(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXII 1936 Heft 1"

XXII. Band 1936 Heft 1 



IMAGO 

^eitsdirilt lür psychoanalytische Byaioloei 
ihre Grenzgebiete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



ie 



Herausgegeben von 



oigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wald 



Paul Federn Zur Unterscheidung des gesunden und krank* 

haften Narzißmus 

Edward Glover Medizinische Psychologie oder akademische (nor* 

male) Psychologie: ein Problem der Orientierung 

Paul Schilder Psychoanalyse des Raumes 

L. E. PellersRoubiczek . Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung. Psycho* 

logische Deutung statistischer Daten 

Wilhelm Nicolini Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanaly* 

tische Erklärung 



■ 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf die folgenden gesetzlichen Bestimmungen auf* 
merksam : 

Bis zum Ablauf von zwei dem Erscheinungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren 
kann über die betreffenden Verlagsrechte (Wiederabdruck und Übersetzungen) nur mit 
Genehmigung des Verlages verfügt werden. Es steht jedoch auf Grund eines generellen 
Übereinkommen, das wir mii dem „International Journal of Psycho*Analysis" getroffen 
haben, jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages der letzgenannten 
Zeitschrift Rechte zur Übersetzung und zum Wiederabdruck einzuräumen. 

Ansuchen um die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in 

einem anderen Organ müßten zugleich mit Übersendung des Manuskriptes gestellt werden, 

um Berücksichtigung finden zu können. 

Die Redaktion 



1) Die in der „Imago" veröffentlichten Beiträge werden mit Mark 25— per sechzehn* 
seitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen ; die Autoren solcher Beiträge 
erhalten kein Honorar. 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(einseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein* 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange* 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.— , für 50 Exemplare Mark 20.— 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.-, „ 50 „ „ 25.- 

„ 17 „ 24 „ „ 25 „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

„ 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.-, „ 50 „ „ 45.- 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an* 

gefertigt. 



Preis des Heftes Mark &-, Jahresabonnement Mark 22.- 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 520 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXI. Band (l93j) sowie zu allen früheren 

Jahrgängen: in Halbleinen Mark 2.JO, in Halbleder Mark J. — 



Bei Adressenänderungen 

bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort bekanntzugeben, denn die Abon* 
nentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem Namen geführt. 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE 
PSYCHOLOGIE, IHRE GRENZGEBIETE UND 

ANWENDUNGEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

SIGM. FREUD 



REDIGIERT VON 

ERNST KRIS und ROBERT WÄLDER 



XXII. BAND 

1936 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG IN WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYGHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I M A G O 

XXII. BAND 
1936 



I M A.G..O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XXII. Band 1956 Heft 1 

Zur Unterscheidung des gesunden und 
krankhaften Narzißmus 1 

Von 

Paul Federn 

Wien 

Ein neues Forschungsgebiet war für die Psychoanalyse eröffnet, als F r e u d 
die Ichlibido entdeckte und für sie den Begriff Narzißmus einführte; dieses 
Neue brachte aber eine noch immer nicht überwundene Erschwerung des Ver* 
ständnisses der Theorie und der Nomenklatur und verlangte von den Analyti* 
kern ein Umlernen, wenn sie es sich nicht an Wortwissen und Autoritäts* 
glauben genügen lassen wollten. Vorher war es leicht, von der Unterscheidung 
der Ich* und der Sexualtriebe als Grundlage der dynamischen Auffassung, 
z. B. der Neurosen, auszugehen. Nun war das Ich selbst eine libidinös bei* 
setzte Instanz geworden, und der Begriff „Narzißmus" löste den bisher für 
alles Pathologische an Introversion und Objektabkehr gebrauchten B 1 e u* 
ler sehen Begriff des „Autismus" ab. Diese beiden Begriffe haben aber nicht 
das Gleiche an Vorgängen und Zuständen zum Inhalt: Mit „Autismus" wird 
festgestellt, daß das Ziel der Strebung oder der Beteiligtheit in der Innenwelt 
des Individuums, meist des kranken, liegt; hingegen bezieht sich das Wort 
„Narzißmus" auf Ziel und Ursprung der Besetzungen bei den autistischen 
und bei anderen Vorgängen und Zuständen und sagt aus, daß die Besetzung 
Ubidinöser Art ist, und daß sie der Innenwelt nicht nur zugewendet ist, son* 
dem von Anfang an dem Ich angehört und von ihm ausgeht. Infolge dieser 
Auffassung hat die Trieblehre F r e u d s die nicht libidinösen Triebe nun nicht 
mehr durch ihr Ausgehen vom Ich von den libidinösen abgrenzen können, 
sondern durch ihr Ziel, welches genetisch und beobachtbar sich zum Teil 
sogar als die Zerstörung des Ichs, als Sterben darstellt. Konsequenterweise 
müßte man auch für die von diesem Trieb erfüllten Besetzungen einen Ter* 

i) Nach Vorträgen, gehalten in Oxford (1929), Luzern (1934), Prag (1935). 



Paul Federn 



minus, analog dem der Libido, einführen, wofür ich — in Anerkennung der 
Theorie vom Todestrieb — das Wort „Mortido" vorschlage, während Edo* 
ardo Weiß, um nicht in bezug auf die Annahme des Todestriebes zu präju* 
dizieren, das Wort „Destrudo" vorzog. 2 Freilich präjudiziert dieses Wort 
wieder in der Richtung der anderen Annahme, daß die nach außen gerichteten 
Zerstörungstendenzen allein die ursprünglichen seien, und daß sie es sind, die 
durch ihre Wendung gegen die Innenwelt diese zu zerstören trachten. Da die 
Entscheidung in dieser Alternative nicht der Psycho*, sondern der Bioanalyse 
oder sogar der reinen Biologie zustehen wird, braucht wegen dieser Termino* 
logie kein Streit zu entstehen. Es ist kein Zeichen der Ünangepaßtheit unserer 
Termini, wenn oft mehrere für ein und dasselbe Phänomen anwendbar sind; 
das Seelische wird nur zur besseren begrifflichen Erfassung analytisch einge* 
teilt, die Phänomene selbst lassen sich nicht abteilen und danach etikettieren. 
Deshalb brauchte z. B., wer die Analyse mißverstand, die ergänzende Syn* 
these, wobei das Mißverständnis darin lag, daß sich das Wort „Psychoana* 
lyse" auf die Art der Denkarbeit des Analysanden und des Analytikers be* 
zieht, aber nicht etwa darauf, daß die Seele des Analysanden in Teile zerlegt' 
würde. 

Wir werden daher auch bei unserem Thema nicht verlangen, daß die einan* 
der gegenüberstehenden Termini immer im gleichen Sinne gegensätzliche Be* 
deutung haben. Sie müssen nur jeweilig für die zu unterscheidenden Vor* 
gange die Unterschiede richtig erkennen lassen. Als Freud z. B. den ero* 
tischen Menschentyp vom narzißtischen abgrenzte, war damit nicht die libi* 
dinöse Natur des Narzißmus aufgegeben, sondern das Wort „erotisch" hier 
im alltäglichen Sinne gebraucht. Die Charakterisierung dieses narzißtischen 
Typus stellt diesen weder als krankhaft noch als abnorm hin, allerdings mit 
der Einschränkung, daß er nie in reiner Ausprägung vorkommt. Das Bei* 
spiel, das Freud in einer Diskussion über dieses Thema als reinst narziß* 
tisches Exemplar angab, war Falstaff ; dieser dürfte allerdings, weil beinahe 
zu normal, an der Grenze des Normalen stehen und im Leben keine Ideal* 
gestalt sein. In der Schilderung der Typen wird am „narzißtischen Typus" 
die Selbstsicherheit hervorgehoben, auf der die Aktivität beruht und insbe* 
sondere die Aggressionen unerschütterlich gegen außen gerichtet werden 
können. So ist schon hier die starke narzißtische Besetzung als die normale, 
brauchbare und nötige Gegenbesetzung erkannt, vermöge welcher Objektbe* 
Setzungen mit aktiver Energie zur Geltung gebracht werden; die Ichlibido 
liefert demnach unsere normale Gegenbesetzung zu unseren normalen Ob* 
jektbesetzungen; sie ist dabei zum Teil frei verschiebbar oder gebunden und 

2) Vgl. E ; -Weiß: Todestrieb und Masochismus, Imago, Bd. XXI, 1935, S. 396. 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 



zum Teil in der Charakterstruktur aufgegangen. 

Hier und in anderen Beziehungen sind der Narzißmus und die Ichlibido 
gegensätzlich zum Eros und zur Objektlibido; ebenso ist es die narzißtische 
Kränkung zum Leiden an enttäuschter Objektlibido. Wenn man aber dann 
die Worte in ihrem grammatikalischen Sinne weiter starr verwenden wollte, 
dann wäre es gleichsam für den Narzißmus ausgeschlossen, mit einem Ob* 
jekt in Beziehung zu sein, sei dieses ein „Etwas in der Außenwelt", sei es 
die Objektrepräsentanz. In Wirklichkeit ist sehr viel Ichlibido an die Ichtriebe 
im alten Sinne angelehnt und so nicht nur mit dem Ich verbunden, sondern 
auch dem Objekt, bezw. der Objektrepräsentanz zugewendet. Es ist damit mit 
Worten der Libidotheorie ausgedrückt, was die Psychologen und namentlich 
Schilder vom Enthaltensein des Ichs im Akte ausgesagt haben. Es gibt 
demnach Narzißmus, der nichts mit den Objekten zu tun hat, und solchen 
mit Objekt; oder, richtiger gesagt, man kann narzißtisch sowohl sein ohne 
Objektbesetzung als auch gerade bei der libidinösen Objektbesetzung (z. B. 
narzißtische Liebeswahl), ohne daß dabei der Narzißmus in Objektlibido 
umgewandelt würde. Damit verbleibt man völlig innerhalb des Normalen und 
Gesunden. Wie ich schon früher 3 genauer ausführte, hat aller sekundäre Nan» 
zißmus das Ich oder das dem Ich Einverleibte, bezw. das von ihm Umschlos* 
sene zum Gegenstand. Hier liegt der Gegensatz zwischen Objektlibido und 
Narzißmus nicht mehr im Bezogensein auf ein Objekt, sondern nur in der Art 
des Objektes (ob Außenwelt oder Ichanteil) ; die strenge Unterscheidung wird 
— ganz im Einklang mit dem tatsächlichen psychischen Geschehen — hinfällig, 
wenn und so weit das Ich Anteile der Außenwelt umfaßt. Haben wir abeU 
einmal die Ichbesetzung von den Objektbesetzungen zu unterscheiden ge* 
lernt, so werden wir sogar das Wort Narzißmus gewöhnlich gerade für jene 
Ichbesetzung verwenden, welche mit der Außenwelt und mit den Objekt« 
repräsentanzen in Beziehung tritt; denn es ist eigentlich nur für diese Be* 
Setzungen wichtig, zu erkennen und hervorzuheben, daß sie ichlibidinöser 
Natur sind; dehn daß das Ich, soweit ihm Libido zugehört, mit Ichlibido be* 
setzt ist, ist selbstverständlich. Dort, wo der Narzißmus uns überrascht, ist 
uns auch die Aufgabe gestellt, das gesund Normale vom abnorm Krankhaften 
zu trennen. 

Wenngleich der Narzißmus zuerst in seinem pathologischen Auftreten er* 
kannt wurde, ist er zweifellos nicht ein pathologischer Rest der Vergangen« 
heit, sondern das normale, wesentliche Mittel zum lebendigen seelischen 
Zusammenhalt des Ichs. Er wurde auch als normales Libidoreservoir von 
Freud beschrieben. Später wurde von vielen Analytikern — zum Teil um 

3) Federn: Das Ich als Subjekt und als Objekt des Narzißmus. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XV, 1929, S, 293. 



Paul Federn 



die individualpsychologischen Befunde, soweit sie richtig sind, libidotheore* 
tisch zu erklären — mehr das Pathologische am Narzißmus hervorgehoben. 
Alle narzißtische Einstellung, die narzißtischen Besetzungen, die narzißtische 
Kränkung, wurden, wieder im Sinne des „Autismus", als krankhaft hervor* 
gehoben. Oft hörten wir, daß die narzißtische Besetzung das Interesse an der 
Behandlung und Heilung störe, jedes Interesse vereitle, oder daß der über* 
große Narzißmus die Übertragung erschwere oder unmöglich mache; den 
„narzißtischen Panzer" zu zerstören, war die technische Vorschrift Reichs. 
So richtig das alles war und ist, die Aussage war viel zu allgemein, um zu 
erklärenden Zusammenhängen zu führen. Auch dürfen wir nicht vergessen, 
daß jede Angst, jedes Schamgefühl, jedes Schuldgefühl ein narzißtischer 
Vorgang ist, daß in allem Sadomasochismus, Masochismus und Exhibitio* 
nismus eine Komponente Narzißmus inbegriffen ist und so die Bezeichnung 
„narzißtisch" meist bloß etwas Allgemeines an Stelle des bereits bekannten 
Besonderen setzte. 4 Es ist auch zu unterscheiden, ob es sich um normalen Nar* 
zißmus handelt oder um narzißtische Beziehungen, wie sie für die Psychose 
charakteristisch sind, bei denen die Rückkehr zur fixierten narzißtischen Stufe 
tatsächlich die Anwendung der Psychoanalyse, wie sie für die Übertragungs* 
neurosen technisch ausgebildet wurde, illusorisch macht. 5 Bei Psychosen han* 
delt es sich um eine andere Erfassung der Wirklichkeit seitens des Kranken, 



4) Auch die schöne, lehr* und aufschlußreiche Arbeit von P f a n d 1 (Der Narzißbegriff, 
Imago, Bd. XXI, 1935) ist unter diesem Eindruck geschrieben, den die psychoanalytische 
Literatur des letzten Jahrzehntes erweckt. Der Narzißmus wird als pathologisches Phä* 
nomen und sogar, weil er an Stelle der verdrängten normalen Erotik auftritt, als Neurose 
bezeichnet. Von dieser unrichtigen Auffassung aus lehnt der Autor manche von anderen 
Verfassern gegebene richtige Deutung oder gefundene Bedeutung als unwesentlich ab. 

5) Freud selbst steht der analytischen Behandlung der Psychosen auch heute sehr 
skeptisch gegenüber und so auch meinen Mitteilungen über die guten Erfolge bei beginnen« 
der und bei vorgeschrittener Schizophrenie. Die Erfahrung bestätigt aber immer wieder, daß 
der Schizophrene ebenso schnell und nicht weniger verläßlich überträgt als der Neurotiker 
und mancher Gesunde. Allerdings wird seine Übertragung sofort gelöst, wenn man an der 
Technik der Neurosenanalyse festhält. Vermeidet man diese, so ist der Psychotiker vermöge 
seiner Übertragung — im Prinzip — analysierbar. Auch sein gesteigerter und andersartiger 
Narz.ißmus„ist kein Hindernis, sondern zwingt nur zum Eingehen auf die andere Erfassung 
der Wirklichkeit. Es trifft die Steigerung nur einen Teil des Ichs oder, richtiger, das infantil 
eingeschränkte Ich, oft mehrere fakultativ gleichzeitig bestehende infantile Ichstadien, die 
man erkennen muß, um mit ihnen wie mit einem Kinde in Kontakt zu treten. Viele 
der jüngeren, d. h. später erworbenen Stadien und Inhalte haben sogar ihre narzißtische 
Besetzung ganz oder teilweise verloren und sind ein der Analyse zugängliches Material 
geworden, während das aufgelockerte Unbewußte viel, nicht mehr verdrängtes Mjaterial 
ohne Widerstand bekanntgibt. Übertragen wird sowohl objektlibidinöse als narzißtische 
Besetzung in wechselndem Verhältnis; letztere meist durch Erneuerung früherer Identifizier 
rungen. Einen größeren Wert gewinnt die Analyse der sekundär narzißtischen Selbstbeob« 
achtung, welche die abnormen Mechanismen zum Gegenstand hat. Jedenfalls läßt jede 
Psychosenanalyse einen starken Eindruck von pathologischem Narzißmus zurück. 






Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 9 

auch haben ihre unbewußten Konflikte die Entwicklung des Ichs aufgehalten, 
resp. sie betrafen ein aus endogenen . Gründen fehlentwickeltes Ich. Der 
krankhafte Narzißmus des Psychotikers wird nicht Gegenstand dieser Dar* 
Stellung sein. Hier will ich nur einzelne Kriterien zur Unterscheidung des 
pathologischen und des normalen Narzißmus mitteilen. Ich halte das für 
nützlich, denn es soll der Begriff und das Wort „Narzißmus" nicht in unge* 
rechtfertigter Art in das Bereich des Pathologischen abgleiten. 

Während jeder psychoanalytischen Behandlung haben wir wohl immer 
e inen si chere n und fein nuancierten Eindruck, wie weit der jeweils uns sich 
darbietende Narzißmus als normal oder als pathologisch zu gelten habe, und 
ob er lm^zweifen Fäll pathologisch gesteigert oder pathologisch verwendet 
ist. Auch abnorme Verminderung des beim normalen Individuum zu er* 
wartenden Narzißmus fallen uns auf; hiezu gehören die Entfremdungs* 
zustände, bei denen allerdings der sekundäre Narzißmus der Selbsbeobach* 
tung so oft kompensierend einsetzt, daß manche ihn noch immer — mit Un* 
recht — als den Grund der Entfremdung betrachten. Es gibt aber auch eine 
neurotische Nüchternheit und Kälte, die durch Mangel an Narzißmus ent* 
steht; so bei beginnenden Psychosen, wenn nicht die Angst im Vordergrund 
ist, und auch bei Neurotikern mit Entfremdungszuständen geringsten Grades. 

Die abnorme Steigerung oder abnorme Zuwendung von Narzißmus zeigt 
sich im Benehmen des Menschen, nicht nur des Analysanden, im allge* 
meinen wie im besonderen. Es ließe sich Genaues z. B. darüber schreiben, 
wie wenig Menschen imstande sind, einen Gruß oder Händedruck zum Will* 
komm oder Abschied mit bloßer Objektbesetzung und nicht narzißtisch zu 
geben, wie es ein zu seinen Mitmenschen normal eingestelltes Individuum 
automatisch tut. Beim neurotischen Analysanden sind diese kleinen Sym* 
ptommanieren in sehr charakterisierender Art vermehrt und gesteigert. Das* 
selbe sehen wir an vielen anderen Symptomzeichen, wir hören es in noch 
höherem Ausmaß heraus aus dem Gefälle von Ton und Akzent bei allem 
Sprechen oder nur in komplexbedingter Weise bei einzelnen Sätzen oder 
Themen; die bloße Dehnung der Aussprache verrät oft das störende Hinzu* 
kommen einer zweiten, mehr narzißtisch beset zte n Ichgrenze zu der zunächst 
in Aktion tretenden; man kann aus einer jeden gedehnten Silbe bei manchen 
Individuen eine zweite und eine dritte Innervation beim Artikulieren heraus* 
hören, die von dem ausgeht, was einer „vorstellen" will. Wir erkennen ge* 
steigerten Narzißmus an der Art der Beurteilung von an sich unwichtigen 
Ereignissen, an der Art der Reaktion auf das auftauchende, namentlich das 
verdrängte Material, vor allem an der Auffassung der Einstellungen der Um* 
weit zum Patienten, besonders der der Liebesobjekte, und vice versa. Daß 
die Unfähigkeit, objektiv zu urteilen, fast immer auch narzißtische Gründe 



10 Paul Federn 



hat und dies ein objektives Kriterium ist, ist selbstverständlich für jedermann, 
nur nicht für den Betroffenen selbst. Sowohl die Individualpsychologen als 
auch Reich haben vielfach richtige allgemeine Gesichtspunkte für die 
Unterscheidung gefunden und viele Einzelheiten beobachtet. 

Wenn wir — und wäre es auch nur eindrucksgemäß — den Narzißmus 
beurteilen wollen, müssen wir wie immer, wenn es sich um die Ökonomie 
der Libidobesetzung handelt, auch fragen, ob bei diesen Individuen nicht 
die Gesamtquantität der verfügbaren Libido eine andere sei.. Tatsächlich hat 
man dies immer so angenommen. Mit dem Ausdruck „Natur, Vollnatur", 
bei vielen Autoren auch mit dem Ausdruck „Sinnlichkeit", hat die Laien* 
spräche ein besonders großes verfügbares Libidoquantum bezeichnet. Für den 
Analytiker kompliziert sich eine solche Feststellung durch sein Wissen, daß es 
auch gebundene, verdrängte und durch organische Verdrängung oder sonstige 
Strukturierung unerfaßlich gewordene Libidoquanten gibt, daß gerade letztere 
Quanten die Stärke der Persönlichkeit und des Charakters bedingen, während 
es die sozusagen freien Überschüsse an Libido sind, welche für die Beobach* 
tung und für die Selbstbeobachtung manifest werden. Auf diese größten 
Libidoquanten kann aber nur indirekt auf Grund der Theorie geschlossen 
werden. 

Die Psychoanalyse greift daher nur selten zur Annahme eines Mehr oder 
Weniger an Gesamtlibido; ihre Praxis und ihre Theorie beschäftigen sich 
mit dem Wechsel in Verwendung und Besetzung von Libido, mit der Dy* 
namik und Ökonomie, nicht mit der Statik und Quantität. Auch als Freud 
die Unterscheidung von narzißtischen und erotischen Individuen mitteilte, 
dürfte er nicht die Gesamtquantität, sondern die Verwendungsart und die 
verhältnismäßige Steigerung in der einen oder der anderen Richtung gemeint 
haben. Immerhin ist es seine ausgesprochene Ansicht, daß das Verhältnis der 
Libidoverteilung auf das Ich, auf die Objektwelt und auf das Übersieh 
gewiß nur in weiten Grenzen etwas für jedes Individuum Konstantes sei; 
in diesem Falle lägen für Individuen von verschiedenem Typus auch die 
Grenzen zwischen normaler und pathologischer Steigerung oder Verwendung 
verschieden. Es dürfte daher Eidelbe rg auf richtigem Wege sein, wenn 
er den Typen auch bestimmte Dispositionen zu bestimmten Neurosen zu* 
schreibt. Auch ist begreiflich, daß das Interesse für die Quantität der Libido 
jüngere Analytiker veranlaßt, die Möglichkeit von Messungsmethoden für 
die Libidoquanten experimentell (Bernfeld und Feitelberg) oder theo* 
retisch (E i d e 1 b e r g) zu untersuchen. Wahrscheinlich zweifelt niemand von 
uns Analytikern, daß es sehr große Unterschiede des individuellen Libido* 
quantums geben muß, die konstitutionell bedingt sind. Ob speziell auch das 
Quantum an Narzißmus konstitutionell verschieden ist, wissen wir nicht. Daß 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 11 

es narzißtische Psychosen gibt, beweist nur, wenn wir die Frage der Konsti* 
tution in dieser Richtung verfolgen, daß das gegebene Libidoquantum für den 
Narzißmus und die Objektlibido nicht ausreichte. Überschuß wie Defizit 
an Libido können die normale Verteilung und Verwendung erschweren und 
so beide das Überwiegen des Narzißmus bedingen. Auch mag es sein, daß die 
nötigen kompensatorischen Mechanismen der Gegenbesetzung beim konsti* 
tutionellen Übermaß zu stark ausfallen, beim konstitutionellen Defizit ver* 
sagen, und daß dadurch erst das Krankhafte und Abnorme der Libido* 
Verteilung auffällig wird; auch die umgekehrte Folge könnte bei diesen 
komplizierten ökonomischen Relationen erklärbar sein. Auch erklärt der 
Faktor der konditionell bedingten Quantität die wohl nicht nur schein* 
bare Häufung der Neurosen und speziell der narzißtischen Neuropsy* 
chosen in den kritischen Lebensperioden aller Menschen und der Faktor 
der konstitutionell bedingten Quantität ihre Häufung bei bestimmten Völ* 
kern oder Menschentypen. 

Wir kehren nach dieser, trotz des geringen Ergebnisses der Vollständigkeit 
wegen gegebenen Erörterung zurück zu dem immerhin psychoanalytisch 

besser zugänglichen Thema der theoretischen Klarstellung der Unter* 

Scheidung des normalen und abnormen Narzißmus nach seinen Erscheinungs* 
formen. Hiefür haben mir meine früheren Untersuchungen einen Zugang 
zur unmittelbaren Beobachtung des Narzißmus verschafft, weil ich im „Ich* 
gefühl" einen Index der normalen narzißtischen (medialen) Besetzung er* 
kannt habe, und weil wir sowohl Steigerungen als Herabsetzungen des 
Ichgefühls, d. h. der narzißtischen Besetzung, bei den verschiedensten psy* 
chischen Vorgängen und Funktionen an bestimmten Symptomen und da* 
durch das Bestehen von verschiedenen „Ichgrenzen" erkennen lernten. Die 
Ichgrenzen sind topisch die Träger, man könnte sagen die psychischen Organe 
des Narzißmus, wenngleich die mit den narzißtisch libidinösen Vorgängen 
verbundenen Sensationen, Regungen und Erregungen den verschiedensten 
erogenen Zonen und Funktionen zugehören. Das lustvolle Ichgefühl ist dem* 
nach gleichsam der Identitätsnachweis für die narzißtische Besetzung einer 
körperlichen oder somatischen Ichgrenze; im ersten Fall ist der Narzißmus 
eigentlich verbreiterter Autoerotismus, von welchem er abstammt; die den 
Narzißmus ausmachenden Libidoquanten sind beim normalen Ichgefühl 
wahrscheinlich kleiner, als es die ursprünglichen autoerotischen, dauernden 
Besetzungen waren. Durch die Erfahrung bei Diskussionen belehrt, bitte 
ich den Leser, das Wort „Ichgrenze" ganz im Sinne des Wortes dahin zu 
verstehen, daß wir fühlen, wie weit das Ich reicht, oder, noch richtiger, bis 
wohin das Ich nicht mehr reicht. Für das körperliche Ichgefühl bedeutet das, 
daß die Ichgrenze nicht immer mit den Körpergrenzen übereinstimmt, diese 



12 Paul Federn 



nicht ausfüllt oder aber auch sich über sie hinaus erstreckt, — man denke z. B. 
an die Sicherheit, mit der ein Autolenker die Ausdehnung des von ihm ge* 
führten Wagens ständig und richtig innehat. Die psychischen Ichgefühls* 
grenzen lassen es uns merken, daß Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen 
aller Art, Erinnerungen, das eigene Sprechen und Bewegen unserem Gefühl 
nach von außen ins Ichbereich kommen, dem Ich angehören und ihm zuge* 
hörend verbleiben, bis sie wieder durch andere ersetzt werden. Wir würden 
damit nur das Eintreten ins Bewußtsein, das darin Verbleiben und aus ihm 
Entschwinden mit einem anderen Worte beschreiben, wenn nicht, erstens, 
bei mangelnder Besetzung der Ichgrenzen mit Libido die psychischen Erleb* 
nisse wohl wie sonst bewußt, aber entfremdet wären, und wenn nicht, zwei* 
tens, vieles, was bewußt wird, im Bewußtsein als Außenwelt vom Ich weiter 
geschieden bliebe, während anderes als ichzugehörig durch das Bewußt» 
werden aufgenommen wird. Der Unterschied liegt daran, daß es vielerlei 
Ichgrenzen gibt, aber nur eine Grenze für das Bewußtwerden. Daher kann 
etwas nur an der gedanklichen Ichgrenze mit dem Ich zusammenhängen, 
aber an allen übrigen Ichgrenzen außer Kontakt mit dem Ich verbleiben, 
und so wird es als zur Außenwelt gehörig gedacht und erkannt, obgleich es 
die augenblickliche gedankliche Ichgrenze bildet. Ein dritter Grund, der uns 
zur Unterscheidung von Bewußtsein und Ichzugehörigkeitsgrenze nötigt, ist 
der, daß zahllose nicht bewußte verschiedene Ichzustände mit den verschie* 
densten Inhalten und Grenzen in uns sind, welche bewußt werden können 
und sonst auch vorbewußt oder unbewußt die Gefühle und Gedanken 
ständig mitbeeinflussen. Es gibt unbewußte und vorbewußte Ichgrenzen und 
j deshalb können wir nicht Bewußtsein und Ichgrenze als wesensgleich auf* 
fassen. 

Die Einheitlichkeit eines Charakters beruht auf dem Bestehen einiger fest* 
gefügter, gleichbleibender Ichzustände, in denen die wichtigsten Grenzen 
dem Inhalt und Umfang nach unveränderlich sind, und auch auf der Art ihrer 
Libidobesetzung; sie treten bei den verschiedensten Eindrücken, namentlich 
bei Affektauslösungsanlässen analoger Art ins Bewußtsein. Die Individualität 
ist umso reicher, je mehr solche Ichzustände, die gleichbleiben, sich in ihm 
gestaltet und vorbereitet haben und je mehr diese Reaktionsgrundlagen des 
Ichs dabei doch einzelnen ihrer Ichsektoren und dazugehörigen Ichgrenzen 
neue Inhalte und Reaktionsrichtungen angliedern, auch je leichter einzelne, 
nicht zu den typisierten gehörige Ichzustände aus der Vergangenheit je nach 
dem Anlaß in realitätsgemäßer Auslese ins Bewußtsein treten. In all diesen 
Ichzuständen, mit aktuell oder potentiell bereiten Einstellungen, Reaktionen, 
Inhalten und Grenzen, ist sehr viel narzißtisch verwendete Libido aufge* 
speichert; dies sind, wie schon früher erwähnt, die Gegenbesetzungen, die 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 13 

es dem Ich erlauben, mit zulänglicher Stabilität Objektbesetzungen vorzu* 

nehmen und Versagungen an ihnen zu ertragen. Was wir „auf sich beruhen, 

inneres Behagen und Gleichmut" nennen, beruht auf diesen narzißtisch be* 

friedigenden inneren Besetzungen in den vergangenen, aber aufwachbereiten 

Ichzuständen. Die Widerstandsanalyse richtet sich besonders gegen diese 

Ichzustände, soweit sie nicht normale sind, und läßt sie in der Übertragungs* 

Situation Aktualität gewinnen. Die Psychoanalyse wendet sich methodisch 

diesen Ichzuständen zu, wenngleich sie anscheinend unbewußtes Material 

wahllos aufzurufen trachtet. Die den erwachenden Ichzuständen zugewandte 

Aufmerksamkeit entspricht daher der Wichtigkeit des Aufdeckens überhaupt 

und der Bedeutung des Aufgedeckten. Es kann daher die bei jeder neuen 

Schichte gezeigte narzißtische Beteiligtheit und Befriedigung eine beträcht* 

liehe sein und noch größer erscheinen, ohne daß das krankhaft wäre. All* 

mählich stellt sich mehr und mehr Objektinteresse, rein oder von wenig 

Narzißmus begleitet, her und läßt dann einzelne übermäßig narzißtische Be* 

setzungsinseln deudich hervortreten. Wo sich solcher Narzißmus zeigt, er* 

kennt man ihn daran, daß bei ganz nebensächlich erscheinenden Gelegen* 

heiten das Interesse für das aktuelle oder frühere eigene Ich sich getrennt 

vom direkten Objektinteresse zeigt, oft sogar zeitlich so sehr vorausgehend, 

daß die Erklärung für die besondere narzißtische Zuwendung erst später 

bekannt wird. Wir sehen so eine ungewöhnliche narzißtische Zuwendung 

des Ichs zum Ich und auch einen besonderen Narzißmus in den Ichzuständen 

selbst; oft auch ist die Art der Zuwendung sehr affektvoll, voll Selbstbemit* 

leidung, Rührung oder Selbstschmeichelei und deutlicher Selbsterhöhung — 

Affekten, die durch kompensierende Affekte entgegengesetzter Art verdeckt 

werden können, aber doch durchscheinen. In solchen Affekten ist der Narziß* 

mus manifest, und daß er beim Affekte; manifest wird, zeigt, daß er nicht 

mehr in normaler Art auftritt. Denn es ist bei den Affekten wie bei dem 

Objektinteresse: sie treten auf in der Beziehung des Ichs zu einem erregenden 

Etwas; bei den Objektinteressen tritt das Ich mit einem libidobesetzten 

Objekt in Beziehung, bei den Affekten mit einem libidobesetzten Vorgang 

des Ichs selber. Es kann nun das Objektinteresse einfach und unmittelbar 

mit stärkerer oder schwächerer Libidobesetzung und dementsprechendem Be* 

Setzungsverbrauch ablaufen oder dieser Ablauf selbst dabei Gegenstand des 

Ichinteresses sein; im letzten Falle ist ein narzißtischer Besetzungs* und Be* 

friedigungs*, resp. Enttäuschungsvorgang zum objektlibidinösen hinzuge* 

kommen. Wir werden nicht jeden solchen narzißtischen Begleitvorgang als 

abnorm oder gar als krankhaft bezeichnen, weil wir sonst die Norm in vielen 

Menschenkreisen zu sehr zur Ausnahme stempeln würden. Aber die see* 

lisch recht Gesunden und Normalen haben ihre narzißtische Freude, wenn 



14 Paul Federn 



überhaupt, so erst nach der Tat, und sie sind derart mit dem Objekt und der 
Besiegung der Schwierigkeiten beschäftigt, daß sie keine Libido für die Selbste 
besehung übrig haben. „Sich selbst gefallen mögen" bedeutet für Faust schon 
das Ende; daß es so sehr von ihm abgelehnt wird, beweist jedoch, wie nahe 
die Versuchung dazu ist. Es ist fast unmöglich, das „Erkenne dich selbst" 
nur mit einwärts gerichtetem Objektinteresse und nicht auch mit interessierter 
Subjektliebe zu bewerkstelligen. Wir werden daher das Überwinden des 
Narzißmus bei objektlibidinösen Interessen und Kämpfen als ideales Ziel, 
aber nicht als Zeichen der Norm hinstellen. Anders verhält es sich mit der 
oben geschilderten Sentimentalität, als welche der Narzißmus auftritt, wenn 
er bei Affekten manifest wird. 

Das Verhältnis der Affekte zu den Trieben ist noch nicht psychoanalytisch 
klargestellt. Die Mac Do ugal Ische Lehre, daß die Affekte spezifische 
Reaktionen der Seele auf die verschiedenen Triebe sind, ist an und für sich 
berechtigt; im einzelnen hängt die Richtigkeit ihrer Ausführung von der Rieh* 
tigkeit der zugrundegelegten Trieblehre . ab. Nach Freud sind die Affekte 
zentrifugale Vorgänge; das bedeutet nicht, daß Freud die zentripetale, sen* 
sible Natur der Affekte etwa nicht kannte oder nicht anerkennt; die betreffen* 
den Stellen sprechen deutlich von beiden Richtungen der Erregungsabläufe. 
Weil der zentrifugale damals und noch heute durchaus nicht selbstverständ* 
lieh bekannt war und ist, wurde er der hervorgehobene Inhalt der Mitteilung. 
Die Affekte hat Freud an anderer Stelle als normalen Parallelvorgang zu 
den hysterischen Anfällen bezeichnet. Analytisch wird oft von Affektbe* 
Setzungen wie von Libidobesetzungen, von Ökonomie, Verschiebung, 
Verwendung, Verdrängung gesprochen (zuerst von G r ü n i n g e r). Die Er* 
kenntnis, daß es wechselnde, mit Libido besetzte, und zwar mit verschiedener 
Art von Libido besetzte Ichgrenzen gibt, — wir müssen hinzufügen, daß 
Ichgrenzen auch gesamt oder zum Teil mit Mortido (sive Destrudo) besetzt 
sein können, — läßt uns die Natur der Affekte ökonomisch, topisch und 
dynamisch besser verstehen. Affekte entstehen stets zwischen 
zwei aufeinander wirkenden Ichgrenzen und sind verschie* 
den je nach der Art der Triebbesetztheit des Ichs an 
diesen Grenzen: Libido verschiedener Art, aktiv oder passiv, Mortido 
(sive Destrudo) verschiedener Art, aktiv oder passiv, an den betreffenden 
Ichgrenzen, wobei die eine Ichgrenze einem ins Bewußtsein tretenden frü* 
heren Ichzustand zugehören kann, also dem mehr juvenilen oder infantilen 
Ich. Affekte sind daher die gegenseitig entstehende Sensation, welche die 
Triebbesetzung des Ichs im triebbesetzten Ich erweckt. So verstehen wir die 
vielfachen Nuancen der Affekte gleicher Art, ihre vielfache Vermengung, 
Abtönung, ihre Verschiebbarkeit, die gleichzeitig zentripetale und zentri* 



s 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 15 

fugale Natur ihres Erregungsablaufes. Wir müssen ihr Auftreten grade an 
den Ichgrenzen annehmen, weil für Affekte besondere und sehr eigenartige 
Entfremdungssensationen sehr häufig vorkommen. Der Affekt der Scham 
z. B. entsteht, wenn auf eine mit Angst besetzte Ichgrenze eine sexuell, be=* 
sonders eine exhibitionistisch besetzte Ichgrenze einwirkt. Die Trauer ent* 
steht, wenn auf eine mit Objektlibido besetzte Ichgrenze eine mit Mortido 
(sive Destrudo) besetzte wirkt. Wir finden bei Freud die Erklärung, daß 
der Haß die Relation des Ichs, und zwar des Gesamtelchs, zum Objekt sei, 
und die Bemerkung, daß nicht der Trieb selbst hassen könne. Wir hätten 
daher für solche direkt der Außenwelt zugekehrte Affekte unsere Definition 
dahin zu ergänzen, daß auch, wenn eine Ichgrenze unter der Wirkung einer 
Objektbesetzung steht, ein Affekt entstehen kann. Sehen wir aber genauer zu, 
so ist der Haß einer der Fälle, in welchen das den Affekt erregende Objekt 
die aktuelle mit Aggression, mit aktiver Mortido besetzte Ichgrenze mit 
früheren Ichzuständen in Beziehung bringt, in welchen die Ichgrenzen in 
gleicher Art besetzt sind; denn immer „steigt der Haß auf", er ist bereits vor* 
bereitet und erneuert sich nur im aktuellen Ichzustande. Dabei können andere 
Ichgrenzen mit libidinösen Besetzungen für das betreffende Objekt das Haß* 
gefühl komplizieren. Auch die Ambivalenz ist durch die verschiedene Be# 
Setzungen zweier Ichgrenzen ermöglicht. 

Obgleich Angst und Schrecken so viel mit Entfremdungsgefühlen zu tun 
haben — indem der Schrecken dieselben hervorruft, anderseits oft Enfe* 
fremdung starken Angstgefühlen vorausgeht oder sie begleitet — obgleich sie 
so oft von Autoren als Grund der Entfremdung herangezogen wurden, finde 
ich keine Angabe und erinnere mich keiner eigenen Erfahrung, daß für die 
Angst selber eine Entfremdung bestanden hat. Die Angst entsteht nämlich 
iim Ich, 6 nicht an der Ichgrenze. Das gilt nicht von der Furcht und gilt auch 
nicht von den körperlichen Sensationen, welche die volle Angst begleiten; für 
diese können auch Entfremdungsgefühle bestehen. Bemüht man sich, auch 
die Angst unter die einheitliche Erklärung der Affekte einzureihen, so könnte 
das wahrscheinlich auch mit Recht geschehen, weil man im seelischen Ge# 

6) Es ist gleichfalls auffallend, daß bei Entfremdeten nicht die Klage auftritt, daß ihr 
Wille entfremdet sei, obgleich sie über die Störung, Entziehung und Unbeeinflußbarkeit 
ihres Willens klagen, und dieser sich objektiv oft mehr gestört zeigt als die Affekte, über 
deren Entfremdung die Kranken so sehr und mannigfaltig klagen. Wenn diese Erfahrung 
nicht auf mangelhaftem Beobachtungsmaterial beruht und nicht andere Erfahrungen an* 
deres lehren, so würde das darauf hinweisen, daß die Wilknsfunktion, wie ich an anderer 
Stelle (Das Ichgefühl im Traume, Int. Ztschr. f. Psa. XVIII, 1932) ausgeführt habe, dem 
GesamMch und nicht den Ichgrenzen zugehört. Vom Willen — Funktion und Organ 
— ist die Motorik als Ausführungsorgan und *funktion wohl zu unterscheiden. D r i e s c h 
ist entgegengesetzter Ansicht und läßt die Willensvorgänge so wie andere Denk* und 
Gefühlsvorgänge aus dem Unbewußten an das Ich herantreten. 



sämtlich Angst dann entstehen sieht, wenn das Körperlich der Todesnähe 
oder dem vollen Todestrieb verfällt. Zwischen Körperlich und seelischem 
Ich gibt es aber keine peripheren Grenzen, an denen die Ichbesetzungen auf* 
einander wirken würden, wie an verschiedenen seelischen Ichgrenzen. Überall, 
wo es sich daher um Beziehungen zwischen Körperlich und seelischem Ich 
handelt, wie z. B. bei der Konversion und bei den somatischen Komponenten 
der Angst und anderer Affekte, hätte die Darstellung zuvor der komplizierten 
topischen Beziehung zwischen seelischem und Körperlich gerecht zu wer* 
den, was besondere Sorgfalt der Beobachtung verlangt und hier wenigstens 
nicht meine Aufgabe sein wird, wenngleich das Thema des Narzißmus, schon 
weil dieser mit dem Autoerotismus genetisch zusammenhängt und weil er 
sich als Perversion auf den Körper als Objekt bezieht, die vorherige Lösung 
dieses Problems verlangen würde. 

Wir haben unser Thema dadurch nicht überschritten, daß wir den Angst* 
af fekt hier besprochen haben, denn der Zusammenhang von Angst und Libido, 
u.zw. sowohl mit narzißtischer Libido wie mit Objektlibido, ist klinisch 
und theoretisch gleich wichtig. Ohne narzißtische Besetzung wird die Reak* 
tion auf plötzliche Gefahr zum apathischen Schrecken und Erstarren, nicht 
aber zur so merkwürdigen Sensation der Angst, in welcher das Ichgefühl 
sogar sehr gesteigert ist. Die Angst ist so das beste Beispiel dafür, wie die 
Libidobesetzung und die Mortidobesetzung zu der Einheit eines Affektes 
zusammenströmen. In ganz anderer Art wird dagegen der Affekt des Schuld* 
gefühls, wo er rein auftritt, erlebt. Es kann daher nicht genügen, das Schuld* 
gefühl — und oft auch das Schamgefühl — als soziale Angst zu bezeichnen, 
wobei das Schuldgefühl mehr Angst vor Strafe, die Scham mehr Angst vor 
Herabsetzung und Preisgabe ist. Daß wir hier „Angst vor etwas" sagen 
müssen, zeigt bereits, daß es sich eigentlich um dazugekommene Furcht han* 
delt. Mit dem ganz andersartigen Affekt der Schuld ist durch die ererbten 
und erlebten Erfahrungsniederschläge die Furcht vor Strafe unbewußter* und 
auch bewußterweise verbunden. Auch echter Angstaffekt tritt aus unbe* 
wußten Gründen — zu welchen wahrscheinlich, trotz dem Widerspruch der 
zünftigen Ethnologen, die in „Totem und Tabu" angenommenen gehören — 
bei stärkerem Schuldgefühl regelmäßig auf. So wie das Ich die biologische 
Aufgabe hat, alles im Interesse des Individuums zu tun, genießt es auch 
alle Erfolge und Genüsse, die das Individuum durch die Leistung des Ichs 
gewinnt, als seinen Erfolg und erleidet die Mißerfolge als sein Unglück, die 
Gegenangriffe der anderen, soweit sie Vergeltung sind, als seine Strafe. Aber 
nicht jedes Schuldgefühl enthält eine Komponente von Angst und Strafe. 
Man kann z. B. Schuldgefühle haben, weil man einer Haßregung nicht nach* 
gegeben hat, ohne jeden Anlaß zu sozialer Angst oder Furcht. 



/ 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 17 



Der Affekt des Schuldgefühls zeigt besonders deutlich, daß die Affekte 
als Spannungsgefühle zwischen zwei Ichzuständen entstehen. Tatsächlich habe 
ich an ihm zuerst diese Topik erkannt. In bezug auf eine Objektrepräsentanz 
treten zwei Ichzustände zusammen; zwei vergangene, wenn es sich um unbe* 
wüßtes, der aktuelle und ein (auch mehrere) vergangener, wenn es sich um 
bewußtes Schuldgefühl handelt. Die triebhafte Besetzung des aktuellen Ich* 
zustandes ist eine andere als die des vergangenen. Steigert sich' der Unter* 
schied bis zum Gegensatz, so wird das Gefühl des Bedauerns zu dem der 
Schuld, wenn es sich um eine, wichtige Beziehung und um eine wichtige Re* 
aktion handelt. Wir sind gewohnt, das Wort Schuldgefühl nur dort zu ge* 
brauchen, . wo die Gegensätze der Besetzungen eine ethische Beurteilung 
erfahren, also soziale Verurteilung und Straf angst die Gegensätze vergrößern. 
Wenn man aber scharf beobachtet, so entspringt jedem entgegengesetzten 
Verhalten — subjektive Wichtigkeit und Reaktion vorausgesetzt — etwas 
von gleicher Affektart, wenn auch geringerer Intensität. Sobald einem das 
eigene Verhalten in der Vergangenheit nicht mehr recht ist, ist ein leichtes 
Schuldgefühl neben der gedanklichen Selbstbeurteilung zu verspüren. 

Handelt es sich, wie bei jedem Auftreten eines stärkeren Schuldgefühls, 
um moralisch stark betonte Gegensätze, ist insbesondere eine Liebes* oder 
Haßeinstellung des Ichs der entgegengesetzten gewichen, dann besteht ein 
starkes Gefühl der Unausgeglichenheit,, der Unausgleichbarkeit, des Nicht* 
lösenkönnens, des Gegensatzes der Besetzungen; den Spannungszustand, den 
diese Unvereinbarkeit erzeugt, empfinden wir in bezug auf die vergangene 
Reaktion als Schuldgefühl. Die gedankliche Arbeit, welche die Reaktion, 
sei es ein Tun oder ein Unterlassen, — oft nur intendiert oder gedacht — in 
ihren Einzelheiten, ihren Motiven, Rechtfertigungen, in ihrer Notwendigkeit 
oder Vermeidbarkeit, ihren guten und schlimmen Folgen zergliedert, bringt 
in jedem Denkakt den Gegenstand wieder in allen Einzelheiten mit beiden 
Ichzuständen in Zusammenhang. Der unausgeglichene Zustand ist quälend 
an und für sich, die Vorwürfe des Uber*Ichs kommen dazu; beide führen 
zu dem uns bekannten Endzustand des Strafbedürfnisses, des Geständnis* 
Zwanges, der Selbstverurteilung und. Sühnebereitschaft — einem Zustande, 
welcher die Unausgeglichenheit nach außen verlegt und so von der inner* 
liehen Spaltung, die im Schuldgefühle liegt, befreit. Solche Gegensätze der 
Einstellung treten schon in früher Kindheit auf, und zwar regelmäßig, wenn 
das Kind im aktuellen Ichzustand die' Einstellung der Erzieher annimmt, 
später, wenn es sich' mit ihnen identifiziert. Allmählich vereinen sich alle 
Ichzustände dieser Identifizierungen zum Über*Ich, welches scharfe Grenzen 
gegenüber dem nur teilweise durch Identifizierung beeinflußten „Ich" hat. 
Edoardo Weiß teilt Beobachtungen mit, daß das Über*Ich traumatisch erit* 

Imago XXII/l 2 



stehe. Das kann nur bedeuten, daß die durch intensive Konflikte entstand 
denen Schuldgefühle eher erinnert werden als die mehr chronischen und ge* 
ringen, und daß die Stärkung des Überelchs als Einkehr erlebt wird. Nach 
dem Gesagten ist es wohl nur ein Scheinproblem, ob das Überelch schon 
vor der Ödipusperiode entstehe; Schuldgefühle sind viel früher vorhanden, 
das Übersieh erhält aber nur allmählich und viel später seine mit gleicher Be* 
setzung vorbereiteten, scharfen Grenzen gegenüber dem Ich. Von da an 
kommen Schuldgefühle in der Regel zwischen den aufeinander wirkenden 
Grenzen des Überelchs und des Ichs zustande. 

Das Schuldgefühl ist ebensowenig wie die Angst bloß ein unausgeglichener 
Kampf aggressiver Tendenzen zwischen Überelch und Ich, bezw. zwischen 
zwei Ichzuständen. Die Grenzen müssen immer auch teilweise mit Libido 
einander zugewendet sein. Ohne libidinöse Komponente sehen wir den 
Selbsthaß der Melancholie an Stelle des normalen Schuldgefühles oder ein 
gleichgültiges, entfremdetes Schuldgefühl (bei der pathologischen Trauer). 
Insofern gehört auch das Schuldgefühl zu den narzißtischen Affekten. 

Als ich früher bemerkte, daß die Topik der Affektentstehung zwischen 
zwei Ichgrenzen es gut verstehen läßt, daß zum Affekte zentripetale und 
zentrifugale Erregungsabläufe gehören, habe ich diese Bezeichnung nach dem 
Ich orientiert verwendet, während Freud damit hervorheben wollte daß 
die Affekte analog der Motorik Erregungen in das Somatische abfuhren, 
u. zw. zu den Muskeln, Blutgefäßen, Drüsen mit innerer und solchen mit 
äußerer Sekretion. Grade diese typische Folge jeder Affektsteigerung, die allere 
dings auch ganz oder zum Teil beherrscht oder eingeschränkt werden kann 
(ersteres bei der Motorik, letzteres bei den Gef äfi* und Drüseninnervationen), 
stimmt zu unserer Auffassung der Affekte. Wenn bei der Begegnung der 
Ichgrenzen Triebbesetzungen frei werden oder aus dem ruhenden Zustand 
zum Abströmen gebracht werden und ihre Energien nicht im psychischen 
Erlebnis aufgebraucht sind, so gehen sie ins Körperliche über. Deshalb hängt 
auch die Bereitschaft zu Affekterregung und Entladung vom libidmösen 
Spannungszustand, dem körperlichen wie dem seelischen, im Ganzen oder 
speziell in bestimmten Triebgebieten ab. Auch daß die Affekte wie die Trieb* 
Vorgänge zum Teil ruhend und gespannt sind, zum Teil bewegt sich steigern 
und entladen, ist gut verständlich. Denn mit der Begegnung des Ichs mit sich 
selbst an triebbesetzten Grenzen empfangen diese nicht nur wie Sinnesorgane 
den Eindrucksreiz der anderen Triebbesetzung, sondern es erfolgt dabei auch 
eine Art Libidobefriedigung -* unter inadäquaten Bedingungen, wenn die 
Triebbesetzungen der Art nach voneinander verschieden sind, unter adäV 
quaten, wenn sie gleicher Art sind. Im ersteren Fall ist der Affekt ein kompli* 
zierter, hat oft etwas Verwirrendes an sich und trotz der libidinösen Natur 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 19 



etwas peinlich Quälendes; im letzteren Falle ist er einfach, lust* oder unlust* 
voll, und sich selbst steigernd. Jeder Affektablauf hat eine Komponente lust* 
voller Befriedigung, weil eben Libidoquanten zur Vereinigung und Lösung 
kommen, und etwas Unlustvolles, soweit es sich' nicht um zueinander pas* 
sende Besetzungen handelt. Die Lösung der Triebbesetzungen im Affekte ist 
keine vollkommene, es entsteht etwas Neues an Sensation 7 , verschieden von 
jeder der zusammentretenden Triebbesetzungen, eben der eigenartige Affekt, 
und dieser enthält stets noch Erregungsenergie, die sich dem gesamten Ich 
mitteilt, soweit dieses nicht seine Ausbreitung reguliert und eindämmt. Denn 
daß die Affekte an den Ichgrenzen ausgelöst werden, bedeutet nicht, daß die 
Triebbesetzungen — etwa wie elektrische Spannungen — nur periphere Erre* 
gungen sind. Es sind immer libidinöse Besetzungen des ganzen Ichs oder 
einzelner Funktionen, oder Anteile desselben; die Bezeichnung „Ichgrenze" 
sagt nur aus, daß die das Ich ausmachende Besetzungseinheit stets eine 
scharfe Begrenzung hat, bestimmte Funktionen und Inhalte erfaßt, andere 
freiläßt. Die Tatsache des exakten Ichgefühls spricht auch gegen die Theorie 
Schilders von der größeren Ichnähe und Ichferne im normalen Seelen* 
leben. Jedenfalls sind wir berechtigt, von Affektbesetzungen einer Ich* 
grenze zu sprechen, was der oben gegebenen Erklärung, daß der Affekt 
überhaupt erst durch die Begegnung triebbesetzter Ichgrenzen entsteht, zu 
widersprechen scheint. Jeder Affekt ist etwas dynamisch Entstandenes und 
enthält Besetzungsenergien, die das Ich innerhalb seiner Grenzen mit jeweilig 
spezifischer Gefühlsqualität erfüllen und erregen, an denselben oder an 
anderen Grenzen weiterwirken, so daß auch weitere Affekte durch neuerliche 
Begegnung mit einer anderen, mit Trieb oder auch mit Affekt besetzten Ich* 
grenze entstehen können — der Komplikation ist kein Ende gesetzt; die 
Überschüsse strömen ins Somatische ab. Wenn wir bedenken, daß die Affekte 

7) Jeder Affekt ist, abgesehen von Topik, Dynamik und Ökonomie, eine charakte* 
ristische Sensation. Es ist die spezifische Art der Empfindung, wie an den Ichgrenzen der 
Ausgleich vor sich geht, mißlingt oder gelingt, schnell oder verzögert, sich verbreiternd 
oder einschränkend, und zwar an den spezifischen, ganz verschiedenen Arten von Triebbe* 
Setzungen. Jeder Affekt hat seinen Verlauf. In diesem Verlauf ändern sich oft die Ich* 
grenzen, besonders wenn im Affekt ein Libidoausgleich zwischen den Ichgrenzen erfolgt. 
Bei den Affekten ist die Berechtigung der ersten ökonomischen Theorie von Lust und 
Unlust wieder zu finden; tatsächlich hat z. B. das Schuldgefühl mit seiner unausgeglichenen 
Spannung nur etwas Quälendes, nicht so die Angst bei geringeren Graden und gewiß nicht 
das Mitleid. Das Mitleid entsteht zwischen einer Ichgrenze, welche das bemitleidete Indi* 
yiduum miteinschließt, und dem eigenen Ich. Die Spannung des Unlustgefühles löst sich 
in Rührung, Erbarmen oder Weltschmerz, je nachdem ob das fremde Ich in das eigene 
einbezogen wird, ob sich das eigene an das andere verliert oder aber die Ichgrenzen sich 
zu einem allgemeinsten Umfang erweitern. Die Lust der Affekte ist von den die Ich* 
grenzen besetzenden Triebqualitäten abhängig, besonders deutlich beim Schamgefühl, 
dessen Lust unmittelbar der Sexualität entstammt. 



20 Paul Federn 



durch Sichselbstbegegnung des Ichs entstehen, so verstehen wir daß das 
Studium des Narzißmus uns zu dieser Untersuchung der Affekte hinfuhren 
mußte, und auch, daß in den nicht analytischen Beschreibungen viele Auße* 
rungen des Narzißmus unter den affektiven Eigenschaften der Selbstgefällig* 
keit, Koketterie, Eitelkeit und des Stolzes beschrieben werden, wobei die Ubi* 
quität und Bedeutung der im Ich verbleibenden Libido nicht erkannt wurde. 
Die Einteilung der Charaktere durch Jung in introvertierte und extraver* 
tierte wurde der Bedeutung des Narzißmus gerecht. 

Von der Untersuchung der Affekte in Beziehung zum Narzißmus kehren 
wir nun zum Verhalten beim Auftauchen früherer Ichzustände in der Ana* 
lyse zurück. Normal ist es, daß dabei mehr oder weniger starke Affekte 
entstehen und manchmal Zeit brauchen, bis sie deutlich und stark werden, 
während sie in anderen Fällen so eruptiv aufbrechen, daß sie dann mehr 
oder weniger intensiv das übrige Ich gänzlich oder nur zum Teil ergreifen, 
um wieder abzuklingen oder sonst erledigt zu werden. An all diesem drama* 
tischen Geschehen ist das Ich freudig oder leidend und sich wehrend mit 
Libidobesetzungen voll beteiligt, die entweder unbefriedigt fortdauern oder 
befriedigt werden und zur Ruhe kommen. Bei gesteigertem Narzißmus hm* 
gegen wendet sich das Ich dem Prozeß der Affekterledigung noch besonders 
zu und ist narzißtisch daran beteiligt. In diesem Falle liegt es an unserer 
subjektiven Beurteilung, welcher Grad von narzißtischer Zuwendung schon 
als pathologisch zu gelten habe. Den Individuen ist diese Zuwendung so 
natürlich und selbstverständlich, daß sie erst durch Hinlenkung auf weniger 
narzißtisch besetzte Vorgänge im sonstigen Erleben oder auf das Gehaben 
anderer weniger narzißtischer Persönlichkeiten die Selbstwahrnehmung der 
Abnormität des Verhaltens erreichen. Gesteigerte narzißtische Zuwendung 
ist ungesund in mehrfacher Richtung: sie steigert die Affektivität und damit 
auch die Subjektivität in diffuser, unnützer Art; sie fälscht die Auffassungen 
jeglicher Art; sie braucht Libido auf, die der Realitätsanpassung und den 
Objekten zugute kommen sollte; sie hindert die Beziehungnahme zu anderen 
Personen; sie verletzt diese Personen, ohne daß man auf beiden Seiten ohne 
Analyse die Anläße versteht und die Gründe richtig kennt; sie läßt gleich* 
sam alles zweifach erleben und schafft so einen abnormen Lebensrhythmus. 
Wir werden später bei der Unterscheidung der normalen und abnormen 
narzißtischen Phantasien darauf zurückkommen. Anderseits sind aber, wie 
wir schon früher im allgemeinen bemerkten, die starke Beteiligtheit am 
eigenen Erleben, die Bejahung der eigenen Affektreaktionen und die Zu* 
friedenheit mit der eigenen Persönlichkeit — also Einstellungen, die wir als 
narzißtisch bezeichnen müssen — nützliche und gesunde Grundlagen für die 
Beziehungen zur Außenwelt; sie sind im einzelnen die narzißtischen Gegen* 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 21 

besetzungen gegenüber den vielen objektlibidinösen Bindungen. 

