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Full text of "Imago.Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV 1915 Heft 1"

■MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 
DEK PSYCHOANALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DSSIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
D£ OTTO RANK U. D£ HANNS SACHS 



IV. BAND. 



.^S0k 




IptÖ 

HUGO HELLEKfe-Ql 

LEIPZIG u-WlENl- BAUERNMARKT 3 






■L^■■'^ '^i-""f' "■?"?' Tf' P 



BuAdrudcerei Carl Fromme, O. m. b. H., Wien V. 



Inhaltsübersicht des IV. Jahrganges 1915-1916 

Abhandlungen; 

Lou Andreas-Salome <Göttingen>: *'* 

»Anal« und »Sexual« ^^^ 

Prof. Dr. Sigm, Freud <Wien>: 

Zeitgemäßes über Krieg und Tod . . . . • ■ • ; • • \ 

Einige Charaktertypen aus der psydioanaiytisAcn Arbeit . . Jl/ 

Dr. Eduard Hitschmann <Wien>; 

Gottfried Keller ^^■^' ^^ 

Ein Diditer und sein Vater ^^' 

Dr. H. V. Hug. Hellmuth <Wien>: 

" Einige Beziehungen zwiscfien Erotik und Mathematik . . . ol 

Leo Kaplan <Züri<fi>: ..,,-,, Ofi 

Der tragisdie Held und der Verbredier ,.....■■ =^ 

Dr. Emil Lorenz <Klagenfurt) : „ 

Ödipus auf Kolonos 

Dr. Otto Rank <Wien>: .. 

Das »Sdiauspiel« in »Hamlet« . • 

Dr. Theodor Reik <Berlin>: .-c .og 

Die Pufaertätsriten der Wilden ^^^' ^°^ 

Dr. Hanns Sachs <Wien>: ^q \ac 

Schillers Geisterseher 146 

Die Heimkehr der Seele 

Besprechungen: 

182 



Dr. Bisdioff: Elemente der Kabbalah <Herbert Silberer) .... 1»^ 

Franz Dubsky: Das Bild des Ramses (HS.) :? 

Otto Flake: Horns Ring <Dr. Otto Rank) . . . . - - • • - ^^ 
Hugo von Lomnitz: Solidarität des Madonna^ und Astartc-Culms 



Thomaf'Mann:' Friedridi ' der Große und die' gmße Koalition 

<Dr. Eduard Hitschmann) ir'^ 

Carl Robert: Oidipus <E, Lorenz) 

„,,.,. 187 

Bibliographie . . . • 

^ ^ . , c ....... 188 

Bümcrcinlaur 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



M AGO 




Zeitgemäßes über Krieg und Tod. 
Von SIGM. FREUD. 
I. Die Enttäuschung des Kü^^^^ ^^^^^ .^^^^^ 
\ /on dem Wirbel dieser Kriegszeit^Sepa* ' ^.^^ die sid. bere.ts 
V ohne Distanz von den S^f^Jl^r^ beginnen, u.jd ohne 
^ vollzogen haben oder zu yoUZ' ^^„ ^,r selbst irre 
Witterung der siA gestaltenden Zukunft, ^^^^„^g,,, ""^,,f hS 
der Bedeutung der Eindrüde che s.d. un^ ^^,i„en, als ha«^ 

Wert der Urteile, die wir bilden. f^J' Gemeingut der Uens^^^ 
nodi niemals ein Ereignis soviel If^jJ-j en verwirrt, 5° g^i^se 
heit zerstört, soviele der Carsten Intelig ^^ j^ >^l^> ' r sud^en 
das Hohe erniedrigt. Selbst die W{Sse"sAatt ^^.^^^ p er su 
UnparteiUdikeit verloren, ihre aufs «e^s^ ß^'^fÄider- 

ihr Waffen zu entnehmen, um einen Ke J^^ Gegner für "^^ 
Feindes zu leisten. Der Anthropologe m^^^^er ^^ D.agno^^e^^ ^^^ 
wertig und degeneriert erklären, der ^ y ^^hrsdie ni a r 

Geistes- oder leelenstörung verkünden- AD ^^^^ haben kem^^^j^,,,. 
den wir das Böse dieser Zeit unmäßig s^^ ^.^^j, "'*S'''somi? ein 
mit dem Bösen anderer Zeiten zu veig eiche 'f ^,,d som ^.^ 
^ Der Einzelne, der niAt selbst e. ^^^^^^en ist, tum 
PartikelAen der riesigen Kriegsmasdun n^ S Leistungs^h.gk t § 
in seiner Orientierung verwirrt und mse. ^'"i^^^,";"" zu- 

hemmt. lA meine, ihm wird J^^^/^i^f^'^seinem eigeneii Innern z 
der es ihm erleiAtert, siA /^"^^f f ^;3^, das seelische Ee"^hnen 
reAtzufinden. Unter den Momenten, ^v^^ deren Bewältigung ^ 
Daheimgebliebenen verschuldet haben u^cl j^^rvorheben und 

so sAwierige Aufgaben «teilt, mod te ^* jj, dieser Kneg her ^. ^^ 
dieser Stelle behandeln; Di^^nttau dim g, ^^^ ^-^de, zu 
gerufen hat, und die veränderte ^ims 

uns -- wie alle anderen Kriege -^Xe^ jedermann sofort, 
Wenn idi von EnttäusAung rea . 



Imago lV/1 



Sigm. Freud 



damit gemeint ist, Man brauefit kein Mitleidsschwärmer zu sein, 
man kann die biologisdie und psydiologisdie Notwendigkeit des 
AA^^j Ir "^'^ Ökonomie des Mensdienlebens einsehen und darf 
Ä fL." "^f ^" seinen Mitteln und Zielen verurteilen und das 
Aufhören ^ der Kriege herbeisehnen. Man sagte si<h zwar, die Kriege 
könnten nicht aufhören, so lange die Völker unter so versdiiedcn^ 
artigen Existenzbedingungen leben, so lange die Wertungen des 
Einzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und so lange die Ge* 
hässigkeiten, weldie sie trennen, so starke seelische Triebkräfte repräsen^ 
tieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege zwisdien den 
primitiven und den zivilisierten Völkern, zwisdien den Menschen* 
rassen, die durch die Hautfarbe voneinander geschieden werden, 
ja Kriege mit und unter den wenig entwidelten oder verwilderten 
Völkerindividuen Europas die Mensdiheit nodi durdi geraume Zeit 
in Anspruch nehmen werden. Aber man getraute sidi etwas anderes 
zu hoffen. Von den großen weltbeherrsdienden Nationen weißer 
Rasse, denen die Führung des Menschengesdilechtes zugefallen ist, 
die man mit der Pflege weltumspannender Interessen beschäftigt 
wußte, deren Schöpfungen die technischen Fortschritte in der Beherr^ 
sdiung der Natur wie die künstlerisdien und wissenschaftlidien 
Kulturwerte sind, von diesen Völkern hatte man erwartet, daß sie 
es verstehen würden, Mißhelligkeiten und Interessenkonfl'ikte auf 
anderem Wege zum Austrag zu bringen. Innerhalb jeder dieser 
Nationen waren hohe sitdidie Normen für den Einzelnen aufgestellt 
worden, nadi denen er seine Lebensführung einzuriditen hatte wenn 
er an der Kulturgemeinsdiaft teilnehmen wollte. Diese oft überstrensren 
Vorsdiriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige Selbstbesdirän^ 
kung, einen weitgehenden Verzidit auf Triebbefriedigung. Es war 
ihm vor allem versagt, sidi der außerordendichen Vorteile zu be* 
dienen, die der Gebraudi von Lüge und Betrug im Wettkampf 
mit den Nebenmensdien sciiattt, Uer Rulturstaat hielt diese sittliÄen 
Normen für die Grundlage seines Bestandes, er sdiritt ernsthaft ein 
wenn man sie anzutasten wagte, erklärte es oft für untunlidi sie 
audi nur einer Prüfung durdi den kritisdien Verstand zu unterziehen 
Es war also anzunehmen, daß er sie selbst respektieren wolle uncj 
nidits gegen sie zu unternehmen gedenke, wodurdi er der Begrün» 
düng seiner eigenen Existenz widersprodien hätte. Endlidi konnte 
man zwar die Wahrnehmung madien, daß es innerhalb dieser K U 
turnationen gewisse eingesprengte Völkerreste gäbe, die ganz alle - 
mein unliebsam wären und darum nur widerwillig, a^j^ nidit 
vollen Umfange, zur Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarb "^ 
zugelassen würden, für die sie SjA dh ^m§ m^t erwiesen 
hatten. Aber die großen Volker selbst, konnte man meinen, hätten 
soviel Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten und soviel Toleranz 
für ihre Versdriedenheiteri erworben, daß »fremd« und ^feindlidi« 
nicht mehr wie nodi im klassisdien Altertum für sie zu einem Be- 
grifr versdimelzen durrten. 



Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben unge» 
zählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Aufent- 
halt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz an die Verkehrs-^ 
beziehungen zwisdien den befreundeten Völkern geknüpft. Wen aber 
die Not des Lebens nidit ständig an die nämlidie Stelle bannte, der 
konnte sidi aus allen Vorzügen und Reizen der Kulturländer ein 
neues größeres Vaterland zusammensetzen, in dem er sidi ungehemmt 
und unverdäditigt erging. Er genoß so das blaue und das graue 
Meer, die Sdiönheit der Sdineeberge und die der grünen Wiesen= 
flädien, den Zauber des nordisdien Waldes und die Pradit der süd^ 
liehen Vegetation, die Stimmung der Landsdiaften, auf denen große 
historisdie Erinnerungen ruhen, und die Stille der unberührten Natur. 
Dies neue Vaterland war für ihn audi ein Museum, erfüllt mit 

II n Sdiätzen, weldie die Künstler der Kulturmensdiheir seit vielen 
] hrhundertcn gesdiatfcn und hinterlassen hatten. Während er von 

• m Saal dieses Museums in einen anderen wanderte, konnte er 
^'" arteiloser Anerkennung feststellen, was für versdiiedene Typen 
"^ " Vollkommenheit Blutmisdiung, Gesdiidite und die Eigenart der 
M r Erde an seinen weiteren Kompatrioten ausgebildet hatten. 
H^-^war die kühle unbeugsame Energie aufs hödistc entwidielt, 
A^'^ lie eraziöse Kunst, das Leben zu versdiönern, anderswo der 
^?"^ für Ordnung und Gesetz oder andere der EigensAaften, die 
^'""Mensdien zum Herrn der Erde gemadit haben. 

Vergessen wir audi nidit daran, daß jeder Kulturweltbürgcr 

. 'len besonderen »Parnaß« und eine »Sdiule von Athen« ge- 

^1* ff hatte. Unter den großen Denkern, Diditern, Künstlern aller 

>vT ^- en hatte er die ausgewählt, denen er das Beste zu sdiuldcn 

■ te was ihm an Lebensgenuß und Lebensverständnis zu» 

^""^"^f^i+i geworden war, und sie den unsterblidien Alten in seiner 

^r'^^f' • n? zugesellt wie den vertrauten Meistern seiner eigenen 

Vereii ,, .^^^j. y^,^ diesen Großen war ihm darum fremd ersdiiencn, 

'•?^^ in anderer Spradie geredet hatte, weder der unvergleidilidie 

c "ndev der mcnsdifichcn Leidcnsdiaftcn, nodi der sdiönheits^ 

^^kene Sdiwärmcr oder der gewaltig drohende Prophet, der fein= 
^^ iee Spötter, und niemals warf er sidi dabei vor, abtrünnig ge» 
^'" -den zu sein der eigenen Nation und der geliebten Mutter^ 

^P' £)g]. Genuß der Kulturgemeinsdiaft wurde gclegentlidi durdi 
«; ' men gestört, weldie warnten, daß infolge altüberkommener Diffe« 
^"•'"^ Kriege awdi unter den Mitgliedern derselben unvemicidlidi 
^^"^^ Mail wollte nidit daran glauben, aber wie stellte man sidi 
^^'^^^"' (^fn Kriee vor, wenn es dazu kommen sollte? Als eine 
5l"<" L ?A:. Fortsciinttc m GcmciuscfüW der Mcnsdien aufzu- 
^^^^^'"^•f itr le t d dl griediisdien Amphiktyonicn verboten 
,e,gen ^^^'^/^^^^ß' ^j^i^ angehörigc Stadt zu zerstören, ihre ÖU 
t^"'"' . mzullu n und ihr das Wasser abzusdinelden. Als einen 
'S^ rwS^^^^ der sid. darauf besdiränken wollte, die über- 



Sigm, Freud 



legenheit des einen Teils festzustellen, unter möglidister Vermeidung 
schwerer Leiden, die zu dieser Entsdieidung nidits beitragen könnten, 
mit voller Sdionung für den Ver^yundeten, der aus dem Kampf 
aussdieiden muß, und für den Arzt und Pfleger, der sidi seiner Her- 
stellung widmet. Natürlidi mit allen Rüdtsiditen für den nidit krieg- 
führenden Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegs» 
Handwerk ferne bleiben, und für die Kinder, die, herangewadisen, 
einander von beiden Seiten Freunde und Mithelfer werden sollen. 
Audi mit Erhaltung all der internationalen Unternehmungen und 
Institutionen, in denen sidi die Kulturgemeinsdvaft der Friedenszeit 
verkörpert hatte. 

Ein soldier Krieg hätte immer nodi genug des Sdirecklidien 
und sdiwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte die Entwicklung 
ethischer Beziehungen zwischen den Großindividuen der Mensch» 
heit, den Völkern und Staaten, nicht unterbrochen. 

Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus 
und er bradite die — Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger und 
verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mäditig ver» 
vollkommneten Waffen des Angriffs und der Verteidigung, sondern 
mindestens ebenso grausam, erbittert, sdionungslos wie irgend ein 
früherer. Er setzt sidi über alle Einschränkungen hinaus, zu denen 
man sidi in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Völkerredht 
genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und 
des Arztes, die Untersdieidung des friedlidien und des kämpfenden 
Teils der Bevölkerung, die Ansprüdie des Privateigentums. Er wirft 
nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine 
Zukunft und keinen Frieden unter den Mensdien nadi ihm geben. 
Er zerreißt alle Bande der Gemeinsdiaft unter den miteinander 
ringencien Völkern und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, weldie 
eine Wiederanknüpfung derselben für lange Zeit unmöglidi madien wird. 
Er bradite audi das kaum begreiflidie Phänomen zum Vor- 
sdiein, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und ver* 
stehen, daß sidi das eine mit Haß und Absdieu gegen das andere 
wenden kann. Ja daß eine der großen Kulturnationen so aflgemein 
mißliebig ist, daß der Versudi gewagt werden kann, sie als »bar- 
barisdi« von der Kulturgemeinsdiaft auszusdiließen, obwohl sie ihre 
Eignung durdi die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen 
hat. Wir leben der Hoffnung, eine unparteiisdie Geschiditssdireibung 
werde den Nadiweis erbnngen, daß gerade diese Nation, die, in 
deren Spradie wir schreiben, für deren Sieg unsere Lieben kämpfen, 
sidi am wenigsten gegen die Gesetze der mensdilidien Gesittung 
vergangen habe, aber wer darf in soldier Zeit als Riditer auftreten 
in eigener Sache? 

Völker werden ungefähr durdi die Staaten, die sie bilden, re- 
präsentiert - diese Staaten durdi die Regierungen, die sie leiten. Der 
einzelne Volksangehörige kann in diesem Krieg mit SdireA fest- 
stellen, was sidi ihm gelegendidi sdion in Friedenszeiten aufdrängen 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebraudi des Unredits 
untersagt hat, nidit weil er es absdiafFen, sondern weil er es mono^ 
polisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt 
sidi jedes Unredit, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen ent- 
ehren würde. Er bedient sidi nidit nur der erlaubten List, sondern 
audi der bewußten Lüge und des absiditlidien Betruges gegen den 
Feind, und dies zwar in einem Maße, weldies das in früheren Krie» 
gen Gebräudilidie zu übersteigen sdieint. Der Staat fordert das 
Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, ent- 
mündigt sie aber dabei durdi ein Übermaß von Vcrheimlidiung 
und eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, weldie die 
Stimmung der so intellektuell Unterdrüdacn wehrlos madit gegen 
jede ungünstige Situation und jedes wüste Gerüdit. Er löst sidi 
los von Zusidierungen und Verträgen, durdi die er sidi gegen andere 
Staaten gebunden hatte, bekennt sidi ungcsdieut zu seiner Habgier 
und seinem Maditstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus 
gutheißen soll, 

Man wende nidit ein, daß der Staat auf den Gebraudi des 
Unredits niÄt verziditen kann, weil er sidi dadurdi in Naditeil 
setzte. Audi für den Einzelnen ist die Befolgung der sittlidien Nor- 
men, der Verzidit auf brutale Maditbetätigung in der Regel sehr 
unvorteilhaft, und der Staat zeigt sidi nur selten dazu fähig, den 
Einzelnen für das Opfer zu entsdiädigen, das er von ihm gejordert 
hat. Man darf sidi audi nidit darüber verwundern, daß die Lodte- 
rung aller sitdidien Beziehungen zwisdien den Großindividuen der 
Mensdiheit eine Rüdiwirkung auf die Sittlidikeit der Einzelnen ge- 
äußert hat, denn unser Gewissen ist nidit der unbeugsame Kiditcr, 
für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprünge »so- 
ziale Angst« und nidits anderes. Wo die Gemeinsdiah den Vor- 
wurf aufhebt, hört audi die Unterdrüdiung der bösen Gelüste auf, 
und die Mensdien begehen Taten von Grausamkeit, TuAe, Verrat 
und Roheit, deren Möglidikeit man mit ihrem kulturellen Niveau 
für unvereinbar gehalten hätte. r... l < 

So mag der Kulturweltbürger, den idi vorhin eingeführt habe, 
ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, sein großes 
Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztumer verwüstet, die 
Mitbürger entzweit und erniedrigt! 

Zur Kritik seiner Enttäusdiung wäre einiges zu bemerken. 
Sie ist, strenge genommen, nidit bereditigt, denn sie besteht in der 
Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sidi uns dadurdi, daß 
sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen 
genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, daß 
sie irgend einmal mit einem Stii<k der Wirklidikeit zusammenstoßen, 
an dem sie zersdiellen. 

Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäusdiung rege gc- 
madit: die geringe Sittlidikeit der Staaten nadi außen, die sidi nadi 
innen als die Wäditer der sittlidien Normen gebärden, und die 



Sigm, Freud 



Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer 
an der hödisten mensdilidien Kultur ähnlidies nicht zugetraut hat. 

Beginnen wir mit dem zweiten Punkt und versuÄen wir es, 
die Ansdiauung, die wir kritisieren wollen, in einen einzigen knappen 
Satz zu fassen. Wie stellt man sidi denn eigentlidi den Vorgang 
vor, durdi weldien ein einzelner Mensdi zu einer höheren Stufe 
von Sittlidikeit gelangt? Die erste Antwort wird wohl lauten: Er 
ist eben von Geburt und von Anfang an gut und edel. Sie soll 
hier weiter nidit berüdtsiditigt werden. Eine zweite Antwort wird 
auf die Anregung eingehen, daß hier ein EntwiAlungsvorgang vor^ 
liegen müsse, und wird wohl annehmen, diese Entwicklung bestehe 
darin, daß die bösen Neigungen des Menschen in ihm ausgerottet 
und unter dem Einfluß von Erziehung und Kulturumgebung durch 
Neigungen zum Guten ersetzt werden. Dann darf man sidi aIler-= 
dings verwundern, daß bei dem so Erzogenen das Böse wieder 
so tatkräftig zum Vorschein kommt. 

Aber diese Antwort enthält auch den Satz, dem wir wider^ 
sprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine »Ausrottung« des 
Bösen. Die psychologische — im strengeren Sinne die psydioana» 
lytisdie — Untersuchung zeigt vielmehr, daß das tiefste Wesen des 
Mensdien in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen 
Menschen gleidiartig sind und auf die Befriedigung gewisser Ursprünge 
lidier Bedürfnisse^ zielen. Diese Triebregungen sind an sidi weder 
gut nodi böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen in soldier 
Weise je nadi ihrer Beziehung zu den Bedürfnissen und Anforde^ 
rungen der mensdilidien Gemeinsdiaft. Zuzugeben ist, daß alle die 
Regungen, weldie von der Gesellsdiaft als böse verpönt werden — 
nehmen wir als Vertretung derselben die eigensüditigen und die 
grausamen — sidi unter diesen primitiven befinden. 

Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwiddungs» 
weg zurudc, bis sie zur Betätigung beim Erwadisenen zugelassen 
werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete ge^ 
lenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wediseln ihre Obiekte 
wenden sidi zum Teil gegen die eigene Person. Reaktionsbildungen 
gegen gewisse Triebe täusdien die inhaltlidie Verwandlung derselben 
vor, als ob aus Egoismus — Altruismus, aus Grausamkeit — Mit= 
leid geworden wäre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, daß 
mandie Tnebregungen fast von Anfang an in Gegensatzpaaren auf= 
treten em sehr merkwürdiges und der populären Kenntnis fremdes 
Verhältnis, das man die »Gefühlsambivalenz« benannt hat Am 
leiditoten zu beobaditen und vom Verständnis zu bewältigen ist 
die 1 atsadie, daß starkes Lieben und starkes Hassen so häufig mit-^ 
einander bei derselben Person vereint vorkommen. Die Psydioana» 
lyse fugt dem hinzu, daß die beiden entgegengesetzten Gefühls- 
regungen nidit selten audi die nämlidie Person zum Objekt nehmen. 

Erst nadi Überwindung all soldier »Triebsdiidsale« stellt sidi das 
. heraus, was man den Charakter eines Mensdien nennt, und was 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



mit »gut« oder »böse« bekanntlich nur sehr unzureichend klassifiziert 
werden kann. Der Mensdv ist selten im ganzen gut oder böse, 
meist »gut« in dieser Relation, böse in einer anderen oder »gut« 
unter soldien äußeren Bedingungen, unter anderen entsdiieden »böse«. 
Interessant ist die Erfahrung, daß die kindlidie Präexistenz starker 
»böser« Regungen oft geradezu die Bedingung wird für eine bc« 
sonders deutlidie Wendung des Erwadisenen zum »Guten«. Die 
stärksten kindlidien Egoisten können die hüfreidisten und aufopfe- 
rungsfähigsten Bürger werden,- die meisten Mitleidsdiwärmer, Men- 
schenfreunde, Tiersdiützer haben sidi aus kleinen Sadisten und Tier» 

quälern entwicicelt. , wr < ■ ■ 

Die Umbildung der »bösen« Triebe ist das Werk zweier im 
gleidien Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und eines äußeren. 
Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung der bösen — sagen 
wir: eigensüditigen —Triebe durdi die Erotik, das Licbesbedurtnis 
des Mensdien im weitesten Sinne genommen. Durdi die Zumisdiung 
der erotischen Komponenten werden die eigensüditigen 1 nebe m 
soziale umgewandelt. Man lernt das Geliebtwerden als einen Vor» 
teil sdiätzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verziditen darf. 
Der äußere Faktor ist der Zwang der Erziehung, weldie die An- 
sprühe der kulturellen Umgebung vertritt, und die dann durch die 
direkte Einwirkung des Kulturmilieus fortgesetzt wird. Kultur ist durdi 
Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden und fordert von 
jedem neu Ankommenden, daß er denselben Triebverzicht leiste. 
Während des individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung 
von äußerem Zwang in inneren Zwang statt. Die Kultureinflusse 
leiten dazu an, daß immer mehr von den eigensüditigen Strebungen 
durdi erotisdie Zusätze in altruistisdie, soziale^ verwandelt werden. 
Man darf endlidi annehmen, daß aller innere Zwang, der sidi in der 
Entwid^lung des Mensdien geltend madit ursprünglidi d. h m der 
Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war. Die Mensdien 
die heute gebogen werden, bringen ein Stüdc Neigung (Disposition) 
zur Umwandlung der egoistischen in soziak Triebe als ererbte Or- 
ganisation mit, die auf leidite Anstöße hin diese Umwandlung du di- 
E Ein anderes Stüdc dieser Triebumwandlung muß im Leben 
selbst geleistet werden. In soldier Art steht der einzelne Mensdi 
niAt nur unter der Einwirkung seines gegenwärtigen Kulturmiheus, 
sondern unterliegt audi dem Einflüsse der Kulturgesdi.dite seiner 

Vorfahren. , , , < j o-i • t •> 

Heißen wir die einem Xicnsdien zukommende bahigkeit zur 
Umbildung der egoistisdien Triebe unter dem Einfluß der Erotik 
seine Kultureignung, so können wir aussagen, daß dieselbe aus 
zwei Anteilen besteht, einem angeborenen und einem im Leben er- 
worbenen und daß das Verhältnis der beiden zueinander und zu 
dem unve'rwandelt gebliebenen Anteil des Trieblebens ein sehr vari- 

Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil zu 



Sigm. Freud 



hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr, die gesamte 
Kultureignung in ihrem Verhältnis zum primitiv gebliebenen Triebe 
leben zu überschätzen, d. h. wir werden dazu verleitet, die Men- 
sdien »besser« zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind. Es besteht 
nämlich noch ein anderes Moment, welches unser Urteil trübt und 
das Ergebnis im günstigen Sinne verfälsdit. 

Die Triebregungen eines anderen Mensdien sind unserer Wahr^ 
nehmung natürlidi entrüdct. Wir sdiließen auf sie aus seinen Hand^ 
lungen und seinem Benehmen, welche wir auf Motive aus seinem' 
Triebleben zurückführen. Ein solAer Sdiluß geht notwendigerweise 
einer Anzahl von Fällen irre. Die nämlichen, kulturell »guten« 



m 



Handlungen können das einemal von »edlen« Motiven herstammen, 
das anderemal nidit. Die theoretisdien Ethiker heißen nur soldie 
Handlungen »gut«, welche der Ausdrude guter Triebregungen sind, 
dem anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die von praktischen 
Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich aber im ganzen um 
diese Unterscheidung nicht,- sie begnügt sich damit, daß ein Mensen 
sein Benehmen und seine Handlungen nach den kulturellen Vor- 
schriften richte, und fragt wenig nach seinen Motiven, 

Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Erziehung 
und Umgebung auf den Menschen üben, eine weitere Umbildung 
seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom Egoismus zum 
Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht die notwendige odei 
regelmäßige Wirkung des äußeren Zwanges, Erziehung und Um^' 
gebung haben nidit nur Liebesprämien anzubieten, sondern arbeiten 
audi mit Vorteilsprämien anderer Art, mit Lohn und Strafen. Sie 
können also die "Wirkung äußern, daß der ihrem Einfluß Untere 
liegende sidi zum ^ten Handeln im kulturellen Sinne entsdiließt, 
ohne daß sidi eine Triebveredlung, eine Umsetzung egoistisdier in 
soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. Der Erfolg wird im 
groben derselbe sein,- erst unter besonderen Verhältnissen wird es 
sidi zeigen, daß der eine immer gut handelt, weil ihn seine Trieb-^ 
neigungen dazu nötigen, der andere nur gut ist, weil, insolange und 
insoweit dies kulturelle Verhalten seinen eigensüditigen Absid^ten 
Vorteile bringt. Wir aber werden bei oberflädilidier Bekanntsdiaft 
mit den Einzelnen kein Mittel haben, die beiden Fälle zu unter-^ 
scheiden, und gewiß durch unseren Optimismus verführt werden, die 
Anzahl der kulturell veränderten MensAen arg zu überschätzen. 

Die Kulturgesellsdvaft, die die gute Handlung fordert und sidi 
um die Triebbegründung derselben nidit kümmert, hat also eine 
große Zahl von Mensdhen zum Kulturgehorsam gewonnen, die da^ 
bei nidit ihrer Natur folgen. Durdi diesen Erfolg ermutigt, hat sie 
sidi verleiten lassen, die sittlidien Anforderungen möglidist hodh zu 
spannen und so ihre Teilnehmer zu noA weiterer Entfernung von 
ihrer Triebveranlagung gezwungen. Diesen ist nun eine fortgesetzte 
Triebunterdrüdcung auferlegt, deren Spannung sidi in den merk- 
würdigsten Reaktions= und Kompensationserscheinungen kundgibt, 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



Auf dem Gebiete der Sexualität, wo soIAe Unterdrudtung am 
wenigsten durAzuführen ist, kommt es so zu den ReaktioiisersAei- 
runSn der neurotisAcn Erkrankungen^ Der sonstige Druck der 
Kdfur zeitigt zwar keine patholo^isAe Folgen, äußert s,A aber m 
CharakterUrbildungen und in der steten BereitsAaft der gehemmten 
Trierebd passender Gelegenheit zur Befriedigung durAzubredien. 
Wer so eenöti<?t wird, dauernd im Sinne von VorsAnften zu rea- 
len difS der ÄusdruA seiner Triebneigungen smd der lebt 

ordenli4cmUmtangcBeg"n S f^^^ ^.^ ricfgi-e.fcnde 

sie sei auf solAer HeuAelei ""'S™^"' ,. UmiA^<> untcmeSiiien 

Abänderungea S^^"f " isTe? Wa he , aAzuTcben. Es gibt also 
würden, der psythologismcn wanne , , || yf^^sikm, a 

„nglei* mehr K"hurheuA er als wU.d, ku ure le ^^^^^ ^^^^ ^^^ 

SnXl tiSf Äe Sr2'3tS rteÄ 
seits biere. che AufreAr al.ung der Kulr^ a^A u.^s^ ^.__^ ^^.^^^_ 

^KÄitÄtg' air^rin-'-eine, besseren Kul.ur anzu- 

^^'"Oen bisherigen Erörterungen -'-'"j'^,", ^lieSu^'^lgS 
Trosr, daß unsere Kränkung ''•±f^'f^^^£l"TseJ-< Kriege 
des unkulturellen Benehmens "" "'"^^T'; ™7Xsicn, der wir uns 
unbereAtlgt waren. Ste^cruh^au^^^» 1^ ,ief gesunken, wie 

gefangen gaben. 1 r™''*„fl , so lioA ccstiegen waren, wie wirs 
wir fjirAten wed =« f ^"'*^^^°aS/GroBindividuen, die VöU 
r "Titl're '"die s lliAen Be Aränkungen gegeneinander fallen 

ker und Staaten, die s'"^''": .,. , Anregung, sidi für eme Weile 
ließen, wurde ihnen zur b;f gf > f^"^^";Sh^^„ ,„d ihren zurüA- 
dem bestehenden DruAe der Ku'tur zu emz ^^^^. 

