gesdiwindigkeit. 
StekeP hat z. B. eine Traumanalyse mitgeteilt, in der er die schnelle 
Bewegung auf Grund von Erinnerungen an die infantile Muskel- 
erotik direkt an die Stelle des Koitus gesetzt gefunden hat. Soldie 
Erfahrungen hat audi Sadger an seinen Patienten gemadit und es - 
ist außerdem allgemein bekannt, daß die sdinellen Bewegungen beim ' 
Kinde, sehr oft audi bei Erwadisenen, erotisdie Lustgefühle — speziell im 

: , 1 Z. B. bei Kindern, die aus der S Aule kommen, Pferde, die lange im Stalle 
gestanden sind. 

''S. Freud; Drei Abhandlungen. ' ' ' ' 

„...'' Ja^''^'"* für psydioanalytische und psyAopathoIogisdie Forsdiungen I. Bd. 
Beitrage zur Traumdeutung, v ■ ■ 



Äußerungen infantil^erotisdier Triebe im Spiele 



267 



Unterleibe, aber audi im allgemeinen — verursachen können. Zum Bei« 
spiel beim S Aaukeln, Drehbewegungen, Fahren, Fallen etc. Oft werden 
sogar die ersten bewußt=sexuellen Regungen, Erektionen, an starke oder 
sdinelle Bewegungen geknüpft, <S. Freud, Drei Abhandlungen.) 

Damit haben wir auch dort Teihriebe des Propagationstriebes 
mitwirkend gefunden, wo die Biologen nur das Wirken von egoisti= 
sdien Trieben behaupten. Dieser Umstand aber ist wieder ein Beweis 
dafür, daß das Spiel seine psydiologische Sonderstellung dem Anteil 
der Sexualität — insbesondere der infantilen — verdankt und in 
seinem Wesen durch diesen Anteil determiniert wird. So könnte man 
z. B. — zurückkehrend zum »Fuchs ins Loch« — das Hinken bei 
einem Verfolgungsspiel ohne Würdigung der Rolle des Inzestkom« 
plexes bei der Entstehung des Spieles nicht voll erklären, obwohl 
man anführen könnte, daß eine Stauung des Triebes bei der Be« 
tätigung desselben zur Erhöhung des Lustgefühls beiträgt. Dem ist 
gewiß so, denn wenigstens so viel ist unbestreitbar, daß die vom §e= 
stauten Trieb — sei er sexuell oder nicht — erzeugte unangenehme 
Spannung beim Abfluß plötzlidi aufgehoben und dadurdi sdion 
relativ ein Lustgefühl erzeugt wird. Dieser Umstand wird auch vom 
Spiele, riditiger von der Wunscherfüllungstendenz in ihm gehörig 
ausgenützt, um von diesem durdi die Stauung unaufhaltbar ge= 
wordenen Triebe in seinem Strombette die gleichsam zum Abfluß 
strebenden erotischen Triebe mitreißen zu lassen, wobei dem Triebe 
eine Rolle zukommt, die nach Freud im Traume die Körperreize 
spielen,- sie verhelfen dort der Psyche, auch die infantiWrotischen 
Wünsche zum Ausdrudi zu bringen. Trotz des angeführten beredi= 
tigten Einwandes würde bei dieser Erklärung einer so mächtigen 
Einschränkung, wie das Hinken bei einem Verfolgungsspiel, das 
Gefühl der Unvollständigkeit übrigbleiben, besonders wenn wir an 
die Einschränkung des Sehvermögens beim »Blinde Kuh«==SpieI denken. 
Und das Spiel hat dodi, wie wir schon gesehen, seine guten Gründe 
dazu. Abgesehen von der Kastrationsbedeutung solcher Einschrän^ 
kungen, dienen sie im Spiele durch die mit ihnen verbundenen Ge* 
fühle des Schmerzes, der Müdigkeit und Furcht dazu, die Angst« 
gefühle, die der unterdrückte Sexualtrieb entwickeln könnte, zu über« 
decken. Einen parallelen Mechanismus kennen wir vom Traume her, 
wo die zufälligen körperlichen oder psychischen Unlustgefühle dazu 
benützt werden, um sexuelle Wunscherfüllungen zu ermöglichen, die 
ohne stärkere Unlustentwicklung nicht mögliÄ wären. 

Eine positive Vorlustrolle der angenehmen Triebbetätigungen 
— seien sie sexueller Natur oder führen sie zu einem wahrscheinlich 
narzißtischen Allmachtsgefühl — wurde schon erwähnt. Ihre Rolle 
besteht darin, die psychische Stimmung so zu verändern, daß ein 
Umkippen der seehschen Bereitschaft zur Realitätsanpassung auf die 
Seite der Lustprinzipsherrschaft erfolgt. Im Spiele habe idi diesen 
Mechanismus allgemein gültig gefunden und er scheint mir auch in 
anderen seelischen Gebilden vorhanden zu sein, als eine besonder? 



268 Dr. Sigmund Pfeifer 



Art der Assoziationsbedingungen des Unbewußten. Freud hat ihn 
zuerst gewürdigt beim Witze', also in einem Sonderfalle des 
bpieles, in weldiem die motorisdien Triebe durdi die Denkarbeit 
ersetzt werden. So verhilft 2. B. die Komik der Spradie und mit 
ihr die versdiiedenen, meistens der Witztedinik angehörenden Griffe, 
deren Vorlustrolle Freud erkannt hat und deren gröi3ter Teil selbst 
unter den Äußerungen der Exhibitions- und analerotisdien Lust 
unterzubringen ist, den dem Witz zugrunde liegenden erotisdien und 
egoistisdien Trieben zum Ausdrud?. Inwiefern der Medianismus der 
Vorlust in der Lehre des Unbewußten eine Selbständigkeit und All- 
gemeingültigkeit beansprudit, sollen weitere Untersudiungen klarlegen. 
Aber audi die Fangspiele, mögen sie audi auf einem so aus^ 
gesprodienen und in seinenÄußerungen so eindeutigen Triebe, wie dem 
Jagdtrieb fußen, vermissen keineswegs eine starke psydiisdie Deter^ 
minierung im Gegenteil, Fludit und Verfolgung sind Motive, denen 
wir besonders in der Psydiiatrie, Mythologie und audi im Traume 
hauhg begegnen, fast immer als Teile eines sehr aktiven Inzestkom- 
plexes, in der Mythologie ersdieint die Fludit hauptsädilidi in zwei 

( °^?^j'fi^"'^'^^^^'' ^''"^ ^^ ^^"^ Helden durdi überirdisdie Aussage 
kund, daß er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird 
und er flieht seinem Sdiidcsal zu entrinnen, um desto sidierer es zu 
erfüllen <Oedipus> oder bei einer mehr vorgesdirittenen Verdrängung 
projiziert er seine feindlidie Einstellung gegen den Vater und die 
erotisdie gegen die Mutter auf diese selbst und flüditet verfolgt von 
dem feindlidien Vater <Kyros, Moses, Jesus) oder von der liebes- 
tollen Mutter <Phädra, Potiphars Frau etc.). Wenn die Inzestlibido 
durdi die UnterdrüAung in Unlust umsdilägt, kann audi die 
Mutter-lmago unter dem Bilde der »fürditerlidien Mutter« auftreten. 
In dem Verdrängungsspiel »Fudis ins Lodi« treten beide Arten in 
der Person des Fudises und der Mere Garudie zum Vorsdiein, bei 
der letzteren die Liebe zum Teil in ihr Negativ, in Haß verwandelt. 
<f aranoisdier Medianismus.) In der Mythologie vertreten die Inzest- 
angst mit Vorliebe soldie >fürditerlidie Mütter« und deren Ver- 
doppelungen, wie z.B. dieErinnyen, die Sphinx, die Phorkyaden usw.^. 

\ ^^iH' ^^"^ ^'*^ ""'^ ^^'"^ Beziehung zum Unbewußten. 
Uaß die Angst eigentlidi auf eine Bestrafung durdi die phaKisdie Macfit 
des Vaters zuruAzufufiren ist, wird durch die Anwesenheit von Phadussymbolen 
bei diesen Gestalten angedeutet. So bei der Mere Garudie und den Erinnyen die 

iTllv't' lJ^°'^^f^^l' i'" »grauen Weibern« das eine Auge und der 
e ne Zahn auA die phadisdie Dreizahl,, bei Hexen der lange Zahn oder die lange 
Nase usw. Bei der Sphinx das männlidie Glied am tierisdien Unterleib 
Vir- ^'"^^S ^""e Angstquelle, die Freud in der Entbindungsangst, in dem 
Würgen und Pressen des Kindes bei der Geburt vermutet, ist in dem Namen 
dieses Angsttieres angedeutet. Der Name wird abgeleitet aus O'ipiyym = einbinden, 
einsperren, einengen • und das Umzingelt^," Eingesperrtsein in einer Höhle (Mutter» 
vÄ,n^ 'ä^""/^.5 EntsAIüpfen daraus durdi enge Wege, trotz Lebensgefahr, 
Versudiungen und Leiden sind bekannte Traum», Märdien- und Mythenmotive der ' 
Wiedergeburt oder uberstandenen Geburt. Auf diese Symbolik sind das Spiel »Madiet 
auf das 1er!« und die vielen Variationen des ungarisdicn s.BrüdenspieI« aufgebaut. 



Äußerungen infantil^erotisdier Triebe im Spiele 



269 



Im Märchen kommt die Verfolgung fast ausnahmslos zwistfien Vater 
und Sohn <oder Mutter und Toditer) vor. Meistens ist es eine Vater^ 
Imago, der auf seine Toditer <Frau> eifersüditige König, der den 
Sohn=Held, den Freier der Toditer verfolgt, ein anderesmal erfolgt die 
Verfolgung in der Form des bekannten Kampfes zwisdien dem 
kleinen und großen Penis, wie z. B. im »Knedit des Teufels« ^. 
Interessant ist im letzteren Falle der oftmalige Symbolwedisel, bis 
endlidi der Knedit^'Sohn in einem königlidien Hause <Mutterleib= 
Symbol, Muttersdioß), durdi dessen Fenster er in der Gestalt einer 
Taube vor dem verfolgenden Habicht <beides Phallussymbole) 
hineinfliegt, im Schöße der Königstochter <Mutter4mago> gerettet 
wird oder umgewandelt in einen Fuchs, der den Kopf des Teufels 
in Hahnengestalt abbeißt <Kastration des Vaters), um endlidi die 
Königstoditer zu heiraten ^. Endlidi kommt es oft vor, daß der Ver^ 
folger eine »fürditerlidie Mutter«: eine Stiefmutter, eine Hexe, das 
»Mütterdien mit der eisernen Nase« ist. Alle diese Variationen 
kommen audi im Spiele vor, von der einfadien Verfolgung, wie im 
Fangerlspiel in sidi, oder in Zusammenhang mit anderen Spielen, 
wobei interessanterweise alle Symbole verfolgt werden können, wie 
im Märdien: Hahn, Henne, Küdiel, Gans, Taube u. a. m. durdi 
Fudis, Wolf, Sperber etc., sogar das Handtudi und der Ring in 
den entspredienden Verstedcspielen '. Soldie Regressionen, wie die 
»Mutter Garudie« oder die »Söhne« in »Bonhomme«, lassen keinen 
Zweifel an der Riditigkeit unserer Analyse übrig. Audi in einigen 
ungarisdien Spielen, wie »Frau Mutter <oder Großmutter) ist in die 
Kirdie gegangen« — ein weiblidies Gegenstüd^ zum »Großmogul« — 
verfolgt die Frau Mutter oder Großmutter ihre, meistens weiblidien 
Kinder. In anderen ist der Verfolger statt des Vaters der Großvater. 
Vollkommen analog mit dem »Fudis ins Lodi« ist audi beim 
einfadien Fangspiel das Vorkommen des rettenden »Hauses«, Males 
<siehe Das Märdien vom Knedite des Teufels), dessen Bedeutung 
als Mutter respektive als Mutterleibssymbol sdion im Anfange be* 
sprodien wurde. Eine interessante Form des Rettens ist die, daß 
ein Spieler zwisdien dem Verfolger und Verfolgten quer hinüber^ 
läuft, was an ein bekanntes mythologisdies Motiv erinnert, das als 
»Trennung der Welteltern« bei den Mythologen, als »Retter der 
Mutter« bei den Analytikern bekannt und dessen Inhalt ist, daß der 
Sohn sidi zwisdien die eng aneinanderliegenden Welteltern drängt 
und dadurdi die Mutter vom Vater befreit und das vorher Ver= 
einigte in zwei entgegengesetzten Prinzipien trennt Dieses Motiv, 
<las ebenfalls aus dem Inzestkomplex entstand <Rank), kommt audi 
im Spiele »König, gib einen Soldaten« oder »Kettenspiel« vor, wo 

1 Siehe Grimm: Deutsdie Volksmärchen. 

2 Vgl. die Anm. auf p. 258 über den Kampf des Fuchses und des Wolfes 
im »Reinedce Fudis«. Audi Ferenczi: Ein kleiner f^ahnemann. Internationale Zeit- 
.sÄrift für ärztlidie Psydioanalyse, I. Jahrg. 1913, S. 240. 

' »Heiß und kalt«, »Steinchen will versted?en«. 