Wenn ich hier von der Beobachtung des narzißtischen Verhaltens während 
der Analyse ausgegangen bin, so geschah das, weil diese uns die Einzelheiten 
der Besetzungsvorgänge oft verstehen, prüfen und überhaupt bemerken läßt, 
während wir sonst nur durch Einfühlung oder nach unserer Erfahrung die 
Eindrücke beurteilen. Die Analyse zeigt aber hier kein anderes Verhalten, 
als das sonstige Leben — und auch unser eigenes, wenn wir uns genug obU 
jektiv beobachten oder analysieren, — es uns stets vor Augen führt. Dort, 
wo sich die narzißtische Reaktion übertrieben oder andersartig darbietet, als 
wir es beim normalen Verhalten erwarten, dürfen wir nicht gleich an kon* 
stitutionell oder sonst endogen bedingte unabänderliche Charakteranomalien 
denken, sondern an reaktiv entstandene Anomalien, deren besondere Ente 
stehungsgründe wir aufzudecken haben; sie sind teils im Sinne Jungs 
komplexbedingt, teils typische Allgemeinreaktionen auf typische und allge* 
meine Einflüsse, die in früher Kindheit beginnen. 

Daß ein Individuum übermäßig narzißtisch mit seinen Erlebnissen mite 

agiert, kann eine Art Ichschwäche verraten, eigentlich in paradoxer Weise 

einen Mangel an normalen narzißtischen Gegenbesetzungen. Häufig ist es 

ferner die Fortsetzung des allgemeinen Verhaltens der Eltern gegenüber dem 

Kleinkind, das man nicht sich naiv entwickeln und seine Entwicklung naiv er* 

leben ließ. Man könnte sagen, daß ein Kind von guten Eltern sein müsse, um 

das Verhalten guter Eltern unbeschädigt zu vertragen. Nicht nur im Über* 

Ich, auch im Ich setzt sich das Verhalten der Umgebung nun als Selbstbeach* 

tung fort. Ich erwähnte diesen bekannten und nicht einer psychoanalytischen 

Einsicht vorbehaltenen Zusammenhang nur, um daran anknüpfend darauf 

aufmerksam zu machen, daß wir den eine Zeitlang* so häufig verwendeten 

Ausdruck „Ichschwäche" auch in bezug auf das Verhalten der Ichgrenzen, 

soweit dasselbe für das Individuum typisch ist, verwenden und dabei die 

Art der Ichschwäche näher beschreiben können. Ob man das dargestellte 

Übermaß an narzißtischer Reaktion als Ichschwäche bezeichnen kann, lasse 

ich dahingestellt; es kann eine ständige Bereitschaft und eine übermäßige 

Wichtigkeit des Ichs bedeuten, die nicht gerade reaktiv gegen die eigenen 

Schwächen nach dem typischen Ad ler sehen Mechanismus entstanden zu 

sein braucht, Auch eine größere Affektivität, welche sich in starken Affekte 

reaktionen kundgibt, wird nicht von jedermanns Standpunkt aus als Ich* 

schwäche beurteilt werden. Nicht jeder teilt den Standpunkt Nietzsches, 

der jenes Gewissen als robust bezeichnet, welches nur schwer reagiert, so 

geistreich und weitdeutend auch dieses Paradoxon war. Wir können aber 

für die Ichgrenzen deren Labilität und Stabilität feststellen und sprechen dort 

von Ichschwäche, wo die erste über die andere allzu sehr überwiegt. Man 



22 Paul Federn 



kann anderseits eine abnorme Ichstarrheit oder Ichschwere in der übergroßen 
Stabilität erkennen. Die ideale Ichform wird die sein, in welcher die Ich* 
grenzen rasch und leicht wechseln können, aber jederzeit stabil bleiben wenn 
ein Ständpunkt festgehalten oder verteidigt zu werden hat. Obgleich diese 
Unterschiede von den Charakterologien wiederholt beschrieben wurden, be* 
spreche ich sie hier, weil man zu ihrem Verständnis den Ichgrenzen und der 
narzißtischen Gegenbesetzung Beachtung zuwenden muß. _ 

Wir finden also in verschiedenen Zeiten und Bereitschaftszustanden bei 
demselben Individuum und dauernd bei verschiedenen Individuen eine an* 
dere Resistenz gegenüber inneren und äußeren Einflüssen auf das Ich. 
Von den inneren Einflüssen haben wir in anderem Zusammenhang, wenn 
auch nicht erschöpfend, gesprochen; die äußeren gehen meistens von fremden 
Individuen oder von fremden Ideen aus, was im Prinzip dasselbe ist, wie 
wir aus F r e u d s Massenpsychologie gelernt haben. Es gibt Menschen, die 
ihre Ichgrenzen jederzeit auf jeden neuen Eindruck hin erweitern, also bereit 
sind, stets neue und andere Objekte ins Ich aufzunehmen, d. h. mit Ich* 
gefühl, mit narzißtischer Libido zu besetzen und so stets neue Identifizier 
rungen einzugehen. Solcher ungehemmten Erweiterung der Ichgrenze ent* 
spricht nicht immer deren ebenso schnelle und hemmungslose Zurück* 
ziehung. Individuen mit fester, solider Ichgrenze können solche mit weicher, 
leicht bewegter Ichgrenze Überhaupt nicht begreifen. Daß es Berufe vom 
Henker abwärts und von ihm aufwärts bis zu Timur und seinesgleichen 
gibt, zeigt die Möglichkeit absoluter Resistenz der Ichgrenze. Die Zustim* 
mung des Über*Ichs, also die moralische Frage, die uns hier nicht beschäftigt, 
wird durch die Teilung der Verantwortlichkeiten in der Gesellschaftsordnung 
ermöglicht. Im Gegensatz hiezu kann der mimosenhaft Mitleidige überhaupt 
nie sein Ich für sich bewahren. Ein sehr geschätzter Arzt und Analytiker hat 
solche Leute „Identifizierungsakrobaten" genannt. Die Resistenz der Ich* 
grenzen, die Härte des Ichs, sind Vorbedingung sowohl der Grausamkeit 
wie der Gerechtigkeit, der Unentwegtheit und des objektiven Verständnisses. 
Die widerstandsunfähige Ichgrenze ist hingegen die Bedingung des Mitleids, 
der Massen* und Menschheitsgefühle, der Einfühlung und der Versöhnlich* 
keit. Bis zu einer gemeinsamen Identifizierung erweiterte Ichgrenzen können, 
unbeschadet der gleichzeitigen Fortdauer der individuellen Ichgrenze, eine 
sehr starke narzißtische Besetzung erhalten — z. B. im Nationalismus, in 
religiösen oder politischen Verbänden, in militärischen Einheiten — und 
dann durch ihre Resistenz den Individuen einen starken und ihnen sehr er* 
wünschten Halt geben. Weit komplizierter wird daher diese charakterolo* 
gische Einteilung dadurch, daß bei demselben Individuum bestimmte Ich* 
grenzen sehr, andere wenig resistent sind. Personen mit sehr Widerstands* 






Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 23 

fähigen Ichgrenzen gegen religiöse Einflüsse können sonst jedem stärkeren 
Einfluß nachgeben. Es handelt sich hier darum, daß gegenüber verschiedenen 
Objektgruppen oder Identifizierungsmöglichkeiten, und dabei auch gegen* 
über bewußten und unbewußten, die mitwirksam sind, die narzißtischen 
Gegenbesetzungen verschieden stark sind und mit den verschiedenen Ich* 
gebieten auch nicht in gleicher Art verbunden sind. 

Es scheint selbstverständlich, daß das Ich, dieses mächtige und immer 

bereite Besetzungszentrum, biologisch eine besondere Aufgabe haben muß, 

die es auch ausschließt, daß das Ich nur das künstlich psychologisch isolierte 

Gemeinsame der Funktionen von Körper und Seele sei. Diese Aufgabe zu 

nennen, käme mir fast wie eine überflüssige Banalität vor, wenn ich mich 

nicht erinnern würde, daß ich vom Ergebnis selbst überrascht war, als ich 

mir die Frage klar machte, und daß ein so hervorragender Geist wie Rudolf 

Goldscheid es war, der mich antrieb, darüber zu schreiben. Das Ich 

hat die biologische Funktion, die Interessen des Lebewesens, dem es vor* 

steht, d. h. Verteidigung, Angriff, Nahrung, Hausung usw. bis zu den 

Sexual*, Liebes* und höchsten individuellen Kulturbedürfnissen zu vertreten, 

naturgemäß und unbedingt zu vertreten, in der kulturellen Gesellschaft aller* 

dings gebändigt vom Über*Ich und gerichtet von allen in das Ich aufge* 

nommenen Tendenzen. Aus biologischen Gründen gehören Nestbau und 

Brutpflege beim Tiere, die daraus entstandene Familienbindung beim Men* 

sehen mit zu den Interessen des Individuums und daher auch deren Wahr* 

nehmung mit zu den gefühlsmäßig akzeptierten Ichfunktionen. Wenn die 

oben genannte biologische Funktion des Ichs zweifellos den Egoismus als 

notwendige und berechtigte Grundlage alles individuellen Seins erkennen 

läßt, so entspricht das dem tatsächlich zu Sehenden und überhebt uns der 

Heuchelei, den Egoismus zu verleugnen und ihn doch ständig betätigen zu 

müssen. Diese Formel beseitigt aber auch die Unvereinbarkeit von Egoismus 

und Altruismus und läßt die oft zur Grübelei ausartenden Erörterungen, daß 

aller Altruismus dennoch eine Art Egoismus sei, erledigen. Für den Nar* 

zißmus, den Freud als den libidinösen Parallelvorgang zum Egoismus be* 

zeichnet hat, wird dadurch gleichfalls seine biologische Funktion deutlich 

erkennbar. Das Ich hat schwere Aufgaben zu erfüllen; dadurch daß die 

Ichfunktionen mit Libido besetzt sind, erhält es bei allen seinen Funktionen 

narzißtische Lustprämien. Beim Tier, bei einfachen menschlichen Verhält* 

nissen, reicht die Kraft und Fähigkeit des Individuums eben aus, um sich 

selbst biologisch durchzusetzen; dementsprechend hat das Ich nur die egoisti* 

sehen biologischen Funktionen im engen Sinn mit Libido besetzt. Es er* 

scheint auch für viele Menschen im Kultur* und Gesellschaftsleben eine 

genügend große und schwere Aufgabe, dies zu erfüllen. Die Härte, mit der 



sie ihre Ichgrenzen sich nicht erweitern lassen, ist daher für sie ganz selbst, 
verständlich und ein normaler Akt des Selbstschutzes. Mit der Erweiterung 
der Leistungsmöglichkeit durch die kulturelle Entwicklung in allen Rieh, 
fangen, die hier keiner Nennung bedürfen, hat auch das Individuum in 
Gemeinsamkeit mit anderen und als Teilfunktionär der Gemeinschaft^ 
leistungen Fähigkeiten erworben, die weit über die des Einzelnen hinaus, 
gehen; dementsprechend konnten die Ichgrenzen sich erweitern und Funk, 
tionen, die das enge Eigeninteresse weit überschreiten, gleichfalls ihre nar. 
zißtische Besetzung erhalten und mit der narzißtischen Lustpramie erfüllt 
werden. Harmonisch erscheint daher das Individuum, bei dem Interessen 
Fähigkeiten und narzißtische Besetzung im gleichen Rahmen und Ausmal 
bestehen So wird die Lehre vom Narzißmus und ihre Anwendung für daä 
Verständnis des Ichs, wenn auch nicht zu einem neuen Ausgangspunkt, so 
doch zu einer neuen Fundierung der sozialen Einordnung und Emordnungs. 
fähigkeit. Für unser Thema erkennen wir, daß die Labilität der Ichgrenzen, 
wenn sie nicht mit besonderen Leistungen und Fähigkeiten des Individuums 
verbunden ist, Konflikte und Unzulänglichkeit mit sich bringen muß und so 
ebenso zu neurotischen Erkrankungen führt, wie sie anderseits als Folge 
neurotischer Konflikte und als Kompensation für objekthbidmose Versa, 
gungen entsteht. Doch ist die Labüität der Ichgrenzen gewiß auch zum ieil 
konstitutionell vorbereitet; wir finden sie regelmäßig bei besonders infantilen 
und besonders auch bei bisexuellen Individuen. Der vom Infanühsmus und 
von der Bisexualität kausal und zweifellos auch konstitutionell bedingte 
Masochismus läßt die narzißtische Besetzung der Ichgrenzen mehr passiv 
und leichter zerstörbar, beweglicher werden. Die bisexuelle Anlage iaiSt 
schneller Identifizierungen mit gleichgeschlechtlichen Individuen entstehen 
auch weil sie die heterosexuellen objektlibidinösen Beziehungen stört. Auch 
beim Weibe stört die verstärkte männliche Anlage die normale sexuelle 
Verwendung der weiblichen Passivität und disponiert so zur masochistischen 
Einstellung des- Ichs und damit zur Labilität der Ichgrenzen. _ 

Wie wir oben ausführten, ist die Bereitschaft zur Identifizierung eine Folge 
der Kulturentwicklung. Es ist keine Frage, daß die Kultur gegenüber den 
schweren Lebensnöten - Kälte, Hunger, Feinden, die mit Tod, Kastration 
und Sklaverei drohen, - einen relativ großen Schutz bietet. Dadurch hat sie 
erlaubt und es erreicht, daß die Resistenz der Ichgrenzen gemildert wurde. 
Anderseits hat aber die weiter fortschreitende Kultur es erst erlaubt ^d auch 
bewirkt, daß die wohlbekannte phylogenetisch lange Zeitperioden hindurch 
bestandene, zum Gruppen.Ich erweitere Ichgrenze sich auf das EinzeWch 
einschränken konnte. Dieses Gruppen.Ich bedeutete aber keine Weichheit 
der Ichgrenze, sondern einen ständig verbleibenden, sehr resistenten 






größeren Umfang des Ichs, der das einheitliche seelische Ichgefühl, wahr* 
scheinlich auch das körperliche Ichgefühl begrenzte. Wir können daher sagen, 
daß die Kultur zuerst die Resistenz der Ichgrenze im Gruppen*Ich, später die 
Resistenz der Ichgrenze im EinzeWch hat entstehen lassen und dann ein* 
zelnen, zum Teil weichen, gütigen, allmenschlichen, zum Teil nur schwachen 
Individuen die besondere Erweiterung des Ichs und eine besondere Labilität 
der Ichgrenzen gestattet hat; anderseits sehen wir immer wieder Regressionen 
zu den immer besonders resistent sich zeigenden Ichgrenzen eines, allerdings 
erweiterten, Gruppen*Ichs. 

Von der Labilität der Ichgrenzen ist prinzipiell eine andere Art von Ichl* 
schwäche zu unterscheiden, auf die wir gleichfalls durch die Auffassung, die 
hier vertreten wird — Ichgefühl, Ichgrenzen, narzißtische Gegenbesetzung 
— besonders aufmerksam wurden. Es handelt sich um einen Vorgang, von 
dem auch die Stabilität oder Labilität der Ichhaltung abhängt. Wir können 
es in der Regel als den normalen Vorgang bezeichnen, daß das Gesamt*Ich im 
seelischen Gleichgewicht bleibt, d. h. seine narzißtischen Besetzungen nicht 
verliert, obgleich eine besondere Leistung,, etwa eine starke affektive Inan* 
spruchnahme, erfolgt. Es ist hingegen pathologisch, wenn fast das gesamte 
Ichgefühl, zuviel narzißtische Besetzung, gleichsam an diesen Grenzen kon* 
zentriert ist, und das ganze Ich der betreffenden Inanspruchnahme wider* 
spruchslos hingegeben ist. Selbstverständlich gilt das nicht für ungewöhnlich 
schwere Ereignisse. Aber auch bei solchen besteht ein Unterschied, ob das Ich 
nur mit ergriffen ist, oder ob es sozusagen in seiner strukturierenden, das Ich 
gefühlsmäßig erhaltenden Besetzung leidet. Wir können für Affekte gleicher 
Art, je nachdem ob sie das Gesamt*Ich überwältigt haben, oder ob dessen Sta* 
bilität intakt geblieben ist, im Sprachgebrauch je zwei Bezeichnungen finden. 
Angst und Furcht sind z. B. nicht, wie Freud, ohne übrigens darauf zurück* 
zukommen, einmal meinte, dadurch unterschieden, daß die Furcht ein Ob* 
jekt habe, die Angst ein objektloser Seelenzustand sei. Der wichtigste Unter* 
schied liegt darin, daß die Angst das Gesamt*Ich ergreift, die Furcht nur 
einen Teil des Ichs an der dem gefürchteten Objekt zugewendeten Ich* 
grenze. Nur an der Ichgrenze, welche die Gefahr bedroht, besteht beim 
Fürchtenden die Gefahrsempfindung. Das Erfaßtwerden des Gesamt*Ichs 
von dem Gefühl der Gefahr oder, wie ich schon ausführte, von dem halluzi* 
nierten Schrecken läßt die Richtung des Objekts, von dem sie droht, nicht 
mehr beachten. Auch kann ein Furchtgefühl intensiv sein, ohne Angst zu 
werden, und ein Angstgefühl geringe Intensität haben; doch ist es Angst, weil 
eben das ganze Ich vom schwachen Gefahrgefühl erfaßt wurde. Diesem 
Unterschied ist eine andere Unterscheidung von Furcht und Angst beige* 
ordnet. Wenn man beide Gefühle vergleicht, so enthalten sie beide die Vor* 



26 Paul Federn . 

Stellung der Schreckens; auch Adler beschrieb die Angst als halluzinierte 
Gefahr. Die Angst ist aber das Gefühl eines durch die Vorstellung des 
Schreckens gehemmten Fliehens, die Furcht das Gefühl eines durch 
die Vorstellung des Schreckens g e h e m rri t e n S i c h w e h r e n s. Der Angst, 
volle empfindet, „spürt" daher stets die Gefahrdrohung im Rücken, der 
Fürchtende hat die Gefahrdrohung vor seinen Augen, tatsächlich oder geistig. 
Es kann daher Angst zur Furcht oder auch Furcht zur Angst hinzutreten oder 
eine in die andere sich wandeln. 

Den gleichen Gegensatz zwischen Erfaßtheit des ganzen Ichs und nur 
eines Teües des Ichs drücken ferner die Wortpaare „Wut und Zorn „Pein 
und Schmerz", „Leid und Unglück", „Stimmung und Laune", vielleichtauch 
„Sühne und Buße", „Rache und Vergeltung", „Verliebtheit und Liebe aus 
Der Unterschied, ob das Ich ganz oder nur an einer Ichgrenze beteiligt jst, 
entscheidet, ob etwas dem Ich nur widerfährt oder ob etwas das Ich über, 
wältigt. Im ersten Falle kann das Ich die auferlegte Affekterregung in sich 
mit Hilfe der anderen Ichgrenzen erledigen, im andern Fall muß erst die 
Überwältigung wieder ablaufen. Auch die Identifizierungen zeigen den 
gleichen Unterschied, sie können mit dem ganzen Ich oder nur mit einem 
Teil erfolgen. Wahrscheinlich ist der Mechanismus bei beiden Arten von 
Identifizierungen ein anderer. Nur die Identifizierung des ganzen Ichs ver. 
dient den Namen Introjektion des Objekts/ der von Ferenczi herrührt; 
diese Art von Identifizierung geht auf unbewußte orale oder intestinale Em. 
verleibung zurück oder auf unbewußte Rückkehr in den Mutterleib; es sind 
tief und weit zurückgreifende Icherweiterungen. Die meistens spater ein. 
tretenden Icherweiterungen durch Identifizierung beruhen unmittelbar auf 
der Ausdehnung der Ichgrenzen, der seelischen und der körperlichen, so daß 
sie nun die andere Person in sich einschließen. Das. geschieht wohl auch bei 
jeder Objektbeziehung, bei jedem Objektinteresse, aber hier immer nur 
vorübergehend an der jeweilig vorhandenen Ichgrenze. Bei der Identi. 
fizierung dauert die Ausweitung der Ichgrenze an und erfolgt an immer mehr 
und mehr Ichgrenzen. Es ist dies ein langsamer Prozeß allmählicher Vereine 
gun-, die immer wieder, aber im einzelnen stets nur partiell, verläuft.. In der 
kindlichen Entwicklung und im Unbewußten verbleibend, wiederholt sich 
bei diesen Identifizierungsvorgängen die seelische Zugehörigkeit zu den ge. 
liebten Personen, welche immer eine Ausdehnung des Ichgefuhls, d. h. der 
narzißtischen Besetzung des Ichs, auf sie bedeutet; es wiederholt sich auch die 
Ausdehnung des körperlichen Ichgefühls des Kindes, das sich an die 
schützende Person anschmiegt oder von ihr gehalten und getragen wurde. 
Das Einswerden durch Festhalten und Umarmen geschieht mit starker libidi. 
nöser Besetzung, die genitale, sinnliche und Zärtlichkeitstriebe, taktile und 



r 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 27 



muskuläre Libido (z. B. vom Anklammerungstrieb nach Hermann) und 
andere Komponenten enthält. Jedenfalls fühlt sich das Kleinkind durch die 
Einschließung seiner Person in das Ich der geliebten Person, mit der es sich 
dadurch' eins fühlt, mit ihr identifiziert, nicht nur angstlos und geschützt, son* 
dem auch körperlich größer und von dem Gefühl der Schwäche seines Ichs 
befreit. Und doch sind solche Identifizierungen bereits zweckbedingt und 
partiell, nicht wie die ersten, die mit dem ganzen Ich erfolgen. Hingegen liegt 
wahrscheinlich jeder totalen Identifizierung die phylogenetisch fixierte Ein* 
h'eit des Individuums mit Allem, also die primär*narzißtische Besetzungs* 
einheit zugrunde, die, wie wir früher schon ausführten, bei der Erweiterung 
der Ichgrenzen zum Gruppen^Ich erneuert werden kann. Daß die Bildung 
eines starken Uber*Ichs zum Teil phylogenetisch vorbereitet ist, ist anzu* 
nehmen; doch lassen die ungemein großen Unterschiede zwischen den IndL* 
viduen in bezug auf die Stärke und Totalität des Über^Ichs gegenüber dem 
Ich uns vermuten, daß auch in der Ontogenese die Tiefe des Mechanismus 
und die Besetzungsstärke bei den das Übersieh aufbauenden Identifizier 
rüngen sehr verschieden sind. 

Wir haben wiederholt unbedenklich von befriedigtem und von unbe* 
friedigtem Narzißmus gesprochen, eine Unterscheidung, die bei Freud 
weder in der ersten Schrift „Zur Einführung des Narzißmus" noch später 
vorkommt, die vorzunehmen uns aber die Beobachtung des narzißtischen 
Verhaltens nötigt; in Diskussionen höre ich in den letzten zwei Jahren öfters 
diesen Unterschied erwähnen, so daß ich nicht mehr allein darauf aufmerksam 
geworden bin und darauf aufmerksam zu machen brauche. Zur Unterscheid 
düng, ob gesund oder krankhaft, ist das Wissen von der Möglichkeit einer 
Befriedigung des Narzißmus, von der Art, wie sie erfolgt, dann im Einzeln 
falle die Feststellung des Gelingens demselben, und woran das Gelingen im 
Einzelfalle geknüpft ist, sozusagen die Kenntnis der Liebeserfolgsbedin* 
gungen bei narzißtischen Besetzungen zweifellos das Wichtigste. Es wehrt 
sich aber etwas in uns, das gleiche Wort für die Erfüllung von objektlibidi* 
nösem Verlangen und von narzißtischer Gespanntheit zu gebrauchen. Es 
ist auch beachtenswert, daß schon lange, bevor uns die Befriedigungsmöglich* 
keit für das narzißtische Bedürfnis interessierte, der Mangel an Befriedigung, 
die Enttäuschung und das Versagen von narzißtischer Freude jedem be* 
kannt war, sogar als Erklärung einige Zeit hindurch beinahe psychoana* 
lyrische Mode zu sein schien; jedermann war froh, wenn er eine „narziß* 
tische Kränkung" als Erklärung angeben konnte; die Folgen der Nichtbe* 
friedigtheit waren eben früher aufgefallen als der ordnungsmäßige Zustand 
der Befriedigung, wie ja meistens erst der Mangel etwas völlig Gewohntes 
'überhaupt bemerken läßt. 



Die Schwierigkeit liegt zum geringen Teil an einer Unklarheit der Nomen* 
klatur, nur sehr entfernt an einer Schwierigkeit im libidotheoretischen Ver* 
ständnis, wesentlich aber an dem Wesen der narzißtischen Besetzungen, 
an der Ichlibido selbst. Die Schwierigkeit in der Nomenklatur habe ich 
schon früher erwähnt; man verbindet mit dem Begriff des Narzißmus 
den Mangel eines Objektes, mit libidinöser Befriedigung aber die Ver* 
einigung, das Erreichen eines Objektes oder aber beim Autoerotismus 
die Steigerung der Vorlust bis zur Endlust, wenn auch ohne daß ein Objekt 
da wäre, so doch an einer erogenen Zone durch einen erotischen oder sexu* 
eilen Vorgang, bei dem das sexuelle Triebziel erreicht wird. Nun ist aber 
der Narzißmus ein ins Psychische erhobener Autoerotismus; sein Subjekt 
- und beim sekundären Narzißmus auch' sein Objekt - ist das Ich, resp. 
ein Teil, eine Funktion des Ichs; wie wir früher zeigten, sind dabei die Ich* 
grenzen den erogenen Zonen bei körperlichen Libidovorgängen analog^ An 
dieser Stelle der libidotheoretischen Auffassung sind wir, wie immer beim 
Sprung zwischen Körperlichem und Seelischem, bei der nie zu überwindenden 
Schwierigkeit angelangt, daß wir entweder für das Somatische geeignete Be* 
griffe auf das Seelische anwenden müssen oder umgekehrt, sobald wir die 
allgemeinsten, fast nur im Gleichnis veranschaulichenden Ausdrücke durch 
Einzelbenennungen ersetzen wollen. Die Verwendung des Wortes „erogene 
Zone" für die als seelisches Erlebnis zu unserer Kenntnis kommenden Ich* 
grenzen 8 darf nicht dazu verleiten, meine Darstellung so zu verstehen als 
würden somatisch*libidinöse Vorgänge an den Ichgrenzen in gleicher Weise 
geschehen wie an erogenen Zonen. Aber wir kennen Vorgänge und Zustande 
im seelischen Ich, Steigerungs* und Befriedigungssensationen im Seelischen, 
deren Analogie mit dem Erotischen und Sexuellen die Sprache, die Dich* 
tung, die Musik und die Philosophie immer wieder zeigten, und bei denen 
die Psvchoanalyse - deskriptiv und genetisch, klinisch und normalpsycho* 
logisch' — den tatsächlichen Zusammenhang mit der Sexualität in der Libido* 
lehre aufgestellt und bewiesen hat. Wie weit ins Einzelne die seelischen 
Vorgänge gleich den körperlichen verlaufen, wieviel vom Somatischen auf 
das Psychische transponiert werden darf und muß, wie weit wir eigentlich 
kommen, wenn wir mit der Libido theorie Ernst machen, das zu 

8) Daß auch der Ausdruck „Ichgrenze" allzu geographisch und körperlich seinen 
Sinn anzeigt, ist mir wohl bekannt; das hat die Annahme meiner Ergebnisse sehr behin* 
dert. Wir sprechen aber nicht als Geist zu Geist, sondern als mit den Sinnen orientierte 
Wesen und müssen uns mit den dreidimensional orientierenden Benennungen be* 
gnügen Bei gutem Willen und überwundenem Widerstand gelingt dem Leser stets die 
richtige Rückübertragung des Wortes auf das entsprechende vom Autor gemeinte see* 
lische Erleben, und so kann er dem dadurch gegebenen Fortschritt unseres Verständnisses 
folgen. 




Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 29 



finden, wird weitere Aufgabe der Psychoanalyse und Biologie sein. Es ist 
heuristisch verlockend, die Transponierung weit zu treiben; dies ist aber 
nur so weit von wissenschaftlichem Werte, als Tatsachen bekannt wurden, 
die derzeit keine bessere Erklärung finden können. 

Eine solche Tatsache ist die Existenz einer Ichlibido, welche uns wie Nar* 
kissos am eigenen Ich Freude finden, an uns selbst uns kränken oder aber auch, 
wenn objektlibidinöse Versagung oder Enttäuschung eintritt, in deren Ge* 
folge auch narzißtisch leiden läßt, welche andauernd das Ich erfüllt, deren 
Mangel deutlich den Eindruck erweckt, daß das Individuum keine rechte 
Befriedigung an sich und auch nicht an Objekten findet, deren Steigerung 
das Individuum bis zur Überempfindlichkeit erregbar und freudig gespannt 
macht, für welche wir annehmen müssen, daß es eine Befriedigung durch Er* 
füllung der Ansprüche an das eigene Ich, also durch Annäherung an das Ich* 
ideal gibt und eine Kränkung bis zum Verluste der ichlibidinösen Besetzung, 
wenn solche Befriedigungen immer und immer wieder ausbleiben, bei 
welcher wir aber eine Befriedigung wie bei der Objekterotik nicht annehmen 
können, weil wir keinen Vorgang kennen, der einer sexuellen Vereinigung 
mit dem Objekte entspricht; für alle diese Erscheinungen scheint mir die 
naheliegende, aber, soweit mir bekannt, noch nicht ausdrücklich formulierte 
Erklärung die zu sein, daß die Ichlibido, vom einfachen Ichgefühl bis zur 
stärksten narzißtischen Spannung und Selbsterfülltheit, immer den Charakter 
der Vorlust behält. Dies entspricht dem Wesen des Autoerotismus, dem 
der Narzißmus entstammt und analog ist. Der Autoerotismus kann aber 
immerhin in Nachahmung der normalen Sexualität zur Endlust kommen. Dem 
seelischen Ich fehlen dazu die adäquaten Organe. Sobald man uns von 
einer ekstatischen, mystischen oder künstlerischen Erhöhung der libidinösen 
Befriedigung bis zu einem orgasmusartigen Zustand etwas mitteilt, erfahren 
wir meist, daß es dabei auch' zu autoerotischer Endlust kommt. Freilich ist 
es nicht ausgeschlossen, daß auch im Psychischen endlust* und orgasmus* 
artige Vorgänge existieren (vgl. Rados „alimentären Orgasmus", Reichs 
Erklärung epileptischer Anfälle). Wir selbst neigen zur Annahme, daß bei 
allen Wunscherfüllungen zellulare Vorgänge erfolgen, die mit der Vereint 
gung weiblicher und männlicher Elemente und Energien den sexuellen zuge* 
hören. Aber dies ist ein Ernstmachen mit der Libidotheorie, das nicht be* 
weisbar ist, im Sinne von Plato nur eine akedrfe öö^aund keine ejTiCTf|yj.r). 
Bleiben wir bei diesem begründeten und belegbaren Wissen, so verbleibt es 
bei der narzißtischen Besetzung immer bei der Vorlust, und dies ist eigent* 
lieh keine volle Befriedigung. Wir billigen daher und begründen gleichzeitig, 
daß F r e u d und die Autoren es nicht richtig fanden, von der Befriedigung des 
Narzißmus zu sprechen. Wir tun das aber nach dieser Erläuterung mit Recht, 



3q Paul Federn 



wenn wir, wissend, daß es sich um Vorlust handelt, berücksichtigen, daß auch 
diese eine gewisse Befriedigung gibt. Die kulturelle Einschränkung der Sexual 
tätsbefriedigung, die schon einfach dadurch erfolgte, daß die Brunstperioden 
der Tierwelt einem perennierenden Andauern des sexuellen Triebes wichen, 
läßt ja auch in somatischer Hinsicht die kultivierte Menschheit in einem 
außerordentlichen Grade in Vorlustspannung leben; die Menschen finden 
darin sehr viel und sehr intensive Befriedigung oder - weiLdieses Wort 
nicht richtig ist - sehr viel Lust. Nun kann die Vorlust, welche sich beim 
normalen Walakt allmählich immer mehr bis zur Endlust steigert, eigene 
lieh auf jeder Stufe kurz oder lang dauern. Daher kann man auch bei der 
Vorlust von geringer oder größerer Lustbefriedigung sprechen. Dasselbe gilt 
vom Narzißmus. Das Niveau in der Lustskala, das er gibt, ist bei manchen 
Menschen und bei verschiedenem affektivem Erleben und, wie wir wissen, 
an verschiedenen Ichgrenzen ein wechselnd oder andauernd verschieden 
hohes. Das Behagen, mit dem Menschen in ganz uninteressanten Lebens, 
berufen leben, beruht auf gutem Narzißmus. Auch die Sublimierung beruht 
im wesentlichen auf Ersetzen des Autoerotismus durch Ichhbido, darauf toi, 
gender Einschließung der zu sublimierenden Triebrichtung außer in das 
Körperlich auch in das seelische Ich und auf Besetzung der durch Subh, 
mierung wertvoll werdenden Leistungen mit seelischem Ichgefuhl, welches 
auch die vom sublimierten Triebe kommende libidinöse Komponente der 
Funktion einverleibt. So verstehen wir, daß die im Narzißmus enthaltene 
Vorlustspannung für alle Sublimierung förderlich sein muß; die Sublimie, 
rung ist ihre kulturgemäße Unterbringung, Erledigung und Zuruckfuhrung 

zum Objekte. . ,; _' : ,. 

Wir sehen, daß wir beim Narzißmus nicht von direkter Befriedigung 
sprechen sollen, wenn die Erfüllung narzißtisch besetzter Wünsche, die Real*, 
sierung narzißtischer Einstellungen, die Bestätigung einer narzißtischen 
Selbsterhöhung durch Andere erfolgt. Vielmehr liegt an all diesen und anderen 
solchen Möglichkeiten und Erfüllungen nur die Bedingung, unter der jeweilig 
das Vorlustniveau ein hohes werden und bleiben kann. Und nun können wir 
auch zu dem eingangs erwähnten Eindruck, daß wir in der praktischen Be, 
seenung die normalen und die nicht normalen Äußerungen des Narzißmus, 
ohne nachzudenken, richtig erkennen, die theoretische Erklärung beifugen. 
Te höher das Niveau der Vorlustbesetzung erreicht und beibehalten werden 
soll, desto mehr Bedingungen sind zu erfüllen, desto größer wird die Ge, 
fahr ihres Mißlingens. Dadurch muß Unruhe, Bewegung und Ausschau nach 
Ersatz der entbehrten Vorlustgefühle entstehen. Das Absinken des Libido, 
niveaus wird unangenehm empfunden, es ist begreiflich, daß andere Ue, 
legenheiten zur libidinösen Besetzung durch weitere libidinöse Erregung ge* 



r 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 31 



sucht werden, die Ichgrenzen werden labil, auch breitet sich die libidinöse 
Besetzung in ihrer Unbefriedigtheit leichter auf das ganze Ich aus. Wir 
wissen nicht, wie sich die autoerotische Libido in Ichlibido umsetzt, wir 
wissen nicht, woran es liegt, daß die Ichlibido einen höheren oder niedrigeren 
dauernden Grad von Vorlust in Form der narzißtischen Besetzungen ein* 
halten kann. Wir können nur annehmen, daß — wie bei somatischen auto* 
erotischen Vorgängen — auch für diese Art der Vorlust libidinöse Erregung, 
demnach libidinöse Energie verbraucht wird, und daß das Besetzungsniveau 
immer neu vom Körper her — durch Drüsenhormone und Sexualreize — 
und auch vom Psychischen her durch objektlibidinöse Reize, durch objekt* 
libidinöse Besetzungen, welche Erfüllung suchen und solche finden, wieder* 
hergestellt wird und sich so ein gewisser Grad von Vorlust immer wiederher* 
stellt. Zu diesem Zwecke steuert auch' der Narzißmus die Verwendung der 
Objektlibido. Wir verstehen auch, daß dort, wo gesteigerte Vorlust als stän* 
diges Niveau festgehalten werden soll, die Bereitschaft zur Angst größer wird; 
tatsächlich können wir dies bei dem pathologisch gesteigerten Narzißmus be* 
obachten; dabei besteht hier ein circulusvitiosus, da die Angst wahrschein* 
lieh Libido in Anspruch nimmt und selbst auch die Ichgrenzen labiler wer* 
den läßt. Wahrscheinlich steigert auch die Angst ihrerseits die libidinöse 
Besetzung. Wir können den Unterschied des gesunden und des krankhaften 
Narzißmus auch' darin sehen, daß es bei jenem bereits genügt, ein 
niedrigeres Vorlustniveau herzustellen und festzuhalten, und daß die Bedin* 
gungen, unter denen jeweils das Niveau sich erhöhen kann, erfüllt werden; 
man kann vermutungsweise hinzufügen: auch ohne daß allzu beträchtliche 
Libidoverschiebungen nötig werden, vielleicht auch, ohne daß unerwünschte 
Libidobesetzungen nötig sind, etwa allzu perverse oder dem Objekt nach 
konfliktvolle. Eine Bedingung dürfte auch die sein, daß genügend Gegen* 
besetzungen narzißtischer und objektlibidinöser Art gegenüber den Ver* 
Schiebungen und Erhöhungen andauern. Wahrscheinlich ist das dauernd vor* 
handene, im Ichgefühl als Behagen gefühlte narzißtische Niveau in der Norm 
ein relativ hohes. 

So haben wir in der komplizierten Sprache der Libidotheorie ausgesprochen, 
was die Romanschriftsteller durch die Beschreibung des unruhigen, sich selbst 
suchenden und gereiztenSprechens und Gehabens weit anschaulicher wiederzu* 
geben vermögen, und was in psychologischen und medizinischen Büchern 
in wenigen Sätzen bei der Schilderung mancher Psychopathen mitgeteilt wird. 
Es soll auch der Psychoanalytiker nicht in der Beobachtung und Beschreibung 
dieser Verhaltensweisen seine Aufgabe sehen, sondern im Verständnis der 
Dynamik und der Zusammenhänge mit dem sonstigen Libidohaushalte. Des* 
halb schien es mir auch praktisch wichtig, den Vorlustcharakter des Nar* 



^ Paul Federn 






zißmus hervorzuheben und sich klarzumachen, daß solche narzißtische V or . 
luv* verschieden auf der Skala zwischen Erregungsbeginn und Endlust hegen 
kann und daß daran der Grad der Befriedigung ebenso hegt wie an der 
Intensität und Ausdehnung der Libidobesetzungen^Das Gesagte geht nicht 
über die Lehre Freuds von den zielgehemmten Trieben hinaus. Wir be. 
greifen, daß zielgehemmte Triebe an Zwischenzielen im Ich haften und erst 
mittelbar dem Objekt näherkommen, oder aber an äußeren Objekten haften 
und sich dadurch mittelbar einer Zielsetzung im Ich nähern. Mies, was als 
Widerstand das Erreichen des Zieles hemmt, kann durch diese Zielhemmung 
selber zum libidobesetzten Zwischenziel werden; häufig ist dies der Weg der 

Sublimierung. , . ... 

Das ursprüngliche Ziel bleibt aufgegeben, das neue Ziel erscheint schöner 
und begehrenswerter, ist aber unerreichbar. Wie dem schönen Hirtenknaben 
kein anderes Objekt zum Lieben genügte und er daran zugrundeging, daß er 
an sich selbst das Objekt fand, so wiederholt sich gemindert diese Tragik an 
jeder narzißtischen Liebe; zwischen zwei Ichgrenzen bestehend, sucht sie im 
Schein des Spiegels vergebens die Erfüllung. Mit der Abkehr vom Ursprung, 
liehen Ziel hat sie die Möglichkeit voller Befriedigung v er. 
loren. Grade darum leistet sie aber soviel für kulturelle und individuelle 
Ziele und findet dabei, indem sie sich anderen Triebzielen anlehnt, mit diesen 
eine Art von Befriedigtheit und Endlust, deren bis nun theoretisch und all, 
gemein besprochene Bedingungen wir nun genauer kennenlernen wollen 

Als Freud im Jahre 1908 einen Vortrag über „Der Dichter und das 
Phantasieren" hielt, hat er noch nicht über seine Konzeption vom Nar. 
zißmus" verfügt. Die Tatsachen, die dieser Konzeption zugrundeliegen, 
waren aber von ihm bereits in ihrer Wichtigkeit erkannt .worden. Er be. 
schreibt, wie sich Objektinteressen und Icherhöhung als Ziele des lag. 
träumens mit unbewußten kindlichen Wünschen verbinden. Als sich vorbei 
reitende Idee ist bereits der Narzißmus angekündigt, wenn es heißt: „Ich 
meine aber, an diesem verräterischen Merkmal der Unver etzlichkeit erkennt 
man ohne Mühe Seine Majestät das Ich, den Helden aller Tagtraume wie 
aller Romane." Die Ansicht Fr e u d s, daß der ästhetische Lustgewinn beim 
Aufnehmen von Dichtungen als V o r 1 u s t p r ä m i e wirkt erhalt durch das 
hier vorgebrachte Ergebnis, daß aller Narzißmus bei der Vorlust verbleibt, 
eine weitere Bedeutung für das Verständnis der Dynamik, welche die Wir. 
kunr von Dichtungen vermittelt; die Vorlustverlockung bringt den Leser in 
die gleiche narzißtische Stimmung, welche den Dichter zum Phantasieren 
veranlaßt und zum Dichten treibt. ' '_ 

Wir können die Frage der Befriedigungsbedingungen, mehr abgelost von 
der Theorie, an Liebes., Größen, und Ehrgeizphantasien untersuchen, die 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 33 

immer deutlich narzißtische und auf das Objekt gerichtete Inhalte und Ziele 
in sich vereinen. Was sich ah den bewußten Phantasien erkennen läßt, muß 
auch für alle narzißtischen Besetzungen gelten, denn wir können annehmen, 
daß immer ein unbewußter Inhalt mit ihnen verbunden ist, dem die Trieb*, 
Libido* und Affektbefriedigung bei den betreffenden Besetzungen entspricht. 

Bei allen bewußten Phantasien ist die schon besprochene Vorluststimmung 
deutlich erkennbar; sie ist der er sie anlockende Lustreiz, der in die Phanta* 
sierstimmung verfallen läßt. Es ist das der direkte Abkömmling der autoero* 
tischen Vergnügungen, mit denen das Kleinkind, wahrscheinlich schon der 
Säugling, sein Phantasieren schuldlos vereinigt. Je mehr diese Unschuld ge* 
stört wird durch die Einflüsse von außen, die teils Erziehungseinflüsse, teils 
die Erfahrungen bei der Wiederkehr zur Objektwelt sind, und später vom 
Übersieh aus, umsomehr müssen andere Bedingungen hinzukommen, damit 
das narzißtische Phantasieren genügend und ungestört lustvoll und insofern 
befriedigend verlaufe. 

Immer mehr lehnt sich die narzißtische Phantasie 9 an reale Aufgaben, Inter* 
essen, Beziehungen, Wünsche, Tätigkeiten an. Diese Interessen haben ein 
Ziel und erfinden mehr und mehr komplizierte, Geistesarbeit verlangende 
Wege und Umwege, um das Ziel zu erreichen. Es sind Ziele der Selbst* 
erhaltung, der Bereicherung, der Selbstbehauptung, der sozialen Leistung für 
andere, des Gewinnens von Freunden und Anhang bis zur Phantasie vom 
Führertum oder Jüngertum. Je mehr wirkliche Denkarbeit dabei geleistet 
wird, je mehr die Vorgänge und Schwierigkeiten der Wirklichkeit ent* 
sprechend auch mühevoll kombiniert und die Wege zum Ziel am Bilde 
der Wirklichkeit kritisch, ja gewissenhaft geprüft werden, umsomehrgeht das 
Phantasieren in nützliches Planen und Sinnen mit einer normalen nar* 
zißtischen Komponente über. Immer ist aber das Vorstellen und Planen 
als eine narzißtische Phantasie zu bezeichnen, wenn die Gedankenarbeit von 



9) Narzißtische Phantasien im engsten Sinne sind solche, in denen nicht nur narzißtisch 
betonte Erlebnisse ausgemalt werden, sondern die Person des Träumers in diesen Situa? 
tionen erlebt wird. Diese Art zu phantasieren ist für die Hysterie so charakteristisch, daß 
mancher Hysteriker überhaupt im Leben alles erst mittelbar mit einem phantasierten Ich 
erlebt. Er täuscht die Objektlibido eigentlich nur vor; er hat sie nicht in eigener Person» 
sondern erst dadurch, daß er sie der Phantasiegestalt, die er sein Leben leben läßt, zuteilt. 
Freud hat darauf aufmerksam gemacht, daß die hysterische Identifizierung auf gemein? 
samen Ansprüchen beruht. Man kann viee versa auch — ich vermute: immer — findet*, 
daß die Ichgestalt dieser Phantasien durch Identifizierung mit Personen, in denen die 
Wunschansprüche erfüllt sind, entstanden ist. Diese Art von Phantasien ist zum großen 
Teil unbewußt und wird erst durch die Psychoanalyse aufgedeckt. Diese Phantasien lassen 
es ökonomisch gut verstehen, wieso objektlibidinöse Befriedigung den Narzißmus befrie* 
digen kann; denn erst durch sie erreicht die Identifizierung das Ziel, daß die Wünsche 
und Ansprüche erfüllt werden, so daß erst die phantasierte objektlibidinöse Befriedigung 
die phantasierte Ichperson zu dem Ichideal macht, das narzißtisch gewünscht wird. 

Inugo XXII/l 3 




jj^ Paul Federn 



einer irrealen, aber als wirklich angenommenen Prämisse in bezug auf die 
Lage und Möglichkeit des Tagträumers ausgeht, mag die Fortführung dann 
noch so exakt und sogar produktiv sein. Bei dieser Art von Phantasietatigkeit 
kann die narzißtische Befriedigung so groß werden, daß die Vorlust an 
Intensität der Endlust nahekommt; sie ist dabei immer an das phantasierte 
Erreichen des Zieles, an welches sie das narzißtische Luststreben ange P 
schlössen hat, geknüpft. Wir erfahren wieder, wie narzißtisches und objekt* 
libidinöses Streben sich vereinen. Dieses Zusammengehen von narzißtischen 
und objekdibidinösen Strebungen nach einem beide befriedigenden Ziel 
findet sich auch bei allen oder wenigstens den meisten Menschen, bei ihrem 
Tun, ihrem Leisten und Schaffen. Die Besetzungsintensität überwiegt beim 
Handeln, im Vergleich mit dem Phantasieren und Denken, auf der Seite der 
objekdibidinösen Strebung; die Befriedigung der Objektlibido ist aber dabei 
oft an die Bedingung der gleichzeitigen Befriedung der vorgebildeten nar, 
zißtischen Phantasien geknüpft (Adlers „Leitlinie" und Rollespielen ). 
Diese Phantasien sind zum Teü unbewußte, wie F r e u d in der analytischen 
Darstellung jener, die am Erfolge scheitern, bis in überraschende Tiefen ver* 
folgt hat. Wir wollen noch darauf hinweisen, daß die narzißtische Prämie 
bei vielem objektlibidinös besetztem Handeln deshalb nicht bewußt ist, weil 
die narzißtische Besetzung den Umweg über die Identifizierung durch die 
Erweiterung des Ichs genommen hat; in anderem Zusammenhang sind diese 
Libidoschicksale oft zur Sprache gekommen. Grade bei dem praktischen 
Tun zeigt sich der Mangel an narzißtischen Komponenten in Nüchternheit 
und jener Sachlichkeit, die oft mehr Not als Tugend ist, denn es fehlt dabei 
mit dem Narzißmus auch die ausreichende Objektlibido 10 . 

An eine dritte Möglichkeit, die narzißtische Phantasie" zu einer befriede 
genden Höhe zu treiben, wird gewöhnlich sofort als einzige gedachV wenn 
von Narzißmus die Rede ist. Unbewußt dürfte sie immer bei dem Phanta* 
sieren mitschwingen. Bewußt ist sie eigendich lächerlich und hat am meisten 
von der infantilen Selbstverliebtheit behalten. Die ganze Phantasie besteht 
dann aus dem, was wir früher als die Prämisse bezeichnet haben. Ohne jede 
Rücksicht auf die Möglichkeit, geschweige denn reale Erfüllbarkeit, lebt sich 
■die Träumerei in zeidosem, eigendich' die Gegenwart ersetzendem Trugge* 
schehen aus. Das Moment der Zeit unterscheidet besonders die oben be* 
schriebe «; mäßige Art zu phantasieren von der sinnlosen, bloß die Annehm* 

I0 ) Die entgegengesetzte Libidokonstellation hat ein geistreicher Kollege einmal in einem 
Witzwort lobend getadelt: Er hat die Ärzte in gemeine, in Raub* und Lustmorder eingeteilt, 
je nachdem ob sie einfach den ärztlichen Beruf des geringen oder hohen Hon^wegcn 
oder sich zur Freude ausüben. Auch hiezu sind die narzißtische und die objektlibidinose 
Komponente (erforderlich. 

n) Vgl. auch Anm. 9. 




Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 35 

lichkeit und Selbstschmeichelei in den Schicksalsbildern suchenden, nahezu 
rein narzißtischen Art; bei der ersten Art wird infolge der Anlehnung an die 
Realität immerhin auch die zum Erreichen nötige Zeit richtig eingestellt. 
Die krasseste Trost* und Größehphantasie der zweiten Art hörte ich einmal 
von einem jungen, sonst besonders gut begabten Amerikaner: mit Überspring 
gu.ng aller Zwischenglieder wurde immer wieder phantasiert, daß ihm als 
größtem Expräsidenten der U. S. A. auf einer eigens hiefür entvölkerten Insel 
eine Kolossalstatue bei Lebzeiten errichtet wurde. Je mehr die Phantasie 
unbekümmert Selbstschmeichelei treibt, desto mehr lehnt sie sich an exhibitio* 
nisrische statt an normale Objektlibido an, so daß wahrscheinlich immer 
exhibitionistische unbewußte Phantasien mitspielen dürften, die als Rest 
früherer exhibitionistischer Onanie teils verdrängt wurden, teils eine mangels 
haft sublimierende psychische Verarbeitung erfahren haben. 

Die Gefahr solcher Phantasietätigkeit, also eines ungesunden Narzißmus, 
besteht darin, daß solche Individuen derart durch die bequeme Gewinnung 
hoher Vorlust verwöhnt werden, daß sie keiner realen Volleistung mehr fähig 
bleiben. Bei jedem Versuch weichen sie bereits bei dem Vorbereiten wieder 
in die narzißtische Vorlustgewinnung ab. Daß spielerisch wohl alle Men* 
sehen ein Stück „Naturpark für das Lustprinzip" reservieren dürften und das 
ungestraft dürfen, wissen wir von Freud. 

Wir können nun die gewonnenen Unterscheidungsmerkmale des gesunden 
Narzißmus gegenüber dem krankhaften — man möchte statt krankhaft eher 
„ungehörig" sagen — zusammenfassen: 

1. Der gesunde Narzißmus wird als Gegenbesetzung gegenüber den Ob* 
jektstrebungen und zu deren Unterstützung (z. B. Hoffnung, Ehrgeiz) ver* 
wendet, aber nicht als deren Ersatz; er wird umso pathologischer, je mehr 
er letzteres tut. 

2. Die Ichgrenzen sind beim normalen Narzißmus resistent, die Stabilität 
des Ichs ist (dank den zulänglichen narzißtischen Gegenbesetzungen) aus* 
reichend. 

3. Die Affekte werden, wenn auch intensiv, so doch ohne Sentimentalität, 
d. h. ohne erneute Zuwendung von Narzißmus erledigt. 

4; Das Niveau der durch die narzißtischen Besetzungen erfolgenden Vor* 
lustbefriedigung ist kein zu hohes; das Niveau der im dauernden Ichgefühl 
gegebenen solchen Vorlust ist im allgemeinen ein möglichst hohes. 
. 5. Die Befriedigung bei bewußten und unbewußten narzißtischen Phanta* 
sien ist an die Bedingung richtiger objektlibidinöser Abläufe geknüpft, wenn* 
gleich die Bedingtheitvice versa nicht fehlt. Beim pathologischen Narzißmus 
überwiegt diese (hängt mit Punkt 1 zusammen). 
6. Die Inhalte bewußter und unbewußter narzißtischer Phantasien sind 



36 Paul Federn 



mehr realitätsgemäß, weniger infantil, von weniger perversen, infantilen 
Sexualkomponenten besetzt. 

7. Das zeigt sich auch darin, daß in den Phantasien die magisch hergestellte 
Prämisse umso größer und unmöglicher wird, je weniger normal die dabei 
mitwirkende narzißtische Einstellung ist. 

Ich glaube, wir staunen zu wenig darüber, daß ohne Disposition zur 
Geisteskrankheit, ohne Dämmere oder sonst abnormen Bewußtseinszustand, 
es überhaupt gelingt, völlig Unmögliches als wirklich zu erleben und zu 
genießen. Letzteres — daß Lust dabei gewonnen wird — ist durch' den be* 
wußten oder unbewußten Zusammenhang mit autoerotischen Libidovor* 
gangen zureichend erklärt. Daß aber für das Bewußtsein der Wirklichkeits* 
charakter nicht nahezu, sondern ganz erreicht wird — allerdings eingeschänkt 
auf die eigene Subjektivität, also ausschließlich für das eigene Ich geltend — , 
ist ein Problem. Es wird gelöst durch meine Annahme, daß das als wirklich 
gefühlt wird, was von außen an eine Ichgrenze herankommt — als psychisch 
real, wenn es nur eine psychische Ichgrenze ist, als völlig real, wenn auch 
eine körperliche dabei von außen getroffen ist. Die Phantasie begnügt sich 
mit der psychischen Wirklichkeit und kann das tun, weil in der Tagträumerei 
alles Objektive ausgeschaltet bleibt. 

Die Ausschaltung der objektiven Geltung bei den Phantasien besagt aber 
nicht, wie seinerzeit schon in der Polemik gegen Jung von Freud ausge* 
führt wurde, daß keine Objektlibido die Wunschphantasien speisen würde. 
Obgleich wir eingangs dieser Arbeit begründeten, weshalb keine starren 
Gegensätze zwischen den beiden Verwendungsformen der Libido bestehen, 
wollen wir dennoch versuchen, die Gegensatzlosigkeit im Wesen, die Gegen* 
sätzlichkeit in der Verwendung von Ich* und von Objektlibido hervorzu* 
heben. 

