I M A G O
ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUN^^^
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAb 1 HIN
HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD
SCHRIFTLEITUNG; ' . .^
IV 2 DR OTTO RANK / DR. HANNS SACHS l^U
■ .; " Sdiillers Geisterseher.
: • Von .Dr. HANNS SACHS, Wien.
Das Fraement, in weldiem Schiller zu seinem einzigen VersuA
einer Seren^iA im Boden der Historie, sondern in der eigenen
PhantaT wur'zeintn Prosa-Erzählung ausholte, ist durch seme
Entstehungsweise und seine Komposition ebenso merkwürdig, wie
durA die Aufnahme, die es gefunden hat. Den Zeitgenossen sAien
kaum ein anderes Produkt seines poetisdien SAaffens gleich anziehend
und beaAtenswert. Der Beifall des großen Publikunis ^^r so leb-
haft, daß der DiAter die Fortsetzung des Romans als sjA^re Ueld-
quelle und als Grundlage für die BeliebAeit t^^^^j!"'"''?^"7 t^A
?n der die VeröffentliAung begonnen hatte betraAten kj"" ;. auA
ernste Kritiker, Literaten und Philosophen, bei denen weder »Kabale
und Liebe« noA »Fiesco« oder »Die Räuber« Beifall gefunden hatten,
belobten das Werk aufs höAste und ermunterten den Autor zur
Fortführung. Als siA dieser der ihm verhaßt gewordenen Arbeit
cndgiltig weigerte, fand siA eine ganze Anzahl von SAnftstellern,
die den angefangenen Bau naA eigenem Gutdünken zu vollenden
suAten. Eine dieser Fortsetzungen, von dem preußisAen HofgeriAts-
rat Follenius herstammend, hat ein StüA von der Beliebtheit des
Originals auf siA herüberzuziehen gewußt, wie die wiederholten
Aurlagen bezeugen. So treffÜA hatte es SAilier verstanden, sem
Werk auf die stärksten Interessen im Geistesleben seiner Zeitgenossen
aufzubauen und ihre Phantasie bis zur mitsAöpferisAen latigkeit
anzuregen.
Das Urteil der Literarhistoriker, die in SAilier niAt mehr den
problematisAen Himmelstürmer, sondern den unantastbar gewordenen
»Klassiker« sehen, ist sonderbarerweise viel kälter und ablehnender
ausgefallen. Sie haben alle für den »Geisterseher« wenig übrig, be=
traAten ihn nur im Vorbeigehen und ziemliA von oben herab.
Offener Tadel weAselt mit kühlem Lob,- die Lust, das Werk bis
ins kleinste Detail zu ergründen, seinem Aufbau und den UrsaAen
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
70
Dr. Hanns Sadis
,t >
seiner asthetiscfien Wirkung nadizuforsdien, die den deutsdien Literar^
nistoriker sonst audi vor dem ärmlidisten Produkt, wenn es einen
verehrten Namen trägt, nidit zu verlassen pflegt, war hier fast gar
nicht am Werke,
am Werke,
Bei genauerer Prüfung und immer weiteren Zurückgehen findet
man an der Quelle dieser Gcringsdiätzung niemand anderen, als
den U.diter selbst. In seinen Briefen, die den Miticbendcn natürlidi
verscuiossen blieben, aber seinen Biographen aufs genaueste bekannt
waren, beklagt er sidi über die widerwärtige Arbeit, die er sidi
aurgehalst habe und nun des leidigen Gcldverdienens halber nidit
loswerden könne, nennt das Werk ein »Gesdrmier« und fragt sidi
selbst, weldier Dämon ihn zu diesem Plane veranlaßt habe. Trotzdem
bleibt es merkwürdig, daß das Urteil Sdiillers soldien Einfluß üben
Konnte Ist es dodi bis zum SpriAwörtlidien bekannt, daß jedem
/\utor die Fähigkeit zur riditigen Einsdiätzung seiner eigenen Pro-
^.hSV ' '"i^^ d'"^ ^'''^''"^^ Gabe im übrigen nodi so stark ent-
\W.A "vT" j ß^V'P'?^^' '" ^^"^" große Diditcr ihr sdiwädistes
ZZu TA:Tf^'^'V^^^ bedaditen und es über alle anderen stellten,
währ.nJ'i P J^< ^^''^?\- ^"* h^t Sdiiller das Urteil, das er
WrSot ^ "^"''"".^ fä"^^' später wenigstens in einem Punkte
der e iniJ . % t' P'^i^osophisAe GespräA, das ihm damals
WeSes. '^'^'"'^"^ ^'^'^ürzte - zum unzweifelhaftai Vorteil des
Beredidlunt'''Ä"!l des »Geisterseher«, wenn sie sidi audi ihre
fuit ifa Lft. r •"'. ^'"S' ^^^ Diditers bestätigen zu lassen
es zu ordnpn J'"""^^"^ Die Aufgabe der Literaturgesdiidite ist
ÜbersXn " ""d.2" siditen, Zusammenhänge herzustellen und
Aun. über d.v'Tr^'^"^''lV. ?° ""^^'•^''^S^ «'^ -"^^Ü^" ^er Versu^
SVzuseL ^""7 Widersprüdie innerhalb der Persönlidikeit
sdktlu bie L""fl ""^'4'r''^ ^'"'^" ^" ^i^'^^"' ^^Is «ie das Leben
und uSurASV^fP-u ^^' ''" ^diaffen und Erleben verworren
und gäifoH^,^ ^"•'""'^^'' ^"'^ ^ä"^^'-"'^^ auseinandergelegt
föblidien Orl "i' '" ^^'"<^ Kategorien eingereiht. Bei diesem
das W" -krJl^ ""f '"^". '^^"" ^^ 1^'der nur allzulddit gesdiehen, daß
los und meSi. r^'^'" ^^"^*^" ^""^ »Lehrstoff« erstarrt, geist.
w rd die dann .fjT Z'^!, Generation der nädisten überliefert
tTöd^ne Kathedi "^"^ ^""" ""^ ^es Reiditums des Genies ein
MensrnSlmfnS^^^^^ ^T' ^f '^^ '''' """^^^"p* f
zu zerstören ITT k ^ ^" zerlegen ohne das »geistige Band«
Einheif zuTamme^fat sTwS'J ^^"? T "-'^P'-^^'f /"
sondere hinein frölS A ( ^^"." ^'^'^ '"^ einzelne und be-
bradit und aSeinandll ,^.!^"f'°f§«ybeitet und Material herbeige^
seinen LeLungen hhter d"'"''' A^f ^'^ ^'''^^' ^^^ Diditers mitsamt
dem besten ^e^ l !(• '^'^'Z^'^''^' versdiwindet. Goethe ist auf
eine vollständige Goethe An. 1''"'''?'''^' ^"^ Nimmerwiedersehen,-
mige ooethe-Ausgabe mit Hinweglassung der Werke -
Sdhillers Geisterseher. 71
die Sdiulübungen, Ministerialdekrete und Gesdiäftsbriefe sind ja so
unendlidi widitig zur »Kenntniss seiner Persönlidvkeit«, — ist eigent-
lidi der letzte Sdiritt, der- nodi zu madien ist. Sdiiller ist ihm
sdion längst vorausgesdiiAt worden. Sein sAeinbar viel weniger
kompliziertes Wesen und Wirken eignet sidi audi viel besser zur
Erledigung durdi einige Sdilagworte. So wird uns auf der einen
Seite, bis zum Don Carlos, der glühende Geniejüngling gezeigt, in
Sturm und Drang, Übersdiäumen und Ungestüm, und von da an
unentwegt das andere Bild vorgehalten: Der Sdiüler Kants und
Freund Goethes, der »Idealist« und »Klassiker«. Nur gerade der
»Geisterseher« läßt sidi in keines der beiden Sdiubfädier unterbringen,
denn neben starkem Realismus enthüllt er deutlidi des Diditers neue,
phiIosophisdi=idealistisdie Tendenzen. AuA der Entstehungszeit nadi
ist sein Platz gerade an jenem Wendepunkt, wo Sdiillers Geistes-
leben die große Knidamg durdimadit, um von da ab in neuen Ge-
leisen weiterzulaufen. Der erste Teil wurde während der Vollcndungs»
arbeit am Don Carlos verfaßt, die Fortsetzungen entstanden, als
sidi Sdiiller von der Poesie mit Entsdiiedenheit abgekehrt hatte, um
sidi ganz der Philosophie und Gesdiidite zu widmen, nur der Gc=
dankenlyrik nodi willig einen Platz einräumend,- der »Geisterseher«
war das einzige, ungern mitgesdileppte Überbleibsel früherer Be^
sdiäftigung. Also ein Zwittergesdiöpf aus einer Übergangsperiode
ließe sidi rasdi urteilen, eingehender ästhetisdier Betraditung kaum
Der Psydiologe wertet anders,- das Werk wird ihn eben des-
halb zur Durdiforsdiung reizen, weil bei seiner Abfassung in der
Seele des Diditers ein nodi nidit völlig entsdiiedener Konflikt zu
Ende gekämpft wurde. Gerade hier, wo Kraft und Widerstand
nodi nidit erstarrt sind und die neue Formel, in der beide ver^
sdimelzen sollen, sidi erst vorbereitet, gerade hier darf man erwarten,
Spuren zu finden, die etwas von dem Geheimsten der an jenem
großen Umsdiwung beteiligten Motive erraten lassen. Für eine
soldie Untersuchung wäre der »Geisterseher« audi dann ein wilU
kommenes Objekt, wenn ihm seine Entstehung in einer Zeit innerer
Unsidierheit den künstlerisdien Gehalt gemindert hätte.
Wer sidi über diesen Punkt trotzdem nodi Sorgen madit,
wird sie leidit zerstreuen, wenn er statt in die Urteile über das
Werk sidi in das Werk selbst vertieft. Es übt heute nodi mit der
unvergänglidien Frisdie seiner Kunst- und Natur-Wahrheit den
gleidien Zauber aus, wie einst, führt die Leser unseres Jahrhunderts
mit ebenso sidierer Hand durdi seine Welt von Seelenfängerei
und Versdiwörungen, von grotesken Abenteuern und ungewohnt
lidien Gestalten wie jene ersten aus dem Zeitalter des Zopfes und
der Aufklärung. Es gibt nidit wenige soldier Meisterwerke Sdiillers,
deren Genuß mandiem unter uns entfremdet wurde und dodi so
teidit wiederzugewinnen ist, Es kommt nur darauf an, sidi durdi=
zudrängen durdi den Vorhof, in dem die Priester und Sdiriftge-
liineinzuwaJninZ.y ^/'^"\,^''''S'"'" versperrend, und sidi
JiA--geseKnd J Sir l''f ' ^'"^ ^° ^^'^ Künstler selbst mensA-
Mi Ktaunln ^ .'^ ^ "'^ "^'^ '''"'" ^^^f empfängt.
Urbilder so man^r^K^'".-'^''" "^.^^G^'^tersehcr« dii lebensvollen
Laterna maeica Sfr i ""^^T^'*^«; SAattengestalten. die uns die
die glüdS Wah ! ''"ä ^"t^''^ ^^"^ ^" "^''''^" •'■^I^^^- Schon
ist, daß auf ihm dil ? r' SAaupIatzes, der hinlängüA phantastisA
die lautlose Wunder "t'ad m?t '•' N^^^'""^^' ^^''^^^^f- Venedig,
Lagunen und ^^1 i [ ^^"1^" ""entwirrbar verknäuellen
inLs?AgeheS^itl[eML ""'' Y°^^^^^^^ '-^^ Markusplatz,
die im stillfn 'eSfun^ r "'''t'"' ?^ unsiAtbaren Behörden,
allgemein beÜekrS. ""^ /.'*f/"' das alles wird von nun an der
regende Abenteue^ Auf di'" ^" fl'^'^T' ''''''^^'^''^- ""^ ^"^^
von Figuren die von si'"'^--^'"''^^ ^^'''' ^'"' ^'"^^^
halten habe"; in I H [ ,^ ".*'^'" ^'^ endgiltige Gestalt er-
Werken SpL "er wiedXh^^^^ T^' t^'d die 'andere in den
Gaukler uid ha b U?.nX '' ^7 dämonisdie Verführer, halb
sein Opfer wird die [!"'"?' }^' ^^^'f'^'" ""d Grübler, der
und Warner di tatVv^^"'''^} l'"" Geliebten, der treue Fr-eund
zeugen herab ist voS^La^'j' '''^^" den spitzbübisdien Wcrk--
Ganze ist ein SttaunJ^ d""^ .^/'■'WdliA entworfen, über das
gebreitet, die aus uStbfren OoS^""^"'^''''^" ""^ Grauenhaften
sAwindet, wenn au^ wJeSui'" ^T'^' ""Ü ""/ "*^ ^'"'
Ereignis des GeheimnisvcHen enÄen ^"'^'^ '''^^ ''"'''"'
dasaufdi^R:^a^u^ktft^•t^'' ^f J^"^^ andere Werk SAillers,
dramen wurdrd^ß >>d /Rr^;'''^'' ?/ ^^^ ^^^^^''^d ihrer SAicfaals-
aus demselben Stoff^rpfft" °". ^^^l"^*' wie wir sehen werden,
verwendungsbereit i^sA t'''°T^' i^^" ^Ailler jahrzehntelang
klassizistisAe Form p. nf.4.. '^' ^l ^*^'"f' daß audi die streng
Richtung zu geben als J^ /T5*'^' ^^' "^i^^ung eine andere
gezeidvnete. ' ''"'■* den gemeinsamen Ursprung vor-
Der Roman befriedigt al.Pr „,,^ ■
voihge Ausbildung unserem ^L ^'" anderes Bedürfnis, dessen
behalten blieb. 1)^1" d2r' ^^f.^'^^^^" Jahrhundert vor.
Ausbreitung und dem behaSn 7 ^'"i^^'^hen oder riditiger der
viel von der bisherigen AAtmi ". ^''^''^V'^S*^» ^^^ Gemütslebens
jagenden Verstand, die pSß'f'^Sen haben, dagegen den ab.
bare äußere Hindernisse be. t ^^''^ "^'^ '^'' ^*<^'"bar unbesiegt
feinste Gegenlist im eigenen M? T'"''^"' ^'^ List, die des Feindes
die ihn zu Boden zwin« f/l u ^"^!' ""^ ^'^ stahlharte Energie,
neue Literatur entstanden SL 1^ /diätzen, so ist unter uns eine
leben des Lesers wendet ,Ta '^^'^ S^' ''''"^^ ^n das Gefühls,
nationsgabe, kurz seine inteltl^^"]* '^'"l^^" n^diarfsinn, seine Kombi,
bemüht ist. Das is^ dl 4i "'"'"r?''^'^^^ '" Spannung zu setzen
die sogenannte Detektiv.Literatur, die sidi in
SAillers Geisterseher
73
kurzer Zeit der Novelle, des Romanes und des Dramas mit
gleidiem Erfolg bemäditigt hat. Keines dieser modernen Werke ist
so planvoll aufgebaut, so außerordentlidi fein durdidadit und dabei
kühn und originell konstruiert, wie der »Geisterseher«, Das Gesprädi
zwisdien dem Prinzen und dem Grafen von O**, in dem der Prinz
das feingesponnene Gewebe des Armeniers Faden für Faden auf=
trennt, ist ein Muster für die Verwendung des analytisdien Ver-'
fahren's zur Erreidiung ästhetisdicr Wirkungen. Aus der Folge-
riditigkeit und unbeirrbaren Sidierheit, mit der die Wahrheit durdi
logisdi notwendige Sdilußfolgerungen aus einem Wust von Täuschung
und Betrug herausgesdiäk wird, eine Lustquelle zu gewinnen, das
ist trotz zahlloser ähnlidier Versudie nur einem einzigen im selben
Grade gelungen: dem großen amerikanisdien Poeten Edgar Allan
Poe, der auf diese Tedmik eine eigene Gattung der Novelle gegründet
hat. Sdiiller und Poe sind nidit nur die Vorläufer, sondern audi die
völlig unerreiAt gebliebenen Vorbilder der heutigen Detektiv^Literatur.
Das Wort sdimerzt. Sdiiller als Bahnbredier für Sherlodt Holmes,
das ist eine Zusammenstellung, die uns fremd und unheimlidi an=
mutet. Aber wahre Größe erweist sidi eben dadurdi, daß sie sldi
in jeder Umgebung durdisetzt. Audi mag die Erkenntnis nidit wert«*
los sein, daß Sdiiller den hohen Stil nidit deshalb bevorzugen mußte,
weil ihm die Gaben niedrigeren Ranges mangelten,- wir dürfen den
Diditer des Teil dankbar willkommen heißen, audi wenn er nidvts
anderes zu sein versudit als ein spannender und geistreidier Erzähler.
Es darf sdiließlidi audi nidit unerwähnt bleiben, daß audi der
»Geisterseher« nodi Qualitäten hat, die weit über den Reiz des
Stoffes und das Niveau bloßer Unterhaltungslektüre hinausgehen.
Die psydiologisdie Gestaltung des Helden, sowohl in der direkten
Charakteristik der Einleitung wie durdi die Eigenart, die seine Figur
in der Handlung abbildet, konnte nur einem tiefgründigen Seelenkenner
und meisterhaften Erzähler gelingen. Audi unter den Nebenpersonen
ist keine, die zur bloßen Masdiine der Verwiddung dient und nidit
wenigstens einige treffende und lebendige Züge aufweist, wie sie
z. B. in der Sdiilderung des Prinzen von **d** zusammengefaßt
sind: »Ein vielversprediendes Äußere, besdiäftigte Augen, eine
Miene voll Kunstverständigkeit, viel Prunk von Lektüre, viel erwor»
bene Natur (vergönnen Sie mir dieses Wort) und eine fürstlidie
Herablassung zu Mensdiengefühlen. , .«
Für unser historisdies, memoirenliebendes Zeitalter hat die
leidite Patina, die über soldie Wendungen, wie über das ganze
Werk gebreitet ist, nodi einen besonderen Reiz. Das Fragment
besitzt vom Milieu und vom Geist der »guten, alten Zeit« gerade
soviel, um unserem vorübergleitenden Blidt ein Stü<k Vergangen»
heit zu enthüllen und genug Jugend und ewige Gegenwart, um die
einmal erwedite Aufmerksamkeit dauernd zu fesseln.
Bei einer aussdiließlidi auf das Stofflidie geriditeten Analyse
lassen sidi im »Geisterseher« leidit drei Grundelemente erkennen:
74
Dr. Hanns Sadis
mystisAlrW^^"'l^T ^^^^^joli^ismus bekehrte Thronanwärter, die
E?n als sST ' ^r'^'^T'"'' ""^ ^- Schauplatz, Venedig,
Stet Sri^ P? T'^^^K"? ^^"S' ^enn alles MotivisAe ausge-
ZZ^iLfT '""T y"t.^rs"d.u„g wird uns zeigen, daß Jedes
Setzung . V 5-i' '" ^''ß'i' ^'' D'Af^'-s ""'• durdi Zusammen-
>überdL i^ ?'""^' ^'f ^^^^'•''^'^ '^"t^t^"d- Sie sind sämtliA
fraulf ^ '' ^'"^ ''''"^° ^'^ ^i^ ^in^e!«^" Elemente eines
maXl tf, T' f"^'"" ''' ^'"'<^'" B^ding""g entspredien, in den
manifesten Inhalt aufgenommen werden können.
Ta?esankm?n? ^'"<^\ Kunstwerks entspräAe dann dem durdi die
auTebll? T" bereitgestellten Traummaterial. Er wird wohl
weint .ff ""S'^"'^! «^irsesammelt wie jenes, wenn audi die Ver-
sXßende W? '' ^'^.^^^f ^^ Auswahl niAt ganz so weit aus.
e*er Reihet A°' ''^ ^''^'' ^" ""^^'••^"^ P^^^ haben siA zu
noA die 5L,r" ^":;^S^""Sen die das eigene Erleben hinterließ,
zufüllen ^''''"^'" LesefrüAte gesellt? um den StofFkreis aus.
.um KaThoitmus tTleinrFoTf'"7"%PT^"^^"^^^'^i"i^T".
zwisAen Volk imrl H. T .^^'S^n, die ReligionsversAiedenheit
heimadiAen SAraL^Setk "&,'^^ '^"^ ^^'"% '" ff"
Herzog Karl Eu^en warS i-i ^' J^"'^"" '^'"^'' /"g^'i^J^hre,
Karl Alexander TserGla.?! ^ ^ ^' ''"'' ^'^'" ^^^^'^ ""^ Vorgänger
Karl Alexanders hat aSrVf.f ^"S«=nommen hatte. Der Übertritt
BÜd des DiAters auf Aese'p! f ° t "!*^ •"^'^'- 8^^^'^^^^' ^'^ ^aß er den
dem Prinzen des »G<>k^^r. u ^^ '^'™^/ ^'"^ weitere ÄhnliAkeit mit
war mit Leib und Seele Sou'r ■" c*?^ vorhanden. Karl Alexander
wunderer des Prinzen Eup /'" SAüler und leidensAaftliAer Be-
dort eine unwahrsAeinfM. 1 m "?, Heere ÖsterreiAs diente und
25 Jahren Feld2eu.Slr , ^*"^."^ Karriere maAte - er war mit
KonfessionsweAsel auf Z r'^'h^? GeneralfeldmarsAall. Ob sein
Heere oder auf seinen Ehr • '"""'^, ^^^ Milieus im kaisediAen
suAt bleiben. Keinesfalls ^'^ ^urudizuführen ist, kann ununter-
intriguen notwendig Ein uZ^^^-^ ^r'" ^''^ielung dieses Zweckes
fanatisAe Priester und imri^ T'^nf"*^ '°^*^ Zettelungen, an denen
ten, findet sidi ehpr b^ J rn ^^"^^^ teilgenommen haben dürf-
FriedriA II. von He«. ? "übertritt des naAmaligen Landgrafen
Ein Mystiker oder reSk ' cJ'' größte Aufsehen erregt hatte,
liebenden und versAwpS 4, T?'""'^'' ^"^^^ aus dem praAt-
Beispiel des Verlaufs deml^^'c ^7^^^"' ^^' ^^' ^^•''^' ^^' ^'°''
falls niAt und so ist .Ä' ^?^^^^^" ^" England setzte, jeden-
Anknüpfung ?e(?cbpni R . '' ''""""^ "^^^r als eine oberfläAliAe
1__J ^^SeDen . Ergiebiger wird die Ausbeute, wenn wir
Leben dieses Fürsten^einfszenJ" A^'^"'" SAÜler-BiograpIiie allerdings aus dem
vol i-g d.'At, jedodi ohne sein/pi u '"'* ^^^ Eröffnung des »Geistersehers« sidi
Redit, daß diese Tradition dunW d""" "''""'^"- »anstcin vermutet wohl mit
nicht umgekehrt, '~'^" Vornan Schillers hervorgerufen worden sei,
Sdiillers Geisterseher
75
um mehr als ein Jahrhundert zurückgreifen, auf einen Prinzen aus
dem Hause Braunsdiweig, der in jener Zeit, wo die konfessionellen
Gegensätze aufs äußerste zugespitzt waren, den Glauben, in dem
er erzogen war, verließ. Es war dies Johann Friedridi, der spätere
Herzog von Braunsdiweig^^Lüneburg. Hier finden wir vor allem den
Sdiauplatz wieder, die Bekehrung gesdiah auf einer Italienreise und
der Prinz nahm einen langen Aufenthalt in Venedig, Audi die
Einwirkung des Wunderbaren und Übersinnlidien fehlt nidit, wenn
es audi nidit im Gesdimad^e des nädisten Jahrhunderts philosophisA*
freimaurerisdi aufgeputzt war: der Prinz war in Assissi Zeuge eines
Hostienwunders, das den größten Eindrudi bei ihm hinterließ. Sdilicß^
lidi finden wir an seiner Seite eine etwas problematisdie Persönlidikeit,
einen Grafen Rantzau, der selbst vom Protestantismus zur römisdien
Kirdie übergetreten war und seine Bekehrung mit dem ganzen
Eifer des Konvertiten förderte. Audi etwas von den widerredididien
Mitteln zur Thronbesteigung kehrt in der Gesdiidite des Braun=
sdiweigers wieder, Er entriß, teils durdi Intrigen, teils durdi
Gewalt seinem älteren Bruder das bessere Stüdi der Erbsdiaft, ihm das
minderwertigere überlassend, Durdi Intervention benadibarter Fürsten
kam ein Ausgleidi zustande, bei dem Johann Friedridi einen Teil
seines Raubes behaupten konnte. Hier sind also für eine Reihe
von widitigen Zügen des Romanes die unverkennbaren Vorbilder
gegeben: die Italienreise, der Aufenthalt in Venedig, das Bekehrungs=
wunder, bei dem ein Kind der Aufklärungszeit leidit an einen
raffinierten Betrug denken konnte, der geheimnisvolle Gewissens^-
berater und die gegen Erbredit und Verwandtenliebe sidi empörende
Herrsdisudit.