Ü2 Dr. Sigmund Pfeifer 



t'Jr^"' ^'" Kinderkette des Königs durAbriAt und die so .e- 

n^r,! O ff V ' ■ ^° eroberten Kinder fühlen sidi ^leidi in ihre 
neue Ro le hinein, was mit einer Theorie der Vorübun/i für soi Jp 
fZl '" ^^^f f "^ Y'de^spruA steht. Außer diesem hat de W 
nung emes Studces der Kette <Kinder, Queue) des KöniVs durA 
seinen Gegner eine ausgesproAene Kastrationsbedeutung Tensom 
Ver Olgungsspiel .Chat perAe«^ wo der durA Trennung gerSet^ 
Spie er ,m Falle der Gefangennahme gleiAsam zu eineTlffnd des 
Verfolgers wird. Die ihres Penis beraubte Vater4m^go nimmt 

llt^' R'f/'"o^"*^ T L°A« ^'-"e MutterbedeuTufg an dTe 
unter dem B^j^, ^ ^ ^^^^^^^ ausgedrüAt wird. ^ ' 

einfaAt Fanlsoierrp" Y' '*/T]^S"^ ^^^^"' ^^^ ^^^ ^eim 
jlste^ S, t1äe "S^tSrdentr^^^^^^^^^^^^^ 

ISTDlß^'l'tLf^Ai t -t^-*- E-^*^"SaupT;t 

naoen. Ual) die 1 nebe und Muskelerotik auA hier dieselbe Rolle 
spielen wie beim »Katz und Maus«, »ZeA«-SpieI das bra,?A^ 
wohl niAt noA einmal betont zu werden ^ ^ 

InzestspS'Tr^Aönt^ X^'r l"'"" ^"^^>^^^ ^"^ Einzelheiten der 
inzestspiee ersAopft. Vielmehr zwingt miA die Vielseitigkeit der 

Sü"zrtfe;- tfhtn™^ "-- ^^*^'- -Ä"d- 

if ^-.-ollständ-; SSrS bet ÄS s^T^t-STaS 
masoAistisAen Komponenten der Sexualität kommen in Aesem Sofet 

zuftlli>"im''s'^ie^*? ?'' ^^^'°^^^"' ^- SAlag"en sfnd nTAtCu 
zuta hg ,m bp ele mitaufgenommen, sondern bilden eine seiner Lust- 

nente ausgenutzt um Ae hier Ae neurotisAe Angst vertretende Ge- 

Man findet sogar in Aesem — man wäre geneigt zu sa?en — 
WassisAen Inzestspiel die Spuren der Analerotik^, aTwelEnst 
eine sehr a usgebreitete Spielgattung aufgebaut wurdr In eS 

l Siehe Groos: Spieleder Mensdien. 



Äußerungen infantil^erotisAer Triebe im Spiele 271 



Variation des Spieles gebraudit der »FuAs<c die Peitsdie nidit zum 
ödilagen, er wirft damit nadi dem fliehenden Spieler, die Folgen 
sind die gleidien wie beim Sdilagen. Ohne auf die Analyse des im 
Mittelpunkte der Wurfspiele stehenden »Wurfes« näher einzugehen 
kann hier vorausgesdiidt werden, dal3 der Wurf hier in drei Be- 
deutungen assoziiert wird,- erstens als Geburtssymbol durdi die 
»Lumpf«- Analgeburtstheorie der Kinder,- zweitens als Symbol des 
lustvolen Vorganges der Defäkation,- drittens als Verdrängunps- 
Produkt derselben Lust, äquivalent der Angst aus dem Inzest^ 
komplex, als Besdimutzung, Besdiämung, Herabsetzung, Veraditung 
durch das Bewerfen, Besdimutzen mit einem Kotsymbol, Der Wurf 
mit der »GaruAe« ist zunädist eine Doublette des eigenen Heraus^« 
kommens aus dem mütterlidien Kreis der eigenen Geburt, ebenso, wie 
der kleine Hans diesen Vorgang bei seiner Mutter durdi das Fallen- 
lassen emes Messers, also ebenfalls eines Penissymbols, aus einem Lodi 
der Puppe symbolisiert Die Assoziation Penis-Lumpf— Kind, deren 
Zusammengehörigkeit Freud unlängst wieder betont hat^, wird im 
Spiele im einzigen Werfen verdiditet: Durdi das Werfen eines Penis- 
w f ^L ° < bekommt der »Fudis«, »Mere Garudie« ein Kind. Das 
Werfen aber als sadistisdi=analerotisdie Handlung ist audi in sidi lust- 
voll wir sehen ihn sdion bei sehr kleinen Kindern von den Äußerungen 
großer Lust begleitet. Der Getroffene fühlt dies aber als deutlidie 
Beschämung und Herabsetzung, die Folgen sind audi dementspre- 
chend: aus dem freien Spieler, mit freier ambivalenter Einstellung 
gegen die Vater- und Mutter-Imago wird er durdi diesen Wurf 
zum ^klaven seines Inzestkomplexes gezwungen und gestempelt. Die 
darauffolgende Ausstoßung aus ihrer Gesellsdiaft unter Peitsdien- 
schlagen ist nur eine Übersetzung dieser Tatsadie in die Spradie 
des bpieles, die einst vielleidit audi die des Lebens und der Volks- 
seele gewesen ^ Audi in direkten Wurfspielen werden bald Penis 
U t? w^.^f rh°'.^ geworfen. So z. B. Lehm, Sand, Steine, Knodien,' 
Ball Würfel, kleine Stöde, Pfeile etc. Hier führt ein Weg zur 
Analyse der analerotisdien Spiele, weldie wegen ihrer Widitigkeit 
und großen Zahl ein anderesmal in einem besonderen Kapitel be- 
handelt werden müssen. 

paß im behandelten Spiele, wie in so vielen anderen, homo- 
sexuelle Neigungen der Spieler audi mit dargestellt werden, er- 
leiditert durch eine gleidizeitige Identifikation mit Vater und Mutter 
und durdi d ie sadistisdie Auffassung des Koitus der Eltern, wäre 

'■ Internationale Zeitsdirift für ärztlidie Psychoanalyse IV.; »Ober Trieb- 
umsetzungen insbesondere der Analerotik.« / v . »uuer iiieo- 

^ Siehe die Schlange aus Kot im Osiris»Mythos/ den wie Lehm Ge- 
kneteten goldenen Phallus in Faust, II. Teil, ^ 
n.cf d.m ^5i' i*^ Tal'^vorsdiriften der Wilden. - Die Verbannung des Oedipus, 
naidem der Inzest an den Tag gekommen ist, oder die des Orestes naA dem 
Muttermord unter Pe.ts dienhieben der Erinnyen, die übrigens das Leben des Ver- 
folgten audi dadurdi unerträglidi maditen, daß sie ihn und seine Speisen mit ihrem 
Hot verunremigten. 



272 Dr. Sigmund Pfeifer 



leicfit nadizuweisen und wird audi bei einer ausführlidiercn Behand= 
lung der Spiele nidit unterlassen. Diesmal aber begnüge idi midi 
darauf hinzuweisen, daß die unbewußten Wurzeln der Homosexualität 
— soweit meine Erfahrung reidit — im Spiele größtenteils mit denen 
des Inzestkomplexes des Sadismus, Narzißmus und der Analerotik 
zusammenfallen, die oben sdvon wenigstens berührt wurden. Daß 
bereits fixierte Homosexualität in unentstellter Form im Spiele durdi» 
bredien kann, ist eine alltägiidie Erfahrung in der Psydioanalyse. 

Die Ergebnisse unserer Analyse des Spieles »Fudis ins Lodi«, 
»der hinkende Fudis«, »Mere Garudie« zusammenfassend, haben 
wir gefunden, daß dieses Spiel neben den in ihm enthaltenen Be^- 
Wegungselementen einen manifesten Inhalt — eine Spielfassade — 
zeigt, der aus entstellten Äußerungen der infantil^erotisdien Teiltriebe 
der Sexualität aufgebaut wurde, deren Entstellung derselbe Medianis» 
mus verursadit, weldien Freud unter dem Bilde einer zensurierenden 
Instanz für den Traum, die Neurose etc. wirksam gefunden hat. Den 
manifesten Inhalt des Spieles könnte man in Anlehnung an parallele 
Märdien, Sagen und Mythen, mit deren Spradie das Spiel unter 
allen Verdrängungsprodukten unterdrüdter Sexualität die größte 
Verwandtsdiaft aufweist, etwa folgendermaßen rekonstruieren: Ein 
Königssohn wird durdi den bösen Stiefvater oder die Stiefmutter 
von zu Hause weggejagt. In der Welt draußen hat er mit ver= 
sdiiedenen mehrköpfigen Ungeheuern zu kämpfen, denen er unter* 
liegt, er wird zerstüdielt, verwünsdit, in sein Erbe setzt sidi sein 
böser Feind, bis er durdi ein Wunder wiederbelebt wird, den Feind 
besiegt, seine Mutter rettet und mit Triumph in seines Vaters Burg 
und Reidi einzieht, Oder aus dem Standpunkte der Mythen» 
diditer erzählt: Titanen lehnen sidi auf gegen Gott* Vater. Es ent* 
steht ein Kampf, wobei Blitz und Felsblöde die furditbaren Waffen 
sind. Ein Titan bemädutigt sidi der Herrsdiaft, der Burg und der Frau 
Gott= Vaters, den er durdi sein Sdiwert an den Füßen gesdiwädit 
hat, aber bei einem neuen Kampf wird er vom Blitz getroffen durdi 
Gott*Vater besiegt, entmannt und in den Tartarus verbannt. <Die 
Einkleidung in Märdienform ist ganz willkürlidi mehr aus dem Stand* 
punkte des Sohnes, in Mythenform mehr aus dem des Vaters ge* 
arbeitet. Beide sind eigendidi ganz dieselben, wie es nadi der Allgemein* 
gültigkeit der zugrunde liegenden erotisdien Neigungen und der Ab* 
wedislung in den Rollen des Vaters und Sohnes im Spiele audi 
nidit anders sein kann.) 

In die Spradie des Bewußtseins übersetzt, begeht der Spieler 
den begehrten, aber sdion unterdrüdten Inzest mit der Mutter und 
die Beseitigung des Vaters durdi Tod oder Kastration, seine Inzest*, 
Kastrationsangst wird jedodi vor seinem Bewußtsein durdi körper* 
lidi bedingte peinlidie, sdimerzlidie, dodi teilweise in sadomasodiisti» 
sdie Lustgefühle umwandelbare Sensationen abgelenkt und überdedt. 
Dabei genießt er die Lust aus der Muskel* und Analerotik, sein 
Idi wird im Spiele erhöht, groß, zauberkräftig, allmäditig, versdiafft 



Äußerungen infantiI=erotisdier Triebe im Spiele 



273 



seinen übersprudelnden oder sein narzißtisdies Selbstideal störenden 
Idi= und Arttrieben einen breiten Raum zum Abfluß/ er genießt auf 
erlaubtem Wege sonst verbotene Lust und vermeidet dadurdi un» 
angenehme körperlidie und seelisdie Spannungen. 

n. 

Hat man die nahen Beziehungen zwisdien dem Spiele und den 
infantiI=erotisdien Teiltrieben aufgededct, so gewinnt man eine tiefere 
Einsidit in das Wesen des Spieles, als es die bisherigen psydioIogisdi= 
biologisdien Spieltheorien erlaubten. In den analysierten Beispielen 
haben wir die Verdrängungsprodukte der infantil^erotisdien Teil- 
triebe und deren Objekte als determinierend für den SpielÄarakter 
aufgefunden, ohne den das Spiel kein Spiel, sondern nur eine nidit 
lustvolle Arbeitsleistung wäre. Die Entstehungsursadie des Spieles 
und seiner Form müssen wir im Bestreben der unterdrückten infantil* 
erotisdien Triebe nach Betätigung und Lustgewinnung und dem der 
Verdrängung nach Vermeiden von Unlust durch die ersteren suchen. 
In diesem Vorgang werden nun die ebenfalls im Überfluß pro- 
duzierten und zum Abfluß drängenden motorischen und anderen Triebe 
und Instinkte mitaufgenommen und auf eine schon erwähnte Art 
ausgenützt und verarbeitet, welcher Umstand für die Gestaltung des 
Spieles gleichsam von Bedeutung ist. 

Dagegen entspridit die analytisdie Auffassung auA den meisten 
bisherigen Theorien des Spieles: 

1, Der Schiller=Spencersdien: Das Spiel ist eine Abfuhr 
von angesammelter, überflüssiger Energie <overflowing energy), wenn 
neben den anderen auch den infantil^erotischen Trieben die gebührende, 
bisher nicht gewürdigte mächtige Rolle unter den Energiequellen des 
Spieles eingeräumt wird. 

2. Der sogenannten Erholungstheorie, vertreten von La- 
zarus, die einfadi so ausgedrüdit werden kann, daß das Spiel eine 
Erholung nadi den Anstrengungen des realen Lebens durch körper- 
liches und geistiges Ausspannen bedeutet. Diese Theorie deutet die 
Vorherrschaft des Lustprinzips über dem Realitätsprinzip in einer 
wissenschaftlichen Annäherung an, weldie eine Betrachtungsweise aus 
dem aussdiließlidien Standpunkte der Bewußtseinspsychologie nocii 
erlaubt. So schwindet audi das Bedenken, das man gegen beide 
Theorien anführte, daß keine der beiden mit der Tatsache redinet, 
daß die Spiele oft bis zur vollen Ersdiöpfung des Spielers fortgesetzt 
werden, was ebensowenig der Überfluß- wie der Erholungstheorie 
entspridit, ausgenommen wenn wir der hier tätigen erotisdien Par» 
tialtriebe gedenken, welche, wie sdion erwähnt, die Eigensdiaft 
haben, sich- automatisdi zu wiederholen und diese Eigenschaft audi 
dann beibehalten, wenn sie unterdrüdct sidi in irgend einer entstellten 
Form durchsetzen, sich der Beeinflussung seitens des Bewußtseins 
entziehend. Daß diese Spiele unter einem veränderten Bewußtseins- 



Imajo v/4 



n 



274 Dr. Sigmund Pfeifer 



zustand ablaufen, wurde audi von den Autoren allgemein erkannt 
und dieser traumähnlidie Zustand unter dem Namen »Spielrausch« 
gewürdigt, in dem wir bald den ständigen Begleiter der Funktion 
unseres Unbewußten mit seiner regressiven Arbeitsweise, idi könnte 
sagen, das Allgemeingefühl des arbeitenden Lustprinzips erkennen. 
Bei den versdiiedenen Produkten des Unbewußten stellt es sidi unter 
versdiiedenen Namen vor, als Ekstase, Traumbewußtsein, Zerstreut» 
heit, WeltentrüAtheit, Charme, versdiiedene Dämmerzustände und 
die Verrüditheit <im engeren Sinne des Wortes) der Irren. 

