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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV 1915 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUN^^^ 

ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAb 1 HIN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG; ' . .^ 

IV 2 DR OTTO RANK / DR. HANNS SACHS l^U 

■ .; " Sdiillers Geisterseher. 

: • Von .Dr. HANNS SACHS, Wien. 

Das Fraement, in weldiem Schiller zu seinem einzigen VersuA 
einer Seren^iA im Boden der Historie, sondern in der eigenen 
PhantaT wur'zeintn Prosa-Erzählung ausholte, ist durch seme 
Entstehungsweise und seine Komposition ebenso merkwürdig, wie 
durA die Aufnahme, die es gefunden hat. Den Zeitgenossen sAien 
kaum ein anderes Produkt seines poetisdien SAaffens gleich anziehend 
und beaAtenswert. Der Beifall des großen Publikunis ^^r so leb- 
haft, daß der DiAter die Fortsetzung des Romans als sjA^re Ueld- 
quelle und als Grundlage für die BeliebAeit t^^^^j!"'"''?^"7 t^A 
?n der die VeröffentliAung begonnen hatte betraAten kj"" ;. auA 
ernste Kritiker, Literaten und Philosophen, bei denen weder »Kabale 
und Liebe« noA »Fiesco« oder »Die Räuber« Beifall gefunden hatten, 
belobten das Werk aufs höAste und ermunterten den Autor zur 
Fortführung. Als siA dieser der ihm verhaßt gewordenen Arbeit 
cndgiltig weigerte, fand siA eine ganze Anzahl von SAnftstellern, 
die den angefangenen Bau naA eigenem Gutdünken zu vollenden 
suAten. Eine dieser Fortsetzungen, von dem preußisAen HofgeriAts- 
rat Follenius herstammend, hat ein StüA von der Beliebtheit des 
Originals auf siA herüberzuziehen gewußt, wie die wiederholten 
Aurlagen bezeugen. So treffÜA hatte es SAilier verstanden, sem 
Werk auf die stärksten Interessen im Geistesleben seiner Zeitgenossen 
aufzubauen und ihre Phantasie bis zur mitsAöpferisAen latigkeit 
anzuregen. 

Das Urteil der Literarhistoriker, die in SAilier niAt mehr den 
problematisAen Himmelstürmer, sondern den unantastbar gewordenen 

»Klassiker« sehen, ist sonderbarerweise viel kälter und ablehnender 
ausgefallen. Sie haben alle für den »Geisterseher« wenig übrig, be= 
traAten ihn nur im Vorbeigehen und ziemliA von oben herab. 
Offener Tadel weAselt mit kühlem Lob,- die Lust, das Werk bis 
ins kleinste Detail zu ergründen, seinem Aufbau und den UrsaAen 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




70 



Dr. Hanns Sadis 



,t > 



seiner asthetiscfien Wirkung nadizuforsdien, die den deutsdien Literar^ 
nistoriker sonst audi vor dem ärmlidisten Produkt, wenn es einen 
verehrten Namen trägt, nidit zu verlassen pflegt, war hier fast gar 
nicht am Werke, 



am Werke, 

Bei genauerer Prüfung und immer weiteren Zurückgehen findet 
man an der Quelle dieser Gcringsdiätzung niemand anderen, als 
den U.diter selbst. In seinen Briefen, die den Miticbendcn natürlidi 
verscuiossen blieben, aber seinen Biographen aufs genaueste bekannt 
waren, beklagt er sidi über die widerwärtige Arbeit, die er sidi 
aurgehalst habe und nun des leidigen Gcldverdienens halber nidit 
loswerden könne, nennt das Werk ein »Gesdrmier« und fragt sidi 
selbst, weldier Dämon ihn zu diesem Plane veranlaßt habe. Trotzdem 
bleibt es merkwürdig, daß das Urteil Sdiillers soldien Einfluß üben 
Konnte Ist es dodi bis zum SpriAwörtlidien bekannt, daß jedem 
/\utor die Fähigkeit zur riditigen Einsdiätzung seiner eigenen Pro- 
^.hSV ' '"i^^ d'"^ ^'''^''"^^ Gabe im übrigen nodi so stark ent- 
\W.A "vT" j ß^V'P'?^^' '" ^^"^" große Diditcr ihr sdiwädistes 
ZZu TA:Tf^'^'V^^^ bedaditen und es über alle anderen stellten, 
währ.nJ'i P J^< ^^''^?\- ^"* h^t Sdiiller das Urteil, das er 
WrSot ^ "^"''"".^ fä"^^' später wenigstens in einem Punkte 
der e iniJ . % t' P'^i^osophisAe GespräA, das ihm damals 

WeSes. '^'^'"'^"^ ^'^'^ürzte - zum unzweifelhaftai Vorteil des 

Beredidlunt'''Ä"!l des »Geisterseher«, wenn sie sidi audi ihre 
fuit ifa Lft. r •"'. ^'"S' ^^^ Diditers bestätigen zu lassen 
es zu ordnpn J'"""^^"^ Die Aufgabe der Literaturgesdiidite ist 
ÜbersXn " ""d.2" siditen, Zusammenhänge herzustellen und 

Aun. über d.v'Tr^'^"^''lV. ?° ""^^'•^''^S^ «'^ -"^^Ü^" ^er Versu^ 
SVzuseL ^""7 Widersprüdie innerhalb der Persönlidikeit 

sdktlu bie L""fl ""^'4'r''^ ^'"'^" ^" ^i^'^^"' ^^Is «ie das Leben 
und uSurASV^fP-u ^^' ''" ^diaffen und Erleben verworren 
und gäifoH^,^ ^"•'""'^^'' ^"'^ ^ä"^^'-"'^^ auseinandergelegt 
föblidien Orl "i' '" ^^'"<^ Kategorien eingereiht. Bei diesem 

das W" -krJl^ ""f '"^". '^^"" ^^ 1^'der nur allzulddit gesdiehen, daß 
los und meSi. r^'^'" ^^"^*^" ^""^ »Lehrstoff« erstarrt, geist. 
w rd die dann .fjT Z'^!, Generation der nädisten überliefert 
tTöd^ne Kathedi "^"^ ^""" ""^ ^es Reiditums des Genies ein 

MensrnSlmfnS^^^^^ ^T' ^f '^^ '''' """^^^"p* f 

zu zerstören ITT k ^ ^" zerlegen ohne das »geistige Band« 

Einheif zuTamme^fat sTwS'J ^^"? T "-'^P'-^^'f /" 
sondere hinein frölS A ( ^^"." ^'^'^ '"^ einzelne und be- 
bradit und aSeinandll ,^.!^"f'°f§«ybeitet und Material herbeige^ 
seinen LeLungen hhter d"'"''' A^f ^'^ ^'''^^' ^^^ Diditers mitsamt 
dem besten ^e^ l !(• '^'^'Z^'^''^' versdiwindet. Goethe ist auf 
eine vollständige Goethe An. 1''"'''?'''^' ^"^ Nimmerwiedersehen,- 
mige ooethe-Ausgabe mit Hinweglassung der Werke - 



Sdhillers Geisterseher. 71 



die Sdiulübungen, Ministerialdekrete und Gesdiäftsbriefe sind ja so 
unendlidi widitig zur »Kenntniss seiner Persönlidvkeit«, — ist eigent- 
lidi der letzte Sdiritt, der- nodi zu madien ist. Sdiiller ist ihm 
sdion längst vorausgesdiiAt worden. Sein sAeinbar viel weniger 
kompliziertes Wesen und Wirken eignet sidi audi viel besser zur 
Erledigung durdi einige Sdilagworte. So wird uns auf der einen 
Seite, bis zum Don Carlos, der glühende Geniejüngling gezeigt, in 
Sturm und Drang, Übersdiäumen und Ungestüm, und von da an 
unentwegt das andere Bild vorgehalten: Der Sdiüler Kants und 
Freund Goethes, der »Idealist« und »Klassiker«. Nur gerade der 
»Geisterseher« läßt sidi in keines der beiden Sdiubfädier unterbringen, 
denn neben starkem Realismus enthüllt er deutlidi des Diditers neue, 
phiIosophisdi=idealistisdie Tendenzen. AuA der Entstehungszeit nadi 
ist sein Platz gerade an jenem Wendepunkt, wo Sdiillers Geistes- 
leben die große Knidamg durdimadit, um von da ab in neuen Ge- 
leisen weiterzulaufen. Der erste Teil wurde während der Vollcndungs» 
arbeit am Don Carlos verfaßt, die Fortsetzungen entstanden, als 
sidi Sdiiller von der Poesie mit Entsdiiedenheit abgekehrt hatte, um 
sidi ganz der Philosophie und Gesdiidite zu widmen, nur der Gc= 
dankenlyrik nodi willig einen Platz einräumend,- der »Geisterseher« 
war das einzige, ungern mitgesdileppte Überbleibsel früherer Be^ 
sdiäftigung. Also ein Zwittergesdiöpf aus einer Übergangsperiode 
ließe sidi rasdi urteilen, eingehender ästhetisdier Betraditung kaum 

Der Psydiologe wertet anders,- das Werk wird ihn eben des- 
halb zur Durdiforsdiung reizen, weil bei seiner Abfassung in der 
Seele des Diditers ein nodi nidit völlig entsdiiedener Konflikt zu 
Ende gekämpft wurde. Gerade hier, wo Kraft und Widerstand 
nodi nidit erstarrt sind und die neue Formel, in der beide ver^ 
sdimelzen sollen, sidi erst vorbereitet, gerade hier darf man erwarten, 
Spuren zu finden, die etwas von dem Geheimsten der an jenem 
großen Umsdiwung beteiligten Motive erraten lassen. Für eine 
soldie Untersuchung wäre der »Geisterseher« audi dann ein wilU 
kommenes Objekt, wenn ihm seine Entstehung in einer Zeit innerer 
Unsidierheit den künstlerisdien Gehalt gemindert hätte. 

Wer sidi über diesen Punkt trotzdem nodi Sorgen madit, 
wird sie leidit zerstreuen, wenn er statt in die Urteile über das 
Werk sidi in das Werk selbst vertieft. Es übt heute nodi mit der 
unvergänglidien Frisdie seiner Kunst- und Natur-Wahrheit den 
gleidien Zauber aus, wie einst, führt die Leser unseres Jahrhunderts 
mit ebenso sidierer Hand durdi seine Welt von Seelenfängerei 
und Versdiwörungen, von grotesken Abenteuern und ungewohnt 
lidien Gestalten wie jene ersten aus dem Zeitalter des Zopfes und 
der Aufklärung. Es gibt nidit wenige soldier Meisterwerke Sdiillers, 
deren Genuß mandiem unter uns entfremdet wurde und dodi so 
teidit wiederzugewinnen ist, Es kommt nur darauf an, sidi durdi= 
zudrängen durdi den Vorhof, in dem die Priester und Sdiriftge- 



liineinzuwaJninZ.y ^/'^"\,^''''S'"'" versperrend, und sidi 
JiA--geseKnd J Sir l''f ' ^'"^ ^° ^^'^ Künstler selbst mensA- 

Mi Ktaunln ^ .'^ ^ "'^ "^'^ '''"'" ^^^f empfängt. 
Urbilder so man^r^K^'".-'^''" "^.^^G^'^tersehcr« dii lebensvollen 
Laterna maeica Sfr i ""^^T^'*^«; SAattengestalten. die uns die 
die glüdS Wah ! ''"ä ^"t^''^ ^^"^ ^" "^''''^" •'■^I^^^- Schon 
ist, daß auf ihm dil ? r' SAaupIatzes, der hinlängüA phantastisA 

die lautlose Wunder "t'ad m?t '•' N^^^'""^^' ^^''^^^^f- Venedig, 
Lagunen und ^^1 i [ ^^"1^" ""entwirrbar verknäuellen 

inLs?AgeheS^itl[eML ""'' Y°^^^^^^^ '-^^ Markusplatz, 

die im stillfn 'eSfun^ r "'''t'"' ?^ unsiAtbaren Behörden, 
allgemein beÜekrS. ""^ /.'*f/"' das alles wird von nun an der 

regende Abenteue^ Auf di'" ^" fl'^'^T' ''''''^^'^''^- ""^ ^"^^ 

von Figuren die von si'"'^--^'"''^^ ^^'''' ^'"' ^'"^^^ 
halten habe"; in I H [ ,^ ".*'^'" ^'^ endgiltige Gestalt er- 
Werken SpL "er wiedXh^^^^ T^' t^'d die 'andere in den 
Gaukler uid ha b U?.nX '' ^7 dämonisdie Verführer, halb 
sein Opfer wird die [!"'"?' }^' ^^^'f'^'" ""d Grübler, der 
und Warner di tatVv^^"'''^} l'"" Geliebten, der treue Fr-eund 
zeugen herab ist voS^La^'j' '''^^" den spitzbübisdien Wcrk-- 
Ganze ist ein SttaunJ^ d""^ .^/'■'WdliA entworfen, über das 
gebreitet, die aus uStbfren OoS^""^"'^''''^" ""^ Grauenhaften 
sAwindet, wenn au^ wJeSui'" ^T'^' ""Ü ""/ "*^ ^'"' 
Ereignis des GeheimnisvcHen enÄen ^"'^'^ '''^^ ''"'''"' 

dasaufdi^R:^a^u^ktft^•t^'' ^f J^"^^ andere Werk SAillers, 
dramen wurdrd^ß >>d /Rr^;'''^'' ?/ ^^^ ^^^^^''^d ihrer SAicfaals- 
aus demselben Stoff^rpfft" °". ^^^l"^*' wie wir sehen werden, 
verwendungsbereit i^sA t'''°T^' i^^" ^Ailler jahrzehntelang 
klassizistisAe Form p. nf.4.. '^' ^l ^*^'"f' daß audi die streng 
Richtung zu geben als J^ /T5*'^' ^^' "^i^^ung eine andere 
gezeidvnete. ' ''"'■* den gemeinsamen Ursprung vor- 

Der Roman befriedigt al.Pr „,,^ ■ 
voihge Ausbildung unserem ^L ^'" anderes Bedürfnis, dessen 

behalten blieb. 1)^1" d2r' ^^f.^'^^^^" Jahrhundert vor. 
Ausbreitung und dem behaSn 7 ^'"i^^'^hen oder riditiger der 
viel von der bisherigen AAtmi ". ^''^''^V'^S*^» ^^^ Gemütslebens 
jagenden Verstand, die pSß'f'^Sen haben, dagegen den ab. 
bare äußere Hindernisse be. t ^^''^ "^'^ '^'' ^*<^'"bar unbesiegt 
feinste Gegenlist im eigenen M? T'"''^"' ^'^ List, die des Feindes 
die ihn zu Boden zwin« f/l u ^"^!' ""^ ^'^ stahlharte Energie, 
neue Literatur entstanden SL 1^ /diätzen, so ist unter uns eine 
leben des Lesers wendet ,Ta '^^'^ S^' ''''"^^ ^n das Gefühls, 

nationsgabe, kurz seine inteltl^^"]* '^'"l^^" n^diarfsinn, seine Kombi, 
bemüht ist. Das is^ dl 4i "'"'"r?''^'^^^ '" Spannung zu setzen 
die sogenannte Detektiv.Literatur, die sidi in 




SAillers Geisterseher 



73 



kurzer Zeit der Novelle, des Romanes und des Dramas mit 
gleidiem Erfolg bemäditigt hat. Keines dieser modernen Werke ist 
so planvoll aufgebaut, so außerordentlidi fein durdidadit und dabei 
kühn und originell konstruiert, wie der »Geisterseher«, Das Gesprädi 
zwisdien dem Prinzen und dem Grafen von O**, in dem der Prinz 
das feingesponnene Gewebe des Armeniers Faden für Faden auf= 
trennt, ist ein Muster für die Verwendung des analytisdien Ver-' 
fahren's zur Erreidiung ästhetisdicr Wirkungen. Aus der Folge- 
riditigkeit und unbeirrbaren Sidierheit, mit der die Wahrheit durdi 
logisdi notwendige Sdilußfolgerungen aus einem Wust von Täuschung 
und Betrug herausgesdiäk wird, eine Lustquelle zu gewinnen, das 
ist trotz zahlloser ähnlidier Versudie nur einem einzigen im selben 
Grade gelungen: dem großen amerikanisdien Poeten Edgar Allan 
Poe, der auf diese Tedmik eine eigene Gattung der Novelle gegründet 
hat. Sdiiller und Poe sind nidit nur die Vorläufer, sondern audi die 
völlig unerreiAt gebliebenen Vorbilder der heutigen Detektiv^Literatur. 

Das Wort sdimerzt. Sdiiller als Bahnbredier für Sherlodt Holmes, 
das ist eine Zusammenstellung, die uns fremd und unheimlidi an= 
mutet. Aber wahre Größe erweist sidi eben dadurdi, daß sie sldi 
in jeder Umgebung durdisetzt. Audi mag die Erkenntnis nidit wert«* 
los sein, daß Sdiiller den hohen Stil nidit deshalb bevorzugen mußte, 
weil ihm die Gaben niedrigeren Ranges mangelten,- wir dürfen den 
Diditer des Teil dankbar willkommen heißen, audi wenn er nidvts 
anderes zu sein versudit als ein spannender und geistreidier Erzähler. 

Es darf sdiließlidi audi nidit unerwähnt bleiben, daß audi der 
»Geisterseher« nodi Qualitäten hat, die weit über den Reiz des 
Stoffes und das Niveau bloßer Unterhaltungslektüre hinausgehen. 
Die psydiologisdie Gestaltung des Helden, sowohl in der direkten 
Charakteristik der Einleitung wie durdi die Eigenart, die seine Figur 
in der Handlung abbildet, konnte nur einem tiefgründigen Seelenkenner 
und meisterhaften Erzähler gelingen. Audi unter den Nebenpersonen 
ist keine, die zur bloßen Masdiine der Verwiddung dient und nidit 
wenigstens einige treffende und lebendige Züge aufweist, wie sie 
z. B. in der Sdiilderung des Prinzen von **d** zusammengefaßt 
sind: »Ein vielversprediendes Äußere, besdiäftigte Augen, eine 
Miene voll Kunstverständigkeit, viel Prunk von Lektüre, viel erwor» 
bene Natur (vergönnen Sie mir dieses Wort) und eine fürstlidie 
Herablassung zu Mensdiengefühlen. , .« 

Für unser historisdies, memoirenliebendes Zeitalter hat die 
leidite Patina, die über soldie Wendungen, wie über das ganze 
Werk gebreitet ist, nodi einen besonderen Reiz. Das Fragment 
besitzt vom Milieu und vom Geist der »guten, alten Zeit« gerade 
soviel, um unserem vorübergleitenden Blidt ein Stü<k Vergangen» 
heit zu enthüllen und genug Jugend und ewige Gegenwart, um die 
einmal erwedite Aufmerksamkeit dauernd zu fesseln. 

Bei einer aussdiließlidi auf das Stofflidie geriditeten Analyse 
lassen sidi im »Geisterseher« leidit drei Grundelemente erkennen: 



74 



Dr. Hanns Sadis 



mystisAlrW^^"'l^T ^^^^^joli^ismus bekehrte Thronanwärter, die 
E?n als sST ' ^r'^'^T'"'' ""^ ^- Schauplatz, Venedig, 
Stet Sri^ P? T'^^^K"? ^^"S' ^enn alles MotivisAe ausge- 
ZZ^iLfT '""T y"t.^rs"d.u„g wird uns zeigen, daß Jedes 
Setzung . V 5-i' '" ^''ß'i' ^'' D'Af^'-s ""'• durdi Zusammen- 
>überdL i^ ?'""^' ^'f ^^^^'•''^'^ '^"t^t^"d- Sie sind sämtliA 
fraulf ^ '' ^'"^ ''''"^° ^'^ ^i^ ^in^e!«^" Elemente eines 

maXl tf, T' f"^'"" ''' ^'"'<^'" B^ding""g entspredien, in den 
manifesten Inhalt aufgenommen werden können. 

Ta?esankm?n? ^'"<^\ Kunstwerks entspräAe dann dem durdi die 
auTebll? T" bereitgestellten Traummaterial. Er wird wohl 
weint .ff ""S'^"'^! «^irsesammelt wie jenes, wenn audi die Ver- 
sXßende W? '' ^'^.^^^f ^^ Auswahl niAt ganz so weit aus. 
e*er Reihet A°' ''^ ^''^'' ^" ""^^'••^"^ P^^^ haben siA zu 
noA die 5L,r" ^":;^S^""Sen die das eigene Erleben hinterließ, 
zufüllen ^''''"^'" LesefrüAte gesellt? um den StofFkreis aus. 

.um KaThoitmus tTleinrFoTf'"7"%PT^"^^"^^^'^i"i^T". 
zwisAen Volk imrl H. T .^^'S^n, die ReligionsversAiedenheit 

heimadiAen SAraL^Setk "&,'^^ '^"^ ^^'"% '" ff" 
Herzog Karl Eu^en warS i-i ^' J^"'^"" '^'"^'' /"g^'i^J^hre, 
Karl Alexander TserGla.?! ^ ^ ^' ''"'' ^'^'" ^^^^'^ ""^ Vorgänger 
Karl Alexanders hat aSrVf.f ^"S«=nommen hatte. Der Übertritt 
BÜd des DiAters auf Aese'p! f ° t "!*^ •"^'^'- 8^^^'^^^^' ^'^ ^aß er den 
dem Prinzen des »G<>k^^r. u ^^ '^'™^/ ^'"^ weitere ÄhnliAkeit mit 
war mit Leib und Seele Sou'r ■" c*?^ vorhanden. Karl Alexander 
wunderer des Prinzen Eup /'" SAüler und leidensAaftliAer Be- 
dort eine unwahrsAeinfM. 1 m "?, Heere ÖsterreiAs diente und 
25 Jahren Feld2eu.Slr , ^*"^."^ Karriere maAte - er war mit 
KonfessionsweAsel auf Z r'^'h^? GeneralfeldmarsAall. Ob sein 
Heere oder auf seinen Ehr • '"""'^, ^^^ Milieus im kaisediAen 
suAt bleiben. Keinesfalls ^'^ ^urudizuführen ist, kann ununter- 
intriguen notwendig Ein uZ^^^-^ ^r'" ^''^ielung dieses Zweckes 
fanatisAe Priester und imri^ T'^nf"*^ '°^*^ Zettelungen, an denen 
ten, findet sidi ehpr b^ J rn ^^"^^^ teilgenommen haben dürf- 
FriedriA II. von He«. ? "übertritt des naAmaligen Landgrafen 
Ein Mystiker oder reSk ' cJ'' größte Aufsehen erregt hatte, 
liebenden und versAwpS 4, T?'""'^'' ^"^^^ aus dem praAt- 
Beispiel des Verlaufs deml^^'c ^7^^^"' ^^' ^^' ^^•''^' ^^' ^'°'' 
falls niAt und so ist .Ä' ^?^^^^^" ^" England setzte, jeden- 
Anknüpfung ?e(?cbpni R . '' ''""""^ "^^^r als eine oberfläAliAe 
1__J ^^SeDen . Ergiebiger wird die Ausbeute, wenn wir 

Leben dieses Fürsten^einfszenJ" A^'^"'" SAÜler-BiograpIiie allerdings aus dem 
vol i-g d.'At, jedodi ohne sein/pi u '"'* ^^^ Eröffnung des »Geistersehers« sidi 
Redit, daß diese Tradition dunW d""" "''""'^"- »anstcin vermutet wohl mit 
nicht umgekehrt, '~'^" Vornan Schillers hervorgerufen worden sei, 



Sdiillers Geisterseher 



75 



um mehr als ein Jahrhundert zurückgreifen, auf einen Prinzen aus 
dem Hause Braunsdiweig, der in jener Zeit, wo die konfessionellen 
Gegensätze aufs äußerste zugespitzt waren, den Glauben, in dem 
er erzogen war, verließ. Es war dies Johann Friedridi, der spätere 
Herzog von Braunsdiweig^^Lüneburg. Hier finden wir vor allem den 
Sdiauplatz wieder, die Bekehrung gesdiah auf einer Italienreise und 
der Prinz nahm einen langen Aufenthalt in Venedig, Audi die 
Einwirkung des Wunderbaren und Übersinnlidien fehlt nidit, wenn 
es audi nidit im Gesdimad^e des nädisten Jahrhunderts philosophisA* 
freimaurerisdi aufgeputzt war: der Prinz war in Assissi Zeuge eines 
Hostienwunders, das den größten Eindrudi bei ihm hinterließ. Sdilicß^ 
lidi finden wir an seiner Seite eine etwas problematisdie Persönlidikeit, 
einen Grafen Rantzau, der selbst vom Protestantismus zur römisdien 
Kirdie übergetreten war und seine Bekehrung mit dem ganzen 
Eifer des Konvertiten förderte. Audi etwas von den widerredididien 
Mitteln zur Thronbesteigung kehrt in der Gesdiidite des Braun= 
sdiweigers wieder, Er entriß, teils durdi Intrigen, teils durdi 
Gewalt seinem älteren Bruder das bessere Stüdi der Erbsdiaft, ihm das 
minderwertigere überlassend, Durdi Intervention benadibarter Fürsten 
kam ein Ausgleidi zustande, bei dem Johann Friedridi einen Teil 
seines Raubes behaupten konnte. Hier sind also für eine Reihe 
von widitigen Zügen des Romanes die unverkennbaren Vorbilder 
gegeben: die Italienreise, der Aufenthalt in Venedig, das Bekehrungs= 
wunder, bei dem ein Kind der Aufklärungszeit leidit an einen 
raffinierten Betrug denken konnte, der geheimnisvolle Gewissens^- 
berater und die gegen Erbredit und Verwandtenliebe sidi empörende 
Herrsdisudit. 

Wir dürfen natürlidi nidit erwarten, an einem soldien Vorbild 
alle Züge wiederzufinden, wie dies Hanstein in seiner sonst ebenso 
verdienstvollen wie fesselnden Arbeit^ tut. Selbst wenn wir von dem 
vorausgesetzten »Verdiditungsprozeß« absehen, dürfen wir nidit ver=- 
gessen, daß Sdiiller es gewiß vermeiden wollte, ein für die Zeit= 
genossen erkennbares, historisdi getreues Porträt zu geben und des-» 
halb absidididi Details, wie die Teilnahme an der Sdiladit von 
Hastenbedt, die aus einem anderen Zusammenhang stammen, hinzu= 
fügt. Wenn Hanstein aber bei jedem in Frage kommenden Urbild 
die Frage stellt, ob der Prinz audi wirklidi der dritte seines Hauses 
gewesen sei, wie jener im »Geisterseher« und aus diesem Umstand 
ein widitiges Erkennungszeidien madien will, so befindet er sidi 
offenbar auf einem Irrweg. Denn gerade darin war der Diditer 
gewiß auf kein Vorbild angewiesen, ja er durfte gar keinem folgen, 
weil die von ihm gewollte Motivverknüpfung ihm keine Wahl mehr 
frei ließ. Der Prinz durfte nidit allzunahe am Throne stehen, weil 
sonst die Wahrsdieinlidikeit der natürlidien Erbfolge das Verbredien 



' Dr. Adalbert von Hanstein, »Wie entstand Sdiillers Geisterseher«. 
Forsdiungen zur neueren Literaturgesdiidite, Bd. XXII. 