Äl J'l^irsÄt iSl^b dfs eigenen Volkstums 

der Krieg an unseren .^'^"^'^^ J^^ J^^in Unre^ ihnen zu bc- 

und empfangen dabe^eme^W^^^^^^^^^ ^^^^ ^.^^ Eigentümlid., 

gehen. Seelische E^^wi^lu^ g^^^^^^^ Entwiddungsvorgang mehr vor. 
keit, weldie sidi ^ei K^ine ^^^^ ^^^^^ heranwagst, 

findet Weiin ein Dorf zur bt^dt ^^^ ^^^^^^ ^^^^^ ^.^ 

so gehen dabei Dorf und Ainü. ^^^^ ^.^^ etnzeidmen, in 

l'Sffi '3 dt ^!r Matlialien oder Formen beseitigt und 



10 



Sigm. Freud 



S,. ^T/' ^°'-^^"- Anders geht es bei einer seelischen Ent= 
w^lung zu Man kann den nicht zu vergleidienden Sadiverhalt 
FuLm ^".^'■^'^r ^'5 ^"^^ ^-^e Behauptung, daß jede frühere 

7rhZ JT""^!- ""i^r ^'' 'P^'^''^' ^'^ ^"^ 'hr gexvorden ist, 
erhalten bleibt, die Sukzession bedingt eine Koexistenz mit, obwohl 
es dodi dieselben Materialien sind, an denen die ganze Reibenfolge 
von Veränderungen abgelaufen ist. Der frühere seelisdie Zustand 
mag siA jahrelang nidit geäußert haben, er bleibt dodi soweit be- 
stehen daß er eines Tages wiederum die Äußerungsform der seeli- 
sdien Tratte werden kann, und zwar die einzige, als ob alle spä- 
teren Entwicklungen annulliert, rückgängig gemadit worden wären. 
Uiese außerordentlidie Plastizität der seelisAen EntwiAlungen ist in 
ihrer Kiditung nidit unbesdiränkt,- man kann sie als eine besondere 
Fähigkeit zur RüAbildung - Regression - bezeidinen, denn es 
kommt wohl vor, daß eine spätere und höhere Entwidlungsstufe, 
die verlassen wurde, nicht wieder erreidit werden kann. Aber die 
primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden,, das 
primitive Seelisdie ist im vollsten Sinne unvergänglich. 

Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien den 
Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben der Zer- 
störung anheimgefallen sei. In Wirklidikeit betrifft die Zerstörung 
nur spatere Erwerbungen und Entwiddungen. Das Wesen der 
Geisteskrankheit besteht in der RüAkehr zu früheren Zuständen des 
Atfektlebens und der Funktion, Ein ausgezeidinetes Beispiel für die 
1 lastizitat des Seelenlebens gibt der Sdilafzustand, den wir allnäAtlidi 
anstreben. Seitdem wir auch tolle und verworrene Träume zu über- 
setzen verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem Einsdilafen unsere 
mühsam erworbene Sittlidikeit wie ein Gewand von uns werfen — 
um es am Morgen wieder anzutun. Diese Entblößung ist natürlidi 
ungefährlich, weil wir durdi den Sdilafzustand gelähmt, zur Inakti- 
vitat veriirteilt sind. Nur der Traum kann von der Regression 
unseres Gefühllebens auf eine der frühesten Entwidilungsstufen 
l^unde geben. So ist es z, B, bemerkenswert, daß alle unsere Träume 
von rein egoistisdien Motiven beherrsdit werden. Einer meiner eng- 
isdien Freunde vertrat einmal diesen Satz vor einer wissensdiaft- 
lidien Versammlung in Amerika, worauf ihm eine anwesende Dame 
die Bemerkung madite, das möge vielleidit für Österreidi riditig sein 
aber sie dürfe von siA und ihren Freunden behaupten, daß sie auA 
nodi im 1 räume altruistisdi fühlen. Mein Freund, obwohl selbst ein 
Angehöriger der englisdien Rasse, müßte auf Grund seiner eigenen 
Erfahrungen in der Traumanalyse der Dame energisdi widerspredien • 
d'Tr Österreicher Amerikanerin ebenso egoistisdi wie 

Es kann also audi die Triebumbildung, auf weldier unsere 
Kultureignung beruht, durdi Einwirkungen des Lebens - dauernd 
oderzeitweilig- rüdegängig gemadit werden. Ohne Zweifel gehören 
die EinHusse des Krieges zu den MäAten, weldie soldie Rüdcbildung 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod H 



erzeugen können, und darum braudien wir nidit allen jenen, die sidi 
gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kulturcignung abzuspredien, 
und dürfen erwarten, daß sidi ihre Tricbveredlung in ruhigeren 
Zeiten wieder herstellen wird. , c^ , . 

Vielleidit hat uns aber ein anderes 55ymptom bei unseren 
Weltmitbürgern nidit weniger überrasdit und gesAreAt als das so 
sdimerzlidi empfundene Herabsinken von ihrer ethisdien Hohe. Idi 
meine die Einsiditslosigkeit, die sidi bei den besten Köpfen zeigt, 
ihre Verstörtheit, Unzugänglidikeit gegen die eindringlichsten Argu» 
mente, ihre kritiklose Leiditgläubigkeit für die anfeAtbarsten Be^ 
hauptungen. Dies ergibt freiÜA ein trauriges Bild, und lA will aus- 
drüäüA betonen, daß idi keineswegs a s verblendeter Parteiganger 
alle intellektuelle Verfehlungen nur auf einer der beiden Sei en 
finde. Allein diese Ersdieinung ist nodi leiditer zu ertdaien und weit 
weniger bedenklidi als die vorhin gewürdigte. Mensdienkenner und 
Philosophen haben uns längst betehrt, daß -'^^I"■•^'^^^ .^^e iT' 
unsere Intelligenz als selbständige MaAt zu f.^f^*^"""^, f^;'^^.^^: 
hängigkeit vom Gefühlsleben zu übersehen Unser Intellelu koni e 
nur verläßliA arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefühls- 
regungen entrüdit sei,- im gegenteiligen Fale benehme er s.di e.n^ 
fad, lie ein Instrument zu Händen eines Wi lens und liefere das 
Resultat, das ihm von diesem aufgetragen sei. LogisAe Argumente 
seien also ohnmäAtig gegen affektive Interessen, und darum sei das 
Strdtenmk Gründen,' die nad. Falstaffs Wort so gemein sind 
wie Brombeeren, in der Welt der Interessen so ""f'^'^bar. Die 
psydioanalytisAe Erfahrung hat diese Behauptung ^^^"^^ * "°^ 
unterstridien. Sie kann alle Tage zeigen, daß s.di d.e sAarfsinnigsten 
Mensdi"n plötzIiA einsiAtsIos wie SAwadisinnige benehmen, sobald 
Te verlangte Einsidit einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet, 
aber audi alles Verständnis wieder erlangen wenn dieser Wider^ 
stand überwunden ist. Die logisdie Verblendung, d.e dieser Krieg 
oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, 
itlo ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefuhlserregung, 
und hoffendidi dazu bestimmt, mit ihr zu versdiwinden. 

Wenn wir solAer Art unsere uns entfremdeten M.tbiirger 
nieder verstehen, werden wir di;e EnttäusAung, die uns die Groß-- 
^dividuen der Mensdiheit, die Völker, bereitet haben um vieles 
eichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur weit besdieidenere 
AfsoTücbe stellen. Dieselben wiederholen vieleicbt die Entwiddung 
der Individuen und treten uns heute noA auf sehr primitiven Stufen 
de Organisation, der Bildung höherer Einheiten, entgegen. Dem 
entspVelend ist das erziehlidie Moment des äußeren Zwanges zur 
^•T^lr^it weldies wir beim Einzelnen so wirksam fanden, bei ihnen 
äial natve'bar. Wir hatten zwar gehofft, daß die groß. 
JrZe durdi Verkehr und Produktion hergestellte Intercssengemem^ 
sdiaft'den Anfang eines soldien Zwanges ergeben werde, allem es 
sSt die Völker gehordien ihren Leidensdiaften derzeit weit mehr 



12 



Sigm. Freud 



als ihren Interessen. Sie bedienen sidh höchstens der Interessen, um 
die Leidensdiaften zu rationalisieren,- sie sdiieben ihre Interessen 
vor, um die Befriedigung ihrer Leidensdiaften begründen zu können. 
Warum die Völkerindividuen einander eigentlidi geringsdiätzen, 
hassen, verabsdieuen, und zwar audi in Friedenszeiten, und jede 
Nation die andere, das ist freihdi rätselhaft. Idi weiß es nidit zu 
sagen. Es ist in diesem Falle gerade so, als ob sidi alle sittlidien 
Erwerbungen der Einzelnen auslöschten, wenn man eine Mehrheit 
oder gar Millionen MensAen zusammennimmt, und nur die primi= 
tivsten, ältesten und rohesten, seelisAen Einstellungen übrig blieben. 
An diesen bedauerlidien Verhältnissen werden vielleiÄt erst späte 
Entwidlungen etwas ändern können. Aber etwas mehr Wahrhaftige 
keit und Aufriditigkeit allerseits, in den Beziehungen der Menschen 
zueinander und zwisdhen ihnen und den sie Regierenden dürfte audi 
für diese Umwandlung die Wege ebnen. 



IL Unser Verhältnis zum Tode, 

Das zweite Moment, von dem idi es ableite, daß wir uns so 
befremdet fühlen in dieser einst so sdiönen und trauten Welt, ist 
die Störung des bisher von uns festgehaltenen Verhältnisses zum 
Tode. 

Dies Verhältnis war kein aufriditiges. Wenn man uns an- 
hörte, so waren wir natürlidi bereit zu vertreten, daß der Tod 
der notwendig Ausgang alles Lebens sei, daß jeder von uns der 
Natur einen Tod sdiulde und vorbereitet sein müsse, die Sdiuld 
zu bezahlen, kurz, daß der Tod natürlidi sei, unableugbar und un* 
vermeidlidi. In Wirklidikeit pflegten wir uns aber zu benehmen, als 
ob es anders wäre. Wir haben die unverkennbare Tendenz gezeigt, 
\Yr UL ^^'^^'^^ ^" sdiieben, ihn aus dem Leben zu ehminieren. 
Wir haben versudit, ihn totzusdiweigen,- wir besitzen ja auÄ das 
Spridiwort: man denke an etwas wie an den Tod. Wie an den 
eigenen natürlidi. Der eigene Tod ist ja audi unvorstellbar, und so 
oft wir den Versudi dazu madien, können wir bemerken, daß wir 
eigentlidi als Zusdiauer weiter dabei bleiben. So konnte in der 
psydioanalytischen Schule der Ausspruch gewagt werden; Im 
Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe 
ist: Im Unbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblidikeit 
überzeugt. 

Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kultur^ 
mensdi es sorgfältig vermeiden, von dieser Möglidikeit zu spredien 
wenn der zum Tode Bestimmte es hören kann. Nur Kinder setzen 
sidi über diese Besdiränkung hinweg,, sie drohen einander unge- 
sdieut mit den Chancen des Sterbens und bringen es audi zustande, 
einer geliebten Person dergleidien ins Gesidit zu sagen, wie z. B.: 
Liebe Mama, wenn du leider gestorben sein wirst, werde idi dies 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod i^ 



oder jenes Der erwadiscne Kultivierte wird den Tod eines anderen 

auA nicht' gerne in seine Gedanken einsetzen ohne sich hart oder 

böse zu ersdieinen,- es sei denn, daß er berufsmäßig als Arzt 

Advokat u. dg!, mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten wrd 

S^S gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn m.t 

dLem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung verbunden 

ist NaTürlidi lassen sidi Todesfälle durdi dies unser Zartgefuh 
ist Naturhdi lassen b ^ ^.^^ ^^.^ jedesmal 

"et'erTrlffet'u T wfeT uTsifn Erwartungen e.duittert. Wir bc» 
tonerClmäßig die -ffig^ Veranlassung es Todes den Unfa^ 
die Erkrankung die Infektion, das hohe Alter, und verraten so 

L?Ä den Tod ™„ SuS'r^^^:":^^ 

^^''SS^rKH k ,e^n ;.n^i.^henj n, sc. e,.a,^s U„. 

fiiTsleÄ« r^B^'n -K^ l„ der Lgche,.^ und auf den, 

Grabstein das Vortei hafteste nadiruhmt. Die Kucksicht a^r Q'- ' 
To en Teren er doA nidit -hr bedarf, steht uns über der Wah^ 
heit, den meisten von uns gewiß auA über der RudsiAt tur 

^'^'"Oiese kulturelUkonventionelle Einstellung gegen den Tod er. 
.änztl^di nun durdi unseren völligen Z^^ammenbrudj^ wenn da 

W.ru'ns nidit trösten und weigern uns den Verlogenen zu .. 
setzen Wir benehmen uns dann w.c cme Art von Asra, weiaie 
mitsterben wenn die sterben, die sie lieben. 

Des unsTr Verhältnis zum Tode hat aber eine starke W.r- 
uies uiit.ei V verarmt, es veriert an Interesse, 

:l-efÄr^Ä^^ 

steht daß nidits ^°jf^'';\J^^,47 beide Partner stets der ernsten 
nentalen Liebesbeziehung ,^^^ J^^'*^^'^^',^ u Gefühlsbindungen, 

Konsequenzen emgedenk bleiben n^^^^ ^^^^^^ ^^^^ J.^^^ 

die ^--^'[f^^""^^^:^^^^^^^ aufzusuAen. Wir getrauen 

für uns und die ""serigen ^ (^ ;„ ßetradit zu ziehen, 

T Itnr^b'^retent i uneSU si'nd wie FlngversuAe, Ex- 
die gefährlich, aber eigen o j,„ente mit exp bdierbarcn Sub- 

peditionen in ferij La"f J |,p^Xn, wer der ktter den Sohn, 
stanzen. Uns '^h^t oanei ^^^^^^^^^ ^^„^ ^^^^^^ 

?; SngtoA gcsS. Die'^etun,, den Tod aus der Lebens- 



14 



Sigm. Freud 



redbnung auszuschließen, hat so viele andere Verzidite und Aus- 
sdvließungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlsprudi der Hansa 
gelautet; Navigare necesse est, vivere non necesse! <Seerahren 
muß man, leben muß man nidbt.> 

Es kann dann niAt anders kommen, als daß wir in der Welt 
der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz sudien für die 
Einbuße des Lebens. Dort finden wir nodi Mensdien, die zu sterben 
verstehen, ja die es audi zustande bringen, einen anderen zu töten. 
Dort allein erfüllt sidi uns audi die Bedingung, unter weldier wir uns 
mit dem Tod versöhnen könnten, wenn wir nämlidi hinter allen 
Wediselfällen des Lebens nodi ein unantastbares Leben übrig be- 
hielten. Es ist doA zu traurig, daß es im Leben zugehen kann wie 
im Sdiadispiel, wo ein falsdier Zug uns zwingen kann, die Partie 
verloren zu geben, mit dem Untersdiied aber, daß wir keine zweite, 
keine Revandiepartie beginnen können. Auf dem Gebiete der Fiktion 
finden wir jene Mehrheit von Leben, deren wir bedürfen, wir 
sterben in der Identifizierung mit dem einen Helden, überleben 
ihn aber dodi und sind bereit, ebenso ungesdiädigt ein zweites Mal 
mit einem anderen Helden zu sterben. 

Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle Behandlung 
des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sidi jetzt nidit mehr 
verleugnen,' man mui^ an ihn glauben. Die MensAen sterben wirk- 
lidv, audi nidit mehr einzeln, sondern viele, oft Zehntausende an 
einem Tag, Er ist audi kein Zufall mehr. Es sAeint freilidi nodi 
zufällig, ob diese Kugel den einen trifft oder den andern,- aber diesen 
anderen mag leidit eine zweite Kugel treffen, die Häufung madit 
dem Eindrudi des Zufälligen ein Ende, Das Leben ist freilidi 
wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wieder be- 
kommen. 

Man müßte hier eine SAeidung in zwei Gruppen vornehmen, 
diejenigen, die selbst im Kampf ihr Leben preisgeben, trennen von 
den anderen, die zu Hause geblieben sind und nur zu erwarten 
haben, einen ihrer Lieben an den Tod durdi Verletzung, Krankheit 
oder Infektion zu verlieren. Es wäre gewiß sehr interessant, die 
Veränderungen in der PsyAologie der Kämpfer zu studieren, aber 
idi weiß zu wenig darüber. Wir müssen uns an die zweite Gruppe 
halten, zu der wir selbst gehören. lA sagte sAon, daß iA meine, 
die Verwirrung und die Lähmung unserer Leistungsfähigkeit, unter 
denen wir leiden, seien wesentliA mitbestimmt durA den Umstand, 
daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode nidit aufreAt halten 
können und ein neues noA niAt gefunden haben. VielleiAt hilft es 
uns dazu, wenn wir unsere psyAologisAe UntersuAung auf zwei 
andere Beziehungen zum Tode riditen, auf jene, die wir dem Ut" 
mensAen, dem MensAen der Vorzeit zusAreiben dürfen, und jene 
andere, die in jedem von uns nodi erhalten ist, aber siA unsiAt» 
bar für unser Bewußtsein in tieferen SAiAten unseres Seelenlebens 
verbirgt, . . - ' ■ . 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



bissen wir naturltA ^ /MUtel uns ziemlich vertrauenswurd.ge 
aber idi meme, dan qik^ 

Auskünfte fJS^ben haben. merkwürdiger Weise zum 

Der Urmensdi hat sich m se^ ^igi^iehr recht widersprudis- 
Tode eingestellt. Gar -cht eu^he.thA v^eh.^^^^^^^ ^,^ ^^f, 

voll. Er hat emerseits den lod e s .^ j.^_^^ ginne 

hebung des Lebens .^"^^^^""^den Tod geleugnet, ihn zu niAts 
bedient, anderseits ^^er audi den ^^^^^ Jen Umstand er- 
herabgedrückt. 0'^^^^^^^ fandeTen, des Fremden, des Feindes 
mögliAt, daß er ^"'" ^^^'^^^nnahn als zu seinem eigenen, Der 
einf radikal andere Stellung -^^^^^"' . j^m als Vernichtung des 
Tod des anderen war 'hm redit g B,d,„i,en, ihn herbei- 

Verhaßten, und der Urmen * '^^ "te j^^^^^,,.^^^ ^;,,,,, au^ 
zuführen. Er war gewiß J'" f Ifj^,,. Er mordete gerne und wie 
samer und bösartiger als andere yi'^,, ^■^^.^ davon abhalten 
Xverständlid.. Den Instink , ^- ^^^^^ ,,..,ehren, brausen 
soll, Wesen der gleichen Art zu toten 

wir ihm nidit zuzusdirciben. ^ ^ ^^^^ Morde 

"" Die UrgesAidite ^^ M^nsAk t ^ -^^^^^^ .^ ^^^ g^ j j^ 
erfüllt NoA heute ist das, ^^f., ""f^^ Reihenfolge von Volker- 
WeltgesAiAte lernen, i- -/-^'f ■;,^,T dem die llensAheit seit 
morden. Das dunkle Sdiuldgetuhi, " '"^ Annahme einer 

Srzeiten steht, d-^^'^.'^^^Ätef Tar i^^ f 

Urschuld, ^i"^^,^!^"/^^'' rveXr siA die urzeitHAe Mensdi- 
Ausdrud. einer B^^utsAud,^m^^^^^ <1913>, 

heit beladen hat. lA habe '" "^.^^^'^j;" gmith, Atkinson und Ch. 
den Winken von W. ^^f ^'°" giten Sdiuld erraten wollen 
Darwin folgend, die ^at^r d^ese^ ^^ ^^^ 

und meine, daß "°^^ ^^^^fSStet Sohn sein Leben opfern n.ußte 
auf sie ermoghdi . ^enn Uottes ^^^„^^^^ ^^ ^ ,^^^ der 

umdieMensAhettvonderE^^^^^^^^^ q,^.^ diese Sunde 

Rp^el der Talion, der Veigeitung ^^^^^^ ^^ g^j^er 

eine Tötung, ein Mord gewesen sem^N^rd, ^^^^^ ^.^ 
Sühne dasbpfer eines Lebens r ordern. ^^ ^^^^ ^^^ älteste Ver^ 
ein VersAulden S^ge". Gott'^:^« e w ,^ ^^i,, die Tötung 

breAen der ^ensAheit em Vatc^^^^^^^^ ^^^,,„ Erinnerungs- 

- X^/qoE^£^^^^^^ 

k aber für ih-V^ ^z amn.eSßen und in Konflikt miteinan 

, ■ ^r Bd II 1913. <Die infantile NViederkehr dos Tote.nismus.) 

Vgl.dieseZeitsdir.Bd.ll. lyiJ' v 



16 



Sigm. Freud 



Z Z i v^^^L T.'^r. '^^' ^^'" W^i^' sein Kind, seinen Freund, 
tu .^'*^^1'* ahnlidi liebte wie wir die unseren, denn die Liebe 
Kann nicht um vieles jünger sein als die Mordlust, Da mußte er 
lfpr'"T- ""^'^ '^'^ Erfahrung madien, daß man auA selbst 
sterben könne, und sein ganzes Wesen empörte sidi gegen dieses 
^ugestandn.s, jeder dieser Lieben war ja dod. ein ItüA seines 
eigenen gehebten lAs. Anderseits war ihm ein soldier Tod dodi audi 
Rr'^Sk "" A" ^^Ä^** "^^^ geliebten Personen stak audi ein Stüdi 
Fremdheit Das Gesetz der Gefühlsambivalenz, das heute nodi 
unsere Uetuhlsbeziehungen zu den von uns geliebtesten Personen 
DenerrsAt, galt in Urzeiten gewiß nodi uneingesdiränkter. Somit 
waren diese geliebten Verstorbenen dodi audi Fremde und Feinde 
gewesen die einen Anteil von feindseligen Gefühlen bei ihm hervor- 
gerufen hatten ^ 

Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel, 
weldies das Bild des Todes dem Urmensdien aufgab, habe sein 
Madidenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Spekulation 
geworden. Idi glaube, die Philosophen denken da zu - philosophisdi, 
nehmen zu wenig Rücksidit auf die primär wirksamen Motive. Idi 
mochte darum die obige Behauptung einsdiränken und korrigieren: 
an der Leidie des ersdilagenen Feindes wird der Urmensdi trium- 
phiert haben, ohne einen Anlaß zu finden, sidi den Kopf über die 
Ratsei des Lebens und des Todes zu zerbredien. Nidit das intellek- 
tuelle Ratsei und nidit jeder Todesfall, sondern der Gefühlskonflikt 
beim Tode geliebter und dabei dodi audi fremder und gehaß e 
Personen hat die Forsdiung der Mensdien entbunden. Aus diesem 
Gefuhlskonflikt wurde zunadist die Psydiologie geboren. Der Mensdi 
konnte den Tod nicht mehr von sidi ferne halten, da er ihn in dem 
Sdmierz um den Verstorbenen verkostet hatte, aber er wollte ih^ 
doch n.dit zugestehen, da er sidi selbst nidit tot vorstellen konnte 
Soheß er s.di auf Kompromisse ein, gab den Tod audi für sid. zu 
bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensverniditung, wofür ihm 
beim Tode des Feindes jedes Motiv gefehlt hatte. A^ der Le di" 
der gdiebten Person ersann er die Geister, und sein SdiuldbewiX 
sein ob der Befried^ung, die der Trauer beigem ngt wt berkt; 
daß diese erstgesAaffenen Geister böse Dämonen wurden, vor denen 
ih^M 7'T^'"7"^'.- 5'' Veränderungen des Todes legten 

Grun^age der Annahme and^Ex^enz^^Sf^rihmt^ Idt 
emes Fortlebens nadi dem ansdieinenden Tode 

^'^^^ 'P^'^^^" Existenzen waren anfänglidi nur Anhängsel 



1 Sieh, 
und Tabu« 



e diese Zeitsdir. Bd. I. 1912, Tabu und Ambival 



enz. Und »Toter 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



17 



an die durdi den Tod abgesdilossene, sdiattenhaft, inhaltsleer und 
Ws in späte Zeiten hinauf geringgesdiätzt,- sie trugen nodi den 
Charakter kümmerlidier Auskünfte. Wir erinnern, was die Seele 
des Adiilleus dem Odysseys erwidert: 

»Denn didi Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern, 
Argos Söhn'/ und jetzo gebietest du mächtig den Geistern, 
Wohnend allhier. Drum laß did> den Tod nidit reuen, Adiilleus, 
Also idi selbst; und sogleidi antwortet' er, soldies erwidernd: 
Nidit mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus! 
Lieber ja wollt' idi das Feld als Tagelöhner bestellen 
Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand, 
Als die sämtlidie Sdiaar der gesdiwundenen Toten beherrsdien,« 

• <Odyssee XI V. 484-491) 



H. 



Oder 
Heine: 



in der kraftvollen, bitter-^parodistisdien Fassung von 

»Der kleinste lebendige Philister 

Zu Studcert am Nedar 

Viel glüdtlidier ist er 

Als iA, der Pelide, der tote Held, 

Der Sdiattenfürst in der Unterwelt«. 

Erst später braAten es die Religionen zustande, diese NaA- 

ZTr^AU ^^^^"'^^"rf' ^°"sültige auszugeben und das durdi 
den lod abgesdilossene Leben zu einer bloßen Vorbereitung herab- 
zudruAen Es war dann nur konsequent, wenn man audi das 
Leben m d.e Vergangenheit verlängerte, die früheren Existenzen, 
die i^eelenwanderung und Wiedergeburt ersann, alles in der AbsiAt 
dem Tod seme Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu rauben! 
So frühzeitig hat die Verleugnung des fodes, die wir als konven: 
t.onell=kuItureIl bezeidjnet haben, ihren Anfang genommen. 
Q f VÜ "^^'/-^'fl^ der geliebten Person entstanden nidit nur die 
Seelenlehre der Unsterblidikeitsglaube und eine maditige Wurzel 
des mensdilidien Sdiuldbewußtseins, sondern audi die ersten ethisAen 
Uebote, Das erste und bedeutsamste Verbot des erwaAenden 
Uewissens lautete: Du sollst nicht töten. Es war als die Reaktion 
gegen die hmter der Trauer verstedtte Haßbefriedigung am geliebten 
loten gewonnen worden, und wurde allmähllA auf den ungeliebten 
fremden und endÜA auA auf den Feind ausgedehnt, 

An letzterer Stelle wird es vom KulturmensAen niAt mehr 
verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine EntsAeiAing 
gefunden hat, wird jeder der siegreiAen Kämpfer froh in sein HHm 
zuruAkehren, zu seinem Weib und Kindern unverwHlf nn^ 
gestört durA Gedanken an die Feinde die er im nT[ f T 
UTA die fernwirkende Waffe getötetlä.tlsVrem'^^^^^^^^^^ tß 
S.A die primitiven Völker, die noA auf der Erde leben 1?' ,4 
UrmensAen gewiß näher stehen als wir, in Aesem Pnnkr f"" 
verhalten - oder verhalten haben, so hn.TT iTnic^^tl 

Imago IV/1 



18 



Sigm, Freud 



Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. Der "Wilde — Australier, 
Buschmann, Feuerländer — ist keineswegs ein reueloser Mörder,- 
wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf er sein Dorr 
nidit betreten und sein Weib nidit berühren, ehe er seine kricgerisdien 
Mordtaten durdi oft langwierige und mühselige Bußen gesühnt hat, 
Natürlidi liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe,- der 
Wilde fürditet nodi die Geisterradie der Ersdilagenen, Aber die 
Geister der ersdilagenen Feinde sind nidits anderes als der Ausdrudt 
seines bösen Gewissens ob seiner Blutsdiuld,- hinter diesem Aber^ 
glauben verbirgt sidi ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns 
Kulturmensdien verloren gegangen ist'. 

Fromme Seelen, weldie unser Wesen gerne von der Berührung 
mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möditen,- werden gewiß 
niAt versäumen, aus der Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des 
Mordverbotes befriedigende Sciilüsse zu ziehen auf die Stärke ethisdier 
Regungen, weldie uns eingepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses 
Argument nodi mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot 
kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls riciiten. Was keines 
Mensdien Seele begehrt, braudit man nidit zu verbieten^, es schließt 
sich von selbst aus. Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst 
nidit töten, madit uns sicher, daß wir von einer unendlich langen 
Generationsreihe von Mördern abstammen, denen die Mordlust, wie 
vielleicht nodi uns selbst, im Blute lag. Die ethischen Strebungen der 
Mensdiheit, an deren Stärke und Bedeutsamkeit man nicht zu nörgeln 
braudit, sind ein Erwerb der Menschengeschidite,- in leider sehr 
wechselndem Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitz der heute 
lebenden Menschen geworden. 

Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns dem 
Unbewußten im eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier ganz auf 
der Untersudiungsmethode der Psydioanalyse, der einzigen, die in 
soldie Tiefen reidit Wir fragen: wie verhält sidi unser Unbewußtes 
zum Problem des lodes? Die Antwort muß lauten: fast genau so 
wie der Urmensdi In dieser wie in vielen anderen Hinsiditen lebt 
der Mensdi der Vorzeit ungeändert in unserem Unbewußten fort. 
Also unser Unbewußtes glaubt nidit an den eigenen Tod es ge-- 
bärdet sidi wie unsterblidi. Was wir unser »Unbewußtes« heißen, 
die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Sdiiditen unserer Seele, 
kennt überhaupt nidits Negatives, keine Verneinung — Gegensätze 
^llen in ihm zusammen — und kennt darum audi nidit den eigenen 
1 od dem wir nur einen negativen Inhalt geben können. Dem Todes- 
glauben kommt also nidits Triebhaftes in uns entgegen. Vielleidit 
ist dies sogar das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Be- 
gründung des Heldentums ruht auf dem Urteil, daß das eigene 
Leben nidit so wertvoll sein kann wie gewisse abstrakte und all- 
]_ S. diese Zeitsdir., Bd. II. I. c. 

■ Vgl. die glänzende Argumentation von Frazer in dieser Zeitsdir., Bd. lH- 
p- J//. 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



19 



gemeine Güter, Aber icfi meine, häufiger dürfte das instinktive und 
impulsive Heldentum sein, weldies von soldier Motivierung absieht 
und einfadi nadi der Zusidicrung des Anzcngruber'sdicn Stein« 
klopfcrlianns: Es kann dir nix g'scheh'n, den Gefahren trotzt. 
Oder jene Motivierung dient nur dazu, die Bedenken wegzuräumen, 
weldie die dem Unbewußten entsprcdiende heldenhafte Reaktion 
hintanhalten können. Die Todesangst, unter deren Hcrrsdiaft wir 
häufiger stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas Sekundäres, 
und meist aus Sdiuldbewußtsein hervorgegangen. 

Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und 
Feinde und verhängen ihn über sie ebenso bereitwillig und un^ 
bedenkfidi wie der Urmensdi. Hier zeigt sidi frcilidi ein Untcrsdiicd, 
den man in der Wirklidikeit für entsdieidend erklären wird. Unser 
Unbewußtes führt die Tötung nidit aus, es denkt und wünsdat sie 
bloß. Aber es wäre unreAt, diese psychische Realität im Ver- 
gleidie zur faktischen so ganz zu untersdiätzen. Sie ist bedeutsam 
und folgensAwcr genug. Wir beseitigen in unseren unbewußten 
Regungen täglidi und stündlidi alle, die uns im Wege stehen, die 
uns beleidigt und gesdiädigt haben. Das »Hol' ihn der Teufel«, das 
sidi so häufig in sdierzendem Unmut über unsere Lippen drängt, 
und das eigentlidi sagen will: Hol' ihn der Tod, in unserem Un- 
bewußten ist es ernsthafter, kraftvoller Todcswunsdi. Ja, unser Un« 
bewußtes mordet selbst für Kleinigkeiten/ wie die alte athenisdie 
Gesetzgebung des Drakon kennt es für Verbredicn keine andere 
Strafe als den Tod, und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn 
jede SAädigung unseres allmäditigen und selbstherrlidien Idis ist im 
Grunde ein crimen laesae majcstatis. 