Wir dürfen natürlidi nidit erwarten, an einem soldien Vorbild
alle Züge wiederzufinden, wie dies Hanstein in seiner sonst ebenso
verdienstvollen wie fesselnden Arbeit^ tut. Selbst wenn wir von dem
vorausgesetzten »Verdiditungsprozeß« absehen, dürfen wir nidit ver=-
gessen, daß Sdiiller es gewiß vermeiden wollte, ein für die Zeit=
genossen erkennbares, historisdi getreues Porträt zu geben und des-»
halb absidididi Details, wie die Teilnahme an der Sdiladit von
Hastenbedt, die aus einem anderen Zusammenhang stammen, hinzu=
fügt. Wenn Hanstein aber bei jedem in Frage kommenden Urbild
die Frage stellt, ob der Prinz audi wirklidi der dritte seines Hauses
gewesen sei, wie jener im »Geisterseher« und aus diesem Umstand
ein widitiges Erkennungszeidien madien will, so befindet er sidi
offenbar auf einem Irrweg. Denn gerade darin war der Diditer
gewiß auf kein Vorbild angewiesen, ja er durfte gar keinem folgen,
weil die von ihm gewollte Motivverknüpfung ihm keine Wahl mehr
frei ließ. Der Prinz durfte nidit allzunahe am Throne stehen, weil
sonst die Wahrsdieinlidikeit der natürlidien Erbfolge das Verbredien
' Dr. Adalbert von Hanstein, »Wie entstand Sdiillers Geisterseher«.
Forsdiungen zur neueren Literaturgesdiidite, Bd. XXII.
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& W ^ ?^'"''''^^ ¥"''' ""^ "'*f 2u entfernt, so daß der frevel»
oKnl 7;""^*„"a* der Krone in ihm entzündet werden konnte und
h.Z ^r^7'r^ Häufung von Vcrbredicn Aussidit auf Befriedigung
c/Jn!)' . wi^f'gste Person, die zwisdien ihm und dem Throne
u^AA A^ f " ^1'"2"t"'i absdieidet, das ist ja die Voraussetzung
K T^"'''i^ <ler Romanhandking. Er durfte du rdi ('lesen plötz«
"men lod nidit sofort auf den Thron oder in seine unmittelbare
iNane gelangen - sonst wäre alles weitere weggefallen - al^^r
.11 ^"i'^Li^'a^ "''^ Herrsdiaft durdi einen ludmen und verbredieri«
ITa ^"^'^I"'^ ^'•■•eidibar war, und so mußte er notwendigerweise
der dritte Pnnz seines Hauses sein.
früU.rl ^'^"''^J« Verhältnis — ein persönlidier Eindrudi aus
rr^ner Jugend, überlagert von einer späteren literarisdien Anregung
Daß ?r7"" ^1^ ^'^^ 1^^' Auswahl des Sdiauplatzes annehmen.
Th onbestHl^""'t'^"r!: ^ ""^ ^°'-^ längere Zeit lebte, ehe er zur
wLen"' n.^Tb r^r'sll """ '""'''^'T -ssAIaggebend gc
katholisdien K^rl R ?'"^' '^'"'^" Landeslicrrn — eben enen
hänglTo L E n^^^^^^^^ 'n^' '^"f -'" SAid^sal einen so ver.
als jener von Venedig .n''\f''' T ^""^ ^'•^'^"'"^' '^^'' "^^^ ''
hielt. Hier sah der 1? f^'^^^^l^^hrend seinen pomphaften Einzug
ganze sklavenhafte Un .7 ^" ""f"?'^ ''^" S^nzen Prunk und audi die
zehnten Jahrhunderts unl'^J "^'"^ ^'"'^" Landesherrn des adit-
da an Venedig mit cfpm tt-'j.""^, ^"^'"^ Vorstellung modite von
Die literarisdil AnreZ„ ^I*";'*?'^"^ fürstlidier Pradit verbinden.
Mai 1786 in einer Bein. ?'x^*"'^'' ^^^if'^'los aus dem im
einer nodi ungedruAten \Z.A "^.f ^^*'"'ft ersdiiencnen »Auszug aus
SAillers Interesse ^f '^^''^''^""S ^on Venedfg«.
Katholizismus ist mit deni »o"^ geheimnisvollen Organisation des
zeitigen »Don Carlos, kt Iv f'^^'-''^'^'^'"* "'*t crsdiöpft. Im gleidv-
Allwissenheit und Allmacht 1,,"''""'^'°" "^'^ derselben unsiditbaren
sdiaft deren Emissäre £13'- ''"'^ ^^'^ ^'"'^ Sch^^^^c Gesell^
In »Maria Stuart<c ist es eine iS^K^t-'i^Ti'^"^ ""^ Biondeffo sind,
im Protestantismus erzo/ene„ Mo° '• ' ^^''r'^^örung, ^eldie den
zeug des Fürstenmordes nS„°''T''" '"''^^^''' und zum Werk,
mit dem Prinzen geslilht Audi T'° ^'1'^ '•" ^Geisterseher«
liegende Kindheitseindrüde vermutenden? ^ o"°* weiterzurüdi-
von der mütterh'dien Seite einp VJu '-J'"oßmutter des Diditers
kam aus Icathofisdiem SeTnd SS"'"' ^""" "°" StöraAhof,
dem Enkelkind etwas ™der PraSt T' ."'l^'^^T^^''*' '^''^ ^'^
auf dn pkntasievolleslil rmt t^^^^^ JZ
nuditerne protestantisdie, mitmeilt hat HnR .( 7 b i. l
als Gefahr und Verführung Cs^ad^e^^el^l t'de'ltom'e
ai't'KaXS rrS?*^" "'^"- selbstversSndhI SpäJer
.id, In, Ä ' i^f^S Adler einen katholisdien Mitsdiülei, der
sd, dem geisthdien Stand zu wid len besAIoß. Von hier muß er
einen starken E.ndrud empfangen haben, denn er besdiloß mandies
ScfiiKers Geisterseher 77
Jahr später, in BauerbaA, den Titelhelden eines geplanten Trauer=
Spieles »Friedridi Imhof« nadi ihm zu benennen. Dieses unausge-'
führte Werk hatte in seiner Anlage zweifellos innige Verwandtschaft
mit dem »Geisterseher«, denn Sdiiller forderte von seinem Freund
Reinwald als vortrefflidi in seinen Plan passend Büdier »über Jesu-
iten und Religionsveränderungen, über den Bigottismus und seltene
Verderbnisse des Charakters, über Inquisition, Gesdiidite der Ba-
stille und unglüdilidie Opfer des Spiels«. Nahezu alle hier aufge-
zählten Ingredienzen sind in den »Geisterseher« aufgenommen worden,
nur die Erwähnung der Bastille beweist, daß Sdiiller damals einen
anderen Sdiauplatz in Gedanken trug. Den Plan, das ungeheuere
Paris mit seinem vielgestaltigem Gewimmel in den Masdien eines
Stoffes einzufangen, hat der Diditer lange gehegt. Ein »PolizeistofJ«
sollte ihm Gelegenheit geben, zu sAildern, wie die folgen eines
geheimnisvollen Verbrediens sidi durdi die verdiiedensten Gesell-
sdiaftssdiiditen hindurdi fühlbar madien. Im Mittelpunkt sollte die
Pariser Polizei als unsiditbare und allwissende Madit stehen,, ihr
war also dieselbe Rolle zugedadit, wie den Fadenziehern in dem
Komplott, das den Prinzen umstellt, und der Inquisition im »Uon
Mit diesem »PolizeistofF« hat sidi Sdiiller dann nodi iii viel
späteren, reiferen Jahren eingehend befaßt,- von dem unübersehbaren
Detail, das eine Großstadt bietet, gesdiredit, floh er ein zweitesmal
aus Paris nadi Italien. Die Motive vereinfaditcn sidi unter seiner
Hand, die nur mehr das edelste Material zu formen gewohnt war,
und so entstand die »Braut von Messina«, deren Mittelpunkt ein
Verbredien, der Mord des älteren Bruders durdi den jüngeren, ge»
blieben ist. Das Geheimnisvolle, ja Detektivhafte des Stoffes ist nicht
ganz verloren gegangen,- nidit die Freveltat selbst, die vor aller
Augen geschieht, aber die verwickelte Vorgeschichte wird Schritt für
Sdiritt, nadi dem analytisdien Verfahren, für dessen Verwendung
im Drama der »König Odipus« das Vorbild geliefert hat, aufgedeckt.
Audi die unentrinnbare, in ewiges Geheimnis gehüllte Allmadit ist in
die neue Form übergegangen, aber nicht mehr als Attribut einer
menschlichen Organisation, auch nicht eines Orakels, wie im »Ödipus« —
dies verwirft Sdiiller als der modernen Auffassung ungemäß, — sondern
als allwaltendes Sdiidisal, das sidi aus dem Fludi des Ahnherrn
bis zum Erlöschen des Fürstenhauses entwidcelt. Dieser bei dem
Dichter schon längst vorgebildeten »AIlmad)ts«-Idee ist also die
Entstehung des Schicksafsdramas zu danken. Hat der »Geisterseher«
als Ganzes eine gewisse innere Verwandtschaft mit der »Braut von
Messina«, so geht die Übereinstimmung zwisdhen der eingeschobenen
Rahmenerzählung des Sizilianers und dem Drama sogar bis ins
Detail. Das Lokal ist sdion beinahe dasselbe — hier Neapel, dort
Sizilien, Das Verbredien wiederholt sich in beiden Fällen genau;
der jüngere Bruder erstidit de" älteren und beidemale aus demselben
Motiv, weil er in ihm den glüddidien Nebenbuhler erblida. Die
78
Dr. Hanns Sachs
Erlangung von Madit und Reiditum als AIlein=Erbe spielt einmal
tu ^^'^'.^Ij^^a' alsNeben-Motiv hinein. Audi nebensädilidie Details
Kehren wieder: so wird z. B. beim Raube Beatricens wie bei der
c^rmordung jeronimos der wahre Sadiverhalt durdi den AnsAein
e^nes Korsarenüberfalls verdeckt. Anderseits leiten Fäden von dem
mit dem »Oeisterseher« durch die Entstehungszeit und vieles andere
verbundenen »Don Carlos« zur »Braut.« Daß die Allmacht dort durdi
die Inquisition vertreten ist, wurde erwähnt. Aber der Ausgangs-
puni<t der spateren Tragödie, die Tat, an die sidi das verderben^
bringende bcfiidcsal knüpft, ist nur eine Wiederholung des Wunsdi-
Zieles, aus dem sidi die Handlung des »Don Carlos« entwidcelt,
w^e es von der Königin in der Gartenszene dem Prinzen mit voller
J>dionungslosigkeit vor Augen geführt wird:
*Audi ein Raub war's, wie wir alle wissen,
Uer des alten Fürsten ehiidies Gemahl
In ein frevelnd Ehebett gerissen
T T "." /'^ ^^^ ^^^ Vaters Wahl
Und der Ahnherr sdiüttete im Zorne
Grauenvoller Flüdie sdireddidien Samen
Aul- das sundige Ehebett aus
Greueltaten ohne Namen
Schwarze Verbredien verbirgt dies Haus.«
und
»Warum nidit? O dpr na,, -i i
Kann mehr als da's ''^"^^''^ ^°"'8
Undjann zulem,_um_würdig zu vollenden
Zuletzt nodi mit der Mutter sidi vermäWen"
Der Parallele zwiscfien der Rahmpn 0„c^-j,. • ^ •
Seher« und der »Braut von MessinarZR^ ^ t*^^ '!-" >^Gciste,v
daß die Übereinstimmung zwislen dTel F hinzugefügt werden,
anderen Drama Sdiillers, seinim ersten nn^''^'"'""^« ""^ ^'"^"^
weit geht, daß man jene fast eine Novdlt T?' ''°^'' '''' f '°
ein anderes Milieu versetzten »RäuCrilnn T'P^''''°!\ ^''" '"
dort ein jüngerer Bruder, der .eChLterT'] T'^' }^''' ^'"
verstedcend, erfolgreidi gegen den Erstgeborenen T^SendheuAelei
liebevollen und sdiwadien Vater täusdit hm diP P f. I"f' "''^' ^^"
und bei dem VersuA, die von beiden B;üdern GeheS ^T'T''
nur an dem hartnäckigen Widerstand der Brau sXterT TT""^^!''^'''
liebt und sid) von dem Betrüger voll AbX„ j ' ^'5,^^" ^1^^'-^"
mord wird wohl it. ^GeisteiSlr« ausführt "^' ^er Bruder,
nur am SAluß versudit, in be den WeZ 1 ' '""J^'J ^Räubern«
durdi ein verabredetes Gauke LdSi di. Ä u- '''*' ^''' Bösew^dit
des Vermißten zu überzeugt uffdatiÄ^^^^^^^ T t''' ^°^
7iisnip£Tp1n d^R Aav T^^ c ■ ^' ^^^ ^'^"t des Bruders vor^
Sen dt Novelle nilf '"^ ''' V^'"^'"' ^^^''- ^udi die Räuber
tehlen der Novelle nidit ganz, wenn Jeronimo ihnen auA nidit wirkliA,
SdiÜlers Geisterseher
79
sondern nur nach der Meinung seiner Familie, nidit als Oberhaupt,
sondern als Gefangener anheimfällt. Sdiließlidi werden beide Handlungen
durdi die Heimkehr des älteren Bruders gekrönt, der die Enriarvung
des Verbrediers herbeiführt,- in der Novelle kann er allerdings, um
dem Rahmen, in den sie gespannt ist, zu entspredien, nur als Geist
wieder in den Kreis der Seinen treten.
So zieht sidi also ein ganzes Gespinst von Fäden zwisdien
dem »Geisterseher«, dem »Don Carlos«, der »Braut von Messina«
und den »Räubern« unterirdisdi hin und her. Wir werden nodi
mandies nadizutragen haben, wenn wir uns der Motive und Stoff*
wähl von der psydiologisdien Seite her nähern, einstweilen müssen
wir zur StofFgesdiidite zurüAkehren und unsere Aufmerksamkeit
dem Element, von dem das Werk seinen Namen hat, der Beziehung
zum Übersinnlidien und ihrer betrügerisdien Ausnützung zuwenden.
Der aktuelle Anlaß liegt klar vor aller Augen: Kurz bevor Sdiiller
seinen Roman begonnen hatte, war der Skandal der Halsbandge-
sdiidite von einem Ende Europas zum andern ersdiollen und hatte
die Gemüter durdi die Aufded<ung der inneren Fäulnis des fran^
zösisdien Hofes in Aufregung gebradit. In die Halsbandgesdiidite
war, diesmal vollkommen unsdiuldig, wie sidi nadiher herausstellte,
der Wundertäter Cagliostro verwickelt, der aus Sizilien stammend
wie der Betrüger im »Geisterseher« mit den Geheimnissen, die er
aus den ägyptisdien Pyramiden gesdiöpft haben wollte, bald hier,
bald dort Jünger anlodcte, Logen gründete und seine TasAen füllte.
Er verstand es, die leidensdiaftliche Vorliebe des Aufklärungszeit*
alters für alles Wunderbare und Übernatürlidie, soweit es nidit mit
den überwundenen Dogmen der offiziellen Kirdie zusammenhing,
zu seinem Vorteil auszunützen. Vor seinem Zusammenbrudi in
Paris hatte er unter anderem in Mitau in Kurland eine Gemeinde
um sidi gesammelt, deren vornehmstes und widitigstes Mitglied die
Sdiwcster der Herzogin von Kurland, Elise von Redie war. Nadi
der Abreise des Meisters war der Glauben an seine Wunderkraft
erheblidi gesunken, die literarisdi ehrgeizige Dame trat dem Kreis des
nüditernen, »Geistern und Geist« gleidi abholden Nikolai nahe und
als sidi Cagliostro zu seiner Verteidigung auf sie berief, erwiderte sie
ihm mit einem sdiarfen Absagebrief, der in der Zeitung Nikolais
im Mai 1786 ersdiien und den Wundertäter als gemeinen Betrüger
entlarvte. Diesem Sdireibcn folgte einige Zeit später eine Brosdiüre,
die Cagliostros betrügerisdie Manöver und Handwerkskniffe, be*
sonders die von ihm in Mitau versudite Geisterbannerei ins ein=
zelne sdiilderte. Dieses Büdilein kann Sdiiller für seinen Roman
nidit mehr benützt haben, da es später ersdiien, als das die Geister*?
besdiwörung enthaltende Kapitel, Da aber trotzdem einige auffällige
Übereinstimmungen sidi vorfinden, läßt sidi wohl annehmen, daß
Sdiiller von seinem Inhalt sdion früher Kenntnis hatte. Die mit
Zunge und Feder gleidi gewandte Dame lebte damals in Deutsdi*
land und verkehrte in zahlreidien literarisdien Zirkeln, die sidi mit
80
Dr. Hanns Sadis
hi! ii
^^"^j} Sdiillers eng berührten — späterhin trat sie dem besten Freunde
des Dichters, Körner, und seiner Sdiwägerin persönÜdi nahe. Bei
dergroßen Mitteilungsfreudigkeit jener Zeit läßt sidi also wohl annehmen,
daß die Erzähhmgen der Frau von Redie über ihr Verhältnis zu
dem gerade damals im Brennpunkt des allgemeinen Interesses stehen^
den Betrüger zu den Ohren Sdiillcrs gelangten.
Auf jenen ersten Fehdebrief in der Zeitung Nikolais erfolgte
eine sdiüditerne Erwiderung, die, ohne Cagliostro in Sdiutz zu nehmen,
A 9 "'^^" ^" ^^^ Übernatürlidie vorsiditig zu verteidigen sudite
und Sdiiller wohl interessieren konnte, da sie von einem Prinzen
aus dem Hause seines Landesvaters herstammte, dem dritten Sohne
des dritten Bruders des Herzogs, mit Namen Fricdridi Hcinridi
Eugen, Dodi läßt sidi kaum, wie Hanstein es tut, diesem unbehol-
fenen Sdireiben ein entsdieidender Einfluß auf die Entstehung des
»Cieistcrsehers« beimessen. Die deutsdien Prinzen, die sidi den Glauben
an das Wunderbare nidit so rasdi nehmen lassen wollten, waren
damals nidit so dünn gesät, daß dieser besondere Aufmerksamkeit
T^ ^rwedien können. Seine Thronbesteigung war redit unwahr-
sdiemhdi, denn moditen audi die beiden älteren Brüder seines Vaters
morganatisdi verheiratet sein, so standen außer diesen nodi sein
•^fj,"' ^^^^ ^'^^''^ Brüder zwisdien ihm und der Krone/ tat-
sächlich ist seine Sukzession nie ernstlidi in Frage gekommen. Den
mit (lern Olaubenswedisel verbundenen Bedenken suditHanstein durdi
<lie Anknüpfung an eine Prinzessin des Hauses, die mit einem öster-
reidiischen Erzherzog vermählt wurde, eine Annäherung an die
Realität zu geben. Aber der Hof Josefs II., der Mittelpunkt der
Aufklärung war alles eher als ein günstiger Boden für jcsuitisdie
Jntrigen uiid es ist kaum anzunehmen, daß diese Heirat in der
Cseele desUiditers audi nur die leisesten Besorgnisse erwedcte.
Übrigens kommt neben Cagliostro nodi ein zweiter ähnlidicr
Wundertater und HoAstapIer in Frage. Der sogenannte Graf von
öaint Lrermain, der als vertrauter Berater des Herrsdiers am Hofe
eines deutsdien Fürsten, des Landgrafen Karl von Hessen gelebt hatte,
starb eben in_,enem Jahre, in dem der »Geisterseher« entstand, in
den Armen seines fürstlidien Freundes. Von ihm beriditet Casanova,
der ilin in ^ns bei Frau von Urfe kennen lernte, daß er sidi ganz
ebensoldie Eigensdiaften beilegte, wie der entlarvte Geisterbanner
ciem Armenier. I rotzdem er ansdieinend im kräftigsten Mannesalter
stand, behauptete er, mehrere Jahrhunderte alt zii sein und aß nie
in Gegenwart anderer weil er angeblidi der Speisen nidit bedurfte.
verw^ndSp ''" ^I^tuellen Anregungen läßt sidi wiederum eine
wZtX """fTi ^"' ,^^^Diditers eigener Jugendzeit nadiweiscn,
hTiKbif?/'" ''' o*',!" Pl^^ntastisdier Wundermann und Mensdi^
audi wä .f •'■ ""' S!^'"''"'^ ""^ ^^'- Graf von Saint Germain, wenn
den W .fI'"§""'Rf °'™^'?' Sdiillers Pate gewesen, von dem er nadi
tZ I" M ^Z^^''7 "'*t nur einen Teil seines Namens, sondern
audi Beispiel und Forderung empfangen sollte. Es war dies Johann
Schillers Geisterseher
81
Friedridi Sdiiller, ein Vetter des Vaters des Diditers und mit diesem
trotz ihres liödist versdiiedenen Charakters innig befreundet.
Sdiillers Vater war eine tief fromme und ernste, dabei auf das
Wirklidie geriditete, im praktisdien Leben wurzehide Natur, sein
Vetter ein Phantast, der seine willkürÜdien Erfindungen bei einer
Reihe von Fürsten und Herren an den Mann zu bringen sudite, ohne
sidi durdi die Aussiditslosigkeit und den Mißerfolg seiner abenteuer-
lidien Pläne beirren zu lassen. Immerhin wurde er während derjugend=
jähre des Diditers vom Herzog Karl Eugen in geheimer Mission nadi
England versendet, und wenn diese Gesandtsdiaft audi wahrsdieinlidi
nur den häßlidien Zwed( verfolgte, den Preis für die verkauften Landes--
kinder hinaufzumarkten, so blieb sie dodi immer von dem Sdiimmer
einer geheimnisvollen Beziehung zu denMäditigen der Erde umkleidet.