Audi Groos zieht zur Erklärung der Spielwiederholungen 
außer einem Drang zur Wiederholung, den er als eine Grundeigen- 
sdiaft dem mensdilidien Organismus zusdireibt und den er mit 
Baldwin mit einer »zirkulären Reaktion« erklärt — die ihrerseits 
wieder den Stimulus bildet zur Wiederholung derselben Bewegung 
— die vom alltäglidien differente Reaktionsweise der Psydie und 
den rausdiähnlidien Zustand heran: „In dem gewöhnlidien, von dem 
Kampf ums Dasein erfüllten Leben sehen wir nun beständig Zwedce 
vor uns, die wir möglidist bald verwirklidien wollen und es fehlt 
uns daher die Zeit, uns jenem Drang der Wiederholung hinzugeben. 
Ganz anders verhält es sidi aber da, wo ein Mensdi aus diesem 
vorwärtsdrängendem Werktagsleben heraustritt. Pathologisdie Bei-- 
spiele bietet uns die Psydiiatrie. Bestimmte Formen geistiger Er* 
krankung äußern sidi in endlosen Wiederholungen des gleidien Aus» 
rufs oder der gleidien Handlung ... In dasselbe Gebiet gehören 
die »automatisdien« oder »fortgesetzten« Bewegungen Hypnoti» 
sierter . . . Etwas Ähnlidies kann vorkommen, wenn wir unter dem 
Eindrudc eines großen Sdimerzes oder einer großen Freude für eine 
Zeitlang aus unserem Zwedleben herausgeschleudert werden: audi 
hier tritt häufig die medianisdie Wiederholung eines Aufrufes oder 
einer zweddosen Handlung auf. Sehr deudidi zeigt sidi die gleidie 
Ersdieinung im Liebesrausdi der Vögel: bei den Glodtenvögeln 
soll es vorkommen, daß sie ihren Werbungsruf so lange fortsetzen, 
bis sie tot vom Zweige fallen." 

Ein soldies Heraustreten aus der Werktagswelt ist nun audi 
das Spiel und wir werden uns daher nadi dem VorausgesdiiAten 
nidit darüber wundern, wenn mandie Spiele bis zur äußersten Er» 
sdiöpfung fortgesetzt werden. Das gilt besonders von den Spielen 
der Kinder, »da ja das Kind sidi vollständiger als der Erwadisene 
in den reinen Genuß der Gegenwart verlieren kann«. 

3. Audi die Qbungstheorie Groos' — das Spiel sei Vorübung 
soldier Triebbetätigungen, weldie im Leben der Art große Bedeu» 
tung haben, und zwar zwedcs Vorbereitung für das reale Leben der 
Erwadisenen — kommt der Erkenntnis von der infantil-erotisdien 
Grundlage des Spieles in gewissem Maße entgegen, da die infantil- 
erotisdien Triebe die Komponente der normalen Sexualität sind und 
bei normaler Entwidlung in ihr aufgehen,- audi trägt ihre spielerisÄe 
Betätigung zur Ausbildung dieser mäditigsten aller mensdilidien 



I 



Äußerungen infantiI=erotisdier Triebe im Spiele 



275 



Triebe, der nadi einem AusdruAe Freuds vorbildlidi für all unser 
Tun und Handeln ist, gewiß viel bei, obwohl idi betonen möÄte, 
daß nadi meiner Erfahrung bei der Spielwahl, also der Erfindung 
und Begünstigung eines oder des anderen Spieles, sdion die mehr 
hervortretenden Teiltriebe des Kindes am Werke sind. Sie gestalten 
das Spiel vielmehr nadi ihrem Bilde, als daß sie sich vom Spiele 
lenken oder beeinflussen lassen. Das letztere kommt wohl audi oft 
vor, dodi erhebt es sidi nidit über den Einfluß des Milieus, der uns 
sdion von der Ausbildung nervöser Störungen aus der Psydio= 
analyse bekannt ist. Wir wissen ja, in erster Linie hat es Abraham 
in seinen Mitteilungen gezeigt^, daß die sexuellen Triebe der Kinder 
sehr oft selbst die Ereignisse und Traumatas aktiv hervorrufen, weldie 
zu ihrer Fixierung beigetragen haben sollen. 

Dodi eine andere Erwägung sollte hier in Betradit gezogen 
werden. Wir wissen, daß die mensdilidie Kultur zur Hälfte auf 
Kosten der verdrängten Sexualität zustande gekommen ist und deren 
Teiltriebe, die im Laufe der Entwidmung am meisten eingebüßt hatten, 
wie die Inzestregungen, die sadomasodiistisdien, analerotisdien Triebe 
im Spiele ungehemmt oder trotz der Hemmungen in ihrer entstellten 
Form ausgiebig betätigt und Kompromiß«, Ersatz«, Reaktionsbildungen 
und der Sublimierung entgegengeführt werden. Wenn wir diesen 
Vorgang als einen Entwidlungsprozeß auffassen — vergleidiende 
völkerpsydiologisdie Parallelen zeigen, daß er die Rekapitulation der 
seelisdien Entwiddung der Mensdiheit ist — so können wir mit Gewiß* 
heit annehmen, daß das Spiel, das während der ganzen Kindheitsperiode 
den größten Teil dieser Triebe in sidi aufnimmt und verarbeitet, sexuelle 
mit asexuellen Zielen und Trieben verknüpft, beide zusammenzuarbeiten 
lehrt, das Überfließen der sexuellen Energien in die Bahnen der 
Selbsterhaltungstriebe ermöglidit, allzu asoziale und egoistisdie 
Regungen absdileift, kein zufälliger Tummelplatz all dieser Triebe 
und Hemmungen ist. Es hat audi die Aufgabe, Produkte des 
Unbewußten, wo allein das Lustprinzip herrsdit, mit den Ge= 
gebenheiten und dem Zwange des realen Lebens in Einklang zu 
bringen durdi Kompromißbildungen, als weldie wir das Spiel auf 
der Verdrängungsstufe eben kennen gelernt haben. Es scheint so zu 
sein, daß der Mensdi nur die Kultur sidier besitzt, deren gesdiidit^- 
lidie Entwidlung er in sidi selbst mitgemadit hat. Von diesem Stand- 
punkt aus mag Groos Redit haben, wenn er behauptet, das Spiel 
sei eine Vorübung zur späteren, zwedmäßigen Entfaltung lebens» 
widitiger Triebe. Ließen wir jedodi, wie er, die infantil^erotisdie Grund- 
lage des Spieles und seinen essentiellen ZweA; die Lustgewinnung 
durdi infantil=erotisdie Triebe außer advt, so läßt uns die Theorie des 
Experimentierens und der Vorübung nocb so oberflädilidi angewendet 
sidier im Stieb. Besonders bei Fixierungen an einzelne Spiele, die beim 

' Das Erleiden sexueller Traumen als Form infantiler Sexualbetätigung. 
Zentralblatt für Nervenheikunde und PsyAiatrie, 1907, Nr, 249 {15, November), 

18* 



276 Dr. Sigmund Pfeifer 



Spiele dieselbe Bedeutung haben, wie Fixierungen in den Neurosen 
und in den beiden zugrunde liegenden infantil^erotisdien Trieben, die 
wir im Seelen^ und GesdileAtsIeben der Erwachsenen als Perversionen 
kennen. Man gedenke nur z, B. der Hasardspiele der Erwadisenen, 
die ihre Existenz und oft verderblidie Madit wohl einer Fixierung 
an die analerotisdie Lust, aber keineswegs einem Bedürfnis nacfi 
Einübung zwedimäßiger Handlungen verdanken. Eine eingehendere 
Kritik der Spieltheorie Groos' muß für eine ausführlidiere Behand» 
lung des Themas vorbehalten werden, dodi weldier grundlegende 
Untersdiied zwisdien meiner und Groos' Auffassung besteht, das 
kann idi sdion hier durdi eine Anmerkung Groos'^ illustrieren, die 
lautet; »Die Liebesspiele des Kindes betradite idi als einen (bildlidi aus- 
gedrüdit) ,unbeabsi(iitigten' Nebenerfolg der Einriditung einer Jugend* 
periode, Sie haben keine wesentlidie biologisdie Bedeutung und treten 
ja audi hinter der Jugendübung anderer Instinkte weit zurüdc.« 

4, Audi nur als eine Annäherung an die Tatsadien können 
Wundts psydiologisdie Kriterien aufgefaßt werden. Am meisten 
zutreffend ist darunter das erste: das der »erfreuenden Wirkung« 
des Spieles, da damit nur der allgemein bekannte lustbringende 
Charakter des Spieles betont wird, Nadi meinen Spielanalysen dürfte 
es ziemlidi klar erkenntlidi sein, daß diese nur die — bewußtpsydio» 
logisdie — Außenseite der allgemeinsten, der Wunscherfüllungs- 
tendenz des Spieles ist, derselben, deren grundlegende Bedeutung 
Freud für den Traum erkannt hat und die hier mit ähnlidiem 
Medianismus arbeitend wie dort, rezente EindrüAe und Bedürfnisse 
— Instinkte und Triebe mit infantil-erotisdien Wünsdien zusammen 
zu mehr weniger verhüllter Erfüllung verhilft. Ein Untersdiied wäre 
dagegen die stellenweise dünnere Qbersdiiditung des infantil^erotisdien 
mit rezentem Material, da im Spiele beide mehr zusammenfallen 
und die oft weniger stark vorgesdirittene Verdrängung, die hier 
öftere und ausgiebigere Regressionen erlaubt als im Traume, Ein 
anderer besteht vielleidit im sdiwer bestimmbaren Anteil niditsexueller 
Triebe, die seit den versdiärften Beobaditungen besonders der Psydio- 
analytiker an gesunden und nervösen Kindern und nadi der daraus 
resultierenden Erkenntnis der widitigen Rolle der Partialtriebe der 
Sexualität in ihrem Seelenleben viel Raum und Bedeutung zugunsten 
der letzteren einbüßen mußten, Sie haben im Zustandekommen des 
Spieles ungefähr dasselbe Sdiidisal, wie die somatisdien Reize im Zu- 
standekommen des Träumbildes, Sie werden, so mäditig und sdiarf 
geprägt sie audi sein können, verfloditen in das Traumgewebe des 
Spieles. Oder sie werden direkt hervorgerufen, um den unterdrüdten 
erotisdien Trieben einen Spielraum zu besdiaffen, wie z, B. die Ge- 
dankenarbeit beim Witz^. Wenn dabei durdi die Betätigung dieser 

1 Siehe Groos: Spiele der Mensdien, S. 485. 

2 Ein Spiel speziell der Erwadisenen,- deshalb das Vertreten der Bewegungs« 
triebe durdi die Gedankentätigkeit, die sidi audi beim Kinderspiel mit der Ent- 
wicklung parallel langsam einstellt. 



Äußerungen infantiI=erotischer Triebe im Spiele 



277 



Triebe irgend eine Lust frei wird, so benützt das Lustprinzip diese 
Lust aus motorisdien oder audi aus sensorisdien Quellen als eine 
Art Vorlust, als Lodiprämie, mit der die erotisdien Triebe die 
PsyAe »darankriegen« zur veränderten Einstellung, die zur angst- 
losen Lustentwiddung aus erotisdien Quellen notwendig ist. Nadi 
meinen Beobaditungen tritt hier zu allererst eine Erweiterung des 
Idigefühls bis zum Allmaditsgefühl auf. Aller Wabrsdieinlidikeit nadi 
geben dann diese Gefühle den Anlaß zum Übergang zur Arbeits- 
weise des Lustprinzips und zum Auf= oder Durdibrudi der auf die 
Betätigung lauernden erotisdien Triebe, wenn sie nidit sdhon von 
allem Anfang an bei der Heraufbesdiwörung dieser Zustände mitge= 
wirkt hatten 1. Auf die Vorlustrolle der einzelnen Partialtriebe habe 
idi sdion bei der Behandlung der einzelnen Spiele hingewiesen. 

Auf das zweite Kriterium Wundts »die unbewußte oder be- 
wußte Nadibildung zwedctätiger Handlungen« werde idi bei der Bs" 
handlung der Nadiahmungsspiele zurüdikehren, ebenso werde idi 
das dritte, »die Rüdibildung der ursprünglidien Zwecke in Sdiein« 
zweAe« hier nidit behandeln, da es unter einem anderen Gesidits=' 
punkte erwähnt werden muß. In der Wundtsdien Fassung kranken 
sie an der Einseitigkeit des Bewußtseinsgesiditspunktes der Asso- 
ziationspsydiologen. Dodi kann idi sdion voraussdiidien, daß das 
zweite Kriterium keine allgemeine Gültigkeit hat — sdion Groos 
weist darauf hin — und das dritte von der Rüdibildung der ur- 
sprünglidien Zwecke in Sdieinzwedie wieder nur ein mangelhafter 
Ausdrude für die in der Psydioanalyse längst geläufige Tatsadie ist, 
daß es in seelisdien Produkten einen manifesten und einen latenten 
Inhalt gibt — und das gilt für das Spiel ebenso wie für den Traum — 
die vom Zwedigesiditspunkte aus betraditet, eine andere Orientierung 
verlangen, Wundts Psydiologie ist bis zur Erkenntnis vorgedrungen, 
daß die manifesten Ziele des Spieles nidit die eigentlidien sind, über 
das Wesen der letzteren aber eine nähere Auskunft zu geben, war 
der Psydioanalyse vorbehalten. 