So sind wir aiidi selbst, wenn man uns nadi unseren unbe» 
wußten Wunsdiregungcn beurteilt, wie die Urmcnsdicn eine Rotte 
von Mördern. Es ist ein Glüdi, daß alle diese Wünsdic nidit die 
Kraft besitzen, die ihnen die Mensdien in Urzeiten nodi zutrauten'/ 
in dem Kreuzfeuer von gegenseitigen Verwünsdiungen wäre die 
Mensdiheit längst zugrunde gegangen, die besten und weisesten 
der Männer darunter wie die sdiönsten und holdesten der Frauen. 
Mit Aufstellungen wie diese findet die Psydioanalyse bei den 
Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Verleumdungen zurüdi, 
weldie gegen die Vcrsidierungen des Bewußtseins nidvt in Bctradit 
kommen, und übersieht gesdiid« die geringen Anzcidien, durdi weldie 
sidi audi das LInbewußte dem Bewußtsein zu verraten pflegt, Es 
ist darum am Platze darauf hinzuweisen, daß viele Denker, die nidit 
von der Psydioanalyse beeinfliußt sein konnten, die Bercitsdiaft unserer 
stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung über das Mordverbot zu bc= 
seitigen, was uns im Wege steht, deutlidi genug angeklagt haben. 
Idi wähle hiefür ein einziges berühmt gewordenes Beispiel an Stelle 
vieler anderer: 



' Vgl. über »Allmadit der Gedanken« in dieser Zeitsdir., Bd. III, 1913. 



20 



Signi. Freud 



im 



Im »Pere Goriot« spielt Balzac auf eine Stelle in den Werken 
J. J. Rousseau's an, in welAer dieser Autor den Leser fragt, was 
er y^ohl tun würde, wenn er — ohne Paris zu verlassen und natür- 
lidi ohne entdedt zu werden — einen alten Mandarin in Peking 
durdi einen bloßen Willensakt töten könnte, dessen Ableben ihm 
einen großen Vorteil einbringen müßte. Er läßt erraten, daß er das 
Leben dieses Würdenträgers für niAt sehr gesidiert hält, »Tuer son 
mandarin« ist dann spridiwörtlidi worden für diese geheime BereitsAaft 
audi der heutigen Mensdien. 

Es gibt audi eine ganze Anzahl von zynisdien Witzen und 
Anekdoten, weldie nadi derselben RiAtung Zeugnis ablegen, wie 
z. B die dem bhemanne zugesAriebene Äußerung; Wenn einer von 
uns beiden stirbt, übersiedle idi naA Paris. Soldie zynisdie Witze 
waren nidit moglidi, wenn sie nidit eine verleugnete Wahrheit mit^ 
zuteilen hatten, zu der man sidi nidit bekennen darf, wenn sie ernst- 
haft und unverhüllt ausgesprodien wird. Im Sdierz darf man be- 
kanntlidi sogar die Wahrheit sagen. 

Wie für_den Urmensdien, so ergibt sidi audi für unser Un- 
bewußtes ein hall, -in dem die beiden entgegengesetzten Einstellungen 
gegen den i od, die eine, weldie ihn als Lebensverniditung anerkennt, 
und die andere, die ihn als unwirklidi verleugnet, zusammenstoßen 
und in Konflikt geraten Und dieser Fall ist der nämlidie wie in 
der Urzeit, der Tod oder die Todesgefahr eines unserer Lieben, 
eines Eltern- oder Gattenteils, eines Gesdiwisters, Kindes oder lieben 
hreund^s. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer Besitz, Be- 
standteile unseres eigenen Idis, anderseits aber audi teilweise Fremde, 
ja hemde. Den zardidisten und innigsten unserer Liebesbeziehungen 
hangt mit Ausnahme ganz weniger Situationen ein Stüdidien Feind- 
seligkeit an, welches den unbewußten Todeswunsdi anregen kann. 
Aus diesem Ambivalenzkonflikt geht aber nidit wie dereinst die 
Seelenlehre und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe 
Einbilde audv in das normale Seelenleben gestattet. Wie häufig 
haben die psydioanalytisA behandelnden Ärzte mit dem Symptom 
der uberzardidien Sorge um das Wohl der Angehörigen oder mit 
völlig unbegründeten Selbstvorwürfen nadi dem Tode einer geliebten 
Person zu tun gehabt. Das Studium dieser Vorfälle hat ihnen über 
die Verbreitung und Bedeutung der unbewußten Todeswünsdie 
keinen zLweitel gelassen, 

n c-u^''-h^h empfindet ein außerordentlidies Grauen vor dieser 
ücfuhsmoghAkeit und nimmt diese Abneigung als legitimen Grund 
zum Unglauben gegen die Behauptungen d?r Psydfoanalyse. Idi 
meine mit UnreAt. Es wird keine Herabsetzung unseres Liebeslebens 
beabsiditigt, und es liegt auA keine soldie vor. Unserem Verständnis 
wie unserer Empfindung liegt es freilidi ferne, Liebe und Haß in 
soldier Weise miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur 
mit diesem Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zustande, die Liebe 
immer wadi und frisdi zu erhalten, um sie gegen den hinter «hf 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



21 



lauernden Haß zu vcrsidiern. Man darf sagen, die sdiönsten Ent- 
faltungen unseres Liebeslebens danken wir der Reaktion gegen 
den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust verspüren. 

Resümieren wir nuni unser Unbewußtes .st gegc.i d,e Vor^ 
steflune des eigenen Todes ebenso unzugä.iglid>, gegen den Fremden 
ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person ebenso zwespalf g 
ambivalent) wie der Mensdx der Urzeit. Wie weit haben w.r uns 
aber JIi der konventionell-kulturellen Einstellung gegen den Tod von 

diesem Urzustand entfernt! , ,^ . t- c . • 

Es ist leidet zu sagen, wie der Krieg in d.ese Entzweiung 
einereift Er streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und 
m den UrmensAen in uns wieder zum VorsAe.n kon^ipen Er 
zwnet uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod mdit 
Zben können, er bezeiAnet uns die Fremden als Femde, deren 
Tod man herbeiführen oder hcrbeiwünsAen soll, er rat uns, uns 
über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Kneg .st 
äbe niA abzuschaffen, solange die Existenzbedingungen der Volker 
:' vermieden und die Abstol^ungen unter ihnen so h^H-g smd w. d 
es Kriege geben müssen. Da erhebt s.A deiin d.e Frage, i^olle.i 
wir nicht diejenigen sein, die naAgeben und s.A .hm anpasse. . 
Sdlen wir ..cht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen E..i- 
stelung zum Tode psyAologisA wieder ehunal über unseren Stand 
St haben, und vielmehr umkehren und d.e Wahrhe.t fancren? 
f äre es nicht besser, dem Tod den Platz in der W.rkl.Ake.t und 
in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere 
unbewußte Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfaltig untere 
d^cS^ haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheme das kc.ne 
Höherleistunsj zu sein, eher ein Rüc^^sdvntt in ma.idicn btudccn eine 
Kress on aber es hkt den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Red., 
nung zu tragen und uns das Leben wieder ertragliAcr zu madjen. 
Das Lehen zu ertragen, bleibt ja dod. die erste Pfl.dit aller Lebenden. 
Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns dann stört. 
Wir erinnern uns des alten SpruAcs: 

Si vis pacem, para bellum. 
<Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Krieg.) 
Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern: 

S. vis vitam, para mortem. 
(Wenn du das Leben aushaken willst, riAte didi auf den Tod ein.) 





^^Fi^i^^r^™^ 



Emil Lorenz 



Ödipus auf Kolonos. 

Von EMIL LORENZ <KIagenfurt>. 

Mors illi Venus est, sola est in morte voluptas. 

Ut possit nasci, appetit ante mori. 

Ipsa sibi proles suus est pater et suus heres, 

ISutnx ipsa sui, semper alumna sibi. 

Ipsa quidem, sed non eadem, quia et ipsa nee ipsa est, 

Aeternam vitam mortis adepta bono. 

- - Lactantius, De Ave Phoenice. 

Über die Zeit der Abfassung und Aufführung des »König 
Odipus« des Sophokles hegen uns keinerlei NaAriAten aus 
dem Ahertum vor, neuere DatierungsversuAe gehen sehr 
we>t auseinander, semGegenstuAjedodi, der »ödipus auf Kolonos«, 
darf mit Sidierheit als das letzte Werk des greisen Öiditers bezeidinet 
u^erden. Die Tragödie wurde itn Jahre 401 v. Chr. aufgefährt drei 
Jahre nadi seinem Tode, unter der T pimncr c^-. c 't"',»*:!"'"// ^i«^' 
ies Sohnes des Aris.on, Ei„e andere nL,!' hl ' ^°f^f''i 

die Bennerkung daß Sophokles das S«4 v^Mt' h'abf 'aTs" e^bt:;" 
ein Ureis war\ ^'<^L>tc, ctib ei ueiena 

Aus Gründen, die der Beobaditnncr -.r^r, Q a. j ^r x -f 

des Dramas entnommen sind sXr/rIp l'^'^^ und Tedinik 

zu maAen, daß der »ödipus auf Kolo "'^"''"mT^^'*"'''^'^ 
zu setzen sei. Aus denselben Gründen S' ^""^ »P^i oktet« <409> 
die .TraAinierinnen« gerüdt wX dert d"."''''''^^^"'^ ^ 
stimmt ist. Aber der »Ödipus a uf Vm ^^ 'erung indes unbe- 
niAt in die Reihe der soÄisAen D '' '^1' ^'* überhaupt 
dem Mangel an eigent iXr Hand7 '"''"T" ^'"^"«en. Er ist in 
lyrisAen Stimmung 4 typldies a/^^ ""f A" '''^'' vorwiegend 
herbst, Reife und Müdigkei S ^0"^^^^' P^^^^^ ^°" ^P^^^ 
darin gesdiieht, nidit gesAieht La- "Ä^'^'S^^^- ^^ß alles, was 

un. ihr von Anbeginf f^eknls' Z^efztllL" en'^""' ""^'" 

' Man wird, wie idi gtanKp ♦,„* 
lieferung an der Tatsadie, dlß Ts deTsonU^^f ^" B^^e^I^en gegenüber der Über= 
dürfen. Einige nehmen an, die GrammaS-Pr "^^'l"'? S^"* ^^'' "<*' rütteln 
aufführung nai dem Tode des dTS pf *"*c ^^'''^^ ^''^ ^"f ^'^^^ Neu- 
Neuaufführungen zu beriditen und die Zeit dp t" S^^™ ^"«"^ Braudi, von 

selbst wenn der Neuaufführune eine 1 1 'Lt., ^''^^™ ^"fföhrung zu verschweigen, 

4'' T.^'/°¥^ ^°" versdiiedenen Frauen df 'J?^™''^' '^S'^" " Sophokles 
ridit, daß des letzteren Sohn mit N." .' 1f " J°P^on und Ariston. Die NaA^ 
habe, hält Radermacher (SophokW a7 °'''^''.^'^ Aufführung geleitet 
Seh neide win--Nauck^ neue Kit, '^'^'P"^^ auf Kolonos, erklärt von 
bedenkliA angesidits der Tatsadfe dT^' l°\^,^<^"'"^^h"' P- l^ f-> ^r 
Kolonos, auf einer Insdirift vorkommt n ^P'^^'^'^S' Sohn des Jophon aus 
Namen gehabt. Er hält eine VerwT 1 ?" ^"" ^^"^" ^^^' ^nkel denselben 
nicht so unbegreiflidi daß d,V Jw,» ?' , . "^og^*' Mir sdieint es wiederum 

eigenen Söhne na* dem Grc^ßvaTer hZt f'u u^^""' '^^ S°P^°'^'" ^'"^^ '^'' 
vortreffliA zu stimmen zu der Eifer.,X ^^- 'ü = o'' f*"'"^ mir wenigstens 
berührt werden sollen, zwisAen ihnerÄrst T^JZT''' ''' "^'" ""'" 



Odipus auf Kolonos 



23 



Sophokles war 496 oder 495 geboren. — Was konnte — so 
dürfen wir uns fragen — dem Neunzigjährigen das Thema des 
Ödipus bieten,- weldies Verhältnis konnte er damals nodi zu dieser 
Gestalt gewinnen, in der unsere Psydiologic eine VerpersönHdiung 
frühester Erotik erkannt hat? — Allein, man belehrt uns, daß in 
dieser Tragödie das Sdiwergewidit auf die Verhcrrlidiung Attikas 
gelegt sei, wohin eine Legende seinen Tod verlegt hatte, obgleidi 
er weder in Athen, nodi auf dem Kolonos zur Zeit des Sophokles 
einen cigentlidien Kult besaß, und daß die Mcnsdilidikcit Athens 
und seines Heros Theseus sid\ dem blinden Ödipus gegenüber in 
ebenso hellem Lidit zeigen sollte wie in den verschiedenen patrioti* 
sdien Festspielen des Euripides, mit denen das Stüd\ literar- 
gesdiiditlidi in eine Reihe gestellt wird. — Das ist gewiß voll- 
kommen riditig, doA bleibt nodi immer die Frage nadi dem Motiv 
unerledigt, aus dem Sophokles in Verfolgung der Tradition des 
Äsdiylus (Die Sdiutzflehcnden) und Euripides <Dic Sdiutzflehenden, 
Die Herakliden) gerade auf den Stoff verfallen mußte, in dessen 
Mittelpunkt der sdion einmal von ihm in seiner crsdtüttcrndstcn 
Tragödie behandelte Ödipus stand. Es wäre nun nidit angängig, 
die Frage in der gesdiilderten Weise auf ein Ncbcngeleisc zu ver* 
sdiicbcn. — Ehe wir indes genauer darauf eingehen, empfiehlt es 
sidi, den Gang der Handlung in kurzen Worten zu sdiildern. 

Ödipus kommt, nadv den jahrelangen Irrfahrten, die seiner 
Vertreibung aus Theben gefolgt waren, begleitet von Antigone, in 
den Hain der Erinyen zu Kolonos bei Athen und läßt sidi an 
dem verbotenen Orte nieder, Ein vorübergehender Einwohner heißt 
ihn seinen Sitz verlassen, da er sidi im Gebiete der gestrengen 
Göttinnen befinde. Ödipus, sidi an ein altes Orakel erinnernd, das 
ihm verheißen hatte, er werde Ruhe und Frieden finden, sobald er 
aepbvm' Decov Söquv, einen Sitz bei ehrwürdigen Gottheiten', ein* 
genommen hätte, weigert sidi, seinen Platz zu verlassen, und bittet, 
den Herrsdier des Landes, Theseus, herbeizurufen. Ehe dieser er- 
sdicint, tritt der Chor auf, bestehend aus Greisen des Gaues 
Kolonos. Trotz der dem Fremdling vorher gegebenen Vensidierung, 
ihn nidit zu vertreiben, fordern sie ihn auf, sdileunigst das Land 
zu verlassen, sobald sie einen Namen vernommen haben. Mit 
Mühe gelingt es Antigone, sie zu beruhigen. Man wartet auf die 
Ankunft des Theseus. Das tritt Ismene auf, die zweite Toditer des 
Ödipus, und bringt die Nadiridit von dem Zwiste der Brüder 
Etcokles und Polyneikes, die um die Hcrrsdiaft in Theben kämpfen. 
Wir erfahren zugleidi, daß audi Kreon ersdieinen werde, imd zwar 
mit der Absidit, Ödipus in die Nähe Thebens zu führen. Es sei 
den Thebanern ein Orakel erteilt worden, Thebens Wohl hänge 
von Ödipus ab, solange er lebe, wie audi einst nadi seinem Tode. 
Man wolle sidi seiner bemäditigen, um ihn in der Gewalt zu haben 



' ^Eßval auch ^ Erinycn, Eumeniden. 



f 



24 



Emil Lorenz 




und sich wenn er stürbe, in den Besitz seines Grabes zu setzen. 
Nadi 1 heben selbst dürfe er allerdings nidit, da er als Vater- 
mörder für immer verbannt sei. 

Theseus ersdieint,. mit dunklen Hinweisen auf das Heil, das 
dem Lande Attika besdiieden sein würde, wenn es ihm bei Leb- 
zeiten bdiutz und nadi dem Tode eine Ruhestätte pcwährc, gewinnt 
ihn Odipus. Theseus verspridit feierlidi, ihn nidit im Stidie zu lassen. 
Üs setzen nun die Versudie ein, den Ödipus von dem ihm zu- 
gesidierten Zufluditsorte in Attika zu entfernen. Dadurdi wadisen 
der rni Urunde so einfadien Handlung eine Reihe von dramati- 
schen iSugen zu wobei es bezeiAnend ist, daß der im Mittelpunkt 
dieser uns in ihrer Stärke zunädist nidit ganz verständlidien Bc^ 
strebungen stehende Ödipus allen Versudien, ihn für die Heimat 
zuruckzugewmnen, sidi in starrer Verneinung gegenüberstellt. Es 
bedarf des Eingreifens des Theseus, um dem gewalttätigen Vor. 
gehen Kreons zu begegnen, der Ismenc und sAließlidi audi Antigene 
hatte wegfuhren lassen, um den ödipus, gegen den geradewegs 
vorzugehen er s.A sdieut, seiner treuesten Stütze zu berauben. - 
N.At mehr wie ein stiller Dulder, sondern wie ein unversöhnlidier 
nhn. r' ( > '""' ?^T' '" ^'^"^ A"ff"« '"it Polyneikes, der, 
vZrortr^'"/' ^°" ^^r "''^■- ^^'"^ Vergehungen, vor dem 
m ö tet til d ""fi^T i''^'r" V^'-^'^i'H'nS ^u erbitten, er muß un- 
S Pude^ Lr P'^^l^^l^^tet, den <fer Vater auf seine Söhne 

vor den M., f '^ ^°''- ?"""" "'^'^^"' ^"^^egen dem Brudermord 
vor den Mauern der siebentorigen Stadt 

ertönPn itn""" ^'.'''' ')^J ^"" ^^'^"^ ^^^ E"^^- Wiederholt 
seT^md r-RrT ''^'' ?^'P? "'''^''' ^^f^ ^^'"^ Stunde gekommen 
SwJ i; T tf'"i '"^"X t"" '"2^is^^len ein früher durd. Kreons 
.enl^n^ ' \ ' '■°R'"'',9P'^^''^"^^'f^'- ^" ^'osc\6on wieder auf- 
bevo^^r t''^-^-^^' '"^ '^^•■^^'' Ödipus verkündet ihm die nahe 
bevorstehende Erfü lung des Orakels und bittet ihn, den Ort, wo 
Nnf 1 l!" Mnabsteigen werde, für immer geheimzuhalten, 

sein Za'V T ^ä^"'^ f""" ^'^'^'' g^Sen Einfälle aus Böotien 
mt den Irh^'" <l'^ Böotier einst an 'seinem Grabe im Kampf 
TAwinder A^ """ '^'"^ Niederlage erleiden. Mit Theseus ver- 
erfahren w^i':"! "•' ^Z' ^'[ Eumeniden. Was sidi dort begab, 
erranren wir durdi einen Botenberidit. 



Und als er kam zur Sdmelle, die, in tiefem Grund 

Da .tr/" ^V"t'" ^"'"'''"^' ^<^'-^ '^'■"'''•' ^idi senkt, 
Der höhin c^ff '" ''T' ^'<^'s<^^PaItnen Pfad, 
De T^pf' T?*^"""^ ''I^'' ^° ^«^" ^^^S*^" Bund 

Deni hd^en "r T"" ""^ 1^'V S^^'" ^°" Thorikos, 
Dem hohlen B.rnbauni und dem Fcisensrahc saß 

Vom Quell heranzubringen und den Opfertrank. 



Ödipus auf Kolonos 



25 



Und sie, zum siAtbar'n Hügel dort der grünenden 

Demeter eilend, richten schnell dem Vater aus, 

Wonadi er sie gesendet, und beschid^en ihn 

Mit Bädern und Gewanden, wie's der Braudi gebeut. 

Und als er jedes Dienstes nun befriedigt war, 

Und nichts gebradi von allem, was er forderte, 

Sdioll unterirdischer Donner, daß die Töditer sicfi 

Entsetzten, wie sie's hörten/ laut aufweinten sie, 

Zu seinen Knieen stürzend — — — 

— — — Als sie dann gelangt 

Zum Ziel der Klagen und der Jammerruf verscholl. 

Da herrschte Schweigen. Plötzlich traf ein fremder Laut 

Sein Ohr, ihn rufend, und sofort erzitterten 

Sie all', in Grausen sträubte sidi ihr Haar empor. 

Denn viel und vielfach rief ihn an des Gottes Mund; 

>0 komm, o komm dodi, Ödipus! Was zaudern wir, 

Zu gehen? Allzulange wird von dir gesäumt.« 

Und als er wahrnahm, daß der Gott ihn fordere. 

Berief er Theseus, dieses Landes Herrn zu sidi. 

Als dieser hertrat, spradi er; O geliebtes Haupt, 

Gib deiner Rediten treues Pfand den Kindern hier, 

<Und Töchter, ihr, dem König) und gelobe, sie 

Freiwillig nie zu lassen und wohlmeinend stets 

Zu tun an ihnen, was du glaubst, das ihnen frommt. 

Und er, von eitler Klage fern, verhieß dem Gast, 

Der edle Herrscher, dies zu tun, mit hohem Eid. 

Nachdem er das vollendet, legt der Greis sofort 

Den sdi wachen Arm um beide Jungfrau'n und beginnt: 

»O Kinder, tragen müsset ihr's mit starkem Sinn, 

Aus diesem Raum zu scheiden, dürft Verbot'nes niiiit 

Zu schaun verlangen, unserm Wort nicht lausdien hier. 

Drum eilt geschwind von hinnen, Theseus bleib' allein 

Zurück, der Herrsdicr, anzuseh'n, was hier geschieht.« 

Nur diese Worte hörten wir aus seinem Mund, 

Wir alle,- samt den Töditern dann enteilten wir. 

Und weinten viel und schluchzten. Auf dem Wege nun. 

Nach kurzer Weile wandten wir das Haupt zurüA 

Und sahn den Alten nirgends mehr an jenem Ort, 

Und nur den König, vor das Haupt die Hand gestredt. 

Die Augen sich verhüllen, als war' ihm ein Bild 

Des Grau'ns erschienen, unerträglich seinem B\i(k. 

Nur kurz indessen währt' es noch, so sahen wir 

Ihn niederknieen und in einem Spruch zugleich 

Zum Götterhaus Olympos und zur Erde fleh'n. 

Dodi weldier Tod den Greis entrüdkt, kein Sterblicher 

Weiß das zu sagen, außer Theseus' Haupt allein. 

Denn weder hat ihn Gottes feuertragender 

Blitzstrahl hinabgeschmettert, noch ein Sturm entrafft. 

Der aus dem Meere sich erhob zu dieser Zeit: 

Nein, Götterhand entführt' ihn, oder Hades' Tor, 

Das sonnenlose, tat sich ihm wohlwollend auf 

Denn ohne Krankheit, ohne Schmerz und Seufzer ward 




Emil Lorenz 



Der Mann hinweggenommen, hehr und wunderbar, 
wie nie ein Mensch! 

(Übertragung von Donner.) 

i c P'?. ^''" w*" ^''^'^' '" sdimutzigc Lumpeil gehüllt, belastet mit 
der bdiuld des Vatermordes und der Blutsdiande, von allen Mensdien 
ängstlidi gemieden — jetzt von zwei Ländern umworben, ein Segen 
für das Land, das seine Gebeine umsdiließt: dieser Gegensatz ist 
wohl wert, einer sehr eingehenden psydiologisdien Deutung unter- 
zogen zu werden, 

Was die mythologisdien und literargesdiiditlidien Tatsadicn 
betrifft, so sei darauf verwiesen, daß über die letzten Sdiidisale 
des Odipus eine Reihe von Versionen bestand, von denen eine 
den Odipus nad, EmdeAung seiner Freve! und dem Selbstmord 
der okaste (Epikaste) nodi fortherrsdien, sidi mit Euryganeia ver- 
mählen und mit ihr Kinder zeugen ließ, dieselben, die naAher der 
Inzestehe mit Jokaste zugesdirieben wurden >. Eine andere, literarisdi 
n^t mehr unnMttelbar vorliegende Version hat C. Robert er- 

in iTpin^" /'■'■'i^-?^'P"' "^* der Verbannung aus Theben 
m den Einöden des Kithairon umher und fand im Heiligtum der 
Grdf Den"?^ °' n. ^^S'- Grenze von Böotien und Anika sein 
Grak Den Hmweis auf Tod und Bestattung in Athen enthalten 

Ssmä/n^r'v-T'" ^'' ^""PJ^^^' ^'" Stüd alS das verhält- 
SoXkfes > Bei sli"??' '' ''.'x '•' ^^•- Ödipus auf Kolonos des 
Sophokles »Be, Sophokles nadistem Vorgänger Äschvlus in den 
bieben ruht Odipus, nadidem er bis an ^tu.^A^r^slLuan 

längst in der Gruft der Labdakidenafs d'..^/1' T ^A oHon 
verhaßte Stamm infolge des von AI 'u^ ^'"°' ^^''] Apollon 

gesprodienenFluAesVrgeht Be?äu^^ ^.^'"!, ^^fe ^'Z 

haben die Söhne snb^U ?• c,uiipides in den Phonissen 

worauf er eVeätPotrT""'*^'"'^^ 

seiner Ansprüdie auf den Xr 'f' T ^'^^'^''^^ widerreditlidi 

gegen Theb'en und es et öJdeTw '^V' ^'t' T\ ^'?f •'"' 
der Jokaste und des Ödi^nf ^. ^"^'''"'°'"^ "°* ^'^' Lebzeiten 

her bereut. - G nz^'tXs h.t ^"on'r'n'^"^"-'"" ?If ^ '"d" 
gestellt e-anz pnrU. A \\ ^^phokles seinen Odipus dar- 

in die sSll I; P m" ^'T^^^''^ ^^•- Söhne motiviert, indem 
an die bte le des Fami icnfludis persönlidier Frevel tritt weldicr 

S üdTe den ödnu' ''f^^''Y\^^^^-'- Sophokles läßt in unserem 
weHen und 2.^^ -^^ Entdedumg seiner Verbredien in Theben 
wellen und erst spater, gegen seinen Willen und mit sdiweigender 
Zustimmung der Sohne von Kreon in die Verbannung getrieben 

^^^^DieJ^rage ist zunädist die, warum der Diditer die Fabel 

C. Roben' a,Uf £,i!läf Ti^TT' ''''"'''' i''^"?* -S'au;" 
sAIießenden Weise dargetan, vgl unten p 35 '" """ '''^™ ^""^ 

» SchneJdewin^Nauck, Odipus auf Kolonos, 6, Aufl., Einleitung. P- 5. 



ödipus auf Kolonos 



27 



des Stückes gegenüber dem lange vorher gediditeten »König Ödipus«, 
wo dieser freiwillig in die Verbannung geht, so einsdineidend ge= 
ändert hat, warum er, kurz gesagt, Feindsdiaft und Selbstsudit auf 
die Seite der Angehörigen des bhnden Königs treten läßt. Gewiß 
ermöglidite es ihm diese Änderung erst redit, die Abkehr seines 
Helden von der Heimat und seine Aufnahme im fremden Lande 
psydiologisdv wahrsdieinlidi zu madien. Uns will jedodi diese lokal* 
patriotisdbe Erklärung nidit ausreidiend ersdieinen. Es ist darum 
ein bedeutender Sdiritt nadi vorwärts, wenn man in diesem Falle 
zwedi^s Gewinnung eines tieferen Verständnisses der Stellung, die 
Ödipus seinen Angehörigen gegenüber einnimmt, das eigene Erleben 
des Diditers heranzieht und auf die aus dem Altertum überlieferten 
Nadiriditen über Zwistigkeiten des alten Sophokles mit seinem 
Sohne Jophon verweist i. Für die AufdeAung dieser Zusammen- 
hänge vermag audi die Bewußtseinspsydiologie mandies zu leisten. 

Madien wir aber vollends Ernst mit dem heute wohl von 
keinem Psydiologen zu bestreitenden Grundsatz, daß des Ödipus 
Stellung zur Umwelt nidit die Resultante aus deren Einflüssen auf 
ihn ist, sondern daß Liebe und Haß, Sehnen und Fhehen, Sdvuld 
und Buße in Wirklidikeit Potenzen in des Helden und des Diditers 
eigener Brust sind, die sidi in den Gestalten, die ihn, in Freund- 
schaft und Feindsdiaft ihm zugewandt, umdrängen, gleidisam 
traumhaft vergegenständlidit haben, so obliegt uns nunmehr die 
Aufgabe, den psydiologisdien Habitus des Ödipus analytisdi^bc- 
grifflidi zu bearbeiten und zu dem konkreten Erleben des greisen 
Diditers in Beziehung zu setzen. 

Wenn wir uns für diesen Zwedi wieder den mythisdien 
Motiven zuwenden, so tun wir dies in der Überzeugung, uns auf 
diesem Wege des allgemein Ethnisdien den leiditesten Zugang in 
das Unbewußte — auf nidits anderes geht unsere Absidit — 
bahnen zu können. 

Wir müssen zunädist feststellen, weldie Motive es überhaupt 
sind, die uns in diesem Sinne besdiäftigen sollen. 

Dem Streit um die Ehre seiner Anwesenheit nadi dem Tode 
liegt das Motiv der schützenden Kraft des Heroengrabes 
zugrunde, — Mit diesem kreuzt sidi ein anderes: daß es gerade 
Ödipus, der ehedem Gemiedene und Geflohene, ist, der diesen 
Segen bringen soll. Wir haben bereits auf diesen manifesten Wider- 
sprudi hingewiesen, Die Auflösung dieses Widerspruchs ist 
das Zentralproblem dieser Analyse, 

Von dem erstgenannten Motiv läßt sidi ein weiteres zu ge- 
sonderter Betraditung abspalten, dasjenige, auf das die ganze 
Handlung des Stüdies hinzielt: die mystische Vereinigung des 



' Sie hatten nacfi Robert, Oidipus I, p. 477, itiren Grund in des greisen 
Diditers Absidit, seinen Enl?el Sophokles, den Sohn des Ariston, in die Phratrie 
aufnehmen zu lassen, was einer Legitimierung gleidikam. 




Emil Lorenz 



Helden mit der Erde in ihrer besonderen Ausmalung, sein un»- 
gesehenes Versdiwinden im heiligen Haine der ^'t/n-a/i. 