Der von uns gezeigte Vorlustcharakter hebt eine wichtige Unterscheidung 
hervor, bedeutet aber keinen absoluten Unterschied; die Objektlibido bringt 
gleichfalls reichliche Vorlust, und anderseits erreicht auch der Narzißmus, 
wenn er zur körperlichen Perversion oder zur seelischen Selbsterfüllung wird, 
eine Endlustbefriedigung. 12 Daß auch die Sprache im Erreichen der Endlust, 
resp. der vollen Wunscherfüllung, wo es sich um nicht mehr sexuelle oder 
sexualisierte Ziele handelt, das Wesen der Objektlibido erkennt, zeigt die 
deutsche Übersetzung des Wortes Egoismus, nämlich „Selbstsucht". Denn 

12) Die eigentümlichen Arten von Selbsterfülltheit der religiösen, speziell der bud* 
dhistischen Versenkung heben den Unterschied zwischen den beiden Libidoformen geradezu 
auf, indem der Gegensatz von Ich und Objekt teils überwunden, teils ignoriert wird. 
Mittels der entgegengesetzten Methode wird der Gegensatz maximal gesteigert, bei S t i r n e r 
z. B. so sehr, daß die narzißtische Besetzung des Ichs als undifferenziertes Ganzes der 
alles beherrschenden Objektlibido dauernd gegenübertritt. 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmu 



37 



jede Sucht drängt nach Endlust und Erfüllung. Vom „Egoisten" erwarten 
wir, daß er nicht beim Phantasieren stehen bleibt, auch nicht bei der Selbst» 
erhöhung und Ichliebe, wie der narzißtisch Eingestellte es tut. Nach der 
heutigen dualistischen Trieblehre sind der „Egoismus" und der „Narzißmus" 
einander entgegengesetzte Libidoverwendungen, wenngleich sie einander im 
Ziele oft gleichgerichtet sind. Nur solange Freud noch die Ichtriebe als 
besondere Triebgruppe anerkannte, konnte sein Ausspruch Geltung haben, 
daß der Narzißmus die libidinöse Ergänzung, der Parallelvorgang des Ego* 
ismus sei. Innerhalb der Libidoverteilung ist der Narzißmus die am Ich 
orientierte Ichlibido, Egoismus die am Ich orientierte Objektlibido. ökono* 
misch haben wir den Unterschied, allerdings nur einen relativen, im Ver* 
bleiben bei den Vorluststadien formuliert, dynamisch sind beide libidinöse 
Kräfte; die Mortido tritt in beider Dienst, resp. tritt beiden entgegen. Eine 
wirkliche Unterscheidung ist nur in topischer Hinsicht zu finden. Erstens 
gibt es getrennte Objektrepräsentanzen, welche mit Objektlibido besetzt sind, 
im Gegensatz zum einheitlichen, wenngleich ständig variierenden Ich, das mit 
Ichlibido besetzt ist, von dem aber auch die Objektlibido den Objekten, resp. 
ihrer Repräsentanz zugewendet wird — Egoismus — , von dem Ichlibido 
dem Ich oder Anteilen des Ichs zugewendet wird — Narzißmus. Bei allen 
egoistischen Wünschen und Handlungen treten nun Ich und Objekt (bezw. 
Objektrepräsentanz) unmittelbar an der Ichbegrenzung zu einander. Bei nar* 
zißtischen Wünschen ist zwischen Ich und Objekt das Ich als Objekt des 
Narzißmus und gleichzeitig als Subjekt des Egoismus nochmals einge* 
schaltet. Es hat daher auch die Objektlibido 13 mit dem Ich zu tun, aber un* 
mittelbar; die narzißtische Libido hat ebenfalls mit dem Objekt zu tun, aber 
nur mittelbar. In genetischer Hinsicht, wobei alle drei Gesichtspunkte, der 
dynamische, ökonomische und topische in Betracht kommen, läßt sich keine 
Objektlibido denken, welche nicht vom Ich nach bewußten und unbewußten 
Bedürfnissen und Erfahrungen, d. h. auf Grund zahlreicher (darunter erb* 
erinnerter) Ichsituationen einem Objekte zugewendet würde; auf Grund an* 
derer Bedürfnisse, Erfahrungen, Ichsituationen wird die Zuwendung und 
noch mehr die Befriedigung vom Ich und Übersieh aus gehemmt. Dasselbe 
gilt auch für die Zu wendung von narzißtischer Libido. 

13) Es ist auch unrichtig, den Wunsch, geliebt zu werden, als narzißtisch zu bezeichnen. 
Er entspricht reiner Objektlibido passiver Art. Nur wenn er sich nicht unmittelbar dem 
Objekt zuwendet, sei es im Erleben oder in der Phantasie, sondern sich als Liebesphantasie 
zwischen Ich und Objekt schiebt, ist er narzißtisch. Freud sieht mit Recht eine Ver« 
armung des Ichs beim Verliebten darin, daß die Objektlibido aufs höchste gesteigert wird; 
dies ist aber nur soweit richtig, als es sich um unmittelbare Objektlibido handelt, welche 
die eine Ichgrenze über alle andern besetzt. Meistens wird durch die Verliebtheit auch 
das ganze Ich des Verliebten narzißtisch stärker besetzt, was als normale Gegenbesetzung 
aufzufassen ist. 



38 Paul Federn 



Wir sehen daher, daß nicht der Narzißmus es ist, der die Ichstruktur be* 
stimmt, sondern die Ichstruktur entscheidet darüber, was als Ichlibido und 
was als Objektlibido zu bezeichnen ist. Den Narzißmus überwinden, be* 
deutet daher nicht vom Es aus zu begehren und zu handeln, sondern nur die 
mehrfache Beteiligtheit, zum mindesten die Zwischenschaltung der Ichbe* 
teiligtheit aufzugeben. Das Kind erneuert durch viele Jahre einfach frühere 
Ichsituationen bei den Begegnungen mit dem gleichen oder einem ähnlichen 
Objekt, mit allen narzißtischen und objektlibidinösen Reaktionen. Die Ent* 
Wicklung und auch Traumen und Erziehung erreichen es, daß die narziß* 
tischen Besetzungen geringer werden und möglichst unmittelbar Objektlibido 
den Objekten zugewendet wird, daß demnach nicht die volle frühere Ich* 
Situation und auch nicht jede sich erneuert. Dieselbe Entwicklung nehmen 
die Objektrepräsentanzen. 

Damit lehrt uns diese Untersuchung, die Arbeit des Bewußtseins in 
einer ganz bestimmten Richtung zu verstehen und zu schätzen. 

Wir haben für das ganze Ich, für seine Teile, für die Phantasien immer den 
gleichen Unterschied zwischen dem normalen und abnormen Vorgang ge* 
runden: daß nämlich in der Norm die Ichlibido als Gegenbesetzung gegen, 
über der Objektlibido verwendet wird. Je weniger eng die Verknüpfung der 
Ichlibido mit der Objektlibido ist, desto normaler wird die Verwendung 
beider. Daß diese Trennung nie rein gelingt, haben wir gezeigt. Wir können 
nun diesen Unterschied weiter verfolgen bis zu den einzelnen Vorstellungen 
und Erinnerungen, die wir von der Außenwelt haben. Wie ich, von ganz 
anderem Ausgang kommend, schon zeigen konnte", sind in unserem vorbei 
wußten und unbewußten Erinnerungsvermögen zweierlei Erlebnisspuren von 
den Objekten erhalten, die einen im Zusammenhang mit der Erlebnissitua* 
tion, richtiger mit den Situationen, in denen wir dem Objekt begegnet sind 
und die anderen, welche nur das Objekt enthalten; die ersteren sind demnach 
ichhaft und gegenständlich, bei ihnen bleibt die Objektrepräsentanz in- die 
Ichgrenze einbezogen, vielmehr es bleibt die Ichgrenze um den Gegenstand 
erweitert. Unser Denken wird umsomehr objektiv und frei vom Subjektiven, 
Ichhaften, je reiner wir die Objektrepräsentanzen haben; die reine Objekt* 
repräsentanz ist auch von der narzißtischen Komponente, welche von der 
Einschließung in die Ichgrenze her ihr geblieben war, wieder befreit. Wir 
wissen, daß diese Befreiung durch die Einführung des Zeitmomentes und 
durch das Vergleichen mehrerer zeitlich auseinanderliegender, das Objekt in 
sich schließender Ichsituationserinnerungen erfolgt. Diese Arbeit geschieht 
nun ausschließlich durch das b e w u ß t e Denken; sonst bleibt es bei ichhaft 

14) Federn, Das Ichgefühl bei den Fehlleistungen, Imago, Bd. XIX, 1933. 



Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 



39 



verbundenen und ichhaft verfälschten, stets narzißtisch besetzten Objekt» 
erinnerungen. Bewußtes Denken, worüber immer, besonders aber über alles, 
was narzißtisch besetzt war, macht daher objektiv und läßt die Realität richtig 
erkennen, weil es reine Objektrepräsentanzen zurückläßt. 

Diese Funktion des Bewußtseins erklärt auch die Wirkung des Durch* 
arbeitens in der Psychoanalyse. Sie befreit den Menschen von dem die Rea* 
Ktät verfälschenden, ungesund verwendeten Narzißmus. 



Medizinische Psychologie oder akademische 

(normale) Psychologie: 

ein Problem der Orientierung 1 

Von 

Edward Glover 

London 

Der medizinische Psychologe kümmert sich im allgemeinen wenig um die 
Grenzen seiner Wissenschaft. Allerdings bringen die Anforderungen einer 
Privatpraxis gewisse Beschränkungen mit sich, theoretisch betrachtet hat 
jedoch das Feld seiner Tätigkeit keinerlei Grenzen außer denen, die er selbst 
der psychischen Struktur und der psychischen Funktion setzt. Anerkannter* 
maßen bezogen sich seine frühsten Ansprüche auf das Gebiet der Neurosen, 
doch als der Zeitpunkt gekommen war, die Psychosen und das sogenannte 
normale" Verhalten zu untersuchen, machte sich der medizinische Psycho* 
löge an diese Aufgabe, ohne sich viel um den Psychiater oder den Vertreter 
der „normalen" Psychologie zu kümmern. 

Ein Außenstehender sieht hierin vielleicht eine geringschätzige Haltung 
diesen anderen Schulen gegenüber, und da viele Psychologen, um nicht zu 
sagen, Psychotherapeuten, dazu neigen, manchmal aus ihrer Berufsarbeit eine 
Tugend zu machen, so möchte ich mich ausdrücklich von einer solchen Stel* 
lungnahme ausschließen. Der Hauptgrund, weshalb sich medizinische Psy* 
chologen den anderen Schulen fern zu halten scheinen, liegt meiner Meinung 
nach darin, daß sie, abgesehen von einigem klinischen oder deskriptiven 
Material, in psychiatrischen oder akademischen Schriften wenig gefunden 
haben, was in ihrer Berufsarbeit die Mühe des Lebens gelohnt hätte. Das 
ist vielleicht ein sehr verallgemeinerndes Urteil, doch ist es nicht »ot* 

i) Vorgetragen in der Medial Section der British Psychologie^ Society am 28. Juni 1933. 
In deutscher Übersetzung von Walter S c h m id ebe rg London nach dem Aufsatz >n 
The British Journal of Medical Psychology, Vol. XIV, 1934, 1. Teil, S. 31-49. 

Bemerkung der Redaktion: 

Die Stellung der Psychoanalyse zu den verschiedenen Richtungen der sogenannten 
Schulpsychologie ist - wie auch aus den Beiträgen in dieser Zeitschrift hervorgeht - keine 
einheitliche. Die einen setzen die psychoanalytische Forschungsarbeit fort und überlassen 
die Frage ihrer Beziehung zu anderen Richtungen der Psychologie der Zukunft; andere 
sind schon heute bemüht, die wechselseitigen Beziehungen festzulegen und auszuwerten. 
Wir legen die Auffassung unseres verehrten Londoner Kollegen, in der offenbar ein dritter 
Standpunkt formuliert wird, unserem Leserkreis vor und hoffen, daß sich an die Ausruh* 
rungen Dr. Glover s ein Meinungsaustausch anknüpfen wird. 



Medizinische Psychologie od er akademische (normale) Psychologie 41 

wendigerweisc Mißachtung. Abgesehen von dieser beruflichen Einschätzung 
hat der Arzt keinen weiteren Ehrgeiz, und solange man ihm gestattet, die 
Ergebnisse seiner Forschung ungestört auf jegliches psychologische Gebiet 
anzuwenden, verzichtet er gern auf die Lorbeeren akademischer An* 
erkennung. 

Es gibt jedoch ein Problem, das den medizinischen Psychologen zwingt, 
seine bequeme Toleranz aufzugeben und die Beziehung seiner Wissenschaft 
zu den Schwesterwissenschaften klar festzustellen. Dieses Problem ist die 
Ausbildung von Studenten der Medizin und insbesondere ihre Orientierung 
im psychologischen Denken. 

Ich wurde neulich aufgefordert, einem Ausschuß beizutreten, dessen 
Hauptaufgabe darin bestand, einen Lehrplan der medizinischen Psychologie 
auszuarbeiten. Ehe man feststellte, was ein zulänglicher Lehrplan umfassen 
müsse, hielt man es für nützlich, das Problem eines klinischen Lehrgangs von 
dem eines vorklinischen zu trennen, der den Studenten für spätere praktische 
Arbeit vorbereiten solle. Über den klinischen Lehrplan ist nicht viel Interes* 
santes zu berichten. Man war sich darüber einig, daß man einen Studenten 
der Medizin medizinische Psychologie lehren müsse. Bei der Diskussion über 
einen vorklinischen Kursus kamen jedoch so erstaunliche Meinungsverschie* 
denheiten zum Ausdruck, daß ich mich berechtigt fühle, diese eingehender 
zu untersuchen, als es während einer beschränkten Ausschußdiskussion mög* 
lieh ist. 

Kurz gefaßt stellte sich das Problem folgendermaßen: Es wurde einerseits 
behauptet, eine Grundlage in „Normalpsychologie" sei eine wesentliche Vor* 
stufe zu späterer „Spezialisierung" in medizinischer Psychologie. Von anderer 
Seite wurde die Meinung vertreten, „Normalpsychologie" sei ein so hoch* 
spezialisiertes und kompliziertes Fach, daß es dem Studenten der Medizin 
kaum nützen könne. Diese zweite Ansicht, die ich übrigens selbst vertrat, ist 
natürlich negativen Charakters. Sie mußte durch konstruktive Vorschläge 
ergänzt werden. Ich schlug daher vor, Studenten sollten mit den Tatsachen 
seelischer Entwicklung und Regression bekanntgemacht werden, auch sollte 
man sie so vertraut wie möglich machen mit den Problemen, die mit späteren 
klinischen Beobachtungen am engsten zusammenhängen. Damit deutete ich 
an, die „reine" Psychologie sei nicht nur, zum größten Teil, nutzlos für den 
Arzt, sondern auch für die medizinische Psychologie ohne Bedeutung. 

Die Meinungen gingen scharf auseinander, doch ist es interessant zu be* 
merken, daß diese Abweichungen nicht rein den beruflichen Einstellungen 
folgten. Es mangelte nicht an Unterstützung eines Planes für medizinisch* 
psychologische Orientierung von gewichtiger akademischer Seite her. 
Andererseits unterstützten einige ärztliche Psychologen den Plan einer Orien* 



tierung an der Normalpsychologie. Wieder andere stimmten für ein Korn* 
promiß, doch meiner Meinung nach erfordert diese Tatsache an sich keine 
besondere Untersuchung. Es ist nicht nur üblich, die Toleranz als eine Tu* 
gen'd zu preisen, es ist auch', wo Grundfragen auf dem Spiele stehen, immer 
schwierig, Reaktionen der Angst und des Zweifels auszuschalten.. Ich selbst 
war sehr beeindruckt durch die Tatsache, daß es überhaupt medizinische 
Psychologen gibt, die mit ehrlicher Überzeugung Lehrpläne der Normal* 
Psychologie für Studenten der Medizin unterstützen. 

Ich muß bekennen, meine erste Reaktion war Erstaunen. Daß medizinische 
Psychologen theoretisch und praktisch verschiedener Meinung sind, wußte 
ich' wohl; daß sie aus akademischen Fragen ein Steckenpferd machen, ist ,an 
sich nicht überraschend; doch daß ein ärztlicher Psychologe akademische 
Psychologie für eine geeignete Grundlage der medizinischen Psychologie 
halten könne, schien mir fast wie ein Versuch, wissenschaftlich auf dem Kopf 
zu stehen. Auch konnte ich nicht umhin, hier eine gewisse Gefahr zu sehen, 
daß ein teuer erkauftes Erstgeburtsrecht gegen ein akademisches Linsen* 
gericht eingetauscht werde. Nachdem ich jedoch dieses, wie mir jetzt scheint, 
naive Erstaunen zum Teil abreagiert hatte, kam ich zu der Überzeugung, es 
läge hier ein ganz klar umschriebenes Problem vor, das verdiente, von der 
Medizinischen Sektion der British Psychological Society ernstlich erörtert 

zu werden. " '", 

Damit habe ich den unmittelbaren Anlaß für die vorliegende Arbeit ein* 
bekannt. Ich muß jedoch hinzufügen, daß mich die Frage bei der 
Besprechung psychologischer Lehrbücher von akademischen Verfassern oft 
beschäftigt hat. Immer wieder habe ich mich in der Hoffnung an die Aufgabe 
gemacht, in diesen Schriften irgendwelche Formulierungen, Systeme oder 
Gesichtspunkte zu finden, die der medizinischen Psychologie bequem ein* 
verleibt werden könnten. Doch fast jedesmal hat mich die etwas oberfläch* 
liehe Kompliziertheit des Gegenstandes daran gehindert; was mich aber 
hauptsächlich abgehalten hat, ist das Fehlen jeglicher Beziehung zu jenen 
Problemen seelischer Anpassung und Regression, die dem ärztlichen Psy* 
chologen in jeder Sphäre des Lebens entgegentreten. 

Ehe wir weitergehen, wäre es ratsam festzustellen, was der Ausdruck 
medizinische Psychologie bedeutet. Allgemein genommen ist es eine Ge* 
samtheit psychologischen Wissens, das ursprünglich auf dem Studium der 
Neurosen beruhte, später aber ausgedehnt wurde, um psychotische, charaktero* 
logische und asoziale Manifestationen zu umfassen. Aus dieser Gesamtheit von 
Kenntnissen haben sich gleichzeitig Methoden klinischer Diagnose, Prognose 
und Behandlung entwickelt, und es sind aus ihr Schlüsse gezogen worden, 
die Theorien über seelische Struktur und Funktion darstellen. Das am meisten 



Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 



43 



ausgearbeitete dieser theoretischen Systeme ist unter dem Namen „Psycho* 
analytischer Metapsychologie" bekannt. Schließlich ist diese Gesamtheit von 
Kenntnissen auf die Probe gestellt worden, indem man sie auf die söge»« 
nannte „normale" Struktur und Funktion angewandt hat. Diejenigen, die 
sich damit befaßten, sind der Meinung, sie habe sich nicht nur als anwendbar, 
sondern auch als fruchtbar erwiesen. 

Ich werde bei einer späteren Gelegenheit auf die Grundzüge der medizi* 
nischen Psychologie zurückkommen. Es muß inzwischen jedoch zugegeben 
werden, daß medizinisch*psychologische Theorien über den seelischen Ap* 
parat (seine Struktur und Funktion) nicht nur quantitativ unzulänglich sind, 
sondern in den verschiedenen klinischen Schulen sehr voneinander ab* 
weichen. Ja, ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß die Intensität, mit 
der ärztliche Psychologen eine gründliche Ausbildung in akademischer 
Normalpsychologie fordern, in umgekehrtem Verhältnis zu der Menge posi* 
tiver theoretischer Einsicht steht, die sie sich selbst auf Grund ihrer eigenen 
klinischen Forschungen gebildet haben. 

Wenn wir nun von Anfang an ehrlich zugeben, daß medizinische Psy* 
chologie keineswegs ein abgeschlossenes Ganzes ist, und daß viele Meinungs* 
Verschiedenheiten intramuros bestehen, so scheinen wir uns damit dem reinen 
Psychologen auszuliefern. Selbst wenn dieser großmütig darauf verzichtet, 
auszurufen: „Das haben wir immer behauptet!", wird er sich berechtigt 
fühlen, Bemerkungen zu machen wie diese: „Ihr Spezialisten seht nun, wohin 
ihr kommt: ohne eine tragfähige Grundlage von Normalpsychologie kann 
euer eigenes Gebäude nicht aus eigener Kraft bestehen. Es ist entweder schief 
oder es schwebt in der Luft. Was euch not tut, ist eine gründliche Unter* 
Weisung in den Prinzipien der Normalpsychblogie, dazu ein gebührender Sinn 
für Bescheidenheit, die Bereitwilligkeit, eure Lieblingsentdeckungen und Er* 
gebnisse in die ihnen zukommende Nische in einem viel größeren Gebäude 
zu stellen." 

Dieses Argument ist so verlockend, so plausibel, daß es vielleicht ver* 
messen erscheint, wenn wir seine Gültigkeit in Frage stellen. Ich möchte des* 
halb damit beginnen, es in einer Sphäre zuzugeben. Es ist der sehr natürliche 
Standpunkt des deskriptiven Psychologen, der sich für statistische Berech* 
nungen interessiert. Für ihn ist die Welt voll normaler Menschen, von 
denen ein gewisser Prozentsatz abnorm ist. Vor ihm breitet sich ein psycho* 
logisches Panorama aus, in dem die Entdeckungen der medizinischen Psycho* 
logie je nach seiner Stimmung eine kleine Hügelkette oder eine Strecke un* 
unterbrochener Wüste vorstellen. Selbst wenn er zugibt, daß er in normalen 
Menschen viel Abnormes findet, so schließt er doch viele Phänomene 
aus seinem Bilde des Normalen aus; er dreht sich in seiner Beweisführung 



44 Edward Glover 






im Kreise, indem er behauptet, sie seien eben abnorm. Es ist natürlich, 
normal zu sein, das Abnormale ist daher eine Abweichung vom Normalen, 

es ist eben „abnorm". im 

Nachdem ich zugegeben habe, daß das Argument des Vertreters der Nor, 
malpsychologie in einer gewissen Sphäre ansprechend ist, mochte ich nun 
behaupten, es hätte in keiner anderen Sphäre eine Berechtigung. Nahern wir 
uns zum Beispiel der Frage auf dem Wege der Entwicklungsgeschichte und 
machen einen Längsschnitt durch den seelischen Werdegang des Indivi, 
duums, so entdecken wir, daß, was man gewöhnlich die Normalität des Er, 
wachsenen nennt, nicht ein Panorama ist, sondern eine verhältnismäßig dünne 
Schicht, sozusagen eine seelische Epidermis. Diese Epidermis bedeckt oft 
ungenügend ein Gebüde, das, wenn auch weniger kompliziert, doch räum, 
lieh viel weiter ausgedehnt ist. Was von einem oberflächlichen Gesichtspunkt 
als medizinisch,psychologische Abnormität betrachtet wurde, erscheint nun 
als ein Teil dieses tieferliegenden Gebildes, das hier die Epidermis durch, 
bricht. Die auffallenderen Auswüchse sind wir gewohnt, Symptome zu 
nennen; wo die Haut dünn oder durchsichtig geworden ist, entdecken wir 
charakterologische Eigenheiten oder Gewohnheitsbildungen. Mit anderen 
Worten, der Vertreter der reinen Psychologie ist wie ein Oberflachenanatom 
oder ein Dermatologe, den sein Interesse zwingend zur Histologie fuhrt: bei 
aller Geschicklichkeit und aller Ausrüstung bleibt er doch nur ein Unter, 
sucher von mikroskopischen Endprodukten. 

Hier wird man mich wahrscheinlich wegen meines Gebrauches metapho, 
rischer Ausdrücke zur Rede stellen. Ich gebe das gern zu, umsomehr als ich 
bereit bin, es als wissenschaftliches Verfahren zu rechtfertigen. Medizinische 
Psychologie hat sich ebenso wie die normale Psychologie mit verschiedenen 
Methoden der Terminologie befaßt. Während der Experimentalpsychologe 
seine algebraische Funktionsdarstellung liebt, hat der psychoanalytische Psy, 
chologe eine Vorliebe für sein „Ubw", sein „Vbw" und sein „Es", Auf die 
Dauer ist es unmöglich, von seelischer Struktur und Funktion eine klare 
Darstellung zu geben, ohne sich zahlreicher metaphorischer Ausdrucke zu 
bedienen. Es liegt keine Gefahr in der Methode, solange man diesen Aus, 
drücken eine genaue wissenschaftliche Bedeutung gibt und sie bestandig an 
der Hand klinischer Befunde kontrolliert. 

So werden die räumlichen Metaphern, die ich oben erwähnt habe, auf die 
seelischt Topographie unter strengen Bedingungen angewandt, z. B. die Be, 
ziehung des Systems Bewußtsein (W,Bw) und seines Inhalts zu den Syste, 
men Vorbewußtes (Vbw) und Unbewußtes (Ubw). Doch würde eme 
Zeitbeziehung unser Verständnis für den seelischen Apparat wie auch für 
das sogenannte Abnorme wesentlich bereichern. So finden wir, daß die 



Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 45 

Epidermis, die ich geschildert habe und die den Eindruck eines Panoramas 
des „Normalen" macht, ein Endprodukt ist. Man hält diese Endprodukte 
für normal nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen, sondern auch aus einer 
Reihe von statistischen und unwissenschaftlichen Gründen sozialer Zweck* 
mäßigkeit. Im zeitlichen Sinne ist eine sogenannte Abnormität zum großen 
Teil eine Regression. Wenn man nun einen Studenten der Medizin im Sinne 
der „normalen" Psychologie orientiert, so scheint es mir, als ob man die Ver* 
nunft auf den Kopf stellte. Das Vernünftigste wäre meines Erachtens eine 
Orientierung in den primitiven Formen jener seelischen Funktionen, deren 
Auftauchen im Verlaufe einer Regression abnorm genannt wird. Diese regres* 
siven Zustände waren einmal in verschiedenen Stadien des Säuglings* und 
Kindesalters „normal", und obwohl sie im Leben des Erwachsenen oft ver* 
hüllt sind, bilden sie immer noch den größten Teil der seelischen Aktivität. 

So ist denn die „normale" Psychologie nicht nur keine wertvolle Vorstufe 
zur medizinischen Psychologie, sondern eine Orientierung in medizinischer 
Psychologie sollte für jeden Studenten obligatorisch sein, der die Absicht hat, 
sich den höchst dunklen und meist ungelösten Problemen der „normalen Psy* 
chölogie" zu nähern. Denn der Gegenstand der medizinischen Psychologie 
(d. h. was der Vertreter der normalen Psychologie abnorm nennt) ist nicht 
nur ein Entwicklungsphänomen, sondern er ist tatsächlich viel einfacher als 
der Gegenstand der normalen Psychologie. 

Man kann diese -Schlußfolgerung leicht stützen, wenn man die üblichen 
Methoden klinischer Psychologie anwendet. Machen wir zuerst die Probe 
darauf, wie weit menschliches Lebensverhalten vorausberechnet werden kann, 
eine Fragestellung, die man scharf von der experimentellen Schätzung von 
Fähigkeiten unterscheiden muß. Jeder ärztliche Psychologe ist mit der Tat* 
sache vertraut, daß archaische Reaktionsformen, die man gewöhnlich Neur* 
osen und Psychosen nennt, sich nach gut bekannten Richtlinien entwickeln, 
die durch bestimmte Abwehrmechanismen gegen Triebregungen und die 
mit ihnen potentiell verknüpften Angstgefühle bedingt sind. Diese charakte* 
ristischen Mechanismen ermöglichen es uns, ziemlich genau vorauszusehen, 
wie ein gegebenes Individuum auf gegebene menschliche Bedingungen rea* 
gieren wird, d. h. auf jegliche Bedingungen mit Ausnahme derjenigen, die 
ein Laboratoriumsexperiment begleiten. Der Mechanismus, der diese Be* 
rechenbarkeit am meisten hindert, ist der der Verdrängung. Eine der vielen 
Funktionen der Verdrängung besteht darin, Konflikte des Säuglings* und 
Kindesalters abzurunden und zu verhüllen, mit denen ältere und primitivere 
Mechanismen nicht genügend fertig geworden sind. Der sogenannte normale 
Erwachsene ist wesentlich ein Nachverdrängungsprodukt und im klinischen 
Sinne ist er unberechenbarer als das Kind oder der Neurotiker. Es ist kein 



^ '■ Edward Glover 



bloßer Zufall, daß der normale Mensch eine viel großer ^ah^zner 
folgreicher Verdrängung besitzt als der Neurotiker oder der Psychoüker. Wir 
sincl tatsächlich nur dann imstande, das Verhalten eines normalen Men. 
sehen vorauszusagen, wenn wir durch eine charakterologische Übersicht fest, 
stellen können, daß seine seelischen Mechanismen einem bestimmten lypus 
angehören, etwa dem zwanghaften, paranoiden oder depxessiven. Wenn diese 
Mechanismen „gemischt" oder durch einen Anstrich des Normalen erfolg, 
reich verdunkelt sind, so ist und bleibt das Verhalten des normalen Men, 
sehen höchst unberechenbar. Auch herrscht kein Zweifel darüber, daß er 
das schwierigste Objekt der Analyse ist. 

Diese Widerspenstigkeit des sogenannten „normalen Menschen wirkt er. 
nüchternd. So schwierig auch der Psychotiker in der Analyse zu behandeln 
ist, so ist er es doch immerhin weniger als der „normale Mensch. In Dingen 
der Orientierung halte ich dafür, daß man stufenweise vom Erforschhehen 
zum Unerforschlichen schreiten soll. Ich bin daher der Meinung, man solle 
den Studenten der Medizin, ehe man ihn normale Psychologie lehrt, so grund. 
lieh wie möglich über jene Phasen des Seelenlebens unterrichten m denen 
die „natürlichen" Reaktionen einem „psychotischen Muster folgen. Und 
das bedeutet im wesentlichen: man widme den grö ßeren Teil eines 
vorklinischen Lehrgangs der Darstellung der psych* 
sehen, öfters psycho tischen Reaktionen und seelischen 
Systeme des Säuglings, und Kindesalters. 

Wiewohl ich der Meinung bin, daß „normale" Reaktionen bei wetten die 
unerforschlichsten sind, muß ich zugeben, daß sie in einem oberflächlichen 
Sinn anscheinend zugänglicher sind. Es ist diese scheinbare Zuganglichkeit, 
die den Vertreter der normalen Psychologie verführt hat Er hat die Pferde 
hinter den Wagen gespannt, weil der Wagen gewöhnlich großer ist als das 
Pferd. Ich glaube auch, daß er das Pferd hinter den Wagen gespannt hat, 
weil es weniger gefährlich ist, den Wagen mit dem Zentimetermaß zu i messen 
als das Pferd. Doch obgleich ich persönlich geneigt bin, eine ausschließliche 
Beschäftigung mit normalpsychologischen Messungen der Angst vor dem 
Unbewußten zuzuschreiben, muß ich mich, wenigstens bei dieser Gelegen, 
heit, eines solchen argumentum ad hominem enthalten. ■ . 

Um es hier zusammenfassend auszudrücken: Der ärztliche Psychologe halt 
eine Orientierung an der Normalpsychologie aus folgenden Gründen für ein 
rückschrittliches Verfahren: Die normale Psychologie ist im dimensionalen 
Sinne zu oberflächlich und gleichzeitig zu verschwommen. Von einem tnt* 
Wicklungsstandpunkt aus betrachtet ist sie zu kompliziert und zu unbe. 
rechenbar. Sie ist in gewissem Sinne unnatürlicher als die auffallendsten 
medico.psychologischen „Abnormitäten". Außerdem, füge ich hinzu, ist sie 



■ 'i 




Medizinische Ps ychologie oder akademische (normale) Psychologie 47 

zu sehr mit ungelösten Problemen durchsetzt. 

Nun stellt sich der Vertreter der normalen Psychologie auf seine nächste 
Verteidigungslinie mit den Worten: Angenommen, wir geben zum Zwecke 
der Diskussion zu, daß der größte Teil eines vorklinischen Lehrgangs der 
psychologischen Schilderung von Entwicklungsphasen gewidmet sein soll. 
Wie ist es aber möglich, diese ohne irgendwelche termini technici zu schil*. 
dem? Und wie kann man eine solche Terminologie ohne eine vorhergehende 
Abschätzung normaler Reaktionen ausbilden? Wie kann man von Instinkt 
bei Tieren, Kindern und Erwachsenen reden, wenn man diesen Ausdruck 
nicht durch eine oder mehrere mögliche Definitionen erläutern und zugleich 
das allmähliche Zustandekommen dieser Definitionen verfolgen kann? In 
gleicher Weise muß der Student Kenntnisse über Wahrnehmungsvorgänge 
und ^Vorrichtungen, Vorstellungen, Begriffsformen, über das Wesen der Ver* 
nunft und der Lernfähigkeit, Empfindungen, Gefühle, Affekt und Willen 
gewinnen. 

Ein anziehendes Argument, und doch wird man mir hoffentlich verzeihen, 
wenn ich es in erster Linie als eine mit Köder wohlversehene Falle ansehe. 
So sehr ich auch dafür bin, Studenten anzuregen, aus dem vorgelegten Mate* 
rial ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, so habe ich es doch nie befürwortet, daß 
man Psychologie nach der Methode des „Dumb Crambospiels" lehren solle. 
Ich habe nichts dagegen, daß in einem vorklinischen Kursus der Vortragende 
von einer kurzen geschichtlichen Übersicht der psychologischen Wissen* 
Schäften zu einer kurzen Definition einiger gebräuchlicher Ausdrücke über* 
gehe. Doch möchte ich darauf bestehen, daß diese Einleitungen kurz gefaßt 
und ausdrücklich provisorisch genannt werden. Ein Lehrer, der nicht darauf 
aus ist, den Studenten mit normaler Psychologie zu überschwemmen, kann 
leicht in einer halben Stunde eine genügende Anzahl von Fachausdrücken 
zusammenstellen. 

Nachdem wir das zugegeben haben, können wir in aller Sicherheit in dfer 
Falle treten und uns den Köder besehen. Ist es wirklich notwendig oder vor* 
teilhaft, diese Orientierung zu besitzen, oder ist der systematische Wert der 
Normalpsychologie eine Illusion? Die Zeit ist zu kurz, um auf diese Frage 
eine eingehende Anwort zu geben. Ich hoffe jedoch, die Antwort anzudeuten, 
indem ich.aufs Geratewohl an einigen Beispielen die Methode prüfe, mit der 
sich der Vertreter der Normalpsychologie seinem Gegenstande nähert. 

Wenn wir diese Untersuchung mit Hilfe von groben statistischen Me* 
thöden fortsetzen, so finden wir an erster Stelle, daß der größte Teil der söge* 

k nannten Gesetze der Normalpsychologie Erkenntnisvorgänge betrifft und 
diese sowohl vom Standpunkte der Struktur wie der Dynamik betrachtet. 
Einige Lehrer der Psychologie geben offen zu, diese eingehendere Behand* 
I ' 



,1 

'IS 

ll 






1 



48 Edward Glover 



lung von Erkenntnisvorgängen und das größere Verständnis für sie sei damit 
zu erklären, daß sie scheinbar leichter zu untersuchen seien und außerdem 
einem dringenden Bedürfnis der Pädagogik und der Berufsberatung ent* 
sprechen. Die bevorzugte Methode scheint jedenfalls darin zu bestehen, den 
Studenten an der Hand von Beispielen aus dem Experimentierlaboratorium 
in eine Analyse von „Termini" zu stürzen: Er wird unterrichtet über Wahr* 
nehmungen und Vorstellungen, Empfindungen, ihre differentialen Schwellen 
und Beziehungen, über Aufmerksamkeit und Intention, Umfang und 
Schwankung des Fassungsvermögens, über Probleme der Gestaltbildung und 
der Abstraktionsfähigkeit; über Gesetze der Erleichterung des Lernens, die 
Frage nach dem Haften erster Lerneindrücke, nach den Rückständen im Ge* 
dächtnis und seiner Leistungsfähigkeit; die Gesetze der zeitlichen und der auf 
Ähnlichkeit beruhenden Zusammenhänge zwischen Assoziationen; die Ge* 
setze der Reproduktion, der Perseveration und des intentionierten Erinnerns, 
der Ermüdung usw. 2 Ich will Sie nicht mit noch detaillierteren Aufzählungen 
quälen, aber mein „Pauken" als Student, das mir noch' lebendig in Erinne* 
rung ist, rechtfertigt mich wohl, wenn ich für die Studenten der Medizin um 
Gnade bitte. Man kann nur hoffen, daß die Medizinstudenten, wenn sie 
dieses langwierige Laboratoriumsexperiment jemals obligatorisch über sich 
ergehen lassen müssen, schleunigst nach Ablegung ihrer Prüfung das Gesetz 
der verminderten Lernfähigkeit (oder das der Ermüdung) — jedenfalls im 
Hinblick auf die so gewonnen Erkenntnisse — für sich in Anspruch nehmen 

werden. 

Es ist nichtsdestoweniger interessant zu überlegen, warum der Vertreter der 
Normalpsychologie glaubt — und er tut es augenscheinlich — , daß die Be* 
schäftigung mit der Beschaffenheit gewisser seelischer Vorgänge für 
das Studium der medizinischen Psychologie wichtiger sei als eine genetische 
Darstellung von Tatsachen, die zuerst dem Inhalt seelischer Vorgänge ent* 
nommen worden sind. Oder warum er behauptet, seine Methoden be* 
schränkten sich auf Selbstbetrachtung und auf kontrollierte experimentale 
Beobachtungen (wobei Aufschlüsse, die auf einer Deutung seelischer Inhalte 
beruhen, ausgeschlossen werden), da es doch klar ist, daß die Methoden der 
experimentellen Psychologie in manchen Fällen darin bestehen, unkontrol* 
lierbare Reaktionen auf nicht gemessene Reite hervorzubringen. Und ich 
kann nur annehmen, er glaube, solch eine histologische Untersuchung von 

2) Ich habe es nicht versucht, eine formale Definition der akademischen Psychologie zu 
geben Ich hoffe jedoch, daß die kurzen Auszüge an dieser und an anderen Stellen im lexte 
den Umfang dieser Wissenschaft klarmachen. Alle Hinweise auf Normalpsychologie m 
dieser Schrift sind modernen Lehrbüchern entnommen und an der Hand von vor Studenten 
abgehaltenen Vorlesungen berichtigt worden. Von den zehn Vortragskursen, die ich zu 
diesem Zwecke studierte, wurden zwei in London während der Jahre 1931—32 abgehalten. 



Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 



49 



Hautpräparaten sei die einzige Weise, innere Organe zu untersuchen. Oder 
aber mag er meinen, ein Student, der zum ersten Mal mit den Amnesien eines 
Hysterikers in Berührung kommt, werde rätlos im Dunkel tappen, wenn er 
keine eingehende Kenntnis von den Gesetzen der Assoziation, ihrer Be* 
Ziehungen und der Gedächtnisrückstände besitze. In Wirklichkeit jedoch 
wird nur derjenige rados im Dunkel stehen, der, den Vorschriften der 
Normalpsychblogie folgend, die Phänomene des Hysterikers durch Beob* 
achtung allein zu messen und einzuschätzen unternimmt. 

Auf alle diese Bemerkungen lautet die Antwort natürlich: „Das ist ja 
nur eine Seite unserer Arbeit; wartet, bis wir die Seele von dynamischen und 
.orektischen' 3 Gesichtspunkten behandeln!" Man muß zugeben, daß man 
beim oberflächlichen Lesen von Abhandlungen aus dem Gebiet der Normal* 
Psychologie den Eindruck gewinnt, als ob der Psychologe sich nurt endlich 
seinem Gegenstand nähere. Und doch ist er von Anfang an durch seine 
Erfahrungen auf dem Gebiete der Psychologie intellektueller .Vorgänge 
schwer gehindert. Diese Neigung, bei der Methode zu beharren, rührt viel* 
leicht von der Tatsache her, daß der abstrakte Begriff der Energie ein Binde» 
glied zwischen dem Wollen und dem Erkennen bildet, eine Ansicht, die 
in der Formel angedeutet ist, daß die Stärke des Erkenntnisvermögens von 
der Willenskraft beherrscht würde. Eine Durchschnittsabhandlung über den 
Begriff „Trieb" treibt den Leser jedenfalls zuerst rückwärts in eine Be* 
trachtung der statischen Seite des Erkenntnisvermögens, um ihn danach zu 
einer sinnesdunklen Besprechung über die Willensphänomene zu drängen. 
Ich sage absichdich sinnesdunkel, denn die Ansicht, daß „Willensakte" see* 
lische Geschehnisse sui generis seien, die dabei eine genaue Beziehung zum 
Selbstbewußtsein haben, ist ein gutes Beispiel von irreleitender Unwissenheit 
über einen Gegenstand, in dem jeder Zwangsneurotiker oder Melancholiker 
ein hervorragender Sachverständiger ist. 

Wenn wir auf einen Augenblick von dieser wahrscheinlich unbeabsichtigten 
oder erzwungenen Vernachlässigung der, geeigneten Autoritäten, d. h. des 
Neurotikers und des Psychotikers, absehet so fällt uns auf, daß das Interesse 



3) Der Terminus „orectic" entstammt der englischen Schulpsychologie; er hat — als 
Gegensatz zu „cognitive" — wesentlich dynamische Bedeutung und umfaßt triebmäßige, 
gefühlsmäßige und andere affektive Haltungen. 

4) Es ist nicht nur eine Tatsache, daß der Vertreter der Normalpsychologie wenig oder 
gar keinen Kontakt mit klinischem Material hat, das ihm über die seelischen Funktionen 
Aufschlüsse geben könnte, sondern die akademische Psychologie ist, wie Dr. Ernest 
Jones während der Diskussion bemerkte, die einzige Wissenschaft, die nicht in der Lage 
»st, ihr legitimes Material zu studieren. Wie er bemerkte, fehlt der höchst wichtige Faktor 
seelischen „Leidens" in der Beziehung zwischen dem Vertreter der Normalpsychologie und 
seinem Gegenstande. Ohne diesen wesentlichen Faktor bleiben aber menschliche Be« 
Ziehungen ein geschlossenes Buch. 

Imago XXII/1 4 



50 



Edward Glover 






der dynamischen und „orektischen" Normalpsychologie für willensmäßige 
und für erworbene Haltungen auf; für die Willenskraft, für den Trieb und 
seine Verdrängung, für Objektivierung, Subjektivierung, Platonisierung; für 
den Konflikt, für Psychotaxis und Parataxis; für die Grundhaltung, die 
Lebhaftigkeit und die Organisation des emotionellen Lebens; für Gefühls* 
leben und Charakter, Temperament und Wollen, — mit den Problemen, die 
den klinischen Psychologen beschäftigen, nur in losester Berührung steht. 
Man ersieht das leicht aus der Beschaffenheit des erläuternden Materials, das 
auf zweierlei Art erlangt wird, erstens durch Experimente vom „Laborato* 
riumstypus" und zweitens durch' einfaches Beobachten des Verhaltens von 
Erwachsenen. Die modernen Vertreter der Normalpsychologie scheinen emp* 
findlich zu sein, wenn man den Ausdruck „akademische" Psychologie be* 
nützt. Sie erwidern: „Niemand lehrt heutzutage akademische Psychologie; 
die ist längst tot." Ich' muß jedoch gestehen, ich finde es schwierig, 
einen Unterschied zu entdecken. Man darf die Tiefe psychologischer For* 
schüng nicht nach der Kompliziertheit ihrer Instrumente bemessen. Wie 
hartnäckig oberflächlich einige Methoden der Experimente auf dem Gebiet 
intellektuellen und affektiven Erlebens bleiben, ersieht man z. B. aus dem 
Gebrauch' von „Unsinnsilben" bei einigen Tests von geistigen Fähigkeiten. 
Was für statistische Tatsachen man durch solche Methoden auch erlangen 
mag, der ärztliche Psychologe hat das Recht zu behaupten, daß er diese Tat* 
Sachen für seine Arbeit belanglos finde. Ja, er könnte darauf hinweisen, daß 
ein Zwangsneurotiker einen Vertreter der Normalpsychblogie in zwei Stun* 
den mehr von dem Wesen von „Unsinnsilben" lehren könne, als dieser 
einen Studenten der Medizin in zwei Jahren. 

Dasselbe bezieht sich auf das Studium der Gewohnheiten. Willkürliche 
Einteilungen in angestrebte und erworbene Gewohnheiten, intensives Stu* 
dium der Gesetze betreffend die Erleichterung und Ermüdung bei der Er* 
lernung gewisser Verhaltensweisen, die Berufung auf Diagramme der Reiz* 
leitung in Nerven und Muskeln u. a. m. sind für die Zwecke der ärztlichen 
Psychologie nichts als falsche Fährten. Der Sachverständige auf dem Ge* 
biete der Gewohnheiten ist der Zwangsneurotiker und nach dem Zwangs* 
neurotiker das kleine Kind, das etwa von dem Alter von einem Jahr an 
seine „Schizophrenie*" und „Zwangs"*Phasen durchmacht. Die schwerste 
Anklage gegen die Psychologie der normalen Gewohnheiten hört man täglich 
von den Lippen besorgter und angstvoller Mütter in Kinderkliniken. Nach 
der ersten Freude über die scheinbar leichte Lenkbarkeit ihrer Babies klagen 
sie bald, daß nach etwa einem Jahr dieses sorgfältig aufgebaute System an 
einer versteckten Klippe gescheitert ist, oder daß an Stelle des frühen Spiels 
der Intelligenz während des Säuglingsalters dann während der Kindheit 



Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 



51 



stumpfe Geschicklichkeit und auf falsche Gebiete gelenkte Fähigkeiten zu 
treten scheinen. 

Abgesehen von der Oberflächlichkeit, kann man der formalen „orek* 
tischen" Psychologie den einen ernsten Vorwurf machen, daß sie das Ver* 
ständnis hindert. Das einfachste Beispiel ist wohl die ganze Theorie der 
„Spezifizierung der Triebe" mit oder ohne ein bestimmtes Objekt, d. h. 
die Theorie der Gefühlsbildung. Das klare Resultat dieser Methode ist, daß 
Gefühle, deren Triebkomponenten sehr verschiedene Grade von Modifi* 
zierung durchgemacht haben, an Bedeutung auf dieselbe Stufe gestellt wer** 
den. Und nicht nur das, sondern die Beziehung der Gefühle zu den ver> 
schiedenen (unbewußten) psychischen Systemen ist verdunkelt. Es können 
z. B. Geiz und Ekel zu den Gefühlen gezählt werden, doch gehört der erstere 
zu den weniger modifizierten Anlagen des Ichs, während der letztere eine 
unendlich viel kompliziertere Entwicklung durchgemacht hat, ehe er mit den 
verdrängenden Mächten der Seele (dem Übersieh) in Verbindung getreten 
ist: An dieser Stelle wirkt das Gefühl des Ekels gegen die verdrängten Im* 
pulse, die das Gefühl des Geizes hervorgebracht haben. Kurz, der Begriff 
eines Gefühls ist so verworren, daß er nicht unterscheidet zwischen einer 
Ich*gerechten Disposition und dem bewußten Vertreter eines unbewußten 
Komplexes. Ja, das ganze Bestreben der Normalpsychologie geht dahin, sich 
von allen Problemen unbewußter Ichs»Differenzierung in gemessener Enfe* 
fernung zu halten. Und alles Reden über Parataxis und Platonisierung hilft 
dem Studenten nicht, jene Strukturunterschiede zu erkennen, deren Hyper* 
trophie für viele klinische Syndrome der medizinischen Psychologie, z. B. 
für die Form der Zwangsneurosen und der Melancholie kennzeichnend ist. 

Ich habe mich bisher der Methode des Exemplifizierens bedient, doch gibt es 
eine einfachere Art, den Wert eines formalen einleitenden Kursus zu prüfen. 
Ich habe schon eine allgemeine Definition des Ausdrucks medizinische Psy# 
chblogie gegeben. 6 Wenn wir nun fragen, welches das Hauptproblem der 
medizinischen Psychologie ist, so muß die Antwort sicherlich lauten : Medi* 
zinische Psychologie ist die Psychologie der Angst. Ich habe oft den alten 
deutschen Ausspruch zitiert, die Angst sei das A und O der Psychiatrie. 
Die Entdeckungen der medizinischen Psychologie weisen darauf hin, daß 
Angst in einer oder der anderen Form das A und O aller Psychologie ist. Es 
ist jedenfalls unbestreitbar, daß von den ersten Unarten oder Verdrängungen 
des Säuglingsalters bis zu den Phobien, Zwangsideen und Wahnsystemen 



5) Ich bin durchaus der Ansicht von Dr. Ernest Jones, daß der Ausdruck „medizit* 
nische" Psychologie unzweckmäßig ist und durch den Ausdruck „klinische" Psychologie 
ersetzt werden sollte. Es würde dadurch der Vorwurf einer pathologischen Spezialisierung 
viel an Berechtigung verlieren. *• 

4* 



52 Edward Glover 



li 






Neunzigjähriger das wichtigste ätiologische, diagnostische und therapeutische 
Kriterium die Angst ist. Dieser Faktor ist nicht nur in vielen klinischen Zu* 
ständen manifest, sondern man hat jetzt auch, wo dieser Faktor scheinbar 
nicht mitwirkt, wie z. B. in frühen Hemmungen der Intelligenz oder in ge* 
wissen psychotischen Erscheinungen, ausschlaggebende Beweise dafür, daß 
es sich trotzdem um Abwehrmaßnahmen gegen unbewußte Angst handle. 
Man darf daher annehmen, daß während eines einleitenden 
Kursus wenigstens die Hälfte der verfügbaren Zeit einem 

Studium der Angst gewidmet werden sollte. Was sind nun 
aber die Tatsachen? Soweit ich feststellen konnte, werden Untersuchungen 
über Angst oder Schuldgefühl in Büchern und Vorlesungen über normale 
Psychologie mit seltenen Ausnahmen völlig vernachlässigt. Das Drama ohne 
den Helden! Man lese die Kapitel über Ermüdung, die Abschnitte, die von 
der Intelligenz und von Intelligenzprüfungen handeln (diesem meisterhaften 
Ausweg, die Frage zu umgehen), man lese die Einschaltungen über Wille 
und Gewohnheit, und nur höchst selten wird man das geringste Verständnis 
dafür finden, daß die Hülle des Normalen, so sorgfältig man sie auch stu* 
diert und kartographisch erforscht, nichts anderes ist als eine unter mehreren 
möglichen Schutzvorrichtungen gegen die Angst. 6 Mag der Vertreter der 
Normalpsychologie seinen einleitenden Kursus auch mit noch so blendenden 
Hinweisen auf Illusion und Halluzination, auf hypnotische Suggestibilität 
und Doppelpersönlichkeit versehen, so hat er trotz alledem, wenn wir ihn 
nach seiner Leistung beurteilen, dem Studenten der Medizin wenig und dem 
Neurotiker nichts zu bieten. Sein formeller Orientierungskursus ist im 
schlimmsten Falle eine lästige Strafarbeit und im besten Falle eine falsche 

Fährte. 

Wenden wir uns nun dringenderen Seiten der psychologischen Orientier 
rung zu. Ich habe schon den Vorschlag gemacht, daß in einem angemes* 
senen Lehrgang wenigstens die Hälfte der verfügbaren Zeit den seelischen 

6) Wäre der Experimentalpsychologe nicht so in Anspruch genommen von den Be* 
dürfnissen der Pädagogik und der Berufsberatung, so hätte er vielleicht Zeit, eine seiner 
wichtigsten Voraussetzungen in Frage zu ziehen, nämlich daß er bei der Bewertung des 
„G" die Energie und den Umfang des Erkenntnisvermögens im allgemeinen berechnete. 
(G bezeichnet nach dem Gebrauch von Professor Spearman und seiner Schule eine 
allgemeine Fähigkeit, die sich bei verschiedenen Intelligenzleistungen äußert und im wesent* 
liehen die Fähigkeit erfaßt, Relationen zu erkennen und auszunützen.) Ruhige Über* 
legung hätte ihn gewarnt, daß die Probleme der Intelligenz und der Geschicklichkeit nicht 
untersucht werden können ohne ein Verständnis für das Grundproblem der Angst. Er 
hätte dann vorausgesehen, daß seine Methoden von vornherein angstauslösend sein wur* 
den, daß die Phänomene, die er mißt, entweder Ablagerungen oder Folgeerscheinungen 
mitwirkender Schutzbildungen gegen die Angst sind, kurz, daß er die Lenkbarkeit von 
Abwehrhaltungen gegen die Angst studiert. 



Medizinische Psychologie o der akademische (normale) Psychologie 53 

Systemen des Säuglings* " und Kindesalters gewidmet werden sollte. Vor 
einem Augenblick sagte ich, die andere Hälfte der Zeit sollte dem Problem 
der menschlichen Angst gehören, dem ich das spezialisiertere Problem des 
bewußten und unbewußten Schuldgefühls beifügen würde. Es ist jedoch 
klar, daß zur Vermeidung von Wiederholungen und eines Übergreifens der 
Themen ein systematischer Plan vorgelegt werden muß. Ich mache daher 
für einen Kursus von dreißig Vorlesungen die folgenden Vorschläge: Man 
behandle in den ersten sechs Vorlesungen die Tierpsychologie, einschließ* 
lieh der Probleme der Angst und der Angriffslust, die organischen Verände* 
rungen im Zusammenhang mit der Periodizität der Triebe, Schuld* und 
Schamgefühle bei Haustieren und besonders die Psychologie der Affen. Die 
folgenden acht Vorlesungen sollen der vergleichenden Anthropologie ge* 
widmet sein, mit einer Schilderung primitiver Angstsysteme und deren Modi* 
fizierung in verschiedenen Stadien der sozialen Entwicklung: sie sollen das 
archaische Wesen der seelischen Erkrankungen erläutern, insbesondere die 
primitiven Äquivalente für Schizophrenie, Paranoia, Zwangsneurose und 
Hysterie behandeln. Die folgenden zehn Vorlesungen sollen die Psychologie 
des Kindes behandeln, besonders die Angsts'ysteme und Schutzvorrichtungen 
des normalen Kindes und damit zugleich die durch Schuldgefühlsreaktionen 
hervorgebrachten seelischen und körperlichen Veränderungen. Die letzten 
sechs Vorlesungen sollen von den seelischen Phasen und Periodizitäten der 
Jugend und des reifen Alters handeln, und zum Schluß folge eine Schilde* 
rung des Gefühlssystems bei normalen Erwachsenen und der allgemeinen 
Äußerungen unbewußter Konflikte. 7 Kurz, die Einführung in klinische gene* 
tische Psychologie sollte selbst genetisch vorgehen. 

Gegen solch ein System der Einführung könnte man einige begreifliche 
Einwände vorbringen: Daß es erstens voreingenommen oder zu spezialisiert 
sei und deshalb einem umfassenderen System untergeordnet werden müsse; 
zweitens, daß es unmöglich sei, solch einen Kursus ohne vorherige Orientier 
rung abzuhalten. Ein dritter Gesichtspunkt wäre, daß dieser Kursus eigentlich 
nichts Originelles enthalte, und daß der weitestblickende Vortragende ihn am 
natürlichsten abhalten würde, womit wahrscheinlich der Vertreter der nor* 
malen Psychologie gemeint ist. Daß es ein spezialisiertes System der Orien* 
tierung ist, bin ich bereit zuzugeben mit dem Vorbehalt, daß diese schein* 
bare Spezialisierung eine Folge der in der Normalpsychologie bestehenden 
Überspezialisierung ist. Ich habe schon zugegeben, daß eine einleitende De* 
finierung v on Fachausdrücken nützlich sein mag; doch daß eine längere 

7) Es ist wohl kaum nötig, den Leser daran zu erinnern, daß eine ausführlichere und 
systematischere Darstellung der Psychologie des Erwachsenen der geeignete Gegenstand 
eines späteren, vorgeschritteneren Lehrganges ist. 



54 Edward Glover 






■;'. 



I II 






' 



|Ü 



; 



111 11 



Verlieren. 8 



vorbereitende Orientierung notwendig ist, bestreite ich entschieden. Ohne 
einen einzigen Fachausdruck zu benutzen, könnte man eine Anzahl gründ* 
licher beschreibender Vorlesungen über das Benehmen von Kaninchen ange* 
sichts der Gefahr und über die Phänomene der Liebe, des Schuldbewußtseins 
und des Kummers beim Haushunde halten. Was das Recht des Vertreters 
der Normalpsychologie anbetrifft, solch einen Kursus abzuhalten, möchte ich 
nur wiederholen, daß er auf Grund seiner veröffentlichten Vorträge und 
Bücher den Anspruch auf Vertrauen verscherzt hat. In bezug auf die Psycho* 
logie der Tiere wird er ohne Zweifel bemerken: „Gewiß, wir lehren Tier* 
Psychologie und, wenn es darauf ankommt, sogar sehr gründlich: d. h. wir 
wollen mit der Amöbe beginnen und mit T h o r n d i k e und K ö h 1 e r enden." 
Doch das ist gerade die Methode der Einführung, die man vermeiden mochte. 
Erwägungen über die Funktionen der Amöbe sind allenfalls in der Erfor* 
schung dunkler metapsychologischer Hypothesen am Platze, doch als Ein* 
leitung zum Studium der medizinischen Psychologie sind sie sowohl nutzlos 
wie irreleitend. Ebenso wenig vertrauenerweckend ist es, wenn der Vertreter 
der normalen Psychologie für die Modifizierung der Triebe Beispiele wählt, 
wie die Gewohnheiten des Paramoecium im Reagenzglase, das Verhalten 
eines Kätzchens in einer Vexierdose oder das Benehmen eines Affen, der 
eine Banane aus einem Irrgarten holen soll, ganz zu schweigen von den 
Vorträgen über das physiologische Niveau der Konflikte mit ihrer Exemph* 
fizierung an Fröschen, denen man das Rückenmark, und an Katzen, denen 
man das Gehirn entfernt hat. Noch weniger vertrauenerweckend ist die Tat* 
sache, daß der Vertreter der Normalpsychologie die Psychologie des Kindes 
für einen Zweig der experimentellen Psychologie hält, und daß er glaubt, das 
Spiel sei eine Tätigkeit für sich ohne Zweck und Ziel. Der Student hat genü* 
gende zoologische und physiologische Kenntnisse, um den einfachen Schluß 
zu ziehen, daß die Analogie eines Reflexbogens in den einleitenden Erwä* 
gungen über den seelischen Apparat von Nutzen sein könnte. Kurz, wir 
haben keine Ursache anzunehmen, daß der Vertreter der Normalpsychologie 
sich der Tierpsychologie in einer andern Gesinnung nähern wird als der 
Psychologie des Menschen. „Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln oder 
ein Leopard seine Flecken?" Die größte Gefahr ist, daß er seine Studenten in 
eine verwirrende Menge von physiologischer Psychologie stürzt, so daß sie 
infolgedessen entmutigt werden und das Interesse am ganzen Gegenstande 



8) In der Diskussion, die auf diesen Vortrag folgte, wurde die Wichtigkeit der experi- 
mentellen Psychologie sowohl von akademischen wie von ärztlichen Psychologen betont. 
Man kann daraus zweierlei schließen: daß die experimentelle Psychologie eine unent* 
behrliche Form wissenschaftlicher Ausbildung ist, oder daß die experimentellen Me* 



Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 



55 



Ich habe für einen bestimmten Plan medizinisch*psychologischer Ausbil* 
düng Partei ergriffen und bin bereit, ihn von verschiedenen systematischen 
Gesichtspunkten her zu verteidigen. Obwohl ich glaube, daß dieses System 
einer Orientierung in der üblichen Richtung der normalen Psychologie vor* 
zuziehen ist, meine ich damit doch nicht, daß dies der einzig mögliche Plan 
einer genügenden Einleitung in das Studium der medizinischen Psycho* 
logie ist. 