Überdies war der Vetter ein eifriges Mitglied der mystisdien Loge
der Rosenkreuzer und versdiwieg wohl nidit, daß er und seine
verborgenen Brüder über Wunderkräfte zu gebieten meinten. So
mögen in der Phantasie des Knaben jene Züge angeregt worden sein,
die den Diditer befähigten, die Gestalt des Armeniers so eindru disvoll
zu sdiildern. Ganz versdiwand Johann Friedridi audi späterhin nidit
aus dem Gesiditsfeld seines Patenkindes. Nodi von Bauerbadi aus
rüstete er sidi zu einer Begegnung mit dem aus England Zurüd^ge=
kehrten und hoffte, vielleidit durdi seine Vermittlung auf der englisdien
Bühne zu ersdieinen. Im Jahre 1784 sdiien dem Abenteurer das Glüdi;
zu ladien, er erhielt in Mainz ein Budidrudier* und Ver!ags«Privi=
legium, das er jedodi nidit zu seinem Vorteil zu benützen verstand.
Wenige Jahre später mußte er Sdiulden halber vom Sdiauplatz abtreten.
Sdiiller trug sidi eine Zeitlang mit der Absidit, eine Gesdiidite
der merkwürdigen Versdiwörungen und Rebellionen aus mittleren
und neuen Zeiten herauszugeben. Aus diesem Plane erwudis sdiließ^
lidi seine Gesdiidite des Abfalles der Niederlande. Wie groß der Reiz
war, den derartige Gesdiehnisse auf ihn ausübten, beweist nidit nur
der Vorsatz, sie aus der Weltgesdiidite wie die Rosinen aus dem
Kudien herauszusudien, sondern audi die ganze Linie, auf der sidii
sein dramatisdies SdiafFen bewegte. »In tyrannos« war das Motto
der »Räuber« und ihre Tendenz ganz allgemein die Auflehnung
gegen die herrsdicnde Ordnung. »Fiesko« faßt die Idee konkreter
und enthält sowohl Verschwörung wie Rebellion gegen ein fürst='
lidies Haupt, ebenso »Don Carlos«, »Wallenstein« und »Maria
Stuart«, bis der ursprünglidi rohe und gewaltsame Stoff nadi so oft-
maliger Filtrierung im »Wilhelm Teil« in hödister Läuterung wieder-
kehrt. In der Handlung des »Teil« treten Versdiwörung, Rebellion,
ja sogar der Herrenmord ins Dasein, ohne die Gesetzestreue und
die sitdidie Weltordnung zu verletzen. Der verbredierisdie Vater=
und Fürstenmörder, der im letzten Akt als Episodenfigur einge=
führt wird, wirkt wie ein Revenant jener wild=trotzigen Helden der
ersten Zeit und kann als ein Repräsentant einer überwundenen Stufe
in Sdiillers diditerisdiem Sdiaffen gelten. - ..: . :u -...;... ;.•..:.:
Imago lV/2 6
82
Dr. Hanns Sadis
!
A.n. vT' 9''"P?? '^^"* ''* ^'"^ zweite an die Seite, die unter
dem .ieiAen des Motivs der feindliAen Brüder steht. Hieher ge-
noren voll und ganz die »Räuber« und die »Braut von Messina«,
tu 5 IT -'^L^'' f°^''' >^ Jungfrau« ordnen siA der ersten Gruppe
zu aoch Hegen bei diesen Dramen die Zusanimenliänge tiefer und
mußten erst durdi eine UntersuAung aufgededa werden, weshalb
w sie zunadist abseits lassen. Weldier Gruppe gehört nun der
l.ruTu r^^""- ^' ^^^^^' ^"^^ '^'^'- ^ei"^ Doppelsrellung bei und
enthalt beide Motive, ohne daß, wie in den »Räubern«, das eine
zur Allgemeinheit verkümmert wäre; beide ersdieinen vielmehr in
aer klarsten und vollständigsten Ausprägung, Das Motiv der feinde
Udien Bruder beherrsdit, wie wir gesehen haben, die Rahmennovelle,
tiL. n ""'Tl"'?'^ die dahinzielende Versdiwörung die Erzählung
selbst. Denn, daß das Verbredien, durdi das der Prinz den Thron
nL !f ^^w ^""^^'j "^^'^ Fürstenmord ist, danadi kann wenigstens
Rr Jf.c " '"' '^i'r i^' P""^ "^* d^'ii E'-'i'^lt Jenes beleidigenden
Auf., -r" f "'"' ^^°^^ f^"^" 'äßt und seinem leidensdiaftliAen
zSi U u "?"' Pi-°Phetisdien Worte des Armeniers kein
Clrlo. r I nt''"'"- Nun riAtet siA in dem gleiAzeitigen Don
hn Ar. th^Do PkI ^'' Thronanwärters, die fiA allerdings nur
g^.en dl kL. S ^'''PP/ ^'' ""^ MordabsiAt steigert, niAt nur
die beidl in r'^ !.' i°"t/" ^^* Segen die väterliAe Autorität,
s her< Ist der f""^. ^'"t™ ^f ^°" verkörpert sind. Im .Geister^
Elte nlo L ' „ ? "" iT' Verwandter des Prinzen, der dem
Te I zeThf if^'?V^^'' ^°5' ^r Vaterstellung einnimmt. AuA der
ieradez' Her\^ f''^^'.^"'" ^^" ^'^"^ ""^ Kaiser ersAlagen hat,
kaurn diP R ;,y^t^"^°'-des«, So brauAten wir in diesem Falle
Traumdlr.t ^^!J"! '?. ^".^"•■'^'" Material, insbesondere aus der
in rSsteTp^ir^ der MärAenforsAung, die uns die PsyAoanalyse
den V.f.r K ^ ^^''^'1^'' T "" »konstatieren, daß der Fürst hier
?vDisAfn F T' '"''''"' sIeiAzcitig der Sohn, ganz im Sinne des
SeiSr h2k '"^""'°'^^.^?^^ ^""^ P""z^" erhöht wird. Auffällig
E7sLtl\T' """'^ ^'•' ^'^^^"' d'-'ß d^r König so gerne zum
Z SuZ^ f'l F"°"^'"^" ^i'-d, weil das Kind die AllmaAt,
bd dl^m^i;!"/ dem starken und allgewaltigen Vater zusAricb,
bei diesem mit seinem HinauswaAsen über den enesten Familien-
Nun rride'r ^^^f-fl-'i-f ^as StaatsZCt über;;^^
^^iT^^Jsz^l:^:t%r ^^°" ^arL« sowohl
Zählung dem geheimnisvolTen Xmen.Vr^"'' 'n^''"^'' j" ^n r'
inquisitor, vor dem siA .AlipRlil 4 t^ '"^ ^'"^"''^ ^em Groß-
die MensAen anTeinem t lei d '^' °"'^ K'^'"'' ""'^' T^ "'"
läßt und der von der ÄIlw sS?! * ^"^erreißbaren Seile flattern
AllmaAt - genug besitzr,,/ ^t;^^"^ wiAtigsten Attribut der
wisse »seit Jahren, was Sie ^Z ^^^ °"'S sagen zu können, er
^, Wir hätten also hlr we toT"""''^^.'"^"
selben Werk nebeneinandpr n i 1 ^^^' Vaterrepräsentanten im
liKueneinander, DergleiAen nimmt uns niAt wunder,
Sdiillers Geisterseher
83
wenn die beiden Gestalten die zwiespältige Einstellung des Sohnes
wiedergeben und einem geliebten, gütigen, ein gehaßter und feinde
seliger Vater gegenübersteht, wie dem Geist im »Hamlet« der Könige
Oheim. In unserem Falle aber ist der eine Ersatzmann des Vaters
wie der andere drohend, böse und gewaltig, so daß vom psycho*
logisdien Gesiditspunkt aus keine Notwendigkeit zu einer soldien
Dublierung, die nodi dazu in zwei Werken wiederholt wurde,
bestand.
Diese Eigentümlidhkeit, die wohl geeignet ersdieinen könnte,
uns an dem bestimmenden Einfluß infantiler Gefühlsereignissc für
die künstlerisAe Produktion zweifeln zu lassen, bildet den aller=
sdilagendsten Beweis hiefür. Sdiillers Kindheit ist nämlidi dadurdi
ausgezeidinet, daß bei ihm jene typisdie Phantasiebegebenheit zur
Realität wurde, da zur Zeit der beginnenden geistigen Selbständige
keit an die Stelle des Vaters, dessen Gewalt zu verblassen begann,
der Landesfürst in Person als zweiter Vater trat. Sdiillers Vater,
der sidi mit unendlidier Anstrengung aus den dunkelsten Anfängen
zu einer ehrenvollen Offiziers^ und Beamtenlaufbahn emporge=
sdiwungen hatte, war ein frommer und wohlmeinender, aber audi
ein ernster und strenger Mann und madite von der patriardialisdien
Gewalt, die zu jener Zeit den Eltern ihren Kindern gegenüber nodi
ungesdimälert bestand, den vollen Gebraudi. Der Eindrudt mußte
das Gemüt des dreizehnjährigen Knaben wohl tief berühren, als
diesem gebieterisdien Vater sein Sohn, den er zum Geistlidien be=
stimmt hatte, vom Herzog trotz seines Sträubens einfadi weggenommen
und in die neugegründete militärisdie Anstaltgestedttwurde.Eswarwohl
kein anderer Sdiluß daraus zu ziehen, als daß der Herzog die Allge»
walt, die einst das Kind dem Vater zugesdirieben hatte, tatsädilidi be=
sitze. Wirklidi reidite die Gewalt jener Fürsten des aditzehnten Jahr=
hunderts erheblidi über die Grenzen hinaus, die wir heute mensdi*
lidier Herrsdiaft einzuräumen gewohnt sind. Despötdien, deren Untere
tanen eine geringere Zahl betrugen als die der Arbeiter, die in einer
großen Fabrik heutzutage einem Direktor subordiniert sind, regierten
mit so sdirankenloser Willkür, wie sie der Russenzar selber nidit
eine Wodie lang ungefährdet ausüben könnte. Jener Karl Eugen
von Württemberg ist dafür eines der deudidisten Beispiele. Während
der größte Teil seiner Untertanen hungerte, seine Beamten unbezahlt
blieben und die Soldaten für englisdie Kriegsdienste versdiadiert
wurden, führte er eine Hofhaltung, die an Pradit und Luxus der
von Versailles nidit viel nadistand und vergeudete die blutig er»
preßten Einnahmen seines Landes auf die Dekorationen und Ge=
sdienke eines einzigen flüditig vorüberrausdienden Festabends. Selbst
später, unter dem veredelnden und mildernden Einfluß einer wahr-'
haften und editen Liebe, nahm seine Willkür, an deren gutem Redit
ihm und seiner Umgebung nie zu zweifeln einfiel, keineswegs ab,
sie ging nur andere und weniger unmensdilidie Wege, Statt der
Frauen und Töditer seiner Untertanen raubte er jetzt ihre Söhne,
84
Dr. Hanns Sachs
um sie in seiner Anstalt zu seinen Gesdiöpfen zu erziehen. Wie
überhaupt die Reahtät in diesem Falle vollkommen das leistete, was
sonst die Phantasie erträumt, suAte sidi der Fürst ganz bewußt bei
seinen Zöglingen an die Stelle des Vaters zu setzen. Er tituliert
sie niemals anders als seine »Söhne«, teilt Lohn und Strafe bei
seinen täglidien Besudien persönlidi aus, die letztere sogar mandimal
eigenhändig vollziehend, und gibt ihnen bei den Mahlzeiten die Er-
laubnis zuzugreifen. Die Eltern werden von ihnen fast vollständig
ferngehalten. Ferienaufenthalt im Vaterhause gibts überhaupt nidit,
nur unter argwöhnisdier Aufsidit werden Besudle in der Aka=
demie geduldet. »Urlaubsgesudie der Zöglinge wurden sogar bei
dringlidisten Familienanlässen, selbst in sdiweren Krankheits» und
}odesMkn, rundweg abgesdilagen. Planmäßig sollten die Kinder
ihren Eltern entfremdet, die natürlidien Empfindungen für die
Familie unterdrüdt werden. Des Herzogs ,Söhne' sollten die Eleven
cx"it""^ in ihm ihren Vater und Wohltäter verehren.« ^ So sdireibt
SAiller selbst in einem Sdiulaufsatz, dem herrsdienden Ton folgend:
»Dieser Fürst, durdi weldien Gott seine Absidit mit mir erreidien
will, dieser Vater, weldier midi glüddidi madien wird, ist und muß
mir viel sAätzbarer als die Eltern sein, weldie unmittelbar von
seiner Gnade abhängen.« Für die Auffassung von der Stellung des
Pursten zu den Sdiülern ist es bezeidinend, daß es als die hödiste
Belohnung für die adeligen Sdiüler galt, die Hand, für die bürger-
lichen, die RoAklappen des Herzogs küssen zu dürfen. Geisttötender
iiwang, der jede selbständige Regung im Keime erstid<en sollte und
eine zur Dressur ausgeartete Disziplin beherrsditen das Leben an
der Militärakademie und verfolgten die Sdiüler von Morgen bis
Abend, von Abend bis Morgen. Als Reaktion auf dieses Sklaven-
dasem wird der wilde Freiheitsruf begreiflidi, mit dem SAiller sein
dramatisAes Sdiaffen begann. Die Fesseln sdinürten tief in seine
öeele und er haderte nodi mit ihnen, als er sie sdion lang abgestreift
hatte. Der Herzog wiederum, der sidi als Beglüder seiner Sdiüler
preisen ließ und sidi audi selbst so ersdiien, zeigt gegen diesen seinen
zur künftigen Größe bestimmten »Sohn« eine eigentümlidi sdiwan-
kende Einstellung Gunst= und Ungunstbeweise folgten einander
so unmittelbar, daß wir das Vorliegen einer »Gefühlsambivalenz«
ZTITa"'''''^\^"' ^''""^ ^°^ de«- Entlassung der Sdiüler aus
ZlJt.f^'^!^ '^^ ^'J^i^'^i ^'^ ^^^ Herzog mit Sdiiller »auf das
in di/st St'jf ""^^«J't' den Arm auf dessen Stuhl lehnte und
erhfelt d.r li T ''^'.^r^^ "^'t ihm spradi«. Am nädisten Tag
liAen Ver.nr.i^"T^'ä"''' '"^ Widersprudi mit einem ausdrüd.-
v*.eben hLf. 1 p' ^'''°^' ^'^ sdilediteste Stelle, die dieser zu
Kern lul' ^i^^Simentsmedikus ohne Offiziersrang, nodi dazu
zwisA^n Frln Ä^'"'' ^"^'•"f"^ A"g^- Denselben ^Ln Wedisel
zwisdien Freundhdikeit und roher Bedrüdcung zeigte Karl Eugen
1 Karl Berger, Schiller, sein Leben und seine Werke, München 1912 p. 63/64.
Sdiillers Geisterseher
85
nach der Mannheimer Aufführung der »Räuber« und Sdiillers heim=
lidier Reise dorthin. Er sandte dem jungen Diditer ein Pferd aus
seinem Marstall, als er ihn zu sidi nadi Hohenheim kommen ließ,
empfing ihn dort freundlidi und führte ihn in seinen Anlagen herum.
Dann kam ein plötzlidier Zornausbrudi, der Deh'nquent mußte nadi
Anhörung einer fürditerlidien Strafpredigt zu Fuß in die Stadt
zurüdckchren und sidi bei der HauptwaAe als Arrestant melden.
Von da an gewann die FeindseHgkeit die Oberhand. Der rohe
Befehl des Herzogs, das Diditen künftighin zu unterlassen, zwang
Sdiiller zur Flucht. Durdi diese Feindsdiaft und Verfolgung wurde
er während langer Jahre zum Flüditigen und Heimatlosen, der unter
angenommenem Namen von Ort zu Ort irrte, ohne eine bleibende
Stätte zu finden, angewiesen auf die Gnade seiner Freunde, die ihn
beherbergten und seinen ewigen Geldnöten nadi Kräften durdi Dar=
lehen und Bürgsdiaften abhalfen. Es war wohl die stärkste Probe
für die Reinheit und Festigkeit seines Charakters, daß er in dieser
Zeit weder in jene Überheblidikeit verfiel, die jedes Opfer als selbst^
verständlidi annimmt, weil sie es durdi das eigene Genie und seine
Leistungen im vorhinein als bezahlt ansieht, nodi in die Verbitterung
und Kleinmut des Bedürftigen, der sidi durdi ein fortwährendes
Empfangen herabgedrüAt und abhängig gemadit fühlt. Aber die
Empörung gegen die Willkür des Tyrannen, die ihm erst die
sdiönsten Jugendjahre durdi ihre Zwingherrsdiaft genommen hatte,
um ihn dann von Vaterherd und Vaterland zu vertreiben und
sdiutzlos der Fremde preiszugeben, kodite in ihm und verlieh seinen
Jugendwerken den gewaltigen, hinreißenden Sdiwung. Lange Jahre
später, als er auf dem Gipfel des Lebens stand, führte ihn der Zufall
wieder in die Nähe Karl Eugens, gerade als dieser die Augen für
immer sdiloß. Der Zorn war sdion längst einer vollständigen Gleidi=
giltigkeit gewidien,- ganz beiläufig spridit er von der Todesnadiridit,
dodi kann er sidi audi jetzt nidit entbredien, den Herzog als den
»alten Herodes« zu bezeidinen — offenbar in Erinnerung an den
Mörder der unsdiuldigen Kindlein, dem der Heiland durdi eine ge^
glüdite Fludit entzogen wurde.
Der »Geisterseher« fällt audi in einen diarakteristisdien Wende»
punkt der äußeren, durdi die Fludit aus Sdiwaben bestimmten Ver=
hähnisse Sdiillers. Den ersten Teil sdirieb er in Dresden, wo der
viel Herumgesdilagene endlidi ein stilles und sidieres Plätzdien gc=
funden hatte, aber nodi immer als Sdiützling der Großmut seiner
Freunde. Die zweite Hälfte entstand, nadidem er erfolgreidi den
ersten Sdiritt zur Selbständigkeit getan und sidi zur Übersiedlung
nadi Weimar entsdilossen hatte.
Wenn in diesen Ausführungen den zwei Verkörperungen der » Vater-
Imago«, die sowohl im »Don Carlos« wie im »Geisterseher« auf-
treten, zwei Vaterbilder aus dem Leben Sdiillers entgegengehalten
werden, so ist dies nidit etwa so gemeint, als müßten die Figuren
des Dichters dem einen oder anderen Vorbild entsprechen, Das Un-
saZen sondern ^'"^!'"*^ T*^ ^" psyAologisAen Porträts zu-
■nSile; ÄaHo' ' '■' '" .^'^^ P^^^" ^^'- 'hm eigentümlichen,
das s A dfrlnf j^"'l «^"f- Nur das Moment der Zweiheit,
heluraufdflh^'''''^"''J'i^'\'''''^ V^^«^'- ^i"^« wenigstens in
ViS^en N 'lä zugeschriebene Maditfülle und FeindseligLit voll-
Id MeisVerÄ' ''^'T ^^'' ^^^" ^^'^ ^^'^"*^" f''^'^^" Lehrer.
Ausdrul ^ ''"' S"'^"^' "^'^ vollendeter DeutliAkeit zum
ä?estaIt^'Zhr^''l' ^^^'-''^ vermuten, daß die voIIbeleuAtete Fürsten^
he mn s^onl n VT'] ^'"^■■üd^^" entspriAt, während die in ge^
ge Sc pTur d ''r'i' ""^ "^'^ übernatürliAer Gewalt aSs-
SAatten dp ^V T "^'^ ^roß nquisitor und der Armenier - dem
KtdergemS Inie^ihl'"'^''"''*^ ^^^«^' ^'^ '^ ^ ^ '-
typische"vati!^n.t' T"^ Allwissenheit, wie wir annehmen dürfen,
Ssttoun. tSn ;" %7'° ^^' ']* ^'^ Wiederkehr der infantilen
mindef S^Tetzt wlln'd" ^'^ "°^^^"^" Detektivliteratur niAt
sdien Gebilden den Mithin ^Z I^ä^'T' ""^ Primitivsten literari.
Holmes, Nick Carter rfni "^ Kardien, nur daß sidi bei SherloA
und Zaubert heXn mlr\!>T d^'^'^'^"' r^^"" ^'"''^'' ^g^^"
wiAlung hinzupefundpn W . "'"^"S« Linie logisdier Ent=
faßbar Ld ästhS^;"enußr;idr'^„ ^" /llwissenheit p^d^oIogisA
tasiebildungen aber S s[e t'"''*^"- ^^^^^^ «oldie Phan-
pflegen — das Umgebensein vin"^ • ^'^^^^/urprodukte zu enthalten
Versdiwörung, die alle Stte L '"0?'^''^"^°''^" ^^*^' f"^^
Willen untersdiiebt-kennPnxvLi,VP/^''^ belauert und ihm ihren
deren Vorläufer der >>G"SeIseh ''"' "^^"^^'^^'^^'^Sesdiiditen,
genug als dem Hauptsymptom pinl^n'^'''' ^"' ^^^Segnen ihnen oft
ist der allen Psydiiaternals&^l Geisteskrankheit. Nidits anderes
d*ß"7'V"^, ^^^f'^^Sungswähn<< Der u!r"r"/^''"'^^' '^^^'^
daß der Kranke seinen Wahn in ' J- wr V^^'"^*'*^^ ''«gt nur darin,
sidi selbst an die Stelle des Li f W'rklidikeit hineinpflanzt und
von allen Seiten belausdit Sfn? W-j '"^f" ^^^^^- Er wähnt sidi
zelner, öfter eine VersdiwöruneTd' p'^^'"'^*^^' manchmal ein Ein-
bewadien jeden seiner SArittp aI, ^^"^^"''^r« oder »die Jesuiten«,
deutet er als geheime Zeich T^^ ""^ ^^^ ^^^^^^ gesdiieht,
ständigen,, vergeblich wäre es"\rr-|. 'l/'i '"'"^ ^'''1^' ^^"'
wissen ihn überall zu findL j -l '^^^' ^^^^ ^u entziehen, sie
werfen. Den Beweis fr """^ /'?' ""^iditbares Netz über ihn zu
am Werke ist, wdß er jeda-Lit *' ^f ^^^^rung, die gegen ihn
düngen zu entkräften 7oU( fu erbringen und alle Einwen^^
nisse, tausend kleneA-?^'" unbedeutende Dinge und Vorkomme
gesetzt und mit belundf '" "^'"^V' '^i^-^inander in Verbindung
floaten, das mit hlaTsnar^'S"'''" ^^^'''-f^'"" '" ^'" System vert
geführt allen ALriff^n '^^ "'^A'"' ^^^' unerbittlidier Logik aus.
gehört zu den Sfcrdif- ^'T '°^'^*^ ^^^^^^^ desVahns
merkwürdigsten und großartigsten Leistungen und
Schillers Geisterseher
87
wird erst verständliA, wenn man sldi zu der Annahme entsdiließt,
daß der Kranke einen großen Teil seiner von der Außenwelt ab=
gezogenen und dadurdi frei gewordenen Libido^Bcsetzung als Motor
für sein Denkvermögen verwendet.