Bei unserer ziemlidi unaufgeklärten Trieblehre ist die spielartige 
Betätigung der einzelnen niditsexuellen Triebe das, was in den Spiel- 
theorien am sdiwersten zu deuten und einzuordnen ist/ audi sind 
die Meinungen über ihre Bedeutung und Wirkungsweise sehr diver- 
gierend. Dodi kann man sidier annehmen, daß die ersten Äußerungen 
dieser Triebe, z. B. eine erste zufällig gelungene Greifbewegung 
oder sogar das Nadijagen der jungen Katze nadi dem vorbei- 
rollenden Knäuel den psydiologisdien Charakter des Spieles gänzlidi 



' Der Beginn des Spielrausdies ist audi sdion in dieser Periode der Selbst» 
übersdiätzung und des Allmaditsgefühles zu bemerlien. Der Vorgang ist äußerst 
ähnlidi dem bei der Alkoholintoxikation,- man vergleidie nur beim beginnenden 
Alkoholrausdi das erhöhte Selbstgefühl, das Sdiwinden von Hemmungen, das sidi 
vorgetäusdite W^adisen von körperlidien und geistigen Fähigkeiten, das Hervor^ 
treten bis dahin unterdrüditer erotisdier und egoistisdier Regungen und audi den 
hier sekundär hervorgerufenen Bewegungsdrang. 



278 Dr. Sigmund Pfeifer 



vermissen, da sie nidits anderes als nur die reflexartigen Äußerungen 
eines Triebes sind. Es fehlt sogar das von Groos behauptete bio- 
logisdie Spielkriterium des Experimentierens, denn sonst müßten ja 
alle Reflexe, sogar die ernsten Arbeiten des Lebens als Spiele auf» 
gefaßt werden, da sie alle durdi das psydiologisdie Gesetz der 
»Bahnung« als Vorübungen zu späteren ähnlidien körperlidien oder 
geistigen Tätigkeiten betraditet werden können. Wir wissen, daß 
man bei gewissen gynäkologisdien Eingriffen bei Gebärenden die 
Füße oder Hände der Frudit so untersdieidet, daß die Füße den 
verspürten Finger abstoßen, während die Hände ihn ergreifen. Bei 
Wiederholung des Versudies wird das Ergebnis wieder dasselbe sein, 
wovon man sidi audi beim Säugling überzeugen kann. In diesen und 
ähnlidien Triebhandlungen von einer Lustbetätigung zu spredien ist 
nur in negativem Sinne möglidi, nämlidi daß die Verhinderung dieser 
Betätigungen Unlust erzeugt, die am veränderten Benehmen des 
Individuums bemerkt werden kann, meistens aus soldien Symptomen, 
weldie auf eine erhöhte Spannung im Organismus hinzudeuten 
sdieinen. (Dagegen ist der positive Lustdiarakter unzweifelhaft, wo 
zum Iditriebreflex nodi der erotisdie Trieb sidi gesellt. Das zeigt 
audi der von Groos zitierte Versudi Frey er s, der einem Kinde, 
dessen Kopf erst geboren wurde, einen Elfenbeinstifi in den Mund 
gab, an weldiem es mit dem AusdruAe großen Vergnügtseins lutsdite. 
Hier entspringt der Lustdiarakter des Triebreflexes unstreitbar dem 
Anteil des Mundes als erogener Zone.) Damit sie als Spiel ge- 
nossen werden, muß bei oder nodi vor den Wiederholungen noA ein 
psydiisdies Moment hinzutreten, das der Triebbetätigung einen Lust- 
diarakter verleiht und diesen Faktor erblidie idi nadi meinen Be- 
obaditungen an eigenem und fremdem Material in einem momentan 
sidi einstellenden oder, riditiger gesagt, nidit enttäusditen Allmadits« 
gefühl, das aber, wie idi vermute, seine Wurzel, wenigstens in einer 
Hälfte, in der sidi durdi die lustvollen Organbetätigungen bald ein- 
stellenden narzißtisdien Übersdiätzung des eigenen Körpers hat\ 
Worin das Wesen dieser Beziehungen zwisdien Allmaditsgefühl und 
Narzißmus besteht, wie weit die Spaltung reidit, weldien Anteil 
biologisdie, psydiologisdie oder psydiosexuelle Vorgänge daran haben, 
können wir vorläufig nidit entsdieiden, dodi sdieint das Lustgefühl 
beim primitiven Spiele aus allen diesen Quellen gesdiöpft worden * 
zu sein. Der gesamte Eindrudi dieser Art der Spiele ist audi ver- 
sdiieden von dem der späteren mit ausgesprodienem Anteile der 
infantilen Sexualität; das Betätigen des Allmaditsgefühles verleiht -, 
ihnen einen gewissen Wunderdiarakter, so daß wir sie mit Recht 
audi magisdie Spiele benennen können. E, B. bei dem erwähnten 
Herumgreifen wird mit der gemaditen Erfahrung gleidizeitig audi 
das Allmaditsgefühl über dieses Erlebnis ausgebreitet und in den 



1 



Vgl. Freud; Zur Einfüiirung des Narzißmus, Jahrbudi VI, 1914, und 
Ferenczi; Entwicklungsstufen des Wirklidilceitssinnes, Internationale Zeitsdirift für 
Psyrfioanalyse I 1913, S 124 fr. 



Äußerungen infantiUerotisdier Triebe im Spiele 



279 



Wiederholungen genossen. Mit dieser Annahme wird audi die 
Baldwinsdie »zirlculäre Reaktion« beim Spiele verständlidi, da jede 
Betätigung der erlangten oder entdediten Fähigkeiten das All- 
maditsgefühl erhöht und dieses gibt seinerseits die Lust ab, die Hand* 
lung zu wiederholen, wahrsdieinlidb dadurdi, daß die lustvoll ge- 
wordene Vorstellung oder die Erinnerung daran unmittelbar in 
motorisdie Bewegung übersetzt wird, Innerlidie Hemmungen gibt es 
hier keine, nur äußerHdie, hödistens Ablenkung durÄ Ermüdung 
oder andere körperlidie Lust'' oder Unlustempfindungen. Das Kind, 
das mit einem Löffel den Teller sdilägt und davon lange nidit ab- 
zubringen ist, handelt nadi den hier besdiriebenen Prinzipien. Jede 
Verhinderung des Allmaditsgefühles, z. B, dadurdi, daß durdi Ein- 
widilung des Löffels in einen Lappen der Lärm ausgesdialtet wird, 
während die anderen Requisiten die gleidien bleiben, verletzt dieses 
Gefühl und das Kind reagiert darauf mit Zeidien des größten Un» 
behagens. Nadi Kenntnisnahme eines Allmaditsniveaus des Handelns 
im kindlidien Seelenleben darf man hier aus diesem GesiAtspunkte 
dem Spiele eine anpassungsfördernde Funktion zusdireiben. Denn 
das Spiel, während es einerseits dieses Allmadbtsgefühi durch Hinzu- 
treten der erotisdien Wunsdierfüllung nodi verstärkt oder konser- 
viert, besdiränkt es anderseits — praktisdi genommen und normale 
Entwidilung vorausgesetzt - langsam auf diese spezielle Art des 
psydiisdien GesAehens^ Das Mitwirken des Allmaditsgefühles in 
allen Stufen des Spieles kann sdiön beweisen, was die Aufgabe 
einer ersdiöpfenden Behandlung des Stoffes sein soll. Es äußert 
sidi am deutlidisten im erhöhten Selbstgefühl ^ während des Spieles 
und in der Form magisdier Handlungen, die sidh parallel mit der 
fortsAreitenden geistlidien Entwidmung nidit nur bei den Handlungen 
zeigen, sondern audi auf die Spradie und Gedankentätigkeit ver* 
breiten. Sehr oft verbindet sidi der Allmaditswunsdi, besonders nadi- 
dem das Allmaditsgefühl des Kindes durdi die Erziehung der Er- 
wadisenen eingesdiränkt wurde mit einem ähnlidien aus dem Eltern- 
komplex stammenden zu diesem: groß zu werden, den wir im Spiele 
so allgemein finden, wie etwa den Wunsdi zu sdilafen im Traume. 
Im Gegensatz zu dieser ersten - magisdien - Spielstufe ^ 
auf dem hauptsädilidi das egoistisdie und narzißtisdie Allmadits- 
gefühl die diarakteristisdie Spiellust abgeben und über deren Wesen 
und Zusammengehörigkeit weitere Beobaditungen und Untersudiungen 
sehr widitig und notwendig sind, besitzen wir, dank den grund- 
legenden Arbeiten Freuds und seiner Sdiule, in den primitiv- 
erotisdien Spielen einer anderen Stufe eine viel weitergehende Klar- 

* Pliantasie und Witz gehören in dieser Hinsidit dem Spiele an und audi 
der Traum stellt eine Regression auf die infantile Arbeitsweise der Psydie dar. 

^ Bei Groos: Gefühl der Freiheit, erweitertes Maditgefühl. 

2 Die Trennung der Spiele in eine I. und IL Stufe stelle idi mir nidit zeit» 
lidi, sondern nur inhaltlid» vor. In den Spielen der III. Stufe, in den Verdrängungs- 
spielen, sind die früheren, wenn audi mehr weniger verdrängt, gleidizeitig vertreten 



280 t)r, Sigmund Pfeifer 



heit. Die Betätigungen der erogenen Zonen und der sexuellen Par« 
tialtriebe sind der Prototyp des Spieles, da bei diesen der reine Lust* 
diarakter am klarsten zum Ausdrud^e kommt, solange die moralisdie 
und kulturelle Unterdrüdiung dieses Bild niit beeinflußt, was bald, 
aber keineswegs mit einem Sdilage erfolgt. Selbstverständlidi wird 
man auf dieser Stufe die Bildung einer Spielfassade und den Me* 
dianismus, der sie formt, die von den Autoren »Sdieintätigkeit«, 
»Sdieinzw'edie« genannt zu werden pflegen, vermissen, da sie zum 
Ewedie der Verhüllung eines unterdrüdten Materials nodi nidit 
notwendig sind. Aber wir finden audi hier die diarakteristisdien Merk« 
male des Spieles, die Lustproduktion, das Allmaditsgefühl und den 
Spielrausdi, weldi letzterer sich hier als eine Art Orgasmus meldet. 

Diese Spiele einer dritten — hödisten — Stufe mit verdrängtem 
sexuellen Inhalt, also das Gros der Spiele der Kinder und der Er- 
wadisenen, verraten in der Analyse ihre mit den anderen seelisdien 
Produkten des Unbewußten gemeinsame Dynamik und Struktur und 
weisen tiefgehende Verwandtsdiaft mit den letzteren auf. Für soldie, 
die mit der Betätigung des motorisdien Apparates einhergehen, wo 
die Muskelerotik als Vorlust dient, können wir Freuds AusdruA 
verwenden, das Spiel sei eine motorisdie Halluzination^. <Die Aus= 
drüde motorisdier Traum oder Phantasie sind aud\ möglidi.) Im 
allgemeinen wird diese Stufe des Spieles durdi das Überströmen der 
verdrängten Sexualität, insbesondere der infantiI=erotisdien, auf alle 
möglidien Organe und Triebbetätigungen, z. B. bei dem Fangspiel 
»Fudis ins Lodi« der Inzesriust auf das Laufen, Jagen (Vermittler 
die Muskelerotik), bei den Verstedispielen der Voyeurlust auf das 
Sehen (Vermittler das Auge als erogene Zone)^ diarakterisiert. 

Endlidi will idi nodi auf eine Eigensdiaft des Spieles hin= 
weisen, worin es sidi am meisten von den Neurosen, Psydiosen, 
mitunter audi vom Traume und Halluzinationen untersdieidet. Sein 
Medianismus erlaubt es ihm nämlidi, verdrängte sexuelle Wünsdie 
der Erfüllung zuzuführen, ohne dabei Angst freizumadien. Wo wir 
im Spiele Äquivalente der Angst gefunden haben (z. B. im »Fudis 
ins Lodi« die Peitsdienhiebe und Fludit ins Lodi), dort werden sie 
gleidi in den Dienst irgend eines lustbringenden Partialtriebes gestellt 
(Fludit zur Mutter, sadomasodiistisdier Trieb) oder durdi Spaltungen 
soweit verdünnt, daß sie sidi als Angst nidit mehr bemerkbar madien. 
(Vgl, Feindessdiar als Doublettierungen des feindlidien Vaters mit 
erheblidv eingesdiränktem Aktionsradius.) Im sdihmmsten Falle trifft 
man im Spiele an Steflen, wo man aus der neurotisdien Konstel« 
lation folgernd Angst erwartet, körperlidie Sdimerzen oder Ermüdung, 
die einerseits, wie gesagt, genossen werden können, anderseits als 
Angst dem Bewußtsein des Spielers entgehen (z. B. die Strafe des 

1 Freud: Totem und Tabu. 

ä Ob und wieweit bei diesen Organ» und Triebbetätigungen gleidizeitig 
erogene Zonen und sexuelle Partialtriebe mitbeteiligt sind oder es sein müssen, 
darüber stehen weitere Beobaditungen aus. 



Äußerungen infantil»erotis(fier Triebe im Spiele 



281 



Bauer=Sohnes für die Auflehnung durdi Scfiläge im Korporalspiel 
oder durdi ermüdende Übungen bei den Pfandspielen). Wo im Spiele 
Angst als soldie vorkommt, dort ist sie kein Resultat des Spieles, 
sondern sein Material, wie in vielen »Spielen mit Unlustgefühlen«. 
Hier wird die Angst wegen ihrer narzißtisdi-'analerotisdien Über* 
kompensation und wegen der von ihr ausgelösten masodiistisdi« 
sadistisdien Triebbetätigung genossen. 