Ich möchte die Sachlage folgendermaßen formulieren: wenn aus irgend* 
einem Grunde der einzige Kursus, den man einem Studenten zu bieten hätte, 
ein Kursus in Normalpsychblogie wäre, dann zöge ich es vor, daß lieber 
überhaupt kein eigentlicher Kursus abgehalten würde. Damit meine ich nicht, 
daß man während eines rein klinischen Unterrichtes dem Studenten über* 
lassen solle, sich allein zu informieren, obgleich ein solcher Plan viel für sich 

thoden und Funde einen wesentlichen Bestandteil medizinisch*psychologischen Wissens 
bilden. Ich habe die zweite dieser Voraussetzungen schon in Frage gezogen, ich möchte 
jedoch noch einige Bemerkungen hinzufügen über den sogenannten wissenschaftlichen 
Charakter eines großen Teils der experimentellen Arbeit. Abgesehen von einigen formalen 
Einwänden (z. B. daß infolge der auswählenden und fragmentarischen Natur vieler experi* 
menteller Beobachtungen die aus ihnen gezogenen Schlüsse oft keinem andern Zwecke 
dienen, als die Voraussetzungen zu bestätigen, auf Grund derer die ursprüngliche Wahl 
erfolgte), kann man gegen viele Experimente einen ernsteren Einspruch erheben, nämlich 
den, daß sie im höchsten Grade unwissenschaftlich sind. Die Prüfungssituationen sind im 
psychischen Sinne ganz ungemessen und die psychischen Reaktionen des Individuums 
zeitweilig (d. h. unter den Bedingungen des Experiments) ganz unmeßbar. Für einen 
Menschen mit starken unbewußten paranoiden Mechanismen ist das Ticken einer Uhr oder 
eines Metronoms ein denkbar unkontrollierter Reiz, für einen andern mit unbewußten 
Zwangstendenzen kann Spiegelschrift im Geheimen ein Greuel sein. Andererseits sind die 
gebotenen Reizmittel in vielen Fällen sehr gering, d. h. seelisch unwichtig. Der Experi* 
mentalpsychologe bietet der Versuchsperson entweder zu viel oder zu wenig, und das ist 
eine 'untaugliche Einführung in wissenschaftliche Messung. 

Auch ist nie der Versuch gemacht worden, die Reaktion auf eine wahrhaft psy 
chische „Gestalt" zu beobachten. Ein wichtiger Punkt wird durchweg ignoriert, nämlich 
daß der seelische Apparat einen Zusammenhang hat mit menschlichen Beziehungen, daß 
er sich mit der Beziehung zwischen einem seelischen Subjekt zu einem seelischen Objekt 
befaßt (im Sinne eines Triebobjektes). Mit andern Worten, das einzige, was man recht« 
mäßig zu bemessen versuchen könnte, ist das Wesen der seelischen Verschiebungen oder 
Projektionen des Subjekts (d. h. im allgemeinen seine Übertragungen). Experimentelle 
Psychologie verspottet Übertragungen oder ignoriert sie. Der „Behaviourismus" läßt sie 
aus. Wie FLournoy bemerkt: es kann kein Apparat ein seelisches Verhältnis hervor* 
bringen, wie es z. B. zwischen dem Analytiker und seinem Patienten existiert. 

Wir nähern uns somit der wichtigen Schlußfolgerung: die wahre Experimentalpsycho* 
logie besteht darin, die verschiedenen Arten der Übertragung hervorzubringen, sie zu 
messen und zu beschreiben und sie als verschiedene Schutzvorrichtungen gegen die Angst 
zu bewerten. Echte Untersuchung einer Gestalt ist eine Untersuchung der Beziehungen 
zwischen psychischen Subjekten (oder Identifizierungen) und psychischen Objekten (oder 
Identifizierungen). Diese Methoden bilden meiner Meinung nach den Gesichtskreis der 
wissenschaftlichen Psychologie, und mit ihnen sollte der Student so früh wie möglich ver«= 
traut gemacht werden. 






56 Edward Glover 



hätte. Die andere Möglichkeit, die ich im Sinne habe, besteht darin, den Stu* 
denten jenen Meistern der intuitiven Psychologie zu überlassen, 
die ihre Entdeckungen in unvergänglicher Form in der Literatur unseres und 
anderer Länder verewigt haben. Ella Sharpe machte einmal die Be* 
merkung, daß alle, die Psychoanalyse studieren, außer mit anderen Meister* 
werken auch mit Kindermärchen vertraut sein sollten. Dieser einfache, 
aber glänzende Vorschlag könnte leicht systematisch ausgearbeitet wer* 
den. In Ermangelung einer selbständigen Unterweisung über die Angstzu* 
stände und das Schuldbewußtsein des Kindesalters kann unser Student der 
Medizin wenigstens jene berühmten Bücher studieren, die mit oder ohne IUu* 
strationen die Bücherbretter der meisten Kinderzimmer oder Bibliotheken 
zieren. Wenn er in einem Kinderkrankenhaus auf der Abteilung für aus* 
wärtige Patienten zu arbeiten beginnt, wird ihm die Erinnerung an die Ge* 
Schichte von Struwelpeter bessere Dienste leisten, als eine ausschließliche 
Kenntnis der Bedeutung des Ausdruckes Psychbtaxis. Ein Fall von Bett* 
nässen wird durch ein Märchen besser erläutert als durch die Begriffe der 
Gewohnheit und der Ausdauer. Ebenso ist es mit der medizinischen Psycho* 
logie der Latenzzeit, der Pubertät und des reiferen Alters. Eine gründliche 
Kenntnis der Geschichten vom standhaften Zinnsoldaten, Rumpelstilzchen 
oder Dornröschen wird ihn schneller in die seelischen Funktionen und Pho* 
bien der frühen Latenzzeit einweihen als ein selbständiges Studium der „er* 
worbenen Gewohnheiten" beim Schreiben und Stricken. 

Auf dieser Grundlage kann er sich nun zu seinem Vorteil an das Lesen 
von Thomas Mann und D. H. Lawrence machen, um Einsicht in die 
Fixierungsprozesse bei Knaben und Mädchen zu gewinnen, Fixierungs* 
prozesse, mit denen er sich unablässig befassen wird, von dem ersten Tage 
an, an dem er eine Poliklinik für neurotische Patienten betritt. Zwecks ge* 
nauerer klinischer Studien mag er sich dann an die folgenden Schriftsteller 
wenden, etwa an F o r s t e r für Hysterie, an Hamsun, manchmal an 
Proust für Zwangszustände, an Thomas Mann für unbewußte mann* 
liehe Homosexualität; an Hamsun oder, noch besser, an Meredith 
für einige der hervorragendsten Studien in Charakterpathologie. Wenn er 
so weit ist, sich über Grenzzustände und Aktual*Psychosen zu orientieren, ist 
die Wahl noch größer: C ronin oder Richardson für Paranoia; oder 
Dostojewski für Epilepsie. Sollten persönlicher Geschmack und Tra* 
dition ihn auf frühe Meisterwerke beschränken, so mag er die psychotischen 
Grenzzustände studieren, die Shakespeare in Hamlet, Richard III., 
Macbeth oder Lear schildert. 

Ich kann nicht hoffen, diesem anderen Lehrplan hier gerecht zu werden, 
auch kann ich nicht behaupten, daß dieses System völlig befriedigend sei. 



Medizinische Psychologie o der akademische (normale) Psychologie 57 

Es hat einen Nachteil, der auch der Normalpsychologie anhaftet: es befaßt 
sich zuviel mit der gegenseitigen Beziehung von Endprodukten. In hervor* 
ragenden Beispielen jedoch wie denen, die ich erwähnt habe, kann die schöpfe* 
rischc Literatur nicht umhin, in genetischem Sinne zu schildern. Sie nähert 
sich wenigstens den Problemen mit einem Gefühl für „Gestalt", das die 
rein formale Gestaltpsychologie des Laboratoriums in den Schatten stellt. 

Aus Zeitmangel kann ich leider diese und viele andere Seiten des Problems 
nicht ausführlicher behandeln. Ich kann mich jedoch von diesem Gegen* 
stände nicht trennen, ohne auf ihn einen der zuverlässigsten Grundsätze der 
medizinischen Psychologie zu beziehen, nämlich, daß Schlußfolgerungen so 
oft wie möglich an der Hand klinischer Befunde kontrolliert werden sollten. 
Ich habe schon gesagt, daß meiner Meinung nach eine Ausbildung in norJ 
maier Psychologie für den ärztlichen Psychologen fast nutzlos ist; diese 
Überzeugung beruht auf der folgenden Grundlage : 

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich damit, Kandidaten für eine Ausbü* 
düng in Psychoanalyse auszuwählen; ich habe Gelegenheit gehabt, die Nei* 
gungen und Fähigkeiten der erwählten Kandidaten aufs genaueste zu stu* 
dieren. Einige von ihnen wandten sich der Psychoanalyse zu, nachdem sie 
einige Jahre akademische Psychologie studiert hatten. Nie jedoch habe ich 
bemerkt, daß diese Ausbildung ihnen das Übergewicht eines Vorteils ge* 
geben hätte. Manchmal schienen sie besonders aufnahmefähig für theoretische 
Fragen zu sein, doch mag man darin eher eine Ursache als eine Folge ihrer, 
akademischen Arbeit sehen. Sie schienen jedenfalls keinen kürzeren Weg zu 
klinischem Verständnis oder praktischer Sicherheit gefunden zu haben. 
Manchmal war sogar die Verläßlichkeit ihres theoretischen Denkens nicht 
über jeden Zweifel erhaben. Andererseits kamen Fälle vor, in denen eine 
längere akademische Ausbildung mit all ihrer gerühmten wissenschaftlichen 
Disziplin geradezu nachteilig gewirkt hatte. Der Beweis dafür ist nicht nur 
„behaviouristisch". Es haben mir Leute, die in England und in anderen 
Ländern in akademischer 1 Psychologie ein Diplom erworben haben und sich 
später der medizinischen Psychologie zuwandten, versichert, daß ihre aka* 
demische Arbeit für ihre klinischen Studien nicht nur wertlos war, sondern 
daß sie von der im Laboratorium erworbenen Denkweise aus hatten um* 
lernen müssen. Mit anderen Worten, es besteht die besorgniserregende Mög* 
lichkeit, daß eine Ausbildung in akademischer Psychologie, anstatt den Stu* 
denten zu fördern, zu einem Abstumpfen seiner Fähigkeiten führe. 

Sollte diese Beweisführung voreingenommen klingen, so möchte ich zum 
Schluß einen hervorragenden akademischen Psychologen zitieren, der sich 
später auch auf dem klinischen Gebiete auszeichnete. Es wird wohl niemand 
Mc Dougall Voreingenommenheit zugunsten der Psychoanalyse vor* 



58 Edward Glover 

werfen, und doch hat er sich neulich über die experimentelle Psychologie mit 
jenem klaren, gesunden Menschenverstand ausgedrückt, der ihn selbst bei 
seinen ihm ergebensten Gegnern beliebt macht. Er erwähnt daß T 1 1 che n e r 
mit fünfundzwanzig Jahren Chef eines Laboratoriums wurde und setzt hinzu : 
Wenn dieser eifrige Forscher sich noch zehn oder fünf zehn. Jahre lang tur 
seine Aufgabe vorbereitet hätte, indem er in biologischen Laboratorien gear* 
beitet oder mit Kindern, Irrsinnigen, Wilden und Tieren al er Art gespielt 
hätte, so hätte er vielleicht in dem von ihm erwählten Fach viel Besseres 
geleistet." Er schließt mit den Worten: „Wenn alle unsere vorgeblichen 
Psychologen zuerst Biologie und danach Medizin studierten, wenn sie dann, 
ehe sie sich schreibend oder lehrend mit Psychologie befassen, einige Jahre 
der Praxis bei Nervösen oder Geisteskranken und noch ein paar Jahre der 
praktischen Ethnologie und der Naturgeschichte widmeten, so stände es 
besser um die Fortschritte unserer Kenntnis der menschlichen Natur. 

Man könnte den Vorwurf gegen die akademische Psychologie nicht euer, 
gischer ausdrücken, doch möchte ich daran erinnern, daß mein unmittelbares 
Ziel bescheidener ist: nämlich im besten Falle den Studenten der Medizin 
gegen eine unberufene Einmischung in seine Angelegenheiten zu schützen 
und im schlimmsten Falle in seinem Namen ein Gesuch ad misericordiam 
einzureichen. Sollte ein Kursus in akademischer Psychologie je obligatorisch 
werden, so habe der Student der Medizin wenigstens das Recht zu verlangen, 
daß der Kursus und die Prüfungen von Lehrern abgehalten würden, die xn 
medizinischer Psychologie gründlich ausgebildet und mit deren Praxis 

einigermaßen vertraut sind. 

Anhang 
Entwurf eines Lehrgangs in elementarer dynamischer Psychologie 

Der Kursus soll aus nicht weniger als 30 Lehrstunden bestehen, und es soll während der 
letzten zwölf Monate der „Intermediate Period" eine Lehrstunde wöchentlich gegeben 
werden. Dieser Kursus soll von voll ausgebildeten ärztlichen Psychologen abgehalten wer, 
den, in medizinischen Fakultäten und nicht in Nervenheilanstalten fÖrhtt! 

Der vorklinische Kursus soll Gelegenheit dazu bieten, von emem biologischen Gesicht* 
punkte aus das Interesse des Studenten für die Zweckmäßigkeit der Lebenserscheinungen 
zu wecken, deren strukturelle Seiten er im Laufe seines Studienganges schon so gründlich 
studiert hat. Man darf nicht vergessen, daß der Zweck des Kursus dann besteht den 
Studenten darauf vorzubereiten, die praktischen Probleme der regressiven seehschen Funk, 
tionen zu verstehen, die in dem späteren klinischen Kursus zu behandeln sind, und deren 
■er in seiner zukünftigen Arbeit immerfort begegnen wird. 

Der Kursus soll die folgenden Gegenstände in der folgenden Reihe behandeln: 
I. Vergleichende Psychologie -das Tier. .......... ^Vorlesungen 

II. Vergleichende Psychologie - der primitive Mensch . .. , , . ? , 8 Vorlesungen 

III. Die Psychologie des Kindes or esung 

IV. Die Psychologie der Jugend und des reifenden Alters 6 Vorlesungen 






Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 



59 



Lehrplan 

I. Vergleichende Psychologie — Das Tier. Diese Vortragsreihe soll die 
Grundsätze der behaviouristischen Beobachtungen und Schlüsse darlegen, insbesondere die 
Schlußfolgerungen, auf denen der Begriff des Triebes beruht. 

Es sollen die Phänomene der Angst und der Angriffslust in ihren verschiedenen Er* 
scheinungsformen verfolgt und ihre Beziehungen zu den Selbsterhaltungstrieben studiert 
werden. 

Man beschreibe die Beziehungen der verschiedenen Gruppen von Trieben zueinander 
und ihre Periodizität. Das Studium der massiven organischen Veränderungen im Zu* 
sammenhang mit Schwankungen der Triebtätigkeit (z. B. periodische Veränderung der 
primären und sekundären Geschlechtsmerkmale). Phänomene der Scham und des Schuld* 
bewußtseins bei Haustieren. Die letzten Vorlesungen sollen die Psychologie der Affen be* 
handeln und die schon betonten Gesichtspunkte durch Beispiele erhellen und sie vervoll» 
ständigen. 

IL VergleichendePsychologie — DerprimitiveMensch. Diese Vor» 
tragsreihe soll dem Studenten gründliche Kenntnisse in vergleichender Ethnologie bei* 
bringen. Es soll das Verhalten des primitiven Menschen auf verschiedenen Stufen der 
Entwicklungsgeschichte beschrieben werden, seine soziale und religiöse Organisation 
(Totemismus, Exogamie, soziales Gesetz) bis zu barbarischen Zeiten; daran soll sich zum 
Schluß als Gegensatz ein Studium des modernen Menschen anfügen. 

Hier soll nun zum ersten Mal ein klinischer Gesichtspunkt deutlich eingeprägt werden, 
nämlich die Betonung des Grundsatzes, daß psychische „Krankheiten" wesentlich mangel* 
hafte Anpassungen sind. Es könnten z. B. einige moderne Neurosen und Psychosen mit 
mittelalterlichen Zuständen der Besessenheit, mit primitiven animistischen Systemen usw. 
verglichen werden. Die archaische (regressive) Natur seelischen Krankseins. Die „Be* 
kehrungserscheinungen" des primitiven Daseins könnte man durch Hinweise auf die körper* 
liehen Zustände illustrieren, die die verschiedenen primitiven Riten begleiten, Hysterie, 
Ekstase, Orgie, Pseudo*Katalepsie. Primitive Krankheitsbehandlung a) realistisch, b) ma* 
gisch, psychotherapeutisch. Auch hier sei das Thema der Vortragsreihe der Triebbegriff, 
seine sozialen und individuellen Kundgebungen. 

III. Die Psychologie des Kindes. Die Psychologie des Säuglings und des 
Kindes, anfangs von einem „behaviouristischen" Gesichtspunkt : die Natur der Triebe wäh* 
rend dieses Stadiums (primitive Angriffslust und primitive Sexualität); modifizierte und 
unmodifizierte kindliche Gewohnheiten; Kinderspiel. 

Diekindliche Angst. Seelische und körperliche Kundgebungen: z. B. Angst vor 
belebten und unbelebten Objekten; „Dummheiten", verzögerte oder gehemmte Intelligenz; 
Verdauungsstörungen. 

Die gewaltsamen Änderungen in den Erscheinungsformen der Triebe während der 
Kindheit: Schuldgefühl und Hemmung, der Gegensatz zwischen seelischen und körper* 
liehen Veränderungen. Das Wesen der Tabus in der Umgebung des Kindes: die kindliche 
Vorstellung der äußeren Realität und ihre Entwicklung; frühe Charakterbildungen und 
die Entwicklung der Persönlichkeit; Familienbeziehungen und ihr Einfluß. 

IV. Die Psychologie der Jugend und des Erwachsenen. Allgemeine 
phänomenologische Übersicht, die sich später auf Veränderungen im Gefühlsleben kon* 
zentriert. Äußerungsformen des seelischen Konfliktes beim Erwachsenen. Das Wesen des 



60 Edward Glover: Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie 

sozialen Tabus. Die „kritischen" Entwicklungsperioden und ihre Beziehungen zu orga* 
nischer und psychischer Krankheit: Pubertät, mittleres Alter, Klimakterium. 

Noch einmal: Das Hauptthema wäre: Die Triebe, ihre Modifizierung und Hemmung, 
dazu ein Überblick über den Einfluß der Angst und der Gefühlskonflikte und ihre physi* 
sehen und psychischen Folgeerscheinungen. In Kürze gesagt, kann das Thema des ganzen 
Kurses unter den Schlagworten „Der seelische Aspekt von Evolution und Regression" 
beschrieben werden. 



, 



Psychoanalyse des Raumes 1 

Von 

« 

Paul Schilder 

New York 

Von den Philosophen und Psychologen ist bisher die Tatsache, daß es 
nicht nur außerhalb des Körpers einen Raum gibt, sondern auch einen, den 
der Körper selbst einnimmt, nur sehr unzulänglich beachtet worden. Das Bild 
des Körpers hat seine Ausdehnung im Raum und schließt schon Raumwahr* 
nehmung in sich. Ohne einen äußeren Raum ist ein Körperraum schlechthin 
sinnlos. Wenn wir von Narzißmus sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß 
sowohl ein äußerer Raum wie der Raum des Körpers die notwendige Grund* 
läge für die Entfaltung narzißtischer Tendenzen bilden. 

Dieser primitive Raum ist wahrscheinlich weniger einheitlich als der ent* 
wickelte Raum. Der primitive Raum ist rings um die Körperöffnungen ange* 
ordnet und hat so verschiedene Mittelpunkte. Der narzißtische Raum kann 
durch die bei Meskalinintoxikationen beobachteten Raumerlebnisse gekenn* 
zeichnet werden. Ich lasse hier einen Bericht von Mayer*Gross 2 folgen : 

„Der .eigene Raum' ist schwer zu schildern, er ist mir jetzt selbst nicht mehr klar und 
war es wohl auch im Versuche nicht. Ich kann also die eigentliche Raumvorstellung kaum 
näher beschreiben, sondern nur Einzelheiten geben. Es war ein Raum von ganz anderen, 
d. h. größeren Dimensionen. Die Farben*Phänomene spielten sich in diesem Raum ab, und 
wenn sich dabei Bewegungisvorgänge abspielten, etwa irgendetwas aus der Tief? heran* 
schoß, so kam es eben aus diesem Weltall. Trotzdem schien es mir nicht schwer, es mit 
meiner Hand zu erreichen, wenn ich es aber wirklich versuchte, dann merkte ich, daß die 
Hand im normalen Raum lebte. Der Raum war nicht grundsätzlich anders als der nor* 
male, er hatte eben alle Dimensionen. Aber es fehlte ihm als Ausgangspunkt die Beziehung 
zu mir, ich hätte also nicht sagen können, über, unter, rechts oder links von mir. In 
dem Raum bestand das Gesetz der Schwerkraft nicht, ebenso bestanden keine begrenz» 
baren Entfernungen. Wenn ich etwa einen Reiz, z. B. einen Stich oder ein Geräusch, da 
angeben wollte, wo ich ihn empfand, so fuhr ich mit meiner Han'd in der Luft umher, 
wollte etwa durch meinen Kopf fahren, merkte dann doch, daß dies nicht geht, suchte 
hinter meinem Kopf den Punkt und merkte dann, daß die Hand in einem anderen Raum 
existierte als ich. ,Ich' war in einem anderen Raum, etwa wie man sich einen Punkt im 
Weltraum vorstellen kann, bei dem Begriffe wie oben, unten, rechts, links, oder senkrecht 
oder wagerecht nicht existieren, weil sie alle das Gleiche bedeuten, Ich fühlte mich also wie 
ein solcher Punkt, von einem unendlichen Raum umgeben, in dem wohl unterschiedliche 
Entfernungen vorhanden sein müssen, in dem aber überhaupt kein Anhaltspunkt existiert, 
von dem aus Entfernungen zu unterscheiden wären. . . . .Wenn ich nun nicht mit ge* 

i) Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung der American Psychoanalytic Association 
in Chicago am 22. Dezember 1934; aus dem Englischen übersetzt von August Beranek. 

2) W. Mayer**Gross: Pathologie der Wahrnehmung. Bumkes „Handbuch der 
Geisteskrankheiten" Bd. I, 1928, S. 478. 



62 Paul Schilder 



schlossenen Augen dalag, sondern mich mit offenen Augen im Zimmer orientierte, so ver« 
mischten sich verschiedene Dinge: es war mir alles gleich nah oder fern . . . Das optische 
Bild des Zimmers muß ich gewissermaßen buchstabieren, um Entfernungsunterschiede ein« 
zelner Objekte zu erfassen, also etwa: hier sitzt Dr. B., dann kommt der Tisch dazwischen, 
dahinter (weil von ihm halb verdeckt) kommt Dr. M., folglich ist Dr. M. um die Größe 
des Tisches weiter entfernt als Dr. B. — ich sah also das Zimmer flächenhaft, aber mit 
richtigen perspektivischen Verkürzungen, aus denen ich dann sekundär Schlüsse ziehen 
konnte. Wie wenn das Zimmer etwa auf einer vor mir aufgespannten Leinwand (also 
alles in gleicher Entfernung von mir) abgebildet wäre." 

Mayer*Gross nimmt an, daß das Raumerlebnis bei Meskalinintoxi* 
kationen grundsätzlich verändert ist, und verweist auf ähnliche Beobach* 
tungen [schizophrener Patienten. 

Es hat den Anschein, daß räumliche Erlebnisse dieser Art nur dann auf* 
treten können, wenn keine bestimmte Möglichkeit oder Tendenz zum Han* 
dein besteht und deshalb Anhaltspunkte für die Lokalisierung und Ab* 
Schätzung von Entfernungen fehlen. Wir müssen zwar feststellen, daß Raum 
und Zeit eine Einheit bilden, doch ist dies von einem psychologischen Ge* 
sichtspunkt aus nicht restlos zutreffend. Bei Marihuanaintoxikationen werden 
häufig optische Phänomene und Störungen der Raumwahrnehmung beob* 
achtet. So berichtet Brombergs Fall 4, daß Häuser Und Gegenstände schief 
erschienen seien. Im allgemeinen stehen aber Zeitstörungen im Vordergrund 
und sind anscheinend die Basis für zahlreiche Störungen der Raumwahr* 
nehmung. Nachstehend gebe ich die Aufzeichnungen eines meiner Studenten 
wieder, der sich zu Versuchszwecken einer Marihuanaintoxikation unter* 
zogen hatte: 

„Meine Beobachtungen auf diesem Gebiet lassen sich aus zweierlei Erfahrungen mit 
diesem Gift ableiten. Beidemale rauchte ich eine halbe Marihuanazigarette; das erstemal 
in Gesellschaft zweier männlicher Kollegen, das zweitemal in Gesellschaft zweier Kolk« 
ginnen. Außer hochgradiger Zerstreutheit, Übersteigerung des Ichs, Euphorie, lebhaften 
und farbenprächtigen Visionen, einer Betonung sexueller Impulse und einem Gefühl der 
Un Wirklichkeit hinsichtlich der eigenen Stimme und der Stimmen anderer erzeugte das 
Marihuana verwirrende Wirkungen in bezug auf die Raum* und Zeitwahrnehmung. 

Während der Vergiftung mit Cannabis' scheint die Zeit langsamer als je zuvor zu ver* 
streichen. Man blickt auf die Uhr und sieht, daß der Sekundenzeiger in unerbittlichem 
Schneckentempo dahinkriecht. Es ist, als hielte ihn irgendeine Macht in seinem Lauf zurück. 
Man versucht folgendes Experiment: Man notiert die Zeit und sagt seinem — ebenfalls 
vergifteten — Kollegen, daß man ihn später fragen werde, wie viel Zeit seiner Meinung 
nach verstrichen sei. Es vergeht eine lange Weile. Man fragt den anderen, wie vereinbart, 
und erhält zur Antwort: „Mindestens eine halble Stunde!" Die Uhr jedoch beweist, 
daß nur fünf Minuten verflossen sind. 

Raum wie Zeit erfahren unter dem Einfluß von Cannabis eine auffällige Übersteige« 
rung. Die Wirkung kann am besten an einem Ereignis, das während der ersten Intoxi« 
kation eintrat, erläutert werden. Meine Kollegen und ich gingen, nachdem wir die Droge 
genommen hatten, — es war ungefähr 10 Uhr abends — nach einem etwa 20 Minuten 



. . 



Psychoanalyse des Raumes 



63 



von meinem Hause entfernten Golfplatz. Auf dem Wege dorthin wurden die Wirkungen 
deutlich fühlbar. Wir begannen unseren Weg an einem Hügel, der von dem nächsten, 
auf den wir zugingen, etwa 120 Yards entfernt ist. Wir hatten den Eindruck, daß wir 
endlos gingen, und daß dennoch der Hügel, auf den wir uns zu bewegten, ganz gleich 
weit entfernt blieb. Es schien mindestens eine Viertelmeile bis dahin zu sein. Endlich, 
nach einer scheinbar sehr langen Zeit, langten wir in der Mitte der kleinen Mulde zwischen 
den Hügeln an. Und nun erlebte ich einen verwirrenden Sinneseindruck: Gleichgültig, 
wie viele Schritte ich machte, der Hügel vor mir kam nicht näher, und die Entfernung des 
Hügels hinter mir wurde nicht größer. Es war, als wäre man dazu verdammt, für ewig in 
dieser Mulde zu gehen, nie sein Ziel zu erreichen und nie sich weiter von der Stelle zu 
entfernen, die man hinter sich gelassen hatte. 

Der Zeitablauf ist ins Maßlose verlangsamt und die Entfernung ins Ungeheure ver* 
größert, aber man beklagt sich nicht darüber. Denn unter der Einwirkung von Cannabis 
schreitet man leicht und beschwingt ohne erkennbare Anstrengung oder Ermüdung dahin. 
Ob die Wirkung auf die Raumwahrnehmung einer Verzerrung der Zeitwahrnehmung zu* 
zuschreiben ist oder umgekehrt, ist unmöglich zu sagen. Sicherlich ist es richtig, daß die 
Zeit im Zustand des Marihuanarausches langsam vergeht, ob man nun in Bewegung ist 
oder nicht. Tatsächlich glaube ich aber, daß jede der beiden Wahrnehmungsformen jeweils 
den Einwirkungen der anderen unterworfen ist. In diesem Zusammenhang ist ein kleines 
Experiment, das wir durchführten, von Interesse: Wir bezeichneten zwei Linien, die 
etwa 10 Yards von einander entfernt waren. Jeder von uns versuchte nun, bei der einen 
Linie beginnend, mit geschlossenen Augen die andere zu erreichen und so nahe wie möge 
lieh bei dieser stehen zu bleiben. Wir irrten uns ständig um ein halbes bis ein Yard. Ich 
bin nicht sicher, welche Erklärung dafür zu geben ist. Entweder ist die Verlängerung der 
Distanz oder die Vergrößerung der Zeit die Ursache. Man hat das Gefühl, daß man weiter 
als tatsächlich gegangen ist, und bleibt deshalb zu früh stehen. Diese Erscheinung macht 
das Problem von Raum und Zeit, statt es einer Lösung näher zu bringen, nur geheimnisc 
voller denn je." 

Weitere Fragen brachten folgende Antworten: 

„Ich hatte nicht das Gefühl, langsam zu sprechen, sondern nur, sehr langsam zu gehen. 
Die Entfernung der Gegenstände erschien nur während des Gehens groß. Während des 
zweiten Experimentes empfand ich das Sofa als sehr hart; besonders die Lehne des Sofas 
war wie Beton. Dieser Beton des Sofas war jedoch von meinem Rücken deutlich unterf* 
schieden." \ 

Die Tatsache, daß die Raumdimensionen nur vergrößert zu sein schienen, 
wenn die Versuchsperson im Gehen begriffen war, macht es zumindest wahr* 
scheinlich, daß die Veränderung der Zeitwahrnehmung die Voraussetzung 
für jene zeitweilige Störung der Raumwahrnehmung bildete. Dieser Fall ist 
also ein klares Beispiel für den engen Zusammenhang des Zeitfaktors mit der 
Beweglichkeit. Es ist in dieser Hinsicht interessant, daß das Schließen der 
Augen das Verhältnis zwischen Tätigkeit und Raum verändert. Scheinbar 
überschätzt die Versuchsperson nun die abgelaufene Zeit und damit die tat* 
sächliche Bewegung im Raum. 

Zeit, Raum und Bewegung sind somit eng ineinander verwoben, und wir 
dürfen, wenn wir von dem Primat der Zeitwahrnehmungsstörung sprechen, 




64 Paul Schilder 



die Beziehung des Primären und Sekundären nicht allzu mechanisch auf* 
fassen. Unsere Versuchsperson erlebte auch „primäre" Veränderungen der 
Raumwahrnehmung. Sie berichtet von der Vision eines Auditoriums. 

„Licht kam durch das Glasdach, und obwohl ich wußte, daß ich mich in einem kleinen 
Zimmer befand, hatte ich das Gefühl, in einem ungeheuren Raum zu sein." — „Ich sah 
ein riesiges Antlitz — es war sehr nahe, es grinste und hatte schlechte Zähne." 

Raumstörungen bei Schizophrenen sind oft ganz ähnlicher Art. 

Bei schizophrenen Gehörshalluzinationen wird eine Entfernung sehr häufig 
in symbolischer Weise aufgefaßt. Der Patient lebt nicht in dieser realen Welt, 
sondern in einer Welt der Vereinheitlichung und Identifizierung. Das gleiche 
gilt von den schizophrenen Berührungshalluzinationen, die von Bromberg 
untersucht worden sind. Der Schizophrene befindet sich in einer von Bedeiu* 
tung erfüllten Welt und die Welt wird so zum Ausdruck seiner eigenen libi* 
dinösen Situation. Der Depersonalisation verwandte Symptome, nur noch 
um einen Schritt weitergehend, sind häufig. Die Objekte verlieren dann ihren 
Wert und scheinen weiter entfernt zu sein. Anderseits ist die Grenzlinie 
zwischen dem Raum, den der eigene Körper einnimmt, und dem der Außen* 
weit beständig Veränderungen unterworfen. Wie bei zwangsneurotischen 
Fällen beeinflussen Vorgänge der Außenwelt unmittelbar den Körper. 

Ich schrieb bei früherer Gelegenheit 3 : „Die magische Handlung ist eine 
Handlung, welche das Körperbild ohne Rücksicht auf die tatsächliche Raum* 
entfernung beeinflußt." 

F. Fischer hat (wie Bins wanger zitiert) auf die Veränderungen der 
Raumstruktur bei Schizophrenen hingewiesen. Der normale Raum rückt in 
die Ferne und ein anderer Raum von unbestimmten Eigenschaften erscheint. 
Diese beiden Eindrücke vermengen sich miteinander. Einer seiner Patienten 
sagt: 

„Wenn es mir zu Bewußtsein kommt, daß ich selbst wie ein Raum bin, ist alles übrige 
mit diesem verbunden. Er ist schwer zu beschreiben; er ist vollkommen leer, er ist furcht* 
erregend; Vielleicht ist es besser zu sterben. Die Leere bedrückt mich, es muß schon etwas 
Wahres daran sein. Sie hat eine unheimliche Gewalt über mich." 

Wenn man die Aufzeichnungen der Fälle von Fischer liest, ist es schwer 
zu entscheiden, was die tatsächlichen Erlebnisse dieser Patienten sind. Es 
hat den Anschein, als ob ihre Aussagen lediglich mittels räumlicher Be* 
griffe die innere Unsicherheit hinsichtlich ihrer Handlungen symbolisierten. 
Für den Schizophrenen mit seiner emotionalen Unfähigkeit, zu einem be* 
stimmten Handeln in der Welt zu kommen, muß eine Schwierigkeit be* 
stehen, sich im Raum zu orientieren. Es ist dies jedoch eine Disorientierung 

3) Schilder: Image and Appearance of the Human Body, London 1935. 






Psychoanalyse des Raumes 



65 



bezüglich der symbolischen Qualitäten des Raumes, während das senso. 
nsche Raumerlebnis nicht grundsätzlich verändert ist. 

Daher ist es zutreffend, wenn Minkowski* feststellt, daß das unmittel* 
bare Erlebnis des Sichselbsterlebens in manchen Fällen verschlechtert ist- 
Le schizophrene parcontre saü oü il est, mais le moi ici n'aplussatonalite' 
habituelle. In der Sprache der Psychoanalyse müßten wir sagen, der Raum 
des Ichs sei erhalten geblieben, der Raum des Es hingegen sei verändert 
Oder, mit anderen Worten: wir leben in einer doppelten Orientierung t im 
Raum. Es gibt einen Raum als phylogenetisches Erbe, der verhältnismäßig 
stabil ist und die Grundlage unserer Handlungen und Orientierungen bildet; 
dies ist der Raum des Wahrnehmungs.Ichs. Wir leben unser persönliches 
Leben in der Beziehung zu Liebesobjekten, in unseren persönlichen Kon. 
ulkten, und dies ist der Raum, der weniger systemisiert ist, in dem die Be. 
Ziehungen wechseln, in dem die Objekte durch die Gefühle näher heran, 
gebracht oder weiter weggeschoben werden. Bei einer sehr weitgehenden 
Regression des Gefühlslebens verliert der Wahrnehmungs.Ich.Raum immer 
mehr von seiner Geltung. In diesem regressiven Raum verändern Identifizier 
rangen und Projektionen unaufhörlich den Raum und seine Bedeutung. Dies 
ist der Es.Raum, der in schizophrenen Erlebnissen sehr weitgehenden Aus. 
druck findet: der Raum des Magischen. 

Die Schizophrenie ist nicht bloß eine Regression auf die narzißtische Stufe 
Auf dem Weg zurück - von den Objekten zum Narzißmus - belebt der 
Patient nochmals die primitiven Stufen der psychosexuellen Entwicklung Im 
Zuruckstreben zu den vollentwickelten Objekten greift er zunächst nach 
ihnen. In dieser Hinsicht ist die folgende Beobachtung von Interesse: 

Der 32 jährige Ignaz beklagt sich: „Drei Personen sind oben und drei unten. Deren 
Unten ist über mir. Es sind einige Männer und einige Frauen. Ich werde das auch nicht 
erzählen - sie sagen mir, was ich tun soll. Sie verursachen mir Schmerz." (Wieso?) 
„Die_drei oben durch ihre Bewegung. Ich war auf der linken Seite. Ich würde den Zug 
zur Zeit fahren lassen, wenn der Mann rechts wäre. Der Stock traf meinen Hinterkopf 
- kreuz und quer." Der Patient zeichnet ein Diagramm, das zeigt, daß der Schmerz vom 
rückwärtigen Teil des Kopfes zur rechten und linken Seite verläuft. (Worin besteht der 
Unterschied zwischen einem Zwerg und einem Kind?) „Ein Zwerg hat höhere Absätze, 
längere Kleider, größere Schuhe. Auch was die Haut betrifft: der Körper ist viel älter und 
wachst nicht so stark. Ein Zwerg ist eine Art Dame." Er spürt die Wirkung des Bauch*, 
Schusses, dem Dillinger erlag, an seinem eigenen Leib, und die Schmerzen des Einbalsa* 
miertwerdens fühlt er „direkt über dem Nabel". „Die Leute sprechen von unten und 
manchmal von oben - aus allen Richtungen. Man kann sogar einen Schuß von unten 
tuwen Die Hitze im Körper entsteht und vergeht. Ja, die wirken auf die Geschlechts* 
teile Die Geschlechtsteile sind kalt - man glaubt in einem Eiskasten zu sein." (Was 
machen die nun mit Ihren Geschlechtsteilen?) Ich we iß nicht, ob sie etwas damit machten 

4) Minkowski: La Schizophrenie, Paris 1927. 

I«iago XXU/l 



66 



Paul Schilder 



oder nicht. Sie versuchten mich zu schlagen, auch auf die Geschlechtsteile. Ich fühlte einen 
heftigen Schmerz in meinem linken Bein vor der Wahl Roosevelts. Er entsteht aus 
dem Denken, Sprechen, drei oben und drei unten. Ich fühle ihn gleichzeitig in meinem 
Bein, meiner Hand, meinem Anus, meinem Phallus. Ich spüre seine Wirkungen." „Wahr«, 
scheinlich könnte ich seinen linken haben. Wahrscheinlich machen sie das, während 
ich schlafe. Es ist ja möglich, daß sie sexuellen Verkehr mit mir haben, während ich 
schlafe." (Sind Sie ein Mann oder eine Frau?) „Nun ja, sie war ein Mann und er war (eine 
Frau und sie hat nicht einmal so übel ausgesehen. Ich weiß nicht, wer sie war." (Sind 
Sie eine hübsche Frau?) „Ich habe mich nie von unten angesehen, ich weiß es nicht." 

Bei diesem Patienten ist das Unten eine Fortsetzung der Körperöffnungen. 
Rechts und Links haben sexuelle Bedeutung. Der Raum ist sexualisiert. Sein 
Interesse geht in der Richtung sexuellen Interesses. Es bestehen eine magische 
Zusammenziehung des Raumes und Identifizierungen. 

Wenn die Regression nicht so weit geht, konzentriert sich die Raumstö* 
rung auf die Organe von spezifisch erogener Bedeutung. 

Der 28jährige S i m o n M. klagt: „Ich bin fortwährend in Verwirrung. Kummer, das ist 
die wichtigste Sache. Die Sexualität beherrscht mich in letzter Zeit mehr, als es sein sollte. 
Wenn ich auf der Straße gehe, spüre ich ein Verlangen nach jeder Frau, die vorübergeht. 
Wenn ich mehr als eine Frau auf einmal begehre, heißt das, daß ich gar keine haben will. 
Wenn ein Mann redet, so habe ich manchmal das Gefühl, als wenn sein Organ in meinem 
Mund wäre. Ich spüre es nicht, aber ich habe das Erlebnis davon. Ich stecke mir eine 
Pfeife, Zigarette oder einen Strohhalm in den Mund, um das zu verhindern, aber es hilft 

nichts Ich habe ein unterbewußtes Gefühl, daß ich in eine Frau eintrete, sobald 

ich sie sehe. Das ist aber nur ein geistiger Zustand. Wenn ein Mann spricht und sein Organ 
in meinen Mund fliegt, habe ich das Gefühl, eine Frau zu sein. Warum sollte mir das 
passieren? Ich bin ja kein Homosexueller. . . . Tausendmal dachte ich an Selbstmord. 
Einmal hatte ich Halluzinationen; wenn zwei Menschen sprechen, ging mein Kopf nach 
dieser Richtung, wie wenn der Klang der Stimmen mich dorthin gezogen hätte. Wenn ich 
uriniere, habe ich das Gefühl, in den Mund von irgend jemand zu urinieren. Die Leute 
reden über mich. Einmal sagten sie: .Deine Hoden liegen auf dem Tisch.'" „Wenn ,kh 
mich in der Untergrundbahn in die Nähe eines Mädchens setzte, flogen ihre Geschlechts? 
organe zu meinem Mund." (Hat Ihnen das gefallen?) „Kein gutes Nahrungsmittel!" 
Der Patient hat tatsächlich das Gefühl, Gift in seinem Magen zu haben, obwohl er manch* 
mal sagt, er glaube, an einer Drüse oder an einem Geschwür krank zu sein. 

Die Verzerrung im Raum bezieht sich in diesem Fall lediglich auf die 
sexuellen Organe, und der Fall ist nur eine Illustration zu dem früher 5 be=» 
sprochenen Prinzip, daß die Dimensionen des Raumes rings um die erogenen 
Zonen verändert sind. Dieser Fall ist auch darum besonders bemerkenswert, 
weil der Patient die Genitalien anderer Personen zu seinem Mund hingezogen 
fühlt. 

Es handelt sich hier um einen Fall von Schizophrenie, jedoch stehen 
Zwangssymptome im Vordergrund. Jedenfalls sehen wir, daß der Körper* 

5) Schilder, 1. c. 



räum und der Raum außerhalb des Körpers in solchen Fällen in den ver* 
schiedensten Beziehungen zueinander stehen können. 

Bei zwangsneurotischen Patienten rückt das gleiche Problem in den Vor* 
dergrund. In einem Fall von Zwangsneurose fühlte der Patient im Gefolge 
eines Schmerzes in der Prostata Blase und Phallus auf der Straße liegen. 
Wenn Wagen vorbeifuhren, so fühlte er die Räder über diese Organe gehen 
und sie zerquetschen. Ein Hund nahm den auf der Straße liegenden Penis in 
sein Maul. In einem anderen Fall hatte die Patientin das Gefühl, daß ihr 
Kopf wegfliege, so daß sie Gefahr lief daraufzutreten. Ihr Körper ist im 
Raum verstreut, ihre Arme fliegen herum, und sie mußte in ein Haustor 
gehen, um ihre Gliedmaßen wieder zusammenzusuchen. „Ich bin vollständig 
in Stücke geteilt — man hat keinen Boden unter den Füßen, wenn man nicht 
auf der Erde steht." Wir wissen nicht, warum in diesem Fall die Aggressivität 
der Patientin den Körperraum in einer so weitgehenden Weise zerstört. Die 
Tendenz der Selbstbestrafung war stark ausgeprägt; ihr ganzes Leben hin* 
durch kämpfte sie gegen ihre körperlichen Begierden. In dem zuerst er* 
wähnten Fall wurde die Projektion durch den an der Genitalzone erlebten 
Schmerz erleichtert. 

Ein anderer Gesichtspunkt tritt in dem Fall einer 32jährigen Frau in Er* 
scheinung, die an schweren Zwängen und aggressiven Impulsen, andere 
Leute zu stoßen und zu schlagen, litt. Sie hatte das Gefühl, daß sie vorbei* 
fahrende Autos mit den Füßen gestoßen und so Automobilunfälle verursacht 
habe. Sie hat eine besondere Furcht vor Giften. Sie fürchtet, Gifte zu ver* 
breiten und so an dem Tod vieler Menschen schuld zu sein. Wenn sie an 
einer Apotheke vorbeigeht, hat sie das Gefühl, daß sie in das Geschäft hinein* 
gegangen sei, Gift gemischt und dadurch vielleicht viele Menschen getötet 
habe, ohne es zu wissen. Die Aggressivität überschreitet hier die Grenzen 
des Raumes. 

„Wenn ich mich gehen ließe, würde ich meine Arme und Beine schwingen, würde 
herumrennen und unaufhörlich reden. Ich wäre entsetzlich aktiv. Wenn ich an einem 
Autobus vorbeigehe und in ein Auspuffrohr hineinschaue, habe ich das Gefühl, als würde 
ich meine Arme ausstrecken, in das Loch hineingreifen und etwas tun, was anderen schadet. 
Ich blicke auf das Auspuffrohr und bilde mir ein, es berührt zu haben. Manchmal denke ich 
mir, daß ich ins Badezimmer gegangen bin und Gift gemischt habe. Wenn ich mich nicht 
wohl fühle, glaube ich, eine Million Jahre gelebt zu haben." 

Es ist dies eine Patientin, die seit ihrer frühesten Kindheit einen außer* 
ordentlichen Drang zur Betätigung in der Außenwelt hat. Ihr Übermaß an 
Antrieben machte sie zu einem sehr leidenschaftlichen Kind, das immer 
Liebesbeweise verlangte, die ihr jedoch nie völlige Befriedigung boten. Sie 
fühlt sich besonders durch ihre Mutter gehemmt, gegen die sie einen offen* 
kundigen Haß hegt. In ihrer frühen Kindheit spielt eine Begebenheit mit 




] 



I 



ihrem Bruder eine wichtige Rolle. Der Bruder hatte, als sie ungefähr drei 
Jahre alt war, Blutvergiftung. Sie erinnert sich daran, daß sie ihren Bruder, 
auf den sie äußerst eifersüchtig war, gekratzt und verletzt hatte. Sie hat seife 
same Erlebnisse von innerem Schmerz bei der Erinnerung an die Angst, die 
sie zum erstenmal im Alter von 5 oder 6 Jahren fühlte, als sie Sehnsucht 
nach der Welt hatte, die so schön war, daß sie sie in ihrer Gesamtheit be* 
sitzen wollte. 

Die Patientin unterscheidet nicht zwischen Sehen und Berühren. Was sie 
sieht, wird unvermittelt zum Gegenstand von Betätigungen aggressiver Art. 
Sie glaubt unaufhörlich, jemanden oder irgendetwas gestoßen und so in 
direkter oder indirekter Weise Tod verursacht zu haben. Sie ist nie sicher, 
wieviele Menschen sie auf diese Art umgebracht habe. Sie könnte vielleicht 
die Verbreitung irgendeiner Art von Gift bewirkt haben, und selbst eine 
kleine Menge dieses Giftes könne die Ursache für irgendjemandes Tod ge* 
wesen sein. Unterschiede der Quantität existieren für sie in dieser Hinsicht 
nicht. Selbst die geringfügigste Menge einer chemischen Substanz kann mög* 
licherweise den Tod von irgendjemandem verursachen. Es ist eine weitere 
Eigentümlichkeit des Denkprozesses dieser Patientin, daß die unbestimmteste 
Möglichkeit Realität gewinnt. Sie könnte jemanden auf der Straße gestoßen 
haben, könnte den Fahrer eines Rettungswagens gestört haben, und diese 
Leute könnten ihrerseits einen elektrischen Draht oder einen Gashahn be* 
rührt und so eine Störung verursacht haben, durch die eine ganze Anzahl von 
Menschen getötet wurde. 

Ihre Aggression läßt den Raum zwischen ihr selbst und den Objekten ein* 
schrumpfen. Alle Objekte kommen in die unmittelbare Reichweite ihrer Akti* 
vität. Das unkoordinierte Liebesverlangen wird zu unkoordinierter Aggressiv 
vität auf dem ganzen Gebiet der Wahrnehmung. Aber die Aggressivität über* 
schreitet nicht die unmittelbare Wahrnehmung, und der optische Horizont 
ist ihre Grenze. 

Wir gelangen zu der allgemeinen Schlußfolgerung, daß wir in der Zwangs* 
neurose ein Zusammenschrumpfen des Raumes feststellen können. Der 
sexuell begehrte Teil ist näher an den eigenen Körper herangebracht, aber 
auch das Objekt der Aggression ist aus dem optischen Raum des Greifbaren 
gerückt. Außerdem können wir entgegengesetzte Typen finden, bei denen 
sich der Raum des Körpers und der körperlichen Organe in die Außenwelt 
erstreckt und die einzelnen Körperteile unzusammenhängend zu Teilen des 
äußeren optischen Raumes werden, wo sie der Aggression der Außenwelt 
unterworfen sind. 

Die Zerreißung des Raumes erfolgt also unter dem Einfluß perverser ero* 
tischer Wünsche sowie unter dem Einfluß der Aggressivität. Diese Zer* 



Psychoanalyse des Raumes 



69 



reißung erstreckt sich im allgemeinen nicht auf den gesamten Raum, sondern 
nur auf jenen, der mit dem betreffenden Teilwunsch oder mit der Aggres* 
sivität in unmittelbarem Zusammenhang steht. Zu einer bestimmten Aussage 
darüber, auf welcher infantilen Situation die verschiedenen Störungen der 
Raumwahrnehmung beruhen, reicht unser Material aber nicht aus. 

Man darf erwarten, daß die depressiven Aggressionen zu ähnlichen Raum» 
Phänomenen führen. In einem Fall von Depression hatte die Patientin das 
Gefühl, daß sie in der Luft herumfliege und Gegenstände im Raum zerstöre. 
Wenn bei dem Depressiven Zweifel im Vordergrund steht und das Handeln 
im Raum Zweifeln ausgesetzt ist, bekommt der Raum selbst die gleiche 
Doppelsinnigkeit. Einer meiner Patienten sagte: „Ich weiß nicht, ob dieses 
Zimmer ein Zimmer ist oder mehrere!" Ein anderer wieder erzählte: „Ich 
griff nach den Sternen und riß sie herunter, aber jeder Stern war eine Welt." 
Oder ein Patient sagt: „Ich kann aus diesem Haus nicht hinausgehen, es 
gibt keine andere Welt, es gibt nur dieses Haus." Einige dieser Äußerungen 
stammen von den Patientinnen, über die ich in meiner Studie über atypische 
depressive Bilder« berichtet habe. Ich will noch einige weitere Beobach* 
tungen hinzufügen, die ich an diesen Patientinnen machen konnte. 

Fall 1: „Ich weiß nicht, wo ich bin, ich habe das Gefühl, mitten im Raum zu sein; das 
erschreckt mich. 

Fall 2: „Ich bin nicht sicher, ob das ein Zimmer ist oder mehrere." Als sie in Anna* 
polis war, hielt sie die zweite Reihe der exerzierenden Kadetten für eine bloße Spie» 
gelung der ersten Reihe. Die gleiche Patientin sagt: „Ich möchte gerne wissen, ob ich älter 
als zwei Jahre und vier Monate bin" (so lange war sie im Spital gewesen). „Aber was 
habe ich denn vorher gemacht? Ich weiß nicht sicher, ob ich in D. bin ob ich ver* 
heiratet war und ein Kind hatte oder nicht." Sie fr ? .gte eine Wärterin, ob diese nicht aus, 
zwei Personen bestünde. 

Fall 4 klagt, daß die Ärzte auf dieselbe Art verschwunden seien wie ein Mädchen, das 
in einer /Theaterkassa von ihrem Sitz verschwand. 

Fall 5 sieht die Dinge schwanken und sich bewegen. Sie werden größer und kleiner 
„Gestern wurden die Leute so schrecklich groß, wenn sie durch die Tür kamen " Ich 
kann mich nicht über die Zeit orientieren. Dinge, die sich nicht bewegen sollten, bewegen 
sich, und Gegenstände verschwinden. Der Sessel verwandelt sich in eine Art Tier." 

Man sieht, daß die Störungen der Raumwahrnehmung bei diesen Pa* 
tienten ebenso weitgehend sind wie die Gesamtstörung. Sie können sogar 
zu einer sadistischen Aufhebung des Raumes führen. 

L. Binswanger geht in mancher Hinsicht weiter. Er meint, daß Raum» 
erlebnisse durch die Art charakterisiert seien, in der der Raum ausgefüllt sei, 
— ob er dicht oder schütter sei, ob die Gegenstände näher oder ferner ,,zu 
Hand seien". Er findet sowohl bei manischen wie bei depressiven Fällen 
Unterschiede hinsichtlich dieser Raumerlebnisse. Bei manischen Patienten 

6) Journal of Nervous and Mental Diseases, Bd. 80, 1934. 



70 



Paul Schilder 



sind alle Dinge näher zur Hand. Andernteils befinden sie sich in einem 
weiteren Raum. 7 B i n s w a n g e r ist offenbar geneigt, den Raum der Depres* 
siven in ähnlicher Weise zu beurteilen. In einer anderen Arbeit 8 spricht er in 
verwandtem Sinne vom „gestimmten Raum" und versteht darunter etwas 
Ähnliches wie E. Strauß mit seinem „pathischen Raumerleben". Er ver* 
folgt die Veränderungen der Raumerlebnisse durch alle emotionalen und 
ästhetischen Erlebnisformen. Er ist sich natürlich darüber klar, daß es sich 
hier nicht um eine bloße Veränderung der Raumwahrnehmung handelt, son* 
dem um die fundamentalen Tatsache, daß sich die menschliche Existenz 
im Raum zum Ausdruck bringt, und daß es in diesem Sinne unmöglich ist, 
die „Existentialprobleme der Menschheit" von der Raumwahrnehmung zu 
trennen. Wir sind in diesem Zusammenhang an Feststellungen solcher Art 
weniger interessiert, nicht nur, weil sie den Weg exakter wissenschaftlicher 
Formulierung verlassen und sich' sehr häufig auf eine lediglich verbale und 
formalistische Erörterung beschränken, sondern auch von dem Gesichtspunkt 
aus, daß wir un§ hier hauptsächlich mit dem Problem der Wahrnehmung 
befassen, insoferne es nicht allzutief die ethischen Probleme des mensch* 
liehen Daseins berührt. 

Die Erörterung einer Analyse einer neurotischen Patientin kann vielleicht 
eine weitere Stütze bieten: 

A n n a H., 16 Jahre alt, ein gut entwickeltes Mädchen von deutscher Abstammung, ist 
die jüngste von sieben Geschwistern, von denen zwei gestorben waren; das eine an Epi» 
lepsie, das andere an der Operation einer Gaumenspalte. Ansonsten ist die Familien* 
geschichte ereignisarm. Die Patientin ist ein intelligentes Mädchen (Intelligenzquotient 
115) und in ihrem Mittelschulstudium recht erfolgreich. In ihrem dreizehnten Lebens« 
jähre hatte sie einen Anfall, bei dem sie schwindlig wurde und am ganzen Körper zitterte; 
sie schien gelähmt zu sein und konnte nicht sprechen. Dies dauerte eine Stunde. Im Juni 
1933 hatte sie einen zweiten Anfall, dem mehrere andere folgten. Sie ist durch Geräusche 
leicht aus der Fassung zu bringen und weint sehr viel. Meistens ist sie zu Hause, hat keine 
Freunde und verbringt den Tag mit Lesen und häuslicher Arbeit; sie ist häufig traurig und 
niedergeschlagen. 