Es ist zunäAst nidnt mehr als eine bloße Vermutung, daß 
sidj der so mäAtig gefühlsbetonte Komplex, dessen typisdier Träger 
Odipus ist, audi in diesem späten Gegenstüdi des Dramas, das 
seme tiefe Wirkung dem Vorhandensein eben jenes Komplexes 
verdankt sei es positiv oder negativ, zum Ausdrude bringen wird. 
Ersdiöplt sidi aber dieser Ausdrudi in dem immer erneuten Rüde» 
\x u i ^'"^ "^* ^^"^ Darstellung des Diditcrs durdi jahrelange 
Mühsal und das Elend der Verbannung sdion hundcitfaA gesühnte 
ödiuld? — falls bei Ödipus überhaupt von Sdiuld gesprodien 

^^k !i" ""■ ^^^ ^^^^ "'*^^ ausgesdilossen. Dodi könnte inner- 
halb der Ökonomie dieses Dramas jene Erinnerung und gewollte 
oder ungewollte Buße sidi audi auf jedes andere unbewußt be- 
gangene Verbredien beziehen und es wäre der von uns vermuteten 
Bedeutung des Inzestkomplexes nidit Genüge getan. 

Zwei Dinge sind es, die uns auf tiefere Beziehungen hin- 
leiten: die oben als erstes Motiv angeführte segenbringende Kraft 
semes Leibes, die dem Lande verheißen ist, das ihn gastlidi auf- 
mmmt und seinem Leib eine Ruhestätte bereitet, und das damit 
zusammenhängende geheimnisvolle Versdiwinden unter die Erde. 
In deni ersten haben wir das gerade Gegenteil zu der im Eingang 

aL'?? Odipus< gesAilderten verderbliAen Wirkung von 
Odipus Anwesenheit m der Stadt Theben vor uns. 



p.e Stadt, du siehst es selber ja, sdiwankt ungestüm 
Im Wogenauhuhr und vermag nidu mehr das Haupt 
Emporzuheben aus dem Meer der Todesflut 
Hmsterbend hier im fruditbesAwerten Keim 'der Flur 
Hmsterbend dort Jn Rinderherden und der Frau'n 
NoA ungebor'nen Kindern, hergestürmt mit Gb 
Verwüstet gr mmvoll unsre Stadt der SeX Gott 
Daß Kadmos Haus verödet und das dunWe Land' 
Der SAatten reiAer an Gestöhn und Kbgen ^^. 

rr , j r . . <v- ^2 bis 30.) 

tlat CS das Leiden vermodit di>«:pn Fl„4. • c . . 

in der Weise, daß die innere feelisS^t '" '^'\'" ^^"/''"f 

- r rSzÄ"o Tii^ffZ s;:r..'^ii^M 

dic-en AbsHpc' 7irr Frrlp A^,.,,^ r\ ^^"'. ^"'^■^"«yig besteht ja doch in einem lelicn- 

dpr lUntivp M,V M»;rf;, D ,°',^^^"' 'St die unbewußte Abs dit be der Bildung 

PsvAe rdt d FnlJt ''"'''S T EntrüAung des ödipus bei Rohde, 
i-sycne, und m der Umleitung von Radermacher, 



Ödipus auf Kolonos 



29 



Dulders Ödipus abtun. Darauf hat Rohde mit Redit hingewiesen^. 
Vielleidit hat er es gegenüber der früher beÜebten Verdiristlichung 
des Ödipus allerdings zu sdiroff hervorgehoben. Die Aussdieidung 
der Polyneikes-Szene aus dem ursprünglidien Plan der Diditung 
könnte sogar der von Roh de bekämpften Ansidit wieder zu einem 
gewissen Redit verhelfen 2. 

Genau besehen, ist Ödipus im ersten wie im zweiten btüdi 
derselbe fromme, gottergebene Mann, der sidi nidit ohnmäditig 
gegen das Sdiidtsal auflehnt, sondern groß genug ist, sidi zu sagen: 
Es war von den Göttern so besdilossen, sie hegen wohl seit jeher 
einen Groll gegen unser GesdileAt <Öd. Col., p. 964 f.>. »Eine 
Anklage gegen die Götter kommt hier so wenig über seine Lippen 

wie im ersten Ödipus« ^ ^ , < , ,. 1 ■< ■ 

Der KonHikt, das SAid^sal und die Sdiuld hegt also niAt im 
Bewußtsein des Helden,- es wird wohl audi seine segenbringende 
Kraft nidit dort zu sudien sein. „ < j 

Unserer früher angedeuteten Absidit gemäß sudien wir den 
SAlüssel zum Verständnis dieses Zuges in einem mythisdien Motiv. 

Da sind wir nun sofort imstande, das mit dem Sdileier des 
Geheimnisses umgebene Versdiwinden in die Erde in einen ganz 
bekannten Vorstellungskreis einzureihen, wenn wir uns an die 
Mutterbedeutung der Erde erinnern. Darauf hat, unter Anführung 
der Gesdiidite des Gyges und des Ödipus auf Kolonos zuerst 
Jakob Grimm* hingewiesen. 

Durdi diese Ersetzung werden uns mit einem Male gewisse 
Zusammenhänge ganz klar und es enthüllt sidi uns ein offenbar 
auf der Identität der zugrundeliegenden Komplexe beruhender 
Parallelismus in den Motiven der beiden Ödipus-Dramen: ^egen 
und FluA der Anwesenheit des Helden, Erlaubtheit und Verbot 
der Rüddiehr zur Mutter. - Nadi dieser Feststellung wird es 
aber die eigentlidie Aufgabe einer Analyse sein, die Gründe für 
die entgegengesetzte Natur der Affekte aufzuweisen, die sidi in 
den beiden Dramen an dieselben Komplexe geheftet haben. 

Es versteht sidi von selbst, daß die positive Einstellung zu 
dem Komplex sidi vor dem Bewußtsein nur vermittels einer weit- 
gehenden Symbolisierung darstellen konnte. Es wäre aber ein Irr- 
tum, der Symbolik mehr zuzusdireiben, als daß sie eine Bedingung 
zum Auftreten der positiven Einstellung sei. Der positive oder 
negative Affekt sdiafft sidi vielmehr die bestimmte Darstellungs- 
weise, die ihm die Bewußtseinsfähigkeit verleiht. Wir sudien aber 



1 PsyAe II, 244. 

ä Vgl. Robert a. a. O. I, p. 473: Diese Szene ist niAt nur eine kleine 
Tragödie für sidi, sondern ein Fremdkörper im Organismus des Dramas und wer 
ehrlidi sein will, muß bekennen, daß dieses durdi ihre Ausmerzung an Einheit und 
Gesdilossenheit gewinnen würde. — Vgl. ebd., p. 486 ff. und II, p. 161 *». 

ä Robert, p. 488. 

* DM III. (Naditrags=>Band, p. 285 f. 






] 



30 



Emil Lorenz 



Vorzeigen verträgt) noA in dpf H t' P°' ^'"^^ ""^ ""^^^'^^ 
der Bewußtwerdung ist) ife, so Lnn'''''"""^ f' "".^ Bedingung 
lidien Verhalten des vor.SL!l ''^"",^'' ""r mehr in dem persön- 
Stoffe gesud^t werden l^^£J"t-°"-den Subjektes zu dem 

eingehen, die festgesteHte Ä f ^""' ^^^ ^'•' ^"^ ^'^ Analyse 
Dramen noA durA^e S ' il^ R ^'^^ ^^•- Motive in unseren 

Es herrsAt niSt n^ en ^^'^^J^""^, ^•'Jäutern. 
dem »König ödipus<. und d^^ sAembarer Widerspruch zwisdien 

dort verderblidie/ hier segensrS/wr' auf Kolonos., was die 
betrifft, sondern audi ein WMprl )^"''^""g von des Helden Nähe 
und der VorgesdiiAte mit der S ^Tl'^^" ^^"^ ''^König Ödipus« 
keit hören auf, sobald Ödinn. Z n.'. ^ißwadis und Unfruditbar- 
Mutter, zur Frau genommen hat M^"^'^' ^f'°'^ ""^ Jo^^ste, seine 
Inzest verderbliche Folgen hahl^l R ^"'°*^^ erwarten, wenn der 
siA nidit durch eine lange Pe^T A^^r ^'"^ ^°^°^^ zeigen und 
der kausalen Erkenntnis foweit^n? -t^' Wohlstandes und GlüAes 
Verständnis dieses 2usammenhan.e?^%'?"*^"' ^^^^ ^i* für das 
notwendig erweist. Diese Bedenken !l -^^ ^^^^Sung des Orakels als 
gescholten werden. Wir haben ahn , '■"1,^'^''^ nidit rationalistisdi 
sadie festzustellen, daß die S^ule v ^'^''o ^'^ eigentümliAe Tat. 
objektive Folge des Inzestes hinislu. ^'' ?^^' "'^^ ^'Sentlidi als 
direkt und immer folgen, was ÖS" ^-l^' '°"^^ "^"'^'^ ^'^ i"^«" 
klarung, daß sid, in beiden FälU 1 "'^^ der Fall ist. Der Er. 

leTten n"'"^ n ^^"^^"^ ^es Unbew "«;" 'y^^olisi^^r Gestalt die 
ansltß.?^''''^]"!]^ "'*^ möghi I" ''". ^""-d^setze, was in der 

E?kläunl '''"'?7*^- <Wir dürfen \r ■']!'■ f^"^Sang, ^o plötzlidi 
XIeII T^^^"' ^ie ciarrx.ry*.il^^l^e, auf alle'billigen 
haken J^^n ''^'" ^°"en,) Ss k ^^"^^ ^"^ ^'"^^ ^ramati. 
Beh^rn.n ^ r%^'^ gesehen Lt""'" "^'^ ^^^'^ ^""^Ast fest, 
des H ff^''^' die er L^S' ft' i"'"'^ ^^^ ^^ der seltsamen 
sondern '" Ä ^^^^nderte Wem.n ' T''!*'^^^"^" Lebensstufen 
W:i'n*;*t Ö*PJ S,^^'^^^-' "i*^ nur subjektiv, 

t^^h^t^' ^^^^^^""Sskr"7'stamm;'?^""S ^" ^^^^ I^^agen gliedern: 
tung bedeutet, die siA niAt eS ""^ ^^ die versAiedene Wer- 
eintaA von der positiven zur negativen 



Aen bei Belht/l c h m S"t 'rf^l ^^ Butter ist lehn da ■ .• . 

"*'' P' ^^3' vgl. RLM III 1, coi. 743"r^" 



Mär» 



Odipus auf Kolonos 



31 



Seite entwickelt, sondern mehrmals im Leben hin- und hersdiwankt. 
Es wird sidi zeigen, daß auf diese zwei Fragen eine gemeinsame 
Antwort erteilt werden kann. 

Begnügen wir uns mit der Erklärung, daß sidi die Libido 
von ihrem ersten Objekt gar nie vollständig abzulösen imstande ist, 
und sehen wir in den mannigfadisten Formen der Phantasien, in 
denen diese Tatsadie zum Ausdrudt kommt, nur das semper idem der 
infantilen Bindung, so rüdit natürlidi alles, was der Form und der 
jeweiligen Gestaltung dieses dauernden Inhalts angehört, in die 
zweite Reihe. Versudien wir jedodi, der eigendidien Aufgabe der 
Psydianalyse gemäß, die jeweils auftretende Phantasie in ihrer 
ganzen individuellen Lebendigkeit mit den aktuellen Erlebnissen in 
Beziehung zu setzen, indem wir die gar nidit künstlidie Frage er- 
heben, ob sidi denn nidit eine Verbindung herstellen läßt zwisdien 
Erlebniskonstellationen des entwidcelten Seelenlebens und denjenigen, 
die in der Inzestphantasie zum AusdruA gelangen: dann mögen 
wir uns erinnern, daß die mensdilidie Lebenswelle zwisdien Er- 
hebung und Senkung, Entfaltung und Zurüdtziehung auf- und ab- 
wogt und daß die Ödipus-Phantasie in ihrem ZurüdvStreben zur 
ersten Lustquelle, unter Verzidit auf die Maditentfaltung, die in 
der Gewinnung und Einbeziehung eines fremden Lebens in das 
eigene Idi liegt ^ also in ihrer Rüddcehr auf den infantilen Anpassungs- 
modus ^ dodi wohl nur einer Senkung der Lebenswelle entspridit. 
Das von dem positiven Affekt begleitete Auftreten dieser Phantasie 
hätte dann symptomatisdie Bedeutung für ein verändertes Verhält- 
nis der Realität gegenüber. Wir gewännen durdi diese Überlegungen 
eine Antwort auf die vorhin von uns formulierte Frage be- 
züglidi der Bedeutung, die die versdiicdene Wertung der Odipus- 
phantasie im Laufe des mensdilidien Lebens besitzt. Es wäre die 
Antwort auf dieselbe Frage, die sidi uns auf die Lippen drängt, 
wenn wir den neunzigjährigen Sophokles das Thema des Odipus 
ein letztes Mal aufgreifen sehen, Nadidem wir oben das Prinzip der 
Erklärung hypothetisdi aufgestellt haben, handelt es sidi jetzt darum, 
es durdi die Analyse der Motive im »Odipus auf Kolonos« zu 

erproben. r tj- « t j 

Daß das Mutterproblem im »Odipus auf Kolonos« besonders 
deutlidi ausgeprägt sei, wird sidi nidit behaupten lassen. Wollten 
wir uns mit unserer Empfindungsweise in die Seele des blinden 
Odipus hineinversetzen, so wäre es wohl ein tiefes Ruhebedürlnis, 
das wir in ihn, als seine nunmehr stärkste seelisdie Madit, hinein- 
legen müßten, Und auf diesem stillen und dunklen Hintergrund 
sehen wir dann viele seltsame Liditer aufleuditen, sdiwerverständ- 
lidie Zeidien, deren riditige Deutung uns aber das Verständnis für 

^ Gewiß enthält die Inzestphantasie audi ein Streben nadi Maditaußerung, 
aber in dardiaus infantilem Sinne, 

2 Dieser will nur Lust empfangen, ohne in der Kraftentfaltung, die zu ihrer 
Gewinnung dient, ebenfalls schon Lust zu empfinden. 




Emil Lorenz 



re 



die konkrete Form seiner Wunsdiziele eröffnen soll. Wir sagten es 
bereits daß der dem Ödipus zuteil werdende lebendige Abstieg in 
den bdioß der Erde in Parallele gestellt werden muß mit seiner 
Mutterehe. Nur ist dabei festzustellen, daß die ausgesprodien 
sexuelle Bedeutung der letzteren in dieser Symbolik sdieinbar ganz 
gesAwunden ist. Es ist von ihr nur die ursprünglidie Komponente 
dp[,t ."nl' ü^ 'q^" Uterusphantasie übriggeblieben. Deren Be. 

fst von ^ir ""'5 S>^["Pj°'ns der Versagung der Realitätsfunktion 
von Falun 1 .nf" ^"i^''' ""^'^ ^^^ie feesAiAte des Bergmanns 
H^i^k^eh \urMrtt^^Lr:i ^^a'^I dieses Hauptmotiv der 
erweitert die wenn 1 ••l''^'' "^"•"^ ^'"^ ^^'^^ ^°" ^T" 
phln as e naditrlS 'f "*''^ ^^^^"^« ^^^^e, die Mutterleibs^ 
Sa das de f et des' fe^'^r^" ^e^^-^^^^^: gem Lande 
äußere Feinde verheiße? ölr' v''^'' i^' ^"^en und Kraft gegen 
Kraft des HeroeSabs"wT,H '.7°^^^^ ""S ^°" ^^' stützenden 
in Anlehnung arversAirdel^t' "'^^"'^ "^ ''^'^^'''' ^^'^ '^' " 
als symbolisAe Vermahlung J ^T'' ^°" Fruditbarkeitsriten - 

Fruchtbarkeit, Kraft und 6ed?K^'?"' f ^'' ^''^'' ^^^^" ?°'^' 
dessen SAoß sidi resesioVltn'"J"'< ^^^ Land ist, auf oder .n 
Beziehung zur SbX^T.'bP'"'^- ^^^ ödipus in besonderer 
oben festgestellt. '"""^'^^'^^'^ Thebens stand, haben wir bereits 

Idi kann hier auf da^ -4, a ? 
Mannhardt,3 Preuß* unA n '"^. , ^ Material verweisen, das von 
sidi dabei um zwei Grunnpn d gesammelt wurde. Es handelt 

lidien Absidit nadi nämlirS f°"i ^'"^^^en, die aber ihrer eigent- 
identisdi sind. NuV ?eschJl.7^°''^''""S der FruAtbarkeit der Erde, 
Vereinigung einer mäiinlidien A ^'"^l*?^' ^er magisdie Akt dur* 
durdi Vereinigung der Erde <= IK '*'^''''i*en Person, das anderemal 
Symbol. Ödipus als nich^-Tn^k i-T ^1^^"^ "^ännlidien <phallisdien> 
würde demgemäß eine mÄ ll *^ ^^"^'^ ^^' E^de eingehend, 
gruppen einnehmen. '^'^^eiiung zwisAen den beiden Braudi^ 

Zunädist erinnere idi an A- , 
auf dem Ader, aus Mannhard/f A ""^r r'^^f ^ Sitte des Brautlagers 
""''^'^^^s Ausführungen« allgemein bekannt. 

;j^^^g§jBJ'^"hp. 250-301. 

auftreten« H, Usener, Der Stoff "es '?! persönliA als SAirmherren des Landes 
P. 17. »So will in Euripides' H^ZuZ^-^^°'- ^b- d. Wiener Akad. Bd. 137, 
1^2 ""> ^!r Y^'-haßtenHeraliden ^e' '"■ ^."T^f'^^^s i" attischem Boden beerdigt 
sollten, na* Kräften zu sAaden T&.r u '" '',"."^^«en Zeiten in Attika einfallen 
die Stelle der Heroen die Märtyrer und H?'- ^^^^^>- Das Christentum hat an 
sind ein gleidi sidieres Unterpfand ftir H Ä^'' gesetzt. Die Gebeine der Heiligen 
de.hen lassen, vrie da.s vordem die O-^ ^*"^^' '^^'^ «'<= Stadt und Land ange- 
waren.« Ebd p. 17. Weiteres Ma eri.1 k "t c"1 Denkmäler der Landesheroen 
* Wald- und Feldkulte ^^' ^°^^'^' Aglaophamus p. 280 f. 

^ Matt^;S^ '-' ^^''^- ™^ Kunst, Globus, Bd. 86 u. 87. 
' Bd, I, p. 480 ff. 



ödipus auf Kolonos 



33 



Die Sitte bestand darin, »daß Mann und Weib verbunden siA auf 
dem Acker wälzen«, woraus man Segen für das Gedeihen der 
Feldfrüdite erhofft. In Sdiweden <HelsingIand und Jemtland) sagt 
man: Wir werden rollen, so daß Korn entsteht in jeder Pflugfurdie, 
Die ebendort angeführte Sitte, sidi beim ersten Gewitter zur Erde 
zu werfen, die heute nodi rationalisiert als Ratsdilag fortbesteht, 
sidi auf offenem Felde zum SAutze gegen den Blitz platt auf den 
Boden zu werfen, mödite idi nidit hieherziehen. Diesem Braudi 
dürfte vielmehr der Wunsdi zugrunde liegen, daß man im Gewitter= 
Sturm neu gezeugt und von der Erde wiedergeboren werde, bezieht 
sidi also nidit auf die Feldfrudit, sondern auf den Mensdicn, so 
leidit natürlidi dem primitiven Denken der Übergang von einem zum 
andern ist. Hieher würde nodi die ganze Masse dessen zu stellen 
sein, was uns über Vegetationsfeste mit gesdileditlicfier Promiskuität 
aus 'allen Teilen der Erde beriditet wird^. Mit dem Braudi der 
athenisdien Arrhetophorien, wo Phallen in eine Erdtiefc geworfen 
wurde, damit sie Früdite und Mensdien hervorbringe, ist es zu 
verglei'dien, wenn man in Österreidi die Erde fütterte, indem man 
Brotlaibdien vergrub, die Daumenform hatten =. — Den von Frazer^ 
beriditeten Braudi aus Peru, Steine von der Gestalt von Maiskolben 
in die Felder zu versenken, um deren Fruditbarkeit zu erhöhen, 
mödite idi nidit als unbedingt hieher gehörig ansehen. Diese Steine 
können immerhin nadi dem Grundsatz: in sacris simulata pro veris 
nidhts anderes bedeuten als eben starke Maiskolben. Zur phallisdien 
Auffassung ist freilidi nur ein Sdiritt. — Zu dieser zweiten Braudi- 
gruppe der Verbindung der Erde mit einem männlidien bymbol 
gehört 'natürlidi audi die Zeremonie der Watsdiandies, ein läng- 
lidies Lodi zu graben und Speertänze um dasselbe auszufuhren. 
Das Symbol ist in diesem Fall der von den Tänzern gesdiwungene 
und sdiließlidi in die Erde gcpBanzte Speer*. ^ , ^^ 

Mit der Vorstellung der sdiützenden Kraft des Heroengrabs 
berührt sidi die Sitte der sogenannten Bauopfer. Ja, sie hat sogar, 
insoferne sidi in ihr die heilbringende Wirkung von der Erwartung der 
Fruditbarkeit zu der des Gedeihens überhaupt erhebt, eme nodi 
nähere Beziehung zu dem Motiv des Odipus auf Kolonos als die 
bisher besprodienen Begehungen^ Ihre bisherige Deutung muß, so- 



t Vgl. Preuß a. a. O. 

3 SemS on'th?'e^i;'hist'ory of the kingship, p. 73, vgl. Vierkaadt, 
Globus^ 92^ p. ^40.^^^^ Leser am zugänglichsten bei Preuß, Globus 86, p. 358 f., 

'"''T"/gl'Ro'??rTt'a':o'i%.10:Ei^ im Lande zu haben 

bringt niüA und Segen. Natürlidi wird, der Handlung des StuAes entsprcdiend, 
vorfallen IsGIüdf in der Politik und im Kriege hervorgehoben aber m 

eZoiacydoiv 390 <des Glückes, Heiles wegen) liegt dodi zugleidi noch etwas an- 
d^r^ liZavöliaö^ t^W si'&evecav (Gedeihen, Überfluß) erklärt der Schohast 
und daf erinnert an die Worte, die in den Eumeniden Athena an die Erinyen 

3 



34 



Emil Lorenz 



werden. ^"^ ^'^^'S^^ enthält, allerdings als unzulänglidi bezeidinet 

.„^ ^'Pf--^ ^"'?^^" '''?^' "'*' ^'o"^ ^^" O« des Baues, es wurde 
n-^J "°^'^ eraditet, lebendige Tiere, selbst Mensdien in den 

U.und einzumauern gleiAsam ein der Erde gebradites Opfer, weldie 
rnL ^i . " , ,.^^' ^"""^ ^i'^sen grausamen Braudi wähnte 

man "nersAutterl.Ae Haltbarkeit oder andere Vorteile zu erlangend 

R.o,..-ff 1 '^ r^^'°^r9'''"'"^ '^'^•■' '^^ weiß nidit, ob als erster den 
3 ! ^'^Opfers einführt, suAt Rudolf Kleinpaul in seinem mit 
euilietonistisdier Psydiologie gesdiriebenen Budie »Die Lebendigen 
und die loten« die Sadie so zu erklären, daß man von den »Opfern« 
veiangt und erwartet hätte, sie würden sdiützende Geister des 
r;,nT4,l^'"'J" r ''^. gebannt wurden. Diese Erklärung sdieint 
IZlt "^ J s^hr einle^ditend. Wie konnte man von den Opfern 
erwarten, daß sie dem Hause und den Bewohnern, für die sie hatten 

an^edHsL r^" ^""^""'01'""" SAutz irgendwelAer Art würden 
angedeihen lassen? Die SdiwipH<y1,o;f „;k. „:.a, = .._< __._ „.,., 



^„„„j„jL„„ < -, "fCr"'oV""" "'-''"i'i ugenaweicner >\rr wurueu 
angedeihen lassen? Die SAwierigkeit gibt sidi jedoA, wenn man 
; ßauopfer ein Versudi sein soll, mit Absidit und 
n üem Hause pinpn o^lJ, — c_i _ --i 



;™ it'r "naA al g"„,"rner= ITZ f,'*™ ^Autz zu gewäl.cn, 

im Hause he^tatt^ton A^ u-' ■ "^ '"^''^eit zurüAreidiendcr Sitte 
boten^ fn S:f EustÄ"''\"^* ^^"^ Glauben der Völker 
geringerer Bedeutung orclieTo^ '^^"^'."Sezogen, ist es dann von 
storben sind oder nidit d^nn l j w".^^ natürlidien Todes gc- 
keitsdämonen pflegten g^töterzuT'^ WaAstums. und Fruditbar- 
zu verniditen, sondern um 1 f ^^'u?' "'*^ "»" ^i^ Zauberkraft 
^ Von d;m eSnen Gebäud? f ?T^" ' 
Staat übertragen, ersdieint d^.R T^ ""'^ ^^"^^ Stadt oder den 
Lebendigbegrabens auf dem P^.. ^^ '" '^^' römisdien Sitte des 
Jahre 226 v. Chr. geübt »Die R.^""!. ''".""^' <angeblidi> zuerst im 
paares wurde nodi zu Plutaräc ? ""S,, ? Gallier» und Griedien- 
gangen.« Wissowa, Religion „nrf^%'^^¥'* '"^ November be- 

Da die Toten, besonders i^f j^"''"' ^"^ ^^mer. p. 355. 
zugleidi die Spenden der Fr^Ath °f ^T^"*'*^" Altertum, immer 
Hesiod), wohl nadi dem uralten S^^i'^^^^" <^?^ovrodÖTat bei 
mit dem audi Plato die Unsterblidik^f^. i ^'"^'''^"fs ^e« Lebens, 
so gewinnen wir für das sdvützende H^r. ^^^l'^" versudit hatte, 
Bauopfer und den Kohabitationszauber .m ?|5!■^^ ^^^ sogenannte 
barkeit einen gemeinsamen Gesiditspunkf n "ä^^""? ^^r Frudit- 
angedeutet worden: es hat eine ÜberfrL Erklärung ist sdion 
Übertragung der das mensAlidie 

wohj bei Sophokles „od> mZmZt'l ^T ^"^ ^ «ingt dod, auA 
Gefilde mit FruAttarkeit segnet ^ ^^ ^^" Athonisdien Heros durdi, der die 

\ ('i '■']"?'' ^M- " 956. 
' Man dachte sidi daß d' P • 
im Hause weilten und es sdiützten ^T" '^^l^'^Pt^n "o* nacfi ihrem Hinscheiden 
' Ursprünglidier Sinn de^ h';'f ^ ^"'*"^ ^*^- <^«'' Indogermanen. p. 327. 

des Opfers na* Preuß, Globus 86, p. 324. 



I 



ödipus auf Kolonos 35 



Denken einst beherrsdienden Fruditbarkeitsriten auf ein verwandtes 
Gebiet stattgefunden/ ist ja das Haus das Gefäß, in dem mensdi^ 
lidies Leben emporwadist und lehrt uns dodi die Volkskunde, daß 
für ein ackerbautreibendes Volk alles GIüA und Gedeihen unter 
dem Bilde der Fruditbarkeit der Feldfrüdite, Tiere und Mensdien 
angesdiaut wird. Die sdiönsten Belege bilden ja gerade unsere 
Ödipusdramen mit ihren Sdiilderungen der Seudie, — Die ge^ 
sdiilderte Übertragung eines ursprünglidien Fruditbarkeitsritus auf 
das Gebiet des Schutzes einer Stadt zeigt sidi vollends eindeutig in 
dem römiscfi^etruskiscben Brauche bei der Städtegründung, »daß man 
um neugegründete Städte Furdien pflügte, deren Heiligkeit allem 
Übel Eindrang wehren sollte« ^. 

Ödipus ist, wie sidi aus unseren Ausführungen ergibt, ein 
alter Vegetationsgott. Zu diesem Ergebnis kommt audi C. Robert 
in seinem genannten Budie. Aus der Beobachtung, »daß Oidipus 
gerne in der Nähe von Demetertempeln angesiedelt und stets in 
Verbindung mit dien dieser Gottheit im Grunde wesensgleichen Erinyen 
verehrt wird« <S. 44>, zieht er den Sdiluß: Ödipus ist ein chthoni^ 
sdier Heros aus dem Kreise der Demeter. Hieraus erklären si6 die 
beiden wichtigsten Züge des Mythos, die durch alle seine Entwick- 
lungsphasen hindurdi konstant geblieben sind, die Vermählung mit 
der Mutter und die ^d'&i]. Daß die in Sage und Poesie unter den 
verschiedensten Namen, unter denen aber Jokaste und Eurygane 
prävalieren, ersdieinencle Mutter des Ödipus niemand anders sein 
kann als die Erdgöttin, die JtoX^wv övo/idvcov fioQ<pi) fila, liegt auf 
der Hand. . . Wo die Erde, das göttlidie Urwesen, die Allmutter 
ist — und das ist sie gewiß bei allen griechischen Stämmen—, sind 
naturgemäß audi ihre eigenen Söhne zugleich ihre Gatten. In Kult 
und Sage ersdieint dieser krasse Naturmythos später allerdings fast 
stets gemildert oder versdileiert durch Gabelung, Vervielfältigung, 
Substitution und die vielen andern Mittel, über die die Religions» 
entwidilung verfügt. . . . Wo uns also immer im Mythos die Ehe 
der Mutter mit dem eigenen Kind begegnet, sind wir bereditigt, 
in dieser Mutter die Erdgöttin zu erkennen. Wenigstens in der älteren 

Zeit unbedingt. . . , < r^ , t 

Die Erdgöttin Demeter, in deren Heiligtum die Uebeme des 
Ödipus ruhen, war ursprünglidi audi seine Mutter. Am Kithairon 
stand ursprünglidi audi seine Wiege. ... Die weizenreidie Para= 
sopia . . , verehrt vor allem die Demeter als Getreidespenderin. , , , 
Daher dürfen wir ohne weiteres annehmen, daß audi das Demeter^ 
kind von Eteonos zunädist ein Dämon der Fruditbarkeit war, und 
wir haben von dieser Ansdiauung selbst nodi bei Sophokles im 
Ödipus auf Kolonos eine Spur zu finden geglaubt. Aber südlidi 
von Eteonos steigt, ein scharfer Kontrast, das unwirtlidie Kithairon« 
gebirge empor, der Sdiauplatz düsterer alter Naturmythen, Hier ist 



1 Grimm, DM. II 957 nad» Varro. 



36 Emil Lorenz 



Aktaion von seinen Hunden zerfleisdit, Pentheus von den Mainaden 
zerrissen worden. Hier ist audi, wie wir oben gelernt haben, der 
älteste Sdiauplatz der jxa&^ des Ödipus. Denn das im Frühjahr 
von der Erdmutter geborene Kind hat im Winter Qualen und Tod 
zu erdulden. <i>. 44 — 46i.> 

Diese naturmythologisdie Deutung ist so klar und foIgeriAtig, 
daß ihr fast nidits hinzuzufügen ist, Wäre unsere Aufgabe eine 
Deutung der Gestalt des Od.pus überhaupt, so könnten wir uns 
mit den gewonnenen Ergebnissen begnügen. Wir haben es als das 
Zentralproblem dieser Analyse bezeidinet, wieso gerade Ödious 
der ehedem Gemiedene, nadi seinem Tod^ aZT j '^^'P"^' 

werden konnte, und zwar durdi eTnTn symboSl'd ?T ^f^'"t 

mit der Erdenmutter, der nur dadnS? 1 M4 ^^^'^1''^" ^"^/1 
ödipus niAt in der Heimat, die ihn tbore^n h f"" T*p"i' ^'^ 
geht, sondern im fremden Lande Die dnrr^ ' ('"4,"^"/ a"*^ f'"^ 
der Mvthen und Rränrh^ ^» ^. vergleidiende Analyse 

FrurfirkeitsdäLn ist köf 7°""'"^ Erkenntnis, daß ödipus ein 

fotlftr^luT^t^tl TensÄ^t'",^,^^"'^ '^''^'^^ 
hatte, also im ersten ÖdipusdramT mußf/ f^^^alt angenommen 
den Charakter des Frevels des Tn'..^ 1^^ ^^''^^" Funktion 

ursprüngliAe Bedeutung siA S Eem^otT"' T, ^^T ^" 
bedeutete sein Verweilen Segen für dT. T A^ T^^^"" ^^"^' 
aber eines vergessen: der Diditer hat aII a/ "l ^^^^'^ ^^^^^" ^'^^ 
als Naturmythus erlebt, die V bMun. d ^^Ä^' *" ^'* "''^^ T^*" 
aufKolonos, seine Entrüdungdasdbst ist niH^^'r' "?^^^"^Hf" 
Jahrhundert v. Chr. Er ist zu &' u "'^r^ f^'^' ^'^ das fünfte 
worden^ Der Mythus, den ^ Lr fa's seS L ^1^^'^^" ausgebildet 
Strandgut aus dem weiten Meer maS '^^^"'*t "^^^r herrenloses 
Naturdeutung, sondern ein Bild o;,t qI"- r^"*^ ""^ urtümlidier 
eines Lebens gestaltet. Fügen wir ihn 5 D.""^' '" ^^' Gußform 
wieder ein, so erkennen wir in der i^ ^'^ythmus dieses Lebens 
ein Symptom des Verzidits auf die r" (•^"^^w/^^'^S^"den Phantasie 
wir mitten im warmen Leben stehen^ f^' J ""^ ^^^^' solange 
gelten muß, der Verzidit auf die A ' ^ absolut Verbotene 

wirkte lustvolle Umgestaltung der W t!-.^!'"^"' ^^^'«^ Mithilfe be- 
botenen Charakter mit dem Sdiwind ' verliert seinen ver- 

tätigen Eingreifen — mit dem Tod u'^d"!^^^'"^^ Fähigkeit zu diesem 
Von diesem Zustand gelten die Wo t p"^','*'^^ ^^^ vorausgeht. 

