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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V 1917 Heft 3"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO~ 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
V. 3. DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 1917 



Homer. 

Psychologische Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Volksepos 
von Dr. OTTO RANK. 

»Was unsterblich im Gesang soll leben, 
Muß im Leben untergehn.« 

Schiller (»Die Gatter GriedimJands«.) 

Vorwort. 

Die nachstehend abgedruckten und in weiterer zwangloser Folge 
zur Veröffentlichung gelangenden Abhandlungen über das 
Volksepos, besonders über die ebensoviel bewunderten wie 
kritisierten homerischen Gedichte, sind Bruchstüd?e einer größeren 
Arbeit, deren Konzeption und Vorstudien viele Jahre zurüddiegen, 
deren Ausführung und Publikation aber ohne den Krieg wahr= 
scheinlich noch längere Zeit verzögert worden wäre. 

Dies ist aber nicht so zu verstehen, als wäre das Thema, das 
von den großen, für das Schicksal der Kulturmenschheit bestimmenden 
Völkerkämpfen der Weltgeschichte handelt, durch den Krieg angeregt 
oder in eine gewisse Richtung gedrängt worden. Vielmehr entstammt 
die rein psychologische Problemstellung wie einzelne Gesichtspunkte 
zu ihrer Lösung dem Arbeitsgebiet der Psychoanalyse, die sich auf 
verschiedenen geisteswissenschaftlichen Gebieten als unentbehrliches 
methodisches Prinzip zu erweisen beginnt. Steht doch selbst unsere 
im Realismus aufgehende Zeit stärker unter der Herrschaft innerer 
Mächte als sie glaubt oder anerkennen will, ja sucht vielleicht gerade 
aus diesem uneirigestandenen inneren Zwang heraus in einem 
leidenschaftlichen Veräußerlichungsdrange Zuflucht,- um so mehr bleibt 
das Seelische letzte und höchste Instanz in der idealistischen Gedanken» 
weit der Wissenschaft, auch dort, wo sich der Forscher bemüht, die 
strengen Gesetze des Naturgeschehens und des Menschengesdiidtes 
zu »verstehen«, was ja wieder nidtts anderes heißen kann, als sie mit 



134 



Dr. Otto Rank 



seiner von der seelischen Konstitution bestimmten Stellung zur Welt 
in Einklang zu bringen. 

Die psychoanalytische Forschungsmethode hat somit in ihren 
gesicherten Ergebnissen Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt, deren Trag- 
weite, über das fachliche und allgemeine Interesse hinaus, die Geschichte 
der Menschwerdung und der menschlichen Weltschöpfung umspannt. 
Was die Klugheit erfunden, der Verstand begriffen, der Geist 
ersonnen, die Phantasie geschaffen hat, es ist aus den wenigen 
gleichen Quellen menschlichen Bedürfens, Sehnens, Verzichtens ge= 
flössen, gestaltet nach den starren Normen der unerbittlichen Not- 
wendigkeit und bestimmt, den Inbegriff menschlichen Wünschens mit 
Befriedigung zu erfüllen. 

Die bei der Heilung seelischer Störungen von Freud auf- 
gedeckten Mechanismen herrschen im unermeßlichen Reich mensch- 
licher Phantasiebildung, von der fixen Idee des Irren bis zur hochwertigen 
künstlerischen Produktion, die im Grunde genommen der gleichen 
Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit dient. Inwieweit auch 
das Volksepos und die ihm zugrunde liegende Sagenbildung diesen 
das individuelle Seelenleben beherrschenden Gesetzen gehorcht, 
welchen Tendenzen des Gemütes, was für sozialen Funktionen es 
dient, welche kulturellen Entwicklungsstadien und historischen Ereignisse 
es in seinem Material widerspiegelt, soll in den folgenden Ab- 
handlungen vom Standpunkt psychoanalytischen Denkens untersucht 
werden. 

Bereits vor zehn Jahren hat Freud in gewissen formalen 
Eigentümlichkeiten der Phantasiebildung, die ihre Entsprechung in 
bestimmten psychischen Tendenzen finden, den »epischen« Charakter 
betont 1 und damit die Anregung zum Studium der eigentlichen 
Epenbildung gegeben. Aber zu den im Material selbst liegenden 
Schwierigkeiten und den Komplikationen, die jahrhundertelange wissen- 
schaftliche Bemühungen um sein Verständnis hineingebracht hatten, 
gesellte sich ein Mangel, der besonders den Psychologen abhalten 
mußte, sein Interesse an dem Problem des Volksepos in frucht- 
bringender Weise zu vertiefen: Die Handlung des Epos, das wir 
seiner dichterischen Schönheiten wegen lieben, lag uns stofflich so 
fern wie ihr Schauplatz räumlich, so daß die zum letzten Verständnis 
führende Einfühlung nur in den wenigen allgemein-menschlichen 
Momenten Anhaltspunkte fand, ohne das Detail und den Gesamt- 
aufbau zu durchdringen. 

Dieses Defizit hat der Krieg, den griechische Weisheit als den 
Vater aller Dinge bezeichnet, mit seinen gewaltigen äußeren Um- 
wälzungen und inneren Umwertungen auf einen Schlag ausgeglichen, 
indem er dem auf individualisierende Kleinarbeit eingestellten Psycho- 
logen die heroischen Kämpfe und Völkerbewegungen der Vergangenheit 
mit ihren urewigen Motiven in intensivstem Miterleben schmerzlich 



1 Der Dichter und das Phantasieren 1908, 



Homer 



135 



nahebrachte. Die Kluft zwischen dem auf Lustgewinn hinzielenden 
Individuum und der Anpassungen und Verzichte fordernden 
Gemeinschaft, die sonst Weib, Familie, Stamm und Staat nur un= 
vollkommen verdeckt hatten, war mit einemmal durch den Krieg 
überbrückt worden, der die individuellen Eigenheiten in weitgehendem 
Maße verwischte und das durch die primitive Lebensnot verstärkte 
Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Einsseins mächtig an= 
wachsen ließ. So wurde auch eine dem Problem entsprechende Ein= 
Stellung erreicht, die ermöglichte, das in den großen epischen Schöpfungen 
vorliegende völkerpsychologische Rätsel mittels der von intensivstem 
Gemeinschaftsfühlen durchtränkten individualpsychologischen Be= 
trachtungsweise zu erfassen. 

Denn es ist durchaus nicht selbstverständlich, daß die unsere 
Zeit beherrschenden sozialen Bestrebungen und demokratischen 
Ideen, die im Kriege mächtige Antriebe zu ihrer Realisierung ge- 
funden haben, der Ausfluß eines so intensiven Gemeingefühles 
sind, wie es die antiken Völker kennzeichnet. Vielmehr erscheinen 
sie als Reaktion auf die individualistischen Sonderbestrebungen des 
einzelnen, die von ihm, soweit er sich als Glied der Gemeinschaft 
fühlen muß, drückend empfunden werden, und zwar in der Form 
des sozialen Gewissens, das der sich mit der Sozietät vollkommen 
eins fühlenden Individualität der Antike in dieser Form fremd ge= 
blieben war. Das ist auch einer der Gründe, warum die Entstehung eines 
Volksepos der neueren Zeit, trotz der die Vorbedingung bildenden 
großen Begebenheiten, versagt geblieben ist. Denn es gehört dazu, 
abgesehen von dem erinnerten Erleben volkswichtiger Ereignisse, die 
noch nicht aus dem sagenhaften Dämmern in das geschichtliche Licht 
des Bewußtseins gerückt sind, eine mit der Vergangenheit, Gegenwart 
und Zukunft des Volkes sich eins wissende Individualität, die beide 
Seiten der menschlichen Natur, deren Verhältnis die ganze Stellung 
zur Welt bestimmt, die individualistische und die soziale, in aus= 
gleichender Harmonie vereint, nicht aber sie als Extreme gegen* 
einander ausspielen muß, um das zur Existenz notwendige Gleich» 
gewicht bewahren zu können. Es ist darum auch kein Zufall, daß 
die in dunkeln Urzeiten das Schidcsal der Kulturmenschheit für 
Jahrhunderte bestimmenden entscheidenden Ereignisse der dorischen 
Wanderung, der germanischen Völkerbewegung oder der indischen 
Stammeskämpfe ihren Niederschlag in epischen Gedichten gefunden 
haben, die den. großen Geschehnissen der neueren Zeit versagt 
geblieben sind, während die gegenwärtig im vollen Lichte der realU- 
stischen Geschichtsauffassung des analytisch^individualisierenden Be= 
wußtseins sidi abspielende Kulturkatastrophe ein psychologisches 
Verständnis der Epenbifdung und ^entstehung ermöglichte. 

Zu dieser besonderen Stellungnahme befähigte neben jener 
inneren Extension, die das in seine persönlichen Probleme einge» 
sponnene moderne Individuum in einen Strom sozialen Fühlens und 
Bewußtseins hineinriß, ein Stück komplementärer äußerer Extension, 



136 



Dr. Otto Rank 



die den ruhelosen Sinnen für immer die unvergeßliche Anschauung 
jenes prächtigsten Stückes der Erde einprägte, das im homerischen 
Kampfepos den Preis des Siegers bildet. Das am heiteren Himmel 
Italiens und der erhabenen griechischen Landschaft gesättigte Auge 
des mitteleuropäischen Großstadtmenschen fand an den zitternden 
Azurtönen der kleinasiatischen Küste für flüchtige Augenblicke einen 
reizvollen Ruhepunkt, während im Angesichte der »Königin der 
Städte« wie zu den vom homerischen Didhter besungenen Urzeiten 
um die lebenswichtige Wasserstraße gekämpft wurde, die Europa 
mit dem alten Asien verbindet. War es dem in staunendem 
Schweigen versunkenen Beschauer auch nicht vergönnt, die Trümmer= 
statte des einstigen Troja und das — heute noch ebenso wie zur 
Zeit, als der größte Dichter der Menschheit dort geboren wurde 
— von vollstem Leben pulsierende Handelsstädtchen Smyrna zu 
besuchen, so hat vielleicht gerade die Unmittelbarkeit der Nähe 
dieses ersehnten, aber gleich der trojanischen Feste unerreichbaren 
Zieles mächtiger auf seine Phantasie gewirkt als das, was die Steine 
doch vielleicht nur gesprochen hätten. Der Blick, der sich an einem 
kristallklaren Herbstabend vom verwitterten Urwaldfriedhof auf Ejub 
über das wirklich vergoldete »Goldene Hörn«, die unbeschreibliche 
Silhouette von Stambul und den dahinter liegenden Meeresarm mit 
den vorgebirgartigen Prinzeninseln bis zur vielgestaltigen Schwelle 
der uns so entrückten -asiatischen Welt öffnet, ließ einen alles Miß* 
geschieh einer vergällten Reiseexpedition so gründlich vergessen, daß 
der über der Landschaft schwebende Geist der Antike in ungeahnter 
Weise lebendig wurde. Man begriff plötzlich, daß man eine Stadt 
lieben könne, lieben um ihrer Schönheit willen, wie eine Frau aus 
dem Märchen, man begriff allen Streit und Kampf um sie, wenn 
sie alles in sich vereinigt und mit edler Geste anbietet, was das 
äußere und innere Leben lebenswert macht. 

Mit einem Male fühlte man sich, der Wiener Heimat eng ver= 
wachsen und doch entwachsen, jenem gleich leicht(ebig«sentimentalen 
Völkchen der Smyrnioten verwandt, das Musik, Tanz und harmlose 
Belustigungen mit seinen unvergleichlichen Frauen liebt, die man 
als die schönsten der Erde bezeichnet hat. Sogleich wußte man, daß 
nicht zufällig diese beiden aufs tiefste stimmungsverwandten Städte 
die großen epischen Heldengesänge der Griechen und Germanen 
hervorgebracht hatten und man gewahrte in schaudernder Ver= 
wunderung in seinem Innern ein Mitklingen jener Saiten, das über 
die Jahrhunderte hinweg die Gegenwart mit den im Gedicht fort* 
lebenden Zeitaltern verknüpft Wie damals wird auch heute um den 
Besitz der Brücke nach Asien gekämpft, wie ehemals hat unser 
Osterreich auch heute die aus Osten einbrechenden barbarischen 
Horden abzuwehren,- wie damals reagieren auch heute die Völker 
auf ihre sinnlose Zerstörungswut mit Reue und Schuldgefühl, das 
sich vergebens mit diplomatischen Akten und Geheimdokumenten 
zu rechtfertigen versucht,- wie damals entringt sich auch heute ein 



Homer 



137 



einziger ungeheurer Schmerzensschrei der Brust der selbstgequälten 
Menschheit,- wie damals durchzittert die Luft, unter der ewig hoch* 
ragenden Wölbung des Firmaments, das Jammern der Mütter, das 
Stöhnen der Verwundeten,- wie damals greift uns das namenlose 
Flüchtlingselend ans Herz, die hoffnungsarme Verzweiflung der 
von ihrer Scholle losgerissenen Gefangenen und der verlöschende 
Blick der Sterbenden, der noch einmal zärtlich die Schönheit dieser 
unheilvollen Welt zu umfassen sucht. Wie damals bewegen uns aber 
auch die erhebenden Leidenschaften unerhörter Kraftanspannung, 
erfüllen Stoh und Machtgefühl unser Gemüt, das über allen 
Jammer hinweg den Triumph der unerschütterlichen Standhaftigkeit 
des Siegers genießt. Nur mischen sich uns in diese lebenfördernden 
Energien die freudlos machenden Gefühle des Mitleidens, die dem 
heroischen Menschen der Vorzeit nur bewußt wurden als Empfindung 
des Nachteidens, des Bedauerns, das zur erklärenden Rechtfertigung 
des unwiderruflich Geschehenen im epischen "Gesang führte. 

Uns aber, den spätgeborenen, mit allen Errungenschaften 
aber auch mit allen Kümmernissen verflossener Menschenalter be= 
lasteten Enkeln ist es aufgetragen, in unserem Innern den Ausgleich 
für all die widerstrebenden Gemütsregungen zu finden, deren 
Manifestierung das Schidcsal des einzelnen wie der Völker und 
letzten Endes der Menschheit auch heute so unabänderlich bestimmt, 
wie es die epischen Dichtungen vergangener Jahrtausende künden, 
lange bevor wir da waren, ihnen zu lauschen, und noch lange 
nachdem das aufdringliche Brausen der Gegenwart in unserem müde 
gewordenen Ohr verklungen sein wird. 

Konstantinopel, im September 1916. 



F. 
Das Problem. 

»Noch ist die epische Frage Gegenstand des Streites. 
Der Psychologie aber gehört hiebe! das erste und das 
letzte Wort.« Steinthal. 

Diese Worte, die Steinthal, einer der Begründer der Völker« 
Psychologie, vor einem halben Jahrhundert niedergeschrieben hat, 

1 Die ersten fünf zur Veröffentlichung gelangenden Abschnitte sind Ent« 
würfe aus dem ersten Kriegswinter 1914/15, die zunächst zwei allgemeine Kapitel 
und drei das homerische Problem einleitende umfassen, denen sich noch zwei weitere 
die griechische Epenbildung abschließende Hauptabschnitte anreihen sollen. Der 
Gesamtplan der Arbeit umfaßt noch die Untersuchung des Nibelungenliedes, Aus« 
blicke auf die epischen Dichtungen anderer Völker, eine Betrachtung des Kunst- 
epos sowie der epischen Ausläufer in der dramatischen Dichtung unter den hier 
entwickelten Gesichtspunkten, die in einem das Wesen des Volksepos charakterisierenden 
Kapitel eine die Resultate zusammenfassende abschließende Darstellung finden sollen. 
Die derzeit unzugänglich gewordenen literarischen Quellen sollen später nach* 
getragen werden. 



138 



Dr. Otto Rank 



dürfen heute mehr als jemals volle Geltung beanspruchen. Es ist 
darum ein Gebot der Pflicht, daß ein neuer Versuch, das Wesen 
des Volksepos von der psychologischen Seite zu erfassen, daran 
anknüpft. Der Streit um die epische Frage hat sich, weit ent- 
fernt von einer Schlichtung oder Lösung, zu anscheinend unver- 
einbaren Gegensätzen verschärft/ die Psychologie aber ist, seitdem 
Steinthal ihr das Recht mitzusprechen so mutig erwirkt hatte, nicht 
mehr zu Worte gekommen. Die zünftige Philologie, die das Gebiet 
der Epenforschung lange in Beschlag hielt, ließ nur allmählich andere 
sich ihr unterordnende Wissenszweige zur Mitarbeit zu und wollte 
sich erst spät bequemen, ihre Gleichberechtigung anzuerkennen. 
Namentlich waren es die in den Achtzigerjahren von Schliemann 
begonnenen, von seinem Nachfolger Dörpfeld erfolgreich fort- 
gesetzten und von Evans kretischen Funden gekrönten archäo- 
logischen Ausgrabungen in Kleinasien, Griechenland und den Inseln, 
die durch Aufdediung ' einer die realen Grundlagen der griechischen 
Epenüberlieferung beweisenden alten Kultur eine wesentliche Neu- 
orientierung in den Fragen nach der Geschichte des Epos mit sich 
brachten und den Gesichtskreis der dabei in Betracht kommenden 
Forschungen beträchtlich erweiterten. So ist die »epische Frage« heute 
zu einem Komplex verschiedener Einzelprobleme geworden, um deren 
Lösung sich Literaturgeschichte und Ästhetik, Sprachwissenschaft und 
Geschichte, Mythologie und Sagenkunde, Archäologie und Kultur- 
geschichte gleichmäßig bemühen. Daß diese fortschreitende Spezialisierung 
der Forschung und ihrer Ergebnisse den Widerstreit der Meinungen 
zunächst nur verschärfen konnte, darf nicht verwundern, wenngleich 
die anfangs verächtlich angesehene »Wissenschaft des Spatens« 
der zersetzenden und in ihren subjektiven Fundamenten vielfach 
angreifbaren »höheren Kritik« gegenüber schließlich doch ihrem 
positiven und objektiver Nachprüfung zugänglichen Beweismaterial 
Achtung und Anerkennung verschafft hat. 

Wer heute als Fachgelehrter an die Probleme der Volksepik 
herantritt, ist durch unbefriedigenden Verlauf und widersprechende 
Ergebnisse der bisherigen Forschung gewarnt, wie durch seine be- 
grenzte Arbeits- und Fassungskraft gehindert, sich die Aufgabe zu 
weit zu stechen ; und tatsächlich haben die voreiligen Versuche älterer 
Autoren, die Frage in ihrer Gesamtheit glatt und restlos lösen zu 
wollen, einerReihe vorsichtiger, scharf umgrenzter Einzeluntersuchungen 
Platz gemacht, die nur wieder allzu oft daran leiden, daß sie über 
den Details das Ganze, dem sie sich einzuordnen haben, aus den 
Augen verlieren. In dem mit Heftigkeit und Erbitterung geführten 
Kampf der Meinungen hat man öfter auch über dem persönlichen Be- 
streben, den Gegner zu widerlegen, das strittige Thema ganz außer 
acht gelassen und so die Widersprüche durch Isolierung und Über- 
treibung zur Unvereinbarkeit verschärft. Dem gegenüber gilt es, 
die Sache selbst ins Auge zu fassen und wieder naiv anschauen zu 
lernen, wie es der epische Dichter tut. In dieser Hinsicht bietet eine 



psychologische Betrachtung des Gegenstandes den Vorteil, daß sie 
sich direkt an das insoweit fast noch unberührte Material wenden 
muß, wenngleich sie als letzte Instanz alles menschlichen Wissens 
eine möglichst umfassende Kenntnis der verschiedenen Probleme und 
ihrer bisherigen Lösungsvorschläge voraussetzt/ auf der anderen 
Seite gestattet, ja gebietet sie geradezu, die gebahnten Wege der 
Forschung zu verlassen und selbständig Problemstellungen zu ver- 
suchen, die vielleicht wieder zu einer Neugruppierung der für das 
Verständnis der gesamten altgriechischen Kulturwelt entscheidenden 
epischen Fragen führen können. Man darf aber keinen Versuch einer 
umfassenden Lösung des Gesamtproblems erwarten, der gestatten 
würde, alle auf den Spezialgebieten erwachsenen Schwierigkeiten und 
Widersprüche zu beseitigen, sondern bloß einen psychologischen Beitrag, 
der durch das Gestrüpp der verschlungenen Kritik wieder freien 
Ausblick und Zugang in das Verständnis der Dichtung zu bahnen 
sucht. Daß dieser selbständige Versuch trotzdem die gesicherten Er= 
gebnisse der verschiedenen Pacharbeiten zu berücksichtigen hat und 
die festgestellten Grundfragen im Rahmen seiner Auffassung 
Würdigung und womöglich Förderung erfahren sollen, muß natürlich 
als notwendige Voraussetzung seiner Berechtigung gelten. Sollte es 
dabei noch gelingen, die bereits gewonnenen, anscheinend unverein= 
baren, ja einander aufhebenden Resultate jahrhundertelanger wissen^ 
schaftlicher Bemühung zu versöhnen oder einander anzunähern, so ist 
alles erreicht, was man von einem psychologischen Beitrag zu diesem 
Thema füglich verlangen kann. Denn es hat sich auch auf anderen 
Gebieten wiederholt gezeigt, wie durch die sonderbare Art der 
Menschen, Wissenschaft zu treiben, ihr Fortschritt verzögert wurde 
und daß eine vorurteilslos die Mitte einhaltende Auffassung, die 
möglichst viel des Erarbeiteten widerspruchslos unterzubringen vermag, 
der Wahrheit immer noch am nächsten kommt. Eine solche Basis' 
an der es bisher für die Epenfrage mangelte, ist aber die Psychologie' 
ihrer Natur nach zu liefern berufen, da sie die Aufgabe hat, die 
Mannigfaltigkeit und Vielfältigkeit der äußeren Erscheinungen in 
ihrem Brennpunkt, dem menschlichen Seelenleben, aufzusuchen und 
von da aus verständlich zu machen. Doch konnte die Schulpsychologie 
dieser ihrer eigentlichen Hauptaufgabe bisher nur höchst unzureichend 
gerecht werden, weil sie sich in selbstdarstellerischer Verblendung in 
der Beschreibung der seelischen Vorgänge erschöpfte und es ihr so an 
Zugängen und der Methodik gefehlt hat, um auf fremden Wissens- 
gebieten ihr entscheidendes Wort mitzusprechen. Nun aber haben die 
bald nach Schliemanns Entded<ungen einsetzen denBemühungen der 
Psychoanalyse wertvolle, bisher verschollene und verschüttete Reste 
aus der seelischen Unterwelt zutage gefördert, die uns ebenso 
bedeutsame, wenn auch noch unvollständige Einblicke in die seelische 
Entwicklung des Menschen gestatten wie die archäologischen Funde 
in seine kulturelle Vorzeit. Dieser Vergleich erstreckt sich nicht nur 
auf die Bloßlegung bisher unbekannten Materials, sondern auch 



140 Dr. Otto Rank 



auf die Technik, die zu seiner Freilegung führt, ebenso wie auf 
die Verwertung der aufgefundenen Bruchstücke eines längst unter- 
gegangenen Lebens. Die Psychoanalyse setzt das Unbewußte, das 
unter der dünnen Oberflächenschichte verborgen ist, in die ihm zu- 
kommende Rolfe ein, indem es die einzelnen verschiedenwertigen 
Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammensetzt und dort aus 
anderswoher gewonnenen Erfahrungen ergänzt, wo dies auf Grund 
der gesicherten Kriterien nahegelegt ist. Wenn man der Psychoanalyse 
so oft vorgeworfen hat, sie arbeite mit unbewiesenen Hypothesen, so 
legt man dabei einen ihr gar nicht zukommenden Maßstab von 
Beweisfähigkeit an, der jedem Wissenschaftsgebiet besonders eigen 
ist. Auch die Archäologie muß sich heuristischer Prinzipien bedienen, 
die, solange sie sich als brauchbar und aufklärend erweisen, jene fest* 
stehenden Gesetzmäßigkeiten vertreten, die auf dem Wege des wissen- 
schaftlichen Suchens erst gefunden werden sollen und durch neu hinzu- 
gekommenes Material jederzeit modifiziert werden können. Soviel 
zur Rechtfertigung der Anwendung psychoanalytischer Gesichtspunkte 
auf ein Wissensgebiet, das von Haus aus so viel Verwandtes in 
Weg und Technik mit der »Tiefenpsychologie« gemeinsam hat. Im 
übrigen ist das, was von analytischer Seite an die Probleme der 
Volksepik herangebracht werden kann, seiner Natur nach so allgemeiner 
und durchaus nicht dogmatischer Art, daß die gegen die Methodik 
vorgebrachten Einwendungen gar nicht daran heranreichen. Die 
psychoanalytische Denkweise, die sich durch eine weitgehende 
Toleranz gegen die verschiedenartigsten Anschauungen und die 
einander widersprechenden Auffassungen auszeichnet, berücksichtigt 
als obersten Grundsatz die Überdeterminierung aller seelischen Er- 
scheinungen, die in einer dem archäologischen Tatbestand analogen 
Schichtung des Materials ihr Korrelat hat. Die Anwendung einige - 
methodischer Gesichtspunkte und gesicherter Ergebnisse der Psycho- 
analyse auf ein so eminent kompliziertes Produkt, wie es die Volks- 
epen sind, wird also um so weniger zu übertriebenen Schlußfolgerungen 
verleiten, als die außerpsychologische Epenforschung in ihren bis- 
herigen Resultaten einen festen Rahmen geschaffen hat, innerhalb 
dessen doch noch so viele Rätsel übrig geblieben sind, daß ein Ein- 
setzen unseres psychologischen Wissens keiner besonderen Recht- 
fertigung bedarf. — Die folgenden Ausführungen sollen über die 
Geschichte der Forschung und ihren heutigen unbefriedigenden Stand 
soweit orientieren, als es für unsere Untersuchung notwendig ist. 



Der Begriff des Volksepos ist verhältnismäßig jungen Datums,, 
er stammt aus der etwas über ein Jahrhundert zurückliegenden Zeit 
der Romantiker, die ja für deutsche »volksmäßige Kunst« so viel 
Schätzung und Verständnis hatten, und wurde eigentlich für das 
nicht lange vorher zum erstenmal vollständig bekannt gewordene 



r 



Homer 141 

Nibelungenlied geschaffen. Fast alle großen Männer auf dem Gebiete 
der Nibelungenforschung gehören in den Kreis der Romantik, stehen 
ihm nahe oder knüpfen an ihn an und ihnen gebührt jedenfalls das 
Verdienst, eines der großen epischen Probleme aufgeworfen zu haben, 
das heute noch im wesentlichen ungelöst, wenn auch vielfach be- 
richtigt und geklärt ist. 

Die Neigung, gewisse epische Gesänge, die einen zunächst un= 
faßbaren Unterschied vom Kunstepos aufwiesen und deren Verfasser 
unbekannt oder den stärksten Zweifeln unterworfen waren, als 
»Volkspoesie« zu betrachten, beginnt in Deutschland 1 mit Herders 
Horenaufsatz »Homer, ein Günstling der Zeit« <1795>, der damit 
die in England heimische Auffassung von Homer als einem »Natur» 
dichter« <Blackwell, Wood) weiterführte. Hatten aber die 
Engländer noch darin die originale Leistung eines hervorragenden 
Individuums gewürdigt, so vertrat Herder, dessen Zweifel an der 
Einheit der homerischen Dichtungen nach Haym <II, 597 ff.) bis 
in die Siebzigerjahre zurückreichen, in seinem im selben Jahre wie 
Wolfs gleichsinnige »Prolegomena ad Homerum« erschienenen Auf- 
satz die so verhängnisvoll gewordene Auffassung von der allmäh» 
liehen Entstehung des homerischen Epos aus der epischen Sage durch 
die in einer Schule sich vollendende Kunstdichtung. Diese Theorie 
wurde von der in der S c h e 1 1 i n g sehen, die Schöpferkraft des zu allgemein 
gefaßten Unbewußten verherrlichenden Kunstlehre befangenen romanti- 
schen Dichtern begierig aufgenommen und weitergeführt, während 
die klassische Schule in der Person von Kl op stock, Goethe, 
Schiller, Wieland, Voss sich gegen eine solche »barbarische« 
Auffassung von der Entstehung so vollkommener Kunstwerke im 
Volke sträubte 2 . Hatte man sich doch auf Grund der Tatsache, daß 
die Überlieferung von der Person des Dichters nichts Sicheres zu 
berichten wußte, zu der mystischen Annahme versteigen können, 
das Volk hätte die Gesänge gedichtet oder sie wären im Volke 
gewissermaßen selbst »zusammengesungen« worden <W. Schlegel, 
W. Grimm, Müllenhoff, W. Müller). Diesem unfaßbaren 
Vorgang, der heute noch in sonst kritischen Köpfen spukt <Erhardt), 
stellten andere Romantiker, namentlich Arnim, Görres, aber auch 
Goethe die bis jetzt geläufige Ansicht gegenüber, nach der diese 
Schöpfungen zwar von einem einzelnen Dichter herrühren, aber 
vermöge besonderer Eigentümlichkeiten vom Volke aufgenommen 

1 Allerdings unterscheiden bereits die Inder das Volksepos <itihäsa> vom 
Kunstepos <fcavya>. 

3 Schiller an Goethe: »Übrigens muß einem, wenn man sich in einige 
Gesänge hineingelesen hat, der Gedanke an eine rhapsodische Aneinanderreihung 
und von einem verschiedenen Ursprung notwendig barbarisch vorkommen,- denn die 
herrliche Kontinuität und Reziprozität des Ganzen und seiner Teile ist eine seiner 
wirksamsten Schönheiten.« 

Goethe: »Ich bin mehr als jemals von der Einheit und Unteilbarkeit des 
Gedichtes überzeugt . . . Die Ilias erscheint rund und fertig, man mag sagen was 
man will, daß nichts dazu noch davon weggetan werden kann.« 



142 Dr. Otto Rank 



werden und dabei in mündlicher Überlieferung vielfachen Ver- 
änderungen unterliegen. 