Wir finden in der Paranoia also beide Kennzeidien der De»
tektivgesdiiditen wieder, die allwissende Versdiwörung als Inhalt und
den versdiwenderisdien Aufwand an strenger Logik als Tedinik, Es ist
nidit das erstemal, daß wir das Zusammentreffen eines pathologisdien
Wahnes mit einem anderen, von der mensdilidien Gemeinsdiaft wert=
gehaltenen Phantasieprodukt, wie hier mit einer modernen Literatur^-
gattung, konstatieren konnten. Ist der Wahn dodi nidits anderes als
die verzerrte Äußerung einer durdi Disposition und Erleben ins
Abnorme gesteigerten AfFektkonstellation, die audi in der EntwiA=
lung des normalen Kulturmensdien einmal eine Rolle gespielt hat
und von ihm überwunden, aber nidit völlig ausgelösdit wurde. Wir
sind sämdidi ein wenig Paranoiker, so wie wir Zwangsneurotiker
und Hysterisdie sind, sobald wir uns von der Realität abwenden
und der Phantasie in die Arme werfen,- wir werden halb dazu,
wenn wir an einem Werk der Einbildungskraft, einem Kunstwerk,
sdiöpferisdi oder mitsdiöpferisdi=aufnehmend Anteil nehmen und
ganz, wenn wir träumen. Der »Geisterseher« und die Gattung, der
er als Vorbild diente, gibt uns also die Möglidikeit, unsere unter«
drüdcten paranoisdien Züge an die Oberflädie treten zu lassen ohne
uns in die gefährlidie Nähe des Wahnsinnes zu rüAen,
Wir haben bisher wenig darauf geaditet, daß im paranoisdien
Wahn oft nidit ein Einzelner der mäditige Verfolger ist, sondern
eine Mehrheit von Personen in geheimer Verbindung,- audi im »Geister-
seher« wirkt der Armenier nur als Beauftragter einer Versdiwörung,
die der eigentlidie Träger der Allmadit ist, wie die Inquisition im »Don
Carlos« und die Polizei in jenem Großstadtstoff, Das sdieint zunädist
nidit gut zu der Annahme zu passen, daß jener Allgewaltige ein Abbild
desEindrudis ist, den der Vater der Kindertage hinterließ. Wir müssen
uns aber erinnern, daß der Vater dem Kind keineswegs immer als
der einsame Gewaltherrsdier ersdieint,- er steht in einem Bündnis
mit einer anderen Person, mit der er etwas Geheimnisvolles, der
Neugier des Kindes Entzogenes gemeinsam hat — mit der Mutter.
Kinderbeobaditungen und Neurosenanalysen haben bewiesen, daß
die Aufmerksamkeit des Kindes sidi sdion frühzeitig allen Tatsadien
zuwendet, durdi die jener rätselhafte, in Nadit gehüllte Bund, den
die Eltern miteinander teilen und dem Kinde vorenthalten, auf«
geklärt werden kann. An Material zu soldien Sdilüssen fehlt es
niemals ganz und die kindlidie Phantasietätigkeit setzt das Erhasdite
auf ihre Weise zusammen. Da dies gewöhnlidi die Deutung eines
gewalttätigen, grausamen Aktes zuläßt und der unentwiAelten Sexual=
Organisation des Kindes gerade dieses Stüdt der Erkenntnis des
riditigen Sadiverhaltes durdi die eigene Triebriditung vermittelt wird,
entsteht die von Freud besdiriebenc »sadistisdie Sexualtheorie« des
88
Dr, Hanns Sadis
Sei dem G.? '"""J "'^r^'^ ^°" "^'^ Erregung gewebte Angst
und Un^^nYI ^"" "*'[ ^'^"•"" ^^" Charakter des Grausamen
mit d.nl ? > '"'^^'m''^°'""^" ""^ verrußten Lust, lauter Züge,
s™ ihn fn .T'' t.^^'""'f'^ ^^" Geheimbund ausstattet, wenn
versAüf ^J l^-^f'!"''" '*''"^"'" ^'"fi"^^^' '" Wirklidikeit aus der
tvoTÄ? i^'" ^"'''"r"""'"""^ ^''^^^'- ^"^ Lidit führt. Diese
aHp nLtff- Tx"^'P'''*"^'''''^ '^^ ^^^h^"' 3"di viel, viel älter als
hlLn ? ^^^'?'*i^'\""'''^'"^ ^^'^ »Geisterseher«. Ganze Völker
Ser 7 "W f^ t' Sf'"gste Anlaß bot, gebildet und mit
dl er G f '^ ( ■ "^r'^r f^ftS^halten. Immer wieder werden die Orgien
em d,V f ""ir^^?f"t'" ""^ '"^"^^^ ist ihr Inhalt derselbe:
sA.nl. A f '*'^/t"*^ Verniisdiung olme Aditung der Inzest^
Wiedprir • ""t^.'^''''''''^''^""^ Ermordung kleiner Kinder. Die
an^elnf r ^'"f ^^'f ^""SSt, welAe die dem sAwäAeren Teil
tvfS^L A ^' '"''-' r*^. grauenvoll auf sidi herüberzieht,
Sbeltaten r,.i'™ 7^''J ^"""^^ ''''^' Deutlidiste aus. Jene beiden
AnhlnlernTr 't°\^'" "''f ^" ^'^''^f^" ^°" ^en reditgläubigen
KirSvä er ers5S r ^.^^^«'•^^{fi °" vorgeworfen und die frühesten
derselben Greuel K^.,-r4v; . . ^^^^^^ "^^r, wurden die Ketzer
tung gefordert und V* £ad.?'ö'- ^r"*^"!]^ ^^^^"^ ''^^^ ^"^^°^'
Montanisten, sowie dTSe^d 'n/e^ i;::^tef ^%^^^ ^^^'^"^ 7^
Zauberer und Hexen die der ^ ^ forden. Spater waren es die
es viele tausendmal 'auf der »Ppin ''V'^"'" S'ibbath begingen und
»sAwarze Messe«, bei der ein ^ , ^''^''' bekennen mußten. Die
begangen wurde, war noÄ ^m H f Sf^diladitet und wüste Unzucht
denn die Marquise vo"° M^l^p^ ^ Lu^^'S ^IV. "[^t vergessen,
König an sidi zu fesseln Von ? Ar^j"""^^ ^'^^ '^'^^' ""^ d^"
Heinz Ewers, daß die waKI o "^"V ^"aoux in Haiti erzählt Hanns
Opfer eines Kindes ihren w^ ^"lingabe untereinander und das
madien. Sdiließlidi gehört die R f ^"^^ geübten Geheimkult aus-
giösen Vorsdirift des Kindesmnr5^"''u""^ ^°" ^^'' angeblidien reli=
nur der Gesdiidite an, sondern ^ "1 ^"^'^dien Osterfest nidit
Gläubigen und Opfer gefunden ^^Ln t" "^^^ Gegenwart ihre
in Träumen nidit selten vor und P H ^ ^'"^'^^"^^ kommen audi
mäßig eben jene infantilen Grund! '^ '-^^"^""g ergibt dann regeU
sind. Will tnan dieses Tranmolo^ ^^^^' \°^ ^^"^" wir ausgegangen
Sinti, wie z. B. beim M^ri ?'"''" "^''^ '^P'^*^" '•^^"'"^^'^^
läßt sidi zu seiner Übersef '^''''""' ^'" ^^'' ^"'='"^' f^^^^^^^'^^' '°
Zensur entstellte Wiederc.aS"!l ^"^a"',/'*'^ "^ ^'"^ von der Traum-
Ehe der Eltern Tnlhäl dI V ^"^^^^^""g ^^s Kindes von der
also nur eine abgesdiwädiJ Verschwörung im »Geisterseher« ist
paßte Wiederholung efne^tsäk?,! '"^'^'^"^"^", Bedürfnissen ange^
Mensdiheit begleite? und T . '"^1'"'."''^^^' ^'^ ^'^ Gesdiicfite der
drüAe der Kinde agehervtjirf '"' '^^f gleichen durd, die Ein--
Nodi ein den nl f . ^^" ," ""^ bestimmt wird.
INO* em den Detektiv^GesAiAten eigentümlicher Zug ver-
SAillers Geisterseher
89
dient Hervorhebung. Im Gegensatz zur gesamten übrigen erzählen^
den Diditung spielt bei ihnen die Liebe nur eine geringfügige Rolle.
Sie behandeln den Kampf von List gegen List, Mann gegen Mann,
die Frauengestalten, die als Siegespreis oder bei der Intrige Mit-
spielende vorkommen, könnten ebensogut fehlen, ohne daß die
Handlung ihren Zusammenhalt, die Erzählung ihren Reiz verlieren
würde. So vermißt man denn audi in dem in Dresden festgelegten
ersten Teil des »Geisterseher«, in weldiem die Umstrickung des
Prinzen durdi Gespensterspuk und seine Selbstbefreiung durdi die
Waffen des Verstandes mit vollendeter Konsequenz gesdiildert wird,
das weiblidie Element und die erotisdien Motive ganz und gar nidit.
Wenn im zweiten Teil die »Griediin« und mit ihr die Leidensdiaft,
die sie dem Prinzen einflößt, in die Handlung tritt, so wirkt diese
Wendung zunädist überrasdiend, beinahe verblüffend. Die Ausmalung
des Gefühlsübcrsdiwanges, dem sidi der Prinz überläßt, steht in
merkbarem Widersprudi mit den sdiarfsinnigen und stahlhart be=
redineten Kombinationen der bisherigen Verwülung. Man fühlt,
daß hier irgendwo das Geheimnis der Unlösbarkeit dieser künst=
lerisAen Aufgabe verborgen liegt, das den sonst so willensstarken
und beharrlidien Diditer zwang, das begonnene und sdion ver=
öffentlidite Werk als Torso liegen zu lassen.
Die Besdiränkung auf ein Gesdiledit und die in der Literatur
ungewöhnlidve Vernadilässigung des Interesses an der Frauenliebe,
die den ersten Teil und die zu seiner Art gehörenden späteren
Werke auszeidinete, sind eine weitere Übereinstimmung mit der
Paranoia, in deren Verursadiung nadi den Forsdiungsergebnissen
Freuds die libidinöse Fixierung an das eigene Gesdiledit eine be=
deutsame Rolle spielt. Es ist audi ohne Zuhilfenahme dieser, durdi
die Vollständigkeit einer soldien Parallele hübsdi belegten Grund=
ansdiauung sehr deutlidi, weldies Stüdi des Seelenlebens Sdiillcrs
sidi im ersten Teil dargestellt hat, nämlidi die Eigenart seiner
Bindung an die freundlidien und feindlidien Männergestalten, die
der Reihe nadi in sein Leben traten. Der erste dieser Reihe war,
wie es Regel ist, der eigene Vater und jeder Nadifolgende mußte
etwas von seinem Bild an sidi tragen. Bei einem Diditer findet diese
Urgestalt ihre Fortsetzer auf zwei verfolgbaren Linien, in der
Phantasie und in der Realität/ auf beiden Wegen kommt sowohl die
Liebes= wie die Haßeinstellung wieder zu Wort. So bildeten sidi
in Sdiillers diditerisdiem Sdiaffen die zwei Hauptmotive, denen er immer
wieder nadiging: Empörung gegen Tyrannenmadit und Bruderzwist,
neben die dann hie und da die rein zärtlidie Ausprägung tritt in
der Konzepüon von Gestalten wie Andrea Doria und Atting=
hausen, und der brüderlidien Freundsdiaft zwisdien Carlos und
Posa, Moros und seinem Bürgen, Julius und Raphael, Audi in der
Realität finden wir den verfolgenden Tyrannen, den Herzog Karl
Eugen, und daneben den brüderlidien Freund, der die Rolle des
Vaters, als Erhalter und Versorger auf sidi genommen hat. Der
n
90
Dr. Hanns Sachs
I Pf
l!i
reinste Vertreter dafür war Körner, als dessen Sdiützling und zeit-
weiliger Hausgenosse Sdiiller die erste Hälfte des Romanes verfaßte.
S f I T^^'^^ ^*'''^''' ^^^ der eben selbständig Gewordene mit dem
rianbesdiahigt, eine Frau heimzuführen und eine Familie zu gründen.
A 5° '^f ^^i' ^^"" "'*^ '" ^^'^ "••sprüngiidien Anlage des Werkes,
so doch auf alle Fälle in dem Lebensgang des Diditere gut begründet,
dal) in diesem Teil des Werkes eine Frau in die Männerwelt des
Komanes hineintritt, ihre Gestalt, in der die Liebesbereitsdiaft Sdiillers
zum AusdruA gelangt, verdient eine eingehende Untersudiung. Da
inr tatiges Fingreifen in die Handlung nur am Sdiluß mit einigen
feilen erwähnt wird, lassen siA an ihrem Charakter nur allgemeine
Juge, Frömmigkeit und Seelengiöße, feststellen, und audi die Sdiil-
öerung ihrer Ersdieinung läßt eine fast überirdisdie Sdiönheit, aber
Kerne besondere Eigenart erkennen. Ungewöhnlidier Art und sdiarf
umrissen sind nur ihre Lebensumstände, die, fast so wie der Stoff
_-.... .«^„ ^„,u nur inre Lebensumstände, die, fast so wie der btott
jener Rahmennovelle aus den »Räubern«, aus einem anderen Jugend«
^^^U^aI^ für Zug herübergenommen zu sein sdieinen. Sie ist
der Heimr f R ' ^^''^^^^^^R, das gezwungen wird, fern von
föLn Tn Ä ^!f*"'^^f ^'" dunkles und bedrüd<tes Dasein zu
Se Geliebff Hn "!?' ^I^ '1^' ^°" ^^^ edelsten Motiven geleitet,
seLer Ränke spinnenden u" ^i?"^^"'' ^'^ --"^^ ^''^''^^'t' '^
zuzuleiten denen ihr n ^'"«^^""S zu entreißen und den Idealen
von ihren' sSsatn ^:T' f ''''}■ ^^ '^^ -l'<=^' -^^ ^^^ ^°T
ebensogut auf die Ldv J-,^^ ^"^5"^^^/ ""d es paßt ausnahmslos
tiefer ausgeführte FT^ur n.l '^'^^'^ ^'^^'^^ ^^' ^'^ ''''^^' ""f
nidit auf die Griediin ^U " ^'"'^"'^ ^"«^^ mitbekommen hat, die
Gesdiehnisse am SAInR F^d"^^" ''"^- D^^r Zusammenhang der
aber die starke HervnrVok ^°'?3'\es läßt siA zwar nur erraten,
Frömmigkeit, sowie da. O-f^ "^f katholisdien Glaubens und der
andere Lösun? zu alT ^ '/« ,"" ^'^ ^^'''^t. lassen wohl keine
sdiworenen ihre rp!.? / ■ '^^' Armenier und seine Mitver-
sie den Prinzen zum Arfi'""'^f •^'^"'^'^'^^'^ ^^""^^<^" ""^ Y
muß, weil sie da. ^, kl '''['''^'" w°"'^" ""d daß sie sterben
ginn und den gSpW '*'"'*^ Geheimnis zu durdisdiauen be.
, ir PrTstlenT SJ de'V" TT '^°""^^'- ^^^ ^''^-^ '-ßbraudicn
ihre selbstsüAtigen Zwe^? J"^"'r/'; "^'"'^ ^P'^^^ " ^^^'l' ^"v
Absdieu von iE t A ^^"l Edelsinn der Lady, die sidi mit
Das Motiv läßt sTch d n '4,""*<^"'^ ^^^ ^'^ Wahrheit erfahren hat,
zusAreVben da est ^ ^''^'^{J}'^'^' "lit um so größerer Gewißheit
seher<< foLnden Pro^t^f "''" ^""^ "^* ^'^^^ '^"gen, dem »Geister,
wo die Sn W "^^'.T'?'"^^' '"1 »Wallenstein« wiederkehrt,
seine Liebe zu Th.U^^ ''\ ,^^'""^^' den Max Piccolomini durdi
daß sä der rein/ ^ 'T ^Jl^^" ^" ^e'-^l^'^^" ""d daran sdieitert,
Für dip r ^^ x^-(r < '-^^ 2u dienen.
ist nun hreLLt-^'^^°'^' ^^"^ ^^^ Gricdiin als Vorbild diei^te,
.hieiseits wieder eine andere Gestalt Modell gestanden,
Sdiillers Geisterseher
91
diesmal allerdings keine einem Drama oder Roman entnommene,
sondern eine der Wirklidikeit angehörende Person, die dem heran=
wamsenden Knaben fast täglidi gegenüberstand: Franziska von Hohen=
heim, die Maitresse en titre des Herzogs Karl Eugen. Ein edles und
liebevolles Gemüt, wie die Lady des Trauerspieles, war sie mit
besserem Erfolge bemüht, den Fürsten seinem wüsten und ver=
sdiwendcrisdien Leben zu entreißen. Unter ihrem Einfluß verscfiwan=
den die ärgsten Willkürlidikeiten und Mißbräudie, der Herzog be=
gann sidi für das Wohl seiner Untergebenen zu interessieren und,
wenn audi in seiner despotisdien und gewalttätigen Weise, dafür tätig
zu sein. Die »KarlssAule« war eine der Folgen jener geänderten
Sinnesart und bei seinen täglidien Besudien wurde der Herzog oft
von der Gräfin Hohenheim begleitet, die als einzige Frau dort
Zutritt fand. Von der alten Aussaugung und Unterdrüdiung blieb
immerhin genug zurüd^, um der zarten und gütigen Frau sdiwere
Stunden zu bereiten, so daß die Verhältnisse von den in »Kabale und
Liebe« gesdiilderten nidit allzuweit ablagen. Zu einer soldien dra=
matisdien Steigerung wie dem Absdiied der Lady hat es das Leben
freilidi nie gebradit.
Man darf es wohl als selbstverständlidie Gewißheit hinstellen,
daß für die heranwadisenden Jünglinge, die in der Karlsschule ab-
gesdinitten von jedem weiblidien Verkehr, selbst mit ihren Familien^
angehörigen, ihre Entwidilungsjahre durdrlebten, diese Frau der
Brennpunkt wurde, in dem sidi ihr ganzes erwadiendes Liebesbe--
dürfnis sammelte. Mehr als für seine Mitsdiüler mußte das für den
Diditer gelten, der sdion in so zarten Jahren einer Leidensdiaftlidi=
keit fähig war, wie sie sidi in den »Räubern« offenbart. Zum
Tyrannen haß gesellte sidi so die Eifersudit auf den Besitzer der
begehrten Frau, wenn nidit vielmehr die Eifersudit, oder eine nodi
ältere, der sie nadigebildct war, zu den tiefsten Wurzeln dieses
Hasses gehörte. Die Gattin des Herzogs — das war Franziska von
Hohenheim in jeder Hinsidit, und wurde sie audi nadi dem Tod der
ersten Gemahlin — und ältere, gütige, die Strenge des Gemahls
lindernde Frau war dazu gesdiaffen, im Gefühlsleben des Knaben
die Stelle der Mutter einzunehmen, wenn audi nidit ganz in dem
Sinne, in dem der Herzog den Vater ersetzte. Dieser übernahm,
wie wir gesehen haben, selbst die Vaterrolle und bemühte sidi, den
ersten, natürlidien Vater ganz zu verdrängen, so daß durdi sein
Eingreifen eine ganz ungewöhnlidie seelisdie Konstellation entstand.
Daß der Mutter eine Nadifolgerin gegeben wurde, das gesdiah
durdiaus in der gewohnten Weise, das heißt, ganz einseitig von
selten des Sohnes. Die realen Verhältnisse zeigten nur das üblidie Maß
von Entgegenkommen zur Ermöglidiung der Identifizierung, im übrigen
blieb der ganze Vorgang innerlidi, auf das unbewußte Seelenleben
besdiränkt. Man kann daher wohl behaupten, Sdiiller habe einen
zweiten Vater gehabt, da der Herzog die ihm zugefallene Rolle
übernahm und aktiv durdiführte,- hingegen nahm die Ablösung von
nr
92
'li i
Dr. Hanns Sachs
stanÄ i ?^?TI^"''^'" ^^--'^"f' ^^« der Knabe einen Gegen^-
n wesenff r ^^-'^ ''^l^^'^^bedürfnis zu finden suAte, der dem ersten
mmlr l/L Ifl.f""^'^ ^^'' ^^ ^' von Ersatz zu Ersatz
oSi 7eX ^T ^'^f ''* entfernend bei dem geeigneten Liebes^
BHd dieSr^ ß^^^'/" c'^^"- ^^ L'^'^^ "'^ untergeht bleibt jedes
diiteri r/n p'^^' l^'' Erinnerung hinreißend teuer/ um bei der
Kte ^frP f °l "•'"r .""' '^^"^ Unbewußten hervor seine alten
Keaite mit brfolg geltend zu madien.
Betriff .?r4,^"'^'"c^^''^'^^ Anekdote zeigt uns den Knaben im
vSm t /"r^''"' des Herzogs zu'versetzen. Der Fürst
von ihnen If HT^, "^' ^'" Zöglingen sAerzend, daß einer
naLuähln V""^' ^i'"^'"' ^'"^ ausgezeidinet darauf verstehe, ihn
Thn nalde"- ^r JunsAte eine Probe zu sehen und SAiller begann
Ton zu evTm; • ' ^^"^^" Stock ausgebeten hatte, in seinem eigenen
Imitator an Ir ""'p P' t'" "^'"^^S "I^^' ^^^^tand, sArie ihn sein
beim Arm und r^ ^^Kf''" ""'^'" ^^^ ^^^ei stehende Franziska
SoVLS^... J%^''"'i ^^r ^'ä'Sst davonzuführen, so daß der
Wenn w r un'^''?l?T'^= ^^^^»^ ^'^ ^'^ ^'^ F^^"^^''« '
uns hadert line .n(^' ''^'u ''^'"' ^^^ Vorurteil aufzugeben, das
als Spiel LgeseheneFn"''';"''*''*^' ^°" ^^" ^^i^igi^n selbst
Stelle 'die Er'^ätng sft'z^^^r^^ .^ "^^men, und%n seien
eines leidensdiafthdven Xr ö; ^' i""" ^'^ unterdrüAten Affekte
ein kostbarer Mome 't t> '"■'"1^^^" ^udit unterworfenen Knaben
und endlidi einmal wnn'" T ^*'' ^'^ ""' ^^ine Saturnalien feiern
er zu gchordien gewohnt wai.""^"'''^'^"''' ^^" '^'" ^'''^^^' ^°
Vorganges interessant und ai.fc^l ß •? '^''"'^ ""^ J*^^" Detail des
einzige Gelegenheit so^u/ j "^^'^ ^^'"- Daß der Knabe diese
Begleiterin von der Seite r^, -ß" ^^""^^te, um dem Herzog seine
hält dann den Charakter Pin/"^"V"?^ ^''^ ^" ^'^ ^" ziehen, er-
WunsA erfüllt wurde der ^^ symbolisdien Handlung, mit der ein
verlangte. Das Vergnügen A ^"5^ vergeblidi nadi Befriedigung
selbst abkanzeln zu XJ..! • "' ^^" strengen Erzieher einmal
sidi mit ihm zu id^nHf; ' '^^ ^^ unverkennbar, aber der Wunsdi,
Voraussetzung der c^.f'f^"' o P",*' "°* ^^'t deudidier aus der
wiAelten ImitationsfähS fr^- ^'^i*'^' ^"s der liebevoll ent-
unter Sdiül^m sS^^ cf •K^•''^^^*^'^■^""^ des Lehrers, die ja
drud des starken Interesfes L^' ' '% ""'" ^'''^'" T^*' '^'^ ^"'"
treten aus dem enpst^n R 5'"^?; f^""^^"- ^'^ nadi dem Hinaus-
ersten RespektlS^'^ef vf. ^'^ .^-^^''hauses an die Stelle der
Der typisAe fagtraum 1. ci^'r' "\ ^'^'<^'' Hi"sidit getreten ist.
enge, freundsdiaftlidie Be^ttT ^ ^''r '"■'?«^^ 'f^" "^'^ d^'" L^'^"""' '"
Sdiritt weiter indem Qi,. ^ • J^'■r^^'^ Imitation geht nodi einen
Audi die Verspottung !?" '" j ^^'■'°" ^^^ Lehrers hineinversetzt,
ist, gilt dem Lehrer in e • d ^^""^rtigen Nadiahmungen enthalten
_^J_aem Lehrer m semer Eigensdiaft als Nadifolger des Vaters,
■ Karl Berger, SAiKer, sein Leben und seine Werke. I. Bd,
Sdiillers Geisterseher
93
dessen geheiligte Person nidit direkt von einer soldien Herabsetzung
getroffen werden darf. Die psydiologisdie Entstehung der Kariltatur,
erst mittels Geste und Maske, dann durdi das Zerrbild, knüpft an
diese Voraussetzungen an. . , , , .
