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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXIII 1937 Heft 4"

XXIII. Band 1937 Heft 4 



IMAGO 

Zweitschrift Iür psychoanalytische Bycholoeie 
ihre Grenzgebiete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 



Sigm. Freud Wenn Moses ein Ägypter war . . . 

S. H. Fuchs Über Introjektion 

Erik Homburger ...... Traumatische Konfigurationen im Spiel 

Besprechungen 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf die folgenden gesetzlichen Bestimmungen auf* 
merksam: 

Bis zum Ablauf von zwei dem Erscheinungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren 
kann über die betreffenden Verlagsrechte (Wiederabdruck und Übersetzungen) nur mit 
Genehmigung des Verlages verfügt werden. Es steht jedoch auf Grund eines generellen 
Übereinkommens, das wir mit dem „International Journal of Psycho*Analysis" getroffen 
haben jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages der letztgenannten 
Zeitschrift Rechte zur Übersetzung und zum Wiederabdruck einzuräumen. 

Ansuchen um die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in 
einem anderen Organ müßten, um Berücksichtigung finden zu können, zugleich mit Über* 
Sendung des Manuskriptes gestellt werden. 

Die Redaktion 



1) Die in der „Imago" veröffentlichten Beiträge werden mit Mark 25 — per sechzehn* 
seitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten nach Wahl 15 Separata oder zwei Freiexemplare des betreffenden 
Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
erhalten kein Honorar. 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(einseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein* 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange* 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.—, für 50 Exemplare Mark 20.— 

von 9 •• 16 » - 25 „ „ 20.-, „ 50 „ „ 25.- 

" 17 » 24 » >• 25 - .. 30.-, „ 50 „ „ 40- 

" 25 » 32 - •. 25 „ „ 35.-, „ 50 „ „ 45.- 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag 

angefertigt. 



Preis des Heftes Mark 6.-, Jahresabonnement Mark 22.- 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 520 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXIII. Band (1937) sowie zu allen früheren 

Jahrgängen: in Halbleinen Mark 2.J0, in Halbleder Mark /.— 



Bei Adressenänderungen 

bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort bekanntzugeben, denn die Abon* 
nentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem Namen geführt. 





INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 



XXIII. Band 1957 Heft 4 

Wenn Moses ein Ägypter war . . . 

Von 

Sigm. Freud 

In einem früheren Beitrag zu dieser Zeitschrift 1 habe ich die Vermutung, 
daß der Mann Moses, der Befreier und Gesetzgeber des jüdischen Volkes] 
kein Jude, sondern ein Ägypter war, durch ein neues Argument zu bekräf* 
tigen versucht. Daß sein Name aus dem ägyptischen Sprachschatz stammt, 
war längst bemerkt, wenn auch nicht entsprechend gewürdigt worden; ich 
habe hinzugefügt, daß die Deutung des an Moses geknüpften Aussetzung», 
mythus zum Schluß nötige, er sei ein Ägypter gewesen, den das Bedürfnis 
eines Volkes zum Juden machen wollte. Am Ende meines Aufsatzes habe 
ich gesagt, daß sich wichtige und weittragende Folgerungen aus der Annahme 
ableiten, daß Moses ein Ägypter gewesen sei; ich sei aber nicht bereit, 
öffentlich für diese einzutreten, denn sie ruhen nur auf psychologischen 
Wahrscheinlichkeiten und entbehren eines objektiven Beweises. Je bedeufe 
samer die so gewonnenen Einsichten sind, desto stärker verspüre man die 
Warnung, sie nicht ohne sichere Begründung dem kritischen Angriff der 
Umwelt auszusetzen, gleichsam wie ein ehernes Bild auf tönernen Füßen. 
Keine noch so verführerische Wahrscheinlichkeit schütze vor Irrtum; selbst 
wenn alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen wie die Stücke eines 
Zusammenlegspieles, müßte man daran denken, daß das Wahrscheinliche 
nicht notwendig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahrschein* 
lieh. Und endlich sei es nicht verlockend, den Scholastikern und Talmudisten 
angereiht zu werden, die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen, 
gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre Behauptung sein mag! 
Ungeachtet dieser Bedenken, die heute so schwer wiegen wie damals, ist 
aus dem Widerstreit meiner Motive der Entschluß hervorgegangen, auf jene 




388 



Sigm. Freud 



erste Mitteilung diese Fortsetzung folgen zu lassen. Aber es ist wiederum 
nicht das Ganze und nicht das wichtigste Stück des Ganzen. 



Wenn also Moses ein Ägypter war -, so ist der erste Gewinn aus dieser 
Annahme eine neue, schwer zu beantwortende Rätselfrage. Wenn ein Volk 
oder ein Stamm* sich zu einer großen Unternehmung anschickt, so ist nichts 
anderes zu erwarten, als daß einer von den Volksgenossen sich zum Fuhrer 
aufwirft oder zu dieser Rolle durch Wahl bestimmt wird. Aber was einen 
vornehmen Ägypter - vielleicht Prinz, Priester, hoher Beamter - bewegen 
sollte, sich an die Spitze eines Haufens von eingewanderten, kulturell ruck, 
ständigen Fremdlingen zu stellen und mit ihnen das Land zu verlassen, das 
ist nicht leicht zu erraten. Die bekannte Verachtung des Ägypters für ein ihm 
fremdes Volkstum macht einen solchen Vorgang besonders unwahrschein, 
lieh Ja, ich möchte glauben, gerade darum haben selbst Historiker, die den 
Namen als ägyptisch erkannten und dem Mann alle Weisheit Ägyptens zu. 
schrieben, die naheliegende Möglichkeit nicht aufnehmen wollen, daß Moses 

ein Ägypter war. 

Zu dieser ersten Schwierigkeit kommt bald eine zweite hinzu. Wir dürfen 
nicht vergessen, daß Moses nicht nur der politische Führer der in Ägypten 
ansässigen Juden war, er war auch ihr Gesetzgeber, Erzieher, und zwang 
sie in den Dienst einer neuen Religion, die noch beute nach ihm die mosaische 
genannt wird. Aber kommt ein einzelner Mensch so leicht dazu, eine neue 
Religion zu schaffen? Und wenn jemand die Religion eines anderen beein- 
flussen will, ist es nicht das natürlichste, daß er ihn zu seiner eigenen Religion 
bekehrt? Das Judenvolk in Ägypten war sicherlich nicht ohne irgend eine 
Form von Religion, und wenn Moses, der ihm eine neue gegeben, em 
Ägypter war, so ist die Vermutung nicht abzuweisen, daß die andere, neue 
Religion die ägyptische war. 

Dieser Möglichkeit steht etwas im Wege: die Tatsache des schärfsten 
Gegensatzes zwischen der auf Moses zurückgeführten jüdischen Religion 
und der ägyptischen. Die erstete ein großartig starrer Monotheismus; es 
gibt nur einen Gott, er ist einzig, allmächtig, unnahbar; man vertragt seinen 
Anblick nicht, darf sich kein Bild von ihm machen , nicht einmal seinen 

3 ) Wir haben keine Vorstellung davon, um welche Zahlen es sich beim Auszug aus 
Ägypten handelt. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 389 



Namen aussprechen. In der ägyptischen Religion eine kaum übersehbare 
Schar von Gottheiten verschiedener Würdigkeit und Herkunft, einige Per* 
Bonifikationen von großen Naturmächten wie Himmel und Erde, Sonne und 
Mond, auch einmal eine Abstraktion wie die Maat (Wahrheit, Gerechtig* 
keit), oder eine Fratze wie der zwerghafte B e s, die meisten aber Lokalgötter 
aus der Zeit, da das Land in zahlreiche Gaue zerfallen war, tiergestaltig, als 
hätten sie die Entwicklung aus den alten Totemtieren noch nicht überwunden, 
unscharf voneinander unterschieden, kaum daß einzelnen besondere Funk* 
tionen zugewiesen sind. Die Hymnen zu Ehren dieser Götter sagen unge* 
fähr von jedem das nämliche aus, identifizieren sie miteinander ohne Be* 
denken in einer Weise, die uns hoffnungslos verwirren würde. Götternamen 
werden mit einander kombiniert, so daß der eine fast zum Beiwort des an* 
deren herabsinkt; so heißt in der Blütezeit des „Neuen Reiches" der Haupte 
gott der Stadt T h e b e n A m o n * R e, in welcher Zusammensetzung der erste 
Teil den widderköpfigen Stadtgott bedeutet, während Re der Name des 
sperberköpfigen Sonnengottes von O n ist. Magische und Zeremoniellhand* 
lungen, Zaubersprüche und Amulette beherrschten den Dienst dieser Götter 
wie das tägliche Leben des Ägypters. 

Manche dieser Verschiedenheiten mögen sich leicht aus dem prinzipiellen 
Gegensatz eines strengen Monotheismus zu einem uneingeschränkten Poly* 
theismus ableiten. Andere sind offenbar Folgen des Unterschieds im gei* 
stigen Niveau, da die eine Religion primitiven Phasen sehr nahe steht, die 
andere sich zu den Höhen sublimer Abstraktion aufgeschwungen hat. Auf 
diese beiden Momente mag es zurückgehen, wenn man gelegentlich den Ein* 
druck empfängt, der Gegensatz zwischen der mosaischen und der ägyptischen 
Religion sei ein gewollter und absichtlich verschärfter; z. B. wenn die eine 
jede Art von Magie und Zauberwesen aufs strengste verdammt, die doch in 
der anderen aufs üppigste wuchern. Oder wenn der unersättlichen Lust dee 
Ägypter, ihre Götter in Ton, Stein und Erz zu verkörpern, der heute unsere 
Museen so viel verdanken, das rauhe Verbot entgegengestellt wird, irgend 
ein lebendes oder gedachtes Wesen in einem Bildnis darzustellen. Aber es 
gibt noch einen anderen Gegensatz zwischen beiden Religionen, der durch die 
von uns versuchten Erklärungen nicht getroffen wird. Kein anderes Volk 
des Altertums hat soviel getan, um den Tod zu verleugnen, hat so peinlich 
vorgesorgt, eine Existenz im Jenseits zu ermöglichen, und dem entsprechend 
war der Totengott O s i r i s, der Beherrscher dieser anderen Welt, der popu* 
lärste und unbestrittenste aller ägyptischen Götter. Die jüdische Religion 



L 



390 Sigm. Freud 



hingegen hat auf die Unsterblichkeit voll verzichtet; der Möglichkeit einer 
Fortsetzung der Existenz nach dem Tode wird nirgends und niemals Er* 
wähnung getan. Und dies ist umso merkwürdiger, als ja spätere Erfahrungen 
gezeigt haben, daß der Glaube an ein jenseitiges Dasein mit einer monotheL* 
stischen Religion sehr gut vereinbart werden kann. 

Wir hatten gehofft, die Annahme, Moses sei ein Ägypter gewesen, werde 
sich nach verschiedenen Richtungen als fruchtbar und aufklärend erweisen. 
Aber unsere erste Folgerung aus dieser Annahme, die neue Religion, die er 
den Juden gegeben, sei seine eigene, die ägyptische gewesen, ist an der Ein* 
sieht in die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit, der beiden Religionen ge* 
scheitert. 

II. 

Eine merkwürdige Tatsache der ägyptischen Religionsgeschichte, die erst 
spät erkannt und gewürdigt worden ist, eröffnet uns noch eine Aussicht. Es 
bleibt möglich, daß die Religion, die Moses seinem Judenvolke gab, doch 
seine eigene war, eine ägyptische Religion, wenn auch nicht die ägyptische. 

In der glorreichen 18ten Dynastie, unter der Ägypten zuerst ein Weltreich 
wurde, kam um das Jahr 1375 v. Chr. ein junger Pharao auf den Thron, 
der zuerst Amenhotep (IV) hieß wie sein Vater, später aber seinen 
Namen änderte, und nicht bloß seinen Namen. Dieser König unternahm es, 
seinen Ägyptern eine neue Religion aufzudrängen, die ihren Jahrtausende 
alten Traditionen und all ihren vertrauten Lebensgewohnheiten zuwiderlief. 
Es war ein strenger Monotheismus, der erste Versuch dieser Art in der Welt* 
geschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem Glauben an einen 
einzigen Gott wurde wie unvermeidlich die religiöse Intoleranz geboren, 
die dem Altertum vorher — und noch lange nachher — fremd geblieben. 
Aber die Regierung Amenhot eps dauerte nur 17 Jahre; sehr bald nach 
seinem 1358 erfolgten Tode war die neue Religion hinweggefegt, das An* 
denken des ketzerischen Königs geächtet worden. Aus dem Trümmerfeld 
der neuen Residenz, die er erbaut und seinem Gott geweiht hatte, und aus 
den Inschriften in den zu ihr gehörigen Felsgräbern rührt das wenige her, 
was wir über ihn wissen. Alles, was wir über diese merkwürdige, ja einzig* 
artige Persönlichkeit erfahren können, ist des höchsten Interesses würdig.» 

Alles Neue muß seine Vorbereitungen und Vorbedingungen in Früherem 

3) „The first individual in human history" nennt ihn Breast ed. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 391 

haben. Die Ursprünge des ägyptischen Monotheismus lassen sich mit 
einiger Sicherheit ein Stück weit zurückverfolgen. 4 In der Priesterschule des 
Sonnentempels zu O n (Heliopolis) waren seit längerer Zeit Tendenzen tätig, 
um die Vorstellung eines universellen Gottes zu entwickeln und die ethische 
Seite seines Wesens zu betonen. Maat, die Göttin der Wahrheit, Ordnung, 
Gerechtigkeit war eine Tochter des Sonnengottes R e. Schon unter Amen* 
hotep III, dem Vater und Vorgänger des Reformators, nahm die Ver* 
ehrung des Sonnengottes einen neuen Aufschwung, wahrscheinlich in 
Gegnerschaft zum übermächtig gewordenen Amonvon Theben. Ein ur* 
alter Name des Sonnengottes Aton oder Atum wurde neu hervorgeholt 
und in dieser Atonreligion fand der junge König eine Bewegung vor, 
die er nicht erst zu erwecken brauchte, der er sich anschließen konnte. 

Die politischen Verhältnisse Ägyptens hatten um diese Zeit begonnen, die 
ägyptische Religion nachhaltig zu beeinflussen. Durch die Waffentaten des 
großen Eroberers Thothmes III war Ägypten eine Weltmacht geworden, 
im Süden war Nubien, im Norden Palästina, Syrien und ein Stück von 
Mesopotamien zum Reich hinzugekommen. Dieser Imperialismus spiegelte 
sich nun in der Religion als Universalismus und Monotheismus. Da die 
Fürsorge des Pharao jetzt außer Ägypten auch Nubien und Syrien umfaßte, 
mußte auch die Gottheit ihre nationale Beschränkung aufgeben, und wie der 
Pharao der einzige und unumschränkte Herrscher der dem Ägypter be* 
kannten Welt war, so mußte wohl auch die neue Gottheit der Ägypter wer* 
den. Zudem war es natürlich, daß mit der Erweiterung der Reichsgrenzen 
Ägypten für ausländische Einflüsse zugänglicher wurde; manche der könig* 
liehen Frauen 5 waren asiatische Prinzessinnen und möglicherweise waren 
selbst direkte Anregungen zum Monotheismus aus Syrien eingedrungen. 

Amenhotep hat seinen Anschluß an den Sonnenkult von On niemals 
verleugnet. In den zwei Hymnen an den Aton, die uns durch die Inschriften 
in den Felsgräbern erhalten geblieben sind und wahrscheinlich von ihm selbst 
gedichtet wurden, preist er die Sonne als Schöpfer und Erhalter alles Le* 
benden in und außerhalb Ägyptens mit einer Inbrunst, wie sie erst viele 
Jahrhunderte später in den Psalmen zu Ehren des jüdischen Gottes Jahve 
wiederkehrt. Er begnügte sich aber nicht mit dieser erstaunlichen Vorweg* 

4) Das Nachfolgende hauptsächlich nach den Darstellungen von J. H. B r e a s t e d in 
seiner „History of Egypt", 1906, sowie in „The Dawn of Conscience", 1934, und den ente 
sprechenden Abschnitten in „The Cambridge Ancient History", Vol. II. 

5) Vielleicht selbst Amenhot eps geliebte Gemahlin Nofertete. 



392 Sigm. Freud 



1 



nähme der wissenschaftlichen Erkenntnis von der Wirkung der Sonnen* 
Strahlung. Es ist kein Zweifel, daß er einen Schritt weiter ging, daß er die 
Sonne nicht als materielles Objekt verehrte, sondern als Symbol eines götfe* 
liehen Wesens, dessen Energie sich in ihren Strahlen kund gab. 6 

Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir ihn nur als den An* 
hänger und Förderer einer schon vor ihm bestehenden Atonreligion be* 
trachten. Seine Tätigkeit war weit eingreifender. Er brachte etwas Neues 
hinzu, wodurch die Lehre vom universellen Gott erst zum Monotheismus 
wurde, das Moment der Ausschließlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es 
direkt ausgesagt: „Oh Du einziger Gott, neben dem kein anderer ist." 7 Und 
wir wollen nicht vergessen, daß für die Würdigung der neuen Lehre die 
Kenntnis ihres positiven Inhalts allein nicht genügt; beinahe ebenso wichtig 
ist ihre negative Seite, die Kenntnis dessen, was sie verwirft. Es wäre auch 
irrtümlich, anzunehmen, daß die neue Religion mit einem Schlage fertig und 
voll gerüstet ins Leben gerufen wurde wie Athene aus dem Haupt des Zeus. 
Vielmehr spricht alles dafür, daß sie während der Regierung Amenhoteps 
allmählich erstarkte zu immer größerer Klarheit, Konsequenz, Schroffheit 
und Unduldsamkeit. Wahrscheinlich vollzog sich diese Entwicklung unter 
dem Einfluß der heftigen Gegnerschaft, die sich unter den Priestern des Amon 
gegen die Reform des Königs erhob. Im sechsten Jahre der Regierung Amen* 
hoteps war die Verfeindung soweit gediehen, daß der König seinen Namen 
änderte, von dem der nun verpönte Gottesname Amon ein Teil war. Er 
nannte sich anstatt Amenhotep jetzt Ikhnaton. 8 Aber nicht nur aus 
seinem Namen tilgte er den des verhaßten Gottes aus, sondern auch aus 
allen Inschriften und selbst dort, wo er sich im Namen seines Vaters Amen* 
hotep III fand. Bald nach der Namensänderung verließ Ikhnaton das von 
Amon beherrschte Theben und erbaute sich stromabwärts eine neue Residenz, 



6) Breasted, History of Egypt, p. 360: „But however evident the Heliopolitan origin 
o£ the new State religion might be, it was not merely sun*worship; the word Aton was 
employed in the place of the old word f or 'god' (nuter) and the god is clearly distinguished 
from the material sun." „It is evident that what the king was deifying was the force, by 
which the Sun made itself feit on earth" (Dawn of Conscience, p. 279) — ähnlich das 
Urteil über eine Formel zu Ehren des Gottes bei A. Er man (Die Ägyptische Religion, 
1905): „es sind . . . Worte, die möglichst abstrakt ausdrücken sollen, daß man nicht das 
Gestirn selbst verehrt, sondern das Wesen, das sich in ihm offenbart." 

7) 1. c. History of Egypt, p. 374. 

8) Ich folge bei diesen Namen der englischen Schreibart. Der neue Name des Königs 
bedeutet ungefähr dasselbe wie sein früherer: Der Gott ist zufrieden. Vgl. unser Gotthold, 
Gottfried. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 393 

die er Akhetaton (Horizont des A ton) nannte. Ihre Trümmerstätte 
heißt heute Tell^el^Amarna. 9 

Die Verfolgung des Königs traf A m o n am härtesten, aber nicht ihn allein. 
Überall im Reiche wurden die Tempel geschlossen, der Gottesdienst unten* 
sagt, die Tempelgüter beschlagnahmt. Ja der Eifer des Königs ging so weit, 
daß er die alten Denkmäler untersuchen Heß, um das Wort „Gott" in ihnen 
auszumerzen, wenn es in der Mehrzahl gebraucht war. 10 Es ist nicht zu ver*s 
wundern, daß diese Maßnahmen Ikhnatons eine Stimmung fanatischer 
Rachsucht bei der unterdrückten Priesterschaft und beim unbefriedigten Volk 
hervorriefen, die sich nach des Königs Tode frei betätigen konnte. Die Aton* 
religion war nicht populär geworden, war wahrscheinlich auf einen kleinen 
Kreis um seine Person beschränkt geblieben. Der Ausgang Ikhnatons 
bleibt für uns in Dunkel gehüllt. Wir hören von einigen kurzlebigen, 
schattenhaften Nachfolgern aus seiner Familie. Schon sein Schwiegersohn 
Tutankhaton wurde genötigt, nach Theben zurückzukehren und in 
seinem Namen den Gott Aton durch A m o n zu ersetzen. Dann folgte eine 
Zeit der Anarchie, bis es dem Feldherrn Haremhab 1350 gelang, die 
Ordnung wiederherzustellen. Die glorreiche 18te Dynastie war erloschen, 
gleichzeitig deren Eroberungen in Nubien und Asien verloren gegangen. In 
dieser trüben Zwischenzeit waren die alten Religionen Ägyptens wieder ein* 
gesetzt worden. Die Atonreligion war abgetan, die Residenz Ikhnatons 
zerstört und geplündert, sein Andenken als das eines Verbrechers geächtet. 

Es dient einer bestimmten Absicht, wenn wir nun einige Punkte aus der 
negativen Charakteristik der Atonreligion herausheben. Zunächst, daß alles 
Mythische, Magische und Zauberische von ihr ausgeschlossen ist. 11 

Sodann die Art der Darstellung des Sonnengottes, nicht mehr wie in 
früherer Zeit durch eine kleine Pyramide und einen Falken, sondern, was 
beinahe nüchtern zu nennen ist, durch eine runde Scheibe, von der Strahlen 
ausgehen, die in menschlichen Händen endigen. Trotz aller Kunstfreudig* 
keit der Amarnaperiode ist eine andere Darstellung des Sonnengottes, ein 

9) Dort wurde 1887 die für die Geschichtskenntnis so wichtige Korrespondenz der 
ägyptischen Könige mit den Freunden und Vasallen in Asien gefunden. 

10) 1. c. History of Egypt, p. 363. 

11) W e i g a 1 1 (The life and times of Ikhnaton, 1923, p. 121) sagt, Ikhnaton wollte 
nichts von einer Hölle wissen, gegen deren Schrecken man sich durch ungezählte Zauber* 
formein schützen sollte. „Akhnaton flung all these formulae into the fire. Djins, bogies, 
spirits, monsters, demigods and Osiris hitnself with all his court, were swept into the 
blaze and reduced to ashes." 



"** Sigm. Freud 



persönliches Bild des Aton, nicht gefunden worden und man darf es zu* 
versichtlich sagen, es wird nicht gefunden werden. 12 

Endlich das völlige Schweigen über den Totengott O s i r i s und das Toten* 
reich. Weder die Hymnen, noch die Grabinschriften wissen etwas von dem, 
was dem Herzen des Ägypters vielleicht am nächsten lag. Der Gegensatz zur 
Volksreligion kann nicht deutlicher veranschaulicht werden. 13 

III. 

Wir möchten jetzt den Schluß wagen: wenn Moses ein Ägypter war und 
wenn er den Juden seine eigene Religion übermittelte, so war es die des 
Ikhnaton, die A t o n religion. 

Wir haben vorhin die jüdische Religion mit der ägyptischen Volksreligion 
verglichen und die Gegensätzlichkeit zwischen beiden festgestellt. Nun sollen 
wir einen Vergleich der jüdischen mit der Atonreligion anstellen, in der 
Erwartung, die ursprüngliche Identität der beiden zu erweisen. Wir wissen, 
daß uns keine leichte Aufgabe gestellt ist. Von der Atonreligion wissen 
wir dank der Rachsucht der Amonpriester vielleicht zu wenig. Die mosaische 
Religion kennen wir nur in einer Endgestaltung, wie sie etwa 800 Jahne) 
später in nachexilischer Zeit von der jüdischen Priesterschaft fixiert wurde. 
Sollten wir trotz dieser Ungunst des Materials einzelne Anzeichen finden, die 
unserer Annahme günstig sind, so werden wir sie hoch einschätzen dürfen. 

Es gäbe einen kurzen Weg zum Erweis unserer These, daß die mosaische 
Religion nichts anderes ist als die des Aton, nämlich über ein Geständnis, 
eine Proklamation. Aber ich fürchte, man wird uns sagen, daß dieser Weg 
nicht gangbar ist. Das jüdische Glaubensbekenntnis lautet bekanntlich: 
Schema Jisroel Adonai Elohenu Adonai Echod. Wenn der Name des ägyp* 
tischen Aton (oder A tum) nicht nur zufällig an das hebräische Wort 
Adonai und den syrischen Gottesnamen Adonis anklingt, sondern in* 
folge urzeitlicher Sprach* und Sinngemeinschaft, so könnte man jene jüdische 
Formel übersetzen: Höre Israel, unser Gott Aton (Adonai) ist ein einziger 
Gott. Ich bin leider völlig inkompetent, um diese Frage zu beantworten, 

12) A. Weigall (1. c). „Akhnaton did not permit any graven image to be made of 
the Aton. The true God, said the King, had no form; and he held to this opinion 
throughout his life." (p. 103.) 

13) Er man 1. c. p. 70: „vom Osiris und seinem Reich sollte man nichts mehr hören." 
— Breasted, D. of C, p. 291: „Osiris is completely ignored. He is never mentioned in 
any record of Ikhnaton or in any of the tombs at Amarna." 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 395 

konnte auch nur wenig darüber in der Literatur finden," aber wahrscheinlich 
darf man es sich nicht so leicht machen. Übrigens werden wir auf die Pro* 
bleme des Gottesnamens noch einmal zurückkommen müssen. 

Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten der beiden Religionen sind 
leicht ersichtlich, ohne uns viel Aufklärung zu bringen. Beide sind Formen 
eines strengen Monotheismus und man wird von vornherein geneigt sein, 
was an ihnen Übereinstimmung ist, auf diesen Grundcharakter zurückzu* 
führen. Der jüdische Monotheismus benimmt sich in manchen Punkten noch 
schroffer als der ägyptische, z. B. wenn er bildliche Darstellungen überhaupt 
verbietet. Der wesentlichste Unterschied zeigt sich — vom Gottesnamen ab* 
gesehen — darin, daß die jüdische Religion völlig von der Sonnenverehrung 
abgeht, an die sich die ägyptische noch angelehnt hatte. Beim Vergleich mit 
der ägyptischen Volksreligion hatten wir den Eindruck empfangen, daß 
außer dem prinzipiellen Gegensatz ein Moment von absichtlichem Wider* 
spruch an der Verschiedenheit der beiden Religionen beteiligt wäre. Dieser 
Eindruck erscheint nun als berechtigt, wenn wir im Vergleich die jüdische 
durch die Atonreligion ersetzen, die Ikhnaton, wie wir wissen, in ab* 
sichtlicher Feindseligkeit gegen die Volksreligion entwickelt hat. Wir hatten 
uns mit Recht darüber verwundert, daß die jüdische Religion vom Jenseits 
und vom Leben nach dem Tode nichts wissen will, denn eine solche Lehre 
wäre mit dem strengsten Monotheismus vereinbar. Diese Verwunderung 
schwindet, wenn wir von der jüdischen auf die Atonreligion zurückgehen 
und annehmen, daß diese Ablehnung von dort her übernommen worden ist, 
denn für Ikhnaton war sie eine Notwendigkeit bei der Bekämpfung der 
Volksreligion, in der der Totengott Osiris eine vielleicht größere Rolle spielte 
als irgend ein Gott der Oberwelt. Die Übereinstimmung der jüdischen mit 
der A t o n religion in diesem wichtigen Punkte ist das erste starke Argument 
zugunsten unserer These. Wir werden hören, daß es nicht das einzige ist. 

Moses hat den Juden nicht nur eine neue Religion gegeben; man kann 
auch mit gleicher Bestimmtheit behaupten, daß er die Sitte der Beschneidung 
bei ihnen eingeführt hat. Diese Tatsache hat eine entscheidende Bedeutung 
für unser Problem und ist kaum je gewürdigt worden. Der biblische Bericht 
widerspricht ihr zwar mehrfach, er führt einerseits die Beschneidung in die 

14) Nur einige Stellen bei Weigall (1. c): „Der Gott Atum, der Re als die unter» 
gehende Sonne bezeichnete, war vielleicht gleichen Ursprungs wie der in Nordsyrien all* 
gemein verehrte A t o n und eine ausländische Königin sowie ihr Gefolge mag sich darum 
eher zu Heliopolis hingezogen gefühlt haben als zu Theben" (p. 12 und p. 19). 



396 Sigm. Freud 



Urväterzeit zurück als Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abraham, 

anderseits erzählt er in einer ganz besonders dunkeln Stelle, daß Gott Moses 

zürnte, weil er den geheiligten Gebrauch vernachlässigt harte, daß er ihn 

darum töten wollte, und daß Moses' Ehefrau, eine Midianiterin, den 

bedrohten Mann durch rasche Ausführung der Operation vor Gottes Zom 

rettete. Aber dies sind Entstellungen, die uns nicht irre machen dürfen, wir 

werden später Einsicht in ihre Motive gewinnen. Es bleibt bestehen, daß es 

auf die Frage, woher die Sitte der Beschneidung zu den Juden kam, nur eine 

Antwort gibt: aus Ägypten. Herodot, der „Vater der Geschichte", teilt 

uns mit, daß die Sitte der Beschneidung in Ägypten seit langen Zeiten hei* 

misch war, und seine Angaben sind durch die Befunde an Mumien, ja durch 

Darstellungen an den Wänden von Gräbern bestätigt worden. Kein anderes 

Volk des östlichen Mittelmeeres hat, soviel wir wissen, diese Sitte geübt; 

von den Semiten, Babyloniern, Sumerern ist es sicher anzunehmen, daß sie 

unbeschnitten waren. Von den Einwohnern Kanaans sagt es die biblische 

Geschichte selbst; es ist die Voraussetzung für den Ausgang des Abenteuers 

der Tochter Jakobs mit dem Prinzen von Sichern." Die Möglichkeit, daß 

die in Ägypten weilenden Juden die Sitte der Beschneidung auf anderem 

Wege angenommen haben als im Zusammenhange mit der Religionsstiftung 

Moses', dürfen wir als völlig haltlos abweisen. Nun halten wir fest, daß 

die Beschneidung als allgemeine Volkssitte in Ägypten geübt wurde, und 

nehmen für einen Augenblick die gebräuchliche Annahme hinzu, daß Moses 

ein Jude war, der seine Volksgenossen vom ägyptischen Frondienst be# 

freien, sie zur Entwicklung einer selbständigen und selbstbewußten natio* 

nalen Existenz außer Landes führen wollte — wie es ja wirklich geschah — , 

welchen Sinn konnte es haben, daß er ihnen zur gleichen Zeit eine beschwer* 

liehe Sitte aufdrängte, die sie gewissermaßen selbst zu Ägyptern machte, die 

ihre Erinnerung an Ägypten immer wach halten mußte, während sein Streben 

doch nur aufs Gegenteil gerichtet sein konnte, daß sein Volk sich dem Lande 

der Knechtschaft entfremden und die Sehnsucht nach den „Fleischtöpfen 

i5) Wenn wir mit der biblischen Tradition so selbstherrlich und willkürlich verfahren, 
sie zur Bestätigung heranziehen, wo sie uns taugt, und sie unbedenklich verwerfen, wo 
sie uns widerspricht, so wissen wir sehr wohl, daß wir uns dadurch ernster methodischer 
Kritik aussetzen und die Beweiskraft unserer Ausführungen abschwächen. Aber es ist 
die einzige Art, wie man ein Material behandeln kann, von dem man mit Bestimmtheit 
weiß, daß seine Zuverlässigkeit durch den Einfluß entstellender Tendenzen schwer ge* 
schädigt worden ist. Eine gewisse Rechtfertigung hofft man später zu erwerben, wenn 
man jenen geheimen Motiven auf die Spur kommt. Sicherheit ist ja überhaupt nicht zu 
erreichen, und übrigens dürfen wir sagen, daß alle anderen Autoren ebenso verfahren sind. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 397 



Ägyptens" überwinden sollte? Nein, die Tatsache, von der wir ausgingen, 
und die Annahme, die wir an sie anfügten, sind so unvereinbar miteinander, 
daß man den Mut zu einer Schlußfolge findet: Wenn Moses den Juden nicht 
nur eine neue Religion, sondern auch das Gebot der Beschneidung gab 1 , so 
war er kein Jude, sondern ein Ägypter, und dann war die mosaische Religion 
wahrscheinlich eine ägyptische und zwar wegen des Gegensatzes zur Volks* 
religion die Religion des Ato n, mit der die spätere jüdische Religion auch in 
einigen bemerkenswerten Punkten übereinstimmt. 

Wir haben bemerkt, daß unsere Annahme, Moses sei kein Jude, sondern 
ein Ägypter, ein neues Rätsel schafft. Die Handlungsweise, die beim Juden 
leicht verständlich schien, wird beim Ägypter unbegreiflich. Wenn wir aber 
Moses in die Zeit des Ikhnaton versetzen und in Beziehung zu diesem 
Pharao bringen, dann schwindet dieses Rätsel und es enthüllt sich die Mög* 
lichkeit einer Motivierung, die alle unsere Fragen beantwortet. Gehen wir 
von der Voraussetzung aus, daß Moses ein vornehmer und hochstehender 
Mann war, vielleicht wirklich ein Mitglied des königlichen Hauses, wie die 
Sage von ihm behauptet. Er war gewiß seiner großen Fähigkeiten bewußt, 
ehrgeizig und tatkräftig; vielleicht schwebte ihm selbst das Ziel vor, eines 
Tages das Volk zu leiten, das Reich zu beherrschen. Dem Pharao nahe, war 
er ein überzeugter Anhänger der neuen Religion, deren Grundgedanken er 
sich zu eigen gemacht hatte. Mit dem Tod des Königs und dem Einsetzen 
der Reaktion sah er all seine Hoffnungen und Aussichten zerstört; wenn er 
seine ihm teuren Überzeugungen nicht abschwören wollte, hatte ihm Ägypten 
nichts mehr zu bieten, er hatte sein Vaterland verloren. In dieser Notlage 
fand er einen ungewöhnlichen Ausweg. Der Träumer Ikhnaton hatte sich 
seinem Volk entfremdet und hatte sein Weltreich zerbröckeln lassen. Moses' 
energischer Natur entsprach der Plan, ein neues Reich zu gründen, ein neues 
Volk zu finden, dem er die von Ägypten verschmähte Religion zur Ver«= 
ehrung schenken wollte. Es war, wie man erkennt, ein heldenhafter Ver* 
such, das Schicksal zu bestreiten, sich nach zwei Richtungen zu entschädigen 
für die Verluste, die ihm die Katastrophe Ikhnatons gebracht hatte. Viel* 
leicht war er zur Zeit Statthalter jener Grenzprovinz (Gosen), in der sich 
(noch zur Zeit der Hyksos?) gewisse semitische Stämme niedergelassen 
hatten. Diese wählte er aus, daß sie sein neues Volk sein sollten. Eine weit* 
geschichtliche Entscheidung! 16 

16) Wenn Moses ein hoher Beamter war, so erleichtert dies unser Verständnis für die 
Führerrolle, die er bei den Juden übernahm; wenn ein Priester, dann lag es ihm nahe, als 



398 Sigm. Freud 



Er setzte sich mit ihnen ins Einvernehmen, stellte sich an ihre Spitze 1 , be* 
sorgte ihre Abwanderung „mit starker Hand". In vollem Gegensatz zur bib* 
lischen Tradition sollte man annehmen, daß sich dieser Auszug friedlich 
und ohne Verfolgung vollzog. Die Autorität Moses' ermöglichte ihn, und 
eine Zentralgewalt, die ihn hätte verhindern wollen, war damals nicht vor* 
handen. 

Zufolge dieser unserer Konstruktion würde der Auszug aus Ägypten in 
die Zeit zwischen 1358 und 1350 fallen, d. h. nach dem Tode Ikhnatons 
und vor der Herstellung der staatlichen Autorität durch Ha rem h ab. 17 
Das Ziel der Wanderung konnte nur das Land Kanaan sein. Dort wanen 
nach dem Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft Scharen von kriege* 
rischen Aramäern eingebrochen, erobernd und plündernd, und hatten so ge* 
zeigt, wo ein tüchtiges Volk sich neuen Landbesitz holen konnte. Wir kennen 
diese Krieger aus den Briefen, die 1887 im Archiv der Ruinenstadt A m a r n a 
gefunden wurden. Sie werden dort H a b i r u genannt und der Name ist, man 
weiß nicht wie, auf die später kommenden jüdischen Eindringlinge — 
Hebräer — übergegangen, die in den Amarnabriefen nicht gemeint sein 
können. Südlich von Palästina — in Kanaan — wohnten auch jene Stämme, 
die die nächsten Verwandten der jetzt aus Ägypten ausziehenden Juden 
waren. 

Die Motivierung, die wir für das Ganze des Auszugs erraten haben, deckt 
auch die Einsetzung der Beschneidung. Man weiß, in welcher Weise sich 
die Menschen, Völker wie Einzelne, zu diesem uralten, kaum mehr ver* 
standenen Gebrauch verhalten. Denjenigen, die ihn nicht üben, erscheint er 
sehr befremdlich und sie grausen sich ein wenig davor — die anderen aber, 
die die Beschneidung angenommen haben, sind stolz darauf. Sie fühlen sich 
durch sie erhöht, wie geadelt, und schauen verächtlich auf die anderen herab, 
die ihnen als unrein gelten. Noch heute beschimpft der Türke den Christen 
als „unbeschnittenen Hund". Es ist glaublich, daß Moses, der als Ägypter 
selbst beschnitten war, diese Schätzung teilte. Die Juden, mit denen er das" 



Religionsstifter aufzutreten. In beiden Fällen wäre es die Fortsetzung seines bisherigen 
Berufs gewesen. Ein Prinz des königlichen Hauses konnte leicht beides sein, Statthalter 
und Priester. In der Erzählung des Flavius Josephus (Antiqu. jud.), der die Aus* 
setzungssage annimmt, aber andere Traditionen als die biblische zu kennen scheint, hat 
Moses als ägyptischer Feldherr einen siegreichen Feldzug in Äthiopien durchgeführt. 

17) Das wäre etwa ein Jahrhundert früher, als die meisten Historiker annehmen, die 
ihn in die 19te Dynastie unter Merneptah verlegen. Vielleicht etwas später, denn die 
offizielle Geschichtsschreibung scheint das Interregnum in die Regierungszeit Harem* 
h a b s eingerechnet zu haben. 



Wenn Moses ein Ägypter war ... 399 

Vaterland verließ, sollten ihm ein besserer Ersatz für die Ägypter sein, die 
er im Lande zurückließ. Auf keinen Fall durften sie hinter diesen zurück* 
stehen. Ein „geheiligtes Volk" wollte er aus ihnen machen, wie noch aus* 
drücklich im biblischen Text gesagt wird, und als Zeichen solcher Weihe 
führte er auch bei ihnen die Sitte ein, die sie den Ägyptern mindestens gleich* 
stellte. Auch konnte es ihm nur willkommen sein, wenn sie durch ein 
solches Zeichen isoliert und von der Vermischung mit den Fremdvölkern 
abgehalten wurden, zu denen ihre Wanderung sie führen sollte, ähnlich wie 
die Ägypter selbst sich von allen Fremden abgesondert hatten. 18 

Die jüdische Tradition aber benahm sich später, als wäre sie durch die 
Schlußfolge bedrückt, die wir vorhin entwickelt haben. Wenn man zuge* 
stand, daß die Beschneidung eine ägyptische Sitte war, die Moses eingeführt 
hatte, so war das beinahe so viel wie eine Anerkennung, daß die Religion, 
die Moses ihnen überliefert, auch eine ägyptische gewesen war. Aber man 
hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verleugnen; folglich mußte man auch 
dem Sachverhalt in betreff der Beschneidung widersprechen. 



IV. 

An dieser Stelle erwarte ich den Vorwurf, daß ich meine Konstruktion, 
die Moses, den Ägypter, in die Zeit von Ikhnaton versetzt, seinen Entschluß, 
sich des Judenvolkes anzunehmen, aus den derzeitigen politischen Zu* 
ständen im Lande ableitet, die Religion, die er seinen Schützlingen schenkt 
oder auferlegt, als die des Aton erkennt, die eben in Ägypten selbst zu* 

18) Herodot, der Ägypten um 450 v. Chr. besuchte, gibt in seinem Reisebericht 
eine Charakteristik des ägyptischen Volkes, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit be* 
kannten Zügen des späteren Judentums aufzeigt: „Sie sind überhaupt in allen Punkten 
frömmer als die übrigen Menschen, von denen sie sich auch schon durch manche ihrer 
Sitten trennen. So durch die Beschneidung, die sie zuerst, und zwar aus Reinlichkeits* 
gründen, eingeführt haben; des weiteren durch ihren Abscheu vor den Schweinen, der 
gewiß damit zusammenhängt, daß Set als ein schwarzes Schwein den H o r u s verwundet 
hatte, und endlich und am meisten durch ihre Ehrfurcht vor den Kühen, die sie nie essen 
oder opfern würden, weil sie damit die kuhhörnige Isis beleidigen würden. Deshalb würde 
kein Ägypter und keine Ägypterin je einen Griechen küssen oder sein Messer, seinen 
Bratspieß oder seinen Kessel gebrauchen oder von dem Fleisch eines (sonst) reinen Ochsen 
essen, das mit einem griechischen Messer geschnitten wäre . . . sie sahen in hochmütiger 
Beschränktheit auf die anderen Völker herab, die unrein waren und den Göttern nicht so 
nahe standen wie sie." (Nach Ertnan, Die Ägyptische Religion, p. 181 u. ff). 

Wir wollen natürlich Parallelen hiezu aus dem Leben des indischen Volkes nicht vers* 
gessen. Wer hat es übrigens dem jüdischen Dichter H. Heine im 19. Jahrhundert n. Chr. 
eingegeben, seine Religion zu beklagen als „die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, den 
altägyptisch ungesunden Glauben"? 



400 Sigm. Freud 



sammengebrochen war, daß ich diesen Aufbau von Mutmaßungen also mit 
allzugroßer, im Material nicht begründeter Bestimmtheit vorgetragen habe. 
Ich meine, der Vorwurf ist unberechtigt. Ich habe das Moment des Zweifels 
bereits in der Einleitung betont, es gleichsam vor die Klammer gesetzt, und 
durfte es mir dann ersparen, es bei jedem Posten innerhalb der Klammer zu 
wiederholen. 

Einige meiner eigenen kritischen Bemerkungen dürfen die Erörterung fort« 
setzen. Das Kernstück unserer Aufstellung, die Abhängigkeit des jüdischen 
Monotheismus von der monotheistischen Episode in der Geschichte 
Ägyptens, ist von verschiedenen Autoren geahnt und angedeutet worden. Ich 
erspare mir, diese Stimmen hier wiederzugeben, da keine von ihnen anztu* 
geben weiß, auf welchem Weg sich diese Beeinflussung vollzogen haben 
kann. Bleibt sie für uns an die Person des Moses geknüpft, so sind auch 
dann andere Möglichkeiten als die von uns bevorzugte zu erwägen. Es ist 
nicht anzunehmen, daß der Sturz der offiziellen Atonreligion die monothei* 
stische Strömung in Ägypten völlig zu Ende gebracht hat. Die Priesterschule 
in O n, von der sie ausgegangen war, überstand die Katastrophe und mochte 
noch Generationen nach Ikhnaton in den Bann ihrer Gedankengänge 
ziehen. Somit ist die Tat des Moses denkbar, auch wenn er nicht zur Zeit 
Ikhnatons lebte und nicht dessen persönlichen Einfluß erfahren hatte, 
wenn er nur Anhänger oder gar Mitglied der Schule von On war. Diese 
Möglichkeit würde den Zeitpunkt des Auszugs verschieben und näher an 
das gewöhnlich angenommene Datum (im 13ten Jahrhundert) heranrücken; 
sie hat aber sonst nichts, was sie empfiehlt. Die Einsicht in die Motive Moses' 
ginge verloren und die Erleichterung des Auszugs durch die im Lande herrt* 
sehende Anarchie fiele weg. Die nächsten Könige der 19ten Dynastie haben 
ein starkes Regiment geführt. Alle für den Auszug günstigen äußeren und 
inneren Bedingungen treffen nur in der Zeit unmittelbar nach dem Tode des 
Ketzerkönigs zusammen. 

Die Juden besitzen eine reichhaltige außerbiblische Literatur, in der man 
die Sagen und Mythen findet, die sich im Verlauf der Jahrhunderte um die 
großartige Figur des ersten Führers und Religionsstifters gebildet, sie ver* 
klärt und verdunkelt haben. In diesem Material mögen Stücke guter Tracbv 
tion versprengt sein, die in den fünf Büchern keinen Raum gefunden haben. 
Eine solche Sage schildert in ansprechender Weise, wie sich der Ehrgeiz des 
Mannes Moses schon in seiner Kindheit geäußert. Als ihn der Pharao einmal 
in die Arme nahm und im Spiele hoch hob, riß ihm das dreijährige Knäblein 




Wenn Moses ein Ägypter war . . . 401 

die Krone vom Haupt und setzte sie seinem eigenen auf. Der König erschrak 
über dies Vorzeichen und versäumte nicht, seine Weisen darüber zu be* 
fragen. 19 Ein andermal wird von siegreichen Kriegstaten erzählt, die er als 
ägyptischer Feldherr in Äthiopien vollführt, und daran geknüpft, daß er 
ius Ägypten floh, weil er den Neid einer Partei am Hofe oder des Pharao 
selbst zu fürchten hatte. Die biblische Darstellung selbst legt Moses einige 
Züge bei, denen man Glaubwürdigkeit zusprechen möchte. Sie beschreibt 
ihn als zornmütig, leicht aufbrausend — wie er in der Entrüstung den bru* 
talen Aufseher erschlägt, der einen jüdischen Arbeiter mißhandelt, wie er 
in der Erbitterung über den Abfall des Volkes die Gesetzestafeln zer* 
schmettert, die er vom Berge Gottes geholt, ja Gott selbst straft ihn am Ende 
wegen einer Tat der Ungeduld; es wird nicht gesagt, was sie war. Da eine 
solche Eigenschaft nicht der Verherrlichung dient, könnte sie historischer 
Wahrheit entsprechen. Man kann auch die Möglichkeit nicht abweisen, daß 
manche Charakterzüge, die die Juden in die frühe Vorstellung ihres Gottes 
eintrugen, indem sie ihn eifervoll, streng und unerbittlich hießen, im Grunde 
von der Erinnerung an Moses hergenommen waren, denn in Wirklichkeit 
hatte nicht ein unsichtbarer Gott, hatte der Mann Moses sie aus Ägypten 
herausgeführt. 

Ein anderer ihm zugeschriebener Zug hat besonderen Anspruch auf unser 
Interesse. Moses soll „schwer von Sprache" gewesen sein, also eine Sprach* 
hemmung oder einen Sprachfehler besessen haben, so daß er bei den angebe 
liehen Verhandlungen mit dem Pharao der Unterstützung des Aaron be* 
durfte, der sein Bruder genannt wird. Das mag wiederum historische Wahr* 
heit sein und wäre ein erwünschter Beitrag zur Belebung der Physiognomie 
des großen Mannes. Es kann aber auch eine andere und wichtigere Bedeute 
tung haben. Der Bericht mag in leichter Entstellung der Tatsache gedenken, 
daß Moses ein Anderssprachiger war, der mit seinen semitischen Neu* 
Ägyptern nicht ohne Dolmetsch verkehren konnte, wenigstens nicht zu An* 
fang ihrer Beziehungen. Also eine neue Bestätigung der These: Moses war 
ein Ägypter. 

Nun aber, scheint es, ist unsere Arbeit zu einem vorläufigen Ende ge* 
kommen. Aus unserer Annahme, daß Moses ein Ägypter war, sei sie er* 
wiesen oder nicht, können wir zunächst nichts weiter ableiten. Den bib* 
lischen Bericht über Moses und den Auszug kann kein Historiker für 

k anderes halten als für fromme Dichtung, die eine entlegene Tradition im 
19) Dieselbe Anekdote in leichter Abänderung bei Josephus. 
Imago XXIII/4 26 




Dienste ihrer eigenen Tendenzen umgearbeitet hat. Wie die Tradition ur* 
sprünglich gelautet hat, ist uns unbekannt; welches die entstellenden Ten* 
denzen waren, möchten wir gern erraten, werden aber durch die Unkenntnis 
der historischen Vorgänge im Dunkel erhalten. Daß unsere Rekonstruktion 
für so manche Prunkstücke der biblischen Erzählung, wie die zehn Plagen» 
den Durchzug durchs Schilfmeer, die feierliche Gesetzgebung am Berge 
Sinai, keinen Raum hat, dieser Gegensatz kann uns nicht beirren. Aber es 
kann uns nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß wir in Widerspruch 
mit den Ergebnissen der nüchternen Geschichtsforschung unserer Tage ge* 
raten sind. 

Diese neueren Historiker, als deren Vertreter wir Ed. Meyer 20 an* 
erkennen mögen, schließen sich dem biblischen Bericht in einem entscheid 
denden Punkte an. Auch sie meinen, daß die jüdischen Stämme, aus denen 
später das Volk Israel hervorging, zu einem gewissen Zeitpunkt eine neue 
Religion angenommen haben. Aber dies Ereignis vollzog sich nicht in 
Ägypten, auch nicht am Fuße eines Berges auf der Sinaihalbinsel, sondern 
in einer Örtlichkeit, dieMeribat^Qades genannt wird, einer durch ihren 
Reichtum an Quellen und Brunnen ausgezeichneten Oase in dem Landstrich 
südlich von Palästina zwischen dem östlichen Ausgang* der Sinaihalbinsel 
und dem Westrand von Arabien. Sie übernahmen dort die Verehrung eines 
Gottes Jahve, wahrscheinlich von dem arabischen Stamm der nahebei 
wohnenden Midianiter. Vermutlich waren auch andere Nachbarstämme 
Anhänger dieses Gottes. 

Jahve war sicherlich ein Vulkangott. Nun ist Ägypten bekanntlich frei 
von Vulkanen und Erdbeben und auch die Berge der Sinaihalbinsel sind nie 
vulkanisch gewesen; dagegen finden sich Vulkane, die noch bis in späte 
Zeiten tätig gewesen sein mögen, längs des Westrandes Arabiens. Einer 
dieser Berge muß also der Sinai^Horeb gewesen sein, den man sich als 
den Wohnsitz Jahves dachte. 21 Trotz aller Umarbeitungen, die der bib* 
lische Bericht erlitten hat, läßt sich nach Ed. Meyer das ursprüngliche 
Charakterbild des Gottes rekonstruieren: Er ist ein unheimlicher, blute 
gieriger Dämon, der bei Nacht umgeht und das Tageslicht scheut. 22 

Der Mittler zwischen Gott und Volk bei dieser Religionsstiftung wird 



ao) Ed. Meyer, Die Israeliten und ihre Nachbarstämme, 1906. 

21) An einigen Stellen des biblischen Textes ist noch stehengeblieben, daß Jahve vom 
Sinai herab nach Meribat*Qade§ kam. 
23) 1. c. p. 38, 58. 






Wenn Moses ein Ägypter war . . . 403 



Moses genannt. Er ist Schwiegersohn des midianitischen Priesters Jethro, 
hütete dessen Herden, als er die göttliche Berufung erfuhr. Er erhält auch 
in Qades den Besuch Jethros, der ihm Unterweisungen gibt. 