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& W ^ ?^'"''''^^ ¥"''' ""^ "'*f 2u entfernt, so daß der frevel» 
oKnl 7;""^*„"a* der Krone in ihm entzündet werden konnte und 
h.Z ^r^7'r^ Häufung von Vcrbredicn Aussidit auf Befriedigung 
c/Jn!)' . wi^f'gste Person, die zwisdien ihm und dem Throne 

u^AA A^ f " ^1'"2"t"'i absdieidet, das ist ja die Voraussetzung 
K T^"'''i^ <ler Romanhandking. Er durfte du rdi ('lesen plötz« 
"men lod nidit sofort auf den Thron oder in seine unmittelbare 
iNane gelangen - sonst wäre alles weitere weggefallen - al^^r 
.11 ^"i'^Li^'a^ "''^ Herrsdiaft durdi einen ludmen und verbredieri« 
ITa ^"^'^I"'^ ^'•■•eidibar war, und so mußte er notwendigerweise 
der dritte Pnnz seines Hauses sein. 

früU.rl ^'^"''^J« Verhältnis — ein persönlidier Eindrudi aus 
rr^ner Jugend, überlagert von einer späteren literarisdien Anregung 
Daß ?r7"" ^1^ ^'^^ 1^^' Auswahl des Sdiauplatzes annehmen. 
Th onbestHl^""'t'^"r!: ^ ""^ ^°'-^ längere Zeit lebte, ehe er zur 
wLen"' n.^Tb r^r'sll """ '""'''^'T -ssAIaggebend gc 
katholisdien K^rl R ?'"^' '^'"'^" Landeslicrrn — eben enen 

hänglTo L E n^^^^^^^^ 'n^' '^"f -'" SAid^sal einen so ver. 

als jener von Venedig .n''\f''' T ^""^ ^'•^'^"'"^' '^^'' "^^^ '' 
hielt. Hier sah der 1? f^'^^^^l^^hrend seinen pomphaften Einzug 

ganze sklavenhafte Un .7 ^" ""f"?'^ ''^" S^nzen Prunk und audi die 
zehnten Jahrhunderts unl'^J "^'"^ ^'"'^" Landesherrn des adit- 
da an Venedig mit cfpm tt-'j.""^, ^"^'"^ Vorstellung modite von 
Die literarisdil AnreZ„ ^I*";'*?'^"^ fürstlidier Pradit verbinden. 
Mai 1786 in einer Bein. ?'x^*"'^'' ^^^if'^'los aus dem im 
einer nodi ungedruAten \Z.A "^.f ^^*'"'ft ersdiiencnen »Auszug aus 

SAillers Interesse ^f '^^''^''^""S ^on Venedfg«. 
Katholizismus ist mit deni »o"^ geheimnisvollen Organisation des 
zeitigen »Don Carlos, kt Iv f'^^'-''^'^'^'"* "'*t crsdiöpft. Im gleidv- 
Allwissenheit und Allmacht 1,,"''""'^'°" "^'^ derselben unsiditbaren 
sdiaft deren Emissäre £13'- ''"'^ ^^'^ ^'"'^ Sch^^^^c Gesell^ 
In »Maria Stuart<c ist es eine iS^K^t-'i^Ti'^"^ ""^ Biondeffo sind, 
im Protestantismus erzo/ene„ Mo° '• ' ^^''r'^^örung, ^eldie den 
zeug des Fürstenmordes nS„°''T''" '"''^^^''' und zum Werk, 
mit dem Prinzen geslilht Audi T'° ^'1'^ '•" ^Geisterseher« 
liegende Kindheitseindrüde vermutenden? ^ o"°* weiterzurüdi- 
von der mütterh'dien Seite einp VJu '-J'"oßmutter des Diditers 

kam aus Icathofisdiem SeTnd SS"'"' ^""" "°" StöraAhof, 
dem Enkelkind etwas ™der PraSt T' ."'l^'^^T^^''*' '^''^ ^'^ 
auf dn pkntasievolleslil rmt t^^^^^ JZ 
nuditerne protestantisdie, mitmeilt hat HnR .( 7 b i. l 
als Gefahr und Verführung Cs^ad^e^^el^l t'de'ltom'e 
ai't'KaXS rrS?*^" "'^"- selbstversSndhI SpäJer 
.id, In, Ä ' i^f^S Adler einen katholisdien Mitsdiülei, der 

sd, dem geisthdien Stand zu wid len besAIoß. Von hier muß er 
einen starken E.ndrud empfangen haben, denn er besdiloß mandies 



ScfiiKers Geisterseher 77 



Jahr später, in BauerbaA, den Titelhelden eines geplanten Trauer= 
Spieles »Friedridi Imhof« nadi ihm zu benennen. Dieses unausge-' 
führte Werk hatte in seiner Anlage zweifellos innige Verwandtschaft 
mit dem »Geisterseher«, denn Sdiiller forderte von seinem Freund 
Reinwald als vortrefflidi in seinen Plan passend Büdier »über Jesu- 
iten und Religionsveränderungen, über den Bigottismus und seltene 
Verderbnisse des Charakters, über Inquisition, Gesdiidite der Ba- 
stille und unglüdilidie Opfer des Spiels«. Nahezu alle hier aufge- 
zählten Ingredienzen sind in den »Geisterseher« aufgenommen worden, 
nur die Erwähnung der Bastille beweist, daß Sdiiller damals einen 
anderen Sdiauplatz in Gedanken trug. Den Plan, das ungeheuere 
Paris mit seinem vielgestaltigem Gewimmel in den Masdien eines 
Stoffes einzufangen, hat der Diditer lange gehegt. Ein »PolizeistofJ« 
sollte ihm Gelegenheit geben, zu sAildern, wie die folgen eines 
geheimnisvollen Verbrediens sidi durdi die verdiiedensten Gesell- 
sdiaftssdiiditen hindurdi fühlbar madien. Im Mittelpunkt sollte die 
Pariser Polizei als unsiditbare und allwissende Madit stehen,, ihr 
war also dieselbe Rolle zugedadit, wie den Fadenziehern in dem 
Komplott, das den Prinzen umstellt, und der Inquisition im »Uon 

Mit diesem »PolizeistofF« hat sidi Sdiiller dann nodi iii viel 
späteren, reiferen Jahren eingehend befaßt,- von dem unübersehbaren 
Detail, das eine Großstadt bietet, gesdiredit, floh er ein zweitesmal 
aus Paris nadi Italien. Die Motive vereinfaditcn sidi unter seiner 
Hand, die nur mehr das edelste Material zu formen gewohnt war, 
und so entstand die »Braut von Messina«, deren Mittelpunkt ein 
Verbredien, der Mord des älteren Bruders durdi den jüngeren, ge» 
blieben ist. Das Geheimnisvolle, ja Detektivhafte des Stoffes ist nicht 
ganz verloren gegangen,- nidit die Freveltat selbst, die vor aller 
Augen geschieht, aber die verwickelte Vorgeschichte wird Schritt für 
Sdiritt, nadi dem analytisdien Verfahren, für dessen Verwendung 
im Drama der »König Odipus« das Vorbild geliefert hat, aufgedeckt. 
Audi die unentrinnbare, in ewiges Geheimnis gehüllte Allmadit ist in 
die neue Form übergegangen, aber nicht mehr als Attribut einer 
menschlichen Organisation, auch nicht eines Orakels, wie im »Ödipus« — 
dies verwirft Sdiiller als der modernen Auffassung ungemäß, — sondern 
als allwaltendes Sdiidisal, das sidi aus dem Fludi des Ahnherrn 
bis zum Erlöschen des Fürstenhauses entwidcelt. Dieser bei dem 
Dichter schon längst vorgebildeten »AIlmad)ts«-Idee ist also die 
Entstehung des Schicksafsdramas zu danken. Hat der »Geisterseher« 
als Ganzes eine gewisse innere Verwandtschaft mit der »Braut von 
Messina«, so geht die Übereinstimmung zwisdhen der eingeschobenen 
Rahmenerzählung des Sizilianers und dem Drama sogar bis ins 
Detail. Das Lokal ist sdion beinahe dasselbe — hier Neapel, dort 
Sizilien, Das Verbredien wiederholt sich in beiden Fällen genau; 
der jüngere Bruder erstidit de" älteren und beidemale aus demselben 
Motiv, weil er in ihm den glüddidien Nebenbuhler erblida. Die 



78 



Dr. Hanns Sachs 




Erlangung von Madit und Reiditum als AIlein=Erbe spielt einmal 
tu ^^'^'.^Ij^^a' alsNeben-Motiv hinein. Audi nebensädilidie Details 
Kehren wieder: so wird z. B. beim Raube Beatricens wie bei der 
c^rmordung jeronimos der wahre Sadiverhalt durdi den AnsAein 
e^nes Korsarenüberfalls verdeckt. Anderseits leiten Fäden von dem 
mit dem »Oeisterseher« durch die Entstehungszeit und vieles andere 
verbundenen »Don Carlos« zur »Braut.« Daß die Allmacht dort durdi 
die Inquisition vertreten ist, wurde erwähnt. Aber der Ausgangs- 
puni<t der spateren Tragödie, die Tat, an die sidi das verderben^ 
bringende bcfiidcsal knüpft, ist nur eine Wiederholung des Wunsdi- 
Zieles, aus dem sidi die Handlung des »Don Carlos« entwidcelt, 
w^e es von der Königin in der Gartenszene dem Prinzen mit voller 
J>dionungslosigkeit vor Augen geführt wird: 

*Audi ein Raub war's, wie wir alle wissen, 
Uer des alten Fürsten ehiidies Gemahl 
In ein frevelnd Ehebett gerissen 
T T "." /'^ ^^^ ^^^ Vaters Wahl 
Und der Ahnherr sdiüttete im Zorne 
Grauenvoller Flüdie sdireddidien Samen 
Aul- das sundige Ehebett aus 
Greueltaten ohne Namen 
Schwarze Verbredien verbirgt dies Haus.« 

und 
»Warum nidit? O dpr na,, -i i 
Kann mehr als da's ''^"^^''^ ^°"'8 

Undjann zulem,_um_würdig zu vollenden 
Zuletzt nodi mit der Mutter sidi vermäWen" 

Der Parallele zwiscfien der Rahmpn 0„c^-j,. • ^ • 
Seher« und der »Braut von MessinarZR^ ^ t*^^ '!-" >^Gciste,v 
daß die Übereinstimmung zwislen dTel F hinzugefügt werden, 
anderen Drama Sdiillers, seinim ersten nn^''^'"'""^« ""^ ^'"^"^ 
weit geht, daß man jene fast eine Novdlt T?' ''°^'' '''' f '° 
ein anderes Milieu versetzten »RäuCrilnn T'P^''''°!\ ^''" '" 
dort ein jüngerer Bruder, der .eChLterT'] T'^' }^''' ^'" 
verstedcend, erfolgreidi gegen den Erstgeborenen T^SendheuAelei 
liebevollen und sdiwadien Vater täusdit hm diP P f. I"f' "''^' ^^" 
und bei dem VersuA, die von beiden B;üdern GeheS ^T'T'' 
nur an dem hartnäckigen Widerstand der Brau sXterT TT""^^!''^''' 
liebt und sid) von dem Betrüger voll AbX„ j ' ^'5,^^" ^1^^'-^" 
mord wird wohl it. ^GeisteiSlr« ausführt "^' ^er Bruder, 
nur am SAluß versudit, in be den WeZ 1 ' '""J^'J ^Räubern« 
durdi ein verabredetes Gauke LdSi di. Ä u- '''*' ^''' Bösew^dit 

des Vermißten zu überzeugt uffdatiÄ^^^^^^^ T t''' ^°^ 
7iisnip£Tp1n d^R Aav T^^ c ■ ^' ^^^ ^'^"t des Bruders vor^ 

Sen dt Novelle nilf '"^ ''' V^'"^'"' ^^^''- ^udi die Räuber 
tehlen der Novelle nidit ganz, wenn Jeronimo ihnen auA nidit wirkliA, 



SdiÜlers Geisterseher 



79 



sondern nur nach der Meinung seiner Familie, nidit als Oberhaupt, 
sondern als Gefangener anheimfällt. Sdiließlidi werden beide Handlungen 
durdi die Heimkehr des älteren Bruders gekrönt, der die Enriarvung 
des Verbrediers herbeiführt,- in der Novelle kann er allerdings, um 
dem Rahmen, in den sie gespannt ist, zu entspredien, nur als Geist 
wieder in den Kreis der Seinen treten. 

So zieht sidi also ein ganzes Gespinst von Fäden zwisdien 
dem »Geisterseher«, dem »Don Carlos«, der »Braut von Messina« 
und den »Räubern« unterirdisdi hin und her. Wir werden nodi 
mandies nadizutragen haben, wenn wir uns der Motive und Stoff* 
wähl von der psydiologisdien Seite her nähern, einstweilen müssen 
wir zur StofFgesdiidite zurüAkehren und unsere Aufmerksamkeit 
dem Element, von dem das Werk seinen Namen hat, der Beziehung 
zum Übersinnlidien und ihrer betrügerisdien Ausnützung zuwenden. 
Der aktuelle Anlaß liegt klar vor aller Augen: Kurz bevor Sdiiller 
seinen Roman begonnen hatte, war der Skandal der Halsbandge- 
sdiidite von einem Ende Europas zum andern ersdiollen und hatte 
die Gemüter durdi die Aufded<ung der inneren Fäulnis des fran^ 
zösisdien Hofes in Aufregung gebradit. In die Halsbandgesdiidite 
war, diesmal vollkommen unsdiuldig, wie sidi nadiher herausstellte, 
der Wundertäter Cagliostro verwickelt, der aus Sizilien stammend 
wie der Betrüger im »Geisterseher« mit den Geheimnissen, die er 
aus den ägyptisdien Pyramiden gesdiöpft haben wollte, bald hier, 
bald dort Jünger anlodcte, Logen gründete und seine TasAen füllte. 
Er verstand es, die leidensdiaftliche Vorliebe des Aufklärungszeit* 
alters für alles Wunderbare und Übernatürlidie, soweit es nidit mit 
den überwundenen Dogmen der offiziellen Kirdie zusammenhing, 
zu seinem Vorteil auszunützen. Vor seinem Zusammenbrudi in 
Paris hatte er unter anderem in Mitau in Kurland eine Gemeinde 
um sidi gesammelt, deren vornehmstes und widitigstes Mitglied die 
Sdiwcster der Herzogin von Kurland, Elise von Redie war. Nadi 
der Abreise des Meisters war der Glauben an seine Wunderkraft 
erheblidi gesunken, die literarisdi ehrgeizige Dame trat dem Kreis des 
nüditernen, »Geistern und Geist« gleidi abholden Nikolai nahe und 
als sidi Cagliostro zu seiner Verteidigung auf sie berief, erwiderte sie 
ihm mit einem sdiarfen Absagebrief, der in der Zeitung Nikolais 
im Mai 1786 ersdiien und den Wundertäter als gemeinen Betrüger 
entlarvte. Diesem Sdireibcn folgte einige Zeit später eine Brosdiüre, 
die Cagliostros betrügerisdie Manöver und Handwerkskniffe, be* 
sonders die von ihm in Mitau versudite Geisterbannerei ins ein= 
zelne sdiilderte. Dieses Büdilein kann Sdiiller für seinen Roman 
nidit mehr benützt haben, da es später ersdiien, als das die Geister*? 
besdiwörung enthaltende Kapitel, Da aber trotzdem einige auffällige 
Übereinstimmungen sidi vorfinden, läßt sidi wohl annehmen, daß 
Sdiiller von seinem Inhalt sdion früher Kenntnis hatte. Die mit 
Zunge und Feder gleidi gewandte Dame lebte damals in Deutsdi* 
land und verkehrte in zahlreidien literarisdien Zirkeln, die sidi mit 




80 



Dr. Hanns Sadis 



hi! ii 



^^"^j} Sdiillers eng berührten — späterhin trat sie dem besten Freunde 
des Dichters, Körner, und seiner Sdiwägerin persönÜdi nahe. Bei 
dergroßen Mitteilungsfreudigkeit jener Zeit läßt sidi also wohl annehmen, 
daß die Erzähhmgen der Frau von Redie über ihr Verhältnis zu 
dem gerade damals im Brennpunkt des allgemeinen Interesses stehen^ 
den Betrüger zu den Ohren Sdiillcrs gelangten. 

Auf jenen ersten Fehdebrief in der Zeitung Nikolais erfolgte 
eine sdiüditerne Erwiderung, die, ohne Cagliostro in Sdiutz zu nehmen, 
A 9 "'^^" ^" ^^^ Übernatürlidie vorsiditig zu verteidigen sudite 
und Sdiiller wohl interessieren konnte, da sie von einem Prinzen 
aus dem Hause seines Landesvaters herstammte, dem dritten Sohne 
des dritten Bruders des Herzogs, mit Namen Fricdridi Hcinridi 
Eugen, Dodi läßt sidi kaum, wie Hanstein es tut, diesem unbehol- 
fenen Sdireiben ein entsdieidender Einfluß auf die Entstehung des 
»Cieistcrsehers« beimessen. Die deutsdien Prinzen, die sidi den Glauben 
an das Wunderbare nidit so rasdi nehmen lassen wollten, waren 
damals nidit so dünn gesät, daß dieser besondere Aufmerksamkeit 
T^ ^rwedien können. Seine Thronbesteigung war redit unwahr- 
sdiemhdi, denn moditen audi die beiden älteren Brüder seines Vaters 
morganatisdi verheiratet sein, so standen außer diesen nodi sein 
•^fj,"' ^^^^ ^'^^''^ Brüder zwisdien ihm und der Krone/ tat- 
sächlich ist seine Sukzession nie ernstlidi in Frage gekommen. Den 
mit (lern Olaubenswedisel verbundenen Bedenken suditHanstein durdi 
<lie Anknüpfung an eine Prinzessin des Hauses, die mit einem öster- 
reidiischen Erzherzog vermählt wurde, eine Annäherung an die 
Realität zu geben. Aber der Hof Josefs II., der Mittelpunkt der 
Aufklärung war alles eher als ein günstiger Boden für jcsuitisdie 
Jntrigen uiid es ist kaum anzunehmen, daß diese Heirat in der 
Cseele desUiditers audi nur die leisesten Besorgnisse erwedcte. 

Übrigens kommt neben Cagliostro nodi ein zweiter ähnlidicr 
Wundertater und HoAstapIer in Frage. Der sogenannte Graf von 
öaint Lrermain, der als vertrauter Berater des Herrsdiers am Hofe 
eines deutsdien Fürsten, des Landgrafen Karl von Hessen gelebt hatte, 
starb eben in_,enem Jahre, in dem der »Geisterseher« entstand, in 
den Armen seines fürstlidien Freundes. Von ihm beriditet Casanova, 
der ilin in ^ns bei Frau von Urfe kennen lernte, daß er sidi ganz 
ebensoldie Eigensdiaften beilegte, wie der entlarvte Geisterbanner 
ciem Armenier. I rotzdem er ansdieinend im kräftigsten Mannesalter 
stand, behauptete er, mehrere Jahrhunderte alt zii sein und aß nie 
in Gegenwart anderer weil er angeblidi der Speisen nidit bedurfte. 
verw^ndSp ''" ^I^tuellen Anregungen läßt sidi wiederum eine 
wZtX """fTi ^"' ,^^^Diditers eigener Jugendzeit nadiweiscn, 
hTiKbif?/'" ''' o*',!" Pl^^ntastisdier Wundermann und Mensdi^ 
audi wä .f •'■ ""' S!^'"''"'^ ""^ ^^'- Graf von Saint Germain, wenn 
den W .fI'"§""'Rf °'™^'?' Sdiillers Pate gewesen, von dem er nadi 
tZ I" M ^Z^^''7 "'*t nur einen Teil seines Namens, sondern 
audi Beispiel und Forderung empfangen sollte. Es war dies Johann 



Schillers Geisterseher 



81 



Friedridi Sdiiller, ein Vetter des Vaters des Diditers und mit diesem 
trotz ihres liödist versdiiedenen Charakters innig befreundet. 

Sdiillers Vater war eine tief fromme und ernste, dabei auf das 
Wirklidie geriditete, im praktisdien Leben wurzehide Natur, sein 
Vetter ein Phantast, der seine willkürÜdien Erfindungen bei einer 
Reihe von Fürsten und Herren an den Mann zu bringen sudite, ohne 
sidi durdi die Aussiditslosigkeit und den Mißerfolg seiner abenteuer- 
lidien Pläne beirren zu lassen. Immerhin wurde er während derjugend= 
jähre des Diditers vom Herzog Karl Eugen in geheimer Mission nadi 
England versendet, und wenn diese Gesandtsdiaft audi wahrsdieinlidi 
nur den häßlidien Zwed( verfolgte, den Preis für die verkauften Landes-- 
kinder hinaufzumarkten, so blieb sie dodi immer von dem Sdiimmer 
einer geheimnisvollen Beziehung zu denMäditigen der Erde umkleidet. 
Überdies war der Vetter ein eifriges Mitglied der mystisdien Loge 
der Rosenkreuzer und versdiwieg wohl nidit, daß er und seine 
verborgenen Brüder über Wunderkräfte zu gebieten meinten. So 
mögen in der Phantasie des Knaben jene Züge angeregt worden sein, 
die den Diditer befähigten, die Gestalt des Armeniers so eindru disvoll 
zu sdiildern. Ganz versdiwand Johann Friedridi audi späterhin nidit 
aus dem Gesiditsfeld seines Patenkindes. Nodi von Bauerbadi aus 
rüstete er sidi zu einer Begegnung mit dem aus England Zurüd^ge= 
kehrten und hoffte, vielleidit durdi seine Vermittlung auf der englisdien 
Bühne zu ersdieinen. Im Jahre 1784 sdiien dem Abenteurer das Glüdi; 
zu ladien, er erhielt in Mainz ein Budidrudier* und Ver!ags«Privi= 
legium, das er jedodi nidit zu seinem Vorteil zu benützen verstand. 
Wenige Jahre später mußte er Sdiulden halber vom Sdiauplatz abtreten. 
Sdiiller trug sidi eine Zeitlang mit der Absidit, eine Gesdiidite 
der merkwürdigen Versdiwörungen und Rebellionen aus mittleren 
und neuen Zeiten herauszugeben. Aus diesem Plane erwudis sdiließ^ 
lidi seine Gesdiidite des Abfalles der Niederlande. Wie groß der Reiz 
war, den derartige Gesdiehnisse auf ihn ausübten, beweist nidit nur 
der Vorsatz, sie aus der Weltgesdiidite wie die Rosinen aus dem 
Kudien herauszusudien, sondern audi die ganze Linie, auf der sidii 
sein dramatisdies SdiafFen bewegte. »In tyrannos« war das Motto 
der »Räuber« und ihre Tendenz ganz allgemein die Auflehnung 
gegen die herrsdicnde Ordnung. »Fiesko« faßt die Idee konkreter 
und enthält sowohl Verschwörung wie Rebellion gegen ein fürst=' 
lidies Haupt, ebenso »Don Carlos«, »Wallenstein« und »Maria 
Stuart«, bis der ursprünglidi rohe und gewaltsame Stoff nadi so oft- 
maliger Filtrierung im »Wilhelm Teil« in hödister Läuterung wieder- 
kehrt. In der Handlung des »Teil« treten Versdiwörung, Rebellion, 
ja sogar der Herrenmord ins Dasein, ohne die Gesetzestreue und 
die sitdidie Weltordnung zu verletzen. Der verbredierisdie Vater= 
und Fürstenmörder, der im letzten Akt als Episodenfigur einge= 
führt wird, wirkt wie ein Revenant jener wild=trotzigen Helden der 
ersten Zeit und kann als ein Repräsentant einer überwundenen Stufe 
in Sdiillers diditerisdiem Sdiaffen gelten. - ..: . :u -...;... ;.•..:.: 

Imago lV/2 6 



82 



Dr. Hanns Sadis 



! 



A.n. vT' 9''"P?? '^^"* ''* ^'"^ zweite an die Seite, die unter 
dem .ieiAen des Motivs der feindliAen Brüder steht. Hieher ge- 
noren voll und ganz die »Räuber« und die »Braut von Messina«, 
tu 5 IT -'^L^'' f°^''' >^ Jungfrau« ordnen siA der ersten Gruppe 
zu aoch Hegen bei diesen Dramen die Zusanimenliänge tiefer und 
mußten erst durdi eine UntersuAung aufgededa werden, weshalb 
w sie zunadist abseits lassen. Weldier Gruppe gehört nun der 

l.ruTu r^^""- ^' ^^^^^' ^"^^ '^'^'- ^ei"^ Doppelsrellung bei und 
enthalt beide Motive, ohne daß, wie in den »Räubern«, das eine 
zur Allgemeinheit verkümmert wäre; beide ersdieinen vielmehr in 
aer klarsten und vollständigsten Ausprägung, Das Motiv der feinde 
Udien Bruder beherrsdit, wie wir gesehen haben, die Rahmennovelle, 
tiL. n ""'Tl"'?'^ die dahinzielende Versdiwörung die Erzählung 
selbst. Denn, daß das Verbredien, durdi das der Prinz den Thron 
nL !f ^^w ^""^^'j "^^'^ Fürstenmord ist, danadi kann wenigstens 
Rr Jf.c " '"' '^i'r i^' P""^ "^* d^'ii E'-'i'^lt Jenes beleidigenden 

Auf., -r" f "'"' ^^°^^ f^"^" 'äßt und seinem leidensdiaftliAen 
zSi U u "?"' Pi-°Phetisdien Worte des Armeniers kein 
Clrlo. r I nt''"'"- Nun riAtet siA in dem gleiAzeitigen Don 
hn Ar. th^Do PkI ^'' Thronanwärters, die fiA allerdings nur 
g^.en dl kL. S ^'''PP/ ^'' ""^ MordabsiAt steigert, niAt nur 
die beidl in r'^ !.' i°"t/" ^^* Segen die väterliAe Autorität, 
s her< Ist der f""^. ^'"t™ ^f ^°" verkörpert sind. Im .Geister^ 
Elte nlo L ' „ ? "" iT' Verwandter des Prinzen, der dem 
Te I zeThf if^'?V^^'' ^°5' ^r Vaterstellung einnimmt. AuA der 
ieradez' Her\^ f''^^'.^"'" ^^" ^'^"^ ""^ Kaiser ersAlagen hat, 
kaurn diP R ;,y^t^"^°'-des«, So brauAten wir in diesem Falle 
Traumdlr.t ^^!J"! '?. ^".^"•■'^'" Material, insbesondere aus der 

in rSsteTp^ir^ der MärAenforsAung, die uns die PsyAoanalyse 
den V.f.r K ^ ^^''^'1^'' T "" »konstatieren, daß der Fürst hier 
?vDisAfn F T' '"''''"' sIeiAzcitig der Sohn, ganz im Sinne des 
SeiSr h2k '"^""'°'^^.^?^^ ^""^ P""z^" erhöht wird. Auffällig 

E7sLtl\T' """'^ ^'•' ^'^^^"' d'-'ß d^r König so gerne zum 
Z SuZ^ f'l F"°"^'"^" ^i'-d, weil das Kind die AllmaAt, 
bd dl^m^i;!"/ dem starken und allgewaltigen Vater zusAricb, 
bei diesem mit seinem HinauswaAsen über den enesten Familien- 
Nun rride'r ^^^f-fl-'i-f ^as StaatsZCt über;;^^ 

^^iT^^Jsz^l:^:t%r ^^°" ^arL« sowohl 

Zählung dem geheimnisvolTen Xmen.Vr^"'' 'n^''"^'' j" ^n r' 
inquisitor, vor dem siA .AlipRlil 4 t^ '"^ ^'"^"''^ ^em Groß- 

die MensAen anTeinem t lei d '^' °"'^ K'^'"'' ""'^' T^ "'" 
läßt und der von der ÄIlw sS?! * ^"^erreißbaren Seile flattern 
AllmaAt - genug besitzr,,/ ^t;^^"^ wiAtigsten Attribut der 
wisse »seit Jahren, was Sie ^Z ^^^ °"'S sagen zu können, er 

^, Wir hätten also hlr we toT"""''^^.'"^" 
selben Werk nebeneinandpr n i 1 ^^^' Vaterrepräsentanten im 
liKueneinander, DergleiAen nimmt uns niAt wunder, 



Sdiillers Geisterseher 



83 



wenn die beiden Gestalten die zwiespältige Einstellung des Sohnes 
wiedergeben und einem geliebten, gütigen, ein gehaßter und feinde 
seliger Vater gegenübersteht, wie dem Geist im »Hamlet« der Könige 
Oheim. In unserem Falle aber ist der eine Ersatzmann des Vaters 
wie der andere drohend, böse und gewaltig, so daß vom psycho* 
logisdien Gesiditspunkt aus keine Notwendigkeit zu einer soldien 
Dublierung, die nodi dazu in zwei Werken wiederholt wurde, 
bestand. 