Was dieser begrifflich derart abgegrenzten »Volkspoesie« die 
Fähigkeit verleihen sollte, vom Volke so assimiliert zu werden, 
konnte nur ihre ursprünglich volkstümliche Grundlage sein, die 
J. Grimm für den lange Zeit auch als Volksschöpfung geltenden 
Minnesang im Volkslied <nach Görres dem Handwerks= und Wander- 
lied des späteren Mittelalters) nachwies und die im Volksepos offen 
zutage liegt. Denn der Stoff des Epos stammt der Hauptsache nach 
aus der Volkssage, an deren Ausbildung nationale Ereignisse, Über» 
lieferungen und Interessen den stärksten Anteil haben. Aus dem 
unfaßbaren romantischen Begriff des Volksepos hat sich auf diesem 
Wege allmählich ein scharf umschriebener Sinn herauskristallisiert, 
dessen erste und unübertreffliche Formulierung dem um das Ver* 
ständnis der griechischen Sagenwelt hochverdienten Nietzsch zu ver» 
danken ist. In dem Bemühen, den viel hervorgehobenen Gegensatz 
von Volksdichtung und Kunstdichtung zu berichtigen, führt er <S. 29) 
aus : »Der Volksgeist bildet nur die Sage und namentlich die Bilder 
der Stammeshelden embryonisch, die Heldenlieder aber sind immer 
Erzeugnisse ausgezeichneter Begabung . . . Das Volk verhält sich 
zu ihnen als das Empfangende und nicht Volksdichtung ist die 
richtige Bezeichnung, sondern Volkslied in dem Sinne, daß es 
von der gemeinsamen eigenen <nicht fremden) Vorzeit er* 
zählend eben Ursprung und Gegenstand auf dem Boden des 
Volksbewußtseins hat.« Ähnlich hat auch der feinsinnige Roh de 
das Wesen des Volksepos verstehen wollen, wenn er sagt <38 ff,): 
»Vor allem muß man sich vorhalten, daß uns in diesen Dichtungen 
zunächst und unmittelbar doch eben nur der Dichter und seine 
Genossen entgegentreten. /Volksdichtung' ist das homerische Epos 
nur darum zu nennen, weil es so geartet ist, daß das Volk, das 
gesamte Volk griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein 
Eigentum verwandeln konnte, nicht weil in irgend einer mystischen 
Weise das ,Volk' bei seiner Hervorbringung beteiligt gewesen 
wäre. Viele Hände sind an den beiden Gedichten tätig gewesen, 
alle aber in der Richtung und dem Sinne, die ihnen angab nicht 
das Volk' oder ,Die Sage', wie man wohl versichern hört, 
sondern die Gewalt des größten Dichtergenius der Griechen und 
wohl der Menschheit, und die Überlieferung des festen Verbandes 
von Meistern und Schülern, der sein Werk bewahrte, verbreitete, 
fortführte und nachahmte.« — Ebenso sind auch für Niese die großen 
Epen weder vom Volk, noch für das Volk geschaffen. Und im gleichen 
Sinne hat sich noch in jüngster Zeit Bethe geäußert <S. 5): »Gewiß ist 
die homerische Poesie keine Volkspoesie, weder vom Volk hervor= 
gebracht oder gesungen, noch für das Volk gedichtet, sondern eine 
sehr bedachte und fein ausgebildete Kunst, die sich an Vornehme 
wendet, Könige und Ritter feiert und sich um die kleinen Leute 
kaum kümmert. Aber man darf im gesunden Widerstreit gegen 



Homer 



143 



jene romantische Vorstellung vom dichtenden Volke auch nicht den 
Gegensatz zu sehr übertreiben . . . Was sie <die Reichen) sangen, 
war auch dem Volke verständlich. Und gern hört es allezeit von 
Königen und erschütternden Ereignissen . . , An Glanz und 
Herrlichkeit erquickt es sich, die es nicht besitzt, an kühnen Helden* 
taten begeistert es sich, die es gern tun möchte, an fernen Wundern 
und Ungeheuern und Gefahren freut es sich, die es nie gesehen.« 
An diese einleuchtende Auffassung knüpft aber ein zweites 
der großen Probleme oder vielmehr eine Reihe von solchen an, die 
zu den wichtigsten Fragestellungen für das Verständnis des Volks-» 
epos führen. Ist das Volksepos weder eine Schöpfung des Volkes, 
sondern einzelner Individuen, noch zunächst für das Volk bestimmt, 
vielmehr — wie allgemein anerkannt — für die Fürstenhöfe und also 
nur der Stoff dasjenige, was auf das Prädikat »volkstümlich« Anspruch 
erheben darf, so fragt es sich vor allem nach Art und Inhalt dieser 
im Volke entspringenden Quelle epischer Dichtung. Zu ihrer Er* 
forschung bot das germanische Nationalepos in den ihm vorangehenden 
und denselben Stoff behandelnden kleineren Liedern vor dem scheinbar 
ganz unvermittelt und singulär hervortretenden griechischen Epos 
einen großen Vorteil, der jedoch einer richtigen Erkenntnis insoferne 
hinderlich war, als er zu voreiligen allgemeinen Schlüssen verleitete, 
die erst spät durch eingehende Einzeluntersuchungen richtiggestellt 
werden mußten. Schien es doch auf den ersten Blich, als wäre die 
nationale Heldensage ursprünglich in einzelnen Liedern oder Romanzen 
überliefert worden, aus deren Vereinigung dann das verschiedene 
Sagenkreise zusammenfassende Epos entstanden sei. Diesen Über- 
gang vom abgeschlossenen Heldenlied zum vereinheitlichten Epos 
dachte man sich entweder im Sinne der jüngeren Romantik als 
absichtsloses und unbewußtes Zusammenfließen der im Volksmunde 
umlaufenden stofflich sich berührenden Lieder oder im Sinne der 
älteren Romantik als bewußte absichtliche Kunstleistung. Als extremster 
Vertreter dieser zweiten, wissenschaftlich einzig faßbaren Richtung, 
die der geheimnisvollen Selbstzeugung der epischen Gesänge eine 
nüchterne Aneinanderreihung — fast möchte man sagen Summierung 
— der Einzellieder zum Epos gegenüberstellt, muß Karl Lachmann, 
einer der Begründer der Germanistik, gelten. Seine Annahme, die 
sich in steter Berührung mit den romantischen Ideen ausgebildet 
und gewandelt hatte <Körner>, gipfelt darin, daß die Zusammen* 
fügung der einzelne Sagenepisoden behandelnden Lieder mechanisch 
durch einen »Ordner« oder »Sammler« geschehe, der wo es Not 
tue, die Lüchen des Zusammenhanges durch Füllsel stopfe. Danach 
wären also die alten Lieder ziemlich unverändert in das Epos auf* 
genommen worden und müßten sich wieder aussondern lassen,- eine 
Arbeit, der sich Lachmann zur Stütze seiner Theorie auch unter* 
zog, ohne aber damit, infolge seiner vorwiegend subjektiven Methode, 
überzeugend zu wirken. In der heftigen literarischen Fehde für und 
wider diese »Sammeltheorie«, deren einzelne Phasen heute nur noch 



144 Dr. Otto Rank 



literarhistorisches Interesse beanspruchen können, haben sich die 
Bedenken, Einwendungen und Widerlegungen so verdichtet, daß 
eigentlich nur die schon vorher angenommene Bedeutung der Lieder 
als Stoffquellen der epischen Dichtung übrig blieb und der künstliche 
Wortstreit zwischen Dichter und Ordner beseitigt wurde durch Ein* 
führung eines Bearbeiters oder Umdichters, der letzten Endes auch 
der von Lachmann vorausgesetzten abschließenden Leistung eines 
Mannes einen annehmbaren Sinn gab. Hatte sich das rein ästhetische 
Empfinden, auf das Lachmann sich beim Ansetzen seiner Kritik 
berufen zu dürfen glaubte, mit Recht gegen seine Mechanisierung 
der künstlerischen Schöpfung gesträubt, so entzogen sachliche Gründe 
positiver und negativer Art seiner Auffassung vollends jede Be= 
rechtigung. War Lachmann doch gezwungen, innerhalb seiner Einzel» 
lieder, die er sich oft genug aus dem vorliegenden Text erst zu« 
sammenlesen mußte, jeweils größere oder kleinere Partien auszuscheiden, 
und die so gewonnenen Teile wieder als Abschnitte eines anderen 
größeren Ganzen zu betrachten. Heute darf diese in sich selbst 
widerspruchsvolle Hypothese, die nur das unklare Bild der Volks* 
poesie nährte, als völlig abgetan gelten, wenngleich damit ihr Verdienst, 
den Anstoß zu weiteren klärenden Diskussionen gegeben zu haben, 
nicht geschmälert werden soll, Es hat sich gezeigt, daß Lachmanns 
Scharfsinn, wie schon J. Grimm treffend erkannt hatte, mit der von 
vornherein ungerechtfertigten Forderung einer zu großen logischen 
Vollkommenheit an die Kritik des Epos herangetreten war/ denn 
wie neuerdings Bethe <S. 54) mit Nachdruck wieder betonte, haben 
wir kein Recht, »ein absolut einheitliches, höchsten Anforderungen 
der Poesie wie der Logik genügendes Werk von der Ilias oder 
Odyssee zu erwarten«. Ferner erwiesen sich die herausgeschälten 
Lieder in vieler Beziehung als grundverschieden von den vorliegenden 
Volksliedern, mit denen sie identisch sein sollten,- ja sie wiesen in 
sich selbst Widersprüche auf, während sie ja gerade ihres unter* 
einander widersprechenden Inhalts wegen ausgesondert worden waren. 
Und endlich wies die Epenbildung eine Anzahl von Gesängen auf, 
die nur als Dichtung für die Zwecke des zusammenhängenden Epos 
verständlich waren und ihrem Wesen nach gar nie als Einzellieder 
möglich gewesen sein konnten, deren Abfassung aber auch über den 
dem »Sammler« zugestandenen Grad von Selbständigkeit weit 
hinausgehend, die planvolle Bearbeitung eines Dichters voraussetzten. 
Zudem hatte man in neueren, der Kontrolle zugänglichen Versuchen 
von begabten und der Volksüberlieferung kundigen Männern, aus 
einzelnen im Volke umlaufenden Gesängen ein zusammenhängendes 
Nationalgedicht zu gestalten, den direkten Beweis dafür, daß kein 
Diaskeuast imstande sein könne, isolierte Lieder zii einer organi« 
sehen Einheit zu verbinden <Krohn>. Die bei aller wissenschaftlichen 
Schätzung vom poetischen Standpunkt doch nur als höchst künstliche 
und durchaus nicht popuiäre Leistungen anzusehenden Unternehmungen 
von Macpherson, Avenarius, Kreutzwald und Lönnrot, aus 



den verstreuten schottischen, russischen, esthnischen, beziehungsweise 
finnischen Volksliedern ein Ganzes zu gestalten, sprechen allzu deutlich 
gegen die gänzlich unpsychologische Denkweise Lachmanns. 

Mit der allmählichen Untergrabung seiner Annahmen war auch 
an Stelle des letzten Endes doch unvermittelten Überganges vom 
Lied zum Epos die Auffassung einer Wesensverschiedenheit dieser 
beiden Kunstformen angebahnt, die der psychologische Spürsinn 
Steinthals bereits geahnt hatte und die neuerdings Ker wie nach 
ihm Heusler in wertvollen Einzeluntersuchungen nachgewiesen 
haben. Danach ist es zwar unleugbar, daß der Stoff des Liedes sich 
vielfach mit dem des Epos deckt, aber ebenso sicher ergibt sich aus 
der Knappheit des Stils und der abgeschlossenen stofflichen Be- 
grenzung, die das Lied kennzeidinen, daß der Übergang zum Epos 
keineswegs mechanisch erfolgt sein kann, sondern nur organisch, 
»durch Neuordnung und Durchdringung der alten Stoffe« (Steinthal), 
wie auch Nietzsch gemeint hatte, oder wie Heusler es ausdrückt, 
durch »Aufschwellung« verstanden werden kann. Heute steht die 
Mehrzahl der modernen Forscher auf diesem vermittelnden Stand- 
punkt, wonach die dem Epos um Jahrhunderte vorausliegenden 
Heldenlieder die Stoffquelle bilden, aus der eine begabte Dichter- 
persönlichkeit den auf diese Weise im Volke unversiegten Sagen- 
ström in ein neues einheitliches Bett leitet. Damit wird gleichzeitig 
betont, daß diese planmäßig vereinheitlichende Leistung in der Haupt- 
sache auch nur das Werk eines hervorragend begabten Menschen 
sein könne, »der die wesentlichen Werkstücke zu seinem Bau in 
bereits vorhandenen epischen Gedichten fand und, was er davon 
verwenden konnte, umarbeitete, bis es sich in das große Werk 
fügte« <Finsler, S. 33). In ähnlicher Weise hatten bereits Pohl- 
mann und Rohde den dichterischen Genius Homers gewürdigt und 
ihnen schließt sich in jüngster Zeit neben Finsler noch Erich Bethe 
<S. 308) an. Innerhalb des breiten Epenstils bleibt dann, nach Heusler, 
noch Raum genug für Einschaltung, Fortsetzung, Überarbeitung und 
Verbindung. Was der Anerkennung dieses scheinbar einfachen Sach- 
verhaltes lange und hartnädrig im Wege gestanden hatte, war die 
damit gegebene Versuchung gewesen, den epischen Dichter nicht nur 
der Form, sondern auch dem Inhalt nach zum Schöpfer des Gedichtes 
zu machen, wie Aristarch ganz naiv angenommen hatte, aber noch 
Niese wissenschaftlich zu erweisen suchte. Diese vollständige Ne- 
gierung eines vom Dichter übernommenen, von ihm unabhängigen 
Sagengutes, die sich neuestens Mülder wieder zu eigen gemacht 
hat, geht in der Betonung der individuellen Leistung entschieden zu 
weit, wenngleich nicht zu übersehen ist, daß diese Auffassung, die 
im Dichter eine Verkörperung des dichtenden Volkes erblickt und 
den Inhalt der Dichtung von ihrer Form nicht zu trennen vermag, 
dem individualpsychologischen Standpunkt am nächsten kommt und 
ihm die breiteste Änknüpfungsfläche bietet. War man mit dieser Auf- 
fassung scheinbar auf den unkritischen Standpunkt des Altertums zurück- 

Imago V/3 I0 



146 Dr. Otto Rank 



gekommen, für das es keine homerische Frage gegeben hatte, weil 
es fast übereinstimmend und ohne Widerrede die großen Epen der 
Ilias und Odyssee für das Werk eines Dichters, des Homer, ge= 
halten hatte, so beruhten im Grunde alle zur Lösung der kritischen 
Schwierigkeiten aufgestellten Entstehungshypothesen auf der gemein» 
samen Voraussetzung, daß der Dichter der trojanischen Vorgänge 
das Material fertig überkommen hatte. Da aber die moderne Homer» 
kritik dem Dichter nur eine formale Leistung zusprechen zu können 
glaubte, war sie genötigt, die doch unleugbar vorhandene Einheit 
der epischen Handlung anstatt in die Dichtung in die Sage zu ver* 
legen, und geriet so neuerdings in die Gefahr, die eigentliche Stoff» 
liehe Produktion wieder in der geheimnisvollen Volksschöpfung zu 
verflüchtigen. 

Die Möglichkeit zu dieser Verschiebung des Standpunktes lag 
in dem im Grunde ganz richtigen Empfinden, daß es zu einer solchen 
gewaltigen Gestaltung, wie es das Volksepos ist, außer einer genialen 
Persönlichkeit noch anderer Faktoren bedarf. Diese Frage hat gleich» 
falls Steinthal zuerst psychologisch erfaßt, indem er andere Völker 
wie die Serben, Finnen, Großrussen, bei denen der Heldengesang 
heute noch gepflegt wird, zum Vergleich heranzog und sich die Frage 
vorlegte, warum es bei diesen nicht spontan zur Bildung umfang» 
reicher Volksepen gekommen sei. Er findet die Erklärung darin, daß 
eine timdichtung der alten Sage im neuen Stil nur in Jahrhunderten 
bedeutender allgemeiner Volksumwälzungen vor sich gehe, 
daß große Wanderungen und Schicksale der Nation zu den 
wesentlichen Bedingungen für eine große Epik gehören und daß den 
genannten Völkern zur Epenbildung eben die entsprechenden ge» 
schichtlichen Ereignisse gefehlt hätten. An diesen hochbedeutsamen 
Gesichtspunkt, den schon J.Grimm <1813> in den Worten angedeutet 
hatte, daß zum Epos eine historische Tat notwendig wäre, von der 
das Volk lebendig erfüllt sei, daß sich die göttliche Sage daran setzen 
könne, werden wir anzuknüpfen haben, wenn es sich darum handeln 
wird, die in diesen Aussprüchen bloß angedeuteten, aber noch völlig 
ungeklärten Beziehungen des aktuellen historischen Geschehens zum 
vergangenen in ihrer psychologischen Bedeutung zu würdigen. 

Für das germanische Volksepos war zuerst die historische 
Grundlage und die ihr entsprechende Deutung klar erkannt und 
formuliert worden vom Geschichtsforscher Johannes v. Müller <1783>, 
der damit eines der epischen Hauptprobleme mit genialem Scharf» 
blidc erfaßt hatte. Ihm folgten darin die meisten Romantiker, vor» 
nehmlich von der Hagen, W. Grimm und Wilhelm Schlegel, 
ohne jedoch die Anteile, die Mythus, Geschichte und dichterische 
Phantasie an der Epengestaltung haben, voneinander sondern zu 
können, eine Aufgabe, die auch heute noch mangels geeigneter 
Kriterien die größten Schwierigkeiten bietet und zu deren Überwindung 
wir eben versuchen wollen, einen psychologischen Beitrag zu liefern. 
Im ganzen gehört die Ausgestaltung der von J. v, Müller aus.* 



Homer 



147 



gesprochenen Idee eines historischen Kerns im Volksepos durch die 
Romantiker, namentlich die Brüder Grimm und Schlegel, zu den 
wertvollsten und gesichertsten Ergebnissen der Nibelungenforschung 
der Romantiker, die sich auch von gewissen euhemeristischen Über* 
treibungen <Göttling> frei zu halten wußte. Dagegen hat sich auf 
demselben Gebiet ein anderer verhängnisvoller Irrtum eingeschlichen 
und festgesetzt, der eine Reihe von Mißverständnissen und über* 
flüssigen Kontroversen heraufbeschwor. Die älteste Geschichte, die 
dem Volksepos zugrunde liegen sollte, war natürlich nicht in Doku* 
menten und Quellen überliefert und aus diesen geschöpft, sondern 
in der Form der Volkssage jahrhundertelang fortgepflanzt worden. 
Obwohl nun gerade die altdeutschen, altdänischen und eddischen 
Lieder, die den Nibelungenstoff und die Siegfriedsage behandeln, 
deutlich zeigen konnten, wie aus dem im Volke lebendigen Sagen* 
schätz bald dies bald jenes Stück in der oder jener Form auf- 
gegriffen wird, die Sage also durchaus nicht mit dem »Volksgesang« 
identisch sein müsse, beging doch Jakob Grimm und nach ihm viele 
andere den folgenschweren Irrtum, Sage und gestaltete Sage, d. h. 
Epos gleichzusetzen, beziehungsweise miteinander zu verwechseln 
und so die alte sagenhaft eingekleidete Geschichte mit der alten 
Poesie überhaupt zusammenfallen zu lassen. Daraus erklärt sich auch 
die irreführende Anschauung, als oh das Epos vom Volke ge* 
schaffen wäre, was höchstens für seine davon zunächst unabhängige 
Vorstufe, die Sagenbildung, in gewissem Sinne zutreffen mag. 

Waren so die Romantiker auf Grund des sagenhaften Inhalts 
im germanischen Nationalepos zur Annahme verleitet worden, das 
Gedicht selbst sei vom ganzen Volke hervorgebracht, so war gleich- 
zeitig eine von rein äußerlichen und formalen Gesichtspunkten aus* 
gehende Forschungsrichtung zu einer sehr ähnlichen Auffassung von 
der Entstehung des griechischen Nationalepos gekommen, die das 
Resultat der Nibelungenforschung von der Mehrzahl der am Epos 
beteiligten Dichter von einer anderen Seite bedeutend zu stützen 
schien. Im selben Jahre, aber noch vor Herders Horenaufsatz, waren 
die die »auflösende« Homerkritik eigentlich begründenden »Pro* 
legomena ad Homerum« <1795> von Friedrich August Wolf er* 
schienen, die — obwohl nicht durchaus originell 1 — doch als der 
formvollendete Ausdrudi des Standpunktes ihres ganzen Zeitalters 
zu mächtigem Einfluß und hoher Berühmtheit gelangt sind. Wolf 
war von den zahlreichen Widersprüchen, Unebenheit und Unstimmig- 
keiten in den homerischen Gedichten, namentlich der Ilias, ausgegangen 
und hatte damit an die spätere kritische Tradition des Altertums 
angeknüpft. Während aber die alten Grammatiker die Einheit des 
Dichters und der ursprünglichen Dichtung stillschweigend voraus- 
setzend, die Unstimmigkeiten auf Einschübe späterer »Interpolatoren« 
zurückführten und diese richtig zu erkennen und auszumerzen be- 

1 Hatte doch sdion d'Aubignac <1715> den gleichen Standpunkt vertreten. 

10* 



148 



Dr. Otto Rank 



müht waren <durch Athetesen), glaubte Wolf auch die anfängliche 
Einheit der Dichtung leugnen zu müssen. Gestützt auf die Annahme, 
daß der Schriftgebrauch im griechischen Altertum viel später auf« 
gekommen sei als die Entstehung der homerischen Gedichte zurück- 
reiche, folgerte Wolf, da die rein gedächtnismäßige Konzeption, Aus- 
führung und Überlieferung so großer Epen unannehmbar schien, 
daß ursprünglich bloß eine Reihe kürzerer Einzellieder von den 
Sängern im Gedächtnis entworfen und durch Rhapsodenschulen mündlich 
weiter verbreitet worden seien. Dabei hätten sie notwendig Ver- 
änderungen und Zusätze erfahren, wären dann bei ihrer späteren 
schriftlichen Fixierung neuerlich mit ausgleichenden, verbessernden 
und vermehrenden Einschoben versehen und schließlich von einer 
geschulten Kritik literarisch überarbeitet worden. Die von verschiedenen 
Verfassern stammenden kleineren Gesänge, aus denen Ilias und 
Odyssee in dieser Weise entstanden sein sollten, wären also nicht 
von dem einen Dichter Homer planmäßig vereinigt, sondern die 
beiden großen Epopöen verdankten ihre Entstehung den fortgesetzten 
Bemühungen vieler und ihre endgültige Gestaltung wie Fixierung 
einem fortgeschrittenen Zeitalter, das Wolf, anknüpfend an dahin 
weisende Überlieferungen des Altertums, in die relativ späte Zeit 
des athenischen Tyrannen Pisistratus (um 550 v. Chr.) setzte. Aber 
ebensowenig wie die auf Wolfs Anschauungen fußende Sammeltheorie 
Lachmanns vermochten sich seine eigenen Aufstellungen von der all- 
mählichen Entstehung der homerischen Gedichte durch einen ge- 
schulten Sängerstand vor der fortschreitenden Kritik zu halten, der 
sie ohnedies allzulange und hartnäckig genug Widerstand geleistet 
hatten. Nicht dem impulsiven Einspruch unserer klassischen Dichter, 
von denen sich die meisten ablehnend gegen Wolfs Ansicht ver- 
hielten, sondern erst den intensivsten Bemühungen der wissenschaff- 
liehen Kritik ist es gelungen, die Voraussetzungen und Folgerungen 
der Anschauung von der allmählichen Entstehung der homerischen 
Gedichte aus der Aödenpoesie zu entkräften, so daß heute sämt- 
liche Aufstellungen Wolfs unhaltbar geworden sind. Zunächst sprechen 
dagegen alle die Bedenken und Einwendungen, welche die Möglich- 
keit eines direkten Überganges vom Lied zum Epos in Frage stellen. 
Zu den bereits angeführten Argumenten tritt hier ein weiteres hinzu, 
Die in den homerischen Gedichten selbst auftretenden Aöden, in 
denen man eine Darstellung der zu des Dichters Zeit üblichen Vor- 
tragsweise vermutete, tragen den Charakter der vorhomerischen 
Poesie und zeigen nach Finslers Ausführungen <S. 236) deutlich, 
daß die Lieder bei Lautenspiel gesungen wurden, während das 
Epos in kunstvollen Sprechversen abgefaßt ist, die notwendig eine 
Umformung und Neugestaltung des Stoffes voraussetzen 1 . Außerdem 
tragen die homerischen Sänger fertige Gedichte vor^ sind also von 



1 Ähnlich ist übrigens auch im Nibelungenlied im Gegensatz zum »singen« 
vom »sagen« (rezitieren) die Rede. 



■«* 



Homer 



149 



der Periode des bei den Finnen, Serben und Russen nachgewiesenen 
improvisierenden Heldengesangs, die Wo ff noch für die homerischen 
Gedichte in Anspruch nimmt, bereits weit entfernt. »Die Theorien 
vom Naturdichter Homer, von der homerischen Volkspoesie sind 
auf unsere Epen nicht anwendbar . . . Die kunstmäßige Dichtung 
hat sich lange vor der Entstehung der Ilias des Stoffes gänzlich be- 
mächtigt und sich auch nicht damit begnügt, alte Lieder in Reihe zu 
stellen und redaktionell zu verbinden« <Finsler, 236). In dieselbe 
Richtung weist auch der Charakter der homerischen Sprache, die 
so, wie sie in den Gedichten vorliegt, nie und nirgends vom Volke 
gesprochen worden sein kann, sondern schon durch ihre Mischung 
verschiedener, namentlich äolischer und jonischer Elemente sich als 
eine absichtlich gestaltete konventionelle Kunstsprache, »um nicht zu 
sagen Schriftsprache« erweist <Bergk, I, 462), »die der Rhapsode 
selbst erst erlernen mußte« <Wilamowitz, H. U., 292). Auch ein 
anderes aus der Dialektforschung entlehnte Argument zugunsten 
einer ursprünglich nur mündlichen Überlieferung der homerischen 
Gedichte hat sich als haltlos erwiesen. Die epische Sprache läßt, 
wie zuerst Bentley <1713> bemerkt zu haben scheint, Spuren eines 
bereits ausgefallenen Lautes, des sogenannten Digamma erkennen, 
was namentlich Giese und nach ihm andere zu der Meinung ver- 
führte, die Gedichte könnten erst zu einer späteren Zeit nieder- 
geschrieben worden sein, als die Jonier bereits aufgehört hatten, das 
Diagamma zu sprechen. Andernfalls müßte man annehmen, daß zu 
einer bestimmten Zeit eine höchst unwahrscheinliche Übertragung 
der beiden großen Gedichte aus einem älteren in einen jüngeren 
Dialekt erfolgt sei. Demgegenüber wurde von Volkmann <S. 212 ff.) 
die ebenso berechtigte Wahrscheinlichkeit hervorgehoben, daß das 
Digamma gleich von vornherein in den homerischen Gedichten nicht 
mehr bezeichnet war, daß also gerade die Jonier diesen Laut früh= 
zeitig aus ihrer Sprache verschwinden ließen. Die von Giese als 
unwahrscheinlich supponierte Annahme einer möglichen Übertragung 
der homerischen Gedichte aus einem älteren Dialekt in eine jüngere 
Sprachform ist zur Behebung verschiedener dialektischer Schwierige 
keiten im Epos später tatsächlich von Fick gemacht worden, der 
durch Wiederherstellungsversuche nachweisen wollte, daß das ur= 
sprünglich in Smyrna lokalisierte äolische Epos zur Zeit, als die 
Stadt jonisch wurde, nach Chios gewandert und hier Wort für 
Wort ins Jonische übersetzt worden sei, soweit nicht metrische oder 
sprachliche Schwierigkeiten die Beibehaltung der alten Formen not= 
wendig machten. Die auf diese Weise entstandene künstliche Misch= 
spräche sei dann die Sprache des späteren Epos geworden. Dürfte 
man aber aus den Äolismen in der homerischen Sprache auf ein 
ursprünglich im äolischen Dialekt abgefaßtes Epos schließen, so wäre 
auch der Schluß gestattet, den Aristarch naiverweise gemacht hatte, 
auf Grund der Ättizismen auch einen attischen Homer anzunehmen, 
wobei dann wieder die jonischen Bestandteile auf künstlich anti= 



150 Dr. Otto Rank 



frisierende Weise hineingebracht worden sein müßten. Diese mechani- 
schen Erklärungsversuche der unleugbar vorhandenen homerischen 
Mischsprache sind unbefriedigend geblieben und haben, namentlich 
seit Wilamowitz' glänzender Widerlegung der Umschrifthypothese, 
eine andere plausiblere Erklärung gefunden. 

Konnte demnach der Anteil der Rhapsoden, die ja zweifellos 
die homerischen Gedichte jahrhundertelang rezitiert hatten, aus den 
angeführten Gründen kein so bedeutender und so gearteter sein, 
wie ihn Wolf für seinen Hypothesenbau voraussetzte, so ergab 
die kritische Prüfung der in Betracht kommenden Traditionen selbst, 
daß bei der zweifelhaften und unsicheren Art der rhapsodischen 
Überlieferung <Volkmann, 127, 136) ein dahinweisender Einfluß 
auf die vorliegende Gestaltung der homerischen Epen überhaupt 
nicht nachzuweisen war. Der einzig gelungene Nachweis auf diesem 
Gebiete jedoch, der Nietzsch zu verdanken ist, entzieht der Wolf» 
sehen Annahme vollends den Boden: was nämlich über die Rhap» 
soden oder speziell die beide großen Epopöen tradierenden Homeriden 
überliefert ist, bezieht sich auf eine Zeit (kurz vor Solon), wo die 
homerischen Gedichte längst fertig sein mußten, so daß Wolfs Gleich- 
setzung der Rhapsoden mit den homerischen Sängern hinfällig war. 
Was blieb, war die Wahrscheinlichkeit, daß anfangs jeder Dichter 
seine eigenen Schöpfungen »rhapsodiert« hatte — wie das in unserer 
Zeit noch Wilhelm Jordan mit seinem Nibelungenepos erfolgreich 
versuchte — daß später ein eigener Rhapsodenstand auch die Ge- 
dichte anderer aus dem Gedächtnis vortrug, daß mit einem Worte 
Rhapsoden und Homeriden seit alter Zeit nichts weiter waren als 
gewerbsmäßige Sänger der homerischen Poesie. Ähnlich wie die weit» 
gehende Rolle, die Wolf der Rhapsodenschule zuschreiben wollte, 
reduzierte sich auch die Bedeutung, die er der pisist ratischen 
Redaktion in seinem System angewiesen hatte, auf ein Minimum. 
Es ergab sich, daß die für die auflösende Homerkritik grundlegende 
Voraussetzung von der erstmaligen zusammenfassenden Aufzeichnung 
der homerischen Gedichte durch Pisistratus hinfällig war, da »Ilias 
und Odyssee in ihrer Gestalt notorisch älter als Pisistratus« sind 
<Wilamowitz, H. U., S. 255). Die Anhänger Wolfs einigten sich 
denn auch bald auf eine vermittelnde Auffassung, wonach die ur= 
sprünglich mündlich fortgepflanzten Gedichte doch schon vor der 
Olympiadenrechnung aufgezeichnet, ihre Einheit aber durch die 
Rhapsodenvorträge »zersungen« und von Pisistratus nur wieder 
hergestellt worden sei <Voikmann, S. 205). Die Berechtigung dieser 
vermittelnden Auffassung werden wir später ebenso zu prüfen 
haben, wie die davon abweichende Anschauung von Wilamowitz, 
für den das der pisistratischen Redaktion zugrunde liegende Faktum 
das Ergebnis eines allmählichen historischen Prozesses und nicht einer 
einzelnen Person sowie eines bestimmten Zeitpunktes ist. 