Ed. Meyer sagt zwar, es sei ihm nie zweifelhaft gewesen, daß die Ge* 
schicke vom Aufenthalt in Ägypten und von der Katastrophe der Ägypter; 
irgendeinen historischen Kern enthält, 23 aber er weiß offenbar nicht, wie er 
die von ihm anerkannte Tatsache unterbringen und verwerten soll. Nur die 
Sitte der Beschneidung ist er bereit, von Ägypten abzuleiten. Er bereichert 
unsere frühere Argumentation durch zwei wichtige Hinweise. Erstens, daß 
Josua das Volk zur Beschneidung auffordert, „um das Höhnen der 
Ägypter von sich abzuwälzen", sodann durch das Zitat aus Herodot, daß 
die Phöniker (wohl die Juden) und die Syrer in Palästina selbst zugeben, 
die Beschneidung von den Ägyptern gelernt zu haben. 2 * Aber für einen 
ägyptischen Moses hat er wenig übrig. „Der Moses, den wir kennen, ist 
der Ahnherr der Priester von Qades, also eine mit dem Kultus in Beziehung 
stehende Gestalt der genealogischen Sage, nicht eine geschichtliche Person* 
lichkeit. Es hat denn auch (abgesehen von denen, die die Tradition in Bausch 
und Bogen als geschichtliche Wahrheit hinnehmen) noch niemand von denen, 
die ihn als eine geschichtliche Gestalt behandeln, ihn mit irgendwelchem 
Inhalt zu erfüllen, ihn als eine konkrete Individualität darzustellen oder etwas 
anzugeben gewußt, was er geschaffen hätte und was sein geschichtliches 
Werk wäre." 26 

Dagegen wird er nicht müde, die Beziehung Moses' zu Qades und 
Midi an zu betonen. „Die Gestalt des Moses, die mit Midian und den 
Kultusstätten in der Wüste eng verwachsen ist." 26 „Diese Gestalt des Mose 
ist nun mit Qades (Massa und Meriba) untrennbar verbunden, die Ver* 
schwägerung mit dem midianitischen Priester bildet die Ergänzung dazu. 
Die Verbindung mit dem Exodus dagegen und vollends die Jugend* 
geschichte sind durchaus sekundär und lediglich die Folge der Einfügung 
Moses in eine zusammenhängend fortlaufende Sagengeschichte." 27 Er verweist 
auch darauf, daß die in der Jugendgeschichte des Moses enthaltenen Motive 
später sämtlich fallen gelassen werden. „Mose in Midian ist nicht mehr ein 
Ägypter und Enkel des Pharao, sondern ein Hirt, dem Jahve sich offenbart. 

2 3) 1. c. p. 49. 

2 4) 1. c. p. 449. 
=5) 1. c. p. 451. 
2 6) 1. c. p. 49. 
a 7) 1. c p. 72. 

26* 



— 



404 Sigm. Freud 

In den Erzählungen von den Plagen ist von seinen alten Beziehungen nicht 
mehr die Rede, so leicht sie sich effektvoll hätten verwerten lassen, und der 
Befehl, die israelitischen Knaben zu töten, ist vollkommen vergessen. Bei 
dem Auszug und dem Untergang der Ägypter spielt Mose überhaupt keine 
Rolle, er wird nicht einmal genannt. Der Heldencharakter, den die Kind* 
heitssage voraussetzt, fehlt dem späteren Mose gänzlich; er ist nur noch der 
Gottesmann, ein von Jahve mit übernatürlichen Kräften ausgestatteter 

Wundertäter. . ." 28 „ 

Wir können den Eindruck nicht bestreiten, dieser Moses von Qa des und 
Midian, dem die Tradition selbst die Aufrichtung einer ehernen Schlange 
als Heilgott zuschreiben durfte, ist ein ganz" anderer; als der von uns er* 
schlossene großherrliche Ägypter, der dem Volk eine Religion eröffnete, 
in der alle Magie und Zauberei aufs strengste verpönt war. Unser ägyptischer 
Moses ist vom midianitischen Moses vielleicht nicht weniger verschieden 
als der universelle Gott Aton von dem auf dem Götterberg hausenden 
Dämon Jahve. Und wenn wir den Ermittlungen der neueren Historiker 
irgend ein Maß von Glauben schenken, müssen wir uns eingestehen, daß der 
Faden, den wir von der Annahme her spinnen wollten, Moses sei ein Ägypter 
gewesen, nun zum zweiten Mal abgerissen ist. Diesmal, wie es scheint, ohne 
Hoffnung auf Wiederanknüpfung. 

V. 

Unerwarteter Weise findet sich auch hier ein Ausweg. Die Bemühungen, 
in Moses eine Gestalt zu erkennen, die über den Priester von Q a d e s hinaus* 
reicht, und die Großartigkeit zu bestätigen, welche die Tradition an ihm 
rühmt, sind auch nach Ed. Meyer nicht zur Ruhe gekommen (Greß* 
mann u. a.). Im Jahre 1922 hat dann Ed. Seil in eine Entdeckung ge* 
macht, die unser Problem entscheidend beeinflußt.» Er fand beim Propheten 
Hosea (zweite Hälfte des achten Jahrhunderts) die unverkennbaren An* 
zeichen einer Tradition, die zum Inhalt hat, daß der Religionsstifter Moses 
in einem Aufstand seines widerspenstigen und halsstarrigen Volkes ein ge* 
waltsames Ende fand. Gleichzeitig wurde die von ihm eingesetzte Religion 
abgeworfen. Diese Tradition ist aber nicht auf H o s e a beschränkt, sie kehrt 
bei 3 den meisten späteren Prop heten wieder, ja sie ist nach S e 1 1 i n die Grund * 

39) Ed. P Sellin, Mose und seine Bedeutung für die israelitisch.jüdische Religions* 
geschiente, 1922. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 405 



läge aller späteren messianischen Erwartungen geworden. Am Ausgang des 
babylonischen Exils entwickelte sich im jüdischen Volke die Hoffnung, der 
so schmählich Gemordete werde von den Toten wiederkommen und sein 
reuiges Volk, vielleicht dieses nicht allein, in das Reich einer dauernden 
Seligkeit führen. Die nahe liegenden Beziehungen zum Schicksal eines spä* 
teren Religionsstifters liegen nicht auf unserem Weg. 

Ich bin natürlich wiederum nicht in der Lage, zu entscheiden, ob S e 1 1 i n 
die prophetischen Stellen richtig gedeutet hat. Aber wenn er Recht hat, so 
darf man der von ihm erkannten Tradition historische Glaubwürdigkeit zu* 
sprechen, denn solche Dinge erdichtet man nicht leicht. Es fehlt an einem 
greifbaren Motiv dafür; haben sie sich aber wirklich ereignet, so versteht 
sich leicht, daß man sie vergessen will. Wir brauchen nicht alle Einzelheiten 
der Tradition anzunehmen. Seilin meint, daß Schittim im Ostjordan* 
land als der Schauplatz der Gewalttat an Moses bezeichnet wird. Wir werden 
bald erkennen, daß eine solche Lokalität für unsere Überlegungen unan* 
nehmbar ist. 

Wir entlehnen von S e 1 1 i n die Annahme, daß der ägyptische Moses von 
den Juden erschlagen, die von ihm eingeführte Religion aufgegeben wurde. 
Sie gestattet uns, unsere Fäden weiter zu spinnen, ohne glaubwürdigen Er* 
gebnissen der historischen Forschung zu widersprechen. Aber wir wagen 
es, uns sonst unabhängig von den Autoren zu halten, selbständig „einher* 
zutreten auf der eigenen Spur". Der Auszug aus Ägypten bleibt unser Aus* 
gangspunkt. Es muß eine beträchtliche Anzahl von Personen gewesen sein, 
die mit Moses das Land verließ; ein kleiner Haufe hätte dem ehrgeizigen, 
auf Großes abzielenden Mann nicht der Mühe gelohnt. Wahrscheinlich 
hatten die Einwanderer lange genug im Lande geweilt, um sich zu einer 
ansehnlichen Volkszahl zu entwickeln. Aber wir werden gewiß nicht irren, 
wenn wir mit der Mehrzahl der Autoren annehmen, daß nur ein Bruchteil 
des späteren Judenvolkes die Schicksale in Ägypten erfahren hat. Mit an* 
deren Worten, der aus Ägypten zurückgekehrte Stamm vereinigte sich später 
im Landstrich zwischen Ägypten und Kanaan mit anderen verwandten 
Stämmen, die dort seit längerer Zeit ansässig gewesen waren. Ausdruck 
dieser Vereinigung, aus der das Volk Israel hervorging, war die Annahme 
einer neuen, allen Stämmen gemeinsamen Religion, der des J a h v e, welches 
Ereignis sich nach Ed. Meyer unter midianitischem Einfluß in Qades 
vollzog. Darauf fühlte sich das Volk stark genug, seinen Einbruch in das. 
Land K a n a a n zu unternehmen. Mit diesem Hergang verträgt es sich nicht, 



daß die Katastrophe des Moses und seiner Religion im Ostjordanland vor* 
fiel, — sie muß lange vor der Vereinigung geschehen sein. 

Es ist gewiß, daß recht verschiedene Elemente zum Aufbau des jüdischen 
Volkes zusammengetreten sind, aber den größten Unterschied unter diesen 
Stämmen muß es gemacht haben, ob sie den Aufenthalt in Ägypten, und was 
darauf folgte, miterlebt hatten, oder nicht. Mit Rücksicht auf diesen Punkt 
kann man sagen, die Nation sei aus der Vereinigung von zwei Bestandteilen 
hervorgegangen, und dieser Tatsache entsprach es, daß sie auch nach einer 
kurzen Periode politischer Einheit in zwei Stücke, das Reich Israel und 
das Reich Juda, auseinander brach. Die Geschichte liebt solche Wieder* 
herstellungen, in denen spätere Verschmelzungen rückgängig gemacht wer* 
den und frühere Trennungen wieder hervortreten. Das eindrucksvollste Bei* 
spiel dieser Art schuf bekanntlich die Reformation, als sie die Grenzlinie 
zwischen dem einst römisch gewesenen und dem unabhängig gebliebenen 
Germanien nach einem Intervall von mehr als einem Jahrtausend wieder zum 
Vorschein brachte. Für den Fall des jüdischen Volkes könnten wir eine so 
getreue Reproduktion des alten Tatbestands nicht erweisen, unsere Kenntnis 
dieser Zeiten ist zu unsicher, um die Behauptung zu gestatten, im Nordreich 
hätten sich die von jeher Ansässigen, im Südreich die aus Ägypten Zurück* 
gekehrten wieder zusammengefunden, aber der spätere Zerfall kann auch 
hier nicht ohne Zusammenhang mit der früheren Verlötung gewesen sein. 
Die einstigen Ägypter waren wahrscheinlich in ihrer Volkszahl geringer als 
die anderen, aber sie erwiesen sich als die kulturell Stärkeren; sie übten einen 
mächtigeren Einfluß auf die weitere Entwicklung des Volkes, weil sie eine 
Tradition mitbrachten, die den anderen fehlte. 

Vielleicht noch etwas anderes, was greifbarer war als eine Tradition. Zu 
den größten Rätseln der jüdischen Vorzeit gehört die Herkunft der 
Leviten. Sie werden von einem der zwölf Stämme Israels abgeleitet, 
vom Stamme Levi, aber keine Tradition hat anzugeben gewagt, wo dieser 
Stamm ursprünglich saß oder welches Stück des eroberten Landes Kanaan 
ihm zugewiesen war. Sie besetzen die wichtigsten Priesterposten, aber sie 
werden doch von den Priestern unterschieden, ein Levit ist nicht notwendig 
ein Priester; es ist nicht der Name einer Kaste. Unsere Voraussetzung über 
die Person des Moses legt uns eine Erklärung nahe. Es ist nicht glaubhaft, 
daß ein großer Herr wie der Ägypter Moses sich unbegleitet zu dem ihm 
fremden Volk begab. Er brachte gewiß sein Gefolge mit, seine nächsten 
Anhänger, seine Schreiber, sein Gesinde. Das waren ursprünglich die Leviten. 



J 




Wenn Moses ein Ägypter war . . . 407 

Die Behauptung der Tradition, Moses war ein Levit, scheint eine durch* 
sichtige Entstellung des Sachverhalts : Die Leviten waren die Leute des Moses. 
Diese Lösung wird durch die bereits in meinem früheren Aufsatz erwähnte 
Tatsache gestützt, daß einzig unter den Leviten später noch ägyptische Namen 
auftauchen. 30 Es ist anzunehmen, daß eine gute Anzahl dieser Mosesleute 
der Katastrophe entging, die ihn selbst und seine Religionsstiftung traf. Sie 
vermehrten sich in den nächsten Generationen, verschmolzen mit dem Volke, 
in dem sie lebten, aber sie blieben ihrem Herrn treu, bewahrten das An* 
denken an ihn und pflegten die Tradition seiner Lehren. Zur Zeit der Ver* 
einigung mit den Jahvegläubigen bildeten sie eine einflußreiche, den anderen 
kulturell überlegene Minorität. 

Ich stelle es vorläufig als Annahme hin, daß zwischen dem Untergang des 
Moses und der Religionsstiftung in Qades zwei Generationen, vielleicht 
selbst ein Jahrhundert verlief. Ich sehe keinen Weg, um zu entscheiden, ob 
die Neo^Ägypter, wie ich sie hier zur Unterscheidung nennen möchte, die 
Rückkehrer also, mit ihren Stammverwandten zusammentrafen, nachdem 
diese bereits die Jahvereligion angenommen hatten, oder schon vorher. Man 
mag das letztere für wahrscheinlicher halten. Für das Endergebnis macht es 
keinen Unterschied. Was in Qades vorging, war ein Kompromiß, an dem 
der Anteil der Mosesstämme unverkennbar ist. 

Wir dürfen uns hier wiederum auf das Zeugnis der Beschneidung berufen, 
die uns wiederholt, als Leitfossil sozusagen, die wichtigsten Dienste geleistet 
hat. Diese Sitte wurde auch in der Jahvereligion Gebot, und da sie unlösbar 
mit Ägypten verknüpft ist, kann ihre Annahme nur eine Konzession ian 
die Mosesleute gewesen sein, die — oder die Leviten unter ihnen — auf 
dies Zeichen ihrer Heiligung nicht verzichten wollten. Soviel wollten sie 
von ihrer alten Religion retten, und dafür waren sie bereit, die neue Gottheit 
anzunehmen und was die Midianpriester von ihr erzählten. Es ist möglich, 
daß sie noch andere Konzessionen durchsetzten. Wir haben bereits erwähnt, 
daß das jüdische Ritual gewisse Einschränkungen im Gebrauch des Gottes** 
namens vorschrieb. Anstatt Jahve mußte Adonai gesprochen werden. 
Es liegt nahe, diese Vorschrift in unseren Zusammenhang zu bringen, aber 
es ist eine Vermutung ohne weiteren Anhalt. Das Verbot des Gottesnamens 
ist bekanntlich ein uraltes Tabu. Warum es gerade in der jüdischen Gesetz* 



3°) Diese Annahme verträgt sich gut mit den Angaben Yahudas über den ägyp«= 
tischen Einfluß auf das frühjüdische Schrifttum. Siehe A. S. Yahuda, Die Sprache des 
Pentateuch in ihren Beziehungen zum Ägyptischen, 1929. 



408 Sigm. Freud - 

gebun- aufgefrischt wurde, versteht man nicht; es ist nicht ausgeschlossen, 
daß dies unter dem Einfluß eines neuen Motivs geschah. Man braucht nicht 
anzunehmen, daß das Verbot konsequent durchgeführt wurde; für die B_* 
düng theophorer Personennamen, also für Zusammensetzungen, blieb der 
Name des Gottes Jahve frei (Jochanan, Je hu, Josua). Aber es hatte 
doch mit diesem Namen eine besondere Bewandtnis. Es ist bekannt, daß 
die kritische Bibelforschung zwei Quellenschriften des Hexateuchs annimmt. 
Sie werden als J und als E bezeichnet, weil die eine den Gottesnamen 
J a h v e, die andere den E 1 o h i m gebraucht. E 1 o h i m zwar, nicht A d o n a i, 
aber man mag der Bemerkung eines unserer Autoren gedenken: „Die ver. 
schiedenen Namen sind das deutliche Kennzeichen ursprünglich versehe 

dener Götter." 31 . 

Wir ließen die Beibehaltung der Beschneidung als Beweis dafür gelten, 
daß bei der Religionsstiftung in Qa des ein Kompromiß stattgefunden hat. 
Den Inhalt desselben ersehen wir aus den übereinstimmenden Berichten von 
J und E, die also hierin auf eine gemeinsame Quelle (Niederschrift oder 
mündliche Tradition) zurückgehen. Die leitende Tendenz war, Größe und 
Macht des neuen Gottes Jahve zu erweisen. Da die Mosesleute so hohen 
Wert auf ihr Erlebnis des Auszugs aus Ägypten legten, mußte diese Be. 
freiungstat Jahve verdankt werden und dies Ereignis wurde mit Aus. 
schmückungen versehen, die die schreckhafte Großartigkeit des Vulkan, 
gottes bekundeten, wie die Rauchsäule, die sich nachts in eine Feuersaule 
wandelte, der Sturm, der das Meer für eine Weile trocken legte, so daß die 
Verfolger von den rückkehrenden Wassermassen ertränkt wurden. Dabei 
wurden der Auszug und die Religionsstiftung nahe aneinandergerückt, das 
lan-e Intervall zwischen beiden verleugnet; auch die Gesetzgebung vollzog 
sich nicht in Qade s, sondern am Fuß des Gottesberges unter den Anzeichen 
eines vulkanischen Ausbruches. Aber diese Darstellung beging ein schweres 
Unrecht gegen das Andenken des Mannes Moses; er war es ja, nicht der 
Vulkangott, der das Volk aus Ägypten befreit hatte. Somit war man ihm 
eine Entschädigung schuldig und fand sie darin, daß man Moses hinüber, 
nahm nach Qade s oder an den Sinai.Horeb und ihn an die Stelle des 
midianitischen Priesters setzte. Daß man durch diese Lösung eine zweite 
unabweisbar dringende Tendenz befriedigte, werden wir später erörtern. Auf 
solche Weise hatte man gleichsam einen Ausgleich geschaffen; man ließ 
Jahve nach Ägypten übergrei fen, der auf einem Berg in Midian hauste, 
31) Greßmann, 1. c. p. 54. 



J 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 409 



und Moses' Existenz und Tätigkeit dafür nach Qades und bis ins Ost* 
jordanland. Er wurde so mit der Person des späteren Religionsstifters, dem 
Schwiegersohn des Midianiters Jethro verschmölzen, dem er seinen Namen 
Moses lieh. Aber von diesem anderen Moses wissen wir nichts Persönliches 
auszusagen, — er wird durch den anderen, den ägyptischen Moses so völlig 
verdunkelt. Es sei denn, daß man die Widersprüche in der Charakterjistik 
Moses' aufgreift, die sich im biblischen Bericht finden. Er wird uns oft 
genug als herrisch, jähzornig, ja gewalttätig geschildert und doch wird auch 
von ihm gesagt, er sei der sanftmütigste und geduldigste aller Menschen ge* 
wesen. Es ist klar, diese letzteren Eigenschaften hätten dem Ägypter Moses, 
der mit seinem Volk so Großes und Schweres vorhatte, wenig getaugt; viel» 
leicht gehörten sie dem anderen, dem Midianiter, an. Ich glaube, man ist 
berechtigt, die beiden Personen wieder von einander zu scheiden und anzu> 
nehmen, daß der ägyptische Moses nie in Q a d e s war und den Namen J a h v e 
nie gehört hatte und daß der midianitische Moses Ägypten nie betreten 
hatte und von Aton nichts wußte. Zum Zwecke der Verlötung der beiden 

^ Personen fiel der Tradition oder der Sagenbildung die Aufgabe zu, den 
ägyptischen Moses nach Midian zu bringen, und wir haben gehört, daß 
mehr als eine Erklärung hiefür im Umlauf war. 
I 
s 






VI. 



Wir sind darauf vorbereitet, neuerdings den Tadel zu hören, daß wir 
unsere Rekonstruktion der Urgeschichte des Volkes Israel mit allzugroßer, 
mit unberechtigter Sicherheit vorgetragen haben. Diese Kritik wird uns nicht 
schwer treffen, da sie in unserem eigenen Urteil einen Widerhall findet. Wir 
wissen selbst, unser Aufbau hat seine schwachen Stellen, aber er hat auch 
seine starken Seiten. Im Ganzen überwiegt der Eindruck, daß es der Mühe 
lohnt, das Werk in der eingeschlagenen Richtung fortzusetzen. Der uns vor* 
liegende biblische Bericht enthält wertvolle, ja unschätzbare historische An* 
gaben, die aber durch den Einfluß mächtiger Tendenzen entstellt und mit 
den Produktionen dichterischer Erfindung ausgeschmückt worden sind. 
Während unserer bisherigen Bemühungen haben wir eine dieser entstellen* 
den Tendenzen erraten können. Dieser Fund zeigt uns den weiteren Weg. 
Wir sollen andere solcher Tendenzen aufdecken. Haben wir Anhaltspunkte, 
um die durch sie erzeugten Entstellungen zu erkennen, so werden wir hinter 
ihnen neue Stücke des wahren Sachverhalts zum Vorschein bringen. 



Lassen wir uns zunächst von der kritischen Bibelforschung erzählen, was 
sie über die Entstehungsgeschichte des Hexateuchs (der fünf Bücher Moses' 
und des Buches Josua, die uns hier allein interessieren) zu sagen weiß. 32 Als 
älteste Quellenschrift gilt J, der J ah vi st, den man in neuester Zeit als den 
Priester E b j a t a r, einen Zeitgenossen des Königs David erkennen will. 53 
Etwas später, man weiß nicht, um wie viel, setzt man den sogenannten 
Elohisten an, der dem Nordreich angehört. 34 Nach dem Untergang des 
Nordreiches 722 hat ein jüdischer Priester Stücke von J und E miteinander 
vereinigt und eigene Beiträge dazugetan. Seine Kompilation wird als JE 
bezeichnet. Im siebenten Jahrhundert kommt das Deuteronomium, das fünfte 
Buch, hinzu, angeblich als Ganzes im Tempel neu gefunden. In die Zeit nach 
der Zerstörung des Tempels (586), während des Exils und nach der Rück* 
kehr wird die Umarbeitung versetzt, die man den „Priesterkodex" nennt; 
im fünften Jahrhundert erfährt das Werk seine endgültige Redaktion und 
ist seither nicht wesentlich verändert worden. 35 

Die Geschichte des Königs David und seiner Zeit ist höchst wahrschein* 
lieh das Werk eines Zeitgenossen. Es ist richtige Geschichtsschreibung, fünf* 
rmndert Jahre vor Herodot, dem „Vater der Geschichte". Man nähert sich 
dem Verständnis dieser Leistung, wenn man im Sinne unserer Annahme an 
ägyptischen Einfluß denkt. 36 Es ist selbst die Vermutung aufgetaucht, daß 
die Israeliten jener Urzeit, also die Schreiber des Moses, nicht unbeteiligt an 
der Erfindung des ersten Alphabets gewesen sind. 37 Inwieweit die Berichte 
über frühere Zeiten auf frühe Aufzeichnungen oder auf mündliche Tradi* 
tionen zurückgehen und welche Zeitintervalle in den einzelnen Fällen zwi* 

32) Encyclopedia Britannica, XL Auflage, 1910. Artikel: Bible. 

33) Siehe Auerbach, Wüste und Gelobtes Land, 1932. 

34) Jahvist und Elohist wurden zuerst 1753 von A s t r u c unterschieden. 

35) Es ist historisch gesichert, daß die endgültige Fixierung des jüdischen Typus der 
Erfolg der Reform von E s r a und N e h e m i a im fünften Jahrhundert vor Christi Ge* 
burt war, also nachexilisch, unter der den Juden wohlwollenden Perserherrschaft. Nach 
unserer Rechnung waren damals etwa 900 Jahre seit dem Auftreten Moses' vergangen. In 
dieser Reform wurde mit den Bestimmungen Ernst gemacht, welche die Heiligung des 
gesamten Volkes bezweckten, wurde die Absonderung von den Umlebenden durch das 
Verbot der Mischehen durchgesetzt, der Pentateuch, das eigentliche Gesetzbuch, in seine 
definitive Form gebracht, jene Umarbeitung abgeschlossen, die als Priesterkodex bekannt 
ist. Es scheint aber gesichert, daß die Reform keine neuen Tendenzen einführte, sondern 
frühere Anregungen aufnahm und befestigte. 

36) Vgl. Yahudal. c. 

37) Wenn sie unter dem Druck des Bilderverbots standen, hatten sie sogar ein Motiv, 
die hieroglyphische Bilderschrift zu verlassen, während sie ihre Schriftzeichen für 
den Ausdruck einer neuen Sprache zurichteten. — Vgl. Auerbach, 1. c. p. 142. 



r 



Wenn Moses ein Ägypter war ... 411 






sehen Ereignis und Fixierung liegen, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis. 
Der Text aber, wie er uns heute vorliegt, erzählt uns genug auch über seine! 
eigenen Schicksale. Zwei einander entgegengesetzte Behandlungen haben ihre 
Spuren an ihm zurückgelassen. Einerseits haben sich Bearbeitungen seiner 
bemächtigt, die ihn im Sinne ihrer geheimen Absichten verfälscht, yer.* 
stümmelt und erweitert, bis in sein Gegenteil verkehrt haben, anderseits hat 
eine schonungsvolle Pietät über ihm gewaltet, die alles erhalten wollte, wie 
sie es vorfand, gleichgültig, ob es zusammenstimmte oder sich selbst aufhob. 
So sind fast in allen Teilen auffällige Lücken, störende Wiederholungen, 
greifbare Widersprüche zustandegekommen, Anzeichen, die uns Dinge ver* 
raten, deren Mitteilung nicht beabsichtigt war. Es ist bei der Entstellung 
eines Textes ähnlich wie bei einem Mord. Die Schwierigkeit liegt nicht in 
der Ausführung der Tat, sondern in der Beseitigung ihrer Spuren. Man 
möchte dem Worte „Entstellung" den Doppelsinn verleihen, auf den 
es Anspruch hat, obwohl es heute keinen Gebrauch davon macht. Es sollte 
nicht nur bedeuten: in seiner Erscheinung verändern, sondern auch: an eine 
andere Stelle bringen, anderswohin verschieben. Somit dürfen wir in vielen 
Fällen von Textentstellung darauf rechnen, das Unterdrückte und Ver** 
leugnete doch irgendwo versteckt zu finden, wenn auch abgeändert und aus 
dem Zusammenhang gerissen. Es wird nur nicht immer leicht sein, es zu 
erkennen. 

Die entstellenden Tendenzen, deren wir habhaft werden wollen, müssen 
schon auf die Traditionen vor allen Niederschriften eingewirkt haben. Die 
eine derselben, vielleicht die stärkste von allen, haben wir bereits entdeckt. 
Wir sagten, mit der Einsetzung des neuen Gottes Jahve in Qades ergab 
sich die Nötigung, etwas für seine Verherrlichung zu tun. Es ist richtiger 
zu sagen: man mußte ihn installieren, Raum für ihn schaffen, die Spuren 
früherer Religionen verwischen. Das scheint für die Religion der ansässigen 
Stämme restlos gelungen zu sein, wir hören nichts mehr von ihr. Mit den 
Rückkehrern hatte man es nicht so leicht, sie ließen sich den Auszug aus 
Ägypten, den Mann Moses und die Beschneidung nicht rauben. Sie waren 
also in Ägypten gewesen, aber sie hatten es wieder verlassen, und von nun 
an sollte jede Spur des ägyptischen Einflusses verleugnet werden. Den Mann 
Moses erledigte man, indem man ihn nach Midian und Qades versetzte 
und ihn mit dem Jahvepriester der Religionsstiftung verschmelzen ließ. Die 
Beschneidung, das gravierendste Anzeichen der Abhängigkeit von Ägypten, 
mußte man beibehalten, aber man versäumte die Versuche nicht, diese Sitte 



412 Sigm. Freud 

aller Evidenz zum Trotz von Ägypten abzulösen. Nur als absichtlichen 
Widerspruch gegen den verräterischen Sachverhalt kann man die rätselhafte, 
unverständlich stilisierte Stelle in Exodus auffassen, daß Jahve einst dem 
Moses gezürnt, weil er die Beschneidung vernachlässigt hatte und daß sein 
midianitisches Weib durch schleunige Ausführung der Operation sein Leben 
gerettet! Wir werden alsbald von einer anderen Erfindung hören, um das 
unbequeme Beweisstück unschädlich zu machen. 

Man kann es kaum als das Auftreten einer neuen Tendenz bezeichnen, es 
ist vielmehr nur die Fortführung der früheren, wenn sich Bemühungen zeigen, 
die direkt in Abrede stellen, daß Jahve ein neuer, für die Juden fremder 
Gott gewesen sei. In dieser Absicht werden die Sagen von den Urvätern 
des Volkes, Abraham, Isaak und Jakob, herangezogen. Jahve versichert, daß 
er schon der Gott dieser Väter gewesen sei; freilich, muß er selbst zuge* 
stehen, hätten sie ihn nicht unter diesem seinem Namen verehrt. 38 

Er fügt nicht hinzu, unter welchem anderen. Und hier findet sich der 
Anlaß zu einem entscheidenden Streich gegen die ägyptische Herkunft der 
Beschneidungssitte. Jahve hat sie bereits von Abraham verlangt, hat sie 
als Zeichen des Bundes zwischen sich und Abrahams Nachkommen einge* 
setzt. Aber das war eine besonders ungeschickte Erfindung. Als Abzeichen, 
das einen von anderen absondern und vor anderen bevorzugen soll, wählt 
man etwas, was bei den anderen nicht vorzufinden ist, und nicht etwas, was 
Millionen anderer in gleicher Weise aufzeigen können. Ein Israelit, nach 
Ägypten versetzt, hätte ja alle Ägypter als Bundesbrüder, als Brüder in 
Jahve anerkennen müssen. Die Tatsache, daß die Beschneidung in Ägypten 
heimisch war, konnte den Israeliten, die den Text der Bibel schufen, unmög* 
lieh unbekannt sein. Die bei Ed. Meyer erwähnte Stelle aus Josua gibt es 
selbst unbedenklich zu, aber sie sollte eben um jeden Preis verleugnet werden. 

An religiöse Mythenbildungen wird man nicht den Anspruch stellen 
dürfen, daß sie auf logischen Zusammenhalt große Rücksicht nehmen. Sonst 
hätte das Volksempfinden berechtigten Anstoß an dem Verhalten einer Gott* 
heit finden können, die mit den Ahnherren einen Vertrag mit gegenseitigen 
Verpflichtungen schließt, sich dann Jahrhunderte lang um die menschlichen 
Partner nicht kümmert, bis es ihr plötzlich einfällt, sich den Nachkommen 
von neuem zu offenbaren. Noch mehr befremdend wirkt die Vorstellung, 
daß ein Gott sich mit einem Male ein Volk „auswählt", es zu seinem Volk 

38) Die Einschränkungen im Gebrauch dieses neuen Namens werden dadurch nicht 
verständlicher, wohl aber suspekter. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 413 



und sich zu seinem Gott erklärt. Ich glaube, es ist der einzige solche Fall in 
der Geschichte der menschlichen Religionen. Sonst gehören Gott und Volk 
untrennbar zusammen, sie sind von allem Anfang an Eines; man hört wohl 
manchmal davon, daß ein Volk einen anderen Gott annimmt, aber nie, daß 
ein Gott sich ein anderes Volk aussucht. Vielleicht nähern wir uns dem 
Verständnis dieses einmaligen Vorgangs, wenn wir der Beziehungen zwL* 
sehen Moses und dem Judenvolke gedenken. Moses hatte sich zu den Juden 
herabgelassen, sie zu seinem Volk gemacht; sie waren sein „auserwähltes 

Volk". 39 

Die Einbeziehung der Urväter diente auch noch einer anderen Absicht. 
Sie hatten in Kanaan gelebt, ihr Andenken war an bestimmte Örtlichkeiten 
des Landes geknüpft. Möglicherweise waren sie selbst ursprünglich kanaan* 
äische Heroen oder lokale Göttergestalten, die dann von den eingewanderten 
Israelitern für ihre Vorgeschichte mit Beschlag belegt wurden. Wenn man 
sich auf sie berief, behauptete man gleichsam seine Bodenständigkeit und 
verwahrte sich gegen das Odium, das an dem landfremden Eroberer haftete. 
Es war eine geschickte Wendung, daß der Gott Jahve ihnen nur wiedergab, 
was ihre Vorfahren einmal besessen hatten. 

In den späteren Beiträgen zum biblischen Text setzte sich die Absicht 
durch, die Erwähnung von Q ad es zu vermeiden. Die Stätte der Reügions* 

39) Jahve war unzweifelhaft ein Vulkangott. Für Einwohner Ägyptens bestand kein 
Anlaß, ihn zu verehren. Ich bin gewiß nicht der erste, der von dem Gleichklang des 
Namens Jahve mit der Wurzel des anderen Götternamens Jupiter (Jovis) betroffen 
wird. Der mit der Abkürzung des hebräischen Jahve zusammengesetzte Name Jo* 
chanan (etwa: Gotthold, punisches Äquivalent: Hannibal) ist in den Formen Johann, 
John, Jean, Juan, der beliebteste Vorname der europäischen Christenheit geworden. Wenn 
die Italiener ihn als Giovanni wiedergeben und dann einen Tag der Woche G i o v e d i 
heißen, so bringen sie eine Ähnlichkeit wieder ans Licht, die möglicherweise nichts, viel* 
leicht sehr viel bedeutet. Es eröffnen sich hier weitreichende, aber auch sehr unsichere 
Perspektiven. Es scheint, daß die Länder um das östliche Becken des Mittelmeers in jenen 
dunkeln, der Geschichtsforschung kaum eröffneten Jahrhunderten der Schauplatz häufiger 
und heftiger vulkanischer Ausbrüche waren, die den Umwohnern den stärksten Eindruck 
machen mußten. Evans nimmt an, daß auch die endgültige Zerstörung des Minos* 
palastes in Knossos die Folge eines Erdbebens war. Auf Kreta wurde damals, iwie 
wahrscheinlich allgemein in der ägäischen Welt, die große Muttergottheit verehrt Die 
Wahrnehmung, daß sie nicht im Stande war, ihr Haus gegen die Angriffe einer stärkeren 
Macht zu schützen, mag dazu beigetragen haben, daß sie einer männlichen Gottheit den 
Platz räumen mußte, und dann hatte der Vulkangott das erste Anrecht darauf, sie zu er* 
setzen. Z e u s ist ja immer noch der „Erderschütterer". Es ist wenig zweifelhaft, daß sich 
in jenen dunkeln Zeiten die Ablösung der Muttergottheiten durch männliche Götter (die 
vielleicht ursprünglich Söhne waren?) vollzog. Besonders eindrucksvoll ist das Schicksal 
der Pallas Athene, die gewiß die lokale Form der Muttergottheit war, durch den 
religiösen Umsturz zur Tochter herabgesetzt, ihrer eigenen Mutter beraubt und durch die 
ihr auferlegte Jungfräulichkeit dauernd von der Mutterschaft ausgeschlossen wurde. 



414 Sigm. Freud 



Stiftung wurde endgültig der Gottesberg Sinai*Horeb. Das Motiv hiefür ist 
nicht klar ersichtlich; vielleicht wollte man nicht an den Einfluß von Midian 
gemahnt werden. Aber alle späteren Entstellungen, insbesondere der Zeit 
des sogenannten Priesterkodex, dienen einer anderen Absicht. Man brauchte 
nicht mehr Berichte über Begebenheiten im gewünschten Sinne abzuändern, 
denn dies war längst geschehen. Sondern man bemühte sich, Gebote und 
Institutionen der Gegenwart in frühe Zeiten zurückzuversetzen, in der Regel 
sie auf mosaische Gesetzgebung zu begründen, um daher ihren Anspruch 
auf Heiligkeit und Verbindlichkeit abzuleiten. So sehr man auf solche Weise 
das Bild der Vergangenheit verfälschen mochte, dies Verfahren entbehrt nicht 
einer bestimmten psychologischen Berechtigung. Es spiegelte die Tatsache 
wider, daß im Laufe der langen Zeiten — vom Auszug aus Ägypten bis zur 
Fixierung des Bibeltextes unter Ezra und Nehemia verflossen etwa 
900 Jahre — die Jahvereligion «sich zurückgebildet hatte zur Über,* 
einstimnmng, vielleicht bis zur Identität mit der ursprünglichen Religion des 
Moses. 

Und dies ist das wesentliche Ergebnis, der schicksalsschwere Inhalt der 
jüdischen Religionsgeschichte. 

VII. 

Unter all den Begebenheiten der Vorzeit, die die späteren Dichter, Priester 
und Geschichtsschreiber zu bearbeiten unternahmen, hob sich eine heraus, 
deren Unterdrückung durch die nächstliegenden und besten menschlichen 
Motive geboten war. Es war die Ermordung des großen Führers und Be* 
freiers Moses, die S ellin aus Andeutungen bei den Propheten erraten hat. 
Man kann die Aufstellung Sei lins nicht phantastisch heißen, sie ist wahr* 
scheinlich genug. Moses, aus der Schule Ikhnatons stammend, bediente sich 
auch keiner anderen Methoden, als der König, er befahl, drängte dem Volke 
seinen Glauben auf. 40 Vielleicht war die Lehre des Moses noch schroffer 
als die seines Meisters, er brauchte die Anlehnung an den Sonnengott nicht 
festzuhalten, die Schule von O n hatte für sein Fremdvolk keine Bedeutung. 
Moses wie Ikhnaton fanden dasselbe Schicksal, das aller aufgeklärten 
Despoten wartet. Das Judenvolk des Moses war ebensowenig im Stande, 
eine so hoch vergeistigte Religion zu ertragen, in ihren Darbietungen eine 
Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu finden, wie die Ägypter der 18ten Dyna* 
stie. In beiden Fällen geschah dasselbe, die Bevormundeten und Verkürzten 
erhoben sich und warfen die Last der ihnen auferlegten Religion ab. Aber 

40) In jenen Zeiten war eine andere Art der Beeinflussung auch kaum möglich. 



Wenn Moses ein Ägypter war . 



415 



während die zahmen Ägypter damit warteten, bis das Schicksal die geheiligte 
Person des Pharao beseitigt hatte, nahmen die wilden Semiten das Schicksal 
in ihre Hand und räumten den Tyrannen aus dem Wege. 41 

Auch kann man nicht behaupten, daß der erhaltene Bibeltext uns nicht 
auf einen solchen Ausgang Moses' vorbereitet. Der Bericht über die 
„Wüstenwanderung" — die für die Zeit der Herrschaft Moses' stehen mag 
— schildert eine Kette von ernsthaften Empörungen gegen seine Autorität, 
die auch — nach Jahves Gebot — durch blutige Züchtigung unterdrückt 
werden. Man kann sich leicht vorstellen, daß einmal ein solcher Aufstand 
ein anderes Ende nahm, als der Text es haben will. Auch der Abfall des 
Volkes von der neuen Religion wird im Text erzählt, als Episode freilich. 
Es ist die Geschichte vom goldenen Kalb, in der mit geschickter Wendung 
das symbolisch zu verstehende Zerbrechen der Gesetzestafeln („er hat das 
Gesetz gebrochen") Moses selbst zugeschoben und durch seine zornige Ent* 
rüstung motiviert wird. 

Es kam eine Zeit, da man den Mord an Moses bedauerte und zu vei? 
gessen suchte. Sicherlich war es so zur Zeit des Zusammentreffens in Q a d e s. 
Aber wenn man den Auszug näher heranrückte an die Religionsstiftung in 
der Oase und Moses an Stelle des anderen an ihr mitwirken ließ, so hatte 
man nicht nur den Anspruch der Mosesleute befriedigt, sondern auch die 
peinliche Tatsache seiner gewaltsamen Beseitigung erfolgreich verleugnet. In 
Wirklichkeit ist es sehr unwahrscheinlich, daß Moses an den Vorgängen in 
Qades hätte teilnehmen können, auch wenn sein Leben nicht verkürzt 
worden wäre. 

Wir müssen hier den Versuch machen, die zeitlichen Verhältnisse dieser 
Begebenheiten aufzuklären. Wir haben den Auszug aus Ägypten in die Zeit 
nach dem Verlöschen der 18ten Dynastie versetzt (1350). Er mag damals oder 
eine Weile später erfolgt sein, denn die ägyptischen Chronisten haben die 
darauffolgenden Jahre der Anarchie in die Regierungszeit Haremhabs, der 
ihr ein Ende machte und bis 1315 herrschte, eingerechnet. Der nächste, aber 
auch der einzige Anhalt für die Chronologie ist durch die Stele Merne* 
ptahs gegeben (1225 — 1215), die sich des Sieges über Isiraal (Israel) und 
der Verwüstung ihrer Saaten (?) rühmt. Die Verwertung dieser Inschrift 

40 Es ist wirklich bemerkenswert, wie wenig man in der Jahrtausende langen ägyp* 
tischen Geschichte von gewaltsamer Beseitigung oder Ermordung eines Pharao hört. Ein 
Vergleich, z. B. mit der assyrischen Geschichte, muß diese Verwunderung steigern. Natur* 
lieh kann dies daher kommen, daß die Geschichtsschreibung bei den Ägyptern ausschließ* 
lieh offiziellen Absichten diente. 



— — ■ ~ * Sigm. Freud 



ist » zweifelhaft, m an läßt sie als Beweis ^ ^^ 
Stämme damals schon in Kanaan ansässig waren.« Ed. Meyer schh 
aus dieser Stele mit Recht, daß Merneptah mcht der »"»^™ 
zugs gewesen sein kann, wie vorher gern angenommen wurde E e ^Auszug 
muß einer früheren Zeit angehören. Die Frage nach dem Pharao *. Aus 
2U gs erscheint uns überhaupt müßig. Es gab kernen Pharao ,6» Auszugs 
da dieser in ein Interregnum fiel. Aber auf das ™ff*»^ZlZ 
einigung und Religionsannahme in Qades fällt auch *^Jfig»* 
der Memeptah^Stele kein Licht. Irgendwann zwischen 1350 und I/O, st 
2 s wafwir mit Sicherheit sagen können. Innerhalb dieses »"»-**< 
tmuTen wir, kommt der Auszug dem Eingangsdatum sehr nahe *to 
Voreane in Qades vom Enddatum nicht zu weit entfernt. Den greiseren 
Ä ZeitLmes möchten wir für das Intervall zwischen ^de« 
nissen in Anspruch nehmen. Wir brauchen nämlich eine längere Zeit bis 
Srnach der Ermordung Moses' die Leidenschaften bei den Rückkehrern 
blhTgt haben und der Einfluß der Mosesleute, der Leviten so groß g* 
Ä wie das Kompromiß in Qadeses voraussetzt Zwei Gene ^ 
tionen, 60 Jahre, würden hiefür etwa ausreichen aber es geht nur knapp ^ 
slmen Die Folgerung aus der Merneptah.Stele kommt uns zu früh, und 
da wir erkennen, daß in unserem Aufbau hier eine Annahme nur auf einer 
fndllbegründet ist, gestehen wir zu, daß diese Diskussion eine schwache 
Seit unsere Konstruktion aufdeckt. Leider ist alles, was mit der ^Nieder, 
L!lg "es üdischen Volkes in Kanaan zusammenhängt, so ungeklärt und 
verwoLn E. bleibt uns etwa die Auskunft, daß der Name auf der Israel, 
SS 'nkht auf die Stämme bezieht, deren Schicksale wir zu verfolgen 
Süht sind und die zum späteren Volk Israel .s«^^^ 
doch auch der Name der Habiru = Hebr aer aus der Amarnazeit 

" W^i^rr^einigung der Stämme zur Nation durch die An. 
nalTeii eTg Leinsamen Religion vor sich ging, es hätte leicht ein für die 
tZ Hebte recht gleichgültiger Akt werden können Die neue Reh^on 
wäre vom Strom der Ereignisse weggeschwemmt worden Ja hj hat™ 
Platz einnehmen dürfen in der Prozession gewesener Gotter, die der U icnte 
FUub er gesehen hat, und von seinem Volk wären alle zwölf Stamme 
verloren gegangen, nicht nur die zehn, die von den Angelsachsen so lange 



4a) Ed. Meyer, 1. c. p. 222. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . . 417 

ein neues Volk zuführte, war wahrscheinlich in keiner Hinsicht ein hervor«« 
ragendes Wesen. Ein roher, engherziger Lokalgott, gewalttätig und blute 
dürstig; er hatte seinen Anhängern versprochen, ihnen das Land zu geben, 
in dem „Milch und Honig fließt", und forderte sie auf, dessen gegenwärtige 
Einwohner auszurotten „mit der Schärfe des Schwertes". Man darf sich ver<* 
wundern, daß trotz aller Umarbeitungen in den biblischen Berichten so viel 
stehen gelassen wurde, um sein ursprüngliches Wesen zu erkennen. Es ist 
nicht einmal sicher, daß seine Religion ein wirklicher Monotheismus war, 
daß sie den Gottheiten anderer Völker die Gottesnatur bestritt. Es reichte 
wahrscheinlich hin, daß der eigene Gott mächtiger war als alle fremden 
Götter. Wenn dann in der Folge alles anders verlief, als solche Ansätze 
erwarten ließen, so können wir die Ursache hiefür nur in einer einzigen Tat« 
sache finden. Einem Teil des Volkes hatte der ägyptische Moses eine andere, 
höher vergeistigte Gottesvorstellung gegeben, die Idee einer einzigen, die 
ganze Welt umfassenden Gottheit, die nicht minder alliebend war als all« 
mächtig, die, allem Zeremoniell und Zauber abhold, den Menschen ein 
Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit zum höchsten Ziel setzte. Denn so 
unvollkommen unsere Berichte über die ethische Seite der Atonreligion 
sein mögen, es kann nicht bedeutungslos sein, daß Ikhnaton sich in 
seinen Inschriften regelmäßig bezeichnete als „lebend in M a a t" (Wahrheit, 
Gerechtigkeit).* 3 Auf die Dauer machte es nichts aus, daß das Volk wahr«: 
scheinlich nach kurzer Zeit, die Lehre des Moses verwarf und ihn selbst be*= 
seitigte. Es blieb die Tradition davon und ihr Einfluß erreichte, aller* 
dings erst allmählich im Laufe der Jahrhunderte, was Moses selbst versagt 
geblieben war. Gott Jahve war zu unverdienten Ehren gekommen, als man 
von Q a d e s an die Befreiungstat des Moses auf seine Rechnung schrieb, 
aber er hatte für diese Usurpation schwer zu büßen. Der Schatten des Gottes, 
dessen Stelle er eingenommen, wurde stärker als er; am Ende der Entwick* 
lung war hinter seinem Wesen das des vergessenen mosaischen Gottes zum 
Vorschein gekommen. Niemand zweifelt daran, daß nur die Idee dieses 
anderen Gottes das Volk Israel alle Schicksalsschläge überstehen ließ und 
es bis in unsere Zeiten am Leben erhielt. 

Beim Endsieg des mosaischen Gottes über Jahve kann man den Anteil 
der Leviten nicht mehr feststellen. Diese hatten sich seinerzeit für Moses 



43) Seine Hymnen betonen nicht nur die Universalität und Einzigkeit Gottes, sondern 
auch dessen liebevolle Fürsorge für alle Geschöpfe, fordern zur Freude an der Natur und 
zum Genuß ihrer Schönheit auf. Vgl. Breasted, The Dawn of Conscicnce. 

Image XXIU/4 27 



^ " ' Sigm. Freud 

eingesetzt, als das Kompromiß in Qades geschlossen wurde, in noch leben, 
Sr Erinnerung an den Herrn, dessen Gefolge und Landsgenossen £ 
waren. In den Jahrhunderten seither waren sie mit dem Volk verschmolzen 
oder mit der Priesterschaft, und es war die Hauptleistung der Priester g^ 
worden, das Ritual zu entwickeln und zu überwachen, überdies die heüigen 
Niederschriften zu behüten und nach ihren Absichten zu bearbeiten. Aber 
war nicht aller Opferdienst und alles Zeremoniell im Grunde nur Magie und 
Zauberwesen, wie es die alte Lehre Moses' bedingungslos «™*»££2 
Da erhoben sich aus der Mitte des Volkes in einer nicht mehi ■ abra&nd« 
Reihe Männer, nicht durch ihre Herkunft mit Moses verbunden aber von 
di großen und mächtigen Tradition erfaßt, die allmählich fi. >i^k«r 
wachsen war, und diese Männer, die Propheten waren es die ; -errnudlich 
die alte mosaische Lehre verkündeten, die Gottheit verschmähe Opfer und 
Zeremoniell, sie fordere nur Glauben und ein Leben in Wahrheit und G~ 
rechtigkeit („Maat"). Die Bemühungen der Propheten hatten dauernden 
ErMg; die Lehren, mit denen sie den alten Glauben wiederherstellten, wur, 
den 'um bleibenden Inhalt der jüdischen Religion Es ist Ehre genug für 
das jüdische Volk, daß es eine solche Tradition erhalten und Manner her, 
vorbringen konnte, die ihr eine Stimme liehen, auch wenn die Anregung 
dazu von außen, von einem großen fremden Mann, gekommen war. 

Ich würde mich mit dieser Darstellung nicht sicher fühlen, wenn ich mich 
nicht auf das Urteil anderer, sachkundiger, Forscher berufen konnte, die de 
Bedeutung Moses' für die jüdische Religionsgeschichte im nämlichen Lichte 
sehen, auch wenn sie seine ägyptische Herkunft nicht anerkennen. Sosagtz^ 
Seilin-« Mithin haben wir uns die eigentliche Religion des Mose, den 
Glauben an den einen sittlichen Gott, den er verkündet, seitdem von vorn, 
herein als das Besitztum eines kleinen Kreises im Vb&e .™«^>£ 
vornherein dürfen wir nicht erwarten, jenen in dem offizie en Kulte m der 
Religion der Priester, in dem Glauben des Volkes anzutreffen. Wir können 
von vornherein nur damit rechnen, daß bald hie bald da einmal ein Funke 
wieder auftaucht von dem Geistesbrand, den er ernst entzündet hat da 
seine Ideen nicht ausgestorben sind, sondern hie und da in aller Stüle au 
Glaube und Sitte eingewirkt haben, bis sie etwa früher oder spater unter der 
Einwirkung besonderer Erlebnisse oder von seinem Geist besonders erfaßter 
Persönlichkeiten einmal wieder stärker hervorbrachen und Einfluß gewannen 
auf breitere Volksmassen. Unte r diesem Gesichtswinkel ist^ on^nherem 



Wenn Moses ein Ägypter war . 



419 



die altisraelitische Religionsgeschichte zu betrachten. Wer nach der Religion, 
wie sie uns nach den Geschichtsurkunden im Volksleben der ersten fünf 
Jahrhunderte in Kanaan entgegentritt, etwa die mosaische Religion kon* 
struieren wollte, der würde den schwersten methodischen Fehler begehen." 
Und deutlicher noch Volz.« Er meint, „daß Moses' himmelhohes Werk 
zunächst nur ganz schwach und spärlich verstanden und durchgeführt wurde, 
bis es im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr eindrang und endlich in 
den großen Propheten gleichgeartete Geister fand, die das Werk des Ein* 
samen fortsetzten." 

Hiemit wäre ich zum Abschluß meiner Arbeit gelangt, die ja nur der 
einzigen Absicht dienen sollte, die Gestalt eines ägyptischen Moses in den 
Zusammenhang der jüdischen Geschichte einzufügen. Um unser Ergebnis 
in der kürzesten Formel auszudrücken: Zu den bekannten Zweiheiten dieser 
Geschichte — zwei Volksmassen, die zur Bildung der Nation zusammen* 
treten, zwei Reiche, in die diese Nation zerfällt, zwei Gottesnamen in 
den Quellenschriften der Bibel — fügen wir zwei neue hinzu: Zwei Reli* 
gionsstiftungen, die erste durch die andere verdrängt und später doch sieg* 
reich hinter ihr zum Vorschein gekommen, zwei Religionsstifter, die beide 
mit dem gleichen Namen Moses benannt werden und deren Persönlichkeiten 
wir von einander zu sondern haben. Und alle diese Zweiheiten sind note 
wendige Folgen der ersten, der Tatsache, daß der eine Bestandteil des Volkes 
ein traumatisch zu wertendes Erlebnis gehabt hatte, das dem anderen fern 
geblieben war. Darüber hinaus gäbe es noch sehr viel zu erörtern, zu er* 
klären und zu behaupten. Erst dann ließe sich eigentlich das Interesse an 
unserer rein historischen Studie rechtfertigen. Worin die eigentliche Natur 
einer Tradition besteht und worauf ihre besondere Macht beruht, wie unmög* 
lieh es ist, den persönlichen Einfluß einzelner großer Männer auf die Welt* 
geschichte zu leugnen, welchen Frevel an der großartigen Mannigfaltigkeit 
des Menschenlebens man begeht, wenn man nur Motive aus materiellen 
Bedürfnissen anerkennen will, aus welchen Quellen manche, besonders die 
religiösen, Ideen die Kraft schöpfen, mit der sie Menschen wie Völker unter* 
Jochen — all dies am Spezialfall der jüdischen Geschichte zu studieren, wäre 
eine verlockende Aufgabe. Eine solche Fortsetzung meiner Arbeit würde 
den Anschluß finden an Ausführungen, die ich vor 25 Jahren in „Totem 
und Tabu" niedergelegt habe. Aber ich traue mir nicht mehr die Kraft zu, 
dies zu leisten. 

45) Paul Volz, Mose, Tübingen 1907 (p. 64). 