Das Auftreten des Spieles mit verdrängtem Inhalt fällt mit dem 
Anfang des großen Verdrängungssdiubes der Kindheit zusammen 
und besonders die typisdien Spiele mit »mythologisdiem« Inhalt 
füllen ungefähr die Zeit vom dritten Lebensjahr bis zur Pubertät 
aus, wo eine starke Abnahme der Spieltätigkeit eintritt. Es liegt auf 
der Hand anzunehmen, daß in diesem Zeitraum, den Freud »die 
Latenzzeit« benannt hat und der auf den ersten Blidc ein Vakuum 
im sexuellen Leben des Mensdien zu bilden sdieint, die vorher so 
mäditige und lustbringende infantile Sexualität nidit versdiwindet, 
sondern nur in das Spiel überströmt, weldies dem Kindesalter 
seine bekannten und vielgepriesenen unsAuldigen Freuden und die 
Stimmung eines seligen Traumzustandes verleiht. Bei der Unter- 
ordnung der im Spiele konservierten partiellen Sexualtriebe unter 
das Primat des normalen heterosexuellen Triebes mit dem Einbrudi 
der Pubertät in dieses Traumland, verlieren die infantil^erotisdien 
Triebe ihre Autonomie und werden nur insoweit betätigt, als es 
für die Zwedie der normalen Sexualität erforderlidi ist. Deshalb 
bleiben am längsten die Aggressionsspiele erhalten, während die 
häufigen Gewinnspiele, Karten», Hasardspiele usw. ihre zähe Existenz 
wahrsdieinlidi dem Fortbestehen einer zu früh und zu stark untere 
drüditen und dann im Unbewußten fixierten analerotisdien Trieb« 
komponente verdanken. 

Daß das Auftreten des typisdien Spieles mit der Latenzperiode 
und mit dem Beginn der kulturellen Hemmungen und Entsagungen 
zusammenhängt, das kann der Analytiker aus den Worten Groos' 
herauslesen, mit weldien er auf eine psydiologisdie Seite des Spieles 
hinweisen will^: »Endlidi sei nodi erwähnt, daß . . . audi die Er« 
holungstheorie eine besondere psychologische Bedeutung erhält, 
die wohl allgemein anerkannt ist. Sobald das Individuum in seiner 
Entwidilung so weit fortgesdiritten ist, daß es den Zwang des realen 
Weltgesdiehens kennen gelernt hat <und das ist, wenn audi in nidit 
reflektierter Weise, sogar sdion bei dem nodi nidit sdiulpfliditigen 
Kinde sehr gut möglich), bedeutet die Freiheit des Spieles eine Er= 
holung von diesem drüAenden Zwange. Je mehr der Mensdi von 
dem Ernste des Lebens umfaßt ist, desto mehr wird ihm die Fludit 
in das Reidi des Spieles, wo er unbekümmert realer Zwedie, ganz 
in einer freigewähltcn Sdieintätigkeit aufgeht zu einer Erlösung aus 
dem engen, dumpfen Leben und aus der Angst des Irdisdien.« 

' Groos: Spiele des Mensdien, p. 503, 



282 Dr. Sigmund Pfeifer 



Meine Absicht mit dieser Mitteilung war, darauf hinzuweisen, 
j Ja P' , ^'"f, PsyAoanalytisdie Behandlung zuläßt und lohnt, 
und daß es denselben Gesetzen unterliegt, weldie Freud und seine 
bdiule von der Bedeutung der Sexualität für die Arbeitsweise des 
Unbewußten und über die Herrsdiaft des Lust- und Realitäts- 
prinzips in unserer Seele festgestellt hat. Ferner mödite idi gezeigt 
habeti, daß das Spiel weitgehende Übereinstimmungen mit anderen 
^orsdiungsgebieten der psydioanalytisdien Wissensdiatt aufweist, 
insbesondere mit der Phantasie, dem Traum, der Neurose, Psydiose, 
mythos- und religionbildenden Phantasien und audi mit dem Seelen- 
eben primitiver Mensdien, und daß vom Spiele zu anderen psydio- 
logischen Problemen viele fruditbare Wege führen. 

Damit wäre mein vorläufiges Ziel erreidit. Mein nädistes ist 
aut Urrund meines analysierten und der Bearbeitung wartenden Ma- 
terials die Analyse des Spieles zu verbreitern und zu vertiefen, um 
sie moglidist vollständig zu madien und durdi deren Ergebnisse eine 
präzise Iheorie des Spieles zu begründen^. 

/ Die Felddienstleistung soll die Skizzenhaftigkeit dieser Mitteilung ent- 
Sfol5'";.i" T" i"*f"'?'-"*"«"' in Vorbereitung befindliAen Behandlung des 
Stoffes werde id, audi meine Quellen präziser angeben, als es hier eben infolge 
oben erwähnten Umstandes gesdiehen konnte. 




i 



Die Psydioanalyse in der Jugendbewegung 



283 



Die Psydioanalyse in der Jugendbewegung, 

Von Dr. SIEGFRIED BERNFELD <Wicn>. 

y\ udi die hartnäAigsten Leugner der infantilen Sexualität sprechen 
/ \ der eigentlidien Jugendzeit, dem Lebensabsdinitt etwa vom 
-^ ^ zwölften bis zum zwanzigsten Jahr, eine der erwadisenen 
ähnlidie Sexualität zu, Zwar über Maß, Art und Bedeutung dieses 
Triebes in der Pubertät und Nadipubertät sind die Meinungen 
geteilt, aber es ist geradezu das theoretisdie Dogma, daß mit der 
Pubertät der Gesdileditstrieb erwadie und in ihrem Verlauf immer 
mäditiger und bestimmter werde. Merkwürdigerweise bleibt aber in 
der Praxis des Erziehungswesens, in der Sdiule so gut wie im 
Hause, diese theoretisdie Überzeugung völlig wirkungslos. Audi 
die Jugenderziehung ist, wie die Kindererziehung, so organisiert, 
als wären ihre Objekte gänzlidi asexuelle Wesen. Wo sidi dies 
Thema jedodi nidit gut ganz übersehen läßt, im Problem der Koe- 
dukation und der sexuellen Pädagogik, da ist der Weisheit letzter 
Sdiluß: Verhindern, daß die Jugend gesdileditlidi erregt werde,- 
Erzeugung der Askese. Die Jugend hat sidi zu keiner Zeit an die 
Forderungen der Erwadisenen gehalten, sondern im geheimen ihrem 
Trieb gegeben, was ihm gebührt. Sie behandelte die verantwordiAen 
Hüter als nidit kompetent in dieser Frage, ließ sie uneingeweiht 
und harmlos und kümmerte sidi im übrigen kaum um ihre Lehren 
<wo dies aber dodi gesdiah, erzeugten sidi oft neurotisdie Er« 
krankungen). Die Sexualität der Jugend blieb so gewissermaßen von 
der Gesellsdiaft verdrängt, und darum — ganz so wie die ver« 
drängten Triebe der Individuen — völlig unbeherrsdit. Es ist ein 
Verdienst der Jugend von 1880-1890 hierin eine Revolution gebradit 
zu haben. Bis dahin fühlten sidi einzelne der Jugend durdi das 
Sexualmonopol der Erwadisenen bedrängt, verkürzt oder verwirrt 
und kämpften dagegen; nun aber fühlten sie sidi als Jugend miß^ 
verstanden und entwertet und begannen das Redit der jugendlichen 
Sexualität zu fordern. Zunächst freilidi, ^o scheint es, war ihr Be« 
mühen, die Alten in ihren Forderungen ad absurdum zu führen. 
Sie stellten sich gehorsam und versuchten passive Resistenz. 
Wedekinds Frühlingserwadien ist ein Ausdruck dieser Hakung, 
die er in seiner eigenen Jugend erlebt haben mag und die be* 
geisterte Zustimmung der Jugend aus den Neunzigerjahren fand. 
Hier war der Vorwurf von einem Meister ausgesprochen,- so 
kommt es mit eurer Verheimlichung, seht her, das habt ihr davon! 
Der Prozeß der »Entharmlosung der Pädagogik durch die Jugend« 
<G, Wyneken) schritt weiter fort. Zu Beginn dieses Jahrhunderts 



284 Dr. Siegfried Bernfeld 



fing die Jugend an auf eine neue Weise als Jugend in Opposition 
zu den Erwadisenen zu treten, Sie begann sidi zu organisieren, 
willens, ihr eigenes, das ihr gemäße Leben zu führen, zuerst und 
am großzügigsten im Wandervogel. Die Jugend entfloh gewisser* 
maßen dem Elternhaus, um auf der Wandersdiaft nadi ihren 
eigenen Bedürfnissen zu leben,- natürlidi audi nadi ihren erotisAen 
Bedürfnissen, Wurde aber diese Opposition im allgemeinen bewußt 
und klar ausgesprodien, so blieb sie fürs erste dodi auf dem Gebiete 
der Sexualität unausgesprodien, sogar unbewußt. Darum bradite 
diese erste aus der Jugend selbst entstandene Jugendbewegung 
unserer Zeit keine Veränderung der Bewertung des jugendlidien 
Sexuallebens durch die Erwadisenen, niAt einmal eine Beherrsdiung 
desselben durdi die opponierende Jugend. Erst in der Zeitsdirift 
der Jugend »Der Anfang« i wurde 1913 öffentliA von Jugendlidien 
kritisdi über das gegenwärtige Sexualleben der Jugend und über 
ihre Forderungen in diesem Punkte von der jugendlidien und er= 
wadisenen Öffentlidikeit gesprodien. 

Diese Diskussion, die mündlidi und sdiriftlidi in voller Öffent= 
lidikeit stattfand, zeigte, was jedem Kenner der Jugendbewegung " 
und der Jugend überhaupt sdion aus den bisherigen unterirdisdien 
Diskussionen, Bestrebungen, Klagen vorher deutlidi geworden war: 
erstens, daß die sexuellen Tendenzen und Bedürfnisse der Jugend= 
zeit zwar andere als die der Kindheit, aber nidit minder völlig ' 
versdiieden von denen der Reife sind. Zweitens, daß die Jugend selbst 
in dieser Frage heillos verwirrt empfindet und denkt, weil sie aus 
der Diskrepanz zwisdien ihren Forderungen und denen der herr- 
sdienden Moral keinen Ausweg findet und weil ihr im allgemeinen 
selbst die dürftigen Tatsadien und Erkenntnisse der gegenwärtigen 
Sexualwissensdiaft vorenthalten werden. Und wo ja einmal einer 
oder eine Gruppe von dieser Wissensdiaft Notiz nehmen konnte, 
wurde er erst redit nidit gefördert. Die üblidie rationale Lehre 
von der Pubertät als den zwei bis drei Jahren, in denen der 
Sexualtrieb gleidi in seiner eigentlidien Gestalt erwadit und sidi 
stetig entwidcelt, ist gegenüber der Unsidierheit, Hemmung, Sprung* 
haftigkeit, Problematik und langen Dauer der wirklicfien Pubertät 
in den Sdiiditen der gebildeten großstädtisdien Jugend von heute 
sdiematisdi, unwirklidi und mehr verwirrend als befreiend. Die 
PsyAoanalyse aber, die audi hier der Wahrheit näher kommt, 
indem sie die Pubertät als die lange andauernde, konfliktreidie 
Zeit auffaßt, in der die infantilen Partialtriebe sdiubweise zur, 

, c- ' ?^7 ^"''^."^;* Zeitsdirift der Jugend. Herausgegeben von Georges Barbison 
und Siegfried Bernfeld. Berlin 1913/14. Verlag Die Alstion. 

ä Sdiriften zur Kenntnis der Jugendbewegung <aul3er den nodi im folgenden 
genannten): Freideutsdie Jugend. Eugen Diederidis. Jena 1913. Gustav Wyneken : 
Was ist Jugendkultur? <c. G, Steinide, Mündien.) und: Die neue Jugend. (Mündien.) 
S. Bernfeld: Die neue Jugend an die Frauen. Wien 1914. Zeitsdiriften : Frei- 
deutsdie Jugend. Die Freie Sdiulgemeinde. Der Wandervogel. Wanderer. 



Die Psydioanalyse in der Jugendbewegung 285 

Einheit, Verdrängung oder Sublimierung gelangen, ein reidies 
Geistesleben und quälende, meist vorübergehende neurotisdie Züge 
erzeugen, blieb aus vielen Gründen über Gebühr lang völlig un- 
beaditet. Daß die PsyAoanalyse, einmal in die Jugendbewegung 
eingeführt, mindestens klärend würde wirken müssen, ist sidier. Daß 
sidi dies aber sdion so sdinell geäußert hat, wie idi im folgenden 
zeigen will, ist ebenso merkwürdig, wie die eigenartige Reaktion der 
Jugend auf die neuen Kenntnisse und Ansdiauungen. 