Zu diesen äußeren Zeugnissen, die gegen die Schöpfung so 
großer einheitlicher Gedichte durch einen jahrhundertelang in sonder» 



■«A 



Homer 



151 



bar gleichförmiger Weise fortdichtenden Sängerstand und die end=- 
gültige Gestaltung so vollkommener Kunstwerke auf Staatsbeschluß 
sprachen, gesellten sich innere Gründe von ebenso schwerwiegender 
Natur, die der anmaßenden höheren Kritik allmählich den Boden 
entzogen. Über den durch eine allzu scharfsichtige Logik in den 
Vordergrund gezerrten Widersprüchen und Unebenheiten innerhalb 
der homerischen Epen konnte doch ihre starke inhaltliche und formale 
Einheitlichkeit weder übersehen noch geleugnet werden. Nicht nur 
der unbefangene Leser und noch mehr der naive Hörer fühlten sich 
von der Gewalt dieser Dichtungen als geschlossener Kunstwerke 
gepackt, sondern auch die Kritiker selbst brauchten nicht erst von 
ihren Gegnern darauf hingewiesen werden, daß aller Scharfsinn diese 
innere Einheitlichkeit nicht zu zersetzen vermochte. Hatte das gesamte 
Altertum bis auf Aristoteles, ja darüber hinaus bis in die späte 
Kaiserzeit, trotz eingehender kritischer, ästhetischer und sprachlicher 
Studien der Gedichte — abgesehen von den Interpolationen — 
keinen Zweifel an der Einheitlichkeit der Form und des Verfassers 
geäußert, so mußte Wolf, der Begründer der auflösenden Homer» 
kritik, selbst gestehen, »daß es auch für ihn Zeiten gebe, wo er die 
historischen Gründe vergessend, in alter Weise den Homer lesen 
und sich in den reichen Strom dieser wunderbaren Poesie vertiefen 
könne, wobei ihm, von geringfügigen Interpolationen abgesehen, 
alles wie aus einem Gusse und echt homerisch vorkomme« <Volk= 
mann, S. 69). In den Briefen an Heyne verweist Wolf darauf, »wie 
gleich und ununterbrochen der Faden der Begebenheiten und Hand= 
lungen im ganzen beider Werke fortgeht«, Für den ganzen Homer 
waren noch eingetreten Gladstone <1868>, Hermann Grimm und 
mit besonderem Nachdruck K. Fr, Hermann, der in seinen Vor* 
lesungen über Kultur <I, 92) ausführt: »Abgesehen von den Inter= 
polationen liegt sowohl der Verknüpfung im ganzen als den Gleich- 
nissen so echter Dichtergeist zugrunde, daß auch die zahlreichen Dis= 
krepanzen im einzelnen uns nicht an dem dichterischen Berufe und der 
großen Persönlichkeit des Mannes irre machen dürfen, der in der Ilias 
zugleich die hervorragendsten Erinnerungen seines Stammes zur Ein= 
heit eines lebensvollen Gemäldes verschmolz und den Anstoß zur 
ähnlichen Behandlung aller übrigen Sagen des griechischen Volkes mit 
der vollen Freiheit der dichterischen Phantasie gab.« — Von neueren 
Stimmen ist besonders die jüngste von Erich Bethe zu erwähnen, der 
in Ilias und Odyssee unteilbare Einheiten sieht, in denen ein planvoller 
Künstlerwille waltet. »In einem einzigen Zuge geht die Ilias wie die 
Odyssee dahin, ohne Pause und ohne Abschniit vom ersten bis zum 
letzten Verse. Kein Teil, der nicht irgend einen Bezug auf die vorher.» 
gehenden hätte, der nicht ohne diese unverständlich bliebe, kaum eine 
Stelle, die nicht auch äußerlich durch irgend eineWendung, wenn auch nur 
durch eine Partikel, mit den vorhergehenden verknüpft wäre« <S. 11). 
Um die in solchen Äußerungen zugestandene — durch das 
gewichtige Urteil der allermeisten und besten Autoren heute wieder 



152 



Dr. Otto Rank 



allgemein anerkannte — hohe künstlerische Einheit der homerischen 
Oesange mit den von der Kritik mit Recht gerügten störenden 
Elementen in Einklang zu bringen, bildete man die bereits von 
Wolf angedeutete »Erweiterungstheorie« aus, der zufolge ein 
ursprünglich vorhandener einheitlicher Kern, die sogenannte »Ur» 
ilias« oder »Urodyssee« — die den Zorn des Achilleus, beziehungs» 
weise die Heimkehr des Odysseus zum Inhalt hatten — in stetiger 
Erweiterung zu dem endgültigen Umfang angewachsen sei. Diese 
Auffassung, die zuerst von Gottfried Herr mann ausgesprochen 
und von zahlreichen anderen Autoren vertreten, aber auch in der 
verschiedensten "Weise, namentlich für die geschlossenere Form der 
Odyssee modifiziert worden war <KirchhofF, Wilamowitz), hatte 
bereits Grimm für das Nibelungenlied anzunehmen sich genötigt 
gesehen, indem er aus der Einheit der Fabel folgerte, daß neben 
den tlinzelliedern auch schon ein umfassenderes Gedicht bestanden 
u ß müsse ' »Nimmermehr — meint er — würde das Lied, wenn 
es bloß aus einzelnen Teilen zusammengesetzt wäre, eine solche 
Einheit der Fabel, ein solches Gleichmaß der ebenmäßigen Aus» 
dehnung erlangt haben.« Im Streit um die verschiedenen Spielarten 
dieser vermittelnden Anschauung wichen schließlich die »Interpolations» 
™i*' d , enen die Ged <*te in lauter Flickwerk zerfielen, der 
gleichfalls auf einem extremen Standpunkt gelandeten Erweiterungs- 
theorie, die in einer Art von Selbstdarstellung den ursprünglichen 
»Kern« immer mehr anschwellend und die Zudichtungen verringernd, 
auf die Ausschälung einer Urdichtung verzichten mußte und sich 
mit der Annahme begnügte, daß die Gedichte die letzte Phase einer 
lange wahrenden poetischen Behandlung des Stoffes repräsentieren. 
Und da auch die Versuche, mehrere solcher größerer Urepen aus«* 
zuschälen — die man sich jetzt an Stelle der kleineren Lieder dachte — 
durch die einander widersprechenden Ergebnisse dieser oft erstaun» 
lieh kühnen »Quellenforschung« <z. B. Seeck) ad absurdum geführt 
worden waren, sah man endlich ein, »daß sich überhaupt keine 
Veranlassung biete, eine solche Ausscheidung zu unternehmen 
(Beizner, 11, Z44). Denn letzten Endes erweisen sich Liedertheorie 
und Erweiterungstheorie doch nur als unwesentliche Modifikationen 
der unitarischen Auffassung, indem nur einmal die einheitliche Leistung 
ans Ende, das anderemal an den Anfang versetzt wird. Namentlich 
an der von höchstem Kunstverstand zeugenden Odyssee hat sich 
die Homerkritik zu Tode gelaufen. Konnte doch eine Autorität auf 
diesem Gebiet erklären, daß die ganzen homerischen Fragen nicht 
möglich gewesen wären, wenn uns das Altertum nur dieses eine 
Liedicht von Homer überliefert hätte. 

Aber auch in der Wertung der nicht wegzuleugnenden Wider» 
spruche und Diskrepanzen, von denen die Kritik der Alten wie auch 
Wolf ausgegangen war, machte sich allmählich eine mildere und 
verstandigere Auffassung geltend. An Stelle der früheren Bemühungen, 
diese scheinbaren Mängel durch Streichungen und Kommentierung zu 



Hc 



153 



beseitigen, war die Forderung getreten, ihre Herkunft zu erklären, 
die zur Annahme der besprochenen Theorien vom Volksepos geführt 
hatte. Dem Bestreben einzelner Kritiker, an der Aufspürung solcher 
schwachen Stellen ihren Scharfsinn zu üben, traten ästhetische und 
psychologische Würdigungen entgegen, die vielfach zeigten, daß der 
Dichter seinen Richtern weit überlegen war und entweder psycho- 
logisch fein motiviert oder künstlerisch unbekümmert gestaltet hatte, 
wo ein unverständiger Interpret nüchterne und greifbare Ausführlich» 
keit erwartete. So konnte es noch im Altertum dazu kommen, daß 
man, durch mangelhaftes Verständnis des Textes veranlaßt, die 
Dichtung zu verbessern suchte, auf diese Weise aber erst recht 
Schwierigkeiten und Unklarheiten hineinbrachte, wie schon der in der 
ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Alexandria wirkende 
Aristarch, in vielen Punkten der direkte Vorläufer moderner An- 
schauungen, erkannt hatte. Sieht man von solch superkluger Schnüffelei 
nach Widersprüchen und von ihrer auf dem Boden der verschiedenen 
Volksepen-Theorien erwachsenen Überschätzung ab, so bleiben ver* 
einzelte kleine Diskrepanzen in Ort, Zeit und Nebenumständen übrig, 
die dem Hörer noch weniger als dem Leser auffallen (Christ, S. 25,- 
Volk mann, 153> und als Ausgangspunkt für die oft zu kühnen 
Schlüssen führende höhere Kritik absolut nicht ausreichen. So erklärt 
es sich, daß die von den meisten Theorien geforderten Voraus- 
setzungen und Annahmen viel weniger akzeptabel scheinen als die 
Schwierigkeiten, die sie erklären wollen und über die man sich mit 
einfacheren Auskunftsmitteln hinwegsetzen könnte, wenn man nicht 
auf den Erweis bestimmter Theorien ausginge. Dem Ansturm der 
gelehrten Kritik gegenüber hat man sich erst spät besonnen, daß 
auch Kunstdichtungen, bei denen die Einheit des Verfassers außer 
Zweifel steht, von Widersprüchen durchaus nicht frei sind. Goethes 
»Faust«, an den Lehrs zuerst die Homerforscher erinnerte, mag 
vielleicht als singulare Erscheinung nichts beweisen, obwohl gerade 
diese Dichtung mit ihrer sich über Jahrzehnte erstreckenden Aus= 
arbeitung dem supponierten Vorgang der Epenbildung am nächsten 
kommt. Aber auch Goethe selbst hat in den Gesprächen mit Ecker- 
mann <18. April 1827) auf Widersprüche bei Shakespeare hin- 
gewiesen, was Düntzer dann weiter ausführte. Schiller, dessen 
berühmtes Versehen im »Don Carlos« <II, 4 und IV/5> mit dem 
Brief der Königin bekannt ist, hat Goethen ähnlich grobe Verstöße 
in »Wilhelm Meister« und »Faust« nachgewiesen. Aber auch in den 
epischen Kunstdichtungen älterer und neuerer Zeit finden sich zahl- 
lose Widersprüche, die man mit der Autorschaft eines einzelnen 
Dichters in Einklang zu bringen hat. Mag auch Lachmanns Be- 
hauptung richtig sein, daß Wolframs »Parzifal« trotz seines großen 
Umfangs keine derartigen Mängel aufweise, so hat doch Zärncke 
mit Recht geltend gemacht, daß sich bei anderen gleichzeitigen höfi- 
schen Epikern viel ärgere und viel gehäuftere Unregelmäßigkeiten 
finden als im Nibelungenlied. Daß auch bei Virgil Chronologie und 



154 Dr. Otto Rank 



Nautik nidit durchwegs einer scharfen Prüfung standhalten, hat 
bereits Wood (255 f.) bemerkt und nach ihm Volk mann für andere 
Punkte ausgeführt, während Wilamowitz den zweiten Gesang der 
Aneis als ein »Einzelgedicht« charakterisiert, dessen Fugen so gut 
klaffen, wie im Homer <S. 117). Einer der schwersten Verstöße dieser 
Art im Homer, das Wiederauftreten des <V, 575) getöteten Paphia- 
gonierkönigs in einem späteren Gesänge <18, 658>, das man am 
allerwenigsten einem planvoll gestaltenden Dichter zuschreiben zu 
können glaubte, findet sich nach einem Hinweis von Christ <3. Aufl., 
S. 39, A. 1, siehe auch Drerup, S. 14> gleichfalls in Ariostos »Rasendem 
Roland« <18, 45 mit 40, 73 und 41, 6> wie auch in Thakarays »New 
comes«. Auch in Cervantes »Don Quichote«, der so viel Wider= 
Sprüche enthalten soll wie Ilias, Odyssee und Aeneide zusammen^ 
genommen, findet sich ein ähnliches Versehen, indem der Dichter 
den Sancho Pansa seinen Esel verlieren, ihn aber bald darauf mit 
seinem unzertrennlichen Tier wieder auftreten läßt. Derartige Ver» 
stoße hat man dann bei Milton, Walter Scott und Lukian auf- 
gestöbert und dem Dichter der Göttlichen Komödie hat Volkmann 
gar eine eigene dahin gehende Abhandlung gewidmet, in der er 
überhaupt bezweifelt, daß größere epische Dichtungen ohne derartige 
Mängel existierten. Neuestens haben noch Jellinek und Krauß 
eingehend »über Widersprüche in Künstdichtungen« gehandelt, woran 
sich eine größere Polemik <mit Niejahr im Euphorion, Bd. III— V, 
1896-1898) schloß. 

In einer wertvollen Untersuchung hat dann Rothe gezeigt, daß 
Widersprüche in der Dichtung zunächst nicht zur Annahme ver- 
schiedener Verfasser berechtigen, sondern sich aus den vorherrschenden 
künstlerischen Motiven erklären, die auf den poetischen Effekt 
und nidit auf logische Tadellosigkeit zielen. Daran schließen sich 
die leider erst in jüngster Zeit hervorgetretenen lehrreichen Versuche, 
aus den homerischen Gedichten selbst Gesetze des epischen Stils 
abzuleiten, deren genaue Kenntnis die unerläßliche Vorbedingung 
für jede Art von berechtigter Kritik sein müßte. Hieher gehört vor 
allem die von Cauer betonte bewußte oder infolge mangelhafter 
technischer Mittel verschuldete Verletzung der logischen Perspektive 
durch Überwiegen der Anschaulichkeit,- ferner die Detailuntersuchungen 
von Ziel ins ki »Über die Darstellung gleichzeitiger Vorgänge bei 
Homer« <1903> und von Hedwig Jordan über den »Erzählungs= 
Stil in den Kampfszenen der Ilias« <1904>, die beide das Studium 
der epischen Technik unter der Voraussetzung des hohen Alters 
der Gedichte weitergeführt haben, in denen — ähnlich wie in der 
primitiven ägyptischen Malerei — die Gesetze der Perspektive und 
anderer technischer Darstellungsmittel noch nicht voll ausgebildet 
sein sollen. So kenne der homerische Dichter keine rückgreifende 
Parallelschilderung, sondern nur zeitliches Nacheinander, das er nicht 
bloß so geschildert habe, sondern von dem er auch selbst zu glauben 
scheine, daß es nicht gleichzeitig, sondern nacheinander geschehen sei 



<Mülder, Homerkritik, S. 1039). Diese Gesichtspunkte zusammen» 
fassend konnte Finsler <S. 494) feststellen, daß alles Sachliche dem 
poetischen Bedürfnis untergeordnet sei. Im gleichen Sinne bewegt 
sich die dem dichterischen Standpunkt in weitgehendem Maße Rech» 
nung tragende Untersuchung von Beizner, deren Bedeutung wir 
später ebenso zu würdigen haben werden, wie Mülders wertvolle 
Betonung, um nicht zu sagen Überschätzung, der dichterischen Ten» 
denzen und Intentionen. 

Unter den Unstimmigkeiten, von denen auch die Schöpfungen 
unbezweifelbarer dichterischer Individualitäten nicht ganz freizusprechen 
sind, scheinen die anachronistischen eine besondere Bedeutung für 
das Epos zu haben. Namentlich an eines der hiehergehörigen Pro» 
bleme hat sich seit "Wolf eine weitläufige prinzipiell wichtige Dis» 
kussion geschlossen. Wolf hatte bekanntlich seine ganze Theorie 
von der rhapsodischen Überlieferung und späten Fixierung der 
homerischen Gedichte auf die Annahme einer weit jüngeren Datierung 
des Schriftgebrauchs im griechischen Altertum aufgebaut als mit der 
ursprünglich schriftlichen Aufzeichnung der Gedichte, die man bis 
dahin stillschweigend vorausgesetzt hatte, vereinbar war. Seine mit 
ebensoviel Scharfsinn und Gelehrsamkeit vorgebrachten wie erfolg» 
reich bekämpften <Hug, Kreuser) und von Nietzsch widerlegten 
Argumente haben heute nur noch historisches Interesse, da ihnen 
durch die Ergebnisse der archäologischen Forschungen der Boden 
völlig entzogen wurde. Wir wissen heute mit Sicherheit, daß den 
Griechen die Schreibkunst lange vor dem homerischen Zeitalter be» 
kannt war und Wolfs zutreffende Voraussetzung, daß so umfang» 
reiche Epen ohne Niederschrift nicht ausgeführt werden konnten, 
vermag nun selbst gegen seinen Schluß von der späten Endgestaltung 
der homerischen Gedichte zu zeugen. Damit ist aber das Problem 
der Schrift — wie auch der damit zusammenhängenden pisistratischen 
Redaktion — für die homerische Frage nicht erledigt, wenn auch in 
ein wesentlich anderes Licht gerückt. Die bei den Ausgrabungen 
zutage getretenen und bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück» 
reichenden Inschriften sind ziemlich spärlich, zeigen ferner keine 
Silben», sondern eine Bilderschrift, die noch der Entzifferung harrt, 
und sind endlich, wie die ganze minoische Kultur, der sie angehören, 
vorgriechisch. Zudem folgt, wie Wolf seinerzeit richtig hervorgehoben 
hatte, aus der Kenntnis eines Schriftsystems in früher Zeit noch nicht 
dessen allgemeiner Gebrauch oder gar die Verwendung zur Her- 
stellung so .umfangreicher Schriftwerke wie es Ilias und Odyssee 
sind. Immerhin läßt sich einwandfrei feststellen, daß zur homerischen 
Zeit die griechische Buchstabenschrift bereits bekannt und namentlich 
in den kleinasiatischen Kolonien, wohin die Entstehung der Gedichte 
nunmehr mit Sicherheit verlegt werden darf, in Gebrauch stand. Die 
Griechen entlehnten ihr Alphabet wahrscheinlich schon im zehnten Jahr» 
hundert von denPhönikern, indem sie die Silbenschrift in eine Buchstaben» 
schrift umwandelten und selbst einige Zeichen <wie das Chi) hinzufügten. 



Da dies, wie Meyer <S. 380) ausführt, nadi der Zeit der Aus wände» 
rung der Äoler aus Thessalien erfolgte, welche die bereits um einzelne 
Zeichen vermehrte Schrift nach Kleinasien hinübernahmen, so muß 
dieser Vorgang spätestens ins achte Jahrhundert verlegt werden. 
Gerock hat nachgewiesen, daß das jonische Alphabet um 800, 
vielleicht schon um 850 erfunden worden ist und aufgefundene In» 
Schriften in griechischen Schriftzeichen gehen bis in den Anfang des 
achten Jahrhunderts hinauf. Reichen also auch die ältesten uns be= 
kannt gewordenen Denkmäler griechischen Schriftgebrauches nidit so 
weit zurück, daß sie für den Zeitpunkt der Rezeption der Schrift 
entscheidend wären, so haben wir doch aus dem achten Jahrhundert 
in der Aufzeichnung der ersten olympischen Sieger <776) ein altes 
Beispiel für den öffentlichen Schriftgebrauch, während vom Beginn 
der Olympiadenrechnung sich positive Zeugnisse auch für den 
literarischen Gebrauch der Schrift in Menge finden <Kreuser, Volk» 
mann). Jedenfalls konnte sich der Dichter des griechischen National* 
epos der zumindest im öffentlichen Dienste bereits verwendeten Schrift 
bedienen. Daß er es auch wirklich getan habe, ist natürlich positiv 
nicht zu erweisen, aber es spricht nichts dagegen, vielmehr kommt 
zu den inneren Gründen noch die gesamte Tradition des Altertums, 
der die ursprünglich schriftliche Abfassung der Gedichte als aus- 
gemacht galt <Schmitz, Gesch. Gr. 1859, S. 57). Für rein literarische 
Zwedce hat die Schrift gewiß erst später Bedeutung gewonnen, 
denn die Literatur lebt — wie Meyer <II, 384) richtig bemerkt — 
im mündlichen Vortrag, gleichgültig ob der Sänger seinen Text, 
wenn er ihn lernt, aufgezeichnet hat oder nicht. Da uns aber von 
den vorhomerischen Dichtungen, die zweifellos vorauszusetzen sind, 
nichts überliefert ist, konnte man die homerischen Gedichte als die 
ersten griechischen Schriftwerke und damit als die ältesten Sprach» 
denkmäler Europas bezeichnen, ob sie nun wirklich, wie Rohde 
meint, die ersten überhaupt der Aufzeichnung wert befundenen Er» 
Zeugnisse des griechischen Geistes sind oder ob uns nur die vor 
ihnen liegenden verloren gegangen sind. Ihre Fixierung haben wir 
wohl den damals allein des Schreibens kundigen Sängern, die zu* 
gleich Lehrer waren, zu verdanken, und diese werden sich ihrer 
Kunst in solchem Ausmaß auch nur zur Unterstützung des Gedacht» 
nisses und nicht im Interesse eines der damaligen Zeit natürlich 
fremden Lesepublikums bedient haben. So scheinen also die homeri* 
sehen Epen nicht nur aus äußeren Gründen den Gebrauch der 
Schrift vorauszusetzen, sondern geradezu mit einem entscheidenden 
Fortschritt im Schriftgebrauch aufs engste verknüpft zu sein. Dieser 
Eindruck wird verstärkt durch eine beachtenswerte Parallele am 
deutschen Volksepos, von dem die große" Anzahl bekannt gewor» 
dener Handschriften <zehn Fassungen), sämtlich aus dem zwölften 
und dreizehnten Jahrhundert stammen, aus einer Zeit also, in der 
nach J. Grimms Bemerkung die deutsche Schrift aufkam und wo 
auch die Laien begannen, sich der Fertigkeit des Lesens und Schreibens 



Homer 



157 



zu bemächtigen <Muth-Nagl, 357), Diesem anscheinend weiter 
reichenden kulturgeschichtlichen Zusammenhang der Schriftverbreitung 
mit der Epenbildung, auf den Otfried Müller schon aufmerksam 
gemacht hatte, wollen wir in einem späteren Abschnitt nachgehen. 
Für die homerischen Gedichte selbst hat aber die Schriftfrage 
mit Entkräftung der Wblfschen Hypothese eine ganz andere Be= 
deutung gewonnen. Eines der Hauptargumente Wolfs war der 
Hinweis gewesen, daß die Epen selbst keine Kenntnis der Schrift 
verrieten, die folglich der Zeit, in der sie entstanden waren, unbe« 
kannt sein mußte. Abgesehen nun davon, daß ein solcher Schluß 
ex silentio immer bedenklich bleibt und Bergk <264> mit Recht 
daran erinnern durfte, daß auch Virgil die Schreibkunst nicht er= 
wähne, obwohl er sein Gedicht eigenhändig niederschrieb, kann man 
Wolfs gekünstelten Beweisgründen auch an sich keinen Wert mehr 
beilegen, obwohl das Tatsächliche der zugrundelie genden Beobachtung 
nicht zu bestreiten ist. Wolf meinte, die einzigen zwei Stellen in 
der Ilias, aus denen man auf Kenntnis des Schriftgebrauchs schließen 
könnte, seien nicht beweisend, da an der einen Stelle <VII, 175 ff.> 
nicht von lesbaren Buchstaben, sondern nur von eingekratzten 
Zeichen zur Losentscheidung die Rede wäre, weshalb ihre Agnoszierung 
auch nicht durch den Herold erfolge, sondern die Lose jedem einzelnen 
Helden selbst vorgewiesen würden,- aus der andern Stelle (VI, 168 fF.>, 
wo Proitos den Bellerophontes mit einem verderblichen »Uriasbrief« 
zu seinem Gastfreund sendet, hätte man aus den in ein gefaltetes 
Täfeldien geritzten »unheilvollen Zeichen« mit Unrecht auf einen 
Brief geschlossen, da es sidi nur um geheime, der Bilderschrift nahe* 
stehende Runen handle. Obwohl nun an der ersten Stelle die Worte 
ygacpeiv und yiyvooKeiv gebraucht werden, müssen sie doch nicht 
»lesen« und »schreiben« bedeuten, da diese Ausdrücke bekanntlich 
von primitiveren Tätigkeiten herstammen <das englische write = 
reißen — ritzen und unser lesen aus auflesen = zusammennehmen 
der Buchenstäbe). Die gleiche Auslegung könnte für die »Zeichen« 
an der zweiten Stelle gelten und würde hier unterstützt durch den 
Hinweis Wolfs, daß es sich um zwischen Verwandten verabredete 
Geheimzeichen gehandelt habe, die dem Überbringer unbekannt sein 
sollten. Da nun aber auch diese Annahme äußere Schwierigkeiten 
vernachlässigte und dem alten Märchenmotiv fremd sdiien, lag für 
die moderne Homerforschung, die an der Verbreitung der Buchstaben* 
schrift zur Zeit des Dichters nicht mehr zweifeln konnte, auch kein 
Anlaß vor/die Bedeutung dieser Stelle durch sophistische Interpretations* 
künste zum Beweis für den späten Gebrauch der Schrift zu stempeln. 
Anderseits wird man wieder durch die dunkle und knappe Art der 
Darstellungs* und Ausdrucksweise davor gewarnt; dem Dichter den 
Gedanken an einen regelrechten Brief im landläufigen Sinn unterzu* 
legen und kann aus seinen Worten höchstens eine, der Form nach 
jedenfalls primitive »schriftliche« Verständigung entnehmen. Wenn 
nun aber Homer selbst der Schrift kundig und mit ihrem Gebrauch 



158 Dr. Otto Rank 



vertraut war, so mußte es auffallen, daß er bei seiner eingehenden 
und liebevollen Schilderung selbst der geringfügigsten alltäglichen 
Tätigkeiten des Menschen, dieser damals doch für die große Masse 
neuen und für den jonischen Adel, als Pfleger der Schrift, schmeichele 
haften Fertigkeit keine ausdrückliche Erwähnung tut. Es blieb nur 
die Annahme übrig, daß der Dichter bestrebt sei, die Zeit der 
Handlung als eine sehr alte hinzustellen, in der die Schrift noch 
nicht bekannt war, daß er mit einem "Worte bewußt archaisiere. 
Schon Aristarch hatte, durch den Vergleich mit den Tragikern an- 
geregt, die besondere Sorgfalt betont, mit der Homer Anachronismen 
vermeide und scharf zwischen dem des Schreibens kundigen Dichter 
und den Helden unterschieden, denen diese Kunst fremd sei/ dann 
hatte Herder darauf hingedeutet, daß die Epen bewußt eine Vor- 
weit schilderten und von neueren Autoren haben namentlich Meyer 
Rohde und Wilamowitz <H. IL, S. 291 ff.> stark betont, wie 
der Dichter mit voller Absicht die Sitten der Heroen von denen 
seinerZeit scheide und bewußt eine große Vergangenheit in idealem 
BiHe festlialte, Als Beweis dafür gesellte sich zum Ignorieren der 
Schrift die Vernachlässigung der Reit- und Kochkunst, wie sie in 
jonien zur Zeit des Dichters bereits geübt wurde und gewisse geo- 
graphische und politische Voraussetzungen, welche die Folgen der 
dorischen Wanderung unberücksichtigt ließen. Aber neben diesem 
im großen erfolgreich festgehaltenen Streben nach Altertümlichkeit, 
war eine Unzahl kleiner Züge nicht zu übersehen, die aus der 
den Dichter umgebenden Gegenwart in das Bild eingedrungen 
waren und sich besonders in den die Erzählung unterbrechenden 
G eichnissen an die Oberfläche drängen. Hier ißt man Fische und 
gekochtes Fleisch, kennt die Reitkunst, die Trompete und andere 
für das heroische Zeitalter anachronistischen Dinge mehr. Nötigten 
nun diese Züge um so sicherer, den Dichter in ein fortgeschritteneres 
Zeitalter hinabzurücken und ihm stark archaisierende Tendenzen 
zuzusprechen, so zeigte sich doch bald, welche Schwierigkeiten, aber 
auch welche Bedeutung für Verständnis und Bildung des Epos 
solche zeitliche Betrachtung bieten könne. Denn nicht nur in den 
Gleichnissen dringen, wie leicht begreiflich, anachronistische Züge 
in die ideale Heroenwelt ein, sondern auch in der vom Dichter 
kunstvoll festgehaltenen epischen Kultur mutet vieles so »modern« 
an, daß man statt der antikisierenden Tendenz lieber ein Prinzip 
des durchgreifenden Modernisieren bei Gestaltung des alten epischen 
Stoffes angenommen hat. Die Wirkung dieses Prinzips hat man 
früher und nachdrücklicher betont, weil sie auffälliger war und 
bereits die älteren Romantiker, die ja überall bewußte dichterische 
Absichten witterten, haben nach W. Schlegels Vorgang die im 
Nibelungenlied zutage tretenden Anachronismen als »wissentlich 
und mit vollem Bedacht« an den Stoff herangebrachte Form des 
Dichters angesehen, der unbedenklich die Sitten seiner eigenen Zeit 
in die Vorzeit übertrage. Und auch Goethe vertritt, wohl aus 



Homer 



159 



eigener Erfahrung schöpfend, die umfassende Bedeutung dieses Vor- 
gangs bei der Dichtung, wenn er sagt: »Alle Vergangenheit, die 
wir hervorrufen, muß eine höhere Bildung, als es hatte, dem Alter- 
tümlichen zugestehen. Die Ilias und Odyssee, die sämtlichen Tragiker 
und, was von wahrer Poesie übrig geblieben ist, lebt und atmet 
nur in Anachronismen.« Neuestens hat Mülder ausgeführt, daß 
dem homerischen Dichter »das Modernisieren wichtiger gewesen 
wäre, als das Antikisieren« <16>, wobei er sich gleichfalls auf das 
in dem Punkt deutlichere Vorbild des Nibelungenliedes beruft und 
gewisse Widersprüche und Unstimmigkeiten der Epen auf diese 
nur teilweise gelungene Umformung zurückführt. Ja Beizner findet 
sogar <Ii, 162), daß »der weitaus überwiegende Bestand dieser 
idealen Mischkultur der Zeit der Blüte des jonischen Epos selbst 
entstammt <= ,homerische Kultur') und vom Dichter in die ge- 
schilderte epische Zeit wohl mangels anderweitiger Kenntnis <und 
nicht wie Cauer meinte, infolge mangelnder Abstraktionsfähigkeit) 
übertragen wurde«. 