27* 



Über Introjektion 1 

Von 

S. H. Fuchs 

London 

Der Ausdruck „Introjektion" wird hier viel öfter gebraucht als in 
irgendeiner der anderen psychoanalytischen Gesellschaften, die ich kenne. 
Das heißt natürlich nicht, daß der so bezeichnete Vorgang andernorts weniger 
beachtet wird. Da ich mich hier in erster Linie mit der historischen Entwick* 
lung des Begriffes der Introjektion beschäftigen will, so kann ich der Ar* 
beit, die hier in England in den letzten Jahren in bezug auf unseren Gegen* 
stand geleistet worden ist, offensichtlich verhältnismäßig wenig Zeit widmen. 
Niemand braucht indessen zu vermuten, daß diese Arbeit von mir in irgend* 
einer Weise ungenügend beachtet wird. Im Gegenteil zeigt schon die Wahl 
meines heutigen Themas, für wie wichtig ich sie halte, und ich kann nur 
hoffen, zur Klärung dieser Fragen wenigstens in indirekter Weise etwas bei* 
tragen zu können. 

Die Mechanismen der Projektion, Introjektion und Identifizierung sind 
so eng miteinander verwoben, daß man eigentlich keinen derselben ganz 
für sich allein darstellen kann. Ich habe sie auch zusammen durchgearbeitet, 
muß mich aber aus Zeitmangel auf die Introjektion beschränken. Dies hat 
auch noch einen anderen Grund: Während über Projektion und Identifi* 
zierung schon reiche Literatur vorliegt, ist die Introjektion bis jetzt m der 
analytischen Literatur nicht systematisch behandelt worden. Meistens wurde 
sie mit der Identifizierung zusammengeworfen, so daß die beiden Ausdrucke 
manchmal geradezu synonym gebraucht wurden. So kommt z. B. in Nun* 
bergs Neurosenlehre Introjektion nur einmal vor — in Klammern hinter 
Identifikation (S. 199). Trotzdem häuften sich meine Auszüge so sehr, daß 
eine Auswahl nach dem einen oder andern Gesichtspunkt unerläßlich wurde. 
Zum Ausgleich kann ich nur versichern, daß ich versuchte, unparteiisch zu 
sein und das Material, so wie es sich vor mir entrollte, seine eigene Form 
finden zu lassen. Trotzdem muß ich noch fast alle Zitate weglassen und kann 
Ihnen nur einen ganz knappen Abriß bieten, aber auch wenn Sie für das, 
was ich zu sagen habe, nicht viel übrig haben sollten, so werden Sie mir 
hoffentlich zugute halten, was ich weggelassen habe. 

Da ein wichtiger Teü unserer Aufgabe darin bestehen wird, die Beziehung 
zwischen Introjektion und Identifizierung zu klären, so lassen Sie uns damit 

X ) Nach einem am 3. Februar 1937 vor der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft 
gehaltenen Vortrag. 



Über Introjektion 421 



beginnen, die hauptsächlichsten Schritte in der Konzeption der Identifi* 
zierung in der Psychoanalyse aufzuzeigen, während wir die Projektion im 
Verlauf unserer Untersuchungen mit behandeln können. Seitdem der Aus* 
druck Identifizierung in der „Traumdeutung" eingeführt wurde, hat er in 
Freuds Werk und in der analytischen Literatur im allgemeinen stetig an 
Bedeutung gewonnen. Freud beschrieb Identifizierung zuerst als ein An* 
nehmen auf Grund desselben ätiologischen Anspruches. Obwohl er zu jener 
Zeit nur die genitale Sexualität im Auge hatte, verband er diesen Mecha* 
msmus schon von vornherein mit einem ihm zugrundeliegenden Trieb. Et 
stellte fest, daß eine Hysterische sich meistens, wenn nicht sogar immer, mit 
solchen Personen identifiziert, mit denen sie Geschlechtsverkehr gehabt hat, 
oder doch mit solchen, die mit derselben Person wie sie selbst sexuelle B&> 
Ziehungen unterhalten. Diese Feststellung an und für sich bleibt korrekt. 
Wenn wir auf Grund der späteren Entdeckung der prägenitalen Sexualität 
den Partialtrieb einfügen, der am Werke ist, nämlich die orale Einverleibung, 
so sind wir schon bei Freuds neuester Formulierung in seiner „Neuen 
Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" angelangt, 
wo er sagt: 

„Die Grundlage dieses Vorganges ist eine sogenannte Identifizierung, d. h. 
eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich 
sich in bestimmten Hinsichten so benimmt wie das andere, es nachahmt, ge* 
wissermaßen in sich aufnimmt. Man hat die Identifizierung nicht unpassend 
mit der oralen, kannibalistischen Einverleibung der fremden Person ver« 
glichen." 

Aber da steckt viel mehr dahinter, als man zuerst gewahr wird! Von hier 
führte der Weg zu einer ganzen Reihe von Entdeckungen, die den inneren 
Aufbau der Person betreffen. Um nur die allerwichtigsten zu nennen: die 
metapsychologische Bedeutung der Identifizierung im Liebesleben, in der 
Hypnose, für die Beziehung zwischen Massenbildung und Führerschaft, in 
den Phänomenen des Trauervorganges und der Melancholie und zuguterletzt 
die allererstaunlichste Entdeckung: Unser Ich und Übersieh kann verstanden 
werden und nur verstanden werden als das Resultat einer Reihe von IdentiV 
fizierungen, die sich auf allen Stufen der Entwicklung vollziehen. Es gibt 
eine Reihe von Übersichtsreferaten über Identifizierung, von denen ich die 
Arbeiten von Fenichel, Müller*Braunschweig, E. Schneider, 
Schilder, Rank besonders nennen will: 

Als kasuistisches Material sei etwa auf die Arbeiten von Bonaparte, 
St. Bornstein, Fenichel und Landauer hingewiesen. 

Für Schneider stellt sich die Entwicklung so dar, daß sie sich in ab* 
wechselnden Phasen von Integration und Trauma vollzieht, wobei die IdentL* 



422 S. H. Fuchs 

fizierung im Dienst der Integration steht. Er betrachtet Identifizierung von 
einem universeü*biologischen Standpunkt aus und nimmt an, daß sie schon 
im Zell*Leben vorkommt. Hierin folgt er dem Philosophen Driesch. Das 
Individuum wird während seiner Entwicklung durch das Einbrechen immer 
neuer Anforderungen der Realität gestört (Traumata) und wird durch den 
Akt des in sich Aufnehmens (Identifizierung) Herr über sie (Integration). 
Schneider spricht in diesem Zusammenhang von progressiver und regres* 
siver Identifizierung. 

Nach Müller* Braun schweig, der sich mit dem Begriff in ortno* 
doxerer Weise beschäftigt, findet Identifizierung in allen seelischen Systemen 
statt Der Vorgang selbst ist unbewußt und als solcher auch unbekannt. 
Nach seiner Meinung können nicht nur Objekte oder Teilobjekte introjiziert 
werden, sondern sogar ganze Szenen, wie der elterliche Koitus und der* 
gleichen. Gleichzeitig damit findet eine Introversion von Libido und 
Destrudo gemäß der vorangegangenen Besetzung des betreffenden Objektes 
statt. Es wird angenommen, daß ein Strom von Energien zwischen den lntroji* 
zierten Objekten fließt, dessen Richtung Bedeutung hat. 

Wir werden jetzt das Thema der Identifizierung als solches verlassen, 
wollen aber die in unserem Zusammenhang wichtigsten Punkte nochmals 
aufgreifen, so wie sie am klarsten von Freud selbst formuliert worden 

Identifizierung ist ein außerordentlich bedeutungsvoller Faktor im Seelen* 
leben, wahrscheinlich die früheste Form einer Gefühlsbindung an eine an* 
dere Person und ihrer Natur nach ambivalent. Sie entspricht der frühesten 
kannibalistischen Entwicklungsstufe der Libido und dem narzißtischen Sta* 
dium des Ichs. Das Objekt wird innerlich bewahrt, während es in der Außen* 
weit verloren geht. Die Identifizierung ersetzt auf diese Weise Objektbe* 
Ziehungen, und zwar gleichgültig, ob das Objekt unerreichbar wird oder 
sich versagt, das heißt aber gehaßt, „schlecht", „böse" wird, oder ob es au* 
inneren Gründen zur Zielscheibe der Aggression wird. Jede Identifizierung 
ist also ein Denkmal einer Objektbeziehung, und unser Charakter, der sich . 
selbst aus solchen Identifizierungen aufbaut, enthält die Geschichte unserer 
Objektbeziehungen. Was für eine weittragende Feststellung, wenn man sie 
sich richtig überlegt, in Freuds lakonischen Worten! Identifizierung jst 
ein regressiver Vorgang, aber vielleicht die einzige Art, wie das Ich Objekte 
aufgeben kann. Die Identifizierung ist begleitet von einer Desexuaiisierung, 
einer Entmischung von libidinösen (Lebens*) und destruktiven (Todes*) 
Trieben, der Vorläufer von Symbolbildung und Sublimierung. Freud gibt 
sich nicht viel Mühe, Identifizierung und Introjektion auseinanderzuhalten. 
Im groben genommen scheint er anzunehmen, daß die vollkommene Identi* 



mmm 



Ober Introjektion 



423 



fizierung, die in einer echten vollkommenen Introjektion des Objektes be* 
steht, die prägenitale Objektbeziehung ist, während der genitalen Stufe eine 
spätere partielle Identifizierung entspricht, bei welcher das Objekt erhalten 
bleibt. Die erstere nennt er „narzißtische", die letztere „hysterische" Identi* 
fizierung. Wir wollen alle diese Formulierungen während des Verlaufes! 
unserer weiteren Betrachtungen im Auge behalten. 

Nun wird es aber Zeit, uns unserem Hauptthema zuzuwenden. Der Aus* 
druck „Introjektion" wurde von F e r e n c z i in die Analyse eingeführt, aber 
wir tun gut daran, von vornherein festzustellen, daß der Sinn, in dem er ihn 
gebrauchte, von dem verschieden ist, den er später erlangt hat. Klein und 
ihre hiesigen Anhänger haben die ursprüngliche Konzeption von Ferenczi 
wieder aufgenommen. Ferenczi hat sich mit diesem Gegenstand in mehreren 
Arbeiten befaßt; für ihn ist Introjektion ein spezielles Charakteristikum der 
Neurotiker, die von der Außenwelt soviel in sich aufnehmen, wie sie nur 
immer können, um auf diese Weise die Schärfe ihrer frei flottierenden Libido 
abzumildern und ihre unbefriedigbaren unbewußten Wünsche in unbewußte 
Phantasien zu verwandeln. Während er diesen Vorgang als für die Neurose 
charakteristisch ansieht, schreibt er im Gegensatz dazu die Projektion speziell 
der Paranoia zu. 2 Tatsächlich beschreibt Ferenczi den Objekthunger und eine 
Anzahl anderer oraler Tendenzen als allgemeine Züge der Neurose, ohne 
indessen die Verbindung zwischen Introjektion und oraler Phase der Libido* 
Entwicklung herzustellen. Wie er sagt, leidet der Psychoneurotiker an einer 
Ausweitung, der Paranoiker an einer Einschrumpfung seines Ichs. Er meint, 
alle Übertragung, ja sogar alle Objektliebe beruhe auf dem Prozeß der Intro* 
jektion. Während hier wie auch sonst der Unterschied zwischen normalen 
und neurotischen Menschen nur ein quantitativer ist, wird doch ange* 
nommen, daß der Normale sich der meisten seiner Introjektionen bewußt 
sei. Nach Ferenczi tritt die Introjektion zuerst in der Phase der Trennung 
von äußerer Welt und Ich auf. Darauf folgt als ein zweiter Schritt erst die 
Projektion. Dies nennt er „Urprojektion". So unterscheidet er zwischen einer 
„Phase der Introjektion" und einer „Phase der Projektion". Er folgt Freud 
darin, daß er das früheste Ich als ein Lust*Ich betrachtet, das nur die guten 
Dinge in sich aufnimmt, während es unlustvolle feindliche Dinge der Außen* 
weit zuschreibt. Die erste Erfahrung wird an der Brust der Mutter gemacht. 

Für Ferenczi geht Identifizierung der Introjektion voraus. Die Intro* 
jektion vollzieht sich auf dem Wege der Identifizierung. Ebenso ist sie die 
Vorstufe der Symbolbildung — ein Gedanke, der später von Melanie Klein 



2) Wie J o n e s in der Diskussion, die sich an diesen Vortrag anschloß, bemerkte, unter* 
strich Ferenczi auch den E r s a t z Charakter dieser Vorgänge. 



424 



S. H. Fuchs 



weitergeführt wurde. 3 Die Verknüpfung, die immer notwendig scheint, wird 
dadurch hergestellt, daß ein Teil des Ichs oder eine Organ*Empfindung mit 
dem Objekt in eins gesetzt (assoziiert) wird. Diese Unifizierung, die 
übrigens keineswegs leicht von Verdichtung, Verschiebung, Übertragung, 
Überschreibung — ja sogar von Projektion zu trennen ist, wird dann „Identi* 
fizierung" genannt. Es ist also ganz offenbar, daß diese „primäre Identii* 
fizicrung" etwas ganz anderes ist als die Identifizierung im eigentlichen Sinne. 
Dies war der ursprüngliche Sinn, in dem Freud das Wort in der Traum* 
deutung gebraucht hatte. 

Obwohl Ferenczi das Wort Introjektion als ausgesprochenes Gegen* 
stück zur Projektion geprägt hatte, so wurde es doch bald klar, wie schwierig 
es werden kann, die beiden scharf gesondert zu halten. Jedenfalls von 
„Exteriorisation", wie Maeder es seinerzeit nannte. Was Maeder 
damit meinte, war etwa, daß ein Patient seine Genitalien in einigen Äpfeln 
aus seinem Obstgarten zu erkennen glaubte, oder ein anderer eine Wasser* 
leitung als seine eigenen Blutgefäße ansah. Es scheint mir nicht sicher, daß 
es sich hierbei nicht um eine Projektion handelt, obwohl Ferenczi, der eine 
ganze Arbeit dieser Frage gewidmet hat, sehr weit ausholt und recht ge* 
suchte Argumente ins Treffen führt, um zu beweisen, daß dies nicht der 
Fall ist. 

Es kann sehr wohl sein, daß man eine eigene Bezeichnung für den Vor* 
gang einführen muß, den Maeder im Auge hat. Möglicherweise wäre die 
Beziehung zwischen Exteriorisation und Projektion eine ähnliche wie die 
zwischen Appersonierung und Identifizierung. Sperling hat dem Begriff 
der Appersonierung, oder Appersonisation, auf dem letzten Kongreß einen 
Vortrag gewidmet. Schilder, der den Begriff in die Analyse eingeführt 
hat, sagt in seinem jüngsten Buch: „Ich würde vorziehen, in solchen Fällen, 
wo das Individuum nicht die Rolle einer anderen Person spielen will, son* 
dem nur einen Teil der Emotionen, Erfahrungen und Handlungen der an* 
deren Person übernehmen will, von Appersonierung zu sprechen . . . Die 
Appersonierung erfolgt über das Körperschema. Die Motive für die Apper* 
sonierung können unbewußt bleiben. Also haben wir es mit einer Nach* 
ahmung zu tun, die aus unbewußten Motiven hervorgeht." (Body Image> 
S. 251). 

Sändor Koväcs hat 1912 in einer bemerkenswerten Arbeit die Fäden 
unseres Gegenstandes im strikten Sinne Ferenczis aufgenommen. Er hat 
als erster auf Introjektion und Projektion als Abwehrvorgänge hingewiesen, 
wie wir es heute nennen. Damals waren diese der Verdrängung unterge* 

5) Vgl.: Die Bedeutung der Symbolbildung für die Ichentwicklung. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XVI, 1930, 



Über Introjektion 



425 



ordnet. Er definiert „introjizieren" als „mit seinem Ich*Komplex in Be* 
ziehung setzen". Er dehnt den Begriff der Projektion bereits so weit aus, 
daß er jede Ausscheidung aus dem Ich deckt, etwa das Widerspiegeln: einer 
Seelenstimmung in Außenweltseindrücken, sagen wir in einer Landschaft. 
Er sagt etwa, der Künstler projiziert, die Zuhörerschaft introjiziert. 

Jelgersma geht noch einen Schritt darüber hinaus und nennt jede 
Perzeption von außen eine Projektion. Er macht zwischen Sinnestäuschung 
und Wahrnehmung nur eine quantitative Unterscheidung. Er meint, daß 
wir jeder Wahrnehmung, die wir nicht beeinflussen können, den Charakter 
„außerhalb" zusprechen, gleichgültig, ob sie wirklich außerhalb entsteht oder 
ihre seelischen Ursachen vollkommen unbewußt sind. 

Freud nahm Ferenczis Ausdruck anscheinend vorsichtig auf und be* 
nutzte ihn zunächst unspezifisch. Dessen ungeachtet verdanken wir ihm 
nahezu alle wesentlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet, auf die wir hin* 
gewiesen haben. Zweifelsohne verbindet Freud ständig die Idee der Intro* 
jektion mit einer Einverleibung auf geistigem Gebiet. So bildet Introjektion 
die Grundlage der Identifizierung und wird nicht immer von ihr getrennt 
gehalten. Bei Gelegenheit der Feststellung, daß unser Charakter auf introji* 
zierten Objekten aufgebaut ist, spricht F r e u d deutlich aus, daß der Glaube 
der Primitiven, daß wir die Eigenschaften der Dinge, die wir essen (z. B. 
Tiere), in uns aufnehmen und daß wir durch das Einnehmen derselben Sub* 
stanz miteinander eins werden vielleicht mehr als eine bloße Analogie enfc* 
hält. Seine Formulierung bleibt aber stets vorsichtig, so daß wir nie ganz 
gewiß sein können, ob er der Meinung zuneigt, daß Introjektion in Wirk* 
lichkeit auf einer oralen Einverleibung beruht, oder daß sie nur auf Grund 
einer zwar ausgesprochenen, aber noch nicht voll verstandenen Verknüpfung 
mit einer solchen verglichen werden kann. 

In Bausch und Bogen scheint Freuds Anschauung die folgende: Im 
Stadium des primären Narzißmus sind unsere Objektbeziehungen auf (prü> 
märe) Identifizierung gegründet und gemäß der Vorherrschaft: der oralen 
Triebziele drücken sich Liebe und Haß als Auffressen aus. Dieses ist die 
eigentliche Introjektion. Dieser Trieb wird auf der genitalen Stufe modifiziert, 
so daß das Objekt desselben erhalten bleibt. Aber die alte archaische Weise 
bleibt innerlich erhalten oder es kann auf sie zurückgegriffen werden. Dies 
wäre die Grundlage der eigentlichen Identifizierung, welcher ein Einschließen 
des Objektes in das Ich entspricht. Wir verstehen besser, daß ein solcher 
Vorgang wirklich einer Introjektion gleichkommen kann, wenn wir uns ver* 
gegenwärtigen, daß jetzt ja nichts am Objekt selbst, sondern nur an dessen 
Repräsentanz (Imago) geschieht. 



426 S. H. Fuchs 

Abraham war in diesem Punkte viel entschiedener. In seinem „Ver* 
such einer Entwicklungsgeschichte der Libido" beschäftigt er sich mit dem 
Vorgang der Introjektion in der Melancholie im Zusammenhang mit der 
erstmaligen Beschreibung der zwei Phasen der Libidoentwicklung in der 
oralen Phase. Er ist besonders beeindruckt davon, zu finden, daß die Intro* 
jektion wirklich eine Einverleibung im Sinne einer Regression zur oralen 
Phase ist. Er zeigt dies an Hand von klinischer Beobachtung auf. Bei dem 
Versuch, die metapsychologische Differenz zwischen Trauer und Melancholie 
klarzustellen, stellt Abraham fest, daß bei der Trauer der wirkliche Verlust 
des Objektes von dessen Introjektion gefolgt wird, und zwar nur für eine 
vorübergehende Zeit. So wird das Objekt wie zur Kompensation im Ich 
aufgerichtet. Dagegen ist in der Melancholie die Introjektion eine voll* 
ständige und dauernde und folgt der libidinösen Störung. In diesem Falle 
ist sie ein Versuch, den Ambivalenzkonflikt zu lösen. Vielleicht hat es seine 
Richtigkeit zu sagen, daß der Unterschied zwischen Trauer, exogener oder 
reaktiver Depression und echter endogener Melancholie — klinisch gewiß 
sehr verschiedene Zustandsbilder — der folgende ist: bei der Trauer handelt 
es sich um eine Ich*Regression ohne begleitende Regression der Libido, bei 
der reaktiven Depression wird die Versagung von einer echten Regression 
zu den oralen Fixierungspunkten gefolgt, bei der echten Melancholie ist die 
Regression (Entmischung) der Libido das Primäre, wahrscheinlich soma* 

tischer Natur. 

Nachdem wir jetzt die klassischen Arbeiten über Introjektion überblickt 
haben, können wir es wagen, die Grundlinien festzustellen. Die Introjektion 
ist ein seelischer Mechanismus, der sich aus verschiedenen Trieben, vor«« 
wiegend der oralen Gruppe, herausbildet. Sie ist ihrem Wesen nach ambi* 
valent und bemächtigt sich des Objektes dadurch, daß sie es zu einem Teil' 
des Ich*Systems macht. Es handelt sich um einen metapsychologischen Be* 
griff, der als solcher in bezug auf seine topische, dynamische und Ökonom 
mische Bedeutung näher beschrieben werden muß. 

Dynamisch: Sie findet statt, wenn ein Objekt aufgegeben werden muß, 
und bildet die ersten Kristallisationspunkte von Ich und Über*Ich*Forma* 
tionen. Späterhin wird sie ein Abwehrmechanismus im Dienste des Ichs. 

To p i s ch: Sie findet im Ich und Übersieh statt. Es handelt sich um einen 
unbewußten Vorgang. 

Ökonomisch: Es handelt sich um ein orales Triebschicksal, weshalb 
sie zur oral*narzißtischen Phase der Libido gehört bezw. einer Regression zu 
dieser Entwicklungsstufe entspricht. 

Im Hinblick auf die theoretisch wie praktisch gleichmäßig wichtige Auf* 
gäbe, die sich die Psychoanalyse zur Zeit gestellt hat, nämlich Es* und Ich* 



Über Introjektion 



427 



Entwicklung zu erforschen und voneinander zu sondern und auf ihr gegen* 
seitiges Ineinanderwirken Licht zu werfen, möchte ich mir erlauben, vorzu* 
schlagen, den Terminus „Identifizierung" für die IchsSeite, „Introjektion" 
für die Es*Seite zweier an und für sich ineinandergreifender und nicht voll* 
kommen zu trennender seelischer Prozesse zu reservieren. 4 Dementsprechend 
wäre Identifizierung mehr ein statischer Ausdruck, der einen bestehenden 
Zustand beschreibt, während Introjektion den aktiven Vorgang selbst be* 
zeichnet. 

Die Introjektion ist nicht nur ein notwendiger Schritt zur Sublimierung, 
sondern sogar ihr direkter Vorläufer, ja möglicherweise gehört sie zum 
innersten Gehalt dieser noch problematischen Konzeption. Denn wir haben 
es dabei mit einem wirklichen Verzicht auf grobe materielle Befriedigung 
zugunsten einer geistigen zu tun, mit der Umformung einer äußerlichen in 
eine innerliche Strebung oder einer realen in eine ideelle, wenn man so will. 
Die Konzeption der Sublimierung selbst (Erhebung) könnte sogar mit diesem 
Heben vom Mund zum Geist, vom Materiellen zum Immateriellen zu tun 
haben. 

Wenn wir von Es*Bezeichnungen und von Ich^Bezeichnungen sprechen, 

4) Inzwischen erschien R. Wälders Arbeit „Zur Frage der Genese der psychischen 
Konflikte im frühen Kindesalter" (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936). Darin behandelt 
der Autor die Introjektion. Er bezeichnet sie ausdrücklich als einen Ich*Mechanismus. 
Dies kommt teilweise daher, daß er den Ausdruck in seinem ursprünglichen Sinn ge* 
braucht, der zu einem späteren Entwicklungsstadium gehört, und ihn so in engere Ver* 
bindung mit (sekundärer) Identifizierung bringt, ohne wie wir es tun, auf strenge Unter« 
Scheidungen abzuzielen. Er betont, daß Es* und Ich*Triebe vom Anfang an getrennt sind, 
während wir gerade im Gegenteil die Möglichkeit erwägen, Ich*Mechanismen auf die 
ihnen zugrundeliegenden dem Es zugehörigen Triebe zurückzuverfolgen. Es ist wahr, daß 
ein solcher Versuch besser mit Freuds späterer theoretischer Konzeption von der Dua* 
Iität von Lebens* und Todestrieben zusammengeht als mit der früheren von Ich* und 
Es*Trieben. 

Wälder stimmt mit mir darin überein, daß nicht jede Identifizierung auf einem 
Introjektionsvorgang beruht. Ebenso unterstreicht er, daß sehr verschiedene Vorgänge mit 
dem Namen Introjektion oder Projektion beschrieben werden. Die Beispiele, die er selbst 
gibt, unterscheiden sich, wie er selbst ausführt, nicht klar von Identifizierung. Es wird 
auch an dieser Stelle deutlich, daß das Stadium, das ihm vorschwebt, ein späteres ist, in 
dem das Ich schon größere Reife erlangt hat. ' 

Es ist klar, daß Wälder nicht geneigt sein würde, die vorgeschlagene Definition für 
die Bezeichnung Introjektion anzunehmen, da er gerade ausführt, daß es eine Fülle ver* 
schiedener Introjektionsprozesse gibt, die gewiß nicht alle auf oraler Einverleibung be» 
ruhen. Wir wollen ja gerade den Terminus für eine solche Aufnahme in das geistige 
Gefüge der Person reservieren, die auf Grund einer oralen oder einer verwandt Iibidinösen 
Einverleibung erfolgt. Diese Unstimmigkeiten sind aber rein terminologischer Natur und 
zeigen deutlich, wie wichtig es ist, Definitionen zu schaffen, die von allen Seiten anerkannt 
werden können. Mir scheint, daß W ä 1 d e r s Arbeit sich im großen und ganzen mit den* 
selben Problemen auseinandersetzt, die uns hier beschäftigen, und daß keine wirkliche 
Unstimmigkeit in unseren Anschauungen besteht. 



428 S. H. Fuchs 



so meinen wir nicht, daß beide von allem Anfang an getrennt waren; es wäre 
sogar von hohem Interesse, wenn wir es fertigbrächten, die Triebquelle der 
Ich*Vorgänge herauszufinden. Um ein Beispiel zu geben: Erst kürzlich bin 
ich wieder davon beeindruckt worden, zu finden, daß in einem meiner Fälle 
der Mechanismus der Verdrängung selbst analen Ursprungs ist. In einem 
andern scheint es bis jetzt so, daß etwas, was verschluckt worden ist, nicht 
wieder heraufgeholt werden kann. Es ist ja so, daß alles, was wir wahr* 
nehmen, beschreiben, ausdrücken, notwendigerweise unsere libidinöse Ver* 
fassung widerspiegelt, in letzter Analyse unsere Konstitution, alles: also auch 
unsere theoretischen Konzeptionen oder unsere Terminologie — eine Tat* 
sache, die man nicht vergessen sollte 1 Dies ist wichtig, und zwar selbst dann, 
wenn es sich, nur um rezeptive Personen handelt, weil sich sehr leicht emotion 
nale Motive dahinter verstecken können. Man kann fühlen, daß verschiedene 
Individuen schon auf das bloße Wort „Trieb" emotionell in verschiedener 
Weise ansprechen, oder beispielshalber, daß die kathartische Theorie eine 
vorwiegend anale Konzeption ist. Natürlich hat das gar nichts mit ihrer 
Richtigkeit oder Unrichtigkeit zu tun, aber unsere wissenschaftliche Exakt* 
heit wird beeinträchtigt, wenn wir nicht darauf achten. Wenn wir nicht vor* 
sichtig sind, sprechen wir bald über dieselben Dinge in verschiedenen Worten 
oder, was viel schlimmer ist, über verschiedene Dinge mit denselben Worten. 
Aber Worte gewinnen leicht ein Eigenleben und reißen uns mit sich fort! 
Oft scheint es mir auch so, als ob wir tatsächlich qualitative Unterschiede 
der Libido annehmen, obwohl wir es nicht klar aussprechen und Freud, 
der diesen Gedanken erwogen hat, davon abgekommen ist. 

Wir wollen jetzt auf der Grundlage der gewonnenen Einsicht die neueren 
Arbeiten durchsehen und betrachten, wie sie sich dazu verhalten. Wir be* 
finden uns in vollem Einvernehmen mit Fenichel, der die wichtigste 
systematische Arbeit zu unserem Thema beigetragen und unser Wissen durch 
viele eigene Beobachtungen bereichert hat. Er besteht aber darauf, daß jede 
Identifizierung auf einer Introjektion beruhe. Aber die sehr primitive frühe 
Nachahmung eines fremden Objektes — Landauer nennt sie „edioen" — , 
die oft genug — vielleicht sogar immer — der Wahrnehmung selbst vor* 
ausgeht, ist doch nicht das Ergebnis einer Introjektion. Ebenso nicht die vor* 
übergehenden Identifizierungen, die ich für primär motorischer Natur halte. 
Auch muß man einen wichtigen Vorgang in Betracht ziehen, den man als 
„negative Identifizierung" bezeichnen könnte, wo nämlich das Ideal auf dem 
Kontrastwege zustandekommt. Ich meine negativ eher im Sinne des photo* 
graphischen Negativs. Es muß kein negatives Wertzeichen haben. Man mag 
z. B. das Ideal haben, großzügig zu sein, weil man nicht so kleinlich wie den 
Vater oder so geizig wie die Mutter sein will, oder dergl. Dieses Negativ 






Über Introjektion 429 






eines Ideals braucht nie existiert zu haben, außer möglicherweise auf dem 
Wege der Projektion. Es wäre vielleicht besser, in solchem Falle zu sage«, 
daß das Ich sich mittels der Differenzierung von einer solchen Imago formt 6 
Fenichel führt aus, daß die Identifizierung in ihren Wurzeln unbe* 
wüßt ist, daß sie in jedem Falle nur nach einem Objektverlust statthat und 
daß ihre Exekutive immer die orale Einverleibung ist. Primäre Identifizierung 
scheint eine Reaktion auf den Verlust der ursprünglichen Einheitlichkeit 
der Welt zu sein, die sich später in eine innere und äußere scheidet. In einer 
Reihe von klinischen Arbeiten (1925, 1931, 1935) zeigt Fenichel die Introjek* 
tion von ihrer Triebseite. Er beschreibt eine anale, epidermale, respiratorische 
und okulare Introjektion, die zur oralen noch hinzukommen, und zeigt soo 
mit eindeutig auf, daß es sich um ein Triebschicksal handelt. Fenichel scheint 
der Ansicht zu sein, daß auf prägenitaler Stufe Objekte seelisch einverleibt 
werden („einverseelt", wie es übrigens Nietzsche nannte); die spätere 
Identifizierung kommt durch ein Wiederaufleben dieses alten Modus in der 
Phantasie zustande: Dies ist Introjektion. Fenichel scheint anzunehmen, daß 
bei der Introjektion das introjizierte Objekt mit einem Organ gleichgesetzt 
wird, am ausgesprochensten bei der Hypochondrie und der Organneurose. 
Ein sehr guter Einfall, den auch Jones geäußert hat, soweit ich sehe: Das 
introjizierte Objekt nimmt sozusagen den Platz der Empfindungen ein, die 
es hervorgerufen hat, oder, wie ich hinzufügen möchte, mit denen es einfach 
gleichzeitig vorkam, und nunmehr können dieselben Gefühle von dem Organ 
oder seiner Repräsentanz ausstrahlen oder auch dem Organ zugeführt wer* 
den, das nunmehr nicht nur den gefährlichen Penis, sondern auch das ambi* 
valent besetzte Objekt vorstellt. Es scheint ein Unterschied zu sein, wie ich 
hinzufügen möchte, ob die Organrepräsentanz auf der betreffenden Stufe 
physiologischerweise bezw. anatomisch mit dem Organ in direkter Ver* 
bindung steht. Im einen Fall würden wir das physiologische Korrelat zu 
einem Konversions^Symptom haben, im anderen zu einem hypochondrischen 
Symptom, je nachdem ob das Organ selbst oder seine Repräsentanz be# 
troffen ist. 

S i m m e 1 hat, soweit ich weiß, gelegentlich ähnliche Vermutungen ausge** 
sprechen. Seine Vorstellungen stimmen grundsätzlich mit den hier ver=* 
folgten überein: orale Einverleibung als früheste Objektbeziehung, bevor 
innere und äußere Erfahrungen auseinandergehalten werden können; 
späterhin findet derselbe Prozeß an der Objektrepräsentanz statt. Edoardo 

_ 5) In der Diskussion dieses Vortrages bemerkte Glover, daß dieser Typ der Identi» 
äzierung auf einer Reaktionsbildung beruht. Dies ist vollkommen richtig. Aber in unserm 
Zusammenhang kam es mir darauf an, zu zeigen, daß es Identifizierungen gibt, die nicht 
auf einer Introjektion des Objektes beruhen. 



430 S. H. Fuchs 



Weiss entwickelte 1932 einige sehr erwähnenswerte Gesichtspunkte. Er 
bezeichnet das introjizierte Objekt einfach als „das Introjekt". Er läßt keinen 
Zweifel darüber, daß das Introjekt eine Imago ist, welche in magischer 
Weise innerhalb des Ichs neu geschaffen wird, um die vorangegangene Zer* 
Störung des Objektes wieder gutzumachen. Daraufhin wird ein ent* 
sprechendes Objekt in der Außenwelt gesucht. Wenn dieses Objekt ver* 
gibt, löst sich die innere Spannung. Dies ist nach Weiss die Wurzel des 
Geständniszwanges. Er zeigt sehr schön die Beziehung dieser Tendenz zur 
„Wiedergutmachung", zur Sublimierung und ganz besonders zur künstle* 
rischen Schöpfung im Zusammenhang mit Zolas Therese Raquin. Das 
Werk des Künstlers ist ein projektiver Akt, der an Stelle einer vollkommenen 
Identifizierung steht. Die Weiss'sche Theorie, wonach die Psyche von einer 
Art Filter umgeben ist, der sie wie eine Hülle umschließt und die Berührung 
mit der Außenwelt übernimmt, ist eine interessante Konzeption. Für gewöhn* 
lieh, sagt er, ist dieser Filter nur für die Libido durchlässig, die auf reale 
Personen projiziert wird, während Gedanken und Vorstellungen zurück* 
gehalten werden. Im Falle der Psychose ist dieser Filter beschädigt, was' zu 
Sinnestäuschungen und Wahnideen führt. Für Weiss also ist Identifizier 
rung (die er mit Introjektion gleichsetzt) eine innere Neuschöpfung des Ob* 
jektes und nicht einfach eine Einverleibung; das Introjekt ist eine Imago, 
Identifizierung eine wirkliche Veränderung des Ichs: Da man jetzt das Ob* 
jekt selber ist, kann man es nicht mehr haben. 

Man könnte sagen, es ist wie der Unterschied zwischen Schlucken und Ver* 
dauen. Für unsere Zwecke ist es wichtig, festzustellen, daß also Objekte 
introjiziert werden, aber nur die Libido projiziert wird, wenigstens unter 
normalen Verhältnissen. Man würde die Ausscheidung eines Objektes in 
der Phantasie — auf analem (Abraham) oder oralem Weg (H a r n i k) — 
besser als „Ejektion" bezeichnen. 

In seiner Arbeit „Das Problem der Melancholie" kommt Rado zu dem 
Schluß, daß getrennte Introjektionen in das Ich und Über*Ich zu gleicher 
Zeit stattfinden. Die „gute Mutter" wird ins Über*Ich introjiziert^und mit 
der Macht zu strafen ausgestattet, während das „schlechte Objekt" ins Ich 
introjiziert wird, um gestraft zu werden. Dies ist der melancholische Mecha* 
nismus, der einen Heilungsversuch darstellt. In seiner Arbeit über „Das 
ökonomische Prinzip der Technik" hat derselbe Autor die Metapsychologie 
der hypnotischen Situation mit besonderer Berücksichtigung der Introjektion 
und Identifizierung untersucht. Seine Betrachtungsweise stimmt vollkommen 
mit dem Standpunkt überein, den wir hier einnehmen. 

Federn hat einen großen Teil seiner Arbeit der feineren Analyse des 
Ichs gewidmet. Ich kann hier indessen nicht versuchen, auf seine äußerst 



Über Introjektion 431 



interessanten und originellen Anschauungen einzugehen. Sie alle kennen 
seine Konzeption der Ich*Grenzen, und das Licht, das von dieser auf die 
Analyse des Narzißmus, der Affekte und manche andere zentrale Probleme 
fällt. Federns Arbeiten finden vielleicht nicht das volle Interesse, das sie 
sicherlich verdienen. Sie sind zum allermindesten anregend, auch wo sie 
spekulativ bleiben; aber darüber hinaus gibt er auf seine eigene Weise eine 
sehr genaue Beschreibung von Tatsachen, die unter Analytikern nicht all* 
gemein bekannt und von anderen bisher nicht systematisch angegangen 
worden sind. Wie wir seiner jüngsten Arbeit „Zur Unterscheidung des ge* 
sunden und krankhaften Narzißmus" entnehmen, betont er den Unterschied 
zwischen solchen Identifizierungen, die das ganze Ich, und solchen, die nur 
Teile desselben betreffen. Nach ihm sollte man nur die ersteren „Introjek* 
tion des Objektes" benennen, weil eine ähnliche Identifizierung des Ichs 
als eines Ganzen zurückgeht auf „unbewußte orale oder intestinale Einver* 
leibung . . . oder auf unbewußte Rückkehr in den Mutterleib". Die späteren 
Formen der Identifizierung finden meist auf dem Wege der Erweiterung der 
Ich*Grenzen statt. Dies trifft auf alle Objektbeziehungen zu, bleibt in der 
Identifizierung aber dauernd bestehen. Es ist „ein langsamer Prozeß allmäh* 
licher Vereinigung". Federn ist der einzige Autor, der den so wichtigen 
Zeitfaktor in Rechnung stellt. Auch läßt er der großen Vielfältigkeit der 
Vorgänge Gerechtigkeit widerfahren, die gewöhnlich ganz einfach Identi* 
fizierung genannt werden. So z. B. wenn er ausführt, daß das kleine Kind 
mit der geliebten Person identifiziert wird, indem es sich in ihr Ich einge* 
schlössen fühlt. So fühlt es sich sicher, beschützt vor der Angst und seiner 
eigenen Schwäche, und sogar physisch kräftiger. Um Federns Ansichten voll 
zu würdigen, müssen sie im Original nachgelesen werden. Für unseren gegen* 
wärtigen Zweck genüge es, festzustellen, daß Federn mit uns übereinstimmt, 
die Introjektion als eine orale Einverleibung zu betrachten, auf Grund deren 
die vollkommene Identifizierung sich vollzieht und manchmal, aber wahr* 
scheinlich nicht immer, auch die partielle. Er beschreibt Identifizierung als 
ein Aufnehmen in das System des Ichs. 

E. P. Hoffmann nähert sich den hier behandelten Problemen in seiner 
Arbeit „Projektion und Ich*Entwicklung" im Ganzen in ähnlicher Weise 
wie wir. Ich möchte nur besonders unterstreichen, daß auch er das „Früh* 
Ich" als eine undifferenzierte Formation ansieht und betont, daß in diesem 
frühen Zeitpunkt keine Grenze zwischen dem Ich und den Objekten be* 

I steht. Daher nimmt er auch an, daß in diesem Stadium, welches er das der 
„Zweieinigkeit" nennt, keine Introjektionsprozesse stattfinden, während man 
ein Fließen narzißtischer Libido vom Objekt zum Subjekt vorfindet, das in 
primärer Identifizierung resultiert, und ein solches vom Subjekt zum Objekt, 




dessen Ergebnis die Projektion ist. Er beschreibt, wie das Ich selbst aus dem 
Objektverlust geboren wird, und macht klar, daß man von Introjektion und 
sekundärer Identifizierung nur sprechen kann, nachdem dies stattgefunden 

hat. 

Bevor wir weiter auf die neueren Arbeiten, die unseren Gegenstand be* 
treffen und besonders hier in England ausgeführt worden sind, eingehen, 
müssen wir dem Werk des früheren Analytikers Otto Rank Raum geben. 
Durch alle seine Arbeiten hindurch und ganz besonders in seinem zwei» 
bändigen Werk „Grundzüge einer genetischen Psychologie" hat er Projek* 
tions* und Introjektionsprozesse und ihr Ineinandergreifen zu den Grund« 
pfeilern seines Systems gemacht. Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaße 
seine Anschauungen in diesem Werk, das 1926 erschien, mit denen, die von 
Frau Klein und anderen vertreten werden, übereinstimmen. Natürlich 
würde man bei ihm den direkten Nachweis aus der frühen Kinderanalyse, 
wie sie Frau Klein beschrieben hat, vermissen, ebenso wie alle die speziellen 
Inhalte seelischen Lebens in dieser Zeit. Aber andererseits finden wir bei 
ihm die Darstellung unseres unmittelbaren Gegenstandes klarer und systema* 
tischer. Wie bekannt, ist in Ranks System kein Platz für die frühen 
sadistischen phantastischen Angriffe auf den Mutterleib, für die Vergeltung^ 
ängste und Wiederherstellungstendenzen und dergleichen; statt dessen rückt 
er seinerseits die früheren Ängste, die mit der Geburt in Verbindung stehen, 
und die Abwehrmaßnahmen des Ichs gegen dieselben in den Vordergrund. 
Nichtsdestoweniger spürt er die Entstehung der Objektbeziehungen an der 
guten und schlechten Mutterbrust auf und läßt frühe Schuldgefühle aus 
einem nach innen gekehrten oralen Sadismus entstehen, der zuvor gegen 
die Brust der Mutter gerichtet war. Nach seiner Ansicht entstammt das 
Schuldgefühl nicht aus dem Ödipuskonflikt, sondern muß im Lichte früher 
Ich*Psychologie verstanden werden. Für ihn ist wie späterhin für Freud 
die Beziehung zum persönlichen Vater eine Überschreibung (Projektion) 
der vorausgegangenen Beziehung zur Mutter. Rank betont ganz nachdrück* 
lieh die enge Verknüpfung zwischen Ich*Bildung und Identifizierung einer* 
seits, zwischen Ich*Entlastung und Projektion andererseits. Jede einzelne 
Beziehung zu einem Objekt besteht in Projektionen von Tendenzen und 
Konflikten des eigenen Ichs. Projektion und Introjektion werden als Ab* 
wehrmechanismen beschrieben. Er nimmt eine Beziehung zwischen Sadismus 
und Projektion bezw. Masochismus und Identifizierung an. Bei Rank ist 
überhaupt alles auf Introjektion und Projektion gegründet. Identifizierung 
ist ein Ergebnis vorangegangener Projektion. Er geht so weit, die Liebe 
selbst aus dem Bedürfnis nach Projektion erklären zu wollen. Hier können 
wir Rank nicht weiter folgen. 



J 



Über Introjektion 433 



Seitdem dieser Vortrag gehalten wurde, erschien eine Arbeit von G. H. 
Grab er „Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung" und in Er* 
gänzung derselben die gleichfalls sehr interessanten Bemerkungen von 
H. Christoffel. Ich kann in unserem Zusammenhange dieser sehr an* 
regenden Arbeit nicht im ganzen gerecht werden, sondern will nur das in 
unserem Zusammenhang Wichtige herausgreifen. 

Grab er stellt der Identifizierung, die auf Introjektion beruht, einen an* 
deren Typ gegenüber, wobei wir uns selbst in eine andere Person introjiziert 
werden lassen. 6 Dies nennt er „passive Identifizierung". Diese ist immer eine 
Identifizierung im Ganzen, während der aktive und passive Typ zusammen 
erst die vollkommene Identifizierung herstellen. Der passiven Identifizierung 
liegt ein Projektionsmechanismus zugrunde. In dieser Hinsicht kommt die 
Auffassung Grabers dem Ineinandergreifen von introjektiven und projek* 
tiven Vorgängen sehr nahe, auf das unsere Aufmerksamkeit besonders durch 
Klein bezw. Rank hingelenkt worden ist, speziell was seinen „patho* 
logischen Typ reaktiver Identifizierung" betrifft. Er führt, wie Rank schon 
vor langer Zeit, aus, wie wichtig Projektion als Ich*Entlastung ist, ebenso 
die therapeutische Bedeutung der Auflösung von Identifizierungen, die uns 
hierzulande besonders vertraut ist. Grab er kommt Rank auch weiterhin 
sehr nahe in der großen Bedeutung, die er der Geburts*Symbolik beimißt. 
Während Rank für eine Verknüpfung von Projektion und Aktivität, von 
Introjektion und Passivität eintritt, was im ganzen richtig erscheint, betont 
Graber die passive Seite dieses Typs der Identifizierung und kommt so dazu, 
den introjektiven Typ „aktive", den projektiven „passive" Identifikation zu 
nennen. Dies scheint terminologisch nicht sehr glücklich. 

Was für uns in Grabers aufschlußreicher Beschreibung besonders in 
Betracht kommt, ist, daß er wiederum ein Beispiel einer Identifizierung liefert, 
die nicht auf Introjektion in gewöhnlichem Sinne fußt. Andererseits scheint 
auch er die eigentliche Identifizierung ausdrücklich als auf Introjektion be* 
ruhend zu betrachten, ja Graber hat sogar die Tendenz, die Begriffe Introjek* 
tion und Identifizierung sensu strictiovi zusammenzuwerfen. Wenn Graber 
Freud widerspricht, indem er sagt: „Umgekehrt bedeutet ökonomisch die 
Identifizierung (Introjektion) nach realem Objektverlust nicht eine Be* 
reicherung des Ichs . . ., sondern eine Belastung", so denkt er streng 
genommen nicht in ökonomischem Sinne, wie er vermeint, sondern mehr 
dynamisch. Ohne Zweifel stimmen Graber sowohl als Christoffel in 
allen wesentlichen Punkten mit unserer Konzeption überein. 
Wenn wir nun zu den Arbeiten der englischen Autoren kommen, so 



6 ) Vgl. hierzu Fe de ms vorhererwähnte Anschauung 

Imaso. XXIII/4 



Image, XXIII/4 ^ 



434 



S. H. Fuchs 



VKnnon wir uns im wesentlichen auf die kürzlich erschienene glänzende Dar. 
stXng von J ^viere berufen. Ich werde in der Hauptsache versuchen 
dkZ%e herauszuarbeiten, die mir am spezifischsten erscheinen, denn eine 
üWnstimmung in dem, was man die klassische ^™f o « 
könnte, darf als gegeben angenommen werden^ So sagt etwa >GUl«» 
The Sismificance of the Mouth m Psycho.Analysis : „Die irune Ver. 
nläung g von Subjekt und Objekt läßt das ^*^™g*J$ 
Objektes in Analogie zu der ^^-f^^tSls 
Derselbe Autor stellt in semer „Technik test. „. . • u^ "" "J 
ob Ä ist eine Art von resututivem Versuch dasselbe zu ^en aber 
auf narzißtischer Basis; das Ich wird mit ihm ^ziert . Die^e Defc- 
nitionen sind in vollem Einklang mit jenen von denen wir hier ausgehen 
In seiner Arbeit über „Grades of Ego.Differentiaüon spricht Glover 
L dem primitiven Mechanismus der Projektion dessen Versagen zu, £ 
richtung des Über.Ichs führt, dieser „schutzspendenden und ^m me ^en 
EinrichLg". Dinge inner, und außerhalb des Ichs "derben 
Lustton abgestimmt sind, werden miteinander identifiziert. Dieses, die pn. 
rnTreldentffizierung, wie man es nennt, führt dann zur.Introjektion und all 
Tn späteren Identifizierungen hin. Auf jeder Entwicklungsstufe erscheinen 
Objekt Tganze. Das primitive Ich schließt die Objekte fälschlicherweise 
b skt ein, da seine Trennungsfähigkeit unzulänglich ist Mit diesen Formt* 
Lungen timme ich ganz besonders überein. Jedes frühere Entwicklungs. 
stednTwird zugunsten eines späteren im Zusammenhang mit onern W 
jektionsakt verlassen. (Vgl. dazu Schneiders ^^^f^ 
schauun-en) In seiner Arbeit „The Neurotic Character gelangt Glover 
zu ^folgenden Formulierung: „Aufgegebene Tendenzen des Es, die auf ein 
Obiekt gerichtet sind, werden durch Introjektion und Identifizierung er. 
Sfigt Ä, den so die Objektbeziehung dem Ich aufdruckt, büdet 
das was wir Charakter nennen." Dies alles stimmt durchaus mit der allge. 

meinen Auffassung überein. ,,.,,., , . r i a «ifi ca tion of 

In seinem Aufsatz „A Psycho.Analytic Approach to Class^cation o$ 
Mental Disorders" hat uns Glover eine systematische Darstellung 
dtrlühen ^Entwicklung im Zusammenhang mit den seelischen Mecha. 
Smen in ihrer Beziehung zu herrschenden ^^^^J^ 
Er rückt die Angst sehr in den Vordergrund wenn er sagt. Angs t : , t das 
Alpha und Schuld das Omega der Entwicklung des Menschen Dies & 
ganz besonders charakteristisch für die englische Auffassung, nach der es 
beinahe so aussieht, als ob Angst der mächtigste, wenn nicht gar der ernzige 
Antrieb für die Entwicklung wäre. Nach Glover ist das Ich im wesentlichen 
ein Sammelsurium, das erst von der analen Stufe ab im Alter von etwa zwei 



Über Introjektion 



435 



Jahren stärker zusammenhängend und besser organisiert wird. Glovers Lehre 
von den Ich*Kernen verdient unsere vollste Aufmerksamkeit. Er definiert 
ein Ich*System oder einen Ich*Kern als „jedes psychische System, das a) eine 
positive libidinöse Beziehung zu Objekten oder Teilobjekten repräsentiert, 
b) reaktive Spannung (d. h. Aggression und Haß gegen Objekte) zur Ent* 
ladung bringen kann und c) auf dem einen oder anderen dieser Wege Angst 
vermindert". Indem er die libidinösen und reaktiven Bestandteile der ver* 
schiedenen Ich*Kerne auf den mannigfaltigen Stufen der Libido einander 
gegenüberstellt, geht Glover fast mit neurologischer Exaktheit zu Werke, 
wobei er sich aber der Grenzen, die der Schematisierung in der Psychologie 
gesetzt sind, stets bewußt bleibt. Es scheint mir, daß seine Aufstellungen in 
bezug auf primäre Identifizierung und die Scheidung des Ichs vom Objekt} 
die klarste Darstellung der bis jetzt sicher festgestellten Tatsachen liefern. 
Seine Beschreibung wird der Rolle der Projektion und Introjektion für die 
Entwicklung voll gerecht. Man sieht, wie Eigenschaften des Objektes oder 
subjektive Einstellungen, die von demselben zurückstrahlen, nach innen ge* 
kehrt und dem Ich zugeschrieben werden, während andererseits Züge des 
Ichs auf das Objekt projiziert werden. Dieses frühe Ich und Übersieh be* 
stimmt Ausmaß und Inhalt der Verdrängung, aber in Glovers Augen 
scheinen gleichzeitig die Introjektions* und Projektionsvorgänge unter Ver* 
drängung stattzufinden, sozusagen hinter ihr wie hinter einem Schirm ver* 
steckt. Offensichtlich werden diese Prozesse auch für ihn nach dem Muster 
von physischen Empfindungen und Impulsen wie etwa der Austreibung ge* 
bildet. So schreibt er z. B.: „Wenn nur noch mehr hartnäckige Krämpfe 
plötzlich in schmerzliche ,Nicht*Ichs' verwandelt werden könnten wie Bro* 
samen und mit Gewalt ausgetrieben werden könnten! Gleichzeitig sind Er* 
fahrungen, die Mund, Hand und Magen machen, für eine andere psychische 
Tendenz verantwortlich, der wir gerecht zu werden suchen, indem wir sie 
mit dem Wort .Introjektion' bezeichnen. Wenn nur die lustspendende Brust* 
warze im Mund eingesperrt werden, die heimische Wärme im Magen fest» 
gehalten werden könnte 1 Oder wenn das nicht geht, könnten wir doch mit 
der Gebärde unserer geballten Fäuste lustvolle ,Nichfc*Ichs' zum .Ich' machen, 
um wieviel gesicherter vor Angst würde dann das Ich sein." Der interessante 
Versuch Glovers, Psychosen, Neurosen, Süchte und verschiedene Charakter* 
bilder um die Achse der Introjektion und Projektion zu gruppieren, erinnert 
etwas an die Einteilung in Introvertierte und Extravertierte. 