Die Patientin kam am 31. August 1933 in die Behandlung der Mental Hygiene Clinic im 
Bellevuehospital, New York, wurde dort bis 22. September behandelt, ins Spital aufgenom« 
men und am 21. Oktober entlassen. Die Psychotherapie wurde jedoch noch weiter fortge« 
setzt. Die Patientin klagt nicht nur über die Anfälle: „Ich kann es auch nicht ertragen, wenn 
Menschen um mich sind. Ich werde ängstlich, wenn jemand in meine Nähe kommt. Geräusche 
treiben mich zum Irrsinn. Sie machen mich sehr nervös. Ich fürchte mich vor fallenden Ge« 
genständen. Manchmal habe ich in meinen Augen ein so komisches Gefühl; ich kann sie nicht 
bewegen. Ich bekomme seltsame Zustände, meine Augen, meine Beine und mein Körper 
werden schwer. Die Leute in der Schule lachen über mich. Ich möchte sterben, aber ich 



7) B ins wanger, L.: Ideenflucht, Zürich, 1933, S. 192. 

8) Binswanger, L.: Das Raumproblem in der Psychopathologie, Ztschr. f. d. ges. 
Neur. fu. Psych. 1933, pp. 598—648. 



Psychoanalyse des Raumes 



71 



halte mich vom Selbstmord zurück, weil das meine Mutter kränken würde. Bisweilen ist 
mir so zumute, als ob ich die Menschen erwürgen wollte. Manchmal führen meine Ge« 
danken in einen finsteren Abgrund. Ich spüre, daß ich mir Schmerzen wünsche. Die 
Injektionen, die ich in dem anderen Spital bekommen habe, sind mir angenehm. Ich habe 
es gern, gestochen zu werden. Ich steche mich mit einer kleinen Nadel in Hände und Arme. 
Sie ist aber nicht spitzig genug. Ich versuche, mich am Hals zu würgen, um zu sehen, wie 
das ist. Meine Gedanken werden ganz verworren und konfus." 

Die Patientin macht sich in der Tat sehr bereitwillig zu Nadelstichen und anderen 
schmerzhaften Reizen erbötig und behauptet, daß sie das gern habe. Dieselbe Neigung zeigte 
sie während ihres Aufenthaltes im Spital. Sie machte keine Abwehrbewegungen, selbst 
wenn heftig schmerzende Reize angewendet wurden, und reagierte auch auf starke fara* 
dische Ströme in keiner Weise. Sie zog niemals ihre Hand zurück, und es war unmöglich, 
durch Schmerzreize bedingte Reflexe hervorzurufen. In auffälligem Gegensatz hiezu rea« 
gierte sie jedoch sehr stark auf plötzliche Geräusche und wurde bei unerwartetem Lärm 
nervös. Im Verlauf der Behandlung wurden in dieser Richtung keine weiteren Versuche 
angestellt. Niemals rief ein Schmerz irgendeine merkliche Veränderung des psycho*galva<i 
nischen Reflexes hervor, während andere Reize und Lärm annähernd normale Reaktionen 
bewirkten. 

Während der ersten Untersuchung faltete sie sehr häufig die Hände, als ob sie unter 
heftiger Spannung stünde und irgendwelche Impulse unterdrücken wollte. Sehr oft be» 
wegte sie den Oberkörper rhythmisch hin und her. Als sie sich im Krankensaal befand; 
zeigte sich zuweilen dieses Phänomen in einer ziemlich ausgesprochenen Weise. Im späteren 
Verlauf der Behandlung verlor es sich dann. Im Krankensaal pflegte sie meist allein, 
gegen die Wand gelehnt, dazustehen. Von Zeit zu Zeit ereigneten sich Ausbrüche, bei 
denen sie blaß wurde, zu zittern begann, weinte und nichts sprach. Solche Ausbrüche 
dauerten bis zu einer Stunde. Trotzdem verlor sie nicht das Bewußtsein. Anfangs war es 
schwierig, sie zum Essen zu veranlassen. Aber die beunruhigenden Symptome in der ersten 
Zeit ihres Aufenthaltes im Spital verschwanden, und nach der Entlassung aus denv Spital 
setzte sie ihre Arbeit in der Schule mit Erfolg fort. Im Krankensaal hatte sie stets eine 
hilfsbereite Haltung gezeigt. 

Die Analyse deckte folgende grundlegenden Züge auf. Die Patientin hat eine tiefe Bin* 
düng an ihre Mutter. Sie will sie nicht verlassen. Die Angst, von der Mutter verlassen zu 
werden, reicht in ihre frühesten Erinnerungen zurück. Sie hat seit ihrer ersten Kindheit 
bei der Mutter geschlafen. Erst seit sie sich krank fühlt, schläft sie allein; auf dem Höhe« 
punkt ihrer Erkrankung fühlte sie keinerlei Liebe mehr zu ihrer Mutter und hatte Angst, 
von ihr berührt zu werden. 

Sie zeigt eine große Zuneigung zu der einen von ihren Schwestern, E., die 11 Jahre 
älter ist als sie. Die Schwester leidet seit langem an einem rheumatischen Herzleiden. Diese 
Schwester pflegte ihr oft und oft Märchen zu erzählen. Eine ihrer frühesten Erinnerungen 
geht dahin, daß sie mit ihrer Lieblingsschwester „Feengesellschaften" hatte. Da gab es 
Eichelkaffee, Brot, Zucker und Wasser. Eine noch frühere Erinnerung ist, daß sie von 
jemandem gehalten und in einem Schaukelstuhl mit Gesang in Schlaf gewiegt wurde. 

Sie hegt gegen ihren Vater einen ausgesprochenen Haß. Es gab häufig Familienstreitig* 
keiten, bei denen der Vater heftig wurde. Die lauten Streitszenen ihrer Eltern beun* 
ruhigten sie sehr. Als sie sechs Jahre alt war, schlug der Vater ihre Schwester mit einem 
Riemen. Sie lief schreiend auf das Dach und er folgte ihr. Die Patientin war schrecklich 
verängstigt. 






72 Paul Schilder 



Die Brüder und Schwestern pflegten auch miteinander zu raufen. Dabei wurden Messer 
und Gabeln geworfen. Mit sechs Jahren wollte die Patientin ihren Vater erstechen. Als sie 
fünf Jahre alt war, pflegte der Vater auf einem Hackblock Hühner zu schlachten. Sie sah 
oder bildete sich ein, daß ein Huhn, dem der Kopf abgeschlagen war, herumflatterte. 
Sie erschrak entsetzlich und lief davon. Häufig war sie auch Ohrenzeugin von Familien» 
zwistigkeiten in der Nachbarwohnung. 

Der Vater scheint für sie die Verkörperung einer wilden, gefährlichen Aggressivität dar« 
zustellen, vor der sie sich fürchtet: Er tötet Hühner, schlägt die Schwester und verursacht 
furchtbaren Lärm. Sie protestiert gegen seine heftige Aggressivität durch ihre eigenen 
Aggressionen. Es ist jedoch eine tiefliegende masochistische Neigung vorhanden, die sie 
zur Unterwerfung treibt. Um ihr drittes Lebensjahr hatte sie folgenden Traum: Riesige 
Matratzen bewegen sich auf winzigen Federn auf sie zu und drohen, sie zu erdrücken. 
Als sie erwachte, war die Tür geschlossen; sie rief, aber die Tür schien „weit fort und tief 
unten" zu sein. 

Um ihr siebentes Lebensjahr träumte sie von einer Kreissäge, die auf sie zukam, um sie 
zu zerstückeln.Sie hat auch heftige Angst vor einer geraden Linie, die sich langsam und 
unaufhörlich vor ihren Augen bewegt. Mit fünf Jahren schnitt sie mit einer Schere Gras 
für die Hühner, wobei sie sich „ein Stück des Daumens abschnitt". Das Blut spritzte, sie 
lief weinend zur Mutter: „Ich habe den Hühnern ein Stück von meinem Finger zu 
fressen gegeben". Mit sieben Jahren verletzte sie sich an der Nase und blutete sehr stark. 
Einige Zeit später fiel sie beim Schlittschuhlaufen und brach das Handgelenk. 

Immer hatte sie Lieblingstiere. Ein weißes Kaninchen starb, als sie vier Jahre alt war. 
Ein Hund wurde von der Eisenbahn überfahren. Er wurde zerrissen, lag blutüberströmt 
da und bot einen furchtbaren Anblick. 

Mit sechs Jahren sah sie in einem verfinsterten Zimmer eine Frau im Sarg liegen. Die 
Patientin begann zu lachen. Als sie sechseinhalb Jahre alt war, starb eine ältere Schwester. 
(Sie hatte Epilepsie gehabt, doch ist es möglich, daß ihr Tod ein Selbstmord war.) Die 
Patientin sah den Sarg. 

Ihre Neigung, Schmerzerlebnisse aufzusuchen, scheint eng mit ihren frühen Erlebnissen 
zusammenzuhängen. Schmerz bereitet ihr Lust. Es ist die Lust der masochistischen Unter* 
werfung dem Vater gegenüber. Jeder, der sich ihr nähert, bedeutet für sie eine ähnliche 
Drohung wie der Vater. Laute Geräusche erinnern sie wieder an den aggressiven Vater. 
Ihre zwanghaften Impulse, andere und sich selbst zu würgen, sind der Ausdruck ihrer ver* 
drängten sadistischen Neigung. In ihrem manifesten Leben finden sich weder homo* 
sexuelle noch heterosexuelle Inhalte. Es besteht eine frühe Erinnerung, daß ihr Vater sie, als 
sie zwischen ihm und der Mutter schlief, mit seiner Hand berührte. Sie schauderte; 
zurück. 

Ihre Unempfindlichkeit gegen Schmerz ist zum Teil ein Versuch, der Heterosexualität 
zu entfliehen. Als sie zur Behandlung kam, war sie in sexuellen Dingen vollkommen uw 
wissend. Die sexuelle Aufklärung, die sie erhielt, verstärkte nur ihre Abwehr gegen 
Sexuelles. Todeswünsche und Todesphantasien waren andere Methoden, deren sie sich 
bediente, um der Sexualität zu entfliehen. Wenn sie sich vorstellt, tot zu sein, denkt sie 
mehr an Unbeweglichkeit und den kataleptischen Zustand bei erhalten gebliebenem Be* 
wußtsein. Abgesehen von der Ubertragungssituation zur Schwester, flüchtet sie sich auch 
in eine Märchenwelt. Sie liebt Märchen, und es ist charakteristisch, daß sie „Dornröschen" 
als eine Geschichte bezeichnet, die ihr besser gefällt als alle anderen. Sie haßt jede Art von> 
schöner Kleidung. Schuhe kann sie nicht leiden. Mit zwei oder drei Jahren riß sie sich den 



Hut herunter: „Ich mag keine Hüte". Es ist ihr verhaßt, wenn andere Mädchen von Klei* 
dern sprechen. 

Ihre sadistische Neigung überkompensiert sie durch eine übertriebene hilfsbereite Hai* 
tung. 

Sie hat einen starken Wunsch, geliebt zu werden, der unbefriedigt zu sein scheint. Sie 
fürchtet sich davor, daß ihr andere nicht glauben und über sie lachen könnten. Sie hält 
sich für außergewöhnlich häßlich (was in Wirklichkeit nicht der Fall ist, wenn sie auch 
einen Gesichtsausschlag hat, der sie ein wenig entstellt). Als Kind war sie zu dick und 
wurde in der Schulzeit viel verlacht. Manchmal meint sie, ihr Kopf sei höckerig und ihre 
Nase verunstaltet. In einem ihrer späteren Träume tritt ihr übergroßes Interesse für den 
eigenen Körper sehr klar zutage: „Die Leute betrachten mich mit Widerwillen und hassen 
mich wegen meiner Gedanken". 

Es gibt noch eine andere Gruppe von Erscheinungen, die Beachtung verdienen. „In 
der vorigen Nacht, ehe ich einschlief, sah ich einen Mann vor meinen Augen herunter* 
purzeln und hinfallen." Ein andermal sah sie vor dem Einschlafen einen Stuhl, auf dem 
Schuhe aufgeschlichtet waren. „Es lagen dort Haufen von Brot rechts vor meinem Gesicht 
Die Tür war weit fort, viel weiter als es hätte sein sollen". Ein andermal sah sie vor dem 
Einschlafen Teller und Tassen vor ihrem Gesicht herumkollern. „Ich war im Wäsche* 
zimmer, wo ich die Wäsche zusammenlegte. Die Regale und die Wäschepakete erschienen 
mir zu hoch. Sie stiegen immer höher empor. Ich konnte nicht ordentlich sehen. Ich 
hatte sonderbare Empfindungen. Die Wäschestücke verloren ihre Gestalt; sie wuchsen." 

Ein andermal klagt sie, sie sei im Schulzimircr gesessen, und die Lehrerin sei in weitet 
Ferne zu sehen gewesen. „Ich war neugierig, was geschehen würde, wenn sie stürbe." 
„Ich fühlte mich heute sehr groß und hochgewachsen , . . Ich wünschte immer, groß zu 
sein . . . Meine Stirn scheint niedrig zu sein." Ein andermal sah sie vor dem Einschlafen 
einen außergewöhnlich großen Mann von einem Sprungbrett herunterfallen. Während er 
fiel, wurde sein Gesicht größer und näherte sich ihr. Im späteren Verlauf der Behandlung 
hatte sie den merkwürdigen Eindruck, als ob ihre Beine und Arme nicht zu ihr gehörten 
und von ihr getrennt wären. Bei einer anderen Gelegenheit fühlte sie sich zu groß, als 
würde sie jeden anderen weit überragen. Im Anfang hatte sie folgenden Traum: „Ich 
träumte wieder vom Wasser. Es war einfließendes Gewässer. Irgendjemand war in einem 
Motorboot. Jemand hatte eine Erhältung und mußte Medizin nehmen. Es gab etwas wie 
eine Kürbispastete." Ihre Einfälle sind: Sie beobachtete gerne das Wasser. Es war herrlich. 
Von ihrer frühen Kindheit an ging sie mit ihrer Mutter nach Coney Island und hatte 
Freude daran. Sie wäre gerne in fremde Länder gefahren. Sie würde gerne allein reisen. Si<j 
liest gerne See* und Tiefseegeschichten. Sie liebt Motorboote, weil sie so schön dahinsausen. 
Sie hebt schnelle Dinge, fürchtet sich aber manchmal vor ihnen. 

Am Tag vorher hatte sie ein sonderbares Gefühl: „Ich glaubte, ich werde verrückt, wenn 
ich nicht etwas anstelle. Ich wollte Schüsseln zertrümmern. Ich bin so wild. Ich hatte das 
Gefühl, wieder verrückt zu werden. Ein Irrsinniger tut merkwürdige Dinge, er kann z. B. 
Menschen umbringen oder eine Selbstmordmanie haben. Ich wünschte oft, unter Wasser 
begraben zu sein. Es gibt sonderbare Gestalten und Geschöpfe unter Wasser. Ich mag 
Taschenmesser, Dolche und Schwerter. Ich liebe Rittergeschichten." Sie war sehr oft 
erkältet. Die Mutter hatte am Abend vorher von Kürbispasteten gesprochen. Wie oben 
erwähnt, ißt die Patientin nicht gern. Aber in ihrer Kindheit war sie sehr genäschig und 
häufig tauchte eine plötzliche Gier nach Süssigkeiten auf. In einem ihrer Träume wird sie 
nach Hause geschieht, weil sie nachts während des Schlafes Kuchen und Fleisch aß. Sie 



74 Paul Schilder 



leugnet das ungestüm. Seit ihrer frühesten Kindheit hatte ihre Mutter sie zum Essen zwingen 

müssen. " , 

Dieser Traum wird hier erwähnt, um ihre Vorliebe für Geschwindigkeit zu zeigen. Sie 
ist eng verbunden mit ihren sadistischen Neigungen. Sie will alles sehr schnell tun. Sie 
geht gern schnell. Sie schreibt außerordentlich rasch und ihre Handschrift ist schwer zu 
lesen. Gewöhnlich rennt sie. Sie träumt sehr oft von eiligem Gehen und von Eisenbahn* 
zügen. Die schnelle Bewegung entführt sie aus der Gegenwart. In einem Traum steigt sie 
mit einemLuftschiff auf undist irgendwie außerhalb des Raumes dieser Welt. Die langsam 
sich bewegende Linie im Traum ihrer Kindheit war ihr außerordentlich unangenehm. In 
einem anderen Traum ist sie in einem Lift. Der Lift bewegt sich sehr rasch und ver- 
wandelt sich in einen sehr schnell fahrenden Eisenbahnzug. 

Sie wollte aus dem Fenster springen. „Ich hatte das Gefühl, als ob ich es täte." Wenn 
sie jemanden auf dem Dach sieht, fürchtet sie, er könnte herunterfallen. 

Sie träumt auch sehr oft von ungeheuren Ausdehnungen. Sie wandert mit ihremBruder 
zu einem unermeßlichen Garten. „Ich träumte von kleinen Kindern. Sie spielten auf einer 
großen Sandfläche. Jemand schüttete Spielzeug von ungewöhnlichen Ausmaßen aus." 
Einmal erschien ihr beim Lesen der Druck sehr klein, gleichgültig wie sehr sie ihn auch 
ihren Augen näherte. 

Eines Tages war ihr sonderbar zu Mute. Es war ihr, als ob das Haus und sie selbst auf 
Stelzen stünden und sich schief nach einer Seite neigten. 

Ein anderer Traum ist recht charakteristisch. Sie war in der Schule beim Englischunter- 
richt. Sie fühlte das Herannahen eines nervösen Anfalles. Sie atmete rasch und hatte 
Herzklopfen. Sie blieb im Korridor gegen die Wand gelehnt stehen. Lehrer und Erzie- 
herinnen gingen vorbei. Der Englischlehrer kam mit einer Erzieherin zurück und sagte, 
sie müsse nach Hause und zu Bett gebracht werden. Sie ging zu Bett. Sie wußte, daß 
irgend welche Leute draußen waren, sprachen und durch das Schlüsselloch blickten. Sie 
sagten: „Sie wird bald schlafen". Sie fühlte sich ziemlich schwindlig und schwach. Sie 
kamen herein, und sie stellte sich nicht schlafend. Sie packten sie und warfen sie 
hin. Der Arzt sagte: „Man muß es rasch machen, bevor das Blut im Gehirn 
erstarrt." Sie wehrte sich und schlug mit den Beinen aus, aber die Beine schienen 
lose zu sein und reichten nicht so weit wie sonst. Der Arzt spritzte Luft oder 
Flüssigkeit in ihr Gesicht, und sie verlor das Bewußtsein. Die Szene veränderte sich. 
Sie war auf der Straße, und jemand führte sie. Sie war viel Meiner, und ihr Kopf war 
ausgehöhlt — gleichsam eine nackte, leere Muschel. Die Person, die sie führte, hatte ihre 
Hand in der Höhlung und trieb. sie auf diese Weise an. „Ich weiß nicht genau, ob das 
ich war oder jemand anderer, denn ich schien die Gestalt zu sehen und doch selbst zu 
sein." Sie fühlte sich glücklich, seit sie keinen richtigen Kopf hatte und nicht länger 
denken und sich quälen konnte. Es schien ihr, daß im Zimmer mit ihr ein Experiment 
gemacht worden war, das dies verursacht hatte. Dann gingen sie an einem Geländer vorbei, 
wo ein kleines verunstaltetes Mädchen stand. Mit ihr waren noch einige andere Leute. Sie 
bat um Milch. Dies schien die zweite Stuf e des Experiments zu sein. Dann ging an ihnen 
ein recht großes Mädchen vorüber, dessen Kopf die Gestalt eines achteckigen Spiegels 
hatte. Sie war scheinbar ganz hübsch und trug etwas, das wie ein langes, sehr schmales 
Bündel aussah. Ein Zeichen des Erkennens ging zwischen ihnen hin und her. Das war 
der erste Abschnitt und das Experiment ging befriedigend weiter. Das Mädchen schien 
ihre Lieblihgsschwester zu sein. Sie sagten von ihr: „Täglich, wenn sie vorbeigeht, kann 
sie Bobby (ihren kleinen Sohn) sehen". ,....-, 



W 



Psychoanalyse des Raumes 



75 



Die Patientin hat auch Veränderungen der Zeitwahrnehmung. Es geschah oft, daß Er-« 
eignisse, die soeben stattgefunden hatten, ihr als weit in der Vergangenheit zurückliegend 
erschienen. „Ich erinnere mich an Dinge — sie liegen weiter zurück — es scheint, als 
wären sie in einem Traum geschehen; sogar Dinge, die sich gestern ereignet haben, scheinen 
längst .vergangen zu sein." 

Ich stelle in den Mittelpunkt der Diskussion das Phänomen der Lust, die sich aus unlust* 
vollen Reizen herleitet. Es steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Streitszenen 
zwischen den Eltern, deren Zeuge sie als Kind gewesen war. Es gab Auftritte, bei denen 
der Vater die Mutter schlug. Sie möchte von dem gehaßten Vater verletzt werden. Aber 
sie möchte ihn erdolchen. Aus unlustvollen Reizen bezog sie zum erstenmal Lust, als sie 
vom Arzt bei der Wassermannprobe mit der Nadel gestochen wurde. Sie unterwirft sich 
dem sadistischen Liebesobjekt. Im Alter von sieben Jahren ist diese Neigung vollkommen 
entwickelt. Damals träumte sie, daß ein Spinnrad an sie herankäme, um sie zu zer- 
stückeln. Es war ein Angsttraum. Es gab noch andere Angstträume. Eine Matratze kam 
auf Federn, um sie zu ersticken. Dieser Alptraum deutet wieder auf den heftigen Vater hin. 

Ihr Haß ist nicht nur durch die Brutalität des Vaters verursacht. Sie schlief mit der 
Mutter und hat an sie und an die ältere Schwester, die als Mutterersatz empfunden wird, 
eine tiefe Bindung. Auf dem Höhepunkt der Erkrankung ist sie nicht fähig, diese homo* 
sexuelle Beziehung aufrecht zu erhalten. Jede Beziehung zu anderen ruft nunmehr einen 
tiefen inneren Widerstand hervor; sie fürchtet sich, jemandem nahe zu sein, und hat den 
Zwang, Leute, die sich ihr nähern, zu würgen. Aus Abwehr gegen eine masochistische 
Unterwerfung wird sie sadistisch. Sie ist in ihren homo* und heterosexuellen Beziehungen 
enttäuscht, Sie bedauert ihre sadistische Haltung und versucht, sie durch besondere Freund* 
lichkeit und Hilfsbereitschaft zu überkompensieren. 9 

Aus diesen Konflikten versucht sie, in den Frieden des Todes zu entfliehen, der für sie 
einen kataleptischen Zustand bedeutet. Sie ist dann wieder in einer passiven und masochi* 
stischen Position, die sie ohne Gewissensbisse genießen kann. 

Ihre persönlichen Probleme spiegeln sich in ihren Einstellungen zu Raum und Zeit 
wider. Als sie aus ihrem ersten Angsttraum erwachte, schien die Tür „weit entfernt und 
tief unten". Zermalmt von dem gewalttätigen Vater, kehrt sich die Situation um. Sie ist 
nicht mehr unter sondern über der Tür, durch die die helfende Person hereinkommen 
kann, und weiter entfernt von ihr. Andere Personen wieder sind ihr, am Höhepunkt ihrer 
Krankheit, zu nahe. Durch all diese moralischen Konflikte verliert der Raum seine Stabi* 
lität. Gegenstände fallen von einem Wandbrett herunter. Wäsche ist zu hoch aufgetürmt 
und es besteht die Gefahr, daß sie umfällt. Personen scheinen manchmal zu weit entfernt 
zu sein. Der Raum weitet sich zu ungeheurer Ausdehnung. Sie und das Haus, in dem sie 
wohnt, erscheinen ihr wie auf Stelzen und schief nach einer Seite geneigt. Die libidinösen 
Probleme der Patientin finden so ihren Ausdruck in den veränderlichen Raumverhält* 
nissen. Die Raumverhältnisse sind primär durch ihre Beziehungen zu anderen Personen 
determiniert. Der Raum ist ein Phänomen von Mensch zu Mensch. Er gibt die Beziehung 
der Patientin zu ihrer Mutter und zu ihrem Vater wieder. Er bringt die verschiedenen 



9) Der Vater, der den Hühnern die Köpfe abschneidet, bedeutet eine Kastration»» 
drohung. Ihre Erinnerung, daß sie sich mit einer Schere ein Stück eines Fingers abge« 
schnitten hat, deutet wieder auf Kastrationsangst und Kastrationswünsche. Ihre Klage, daß 
die Hühner ein Stück ihres Fingers verschlungen hätten, kann als die Angst gedeutet 
werden, ihr Penis könnte abgebissen und verschlungen werden. Sie hat also sehr starke 
orale Tendenzen, die sie im Beginn ihrer Krankheit negiert (Nicht essen!). 



76 Paul Schilder 



I 



Phasen ihrer Aggression und ihren Kampf um eine tiefere Beziehung zu homosexuellen 
und heterosexuellen Liebesobjekten zum Ausdruck. Wenn sie die Unermeßlichkeit des 
Raumes als solchen erlebt, haben wir es mit einem sekundären Phänomen zu tun. 

Es ist schwer, die Raumprobleme von den Zeitproblemen zu trennen. Die Patientin 
genießt Schnelligkeit und Bewegung. In ihren Träumen gibt es schnellfahrende Züge und 
Aufzüge. Das Geschwindigkeitsmoment, das physikalisch die Wucht und die Gefahr er* 
höht, bringt ihre aggressiven und sadistischen Tendenzen zum Ausdruck. Ihr Leben, das 
ein ständiger Kampf gegen ihre Aggression ist und ein Zweifel an jeder ihrer Handlungen, 
hat nicht mehr die Fülle der Gegenwart. Das Gegenwärtige schwindet, es scheint in den 
Hintergrund zu treten; es ist, als ob es längst vergangen sei. Ja, sie versucht, aus der Welt 
des Alltags in die zeitlose Welt der Märchen zu entfliehen, in der die Schönheit an die, 
Stelle der Aggressivität tritt. 

IcK habe in früheren Untersuchungen gezeigt, daß die Aggression das 
Körperbild zerstört und verzerrt. Unsere Patientin erlebt Verlängerung und 
Verkürzung ihres Körpers und vor allem auch Entstellungen ihres Kopfes. 
Es besteht eine innere Beziehung zwischen dem äußeren Raum und dem 
Raum, den der eigene Körper einnimmt. Wenn sich die Dimensionen des 
Außenraumes verändern, tritt meist auch eine Veränderung in den Dirnen* 
sionen des Bildes vom eigenen Körper ein. 

Die Zersplitterung und die Aufhebung des Raumes bei der Zwangsneurose 
und bei den Depressionen sind ganz ähnlicher Art; aber die Veränderungen 
im Raum bei den Neurosen sind in engerem Zusammenhang mit einem 
bestimmten Liebesobjekt. In dem ausführlich geschilderten Fall machen 
einige Bemerkungen der Patientin klar, daß ihre Raumstörung in Beziehungen 
steht zu ihren Konflikten mit „Gesamt"persönlichkeiten. 

„Als ich mich heute so elend fühlte, waren die Mädchen in der Schule voneinander 
abgesondert. Sie waren zu deutlich geschieden voneinander." Einer ihrer Träume lautet : 
„Die Schwester war zu Hause. Zwei Feuerwehrleute, groß bis zur Decke und hager, kamen 
herein, um ihr zu helfen. Sie sah zum Fenster hinaus; der Schienenweg erstreckte sich 
weithin. Es war dort eine Musikkapelle und die Musik verhlang. Sie spielten einen Militär- 
marsch. 11 Einmal fühlte sie sich sehr klein und die Gegenstände waren entrückt. Sie emp* 
fand Angst* sie wollte einen Teddybären in ihrem Bett haben, um irgendetwas Festes und 
Wirkliches berühren zu können. In der Schulklasse sahen die Mädchen klein aus, und die 
Lehrerin schien weit entfernt. Bei einer ähnlichen Gelegenheit war sie neugierig, was gc* 
schehen würde, wenn die Lehrerin stürbe. „Mit sechs oder sieben Jahren fürchtete ich 
mich immer davor, daß mich die Mutter allein ließe. Ich wollte sie niemals verlassen." 

In einem früher veröffentlichten Fall, bei dem Selbstbeobachtung die aus* 
schlaggebende Rolle spielte, hatte der Patient sehr oft den Eindruck, daß der 
Analytiker sehr weit weg auf einem hölzernen Stuhl säße. Zum Stuhl bringt 
er die Einfälle: Thron und elektrischer Stuhl. Als er sechs oder sieben Jahre 
alt war, hatte er einmal Fieber, und der Arzt erschien ihm damals ebenfalls 
weit entfernt. Die sadistische Haltung gegenüber dem Analytiker* Vater spielt 
bei diesem Patienten eine wichtige Rolle. Allerdings bezieht sich die Ver* 



Psychoanalyse des Raumes 



77 



änderung der Raumdimensionen, zum Unterschied von dem früher erwähnten 
anderen zwangsneurotischen Fall, hauptsächlich auf eine Person in ihrer 
Gesamtheit. Der Sadismus in diesem und in dem früheren Fall richtet sich 
mehr darauf, eine Person als Ganzes zu entfernen, als einzelne Teile zu zen* 
stören. Deshalb besteht die Raumveränderung lediglich in der größeren Eni* 
fernung einer bestimmten Person. Die sadistische Haltung kommt mehr in 
der Beseitigung der gesamten Persönlichkeit und deren Tod zum Ausdruck. 
Beide Fälle weisen viele Züge der Depersonalisation auf. In Fällen von 
Depersonalisation werden Gegenstände sehr- häufig flächenhaft gesehen. 10 In 
Zeiten der Besserung wird das Bild wieder stereoskopisch. In anderen Fällen 
scheinen sich die Gegenstände in ungeheurer Entfernung zu befinden. Beim 
dejä vu erscheinen die Gegenstände kleiner und weiter entfernt. Einem meiner 
Patienten schien das Zimmer manchmal kleiner und manchmal größer. Der 
Patientin von Wilbrandt, einem Fall von Seelenblindheit, in welchem 
das klinische Bild den Charakter der Depersonalisation hatte, erschienen früher 
gesehene Objekte kleiner. Keiner dieser Fälle wurde analysiert, so daß wir 
lediglich vermuten können, daß die Unsicherheit in den Objektbeziehungen, 
die das Hauptkennzeichen unserer Fälle bildet, für den Verlust der dritten 
Dimension, für die Veränderung der Größenverhältnisse und für die weitere 
Entfernung der Objekte verantwortlich zu machen ist. 

In Fällen von Hysterie sind besonders die Veränderungen der Größe der 
Objekte und der Ausmaße des Raums auffällig. Von großer Wichtigkeit ist 
das Studium der Raumwahrnehmungen bei Fällen von Angst. Bei typisch 
angstneurotischen Patienten ist der Raum zwischen dem Liebesobjekt und der 
Person selbst der einzig reale Raum. Wenn das Liebesobjekt weit entfernt 
oder außerhalb des Gesichtskreises ist, wird der Raum unermeßlich groß. 
In einem Fall von Basedow erschien dem Patienten, der eine außerordentlich 
starke Mutterbindung hatte und an Angstzuständen litt, der Raum manchmal 
unermeßlich. Die Trennung vom Liebesobjekt erscheint dann als plötzlicher 
Tod. Nachdenken über die Entfernung von der Mutter und vom Liebesobjekt 
führte in manchen Fälle zum Grübeln über die Relativität des Raumes. Raum 
ist für diese Patienten die Entfernung vom Liebesobjekt. Bei Phobien, die 
mit dem Gehen zusammenhängen, träumen die Patienten gelegentlich, daß 
ihre Füße nicht den Boden berühren. Das symbolisiert die Entfernung ihrer 
Genitalien von der Mutter. Einer meiner angstneurotischen Patienten hatte 
einen Traum, in welchem aus dem Schlafzimmer seiner Eltern zwei mit- 
einander kämpfende Zwerge herauskamen .-eine symbolische Darstellung der 



10) Bibliographie in meinem Buch: Selbstbewußtsein und Persönlichkeitsbewußtsein, 
S. 65. 



78 Paul Schilder 



Genitalien der Eltern während des Verkehrs. Sie sind in der Luft, über dem 
Boden. Für all diese Fälle ist die symbolische Darstellung der räumlichen 
Dimensionen der Genitalien charakteristisch. 

Das folgende Bruchstück einer Traumanalyse stammt von einer Patientin 
mit Anpassungsschwierigkeiten und Depression, die lange Zeit hindurch in 
Analyse stand. Zur Zeit des Traumes hat sie die heterosexuelle Stufe erreicht 
und die Übertragung voll entwickelt. Der Traum grenzt deshalb in seiner 
Struktur an Hysterie. Er zeigt, daß die libidinöse Struktur einen entscheiden* 
den Einfluß auf die Erfahrung der Größe der Objekte nimmt. 

„Ich schien über eine breite Straße auf ein Gebäude mit Stufen zuzugehen. Als ich 
auf der höchsten Stufe anlangte, bemerkte ich, daß ich neben ungeheuren Säulen stand. 
Es schien mehr als eine Reihe Säulen zu sein. Sehr distinguiert aussehende Leute, elegant 
gehleidet und hochgewachsen, die Männer mit langen, braunen Barten, waren dort. Sie 
erschienen mir sehr fremd. Ich starrte sie an, als wir (ich weiß nicht, mit wem ich ging) 
die Mitte erreicht hatten und uns umwandten, um wieder zurückzugehen. Als wir wieder 
auf die Straße kamen, schien es zu dämmern. Wir überquerten die Straße bei starkem Ver- 
kehr. Der Eindruck davon und von der Gefahr, die nicht so sehr von der Anzahl als von der 
beängstigenden Schnelligkeit der Automobile herrührte, war sehr lebhaft. Eines der 
Autos kam mit grellen Scheinwerfern heran, und obwohl ich einen Augenblick vorher noch 
ganz drüben am Straßenrand gewesen war, rannte ich, um vor ihm über die Straße zu 
kommen. Am Gehsteig angelangt, stand ich vor zwei sehr anspruchslosen amerikanischen 
Häusern mit Holzvorbau, wie man sie in den Neunzig er) ahren baute. Aus dem einen, in 
dem mein Bruder und meine Schwägerin wohnten, trat meine Schwester heraus, obwohl 
ich das Gefühl hatte, daß sie, vermutlich mit mir zusammen, in dem anderen wohnte. 
Sie trug eine Schachtel in der Größe einer Zigarrenkiste, nur nicht so lang. Meine 
Schwägerin war in Geburtswehen. Sie schien in der Schachtel in einem Bett zu liegen, 
und mein Bruder war auch dort wie in einem Zimmer. Als ich in die Richtung blickte, 
die der, aus welcher ich die Automobile herankommen gesehen hatte, entgegengesetzt 
war, sah ich eine schlechte Straße, die über einen steilen Abhang führte, der dem Hang 
eines von seiner ursprünglichen Vegetation noch nicht befreiten Berges glich. Ein mit 
Brettern belegter Weg (sie lagen rechtwinklig zur Richtung des Weges) kreuzte die Straße 
und führte nach links hinunter durch eine wild verwachsene Schlucht meinem Gefühl 
nach zum Krankenhaus. Ich hielt die Schachtel gegen meine linke Seite, den Ellbogen 
nach außen, und setzte mit meinen Fußspitzen zum Laufen an; ich hatte das Gefühl, es 
leicht zu können. Als ich die freien Bewegungen des Laufens spürte, ging es mir durch 
den Kopf, sie würden es mir sagen, wenn meine Schwägerin zu bluten begänne, wenn 
sie wüßten, daß ich es sei und nicht meine Schwester. Ich könnte stehenbleiben und die 
Entbindung vornehmen — ich dachte an etwas wie „darauf achtgeben — , da ich eine 
Arztin bin.' 

Die Einfälle führten von den riesigen Säulen zum Parthenon und von da zu den 
sexuellen, genitalen Problemen der Träumerin. Die Automobile mit ihrer beängstigenden 
Schnelligkeit deuten auf die Gefahr, der die Träumerin sich durch sexuelle Befriedigung 
aussetzen würde. Die kleine Schachtel symbolisiert hermaphroditische Tendenzen der 
Träumerin, auf die auch die Säulen hinweisen. Gleichzeitig versetzt sie sich an die Stelle der 
Mutter. Ich habe nicht die Absicht, in die Details der sexuellen Bedeutungen dieses 
Traumes einzugehen, sondern will nur auf die Tatsache hinweisen, daß die äußeren Di«? 



mensionen Symbolisierungen der Sexualorgane und Sexualprobleme der Träumerin dar* 
stellen und in unmittelbarem Zusammenbang mit der akuten Übertragungssituation stehen. 
Es ist bemerkenswert, daß auch in diesem Traum die Probleme der Schnelligkeit eng mit 
den Raumproblemen verknüpft sind. Die Träumerin sagt: „Ich war schon eine beträcht* 
liehe Zeit wach gewesen, ehe mir zum Bewußtsein kam, daß da irgendein Widerspruch 
zwischen der Größe der Schachtel und ihrem Inhalt bestand." 

Ich gelange zu dem allgemeinen Schluß, daß Größe und Gewicht von 
Gegenständen, Entfernung und räumliche Dimensionen, Geschwindigkeit, 
Kraft und Bewegung mehr oder weniger zum unmittelbaren Ausdruck der 
libidinösen Gesamtsituation werden. 

Die Raumwahrnehmung ist eine von der libidinösen Struktur des Indi* 
vidiuums abhängige Funktion. Sie wird ständig von Es*Funktionen modifi* 
ziert. Diese wieder sind von der biologischen Situation abhängig. E. R. 
Jaensch hat nachgewiesen, daß eine Funktion, die er als Aufmerksamkeit 
bezeichnet, die Tiefenwahrnehmung modifiziert. Es ist wahrscheinlich, daß 
der okuloxmotorische Apparat hier einen besonderen Einfluß ausübt. Aber 
dieser Apparat steht auch im Dienste des Ichs. Es ist einer der Widersprüche, 
denen wir auch anderswo begegnen, daß der hysteriforme Mechanismus! 
augenscheinlich einen tieferen Einfluß auf den organischen Apparat hat, als 
die mehr aggressiven Mechanismen. Der Konversionsmechanismus gehört 
spezifisch zur Hysterie. Es ist richtig, daß die narzißtische Regression eben»' 
falls den Weg zu organischen Veränderungen eröffnet. Diese Mechanismen 
sind verhältnismäßig selten und beeinflussen hauptsächlich das vegetative 
Nervensystem. Man findet z. B. intestinale Symptome bei Zwangsneurosen. 
Der Einfluß des hysteriformen Mechanismus auf den Körper ist universeller 
und geht in der Mehrheit der Fälle weiter. Bei den im einzelnen besprochenen 
Fällen spielen die Konversionsmechanismen eine große Rolle. Sie beeinflussen 
den Vestibularapparat in seinen peripheren und zentralen Teilen sowie den 
großen Apparat, der der Aufrechterhaltung der Körperstellungen dient. Beide 
Apparate sind als physiologische Grundlagen für die Raumwahrnehmung 
von überragender Bedeutung. 

An der Bildung der Raumwahrnehmung sind psychologische Faktoren be* 
teiligt. Vor allem besteht eine undifferenzierte Beziehung zwischen einer un= 
vollkommen entwickelten Körpervorstellung und dem äußeren Raum. Deut* 
lichere Unterscheidungen werden rings um die Körperöffnungen getroffen. 
Zwischen dem Körper und der Außenwelt liegt eine Zone von Indifferenz, die 
Verzerrungen des Körperraumes und des Außenraumes durch Projektion und 
Appersonierung ermöglicht. Diese Verzerrungen werden im Handeln ständig 
auf ihren Wert geprüft und so korrigiert. Aggressivität kann Objekte näher 
an den Körper heranbringen. Im allgemeinen entwickelt sich der Raum rings 
um die erogenen Zonen in engem Zusammenhang mit den triebhaften Be* 



80 



Paul Schilder: Psychoanalyse des Raumes 



dürfnissen des Individuums. Dieser Raum ist nicht einheitlich und hat geson* 
derte Teile. Unter dem Einfluß der Genitalität werden die einzelnen Raum* 
großen vereinheitlicht. Wenn Raumveränderungen auf der genitalen Stufe 
erlebt werden, bedeuten sie entweder Genitalien oder Personen als Einheiten. 
Die endgültige Abschätzung des Raumes ist abhängig von unserer Schätzung 
der Personen. Daher ist der Raum entschieden ein soziales Phänomen. Es 
lohnt sich, die bisher besprochenen Raumstörungen mit jenen zu vergleichen, 
die bei organischen Gehirnverletzungen beobachtet worden sind. Min* 
kowski hat besonders betont, daß die allgemeine Paralyse und die Korsa* 
koffsche Krankheit bei den Patienten keine Veränderung im subjektiven 
Kern ihrer Erlebnisse bewirken. Um es paradox auszudrücken: die Psyche 
bleibt bei organischer Gehirnerkrankung intakt. Es wird lediglich die äugen* 
blickliche Raumorientierung entstellt. Der Wahrnehmungs* und der Denk* 
apparat liegen an der Peripherie der Persönlichkeit. Mit anderen Worten, bei 
der Paralyse und beim Korsakoff haben wir es mit Störungen im Ich*System 
zu tun. Ich kam zu einer ähnlichen Formulierung in meiner „Psychiatrie 
auf psychoanalytischer Grundlage". 11 Bei Raumstörungen treten dieselben 
Prinzipien in Erscheinung, die wir allgemein im psychischen Leben vor* 
finden Der Raum ist nicht eine unabhängige Wesenheit (wie Kant fälsch* 
lieh meinte), sondern steht in enger Beziehung zu den Trieben, Bedürfhissen, 
Emotionen und Handlungen mit ihren tonischen und phasischen Kompo* 
nenten. 



n) Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. 
Int. Psa. Verl., Wien, 1925. 



Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 

Psychologische Deutung statistischer Daten 



Von 

L. E. Peller*Roubiczek 

Jerusalem 



Vorbemerkung. ■' 

Im folgenden sollen einige neue Ergebnisse der medizinischen Statistik 
mitgeteilt und in ihrer Beziehung zu Einsichten der Psychoanalyse erörtert 
werden. Das Thema, an dem diese Beziehungen aufgewiesen werden sollen, 
steht zwar nicht im Mittelpunkt der psychoanalytischen Forschung, aber hat 
doch innerhalb der psychoanalytischen Literatur gelegentlich und auch in 
letzter Zeit fruchtbare Diskussion erfahren. Ich meine das Problem der 
Selbstmordhandlung. 

Der Selbstmord nimmt in sehr vielen Ländern zu. Manche Länder weisen 
keine Selbstmordstatistik aus, andere geben bloß lückenhafte Daten an. Trotz* 
dem können wir schätzungsweise annehmen, daß in Europa jährlich weit 
über 100.000 Menschen durch Selbstmord enden und viele Hunderttausende 
Selbstmord versuchen. 1 Noch mangelhafter als die Statistik der Tat ist die 
Statistik der Motive. Die Gewinnung dieser Angaben ist mit zu großen 
Fehlerquellen belastet, um einen verläßlichen Einblick in das Geschehen zu 
gewähren. Wer das Wechselspiel des Bw und Ubw kennt, sieht leicht, daß 
die Angaben der Angehörigen oder hinterlassene Briefe nur selten über die 
seelischen Zustände, die zur SMH führten, Aufschluß geben. Bedeutsamer 
sind die Ergebnisse der Statistik, die aus einer Analyse der Zugehörig* 
keit der Selbstmörder zu den verschiedenen biologischen, 
pathologischen und sozialen Bevölkerungsgruppen gewonnen wer* 
den. Dadurch, daß die Statistik die Gruppe und nicht den Einzelnen zum 
Studienobjekt nimmt, ist es möglich, daß sie Tendenzen und Mechanismen 
aufdeckt, die nicht dem Ich sondern tieferen Schichten angehören. Daher 
können ihre Ergebnisse mit psychoanalytischen übereinstimmen. 

Viele psychische, soziale und wirtschaftliche Ursachen werden für den SM 
und seine Zunahme verantwortlich gemacht. Einige, die sowohl in der popu* 
lären Meinung als auch in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder 
auftauchen, sollen hier auch besprochen werden. 



i) Abkürzungen: SMH = Selbsrmordhandlung; SMV = Selbstmordversuch ; SM = 
Selbstmord. 

Imago XXII/l , 



l 



82 L. E. PelIer*Roubiczek 






II. 

SM — ein Krankheitssymptom und Ausdruck hereditärer 

Belastung. 

Viele Kliniker behaupten, der Selbstmörder sei zumeist ein Kranker, u. zw. 
ein Geisteskranker, ein schwerer Psychopath, ein Epileptiker oder mindestens 
ein Alkoholiker. Diese Auffassung beruft sich einerseits auf pathologisch* 
anatomische Befunde, andererseits auf psychiatrische Untersuchungen. Eine 
Reihe von Autoren führt an, daß sich in etwa der Hälfte der obduzierten 
Selbstmörder Veränderungen im Gehirn oder an den Hirnhäuten finden 
(nach Pfeiffer gar in etwa 90% [!]). Diese anatomischen Befunde wären 
an und für sich belanglos, wenn nicht aus ihnen auf Unzurechnungsfähigkeit 
und schwere Beeinträchtigung des Willens geschlossen würde. Es wurde nie 
der Versuch unternommen, diese Schlußfolgerungen durch ähnlich genaue 
Sektionen an Menschen, die sichtlich geistig normal waren und eines natür* 
liehen Todes gestorben sind, zu kontrollieren; sie scheinen daher kaum ver* 
wertbar. Nicht minder extrem waren die Stimmen der Psychiater in der 
Beurteilung der geistigen und seelischen Verfassung SM* Versuchender. Sie 
fanden kaum einen „normalen" Menschen unter ihnen. Auch diese Auf* 
fassung ist unrichtig. Sie ist an einem Material gewonnen, das keinesfalls 
dem Durchschnitt der SM*versuchenden Personen entspricht. Des weiteren 
wurde behauptet, die Selbstmörder wären in der Aszendenz mit SM und 
Geisteskrankheiten stark belastet. Nach einer Untersuchung an über 600 SMV 
kommt S. Fe 11 er zum Ergebnis, daß die Mehrbelastung mit SM in der 
Aszendenz nur gering ist (3 — 4% SM in der Aszendenz des Bevölkerungs* 
durchschnittes, gegen 4 — 5% bei Personen, die SM versuchten). Auch die 
Geisteskrankheiten sind von weit geringerer Bedeutung, als man glaubte. 

Interessant ist die Betrachtung des hereditären Momentes im Zusammen* 
hang mit dem Alter der Suizidanten. Nach S. P e 1 1 e r ist das dritte Lebens* 
Jahrzehnt ein Prädilektionsalter für die SMH. (Das gilt sowohl für die 
geistig Gesunden als für die Geisteskranken und Psychopathen.) Gerade in 
dieser Altersklasse ist — wie er zeigt — die hereditäre Belastung geringer als 
in den anderen. Die Heredität, d. h. die ererbte Disposition ist also 
von der altersbedingten Disposition verschieden. Nur wo die 
altersbedingten Hemmungen gegen eine SMH größer sind, spielt im Material 
Pellers die hereditäre Belastung eine größere Rolle. Er betont allerdings, 
daß in einem Teil der Fälle, die uns als hereditäre Belastung imponieren, nicht 
diese, sondern das elterliche Beispiel (also die Identifizierung mit dem be* 
treffenden Elternteil) wirksam war. 

Man ist zu leicht befriedigt, wenn bei einer Erscheinung angegeben werden 






Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 



83 



kann, sie sei hereditär bedingt. Das vorstehende Beispiel zeigt uns, daß eine 
eingehendere Untersuchung auch dann noch das Wirken anderer, weniger 
fatalistischer Momente aufzeigen kann. 



III. 
Das Alter. 

Die Häufigkeit der SMH in verschiedenen Altersklassen ist ungleich. P. 
spricht nicht nur von ungleicher Häufigkeit äußerer Anlässe und Gründe, 
sondern von einer wechselnden Altersdisposition. Diese Altersdispo* 
sition erreicht für die SMV ihren höchsten Wert in der Zeit zwischen 18 
und 25 Jahren. P. zeigt Parallelen mit einer anderen Tötungsmethode: 

„ . . . beide Geschlechter haben die Eigentümlichkeit, im Alter von 18 bis 23 Jahren 
auf Erlebtes und Aggression viel heftiger zu reagieren und das eigene Leben viel leichter 
aufs Spiel zu setzen als vor* oder nachher. Man kann das aus dem Verhalten der 
Männer im Krieg ersehen. Im Kriege brachten die 18* bis 23jährigen die meisten Opfer, 
sie hatten mehr Verluste als die 24* bis 29jährigen, obwohl diese länger im Felde standen 
und die besonders verlustreiche Zeit des Kriegsbeginnes im Felde mitgemacht, also mehr 
Gelegenheit zu tödlichen Verlusten hatten" .... „Der Unterschied erklärt sich mit der 
altersbedingten Ungleichheit der Aktivität, die den Heldentod eine Alterskurve be* 
schreiben läßt, welche der auf Grund der Statistik der SMV von mir ermittelten Kurve 
ähnlich ist. Das Alter der 18* bis 23jährigen ist das Alter der wenig überlegten, rasch 
beschlossenen Handlungen, das Alter der meisten SMH und der größten Kriegsopfer, 
wahrscheinlich auch der meisten Tapferkeitsauszeichnungen, der revolutionärsten Stim* 
mung, der radikalsten Gesinnung, kurz der größten Bereitwilligkeit, das eigene Leben aus 
Begeisterung wie aus leicht eintretender Enttäuschung einzusetzen . . ." 

„Die meisten SMH der 18* bis 23jährigen sind Affekt handlungen, bei denen (aller* 
dings noch im letzten Moment ein Zurück möglich ist. Bei den Kriegshandlungen ist dieses 
Zxtrück nicht mehr vom eigenen Willen abhängig gewesen, denn erstens entfiel die aus 
dem Alleinsein des SM*Versuchenden sich ergebende Hemmung, zweitens lag das Mord* 
mittel nicht in der Gewalt des sich der Gefahr mehr als notwendig aussetzenden Soldaten." 

Der Gedanke, daß mancher Heldentod einem unbewußt gewollten SM 
nahesteht, stammt von Freud. Er erwähnt die Geschichte eines Offiziers, 
der durch einen „unbewußt zugelassenen SM" bei einem Wettrennen endet. 
Schon früher litt derselbe Mann an tiefen Depressionen, äußerte Lebensüber* 
druß und wollte an einem Krieg in Afrika teilnehmen, der ihn sonst gar nicht 
berührte. Freud bemerkt hiezu: Daß die Situation des Schlachtfeldes eine 
ist, die der unbewußten SM*Absicht entgegenkommt, die doch den direkten 
Weg scheut, ist einleuchtend. Man darf in diesem Zusammenhang auch der 
Worte gedenken, mit denen in Schillers „Wallenstein" der schwedische 
Hauptmann den Tod Max Piccolominis schildert: „Man sagt, er wollte 
sterben". 



84 L. E. Peller*Roubiczek 



i 



Auch die Kurve für vorsätzliche Körperverletzung und Mord hat ihren 
Gipfel in der gleichen Altersgruppe. 

Die Parallele umfaßt nicht die vollendete SMH, d. h. den SM. Die 
Altersverteilung der Selbstmorde ist eine völlig andere: SM nehmen mit 
dem Alter beim Manne ständig, wenn auch langsam zu. Der SM der Frau 
ist im dritten Jahrzehnt häufiger als im vierten, fünften und sechsten Lebens* 
dezennium und steigt erst nachher stärker an. Der SM ist häufig keine Affekfc* 
handlung, sondern eine wohl überlegte und daher mit entsprechender Um* 
sieht ausgeführte Handlung. Das Resultat der SMH (ob SMV oder SM) 
deckt sich sicherlich nicht immer mit der bewußten Absicht, : die vorlag. Es 
ist daher genau genommen nicht richtig, Selbstmordversuche als „mißglückte" 
Selbstmorde zu bezeichnen; in den meisten Fällen war nur diese Attacke auf 
die eigene Person geplant, nicht aber deren Vernichtung. Besonders häufig 
sehen wir das bei Frauen. Anders ist es mit den Selbstmorden. Unter diesen 
mag sich so mancher mißglückte SMV verbergen. (Freud weist darauf hin, 
daß wohl jeder kindliche SM ein mißglückter SMV ist, und das mag auch für 
manche Selbstmorde Erwachsener gelten.) 

IV 
Letaler Unfall und Selbstmord. 

Der SM erscheint vom freien Willen des betreffenden Menschen abhängig, 
während der Unfall der eigenen Willenssphäre völlig entrückt ist. Die heutige 
offizielle Psychologie hat danach keine Veranlassung, Unfälle im Zusammen* 
hang mit Selbstmorden zu betrachten. Freud 2 dagegen meinte schon 1904: 
„Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung 
... glaubt, der wird dadurch vorbereitet anzunehmen, daß es außer dem 
bewußt absichtlichen Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung — 
mit unbewußter Absicht — gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszu* 
nützen und sie als halb zufällige Verunglückung zu maskieren weiß." 

Es ist bekannt, daß zu Zeiten von Kriegen, Revolutionen, Unruhen die SM 
abnehmen. Für diese Tatsache sind eine Reihe von Erklärungen gegeben wor* 
den, die in verschiedenen Worten Ähnliches aussagen. So Picard: „Die 
großen sozialen Bewegungen, die Kriege, beleben das Gemeinschaftsgefühl 
(les sentiments collectivs)' 6 oder Delannoy: „Die Flucht aus dem schmer* 
zenden Ich erfolgt da eben unblutig in das Wir, statt blutig in das Nicht* 
sein". Die psychoanalytische Überlegung empfiehlt etwa folgende Formu* 
lierung: In solchen Zeiten findet die Aggression genügend Ventile nach 

2) Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Ges. Sehr., Bd. IV, S. 481 ff. 






Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 85 



außen (sei es im aktuellen Kampf, sei es im Miterleben desselben) und sie 
kann daher seltener mit jenen Energiebeträgen, die zur Ausführung eines 
Selbstmordes erforderlich sind, gegen die eigene Person gerichtet werden. 

Peller 8 konnte kürzlich besonders deutlich einschlägige Daten ermitteln: 
Er zeigte, daß im Jahre 1929 — in dem es zu schweren Ausschreitungen der 
Araber in ganz Palästina gekommen war — die Selbstmordfrequenz bei den 
Juden TekAvivs und Jaffas geringer war als in den Vorangegangenen und als 
in den nachfolgenden Jahren (1925 — 1932). Diese Verringerung ist n u r da* 
Idurcli entstanden, daß in den viereinhalb Monaten nach' den August* 
pogromen sich kein einziger Selbstmordfall ereignete. Vor dem Pogrom war 
das Jahr 1929 nicht selbstmordarm. Merkwürdigerweise bestand diese völlige 
„Immunität" nach dem Pogrom eine Zeitlang auch dem letalen Un* 
fall gegenüber. Zweieinhalb Monate lang ereignete sich kein einziger 
letaler Unfall! 

Ira Jahr 1933 brach eine ungeheure Katastrophe über die deutschen Juden 
herein. In Palästina weckte sie Gefühle regster Anteilnahme und des Kampf* 
willens gegen jene, die ihre Konnationalen bedrängten. Mit diesen Gefühlen 
erklärt P e 1 1 e r die Feststellung, daß die SM*Ziffer im Jahre 1933 um zwei 
Drittel gesunken ist. Im Jahre 1934 war die seelische Reaktion bereits abge* 
klungen, das „normale" Denken und Fühlen hatte gesiegt und die Zahl der 
Selbstmorde konnte wieder ansteigen. Wie gestaltete sich die Unfallshäufig* 
keit im Jahre 1933? Sie hat nicht abgenommen. Das beweist jedoch nicht, 
daß obige Feststellung für das Jahr 1929 zufällig war. Beim Unfall spielen 
äußere und innere Momente eine Rolle. Im Jahre 1933 war die Bautätig* 
keit stark angestiegen, der Straßenverkehr nahm einen katastrophalen Umfang 
an. Die rapid zunehmende Anzahl motorisierter Vehikel in den engen und 
gewundenen Straßen bei noch kaum geregeltem und bewachtem Verkehr 
bedeutete vor allem für den orientalischen Teil der Bevölkerung, für die 
Kinder und Jugendlichen, eine solche Steigerung der objektiven Gefahren* 
quote, daß die Zahl der Unfälle trotz Verringerung des subjektiven Anteiles 
in die Höhe schnellen mußte. Im nächsten Jahre (1934) ist die Unfallsziffer 
viel größer und auch die Zahl der Selbstmorde trotz Hochkonjunktur fünfmal 
größer als im Jahre 1933 und größer als in einem der früheren Jahre. (Selbst« 
verständlich muß auch berücksichtigt werden, daß die Bevölkerung in den 
Jahren 1925 bis 1934 stark gewachsen ist. In den beiden beobachteten Städten 
gab es im Jahre 1925 etwa 40.000, im Jahre 1934 etwa 110.000 Juden.) 