Zu diesen modernen Zügen gehört nach Finsler die Schilderung 
des jonischen Adelsstaates mit der höfischen Sitte und aristokratischen 
Gesellschaftsordnung wie auch dem erblichen Archonat der historischen 
Zeit, das als Wiederspiegelung der Zustände, wie sie zur Zeit des 
Dichters herrschten, angesehen worden ist. Ferner gehört hieher 
nach Mülder <S. 88 ff.) die Art, wie der Dichter sich das zu 
gemeinsamem Unternehmen vereinigte europäische Griechenheer nadi 
dem Vorbilde seiner Zeit in größere, politisch geeinigte Landschaften 
zerfallend denkt, während er zu Anführern ihrer Kontingente die 
aus seinen Vorlagen stammenden sagenhaften Helden und zu deren 
Gefolgschaft die ganz unbestimmte vorgeschichtliche Bevölkerung jener 
von ihm mit neuzeitlichen Namen aufgeführten Kantone macht. Da 
man jedoch die jeweilige Stellung der epischen Schilderung zu diesen 
zeitlichen Momenten durch keine anderen als die aus dem Epos 
selbst zu gewinnenden Kriterien bestimmen konnte, ergaben sich 
vielfadi Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, ob man es 
mit alter oder neuer Anschauung, d. h. mit Antikisierung oder 
Modernisierung zu tun habe. »Bei Betrachtung der Kulturverhältnisse, 
der Göttererscheinungen, audi auf sprachlichem Gebiete, ist es uns 
vorgekommen, daß derselbe irgendwie vom gewöhnlichen abweichende 
Zug von einigen für altertümlich, von andern für das Zeugnis 
einer späteren Entwicklungsstufe gehalten wurde.« (Cauer 2 , 521 ff.) 
So hat man gestritten, ob die Handlungsweise der Penelope den 
Freiern gegenüber auf der frivolen Erfindung eines späten Homeriden 
beruhe oder Ausdruck uralter Rechtsanschauung sei <Cauer), hat 
Streitwagen und eiserne Waffen bald für moderne Eindringlinge, 
bald für Antiquitäten gehalten. 

Wie dem nun auch sein mag, jedenfalls setzt die Annahme 
antikisierender und modernisierender Tendenzen die Persönlichkeit 
eines Dichters voraus, der von seinem aktuellen Standpunkte aus 



160 Dr. Otto Rank 



altüberlieferten Stoff darzustellen unternimmt. Um nun diese un= 
ausweichliche Folgerung mit der Tatsache der epischen »Mische 
kultur« in Einklang zu bringen, griff man zu der Auskunft, diesen 
Dichter selbst an die Grenze der beiden in seinem Werk abge» 
spiegelten Zeitalter zu versetzen, eine Annahme, die bereits 
Fr. Th. Vi seh er vom ästhetischen Standpunkt in den Worten aus» 
gesprochen hatte, daß »keinem andern Volke das Glück geworden 
sei wie den Griechen, ihr Nationalepos zu vollenden in dem 
Momente, da eben die naive Poesie die Vorteile der Kunst in sich 
aufnimmt und die Kunstpoesie den ganzen Vorteil der Naivität 
genießt«. Von Homerforschern, die diesen Standpunkt zum Ver» 
ständnis disparater epischer Inhalte verwerteten, ist vor allem 
Rohde zu nennen, der meint: »In Wahrheit stehen die homerischen 
Dichtungen auf der Grenzscheide einer älteren, zu vollkommenerer 
Reife gelangten Entwicklung und einer neuen, vielfach nach anderem 
Maße bestimmten Ordnung der Dinge« <S. 200) und auch C aus- 
spricht davon, daß an der Grenze zweier Zeitalter stehen müsse, 
wer das Epos geschaffen habe. 

Statt aber diesen eigentümlichen Charakter des epischen Stils 
im Sinne einer Einheit der schöpferischen Dichterindividualität weiter 
zu verwerten und trotz der sich erhebenden Schwierigkeiten konsequent 
durchzuführen, war man zunächst auf eine näherliegende und jeden» 
falls bequemere Lösung verfallen, die noch den Vorteil hatte, eine 
neuerliche Handhabe zum Aufgeben der einzelnen Dichterpersönlichkeit 
zu bieten, Man wies den Teilen des Epos, die verschiedenen Zeiten 
zugehörige Anschauungen widerspiegelten, auch verschiedene Ent- 
stehungszeiten an und gelangte so zu einer historischen Auffassung, 
welche die Annahme von einer allmählichen Ausgestaltung der 
epischen Dichtung neuerdings zu stützen schien. Diesen Standpunkt 
hatte im Grunde schon J. v. Müller dem Nibelungenlied gegen» 
über vertreten, indem er behauptete, daß man seinen Ursprung weit 
über das Alter der Handschriften und Texte bis auf Karl] den Großen 
zurückführen müsse,- und W. Schlegel konnte, diese Andeutung 
aufgreifend, im »Athenäum« <Bd. II, 1799) sagen: »Wirklich deutet 
die herbe Wildheit dieser kolossalischen Dichtung auf hohes Alter» 
tum: das eigentlich Ritterliche kann ihnen in der Behandlung aus 
dem Zeitalter der Minnesänger, die wir besitzen, erst angebildet 
sein.« Fast zur selben Zeit hatte Wolf die gleichen Gedanken für 
die homerischen Dichtungen in seinen »Vorlesungen über die 
Geschichte der griechischen Literatur« <S. 181) ausgesprochen: »Wenn 
ich die Ideen über Ungleichheit zusammennehme, so muß ich ge» 
stehen, daß, gesetzt es gäbe keine Nachrichten, ich urteilen müßte: 
diese Werke müssen von vier und fünf Menschenaltern sein, nicht 
aus einem Zeitalter, nicht von einem Verfasser, sondern daß Homer 
den Grund legte, besonders zur Kias und daß andere in großen 
Kontinuationen fortfuhren.« Ähnlich hatte sich Zoega in einem 
Aufsatz aus dem Jahre 1788 geäußert: »Wenn man die Sitten der 



I 



.** 



Homer 



161 



Nation und die damit verbundenen hieratischen Meinungen an 
einem Orte anders behandelt sieht, als an einem andern . . . dies 
und verschiedene andere Dinge von dieser Natur überzeugen, daß 
die homerischen Gedichte ihr Dasein nicht bloß verschiedenen 
Menschen, sondern auch verschiedenen Zeiten verdanken.« Hatte 
man auf der einen Seite aus Anstößigkeiten in der Komposition 
voreilig auf eine Mehrzahl von Verfassern geschlossen, so machte 
man nun den Kurzschluß, Widersprüche in den zeitlichen Verhält- 
nissen ohneweiters auf eine Mehrzahl von Zeitaltern, die an den 
Gedichten mitgearbeitet haben sollten, zurückzuführen. Dieser in 
der Voraussetzung einer mechanischen Verbindung ungleichen 
Materials der Liedertheorie ähnlichen Auffassung ist nachdrüddich 
Cauer entgegengetreten, der prinzipiell gleichfalls der historischen 
Erklärung huldigend, in dem löblichen Bestreben, einer solchen Vor» 
Stellung äußerlicher Zusammenkleisterung auszuweichen, wieder dem 
andern Extrem, der geheimnisvollen Volksproduktion, bedenklich 
nahegekommen ist. Cauer bestreitet, daß der Dichter bewußt 
archaisiere und nimmt zur Erklärung der nach Sprache und Kultur* 
kreisen zeitlich zu sondernden Schichten des Epos dessen unwill» 
kürliches schichtenweises Wachstum an, ohne jedoch eine klare 
Vorstellung davon geben zu können. Ähnlich glaubt auch Wilamo witz, 
das Epos selbst, das dicht neben der konventionellen Bewahrung 
überlieferter Züge unwillkürlich aus dem Leben der Gegenwart ein= 
gedrungene enthält, zeitlich nicht bestimmen zu sollen <416>. Ununter» 
brochene Tradition und ununterbrochene Übung habe es fortge« 
pflanzt aus einer Zeit, wo die Helden weder schrieben, noch kochten, 
noch ritten bis in die Gegenwart, die selbst zwar die Sitten geändert 
hatte, aber wenn nicht von den Sitten der wirklichen Vorfahren, 
so doch von denen der epischen Heroen eine eben durch die Tradition 
des Epos genährte Vorstellung bewahrte, die von ihnen solche 
Anachronismen fernhielt <292>. Die historische Auffassung ersetzt 
die afte, einen Verfasser supponierende Streitfrage: echt oder unecht 
durch den von einem Dichter absehenden zeitlichen Gesichtspunkt: 
älter oder jünger, wobei aber, wie bereits erwähnt, die konsequente 
Anwendung der vielfach Bedenken unterworfenen Kriterien auf das 
nach verschiedenen Seiten schillernde Material zu großenteils unhalt» 
baren Aufstellungen oder neuen Schwierigkeiten führt. Diese Er» 
klärung ist darum mit Recht von Finsler <568> kritisiert und von 
dem die geschlossene künstlerische Einheitlichkeit wieder in den 
Vordergrund rückenden Beizner feinsinnig widerlegt worden. Dieser 
Autor hat erst allerjüngst den rein poetischen Motiven in noch 
weiterem Ausmaße zu ihrem Recht verholfen, als bereits Cauer 
in dem davon handelnden Abschnitt seines Buches getan hatte, 
indem er an eindrucksvollen Beispielen der Odyssee zeigt, daß der 
Dichter von rein poetischen Zwecken geleitet mit den ihm zu Gebote 
stehenden äußeren Mitteln frei und unbekümmert schaltet <I, 41). 
In dem verfehlten Bestreben, in den kulturellen Verhältnissen des 

Imago V/3 11 



162 Dr. Otto Rank 



Epos eine Geschichte seiner Entstehung finden zu wollen, habe man 
auf die Fülle der poetisch-technischen Mittel des epischen Stils nicht 
geachtet und daher den Dichter mit einem ihm völlig unangemessenen 
Prinzip gründlich mißverstanden, Man hatte, wie Mülder es aus- 
drückt, die Ilias so betrachtet, als wäre sie gleich der darin he« 
sungenen Stadt Ilios eine große Trümmerstätte, auf der die ver- 
schiedenen Kulturen vieler Jahrhunderte überelnandergeschüttet liegen. 
Inzwischen hatte aber die historische Ansicht von der Gleich- 
zeitigkeit der epischen Schilderung mit ihrem Stoff eine mächtige 
Stütze in den Ergebnissen der Ausgrabungen gefunden. Die längste 
Zeit wollte ja die superkluge wissenschaftliche Kritik in den home- 
riscben Gesängen nur reine Produkte der dichterischen Phantasie 
sehen, der nur die wirklich zugrunde liegende Zerstörung Trojas 
Anlaß zum freien Entwurf dieser Riesengemälde geboten hatte. 
Aber die gelegentlichen Hinweise alter und neuerer Autoren, wie 
des Demetrios von Skepsis <214 v. Chr.), Woods und anderer 
auf die naturgetreue Sdiilderung der Örtlichkeit in der Troas — wie 
der Odysseeischen Landschaften — erhielten erst durdi den Erfolg 
von Schliemanns Ausgrabungen auf dem Hügel vonHissarlik volle 
Bedeutung und wissenschaftlichen Wert. Insbesondere Schliemanns 
Nachfolger Dörpfeld gelang es, einen im Übereifer der Entdedter« 
freude von seinem Vorgänger begangenen Irrtum berichtigend, durdi 
weitere Bemühungen in der sogenannten »sechsten Schichte« eine 
auf die mykenisdie Zeit <tns zweite Jahrtausend v. Chr.) hin- 
weisende Burganlage aufzudecken, die so auffallende Überein- 
stimmungen mit den Angaben des Epos zeigte, daß sie als das 
von Homer geschilderte Troja gelten darf. Durch weitere Überein- 
stimmungen der Funde mit den in der Ilias vorherrschenden Schil- 
derungen gewann man die feste Überzeugung, in der mykenischen 
Kultur das von Homer geschilderte und von ihm auch lebendig 
geschaute »epische« Zeitalter gefunden zu haben. Der erste, der auf 
Grund der trojanischen Funde versuchte, die Spuren der älteren 
mykenischen Kultur bei Homer nachzuweisen, war Wolfgang 
Heibig <1884>/ er »stellte die Übereinstimmungen in so erstaun- 
licher Menge zusammen, daß die Unterschiede zu verschwinden 
schienen« (Finsler, 248). Ihm folgten einige Spezialarbeiter von 
denen besonders die von Reichel zu nennen ist, weil sie für die 
homerischen Gedichte durchaus die mykenisdie Art der Bewaffnung 
nachzuweisen und die vorkommenden jonischen Waffen als spätere 
Zudichtung in ihrer Bedeutung herabzudrücken suchte. Diese über- 
eilte Wertung der mykenischen Kultur in ihrer Bedeutung für die 
epische Poesie führte weiterhin zu einer noch verhängnisvolleren 
Überschätzung des Zusammenhanges, indem man sich nicht be- 
gnügte, in den archäologischen Funden die reale Grundlage der 
epischen Kultur zu sehen, sondern nun rückschließend aus den 
Gedichten selbst ein historisch getreues Gesamtbild dieser Kultur 
zu rekonstruieren suchte, Hatte man vorher die Realität der home- 



™ sd }?" Schilderungen für nichts geachtet, so glaubte man nun, die 
Gedichte als Realenzyklopädien des griechischen Altertums und 
Homer als offiziellen Kriegsberichterstatter der trojanischen Ereignisse 
ansehen zu dürfen. Bezeichnen aber, nach einem Worte Roh des, 
diese Epen für uns den frühesten, deutlicher Kunde erreichbaren 
Punkt griechischer Kulturentwicklung, so konnte sich die moderne 
Forschung die Aufgabe stellen, aus Homer nicht nur eine Geschichte 
des Epos, sondern der griechischen Kultur aufzubauen. Und tat<» 
sächlich ruhen die vorhin erwähnten kulturhistorischen Erwägungen, 
die sich aus der zeitlichen Betrachtung der epischen Darstellung er= 
geben, stillschweigend auf der Voraussetzung, daß, wie bereits 
W. Grimm für das Nibelungenlied folgerte, die epische Schilderung 
durchaus auf Wahrheit beruhe und der Wirklichkeit entspreche. 
Erst allmählich stellte sich die Einsicht her, die den Dichter 
von den geschilderten Ereignissen wieder beträchtlich distanzierte 
und den Anteil der ihn selbst umgebenden Zeitverhältnisse an der 
epischen Darstellung zu bestimmen und gebührend zu würdigen 
trachtete. Zuerst unternahm dies Rohde in seiner großartigen Manier 
für die Behandlung der Toten zu zeigen, indem er nachwies, daß 
in den Gedichten durchwegs die jonische Art der Totenverbrennung 
und nicht die mykenische der Bestattung herrsche. Ihm folgte der 
an Reicheis Untersuchungen anknüpfende Robert in einer ein= 
gehenden Studie, in der er mykenische und jonische Bewaffnung im 
griechischen Epos scharf schied, und insbesondere Cauer hat dann 
diese Sonderung der beiden Kulturstufen auch für andere Gebiete 
<Burgbau, Sitte, Kult etc.) durchgeführt, nachdem bereits Ed. Meyer 
mykenische und homerische Kultur geschieden und diese jener 
gegenüber als das griechischeMittelalter bezeichnet hatte. War 
man durch dieses Ergebnis nun auch genötigt, den Dichter in die 
spätere Zeit und nach Jonien zu versetzen, so wollte man ihm doch 
die selbständige Wiederbelebung der alten Zeit nicht zutrauen und 
rückte, wenn schon nicht ihn selbst, so doch die Blüte des von ihm 
zum Abschluß gebrachten Heldengesangs in die mykenische Zeit und 
Kultur hinauf <Cauer, Drerup, Meyer u. a.>. Begnügten sich einige 
damit, im mykenischen Heldengesang die dem epischen Dichter als 
Stoffquellen überlieferten Lieder zu sehen, so gingen andere weiter • 
und ließen ganze Teile des Epos selbst in mykenischer Zeit und 
im Mutterland entstanden sein. Einen solchen Rückfall, der Sammele 
theorie und allmähliche Entstehung in verschiedenen Zeitaltern zu 
einer neuen Theorie zu vereinigen schien, zeigen Robert und 
Bechtel. Auf die Tatsache des epischen Mischdialekts gestützt, 
glaubten sie zu finden, daß die Teile der Ilias, die mykenische Be= 
waffnung zeigen, sich ohneweiters in äolischen Dialekt umsetzen 
ließen, während die Teile mit Bronzerüstung später gleich in joni- 
scher Sprache verfaßt sein sollten. Aus diesen äolisch-mykenischen 
Teilen suchte Robert in etwas gezwungener Weise eine »Urilias« 
von etwa dreitausend Versen zu konstruieren, die — durch drei 



164 Dr. Otto Rank 



andere Iliaden erweitert — ihre endgültige Gestalt erhalten haben 
sollte. Wenn sidi diese Konstruktionen auch als unhaltbar erwiesen, 
so bleibt ihnen doch das Verdienst, den äolischen Ursprung der 
griechischen Heldenpoesie neuerdings betont zu haben, was allerdings 
Fick vom rein sprachlichen Standpunkt schon lange vorher in um 
so anerkennenswerterer Weise getan hatte, als die erst späterhin 
unternommene stoffliche Analyse in dieselbe Richtung zu weisen 
scheint. 

Waren so auch die Versuche als gescheitert zu betrachten, die 
unhaltbare Annahme einer Vielheit von Verfassern durch die un- 
faßbare Idee einer Mehrheit an der Epenbildung beteiligter Zeit- 
alter zu ersetzen, waren also die inhaltlichen Widersprüche weder 
aus mechanischer Kontamination noch aus allmählich sohichtenweisem 
Wachstum des Ganzen zu erklären, so blieb nur die Wahl, nach 
diesem weiten wissenschaftlichen Umweg wieder auf die naive An» 
schauung von einem einzigen Schöpfer des Epos zurückzugehen, 
Die dieser Auffassung entgegenstehenden inhaltlichen Verschieden- 
heiten suchte man durch die Annahme zu beseitigen, daß der Dichter, 
an der Grenze zweier Zeitalter stehend, eine dem idealen Misch- 
dialekt analoge ideale Mischkultur gebildet habe, die als Ganzes 
realiter niemals existiert habe (Beizner, I, 162) und die darum 
auch nur höchst unsichere Schlüsse auf die wirklich zugrunde liegenden 
alten Kulturverhältnisse gestatte, dafür aber um so lehrreichere Aus- 
künfte über Wesen und poetische Technik des Dichters vermitteln 
könne. Man sollte nun glauben, daß mit der Wiedereinsetzung des 
alten Homer in seine dichterischen Rechte die Schwierigkeiten be- 
seitigt und die Rätsel gelöst wären, die sich an die Verflüchtigung 
seiner Persönlichkeit geheftet hatten. Aber abgesehen davon, daß 
dann dieselben Probleme, die man bisher nur durch Verleugnung 
der Dichterindivädualität lösen zu können glaubte, eine neuerliche 
Aufrollung erfordern, erheben sich weitere Fragen und Zweifel, 
die an die Persönlichkeit des Dichters selbst knüpfen. Lassen wir 
das Nibelungenlied, dessen Urheber überhaupt nicht überliefert ist, 
vorläufig beiseite, so haftet selbst an dem durch gute alte Tradition 
überkommenen Namen Homer eine Fülle Unklarheiten und Rätsel. 
Weder über Ort, Zeit noch Art seiner Tätigkeit sind wir hinreichend 
unterrichtet, es fehlen irgend verläßliche Angaben über sein Leben 
und seine Werke. Aus den dürftigen und mit großer Vorsicht 
aufzunehmenden Nachrichten des Altertums sind denn auch die 
allerverschiedensten Schlüsse zur Feststellung der wichtigsten Daten 
gezogen worden. Was zunächst die zeitliche Einordnung betrifft, so 
differieren die von den verschiedenen Autoren vertretenen Daten 
für die Existenz Homers um nahezu ein halbes Jahrtausend. Die 
alte und naivste Ansicht, die den Vater Homer zum Zeitgenossen 
der von ihm dargestellten Vorgänge macht, setzt ihn, mit dem 
trojanischen Krieg zugleich, ins zwölfte Jahrhundert hinauf und es 
ist bemerkenswert, daß diese beispielsweise von Hellanikos ver- 



tretene Annahme sogar in der wissenschaftlichen Homerkritik Ver* 
treter gefunden hat: Payne = K night vermutet in seiner Ausgabe 
der Ilias <London 1808) den Diditer und seine ersten Zuhörer 
unter den Kolonisten, die von 1100 — 1050 aus Griechenland nach 
Kleinasien ausgewandert waren, und Schubarth macht in seinem 
sonderbaren Buche Homer gar zum trojanischen Hofpoeten. In un= 
mittelbare zeitliche Nähe des von ihm besungenen Ereignisses stellt 
von den Alten außer Thukydides noch Krates von Mallos den 
Dichter, den er vor den Einfall der Herakliden ansetzt, da die Ilias 
die Dorier im Peloponnes nicht erwähne. Diesen anscheinend korrekten 
Schluß, der eigentlich zwingend würde, wenn man den Gesiditspunkt 
der Achäisierung vernachlässigen dürfte, zog auch Thiersch, der 
Homer im Peloponnes vor der dorischen Wanderung leben läßt, 
und sogar Dörpfeld, der von seinem archäologischen Standpunkt 
mit besonderem Recht erklären zu können glaubte: »Die Gedichte 
schildern die Geographie, Geschichte und Kultur der vordorischen 
Zeit und sind daher noch vor der dorischen Wanderung in Griechen» 
land selbst entstanden.« So unanfechtbar die Prämisse ist, so wenig 
konnte der daraus gezogene Schluß akzeptiert werden, was schon 
daraus hervorgeht, daß sich andere durch diesen scheinbar zwingenden 
Augenschein nicht -abhalten ließen, die Lebenszeit des Diditers nach 
unzweifelhafteren Indizien zu bestimmen. Aristoteles und Aristarch 
glauben ihn zur Zeit der jonischen Wanderung vermuten zu sollen 
<940 — 927), während Apollodor ihn 100 Jahre herunterrüdit. 
Herodot meint <II, 53), Homer habe 400 Jahre vor seiner Zeit 
gelebt, was also zwischen 850 — 800 gewesen wäre, und Theopompos 
und Euphorion verlegen die Zeit des Dichters in die Periode des 
lydischen Königs Gyges<Ohympiadel8 — 23), also um 708— 688 v. Chr. 
und 500 Jahre nach Ansetzung der von ihm besungenen Ereignisse. 
Grote, der alle diese Angaben zusammengestellt hat, entscheidet 
sich selbst für die Zeit von der Mitte des neunten Jahrhunderts bis 
zur ersten Olympiade 776. Ebensolche Schwierigkeiten wie die zeit* 
liehe macht die örtliche Fixierung des Dichters. Die fabelhaften sieben 
Städte, die um die Ehre streiten, als seine Heimat zu gelten, ver» 
treten in Wirklichkeit eine Unzahl von Orten, die einander diesen 
Rang neiden. Selbst wenn wir von den vereinzelten Meinungen ab= 
sehen, die den Dichter nach Griechenland selbst versetzen und unter 
denen außer den bereits genannten die von Aristarch deshalb noch 
bemerkenswert ist, weil er aus den Attizismen der Gedichte auf 
Homer als einen Athener schloß, so bleiben auf kleinasiatischem 
Gebiet immer noch genug Möglichkeiten offen, deren Berechtigung 
wir später zu würdigen und zu prüfen haben werden. 

Auch in bezug auf die diesem unfaßbaren Dichter zugeschriebenen 
Werke schwankt die Tradition in ähnlicher Weise. Um 650 bereits 
galt Homer als jonischer Dichter von großer Berühmtheit, dem man 
um 500 alle damals in Umlauf befindlichen Epen nebst den so* 
genannten »homerischen« Hymnen zusdirieb,- um 350 werden nur 



166 Dr. Otto Rank 



noch Ilias und Odyssee als Werke Homers angesehen — Plato 
kennt nur diese - und um 150 sind alle Gedichte, als sogenannte 
kyklisdie, anonym <Wilamowitz>. Also auch Ilias und Odyssee die 
sich heute untrennbar mit dem Namen Homer verknüpft zeigen 
waren dies nicht immer. Insbesondere die Odyssee ist schon im 
Altertum von den sogenannten Chorizonten auf Grund übermäßig 
betonter Verschiedenheiten dem Verfasser der Ilias abgesprochen 
worden ' wogegen andere auf die überwiegenden Übereinstimmungen 
zwischen den beiden Gedichten hinwiesen und sich damit begnügten, 
die beiden Epen verschiedenen Lebensaltern des Dichters zuzu- 
schreiben, wobei die Odyssee allgemein als das unzweifelhaft spätere 
Werk anerkannt wurde. Ja selbst an den Namen Homers heftete 
sich ein für die Bezeichnung einer historischen Persönlichkeit wenig 
angebrachter Streit, indem die einen ihn als den »Blinden« verstehen 
wollten, da man in Jonien den Begleiter eines Blinden »Homeros« nenne 
<Ephoros>, oder ihn wie Aristoteles, als »Geisel« faßten, während 
andere ihn als den Zusammenfüger etymologisierten <Weldcer> oder 
den Namen als Kollektivbezeichnung verstehend <Nico>, die in der 
Namengebung vorausgesetzte Dichterpersönlichkeit zum großen Teil 
wieder verflüchtigten <vgl. Volkmann, S. 344 ff.>. 