Der Hauptpunkt, den Melanie Klein besonders unterstreicht und der 
von Freud wenig beherzigt wurde, ist das intime Ineinandergreifen von 
Projektion und Introjektion von einem sehr frühen Stadium der Entwick* 
hing an. Sie widmet auch dem Abwehrcharakter dieser Vorgänge besondere 



28« 



Aufmerksamkeit. Man sollte nicht übersehen, daß in der britischen psycho, 
analytischen Literatur „Abwehr" („defence") in erster Linie Schutz gegen 
Ängste bedeutet, in der übrigen analytischen Welt aber gegen Triebe des 
Es weil diese ihrerseits innere oder äußere Gefahrsituationen heraufbe. 
schwören. Dies stiftet einige Verwirrung. Wie mir scheint, haben de facto, 
beide Konzeptionen sich F r e u d s späterer Vorstellung vom Durchbruch des 
Reizschutzes genähert („Jenseits des Lustprinzips"). Nach Kkms Ansicht 
ruft der Überschuß von Sadismus die Angst hervor, die infolge der oral, 
sadistischen Introjektion des Objektes verinnerlicht wird. Dieses setzt die 
frühesten Abwehrmechanismen des Ichs in Bewegung. 

Frau Klein unterstreicht besonders, daß wir auf keinen Fall die realen 
Objekte mit denen verwechseln dürfen, die das Kind inrrojiziert. Ich hatte 
gedacht, daß diese Anschauung schon in der Konzeption einer „Imago ein. 
begriffen war, da eine solche sonst nicht mehr als eine bloße Objektreprasen. 
tanz bedeutet hätte. Es ist sogar tatsächlich schwierig, zu verstehen was tur 
reale" Objekte überhaupt vorhanden sein sollen außer denen, die das Kind 
wirklich erlebt. Was soll „real" in diesem Zusammenhang bedeuten? Wir 
sind schon lange über die alte Annahme einer objektiven physikalischen 
Welt hinaus, der eigene, absolut zu nehmende Qualitäten zugeschrieben wer. 
den können. Darum herrscht völlige Übereinstimmung mit Frau Klein, wenn 
sie, wie z. B. im „Symposium on Child Analysis", das Übersieh als auf ganzen 
Reihen verschiedener Identifizierungen, die einander widersprechen, autge. 
baut beschreibt und wenn sie sagt, daß diese in weit auseinanderliegenden 
Schichten und Perioden entstanden sind und sich durchaus von den realen 
Objekten unterscheiden. Eine Streitfrage ist noch die frühe Entstehung des. 
Über.Ichs, die sie auf Grund ihrer Beobachtungen vertritt, nach denen der 
Ödipuskonflikt sich schon während der Periode des Abstillens entwickelt, 
das heißt also am Ende des ersten Lebensjahres. Ich persönlich sehe nichts 
dagegen einzuwenden, besonders wenn die Beobachtung sich bewahrt. Aber 
ich habe guten Grund zu der Annahme, daß die wirkliche Bedeutung des 
Ödipuskonfliktes als solchen in der ausgeprägteren Konfliktsituation des klas. 
sischen Zeitraums wurzelt. Auf jeden Fall müssen wir im Auge behalten 
was Susan Isaacs am klarsten formuliert hat: „. Ganz offensichtlich 
unterscheidet sich der Prozeß der .Introjektion' auf diesen früheren Sufen 
in gewichtiger Weise von dem, der nach der Bildung echter Objektbe. 

Ziehungen vorkommt." 

Wir können nicht zu einer wirklichen Diskussion aller dieser Probleme 
vordringen, ohne gewisse Tatsachen und Erwägungen voll in Rechnung zu 
stellen, wie sie am ausgiebigsten und auf der breitesten Grundlage 
von Schilder in seinem jüngsten Buch „The Image and Appearance o£ 






the Human Body" herausgearbeitet worden sind. Ich kann hier nicht auf 
seinen Inhalt eingehen. Es ist nicht leicht zu lesen und zu verdauen, aber ich 
möchte mir erlauben, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken und der Über« 
zeugung Ausdruck zu geben, daß das gründliche Verständnis dieser Dinge 
von höchster theoretischer Bedeutung und unmittelbarem praktischem Nutzen 
ist. Schilder hat dem Gegenstand der Identifizierung durch sein ganzes Buch 
hindurch viel Aufmerksamkeit geschenkt und ein Kapitel ihr ausschließlich 
gewidmet. Er stimmt nicht mit Freud darin überein, daß die Identifizierung 
die früheste Form der Gefühlsbeziehung ist. Er meint, daß das Problem 
der Identifizierung ist: Was für eine Art Handlung ist auf Identifizierung 
begründet? Schließlich nimmt man das fremde Objekt im Dienste der eigenen 
Aktionen in bezug auf die Welt in sich auf, wenn man sich identifiziert. Man 
muß doch wenigstens irgendeine Art von Beziehung zum Objekt haben, 
bevor man es sozusagen aufessen kann. Es gibt zwei Grundtypen der Hand« 
lung, deren einer auf Identifizierung, deren anderer auf Reaktion gegründet 
ist; keiner von beiden kann als der primitivere bezeichnet werden. Wahr* 
scheinlich gibt es sogar noch primitivere Reaktionen gegenüber Objekten. 
Natürlich ist Schilders Anschauung hier wie überall auf die klinische Beob* 
achtung von Fällen organischer Regression mitbegründet und sie nimmt 
psychologische Mechanismen als Spezialfälle biologischer Prozesse in sich 
auf. Ich möchte nur eine kurze Stelle zitieren, weil sie einen wichtigen Punkt 
berührt: „Es ist klar gezeigt worden," — so schreibt Schilder — „daß wir 
unseren eigenen Körper nicht verschieden von Gegenständen der Außen»« 
weit wahrnehmen. Körper und Welt sind wechselseitige Erfahrungen. Die 
eine ist nicht ohne die andere möglich . . . das neugeborene Kind hat eine 
Welt, wahrscheinlich sogar der Embryo. Die Grenzlinie kann nicht scharf 
gezogen werden, und man mag wohl einen Teil des Körpers in der Welt 
und einen Teil der Welt im Körper sehen. Mit anderen Worten, vom Stand« 
punkt des erwachsenen Denkens aus wird der Körper in die Welt projiziert 
und die Welt in den Körper introjiziert. Aber auch im Erwachsenen werden 
Körper und Welt ohne Unterlaß miteinander vertauscht." Dies ist der Punkt: 
vom Standpunkt des erwachsenen Denkens aus! Gewiß können wir diese 
Bezeichnungen anwenden, solange wir wissen, was wir damit sagen wollen 1 

Wir werden nunmehr so einfach wie möglich zusammenfassen, was wir 
gefunden haben. 

Es gibt eine Reihe verschiedener Formen der Identifizierung, von denen 
zwei zunächst besonders hervortreten, welche dem entsprechen, was man 
primäre und sekundäre Identifizierung genannt hat. Dementsprechend haben 
wir auch verschiedene Formen von Introjektion und Projektion. Der wesenfc* 
liehe Unterschied ist, ob das Stadium echter Objektbeziehung, bezw. echter 



Ich*Bildung schon erreicht ist. Es hilft wenig, zu sagen: Die Entwicklung 
ist eine allmähliche und ihre Schritte sind nicht streng getrennt. Wir wollen 
ja klären und trennen und nicht verwischen. Es bleibt uns keine Wahl, als 
unsere Nomenklatur zurechtzuschleifen, wenn Verwirrung in der Zukunft 
vermieden werden soll. Wir werden damit aufhören müssen, verschiedene 
Vorgänge mit demselben Wort zu bezeichnen. Nach meinem Geschmack 
wäre es, die Termini für die allerfrübesten Stadien zu ersetzen. Dies wurde 
ich aus folgenden Gründen tun: Ich glaube, wir werden den Tatsachen besser 
gerecht und befinden uns zugleich in besserem Einvernehmen mit den meisten 
Autoren und modernen Anschauungen, wenn wir von der Annahme aus* 
gehen, daß die frühesten Stadien chaotisch sind im Sinne einer vollkommenen 
Unentschiedenheit darüber, was späterhin Welt und Körper, Ich und Nicht* 
Ich, Innen und Außen, psychische und „objektive" Realität werden wird. 
Es wäre deshalb richtiger, in Ausdrücken der Differenzierung zu 
sprechen. Es ist nicht nötig, von Identifizierung als einem speziellen Akt 
in diesem Stadium zu reden, weil die Dinge ja noch nicht voneinander ge* 
trennt sind und deshalb auch nicht miteinander identifiziert werden müssen. 
Auf diese Weise könnten wir ohne den Ausdruck „primäre Identifikation 
auskommen. Wir würden dann zu beschreiben haben, wie diese Differenz 
zierung erfolgt, nämlich an den zwei Fronten des Ichs, seiner Außenseite 
sozusagen, dem Wahrnehmungs*Ich, und seiner Innenseite, dem Körperlich. 
Was das erstere betrifft, so könnten wir dem Pfad folgen, den Freud ge* 
gangen ist — nämlich längs dem Kriterium der Motorik; was das zweite 
und das ganze angeht, so kann ich nur nochmals auf Schilders Arbeit 
über das Körperschema verweisen. Was wir dann finden, ist ganz in Über* 
einstimmung mit den Beschreibungen, die K 1 e i n, G 1 o v e r, R i v i e r e u. a. 
gegeben haben, nämlich daß in den allmählichen Prozessen der Ich* und 
Objektbildung ein fortwährendes Überschneiden der beiden vorliegt, beide 
werden sozusagen aus demselben Holz geschnitzt gemäß den vitalen und 
Schutzbedürfnissen des Individuums, die seinem jeweiligen Stadium ent* 
sprechen. Diese beiden voneinander wechselweise abhängigen Vorgänge, Er* 
fahrungsmaterial dem Ich oder der Außenwelt zuzuteilen, mag man Ver* 
innerlichung und Veräußerlichung (Interiorisation und Exteriorisation) oder 
irgendwie sonst nennen, nur nicht gerade Introjektion und Projektion, welche 
Ausdrücke man für die späteren Prozesse reservieren sollte, die von einer 
verschiedenen Qualität sind. Dies ist die Terminologie, die in meinem Dia* 
gramm im Anhang angewendet worden ist. Ich nehme indessen nicht an, 
daß Sie meine Vorschläge leicht übernehmen würden, da Sie gewohnheits* 
gemäß von diesen Vorgängen als Introjektion und Projektion sprechen. Es 
wird indessen nicht leichter möglich sein, die klassische Terminologie zu 



r 



Über Introjektion 439 



verändern, was die einzige Alternative wäre. Der einzige Ausweg, den ich 
im Augenblick sehen kann, wäre, jedes Mal zu den Ausdrücken Idenüy 
fizierung, Introjektion und Projektion „primäre", bezw. „sekundäre" hinzu* 
zufügen. Vielleicht könnten wir die sekundäre Introjektion im Ausdruck 
„Identifizierung" mit einbegreifen, aber dies würde letzteren Begriff mög* 
licherweise zu weit ausdehnen. Indessen will ich diesen Punkt Ihrer Beur* 
teilung und der Diskussion überlassen. Nur sollte niemand, der jemals die 
diesbezügliche Literatur studiert hat, einwenden, das seien nur bedeutungs* 
lose Sophistereien. Indem ich für den Augenblick die übliche Terminologie 
verwende, darf ich vielleicht die springenden Punkte nochmals erwähnen. 
Primäre Identifizierung ist eine sehr frühe, vielleicht die früheste Objekt» 
beziehung. Sie basiert auf primärer Projektion. Introjektion findet zuerst 
mittels dieser primären Identifizierung statt. Später aber kehrt sich dieses 
Verhältnis um: Dann geht die Introjektion der Identifizierung voraus, die 
vielmehr ihr Resultat wird. Zuerst ist Introjektion ganz einfach eine see* 
lische Einverleibung, die auf der oralen Triebgruppe basiert. Späterhin aber 
ist es ein Einschluß von Objektrepräsentanzen in das Ich, bezw. das Übersieh. 
Immer noch aber ist sie gemäß der gleichen Triebwurzel geformt. Dies ist 
wichtig, weil es ein Beispiel dafür ist, wie ein dem Es entstammender Im* 
puls so umgeformt wird, daß er nunmehr im Dienste des Ichs gebraucht wird. 
Die Beziehung dieser Vorgänge zur Sublimierung haben wir erwähnt. 
Sekundäre Identifizierung, also Identifizierung im eigentlichen Sinne, würde 
also dann bedeuten, daß sich ein Ich so umwandelt, daß es mit einem andern 
in gewisser Hinsicht vollkommen zur Deckung gebracht wird, und zwar auf 
Grund unbewußter Mechanismen und meistens auch aus ihm selbst unbe» 
wußten Gründen. 7 Diese Identifizierung macht in den meisten Fällen von 
der Introjektion Gebrauch, aber nicht in allen. Sie besteht aber nicht iin 
einem einfachen Aufnehmen des Objektes, sondern in seiner Wiederauf* 

Irichtung, nahezu Wiedererschaffung oder Auferstehung — wie man sagen 
könnte — im Ich. 
Primäre Projektion besteht in einer Zuordnung von Organempfindung, 
oder Drang aus innerem Trieb, zur Außenwelt. Später wird die Projektion 

7) Bei der Durchsicht der deutschen Übersetzung fällt mir noch etwas auf, was ich 
vorher nicht berücksichtigt hatte und deshalb hier anführen möchte: Es scheint, daß die 
spätere, reifere Form der Identifizierung sich auch dadurch von der früheren unter* 
scheidet, daß das Objekt derselben nunmehr ein anderer Mensch oder doch ein anderes 
Lebewesen ist. Vielleicht entspricht dies einfach der Tatsache, daß jetzt der Unterschied 
zwischen lebendiger und nicht lebendiger Umwelt entdeckt ist. Vielleicht identifiziert 
man sich immer nur mit Objekten, die für das Subjekt lebendige sind, d. h. Ich*AnteiIe 
enthalten (hier läuft auch eine Grenzlinie zwischen Neurosen und Psychosen durch). Auf 
jeden Fall müssen wir auch dem Wechsel im Identifizierungs^Objekt mehr Aufmerksam* 
keit schenken. 



etwas vollständig anderes: Die Verpflanzung eines Ich* oder Übersieh* An* 
teils in die Außenwelt, wo diese bewußtseinsfähig werden. Wir haben uns 
gemerkt, daß normalerweise nur Libido projiziert wird, während ganze Ob* 
jekte introjiziert werden. Der Introjektion von Libido sollte der Ausdruck 
Introversion vorbehalten werden. 

Hoffentlich habe ich die bestehende Verwirrung nicht noch vergrößert, 
sondern ein wenig geholfen, sie zu entwirren. Der Überblick, den ich ge* 
geben habe, hat vielleicht einige von Ihnen enttäuscht, die eine übertriebene 
Vorstellung von der Originalität der Gesichtspunkte haben, die hier beson* 
ders gerne betont werden. 

Andererseits ist es mir vielleicht gelungen, zu zeigen, daß die Arbeit, die 
von britischen Analytikern in bezug auf unser Thema geleistet worden ist, 
sich keineswegs auf Seitenwege verloren hat, sondern ganz im Gegenteil aus 
unserer allerbesten Tradition organisch herausgewachsen ist: aus Ferenczi, 
Freud und Abraham. 

Anhang. 

Das folgende Schema ist völlig skizzenhaft und bedarf weiterer Diskus* 
sion. Es soll nur zur vorläufigen Orientierung dienen. Hoffentlich wird es 
den verschiedenen Gesichtspunkten, nach denen verschiedene Autoren sich 
den Problemen genähert haben, in guter Weise gerecht und stellt auch eine 
richtige Kombination der verschiedenen Auffassungen, soweit eine solche 
möglich ist, dar. Zugleich soll es die Orientierung über die einschlägigen 
Probleme erleichtern, ebenso den Standpunkt, der hier eingenommen worden 
ist, klarer machen. Es muß an Hand von Ferenczis „Entwicklungsstufen 
des Wirklichkeitssinnes" ergänzt werden, soweit das „allgemeine Stadium" 
in Frage kommt, und weiterhin an Hand von Abrahams „Entwicklungs* 
geschichte der Libido" sowie von Glovers systematischer Darstellung in 
„A Psycho*Analytic Approach to Classification of Mental Disorders". 
Da die letztere Arbeit mir erst nach dem Entwurf dieses Schemas zu Gesicht 
kam, ist die Übereinstimmung in allen wesentlichen Punkten noch be* 
merkenswerter. Ich habe nachträglich der Einfachheit halber einige Bezeich* 
nungen von Glovers Schema übernommen. Ich kann die Beschäftigung mit 
seiner Arbeit nur nochmals empfehlen, da ich sie hier nicht im einzelnen 
wiedergeben kann. Anna Freuds Buch über die Abwehrmechanismen 
wurde zu Rate gezogen, eine Diskussion der Meinungsverschiedenheiten in 
bezug auf einige Punkte muß anderer Gelegenheit vorbehalten werden. 

Das Schema muß in dynamischer Weise betrachtet werden, die einzel 
aufgeführten Punkte können nur als eine Art Wegweiser dienen. Ich bin mi 



Über Inrrojektion 



441 



vollkommen im klaren darüber, daß das Individuum immerfort nur als ein 
ganzes reagiert und daß es nur als ein lebendiges Wesen in seiner gesamten 
Situation wirklich verstanden werden kann. Hier kommt es nur darauf an, 
einige allgemeine Stadien, die besonders deutlich hervorzutreten scheinen, 
aufzuzählen und aufzuzeigen, welchen Stufen der Libido* und Ich*Entwick* 
lung sie wenigstens grob entsprechen. Dies soll zu einem besseren Ver* 
ständnis der vorgeschlagenen Chronologie einiger der (Abwehr*) Mecha* 
nismen (insbesondere der Inrrojektion) und zu deren hier in Vorschlag ge* 
brachter Verknüpfung mit Partialtrieben verhelfen. 

Zwischen den einzelnen Stadien müßten noch viele interpoliert werden, 
das dritte z. B. müßte in so viele Stufen der geistigen Entwicklung unterteilt 
werden, als zwischen einem kleinen Kind und einem Erwachsenen liegen. 

Nichts soll absolut genommen werden. Z. B. meine ich unter Regression 
nicht, daß Psychosen aus der Regression allein erklärt werden sollen oder 
daß die Regression bei den Neurosen immer so weit geht, oder nur so weit 
geht, wie angezeigt ist. 

Es wurde keine systematische Aufzählung in Hinsicht auf den Todestrieb 
oder den Wiederholungszwang gegeben, um das Schema nicht unnötiger* 
weise zu komplizieren. Den Tatsachen als solchen ist Rechnung getragen 
worden durch den Einschluß von: 1. Sadismus als Anteil der verschiedenen 
Partialtriebe, 2. Motorik, 3. Nirwana*Prinzip. Das letztere kann hier etwa 
als eine Tendenz, jeden Reiz herabzusetzen, jede Spannung auf ein mög* 
liehst niedriges Niveau herabzudrücken, verstanden werden. Es nimmt nicht 
vorweg, ob man diese Tendenz als eine allgemein biologische auffaßt oder 
im Sinne von Freuds Todestrieb als ein aktives Streben nach Zerstörung 
(Rückkehr zum anorganischen Zustand). 

Um die Übersicht weiterhin zu erleichtern, möchte ich die Fachausdrücke, 
mit denen wir in dieser Arbeit speziell befaßt sind, kurz definieren, die sich 
ergebenden Schwierigkeiten zusammenstellen, ebenso wie die zum Vorschlag 
gebrachten Veränderungen in ihrem Gebrauch und die Vorsicht, die man 
dabei obwalten lassen muß. 

Primäre Identifizierung: Die ganze Welt wird als ein Teil des 
Ichs betrachtet. 

Dies ist nach F r e u d die früheste Objektbeziehung. Sie liegt der frühen Form 
der Projektion und Inrrojektion zugrunde, geht der Symbolbildung vorauf 
(Autosymbolismus); in allen diesen zusammen wurzelt die Ich*(Uber=Ich*) 
Bildung. Sie wird nicht immer klar von der (sekundären) Identifizierung ge* 
trennt gehalten, die nur stattfinden kann, wenn das Ich schon fester gefügt ist. 

Es wäre richtiger, von einem frühen Stadium völliger Vermischung von Ich 





r 






i 


142 S. H. Fuchs 








Schematische Darstellung der Onto* 












Vor. 












Alter 


Allgemeines 
Stadium 


herrschende 
Unterbringung 
der Libido hj 


Ich 


Objektwelt 








pränatal 






o 
Ca 

autoerotisch? ^ 


r 












^ 












I. 

Säugling 


-V 


1 chaotisch, 


primär 




primitives 


„böse" 










C: 


, .ozeanisch", 


narzißtisch 


a — 


Lust»Ich 












o 


Allmacht der 


und 




feindselig 










X 


Gedanken, 


oral 


<*-. 


gut , = , 












w 


Ich«universell, 


(respira» 


5 <" 


= innerlich = 












c 


„Zwei» 


torisch 


N ^ 


= „Ich". 














Einigkeit" 


etc.) 


^•~ 


unlustvoll = 












-* 






hj 


= „Nicht»Ich" 








II. 


~ 


Vorläufige 


• 
orall 




beginnt sich zu 


„gute" 






Vom letzten 




Differenz 


J= sadistisch 




bilden; 


und „böse" 




■' 




Drittel des 




zierung 
(unter dem 


anal J 




unter der 


Objekte 








ersten Jahres 




(urethral) 


u c 


Herrschaft des 


(Brust, Mutter) 








ab 


c 


Druck 

vorhergehen» 

derVersagun» 

gen und 

Ängste) 

Früher 
Ödipus» 
Konflikt 


etc. 


« 3 
N W 


Narzißmus 












« 

H- 
-ü 


(M. Klein) 














III. 


Synthese 




Definitive 








Allmähliche 
Entwicklung 


c 
o 


Späteres 
Stadium der 


Spätere Stadien 
bis zur genitalen 


Ich» und 
Über»Ich« 


Echte 
Objekt»Bildung 








von etwa 


K 


Differen» 


Stufe 


Organisation 










2%. Jahren bis 
zur Reife 




zierung 
Anerkennung 




Gereiftes 














der.objektiven' 

Realität 

Klassischer 

Ödipus» 

Konflikt 

(Kastrations» 

angst etc.) 

Kreuzungs» 

punkt von 

Konflikten (in 

Norm und 

Neurose) 




Körper»Schema 

„Kategorisches 
Verhalten" 


Signifikative 
Bedeutung 
der Sprache 













über Introjektion 



443 



genese der 


psychischen Entwicklung 








Besonders 


Daraus später 


Vorwiegende 




Prinzipien 


vorkommende 
Mechanismen 


hervorgehende 

(Abwehr*) 
Mechanismen 


Regression zu 

diesem Stadium 

(auch als Abwehr) 






Eine tonische 


Vollkommene 


Tod, 






Tendenz zur 


Passivität (stuporöse 


Schlaf; Orgasmus, 




Nirwana 


Herabsetzung von 


Zustände), 


Mutterleibs« 






Spannung 


Totstellen, ein Typ 


Phantasie, 






(tonische Reflexe) 


der Ohnmacht 


epileptischer Anfall 




Reines 


motorische Zu* und 


Vermeidung 


Organische Störung 




Lust«Unlust«Prinzip 
(Nirwana) 


Ab=Wendung, 


(Isolierung?), 


(z.B. 




irriges Ein« und 


Skotomisation, 


Hirnerkrankungen, 






Ausschließen. 


Verleugnung, 


progressive Paralyse 






„Primäre 


Ungeschehenmachen, 


etc.) 






Identifizierung", 


Agieren 


Psychosen 






„UrsProjektion" 








(Halluzination) 








Lust*Unlust» 




Projektion 








gegen 
primitives 




= a°nai e e} W« ■ 


.... Verdrängung 




bn 


Realitäts« 


•fr 








e 


Prinzip 


N 

c 


Introjektion 






£ 




"E 


= orale etc. 






N 




c 


Einverleibung 
und. ihr In« 




Neurosen o 


1 

,0 






einandergreif en 


Identifizierung 


rt 


o 




2 


Reparative 


Symbol«Bildung 


n 




. 




Tendenzen 


Sublimierung 


H 

i 








z. B. Wortdenken, Zwang zur Logik, zur 










Annahme von Ursache und Wirkung, 








Rationalisierung und eine ganze Anzahl 








anderer „höherer" geistiger Funktionen. 






o. 


So wichtig diese sind, so schwer sind 






N 


sie zu fassen, solange wir noch nicht 




Lust«Unlust« 


'C 


darüber hinauskönnen. Esistbemerkens« 


Der 


gegen 


(^ 


wert, daß die für „normales" „physio« 


„normale" 


Realitäts« 


c 


logisches"Verhalten charakteristischsten 


Europäer 


Prinzip 


m 


und auch der normalen Charakter« und 


von heute 




£ 


Persönlichkeitsbildung zugrunde liegen« 






£ 


den Mechanismen diejenigen sind, die 
ganz besonders die allerfrühesten, aller« 




■ 




primitivsten Strebungen aufbrauchen. 





444 S. H. Fuchs 



und Außenwelt zu sprechen und die allmähliche Differenzierung in Ich und 
Außenwelt zu erforschen. Dies würde den Ausdruck überflüssig machen. 

Sekundäreid entifizierung (eigentliche Identifizierung) : Die Auf* 
nähme von Eigenschaften eines fremden Wesens in das Ich. 

Es gibt eine große Anzahl verschiedener Formen der Identifizierung, die noch 
nicht genügend bekannt sind oder nicht auseinandergehalten werden. Der Vor* 
schlag geht dahin, den Ausdruck für eine bereits vollzogene Einverleibung in 
das Ich*System zu reservieren. o 

Introjektion: Eine triebhafte Einverleibung im Psychischen. 

Dieser Ausdruck wird noch oft in unbestimmter Weise für jede Art seelischen 
In=sich*Aufnehmens verwandt, was der ursprünglichen Konzeption entspricht. 
Indessen wird er immer mehr gebraucht, um besonders die triebhafte Natur 
eines solchen In*sich*Aufnehmens zu bezeichnen, die für alle Fälle in der Phylo* 
genese in einem wirklichen Auffressen bestand. 

Es wird hier empfohlen, die Bezeichnung endgültig auf den letztgenannten 
Sinn zu beschränken und im besonderen auf den Akt des Aufnehmens in eine 
bereits gereifte Ich*Organisation, welcher in Identifizierung resultiert. 

Appersonisation: Emotionen, Erfahrungen und Handlungen einer 
anderen Person adoptieren. 

Projektion: Tendenzen des eigenen Unbewußten werden anderen Per.» 
sonen zugeschrieben, häufig nach einer Umwandlung derselben, speziell 
einer Verkehrung ins Gegenteil. 

Wiederum ist die große Vielfältigkeit der Formen der Projektion in Erwägung 
zu ziehen. Häufig wird die primitive Zuordnung innerer Erlebnisse zu Objekten 
der Außenwelt auch mit Projektion bezeichnet. Hier würde man möglicherweise 
besser den Ausdruck „Exteriorisation" anwenden. Wenn die grundlegende Kon* 
zeption einer ursprünglichen Einheit von Ich und Welt angenommen würde, 
wäre dies unnötig. 

E jektion: Entsprechend der Introjektion der triebhafte Akt, etwas see* 
lisch in die Außenwelt zu verpflanzen; z. B. anale oder orale Elimination auf 
seelischer Ebene. 

Introversion: j ^ Mfft nur ^ Libido (Aggression?) 

Extraversion:J 
Zusammenfassung der vorgeschlagenen Abänderungen: 

1. Es soll ausgegangen werden von einer primären Einheit von Ich und Welt; 
der Ausdruck „primäre Identifizierung" wäre fallenzulassen. 

2. Frühe Differenzierung in Ich und Außenwelt soll durch unverbindliche 
Ausdrücke bezeichnet werden, auf jeden Fall nicht mit Introjektion und 
Projektion, an welche man alternativ das Beiwort „primär" anzufügen 
hätte. 



Über Introjektion 



445 



3. Introjektion soll den Vorgang des Aufnehmens in das Ich^Gefüge be* 
zeichnen, der nach triebhaftem Muster erfolgt. 

4. Identifizierung soll die vollzogene Tatsache des Aufgenommenseins 
in die Ich*Organisation bezeichnen. 



Literatur: 

Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psycho* 

analyse seelischer Störungen. Wien, Int. Psa. Verlag, 1924. 
Bonaparte: Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter. Int. Ztschr 

f. Psa., Bd. XV, 1929. 
St. Bornstein: Zum Problem der narzißtischen Identifizierung. Int. Ztschr. f. Psa., 

Bd. XVI, 1930. 
Christoffel: Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der Identifizierung. Imago, 

Bd. XXIII, 1937. 
H. Deutsch: Über einen Typus der Pseudoaffektivität („Als ob"). Int. Ztschr. f. Psa., 

Bd. XX, 1934. 
Federn: Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus. Imago, 

Bd. XXII, 1936. 
Fenichel: Introjektion und Kastrationskomplex. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XI, 1925. 

— Die Identifizierung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 

— Über respiratorische Introjektion. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931. 

— Schautrieb und Identifizierung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 

— Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Psychoanalytische spezielle Neurosen* 
lehre. Wien, Int. Psa. Verlag, 1931. 

Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrb. f. psa. u. psychopath. Forschungen, 
Bd. I, 1909. 

— Zur Begriffsbestimmung der Introjektion. Zentralbl. f. Psa., Bd. II, 1911/1912. 

— Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. I, 1913. 

— Das Problem der Unlustbejahung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 

Freud: (speziell) Die Identifizierung (in: Massenpsychologie und Ich* Analyse). Ges. 
Sehr., Bd. VI. 

— Die Traumdeutung. Ges. Sehr., Bd. IL 

— Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V. 

— Analyse eines Falles von chronischer Paranoia. Ges. Sehr., Bd. I. 

— Totem und Tabu. Ges. Sehr., Bd. X. 

— Schriften zur Metapsychologie. Trauer und Melancholie. Ges. Sehr., Bd. V. 

— Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VI. 

— Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. VII. 

— Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. 

— Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. XII. 
Freud Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien, Int. Psa. Verlag, 1936. 

E. G I o v e r : The Significance of the Mouth in Psycho*Analysis. The British Journal of 
Medical Psychology, vol. IV, 1924. 

— The Neurotic Character. Int. Journal of PsA., vol. VII, 1926. 

— Lectures on Technique in Psycho*Analysis. Int. Journal of PsA., vols. VIII, 1927, 
und IX, 1928. 

— Grades of Ego*Differentiation. Int. Journal of PsA., vol. XI, 1930. 

— A Psycho* Analytic Approach to Classification of Mental Disorders. Journal of Mental 
Science, October, 1932. 

Grab er: Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung. Imago, Bd. XXIII, 1937. 



446 S. H. Fuchs: Ober Introjektion 






Harnik: Introjektion und Projektion im Depressionsmechanismus. Int. Ztschr. f. Psa., 

Bd. XVII, 1931. 
Hendrick: Ego Defence and the Mechanism of Oral Ejection in Schizophrenia. Int. 

Journal of PsA., vol. XII, 1931. 
Hoffmann: Projektion und Ich*Entwicklung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 
Jelgersma:Die Projektion. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 
Jones: Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. Jahrb. f. psa. u. psychpath. 

Forschungen, Bd. VI, 1914. 
Kauf man: Projection, Heterosexual and Homosexual. Psa. Quarterly, vol. III, 1934. 

— Some Clinical Data on Ideas of Reference. Psa. Quarterly, vol. I, 1932. 
Koväcs: Introjektion, Projektion und Einfühlung. Zentralbl. f. Psa., Bd. II, 1911/1912. 
Landauer: Spontanheilung einer Katatonie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. II, 1914. 
Marui: Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 

1935. 
C. Müller^Braunschweig: Beiträge zur Metapsychologie. Imago, Bd. XII, 1926. 
Nunberg: Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage. BenvBerlin, 

Verlag Hans Huber, 1932. 
Rado: Das Problem der Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 

— Das ökonomische Prinzip der Technik. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 

Rank: Grundzüge einer genetischen Psychologie auf Grund der Psychoanalyse der Ich* 

Struktur, zwei Teile, Leipzig^Wien, Deuticke, 1927/1928. 
Ri viere: Zur Genese des psychischen Konfliktes im frühen Lebensalter. Int. Ztschr. f. 

Psa., Bd. XXII, 1936. 
RotterxKertesz: Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung. 

Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. 
Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. Wien, Int. 

Psa. Verlag, 1925 (besonders Kap. 1, 3, 9). 

— Medizinische Psychologie für Ärzte und Psychologen. Berlin, Verlag Jul. Springer, 
1924 (Kap. 9 b). 

— On Identification (in: The Image and Appearance of the Human Body, Psyche 
Monographs, No. 4, 1935). 

Schneider: Über Identifikation. Imago, Bd. XII, 1926. 

R. Wälder: Zur Frage der Genese der psychischen Konflikte im frühen Kindesalter. 

Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. 
E. Weiss: Über eine noch nicht beschriebene Phase der Entwicklung zur heterosexuellen 

Liebe. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XI, 1925. 

— Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions* und Projektions Vorgänge. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 

— Die Regression und Projektion im Übersieh. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVIII, 1932. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 

Aufzeichnungen 



Von 

Erik Homburger 

New Haven, Conn. 



Vorbemerkung: 

Wenn wir einen Erwachsenen sein Leben schildern hören, merken wir, 
daß sein Rückblick an Horizonte stößt, an denen die Aussicht trübe wird 
oder sich verliert. Da sind die Nebelbänke der Deckerinnerungen aus der 
Pubertät oder die hohen Pässe der Latenzzeit, hinter welchen die Vergangen* 
heit entstellt und verdunkelt erscheint oder überhaupt verschwunden ist. 
In unserer Arbeit mit Kindern werden wir auf einen anderen Horizont auf* 
merksam, die Zeit des Sprachbeginns. „Das Material, welches das Kind uns 
liefert. . .", sagt Anna Freud, 1 „gibt uns alle möglichen Aufschlüsse über 
die Inhalte der kindlichen Neurosen. Es bringt uns viele sehr willkommene 
Bestätigungen von Tatsachen, die wir bisher nur durch Rückschluß aus der 
Analyse der Erwachsenen behaupten konnten. Aber ... es führt uns nicht 
hinter die Grenze, an der die Sprachfähigkeit des Kindes beginnt, jene Zeit 
also, von der an sein Denken sich dem unseren angleicht." 

Assoziationen, Phantasien, Träume führen uns in der Analyse des Er* 
wachsenen zum Land über den Bergen; in der Psychoanalyse von Kindern 
verHeren diese Zugänge ihre Verläßlichkeit und müssen durch andere er* 
ganzt werden, unter denen die spontanen Spieläußerungen eine wichtige 
Rolle spielen. 

Es scheint mir mm, daß wir in der Verwertung des Kinderspiels als einesi 
Ersatzes für andere Assoziationsweisen geneigt sind, Methoden der Beob* 
achtung und Deutung anzuwenden, die der Natur des Spiels nicht voll ge* 
recht werden. 2 Vor allem scheint oft das Charakteristikum vernachlässigt, 
welches das Kinderspiel besonders deutlich von der Welt sprachlich ver* 
mittelter psychologischer Daten abhebt, nämlich, daß es eine Erfahrung im 
physischen Raum darstellt und deren Natur in den dynamischen Verhalte 

*) Die Mehrzahl der Druckstöcke der Textabbildungen wurde von der Redaktion des 
„Psydioanalytic Quarterly", New York, in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt. 

i) Einführung in die Technik der Kinderanalyse, Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien, 
1927, S. 65. 

2) Inwieweit Spielmethoden der therapeutischen Gesamtsituation nicht gerecht werden, 
hat Anna Freud in ihrer „Einführung" gezeigt. 






nissen von Umriß, Größe, Abstand usw., also in räumlichen Kon, 
figurationen kundgibt. _ 

In den folgenden Mitteilungen soll dieses räumliche Element, das ja wohl 
den. Prozeß der „SpieWVrbeit" dominiert, übungsweise ^°^°^L™ 
den Die benützten Beobachtungen stammen aus dem Zwielicht therapeu. 
tischet Erfahrung, sollen also und werden in systematischer Untersuchung 
mit normalen oder nur leicht gestörten Kindern nachgearbeitet werden. Denn 
wenn es auch außer der spezifischen psychoanalytischen Prozedur kerne Me, 
thode gibt, den Erwachsenen (falls er nicht Künstler ist) zum freien Spiel 
der Ideen zu veranlassen - das spielende Kind webt unablässig und natur, 
lieh vor aller Augen „Phantasien am realen Objekt". 3 



I. 

.Häuser" 



Ein chronisch eingeschüchterter Knabe von vier Jahren (A) kommt zur 
Beobachtung. Die besorgte Mutter hat uns mitgeteilt: 1) daß er sich vor 
Stiegen und dem offenen Raum fürchtet; 2) daß er sich bis ganz kürzlich 
regelmäßig und zur Zeit der Geburt seiner kleinen Schwester exzessiv emge, 
näßt hat; 3) daß er als Säugling an Ekzemen gelitten hat und man seine Arme 
fast acht Monate lang gebunden halten mußte, um ihn am Kratzen zu ver, 
hindern. , 

Was zeigen die ersten Minuten seines Spiels? Er nimmt em Puppenhaus 
und stellt drei Bären in eine Ecke, ganz nah beieinander. DerVate! :Barl«g 
in der Badewanne, die Mutter Bär wäscht am Zuber und Baby Bar trinkt 
Wasser Die Betonung auf dem Element Wasser muß uns an die urethralen 
Schwierigkeiten des Patienten denken lassen. Es scheint aber auch bedeu, 
tungsvoll, daß die Bärenfamilie so eng aneinander gedrückt steht; denn der, 

3 ) Vgl. R. W ä 1 d e r : Die psychoanalytische Theorie des Spieles. Almanach der Psycho, 

an Sr;xiSerende„ Spieltheorien besagen daß entweder unvollendet .psychische Prozesse 
der Vergangenheit das Kind zum Versuch drängen, sie im Spiel durch Wiederholung zu 
,-Ztl ( nTlch welches das Trauma passiv erlebt hat, wiederholt nun aktiv eine abge* 
ffiiÖSÄlÜt. Freud); oder die Gegenwart regiert indem sie auf der 
Endadung überzähliger Energie besteht, auf unverwandter Wunscherfullung oder Funk, 
«Iw'fBühler in Wälders Formulierung: „Lust, die in der reinen Aktion ohne 
X Rück fcht auf den Erfolg dieser Tätigkeit erlebt wird"); schließlich mögen es die 
£$äto£*!^*£%* die das Kind sich in den Siegen und Niederlagen semer 
Spielexperimente vorbereitet (G r o o s). 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



449 



Knabe arrangiert dann eine Gruppe von Tieren außerhalb des Hauses in 
ähnlicher Gedrängtheit. „Willst Du mir einen Käfig für die Tiere bauen!?" 
fragt er mich. Aufgefordert, es selber zu tun, baut er sehr bedächtig neben 
die Tiere den „Käfig", der in Figur 1 abgebildet ist. Wollte man diese Haus* 
form einem bestimmten Alter zuordnen, so würde man sagen, daß A zu alt 
für diese Konstruktion ist; mit fünf Jahren hat man gelernt, daß ein Haus; 
„um etwas herum" ist. Aber A hat die Tiere vergessen. Er benützt, so scheint 
es, die Bauklötze, um auszudrücken, wie es sich anfühlt, in einem 
Käfig zu sein; er sucht und findet unter dem Spielzeug einen Bilden* 
rahmen, der dann das „Umgebende" des Käfigs darzustellen hat. So sehen 
wir im Inhalt seines Spiels die libidinös wichtigste seiner Körperfunktionen 
(Urinieren) angedeutet, während die räumliche Anordnung des Spielzeugs 
das Gefühl von Enge und Einkerkerung ausdrückt — für uns die Spur (eines 
frühen gesamtkörperlichen Erlebnisses (Angebundensein) und verwandt mit 
der derzeitigen Furcht vor dem offenen Raum. 







Figur 1 



A beginnt dann, mich in der bekannten aufdringlichen Weise nach' den 
einzelnen Gegenständen in meinem Arbeitszimmer zu fragen. Nach einiger 
Zeit stelle ich die Gegenfrage: „Was willst Du eigentlich wirklich wissen?" 
Er wird still, träumerisch, dreht eine hölzerne Schale herum und füllt die 
kleine Höhlung in ihrem Boden mit Glaskugeln. Er leert sie, füllt sie wieder, 
wiederholt dies mehrmals; nimmt dann die kleinen Autos, dreht eines nalch 
dem anderen herum und betrachtet ihre Unterseiten. 

Es ist offenbar, daß dieses Benehmen teilweise zu der typischen Gruppe 
der „Füllen"*« und „Herausnehmen"5*Spiele gehört. Das zwanghafte Fragen 
«nd die schweigende Untersuchung der Automobile drücken ein intellektu* 

In»go, XXHI/4 29 



450 



Erik Homburger 



1 H 



dies Problem aus: „Wie stehts mit der Unterseite der Dinge? Wir nehmen 
an daß diese Frage der Zeit entstammt, da seine Mutter ein weibliches Ge* 
schwisterchen zur Welt brachte, und erwarten, daß von all dem psycho* 
logischen Material, das wir hier vor uns sehen, der Inhalt dieser Frage der 
analytischen Deutung, ja der einfachen sexuellen Aufklärung am leichtesten 
zugänglich sein wird. 

Anders steht es mit dem Material, in dem die Erlebnisse seines eigenen 
Körpers dargestellt sind. Das eine, nämlich das erwähnte starke Interesse am 
Urinieren, wird ebenfalls durch Deutungen erfaßt werden, aber auch wohl 
einige Nacherziehung nötig machen. Die früheste Spur, das Erlebnis des 
Gebundenseins, muß tief mit dem allgemeinen Eindruck verknüpft sein, 
den eine scheinbar feindliche Welt auf den ganz jungen Organismus ge* 
macht hat — zu einer Zeit, da er noch unspezifisch in seinen Abwehr* 
methoden war, sich nur „im Ganzen" verteidigen konnte. Damals mußte 
diese Erfahrung die Art des Erlebens, also das Ich, so beeinflußt haben, daß 
wir uns von daher auf tiefe Widerstände gegen analytische und erzieherische 
Korrekturbemühungen gefaßt machen müssen. 

Wir erkennen den Kern dieses Widerstandes in einem anderen biographi* 
sehen Element. Eine abnormal lange Zeit hindurch weigerte sich A, ohne 
seine Gehschule den Raum zu durchmessen. Begrenzt, gebunden zu sein, 
einst eine feindliche Beschränkung, erwies sich hier als Schutz. Ich nehme 
an, daß A, als er wegen seiner Furcht vor Höhe und Weite in Behandlung 
kam, uns diese Bedeutung physischer Beschränkung vor Augen führte, in 
doppeltem Sinn, nämlich was sie einmal seinem Ich antat und wie sie dann 
vom Ich für eigene Zwecke verarbeitet wurde. 



Wenn wir sagen, A zeigte gewisse Qualitäten seines körperlichen Erlebens 
in der Form eines Käfig^Hauses, so vermuten wir nicht nur im allgemeinen, 
daß alloplastischer Ausdruck Elemente traumatischer Eindrücke und der vor 
ihnen hervorgerufenen autoplastischen Veränderungen reproduziert; wii 
nehmen auch im besonderen an, daß ein Haus im Spiel den Körper als 
Ganzes darstellen kann. Wir wissen von Träumen: „die einzig typische, d. h 
regelmäßige Darstellung der menschlichen Person als Ganzes ist die als Haus 
wie S c h e r n e r erkannt hat".* Fernerhin ist es bekannt, daß das Symbol Hau: 
im ganzen Bereich menschlicher Ausdruckskraft den Leib versinnbildliche! 
kann: im poetischen und religiösen Sprachgebrauch, in der Andeutung» 



4) Freud, Ges. Sehr., Bd. VII, S. 154. 



Jll 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



451 



technik des Witzes und der Straßensprache und in der Doppelsinnigkeit des 
primitiven Wortschatzes. 

Es gäbe also keinen Anlaß, besonders darauf hinzuweisen, daß auch im 
Spiel ein Haus den Körper darstellen kann, wäre es nicht — zum Unterschied 
von der. Unbeeinflußbarkeit der Entstehungsgesetze anderer psychischer Ge# 
bilde — so einfach, ein Kind ein Haus bauen zu lassen. Wenn dieses Haus 
dann mehr als gelegentlich etwas über die Konzeptionen und Gefühle aus* 
sagt, die das Kind über den eigenen und anderer Leute Körper entwickelt 
hat, so haben wir einen unmittelbaren Zugang zu den Spuren jener frühen 
Erlebnisse gewonnen, die sein Körperlich formen halfen. 

Diese Annahme führte zu interessanten Resultaten, als ältere Kinder und 
auch Erwachsene gebeten wurden, ein Haus zu bauen. Zwei extreme Fälle 
mögen hier genügen. 

Ein zwölfjähriges Mädchen, B, hatte im fünften Lebensjahr eine schwere 
Neurose entwickelt, als die Nurse, welche von der Geburt an mit ihr ge* 
wesen war, aus ihrem Leben verschwand. Diese Nurse hatte B verwöhnt; 
sie hatte sie gegen den Willen der Mutter zwischen den Mahlzeiten essen 
lassen, ihr auch geholfen, das Daumenlutschen hinter dem Rücken der 
Mutter zu betreiben. Wenn die Mutter, was häufig geschah, nicht zu Hause 
war, lebten B und ihre Nurse in einer Welt mit eigenen Gesetzen; die Nurse 
wußte um die ersten heterosexuellen Spielereien des Kindes und machte 
es seinerseits zum ersten Mitwisser, als sie schwanger wurde. Die Schwere 
dieses Rätsels lastete auf B; die Eltern erfuhren davon und entließen die 
Nurse. Sie konnten nicht wissen, daß sie damit das Kind plötzlich einer 
teuer gewordenen Intimität beraubten, für die es gerade wegen ihres vei> 
schrobenen und asozialen Charakters keinen leichten Ersatz gab. Zudem setzte 
es sich die Mutter zum Ziele, alle schlechten Gewohnheiten aus dem Regime 
der Nurse in der kürzesten Zeit auszurotten. Das Ergebnis war die Neurose, 
die ich hier nicht gut näher kennzeichnen kann. 

Als ich das Kind zum ersten Mal sah, also die Pathogenese des Falles' 
noch nicht kannte, erschien ihr Bauch so auffallend vorgewölbt und ihr 
Gang so schwer, daß einem der Vergleich mit einer schwangeren Frau ein* 
fallen mußte. Die Geheimnisse ihres Verhältnisses zu der Nurse und ihre 
pathogene Bedeutung wurden dann langsam offenbar, besonders nachdem 
sie eingestanden hatte, manchmal Stimmen in ihrer Brust zu hören. Eine 
Stimme wiederholte unablässig: „Sag nichts, sag nichts", während andere 
in einer fremden Sprache zu widersprechen schienen. B konnte sich vor diesen 
Stimmen nur retten, wenn sie in die Küche lief und sich an die Köchin 
drückte — offenbar das Individuum im derzeitigen Haushalt, auf das die 
Imago der alten Nurse am besten paßte. 



29« 



r~ 



452 



Erik Homburger 



B baute zuerst ein Haus ohne Türen mit einem merkwürdigen Anbau, der 
ein kleines Mädchen enthielt. (Figur 2 a). Dann änderte sie die Hausform 
und belebte sie mit kleinen Puppen. Wenn wir dieses Haus nicht, wie es 
sich die Baumeisterin selber darstellte, sondern vertikal anschauen (Figur 2b), 
so erinnert sein Umriß an die merkwürdige (schwangere) Haltung des Kindes 
und läßt uns nach weiteren Elementen der Identifizierung mit der schwan- 
geren Amme suchen. 




Figur 2 a 





Figur 2 b 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



453 



Einige oberflächliche Parallelen seien hier hervorgehoben; ich glaube, daß 
wir es mit der Manifestierung einiger typischer alloplastischer Repräsentanten 
des kindlichen Körper^Ichs zu tun haben: 

Spiel 

1. Ein kleines Mädchen mit 
einem Kinderwagen geht 
aufs Land (zu der Kuh). 

2. Eine Familie am Eßtisch. 



Haus 
Außerhalb der Mauern : 
wo die Freiheit isi . 



3. Eine Kuh auf dem Land. 



4. Ein Badezimmer hinter 
dicken Mauern. 



5. Ein roter Rennwagen, und 
ein Lastwagen stoßen zu* 
sammen. 



Innerhalb der Mauern : 
Im Eßzimmer, wo die 
Mutter immer sagt: Ich 
werde dich zu regelmäßig 
gen Zeiten essen lehren. 
Wo die Eltern (Immigran* 
ten) sich in einer fremden 
Sprache über Erziehungs* 
methoden streiten. 

Außerhalb der Mauern. 



Innerhalb dicker Mauern: 
Im Badezimmer, wo es 
Geheimnisse gibt (ge* 
schlossene Türen) ; das 
Schmutzige, das Ver* 
botene, das Gefährliche. 

Außerhalb der Wände : 
wo das gefährliche und 
faszinierende Leben ist, 
vor dessen Unfällen die 
Eltern warnen. 



Körper 
Im Kopf: wo man 
denkt, man möchte gern 
zur Nurse gehen, die 
einem Essen gab. 

In der Brust: wo man 
Konflikte fühlt, Stirn* 
men in einer fremden 
Sprache streiten hört. 



Vor dem Brustkorb: wo 
man Brüste erwartet: 
wo Frauen (Nurses) Brü* 
ste haben, Milch geben. 

Im vorgewölbten Bauch: 
wo (in Identifizierung) 
man das Geheimnis 
fühlt (Baby); das 
Schmutzige, das Verbo* 
tene, das Gefährliche. 

Unter dem Bauch: wo 
man, neben geahnten 
Unfällen (Kastration) Ge* 
fahren erwartet: Men* 
struation, Defloration. Ge* 
bärarkt. Die Nurse war 
an dem Kind gestorben, 
so glaubte die Patientin 
fälschlich. 



3. 



Das Haus stellt nicht nur allgemein die Körperhaltung dieses Kindes dar 
und verrät die Phantasie, die verlorene Amme nun einverleibt zu haben und 
leibhaftig selber zu sein; es bezeichnet auch den Teil des Körpers näher, der 
ein Bestandteil der Festung des Ichgefühls geworden ist, zum Unterschied 
von den Erlebnisinhalten, die „noch draußen" sind: die erträumte Flucht 
zur Nurse, die erwarteten Brüste, die gefürchtete Menstruation. 

Ein weiteres anschauliches Beispiel möge die Freiheiten rechtfertigen, die 
wir uns mit diesem Haus herausnahmen : Ein junger Schizophrene, C, Patient 
des Worcester State Hospital, baute das Haus Figur 3. 

Es sei ein mauerloses Haus, sagte er, nur ein Teil der Rückseite habe 
Wände. Nun gehört es zu den Beschwerden des Patienten, daß er den von* 



: 



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i ii y 



I 



454 



Erik Homburger 



deren Teil seines Körpers nicht fühlt. Seitdem er das Opfer einer spinalen 
Injektion gewesen sei, leide er an einem elektrischen Ziehen das Rücken* 
mark hinunter zum Rektum und sei am Fließenlassen des Urins gehindert. 
Der Patient verrät den homosexuellen Charakter dieser Phantasie, indem er 
sich mit einem Gürtel einschnürt und beim Gehen sein Hinterteil in fem£* 
niner Weise herauswölbt und bewegt. Man kann das Profil dieser Körper* 
haltung in der Hausform erkennen. Eine Doppelwand verstärkt das gefähr* 
dete Rückenmark und nur ein Raum ist von Wänden umgeben: dasi heraus* 
stehende Badezimmer (= das herausgewölbte Gesäß). Die Automobile ver* 
treten wieder den urethrogenitalen Apparat, nicht ohne in ihrer Anordnung 
das Gefühl des Patienten zu symbolisieren, er könne nicht in einem Strom, 
sondern nur „bit for bit" urinieren. 




£fÖ «f] 




ß 

Figur 3 



An Kindern ohne betonte Oralität und an Erwachsenen ohne psychotisch 
Symptomatologie habe ich bisher ähnliche Umrißähnlichkeiten zwischen 
einer Hausform und der eigenen Körperhaltung nicht gefunden. B und ( 
standen beim Bauen so, daß ihre Häuser, wenn verglichen mit menschlichei 
Umrissen, auf dem Tisch vor dem Baumeister „auf dem Rücken lagen" (vgl 
die Pfeile), also vielleicht das Körpergefühl eines liegenden Babys dar 
stellten. Daß wir dann in denselben Konstruktionen unter anderem Winke 
die Zeichen einer totalen Identifizierung mit einer Mutter*Imago finden 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 455 



widerspricht dieser Auffassung nicht; vermuten wir doch, daß die Media* 
nismen der Introjektion und Projektion entscheidend an der Bildung des 
Körperslchs beteiligt sind. 