In Tel* Aviv und Jaffa gab es innerhalb der jüdischen Bevölkerung gewalt* 
same Todesfälle pro Jahr: 

3) S. Peller: Selbstmord und letaler Unfall bei den Juden TekAvivs und Jaffas.' 
Harefua 1935; 



86 




L. E. 


Peller=Roubiczek 






Bevölkerungs- 
zahl 


A) 

Siehe« 

rer 
Selbst« 
mord 


B) 
Als 
Unfall 
ausge- 
wiesen 


C) 
unent« 
schie- 
den, ob 
Aod.B 


A + B 

+ c 


Bemerkungen 


1925 (Konjunktur) 


40.000 


2 


9 


3 


14 


viel Bautätigkeit 


1926 (Krise, Ab. 
Wanderung) 


ca.35.000 


10 


15 


10 


35 


geringe Bautätigkeit 


1927/28 (Depres* 

sion) - • ■ ■ 
1929 (Pogrom) • • 
1930/32 (Stagnation; 
1932Konjunk« 
turbeginn) • 


langsam 

ansteigend 

(42.000) 

(1931: 
50.000)* 


10,5 
6(1) 

11 


9.5 

7 

10 


2 
8 

5 


22 

21 

26 


davon 18 vom 1. 1.— 15. VIII. 

3 voml5.VIII.-31.XII. 


1933 (Umsturz in 
Deutschland, 














Konjunktur 
in Palätina) • 


80.000 


3(!) 


14 


3 


20 


überstürzte Bautätigkeit 


1934 (Hochkonj.) 


110.000 


15 


32 


13 


60 


i» »» 



• TeLAviv allein (nach Censu») 1931 : 46.000 Einwohner. 

Peller schließt: 1. Große Gemeinschaftssorgen, die jeder mitempfindet, 
verdrängen und unterdrücken den individuellen Kummer. Soweit sie nicht 
Resignation, sondern Kampfgefühle wecken, setzen sie die SM^Bereitschaft 
herab. 2. In einem Teil der „letalen Unfälle" verstecken sich Selbstmorde. 
3. Für die Häufigkeit der wirklich ungewollten Unfälle spielt neben dem 
objektiven externen Faktor die seelische Konstellation des Unfallbedrohten 
eine (große Rolle. 

V. 

Menstruation. 

Verschiedene Autoren weisen darauf hin, daß Selbstmorde bei Frauen 
während der Menses häufiger sind als in der übrigen Zeit. P e 1 1 e r bezweifelt 
dies auf Grund einer Studie an etwa 700 Fällen. Er fand, daß die Menstrua* 
tionszeit im Durchschnitt weniger Selbstmordhandlungen pro Tag auf* 
weist als die intermenstruelle Zeit. Die Menstruationszeit ist vom zweiten 
Tage an ausgesprochen a r m an Selbstmordhandlungen, und bloß der erste 
Blutungstag zeigt eine sehr hohe Frequenz. Dieser Tag schließt die an SMH 
reichste Zeit, i. e. die letzten prämenstruellen Tage, ab. In der prämenstruellen 
Woche steigt die Zahl der SMH von Tag zu Tag und erreicht den Kulmina* 
tionspunkt während des ersten Menstruationstages, worauf sich die Frequenz 
sturzartig vermindert. Ein Teil der SMH, die in den Krankengeschichten als 
am ersten Blutungstag vollbracht ausgewiesen werden, dürfte in Wirklichkeit 






Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 



87 



in den letzten Stunden vor der Blutung 4 , d. h. noch im Prämenstruum vorge* 
nommen worden sein. Der Kulminationspunkt liegt also nicht nach, son* 
dem knapp vor Beginn der Blutung. Pell er spricht von einer Psy«= 
chosis praemenstrualis, deren Erscheinungen mit dem Eintreten der Blutung 
wie mit einem Schlage aufhören. Er verschiebt den Schwerpunkt von der 
Menstruation, die in der klinischen Medizin eine große Rolle spielt (Psy* 
chosis menstrualis) in die Prämenstruationszeit Er schließt ferner, daß, so<* 
weit SMH doch auch nach eingetretener Blutung ausgeführt werden, ihre 
Ernstlichkeit weit größer ist, d. h. daß sie öfter letal ausgehen, als die im 
Prämenstruum begangenen. Die intermenstruellen SMH sind häufiger Affekte 
handlungen — durch die Spannung, die den Menses vorangeht, hervorge* 
rufen; die intramenstruellen sind häufiger wohlüberlegt und sachlich ausge* 
führt. Auch dieser statistische Befund steht mit Einsichten der Psychoanalyse 
in guter Übereinstimmung 5 . 

VI. 
Soziale Faktoren. 

Zum Schluß einige Beobachtungen, deren psychoanalytische Deutung zum 
Teil noch ausständig ist. P e 1 1 e r studierte den SM bei Hausgehilfinnen und 
Prostituierten. Die Prostituierten sind der SM*reichste Beruf. Aber nicht in 
allen Altersklassen ist es so. Die äußerst ungünstige Stellung der Prostituierten 
in der SM*Skala ist ausschließlich Sache der 20* bis 29jährigen (in diesem 
Alter gibt es zehnmal soviel SMH als bei anderen Frauen), also jenes Alters, 
das für alle Frauen das kritische SM* Alter ist. „Im Laufe der letzten Jahre 
ereignete sich in Wien kein einziger SM bei noch nicht 20 und bei über 30 
Jahre alten Prostituierten. Ja bei jugendlichen und bei über 50 Jahre alten 
Prostituierten gab es auch keinen SMV." Dies war nicht immer so. Vor 
dem Kriege gab es auch Selbstmorde und Selbstmordversuche bei Jugend* 
liehen Prostituierten. Der Unterschied wird darin gesehen, daß es früher eine 
Kasernierung gegeben hat, die den Prostituierten jede persönliche Ffeiheit 
nahm. 

Wir erinnern uns dabei der psychoanalytischen Auffassung, daß die SMH 
einen Teil der zur Ausführung nötigen Affektbeträge von dem Haß einer 
anderen Person gegenüber beziehe. Der Zustand halber Sklaverei, in dem 
die Prostituierte früher lebte, erklärt sowohl die Affektdurchbrüche, als auch 

4) Zwischen Tat und Einlieferung ins Spital vergehen in der Regel einige Stunden, 
zwischen Tat und Tod einige Stunden oder Tage. In dieser Zwischenzeit tritt häufig die 
Blutung ein. 

5) Vgl. K. Horney: Die prämenstruellen Verstimmungen. Ztschr. f. psa. Päd., Bd. V, 
1931, S. 161 ff. 



88 L. E. Peller*Roubiczek 



die Unmöglichkeit, den entwickelten Haß anderen gegenüber in dosi com- 
pleta oder refracta zu entladen. 

Anders liegen die Verhältnisse bei den Hausgehilfinnen, deren kritisches 
SMAlter zwischen 15 und 20 Jahren liegt. In diesem Alter ist der SM bei 
Hausgehilfinnen viermal häufiger als bei anderen Frauen. Der SM wird von 
vielen Autoren als ein Zeichen der Degeneration der Stadtbevölkerung hin* 
gestellt. (SM sind in der Stadt tatsächlich viel häufiger als auf dem Lande.) 
Aber die Hausgehilfinnen entstammen zum größten Teil ländlichen Kreisen 
und kommen meist erst zwischen dem 14ten und löten Jahre in die Stadt. Sie 
passen sich nur langsam den Anforderungen des Hausgehilfinnendaseins, 
das von den Lebensgewohnheiten des Landkindes völlig abweicht, an. Die 
Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, kontrastieren mit den Er* 
Wartungsvorstellungen, mit denen sie in die Stadt kamen. So finden wir auch 
hier das Moment der Niveaudifferenz zwischen Erwartung und Er* 
füllung und den Kontrast ihres Lebensstandards mit dem der unmittel* 
baren Umgebung, in der sie leben (die „Tantalussituation" Bern fei ds) e . 
Der SM ist hier — ähnlich wie bei den jüngeren Prostituierten — „das Sym* 
ptom der noch nicht vernichteten Reaktionsfähigkeit" (Pell er). Diese Re* 
aktionsfähigkeit nimmt später ab, eine Anpassung, auch an noch so widrige 
Lebensbedingungen, findet statt. Daher stellen ältere Hausgehilfinnen kein 
großes SM*Kontingent. 

Ähnlich führen auch Zeiten chronischer Arbeitslosigkeit zu keiner 
nennenswerten Erhöhung der SM*Frequenz (dieser Zusammenhang wird von 
einigen Autoren angenommen). Zeiten plötzlicher Übergänge im Wirtschafts* 
leben dagegen führen eher zu bedeutender Vermehrung der Selbstmorde, 
gleichviel ob es sich um Veränderungen ad pejus oder ad melius handle. 
Dies erscheint im ersten Augenblick befremdend; aber Zeiten der Hochkon* 
junktur geben dem einzelnen Anlaß zu großartigen Hoffnungen, denen dann 
in vielen Fällen schwere Enttäuschungen folgen, die umso bitterer empfunden 
werden, als daneben manche glänzende Erfolge des Nebenmenschen stehen. 
Nur selten treibt Not und Mangel, weit häufiger Enttäuschungen und Deklas* 
sierüng in den SM. Diese Beobachtung P e 1 1 e r s widerspricht zwar den „Be* 
weggründen" der offiziellen SM*Statistik, aber sie scheint mit der psycho* 
analytischen Auffassung von der Bedeutung jener Gründe, die den SM aus* 
lösen, in Übereinstimmung zu stehen. Ähnliche Umstände sind dafür ver* 
antwortlich, daß der SM bei Wohlhabenden häufiger ist als bei Armen. Der 
Arbeiter, der seine Arbeitsstelle verliert, geht materiellen Nöten entgegen, 
aber keiner sozialen Degradierung wie der Angehörige des Mittelstandes im 

6) Vgl. S. Bernfeld: Die Tantalussituation. Bemerkungen zum „kriminellen Über* 
Ich". Imago, Bd. XVII, 1931, S. 252 ff. 



Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 



89 



gleichen Fall. Die Bedeutung der sozialen (nicht wirtschaftlichen) Faktoren 
ersieht man auch daraus, daß der SM, der früher vorwiegend eine Ange* 
legenheit der Männer war, immer mehr auch die Frauen erfaßt. Während in 
den Neunziger] ahren auf 100 männliche SMH 32 weibliche kamen, waren es 
1926/30 bereits 107(1). Besonders auffällig waren die Veränderungen bei den 
Jugendlichen. Die Zahl der jugendlichen männlichen Selbstmörder hat in 
Wien nach dem Krieg stark abgenommen, während in der gleichen Zeit 
die Zahl der 15* bis 20jährigen weiblichen Selbstmörder angestiegen ist. 
Gleiche Berechnungen liegen für Paris, Lyon und Warschau vor. Es sind 
dies Folgen der wachsenden individuellen Schwierigkeiten, die mit der gesell* 
schaftlichen und geschlechtlichen Emanzipation der Frau zusammenhängen. 

Es ist üblich, beim SM und SMV von einer „Überwindung des Selbst* 
erhaltungstriebes" zu sprechen. Sicherlich ist damit nichts erklärt, aber auch 
im beschreibenden Sinne ist diese Formulierung falsch. Wären die SMH ein 
Ausdruck des überwundenen Selbsterhaltungstriebes, so müßte auf viele 
„mißglückte" SMV ein zweiter und dritter Versuch folgen — bis eben das 
Ziel, die Selbsttötung, erreicht oder eine Änderung der Faktoren, die zum 
SM führten, eingetreten ist. Die Statistik zeigt aber, daß SMV fast nur von 
Psychopathen, Geisteskranken und Melancholikern wiederholt werden. 
Schaltet man diese aus, so ist die Wiederholung überaus selten (etwa einmal 
unter zehn Fällen), sicherlich weit seltener, als es der Änderung der äußeren 
Lebensverhältnisse, der affektiven Beziehungen usw. entspräche. 

Die Gründe, die erklären, warum ein Einzelner eine SMH begangen hat, 
kann uns nur die Psychoanalyse aufdecken. Die Statistik hingegen zeigt uns 
die Tatsache, daß bestimmte biologische oder soziale Gruppen SM*reicher 
sind als andere. Weisen die im Vorstehenden besprochenen Gruppen gemein* 
same Züge auf, die demnach als SM*f ordernd anzusprechen sind? Als 
solche Züge (die aber nicht Vollzählig in jedem Fall vorhanden sind) möchte 
ich nennen: 1. Jähes Hereinbrechen eines Leides, 2. krasser Gegensatz der 
gegenwärtigen Lage zur früheren, 3. krasser Gegensatz zwischen der eigenen 
Lage und der Lage der nächsten Menschen, 4. Unmöglichkeit, die gestaute 
Aggression auf einem anderen Weg zu entladen, 5. psychische Infektion. 
1, 2 und 3 treffen bei SMH aus wirtschaftlichen Gründen zu; 1 bei den SMH 
Jugendlicher; 2 verantwortet den Gipfel der weiblichen SMH im dritten 
Lebensjahrzehnt; 3 finden wir bei den jugendlichen Hausgehilfinnen; 4 bei 
den kasernierten im Gegensatz zu den nicht kasernierten Prostituierten. 
Ebenso erklärt dieser Punkt den Abfall der SMH bei Revolutionen und 
Kriegen, ferner den Abfall bei den palästinensischen Juden im Jahre 1933 
und den gleichzeitigen Anstieg der SMH bei den Juden in Deutschland. 
5 spielt bei jenen Fällen des Todes am Schlachtfeld, die larvierte SM sind, 



90 L. E. Peller*Roubiczek: Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung 



ferner bei den durch Lektüre ausgelösten SMH und bei den SM*Epidemien 
eine |Rolle. 

Wir fassen zusammen: Eine Reihe von Zusammenhängen, die die Psycho* 
analyse kannte und mit denen sie bisher allein und in Widerspruch zu den 
herrschenden Auffassungen stand, erfahren durch die statistischen Unter* 
suchungen Pellers Bestätigung und Ergänzung. Sie dürfen unser Interesse 
umsomehr beanspruchen, als sie mit völlig anderer Methodik und in Un* 
kenntnis der psychoanalytischen Anschauungen gewonnen wurden. 

Literatur : 

Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Ges. Schriften, Band IV. 

— Zeitgemäßes über Krieg und Tod, Ges. Schriften, Band X. 

— Trauer und Melancholie, Ges. Schriften, Band V. 

Über den Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord. Diskussion der Wiener Psycho* 

analytischen Vereinigung, Wien 1910. Vgl. auch Ztschr. f. psa. Päd., Bd. III, 1929. 
J. Fried jung: Zur Frage des Kinderselbstmordes. Zeitschrift für Kinderforschung, 

XXXVI, 1930. 
K. Horney: Die prämenstruellen Verstimmungen, Ztschr. f. psa. Päd., V, 1931. 
W. Mc. Dougall: An Outline of Abnormal Psychology, 1926. 

R. Dreikurs: Zur Frage der Selbstmordprophylaxe, Allg. Zeitschr. f. Psych. 1930. 
Löwenberg: Selbstmord in Hamburg in den letzten 50 Jahren (Veröffentl. aus dem 

Gebiet der Medizmalverwalt.), Berlin, 1932. 
Mönkemöller: Selbstmord, Handwörterbuch d. Soz. Hyg., Grotjahn*Kaup, 1912, 

Band II. 
K. A. Menninger: Psycho* Analytic Aspects of Suicide, Internat. Journ. of Psycho* 

Analysis, Vol. XIV, 1933. '. 

S. Peller: Statistik der Selbstmordhandlung, Allg. Statist. Archiv, 1932. 

— Über die weibliche Selbstmordhandlung, Arch. f. Frauenkunde u. Konstitution** 
forschung, VIII, 1932. 

— Selbstmord und Geisteskrankheiten in der Aszendenz, Biol. Heilkunst, H. 27, 1933. 

— Menarche, Menstruation und Selbstmordhandlung, Wr. Med. Wochenschrift, Nr. 7/8, 
1935. 

— Selbstmord und letaler Unfall bei den Juden Tel*Avivs und Jaffas, a) Vortrag in 
der Gesellschaft für soz. Biologie und Pathologie, Jerusalem, Februar 1935 ; b) Haref ua 
1935. 

G. Zilboorg: Zum Selbstmordproblem, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 



Verbrechen aus Heimweh 
und ihre psychoanalytische Erklärung 

Vpn 

Wilhelm Nicolini 

Die stetig fortschreitende Entwicklung des Strafrechts hat es mit sich ge* 
bracht, daß die Tat mehr und mehr hinter den Täter zurücktritt. Ist also der 
Täter in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt, dann muß man sich 
auch mit besonderer Intensität der Erforschung aller Umstände widmen, 
die zur Straftat geführt haben und in der Person des Täters begründet 
sind. Bisher hat man sich im allgemeinen damit begnügt, nach einem be* 
wußten Motiv zu forschen und zu prüfen, ob die Tat in einem Zustande von 
Bewußtlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistestätigkeit geschah, durch 
welchen die freie Willensbestimmung des Täters ausgeschlossen war. Gerade 
bei absonderlichen Verbrechen wird man sich fragen müssen, ob solche von 
der ratio gegebenen Motive noch eine hinreichende Erklärung bieten. 

Für unseren besonderen Fall müßte also die Frage etwa lauten: Warum 
begehen gewisse Personen aus Heimweh Verbrechen, obwohl sie die Mög* 
lichkeit haben, einfach nach Hause zurückzukehren? Soweit diese Möglich* 
keit nicht besteht, sind etwaige Straftaten weniger absonderlich, weil hier ja 
schon die Psychologie des Bewußten eben in dem Hindernis und seiner Be* 
seitigung durch die Straftat eine genügende Motivierung zu finden glaubt. 
Aber auch hier besteht immerhin ein Zvlißverhältnis zwischen Ursache 
(Heimweh) und auslösendem Moment (Kleinlichkeiten des Alltags) einer* 
seits und der Größe der Straftat andererseits. Die Deutung, die im folgenden 
für den absonderlicheren Fall gegeben wird, trifft in abgeschwächtem Maße 
auch für diese zweite, verständlichere Art von Straftaten zu. 

Bei den Verbrechern aus Heimweh handelt es sich ausschließlich um 
Jugendliche und hierbei durchweg um Mädchen, die entweder kurz vor der 
Pubertät stehen oder bei denen die Pubertät gerade begonnen hat. Man hai) 
zwar versucht, die Verbrechen aus Heimweh damit zu erklären, daß die 
mächtigen physiologischen Veränderungen, von denen die Pubertät begleitet 
wird, bei den Täterinnen zur Bildung von Monomanien geführt oder ein 
impulsives Irresein heraufbeschworen hätten. Aber diese Erklärungen können 
nicht restlos befriedigen. Denn damit wissen wir immer noch nicht, weshalb 
andere Personen, die ebensolchen physiologischen Veränderungen unter* 
worfen sind, auf ihr Heimwehgefühl nicht auch mit einem Verbrechen rea* 
gieren. Es muß also noch ein gewisses Etwas sein, das bei dem Täter aus* 
lösend wirkt. Man kann die ganze reichhaltige Heimwehliteratur, die bereits 



92 Wilhelm Nicolini 



im Jahre 1678 in Basel mit einer Dissertation „De Nostalgie" von Johann 
Hof er beginnt, durchgehen und wird feststellen müssen, daß dieses aus* 
lösende Moment im Bewußtsein des Täters mit den Mitteln der Psychiatrie 
bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Man muß daher einen anderen 
Weg einschlagen, um Verständnis für die Verbrechen zu gewinnen, die aus 
Heimweh begangen werden. Diesen Weg weist uns die Psychoanalyse. 

Bevor wir aber diese psychoanalytische Lösung geben, sind zunächst zwei 
andere, grundsätzliche Fragen zu erörtern: 1. das Verhältnis der Psycho* 
analyse zur Kriminalität überhaupt, 2. ihre Anwendung speziell bei Jugend* 
liehen. Das Resultat dieser Stellungnahme sei vorab wiedergegeben. Im Hin* 
blick auf das Hauptthema und die zahlreiche Literatur, besonders zur ersten 
Frage, kann naturgemäß die Behandlung der beiden Fragen kürzer gefaßt 
werden. 

Die Psychoanalyse wird ihre kriminalistische Verwertbarkeit in der Praxis 
erst noch erweisen müssen; denn die wenigen Ansätze, die bisher zu einer 
tiefenpsychologischen Betrachtung und Aufklärung von Kapitalverbrechen 
sowie zur Behandlung von Kriminellen gemacht und kaum von erheblichen 
Erfolgen begleitet worden sind, können für eine Entscheidung über die prak* 
tische Brauchbarkeit der Psychoanalyse nicht herangezogen werden 1 . Die 
Analyse eines Kriminellen von Lippmann 2 beispielsweise konnte nicht 
zu Ende geführt werden, und dem Psychoanalytiker in dem von Prinz* 
hörn 8 erwähnten Falle des Massenmörders A. war eine persönliche Füh* 
lungnahme mit dem Täter versagt worden. Eine Entscheidung über den prak* 
tischen Wert oder Unwert der Psychoanalyse könnte erst dann getroffen wer* 
den, wenn man ihr bei dem einzelnen analysenbereiten (worüber noch an 
anderer Stelle Ausführungen gemacht werden sollen) Rechtsbrecher min* 
destens die gleiche Möglichkeit der Beobachtungsweise und *dauer ein* 
räumen würde, die dem Psychiater bisher schon in § 81 D. StPO. für die 
Vorbereitung eines Gutachtens über den Geisteszustand eines Angeschul* 
digten mit dessen Unterbringung in einer öffentlichen Irrenanstalt bis zu 
sechs Wochen zugebilligt wird. 

Gegen die Verwendung der Psychoanalyse auf forensischem Gebiet wer* 
den hauptsächlich zwei Einwendungen erhoben: gegen die Dauer und gegen 
das spezielle Anwendungsgebiet der Psychoanalyse. Nach dem maßgebenden 

i) Reik, Theodor, „Geständniszwang und Straf bedürfnis", S. 102; Mezger, „Mo* 
derne Straf rechtsprobleme", S. 26; Plaut, „Forensische Psychologie" in „Krimina* 
listische Monatshefte", 1927, Heft 2, S 36. 

2) Lippmann, „Analyse ein«s Kriminellen" in Stekels „Fortschritte der Sexual* 
Wissenschaft und Psychanalyse", Bd. II, S. 288 ff. 

3) Prinzhorn, „Psychoanalyse und Rechtsprechung" in „Deutsche Richterzeitung", 
1926, Heft 9, S. 298. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 



93 



Urteile Freuds dauert eine Analyse immer Monate, ja ein Jahr und länger, 
ehe alle wesentlichen Situationen erfaßt sind. Demgegenüber können wir 
darauf hinweisen, wie auch C o e n e n 4 es bereits getan hat, daß es sich hierbei 
um die Dauer der „Therapie" handelt, daß aber die Erforschung der unbe* 
wußten Motive, die eine der wesentlichsten Aufgaben einer forensischen Ana* 
lyse darstellt, vielfach in erheblich kürzerer Zeit bewältigt werden kann. 

Was nun das spezielle Anwendungsgebiet der Psychoanalyse anlangt, so 
ist bisher keine restlose Erklärung der von Freud „narzißtische Neurosen" 
genannten Psychosen gelungen und wird vielleicht auch nicht gelingen, 
wenigstens solange nicht, als man die bisherige Methode beibehält 5 ; aber 
die Zahl dieser Psychosen ist doch nur gering im Verhältnis zu der überaus 
großen Menge der Rechtsbrecher mit „geminderter Zurechnungsfähig* 
keit". Wir können die Behauptung aufstellen, daß gerade die Psychoanalyse 
dazu berufen ist, diese Art von Rechtsbrechern unserem Verständnis näherzu* 
bringen. Der Begriff der geringeren oder größeren „geminderten Zurech* 
nungsfähigkeit" sagt für eine Gradbestimmung der psychopathischen Mindere 
Wertigkeit herzlich wenig 6 . Dagegen ist die Psychoanalyse auf Grund ihrer 
Kenntnisse von den dahinter wirksamen psychologischen Mechanismen in 
der Lage, die geistigen Störungen und Abwegigkeiten nicht nur der Art, son* 
dem innerhalb der gleichen Art auch dem Grade nach zu bestimmen. Diese 
Bestimmung ergibt sich aus der Intensität oder Quantität, mit der die ein* 
zelnen Komponenten des menschlichen Trieblebens aufeinander und auf die 
Einflüsse der Außenwelt reagieren 7 . Und zwar wird von manchen Autoren 
in grober Schematisierung behauptet, der Grad der Abwegigkeit wachse mit 
dem Widerstand gegen die Heilung während der Analyse, so daß wir sagen 
könnten: Je größer der Widerstand, der zu überwinden ist, desto größer sei 
auch die Abweichung vom Normalen 8 . 

Erst recht aber erfordert die Aufdeckung der wahren Verbrechensmotive 
eine forensische Verwertung der Psychoanalyse. Nach den eigenen Angaben 
ihres Begründers 9 will die Psychoanalyse keine vollständige Theorie des 
Seelenlebens überhaupt geben, sondern lediglich eine Ergänzung unserer bis* 
herigen Kenntnisse darstellen. Diese Ergänzung gibt sie durch die Auf* 



4) Coenen, , .Straf recht und Psychoanalyse" in „Strafrechtliche Abhandlungen", Heft 
261, S. 88. 

5) Freud, „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", S. 447, 476. 

6) Alexanderund Staub, „Der Verbrecher und seine Richter", S. 24; Lung* 
witz, „Psychoanalyse und Kriminalität" in Gross' „Archiv für Kriminologie", Bd. 77, 
S. 304. 

7) Freud, „Vorlesungen. . . .", S. 394, 395. 

8) Alexander und Staub, a. a. O., S. 24; Coenen, a. a. O., S. 29. 

9) Freud, „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung", S. 52, 53. 




deckung des Unbewußten und der in ihm wirkenden Kräfte. Insofern ist 
sie für die moderne Psychologie und insbesondere für die Kriminalpsycho* 
logie unentbehrlich 10 , weil die bewußte Motivation sich, wie wir gerade in 
den letzten Jahren immer wieder haben feststellen können, bei einer Reihe 
von Kapitalverbrechen mit Rücksicht auf deren auffallende Unlogik als un* 
zulänglich erwiesen hat. Selbst den Tätern, die wohl um ihre Tat wissen, 
also nicht unzurechnungsfähig sind, bleibt der Antrieb zur Tat unbewußt; 
sie empfinden ihre Tat als etwas ihnen Fremdes und versuchen nachträglich 
rückschauend dafür eine mitunter dürftige bewußte Motivierung zu finden, 
die als erschöpfendes Geständnis gewertet wird 11 . Das bestärkt uns jedoch in 
der Annahme, daß auch bei den übrigen Straftaten die wahren Motive viel* 
fach aus dem Unbewußten heraus wirken und deshalb mit den bisherigen 
Mitteln forensischer Psychologie und Psychiatrie nicht erkennbar sind 12 . Aus 
dieser Erwägung verlangen nicht nur analysenfreundliche Psychiater, son* 
dem auch Kriminalpsychologen, überhaupt Strafrechtler, immer wieder nach 
der Heranziehung der „Tiefenpsychologie" bei der Erforschung des Rechts* 
ibrechers 13 . 

Ein weiterer Gesichtspunkt, von dem aus die Psychoanalyse erhöhte straf* 
rechtliche Bedeutung gewinnt, ist die Prophylaxe. Die latente Kriminalität, 
die in uns allen ruht und die uns durch den Traum erkenntlich wird, läßt es 
uns angebracht erscheinen, namentlich bei gefährdeten Jugendlichen, und 
hier insbesondere bei Fürsorgezöglingen und erstmalig Bestraften, durch eine 
Analyse spezialprävenierend zu wirken 14 . Voraussetzung für den Erfolg einer 
' solchen wie einer jeden Analyse wäre, daß der zu Analysierende über die not* 
wendige Intelligenz verfügt, um für eine solche Behandlung die erforderliche 



10) Schultz^Hencke, „Einführung in die Psychoanalyse", S. 374; Mezger, 
„Psychoanalyse und strafrechtliche Schuld", S. 186, 187; v on As t er, „Psychoanalyse", 
S. 39, 100. 

n) Reik, „Geständniszwang und Strafbedürfnis", S. 113, 114, 128; „Der unbekannte 
Mörder", S. 29, 59, 144; Lungwitz, a. a. O.; Coenen, a. a. O-, S. 39, 81. 

12) Coenen, a. a. O., S. 91; Hafte r, „Psychoanalyse und Strafrecht", S. 3,5; Reik, 
„Der unbekannte Mörder" S. 40. 

13) Birnbaum, „Die psychopathischen Verbrecher", S. 158; Coenen, a. a. O., S. 94; 
Frank, Ludwig, „Seelenleben und Rechtsprechung", S. 406; Hellwig, „Psychologie 
und Vernehmungstechnik bei Tatbestandsermittlungen"; Lippmann, a. a. O.; Lung* 
w i t z, a. a. O. ; M e z g e r, „Moderne Strafrechtsprobleme", S. 26 f f ; P r i n z h o r n, a. a. O. ; 
Staub, „Psychoanalyse und Strafrecht" inFedern*Mengs „Psychoanalytisches Volks* 
buch", S. 444 ff.; Wulffen, „Das Unbewußte im Verbrecher", in der „Deutschen 
Juristenzeitung", 1927, S. 729; H a f t e r, a. a. O., S. 17; Mezger, „Psychoanalyse und 
strafrechtliche Schuld", S. 193. 

14) Alexander und Staub, a. a. O., S. 87; Lippmann, a. a. O., S. 315; Nohl, 
„Die kriminalistische Bedeutung der Psychoanalyse" in G r o s s' „Archiv für Kriminologie", 
Bd. 77, S. 306. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 



95 



Aufnahmefähigkeit aufzubringen 15 . Dabei hätte man bei diesen Jugendlichen 
in manchen Fällen vielleicht auch den Vorteil, das Unbewußte besser auf* 
decken zu können als bei Erwachsenen, weil bei den Jugendlichen im Regel* 
fall bedeutend weniger Überlagerungen stattgefunden haben, wenn auch — 
bei Jugendlichen wie bei Kindern — die Einfühlung in das Seelenleben be* 
deutend schwieriger ist 16 und man im Regelfall wohl andere Wege be* 
schreiten muß als bei der Analyse des Erwachsenen eingeschlagen werden 17 . 
Freud 18 betont im Hinblick auf die größere Oberflächennähe des Unbe* 
wußten daher mit besonderem Nachdruck den Wert der Kinderanalyse. 
Demgegenüber halten wir auch ein Bedenken, das Haeberlin 19 gelegentlich in 
einem anderen Zusammenhang betont hat, die erhöhte Suggestibilität der 
Jugendlichen und Kinder nicht für so erheblich, daß der Zweck der Ana* 
lyse dadurch gefährdet werden könnte. Die Gefahr der Suggestibilität besteht 
für Jugendliche zunächst nicht nur bei einer etwaigen Analyse, sondern wäh* 
rend der Dauer des ganzen Strafverfahrens, und die Vorsichtsmaßregeln, die 
dort gegen Suggestionsfragen in Anwendung gebracht werden oder werden 
sollten, müssen eben auch bei einer Analyse getroffen werden. Begnügt man 
sich' damit, den jugendlichen Analysanden zur Wiedergabe für die Gedanken 
und Begriffe, die sich in ihnen während der Analyse bilden, und für die 
ihnen der erforderliche Wortschatz fehlt, lediglich die nötige Ausdrucks* 
formen zu geben 20 , dann können solche Begriffe, wie sie den Jugendlichen 
naturgemäß noch fremd sind, nicht in sie hineingefragt werden, und die 
Analyse bringt nur das, was auch tatsächlich an konfliktschaffenden Trieb* 
kräften in dem Unbewußten jener Analysanden tätig war. Zudem hat H ae* 
b erlin außer Betracht gelassen, daß die Suggestion, wenn auch eine be* 
sondere Art der Suggestion, bei der Psychoanalyse überhaupt nicht ausge* 
schaltet werden kann, vielmehr ein ganz bestimmtes Anwendungsgebiet be* 
sitzt. Ich' meine die Suggestion, die in der Übertragung wirksam wird 21 . Wenn 
Haeberlin gegen eine Verwendung an dieser Stelle nichts einzuwenden hat, 
so kann auch in ihrer — allerdings außerordentlich vorsichtigen — Ver* 
Wendung in Form einer gewissen Direktion an einer anderen Stelle der Ana* 
lyse keine große Gefährdung erblickt werden. Gerade der zärtlichen Bindung, 
der positiven Übertragung, ist bei den Kinderanalysen entscheidende Bedeu* 

15) Freud, „Vorlesungen. . . .", S. 464; Haeberlin, Grundlinien der Psycho* 
analyse", S. 102. 

16) Freud, „Geschichte einer infantilen Neurose", S. 4, 5 ; Frank, Ludwig, a.a.O., S. 407. 

17) Melanie Klein, „Die Psychoanalyse des Kindes", S. 21, 25, 26. 

18) Freud, „Geschichte einer infantilen Neurose", S. 4, 5; Freud, „Zur Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung", S. 70. 

19) Haeberlin, a. a. O., S. 43. 

20) Melanie K 1 e i n, a. a. O., S. 84. 

21) Freud, „Vorlesungen. . . .", S. 479. 



96 Wilhelm Nicolini 



tung beizulegen 22 . Diese positive Bindung wird sich am schnellsten bei den 
Kindern herstellen, die von Hause her an keine starke Zärtlichkeit gewöhnt 
sind 23 und sich deshalb, vielfach jüngeren Geschwistern gegenüber, vernach* 
lässigt oder zurückgesetzt fühlen. Zu dieser Kategorie zählen — wie wir 
nachher von unserem Spezialfall rückschließend verallgemeinernd sagen kön«= 
nen — die aus Heimweh kriminell gewordenen Jugendlichen. Aus den vor* 
stehenden Erwägungen heraus läßt sich also nach unserer Auffassung gegen 
eine Analyse der Jugendlichen, sei es zur Aufdeckung unbewußter Motive, 
sei es zum Zwecke der Spezialprävention, nichts einwenden. 

Allerdings erscheint das eigentliche Anwendungsgebiet der Psychoanalyse, 
eben die Analyse, für diesen letzteren Zweck an sich nicht ausreichend; denn 
für die Spezialprävention schafft die Analyse durch die Aufdeckung des Un* 
bewußten und der in ihm wirkenden Triebkräfte erst die Grundlage zum 
Aufbau, zur Anpassung des verdrängten Trieblebens an die Forderungen des 
moralischen Über^Ichs. Zur Durchführung dieser Synthese ist es aber nicht 
erforderlich, nun etwa die Methode Jungs an Stelle der Psychoanalyse 
zur Anwendung zu bringen. Jung selbst will seine Psychbsynthese nur bei 
Erwachsenen angewandt wissen 24 . Vielmehr erscheint es ausreichend, diese 
„Nacherziehung" wie Freud 25 sie genannt hat, im Rahmen der eigenfc* 
liehen Analyse vorzunehmen 26 . Daß dies möglich ist und bei Jugendlichen 
und haltlosen Charakteren noch durchaus zur Aufgabe der Psychoanalyse 
gehört, hat schon Freud 27 anerkannt 28 . Und die Anhänger der Tiefen* 
Psychologie haben die Erziehung durch den Analytiker geradezu zum Be* 
standteil der Kinderanalyse gemacht 29 . 

Im übrigen kann das, was Anna Freud in bezug auf die Kinderanalyse 
ausgeführt hat, hier nur in bedingtem Maße in Betracht gezogen werden; 
denn wir dürfen nicht außer acht lassen, daß „unsere Kinder"analyse, besser 
gesagt „Analyse von Jugendlichen" bei solchen Straffälligen Anwendung 
finden soll, die im Augenblick der Tat im Begriffe sind, sich unter den Primat 
der Genitalzone zu beugen und deren Übersieh durch seine Identifizierung 

22 ) Anna Freud, „Einführung in die Technik der Kinderanalyse", S. 50, 51; der Stand* 
punkt der Jungschen Schule bei W ick es, F. G., „Analyse der Kinderseele", S. 276. 

23) Anna Freud, a. a. O., S. 54. 

24) Coenen, a. a. O., S. 17. 

25) Freud, „Vorlesungen . . . .", S. 480. 

26) Melanie Klein, a. a. O., S. 102. 

27) Freud, „Vorlesungen . . . .', S. 460. 

28) Melanie Klein, a. a. O., S. 109. 

29) Anna Freud, a. a. O., S. 75, 76, 82, 101; Wickes, a. a. O., deren ganzes Werk 
die analytische Erziehung schwieriger Kinder behandelt, will aber andererseits als Vertre* 
terin der Jung sehen Schule die Kinderanalyse nur soweit durchführen, als sie zur eigenen 
Erkenntnis des Analytikers, nicht etwa des Kindes selbst, erforderlich zu sein scheint, 
S. 60, 110, 164, 278, 313. 



■ 

Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 97 

mit den introjizierten Liebesobjekten, den Eltern, von außen unbeeinflußbare 
Selbständigkeit fast erreicht hat. Diese Jugendlichen stehen also den Erwach* 
senen viel näher als den Kindern 30 , bei denen eine Frühanalyse vorgenommen 
wird, oder die sich zur Zeit der Analyse noch in der Latenzperiode befinden. 
Diese letzteren aber hat Anna Freud zum Gegenstande ihrer Betrachtung 
gemacht 31 . Und ein Mangel, der bei diesen Kindern die Analyse schwierig 
macht, die Weigerung oder die Unmöglichkeit freien Assoziierens 32 tritt bei 
den uns interessierenden Analysen nicht mehr in Erscheinung. Wohl kann 
dagegen auch noch bei den hier in Betracht kommenden Fällen die schnellere 
Auflösungsmöglichkeit 33 bei der Traumdeutung und der Deutung der Tag* 
träume berücksichtigt werden. Wie weit schließlich auf ein technisches Hilfs* 
mittel der Kinderanalyse, die Auskünfte aus der Umgebung des Kindes 34 
auch bei Jugendlichen zurückgegriffen werden kann, müßte die Praxis er* 
weisen. Bei dem später geschilderten Falle boten diese Auskünfte jedenfalls 
die einzigen Anhaltspunkte, die aber dabei so aufschlußreich waren, daß 
daraufhin eine analytische Deutung gewagt werden konnte. 

Schließlich bleibt für uns noch die Frage zu erörtern, wie man bei den 
Rechtsbrechern ganz allgemein einer mangelnden Analysenbereitschaft ab* 
helfen kann. Diese mangelnde Analysenbereitschaft ist aus der verschieden* 
artigen Situation zu erklären, in der sich Verbrecher und Neurotiker befinden. 
Bewußt will der Neurotiker die Heilung, unbewußt entwickelt er wegen der 
Erhaltung des Krankheitsgewinns dagegen Widerstände; unbewußt drängt 
der Verbrecher zum Geständnis (wenn wir die Lehren Reiks von Straf* 
bedürfnis und Geständniszwang zugrunde legen), bewußt verschweigt er vor 
dem Richter 35 . Man hat geglaubt, diese gegensätzliche Handlungsweise mit 
dem Unterschied zwischen neurotischer und krimineller Konstitution be* 
gründen zu können 86 . Der Neurotiker mag auf konstitutioneller Basis von 
dem Kriminellen verschieden sein. Es fehlen hierüber noch abschließende 
sichere Feststellungen 37 . Die verschiedenartige Einstellung zur Analyse beruht 
aber wohl nicht auf einem solchen konstitutionellen Unterschied, sondern 
kann vielleicht zwangslos aus den Folgeerscheinungen erklärt werden, die die 
Analyse mit sich bringt. Für den Neurotiker bringt sie Heilung, Wieder* 

30) Melanie Klein, a. a. O., S. 103. 
30 Anna Freud, a. a. O., S. 90. 

32) Anna F r e u d, a. a. O., S. 39, 45. 

33) Anna Freu d, a. a. Ö„ S. 30, 31, 33. 

34) Anna Freud, a. a. O., S. 58. 

35) C o e n e n, a. a. O., S. 44. 

36) C o e n e n, a. a. O., S. 40. 

37) Alexander und Staub, a. a. O., S. 83, lassen allerdings die Verbrechen auf 
neurotischer Grundlage entstehen, mit Ausnahme der normalen Kriminalität der Berufs* 
Verbrecher und der akzidentellen Kriminalität. 

Imago XXII, 1 7 



L 



|i 
I 



98 Wilhelm Nicolini 



herstellung der Leistungs« und Genußfähigkeit, also einen „bewußt" er* 
strebten Erfolg; dem Kriminellen, soweit er n i c h t überführt ist oder nicht 
gestanden hat, würde sie von seinem „bewußten" Standpunkt aus nur 
Nachteile, soweit er überführt ist oder gestanden hat, mindestens keine Vor« 
teile bringen. Stellt man aber für den Rechtsbrecher die gleiche Situation her, 
die bereits für den Neurotiker besteht, d. h. verspricht ihm die Vornahme 
einer Analyse ebenso Erfolg, dann wird man sich über einen etwaigen Mangel 
an Analysenbereitschaft nicht zu beklagen brauchen. 

Die Herstellung einer solchen Situation wäre wohl nur bei der Durch* 
führung des Prinzips der unbestimmten Verurteilung denkbar 38 . Dabei müßte 
die Möglichkeit zur unbestimmten Verurteilung grundsätzlich für alle straf« 
baren Handlungen — abgesehen vielleicht von den Übertretungen — gegeben 
sein. Lassen diese Straftaten dann durch ihre Schwere oder durch ihre Wieder« 
hblung (Rückfälligkeit) erkennen, daß bei dem betreffenden Übeltäter eine 
Fehlleitung der im Unbewußten wirkenden Triebkräfte vorliegt, — das sind 
aber gerade auch die Fälle, wo eine Analyse angebracht erscheint — so hat 
das Gericht die unbestimmte Verurteilung auszusprechen. Wenn der Rechts« 
brecher weiß, daß die Dauer der Strafe von seinem eigenen Verhalten ab« 
hängt, daß die Strafe in dem Augenblick beendet ist, wo er als „gebessert", 
vielleicht kann man auch sagen : als „geheilt", entlassen werden kann, in dem 
Augenblick also, wo hinsichtlich des Erfolges die Analyse des Rechtsbrechers 
mit der des Neuro tikers auf der gleichen Stufe steht, wird auch die Abnei« 
gung des Rechtsbrechers gegen die Unterwerfung unter eine Analyse beseitigt 
sein. Und zwar wäre dieses Strafsystem dergestalt zu handhaben, daß die 
Erforschung der unbewußten Motive, wenigstens in den gröbsten Umrissen, 
während der Dauer der Untersuchungshaft oder auf Grund des § 81 
D. StPO., also jedenfalls vor der Verurteilung vorzunehmen wäre, während 
die Erreichung des Besserungszweckes eigentliche Aufgabe der unbestimmten 
Verurteilung sein würde 89 . Eine derartige Anwendung der Analyse böte auch 
die Möglichkeit, den besserungsfähigen von dem unverbesserlichen Ver« 
brecher zu trennen, da die Analyse nur bei Besserungsfähigen, aber nicht bei 
Unverbesserlichen Erfolg haben kann. Bei dem Scheitern der Analyse wäre 
daher der Analysand als unverbesserlich zu internieren. Die Verwendung 
dieses kombinierten Systems der Besserung und der Sicherungsverwahrung 
würde in dreifacher Hinsicht von Vorteil sein und alles erreichen, was Von 

38) Der Auffassung, daß die Einführung der Psychoanalyse eine Umänderung des ge* 
samten Strafprozeß* und Strafvollzugsverfahrens mit sich bringen würde, sind auch 
Alexander und Staub, a. a. O., S. 21; Haftler, a. a. O., S. 2; Reik, „Der unbei» 
kannte Mörder", S. 161-^-163. 

39) Die Überführung des leugnenden Verbrechers durch die Psychoanalyse soll — weil 
außerhalb dieses Rahmens liegend — hier nicht erörtert werden. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 



99 



der Bestrafung eines Rechtsbrechers billigerweise erwartet werden kann. Dem 
Richter und auch dem Rechtsbrecher selbst würde der vor der Verurteilung 
liegende Teil der Analyse erst sagen, was die Tat für den Täter bedeutet; sie 
würde die psychologische Erkenntnis schaffen, die heute noch in vielen Fällen 
denjenigen fehlt, die sich ihrer bedienen sollen. Die Strafe würde auch gerecht 
sein, wenn unter „gerecht" zu verstehen ist, daß Tat und Strafe in bezug auf 
den Täter in das richtige Verhältnis gesetzt würden. Und schließlich wäre 
auch der Zweck erfüllt, den die Gesellschaft mit der Strafe erreichen will: 
sie würde nämlich gegen den Rechtsbrecher geschützt sein; gegen den besser 
rungsfähigen eben durch seine Besserung, gegen den Unverbesserlichen 
durch seine Internierung 40 . Im Gegensatz zu Coenen" vertreten wir daher 
die Auffassung, daß das Prinzip der unbestimmten Verurteilung gerade bei 
der Anwendung der Psychoanalyse im Strafrecht von ausschlaggebender Be* 
deutung sein würde. 

Die Stellungnahme der Psychoanalyse zu den allgemeinen Problemen des 
Straf rechts wäre damit in großen Zügen wiedergegeben. 

Wenden wir uns nunmehr unserem Hauptthema zu, so mag zunächst der; 
Sachverhalt eines Verbrechens aus Heimweh dargestellt werden, der einem 
ausführlichen Gutachten von Wilmanns 12 zugrunde gelegen hat und wobei 
Wilmanns zu folgendem Ergebnis gekommen ist: 

1. Es beständen keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die Angeklagte zur 
Zeit der Untersuchung geisteskrank gewesen sei. Die Beobachtung 
habe vielmehr eine dem kindlichen Alter entsprechende normale geistige 
und gemütliche Veranlagung erwiesen. 

2. Die Verbrechen entsprächen nicht dem inneren Wesen der Täterin, wie 
es sich aus den Zeugenaussagen und aus eigener Beobachtung ergebe. Sie 
ständen im schroffsten Gegensatz dazu. Die von der Angeklagten anfänglich 
gegebene Motivierung ihrer Verbrechen sei unwahrscheinlich und für eine 
kriminalpsychologische Erklärung unzulänglich. 

3. Psychologisch unerklärliche Handlungen dürfe man nicht als solche 
physiologischer Natur betrachten; mindestens müsse man die Möglich* 
keit offen lassen, daß die Taten krankhaften Ursprungs seien. Diese Mög* 
lichkeit müsse man selbst dann in Betracht ziehen, wenn auf Grund des der.* 
zeitigen psychiatrischen Wissens Beweise für eine solche Auffassung noch 

40) Denselben Zweck der Strafe verlangt Haft er, a. a. O., S. 17, 18, und findet 
tt agier, „Anlage, Umwelt und Persönlichkeit des Verbrechers", S. 36, 37, auch bei der 
Individualpsychologie als Straf zweck. 

41) Coenen, ä. a. O., S. 83, 84. 

42) Wilmanns, Karl, „Heimweh oder impulsives Irresein?" in Aschaffenburgs 
„Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform", 3 Jahrgang, Heidelberg, 
1907, S. 136 ff. 



" 



100 Wilhelm Nicolini 



nicht erbracht werden könnten. 

4. Die Angabe der Angeklagten, sie habe die Tat aus Heimweh begangen, 
erscheine glaubwürdig und biete einen Schlüssel zum Verständnis der Straftat. 
Es sei eine bekannte Erfahrung, daß besonders halbwüchsige, der körper* 
liehen Reife entgegengehende Mädchen aus „Heimweh" impulsive Mord* 
taten und Brandstiftungen begingen, die im Widerspruch zu ihrer sonstigen 
Veranlagung ständen und in ihrem ganzen Leben vereinzelt blieben. 

5. Unentschieden sei zur Zeit, ob es sich dabei um pathologische Steige* 
rungen an sich physiologischer Vorgänge oder um durchaus krankhafte Er* 
scheinungen handle. Jedenfalls habe sich die Angeklagte bei Begehung der 
strafbaren Handlungen höchstwahrscheinlich in einem Zustande krankhafter 
Störung der Geistestätigkeit befunden, durch den die freie Willensbestim* 
mung bei ihr ausgeschlossen gewesen sei. 

Der Sachverhalt liegt folgendermaßen: 

Eva B. wurde als Tochter eines Schuhmachers und einer Hebamme am 2. August 1891 
in R. geboren. Bei ihren körperlich gesunden Eltern und neun im Alter von 4 — 24 Jahren 
stehenden Geschwistern konnten, ebenso wie in ihrer weiteren Familie, auch keine Geistes* 
oder Nervenkrankheiten beobachtet werden. 

Bei Eva selbst verlief die körperliche und geistige Entwicklung in normaler Weise. Von 
ernsthaften körperlichen Erkrankungen, insbesondere auch Kinderkrämpfen und sonstigen 
nervösen Erscheinungen ist sie verschont geblieben, ausgenommen eine Rippenfellent* 
zündung, die sie im 12. Lebensjahre durchmachte. Ihre Leistungen im Schul* und Religions* 
Unterricht waren stets zufriedenstellend. Ebenso kann über ihren Charakter nichts Nach* 
teiliges bekundet werden. Sie wurde allgemein als ein fleißiges, stilles und lenksames Kind 
angesehen. Sie hat, wie ihre Mutter ausdrücklich hervorhob, schon früh ihre jüngeren Ge* 
schwister und ein von der Mutter in Pflege angenommenes Kind ständig mit großer Zu* 
verlässigkeit und Sorgfalt verwahrt. In den Jahren 1902 und 1903 mußte sie während des 
Sommers bei einer fremden Familie in ihrem Heimatorte Kinder hüten. Auch hier bot sie 
keinen Anlaß zu Klagen, entledigte sich vielmehr ihrer Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit 
dieser Dienstherrschaft. In sittlicher Beziehung war ihr Verhalten einwandfrei. Ihren 
Erziehern sind irgendwelche Charakterfehler, wie Neigung zur Lüge und Unehrlichkeit, 
Herrschsucht gegen jüngere Kinder, Unverträglichkeit, Reizbarkeit, Züge von Grausam* 
keit gegen Menschen und Tiere, nicht aufgefallen. Die Familie selbst ist gut beleumundet, 
und Eva hat von ihren Eltern eine gute Erziehung erhalten. 

Am 9. April 1905 wurde die Angeklagte konfirmiert. Am 18. desselben Monats trat sie, 
13 1 / 2 Jahre alt, bei dem praktischen Arzt Dr. L. in einer von ihrer Heimat mehrere Stunden 
entfernten Stadt, eine Stelle als Kindermädchen an. Sie freute sich zwar auf ihre Stellung, 
weinte aber bei der Trennung von ihren Eltern aus Schmerz über den Abschied. 

Der Haushalt des Arztes bestand aus den Eltern, einem 11jährigen Sohne Franz, dessen 
jüngerem Bruder, der kleinen l 3 / 4 jährigen Lore, sowie einer Köchin. Evas Aufgabe bestand 
darin, das jüngste Kind zu verwahren und bei leichteren Hausarbeiten zur Hand zu 
gehen. In den ersten Wochen hat sie scheinbar ihre Pflichten still und zur Zufriedenheit 
ihrer Herrschaft erfüllt, wenigstens brauchte man nicht über sie zu klagen. In einem kurzen 
Briefe, den sie ihrer Mutter schrieb, äußerte sie sich nicht weiter über ihre Stellung. 

Als die Angeklagte jedoch die Pfingstfeiertage bei ihren Eltern verbrachte, bat Sie die 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 



101 



Mutter unter Tränen, sie zu Hause zu behalten oder in eine andere Stellung zu schicken. 
Besonders beklagte sie sich über die beiden halbwüchsigen Söhne des Arztes, daß diese sie 
auf alle möglichen Arten zu quälen versuchten, sonst konnte sie jedoch keine besonderen 
Gründe für ihre Unzufriedenheit mit der Dienstherrschaft angeben. An dem Tage, wo 
sie wieder nach M. zurück sollte, legte sie sich auf die Anweisung ihrer Mutter zu Bett, 
weil sie über starke Schmerzen in der Brust klagte und die Mutter deshalb einen Rückfall 
der früheren Rippenfellentzündung fürchtete. Nach kurzer Zeit kam jedoch ihr Dienst* 
herr. Dieser stellte fest, daß sie gesund war und verlangte ihre sofortige Rückkehr in den 
Dienst oder die Zahlung einer Entschädigung wegen Kontraktbruches. Eva bat die Mutter 
wiederum, zu Hause bleiben zu dürfen, wurde aber durch Drohungen, Schläge und Vor« 
haltungen, daß die Eltern wegen ihrer bedrängten Lage keine Entschädigung zahlen könnten 
und daß sie selbst, wie ihre Schwestern, in einem Alter sei, wo sie verdienen helfen müsse, 
wenn auch widerstrebend dazu gebracht, mit ihrem Dienstherrn in die Stellung zurückzu* 
kehren. Die Mutter hatte ihr dabei versprochen, daß sie in einem Vierteljahre wieder 
zurückkommen dürfe. Diese Hoffnung wurde aber zunichte durch eine Bemerkung 
ihrer Dienstherrin, Eva sei auf ein Jahr gedingt und müsse diese Zeit aushalten. 

Etwa zwei Wochen später, an einem der letzten Tage des Monats Mai, fand man .eines 
Morgens das P/ijährige, der Angeklagten zur Wartung anvertraute Kind des Dr. L. mit 
einer an einem Bettpfosten befestigten, mehrmals um den Hals geschlungenen Gardinen* 
Bchnur vor. Da der Hals des Kindes aber keinerlei Spuren einer Gewaltwirkung aufwies, 
achtete man nicht sonderlich auf den Vorfall und glaubte, das Kind habe mit der Schnur 
gespielt und sie dabei sich selbst um den Hals gelegt. 

Ungefähr vier Wochen später, am 24. Juni, kam es zu der Tat, für die die Angeklagte sich 
nun vor Gericht zu verantworten hat. Die Tat geschah folgendermaßen. 

Eva schlief gemeinschaftlich mit der Köchin in einem Räume unmittelbar neben dem 
Kinderschlafzimmer. Morgens 5»/ 2 Uhr sah die Köchin nach den Kindern. Sie schliefen 
ruhig. Als die Köchin um 6 3 A Uhr das Mädchenzimmer betrat, um zu horchen, ob die 
Kinder nebenan noch still seien, sagte Eva, die — angeblich krank — noch zu Bett lag, 
vorhin habe sie die Kleine etwas gehört, doch sei jetzt wieder alles ruhig. Darauf ging die 
Köchin wieder. Zwischen 7 und 7 1 / 2 Uhr brachte die Frau Dr. der Angeklagten mit Rück* 
sieht auf ihre Krankheit eine Tasse Milch und einen Weck. Als sie das Zimmer betrat, hörte 
sie Eva ächzen. Eva klagte, sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen und habe derartige. 
Rückenschmerzen, daß sie es kaum noch aushalten und deshalb nicht aufstehen könne. 
Daraufhin legte die Frau ihr ein Fieberthermometer ein. Während dieser Zeit hörte sie 
schon ihr Töchterchen im Nebenzimmer dauernd nach der Köchin jammern. Sie lief in 
das Kinderzimmer und sah die Kleine mit schwarz*blauem Gesicht aufrecht im Bett stehen. 
Laut schreiend brachte sie die kleine Lore sofort ihrem Manne, der anfangs glaubte, sein 
Töchterchen habe sich mit Kirschen besudelt, beim Waschen des Kindes aber die Schnür* 
furche am Halse bemerkte und daran sofort eine versuchte Erwürgung erkannte. In dieser 
Annahme wurde er bestärkt, als er von seinem 11jährigen Sohne erfuhr, daß dieser, durch 
das Geschrei seiner kleinen Schwester geweckt, in schlaftrunkenem Zustande eine Person 
in einem roten, weiß gestreiften Hemde im Zimmer gesehen hatte. Ein derartiges Hemd 
hatte nur Eva in ihrem Besitz. Deshalb geriet sie sofort in den Verdacht, die Täterin zu 
sein. Sie leugnete jedoch den Eltern gegenüber entschieden ab, im Kinderzimmer gewesen 
zu sein und verblieb auch dann noch bei ihrem Leugnen, als Dr. L. ihr damit drohte, sie 
werde sofort dem Gendarm übergeben, wenn sie nicht die Wahrheit sage. Dr. L. übergab 
die Täterin schließlich dem Gericht. Nachzutragen ist noch, daß Frau Dr. L. den Koffer 



102 Wilhelm Nicolini 



Evas nach etwa gestohlenen Sachen durchsuchte und dabei an entwendeten Gegenständen 
vier Taschentücher, zwei Scheren, zwei Gummibänder, ein Stück Fleckseife, einen Taschen* 
kalender und einen Bleistift fand. : 

In wiederholten Vernehmungen hat die Angeklagte zwar regelmäßig, aber doch in 
abweichenden Schilderungen die Tat zugegeben. Nach dem Protokoll des Gendarmen 
am Tage der Tat machte sie folgende widersprechende Angaben: „Es ist richtig, daß ich 
heute früh, etwa um 6 Uhr, in das Kinderzimmer ging, dortselbst das Kind am Halse 
packte, um es auf die andere Seite zu legen. Es dürfte nur eine Minute lang gewesen sein, 
daß ich das Kind am Halse hatte. Ich hatte nicht die Absicht, das Kind zu erwürgen, son* 
dem tat es nur desbalb, um von der Dienststelle fortzukommen." 