^ - - • laJt l£f"" I""«*^"' mildem Wollen 

^att lastgem Fordern, strengem Sollen 
^'* aufzugeben ist Genuß. 



' »Agrarisdien Charakter« dp« ^A- 1 

zur griedi. Mythologie, p, 21, fest, '^'^'P"^'"y*us stellt sAon Crusius, Beiträge 

^ Vgl, Robert a, a. d I 35fF _ n r-. < 
ÖdipusgrabesSdiutz versprach' enfitand ;„, A^Fa' '*'^'*^^ ^""^ ^"^^^^"1 <^" 
der Böotier auf Athen im Jahre 506 ^"^*'"ß a« einen mißglüdten Anschlag 



ödipus auf Kolonos 37 



Der Scfaluß ist naheliegend: die Wertung dieser Phantasie in 
ihrem von uns festgestellten Sinn ist eine Funktion der Lebensstufen. 
In eben diesem und keinem anderen Sinne hat audi der greise 
Sophokles, selbst an der Neige des Lebens stehend, das Thema des 
Ödipus wieder aufgegriffen und darin den Helden und sidi selbst 
gereditfertigt. Eine weltflüditige und wirklidikeitsverneinende Stimmung 
des DiAters reditfertigt sidi, indem sie in dem Helden des Dramas 
die Erreidiung des eigentlidven Wunsdizieles (der Rüdkehr zur 
Mutter) in Verbindung bringt mit der Vorstellung des Fruchtbarkeits- 
zaubers, der hier ausgeweitet ersdieint als Mittel zuni Sdiutze des 
Landes gegen äußere Feinde. Damit tritt eine objektive Redittertigung 
der subjektiven des Lebensgefühles zur Seite. „ „ ... 

Wüßten wir die Zeit der Abfassung des großen Oegenstud^s 
unserer Tragödie, des »Königs Ödipus«, so könnten wir auf dem- 
selben Wege ein erweitertes Vertändnis derselben gewinnen, Uie 
Ansätze sind aber sehr sdiwankend. Gegenüber der Datierung m 
die Zwanzigerjahre des 5. Jahrhunderts (vor 420, etwa 427/ ö)m 
die man es früher wegen der Pestsdiilderung verlegte die indes 
von der Ilias, nidit von der athenisdien Pest beeinflußt ist, eine 
Datierung, die aber Bethe aus Gründen der Tedmik autrediterhalt, 
versetzt es neuerdings Bruhn^ vor die Antigone <442>, audi vor 
448, kurz nadi 457. So würde es zu den ältesten uns erhaltenen 
Studien des Sophokles gehören: es läge ein halbes Jahrhundert 
zwisdien ihm und dem »Ödipus auf Kolonos«. Der Diditer wäre 
damals etwa 40 Jahre alt gewesen. Für ein psydiologisdies Ver- 
hältnis zu dem Stoff läßt siA meines Eraditens unter diesen Um= 
ständen nidits ersdiließen. Wäre die Datierung in die Zwanzigerphre 
riditig, so wäre der »König Ödipus« vor dem Eintritt ins Greisen- 
alter verfaßt und in diesem Falle wäre die Frage nadi den unbewuliten 
Motiven der Stoffwahl einer Beantwortung wohl fähig, bie liegt 
am Wege: der »König Ödipus«, dieses Drama, das die Abwehr- 
eefühle gegen den Inzest aus den verborgensten Winkeln der Seele 
heraufbesdiwört, ist als Erlebnis des Diditers eine mächtige Abwehr 
c-e?en gefährlidie Anwandlungen von Sdiwädie und Uberdru» an 
tötiger Gestaltung der WirkliAkeit, Regungen die wir, ungeaditet 
der gegenteiligen VersiAerung des DiAters^ für ,ene Lebenszeit 
ansetzen dürfen, von der anzunehmen ist, daß sie wie beim Weibe, 
eine Alteration der Gefühle gegenüber der Realität mit siA bringt. - 
Zwanzig Jahre später war jener Protest verstunnmt. Der Odipus 
auf Kolonos legt dafür Zeugnis ab. Er darf den Hain der Erinyen 
betreten, der sonst allen verboten ist. 

Wir haben es vcrmodit, audi aus der unbegreif lidien 1 atsadie 
des Todes nodi eine letzte, vielleldit unsere größte Süßigkeit zu 

1 S^okles' König Ödipus, erkl. v. Sdineiciewin-NauA, 11. Aufl. von 

Bruhn. „.,. _ 

2 Plato, Staat I 329 C. 



38 



Emil Lorenz 



>U 



1 oaes zu einem lockenden ZiVl tu <v^^4. r* •• -»vt^ t_ 

stammt aber die unleugbare Ero ik äer^Tnd " ^^T"^""' ^° 
uns in reinster Gestalt etta hi NovaliJ P °''''J'"T"' ""' 'J^ 
in vielen Äußerungen der Itrus"ds^tn R ''"""^ "^"^ ^°'-f "fc ^''•'^ 
die im Tode liegende Ne.adon dJ R ,""'' T'«^^«^"*""- ^' 'x 

dem Lustpri^zip'ErfülI™T;Tnk^damh dl tt\ -^T^^'^* 
früheren, wesentM auf dem Lu Lrinl K ..^"^1^^^; ^"f J'f " 
günstigt und folgeriditig mit der R - jf T '^^Srundeten Zustand be- 

Aber man'kann n'i A tauf e4 d fM^J;' ^T^ '^^'^'■ 
wandelt sidi die Phantasie der RiSl ^'*^' ^°"^"- ^arum ver- 
geburt, die eine GegrnwTrkunJ^.v^^ 

der Wirklidikeit. Im Bilde eine?nf ^''f " ^'^ vorherige Verneinung 
eben nodi alles Begehrens RuLlv!" f"^""^ "^ dem Sdioße, der 

aufs neue. Das Rad des Ixion . f' ''^''"' ^"^'^^^ sidi das Leben 

DT lAion rollt weifpr 

le Introversion <Aufsurhpn ^ tt 

eine notwndige Voraussetzung derV^.'5 ^^'f"' °,^^^ ^^^^^^> '^^ 
und diese ist eine notwendige V ^'"^^''"'"^ ^^^'^ Auferstehung/ 

sdiaffung des neuen Mensdien^ « ^''^^^^^^zung der mystisdven Er- 

Ein paar unsdieinbare Motivp =• a , 

handensein audi dieses letzten Si u ^^' ^^^ ""^ ^"f das Vor^ 

auf Kolonos« zu entnehmen i.t ?■ ^'""^^'sen, der dem »Ödipus 
derung der Ördidikeit, an der Odin ^'""^ enthalten in der Sdiil- 
nimmt, um dann für immer 7i. ,^"1^°".^^'"^" Töditern Absdiied 

Es bedarf keiner Erläuterun !? "'' 

Stufen und was die hohle Öffmfn ^^^ j Sdiwelle mit den ehernen 
deutet, mag jene audi nadi Robert/" A*^'" Zusammenhang be- 
grenze von Attika vor der Fim.l t -t,^' ^- P' ^5) ursprüngliA die 
haben. Zum überHuß hören ^r ^„1'^""^^^°" Eleusis bezeidinet 
Stein und von einem hohlen Birnh^?,^ "°/^ ^°'' '^^^ thorikisdien 
O. Gruppe^ aufklärt. ^'^-nbaum, über deren Bedeutung uns 

Der thorikisdie Stein <p 366v » -). - 
unmittelbar abgeleitet ist, hat außer d '*"''"''''' ^°" ^^^ der Name 
nodi die spezielle ,bespringen' und d,v ^"''^/""Slidien Bedeutung 
^oe^xos werden sogar in der erhaltenen ^''^^"Slieder ^oodg und 
Beziehung auf Samenerguß und SaL ^"l^'^^^i' aussdiiießlidi mit 
also die Stelle des Samenergusses t?d F^^^^^t. Qoqikov wäre 
der dazu gehörige Stein oder viellei^. /'^o'''°^ ^^^^og entweder 
zu ^OQiKO, madir. Der Name kftnnf .T"' ^^^^"' ^^^ die Männer 
tffl^^Der SdioL Lykoph. ''^^^\l^^^--^^ni ^}n.nUy.hos 

vgl, löBa'zir- Un'pfJZ f'^^sa'Vc^V'^l '^"'^°"'^- ^'^ ^^H, p, 194, 
Vgl. oben p. 24. ^ "^' ^'orsdiungen. IV, 266 ff 

^ Die eherne Sdiwelle »m^ j < 
XV, 359-380. ""<^ ^er thorikisAe Stein, Archiv f. Re.igionswsA. 



ödipus auf Kolonos ^^ 



a:tsaJ„B <[semen eiecit] nämlid. Poseidon) .a. ^^goglnv^^og 
mX{^sv ö >tai SKSVQCOvltvg Xeyofisvog . . Ohne Zw.fel kann nach 
Poseidons ^oQog <eiaculatio> die Stätte&oQim^ genannt sein Zweitens 
könnte die Wiederherstellung der gesAwäAten Zeugungskraft, d,e 
siA die Männer von dem Itein versprachen, diesem den Namen 

^^^TLsIrXSeVirkung wurde nach Gruppe <ebd. 
375 f>dem Birnbaum zugesArieben. »Ein vonHaupt, H^mes 1870, 
355 heraTsfrebenes GediAt nennt den Birnbaum, wohl mit Rud.. 
siSt '^uf sS Priapismen Eigenschaften, BacAi mm.ter, ^onst smd 
diese iedod. ^^h -r^-- ^^^^^^^^^ 

rbt^darS £" He^a'^ Argos aus Birnbaumholz gefertigt zu 
haben (Paus 2 17 5), weil dieser Baum oder seme FruAte an. 
g bS cheTen^Mche Artpflanzungsfähigkeit ^f^^-"^;^ 
Kiirmethode hängt woh damit zusammen, daß der Birnbaum gerade 
^ Alter besonders fruAtbar ist, während anfangs seme Fruchte 
Sd.t abfan?«. Man stieß in den Stamm -e" -e™e\ Pflod. 

der später allerdings durdi ^5"^^^^°!^^.^"^;^ ^^^f ^ J"/ ™f wi™ 
versAmiert wurde.« »NoA jetzt gibt es »^Oj'^^^ St^'"^,' ^l^n ' 
unfruditbare Frauen siA setzen um Kindersegen zu erhalten.« 
^GniDne ebd 378 nadi Goldziher.) 

^^ &as Steinsymbol ist ein Thema für^sid, ^^ kann hier kaum 
berührt werden. Es hat vielleiAt ebenso oft mann iche wie bei ande e^ 
Gelegenheit weiblidie Bedeutung, In jener finc^et es sidi in unserm 
Se'lA verweise in unverbindHAer Form noA auf die IntiAiuma^ 
Zeremonien bei den Stämmen in der Nahe von Alu^e Vi"§ - 
>fbei denen man die SAiAsale der Vorfahren mimisA darstell und 
dadurASr den NaAwuAs der Pflanzen und Tiere zu sorgen glaubt. 
Die Stellen, an denen die Ahnen einst in de Unterwelt gegangen 
smd shd c^urA große Steine kenntliA. Ein häufig wiederkehrender 
Z"; es nun daß man durA das Reiben dieser Steine gewisse 

malsAe Wirkungen ausübt. Man streiAt sie z.B. mit Zweigen, 
um^ für das WaAstum zu sorgen, oder man reibt diese Zweige 
Tan an den Magen von Stammesmitgliedern, damit diese m Zu-- 
clann an ueu ivi g verwendet kerne Steine m derselben 

wl'zur Sätk™/. "- Neblnl.eid,endc„ Zügen „habe,, wir 
£' dgent i* d 'wfsenriiAen Motive des MytWs von Odipus auf 
nier eigouuu VersAwinden der Ahnen in die Erde, 

^efaTderTeTeSentel^^^^^^^^ und den 

""'^''mufigl^der Stein aber als weibliA aufzufassen. Aus Bäumen 
oder Stdnen (am ÖQVÖg V ä^o ^hqni) sind naA dem ältesten 
Glauben der GrieAen die MensAen entstanden. Berühmt sind die 

^^icrkan dt, DieAnfängc der Religion und der Zauberei. Globus92,p.24. 




Ä" ikTs >>ten v" • ^I ''fF ^'^^' -f ^- ^^---^ Kröte 

Die SvmSnlnf T '^t''" ^^""^ hinzuweisen, 
nung aif dereZr«? > '' i^'T" .^*^^"^ ""^ ^^^ hohlen öff- 
Birnbaums auf Zlt % ^'' .^°f '^^^n Steins und des hohlen 
Bilder, r denen siÄ7i''n^'"^-^rS^ ^^^--^^ten als die 

sehnsuAt der Wun.d, t Vy^^^'"^V"S einer absoluten Todes- 
eigener Kraft vXna'^ V Wiedergeburt dürdi eine erneute, aus 

n^itdung zwischen den K ^'"^^"^"^ """^ "^"'^'"^ ^""^' ^''^ ^'''' 
das nfusTer M„2 "^f 7°'''^''^""^^'^^^'^^" ^^^ Eingehens in 
VersA^den des Odin." t"' "f"^" Beugung bilden die beim 
-ie wir ihn"obt\?ge5euteThre^ DonnersAläge in dem Sinn, 

Gebiet '"drOlauhtn". ""''/ UntersuAung letzthin ein in das weite 
die von D eterTch' r.l'" ^'^ Wiedergeburt. Mit dem Hinweis auf 
psychobgi eh betnÄ^ions^^ von Jung^, undSilberer^ 

von wesenhS Bedeutu^^Tt'"' "" ^''" ^'^^^" Vorstellungskreis 
' a. a. O. 




Das »Schauspiel« in »Hamlet«. 41 



Das »Schauspiel« in »Hamlet«. 

Ein Beitrag zur Analyse undzumdynamisdienVerständnisderDiAtungi 
von Dr. OTTO RANK. 

Nadi Freuds Deutung wurzelt die Unfähigkeit Hamlets, am 
Oheim Radie für die Ermordung seines Vaters zu nehmen, 
in der »Ödipuseinstellung«, die ihn hindert, den Mann zu 
töten, der in Erfüllung seiner eigenen unbewußten Wünsdie semen 
Vater beseitigt und bei der Mutter dessen Stelle eingenommen 
hat. Das ganze Stück besteht eigentlidi in nidits anderem als m 
kunstvoll durdigeführten Verzögerungen dieser vom Helden ge- 
forderten Handlung, die sidi erst am Sdiluß, in dem großen all- 
gemeinen Sterben, sozusagen hervorwagt. 

Idi mödite nun zeigen, weldie Bedeutung dem vielbesprodienen 
»Sdiauspiel im Sdiauspiel« in diesem komplizierten Apparat der 
Hemmungen und Verzögerungen zukommt und wie es, von diesem 
Standpunkt betraditet, geradezu der Höhe» und Wendepunkt der 
dramatisdien und seelisdien Entwicklung genannt zu werden verdient 

Nadidem Hamlet, der zunädist nur über den plotzlidien lod 
seines Vaters trauert und über die rasdie Wiederverheiratung seiner 
Mutter empört ist, vom Geist seines verstorbenen Vaters dessen 
Mord erfahren hat, steht die Radie am Mörder als sem einziger 
Lebenszwedi bei ihm fest, Er tut aber gar nidits zur Ausführung, 
sondern heudielt bloß Wahnsinn, angebÜdi um ungehindert einen 
Plan anlegen zu können, der aber nirgends in Ersdieinung tritt. Im 
Gegenteil wird der Held erst durdi die Ankunft der Sdiauspieltruppe 
und den ergreifenden Probevortrag des Spielers daran gemahnt, dal) 
er bis jetzt anstatt zu Handeln nur — wie ein Komödiant — ge- 
spielt habe, indem er einen Wahnsinnigen agierte. Stärker als diese 
äußere Beziehung wirkt die inhaltlidie anfeuernd auf Hamlet, Uie 
Rede des Sdiauspielers behandelt nämlidi die grausame lotung 
eines Königs (Priamos) und den Sdimerz seiner treuen Gattin <Hekuba>, 
dessen bloße Sdiilderung den Vortragenden selbst zu Tranen rührt 
und den Prinzen so erinnert, daß er viel mehr Grund hatte, um der 
gesdiehenen Taten willen <»um Hekuba«) seine tiefsten Leiden- 
sdiaften in Handlungen ausströmen zu lassen anstatt mußig zu 
bleiben und zu träumen. Es gelingt aber niAt, ihn durdi diesen 
vorgehaltenen Seelenspiegel zur Tat anzuspornen, sondern er bringt 

I Vd Freud, Die Traumdeutung, 1900, p 183 f. Anmkg^ <4. Aufl. 1914, 
^ lOOf/ßank Der Mythus von der Geburt des Helden <SAriften z. angew. 
p. lyyr,;, Rann, lo^es, The Oedipus--CompIex as an Explanation of 

Hatfe '^Myste^' (IZcl: }onrn.\ of Psy/ol. vol, XXL Jan. 1910 DeutsA von 
tiamiet ^. j^yj^;yp; < . ^^^ Hamlet und der Ödipuskomplex. SAriften z. ange- 
L^drieeSunÄ" V P-f.S. Freud, 10 Heft, 1911.) Rank, Das Inzest- 
motiv in Diditung und Sage, 1912, Kap, II und VI. 



42 



Dr. Otto Rank 




-audvSztm.rl* ^'^'^^'•^^esnügte, eitlen Wahnsinnigen zu spielen 
auch jetzt nur zur Nachahmung des Schauspielers^ indem er 

Un'd S ^T'Fri "'^'" He;zttllr " ""' 
rfui drüber! ' 

Ermordung seines'vaters d'lr!.^i"^j^t^"^P'^' '" '^^"^ ^^^' ^^^ '^''^ 
Verrat seiner Sdnilrl K.:„ »"°' ^^" zusehenden Mörder zum 

Aufsdiub seiner Aktion d?!! Au ^"^leidi sudit Hamlet diesen 
der Vertrauenswurdipkeit d O ' ^^^^ werdenden Zweifel an 
indem er von dem unfreiwillfJ ^-'^'sterersdieinung zu reditfertigen, 
die für seine Tat erforaTÄ ^''^.'^"''^^"'^" Geständnis des Mörders 
das SAauspiel durA seinP \Y?^, '""^'"^ Sidierheit erhofft. Daß ihm 
versdiafft, er aber trotzdem f-"!"^ f^^ ^™ König diese Gewißheit 
beweist wie sehr seine Skr-^ I '^ A^'^^' ^'^ Radie zu vollführen, 
vorgesdiohenen Sdieinpründ^n ."" Bedenken nur stets aufs neue 
eigendidie Ursadie seine" hL'P'^"^^"' ^'^'^e die ihm unbewußte 

Läßt man sidi vo^ JT "^ vertretend 

und des Dieters nidtt verStp"n ^^"^0""^^" Tendenzen des Helden 
Wirkung auf den König und .'( n ^^a^spiel lediglidi in seiner 
zu betraditen, sondern faßt^c Beweismittel für dessen Sdiuld 
selbst ins Auge, so läßt sidi d.'.l '^"'.^" Beziehungen zum Helden 
geheimen Medianismus des drI,?!-T "^ues Verständnis für den 
gewmnen Wie der Vortra. de.^l ''^'" , ""^ seelisdien Ablaufs 

" ■ ' ■ Rad>e säumiin^T'^^'^'-^ ^°" ^^r Tötung des 
^ip| ,,^. j '"Ä^" ^ohn an seine Mission gemahnt, 

lg seines V: 

en und die 

-mand sidi 

>let soldier j 



. . «^er Kache säiimitr., -— i-^-itis von aer lotung ae^ 

so soll das Sdiauspiel von 5^?" ^°)" ^" ^«^'"^ Mission gemahnt, 
ntdgedrangten Radieimpul Zs2 1'^!''^ ^^'»^s Vaters den zu^ 

Tat auslosen helfen, etwa I ^^f^^en und '^.■" J-.u^..4. 

Mut zu einem Mord madit7' Vr ".?^, J^'^^n^ s 
immer wieder bedarf, zef.t niA^''^ ^""'^^ ^°W 
allgememen, sondern an^ < ""'" ^er Verla 

so besonders in der Un e^dun"^'"^ 1^^"^" '" ' 
die Ersdiemung des toten vZll'T'^'^ Hamlet und seiner Mutter, 



Auft^ten J- \" ^'^^^ P""ktion hat !^^^' ^.^^ ^^'^ Geistet^rsdieinung 
Auftreten direkt verrät <»Räd,' sdnen \''', ^"* ^ei ihrem ersten 
Inhalt de? SntT"^-^"^ ^'^' voTan e ne V"^.""^^" unerhörten Mord.), 

Wn diAt'e stVNS''"^^;^Ä^ -^'*^ ^- ^-f " 

" iNebensmn hat de 5 \orwegnininit, was den 

— ' " ^usdiauer zu informieren, 

^ Dem er übrigens den Ä 

Rede des SdiausoieWe ,.^j j. ''„Jones /[ „ j„ » . wv< .. ,. 

duspieiers und die FortinbraslE ^sod ^' ^^^ 



Das »Schauspiel« in »Hamlet* 



43 



da ja die eigentlidie Aufführung durA den »Ibykus«^Verrat des 
Könii-s unterbrodien wird. In der Kette der gegen Hamlets Hem- 
mungen versuditen Stimulantien bildet diese Pantomime n,At nur 
zeitliA sondern audi psydiologisdi das Mittelglied zwisdien der 
Priamosepisode, die dem Prinzen seine untatige Anteihiahme zum 
Bewußtsein bringt und dem eigendidien Sdiauspiel, welAes ihn un- 
mitTelbar zur RaAe treiben soll, indem es ihn gewissermaßen zun™ 
Augenzeugen des VerbreAens maAt'. Die Pantomime versuAt es 
Vorfe sofusagen noA einmal mit den milderen Mitteln einer boß 

bildliAen Vorstellung <naA Art ^^'"^^^^-^oT^'^^V °^''J'3e 
Phantasie), während die beredte Aktion des SAausp el - zu der 
Hamlet selbst den wesentliAen Teil des Textes beis euert - als 
toes und kräftigstes Mittel in der Reihe ^^^^^ ^^^ ^^ 
Daß es dennoA die dem Helden die ganze Zeit über sozusagen 
^ der Hand^uAende Tat "iAt auszulösen vermag hat versAjeden^ 
Gründe und Folgen, denen naAzuspuren für das Verständnis des 
feineren Aufbaues der DiAtung niAt ohne Wert is . _ 

Der Hauptgrund ist, daß die Ermordung des Königs im S Aau= 
spiel niAt bloß' dem Mörder seine Tat vorführen ^«»'/«"f^^ ^^ 
hkiter einem doppelten Boden eine andere geheime Bedeuung ver- 
togt. Dem Helden, auf dessen Veranlassung das SAausp.el arran. 
giert wird, stellt sie nämliA Ae Ausführung seines gehemmten Im-- 
pulses vor Augen, indem sie die von ihm ersehnte Tötung des 
gegenwärtigen Königs, seines Oheims, als gesAehen darstellt Da« 
def im SAauspiel ermordete König niAt nur Hamlets Vater re- 
präsentiert, sondern auA seinen Oheim <und Stiefvater) ist naturhA 
an der Figur des SAauspielkönigs selbst niAt zu erweisen in dem 
fa beide Saiten ineinanderfließen. Dagegen ist es mit aller wunsAens- 
Herten DeutliAkeit in der Figur seines Mörders ausgesproAen, bei 
dessen Auftreten Hamlet den ZwisAenruf maAt: =^Das ist ein ge- 
tisser Lucianus, ein Neffe des Königs, und damit Ae Identität 
sdner Beziehung zum gegenwärtigen König herstellt^ I" der Rede 
des Sd^auspielefs ließ e? siA seine Aufgabe an einem klassisAen 
VorWd exemplifizieren, in der Pantomime laßt er siA gewisser- 
maßen zeigen, was er zu maAen hat und »m SAauspiel soHen 
Wort und Tat zusammenwirken, um ihn zur NaAahmung des 
Vorgestellten zu bringen. Aber wie er siA vorhin bei dem Bei- 
spfef von Priamos Tötung mit der den SAauspieler imitierenden 



< c L f • löftt- Apr Diditer knapp vor dem Schauspiel den Prinzen im 
Gesprä^'tit 0"ph'eÄ t Tod" eine/^aters in unmittelbare zeitliAe Nähe 
(jespracn mii p ^^^ ^^^ ^^^^ ^^^^ Stunden«. 

'""^^ /o'iese Sentirät vermag eine kluge Regie, wie ich es gelegentl.A gesehen 
u u A H, rrh zu verdeutlidien! daß der Mörder, dessen »schwarze Gedanken« 
habe, c^adurA zu ^f™™"' .' ^^ Kleidung auftritt, die bekanntlidi Hamlets 

'" v' m'wÄ des ganlen'stkes ist. ^Man ve;glei<he auA die (^arak- 
tS uL tn Priamos' Mörder, des rauhen Pyrrhus, >dessen düstre Waffen, 
ch warf wie sein Vorsatz glichen jener NaAt . . .. etc. 




wS ^SieLTT^ ^;^""^i^' A"" ^^Snügt er siA nun mit der 
z^T^t J^ il"x Ermordung des Oheims, anstatt aus ihr den Impuls 
nunauA^iÄf "■ ^a'^it ist Hamlet der VerpfliAtung, die ^Tat 
er dS Klli j t ^''"i '"' ^'"^'' '^"''^°^^" ""'^ t^f^ädiliA vermag 
SAauspiei?r.n;? '"n f" '^'.'"' ^^" '' unmittelbar naA dem 
indiSr Bewk fr ^^"^^^^ül^.f ''«sAt. Ein weiterer, wenn aud^ 
KönS L Sd. ' "i I w'^'f Auffassung, daß die Ermordung des 
rondfrn Ist .3 "''"'^'' "'*l ""^ ^" ^^^"^r Tat anspornen, 
zu e biidfen dS mifd ' w''" '°"r '^^ '"^ ^^^'^^'^^" ^es Claudius 
spiel ehVst verläßr t*? ^°'''"'- ^^L^^^tet mir! fort!« das SAau. 
Szel fl 3),! "S ^I' seinem Wiederauftreten in der näAsten 
zweideuüg vLr£ "'^^ ^°' ^^^^'^en AnsAlägen Hamlets un. 

wt;"f?ei'ti; w' r* ^^^i!'^ ^"^ "- «'^^ -'^-■•' 

wenn rrci sein Wahnsinn sdiwärmt.« 

Siden^Frlundelostrllcrf ^'^'''.*<^" ,?'^f^°^" "^ B^s'-^ung seiner 
geheimenXLg ihn a "%""^ "^^ England mit dem 

Hamlet aber S'ls V.r ^7 ^T "" ^*^ff^"' w^lAes Sdiid.sal 

betonte, skrupellos zn kL'i ' "^'^'^ ^at wie sdion Freud 

eines äußeren' Ansporns Tv'V^r^^/-- *^^ ^'^^^'- "^ ^^ ^^^^'^ 
Norwegerheeres von Fortinbra. rip/'^-l Tl*^'"A ^'"'''^* geopferten 
zu aditen. ^ort.nbras, der ihn lehrt, Mensdienleben gering 

selbst IuMtfe?efisriäß?sfr^'^^" imSAauspiel mitHamlet 
entwideln, weldie die na di hl T ^'"f ^^!^^'^ Bedeutung desselben 
niiniert. D^r faLe KoitfliI r^' T^^^" ^^'skeit Hamlets näher deter. 
ambivalenten ISw^L'^^V^^^^^^ Y^' entspringt ja seiner 
zu töten verma? wpZp. ' ^^''^ufolge er den Mann nidit 
Der Mordimpuls .eTpn/ 7"m ,"^f"'" KinderwünsAe realisierte, 
das Kind b7tr Mutter r^-n^'"^"'^'-' ^" dessen Stelle siA 
durdi alle bewußten Sknn?" ""f 'l' ^' 1^^"^''*' ^er bei Hamlet 
hemmt ersAein", weil er s?e L "auf Zf^T^'^'^ Gegenimpulse ge. 
Begehren heraus sAweL er reAt . .'1""^ ^^"^"- ^"^ ^'^^^"^ 
Vatermord, den Cla2s Sri "^f"^''* im Gedenken an den 
Ermordung des äen Pr Lmos vor J°l."''"^' ^^'' ^^^' - ^^^ ^'^ 
vorführen, das die ErmSm/f ^^ w'''^" ""^ ^'^^ SAauspiel 
selbst in der Rolle des Se"UTn ^^^^^^^-^erholt und ihn 
an dessen Sdiuld er nidit zweiS i'^'T] ""^ "^^^ weil Claudius, 
nicht zweifelte, überführt sAeint, gerät Hamlet 

t2Z''\'^\''''^^^^'^^^^^ ^=" Claudius ~ neben 

Ä nr "j. 'h '° gefährlichen Hamlet ,„\ ^^'- ^^ ~ '""^^^ Hemmungen ab^ 

tTl W K^l^i"*' "^'^ ^'* des Lames m,ri"T"; ^^"^ ^'^^^^ «^'i^ßl'* ^oA 
heimen Nebenhoffnung, so aud, diesen F. "^ , ' ^^'^^^^S bedient - in der ge- 
deud.A ausgesprodien <Laertes: ." ITk~°-'''^1"^''' ~ ist in der Duellszfne 

■ • • des Königs Schuld, des Königs!.). 