Wenn man versuchen will, solcherlei Parallelen auch zwischen der Enfc» 
wicklung des Körpergefühls und dem typischen Klötzebauen normaler 
Kinder zu finden, muß man sich auf die Existenz einer viel weniger auf dring» 
liehen, feineren räumlichen Sprache vorbereiten, inderStrukturprinzi* 
pien, nicht Umrißähnlichkeiten die Ausdrucksmittel sind. 5 Auch 
Ruth Washburn konnte bisher in ihrem Material Beispiele von Ähnlich« 
keit zwischen Hausumriß und Körperverhalten nur bei oral betonten 
Kindern finden. Das Haus, welches in Figur 4 dargestellt ist, wurde von D 




Figur 4 

gebaut, der ein fetter, egoistischer Fresser von 5 Jahren ist. 1 sei der Eingang, 
sagte er, 2 das Wohnzimmer; über 3 hatte er mehr zu sagen: „Hier geht 
sonst Wasser durch, es geht aber jetzt keines durch. Da ist auch eine Zug* 
brücke, die man aufzieht, wenn die Boote kommen." D's immer bereitwilliger 
Schlund und seine Widerstände beim Hergeben sind wohl mit dem Eingang 
und dem Verschluß des Hauses deutlich illustriert. 



5) Untersuchungen dieser Art haben wir inzwischen (1936) an der Yale School o£ 
Mediane begonnen. 



456 



Erik Homburger 



Wir kehren zu kinderanalytischem Material zurück und wählen das Haus 
eines achtjährigen Knaben, weil es in seiner Primitivität an die einfachen 
Erörterungen von A's Käfig anschließt. E hatte vier seiner acht Jahre als 
abnormes Kind in einer Schule für „besondere Kinder" zugebracht und war 
gerade jetzt auf meinen Rat hin heimgebracht worden. Es galt zu bestimmen, 
ob er vielleicht mit psychoanalytischer Hilfe wieder in einem Heim zu leben 
und der normalen Schule anzuwohnen lernen könne. Als er zum ersten Male 
zu mir kam, schien er in einem überreizten, hyperaktiven Zustand zu sein. 
Er sah Bauklötze auf einem Tisch herumliegen, und, einem Gespräch abge* 
neigt, baute er ein Haus (Figur 5), das primitiv und türenlos (wie A's Haus), 




Figur 5 

aber chaotisch mit Möbeln gefüllt war. Als er dann mit dem ärgerlichen 
Ruf fortstürzte, dies sei sein erster und letzter Besuch gewesen, ließ er mir 
nur diese Darstellung türenloser Wände, die ein Außen von einem chaotisch 
überfüllten Innern trennten. 

Ich beschloß, das Motiv des geschlossenen Raumes als Verkehrsbasis anzu* 
nehmen. Am zweiten Tag ließ er mich merken, daß er nicht bleiben wollte; 
ich schob ihn freundlich aber entschieden zur offenen Tür hinaus, in Wirk* 
lichkeit schneller, als er gehen wollte. Am dritten Tag blieb er einige Minuten 
und versuchte eine Diskussion in Gang zu bringen, ob und wie er zu bleiben 
habe, wobei er immer gespannt darauf wartete, wann ich wohl die Türe 
zumachen werde; am vierten fragte er, ob er die ganze Stunde bleiben dürfe; 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



457 



Dies wurde unter der Bedingung bejaht, daß dann die Tür geschlossen werde. 
Sobald dies aber geschehen war, zeigte er alle Anzeichen von ängstliches 
Unruhe und schien sich getrieben zu fühlen, alle kleinen Vorsprünge und 
Anhängsel an den Gegenständen im Zimmer zu berühren. „Du machst den 
Eindruck", sagte ich ihm, „daß du Angst hast, eingesperrt zu werden, weil 
du etwas, ich weiß nicht was, immer berühren mußt." Sein Erröten zeigte, 
daß er verstand. Gleich den meisten Kindern (und wohl auch Erwachsenen), 
die nicht ganz verstehen, warum sie mit „Fällen" in einer Anstalt leben 
müssen, hatte er die sexuellen Akte der kränkeren Kinder mit seinen eigenen 
Sünden assoziiert und daraus eine gemeinsame sexuelle Basis für die 
Diagnose „problem child" konstruiert. Was er nicht erinnerte, war, 
daß er als Kind (ähnlich wie A) lange Zeit angebunden worden war, weil 
er mit jener weitverbreiteten generellen Selbstbefriedigung des Bettschaukeins 
so viel Lärm machte. Am nächsten Tag kamen Fragen, die alle zum Motiv 
hatten: „Wer hat das Recht, dem oder jenem dies oder das anzutun?" Nun 
hatte ich von seiner Mutter gehört, daß er in großer Unruhe wegen jder 
Hauskatze war, die den Boden verunreinigte und deshalb abgeschafft wer* 
den sollte. Ich sagte ihm also, daß ich mit seiner Mutter über die Katze ge>* 
sprechen und ihr das Recht bestritten habe, sie zu entfernen. Man sollte 
Katzen und Kindern eine Chance geben, bevor man daran denke, sie abzu* 
schaffen. Plötzlich setzte er sich sanft vor mich hin und fragte leise: „Warum 
werde ich immer so wütend" — und nach einem langen Schweigen : „warum 
werden Buben immer so wütend?" Wer Anna Freuds Einführung in 
die Kinderanalyse gelesen hat, versteht, daß diese Fragen die therapeutische 
„Auslieferung" bedeuten. Hatte der Knabe durch sein feindliches Verhalten 
zuerst angekündigt, daß er sich in seiner leidenschaftlichen Aggression nicht 
beschränken lassen werde, zeigte er in seiner Frage jetzt Einsicht, Vertrauen 
und Bereitschaft zur Diskussion. Ich fragte ihn also, warum er selber meine, 
Buben seien „wütend". „Vielleicht weil sie zum Jagen geboren sind", schlug 
er vor. 

Wir begannen nun zu vergleichen, was die Knaben vom Leben erwarteten 
und was die Mädchen, und versuchten gemäß seinen Angaben eine zweireihige 
Liste zusammenzustellen, die auf der einen Seite alle die von Knaben beo 
vorzugten Spielzeuge enthielt: Stromlinienlokomotive, Rennboot, Schieß» 
gewehr, Pfeil und Bogen usw.; auf der anderen Seite die LieblingsspieL» 
zeuge der Mädchen: Puppe, Puppenhaus, Puppenkleider, Wagen, Korb etc. 
Die eine Gruppe konnte leicht unter dem Symbol eines Pfeiles, die andere 
unter dem eines Kreises gesammelt werden. Als ich ihn dann fragte, ob ihn 
das nicht an den Unterschied zwischen dem Körper eines Knaben und dem 
eines Mädchens erinnere, sagte er nachdenklich: „Deswegen nenne ich also 



458 Erik Homburger 



meine Stromlinienlokomotive Johnny Jump^up'." Wir unterhielten uns 
dann über die psychobiologischen Begleitumstände des Penistums, das Un* 
behagen des Besitzes und die Angst vor dem NichteBesitz. Er schien etwasi 
erleichtert. ' 

Am nächsten Tag aber störte die Katze wieder. Ihre Regression in Rein*» 
lichkeitsfragen erwies sich, gelinde gesagt, als überdeterminiert: sie war, wie 
alle zu Hause jetzt übereinstimmten, schwanger. Aber niemand konnte sagen, 
wann die Kätzchen kommen würden. Und diese Frage: wann wollen 
die Kätzchen herauskommen und wann wird man ihnen erlauben 
herauszukommen, wurde nun zum Mittelpunkt alles Interesses für unseren 
Patienten. Unglücklicherweise gaben ihm sein Vater und sein unglückseliger 
Analytiker verschiedene Zeitlängen für Katzenschwangerschaften an. Er be# 
gann sich ernsthaft zu überlegen, ob wohl Gott wisse, wann die Zeit der 
Kätzchen gekommen sei. 

Eines Tages, als ich mein Zimmer für einen Augenblick verlassen hatte, 
fand ich E bei meiner Rückkehr ganz in die Sofadecke eingerollt. Eine halbe 
Stunde lang rührte er sich nicht, während ich, um ihm den nächsten Zug zu 
überlassen, zu schreiben begann. Schließlich schlüpfte er aus seiner Hülle 
und setzte sich schweigend, in merkwürdig zusammengekauerter Haltung, 
neben mich. Ich begann nun über allerlei zu reden: über Kätzchen in der 
Katze, menschliche Totgeburten in Glasgefäßen, 6 Babies, die an ihre Betten 
gebunden werden, und Kinder, die man in Institutionen festhält. Vielleicht 
wisse er gar nicht, daß sein Vater ihn immer ans Bett gebunden habe, weil 
er sich so viel und lärmend herumbewegte. Er ward sehr rot im Gesicht 
und zeigte mir im Aufstehen, daß er sich vor dem Einwickeln in die Sofa?« 
decke Hände und Füße gebunden hatte. 




Figur 6 

Das Spielzeug, welches er sich dann für das erste konzentrierte Spiel aus*« 
suchte, war eine Holzschale (Figur 6), aus der ein Stück herausgebrochen 

6) Eine Assoziation, deren Geschichte ich hier nicht berühre. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



459 



war. Diese Schale wird hier in mehreren Fällen und in mehrfacher Ver# 
wendung erwähnt werden. E drehte sie herum, um Kugeln in die Öffnung 
zu „schießen". Für eine Weile wetteiferten wir darin, bis die nächste Wider.« 
standswolke heraufzog. 

Was aber die Konfiguration der Figur 5 betrifft, so kann man jetzt sehen, 
wieviele verschiedene Phänomene sie „bedeutete", Phänomene, die nur in 
der Kombination der Elemente „starke Mauern", „keine Türen" und „Chaos 
drinnen" miteinander übereinstimmen. Dies sind die Attribute sowohl seines 
Körpergefühls als auch seines subjektiven geistigen Zustandes; der Erlebnis* 
qualität des frühen Angebundenwerdens und des langen AnstaltssAufent* 
haltes; seiner Auffassung vom weiblichen Körper als einem Gefängnis; und 
last but not least, der Erwartungsvorstellung von der Behandlung bei mir. 
Wir gründeten unsere therapeutische Beziehung auf eine Diskussion des 
letzterwähnten geschlossenen Raumes und reihten ihr alle die anderen „Clau* 
strum'Wbrstellungen an, bevor Deutungen gegeben wurden, welche die 
Erlebnisqualität aller zusammenfaßten. Das Schießen der Kugeln war dann 
der erste Ausdruck jener phallischen Tendenz, die sich ihm in ihrer Urw 
sublimierten Form als der „wütende" Wunsch, weiblichen Wesen „etwas 
anzutun", dargestellt hatte, die Phantasie, für die er fürchtete, „eingeker* 
kert" zu werden. Es dauerte nicht lange, bis Eindringungswünsche, in der 
sublimierten Form wissenschaftlicher Neugierde, ihn für eine Weile ganz 
zu erfüllen begannen. Er ging seinen Vater um kameradschaftliche Hilfe 
an und mit einem ausziehbaren Teleskop bewaffnet, machten die beiden 
Streifzüge in abgelegene Winkel der Mutter Natur, um Nester und andere 
Geheimnisse zu erforschen. 7 



Zusatz. 

Aus meinem jetzigen Erfahrungskreis möchte ich ein Beispiel anfügen, 
welches das Kommen und das Gehen einer der einfachsten Konfigura* 
tionen (denen dieser Aufsatz gewidmet ist) während einer Behandlung illu* 
striert: Als der vierjährige Jack unserer (psychiatrischen) Abteilung zur Be* 
handlung wegen „idiopathischer Epilepsie" übergeben wurde, war er in der 
Nursery Clinic (Child Development Department) dadurch aufgefallen, daß 
er dort Variationen von Vierecken baute, deren Öffnungen er verbarrikadierte 
(Figur a). Ich werde an anderer Stelle (vgl. Spielkonstruktionen von College* 
Studenten, unten S. 491 ff.) auf die Todesidee im türenlosen Haus und auf 
die Sitte Primitiver hinweisen, ihre Toten nicht durch die Tür, sondern durch 

7) Es schien den an ihm interessierten Therapeuten und Pädagogen bedeutsam, daß der 
Intelligen&«Quotient des Patienten zu dieser Zeit um 20—30 Punkte stieg. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



461 



ein besonders ausgebrochenes Loch ins Haus zu schieben. Es paßt dazu, daß 
schon eine oberflächliche Betrachtung von Jacks Fall den Tod seiner Groß* 
mutter (fünf Tage vorher) als das auslösende Element seines ersten An* 
falls erkennen ließ. Er hatte ihren letzten Herzanfall durch spielerische Ge* 
walttätigkeit herbeigeführt; er hatte ihren Sarg gesehen, aber von den Eltern 
ausweichende Antworten erhalten und scheinbar geglaubt. Seine Häuser in 
der Nursery aber zeigten seine wache Sorge. Er baute sie, bis ihm in der 
Analyse (bei Dr. Feiice Begg^Emery) sein Wissen um den Inhalt des 
Sarges gedeutet worden war. 

Diese erste Analyse wurde durch den Wegzug der Analytikerin vorzeitig 
beendet; fünf Tage nach ihrer Abreise hatte Jack seinen ersten Anfall seit 
Beginn der Behandlung. Ich übernahm ihn und werde über seine Behand* 
lung ausführlich berichten. Konfiguration a erschien dann in der Analyse 
unter folgenden Umständen: Wir hatten Domino gespielt und er hatte ver*> 
loren. Er schlug mich heftig ins Gesicht, wurde totenblaß, bekam einen 
starren Blick und erbrach; dann stellte er wie unter einem Zwang seine 
Dominosteine gemäß Konfiguration a auf, die Zeichen nach innen. Er, der 
sie zu lesen hatte, war also ein Gefangener, ein Toter. Ein andermal hatten 
sich seine Todeswünsche gegen einen Freund gewendet. (Ihr Lieblingsziel 
war Gott selber.) Er war bei der Geburtstagsjause des Freundes gewesen. 
Nun baute er Figur b : fünf gute Stockwerke, aber das sechste ist nichts wert, 
stürzt immer wieder ein. Jack war damals fünf. „Ist Dein Freund sechs 
Jahre alt geworden?" — „Das geht Dich einen Dreck an!" — Totenblässe,, 
starrer Blick — und die zwanghafte Wiederholung von Konfiguration a, 
groß auf dem Boden. 

Jack versuchte damals, mit Gott einen Ausgleich zu finden. Wie wäre es, 
fragte er ihn, wenn niemand mehr stürbe, niemand mehr geboren würde. 
Man wächst ein bißchen hinauf, ein bißchen hinunter und wieder hinauf, 
aber behält (wie jener andere Junge sagte, dem man die Trennung der Seele 
vom Leib anpries) „sein ,Sach' beinander". Zu dieser Zeit nun begann Jack 
Konfiguration c zu bauen: Ein Fundament, von dem man sichere, weil 
zurückführende Wege in zwei Richtungen gehen kann: eine unendliche 
Endlichkeit. 

5. 



Die volle Bedeutung einer SpiekKonfiguration offenbart sich also wie 
die eines Traumsymbols nur im Licht biographischen oder assoziativen 
Materials. Es gibt aber doch Charakteristika in einer Hausform und in der 1 
Alt, wie sie zum Mittelpunkt von Spielhandlungen wird, die einem 



462 



Erik Homburger 



manchmal in einem Augenblick sagen, wo auf der Skala der Objektbe. 
ziebungen unser Patient vermutet werden darf; ob noch verzehrt von oralem 
Narzißmus wie B, C und D, oder tief gehemmt von frühen korpernahen 
Erlebnissen wie A und E, oder aber auf einer Stufe relativ angstfreier .Ob* 
jektphantasien, wie sie sich in dem folgenden Spielbeispiel so ungestört aus* 

leben. , ' . , .... 

F ein fünfjähriger Knabe, war kein Patient. Er kam gelegentlich für eine 
Stunde zum Spielen - eine empfehlenswerte Methode regelmäßiger Pra* 
ventivbeobachtung. Zur Zeit des Besuches, auf den ich mich hier beziehe, 
sprach F zu Hause viel und frei über die Impulse, die der Körper seiner 
Mutter und die Tatsache ihrer gerade beendeten zweiten Schwangerschaft 
in ihm erweckten. Aufgeklärt, bestand er darauf, daß er das nächste Baby 
in sie pflanzen werde. 

In meinem Sprechzimmer baute er das „Haus", das in Figur 7 dargestellt 
ist, und spielte ohne Angst oder Zwanghaftigkeit eine Stunde lang damit. 




Figur 7 

Lastwagen fuhren in den Hinterhof, um Dutzende von kleinen Wagen jmf* 
und abzuladen. Ein silberner Aeroplan und ein rotes Auto waren Maschinen 
mit besonderen Rechten: wenn der Aeroplan sich majestätisch senkte, wurde 
die riesige Türe geöffnet, um ihn einzulassen. Der rote Wagen aber machte 
Sprünge auf das Dach, um von den beiden Benzintanks gefüllt zu werden. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 463 



Die gleichzeitigen häuslichen Bemerkungen des Knaben über sein Interesse 
an der elterlichen Anatomie (so typisch für dieses wißbegierige Alter) er* 
lauben die Deutung, daß F mit dem Haus spielt© wie seine Phantasie um 
den Körper der Mutter. Der rote Wagen trinkt von den beiden Tanks, wie 
Fs kleine Schwester von den Brüsten der Mutter. Der Aeroplan erhält Zu* 
gang zum Hauptportal wie der väterliche („geflügelte") Phallus zum Körper 
der Mutter. Das endlose Auf* und Abladen endlich scheint uns zu sagen, 
daß F wie die meisten Kinder aus dem Augenschein einer Schwangerschaft 
geschlossen hat, daß noch unzählige Kinder in der Mutter sind und daß sie 
durch das Rektum geboren werden, die Körperöffnung, durch die sein 
eigener Leibesinhalt passiert. 

Sein Eifer mußte einen an Santayanas Worte erinnern: „Aboyat the 
age of five has a twentieth Century mind; he wants something with Springs and 
stops to be controlled by bis Utile master=ego, so that the immense foreign force 
may seem all bis own, and may carry bim sky=high. For such a child, or such 
an adventmous mechanic, a mete shape or material fetish, like a doli, will nevet 
do; bis pets and toys must be living things, obedient, responsive forces to be 
coaxed and led, and to offer a constant challenge to a constant victory. His in= 
stinct is masculine, perhaps a premonition of woman: yet he is not thinking qf 
woman. Indeed, his women may xefuse to satisfy his instinct for domination, 
because they share it; machines can be more exactly and more pwdigiously 
obedient." 1 ' 

n. 

Psychoanalyse ohne Worte 

Ein kleines Mädchen, G, zweieinhalb Jahre alt, hatte aufgehört, sich für 
Spiele und Menschen zu interessieren, bevor sie ein Wort zu sagen gelernt 
hatte. Sie schien niemanden zu bemerken, lächelte nie. Andere Kinder 
machten ihr zu viel Lärm — und jede Art Lärm war ein nie verziehener Ein* 
bruch in ihre Traumwelt. Ihr hübsches Gesicht verlor selten seine einförmig 
melancholische Düsterheit, und dann nur, um während eines zwanghaft 
wiederholten Spielaktes oder eines angestrengten Versuches nachzudenken 
die äußerste Erregung widerstreitender Gefühle auszudrücken. In solchen 
Augenblicken produzierte sie gutturale Laute und solche, die durch lärmendes 
Einatmen hervorgerufen werden. Die gebräuchliche Art der Diagnose mußte 
hier kurzen Prozeß machen. Was uns aber interessierte, war die Frage, ob 

8) G. S a n t a y a n a: The last Puritan, New York; Charles Scribner's Sons, 1936, pp. 98— 
99. — Wir geben das Original, dessen schöner sprachlicher Prägung eine Übersetzung 
kaum gerecht werden kann. 



464 



Erik Homburger 






man mit diesem Kind in Verbindung treten, ob man es der Welt wieder zu- 
wenden könnte. . . 
Eine einzelne Tatsache brachte mich dazu, den Versuch zu wagen. Als 
ich sie zum ersten Mal sah, kam sie eine Treppe herunter; sie schaute mich 
nicht an, aber die Bahn ihres wandernden Blickes beschrieb konzentrische; 
Kreise um mein Gesicht. Es war also nicht wahr, daß sie mich nicht be- 
merkte; sie vermied nur, es zu zeigen. 

Die ersten Beobachtungen ergaben dann, daß ihre Anfälle von Erregt* 
heit emotionell eine Mischung von Vergnügen und Angst darstellten. Sie 
liebte es, eine Gangtür zu öffnen und zuzuschlagen. Jedesmal, wenn die 
Tür dann eine Lampenkette berührte, die von der Decke hing, trat diese 
merkwürdige Erregung auf. Sie konnte aber auch erscheinen, wenn das Kind 
untätig dasaß. G begann dann mit gebeugtem Kopf aus den Winkeln ihrer, 
Augen in die Ferne zu schauen, gewöhnlich dahin, wo die Umgebung pm 
hellsten war; dabei bewegten sich die Hände wie konvulsiv, während der 
Mund gutturale Laute produzierte, die sich wie eine Mischung von Lachen 
und Weinen anhörten. 

Das Kind hatte offenbar nie die gewöhnlichen vorsprachlichen Laute ge* 
formt, hatte aber auch nie in etwas gebissen oder etwas geleckt. Sie urinierte 
nur einmal alle zwölf oder vierundzwanzig Stunden und defäzierte oft durch 
achtundvierzig nicht. Da zudem ihr Spielzimmer eine ungesunde Sauberkeit 
zeigte und die Nurse sich nicht ohne Angst in Reinlichkeitsfragen erwies, 
bat ich zunächst um ihre Entlassung. , 

In dem geringen Spiel des Kindes wurde es immer klarer, daß sie die 
Reinlichkeitserziehung als ein Trauma erlebt hatte, durch dessen Verständnis 
allein wir zu den früheren Traumen durchzudringen erwarten konnten. Das 
Kind zeigte zum Beispiel seine Erregung jedesmal, wenn sein Ball vom 
Klavierstuhl unter das Klavier rollte. Vielleicht konnte eine Spieldeutung hier 
einsetzen. Eines Tages, als wir beide im Garten waren (wobei ich sie nicht 
mit meiner Beachtung belästigte, da sie mich nicht zu sehen vorgab), heiS 
ich mir die Töpfchen aus ihrer früheren Kindheit geben, stellte sie im Gras 
auf und begann langsam und regelmäßig Steine in sie fallen zu lassen. Als 
ich den Schauplatz dann nach einiger Zeit verließ, um einen Beobachtungs* 
posten einzunehmen, bewegte sich G in immer engeren Kreisen um ^die 
Töpfchen, ohne je ins Zentrum des Interessenfeldes zu schauen. Endlich 
nahe genug, Heß sie einen Stein in eines fallen, lachte laut und herzlich und 
produzierte ein klares „a*ba*ba*ba". Während der folgenden Tage änderten 
sich ihre Toilettegewohnheiten vollständig. Ob das Spiel damit zu tun hatte 
oder nicht — eine Herabsetzung der allgemeinen Spannung war sofort 
offenbar. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



465 



Wir versuchten dann durch ähnliche mimische Suggestionen eine Aus* 
dehnung ihres Spieles im Raum zu bewirken. Das Kind hatte nicht nur eine 
Festung in sich selbst bezogen, von der aus es vermied, Leute anzuschauen 
oder auf sie zu hören, in der es sich für die meiste Nahrung unzugänglich 1 
zeigte, während Urin und Fäzes der Ausgang verwehrt war — es bewegte 
sich auch im offenen Raum so, als ob es darin Barrieren gäbe. Ihre Arme 
und Beine bewegten sich gespannt und steif (ohne daß neurologische Unter* 
suchungen irgendein bekanntes Krankheitsbild feststellen konnten). Wenn 
sie sich frei in reichlichem Raum bewegte, schien sie Grenzen zu fühlen, 
an denen sie anhielt, als ob sie an ein Gitter gestoßen oder an einen Ab* 
grund geraten wäre. Es schien eine eingebildete Stimme in der Entfernung 
zu sein, auf die sie dann horchte, halb glücklich, halb erschrocken. Wir 
waren also daran interessiert, die Grenzen zu finden, an denen freieres Spiel 
und freiere Bewegung über die beschriebene spontane Erregung hinaus von 
wirklicher Angst gehemmt werden würde. Warf sie etwas, so versuchten wir 
sie dazu zu bringen, es weiter, heftiger zu werfen; ging sie, so nahmen wiij 
ihre Hand, um ein wenig zu laufen, ein paar Treppen hinaufzusteigen oder 
hinunterzuspringen — immer zeitlich etwas schneller und räumlich etwas 
ausgedehnter, als sie es sich allein getraute. 

Bei dieser „Dehnungsarbeit" wurde es offenbar, daß Funktionen wie 
Dinge ins Auge fassen, Gegenstände in die Hand nehmen, auf etwas zielen, 
in etwas beißen, Laute formen, Kot ausstoßen, den Finger ins Genitale 
stecken, in bestimmten Korrelationen standen. Wurde eine dieser Funk* 
tionen mit mehr Aggression ausgeführt, so folgten die anderen; war aber 
die Grenze für eine von ihnen erreicht, so wurden auch alle wieder jge* 
hemmt. Einem plötzlichen, sehr umfangreichen Einkoten folgte Stuhlzurück« 
haltung und allgemeine Regression. Ein anderes Mal „sprach" sie in einemi 
nächtlichen Anfall stundenlang, wobei ihr scheinbar alle Zungen Babels zur 
Verfügung standen, aber nicht die Fähigkeit, englische Worte zu finden. 
Auch dies war von allgemeiner Abschließung gefolgt. 

Die ersten und für lange Zeit die letzten Worte, die sie klar aussprach, 
zeigten, daß man in der Annahme traumatischer Momente nicht fehl ging. 
Als sie eine Türe besonders laut zugeschlagen hatte, schaute sie weit weg 
in den Himmel und rief mit der Stimme eines Papageis, der einen erschnok* 
kenen Erwachsenen imitiert: „Oh dear, oh dear, oh dear!" („Oh du lieber 
Gott!") Ein andermal sagte sie mehrmals deutlich: „My goodness!" („Du 
meine Güte!") Als ich sie einige Tage danach einen Napf mit Blöcken 
füllen und dann die nach Farbe riechenden aussondern und ablecken sah, 
sagte ich ruhig: „Oh dear, oh dear". Sie schleuderte das Töpfchen heftig 
weg, als ob sie sich an ein Verbot erinnerte, und sah mich lange an. 

Imago XXIII/4 30 



466 Erik Homburger 



Die größte Erregung fast ungemischt freudigen Charakters ^konnte 
man in G hervorrufen, wenn man ein helles Windrädchen womoghch im 
Sonnenlicht schnell auf ihr Gesicht zu bewegte. Dies und die anderen U» 
rTente ihres „Spielraumes", die ich hier nicht alle berichten kann helfen 
auf folgende Faktoren als Elemente eines (oder mehrerer) traumatischer to 
lebnisse schließen: Sie sieht ein Gitter oder Stangen; ein Licht bewegt sich 
auf ihr Gesicht zu; ihre Augen sehen ein Licht in einem bestimmten Winkel; 
ein Licht weit weg; etwas stört sie auf traumatische Weise am Lecken; etwas 
stört sie am Defäzieren. Zwei gelegentliche Angstobjekte müssen hier er, 
wähnt werden: das Licht im Badezimmer und ein hundert Meter entferntes, 
blinkendes Verkehrslicht, das sie erschreckte, wenn sie am Fenster zu Abend 
aß Eine weitere Furcht, die vor den hängenden Quasten an den Decken der 
elterlichen Betten, schloß sich der Assoziationsreihe der verschiedenen Lichter 
durch das Element der hängenden Lampenkette an. 

Nun schien es Zeit, ins Vergangene zu forschen. Die kritischste Periode 
ihres Lebens waren die ersten Wochen gewesen, in denen ihre Mutter zu 
krank war, um sie mehr als zwei Tage zu nähren. Das Baby hatte eine fast 
letale Diarrhöe entwickelt. Niemand wußte viel über diese Zeit; ihre damalige 
Privatschwester hatte Amerika verlassen. 

Wir studierten die Lichter im Hospital. Eine hilfreiche ^chwester er. 
innerte eine Lampe, „die wir aber nur verwenden, wenn em Kind Diarrhoe 
hat". Sie demonstrierte, wie das Kind auf die Seite gelegt wird und wie die 
Lampe, die einen biegbaren Ständer hat, am Gesicht des Krndes vorbei nach 
abwärts gebeugt wird, um in die Nähe seines entzündeten Gesäßes gebracht 
zu werden. Dabei bewegt sich die Lampe für mehr als einen Augenblick 
vollscheinend auf die Augen des Kindes zu; ihre Endstellung en spricht 
auch in ihrem Verhältnis zu den Augen, dem Winkel, den der Blick der 
Patientin in ihrem typischen traumatischen Tagtraum einnimmt. Am Unde 
wird die Lampe zugedeckt, ist also im Bett. Für das Baby ist dann, das 
Licht, wo die Schmerzen sind. 

Diese Entdeckung aus der dritten Lebenswoche Gs kam gerade recht, 
zeitig, um uns auf eine „Übertragungssituation" vorzubereiten Zu jener Zeit 
begann das Kind in meinen Konsultationsraum zu kommen. Sie entwickelte 
eine Furcht vor meiner Schreibtischlampe, weigerte sich zu Hause, Milch 
zu trinken, und spielte „Bett", wo immer sie war. Auf meinem Sofa machte 
sie aus der Decke eine Art Höhle, in die sie kroch, um angsterfüllt. und 
weinend nach dem Licht zu schauen. Wir begannen mit Licht zu spieki. 
Da sie, wie erwähnt, nichts mehr liebte als schnell drehende leuchtende 
Gegenstände, brachte ich ein Licht unter der Decke an und drehte es m 
schnell daß der Faktor „Bewegung" wichtiger war als die Tatsache „Licht . 




Traumatische Konfigurationen im Spiel 467 



Sie begann Gefallen daran zu finden, das Licht selber zu drehen, und sich 
dann auch für andere Lichter zu interessieren. Als sie die zuvor gefürchtete 
Lampe zum ersten Mal voll anschaute und breit anlächelte, produzierte sie 
ein offenes „ma*ma*ma*ma". Zu Hause begann sie dann so leidenschaftlich 
mit der Lampe über ihrem Bett zu spielen, daß man diese ausschraubte. Die 
Patientin hatte aber inzwischen auch an motorischer Koordination gewonnen 
und verstand es, ihr Bett im Dunkel durch bloßes Schaukeln in eine andere 
Ecke zu transportieren, wo es eine andere Lampenkette zu ziehen gabl 
_ Die Mutter der Patientin begann nun Einzelheiten eines anderen trauma- 
tischen Erlebnisses zu erinnern, von dem sie nur gehört hatte. Als sie von 
einer längeren Reise zurückkam (das Kind war damals drei oder vier Monate 
alt), erzählten ihr die Dienstleute mit nervöser Entrüstung, daß die Nach* 
barschaft wochenlang durch die Sprengungen einer Baufirma erschüttert 
worden war. Zudem hatte G, durch die Nervosität der Erwachsenen ohnehin 
beunruhigt, es erleben müssen, daß während des Windelwechsels eine 
elektrische Heizlampe neben ihr explodiert war. Hier finden wir wohl die 
Verbindung des Lichtes, das mit Schmerz assoziiert ist (therapeutische 
Lampe), mit dem mit Lärm assoziierten Licht und damit die Verbindung 
„Lärm*Schmerz". Das blinkende, Verkehrslicht bot sich dann offenbar als 
weitere Verdichtung von (naher) Explosion und (fernem) Lärm an. 

Nachdem die Angst vor Licht überwunden war, versuchten wir sie zu 
dem nächsten wichtigen Schritt zu veranlassen, nämlich zu beißen. Sie wurde 
sehr böse, als sie ihr Brot geröstet fand, und entwickelte eine neue Furcht 
vor einer Quaste, die am Kleid der Mutter vom Gürtel herabhing. War isie: 
allein, so biß sie aber in ihr Spielzeug, ja in Möbel. Da ich beobachtet hatte, 
wie sie einmal plötzlich vor der Lampenkette auf dem Klosett Furcht zeigte, 
nachdem sie gerade zwei kleine Buben nackt gesehen hatte, versuchte ich 
zu erfahren, wann und wieviel sie von der elterlichen Anatomie gesehen 
haben konnte. Als ob sie davon wußte, verbreitete sich ihre Angst auf allen, 
was nach Quaste (Franse), Pelz oder Haar aussah, faUs es nur an einer 
Person getragen wurde. Wir lösten den Gürtel der Mutter vom Kleid und 
gaben ihr die Quaste zum Spielen. Sie nahm sie zwischen Daumen und 
Zeigefinger, als ob sie ein lebendiges und ekelerregendes Etwas vor sich 
hätte; als sie es dann wegschleuderte, zeigte sie ganz den Gesichtsausdruck 
gewisser Frauen, wenn sie Schlangenträume berichten. Kaum hatte sie aber 
dies Unbehagen im Spiel überwunden, als sie beim Gutenachtsagen ihren 
interessierten Blick klar und direkt in den Halsausschnitt der Mutter und auf 
ihre Brüste richtete. Wir erinnern, daß sie lange Zeit Leute nicht angeschaut, 
sondern mit ihrem Blick konzentrisch umschrieben hatte. Aus dem Weg[ 
auf dem diese Vermeidung rückgängig gemacht wurde, können wir schließen,' 



30* 




daß sie bei einem besäten Aufenthalt an J^^^TÄ 
Eltern Aufmerksamkeit geschenkt und «^»»SSÄ Verschiebung ^ 
(wohl die Brüste der Mutter und - eine B^Mtf^ ™ Bedeutung 
£m den Penis des Vaters) «^^tTcSSu^n« ohnehin 
SLs Erlebnisses wird teilweise ^^^^ intestinalem 
schon verkümmerte Saugest war ^^? gto^n Während des Be, 
und rektalem Schmerz mit Licht te^atisch &™f*„ m der Frauen 
ginns ihrer Beißzeit war ^^ZT^^i^^^ 
SSSSÄ wunderes *U *. * A^^ 
dann nervöse Ausruf. >— en £*£* (, Kder Nurs 
^rtßtn^irin Zusammenhang der Traumen gebracht 

"tm Zweifel, dieses Kind war „J* - «Äwt 
täten gewachsen gewesen. ^«fSJ^SÄa Verhaltens, und 
fanden einen Zugang zum Verständnis rfrres merkw g ^ Ein , 

unter dem Einfluß von ^TJS^^iSL^ Grundlage der 
fluß auf die Umgebung schien s \ b 7^X^ u W f ormen . Vor allem aber 
kindlichen Sprache sind mit ^^tllm em zu spielen und auch 
begann sie glücküch und unermudhch £t de ^»^ sich> 

die Gegenwart anderer Kinder zu ^«J^ Oberwelt war nur ein 
ihre Fähigkeiten stiegen Dies neue Ve ^« üj ^^ 

Anfang; aber es war wohl auch die Voraussetzung iu j 



III. 



Prägenitalität und Spiel 
A.Beobachtungen 



1. 

In ihrem Aufsatz „Ein Fall von f^J^^^^ 
den Fall eine, kleinen Mädchens, das ^^to^ aber dafür 
lange zurückgehaltenen Stuhl ^g™*£ eto ßS büdete, um diesen 
nun anfing, Essen im ^ zubeh^te«^^ mi ßbraucht, 
dann auszuspucken. Der Mund wird ^.^~^ hren , die dem Kind 
eine Handlung (oder was acto^irwnmnm^MUtu^ ____ 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



469 



am Anus aberzogen worden war; eine Körperzone mit spezifischer musku* 
lärer und nervöser Struktur, deren Funktion es ist, von außen kommende 
Objekte in Empfang zu nehmen, zu prüfen und für die Beförderung im 
Körperinnern vorzubereiten, wird dazu verwendet, einem solchen Objekt 
in spielerischer Weise eine ballige Form zu geben und es dann der Außen* 
weit zurückzugeben. Diese Handlung ist der analen Handlung, die sie un* 
serer Analyse nach ersetzt, nur in der „Geste", aber nicht in der funktionellen 
Logik verwandt. Solch „unnatürlicher" Gebrauch einer Ersatzzone ist eine 
der Formen der Verschiebung; in diesem Fall ist eine partielle Regression 
damit verbunden, da der Mund dem Anus als erogene Zone vorangeht und 
dem Kind, entwicklungsgeschichtlich früher, seine spezifische Kontaktreizung 
als Hauptlust darbietet. Es ist schwer, sich psychophysiologisch vorzustellen, 
daß eine Körperzone eine andere, die nach Lage und neurologischer Qualität 
verschieden ist, „ersetzen", ihre Funktion schauspielerisch „darstellen" kann. 
Wir Psychoanalytiker haben gelernt, die Tatsache dieser Verschiebbarkeit 
libido*ökonomisch zu deuten. Physiologen und Psychologen im allgemeinen 
haben die Tatsache noch nicht als Problem akzeptiert. 

Was uns in diesem Zusammenhang interessiert, ist wiederum die Be* 
ziehung der innerkörperlichen Verschiebungsphänomene zum Kinderspiel. 
Denn die meisten Kinder müssen nicht Symptome entwickeln, also Ver* 
Schiebungen am eigenen Körper vornehmen, sondern verstehen es, in der 
Welt des Spiels Objekte für außerkörperliche Verschiebungen zu finden. 
Ein Kind, das in tiefe Spielkonzentration versunken ist und weder von innen 
noch von außen darin gestört wird, benützt manchmal offensichtlich eine 
Höhlung in einem Spielzeug „wie" eine Höhlung im eigenen Körper, wo* 
bei das gesamte räumlich*dynamische Verhältnis zwischen Ich, Zone und 
Zonenobjekt ins Außerkörperliche versetzt wird. 

Zwischen den Phänomenen innerkörperlicher Verschiebung (Gewohn* 
heiten, Symptome) und der freien spielerischen Versetzung ins Außerkörper* 
liehe gibt es lehrreiche Kombinationen. Ein kleiner Junge, H, der mit zwei* 
einhalb Jahren noch einen Kampf gegen Enuresis zu führen hatte, begann 
eine kleine Schachtel mit sich ins Bett zu nehmen und mit beiden Händen 
festzuhalten. Wenn sich die Schachtel dann während der Nacht „magischer* 
weise" öffnete, weinte der Junge laut, erwachte und rief um Hilfe. Mit der 
wieder verschlossenen Schachtel schlief er friedlich, aber zuerst nicht not* 
wendigerweise trocken. Er experimentierte weiter. Den ganzen Tag sah man 
ihn nach passenden Schachteln suchen, als ob er dazu getrieben wäre, eine 
bestimmte Konfiguration von Geschlossenheit zu finden. Schließlich fand 
er, was der Imago entsprach: eine Papprolle, die zuvor zu einer Rolle Klosett* 
papier gehört hatte, und die Kapseln zweier Milchflaschen, die sich über die 



470 



Erik Homburger 



zwei Öffnungen der Rolle setzen ließen (Figur 8). Dieses Arrangement 
w^de nun, nicht ohne Mühe, als der animistische Hüter des Geschlossen. 
STcS ganze Nacht mit beiden Händen zusammengehalten Aber kaum 
** sein Kampf von einem relativen Erfolg gekrönt und die beiden öff* 
™ seines Körpers öfter während der Nacht verschlossen, als er begann, 
bevTr er überhaupt schlafen ging, alle erreichbaren Gegenstände aus dem 
Fenster zu werfen. Dies wurde verhindert; worauf er sich schlafend stellte, 
um In andere Räume zu schleichen und alle Schachteln und Flaschen auszu* 
leeren. 




Figur 8 

Es muß uns klar sein, daß die erste Handlung, ^s Festhalten einer 
Schachtel, um schlafen zu können, mehr ins Zwanghafte neigt und ein 

Symptom der Angst des Kindes vor ^P^^^^Z^Z 
über seine zurückhaltende Neigung ist. Flaschen und Schachteln zu lee en 
oder Gegenstände aus dem Fenster zu werfen, stellt dagegen ein Stuck 
slimmheit dar, ein Symptom der Befürchtung die Erziehung .könne zu 
erfolgreich sein, könne ihm eine ganze Verhaltensweise rauben 
wo er nur bereit ist, die Jurisdiktion über eine Korperzone 
auszuliefern. Die Verhaltensweise versucht sich unabhängig von der 
Zone zu erhalten. 

Um den kleinen Jungen daran zu verhindern, Gegenstände aus dem 
Fenster zu werfen, wurde dieses oben statt unten geöffnet. Die Nachbarn 
kamen gelaufen, um zu sagen, daß ein Kind auf einem Fenster sitze und 
Ich weit hinauslehne. Ich glaube nicht, daß er hinausgefallen wäre; er wollte 
sich nur in kompensatorischer Weise als „Herr der Offnungen zeigen nach, 
dem er gerade die Freiheit einiger Körperöffnungen dem sozialen Frieden 
geopfert hatte. Sein Fenster wurde dann natürlich geschlossen gehalten; nun 
bestand er aber darauf, daß ein Spalt seiner Tür „nur em bißchen offen 

^rerlnnt'rte sich übrigens, daß H ein Jahr früher, gerade als er den 
Stuhl zurückhalten lernte, durch eine Periode jenes Aus.cWHaus*Lautens 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



471 



gegangen war, das der Automobile wegen so gefährlich ist und deshalb einem 
Kind manchmal auch mit sonst vermiedenen Mitteln ausgetrieben werden 
muß. Man sieht: nicht nur verschiedene Zonen des eigenen Körpers und 
Zonen an Spielgegenständen, sondern auch ganze Spielzeuge und der Körper 
als Ganzes in seinem räumlich*dynamischen Verhältnis zum Zimmer oder 
zum Haus 10 können der Verschiebung einer Organ*Verhaltensweise dienen 
— in verschiedenen Graden zwanghafter, schhmmer oder spielerischer Tätig* 
keit. 

Um zu der hölzernen Schale zurückzukehren, die ich oben erwähnte (siehe 
Figur 6): die Tatsache, daß ein Stück von ihr abgebrochen war, machte ,'sie 
für verschiedene Kinder in recht verschiedener Weise verwendbar. Die Kon* 
zentration und die endlose Wiederholung, mit der dies geschah, war auf* 
fallend. Wie ich in der ersten dieser Aufzeichnungen (S. 449) erwähnte, drehte 
der aufklärungsbedürftige A die Schale herum, um ihre Unterseite zu füllen 
und sie so zu betrachten; F benützte die Öffnung der Schale, kaum daß seine 
Angst vor der phallischen Aggression etwas abgebaut war, als Ziel für seine 
Glaskugeln, wie Buben einer gewissen Alterstufe es so gern mit allerlei 
Hohlräumen tun. G, so allgemein geneigt zurückzuhalten, konnte sich nicht 
darin genug tun, die Schale mit Glaskugeln zu füllen und sie dann über den 
ganzen Boden auszuleeren. Ein dreijähriges Mädchen dagegen, das einen 
Verzweiflungskampf gegen das Einkoten führte, fragte nach dem abge* 
brochenen Stück, um es an seinen Platz zu setzen und sich an diesem Bild 
des Geschlossenseins zu beruhigen, ähnlich wie H es mit seinen amnestischen 
Retentionsschachteln getan hatte. So sehen wir die Organ* Verhaltensweisen 
im Spiel als die Vor* oder Nachhut neuer Sublimierungen auftauchen. 

Man könnte sich vorstellen, daß Gegenstände wie diese Schale in ihrem 
Gebrauch durch verschiedenaltrige Kinder sich zu Experimenten verwenden 
ließen. Unsere bisherige Erfahrung sagt uns aber immer wieder, daß Hand* 
lungseinheiten so wie Traumstücke oder Assoziationsgruppen nur in ge* 
wissen Grenzen eine unabhängige, feststehende Bedeutung haben. Wir 
müssen wissen, was im Wachstum, in der Charakterbildung, in der For* 
mung von allgemeinen Verhaltensweisen oder in der Weltauffassung eines 
Kindes vor sich geht, um die Bedeutung einer bestimmten Konfiguration 
in seinem Spiel wirklich zu verstehen. 



Schauen wir uns das pathologische Oszillieren eines Kindes in prägeni* 
talen Verhaltensweisen an und stellen wir eine bestimmtes Stück Spiel in 
das Zentrum unseres Beobachtungsfeldes. 

io) Charakterologisch dann das Verhältnis der Person zur Welt. 



, • „Uiährieer Knabe wurde während einer bestimmten Periode seiner 
KÄ t'bÄgen in das Lastan«, sesobleudert wtrd (Figur 9). 





Figur 9 



c ■ id^U*. Weise seeen die Reinlichkeitserziehung 

J hatte sich auf eine spezifische Weise gegen a 

gewehrt. Er konnte trocken und rem sein ™™*™^lZtdreLun 
Widerstand gegen seine »f ffl **Äi einer Art Per, 
einem Tage - ^^^^S^SASL Geschlecht 
version, in der sich eine hochgradige ^^^.^ das wrm eintiich 
gegenüber manifestierte. Fühlte er sich »^ ^^J^hü* auf da, 

gewesen, m seinen reichen Assoziationen ei sexuel l er U nd kopro* 

unbewußter oder lieber verschwiegener V ; ors *^™ ce Kliniken iso 
philer Natur zu finden. Wie -n - gewissen Ch dd G «f™£ h ^ 

daß eine leichte Phimose inn v Analerotische erzwang, hatte 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



473 



ändert. Er hatte weniger und weniger gesprochen, war immer blasser ge* 
worden, hatte an Intelligenz einzubüßen begonnen. All dies sind Symptome, 
die man so leicht übersieht, wenn die therapeutische Aufmerksamkeit auf 
das Verschwinden sozial penetranterer Symptome konzentriert ist. Das 
allgemeine SichsAbschließen hatte in diesem Falle eine weitere Regression 
signalisiert, die für die Umgebung weniger unangenehm, aber für den Pa* 
tienten gefährlich war; war es doch die orale Organisation und die Genera* 
lisierung der retentiven Tendenz, die sich der weiteren Regression anbot. 11 
So hatte sich sein Gesamtzustand so besorgniserregend gestaltet, daß ich, als 
er mir überwiesen wurde, meinen Zweifel an der therapeutischen Zuver* 
lässigkeit seines Ichs hatte ausdrücken müssen; es harte nicht mehr recht 
haltbar geschienen, war es vielleicht nie gewesen. 

Die erste Barriere, welche die Psychoanalyse vorfand, war die kürzlich 
verstärkte Kastrationsangst; diese hatte ja nach der Operation sein Einkoten 
unterdrückt, ohne die Neigung dazu zu schwächen. Neuer Einbußen sicher, 
kam J bis an die Zähne bewaffnet zur Stunde: zwei Paar Brillen saßen auf 
seiner Nase, drei Taschenmesser hingen an Ketten aus seinen Taschen, ein 
halbes Dutzend Bleistifte steckten in seiner Brusttasche. Einen Tag war er 
„ein »Gauner", den nächsten ein Polizist. Nur für einige Momente ließ er 
sich zu ruhigem Spiel nieder: um alle kleinen Spielobjekte, die nicht mehr 
als einige Zentimeter lang waren, mit Hüllen aus rötlicher Modelliermasse 
zu umgeben. Dabei wurde ihm plötzlich schlecht und er mußte zum Klosett 
laufen, um zu defäzieren. Ich deutete ihm das Beschneidungstrauma und 
beruhigte ihn in bezug auf den ihm verbliebenen und lebenswichtigeren 
Restbestand seiner Genitalien. Er begann — etwas ruhiger — zu zeichnen: 
eine Frau, die Auswüchse in der Form riesiger Gesäßbacken hatte. Mit hefi* 
tigen Bewegungen bedeckte er sie dann ganz mit brauner Farbe. 

Es war notwendig, seine Kastrationsangst weiter ins Historische zu ver^ 
folgen. Dazu gab ein „Automobilunfall" Anlaß, den er auf der Straße sah. 
Nicht mehr als ein Reifen war zu Schaden gekommen. Aber die Beschreibung 
des geplatzten Reifens genügte, um ihn in dasselbe Ohnmachtsgefühl zu 
treiben, das von seinem Versuch, die kleinen Spielsachen mit Modelliertons« 
Reifen zu umgeben, provoziert worden war. Seine Angst machte es not* 
wendig, nach Aufklärung zu drängen. Als ich ihn nach den Schlafverhälte 
nissen in einem Haus, in dem er zu Gast gewesen war, fragte, wurde ihm 
wieder schwach. Es ergab sich, daß er dort in übervölkertem Schlafquartier 
einen Koitus beobachtet hatte, bei dem die Frau auf dem Mann saß; er sah, 
daß der Penis erst groß, dann klein war. Der Gesichtsausdruck der Frau 

n) Siehe S. 481 ff. den Abschnitt über Körperzonen und Organ^Modi. 



474 



Erik Homburger 



machte ihn glauben, sie habe in den Nabel des Mannes defä ziert und 
seine Genitalien beschädigt. Dann aber konnte er nicht umhin, zu erinnern, 
was er an Hunden gesehen hatte, und als Alternative anzunehmen, der Mann 
habe einen Teil seines Penis in die Frau abgestoßen, und zwar in ihr 
Rektum, aus dem sie jetzt ihrerseits ein Baby eliminieren werde. 

Seine Kastrationsangst wurde mit diesem Erlebnis in Verbindung gebracht 
und ihm die Aufklärung gegeben, daß nicht ein Teü des Penis, sondern 
Samen in der Frau verbleibt. 

Das erste konzentrierte und geschickt angelegte Spiel war dann das mit 
dem Raupentraktor und dem Lastwagen (vgl. S. 472). Ich deutete ihm dieses 
Spiel nicht. Mir sagte es, er stelle nun am Spielmaterial ein Experiment an, 
das ihm beweisen sollte, es sei nicht nur beruhigend zu denken, sondern 
auch darstellbar, daß etwas ohne Schaden für den Gebenden oder den 
Empfangenden von einem Körper in einen anderen befördert werden könne. 
Gleichzeitig zeigte er, daß seine ungelöste anale Fixierung (in Verbindung 
mit gewissen „bestialischen" Neigungen und Beobachtungen) ihm nui :ge* 
stattete, sich Intrusion in einen anderen Körper a tergo vorzustellen. Aber 
von dem wütenden Beschmieren der Frauenfigur mit brauner Farbe bis zu 
diesem Spiel war doch ein Fortschritt zu verzeichen: nicht etwa eine Masse 
oder Schmutz wurde in den Lastwagen eliminiert, sondern etwa Lebendes 

geschickt übertragen. . 

Melanie Klein behandelt in ihrem interessanten und verwirrenden 
Buch, Die Psychoanalyse des Kindes (Wien, 1932), die Tatsache, daß Motor, 
wagen im Kinderspiel häufig Körper, die einander etwas antun, bedeuten, 
wie ein feststehendes unabhängiges Symbol. Es ist diskutiert worden, ob 
man dies, vor allem in seiner ausschließlich sexuellen Deutung, unbeschrankt 
akzeptieren solle. Eine solche Frage wird besser offen gelassen; die An* 
nähme eines festen Symbols ist gefährlich, weil sie von den Imponderabilien 
ablenkt, die weitere Deutungen zulassen. Es gibt in der Erfahrung des Kindes 
eine ganze Gruppe von mechanischen Apparaten, neben Motorwagen auch 
Heizkörper, Aufzüge, Klosette, Wassersysteme, die, obwohl unbelebt, doch 
Lärm machen, die Öffnungen und Verschlüsse zum Schlucken, Behalten 
und Ausstoßen haben und sich teilweise schnell und rücksichtslos bewegen. 
All dies macht sie zu Wesen, wohl geeignet, Abbilder des eigenen Körpers 
zu werden, den das kindliche Ich gerade durch Beobachtung und Erfahr 
rung meistern lernen möchte. Das Kind findet sich in seinem eigenen Körper 
einem System schwer berechenbarer und wahrhaft unaussprechbarer Kräfte 
gegenüber, sucht dafür Gegenstücke in der Außenwelt und findet sie in 
der stummen Welt der „getriebenen" Mechanismen und Organismen. Aber 
wir haben noch kein systematisches Wissen davon, was alles diese Apparate 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 475 



als Projektionen eines Wesens bedeuten, das sich in Wachstum, Differenzier 
rung und Objektivierung befindet. Ihre psychologische Wichtigkeit muß 
über das Sexuelle (im engeren Sinne) hinausgehen. 