Diese Eigentümlidhkeit, die wohl geeignet ersdieinen könnte, 
uns an dem bestimmenden Einfluß infantiler Gefühlsereignissc für 
die künstlerisAe Produktion zweifeln zu lassen, bildet den aller= 
sdilagendsten Beweis hiefür. Sdiillers Kindheit ist nämlidi dadurdi 
ausgezeidinet, daß bei ihm jene typisdie Phantasiebegebenheit zur 
Realität wurde, da zur Zeit der beginnenden geistigen Selbständige 
keit an die Stelle des Vaters, dessen Gewalt zu verblassen begann, 
der Landesfürst in Person als zweiter Vater trat. Sdiillers Vater, 
der sidi mit unendlidier Anstrengung aus den dunkelsten Anfängen 
zu einer ehrenvollen Offiziers^ und Beamtenlaufbahn emporge= 
sdiwungen hatte, war ein frommer und wohlmeinender, aber audi 
ein ernster und strenger Mann und madite von der patriardialisdien 
Gewalt, die zu jener Zeit den Eltern ihren Kindern gegenüber nodi 
ungesdimälert bestand, den vollen Gebraudi. Der Eindrudt mußte 
das Gemüt des dreizehnjährigen Knaben wohl tief berühren, als 
diesem gebieterisdien Vater sein Sohn, den er zum Geistlidien be= 
stimmt hatte, vom Herzog trotz seines Sträubens einfadi weggenommen 
und in die neugegründete militärisdie Anstaltgestedttwurde.Eswarwohl 
kein anderer Sdiluß daraus zu ziehen, als daß der Herzog die Allge» 
walt, die einst das Kind dem Vater zugesdirieben hatte, tatsädilidi be= 
sitze. Wirklidi reidite die Gewalt jener Fürsten des aditzehnten Jahr= 
hunderts erheblidi über die Grenzen hinaus, die wir heute mensdi* 
lidier Herrsdiaft einzuräumen gewohnt sind. Despötdien, deren Untere 
tanen eine geringere Zahl betrugen als die der Arbeiter, die in einer 
großen Fabrik heutzutage einem Direktor subordiniert sind, regierten 
mit so sdirankenloser Willkür, wie sie der Russenzar selber nidit 
eine Wodie lang ungefährdet ausüben könnte. Jener Karl Eugen 
von Württemberg ist dafür eines der deudidisten Beispiele. Während 
der größte Teil seiner Untertanen hungerte, seine Beamten unbezahlt 
blieben und die Soldaten für englisdie Kriegsdienste versdiadiert 
wurden, führte er eine Hofhaltung, die an Pradit und Luxus der 
von Versailles nidit viel nadistand und vergeudete die blutig er» 
preßten Einnahmen seines Landes auf die Dekorationen und Ge= 
sdienke eines einzigen flüditig vorüberrausdienden Festabends. Selbst 
später, unter dem veredelnden und mildernden Einfluß einer wahr-' 
haften und editen Liebe, nahm seine Willkür, an deren gutem Redit 
ihm und seiner Umgebung nie zu zweifeln einfiel, keineswegs ab, 
sie ging nur andere und weniger unmensdilidie Wege, Statt der 
Frauen und Töditer seiner Untertanen raubte er jetzt ihre Söhne, 



84 



Dr. Hanns Sachs 




um sie in seiner Anstalt zu seinen Gesdiöpfen zu erziehen. Wie 
überhaupt die Reahtät in diesem Falle vollkommen das leistete, was 
sonst die Phantasie erträumt, suAte sidi der Fürst ganz bewußt bei 
seinen Zöglingen an die Stelle des Vaters zu setzen. Er tituliert 
sie niemals anders als seine »Söhne«, teilt Lohn und Strafe bei 
seinen täglidien Besudien persönlidi aus, die letztere sogar mandimal 
eigenhändig vollziehend, und gibt ihnen bei den Mahlzeiten die Er- 
laubnis zuzugreifen. Die Eltern werden von ihnen fast vollständig 
ferngehalten. Ferienaufenthalt im Vaterhause gibts überhaupt nidit, 
nur unter argwöhnisdier Aufsidit werden Besudle in der Aka= 
demie geduldet. »Urlaubsgesudie der Zöglinge wurden sogar bei 
dringlidisten Familienanlässen, selbst in sdiweren Krankheits» und 
}odesMkn, rundweg abgesdilagen. Planmäßig sollten die Kinder 
ihren Eltern entfremdet, die natürlidien Empfindungen für die 
Familie unterdrüdt werden. Des Herzogs ,Söhne' sollten die Eleven 
cx"it""^ in ihm ihren Vater und Wohltäter verehren.« ^ So sdireibt 
SAiller selbst in einem Sdiulaufsatz, dem herrsdienden Ton folgend: 
»Dieser Fürst, durdi weldien Gott seine Absidit mit mir erreidien 
will, dieser Vater, weldier midi glüddidi madien wird, ist und muß 
mir viel sAätzbarer als die Eltern sein, weldie unmittelbar von 
seiner Gnade abhängen.« Für die Auffassung von der Stellung des 
Pursten zu den Sdiülern ist es bezeidinend, daß es als die hödiste 
Belohnung für die adeligen Sdiüler galt, die Hand, für die bürger- 
lichen, die RoAklappen des Herzogs küssen zu dürfen. Geisttötender 
iiwang, der jede selbständige Regung im Keime erstid<en sollte und 
eine zur Dressur ausgeartete Disziplin beherrsditen das Leben an 
der Militärakademie und verfolgten die Sdiüler von Morgen bis 
Abend, von Abend bis Morgen. Als Reaktion auf dieses Sklaven- 
dasem wird der wilde Freiheitsruf begreiflidi, mit dem SAiller sein 
dramatisAes Sdiaffen begann. Die Fesseln sdinürten tief in seine 
öeele und er haderte nodi mit ihnen, als er sie sdion lang abgestreift 
hatte. Der Herzog wiederum, der sidi als Beglüder seiner Sdiüler 
preisen ließ und sidi audi selbst so ersdiien, zeigt gegen diesen seinen 
zur künftigen Größe bestimmten »Sohn« eine eigentümlidi sdiwan- 
kende Einstellung Gunst= und Ungunstbeweise folgten einander 
so unmittelbar, daß wir das Vorliegen einer »Gefühlsambivalenz« 
ZTITa"'''''^\^"' ^''""^ ^°^ de«- Entlassung der Sdiüler aus 
ZlJt.f^'^!^ '^^ ^'J^i^'^i ^'^ ^^^ Herzog mit Sdiiller »auf das 
in di/st St'jf ""^^«J't' den Arm auf dessen Stuhl lehnte und 
erhfelt d.r li T ''^'.^r^^ "^'t ihm spradi«. Am nädisten Tag 
liAen Ver.nr.i^"T^'ä"''' '"^ Widersprudi mit einem ausdrüd.- 
v*.eben hLf. 1 p' ^'''°^' ^'^ sdilediteste Stelle, die dieser zu 
Kern lul' ^i^^Simentsmedikus ohne Offiziersrang, nodi dazu 

zwisA^n Frln Ä^'"'' ^"^'•"f"^ A"g^- Denselben ^Ln Wedisel 
zwisdien Freundhdikeit und roher Bedrüdcung zeigte Karl Eugen 



1 Karl Berger, Schiller, sein Leben und seine Werke, München 1912 p. 63/64. 



Sdiillers Geisterseher 



85 



nach der Mannheimer Aufführung der »Räuber« und Sdiillers heim= 
lidier Reise dorthin. Er sandte dem jungen Diditer ein Pferd aus 
seinem Marstall, als er ihn zu sidi nadi Hohenheim kommen ließ, 
empfing ihn dort freundlidi und führte ihn in seinen Anlagen herum. 
Dann kam ein plötzlidier Zornausbrudi, der Deh'nquent mußte nadi 
Anhörung einer fürditerlidien Strafpredigt zu Fuß in die Stadt 
zurüdckchren und sidi bei der HauptwaAe als Arrestant melden. 
Von da an gewann die FeindseHgkeit die Oberhand. Der rohe 
Befehl des Herzogs, das Diditen künftighin zu unterlassen, zwang 
Sdiiller zur Flucht. Durdi diese Feindsdiaft und Verfolgung wurde 
er während langer Jahre zum Flüditigen und Heimatlosen, der unter 
angenommenem Namen von Ort zu Ort irrte, ohne eine bleibende 
Stätte zu finden, angewiesen auf die Gnade seiner Freunde, die ihn 
beherbergten und seinen ewigen Geldnöten nadi Kräften durdi Dar= 
lehen und Bürgsdiaften abhalfen. Es war wohl die stärkste Probe 
für die Reinheit und Festigkeit seines Charakters, daß er in dieser 
Zeit weder in jene Überheblidikeit verfiel, die jedes Opfer als selbst^ 
verständlidi annimmt, weil sie es durdi das eigene Genie und seine 
Leistungen im vorhinein als bezahlt ansieht, nodi in die Verbitterung 
und Kleinmut des Bedürftigen, der sidi durdi ein fortwährendes 
Empfangen herabgedrüAt und abhängig gemadit fühlt. Aber die 
Empörung gegen die Willkür des Tyrannen, die ihm erst die 
sdiönsten Jugendjahre durdi ihre Zwingherrsdiaft genommen hatte, 
um ihn dann von Vaterherd und Vaterland zu vertreiben und 
sdiutzlos der Fremde preiszugeben, kodite in ihm und verlieh seinen 
Jugendwerken den gewaltigen, hinreißenden Sdiwung. Lange Jahre 
später, als er auf dem Gipfel des Lebens stand, führte ihn der Zufall 
wieder in die Nähe Karl Eugens, gerade als dieser die Augen für 
immer sdiloß. Der Zorn war sdion längst einer vollständigen Gleidi= 
giltigkeit gewidien,- ganz beiläufig spridit er von der Todesnadiridit, 
dodi kann er sidi audi jetzt nidit entbredien, den Herzog als den 
»alten Herodes« zu bezeidinen — offenbar in Erinnerung an den 
Mörder der unsdiuldigen Kindlein, dem der Heiland durdi eine ge^ 
glüdite Fludit entzogen wurde. 

Der »Geisterseher« fällt audi in einen diarakteristisdien Wende» 
punkt der äußeren, durdi die Fludit aus Sdiwaben bestimmten Ver= 
hähnisse Sdiillers. Den ersten Teil sdirieb er in Dresden, wo der 
viel Herumgesdilagene endlidi ein stilles und sidieres Plätzdien gc= 
funden hatte, aber nodi immer als Sdiützling der Großmut seiner 
Freunde. Die zweite Hälfte entstand, nadidem er erfolgreidi den 
ersten Sdiritt zur Selbständigkeit getan und sidi zur Übersiedlung 
nadi Weimar entsdilossen hatte. 

Wenn in diesen Ausführungen den zwei Verkörperungen der » Vater- 
Imago«, die sowohl im »Don Carlos« wie im »Geisterseher« auf- 
treten, zwei Vaterbilder aus dem Leben Sdiillers entgegengehalten 
werden, so ist dies nidit etwa so gemeint, als müßten die Figuren 
des Dichters dem einen oder anderen Vorbild entsprechen, Das Un- 




saZen sondern ^'"^!'"*^ T*^ ^" psyAologisAen Porträts zu- 
■nSile; ÄaHo' ' '■' '" .^'^^ P^^^" ^^'- 'hm eigentümlichen, 
das s A dfrlnf j^"'l «^"f- Nur das Moment der Zweiheit, 

heluraufdflh^'''''^"''J'i^'\'''''^ V^^«^'- ^i"^« wenigstens in 
ViS^en N 'lä zugeschriebene Maditfülle und FeindseligLit voll- 

Id MeisVerÄ' ''^'T ^^'' ^^^" ^^'^ ^^'^"*^" f''^'^^" Lehrer. 
Ausdrul ^ ''"' S"'^"^' "^'^ vollendeter DeutliAkeit zum 

ä?estaIt^'Zhr^''l' ^^^'-''^ vermuten, daß die voIIbeleuAtete Fürsten^ 
he mn s^onl n VT'] ^'"^■■üd^^" entspriAt, während die in ge^ 
ge Sc pTur d ''r'i' ""^ "^'^ übernatürliAer Gewalt aSs- 
SAatten dp ^V T "^'^ ^roß nquisitor und der Armenier - dem 

KtdergemS Inie^ihl'"'^''"''*^ ^^^«^' ^'^ '^ ^ ^ '- 

typische"vati!^n.t' T"^ Allwissenheit, wie wir annehmen dürfen, 
Ssttoun. tSn ;" %7'° ^^' ']* ^'^ Wiederkehr der infantilen 
mindef S^Tetzt wlln'd" ^'^ "°^^^"^" Detektivliteratur niAt 
sdien Gebilden den Mithin ^Z I^ä^'T' ""^ Primitivsten literari. 
Holmes, Nick Carter rfni "^ Kardien, nur daß sidi bei SherloA 

und Zaubert heXn mlr\!>T d^'^'^'^"' r^^"" ^'"''^'' ^g^^" 
wiAlung hinzupefundpn W . "'"^"S« Linie logisdier Ent= 

faßbar Ld ästhS^;"enußr;idr'^„ ^" /llwissenheit p^d^oIogisA 
tasiebildungen aber S s[e t'"''*^"- ^^^^^^ «oldie Phan- 

pflegen — das Umgebensein vin"^ • ^'^^^^/urprodukte zu enthalten 
Versdiwörung, die alle Stte L '"0?'^''^"^°''^" ^^*^' f"^^ 
Willen untersdiiebt-kennPnxvLi,VP/^''^ belauert und ihm ihren 
deren Vorläufer der >>G"SeIseh ''"' "^^"^^'^^'^^'^Sesdiiditen, 

genug als dem Hauptsymptom pinl^n'^'''' ^"' ^^^Segnen ihnen oft 
ist der allen Psydiiaternals&^l Geisteskrankheit. Nidits anderes 

d*ß"7'V"^, ^^^f'^^Sungswähn<< Der u!r"r"/^''"'^^' '^^^'^ 
daß der Kranke seinen Wahn in ' J- wr V^^'"^*'*^^ ''«gt nur darin, 

sidi selbst an die Stelle des Li f W'rklidikeit hineinpflanzt und 
von allen Seiten belausdit Sfn? W-j '"^f" ^^^^^- Er wähnt sidi 
zelner, öfter eine VersdiwöruneTd' p'^^'"'^*^^' manchmal ein Ein- 
bewadien jeden seiner SArittp aI, ^^"^^"''^r« oder »die Jesuiten«, 
deutet er als geheime Zeich T^^ ""^ ^^^ ^^^^^^ gesdiieht, 

ständigen,, vergeblich wäre es"\rr-|. 'l/'i '"'"^ ^'''1^' ^^"' 
wissen ihn überall zu findL j -l '^^^' ^^^^ ^u entziehen, sie 
werfen. Den Beweis fr """^ /'?' ""^iditbares Netz über ihn zu 
am Werke ist, wdß er jeda-Lit *' ^f ^^^^rung, die gegen ihn 
düngen zu entkräften 7oU( fu erbringen und alle Einwen^^ 

nisse, tausend kleneA-?^'" unbedeutende Dinge und Vorkomme 
gesetzt und mit belundf '" "^'"^V' '^i^-^inander in Verbindung 
floaten, das mit hlaTsnar^'S"'''" ^^^'''-f^'"" '" ^'" System vert 
geführt allen ALriff^n '^^ "'^A'"' ^^^' unerbittlidier Logik aus. 

gehört zu den Sfcrdif- ^'T '°^'^*^ ^^^^^^^ desVahns 
merkwürdigsten und großartigsten Leistungen und 



Schillers Geisterseher 



87 



wird erst verständliA, wenn man sldi zu der Annahme entsdiließt, 
daß der Kranke einen großen Teil seiner von der Außenwelt ab= 
gezogenen und dadurdi frei gewordenen Libido^Bcsetzung als Motor 
für sein Denkvermögen verwendet. 

Wir finden in der Paranoia also beide Kennzeidien der De» 
tektivgesdiiditen wieder, die allwissende Versdiwörung als Inhalt und 
den versdiwenderisdien Aufwand an strenger Logik als Tedinik, Es ist 
nidit das erstemal, daß wir das Zusammentreffen eines pathologisdien 
Wahnes mit einem anderen, von der mensdilidien Gemeinsdiaft wert= 
gehaltenen Phantasieprodukt, wie hier mit einer modernen Literatur^- 
gattung, konstatieren konnten. Ist der Wahn dodi nidits anderes als 
die verzerrte Äußerung einer durdi Disposition und Erleben ins 
Abnorme gesteigerten AfFektkonstellation, die audi in der EntwiA= 
lung des normalen Kulturmensdien einmal eine Rolle gespielt hat 
und von ihm überwunden, aber nidit völlig ausgelösdit wurde. Wir 
sind sämdidi ein wenig Paranoiker, so wie wir Zwangsneurotiker 
und Hysterisdie sind, sobald wir uns von der Realität abwenden 
und der Phantasie in die Arme werfen,- wir werden halb dazu, 
wenn wir an einem Werk der Einbildungskraft, einem Kunstwerk, 
sdiöpferisdi oder mitsdiöpferisdi=aufnehmend Anteil nehmen und 
ganz, wenn wir träumen. Der »Geisterseher« und die Gattung, der 
er als Vorbild diente, gibt uns also die Möglidikeit, unsere unter« 
drüdcten paranoisdien Züge an die Oberflädie treten zu lassen ohne 
uns in die gefährlidie Nähe des Wahnsinnes zu rüAen, 

Wir haben bisher wenig darauf geaditet, daß im paranoisdien 
Wahn oft nidit ein Einzelner der mäditige Verfolger ist, sondern 
eine Mehrheit von Personen in geheimer Verbindung,- audi im »Geister- 
seher« wirkt der Armenier nur als Beauftragter einer Versdiwörung, 
die der eigentlidie Träger der Allmadit ist, wie die Inquisition im »Don 
Carlos« und die Polizei in jenem Großstadtstoff, Das sdieint zunädist 
nidit gut zu der Annahme zu passen, daß jener Allgewaltige ein Abbild 
desEindrudis ist, den der Vater der Kindertage hinterließ. Wir müssen 
uns aber erinnern, daß der Vater dem Kind keineswegs immer als 
der einsame Gewaltherrsdier ersdieint,- er steht in einem Bündnis 
mit einer anderen Person, mit der er etwas Geheimnisvolles, der 
Neugier des Kindes Entzogenes gemeinsam hat — mit der Mutter. 
Kinderbeobaditungen und Neurosenanalysen haben bewiesen, daß 
die Aufmerksamkeit des Kindes sidi sdion frühzeitig allen Tatsadien 
zuwendet, durdi die jener rätselhafte, in Nadit gehüllte Bund, den 
die Eltern miteinander teilen und dem Kinde vorenthalten, auf« 
geklärt werden kann. An Material zu soldien Sdilüssen fehlt es 
niemals ganz und die kindlidie Phantasietätigkeit setzt das Erhasdite 
auf ihre Weise zusammen. Da dies gewöhnlidi die Deutung eines 
gewalttätigen, grausamen Aktes zuläßt und der unentwiAelten Sexual= 
Organisation des Kindes gerade dieses Stüdt der Erkenntnis des 
riditigen Sadiverhaltes durdi die eigene Triebriditung vermittelt wird, 
entsteht die von Freud besdiriebenc »sadistisdie Sexualtheorie« des 



88 



Dr, Hanns Sadis 



Sei dem G.? '"""J "'^r^'^ ^°" "^'^ Erregung gewebte Angst 

und Un^^nYI ^"" "*'[ ^'^"•"" ^^" Charakter des Grausamen 

mit d.nl ? > '"'^^'m''^°'""^" ""^ verrußten Lust, lauter Züge, 

s™ ihn fn .T'' t.^^'""'f'^ ^^" Geheimbund ausstattet, wenn 

versAüf ^J l^-^f'!"''" '*''"^"'" ^'"fi"^^^' '" Wirklidikeit aus der 

tvoTÄ? i^'" ^"'''"r"""'"""^ ^''^^^'- ^"^ Lidit führt. Diese 

aHp nLtff- Tx"^'P'''*"^'''''^ '^^ ^^^h^"' 3"di viel, viel älter als 

hlLn ? ^^^'?'*i^'\""'''^'"^ ^^'^ »Geisterseher«. Ganze Völker 

Ser 7 "W f^ t' Sf'"gste Anlaß bot, gebildet und mit 

dl er G f '^ ( ■ "^r'^r f^ftS^halten. Immer wieder werden die Orgien 

em d,V f ""ir^^?f"t'" ""^ '"^"^^^ ist ihr Inhalt derselbe: 

sA.nl. A f '*'^/t"*^ Verniisdiung olme Aditung der Inzest^ 

Wiedprir • ""t^.'^''''''''^''^""^ Ermordung kleiner Kinder. Die 

an^elnf r ^'"f ^^'f ^""SSt, welAe die dem sAwäAeren Teil 

tvfS^L A ^' '"''-' r*^. grauenvoll auf sidi herüberzieht, 

Sbeltaten r,.i'™ 7^''J ^"""^^ ''''^' Deutlidiste aus. Jene beiden 

AnhlnlernTr 't°\^'" "''f ^" ^'^''^f^" ^°" ^en reditgläubigen 

KirSvä er ers5S r ^.^^^«'•^^{fi °" vorgeworfen und die frühesten 

derselben Greuel K^.,-r4v; . . ^^^^^^ "^^r, wurden die Ketzer 

tung gefordert und V* £ad.?'ö'- ^r"*^"!]^ ^^^^"^ ''^^^ ^"^^°^' 
Montanisten, sowie dTSe^d 'n/e^ i;::^tef ^%^^^ ^^^'^"^ 7^ 
Zauberer und Hexen die der ^ ^ forden. Spater waren es die 
es viele tausendmal 'auf der »Ppin ''V'^"'" S'ibbath begingen und 
»sAwarze Messe«, bei der ein ^ , ^''^''' bekennen mußten. Die 
begangen wurde, war noÄ ^m H f Sf^diladitet und wüste Unzucht 
denn die Marquise vo"° M^l^p^ ^ Lu^^'S ^IV. "[^t vergessen, 
König an sidi zu fesseln Von ? Ar^j"""^^ ^'^^ '^'^^' ""^ d^" 
Heinz Ewers, daß die waKI o "^"V ^"aoux in Haiti erzählt Hanns 
Opfer eines Kindes ihren w^ ^"lingabe untereinander und das 
madien. Sdiließlidi gehört die R f ^"^^ geübten Geheimkult aus- 
giösen Vorsdirift des Kindesmnr5^"''u""^ ^°" ^^'' angeblidien reli= 
nur der Gesdiidite an, sondern ^ "1 ^"^'^dien Osterfest nidit 
Gläubigen und Opfer gefunden ^^Ln t" "^^^ Gegenwart ihre 
in Träumen nidit selten vor und P H ^ ^'"^'^^"^^ kommen audi 
mäßig eben jene infantilen Grund! '^ '-^^"^""g ergibt dann regeU 
sind. Will tnan dieses Tranmolo^ ^^^^' \°^ ^^"^" wir ausgegangen 
Sinti, wie z. B. beim M^ri ?'"''" "^''^ '^P'^*^" '•^^"'"^^'^^ 
läßt sidi zu seiner Übersef '^''''""' ^'" ^^'' ^"'='"^' f^^^^^^^'^^' '° 

Zensur entstellte Wiederc.aS"!l ^"^a"',/'*'^ "^ ^'"^ von der Traum- 
Ehe der Eltern Tnlhäl dI V ^"^^^^^""g ^^s Kindes von der 
also nur eine abgesdiwädiJ Verschwörung im »Geisterseher« ist 
paßte Wiederholung efne^tsäk?,! '"^'^'^"^"^", Bedürfnissen ange^ 
Mensdiheit begleite? und T . '"^1'"'."''^^^' ^'^ ^'^ Gesdiicfite der 
drüAe der Kinde agehervtjirf '"' '^^f gleichen durd, die Ein-- 

Nodi ein den nl f . ^^" ," ""^ bestimmt wird. 

INO* em den Detektiv^GesAiAten eigentümlicher Zug ver- 



SAillers Geisterseher 



89 



dient Hervorhebung. Im Gegensatz zur gesamten übrigen erzählen^ 
den Diditung spielt bei ihnen die Liebe nur eine geringfügige Rolle. 
Sie behandeln den Kampf von List gegen List, Mann gegen Mann, 
die Frauengestalten, die als Siegespreis oder bei der Intrige Mit- 
spielende vorkommen, könnten ebensogut fehlen, ohne daß die 
Handlung ihren Zusammenhalt, die Erzählung ihren Reiz verlieren 
würde. So vermißt man denn audi in dem in Dresden festgelegten 
ersten Teil des »Geisterseher«, in weldiem die Umstrickung des 
Prinzen durdi Gespensterspuk und seine Selbstbefreiung durdi die 
Waffen des Verstandes mit vollendeter Konsequenz gesdiildert wird, 
das weiblidie Element und die erotisdien Motive ganz und gar nidit. 
Wenn im zweiten Teil die »Griediin« und mit ihr die Leidensdiaft, 
die sie dem Prinzen einflößt, in die Handlung tritt, so wirkt diese 
Wendung zunädist überrasdiend, beinahe verblüffend. Die Ausmalung 
des Gefühlsübcrsdiwanges, dem sidi der Prinz überläßt, steht in 
merkbarem Widersprudi mit den sdiarfsinnigen und stahlhart be= 
redineten Kombinationen der bisherigen Verwülung. Man fühlt, 
daß hier irgendwo das Geheimnis der Unlösbarkeit dieser künst= 
lerisAen Aufgabe verborgen liegt, das den sonst so willensstarken 
und beharrlidien Diditer zwang, das begonnene und sdion ver= 
öffentlidite Werk als Torso liegen zu lassen. 