Das »Sdiauspiel« in »Hamlet« ^^ 



naA dem SAauspief, das mit der Ermordung abbridit, in die über- 
m tigste totte Laune, die keiner der mir bekannten Hamletdar. 
S er s; ineisterhaft zum Ausdrud gebraAt hat w Bassermann. 
Es ist der Triumph über den Tod des Vaters der s.d. dieses eme 

durdi die manisAe btimmung, aie _^ 

unbewußte »Gedankensdiuld« ans LiAt. die Hamlet in 

(IIU ^' f *'"'T°"^L 1° unbewußte Begehren nadi dem sexuelen 
^StTkZjt TrtebtaT zur B«W.„g des Va.ers wk.. 

s, Nun tränk idi wohl hdß Blut 

lind täte Dinge, die der heil'gc Tag 
MtsXudern^äh! Still! letzt zu meiner M 

.. O Herz, vergiß niAt die Natur! ^ Nte dränge 
■ • Sieh Neros Seel' in diesen festen Busen! 

Grausam nicht unnatürlich laß midi sein, 

Nur reden will idi DolAe, keine braudien.« 
MU diesen Wo«„ ..ah« ^ "-!« zur M.»j..n^^s^^^^^^^ 

gebote^^ch^int ^^^ Sdiauspielszene einer fortschreitenden 

< A . u .,,r Ämführun? seiner Radietat bedarf, so 

'"'^Tun^al dÄr aävfÄn größtmöglichen Annähe, 

r dieselbe eTne Reihe^ von Hemmungen gegen den damit frei 

rung an dieselbe, eine jxe. ^ Ansporn stark 

gewordenen Inzestimpuls 51"; .^^f ^^ J.jben, so sAeint jetzt keine 
genug war, um ihn zur Mordtat zu tre , ^^^^^^ ^^^ ^^^ ^^^ 

Hemmung ^^^^^S §^"1' "";:halt des Ne als eines nidit nadiahmens. 
abzuhalten. Da ^f^^^XnLr^^^^^ muß Hamlet auf dem 

^erten Beispiels dazu offe^ba^n^ ,^^^^^ ^^.^^^ ^^^^^ 

Weg '^.'^f^^ZZ7nA^^\^ra die Irrealität der eben stattge- 
äeUl^ordsS"!.^^^^^^^^^ und den er trotz günstigster 

' TT 9i«rP hatte ilin sdion der Geist des Vaters gewarnt <I, 5): 

»Befleci; Sin' HeTz nldTt! dein otüt ersinne nidits gegen deine Mutter. 



46 



Dr. Otto Rank 



iifl 



Gelegenheit mdjt zu toten vermag. AuA hier weiß er seine Hemmung 

TLutT^'^f?' ^^ ^^"'^f'^'lr'- ^'^ ^' ^ie »Mausefalle, des 
htriZt f r '^" '" ^T Vertrauenswürdigkeit des Gespenstes 

teder im Gebef zu Ste^ t X^ilfe'"'''^^ \^^-^^ '""'^T '^" 
r^ 1 I . < ^'^^"- ^'^ Will eine seiner Ans cht nam peeii?^ 
netere Gelegenheit abwarten: ^nbiau naui geeig 

»Wann er berausdit ist, sdilafend, in der Wut 

In seines Betts blutsAänderisAen Freuden 

Beim Doppeln, FJucben oder andefn Tu; - • 

Das keine Spur des Heiles an sicfi hat." 

Audi in dieser sonderbaren Rp^h^■f«^^• r , 

auf die im SAauspiel voVogte Tnt^f ■'^"^"^ 'f ^^" "'T^'^ 
Königs und seines Mörders da H.i^^f^'^T."^ ^^^ ermordeten 
nur vollziehen will, wenn sidi di^..? ""^ r .^^"^^ ^" demselben 
in der er sein Opfer zu Tode r "f ^^^^^^^ 
Sdilafgemadi der Königin wirkt ^U Unmittelbar darauf, im 

losigkeit gegen die Mutter de h? T"^' HemmsAuh seiner Maß^ 
Polonius, der sidi durdi ein GeränlT" ^'"^"^ Vorhang lausdiende 
die Tapete hindurdi erstodien ^rd 7"''^^ """^ ''°" ^^"^'^^ ^""'^ 
mutet <»Ist es der Koni??« ~~ vj^k' t ^''/" >l^"i den König ver*' 
Es ist dies die in ihrer Aktivität am^- * *"""■ '"^" Höhern« i>, 
an seine Tat — in der wirklidien T^^f *^^"^" gehende Annäherung 
ausgesprodienes Vatersurroeat uuA ?™^^ eines Mannes, der als 

- in der die Wirkung der Hemmun. 5!■'^'^^^' K°"i§s auftritt^ 
madit, daß er ihn ungesehen tötet uJ ^!f r * dadurdi bemerkbar 
sein will. Zudem bringt er dieses Surr ' ^'^ ^^'^°" "'^^ ^^^' 
Ansturm der auf die anwesende M.rtP^ l^'"^^ ^^^ ""i" ""^^i" ^^"^ 
Stande, die seine sonst so sdiarfsinni^ V t)ezüglidien Gefühle zu» 
empfängt audi für diesen Vatermorrf"/'" "*^^ verdunkeln, und 
von dem ungehemmt Radie heisdiend Q Sebührende Todesstrafe 
Laertes. Aber nodi eine dritte Hemm ^^^ Getöteten, von 
über maßlosen Leidensdiaft wird einTlfi f^'"^^ ^^"^ Mutter gegen- 
Vorwürfe, die Hamlet der Mutt^r^ ^'i'"'" ^"^ ^^^ Gipfel der 
eklen Paarung mit ihrem Lumoenkön'^ """* ^^ er von der 
einen Augenblick — nur ihm siditbar'^ "F"'*^' ^^ ersAeint für 
<ohne Rüstung), um ihn zur Milde mir^ ^^ ^^'«t seines Vaters 
am Oheim zu mahnen. Damit ist eic? w-Z'' .Butter und zur Radie 

"^'"^^'^ die Handlung auf dem- 

^ Diese Hin\reise dörfte m-,^ 

GeSar roX '^ i"" ^5"'^ "'*t anwese„5t;^' ""'"/'''■ ^^nn eigentlidi muß 
Sn ^3^^f «"""<! würde auA beim Hilf.r Vi, ^\^^^ '^n kurz vorher im 
lähren/.? "l '"«-^'""' ^^"^^^^'»^ von früher KT,t%^'^^« 'J'^ Stimme erkannt 
Z^^'^^'^^'/f'' Kon>g „icfct bemerkt hatte ßf ' ^^ <^^n P°Ioiius als Lauseber, 



.in«. ^<,-^»k " "cinerKt hatte n.-^^ ' "■-" '^"Jumus ais i^ausoier, 

""^'Iftte™ J^dttf atte^Dieser sagt übrigens <4, 1>: .So war 

Brutusümgebra4tvrird,wieerun^itSarvorH/?lP'*'' ^^'^ ^on seinem Sohne 

ieii>arvordemSd,auspieIdem Hamlet gesteht <8/2). 



selben Punkte angelangt wie zu Anfang bei der ersten Ersdieinung 
d s Geistefvor kmkt <l 5> und der Held unternimmt von da 
an tatsädilidi auA nidits mehr zur Ausführung semer Tat; die ihm 
2S^Zl einen bloßen Zufall ermögliAt wird -n6^^^^r^ 
da nur als Sterbender zustande bringt, ^as ,a d e -^oXtTlü 
liAkeit aussAließt, siA selbst an ^le SteOe de Ermordegn zu 
setzen! Z^isdien der ersten und zweiten Eisdieinung des Ueistes 

jtTJ i?ß Hamk den fönig Claudius naA dem SAauspiel 

wfrkliA töten muß, niAt nur . im Spaß« ^^f '^.f?^^^^^^^ 

tut es, indem er wenigstens die harmloseste Vaterhgur, den roio 

"'"'' Und doA trifft er in ihm gerade die für die Situation ent. 
sAeidende Vaterrepräsentanz. Denn die drei Vaterfiguren, die hm 
nadi dem SAauspiel in der R-ßtmögliAenAnnaheiyng an seine 

ts:^TirtX^ Mo£n ^nod. ^^^/*- ^-t 

dal) Polonlus der Vaeer ialexodicn '^'/,.^"'Vf'''\ ^„ ße- 

auA Goethe) ^ngedeute und die psydioanalytis j ^„^ 

Dramas «äher gezeigt <Rankn.^^^^^^^ ^^^^^^^ ^^^ 

Hamlet ist Polo"'"^^!^ ^^^Xlfa die er strenge zu Tugend und 

sporn Wets^zur laj,^de^^ ^^^ p^^^^.^^ ^^^^ ^^^^^.^^ j^^^^ h.ngev^.esen (p. 55>. 




48 



Dr. Otto Rank 




den analytfsA aufgedele^' w" ^^^'"^^ !." verschmerzen, wählt s e 
fiziert sit+i <^plKcr ^. " . ^^" Weg so mancher Psychose und identi- 

SieLn t:fßf b^au^rDt W '';^^" ^^^•^^Tf ' -^^^^"^ ^'^ i^" 

sie Hamlets Wahnsinn cfpn !; ^^^ntihzierung erfolgt einerseits, indem 
ist er es ja auch - ?^itrt 17 '*' ^'5^* " ""^ ^'^ ^^"'■°^' 
züAtige Reden gebraust wt Rf' ''1 '"^^"^ ^'^ '"^ Wahn un. 
Stellung. Auch daß srl.THiLu b '^' m^'f'\T ^^'"^^ '^'"' 
Gemütskrankheit verfällt maJti ^ ? ^?^ ^"^ ^^^^""^ *" ^'"^ 
DiAter beabsiditigte kenntiTch ä'^T ! ^^^^^'f^'^^^^ng als eine vom 
das kcusdie Ge/enstück . r r ^^^^^ ^""^^'^^ Seite soll sie, als 
gehende Treue des W.ib *^^"'""^e' die über den Tod hinaus- 
verfällt als den Geliebten^V..r"'"^*"''W^^' ^^^' ^^"^ Wahnsinn 

Für Hamlet selbst ist Onbl- °'' 5^^""> ^" verraten, 
und in diesem tieferen Sinne bK"l T .^^^^''^^r Ersatz der Mutter 
Vermutung: »der Ursprung- . !l R °'°"'"s dodi Redit mit seiner 
erhörte Liebe«,- denn dies ver" <- ^^'"" ^°" ^^'"em Gram sei un- 
treten, daß ihn die Untreu? A T^ '^ ^^' seinem allerersten Auf- 
selbst irre gemadit habe VnnA "ff ^" ^^^ Welt und an sidi 
Andeutungen der IdentifiziernL zahlreidien und oft sehr feinen 
wollen wir die deutlidiste hervnTl ^P^^''^ mit Hamlets Mutter 
5diauspielszene zurüdcführt Be ü tt' ^^'^ ^'^ ""^ wieder zur 
er übrigens genau wie seiner lUM^f" ^"terredung mit Ophelia, der 
nzest p 59), wird Hamlet von pT ^^"^*heit predigt <vgl. Rank, 
Unterredung mit der Mutter i H a ,^ belausdit - wie bei der 
wart der Mutter und nidit schon k ■^'' d«" Lausdier erst in Gegen- 
soll die ihm zugeteilte VaterroHp H ^T^"" ^'^^^"^ Vergehen straft, 
cl'',"? ausgesprodiene Phan l.i. ""^^^ gegenüber unterstreidien. 
^'"pSAIafgemad. der Mutter dS7°"x^''" B^^^usAung des Sohnes 
auf Grund der Identifizierung mt /" \T' '''' ^"^fytlsA als eine 
der kmdiAen Urphantasie auiu^.. "" ^^'^' ^^o^g^e Entstellung 
m. SchlafgemaA belauscht. Daß die,'"' ''°"^* d^«" S^hn die Eltern 
mäßig ausgeprägten ÖdipuskomDlef ^^-l*" Ausdruck eines über. 
Art vorgezeiAnet fände, würde Irp ''? «"^ Stücke auf diese 
^^^udsdie Deutung noch glän-r 

handelt, braudien wir fl?rf>+ '^^^'' ^^^^ausdiunjr« fm r- < 

Diditer verwendLr <? ^ ^f^^ ^" ersdiließen ? 9''""1.^ "" «^^^ Sexualakt 
cfes Saxo kÜi R j^^^^"^"^"e <leut(icf, 7 ' ^""^^i"" fin<Jen es in der vom 
MenG^nußt'fi ^^ 0"'^' ^^^ Seit vT'^^f"' ^^adi der Erzählung 
E7mahnun^ apci^"'.^'°''^ ==" stellen dlvJ" i?^"''^^« Wahnsinn durA sinn^ 
™eS F T?' ^l" H^nilets F eundP "^* ^'^ Nadklang im Drama die 
und alein ..^"^ ''^c'^^I^« ^ie zufällL A '■?" ^" Lust und Ergötzlidikeiten 
s^ n Verhatfet \ ^'^^"^ *« Spähe 'sicT" '"1S"V ^äddien zusammengebracfit 
Sene Stet '" ^^°\3*ten. Hamlet ^^.1 '"i 9^^:,"«* verborgen halten, um 
Sheit an Rpr '.' ""^^'^"^At den BeisAff ''^.°* '^^^ Mäddien an eine abge- 
mndtieit an Bekannte zu strengem SHIUA """^ "^^r vollzieht und die ihm von 

<Kank, Inzest, p. 225.) aus&ten ZusammentrefiFens mit Ophelia . . .« 



.311 



Das »Schauspiel« in »Hamlet« 49 



zender bestätigen <vgl. Rank, Inzest, p. 61, 224) wenn sidi eine 
weniger entstellte Form dieser Phantasie aufzeigen lieRe. Dies ist — 
das Sdiauspiel. Hier ersdieint Hamlet tatsädilidi als Zuschauer 
der ehelidien Zärtlidikeiten seines Elternpaares. <Besoiiders in der 
Pantomime wo nadi der Zärtlidikeit mit dem ersten Gatten und 
dessen Vergiftung nodi die erfolgreidie Werbung des Mörders um 
die Witwe dazu kommt, ^> , , . , , . _, . 

Aber selbst der vom Sohn beobaditete Akt ist, wenn audi in 
entstellter Weise, so dodi in einer allgemein mensdilidien Symbolik 
angedeutet Denn die sonderbare und auffällige Art der Beseitigung 
durdi Einträufeln von Gift in den äußeren Gehörgang erklart sidi 
nur aus der latenten Sexualbedeutung der Szene, der diese Elemente 
angehören. Die Bedeutung des Giftes als Sperma <SAwangerung = 
Vergiftung) ist nidit nur aus der Märdvensymbolik, sondern auch aus 
der individuellen analytisdien Erfahrung festgestellt^ und das Ohr als 
Organ der Empfängnis hat erst kürzlidi Jones ^ als völkerpsydio- 
lo^isdies Symbol nadigewiesen. Überdies verrät das Ganze Anklänge 
an das Sündenfallmotiv, auf das audi die Sdilange hinweist welAe 
den alten König angeblidi gestodien hatte während er sdiliet <1, ^>. 
»Biblisdi« im Sinne der Genesis und Erbsünde mutet Hamlets Ein= 
Stellung zum Gesdileditsakt selbst an, den er Ophelien und der 
Mutter zu verekeln sudit und den er als etwas Tierisdies verab- 
sdieut. Dies sdieint einer der Gründe dafür, warum im Sdiauspiel 
<und seinem Vorbild, der Ermordung des Königs) der Gesdileditsakt 
nur symbolisdi in seinen einzelnen Elementen vertreten ist, diese aber 
in freier Umordnung zum Bilde der Bestrafung für das sexuelle Ver- 
gehen zusammengesetzt sind. Aus diesem Kompromißdiarakter, 
weldier das Vergehen <SexuaIakt der Eltern) und die Bestrafung 
<durdi den Sohn) in einem einzigen »Sdiauspiel« vereinigt ist audi 
die sonderbare Bedingung zu verstehen, die den Ermordeten im 
Sdilaf <wie Hamlet fordert: »in seines Betts blutsdiänderisdien 
Freuden«) umgebradit werden läßt, Dieser doppelsinnige Charakter 
der Szene entspridit der sadistisdien Auffassung des Koitus, wie 
sie das Kind im Verlauf seiner Sexualforsdiung bildet ^ und in 
diesem Sinne ist es leidit verständlidi, daß sidi Hamlet mit dem Dar- 
steller des Mörders nidit nur - wie bereits ausgeführt — zum 
Zwed^e der Vatertötung identifiziert, sondern audi im Sinne der 
Stellvertretung beim elterlidien Gesdileditsakt. 



1 Das gleiche Motiv, die Gewinnung der "Witwe an der Baiire ihres Gatten, 
Iiat der Dichter bereits in einem seiner früheren Werke, in »König Ridiard III.« 

^^' ^' "\uA am^Sdiluß vergütet der König die Königin unabsiditlidi und alle 
Beteiligten sterben, wie der ermordete alte König, um dessentwilien all dies ge- 
«rhiefit durdi das Gift des Claudius. , , , , , t^ j. 

3 Die Empfängnis der Jungfrau Maria durdi das Ohr. Jahrbuch der Psydio« 

analyse^ Riesen Zug hat Jones <1, c 62) als in der Sage vorgebildet nadigewiesen, 

4 
Imago IV/1 



50 



Dr, Otto Rank 



( 4.U '^'' c ^^"^^^^ füJ" 'iie Riditigkeit dieser zunäAst scheinbar un* 
truditbaren bymboMeutung anzusehen, daß auA sie uns die seelisdie 
Uynanuk und ihr dramatisdies Spiegelbild um ein Stück weiter ver- 
standliA madit Denn wir bemerken hier, daß Hamlet im »Sdiauspiel« 
sich mdit nur die Tötung seines Vaters vorspielen läßt und in der 
Identthzierung mit dem Mörder den gegenwärtigen Nebenbuhler bei 
seiner Mutter beseitigt, sondern daß er audi den Sexualakt der 
E-Itern darin sieht und auf Grund derselben Identifizierung dabei die 
Kolle des beseitigten Vaters spielt. Wie ihn die »sadistische« Bedeu- 
tung der bzene zum Mord anfeuern soll, so soll Ihn ihre sexuelle 
Bedeutung zum Inzest reizen <vgl. die Hinweise auf Nero), mit 
dessen bloßer Darstellung er sidi aber audi hier begnügt. Wieweit 
aber das Spiel doA audi diese Wirkung hat, zeigt sidi an den ob-- 
szonen Reden die Hamlet unmittelbar vor und im verstärkten 
Maik wahrend des Sdiauspiels an Ophelia riditet^ Er versudit es 
gewissermaßen statt mit der Mutter, die ihn vergebens zu sich ladet, 
mit Ihr, die für ihn ein voller Mutterersatz ist und die er wohl un- 
Tl^ff 7°4 I"" Schauspiel von sidi gestoßen hatte, weil er im 
vJrZl ''^"^^^' ^^^•^^i*^ Liebesobjekt, weldies durdi Ophelia nur 
S w-^"'^"'/" gewinnen. Insoweit ersetzt ihm also das Sdiau^ 
Kun.l'rv .'''"" i^'"9P^^'i^^ »SAoße liegt«, außer der 
der Vorblfdlil >''/"*, den Sexualakt mit der Mutter, im Sinne 
d ese Bedeu üt^M ^V^^^^''*^» Verkehrs. Anderseits versetzt ihn 
dS elterlXn% 'f.-i^^"'P'''' ^" ^'^ '"f^"tile Rolle des ZusAauers 
einstenun.zn..n'jf '•''"' 7' <*^ ^'^ ^"^-"-^ ^^i"^«- Ödipus- 
einem BrfnnnC? '"^' """^.""^ Komponenten derselben wie zu 
das^SdiatXT T''"'^'' ^^' "^'"'^^ dramatisdien Ausdruci. wir 
das ^^|*^"X^I« naAgewesen zu haben glauben. 

sönlidien R.li h '*^'f ^i* "odi versuAen, von hier aus die pcr^ 
BehändL. Tn /"^'.u '^'^ P'*^^^-^ ^""^ Stoff und zur Art seiner 
als X,ZV> ^^^^^'l'^" RiAtung ein StüdAen weiter zu verfolgen 
Surzwp7fXr"-P'^A°^V^^>''''*^^ Seite gestehen ist. Es kann 
kun^t uTd -h V '"' ^^^ ^'" Sroße Bedeutung, die der SAauspiel^ 
üf" nterelon /l'^'T'' '? ^^"^ ^tüAe zukommt, von den Be;^ 
der bekannt^ 1'"^. ^ünstlerehrgeiz Shakespeares beeinflußt sind, 
- wärKdfM "'l^T^'l^^- -um Teil seiner eigenen Rollen 
die s^iolTeHl^'f -^^^^ '* ^'^^ ^° ^» ^--Wären verluAt^ »daß 
geiAstm e^neTn-*5t-i;''''"i5S, ?" vollwertigerer psyAisdver Akt, 
as de Arbeit T. n '■P'''^'Ä""S ^^^"^*^r Angelegenheiten sei, 
das Drama er iS'""^'''''''"'" ^f S^auspieler vollende eigentlidi 
wolle aS - "^nfot. '' I"^ ^'' Dramatiker eigentlich maAen 
könne: er" erleb /liASi;*"*" Widerstände -' niAt maAen 
VergleiAen wir Xi I / ^^.' '^^^ Dramatiker nur »träume«. 
_jrgie^^^ wir diese psyAologisAe Formel mit dem, was uns die 

' Unmittelbar bevor ripr n^a ■■ < ^ 

»Ihr würdet zu stöhnen haben ^' T ^'.^"^?'"' ^^^ Hamlet die krasse Replik: 
= Vgl. Rank, Der Kü,;sttr 7 .T'"^ Spitze abstumpftetc. 
■Künstler, p. 52 und Inzestmotiv p. 231. 



Das »Schauspiel« in »Hamlet« 51 



Analyse des »SAauspiels« gezeigt hat, so finden wir, das Shake- 
speare darin audi ein unbewußtes Bekenntnis dafür abgelegt hat, wie 
ihm die Sdiauspielkunst für vieles, was er im Leben nidit tun konnte, 
Ersatz geboten habe,- genau so wie für Hamlet das Sdiauspiel die 
Handlungen ersetzen muß, die er infolge mäditiger innerer Hem- 
mungen niÄt ausführen kann. Audi ist, aus dem Wesen der Sdiau= 
spieikunst selbst, leidit zu erraten, weldier psydiisdie Medianismus 
dem Darsteller die dem Diditer verwehrte motorisdie Abfuhr sonst 
niÄt zu erledigender AfFektstauungen gestattet: es ist dies eine bis 
zur zeitweiligen Aufhebung der eigenen Persönlidikeit getriebene 
Identifizierung, von der ja in »Hamlet« so ausgiebiger Gebraudi 
gemadit ist und deren wir uns darum audi bei der Deutung so 
oft bedienen mußten^. Neben diesem wesentlidien Moment des 
sdiauspielerisdien Könnens lehrt uns die vorstehende Betraditung 
ein in seiner Bedeutung nidit zu untersdiätzendes Motiv für die 
Berufswahl des Sdiauspielers kennen. Im infantilen Verhältnis zu 
den Eltern sind — wie die Analyse des »Hamlet« zeigt — einige 
Momenie gegeben, weldie eine zur Identifizierung, dieser allgemein- 
künstlerisdien Fähigkeit begabte Persönlidikeit gerade in die Lauf= 
bahn des Darstellers drängen können: der Wunsdi, groß und er^ 
wadisen zu sein, den Vater zu spielen^ zu imitieren, sidi an seine 
Stelle zu setzen auf Grund der Beobaditungen, die das Kind er=» 
lausÄt hat und die es vor den Eltern sdilau zu verbergen sudit 
<Verstellung>. Die Lieblingsrollen des Sdiauspielers bieten ihm Ge= 
legenheit, diese Strebungen wirklidi zu agieren und sidi dabei — 
in Umkehrung der kindlidien Situation, die er ja nur zum Teil fest» 
gehalten, zum Teil durdi Identifizierung mit dem Vater überwunden 
hat — von den Zusdiauern belausdien zu lassen, wcldie geradezu 
zur Bedingung seiner <mimisdien) Aktionsfähigkeit geworden sind^. 
So erweitert sidi das »Sdiauspiel im Sdiauspiel« und die kleine 
Analyse, die wir daran geknüpft haben, zum großen cigentlidien 
Sdiauspiel, das wir in seiner dynamisdien Bedeutung für das Seelen» 
leben des Künstlers und der Zusdiauer ein Stüd<.dien weiter ver» 
ständlidi gemadit zu haben glauben, 

1 Die Begründung dafür, daß Shakespeare den Geist von Hamlets Vater und 
nidit, wie man ervearten sollte, den Helden selbst spielte bei Rank, Inzest, p. 232f. 

- In einer mir bekannten Familie hat der älteste, im Pubertätsalter stehende, 
etwas neurotisdie aber audi diditeriscfi veranlagte Sohn zum Geburtsfest des Vaters 
ein Huldigungsstüdj gesdirieben, in dem er die Rolle des — Vaters darstellte. 

' Hier zweigt der widitige — narzißtische — Medianismus der Sdiau= 
spieikunst ab, der in diesem Ztisammenhang unberüdisiditigt bleiben muß. 
Daß die Zusdiauer redit eigentlidi in ihrer Sdiaulust befriedigt werden, sagt ja 
srfion ihr Name und der der Sache <Scfiauspiel>. Es ist auffällig, aber in dem 
hier entwidtelten Zusammenhang verständlicb, daß sich Träume vom Theater 
(Zirkus, Schaustellungen überhaupt) regelmäßig bei der Analyse als Darstellungen 
von der Belauschung des elterliciien Verkehrs enthüllen, wie aus einigen typischen 
und sehr frappanten Details zu erkennen ist. 



52 



Dr. Hug=HelImuth 



Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathe- 
matik, 

Von Dr. H. v. HUG-HELLMUTH, Wien. 

Es entspridit der allgemeinen Ansidit, daß die Beziehungen 
zwisdien Erotik und Mathematik negativ seien, und man 
AU . < L -^ neben dem diarakteristisdien Merkmale der reinsten 
^bstraktlieit dieses Wissenszweiges zur Stidihältigkeit dieser Meinung 
emzelne mathematische Genies, wie Newton an, in deren Leben 
aerUebe und der Sinnhdikeit audi nidit der kleinste Raum gegönnt 
gewesen sem soll. Abgesehen davon, daß audi bei den großen 
Mathematikern eine vollständige Asexualität einen Ausnahmefall 
bedeutet, daß ferner, wie wir längst wissen, kein anderer Trieb 
einer so hohen SuMimierung fähig ist wie der Sexualtrieb, so liegt 
Gentf tl "^ '" ""T"' ^J^^'*^' d^s Leben mathematisdier 
möA?e ,n Ivt'Tl ^'*°^'^ J=se>^ueIIen Fühlen zu durdiforsdien. Ich 
diesem ÜcZZ 7" ^'\''' ""^ "anweisen, welA breiter Raum 
Tm StSr un^'Sn '" "^l^^^^^isAen BetraAmngen im Altertume, 
zukt^lä'^öt^r r^^^^^^^^ '" ^'\?Se der Renaissance 

während der Vorarbeiten ^" ■ "'^ ^'"'"^ Material, das sidi mir 
ungesudit in Fülle darbot ^'"^^ mathematisdien Abhandlung 

keit bci"den Völkern ^^I'^a/™^^^^^" ^P^^en mathematisdier Tätig- 
soIAer eine besondere Roll, i"*''',/'"^^" ^^r, daß der Zahl als 
im Gemütsleben zuknmrnt t"t ^"^'" ^^ Geistes^, sondern audi 
tropisch ausgedrüAtDiä''P''""SJiA wurde der Zahlbegriff 
die durdi das Zeidien HprA^.P^^''''^saßen eine Gewichtseinheit, 
dargestellt wurde, weil dil P^'T' "^^ Symbols der Mütterlidikeit 
aller Zahlen galt, frcil M. k" „^^^ ^""er und Ursprung 

Jahrhunderte lang vererbt Si.^a'1'''* eine Zahl zu bedeuten, 
als Anfang und Quelle alU v C"^^^'^""^? fort, die Einheit zwar 
anzuerkennen, und Aristotetr' "'xt'^°* "i*t selbst als Zahl 
fesLTheon vonSmyrna ' ^T ^ikomachus halten an ihr 
Worten: ^ovve de f, }ioväQäZ.r?,9^^^^^^ri klar aus in den 
er daneben doA audi die PiT T^' "^^« «^CT dQtdpov.^ Wenn 

ßinhdt eine ungerade Zahl no.j""^^'^'^^ 2^1^' ^"f"!^^^ """^ ^'^ 
reihe an erster ^tctL r-J ""^ ^'^ '" ^er natürlidien Zahlen- 
Widersprudi den wir^"l". ^' '° Y''^^ ^'* '^ diesem sdieinbaren 
nidit leidit vereinen kc^nnT 5^ x ^^^'^^^ Logik griediisdien Geistes 
glaubens, der in der M.m ? r']'"'' ^'" Stüd unbewußten Kinder- 
1_ ^^' ^""^r f>ald ein Höheres, in ihrer Eigenheit 

ovo ÖLOTt nag' AiyvnUmf^ual?^' '1^' ^' ^^' >'^^« yQä<povTsg dri?Mvai, ögaxi^as 
ägi'dpov rweöfg, evköycoc Irw Ä' a "^ "' ^^° ögaxual, ixoväc; öe navtog 
Oiv, inei ^irizeg öonst xal vL« °9°Xf^^S ßovlöfim>oe öijZwoat yvna ygätpov- 

fo^'tais uvai, xa'ö'djTee tat t) fioväg. 



Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathematik 



53 



Unfaßbares, bald wieder ein dem Kinde Wesensgleidies und darum 
ein von ihm untrennbares Element erblid«. 