Auch ist Spiel eine zu fundamentale Funktion im Menschen* und Tier* 
leben, um einfach als willkommener Ersatz für die in der Kinderbehandlung 
schwerer erreichbaren verbalen Manifestationen behandelt und gedeutet zu 
werden. Deshalb ist es schwer zu sagen, wann und wie man Kindern ihr 
Spiel deuten soll. Das hängt wohl vor allem davon ab, auf welcher Alters* 
stufe und in welchem Behandlungsstadium sich das Kind befindet und was 
die Funktion des Spielens dabei ist. Im allgemeinen sollte man ein Kind, das 
mit Konzentration spielt, in Ruhe lassen, solange seine eigene Angst nicht 
die Funktion des Spiels stört. Allerdings nicht länger. Man muß auch darauf 
gefaßt sein, daß Kinder unser Interesse an ihrem Spiel merken und uns leicht 
und bewußt von bewußten Inhalten abzulenken lernen, die verbalisiert wer* 
den sollten. Wir haben keine Theorie, die die Dynamik von Spiel und Ver* 
bahsierung für die verschiedenen Altersstufen umfaßt. Es liegt uns nicht 
daran, dem Kind bewußt zu machen, daß Spielen an sich „etwas bedeutet", 
sondern nur daran, daß Ängste, die das Spiel hindern, spielerisch zu sein, 
etwas bedeuten und mit der Aufklärung der Bedeutung bekämpft werden 
können. Um dies zu tun, ist es fast nie angezeigt, dem Kind zu sagen, daß 
dies oder jenes Element in seinem Spiel diesen oder jenen Faktor in seinem 
Leben „bedeute". Es genügt, sich der Schlüsse aus den eigenen Beobach* 
tungen sicher zu fühlen und dann mit dem Kind über seine Lebenssitua* 
tionen zu sprechen, in einer Sprache, die für das betreffende Alter Konkret* 
heit besitzt. Ist man auf dem richtigen Geleise, so wird einen das Kind (mit* 
tels gewisser positiver und negativer Verhaltensweisen, die hier nicht zur 
Diskussion stehen) soweit darauf weiterleiten, als die Bahn sicher ist. Kein 
stereotyp gewordener Erwartungsschatz sollte uns verleiten, weiter zu 
drängen. 

Wie es für eine Klasse von Fällen typisch ist, manifestierte auch bei J 
die verdrängte (eliminative) Tendenz ihre Rückkehr zuerst an der Peripherie 
des Lebensraumes: das ganze Haus, der ganze Körper, die ganze Welt wurden 
für die Darstellung der Tendenz benützt, die noch nicht zu ihrer Ursprungs* 
zone zurückzukehren wagte. J begann im Schlaf alle Gegenstände, die nicht 
ihm gehörten, aus dem Fenster zu werfen. Am Tag warf er Straßenkot gegen 
vorbeifahrende Wagen. Schließlich defäzierte er auf Papier, machte ein Paket 
daraus und warf es auf den Balkon einer gehaßten Nachbarin. Als all dies 
von Strafen gefolgt war, wählte er als nächstes Opfer sich selbst. Er rannte, 
tagelang in Wäldern herum, kam über und über beschmutzt zurück, für 
Stunden unfähig, sich in vertrauten Verhältnissen zu orientieren. Er be* 



476 



Erik Homburger 



schmutzte sich nicht mit Fäzes; aber es war offenbar, daß der Verzweifelte 
sich selbst mit Fäzes identifizierte und sich zu eliminieren trachtete; nach 
plötzlichem Verschwinden kam er in einer Weise beschmutzt zurück, die 
nur den Schluß zuließ, daß er sich entkleidet und im Kot gewalzt hatte. Ein 
andermal rollte er sich nackt in Giftsumach (poison ivy) und war dann über 
und über mit schmerzenden Ausschlägen bedeckt. 

Bei meinen Bemühungen, mit einem langsam zugezogenen Deutungsnetz 
sein Hauptproblem zu isolieren, nämlich Elimination und Intrusion m ihrer 
Beziehung zu seiner Mutter, wurde er immer blasser. An dem lag, andern 
ich zum ersten Mal über seine Gefühle während der Reinhchkeitserziehung 
sprach, begann er einen viertägigen Klosettstreik, den er nur mit großen 
Schmerzen durchhalten konnte; er spielte und sprach nicht mehr, und stahl 
urd versteckte, was imme* ihm erreichbar war. Wie alle Patienten merkte 
auch er, daß Aussprechen sich Loslösen heißt: er wollte zwar das Manifeste 
nicht mehr tun, aber auch das Latente noch nicht aufgeben. 

Er lebte zu jener Zeit nicht zu Hause. Als seine Mutter auf meinen Rat 
hin wenigstens die schriftliche Verbindung wieder aufnahm, verschwand er 
mit ihrem Brief, kotete ein und kam, man kann nur sagen: physisch und 
psychisch geschrumpft zurück. Dies geschah nach mehreren der muteten 
Briefe. Es wurde so möglich, ihm die ambivalente Liebe zu seiner Mutter 
zu deuten und die Probleme der Reinlichkeitserziehung und der sexuellen 
Theorien zu erörtern. In diesem Zusammenhang zeigte er dann den ersten 
freien Fluß von Assoziationen und Erinnerungen und fand offenbar . Er. 
leichterung in der Aussprache von Dingen, die nur noch gefahrhch gewesen 
waren, weü sie keinen geordneten Weg in die Sprache hatten finden konneru 
Es war interessant zu beobachten, wie das Verständnis für die Bedeutung 
des Eliminationsproblems es verhinderte, daß die Eliminationstendenz bei 
ihrer Rückkehr zu der analen Zone wieder die anderen Zonen einbezog 
Aussprechen zum Beispiel degenerierte nicht wieder zur „Elimination von 
Schmutz". 

Eines Tages überraschte er mich mit dem Wunsch, ein Gedicht zu machen. 
Wenn es je ein Kind gab, dem man keinen ästhetischen Impuls zutraute, 
so war es J » Aber in einer erregten Flut von Worten (eine merkwürdige 
Parallele zu der „schmutzigen" Mitteilsamkeit am Beginn seiner ersten Be- 
handlung) diktierte er mir nun Gedicht über Gedicht. Naturbetrachtung und 
Friedensstreben waren die Objekte seines Sanges. Dann äußerte er geradezu 
mit einem Aufschrei den Wunsch, diese Gedichte semer Mutter zu schicken 
Wir machten aus dem Schreiben der Ge dichte, dem Hersteüe^ _des_Unv 
ia) Mit Unrecht, W fe die Versuchsperson P (Oriol) im vierten Abschnitt, S. 502 ff . zeigt. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



477 



schlags, dem Gang zum Briefkasten und dem Einwerfen des Briefes jein 
Ritual, das ihn für Wochen faszinierte. Die intensive affektive Besetzung 
dieser Tätigkeiten und der gleichzeitige radikale Wechsel in seinem allge<* 
meinen Verhalten zeigten, daß in diesem „seiner Mutter etwas Schönes 
geben" die Libido, die an der trotzigen Retention und ambivalenten ElimL» 
nation beteiligt gewesen war, einen Sublimierungsweg gefunden hatte. Die 
Eliminationstendenz hatte sich auf höherem Niveau etabliert; die Zone ließ 
sich erziehen. 

3. 

Im ersten Teil dieser Mitteilung (III, S. 468 ff.) gab ich ein Beispiel von der 
Verwendung eines Spielzeugs für die Darstellung verschiedener Konfigura* 
tionen; im zweiten Teil das von der Bedeutung einer Spielkonfiguration dm 
Rahmen des Lebensraumes eines Patienten. Ein Wort über die Darstellung 
gleicher Konfigurationen in verschiedenen Typen des Spiels möge folgen. 

Das allein spielende Kind kann sich zunächst mit seinem eigenen Körper 
vergnügen. Finger, Zehen, Stimme bilden die Peripherie einer Welt, die in 
dem wechselseitigen Entzücken aller Teile volles Genügen findet. Wir 
können diesen Spieltyp auto kosmisch nennen. Nahe, leichte Objekte 
werden in ihn einbezogen, wobei sie langsam ihre eigenen Gesetze zur GeL< 
tung bringen. ' 

In einem anderen Typ „webt das Kind Phantasien um Objekte", baut 
eine Spielzeugwelt, die neben ihren eigenen physischen Gesetzen der Dar** 
Stellung körperlichen und geistigen Wachstums dient. Bauklötze, aufein* 
andergesetzt, „wachsen"; dann werden sie zum Opfer der kindlichen Ge* 
wohnheit, eigene Traumen auf das Spielzeug zu übertragen: sie „fallen" — 
und das Kind jubelt. So wird das Spielzeug zum Baumaterial einer Miniatur.« 
weit, in der eine immer größere Zahl mehr und mehr differenzierter körper* 
licher und sozialer Erlebnisse veräußerlicht und dramatisiert werden. Diesen 
Typ nennen wir mikrokosmisches Spiel. 

Wir können dann als makrokosmisch den Typus bezeichnen, bei 
dem das Kind sich wie in einem Trancezustand unter den lebensgroßen Ge=* 
brauchsobjekten unserer Welt bewegt, als ob sie Werkzeug und Hintergrund 
dessen wären, was es im Augenblick darstellt; ist es ein Reiter, so ist der 
Teppich die Prärie, der Stuhl das Pferd. Gar zu oft äußert es dabei sein All« 
machtsgefühl so ungehemmt, daß die Großen es „roh" an die wirkliche Be*= 
Stimmung seiner Bühnenausstattung erinnern. 

Dies sind einige der Spieltypen, die sich unserem Vergleich anbieten — 
jede mit ihrer spezifischen Form von Faszination. Sie beherrschen gewisse 
Perioden, bestehen in anderen nebeneinander. 



Nach einer Folge besonders krasser Enttäuschungen und Entbehrungen 
entwickelte sich K, eine achtjährige Patientin von Dr. Florence Clothier 
(Boston Mass.) zu einer wahrhaften Festung. Trotzig, abgeschlossen, unzu* 
gänglieh, öffnete sie manchmal plötzlich die Zonen ihres Körpers für eine 
wahllose Elimination von Speichel, Urin, Fäzes und Winden. Man hatte 
den Eindruck, daß all dies nicht nur animistische Ausscheidungsakte nanw 
lieh einer gerade in das Leben des Kindes gedrungenen Stiefmutter und ihres 
kleinen Sohnes, darstellte, sondern auch Angriffe mit aller vorhandenen Muni* 
tion Als Hauptziel war der Körper der Stiefmutter zu erkennen, in welchem 
das Kind das Heranreifen weiterer Stiefgeschwister vermutete. Natürlich hatte 
die Phantasie ihr Gegenstück in dem geheimen Wunsch des manifest so 
wilden kleinen Mädchens, selber den Körper" einer guten Mutter^ zu finden, 
um sich darin zu bergen und weinen und schlafen zu können. Sie hatte ge* 
hört daß ihre eigene Mutter an ihrer Geburt gestorben sei; man mag sich 
ihre' Gefühle vorstellen, als ihr in der Person der Ärztin eine mutterliche 
Freundin versprochen wurde und sie herausfand, daß diese - schwanger 



war. 



Diese biographischen Notizen genügen, um das Spiel einzuleiten, das ich 
hier zitieren wül. Sie wären nicht unerläßlich: Es ist nichts Atypisches m 
diesem Spiel; Konstitution und Schicksal verstärkten bloß in diesem Madchen 
eine Tendenz, mit der jedes Kind wenigstens in einer Phase seines Lebens 
sich ernsthaft auseinandersetzen muß: ich meine die Eindnng\mgsimpulse 
der phallischen Phase. 

Diese Phase, als letzte der prägenitalen Stufen, führt das Kind in ein Laby* 
rinth von ClaustrunvPhantasien, in welchem sich viele zeitweise verlieren. 
Das Kind will die „inneren Räume" aller Dinge berühren, betreten, erfor* 
sehen aber ist von ihrer Dunkelheit erschreckt und fragt ängstlich nach Ge* 
fängnissen und Gräbern. Aus den ClaustrumÄngsten flieht es in die Arme 
der Mutter; aber gerade seine Gefühle gegen die Mutter treiben es weiter m 
Akte verschobener Gewalttätigkeit, die dann wieder zur Korrektion und Ein* 
schränkung führen. Der Körper der Mutter, Urbild aller Zufluchtsstätten 
vor der Welt, wird in der phänischen Phase endgültig selber die gefährliche 
Welt Objekt und Symbol der Eroberung. Das Kind findet sich im übrigen 
zwei sehr verschiedenen Rivalen gegenüber, die gleichzeitig auszustechen im* 
möglich ist: der Vater macht den Anspruch geltend, daß er stärker und alter 
ist die kleinen Geschwister den, daß sie schwächer und jünger sind. Vorwärts 
oder rückwärts, Held oder Baby - das ist jetzt die Frage. Hier geschieht 
es, daß der Knabe sich endgültig der Zukunft und Eroberungen zuwendet, 
die auf Denkmälern als überlebensgroße Mutterfiguren symbolisiert sind, 



l__ 



während das Mädchen in dem Innenraum ihres eigenen Körpers ein vages 
Versprechen und neue Gefahren ahnt. 

Der Knabe spielt in diesem Stadium Wettstreit und Räuberei und bringt 
den Modus des Eindringens leidenschaftlich zur Darstellung; das Mädchen 
aber spielt mit Puppen und drückt in ihren Spielkonfigurationen (etwa 
Schutzhäusern für kleine Tiere) den Modus des Beschützern 13 aus, der, welche 
Richtung immer sie später einschlagen wird, doch der Bezugspunkt ihrer 
Handlungen bleibt. 

Dr. Clothiers Patientin manifestierte auf dem Weg von (den Zonen 
nach polymorphen) intrusiven Impulsen zu weiblichen Tendenzen die fol* 
genden Spiel*Konf igurationen : 

Dem Autokosmischen kam sie am nächsten in der Wendung gegen 
sich selber, so wenn sie ihr Haar und ihre Wimpern abschnitt und an* 
drohte, sie werde sich in die Augen stechen. 

Mikro kosmisch: 1. Dramatisch: Fünf Puppen, nach den Familien* 
mitgliedern benannt, werden von hinten von einer Schlange über* 
fallen, die alle außer der Patientin und ihrer Lieblingskatze auffrißt. 

2. Bildlich: Die Zeichnungen dieser Zeit stellen lange Reihen von Häusern 
dar, in deren jedes eine Katze einbricht, um Brot zu stehlen. Diese 
Häuser schauten immer mehr wie Menschen aus, wobei die beiden Seiten 
der Wege, die perspektivisch zuerst auf das Haus zuführten, immer mehr 
parallel wurden und wie Beine aussahen, zwischen denen dann die von der 
Katze betretene Tür war. Das Mädchen bemerkte die Symbolik und fragte 
kichernd: „Glaubst Du, daß ein Haus auf seinem Weg stehen kann?" 

Makro kosmisch: 1. Die Patientin baute mehrmals ein Haus. Zu bei* 
den Seiten des Eingangs standen zwei runde Emailgefäße." Sie begann dann, 
sich auf allen Vieren und rückwärts in das Haus zu zwängen. War sie 
drinnen, so „trank" sie von einem der Gefäße, kauerte sich in Fötalstellung 
zusammen und schlief. Dann kroch sie weiter rückwärts, indem sie der 
Ärztin die Instruktion gab: „Du paß auf und sag mir, wann ich halten soll." 
Die Ärztin tat wie verlangt, aber das Kind durchbrach mit einem 
Stoß die Rückwand des Hauses. 

2. Wo ihr makrokosmisches Spiel sich nicht mit Spielzeug begnügte, also 
in Schlimmheit überging, stieg sie auf Tische und Fächer, brach in 
Schubladen ein und zerriß die Papiere darin. Manchmal waren nur das 
Ausbrechen aus dem Zimmer oder der lärmende Einbruch (wo* 
bei sie die Ärztin zu erschrecken suchte) dynamisch genug, ihre Intrusionswut 
auszudrücken. 



l i) Vgl. dazu den nächsten Abschnitt, S. 481 ff. 
«*) Vgl. damit die Tankstellen in Fig. 7. 



I\J 

Per ode allgemeiner Charakterums te hing ^jpg* *J» ^^ 

großen Kreis auf den Boden und *f^ *** T^JLholte sie die, 
de ärgerlich eine Wasserlache daraus. Am nächsten lag 

selbe Konfiguration, ^^^S^Si^ias^be ohne den 
Fig ur wurde verwischt. Am dritten Tag zeichnete sie .. @ 

Radius und sagte *£j^^^ sagte kicherndes 
Diesmal «rstorte s e '«J™^*^ dürfen: um in den großen Kreis 
i s t k e i n e K a t z e d a - wie wir ergan« : Konfigurationen 

einzubrechen und das Baby zu stehlen. ^«V^- dem Rind 

ist deutlich; die Befriedigung über das g*Ufa» ^^ 
offenbar und eine gewisse allgemeine Befr düng & 

4. Um diese Zeit diktierte sie ^IJ^* niemanden , der 
gab an, sie habe sie irgendwo gehört ich sdber * Assoziation 

* ^Se^aS r-ÄTX Ä-a Wechsel in den 
Spiele-Konfigurationen. 

Scheune, und die Katze kam, und ^ die ^f ^ S f g i r p ump k in rollte und stolperte 
Du hier herumstehen? Komm« U ^X Die Katze hob ihre 
mit ihr, und die Katze J^W-^- ."pSSSÄ» W: »Willst Du** 
nasse Pfote Ein -J^^f^ZT^- meine Samen herausnehmen, so daß die 

8ffi , ää?SÄt^Ä^^ ^ itt den Pumpkm auf und 

schabte alle Samen heraus. dann stolperten 

und rollten sie wieder weiter. Dann w« e s ba und der pumpk 

noch mehr zu regnen und die Katze hob *«■ ^ ^ Fenster unj 

sagte: „Komm lieber herern. »Gerne, aber wi hinaus und b 

eine Nase und einen Mund Der g^^^fzÄrnuin und sagte: „Her: 
werde zum Zimmermann gehen &r gmg ^ ^ Nage und emeI 

Zimmermann, willst Du so gut sein, * 

Mund in mich zu schneiden? . , Pump kin und die Kato 

Die Katze schlüpfte in den *^£^^jT*m Weinen Hau. 
lachten. Dann rollten und stolperte dm« iter^D is ^ aus dem 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



481 



„Ich möchte am liebsten einen hübschen runden Pnmpkin." Und das Mädchen 
sagte: „Und ich möchte am liebsten eine nette, kleine, schwarze Katze." 

Da rollte der Pumpkin hinaus zu dem kleinen Buben und das Mädchen sagte: 
„Schau, was die Fee uns gebracht hat, und ich glaube sogar, es ist eine Katze 
drinnen!" Aufsprang der Deckel und heraus sprang die kleine, schwarze Katze, 
in die Arme des kleinen Mädchens. 

Und sie setzten Lichter in den Pumpkin und stellten ihn auf den Tisch und 
stellten das Kätzchen daneben, bis die Mutter heimkam. 



B. Körper*Zonen und Organ*Modi 

(Vgl. hiezu das Schema auf Seite 484 f.) 

Nicht nur in pathologischen Fällen sind wir von der Unerwartetheit, .der 
scheinbaren Zusammenhanglosigkeit kindlicher Äußerungen überrascht. Wer 
immer die Lebenslinie eines Kindes zu verfolgen versucht, fühlt zu Zeiten, 
daß ein wesentliches Element sich seinem Blick entzieht, so wie der Eis* 
taucher im See plötzlich den Jäger durch seine unterirdischen Wendungen 
irre zu machen versteht. Das Kind entwickelt Spielereien, Schlimmheiten, 
Zwänge; seine hervorstechendste Handlungsweise charakterisiert sich das 
eine Mal dadurch, daß sie sich am eigenen Körper abspielt, das andere Mal 
an Spielsachen, wieder ein anderes Mal an Personen oder gar nur an ah* 
strakten Vorstellungen; nur analytische Wachsamkeit kann uns zeigen, 
daß etwas, was ganz neu in einer Kategorie auftaucht, im Wesent* 
liehen das ist, was gerade in einer anderen verschwunden ist. Manchmal ist 
es einfach die Tatsache, daß sie sich in der Zeit vertreten, die den Ana* 
lytiker auf die innere Verbindung zweier Handlungen aufmerksam macht; 
manchmal ist es eine ihnen gemeinsame affektive Qualität oder Triebtendenz. 
Oft aber — und dies vor allem in der prägenitalen Hochblüte des Einzel* 
spiels — wird psychische Verwandtschaft offenbar in dem, was wir im Fol* 
genden als den Organ*Modus beschreiben wollen." 

Um die Wechselbeziehungen zwischen den innendcörperlichen und außer* 
körperlichen Manifestierungen der Prägenitalität systematischer zu beob* 
achten, erweist es sich vielleicht vorteilhaft, jene Organ*Modi, die am leich* 
testen verschoben werden, mit Zeichen zu charakterisieren, die das dyna* 
mische Prinzip der Körperzonen darstellen, an denen sie uns zuerst er* 
s cheinen. I ch schlage also vor, daß wir (f) als das Zeichen Organ* 

^ 16) Das hier folgende Schema wurde als Hilfsmittel zur Spieldeutung zuerst in einem 
J>emmar in Boston (Mass.) im Jahre 1934 benützt. Damals kannte der Verfasser 
'■Alexanders Arbeit „Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage", Int. 
£tschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, nicht. Im bescheidenen Rahmen dieser Arbeit scheint es 
unangebracht, auf Alexanders Schlüsse einzugehen. 

Image- XXni/4 31 



482 



Erik Homburger 



Modus Einverleibungstendenz saugenden Charakters", & als denModus 
^nverieSuIgstendenz beißenden Charakters" benützen. O wurde dami 
£ Ab^ieß S ungstendenz gegen eikerT Gegenstand W*ft£^*£ 
Körper heraus oder in den Körper hinein will, wahrend Q d ™™>f S ™* 
Ausstoßung darstellt. -€ schließlich ist das Zeichen für den Modus „Ein. 

^Ä^SÄ rächen Ausdrucksformen, die den 
ManSeS^ngen prägenitaler Tendenzen in verschiedenen Medien g* 
meinsam sind: ob es als befriedigend erlebt wnd ein. Korpe P^ukt ^ 
einer Körperöffnung zu eliminieren oder den Inhalt einer Flasche auszu. 
leeren Gegenstände aus dem Fenster zu werfen oder Menschen aus der per. 
Sen Machtsphäre zu stoßen - wir erkennen den Modus ,* , Ehm. 
nation als die gemeinsame deskriptive Charakterisierung dieser Handlungen 
und schießen daß wir es mit einander vertretenden Manifestierungen einer 
ursprünglichen Eleminations.Tendenz zu tun haben. 

Wenn man die Sphäre solcher Manifestationen betrachte^ so *£*»*£ 
daß die prägenitale Phase (im Sinne Freuds) in ihrer Folge von narzüi. 
SlTo^Besebungen Organ.Modi entwickelt, die alle denkbaren räum, 
dynamischen Beziehungen zwischen einem Organismus und , einem Ob 
ekt darstellen. Die Prägenitalität schafft nicht nur Vort >^r f ur di emo. 
ioneilen Beziehungen des späteren Lebens sondern auch für .die Modaklato 
räumlicher Erfahrung. Durch prägenitale Impulse geleitet (oder je nach dem 
?7SteO sehen wir dann Kinder mehr oder weniger spielerisch mit allen 
Nationen experimentieren, die sich zwischen dem Körper und seinemRaum 
oder zwischen zwei Körpern ergeben können. 

Für Lehrzwecke habe ich die Organ.Modi m einer TabeUe (S. 484 f ange 
ordnet welche (eine Formulierung ohne Worte) das Netzwerk d Be. 
"STungsvariationen zwischen Zonen und Modi darstellt. Diese Tabelle hat 
h ^brauchbar für Beobachtung, und Lehrzwecke erwiesen, solange dl 
anderen Komponenten der Prägenitalität darüber nicht aus den Augen ver, 
torer wurden Wer menschliches Verhalten studiert, weiß nur zu gut, wie 
Sährhl in diesem Gebiet Veranschaulichung durch Systematisierung ist; 
er kann sich aber wohl auch nicht der Notwendigkeit didaktischer Versuche 

Die Tabelle besteht aus einzelnen Schemata, die den 
menschlichen Organismus in der phasenweisen 
Betonung erogener Zonen darstellen sollen Jedes 
Schema besteht aus drei konzentrischen Kreisen, die drei 
primitive Seiten der organischen Existenz andeuten: a) die 
Lere Oberfläche, b) die äußere Oberflache und c) die 




Trauriatische Konfigurationen im Spiel 



483 



Sphäre der Motorik. Die Zeichen für die Orgar^Modi sind am Körper* 
schema da angebracht, wo äußere und innere Oberfläche des Organismus 
zusammentreffen, also an den Zonen 1. des Oralen, 2. des UrethrakAnalen 
und 3. des GenitakUrethralen. 17 

In jedem Schema ist ein Organ*Modus durch eine stärkere Linie als domL» 
nierend dargestellt: bei I, 1 ist es die der „Einverleibung saugenden Cha* 
rakters". Wir deuten damit an, daß wir es mit dem Stadium zu tun haben, 
in welchem die Libido eine Konzentration im Oralen (Rezeptiv* 
Perzeptiven) aufweist, die normalerweise zur vollen Aus* 
bildung des genannten Modus führt. Wenn dann auch der mitt- 
lere der konzentrischen Kreise (die Körperoberfläche) stärker gezeichnet ist, 
so wollen wir damit weiter sagen, daß die gleiche Tendenz zur Einverleibung 
während dieses Stadiums legitimerweise die ganze Kör« 
peroberflächebeherrscht:die Haut sowohl als die Sinne „trinken" 
dargebotene Sensationen; sie vermitteln libidinöse Befriedigung, wenn sie be- 
rührenden, streichelnden, schaukelnden Vornahmen ausgesetzt sind, solange 
diese nur unterhalb der Intensitätsschwelle bleiben, an der sie motorische 
Abwehrreaktionen hervorrufen. Auch der äußere konzentrische Kreis ist in 
diesem Schema dunkler gezeichnet, was besagen soll, daß auch das moto* 
rische Verhalten den regierenden Modus ausdrückt, in der 
erwartungsvollen Einverleibungsbereitschaft, die den Rhythmus des War* 
tens, Schreiens, Trinkens, Schlafens beherrscht. Reaktionen auf Reize, die 
mehr Koordination erfordern als das Festhalten des Dargebotenen, bleiben 
zerfahren. All dies: Grad der Koordination, Entwicklung der Muskeln und 
Sinne, Libidoverteilung und spontanes Gesamtverhalten wären also in einer 
Formulierung des ersten organisierten Erscheinens eines Organ*Modus zu 
berücksichtigen. 

Im Schema II, 2 ist die dominierende Tendenz ^. Das Beiß* 
System (Gaumen, Kiefer, Hals etc.) ist jetzt im Besitz einer 
relativ großen Libidomenge und Muskelenergie, die sich aber 
auch in den perzipierenden und GreifVOrganen zeigt: die Augen 
lernen „herauszugreifen" und „festzuhalten", das Hörsystem 
Geräusche zu lokalisieren, Hände und Arme lernen zu reichen 
und zu greifen. Koordiniert ist also das System, das einen Teü*Gegenstand 
der Umwelt zum Zwecke der Einverleibung isolieren und sich aneignen 
(„pflücken") kann. 




TI 



17) Em sechster Modus des Organischen, die Assimilierungs* und Aufbautendenz, ist 
vag ins Innere des Körpers versetzt. Er sollte in der Zukunft durch das ersetzt werden, 
was immer das Wissen um diese komplizierten Zusammenhänge am besten darstellen wird 
- Zusammenhänge, die sich als für das Verhältnis von Körperlich und Spiel wichtig 
erweisen werden. 



31* 



486 Erik Homburger 



Gleichzeitig - so haben wir Gründe anzunehmen - wird die ganze Um- 
weit jetzt verschieden erlebt, d. h. werden Teile „aufgefaßt" Diese An- 
nähme stellen wir schematisch dar, indem wir den Pfeil, welcher das Ob- 
jekt der Einverleibungstendenz vertritt, als gebrochene Linie zeichnen. Uas 
Objekt des libidinösen Interesses (hier das Essen, später Fäzes Penis etc..) 
wird in den ersten Stufen der einzelnen Phasen (also m 1, 1, 111, *>% 
V 7) als unangreifbarer Bestandteil des eigenen Körpers und be- 
sitz des eigenen Willens erlebt, um später durch das Zusammen- 
wirken psychobiologischer und kultureller Faktoren als dem Willen der so- 
zialen Umgebung verfallen erkannt zu werden. Diese stufenweisen Aus- 
treibungen aus dem Paradies der Allmacht kennzeichnen die Über gange 
von der ersten (I, III, V) zu der zweiten (II, IV, VI) Stufe jeder 

Phase. (Wenn wir sagen psychobiologische und kulturelle Faktoren, so 
meinen wir natürlich, daß z. B. in der Entwicklung der Orahtät Veranden 
rungen am Gaumen und störende Beißgelüste nicht weniger als Änderungen 
in der Qualität und der Darbietungsweise der Speisen für die Ausstoßung 
in eine Welt verantwortlich sind, in der „Du im Schweiße Deines Ange- 
sichts Dein Brot essen sollst".) . 

Um ordnungsgemäß zu verfahren, hatten wir mit 1,1 zu beginnen, also 
mit der Darstellung einer dunklen Entwicklungsperiode. Ein Beschreibungs- 
prinzip der Tabelle mag hier erklärt werden: Die „normale" Folge der pra- 
genitalen Stufen ist in der Diagonalen angeordnet; in dieser Stuten- 
folge vereinen sich Zonen und organische Tendenzen und 
entwickeln sich aneinander zur vollen Entfaltung ihrer 
Funktionen im Rahmen des allgemeinen Wachstums und 
derallgemeinenReifung. Abweichungen von dieser Stufenfolge sind 
dann entweder horizontal (1,1-1,2), d. h. die organische Tendenz 
der nächsten Stufe wird mobilisiert, bevor die gegen- 
wärtige Stufe entfaltet und integriert ist; oder sie sind ver- 
tikal (I 1-11,1), d.h. sind die Folge eines Verharrens des Organis- 
mus auf einer organischen Tendenz (Organ-Modus), obwohl 
seine Gesamtentwicklung zu ihrer Integration und zum 
Fortschreiten zur nächsten Stufe bereit wäre. Diese Differen- 
zierung von Zonen und Organ-Modi schafft die Zweidimensionalitat der Ta- 
belle: in den Horizontalen sind verschiedene Organ-Modi 
mit ein und derselben Zone alliiert; in den Vertikalen ein 

und derselbe Organ-Modus mit verschiedenen Zonen. 

Nach der Integrierung der oralen Stufen zeigt sich die Libido um das ex* 
kretorische System konzentriert, schafft Lustgefühle in der Zurückhaltung 
und Ausstoßung der (jetzt solideren) Fäzes, während (oder gerade weil) 



I 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



487 



Tendenzen des Behaltens und Wegstoßens die erstarkenden Muskeln und 
Sinne beherrschen. Während in den oralen Phasen Einverleibung um jeden 
Preis das allgemeine Verhalten zu beherrschen schien, erstarkt jetzt eine oft 
so „unvernünftige" Tendenz zu diskriminieren: Sensationen, eben erst ge* 
nossen, werden plötzlich verworfen; Gegenstände werden trotzig festgehalten 
oder wütend weggeschleudert; mit quälender Beharrlichkeit hängt sich das 
Kind an bestimmte Personen, lehnt andere kompromißlos ab — alles Ten* 
denzen, die durch erzieherische Einflüsse leicht zu zeitweiligen oder 
dauernden Extremen eigenwilligen Benehmens führen, bei dem an einem 
Paradies selbstherrlicher Diskrimination festgehalten wird. War die Erfahr 
rung der oralen Phase: „Nur unter gewissen Bedingungen sollst Du Lust 
dabei erleben, etwas in Dich aufzunehmen", so gesellt sich für den Erzogenen 
jetzt die andere dazu: „Nur unter gewissen Bedingungen sollst Du Freude 
am Behalten oder am Wegstoßen haben." 

So sucht die Diagonale für jene Stufen eine Formulierung vorzubereiten, 
die sich normalerweise in der Libidinisierung der Zonen und in 
der Generalisierung der Organ*Modi folgen. Wo aber die 
äußeren Kreise nicht stärker gezeichnet sind (also im nicht diagonalen Rest 
der Tabelle), sind die Konstellationen zu finden, die nur unter abnor* 
malen Bedingungen in der betreffenden Phase dominie* 
rendundgeneralisiert werden; während als integrierte Partial* 
tendenzen alle Modi an allen Zonen in allen Phasen der 
Entwicklung eines Organismus notwendig sind. Wird also 
die Problemsphäre eines speziellen Krankheitsfalles auf der Tabelle darge* 
stellt, so wird man oft Organ*Modi austauschen und pathologische Generali* 
sierung durch breiteres Ausziehen der konzentrischen Kreise bezeichnen 
müssen. 

Um diesen Gebrauch der Tabelle mit den ersten Fällen dieses Abschnitts 
zu illustrieren: E. Sterbas kleine Patientin hatte gerade gelernt, 111,3, 4 
(Allmacht in exkretorischer Diskriminierung) für IV, 5, 6 einzutauschen (An* 
nähme der elterlichen Diskriminierung in exkretorischen Fragen). Sie ver* 
suchte aber, sich den liebgewordenen Organ*Modus 3 durch partielle Regres* 
sion zu 11,3,4 zu erhalten (Allmacht in der Diskrimination der Einver* 
leibung). Diese orale Diskrimination zeigt sich natürlich bei allen Individuen 
schon in der oralen Phase in gelegentlichem Verschließen des Mundes, Ver* 
weigern des Schluckens, Ausspucken usw. (1, 3, II, 3), wird aber dominie* 
rend nur durch Regression wie in diesem Fall, oder infolge einer Fixierung 
oder einer Retardierung — wie es zum Beispiel mit F der Fall war, bei der 
nach einer traumatischen Kombinierung von konstitutionellen und umweit« 



>J 



488 



Erik Homburger 



liehen Schwierigkeiten eine allgemeine Abschließung von Körper und Geist 
zu beobachten war (1, 3— VI, 3). 

Im Fall J sahen wir die untrainierten Orgao-Tendenzen eines Achtjahngen 
in den Bahnen herumirren, welche durch die Prägenitalität festgelegt sind: 
Er war zur Toilette erzogen, aber diese Erziehung war nie so weit gediehen, 
um seine psychobiologische Entwicklung auch nur zeitweise zu dominieren 
und seiner Gesamtpersönlichkeit die Züge hinzuzufügen, die eben das to 
gtbnis der Absolvierung dieser Phase sind (IV, 5, 6). Statt ^des « .benutzte 
er Defäkation als eine asoziale Waffe in Verteidigung seiner Mmacht gefuhle 
(III 3 4) Der aggressiv-intrusive Charakter dieses Kampfes, nämlich das 
Defäzieren in das Eigentum der ambivalent geliebten Person, wäre in 111, 7 
einzutragen. Als er zum Psychiater „frei" über schmutzige Dinge sprach, 
dehnte er das Gebiet des Organ-Modus 4 über das Orale au , ( II, 4) um 
dann in Schweigen zu verfallen (II, 3), sobald er das Gefühl bekam, daß Ae 
Behandlung ja doch nur auf Bestrafung hinausginge. Unter analytischer Be. 
handlung sahen wir den Organ-Modus der Elimination zu seiner Ursprungs, 
zone zurückkehren und sublimiert auf eine andere Ebene gehoben werden. 
Fall K bereitete uns für einige Bemerkungen über die phänische Phase vor. 

Die zwei letzten Schemata am oberen Ende der 
Diagonale sind durch die Herrschaft der Eindrin* 
gungstendenz charakterisiert. Der Trieb, in einen an* 
deren Körper oder seine Machtsphäre einzudringen, 
ihm etwas anzutun, der seit der ersten oralen Phase 
vorhanden ist (1,7, 8), erscheint nun in besonderer 
Stärke und wird zum sozialen Problem wegen der 
rapiden Zunahme der „Neugier" aller Sinne; des 
motorischen Dranges; der phanischAlitoridischen 
Sinnlichkeit mit ihren gefährlichen, atavistischen Inzestneigungen. Psycho, 
biologische und erzieherische Betonung arbeiten wieder zusammen, um dem 
Ich eine neue Erfahrung aufzudrängen, aus der es eben das Beste zu machen 
hat: nicht nur cheinnereWäuße^e^ 

,81 Im oralen Spiel kehrt der Modus zur Zone zurück: das Spielzeug wird in den 
Mund gTnomien. In pathologischem Material sah ich II 2 am besten Jon «nem ^ 
süssen des Worcester State Hospital im Spiel dargestellt. Als ich ihn bat ein Haus zu 

übrigens einen Eifer, der von der quälerischen Sinnlosigkeit seiner verbalen Kombinations 
versuche wesentlich abstach. 




V 7 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



489 



die innen und außen verbinden, sind unter fremder Exterritorialität, son* 
dem auch die Organe und Kräfte, mit denen man faszinierende Objekte in 
der Umwelt aufsuchen und in der Ekstase ungehemmter Aktivität bewältigen 
will. „Nur unter gewissen Bedingungen sollst Du Dich damit erfreuen, zu 
berühren, einzudringen, zu erkennen." 

__ Mädchen gehen, wie wir wissen, durch eine kürzere oder 

/fr^^jL l^g« 1 * Periode phallischer Tendenzen (mit Klitoris^Ewv 
Vvr"1>y geneität und Phantasien vom Besitz oder der Erwerbung 
^a-/ eines Penis), dk der allgemeinen Entwicklung von Ein* 
1 dringungstendenzen parallel geht. Die Frage, wann und wie 

diese Phase überwunden wird, hat viel Diskussion in der psychoanalytischen 
Welt hervorgerufen. Hier, wie in ähnlichen Fragen, wird das Kinderspiel 
wahrscheinlich die via regia zum Verständnis sein. Sicherlich aber kann man 
sagen, daß der Peniswunsch mehr oder weniger vollkommen im Wunsch nach 
dem Kinde aufgeht. Das Mädchen hat das Schicksal zu erfüllen, ein zweites 
Organsystem der Einverleibung zu Hbidinisieren, zu entwickeln und zu trai* 
nieren, dieses Mal aber mit den Fortpflanzungsorganen als dem Mittelpunkt. 
Irgendwie scheint sie dabei eine gewisse Regression zur Generalisierung der 
Einverleibungsbereitschaft durchzumachen, die das Kennzeichen der frühen 
oralen Phase war. Auf unserer Tabelle charakterisieren wir das weibliche 
Schicksal, indem wir ein Zeichen des Strebens zur Fortpflanzung und zum 
Beschützen dem des Strebens nach Selbstbewahrung hinzugesellen. Wenn 
dann die Tabelle für ein weibliches Individuum verwendet wird, sollte dieses 
Zeichen, sowie konzentrische Kreise des Schemas VI, 1 breiter ausgezeichnet 
sein, um anzuzeigen, daß hier Zonen und Modi, Körperoberfläche und moto* 
rische Sphäre in eine neue spezifisch weibliche Korrelation geraten. 19 Diese 
Beziehung auf das zu Befruchtende und zu Beschützende würde dann den 
weiblichen Inkorporationswunsch von der homosexuellen Passivität /des 
Mannes unterscheiden. 

Die Integrierung aller dieser Modi ist wesentlich und unumgänglich, soll 
ein Organismus sich physisch, psychisch und intellektuell erhalten, im so* 
zialen Umgang und im Sexualleben erfolgreich sein. Was man auch tut, man 
muß fähig sein, aufzunehmen, zu bewahren, zu assimilieren und zu elimw 
nieren; man muß geben und empfangen können; man muß sich trauen, zu 

19) Eine Manifestierung dieser Korrelation auf reiferem Niveau, charakterologisch und 
pathologisch nicht unabhängig von der ersten, prägenitalen Manifestierung, darf wohl im 
Zyklus des Kindergebärens gesehen werden: Konzeption (mehr oder weniger aktive Ein* 
Verleihung), Schwangerschaft und Gebärakt (mehr oder weniger von zurückhaltenden 
und ausstoßenden Tendenzen charakterisiert) und Säugeakt (mehr oder weniger das so 
lange gewünschte Äquivalent freigebigen Eindringens). Männer finden wohl die Erfüllung 
dieser Korrelation im schöpferischen Zyklus ihrer Arbeit. 



490 Erik Homburger 



nehmen, und sich einnehmen lassen. Wir finden, daß die Unter* oder 
Überentwicklung einer dieser Tendenzen die Organisa* 
tion aller ändert und so mehr oder weniger pathologische „Persönlich* 
keitstypen" schafft. Es gibt „Säuglinge" und „Beißringe", „Geizlinge" und 
„Eindringlinge" auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Ja man möchte 
sagen, ohne sie gäbe es viele Gebiete im menschlichen Leben gar nicht. Auf] 
der anderen Seite gibt es ihre Negative, Persönlichkeitstypen, die in einer 
oder mehrere dieser Tendenzen impotent sind. Wie die Arapesh sagen: 
„Es gibt Leute, deren Ohren und deren Kehle offen sind; andere, deren 
Ohren offen sind und deren Kehle zu ist; wieder andere, deren Ohren zu 
sind und deren Kehle offen ist, und dann die, bei denen beide, Ohren und 
Kehle, zu sind." 20 

Wir haben uns schwere Schematisierung zuschulden kommen lassen. Viel* 
leicht hilft sie aber, einfache kindliche Akte zu verstehen und dann die primi* 
tiven Auffassungen zu ordnen, die Kinder von ihrem eigenen Organismus 
haben, und die Erwartungsvorstellungen, die sie von Objekten entwickeln. 
In der Projektion solch einfacher Schemata sehen wir ja den Ursprung vieler 
typischer Träume und Angstinhalte, wie die, von Aussaugern und Beißern 
verschluckt und beraubt, von Gewalthabern gebunden und eingekerkert oder 
weggetrieben und verbannt, und von Eindringlingen erstochen oder ver* 
gewaltigt zu werden. 

Dieses System von Zonen und Modi liegt als organisches Modell auch der 
Erscheinung von Konfigurationen zu Grunde, wie wir sie in G's, J's und K's 
autokosmischem, mikrokosmischem und makrokosmischem Verhalten fanden. 
Die Modi, um zu wiederholen, werden an ihren körperlichen Zonen entwickelt 
und während der (sich überlagernden) Phasen der Prägenitalität generalisiert, 
welche im Großen durch die folgenden Tendenzen charakterisiert sind: E i n* 
Verleihung (orakrespiratorisch, sensorisch), retentiv*eliminative D i s k r i* 
m i n i e r u n g (muskulär, anal*urethral) und Eindringen (motorisch, phal* 
lisch*urethral). Im Verlaufe phylogenetischer und ontogenetischer Entwick* 
lung sind diese Organ*Modi ihren Ursprungszonen entfremdet worden und 
suchen neue Manifestierungen: der Organismus bietet ihnen eine begrenzte 
Verschiebungswelt von nicht gefährlichen Symptomen und Gewohnheiten 
an; die Realität läßt sich gewisse Projektionssysteme gefallen; die Gesell* 
schaft erlaubt gewissen Charakterzügen den Ausdruck in Aktion. Die Welt 
des Spiels, neben und zwischen all diesem, gibt Gelegenheit, mit prägenitalen 
Organ*Modi in außerkörperlichen Konfigurationen zu experimentieren: 

20) Vgl. Margaret Mead: Sex and Temperament in Three Primitive Societies. 
New York, William Morrow & Co., 1935, p. 27. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 491 



physiologisch ungefährdet, sozial in erlaubten Grenzen, in der Realität er-* 
folgreich und psychologisch mit Genuß. 

IV. 
Spielkonstruktionen von Collegestudenten. 21 

Das Interesse an der Psychologie des Spieles erstreckt sich auf alle seine 
Typen, von der ersten spielerischen Bewegung des Kleinkindes bis zu den 
Manifestationen des Spieldranges im reifen Erwachsenen. Merkwürdig, daß 
seine faszinierendsten Extreme, das Kinderspiel und die Produktion des 
dramatischen Künstlers, der populärwissenschaftlichen Meinung, entgegen 
dem Zeugnis der Sprache, als antithetisch gelten; dem Kinderspiel wird kein 
Sinn gutgehalten, während man sich das Künstlerspiel gern mit bewußtem 
Problemsinn beladen — in neueren Zeiten überladen — vorstellt. 

Die Harvard Psychological Clinic hat es sich im Jahr 1934 zur Auf* 
gäbe gemacht, die Entwicklung und Charakterbildung einer Gruppe von 
Collegestudenten in den jüngeren Jahrgängen zu studieren. Als der Verfasser 
sich an dieser Arbeit zu beteiligen begann, verleitete ihn sein Interesse, die 
Versuchspersonen in eine Spielsituation zu versetzen, um zu sehen, was wohl 
die durchschnittliche Einbildungskraft der späten Reifezeit damit anfangen 
würde. 

Beschreibung des Versuchs. Die Versuchspersonen (Vpn.) wiu> 
den einzeln in ein Zimmer gerufen, in dem ein Tisch mit Spielzeug stand. 
Sie wurden instruiert, daß der Beobachter, der ihnen unbekannt war, an 
möglichen Themen für kinematographische Spiele interessiert sei und sie 
bitte, mit dem vorhandenen Spielzeug auf einem zweiten Tisch eine drama* 
tische Szene zu konstruieren. Der Beobachter beantwortete dann etwaige 
Fragen (wie die häufig gestellte: „Muß ich alles Spielzeug verwenden?"). 
Dann verließ er das Zimmer für eine Viertelstunde, während der er die Ver* 
suchsperson vom Nebenzimmer aus durch einen „Einbahnspiegel" beoh* 
achtete. Diese Beobachtungsperiode, während der also sich die Vp. allein 
wähnte, wird im folgenden „Vorbereitungszeit" genannt. Nach fünfzehn 
Minuten kehrte der Beobachter in das Zimmer zurück, ließ sich die 
fertige Szene erklären und skizzierte die Konstruktion, die im folgenden „die 
dramatische Szene" genannt wird. 

21) Bericht über einen Versuch, der 1934 im Rahmen der Studien der Psychological 
Clinic an der Harvard University in Cambridge, Mass. (Leiter Dr. H e n r y A. M u r r a y), 
unternommen wurde. Dieser Bericht bildet einen Teil einer geplanten Veröffentlichung der 
Harvard Clinic, in der ihre Experimente beschrieben und die Lebensläufe aller hier ero 
wähnten Versuchspersonen dargestellt sein werden. 



7^ Erik Homburger 



Was das Spielzeug anbelangt, so waren einige Typen ****2£*!g** 
vertreten, z. B. Landleute, Tiere, Möbel, Automobile und Bauklotze Eine 
£ Größe und Stil zusammengehörende Gruppe von Puppen stehe fa£ 
meisten Versuchspersonen eine Familie dar, die im folgenden Vater Mutter, 
Sohn, Tochter und kleines Mädchen genannt wird. Es gab außerdem ein 
Dienstmädchen und einen Polizisten, übrigens war ^J****^ 
mit Absicht zusammengestellt; es repräsentierte nichts als die Auswahl, die 
im nächsten einschlägigen Geschäft vorhanden war. 

Manifeste Ergebnisse. Von den zweiundzwanzig Vpn. ignorierten 
fünf die Instruktionen und begrüßten den Beobachter bei seiner Rückkehr 
mit freundlicher Unschuld, etwa mit den Worten: Mes ist ruhig! Eme 
friedliche, harmonische Landszene." Dreizehn Vpn. stellten einen Automobil, 
3foi seine Vermeidung in den Mittelpunkt ihrer Szene, wahrend nur 
vier dramatische Szenen ohne Unfalmotiv ausdachten^ n 
diesen letzteren Fällen wurde die Anlehnung an ein kürzlich gelesenes Buch 
oder ein gesehenes Spiel spontan zugegeben.) Der Unfall betraf neunmal das 
Heine Mädchen, zweimal andere weibliche Wesen. „Nebenbei kamen 
außerdem sieben weibliche Wesen zu Schaden, indem sie starben, in Ohn, 
macht fielen, geraubt oder von Hunden gebissen wurden. Im ganzen stieß 
achtzehn weiblichen Wesen etwas zu; keinem mannlichen. 

Wir können dies die typische Phantasie der durchschnitten Vp nennen. 
(Nur in einer Konstruktion, derjenigen der männlichsten und sozial bestange, 
paßten Vp., war es ein Hund, der das Opfer eines Unfalls wurde; wahrend 
ein Auto ohne Insassen, ein roter Rennwagen, bei den beiden Vpn. ver, 
unglückte, die der manifesten Homosexualität, bezw. der akuten Psychose 
am nächsten kamen.) Unsere Analyse wird die Ausnahmen und die Regel 
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen haben. 

Deutung der Resultate. Die im folgenden wiedergegebenen Bei, 
spiele sollen Hypothesen illustrieren, die sich aus der Analyse der Resultate 
ergeben. 

So nehmen wir etwa an, daß die fünf freundlichen ausweichenden Vpn. 
unsere Instruktionen wohl gehört hatten, sich aber unfähig sahen eine dra, 
matische Szene zu konstruieren, weil ihnen zuerst, meist wohl nicht be, 
wüßt, Elemente einer traumatischen Erinnerung oder einer Deck, 
erinnerung in den Sinn kamen (welche für eine Anzahl traumatischer Kind, 
heitseindrücke stand). Diese mußten nachverdrängt werden. 

Bei den Vpn. aber, die sich des dramatischen Elements getrauten, glauben 
wir entweder in der Vorbereitungszeit oder in der dramatischen Szene ahn, 
liehe traumatische Kindheitseindrücke in der Verkleidung symbolischer 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 493 



Phantasien (wie 2. B. in der von dem Unfallstod des /deinen Mädchens) zu 
erkennen. 

Das zentrale Objekt unserer analytischen Bemühungen ist natürlich die 
Szene selber. Als assoziatives Material benützen wir, was immer die Vp. 
gerade vor oder nach der Konstruktion ihrer Szene sagte oder tat, und zwar 
in einer Weise, die sich inhaltlich und formal ihren Äußerungen während 
anderer Versuche verwandt erwies und als für sie spezifisch bezeichnet wer« 
den konnte. 22 Diese Spezifität wurde erst als Deutungsbasis genommen, 
nachdem sie in Konferenzen anderer Beobachter der Harvard Ps. Clinic 
formuliert war. 23 

1. 
M: Zeeno. 

1. Vorbereitungszeit. Zeeno nahm zuerst eines der Betten. Er setzte 
es so nahe wie möglich an den Rand des Tisches und tat das gleiche mit dem 
zweiten Bett an dem gegenüberliegenden Rand. Die Betten waren also so 
weit, als es der gegebene Raum erlaubte, voneinander entfernt (Figur 10). 
Dann baute er eine Wand, welche den Raum der Betten von einem anderen 
separierte, in dem ein Sofa stand. Der Bettenraum wurde dann durch die 
Einrichtung eines Badezimmers in zwei Räume geteilt. Eine Küche wurde 
schließlich neben den Sofaraum gesetzt, ohne von ihm getrennt zu werden. 
Das Haus wurde ohne Umgebungsmauern gelassen. 

Als erste Puppe nahm Zeeno das Dienstmädchen in die Hand. Hier be* 
gann sein Zweifel. Er setzte sie zurück. Mit den Händen fingerte er in ner* 



22) Folgende Experimente und Verfahren der Harvard Psychological Clinic sind in 
diesem Bericht benützt: 

1. „Conference" (Dr. Henry A. Murray): Beantwortung von Fragen und Ausfuhr 
rung von Tests. 

2. „Autobiography" (Dr. Henry A. Murray): Zwei Stunden schriftlicher Schilderung 
der frühen Kindheit. 

3. „Childhood Memories" (H. Scudder Mekeel): Beantwortung eines Fragebogens und 
zwei je einstündige Interviews über Erinnerungen aus Kindheit und Pubertät. 

4. „Sexual Development" (Dr. William G. Barrett): Beantwortung von Fragen über 
die sexuelle Entwicklung. 

5. „Imaginal Productivity Test" (David R. Wheeler): (a) „Beta Ink Blot fest." Ahn* 
lieh dem ersten Teil des Rorschach^Versuches, (b) „Ministers Black Veil test." Voll* 
endung einer unvollendet dargebotenen Geschichte Hawthornes, in der ein Pastor 
mit schwarzer Maske auf der Kanzel erscheint. 

23) Ich kann nicht erwarten, diese Spezifität in diesem kurzen Teilbericht über* 
zeugend darzustellen. Der skeptische Leser muß auf die geplante Veröffentlichung der 
Psychological Clinic verwiesen werden; er wird die Versuchspersonen dort unter den 
hier verwendeten Decknamen finden. 