So sehen wir also alle die Probleme und Lösungsversuche 
mit denen man sich um die Erklärung des Epos bemüht hatte, auf 
die Person des Dichters selbst zurückfallen, deren Annahme also, 
weit entfernt eine Lösung der Schwierigkeiten zu bringen, nur ihre 
Konzentration auf die hinter den Werken anzunehmende Dichter- 
Individualität bedeutet. Jedenfalls zeigen diese Meinungsverschieden- 
heiten doch, wie ernsthaft das ganze Altertum an einen Dichter 
Homer von Fleisch und Blut glaubte und sich durch alle daran 
hangenden Schwierigkeiten von diesem Glauben nicht abbringen ließ. 
Wir haben auch bereits darauf hingewiesen, daß unsere großen 
Dichter diesen Standpunkt teilten und wollen hier nur noch der 
Parteinahme des klassischen Homerübersetzers Voss gedenken, welcher 
der Ansicht war, Homer sei ein klassischer Dichter so gut wie die 
anderen, der mit Bewußtsein ein Kunstwerk schuf, welches die 
Kegeln und Gesetze seines Daseins in sich selbst trage und aus 
sich selbst beurteilt werden müsse CVolkmann, S. 85). Diesen psycho- 
logischen Standpunkt, der dem Dichter auch^ dichterisch gerecht zu 
werden sucht, haben dann fast alle bedeutenden Homerforscher 
vertreten, so daß er wieder in die maßgebenden literarhistorischen 
DarsteHungen Eingang gefunden hat. Wie neuerdings selbst Wilamo- 
witzO. J/ö> Homer als echten Ionischen Personennamen nimmt und 
ihm mas und Odyssee zuschreibt, so sah schon Burkhardt <III 71 f > 
in Homer eine jonische Dichterindividualität des neunten' Jahr- 
hunderts, von der Bergk <S. 526) meint, »Homer hat gerade 
so gedichtet, wie jeder andere auch . . ., er übte seine Kunst mit 
vollem Bewußtsein«. Und Christ führt, die diesbezüglichen Er- 
wägungen zusammenfassend, aus <S. 36 f.): »Von dieser uralten 



Homer 



167 



Vorstellung des Dichters Homer dürfen wir nicht abgehen, wenn 
uns nicht dazu die Beschaffenheit der erhaltenen Werke und der 
Verlauf der griechischen Poesie geradezu nötigen. Diese aber, weit 
entfernt die Liedertheorie zu unterstützen, führen uns umgekehrt 
ganz deutlich auf einen Dichter, der einen großartigen Plan zu einem 
Epos im Geiste entworfen hatte und diesem Plane die einzelnen 
Lieder ... als Glieder eines größeren Ganzen unterordnete. Denn 
ein großer einheitlicher Gedanke zieht sich ganz unverkennbar durdi 
alle Gesänge der Ilias durch, ein solcher wird aber zu allen Zeiten 
nur durch eine große Persönlichkeit ins Leben gerufen, nicht vom 
Volke erzeugt, noch erst hinterdrein in fertige Lieder hineingetragen. 
Einen solchen Dichter von großem Schnitt und kühner Konzeption 
setzt aber auch der ganze Verlauf der griediischen Poesie voraus. 
Nur einem Homer, der nicht alte Lieder zusammengereiht, sondern 
ein großes eigenes Werk geschaffen hatte, konnte sich eine Sänger« 
schule und konnten sich die Dichter des epischen Kyklos, Arktinos, 
Lesches, Stasinos anreihen.« 

Zusammenfassend lassen sich alsErgebnis der Homerkritik, wie sie 
heute von den führenden Forsebern auf diesem Gebiete weiter be= 
trieben wird, einige Grundsätze aus den in stetem Fluß fort* 
schreitenden Untersuchungen festhalten; Ilias und Odyssee sind 
Buchepen, als einheitliche Werke auf Grund älterer Gedichte kon= 
zipiert, aber durch Überarbeitung — Einschaltungen, Streichungen, 
Zusätze — entstellt. Sie sind als Schriftwerke abgefaßt, von einem 
»Schriftsteller« ausgearbeitet und allein durch die Schrift überliefert. 
Sie sind jonischen Ursprungs und eröffnen das literarische Epos der 
Griechen, das dann im Mutterlande nach den unerreichten Vorbildern 
weiter gepflegt wurde. Die Gleichheit in Sprache und Kunst von 
Ilias und Odyssee, die schon Aristarch gegenüber den Zweifeln der 
Chorizonten betont hatte, weist sie einem Verfasser zu, über dessen 
Person, Zeit und Vaterland uns aus dem Altertum eine Reihe von 
Fabeln überliefert ist. Um zur richtigen Einschätzung dieser Über= 
lieferungen sowie zur Würdigung der von diesem Dichter geschaffenen 
beiden großen Epen zu gelangen, gibt es — wie insbesondere Wilamo» 
witz nachdrücklichst hervorhob — kein anderes Material und keine 
anderen Quellen als eben die Dichtungen selbst, aus denen durdi 
Rüdischluß alle Gesetze und Forderungen erst zu abstrahieren sind, 
die man mißbräuchlich von außen und anderswoher herangebracht 
hatte. So ist man namentlich — wie K. Fr. Hermann ausgeführt 
hat — »dadurch so vielfach zu falschen Urteilen über Homer ver« 
leitet worden, daß man ihn mit den improvisierenden Aöden seiner 
Heroenzeit verglich und als einen Naturdichter betrachtete. Daraus 
leitete man dann die Unmöglichkeit der Entstehung jenes großen 
Ganzen von einem einzigen Menschen ab. Aber jene Aöden sangen 
nur immer das Neueste <Od., I, 352), während die homerischen Ge« 
dichte, die nur alte Zeiten besangen, ein ganz verändertes Bedürfnis 
verraten« und in eine vergangene heroische Sagenwelt zurückgreifen, 



168 Dr. Otto Rank 



die sie bewußt schildern <Meyer, 402). Die sich daraus ergebende 
historische Aufgabe, wie sie Rohde formuliert hatte, ist also, den 
Werdegang von den Anfängen des äolischen Heldengesanges in 
Thessalien bis zum Plan des jonischen Dichters zu verfolgen. Zur 
Lösung dieser Aufgabe müssen alle Probleme neuerdings aufgegriffen 
werden, welche die Homerkritik im Verlaufe ihrer langwierigen 
Forschungsarbeit aufgeworfen hat, und dabei fallen auch Streiflichter 
auf die gewaltige kulturhistorische Bedeutung des homerischen Epos, 
das auf dem Höhepunkt dieses Entwiddungsprozesses auf jonischem 
Boden steht, und als der frühester deutlicher Kunde erreichbare 
Punkt der griechischen Kulturentwicklung, auf uralte, zu seiner Zeit 
schon vergessene Anschauungen ein Licht wirft, wie es auch das 
weitere generationenlange Wachstum der epischen Poesie des Mutter* 
landes verständlich macht. 

So scheinen also die Bemühungen, das Wesen des Volksepos 
klar zu erfassen, nach mehr als hundertjähriger wissenschaftlicher 
Arbeit insofern gescheitert, als sich die Unterschiede vom Kunstepos 
immer mehr verwischt haben und die Forschung wieder der naiven 
Anschauung des Altertums zuzuneigen beginnt. Bergk hat sich sogar 
nicht gescheut, den resignierenden Satz auszusprechen, daß der 
Gegensatz von Volks» und Kunstdichtung auf die griechische Literatur 
nicht anwendbar sei. Und jüngst hat John Meier in seiner Basler 
Rektoratsrede; Werden und Leben des Volksepos die Volkspoesie 
als diejenige definiert, die im Munde des Volkes lebt, bei der aber 
das Volk nichts von individuellen Autorrechten weiß. In Wirklich» 
keit ist, wie der Finne Setäläs betont, Volkspoesie gleich individuell 
wie Kunstpoesie und Meier kommt denn auch durch vergleichende 
Forschung zu dem Schluß, daß ein Volksepos überhaupt nicht existiert. 
Das künstlerisch einheitliche Großepos, wie es die Griechen, Inder, 
Germanen und Franzosen hervorgebracht haben, und das zugleich 
Volksepos ist, setzt ein künstlerisches Individuum voraus, bei dessen 
Annahme nur das Problem des Verhältnisses von Individualität und 
Stoff bestehen bleibt. Ebenso setzt der Begriff der »Gemeinschafts» 
dichtung«, wie ihn neuestens O. Immisch im Gegensatz zum Volks» 
epos zu bestimmen und Wundt<364> im Anschluß an ihn psycho* 
logisch zu fassen sucht, die Autorschaft zwar von vielen, schließlich 
aber doch einzelnen Verfassern voraus, so daß Wundt mit der 
durch den psychologischen Standpunkt notwendig geforderten Konse* 
quenz sich das Volksepos durch die Arbeit mehrer Einzeldichter, also 
gewissermaßen aus mehreren Kunstepen, entstanden denkt und wegen 
der Unzulänglichkeit der historischen Überlieferung die psychologische 
Wahrscheinlichkeit allein übrig läßt <I, 302). Diese selbst ist aber 
keineswegs so leicht feststellbar, wie sich die Schulpsychologie vor* 
stellen mag. Gewiß handelt es sich, wie immer man die Entstehung 
der Gedichte auffassen will, im Grunde jedenfalls um dichterische 
Leistungen, noch dazu nach dem übereinstimmenden Urteil aller um 
solche der vollkommensten Art, die sich den psychologisch erkannten 



■ 



^m 



Homer 



169 



Gesetzen der dichterischen Phantasiebildung fügen und durch sie in 
den künstlerischen Eigentümlichkeiten, in den Vorzügen sowohl wie 
in den ihnen anhaftenden Unvollkommenheiten, verständlich werden 
müssen. Wir haben also zunächst bei einer Anwendung der psycho.» 
logisch erkannten Gesetze der Phantasiebildung von allen in so 
widerspruchsvoller Weise beantworteten Fragen, welche die Kritik 
des Volksepos aufgeworfen hat, abzusehen und das nur von psycho» 
logischer Seite zu lösende Problem in den Vordergrund zu rücken, 
in welcher Weise die dichterische Phantasie durch die sagenhafte, 
auf historischer Grundlage ruhende Stoffüberlieferung und durdi 
überkommene mythische wie poetische Formen und Motive beein» 
flußt worden ist. Das heißt aber nicht mehr und nicht weniger als 
zu sondern, was historischer Niederschlag, was volksmäßige Sagen» 
Schöpfung, beziehungsweise mythisches oder märchenhaftes Gut ist 
und welchen Anteil die nach bestimmten Gesetzen schaffende dichte- 
rische Phantasie an der Neuschöpfung aus diesem überkommenen 
Material hatte. Gewiß war das in letzter Linie immer die Aufgabe 
und das Ziel alfer Epenforschung gewesen, aber eine Lösung dieser 
für die gesamte Geschichte Altgriechenlands entscheidenden Fragen 
konnte ohne gesicherte psychologische Kriterien nicht gelingen. Die 
Psychoanalyse hat auf ihrem ureigensten Arbeitsgebiet, bei dem Be» 
mühen, das Phantasieleben gemütskranker Personen auf seine realen 
Momente zu prüfen, in mühevoller Forschung gewisse Kriterien 
feststellen können, die es gestatten, die eigentümliche Arbeitsweise 
der Phantasie bei Verwertung von wirklichen Erlebnissen zu ver- 
stehen und so bis zu einem gewissen Grade von Sicherheit die 
reale Grundlage vom phantastischen Element zu sondern und auf» 
zuzeigen, welchen Veränderungen die zugrunde liegende Wirklich» 
keit bei der Verarbeitung in die Phantasiewelt unterworfen ist. 




170 



Dr. Ludwig Jekels 



Shakespeares »Macbeth«. 

Von Dr. LUDWIG JEKELS <Wien>. 

Die vorliegende Abhandlung versucht es einer Forderung 
nachzukommen, welche der bekannte Shakespeare-Forscher 

Gervinus in nachstehender Weise formuliert; » ließe 

sich zwischen Beidem, Shakespeares innerem Leben und seiner Dichtung, 
\f\ nUf mit weni S en sprechenden Zügen eine Brücke bauen, ein 
Verhältnis zeigen, welches erwiese, daß bei Shakespeare wie bei 
jeder reichen Dichternatur nicht äußere Schule und poetische Kon- 
venienz, sondern innere Erlebnisse und Bewegungen des Ge- 
mütes der tiefe Quell seiner Dichtung waren, — dann erst 
würde wahrhaft erreicht sein, was uns unseren Liebling recht nahe 
stellen würde: wir würden die Summe seiner persönlichen Existenz 
ziehen, ein volles Bild, eine lebensvolle Anschauung von der Ge- 
stalt dieses Geistes gewinnen können.« 

Gemessen aber an diesem in seiner Richtigkeit wohl kaum 
anzuzweifelnden Postulat muß zugestanden werden, daß uns die 
bisherigen Macbeth-Untersuchungen dies psychologische Problem kaum 
irgendwie aufgeklärt haben. Denn z. B. aus der das Ehrgeizmotiv 
weit hintansetzenden Auffassung Ulricis', dem Drama liege »ein 
allgemeiner Gesichtspunkt, nämlich das Verhältnis zwischen der 
Außenwelt und der menschlichen Willens- und Tatkraft« zu- 
grunde, können wir ein »inneres Erlebnis« Shakespeares ebenso- 
wenig konkret erschließen, wie aus den Erläuterungen der übrigen 
Autoren, die die Verwicklungen der Tragödie und die Chärakter- 
gestaltungen ihrer Helden meistens als durch den Konflikt zwischen 
deren Ehrgeiz und Gewissen gegeben, annehmen. 

Nicht als ob wir damit sagen wollten, der seelischen Klaviatur 
des Dichters habe der Ehrgeiz gefehlt,- wir erwarten im Gegenteile 
mit Bestimmtheit, nach einer genauen Analyse auch diesem, durch 
die Worte Macbeths und der Lady übrigens so deutlich betontem 
seelischem Element, zu begegnen. Wir bestreiten lediglich die ihm für 
gewöhnlich eingeräumte zentrale Stellung im psychologischen Gefüge der 
Handlung. Und zwar nicht etwa allein aus der Erwägung heraus, daß 
u- r t. Ze J t der SAö P fun S des »Macbeth« der Dichter bereits auf der 
Höhe des Erfolges stand und demnach sein Ehrgeiz kaum mehr die 
gewaltige Hochspannung besessen haben dürfte, wie wir sie doch nach 
aer ungeheuren Wucht des Stückes voraussetzen müßten. Vielmehr 
darum, weil uns Macbeths Ehrgeiz zwar zureichend erklären kann 
die Ermordung Duncaris, zur Not noch die mit ihr wenn auch nur 
im mittelbaren Zusammenhange stehende Verfolgung Macduffs,- doch 
versagt diese Motivierung bereits vollauf bei dem Versuche an der 



Shakespeares »Macbeth« 



171 



Hand derselben die Ermordung Banquos aufzuklären, und erweist 
sich als gänzlich unverwendbar für die Aufhellung manch' wichtiger 
Teilprobleme und der rätselhaften Details, an denen das Drama 
geradezu überreich ist. 

Aber noch ein Umstand möge hier, da wir ihm einige Beweis» 
kraft zusprechen, Erwähnung finden: nämlich die geradezu konträr 
entgegengesetzten Urteile über die Helden, zu denen Bodenstedt, 
Gervinus, Ulrici, Brandes etc. gelangt sind, wiewohl sie alle 
im Ehrgeiz das die Konflikte tragende Motiv erblicken. Meint doch 
schon Bodenstedt, »Macbeth und seine Lady gehören zu den» 
jenigen Charakteren, über deren Auffassung die Gelehrten nicht haben 
einig werden können«. Ja, spricht denn das nicht deutlich für die 
völlige Unzulänglichkeit, wo nicht die Unrichtigkeit dieser Grund» 
annähme? 

Und danach erscheint uns eine Revision der so vielfach er» 
örterten Macbeth»Frage zweifellos angebracht, und insoferne halten 
wir auch den vorliegenden Versuch für durchaus am Platze,- beim 
Leser aber sei es zu entscheiden, ob hier, wie dies Gervinus 
anderseits für eine derartige Betrachtung besorgt, tatsächlich mehr 
ein Gedicht des Geschichtsschreibers als eine Geschichte des Dichters 
vorliegt. 

I. 

Wie das der meisten Shakespearschen Werke ist auch das 
Entstehungsdatum »Macbeths« nicht genau fixiert. Gesichert ist bloß, 
daß das. Werk nicht vor 1604 und nicht nach 1610 entstanden sein 
kann 1 . Während die obere Grenze durch die erste uns bekannte Auf» 
führung der Tragödie bestimmt ist, wird die untere durch ein wichtiges 
historisches Ereignis gezogen. Denn im Jahre 1604 wurde der schottische 
König Jakob zum König von Großbritannien und Irland gekrönt, auf 
welche Begebenheit im Stücke eine nicht zu verkennende und nicht 
mißzuverstehende Anspielung enthalten ist 2 . Aber außer dieser einen 
weisen noch mehrere Spuren darauf hin, daß das Stück mit starker 
Beziehung auf die Person des Königs verfaßt wurde. So auch die 
in keinem rechten Zusammenhange stehende und daher von den 
Forschern ziemlich übereinstimmend als »bei den Haaren herbei» 
gezogen« charakterisierte Erwähnung der Heilkraft Eduard des Be» 
kenners, die dessen Wahrsagung zufolge auch auf seine Nachkommen, 
somit auch auf König Jakob übergegangen ist. 

In demselben Sinne kann aber auch der Umstand gedeutet 
werden, daß Shakespeare das in seiner Vorlage — der Chronik 
Holinsheds — ungleich schwächer betonte Hexenelement zu ganzen 
Szenen ausgebaut und diese sogar vermehrt hat. Bekundete doch 

4 „r ^£ urA neuere Forsdlun g en 's* allerdings diese Zeitspanne auf die Jahre 1604, 
1605, 1606 eingeengt worden, 

2 IV/1 »Einige seh' ich 

»Die zwei Reichsäpfel und drei Zepter tragen.« 



König Jakob ein selbst für seine vom Hexenglauben stark beherrschte 
Zeit ungewöhnliches Interesse für das Hexen wesen,- hat er doch 
kurz vorher eine »Dämonologie« verfaßt, eine angeklagte Hexe 
persönlich einem Verhöre unterzogen usw., usw. 

Nicht minder aber, wo nicht an erster Stelle, wird die starke 
Berücksichtigung der Person des Königs durch die vom Dichter ge- 
troffene Stoffwahl bekundet. Denn die Macbeth-Sage war ja zu da- 
maliger Zeit in England recht verbreitet, und im nämlichen Sinne 
sogar kurz vorher von den Oxforder Studenten verwendet worden, 
als diese den ihre Stadt besuchenden König mit einer Elemente 
dieser Sage enthaltenden Rhapsodie begrüßten. Für diesen Zweck, 
als Ovation für den König, schien sie aber auch ganz besondere 
Eignung zu besitzen. War ja doch die Dynastie der Stuarts, der er 
eben angehörte, erst durch Anheirat nach Schottland und auf dessen 
Thron gelangt,- demzufolge war sie stets eifrig bemüht gewesen, 
ihre gallische Abstammung zu verleugnen, und ihre angeblich schot- 
tische Bodenständigkeit durch die, wie wir übrigens heute wissen, 
rein legendären Gestalten von Banquo und Fleance zu erweisen, 

Aber auch eine der vom Dichter am ursprünglichen Stoff vor- 
genommenen Änderungen spricht sehr deutlich für seine Absicht, 
mit diesem Werke dem Könige eine Huldigung darzubringen. Denn 
Shakespeare hat, wie bereits erwähnt, die Fabel seiner Dichtung dem 
schottischen Chronisten R. Holinshed entnommen. Bei diesem ist aber 
Banquo als Mitwisser und Mittäter am Königsmorde geschildert, 
wogegen er bei Shakespeare als demselben fernestehend gezeichnet ist,- 
nach allgemeiner Ansicht eben darum, weil es doch nicht anging, den 
Urahnen des Königs, — wo doch das Stück sogar in Jakobs Ge- 
genwart gespielt worden sein dürfte, — als blutbefleckten Königs- 
mörder hinzustellen. — Nach alledem ist wohl die Annahme, 
»Macbeth« sei eigentlich eine Apotheose der Thronbesteigung 
Jakobs L, kaum mehr von der Hand zu weisen. 

Was sich nun hier zunächst in den Vordergrund unseres 
Interesses stellt, ist wohl die Frage: welche Beweggründe mag der 
Dichter für diese seine Huldigung gehabt haben, und welch inneren 
Antrieben bei ihm mag wohl dieselbe entsprungen sein? 

Wie sehr berechtigt die Stellung dieser Frage ist, die mög- 
licherweise ein ungleich tieferes Problem in sich birgt als man für 
gewöhnlich geneigt ist anzunehmen, — dies erhellt schon aus der 
Erwägung, daß derartige Huldigungen ansonsten ganz außerhalb 
der Gewohnheit Shakespeares zu liegen schienen. War er doch ge- 
genüber der Vorgängerin Jakobs, der großen Elisabeth, die doch im 
Laufe von mehr als zehn Jahren wiederholt den Aufführungen 
seiner Stücke beiwohnte, vor der er audi als Schauspieler des 
öfteren aufgetreten ist, unter deren Regierung er bereits zu hoher 
Geltung und Wohlstand gelangte, ja sogar in den Adel erhoben 
wurde, — dermaßen sparsam mit Huldigungen und Schmeicheleien, 
daß Brandes z. B. ausdrüddich hervorhebt: »Shakespeare ist der 



Shakespeares »Macbeth« 



173 



einzige Dichter der damaligen Zeit, der sich förmlich geweigert hat, die 
Forderung der Königin nach Huldigung zu erfüllen.« 

Aus der nämlichen Erwägung heraus müssen wir aber auch 
die hier zuweilen von den Autoren versuchten Erklärungen als 
höchst unbefriedigend bezeichnen. So z. B. wenn Wagner 1 und 
ihm zufolge auch W. A. Schlegl meinen, der Dichter habe mit 
dieser Schöpfung die Absicht verbunden, »dem Könige ganz beson= 
ders zu gefallen«, oder aber wenn Brandes sich dahin äußert, daß 
»hätten die bescheidenen, leicht schmeichelhaften Anspielungen auf 
James .... in dem übrigen Huldigungssturm gefehlt, oder wären 
sie ein Fünkchen weniger ehrerbietig gewesen, so würde das der 
Gnade 2 gegenüber, mit der James die Truppe Shakespeares gleich 
überhäufte, eine geradezu unverantwortliche, sinnlose Demonstration 
gewesen sein.« 

All diesen Versuchen gegenüber können wir nicht umhin, stets 
auf des Dichters so abweichendes Verhalten gegen die Königin 
Elisabeth zu verweisen, und demnach entgegenzuhalten, daß diese 
Erklärungen die von uns aufgeworfene Frage in keinerlei Weise 
erledigen. Denn nach wie vor bleibt, für uns wenigstens, das Problem 
aufrecht, warum denn eigentlich der Dichter so beflissen war, die 
Gunst des neuen Königs zu erwerben, beziehungsweise auch den 
Schein jeglicher Demonstration gegen denselben zu vermeiden, — 
wo er doch der um ihn ungleich verdienteren Königin gegenüber, 
sich um all derartige Rücksichten, wie es allen Anschein hat, recht 
unbekümmert zeigte? 

Vor einer etwaigen Unterschätzung glauben wir aber dies 
unser Argument wohl am sichersten dadurch zu schützen, wenn wir 
hier hervorheben, daß die Gestalten Jakobs und Elisabeths, und 
zwar gleichfalls im Sinne eines Gegensatzes bereits von anderer 
Seite zur Handlung unserer Tragödie sogar in intimere Beziehung 
gebradit wurden. 

Wir meinen hier den jüngst in dieser Zeitschrift veröffent= 
lichten »Macbeth«=Versuch Freuds, den wir trotz seiner Flüchtig* 
keit kaum anders denn als sehr aufschlußreich bezeichnen können. 
Denn nicht allein, daß derselbe uns geeignet erscheint einiges Licht 
auch in die hier aufgeworfene Frage zu bringen,- vielmehr als das, 
bahnt er ja überhaupt ein wirkliches Verständnis des Stückes erst an. 

In diesem Essay verweist Freud darauf, die Handlung der 
Tragödie biete eine merkwürdige Anspielung auf die dem Dichter 
zeitgenössischen Vorgänge auf dem englischen Throne. 

Denn Freud zufolge ist ja die Tragödie eigentlich auf dem 
Gegensatze zwischen Unfruchtbarkeit und Kinderfolge aufgebaut. 
Dies gehe schon aus der Prophezeiung der Schidcsalsschwestern 

1 W. Wagner: Macbeth von W. S. Leipzig 1872 bei Teubner. 

2 Gemeint ist hier die alsbald nach der Ausrufung Jakobs zum König von 
Großbritannien von ihm vollzogene Ernennung der Truppe Shakespeares zu 
königlichen Schauspielern, 



174 Dr. Ludwig Jekets 



hervor, »die Macbeth verheißen, er werde selbst König werden, 
dem Banquo aber, daß seine Kinder die Krone überkommen 
sollen«,- und dieser, gleichsam programmatischen Prophetie gemäß 
vollziehe sich nach Freud auch die Entwicklung der Handlung. 

Den nämlichen Gegensatz aber zwischen Unfruchtbarkeit und 
Kindersegen illustrierte eigentlich, meint Freud weiter, auch der 
jedenfalls nicht lange vor der Entstehung des Stückes, gleichsam vor 
den Augen des Dichters, vollzogene Wechsel auf dem englischen 
Throne. »Denn die jungfräuliche' Elisabeth, von der ein Gerede 
wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen wäre, ein Kind zu 
gebären, die sich einst bei der Nachricht von James' Geburt im 
schmerzlichen Aufschrei als einen ,dürren Stamm' bezeichnet hatte, 
war eben durch ihre Kinderlosigkeit genötigt worden, den 
Schottenkönig zu ihrem Nachfolger werden zu lassen. Der war aber 
der Sohn jener Maria, deren Hinrichtung sie, wenn auch widerwillig, 
angeordnet hatte, und die trotz aller Trübung der Beziehungen 
durch politische Rücksichten doch ihre Blutsverwandte und ihr Gast 
genannt werden konnte.« Und um die von ihm aufgedeckte Parallele 
zu dieser geschichtlichen Situation noch kenntlicher zu machen, ver- 
weist Freud auf die Worte Macbeths in IH/1: 

»Mein Haupt umfing die unfruchtbare Krone,- 
»Den dürren Zepter reichten sie der Faust,- 
»Daß eine fremde Hand ihn mir entwinde, 
»Kein Sohn von mir ihn erbe!« 

in denen, wie man sieht, sich sogar jener Ausruf der Königin Eli» 
sabeth in teilweise gleichem Wortlaut wiederholt. 



Daß trotz der recht kursorischen Behandlung des Themas 
Freud mit dieser seiner Auffassung über das Grundmotiv des 
Stückes sich dem darin verborgenen psychologischen Problem zumin» 
dest wesentlich genähert haben dürfte, dafür scheint uns noch ein 
anderer Umstand zu sprechen, nämlich der mythologische Gehalt 
der der Dichtung zugrunde gelegten schottischen Macbeth=Sage. 
Denn schon bei einer recht oberflächlichen Untersuchung derselben 
finden wir als ihren Sinn gleichfalls die Fruchtbarkeit ihrem Gegen= 
satz entgegengestellt. 

Schon nach den bei Simrock 1 enthaltenen Erläuterungen kann 
es wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß wir es in dieser Sage 
eigentlich mit einer Versinnbildlichung der Vegetationsvorgänge, 
somit mit einem Vegetationsmythos zu tun haben. Denn auf 
Grund von tatsächlich bedeutenden Analogien mit der hessischen 
Sage vom König Grunewald sowie dem Riesenkönig bei Saxo 
Grammaticus VII. 132, ist nach Simrock Macbeth ebenso wie 



Karl Simrock: Die Quellen des Shakespeare in Bonn 1870 bei Marcus. 



Shakespeares »Macbeth« 



175 



diese Sagengestalten ein Winterriese, dessen Herrschaft zu Ende 
geht wenn das Maifest beginnt und der grüne Wald gegangen 
kommt. 

Ungleich weniger bestimmt ist dagegen das, was uns Sim= 
rock über den Sinn der zweiten Prophetie : »Kein vom Weibe Ge* 
borener töte Macbeth«, mitteilt. Er erblickt in Macduff eine Ana= 
logie zu Sagengestalten wie Rogdai, der iranische Rüstern oder 
Wölsung,- aber auch sonst, meint Simrock, kämen nodi häufig 
Männer und Halbgötter vor, die ebenso wie die angeführten von 
der Sage gleichfalls als aus dem Leibe der Mutter geschnitten dar= 
gestellt werden,- dies aber bedeute stets Kraft und Heldenstärke. 

Eine wirklich befriedigende Obereinstimmung zwischen dieser 
Erklärung der zweiten Prophetie mit der früher aufgezeigten allego* 
rischen Bedeutung des Birnamwaldes, ergibt sich nun m. A. nach 
nur in dem Falle, wenn wir uns an den von Simrock so leicht 
hingeworfenen Hinweis halten, dies »aus dem Leib der Mutter ge= 
schnitten« weise auf Halbgötter hin. Denn dann wäre es eben ein 
Ausdruck der tiefen Verehrung für die befruchtende und fruchte 
spendende Kraft der Natur, wenn hier, — im Gegensatze zu dem 
rein menschlich aufgefaßten Winter, — der Frühling etwa mit dem 
Attribut der Gottheit ausgestattet, und implicite als der sieghafte 
dargestellt wird. 

Da wir indessen eine gründlichere Klärung auch dieses Teil= 
Problems im weiteren Verlaufe unserer Untersuchung zu erlangen 
hoffen, so wollen wir hier diese Bemerkungen vorläufig mit dem 
Hinweise beschließen, daß auch der Macbeth»Mythos irgendwie 
den Gegensatz zwischen Unfruchtbarkeit und zeugender, schöpferischer 
Kraft beinhaltet. 



Wiewohl nun, wie wir gesehen, wir auf dieses Thema von so 
vielen Seiten hingewiesen werden, so hat sich dasselbe dennoch, zum 
Grundmotiv des Dramas erhoben, — wie den Lesern des Freud* 
sehen Essays noch erinnerlich, — in keinerlei Weise bewährt. Denn 
es ließ sich keine Bedingung auffinden, an die im Stücke die Frucht» 
barkeit beziehungsweise ihr Gegenteil geknüpft wäre,- auch die Be= 
Ziehung zur weiteren Entwicklung des Dramas war kaum herzu= 
stellen,- vor allem aber ließ sich von hier aus das psychologische 
Hauptproblem desselben in keinerlei Weise erklären. Denn der Ver- 
such Freuds, die Wandlung Macbeths zum blindwütigen Mörder 
sowie der Lady zur verstörten und zerknirschten Büßerin aus deren 
als Strafe für die begangenen Verbrechen schwer empfundenen 
Kinderlosigkeit und getäuschten Kinderanhoffung abzuleiten, schei- 
terte, wie erinnerlich, an dem schreienden Mißverhältnisse der Zeit. 
Denn im Gegensatze zur Vorlage, der Chronik Holinsheds, wo 
zwischen dem Morde an Duncan und" den weiteren Missetaten 
Macbeths, speziell der Ermordung Banquos, zehn Jahre vergehen, 



176 Dr. Ludwig Jekels 



spielt sich die Handlung des Shakespeareschen Stüdtes in adht Tagen 
ab, so daß einfach »die Zeit fehlt, innerhalb welcher die fortgesetzte 
Enttäuschung der Kinderhoffnung das Weib zermürben und den 
Mann in trotzige Raserei treiben könnte«. 

Von alledem aber abgesehen weist jedoch das so aufgefaßte 
Grundproblem der Tragödie noch die bemerkenswerte Schwäche auf, 
daß auch seine, von Freud so verheißungsvoll aufgededtte Be= 
Ziehung zur aktuellen Situation eben nur eine kurze Strecke Weges 
hindurch verfolgt — und derart nicht in einen entsprechend aus= 
giebigen und intimen Zusammenhang gebracht werden kann. Und 
danach wollen wir es noch versuchen, ob es uns vielleicht an der Hand 
einer im nachfolgenden vorzunehmenden genaueren psychologischen 
Bestimmung der einzelnen Personen der Tragödie, ihrer Gruppierung 
und Klarlegung der Beziehungen zueinander gelingen werde, — mehr 
Aufschluß über die hier aufgerollten Fragen zu erlangen. 

II. 