Mit seiner Sdirift »Die deutsdie Wandervogelbewegung als 
erotisdies Phänomen« ^ hat Hans Blüher, wie man sagen muß, einen 
neuen Absdinitt in der Jugendbewegung und somit im Leben der 
ganzen gegenwärtigen Jugendgeneration eingeleitet. Er versudite mit 
psydioanalytisdier Methode dem Problem der Gründe, Hintergründe, 
Motive und Triebe einiger Jugendtypen und Jugendgemeinsdiaften 
näherzukommen und fand, daß sie sich auf der männlidien Inversion 
aufbauen. Dieser Versudi, seine Ergebnisse und der mutige Ver* 
fasser wurden heiß bekämft. Die Jugendbünde lehnten bis auf einen, 
den Jungwandervogel, Blüher ab, Bezeidinenderweise ist dieser der 
einzige, der sidi prinzipiell jugendlidi erhält, d. h. die erwadisenden 
Mitglieder aussdiließt und audi keine pädagogisdi interessierten Er* 
wadisenen <Oberlehrer> aufnimmt. Der Jungwandervogel war von 
Anfang an in den leitenden Kreisen für Blüher. (Ebenso der An^ 
fangkreis, der gerade um diese Zeit sidi zu organisieren begann, 
gleidifalls auf dem »oberlehrerfeindlidien« Standpunkt stehend.) Vor 
allem mit zwei Argumenten hat man versudit, gegen Blüher Stimmung 
zu madien, da man seinen Tatsadien nidits entgegensetzen konnte : 
Man hat abwediselnd die Sdiule Freuds als unmaßgeblidi und un= 
wissensdiaftlidi oder Blüher als jüdisdi verdäditig madien wollen ä. 
Aber es fruditete nidits. Überaus rasdi haben sidi Blühers Sdiriften 
verbreitet und viele haben sie angeregt oder bestärkt, die Psydio« 
analyse zu studieren begonnen. Und heute — nadi kaum drei 
Jahren — wird Freud in den Zeitsdiriften der Jugend immer öfter 
ausführlidier und positiver erwähnt. Selbst in der Organisationsform 
der Bewegung und in der Formulierung ihrer Aufgabe wird die 
Konsequenz aus der neuen psydioanalytisdien Kenntnis gezogen. 
Dafür bloß drei Beispiele an dieser Stelle. Erstens; Der Jugend-- 
Wandervogel hat die Mäddien ausgesdilossen, weil er sidi bewußt 
wurde, daß der Eros männlidier Pubertät die mannmännlidie Bindung 
fordert. Zweitens: Hans Blüher hat eine nidit geringe Zahl junger 
und zum Teil bedeutender Freunde zur Verwirklidhung der Idee 
einer geistbestimmten Gemeinsdiaft in einem Männerbund gefunden. 
Drittens: Gustav Wyneken, der älteste, tiefste und bedeutendste 
Führer der Jugend, gelangte zu neuen und widitigen Formulierungen 
über das Wesen der Jugendbewegung, beeinflußt durdi die Psydio^ 

1 Verlag Bernhard Weisse, Berlin 1913, 

ä Siehe die Literaturangaben in »Der Führer«, Jung'Wandervogel-Führer» 
Zeitung, Berlin 1913/14. 



286 Dr, Siegfried Bernfeld 



analyse. »Das neue Prinzip <der Jugendbewegung) ist ein neues 
Körpergefühl. Dies neue Körpergefühl ist keine Erfindung der 
Jugendbewegung, sondern eine weltgesdiiditlidie Ersdieinung . . , 
und nun wage idb die Behauptung, daß niemand so geeignet, so' 
berufen ist, der Träger dieses neuen Weltbildes ... zu werden, 
wie die Jugend . . , <Sie> ist ihrem Wesen nadi Trägerin des Prinzips' 
der Leiblidikeit, des Körpergefühls . . . idi will diesen Grundtrieb 
der Jugendbewegung einmal verdeutlidien und versinnbildlidien mit 
einem ihrer fragwürdigsten Auftritte, mit der Tanzerei auf dem 
Hohen Meißner 1, Man konnte ersdiredien über die Gehirnlosigkeit 
dieses Treibens, aber das Bild gewinnt dodi eine ernste Bedeutung, 
wenn man diese Gehirnlosigkeit als eine sozusagen gewollte, 
wenigstens aus leidensdiaftlidier Triebbejahung und nidit aus Ver» 
legenheit und Gedankenlosigkeit ansieht. Der pedantisdi fanatisdie, 
zunädhst komisdi wirkende Eifer der Herumspringenden hatte für 
den Tieferblidenden etwas von kultisdiem Ernst. Es war eine 
Feier des aus Geisteshaft entsprungenen Leibes,- . . . aber er war 
dodi wieder entdeAt, man fühlte sidi wieder als Körper 
Da ist zunädist die Erotik. Idi spredie . , . vom eigentlidien 
erotisdien Problem der Jugend, von der Not des Eros. Für uns 
besteht seine Not darin, daß er verleugnet, verdrängt, verpönt 
ist auf tausenderlei Art. Nodi aber hat die Jugend keine andere 
erotische Neuorientierung gefunden, als das Bekenntnis zur 
sexuellen Abstinenz und zur Kameradsdiaftlidikeit als dem anzu^ 
bahnenden Verhältnis der Gesdilediter. Das heißt aber . . . keine 
Lösung, sondern eine Ausfludit ... Die Front der Jugend darf 
nidit von vornherein dieselbe sein wie die der Sdiulmeister und 
Moralprediger ... Der Eros muß im öffendidien Denken erst 
wieder rehabilitiert werden, ehe überhaupt an eine Läuterung und 
Veredelung des Triebes gedadit werden kann. Ein ins Halbdunkel 
verbannter Eros wird krank und bösartig, er ist kulturunfähig, un» 
kultivierbar.« <Die Freie Sdiulgemeinde, Oktober 1915/Jänner 1916.) 

Zweierlei ist an allen diesen Tatsadien bemerkenswert,- und 
darum haben wir sie breiter dargestellt, als sie vielleidit an sidi in 
dieser Zeitsdirift verdienen würden. 

Es ist als ob das Sdiwellengesetz für die Entwidlung der 
Gesellsdiaft ähnHdierweise gelte, wie für den einzelnen. Konflikte 
aus überkommenen Ansdiauungen, Wertungen und Einriditungen 
summieren sidi der Gesellsdiaft unbewußt, nur von den einzelnen 
sdimerzliA empfunden, erst bis ein gewisses Maß übersdiritten wird, 
bemerkt die Gesellsdiaft eine soziale Wunde. Und von da an be- 
ginnt das gesellsdiaftlidie Streben nadi ihrer Heilung. Die Bewertung 
der Sexuali tät und die sexuelle Organisation der Gesellsdiaft sind 

1 über das Fest auf dem Hohen Meißner, Oktober 1915, veranstaltet von 
der hreideutsdien Jugendbewegung, siebe: »Der Anfanget I., Heft 5-7. »Die frei« 
deutsdie Jugend im bayrisdien Landtag.« Hamburg 1913. .Der Wanderer« V., 
September— Dezember 1913. 



Die Psydioanalyse in der Jugendbewegung 287 



ein solcfies überkommenes Gut, gegen das jene, die seine Sdiädlidi« 
keit erkannten, bis jetzt vergeblidi ankämpften. Aber es sdieint, als 
wäre die Reizschwelle erreidit: Die Jugend fängt an, die sexuelle 
Frage als eine öffentlidie soziale Wunde zu empfinden und die Ge- 
danken und Mittel der bisher einsamen Vordenker als ihre eigenen 
anzunehmen. Wenn dieser Prozeß, der sidi eben andeutet, andauert, 
dann wird von hier aus ein Neudenken der wissensdiaftlidien Pro^ 
bleme erfolgen und die Psydioanalyse darf hoffen, daß ihre Arbeits* 
leistung keine verlorene sein wird. Aber die Vertreter des bisher 
Gültigen wehren sidi natürlidi gegen neue Erkenntnisse,- und darum 
vor allem gegen die sexuelle Entharmlosigung der Jugend durch die 
Psydioanalyse. Sie verfügen über ein Argument, das tatsädiÜch ernst 
und sdiwierig genug ist, um jeden zum Nadidenken zu zwingen. 
Sie sagen, die Jugend könnte durdi die Kenntnis der Psydioanalyse 
- und der Sexualwissensdiaften überhaupt — an kulturellem Wert 
verlieren. Diese Besorgnis hat wohl nur dann einen Sinn, wenn 
man,insPsydioanaIytische übersetzt, meint, es bestehe ein Zusammen* 
hang zwisdien der inadäquaten Befriedigung des sexuellen Triebes 
und den kulturellen Leistungen,- diese sind, oder sind dodi weit- 
gehend, abhängig von der Sublimierung der Sexualität. <Es sei nur 
angemerkt, daß vielfadi dieselben Sdiriftsteller, die eine Sublimierung 
leugnen, in ihrer Furdit vor der Psydioanalyse, eieren Ergebnisse 
implicite akzeptieren.) Da die Pubertät jene Zeit ist, in der viele 
widitige Sublimierungen dauerhaftester Art entstehen können und 
da audi wir Kulturwerte bejahen und also Sublimierungen fordern, 
entsteht hier tatsädilidi ein überaus schwieriges pädagogisches Pro* 
blem, das nidit ohne Verantwortlidikeitsgefühl gelöst werden kann. 
Und wenn etwa Psychoanalytiker über diese Sdiwierigkeit weg= 
täusdien wollten, so täten sie um so mehr Unredit, als sich a priori 
über die Reaktion einer jugendlidien Masse auf die Psydioanalyse 
nidits aussagen läßt und die empirische Rechtfertigung ihres Opti* 
mismus nur durdi ein entsprechendes Experiment zu geben wäre. 
Seit 1913 vollzieht siA nun dieses nötige Massenexperiment 
tatsädilich. Das ist der zweite Grund, warum ich hier einiges aus 
der deutsdien Jugendbewegung mitteile und das Studium derselben 
für die Zukunft empfehle. Mir ist weder aus der umfangreidien 
Literatur der Jugend, nodi aus der eigenen Anschauung sehr weiter 
Kreise ein einziges Symptom bekannt geworden, das die Besorg- 
nisse jener Forscher und Pädagogen rechtfertigen würde. Die Psydio* 
analyse.wird entweder abgelehnt aus einem instinktiven Selbstsdiutz 
gegen gefährlidie Erkenntnisse. Die Formel hiefür, die man in Ge- 
sprächen oft genug hören kann, ist etwa: ob dies alles wahr ist, 
weiß idi nidit,- aber diese Wahrheit geht midi so wenig an, wie 
irgend eine andere wissenschaftliche,- bedeutsam ist allein die Wahr- 
heit des Gefühls, der Sdiau, Inspiration, Kunst, Institution usw. 
Oder die Psychoanalyse wird in das System der geistigen Werte 
eingereiht, sie tritt in den Dienst der Sublimierung. LJnd zwar auf 



288 Dr. Siegfried Bernfeld 



drei Weisen, soviel idi bisher bemerken konnte. Die häufigste Form 
dürfte jetzt die allgemeine »Vergeistigung« sein, für die folgende zwei 
ÄuI5erungen typisdi sind: ». . , Blüher betont dodi, daß diese Liebe 
zwisdien Mann und Mann durdiaus nidit nur, ja sogar weniger 
sinnliA bestimmt ist, sondern daß der Ton gerade auf jene geistige, 
platonisdie Liebe zu legen ist« <Die Padiantei, Stimmen aus dem 
Wandervogel, l. Heft, März 1914, Berlin) und ». . . Dies Reidi 
des Körpers aber ist, wohlgemerkt, ein geistiges Reidi ... Es gibt 
keine anderen Werte als geistige. Wenn Betonung des Körperlidien 
zu geistiger Rüd^bildung, Vernadilässigung des Körperlidien <wie 
eine gewisse Riditung der Askese glaubt) zur Steigerung des Geistigen 
führte, so wäre ohne jede Frage letztere zu wählen . . ., darum ist 
für uns audi nidit jede Betonung des Körperlidien epodiemadiend, 
wohl aber das Erwadien eines neuen Körpergefühls. Das ist die 
Ersdiließung . . . eines neuen Organs im Geist. Die daraus hervor- 
gehende Körperpflege steht nidit im Dienst des Körpers, sondern 
folgt aus dem neuen Leben des Geistes,« <Gustav Wyneken a, a. O.) 
Die zweite Form ist eigenartiger. Sie geht von Blüher aus, hat bis» 
her erst einen kleinen Kreis ergriffen, dürfte sidi aber sehr schnell ver^ 
breiten und vertiefen. Hier wird eine einzelne Konstatierung der Psydio- 
analyse herausgegriffen, und zwar das Wesen der Homosexualität, 
ihre Bedeutung in der Zeit der männlidien Pubertät, ihre Rolle für 
die Produktion geistiger Werte. Auf diese Erkenntnis oder vielleidit 
audi nur vermeintlidie Erkenntnis wird eine Weltansdiauung und 
Lebensführung basiert, die dem Geist unbedingt hingegeben ist, der 
Kulturbund der Männer, d. i. der mannmännlidi geriditeten Jugend. 
Blüher propagiert diese Gemeinsdiaftsform unter dem unglüAlidi 
gewählten Sdilagwort »Antifeminismus«. Der Jugendwandervogel ist 
seinem Ruf bereits in einer gewissen Riditung gefolgt, andere strengere 
und enger an Blüher angesdilossene Gruppen sind im Bilden. Man 
mag dem Inhalt dieser beiden Reaktionsweisen gegenüberstehen wie 
immer, man muß zugeben, daß ihre Formen Platz bieten für alle 
jene Werte und kulturellen Taten, um deren Erhaltung willen man 
die Jugend sexuell unwissend oder dodi wenigstens von den psydio» 
analytisdien »Ungeheuerlidikeiten« frei haben wollte, Nidit ganz 
dasselbe gilt von der dritten Weise, die nur erwähnt sei, weil ihre 
Wirkung nodi nidit zu überblidcen ist. Mandie werden durdi jene 
Entharmlosigung zu Forsdiern,- Sexualforsdiern, Psydiologen, Kultur^ 
forsdiern usw. \ Es kann sein, daß mandie von diesen destruktiv 
denken. Der Wissensdiaft aber dürften audi sie, vielleidit gerade 
sie nützlidi werden. 