Die Besdiränkung auf ein Gesdiledit und die in der Literatur 
ungewöhnlidve Vernadilässigung des Interesses an der Frauenliebe, 
die den ersten Teil und die zu seiner Art gehörenden späteren 
Werke auszeidinete, sind eine weitere Übereinstimmung mit der 
Paranoia, in deren Verursadiung nadi den Forsdiungsergebnissen 
Freuds die libidinöse Fixierung an das eigene Gesdiledit eine be= 
deutsame Rolle spielt. Es ist audi ohne Zuhilfenahme dieser, durdi 
die Vollständigkeit einer soldien Parallele hübsdi belegten Grund= 
ansdiauung sehr deutlidi, weldies Stüdi des Seelenlebens Sdiillcrs 
sidi im ersten Teil dargestellt hat, nämlidi die Eigenart seiner 
Bindung an die freundlidien und feindlidien Männergestalten, die 
der Reihe nadi in sein Leben traten. Der erste dieser Reihe war, 
wie es Regel ist, der eigene Vater und jeder Nadifolgende mußte 
etwas von seinem Bild an sidi tragen. Bei einem Diditer findet diese 
Urgestalt ihre Fortsetzer auf zwei verfolgbaren Linien, in der 
Phantasie und in der Realität/ auf beiden Wegen kommt sowohl die 
Liebes= wie die Haßeinstellung wieder zu Wort. So bildeten sidi 
in Sdiillers diditerisdiem Sdiaffen die zwei Hauptmotive, denen er immer 
wieder nadiging: Empörung gegen Tyrannenmadit und Bruderzwist, 
neben die dann hie und da die rein zärtlidie Ausprägung tritt in 
der Konzepüon von Gestalten wie Andrea Doria und Atting= 
hausen, und der brüderlidien Freundsdiaft zwisdien Carlos und 
Posa, Moros und seinem Bürgen, Julius und Raphael, Audi in der 
Realität finden wir den verfolgenden Tyrannen, den Herzog Karl 
Eugen, und daneben den brüderlidien Freund, der die Rolle des 
Vaters, als Erhalter und Versorger auf sidi genommen hat. Der 



n 



90 



Dr. Hanns Sachs 



I Pf 






l!i 



reinste Vertreter dafür war Körner, als dessen Sdiützling und zeit- 
weiliger Hausgenosse Sdiiller die erste Hälfte des Romanes verfaßte. 
S f I T^^'^^ ^*'''^''' ^^^ der eben selbständig Gewordene mit dem 
rianbesdiahigt, eine Frau heimzuführen und eine Familie zu gründen. 
A 5° '^f ^^i' ^^"" "'*^ '" ^^'^ "••sprüngiidien Anlage des Werkes, 
so doch auf alle Fälle in dem Lebensgang des Diditere gut begründet, 
dal) in diesem Teil des Werkes eine Frau in die Männerwelt des 
Komanes hineintritt, ihre Gestalt, in der die Liebesbereitsdiaft Sdiillers 
zum AusdruA gelangt, verdient eine eingehende Untersudiung. Da 
inr tatiges Fingreifen in die Handlung nur am Sdiluß mit einigen 
feilen erwähnt wird, lassen siA an ihrem Charakter nur allgemeine 
Juge, Frömmigkeit und Seelengiöße, feststellen, und audi die Sdiil- 
öerung ihrer Ersdieinung läßt eine fast überirdisdie Sdiönheit, aber 
Kerne besondere Eigenart erkennen. Ungewöhnlidier Art und sdiarf 
umrissen sind nur ihre Lebensumstände, die, fast so wie der Stoff 



_-.... .«^„ ^„,u nur inre Lebensumstände, die, fast so wie der btott 
jener Rahmennovelle aus den »Räubern«, aus einem anderen Jugend« 
^^^U^aI^ für Zug herübergenommen zu sein sdieinen. Sie ist 
der Heimr f R ' ^^''^^^^^^R, das gezwungen wird, fern von 
föLn Tn Ä ^!f*"'^^f ^'" dunkles und bedrüd<tes Dasein zu 
Se Geliebff Hn "!?' ^I^ '1^' ^°" ^^^ edelsten Motiven geleitet, 

seLer Ränke spinnenden u" ^i?"^^"'' ^'^ --"^^ ^''^''^^'t' '^ 
zuzuleiten denen ihr n ^'"«^^""S zu entreißen und den Idealen 

von ihren' sSsatn ^:T' f ''''}■ ^^ '^^ -l'<=^' -^^ ^^^ ^°T 
ebensogut auf die Ldv J-,^^ ^"^5"^^^/ ""d es paßt ausnahmslos 

tiefer ausgeführte FT^ur n.l '^'^^'^ ^'^^'^^ ^^' ^'^ ''''^^' ""f 
nidit auf die Griediin ^U " ^'"'^"'^ ^"«^^ mitbekommen hat, die 
Gesdiehnisse am SAInR F^d"^^" ''"^- D^^r Zusammenhang der 
aber die starke HervnrVok ^°'?3'\es läßt siA zwar nur erraten, 
Frömmigkeit, sowie da. O-f^ "^f katholisdien Glaubens und der 
andere Lösun? zu alT ^ '/« ,"" ^'^ ^^'''^t. lassen wohl keine 
sdiworenen ihre rp!.? / ■ '^^' Armenier und seine Mitver- 

sie den Prinzen zum Arfi'""'^f •^'^"'^'^'^^'^ ^^""^^<^" ""^ Y 
muß, weil sie da. ^, kl '''['''^'" w°"'^" ""d daß sie sterben 
ginn und den gSpW '*'"'*^ Geheimnis zu durdisdiauen be. 
, ir PrTstlenT SJ de'V" TT '^°""^^'- ^^^ ^''^-^ '-ßbraudicn 
ihre selbstsüAtigen Zwe^? J"^"'r/'; "^'"'^ ^P'^^^ " ^^^'l' ^"v 
Absdieu von iE t A ^^"l Edelsinn der Lady, die sidi mit 
Das Motiv läßt sTch d n '4,""*<^"'^ ^^^ ^'^ Wahrheit erfahren hat, 
zusAreVben da est ^ ^''^'^{J}'^'^' "lit um so größerer Gewißheit 
seher<< foLnden Pro^t^f "''" ^""^ "^* ^'^^^ '^"gen, dem »Geister, 
wo die Sn W "^^'.T'?'"^^' '"1 »Wallenstein« wiederkehrt, 
seine Liebe zu Th.U^^ ''\ ,^^'""^^' den Max Piccolomini durdi 
daß sä der rein/ ^ 'T ^Jl^^" ^" ^e'-^l^'^^" ""d daran sdieitert, 

Für dip r ^^ x^-(r < '-^^ 2u dienen. 
ist nun hreLLt-^'^^°'^' ^^"^ ^^^ Gricdiin als Vorbild diei^te, 
.hieiseits wieder eine andere Gestalt Modell gestanden, 



Sdiillers Geisterseher 



91 



diesmal allerdings keine einem Drama oder Roman entnommene, 
sondern eine der Wirklidikeit angehörende Person, die dem heran= 
wamsenden Knaben fast täglidi gegenüberstand: Franziska von Hohen= 
heim, die Maitresse en titre des Herzogs Karl Eugen. Ein edles und 
liebevolles Gemüt, wie die Lady des Trauerspieles, war sie mit 
besserem Erfolge bemüht, den Fürsten seinem wüsten und ver= 
sdiwendcrisdien Leben zu entreißen. Unter ihrem Einfluß verscfiwan= 
den die ärgsten Willkürlidikeiten und Mißbräudie, der Herzog be= 
gann sidi für das Wohl seiner Untergebenen zu interessieren und, 
wenn audi in seiner despotisdien und gewalttätigen Weise, dafür tätig 
zu sein. Die »KarlssAule« war eine der Folgen jener geänderten 
Sinnesart und bei seinen täglidien Besudien wurde der Herzog oft 
von der Gräfin Hohenheim begleitet, die als einzige Frau dort 
Zutritt fand. Von der alten Aussaugung und Unterdrüdiung blieb 
immerhin genug zurüd^, um der zarten und gütigen Frau sdiwere 
Stunden zu bereiten, so daß die Verhältnisse von den in »Kabale und 
Liebe« gesdiilderten nidit allzuweit ablagen. Zu einer soldien dra= 
matisdien Steigerung wie dem Absdiied der Lady hat es das Leben 
freilidi nie gebradit. 

Man darf es wohl als selbstverständlidie Gewißheit hinstellen, 
daß für die heranwadisenden Jünglinge, die in der Karlsschule ab- 
gesdinitten von jedem weiblidien Verkehr, selbst mit ihren Familien^ 
angehörigen, ihre Entwidilungsjahre durdrlebten, diese Frau der 
Brennpunkt wurde, in dem sidi ihr ganzes erwadiendes Liebesbe-- 
dürfnis sammelte. Mehr als für seine Mitsdiüler mußte das für den 
Diditer gelten, der sdion in so zarten Jahren einer Leidensdiaftlidi= 
keit fähig war, wie sie sidi in den »Räubern« offenbart. Zum 
Tyrannen haß gesellte sidi so die Eifersudit auf den Besitzer der 
begehrten Frau, wenn nidit vielmehr die Eifersudit, oder eine nodi 
ältere, der sie nadigebildct war, zu den tiefsten Wurzeln dieses 
Hasses gehörte. Die Gattin des Herzogs — das war Franziska von 
Hohenheim in jeder Hinsidit, und wurde sie audi nadi dem Tod der 
ersten Gemahlin — und ältere, gütige, die Strenge des Gemahls 
lindernde Frau war dazu gesdiaffen, im Gefühlsleben des Knaben 
die Stelle der Mutter einzunehmen, wenn audi nidit ganz in dem 
Sinne, in dem der Herzog den Vater ersetzte. Dieser übernahm, 
wie wir gesehen haben, selbst die Vaterrolle und bemühte sidi, den 
ersten, natürlidien Vater ganz zu verdrängen, so daß durdi sein 
Eingreifen eine ganz ungewöhnlidie seelisdie Konstellation entstand. 
Daß der Mutter eine Nadifolgerin gegeben wurde, das gesdiah 
durdiaus in der gewohnten Weise, das heißt, ganz einseitig von 
selten des Sohnes. Die realen Verhältnisse zeigten nur das üblidie Maß 
von Entgegenkommen zur Ermöglidiung der Identifizierung, im übrigen 
blieb der ganze Vorgang innerlidi, auf das unbewußte Seelenleben 
besdiränkt. Man kann daher wohl behaupten, Sdiiller habe einen 
zweiten Vater gehabt, da der Herzog die ihm zugefallene Rolle 
übernahm und aktiv durdiführte,- hingegen nahm die Ablösung von 



nr 



92 



'li i 



Dr. Hanns Sachs 



stanÄ i ?^?TI^"''^'" ^^--'^"f' ^^« der Knabe einen Gegen^- 
n wesenff r ^^-'^ ''^l^^'^^bedürfnis zu finden suAte, der dem ersten 
mmlr l/L Ifl.f""^'^ ^^'' ^^ ^' von Ersatz zu Ersatz 

oSi 7eX ^T ^'^f ''* entfernend bei dem geeigneten Liebes^ 
BHd dieSr^ ß^^^'/" c'^^"- ^^ L'^'^^ "'^ untergeht bleibt jedes 
diiteri r/n p'^^' l^'' Erinnerung hinreißend teuer/ um bei der 

Kte ^frP f °l "•'"r .""' '^^"^ Unbewußten hervor seine alten 
Keaite mit brfolg geltend zu madien. 

Betriff .?r4,^"'^'"c^^''^'^^ Anekdote zeigt uns den Knaben im 
vSm t /"r^''"' des Herzogs zu'versetzen. Der Fürst 
von ihnen If HT^, "^' ^'" Zöglingen sAerzend, daß einer 
naLuähln V""^' ^i'"^'"' ^'"^ ausgezeidinet darauf verstehe, ihn 
Thn nalde"- ^r JunsAte eine Probe zu sehen und SAiller begann 
Ton zu evTm; • ' ^^"^^" Stock ausgebeten hatte, in seinem eigenen 
Imitator an Ir ""'p P' t'" "^'"^^S "I^^' ^^^^tand, sArie ihn sein 
beim Arm und r^ ^^Kf''" ""'^'" ^^^ ^^^ei stehende Franziska 
SoVLS^... J%^''"'i ^^r ^'ä'Sst davonzuführen, so daß der 

Wenn w r un'^''?l?T'^= ^^^^»^ ^'^ ^'^ ^'^ F^^"^^''« ' 
uns hadert line .n(^' ''^'u ''^'"' ^^^ Vorurteil aufzugeben, das 
als Spiel LgeseheneFn"''';"''*''*^' ^°" ^^" ^^i^igi^n selbst 
Stelle 'die Er'^ätng sft'z^^^r^^ .^ "^^men, und%n seien 
eines leidensdiafthdven Xr ö; ^' i""" ^'^ unterdrüAten Affekte 

ein kostbarer Mome 't t> '"■'"1^^^" ^udit unterworfenen Knaben 
und endlidi einmal wnn'" T ^*'' ^'^ ""' ^^ine Saturnalien feiern 
er zu gchordien gewohnt wai.""^"'''^'^"''' ^^" '^'" ^'''^^^' ^° 
Vorganges interessant und ai.fc^l ß •? '^''"'^ ""^ J*^^" Detail des 
einzige Gelegenheit so^u/ j "^^'^ ^^'"- Daß der Knabe diese 
Begleiterin von der Seite r^, -ß" ^^""^^te, um dem Herzog seine 
hält dann den Charakter Pin/"^"V"?^ ^''^ ^" ^'^ ^" ziehen, er- 
WunsA erfüllt wurde der ^^ symbolisdien Handlung, mit der ein 
verlangte. Das Vergnügen A ^"5^ vergeblidi nadi Befriedigung 
selbst abkanzeln zu XJ..! • "' ^^" strengen Erzieher einmal 
sidi mit ihm zu id^nHf; ' '^^ ^^ unverkennbar, aber der Wunsdi, 
Voraussetzung der c^.f'f^"' o P",*' "°* ^^'t deudidier aus der 
wiAelten ImitationsfähS fr^- ^'^i*'^' ^"s der liebevoll ent- 
unter Sdiül^m sS^^ cf •K^•''^^^*^'^■^""^ des Lehrers, die ja 
drud des starken Interesfes L^' ' '% ""'" ^'''^'" T^*' '^'^ ^"'" 
treten aus dem enpst^n R 5'"^?; f^""^^"- ^'^ nadi dem Hinaus- 
ersten RespektlS^'^ef vf. ^'^ .^-^^''hauses an die Stelle der 
Der typisAe fagtraum 1. ci^'r' "\ ^'^'<^'' Hi"sidit getreten ist. 

enge, freundsdiaftlidie Be^ttT ^ ^''r '"■'?«^^ 'f^" "^'^ d^'" L^'^"""' '" 
Sdiritt weiter indem Qi,. ^ • J^'■r^^'^ Imitation geht nodi einen 
Audi die Verspottung !?" '" j ^^'■'°" ^^^ Lehrers hineinversetzt, 
ist, gilt dem Lehrer in e • d ^^""^rtigen Nadiahmungen enthalten 
_^J_aem Lehrer m semer Eigensdiaft als Nadifolger des Vaters, 

■ Karl Berger, SAiKer, sein Leben und seine Werke. I. Bd, 



Sdiillers Geisterseher 



93 



dessen geheiligte Person nidit direkt von einer soldien Herabsetzung 
getroffen werden darf. Die psydiologisdie Entstehung der Kariltatur, 
erst mittels Geste und Maske, dann durdi das Zerrbild, knüpft an 
diese Voraussetzungen an. . , , , . 

Wir haben hinter dem bei Sdiiller so häufig wiederkehrenden 
Motiv der Auflehnung und Empörung die alte Feindseligkeit gegen 
den Vater gesudit. Wir wollen nodi eine Stelle aus »Maria Stuart« 
nachtragen, die hieher zu gehören sdieint: 

! „, .. Maria; 

. ' Was? Euer Oheim, euer zweiter Vater? 

Mortimer: 
' ; ;■ ' Von meinen Händen stirbt er. Idi ermord' ihn. 

Die Ersetzung des Oheims durdi den Vater, die wir für den 
»Geisterseher« vermutet haben, wird hier, wie in jener sAon zitierten 
Stelle des »Teil«, deutlidi ausgesprodien. Das Motiv des Mordes 
ist die Errettung der Geliebten, einer nidit mehr jugendlidien, fast 
sdion verblühten Frau durdi einen sdiwärmerisdien Jüngling. Da 
der zu beseitigende Wäditer der Vater ist, so haben wir einen redit 
durdisiditigen Fall der typisdien »Mutter-Rettungs^Phantasie« vor 
uns. Das erotisdie Begehren als treibende Kraft wird in der Gestalt 
des sinnlidhen Gewaltmensdien Mortimer aufs hödiste ansdiaulidi 
gemadit. In abgesdiwäditer Form finden wir dieselbe Situation im 
»Teil« wieder, wo Rudenz durdi den Wunsdi, seine eingekerkerte 
Hertha zu befreien, zum Ansdiluß an die Versdiwörung und zu 
offener Gewalttat getrieben wird. Audi die Befreiung einer anderen 
Bertha aus dem Gefängnis, nämlidi in »Fiesko«, reizt ihren Liebhaber 
Burgognino zum Tyrannenmord auf und hier ist der Ermordete 
sogar direkt als sexueller Rivale gesdiildert, der auf seine Madit 
trotzt und sidi der rohen Gewalt bedient. Am deutlidisten ist die 
Ursache des Vaterhasses im »Don Carlos« ausgesprodien, wo die 
Liebe zur Mutter in den Vordergrund tritt. 

In dem gleidizeitig entstandenen »Geisterseher« ist es wieder 
in den Sdiatten gerückt,- Herrsdisudit und Radigier treiben den 
Prinzen zum Verbredien. Aber neben dem Fürsten steht als zweiter 
Vaterrepräsentant der Armenier und diesen sehen wir kurz vor dem 
Abbredicn des Romanes in geheimnisvolle Beziehungen zur Geliebten 
des Prinzen verwickelt, denen, wie die Erzählung Civitellas andeutet, 
das erotisdie Moment nidit fehlt. Haben wir früher vermutet, daß 
die Aufnahme dieser weiblichen Figur daran mitsdiuldig war, daß 
Sdiiller das "Werk unvollendet ließ, so sehen wir jetzt die Umrisse 
jener Gewalten, die hemmend in das Räderwerk seiner Produktion 
eingriffen, sdion etwas schärfer. Wir müssen uns aber nicht nur auf 
die innere Verwandtsdiaft mit dem »Don Carlos« berufen, denn 
der »Geisterseher« enthält, wie wir wissen, auch das zweite Lieb* 
lingsmotiv Sdiillers, die Rivalität der Brüder in der Erzählung des 




Dr, Hanns Sarfis 



Sizilianers. Wie d>e Auflehnung gegen den Vater im »Don Carlos«, 
so sind die teindidien Brüder in der »Braut von Messina« am 
deutlidisten und klarsten gestaltet. Daß die Eifersudit der Brüder 
aur die K.valität bei derselben Geliebten beruht, ist zwar im »Geister- 
seher« und in den »Räubern« audi gesdiildert, aber in der »Braut« 
^mmt ein wichtiger, neuer Zug hinzu: Die von beiden Brüdern 
Ueliebte ist ihre Sdiwester. Eine eingehende Untersudiung des 
Mardienmotivs der rivalisierenden Brüder S die dieses Motiv von 
dem "-^nmmsdien Märdien durdi das ägyptisdie Brudermärdien und 
den Usins=Mythos hindurdi bis zu seiner psydiologisdien Grund- 
rorm eri-orsdite, hat ergeben, daß der ältere und jüngere Bruder 
eigentlich Vater und Sohn sind. In der späten Ausprägung im 
deutsdien Mardien werden zur Verwisdiung dieses Ursprungs die 
ßruder zu Zwillingen gemadit. Der unbewußte Affekt aber, der diese 
grzahiung von Mexiko bis Ägypten in gleidimäßig wiederkehrenden 
formen entstehen ließ, ist die Eifersudit des Sohnes auf den Vater, 

\^"^"l .^^^"^^^""^ ,""■" ^'^ ^"tter sein kann. Was wir aus der 
Mardienliteratur durdi mühsame Vergleidiung und weitwendige 

^^/n;! \Yr'^"''rf'^V"'"'''^"' ^^s verrät uns der Diditer mit 

3"^"!-. ^"^P°'\^''^'" "^'^ählt seiner Mutter von der Liebes^ 
wähl, die er getroffen hat: 

_GleiAgiltig war und niAts bedeutend mir 
Denn .?"'" "■ ^^l^^ätziges GesAleAt, 
Uie idi gleich wie ein Götterbild verehre 



li, H fT ^'t"'^*^'^ wunderbar ergriff 

nJ f " l""7^^^" '"'* ih'-e Nähe 

Sie Reizf ^I'^f' ^°'^^^ Zaube war's, 

S ÄAt"d^rf '""^J'' "^^"S^ ^Aweben, 

Es wa"t tf P''"^^^^S°""^^^^" Gestalt - 

Was mU ff'' ""^ geheimstes Leben, 

Was m,A ergriff mit heiliger Gewalt.« 

aussAließli(l!"an^di'e''\ff."^^'' r^" <'^'^ Sdiwester auf den bisher 
kann dodi wohl nur A^ KU flf ^^^ten Weiberveräditer ausübt, 
genau so wie der Prinr -^^"'^'^^'t mit der Mutter sein. Ganz 
Geliebte zuerst in der Kir^ ^>Geisterseher« sieht Don Cesar die 
er sidi, sie wiederzufinden; ^^"^ ^^^"'° ^'^ ^'^^^' ^^"'"^'* 

An'all^pl'Ti''^' ^^^n '* ''^'^^^ diA 

Wol ^ A T. ""1 verborgenen Orten 
Ul' tt" ?*°"^UnsAuld zeigen kann, 
^ Hab ,A das Netz der Späher ausgebreitet.« 

Rank und Sachs.^ ^"^""^ ^^^ PsyAoanalyse für die Geisteswissensdiaften« von 



Sdiillers Geisterseher 



95 



Es ist die Ähnlidikeit mit der Mutter, die ihn an Don Manuel 
rührt und zur Versöhnung bewegt,- aber audi bei diesem sdieint 
die FamilienähniiÄkeit unbewußt fesselnd mitgewirkt zu haben, als 
er sidi in Beatrice verliebte: 

Don Cesar; 
Idi seh' didi an, und überrasdit, erstaunt 
Find idi in dir der Mutter teure Züge. 

Don Manuel: 
Und eine Ähnlidikeit entdeAt' sidi mir 
In dir, die midi nodi wunderbarer rührt. 

Wir erfahren aber audi, daß sdion von Anfang an die Eifer^ 
sucht auf die Liebe der Mutter den Haß zwisdien den Brüdern 
sdiürte. — Wir hören zunädist, daß er aus frühester Kindheit 

stammt: 

»Dodi eures Haders Ursprung steigt hinauf, 
In unverständ'ger Kindheit frühe Zeit« 

und dann später klagt Don Cesar mitten im namenlosen Sdimerz 
über seine Freveltat: 

»Sie hat midi nie geliebt! Verraten endlidi 
hat sidi ihr Herz, der Sdimerz hat es geöffnet. 
Sie nennt ihn ihren bessern Sohn.« 

Ja, der Gedanke, daß die Mutter ihren ermordeten Sohn mehr 
lieben müsse als den überlebenden, treibt ihn zum Selbstmord: 

»Denkst du, daß idi den Vorzug tragen werde. 
Den ihm dein Sdimerz gegeben über midi?« 

Das ist wohl mehr, wie die ruhige zärdidie Liebe des Sohnes 
■ zur Mutter, das ist eine Leidensdiaft, die ihre ungestüm fordernde 
Gewalt von der Kindheit her nodi bewahrt hat. Wir dürfen audi 
nidit übersehen, daß es der jüngere Sohn ist, der die Mutter mit 
soldier aussdiließlidier Zärtlidikeit liebt und daß er den älteren er* 
mordet. Dieses Altersverhältnis, das für das Märdien typisdi ist, 
kehrt beim Mordversudi des Franz Moor und bei der Bluttat des 
Lorenzo im »Geisterseher« wieder. Bei Sdiiller also, wie im Märdien 
stehen hinter den beiden Brüdern Vater und Sohn und die beiden 
Hauptmotive seiner Diditkunst, die im »Geisterseher« nebeneinander 
auftreten, sind nadi ihren psydioanalytisdien Rüdtführungen nur zwei 
typisdie Ausprägungen ein und desselben Urmotivs. 

<Fortsetzung folgt.) 



96 



Leo Kaplan 



Der tragische Held und der Verbrecher. 

Ein Beitrag zur Psydiologie des Tragischen von LEO KAPLAN. 

DasSdiuIdbeyußtsein und die Strafe. -Orestes. -Marmeladow. - 

- Brynhild. — Der Sündenbodi. 



Raskolnik 



ow. 




- >■ ' " »Der Verbrecher ist häufig genug seiner 

.....,..;" ~ . Tat nicht gewachsen: er verkleinert und 

verleumdet sie.« Nietzsche. Jenseits von 

,': Gut und Böse. Aphor. 109, 

■ -. . : ', »Wer über einen Mensdien das Urteil 

. ■■ ■ ; -. spricht, liat es über sich gesprochen.« 

Chassidischer Spruch. 

Das Schuldbewußtsein und die Strafe. 