Die auf den ersten Blick sehr verwirrende psychologische 
Struktur der Tragödie klärt sich schon wesentlich, sobald wir uns 
nur strenge an die von der Psychoanalyse aufgedeckte und so viel« 
fach bestätigte Bedeutung der Vorstellung des Königs als Symbol 
des Vaters halten, 

Denn dann kommen wir zum Schlüsse, daß hier Macbeth 
offenbar in einer doppelten seelischen Funktion, in einer zweifachen 
seelischen Phase, zur Darstellung gelangt. Einmal nämlich gegenüber 
dem Vater <König> Duncan, somit in der Funktion als Sohn, ähn= 
lieh Banquo und Macduff/ das andere Mal aber, wo er bereits 
selber Vater <König) ist, in seinem Verhältnisse zu Banquo und 
Macduff, die auch zu ihm, wie früher zu Duncan, als Söhne ge= 
dacht sind. Wo somit die erste Phase die Beziehung des Sohnes 
zum Vater betrifft, müssen wir als Inhalt der zweiten das umge= 
kehrte Verhältnis, nämlich das des Vaters zum Sohne, annehmen. 

Unterziehen wir nun zwecks leichterer Orientierung vorläufig 
bloß das SohnescVater^Verhältnis hier einer Prüfung, so bedarf 
es wohl vorerst kaum noch einer besonderen Hervorhebung, daß 
der Mord an Duncan analytisch kaum anders denn als Vatermord 1 

1 Bei der grundlegenden Bedeutung dieser Auffassung für den hier zu ent> ■ 
wickelnden Inhalt der Tragödie einerseits, anderseits aber bei dem norfi immer 
geringen Glauben, den derartige Behauptungen der Psychoanalyse finden, — ver« 
lohnt es sich wohl darauf zu verweisen, daß sich auch an einer Stelle des Textes 
die hier behauptete Natur des Mordes an Duncan deutlich verrät. Wir meinen 
hier die kurze Rede von Lenox in HI/6, in der doch wiederholt des Vatermordes, 
allerdings in ironischer Weise, Erwähnung getan wird. Wir finden hier nachstehende 

s ' »Who cannot want the thougt, how monstrous 

»It was for Malcolm and for Donalbain 
»Tho kill their gracious father?« 

Diese Stelle beinhaltet nun eigentlidi zwei Negationen nebeneinander. Die 
eine derselben liegt im Worte want, das redit unbestimmter Naturist, und eigent» 






Shakespeares »Macbeth« 



177 



zu qualifizieren ist. Dadurch wird aber auch sofort die hier vom 
Dichter ins Auge gefaßte Natur der Beziehung des Sohnes zum 
Vater klargelegt; denn dadurch erscheint uns Macbeth als der vater= 
mörderische, oder in der entsprechenden Abschwächung, als der 
vaterfeindliche, rebellische Sohn, wie er denn auch in III/5 von der 
Hekateals »wayward son«, der widerspenstige Sohn, bezeichnet wird. 

Das Motiv des Vatermordes aber, die Ursache der Vater^ 
feindlichkeit, — dies hat, nach unserem Dafürhalten, der Dichter in 
der Lady Macbeth verkörpert. 

Sie ist der Dämon — Weib, das zur Kluft zwischen Sohn und 
Vater wird. 

Mancherlei können wir für die Richtigkeit dieser unserer Intern 
pretation anführen. Und so sei vorerst darauf hingewiesen, daß ja 
die Lady als Mitwisserin und Teilnehmerin bloß derjenigen Misse- 
tat Macbeths erscheint, die er als Sohn, d. i. bevor er selbst König 
<Vater> geworden, begeht. Von diesem Zeitpunkt an steht die Lady 
dem verbrecherischen Tun Macbeths völlig ferne und erscheint, was 
sonderbarerweise so wenig Befremden bei den Shakespeareforschern 
erregt, weder in seine Mordabsichten gegenüber Banquo noch auch 
in die gegen MacdufT irgendwie eingeweiht. 

Die wichtigste Stütze für diese unsere Auffassung der Lady 
Macbeth können wir indessen an der Hand unserer psychoanalyti* 
sehen Einsichten aus der nachstehenden Stelle des Textes gewinnen. 

lieh den negativen Sinn von Nichthaben, Missen, Abgang fühlen, besitzt. Dem* 

gemäß hätte diese Stelle etwa lauten müssen; »Who can want «, in der 

Übersetzung etwa: 

»Wer kann den Gedanken missen, es sei schändlich 
»Daß Donalbain und Malcolm töteten 
»Den gnadenreichen Vater.« 

Statt dessen finden wir aber im Texte sonderbarerweise eine zweite Ne~ 
gation in dem dem can angehängten not, — welch doppelte Negation dann natür^ 
lieh zur Affirmation und Gutheißung des Vatermordes führt. Denn es heißt dann : 

»Wer kann nicht missen den Gedanken, es sei schändlich usw.« 

Der Widerspruch, an dieser für uns so signifikanten Stelle ist natürlich auch 
den Kommentatoren nicht entgangen. SoDarmesteter (Macbeth Edition classique 
par James Darmesteter, Paris 1881, Librairie Delagrave): »La negation est de trop 
dans cannot et ferai dire ä la phrase tout le contraire de ce quelle 
signifie, — si le sens n'etait trop claire de lui meme.« 

Diese Rede von Lenox ist wegen ihres ironischen Gehaltes recht bekannt 
unter den Kommentatoren. Darmesteter bezeichnet sie geradezu als »un modele 
d'ironie voilee«, und zwar knüpft er diese Bemerkung an die Stelle, wo als Motiv 
des Mordes an Banquo, — dessen spätes Ausgehen von Lenox angeführt wird. 
De facto besteht jedoch die Ironie hier nicht in dieser Motivverschiebung, sondern 
vielmehr darin, daß uns hier der Dichter die volle Wahrheit über die Mordtat 
Macbeths mitteilt, jedoch unter solchen Bedingungen, daß wir trotzdem keine 
Kenntnis davon nehmen. Denn durch die Voranstellung des läppischen Motivs 
des späten Ausgehens Banquos, erzeugt der Dichter eine Athmosphäre völliger 
Unglaubhaftigkeit, in die dann sofort die Mitteilung des richtigen Sachverhaltes 
fällt. Derart besteht die Ironie hier eigentlich in einer Dupierung des Zuhörers, — 
der trotz der brüsken Mitteilung der vollen Wahrheit weiter denn je davon 
entfernt ist, dieselbe als solche zu erkennen. 

Iraago V/3 12 



178 : Pf-: Ludwig. Jekels 



In der großen <7;> Szene des ersten Aufzuges, in der sie. den 
noch widerstrebenden Macbeth zum Morde endlich bestimmt, ver- 
weist die Lady auf die Vergangenheit. 

: ■ »Welch', ein Tier, " 

»Ließ dich von deinem Vorsatz mit mir reden? 
». . . .... Nicht Zeit, nicht Ort 

»Traf damals zu, du wolltest beide machen.« , 

Aus diesen Worten wird/so z.B. von Brandes, der Schluß 
gezogen, es sei aus dem ursprünglichen Texte offenbar viel ausge- 
fallen, da in dem uns überlieferten bis dahin eine Unterredung wie 
die hier angedeutete, nicht enthalten ist. 

Uns aber scheint es, daß gerade diese Stelle eine treffliche Illu- 
stration zu den einsichtsvollen Worten von Darmesteter liefert, 
wenn er meint: »Dans nombre de cas ou le texte semble corrompu, 
il est probable qu'il n'est qu'obscur et que nous devons accuser notre 
maladresse de commentateur plutot que l'incurie des premiers editeurs.« 

Denn diese Worte der Lady sind ein Hinweis auf abgründige 
seelische Tiefen. 

Die Lady, der Dämon — Weib, weist gegenüber Macbeth auf 
die Vergangenheit hin. 

Denn tatsächlich trat schon früher zwischen ihn und den Vater 
das Weib, — die drei prophezeienden Hexen. 

Viel ist über die Hexen von »Macbeth« geschrieben — und ge- 
stritten worden,- die erlesensten Geister Deutschlands : Goethe, Schiller, 
Grillparzer, aber auch Schlegel, Th. Vischer, Otto Ludwig und andere, 
beschäftigte diese Frage. Wer indessen die vom Dichter Weitch ge- 
nannten Hexen sind, sagt uns Holinshed, ja sagt uns der Dichter selbst 
in 1/3, wo sie sich doch geradeheraus »the weird sisters« nennen. Weird 
bedeutet aber die Bestimmung, das Schicksal, wie denn auch Holinshed 
diese Hexen als »the Goddess of Destiny« bezeichnet. 

Kein Zweifel somit, daß Schiller mit seiner Auffassung recht 
hatte, und daß uns in diesen Hexen, — genau so wie Freud 1 zu- 
folge auch in der Cordelia, Regan und Goneril des »Lear« oder 
in den 3 Kästchen im »Kaufmann von Venedig«, — niemand 
anderer als die drei Schidtsalsschwestern, die Nomen der Edda, 
Parzen der Lateiner oder Moiren der Griechen, entgegentreten. 

Demselben entzückenden Essay Freuds aber danken wir auch 
die Kenntnis, daß diese gewöhnlich bloß als Vergangenheit, Gegen- 
wart und Zukunft aufgefaßte Allegorie der drei Schwestern, — »die 
drei Beziehungen zum Weibe« darstellt, oder die drei Formen, zu 
denen sich dem Mann das Bild der Muttef im Lauf des Lebens 
wandelt: »die Mutter selbst, die Geliebte, die er nach deren Eben- 
bild gewählt, und zuletzt die Mutter Erde« 

Sohin ist der dunkle Hinweis der Lady auf die Vergangen- 
heit eigentlich ein Hinweis auf die Mutter, als den Ursprung und 

1 Freud; Das Motiv der Kästchenwahl. Imago, Bd. II. 1913, 






den tiefsten Quell der Vaterfeindlichkeit. Und darum läßt der 
Dichter die drei Hexen dem Helden auf der einsamen Heide ent= 
gegentreten und ihm prophezeien, er werde Than von Cawdor 
werden. Im Than von Cawdor aber dürfen wir nicht etwa eine 
Rangerhöhung erblicken, — denn er ist hier das Symbol des Ver* 
rates. Denn schon Rosse nennt ihn »abtrünnigen Verräter«, und 
auch von Angus hören wir: »doch Hochverrat, gestanden und er« 
wiesen, hat ihn gestürzt«. 

Damit sagt uns sohin der Dichter kaum etwas anderes denn: 
durch die Mutter werde der Sohn zum Verräter am Vater. 

Und darum ist das Weib, doch das Ebenbild der Mutter, 
die Lady Macbeth, die trennende Kluft zwischen Vater und Sohn. 

Und schließlich führen wir für diese unsere Auffassung der 
Lady noch die Gestalt Banquos an. Es erübrigt sich wohl von 
selbst, daß er, der dem Morde fernestehende, in vollen konträren 
Gegensatz zum schlechten Sohne Macbeth gestellt ist, und demnach 
als der gute Sohn aufzufassen ist. 

Indem wir aus Gründen der Übersichtlichkeit die genauere 
Analyse dieser Gestalt in die Anmerkung 1 verweisen, wollen wir 

1 Unsere Bezeichnung Banquos als »guten« Sohnes ist bloß eine summa» 
rische. Denn es werden gegen eine solche Auffassung gewisse Bedenken rege, da 
die Zeichnung der Figur mit ihr nicht ganz übereinstimmt. Eine gewisse Unvoll* 
ständigkeit, Unbestimmtheit, zumindest aber Verschwommenheit in seiner Charak- 
terausprägung ist unleugbar, und demgemäß auch von manch ernster Seite ver* 
merkt. So z. B. Gervinus bei Besprechung der dem Stücke innewohnenden poe- 
tischen Gerechtigkeit: »Eine ähnliche Unvorsichtigkeit stürzt Banquo. Er war in 
das Geheimnis der Schicksalsschwestern eingeweiht,- zu Offenheit gegen Macbeth 
verpflichtet, hat er Gelegenheit, von der Verstocktheit und Heimlichkeit sich zu 
überzeugen,- er mutmaßt und argwöhnt Macbeths Tat,- gleichwohl tut er nichts 
gegen ihn und nichts für sich.« Auch Ulrici wirft ihm vor, >er spiegele sich mit 
selbstgefälligem Dünkel an den Verheißungen seines künftigen Glückes und rufe 
dadurch sein Verderben auf sein Haupt«, — wogegen Bodenstedtm. A. nach 
den triftigsten Einwand gegen die für gewöhnlich und auch hier angenommene 
Güte Banquos macht, wenn er hervorhebt: »Banquo hat Macbeth längst durch* 
schaut, aber nichts getan, um den alten Duncan vor ihm zu warnen und zu 
hüten.« Wir neigen dazu, auch in dieser unklaren, kompromißhaften Zeichnung 
Banquos nicht minder ein psychologisches Ausdrucksmittel zu erblicken. Es ist, als 
ob der Dichter damit andeuten wollte, daß es doch nur das Weib, <die Mutter) 
sei, die eine unüberbrückbare Kluft zwischen Vater und Sohn setzt, und letzteren 
zur extremen Feindseligkeit treibt. Wogegen alle anderen Ursachen, wie z. B. die 
auch von den Autoren vermerkte so ungleiche Belohnung für die gleichen Ver* 
dienste, zwar eine arge Verstimmung, ja Gleichgültigkeit gegen den Vater zur 
Folge haben können, — wie uns ja auch Banquo ein »böses Denken« gegenüber 
Duncan eingesteht, — jedoch niemals den Umschlag in ausgesprochene Feindschaft 
bewirken können. Immerhin aber können wir diese Gestalt nach alledem doch schwerlich 
als den »guten« Sohn auffassen,- vielmehr scheint uns für Banquo, der auf die knappen 
Dankesworte des Königs versichert »wachs' ich da, so ist die Ernte Euer« und 
dennoch in der nächsten Szene »böses Denken« hegt, der auch König Macbeth 
beargwöhnt und beneidet, ihm aber sofort darauf submiß erklärt: »unauflöslich 
bleibt für immer meine Pflicht an Euch gebunden«, — der sich somit mit Wut 
im Herzen stets ergeben dem Vater gegenüber zeigt, die Auffassung als »füg- 
samer Sohn« ungleich zutreffender, wodurch das Verhältnis zum »widerspen* 
stigen« Macbeth erst ein vollauf gegensätzliches wird. 



hier bloß im Zusammenhange mit dem uns unmittelbar beschäftig 
genden Thema hervorheben, daß in der Tragödie Banquo, — wieder 
ein Gegensatz zu Macbeth, — nicht allein kein Weib an die Seite 
gestellt ist, sondern auch, daß er außer jeglichem Kontakt mit der 
Lady darin erscheint. — 

»Hätt er nicht 
»Geglichen meinem Vater wie er schlief, 
»So hätt' ichs selbst getan« 

ruft die Lady in 11/ 1 und belehrt uns derart, wie die Genien der 
Geschlechter einander entwaffnen,- überdies aber entnehmen wir noch 
dieser Gestalt, daß der Mann durch das Weib zum Kampf gegen 
das eigene Geschlecht gedrängt wird, und so ist die Lady das 
»andere« Geschlecht, das über das »eigene« obsiegt,- sie ist die 
Heterosexualität, die die Homosexualität niederringt. 

Das Weib, — die Lady Macbeth, — ist es nadi alledem, 
das den Sohn zum schlechten macht, und derart ist das Weib das 
Verhängnis des Sohnes. 

* * 

* 

In der zweiten seelischen Phase dagegen wird, wie bereits 
bemerkt, Macbeth als Vater geschildert. Als solcher läßt er seinen 
Sohn Banquo ermorden und trachtet auch dem anderen Sohn Macduff 
nach dem Leben,- er ist demnach der sohnesmörderische, sohnes= 
feindliche, der schlechte Vater. 

Irgend ein Zweifel an dieser unserer Deutung wird vollends 
beseitigt, woferne wir uns des großen Nachdruckes entsinnen, mit 
dem Macbeth den gedungenen Mördern einschärft, nicht allein 
Banquo, sondern auch dessen Sohn Fleance ums Leben zu bringen. 
Man beachte, wie in den Worten der Mörder nach Ffeances ge- 
glüditer Flucht, der Akzent auf dem »Sohne« liegt <III/3>; 

Dritter Mörder; »Nur einer liegt,- der Sohn entfloh.« 

Zweiter Mörder: »So ist 

»Die beste Hälfte unserer Müh' verloren.« 

Aber womöglich noch kenntlicher wird das hier behandelte 
Problem der Sohnesfeindlichkeit wohl durch die Mordszene am 
kleinen Sohne Macduffs,- nämlich durch den Umstand, daß, wo 
doch wiederholt und mit Nachdruck betont wird Macduff habe all 
die Seinigen verloren, der Dichter dennoch die Gestalt des Sohnes 
heraushebt, ihr Schicksal isoliert behandelt, und derart den »Sohn« 
in den Vordergrund stellt. 

Das Motiv aber dieser Sohnesfeindlichkeit? 

Da genügt wohl der Hinweis auf die so berühmte, so oft ge« 
deutete und ebenso oft mißverstandene Vision von Banquos Geist, 
den Macbeth genau so seinen, des Vaters, Platz einnehmen sieht' 
wie er selbst früher Duncan von dem seinigen verdrängt, — und 
Macbeths Worte dabei; 






^m 



Shakespeares »Macbeth« 



181 



»Ja und ein Kühner, der wagt anzuschauen 
»Was bleich den Teufel machte!« 

In herrlichster dramatischer Plastik illustriert hier der Dichter 
die von Rank auch für Hamlet erschlossene Angst des zum Vater 
gewordenen Sohnes, bei seinem Sohne der gleichen Feindseligkeit 
zu begegnen, wie er sie selbst einst dem Vater entgegengebracht. 

Diese durch die Versündigung gegenüber dem Vater genährte 
und wachgehaltene Angst vor der Vergeltung läßt es uns nun 
verstehen, warum Macbeth bei Erhalt der Nachricht, Banquo sei 
zwar tot, doch der Sohn Fleance entkommen, in solch verzweifelnde 
Worte ausbricht: 

»So bin ich wieder krank/ sonst war' ich stark, 
»Gesund wie Marmor, fest wie Fels gegründet, 
»Weit, allgemein, wie Luft und Windeshauch,- 
»Doch jetzt bin ich umschränkt, gepfercht, umpfählt, 
»Von niederträchtiger Furcht und Zweifeln,« 

Der Vater in ihm, die nie verstummenden Mahnungen an den 
dem Vater entgegengebrachten Haß und die ihm in Gedanken zu= 
gefügte Unbill sind es sohin, die das Mißtrauen gegen den Sohn 
nähren und wachhalten, und von diesem die nämlichen Empfing 
düngen besorgen lassen,- und so ist es der in ihm fortlebende Vater, 
der den Tod des Sohnes fordert. Darum meint ja auch der vorsieh» 
tige Sohn Malcolm in IV/3: 

»Klug ist's, ein arm, unschuldig Lamm zu opfern, 
»Um einen zorn'gen Gott zu sühnen,« 

Derart aber erscheint dem Dichter zufolge die Beziehung zum 
Sohne aufs strengste bedingt durch die Beziehung zum Vater,- sohin: 
wie man als Sohn war, so ist man dann als Vater. 

Demgemäß demonstriert uns der Dichter speziell durch die 
Gestalt Macbeths, daß ein schlechter Sohn auch ein schlechter 
Vater ist. 



Der nämliche psychologische Sachverhalt, nämlich der innige Zu= 
sammenhang der beiden seelischen Funktionen als Sohn und als 
Vater, wird aber vom Dichter auch noch an anderen Gestalten der Tra= 
gödie, speziell an Macduff und Banquo aufgezeigt, 

Mit dieser unserer Annahme einer Motivwiederholung scheinen 
wir indessen nicht einmal ganz isoliert dazustehen,- denn ähnliches 
scheinen schon manche unter den Shakespeare=Forschern irgendwie 
geahnt zu haben. So z. B. Ulrici, wenn er meint: »Es ist ein 
unleugbarer Mangel der Tragödie, daß die Grundidee des Ganzen 
nicht vollständig an dem persönlichen subjektiven Charakter, Leben 
und Schidksal des Helden, sondern zum Teil an seiner objektiven Ums 
gebung zur Durchführung und Anschauung kommt«, und weiter, 
»die Grundidee des Ganzen spiegelt sich nicht bloß in Macbeth 



182 Dr. Ludwig Jekels 



<und seines Weibes) Charakter, sondern ziehe sich auch durch alle 
Nebenfiguren und Nebenpersonen durch«, endlich, »die Wirkung 
des Tragischen liegt nicht allein in der Geschichte Macbeths selbst, 
sondern sie ist gleichsam halbiert, und auf zwei verschiedene Seiten 
verteilt«. 

Ähnlich nämlich Macbeth muß auch Mac du ff zweifellos als 
schlechter, widerspenstiger Sohn bezeichnet werden. Denn trotz seiner 
Liebe zum Vater — die doch gegenüber Duncan reichlich belegt ist 
und auch gegenüber Macbeth durch Worte Malcolms 1 bekundet 
wird — lehnt er sich gegen Macbeth auf. Er geht nicht zur Krönung 
nadh Scone, »führt dreiste Worte« Lenox zufolge, und lehnt brüsk 
die Einladung zur Festtafel ab, die, wie wir wissen, der fügsame 
Sohn Banquo ohne Zögern annimmt. 

Die Ursache aber dieser seiner Haltung? 

Macbeths Mord an Duncan, der Vatermord,, die überlieferte 
Vaterfeindlichkeit. 

Diese seine vaterfeindliche Gesinnung, die Auflehnung gegen 
den Vater ist es aber auch, der all die Seinigen zum Opfer fallen,- 
denn vom Vater verfolgt mußte er sie verlassen und hat sie, speziell 
den vor unseren Augen erwürgten Sohn, der Mörderhand preis» 
gegeben. Darum ist es, daß wir ihn in IV/3 klagen hören: 

»Macduff, für deine Sünden starben sie! 

O ich Nichtswürdiger, nicht um ihre Schuld, 

Um meine eigene traf der Mord ihr Leben!« 

Kein Zweifel somit, daß wir auch hier auf das nämliche Motiv 
gestoßen sind wie bei Macbeth, und daß uns ebenso wie an diesem 
auch an Macduff demonstriert werden soll, daß ein schlechter Sohn 
auch ein schlechter Vater ist. 

Nur daß dieser, wie wir sehen, vollkommen identische 
Inhalt, uns, worauf mit allem Nachdruck hingewiesen sei, in zwei 
voneinander recht verschiedenen Ausdrucksformen, gleichsam in zwei 
abweichenden Dialekten, mitgeteilt wird. Denn durch das Macduff« 
Schicksal wird uns in unverhüllter, direkter Weise ganz das nämliche 
gesagt, was die Macbeth=Gestalt in verhüllter, sohin indirekter Form 
zum Ausdrucke bringt, so daß es Anschein hat, als wäre die letztere 
eine symbolische Darstellung der ersteren. Danach hätten wir in der 
Fassung des Macbeth ein Darstellungsmittel zu erblicken, wie es 
auch bei der Traumbildung so häufig zur Verwendung gelangt. 
Weiß doch jeder mit der Freudschen Lehre vom Traume Vertraute, 
wie in demselben z. B. die Abtönungen und Nuancen wegfallen, 
um lapidarer Kürze und extremsten Vorstellungen Platz zu machen, 
so daß, worauf es uns hier speziell ankommt, fast jede negative 
Gefühlsbeziehung durch den Tod ausgedrückt wird. Und soferne wir 
dessen eingedenk sind wird es uns kaum überraschend kommen, in 
Macbeths Mord am König bloß Macduffs Auflehnung gegen den= 



IV/I Malcolm zu Macduff; »Ihr habt ihn geliebt. < 



Shakespeares »Macbeth« 



183 



selben, und in Macbeths Mord am Sohne lediglich Macduffs 
Unbekümmertheit um denselben zu finden 1 . 

Dieselbe Einsicht ergibt sich aber womöglich mit noch größerer 
Deutlichkeit, sobald wir auch die beiden Frauengestalten zusammen* 
stellen. 

Denn tut denn Lady Macduff in jener kleinen, wegen ihrer 
angeblichen Belanglosigkeit in der Schillerschen Übersetzung sogar 
ganz außer acht gelassenen Szene des IV. Aufzuges, dem tiefsten 
Sinne nach etwas anderes als die Lady Macbeth im I. und II. Auf» 
zuge, wenn sie ihren kleinen Sohn gegen den Vater aufhetzt, indem 
sie ihm denselben als Verräter bezeichnet, der schwört und nicht 
hält und aufgehängt werden sollte, und den Vater vor ihm zu tiefst 
herabsetzt, indem sie zu ihm von dessen leichter Ersetzbarkeit durch 
einen anderen Vater spricht? Ja, können denn diese Worte der 
Lady Macduff adäquater verbildlicht werden, als durch die Dolche 
der Lady Macbeth, wo doch Hamlet in III/2, als er sich anschickt 
seiner Mutter ihre Sünden vorzuhalten, sagt: »Nur reden will 
ich Dole he, keine brauchen«, — und sich überdies auch der allgemeine 
Sprachgebrauch »Worte wie Dolche« ohnehin längst dieses Gleich» 
nisses bedient? 2 

Indessen, — was mochte denn den Dichter zu dieser hier ent» 
hüllten doppelten Darstellung des Motivs bewogen haben? 

Ohne diese dem Stande unserer Untersuchung nicht genau 
angepaßte Frage schon jetzt in ihrer Gänze beantworten zu können, 
möchten wir dennoch hier der Vermutung Raum geben, daß der 
Dichter die in der Sage so dürftig gehaltene Gestalt Macduffs des» 
halb soviel reichhaltiger ausgestattet hat, weil er in ihr irgendwie 
den konkreteren, schärfer umrissenen, speziellen Fall des im Macbeth 
viel allgemeiner zum Ausdruck gebrachten Motivs empfunden hat, 
und dies mag sein Antrieb gewesen sein, daß er den Macduff-Keim 
der Sage sozusagen herausgehoben, isoliert behandelt und Macbeth 
zur Seite gestellt hat, gleichsam als Hinweis darauf, daß in diesem 
Falle Macbeth in dieser Weise, eben als Macduff, verstanden wurde 
und zu verstehen sei. 

Aus diesen Darlegungen aber ergibt sich vor allem der für das 
Verständnis der Tragödie unerläßliche Schluß, daß wir den ei gen t» 
liehen Helden des Stückes nicht etwa in Macbeth, wohl aber 
in der Gestalt Macduffs zu erblicken haben. In Überein» 
Stimmung damit ist es nun, wenn nunmehr die weitere Grundidee des 

1 Die Frage, ob und inwieferne wir nitfit etwa in dem hier aufgezeigten 
Nebeneinander der verhüllten und der direkten Darstellungsweise 
des Hauptmotivs uns einem Grundphänomen der dramatischen Produktionsweise 
genähert haben, fällt außerhalb des Rahmens dieser Untersuchung, und soll 
anderenorts näher untersucht werden. 

2 Aber auch das gemeinsame äußere Schicksal, daß nämlich der sich in 
Mordszenen auf der Bühne bekanntlich so wenig beschränkende Dichter den Tod 
beider Ladys hinter die Bühne verlegt, scheint uns gleichfalls für die hier be= 
hauptete Identität zu sprechen. 



!84 Dr. Ludvrig Jekels 



Dramas, — der vom Diditer aus dem Zusammenhange der Vater- mit 

derSohnesfunktion nodi weiter abgeleitete psychologische Sachverhalt, — 

gleichfalls nicht mehr an Macbeth, sondern an Macduff zur Entwicklung 

gelangt, wodurch letzterer gleichsam zur Fortsetzung des ersteren wird. 

* m 

* 

_2u Macduff verhält sich aber die Gestalt Banquos wie das 
Positiv eines Bildes zu dessen Negativ. Vorerst, wie bereits bemerkt, 
in der Rolle als Sohn,- nicht minder aber auch als Vater. Denn 
wo, wie wir gesehen, Macduff sich vor den Verfolgungen Macbeths 
rettend, unbekümmert um den Sohn denselben bedenkenlos opfert, — 
sind die letzten Gedanken des von Mörderhand fallenden Banquo 
gerade an den Sohn geknüpft/ denn »flieh, guter Fleance, flieh«, 
sind die letzten Worte des sterbenden Banquo. 

Danach haben wir auch in seinem Schicksale kaum etwas 
anderes denn die Verbildlichung der im Stücke behandelten Bedingt» 
heit des Vaters — durch das Sohnesverhältnis zu erblicken,- nur 
daß der Sinn derselben entgegengesetzt zu fassen ist, somit: ein 
guter Sohn ist ein guter Vater. 

Wir wissen uns im Einklänge mit unserer früheren Deutung 
Banquos als eines trotz allem inneren Widerspruche gefügigen 
Sohnes, wenn wir dieser Allegorie hier den Sinn unterlegen, ein 
solcher Sohn falle zwar selbst dem Vater zum Opfer, doch sichere 
er dafür seinen Sohn. 

Doch viel mehr noch als dies. Denn die in der Hexenszene 
des III. Aufzuges hervorgerufene Erscheinung der unendlich langen 
Königsreihe aus dem Hause Stuart, — das sich, wie erwähnt, von 
eben diesem Fleance ableitete — zeigt ja, daß der Preis, der solch 
einem guten Sohne winkt, ein noch ungleich größerer ist, indem dem- 
selben der ungestörte Fortlauf der Generation gesichert ist. 

Woferne wir aber diese hier bei Banquo gewonnene Einsicht auf die 
Gestalt Macbeths anwenden, so ergibt sich als die dem Dichter offenbar 
vorschwebende Grundidee der Gedankengang, daß ein schlechter 
Sohn nicht allein seinen Sohn opfert, sondern sich dadurch 
auch der Segnungen der Generationsfolge begibt. 

Aus dieser Folgerung eben, aus dieser Bekümmernis um die 
Erhaltung des Geschlechtes, glauben wir den Hauptakzent der 
Dichtung herauszuhören. Der Sohn ist hier hauptsächlich als Mittel 
zu diesem Zweck, somit als Stammhalter gedacht,- deshalb fehlt 
auch in der Vision der Königsreihe die Gestalt des Fleance, wo 
doch Banquo in ihr vertreten ist. 