494 



Erik Homburger 




Figur 10 

vöser Weise an seinen Genitalien, während sein Blick bekümmert im Raum 
herum wanderte, um, zum Tisch zurückkehrend, an den Autos hangen zu 
bleiben. Er ließ zwei Wagen (einen roten Rennwagen und em grünes Last, 
auto) einander in einem Winkel begegnen, in welchen er dann eme Straßen, 
ecke baute (ähnlich wie er beim Hausbau zuerst die Möbel angeordnet und 
erst dann die trennenden Wände gebaut hatte). Nun schien der Bann ge- 
brochen und die Konzentration angstfreien Spiels erlaubte ihm ohne Zogern 
zu vollenden. Weitere Wagen wurden in schnellerer Folge und weitere Leute 
mit entschiedenerer Geste an ihre Plätze gesetzt, wobei die männlichen 
von den weiblichen Puppen und die Tochter von der 
ganzen Familie getrennt gehalten wurden. 

2 Die dramatische Szene. Zeeno rief dem zurückkehrenden Be, 
obachter zu: „Nicht genug Platz in diesem Haus!" und setzte, sich des 
^wachen Arguments offenbar bewußt, hinzu: „Soll ich Ihnen sagen warum 
der Sohn und der Vater in einem Bett schlafen? Weil dieMutter doch natu» 
lieh in der Nähe der Küche sein muß. Und die Tochter schlaft im EftW 
weil das Dienstmädchen auch zur Küche gehört. Der grüne Lastwagen fahrt 
auf der Landstraße und der rote Rennwagen muß plötzlich 
bremsen Hier", er deutete ohne viel Interesse auf die linke untere Ecke 
der Szene, „ist ein Fischer. Er wird von einem Mann gestört, der mit seinen 
Hunden nach einem verlorenen Lamm sucht. 

3 Analytische Bemerkungen. Wo ist die dramatische 
Szene die die Vp. konstruieren sollte? Im Haus ist alles ruhig. 
Wände'trennen die Familie voneinander; aber es fehlen die äußeren Mauern, 
die das Haus zum Haus und zum Heim machen. Der Wunsch zu trennen do* 
miniert: Bett-Wand; Sofa-Wand; Männer hier-Frauen da; mit 
schwacher Rationalisierung. In der Straße wird ein Zusammenstoß 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 495 

gerade verhindert — ein etwas zweifelhaftes dramatisches Element. 
Auch die Szene zur Linken (ein Lamm ist verloren gegangen) deutet besten* 
falls ein dramatisches Vorkommnis in der Form eines Unfalles in der 
Vergangenheit an. Was ist es, was hier getrennt gehalten werden soll? 
Wir konsultieren Zeenos Kindheitsgeschichte. 

In seiner Biographie wird unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die 
folgende Szene gelenkt: „Zeeno schlief im selben Zimmer mit einer 
Schwester, die starb .... Sie starb um drei Uhr morgens, bevor der Arzt 
anlangte . . ." Zeeno erinnert „wie er in seinem Bett lag, ohne sich besonders 
um die Szene zu kümmern." Aber der (nicht analytische) Beobachter, dem 
Zeeno dies erzählte, setzt dazu: „er schien etwas Angst bei dieser Erzählung 
zu spüren. Er verstummte für eine Weile." 

Wir wissen von unseren Traumdeutungen, daß die affektive Beteiligung 
des Träumers an seiner Szene gern verborgen wird, indem er sich selber als. 
einen Zuschauer sieht, der sich „nicht besonders um die Sache kümmert". 
Der Kinderanalytiker kann dieser oft bewährten Deutung die häufige Er^ 
fahrung anfügen, daß Kinder ein traumatisches Ereignis, besonders den 
Tod eines geliebten Verwandten mit vollkommener, „herzloser" Ruhe akzep* 
tieren, während jedes Detail einer späteren Neurose die pathogene Bedeu* 
tung dieses historischen Moments bewies. Vielleicht leugnet Zeeno jede, 
auch die natürliche Angst im Zusammenhang mit der erwähnten Szene, weil 
er, wie wir es in unseren Fällen finden, von einem unbewußten Schuldgefühl 
gequält wird. Kinder, die auf die geschilderte „unsichtbare" Weise trauern, 
sind oft von der Idee verfolgt, daß irgend etwas Aggressives oder Sexuelles, 
das sie einmal getan oder nur gewünscht haben, den Tod der (ambivalent) 
geliebten Person verschuldete. 

Mehrere Male während der verschiedenen Interviews sprach Zeeno vom 
Tod. In der „Konferenz" gefragt, wovor er sich am meisten fürchte, anfW 
wertete er: „daß ich nicht so schrecklich lange leben werde." Von einem 
Blatt der „ink blot tests" sagte er: „Ich sehe da gleich ein Skelett und Rippen 
und auf jeder Seite sehe ich zwei Gesichter, Zwillinge, die sich anschauen 
und diese Rippen mit feierlichem Ausdruck bewachen." (Das 
letzte Detail mag sich auf die Rolle beziehen, die Zwillinge in seinem Leben 
spielten; siehe dazu die Biographie.) 

Zeeno teilte das Schlafzimmer der zweiten Schwester, nachdem die erste 
gestorben war. Wie ihm selber nicht auffiel, gab er die Zeit der Krankheit 
seiner Schwester als die Periode an, während welcher er „mit einem etwas 
älteren Mädchen" (vielleicht eine der Schwestern, wahrscheinlich eine ihrer 
Freundinnen) „mehrmals mimischen Koitus ausübte". Jedenfalls schienen 
Erfahrungen mit Mädchen und damit verbundene Bestrafungen in assozia» 



7jJ£ " Erik Homburger 



tive Verbindung mit dem Tod der Schwester geraten zu sein. Vielleicht ist 
eJdann Angst aus dieser Verbindung, die er durch die häufige Bemerkung 
Z u beschwichtigen sucht: „Es gibt eine Menge Leute älter als ich, d* 
Lieh tatsächlich um Rat in gewissen Angelegenheiten fragen. Ich denke dann 
immer, mein Rat muß recht gut sein." 

Wenn er über seine tatsächlichen sexuellen Erlebnisse spricht, wird Zeenos 
Sprache merkwürdig affektleer: J nevev mingle ^^.fjf^.YJ^ 

hlve never desired to indulge mih a virgin." Idecided I might induge 

in sexual congress." . - . „Havmg found a suitable person, Itook pari in 
coitus on variL occasions^ In der vorsichtigen Wah dieser Worte können 
wir das gleiche Bemühen sehen, Erfahrung und Affekt zu trennen das für 
Zeenos Denken und Leben charakteristisch ist und sich auch m den tor, 
malen Elementen seiner „dramatischen Szene" ausdruckt. 

Was nun die Suche nach dem verlorenen Lamm anbelangt, die Szene, die 
so unauffällig an den Rand der Konstruktion gesetzt ist und doch mehr 
Dramatisches'enthält als irgend ein anderer Teil: sie stellt wohl das Frage, 
zeichen zu dem Problem dar, was dem „Lämmchen", der k einen Schwester, 
geschah. Weitere Elemente dieser Szene würden uns dem Verständnis dieses 
Zusammenhangs näherbringen, uns aber auch tiefer, als statthaft ist, in die 
aktuellen Familienverhältnisse Zeenos führen. 

4 Allgemeines. Indem wir Elemente aus dem Leben der Vp. und 
aus"ihrer Spielkonstruktion vergleichen, drängt sich uns die wahrscheinliche 
Bedeutung eines bestimmten Erlebnisses auf. Als psychische Realität 
so nehmen wir an, diktiert das Thema der traumatischen Konstellaton dem 
autoplastischen und alloplastischen Benehmen der Vp. Inhalte und Form, 
demente, drängt also auch der Anordnung von Spielzeug auf einem Tisch 
bestimmte Konfigurationen auf. In Zeenos Fall schlagen wir die Deutung 
vor daß er in seiner Spielkonstruktion gezwungen ist, Elemente zu trennen, 
deren Verbindung deshalb Angst erweckt, weil sie „Verbindungen m seinen 
ersten Erlebnissen mit Mädchen, vor aUem also seinen Schwestern, ent* 
sprechen In der Kürze, die uns hier auferlegt ist, müssen wir davon absehen, 
das Verhältnis psychischer Themen zu historischen Ereignissen zu erörtern 
und darauf einzugehen, daß in der Formulierung eines Psychischen Themas 
die grammatikalischen Teile, Aktiv und Passiv, Subjekt und Objekt aus, 
tauschbar sind und die Zeit verschoben werden kann, ohne daß die p s y ch^ 
sehe Wahrheit des Themas dabei verlöre. Zeeno mag gefürchtet haben, 
daß er, der Verführer, „Auge um Auge" werde sterben müssen, oder daß 
er, von ihr verführt und in gemeinsame Schuld verstrickt, so wie die 
Schwester jung werde sterben müssen. Wie dem auch sei, Gegenwartsver* 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



497 



halten, Zukunftserwartung und Erinnerungsauslese tragen den gleichen 
Stempel. 

Weitere oder andere Deutungen mögen sich dem Leser beim näheren Stu* 
dium der Biographie Zeenos ergeben. Der Schluß, der uns hier interessiert, 
ist, daß Zeeno keine dramatische Situation konstruieren konnte, 
uns aber „am Rand" zu erkennen gab, welche traumatische Situation 
nach Reproduktion drängte. Unsere autoritative Erlaubnis „zu spielen" öffc 
nete ein Ventil, das schnell wieder geschlossen wurde. 

N: Berry. 

1. Vorbereitungszeit. Berry konstruierte ohne Zögern Figur IIa. 
Dann aber änderte er die Hausform (Figur 11 b). Auch er nimmt zuerst das 




Figur 11 



Imago XXI1I/4 



32 



498 



Erik Homburger 



Dienstmädchen, betrachtet sie und leg, sie fite ei« » £**,"* 
i a; Hälfte der Gruppe tat. Dann konstruierte er die ^zene. varer ui ^ 
Irt fmden SoL und Dienstmädchen in der Küche. Aber die Szene be, 
£SÄ Er baut ein drittes Haus (Figur 11 c), ohne Türen, in we ehern 
S Küche vom Wohnzimmer, Sohn und ^^^J^Jj^l 
Mutter getrennt sind. Die letzten werden zudem vom Boden eines zweiten 
Stockwerkes (Badezimmer) eingeschlossen. 

2 Die dramatische Szene. Berry erklärt die Szene in ^^person. 
licher Weise. „Der Hausbesitzer und seine Frau; ein Besuch^ > der ■*** 
Hinter dem Haus sitzt „ein Familienmitglied ; auf der ^™1™™1 
zist den Verkehr auf, damit das kleine Madchen ohne Schaden 
die Straße überqueren kann. 

3 Wieder vermissen wir eine „dramatische Szene". Wir finden eine solche 
bestenfalls in der Vermeidung von „Entdeckung" und „Unfall angedeutet. 

Unter den Erinnerungen der Vp. finden wir die folgende: Er ist sechs 
JaL ah. Im Garten hinter dem Haus ißt er Zwiebeln «£j^ 
Mädchen Er küßt sie. Eines Tages kommt sie nicht mehr ihre Mutter er, 
SfTs nicht. „Bin ich daran schuld?" fragt er seine Mut* ^g. £ 
rw^fle ich" ist die Antwort. In diesem Augenblick, so berichtet er, 
I ftet,'ia S Zweifel war. Diese Feststellung rechtfertigt es w<M 
daß wir dieser Deckerinnerung eines Menschen mit Zwangscharakter Bedeu* 
In, beü gen In seiner späteren Kindheit war es besonders eine immer 
SSÄSe Szene, die' den Zweifel an Rechl ^ * *-**«" 
neuerte: Wenn er mit der Schwester stritt, intervenierten die Eltern meist zu 

ihren Gunsten. ' vi * • 1 

Entdeckung, Intervention, Bestrafung erscheinen auch im übrigen Material 
in entecheTdender Weise. Da ist zum Beispiel die Lösung der Frage, warum 
H atttornes Vikar eine schwarze Maske trägt. Er hat seinen Bruder mit 
eh^Frau ertappt, ist Berrys Antwort. Der Vikar verhüllt also sein Gesicht 
weü er etwas gesehen hat. In der Autobiographie finden wir die ■ 

FesMeuung T,Von meinem zehnten bis zu meinem fünfzehnten Jahr war 
fcl n S auf sexuelle Fragen ganz besonders neugierig und las eine große 
Z^lmedizinischer Bücher." Berry leidet jetzt unter einer neurotischen 
LeseTchiierigkeit, deren Geschichte in jene Zeit zurückgeht Zuert 
Mute er steh im Spiel mit Mädchen gehemmt, mußte dann vermeiden, *e 
^besonders seine" Schwester zu berühren. Erst dann .^^ 
mung auf die Tätigkeit des Lesens aus, an welcher seine Neugier eme ^Zu- 
flucht gefunden hatte. Büder der Vergangenheit ^ ^/Ät 
und den Lesestoff und quälen ihn durch ihre Unpersonhchkeit, ihre Affekt. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 499 






leere: eine subjektive Darstellung jener Trennung von Affekt und Erfahr 
rung, die wir in Zeeno fanden. 

Die erste Hausform erinnert an den schematischen Durchschnitt eines 
(weiblichen) Beckens. Hier hat er offenbar unbewußt zu bauen gesucht, 
was er im „Ink Blot Test" perzipiert: „Durchschnitte durch den weiblichen 
Korper, wie man sie in medizinischen Büchern findet." Andere „Blots" er* 
innern ihn an Embryos und Mißgeburten, wieder andere an Geschwüre und 
verweste Tiere. So stellt also das Haus zuerst den Körper dar, den man) 
sehen und untersuchen möchte. Dann wird ein Haus daraus, welches den 
Korper enthält, den man kennen möchte: Dienstmädchen, Entdeckung Aber 
Berry weiß, daß dem Versuch, ins Geheimnis zu dringen, die strafende 
Trennung folgt; deshalb scheint es besser, mit der freiwilligen Isolierung 
aller gefahrlichen Elemente der Entdeckung und Bestrafung zuvorzukommen. 
So sehen wir in der Spielkonstruktion die Eltern eingeschlossen und un* 
fähig zu sehen, was der Sohn tut. (Aber er kann auch nicht sehen, was sie 
tun ) Diese allgemeine Vermeidungstendenz hat dann wieder, wie bei Zeeno 
und anderen Vpn., ihr Gegenstück auf der Straße: der Verkehr muß halten, 
um das kleine Mädchen passieren zu lassen. Ein traumatischer Ausgang ist 
vermieden und damit eine dramatische Szene unmöglich geworden. 

Einsam und außerhalb des Zusammenhangs sitzt ein „Mitglied der Fa* 
mibe" hinter dem Haus; eine Rand*Szene, ähnlich Zeenos Lammsuche. Ist 
sie „das Mädchen im Garten hinter dem Haus", dessen Verschwinden 
Schuld bedeutete? Jedenfalls finden wir, wo immer wir glauben, unausge* 
löschte Sorge um eine verschwundene Person zu entdecken, diese Person 
durch eine Puppe dargestellt, die ihren Platz außerhalb eines türlosen Hauses 
und immer zur Rechten der Vp. hat. In einem Fall, bei dem „braven Buben" 
der Gruppe, war ein Heiner Junge (als toter Cousin und Rivale deutbar) auf 
einen leeren Tisch in die Ecke des Zimmers verbannt, wo er „in Sicherheit 
dahinzog". Es ist schwer, diese Tatsache nicht mit der Sitte Primitiver zu 
vergleichen, die besondere Löcher in ihre Häuser stoßen, durch die sie die 
Toten schieben. Die Löcher werden dann vermauert; man ist vor dem Toten 
sicher. Weder Zeenos noch Berrys Häuser hatten Türen. Wir finden solche 
Häuser in den Konstruktionen aller Vpn. (übrigens auch bei Kindern), in 
deren unbewußtem Denken Tod und Geburt in der räumlichen Idee von 
dem dunklen Claustrum, aus dem wir kommen und in das wir gehen, asso* 
ziiert sind. Für die phallisch*sadistische Organisationsstufe der Libido ist 
diese Assoziation typisch; sie scheint einen dauernden Einfluß auf das unbe* 
wußte Denken der Individuen zu haben, denen auf dieser Stufe bestimmte 
Erlebnisse zustoßen. 
Hier ist der Ort für eine weitere Vermutung. Insofern Berrys erste Haus* 



M» 






form den weiblichen Körper darstellte, dessen Inneres der Knabe kennen 
wollte, war sie vielleicht mit einer Vorstellung verknüpft, deren Bedeutung 
für Berrys Leben, Denken und Neurose aus verschiedenen Anzeichen her* 
vorgeht: Er hatte in seiner Kindheit gehört, daß seine Mutter vor ihm ein 
Mädchen geboren hatte, das tot war. 

O : A s p e r. 

Wegen der extremen Betonung des Motivs der Isolierung hat die folgende 
„dramatische Szene" (konstruiert von der der Psychose am nächsten stehen* 
den Vp.) besonderes klinisches Interesse. 

1. und 2. Vorbereitung und Szene. Asper stellt sechs Landleute 
in militärischer Formation auf und hält an. Wie am ganzen Körper gelähmt, 
starrt er sie mehrere Minuten lang mit unglücklichen Augen an. Dann wendet 
er seine Aufmerksamkeit auch den Wagen zu. Ein Polizist wird in das grüne 
Lastauto gestellt. Ein Mann mit einem Hund geht auf ihn zu. Hier hält 
Asper wieder an, scheint mehrere Minuten lang wie bewegungslos, als ob 
eine einzige Bewegung eine Katastrophe verursachen würde. Plötzlich packt 
er den roten Renner und läßt ihn mit Wucht gegen einen Bauklotz fahren 
und umstürzen. Dies wirkt, als ob ein magisches Wort gesprochen worden 
wäre: Asper wird beweglich und beendet seine Szene. Das kleine Mädchen 
wird mit Tieren umgeben, der Polizist mit Landleuten, und Mann und Hund 
werden herumgedreht, so daß sie „das Feld verlassen" (Figur 12). 

3. Bemerkungen. Asper sagt dem Beobachter bei seinem Eintreten: 
„Die Einbildung hat nicht genug Stoff. Hier ist alles symbolisch." Auf das 
kleine Mädchen zeigend: „Sie weiß nicht, um was es sich handelt. (Die Tiere 
sind ihre Lieblinge.)" Über den grünen Lastwagen: „Ein Armeelastwagen. 
(Man könnte diese Leute auch in den Wagen stellen.)" Er tut das 1 . Der 
Mann mit dem Hund: „Er ist immun gegen uns alle, er lebt in den Wäldern, 
er ist draußen, er ist unberührbar." 

Asper, der geistigen Disintegrierung nahe (er macht an anderer Stelle die 
Bemerkung: „Sogar das Wort .sinnlos' verliert nach einiger Zeit seinen 
Sinn"), war der einzige unter den Vpn., der das Symbolische an der Spiek 
handlung fühlte und zugleich — ein bedeutsames Paradoxon — die Ge* 
fahren des Spiels als wirkliche erlebte. Selber näher an einer Katastrophe als! 
irgend eine der anderen Vpn., wagte er kaum, sich zu rühren. Eine strenge 
Organisation von Puppen mußte eingehalten werden, die sich enger und 
enger um Polizist und kleines Mädchen schloß. Er fühlte sich erst freier,, 
nachdem der rote Renner (das phallische Prinzip) außer Gefecht gesetzt 
war; der Mann mit dem Hund verläßt die Szene, „unberührbar". 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



501 








Figur 12 



M 



Manches könnte über das Psychose^Nahe an dieser Szene gesagt werden: 
die Gefahr des symbolischen Ausdrucks im infantilen Material wird so ge* 
fürchtet, daß der Plan für eine Szene in einer ängstlich bedachten räumlichen 
Anordnung stecken bleibt, deren Funktion es ist, alles „recht in der Zeit, 
recht im Raum, nicht zu früh, nicht zu spät, gerade recht" zu machen, wie 
ein anderer Psychotiker 8 * seine eigene Konstruktion charakterisierte. 

Wenn unter 40 normalen, neurotischen und psychotischen Erwachsenen 
und Kindern, die dramatische Szenen konstruierten, nur eine Vp., nämlich 
ein Insasse des genannten Spitals, auf die Idee kam, gegen die Zumutung 
dieses Versuchs als „kindisch" zu protestieren, so muß der Grund wohl 
die Notwendigkeit sein, die letzten psychischen Barrieren gegen das Chaos 
der Infantilität aufrecht zu erhalten. Auch er hatte die typische Idee, eine 
Unfallszene zu konstruieren; er sagte so, tat es aber nicht. Statt dessen stellte 
er Möbel, Leute, Wagen und Tiere in langen Reihen auf. Einen Augenblick 
dachte er daran, das kleine Mädchen in ein Bett zu legen, lächelte aber nach* 

24) Im State Hospital in Worcester, Mass. 



denklich und geheimnisvoll und arrangierte lieber noch eine lange Reihe von 
Spielzeug. Hier erinnerte ihn der Beobachter, daß er doch eine Unfallszene 
habe konstruieren wollen. „Ja, ja, ja", sagte er ärgerlich, „ein Kind würde 
das tun, wenn es wollte." Er warf ein paar Wagen wütend herum, wie zur 
Illustration dessen, was ein Kind tun würde. Nun aber begann er Blöcke 
zusammenzustellen, immer zwei und zwei, und sagte dabei: „Manche Leute 
vergessen ihre Kindheit, andere kehren zu ihr zurück." Aus den Blöcken 
wurde ein solider Block gebildet. „Das könnte jetzt der Grundstein 
einesHausessein — oder vielleicht eines Docks. Und dies hier" (zwei 
längliche Blöcke im rechten Winkel zueinander) „ist ein Wellenbrecher, 
Der soll Wellen herumdrehen." Nach einem Augenblick sinnenden Schwel* 
gens begann die Vp. den Wellenbrecher herumzudrehen, als ob 
er hilflos gegen die Wellen sei, und sagte sehr langsam: „Glauben Sie — 
eine Welle — kann rückwärts — fließen?" 



„Vermeide, daß den Mädchen etwas geschieht, und vermeide am besten, 
daß überhaupt etwas geschieht", schien der Grundsatz der kleinen Gruppe 
Vorsichtiger zu sein, die hier durch Zeeno und Berry — Darsteller der isolier 
renden Vorbeugungstechnik des Zwangscharakters — vertreten sind. „Laß 
etwas geschehen, aber laß es dem Mädchen zustoßen", ist das Programm 
der Majorität, über deren Repräsentanten wir jetzt zu berichten haben. 

P: Oriol. 

1. Vorbereitungszeit. Nach Empfang seiner Instruktion macht Oriol 
eine scherzhafte Geste. Er nimmt die Spiel*Toiletteschüssel zwischen 
Daumen* und Zeigefinger und lächelt den Beobachter zynisch an. Allem 
gelassen, wird er recht ernst und überlegt. Er nimmt das kleine Mädchen 
und stellt es wieder zurück; desgleichen das Dienstmädchen und den Kinder* 
wagen. Nun folgen Zeichen aufgeregter Unzufriedenheit. Plötzlich beginnt 
er mit ausholender Geste das Spielzeug in drei Gruppen aufzuhäufen: Leute, 
Wagen, Bauklötze. Er zeigt dann eine Art erregter Befriedigung darin, ein* 
zelne Gegenstände aus den Haufen herauszunehmen und seine Szene damit 
zu konstruieren. . 

Den Mittelpunkt seiner Konstruktion bildet ein Polizist, der auf einem 
Block steht, während vier Wagen aus vier Richtungen zuerst direkt auf ihn 
losfahren. Dabei sind die Wagen zu nah, um auszuweichen, so daß eine 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



503 



solche Szene in Wirklichkeit nur einen selbstmörderischen Angriff auf die 
Staatsautontät darstellen könnte. Tatsächlich bezog sich dann Oriols erste 
Bemerkung beim Wiedereintreten des Beobachters auf Rebellion, obwohl er 
inzwischen den Wagen andere Richtungen gegeben hatte (Figur 13). 




Figur 13 

(Vgl. die photographinche Reproduktion dieser Szene nach Seite 512) 

2. Die dramatische Szene. „Dieser Platz ist wie die Place de la 
Concorde wo kürzlich die Straßenkämpfe waren. Der Polizist steht auf 
seiner Insel, hoher als die anderen Leute.** Das kleine Mädchen ist übe» 
fahren worden. Ihre Nurse schwatzte mit einer alten Freundin ihrer Mutter 
Zufällig fuhren gerade die Eltern vorbei und sehen, wie ihr Kind stirbt" 

Nach dieser Erklärung kehrt Oriol lachend zu seinem Scherz zurück und 
sagt, auf die SpiekToilette deutend: „Manche Leute benützen wahrschein- 
lich das da, um ihre Ideen auszudrücken. Ich bin noch nicht so tief *» 
sunken. (6 

3 Bemerkungen. Obwohl Oriol sich zweimal spontan über die Spiel* 
loderte lustig macht, versichert er uns ebenso spontan, daß er dies Medium 
nicht, wie gewisse Leute, zur Darstellung seiner Ideen brauche. Diese Tafo 
sache zusammen mit der auffallenden Befriedigung beim Aufhäufen der 
Spielsachen erweckt den Verdacht, daß die folgende peinliche Erinnerung 
Oriols noch starke psychische Realität besitzt. Im Alter von acht Jahren 
gewiß ein vorgeschrittenes Alter fü r einen solchen Durchbruch, wurde Oriol 

a5) Vielleicht führt die Assoziation in die Nähe Napoleons (Place Vendome). 



504 Erik Homburger 



beim Kotschmieren ertappt. Zu seiner Beschämung wird in seiner Familie 
gelegentlich noch von diesem Ereignis gesprochen; es wird mehr oder weniger 
scherzhaft als Argument zu der verwunderten Frage benützt, wie er es wohl 
je bis zum Collegestudenten gebracht habe. 

Neben dem Thema der a 1 1 g e m e i n e n R e v o 1 1 e und den Andeutungen, 
die auf die anale Revolte in der Kindheit weisen, sehen wir in räum* 
liehen Konfigurationen dieser Szene widerstreitende Tendenzen ausgedrückt, 
die wohl eins der psychobiologischen Lebensprobleme Oriols darstellen: 
Zurückhalten oder Ausstoßen? Erst hat der Platz nur einen Ausgang, dann 
v £ er _ un d Oriol versichert, daß viele Straßen in ihn münden. 

Niemand, der Oriol gehört hat, kann übersehen, wie oft seine Redeweise 
sich zu einem Strom intellektueller Herausforderung entwickelt, der einer 
oralen Revolte gleichkommt. Er soll sehr spät reden gelernt haben. 
Nun spielt er mit der Idee, von zu Hause wegzulaufen, hat aber beschlossen, 
das zuerst intellektuell zu tun. Er kann sich in der Gegenwart seines Vaters 
schweigend verhalten, bleibt aber dabei sein eigener intellektueller Herr und 
sagt, es dann jedem Fremden, der es (oder der es nicht) hören möchte. Dabei 
drücken seine Konfessionen den ernsten Wunsch aus, erniedrigende Erinne* 
rungen durch zukünftige Größe, unreine Tendenzen durch die Produktion 
von Schönheit zu bewältigen. „Wenn ich die Welt neu machen konnte, 
möchte ich der größte Schriftsteller sein." „Aber ich habe Angst zu leben 
und Angst zu sterben." In der Erwartung, beschämt zu werden, wo immer 
er seine chaotischen psychischen Tendenzen zum Ausdruck bringt, bleibt 
ihm nur übrig, masochistische Befriedigung als Ideal der Erfüllung zu 
akzeptieren. „Ich möchte mich bloßstellen und leiden." Wäre es nicht durch 
andere Details der Konstruktion nahegelegt, müßte man an dieser Stelle den 
Verdacht schöpfen, daß das kleine Mädchen manchmal die Vp. selber dar* 
stellt: er macht die Eltern zu Zeugen seines Unfalls. 

Wir sehen: wenn Oriol über seine Szene sagt: „Ich bin nicht so weit 
heruntergekommen, die SpiekToilette zum Ausdruck meiner Ideen zu ver* 
wenden", so hat er insofern recht, als im Inhalt der Szene der Unfall (Tod 
des Kindes) der zuerst geplanten Revolte (Tod des Polizisten) vorgezogen 
wird — nachdem die anale Revolte der Vergangenheit wohl durch unsere 
autoritative Suggestion „zu spielen" nahegelegt worden war. Aber dieser 
innere und auch in Worte gefaßte Widerstand kann nicht verhindern, daß 
sich das Verleugnete in den Konfigurationen seines Spieles durchsetzt: das 
Anhäufen von Spielzeug, der Platz mit den vielen Ausgängen, der an eine 

Revolte erinnert. 

4. Zweite dramatische Szene. Oriol ist eine der wenigen Vpn., die 
ein Jahr nach der ersten Konstruktion um eine zweite gebeten werden 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



505 



konnten. Um solche Repetitionen richtig zu werten, muß man wieder? 
holen, daß die erste Konstruktion 20 Minuten in Anspruch genommen hatte, 
von den Vpn. nicht als sinnvoll erkannt wurde und daß niemand mit ihm 
darüber sprach. 36 Wieder häuft Oriol das Spielzeug auf, bevor er beginnt. 
Wieder baut er einen Platz, der zuerst rund ist und einen Ausgang hat, der 
„zum Wasser führt". Ein Lastwagen, der vom Wasser kommt, fährt wieder 
direkt auf einen Polizisten zu. Aber ein Hund steht im Weg. „Der Hund 
wird nicht überfahren werden", entscheidet unser Rebell (eine Tatsache, die 
wir erinnern sollten, wenn wir bei der Erörterung der nächsten Szene, der 
eines frommen und wohlerzogenen Menschen, einen Hund überfahren fin? 
den). Indem Oriol dann wieder die Platzform ändert, wird jede Form auf* 
gegeben, Blöcke und Möbelstücke werden formlos aufeinandergehäuft. Das 
Denkmal eines Revolutionärs, eines kommunistischen Arbeiters, behauptet 
schließlich das Zentrum. 

Unabhängig von dieser thematischen Wiederholung wird ein anderer 
Teil des Tisches zum Schauplatz einer häuslichen Szene: „Ein kleines 
Mädchen steht vor einem Spiegel und bewundert sich trotzig. 
Sie ist rebellisch, sie mag Leute nicht. Später wird sie zum Dienstmädchen 
gehen, die wenigstens nicht zu ihr sagen kann: ,Halt den Mund'." Der 
kommunistische Orator auf dem Denkmal, das sich auflehnende kleine 
Mädchen, welches reden und sich selbst bewundern möchte — so sehen wir 
in der zweiten Konstruktion die narzißtische Revolte, die Oriols Leben be? 
herrscht (aber in der ersten Konstruktion geleugnet war), als sieghaft dar? 
gestellt. 

Während Oriol dem Beobachter seine Erklärungen gibt, hat er den roten 
Rennwagen in der Hand. Als er fertig ist, stellt er ihn auf den Tisch und 
bemerkt: „Das da hat keine Bedeutung." Dann, beim Hinausgehen: „Ich 
habe das Badezimmer leergelassen, ich hätte mich ja geschämt ..." So 
rundet er die Wiederholung seiner ersten Konstruktion ab. Wir haben ge? 
sehen, daß die Negationen, mit denen er nach beiden Konstruktionen die 
anale Revolte desavouiert, eine doppelte Affirmation waren. Wahrscheinlich 
können wir das gleiche für die behauptete Unwichtigkeit des roten Renn? 
Wagens vermuten. 

5. Bemerkungen. Oriols Szenen zeigen in einer fast tragikomischen 
Weise die Verwirrung, die sich von Kindheitseindrücken auf die Pubertäts? 
jähre ausdehnen kann. Nur mit schwachen Negationen distanziert er sich 
von den beschämenden Ereignissen der Kinder jähre; wahrscheinlich müssen 

26) Die Vpn. waren ohne Auslese von einem Studenten*Arbeitsnachweis geschickt 
und mußten sich verpflichten, über die Versuche weder miteinander noch mit Außen* 
stehenden zu sprechen. 



506 Erik Homburger 

wir annehmen, daß in diesen Szenen der Wunsch, sich bloßzustellen, am 
Werk war. 

Als Kind sprach Oriol nicht, als man es von ihm erwartete. Er beschmutzte 
sich noch, als man seiner in dieser Beziehung sicher sein durfte. Diese all» 
gemeine Eigenwilligkeit (die vielleicht auf einen konstitutionellen oder sehr 
frühen traumatischen Faktor zurückgeht) durchdringt alles, was Oriol sagt 
und tut, mit typischer prägenitaler Ambivalenz. Nicht unabhängig genug, 
um ohne liebevollen Schutz auszukommen, ist er doch unfähig, Liebe an* 
zunehmen und zu erwidern, weil das in der Kindheit die bedingungslose 
Auslieferung der Jurisdiktion über Teile seines Körpers notwendig gemacht 
hätte und jetzt die endliche Sozialisierung jener Verhaltensweisen bedeuten 
würde, die eben von den betreffenden Körperfunktionen abstammen. Oriol 
schmutzt jetzt nicht mehr, da er ja weder Kind noch Psychotiker ist; aber 
Elimination und Retention in ihren charakterologischen und geistigen An* 
Wendungen sind sein Problem. 

Was Oriol uns hier auf seine chaotische Weise und in bezug auf orale 
und anaksadistische Charakteristik vorführt, ist nur quantitativ verschieden 
von dem allgemeinen Problem, das uns diese ganze Gruppe von jungen 
Leuten am Ende der Pubertät zeigt: Hat ihre Genitalität sich von der regres* 
siven Assoziation mit Stadien der Kindheit freigemacht? Wir wissen, daß 
mangelhafte genitale Konsolidierung einen ständigen Verteidigungszustand 
gegen den Guerillakrieg infantiler Tendenzen nötig macht, welche sich immer 
noch gegen Verbote auflehnen, die inzwischen sinnlos geworden sind, immer 
noch Paradiese anstreben, die der Intellekt als nicht existierend erkannt 
hat, und welche das Individuum zwingen, immer nur entweder unterjochen 
oder sich unterwerfen zu wollen, wo es lieben sollte und möchte. 

Wir müssen erwarten, in der Beobachtung dieser Individuen, die ja schließ, 
lieh keine Patienten sind, zu starker klinischer Neigungen beschuldigt zu 
werden. Es mag deshalb am Platze sein, hier die Konstruktion Mauves folgen 
zu lassen, der vielleicht das psychisch bestkonsolidierte Mitglied der Gruppe 
war. Seine Szene zeigt uns einen typischen Versuch, die Ambivalenz gegen 
das andere Geschlecht zu bewältigen, die auch den bestorganisierten jungen 
Mann in unserer Gesellschaft bedroht. Zwischen Oriol undMauve liegt das 
Problem der ganzen Gruppe: Wie soll man es anfangen, sich einer Gesell* 
schaft anzupassen, die mit allen moralischen und ökonomischen Mitteln die 
ungebrochene psychosexuelle Reifung entmutigt, ohne seine genitale Masku* 
linität zu opfern; wie, sich zu entwickeln, ohne zu rebellieren; wie, zu warten, 
ohne zu regredieren; wie, zu lieben, ohne aus Furcht oder Haß zu mißtrauen; 
mit einem Wort: wie die Ambivalenz bewältigen, die das Gegenstück 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



507 



zum Gehorsam ist? Dies ist das moralische Problem der Reifezeit; vew 
schiedene Kulturen begegnen ihm auf verschiedenen Wegen. 

Q: Mauve. 

1. Vorher ei tu ngs zeit. Mauve nahm seine Jacke ab und begann das 
Spielzeug wie ein selbstbewußter Organisator ohne Zögern aufzustellen — 
zufrieden mit jedem Zug und offenbar durchaus bereit, der Wissenschaft 
einen Dienst zu leisten. Eine gewisse Erregung bemächtigte sich seiner dann; 
man sah, wie er von seinen Ideen gefangen wurde. 




Figur 14 

2. Die dramatische Szene. (Figur 14) Mauve erklärt: „Der grüne 
Lastwagen hat den Hund überfahren — den Hund des kleinen Mädchens. 
Der Wagen dahinter stößt an ihn an, ein zweiter überschlägt sich, ein dritter 
versucht noch auszuweichen. Das Dienstmädchen in der Küche fällt in Ohn* 
macht. Auch sie hat einen kleinen Hund, deswegen regt sie sich so auf. Im 
Wohnzimmer liegt eine kranke junge Dame, erstes Stadium einer Lungen* 
entzündung. Etwas sehr Gefühlvolles in dieser Szene. Ihr Bräutigam und 
ein Doktor schauen auf sin nieder. Die Mutter fühlt sich nicht wohl, sie ist 
zu Bett gegangen." 

3. Bemerkungen. Dies ist die einzige Szene, in der nicht ein weib* 
liches Wesen, sondern ein Hund überfahren wird. Es muß uns deshalb 






508 Eri k Homburger 



interessieren, Mauve in anderen Interviews sagen zu hören: „Frauen sind 
treu sie sind Hunde. Sie sind durch viele Jahrhunderte Hunde gewesen. In 
seinem Lebensbild und in seiner Selbstauffassung trennt er strenge zwischen 
dem Tier in uns" und sich selber. „Meine Lebensstandards sind hoch und 
ich werde sie hoch halten." Mädchen, Triebe gehören zu einer anderen, tieri* 
sehen Welt, die von der klaren Welt der Werte des jungen Mannes scharf 
getrennt ist. 

Andererseits stammen seine Wertmaßstäbe aber vom Einfluß der Mutter 
und anderer Frauen. Jahre jünger als der Vater, steht die Mutter meinem 
besonders engen Verhältnis zum Sohn, welcher davon in der klarsten Ödipus* 
Phantasie 2 ' Rechenschaft gibt, die von der Gruppe produziert wurde. 
Folgsam im Extrem, gab es eine Zeit, wo er fast „sein Leben der Vermeidung 
des Trinkens, Rauchens und Fluchens widmete". Und doch scheinen gewisse 
Umstände ihn tief in eine ambivalente Einstellung zum weiblichen Geschlecht 
zu drängen. 

Seine Mutter leidet unter einer periodischen Krankheit, die sie zeitweise 
invalid macht. Er pflegt sie in der rührendsten Weise, beklagt sich aber 
gelegentlich darüber, daß die kränkliche Mutter den energischen Knaben zu 
viel zu Hause gehalten habe. Vielleicht können wir schon auf dieser Ebene 
in dem „Hund, der auf die Straße rennt" die symbolische Rebellion des 
Sohnes gegen eine physisch geschwächte Autorität erkennen und verstehen, 
daß es sein Trieb („das Tier in uns") ist, der im Urifall bestraft wird. An* 
dererseits repräsentiert der Hund, wie wir gesehen haben, jene Gruppe von 
Menschen, denen in unseren Konstruktionen fortwährend etwas zuzustoßen 
droht, nämlich weibliche Wesen. 

Wenn wir die für Frauen so katastrophale dramatische Szene Mauves zu* 
erst seinen Bemerkungen und dann der Geschichte seiner von Frauen ge* 
leiteten Erziehung gegenüberstellen, sehen wir in besonderer Klarheit jene 
mehr oder weniger bewußte dualistische Einstellung zu Frauen, die für unsere 
Zivilisation typisch ist. Der Mann identifiziert Frauen mit den Wünschen, 
die sie erwecken. Hat man ihn gelehrt, seine „niedrigen" Triebe und ihre prä* 
genitalen Komponenten zu verachten, so lernt er leicht, Frauen, als die Ob* 
jekte dieser Wünsche, niedrig einzuschätzen. Frauen sind aber auch Wesen, 
die man von früh achten und mit den idealistischen Inhalten strengen Ge* 
wissens zu identifizieren gelernt hat. „Engel" oder „Hündinnen" — Frauen 
erwecken unbehaglich ambivalente Gefühle, die leicht die Perspektive des 
Geschlechtslebens verderben. Dies hilft einem nicht ungewöhnlichen Typ 

27) An anderer Stelle in der Veröffentlichung der Harvard Psychological Clinic wird 
darüber berichtet werden. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



509 



recht gut angepaßter junger Männer, zu denen auch Mauve gehört, Zeit, 
Energie und Gedanken einer Werte* Welt zuzuwenden, die „nichts mit 
Frauen zu tun" hat; es ist charakteristisch für diesen Typ, daß er zur Erledig 
gung seiner bewußten und potenten genitalen Wünsche „nach Paris" geht, wie 
Mauve ankündigt. Dort sind Frauen dann weder Engel noch Hunde — sie 
sind Französinnen. Das Mädchen außerhalb der eigenen Rasse und Klasse 
(in manchen unserer Konstruktionen nimmt das Dienstmädchen deutlich 
diesen Platz ein) wird leichter zum Objekt bewußter Phantasien. 

4. Im Anschluß an diese Ausnahme, den Unfall des Hundes, fragen wir 
uns, was nun eigentlich das kleine Mädchen darstellt, 
dem unsere jungen Leute so viel schadenbringende Aufmerksamkeit 
schenken. Es ist schwer, dem Leser einen Eindruck von der unheimlichen 
Regelmäßigkeit zu geben, mit der diese jungen Männer, ob gesund, 
neurotisch oder psychotisch, das kleine Mädchen examinierten und sie, 
mit der Ernsthaftigkeit ritueller Pflichterfüllung, unter den grünen Last* 
wagen legten oder dem Schutz des Polizisten unterstellten. Wer dies nicht in 
der endgültigen Form seiner Szene tat, zeigte doch das Auftauchen des Ein« 
falls während der Vorbereitungszeit. Es muß eine ganze Anzahl Probleme 
sein, die von dem kleinen Mädchen geweckt werden, und der Schnittpunkt 
aller dieser Probleme muß durch den Unfall symbolisiert sein, der ihm zu* 
stößt. 

Folgende Erörterungen ergeben sich aus dem Gesamtmaterial, das ja hier 
nur durch Beispiele vertreten ist: 

a) Das kleine Mädchen könnte regelmäßig ein bestimmtes kleines Mädchen 
(z. B. die Schwester) der individuellen Vergangenheit der Vp. sein. Das Ein* 
förmig*Typische in seiner Behandlung weist jedoch über das Individuell* 
Historische hinaus. 

b) Das kleine Mädchen ist die Jüngste der Puppen, mag also „das Kind" 
repräsentieren, das ja wirklich im Straßenverkehr am meisten gefährdet, daher 
am meisten umsorgt ist. Können wir annehmen, daß bei der Fülle von drama* 
tischem Stoff, der ihnen täglich im Leben und in der Literatur, in den Zei* 
tungen und im Kino dargeboten wird, der Autounfall eines Kindes eine so 
zentrale Rolle spielt, daß er zur dramatischenSzeneparexellence 
im Geist von zwanzig Studenten wird? Ist die Antwort bejahend, so verlieren 
doch unsere psychoanalytischen Erörterungen nicht an grundsätzlicher Be* 
deutung, da sie die Assoziation dieser Gefahr im Zusammenhang all dessen, 
„was Kindern zustößt", zeigen. 

c) Die Bedeutung mag nicht auf „klein", sondern auf „Mädchen" liegen. 
Bekannten infantilen Theorien gemäß werden Mädchen nicht als Mädchen 
geboren, sondern während ihrer frühen Kindheit dazu gemacht, was nur mit 



510 Erik Homburger 



Gewaltanwendung (Schnitt) vorstellbar ist. Der Unfall mag dann das sym* 
bolisieren, „was kleinen Mädchen angetan wird". 

d) Da aber nicht allein das kleine Mädchen, sondern auch andere weib* 
liehe Wesen (und nur solche) die Opfer von Unfällen werden, mag das Kind 
ein pars pro toto darstellen, also die weibliche Welt überhaupt; in welchem 
Fall das Kind zum Repräsentanten gewählt sein mag, weil es die am wenigsten 
bewußten aggressiven Phantasien hervorruft, also die Unbewußtheit der 
Symbolik des begangenen Gewaltakts zu wahren hilft. 

e) Das kleine Mädchen ist vielleicht ein totum pro parte. Freud bemerkt 
in der „Traumdeutung" (Ges. Sehr., Bd. III, S. 73): „Auch Kinder bedeuten 
im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen ge* 
wohnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr „Kleines" zu bezeichnen . • . 

9 Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig 
Traumdarstellungeh der Onanie." 

Wir haben von unserem ersten Erklärungsversuch bis zu dieser Deutung 
einen großen Schritt getan; aber ich fürchte, der Leser wird diesen Schritt ver* 
suchsweise mit uns machen — oder die ganze Frage offen lassen müssen. 

Die psychoanalytische Methode liebt es, auf assoziatives Material zu 
warten, bevor sie ein psychisches Produkt deutet; aber sie hat einige wenige 
Symbole, deren uniforme Übersetzung sich in erschöpfenden Studien als not* 
wendig und gerechtfertigt erwiesen hat, als feststehend akzeptiert. Zwei 
dieser Symbole werden von Freud in einem Zusatz zu seiner „Traum* 
deutung" zusammengefaßt: „Das Kleine ist das Genitale — das Überfahren* 
werden ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres" (1. c., Bd. III, S. 78). 

Die Traumdeutung schlägt also vor, was in der Szene mit dem Kind ge<* 
schieht, entspreche im Unbewußten der Vp. Sexualakten, bei denen den 
Sexualorganen etwas zustößt. So befremdlich dies klingen mag, schon das 
befremdende Benehmen der Vpn. müßte uns verhindern, diese Deutung 
a priori abzuweisen. 

f) Wir können es am Ende nicht vermeiden, auf eine soziologische Tat* 
sache, nämlich das aktuelle Sexualleben dieser doch biologisch reifen Ver<* 
suchspersonen zu verweisen. Ihr Sexualleben ist hauptsächlich autoerotisch 
oder besteht aus einer Art mutuellem, heterosexuellem Autoerotismus (in 
Amerika petting genannt), der von der Gesellschaft mehr oder weniger offen 
sanktioniert ist. Die Gefahr dieser Art sexueller Befriedigung liegt (für die 
jungen Männer) in der Gewöhnung maskuliner Tendenzen an eine Situation 
mit infantilen Charakteristiken. Wann immer der reife Sexualtrieb erregt 
wird, erwachen eine Reihe von Impulsen, die nur in der Gesamtheit erfüllt, 
Befriedigung gewährleisten: nicht der unwichtigste unter ihnen ist die masku*= 
linc Tendenz des Eindringens mit seinen sadistischen Nebenimpulsen. Im 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



511 






bloßen Sexualspiel wird dieser Impuls nicht befriedigt und sozusagen nicht 
entwaffnet. Diese gefährliche Komponente der Männlichkeit (die also weder 
in Enthaltsamkeit unerweckt bleibt, noch in den pazifizierenden Zusammen, 
hang heterosexueller Partnerschaft aufgenommen wird) erscheint wohl : u den 
geheimen Phantasien unserer Vpn. in einer gewissen mörderischenund 
selbstmörderischen Roheit. Man kann hinzusetzen, daß diese Phan* 
tasienem würdiges soziologisches Gegenstück in den unreifen und grausamen 
Inhalten öffentlichen Sensationshungers haben. 

g) Weibliche Versuchspersonen, mit der gleichen Instruktion versehen 
konstruierten oft Szenen, die zum gemeinsamen Faktor den „kriminellen 
Mann (Vater) hatten. Ich erwähne nur fünf unseren männlichen Vpn 
gleichaltrige College^Studentinnen: 

R: . Ein Vater, der im Krieg desertiert ist und in schamvoller Verbannung 
lebt, findet auf der Straße ein kleines Mädchen, das von einem Lastauto ge! 
tötet worden ist. Es ist seine Tochter. 

S: Ein egoistischer Vater, der Frau und Kinder durch Jahre vernachlässigt 
hat, kommt nach Hause und findet, daß eine Flut alle getötet und alles zer* 
stört hat. 

I : Ein Vater, den man im Irrenhaus wähnt, erscheint zu Hause und tötet 
seine Familie. 

U: Ein Landbesitzer ermordet seine Frau. Ein junges Mädchen, Tochter 
eines semer Arbeiter, der er nachgestellt hatte, sagt beim Gericht gegen ihn 

V: Diebe stehlen mitten in der Nacht einen Tisch aus einem Haus 
Vielleicht zeigen weitere Studien, daß dem männlichen Thema „Etwas 
geschieht (oder geschieht fast) einem Mädchen" ein weibliches entspricht: 
„Lm Mann List (oder ist fast) kriminell aggressiv." Die Tatsache jedenfalls, 
daiS beide Geschlechter mit wenigen Ausnahmen ein Mitglied des anderen 
Geschlechtes in den Mittelpunkt ihrer Szene stellen, weist deutlich auf die 
sexuelle Komponente in Szenen hin, die auf der Ebene des Bewußten Gefahr 
und lod darstellen. Der gemeinsame Nenner ist wohl „Überwältigung". 

W: Krumb. 

1. Vorbereitungszeit und erste dramatische Szene. Krumb 
überlegt eine Weile, von einem zum anderen schauend, ob er einen oder zwei 
Tische verwenden soll. Er entscheidet sich für einen. Mit zwei langen Blöcken 
baut er eine Mauer in der Mitte des Tisches. Er stellt den roten Rennwagen 
in einen Winkel von 45° zu dieser Mauer und schiebt dm zwei Blöcke gerade 



n 



512 



Erik Homburger 



an der Stelle, wo der Rennwagen an sie anstoßen würde, ein wenig auss« 
einander (Figur 15). Dann stellt er den Vater auf die andere Seite der 
Wand, mit dem Rücken zu der Öffnung, so daß der Renner, wenn er in 
Bewegung geriete, von hinten in ihn stoßen würde. Jedes Gefühl des Zweifels 
scheint Krumb dann zu verlassen. Er lacht über eine Idee: es ist die, den 
Sohn und das Dienstmädchen zusammen in ein Bett zu legen. Er vollendet 
die Szene, wie sie in Figur 15 wiedergegeben ist, und erklärt: „Der Vater 
findet den Sohn im Bett mit dem Mädchen und verbietet ihnen, zusammen 



V) 




Figur 15 

(Vgl. die nebenstehende photographische Reproduktion dieser Szene) 

zu schlafen. In dem anderen Zimmer geht nichts Homosexuelles vor. Das 
kleine Mädchen ist zwischen zwei Wagen gefangen und der rote Renner, 
der gefährlich um die Ecke rast, bringt sie noch mehr in Gefahr." Hier liegt 
eine Verwechslung von vorn und hinten vor: der Renner rast, wie gezeigt, 
in Wirklichkeit in das Haus und in den Rücken des Vaters. 

2. Bemerkungen. Diese Vp. ist die einzige, die Sohn und Mädchen 
zusammen in ein Bett legt; er ist ein manifester Homosexueller. Für die Er* 
klärung seiner Szene brauchen wir keine weiteren Daten aus seiner reich* 
haltigen, aber formlosen Lebensgeschichte; die Szene liefert eine fast topo=* 
logische Beschreibung seiner Konflikte. 

„Im letzten Jahr", berichtete er einem anderen Beobachter, „hatte ich 
Affären mit drei Frauen und fünfzehn Männern. Jetzt finde ich nur noch 





Photographische Wiedergabe der Konfiguration* 
Figur 13 Coben) und Figur 15 CuntenJ 



F 









__ Traumatische Konfig urationen im Spiel ! 5J3 

bei Männern Befriedigung. Die Homosexualität macht es für mich möglich, 
meine sexuellen Impulse zu verdrängen. Ich wollte, ich könnte das Gleiche 
mit meinen Schuldgefühlen tun." 

Allem Anschein nach haben wir in der Szene ein Abbild des innerea 
Arrangements, mit dem Krumb seine wachsenden Schuldgefühle zu be, 
schwingen sucht. Der Vater, zwischen zwei Räumen mit einem hetero. 
sexuelten und einem gleichgeschlechtlichen Paar, wendet sich den ersteren 
zu und verbietet, was sie tun. Der Vater selber entscheidet also gegen die 
Heterosexualität. Krumb gibt uns die unprovozierte Auskunft, daß das 
gleichgeschlechtliche Paar nicht homosexuell ist. Wir haben ihn nicht ge, 
fragt; er wußte auch nicht, ob wir über sein Sexualleben informiert waren 
oder nicht. Er fühlte aber vielleicht, daß er sich mit seinem ersten Arrake, 
ment verraten hatte: Renner, Mauerlücke, Vater erinnern in ihre, Konfigura. 
tum an die raumlichen Verhältnisse bei einem Koitus per anum. Der Vater 
entscheidet sich also gegen die Heterosexualität, weil er selber ein Homo, 
sexueller ist. Die Unentschiedenheit darüber, in welcher Richtung der ge, 
fahrliche Renner sich bewegte, ob auf den Vater oder das schon verletzte 
Madchen ^entspricht wohl dem Schwanken in bezug auf seine eigene 
Rolle innerhalb der Homosexualität: aggressiv oder passiv, sadistisch oder 
masochistisch Wieder eine Alternative (die Szene scheint endlos in Alter, 
nativen gespalten zu sein: das kleine Madchen kommt diesmal zwischen 
zwei Wagen um) und wir dürfen erwarten, daß Schuld ihn in den Maso, 
chismus treibt , wie sonstige allgemeine Bemerkungen andeuten. „Als ich das 
Stuck .Death Takes a Holiday' sah, verliebte ich mich in den Tod '* 
• T* TT CS den Bi °S ra P hen aller dieser Vpn. überlassen, die kompli, 
zierten Mechanismen ihrer Gewissenskämpfe zu beschreiben. Hätten wir 

ST JV eh n, R f. Um ' S ° W f e es WoU der Mühe we *> *e verschiedenen 
Wege der Konfhktlosung nachzugehen, welche sich in der Vorbereitungszeit 
oder m den Szenen selber entweder in der Folge der verworfenen Ideen oder 
in der Anordnung der endgültigen Konstruktion ausdrückt. Oft handelt es sich 
um eme merkwürdig einfache Abwechslung von Repräsentanten verdrän, 
gender (Polizist etc.) und solcher verdrängter Tendenzen (Dienstmädchen 
etc.). Das Mädchen wird manchmal nicht nur weggelegt, sie wird auf den 
Boden fallen gelassen. Während dem mit manifester Sorgfalt behandelten 
kleinen Madchen m den Szenen mehr zustößt, ist das Dienstmädchen wegen 
der groben Behandlung in der Vorbereitungszeit am Ende die Puppe die 
die meiste Derangierung erlitten hat. Die Straße bietet immer eine wülkom, 
jnene Gelegenheit den gereif ten Konflikt mit einem Aufatmen ins Unpersön, 
hche zu schieben. Schuldgefühle aber drücken sich dann in allen Variationen 
m den Szenen aus: die Angst, Liebe einzubüßen, ist es ja wohl, die jsich im 

Imago XXII 1/4 

3S 



514 Erik Homburger 



Vergessen des geforderten dramatischen Elementes und in der Errichtung 
friedlicher, häuslicher Szenen ausdrückt, mit der Mutter am Familientisch 
und dem Mädchen am Herd; die Angst vor einer Katastrophe (oft, wie er* 
wähnt, letztlich als Kastration zu verstehen), führt zu der Darstellung eines 
das Mädchen schützenden Polizisten als einzigen „dramatischen" Elements, 
während, wo wirklich etwas geschieht, oft Selbstbestrafung als latenter Inhalt 
gedeutet werden muß. Es ist, als ob diese Versuchspersonen in dem grausam 
langsamen Prozeß zivilisierter Reifung einen schmerzhaften „persönlichen" 
Weg zu finden hätten, jenen Zahn — oder welches Symbol immer — zu 
opfern, der den primitiven Pubertierenden von ihren „grausamen" Vätern 
in gemeinschaftsbetonten Riten und einmal für allemal ausgeschlagen wird. 
ZweiteKonstruktion. Ein Jahr nach der ersten Konstruktion wurde 
Krumb wieder um eine dramatische Szene gebeten. Ich wiederhole: Das 
erste Mal war keine Deutung gegeben worden. Krumb fragte gleich: „Können 
es zwei Szenen sein?" Er nahm also den Dualismus der ersten Konstruktion 
auf, baute auch erst zwei Häuser, dann ein Haus mit zwei Teilen, und izwei 
Räume in jedem. Wieder sind männliche und weibliche Personen getrennt. 
„Der Vater in der Badewanne denkt darüber nach, daß er sich tödlich in 
einen schwer verwundeten Soldaten verliebt hat" — während auf der Straße 
der rote Rennwagen vom grünen Lastwagen überrannt wird. „Irgendwie 
fühle ich", sagt Krumb, „daß ich meine Konstruktion wiederholt habe. Drei 
Minuten lang kämpfte ich mit mir, es nicht zu tun. Als es dann doch ge* 
schah, merkte ich, daß ich das Thema Homosexualität preisgegeben hatte. 
Das letzte Mal hatte ich es glücklicherweise vermeiden können." Schließlich be* 
stätigt Krumb unsere Deutung der ersten Konstruktion: die enge Lücke im 
Haus stelle das homosexuell attackierte Rektum dar, denn das Haus der 
zweiten Konstruktion hat wieder eine solche Öffnung, kleiner als die vor* 
handenen Türen. Krumb sagt über sie: „Das Haus ist schlecht gebaut; hier 
kommen schlechte Gerüche heraus." 

3. 
X: Vulner. 

Es folgt die Konstruktion der einzigen Vp., welche bei der Aufforderung, 
eine dramatische Szene zu ersinnen, an ein Bühnenbild dachte. 

Während der Vorbereitungszeit zögert Vulner oft und lange. Er 
nimmt den Sohn, läßt ihn aber auf den Boden fallen. Nun fingert er den 
Polizisten, wobei er in tiefe Gedanken versinkt. Mit seiner freien Hand spielt 
er mit der Kuh, stellt sie aber kopfschüttelnd zurück. Plötzlich ist der Bann 
gebrochen: die Szene wird um den Sohn gruppiert. 



Traumatische Konfigurationen im Spiel 



515 



Die dramatischeSzene stellt die Ecke eines Zimmers auf einer Bühne 
dar. Die Mutter sitzt auf einem Stuhl, der Vater steht vor ihr, Sohn und 
Tochter erscheinen in der Tür. 

„Der Ministerpräsident bietet der Königin seine Resignation an. Am Tag 
zuvor hatte er mit ihr die Frage diskutiert, ob der Konprinz ein bürgerliches 
Mädchen heiraten dürfe; er hatte sich streng dagegen ausgesprochen. Nun 
muß er erfahren, daß seine eigene Tochter die Braut des Kronprinzen ist." 
Vulner wurde gefragt, wie die Geschichte wohl ausgehen werde; „Er wird 
sie wahrscheinlich heiraten", sagte er mit einem mütterlichen Ton, wie man 
ein Märchen abschließt. 

Das Interessanteste an dieser wirklich dramatischen Szene ist, wie wenig 
wir über sie zu sagen wissen. Vielleicht enthält sie Hinweise auf Vulners 
eigene Familie: er hat eine Schwester, keinen Bruder. Aber im Wesentlichen 
mutet die Szene eher wie ein dramatisches Klischee an (statt der Verschiebung 
auf die Straße steht hier die Erhebung in die königliche Sphäre) und zeigt,, 
so weit wir sehen können, hauptsächlich eine Beziehung zu Vulners Bio* 
graphie: Seine Mutter ist eine Bühnenschriftstellerin und er hat von Kind 
auf an Aufführungen teilgenommen. 



4. Schlußbemerkung. 

Wir haben die Versuchspersonen um dramatische Szenen gebeten. 
Was sie uns lieferten, sind Produkte traumatischer Spannung. Wo wir 
Tragödien erwarteten, hat man uns Unfälle vorgeführt. 

Dramatische und traumatische Augenblicke haben einen psychologischen 
Faktor gemeinsam. Beide überwältigen das individuelle menschliche Ich: Das 
Drama erweitert es über jede Individuation hinaus, das Trauma löscht es 
aus. Wir können sagen, daß in einem wahrhaft dramatischen Augenblick 
das Individuum eine Entscheidung zu treffen hat, die es zum heroischen oder 
tragischen Meister menschlichen Geschicks macht; hier ist — einem für alle 
— eine Chance gegeben, der Schwerkraft und dem Wiederholungszwang zu 
entrinnen. Der traumatische Augenblick aber zerstört Individuation, Wahl 
und Chance und macht den Menschen zum hilflosen Opfer des Wieder* 
holungszwanges. 

Wir müssen gestehen, daß wir unseren Versuchspersonen einen zu großen 
Schritt vom Lächerlichen zum Erhabenen zumuteten, als wir ihnen Spiel* 
zeug gaben und um Dramen baten. Wir selber haben wohl damit den Geist 
infantiler Konflikte geweckt, da ja spielerisches Abreagieren, wie R.Wälder 
sagt, „anschließend eine noch nicht durchstrukturierte seelische Substanz vor* 

33» 



516 Erik Homburger: Traumatische Konfigurationen im Spiel 

aussetzt." Die spezifischen Konflikte, die uns gezeigt werden, lassen dann 
vermuten, daß die Versuchspersonen da anknüpften, wo sie als Kinder auf* 
gehört hatten, durch aktive Wiederholung traumatische Erfahrung „spielend" 
zu bewältigen. 

Wir sind ihnen allen die Erklärung schuldig, daß wir mit unseren Mitteln 
nicht Individuen in den bewußten und rationalen Teilen ihrer Persönlichkeit 
darstellen. Das psychoanalytische Mikroskop erfaßt am schärfsten neuro* 
tisches Material in seiner charakteristischen psychosexuellen Herkunft. Es zeigt 
uns die innere Grenze, an der die rationale menschliche Psyche — ob im 
Stadium der Kindheit, der Primivität oder der Zivilisation — unaufhörlich 
dem Urwald des Irrationalen zugewandt ist. 

Die Art, wie diese ungeplante Studie unternommen wurde, ist nicht von 
allgemeinem Wert und soll nicht als psychologisches Experiment empfohlen 
werden. Trotzdem mögen die Ergebnisse dieses Unternehmens weiteres Intern 
esse an der Psychologie und Psychopathologie des Spiels erwecken — ein 
Gebiet, das von Bedeutung für die Behandlung aller der Patienten ist, die 
nicht sprechen können oder wollen: wir beobachten, wie ein gegebener Raum 
gemäß den Qualitäten einer traumatischen Konfiguration strukturiert wird, 
die dem autoplastischen und alloplastischen Benehmen der Vp. auch sonst 
ihren Stempel aufdrückt. Wir erkennen die räumlichen Repräsentanten ver* 
gangener traumatischer Situationen oder aber der spezifischen Abwehr* 
methode, mit welcher die Vp. sich gegen die (irrationale) Gefahr der Wieder* 
kehr solcher Situationen zu wahren sucht. 

Die systematische Übersetzung von Spielhieroglyphen — vor allem in der 
legitimeren Sphäre der Kindheit — verspricht, wertvolle Schlüssel für das 
Verständnis der menschlichen Psyche in ihren prälinguistischen und alingui* 
stischen Teilen zu liefern. 



BESPRECHUNGEN 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

DONATH, J., S. J.: Psychologia. (Summa Philosophiae Christianae, Band V.) Innsbruck, 
Felizian Rauch, 8. Auflage, 1936. 

Das lateinisch geschriebene Lehrbuch ist eine Darstellung der Psychologie vom Ge* 
Sichtspunkte der katholischen Theologie. Dieser Gesichtspunkt prägt dem mit gründlicher 
Fachkenntnis und umfassender Bildung geschriebenen Werk seinen Stempel auf und be- 
stimmt das Urteil über die verschiedenen psychologischen Schulen und Lehrmeinungen. 
Der Psychoanalyse, mit der sich der Verfasser schon 1932 in seinem Buch „Über Psycho* 
analyse und Individualpsychologie" auseinandersetzte, sind fünf Seiten gewidmet. Bei der 
Zusammenfassung der Lehre Freuds wirkt die Betonung jenes Teils der psychoanaly* 
tischen Theorie, der von dem Lustprinzip und dem Es handelt, und die Vernachlässigung 
des Realitätsprinzips, des Ichs und des Über*Ichs polemisch. Freilich bleibt es zweifelhaft, 
ob auch ohne Akzentverschiebung eine andere Einstellung in der Beurteilung der psycho* 
analytischen Theorie zu Tage getreten wäre, weil der Haupteinwand gegen die Psycho* 
analyse, daß ihre Psychologie „generaüm crassus materialismus est", davon wahr* 
scheinlich unberührt geblieben wäre. 

Der Verfasser hält die Behauptung der Psychoanalyse, daß die Neurosen durch Affekt* 
Verdrängung entstehen, für falsch, da viele Leiden gerade durch die Unfähigkeit, Affekte 
zu verdrängen, Zustandekommen („Neuroses interdum quidem, praeserhm in psycho* 
pathologicis, ex violenta affectum suppressione oriri possunt. Sed falsum est, omnes 
nemoses ex suppressione affectum, libidinosorum maxime, originem ducere. Plurimi angores 
coactivos patiuntur, non quia molestas repraesentationes supprimunt, sed quia eas sup- 
primere non valent." Seite 380). Dieser Einwand beruht auf einer Mißdeutung, denn es 
gehört zum Wesen der psychoanalytischen Neurosenlehre, die Erkrankung nicht aus einer 
etwa gelungenen Abwehr, sondern aus den Schwierigkeiten im Verdrängungsprozeß, aus 
dem unerledigten Konflikt zwischen Triebregung und verdrängender Kraft, abzuleiten. 

Allerdings werden der Psychoanalyse auch Verdienste zuerkannt, weil sie zum Unter* 
schied von der Experimentalpsychologie nicht disparate psychische Leistungen isoliert er* 
forscht, sondern von der Gesamtperson ausgeht, so die verschiedenen Eigenschaften, 
Schwierigkeiten und Veränderungen zu verstehen sucht und in die Tiefe zu gehen trachtet. 
Als Verdienst wird auch die Betonung der Rolle des Unbewußten (psychicum inconscium) 
im Seelenleben bewertet. S.Feitel berg (Wien) 



FEITELBERG, SERGEI und LAMPL, HANS: Methode zur Messung der Wärmetönung 
an der Großhirnrinde. Wärmetönung der Großhirnrinde bei Erregung und Ruhe bezw. 
Funktionshemmung. Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 177, 
Seite 600—613 und 726—736, 1935. 

Die Anregung zur Ausarbeitung einer zuverlässigen Methode zur Bestimmung der 
Wärmelönung des Gehirns an Versuchstieren, deren normale Lebensäußerungen durch die 
Versuchsanordnung möglichst wenig beeinträchtigt werden, ist von einer Veröffentlichung 



518 Besprechungen 



von Bernfeld und Feitelberg in dieser Zeitschrift ausgegangen. 1 Die Autoren 
haben aus allgemeinen theoretischen Erwägungen die Beobachtungen über die Gehirn* 
temperatur von Berger und Mosso zur Berechnung der Temperaturdifferenz zwi* 
sehen Körper* und Gehirntemperatur verwendet und festgestellt, daß diese Temperatur* 
differenz dem Verhalten der Versuchspersonen eindeutig zugeordnet ist, während die 
Gehirntemperatur keine regelmäßige Beziehung zeigt. 

Feitelberg und Lampl haben die Fragestellung in folgender Weise präzisiert: 
geht man von der Erwägung aus, daß bei allen katabiotischen Prozessen in der lebenden 
Substanz die dissimilatorischen Prozesse über die assimilatorischen überwiegen, so wird zu 
erwarten sein, daß dabei Wärme freigesetzt wird, daß sie von positiver Wärmetönung be* 
gleitet sein werden, während umgekehrt bei anabiotischen Vorgängen Wärme gebunden 
wird. Die Gehirntemperatur ist aber kein Indikator für die Wärmevorgänge im Gehirn 
allein, da sie durch die Temperatur des zuströmenden Blutes verändert wird, auch wenn 
im Gehirn selber keine Wärme gebunden oder freigesetzt wird. Will man sich über die 
Wärmetönung des Gehirns unterrichten, so muß man zunächst die Temperaturschwan* 
'hingen, die durch die Temperaturänderungen des Blutes verursacht werden, ausschalten. 
Das wird erreicht, indem man statt der Gehirntemperatur die Differenz zwischen der 
Temperatur des Gehirns und des zuströmenden Blutes mißt. Finden im Gehirn keine 
selbständigen Wärmeumsetzungen statt, so muß diese Temperaturdifferenz konstant bleiben. 
Die Gehirntemperatur folgt dann einfach passiv der Bluttemperatur. Beobachtet man ein 
Steigen oder Fallen der Temperaturdifferenz, so deutet das auf positive oder negative 
Wärmetönung im Gehirn hin. 

Als Versuchstiere dienten Katzen, denen ein Thermoelement aseptisch einoperiert wurde. 
Eine Lötstelle des Thermoelements wurde durch die Carotis externa in die Carotis communis 
eingeführt, so daß sie von dem Blut, das durch die Carotis interna dem Gehirn zuströmte, 
umspült wurde. Die zweite Lötstelle wurde an die zu untersuchende Stelle der Großhirn* 
rinde gebracht und dort durch Elfenbeinknöpfe, die in die Schädeldecke eingeschraubt 
wurden, fixiert. Die Verbindungsdrähte führten zu einer kleinen Steckdose, die an der 
Kopfhaut des Tieres angenäht wurde. Die Operationswunden wurden versorgt und nur 
der Stecker und das dünne Verbindungskabel führten nach außen. Eiterungen traten nur 
selten ein. Die Versuche wurden vom zweiten Tag nach der Operation an, die in Äther* 
narkose durchgeführt wurde, gemacht und konnten eine Woche lang fortgesetzt werden. 
Die Tiere zeigten sich durch die Anordnung kaum gestört, starben auch selten an den 
Operationsfolgen. Nach etwa einer Woche rissen aber die dünnen Verbindungsdrähte; die 
Tiere wurden dann getötet und seziert, um die Lage der Lötstellen zu verifizieren. 

Der Strom, den ein Thermoelement liefert, ist der Temperaturdifferenz zwischen den 
beiden Lötstellen proportional. So erhält man durch seine Messung direkt die gesuchte 
Temperaturdifferenz zwischen Gehirn und Blut. Die Meßanordnung gestattete die direkte 
Ablesung der Temperaturdifferenz in Grad Celsius mit einer Genauigkeit von V200 Grad 
und ihre kurvenmäßige Registrierung auf einem. Kymographion. Die Verbindung zwi* 
sehen dem Tier und der Meßanordnung besorgte ein dünnes, biegsames Kabel, das die 
spontanen Bewegungen des Tieres kaum beeinträchtigte. 

Die Änderungen der Temperaturdifferenz sind beträchtlich: sie haben die Größen* 
Ordnung von einigen zehntel Grad. 

Bei Erregung jener Gehirnregionen, an denen die Messung d urchgeführt wird, steigt 

1) Vgl. Über die Temperaturdifferenz zwischen Gehirn und Körper. Imago, Bd. XVI, 
1930. S. 173. 



Besprechungen 



519 



die Temperaturdifferenz, es findet hier also Wärmebildung statt. Diese Wärmebildung 
ist lokalisiert, das heißt, daß nur an denjenigen Regionen eine Wärmetönung registriert 
wird, die in Erregung sind. Dies wurde geprüft, indem die Hirnlötstelle des Thermo* 
elements an verschiedene Regionen gebracht wurde. Für den Vergleich wurden die 
Messungen an der motorischen Region und an einem Wahrnehmungsrindengebiet (Lichte 
empfindung — Calcarina*Rinde) durchgeführt. Bei Tieren mit der Lötstelle in der moto* 
rischen Region zeigt sich Wärmebildung nur bei Bewegungen. Verdunkelung und Be* 
leuchtung des Versuchsraumes bleiben ohne Einfluß. Ist aber die Lötstelle in dem optischen 
Gebiet, so beobachtet man bei Einschalten der Beleuchtung e$ne Zunahme der Tempe* 
raturdifferenz, also eine positive Wärmetönung. Die Temperaturdifferenz sinkt, wenn sich 
das Tier im Dunkeln befindet oder ruh'ig ist. 

Abweichend verhält sich die Temperaturdifferenz bei Bewegungen, die von Angst be* 
gleitet werden. Ein besonders ängstliches Tier zeigte eine Abnahme der Temperaturdifferenz, 
wenn man es durch Händeklatschen oder Schreien zu Flucht* oder Abwehrbewegungen 
veranlaßte. Spontane Bewegungen aber waren von dem gewöhnlichen Steigen der 
Temperaturdifferenz begleitet. 

Bei Äthernarkose steigt die Temperaturdifferenz im Excitationsstadium und sinkt bei 
Eintritt der Narkose. 

Will man die referierten Versuchsergebnisse mit den Angaben von Bernfeld und 
Feitelberg vergleichen, so muß man berücksichtigen, daß hier die Temperaturdifferenz 
zur Bestimmung der Wärmetönung als Gehirntemperatur minus Bluttemperatur definiert 
wurde, während Bernfeld und Feitelberg umgekehrt Körper» („Blut") »Temperatur 
minus Gehirntemperatur berechneten, um nach ihren Theorien über das Libidoverhalten 
Aufschluß zu gewinnen. Daher entspricht die Zunahme bei der Wärmetönungsmessung der 
Abnahme in den Kurven von Bernfeld und Feitelberg und vice versa. Vergleicht man 
nun die vorgelegten Ergebnisse mit den Mitteilungen von Bernfeld und Feitelberg, 
so werden sie in bezug auf ihren empirischen Gehalt bestätigt. 

Ob und inwiefern die Wärmetönungsmessungen am Gehirn nach der geschilderten 
Methode die theoretischen Voraussetzungen und Erwägungen von Bernfeld und 
Feitelberg zu stützen geeignet sind, bedarf einer gesonderten und sorgfältigen Dis* 
kussion, die über den Rahmen eines Referats hinausgeht. 

Für die Physiologie des Zentralnervensystems besteht der Wert der geschilderten Me* 
thode darin, daß sie es ermöglicht, die Beteiligung des Gehirns und einzelner Gehirn* 
partien an verschiedenen funktionellen Prozessen direkt zu bestimmen, ohne daß man 
sich auf das Studium der Ausfallserscheinungen bei Ausschaltung einzelner Zentren und 
Hirnanteile beschränken müßte. Eine ähnliche Möglichkeit bieten bisher nur die gehirn* 
elektrischen Erscheinungen (Elektroenkephalogramm Bergers). Während aber die elek* 
frischen Wellen sowohl in bezug auf ihren Ursprung im Gehirn als auch in ihrer physio* 
logischen Bedeutung und Entstehungsweise noch weitgehend ungeklärt und strittig sind, 
ist die Bedeutung der Wärmetönung physikalisch und biologisch klar. 

Eine Anwendung dieser Untersuchungsmethode auf ein spezielles physiologisches Pro* 
blem 2 konnte bereits ihre Brauchbarkeit unter Beweis stellen, indem sie zur Klärung einer 
Frage beitrug, die sich eindeutiger Behandlung durch andere Untersuchungsmethoden 
weitgehend entzog. Autoreferat 

2) Feitelberg und L a m p 1 : Die Bestimmung des Angriffspunktes auf das Gehirn 
wirkender Pharmaka durch Messung der Wärmetönung. Akademie der Wissenschaften in 
Wien, Sitzung der mathematisch*physikalischen Klasse vom 13. Mai 1937 (Akademischer 
Anzeiger Nr. 11). 



520 Besprechungen 



VETH, JO: Speianalyse als Methode van psychologisch onderzoek en van behandeling 
van kinderen met neurotische verschijnselen. Leiden, N. V. Boek* en Steendrukkerij 
Eduard Ijdo, 1936, 153 S. 

Die Autorin dieses Büchleins hat es sich zur Aufgabe gemacht, die psychoanalytischen 
Auffassungen des Kinderspiels zu prüfen. Die Untersuchung habe zwei Seiten, eine theo«« 
retisdta=wissenschaftliche und eine praktiscb*therapeutische. Es handle sich nicht nur darum, 
tiefere Einsicht in die Psychologie und Psychopathologie des Kindes zu bekommen, son# 
dem auch vor allem um die therapeutische Bedeutung des Spiels. 

Soweit die Angaben der Autorin in der Einleitung. Die Aufgabe, die sie sich gestellt 
hat, ist sicher sehr wichtig und ihre Bemühung begrüßenswert. Zu den vielenl, erst teilf 
weise geklärten seelischen Phänomenen gehört auch das Spielen (der Kinder, wie natür? 
lieh auch der Erwachsenen) und jeder Versuch zur Vermehrung unseres Wissens darüber 
verdient unser volles Interesse. Auch sind die Analyse des Spieles sowie die Rolle der 
Klein sehen spielanalytischen Methode innerhalb der Kinderanalyse Fragen von großer 
praktischer Bedeutung. 

Im ersten Kapitel des Buches werden die verschiedenen außeranalytischen Spieltheorien 
kurz besprochen. Das zweite Kapitel befaßt sich mit den analytischen Auffassungen über 
das Spiel. Es werden Freuds Bemerkungen über das Spiel in „Der Dichter und das 
Phantasieren", in „Jenseits des Lustprinzips", in „Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens", „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken", in der 
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" und in „Eine Kindheitserinnerung aus 
.Dichtung und Wahrheit'" referiert. Ferenczi und Pfeifer werden erwähnt; zum 
Schluß verweilt die Autorin längere Zeit bei den theoretischen Auffassungen Melanie 
K 1 e i n s und Anna Freuds, nicht nur über das Spiel des Kindes, sondern auch über 
sein Verhalten in der Analyse. Sie scheint es sich zur Hauptaufgabe gemacht zu haben, 
die Differenzen dieser beiden Auffassungen klarzustellen und dann auf Grund ihrer 
eigenen Untersuchungen kritisch Stellung zu nehmen. Sie formuliert dies folgendermaßen: 
„Wir sehen uns vor drei Aufgaben gestellt: 

1. die durch M. Klein für ihre Spieltechnik gegebenen Regeln zu prüfen; 

2. zu untersuchen, ob das Kleinkind tatsächlich auch die Bildung einer sogenannten 
Übertragungsneurose vornimmt — was von Anna Freud mit Sicherheit geleugnet 
wird — und im bejahenden Falle: 

3. zu prüfen, ob und wie weit diese Spieltechnik, als Behandlungsmethode verwendet, 
einen psychotherapeutischen Erfolg aufzuweisen hat." 

Unter Punkt 3 wird dann besonders bespsochen werden a) ob es notwendig ist, das Kind 
täglich zu behandeln, und b) ob die Spielhandlungen direkt gedeutet werden können (wie 
M. Klein meint) und ob das immer und konsequent zu geschehen hat. 

Wir wenden unsere Aufmerksamkeit jetzt dem praktischen Teil der Arbeit zu. Die 
Autorin berichtet über die Behandlungen von sieben Patienten, die respektive 2 1 / 4 , l u /ia> 
3 7 /i3. 4 7 /i2. 6 2 / la , 972 und 13 Jahre alt waren. Die Behandlungen bestanden aus einer 
„Spielanalyse", d. h. die Kinder wurden in einen Raum gebracht, wo reichlich Spielzeug 
zur Verfügung stand, und aufgefordert, alles zu tun, wozu sie Lust hatten. Im Anfang der 
jeweiligen Stunde wurden bei der begleitenden Erziehungsperson Erkundigungen über 
Schwierigkeiten und Verhalten, resp. Änderungen desselben eingezogen, eventuell auch 
pädagogische Ratschläge erteilt. Dann wurde das Kind und sein Spiel beobachtet; so oft 
es der Autorin angemessen schien, wurden dem Kind Deutungen mitgeteilt, bezw. den 
ganz kleinen Kindern vorgespielt. 



Die Beschreibung der -Fälle, die Darstellung der Anamnesen, des Verlaufs der Spiel- 
stunden und der Beobachtungen, die während des Spiels gemacht wurden, sind besonders 
klar, plastisch und lebendig. Man wundert sich nur etwas darüber, daß die Autorin für 
diese Behandlungen den Namen „Analyse" beansprucht. Dieselben beschränken sich näm- 
lich aus begreiflichen äußeren Schwierigkeiten (die Kinder werden von einer Begleit, 
person auf die Psychiatrische Kinderpoliklinik der Universität Leiden geführt und dort 
beobachtet, bezw. „behandelt") auf wenige Stunden, die zumindest eine Woche, manchmal 
mehrere Wochen, sogar Monate auseinander liegen. Der erste Fall, das 2\L Jahre alte 
keine Madchen, kommt im ganzen 5 mal zur Ärztin, der zweite Fall 9 mal (die letzten 
Stunden liegen einen Monat auseinander), der dritte Fall 19 mal (manchmal mit einer 
a Tt ^ , Monaten )- der vierte nur 2 mal, der fünfte 13 mal, der sechste 16 mal 

und endlich der siebente und letzte 10 mal. Wir sehen also, mit einer wirklichen Analyse 
hat diese Behandlungsmethode nur wenig gemeinsam. Man weiß es auch zu schät-en 
daß die Autorin dies selbst ausdrücklich betont. Sie sagt, daß „von einer KinderanaW 
im Sinne Melanie Kleins, die ihre Patienten täglich behandelt, keine Rede ist". Mit desto 
mehr Befremdung und Bedauern liest man dann, daß die Autorin trotzdem meint, auf 
Orund ihrer Beobachtungen die drei obgenannten Aufgaben lösen zu können 

Solche spärliche und mit Zwischenpausen von einer oder mehreren Wochen gemachte 
Beobachtungen können recht interessant sein, sie können aber nur Eindrücke vermitteln 
an die man Vermutungen anknüpfen könnte. Aber daß dergleichen Eindrücke und Ver- 
mutungen zur Bestätigung oder Widerlegung von Auffassungen verwendet werden sollten 
welche aus langjährigen, täglich vorgenommenen Analysen gewonnen wurden, muß von 
vornherein als untunlich betrachtet werden. Dies ein Einwand gegen das methodische 
Vorgehen der Autorin. Ein zweiter muß an einigen Punkten erfolgen, an denen V. analy- 
tische Auffassungen (hauptsächlich solche Anna Freuds) mißverstanden hat. Da die 
Autorin die Ergebnisse ihrer Arbeit in 14 Schlußfolgerungen zusammenfaßt, kann die 
Kritik vielleicht am ehesten an diesen Punkten ansetzen. Die beiden ersten bestätigen 
Altbekanntes. Es ist unzweifelhaft richtig, daß Kinder mit neurotischen Erscheinungen 
mehr oder weniger spielgehemmt sein können und daß neurotische Konflikte manchmal 
im Spiel Ausdruck finden. Daß nicht jedes Kind, das einmal eine Hemmung im Spielen 
zeigt, neurotisch sein muß, erscheint auch selbstverständlich. 

Die dritte These, nach der das Kinderspiel mit dem Traum auf eine Linie zu stellen 
sei, ist etwas vorschnell formuliert. Traum und Spiel kommen unter ganz anderen Be- 
dingungen zustande (der größte Unterschied ist wohl der zwischen Schlaf- und Wach- 
zustand des Individuums). Es ist aber sicherlich richtig, daß sich beide „Manifestationen 
des Geisteslebens ähnlicher Verhüllungsmechanismen bedienen können, ebenso, daß man 
durch Deutung des Spiels manchmal (wenn auch nicht immer) Wichtiges über das Seelen- 
leben eines Kindes erfahren kann. 

■ Für die Behauptung in Punkt 6, daß die von Melanie Klein angegebenen Richt- 
linien für eine Spieltechnik im allgemeinen richtig seien, scheint das von V. verwendete 
Material wieder unzureichend zu sein. Dieses Material reicht weder aus, die Kleinsche 
Technik zu bestätigen, noch ist es geeignet, sie in irgend einem Punkt anzugreifen 
Punkt 9 beinhaltet wörtlich: 

„Auch das junge Kind kommt, im Gegensatz zu den Auffassungen vonAnnaFreud 
zu einer sogenannten Übertragung von Gefühlsbeziehungen." 
Und anschließend Punkt 10: 

„Hierzu ist es notwendig, daß sich der Psychotherapeut jeder direkten pädagogischen 
Beeinflussung des Kindes enthält." - 



522 Besprechungen 



Der erste dieser beiden Sätze zeigt, wie sehr die Autorin die Ausführungen Ann» 
Freuds mißverstanden hat. Anna Freud hat nie in Frage gestellt, daß das Kind Ge* 
fühlsbeziehungen auf den Analytiker überträgt (siehe Anna Freuds „Einführung in die 
Technik der Kinderanalyse", Seite 55), sie meint nur, daß in manchen Fällen das Kind 
keine Übertragungsneurose bilde, wie es die Erwachsenen zu tun pflegen. Der 
Unterschied zwischen beiden Vorgängen wird im selben Buch auf der nämlichen Seite 
klar auseinandergesetzt. Anna Freud gibt dann zwei theoretische Gründe dafür an, 
„warum dieser Ablauf" (die Bildung der Übertragungs n e u r o s e) „nicht ohneweiters 
herbeigeführt werden kann". 

Der zweite dieser Gründe bezieht sich auf die Einstellung des Analytikers zum Kind. 
Anna Freud meint, daß der Kinderanalytiker nicht unpersönlich, schattenhaft ab* 
wartend bleiben kann, wie wir es in der Analyse Erwachsener zu tun pflegen, sondern 
daß er oftmals aktiv um das Zutrauen und die Zuneigung des Kindes werben und jn 
dessen Leben dann und wann aktiv pädagogisch eingreifen muß. Selbstverständlich bedarf 
der Analytiker dieses Benehmens nur, insolange keine analytische Situation hergestellt 
ist: in der Einleitungsperiode der Kinderanalyse, sowie in allen solchen Analysen, in 
(denen ein der Erwachsenenanalyse analoger Zustand grundsätzlich nicht herzustellen ist. 
Anna Freud beschreibt einige Beispiele, in welchen die Unreife des Kindes die Hilfe 
des Analytikers zur Bewältigung von Konflikten mit der Außenwelt unentbehrlich macht. 
Es ist genügend bekannt, daß es auch erwachsene Patienten gibt, die durch ihre Infanti* 
Iität und Unreife den Analytiker dazu zwingen, aus seiner üblichen und sonst wünschend 
werten Reserve hinauszugehen und eine Art erzieherischen Einflusses auszuüben. 

Aus Anna Freuds oben zitierter Bemerkung, daß es nicht ohneweiters ge* 
ilinge, beim Kind eine Übertragungsneurose herzustellen, und auch aus vielen anderen 
Stellen ihres Buches geht deutlich hervor, daß sie bestrebt ist, eine der Erwachsenenanalyse 
analoge Situation herbeizuführen. Nur solange diese Absicht nicht gelungen ist und dort, 
wo sie nicht oder nicht ganz gelingen kann, muß sich der Analytiker natürlicherweise an* 
ders und zwar der veränderten Lage angepaßt, einstellen. Theoretisch mag V. Recht haben, 
daß Enthaltung einer direkten pädagogischen Beeinflussung die Bildung einer Über* 
tragungsneurose erleichtert. Praktisch ist der Kinderanalytiker aber immer wieder ge* 
zwungen, einen solchen Einfluß auszuüben. Selbstverständlich kann man diese Erfahrung 
erst in richtig durchgeführten, tiefgehenden Analysen erwerben. 

Die in den Punkten 11 und 12 enthaltene Bemerkung der Autorin, daß man kleinen; 
Kindern oftmals Deutungen vorspielen muß, weil sie das gesprochene Wort nicht ver* 
stehen, erscheint einleuchtend. Die Technik wird denn auch oftmals gehandhabt. 

Die zwei Schlußbemerkungen lauten folgendermaßen: 

13. Ödipale Strebungen können sich schon lange vor dem dritten Lebensjahr kennt* 
lieh machen. 

14. Auch die Bildung der Über*Ich*Funktion beginnt viel früher, als gewöhnlich an* 

genommen wird. 

Es ist bekannt, daß das Auftreten des Ödipuskomplexes beim kleinen Mädchen auf 
ganz verschiedenen Altersstufen vor sich gehen kann. Bei manchen geschieht es sicher 
schon vor dem dritten Jahr, bei manchen um viele Jahre später. Das Material, aus dem V. 
ihre Schlüsse zieht, erscheint jedoch vollkommen ungenügend für eine Stellungnahme zu 
diesem Problem. Die Autorin beobachtet beim ersten Fall, einem kleinen Mädchen von 
zwei Jahren und drei Monaten, das sie fünfmal sah, ein Spiel mit Püppchen, bei dem die 
Kleine die Puppen, die sie für ihre Mutter, ihr jüngeres Brüderchen und sich selbst ein*» 
setzt, kaputt macht, während sie die Vater*Puppen leben läßt. Vom Benehmen der Kleinen 



Besprechungen 



523 



wird mitgeteilt, daß sie ihre Mutter sehr liebt, jedoch aggressiv wird, wenn sie auf den, 
Bruder eifersüchtig ist. Ebenso wird die Kleine sehr zornig gegen den Vater, wenn er 
sich der Mutter zärtlich bei Tag nähert, sowie nachts im Schlafzimmer, das das Kind mit 
den Eltern teilt. 

Aus dem beschriebenen Spiel zieht nun die Autorin den Schluß, daß sich <Jas klein« 
Mädchen in der Ödipussituation befinde, da sie die Mutterpuppe umbringt und die Vater* 
puppe schont. Auch diese Schlußfolgerung scheint voreilig gezogen zu sein. Aus dem 
Verhalten des Kindes könnte man mit ebenso viel Recht vermuten, daß es sich aus Eifer* 
sucht immer mit dem jeweiligen Liebesobjekt verfeinden und sich dann einem anderen 
zuwenden müsse. Ob sich die Kleine dabei noch in der Phase der präödipalen Mutter* 
bindung befindet oder bereits in der des 'Ödipuskomplexes, ist aus diesem Material gewiß 
nicht zu entscheiden. Eine viel längere analytische Beobachtung wäre dazu unentbehrlich. 

Einen ähnlichen Einwand möchte ich gegen die letzte These der Autorin vorbringen. 
Sie berichtet von einem kleinen Mädchen, Jopie, ein Jahr und elf Monate alt, das neunmal 
zur Behandlung kam (Fall II). Die Kleine beißt, zerreißt Gegenstände, ist unsauber, 
letzteres sichtlich aus Trotz gegen die Mutter. In den Spielstunden wird nun mit Jopie 
mit Hilfe von Plastilin ein „Reinlichkeitsspiel" gespielt. Es wird ihr gezeigt, „wie schön, 
die Mutter Faezes (Plastilin) im Töpfchen finde und wie froh sie sei, wenn Jopie es ihr 
in solcher Weise zum Geschenk mache". Die Autorin erwähnt nun, daß Jopie nach diesem 
„Reinlichkeitsspiel" sauber geblieben sei, und sagt: „Hieraus geht hervor, daß auch ein 
kleines Kind wie Jopie bereits eine Gewissensfunktion hat. Es war im vorgespielten Spiel 
nicht notwendig, ihr vorzuspielen, wie schlimm es ist, unsauber zu sein. Das wußte sie 
sehr gut. Sie war unrein, gerade weil sie wußte, daß es unrecht wäre und sie die Mutter 
damit ärgern könne." 

Aus diesen Sätzen geht deutlich hervor, daß die Autorin keinen Unterschied zwischen 
den Motiven macht, die ein Kind zur Sauberkeit veranlassen. Die Kleine ist unrein, um 
die Mutter zu quälen, sie ist sauber, um ihre Liebe zu gewinnen. Von einer Gewissens?» 
(Übersieh*) Funktion, welche im eigenen Seelenleben des Individuums wirksam ist, sich 
unabhängig gemacht hat von den Objekten der Außenwelt, die also wirklich verinnerlicht 
ist, ist hier gar nichts zu bemerken. Bei einer Störung in der Beziehung zur Mutter (die: 
in eine Depression gerät und selbst mitteilt, daß sie mit dem Kind sehr ungeduldig um* 
geht) kotet die Kleine auch sofort wieder ein, gibt also die Reinlichkeit auf. 

Wenn V. dann auf Seite 75 sagt, Anna Freud habe Unrecht, wenn sie behaupte, 
daß das Übersieh erst in der Latenzzeit geformt werde, dann können wir nur wieder auf das 
theoretische Mißverständnis der Autorin und auf das Unzureichende ihres Materials zur 
Kritisierung dieser Freudschen (nicht Anna Freudschen) Funde hinweisen. 

Wir können nur hoffen, daß Dr. Veth ihre Beobachtungsgabe einmal dem gründ* 
liehen analytischen Studium zuwenden und mit geeignetem Material an die Beantwortung 
der vielen interessanten und noch ungeklärten Fragen über Kinderspiel und Psychologie 
des Kindes herangehen werde. J. Lampl*de Groot (Wien) 




Inhaltsverzeichnis 

des XXIII. Bandes (1937) 



Seite 



Franz Alexander:Dit soziologische und die biologische Orientierung 

in der Psychoanalyse 142 

Michael Balint: Frühe EntWicklungsstadien des Ichs. Primäre 

Objektliebe 270 

G. Barag: Zur Psychoanalyse der Prostitution 330 

Edmund Bergler: „Jemanden ablehnen" — „Jemanden bejahen" . 289 

Siegfried Bern fei d: Zur Revision der Bioanalyse 197 

Marie Bonaparte: Paläobiologische und biopsychische Betrachtungen 134 
Hans Christoffel: Bemerkungen über zweierlei Mechanismen der 

Identifizierung (im Anschluß an G. H. Graber) 49 

Otto Fenichel: Frühe Entwicklungsstadien des Ichs 243 

Thomas M. French: Die Realitätsprüfung im Traum 157 

Sigm. Freud: Moses ein Ägypter 5 

Sigm. Freud: Wenn Moses ein Ägypter war 387 

S. H. Fuchs: Über Introjektion 420 

Angel Garma: Psychologie des Selbstmordes 63 

Gustav Hans Grab er: Die zweierlei Mechanismen der Identifizierung 24 
Erik Homburger: Traumatische Konfigurationen im Spiel .... 447 
Ernest Jones: Objektbeziehungen aus Schuldgefühl. Eine Studie über 

Charaktertypen . 129 

Sylvia M. Payne: Nachkriegsbestrebungen und der Fortschritt der 

Psychotherapie 95 

Theodor Reik: Das Kind im Manne 14 

Rene Spitz: Wiederholung, Rhythmus, Langeweile 171 

Immanuel Velikovsky: Zu Tolstois Kreutzersonate 363 

CM, Versteeg=Solleveld: Das Märchen vom Marienkind . . 115 
CM. Versteeg=Solleveld: Das Wiegenlied 304 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Benedykt Bornstein: StrukturaWogischer und ontologischer Aspekt 

des Freudschen Begriffs der Verdrängung 371 

Imre Hermann: Zur Frage der Libidokriterien 237 

Harold D. Lasswell: Veränderungen an einer Versuchsperson 
während einer kurzen Folge von psychoanalytischen Interviews . . 375 



p 



Inhaltsverzeichnis 



BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: 

Meng: Historische Grundlagen Freudscher Forschung (Hermann) 240 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: 

Arundel: Everybody's Pixillated (Grotjahn) 381 

Bov et: Begegnung mit der Wirklichkeit • • • ..WOT Ml 

Bühl er: From Birth to Maturity: An Outline of the Psychological Development 

l iL <-n--u ....-• (Isaacs) 382 
ot the Child „ ' ,, ^ C17 

Donath: Psychologia ■ ' Zfut 

Duparchy.Jeannez: Ausdrucksformen von Krankheiten in der Hadschatt 
t ' (Marseille) 383 

F e i t e 1 b e r g und L a m p l : Methode zur Messung der Wärmetönung an der Groß* 
hirnrinde. Wärmetönung der Großhirnrinde bei Erregung und Ruhe bezw. Funk. 

, (Autoreferat) 517 

tionshemmung . ' n „ a „ 

H er sey: Seele und Gefühl des Arbeiters ^"f^vSf 

Jung: Analytische Psychologie und Erziehung ,rJ"T> \ n!n 

krägeloh: Einsfühlung ^nrÄ) 240 

. t c i c u ... (Jones) 384 
Lewis: Infant Speech " * 

Liebe rt: Die Krise des Idealismus f ~ "Sn 51 

L öw* Beer und Morgenstern: Heilpädagogische Praxis . . . (FeniAel) JM> 

Murray: Psychology And The University /?.„"! «S 

Pulver: Trieb und Verbrechen in der Handschrift (Marseille) 386 

S a a 1 f e 1 d ■ Das Christentum in der Beleuchtung der Psychoanalyse . . (Bergmann) 125 
Scheer: Die Grenzen des psychoanalytischen Geltungsbereiches unter besonderer 

Berücksichtigung der Freudschen Lehre • • &*^ nn >\f* 

Szirmay^Pulszky: Genie und Irrsinn im ungarischen Geistesleben (Hermann) 1ZJ 

Trog: Die Religionstheorie der Psychoanalyse (Bergmann) 125 

Veth: Speianalyse als Methode van psychologisch onderzoek en van behandeling 

van kinderen met neurotische verschijnselen (LampUde Groot) 520 



SOEBEN ERSCHIEN DER 

ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 

1938 

256 Seiten — In Leinen RM 4. — , in Halbld. RM 8.— 

INHALT 

SIGM. FREUD Moses ein Ägypter 

SIGM. FREUD Wenn Moses ein Ägypter war . . 

SIGM. FREUD Die endliche und die unendliche Analyse 

KARL A. MENNINGER Psychiatrie und Medizin 

FRANZ ALEXANDER Psychoanalyse und soziale Frage 

PAUL SCHILDER Die Beziehung zwischen sozialer und per- 
sönlicher Desorganisation 

SÄNDOR FERENCZI Psychoanalyse und Kriminologie 

ROBERT WÄLDER Kampfmotive und Friedensmotive 

HEINRICH MENG Über Wesen und Aufgabe der seelischen 

Hygiene 

EDWARD GLOVER Die unbewußte Funktion der Erziehung 

EDOUARD PICHON Psychoanalytische Untersuchungsmethoden 

STEFF BORNSTEIN- WINDHOLZ - . . Mißverständnisse in der psychoanalytischen 

Pädagogik 

AUGUST AICHHORN Zur Erziehung Unsozialer 

FRITZ WITTELS . Die libidinöse Struktur des kriminellen 

Psychopathen 

ERWIN STENGEL Prüfungsangst und Prüfungsneurose 

HELENE DEUTSCH Über versäumte Trauerarbeit 

RENE LAFORGUE • • • • Zur Relativität der Wirklichkeit 

LAWRENCE S. KUBIE Psychoanalyse praktisch gesehen 

RICHARD STERBA Bemerkungen über drei Filmdarsteller 

HANS CHRISTOFFEL Henry Maudsleys Anschauungen vom Un- 
bewußten und den Trieben (1867) 

2 BILDBEILAGEN 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, IX. 



J 







NEUERSCHEINUNG 






SÄNDOR FERENCZI 






BAUSTEINE ZUR 






PSYCHOANALYSE 






BAND III UND IV 






2 Bände in Oktav, zusammen etwa 900 Seiten 






Preis für beide Bände: 

geheftet RM 15.—, in Leinen RM 18.50 






BAND III umfaßt bisher unveröffentlichte und teil- 
weise vergriffene Arbeiten aus den Jahren 
1908 — 1933 sowie Arbeiten aus dem 
Nachlaß 






BAND IV enthältGedenkartikel, Kritiken und Referate, 
Fragmente aus dem Nachlaß, eine umfas- 
sende Bibliographie aller Arbeiten Sändor 
Ferenczis und ihrer Publikationen in ver- 
schiedenen Sprachen, ein ausführliches 
Sachregister der Ferenczischen Arbeiten 




INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 




WIEN IX, BERGGASSE 7 




1 




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1 


THE 




THE 






PSYCHOANALYTIC 
QUARTERLY 




INTERNATIONAL 
JOURNAL OF 






Sixth year of publication 




PSYCHO-ANALYSIS 






THE QUARTERLY 

is devoted to original contributions 

in the field oftheoretical, clinical and 

applied psychoanalysis, and is 

published four times a yearP 




Directed by 

SIGM. FREUD 






The Editorial Board of the QUAR- 
TERLY consists of Drs. Bertram 
D. Lewin, Gregory Zilboorgy Henry 
Alden Bunker, Jr., Raymond Gosselin, 
Lawrence S. Kubie, Monroe A. Meyer 
and Carl Binger. 




Edited by 
ERNEST JONES 






CONTENTS FOR JULY 1937: 
W. Bischler: Intelligence and the Higher 
Mental Functions. — M. Ralph Kaufman: 
Psychoanalysis in Late-Life Depressions. — Max 
l.evy-Suhl: Resolution by Psychoanalysis of 
Motor Disturbances in an A dolescent. —Michael 
Balint: A Contribution to the Psychology of 
Menstruation. — Rernard S. Robbins: Escape 
Into Reality: A Clinical Note on Spontaneous 
Social Recovery- — Book Reviews. — Current 
Psychoanalytic Literature. 




This Journal is issued quarterly. 
Besides Original Papers, Abstracts 
and Reviews, it contains the 
Bulletin of the International 
Psycho -Analytical Association, 
of which it is the Official Organ. 




' 


Editorial Communications should be 

sent to the Managing Editor, Room 

I404, JJ West jy th Street, New York, 

N. Y. 




Editorial Communications should be 

sent to Dr. Ernest Jones, 81 Harley 

Street, London, W. 1. 






Foreign subscription price is $ 6.S0. 
A limited number of back copies are 




The Annual Subscription is 50s per 
volume of four parts. 






available ; volumes in original binding 
$ 7JO. 




The Journal is obtainable by sub- 






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to: 

THE PSYCHOANALYTIC 
QUARTERLY PRESS 




scription only, the parts not being 
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Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 






372-374 BROADWAY, ALBANY, 
NEW YORK 




Covent Garden, London, W. C. 2., 
who can also supply back volumes. 










. 



IMAGO, Band XXIII (1937), Heft 4 



(Ausgegeben im Dezember 1957) 

Seite 
Sigm. Freud: Wenn Moses ein Ägypter war 3 gy 

S. H. Fuchs: Über Introjektion 420 

Erik Homburger: Traumatische Konfigurationen im Spiel 447 

BESPRECHUNGEN 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Donath: Psychologia (Feitelberg) 517. — Feitelberg und 
Lampl: Methode zur Messung der Wärmetönung an der Großhirnrinde. Wärmetönung der Groß- 
hirnrinde bei Erregung und Ruhe bzw. Funktionshemmung (Autoreferat) 517. — Veth: Speianalyse als 
Methode van psychologisch onderzoek en van behandeling van kinderen met neurotische verschijnselen 
(J. Lampl-de Grooi) 520. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

PROF. DR. SIGM. FREUD, Zuschriften an die Redaktion. 

DA. S. H. FUCHS, 9 Manchester Square, London W. 1. 

ERIK HOMBURGER, 306 I.H.R., Yale School of Medicine, New Haven, Conn., U. S. A. 



Wir bitten zu richten: 

Redaktionelle Zuschriften aus allen Ländern an die Redaktion der „Imago", Inter* 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7 

Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Wien IX, Berggasse 7 



Eigentumer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H , Wien IX. Berggasse 7 
Herausgeber: Prof. Dr.Sigm. Freud, Wien. -Verantwortlich für dieRedaktion: Dr. RobertWälder, Wien II, Obere DonIustraDe35 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 






IMAGO, Band XXIII (1937), Heft 4 



(Ausgegeben im Dezember 1957) 

Seite 
Sigm. Freud: Wenn Moses ein Ägypter war _g_ 

S. H. Fuchs: Über Introjektion „ 

Erik Homburger: Traumatische Konfigurationen im Spiel 447 

BESPRECHUNGEN 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: Donath: Psychologia (Feitelberg) 517. — Feitelberg und 
Lampl: Methode zur Messung der Wärmetönung an der Großhirnrinde. Wärmetönung der Groß- 
hirnrinde bei Erregung und Ruhe bzw. Funktionshemmung (Autoreferat) 517. — Veth: Speianalyse als 
Methode van psychologisch onderzoek en van behandeling van kinderen met neurotische verschijnselen 
(J. Lampl-de Groot) 520. 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

PROF. DR. SIGM. FREUD, Zuschriften an die Redaktion. 

DR. S. H. FUCHS, 9 Manchester Square, London W. 1. 

ERIK HOMBURGER, 306 I. H. ß., Yale School of Medicine, New Haven, Conn., U. S. A. 



Wir bitten zu richten: 

Redaktionelle Zuschriften aus allen Ländern an die Redaktion der „Imago", Inter* 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7 

Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Wien IX, Berggasse 7 



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XXIII. Band 



1937 



Heft 4 



IMAGO 

^eitsdirilt lür psychoanalytische Eydioloeie 
ihre Crrenzge biete und Anwendungen 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



H 



erausgegeben von 



Sigm. Freud 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 



Sigm. Freud Wenn Moses ein Ägypter war . . . 

S. H. Fuchs Über Introjektion 

Erik Homburger ..... Traumatische Konfigurationen im Spiel 

Besprechungen 



Herfus« n ber m p™f n n^f Iege iT I " t ™ ation ? r ler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H , Wien IX, Berggasse 7 
Herausgeber: Prof. Dr.Slgm. Freud, Wien. -Verantwortlichfürdie Redaktion: Dr. RobertWälder.Wienll, Obere Dontustraße 35 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



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