Wir haben hinter dem bei Sdiiller so häufig wiederkehrenden
Motiv der Auflehnung und Empörung die alte Feindseligkeit gegen
den Vater gesudit. Wir wollen nodi eine Stelle aus »Maria Stuart«
nachtragen, die hieher zu gehören sdieint:
! „, .. Maria;
. ' Was? Euer Oheim, euer zweiter Vater?
Mortimer:
' ; ;■ ' Von meinen Händen stirbt er. Idi ermord' ihn.
Die Ersetzung des Oheims durdi den Vater, die wir für den
»Geisterseher« vermutet haben, wird hier, wie in jener sAon zitierten
Stelle des »Teil«, deutlidi ausgesprodien. Das Motiv des Mordes
ist die Errettung der Geliebten, einer nidit mehr jugendlidien, fast
sdion verblühten Frau durdi einen sdiwärmerisdien Jüngling. Da
der zu beseitigende Wäditer der Vater ist, so haben wir einen redit
durdisiditigen Fall der typisdien »Mutter-Rettungs^Phantasie« vor
uns. Das erotisdie Begehren als treibende Kraft wird in der Gestalt
des sinnlidhen Gewaltmensdien Mortimer aufs hödiste ansdiaulidi
gemadit. In abgesdiwäditer Form finden wir dieselbe Situation im
»Teil« wieder, wo Rudenz durdi den Wunsdi, seine eingekerkerte
Hertha zu befreien, zum Ansdiluß an die Versdiwörung und zu
offener Gewalttat getrieben wird. Audi die Befreiung einer anderen
Bertha aus dem Gefängnis, nämlidi in »Fiesko«, reizt ihren Liebhaber
Burgognino zum Tyrannenmord auf und hier ist der Ermordete
sogar direkt als sexueller Rivale gesdiildert, der auf seine Madit
trotzt und sidi der rohen Gewalt bedient. Am deutlidisten ist die
Ursache des Vaterhasses im »Don Carlos« ausgesprodien, wo die
Liebe zur Mutter in den Vordergrund tritt.
In dem gleidizeitig entstandenen »Geisterseher« ist es wieder
in den Sdiatten gerückt,- Herrsdisudit und Radigier treiben den
Prinzen zum Verbredien. Aber neben dem Fürsten steht als zweiter
Vaterrepräsentant der Armenier und diesen sehen wir kurz vor dem
Abbredicn des Romanes in geheimnisvolle Beziehungen zur Geliebten
des Prinzen verwickelt, denen, wie die Erzählung Civitellas andeutet,
das erotisdie Moment nidit fehlt. Haben wir früher vermutet, daß
die Aufnahme dieser weiblichen Figur daran mitsdiuldig war, daß
Sdiiller das "Werk unvollendet ließ, so sehen wir jetzt die Umrisse
jener Gewalten, die hemmend in das Räderwerk seiner Produktion
eingriffen, sdion etwas schärfer. Wir müssen uns aber nicht nur auf
die innere Verwandtsdiaft mit dem »Don Carlos« berufen, denn
der »Geisterseher« enthält, wie wir wissen, auch das zweite Lieb*
lingsmotiv Sdiillers, die Rivalität der Brüder in der Erzählung des
Dr, Hanns Sarfis
Sizilianers. Wie d>e Auflehnung gegen den Vater im »Don Carlos«,
so sind die teindidien Brüder in der »Braut von Messina« am
deutlidisten und klarsten gestaltet. Daß die Eifersudit der Brüder
aur die K.valität bei derselben Geliebten beruht, ist zwar im »Geister-
seher« und in den »Räubern« audi gesdiildert, aber in der »Braut«
^mmt ein wichtiger, neuer Zug hinzu: Die von beiden Brüdern
Ueliebte ist ihre Sdiwester. Eine eingehende Untersudiung des
Mardienmotivs der rivalisierenden Brüder S die dieses Motiv von
dem "-^nmmsdien Märdien durdi das ägyptisdie Brudermärdien und
den Usins=Mythos hindurdi bis zu seiner psydiologisdien Grund-
rorm eri-orsdite, hat ergeben, daß der ältere und jüngere Bruder
eigentlich Vater und Sohn sind. In der späten Ausprägung im
deutsdien Mardien werden zur Verwisdiung dieses Ursprungs die
ßruder zu Zwillingen gemadit. Der unbewußte Affekt aber, der diese
grzahiung von Mexiko bis Ägypten in gleidimäßig wiederkehrenden
formen entstehen ließ, ist die Eifersudit des Sohnes auf den Vater,
\^"^"l .^^^"^^^""^ ,""■" ^'^ ^"tter sein kann. Was wir aus der
Mardienliteratur durdi mühsame Vergleidiung und weitwendige
^^/n;! \Yr'^"''rf'^V"'"'''^"' ^^s verrät uns der Diditer mit
3"^"!-. ^"^P°'\^''^'" "^'^ählt seiner Mutter von der Liebes^
wähl, die er getroffen hat:
_GleiAgiltig war und niAts bedeutend mir
Denn .?"'" "■ ^^l^^ätziges GesAleAt,
Uie idi gleich wie ein Götterbild verehre
li, H fT ^'t"'^*^'^ wunderbar ergriff
nJ f " l""7^^^" '"'* ih'-e Nähe
Sie Reizf ^I'^f' ^°'^^^ Zaube war's,
S ÄAt"d^rf '""^J'' "^^"S^ ^Aweben,
Es wa"t tf P''"^^^^S°""^^^^" Gestalt -
Was mU ff'' ""^ geheimstes Leben,
Was m,A ergriff mit heiliger Gewalt.«
aussAließli(l!"an^di'e''\ff."^^'' r^" <'^'^ Sdiwester auf den bisher
kann dodi wohl nur A^ KU flf ^^^ten Weiberveräditer ausübt,
genau so wie der Prinr -^^"'^'^^'t mit der Mutter sein. Ganz
Geliebte zuerst in der Kir^ ^>Geisterseher« sieht Don Cesar die
er sidi, sie wiederzufinden; ^^"^ ^^^"'° ^'^ ^'^^^' ^^"'"^'*
An'all^pl'Ti''^' ^^^n '* ''^'^^^ diA
Wol ^ A T. ""1 verborgenen Orten
Ul' tt" ?*°"^UnsAuld zeigen kann,
^ Hab ,A das Netz der Späher ausgebreitet.«
Rank und Sachs.^ ^"^""^ ^^^ PsyAoanalyse für die Geisteswissensdiaften« von
Sdiillers Geisterseher
95
Es ist die Ähnlidikeit mit der Mutter, die ihn an Don Manuel
rührt und zur Versöhnung bewegt,- aber audi bei diesem sdieint
die FamilienähniiÄkeit unbewußt fesselnd mitgewirkt zu haben, als
er sidi in Beatrice verliebte:
Don Cesar;
Idi seh' didi an, und überrasdit, erstaunt
Find idi in dir der Mutter teure Züge.
Don Manuel:
Und eine Ähnlidikeit entdeAt' sidi mir
In dir, die midi nodi wunderbarer rührt.
Wir erfahren aber audi, daß sdion von Anfang an die Eifer^
sucht auf die Liebe der Mutter den Haß zwisdien den Brüdern
sdiürte. — Wir hören zunädist, daß er aus frühester Kindheit
stammt:
»Dodi eures Haders Ursprung steigt hinauf,
In unverständ'ger Kindheit frühe Zeit«
und dann später klagt Don Cesar mitten im namenlosen Sdimerz
über seine Freveltat:
»Sie hat midi nie geliebt! Verraten endlidi
hat sidi ihr Herz, der Sdimerz hat es geöffnet.
Sie nennt ihn ihren bessern Sohn.«
Ja, der Gedanke, daß die Mutter ihren ermordeten Sohn mehr
lieben müsse als den überlebenden, treibt ihn zum Selbstmord:
»Denkst du, daß idi den Vorzug tragen werde.
Den ihm dein Sdimerz gegeben über midi?«
Das ist wohl mehr, wie die ruhige zärdidie Liebe des Sohnes
■ zur Mutter, das ist eine Leidensdiaft, die ihre ungestüm fordernde
Gewalt von der Kindheit her nodi bewahrt hat. Wir dürfen audi
nidit übersehen, daß es der jüngere Sohn ist, der die Mutter mit
soldier aussdiließlidier Zärtlidikeit liebt und daß er den älteren er*
mordet. Dieses Altersverhältnis, das für das Märdien typisdi ist,
kehrt beim Mordversudi des Franz Moor und bei der Bluttat des
Lorenzo im »Geisterseher« wieder. Bei Sdiiller also, wie im Märdien
stehen hinter den beiden Brüdern Vater und Sohn und die beiden
Hauptmotive seiner Diditkunst, die im »Geisterseher« nebeneinander
auftreten, sind nadi ihren psydioanalytisdien Rüdtführungen nur zwei
typisdie Ausprägungen ein und desselben Urmotivs.
<Fortsetzung folgt.)
96
Leo Kaplan
Der tragische Held und der Verbrecher.
Ein Beitrag zur Psydiologie des Tragischen von LEO KAPLAN.
DasSdiuIdbeyußtsein und die Strafe. -Orestes. -Marmeladow. -
- Brynhild. — Der Sündenbodi.
Raskolnik
ow.
- >■ ' " »Der Verbrecher ist häufig genug seiner
.....,..;" ~ . Tat nicht gewachsen: er verkleinert und
verleumdet sie.« Nietzsche. Jenseits von
,': Gut und Böse. Aphor. 109,
■ -. . : ', »Wer über einen Mensdien das Urteil
. ■■ ■ ; -. spricht, liat es über sich gesprochen.«
Chassidischer Spruch.
Das Schuldbewußtsein und die Strafe.
In einer früheren Arbeit: »Zur Psydiologie des Tragisdien« ^ habe
ich eine Parallele gezogen zwisdien dem tragisdien Helden und
...^r1 A"^^'- ^^{ Gedanke war dort folgendermaßen aus-
Aullrt-"]: -f/' r/'?' ,^^'^ ^^^'«^t ^i^ durdi den Willen der
sAe^ H.U r I"d«^'dualpsyche suggerierte Norm ... Der tragi»
Ldde^federn'r" ^A- '^^^ ^^^br^Aer betrautet werden,- seL
Leiden bedeuten dann die WiederhersteHung der verletzten Norm
UnwerturteiTs' üÜftäe'^Taf '1°'^ ^-, , '^'^'-^'^^^^r
lidie Verh^eA^fr Ac. D - ^; ^"* umgekehrt ist der wirk-
UnLwäÄlumm^rt'' W" ''? ^'' 3ösen','das tief in unserem
auf siA nehmen er miß h f t' ''fSisAe Held muß er Leiden
bewußtserrÄe traieT. ^ll^'''' ^^^ fordert unser ReAts-
bewußtsein - is Gewiljf '*^""S '^'^' ^^"^'^ ^^^ ^Auld^-
Ausgangspunkt unserer TTn; T ^°\^''^' Wir wollen nun als
und den Weg von hprV *""S das SAuldbewußtsein nehmen
Die TatsaAe de SA 'ir"' ^^^^'^*^" AbsAluß verfolgen,
minalfällen ersiSch: ^^"'^^^^"ßtseins ist z. B. aus folgenden Kri-
Marie M. Vom Moäl^anTh,-!" ^n '^ 'P'^.*^" ^ ^03 die Bergarheitersgattin
sAien die FreigesproAene E S^^."f" ^'^\ ^"' Silvestertage 1904 er-
die Last ihres bösen Gew^ Staatsanwalt und erzählte ihm, daß sie
und deshalb eingestehe, ihren G/tt!>"^j"'f "^ länger ertragen könne
, [2] *Im Jahre 1850 hat zu K^" ^"^.* Gi^ beseitigt zu haben.« -
und seine Kinder umgebraAt p.^r.'^'f^'" Mähren ein Philipp S. sein Weib
Liebesbezeigungen maAte die PrK;ft dadurA, daß er seiner Magd
Wut darüber tötete er sie XcM.^^^^'"^'" Gattin zugezogen. Aus
Kinder erwaAter,, zu w • ,en uS'**' T^ ^^' ^"'•* deren SArei die
anderen Morgen ging "r zu P " ¥"'''^" ^"finsen, auA diese. Am
schüttcrt, seine Tat p,ic. • ^'"''^V "nd gestand, von Reue er-
- ^"^ ^'S^enem Antriebe ein.«^
= Imago, Bd. I, H. 2,
* Ernst Loh sine Dac rjoc»-" j ■
fragen, Bd. III, H. 1^3) p 100 .SS"»".?^''^^'^*'"' Ourist.-psyAiatr. Grenz^
' P- IW u. 104. Halle a. S., 1905. Carl Marhold.
Der tragisAe Held und der Verbredier
97
Sdion diese beiden Fälle zeugen von einem »inneren Richter«,
der den einzelnen zwingt, sidi den sozialen Forderungen zu unter-
werfen Auf den »inneren RiAter« gründet sidi audi der allgemein
verbreitete Glaube an die »UrteilsbrüAe«. »Auf der Landreise ins
Totenreidi treffen die Seelen oft auf einen Fluß oder einen Abgrund,
der übersdiritten werden muß. Einen Fährmann findet man da ge=
wöhnlidi nidit, dagegen eine Brüdce, deren Besdireiten aber eine sehr
gefährlidie Sadie ist. Denn sie dient gewissermaßen als automatisdies
Geridit . .. Die Sünder können die Brücke nicht passieren
und stürzen in den hölliscjhen Abgrund hinunter, die Frommen
und Gerediten gelangen unversehrt hinüber ins Paradies.« ^ So
glauben die Bewohner der Insel Formosa, »daß die Toten einem
sdieußlidien Abgrund über eine Brüdie von Bambusstäben zu über*
sdireiten haben, die unter den Sündern einstürzt«. Ebenso verbindet
nadi mohammedanisdien Sdiilderungen »die BrüAe AI Sirat den
Himmel mit der Erde, geht aber mitten über die Hölle, ist sAmäler
als ein Haar und sdiärfer als ein Rasiermesser. Der Tugendhafte
gleitet sdhnell und sidier über sie hinüber, der Sünder stürzt in das
Feuermeer, das unter ihm brennt«. »Die Tsdieremissen glauben,
daß der unterirdisdie Riditer die Toten über einen Kessel mit
siedendem Sdiwefe! gehen läßt, die Tugendhaften gelangen glüAM
hinüber, die Sünder stürzen in den Kessel.« »In der Vision des
Apostel Paulus ersdieint eine sdimale, sdilüpfrige BrüAe über einem
stinkenden, von greulidien, tcuflisdien Ungeheuern bevölkerten Fluß,
von der die Sünder beim Passieren herabstürzen und je nadi dem
Grade ihrer VersÄuldung mehr oder weniger tief einsinken,« ^
Die »Urteilsbrüdte« — das »automatisdie Geridit« — ist nur
ein in Jenseits versetztes Instrument der »Tatbestanddiagnostik«:'
1 Dr. Marcus Landau. Hölle und Fegefeuer im Volksglauben, DiAtung
und Kirdienlehre p. 56. Carl "Winters Budih. Heidelb. 1909.
2 ib, pp. 58, 59 und 61.
' In der modernen Tatbestanddiagnostik werden dem BesdiuldJgten bestimmte
"Worte zugerufen, auf die er mit der ersten ihm einfallenden Assoziation reagieren
muß. Die Art der Assoziation läßt darauf scf>Heßen, ob die "Versudispcrson
Kenntnis von gewissen Umständen eines "Verbrediens hat, die zu lange »Reak-
tionszeit« kennzeidinet eine vorhandene "Verheimlidhungstendenz. Zu den primi-
tivsten Formen der Tatbestanddiagnostik gehört das sogenannte Ordal <Gottes-
urteil). So lautet z, B. eine isländisAe Regel; »Hast du jemand in "Verdadit,
didi bestohlen zu haben, so sdireibe diese "Worte auf Käse oder Brot und lasse
es ihn essen; paxx maxx x vix ax x. Kann er es nicht versdiluden, so ist er
sdiuldig.« [Davitsson, Island, Zauberzeidi. und Zauberbüdier. Zeitsdir. d. "Vcr. f.
"Volkskunde. Bd. 13, p. 274], Die "Voraussetzung ist natürlidi die Erwartung,
daß das Sdiuldbewußtsein beim Betreffenden die krankhafte Reaktion (das nidit
VersdiluAenkönnen) hervorrufen wird. Dieser Zusammenhang ist besonders klar
ersiditlidi in folgendem; »Eine Frau sagte zuweilen zu ihrem Sohne, wenn sie
meinte, daß er gelogen habe; »SteAe deine Zunge einmal heraus!' "War das
Gewissen nidit rein, so wagte der Junge n türlidi niÄt, die Zunge herauszustedien.
Durdi jede Lüge entsteht nämlidi nadi dem Volksglauben eine Blase oder eine
Blatter an der Zunge,« [Mitgeteilt von H. Volksmann. Am Ur-Quell. Monatsdir.
f. Volksk., her, V. Fr. S. Kraus s, Bd. VL p. 70.] — Audi die »Urteilsbrüdcec gehört zu
diesen primitiven, nur ins Jenseits versetzten tatbestanddiagnostisdien Instrumenten.
Imago lV/2 ^
98
Leo Kaplan
das Sdiuldbewußtsein begleitet den Mensdien bis an die Pforte
des lotenreidies und muß sidi dort auf das wirksame kriminal-
psydiologisdie Reaktiv hin sofort äußern. Die Wirkung der »Urteils»
brude« ist nidit nur, daß der Sdiuldige - der Sünder — bloßge-
stellt wird,, vielmehr muß jetzt audi die Strafe folgen: der Sündige
komnrt m die Hölle, wo er seinen wohlverdienten Lohn erhält.
Die Strafe ist die soziale Abwehraktion gegen die Sünde.
Verfolgen wir die Wirkung des Sdiuldbewußtseins weiter.
Aus Esdienburg in Sdiweden wird folgendes erzählt:
[3] Ein Mann bestritt vor Geridit, der Vater eines gewissen
Kindes zu sein, und zwar mit Unredit. Er wollte das besdiwören, da
hell der Riditer Fenster und Türe öffnen, damit der Teufel ihn gleidi holen
lionnte, wenn er falsdi sdiwöre. Er sAwur dennodi. Er hatte einen
weiten Rückweg zu machen,- als es nun dunkel wurde, gesellte sidi ein
grolier schwarzer Hund mit feurigen Augen zu ihm. Die Zunge hing
dem 1 lere lang aus dem Halse. Vergebens sudite der Mann sich seiner zu ent-
kdigen Als er mehrmals nach ihm sdilug, wurde plötzlich ein großer
Kerl daraus, der ihm drohend gegenübertrat. In seiner großen An^^st
betete ernun, und die Ersdieinung wich von ihm. Aber als er zu Hause
ankam, fand er keine Ruhe, hatte keine frohe Stunde mehr und
siechte dahin, bis er eine Beute des Todes war^.
Der Mann hat falsdi gesdiworen. Auf dem Heimwege treten
Oew^sensbisse auf, die sidi in der Gestalt des sdiwarzen Hundes
^es leufels) und des drohenden Kerls verkörpern. Auf die »böse«
lat folgt die Abwehrreaktion: der Verbredier verliert seine Ruhe
und wird am Ende eine Beute des Todes. Der drohende Kerl
ist nur eine Abspaltung des Ich des Verbrechers, eine Pro-
jektion des »inneren Richters« nadh außen.
Denselben Sadiverhalt finden wir audi dem folgenden Falle
zugrunde liegen:
[4] Unweit der Medilenburg=StreIitzer Grenze beim Dorfe Menz
hegt am Wege ein Stein, in wcldiem eine Leiter und ein Besen ein=
gehauen ist. Auf dieser Stelle, nodi heute der Totsdilag genannt, soll
ein i>diornsteinfegerIehrIing aus Rheinsberg seinen Meister seines Geizes
wegen ersdilagen haben. Der Mörder habe, so erzählt man, nach seiner
lat keine Ruhe gefunden und dieselbe im Groß=Woltersdorfer Pfarr=
hause eingestanden,- denn es sei ihm immer jemand gefolgt der
ihm fortwährcnddasWort »Sag's« zugerufen habe. PrinzHein'rich
weldier damals in Rheinsberg wohnte, habe die Begnadigung des Mörders
erwirkt, dieser aber nidits davon wissen wollen, und so sei er denn in
INeu-Kuppin hingeriditet worden 2.
Audi hier findet der Verbredier nadi seiner Tat keine Ruhe
mehr, das böse Gewissen <die Abwehrreaktion gegen das Vcrbredien)
fuhrt Ihn ins Pfarrhaus, wo er sein Geständnis ablegt. Der »innere
Richter« wi rd nadi außen projiziert und ersdieint dort als ein »Jemand«,
' Am Ur-.Que!l. Bd. VI, p, 719
- Am Ur--Quell, I. Bd., p, 121.
Der tragische HeJd und der Verbredie
99
der den Verbredier unaufhörlich verfolgt. Nodi krasser ^U in A
vorherigen Fall tritt hier die SelhstbitraC I lar zuttl ^T
u. ein^'el^^täl^ionTetr?^^^ llt^tZl ^" '''T'^'
haben Et^rÄ^.tiT;'^^^^^^^^^^ ^^^-t. Viele
so verkünden die Araber redi^^üt L. .Ij k "^ '?"" '" "*"^"'
Erntezeit mußte jemand ^onihnf^sterbfnD.f"'' ^/^^ '"?'"-^-"r
bringt, wird seitens der Araber den S£' /a^L^I"" ?°^^"> ^od
leute) zugesArieben. Datr pL'" die Äf " i^'^n' "■^' ^- ''■ ^^^^^
das neu,epfla,te Land ^^ £':^^F^£:^ ^'^^^
bead.tt'n" dS' dirS' in^^^'^" ^J*/ -verstehen, müssen wir
Völker die Mut er darstJ r 9 mythoIogisAen Vorstellungen der
von der >>Mati sTra sem L /rt' f"'" f^^^^^ "°* heutzutage
Flursegen lau tt ^Hd dTr^g;de M ".t'' ^""f/^"-^^' ^'^ -''«■
Ein magyarisdies Rär.P f.l . w' ^""er der Menschen . . «3
BauA?<fSAmwo tute?^ .Adl^'s^'^'^^y^'^ ^"^ ^^'"^ M"«-
Das Acfeerbauen wedt be den Ä. T' ^T ^""T ^^' ^'^ ^rde.«*
ziemlich starken Inzestgefühle Die i'fT^ .t ^^^'•^"Sten, aber nodi
erlaubte sündhafte Verlangen äußert .K''^^^"°." ^^1^" ^^« ""-
daß jemand zur Erntezeit sterben ^" n"" '" ^^"^ Aberglauben,
nad. außen projiziert und ^^^t "ieTm Fal hTT ^^^^T ^''^^
<prd=>Damons an. Neu tritt wJr J'*^ ™j^a'e L3J die Gestalt eines
Strafe von sidi abwenden kann ind ''^'"'^' '^'"^"' ^^'^ "^^^ die
das Opfertier einführt ' '"^'"^ '""" ^'■"^" Ersatz, nämliA
auf: e^Ssetä es"^^ ^'' f ?' '" -^'faAer Gestalt
^iA als mehr oder minder st ke fch ^'V"?''^""'"^ und äuße
das Gewissen als ein TußerlA LV.T. ^"^^^^/i^s aber ersAeint
^^iVd.e_die Halli^StSlSÄrL^^^^^^^^^^
ff^^^^^E^":^^^ der^^af 1^ ^.^" ^-^ ^'" B-r „a.ens
Auf die Einreidiung einer Begnadii?un/sblt?I "*^"f"'^V"^ ^""^ Tode verurTeih
obwohl er ziemiiA stark auf BegnadS ,5' '%'^%" Kantonsrat verzichtete e'
Frau hinterließ^ Benno* v^ollte er w"e^r tn^"^ !^ '' t ^^ ^'"^ hodisdivrangere
suhnen.^NaA Zeitungsberiditen.] '' ^"S^''' ^"«-ch den Tod seine Tat
Ardi. f. Rfgionswi Mxlff.'j'^iT ''°"^^"- '" '■ ''i"- "• -bbin. Literatur.