Für diese unsere Annahme, daß dem Dichter hier haupt= 
sächlich das Problem der Stammerhaltung vorgeschwebt haben mag, 
spricht ja schon der aktuelle Anlaß der Dichtung, der durch das 
jähe Aufhören der Dynastie Tudor mit Elisabeth und den Übeiv 



Shakespeares »Macbeth« 



186 



gang der Krone an die Stuarts eine gewisse Analogie bot zu dem 
in der iragodie abgeleiteten Gegensatz der Schicksale Macduffs 
und ßanquos - Aber überdies läßt sieb die zerstörte Hoffnung 
auf die Erhaltung des Geschlechtes auch aus dem Umstände er* 
schließen, daß Macduff, dem Rosse eben gemeldet die Ermordung von 

»Weib, Kinder, Diener, Alles 
Was nur zu finden war« 

in seinem Verzweiflungsausbruch dennoch immer wieder den Verlust 
aller Kinder so betont, wenn er ruft: 

*Ef bat keine Kinder. All die herz'gen Kleinen' 
Alle sagst du? O Höllengeister! Alle! 
All meine herz'gen Küchlein!« 

Zumal ja für unsere Auffassung, dieser sein Schmerz gelte hier 
nicht sowohl den Kindern als solchen, sondern beziehe sich vielmehr 
auf sie als Glied der Generationskette, auch die bekanntlich soviel 
gedeuteten Worte Macduffs »er hat keine Kinder« spreden die 
sich auf Macbeth beziehen, und bei der Identität beider Gestalten 
durch einen resignierten Ausruf Macduffs, etwa: »so habe ich denn 
keine Kinder mehr« zwanglos ersetzt werden können. Daß aber 
ein solcher in solch genereller Fassung und in einer derartigen 
äituation sich lediglich auf die verlorene Aussicht auf Fortpflanzung 
des Geschlechtes beziehen kann — dürfte kaum noch einem Wider-- 
sprudie begegnen. 



Wohl aber mag sich hier der Zweifel, wie wir besorgen an 
einen anderen Umstand knüpfen. 

Es erscheint nämlich völlig ungeklärt, warum der Dichter nach 
alledem hier dennoch die Gestalt des Sohnes Macduffs unter den 
Peinigen herausgehoben, und sein Schicksal einer singulären Behandlung 
unterzogen hat. Unserem Verständnis des Stüches war ja dieser 
Umstand ungemein förderlich, indem ja dieser Sohn, vielleicht noch 
AAtJFS Wider P art FI ^nce uns, wie oben hervorgehoben, 
den Aufschluß ermöglichte daß die Tragödie zum Teil das Sohnes- 
problem in sich berge Was mochte indessen den Dichter veranlaßt 
haben, diesen Ted des Problems, »den Sohn« so ganz unverhüllt in 
ein derart grelles Licht zu rüden, wo er doch den andern Teil 
»den Vater« in ein nebelhaftes, symbolisches Dunkel hüllte? Was 
mochte er damit bezwedt haben, was dadurch ausdrücken wollen? 

Umsonst_ durchforschen wir, Antwort heischend, die Chronik 
Holinsheds,- wir finden dort eine derartige Gestalt nicht 

Oder aber bezieht diese Sohnesfigur ihr grelles Licht am Ende 

— von der Wirklichkeit? 

Und so mögen denn die hier dem Dichter vorgelegte Frage 

— seine Biographen beantworten. 



186 Dr. Ludwig Jekels 



III. 

Diese aber verzeichnen unter den so dürftigen Daten den Um» 
stand, William Shakespeare habe ungefähr in seinem 21. Lebens- 
jahre seine Vaterstadt Stratford, Weib und Kinder verlassen, und 
sei nach London gezogen. 

Als Ursache dieses schwerwiegenden Schrittes, dieser Trennung 
von alledem, was ihm »das Liebste — sein sollte, wird überein» 
stimmend und fast ausschließlich sein Konflikt mit dem mächtigen 
Gutsherrn, Sir Thomas Lucy, von den Biographen angeführt. Bei 
einem Jagdfrevel betreten, sei William Shakespeare von Lucy etwas 
strenge bestraft worden. Er rächte sich dafür mit einer satirischen 
Ballade gegen Lucy, was jedoch bloß zur Folge hatte, daß nun der 
Gutsherr seine Verfolgung verdoppelte, Shakespeare »oft peitschen 
und zu wiederholten Malen einsperren ließ, und ihn schließlich derart 
gezwungen hat, sein Gewerbe und seine Familie für einige Zeit 
zu verlassen, und sich nach London zu retten«. <Brandes>. 

Indessen kommen auch die Biographen — trotz der noch er» 
haltenen ersten Strophe der Ballade, trotz des Hinweises auf den 
Vorfall in den »Lustigen Weibern von Windsor« und der Qberein» 
Stimmung beider, — über ein »wahrscheinlich« hier nicht hinaus. In 
seltener Übereinstimmung pflegen sie diese Bpisode mit einer Be= 
merkung zu beschließen, die z. B. Kellner so formuliert: »daß es 
nicht erst dieses Konfliktes mit Lucy bedurfte, um Shakespeare in 
die Welt hinauszutreiben, da ihn der innere Geist trieb«. 

Und wie denn — wenn wir hier Platz beanspruchen würden 
für die Vermutung, daß — neben dem Konflikt mit Lucy — viel» 
leicht auch Shakespeares Beziehung zu seinem Vater irgendwie das 
Motiv sein könnte, das ihn bewog, die heimatliche Scholle und die 
erst kürzlich gegründete Familie zu verlassen? 

Wir besitzen aber auch einen Anhaltspunkt für die Möglichkeit 
einer konfliktuosen Verschärfung des Verhältnisses zwischen Vater und 
Sohn zur damaligen Zeit, wodurch unsere Vermutung nicht unwesentlich 
gestützt wird. Denn kurz vorher ist nämlich zwischen Sohn und Vater 
— die Lady Macbeth, das Weib, getreten. Denn nicht volle drei 
Jahre vorher hatte der kaum achtzehnjährige William die bedeutend 
ältere, sozial unebenbürtige Bauerndirne geheiratet, unter von der 
Norm recht abweichenden Formalitäten, und ohne die für Minder» 
jährige sonst unerläßliche Zustimmung des Vaters. »Daß der kluge 
John Shakespeare nicht um seine Einwilligung angegangen wurde, ist 
vollkommen verständlich, er hätte sie niemals gegeben«, meint Kellner. 

Und nach alledem: Klingt es nicht wie ein Selbstbekenntnis 
des Dichters, wenn er Lady Macduff <IV/2>, ihrem vor den Ver» 
folgungen des Königs geflüchteten Gatten vorwerfen läßt: 

»Sein Weib und Kinder lassen 
Haushalt wie seine Würden an dem Ort 
Von dem er selbst entflieht? Er liebt uns nicht, 
Ihm fehlt Naturgefühl!« 



_l - Cr Sidierheitswert dieser unserer Annahme wird jedoch noch 
durch einen andern Umstand ganz besonders gehoben. Es ist näm= 
lieh nicht leicht der Grund herauszufinden, . warum der Dichter den 
Sohn Macduffs bereits nach der Flucht desselben erwürgen läßt, 
anstatt die Mordtat vor das Entweichen Macduffs zu verlegen. 
Denn sie würde dann, zumal an Banquos Schicksal gemessen, 
noch immer hinlänglich motiviert sein,- dagegen würde die Flucht 
Macduffs durch das nun hinzutretende Vergeltungsmotiv sehr be= 
deutend gewinnen an zwingender und klarer Begründung, an der 
es ihr zweifellos gebricht. Dies beweisen nicht allein die Worte der 
Lady Macduff <IV/2> : »Was tat er denn, landflüchtig so zu werden?« 
und »Die Flucht ist Wahnsinn«, sondern auch der Umstand, daß 
z. B. Gervinus diese verkehrte Folge des Geschehens hier tat* 
sächlich vernachlässigt, indem er meint, Macduff habe sich erst nach 
der Ermordung der Seinigen zum Kampf gegen Macbeth aufgerafft/ 
wogegen Ulrici z. B. die Flucht Macduffs als unmännlich und 
unväterlich bezeichnet. 

Diese zweifellose Unstimmigkeit hört jedoch - sofort auf ein 
Problem zu sein und verschwindet restlos, sobald wir darauf ver» 
weisen, daß auch hier eine volle Analogie vorzuliegen scheint, inso= 
fern nämlich, daß ein Erlebnis Shakespeares einfach in die Dichtung 
herübergenommen wurde. Denn genau so wie im Trauerspiele, ist 
auch dem seit Jahren fern von den Seinen und unbekümmert um 
dieselben lebenden Dichter, der 11jährige Sohn Hamnet gestorben. 

Sobald wir aber all dies berücksichtigen, so erscheint uns die 
Annahme, daß in der Gestalt Macduffs das persönlichste Erleben 
des Dichters verkörpert ist, kaum abweisbar. 



Über den Dichter wird uns aber berichtet, daß in seinem Leben 
das Jahr 1601 die Periode einer schweren Gemütsumdüsterung ein» 
leitet, der allerdings die staunend bewundernde Welt anscheinend 
auch Meisterwerke wie Julius Cäsar, Hamlet, Othello, König Lear, 
Macbeth etc. verdankt. 

Für diese fürchterliche Verstimmung des Dichters werden von 
der Shakespeare-Forschung verschiedene Motive angeführt/ so die Ver= 
urteilung der Lords Essex und Southampton, denen der Dichter 
nahestand, ferner die Krise in seinem und Lord Pembrocks Ver- 
hältnisse zur »schwarzen Dame« der Sonette,- endlich aber auch der 
Umstand, daß das Jahr 1601 das Sterbejahr des Vaters des 
Dichters war. Es ist das Verdienst von Freud an der Hand der 
psychologischen Erfahrung die Motive hier nach ihrer Dignität ge= 
ordnet, besonders aber das gewöhnlich nicht entsprechend bewertete 
Moment, den Tod von Shakespeares Vater, in seiner Bedeutung 
für die so grelle Wandlung des bis dahin so sonnigen und über» 
mutigen Dichters, — an die ihm gebührende Stelle gerückt zu haben. 
Und wie sehr mit Recht — dafür bietet uns gerade Macbeth einen 



188 Dr. Ludwig Jekels 



sprechenden Beleg, wenn er, nach der Entdediung des Königsmordes, 
angeblich heuchelnd, ausruft: <II/2>: 

»War' ich gestorben, eine Stunde nur 
Eh' dies geschah — gesegnet war' mein Dasein! 
Von jetzt gibt es nichts Ernstes mehr im Leben: 
Alles ist Tand, gestorben Ruhm und Gnade, 
Der Lebenswein ist ausgeschenkt, nur Hefe 
Blieb noch zu prahlen dem Gewölbe.« 

Danach gilt somit für »Macbeth« dasselbe, was Freud für 
»Hamlet« 1 erschlossen hat, nämlich daß unsere Tragödie ebenso wie 
diese unter dem Eindrucke des Todes des Vaters und »in Wieder-- 
belebung der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen«, 
geschöpft worden ist. 

Nur daß — entsprechend der mehrere Jahre späteren Ent= 
stehung des »Macbeth« — auch die Reaktionsbildungen jener Kind= 
heitsregungen uns hier bereits in einem fortgeschritteneren Stadium, 
ungleich transformierter als dort, begegnen. Denn im Laufe dieser 
Zeit hat die von Rank in seiner instruktiven Studie so trefflidi klar« 
gelegte psydnsdie Situation des Dichters gegenüber der Entstehungs» 
zeit des »Hamlet« insoferne noch eine Wandlung erfahren, als die 
dem Tode des Vaters folgende, auf der ohnehin latent vorhandenen 
Neigung sich aufbauende und durch Schuld» und Reuegefühle reaktiv 
genährte Liebeseinstellung zum Vater noch mächtig zuge= 
nommen hat, und demzufolge — vielleicht umgekehrt wie im 
»Hamlet« — das positive Gefühl der Vaterschaft die nega» 
tiven Sohnesgefühle bereits bei weitem überwog. 

Und diesem durch den Fortschritt der Verdrängung bewirkten 
Vorwalten des Vatergefühles in der Brust des Dichters ist es auch 
zuzuschreiben, daß hier die Reaktion auf den infantilen Vaterhaß 
nicht mehr so sehr wie in den früheren Werken dieser Periode als 
Schuldgefühl gegenüber dem Vater, vielmehr als Bedrohung der 
Einstellung zum Sohne empfunden wird, und demnach die von ihm 
abgeleiteten Schuldgefühle und Vorwürfe dort ihre vielleicht stärksten 
Akzente finden, wo sie an das Schicksal des vernachlässigten und 
angeblich geopferten Sohnes geknüpft werden : 

»Sündiger MacdufF 
Für dich sind sie erschlagen ! Ich Verworfener ! 
Für ihre Sünden nicht, nein für die meinen 
Sind sie gewürgt!« 

IV. 

Ebenso ist es aber auch der persönlichste Schmerz des Dichters, 
der die erschütternde Wehklage Macduffs ob der zerschellten Hoff= 
nung auf die Erhaltung des Stammes durchzittert. 

1 Freud: Traumdeutung. 



uM 



Shakespeares »Macbeth« 



189 



Denn in die eben erörterte seelische Verfassung, in der sich 
der Dichter in den dem Tode seines Vaters folgenden Jahren be- 
fand, in diese seine Grundstimmung, fielen auch die beiden, bereits 
des öfteren gestreiften, historischen Ereignisse. 

Zuvörderst der Tod der Königin. 

Und da erscheint es nun als psychologisch folgerichtig, daß das 
Schicksal der alten, unvermählten »jungfräulichen« Elisabeth, welche 
ohne Nachkommen und sohin als letzte ihres Stammes heimge- 
gangen ist und ihre Krone einem fremden Geschlechte überkommen 
mußte, — daß sohin dies ergreifende Bild der Vergänglichkeit solch 
gewaltiger Macht und Größe, in der Brust des Dichters einen mäch- 
tigen Widerhall gewedtt hat, und ihn derart die Trauer um seinen 
Sohn vor allem als Schmerz um seinen gefährdeten Stamm empfinden 
ließ. Hatte er doch nur mehr zwei Töchter, mit denen ihn, den recht 
gut belegten Angaben der Biographen zufolge, gar zur damaligen 
Zeit noch keinerlei seelische Gemeinsamkeit verband, und denen er 
recht fremd gegenüberstand,- überdies aber war die ältere Susanna 
entweder eben verheiratet oder im Begriffe zu heiraten/ nicht minder 
aber stand auch die jüngere Judith bereits in heiratsfähigem Alter. 
Und so sollte niemand wirklich lieber sein Erbe antreten, vor 
allem aber niemand seinen Namen und seinen Ruhm fortsetzen! 
Und darum verzweifelt Macbeth: 

»Mein Haupt umfing die unfruchtbare Krone,- 
Den dürren Zepter reichten sie der Faust, 
Daß eine fremde Hand ihn mir entwinde, 
Kein Sohn von mir ihn erbe!« 

Es macht fürwahr alle Ehre dem intuitiven Vermögen von 
Brandes, daß er Hamnets Tod nach seiner psychischen Bedeut- 
samkeit für den Dichter so treffend eingeschätzt hat, als er nieder- 
sdirieb: »Daß dieser" Todesfall einem Vater, der ein so tiefes Gefühl 
hatte wie Shakespeare, sehr zu Herzen ging, ist selbstverständlich, 
und das um so mehr, weil er immerfort bemüht das gesunkene An- 
sehen seiner Familie wieder aufzurichten, nun den Erben seines Namens 
verloren hatte.« Der feinsinnige Kritiker hatte es eben herausempfunden, 
was wir erst mühselig aus »Macbeth« entziffern mußten. 



Machen wir uns aber nicht einer krassen Willkür schuldig, wenn 
wir hier so ohneweiters das Hinscheiden der Königin heranziehen, 
und derart Elisabeth eine so bedeutsame Rolle in der Konzeption 
des Dramas einräumen? 

Nun — wir fühlen uns so frei von diesem Vorwurfe, daß 
wir sogar geneigt sind, diese Vermutung über den Einfluß der 
Königin auf die Gestaltung des Dramas noch weit darüber hinaus 
auszudehnen. 



190 Dr. Ludwig Jekeis 



Denn nodi ungleich reichlicheren und mächtigeren Anklang an 
die Qualen der eigenen Brust mag des Dichters Phantasie dem eben 
abgelaufenen Leben der Königin abgelauscht haben. 

War doch Elisabeth, ähnlich ihm, ein schlechtes Kind, eine 
schlechte Tochter, gewesen. -■ . \ 

Denn war schon die Beziehung der blutjungen Prinzessin zu 
ihrer Stief* und Ziehmutter, der letzten Gemahlin Heinrichs VIII. 
Katharina Parr, die eigenen Briefen Elisabeths zufolge ihr stets »so 
viel Freundschaft und gute Dienste bewiesen«, namentlich seit 
Katharinas Wiederverheiratung kein ganz einwandfreies, so gab ja 
ihr Verhältnis zu ihrer Vorgängerin auf dem Throne, zur Maria der 
Katholischen, ihrer Halbschwester, der Phantasie des Dichters reich* 
liehen Anlaß, um dieselbe im Sinne der Mutterfeindlichkeit zu werten. 
Denn nicht allein daß sie es verstanden hat, das Herz sowohl 
des von Maria heiß geliebten Grafen von Devonshire als auch, wie 
es allen Anschein hat, von Marias Gemahl, Philipp dem Zweiten, 
für sich zu gewinnen. Aber sie war ja in aller Wirklichkeit eine 
rebellische Tochter, wo sie doch zweifellos mit Wyatt und seinen 
Mitverschworenen im intimen Einverständnis stand, als diese im 
Jahre 1554 sich gegen die Königin erhoben. Stand doch damals 
sogar ihr Leben auf dem Spiele, und hatte sie es, Leti 1 zufolge, 
lediglich nur der Gunst Philipps zu danken, daß die Sache eben bloß 
bei der Haft im Tower und dann bei der Verbannung in Hatfield 
ihre Bewendung fand. 

Und zum Schlüsse, wenn auch nicht zuletzt: Vor allem 
andern dürfte das Unbewußte des Dichters Elisabeths Mutter- 
feindlichkeit herausgefühlt haben aus der Rolle, die Elisabeth in der 
Tragödie einer anderen Königin, der Maria Stuart, spielte. Denn 
in ihrem Verhalten zur unglücklichen Schottin gab es ja so manches, 
wo der Erklärungsversuch durch rationelle Gründe nicht zureicht, 
Wir meinen hier nicht allein den Umstand, daß Elisabeth schon 
längst Marias politische Umtriebe und Machenschaften nicht un» 
bekannt sind, und dennoch läßt sie sie erst nach lojähriger Gefangen* 
haltung vor die Anklage stellen und verurteilen/ aber sie bestätigt 
das Todesurteil, und ist dennoch von Marias Hinrichtung bestürzt 
und fassungslos. Dies läßt auch uns unbewußte Einflüsse vermuten,- 
wir glauben sie zu erraten, wenn wir annehmen, Elisabeth 2 habe 
durch Identifizierung der Schottin mit Maria der Katholischen — wo 
sie doch ohnehin außer durdi Namen im Gegensatze zu Elisabeth 

1 Das Leben der Königin Elisabeth aus dem Italienischen von Leti — über- 
setzt von Menantes. Hamburg 1707. 

2 Zur Stütze dieser Annahme nachstehende Mitteilung von Leti <II. Teil, 
II. Bd., p. 180>: »Man machte den Tag, als dieser Königin Enthauptung zu London 
kund worden, Freuden^Feuer . . . Elisabeth streckte den Kopf zum Fenster hinaus 
und fragte: Was diese Freuden=Feuer bedeuten? Man antwortete ihr, es geschähe 
wegen der Königin Maria Tod. Darauf sie dann aus ungemeiner Vorstellung, 
gleichsam als wenn sie darüber bestürzt, sagte: Was ist meine Schwester? 
Die Königin tot? . . .« 



Shakespeares »Macbeth< 



191 



auch nodi durch Gleichheit der Legitimität und der Religion verbunden 
waren, und wo doch Philipp II. genau so wie seinerzeit der Prinzessin 
Elisabeth jetzt der Maria Stuart beigestanden hat, — die eben be- 
sprochene Situation ihrer Jugend einfach wiederholt, und habe sich 
dabei gegenüber Maria Stuart derjenigen Affekte entledigt, die sie 
seinerzeit gegenüber Maria der Katholischen aufs sorgsamste zu unter- 
drücken gezwungen ward. Daß aber die Beziehung zu dieser ihrer 
Vorgängerin eigentlich als Mutterbeziehung aufzufassen und zu be* 
werten sei, — dies ist bereits früher betont worden. — 

Aber außer diesem einen — gab es denn im Leben der Königin 
nicht noch einen und dazu noch ungleich mächtigeren Anklang an 
das ureigenste Erleben des Dichters? Hat doch auch die Königin, 
gleich ihm dem Dichter, ebenfalls einen Sohn ermordet, — wo sie 
doch erst kürzlich — 1601 — ihren Geliebten, den dem Dichter recht 
nahestehenden Robert von Essex hat enthaupten lassen! 

Und das Unbewußte des Dichters hatte es wahrlich nicht schwer, 
die Beziehung Elisabeths zur Essex als Sohnesbeziehung zu werten, 
— wo doch der Graf um 31 Jahre jünger als die Königin, und über* 
dies audi der Stiefsohn ihres vieljährigen Liebhabers, Leicester, war. 



Derart war die Königin des Dichters Modell bei der Schöpfung 
seiner Tragödie, 

Nur daß wir sie nicht etwa in einer Gestalt derselben wieder* 
finden, vielmehr in deren zweien. Denn die demnächst zu ver* 
öffentlichende Analyse des »Kaufmann von Venedig« führte mich 
darauf, daß sich Shakespeare — vielleicht auch andere Dramatiker — 
nicht selten als Entstellungsmittel des Vorganges bedient, daß er eine 
psychische Persönlichkeit spaltet und auf zwei — vielleicht auch mehrere 
— Gestalten des Dramas verteilt,- diese sind dann natürlich bloß frag* 
mentarisch und daher unverständlich und müssen, um ein psychisch 
Ganzes zu bilden, erst zusammengesetzt werden. Es ist kaum möglich, 
den Sachverhalt hier treffender wiederzugeben als mit den Worten 
Freuds, wenn er schreibt: 

»Jekels hat kürzlich in einer Shakespeare-Studie ein Stück 
der Technik des Dichters zu erraten geglaubt, welches auch für Mac* 
beth in Betracht kommen könnte. Er meint, daß Shakespeare häufig 
einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann jede un= 
vollständig begreiflich erscheint, solange man sie nicht mit der anderen 
wiederum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es auch mit Mac* 
beth und der Lady sein, und dann würde es natürlich zu nichts 
führen, wollte man sie als selbständige Person fassen und nach der 
Motivierung ihrer Umwandlung forschen, ohne auf den sie er- 
gänzenden Macbeth Rüdisidit zu nehmen. Ich folge dieser Spur nicht 
weiter, aber ich will doch anführen, was in so auffälliger Weise 
diese Auffassung stützt, daß die Angstkeime, die in der Mordnadit 
bei Macbeth hervorbrechen, nicht bei ihm, sondern bei der Lady zur 



192 Dr. Ludwig Jefcels 



Entwicklung gelangen. Er ist es, der vor der Tat die Halluzination 
des Dolches gehabt hat, aber sie, die später der geistigen Erkrankung 
verfällt,- er hat nach dem Morde im Hause schreien gehört; Schlaft 
nicht mehr, Macbeth mordet den Schlaf und also soll Macbeth nicht 
mehr schlafen, aber wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth 
nicht mehr schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem 
Schlafe aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät,- er stand 
hilflos da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meergotts 
Flut nicht reinwasche seine Hand,- sie tröstete damals: Ein wenig 
Wasser spült uns ab die Tat, aber dann ist sie es, die eine Viertel= 
stunde lang ihre Hände wäscht und die Befleckung des Blutes nicht 
beseitigen kann. ,Alle Wohlgerüche Arabiens machen nicht süß* 
duftend diese kleine Hand' <V/1>. So erfüllt sich an ihr, was er in 
seiner Gewissensangst gefürchtet,- sie wird die Reue nach der Tat, 
er wird der Trotz, sie erschöpfen miteinander die Möglichkeiten der 
Reaktion auf das Verbrechen, wie zwei uneinige Anteile einer einzigen 
psychischen Individualität und vielleicht Nachbilder eines einzigen 
Vorbilds. « 

Als dies Vorbild der beiden Heldenfiguren mochte aber auch 
Freud, als er dies niederschrieb, kaum jemand anderer denn Elisa* 
beth vorschweben, — wo er doch, wie wir gesehen, mit unver* 
gleichlicher Intuition von vornherein einen Anteil der Königin bei 
der Konzeption des Dramas erriet. 

Elisabeth war es sohin, die der Dichter in die Formen Mac* 
beths und der Lady gegossen. Daß er es überhaupt und in solch 
unvergänglicher Weise vermochte — dies dankte er seiner Phanta* 
sie, die ihm, wie wir sahen, eine Gemeinsamkeit mit der Königin 
auch in seinem innersten Erleben vorgaukelte. Daß er zur Feier 
des Wechsels auf dem englischen Throne die mit der Dichtung in 
der Grundidee sehr weit übereinstimmende Macbeth*Sage verwenden 
konnte — dies war eben das Werk dieser Identifizierung, die 
fast bis zum völligen Austausch der Persönlichkeiten 
gedieh. Galt ihm doch gleichermaßen die unfruchtbare 
Königin als Sohnesmörderin wie er der »Sohnesmörder« 
als unfruchtbar. 

So mag denn auch unter diesem Aspekt das Wort des Kultur* 
historikers 1 gelten, der da meint: »untrennbar stehen die Königin 
und der Dichter auf dem Gipfel ihrer Welt«. 

Aber — lag es nicht vielleicht auch an dieser Identifizierung, 
paß Shakespeare, wie dies Brandes verbürgt, der Königin eine der* 
artige Kühle der Empfindungen entgegenbrachte, daß er nicht einmal 
bei ihrem Tode — und dies trotz Chettles Aufforderung — auch 
nur einige Zeilen zu ihrem Preise schrieb? 






_ , ' , Eri * Marcfcs: Königin Elisabeth von England. In »Monographien zur 
Weltgeschichte«. 



Shakespeares »Macbeth« 193 



V. 

Doch nicht minder innig hat des Dichters Phantasie auch Jakob 
und dessen Thronbesteigung ins eigene Schidcsal verwoben. 

Wo aber der Königin Tod dem Dichter bloß Verzweiflung 
und Reue ob des selbstverschuldeten Ungemachs entrang, schöpft 
er aus Jakobs Gestalt — Entsühnung und Sehnsuchtserfüllung. 

Jakob ist der Auftakt der brausenden Wunschsymphonie, die 
nunmehr die Trauer seiner Brust übertönt. Denn bloß Ausdrude 
der Wunscherfüllung ist es, daß Macduff »kein vom Weibe ge= 
borener ist«. 

Wir glauben darin vorerst einen Gegensatz etwa zum Sterb= 
liehen oder Menschen mit seiner Ohnmacht und Unzulänglichkeit 
herauszuhören, zumal ja die Erscheinung Macbeth zugleich kündet: 
»Lache der Wut armseliger Menschen« — damit gleichsam auf 
eine Gottheit als seinen Bezwinger hindeutend. 

Nun fehlt aber in der Vorlage Shakespeares diese so scharfe 
Gegenüberstellung dem Menschlichen 1 , und scheint sonach wesent= 
t ™m Dichter zu stammen, was wohl den Schluß ermöglicht, daß 
ihm Macduff, auf den sich das Attribut »kein vom Weibe geborener« 
bezieht, — als Gottheit vorgeschwebt hat. 

Sin d wir aber nicht bereits fast der nämlichen Ansicht be= 
Segnet? Meinte denn nicht auch Simrock, vom anderen Attribut 
Macduffs, dem »aus dem Leibe der Mutter geschnitten« ausgehend, 
dieses weise auf <Halb=> Götter hin? 

Wir glauben es aber auch zu vermuten, welchen Gott der 
Dichter hier im Sinne gehabt haben mochte, soferne wir bedenken, 
daß dies Dunkle »kein vom Weibe geborener« eigentlich zwei Les- 
arten bietet,, neben der uns bekannten, wo der Akzent auf dem 
»geboren« liegt und zu der als Lösung das »aus dem Leibe ge= 
schnitten« gehört, — noch eine zweite mit dem Nachdrucke auf dem 
»vom Weibe«, deren Lösung die gegensätzliche Fassung »ein 
vom Manne geborener« ist. 

Demnach schwebte hier dem Dichter offenbar ein Gott vor, 
der sowohl aus dem Leibe der Mutter geschnitten, als auch vom 
Vater geboren wurde. 

In der antiken Götterwelt kennen wir nur aber eine solche Ge- 
stalt — den griechischen Gott Dionysos. 

Denn dieser Gott ist, zufolge der am meisten verbreiteten so» 
genannten thebanischen Sage, Sohn der Semele, Tochter des Theben= 
konigs Kadmos, — die ihn von Zeus empfangen, nachdem er mit 
ihr heimlich in ihrem Palaste zu Theben verkehrte. Durch einen 
hinterlistigen Rat der eifersüchtigen Hera verleitet, veranlaßte Semele 

1 Wie ja hier diese ganze Hexenszene auf die knappen Worte reduziert 
ist; »wenn ihn nicht eine Hexe, auf die er ebenfalls viel Vertrauen setzte, ver= 
sichert hatte, daß nie ein Mensch, der vom Weibe geboren sei, ihn ermorden 
wurde« 



Imago V/3 



194 Dr. Ludwig Jekefs 



Zeus, sie in seiner vollen himmlischen Majestät zu besuchen, nach» 
dem sie ihm vorher den Eid abgelockt, daß er ihr jeglichen Wunsch 
erfüllen werde. Als aber Zeus dann in seiner wahren Gestalt mit 
Donner und Blitz erscheint, stirbt Semele vom Blitz getroffen. Über 
Befehl von Zeus eröffnet nun Hermes der von den Flammen um» 
schlungenen Semele den Leib und entrafft derart dem Feuer ihr 
Kind. Darauf nimmt Zeus die unreife Frucht, näht sie in seinen 
Schenkel ein, und gebiert sie, nachdem die Zeit erfüllt ist, von 
neuem. 