Als sidi das Bedürfnis nadi einem einfadien Ausdrudte der 
Zahl fühlbar madite, ging man den Weg in umgekehrter Riditung. 
Man faßte die Zahlen als Symbole bestimmter Dinge und Wesen 
und deshalb galten die ihnen beigelegten Attribute nur in einer von 
den dargestellten Dingen entlehnten, also übertragenen Weise. Wenn 
gewisse Zahlen, die Monas, die Tetraktys und die Zehn als 
heilig verehrt wurden, so bezog sidi diese Hodihaltung auf die 
göttlidien Wesen und Kräfte, die sie versinnbildeten. 

Cantor führt in seinen »Mathematischen Beiträgen zum 
Kulturleben der Völker«^ folgende interessante Stelle aus Mon= 
tucla's »Histoire des mathematiques« an: »Idi kann nidit 
umhin,« sdireibt dieser Autor, »eine von den Träumereien der 
Pythagoräer über die Zahl und deren Tugenden hier anzuführen, 
Nadi einem sidierliA den Ägyptern endiehenen Traumgebilde setzen 
sie nämlidi das Weltall aus den ersten vier geraden und den ersten 
vier ungeraden Zahlen zusammen und dasselbe findet sidi durdi 
einen eigentümliAen Zufall bei den Chinesen um das Jahr 11 20 v.Chr. 
unter ihrem ersten Kaiser Fo^hi wieder. Die ersten vier unge^ 
raden Zahlen stellen dabei die reinen und himmlischen 
Elemente dar, die geraden, deren Stellung keine so würde- 
volle ist, entsprechen denselben Elementen mit irdischer 
Unreinheit verbunden. Das Weltall, die Verbindung^ aller himm- 
lisdicn und irdisdien Elemente, wurde also durdi die Zahl 36 dar^ 
gestellt, weldie große Eigcnsdhaften haben mußte. Dies war nadi 
Plutarch, der uns die Fetzen pythagoräisAer oder vielmehr ägyp- 
tisdier Philosophie aufbewahrt hat, die berühmte Vierzahl des 
Pythagoras, bei weldier man sdiwur, wenn man die Eide in 
heiligster Form geben wollte. Pia ton soll nun, gleidifalls nadi 
Plutarch, diese Vierzahl nodi vervollkommnet haben, indem er den 
Wert auf 40 erhöhte. Denn er setzt die 4 himmlisdien Elemente 
den ungeraden Zahlen 1, 3, <5> 7, 9 gleidi,- die mittlere 5 stellt 
das Urprinzip, den vov^, die hödiste Vernunft, die Gottheit dar 
und müßte deshalb wegbleiben . . .«. »Daß zwei Völker,« fährt 
Montucla fort, »dieselbe Wahrheit auffinden, das hat nidits Über- 
rasdiendes, denn die Wahrheit ist nur eine,- aber daß sie in so 
bizarren Träumereien zusammentreffen, darüber mag man mit Redvt 
erstaunen.« 

So weit Montucla. Vergleidien wir diese »staunenswerte« 
Übereinstimmung zweier Völker in mathematisdier Auffassung mit 
der, weldie sidi uns bezüglidi der Phantasiegebildc auf dem Gebiete 
der Sage, der Mythe und des Märdiens bei den versdiiedenen Volks» 
Stämmen darbietet, so ist uns durdi dieselbe ein Fingerzeig gegeben. 



1 M. Cantor, Math. Beiträge zum Kulturleben der Völker, p. 101. 

2 d. h. die Summe dieser 8 Zahlen, 



'' i"!?! 



54 



Dr. Hug^Hellmuth 



Wie in der primitiven Denkweise audi die mathematisAen Vor- 
stelhingen von den Regungen des Urtriebs aller Wesen, dem Sexual-- 
tneb und seinen Komponenten, beherrsdit sind. Gerade auf jenen 
frühen Muten psydiisdier Entwidlung ist der MensA, als Individuum 
wie als Kasse, geneigt, die Kräfte, die in ihm nadi Betätigung drängen, 
gleidierweise in den beseelten und unbeseelten Körpern der Umwelt 
zu vermuten,, ja, er mißt sie den letzteren auf Grund einer rein sub- 
jektiven Bewertung in höherem oder geringerem Ausmaße bei, 
Uie mutterhdie Liebe, ohne die kein Kind des unkultiviertesten 
Cstanimes, ja kaum ein hoher organisiertes Tier gedeihen kann, 
symbolisiert eben um ihrer für die Erhaltung der Art eminenten 
Bedeutung willen die Einheit. Aus ihr entsteht, wie aus dem 
bdioße einer Mutter, die Vielzahl, Wenn uns audi die Kenntnis 
der Grunde fehlt, weldie die Alten veranlaßten, den ersten vier 
ungeraden Zahlen himmlisdie Reinheit, den ungeraden irdisdie Un* 
reinheit beizulegen, so spredien doA diese Attribute an sidi für den 
sexuellen Charakter der Trennung ^ Audi die Aussdialtung der 5 
als Symbol des Urprinzips, der höAsten Vernunft, der Gottheit 
^.rS'.T ^'* "'*t der gleidien Deutung. In der reinen Ver- 

Zbp. .?™ V^''- '" ^°'^!''" P«"^^ *i^^ Sublimierung des Sexual, 
wel 'd,V y^-i^'^^'Sung des lA mit seinen Begehrungen, Und 
Sl Kraft r/™^"'!!'^'""^ ^'' Sexualtriebes die mensA- 
d* Ve nunft hinS Rf übersteigt, weil der brausende Lebensstrom 
fndlvlltunh k" ''I"T ^'''^'^' ^^'^^ findet ihr Symbol 
Plafz AuSdaslfr.. ^'"J"^'^^*^" T ^^" irdisdien Zahlen keinen 
cSte vertfene For r T' ''"t ^'^^«"•^e ein dem mensAliAen 
oeiste verbotenes horsdiungsgebiet. In den »Untersuchungen über 

Eui:ui%it:f::7 '^'°''^" desProkfu^otrcrus z" 

Ta^t daß derl^i.e lu' Geometrie« sdireibt Knoche: .Man 
Tuf dem VeTo/gl'^enb dSöff".Vi^ Betradhtung des Irrationalen 
brudi umgekommen t '^'^P*^^"thdikeit bradite, durdv einen SAifF- 

BildloseTme verbor 'en werdTn". T" ^'', UnausspreAliAe und 
ungefähr dieses Ril,? I werden sollte, und daß der, welAer von 

Or'tderEtTekfnt^te^zfrddSf"' ""^. ^"^Äi^^^' ^ ^" 
würde. SolAe EhrfurA^ f .. > . 7°" ^^'S"^" Fluten umspült 
Irrationakn*. ^' ^'"'" ^'''^ ^^nner vor der Theorie des 

Beitr^ge^'z"um ÄXf ^^MV".^^'"^" »Mathematischen 
Bemerkung <P 171) >rDr'^^V^^yti'^^^^f°'s^"^^ interessante 
merksam, die grieAsAe Stell; l^t^^^"^ ^^^^^^ ""^ briethA auf. 
an den Ort de' En tthung totf ^^1^' '^' yevsasc.,.6^ov = 
■ _ S' ^°"i't die Übersetzung des Comman- 

' Vgl. hiczu die noch heut? K^; - tr .< 
fcräuchtidie Wendung »einer Te\n\tu |i"'enAeoretisdien Untersudiungen ge- 
Eigenschaften. «^^nncnen bdieidung« der Zahlen nadi bestimmten 

Mittelalter^,'^?! 102, ' ^''"''^'' *'^'"' ^"*'*te der Mathematik im Altertum und 



Einige Bezieliungen zwischen Erotik und Mathematik 55 



dinus' in generationis hoc est profundi locum', übereinstimme. 
Wenn Hankel übersetze, ,in den Ort der Mütter', so beruhe dies 
wahrsdieinlidi auf unbewußter Erinnerung an eine bekannte Stelle 

in Goethes Faust II.« „ < « t-vl 

Die psydioanalytisdie Forsdiung sieht in Hankels Übersetzung 
eine unbewußt riditige Deutung der Auffassung der Alten Der Ort, 
den zu sdiauen unsühnbarer Frevel ist, ist der Sdioß der Mutter 
und sein Symbol ist hier die unergründÜdie Meerestiefe. 

Von keiner anderen Sdiule der Antike sind uns so zahlreidie 
Sdiriften über Zahlensymbolik überliefert, wie von den engeren 
und den entfernteren Anhängern desPythagoras. Durdi Übersetzung 
und Hineintragung mystisdier Motive ist leider im Laufe der Zeit 
der ursprünglidie Sinn vielfadi verdunkelt und entstellt worden, 
wozu nidit wenig die Verquid<ung der versdiiedenen Texte bei- 
getragen hat, sowie das Bemühen mandver Forsdier, alles, was die 
Wissensdiaft in ihrem Ansehen sdiädigen könnte, sorgsam auszumerzen 
oder soldies dodi zumindest in abfälliger Weise zu kritisieren. So 
kann sidi Roth nidit enthalten, in seiner umfassenden »Geschichte 
der abendländischen Philosophie«, die der vorliegenden Arbeit 
reidiesMaterialgeboten,beiBesprediung des Orphischen Gedichtes 
des Pythagoras und seiner Bedeutung für die Zahlenlehre hervor- 
zuheben, *daß sogar das anstößige phallisdie Bild des Schöpfergeistes 
von der heiligen Sage nidit vergessen sei«. Aus den für die Zahlen- 
symbolik widitigen erhaltenen Stellen pythagoräisdier Sdiriften spredien 
ebenso klar die Gedankengänge althellenisdien Geistes wie aus den 
Epen und der Götterlehre jener Zeit. Ja, vieifadi gründet sidi die 
Auffassung und Bedeutung der Zahlen auf ein Fundament religiöser 
Thesen, wie dies im Orphisdien Gedidite zum AusdruA kommt Die 
Zahlen galten als Symbole des ewigen Werdens, Entstehens, Gebä= 
rens. »Die heilige Ur zahl gehet hervor aus derTiefen der unvermisditen 
Einheit bis zur geheiligten Vierzahl.« Auf ihrem Werdegang entsteht 
der Schöpf ergeist, Phanes, den die Mythe als zeugendes und 
zugleidi gebärendes Wesen, als mannweiblidi darstellt,- daher sein 
Symbol die Zweizahl. Er erzeugte nadi dem orphisdien Gedidite 
die »innenweltlidie Nadit«, den leeren dunklen Raum in der Welt- 
kugel zwisdien Himmel und Erde,, indem er diese Nadit durdidrang 

1 Entnommen aus E. Roth, Gesdiidite unserer abendländischen Philosophie, 
Bd. II, p, 873: 

»Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Mensdien erzeuget, 
»Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden Sdiöpfung 
»Wurzel enthält und Quell! Denn es geht die göttliche Urzahl 
»Aus von der Einheit Tiefen, der unvermisditen, bis daß sie 
»Kommt zu der heiligen Vier/ die gebiehrt dann die Mutter des Alls, die 
>AlIes aufnehmende, Alles umgränzende, Erstgeborne, 
»Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, 
»Die des Alls,- die der Urzahl gleichet in Allem« Sdilüsselhalt'rin. 

<Proclus in Tim. I III, p. 269.) 



66 



Dr. Hug^Hellmuth 



detnlnl ' ^Tlf^'^J' '''^ '^'' ^^"Ste das Lid^t und .verteilte 
lteNar"drT ^f^*- das Weltall.' Fassen wir die innenweit, 
da^ DAt ;k 7 P ""^^'"'"/^^^^^"^^ als Dreizahl so ersAeint 
unerstLtsS^T-u^^^^ ^'« die Vier, und 

dessen BprJ^2r( 7 u^'^ '"* ^as Weltall, die heilige Zehn, in 
die 6 Gar '1 ^"^.^a'^'^n von 5-9 enthalten sind: die 5 Elemente, 
(PLnet^n) d^f S tt^''' "V^ ^^'''^'^' ^esen, die 7 Himmelskörpe; 
kosmisd,! t ^ fr^ °/'' Fi"^amente und endliA die 9 großen 
^S^ cW Änr'- '^""^ ^'?n^"^^^ ^^'^ ^"dlidi bestand naA Pytha- 
m°t Amt id^n r '""^ ^"' 10 Teilen: aus dem Fixstern^Firmament 
^n s?e beW ?^^^'{?.^"' ^,"f den 7 Planeten-Firmamenten und den 
und endhi . ^ P "'""^.^f^A^^P^''" ^°"^ Saturn bis zum Monde, 
Hohiku ';f j; ^'f ":?^ Gegenerde, welAe vereinigt eine feste 
SesenlniS™' "^'"u^^u ^^"f'-f-F^"^'- i" siA sAIießt.«^ Aus 

ÄphrrdUeui^Ver KT'''f'«^^'^ °der weshalb die Fünfzahl 

zu:^t-l'dre"bfse'^In"w"e"n'.^^^^^^^^ 

bilden, der Siebenheirrommt tS I^""""'' ^°^ 6 Gattungen 
ewige Unversehrheit zi weTdl^^ K^"^ ^"'^f'?^ Intelligenz und 
körper, die sogenannten pLetLa '^°^ ''''dende 

Eigens Aaften beigelegt werden S / "'a < ^'^ ^''' ^^"^^"^ diese 
maditen, in der Achthrit endl.-i'' '^'" ^^? ^'"^ Siebenzahl aus. 
Liebe und die Einsicht unHixf'^' '/* die Zeugung und die 
kosmisAen Gotthdte; eine Imftt^^r"''^ die aAt großen 

geistes sind, welAem le^ZT.! T ^^T^""S des Schöpfer. 
Vorsehung -gesAdetn Clen D L^N ^'t^-' ^^-^i'-d 
9 großen kosmisAen Räumen Z 7 V*^ Neunheit entspridit den 
Weiter aber als bis zur Zehnt h?'^"^'='^d^•' ganzen Weltkugel, 
drüdlidier Angabe, diese ZaM.. ^u ,', "^^i des Aristoteles aus. 

des Pythagoras%rfuhr durA setlt"''^^ "'*^^ ^'^ Zahlenlehre 
und Erweiterung, in weir^r P^ Anhanger mandierlei Abänderung 

des Bo.thius |r N:Ä[ fSef:'rt ^f^'"' '" ^^" ^^''^f- 

in der ACLTtNoTe':;^^^^^^^ Vincent 

I'AbacusdesPythagoriciens«37"n' de nos chiffres et sur 
Symbolik versudit, die in ihrer .H.Lf — ^^"^""S der antiken Zahlen- 
der ZahlzeiAen und -namen zum ?"'^ n" ^'^^'^^^^S der Beziehung 
Vorläufer der psydioanalytisdien of 7' ^ffo^isdien Leben wie ein 
den Sdiriften des BoethTus ÄH^'''^°^deutungen ^^^^^^^- Auf 
— '^'"s ^"i^end, spndit Vincent die Vermutung 

' E Roth, I, c. p. 878 

^ ibidem p. 878—79. 

' Journal de Mathematianpc P.„„ . x , 
1839, Paris, p. 261-284. ^ " ^""^^ "' ^ppliquees par Jos. Liouville, tome IV. 



Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathematik 57 



aus, das die ersten drei Ziffern | , (d , ^ , die Gesdilediter und 
deren Vereinigung versinnbilden, »indem sie als diarakteristisdie 
Körperteile der Frau und des Mannes und dann die Drei als deren 
Vereinigung gedeutet worden seien«. Zur Unterstützung seiner An» 
nähme beruft er sidh auf ein in lateinisdiem Texte überliefertes 
GediditS das der Pythagoräischen Sdiule entstammt, und er^ 
kennt in' Igin den Stamm yvv C/w/) = Weib) in Andras den 
Stamm ävÖQ {avr]Q = Mann) und leitet daraus als natürlidie Folge 
Hormis, afs entstanden aus OQ^ii] <= Begierde), ab. Er fügt hinzu, 
daß in dem Vorrange, der bei dieser Anordnung dem weiblidien 
gegenüber dem männlidien Prinzipe gewährt ist, nidits Überrasdien» 
des liege und sidi dies audi bei den Kabbalisten finde. Daß die 
Pythagoräer die Einheit als Ursprung, als Mutter aller Zahlen 
auffaßten, geht aus den Texten zahlreidicr Autoren hervor. Wurde 
ihr audi von einigen Zeugungskraft ^ beigelegt, so galt sie dodi als 
weibliches Prinzip, indes die Zwei die Männlidikeit symbolisierte, 
wofür die Stelle aus den Theologoumena cd. Ast, p. 7: »nndtov 
avvijv (xriv öväöa) sv ägstaXg ävögsiai:, Zeugnis ablegt. Audi für 
die Deutung der Drei als harmonisdie Verbindung der beiden 
ersten Prinzipien durdi die pythagoräisdie Sdiule fehlt es nidit an 
Belegen,- so sdireibt z. B, Theon Smyrnaeus: •»f] öe dväg avvsX- 
d'ovoa ty /Mvädt ylyvetai Tgidg.« <Musica, p. 157.) 

Der Triade 1, 2, 3 sdiließen sidi nadi Vincent zwei weitere 
an, weldie, den Kommentaren des Olympiodos aus der ersten 
Hälfte des sedisten Jahrhunderts entnommen, Güte, Gerechtigkeit, 
Schönheit und Größe, Gesundheit, Kraft repräsentierten,- 
Vincent sieht in dieser Gruppierung eine Übereinstimmung mit 
den gleidifalls 3gliedrigen Numerationen oder Sephirot der Kabbala*. 
Der Vier, meint Vincent, sei von den Pythagoräern als »Schlüssel 
der Natur« (Photius V, yJ^eiöov/flg tTjo, rpvaecog) bereits eine an=r 

dere Symbolik zugewiesen, was audi ihrem Zeidien ' I oder D 

gut entspredie. Die Fünf H. aber stelle den Haken einer Wage, 
das Symbol der Gereditigkeit gut dar, der Sechs gebühre als erster 

1 Chasles, Geschichte der Geometrie, p, 540 : 

»Ordine primigeno (sibi?) nomen possidet Igin 
Andras ecce locutn previndicat ipse secundum, 
Orniis post numeras non compositus sibi primus. 
Denique bis binos succedens incidat Arbas. 
Significat quinos ficto de nomine Quimas. 
Sexta tenet Calcis perfecto munere gaudens. 
Zenis enim digne septeno fulget honorc. 
Octo beatificos Termenias exprimit unus. 
Hinc sequitur Sipos est, qui rota namque vocatur. 

^ Theon Smyrnaeus, Musica cap. 41, ed. Bulliad. p. 157: »-/.azä rVjv dväda 
iozlv i] '/CTEötg«. 

> VinceDt, I. c. p. 278, note, .. 




Dr. Hug=Hellmuth 



vollkornmenen 1 Zahl das Attribut der Schönheit oder Vollkommen- 
heit. Was endlidi die dritte Triade betrifft, so ist in dem Zeichen 

der Sieben ^ ein Zirkel, also ein Maß der Größe, in der 

Sdifangenform der Acht /S' das Sinnbild der Gesundheit leidit 

zu erkennen. Die Neun, <0 audi b gesArieben, deutet Vincent 
als Ittiyphallus und sieht in diesem das Zeiciien der männlidien 
n J Diese Erklärung findet noA weitere Stützen: die 9 ist die 
Uuadratzahl der Drei, die ihrerseits wieder die Vereinigung des 
weiblidien und männlidien Prinzipes darstellt. Das Quadrat oder die 
zweite Potenz wurde aber bei den Griedien kurzweg Potenz, dm>api.hQ, 
genannt und deshalb ist das angegebene Zeidien ein treffendes 
bymbol für den Zahlbegriff. Was ferner die Bezeidinung der Neun 
durch die gebräudilidie Bezeidinung Ce lentis anlangt, so leitet sie 
Vincent von dör)/.wrog <= nidit weibisdi) ab,- sie bedeutet also 
nach seiner Auffassung Kraft, wobei das Alpha privativum, wie in 
vielen anderen Wörtern im SpradigebrauAe einfadi ausgefallen sei, 
„n^ ^^».^^g^'^treidie Hypothese Vincents, die Entstehung von Namen 
und ^eiAen der Zahlen mit dem sexuellen Leben in Zusammen^ 
wr,Ai^l 'T"; ^'"^^^"O'i^ manAe Bestätigung in den SAriften 
Te särXfT.T P^'^"^°1'^*^^ "'^d späterer Zeit. Telauges, 
BetrachnLpn .• k ^^°.7'', ^""^^ '" ^^inen zahlensymbolisdien 
Spekdationen ""1^™^? .^^'^^"ng physiologisdier und theologisdier 
t^lTrvJ:ijt:V:tJ'l ^ff-«? ^er Sieben^als 
Ta?e in den I ehrl <''*'\^-^"s*lidien Lebens bis zum heutigen 
genl^'e wtldd^^tl^^S^^^^^ ""^ ^^fe erhalten hat. Der 

Zahl in der Zahlenr t von 1 1 o" ^""t "''• ^^^^^".^' ^'V'"' 
Vielfadies aufweise also l.^ ^^^^' ^^"^^ heiler, noA ein 
sei, nodi selbsT ein'/! " ^"' ^'"^^ anderen Zahl entstanden 
die'auA wSerKi Zf '■ "^^'^'.t^ ^^™^ ^^ Göttin Athene, 
sei. Auf die Deutmn/ r n -""r* f '^^^ ^"^^ Zeugung entstanden 
derZeuguTgs/Cn^il' ^""f f^^ Sinnbild der Vermählung, 
im Phile'bus'an In sdiÜ'p y' ^^^^^^ Telauges spielt auA Plato 
weist er der Liebesröttrn-1 J- ^^^^" ^'^ ^ust als hödistes Gut 
gute Prinzip - zu sondert '^'^ 'T ^''^^'' ^^^ Monas, - das 
der Aphrodite, zu Ma. ' "" Ti"'V'^'- ^^" P'^^z der fünften, 
eine spielerisdie Verwirrunrm.?K Zahlensymbolik immer als 
so beweist sie dod. J .f^ mathematisAen Denkens verwerfen, 
Gemütsletrim L'ebrsp'^^J^'rT™"^- ^- Gedanken, und 
des Wortes wurzelt TK^' f ^' Sexualität im weitesten Sinne 
Z. '^- ^^' gewaltiger Einfluß auf die Geistesarbeit 

' Unter vollkommenen 7aMor, < 

summiert die Zahl selbst er^^U^ ,%^^.^ ™an solche, deren sämtlicte Faktoren 
^ , ^ 'Im 7. Monate ^^erde Vr m ^+ ^ + ^ = 6.) 

Jahren, werde Tünslins? mit 7m, I 7 ^^^|nsch geboren, wechsle die Zähne mit / 
Roth, 1. c. p, 889.) ""'^ mannbar mit 3mal 7.« (Entnommen aus 



Einige Beziehungen zwiscfien Erotilc und Mathematik 



59 



bekundet sidi offen in den Dokumenten einer Zeit, die frei war von 
diristlidier Askese, sie läßt sidi erraten in den Überlieferungen 
jener Tage, da Dogma und Sitte ihr die Kutte heudilerisdier Ent^ 
haltsamkeit' aufgedrungen. In den inystisdien Tändeleien mit den 
Zahlen und ihren besonderen Eigensdiaften liegt der Anfang zu 
einem Wissenzweige der Mathematik, dessen großartige theoretisdie 
Ausgestaltung der Neuzeit vorbehalten blieb, der Zahlen theo rie. 
Auf dem Wege der Verdrängung ist es dem mensdilidien Geiste 
gelungen, das ursprünglidie Forsdien nadi dem Wesen und der 
Wirkung der Urkraft, der Zeugungskraft, die Frage, wie wird aus 
einem Leben ein neues, zu desexualisieren, eine sublimierte Wissen^' 
schaff zu sÄaflFen, die audi nidit im Entferntesten mehr an ihre 
Quelle mahnt. 

Im fünfzehnten Jahrhundert sAreibt Luca Paciuolo in seiner 
»Divina Proportione«'; »Die vollkommenen Zahlen endigen 
abwediselnd mit 6 und 8 und können eine andere Randziffer nidit 
haben, denn die Taurigen leben ordnungslos, die Guten 
und Vollkommenen bewahren immer die vorgeschriebene 
Ordnung.« Und der geometrische Teil der Summa^ zerfällt 
in 8 Unterabteilungen, weil es acht Seligkeiten gibt: »Divideremola 
in 8 altri parti partiali a reverentia delle 8 beatudine.« <fol. I recto.) 
Sind es audi die 8 Seligkeiten der Heiligen Sdirift, die dem Werke 
zu seiner Teilung halfen, so wissen wir dodi, daß keiner, der die 
adit himmlisdien Seligkeiten im Munde führt, der neunten vergißt, 
die aus irdisdier Quelle fließt. Die »Traurigen, die ordnungslos 
leben.« . . . Denken wir nidit unwillkürlidi an die Unseligen, die 
ihren Leib kasteien, um die verbotenen Lüste zu erstidten? Und die 
vollkommenen Zahlen gleidien den Guten und Vollkommenen, 
die die vorgesdiriebene Ordnung bewahren: Was soll dies anderes 
heißen, als alle Kräfte und Triebe, die die Natur dem Mensdien 
verliehen, harmonisdi zu betätigen? Dem mystisdi=religiösen Zuge 
der Zeit folgend, suditen Mathematiker des sedizehnten Jahrhunderts 
Geheimzeidien in die Gleidiungslehre einzuführen, deren Kenntnis 
zur Lösung der Gleidiungen führt. Michael Stifel gibt den BuA^ 
Stäben A — Z den Wert der aufeinanderfolgenden Dreied^s- 
zahlen^ 1, 3, 6, ... bis 276 und sudite nun Wörter auf, deren 
BuAstabensumme die rätselhaften Zahlen der Apokalypse und des 
Buches Daniel waren. Als seine Untersudiungen erfolglos blieben, 
untcrbradi er sie und viele Jahre später, im Bade sitzend, erkannte 
er, daß die Budistaben des Satzes »vae tibi Papa, vae tibi'« als 
Dreiedi;szahlen addiert die Summe 1260 ergaben, weldie Zahl in der 
Apokalypse XI, 3 und XII, 6 vorkommt. 

1 Zitiert in M. Cantor, Gesdi. d. Math., Bd. II, p. 315. 
ä Zitiert in M. Cantor, Gesdi. d, Math., Bd. II, p. 301. 
• Zitiert in M, Cantor, Gesdi, d. Math., Bd. II, p. 512. Dreiedcszahlen haben 

j. n " <° + ^> 
die rorm ^ ■ 



60 



Dr. Hug=He!lmuth 




In ihrer mystisdien Form aus der Wissensdiaft längst aus= 
gewiesen, hat sich die Zahlensymbolik eine dauernde Freistatt in 
der Volksseele gesichert. Es fehlt niemals an Personen, die in den 
Zahlen geradezu Identifikationen mit mensdilidien Gestalten sehen. 
Hennig^benAtet von einem Manne, dem 1 und 5 männÜA, 
Z 4 ö, y weibl.di ersdieinen, die 1 ist ihm ein Kind, die 3 ein 
»fredier Junge,« 6 sei von weidilidiem Eindrucice. Für andere wieder 
A H ■?' A ^^^f Heiteres, indes sie die 4 furditeinflößend 

Ä n'i t' T^ S-'^'t ^'" ^'"^ emporgesdiwungene Keule 

beobaAtendeTatsaAe,für de kürzSr .^«"^^1«, .st eine oft zu 
erbraAt hat. lA habe a a Q J' V ^"^ ^'"^ ^*°"^ ^f ^^^^ 
im infantilen Alter gewissen Soielen ^""r^Ü^ ausgesproAen daß 
metamornhospo Pin^ rl ^P'^'^n von Budistaben= und Ziffern- 
Sommt^ Aus nZ. "^^ Personifikationen begünstigende Rolle 
ReAe.Toieles n^JI^ eigenen Kindheit erinnere idi midi eines 

zur'^Kre'LgesTd^^^^ tlt^f^'^' f .''iZ''' 

tausdiung der Köpfe der Bete LtenT. r."''!'"«' ?" ^"'"^ ^^'^ 
der Redienstunde oft in der F f.? "'"'^'^ y^fl^' Sab mir während 
motivierter Heiterkeit Die er^ ^''^"^ ^'^'^^ ^" ^^^'"•'^'' ""f 
unverhohlen im Vo ksi^nde n*' ?'? ""^ ^'' ^ ^^'^""^^^ ^'* 
süddeutsdien Dialekwr" Paaru'' J^''^' u'T/^' S'"" .^'^S] i-J^ 
.Pärdien«, der gleidie in der Um;^ f '"' hodideutsAen AusdruA 

für die 2, deren siA die modernent^T-t ^"^^^ ^^"^ ^°""^' 
Es würde zu weit führen "(^ ^°"'''' ''^' ^^^ Tombola bedienen ^ 

der Zahlen im Volksdaube'n II ^"'f .^P'-odien erotisdie Färbung 
Unglüd verheißen und weSe R.ir?'^'i^' ^'" ^'^^^ ^'^^ ""1 
des Sterbetages bekannter P^r«- l-.f f ^a^um des Geburts= und 
sdiwestcrn« männlidien xmA -if,^^^ '"^ Leben der »Lotterie- 
für die meisten Mensdien bei' 7 ni ^^^^ledits spielen, denn 

geweihter oder unheiliger Form if^j/^ ^^ ^°^ ""•■ ^iebe in 
Grund das sehnsüditige Au?e ;^p , V.'^ ^'"^^^brunnen, auf deren 
haben audi heute nodi ihren Rp" ^ j''^^ Zahlen« erspähen will, 
für die, weldie nodi das Proß? T^ j^ Zauber niAt verloren 
hoffen. Sie sind den Gläubi^P ^"^ i ^^^^icksalsurne zu ziehen 
wie die Glüdis- und Unglüdszahl^^" v"^° untrüglidiem Werte 
anderem Sinne, als die wissensdiaftl-Ar"^ Traume, letztere frcilidi in 
lehrt. In der Tat kommt denZahIp ' ■ r "'^^^"^""S sie uns erkennen 
u. a. nadigewiesen haben eine C "J ^^i^"^^' wieFreud\ Stekel^ 
genheit und Gegenwart wrsdimelSn/'^ Bedeutung zu, die, Vergan- 
erotisdien Erlebnissen xmA w '<^°" ^^" jeweiligen sexuell- 
;-^^ . ^ ^ Wunsdien des einzelnen abhängt. 

1896, X p-. m"'' ^"^^^^^™S -d Bedeutung der Synopsien, Ztscfer. f. Psychol. 
" O. Rank, Zur svrnb(-iIi\r4io>, 15 j 

= R. Kleinpaul, Das Leb „der Sni:i!""L^'? Ziffern, Imago I, 4, p, 402. 
^ Freud, Traumdeutung p 275-278 n'i ^t Iv P" ^^■ 
^ Stekel, DieSpracie desTrauraes o 410 "k,^""' 

auraes, p. 410-430, spez. Zahlcnsymb, p. 410-416, 



Einige Beziehungen zwische n Erotik und Mathematik 



61 



Stekel sdireibt den Zahlen auf Grund der häufigen Wiederkehr 
des pleidien Sinnes in den Träumen versdiiedener Personen eine 
ständige Symbolik zu, was in gewissem Einklang mit dem »ange- 
borenen Zahlen« im Sinne Kleinpauls steht. 

Nidit ohne Zusammenhang mit der Zahlcnsymbolik smd die 
magischen Quadrate/ zumindest in bezug auf die Rolle, weldve 
sie in den Geheimwissensdiaften als Lebensbild des Individuums 
spielen Im Altertume und Mittelalter kam ihnen talismanisdie Ver- 
ehrung zu. Soldi mystisdien Gedankengängen ist es wohl audi 
zuzusdireiben, daß Albredit Dürer auf seinem Holzsdimttc 
»Melancholie« das magisdie Quadrat der ersten scdizehn zi,ahlen 
zur Darstellung verwertet in der Form 



1 14 15 4 


12 7 


6 9 


8 11 


10 5 


13 


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3 16 



Die magischen Quadrate mit ihren geheimnisvollen Eigen- 
sdiaften regten nidit nur zu philosophisdien Spekulationen an, wie 
ihnen Agrippa von Nettesheim in seinem Werke »De occulta 
philosophica« eine eingehende Besprediung widmet, sondern audi 
die mathematisdie Wissensdiaft besdiäftigt sidi mit ihnen. Adam Riese 
war der erste deutsdie Mathematiker, der sidi in seiner »Redinung 
nadi der Lenge« mit Zauberquadraten befaßte,- Euler, Mollweide 
u. a. studierten ihre Theorie. 

Weil sidi die Mathematik, wenigstens in gewissen Zweigen 
auf manÄerlei Forderungen und Beobaditungen des täglidien Lebens 
aufgebaut hat, so kann es uns nidit wundernehmen, daß der 
Trieb, der bewußt und unbewußt im Vordergrund des Lebens 
jedes Individuums steht, audi in die sdieinbar abstrakteste Wissen- 
sdiaft seine Fäden spinnt. In den »Fragmenten«" sdireibt Novalis 
über »merkwürdige, geheimnisvolle Zahlen«: »Wie das Zählen noA 
neu war, so mußten oft vorkommende Zahlen beim Zählen wirk- 
lidier Dinge, diarakteristisdie, bleibende Zahlen, wie Z' B- ^j^ ^^hn 
Finger und andere frappante Zahlenphaenomene^* die Einbildungs- 
kraft der Mensdien aufs lebhafteste besdiäftigen und sie in der 
Wissensdiaft der Zahlen einen tiefverborgenen Sdiatz von Weisheit 
einen Schlüssel zu allen verschlossenen Türen der Natur 



' Schadibrettartig eingeteilte Quadrate werden in ihren Feldern derart mit 
Zahlen besetzt, daß sidi bei deren Addition für die Vertikal-, Horizontal- und 
Diagonalreihen die gleidie Summe ergibt. Sie sind arabisdien Ursprungs^ und 
spielten eine geheimnisvolle Rolle bei den »Lauteren Brüdern«, einer arabisdien 
Philosophensekte/ audi den Indern und den Chinesen waren sie geläufig. 

ä Novalis Sdiriften, herausgegeben von ]. Minor, III. Bd. p. 380. 

' Vgl. hiezu die »Finger» und Gelenkzahlen« im Altertum. 




Dr. Hug^Hellmuth 



ahnden lassen.« Die mathematisdien Dokumente aus der ältesten 
ffi '\r^ das Walten der Natur im Mensdien nodi nidit in 
talsdier bdiam und Heudielei erstiAt worden, zeigen die innige Ver» 
Schmelzung des Gefühlslebens mit der Verstandesarbeit. Chinesen 
fd/S >^", "■, begegneten einander in der Zahlensymbolik 
aut l^taden, die gleidierweise ihren Ursprung in sexuellen und eroti- 
schen Vorstellungen hatten. Die Araber besdiäftigten sidi mit der 
Lehre von den befreundeten Zahlen/ und ihre Vorsdirift, soldie 
zu bilden steht m einem gewissen Zusammenhange mit der Euklids 
zur Auffindung vollkommener Zahlen. Und als wollte die Wissen^ 
sdiatt selber auf ihre Urquelle, den Lebenstrieb, weisen, so treten 
uns immer wieder, bald verhüllt, bald offensiditlidi die Beziehungen 
aUer Oeistesarbeit zum Erotisdien vor die Augen. »In einer mysti^ 
M.'^5 /'fiafevf'.^^^t' des Weisen, hat El Maddiaiti, der 
^Ä ^^^2-^\^'' X°^^*"ft ?^S^ben, man solle die Zahlen 220 
Za \t f "['^'"''rf"' '^'^ ^'''"^•■^' ^em man will, zu essen geben 
Wirknn ^ ^'°^''' "''"'■ ^?,^ Verfasser habe die erotische 

weiß Äfl?(r" *V'^'"''/f^°" ^'•P'-°bt' ™d Ibn Chaldün 
weil) gieichtalls von den wunderharpn U^^u u j- rr u 

und Mvthen Zf> mn^ w ^' ^"* ^o" den Indern, deren Märdien 
nur efn AbbiM sfnd dS K ^'^ *^ Phantasien des ganzen Volkes 
sie gedaAt forden f,f/^"^^ ^f^PP-^^»- Natur%uf welAem 
KerfpuX laien?' sind "nV'mT^"*-^^ ^ü^ Völker denselben 

welAe dieses Inte;esse auf? klarste bT'!,*' ^*"f'^" ''^''^''^"'' 

Bhäskara Ac'^ 3 ^^ bekunden, 

thematiker des zwölften l'uT^'/^' ''m"^?'^^'^^" indischen Ma- 
mit Vorliebe in eTn eroti ^ i . T' X'^'^^^^ «^'"^ Textaufgaben 
»Die Krönun/ des W^ ^ ^'^"^ Gewand. In seinem Werke 
weldiem er die Rechenk?^n/.Tt "j'^sdirieb er das Kapitel, in 
zende und fordert dies" zur T •■^'"^•'^'' ?LlIävati«, d. i. Sie Rei. 
auf: »Sdiönes Mäddien mit d T^ ^'"f" Problems mit den Worten 
die riAtige Methode der UmWK? ^^^^" f" ^"Sen, sage mir, so du 

vor; »Von einem Sdiwarm R;l .^I*^^' die Beispiele zur Lösung 
Kadambablüte, ein 0^^, ? '" jf ' ^'* ^'" Fünftel auf einer 

faAe UntersAied der zwei 7 K?"'a^'^""^^^^^^""^^ "i^^^«"- ^^' ^'''' 
eine Biene blieb übrieLu T ^^*^^" ^'^ten einer Kutaja, 

gleidizeitig an^ezoTn^'^, 1 5 ''' ^^' ^uft hin= und hersAwebte 
^angezogen durA den liebliAen Duft eines Jasmin und 

' Sind p = 3■2n~~^„^■!^ 

^ H, Th Col h t P' • 

Sanscrit of Brahma?vDta°nni^'Rk-^^'^'"^ '*''* arithmetic and mcnsuration from the 
P. 577, ferner A SetK n. ^T^'-/'^'^" '" ^- C^ntor, GesA. d. Math, h 
zur Gesdiidite der EntwiAh.na !r ^ ^^ ,, ''?'"<'" Mathematik in ihrer Beziehung 
i-iuwicKiung des mensdilidien Geistes, p. 150 ff. 



i wg^ ' MJ i nB"^- ■Vj ! i ^ - " iuu^ fw i i wj|d^HAt y j'';c]is ^ r'v i M. 



Einige Beziehungen zwisdien Erotik und Mathematik 



63 



eines Pandamus. Sage mir reizendes WeJb, die Anzahl der Bienen.« ^ 
Ferner: »Die Quadratwurzel der Hälfte der Zahl eines Bicnen= 
sdi warmes ist ausgeflogen auf einen Jasminstraudi ,■ s des ganzen 
Sdiwarmes sind zurü dageblieben,- ein Weibdien fliegt um ein Mann* 
dien, weldies in einer Lotosblume summt, in die es durdi ihren 
Wohlgerudi bei Nadit gelockt wurde, nun aber eingesdilossen ist, 
Sage mir die Zahl der Bienen.« ^ Jeder der psydioanalytisdien Lehren 
Kundige weiß, weldi eminent sexuelle Bedeutung den Pflanzen, zu= 
mal Blumen mit betäubendem Duft, wie Jasmin, zukommt, und er er< 
kennt in dem unsdilüssigen Sdiwanken der Biene unsdiwer ein eroti« 
sdies Symbol. In unverhüllten Worten spridit die Libido aus einer 
Aufgabe, weldie von einem andern indisdien Autor, Qridhara, 
stammt: »Bei verliebtem Ringen bradi eine Perlensdinur/ ein Sedistel 
fiel zu Boden, ein Fünftel blieb auf dem Lager liegen, ein Drittel 
rettet die Dirne, ein Zehntel nahm der Buhle an sidi, sedis Perlen 
blieben aufgereiht,- sage, wieviel Perlen hat die Sdinur enthalten?«^ 
Audi die Aufgaben abendländisdien Ursprungs über den Lebens- 
lauf einer Person tragen nidit selten einen leisen sexuellen Unterton, 
wie ihn audi die bekannte Grabsdirift des Diophantes in ihrer 
ursprünglidien Fassung weist; 

r >Hier dies Grabmal dedit Diophantus. Sdiauet das Wunder, 
Durdi des Entsdilafenen Kunst lehret sein Alter der Stein. 
Knabe zu sein, gewährte ihm Gott ein Sedistel des Lebens, 
Nodi ein Zwölftel dazu, sproßt' auf der Wange der Bart,- 
Dazu nodi ein Siebentel, da sdiioß er das Bündnis der Ehe, 
Nadi fünf Jahren entsproß der Verbindung ein Sohn, 
Wehe das Kind, das vielgeliebte, die Hälfte der fahre 
Hatt' es des Vaters erreidit, als es dem Sdiictsal erlag. 
Drauf vier Jahre hindurch durcfi der Größen Betrachtung den Kummer 
Von sich sdieuchend, audi er kam an das irdische Ziel,«* 

In der Zeit der Klostergelehrsamkeit herrsciite der Ge-^ 
braudi, den Schülern den Ernst der Mathematik durcii Scherzfragen, 
die, der derben Sitte am Hofe der Karolinger huldigend, hart an 
Zoten streiften, mundgerecht zu madien. Zu diesen Reciienscfierzen 

. der sogenannten Schimpffrechnung, zählt auch die Aufgabe von 

. der gemeinsamen Zeche: Männer, Frauen und Jungfrauen nehmen 
an einer Mahlzeit teil und zahlen nach einem bestimmten Verhält'- 
nisse. So wurde »regula virginum«, audi regula potatorum« 

. oder »regula coeci« genannt. Die erste Bezeichnung, die in so 
offenkundiger Weise den Schwerpunkt auf die teilnehmenden Jung* 

. frauen legt, verrät deutlidi den Zusammenhang, den man bewußt 

1 Obige Aufgaben sind zitiert in Cantor, Gescfi, d. Matb. I, p. 559 — 578, 
entnommen aus Colebrooke, I.e. p. 21 — 27. 

2 H. Hankel, Zur Gesdi. d. Math., p. 191. 

3 Obige Aufgaben sind zitiert in Cantor, Gesdi. d. Math. I, p. 559 — 578,- 
entnommen aus Colebrooke, 1, c, p 21 — 27. 

* M. Cantor, 1. c. I, p. 435. . . 




Dr. Hug^Hellmuth 



oder unbewußt gemeinsamem Zedien und erotisdiem Fühlen beimaß. 
Wenn die zuletzt genannte Bezeidinung von mandien Autoren dahin 
gedeutet wird, daß sie auf das blinde Umhertasten nadi einer Lö- 
sung anspiele, so ersdieint mir das ebenso gesucht, wie die Ansioit 
Cantors, das Wort coeci sei ohne besonderen spradilidicn Zwang 
aus Zeche entstanden zu denken. Möglicherweise ist in dieser Be^ 
zeidinung vielmehr eine Andeutung auf das Walten des blinden 
Zufalls zu lesen, der die GesdileAter beim heitern Mahle vereint. 
Audi in den Sdiriften der itaienisdien Mathematiker des drei^ 
zehnten Jahrhunderts finden sidi Aufgaben, deren Text mehr oder 
weniger verhüllt sexuelle Gedanken verraten. Die als erstes Beispiel 
einer rekurrierenden Reihe berühmt gewordene Kaninchenaufgabe^ 
behandelt, das Symbol der Fruditbarkeit wählend, das Problem des 
steten Werdens; »Wie viele Paar Kaninchen entstehen im Laufe eines 
Jahres aus einem Paar, wenn jedes Paar allmonatlidi ein neues zeugt, 
weldies selbst vom zweiten Monat an zeugungsfähig wird, während 
Todesfälle nidit vorkommen.« In ihr liegt neben der Verneinung 
des Sterbens — ein Gedanke, der vielen Mensdien eigen ist und 
ebenso tief im Unbewußten wurzelt wie die stete Wiederkehr von 
Togesgedanken — die Umkehrung der uralten Kinderfrage: Wer 
war vor den Großeltern und nodi früher zurücic bis zur Schöpfung 
der Welt. Hier will der Kinderverstand, dort die Logik des Er- 
wadisenen hinter das Geheimnis des Entstehens kommen. Dem 
Katsel der sidi ewig verjüngenden Lebenskraft steht in sdiarfem 
Kontraste das Altern gegenüber, das in symbolisdvem Gewände in 
tlA..^\^U°'' i-" "^ ^•^^•^ Weibern« seine Würdigung ge- 
7uLZl^ /"^'iT f ^'^^ "^^iber gehen nadi Rom. Jede hat 
7 S f.'- ^'t'" M^"'^^^^ t^ägt 7 Sädce, jeder Saci. enthält 
7 sSfin W B^°t sind 7 Messer, jedes Messer stedct in 

de?Bedem„nyM' %-'^'l Gesamtzahl alles Genannten?« =^ Wir sind 
sLn in nvX •'!'''". ^^^ Periodenzahl des mensAlichen Lebens 
dfesem Beisoiel/r'''*!.' ^"ffassung begegnet und sie dürfte auch 
des MessSs n T^'l^^ •'>'"' D^"^'^^" ^^^ ^eine Sexualsymbolik 
der alten Weih./? ^^'S? ^'^ "°* "'^^ erwachter Sexualtrieb, 

verwandte Auf^al, f ? ^''°i*^"- ^'"^ ^i^^^™ ^^^^^^^ ^"^ ^f " 
madsctn hÄ^'"k'' /'* "^"Sens sAon im ältesten mathe. 
Hvk OS ntdJrrl "k^ ^^' Ägypter, welAes zur Zeit der 
Wrii ^ f^';^<^"'"^^- Sie handelt von einer Leiter, 
^utek, welche aus den Gliedern 7, 49, 343, 2401, 16807 bestehe, 
Neben diesen - den ersten 5 Potenzen von 7 - standen Wörter: 
deren Bedeutung: Bild, Katze, Maus, Gerste, Maß, zu erklären, 
Rodet m seiner tiefgründigeji Untersudiung »Les problemes d'algebre 
du manuel du caiculateur Egyptien <p, 111-113) gelungen ist. D.e 
Au^abejst hiernadi folgende: 7 Personen haben je 7 Katzen,- jede 

Composit^s i:'p"283. '' " '' "^ ''' ^"^"°'"'"- ^^ ^eon Pisano, Über Abaco 
' Cantor, I. c, p. 27, entnommen aus Leon Pisano, 1. c, p, 311. 



Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathematik 65 



Katze vertilgt 7 Mäuse,- jede Maus frißt 7 Ähren Gerste, aus jeder 
Ähre können 7 Maß Getreidekörner entstehen. Wie heißen die 
Glieder, wie die Summe? Audi hier neben dem Bilde der Vernidi= 
tung das des Werdens, die beiden Probleme, die die körperlidien 
und die geistigen Kräfte des Mensdien zur äußersten Anstrengung 

anspornen, ^ , , , r- l j t j 

Die Verknüpfung von Gedanken über Oeburt und loci, 
welche den mensdilidien Geist von uraltersher besdiäftigte, sdileidit 
sidi audi in mathematisdie Erörterungen. Luca Paciuolos Sdiriften 
aus dem fünfzehnten Jahrhundert enthalten die bekannte Testaments^ 
aufgäbe, die in etwas geänderter Form sdion in der Handsdirift 
Monumenta AIcuiniana und vordem in den Sdiriften spätrötni= 
sdier Autoren vorkommt. Von Paciuolo ist sie in der nadistehenden 
Fassung überliefert; »Ein Sterbender bestimmt, daß seine sdiwangere 
Witwe, falls sie Zwillinge versdiiedenen Gcsdiledits zur Welt bringe, 
doppelt soviel als das Mäddien und halb soviel als der Sohn er= 
halten solle, deren Anteile relativ fixiert sind.«i Cantor knüpft an 
dieses Zitat die ausdrüAlidie Bemerkung, Luca Paciuolo müsse 
an der Aufgabe einen besonderen Gefallen gefunden haben, denn 
er erzähle ausführlidi, sie sei ihm am 16. Dezember 1486 in dem i udi= 
laden des Giuliano Salvati in Pisa von einem würdigen Floren^ 
tiner Kaufmanne Nifrio Dini mitgeteilt worden. Wir wissen aus 
der psydioanalytisdien Forsdiung, daß besonders jene Mitteilungen 
und Erlebnisse im Gedäditnisse haften, weldie von einer starken 
Gefühlsnote begleitet sind,- sie ist hier im Sexuellen zu suAen. 
Soldie Aufgaben, wie die angeführten, rufen audi heute nodi tn. 
Sdiüler- und Studentenkreisen jene ansted^ende Heiterkeit hervor, 
bei der stets das Sexualinteresse Pate gestanden ist. Immer wieder zieht 
das sexuelle Problem in den wissensdiaftlidien Betraditungen seine 
Kreise. Luca Paciuolo spridit in seiner »Divina proportione« 
vom Widersprudle, daß bei der Multiplikation von Brüdien sidi 
Kleineres ergebe, während in ihrem Begriffe ein Größerwerden liege, 
und er zitiert das Bibelwort: »Wadiset und vervielfältigt Eudi 
und füllet die Erde!« ^ , ^ ,,, .„ . 

Audi die sadistische Komponente des Trieblebens weiß ein 
Pförtdien zu finden, bei dem sie sidi in die Wissensdiaft eindrangt, 
Sie hat alle jene Aufgaben gesd^affen, in denen es sich um Ver- 
folgung eines flüditigen Opfers handelt. In ihrer ursprunglidien horm, 
die später wieder in die LehrbüAer aufgenommen wurde, im Bilde 
der Hetzjagd eines Hundes auf einen Hasen, ist die Aufgabe m 
den sdion früher erwähnten »Monumenta AIcuiniana« enthalten. 
Wir begegnen ihr wieder in anderem Gewände in einer mathemati-' 
sehen Sdirift des sedizehnten Jahrhunderts im »Enchiridion« von 

1 Ibidem II, p. 324, entnommen aus LucaPaciuoIa, I. Traktat der Summa, 
»De societatibus«, p. 158. , » i, ■ 

2 Viele Beispiele von obszönen Zahlensdierzen in den »Antropophyteia«- 
Jahrbüdiern von F, S, Krauss, 

imago lV/1 ■ ^ 



66 



Dr. Hug=Hellmuth 



Stn vif^i "^"^ 1^?''' "^* R°'" fliehender Mann soll durdi 
diese Z^?Ta ""?^?'' r '^'"- E'-" ""^ ^i^les später verlieren 
TlnffU '^^^"'^""digenAusdruA des Sadismus und nehmen 
versA?edpnI r "/°" /T' ^"f< ^^'^ P^npherie eines Kreises mit 
S tntsse r ?^'*^'"!^'skejt rollenden Kugeln, von dem Wegver- 
an Sr tA-fT^^'''^L^^'' "■ ^Sl. einen harmlosen Charakter 
namenthA fn '^*' ^^"'^L'^ ^" ^^' ^'^^''' ^" Verstandes führte 
stXn.^ V ""^'n^'J''' ^^^"' d^s Grausame in bildliAen Dar= 
h efr\T. J "• '^rfe/" ^^«-^^«en. Einen interessanten Beleg 
im .eomlt- ^ ^^^^ f ™g ^er .drei räumliAen Abmessungen« 
Kartl^urernZ r ^'" ^^'^ ^^^argaritha Philosophica« 'des 
15l^^> Fin^nl2 ^''^°^ ^"c'^'^'^ <herausgegeben von Finaeus 
Isieft dS HrÄ^'n"" ^''' ^I^'^^^" durAbohrter MensA symbo» 
AZJeJw^^ Dimension der Körper. Ati ihnen ist durA die 
Äeite vL° ''m°^'" ""^ ""ten die Länge, rechts und links 
zLhen wirum ""^ t"T^ ^'" ^'^^^ bezeiAnet. Es ist nlAt ein= 
F^rm ir/^r.^. t ^"^^^^"""S des Raumes in so abstoßender 

A:iuri:s%izt.::z-^" ^" ''-^- ^''^ -'^^ ^'-" 

verani?L?uA^d"^Geteen^'' ^'""''^1." '"'^ ^^"^ ^-" ^^'''^^''''' 
der sie ihre geistigen & ^A^''''' ^P°*^"' ^'^ WissensAaft, 
Wir begegneten solA^rpI ^i?"^'^^' ^'s Weib zu personifizieren, 
matikern^ und sie tritt un^M^'^'^" '*°" ^^' '"^^*^" ^athe- 
»Margaritha Philosophica« n"'^F" J" ^^!: ^^^" genannten 
^„.„:„ .:..j . . jjuica«. Die Arithmetik wie die Geo- 



metrie sind auf dem YifpIK;7^'' V^'^i'^ - - — 

r^...''?'^ i'telbilde der bezüglichen Teile des Werkes 

le Arithmeti 

Kleid trägt"vorn^ais Verziemn'^'d-^ ein geöffnetes B, 
Progressionen "^ ^'^ l'eiden nadi abwärts gehenden 



als weibliAe Gestalten ™«„?"E^fX'"A- ., . ^ 
bende Frauenpestalt in i^A^. u j ^ Arithmetik, eine sdiwe- 
K\.;A ..... ..A ^^1^'? jeder Hand ein geöffnetes Budi haltend. Ihr 



1 

3 2 
9 4 
27 8 

Rechts und links von ihr z * 

in der TraAt eines wohlhabeS«"??" *^^'suren. ^^^ts Boethius, 
reAnet mit Ziffern. Links PvtT,'^^''' '^^^'^^^^•^"ten Jahrhunderts, 
p/ennige, dem siA seine r(><hVu^°/^^ "^'^ ^'"^"^ Haufen ReAen- 
die Zahlen 1241 und 82 mTß V^^"^ /ähert, hat auf dem ReAentisA 
rung des Kleides der MathemaH^i!^""'^^" angelegt. In der Verzier 
HAen Reihen mit dem Anfangsdied l" Xw-^'l Verwertung von unend. 
Eins als Ursprung und Mutter alt.%\fy ''^^^" die Bedeutung der 
Vincents über die Potpn^ -l^" 'kennengelernt. Der AnsiAt 

Neun folgend, versinnbilder%iI>D°"'^^f^ "^^^ Ae Deutung der 
kraft, das männliAe Prin " '^'f^'^^^'^^^ 3, 9, 27 dieZeugungs. 

"Zip, Ae geometrisAe Reihe 2, 4, 8 mit 



Einige Beziehungen zwisdien Erotik und Mathematik 67 



ihren geraden Gliedern das weiblidiei. ^35 endlidi die Zahlen 1241 
und 82 welche Cantor als unerklärbar bezeidinet, betrifft, gibt uns 
die psydioanalytisdie Forsdiung, wenn auA nidvt die Lösung, so 
dodi einen Fingerzeig, wo diese zu sudien wäre. Der psydioanaly^- 
tisdien Forsdiung ist es gelungen nadjzuweisen, daß der »Üintali« 
einer Zahl niemals vom blinden Zufall abhängt, sondern jedesmal 
aus dem Unbewußten stammt und mit irgendweldien gefühlsstarken Er- 
lebnissen der betreffenden Person zusammenhängt Eine genaue Kennt- 
nis der Biographie dessen, der das Titelbild der Arithmetik ersonnen, 
würde eine befriedigende Erklärung geben. Die Geo_metne^ ebenfalls 
eine weiblidie Gestalt, hält in der Rediten einen Zirkel, mit weldiem 
sie Längen an einem Fasse abzumessen im Begriffe steht,^ auf 
demselben liegt ein eingeteilter Maßstab ein Hinweis auf die Visier- 
kunst In der Linken hält sie einen als Winkelinstrument zu be- 
nützenden Quadranten. Daß Frau Geometria die Abmessungen 
perade an einem Fasse vornimmt, kann nidit allein einen Hinweis 
auf den praktisdien Wert ihrer Kunst bedeuten. Berüd^siditigen wir 
die symbolisdie Bedeutung hohler Körper im Traume, so haben 
wir damit vielleidit die unbewußte Absidit des Verfassers erraten. 
Gerade die geometrisdien Untersudiungen weisen sdion in 
der Namengebung auf ein starkes Hinneigen zu Assoziationen aus 
dem sexuellen Gebiete. Die Wissensdiaft bedient sidv noA heute 
in den meisten Spradien der Ausdrüde Schenkel, Sinus, Nabel- 
punkt <bei gewissen gekrümmten Flädien), natürlidi ohne an den 
Ursprung im Sexuellen zu denken. Die trigonometrisdie Bezeidinung 
Sinus ist die wörtlidic Übersetzung des arabisdien dsdiaib <= Busen), 
das denselben geometrisdien Begriff benannte. Bei den Arabern 
gab es ferner ein länglidi sdimales Trapez, dem der Marne 
Gurke zukam, über dessen Sinn sidi die Gelehrten des Abendlandes 
den Kopf zerbredien. Ziehen wir die Sexualsymbolik zu Rate, so 
ergibt sidi zwanglos die plausible Erklärung, die Gurke könne nidits 
anderes als das Membrum versinnbildet haben, was bei dem strengen 
Verbot der mohammedanisdien Satzungen, Tier- und Mensdienleib 
darzustellen, eine trefflidie Umsdireibung bot. Das pythagoräische 
Dreieck (dessen Seitenlängen im Verhältnisse 3:4:5 stehen) wurde 
von den Arabern Figur der Braut genannt und stand bei den Pytha- 
goräern in besonderem Ansehen. Cantor vermutet, daß in diesem 
ein Hinweis auf die talismanisdie Bedeutung des pythagoraisdien 
DreieAes liege. Die ScxualsymboHk erbliAt im Dreiedce überhaupt 
ein Bild des weiblidien Genitals, eine Deutung, weldie wahrsdiein- 
lidi audi den Arabern nidit fremd war. Der Gedanke, das Sdiöpfungs- 

TAuT den Sdirifteii einiger Pythagoräer geht hervor, daß sie, von der Drei 
aufwärts dieungeraden Zahlen als männlich, die geradenalsweiblichbetraditen. 

s'ln Kaestners Geschichte der Mathematik, II. Bd. p. 663, findet 
sich folgende Stelle: *Ein Bild Typus Geometriae, Eine Matrone, gar nidit so 
hübsdi wie die Musik, hält in der linken Hand ein geometrisdies Quadrat, in 
der rediten einen Zirkel, vor ihr ein Faß mit Visierstabe längs darüber, im 
Hintergrund ein Schiff mit Rudern.» 



68 



Dr. Hug'Heltmuth 



M 



>i)l 



mysterium durdi die Gestalt des Dreiedis zu symbolisieren, ist 
uralf, Plutarch beriditet, daß sdion die Ägypter die Natur des 
Weltalls unter dem Bilde des »sdiönsten Dreicds« gedadit haben, 
und Piaton braudite in seiner Sdirift vom Staate dasselbe Bild, 
da er ein Gemälde des Ehestandes entwirft: das Dreiedt enthalte 
eine scnkrcdite Seile von 3, eine Basis von 4 und eine Hypotenuse 
von 5 Teilen. Man könne nun die Senkredite mit dem Männdicn, 
d|e Basis mit dem Weibdien, die Hypotenuse mit dem aus beiden 
Geborenen vergleidicn und somit den Osiris als Ursprung, die 
Isis als Empfängnis und den Horus als Erzeugnis denken <Plutardi, 
De Isidc et Osiride, 56).' Von besonderem geheimen Sinne waren 
im Altcrtume die Sternpolygone, dersidi — zum Teil verwisdit — bis 
In die Gegenwart erhalten hat. So findet man nodi heute das Stern- 
fünfeck als Symbol der Gastfreundsdvaft an Wirtssdiildern auf dem 
Lande, als Drudenfuß und Glüd<szeidien, Überbleibsel des pytha^ 
goräisdien Erkcnnungszeidiens, des Pentagramms, das auf Briefen 
als Gesundheitswunsdi angcbradit wurde. Nodi am Ausgange des 
aditzehntcn Jahrhunderts sollen nadi Kaestner« bei einem Geburts= 
feste der russischen Kaiserin die anwesenden Ärzte an einer fünf= 
eckigen 1 alcl, als dem Symbol der Gesundheit, gespeist haben 

Der geheimnisvolle Zusammenhang zwisdicn Sexualtrieb und 
mathematisdier Forsdiung ist auch der Gegenwart nidit fremd. In 
Multatulisßncfen=' fmdet sidi folgende Stelle: »Idi hoffe, idi hoffe, 
eine vercinfadite Methode für die Trigonometrie zu finden. Alle 
Sdiüler werden mir dankbar sein. Idi habe noA viele andere Dinge 
von dieser Art zu untersuchen. Es ist herrlidie Poesie, das Auf- 
heben des keusdicn Gewandes der Natur, das Suchen' nadi ihren 
Formen, das Forsdien nadi ihren Verhältnissen, das Betasten ihrer 
Gestalt, das Eindringen in die Gebärmutter der Wahrheit Siehe 
da die Wollust der Mathematik!* 

Wer kann angesidits soldier Enthüllungen mensdilidien Fühlens 
und Sinnens daran zweifeln, daß jedes Produkt der Geistestätigkeit 
auf dem Wege der Verdrängung und äußerster Sublimierung siA 
gestaltet? Oft liegt dieser Entwidilungsgang so klar zutage, daß der 
psydioanalyiisdier Forsdiung Unkundige überrasdir und bestürzt zu- 
gicidi die neue Erkenntnis abwehrt, indes der im Ablauf seelisdien 
Gcsdiehcns Erfahrene bloß die Bestätigung dessen sieht, was ihm 
längst bekannt, öfters aber nodi bleibt es dem oberfiädilidien Blidc 
versagt, die Beziehungen zwisdien Erotik und geistiger Arbeit in 
ihrer 'Entstellung und Verhüllung audi nur zu ahnen, denn die 
Sdileicr, unter denen die Wissensdiafi ihre Geheimnisse verbirgt 
sind didit und für ihn undurchdringlich. ^ ' 



> Zitiert in Canlor, I. c. I. p. 157. 
= Kacstncr. I. c. Bd 111, p. 248. 

> Mul tat Ulis Briefe, herausgegeben von W.Spohr, 2 Bände 



p. 73.