Ved. Hirlh ^; ^^-' "-*"* ^^r ,er.a„. M.tho, , 455. Leip., 18.5
H. V. Wislocki, Am Ur-Quell, V. Bd., p. 20.'
Leo Kaplan
für den »Jemand« können nur die Eltern abgeben, die dem Kinde
gegenüber das Gewissen <die »Zensur«) repräsentieren, Auf jede
Untat des Kindes reagieren die Eltern mit dieser oder jener ab"
wehrenden Handlung, sie sudien das Kind zu ermahnen, von dem
»Bösen« abzuhalten. Die suggestive Madit dieser ersten kindlioien
Eindrücke sdiafft in unserer Seele den »inneren Riditer«. Wenn wir
aber durdi mangelndes sittlidies Verhalten gewissermaßen auf die
infantile Entwidlungsstufe zurüd^^fallen, so wird der »innere Riditer«
nadi außen projiziert, um nadi alter Weise uns zu ermahnen.
Der Zusammenhang zwisdien dem »inneren« und »äußeren«
Riditer ist aus dem folgenden psydioanalytisdi behandelten Falle be-
sonders klar ersiditlidi. Ein Hysterisdier' hatte oft eine Vision,
die er selbst in seinen <für den Autor gemaditen) Aufzeidinungen
als »Drohungen« bezeidinete:
[6] Hinten und links eine mit Gras bedeckte Wiese, redits dunkel
und scfiauerlidi, vorne ein steinerner steiler Abhang und eine Grube • - ■
Es nähert sidi »Jemand, der Macfit besitzt« und spricht Vorwürte
und Drohungen, insbesondere das Wort: »Schurke!« . . . [Die hallu»
zinierte Figur hat böse Augen],
Im Sommer 19.. lebte er mit Frau und Kind auf dem Gute
bei einem Freunde. Einmal abends ging er mit einem anderen
Freunde X, ins Feld aus. Die beiden waren etwas angeheitert/
unter anderen Herzensergießungen spradien sie audi darüber, wie
sdiwer das Leben sei. Er sprach von dem Schuldbewußtsein,
das er seiner Frau gegenüber habe <zu jener Zeit unterhielt
er ein Liebesverhältnis mit einer anderen). Sie spradien nodi vom
Selbstmord und der Furdit vor diesem. Schließlich kamen sie
an eine steinerne Grube: vorne lag ein steiler Abhang,
hinten eine wiese etc.
• ^j"^ yJuzinierte Figur, weldie die Drohungen ausspridit, ist
somit der Halluziant selber: »Jemand, der Madit besitzt«, stellt das
nadi außen projizierte Sdiuldbewußtsein dar^ Wer sidi aber noA
hinter diesem »Jemand« verbirgt, das erkennen wir leidit, wenn wir
nodi eine Vision desselben Analysanden, die er ungefähr in der-
Leo Kaplan. Grundz. d. Psychoanalyse, p. 218. Wien und Leipzig 1914.
rranz Deuticxe.
' Ursprünglich ist die Projektion ein Mittel' des »Unbewußten«, um im
Kampfe gegen die »Verdrängung« sidi zu behaupten. Eine Dementia praecox-Kranke
behauptet, dali das »Frauenzimmer« ihren Kindern befohlen habe, die Finger m
Denauptet, dai> das »Frauenzimmer« ihren Kindern befohlen habe, die Fmger n
ihr »bexualsystem« zu stedcen. Auf die Frage wie heißt das Frauenzimmer, folgt
die Antwort: »Sie hat meinen Namen X. angenommen.« <S. Spielrein, Über d.
psydiol, Inhalt eines Falles von Sdiizophrenie. Jahrb. f. psyAoanal. und psydiopai
' ^ui un. 1 idgc. Wie nenn ud» iiauvu.-. ■••■■---■ <
Namen X. angenommen.« <S. Spielrein, ^^^ ^
p.,,„.„., .^..„.. W..VO . „uto vuii odiizophrenie. Jahrb. f. psyAoanal. und psydiopat .
Forsdi., Bd. III., p. 349.) Wir sehen also, daß mit Hilfe der Projektion ein "be-
wußtscinsunfähiger« Komplex gegen den Widerstand der Verdrängungstendenzen
dodi zu seinem Redite kommt. Im Falle der Projektion, mit der wir im Texte zu
tun haben, gesdiieht etwas Ähnlidies: die peinlidien Selbstvorwürfe sudit man zwar
von si<fi zurüduzweisen, sie drängen sidi aber in Gestalt der »Vcrfolgungsperson
dem Bewußtsein wieder auf.
selben Zeit wie die »Drohungen« hatte, in unsere BetraAtungen
hereinziehen. ^ ,, r^ a
m Vision- Ein Bild von Wrubel: Der »Dämon« liegt am Grunde
eines st inernen Abgrundes ... mit traurigen, bösen runden Augen.
»Jen^and« der >>Drohungen«, der auA >>bose -"de Augen«
besitzt,^t also ein Dämon w ^^^^^Jf^^^l^^l^tZ^^
fFL:?<f At?K?n"d"tr deT'AnaVnd einmal krank, damals hatte
" ^'^ [8] Vision: Der Vater als Teufel blid^t durA die Türspalte
ins Zimmer hinein'. ä„„ A„acn
Die drohende Gestalt mit den ^osen runden Augen
ermahnt und strTtt. Im^ürgerliAen Leben tritt die warnende Stimme
n Gestalt tSters auf, Lsen Urtdlssprudj unsere b-n Triebe
L Zaume zu halten bestimmt ist, In der Tragödie smd es wu
selbS Se das RiAteramt übernehmen und den Helden zugrunde
gehen lassen, den Helden, der ja nur unsere Wünsdie verkörpert.
Orestes.
Die im vorigen entwid^elten AnsiAten über das Sdiuldbewußt»
sein und Ts Ridfteramt wollen wir du«h einige weitere Analysen
hpkräftiFen Wir fangen mit Aisdiilos Oresteia an. < , j
Kainmestra ^hat ihren Gatten Agamemnon ermorde imd
sidi mitAiSstos vermählt. Diese Tat konnte nidit ungeracht bleiben.
Es mußS - so wurde prophezeit - ein junger RäAer kommen,
flin Sproß, der seines Vaters Mord vergilt mit Muttermord«.
De in dS Verbannung lebende Orestes kommt mit seinem Freunde
PyTadesheimk in dif Heimat, um den Tod des Vaters zu rache^.
Nadidem er Aigistos ersdilagen hat, stürzt er siA auf die Muttei.
Diese sudit ihn zu besänftigen.
Klytaimnestra; Hah ein, o Sohn, und sdieue diese Brust
^ An der du, Kind, so oft mit zarten Lippen
Die süße Muttermildi entsdilummernd entsogst.
Was tu' idi, Pilades? VersAon' idi sie?
Wo bleibt der Gott mit seinen Sprüdien dann.
Denk deiner Eide ... , , i- c ■ a\
■ ■ Nur nidit die Götter jemals maA dir temd!
Orestes: Du hast gesiegt und trefflidi midi ermahnt-.
Nadi vollbraditer Tat wird Orestes wahnsinnig und läuft fort, von
den Radiegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt.
^ 1 Leo Kaplan, a. a. O. p. 266, 267,
- Übersetzt von Hans v. Wolzogen <Reclams Universalbibhothek),
Orestes:
Pylades:
102
Leo Kaplan
starke?sZl T """^ ^''" Wahnsinn Orestes' zeugen von dem
TjtsM^t''''] Tr' Helden Woher stammt denn aber
füS er doi nT i''' n t^'T 'J^^^" ^°^ ^'' Katers räAt, er.
daß woOrtt ■ Gebot der Götter! Es ist auA auffallend,
Anhä^^lSS '"^T aT'^'" ^^'^ R^A^Pflidit und der kindlidien
SiSen vll f ? ¥r""';; ^^T^"^^' ^^'"^ ^A wester Elektra
GeS häf d H ^er Handlung für die Mutter nur ein einziges
tat Mut eL,?fl R \^''i"*' ^^"^ ^^"^ Orestes zu seiner Rache,
tend d.ß ^ r'!^' ^"f ^'"'f;< Gegenüberstellung ist es einleuA-
Gatten nid,ff^Q'^'°i''^""Sr^>^^^''""^^^^^^' der Mörderin ihres
sinJ vor n t ?""^l^'"Pf""den wird, Denn der tragisdie Chor
smgt vor Urestes Ersdieinen:
Geronnen ist im Blut
- ia^L A ^' ""^ ^^'"^^ Trunkes voll
Nährt Amme Erde unversiegt die Radie,
Wer in der Ehe keusdie Sitte bradi.
Ihm blühet mehr kein Heil.
Tat foVt"''nt*Flu'' °"?'' T Wahnsinn von de, Stätte seine,
Mutter zur D3r«f^ll„n<l 1 ^"""P'^^" — ^'^ inzestuöse L ehe zur
voreTnemÄ?n"sefneTS ^ert ^ S't ^^ 'i^^^^'l;
einen unwiderstehlidien Dran/ft^ItP V t ^^,*^ erwadite und
Axt zu ersdilagen Nach Von! \''" ^^'/' Mütterdien mit der
ein Gefühl derErleichteTunl H '^^ ^-'"^'i ^at hatte er
später!. Um soldie Ersdieimm«.^'' l Gewissensbisse kamen erst
daß den Kinder^ insbesondere /"^^^'''^'"' "^"^ "^^" ^'^'^''"'
Tieren, der gesdileAdiAe Verkehr .'k ^'^'X'' BeobaAtungen bei
dem anderen antut, ersdieint DiTh u- Gewalttat, die der eine
Antons ist in de infSn ''aS^fe''""^ ^^^ ^'^ ^at des Patienten
sudien: darum das Gefä^hT Srpf^'? ^"^f^^^""S ^^s Koitus z
sexuelle Befriedigung) ^ Auch n ^'"'^'^E^'-ung na* der Tat <die
sexuelle Befriedigung) ^ AuA Oreste^ Tri;^. "'* "^'^ '^.f <^'
bohsdicn Smn. Daraus erklärf <=;^ j- , ^^^ ^'"^n sexuelUsym
Fortlaufen und der Wahnsinn Di^ '^^Ä^ Abwehrreaktion: da
Erinnyensind somit die verköL Orestes verfolgenden
Orestes wird am Ende vor Ld"^"" Gewissensbisse.
Greise gestellt. Den Vorsitz führt l7k^^''''^"''Sium der athisAen
^""^^ ^t^ena, die Anklage geht von
Kinderforsdb, bYxVII," , 194.^°™'" ^- ^""'^''- "^o^al, Abartung. ZeitsAr. f,
Königin war mit''dem'"Köniraurdie^S* ^"* "^'^ folgende Sage: »Die böse
sie los, zerriß sie, trank ihr Blut und l(»i^^^"^^?' P'^^^''* ^^^^ «in Wolf auf
Prinz vor ihnen.« (H. F. Feilberrrf f •^*?"'^ ^" ^«'"e'' Statt der dänisdie
Völker Am Ur-Quell. Bd. ]II /; j^o/en^etisdie i,„ Glauben nordgermanisdier
durdi den sadistisdien Akt —'der inh^A'' *" ,^'" ^'^'^ vervcünsdite Prinz wird
»erlöst«, d. h. von der sexuellen Span, üb? " ^"S'^''"* <les Koitus -
Der tragische Held und der Verbredier
103
den Erinnyen aus, als Verteidiger fungiert Apollon, Die Stimmen
der Riditer teilen sidi, den Aussdilag gibt Athena mit ihrer Stimme
zugunsten Orestes. Daß die Stimmen der athisdien Greise für und
gegen Orestes gleidi ausfallen, widerspiegelt nur den Zwiespalt in
der Seele des antiken Mensdien. Derselbe Chor, der in Erwartung
des Helden seinen Gefühlen in den Worten Ausdrudi gibt;
Weh uns, weh,- wann kommt für unsre Sadie
Dodi der Held, der Heil und Hilfe bringt? , , .
singt, als Klytaimnestra nun tot ist: ' "
Weh, wie entsetzlidi kamst du um.
Und Weh erblüht audi dem, der übrig bleibt!
Orestes ist somit der Verbredier, der in der Seele des antiken
Riditers selbst saß: die athischen Greise gingen mit sich selbst
zu Gericht, als sie über Orestes ihr Urteil fällen wollten.
Mit Redit meint somit ein Reditswissensdiaftler: »Riditer und Ver=
bredier sind versdiiedene Individualitäten, aber sie sind vereinigt im
Idi. Das Wesentlidie dessen, was bei jedem Geriditsakt vor sidi
geht, ist eine Tat des Idi, ein Ereignis im Idi. , . , Die Verbredier=
Individualität ist nur Symbol und Abbild für ein Verbredien, das
sidi im Idi befindet, aber anderseits enthält dieses Abbild und Symbol
wiederum in sidi dasjenige Element, weldies das Auftaudien des
Verbrediens im Idi zur Wirklidikeit, die vom Idi vollzogene Über»
Windung zur Wirksamkeit und Tat madit.«i
Der Verbrecher projiziert die innere Stimme des Ge*
Wissens nach außen, woraus die verschiedenen VerfoU
gungsgestalten des Mythus und des Wahns entstehen^.
Anderseits projiziert audi der »Richter« seine Verbrecher-
individualität nach außen, auf diese Weise entsteht der
tragische Held.
Die Erinnyen und Apollon vertreten im Prozeß gegen Orestes
die StaatsanwaltsAaft und die Verteidigung. Bei näherer Betraditung
des Ganges der Geriditsverhandlung ist es nidit sdiwer einzusehen,
daß die Erlnyen und Apollon zwei grundversdiiedene Kulturweiten
repräsentieren, Orestes wirft den Erinnyen vor, warum sie Klytaimne-
stra wegen des Gattenmordes nidit verfolgt haben. Darauf die
39.
und
'.Theod. Sternberg, Die Selektionsidee im Strafredit und Ethik, pp, 37 u
Berlin 1911. Puttkammer u. Mühlbredit. - »Sieh dir jeden an, der anklagt
mquiriert, — er enthüllt dabei seinen Charakter: und zwarniÄt selten einen sdiledi*
teren Charakter, als das Opfer hat, hinter dessen Verbrechen er her ist.« Nietzsche,
Morgenröte. Aphor. 413.
2 Der Verfolgungswahn hat auch andere Wurzeln als das SdiuldbewuRtsein.
Es ist aber hier nicht der Ort, ausführlicher darüber zu sprechen. |Siehe audi Otto
Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden.]
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104
Leo Kaplan
Erinnyen; Nicht war ihr blutsverwandt, den sie erschlug.
Orestes: Idi aber bin von meiner Mutter Blut?
Erinnyen: Trug sie didi, Mörder, unter'm Gürtel nicht?
Verleugnest du der Mutter teures Blut?
Apollon: Erzeug'rin ihres Kindes ist die Mutter doch nicht,
ist Pflegerin nur gesä'ten Keims/
Es zeugt der Vater, sie bewahrt das Pfand,
Dem Freund die Freundin, wenn's kein Gott versehrt.
Die Erinnyen verfolgen nur Verbredien gegen Blutsverwandte, wobei
sie die Verwandtsdiaft nur nadi mütterliAer Linie anerkennen: sie
sind also Anwälte des Mutterredits. Im Gegensatz zu ihnen er>
sdieint Apollon als der Verteidiger des Vaterredits. Wir sehen hier
den Kampf zweier versdiiedener Kulturstufen : die ablebendc mutter-
reditlidie Gesellsdiaftsordnung sudit sidi gegen die aufkommende
vaterreditlidie Ordnung zu behaupten. In Erwartung des GeriAtes
geben die den Ausgang ahnenden Erinnyen ihrem Un willen Ausdrudc:
Umsturz verkündet uns das neue Recht,
Wenn Sdiuld und SdimaA des Muttermörders siegt!
Die Freisprediung Orestes' bedeutet also den Umsturz, Orestes ist
sotnit der Staatsverbrecher. Die Staatsanwaltschaft <in weldier
Kolle die brmnyen auftreten) steht immer im Dienste der Inter-
essen der alten sozialen Ordnung, die sie gegen das neu
Autkommende zu verteidigen hat.
Im Verbredier vereinigen sich oftmals zwei Naturen; wenn
I-^l'^Xr ^•1''" V^erfebten, Ehemaligen, vom Gange der Ge-
sAidite Verurteilten hinzieht, so treibt ihn die andere zur Sdiaffung
neuer gesellsAafthcher Formen. In der Bekämpfung des VerbreAens
dl .T-nf ""T' t ^^^^)' verborgen, mit dem antisozialen auch
das sdiopfensAe Prmzip, das Werdende zu zerstören,
Marmeladow.
In Dostojewskijs Roman »Sdiuld und Sühne« ^ treffen wir
eine Reihe mehr oder minder verbredierisdier Gestalten an. Wir
greif ^ die beiden für unseren ZweA besonders interessanten Per-
sonltdikeiten heraus „ä^mlidi Marmeladow und Raskolnikow,
Q. ff / /^"•^^"I'oJd Marmeladow wird von allen dienstliAen
Stelen fortgejagt, seine Familie geht zugrunde, die kranke Frau
Katharina Iwanowna qciält sidi den ganzen Tag und einen Teil
fe-r^^^ q""- ^^j. ^^"^ 'Aen Arbeiten und Sorgen ab. Die kaum
ISjahnge Sonja, dje Toditer Marmeladows aus erster Ehe, mußte,
um die Familie mdit aushungern zu lassen, zur öffentfidien Dirne
werden. Seine Gewissensbisse sudit Marmeladow wiederum im
ersetzt von H.ins Moser <RecIam>.
Der tragisdie Held und der VerkeAer 105
Weine zu ertränken, »Eben deshalb trinksidi )a,<< sagt er zu Ras=
Kikow, »denn im Trinken sudie iA Mitleid und Gefühl « Erst
unlängst war es ihm gelungen wieder eine staatlidie Anstellung zu
finden und er hoffte alles in Ordnung zu bnngen er wollte die
Kinder besser kleiden, der Frau die Ruhe zurüdigeben und seine
Toditer der Ehrlosigkeit entziehen. »Aber nun mein Herr,« erzahlt
Marmeladow, »am anderen Tage, nadi all diesen Luftsdilossern
?e?en Abend, nahm idi aus Katharina Iwanownas Kasten den
Sllüssel, in niedrigem Betrug, wie der Dieb in der Nadit, und
stahl was von dem heimgcbraditen Gehalt noA übrig war,, wieviel,
das Weiß idi nidit mehr, und nun blid^en Sie midi an hier bin idi!
Seit fünf Tagen bin idi aus meiner Wohnung versdiwunden, . . .
mit meinem Amt ist es vorbei, und die Vizemontur _ liegt in der
Sdiänke an der ägyptisdien Brüdie,- zum Ersatz für sie erhielt idi
diesen Anzug — nun ist alles vorbei!« Er ging sogar nodi zu
Sonja und hat sie um Geld zum Trinken gebeten.
Dennodi ist das Sdiuldbewußtsein in diesem Mensdien, der
sidi selbst Sdiwcin nennt, vorhanden, sogar sehr stark ausgeprägt.
In der Sdiänke fragt er bei Raskolnikow: »Tue idi Ihnen leid, Herr,
oder nidit? Spredien Sic, ja oder nein? Hahaha!« - >> Wozu didi
bemitleiden?« rief der anwesende Wirt. Darauf Marmeladow: »Mit-
leid, weshalb Mideid mit mir! ... Weshalb Mideid mit mir? Das
ist unnütz,- kreuzigen muß man mich, ans Kreuz nageln,
aber nicht bemitleiden. Kreuzige ihn, Riditcr, kreuzige ihn, und
dann erst hege Erbarmen! Selbst will ich zur Kreuzigung
kommen, denn mich dürstet nicht nach Lust, sondern
nach Jammer und Tränen!« Marmeladow will in den Leiden
seine Sdiuld sühnen.
Dem Sühnebedürfnis liegt ein infantiler Zug zugrunde. Wenn
das Kind von den Eltern bestraft wird, so empfindet es die Strafe
als eine Abwendung der Elternliebe und wirbt um so mehr um
diese. Audi die Eltern ihrerseits sudien ihre Härte dem bestraften
Kinde gegenüber durdi naditräglidie Zärdidikciten wieder gut zu
madien. Das Kind gewöhnt sich dadurch die Strafe als
eine Vergeltung zu betrachten, durch die es ein Recht er=
wirbt, neue Liebesbezeugungen zu beanspruchen. In reli»
giöser Einkleidung drüÄt sidi dieser infantile Gedanke folgender»
maßen aus: je mehr der Sünder hier auf Erden Leiden er-
duldet, desto eher darf er auf das jenseitige Glück rechnen.
Diesen Zug finden wir audi in Marmeladows Fall. Im Gesprädi
mit Raskolnikow äußerte er sidi früher; »Lieber Herr, es ist ja so
nötig, daß ein jeder einen Ort habe, wo er Mitleid findet . . .«
Hier auf Erden hat Marmeladow auf nidits mehr Gutes zu warten,
er kann nur nodi mehr Leiden bekommen. »Erbarmen kann sidi
unsrer nur der dort oben, der sidi aller erbarmt, der alle und alles
kennt, er, der Einzige, der Riditer ... Er urteilt über Geredite
und Ungeredite, über die Hoffärtigen und Friedsamen, Und wenn
106
Leo Kaplan
K^^Z ^\ l'^^"^ mit allen, dann wird er spredien zu uns:
Aommt audi ihr her, die Säufer und SAwadien, die Lasterhaften !'
und wir werden kommen, alle, ohne Sdieu und vor ihn treten und
II 7 A '^^^"\^^ '^'"^ S:leiA dem Vieh, dodi her mit eudi!' Und
IL [ A ^'^^^/'sen und die Klugen ausrufen; ,Herr, weshalb
nimms du auA diese auf?' Und Gott wird antworten: , Warum idi
sie autnehme ,hr ^X^eisen, ihr Klugen? Darum, weil keiner von
Ihnen geglaubt hat, daß er dessen wert sein würde!' Und er wird
ae Hände über uns stredten und wir werden niederfallen und
r nn"irn^"r ^'■^\"";"is kommen . . . Herr, dein ReiA komme
zu uns!« Die Lasterhaften haben hier auf Erden viel gelitten, sie
lisien tZ retten' "' ^^-^erzigkeit und Liebe des himm.