Zweifellos ist es nur ein bestimmter Typus von Jugend, für 
den alles Gesagte gilt. Allein nur auf diesen kommt es an. Denn 
daß die Ungeistigen unter der Jugend durdi die Unkenntnis der 

» Ein Beispiel für viele: Otto Fenichel, »Sexuelle Aufklärung«, Scfiriften 
zur Jugendb?wegung-, Heft 3, Berlin 1916, 



Die Psychoanalyse in der Jugendbewegung 



289 



PsyAoanalyse geistig würden, glaubt niemand. Diese dürften wie 
aui- alles, so audi auf die Psydioanalyse in ihrer Weise reagieren. 
Aber um diese sind die Pädagogen audi nidit besorgt, sondern sie 
türditen vielmehr, daß selbst die Geistigen und »Ethisdien« un= 
geistig und »unethisdi« werden könnten. Diese Besorgnis ist 
wenigstens nadi der bisherigen Gesdiidite der Psydioanalyse in 
der Jugendbewegung nidit sehr sdiwer zu nehmen, wenn es auf 
die Formen des geistigen Lebens und nidit auf seine Inhalte an- 
kommt. 




Iinago V/4 



19 



290 Dr. Ludwig Levy 



Ist das Kainszeichen die Besdineidung? 

Ein kritisdier Beitrag zur Bibelexegese, •, ' 
Von Dr. LUDWIG LEVy, Brunn, ' . 

Vor kurzem veröfFentlidite Dr, Theodor Reik im Jahrgang V, 
Heft 1 <1917> dieser Zeitsdirift einen psydio^analytisAen Bei= 
trag zur Bibelerklärung: Das Kainszeidien. Reik verfidit die 
These, das Kainszeidien sei die Besdineidung gewesen und sei mit 
den Einsdinitten in eine Linie zu stellen, die die Primitiven in 
der Trauer um einen Toten ihrem Körper zufügen. Auf die Frage, 
gegen wen das Zeidien Kain sdiütze, antwortet Reik; gegen ihn 
selbst, vor den Selbstbestrafungstendenzen, die unbewußt in ihm 
leben. Kains Verbredien habe außer dem Brudermord audi in der 
Befriedigung inzestuöser Regungen bestanden. Das Zeidien sei nadi 
dem Jus talionis eine Selbstverstümmelung des Penis gewesen, die 
ihrer Absidit nadi der Kastration gleidikomme, sei also als Be- 
sdineidung aufzufassen und bedeute eine Bestrafung der inzestuösen 
Wünsdie, weldie Kain zum Brudermord getrieben haben. Die in=' 
zestuösen Wünsdie findet Reik im Pflügen des Adiers angedeutet, der 
bekanntlidi ein Sexualsymbol für das Weib ist. Aus der späteren 
jüdisdi=diristlidien Tradition führt er eine Sage an, die den Bruder= 
mord Kains aus der Eifersudit des Älteren auf eine Sdiwester, 
weldie die Eltern Abel zugedadit haben, erklärt. Idi halte diese 
Hypothese für einen Fehlgriff, es sdieint mir unmöglidi, daß das 
Kainszeidien die Besdineidung sein kann. Zunädist entfernt sidi die 
Deutung viel zu weit von dem Beridit der Bibel und trägt Momente 
hinein, für die kein Anhaltspunkt gegeben ist. Es liegt kein Grund 
vor, im Kainszeidien gegen den Wortlaut der Bibel, der ausdrüdilidi 
von einem Sdiutzzeidien spridit, eine Trauerverstümmelung zu sehen. 
Tätowierungen haben teils ästhetisdie Gründe, teils waren sie 
Stammesabzeidien. Das Stammesabzeidien war ein Sdiutzzeidien 
»gegen jeden, der einem begegnete«, weil der Angreifer riskierte, 
die Blutradie des ganzen Stammes auf sidi zu ziehen. Konnte nun 
dieses Stammesabzeidien bei Kain die Besdineidung sein? Es spredien 
die gewiditigsten Gründe dagegen. Erstens hätte die Bibel ein Zeidien, 
das später eine soldie Rolle spielt, deutlidi genannt, wie es an den 
Stellen, die auf den Ursprung der Besdineidung Bezug nehmen, tat" 
sädilidi gesdiieht. Dann ist es ausgesdilossen, daß ein Zeidien von 
einer religiösen und nationalen Heiligkeit, wie die Besdineidung, von 
der Bibel auf einen Mord zurüAgeleitet wird. Sdiließlidi aber wider* 
sprädie es ganz dem Aufbau der Genesis, wenn an dieser Stelle 



Ist das Kainszeidien die Besdineidung? 291 

scfion von der Besdineidung die Rede wäre. Die Urgesdiidite er* 
klärt Ersdieinungen, die die gesamte Völkerwelt betreffen. Es wird 
der Rahmen gezeichnet, in dem Israel auftritt. Darauf zielt die 
ganze Urgesdiidite ab. Mit Abraham beginnt die Gesdiidite Israels 
und da erst ist der Platz von der Besdineidung zu reden, In der Tat 
wird sie da mit feierlidien Worten im 17. Kap. V. 10 ff. eingeführt, 
als Zeidien des Bundes zwisdien Gott und Israel. Außerdem ist die 
Besdineidung kein Zeidien, das jeder sieht, der einen trifft. Auf so 
primitiver Bekleidungsstufe stehen nidit einmal die Wilden und das 
Kainszeidien ist durdiaus nidit in so tiefstehender Umgebung entstanden. 
Das zeigt sdion die grandiose Auffassung der Sünde, 

Was nun die inzestuösen Wünsdie betrifft, so entfällt die eine 
Stütze, daß Kain zum erstenmal einen Ad<er gepflügt, d. h. Inzest be* 
gangen habe. Nidit Kain, sondern Adam hat zum erstenmal geadcert, 
Adams adiern ist tatsädilidi sexual^symbolisdi zu verstehen, wie idi 
in demselben Hefte dieser Zeitsdirift in der Abhandlung »Sexualsymbolik 
in der biblisdien Paradiesgesdiidite« gezeigt habe. Die Paradiesgesdiidite 
antwortet auf die Frage: wie kam der Gesdileditsakt in die Welt? Bei 
Kain spielt der Adcer, wie wir sehen werden, eine andere Rolle, Jene 
spätere jüdisdi=dirisdidie Tradition, die von einer Sdiwester Kains 
spridit, ist aus einer Sdiwierigkeit der biblisdien Erzählung entstanden. 
Mit wem zeugte Kain Kinder, wenn Adam und Eva nur zwei Söhne 
hatten? Da antwortet die spätere Diditung, er hatte nodi eine Sdiwester, 
die er heiratete, und weil man sdion beim Phantasieren war und dem 
Diditer das abgelehnte Opfer als Erklärungsgrund für den Brudermord 
nidit hinreidiend und interessant genug war, wurde der Roman von 
der Eifersudit der Brüder hinzugediditet. Die Wissensdiaft erklärt jene 
Sdiwierigkeit ganz anders; Die Kainsgesdiidite hat für sidi bestanden 
und ist erst später mit der Paradiesgesdiidite verknüpft worden. 
Damit entfällt der Roman von der Sdiwester, Spätere Phantasien, die 
sidi wie üppiges Unkraut um die Bibel ranken, dürfen nur mit 
äußerster Vorsidit und nadi kritisdier Prüfung zur Erklärung der 
Genesis=Erzählungen herangezogen werden. 

Wie ist nun die Kainsgesdiidite zu verstehen? Was war das 
Kainszeidien? Viele Mythen und Sagen der Bibel sind äthiologisdier 
Art, d, h, sie geben Antwort auf gewisse Fragen, sie wollen Er= 
sdieinungen erklären. Mann und Weib sehnen sidi nadi Gesdiledits= 
Vereinigung, da fragt die Sage: Woher kommt dieser Zug? Und sie 
antwortet: Das Weib ist aus dem Körper des Mannes ersdiaffen, 
ursprünglidi waren sie eins, darum wollen sie wieder eins werden. 
Der Mythus Gen, 6 wirft die Frage auf: Warum ist das Alter der 
Mensdien jetzt viel geringer als das der Mensdien der Urzeit? Und 
er antwortet: Weil ihre Töditer einst mit den Gottessöhnen Inzest 
trieben, wurde ihr Hödistalter auf 120 Jahre festgesetzt. Der Paradies- 
mythus antwortet auf die Frage: Wie kam der Gesdileditsakt in 
die Welt? daneben aber audi auf die Frage: Warum gibt der Adier 
so sdiwer seine Gaben her? Warum muß der Mensdi in so mühsamer, 

19» 



292 



Dr, Ludwig Levy 



harter Arbeit ihm sie abringen? Die Antwort lautet: Der Ader wurde 
verflucht, der MensA hatte gegen das göttMe Gebot vom Baume der 
Erkenntnis gegessen, d. h mit seinem Weibe geädert, darum muß er 
jetzt im bdiweiße seines Angesidites den Ader bebauen. Eine ähnlidie 
Jr^rage liegt audi der Kainsage zugrunde und darum wurde diese Sage 
unmittelbar mrt der Paradieserzählung verknüpft. Die Frage lautete- 
Warum gibt die Erde den Beduinen, den Kainiten, keinln Ertrag 
waruni treiben sie keinen Aderbau? Und die Antwort lautet: Die 
Erde hat einst durdi Sdiuld des Kain, des Stammvaters der Kainiten 
Bruderblut getrunken das Blut eines Brudermordes hat sie befledt! 
»Uas Blut deines Bruders sdireit zu mir auf vom Ader. So sei denn 
verfludit, hinweg von dem Ader, der seinen Mund auftun mußte, 
zu empfangen von deiner Hand deines Bruders Blut! Wenn du den 
Ader bebauen willst, soll er dir seine Kraft nidt mehr geben « 

U.r,u?'^ ^"^fu^'j'^ '".J^' ^'^^^ ^'^ ""^ ^^' '"^ Nadklang alter 
Mythen, als lebendes Wesen empfunden, wie bei den Ägyptern 

Sw Tff Z S^l^*jf*^ G^ «nd die indisde Prithivi. Sie wird durd 
Blut befledt, durd Unzudt entweiht, sie speit die unzüdtigen 
Kanaamter aus und m Leviticus 18 wird Israel vor gesdiedtliden 
Verirrungen gewarnt, damit es nidt die Erde verunreinige, daß sie 
es nidt ausspeie, wie sie es mit den früheren Bewohnern getan. Bei 
Ezediel wird Palästina der Nabel der Erde genannt. - 

Das ist die eine Frage, auf die die Kainsage antwortet. Die 
zweite Frage lautet: Wie ist das Stammesabzeiden der Keniter 
entstanden? Und es wird die Antwort gegeben: Damals hat es ihr 
Stammvater Kam von Gott erhalten, als er seinen Bruder Abel 
ersdW Mit deser Zurüdführung des Stammzeidens auf einen 
Mord des Stammvaters wird der fremde Stamm verspottet. Zwar 
lebte Israel, soviel wir wissen, in Freundsdaft mit den Kenitern 
aber als mordgierig werden sie aud später gesdildert. Die Keniterin 

tir?tt^\'^T t^^"^??^^^^^^^" Sisera, den sie gastfreundlid 
in Ihr Zelt geladen hat und der vertrauensvoll bei ihr eingekehrt ist. 
öoldie Herabsetzungen begegnen uns aud heute nod zwisden den 
Bewohnern versdiedener Dörfer und Gegenden und waren in alter 
Zeit sider gang und gäbe In der Bibel begegnet uns eine ähnlide 

JZZ U^ /" n'^'^J^i^' '^r*^- ^t ^''^'^ ^'^ Namen Moab und 
Amen erklart: Die Todter Lots buhlen mit ihrem Vater und die 
eine nennt ihren aus der blutsdänderisden Gemeinsdaft gezeugten 
Sohn ::Klö = ai*^ä Wasser oder Samen meines Vaters, die andere 
ihren Sohn j-isy = 'sr ja Sohn meines <nädsten> Verwandten. Ebenso 
wie dort de Stammesnamen wird hier das Stammeszeiden der 
Keniter veradtlid gemadt und zugleid der räuberisde Beduinen» 
S!fw"?"f ? '^'"" an wegen einer Blutsduld zu seinem un- 
1 1 ^ ^f '^ ^^'" ""f "''''^' hingestellt. »Einst«, sagte man, »hat 
aud der Stammvater dieser wilden Gesellen den Erdboden bebaut 
dann aber hat er seinen Bruder, den Gott wohlgefälligen Sdafzüdter 



Ist das Kainszeidien die Besdineidung? 