In einer früheren Arbeit: »Zur Psydiologie des Tragisdien« ^ habe 
ich eine Parallele gezogen zwisdien dem tragisdien Helden und 
...^r1 A"^^'- ^^{ Gedanke war dort folgendermaßen aus- 

Aullrt-"]: -f/' r/'?' ,^^'^ ^^^'«^t ^i^ durdi den Willen der 
sAe^ H.U r I"d«^'dualpsyche suggerierte Norm ... Der tragi» 

Ldde^federn'r" ^A- '^^^ ^^^br^Aer betrautet werden,- seL 
Leiden bedeuten dann die WiederhersteHung der verletzten Norm 

UnwerturteiTs' üÜftäe'^Taf '1°'^ ^-, , '^'^'-^'^^^^r 
lidie Verh^eA^fr Ac. D - ^; ^"* umgekehrt ist der wirk- 

UnLwäÄlumm^rt'' W" ''? ^'' 3ösen','das tief in unserem 
auf siA nehmen er miß h f t' ''fSisAe Held muß er Leiden 
bewußtserrÄe traieT. ^ll^'''' ^^^ fordert unser ReAts- 
bewußtsein - is Gewiljf '*^""S '^'^' ^^"^'^ ^^^ ^Auld^- 
Ausgangspunkt unserer TTn; T ^°\^''^' Wir wollen nun als 
und den Weg von hprV *""S das SAuldbewußtsein nehmen 

Die TatsaAe de SA 'ir"' ^^^^'^*^" AbsAluß verfolgen, 
minalfällen ersiSch: ^^"'^^^^"ßtseins ist z. B. aus folgenden Kri- 

Marie M. Vom Moäl^anTh,-!" ^n '^ 'P'^.*^" ^ ^03 die Bergarheitersgattin 
sAien die FreigesproAene E S^^."f" ^'^\ ^"' Silvestertage 1904 er- 
die Last ihres bösen Gew^ Staatsanwalt und erzählte ihm, daß sie 
und deshalb eingestehe, ihren G/tt!>"^j"'f "^ länger ertragen könne 
, [2] *Im Jahre 1850 hat zu K^" ^"^.* Gi^ beseitigt zu haben.« - 
und seine Kinder umgebraAt p.^r.'^'f^'" Mähren ein Philipp S. sein Weib 
Liebesbezeigungen maAte die PrK;ft dadurA, daß er seiner Magd 

Wut darüber tötete er sie XcM.^^^^'"^'" Gattin zugezogen. Aus 
Kinder erwaAter,, zu w • ,en uS'**' T^ ^^' ^"'•* deren SArei die 
anderen Morgen ging "r zu P " ¥"'''^" ^"finsen, auA diese. Am 
schüttcrt, seine Tat p,ic. • ^'"''^V "nd gestand, von Reue er- 
- ^"^ ^'S^enem Antriebe ein.«^ 



= Imago, Bd. I, H. 2, 
* Ernst Loh sine Dac rjoc»-" j ■ 
fragen, Bd. III, H. 1^3) p 100 .SS"»".?^''^^'^*'"' Ourist.-psyAiatr. Grenz^ 
' P- IW u. 104. Halle a. S., 1905. Carl Marhold. 



Der tragisAe Held und der Verbredier 



97 



Sdion diese beiden Fälle zeugen von einem »inneren Richter«, 
der den einzelnen zwingt, sidi den sozialen Forderungen zu unter- 
werfen Auf den »inneren RiAter« gründet sidi audi der allgemein 
verbreitete Glaube an die »UrteilsbrüAe«. »Auf der Landreise ins 
Totenreidi treffen die Seelen oft auf einen Fluß oder einen Abgrund, 
der übersdiritten werden muß. Einen Fährmann findet man da ge= 
wöhnlidi nidit, dagegen eine Brüdce, deren Besdireiten aber eine sehr 
gefährlidie Sadie ist. Denn sie dient gewissermaßen als automatisdies 
Geridit . .. Die Sünder können die Brücke nicht passieren 
und stürzen in den hölliscjhen Abgrund hinunter, die Frommen 
und Gerediten gelangen unversehrt hinüber ins Paradies.« ^ So 
glauben die Bewohner der Insel Formosa, »daß die Toten einem 
sdieußlidien Abgrund über eine Brüdie von Bambusstäben zu über* 
sdireiten haben, die unter den Sündern einstürzt«. Ebenso verbindet 
nadi mohammedanisdien Sdiilderungen »die BrüAe AI Sirat den 
Himmel mit der Erde, geht aber mitten über die Hölle, ist sAmäler 
als ein Haar und sdiärfer als ein Rasiermesser. Der Tugendhafte 
gleitet sdhnell und sidier über sie hinüber, der Sünder stürzt in das 
Feuermeer, das unter ihm brennt«. »Die Tsdieremissen glauben, 
daß der unterirdisdie Riditer die Toten über einen Kessel mit 
siedendem Sdiwefe! gehen läßt, die Tugendhaften gelangen glüAM 
hinüber, die Sünder stürzen in den Kessel.« »In der Vision des 
Apostel Paulus ersdieint eine sdimale, sdilüpfrige BrüAe über einem 
stinkenden, von greulidien, tcuflisdien Ungeheuern bevölkerten Fluß, 
von der die Sünder beim Passieren herabstürzen und je nadi dem 
Grade ihrer VersÄuldung mehr oder weniger tief einsinken,« ^ 

Die »Urteilsbrüdte« — das »automatisdie Geridit« — ist nur 
ein in Jenseits versetztes Instrument der »Tatbestanddiagnostik«:' 

1 Dr. Marcus Landau. Hölle und Fegefeuer im Volksglauben, DiAtung 
und Kirdienlehre p. 56. Carl "Winters Budih. Heidelb. 1909. 

2 ib, pp. 58, 59 und 61. 

' In der modernen Tatbestanddiagnostik werden dem BesdiuldJgten bestimmte 
"Worte zugerufen, auf die er mit der ersten ihm einfallenden Assoziation reagieren 
muß. Die Art der Assoziation läßt darauf scf>Heßen, ob die "Versudispcrson 
Kenntnis von gewissen Umständen eines "Verbrediens hat, die zu lange »Reak- 
tionszeit« kennzeidinet eine vorhandene "Verheimlidhungstendenz. Zu den primi- 
tivsten Formen der Tatbestanddiagnostik gehört das sogenannte Ordal <Gottes- 
urteil). So lautet z, B. eine isländisAe Regel; »Hast du jemand in "Verdadit, 
didi bestohlen zu haben, so sdireibe diese "Worte auf Käse oder Brot und lasse 
es ihn essen; paxx maxx x vix ax x. Kann er es nicht versdiluden, so ist er 
sdiuldig.« [Davitsson, Island, Zauberzeidi. und Zauberbüdier. Zeitsdir. d. "Vcr. f. 
"Volkskunde. Bd. 13, p. 274], Die "Voraussetzung ist natürlidi die Erwartung, 
daß das Sdiuldbewußtsein beim Betreffenden die krankhafte Reaktion (das nidit 
VersdiluAenkönnen) hervorrufen wird. Dieser Zusammenhang ist besonders klar 
ersiditlidi in folgendem; »Eine Frau sagte zuweilen zu ihrem Sohne, wenn sie 
meinte, daß er gelogen habe; »SteAe deine Zunge einmal heraus!' "War das 
Gewissen nidit rein, so wagte der Junge n türlidi niÄt, die Zunge herauszustedien. 
Durdi jede Lüge entsteht nämlidi nadi dem Volksglauben eine Blase oder eine 
Blatter an der Zunge,« [Mitgeteilt von H. Volksmann. Am Ur-Quell. Monatsdir. 
f. Volksk., her, V. Fr. S. Kraus s, Bd. VL p. 70.] — Audi die »Urteilsbrüdcec gehört zu 
diesen primitiven, nur ins Jenseits versetzten tatbestanddiagnostisdien Instrumenten. 

Imago lV/2 ^ 



98 



Leo Kaplan 



das Sdiuldbewußtsein begleitet den Mensdien bis an die Pforte 
des lotenreidies und muß sidi dort auf das wirksame kriminal- 
psydiologisdie Reaktiv hin sofort äußern. Die Wirkung der »Urteils» 
brude« ist nidit nur, daß der Sdiuldige - der Sünder — bloßge- 
stellt wird,, vielmehr muß jetzt audi die Strafe folgen: der Sündige 
komnrt m die Hölle, wo er seinen wohlverdienten Lohn erhält. 
Die Strafe ist die soziale Abwehraktion gegen die Sünde. 
Verfolgen wir die Wirkung des Sdiuldbewußtseins weiter. 
Aus Esdienburg in Sdiweden wird folgendes erzählt: 

[3] Ein Mann bestritt vor Geridit, der Vater eines gewissen 
Kindes zu sein, und zwar mit Unredit. Er wollte das besdiwören, da 
hell der Riditer Fenster und Türe öffnen, damit der Teufel ihn gleidi holen 
lionnte, wenn er falsdi sdiwöre. Er sAwur dennodi. Er hatte einen 
weiten Rückweg zu machen,- als es nun dunkel wurde, gesellte sidi ein 
grolier schwarzer Hund mit feurigen Augen zu ihm. Die Zunge hing 
dem 1 lere lang aus dem Halse. Vergebens sudite der Mann sich seiner zu ent- 
kdigen Als er mehrmals nach ihm sdilug, wurde plötzlich ein großer 
Kerl daraus, der ihm drohend gegenübertrat. In seiner großen An^^st 
betete ernun, und die Ersdieinung wich von ihm. Aber als er zu Hause 
ankam, fand er keine Ruhe, hatte keine frohe Stunde mehr und 
siechte dahin, bis er eine Beute des Todes war^. 

Der Mann hat falsdi gesdiworen. Auf dem Heimwege treten 
Oew^sensbisse auf, die sidi in der Gestalt des sdiwarzen Hundes 
^es leufels) und des drohenden Kerls verkörpern. Auf die »böse« 
lat folgt die Abwehrreaktion: der Verbredier verliert seine Ruhe 
und wird am Ende eine Beute des Todes. Der drohende Kerl 
ist nur eine Abspaltung des Ich des Verbrechers, eine Pro- 
jektion des »inneren Richters« nadh außen. 

Denselben Sadiverhalt finden wir audi dem folgenden Falle 
zugrunde liegen: 

[4] Unweit der Medilenburg=StreIitzer Grenze beim Dorfe Menz 
hegt am Wege ein Stein, in wcldiem eine Leiter und ein Besen ein= 
gehauen ist. Auf dieser Stelle, nodi heute der Totsdilag genannt, soll 
ein i>diornsteinfegerIehrIing aus Rheinsberg seinen Meister seines Geizes 
wegen ersdilagen haben. Der Mörder habe, so erzählt man, nach seiner 
lat keine Ruhe gefunden und dieselbe im Groß=Woltersdorfer Pfarr= 
hause eingestanden,- denn es sei ihm immer jemand gefolgt der 
ihm fortwährcnddasWort »Sag's« zugerufen habe. PrinzHein'rich 
weldier damals in Rheinsberg wohnte, habe die Begnadigung des Mörders 
erwirkt, dieser aber nidits davon wissen wollen, und so sei er denn in 
INeu-Kuppin hingeriditet worden 2. 

Audi hier findet der Verbredier nadi seiner Tat keine Ruhe 
mehr, das böse Gewissen <die Abwehrreaktion gegen das Vcrbredien) 
fuhrt Ihn ins Pfarrhaus, wo er sein Geständnis ablegt. Der »innere 
Richter« wi rd nadi außen projiziert und ersdieint dort als ein »Jemand«, 

' Am Ur-.Que!l. Bd. VI, p, 719 
- Am Ur--Quell, I. Bd., p, 121. 



Der tragische HeJd und der Verbredie 



99 

der den Verbredier unaufhörlich verfolgt. Nodi krasser ^U in A 
vorherigen Fall tritt hier die SelhstbitraC I lar zuttl ^T 

u. ein^'el^^täl^ionTetr?^^^ llt^tZl ^" '''T'^' 

haben Et^rÄ^.tiT;'^^^^^^^^^^ ^^^-t. Viele 

so verkünden die Araber redi^^üt L. .Ij k "^ '?"" '" "*"^"' 
Erntezeit mußte jemand ^onihnf^sterbfnD.f"'' ^/^^ '"?'"-^-"r 
bringt, wird seitens der Araber den S£' /a^L^I"" ?°^^"> ^od 

leute) zugesArieben. Datr pL'" die Äf " i^'^n' "■^' ^- ''■ ^^^^^ 
das neu,epfla,te Land ^^ £':^^F^£:^ ^'^^^ 

bead.tt'n" dS' dirS' in^^^'^" ^J*/ -verstehen, müssen wir 
Völker die Mut er darstJ r 9 mythoIogisAen Vorstellungen der 
von der >>Mati sTra sem L /rt' f"'" f^^^^^ "°* heutzutage 

Flursegen lau tt ^Hd dTr^g;de M ".t'' ^""f/^"-^^' ^'^ -''«■ 
Ein magyarisdies Rär.P f.l . w' ^""er der Menschen . . «3 

BauA?<fSAmwo tute?^ .Adl^'s^'^'^^y^'^ ^"^ ^^'"^ M"«- 
Das Acfeerbauen wedt be den Ä. T' ^T ^""T ^^' ^'^ ^rde.«* 
ziemlich starken Inzestgefühle Die i'fT^ .t ^^^'•^"Sten, aber nodi 
erlaubte sündhafte Verlangen äußert .K''^^^"°." ^^1^" ^^« ""- 
daß jemand zur Erntezeit sterben ^" n"" '" ^^"^ Aberglauben, 
nad. außen projiziert und ^^^t "ieTm Fal hTT ^^^^T ^''^^ 
<prd=>Damons an. Neu tritt wJr J'*^ ™j^a'e L3J die Gestalt eines 
Strafe von sidi abwenden kann ind ''^'"'^' '^'"^"' ^^'^ "^^^ die 
das Opfertier einführt ' '"^'"^ '""" ^'■"^" Ersatz, nämliA 

auf: e^Ssetä es"^^ ^'' f ?' '" -^'faAer Gestalt 

^iA als mehr oder minder st ke fch ^'V"?''^""'"^ und äuße 
das Gewissen als ein TußerlA LV.T. ^"^^^^/i^s aber ersAeint 

^^iVd.e_die Halli^StSlSÄrL^^^^^^^^^^ 

ff^^^^^E^":^^^ der^^af 1^ ^.^" ^-^ ^'" B-r „a.ens 
Auf die Einreidiung einer Begnadii?un/sblt?I "*^"f"'^V"^ ^""^ Tode verurTeih 
obwohl er ziemiiA stark auf BegnadS ,5' '%'^%" Kantonsrat verzichtete e' 
Frau hinterließ^ Benno* v^ollte er w"e^r tn^"^ !^ '' t ^^ ^'"^ hodisdivrangere 
suhnen.^NaA Zeitungsberiditen.] '' ^"S^''' ^"«-ch den Tod seine Tat 

Ardi. f. Rfgionswi Mxlff.'j'^iT ''°"^^"- '" '■ ''i"- "• -bbin. Literatur. 
Ved. Hirlh ^; ^^-' "-*"* ^^r ,er.a„. M.tho, , 455. Leip., 18.5 
H. V. Wislocki, Am Ur-Quell, V. Bd., p. 20.' 




Leo Kaplan 



für den »Jemand« können nur die Eltern abgeben, die dem Kinde 
gegenüber das Gewissen <die »Zensur«) repräsentieren, Auf jede 
Untat des Kindes reagieren die Eltern mit dieser oder jener ab" 
wehrenden Handlung, sie sudien das Kind zu ermahnen, von dem 
»Bösen« abzuhalten. Die suggestive Madit dieser ersten kindlioien 
Eindrücke sdiafft in unserer Seele den »inneren Riditer«. Wenn wir 
aber durdi mangelndes sittlidies Verhalten gewissermaßen auf die 
infantile Entwidlungsstufe zurüd^^fallen, so wird der »innere Riditer« 
nadi außen projiziert, um nadi alter Weise uns zu ermahnen. 

Der Zusammenhang zwisdien dem »inneren« und »äußeren« 
Riditer ist aus dem folgenden psydioanalytisdi behandelten Falle be- 
sonders klar ersiditlidi. Ein Hysterisdier' hatte oft eine Vision, 
die er selbst in seinen <für den Autor gemaditen) Aufzeidinungen 
als »Drohungen« bezeidinete: 

[6] Hinten und links eine mit Gras bedeckte Wiese, redits dunkel 
und scfiauerlidi, vorne ein steinerner steiler Abhang und eine Grube • - ■ 
Es nähert sidi »Jemand, der Macfit besitzt« und spricht Vorwürte 
und Drohungen, insbesondere das Wort: »Schurke!« . . . [Die hallu» 
zinierte Figur hat böse Augen], 

Im Sommer 19.. lebte er mit Frau und Kind auf dem Gute 
bei einem Freunde. Einmal abends ging er mit einem anderen 
Freunde X, ins Feld aus. Die beiden waren etwas angeheitert/ 
unter anderen Herzensergießungen spradien sie audi darüber, wie 
sdiwer das Leben sei. Er sprach von dem Schuldbewußtsein, 
das er seiner Frau gegenüber habe <zu jener Zeit unterhielt 
er ein Liebesverhältnis mit einer anderen). Sie spradien nodi vom 
Selbstmord und der Furdit vor diesem. Schließlich kamen sie 
an eine steinerne Grube: vorne lag ein steiler Abhang, 
hinten eine wiese etc. 

• ^j"^ yJuzinierte Figur, weldie die Drohungen ausspridit, ist 
somit der Halluziant selber: »Jemand, der Madit besitzt«, stellt das 
nadi außen projizierte Sdiuldbewußtsein dar^ Wer sidi aber noA 
hinter diesem »Jemand« verbirgt, das erkennen wir leidit, wenn wir 
nodi eine Vision desselben Analysanden, die er ungefähr in der- 

Leo Kaplan. Grundz. d. Psychoanalyse, p. 218. Wien und Leipzig 1914. 
rranz Deuticxe. 

' Ursprünglich ist die Projektion ein Mittel' des »Unbewußten«, um im 
Kampfe gegen die »Verdrängung« sidi zu behaupten. Eine Dementia praecox-Kranke 
behauptet, dali das »Frauenzimmer« ihren Kindern befohlen habe, die Finger m 



Denauptet, dai> das »Frauenzimmer« ihren Kindern befohlen habe, die Fmger n 
ihr »bexualsystem« zu stedcen. Auf die Frage wie heißt das Frauenzimmer, folgt 
die Antwort: »Sie hat meinen Namen X. angenommen.« <S. Spielrein, Über d. 
psydiol, Inhalt eines Falles von Sdiizophrenie. Jahrb. f. psyAoanal. und psydiopai 



' ^ui un. 1 idgc. Wie nenn ud» iiauvu.-. ■••■■---■ < 

Namen X. angenommen.« <S. Spielrein, ^^^ ^ 
p.,,„.„., .^..„.. W..VO . „uto vuii odiizophrenie. Jahrb. f. psyAoanal. und psydiopat . 
Forsdi., Bd. III., p. 349.) Wir sehen also, daß mit Hilfe der Projektion ein "be- 
wußtscinsunfähiger« Komplex gegen den Widerstand der Verdrängungstendenzen 
dodi zu seinem Redite kommt. Im Falle der Projektion, mit der wir im Texte zu 
tun haben, gesdiieht etwas Ähnlidies: die peinlidien Selbstvorwürfe sudit man zwar 
von si<fi zurüduzweisen, sie drängen sidi aber in Gestalt der »Vcrfolgungsperson 
dem Bewußtsein wieder auf. 



selben Zeit wie die »Drohungen« hatte, in unsere BetraAtungen 

hereinziehen. ^ ,, r^ a 

m Vision- Ein Bild von Wrubel: Der »Dämon« liegt am Grunde 

eines st inernen Abgrundes ... mit traurigen, bösen runden Augen. 

»Jen^and« der >>Drohungen«, der auA >>bose -"de Augen« 

besitzt,^t also ein Dämon w ^^^^^Jf^^^l^^l^tZ^^ 

fFL:?<f At?K?n"d"tr deT'AnaVnd einmal krank, damals hatte 

" ^'^ [8] Vision: Der Vater als Teufel blid^t durA die Türspalte 

ins Zimmer hinein'. ä„„ A„acn 

Die drohende Gestalt mit den ^osen runden Augen 

ermahnt und strTtt. Im^ürgerliAen Leben tritt die warnende Stimme 
n Gestalt tSters auf, Lsen Urtdlssprudj unsere b-n Triebe 
L Zaume zu halten bestimmt ist, In der Tragödie smd es wu 
selbS Se das RiAteramt übernehmen und den Helden zugrunde 
gehen lassen, den Helden, der ja nur unsere Wünsdie verkörpert. 

Orestes. 
Die im vorigen entwid^elten AnsiAten über das Sdiuldbewußt» 
sein und Ts Ridfteramt wollen wir du«h einige weitere Analysen 
hpkräftiFen Wir fangen mit Aisdiilos Oresteia an. < , j 

Kainmestra ^hat ihren Gatten Agamemnon ermorde imd 
sidi mitAiSstos vermählt. Diese Tat konnte nidit ungeracht bleiben. 
Es mußS - so wurde prophezeit - ein junger RäAer kommen, 
flin Sproß, der seines Vaters Mord vergilt mit Muttermord«. 
De in dS Verbannung lebende Orestes kommt mit seinem Freunde 
PyTadesheimk in dif Heimat, um den Tod des Vaters zu rache^. 
Nadidem er Aigistos ersdilagen hat, stürzt er siA auf die Muttei. 
Diese sudit ihn zu besänftigen. 

Klytaimnestra; Hah ein, o Sohn, und sdieue diese Brust 
^ An der du, Kind, so oft mit zarten Lippen 

Die süße Muttermildi entsdilummernd entsogst. 

Was tu' idi, Pilades? VersAon' idi sie? 

Wo bleibt der Gott mit seinen Sprüdien dann. 

Denk deiner Eide ... , , i- c ■ a\ 

■ ■ Nur nidit die Götter jemals maA dir temd! 

Orestes: Du hast gesiegt und trefflidi midi ermahnt-. 

Nadi vollbraditer Tat wird Orestes wahnsinnig und läuft fort, von 
den Radiegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt. 

^ 1 Leo Kaplan, a. a. O. p. 266, 267, 

- Übersetzt von Hans v. Wolzogen <Reclams Universalbibhothek), 



Orestes: 
Pylades: 



102 



Leo Kaplan 



starke?sZl T """^ ^''" Wahnsinn Orestes' zeugen von dem 
TjtsM^t''''] Tr' Helden Woher stammt denn aber 
füS er doi nT i''' n t^'T 'J^^^" ^°^ ^'' Katers räAt, er. 
daß woOrtt ■ Gebot der Götter! Es ist auA auffallend, 

Anhä^^lSS '"^T aT'^'" ^^'^ R^A^Pflidit und der kindlidien 
SiSen vll f ? ¥r""';; ^^T^"^^' ^^'"^ ^A wester Elektra 
GeS häf d H ^er Handlung für die Mutter nur ein einziges 
tat Mut eL,?fl R \^''i"*' ^^"^ ^^"^ Orestes zu seiner Rache, 
tend d.ß ^ r'!^' ^"f ^'"'f;< Gegenüberstellung ist es einleuA- 
Gatten nid,ff^Q'^'°i''^""Sr^>^^^''""^^^^^^' der Mörderin ihres 
sinJ vor n t ?""^l^'"Pf""den wird, Denn der tragisdie Chor 
smgt vor Urestes Ersdieinen: 

Geronnen ist im Blut 

- ia^L A ^' ""^ ^^'"^^ Trunkes voll 

Nährt Amme Erde unversiegt die Radie, 
Wer in der Ehe keusdie Sitte bradi. 
Ihm blühet mehr kein Heil. 

Tat foVt"''nt*Flu'' °"?'' T Wahnsinn von de, Stätte seine, 
Mutter zur D3r«f^ll„n<l 1 ^"""P'^^" — ^'^ inzestuöse L ehe zur 

voreTnemÄ?n"sefneTS ^ert ^ S't ^^ 'i^^^^'l; 
einen unwiderstehlidien Dran/ft^ItP V t ^^,*^ erwadite und 
Axt zu ersdilagen Nach Von! \''" ^^'/' Mütterdien mit der 
ein Gefühl derErleichteTunl H '^^ ^-'"^'i ^at hatte er 
später!. Um soldie Ersdieimm«.^'' l Gewissensbisse kamen erst 

daß den Kinder^ insbesondere /"^^^'''^'"' "^"^ "^^" ^'^'^''"' 
Tieren, der gesdileAdiAe Verkehr .'k ^'^'X'' BeobaAtungen bei 
dem anderen antut, ersdieint DiTh u- Gewalttat, die der eine 

Antons ist in de infSn ''aS^fe''""^ ^^^ ^'^ ^at des Patienten 
sudien: darum das Gefä^hT Srpf^'? ^"^f^^^""S ^^s Koitus z 
sexuelle Befriedigung) ^ Auch n ^'"'^'^E^'-ung na* der Tat <die 



sexuelle Befriedigung) ^ AuA Oreste^ Tri;^. "'* "^'^ '^.f <^' 
bohsdicn Smn. Daraus erklärf <=;^ j- , ^^^ ^'"^n sexuelUsym 

Fortlaufen und der Wahnsinn Di^ '^^Ä^ Abwehrreaktion: da 
Erinnyensind somit die verköL Orestes verfolgenden 

Orestes wird am Ende vor Ld"^"" Gewissensbisse. 
Greise gestellt. Den Vorsitz führt l7k^^''''^"''Sium der athisAen 
^""^^ ^t^ena, die Anklage geht von 

Kinderforsdb, bYxVII," , 194.^°™'" ^- ^""'^''- "^o^al, Abartung. ZeitsAr. f, 

Königin war mit''dem'"Köniraurdie^S* ^"* "^'^ folgende Sage: »Die böse 
sie los, zerriß sie, trank ihr Blut und l(»i^^^"^^?' P'^^^''* ^^^^ «in Wolf auf 
Prinz vor ihnen.« (H. F. Feilberrrf f •^*?"'^ ^" ^«'"e'' Statt der dänisdie 
Völker Am Ur-Quell. Bd. ]II /; j^o/en^etisdie i,„ Glauben nordgermanisdier 
durdi den sadistisdien Akt —'der inh^A'' *" ,^'" ^'^'^ vervcünsdite Prinz wird 
»erlöst«, d. h. von der sexuellen Span, üb? " ^"S'^''"* <les Koitus - 




Der tragische Held und der Verbredier 



103 



den Erinnyen aus, als Verteidiger fungiert Apollon, Die Stimmen 
der Riditer teilen sidi, den Aussdilag gibt Athena mit ihrer Stimme 
zugunsten Orestes. Daß die Stimmen der athisdien Greise für und 
gegen Orestes gleidi ausfallen, widerspiegelt nur den Zwiespalt in 
der Seele des antiken Mensdien. Derselbe Chor, der in Erwartung 
des Helden seinen Gefühlen in den Worten Ausdrudi gibt; 

Weh uns, weh,- wann kommt für unsre Sadie 

Dodi der Held, der Heil und Hilfe bringt? , , . 

singt, als Klytaimnestra nun tot ist: ' " 

Weh, wie entsetzlidi kamst du um. 

Und Weh erblüht audi dem, der übrig bleibt! 