;,nrK 2j '"/f ^'^^" Hintergrund des Sühnebedürfnisses sehen wir
Rnmn^^I f^'^f^^" ^zene. Marmeladow kehrt nadi seinen letzten
fervT H '"t"^* Hause. .Ohne in das Eimmer einzutreten, blieb
sS Lnf iK ^^"p-^',".^"'"" ^'^S^"-^^ Die erzürnte Frau wirft
den Haart ."1 ''''T"'^' 7'^ '" ^^'^ ^^^erei, ergriff sie ihn bei
leltme ihr selr^/'' V" -"^^^ ^'""^^ herein. Marmeladow er.
seine dummen StreiAe von de Mut Jr' ^'I •"" ^''f^''
^ Das Sdiuldbewußtsdn treil^ I ^^"^k !r«' "^'^^ ■ a
Tod, da sein IJnf^n 7 V ' ^"^ ^"de Marme adow in den
lamentierte eben- »Gnn • ^"^s*er, der ihn überfahren hat,
losgefahren, hätte idTdl Tn!l. "" r""^" '^'^^"' ^^re idi darauf
langsam, ganz gleiAn^^ß*^ 4" ha," ~s}^ f"i'- f^ f\K
gehen sehen, er wanktp fi l' "j ■ i ^ '"" "°* "^<^'' ^'^ Straße
dann wieder, ein dritf^. \A \ "^^'"^T ^" Boden, idi sdirie einmal,
er war ihnen gerade zwisAp^\l""ä r'^'^ ^^"" ^'''^ ^^^'^^ 3"' ^^^'
er scheint es absichtlich" gelaufen und stürzte nieder,-
Meinung bestätigt ja audi if^^^" ^" '^^t)«:« ■ • ■« Diese letztere
Erblidcen des Verunplnr(.r« ^^^'^^'''"a Iwanowna, indem sie beim
wollt!« Er hat doT fr " ^7^^'^''^ ^"^"-"ft^ »Das hat er ge-
er will selbst zur Kr.>„,;„ ^^ r ^^skolnikow gegenüber geäußert,
sondern naA Jammer 3t? ^°i"S^n' ihn dürste nidit nadi Lust,
und hingeVichTt ™'"' ^' ^^^ ^'^^ selbst verurteilt
ersdiienen alS^'ut' fn'^V ^^T',' '" ^^^ Marmeladow wohnte,
anzugaffen. Sie 4^«.^« Yl^^^sl^'^ten, als er heimgebraAt war,
sie in hellen Haufen "rf die Stob.' 'F ''' t' '^"^' ^^"" ^^^■^ '^^"^^"
sie alle fort. »Die Mieter Hn ^^^'^T^Katharina Iwanowna jagte
wieder zur Tür hinaus mir il« "^t ^^"^ anderen, drüAten sidi
gung, die man stets bnert: ^^^^^^n^en, inneren Befriedig
wenn einem anderpn „ ' ^"''^ '" unserem Nächsten,
ist, und von Ä kein m/'\"'7 ^'" '^"^'"^'^ zugestoßen
vc^eicnei kein Mensdi frei ist ohne UntersAied, un-
Der tragisdie Held und der Verbredier
107
geachtet alles Gefühls des Mitleids und der Teilnahme.« Diese
»seltsame, innere Befriedigung«, von der Dostojewski) hier
spridit, ist der »Lust am Trauerspiel« gleidi: man weidet sidi
an fremden Sdimerzen. Die Mieter des großen Hauses, diese »fredi
ladienden Gesiditer«, wie sie Dostojewski) vorher gesdiildert,
diese ewig betrunkenen Gestalten »in Sommerhabit bis zur Zwangs»
losigkeit« untersdieiden sidi wenig vorteilhaft von Marmeladow, er
ist ihr »f^eld«, der am Ende zugrunde gehen muß, um ihnen' die
»innere Befriedigung« zu geben: der »Sünder« ist bestraft und das
Publikum kann zur Tagesordnung übergehen,
Raskolnikow.
Zu Raskolnikow übergehend, müssen wir zuerst die Frage
aufwerfen, weldie Motive seine kriminelle Tat — die Ermordung
der alten Darleiherin — bestimmten?
Raskolnikow erzählt der Sonja: »Du weißt vielleidit, daß meine
Mutter fast blutarm ist. Meine Sdiwester ... ist genötigt worden,
eine Stellung als Gouvernante anzunehmen. All ihre Hoffnungen
hatten beide auf midi gesetzt. Idi studierte, konnte midi aber nidit
an der Universität halten und war gezwungen, diese für einige Zeit
zu verlassen . . . So hatte idi midi denn entsdilossen, midi des
Geldes der Alten zu bemäditigcn, dieses für die ersten Jahre zu
verwenden, ohne meine Mutter quälen zu müssen, zur Sidierstellung
memer selbst an der Universität, den ersten Sdiritt nadi ihrem Ver-
lassen — und idi habe dies breit und radikal ausgeführt . Nun
das ist alles!« '
Dennodi ist das nidit alles. Sonja madite ihn sdion früher
darauf aufmerksam, daß das Raubmotiv seine Tat ungenügend
determiniere: sollte er nur rauben wollen, warum hat er dann nidits
genommen? Darauf Raskolnikow seufzend: »Weißt du, Sonja was
idi dir sagen muß: Hätte idi midi allein deshalb zur Tat verstanden
weil lA hungrig gewesen dann würde idi sagen, ,idi sei glüdcHdil'
Verstehst du dies?« Weldies andere Motiv war es, das Raskolnikow
zu seinem Verbredien verleitet hat? »Um was es sidi in der Tat
handelte,« sagt Raskolnikow, »nun, darum: Ich wollte Napoleon
werden,- deshalb habe ich getötet.« Diese Worte erläutert er
wie folgt: »Idi stellte mir einst die Frage: Was würde gesdiehen'
wenn beispielsweise an meiner Stelle Napoleon gelebt, und dieser
nidit eine soldie Laufbahn gehabt hätte, kein Toulon, kein Ägypten,
kern Übergang über den Mont Blanc, sondern an Stelle von all
diesen herrlidien und denkwürdigen Taten einfadi nur ein altes
unsdieinbares Weib, eine Registratorswitwe, die er nodi hätte töten
müssen um Geld aus ihrem Kasten nehmen zu können - für seine
Laufbahn, verstehst du? . . . Hätte er keinen anderen Weg gehabt
so wurde er s^ selbst erwürgt haben, ohne daß sie noch einmal
hatte mud^en dürfen, ohne Besinnen. Nun, audi jdi — habe dieses
Besinnen aufgegeben, idi habe erwürgt, nadi dem Beispiel des
Großen.« Was hinter diesen Größenwahn Raskohiikows sted<t, ist
nidit besonders sdiwer aus den folgenden Worten herauszulesen:
»Und besonders Geld, Sonja, hatte icfi nidit nötig, als idi mordete,
Geld längst nidit so, als jenes andere zu wissen — . . .: Idi mußte
wissen, und zwar bald kennen lernen, ob idi ein Ungeziefer nur,
oder ein Mensdi sei? Ob idi ein Verbredien begehen könne oder
nidit? Kann idi es in meinem Interesse begehen oder nidit, bin
ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht!«
Raskolnikow wollte wissen, ob er Übermensdi sei, dem alles er-
laubt ist, oder bloß eine »zitternde Kreatur«, die nur zu gehordien
hat. Die »zitternde Kreatur« ist offenbar das Kind, dem gegenüber
die Eltern, die sdieinbar sidi alles erlauben dürfen, die immer »ein
Redit« haben, sdiledithin alsMensdien ersdieinen. In Raskolnikows
Verbrechen äußert sich dann der Übermut des Knaben,
allen Verboten zum Trotz, irgend eine verwegene Tat zu
verüben.
Der Aufstand der Urtriebe gegen die normgebende Gewalt
nimmt sehr mannigfaltige Formen an. In religiöser Sphäre äußert
er sidi z. B. in der Luzifermythe. Anfänglidi war Luzifer ein Engel,
der sidi im Reidie Gottes, wie jeder andere Engel, befand. Luzifer
wurde aber hoffärtig und wollte selber ein Künstler und
Schöpfer gleich Gott werden. Dafür wurde er aus dem
Himmelreidi vertrieben und zum Fürsten der finsteren Mädite an^
gestellt. Derselbe Größenwahn äußert sidi bei Raskolnikow in der
t^orm, er modite ebenso groß und rüdsiditslos wie ein Napoleon
sein. Gott ist der »himmlisdie Vater«, der Kaiser ist aber der
»Landesvater« - der Vertreter der Vatergewalt hier auf Erdenk
Raskolnikow führt eine Tat aus, die einem Vater geziemt:
er überfallt die »Alte« - es ist die Maskierung des
sexuellen Attentats auf die Mutter. Wir haben hier dieselbe
Sachlage, wie bei Orestes, nur tritt an Stelle der Mutter die »Alte«.
uer knmmaUsexuelle Trieb hat sidi bei Raskolnikow von lange
her voAereitet; er grübelte über eine soldie Tat sdion seit einiger
zLeit. Rurz vor dem Änsdilag hatte er einen furditbaren Traum.
l-r""i^^ ^°" '^'"^** Kinderzeit in der Vaterstadt.« Die Vor-
gesdiidite des Traumes ist die folgende: »Im Alter von sieben Jahren
ging er einst, eines Feiertages, gegen Abend mit seinem Vater vor
der Stadt spazieren . . Einige Sdiritte entfernt von der äußeren
Stadtmauer steht ein Wirtshaus, eine große Sdiänke . . . Damals
nun war ein ganzer Haufe von Mensdien vor derselben versammelt,
welche brüllten, laditen, zankten, regellos und heiser durdieinander
• ' "^^t l" ^^" ^'■^*^" Monaten der Etats genereaux wird der König selbst
von einem M.rabeau und Gregoire stets . . . ,Ie pere de tous Ics Fran^ais' usw.
genannt«. »Pater Patriae war der l,öd>ste Ehrentitel für den römisAcn Imperator *
[Prof. Jos. V, Held, Königtum und Göttlidikeit, Am Ur-Quell. Bd. Hl p. 122.)
Der tragisdie Held und der Verbrecher
109
sangen und sich hcrums Alugen ... An der Sdiänke führt ein Weg
vorbei Der Weg . . . führt etwa dreihundert Sdiritte rcdits ab
in den Kirdihof der Stadt . . .« »Und nun träumte ihm, sie gingen
wiederum mit dem Vater auf dem Wege zum Kirdihof und kamen
vor der SAänke vorbei. Er hielt sidi an des Vaters Hand und
sdvaute mit Sdiredien nadi der Sdiänke. Ein auffallender Umstand
madite plötzIiA seine Aufmerksamkeit rege,- es hatte sidi daselbst .
ein Haufe von Weibern und alten Frauen mit ihren Männern, eme
Menge Gesindel angesammelt, Sie waren sämtlidv berausdit und
sangen Lieder,- vor dem Wirtshaus stand ein Wagen von seltsamem
Aussehen. Es war eines jener großen Gefährte, in weldie man sehr
große Zugpferde einspannt . . . Aber hier war sonderbarerweise in
den großmäditigen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauern-
pferd eingespannt . . .« »Der Haufe stieg auf den Wagen unter
LaAen und sdilediten Spaßen. Da das Pferd nidit vom Orte mit
der zu großen Last konnte, so fing es einer der Bauern, Mikolka,
zu sdilagen an. ,Bleibt sitzen, alle sitzen bleiben!' brüllt Mikolka,
,es soll eudi alle sdion fahren! Ich will ihm die Hölle heiß madien!'
Und er sdilägt und sdilägt und weiß nidit von bestialisdier Wut,
womit er nodi sdilagen soll. Endlidi erfaßt Mikolka eine eiserne
Stange. ,}etzt hüte didi!' rief er und sdiwang diese nun mit aller
Kraft, die er aufbieten konnte, über die elende Kreatur. Der Sdilag
fiel, das Pferd sÄwankte, bradi zusammen . . . und stürzte zur Erde.«
Raskolnikow sdirie auf und erwadite. »Raskolnikow fand sidi -
ganz in SAweiß gebadet, sein Haar troif von Sdiweiß, er erhob sidi
keudiend und voll Entsetzen , , . ,0 Gott,' rief er aus, ,sollte
ich in der Wirklichkeit die Axt nehmen müssen, sie auf
einen Kopf schlagen, das Hirn zerschmettern' — .«
Raskolnikow gibt uns somit selbst die Deutung des Traumes:
Mikolka ist er selbst, das sdiwadie Pferd — jene Alte, die er zu
ermorden im Sinne hat. Da aber der Traum eine infantile Remi*
niszenz enthält, so ist es einleuditend, daß man den Grund für
Raskolnikows Tat in seiner Kindheit zu sudien hat. Das Entsetzen,
mit dem Raskolnikow erwadit, ist wohl die Abwehrreaktion gegen
die »böse« kriminal-sexuelle Tat.
Um dem kriminellen Komplex den Zugang zum Bewußtsein
und den Übergang in die Tat zu ermöglidien, müssen die krimi-
nellen Gedanken in harmlose umgedeutet werden: man muß sie vor
die »Zensur« als soldie hinstellen, gegen die nidits mehr einzuwenden
übrig bleibt. Raskolnikow hat sidi eine ganze Theorie ausgesonnen,
die als Reditfertigung für die kriminelle Tat dienen sollte. Er hat
nämlidi früher einen Aufsatz in einer Zeitsdirift veröffentlidit, wo
»die gesamte Mensdiheit gesondert wird in ,gewöhnlidie' und ,un3
gewöhnlidie' Mensdien. Die gewöhnlidien müssen in Gehorsam
dahinleben und besitzen kein Redit, ein Gesetz zu übertreten und
ein Verbredien zu begehen, deshalb eben, weil sie gewöhnlidi sind^
Aber die außergewöhnlidien haben dieses Redit, alle Sünden zu
aX'rjewö!miS ''äZ.°'""^^" v«rstol)e„, eben deshalb, weil sie
kolnikow erPänzenrI' ..JA. lu ^^'^'^°^'fsdi. Dazu bemerkt Ras-
-»er.ewöl,„1irMe„:i*dL RXt^'='"5 f "«f" "'^" *^
offizielles, sondern nur h^; 1 r? ,^ ^- "• "'*t etwa ein
treffen ^ über ver^«^ "^f Ä- '5'^'' ^'^ Entscheidung zur Tat zu
dem Fall, daß d e t sfX."'"^''""^'T.^'"^^^' ""^ besonders in
die MensAheit vidiert .ärhl^ '"""' ^^''' T ^'^^^''^" ^'"'^'- f"''
muß sidi das al^s JetlUl "^"~''''''^°'"^<^'-"^°^ft<^-'^ Man
liAen MensAen die^fS ri!!T"' ^^"" ^^.^ibt der außergewöhn-
ordentliA ^el lSt\Zjt ' "Tf ^'"^^ ^" äußern, außer.
Material, ist Zr deswge^'^^T wT """ Ä"^*^"' ^^'^
wJsser Kräfte mit HüL XT. l"- ^^''' ""' ^"^''* '■"folge ge-
vermittels una^hö^^r^retzj;;^^: ""f'^^^-lr" ^°'-^^"^^' ^'^
Tausenden einen Einriln ^ " "^^'^ Geburten endlidi aus
erzeugen.. Um mit STetzsch^T' ""l^^^ngigen Mensdien zu
die »BrüAe« zum Überm^^ ^" '.P'"^*^"' der Mensdi ist nur
seine Eiele alles Erlaubt s^.nt" ^^ 1'"^"" '""'^ '^'^^^'•^'^ ^^'
nelle Tat in eine haTmbsT umtdlutn^ '" '^^^'^^^^'^^ ^^'■- ^"™=
schieden": AÄrÄr^ein'^lrr'r.l^^ ^^T" ^'^ ^^
mordete, ergriff er die Sdilü^pr ^-'r. ^askolnikow die Alte er-
jo eine Kommode stand 'if/''" '"'! "^""" '" ^^^ SAIafzimmer,
Sd^Iüssel in die Kommöde ^Än \"" V^ "" '%°""^"' ^'^'^
sAen, als ein förmlidier Krampf JT' ^^""^ '^""^ er deren Krei-
ihm, als müsse er aHeTvo .'''"'" ^°'"P^ ^s u^ar
Bafd naA der verbreAed dl r^, ''^^ T^'"fe" ""^ forteilen.«
zeitweise bewußtlos ze^Sf ■ r l'K^f^^ Raskolnikow und war
Sien. .So sAkn ihi/ es w. '" f^f^'^'-ff ^em Zustand mit Phanta-
ihn ergreifen und fortr/M'"""'' ''* T! ^°^^ ""' ^hn, wolle
ihn.« Es ist der VerfoLun' i^is^^'" ""^ ^^^"^P^^ ""^ ^^'•^•^'^ ^'"^
Bewußtsein. ^ ^'^^°'§"ngswahn, hervorgerufen durdi das Sdiuld-
und SAwes^t:?,"die1r tttin^l t ^^''"' "° R-I^olnikow Mutter
psehen hat, wiedersieht Mutter un"d ToL'" '^'^ Universität niAt
fanden aber Raskolnikow nidit zu h1 i^' ^^'■^" angekommen,
,„ , c'y°'^'"'«:«MahrenbereisteVrmL- A c°l°*^i^ ^^^ Glaubens«.
Inse S.rf,ahn, wo sich damals die ruL, Ä^S*■•iff^;eIfe'• Dorosche witsch die
arbe,t Verurteilten) befand. Ef, S "If S ^ 7F f' ^'^tte für die zur Zvrmgs-
auf seinem Gewissen hatte, sagte 2u 7?: ^in Ungeheuer, der 12 MensAenteben
lTti"^lTü- ^y-'- ^"" nad, Herrn nnT^t'^'^lk ^'^ d'^«^'- ih» ober seine
fast ,ede behebige Theorie zur Bes6ömV„nl T ^" ■^*^''"*^ M^"«"* <^^""
eschonigung seiner kriminellen Triebe mißbrauchen.
Der tragtsdie Held und der Verbredie
Hl
zudter Sdirei begrüßte das Ersdieinen Raskolnikows, sie eilten ihm
beide entgegen^ Er aber stand wie ein Lebloser, eine une
tragliche, ^he Empfindung traf ihn wie ein Donnersch a^"
ÄuA seine Hände erhoben sidi niAt zur Umarmung, er vermolte
dies n.dit, einen Sdiritt tat er vorwärts, erbebte und braST ohn
BewuB,los,gfeei, is, somit d„ AuVu/ de" Ve Lnt t^' S««
und sie für eine bloBe AusX„ j' W,rkl,d,keitsqualität absprid«
eine Phantasie sein'« '' ^^' ^^"""^^ ^^' alles nur
!>Nu;°fhr^?at? dtd.^'?/ ^*. r"^^^^ ^'* "i*^ g-n-«
zu einem Läielnlfräusebd^^il^f- ^der Grausamkeit dagegen läßt
der Liebende die geliebte Person Leiden erdulden; der erotisdie
Affekt wird nadi außen getragen (sadistisdi). Feinere Naturen gehen
gewöhnlidi den ersten Weg, primitivere (beziehungsweise gröbere)
Naturen bevorzugen die zweite <sadistisdie) Lösung des Liebes=
konflikts.
In der Brynhildsage liegt audi der »Bruder=Sdiwesterkomplex«
verborgen. Sigurd vertausdite die Gestalt mit Gunnar, es ist der
symbolisdie Ausdrude ihrer Identität: Sigurd=Gunnar, Anderseits
sAenkt Sigurd Brynhildens Ring seinem Weibe Gudrun, dadurdi
vollzieht sidi gewissermaßen die Identifikation: Brynhild=Gudrun.
Somit ist Brynhild^Gudrun das Weib ihres Bruders Gunnar^Sigurd.
Merkwürdigerweise erzählt Brynhild in dem Eddaliede: »Brynhildens
Heifahrt« von jener Situation mit Sigurd:
Ein Bett barg uns
Beide traulidi.
Als ob er mein Bruder
Geboren wäre.
Unser keiner
In adit Näditen
.. • ; Könnt um den andern
Den Arm fegen.
Jetzt bekommt die Wut und der Haß gegen Sigurd eine neue Be-
leuditung: darin äußert sidi die Abwehrreaktion gegen den Inzest»
• Das Kind ist gewolint, bei jeder Gefahr <Angstsituatioii) die Anwesen-
heit der geliebten Personen zu wünsdien. Dadurdi entsteht eine feste Assoziation
zwisdien Angst und der Sehnsudit nadi den geliebten Personen. In späteren Jahren
sAlägt darum die unbefriedigte Libido so leidit auf dem gebahnten Weg, aber in
umgekehrter Riditung, in Angst um.
lüir
i i I !
118
ii
Leo Kaplan
gedanken {»Sidierungstendenz«). Das Verbredien erscheint hier als
ein Mittel ein anderes Verbredien zu verhüten, die Grausamkeit
ist die Folge der Verdrängungstendenz,
Verfolgen wir jetzt die Situation nadi der Mordtat,- wir finden
audi hier die Abwehrreaktionen sofort ins Spiel treten.
Finstre Nadit war's,
. , . Viel war getrunken,
.. ... , . Frohe Reden
Geführt waren,-
Alle sdiliefcn
■J'' ; . ; ir ■ Auf ihren Lager — ■ -
Einzig Gunnar : ;
Von allen wachte,
Audi Brynhild sdilief nidit redit, sie hatte böse Träume, Sie er-^
zählt davon:
»Sdircdcen sdiaut idi
Im Sdilaf, Gunnar:
Kalt war der Saal,
Klamm mein Lager,-
Du, Fürst, rittest,
Des Froiisinns bar.
Die Fessel ain Fuß
Ins Feindesheer,
So wird verniditet
Der Niblunge
Mäditige Stamm:
Meineid sdiwurt ihr.«
Es ist der ängstigende Straftrat™ . die Folge des Sd^uldbewußt-
'",f -^ •"«' 7m""''w ^"i*' ^''^ ß'-y"'^'!^ ^°" Leben sAeiden
will. Sie aul)ert ihren Wunsdi:
Dodi will idi mit Sigurd
Zusammen sterben,
Das soll für mein Leid
Die Sühne werden.
Ihr Selbstmord ist aber nidit nur eine Selbstbestr^fi,«™ „• c-l
für das verübte Unredit, sondern diesmal nodiett"'
S^!]'"t.5Z"'''''^ ^'^^ """^ ^'^'"''^' ^^'^^ '"^ Tode ruhen,' Ihr letzter
etwas anderes.
Wille lautet:
Es
Sigurd brenne
Zur Seite mir.
Ssist^so detTod te *eUebei*„to cV.gvncMg,: dcrUeks.od.
■ A, T^ a-( """"tnen;. im Untergancf st de Fo hje des
tragisdien Konflikts zw sdien dpn T l^f..- f, ^ ja "'*=/, '0'-
den Normen ^^'^cnen den Urtneben und den s e hemmen-
Der tragisdie Held und der Verbrecher
119
Der Sündenbock.