Am nächsten Tage, dem 25. Juni, bekundete sie vor dem Richter, sie habe lediglich aus 
der Stellung fortgewollt. Deshalb habe sie das Kind mit beiden Händen umfaßt und ga« 
drückt, es dann im Bette liegen lassen und sich entfernt. Sie habe das Kind nicht töten, 
sondern nur verletzen wollen. Auf Vorhaltungen hin räumte sie ein, sie habe sich aller* 
dings nicht überlegt, daß das Kind dadurch sterben könne. 

Am 3. Juli erklärte sie zudem ersten Mordversuch, Ende Mai habe sie dem Kinde eine 
Schnur um den Hals gebunden. „Ich dachte, wenn das Kind so am anderen Tage gefunden 
wird, dann würde ich von Frau Dr. L. sofort entlassen. Ich dachte mir, das Kind würde 
vielleicht tot aufgefunden werden." Daß der Polizei oder dem Gericht davon Anzeige ge* 
macht werden würde, habe sie nicht bedacht. „Ich wollte eben unter allen Umständen aus 
dem Dienste entlassen werden". Nach ihrer Aussage über den zweiten Mordversuch war 
sie morgens um 5 1 / 2 Uhr auf den Gedanken gekommen, das Kind zu erwürgen, um auf 
diese Art aus dem Dienste entlassen zu werden. Etwa um 6 Uhr habe sie im Kinderzimmer 
der Kleinen eine Schnur um den Hals gelegt und sie etwa eine Minute lang gewürgt. Als 
der 11jährige Sohn des Dr. L. erwacht sei, habe sie eine Entdeckung befürchtet und sei 
deshalb rasch aus dem Zimmer gegangen. Ohne das Erwachen des Jungen hätte sie das 
Mädchen wahrscheinlich erwürgt. 

Ähnliche Angaben machte Eva am 11. Juli dem Bezirksarztassistenten gegenüber. 

In allen Vernehmungen begründete die Angeklagte die Taten damit, daß sie unter 
allen Umständen aus dem Dienst fortgewollt habe, weil sie von den beiden Söhnen des, 
Dr. L. oft geschlagen und ihr die Stellung dadurch verleidet worden sei. Nach der Er* 
klärung ihrer Mutter habe sie nur noch ein Vierteljahr auszuhalten brauchen, während 
Frau Dr. L. ihr angekündigt habe, daß sie vor Ablauf des Dienstjahres nicht entlassen 
werde. Da habe sie zu diesem letzten Mittel gegriffen. Ähnlich erklärte sie sich auch 
ihrem Verteidiger gegenüber, dem sie noch weiter erzählte, sie sei von den beiden Jungen 
nicht nur geschlagen und getreten, sondern auch ins Gesicht gespuckt und mit Steinen be* 
worfen worden. Bei dem anderen Dienstmädchen habe sie sich über diese Unarten der 
Jungen beklagt, aber kein Gehör gefunden. Dadurch sei sie immer in niedergeschlagener 
Stimmung gewesen. So habe sie sich auch zurückgesetzt gefühlt, weil Frau Dr. L. sie nicht 
wie andere Mädchen in die Fortbildungsschule und die Christenlehre habe gehen lassen. 
Dem Bezirksarztassistenten muß Eva ähnliche Angaben gemacht haben. Scheinbar hat sie 
diesem auch erklärt, sie habe sich überlegt, daß sie als überflüssig entlassen werde, wenn 
sie sich des Kindes entledige. 

Über das Ziel, das sie mit ihrer Tat verfolgte, und über ihre Einsicht in die Folgen 
und die Tragweite ihrer Handlungsweise in bezug auf das Kind hat Eva widersprechende 
Angaben gemacht; am 24. Juni, sie habe das Kind am Halse gefaßt, um es auf die andere 
Seite zu legen; sie habe es nicht erwürgen wollen, sondern es nur getan, um aus der Stelle 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 



103 



fortzukommen; — am 25. Juni, sie habe das Kind nicht töten, wohl aber verletzen wollen; 
dabei habe sie allerdings mit der Möglichkeit gerechnet, daß das Kind an dieser Behand* 
lung sterben könne; — am 3. Juli, beim ersten Male habe sie dem Kinde die Schnur' 
um den Hals gewickelt, weil sie gehofft habe, sie werde entlassen, wenn man es so finde; 
sie habe auch gedacht, es werde vielleicht tot aufgefunden werden; zum zweiten Mord* 
versuche bekundete sie jetzt, sie habe das Kind erwürgen wollen um fortzukommen, und 
wenn der Junge nicht erwacht wäre, würde sie ihre Tat wahrscheinlich auch vollendet 
haben. 

Ebenso verschiedenartige Ansichten hatte Eva über die strafrechtlichen Folgen ihrer 
Handlungsweise. Einmal äußerte sie, sie wisse aus der Schule und aus dem Religions* 
Unterricht, daß derjenige, der einen anderen töte, ins Gefängnis komme. Dem Bezirks« 
arztassistenten erklärte sie, sie wisse auch, daß man hingerichtet werde, wenn man einem 
anderen das Leben nehme. Im Gegensatz hierzu meinte sie später, zum ersten Mord* 
versuche, sie habe nicht weiter darüber nachgedacht, daß das der Polizei oder dem Gericht 
angezeigt werde; zum zweiten Verbrechen, sie habe angenommen, die Strafe könne viel* 
leicht in der Bezahlung einer Geldsumme bestehen. 

Die Deutungen der strafbaren Handlungen durch die beteiligten Personen waren stets 
ziemlich übereinstimmend. Alle erblickten die Ursache der Mordversuche in dem Wunsche 
des Mädchens, aus der Stelle fortzukommen. Nur darüber besteht keine Einigkeit, weshalb 
die Angeklagte nicht zu einem einfacheren Mittel, sondern zu einem solch abscheulichen 
Verbrechen gegriffen hat. 

Dem Vater des Opfers erscheint die Tat unerklärlich und rätselhaft. Doch hält er die 
Angeklagte nicht für verdorben. Er nimmt auch nicht an, daß sie sein Kind im allgemeinen 
schlecht behandelt und vernachlässigt habe, doch habe sie wohl kaum die rechte Liebe 
und ein tiefes Verständnis für es aufgebracht. Da Eva Pfingsten nicht habe zurück* 
kehren wollen und die Eltern fast Gewalt anwenden mußten, um sie soweit zu bringen, ,be* 
zweifelt Dr. L. nicht ihr Heimweh. Eine tiefere Depression oder andere auffälligere see* 
lische Erscheinungen seien ihr jedoch nicht anzumerken gewesen. Ebensowenig habe er 
Eva klagen oder nach Hause verlangen hören. Allerdings habe er auch nicht sonderlich 
darauf geachtet. Erst als er nachträglich über die Angeklagte, ihre Tat und ihre Beweggründe 
genauer nachgedacht habe, sei ihm das Raffinement aufgefallen, mit dem sie vorgegangen 
sei. Bereits am Abend vor dem zweiten Mordversuche habe sie sich krank gestellt. Er 
habe sofort bezweifelt, daß sie es sei; denn trotz genauer körperlicher Untersuchung habe 
er nichts finden können. Der Zweifel an ihrer Krankheit sei aber zur Gewißheit geworden, 
als Eva am nächsten Morgen, nach der Verhaftung, durchaus gesund und beschwerdefrei 
gewesen sei. Dr. L. glaubt hieraus folgern zu dürfen, daß die Angeklagte sich bereits am 
Abend vorher mit dem Mordplane beschäftigt habe. Um aber jeden Verdacht von sich 
abzuwälzen, habe sie schon vor der Tat eine Krankheit erheuchelt und sich zu Bett gelegt. 

Die Bekundungen der als treu und zuverlässig bezeichneten Köchin stimmen mit den 
Aussagen ihres Dienstherrn nicht in allen Punkten überein. Nach ihrer Darstellung hat 
die Angeklagte das Töchterchen des Dr. L. in der letzten Zeit immer sehr rauh behandelt, 
was von dieser mit deutlicher Abneigung gegen ihre Hüterin erwidert worden sei. Nach 
dem ersten Mordversuch habe sie das Kind mit der Schlinge um den Hals gefunden. |Sie 
habe gleich die Eva gefragt: „Was hast du mit dem Kinde vor?". Die Antwort habe ge» 
lautet: „Ich habe nichts getan". Nach dem zweiten Anschlag habe sie sofort Eva als 
Täterin in Verdacht gehabt. Im übrigen bestreitet auch die Köchin, daß Eva ihr gegenüber 
jemals ihr Mißfallen über ihre Stellung ausgedrückt habe. ' 



104 Wilhelm Nicolini 



Gleich nach ihrer Verhaftung wurde die Angeklagte in das Amtsgefängnis zu H. ein* 
geliefert. Von dem Gefängnisaufseher wird sie als ein stilles, ruhiges und lenksames Kind 
bezeichnet. Die ihr aufgetragenen Hausarbeiten habe sie willig und zuverlässig ausgeführt. 
Seinen 1 / 2 jährigen Sohn habe sie so sorgfältig verwahrt, daß seine Frau ihn der Gefangenen 
bedenkenlos ohne Aufsicht habe anvertrauen können. 

Der ganze Sachverhalt, die für ein kaum dem Kindesalter entwachsenes Mädchen unver« 
hältnismäßige Grausamkeit der Tat, deren Schwere und Tragweite im Gegensatz zu dem 
an sich geringfügigen Beweggründe ließen bei den Richtern den Verdacht aufkommen, 
die Angeklagte habe in einem Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit gehandelt 
oder die zur Erkenntnis der Strafbarkeit erforderliche Einsicht nicht besessen. Der Be* 
zirksarztassistent erstattete jedoch ein Gutachten, wonach die Angeklagte zwar wie alle 
Kinder ihres Alters die volle Tragweite ihrer Handlungsweise nicht erkannt, wohl aber 
die zur Erkenntnis der Strafbarkeit derselben erforderliche Einsicht besessen habe. In 
der am 16. August 1905 stattgefundenen Sitzung der Ferienstrafkammer des Landgerichts 
wurde jedoch von einem anderen Sachverständigen auf die Möglichkeit hingewiesen, 
daß die Angeklagte schwachsinnig sei. Mit Rücksicht hierauf beantragte die Staatsanwalt* 
schaft Freisprechung der Angeklagten mangels der erforderlichen Einsicht und Unter«» 
bringung in Zwangserziehung. Der Verteidiger dagegen verlangte Verurteilung wegen 
Körperverletzung unter Zubilligung mildernder Umstände. Durch Gerichtsbeschluß wurde 
die Universitätsirrenklinik in Heidelberg mit der Erstattung eines weiteren Gutachtens 
beauftragt. 

Zu diesem Zweck wurde die Angeklagte am 1. September in die Irrenklinik eingeliefert. 

Der Befund ergab, daß die 14jährige Eva B. körperlich etwas zurückgeblieben war. Sie 
hatte noch nicht menstruiert und kindlich entwickelte Brüste. Sonstige somatische Regel« 
Widrigkeiten, insbesondere Störungen der Sensibilität, ließen sich nicht nachweisen. Eva 
zeigte das Benehmen eines zwar freundlichen und zugänglichen, aber etwas stillen und 
zurückhaltenden Kindes. Zu Anfang ihres Aufenthaltes in der Klinik mußte sie wegen 
Ungeziefers im Bette gehalten werden. Während dieser Zeit war sie niedergeschlagen und 
anscheinend durch die ihr ungewohnte und etwas unheimliche Umgebung verängstigt 
und eingeschüchtert. Als sie jedoch erst aufstehen durfte und mit Kranken zusammenkam, 
deren krankhaftes Verhalten als solches einem Kinde kaum auffallen konnte, paßte sie 
sich verhältnismäßig schnell ihrer neuen Lage an und wurde immer munterer und freier. 
Eine besondere Anhänglichkeit bewies die Angeklagte für eine kranke Frau, die auch ihr 
ein erhöhtes Interesse widmete. Dieser Frau gegenüber legte Eva ihre natürliche Scheu ab 
und machte sie, wenn auch nicht bis ins Einzelne, mit ihrem Schicksal bekannt. In ihrem 
Beisein zeigte sich Eva auch ziemlich munter, manchmal sogar vergnügt. Auch ließ sich 
Eva von ihr willig zur Arbeit heranziehen und beteiligte sich sogar ohne besondere Auf« 
forderung mit Ausdauer und Fleiß an solchen Beschäftigungen, zu denen sich Kinder im 
allgemeinen nicht hingezogen fühlen, z. B. am Ausbessern alter Wäsche und ähnlichem. 
Auch den übrigen Kranken gegenüber zeigte sich Eva zugänglich und freundlich, bewies 
ihnen aber kein besonderes Entgegenkommen. Ihnen gegenüber hielt sie auch mit Er* 
Zählungen von ihren Straftaten zurück, wie sie es überhaupt vermied, sich damit inter« 
essant und wichtig zu machen und nur auf direktes Fragen davon sprach. 

Anders verhielt sie sich zu den Ärzten. Dem einzelnen gegenüber verlor sie schnell 
ihre Schüchternheit, wurde zutraulich und sogar ganz mitteilsam, dagegen verschloß sie 
sich, sobald mehrere Ärzte sich mit ihr unterhielten. Dann erhielt man auf die an sie 
gerichteten Fragen keine Antwort. Entweder weinte Eva still vor sich hin, oder sie brach 



r 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 105 

sogar in lautes Schluchzen aus. Jedesmal zeigte sie sich offensichtlich erleichtert, sobald 
ein derartiges Gespräch abgebrochen wurde. Wenn aber ein einzelner Arzt ihr freundlich 
zuredete, so gelang es ihm bald, sich von der Eigenart des Kindes ein klares Bild zu 
machen. 

Die Angeklagte besaß ein gutes Auffassungsvermögen. Ihre Antworten auf die an sie 
gerichteten Fragen fielen demgemäß schnell, sinngemäß und im allgemeinen richtig aus. 
Sie bewies lebhaftes Interesse für ihre Umgebung, nach kurzer Zeit kannte sie die ein* 
zelnen Kranken schon mit Namen, Die Kranken beurteilte sie zutreffend, und auch auf* 
fallende Vorgänge auf ihrer Abteilung beobachtete sie richtig. Hatte sie einmal ihr etwas 
scheues und zurückhaltendes Wesen abgelegt, so wußte sie lebhaft und anschaulich von 
ihrer Vergangenheit, ihrem Leben und ihren Pflichten im elterlichen Hause, ihrem kleinen 
Bruder, den sie besonders gern hatte, von den Freundinnen, der Konfirmation, dem 
Schulausflug u. dgl. zu erzählen. Dabei kam ihr harmloses, ausgesprochen kindliches 
Wesen besonders klar zum Vorschein. Ebenso bewies sie bei diesen Erzählungen, wie auch 
sonst, daß sie über ein gutes Gedächtnis verfügte. Sie konnte genau die Geburtstage ihrer 
Eltern und ihrer neun Geschwister angeben. Sie wußte die Namen der Personen, mit 
denen sie im Gefängnis zusammen gewesen war, und vermochte über deren Alter und 
Straftäten genaue Auskunft zu geben. Ihre Schulkenntnisse hielten sich in dem Maßstab, 
der bei solchen Kindern angelegt werden kann. Ihr Wissen in Geographie und Ge* 
schichte war allerdings gering und schwere Rechenaufgaben (125 — 36) konnten im Kopfe 
selbst bei längerem Nachdenken nicht immer richtig gelöst werden. Diese geringen De* 
fekte wird man jedoch mehr auf die lückenhafte Schulausbildung als auf die Persönlichkeit 
der Angeklagten zurückführen müssen. Unmaßgeblich erscheint bei der Jugend der Ange* 
klagten auch, daß sie rein abstrakten Dingen ziemlich fremd gegenüberstand. 

Aus dem folgenden Brief ergibt sich ihre schriftliche Ausdrucksweise: 

Heidelberg, den 27. August 1905. 
Liebe Eltern! 

Eure Karte habe ich erhalten und darin gesehen, daß der Vater kommen will. Ich 
habe erfahren, daß der Vater bei der Verhandlung hier war, habe ihn aber leider Gottes 
nicht gesehen. Liebe Eltern! Ihr werdet es wohl gehört haben, daß ich. 6 Wochen in die 
Irreriklinik kommen soll. Liebe Eltern! Wenn jemand von Euch Zeit hat, könnt Ihr mich 
noch einmal besuchen, denn ich möchte einmal jemand von Euch bevor noch sehen und 
mit Euch sprechen. Liebe Eltern! Wenn es Euch aber nicht möglich ist, so schreibet meinem 
Bruder Friedrich, daß er mich einmal besucht. 

Liebe Eltern ! Ich will nun schließen mit vielen Grüßen und in der Hoffnung, daß Euch 
diese paar Zeilen bei bester Gesundheit antreffen, wie sie mich verlassen. 

Es grüßt und küßt Euch Eure Tochter Eva. 

Viele Griiße an alle meine Geschwister. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. 

Eva. 

Liebe Eltern seid so gut und schreibet mir bald Antwort und besuchet mich doch noch 
einmal. Es grüßt Euch Eure Tochter Evai" 

. Bereits in den richterlichen Vernehmungen hatte man die Kenntnisse der Angeklagten 
von den einfachen moralischen Begriffen geprüft. Dabei hatte sich ergeben, daß der Ange* 
klagten die geläufigen Lehren unserer Moral bekannt waren. Sie wußte, daß man dem 
Nächsten nichts Böses zufügen darf. Sie kannte die zehn Gebote. Sie hatte gelernt, daß 
man gefundene Gegenstände abliefern muß. Ebenso war ihr die Strafbarkeit des Diebstahls 
bekannt. Sie war sogar in der Lage, die beiden Delikte Diebstahl und Unterschlagung, 



106 Wilhelm Nicolini 



wenn auch umständlich und ungenau, ziemlich zutreffend begrifflich auseinanderzuhalten. 
Auch über ihre damalige Lage machte sie sich ein klares Bild. Sie konnte die nächsten 
Folgen ihrer Straftat übersehen. Sie kannte die dafür festgesetzte Strafe und wußte, welches 
Schicksal ihr unter Umständen bevorstand. Allem Anschein nach hatte sie die ganze 
Gerichtsverhandlung mit reger Aufmerksamkeit und hinreichendem Verständnis verfolgt. 
Dabei hatte sie den Unterschied zwischen Staatsanwalt und Rechtsanwalt in seinem eigene 
liehen Wesen erkannt, wenn es ihr auch noch nicht möglich war, diesen Unterschied in 
klaren Worten zu kennzeichnen. 

Wie schon erwähnt, äußerte sie sich über ihre Straftat hie aus eigenem Antrieb. Ver* 
mutlich beschäftigte sie sich auch in Gedanken wenig damit; denn sie zeigte nach außen 
größtenteils ein ruhig4ieiteres Wesen und eine gleichmäßig kindlich*sorglose Stimmung. 
Nur wenn man gesprächsweise ihre Straftat erwähnte und sie an das Unglück erinnerte, 
das sie mit ihrer Tat über ihre Familie und sich selbst heraufbeschworen hatte, weinte (und' 
schluchzte sie, um aber bald wieder einer unbeschwerten Stimmung Raum zu geben. 
Auffällig war das Fehlen einer auf völliger Einsicht beruhenden nachhaltigen Reue. 
Wenn die Angeklagte auf direkte Fragen danach auch weinend Reue über ihre Tat zu? 
gestand, so waren ihre Tränen doch immer rasch versiegt. Niemals hat sie bei den offenen 
Aussprachen ein Wort des Bedauerns oder des Mitleids für das gequälte Kind verlauten 
lassen, niemals ihrer Befriedigung Ausdruck verliehen, daß ihre Tat vereitelt wurde; nicht 
einmal nach dem Befinden ihres kleinen Opfers hat sie sich erkundigt. In ihren sorg* 
fältigen und sauberen Briefen an ihre Eltern hat sie mit keinem Worte das Kind oder 
ihre Tat erwähnt. 

In der Klinik über den Beweggrund ihrer Straftaten befragt, erklärte die Angeklagte, 
sie habe es in der Stellung nicht mehr aushalten können. Sie habe Heimweh gehabt und 
sich wieder fortgesehnt. Zwar sei ihr Heimweh nur von Zeit zu Zeit heftig gewesen, doch 
richtig zufrieden habe sie sich in ihrer Stellung nie gefühlt. Schon Pfingsten habe sie 
unter allen Umständen zu Hause bleiben wollen, und nur durch die Bitten ihrer Mutter 
und deren Versicherung, sie brauche nur noch ein Vierteljahr zu bleiben, sei sie zur 
Rückkehr bewogen worden. Ihre Stellung sei jedoch nicht besser geworden. Von den 
Söhnen des Dr. L. sei sie geschlagen worden. Da der ältere stärker gewesen sei und beide 
ihr gedroht hätten: „Von dir Krüppele lassen wir uns schon lang nichts gefallen", habe 
sie nicht gewagt, sich zu wehren. Auch die Mutter der Frau Dr. L. habe sie schlecht be* 
handelt und einmal sogar geschlagen, weil das Kind geschrien habe. Frau Dr. L. selbst 
habe ihren Klagen kein Gehör geschenkt. Der Herr Dr. habe sie gut behandelt. Trotzdem 
habe sie ihn gefürchtet; denn er habe in der Sprechstunde immer so geschrien. Sie habe 
sich mit keinem aussprechen können. Die Aussicht, nicht nach Hause zu kommen und das 
Dienstjahr aushalten zu müssen, habe sie derart zur Verzweiflung gebracht, daß sie keinen 
Rat noch Ausweg gewüßt habe. Vollends entmutigt sei sie gewesen, als sie Freitags einen 
Lampenzylinder zerbrochen und der älteste Sohn ihr gedroht habe, sie müsse ihn be? 
zahlen. Am nächsten Morgen sei sie dann auf den Gedanken geraten, das einzige Mittel 
fortzukommen, bestehe darin, dem Kinde etwas anzutun. Befragt, weshalb sie nicht einfach 
fortgelaufen sei oder bestimmt erklärt habe, nicht mehr bleiben zu können, oder weshalb 
sie nicht zu irgendeinem anderen Mittel gegriffen habe, um die Heimkehr zu ermöglichen, 
antwortete sie weinend; „Daran habe ich nicht gedacht". Freilich habe sie gewußt, daß die 
Tat ein Verbrechen sei. Sie habe jedoch keinen anderen Ausweg mehr entdeckt und des* 
halb die Tat rasch vollbracht. Im Augenblick ihrer Begehung habe sie über die Folgen 
auch nicht nachgedacht. Aber weder im ersten noch im zweiten Falle sei es ihre Absicht 






Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 107 

gewesen, das Kind zu töten. Beim ersten Male habe sie dem Kinde mit der Schnur iibei* 
haupt kein Leid zufügen wollen. Beim zweiten Male habe sie lediglich beabsichtigt, es 
zu verletzen. Ihre Hoffnung sei stets gewesen, daraufhin von Frau Dr. L. entlassen zu 
werden. Dagegen gestand sie bei anderer Gelegenheit zu, die Absicht gehabt zu haben, das 
Kind zu töten, und bei einer dritten Gelegenheit erklärte sie, überhaupt nicht zu wissen, 
was sie eigentlich gewollt habe. 

Nach Abschluß der Beobachtungen wurde die Angeklagte erneut in das Untersuchung»* 
gefängnis eingeliefert. Wiederum führte sie sich dort vollkommen einwandfrei und unterzog 
sich gern und wijlig den ihr aufgegebenen Arbeiten. Wie beim ersten Male betraute die 
Frau des Oberaufsehers sie mit der Hütung ihrer Kinder. Sie befleißigte sich dabei eines 
derartig musterhaften Verhaltens, daß es dein Oberaufseher nach seiner eigenen Äußerung 
unverständlich blieb, wie ein solches Kind ins Gefängnis kommen konnte. Von Heim* 
weh hat die Angeklagte während ihrer Untersuchungshaft nichts verlauten lassen. 

In der erneuten Hauptverhandlung wurde der Tatbestand im wesentlichen durch die 
Zeugenaussagen bestätigt., Nur muß als wichtig hervorgehoben werden, daß die Behaup* 
tungen der Angeklagten, sie sei in ihrer Stellung nicht gut behandelt worden, durch die 
Vernehmungen in keiner Hinsicht bestätigt wurden. Es konnte vielmehr festgestellt wer* 
den, daß Dr. L. selbst, ebenso wie seine Frau, für die Angeklagte ein recht erhebliches 
Interesse gezeigt hatte. Als offenbar nicht den Tatsachen entsprechend oder zum mindesten 
stark übertrieben stellten sich auch die Angaben der Angeklagten über die von den 
Söhnen des Arztes begangenen Quälereien heraus. Bei dem älteren, besonders stark 
belasteten Sohne ergab sich, daß er die Woche über in H. und nur gelegentlich in M. 
weilte, so daß er mit der Angeklagten kaum zusammentraf. Diese selbst blieb im großen 
und ganzen bei ihren früheren Angaben. Im allgemeinen setzte sie sich gegen die er« 
hobenen Vorwürfe ohne stärkeren Nachdruck zur Wehr. Nur der Behauptung der Köchin, 
sie habe schon vor Begehung der Verbrechen das ihr anvertraute Kind schlecht behandelt, 
und dieses habe sich auch vor ihr gefürchtet, widersprach sie lebhaft und entschieden. Es 
mag noch erwähnt werden, daß nach den Feststellungen derjenigen Personen, die die 
Angeklagte von den früheren Vernehmungen her kannten, diese seit jener Zeit einen 
auffallenden Fortschritt in ihrer körperlichen Entwicklung gemacht hatte. Auch vor 
Gericht trug die Angeklagte ein anderes Wesen zur Schau. Während sie sich bei der Ver* 
nehmung unmittelbar nach der Straftat vollkommen verzweifelt und ratlos gebärdet hatte, 
so daß ihr kaum einige Antworten entlockt werden konnten, schilderte und begründete 
sie jetzt ihre strafbaren Handlungen in ruhiger und bestimmter Weise, gleichsam als ob 
sie darin durch die vielen Vernehmungen eine gewisse Fertigkeit erlangt habe. 

Soweit der Sachverhalt. Auf Grund des bereits zusammenfassend wieder* 
gegebenen Gutachtens von Wilmanns wurde die Angeklagte freige* 
sprechen. 

. Legen wir die von Freud aufgestellten Hypothesen als Ergebnisse streng 
wissenschaftlicher, empirischer Forschung unserer Betrachtung zugrunde, so 
bietet der ganze Sachverhalt dank der eingehenden Beobachtungen und 
Schilderung W i Im a n n s' so viele Möglichkeiten und Anhaltspunkte, daß 
eine zwar schematische, aber doch manche überraschende Verknüpfungen 
zeigende psychoanalytische Interpretation versucht werden kann. Dabei soll 
der schematische Charakter durchaus gewahrt bleiben, der einem solchen 



108 Wilhelm Nicolini 



Deutungsversuch gegenüber einer „echten" psychoanalytischen Aufklärung 
an der „Versuchsperson" (d. h. unter den strengen Bedingungen einer 
psychoanalytischen Behandlung) anhaftet. Wir legen ihn als heuristisches 
Experiment vor, wie dergleichen öfters mit Nutzen versucht wurde. 

Die Frage, die wir zuerst aufwerfen müssen, ob bei der Angeklagten über* 
haupt eine Analyse mit Erfolg hätte versucht werden können, und die bereits 
im ersten Abschnitt dieser Abhandlung allgemeiner erörtert worden ist, darf 
bejaht werden. Als Haupterfordernis war vorhin bereits die genügende Intel* 
ligenz angeführt worden, die für die Aufnahmefähigkeit während und zum 
Zwecke dieser Behandlung notwendig ist. Daß die Angeklagte über ein der* 
artiges Maß von Intelligenz verfügte, kann auf Grund des wiedergegebenem 
Sachverhalts kaum bezweifelt werden. Im allgemeinen genügte ihr Schul* 
wissen dem Maßstab, der bei Kindern ihres Alters angelegt werden kann. 
Als einzige Mängel harte W i 1 ma n n s bei der Intelligenzprüf urig neben einer 
ziemlichen Verständnislosigkeit für abstraktes Denken ein geringes Wissen 
in Geschichte und Geographie und die Unmöglichkeit, schwerere Rechen* 
aufgaben im Kopfe zu lösen, festgestellt. Daß diese Mängel aber nicht schwer 
wiegen, betont bereits Wilmanns selbst, der die Lücken im reinen Schul* 
wissen der Angeklagten auf deren unzulänglichen Schulbesuch zurückführt; 
während die Unmöglichkeit, abstrakt zu denken, nicht nur bei der Ange* 
klagten, sondern fast ausnahmslos bei den Kindern ihres Alters feststellbar 
ist. Aber abgesehen von diesem geringen Versagen bewies die Angeklagte 
eine gute und rasche Auffassungsgabe und reagierte auch demgemäß auf die 
an sie gerichteten Fragen. Sie verstand, die Vorgänge in der Irrenklinik scharf 
zu beobachten und richtig zu deuten. Ihr waren nicht nur die landläufigen 
moralischen Begriffe bekannt, sondern sie war sogar (als 14jähriges Mädchen) 
nach den Gerichtsverhandlungen in der Lage, wenn auch umständlich, die 
Begriffe „Unterschlagung" und „Diebstahl" zu definieren, und ebenso hatte 
sie den Unterschied der Stellung eines Staatsanwalts und der eines Rechts* 
anwalts erkannt. Schließlich wußte sie auch, mit welcher Strafe die von ihr 
begangenen Verbrechen bedroht sind. Dabei darf nicht außer Betracht 
bleiben, daß die Angeklagte damals nur ihr Schulwissen und ihreh gesunden 
Menschenverstand zur Verfügung hatte, daß ihr die Aus* und Fortbildungs* 
möglichkeiten des heutigen Menschen, Zeitung, Film und Radio, noch nicht 
gegeben waren. All dies berechtigt zu der Behauptung, daß die Intelligenz der 
Angeklagten den Durchschnitt überragte, mindestens aber vollständig er* 
reichte, und daß damit die Hauptvoraussetzung für eine erfolgreiche Analyse 
gegeben war. Vorteilhaft wäre in dieser Hinsicht auch die Eigenschaft der 
Täterin gewesen, dem einzelnen Arzt gegenüber rasch zutraulich zu werden 
uiui ihm dann in flüssiger und anschaulicher Darstellung von ihren ganzen 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 109 

Erlebnissen zu erzählen. Soviel zur Frage der Vornahme einer Analyse im 
vorliegenden Falle überhaupt. 

Bei dem Bestreben, die Straftaten aus dem ganzen, d. h. aus dem bewußten 
und unbewußten Seelenleben der Täterin heraus verständlich zu machen, 
müssen wir von den Verhältnissen ausgehen, in denen sich die Angeklagte; 
befand, bevor „Heimweh" ihr die Veranlassung zu solchen Taten geben 
konnte, nämlich von den Verhältnissen im Elternhaus. Drei Situationen boten 
dort die Möglichkeit zur Anhäufung von Konfliktstoffen, die Stellung zum 
Vater, die zur Mutter und die zu den Geschwistern. Über das Verhältnis der 
Angeklagten zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern wissen wir direkt 
nicht viel. Doch werden wir aus ihrem ganzen Verhalten seit ihrer Trennung 
vom Elternhause die Folgerung ziehen müssen, daß sich die Angeklagte dem 
Vater gegenüber in der ödipussituation befand, einer Situation, die an sich 
kaum irgendjemandem in der Jugend erspart bleibt* 3 . Wir werden sehen, daß 
die noch nicht völlig unter dem Primat der Genitalzone stehende Libido der 
Täterin im Unbewußten, wenn man von den üblichen Ambivalenzerschei* 
nungen absieht, im großen und ganzen an den gegengeschlechtlichen Eltern* 
teil, den Vater, fixiert war. Erst wenn man diese Situation als von vorneherein 
gegeben betrachtet, bekommt das gesamte Verhalten der Angeklagten für 
uns einen Sinn. Während die bisherige Betrachtungsweise — wie sie selbst 
zugibt — mit Hilfe gequälter Kombinationen nur eine unzulängliche Deu* 
tung der Straftaten bieten konnte, gibt uns die Psychoanalyse, wenn wir den 
Ödipuskomplex als bekannte Größe in die zu lösende Gleichung einsetzen, 
eine ungezwungene und ungekünstelte Erklärung für die Handlungsweise 
der Angeklagten. Und eben das berechtigt uns zu der Behauptung, daß eine 
Analyse mit höchster Wahrscheinlichkeit in dieser Tat die Wirksamkeit des 
Ödipuskomplexes aufgewiesen hätte. 

Eine Betrachtung aus diesem Gesichtswinkel heraus nimmt es nicht wun* 
der, daß die Angeklagte durch die unbewußte Fixierung an ihren Vater in 
eine ebenso unbewußte feindselige Stellung zu den Personen gedrängt wurde, 
die ihr die Zuneigung des Vaters streitig machten, zu der Mutter und zu den 
nachfolgenden Geschwistern. Freud 44 hat schon darauf hingewiesen, von 
welcher Wichtigkeit für das Schicksal des Einzelnen die Stellung sein kann, 
die er als Kind in der Geschwisterreihe innehat. Die Angeklagte nahm unge* 
fähr die Mitte in der Reihenfolge ihrer neun Geschwister ein. Als sie soweit 
war, daß ihre bewußte Seelentätigkeit begann, mußte sie sich mit den vor* 
handenen älteren Geschwistern abfinden und sich mit ihnen in die Zunei* 
gung und Fürsorge der Eltern teilen. Das war insofern ohne Schwierigkeiten 

43) F r e u d, „Vorlesungen . . . .", S. 210, 214. 

44) Freud, „Vorlesungen . . . .", S. 350. 



110 Wilhelm Nicolini 



möglich, als sie ja von Anfang an diese Situation vorfand und als sie, die 
damals Jüngste, selbst den größten Anteil der elterlichen Liebe und Zärtliche 
keit genoß. Das wurde aber von dem Zeitpunkte an anders, wo die jüngeren 
Geschwister folgten. Diese waren naturgemäß ihre direkten Nachfolger in 
den größten Anteil der elterlichen Fürsorge, den sie bisher für sich in Arte 
spruch genommen hatte. Sie fühlte sich zurückgesetzt, und ihre Eifersucht 
erwachte 45 . Zu dieser Annahme steht auch ihre zärtliche Neigung zu dem 
jüngsten Brüderchen nicht in Gegensatz, wie man wohl meinen möchte. Denn 
zwischen diesen beiden liegt ein derartiger Altersunterschied, daß sie dieses 
Kind nicht mehr so sehr als Konkurrenten um die Liebe des Vaters, wohl 
aber als willkommenes Objekt für ihre eigenen sich regenden weiblichen, 
mütterlichen Gefühle betrachtete. Ihm gegenüber konnte sie die Rolle der 
Mutter einnehmen, die ihr dem Vater gegenüber versagt war. Neuen Grund 
und neue Nahrung fand ihre Eifersucht auf die jüngeren Geschwister, als 
diese indirekt zum Anlaß für die Trennung vom Vater wurden, als sie das 
väterliche Haus verlassen mußte; um in Stellung zu gehen und um dadurch, 
wie ihre älteren Geschwister, zu den Kosten des elterlichen Haushalts bei* 
zutragen. „Wären die kleineren Geschwister nicht da, für die ich Geld verv 
dienen muß, so könnte ich zu Hause (beim Vater) bleiben und würde allein 
von ihm geliebt". 

Aber nicht die Geschwister allein erregen ihre unbewußte Eifersucht, auch 
die Mutter bleibt davon nicht verschont. Wehiger der Vater als die Mutter 
ist es hauptsächlich, die für die endgültige und dauernde Trennung vom 
Vater, vom Elternhause, sorgt, die mit Prügeln und Drohungen sie nach 
einem Besuch zu Hause wieder in die Dienststelle, wieder vom Vater fort* 
schickt 46 . Und dieses Verhalten gibt lediglich neuen Nährstoff für die unbe# 
wußte Feindseligkeit und Auflehnung, die sie von Anfang an gegen ihre 
Mutter hegte. Denn die Mutter legte ihrem Ich Beschränkungen aller Art 
auf. Die Mutter setzte ihrer vorzeitigen Sexualbetätigung Schranken. Und die 
Mutter war es wiederum, die ihr das erste Wahlobjekt ihrer Libido, den 
gegengeschlechtlichen Eltemteil, den Vater, und vor allem dessen Penis 47 , 
vorenthielt, weil sie ihn selbst besitzen wollte und für sich in Anspruch 
nahm 48 . 

Die unbewußte tiefe Erbitterung, die die Angeklagte bisher schon gegen 
ihre Mutter und gegen ihre Geschwister gehegt hatte, und die durch die ge* 



45) Freud, „Vorlesungen. . . .", S. 348, 349; von Aster, a. a. O., S. 191, 192. 

46) Melanie Klein, a.a. O., S. 200. 

47) Melanie K 1 e i n, a. a. O., S. 205, 206. 

48) Freud, „Vorlesungen. . . .", S. 210; von Aster, a. a. O., S. 193, 199; Melanie. 
Klein, a. a. O., S. 98, 99, 100. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 111 

waltsame Trennung vom Vater noch vermehrt wurde, mußte auf ihren zu 
dieser Zeit bereits höchst labilen Seelenzustand äußerst nachteilig einwirken; 
denn die Angeklagte, die zwar bei der Untersuchung durch Wilma ans 
körperlich etwas zurückgeblieben erschienen war, hatte sich, nach den Be* 
kundungen Dritter in der erneuten Hauptverhandlung, während der Dauer 
der Beobachtung überraschend entwickelt. Sie befand sich also in dem kri* 
tischen Augenblick der Trennung in jenem drangvollen Zustand, der die 
Pubertät einleitet und begleitet 49 . Diese Zeit ist aber die Zeit der Ablösung 
der unbewußt an den gegengeschlechtlichen Elternteil gebundenen Libido 
und der endgültigen fremden Objektwahl 60 . Nun bewirkt die Pubertät 
an sich schon eine gewaltige Steigerung in der Produktion der Libido. Dabei 
ist es eine für uns bekannte Eigenschaft des an die nicht fixierte, frei flöte 
tierende und unverwendete Libido gebundenen Affekts, in Angst umzu* 
schlagen 51 . Daraus erklären sich die starken Angstgefühle, die den Heimweh* 
verbrechen vorausgehen und die solange anhalten, bis die Libido zu einer 
endgültigen Fixierung gelangt ist, bis zu dem Augenblick also, wo die Libido, 
wie noch näher auszuführen sein wird, in der Straftat ihre Ersatzbefriedigung 
gefunden hat. In diesem Moment verschwinden die Angstgefühle. 

Durch eine seelische Eigentümlichkeit der Angeklagten, nämlich einen ge* 
wissen Infantilismus ihres Gefühlslebens — wie er sich noch nach den Straf* 
taten in ihrem ruhig*heiteren Wesen und in ihrer gleichmäßig kindlich* 
sorglosen Stimmung, sowie in dem Schwanken über die verschiedenartigen 
Möglichkeiten einer Bestrafung ihrer Verbrechen offenbarte, und wie er 
wenigstens teilweise als die Ursache des Mangels einer nachhaltigen Reue 
angesehen werden muß — , möglicherweise auch noch durch Kindheits* 
erlebnisse, war schon das Verweilen der Libido in der inzestuösen Objekt* 
wähl begünstigt worden. 

Die gewaltsame und dauernde körperliche Trennung vom Vater wirkte 
unter diesen Umständen als seelisches Trauma 52 , das an Stelle der normalen 
Ablösung 53 das Gegenteil, nämlich eine Regression, bezw. eine erneute Fixie* 
rung veranlaßte 5 *. Und weil Eva vom Vater nicht offen Besitz ergreifen 
konnte, tat sie es heimlich. Zu dieser Annahme müssen wir uns mit Rücksicht 
auf die vorgekommenen Aneignungen entschließen. Denn diese Diebstähle 
eröffnen gerade wegen der Art der Gegenstände und deren Symbolbedeutung 
einen Weg zur Aufdeckung ihres unbewußten Motivs. Für uns stellen sich 

49) W ick es, F. G., a. a. O,, S. 62, 154. 

50) Melanie Klein, a. a. O., S. 190. 

51) Melanie Klein, a. a. O., S. 94, 95, 190. 

52) Melanie Klein, a. a. O., S. 23. 

53) Melanie Klein, a. a. O., S. 190. 

54) Freud, „Vorlesungen . . . .", S. 285, 356, 357. 



112 Wilhelm Nicolini 



die Diebstähle, die von manchen Frauen mit einer geradezu krankhaften 
Sucht ausgeführt werden, als eine Manifestation des Penisneides dar. Bei einer 
Betrachtung aus diesem Gesichtswinkel weisen die Diebstähle^ in unserem 
Falle, soweit sie den Bleistift und die Scheren betreffen, mit wünschenswerter 
Klarheit auf ihr Motiv hin. Wären sie nur wegen des beabsichtigten Nutzens 
begangen worden, so wären jedenfalls andere, wertvollere Gegenstände oder 
kleinere Geldbeträge fortgenommen worden. Hier stellen diese Diebstähle 
reine Symbolhandlungen dar. Die Angeklagte will den Penis und damit den 
Penisträger, den Vater, für sich haben 65 . Um aber gleichzeitig dem Wider* 
stand der moralischen Tendenzen des Über*Ichs gegen diese symbolische 
Erfüllung ihres inzestuösen Wunsches entgegenzukommen, werden die Dieb* 
stähle der Taschentücher und des Stücks Fleckseife bewerkstelligt, deren 
Symbolbedeutung der Unschuld unverkennbar ist und etwa besagen soll: 
„Trotzdem ich diese inzestuösen Wünsche habe, bin ich noch rein und unbe* 
fleckt, vom Vater unberührt". 

Während nun diese Diebstähle in ihrer Symbolbedeutung als ein Kenn* 
zeichen der Zielstrebigkeit der inzestuös eingestellten Libido der Angeklagten 
zu bewerten sind, ist es wichtiger, zu wissen, auf welchem Wege und mit 
welchen Mitteln die Libido die Erfüllung ihres Wunsches erstrebte. Zu 
diesem Zwecke müssen wir wieder das Verhältnis der Angeklagten zu ihrer 
Mutter und zu ihren Geschwistern zum Ausgangspunkte unserer weiteren 
Betrachtung machen. 

Die unbewußte tiefe Erbitterung der Angeklagten gegen ihre Mutter und 
die Geschwister fand ihre Fortsetzung in dem Verhältnis der Angeklagten zu 
der Frau Dr. L. und ihrem Töchterchen. Zu dieser Annahme veranlaßt uns 
die uns geläufige Erfahrungstatsache der Identifizierung. Zahlreiche Ana* 
lysen haben zu der Feststellung geführt, daß die ursprüngliche inzestuöse 
Objektbesetzung in positivem oder negativem Sinne ihre Fortsetzung in der 
Person von Lehrern, Vorgesetzten, Erziehern, des behandelnden Psycho* 
analytikers usw. findet. Das Objekt der ersten Liebeswahl wird gleichsam 
in den Nachfolgern wieder errichtet, mit ihnen identifiziert. Eine solche Iden* 
tifizierung wird natürlich um so leichter Platz greifen, wenn — wie dies hier 
der Fall ist — zwischen den ursprünglichen und den späteren Verhältnissen 
eine mehr oder weniger große Ähnlichkeit besteht. 

Wie die Mutter und die kleineren Geschwister bisher die Trennung vom 
Vater veranlaßt hatten, so wurde diese von der Frau Dr. L. und ihrem Töch* 
terchen aufrechterhalten. Dazu kam, daß Frau Dr. L. die Angeklagte nicht 
zur Fortbildungsschule und in die Christenlehre gehen ließ. Während andere 

55) Alexander und Staub, a. a. O., S. 32, 33; Melanie Klein, a. a. O., S. 100, 
205, 206, 207. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 113 

Kinder aus natürlichem Freiheitsdrang häufig froh sind, von diesem Schul* 
besuche entbunden zu sein, fühlte sich die Angeklagte dadurch zurückgesetzt. 
So fühlte sie sich von der Mutter und in übertragener Form von Frau Dr. L. 
auch dem Vater gegenüber zurückgesetzt. Dadurch wurden dann die unbe* 
wußten Haßgefühle und Todeswünsche gegen die Mutter und die jüngeren 
Geschwister auf Frau Dr. L. und ihr Töchterchen projiziert. Auf irgendeine 
Weise mußte dieses Hindernis für die Bestrebungen der durch das trauma* 
tische Erlebnis der Trennung übermächtig gewordenen, inzestuös fixierten 
Libido überwunden werden. Und so gewannen die bislang unbewußten 
Todeswünsche immer mehr reale Gestalt in der rationalisierten Form, daß 
die Heimkehr dann möglich werde, wenn das Töchterchen der Frau Dr. L., 
das zu verwahren die einzige Aufgabe der Angeklagten war, gestorben sei. 
Bestärkt wird diese Auffassung noch durch den letzten, äußerlich so gering* 
fügigen Anlaß 66 , der angeblich die verbrecherische Tat ausgelöst haben soll, 
das Zerbrechen des Lampenzylinders. Die Symbolbedeutung dieser Hand* 
lung, der Wunsch nach Deflorierung, ist unverkennbar. 

Diesem unbewußten Luststreben, das aus zwei Komponenten, der inzes* 
tuösen Objektwahl der Libido und den Todeswünschen gegen Mutter und 
Geschwister besteht, widerstreben nun die moralischen Tendenzen des Über* 
Ichs. Aus diesem Widerstreit resultiert ein gewisses Unlustgefühl, das sich 
wegen des Hemmungseinflusses der vom Ich akzeptierten Moral des Über* 
Ichs auf das amoralische Streben der Libido als präexisten'tes Schuldgefühl 
und entsprechendes unbewußtes Strafbedürfnis manifestiert 57 . Die Größe 
dieses präexistenten Schuldgefühls und damit des unbewußten Strafbedürf* 
nisses ist abhängig von der Stärke der in der ödipussituation fixierten Libido 
und der Todeswünsche 58 . Der Erfüllung der inzestuösen Objektwahl würde 
zwar ein einfaches Fortlaufen am ehesten entgegengekommen sein. Dagegen 
sträubt sich jedoch die moralische Hemmungstendenz der bewußten Moti* 
vation. Deshalb hat die Angeklagte an das Fortlaufen „nicht gedacht". Er* 
forderlich ist vielmehr die „Ersatzhandlung", wo Trieb und Widerstand, in 
Unlust und Schuldgefühl sich fortsetzend, ein Kompromiß abschließen. Nach 
dem ganzen Verlauf der Dinge waren inzestuös fixierte Libido und Todes* 
wünsche derart mächtig, daß das moralische Über*Ich die verbotenen libidi* 
nösen Wunschstrebungen des Unbewußten nur dadurch an ihrer direkten 
Erfüllung hindern konnte, daß es ihnen eine Ersatzbefriedigung in Gestalt 
der verbrecherischen Symbolhandlung bewilligte, ja bewilligen mußte. Denn 
nur eine solche Kompromißbildung konnte beiden Tendenzen einigermaßen 

56) Wicke s, F. G., a. a. O., S. 163. 

57) v o n A s t e r, a. a. O., S. 193, 194. 

58) Freud, „Vorlesungen . . . .", S. 394, 395. 

Imago XXIl/1 8 



114 Wilhelm Nicolini 



gerecht werden; konnte der inzestuösen Objektwahl der Libido in dem Sym* 
bolwert der Straftat und der darin liegenden Ersatzbefriedigung (Tötung des 
Kindes, auf das die Haßgefühle und Todeswünsche gegen die Geschwister 
projiziert waren, und damit Wegräumung des Hindernisses für diese 
inzestuöse Objektwahl) hinreichende Befriedigung gewähren 69 ; konnte den 
Moralgesetzen des Über*Ichs insofern wenigstens nachkommen, als die 
Mordversuche an dem fremden Kinde immerhin weniger verwerflich 
waren als die Verwirklichung der Todeswünsche gegen die Geschwister 
und als die für diese Tat zu erwartende Bestrafung die beste Schranke gegen 
eine weitere Erfüllung der libidinösen Bestrebungen bildete, die allein zu 
zügeln das Übersieh zu schwach war. Nur ein solches Verbrechen konnte 
aber auch das starke präexistente Schuldgefühl und das unbewußte Straf* 
bedürfnis (für dessen Intensität das hartnäckige Leugnen der Täterin bei ihrer 
Vernehmung durch Dr. L. unmittelbar nach dem zweiten Mordversuche einen 
Anhaltspunkt bietet) rationalisieren und erledigen 60 . Dadasmoralische 
Über^Ichnur diese eine Möglichkeit hatte, die inzestuöse 
Objektwahl der Libido de facto zu verhindern, mu ß die 
freie Willensbestimmung der Angeklagten zur Zeit der 
Tat als ausgeschlossen gelten 61 . Der Zwangscharakter der Straf* 
taten hatte letzten Endes seine Ursache in dem Infantilismus des Gefühls* 
lebens der Täterin, der das Verharren in der ödipussituation begünstigte und 
die Trennung vom Vater zum traumatischen Erlebnis werden ließ. 

In eine derartige Erklärung der Straftat lassen sich eine ganze Anzahl von 
Merkmalen ungezwungen einordnen, deren Deutung der bisherigen Bewußt* 
seinspsychologie mehr oder weniger große Schwierigkeiten bereitete. Weder 
das Gefühl der Erleichterung unmittelbar nach der Tat, das Dr. L. bei der 
Verhaftung der Angeklagten feststellen konnte, noch das vollständige Ver* 
schwinden des Heimwehgefühls, noch der Mangel an nachhaltiger Reue 
können für die vorgeschlagene Lösung rätselhaft sein. Alle diese Mo* 
mente, von denen sich übrigens das Gefühl der Erleichterung und das Ver* 
schwinden des Heimwehgefühls überlagern, sind nur Folgen des Doppel* 
Charakters der Straftaten als Ersatzbefriedigung für die inzestuöse Libido und 
als Mittel zur Rationalisierung und Erledigung des präexistenten Schuld* 
gefühls und des unbewußten Strafbedürfnisses. 

59) Lippmann, a. a. O., S. 314; A 1 e x a n d e r und Staub, a. a. O., S. 64. 

60) Freud, „Das Ich und das Es", S. 67; Reik, „Geständniszwang und Strafbe* 
dürfnis", S. 151; Freud, „Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein", in „Psychoanalytische 
Studien an Werken der Dichtung und Kunst", S. 84; A 1 e x a n d e r und S t a u b, a. a. O., 
S. 68. 1 

61) Frank, a. a. O., S. 391; Alexander und Staub, a. a. O., S. 58; Hafter, a. a. 
O., S. 6, 7; Mezger, „Psychoanalyse und strafrechtliche Schuld", a. a. 0., S. 191. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 115 

Wenn wir in Anwendung der psychoanalytischen Lehre auf diesen Fall 
das Heimweh nunmehr als das Bestreben der Libido nach Verwirklichung der 
inzestuösen Objektwahl bezeichnen, dann ist es einleuchtend, daß für dieses 
Gefühl kein Raum mehr blieb, als die Libido die Straftat als Ersatzbefriedi* 
gung annahm und damit ihr Ziel (Besitz der alleinigen Liebe des Vaters durch 
Beseitigung der jüngeren Geschwister) erreicht hatte. In dem gleichen Augen* 
bhcke mußte auch das Spannungsgefühl der bis dahin unbefriedigten, nun* 
mehr aber befriedigten Libido dem Gefühl der Sättigung und Erleichterung 
Platz machen. Und der Mangel an nachhaltiger Reue beruht nicht auf einem 
Zurückbleiben in der sittlichen Entwicklung; denn deren harmonische Aus* 
bildung zeigte sich in dem Eifer und Ernst ihres Pflichtgefühls, das sie sonst 
(sogar noch im Gefängnis) bewies. Vielmehr erklärt sich dieser Mangel (ab* 
gesehen von dem bereits angeführten Infantilismus des Gefühlslebens der 
Täterin) dadurch, daß die drückende Last des unbewußten Schuldgefühls 
wegen der Inzest* und Todeswünsche Befreiung und Erleichterung in der 
Erledigung dieser Wünsche durch eine relativ weniger schwere Tat gefunden 
hatte 62 . Da das unbewußte Strafbedürfnis in der hierfür zu erwartenden realen 
Strafe (ob diese nun in einer Gefängnisstrafe, Internierung zum Zwecke der 
Besserung, bezw. Heilung oder in einer anderen Maßregel bestanden haben 
würde) eine genügende Bestrafung auch für die verbotenen unbewußten 
Wünsche sah, blieb für ein tiefes und nachhaltiges Reuegefühl, das nur eine 
Art Selbstbestrafung ist, kein Raum. Diesem Mangel an Reuegefühl kommt 
sogar noch eine besondere Aufgabe zu. 

Das unbewußte Strafbedürfnis verlangte nach einer Verschärfung der in 
Aussicht stehenden Strafe. Deshalb nahm es den Affekt des Richtenden da* 
durch in Anspruch, daß sich die Straftat gegen die Dienstherrschaft richtete, 
bei der man es doch viel besser als zu Hause hatte, und daß man noch nicht 
einmal Reue darüber empfand 63 . Für die Bewußtseinspsychologie sind gerade 
diese Tatsachen äußerst hinderlich, während wir hierin einen Beweis für die 
Stärke des Ödipuskomplexes sehen, demgegenüber eine Verbesserung der 
realen Situation überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Ebenso rätselhaft muß 
es für die Bewußtseinspsychblogie sein, daß Heimweh auch bei solchen Kin* 
dem und Jugendlichen auftreten kann, die in nächster Nähe ihres Heimat* 
ortes beschäftigt werden. Für unsere Auffassung bietet jedoch auch dieser 
Umstand keine Schwierigkeiten; denn ein „Heim'Veh im Sinne einer Sehn* 
sucht nach bekannter Umgebung existiert nicht. Der mit „Heim'Veh bezeich* 
nete Gefühlskomplex ist (wie bereits vorhin ausgeführt wurde) nur ein Aus* 
drucksmittel einer inzestuös fixierten Libido. 

62) R e i k, „Der unbekannte Mörder", S. 61. 

63) R e i k, „Geständniszwang und Strafbedürfnis", S. 132. 



116 Wilhelm Nicolini 



Wenn man schließlich bei alledem berücksichtigt, daß der ganze hier ge* 
schilderte Widerstreit der Gefühle sich nur im unbewußten Seelenleben 
der Angeklagten abgespielt hatte, so wird man es nicht erstaunlich finden, 
daß die Täterin, die darüber nichts zu bekunden vermochte, schon zu ihrer 
eigenen Rechtfertigung versuchen mußte, den Taten eine bewußte Motiva* 
tion zu geben 64 . So trug sie zur Begründung alle die kleinen Unanneh'mlich* 
keiten und Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens zusammen, die sie, 
einzeln aufgeführt, selbst für unzureichend hielt und deshalb nebeneinander 
stellte. Zieht man bei dieser zum Zwecke der Rationalisierung erfolgten 
Überdetermination noch in Betracht, daß die angeführten Ursachen zum Teil 
sich widersprachen, teilweise sogar, wie durch die Zeugenaussagen festgestellt 
wurde, offensichtlich unrichtig waren, so muß man zugeben, daß diese Über* 
determination, die der Täterin zwar genügte 65 , für uns zu einer befriedigenden 
Erklärung nicht ausreicht; denn bei all diesen Momenten handelte es sich 
letzten Endes doch nur um Kleinigkeiten, die vielleicht ein Grund 
zum Fortlaufen gewesen wären, die aber zu der Schwere 
der Straftaten nicht in einem entsprechenden Verhältnis 
ß tan den. 