Orestes ist somit der Verbredier, der in der Seele des antiken 
Riditers selbst saß: die athischen Greise gingen mit sich selbst 
zu Gericht, als sie über Orestes ihr Urteil fällen wollten. 
Mit Redit meint somit ein Reditswissensdiaftler: »Riditer und Ver= 
bredier sind versdiiedene Individualitäten, aber sie sind vereinigt im 
Idi. Das Wesentlidie dessen, was bei jedem Geriditsakt vor sidi 
geht, ist eine Tat des Idi, ein Ereignis im Idi. , . , Die Verbredier= 
Individualität ist nur Symbol und Abbild für ein Verbredien, das 
sidi im Idi befindet, aber anderseits enthält dieses Abbild und Symbol 
wiederum in sidi dasjenige Element, weldies das Auftaudien des 
Verbrediens im Idi zur Wirklidikeit, die vom Idi vollzogene Über» 
Windung zur Wirksamkeit und Tat madit.«i 

Der Verbrecher projiziert die innere Stimme des Ge* 
Wissens nach außen, woraus die verschiedenen VerfoU 
gungsgestalten des Mythus und des Wahns entstehen^. 
Anderseits projiziert audi der »Richter« seine Verbrecher- 
individualität nach außen, auf diese Weise entsteht der 
tragische Held. 

Die Erinnyen und Apollon vertreten im Prozeß gegen Orestes 
die StaatsanwaltsAaft und die Verteidigung. Bei näherer Betraditung 
des Ganges der Geriditsverhandlung ist es nidit sdiwer einzusehen, 
daß die Erlnyen und Apollon zwei grundversdiiedene Kulturweiten 
repräsentieren, Orestes wirft den Erinnyen vor, warum sie Klytaimne- 
stra wegen des Gattenmordes nidit verfolgt haben. Darauf die 



39. 

und 



'.Theod. Sternberg, Die Selektionsidee im Strafredit und Ethik, pp, 37 u 
Berlin 1911. Puttkammer u. Mühlbredit. - »Sieh dir jeden an, der anklagt 
mquiriert, — er enthüllt dabei seinen Charakter: und zwarniÄt selten einen sdiledi* 
teren Charakter, als das Opfer hat, hinter dessen Verbrechen er her ist.« Nietzsche, 
Morgenröte. Aphor. 413. 

2 Der Verfolgungswahn hat auch andere Wurzeln als das SdiuldbewuRtsein. 
Es ist aber hier nicht der Ort, ausführlicher darüber zu sprechen. |Siehe audi Otto 
Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden.] 



Il^T;Iii 



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11 
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li'lll 
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104 



Leo Kaplan 




Erinnyen; Nicht war ihr blutsverwandt, den sie erschlug. 

Orestes: Idi aber bin von meiner Mutter Blut? 

Erinnyen: Trug sie didi, Mörder, unter'm Gürtel nicht? 
Verleugnest du der Mutter teures Blut? 

Apollon: Erzeug'rin ihres Kindes ist die Mutter doch nicht, 
ist Pflegerin nur gesä'ten Keims/ 
Es zeugt der Vater, sie bewahrt das Pfand, 
Dem Freund die Freundin, wenn's kein Gott versehrt. 

Die Erinnyen verfolgen nur Verbredien gegen Blutsverwandte, wobei 
sie die Verwandtsdiaft nur nadi mütterliAer Linie anerkennen: sie 
sind also Anwälte des Mutterredits. Im Gegensatz zu ihnen er> 
sdieint Apollon als der Verteidiger des Vaterredits. Wir sehen hier 
den Kampf zweier versdiiedener Kulturstufen : die ablebendc mutter- 
reditlidie Gesellsdiaftsordnung sudit sidi gegen die aufkommende 
vaterreditlidie Ordnung zu behaupten. In Erwartung des GeriAtes 
geben die den Ausgang ahnenden Erinnyen ihrem Un willen Ausdrudc: 

Umsturz verkündet uns das neue Recht, 
Wenn Sdiuld und SdimaA des Muttermörders siegt! 

Die Freisprediung Orestes' bedeutet also den Umsturz, Orestes ist 
sotnit der Staatsverbrecher. Die Staatsanwaltschaft <in weldier 
Kolle die brmnyen auftreten) steht immer im Dienste der Inter- 
essen der alten sozialen Ordnung, die sie gegen das neu 
Autkommende zu verteidigen hat. 

Im Verbredier vereinigen sich oftmals zwei Naturen; wenn 
I-^l'^Xr ^•1''" V^erfebten, Ehemaligen, vom Gange der Ge- 
sAidite Verurteilten hinzieht, so treibt ihn die andere zur Sdiaffung 
neuer gesellsAafthcher Formen. In der Bekämpfung des VerbreAens 
dl .T-nf ""T' t ^^^^)' verborgen, mit dem antisozialen auch 
das sdiopfensAe Prmzip, das Werdende zu zerstören, 

Marmeladow. 

In Dostojewskijs Roman »Sdiuld und Sühne« ^ treffen wir 
eine Reihe mehr oder minder verbredierisdier Gestalten an. Wir 
greif ^ die beiden für unseren ZweA besonders interessanten Per- 
sonltdikeiten heraus „ä^mlidi Marmeladow und Raskolnikow, 
Q. ff / /^"•^^"I'oJd Marmeladow wird von allen dienstliAen 
Stelen fortgejagt, seine Familie geht zugrunde, die kranke Frau 
Katharina Iwanowna qciält sidi den ganzen Tag und einen Teil 
fe-r^^^ q""- ^^j. ^^"^ 'Aen Arbeiten und Sorgen ab. Die kaum 
ISjahnge Sonja, dje Toditer Marmeladows aus erster Ehe, mußte, 
um die Familie mdit aushungern zu lassen, zur öffentfidien Dirne 
werden. Seine Gewissensbisse sudit Marmeladow wiederum im 



ersetzt von H.ins Moser <RecIam>. 



Der tragisdie Held und der VerkeAer 105 



Weine zu ertränken, »Eben deshalb trinksidi )a,<< sagt er zu Ras= 
Kikow, »denn im Trinken sudie iA Mitleid und Gefühl « Erst 
unlängst war es ihm gelungen wieder eine staatlidie Anstellung zu 
finden und er hoffte alles in Ordnung zu bnngen er wollte die 
Kinder besser kleiden, der Frau die Ruhe zurüdigeben und seine 
Toditer der Ehrlosigkeit entziehen. »Aber nun mein Herr,« erzahlt 
Marmeladow, »am anderen Tage, nadi all diesen Luftsdilossern 
?e?en Abend, nahm idi aus Katharina Iwanownas Kasten den 
Sllüssel, in niedrigem Betrug, wie der Dieb in der Nadit, und 
stahl was von dem heimgcbraditen Gehalt noA übrig war,, wieviel, 
das Weiß idi nidit mehr, und nun blid^en Sie midi an hier bin idi! 
Seit fünf Tagen bin idi aus meiner Wohnung versdiwunden, . . . 
mit meinem Amt ist es vorbei, und die Vizemontur _ liegt in der 
Sdiänke an der ägyptisdien Brüdie,- zum Ersatz für sie erhielt idi 
diesen Anzug — nun ist alles vorbei!« Er ging sogar nodi zu 
Sonja und hat sie um Geld zum Trinken gebeten. 

Dennodi ist das Sdiuldbewußtsein in diesem Mensdien, der 
sidi selbst Sdiwcin nennt, vorhanden, sogar sehr stark ausgeprägt. 
In der Sdiänke fragt er bei Raskolnikow: »Tue idi Ihnen leid, Herr, 
oder nidit? Spredien Sic, ja oder nein? Hahaha!« - >> Wozu didi 
bemitleiden?« rief der anwesende Wirt. Darauf Marmeladow: »Mit- 
leid, weshalb Mideid mit mir! ... Weshalb Mideid mit mir? Das 
ist unnütz,- kreuzigen muß man mich, ans Kreuz nageln, 
aber nicht bemitleiden. Kreuzige ihn, Riditcr, kreuzige ihn, und 
dann erst hege Erbarmen! Selbst will ich zur Kreuzigung 
kommen, denn mich dürstet nicht nach Lust, sondern 
nach Jammer und Tränen!« Marmeladow will in den Leiden 
seine Sdiuld sühnen. 

Dem Sühnebedürfnis liegt ein infantiler Zug zugrunde. Wenn 
das Kind von den Eltern bestraft wird, so empfindet es die Strafe 
als eine Abwendung der Elternliebe und wirbt um so mehr um 
diese. Audi die Eltern ihrerseits sudien ihre Härte dem bestraften 
Kinde gegenüber durdi naditräglidie Zärdidikciten wieder gut zu 
madien. Das Kind gewöhnt sich dadurch die Strafe als 
eine Vergeltung zu betrachten, durch die es ein Recht er= 
wirbt, neue Liebesbezeugungen zu beanspruchen. In reli» 
giöser Einkleidung drüÄt sidi dieser infantile Gedanke folgender» 
maßen aus: je mehr der Sünder hier auf Erden Leiden er- 
duldet, desto eher darf er auf das jenseitige Glück rechnen. 
Diesen Zug finden wir audi in Marmeladows Fall. Im Gesprädi 
mit Raskolnikow äußerte er sidi früher; »Lieber Herr, es ist ja so 
nötig, daß ein jeder einen Ort habe, wo er Mitleid findet . . .« 
Hier auf Erden hat Marmeladow auf nidits mehr Gutes zu warten, 
er kann nur nodi mehr Leiden bekommen. »Erbarmen kann sidi 
unsrer nur der dort oben, der sidi aller erbarmt, der alle und alles 
kennt, er, der Einzige, der Riditer ... Er urteilt über Geredite 
und Ungeredite, über die Hoffärtigen und Friedsamen, Und wenn 



106 



Leo Kaplan 




K^^Z ^\ l'^^"^ mit allen, dann wird er spredien zu uns: 
Aommt audi ihr her, die Säufer und SAwadien, die Lasterhaften !' 
und wir werden kommen, alle, ohne Sdieu und vor ihn treten und 
II 7 A '^^^"\^^ '^'"^ S:leiA dem Vieh, dodi her mit eudi!' Und 
IL [ A ^'^^^/'sen und die Klugen ausrufen; ,Herr, weshalb 
nimms du auA diese auf?' Und Gott wird antworten: , Warum idi 
sie autnehme ,hr ^X^eisen, ihr Klugen? Darum, weil keiner von 
Ihnen geglaubt hat, daß er dessen wert sein würde!' Und er wird 
ae Hände über uns stredten und wir werden niederfallen und 
r nn"irn^"r ^'■^\"";"is kommen . . . Herr, dein ReiA komme 
zu uns!« Die Lasterhaften haben hier auf Erden viel gelitten, sie 
lisien tZ retten' "' ^^-^erzigkeit und Liebe des himm. 

;,nrK 2j '"/f ^'^^" Hintergrund des Sühnebedürfnisses sehen wir 
Rnmn^^I f^'^f^^" ^zene. Marmeladow kehrt nadi seinen letzten 
fervT H '"t"^* Hause. .Ohne in das Eimmer einzutreten, blieb 
sS Lnf iK ^^"p-^',".^"'"" ^'^S^"-^^ Die erzürnte Frau wirft 
den Haart ."1 ''''T"'^' 7'^ '" ^^'^ ^^^erei, ergriff sie ihn bei 
leltme ihr selr^/'' V" -"^^^ ^'""^^ herein. Marmeladow er. 

seine dummen StreiAe von de Mut Jr' ^'I •"" ^''f^'' 

^ Das Sdiuldbewußtsdn treil^ I ^^"^k !r«' "^'^^ ■ a 

Tod, da sein IJnf^n 7 V ' ^"^ ^"de Marme adow in den 

lamentierte eben- »Gnn • ^"^s*er, der ihn überfahren hat, 
losgefahren, hätte idTdl Tn!l. "" r""^" '^'^^"' ^^re idi darauf 
langsam, ganz gleiAn^^ß*^ 4" ha," ~s}^ f"i'- f^ f\K 

gehen sehen, er wanktp fi l' "j ■ i ^ '"" "°* "^<^'' ^'^ Straße 
dann wieder, ein dritf^. \A \ "^^'"^T ^" Boden, idi sdirie einmal, 
er war ihnen gerade zwisAp^\l""ä r'^'^ ^^"" ^'''^ ^^^'^^ 3"' ^^^' 
er scheint es absichtlich" gelaufen und stürzte nieder,- 

Meinung bestätigt ja audi if^^^" ^" '^^t)«:« ■ • ■« Diese letztere 
Erblidcen des Verunplnr(.r« ^^^'^^'''"a Iwanowna, indem sie beim 
wollt!« Er hat doT fr " ^7^^'^''^ ^"^"-"ft^ »Das hat er ge- 
er will selbst zur Kr.>„,;„ ^^ r ^^skolnikow gegenüber geäußert, 
sondern naA Jammer 3t? ^°i"S^n' ihn dürste nidit nadi Lust, 
und hingeVichTt ™'"' ^' ^^^ ^'^^ selbst verurteilt 

ersdiienen alS^'ut' fn'^V ^^T',' '" ^^^ Marmeladow wohnte, 
anzugaffen. Sie 4^«.^« Yl^^^sl^'^ten, als er heimgebraAt war, 

sie in hellen Haufen "rf die Stob.' 'F ''' t' '^"^' ^^"" ^^^■^ '^^"^^" 
sie alle fort. »Die Mieter Hn ^^^'^T^Katharina Iwanowna jagte 
wieder zur Tür hinaus mir il« "^t ^^"^ anderen, drüAten sidi 
gung, die man stets bnert: ^^^^^^n^en, inneren Befriedig 
wenn einem anderpn „ ' ^"''^ '" unserem Nächsten, 

ist, und von Ä kein m/'\"'7 ^'" '^"^'"^'^ zugestoßen 
vc^eicnei kein Mensdi frei ist ohne UntersAied, un- 



Der tragisdie Held und der Verbredier 



107 



geachtet alles Gefühls des Mitleids und der Teilnahme.« Diese 
»seltsame, innere Befriedigung«, von der Dostojewski) hier 
spridit, ist der »Lust am Trauerspiel« gleidi: man weidet sidi 
an fremden Sdimerzen. Die Mieter des großen Hauses, diese »fredi 
ladienden Gesiditer«, wie sie Dostojewski) vorher gesdiildert, 
diese ewig betrunkenen Gestalten »in Sommerhabit bis zur Zwangs» 
losigkeit« untersdieiden sidi wenig vorteilhaft von Marmeladow, er 
ist ihr »f^eld«, der am Ende zugrunde gehen muß, um ihnen' die 
»innere Befriedigung« zu geben: der »Sünder« ist bestraft und das 
Publikum kann zur Tagesordnung übergehen, 



Raskolnikow. 

Zu Raskolnikow übergehend, müssen wir zuerst die Frage 
aufwerfen, weldie Motive seine kriminelle Tat — die Ermordung 
der alten Darleiherin — bestimmten? 

Raskolnikow erzählt der Sonja: »Du weißt vielleidit, daß meine 
Mutter fast blutarm ist. Meine Sdiwester ... ist genötigt worden, 
eine Stellung als Gouvernante anzunehmen. All ihre Hoffnungen 
hatten beide auf midi gesetzt. Idi studierte, konnte midi aber nidit 
an der Universität halten und war gezwungen, diese für einige Zeit 
zu verlassen . . . So hatte idi midi denn entsdilossen, midi des 
Geldes der Alten zu bemäditigcn, dieses für die ersten Jahre zu 
verwenden, ohne meine Mutter quälen zu müssen, zur Sidierstellung 
memer selbst an der Universität, den ersten Sdiritt nadi ihrem Ver- 
lassen — und idi habe dies breit und radikal ausgeführt . Nun 
das ist alles!« ' 

Dennodi ist das nidit alles. Sonja madite ihn sdion früher 
darauf aufmerksam, daß das Raubmotiv seine Tat ungenügend 
determiniere: sollte er nur rauben wollen, warum hat er dann nidits 
genommen? Darauf Raskolnikow seufzend: »Weißt du, Sonja was 
idi dir sagen muß: Hätte idi midi allein deshalb zur Tat verstanden 
weil lA hungrig gewesen dann würde idi sagen, ,idi sei glüdcHdil' 
Verstehst du dies?« Weldies andere Motiv war es, das Raskolnikow 
zu seinem Verbredien verleitet hat? »Um was es sidi in der Tat 
handelte,« sagt Raskolnikow, »nun, darum: Ich wollte Napoleon 
werden,- deshalb habe ich getötet.« Diese Worte erläutert er 
wie folgt: »Idi stellte mir einst die Frage: Was würde gesdiehen' 
wenn beispielsweise an meiner Stelle Napoleon gelebt, und dieser 
nidit eine soldie Laufbahn gehabt hätte, kein Toulon, kein Ägypten, 
kern Übergang über den Mont Blanc, sondern an Stelle von all 
diesen herrlidien und denkwürdigen Taten einfadi nur ein altes 
unsdieinbares Weib, eine Registratorswitwe, die er nodi hätte töten 
müssen um Geld aus ihrem Kasten nehmen zu können - für seine 
Laufbahn, verstehst du? . . . Hätte er keinen anderen Weg gehabt 
so wurde er s^ selbst erwürgt haben, ohne daß sie noch einmal 
hatte mud^en dürfen, ohne Besinnen. Nun, audi jdi — habe dieses 




Besinnen aufgegeben, idi habe erwürgt, nadi dem Beispiel des 
Großen.« Was hinter diesen Größenwahn Raskohiikows sted<t, ist 
nidit besonders sdiwer aus den folgenden Worten herauszulesen: 
»Und besonders Geld, Sonja, hatte icfi nidit nötig, als idi mordete, 
Geld längst nidit so, als jenes andere zu wissen — . . .: Idi mußte 
wissen, und zwar bald kennen lernen, ob idi ein Ungeziefer nur, 
oder ein Mensdi sei? Ob idi ein Verbredien begehen könne oder 
nidit? Kann idi es in meinem Interesse begehen oder nidit, bin 
ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht!« 
Raskolnikow wollte wissen, ob er Übermensdi sei, dem alles er- 
laubt ist, oder bloß eine »zitternde Kreatur«, die nur zu gehordien 
hat. Die »zitternde Kreatur« ist offenbar das Kind, dem gegenüber 
die Eltern, die sdieinbar sidi alles erlauben dürfen, die immer »ein 
Redit« haben, sdiledithin alsMensdien ersdieinen. In Raskolnikows 
Verbrechen äußert sich dann der Übermut des Knaben, 
allen Verboten zum Trotz, irgend eine verwegene Tat zu 
verüben. 

Der Aufstand der Urtriebe gegen die normgebende Gewalt 
nimmt sehr mannigfaltige Formen an. In religiöser Sphäre äußert 
er sidi z. B. in der Luzifermythe. Anfänglidi war Luzifer ein Engel, 
der sidi im Reidie Gottes, wie jeder andere Engel, befand. Luzifer 
wurde aber hoffärtig und wollte selber ein Künstler und 
Schöpfer gleich Gott werden. Dafür wurde er aus dem 
Himmelreidi vertrieben und zum Fürsten der finsteren Mädite an^ 
gestellt. Derselbe Größenwahn äußert sidi bei Raskolnikow in der 
t^orm, er modite ebenso groß und rüdsiditslos wie ein Napoleon 
sein. Gott ist der »himmlisdie Vater«, der Kaiser ist aber der 
»Landesvater« - der Vertreter der Vatergewalt hier auf Erdenk 
Raskolnikow führt eine Tat aus, die einem Vater geziemt: 
er überfallt die »Alte« - es ist die Maskierung des 
sexuellen Attentats auf die Mutter. Wir haben hier dieselbe 
Sachlage, wie bei Orestes, nur tritt an Stelle der Mutter die »Alte«. 
uer knmmaUsexuelle Trieb hat sidi bei Raskolnikow von lange 
her voAereitet; er grübelte über eine soldie Tat sdion seit einiger 
zLeit. Rurz vor dem Änsdilag hatte er einen furditbaren Traum. 
l-r""i^^ ^°" '^'"^** Kinderzeit in der Vaterstadt.« Die Vor- 
gesdiidite des Traumes ist die folgende: »Im Alter von sieben Jahren 
ging er einst, eines Feiertages, gegen Abend mit seinem Vater vor 
der Stadt spazieren . . Einige Sdiritte entfernt von der äußeren 
Stadtmauer steht ein Wirtshaus, eine große Sdiänke . . . Damals 
nun war ein ganzer Haufe von Mensdien vor derselben versammelt, 
welche brüllten, laditen, zankten, regellos und heiser durdieinander 

• ' "^^t l" ^^" ^'■^*^" Monaten der Etats genereaux wird der König selbst 
von einem M.rabeau und Gregoire stets . . . ,Ie pere de tous Ics Fran^ais' usw. 
genannt«. »Pater Patriae war der l,öd>ste Ehrentitel für den römisAcn Imperator * 
[Prof. Jos. V, Held, Königtum und Göttlidikeit, Am Ur-Quell. Bd. Hl p. 122.) 



Der tragisdie Held und der Verbrecher 



109 



sangen und sich hcrums Alugen ... An der Sdiänke führt ein Weg 
vorbei Der Weg . . . führt etwa dreihundert Sdiritte rcdits ab 

in den Kirdihof der Stadt . . .« »Und nun träumte ihm, sie gingen 
wiederum mit dem Vater auf dem Wege zum Kirdihof und kamen 
vor der SAänke vorbei. Er hielt sidi an des Vaters Hand und 
sdvaute mit Sdiredien nadi der Sdiänke. Ein auffallender Umstand 
madite plötzIiA seine Aufmerksamkeit rege,- es hatte sidi daselbst . 
ein Haufe von Weibern und alten Frauen mit ihren Männern, eme 
Menge Gesindel angesammelt, Sie waren sämtlidv berausdit und 
sangen Lieder,- vor dem Wirtshaus stand ein Wagen von seltsamem 
Aussehen. Es war eines jener großen Gefährte, in weldie man sehr 
große Zugpferde einspannt . . . Aber hier war sonderbarerweise in 
den großmäditigen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauern- 
pferd eingespannt . . .« »Der Haufe stieg auf den Wagen unter 
LaAen und sdilediten Spaßen. Da das Pferd nidit vom Orte mit 
der zu großen Last konnte, so fing es einer der Bauern, Mikolka, 
zu sdilagen an. ,Bleibt sitzen, alle sitzen bleiben!' brüllt Mikolka, 
,es soll eudi alle sdion fahren! Ich will ihm die Hölle heiß madien!' 
Und er sdilägt und sdilägt und weiß nidit von bestialisdier Wut, 
womit er nodi sdilagen soll. Endlidi erfaßt Mikolka eine eiserne 
Stange. ,}etzt hüte didi!' rief er und sdiwang diese nun mit aller 
Kraft, die er aufbieten konnte, über die elende Kreatur. Der Sdilag 
fiel, das Pferd sÄwankte, bradi zusammen . . . und stürzte zur Erde.« 

Raskolnikow sdirie auf und erwadite. »Raskolnikow fand sidi - 
ganz in SAweiß gebadet, sein Haar troif von Sdiweiß, er erhob sidi 
keudiend und voll Entsetzen , , . ,0 Gott,' rief er aus, ,sollte 
ich in der Wirklichkeit die Axt nehmen müssen, sie auf 
einen Kopf schlagen, das Hirn zerschmettern' — .« 

Raskolnikow gibt uns somit selbst die Deutung des Traumes: 
Mikolka ist er selbst, das sdiwadie Pferd — jene Alte, die er zu 
ermorden im Sinne hat. Da aber der Traum eine infantile Remi* 
niszenz enthält, so ist es einleuditend, daß man den Grund für 
Raskolnikows Tat in seiner Kindheit zu sudien hat. Das Entsetzen, 
mit dem Raskolnikow erwadit, ist wohl die Abwehrreaktion gegen 
die »böse« kriminal-sexuelle Tat. 

Um dem kriminellen Komplex den Zugang zum Bewußtsein 
und den Übergang in die Tat zu ermöglidien, müssen die krimi- 
nellen Gedanken in harmlose umgedeutet werden: man muß sie vor 
die »Zensur« als soldie hinstellen, gegen die nidits mehr einzuwenden 
übrig bleibt. Raskolnikow hat sidi eine ganze Theorie ausgesonnen, 
die als Reditfertigung für die kriminelle Tat dienen sollte. Er hat 
nämlidi früher einen Aufsatz in einer Zeitsdirift veröffentlidit, wo 
»die gesamte Mensdiheit gesondert wird in ,gewöhnlidie' und ,un3 
gewöhnlidie' Mensdien. Die gewöhnlidien müssen in Gehorsam 
dahinleben und besitzen kein Redit, ein Gesetz zu übertreten und 
ein Verbredien zu begehen, deshalb eben, weil sie gewöhnlidi sind^ 
Aber die außergewöhnlidien haben dieses Redit, alle Sünden zu 




aX'rjewö!miS ''äZ.°'""^^" v«rstol)e„, eben deshalb, weil sie 
kolnikow erPänzenrI' ..JA. lu ^^'^'^°^'fsdi. Dazu bemerkt Ras- 

-»er.ewöl,„1irMe„:i*dL RXt^'='"5 f "«f" "'^" *^ 

offizielles, sondern nur h^; 1 r? ,^ ^- "• "'*t etwa ein 
treffen ^ über ver^«^ "^f Ä- '5'^'' ^'^ Entscheidung zur Tat zu 
dem Fall, daß d e t sfX."'"^''""^'T.^'"^^^' ""^ besonders in 
die MensAheit vidiert .ärhl^ '"""' ^^''' T ^'^^^''^" ^'"'^'- f"'' 
muß sidi das al^s JetlUl "^"~''''''^°'"^<^'-"^°^ft<^-'^ Man 

liAen MensAen die^fS ri!!T"' ^^"" ^^.^ibt der außergewöhn- 
ordentliA ^el lSt\Zjt ' "Tf ^'"^^ ^" äußern, außer. 
Material, ist Zr deswge^'^^T wT """ Ä"^*^"' ^^'^ 
wJsser Kräfte mit HüL XT. l"- ^^''' ""' ^"^''* '■"folge ge- 

vermittels una^hö^^r^retzj;;^^: ""f'^^^-lr" ^°'-^^"^^' ^'^ 
Tausenden einen Einriln ^ " "^^'^ Geburten endlidi aus 

erzeugen.. Um mit STetzsch^T' ""l^^^ngigen Mensdien zu 
die »BrüAe« zum Überm^^ ^" '.P'"^*^"' der Mensdi ist nur 
seine Eiele alles Erlaubt s^.nt" ^^ 1'"^"" '""'^ '^'^^^'•^'^ ^^' 
nelle Tat in eine haTmbsT umtdlutn^ '" '^^^'^^^^'^^ ^^'■- ^"™= 

schieden": AÄrÄr^ein'^lrr'r.l^^ ^^T" ^'^ ^^ 
mordete, ergriff er die Sdilü^pr ^-'r. ^askolnikow die Alte er- 

jo eine Kommode stand 'if/''" '"'! "^""" '" ^^^ SAIafzimmer, 
Sd^Iüssel in die Kommöde ^Än \"" V^ "" '%°""^"' ^'^'^ 
sAen, als ein förmlidier Krampf JT' ^^""^ '^""^ er deren Krei- 
ihm, als müsse er aHeTvo .'''"'" ^°'"P^ ^s u^ar 

Bafd naA der verbreAed dl r^, ''^^ T^'"fe" ""^ forteilen.« 
zeitweise bewußtlos ze^Sf ■ r l'K^f^^ Raskolnikow und war 
Sien. .So sAkn ihi/ es w. '" f^f^'^'-ff ^em Zustand mit Phanta- 
ihn ergreifen und fortr/M'"""'' ''* T! ^°^^ ""' ^hn, wolle 
ihn.« Es ist der VerfoLun' i^is^^'" ""^ ^^^"^P^^ ""^ ^^'•^•^'^ ^'"^ 
Bewußtsein. ^ ^'^^°'§"ngswahn, hervorgerufen durdi das Sdiuld- 

und SAwes^t:?,"die1r tttin^l t ^^''"' "° R-I^olnikow Mutter 
psehen hat, wiedersieht Mutter un"d ToL'" '^'^ Universität niAt 
fanden aber Raskolnikow nidit zu h1 i^' ^^'■^" angekommen, 

,„ , c'y°'^'"'«:«MahrenbereisteVrmL- A c°l°*^i^ ^^^ Glaubens«. 
Inse S.rf,ahn, wo sich damals die ruL, Ä^S*■•iff^;eIfe'• Dorosche witsch die 
arbe,t Verurteilten) befand. Ef, S "If S ^ 7F f' ^'^tte für die zur Zvrmgs- 
auf seinem Gewissen hatte, sagte 2u 7?: ^in Ungeheuer, der 12 MensAenteben 
lTti"^lTü- ^y-'- ^"" nad, Herrn nnT^t'^'^lk ^'^ d'^«^'- ih» ober seine 
fast ,ede behebige Theorie zur Bes6ömV„nl T ^" ■^*^''"*^ M^"«"* <^^"" 

eschonigung seiner kriminellen Triebe mißbrauchen. 



Der tragtsdie Held und der Verbredie 



Hl 



zudter Sdirei begrüßte das Ersdieinen Raskolnikows, sie eilten ihm 
beide entgegen^ Er aber stand wie ein Lebloser, eine une 
tragliche, ^he Empfindung traf ihn wie ein Donnersch a^" 
ÄuA seine Hände erhoben sidi niAt zur Umarmung, er vermolte 
dies n.dit, einen Sdiritt tat er vorwärts, erbebte und braST ohn 

BewuB,los,gfeei, is, somit d„ AuVu/ de" Ve Lnt t^' S«« 
und sie für eine bloBe AusX„ j' W,rkl,d,keitsqualität absprid« 

eine Phantasie sein'« '' ^^' ^^"""^^ ^^' alles nur 

!>Nu;°fhr^?at? dtd.^'?/ ^*. r"^^^^ ^'* "i*^ g-n-« 
zu einem Läielnlfräusebd^^il^f- ^f^kolnikow fori den Mund 
soeben, als ob SZL-Ut'-JT^^ ""'' ^^^ien 

»Weshalb meinst du dies?« 

was i7dres:fTag*n'"ich"l'?r°"^^T^^^ ^-'""'^ -<J alles 
•:^f^ner_Einbi.dunreonL^;^eg\"rge'„1;i!;^^^ ^^ "- '" 

Mariane^TlmlteUf eÄ^!^^^^^^^^^^ - einer gewissen 

Verhandlung am 27. Mai <alt So auv 7k "4 °f '"i"'' ^^«te in der Geridits" 
wahnsinnigen SAwermut rfeßtA sehnt mr^'^li"-*.-!''""'''" '^^t> ^°" ^Tn r 
m.A ein wenig beruhige, Aber au? dem Gu^ der Ä"?."*'' '"' ^""^'•' ''^ß ^ ^ 

Hier eineX^LU-^ru^sXy^e^^^^^^^^^ enthalten. 

Ein Wortstreit mit der uZl T f ^'" ^^" ^"""»t^ 
kommt einen .Anfall«. ^'' ^''''^'- ^r wirft siA auf den Divan und be- 
frieden, ili" /sAmerzle Tes Iber^sehr" i'?l','u« ""/"' ^"^A'^denen Gründen unzu= 
man krank und schwach ist so "at "Ä ''"^' u '"^^^^ Z-'t We'"n 
^f't yp" feiten der Umgebung AuA r" w 'r"'=\f "^ Nachsichtig- 
NaAsidit üben. Das hysterisdie Krankwerdtn ;^r . °T ^ "' J"^" ^°" ""'' '^n, 
Kmd genießt in besonderem Maß d.e Uebe „J N^T^-Ä'^lr,^^'^^ '^'•^"ke 

MensA nimmt immer Zufludit zu diesem Mktel ^^^^'■"- Der sAwaAe 




Leo Kaplan 



Die unangenehme Wirklidikeit ist bloß ein böser »Traum«, 
mit anderen Worten, die »Welt ist nur meine Vorstellung«. »^^ 
Alte ist ein Unsinn! ist möglidierweise Irrtum und es ist von in 
-r keine Rede«, sagte ein anderes Mal Raskolnikow zu sidi seljsr 
> versudit der gestraudielte Mensdi die unangenehme Wirkli*Kei 
zu verleugnen. 

Mit dem Auftaudien des Sdnildbcwußtseins fängt die Selbst- 
" -:i T r . . .. ., .... j_..:„ daß die 

s)] ; 
und eine ausgedrüAte, häj 



mir aem /^uttaudien des J)diu!dl)cwui)tseins rangt ui. 
Verurteilung an. In erster Linie äußert sidi diese darin, --- , 
"Llmdeutung ins Harmlose«' [die »Rationalisierung« <Joncs)J aur- 

ironisiert jetzt über sidi selbst; »Napoleo 



gegeben wird. Raskolnikow 

— die Pyramiden — Waterloo 

alte Reg 

mit einem 

ein ästhctisdies Ung._.._., „^..^. ......^ 

ziefer . . . sdion deswegen , . . weil idi 



i»- i^Kimiueu — warcrioo - una eine ausgcuiuirwi--/ < -u 
Registratorwitwe, ein altes Weib, die auf Wudierzinsen leint, 
:inem Kasten unter ihrer Bettdecke . . . Adi, Unsinn!« »U, >^j 
sthctisdies Ungeziefer, weiter nidits!« »In der Tat ein ^^^' 



einen ganzen 



hindurdi die allgütige Vorsehung beunruhige, indem idi ^f . ^IJ 
Zeugen anrufe, daß idi nidit im Interesse meines eigenen '"'^'^'" i 
und der eigenen Lust jenes unternahm, sondern ein erhabenes un 
sdiones Ziel dabei im Auge habe - haha -.« Er sagt dann zu 
boma: »Habe idi denn die Alte wirklidi gemordet? Mich habe 
ich gemordet, nicht die Alte! jenes war ein AugenbhcK' 
IZ'a ^^^^. '"{^'^ getroffen auf die Ewigkeit!« Mit Re* 
Tem V.r"^ ^': Untersudiungsriditer Porphyrius PetrowitsA von 
laß ihi^th 'k-^'*" ^'i "°* '"f f'-^i'^'" F^>'^^ bcfmdet: *Laß n ^ 

Das U nn T"'^',,""'""^^" '^^""' • • • Was heißt es audi fl.ehe'^ 
entmin, mir t""^^!' ? J'' "'^^ ^'^ Hauptsadie, denn nidit dam 
er r^i'r ^ch\r"^'c^"'^ ^' ^^'^ '™* "i^^^^ ''" leiste entgd 
Whn nur L' ' ' ^^"'T. ^''^''^' ^"'^ i^m nidit wertvoll sein, s^ 
^ siÄ selbs vr .^^*^^"ken führe.i, ihn verwirren, er wird s.d^ 
Tode keiner ^Z'^'^H' ^'^ '" ^'"^"^ Netz und sidi bis zu seinem 
sAlossen hat sl f'^^'A''-' ^'^ Raskolnikow endlidi fest be- 
Sinn 'wie es wöt t"" ^"'^^^ auszuliefern, kam es ihm in den 
schon, Luch ohneT"^'fl^^'^ '' ^-»^ vor' ihnen allen läng 
fÜPt h^W ^y/ ^? ^'■^^*'' '" seiner Überzeugung g^' 

.VkHnn f C ,. ' "^ '^'° 'i'^'- ^^^ Urteil? Wohl nur eine Pro- 
jektion der Selbstverurtcilung des Verbrediers. , .,,, 
,.in p^^'^.^^f^s^^t ist für uns nodi folgendes: Raskolnikow leg^ 
Zr lu^'^lT i""" Poli^eileutnaiit tlja Petrowitsdi ab. Fjuh 
fn d;r M /.'* ^f ^r^^^^' '^^tte er eine Halluzination; er Wr ^ 
Wirt ß t'.T f"'-*tl'^'es Sdireien, jemand sdilug seine H^u^ 
In ;S^p' K'"'^°Jr \7l^^""te« bald audi die Stimme des SdiUgc"^ 
Wirtin IF^'^.°T ^> P^^'-°^itsdi, er war hier und sdilug die Hau^ 
wirtm! Er stieß s^e mit den Füßen, sdilug sie mit dem Kop^ ^^ 
_L!!!!1~'' '"^'"■' '" ^'"^' Halluzination äußerte s.di d^^ 
' Leo Kaplan, Gruudziige der Psydioanalyse. p. 85. 



Der tragische Held und der Verbredier 



113 



nodi nidit vollkommen abreagierte Mordimpuls: lija Petrowitsdi, 
wie in dem früher angeführten Traum Mikitka, ist Raskolnikows 
Doppelgänger, der auf die »Alte« ein Attentat verübt. Somit 
legt Raskolnikow sein Geständnis nur vor seinem »inneren Ridi= 
ter« ab. 

Eine zweite Verkörperung des »inneren Riditers« ist der Untcr= 
sudiungsriditer Porphyrius Petrowitsdi. Denn ehe nodi Raskolnikow 
sein Geständnis ablegt, weiß er sdion ganz genau, wie der Mord 
gesdiehen war. So sdiildert er den Mörder: »Er hat die Tür 
hinter sich zu schließen vergessen, und gemordet, aber nidit 
verstanden, Geld zu rauben, und wessen er habhaft werden konnte, 
das hat er unter einen Stein verstedtt.« Daß Raskolnikow, während 
er mordete, die Tür hinter sidi zu sdiließen vergessen hat, ent= 
spridit vollständig der Wahrheit. Aber niemand konnte davon 
Kenntnis haben, da Raskolnikow bis jetzt eben diese Tatsadie mit 
keiner Silbe irgendwie verraten hat. Alles übrige konnte man natür= 
lidi aus den vorhandenen Indizien herauskonstruieren. Durdv dieses 
»Versehen« Dostojewskijs entpuppt sidi Porphyrius Petrowitsdi 
als der Doppelgänger Raskolnikows — als sein »innerer Riditer«. 
Unwillkürlidi kennzeidinet sidi Porphyrius Petrowitsdi selbst als 
Raskolnikows Doppelgänger, wenn er ironisierend zu diesem sagt: 
»Wir müßten beide im Heere dienen! Ein Napoleon würde idi ja 
wohl nidit gerade werden, na, aber dodi ein Major wenigstens, 
hähähä!« 

Das Sdiuldbewußtsein ruft bei Raskolnikow Selbstmordimpulse 
wadi, die er aber, im Untersdiied von Marmeladow, zu überwinden 
weiß. Er ging einmal über die X=BrüAe, da warf sidi eine Frau 

ins Wasser. »Nein, das ist häßlidi das Wasser — das ist nidits«, 

murmelte er für sidi. Als Marmeladow verunglüdue und Raskolni= 
kow ihn nadi Hause bradite und zusah, wie er versdiicd, fühlte er 
sidi plötzlidi ganz beruhigt. »Er ging langsam, ohne Hast, fiebernd, 
aber ohne dessen inne zu werden,- nur erfüllt von einem einzigen, 
neuen, grenzenlosen Gefühl voller und mäditiger Lebenslust. Dieses 
Gefühl ließ sich mit dem eines zum Tode Verurteilten 
vergleichen, welchem plötzlich und unverhofft seine Be- 
gnadigung kundgetan wird.« Raskolnikow war somit zum Tode 
verurteilt <in seinem Geiste natürlidi), das Todesurteil ist aber wieder 
aufgehoben worden. »Der Stolz und die Zuversicht wudisen in ihm 
mit jeder Minute und mit jeder verrinnenden Minute fühlte er, 
dal) er nidit mehr derselbe Mcnsdi war, der er vorher gewesen 
Was hatte nun diese Umgestaltung in ihm bewirkt? Er wußte es 
selbst nidit- wie einem nadi dem Strohhalm greifenden Ertrinkenden 
ward ihm klar, daß man dodi leben könne, daß es nodi ein Leben 
gabe^ und sein Leben nidit mit dem jener Alten erlosdien sei!« 
Audi spater nodi erzählte er seiner Sdiwester: »Siehst du, liebe 
Sdiwester, idi wollte ein Ende madien, und bin mehrmals nahe an 
der Newa gewesen,, das weiß idi eben nodi. Idi wollte dort d 

Imago IV/2 g 



as 



I 



51' m 
ff 



Leo Kaplan 



Srum Ä' «"''''' ~I '^^ f^"^ "i^^t <lc-n Entschluß-«' U"^ 
er 17 'r cäf -'^..''^.^^"f andere Weise ein .Ende« zu machen: 
l-ctert sich fre.vvdlfg dem Geriduc aus. 

die ihm 9!? " '"""c ''/'°'«^^ '"'f s'--''"^'" Geständnis nur die Gebote, 
tradi L "I^^ ^""/^^ auhlrinsh-Aste gegeben hat. Bei näherer Be- 
ür divTl .'' "'^^^f^>^^^-'- einzusehen dal3 Sonja eine Ded.f.gi>f 
n den hl '"■, "l^^ ^^"^^ ""^' OpFerwilli.kcit, ihr Aufgehen 

das .li '"''"] i^'" ^^'""'^' f"-- ^lic sie sidi so selbstlos hingibt, 
sAafr.tl. ?'.' .^°"'' ^" '-''''' Mutrerfigur. Sogar ihre Dirnen^ 
ande e,f1 I ■'""'' ^"^ ^""er ist eine Fr.ui, die sdion einem 
ersten ÄuI^flS' ^'f ^'^ ^'^'^^^ Raskohiikoxvs zu Sonja, die vom 
KtraZ., t' t "■ '■■''■ ^'■^■'^^' ^"^f^"St, i^^t eine .Versdiicbung« 
vertreS^^V''" ^"^"^Sehihle von der Mutter auf eine Stell- 
Rasl<o n ."■ l'"""' I'' '^^ erklärh-di, warum den Geboten Sonjas 
seh d ir ^''^'. ^'^^'-^f^'^^-'i l^^inn un<l am Ende sidi in sein Ge^ 

liehen T'°"J^ '^''■'' ''^■"" Raskolnikow zu einer matter- 
in-iiLH /\u ton tat''. 

Minutf'hfn ^:T'' '" S^'^olnikow gesagt: »Geh' sogleidi, diese 
_J^^^^n zu einem Sdieideweg, verneige dich da, küsse zunädist 

um einen zum Sdbstmllj''^' "'"'t'^'^' SrfiuldbcwulU.scin allein nod. niAt ScnjiS*' 
des betreffenden Indiv d?, 1 '" "T''''"' ^' '""» "«* etwas in der Konstitution 
reasiercn kann, W ie , " ,^ ''°'"'.'^""''-"" «ein, .so daß es eben .w und nicht anders 
darüber vielleidit bei at JerPr r'i'*"^''?' '''^■'' Selbstmörder.. I,cs<1i..nen sein niU'' 
niord etc.«, Di.sIa,,sion n d w'*^""'"'^''- ^^iehc die »roscinirc »Über den Selbst" 
f- F- Bergmann, 1910 ' .'-.^lenc-r p,syd,onna!yr. Vereins. 11. 1. Wiesbaden, 
...., - Der Inzestdiarduer ,'i"'^*9""'''="K^■ der Psydioanalyse-^, Kap. \> 
Kl' ^°"t1" ^"tte auf'.' "r"^*^' - ^'^ »VensddebunK« der Idndliciien Ge- 
Hermann Hesse ersidulid.; ""'' ^ '''^ ^- »• -»ud, aus einem GediAt von 

''■•'i'ilinK.stag. 

'-ind hod, Sri:':;* ""<' ^°s^'i'<^ff 

Icli träumTr' ^'^"^'^"■'^rf'iH-. 

'^'^ trsü :°" <^'".«--'- l>>onden Frau, 

Ein K';„';;/^'ner Mutter Arm 




Der tragisdie Held und der Verbredier 



115 



den Boden, den du besudelt hast, dann verneige didi vor dem 
Lidit, nadi allen vier Seiten und sage allen laut: ,Idi habe gemordet!' 
Dann ^x^ird Gott dir das Leben schenken.« Hier ist die er= 
lösende Wirkung des Geständnisses ausgesprodien : wer seine 
Sdiuld gesteht, dem sdienkt Gott das Leben. Die Verheimlidiungs» 
tendenz des Sdiuldigen fordert zu ihrem fortlaufenden Funktionieren 
einen »psydiisdien Aufwand« <Freud>, d. h. einen Verbraudi von 
Energie. Wird aber das Verheimlidien aufgegeben, die Sdiuld offen 
eingestanden, so fällt der »psydiisdie Aufwand« weg, was immer 
als eine Erleiditerung empfunden wird. Wir können dies in Ras= 
kolnikows Verhalten nadi seiner Tat sehr deutlidi verfolgen. Am 
anderen Morgen nadi der Ermordung der Alten wurde er wegen 
einer ganz harmlosen Angelegenheit ins Polizeibureau gerufen. Nadi= 
dem die Sadie erledigt war, ging er nodi nidit fort, sondern blieb 
nodi einige Minuten im Bureau. »Ein eigenartiger Gedanke kam 
ihm: sollte er nidit sogleidi aufstehen und zu Nikodemus Thomitsdi 
hintreten, um zu erzählen, was sidi gestern alles ereignet hatte, bis 
zur kleinsten Einzelheit, dann mit ihm in sein Quartier gehen, ihm 
die Sadien zeigen, die in dem Winke! im Lodi lagen? Die Vcr= 
suchung war so stark in ihm, daß er sich bereits erhob, 
um ihr Folge zu leisten. ,Soll idi midi nidit nodi eine Minute 
besinnen?' . . .« Wir sehen, weldien Kraftaufwand der Verbredier 
ins Feld sdiidien muß, um nidit mit der furditbaren Wahrheit heraus» 
zuplatzen! Und als im Bureau bald darauf jener Mord zur Rede 
kommt, verliert Raskolnikow die Fassung und fällt in Ohnmadit. 

Jeder affektbetonte Zustand — jeder »Komplex« — hat natura 
gemäß die Tendenz sidi irgendwie zu äußern. Insofern der Korn« 
plex die Verheimlidiungstendenz überrumpelt, spridit man ja von 
Selbstverrat. Man kann audi versudien den Selbstverrat irgendwie 
unauffallend zu madien. So versudite es einmal audi Raskolnikow 
zu tun. Er traf in einem Restaurant Zametow — den Budihalter 
im Polizeibureau. Der Drang, sidi des Geheimnisses zu entledigen, 
wurde in ihm rege. Da erzählte er Zametow, wie er handeln 
würde, wenn er einen Raubmord begangen hätte. Es folgt 
die wahrheitsgetreue Sdiilderung, wie er die geraubten Gegenstände 
in einem einsamen Hofe unter einem Stein verborgen hat. »Er 
wußte, was er getan hatte, aber er vermodite sidi nidit zu halten. 
Furchtbar war das Wort, es sprang . . . über seine Lippen/ 
es riß sich los, um nur herauszukommen, nur ausgesprochen 
zu sein!« 

Als Raskolnikow zum erstenmal zu Porphyrius Petrowitsdi mit 
seinem Freunde Rasumidiin kam, hat er absiditlidi diesen unter- 
wegs versdiiedentlidi genedt und sidi über ihn lustig gemadit, um 
in die Wohnung des Untersudbungsriditers ladiend einzutreten. Da= 
durdi wollte Raskolnikow seine Verlegenheit verdedten. Aber um- 
sonst. Denn Porphyrius Petrowitsdi hat das Symptomatisdie in 
diesem Ladien vollkommen erfaßt. Später sagt er nämlidi zu Ras= 

8» 



ir 




i 






Leo Kaplan 



kolnikow: »Euer Lachen, Euer Lachen, als Ihr bei mir ein= 
tratet, wißt Ihr noch, ließ mich wie durch eine Glasscheibe 
alles wahrnehmen.« 

Bei seinem zweiten Besudi bei Porphyrius Petrowitscb sagt 
unter anderem Raskolnikow: »Idi habe einen Weg zu madien, ein 
Cjesdiäft vor. Muß zu dem Leidicnbegängnis jenes von der Equi- 
page überfahrencn Beamten, von wcldiem Ihr — ja auch wißt — ' 
rügte er hinzu, geriet aber sogleidi in Wut über diese Sdiluß« 
bemerkung,« In diesem überflüssigen »audi« — in diesem »Ver* 
spredicn« — hat Raskolnikow seine Vermutung verraten, daß der 
Untersudiungsriditer bereits sein Geheimnis kennt. So überrumpelt 
das Verheimlidite die Verheimlidumgstendenz, oder, wie der sdiarf^' 
^'""J^j Kriminalist Porphyrius Petrowitsdi meint: »Die Verstellung 
wird dennodi irgendwo siditbar werden!« 

• ^^iJ^^^^^ '" f^askolnikows Gescbidi besteht, wie immer, in 
semer Halbheit, in seiner Unfähigkeit seinem Ziele rüAsiditslos nadi" 
zugehen m seiner Unentsdilossenheit dem kriminellen Impuls oder 
den horderungen der »Eensur« zu folgen. Nodi im letzten Moment, 
wo er schon bereit war, siA auszuliefern, sagt er zu seiner Sdiwcster: 
»Was, ,A tötete ein widerlidies, böses Ungeziefer, eine alte Wudierin, 
deiSk^^;;.^'" ""a A^^'r' t^^" Beseitigung ei.ier Sündenvergebung 
man eT U^rl ^' ^'" 5^.™^» ^^^ B'"' aussaugte, dies nennt 

zTveLlltt:; ,ed.erM:t'^^ T^^" f ^ ^^ T ^"^" '?lT 
beholfenheit meTnes kL- '"''" '^'' '''^'" ^'^ ^"""^.^ ^ 

schlössen hin , '"^^ l^leinmuts, erst jetzt, wo ich ent- 

mener r^\7J"^^^ ^" tun. Nur infolge 

mfcrdaL .'"'ti;& r^ E'-I^-mlichkeit verstehe ich 
ich ein - Elender K n " ^"^^" Schritt nicht aus, weil 

Die TrSik il V tR'1","; ^^^"^-^'t sich alles!« 
rissenhei? der Seele dt Ä^^'if"^^"*^^'^ ^'' Kleinmuts«, die Zer. 
' "^^^ ^'■sdiredien vor dem eigenen Entschluß. 

Brynhild. 
Wir unterziehen jetzt der Ar,^^ j. ■, 
sage, wo wir wieder den RpJ V ^^^ ^'^ altnordisdie Brynhild- 
naiität nadispüren wollen. Dabei "^^3 ^^''*e" Tragik und Krimi- 
älteren Sigurdliedes [Brof nf 's; "^^ , " ^»" uns an den Text des 
gleidienden Betraditunj? audh Ji!"!- '^""'"^H] ^^'^e« "nd 2ur ver- 
en skamma] anziehen? ^""^ere Sigurdlied [Sigurdarkvida 

sidi nur dem Besiem ThrTr^W/'^k^^i ^'^sfrau, die geschworen hat, 
schließt sie zu freien u. ihTtit S^ '\' ergeben. Gunnav be- 
der ihm die Hilfe versprochen T l^";'"^.'. '^"■'''" SAwurbrudcr, 
versprochen, vor Brynhildens flammenumloderte 

' Wir benutzen hier die »E<\<\^,< T /u n ... 
Jena 1912. Verlegt bei Eugen Diederidis ^^"''^'''^''^' "•"^rs. v. Felix Gen zm er. 




Der tragische Hekl und der Verbredier 



117 



I 



Burg. Da es Gunnar nidit gelingt, durdi die Lohe zu dringen, 
tausdit Sigurd mit ihm die Gestalt und gewinnt ihm die Braut. 
In der Brautnadit legt er zwisdien siA und Brynhild sein blankes 
Sdiwert. Nadi Jahren erfährt Brynhild von Sigurds Weib den 
Betrug und begehrt von Gunnar seinen Tod. An einer Stelle des 
jüngeren Sigurdslieds enthüllt sie die Liebe 2u ihrem Bezwinger 
als das eigendidie Motiv ihrer Radigier. 

Brynhild liebt also den Helden Sigurd, ihre unbefriedigte Libido 
sdilägt in Wut und Grausamkeit um. Der Liebesaffekt muß, wenn 
er auf Hindernisse stößt, in irgend einen anderen Affekt übergehen 
<» Affektverwandlungen«). Es gibt hauptsädilidi zwei Formen soldier 
Affektverwandlungen: entweder geht die gehemmte Erotik in Angst 
über^ oder in Haß, beziehungsweise in Grausamkeit {gesteigerter 
Haß). So sahen wir oben, wie sidi die <inzestuose> Erotik eines 
Orestes oder Raskolnikows in der grausamen Mordtat geäußert 
hatte,- ebenso war es mit dem Patienten Antons, In der Angst= 
neurose nimmt der Liebende Leiden auf, in die sidi seine erotisdien 
Gefühle auflösen <masodiistisdi>. In der Grausamkeit dagegen läßt 
der Liebende die geliebte Person Leiden erdulden; der erotisdie 
Affekt wird nadi außen getragen (sadistisdi). Feinere Naturen gehen 
gewöhnlidi den ersten Weg, primitivere (beziehungsweise gröbere) 
Naturen bevorzugen die zweite <sadistisdie) Lösung des Liebes= 
konflikts. 

In der Brynhildsage liegt audi der »Bruder=Sdiwesterkomplex« 
verborgen. Sigurd vertausdite die Gestalt mit Gunnar, es ist der 
symbolisdie Ausdrude ihrer Identität: Sigurd=Gunnar, Anderseits 
sAenkt Sigurd Brynhildens Ring seinem Weibe Gudrun, dadurdi 
vollzieht sidi gewissermaßen die Identifikation: Brynhild=Gudrun. 
Somit ist Brynhild^Gudrun das Weib ihres Bruders Gunnar^Sigurd. 
Merkwürdigerweise erzählt Brynhild in dem Eddaliede: »Brynhildens 
Heifahrt« von jener Situation mit Sigurd: 

Ein Bett barg uns 
Beide traulidi. 
Als ob er mein Bruder 
Geboren wäre. 
Unser keiner 
In adit Näditen 
.. • ; Könnt um den andern 

Den Arm fegen. 

Jetzt bekommt die Wut und der Haß gegen Sigurd eine neue Be- 
leuditung: darin äußert sidi die Abwehrreaktion gegen den Inzest» 



• Das Kind ist gewolint, bei jeder Gefahr <Angstsituatioii) die Anwesen- 
heit der geliebten Personen zu wünsdien. Dadurdi entsteht eine feste Assoziation 
zwisdien Angst und der Sehnsudit nadi den geliebten Personen. In späteren Jahren 
sAlägt darum die unbefriedigte Libido so leidit auf dem gebahnten Weg, aber in 
umgekehrter Riditung, in Angst um. 



lüir 



i i I ! 



118 



ii 



Leo Kaplan 



gedanken {»Sidierungstendenz«). Das Verbredien erscheint hier als 
ein Mittel ein anderes Verbredien zu verhüten, die Grausamkeit 
ist die Folge der Verdrängungstendenz, 

Verfolgen wir jetzt die Situation nadi der Mordtat,- wir finden 
audi hier die Abwehrreaktionen sofort ins Spiel treten. 

Finstre Nadit war's, 
. , . Viel war getrunken, 

.. ... , . Frohe Reden 

Geführt waren,- 
Alle sdiliefcn 
■J'' ; . ; ir ■ Auf ihren Lager — ■ - 

Einzig Gunnar : ; 

Von allen wachte, 

Audi Brynhild sdilief nidit redit, sie hatte böse Träume, Sie er-^ 
zählt davon: 

»Sdircdcen sdiaut idi 

Im Sdilaf, Gunnar: 

Kalt war der Saal, 

Klamm mein Lager,- 

Du, Fürst, rittest, 

Des Froiisinns bar. 

Die Fessel ain Fuß 

Ins Feindesheer, 

So wird verniditet 

Der Niblunge 
Mäditige Stamm: 
Meineid sdiwurt ihr.« 

Es ist der ängstigende Straftrat™ . die Folge des Sd^uldbewußt- 

'",f -^ •"«' 7m""''w ^"i*' ^''^ ß'-y"'^'!^ ^°" Leben sAeiden 
will. Sie aul)ert ihren Wunsdi: 

Dodi will idi mit Sigurd 
Zusammen sterben, 
Das soll für mein Leid 
Die Sühne werden. 



Ihr Selbstmord ist aber nidit nur eine Selbstbestr^fi,«™ „• c-l 
für das verübte Unredit, sondern diesmal nodiett"' 
S^!]'"t.5Z"'''''^ ^'^^ """^ ^'^'"''^' ^^'^^ '"^ Tode ruhen,' Ihr letzter 



etwas anderes. 



Wille lautet: 



Es 



Sigurd brenne 
Zur Seite mir. 



Ssist^so detTod te *eUebei*„to cV.gvncMg,: dcrUeks.od. 

■ A, T^ a-( """"tnen;. im Untergancf st de Fo hje des 
tragisdien Konflikts zw sdien dpn T l^f..- f, ^ ja "'*=/, '0'- 
den Normen ^^'^cnen den Urtneben und den s e hemmen- 



Der tragisdie Held und der Verbrecher 



119 



Der Sündenbock. 

Der tragisdie Held ist der Verbredier in uns, er nimmt unsere 
Sdiuld, sowie die uns bestimmte Strafe auf sidi. Mit einem Worte 
in der Tragödie wird die Idee des Sündenbods verwiriilidit. Ji^me 
sAlagende Illustration der SündenboAsidee finden wir '" ^'"^1^ 
Beriete des Fuggersdien Juristen Lucas Ge.zkofler <t 1 620) in 
seiner von A. Wolf herausgegebenen Selbstbiographie <Wien 1Ö/J>: 

Er hat »aus seinem losament ersehen, wie ein armer hand\verks= 
mann auf einem esel hinterruds sitzend mit grossem zuelauf der bueben 
und mädlen, durdi die gassen gefüert worden, darum weil er sem weib 
in fflonat Maio gesdilagen, weldies die Obristen Parlamentsherrn und 1 ra» 
sidenten gemadiel erfahren. NaA altem Gebraudi ist dieser erkenntiius 
und straf vergunt und überlassen wider diejenigen, die ihre we.l^er in 
soldien monat übel tractiert, zu urteilen. Es wird aber soldje Jurisdiction 
und straf also verstanden und moderiert, dass die reidien ehemanner von 
der Frau Präsidentin höflidi ermanet worden, etlidie krönen zum almosen 
für hausarme leut zu geben, und ihre weiber sondedidi in h-ulihng in 
mehreren ehren zu haben, auf dass sie soIAer fröhliAen zeit audi der 
ehelidicn lieb desto mehr pflegen, kinder erzeugen und des ehebetts m 
fried und einigkeit geniessen. Den eheleuten zum exempel und einer 
erinnerung wurde gemeinglich ein armer schlechter burger, 
welchem man geld giebt, dahin bewegt, als ob er einer solchen 
straf würdig und wider sein weib wol verschuldet hatte/ er 
wurde dann in etlichen gasse auf dem esel herumgefüeret, be= 
kennte sein verbrechen, und erinnerte die zueseher, sie sollen 
sich an ihm spiegeln, und ihre weiber wol und ehrlich tractieren. 
Nadi diesen thuet die Frau Präsidentin eine stadidie gasterei halten, wclcfie 
die Frauen und Töditer fürnehmer Parlamentsherrc" ^ ' ' ' 

züditigen tanz und andere kurzweil anstellen.«' 



i^tiui uic.-icii luucL uic i idu iidsiutiiiiii emt: siitiiiuie ^dsierei iiaiien, \ 
die Frauen und Töditer fürnehmer Parlamentsherren beywohnen, und 
züditigen tanz und andere kurzweil anstellen.«' 

Wir sehen hier ein Sdiauspiel, an der 
<die Ehemänner) spiegeln sollen: der Darstell 

^NTj-rviKz-^l A,-,/^ J^ „1 : fl__ 1 • T d 



einen 



Wir sehen hier ein Sdiauspiel, an dem sidi die Verbredier 

Cn.KnI ■;?''"'{? 'P'T'" 5°"'"= ?"' Darsteller ist hier wirklidi ein 
Jym^ol des Kriminellen, das im Innern der Zusdiauer lebt. Durdi 
die Bestrafung des Darstellers wird das Verbredien eesühnt A^. 



die Bestrafung des Darstellers wird das Verbredien gesühnt d 
Keditsbewußtsein befriedigt, die verletzte Norm wieder hergestelFr 
die böse Tat gutgemadvt. Die dramatisch = tragische Handlung 
ist eine VersinnÜchung unserer eigenen Kriminalität. 

Von diesem Standpunkte wird eine ȟberschnelle Exe= 
cution in dem Clagenfurter Gebrauch, den Dieb erst zu Iienken 
und dann zu untersudien« ^ erst verständlidi, Denn der Brudi der 
Reditsordnung muß so sdinell als möglid:i bestraft werden, das 
fordert das böse Gewissen der Mitbürger. Man henkt darum den 
Erstbesten der in diesem Falle unwillkürlidi die Funktion des 
Akteurs übernimmt. Die Flinriditung des vermeintlidien oder wirk= 



' Mitget, von Brandt im Archiv für Reli^ionswiss. Bd. 11 p. 153 
, '■, 'r^'"."?' Deutsdie Reditsaltertümer, Bd. L, 4. Aufl., p. 531. Leipz., 
Dietenchsoic uudih. 



1899, 




ii 



::a 



III 

an 



I ii 






i ii! 




l^rimindl^'i"eritf'""^ cler Urtriebe - von der Gesellschaft als 
neue B uA detß "i;. ~:^ ^^"' t"^ ^rimltWcn nid.t leidu. Jeder 
waAzurufo, Z^^ "°^^T^ '^'°^'' ^<^" »kriminellen Komplex« 
den Ü tdeb'en ö n"'"MII '' ^^' verleihen, jedes VerbreAen ist 
muß das DraLt d. T °T'"*:' ^^l^^'^' ^"■^ NaAahmung. Hier 
tionsmedian r,?f ^ 'T'"^"*^.^'"^'"'^"^^"' ""^ ^'^ Hilfe des Projek- 
zZZTdSZ ( . '''"-I ?'-''™"^"t'^f ■■" ibre Grenzen zurüd.- 
uJt^nZcZTZSr' '"^ t '"^••'^^-^■'■•dise Tatsadie, daß man in 
und bestral IT^ . t ""a '°^^'' '^'^'°^<^ Gegenstände riditen 
MensSaSolTT'';1'V^Tf^ ^^''den die Viere ganz den 
siv zu VemüS. f^^'"^''%^'" "^'^^'Ser Hund wird z. B sukzes. 
den Ku\ "' ir^'"^^^" versAiedener Art verurteilt.«' »Bei 

tötete de sen F.ir" T"'' ^""" *^'" ^iger einen Mensdien 
einen\nde:nTige''LrRr' '"-^"^^^^-^^ ^^^ - ^i-en oder 
einen Fall von e^nen. B™ ^''°'''\^'T' ""^ war jemand durdi 
hörigen desselben Sn if d y^''""S'üdt, so mußten die Ange- 
fälltfn und fn kleine Sn^ RaAe nehmen, indem sie den Baum 
wurde über leb oeGe'ienl'"!!'''''^'*; ' - ' ^" P'Ttaneum in Athen 
MensAen ohne MLwafnl ' Jf-'^"^^'^' ^^'^^ ^^'^ Tod eines 
hatten, z. B über el' Ä- "'^"'^^''*<^" VersAuIdens herbeigeführt 
Wurden dieselben füsdmrd°b''f ''^ ^'"* "°'^ ^^^-^ ^'"^" ^tein. 
liehen Formeln über die G.^ befunden, so wurden sie unter feier-- 
w.'rd gestraft, sondern d{sVp^7°''^f"'^^' ^idit der Ver 
ist bloß der äußerlX fr/ /"'^V"", gesühnt, der Verbredier 
sida gewöhn ich auch K V ^'f "^'^ ^^^'-brediens. An ihn knüpft 
ist dL fas Lestt A TrT-f ""^■':.^"''i'^" Vergeltungsakt aber 
begnügen. '^^s^"^"*- <^'- kann sidi audi mit einem Ersatzmann 

SdiuId^etuEein't,-'^-"''^ ^'' Bestrafung eines Ersatzmannes vom 
Bibel vo7sAn,fbr 'e.mgen kann, folgt aus einem Gebraut, den die 
soll zwe Röi ^ U^^ befiehlt dem Hohenpriester Aaron, er 
BöL Lc^.P J '^'^''H"- %""1 A^'°" ^^--f^ ^^^S^" der ;wei 
fLevk XV R^Kri^r $'-,>lr^h das andere für Asasel« 
Allu'J^y ' ^- Nadi dem Talmud ist Asasel ein BerP, von dem 

zum 0?f ^'''''Tr'fT ^'■^^' Sf 'r 'T'- -'■■d ausd°Sc^liS 
zum Opfern an Jehovah bestmimt. Mit dem anderen Tiere wird die 
K?ende Prozediir vorgenommen: »Und Aaron legt seine beiden 
Hände an das Haupt des lebendigen Boci.es und beiztet an ihn 

Verbrehen ^^V^'"^"'- ^''"^'^ ""ä^"^ •'^'•^ P'-^^^J ""d alle ihre 
mit einem d azu bestellten Mann in die Wüste. Und der BoA trägt 

^ ib., p. 232, Fußnote. 



Der tragische Held und der Verbredier 



121 



auf sidi alle ihre Sünden in die Einöde , . .« [Levit., XVI, 21 u. 22]. 
Der Talmud ergänzt diese Sdiilderungen wie folgt: »Die besten 
Männer von Jerusalem geleiteten den Bo(k von einem Zelt zum 
anderen [die am Wege aufgebaut waren], bei jedem Zelte sagen 
sie zu ihm; hier ist Gras und hier ist Wasser,- sie geleiten ihn 
von Zeit zu Zelt, außer dem letzten, an das sie nidit treten dürfen, 
sie bleiben in der Ferne stehen und beobaditen, was weiter ge= 
sAieht. Jener [der dazu bestellte Mann] nimmt ein rotes Zeug, 
die eine Hälfte bindet er an einen Felsen, die andere Hälfte an 
die Hörner des Bodves und stößt ihn rüdiwärts ab,«^ Der Bodt 
nimmt auf siA die Sünden der Kinder Israels und wird zur Ver-- 
geltung dieser Sünden zum Tode verurteilt. Das feierlidie Geleit 
des verurteilten Tieres erinnert lebhaft an die Feierlidikeiten, die 
in früheren Zeiten bei der Hinriditung von Verbrediern üblidi waren. 
Dem primitiven Menschen ist die Bestrafung des Ver= 
brechens ein festliches Schauspiel, 

Die von der Kultur verurteilten »bösen« Triebe diarakterisieren 
wir öfters als das Tierische in uns,- darum sind die Tiere so 
geeignet das »Böse« zu symbolisieren. So stellt sidi die Volks» 
Phantasie den Teufel — den Fürsten des Bösen — im Bilde eines 
Sdhweines, öfters <so im Hexenaberglauben) als einen BoA vor. 
Das Tier ist das Ungebundene, Rüdes iditslose, mit einem Worte 
das Primitive, Ursprünglidie, Prähistorisdie. Durdi Überwindung 
und Knebelung des Tieres <= durdi Verdrängung der Urtriebe) 
ist der Kulturmensdi entstanden. In dem Kampfe mit dem »Bösen« 
unterliegt aber der Mensdi zu oft, wenigstens in den eigenen Ge^ 
danken. Dann muß er einen dramatisdi^tragisdien Spiegel haben,- 
durdi die exemplarisdie Bestrafung des Ersatzmannes (Doppel- 
gängers) fühlt er sidi von dem Sündhaften gereinigt. Das gesdiieht 
audi in der oben gesdiilderten biblisdi=talmudisdien Prozedur. Die 
feierlidi versammelte Gemeinde geleitet das Tier zur Riditstelle, 
was an den tragisdien Chor, der z. B. der Fesselung des Prome= 
theus beiwohnt, lebhaft erinnert. Ist Prometheus die Vision des 
antiken Chores, so ist der verurteilte Bock eine Projektion 
der von Schuldbewußtsein erfüllten israelitischen Ge^ 
mcinde^. Daraus folgt aber die Sündcnbodesnatur des tragisdien 
Helden. 

Die Hinriditung eines Tieres finden wir aiidi in den ver= 
sdiiedenen griediisdien orgiastisdien Gebräudien, »Auf Kreta soll 

' Talmud bah., Traktat Joma 67 a. — Nadi anderer Deutung dürfte Asasel 
einen Dämon bezeidinen. 

2 Die Hinriditung gesdiah aKjährlidi zur Zeit des Versöhnungsfestes. Bei 
den späteren Juden trat an Stelle jener Prozedur die folgende: Man nimmt einen 
Hahn in die redite Hand und spridit: »Der ist ein Eisatz für midi, der ist eine 
Vergeltung für midi, dieser Hahn geht in den Tod und idi bin erlöst und gehe 
in ein Leben voll Gutes, Länge und Frieden.« Der Hahn wird dann abgesdiladitet 
und verzehrt. Durdi das letztere wird wohl die Idetitifikation des Sünders mit 
dem Hahn vollzogen. 




Leo Kaplan 



R asmüs ^ut^tt 2''''^''^^' ^^^'^"' ^'"'^" 'ebenden Stier i.n Or. 

messcrn Z '7'f -l""" V'''^ ''" ^^" ^-^änden . . oder mit SAIaAt. 

Zerreißunro? n'f'^ "^''7'''^ S''^'"'''-' *Auf die ekstatisdie 

BrkTc d ,L ?.^'n"^ der dionysisAen Tiere sAließt sidi die 

Euboi . ^ •"" ^'"'" ""• • • Die Stiftungslegcnde eines aus 

und de„ slf '^''T; f ^jr*«^" Kultes läßt auf das Ziegenopfer 

die nmf,"lt "'^'^^'"'i""Sen mit den Fellen folgen.«" DurA 

■ in £erit''. "^T- ^'" ^A^H identifizieren sid, die Srgiasten mit 

.st voÄ '" V'"?]- Die Auffassung der Tiere als »Verbredier« 

• Sr der zi f ' '''' War genug ausgesprodien. So war das Opfer- 

»Eine volf ^^11""t ""^. Weinbauer ,-n GrieAe.dand der Bodc. 

dafür daß H '" '• ^^H"" "^'^ "^^^ Opfer gestehen zur Strafe 

letndatV A^f^'^^'S' P°^k^^" Weinstod< benagt ... Daß die 

2TvZt6tf^T\^^ ^^^''' ^'^ eines Stra^eridites über 

.st zei. il A^ J ^'T' ^" ^^" G°" volkstümlidi und alt 

man um da. n^'"^T^ ^/' ^'" ^"'^*en Euphonien, an weldien 

SgenGe?Sf?e£n(f.'ß ?'n"%^" '"°^'^'-^"' ^'■-^" --\^'^'" 
brecber Xr ein V V 1' 9^" ^'er war somit wirklid, ein Vei- 

hauste In? Or^Lml '*';;' '^'^ '1 f'' ^eele des Orgiasten selbst 
HinriAtunl Ä IT ' ' ^'" "äditlidie.i Sdiwärmereien, die der 
Triebe voIIl,o'mPn ^°'"^"A'"^^'> ^°''^'^" die Orgiasten ibre wilden 
seinem Ste ToZ. '"'• ?/""* "^"«^e das Sühnebedürfnis zu 

Gott Dionysos sdbstn.rr°}"^''''''*"^^ Gcn^cinde bedeutete de., 
über Dionvt. Tki 1 F ^ °^^^ '''"' den versdiiedenen Mythen 
raindp^rv ^i""^ ^^"' ältesten Zeugnis ver/agte Lykurgus des 

rasenden D.onysos Ammen, daß sie, getroffen vonseinan ,Ocftsen- 
soiiager die Opfergeräte zu Boden warfen, Dionysos sprang ins 
Meer und sudite zitternd Sdiufz im Sdioße Thetis.« »Das Dionysos- 
Kind ward, um der Hera zu entgehen, in ein Ziddein verwandek. 
Uemnach ist eine Eigentümlichkeit dieses Kultus, daß der 
Gott selber in der Gestalt seiner Opfertiere, des Stieres 
und des Bockes erscheint.«'* Dionysos ist ein verfolgter Gott, 
der oft die Gestalt eines Tieres annimmt. Warum wird er aber 

' Rosdier, Ausführl, Lexilton der griedi. u. röni. Mythol., Bd. I, 1037 u, 1039. 

2 ib. 1058, 1059. 

' Die Idee des Sündenbodces ist unsdiwer audi in folgendem zu erkennen: 
»In der zu der Provinz Brandenburg gehörigen Westprignitz herrsdit vielfadi der 
Glaube, man könne ruhig einen Meineid sdiwören, wenn man irgend einen Gegen- 
stand, so eine Sdiürze in der Hand halte. Ebenso in Pommern, wo meineidige 
Frauen beim Schwören mit der h'nkeii Hand die Sdiürze oder das Srfiürzenband 
anfassen und nadi der Eidesleistung dem Bösen freiwillig opfern, damit ihnen 
,der Böse nidit beikommen soll'. Audi benützt man in Pommern den Knopf eines 
Rodes als Sündenbodi, den man nadiher wegwirft,« Ebenso in Oldenburg, in 
Ostpreuften usw. Alb. Hellwig, "MystisAc Meineidszeremonien. Ardi. f. Religions= 
wissensdiaft, Bd. XII, p. 56. 

* Röscher, a. a. O., pp, 1050 u, 1959. 



Der tragische Held und der Verbredier 123 

verfolgt? Die Vermutung liegt nahe, daß er zu den »bösen« Göttern 
gehört. Der Mythus reditfertigt diese Vermutung vollkommen. »Nadi 
Nikanders Verwandlungen versdimähen die drei Töditer des Minyos 
die Weihen des Gottes und bleiben zu Hause an ihren Webstühlen, 
trotzdem sie Dionysos in Gestalt einer Jungfrau dazu ermahnt. 
Darauf ersdireAt sie der Gott als Stier, Löwe und Panter ersdiei* 
nend und durdi andere Wunderzeidien,- sie geloben ein Opfer, losen 
darum und die getroffene bietet ihren Sohn dar, den sie zerreißen. 
Als sie in den Bergen umhersdiweifen, werden sie in liditsdieue 
Naditvögel verwandelt.«^ Die Frauen begehen also ein VerbreAen, 
für das sie dann die gebührende Strafe bekommen. Der Anstifter 
aber zu diesem Verbrechen ist der Gott Dionysos. »Die 
Tat der Minyaden wurde einem Gesdiledit der Ordiomenos zu- 
gesdirieben ... An dem trieterisdien Feste AygmvLa verfolgte der 
Priester mit dem Sdiwerte eine der Frauen des Gesdiledits, die er, 
wenn er sie erreidite, töten durfte, Die alte Sdiuld der Frauen ist 
das Kindesopfer 2 . . .« Jede soziale Ordnung wird durdi bestimmte 
Normen in ihrem Bestände gesdiützt,- diese Normen werden durdi 
die Autorität eines Gottes besonders bekräftigt. Die revoltierenden 
Urtriebe aber sÄaffen sidi einen Gegengott — einen Dämon — 
weldier der von dem herrsdienden Gott geheiligten Ordnung feind= 
lidi gegenübersteht. Dionysos ist ein soldier Gott der verdrängten 
(unbewußten) Triebe. Darum ist er ein verfolgter, d. h, von den 
herrsdienden sitdidien Normen (von der »Zensur«) verfolgter Gott 3. 
Daß die ihm dienende Gemeinde in der Gestalt des Opfertieres ihren 
eigenen Gott hinriditet, darin äußert sidi der dramatisdi^tragisdie 
Zwiespalt der Seele: der Zusammenstoß des kriminellen mit dem 
EthisÄen, des »Bösen« mit dem Gewissen, 

Audi die mittelalterlidien Vorstellungen vom Teufel sind von 
derselben dramatisdi^tragisdien Natur. Den Mittelpunkt des Teufels» 
kultes sollen angeblidi die Hexensabbate bilden, wo die Ketzer, die 
Hexen und die Zauberer zusammenkamen. Ein Engländer, Walter 
Mapes, sdiilderte um 1190 diese Zusammenkünfte wie folgt: »Sie 
versammelten sich . . . beim Einbrudi der Nadit in ihren ,Synagogen'/ 
an einem an der DeAe befestigten Seile stieg 'dann ein großer 
schwarzer Kater zur Gemeinde herab,- sobald dieser ersdiien, wurden 
die Liditer gelösdit und jeder sudite den Kater als seinen Herrn 
zu küssen, vor allem an ekelhafter Stelle,- dann gab man sidi 
allgemeiner Unzudit hin«.* Nadi anderen Angaben ersdieint der 
Teufel der gläubigen Gemeinde in Gestalt eines gigantischen Bockes. 
Auf den jährlidien Festen wird der Teufel verbrannt. Der Teufel 



1 ib., 1053, ,'...... 

2 ib. 

3 Dieses Problem hat der Autor ausfülirlidier behandelt in einer nodi nidit 
erschienenen Arbeit; »Die Faustsage«. 

* Angef. bei Jos. Hausen, Zauberwahn, Inquisition u. Hexenprozeß in 
Mittelalter, p. 228. München und Leipzig 1900. 




DerTeufd Se ,V T ^''Tr f' ^"^ '^^^ schwärmenden Chores, 
muß SsShnP T-f^'-T ^^yJ'^^^^'en, dns sAwer gesühnt werden 
im e.^ n Leh n al?; •' ' V T^'''^ 'T Verbrennen des Teufels aus, 
d'" VerZJ "" X?'^,''"""^" ^^'- Hexe., und der Zauberer, 
folgungen b^wlÄso^a-^t^ '", ^^" ^77^^^ 

der^ e genen pC ' f ;? ' ^'"'*. '^''"P^^*^ '"'' ^^" Ausgeburten 
>>2um wTsen einp\H'-(- "'^ "i '^örpeHidie Existenz zusdirieb. 
mit dem i^Pers on erS.i^'" ^T ^rj^'l*^" ^"•'^' gehörte, daß er 
hatte.« Der X HeLirA" f ^'"'^'' ^rfoIgreiAe Kämpfe bestanden 
braditen es zu einl D ^f^'T""' ""^ ^'^ "^'''''sk^it i^ner 2eit 
sinnlichen TrieZ H ''r''^, '^?'; ""ferdrüAten und geknebelten 
ud He den 1?. vf ^'"/"x^j'f Unbewußte sAuf sidi neue Götter 
tragisAe Re'abl ^ '''.-^'' y^'^ bevölkerten <die Prejektion). Die 
Ta? um.eS^ W i'"' "^." ersAaifene Weh wieder. In 

meintSarHe^cen uni f'\^'' strafreAtliAe Verfolgung der ver. 
DarsteHer nötig haben um f 'ff; 7'^ ^'^ ^^^^^'^^" ^^« ^iAters die 
ebenso hat das sSnfdL «f ^^5'^ ''^'* ""^ crsAcinen zu können, 
breAer nötig um durS-r«" ^''c P^'"^''^'^^" M^"^d.en den Ver. 
Triebe wirksam Tu i^ fr. !^' Bestrafung die eigenen verbredierisdien 
mit Hilfe eilfverJeTetd ^%' ^^^^ "^'^^ dem Verbrecher 
sehen Wese^nach e n. t" ^''^^^'^'i ihrem psychologi- 
Die BesLfun. /'"1:,^'^'^'''fisch-tragische Handlung. 
Phänom n<< WenrLf'z ^^^^-^^"Ji;"^^ '"«» 'in »VersAiebungsl 
man aber niAts äntm d f A T"' ^"S"" '^"'^"^ f^^'-^f' '^^"^ 
einen Geeenshnd ^? '^ "'S' ^^^""' ^° ^^'"stört man irgend 

und w.Vd^o iS t n "w"? '4'äS* »"'t d^»- Faust auf den Tisdi 
auf dTn (eMo<f r^'- ^^^ "^"f^^^'^f ^i^d von der sdiufdigen Person 
eine Slnfn? %^"sf3"d versnoben. WiJf man einfm Feinde 
Xrlf ^ "'/x ''''""r."?^"' "^* ^'■"^'" sehr verbreiteten Volks^ 
aberglauben, einfadi sein Bild durdistedien oder durdipeitsAen usw./ 
dues mit dem Bilde vorgenommene, gesdiieht jener Person. Man 
mul) seiner Wut Luft machen und wo Hindernisse entgegentreten, 
r'] 'ä'^ r""^", '^^P Wutaffekt auf einen Ersatz, auf einen Sünden« 
• w" °^^ V°"^ ^°"^ Sdiuldbewußtsein gedrüAt, erwadit 

eine Wut gegen die eigene sündhafte Person, der man dodi keine 
Fem antun modite so sdiafft man auf diese oder jene Weise einen 
Jundenbodc auf den man mit Hilfe des Versdviebungsmedianismus 
die Strafe überträgt. Die Mensdihdt handelt in diesem Falle wie 
die lileine Hilde Stern, von der erzählt wird: »Einmal, als sie 
ermahnt wurde, im Garten nidit Blätter abzureißen, antwortete sie: 
l^uppe h at die Blätter abderissen, kriegste Haue.«i 

.Beiträ^e^2'rPsvJ'^'"A^'''"' ^u'"''^'- c"' ^"^^«^c in der ersten Kindheit. 
»Deiirage zur i sycJiol. d. Aussaije«, her, v. Stern, II. Folge, H. 2, p. 63.