293 



<in diesem Kreise entstand wohl die Sage) ersdilagen, wurde ver= 
HuAt und mußte unstät und flüditig werden, weil ihm die beHeAte 
■ A V r .^^ niAt mehr gab. Als er bereute, madite ihm Gott 
das ^eiAen, das die Keniter nodi heute tragen.« Soldie Stammes- 
abzeidien smd : Haartraditen, Sdieren des Kopfes, Einsdinitte und Täto - 
Wierungen. So hat Kedar gesdiorene Haareden, Ismael goldene Ohr= 
ringe, Israel die Besdineidung. Diese Stammesabzeidien sind Ursprünge 
lidi religiöser Art und zeigen an, daß ihr Träger Eigentum seines Gottes 
ist, der ihn sdiützt. Daß die Sitte bestand, diese Zugehörigkeit durch 
iiinritzen in die Haut zum Ausdrud zu bringen, beweist Tesaja 44 5- 
»Der wird sagen; JHVH's bin idi und der nennt midi mit dem Namen 
Jakobs« ,. und jener besdireibt seine Hand: »,JHVH eigen' und empfängt 
den Beinamen , Israel'«. AuA in Ezediiel 9, 4 zeidinet der Engel die 
btirnen der Männer, die die Sdiandtaten in Jerusalem beklagt haben 
mit einem Zeidien, das ihnen zum Sdiutzzeidien wird. Die Kopf= 
tephillin sind sehr wahrsdieinlidi an Stelle eines Zeidiens an der Stirne 
zwisdien den Augen getreten, als Einsdinitte in den Körper als heid- 
msdie Kultsitte verboten wurden. Audi das Kainszeidien soll nadi der 
Iradition eine Stirntätowierung gewesen sein. Es spridit viel dafür, 
dal) diese Überlieferung riditig ist. Ein derartiges Stammesabzeidien 
konnte audi als Sdiutzzeidien gelten, wie es die Kainsage aufgefaßt 
wissen will. Der Träger stand unter dem Sdiutze seines Gottes, aber 
audi seines Stammes, der den Tod jedes Angehörigen in der Blutradie 
»siebenfadi« rädite. Soviel über das Kainszeidien, 

Nebenbei sei audi erklärt, warum JHVH' das Opfer Kains 
ablelint, das Abels wohlgefällig annimmt. Idi glaube, daß der Grund 
dann liegt, daß Kain irgendweldie Früdite des Feldes, nidit die 
Erstlinge darbringt, Abel aber die Erstgeburten seiner Herde, 
jHVH, meint die Sage, gebührt aber die Erstgeburt, Nur sie 
nimmt er wohlgefällig auf, Religionsgesdiiditlidi bedeutsam ist die 
Sage durdi die Sdiilderung des bösen Gewissens, der Stimme Gottes 
und durch die gewaltige Kraft der Darstellung, wie Gott Kain vor 
der Sunde warnt. Der Mythus madit in seiner lapidaren Kürze einen 
tiefen EindruA, Die Hilfsmittel der Psydio-Analyse, besonders der 
Sexualsymbolik, können, darin stimme idi mit Reik überein, nodi 
Lidit in mandie sdiwierige Partie der Bibel bringen. Es ist jedodi 
größere Vo rsidit bei ihrer Anwendung zu empfehlen K 

. . 'M^-t-"^^ l*.."'?'^ ^"^ Heydner, der in der Zeitsdirift für die alt» 
testamentlidie Wissensdiaft, Jahrgang 1898, S. 120, dieselbe Hypothese, das Kains- 
zeichen sei die Beschneidung gewesen, ausgesprodien hat. Zeydner hat iedodi nidit 
einen einzigen stidihaltigen Beweis für seine Idee beigebradit, so daß sidi ein Ein» 
f ^n"s t «""l^ort'&enBeraef langen erübrigt. In derselben Zeitsdirift, Jahrgang 1894, 
b, 308, hat sidi schon Stade, Beiträge zur Pentateudilcritik, Das Kainszeidien, kurz 
gegen die Identihzierung mit der Besdineidung ausgesprodien. 



294 Vom wahren Wesen der Kinderseele. 



Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

Dreikäsehoch. = 

Zur PsyAoanalyse des Wortwitzes. 

Dr. Karl Abraham macht auf einen kleinen Artikel aufmerksam, den 
Hans Baldrian unter ohigem Titel in der »Vossisdien Zeitung« 

vom 6. Februar 1919 veröffentlidit. Als Einleitung schickt der 
Verfasser folgende Worte voraus: 

»Der kleine und nur sehr flüditig gewaschene Straßenjunge, der die 
Veranlassung zu dieser Bemerkung ist, verdiente sehr wohl mit Namens= 
nennung in ein wissenschafflidies Werk über PsyAoanalyse, besonders 
über unbewußte Wort= und Witzbildung, aufgenommen zu werden. Sein 
Ausspruch, der solchen Ruhmes wert ist, muß als ein klassisdies Beispiel 
für die hodientwidcelten Assoziations= und Wortbildungskräfte des sieben» 
jährigen Paule Schmidt öffentlich verzeichnet werden.« 

Hans Baldrian verweist nun insbesondere auf die psychoanalyti» 
sehen Untersuchungen Professor Freuds, weldie die Psydiogenese des 
Witzes und seine Beziehung zum Unbewußten beleuditen, und erzählt als 
in dieses Gebiet gehörend, folgende kleine Anekdote; 

Einen hödistens sedisjährigen Knaben in sehr guter Kleidung, mit 
Pelzmütze und Pelzjadke stolz einhersdireitend, umringen mehrere gleich» 
altrige Jungen, sehr ausgelassen, aber in ärmlichen Anzügen, meist nur 
in blaugrüner Wolljadce und mit verschlissenen Soldatenmützen auf den 
kurzgeschorenen Köpfen, Als idi heute an dieser Gruppe vorüberging, 
sdirie einer der Jungen, ein etwas größerer, aber hödistens siebenjähriger, 
laut zu dem in der Mitte; 

»Ach, du dreikeesiger Neesehoch!« 

Idi war über diese kühne Neubildung so erstaunt und betroffen, 
daß ich erst einige Zeit nadi denken mußte, während die Spielgenossen 
des Rufers die ganz neuartige Schmähung schon aufgenommen hatten 
und im Chore übermütig wiederholten; 

»Ach, du dreikeesiger] Neesehoch!« 

Wissen Sie denn, was alles dazu gehört, diesen wunderbaren Satz 
zu bilden? Bedenken Sie: ein Junge, gereizt durdi das stolze Betragen 
eines lediglich Bessergekleideten, unternimmt es, durch einen Witz, dar* 
gestellt durdi eine komische, weil völlig ungewöhnliAe Wortbildung, ein 
Erzeugnis seines rasch und sicher arbeitenden Geistes, den andern zu 
demütigen. Es gelingt, ihm, in zwei wilde Worte zwei sonst recht um* 
ständliche Schmähungen zusammenzuziehen. Er will dem Gegner doch 
sagen, daß er nur ein Dreikäsehoch ist, ein Wesen also, das die 
Nase nicht hoch tragen sollte. Den Ausdrude »Nasehoch«, oderdialekt* 
riditig »Neesehoch« gab es bis jetzt noch nicht. Der Naseweis hat dem 
Jungen bei seiner Bildung sidier vorgesdiwebt, dodh ist dies ein Wort, 
das Kinder untereinander wohl kaum anwenden. Er hätte sdilicßlich die 
redit anspruchsvolle und feierlidie Bezeidinung »hodinäsiger Dreikäsehodi« 



Äußerungen infantil^erotischer Triebe im Spiele 



295 



annehmen können, einen doch sehr unkindlidien Ausdrud. Zur Kenn= 
Zeichnung unbereditigten Stolzes paßte ihm der »Neesehocii« besser, der 
ein viel abfälligeres Urteil in sidi sdiließt, wobei das »hodi« vom »Drei» 
käsehoA« mit dem »die Nase hoch tragen« verschmolzen wurde. 
Schließlidi wurde dann »dreikäsig« oder »dreikeesig« zu einem Beiwort 
mit einem außerordentlicfi verächtlichen und sAmähenden Klang. 

Die neue Bildung erfüllte die ganze Straße mit Freude. Einen 
Nachmittag lang hörte man von jedem Kinde die Worte vom »drei» 
keesigen Neesehoch«. Auf Befragen gab der Junge an, die ganze Wort» 
bildung in Augenblicksschnelle vollzogen zu haben. »Es rutsdite mir so 
raus«, sagte er wörtlidi. 

Infantile Wortbrücken. 

Der Traum benützt, wie wir aus vielen Analysen wissen, in seiner 
Arbeit off Assoziationen, welcfie nur durcfi lautliche Ähnlichkeit mit 
früheren Gedankengängen verbunden sind. Er ist auch hierin dem kind- 
lidien Vorstellungsleben ähnlicfi, das unverstandene Wörter an bereits be= 
kannte angleicht. Einige Beispiele: Max verstümmelt das Wort Professor, 
dessen Bedeutung ihm nidit bekannt ist, und erzählt von einem Profiseur 
<Anlehnung an das Max bekannte Wort Friseur). Er erklärt seiner Sdiwester 
mit betonter Überlegenheit, ein Löwe sei immer zahner als ein Tiger 
<AngIeichung an Zahn). In der Spielsdiule hat er ein Gediciit »Lob des 
Herbstes« gelernt, das er zu Hause auswendig hersagen will. NaÄ dem 
üblichen Lob der guten Früciite, welche der Herbst uns bringt, vernehmen 
wir überrasdit den Schluß; 

»Mensdien, nehmt die Gabel gern, 
aber danket auci dem Herrn!« 

Unter Gaben kann Max sich wenig vorstellen, doch das Wort 

Gabel ist ihm geläufig, >ri r. .< 

Ih. Keik. 

Ein durchsichtiges Kinderversprechen. 

Ein kleines Mädchen hat im Gebete die Worte zu sagen; »Maria, 

Mutter Gottes, die du bist voller Gnaden.« Sie verspricht sidi in cfiarak» 

teristischer Weise, weldie ihre infantilen Sexualinteressen verrät; »Maria, 

Mutter Gottes, die du bist voller Knaben.« -rt n -t 

. ih, Reik. 

Der Gegensinn der infantilen Worte, 

Professor Freud hat uns über die Parallele, weldie zwisdien dem 
Doppelsinn gewisser Worte in antiken und modernen Sprachen und be» 
stimmten Eigenheiten der Traumarbeit besteht, Aufklärung gegeben. Es 
sdieint mir der Vorsdilag nahezuliegen, die in der Entwiddung begriffene 
Kinderspradie auf ähnlidie Wortbehandlung, die ja zugleich Sadibehandlung 
ist, hin zu prüfen. Es würde sich dabei insbesondere um Kinder handeln, 
die das zweite Lebensjahr noch nidit überschritten haben. 

Als kleines, erstes Beispiel möchte ich die Bezeichnung »Aba« bei 
meinem, jetzt 20 Monate alten Knaben wählen, »Aba« sagte er schon 
recht zeitlich, wenn er auf den Schoß der Mutter gehoben werden wollte,- 
aber audi, wenn er von dort wieder auf den Boden wollte. Es war für 



296 Vom wahren Wesen der Kinderseele. 



jeden Bcotaditer klar, daß dieses Wort eine Doppelbedeutung hatte, weldie 
dem »Gegensinn der Urworte« entsprach. Wenn idh z. B. mit ihm spielte, 
hob er die Ärmchen empor und wiederholte solange »Aba!«, bis iA ihn 
auf die Schulter gehoben hatte. Wenn ihm aber von diesem Sitze aus 
etwa ein Spielzeug, das er in der Hand gehalten hatte, zur Erde herab^ 
gefallen war, strampelte er mit den Füßen und rief »Aba!«, bis iA ihn 
auf den Boden gesetzt hatte. Einmal stellte idi midi verständnislos, als 
könnte ich nicit verstehen, und fragte nach dem übHdien »Aba!«: Wohin? 
Einen Moment sah das Kind, verwundert ob solcfier Begriffsstutzigkeit, 
mich an, besann sicii und klopfte dann mit seinen FingerÄen auf meine 
Knie <es wollte auf meinen Sdioß) und rief; »Da=da!« Nacii mehr= 
maligen Wiederholen dieses Versuches verlangt der Kleine jetzt immer 
spontan; »Aba — da = dä!«, wobei er mit der Hand zeigt, wohin er 
eigentlidi will. Die Doppelbedeutung von »Aba!« (hinauf und hinunter) 
bietet eine sdiöne Parallele zum Gegensinn mancher ^Urworte, wie ihn 
zuerst Abel nachwies. Das nacfiträglidi zur Verdeutlichung hinzugekommene 
Wort »da=da« würde seiner Funktion nadi den kleinen, der Bilderschrift 
beigefügten Indizies entsprecfien. Zahlreidie, genau geprüfte Beobaditungen 
der Kinderspraciie würden uns, wie ich glaube, überhaupt wertvolles 
Material zur Erforschung des Seelenlebens der Neurotiker, der primitiven 
Völker und der Antike liefern i>. 'r< n .. 
Ih. Reik. 

1) Idi verweise z. B. auf die kindlidie Bezeidinung »Papapa« oder »Mamama«, 
die, ursprünglidier und gegenständlidier als Großpapa, Großmama, wohl geeignet 
ist, einen Beitrag zum Verständnis der seelisdien Beziehungen zwisdien Enkel 
und Großvater, wie sie durdi Abraham und Jones dargestellt wurden, zu liefern. 
Audi hier gibt es Übereinstimmungen mit allen Spradien. 



Drudifehlerbericfitigungen. 

Seite 279, Zeile 28 soll es statt geistlidi geistig heißen. 

Seite 283, Zeile 25 soll es statt 1880—1890 1890—1900 heißen, 

Zeile 33 kommt »Frühlingserwachen« unter Anführungszeichen. 

Zeile 36 kommt nadi dem Worte ausgesprodien : 
Seite 284, Zeile 16 soll es statt von vor heißen, 

Zeile 37 soll es statt verwirrend beängstigend heißen. 

Anmerkung. 1. Zeile statt Barhison Barbizon, 
Seite 285, Zeile 2 nadi vorübergehend kommt , 

Zeile 3 soll es statt erzeugen erzeugend heißen, 

Zeile 5 soll es statt ist war heißen, 

Zeile 17 soll es statt bekämft bekämpft heißen 

Zeile 18 fehlt nadi dieser das Wort Bundl. 

Zeile 32 nadi dem Worte öfter kommt , 
e . ^o£ ,?^','^ ^^ soll es statt Jugendwandervoger Jungwandervogel heißen, 
berte 286, Zeile 1 nadi Analyse kommt : . • 

Anmerkung. Zeile 1 statt 1915 1913. 
Im Inhaltsverzeidinis ist am Ende »Vom wahren Wesen der Kinderseele« hinzu= 
zufügen. 

n c D c 

Buchdruckerei Carl Fromme, Ges. m. b. H., Wien V.