Allerdings bleiben nun noch einige Tatsachen zu erwähnen, die sich an* 
scheinend mit der versuchten psychoanalytischen Erklärung der Straftaten 
nicht in rechten Einklang bringen lassen, weil sie offensichtlich von Liebe 
und Anhänglichkeit an Mutter und Geschwister, aber nicht von Haßge* 
fühlen und Todeswünschen Zeugnis geben. Das Verhalten der Angeklagten 
steht insofern im Gegensatz zu den subsumierten Todeswünschen, als sie, 
die Täterin, schon früh ihre jüngeren Geschwister und ein von der Mutter 
in Pflege genommenes Kind ständig mit großer Sorgfalt und Zuverlässigkeit 
verwahrte. Um von der Mutter und der „Mutter in Übertragungsform", 
Frau Dr. L., gepflegt und als krankes Kind behütet zu werden, simulierte sie 
Krankheit 66 . Und vielleicht darf man als dritte Tatsache hier noch erwähnen, 
daß sich die Angeklagte in der Irrenklinik einer Frau, die ein gewisses Intens 
esse für sie zeigte, besonders eng anschloß und ihr in großen Zügen ihr 
ganzes Schicksal offenbarte. Diese Tatsachen widersprechen der psychoanaly* 
tischen Erklärung der Straftaten jedoch nur insoweit, als man sie vom Stand* 
punkt der Bewußtseinspsychologie betrachtet. In Wirklichkeit 
lassen sie sich in den Rahmen einer psychoanalytischen Deutung zwanglos 
einfügen. Wer glaubt, diese Tatsache seien mit den Haßgefühlen und Todes* 

64) Alexander und S t a u b, a. a. O., S. 58, 64. 

65) Alexander und Staub, a. a. O., S. 63, 64; vgl. hierzu jedoch auch Mezger, 
„Psychoanalyse und strafrechtliche Schuld", S. 189. 

66) v o n A s te r, a. a. O., S. 129. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 117 

wünschen unvereinbar, der läßt dabei außer acht, daß die Haßgefühle und 
Todeswünsche im Unbewußten wirken, daß sie den moralischen Tendenzen 
des Über*Ichs zuwiderlaufen und daß dieses Übersieh deshalb bemüht ist, 
nach außen hin durch verdoppelte Liebenswürdigkeit und um so größeren 
Pflichteifer zu dokumentieren, daß es mit den amoralischen Zielen des Es 
nichts gemein haben will 67 . Außerdem macht sich in diesem Anschmiegungs* 
bedürfnis und diesen Zärdichkeitserweisen ein vielleicht letzter Einfluß jen€r 
Ambivalenz geltend, die es zuläßt und für verträglich hält, daß die Libido von 
Anfang an wenigstens eine Zeidang sich an beide Elternteile heftet, bis sie 
endlich im Regelfalle sich ausschließlich an den jeweiligen gegengeschlechfc* 
liehen Elternteil fixiert und gegen den gleichschlechtlichen in Haß um* 
schlägt; wobei diese Ambivalenz letztlich nur eine Folge der ursprünglichen 
bisexuellen Konstitution des Menschen ist 68 . 

Bei dem Versuch, auch andere Verbrechen aus „Heimweh" durch 
inzestuöse Bindung der Libido zu erklären, wird man zunächst sein Augen* 
merk darauf richten müssen, ob diese Straftaten sich in den Rahmen einer 
ödipussituation einfügen lassen; denn nur in dem Falle, daß die Straftat 
gleichzeitig symbolische Wunscherfüllung inzestuös fixierter Libido sein 
könnte, wird man von vorneherein auf das Vorhandensein des ödipus* 
komplexes schließen dürfen. Tatsächlich lassen denn auch alle aus „Heim* 
weh" begangenen Verbrechen (Kindesmord, Vergiftung der Dienstherrin, 
Brandstiftung, Fahnenflucht) eine solche symbolische Deutung zu. 

In den Fällen der Ermordung anvertrauter Kinder wird man, wie in dem 
hier ausführlich erörterten Falle, annehmen können, daß die ödipussituation 
ihre Verwirklichung in der symbolischen Erfüllung und Befriedigung der 
Todeswünsche gegen die Geschwister findet. Durch die symbolische Besei* 
tigung der Geschwister will die betreffende Täterin sich selbst an deren Stelle 
setzen, um die Liebe des Vaters für sich allein zu beanspruchen. Dagegen wird 
man in den Fällen der Ermordung der Dienstherrin annehmen können, daß 
die unbewußten Haßgefühle und Todeswünsche sich vorwiegend direkt 
gegen die Mutter und demgemäß durch Projektion gegen die Dienstherrin 
richten, daß die Täterin im Verhältnis zum Vater unbewußt die Stellung 
der Mutter einnehmen möchte. Die gleiche Annahme dürfen wir dann auch 
den Brandstiftungen weiblicher Dienstboten aus „Heimweh" zugrunde legen; 
denn das Haus ist ein exquisites Symbol der Mutter, wie das Feueranzünden 
selbst das Symbol geschlechtlich er Vereinigung 69 . Schließlich läßt auch die 

67) Melanie K 1 e i n, a. a. O., S. 108. ~~~ 

68) Daß und wieweit die Ambivalenz schließlich das Nebeneinander, eigentlich Wider* 
einander unverträglicher Triebrichtungen zuläßt, hat Freud, in seiner Arbeit „Aus der 
Geschichte einer infantilen Neurose" an einem instruktiven Beispiel gezeigt. 

69) F r e u d, „Vorlesungen . . . .", S. 162. 



118 Wilhelm Nicolini 



Fahnenflucht eine Deutung als symbolische Herstellung der ödipussituation 
zu. Der Vater findet hier eine symbolische Verkörperung im Vaterlande, dem 
man dienen muß und das einen zur Trennung von der Heimat, der Mutter 70 , 
zwingt. Die Fahnenflucht bedeutet die Auflehnung gegen den Vater, der 
einem die Mutter vorenthält, eine Verweigerung des Gehorsams und mit der 
Rückkehr in die Heimat eine symbolische Erfüllung der inzestuösen Objekt* 
wähl. Während in den übrigen Fällen die moralischen Hemmungstendenzen 
das einfache Fortlaufen als allzu offene Erfüllung der libidinösen Wünsche 
nicht zulassen konnten, ist die Situation hier insofern anders, als das „Fort* 
laufen" selbst ja schon eine strafbare Handlung bedeutet und das unbewußte 
Strafbedürfnis in der hierfür zu erwartenden Bestrafung schon eine genügende 
Befriedigung findet. 

Auf Grund der bisherigen Ausführungen lassen sich für eine psychoanaly* 
tische Deutung der aus „Heimweh" begangenen Verbrechen folgende all* 
gemeine Gesichtspunkte aufslellen 71 . 

Soweit das Heimweh nicht zu strafbaren Handlungen führt, bedeutet 
es vom psychoanalytischen Standpunkt aus betrachtet, den vergeblich e n 
Versuch einer Regression der Libido zu einer inzestuösen Objektwahl. Dieser 
unter Umständen wiederholte Versuch, erkennbar an den verschiedenen 
Depressionszuständen 72 , muß jedoch scheitern, weil die normale Ablösung 
der Libido von dem Objekt ihrer inzestuösen Wahl bereits zu weit fortge* 
gehritten ist. V, 

Dagegen bedeutet das „Heimweh", das zu Verbrechen führt, eine ge* 
glückte Regression der bis dahin an den gegengeschlechtlichen Elternteil 
fixierten Libido eben wieder in die gleiche Situation. Voraussetzung hierfür 
ist ein gewisser Infantilismus des Gefühlslebens, der das längere Verweilen 
der Libido in der ursprünglichen inzestuösen Objektwahl begünstigt. Unter 
dieser Voraussetzung erfolgt die Regression in dem Zeitraum der Pubertät, 
wo die Libido bei normalen Verhältnissen begonnen hätte, sich aus der 
Ödipussituation loszulösen und einem fremden Objekt zuzuwenden. Die 
Regression wird hervorgerufen durch die plötzliche dauernde Trennung von 
dem gegengeschlechüichen Elternteil. Diese Trennung bewirkt ein seelisches 
Trauma, auf Grund dessen die erneute Fixierung der Libido in der Ödipus* 
Situation erfolgt. Durch diese Fixierung in der inzestuösen Objektwahl, die 

70) Vgl. hierzu Abraham, „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf 
Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen", S. 34; von Aster, a. a. O., S. 203., 

71) Während Coenen, a. a. O., S. 40, 41, es vermeidet, den Ödipuskonflikt als mög* 
liehen Boden der Entstehung von Verbrechen zu betrachten, glaube ich im Hinblick auf die 
vorhergehenden Erörterungen wenigstens für die Heimwehdelikte eine Ausnahme machen 
zu dürfen. Der Sachverhalt weist zu deutlich auf die inzestuöse Bindung hin. 

72) Wicke s, F. G., a. a. O., S. 232, 233. 



Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 119 

zwar dem unbewußten Seelenleben entspricht, wird der Widerstand der be* 
wußten Seelentätigkeit, die Zensur, wachgerufen. Aus diesem Widerstand 
des moralischen Über^Ichs gegen die Triebwahl des amoralischen Es er# 
wachsen dann die Unlustgef ühle, die wir seit R e i k als präexistentes Schuld« 
gefühl und Straf bedürfnis kennen. Der Widerstreit dieser beiden Tendenzen, 
ausschlaggebend beherrscht von dem quantitativen Übergewicht der inzestuös 
fixierten Libido, führt zu der Kompromißbildung der verbrecherischen 
Handlung, die in ihrer Symbolbedeutung eine das Es notgedrungen befrie* 
digende Ersatzbildung für die verbotenen libidinösen Wünsche ist, und die 
— weniger schlimm als die inzestuöse Objektwahl selbst — immerhin noch 
schlimm genug ist, um das sonst für das Ich so rätselhafte Schuldgefühl und 
das daran geknüpfte Strafbedürfnis zu rechtfertigen. 

Bei den Tätern unter Umständen festgestellter intellektueller Schwachsinn 
kann vielleicht insofern noch von Bedeutung werden, als er geeignet ist, die 
Quantität der bewußten, moralisch widerstrebenden Tendenzen weiter herab* 
zusetzen und damit den inzestuösen Triebregungen Vorschub zu leisten. 

Inwieweit diese Erwägungen — die, wie schon oben gesagt wurde, an einem 
Schema gewonnen sind — durch Analysen eine Bestätigung finden werden, 
bleibt abzuwarten. 

Literaturverzeichnis 

Abraham, Karl : Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der 

Psychoanalyse seelischer Störungen. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1924. 
Alexander, Franz, und Staub, Hugo: Der Verbrecher und seine Richter. Intern. 

Psychoanalytischer Verlag, Wien 1929. 
Aster, Ernst von: Die Psychoanalyse. Volksverband der Bücherfreunde. Wegweiser» 

Verlag, Berlin 1930. 
Birnbaum, Dr. Karl: Die psychopathischen Verbrecher. 2. Aufl., Leipzig 1926. 
C o e n e n, Hans : Strafrecht und Psychoanalyse. Strafrechtliche Abhandlungen, Heft 

261, Breslau 1929. 
Frank, Ludwig: Seelenleben und Rechtsprechung. Grethlein S. Co., Zürich und Leipzig. 
Freud, Anna : Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Zweite, vermehrte Auflage. 

Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1929. 
Freu d, Sigm. : Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Taschenausgabe. 

3. Auflage. Intern. Psychoanalytischer Verlag. 

— Das Ich und das Es. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1923. 

— Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. Intern. Psychoanalytischer Verlag, 
Wien 1924. t 

— Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 
1924. 

— Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein. Psychoanalytische Studien an Werken der 
Dichtung und Kunst. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1924. 

Haeberlin, Karl: Grundlinien der Psychoanalyse. 2. Auflage. München 1927. 



~ 



120 Wilhelm Nicolini: Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung 

H a f t e r, Ernst : Psychoanalyse und Strafrecht, Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht. 

44. Jahrgang, 1. Heft. Bern 1930. 
Hellwig, Albert: Psychologie und Vernehmungstechnik bei Tatbestandsermittlungen. 

Berlin 1927. 
Klein, Melanie : Die Psychoanalyse des Kindes. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 

1932. 
Lippmann, Werner : Analyse eines Kriminellen. In S t e k e 1, Fortschritte der Sexual* 

Wissenschaft und Psychanalyse. 2. Band. Leipzig und Wien 1926. 
Lungwitz, Hans: Psychoanalyse und Kriminalität. Archiv für Kriminologie. Band 77,, 

4. Heft. Leipzig 1925. 
Mezger, Edmund: Moderne Straf rechtsprobleme. Marburger Akademische Reden, Nr. 43. 
' Marburg 1927. 

— Psychoanalyse und strafrechtliche Schuld. Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht, 
44. Jahrgang, 2. Heft. Bern 1930. 

N agier, Johannes: Anlage, Umwelt und Persönlichkeit des Verbrechers. Sonderdruck 

aus Gerichtssaal, Band 103. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1933. 
N o h 1, Johannes : Die kriminalistische Bedeutung der Psychoanalyse. Archiv für Krimino* 

logie, Band 77, 4. Heft. Leipzig 1925. 
Flaut, Paul: Forensische Psychologie, Kriminalistische Monatshefte, 1. Jahrgang, 

Heft 2. Bali* Verlag, Berger & Co., Berlin 1927. 
Priijjhorn, Hans : Psychoanalyse und Rechtsprechung. Deutsche Richterzeitung, 

18. Jahrgang, Heft 9. Leipzig 1926. 
Reik, Theodor: Geständniszwang und Straf bedürfnis. Probleme der Psychoanalyse 

und der Kriminologie. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1925. 

— Der unbekannte Mörder, Von der Tat zum Täter. Intern. Psychoanalytischer Verlag, 
Wien 1932. 

Schultz = Hencke, Harald: Einführung in die Psychoanalyse. Jena 1927.. 

Staub, Hugo : Psychoanalyse und Straf recht ;in FedernoMeng, Das psychoanalytische 

Volksbuch. Stuttgart*Berlin 1926. 
Wickes, Francis G.: Analyse der Kindesseele. Untersuchung und Behandlung nach den 

Grundlagen der Jungschen Theorie. Jul. Hoffmann Verl., Stuttgart. 
Wilmanns, Karl : Heimweh oder impulsives Irresein ? Monatsschrift für Kriminal« 

Psychologie und Straf rechtsreform, 3. Jahrgang. Heidelberg 1907. 
Wulffen, Erich: Das Unbewußte im Verbrecher. Deutsche Juristen^Zeitung, Heft 10. 

Berlin 1927. 



BESPRECHUNGEN 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

BERNSTEIN, I. D.: Psychoanalytic Extensions of the S=R Formula. The Psa. Rcwiev, 
XXII, 2; 1935. 

B. setzt auseinander, welche Modifizierungen und Differenzierungen am primitiven 
Reflexschema (S:= Stimulus, Reiz; R: = response, Reaktion) der behavioristischen Er* 
Ziehungspsychologie angebracht werden müssen, wenn man die psychoanalytische Lehre 
von den Vorgängen der Triebabwehr, der Desexuaüsierung, der Sublimierung und von den 
psychischen Instanzen berücksichtigt. Von da aus polemisiert er dann gegen die Unter? 
Schätzung der Bedeutung des Affektlebens und gegen die einseitige Betonung hypothe* 
tischer Vorgänge an den neuralen Elementen, wie sie in der Lern*Theorie E. L. Thor»» 
d i k e s enthalten sei. W. Marseille (Wien) 

SURROW, T: Behavior Mechanisms and Their Phylopathology. The Psa. Review, XXII, 
2; 1935. 

B. versucht, durch experimentelle Forschung einen direkten Zugang zu den physiolo* 
gischen Problemen des behavior zu finden. Der vorliegende Aufsatz ist nur ein Kapitel des 
Buches, welches er im Begriffe steht, darüber zu veröffentlichen. Der Autor entwickelt hier 
den Gegensatz der ursprünglichen, ganzheitlichen und vom ganzen Organismus getra* 
genen „total behavior-reaction" auf der einen Seite und der im Laufe des Lebens durch 
äußere Einwirkung erworbenen und sozial organisierten, vornehmlich word-condi- 
tioned „partial behavior-reaction" als den Gegensatz zweier miteinander konkurrierender 
physiologischer Systeme. Man denke etwa an die doppelte Funktion der Mund* und 
Rachenorgane im Dienste der Nahrungsaufnahme einerseits und des Sprechens andrer* 
seits. Die aus dieser Konkurrenz entstehende innere Diskrepanz möchte B. sowohl für die 
kollektive Neurose der Kultur wie für die individuellen Neurosen verantwortlich machen. 
Referent hat den Eindruck, daß diese vom Autor intendierte (und anscheinend auch 
initiierte) Ausdehnung der behavioristischen Psychologie ihrerseits keineswegs in störende 
Konkurrenz mit der psychoanalytischen Betrachtung derselben Fragen treten wird — B. 
hält gemeinsame Arbeit für möglich und wünschenswert — , sondern daß sie im Begriff ist, 
etwas zu erforschen, was sich vielleicht einmal als das von der Psychoanalyse zu postu* 
lierende physiologische Korrelat der Ich* und Uber*Ichentwicklung herausstellen wird. 
Es ist wohl kaum nötig zu betonen, daß wir vorderhand von diesem Ziel noch recht weit 
entfernt sind. W. Marseille (Wien) 

LASSWELL, H. D.: Verbal Referenccs and Physiological Changes During the Psycho» 
analytical Interview: A Preliminary Communication. The Psa. Review, XXII, 1; 1935. 

L. unternimmt es, die Psychoanalyse mit dem Behaviourismus zu koppeln. Dieser 
Versuch hat ihn zu Experimenten geführt, die — soweit Referent informiert ist — einzig 
dastehen. Wert und Tragweite dieser Experimente können noch nicht beurteilt werden. 
Auch der Autor stellt sich auf den Standpunkt, daß sie vorläufig nur eine erste, gro.be 
Annäherung an die zu erforschenden Tatbestände vermitteln. 

L. hat sich zum Ziel gesetzt, die Beziehung zwischen dem Ausdruck, den psychisches 



122 Besprechungen 

Geschehen einerseits in Worten, andrerseits in physiologischen Erscheinungen finden 
kann, einer exakten Untersuchung zu unterziehen. Ein solches Unternehmen stößt auf die 
methodische Schwierigkeit, daß die z. B. in psychoanalytischen Krankengeschichten mit* 
geteilten Daten dieser Art quantitativ nicht miteinander vergleichbar sind, weil die dafür 
nötigen objektiven Maßstäbe fehlen. Solche Maßstäbe könnten in gewisser Weise durch 
die Ausbildung von Konventionen für die Mitteilung von Krankengeschichten geschaffen 
werden. L. hält das für wünschenswert, besonders auch im Interesse der Erleichterung des 
gegenseitigen Verstehens zwischen Analytikern und den Vertretern anderer psycholo* 
gischcr Forschungsmethoden — wobei er wohl in erster Linie an den Behaviourismus denkt. 

Für das ihn interessierende Spezialproblem hat sich L. die Möglichkeit, objektive Ver* 
gleiche anzustellen, durch die Einführung experimenteller physiologischer Methoden in 
die analytische Situation geschaffen. Er hat einige wissenschaftlich interessierte, nicht oder 
kaum neurotische Versuchspersonen durch einige Monate einer nicht*therapeutischen 
Analyse unterzogen, bei der die klassische Anordnung im wesentlichen dadurch modi* 
fiziert war, daß (mit Wissen der Versuchsperson) alle Äußerungen des Analysanden 
phonographisch aufgenommen, Pulsfrequenz und elektrische Leitfähigkeit der Haut fort* 
dauernd registriert wurden. Die mitgeteilten Ergebnisse zeigen erstens, daß ein Zusammen* 
hang zwischen der Pulsfrequenz einerseits und der Stärke des (bewußten) Affekts andrere" 
seits besteht, wenn man als Indikator für den Affekt die Zahl der direkten sprachliehen 
Zuwendungen des Analysanden zum Analytiker (zur Analyse und zur analytischen Situa» 
tion) wählt; zweitens ergibt sich ein Zusammenhang zwischen Erhöhung der elektrischen 
Leitfähigkeit der Haut einerseits und der Zunahme der (unbewußten) psychischen Span* 
mung andrerseits, wenn man als Indikator für die letztere die Verringerung des Rede* 
tempos ansetzt. Der Autor macht die Wahl der genannten Indikatoren durch ganz plau* 
sible Argumente verständlich. 

Dem amerikanischen Leser wird die in dieser Arbeit angewendete Methode nicht sc 
sonderbar erscheinen wie dem europäischen, hat man doch in Amerika schon vor Jahren 
wissenschaftliche Untersuchungen mit ähnlicher Versuchsanordnung beispielsweise über 
die psysiologischen Begleiterscheinungen des Lügens unternommen. 

W. Marseille (Wien) 

SCHILDER, P.: Personality in the Light of Psychoanalysis. The Psa. Review, XXII, 1; 
1935. 

S. bespricht in diesem vielschichtigen und nicht immer homogenen Aufsatz diejenigen 
Konzeptionen der Psychoanalyse, welche die Erfassung psychischer Phänomene unter 
ganzheitlichen Gesichtspunkten leisten. Er zeigt zunächst, daß überhaupt erst durch die 
psychoanalytischen Erkenntnisse von der psychologischen Bedeutung des Traumes und 
anderer seelischer Erscheinungen eine einheitliche Auffassung des Psychischen ermög* 
licht wurde. Daß die Psychoanalyse sich von der Assoziationspsychologie, mit der pie 
historisch zusammenhing, im Laufe ihrer Entwicklung weit entfernte, demonstriert er an 
der Entwicklung des Begriffes vom „Komplex", als einer isolierten Erfahrung, zum um* 
fassenden Strukturbegriff, wie er heute etwa in den Termiriis „Ödipus*" und „Kastra* 
tionskomplex" gedacht wird. Von hier aus kann S. dann die Psychoanalyse polemisch 
gegen die mechanistische Auffassung der Assoziation in der Lehre vom bedingten Reflex 
abgrenzen. Im folgenden entwickelt der Autor dann ein Bild von der Leistung der späteren 
Konzeptionen der Psychoanalyse für die, wissenschaftliche Erfassung der Gesamtpersön* 
lichkeit. Er behandelt speziell die psychoanalytische Lehre von der inneren Determiniert» 



Besprechungen 123 



h'eit und Ganzheitlichkeit des persönlichen Erfahrungszusammenhangs, zu der die Er* 
kenntnis des Unbewußten und der Bedeutung der frühen Kindheitserlebnisse führt: die 
Lehre vom Ich, Es und Übersieh und ihrem Zusammenwirken nach den Prinzipien der 
synthetischen Funktion und der mehrfachen Funktion; die Lehre von der Entstehung von 
Charakterzügen aus bestimmten Libidoschicksalen und vom Zusammenhang der verschie* 
denen psychoanalytisch studierten Charaktertypen mit bestimmten Libidopositionen. Da» 
bei hebt S. mit Recht hervor, daß P a w 1 o w s Lehre vom bedingten Reflex und die Ge<= 
Staltpsychologie dadurch, daß sie einen Zugang zu den biologischen und physiologischen 
Problemen eröffnen, der Psychoanalyse vergleichsweise nahe stehen, während die „Existenz» 
Philosophie", die heute in Deutschland Mode sei, die Lehren von K 1 a g e s und von 
Adler über die unfruchtbare Entgegensetzung der Begriffe „psychisch" und „physisch" 
im Grunde nicht hinwegkommen könnten, weil ihnen eine Konzeption vom „Erlebnis", 
welches die Person psychophysisch bestimmt, mangelt. W. Marseille (Wien) 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

BAILEY, P.: An Introducrion to Rankian Psychology. The Psa. Review, XXII, 2; 1935. 

In diesem aus zwei Pariser Vorträgen des Autors entstandenen Aufsatz gibt B. eine 
formal ausgezeichnete und inhaltlich sehr umfassende Darstellung der psychologischen 
Anschauungen von Rank, mit denen er sich völlig indentifiziert. Die in diesen An« 
schauungen enthaltenen Gegensätze zur psychoanalytischen Lehre werden natürlich beson* 
ders hervorgehoben. Da Ranks Lehren in ihrem Kern eine philosophisch*metäphysische 
und nicht eine wissenschäftlich*psychologische Konzeption darstellen, besteht kaum eine 
Möglichkeit zur Diskussion der mannigfachen Differenzpunkte. Es fehlt der gemeinsame 
Boden, und es mangeln die gemeinsamen Kriterien für eine solche Diskussion. Jeder Einzel* 
nachweis würde überschattet durch die in solchen Fällen grundsätzlicher Nichtübereinstim* 
mung immer gegebene Möglichkeit der Uminterpretation schlechthin jeder Einzelfeststellung 
im Sinn : der entgegengesetzten Grundauffassung. Es wird aber trotzdem interessieren, die 
Haupteinwäride gegen die Psychoanalyse, die B. vom Rank sehen Standpunkt aus erhebt, 
kennen zu lernen. Die Psychoanalyse mißachte den individuellen „Willen" des Patienten; 
sie gehe darauf aus, ihn zu brechen, um den Patienten in das Joch einer bestimmten 
Doktrin zu spannen; sie versuche ihn zu heilen, indem sie ihn an diese Doktrin glauben 
mache, statt den Patienten in der Analyse zur lebendigen Erfahrung seiner schöpferischen 
Fähigkeiten zu führen; denn der Heurotiker gehöre wie der Künstler einem bestimmten 
Menschentyp an, eben dem schöpferischen; auch der Analytiker müsse zu diesem Typus 
gehören, um den Neurotiker heilen zu können; dem allgemein menschlichen, aber bei 
diesem Typus besonders stark ausgeprägten Verlangen, sich über das individuelle Leben 
hinaus in irgend einer Weise zu verewigen, müsse Rechnung getragen werden, indem der 
Patient dazu geleitet werde, eine Gemeinschaftsideologie anzunehmen — die Psychoanalyse 
vernachlässige nicht nur diese Aufgabe, sondern sie stelle sogar selbst das Extrem des über* 
steigerten Individualismus dar. W. Marseille (Wien) 

ELIASBERG, W.: Ausdruck oder Bewegung im künstlerischen Schaffen. Zeitschr. f. 

Kinderpsychiatrie II (1935), Heft II, Sa. S.'l— 4. 

Zwei Zeichnungen eines elfjährigen Buben stellen Häuser dar. Ihr Ausdrucksgehalt 
ist verschieden. Die bewegtere und ausdrucksreichere vertritt einen Typus von Zeichnungen, 



124 Besprechungen 



der entsteht, wenn der Zeichner einen der 30—50 täglichen Jacksonanfälle (rechter Arm), 
an denen er leidet „durch zeichnerische Bewegung abfedert"; die ruhigere und ausdruckst 
ärmere Zeichnung vertritt den in der anfallsfreien Zeit entstehenden Typus. E. wirft die 
Frage auf, inwieweit man aus diesem und analogen Tatbeständen schließen könne, „daß 
das Künstlerische überhaupt nichts mehr mit dem Bewußtsein zu tun habe, auch nichts mit 
dem sogenannten .Unbewußten', daß es also etwas rein Motorisches sei". Er weist diese! 
Vermutung ab und bescheidet sich mit der Einsicht, daß das „.normale* Hirn auch als 
Hemmungsapparat gegenüber künstlerischem Erleben und Gestalten wirkt". 

E. K. (Wien) 

KÖNIG'FACHSENFELD, OLGA, FREIIN VON: Wandlungen des Traumproblems von 

der Romantik bis zur Gegenwart. Mit einem Geleitwort von C. G. Jung, Stuttgart, Ferdi« 

nand Enke, 138 S. 

Wie das Vorwort ausführt, soll das Buch eine fühlbare Lücke der philosophisch4iisto* 
rischen Seite der komplexen Psychologie ausfüllen. Jung will in erster Linie durch 
W u n d t s experimentelle Psychologie und durch J a n e t s Neurosenpsychologie beeinflußt 
worden sein. Die Trennung von F r e u d, mit dem er sieben Jahre lang zusammengearbeitet, 
sei aus Erwägungen grundsätzlicher Art erfolgt. Pathopsychologie dürfe sich nicht auf 
Krankheit, sondern müsse sich auf die normalen Verhältnisse stützen (?). Der Parallelismus 
der romantischen Dichtkunst mit seinen — Jungs — psychologischen Auffassungen rechte 
fertigte es, seine Ideen als romantisch zu bezeichnen. Unterhalb der Erlebnisstufe sei aber 
seine Psychologie auch wissenschaftlich«rationalistisch. 

Das Buch gibt einen Überblick über die Traumauffassung der Romantiker, speziell von 
Novalis, Schubert und C a r u s, beschreibt dann die Traumtheorien zur Zeit des 
Primates der Naturwissenschaft, im dritten Teil zur Zeit des Primates der Psychologie, wobei 
im besondern die entsprechenden Auffassungen der Psychoanalyse, der Individualpsycho« 
logie und der analytischen Psychologie Jungs neben einander gestellt und mehr oder min« 
der kritisch beleuchtet werden. Bei der Darstellung der Psychoanalyse wird nach dem 
Schema der landläufigen Kritik der Pansexualismus abgelehnt (S. 164) und die ganze Ich* 
Psychologie vollständig ignoriert. Was Freud nach der Zusammenarbeit mit Jung der 
Welt noch gegeben hat, existiert einfach nicht. So wird es ermöglicht, Jung als die Syn« 
these von Freuds einseitiger These und Adlers ebenso einseitiger Antithese an die 
Spitze zu stellen. Aus einer Publikation Jungs, die im Jahre 1928 zum ersten Mal e»> 
schienen ist, wird hervorgehoben, daß dieser Autor schon damals die jüdische Psychologie 
Freuds als nicht allgemein gültig abgelehnt und schon damals erklärt habe, daß es auch 
niemandem einfallen würde, die chinesische oder indische Psychologie als für uns verbind» 
lieh anzunehmen (S. 90). Daneben wird aber wiederholt das Buch von R. W i 1 h e 1 m und 
Jung „Das Geheimnis der goldenen Blüte" vom Jahr 1929 zitiert, worin sich der vielge* 
wandte analytische Psychologe emsig bemüht hat, die Identität seiner Lehre mit uralter 
chinesischer Weisheit darzulegen. 

Das Buch gewährt so Ausblicke und Einblicke, die von der Autorin, einer Schülerin 
Jungs, vielleicht nicht so gewolllt wurden, die aber auch dem unbefangenen Leser nach« 
denkliches Vergnügen bereiten können. A. Kielholz (Königsfelden* Aargau) 

KRAUSS, STEPHAN: Der seelische Konflikt. Psychologie und existentiale Bedeutung. 
Stuttgart, Ferdinand Enke, 1933. VIII und 125 S. 
Das Thema der vorliegenden Arbeit und die Tatsache, daß der Autor einen grundsätz« 



Besprechungen 125 



liehen Lösungsversuch im Sinne der heutigen „philosophischen Anthropologie" unter* 
nimmt, rechtfertigen eine ausführliche Besprechung dieses Buches und eine prinzipielle 
Auseinandersetzung mit der in ihm vertretenen philosophischen Tendenz innerhalb der 
Psychologie. Mit seiner Untersuchung des seelischen Konflikts möchte K. die grund* 
legende Bedeutung der philosophischen Analyse der psychologischen Phänomene für alle 
Psychologie erweisen. Er ist sich darüber klar, daß er auf dem Gebiet, welches er ausgc* 
wählt hat, in den Kompetenzbereich der Psychoanalyse eindringt. Der Wunsch des Autors, 
die Überlegenheit des philosophischen über das psychoanalytische Verständnis des See» 
lischen darzutun, ist überall spürbar und kommt verschiedentlich auch zu Wort; die 
Alternative, ob die Philosophie oder die Psychoanalyse eigentlich kompetent für die 
wissenschaftliche Erfassung des Seelischen sei — das ist im Grunde die Frage, um die es 
in diesem Buch geht. In dieser Alternative tut sich der im tieferen Sinn unversöhnlich«! 
Gegensatz zweier mächtiger Geistesströmungen kund, und der Tatbestand „seelischer Kon* 
flikt" kann als psychologisches Phänomen in der Tat den Rang beanspruchen, daß sich 
an ihm wissenschaftliche Methoden hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Reich* 
weite miteinander messen. 

Im einleitenden Abschnitt formuliert K. sein Programm folgendermaßen: „Die Blend* 
kraft der Psychoanalyse ist so groß, daß wir mit der schüchternen Frage beginnen: |ist 
nicht auch eine Psychologie des bewußten Konflikterlebens möglich? Und indem wir 
an diese Möglichkeit glauben und sie zu erweisen uns bemühen, treten wir in die Prüfung 
ein, welche Betrachtung für das eigentliche Wesen des Konflikts ergiebiger ist." (S., 12.) 
Die philosophische Anschauung, an die K. sich anlehnt, ist die von K. Jaspers; als 
begriffliches Rüstzeug dient ihm z. T. die Terminologie der sog. „Existenzphilosophie", 
z. T. diejenige verschiedener moderner psychologischer Schulen, insbesondere der Gestalt* 
Psychologie und der Strukturpsychologie von F. Kiueger. Er versucht, seiner Aufgabe 
gerecht zu werden, indem er Selbstzeugnisse von Konflikterlebnissen einer rein formalen 
Analyse unterzieht. Die Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen ist nicht zu verkennen; es 
mag auch sein, daß man seinen Auseinandersetzungen vom philosophischen Standpunkt 
aus ein gutes Niveau zuerkennen wird. Aber im entscheidenden Punkt bereitet der Autor 3 
dem" Leser, der an den grundsätzlichen Fragen interessiert ist, eine Enttäuschung: die sach* 
liehen Ergebnisse sind so bedeutungsarm, ja eigentlich so banal, daß sie nicht ernsthaft in 
Konkurrenz mit den psychoanalytischen treten können. Ihre Besprechung darf übergangen 
werden. Als Beleg für dieses Urteil nur ein Beispiel: K. faßt seine „Theorie des seelischen, 
Konflikts" am Schluß des Buches in sechs Thesen zusammen; unter diesen ist noch die 
inhaltsvollste eine so vage Feststellung wie die folgende: „Der Konflikt ist ein tätiges 
Prinzip, eine innere Bemühung um die Wiederherstellung und Umlagerung der Einheit." 
(S. 124.) Die Ergebnislosigkeit der Bemühungen von K. ist kein Zufall; es ist vielmehr an 
dem empirischen Material des Buches im einzelnen zu zeigen, daß und warum die auf die 
rein formale Analyse des Bewußten sich beschränkende philosophische Untersuchung 
psychologische Phänomene wie „seelischer Konflikt" nicht bewältigen kann. 

Angesichts dieses Materials muß man sich fragen: wie war es hier möglich, den Frage* 
Stellungen der Psychoanalyse (die der Autor ja keineswegs ignoriert) auszuweichen? Be* 
sonders die „großen", der Geistesgeschichte angehörenden und literarisch niedergelegten 
Selbstzeugnisse von Lebenskonflikten (Augustin, Amiel, Kierkegaard) lassen 
schon in ihrem manifesten Inhalt unverkennbar hervortreten, daß die seelischen Konflikte, 
um die es sich hier handelt, innerlich durchsetzt sind von Verdrängungskämpfen, daß in 
ihnen der Selbstbehauptungskampf des Ichs gegen die andrängenden Mächte des Trieb* 



126 Besprechungen 



lebens eine wesentliche Rolle spielt. Man muß keineswegs „psychoanalytisch eingestellt" 
sein, man muß nur die von K. zitierten Dokumente unvoreingenommen lesen, um zu erp 
kennen, daß diese Konflikte unlösbar in den biologischen Grundlagen der Person ver* 
ankert sind, daß sie auch Trieb konflikte sind. Gerade die Grundtendenz der Be* 
mühung von K., nämlich das Bestreben, das bewußte Konflikterleben im Sinne eines rein 
geistigen isoliert zu erforschen, steht im Widerspruch zur Sache, um die es geht. Es ist 
seltsam : um die Grundansicht von K, zu widerlegen, hätte man kaum Material finden 
können, welches geeigneter gewesen wäre als dasjenige, welches K. für seine Zwecke aus« 
gewählt hat. Das im einzelnen nachzuweisen, hat seine Bedeutung. Daß nämlich bei einem 
bestimmten Typus von seelischen Konflikten das innere, „wesensmäßige" Zusammen* 
hängen des Bewußten mit dem Triebhaften und mit dem „Unbewußten" der Psychoanalyse 
aufgezeigt werden kann, ist für die Frage nach der Rechtfertigung des Begriffes vom 
Unbewußten von prinzipieller Wichtigkeit. Das leuchtet besonders dann ein, wenn man 
darauf aufmerksam wird, daß es gerade dieser Typus von seelischen Konflikten ist, welcher 
die Konflikt Erlebenden bei genügender Begabung zur Ausbildung Von religiösen oder 
philosophischen, immer mehr oder minder triebverneinenden Ideologien treiben kann. So 
wird es im folgenden jeweils auf zwei Punkte ankommen: 1. die zu diskutierenden Selbst* 
Zeugnisse verraten die entscheidende Bedeutung von Tendenzen des Trieblebens für die 
Entstehung von seelischen Konflikten innerhalb der Person; 2. sie lassen eine abwehrende 
Haltung der bewußten Person gegenüber diesen Tendenzen erkennen. 

„Ich will erzählen, wie du mich befreit hast von den Banden der sinnlichen Liebe, die 
mich eng gefesselt hielt, j .", mit diesem Satz leitet Augustin den berühmten Bericht 
in den Konfessionen über seine Bekehrung ein. „Sei taub gegen die unreinen Lockungen 
des Fleisches, und sie werden ersterben." So lauten Mahnung und Verheißung der Stimme, 
welcher er am Ende Folge leisten muß. Und was ist das erste, was Au g u s t i n tut, als er 
sich seiner inneren Umkehr sicher weiß ? — er teilt sich seiner Mutter mit, damit sie „jubelt 
und triumphiert", daß ihr Sohn nun nicht mehr „nach einem Weib fragt oder irgend einer 
Hoffnung der Welt". Mit erschütternder Eindringlichkeit schildert Augustin den 
Kampf, der sich in seinem Innern abspielt, und er nennt die Mächte bei Nameri, die mit* 
einander um die Herrschaft über sein Bewußtsein ringen. Das Bewußtsein ist das Schlacht* 
feld und die Herrschaft über das Bewußtsein gleichzeitig der Preis, um den der Kampf 
geht — deswegen kann man gerade diesen Kampf, die hier ringenden Mächte und schließ* 
lieh sogar die in ihnen wirkenden Tendenzen nicht ausschließlich aus dem verstehen, was 
im Lichte des Bewußtseins vorfällt. Gerade A u g u s t i n selbst bezeugt als bewußtes 
Erlebnis das Preisgegebensein an „außergeistige" Mächte. Wenn es ein „Wesen des Be* 
wußtseins" gibt, das „erschaut" werden kann, so gehört dazu gewiß die unlösbare Ver* 
wurzelung im Unbewußten. Das Bewußtsein wird rätselhaft, „dialektisch" und unfaßbar, 
wenn man hier einen Schnitt macht. Augustin gibt dem Ausdruck, wenn er seinen 
Konflikt in die Worte faßt: „Der Geist befiehlt dem Körper, und dieser gehorcht so* 
gleich, der Geist befiehlt sich selbst und stößt auf Widerstand." Schärfer konnte einer, 
der entschlossen war, die Abhängigkeit von jenem außergeistigen Anderen endgültig zu 
verleugnen, eben diese Abhängigkeit kaum formulieren; Aus Kraft seiner Hinwendung zu 
Gott konnte A u g u s t i n diese Abhängigkeit für sich persönlich überwunden halten; 
aber soll der Psychologe ihm darin „nachfolgen", indem er diese Abhängigkeit der S a c h e 
nach für nicht bestehend ansieht? 

Kierkegaard bekennt in seinen Tagebüchern, daß seine Entlobung die entschei* 
dende Wendung in seinem Leben mit sich gebracht habe. Er sagt darüber: „Ich habe mit 



Besprechungen 127 



meinem Arzt gesprochen, ob er glaubte, daß jenes Mißverhältnis in meinem Bau zwischen 
dem Leiblichen und dem Psychischen sich beheben ließe, so daß ich das Allgemeine reali*, 
sieren könnte. Das hat er bezweifelt . . . Von dem Augenblick ab habe ich gewählt. Jenes 
traurige Mißverhältnis mitsamt seinen Leiden ... .habe ich für meinen Pfahl im Fleische 
angesehen, meine Grenze, mein Kreuz . . . " (1846). Wir dürfen annehmen, daß dieses 
Leiden zumindest auch ein im engeren Sinn sexuelles Leiden war, und Kierkegaard! 
bezeugt also an dieser Stelle, daß der religiöse Konflikt seines Lebens — denn zu diesem 
erweitert sich der Konflikt seiner Entlobung — verwurzelt war in einem Konflikt mit 
seinem Triebleben. Er ist sich sogar der tiefen Abhängigkeit seiher ganzen geistigen Existenz 
von diesem Konflikt bewußt: „Ja, wenn nicht mein Leiden, meine Schwäche die Beding 
gung wären für meine ganze geistige Wirksamkeit: so würde ich natürlich noch einen 
Versuch machen, die Sache ganz einfach medizinisch anzugreifen. ... .Aber hier liegt 
das Geheimnis, meines Lebens Bedeutung korrespondiert eben mit meinem Leiden." (Tage* 
bücher 1849). Hier wird es überdeutlich, daß die Aufgabe des Forschers nicht darin ibe* 
stehen kann, sich mitverstricken zu lassen in das ideologische Netz, welches Kierke* 
gaard über sein Leiden breitet — überdeutlich, daß der Psychologe hier als erstes die 
Aufgabe hat, nach Möglichkeit gerade das Dunkel, welches diese entscheidende Stelle 
im Lebenskonflikt Kierkegaards bedeckt, aufzuhellen. Unverkennbar tritt aber auch 
hervor, daß Kierkegaard selbst beherrscht war von dem Wunsch, gerade diese Stelle 
noch mehr zu verdunkeln und sich selbst umzudeuten. Nur so erklärt es sich auch, daß 
die Natur jenes Leidens bis heute unaufgeklärt geblieben ist. 

Im Falle des Genfer Philosophen Amiel kommt K. im Grunde nicht über die Fest* 
Stellung hinaus, daß er über dem primären Konflikt e r 1 e b n i s ein Konflikt bewußt* 
sein entwickelt habe. Aber Ami eis Tagebücher zeigen, daß er zu Zeiten auch ein 
ganz klares Bewußtsein davon gehabt hat, wo die tieferen Gründe für die Zwiespältigkeit, 
unter der er litt, zu suchen waren. Es gibt zahlreiche Stellen in den Tagebüchern, an denen 
er seinen inneren Konflikt ganz abstrakt erfaßt und ihn fast rein formal als einen Wider* 
spruch in seiner Natur hinzustellen sucht. Es gibt aber auch Stellen, wo Amiel von 
seinem „Traum" spricht und erkennen läßt, daß die Verstrickung in sehnsuchtsvolles 
Wünschen nach Erfüllung dieses Traumes und unüberwindbare Angst vor einer Ent* 
täuschung seine innere Konfliktsituation begründet; z. B.: „Werde ich das Herz einer 
Frau besitzen als Schutz im Leben? einen Sohn, um in ihm wieder jung zii werden 
. ...Furchtsam weiche ich zurück, aus Angst, meinen Traum zu zerstören; ich habe soviel 
auf diese Karte gesetzt, daß ich sie nicht auszuspielen wage. Weiterträumen . . ." (28. April 
1852). Amiel weiß auch in manchen Augenblicken, daß seine konfliktvolle und ihn 
selbst so quälende Reflektiertheit eine Waffe seiner schwachen Natur gegen die „Ver* 
lockungen" des Schicksals darstellt und daß er seinen „Traum" nicht nur liebt und im 
geheimen weiterträumt, sondern ihn auch fürchtet und sich bemüht, ihn aus seinem be* 
wußten Leben auszuschalten! „So sind wir, seltsamerweise, gerade das nicht, was wir zu 
sein glauben." (7. Mai 1856). Könnte dieser Satz nicht dem Psychologen geradezu als 
eine Warnung vor der Beschränkung der Konfliktspsychologie auf das Bewußte dienen? 

Einer Diskussion des Materials, welches sich K. aus Berichten seiner Versuchspersonen 
verschafft hat, enthebt uns sein Eingeständnis, daß er die Bedenken, welche die Versuchs* 
Personen gegen die Mitteilung wesentlicherer Konflikte empfanden, mit dem Hinweis 
überwand, daß „nicht der Stoff des Konflikts sondern das Formale an ihm zur Unter* 
suchung stünde" (S. 17). Dieses Vorgehen hat zur Folge gehabt, daß die Berichte fast 
durchgängig theoretisierende Reflexionen, nicht aber echte Selbstzeugnisse darstellen. 



128 Besprechungen 



Die Selbstentblößung, zu der es Augustin und Kierkegaard von innen her ge« 
trieben hat, kann für den bloßen Zweck einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht 
verlangt werden. 

Es ist deutlich geworden, daß K. sein Programm nur durchführen konnte, indem er 
zur Einschränkung der Analyse auf das Bewußte noch eine weitere Einschränkung hinzu* 
treten ließ: die Reduktion seiner Untersuchung auf eine rein formale Analyse. Man 
erkennt aber'auch, daß er darin nur konsequent ist; denn die vorstehenden Ausführungen 
haben gezeigt, daß eine inhaltliche Analyse den Rahmen einer Analyse des Bewußten 
sprengen muß. Die Berücksichtigung der Konfliktinhalte seines Materials hätte den Autor 
unfehlbar zur Anerkennung der eminenten Bedeutung des Trieblebens für alle seelischen 
Konflikte drängen müssen. Wenn man den oft benützten Vergleich der Psychoanalyse 
mit der Geologie heranzieht, kann man sagen: das Unternehmen von K., gerade die Pro* 
blematik des seelischen Konflikts ausschließlich in der Ebene des Bewußtseins und 
mit den Mitteln rein formaler Analyse lösen zu wollen, ist ebenso widersinnig, wie wenn 
ein Geologe gerade die Geologie der Vulkane und ihrer Eruptionen ohne Berück* 
sichtigung der Schichtung der Erdkruste und der in ihr wirkenden Kräfte, vielmehr nuir 
auf Grund der Oberflächengestaltung der Erde betreiben wollte — ein Vorgehen, das 
höchstens solange zu rechtfertigen wäre, als man über die Mittel, sich Kenntnis vom Erd« 
innern zu verschaffen, nicht verfügt — ein Vorgehen, das aber keineswegs dadurch sinn« 
voller wird, daß man sich darauf beruft, daß es ja schließlich die Erdoberfläche sei, auf der 
die Menschen leben. So ist denn fast jeder einzelne Schritt der Analyse von K. mit 
einem Zerreißen der natürlichen Zusammenhänge des Psychischen verbunden. Das Ver« 
ständnis des seelischen Konflikts, welches sich so ergibt, ist vergleichbar demjenigen, 
welches man vom Sinn eines Traumes hat, wenn man sich an die von der sekundären 
Bearbeitung geschaffenen Zusammenhänge hält. 

Für denjenigen, der wie der Referent an die philosophisch«anthropologischen Ar« 
beiten immer wieder mit der Erwartung herangeht, daß sie etwas enthalten, was man gleich« 
sam in psychologische Erkenntnis zurückübersetzen könnte, ist es immer wieder eine neue 
Enttäuschung, zu sehen, daß in diesen Arbeiten der Instinkt dafür fehlt, daß psychokv 
gische Forschung — gleichviel ob naturwissenschaftlicher oder philosophischer Tendenz — 
veröden muß, wenn sie mit solch künstlichen Einschränkungen betrieben wird wie in 
diesem durchaus typischen Fall. Freilich — wo bliebe im andern Fall der Anspruch der* 
„philosophischen Anthropologie" auf Sonderbedeutung? Die für die heutige Philosophie so 
charakteristische Bemühung um Abgrenzung und Trennung von wissenschaftlichen Me« 
thoden und Disziplinen erweckt den Eindruck, als wirke in ihr eine der wesentlichen Trieb« 
federn der philosophischen Arbeit von heute, als sei eines der Ziele, am Ende einen — • 
natürlich schon im vorhinein feststehenden — Satz wie den folgenden zu schreiben: „Wenn 
wir auch im Konflikt ein biologisches Prinzip der Zweckmäßigkeit nicht verkennen, so 
sehen wir doch sein Wesen in überbiologischen Prinzipien, in geistigen Formgesetzen be« 
gründet." (S. 116.) Angesichts der Leistungen der Psychoanalyse, welche gelehrt hat, 
gerade auf diesem Gebiet die „geistigen Formgesetze" aus dem Biologischen zu erfassen, 
dürfen wir diesen Satz als Ausdruck eines bloßen Wunsches ansehen. Zu seiner Be« 
gründung trägt die vorliegende Arbeit nichts bei; sie macht nicht einmal seine Bedeutung 
verständlich — wenn man sich nicht damit begnügen will, Bedeutung und Tendenz gleich« 
zusetzen. W. M a r s' e i 1 1 e (Wien) 











" 


THE 




THE 






PSYCHOANALYTIC 




INTERNATIONAL 






QUARTERLY 




JOURNAL OF 






Fifth year of publication 




PSYCHO-ANALYSIS 






THE QUARTERLY 










is devoted to original contributions 










in the field of theoretical, clinical and 




Directed by 






applied psychoanalysis, and is 








published four times a year. 




SIGM. FREUD 






The Editorial Board of the QUAR- 










TERLY consists of the Editors: Drs. 










Dorian Feigenbaum, Bertram D. Lewin 




Edited by 






and Gregory Zilboorg. Associate Edi- 
tors: Drs. Henry Alden Bunker, Jr., 




ERNEST JONES 






Raymond Gosselin and Lawrence S. 










Kubie. 










CONTENTS FOR OCTOBER WS: 








Karl Abraham: Amenhotcp IV flkhnaton): A 




This Journal is issued quarterly. 






Psychoanalytic Contribution to the Understanding 










of His Personality and the Monolheistic Cult of 




BesidesOriginalPapers,Abstracts 






Aton. — Karl Abraham: The History of an Im- 








postor in the Light of Psychoanalytical Knowlegde. 




and Reviews, it contains the 






— Franz Alexander: The Problem of Psycho- 










analytic Technique. — David M. Levy: A Note on 
the Pecking of Chickens. — Karl A-Menninger: 




Bulletin of the International 






UnconsciousValues in Certain Consistent Mispronun- 










ciations. — Sigm. Freud: Xnhibitions, Symptoms 




Psycho - Analytical Association, 






and Anxiety. — Editors 1 Note — Hanns Sachs: 










Karl Abrahams Contribution to Applied Psycho- 




of which it is the Official Organ. 






analysis. — In memoriam Joseph TefFerson Asch. 








— In memoriam Mortimer Williams Raynor. — 










Book Reviews. — Current PsychoanalyticLiterature. 










— Notes. 




Editorial Communications should be 






Editorial Communications should be 




sent to Dr. Ernest Jones, 81 Harley 






sent to the Editor-in- Chief : Dr. Dorian 




Street, London, W. 1. 


* 




Feigenbaum, 60 Gramercy Parle, New 










York, N. Y. 




The Annual Supcription is 50s per 






Foreign subsertption price is $ J.JO. 




volume of four parts. 






A limited number of back copies are 










available; volumes in original binding 




The Journal is obtainable by sub- 






$ 6.J0. 




scription only, the parts not being 






Business correspondence should be sent 




sold separately. 






to: 




Business correspondence should be 






THE PSYCHOANALYTIC 




addressed to the publishers, Balliere, 






QUARTERLY PRESS 




Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 






372-374 BROADWAY, ALBANY, 




Covent Garden, London, W. C. 2., 






NEW YORK 




who can also supply back volumes. 






. 



IMAGO, Band XXII (1936), Heft 1 

(Ausgegeben im Februar 1936) 

Seite 

Paul Federn: Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 5 

Edward Glover : Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie: ein 

Problem der Orientierung 40 

Paul Schilder: Psychoanalyse des Raumes 61 

L. E. Peller- Roubiczeh: Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung. Psychologischs Deutung 

statistischer Daten 81 

Wilhelm Nicolini: Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung ... 91 

BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: Bernstein: Psychoanalytic Extensions of the S-R Formula 
(Marseille) 121. — Burrow: Behaviour Mechanisms and their Phylopathology (Marseille) 121. — 
Lasswell: Verbal References and Physiological Chatiges During the Psychoanalytical Interview: A 
Preliminary Communication (Marseille) 121. — Schilder: Personality in the Light of Psychoanalysis 

{Marseille) 122. 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Bailey: An Introduction to Rankian Psychology (Marseille) 125. 
— Eliasberg: Ausdruck oder Eewegungim künstlerischen Schaffen. (E. K.) 123. — König-Fachsenfeld: 
Wandlungen des Traumproblems von der Romantik bis zur Gegenwart (Kielholz) 124. — Krauss: Der 
seelische Konflikt. Psychologie und existentiale Bedeutung (Marseille) 124. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

DR. PAUL FEDERN, Wien VI, Köstlergasse 7 
DR. EDWARD GLOVER, 18, Wimpole Street, London W. 1 
DR. WILHELM NICOLINI, Zuschriften an die Redaktion 
FRAU L. E. PELLER-ROUBICZEK, Alfassi-Street, Rechawia, Jerusalem 

DR. MED. et PHIL. PAUL SCHILDER, Professor an der New York University, 160 East 
48 th Street, New York, N. Y. 



Wir bitten zu richten: 

Redaktionelle Zuschriften aus allen Ländern mit Ausnahme Nordamerikas an die 
Redaktion der „Imago", Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I, 
Börsegasse 11 

Redaktionelle Zuschriften aus Nordamerika an Dr. Sandor Rado, 324 West 86 th 
Street, New York City 

Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanaytischer Verlag, 
Wien I, Börsegasse 11 

Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H., Wien I, Börsegasse 11 
Herausgeber: Prof. Ur.Sigm. Freud. Wien. — Verantwortlich für di e Redaktion: Dr. RobertWälder.Wien 11, Obere Donaustraße 35 

Druck: Jakob Weifl, Wien II, Große Sperlgasse +0 
Printed in Austria 




IMAGO, Band XXII (1936), Heft 1 

(Ausgegeben im Februar 1956) 

Seite 

Paul Federn: Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus 5 

Edward Glover: Medizinische Psychologie oder akademische (normale) Psychologie: ein 

Problem der Orientierung 40 

Paul Schilder: Psychoanalyse des Raumes 61 

L. E. Peller- RoubiczeTt: Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung. Psychologischs Deutung 

statistischer Daten g l 

Wilhelm Nicolini: Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanalytische Erklärung ... 01 

BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: Bernstein: Psychoanalytic Extensions of the S-R. Formula 

(Marseille) 121. — Burrow: Behaviour Mechanisms and their Phylopathology (Marseille) 121. 

Lasswell: Verbal References and Physiological Changes During the Psychoanalytical Interview: A 
Preliminary Communication (Marseille) 121. — Schilder: Personality in the Light of Psychoanalysis 
(Marseille) 122. 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Bailey: An Introduction to Rankian Psychology (Marseille) 123. 
— Eliasberg: Ausdruck oder Bewegung im künstlerischen Schaffen. (E. K.) 123. — König- Fachsenf eid: 
Wandlungen des Traumproblems von der Romantik bis zur Gegenwart (Kielholz) 124. — Krauss: Der 
seelische Konflikt. Psychologie und existentiale Bedeutung (Marseille) 124. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

DR. PAUL FEDERN, Wien VI, Köstlergasse 7 
DR. EDWARD GLOVER, 18, Wimpole Street, London W. 1 
DR. WLLHELM NICOLINI, Zuschriften an die Redaktion 
FRAU L. E. PELLER-ROUBICZEK, Alfassi-Street, Rechawia, Jerusalem 

DR. MED. et PHIL. PAUL SCHILDER, Professor an der New York University, 160 East 
48 th Street, New York, N. Y. 



Wir bitten zu richten: 

Redaktionelle Zuschriften aus allen Ländern mit Ausnahme Nordamerikas an die 
Redaktion der „Imago", Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I, 
Börsegasse 11 

Redaktionelle Zuschriften aus Nordamerika an Dr. Sandor Rado, 324 West 86 ,h 
Street, New York City 

Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanaytischer Verlag, 
Wien I, Börsegasse 11 



ll,-r,,,. 1 Si i Drf U M d ^ erle f? r: internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H.. Wien I, Börsegasse 11 

-r. fror. Ur.Sigm.Breud, Wien.- Verantwortlich für di e Redaktion: Dr. Robert Wälder, Wien II, Obere Donaustrafle 55 



Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 4U 
Printed in Austria 






X 
X 

o 

Ü 

< 






\ 



XXII. Band 



1936 



Heft 1 



IMAGO 

^eitschrilt Iür psychoanalytische Bycholoeie 
ihre (jrrenzge biete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psycnoanalytisdien Vereinigung 



Herausgegeben von 



iSigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wald 



Paul Federn Zur Unterscheidung des gesunden und krank* 

haften Narzißmus 

Edward Glover Medizinische Psychologie oder akademische (nor* 

male) Psychologie: ein Problem der Orientierung 

Paul Schilder Psychoanalyse des Raumes 

L. E. PellersRoubiczek . Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung. Psycho* 

logische Deutung statistischer Daten 

Wilhelm Nicolini Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanaly* 

tische Erklärung