Der tragisdie Held ist der Verbredier in uns, er nimmt unsere
Sdiuld, sowie die uns bestimmte Strafe auf sidi. Mit einem Worte
in der Tragödie wird die Idee des Sündenbods verwiriilidit. Ji^me
sAlagende Illustration der SündenboAsidee finden wir '" ^'"^1^
Beriete des Fuggersdien Juristen Lucas Ge.zkofler <t 1 620) in
seiner von A. Wolf herausgegebenen Selbstbiographie <Wien 1Ö/J>:
Er hat »aus seinem losament ersehen, wie ein armer hand\verks=
mann auf einem esel hinterruds sitzend mit grossem zuelauf der bueben
und mädlen, durdi die gassen gefüert worden, darum weil er sem weib
in fflonat Maio gesdilagen, weldies die Obristen Parlamentsherrn und 1 ra»
sidenten gemadiel erfahren. NaA altem Gebraudi ist dieser erkenntiius
und straf vergunt und überlassen wider diejenigen, die ihre we.l^er in
soldien monat übel tractiert, zu urteilen. Es wird aber soldje Jurisdiction
und straf also verstanden und moderiert, dass die reidien ehemanner von
der Frau Präsidentin höflidi ermanet worden, etlidie krönen zum almosen
für hausarme leut zu geben, und ihre weiber sondedidi in h-ulihng in
mehreren ehren zu haben, auf dass sie soIAer fröhliAen zeit audi der
ehelidicn lieb desto mehr pflegen, kinder erzeugen und des ehebetts m
fried und einigkeit geniessen. Den eheleuten zum exempel und einer
erinnerung wurde gemeinglich ein armer schlechter burger,
welchem man geld giebt, dahin bewegt, als ob er einer solchen
straf würdig und wider sein weib wol verschuldet hatte/ er
wurde dann in etlichen gasse auf dem esel herumgefüeret, be=
kennte sein verbrechen, und erinnerte die zueseher, sie sollen
sich an ihm spiegeln, und ihre weiber wol und ehrlich tractieren.
Nadi diesen thuet die Frau Präsidentin eine stadidie gasterei halten, wclcfie
die Frauen und Töditer fürnehmer Parlamentsherrc" ^ ' ' '
züditigen tanz und andere kurzweil anstellen.«'
i^tiui uic.-icii luucL uic i idu iidsiutiiiiii emt: siitiiiuie ^dsierei iiaiien, \
die Frauen und Töditer fürnehmer Parlamentsherren beywohnen, und
züditigen tanz und andere kurzweil anstellen.«'
Wir sehen hier ein Sdiauspiel, an der
<die Ehemänner) spiegeln sollen: der Darstell
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einen
Wir sehen hier ein Sdiauspiel, an dem sidi die Verbredier
Cn.KnI ■;?''"'{? 'P'T'" 5°"'"= ?"' Darsteller ist hier wirklidi ein
Jym^ol des Kriminellen, das im Innern der Zusdiauer lebt. Durdi
die Bestrafung des Darstellers wird das Verbredien eesühnt A^.
die Bestrafung des Darstellers wird das Verbredien gesühnt d
Keditsbewußtsein befriedigt, die verletzte Norm wieder hergestelFr
die böse Tat gutgemadvt. Die dramatisch = tragische Handlung
ist eine VersinnÜchung unserer eigenen Kriminalität.
Von diesem Standpunkte wird eine ȟberschnelle Exe=
cution in dem Clagenfurter Gebrauch, den Dieb erst zu Iienken
und dann zu untersudien« ^ erst verständlidi, Denn der Brudi der
Reditsordnung muß so sdinell als möglid:i bestraft werden, das
fordert das böse Gewissen der Mitbürger. Man henkt darum den
Erstbesten der in diesem Falle unwillkürlidi die Funktion des
Akteurs übernimmt. Die Flinriditung des vermeintlidien oder wirk=
' Mitget, von Brandt im Archiv für Reli^ionswiss. Bd. 11 p. 153
, '■, 'r^'"."?' Deutsdie Reditsaltertümer, Bd. L, 4. Aufl., p. 531. Leipz.,
Dietenchsoic uudih.
1899,
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l^rimindl^'i"eritf'""^ cler Urtriebe - von der Gesellschaft als
neue B uA detß "i;. ~:^ ^^"' t"^ ^rimltWcn nid.t leidu. Jeder
waAzurufo, Z^^ "°^^T^ '^'°^'' ^<^" »kriminellen Komplex«
den Ü tdeb'en ö n"'"MII '' ^^' verleihen, jedes VerbreAen ist
muß das DraLt d. T °T'"*:' ^^l^^'^' ^"■^ NaAahmung. Hier
tionsmedian r,?f ^ 'T'"^"*^.^'"^'"'^"^^"' ""^ ^'^ Hilfe des Projek-
zZZTdSZ ( . '''"-I ?'-''™"^"t'^f ■■" ibre Grenzen zurüd.-
uJt^nZcZTZSr' '"^ t '"^••'^^-^■'■•dise Tatsadie, daß man in
und bestral IT^ . t ""a '°^^'' '^'^'°^<^ Gegenstände riditen
MensSaSolTT'';1'V^Tf^ ^^''den die Viere ganz den
siv zu VemüS. f^^'"^''%^'" "^'^^'Ser Hund wird z. B sukzes.
den Ku\ "' ir^'"^^^" versAiedener Art verurteilt.«' »Bei
tötete de sen F.ir" T"'' ^""" *^'" ^iger einen Mensdien
einen\nde:nTige''LrRr' '"-^"^^^^-^^ ^^^ - ^i-en oder
einen Fall von e^nen. B™ ^''°'''\^'T' ""^ war jemand durdi
hörigen desselben Sn if d y^''""S'üdt, so mußten die Ange-
fälltfn und fn kleine Sn^ RaAe nehmen, indem sie den Baum
wurde über leb oeGe'ienl'"!!'''''^'*; ' - ' ^" P'Ttaneum in Athen
MensAen ohne MLwafnl ' Jf-'^"^^'^' ^^'^^ ^^'^ Tod eines
hatten, z. B über el' Ä- "'^"'^^''*<^" VersAuIdens herbeigeführt
Wurden dieselben füsdmrd°b''f ''^ ^'"* "°'^ ^^^-^ ^'"^" ^tein.
liehen Formeln über die G.^ befunden, so wurden sie unter feier--
w.'rd gestraft, sondern d{sVp^7°''^f"'^^' ^idit der Ver
ist bloß der äußerlX fr/ /"'^V"", gesühnt, der Verbredier
sida gewöhn ich auch K V ^'f "^'^ ^^^'-brediens. An ihn knüpft
ist dL fas Lestt A TrT-f ""^■':.^"''i'^" Vergeltungsakt aber
begnügen. '^^s^"^"*- <^'- kann sidi audi mit einem Ersatzmann
SdiuId^etuEein't,-'^-"''^ ^'' Bestrafung eines Ersatzmannes vom
Bibel vo7sAn,fbr 'e.mgen kann, folgt aus einem Gebraut, den die
soll zwe Röi ^ U^^ befiehlt dem Hohenpriester Aaron, er
BöL Lc^.P J '^'^''H"- %""1 A^'°" ^^--f^ ^^^S^" der ;wei
fLevk XV R^Kri^r $'-,>lr^h das andere für Asasel«
Allu'J^y ' ^- Nadi dem Talmud ist Asasel ein BerP, von dem
zum 0?f ^'''''Tr'fT ^'■^^' Sf 'r 'T'- -'■■d ausd°Sc^liS
zum Opfern an Jehovah bestmimt. Mit dem anderen Tiere wird die
K?ende Prozediir vorgenommen: »Und Aaron legt seine beiden
Hände an das Haupt des lebendigen Boci.es und beiztet an ihn
Verbrehen ^^V^'"^"'- ^''"^'^ ""ä^"^ •'^'•^ P'-^^^J ""d alle ihre
mit einem d azu bestellten Mann in die Wüste. Und der BoA trägt
^ ib., p. 232, Fußnote.
Der tragische Held und der Verbredier
121
auf sidi alle ihre Sünden in die Einöde , . .« [Levit., XVI, 21 u. 22].
Der Talmud ergänzt diese Sdiilderungen wie folgt: »Die besten
Männer von Jerusalem geleiteten den Bo(k von einem Zelt zum
anderen [die am Wege aufgebaut waren], bei jedem Zelte sagen
sie zu ihm; hier ist Gras und hier ist Wasser,- sie geleiten ihn
von Zeit zu Zelt, außer dem letzten, an das sie nidit treten dürfen,
sie bleiben in der Ferne stehen und beobaditen, was weiter ge=
sAieht. Jener [der dazu bestellte Mann] nimmt ein rotes Zeug,
die eine Hälfte bindet er an einen Felsen, die andere Hälfte an
die Hörner des Bodves und stößt ihn rüdiwärts ab,«^ Der Bodt
nimmt auf siA die Sünden der Kinder Israels und wird zur Ver--
geltung dieser Sünden zum Tode verurteilt. Das feierlidie Geleit
des verurteilten Tieres erinnert lebhaft an die Feierlidikeiten, die
in früheren Zeiten bei der Hinriditung von Verbrediern üblidi waren.
Dem primitiven Menschen ist die Bestrafung des Ver=
brechens ein festliches Schauspiel,
Die von der Kultur verurteilten »bösen« Triebe diarakterisieren
wir öfters als das Tierische in uns,- darum sind die Tiere so
geeignet das »Böse« zu symbolisieren. So stellt sidi die Volks»
Phantasie den Teufel — den Fürsten des Bösen — im Bilde eines
Sdhweines, öfters <so im Hexenaberglauben) als einen BoA vor.
Das Tier ist das Ungebundene, Rüdes iditslose, mit einem Worte
das Primitive, Ursprünglidie, Prähistorisdie. Durdi Überwindung
und Knebelung des Tieres <= durdi Verdrängung der Urtriebe)
ist der Kulturmensdi entstanden. In dem Kampfe mit dem »Bösen«
unterliegt aber der Mensdi zu oft, wenigstens in den eigenen Ge^
danken. Dann muß er einen dramatisdi^tragisdien Spiegel haben,-
durdi die exemplarisdie Bestrafung des Ersatzmannes (Doppel-
gängers) fühlt er sidi von dem Sündhaften gereinigt. Das gesdiieht
audi in der oben gesdiilderten biblisdi=talmudisdien Prozedur. Die
feierlidi versammelte Gemeinde geleitet das Tier zur Riditstelle,
was an den tragisdien Chor, der z. B. der Fesselung des Prome=
theus beiwohnt, lebhaft erinnert. Ist Prometheus die Vision des
antiken Chores, so ist der verurteilte Bock eine Projektion
der von Schuldbewußtsein erfüllten israelitischen Ge^
mcinde^. Daraus folgt aber die Sündcnbodesnatur des tragisdien
Helden.
Die Hinriditung eines Tieres finden wir aiidi in den ver=
sdiiedenen griediisdien orgiastisdien Gebräudien, »Auf Kreta soll
' Talmud bah., Traktat Joma 67 a. — Nadi anderer Deutung dürfte Asasel
einen Dämon bezeidinen.
2 Die Hinriditung gesdiah aKjährlidi zur Zeit des Versöhnungsfestes. Bei
den späteren Juden trat an Stelle jener Prozedur die folgende: Man nimmt einen
Hahn in die redite Hand und spridit: »Der ist ein Eisatz für midi, der ist eine
Vergeltung für midi, dieser Hahn geht in den Tod und idi bin erlöst und gehe
in ein Leben voll Gutes, Länge und Frieden.« Der Hahn wird dann abgesdiladitet
und verzehrt. Durdi das letztere wird wohl die Idetitifikation des Sünders mit
dem Hahn vollzogen.
Leo Kaplan
R asmüs ^ut^tt 2''''^''^^' ^^^'^"' ^'"'^" 'ebenden Stier i.n Or.
messcrn Z '7'f -l""" V'''^ ''" ^^" ^-^änden . . oder mit SAIaAt.
Zerreißunro? n'f'^ "^''7'''^ S''^'"'''-' *Auf die ekstatisdie
BrkTc d ,L ?.^'n"^ der dionysisAen Tiere sAließt sidi die
Euboi . ^ •"" ^'"'" ""• • • Die Stiftungslegcnde eines aus
und de„ slf '^''T; f ^jr*«^" Kultes läßt auf das Ziegenopfer
die nmf,"lt "'^'^^'"'i""Sen mit den Fellen folgen.«" DurA
■ in £erit''. "^T- ^'" ^A^H identifizieren sid, die Srgiasten mit
.st voÄ '" V'"?]- Die Auffassung der Tiere als »Verbredier«
• Sr der zi f ' '''' War genug ausgesprodien. So war das Opfer-
»Eine volf ^^11""t ""^. Weinbauer ,-n GrieAe.dand der Bodc.
dafür daß H '" '• ^^H"" "^'^ "^^^ Opfer gestehen zur Strafe
letndatV A^f^'^^'S' P°^k^^" Weinstod< benagt ... Daß die
2TvZt6tf^T\^^ ^^^''' ^'^ eines Stra^eridites über
.st zei. il A^ J ^'T' ^" ^^" G°" volkstümlidi und alt
man um da. n^'"^T^ ^/' ^'" ^"'^*en Euphonien, an weldien
SgenGe?Sf?e£n(f.'ß ?'n"%^" '"°^'^'-^"' ^'■-^" --\^'^'"
brecber Xr ein V V 1' 9^" ^'er war somit wirklid, ein Vei-
hauste In? Or^Lml '*';;' '^'^ '1 f'' ^eele des Orgiasten selbst
HinriAtunl Ä IT ' ' ^'" "äditlidie.i Sdiwärmereien, die der
Triebe voIIl,o'mPn ^°'"^"A'"^^'> ^°''^'^" die Orgiasten ibre wilden
seinem Ste ToZ. '"'• ?/""* "^"«^e das Sühnebedürfnis zu
Gott Dionysos sdbstn.rr°}"^''''''*"^^ Gcn^cinde bedeutete de.,
über Dionvt. Tki 1 F ^ °^^^ '''"' den versdiiedenen Mythen
raindp^rv ^i""^ ^^"' ältesten Zeugnis ver/agte Lykurgus des
rasenden D.onysos Ammen, daß sie, getroffen vonseinan ,Ocftsen-
soiiager die Opfergeräte zu Boden warfen, Dionysos sprang ins
Meer und sudite zitternd Sdiufz im Sdioße Thetis.« »Das Dionysos-
Kind ward, um der Hera zu entgehen, in ein Ziddein verwandek.
Uemnach ist eine Eigentümlichkeit dieses Kultus, daß der
Gott selber in der Gestalt seiner Opfertiere, des Stieres
und des Bockes erscheint.«'* Dionysos ist ein verfolgter Gott,
der oft die Gestalt eines Tieres annimmt. Warum wird er aber
' Rosdier, Ausführl, Lexilton der griedi. u. röni. Mythol., Bd. I, 1037 u, 1039.
2 ib. 1058, 1059.
' Die Idee des Sündenbodces ist unsdiwer audi in folgendem zu erkennen:
»In der zu der Provinz Brandenburg gehörigen Westprignitz herrsdit vielfadi der
Glaube, man könne ruhig einen Meineid sdiwören, wenn man irgend einen Gegen-
stand, so eine Sdiürze in der Hand halte. Ebenso in Pommern, wo meineidige
Frauen beim Schwören mit der h'nkeii Hand die Sdiürze oder das Srfiürzenband
anfassen und nadi der Eidesleistung dem Bösen freiwillig opfern, damit ihnen
,der Böse nidit beikommen soll'. Audi benützt man in Pommern den Knopf eines
Rodes als Sündenbodi, den man nadiher wegwirft,« Ebenso in Oldenburg, in
Ostpreuften usw. Alb. Hellwig, "MystisAc Meineidszeremonien. Ardi. f. Religions=
wissensdiaft, Bd. XII, p. 56.
* Röscher, a. a. O., pp, 1050 u, 1959.
Der tragische Held und der Verbredier 123
verfolgt? Die Vermutung liegt nahe, daß er zu den »bösen« Göttern
gehört. Der Mythus reditfertigt diese Vermutung vollkommen. »Nadi
Nikanders Verwandlungen versdimähen die drei Töditer des Minyos
die Weihen des Gottes und bleiben zu Hause an ihren Webstühlen,
trotzdem sie Dionysos in Gestalt einer Jungfrau dazu ermahnt.
Darauf ersdireAt sie der Gott als Stier, Löwe und Panter ersdiei*
nend und durdi andere Wunderzeidien,- sie geloben ein Opfer, losen
darum und die getroffene bietet ihren Sohn dar, den sie zerreißen.
Als sie in den Bergen umhersdiweifen, werden sie in liditsdieue
Naditvögel verwandelt.«^ Die Frauen begehen also ein VerbreAen,
für das sie dann die gebührende Strafe bekommen. Der Anstifter
aber zu diesem Verbrechen ist der Gott Dionysos. »Die
Tat der Minyaden wurde einem Gesdiledit der Ordiomenos zu-
gesdirieben ... An dem trieterisdien Feste AygmvLa verfolgte der
Priester mit dem Sdiwerte eine der Frauen des Gesdiledits, die er,
wenn er sie erreidite, töten durfte, Die alte Sdiuld der Frauen ist
das Kindesopfer 2 . . .« Jede soziale Ordnung wird durdi bestimmte
Normen in ihrem Bestände gesdiützt,- diese Normen werden durdi
die Autorität eines Gottes besonders bekräftigt. Die revoltierenden
Urtriebe aber sÄaffen sidi einen Gegengott — einen Dämon —
weldier der von dem herrsdienden Gott geheiligten Ordnung feind=
lidi gegenübersteht. Dionysos ist ein soldier Gott der verdrängten
(unbewußten) Triebe. Darum ist er ein verfolgter, d. h, von den
herrsdienden sitdidien Normen (von der »Zensur«) verfolgter Gott 3.
Daß die ihm dienende Gemeinde in der Gestalt des Opfertieres ihren
eigenen Gott hinriditet, darin äußert sidi der dramatisdi^tragisdie
Zwiespalt der Seele: der Zusammenstoß des kriminellen mit dem
EthisÄen, des »Bösen« mit dem Gewissen,
Audi die mittelalterlidien Vorstellungen vom Teufel sind von
derselben dramatisdi^tragisdien Natur. Den Mittelpunkt des Teufels»
kultes sollen angeblidi die Hexensabbate bilden, wo die Ketzer, die
Hexen und die Zauberer zusammenkamen. Ein Engländer, Walter
Mapes, sdiilderte um 1190 diese Zusammenkünfte wie folgt: »Sie
versammelten sich . . . beim Einbrudi der Nadit in ihren ,Synagogen'/
an einem an der DeAe befestigten Seile stieg 'dann ein großer
schwarzer Kater zur Gemeinde herab,- sobald dieser ersdiien, wurden
die Liditer gelösdit und jeder sudite den Kater als seinen Herrn
zu küssen, vor allem an ekelhafter Stelle,- dann gab man sidi
allgemeiner Unzudit hin«.* Nadi anderen Angaben ersdieint der
Teufel der gläubigen Gemeinde in Gestalt eines gigantischen Bockes.
Auf den jährlidien Festen wird der Teufel verbrannt. Der Teufel
1 ib., 1053, ,'......
2 ib.
3 Dieses Problem hat der Autor ausfülirlidier behandelt in einer nodi nidit
erschienenen Arbeit; »Die Faustsage«.
* Angef. bei Jos. Hausen, Zauberwahn, Inquisition u. Hexenprozeß in
Mittelalter, p. 228. München und Leipzig 1900.
DerTeufd Se ,V T ^''Tr f' ^"^ '^^^ schwärmenden Chores,
muß SsShnP T-f^'-T ^^yJ'^^^^'en, dns sAwer gesühnt werden
im e.^ n Leh n al?; •' ' V T^'''^ 'T Verbrennen des Teufels aus,
d'" VerZJ "" X?'^,''"""^" ^^'- Hexe., und der Zauberer,
folgungen b^wlÄso^a-^t^ '", ^^" ^77^^^
der^ e genen pC ' f ;? ' ^'"'*. '^''"P^^*^ '"'' ^^" Ausgeburten
>>2um wTsen einp\H'-(- "'^ "i '^örpeHidie Existenz zusdirieb.
mit dem i^Pers on erS.i^'" ^T ^rj^'l*^" ^"•'^' gehörte, daß er
hatte.« Der X HeLirA" f ^'"'^'' ^rfoIgreiAe Kämpfe bestanden
braditen es zu einl D ^f^'T""' ""^ ^'^ "^'''''sk^it i^ner 2eit
sinnlichen TrieZ H ''r''^, '^?'; ""ferdrüAten und geknebelten
ud He den 1?. vf ^'"/"x^j'f Unbewußte sAuf sidi neue Götter
tragisAe Re'abl ^ '''.-^'' y^'^ bevölkerten <die Prejektion). Die
Ta? um.eS^ W i'"' "^." ersAaifene Weh wieder. In
meintSarHe^cen uni f'\^'' strafreAtliAe Verfolgung der ver.
DarsteHer nötig haben um f 'ff; 7'^ ^'^ ^^^^^'^^" ^^« ^iAters die
ebenso hat das sSnfdL «f ^^5'^ ''^'* ""^ crsAcinen zu können,
breAer nötig um durS-r«" ^''c P^'"^''^'^^" M^"^d.en den Ver.
Triebe wirksam Tu i^ fr. !^' Bestrafung die eigenen verbredierisdien
mit Hilfe eilfverJeTetd ^%' ^^^^ "^'^^ dem Verbrecher
sehen Wese^nach e n. t" ^''^^^'^'i ihrem psychologi-
Die BesLfun. /'"1:,^'^'^'''fisch-tragische Handlung.
Phänom n<< WenrLf'z ^^^^-^^"Ji;"^^ '"«» 'in »VersAiebungsl
man aber niAts äntm d f A T"' ^"S"" '^"'^"^ f^^'-^f' '^^"^
einen Geeenshnd ^? '^ "'S' ^^^""' ^° ^^'"stört man irgend
und w.Vd^o iS t n "w"? '4'äS* »"'t d^»- Faust auf den Tisdi
auf dTn (eMo<f r^'- ^^^ "^"f^^^'^f ^i^d von der sdiufdigen Person
eine Slnfn? %^"sf3"d versnoben. WiJf man einfm Feinde
Xrlf ^ "'/x ''''""r."?^"' "^* ^'■"^'" sehr verbreiteten Volks^
aberglauben, einfadi sein Bild durdistedien oder durdipeitsAen usw./
dues mit dem Bilde vorgenommene, gesdiieht jener Person. Man
mul) seiner Wut Luft machen und wo Hindernisse entgegentreten,
r'] 'ä'^ r""^", '^^P Wutaffekt auf einen Ersatz, auf einen Sünden«
• w" °^^ V°"^ ^°"^ Sdiuldbewußtsein gedrüAt, erwadit
eine Wut gegen die eigene sündhafte Person, der man dodi keine
Fem antun modite so sdiafft man auf diese oder jene Weise einen
Jundenbodc auf den man mit Hilfe des Versdviebungsmedianismus
die Strafe überträgt. Die Mensdihdt handelt in diesem Falle wie
die lileine Hilde Stern, von der erzählt wird: »Einmal, als sie
ermahnt wurde, im Garten nidit Blätter abzureißen, antwortete sie:
l^uppe h at die Blätter abderissen, kriegste Haue.«i
.Beiträ^e^2'rPsvJ'^'"A^'''"' ^u'"''^'- c"' ^"^^«^c in der ersten Kindheit.
»Deiirage zur i sycJiol. d. Aussaije«, her, v. Stern, II. Folge, H. 2, p. 63.