Nun aber ist Dionysos Gott des Natursegens par excellence, 
denn er ist »Gott der Triebkraft der Natur, Gott aller Frucht- 
barkeit und Zeugung!« 1 

Wahrlich eine grandiose, echt Shakespearesche Leistung der 
Phantasie, die so trostlos empfundene »Unfruchtbarkeit« in das so 
gigantische Gegenteil zu verwandeln ! 

Verstummt ist seine Qual, zerstoben sein Kummer, — denn 
nun ist er fruchtbar wie Dionysos ! 

Unsicher ist, wie wir wissen, die Entstehungszeit der Tragödie,- 
und dennoch getrauen wir uns das Jahr 1606 als präzises Datum 
anzugeben 2 . Denn zehn Jahre nachdem er Vater <König> geworden, 
hat Holinsheds Macbeth den Sohn <Banquo> getötet,- und zehn 
Jahre nachdem er den Sohn getötet, hat der Dichter ihn wieder 
erzeugt — in Malcolm. 

Jakob aber ist es, der des Dichters Leier diesen zauberhaften 
Ton entlockt und gleichermaßen umrankt des Dichters sehnsuchts^ 
volle Liebe diese beiden Sohnesgestalten, den König und sein Nach- 
bild, die doch solch große Tragik ihres Sohnesschicksal gemeinsam 
hatten,- war ja doch Jakob ebenso Sohn einer grausam getöteten 
Mutter, wie Malcolm der eines ermordeten Vaters. 

Doch nicht allein Sohn ist Jakob,- er ist auch ferner Sproß 
des Geschlechtes. Und wie Banquo in Jakob noch nach Jahrhunderten 
die ferne Fortsetzung findet, so wird auch dem Dichter Malcolm 
zugleich zur Wunschgestalt des fernen Nachkommen. 

Denn nun ist der Sohn, gleich Banquo, ein guter Sohn. Läßt 
doch schon Malcolm »Birnams Wald gegen Dunsinane heranrücken«,- 
vor allem aber rottet Macbeth — den Vaterhaß — Macduff aus. 



Der Gott ist des weiteren »das Sinnbild des elementaren Schaffens in der 
Natur, ein halbchthonisches Wesen, da er entsprechend der von ihm in Wald und 
cj.ff ret j? schaffenden Kraft der Natur, von rauhen Stürmen des Winters 
in Schlaf und Tod versenkt, dann wieder zu neuem Leben erweckt wird« - wo» 
durch er, was sonderbarerweise gänzlich übersehen wurde - auch dem Vegeta- 
tionsmythos wie keine zweite Gestalt angepaßt erscheint. 

2 Auch sonst sprechen die Indizien am meisten für dieses Datum. So die 
Anspielungen des Pförtners in H/3 auf das gute Erntejahr, den Doppelzüngler, den 
Wechsel in der männlichen Mode. Dazu kommt, daß Shakespeares Macbeth nur in 
solchen Werken Erwähnung findet, die, wie sichergestellt, nicht vor 1607 ent- 
standen sind. 



Shakespeares »Macbeth« 195 



Denn fremd ist ihm als dem »mutterlosen« Dionysos das 
Verhängnis des Sohnes, Lady Macbeth, die Mutter ,• nur der Vater 
ist sein Erzeuger, und der ist Gott?, nein, König der Götter. 

» * 

* 

Aber auch zu seinem Selbstgefühl flüchtet der Dichter in seiner 
Seelenpein! 

Denn da die vorzeitige Geburt aus der Semele zu Theben 
stattgefunden, galt wohl dieses als Stammsitz des Gottes und ward 
auch die weitaus berühmteste Stätte des Dionysoskultes. Doch da die 
zweite Geburt aus dem Schenkel des Zeus in Nysos in Thrakien 
stattfand, so galt Dionysos allgemein als der siegreiche Gott, der 
aus der Fremde gekommen und hier seine Verehrung erzwungen hat. 

Und mußte nicht auch der Dichter sich das Ansehen und die 
Verehrung seiner Heimatstadt Stratford erst schwer erkämpfen, — 
aus der er vor Jahren arm und gedemütigt in die Fremde zog, »von 
» un ak stets mit dem Ziele vor Augen, gerade diese kleine 
Stadt, die Zeuge seiner Demütigung war, müsse auch Zeuge seiner 
Ehrenrettung sein«. <Brandes.> 

Vor allem aber : war doch Dionysos Vater der Komödie und 
1 ragödie, — deren Gott William Shakespeare schon zu seiner Zeit 
war 1 und geblieben ist. 

' Schrieb doch Francis Meres 1598 in Palladis Tamia :. »as Plautus and 
beneca are aeconuted the best for Comedy and Tragedy among the Latins, so 
Shakespeare among the English.« 




13» 



196' Dr. Marcinowski 



Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbildung. 

Von Dr. MARCINOWSKI, Haus Sielbeck. 

Zum Thema »Gattenwahl und Ehe« hat Hans Blüher <Imago 
III, 6> eine Beobachtung mitgeteilt, die widerspruchslos hinzu« 
nehmen ist. Seine Beobachtung stellt gewissermaßen ein 
Normalschema auf, nach dem sich für gewöhnlich die Gatten wähl 
abspielt, und am Grunde der Erscheinung erkennen wir schließlich das 
Gesetz, das auch für die von der Norm scheinbar abweichenden 
oder doch besonderen Verhältnisse überall das gleiche ist: die Er* 
lebnisse und Gefühlseinstellungen der ersten Kinderzeit 
schaffen so machtvolle Eindrücke, daß sie für das ganze 
übrige Leben maßgebend werden und auch den gesamten 
Charakter des Menschen formen, einschließlich seines Ge* 
schlechtscharakters. Dabei kann es füglich dahingestellt bleiben, ob 
der allgemeine Charakter des Menschen ein Abkömmling seines 
gleichfalls so erworbenen Geschlechtscharakters ist, oder ob beide auf 
tiefere Wurzeln einer gemeinsamen besonderen angeborenen Ver* 
anlagung — also nicht nur auf eine allgemeinere, labilere Über* 
empfindlichkeit des sogenannten Nervösen — zurückzuführen sind. 
In diesem Normalschema erscheinen Dirne und Ehefrau als 
die entgegengesetzten Endpunkte einer Reihe von Liebesbeziehungen, 
die vor allem durch die Flüchtigkeit oder die Dauer gekennzeichnet 
sind, also durch die fehlende oder vorhandene Kraft des Weibes, zu 
fesseln und zu binden. Aber in dieser Reihe klafft eine Unterbrechung, 
die von Übergängen nur selten vollkommen überbrückt zu sein pflegt, 
so daß es sich wohl tatsächlich mehr um Gegensätze handelt. Das ent= 
spricht nun ihrer Ableitung von den kindlichen Beziehungen zu der 
einen Mutter einerseits und von wechselnden flüchtigen Beziehungen 
des Knaben zu Dienstpersonal und Gespielinnen anderseits. 

Das Beispiel Blühers zeigt ferner, warum wir diesen Unter* 
schied auch darin markieren, daß wir dem einen Typus mit dem Willen 
zur geschlechtlichen Betätigung mit wachem Begehren begegnen, während 
uns all den Frauen gegenüber, die uns an die Mutter gemahnen, 
anfangs meist eine scheue Scham und ein ehrfürchtiger Wille zur Keusch* 
heit zu überkommen pflegt, bis unter ganz bestimmten Voraussetzungen 
das Begehren »erlaubt« wird, die Natur sich Bahn bricht und die Ver» 
drängungen gleichsam durchbricht und bei Seite schiebt. 

Diese Unterschiede sind also so tief in der Charakter* 
entwicklung des Mannes begründet, daß es sehr unpsychologisch 
wäre, solche Gefühlspunkte bei ehe* und sexualreformerischen 
Vorschlägen außer acht zu lassen. Gesetze sind oft viel mehr der 
Ausdruck tiefer begründeter Gesetzmäßigkeit als über sie hinweg 
befohlene Satzungen, und der Mensch hat oft gar nicht die Wahi, 



Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbildung 



197 



ob gebundene Staatsehe oder freie Liebesverhältnisse in selbst ven* 
antwortlicher oder auch unverantwortlicher Form das Naturgemäßere 
und darum Richtigere, Zweckmäßigere und in diesem Sinne Ge« 
sündere sei. Daß beide Formen zu Recht bestehen und nicht vom 
polygamen oder monogamen Charakter des Mannes, sondern von 
dem zufälligen Wert — will sagen: Typenzugehörigkeit — des 
Weibes abhängen, d. h. davon, ob es dem Mann als Ersatz der 
Mutter oder nur als eine weitere Vermehrung der Reihe seiner 
Jugendgespielinnen erscheint, gesetzmäßig erscheint, nach Gesetzen 
erscheint, die wir nicht in der Hand haben, nach denen wir das ge- 
worden sind, was wir sind. Je nachdem, werden wir die eine zu 
dauernder Ehe begehren müssen, die andere ebenso grundsätzlich nicht. 
Und hat man irrtümlicherweise die Unpassende geheiratet, so wird diese 
Ehe an dem Begegnen mit der richtigen zerbrechen müssen, genau 
so wie der Mann geswungen ist, trotz aller »Eheirrungen« immer 
wieder zur Ehefrau zurück* und heimzukehren und von ihr nicht 
loskann, wenn sie eine echte Vertreterin seines Muttertypus ist. 

Man sieht, es handelt sich hier um lebenswichtigste Fragen. Der 
von Blüher beschriebene Fall schaltet nun zwischen Mutter und Gattin 
die Schwester ein, so daß das Liebesurbild der Mutter vor der 
jüngeren und vor allem auch für erotische Beziehungen allgemeiner 
zugänglichen Schwester verblaßt und nun diese zum Lettmotiv für 
die Gatten wähl wird. Die Schwester ist also nicht nur der erste 
und vornehmste Mutterersatz, sondern gewinnt aus der Dauer 
unb Innigkeit dieser kindlichen Beziehungen auch ihrerseits die Kraft 
zu selbständiger dauernder und inniger Liebesfesselung in ihrem 
Ersatztypus, der so den Mann zum Ehebegehren, zum festgefügten 
heimgebenden Besitze nötigt. Man ehelicht also seinen Schwester* 
ersatz, ich möchte sagen inklusive Mutter. 

Zu diesem Normalschema will ich nun ergänzend eine ein* 
schlägige Beobachtung mitteilen, die mir im Punkt der männlichen 
Charakterbildung ganz besonders bedeutungsvoll dünkt, und in dem 
sich das ganze Lebensschicksal dadurch von der Norm abweichend 
gestaltete, daß die Schwester nicht Mutterersatz, sondern Vater* 
ersatz darstellte. Mir stehen in Tagebuchnotizen eingehende Daten 
zur Verfügung, die ich nach Möglichkeit ausnützen will: das lebens* 
volle Bild der Wirklichkeit werde ich damit allerdings nicht erreichen 
können. Ich gebe deshalb nur die gröbsten Züge wieder. 

Der Mann ist hochgebildet, aber weich und überaus schmerz* 
empfindlich in seinem Gemüt und, obwohl oft rasch und leicht ent* 
schlössen in kleinen Dingen, so bis zur ausgesprochen neurotischen 
Angst entschlußunfähig in dem großen Konflikt seines Ehelebens, 
Er hatte sehr jung geheiratet. Seine in der Jugend auffallend schöne 
Mutter war das Vorbild für diese Wahl gewesen. Die Ehe war 
aber vom ersten Tage an getrübt durch die vollberechtigte Eifersucht 
der Frau auf eine jüngere Schwester des Mannes, berechtigt insofern, 
als sie all die Eigenschaften besaß, die der Mann an seiner Frau 



198 Dr. Marcinowski 



' vermißte. Sie ergänzten sich gegenseitig,- wir können gleich, sagen, 
die Frau entsprach dem Körper der Mutter, die Schwester dem 
Charakter des Vaters, die Frau zugleich der geistigen Unterlegen» 
heit der Mutter dem hochbedeutenden Vater gegenüber,- die Schwester 
dagegen war wissenschaftlich interessiert und teilte von klein auf das 
geistig angeregteLeben ihres über alles geliebten Bruders in hohem Maße. 
Sie war also sowohl geistig als auch als Charakter das rechte Kind ihres 
Vaters und sachlich voll berechtigt, als der Träger seines geistigen 
Erbguts zu gelten, während der Bruder wohl den hohen Flug seiner 
Gedanken geerbt hatte, sich aber im übrigen als die Verkörperung der 
ewig kindlichen und als Charakter weniger wertvollen Mutter beklagte 1 . 

In der ersten Zeit der Ehe war der Mann glücklich und blihd 
für die eifersüchtige Not seiner Frau. Er hatte in der gleichsam 
»Doppelehe« die Erfüllung aller Strebungen gefunden: in der Frau 
liebte er den Körper der Mutter, ihren Charakter lehnte er <wie 
den der Mutter) ab,- in der Schwester wurde ihm ergänzend die 
eigentliche Lebensgefährtin und innerste Genossin seiner geistigen 
und gemütlichen Persönlichkeit zuteil. Als dieses Verhältnis <durch 
Eifersucht der Frau) unhaltbar wurde, entfremdete er sich allmählich 
von seiner Frau, entwertete sie mehr und mehr und geriet ständig 
suchend auf Irrwege. Schließlich begegnete ihm in Gestalt einer Haus= 
genossin eine Frau, die ihm die verlorengegangene Schwester in geistiger 
Hinsicht und durch ihre ganze Persönlichkeit in höchstem Maße ersetzte 2 . 
Als Ersatz der Schwester wurde die Persönlichkeit, die auch 
äußerlich an deren Stelle trat, übrigens gewußt und deutlich empfunden. 
Ihr Charakter wies in mehr als einer Hinsicht feste, männliche Züge auf. 

Sehen wir nun zu, wie sich die Dinge weiter entwickelten und 
schließlich dazu führten, daß der Mann seine Ehe mit dem Mutter- 
ersatz löste, und genau wie er die Liebe zur Mutter als Kind eine 
Weile mit der Liebe zum Vater vereinigt hatte und dann der letz= 
teren als der weit wertvolleren den Vorzug gab, so auch hier den 
Vaterersatz schließlich als den wertvolleren erachtete, den Weg zur 
Ehe aber mit ihm genau wie in dem Blüher sehen Falle über die 
Schwester hinüber fand. 

Aus dem Begegnen als Hausgenossen erwuchs den beiden 
Menschen zunächst eine kurze Spanne Liebesglücks, dann aber folgten 
Jahre herbster Qual für alle Beteiligten, Der Mann konnte sich nicht 
entschließen, die für ihn längst wertlos gewordene Verbindung mit 
der Ehefrau <Mutterersatz) zu lösen und die als »Schwester« ge- 
wertete Geliebte Eigentlich Vaterersatz) voll und ganz zu seiner 

1 Das erwies sich in der Analyse als unecht, als niefit organisch, sondern als 
Ausdruck einer unbewußten Gleichsetzung mit der geliebten Mutter, zum Zweck 
des Liebesgewinnes vom Vater her. 

2 Die leibliche Schwester wurde übrigens von dem Tage an für den Mann 
unwichtig, als deren Ersatz in sein Liebesleben eintrat, was für die Lehre von den 
»Übertragungen« wichtig ist. Es hatte den Anschein, als ob der Liebesaffekt hier 
ein gewisses Quantum war, das man von einem Platz wegnehmen und wo anders 
hintun könne. 



' 



Zum Kapitel Liebeswah! und Charakterbildung 199 



Gattin zu machen. Ebensowenig vermochte er aber sie loszulassen, und 
so schuf er sich und den Seinen eine Hölle, wurde fast verächtlich in 
seiner Schwäche und schädigte durch seine Entschlußunfähigkeit die, 
die ihn lieb hatten und um ihn litten, an Leib und Seele. 

Schwere Angstzustände brachten ihn damals in meine Behandlung. 
Er lernte die Psychoanalyse mit rasch erwachtem Verständnis und hand= 
habte sie dann gegen sich selbst mit solcher Unerbittlichkeit, daß wir die 
Freude hatten, ihn später als einen gesunden Mann kennen zu lernen, 
der alle kindhaften und mädchenhaften Züge abgelegt hatte und in 
seinem Charakter ein völlig andrer geworden war. Er hat sich später, 
wie erwähnt, von seiner ersten Frau getrennt und lebt jetzt mit dem 
»Schwesterersatz« in einer sehr befriedigten Ehe. 

Sehen wir uns nun seine Charakterentwiddung näher an. Ich 
sprach soeben von mädchenhaften Zügen. Hier liegt des Pudels 
Kern verborgen. Fragen wir seine eigenen Tagebuchaufzeichnungen, 
aus denen ich folgendes entnehme: 

»Wie ist mein Charakter zu erklären? Warum mußte ich so werden? 
Ein normaler, d. h. wünschenswerter Charakter würde sich bei zweckmäßiger 
Ausnützung des Ödipusverhältnisses zum Vater ergeben haben. Aus ihm 
hätte sich eine einseitige Einstellung in der Liebe zur Mutter und damit, 
daraus wachsend, eine ausschließlich heterosexuelle Neigung, d. h. auch ein 
einheitlicher Sexuaicharakter ergeben, in dem alle Willensrichtungen unge» 
brochen, d. h. einheitlich gerichtet sind und nicht zerflattern. Gesetz : aus der 
normalen Ödipuseinstellung zum Vater entwickelt sich entschlossenes, krafi> 
voll trotziges, eigenwilliges Auftreten, der Typus des Durchsetzers und 
Eroberers wird so gewonnen. Dekadenz — sagt Nietzsche — ist Instinkt» 
Zerrissenheit. 

Ich bin kein Eroberer. Das Schicksal hat es anders gewollt. Aber auch 
mein Leben entwickelt sich nur folgerichtig aus der sexuellen Einstellung 
des Kindes und diese prägte meinem ganzen Wesen seinen Stempel auf. 

Eine einseitige Einstellung hätte ein Ideal von Stoßkraft ergeben, 
und deshalb erscheint mir die gewöhnliche Ödipuseinstellung in Liebe und 
Ablehnung gesund und zweckmäßig, also erwünscht. Ich war kein Bub, der 
sich gegen seinen Vater aufbäumte, wenn er sich über meine Zärtlichkeit 
zwischen Mutter und Sohn aufhielt. Ich sah nur voll scheuer Sehnsucht zu 
ihm auf, wie ein kleines Mädchen, und hatte nur den einen Wunsch, von 
ihm geliebt zu werden, wie mich die Mutter liebte, wie er sie liebte, 
also wie man ein Mädchen, und wie er später mein Schwesterchen liebte. 

Dem zuliebe bildete ich weiche, anschmiegsame, weibliche Züge aus 
und eines behielt ich durch mein ganzes Leben, die Sehnsucht nach dem 
»geliebt werden«. Darüber vergaß ich, wie etwas gänzlich Überflüssiges, 
selber lieben zu lernen. Ich glaube, ich habe bisher überhaupt noch nicht 
geliebt, trotz aller Aifektstürme. Aber ich will geliebt werden — ich klammre 
mich an die, die mich lieben — ich suche die, »die auf mich übertragen«, 
ich halte sie fest — ich muß immer ein »Kindermädchen« um mich haben, 
wie meine Mutter es nannte — und wo ich nicht geliebt werde, da ziehe ich 
mich scheu zurück. Ich schließe mich nicht an, ich fürchte Zurücksetzungen. 
Ich lasse sofort fallen, was mich nicht mag. Ich bin selig, wo ich eine Rolle 
spiele und gedrückt, wenn ich die geringste Mißstimmung über mich bemerke. 



200 Dr. Marcinowski 



Ich kämpfe nicht um die Liebe der andern, mühelos muß sie mir zufallen. 
Ich verdiene sie mir nicht durch Leistungen. 

Drum habe ich auch keine Freunde. Ich scheue die Kritik der Manner 
und habe mir mein Leben so eingerichtet, daß ich ihr fern gerückt bin 1 . 
Aber weibliche Hilfen will ich um mich haben, will angeschwärmt und ver* 
cnrt sein. 

Nein, ich bin kein Eroberer, kein Frauenjäger. Ich klagte off, daß 
mir keine nachlief wie anderen, die ich beneidete. Aber ich klagte nur, ich 
tat nichts. Ich fürchtete die Abfuhr. Das kommt daher, weil mein Vater 
mich so tief verwundete, wenn er immer meinte, ich sei kein rechter strammer 
Bub. Nun blieb ich so wagelos und gierte nur von weitem. Nie habe ich 
einer Frau eine Liebeserklärung gemacht, sie zu gewinnen. Stets ließ ich 
midi nehmen. Vor meiner Verlobung wußte ich, wie sehr man sich nach 
mir sehnte, und auch der Geliebten habe ich erst das Geständnis ihrer 
Neigung entlockt, damit ich mich keiner Zurückweisung aussetzte.« 

Diesem klagenden Selbsterkennen füge ich hinzu, daß er sich 
geschlechtlichen Begehrens seiner Schwester gegenüber bewußt war, 
daß er mit seiner Mutter völlig auseinander war, daß er dem Vater 
als höchstes Idealbild nachstrebte und ihm nach seinem Ableben Altäre 
baute, wo er konnte, bei jedem Tun, bei jeder Arbeit den Gedanken 
hatte, ihm zu genügen, ihn zufriedenzustellen, wie er es als Knabe 
so oft vergeblich angestrebt hatte. Die Zwangsläufigkeit dieser 
Charakterbildung dürfte schon aus diesen Zügen klar vor Augen 
liegen. Ich könnte sie natürlich noch endlos belegen, wollten wir dieses 
Leben bis in all seine Einzelheiten verfolgen. 

Nun sollte man meinen, dieser mädchenhaften Einstellung seines 
ganzen Wesens müsse eine gewisse Homosexualität entsprechen. Es 
sind aber nur Spuren davon da, nicht mehr wie bei anderen normal 
Heterosexuellen auch. Es schützte ihn wohl das Verhältnis zur Mutter, 
die ihn mit Zärtlichkeiten überschüttet und seine heterosexuelle Sinn= 
lichkeit rechtzeitig geweckt hatte. Man sieht, die Bedingungen zu einem 
tüchtigen Ödipus wären wohl gegeben gewesen, wenn der Bub nicht 
zugleich im Geliebtwerden von Seite des Vaters die Erfüllung 
seiner Liebessehnsucht erblickt und von da her bis in reifes Alter 
hinein lauter kindhafte Züge bewahrt hätte. 

Es hätte ja nun vielleicht einen Idealtypus für ihn gegeben, 
ein Weib mit dem Körper seiner Mutter und dem Geist und Herzen 
seines Vaters, ein Idealgemisch von beiden Eltern, eine Ideal* 
Schwester. Aber eigentlich entsprach die weitere Entwicklung seines 
Lebens den kindlichen Verhältnissen bei weitem besser. So wie er als 
Knabe die Liebe vom Vater und Mutter genoß und erstrebte, halb 
Mädchen und halb Bub war und also zwei Liebesobjekte zu seiner 
Verfügung hatte, so wollte er nämlich auch als Erwachsener eigentlich 
zwei Frauen haben, die ihm jede je ein Urbild seines Kinderherzchens 
verkörpern sollte. So wollte er die Schwester und die Frau haben. 
Das war noch mehr, und daher ließ er später auch weder die Ge- 

1 Als Leiter einer Musikschule in einem kleinen Städtchen, 



Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbildung 201 

liebte noch die Frau aus dem Hause. Es wäre ihm das liebste ge* 
wesen, die beiden Frauen hätten sieb um ihn vertragen können, 
gerade wie die Eltern, die ja audi nicht zusammenpaßten und doch 
beisammen unter einem Dach hausten, die zwar getrennt schliefen, 
aber dafür hatte der Knabe auch abwechselnd eine Zeitlang bei der 
Mutter gewohnt und später beim Vater geschlafen und sein Arbeits* 
zimmer mit ihm geteilt. Das ist nicht mehr ein Vorbild für die Form 
seines schweren Ehekonflikts, das sind Dutzende von Parallelismen, 
und auch die sdiließlidie Entscheidung in Ehetrennung und zweiter 
Ehe ist nur eine, wenn audi schließlich entscheidende Neuauflage 
jener Kindheitsverhältnisse, nur mit anderer Rollenbesetzung. <Der 
Vater als der wertvollere erkannt.) 

In den Jahren des Ringens war es besonders bezeichnend, daß 
heftige Angstzustände auftraten, sobald die Verhältnisse ihn zu Ent- 
scheidungen drängten, für die er erst später durch die fortgesetzte 
Analyse allmählich reif wurde. Sie setzte vornehmlich da ein, wo 
das Kind sich von dem Mutterersatz lösen sollte, waren aber auch 
bei Versuchen umgekehrter Lösung vom Vaterersatz (Geliebte) auf* 
getreten, wenn auch nicht so scharf. Regressionen fluteten also meist 
zur Mutter zurück 1 . Angst ist also hier nicht nur und vornehmlich 
ein Schuldverhüter, wie ich früher meinte <vgl. »Mut zu sich 
selbst«, Seite 336), sondern vor allem die Begleiterscheinung der be= 
drohten Liebesgemeinschaft, und zwar der infantil gebundenen. 

Ist dieser Zustand von Entschlußunfähigkeit sowie die schließ* 
liehe Entscheidung nun nicht völlig infantil begründet? Braucht es 
noch mehr zur restlosen Erklärung dieser Charakterbildung und ihrer 
Zwangsläufigkeit? — Ich brauche nicht erst noch erwähnen, daß sich 
diese Züge noch auf viele kleine und große Verhältnisse seines 
gesamten Lebens, Tuns und Lassens erstrechten und überall wieder* 
holten. Bezeichnend war es auch, daß er in seiner zweiten Lebens* 
gemeinschaft am liebsten in einer freien Privatehe gelebt hätte. Eine 
innere Nötigung zum Eheschluß lag da nicht im gleichen Maß vor, 
wie beim reinen Mutterersatz. <Vgl. Blühers Auseinandersetzung 
über die innere Nötigung zur Ehe.) 

Alles an diesem Mann war vielgestaltig, widerspruchsvoll, nicht 
einheitlich, darum war er kein starker Woller, nur ein heftiger Be» 
gehrer und unzuverlässig in allen seinen Neigungen. Unentschieden* 
heit in Form von ewigem Pendeln zwischen Gegensätzen (zwischen 
Vater und Mutter) und das in Schmerzempfindlichkeit und Verwund* 
barkeit, war die Regel. 

Als Ergänzung zu der erwähnten Arbeit von Blüher über 
Gattenwahl könnte man hier also sagen: man kann auch seinen 
Vater in der Schwester sehen und im Schwesterntyp den Vater 
zur Ehe begehren müssen. Aber man wird dabei zur Halbheit und 
Gespaltenheit verurteilt sein, denn auch der Besitz des besten Vater* 



1 Das heterosexuelle Moment siegte. 






202 Dr. Marcinowski 



crsatzes wird von einer leichten Trauer um die aufgegebene Mutter- 
liebe durchweht bleiben. 

Nun lehrt uns die Beobachtung neurotischer Männer überhaupt 
und da in fast überwältigender Zahl und Einheitlichkeit, daß ihre 
Charakterschwächen durch nichts so sehr bedingt werden als durch 
ihre unentschiedene doppelwertige Liebeseinstellung, die sie aus der 
Kinderzeit her zwischen den Eltern gewonnen haben. Der stramme 
Ödipus in seinem fröhlichen Trotz gegen den Vater ist demgegen- 
über ganz entschieden das Gesunde, und man sollte ihn erzieherisch 
geradezu bewußt anstreben. Lehnt sich der Bub nun aber dabei 
gegen einen außerdem mit fast mädchenhaften Empfindungen ge- 
liebten Vater auf, so ist auch schon das böse Gewissen geboren, 
und die Zwiespältigkeit des Gefühls zerreißt den Jungen und ver= 
nichtet seine Instinktsicherheit. 

Jetzt weiß er nicht mehr, wie er eigentlich den Vater empfinden 
soll, ob als Geliebten oder als feindlichen Nebenbuhler. Der Wunsch, 
vom Vater geliebt zu werden, nimmt seiner männlichen Sexualkraft 
ein gut Teil weg. Unbefriedigte Beziehungen zum Weibe bis zur 
ausgesprochenen Impotenz sind deshalb häufig die Folge dieser kind= 
liehen Einstellung, die vom Vater nicht los will. 

Der beschriebene Fall ist nun dadurch besonders bemerkenswert, 
daß das Verhältnis zum Vater hier über die Schwester hinüber 
als der Trägerin seiner verehrten Eigenschaften zu einem normal- 
sexuell möglichen wurde, so daß der Schwesternersatz im weiteren 
Schicksal dieses Mannes schließlich doch einen entscheidenden Sieg 
über die erste Frau <die unter Überspringen der Schwester unmittel- 
bar Beziehungen zur Mutter aufwies) davontrug, davontragen konnte, 
weil in dem Schwesterntyp zugleich auch die nicht unwesentlichen Be- 
standteile weiblicher Körperlichkeit mitgegeben waren. 

Lehrreich ist der Fall als Bestätigung der alten Regel, der 
Blüher nur aufs neue Ausdruck gegeben hatte, der Regel, daß die 
kindlichen Liebeseinstellungen entscheidend für unser späteres Schicksal 
werden und sich oft mit der Wucht von Zwangsläufigkeiten durch- 
setzen. Lehrreich ist der Fall aber auch in ärztlicher Hinsicht, da er 
uns zeigt, von welch ungeheurem und entscheidendem Werte die 
psychoanalytische Behandlung hier gerade auf einem Gebiete ge- 
worden ist, das mit Ausnahme der erst im weiteren Verlauf der 
Konflikte auftretenden Angstzustände zunächst ganz und gar nicht 
in das Gebiet rein ärztlichen Handelns hineinzugehören schien. 

Es ergibt sich daraus die Forderung, auch den Zugang zu dem 
Gebiete der Kindererziehung für unsere psychoanalytische Wissen- 
schaft zu erkämpfen, und es ergibt sich der Ausblick, daß die un» 
geheure Masse der sittlichen und gesellschaftlichen Konflikte unseres 
Lebens einer wissenschaftlichen seelsorgerischen Behandlung in einem 
Maße zugänglich werden können, wie es vor kurzem noch niemand 
gewagt hat anzunehmen. 

□ d a 

Buchdruckerei Carl Fromme, Oes. m. b. H., Wien V. 




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DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN