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Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie ihre Grenzgebiete und Anwendungen XXII 1936 Heft 4"

r" 



XXII. Band 1936 Heft 4 S 



IMAGO 

-iSeitsdirilt für psydioanalytisdie EyJioloeie 
iJire Grenzgebiete und Anwendungen 

Offizielles Organ Jer Internationalen Psycjioanalytisclien Vereinigung 



Herausgegeben von 



Sigm. Freu J 

Kedigiert von Cmst Kris und Rol>ert W^äld 



K Ludwig Jekels Mitleid und Liebe 

Paul Schilder Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik 

und Physik 

Emilio Servadio Die Angst vor dem bösen Blick 

Edmund Bergler Zur Psychologie des Hasardspielers 

• Imre Hermann Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie 

der Primaten 

Richard Sterba Zur Theorie der Übertragung 

M. Wulff Zur Arbeit von E. K r i s „Bemerkungen zur 

Bildnerei der Geisteskranken" 

Besprechungen 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf die folgenden gesetzlichen Bestimmungen auf* 
merksam : 

Bis zum Ablauf von zwei dem Erscheinungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren 
kann über die betreffenden Verlagsrechte (Wiederabdruck und Übersetzungen) nur mit 
Genehmigung des Verlages verfügt werden. Es steht jedoch auf Grund eines generellen 
Übereinkommens, das wir mit dem „International Journal of Psycho^Analysis" getroffen 
haben, jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages der letztgenannten 
Zeitschrift Rechte zur Übersetzung und zum Wiederabdruck einzuräumen. 

Ansuchen um die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in 
einem anderen Organ müßten, um Berücksichtigung finden zu können, zugleich mit Über^s 
Sendung des Manuskriptes gestellt werden. 

Die Redaktion 



1) Die in der „Imago" veröffentlichten Beiträge werden mit Mark 25. — per sechzehn^« 
seitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
erhalten kein Honorar. 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(einseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein* 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange* 
fcrtigl. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.—, für 50 Exemplare Mark 20.— 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.-, „ 50 „ „ 25.- 

.- 17 „ 24 „ „ 25 „ „ 30. -, „ 50 „ „ 40.— 

.. 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.-,, „ 50 „ „ 45.- 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an* 
gefertigt. 



Preis des Heftes Mark 6.-, Jahresabonnement Mark 22.- 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 520 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (l^]6) sowie zu allen früheren 

Jahrgängen: in Halbleinen Mark 2.J0, in Halhleder Mark j. — 



Bei Adressenänderungen 

bitten wir freundlich, auch den bisherigen Wohnort bekanntzugeben, denn die Abc 
nentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem Namen geführt. 



IM A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN 

XXII. BanJ 1936 Heft 4 



Mitleid und Liebe' 

Von 

Ludwig Jekels 

Wieni^StockhoIm 

Meine Damen und Herren! 

Ich gedenke, diese beiden Phänomene hier einer vergleichenden Unter* 
suchung zu unterziehen; denn aus dem Ergebnis dieser Entgegenstellung ver«: 
spreche ich mir Gewinn an Verständnis des noch lange nicht geklärten Liebesiä 
Vorganges. 

Manche von Ihnen, denen meine früheren einschlägigen Arbeiten nicht 
unbekannt sind, werden wohl den Nachteil haben, bereits Gesagtes, ja sogar 
Gedrucktes^ wieder anhören zu müssen; ich hoffe, daß Sie es dem Vortrageiv 
den nicht allzusehr verargen werden. 

Daß ich gerade diesen Weg der Untersuchung des Liebesphänomens ge# 
wählt habe, wurde durch den auffallenden und von mir häufig beobachteten 
Umstand veranlaßt, daß diese beiden Affekte — Mitleid und Liebe — ein«« 
ander in gewisser Beziehung fast ausschließen. Und zwar insoferne, als 
bei der echten, tunlichst unambivalenten Liebe kein Platz zu sein scheint für 
Mitleid mit dem geliebten Objekte. Ein häufig genug zu beobachtendes BeL» 
spiel: Eine Mutter, die ihr Kind schwer und schmerzlich leidend weiß, 
sehen wir von Kummer und Sorge zu Boden gedrückt, Tränen der Ver* 
zweiflung vergießen; wenn überhaupt, so äußerst selten vernehmen wir ]eo 
doch Ausdrücke des Mitleids mit dem Kinde. Darüber hinaus aber hören wir 
oft genug, sie empfinde das Leiden des Kindes geradezu als ihr eigenes; und 
sie meint es gewiß ganz ernst und verdient unseren vollen Glauben, wenn 

i) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Marienbad am 3. August 1936. 

2) L. Jekels: Zur Psychologie des Mitleids, Imago, Bd. XVI, 1930. — L. Jekels 
und E. Bergler: Übertragung und Liebe. Imago, Bd. XX, 1934. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




384 



Ludwig Jekels 



A 



^ 



i 



sie uns versichert, wie gerne sie das Leid des Kindes auf sich nehmen möchte. 
Es ist dies ein derart typisches Verhalten, daß der umgekehrte Fall, häus» 
fige und intensive Äußerungen von Mitleid mit dem Kinde, meiner Beobach* 
tung zufolge, mit Sicherheit auf eine starke Ambivalenz ihm gegenüber 
scliließen läßt. So zum Beispiel im Falle einer meiner Analysandinnen, einer 
SSjährigen geschiedenen Frau, bei der mir solch häufige Mitleidsäußerungen 
in bezug auf ihr fünfjähriges, sehr verzogenes und neurotisches Töchterchen 
auffielen, wenn dieses bei jeder noch so geringfügigen Verweigerung in 
heftiges trotziges Weinen verfiel. 

Meine anfängliche Vermutung, daß die Mitleidsreaktionen der Mutter auf 
dieses Schluchzen des Kindes durch starke Ambivalenz begründet seien, 
fanden alsbald volle Bestätigung. Denn der Fall erwies sich als eine — wenn 
auch symptomarme, so dennoch zweifellos vorhandene, und zwar haupt« 
sächlich im Charakterlichen verlaufende — Zwangsneurose. Dazu kam, daß 
der überstarke Peniswunsch der Frau im Besitz eines Töchterchens 
keine adäquate Kompensation fand. Überdies aber wurde das Kind in einer 
Eheperiode konzipiert, wo der Gatte der Frau bereits entfremdet und sie in 
einen anderen Mann verliebt war. Die Ambivalenz der Mutter diesem Kind 
gegenüber ging so weit, daß die Frau unter ganz unzulänglichen Rationali^ 
sierungen schon das zweijährige Kind in eine Anstalt auf dem Lande gab 
und es dort ein ganzes Jahr beließ. 

Meine Damen und Herren! Ich glaube, daß der hier erwähnte Sachverhalt, 
nämlich daß Liebe das Auftauchen des Mitleidsaffektes ausschließt oder zu«* 
mindest sehr einschränkt, uns ohneweiters verständlich wird, wenn wir uns 
die intime Psychologie des Mitleids, wie ich sie erschlossen zu haben glaube, 
vor Augen halten. 

Da ich keineswegs den Anspruch erhebe, daß Ihnen allen jene Studie hQt> 
kannt ist, geschweige denn deren Ergebnisse Ihnen präsent sind, rekapitu^ 
liere ich diese hier in wenigen Sätzen: 

Das Wesen des Mitleidsaffektes besteht darin, daß sich bei der Wahr«» 
nehmung des Leides eines anderen bei uns von unserem Schuldgefühl als der 
gemeinsamen Plattform aus, eine Tendenz geltend macht, uns mit dem Leiden* 
den zu identifizieren, das heißt: gleich ihm die erotisierte Strafe des Ge^f 
schlagenwerdens zu erleben, da_doch im Unbewußten jegliches Leid, Uns« 
glück etc. die Bedeutung des Geschlagenwerdens besitzt. Dieser initialen 
Identifizierungsregung steht jedoch die Kastrationsangst im Wege. Daher 
kann diese Regung nun ein zweifaches Schicksal haben: Erstens, es wird 
diese initiale Identifizierung unter Überwindung der Kastrationsangst, d. h. 
also unter In#Kauf#nehmen der Kastration usque ad finem fortgesponnen, 



Mitleid und Liebe 385 



Das ist dann der Fall des von mir sogenannten weiblichen Mitleids, das in 
seinem Wesen eigentlich nichts ist als regressive masochistische Sexualbci* 
friedigung. Die völlige Unproduktivität dieser Mitleidsspielart wird am 
treffendsten charakterisiert durch das Sprichwort der Eingeborenen von Süd» 
afrika: „Die Schildkröte hat Mitleid aber — keine Brüste". Es soll uns im 
nachfolgenden gar nicht mehr beschäftigen. Die zweite Möglichkeit aber, | 
zu der jene initiale Identifizierung führen kann, ist das echte, das von mir als ) /^ 
männlich bezeichnete Mitleid; dieses ist in seinem Wesen eine Reaktion ) 
auf jenen sich meldenden femininssmasochistischen < 
Wunsch. Hier wird durch die sich meldende Kastrationsangst die initiale 
Identifizierung mit dem Leidenden jäh abgebrochen, jede Gemeinsamkeit 
mit ihm brüsk gelöst. Keine Rede davon, daß hier, wie im ersten Fall, Subi* 
jekt und Objekt ineinander verschwimmen würden; vielmehr wird hier der 
Leidende vom Ich des Bemideidenden sehr scharf distanziert und dem eigenen 
Ich sehr betont als ein „Du" gegenübergestellt. 

Und eben dieses überdeutliche ApperzipierendesLeidendenals f 
ein „Du", somit als etwas vom eigenen Ich Entferntes, d. h. Fremdes, \ ^ 
scheint mir das wesentlichste Merkmal des echten Mitleidsaffektes zu sein. ' 
Mit dieser Auffassung befinde ich mich schon mit der Stoa im Einklang, die 
gleichfalls für das Mitieid eine deutliche Trennung zwischen Subjekt und 
Objekt forderte; aber ebenso mit neueren Forschem, wie zum Beispiel Her^ 
hart. Ziller, Rothe, vor allem aber mit Sj;heler, der die „phäno«' 
menale Ichdistanz" geradezu zur Voraussetzung des echten Mitleides 
erhebt. Vielleicht hängt die unbestreitbare Tatsache, daß der Mitleidsaffekt s 
hauptsächlich und überwiegend durch die Gehörswahmehmung ansprech;» ) 
bar ist, wie dies bereits Herder hervorhebt, eben mit dieser scharfen Tren* ) 
nung von Ich und Du zusammen. 

Ganz anders, zum Teil entgegengesetzt, gestaltet sich aber die Beziehung 
zum Objekt beim Liebesvorgang, wie dies bereits von mir und Bergler in 
der gemeinsamen Publikation „Übertragung und Liebe" dargelegt 
wurde. 

Und zwar ist die Objektbeziehung bei der Liebe jener beim Mitleid insa# 
ferne entgegengesetzt, als doch bei diesem infolge der Distanzsetzung das 
Objekt bloß in einfacher Ausprägung, eben nur als Objekt der Außens« 
weit vorhanden ist; in der Liebe dagegen finden wir es ganz regelmäßig, stets 
und immer zweifach vertreten, sowohl draußen als auch innea^seelisch, 
als reales, der Außenwelt angehöriges Objekt und zugleich als dessen getreues 
Abbild im eigenen Ich des Liebenden. 

Und dies ist eben das ganz Spezifische, das Einzigartige am Liebesvorgang. 

Imago XXn/4 25 



M" 



386 Ludwig Jekels 



Um die von uns in jener Publikation niedergelegte Ansicht auf die 
knappste Formel zu bringen: jene innen«»seelische Repräsentanz des Ob== 
jekts kommt auf dem Wege der Introjektion zustande. Es geht dabei so zu, 
daß aus irgendeinem Gefühl der inneren Spannung (Sehnsucht, Verein* 
samungsgefühl, Angst etc.) das Ichideal des Subjektes auf ein reales Objekt 
projiziert, dieses sozusagen zum Vertreter des Ichideals erkoren wird; sein 
Abbild wird als nunmehriges Ichideal ins Ich aufgenommen und so „das 
Objekt im Ich aufgerichtet", wie Freud es bezeichnet. Edoardo Weiss 
hat sich in seiner zwei Jahre vor der unsrigen unter dem Titel „Regression 
und Projektion im Über==Ich" erschienenen Arbeit um die Einsicht in die 
intimen Vorgänge, die einer solchen Aufrichtung des Objektes im Ich zn» 
gründe liegen, bemüht, welche bekanntlich der phylogenetischen Spur des 
Urverbrechens folgt. Er faßt diese Objektaufrichtung im Ich als eine ma# 
gische, vermittels der Allmacht der Gedanken bewürkte Schöpfung des Ab* 
bildes, der Imago des Liebesobjektes auf, — welche Schöpfung von der 
Sehnsucht nach dem Objekte getragen ist. Mit sehr viel Recht verweist 
Weiss dabei auf das dringende und immanente Verlangen darnach, daß 
das Objekt und sein in uns geschaffenes Abbild zur Deckung miteinander 
gelangen, sowie die aus diesem Bedürfnis sich ergebenden Komplikationen. 
Ein Beispiel eigener Erfahrung aus der jüngsten Vergangenheit mag dies 
illustrieren. Ein 30jähriger intelligenter Arzt unterzog sich bei mir der Ana* 
lyse, weil er sich in seiner Gefühlsbeziehung zu einem Mädchen nicht zurecht* 
fand, mit dem er bereits über ein Jahr ein Liebesverhältnis unterhielt, an 
dessen Abbruch er sogar dachte. Im Verlaufe der Analyse, die übrigens in 
einen vollen Erfolg auslief, besserte sich nach Wegräumung gewisser aus la* 
tenter Homosexualität stammender Hemmungen seine Einstellung zu dem 
Mädchen und steigerte sich bis zur vollen Verliebtheit. Nur war der mate* 
riell fast unabhängige Patient sorgsam bemüht, die Natur, die Inten* 
sität und den Ernst dieser Beziehung vor den Eltern, besonders vor dem 
Vater, zu verbergen, — wie er ja auch seine früheren erotischen Bezie* 
hungen aus Angst vor dem Vater aufs strengste geheim hielt. 

Als nun das junge Paar über das Drängen des Mädchens beschloß, eine 
Ehe einzugehen, vermochte der Patient diese seine Angst vor dem Vater so 
weit zu überwinden, daß er ihm ganz freimütig seine Heiratsabsicht mit* 
teilte, obwohl er wußte, daß die Eltern, die für ihn eine sozial und materiell 
ungleich günstigere Verbindung wünschten, mit seiner Wahl kaum einver* 
standen sein würden. Nun erwartete ich, daß er jetzt auch mir gegenüber 
Ernst machen, eventuell aus der Analyse treten werde. — zumal für deren 
Fortsetzung keine Notwendigkeit mehr vorlag — und daß er kurzerhand hei* 
raten werde. Wie erstaunt war ich aber, als statt all dessen mir gegenüber 



Mitleid und Liebe 



387 



gesteigerte Angst auftrat — dies trotz meiner ihm bekannten toleranten Hal=* 
tung in bezug auf seine Heiratsabsicht und wiewohl ich nicht wenig zu 
jener Angstüberwindung gegenüber dem Vater beigetragen hatte. Durch 
jenes Deckungsbedürfnis wurde beim Patienten offenbar die Realitätss» 
Prüfung so weitgehend eingeschränkt, daß er ohne weiteres der Vaterimago, 
dem Analytiker, die bis dahin vom Vater innegehabte und jetzt überwundene 
Rolle des Angstobjek^es zuteilen konnte. 

Dies alles, meine Damen und Herren, mag uns illustrieren, in welch 
enorme, sich oft so tragisch auswirkende Abhängigkeit das Ich in der Liebe 
gerät; vor allem durch seine Poppelfesselung: einerseits durch eine seelische 
Instanz, andererseits durch das reale Objekt, überdies aber auch aus jenem 
Verlangen nach Deckung heraus. 

Meine Damen und Herren! Ich weiß schon, daß ich bis jetzt kaum etwas 
anderes hier vorgebracht habe, als was von mir und den genannten Kollegen 
bereits in Publikationen gesagt wurde. Dies scheint mir nicht viel zu besagen, 
weil ich meine, der Nachdruck liege hauptsächlich auf der Schlußfolgerung, 
die — wie es mir scheint — bis jetzt noch nicht mit der nötigen Deutlichkeit 
gezogen wurde : so vor allem auf der für gewöhnlich ganz übersehenen Tat» 
Sache, daß bei der Liebe, dieser Objektbeziehung par excellence, die intco* 
jektive Identifizierung das seelische Geschehen in sehr hohem Grade und 
so weitem Ausmaße ausmacht, daß sie möglicherweise das Wesentlichste 
am Liebesvorgang ist. 

Ich weiß wohl, daß wir mit dieser Hervorhebung der Bedeutung der IdeTw 
tifizierung recht stark von der herrschenden psychoanalytischen Ansicht ab# 
weichen, die die Liebe fast ausschließlich auf den Vorgang der Objektbe^ 
Setzung basiert. Denn wo wir die Identifizierung als etwas in der Liebe ganz 
Regelmäßiges, ja für sie Integrierendes erblicken, wird von Freud (Das Ich 
und das Es, S. 31) das Vorhandensein von Identifizierung in der Liebe als eine 
Möglichkeit, eine Variante erwähnt. So meint er, „auch eine Gleichzeitigkeit 
von Objektbesetzung und Identifizierung kommt in Betracht". Ansonsten aber 
scheint nach Freud der Identifizierung bei der Liebe nur die Rolle eines 
bloßen Ersatzes für die Objektbesetzung zuzukommen, nachdem diese bereits 
atifgegeben wurde, wonach die Identifizierung lediglich einen sozusagen 
seelischen Rückstand darstellen würde. Und doch glaube ich, an meiner und 
Berglers Ansicht über die Bedeutung der Identifizierung in der Liebe 
festhalten zu müssen. Dies umsomehr, als ja die Folgerungen, die Freud 
aus der seinigen für das Verständnis pathologischer Phänomene (Melan»« 
cholie) sowie für die Charakterbildung zieht, durch die unseren in ihrer 
Richtigkeit unberührt bleiben. 

25» 



388 Ludwig Jekels : Mitleid und Liebe 



Überdies aber biete ich Ihnen, meine Damen und Herren, zur Verteidigung 
unserer These noch folgendes Argument an: Wir haben es in der Liebe mit 
dem Eros in Höchstkonzentration zu tun, d. h. mit der intensivsten 
Tendenz nach Herstellung der Einheit. Und wird denn nicht 
die Einheit am vollkommensten hergestellt durch die sozusagen orale Ein* 
Verleihung, d. h. die Introjektion und die darauf basierende Identifizierung? 
Sie scheint mir dazu jedenfalls in ungleich höherem Maße geeignet als der 
Begriff der Besetzung des Objektes, auf den der Vorgang der Liebe allzu 
einseitig und enge zurückgeführt wird — wobei auch nicht einmal annähernd 
irgend ein Weg sichtbar wird, der von dieser Objektbesetzung zur Einheitss^ 
herstellung führen könnte. 

Aber auch das anfangs von mir aufgestellte Problem, daß Liebe Mitleid 
mit dem geliebten Objekte ausschließt oder einschränkt, soll hier, und zwar 
mit Nachdruck, als Stütze unserer Ansicht herangezogen werden. Es beant=« 
wortet sich nunmehr von selbst. Denn beim Mitleid ist das Objekt stets ein 
Du. In der Liebe aber zwar ein Du, aber — vielleicht ungleich mehr noch 
— ein Ich. Diesem aber kommt Liebe und nichts als Liebe zu. 



Zur Psychoanalyse der Geometrie, 
Arithmetik und Physik' 

Von 

Paul Schilder 

New York 

Sidney C, 30 Jahre alt, beklagt sich, daß er jedes Paket genau in die 
Mitte des Tisches legen müsse. Unterließe er das, so würde er erkranken und 
sterben. Wenn er einen Gegenstand auf der einen und nicht auf der anderen 
Seite berühre, fühle er sich innen leer. Es sei, als ob kein innerer Druck mehr 
bestehe. Mit fünf Jahren mußte er das Gleichgewicht wieder herstellen, wenn 
er den Kopf auf einer Seite berührt hatte: er mußte den Kopf dann auch auf 
der anderen Seite berühren; er hatte das Gefühl, daß die Unterlassung dessen 
„ein Loch" im Kopfe hervorgebracht hätte. Asymmetrie in der Außenwelt 
macht seinen Körper asymmetrisch, es zieht ihn nach der Seite des Über.» 
gewichtes. Asymmetrie bewirkt auch Magenschmerzen. 

Die Zahlenreihe hat für den Patienten symbolische Bedeutung: 1 = der 
Vater. 2 = die Mutter, 3== die Familie (Onkeln und Tanten), 4 = er selbst, 
5 = der Tod, 6 = irgendjemand anderer, 7 = unbestimmt. 

Er fürchtet den eigenen Tod und den Tod der Mutter und des Vaters 
(solange dieser noch lebte; er starb, als der Patient 16 Jahre ah war). Der 
Patient hörte die Mutter öfters von den Strafen sprechen, die Gott verhänge: 
Krankheit und Tod. Die Mutter schlug ihn häufig mit einem Besenstiel. Als 
Antwort auf ihre Aggressionen hat er Todeswünsche gegen sie. Er will sie 
aber auch besttafen, weil sie Liebesbeziehungen mit dem Vater hatte. Er 
hatte sie als Kind auch verdächtigt, daß sie mit dem Rabbiner sexuell ven* 
kehre. Er hatte ihr Genitale gesehen, die Eltern beim Koitus beobachtet, sich 
an die Stelle des Vaters gewünscht und die Bestrafung durch die Mutter ge^ 
fürchtet. Seine Aggression ist unterdrückt und erscheint als Zwangsbesorgnis. 
Kasttationsmotive sind von besonderer Stärke; er hat den Penis immer für 
zerbrechlich gehalten. Wiederholt hatte er auch geträumt, daß die Wohnung 
ausgeplündert würde. Dies deutet auf die Furcht hin, seiner Eingeweide 
beraubt zu werden. Der Gegenangriff erfolgt im Zählen. Mit der Zahl be* 
mächtigt er sich der Außenwelt. Er versichert sich dessen, daß die Objekte, 
die er zerstören will, noch da sind. Nur die 5 erinnert an die Furcht, den 
Tod zu erleiden, und den Wunsch, ihn bei anderen herbeizuführen. Die 

Aus der Psychiatrischen Abteilung des BeIlevue==Spitals in New York und der Ab* 
teilung für Psychiatrie der New York University. 



390 Paul Schilder 



Zahl ist — wie B e r g s o n richtig gesehen hat — auf dem Wege zur Hand# 
lung. In anderen Fällen mit ausgesprochener Aggressionsneigung sieht man, 
daß die Treppen beim Stiegensteigen in bestimmter Weise geteilt und zwo 
sammengefaßt werden, wie z. B. in einem meiner Fälle: 1. 2, 3 — 1, 2, 3, .4 
— 1, 2, 3. 4, 5 — 1, 2, 3 etc. In siolchen Fällen bekommt das Zählen eine 
unmittelbare Beziehung zur Handlung. Die Zahl gibt Auskunft, wie oft 
man handeln muß, besitzergreifend oder zerstörend. Sehr wahrscheinlich er:* 
geben sich manche symbolischen Beziehungen, die in der unvollständigen 
Analyse (der Patient war zu rasch „geheilt" und hatte seinem Beruf nachzu:» 
gehen) nicht klar zum Ausdruck kamen; aber das Wesentliche ist hier die 
Beziehung zur Handlung und zum Tun. In seinem Berührungszwang kom== 
men ähnliche Motive, diesmal aber in Beziehung zur Außenwelt, zum Vor*: 
schein. Das symmetrische Objekt fordert nicht so sehr zur Handlung heraus 
wie das asymmetrische. Das Individuum will zu einer Ruhelage kommen. 
Symmetrie ist der Ruhe näher. Jede Asymmetrie fordert zur Handlung auf 
und entfesselt eine Haltung, die schließlich gefährlich werden könnte. Diese 
Haltungen sind tief im Organischen verankert. In Fällen mit gesteigerten 
Stellreflexen (vgl. z. B. das Buch von Hoff und Schilder „Die Lage=< 
reflexe des Menschen", wo die Befunde Goldsteins u. a. mitverwertet 
sind) sieht man, daß Tonussteigerungen und Wendungen einsetzen, wenn 
die Situation asymmetrisch wird. Das Individuum strebt nach einer symj» 
metrischen Welt, in der auf keiner „Seite" der Situation Spannung ausgelöst 
wird. Der Ausgleich erfolgt im organischen Fall „tonisch", in unserem Falle 
durch Berührung. Gleichgewicht der Wahrnehmungsspannungen ist das Ziel. 
Man erkennt in diesem Falle mit großer Deutiichkeit, daß der Patient 
auf dem Boden seiner aggressiven Impulse jede Spannung dieser Art 
fürchtet. Wahrnehmungsspannung ist Bedrohung und löst Abwehrmaß* 
nahmen aus. Die Wahrnehmungsspannung ist in diesem Falle auch eine 
Spannung im Körper und in der Gewichtsverteilung des Körpers. 

E d w a r d P., 23 Jahre alt, fürchtet Kerosin und kleine Straßenkehrerwagen 
und bekommt schwere Angstzustände, wenn immer er etwas sieht und hört, 
was mit Kerosin und Straßenkehrern, sei es auch in noch so losem Zusammen* 
hang steht. Die Furcht vor dem Kerosin geht auf die Zeit zurück, als seine 
Mutter das Haar der Schwestern mit Kerosin wusch. Als Kind fühlte ec 
zeitweise den Drang, das Kerosin in den Mund zu nehmen. Er hat das Gea 
fühl, daß in den kleinen Wagen der Straßenkehrer Kerosin sei. 

Er fühlte sich von der Mutter und einer der Schwestern bedroht. Diese 
Furcht ist die Basis für die Furcht vor dem Kerosin. Dementsprechend hat 
er die gleiche Furcht in bezug auf eine Frau namens D., die die Mutter 



Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik 391 

einer Freundin dieser Schwester ist. Es ist wahrscheinlich, daß die Bedrohung 
durch Mutter und Schwester zu einer fast vollständigen Unterdrückung der 
Sexualität geführt hat; er kann als sexueller Idiot bezeichnet werden. Vor 
seiner ersten Behandlung im Psychiatrischen Institut (1933) wußte er gar 
nichts über die Sexualität. Er hat noch nie einen Orgasmus oder eine PoUuä» 
tion gehabt. Im Zusammenhang mit voyeuristischen Träumen (er sieht z. B. 
eine Frau Äpfel von einem Baum nehmen) hat er seltene Erektionen. Er 
fühlt sich von einer seiner Schwestern unterdrückt; aber er protestiert lebhaft 
gegen jede Form der Autorität und reagiert gelegentlich in starken Aus* 
brüchen von Zorn, ja auch mit physischer Gewalttätigkeit. Er hat lediglich 
Interesse an Automobilen und ganz besonders am Schnellfahren. Er würde 
gerne reisen, vor allem, um den Stadtplan mit der wirklichen Stadt zu vert« 
gleichen. Er hat keinen Freund; Erwachsene behandelt er als kleine Kinder 
und spielt ihnen allerhand Streiche, neckt sie gerne und in alberner Weise 
und ist verwundert, wenn es die anderen übel nehmen. Der Vater spielt in 
seinem Leben eine sehr geringe Rolle. Frühes Material ist unerreichbar. Man 
kann aber eine Bedrohung durch die Mutter in einem sehr frühen Zeitpunkt 
mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen. Die 7 Jahre ältere Schwester über«= 
nimmt die Mutterrolle (er hat außer ihr noch 4 ältere Schwestern und einen 
jüngeren Bruder). Die Bedrohung endet mit Vernichtung der manifesten 
Sexualität und führt zu mehr oder weniger heftigen Gegenangriffen des 
Patienten. 

Der Raum hat eine besondere Bedeutung für ihn. Er bekommt Angsts» 
zustände, wenn er in der Mitte eines Zimmers ist. Die Schwester befand sich 
in der Mitte des Raumes, wenn ihr Kopf mit Kerosin gewaschen wurde. 
Wenn er während der Behandlung veranlaßt wird, in der Mitte des Zim* 
mers zu sitzen, erleichtert es ihn, daß sein Rücken die Lehne des Sessels 
berührt, so daß wenigstens keine vollständige Symmetrie besteht. Die Be^" 
drohung geht in diesem Falle von der Symmetrie aus. Aber er fühlt sich auch 
unsicher, wenn ein Gegenstand nahe daran ist, die Balance zu verlieren. 

Wenn er etwas mit der rechten Hand berührt, folgen Angstzustände 
(Rechts#Symmetrie). Er muß dann mit der linken Hand oder dem linken 
Fuß Bewegungen machen. Überhaupt muß er Gefahren durch wiederholte 
Bewegungen des linken Fußes oder der linken Hand unschädlich machen. 
Die gleichen Vorsichtsmaßregeln gebraucht er auch gegen Zahlen, die ihn 
erschrecken, weil sie mit der Nummer des Hauses im Zusammenhang stehen, 
in welchem Frau D. lebt; besonders 16, 18, 25, 35, 65, 105. Zu diesen 
Zahlen kommt er durch komplizierte Rechenoperationen mit dem Ausgangs* 
material. Er macht sie unschädlich mit 5 Bewegungen der linken Hand oder 



392 Paul Schilder 



mit einem Vielfachen von 5 Bewegungen. Hier werden Symmetrie und 
Rechts zu Symbolen der Gefahr, gegen die motorisch Abwehrmaßnahmm 
ergriffen werden. Die Bewegungen seiner linken Extremitäten sind rhytiv»» 
mische Verteidigungshandlungen. Das Zählen ist Angriff und Gegenangriff. 

Federn hat in einer sehr beachtenswerten Studie^ die Analyse eines Pa* 
tienten mitgeteilt, der über die Fugen des Straßenpflasters in bestimmter 
Weise hüpfen mußte, und konnte zeigen, daß in diesem Fall jede Fuge das 
Aufhören und den Neubeginn, Tod und Zeugung bedeutete. Auch .das 
Eckige bedeutete für den Patienten im Gegensatz zur runden, konkaven 
Nische ein Absetzen, ein Trennen, ein Todessymbol. Auch in dem Beispiel 
Federns hilft die Zwangshandlung gegen eine Bedrohung, die von der 
Außenwelt kommt. Die bisherigen Ausführungen zeigen bereits, daß die 
folgenden „Gestalteigentümlichkeiten" der Außenwelt eine Bedeutung ge# 
winnen. 

Symmetrie, Asymmetrie, einseitige Belastung, die Mitte, die Fuge, idas 
Eckige werden zum Ausdruck von Bedrohungen, gegen die symbolische 
motorische Gegenmaßnahmen erfolgen. Eine bestimmte Zahl von Hand» 
lungen wird notwendig. Die Zahl zeigt an, wieviele Schutzmaßnahmen not# 
wendig sind. Die geometrischen Qualitäten der Welt sind daher Anzeichen 
von Drohungen, welche von der Welt ausgehen, und bewirken Abwehr=« 
maßnahmen, die wiederum zu neuen geometrischen Gliederungen führen. 
Die Zahl, die Arithmetik, hat gleiche Bedeutung. Der Zwang führt zu einer 
Stufe der Wahrnehmung (Ich*Struktur) zurück, in der die Bedrohung eine 
viel allgemeinere ist. L. Bender und ich haben diese Stufe im Spiel der 
drei* und vierjährigen Kinder direkt beobachtet. Es handelt sich um Regres«= 
sion in der Ich<=Struktur, welche zu der Regression im libidinösen Gebiet 
parallel geht. 

Fenichelä zitiert Harnik, der im Zählen ein spezifisches Abwehr«= 
mittel gegen die anale Onanie sieht, und fügt treffend hinzu: „. . . .Der 
Zählzwang dient vielleicht in tiefster Schicht dazu, Todeswünsche abzu.» 
wehren, da das Feststellen der Zahl von Gegenständen darüber vergewissert, 
daß keiner fehlt. Allerdings dringt das Abgewehrte in die Abwehr ein, und 
das Zählen erhält dann selbst die unbewußte Bedeutung von Töten und 
muß seinerseits abgewehrt werden. Das wird auch durch den Umstand er* 
leichtert, daß den Zahlen a priori auch die Bedeutung des Inbesitznehmens, 
des Bemächtigens zukommt." 
Die Bedeutung dieser Probleme kam mir aber erst zum vollen Bewußt* 



2) P. Federn: Über einen alltäglichen Zwang. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1921, 
S. 214f. 

3) O. Fenichel: Hysterien und Zwangsneurosen. Int. Psa. Verl., Wien 1931, S. 130. 



2^r Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik 393 

sein, als ich Gelegenheit hatte, einen schweren Fall von Zerstückelungsangst 
zu studieren, der von anderer Seite etwa 2V2 Jahre lang analysiert worden war 
und nunmehr seit mehreren Monaten von mir behandelt wird. Der Patient 
hat Zwangsimpulse imd Phantasien, Frauen in Stücke zu schneiden, deren 
Geschlechtsteile herauszureißen und sie entweder im ganzen oder in Stücken 
zu verzehren. Ähnliche Impulse treten auch dem Analytiker gegenüber in 
Erscheinung. Er hat ein unbewegtes Gesicht, spricht viel und gebraucht mit 
Vorliebe obszöne Worte. 

Von Jugenderinnerungen ist die folgende bemerkenswert: Als er 4 oder 
5 Jahre alt war, wollte ein kleines Mädchen seine Spielsachen nehmen; er 
weigerte sich, sie herzugeben. Später kam ein Gewitter, da gab er ihr alles 
Spielzeug und urinierte und defäzierte. 

„Ich zähle und singe im Geiste — auch Napoleon hat die Fenster gezählt. 
Ich zähle die Kanten und Ecken jedes Papierbogens, dann zähle ich die 
Flächen und dann zerbreche ich alles in Gedanken. Ich möchte jeden in 
Stücke zermalmen und auf ihn urinieren." Der Patient zerstört in der Phan* 
tasie, aber es ist nicht möglich, ihn zum Zerbrechen von Gegenständen zu 
veranlassen; er scheut vor der Gewalttat zurück. 

„Ich denke oft daran, alles in eine Faschiermaschine zu stecken, es kommt 
dann wie Kot heraus." 

Die Furcht vor Gewittern, vor Gott (Vater), reicht in die früheste Kind<= 
heit zurück. 

Auf der Universität sagte einer seiner Kollegen: „Weiß Gott, vielleicht 
sind wir nur Atome, eingeatmet von einem ungeheuren Giganten." Das er» 
schreckt ihn. Vielleicht ist er selbst klein wie ein Atom. Über Atome schreibt 
er bei einer anderen Gelegenheit: „Wenn man Substanzen teilt, so kommt 
man schließlich zu Atomen. Diese sind schweigende Zeugen des Vers= 
brechens, das begangen wurde." Das Atom ist für ihn das Endresultat g©» 
walttätiger Zerstörung. Atome sind ohne Leben. „Atome sind einsame 
Wesen. Die Atome des Körpers wollen nicht die gleiche leblose Existenz 
der anderen Atome führen." Er möchte jeden zu Pulver zermahlen und auf 
ihn pissen. 

Zählen ist für den Patienten: zerreißen und in kleine Stücke zermalmen. 
Aber das Zermalmen und Zerbrechen ist für ihn auch ein Zerstören ides 
menschlichen Körpers. Die Analyse konnte nicht bis zu den letzten Quellen 
seines Zerstörungstriebes geführt werden. Aber er war Angriffen älterer 
Brüder ausgesetzt, er war das zehnte Kind, schwach und ständig bedroht. 
Er entwickelt eine Aggression, die um so maßloser ist, als sie keine Aus^» 
sieht hat, in die Wirklichkeit übergeleitet zu werden. Mit 4 Jahren sind 



394 Paul Schilder 



Furcht und Angst bereits voll entwickelt. Man wird nicht fehl gehen, wenn 
man sie als Kastrationsangst im weitesten Sinne, als Zerstückelungsangst, be# 
zeichnet. Er scheint auch die Angst zu haben, seiner Eingeweide beraubt zu 
werden. Seine Zerstörungslust ist teilweise Reaktion auf Bedrohung; sie ist 
wahrscheinlich organisch begünstigt. Der Patient hat einen Sprechdrang und 
eine gewisse Starre des Gesichts, die an Encephalitis erinnern, aber wahrs» 
scheinlich auf einer konstitutionellen Anomalie der Motilität beruhen. Der 
Patient hatte Konflikte mit seiner Mutter, weil er zu lebhaft war und niemals 
zur Ruhe kam (vgl. Stengel*). Wir sind aber in diesem Zusammenhang 
vorwiegend an dem aggressiven Charakter des Zählens interessiert, das hier 
offenkundig einem Zerstückelungsimpuls seine Entstehung verdankt. Im 
Zählen kommt der Patient zu den Bruchstellen der Wirklichkeit. Wenn er 
mit dem Zählen zu Ende ist, hat er die Welt zerhämmert und zerrissen. Das 
Atom ist das Endprodukt der Zerstörung, ein Ruhepunkt, eine Sicherheit 
— aber gleichzeitig der unüberwindbare Widerstand gegen die letzte Ver«» 
nichtung. Wenn der Patient sich mit einem Atom vergleicht, so hofft er 
so, der endgültigen völligen Zertrümmerung durch den übermächtigen Vater 
zu entgehen. 

Diese Beobachtung weist wiederum auf den Handlungscharakter des 
Zwangszählens und des Zählens überhaupt hin. Es ist aber nicht nur Hand»* 
lung — es ist Aggression, und der Begriff der Zählbarkeit und der der TeiL« 
barkeit rücken in enge Beziehung zueinander. Aber Teilen ist Zerreißen, 
Zerreißen ist Zerstören. Die Frage der Kohärenz der Objekte und des Widei-i» 
Standes, den sie der Zerstörung entgegensetzen, schließt unmittelbar an. AL« 
tivität und Aggression gehen sehr leicht Verbindungen mit oralen und analen 
Tendenzen ein. Die Verbindung mit genitalen Tendenzen ist lockerer; aber 
es sieht nicht so aus, als ob die Aggression lediglich ein Abkömmling oraler 
und analer Tendenzen wäre. Sie dient zur Orientierung und Behauptung in 
der Welt und zu ihrer Bewältigung. Die Nahrungsaufnahme (^^abgabe) 
und die mit ihr verbundene Erotik ist nur ein Teil dieser Selbsterhaltung und 
Bewältigung der Welt. Während Zählen ungefähre Anhaltspunkte in einer 
fast gestaltlosen Welt gibt, wird in anderen Zwängen die Geometrie lebendig. 
Symmetrie und Asymmetrie in der Außenwelt rufen bekanntlich Abände=« 
rungen in der Stellung und Haltung von Individuen hervor. Asymmetrie ist 
eine endgültige Drohung, und Bedrohungen des Gesamtkörpers wirken sich an 
den inneren Organen und Sensationen, sowie an der Geschlechtsfunktion 
aus. Andernteils werden schwere Bedrohungen von außen den Patienten zu 

4) Erwin Stengel: Zur Kenntnis der Triebstörungen etc. bei Hirnkranken. üit. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, S. 544 ff. 



Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik 395 

einer Überwertung der Symmetrie führen. (In unserem Falle Edward P. bes= 
wirken die besonderen Umstände, daß der Mittelpunkt zur Gefahr wird.) In 
manchen zwangsneurotischen Fällen wird der Zwang zur Symmetrie und 
zur Ordnung auf komplizierte Gebilde übertragen. Eine meiner Patientinnen 
fürchtete, daß ihr Mann mit ihr wegen kleiner Verfehlungen „auf gleich" 
kommen wolle. Symmetrie und Balance sind räumliche Phänomene, die zu 
bestimmten moralischen Haltungen auffordern, die sich zunächst im Muskel* 
System (Ich) ausdrücken, aber auch das Eingeweidesystem (Libido) lent* 
scheidend beeinflussen. Die Probleme der Arithmetik, Geometrie und 
Physik, die hier behandelt wurden, sind zunächst Probleme des Ichs im 
analytischen Sinne. Aber die libidinöse Situation ist mit entscheidend, wie== 
weit Arithmetik und Geometrie wirksam werden. Bedrohung ist eine Be* 
drohung durch die physikalischen Kräfte, aber sie ist auch eine Bes« 
drohung durch den Vater. Die Angst, welche folgt, ist die Angst vor 
den unheimlichen Gewalten der Außenwelt, welche zu Boden werfen 
und zerschmettern, aber auch die Angst vor dem Vater, der zerstückelt 
und kastriert. Die Angst vor dem Kastriertwerden durch den Vater 
verstärkt die Angst vor der Asymmetrie, vielleicht auch die Angst vor der 
Schwere, und macht eine Abwehrhandlung im Zählen notwendig. Die psy<= 
choanalytische Theorie weiß sehr wenig vom Ich. Es ist aber kein Zweifel, 
daß Zählen und die Reaktion auf Symmetrie, Asymmetrie und Schwere zu 
den fundamentalen Ichfunktionen gehören. Aber Ichfunktionen sind mit 
Aktivität und Aggressivität verbunden, sie dienen nicht nur der Aufrecht« 
erhaltung des Gleichgewichts, der abwehrfeindlichen Angriffe und der Be* 
mächtigung, sondern auch den oralen und genitalen Bestrebungen. Ja, diese 
sind mitbestimmend für die Auswahl der Anteile der geometrischen und 
physikalischen Außenwelt, die für eine bestimmte Handlung bedeutsam wer«« 
den. Geometrische und physikalische Außenweltstrukturen stehen daher in 
gesetzmäßigem Zusammenhang mit strukturell verankerten Ichfunktionen 
(Handlungsantrieben), deren Auswirkung von der libidinösen Einstellung 
und der Triebsituation im allgemeinen bestimmt wird^. 



5) Vgl. auch meine Arbeit: Psychoanalyse des Raumes. Diese Ztschr., dieser Jahrg., 
H. 1, S. 61 £f. 



Die Angst vor dem bösen Blick^ 

Von 

Emilio Servadio 

Roma 

Die Angst vor dem „bösen Blick" gehört zu jener primitiven Einstellung, 
nach der das Kind und der Wilde sich die Welt von Kräften und von unsicht«= 
baren Wesen erfüllt vorstellen, die ihre Wirksamkeit auf eine das mensche 
liehe Verständnis überschreitende Art entfalten, ohne der rationalen Kausa« 
lität unterworfen zu sein. Es handelt sich selbstverständlich um das Andauern 
von magischen Zügen, wie sie der Kindheit eigentümlich sind, solange wir 
noch glauben, daß man die Umgebung durch Gedanken und Worte beein* 
flussen könne. 

Die Angst vor dem bösen Blick setzt also, mehr oder weniger, das Zu# 
geben von übernatürlichen und außerlogischen Vermögen, voraus. Wie jede 
Angst, muß aber auch diese in einem wenigstens psychisch realen Erlebnis 
wurzeln. 

Worin besteht denn, äußerlich betrachtet, diese seltsame Angst? In dem 
Glauben, daß dieser oder jener Mensch einem anderen oder seiner Um^s 
gebung überhaupt durch eine verborgene Beeinflussung, und besonders durch 
den Blick, sei es einen körperlichen oder einen seelischen Schaden zufügen 
könne. Dieser Glaube erscheint in sehr verschiedenen Formen, er dehnt sich 
selbst auf Tiere oder auf Gegenstände aus. 

Die häufigste und verbreitetste Art ist jedoch diejenige, welche eben „böser 
Blick", italienisch „malocchio" , französisch „mauvais oeil", englisch „evil 
eye" usw. genannt wird: die Angst vor dem Blick bestimmter Personen. 

Diese Erscheinung gehört zweifellos zu den geographisch und historisch 
am weitesten verbreiteten. Bereits in der Bibel wird sie an mehreren Stellen 
(Deut. 285*-5^ Ex. 13"; Proph. 23*; 28^^; Sal. 92", usw.) ausdrücklich er. 
wähnt. Der böse Blick war, außer bei den alten Juden auch bei den 
Ägyptern, Etruskern, Griechen, Römern und das ganze Mittelalter hin^i 
durch gefürchtet, wie es durch eine Reihe von speziellen Untersuchungen, 
die ich der Kürze halber nicht anführe, und durch Amulette und ähnliches, 
worauf wir später noch zurückkommen werden, erwiesen ist. Diese Un=* 
glück bringende Macht des Blickes ist schon ab antiquo vollkommen als für 
sich allein stehend und als unabhängig von der Absicht des Blickenden auf* 
gefaßt worden: selbstverständlich verstärkte aber die Absicht, Böses zuzu* 

i) Gekürzte Wiedergabe eines am 21. Februar 1934 in der Italienischen Psychoana« 
lytischen Vereinigung gehaltenen Vortrages. 



Die Angst vor dem tosen Blick 397 



fügen, diese Macht. Das traditionelle, klassischeste Beispiel für die selbst^ 
tätige böse Macht des Blickes ist das der Medusa: ein Mythus, über den 
ich meine Ansicht noch äußern werde. Für jetzt genüge die Andeutung, daß 
der Ursprung der Macht der Gorgo im Blicke lag. Alles andere ist Über^* 
bau. Auch die modernen Philologen neigen zur Ansicht, daß der Name 
„Gorgo" selbst sich auf den todbringenden Blick des schlangenhaarigen 
Weibes bezöge. Erwähnen wir noch, als das bekannteste mythische Wesen 
dieses Typus, den besonders im Mittelalter berüchtigten Basiliskus. Es 
ist bekannt, daß auch Tiere geschädigt werden konnten; man beachte aber, 
daß es sich dabei immer um Haustiere handelt. In der dritten Ekloge läßt 
Virgil seinen Schäfer sagen: „Nescio quis teneros oculus mihi fascinat 
agnos." Türken und Araber beschützen ihre Pferde und ihre Kamele mit 
allen möglichen Amuletten vor dem bösen Blick. Gewisse Verzierungen des 
Geschirrs, die unsere Kutscher heute noch benützen, stammen unter anderem 
aus ähnliehen Absichten. „Jettatori di cavalli" (Pferdejettatoren) sind in 
Italien besonders bekannt. 

Wie überträgt sich nun diese böse Macht des Auges? Unseres Wissens 
haben diejenigen, die heute noch an den bösen Blick glauben, sich keinerlei 
Theorien darüber zurechtgelegt. Wenn sie es getan hätten, würde es sich ja 
nicht mehr um eine völlig irrationale, zaubergläubige, typisch infantile Ein* 
Stellung, sondern schon um eine vorwissenschaftliche Art der Betrachtung 
handeln. Einer solchen wissenschaftlichen Stufe gehören in der Tat die 
Pseudoerklärungen von Demokrit und Heliodor an mit ihren „Bild* 
chen" oder „nicht wahrnehmbaren Atomen", welche die wirkende Kraft aus 
dem Auge auf das mehr oder weniger vorher bestimmte Opfer Überträgen 
haben sollen. Ähnliches kann man auch von vielen späteren Theorien, von 
Thomas bis Paracelsus, Cornelius Agrippa, Albertus Magx 
nus usw. sagen. 

Es könnte nun wichtiger sein, auf die Menschen einzugehen, welchen die 
traurige Gabe des bösen Blickes überlieferungsgemäß verliehen ist. Wir fin* 
den vor allem Personen, deren Augen irgendeine Besonderheit aufweisen; 
besonders in Italien werden z. B. Einäugige und Schielende oft als Jettatoren 
angesehen; diese Überzeugung muß auch im Altertum verbreitet gewesen 
sein, wenn Horaz (Epist. I. 14, 37) die unheilvolle Macht des „oculus 
obliquus" erwähnt und wenn Plinius (Nat. Hist. VII, 2) Cicero die 
Ansicht, daß „feminas omnes ubique visu nocere quae duplices pupillas 
habeant" zuschreibt. Auch ein zu klarer Blick, zu große oder vorstehende 
Augen oder eine besondere Augenfarbe konnten den Besitzer in den Ruf 
eines Jettatore bringen; und wir haben schon erwähnt, daß ähnliches 



398 Emilio Servadio 



sogar dazu geführt hat, den Blick einzelner Tiere für gefährlich zu halten. 
Ebenso weit verbreitet ist die Überzeugung, daß es für ein Kind oder ein 
Haustier unheilbringend sein kann, wenn es zu sehr, auch ohne böse Absicht, 
angeschaut wird. Diese Angst vor fremden Blicken, die auf ein Kind gerichtet 
sind, ist in Italien beim niederen Volk äußerst verbreitet, natürlich besonders 
dann, wenn der Fremde wenig gefällig oder wenig Vertrauen erweckend aus;» 
sieht. Schließlich wäre noch zu bemerken, daß viele historische Persönlichst 
keiten für Jettatoren gehalten worden sind. 

Dem Einfluß des bösen Blickes besonders unterworfen sind gewisse 
Gruppen von Menschen und Gegenständen, die wir kurz erwähnen wollen: 
zunächst Menschen, Tiere oder Dinge, die durch besondere Schönheit auf^ 
fallen, ferner besonders Kinder und junge Menschen, nach einem weit ven« 
breiteten und tief verankerten Aberglauben; Frauen vor oder kurz nach dem 
Gebären, nackte Menschen, Personen, welche schlafen, oder sich an dunklen 
Orten befinden, Kranke und Schwächliche. Das gemeinsame Kennzeichen 
aller dieser Gruppen ist, wie man sieht, Schwächlichkeit oder R e a k# 
tionsunfähigkeit. 

Ich könnte im Anschluß an die vorliegende Literatur zahlreiche Beispiele 
vorbringen, wobei sich besonders die bekannte Arbeit von Seligmann als 
Quelle empfehlen würde^ ; ich glaube aber, daß dies für unsere Zwecke nicht 
nötig ist. Die wenigen, bis jetzt gemachten Bemerkungen, sind Zusammen* 
fassungen von vielen Teilbeobachtungen und bilden eine genügende Grund* 
läge für unsere Deutungen. 

Die Aufmerksamkeit der Forscher hat sich schon in den allerersten Jahren 
der psychoanalytischen Forschung dem Auge und seiner Symbolik zuge*^ 
wendet. Es wurde schon früh erkannt, daß das Auge sowohl die männlichen 
Genitalien (dies sogar überwiegend häufig) als auch die weiblichen, und 
ebenso die Geschlechtlichkeit im allgemeinen, darstellen kann. 

Für jede dieser drei Bedeutungen, besonders für die erste, gibt es sehr zahl* 
reiche, den Mythen, der Folklore, den Träumen, den neurotischen Sympto* 
men entnommene Beispiele. Zur Erläuterung wollen wir einige anführen: 

Die Bedeutung der Augen als männliche Geschlechtsteile zeigen uns vor 
allem Mythen und Legenden aus dem Altertum, am sinnfälligsten die Ge* 
schichte des ödipus. Bereits 1912 hat Ferenczi' nachgewiesen, daß die 
Selbstblendung des Ödipus als Autokastration aufzufassen ist. 

2) S. Seligmann: Der böse Blick und Verwandtes, Berlin, 1910, 2 Bände; — Die 
Zauberkraft des Auges und das Berufen, Hamburg, 1922. 

3) S. F e r e n c z i : Symbolische Darstellung des Lust« und Realitätsprinzips im Ödipus« 
Mythos. Imago, Bd. I, 1912, S. 276 ff . 



Die Angst vor dem bösen Blick 399 



Auch in vielen Träumen erscheint diese Bedeutung mit völliger Klarheit: 
Einer meiner Analysanden träumte einmal, er befände sich mit einem älteren 
Verwandten neben einem Tisdi; dieser Verwandte trug einen Verband über 
einem Auge. Aus den Assoziationen ergab sich deutlich der Wunsch, den 
Vater zu kastrieren, während der Tisch die Mutter des Träumenden dar«= 
stellte. Ferenczi selbst erwähnt endlich, in einem kurzen Aufsätze*, in 
welchem er sieben Beispiele von Augensymbolik bringt, den Fall eines Pa* 
tienten, welcher sich wegen seiner Kurzsichtigkeit sehr schämte: es handelte 
sich in Wirklichkeit, wie aus der Analyse hervorging, um den „Komplex 
des zu kleinen Penis", der durch übermäßige Masturbation und durch sa«^ 
distische Handlungen des Beischlafes ausgeglichen wurde. 

Wie schon gesagt, kann aber das Auge auch den weiblichen Geschlechts* 
teil versinnbildlichen. Dazu eignet sich seine längliche Form, seine Ränder 
und der Umstand, daß er von Haaren umgeben ist. Insbesondere erweist sich 
die erweiterungsfähige Pupille als der Teil des Auges, der dem weiblichen 
Organ angeglichen wird.'* 

Endlich können die Augen, und mehr noch das Sehen, die geschlechtliche 
Potenz oder die Geschlechtlichkeit im allgemeinen symbolisch darstellen. 
Das „Zuzwinkern" ist z. B. eine sehr bekannte Geste, um eine Person des 
anderen Geschlechtes zum erotischen Verkehr aufzufordern. 

Abschließend erinnert Ferenczi in seiner Arbeit, nachdem er kurz die 
Grundlagen der Symbolik erörtert hat, daran, daß infolge der Verdrängung 
eines der beiden Glieder des Vergleiches abgeschwächt und das andere, un* 
schuldigere, hervorgehoben wird. Im Falle des Auges, wie überhaupt bei 
allen Symbolen, welche sich auf das Gesicht beziehen, geschieht die Hervor* 
hebung nach dem Vorgange, den Freud die „Verlegung von unten nach 
oben" nennt. Ferenczi selbst betont aber ausdrücklich, daß die Verlegung 
in diesem besonderen Falle durch den libidinösen Wert des Auges erleich* 
tert wird: am Auge haftet ja die von Freud hervorgehobene Schaulust. 

• 

In erster Annäherung scheint aus dem bisher Gesagten hervorzugehen, daß 
die Angst vor dem bösen Blick für das Unbewußte einer Angst vor den 
GenitaHen der Erwachsenen entspreche. In der Tat wissen wir ja, daß der 
Anblick der Genitalien Erwachsener in der Kindheit traumatisch wirken 
und so den Anlaß zu inneren Konflikten und zu Selbstbestrafungsvorgängen 
geben kann. Ferenczi bemerkt in der obengenannten Arbeit über die 

4) Ferenczi: Zur Augensymbolik, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. I, 1913, S. 161. 

5) Vgl. K. Abraham: Traum und Mythus, Leipzig und Wien, 1909, S. 16. 



Augensymbolik, daß in vielen Angstträumen Augen welche größer oder 

kWr werden/vorkommen; er erkennt in ^^^^^^^^^"^^'2^6^^^^^ 
ct^llnn^ des Membrums und ist überzeugt davon, daß die ^^utige 
Anl^derlinder vor den Augen Erwachsener auch eine sexualsymbolische 
Wurzel habe m^^^^ über die Personen gesagt haben, die dem bösen Bhck 
lol's atisgeitzt sind (Kinder. Schwache usw.). schemt dxese Ansicht 

^"in^SrAnnäherung würde also die Angst vor den Augen and^^^^^^^^ 
Angst vor den Genitalien, besonders vor denen des Vaters entsprechen 

^S Angst kann natürlich selbst aus ^^^^^^^^^^^^^^üTSSTts 
hervorgehen: für den häufigsten halten wir die Reaktion gegen das 
cTehenhaben" (welches sich auch auf die Genitalien eines Bruder, 
cht: ot tTes Schwesterchens beziehen kann), das ^^^^^^^^^^ 
erwähnte Schaulust;^ aber es ist nicht ausgeschlossen, daß an dieser Angst 
S et andere, seiir häufige und bekannte ^^^^^<^-.^^^^; ^ttS 
j- „^™« A-,^ Passivität eegenüber dem einen oder dem anderen titernreu 
Äe : t M^ZTu. diesem Me A„.s. vor dem Be.sse.werden 
fvon Seiten des Vaters oder der Mutter) bedeuten. , 

^'mnn aber dies sozusagen die allgemeine Ursache ^er^^n^^ -/- 
bösen Blick sein mag. müssen wir jetzt die '^^-"t'^^^J^e^et^^^^^^ 
fassen. Welche sind in jedem der beiden oben betrachteten Falle die ge 
fürchteten Folgen? Wovor hat man denn eigentlich Angst 

Mch würde ja die oben gegebene annähernde Erklärung auch voU 
genXen alls die Angst vor dem bösen Blick einfach eme Angst vor den 
unanSnehmen Folgen wäre, weil man das, was - - -„^^^jj^^^^^^^^ 
d;»rf eesehen hat, d. h. im besonderen die Augen (das Genitale) des 
Miuums X oder Y. Aber damit sind die Ursachen der Ang^ ^^^^ 
erschöpft, denn der böse BUck wirktauch unabhängig --- ^^^^^'^^^ 
eung des Betroffenen: er kann, wie wir bemerkt haben, auf i'cWatende aui 
fTwache und unwissende Personen wirken: ja er wirkt sogar besonders auf 

''um^'r^St-lr^'C^^^ dem bösen Blick gut zu verstehen, müssen 
wi^darln ;'ri^ern wTe beim Kinde der Kastrationskomplex entsteht Als 
uLchrdes Srganges des Ödipuskomplexes beim Knaben erscheint der 
Stt^onskompLI. wenn der Knabe zum erstenmal den körperlichen 
?nSS zlch;njich^n^^ 

diese Wünsche der Verdrängung. 



Die Angst vor dem bösen Blick 401 

Fehlen beim Weibe einer Amputation zuschreibt und die Möglichkeit eines 
entsprechenden Eingriffes an seinem eigenen Genitale befürchtet. Oft schreibt 
der Knabe das Unterbleiben dieses Eingriffes einem Vergessen zu, und mei* 
stens ist jedenfalls seine Besorgnis die, jemand könnte die Aufmerksamkeit 
auf sein Glied richten und an die Zweckmäßigkeit eines solchen Eingriffes 
denken. 

In seiner Arbeit „Analyse eines Falles von Ereuthophobie" hat Weiss 
gerade eine ähnliche Befürchtung bei einem seiner Patienten beschrieben'; 
dieser befürchtete längere Zeit hindurch, daß von irgendjemand entdeckt 
werden könnte, daß er seinen Penis noch besäße und daß man ihn ihm ab«= 
schneiden würde. 

Es ist klar, daß die notwendige und hinreichende Bedingung für das Ent» 
stehen dieser Angst darin zu suchen ist, daß das Kind von Erwachsenen 
oder von Personen, welche, sei es infolge ihres Alters oder ihrer Körperkraft 
imstande sind, den gefürchteten Eingriff auszuführen, gesehen werde. Die 
„Angst vor dem Gesehenwerden" ist also: Angst davor, daß der Blick axh* 
derer sich auf das eigene Genitale richte, und ist daher Kastrationsangst. 
Beim Mädchen ist es natürlich die Angst davor, daß seine Minder^« 
Wertigkeit festgestellt und allgemein bekannt werde. 

Ohne ausschließen zu wollen, daß die Reaktion gegen dk Schaulust und 
die Angst vor den Geschlechtsteilen anderer einen Anteil an der Entstehung 
der Angst vor dem bösen Blick haben könnten, glauben wir also, daß ihre 
Hauptursache in der Reizung des Kastrationskomplexes zu suchen ist; in der 
Tat verwandelt sie sich, wie bekannt, leicht in andere „Ängste": Angst vor 
Krankheiten, Angst vor dem Tode, Angst vor Beschädigungen im allge* 
meinen; dies sind ja gerade die Folgen, vor denen man sich beim bösen Blick 
fürchtet. In seinem oben erwähnten Werk, führt Seligmann mehrere 
solcher Befürchtungen an, und es ist leicht zu erkennen, daß die wichtigsten 
— wie Blindheit, Augenentzündungen, Impotenz, Unfruchtbarkeit, Verwun^« 
düngen, Tod, in Stein verwandelt werden usw. — gleichbedeutend mit Kastrai* 
tionsangst sind. Bei dieser Gelegenheit wollen wir daran erinnern, daß das 
lateinische Wort fascinus gleichzeitig Bannung, „böser Blick" und das mann* 
liehe Glied bedeutet. 

Wir erinnern an das, was F r e u d in seiner „Neuen Folge der Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse" (XXXII. „Angst und Trieb<= 
leben") über die Angst geschrieben hat. Die Lage des männlichen Kindes 
gegenüber der gefürchteten Kastrationsgefahr bedingt Angstentwicklung: 

7) A Recovery from the Fear of Blushing. Psa. Quarterly, vol. II, n. 2. April 1933; 
und Riv. Ital. di Psicoanalisi, II, 2. 

Imago XXII/4 26 



später wird eine Wiedererweckung der Angst vor dem Blick anderer, welche 
für jenes kindHche Alter charakteristisch ist, genügen, um in manchen Men* 
schentypen jene große einstige Angst wieder zu erwecken, allerdmgs enfc« 
stellt und abgeschwächt infolge von Verschiebungen, Symbolen und Alle^ 
gorien; und dies, obwohl die aktuellen Motive für die Wiederholung der 

Angst fehlen. 

Demnach reagiert das Individuum in den mannigfaltigsten Weisen: mit 
Flucht, mit Aggression, in der Mehrzahl der Fälle jedoch mit Beschwörungs* 
mitteln. 

Bevor ich auf diese letzteren eingehe, — deren Symbolik, wie wir glauben, 
die vollste Bestätigung unserer Anschauungen und der guten Begründung 
dieser analytischen Anwendung darstellen wird, — möchten wir, auf Grund 
der schon vorgeführten Momente, untersuchen, ob unser annäherndes 
Schema durch das ausgiebige, von den Folkloristen und Völkerpsychologen 
gesammelte Material bekräftigt wird. 

Wir haben schon über die Art der Augen und der Blicke, welche am hau^ 
figsten des bösen Blickes beschuldigt werden, gesprochen: sie sind entweder 
sehr häßlich oder sehr schön, sie haben eine eigenartige Farbe oder sie 
schielen, oder aber sie besitzen sehr dichte oder sehr spärlich behaarte Augen=* 
brauen; ein anderes Mal handelt es sich um Menschen, die an einem Auge 
blind sind, o. dgl. — kurz, um Eigenschaften, die den Eindruck des „Ange* 
schautwerdens" überhaupt erwecken. 

Sehr vieles könnte man natürlich über die Menschentypen, denen man diese 
Macht zuschreibt, aussagen: es genügt uns zu erwähnen, daß es sich meistens 
um Individuen handelt, die in der einen oder anderen Richtung einen 
bösen oder häßlichen Erwachsenen (Vater, Mutter) darstellen können 
(man beachte, daß diese beiden Attribute in der Kindersprache oft äquivalent 
sind): also unter den Männern Leute, die Körperdefekte aufweisen (oder 
andere auffallende Eigenschaften), die eine drohende oder hinterlistige Hah 
tung annehmen, die sich in einem abstoßenden Zustand befinden oder einen 
solchen Beruf haben (z. B. BetÜer, Totengräber, Verbrecher usw.; unter den 
Weibern: Alte, „Schwarzkünstlerinnen", Bettlerinnen, usw.). 

Wie gesagt, wird auch gewissen Tieren die Macht des bösen Blickes zuge* 
schrieben; aus der langen Liste, die uns S e 1 i g m a n n davon gibt, kann man 
feststellen, daß es sich meistens um Fleischfresser oder Raubtiere handelt, 
um sehr viele Vogelarten, und hauptsächlich um Reptilien (namentlich 
Schlangen); unter den Insekten wird die Spinne, unter den Mollusken der 
Polyp genannt. Bei all diesen ist entweder die Gefährlichkeit, die besondere 



Die Angst vor dem bösen Blick 



403 



Starrheit des Blickes oder die symbolische Phallusbedeutung, die ihnen zuge== 
schrieben wird, offensichtlich: oft treffen bei ihnen gleichzeitig zwei oder 
drei dieser Attribute zusammen. 

Wenn wir jetzt die Beschwörungsgesten und s=objekte berücksichtigen, so 
erhalten wir einen klaren Beweis für die Richtigkeit unserer bisherigen Auf:^ 
Stellungen. Ist nämlich die Angst vor dem bösen Blick im Grunde der 




Abb. 1 

Kastrationsangst äquivalent oder überhaupt der Angst vor einem Schaden» 
der irgendwie mit der Wahrnehmung des Genitales von selten anderer ver»« 
bunden ist, so wird die Reaktion auf die befürchtete Beeinflussung exhibitio=* 
nistischen Charakter haben müssen: sie wird das Vorhandensein des hei> 
drohten Genitales betonen xmd behaupten. Und tatsächlich sehen wir, daß 
die allgemeinsten und gebräuchlichsten Beschwörungsgesten diesen Charakter 
haben: weim man ein als Jettatore geltendes Individuum nennt oder ein 
solches erscheint, so reagieren die Männer, wenn es die äußeren Umstände 
irgendwie zulassen, indem sie ihre Testikel berühren^. Diese sehr verbreitete 
und vielsagende Beschwörungsgeste dehnt sich schließlich auf eine ganze 
Menge von anderen Gegenständen, deren Berührung angeblich wirksam sein 

8) Im römischen Dialekt pflegt man zu sagen, wenn man einen „Jettatore" nennt: '.^aU 
vando 'ndove mi tocco" („bewahrend, wo ich mich berühre"): d. h. „das Genitale be* 
wahrend". 

26» 



4Q4 Emilio Seivadio 



kann, aus: männliche Schlüssel. Nägel, Hörner. Hufeisen, kleme metallene 
Händchen, welche den Zeige, und kleinen Finger vorstecken (ital.: /are je 
corna). zugespitzte Steine, dreikantige Nüsse, Elephanten mit aufgehobenem 
Rüssel. Eckzähne usw. Die Aufzählung könnte nocli lange f-tgesetz^ je 
den- es handelt sich in den allermeisten Fällen um sehr deutliche Phallus. 
Symbole oder immerhin um Gegenstände, die eine mehr oder weniger ver. 
borgene Sexualbedeutimg haben. j ^„ 

Wenn wir die Seiten des erwähnten Werkes von Seligmann oder von 
anderen Nachschlagsbücher durchblättern, stoßen wir immer wieder auf diese 
Symbole. Darunter habe ich einige sehr typische gefunden: so ist z. B. em 




l-ÄSr— rr^T?T> r^-v-^i 






^-J^ 



J 



Ahh. 2 



Dreizahn mit einigen magischen Worten (S. 159. Bd. I) aus «"^««^ Werke 
von Paracelsus entnommen, ein Beschwörungsgegen Jand gegen die Be. 
rufung der Impotenz; einige berühmte alte Amulette - ^-derholungen de 
selben Ausgangsmotivs - stellen ein Auge dar, das von -Reren und yerschie. 
denen Gegenständen umgeben ist, z. B. (S. 95, Bd. II em sizihanisches 
Amulett mit einer Schlange, einem Hahne, einem Wolfe, emem Löwen, einem 
erigierten und beflügelten männlichen Genitale, emem Skorpion, zwei ge. 
SztL und dreigetdlten Blitzen, einer Eidechse und ---J^f darin dfß 
(Abb. 1). Die als Beschwörung verwendete manuspanjea besteht dann da 5 
Ln drei Finger (den Daumen, den Zeige, und den M^«f -f] ^^f^^^^ 
indem man den kleinen und den Ringfmger zurückbeugt (S. 205). sollte 
Land über den Sinn des ..Feigebietens" (der Daumen wird zwischen den 
gebeugten Zeige, und Mittelfinger gesteckt) zweifehi. so durfte ihn von der 
Schtfgkeit def Deutung dieser Geste in phallischem Sinne eine Bronze 



Die Angst vor dem bösen Blick 



405 



von Herculanum (Abb. 2) überzeugen, welche aus einem zentralen Ring mit 
drei Abzweigungen besteht, die eine einen Phallus darstellend, die zweite 
eine Hand mit der beschriebenen Fingerstellung, die dritte eine Verzierung, 
die ihrerseits dreigeteilt ist (S. 227); die analoge Geste des Daumens^ 
haltens ist auch in Italien sehr viel verbreitet: sie symbolisiert sehr zutreffend 




£T VI D ^ V T P "^, 
5 15 PLVRA v/1 




Äbh. 3 

das „Zurückhalten", das „Bewahrenwollen" (des Gliedes); eine in Thala 
(Afrika) gefundene, in Stein eingemeißelte Inschrift zwischen einem Phallus 
und einer Pflanze mit zwei Gruppen von je drei, in eine Spitze endigenden 
Früchten besagt: „Hoc vide, vide et vide ut possis plura videre" (S. 235, 
Abb. 3). Ein anderer Gegenstand, der gegen den bösen Blick verwendet wird 
und den Archäologen wohl bekannt ist, ist der „Phallus oculatus", d. h. 
das Genitale, das in sich ein Auge trägt (S. 281) . Die zahlreichen 
glückbringenden Phalli von Pompeji sind wohl allen bekannt. Ich wieder«! 



406 



Emilio Servadio 



i 



hole: denjenigen, die die phallische oder sexuelle Symbolik der Beschwör 
rungsgegenstände studieren wollen, steht von diesen eine ganze Menge zur 
Wahl. Die von Forlong' geäußerte Meinung, daß die Schutzamulette 
einen phallischen Ursprung haben, teilen wir also grundsätzlich. 

Abschließend möchten wir unseren Ausführungen noch einige Worte über 
den bekanntesten der alten Mythen vom bösen Blick hinzufügen, und zwar 
über den Mythus der Gorgo. Ich meine, daß kein Zweifel über den Sinn 




Abb. 4 

dieses schauerlichen Wesens bestehen kann: schon ihr Blick versteinert die 
Männer (macht sie impotent), und nur ein Held, Perseus, kann sie bezwingen, 
indem er ihr den schlangenbehaarten Kopf abschlägt; sie stellt die drohende 
phallische Mutter dar, die man nicht anschauen darf, die das Glied besitzt 
oder besaß und es dem Kind wegnehmen darf, kann oder will." In diesem 

9) Rivers of Life, London, 1883. 

10) Erst später habe ich beim Durchlesen einiger Schriften, die mich anderwertig interes* 
sierten, feststellen können, daß Ferenczi schon im Jahre 1923 im Medusenkopf ein 
Symbol des „kastrierten" weiblichen Genitales erblickte, das für das Kind einen schauer.« 
liehen Anblick bietet (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. IX, S. 69); und daß Freud, 
bei einer flüchtigen Zitierung der Beobachtung Ferenczis hinzufügte, daß, seiner 
Meinung nach, der Mythus sich auf das Genitale der Mutter beziehen dürfte („Die infantile 
Genitalorganisation", in Ges. Sehr., Bd. V, S. 235, Anm. 2). 



Die Angst vor dem bösen Blick 407 

mythischen Bilde verdichten sich also, wie ich meine, die beiden Grunde 
ängste, die dem bösen Blick den Ursprung geben: die Angst, (das Genitale 
des Erwachsenen) anzuschauen, und die Angst, gesehen zu werden (das 
eigene Genitale zu verlieren). Diese Deutung wird vor allem durch eine 
ansprechende archäologische Aufstellung bestätigt: daß nämlich der ur* 
sprüngliche Typ der Gorgo ein männlicher Typ gewesen sei. Man beachte 
ferner das phallische Symbol der Haare und des Gürtels und auch den Um«= 
stand, daß die Gorgo im Meere lebt. Und wir erinnern schließlich an die 
offenkundigen Berührungspunkte zwischen dem Aspekt der Medusa und dem 
von Tieren, die von Gliedern und von selbstbeweglichen Tentakeln um* 
geben sind, wie z. B. das Tier, das ihren Namen trägt (Meduse), der Polyp 
oder die Spinne, in welch letzterer Abraham das Symbol der phallischen 
Mutter erblickte (vgl. Abb. 4, welche die Gorgo des archaischen Typs dar»» 
stellt). 

Nachtrag. 

Die vorliegende Arbeit, welche ich im Februar 1934 verfaßt habe, war 
bereits ins Deutsche übersetzt und der Redaktion der „Imago" zur Ver«* 
öffentlichung übermittelt worden, als in der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" die ausführliche Arbeit von Pen ic hei „Schautrieb und 
Identifizierung"" erschien. Wäre die wertvolle Studie von Fenichel etwas 
früher veröffentlicht worden, so hätte ich mich sehr gefreut, da sie einige 
Grundfragen klärt und in glänzender Weise vertieft, so daß die Anwendung 
der betreffenden Forschungsergebnisse auf das Thema des „bösen Blickes" 
für mich dann sehr leicht gewesen wäre. Diese Anwendung hätte überdies 
meiner Untersuchung eine größere Schärfe und Tiefe verliehen. 

Andererseits wird, wer die beiden Aufsätze liest (ich habe meinen Aufs^ 
satz anläßlich der Veröffentlichung Fenichels nicht im geringsten g&> 
ändert; ich hätte ihn nämlich fast ganz umarbeiten müssen), nicht umhin 
können festzustellen — zur neuerlichen Bestätigung der Zuverlässigkeit der 
psychoanalytischen Methode — , daß wir, auf verschiedenen Wegen, izu 
einigen parallelen oder eiaander ergänzenden Schlußfolgerungen gelangt sind. 

Auch aus diesem Grunde habe ich meine Arbeit nicht umändern wollen; 
ich möchte nur auf einige Fragen aufmerksam machen, für dk die Aus* 
führungen Fenichels heranzuziehen sind. Es sind dies hauptsächlich die 
folgenden: 

1. Die Entsprechung zwischen „Schauen" und „Verletzen, Angreifen, Ver* 
wunden". 

II) Int, Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, Heft 4, S. 561 ff. 



408 Emilio Servadio: Die Angst vor dem bösen Blick 



2. Die tiefere und bedeutendere Entsprechung zwischen „Schauen" und 

„Verschlingen". 

3. Die charakteristischen Merkmale der „okularen Introjektion" und der ent= 
sprechenden Vorgänge der Identifizierung und Projektion. 

4. Die Beziehung zwischen der „Angst aufgefressen zu werden", der 
„Angsi: kastriert zu werden" und „Angst angeschaut zu werden". 

Die Berücksichtigung der angegebenen Momente wird es dem Leser er;= 
leichtern, verschiedene von mir mitgeteilten Beobachtungen zu vertiefen und 
auszudehnen, und zwar hinsichtlich folgender Themen: 

1. Die Angst vor den Augen der Erwachsenen: diese ist nicht nur Angst 
vor einem Äquivalent der GenitaKen, sondern auch das Resultat einer Identi* 
fizierung und Projektion, wonach man anderen denselben aggressiy=*ver* 
schlingenden Blick zuschreibt, welcher, wie Fenichel nachweist, die in=* 
fantile okulare Introjektion kennzeichnet. 

2. Die Beziehung zwischen Starre des Blickes, Erektion, Kastration und 

Tod. ^ , 

3. Den Mythus der Medusa: dieser bereichert sich an weiteren Bedeu^ 
tungen, auf Grund der Ausführungen Fenichels hauptsächlich in bezug 
auf die Identifizierung zwischen „Schauenden" und „Beschauten". 

• 

Zum Schluß füge ich, .unabhängig von den vorangehenden Ausführungen, 
hinzu, daß der Umstand, daß man Tieren, Märchengestalten usw. den „bösen 
Blick" zuschreibt, zweifellos zum wohlbekannten Mechanismus der Ver=< 
Schiebung und der „totemistischen" ErsatzbÜdung (Projektion) gehört, wo^ 
nach ein Tier oder ein anderes Objekt der Außenwelt für das UnbeKvußte 
einen Menschen oder ein Teil oder Funktion desselben darstellt: haupt* 
sächlich den Vater oder die Mutter.i^ Dies schließt natürUch die genitale 
(phallische) Bedeutung, welche einigen von diesen Tieren oder Märchen.* 
gestalten offenbar zugeschrieben werden kann, nicht aus. 



12) Vgl. Freud: Totem und Tabu, Ges. Sehr., X, Kap. IV (Die infantile Wiederkehr 
des Totemismus); Derselbe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben Ges. i>chr.. 
VIII; Derselbe: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, Ges. Sehr., VIII. 



Zur Psychologie des Hasardspielers^ 

Von 

Edmund Bergler 

Wien 

„Fedja (F. M. Dostojewski) nahm achtzig Gulden, ging damit spielen und 
verlor. Er nahm wieder ebenso viel und verlor . , . Er holte sich noch die 
letzten vierzig Gulden und versprach mir unbedingt, meine Ohrringe 
und meinen Ring, die für hundertsiebzig Franken versetzt worden waren, 
nach Hause zu bringen. Er sagte dies im Tone vollster Überzeugung, als 
wenn es nur von ihm abhinge, oh er gewinne oder nicht. 
Diese Entschiedenheit nützte ihm natürlich gar nichts und er verlor auch 
diese Summe." 

Tagebuchnotiz der Gattin Dostojewskis vom 22. August 1867. 

I. Die psychoanalytische Literatur über das Hasardspiel. 

Eine zusammenfassende Arbeit über den Hasardspieler liegt in unserer 
Literatur bisnun nicht vor. Wenn analytische Autoren zum Problem des 
Hasardspiels überhaupt Stellung nahmen, taten sie das mehr oder weniger 
aphoristisch. Das ganze Gebiet des Hasardspiels ist analytisch terra iticognita. 

Von den analytischen Arbeiten ist vorerst die Abhandlung Freuds über 
Desto jewski^ zu nennen. Freud nennt als Motivationen das unbewußte Straf* 
bedürfnis („er ruhte nie, ehe er nicht alles verloren hatte") und meint, es sei das 
verschüttete Kindererlebnis der Onanie, „das sich im Spielzwang Wiederholung 
erzwingt, indem das .Laster' der Onanie durch das der Spielsucht ersetzt wird". 

SimmeP stellt die Behauptung auf, die Spielleidenschaft diene der Ent* 
faltung, bezw. der Ersatzbildung der im Unbewußten noch exzessiv wirksamen, 
prägenital anaUsadistischen Libido. Die unersättliche Gier, die im endlosen cir- 
culus vitiosus nicht ruht, bis Verlust Gewinn und Gewinn wieder Verlust wird, 
entspringe dem narzißtischen Drang in analer Geburtsphantasie, sich selbst zu 
befruchten und sich aus sich heraus zu gebären, in unermeßlicher Steigerung 
Vater und Mutter ersetzend und überflügelnd. „Die Spielleidenschaft befriedigt 
also letzten Grundes den Hang nach dem bisexuellen Ideal, das der Narziß in 
sich selbst findet; es gilt der Kompromißbildung aus Mann und Frau, aktiv und 
passiv, Sadismus und Masochismus, und schließlich der unerledigten Entscheid 

i) Gekürzte Wiedergabe eines Vortrages, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung im Rahmen des Seminars „Analyse der Charakterstörungen und Perver«» 
sionen" am 4. März 1935. Die Originalarbeit erscheint demnächst als IX. Kapitel des 
Buches des Verf. „Typische menschliche Charaktereigenschaften". 

2) Dostojewski und die Vatertötung. Ges. Sehr., Bd. XII. 

3) Zur Psychoanalyse des Spielers. Autoreferat eines Vortrags am VI. Intern. Psa. 
Kongreß im Haag. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. VI, 1920, S. 397. : 



410 Edmund Bergler 



düng zwischen genitaler und analer Libido, um die der Spieler m den bekannten 
SymboSrben rouge et noir ringt. Die Spielleidenschaft dient so ^"toerotischer 
ßSiedigung. wobei das Spielen Vorlust, das Gewinnen Orgasmus, das Ver. 
Heren Ejakulation, Defäkation und Kastration ist. ^^ 

Hattingberg* erwähnt bei der Diskussion des Begriffes , Angstlust (.die 
er vom Mas^chismus unterscheidet, und in der er ein Junktm zwischen Urethra^, 
und Analerotik erblickt), daß Hasardspieler zutiefst Angstlust^Spannung suchen^ 
„Wer den echten Spieler kennt oder wer selbst gespielt hat, der weiß, daß es 
die Spannung ist, die gesucht wird." , x x" u 

Laforgue-* zitiert unter den Beispielen der „Erotisierung ^er Angst auch 
den Soieler- .man könnte so die Vermutung aussprechen daß diese Alt 

psychi^tr RVakt^^^^ immer wieder dieselbe Situation wiederholt: das Er. 
feben eTner angstbetonten Vorlust und Erleiden einer das Schuldbewuß sein 
neutralisierenden Endlust. Man könnte somit an alle möglichen Varianten die-ser 
Situation denken, vom gewöhnlichen Spiel bis zu den letzten Stadien der Spiel, 
leidenschaft im Kasino oder an der Börse. . . , „ t . , 

Getraut man sich, das Schachspiel in einem Atem mit den Hasardspielen zu 
nennen (jeder Schachspieler würde gewiß protestieren; ich komme auf die 
Verblnduigsbrücken zwischen „reinen" Hasardspielen "^^ Verstandessp elen 
spSr zurück), so kann man zwei weitere wichtige analytische Arbeiten h eher 
zählen Jones- „Der Fall Paul Morphy"= und Pfister^ „Em Hamlet am 
Schachbrett".' Eine Wiedergabe dieser zwei interessanten Arbeiten ist aus Raum. 
Snden nicht möglich, es muß auf die Originalarbeiten verwiesen werden. 
Jones kommt z^m^Resultat, das Schachspiel Morphys hätte intrapsychisch den 
Sinn einerTozial zulässigen Sublimierung der Aggression des Sohnes gegen den 
Vater efne Tendenz, die so lange schuldgefühlsfrei und daher erfolgreich sich 
durchsetzen konnte, als die unbewußten Motive nicht demaskiert wurden. Nach 
der unbewußten Demaskierung war aber der Versuch, die verdränge Feind 
Seligkeit gegen den Vater in einem freundschaftlich.homosexuellen Wettkampf 
auszuleben, zum Scheitern verurteilt. „ », 

P fisters Patient war ein passiv.femininer. unbewußt homosexuelkr Mann, 
de! ai unbewußten Überwältigungswünschen und unbewußtem Stofb^durfn^^ 
beim Spiel verlieren mußte. Sein Ödipuskonflikt war zum Teil der Hamlets, 
wie ihn F r e u d in der „Traumdeutung" schildert. 

Zusammenfassend kann hervorgehoben werden daß die Mehrzahl der zitierten 
Autoren auf dem Standpunkt steht, daß mehr oder weniger mißlungene Subh 
mrerung genitaler Onanfezwänge, Aggression des Knaben gegen den Vate, de 
ödSuskomplexes, resp. passive Hingabe diesem gegenüber und all diese Ten. 
den^n veSnde; mit dem konsekutiven Strafbedürfnis und Genießen der ero. 
tiskrten Angst die treibenden Motive des zwanghaften Spielens sind. Eme Son. 
dersteUung Smmt Simmeis Angabe der Regression des Hasardeurs auf die 
anale Stufe ein. 

4) Analerotik. Angstlust, Eigensinn. Int. Ztschr. f. Psa »%"• Jg^' /• g^ ££• 
5 Über Erotisierung der Angst. Int. Ztschr f. Psa Bd. XV?. 1930. S. 426. 
6) Psychoanal. Bewegung. Bd. III. 1931. S 193-216 
. 7) Psychoanal. Bewegung. Bd. m, 1931. S. 217-222. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 411 

IL Der Zusammenhang zwischen derAllmachtsfiktion 
und dem Hasardspiel. 

Analytische Erfahrungen haben mir gezeigt, daß die von den Autoren 
aufgezählten Motive allein keinen Hasardspieler konstituieren. Es muß 
noch etwas hinzutreten, und dieses Etwas ist die Allmachtsfiktion, die das 
Spiel weitgehend vermittelt. 

Aus Raumgründen ist eine Wiedergabe der bisherigen Literatur über die 
kindliche Allmacht unmöglich. Es sei auf die diesbezüglichen Arbeiten von 
Freud, Ferenczi, Abraham, M. Klein, Eideiberg und mir ver# 
wiesen. Besonders hervorzuheben ist die viel zu wenig beachtete Angabe 
Abrahams in seiner Arbeit „Zur narzißtischen Bewertung der Exkretions* 
Vorgänge in Traum und Neurose", das Kind schreibe den Produkten der 
Blase und des Darmes Allmacht zu, stelle sie in den Dienst seines Sadismus* 
wodurch diese „Allmacht der Blasen* und Darmfunktion" geradezu eine 
Vorstufe der von Freud beschriebenen Allmacht der Gedanken werde. 
M. Klein hat diesen Gedanken Abrahams weitgehend ausgebaut und 
neben der Allmacht der Exkremente die Allmachtsfiktion des Penis unter* 
strichen. Die Autorin unterscheidet eine „destruktive" und „konstruktive" 
Allmacht und meint, daß letztere aus Schuldgefühl wegen der infantilen Ag* 
gressionen gegen den Mutterleib in den Dienst der „Wiedergutmachungs* 
tendenzen" gestellt werde. Aus den gleichen Raumgründen kann ich auf 
meine eigenen Beiträge zum Allmachtsproblem nicht eingehen, die in einer 
größeren Zahl von Arbeiten niedergelegt sind.* 

Gehen wir beim Versuch der Enträtselung des Hasardspiels auf den 
scheinbaren Abbau der frühinfantilen Allmachtsfiktion zurück. Dem Kinde 
wurde verheißen, daß es nur unter der Bedingung der Akzeptierung einer 
Summe von Peinlichem, Mißvergnügenschaffendem, Verzichtforderndem in 
die Gemeinschaft der „Großen", „Erwachsenen" aufgenommen werde. Dieses 
Versprechen, sowie der dazugehörige, noch mächtigere Zwang veranlaßten 
das Kind zu zeitweiser Dissimulation, resp. Identifizierung mit den Verbie* 
tenden. Doch erwies sich diese Mischung von Dissimulation und Identifizier 

8) „The Psycho=<Analysis of the Uncanny", Int. Journal o£ Ps.A. (London 1934). — 
„Zur Problematik des oralen Pessimisten" (Image, Bd. XX, 1934) ; resp. „Talleyrand — Na# 
poleon — Stendhal — Grabbe" (Int. Psa. Verl., Wien, 1935, Kapitel IV). — Gem. mit L. 
Eideiberg: „Der Mammakomplex des Mannes", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. — 
Gem. mit L. J e k e I s : „Übertragung und Liebe", Imago, Bd. XX, 1934. — „Bemerkungen 
über eine Zwangsneurose in ultimis. — Vier Mechanismen des narzißtischen Lustgewinns 
im Zwang", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. — „Das Mißverständnis Heinrich Heine". 
Eine psychoanaIytisch*biographische Studie (In Buchform im Erscheinen). 



412 Edmund Berglei 



rang — wir wissen durch Ferenczi und Anna Freud^, daß das Kind 
vorerst Gehorsam gegenüber den Geboten und Verboten der Erwachsenen 
heuchelt," um diese erst später durch Identifizierungen mehr oder weniger 
starr aufzunehmen — sehr bald als Fiasko. Denn bei dieser Identifizierung 
stand neben Zwang die Vorstellung des Kindes Pate, die Erwachsenen seien 
allmächtig. Nun erweist es sich aber recht bald für das Kind, daß die All* 
macht der Erwachsenen nicht existiert, d. h. lediglich eine eigene projektive 
Fiktion darstellte. Daß diese Erkenntnis nicht sofort alle Identifizierungen 
zertrümmert, sondern diese bloß erschüttert, hängt damit zusammen, daß ja 
der Zwang zur Realitätsanpassung das Kind ständig begleitet. Die Folge ist, 
daß meist an Stelle von Rebellion bloß Sehnsucht nach dem 
verlorenen paradiesischen Zustand der Allmachtsfiktion tritt. 

Ein Beispiel möge dies klar machen. Im „Jean Christoph" von Romain 
Rolland wird folgende Szene geschildert (Bd. I. S. 26.): 

Er (das Kind) ist auch ein Zauberer. Er wandert mit großen Schritten durch 
die Felder, schaut den Himmel an und bewegt lebhaft die Arme. Er befiehlt 
den Wolken. Er will, daß sie mehr nach rechts gehen. Aber sie gehen nacii 
links Da schilt er sie und wiederholt seinen Befehl heftiger. Klopfenden 
Herzens belauert er sie mit einem Seitenblick und paßt auf, ob nicht wenigstens 
eine kleine ihm gehorche. Aber sie laufen alle ruhig weiter nach links. Nun 
stampft er mit dem Fuß und droht ihnen mit seinem Stock und heißt sie nach 
links gehen. Und wirklich, diesmal gehorchen sie aufs Wort. Er ist gluckhch 
und stolz auf seine Macht. 

Der erwachsene Jean Christoph wird Dirigent und Komponist werden 
wollen und in diesen Berufen neben der Sublimierung seiner prägenitalen 
Wünsche (z. B. Exhibition: der Puerile hat beim Dirigieren plötzlich den 
Drang, sich coram publica nackt auszuziehen) einen Unterschlupf für seitie 
Allmachtsfiktion suchen, kaum aber an der infantilen Form des Wolkendiri^ 
gierens festhalten. Dieser scheinbare Bedeutungswandel — in WirkHchkeit 
handelt es sich bloß um einen, allerdings unbewußt vor sich gehenden 
Kos tum Wechsel — ist für alle Entwicklung der Allmachtsfiktion cha= 
rakteristisch. Anders ausgedrückt: Das Realitätsprinzip, dessen Repräsen=« 
tauten wir nun durch Identifizierungen selbst geworden sind, gestattet uns 
nicht mehr die ursprüngliche Form der Allmachtsfiktion aufrechtzuerhalten. 
Anderseits hat sich aber „auch hier der Mensch unfähig erwiesen, auf ein 
Stück genossener Lust zu verzichten", wie Freud in anderm Zusammen* 

9) Siehe die Diskussionsbeitierkung Anna Freuds zu meinem Vortrag „Das Plagiat", 
zitiert in „Psychoanalytische Bewegung". Bd. IV, 1932, S. 409 f Anm. 2. _ 

10) Vgl. die Arbeit des Verf. „Zur Psychologie des Heuchlers . Vortrag m der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung am 9. Mai 1934. Vorläufige Mitteilung. Int. Ztschr. t. 
Psa., Bd. XXI, 1935. S. 96. 



k 



Zur Psychologie des Hasardspielers 413 



hange äußert, und ist keineswegs gewillt, der Allmachtsfiktion zu entsagen. 
Als Verbindungsglied und zugleich Kompromiß zwischen Lust* und Reali=« 
tätsprinzip schiebt sich hier die ratio, die Vernunft ein: Unter dem Man:» 
telchen der Vernunft, der geistigen, intellektuellen Leistung toleriert das Rea»- 
litätsprinzip den alten Götzendienst am Altar des Lustprinzips. An und für 
sich^ ist es gar nicht so selbstverständlich, weshalb die erwachsenen Jean 
Christophs über das Wolkendirigieren des Kindes überlegen und ironisch 
lächeln und das Orchesterdirigieren tief befriedigt als vernünftige, sozial 
hochwertige Leistung hinnehmen. Führen wir freilich die Momente des Geld= 
verdienens und der sozialen Wertung ein, dann wandelt sich das Bild gründe» 
lieh. Was also das Realitätsprinzip vor allem auszeichnet und ihm Macht 
verleiht, ist: beruflicher Erwerb, bezw. soziale Anerkennung der Umwelt mit 
konsekutivem Sich»=selbst*^ernstnehmen, durch Identifizierung mit 
den Vorstellungen der Erwachsenen — um den Preis des Verzichtes auf das 
infantile Allmachtsgefühl. 

Gesetzt den Fall, wir haben es, wie dies in Analysen jeder von uns wieder»« 
holt erlebte, mit einem Menschen mit Zügen von moral insanity zu tun, der 
alles, was an „Bourgeoiss'Ideologie" gemahnt, ironisch lächelnd nicht an«' 
erkennt oder übertritt. Die einzige Waffe, die wir einem solchen Menschen 
gegenüber haben, ist das Aufzeigen der Ursachen seines Andersseins und 
der Hinweis auf die Selbstschädigungstendenzen, die unseren Worten erst 
Nachdruck verleihen. So hatte z. B. ein kopropbemer Patient, den ich andern«, 
orts beschrieb", die Gewohnheit, auf der Straße unbekannten Frauen obszöne 
Worte analen Inhalts zuzuflüstern, wobei er Größenideen auslebte: 

„Es ist großartig", sagte Patient wörtlich, „wie man mit einem Wort eine 
Frau in Verlegenheit bringen kann. Die Frauen werden erst rot vor Scham 
und dann wütend. Daß sie rot werden und sich genieren, genügt mir. Ich 
komme mir vor, wie ein Zauberer, der unendliche Macht 
besitzt." 

Die Analyse der Koprophemie gehört nicht hieher und wurde in anderem 
Zusammenhang versucht. Uns interessiert nur die Tatsache, daß der Pa* 
tient (der übrigens wegen Kleptomanie in die Analyse kam, pathologischer 
Hasardeur war und eine Reihe anderer;mora?=msanzfy='Züge aufwies) darauf 
beharrte, das Lustvolle bei seinen koprophemen Praktiken sei das Gefühl, 
ein mächtiger Zauberer zu sein. 

Der Lustgewinn, den er aus seiner Koprophemie zog, war eine Mischung 
von Sadismus, weiblicher Identifizierung. Voyeur*:, resp. Exhibitionslust und 

ii) „Über obszöne Worte". Vorläufige Mitteilung in Int. Zfschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 
Die Originalarbeit erschien in The Psychoanalytic Quarterly (New York), vol. V, 1936, 
H. 2. 



414 Edmund Bergler 



Betätigung der Allmachtsfiktion. Er genoß lustvoll das Sichschamen der 
Frauen und identifizierte sich zugleich mit ihnen, wodurch er selbst der 
Beschämte war (zugleich Vorwegnahme der über.Ich.Bestrafung). Da ferner 
bekanntlich nach Freud jeder Voyeur in der Identifi^zierung mit dem Ob. 
iekt auch Exhibitionist ist (und umgekehrt), genoß der Patient auch dies. 
Nach Durcharbeitung der Motive seiner Koprophemien zeigte ich ihm, 
daß der von ihm so verachtete „Alltagsmensch" andere Formen der Be. 
tätigung seines Größenwahnes anwende, Methoden, die vielleicht weniger 
lusSroU. aber sicher weniger gefahrvoll seien. Tags darauf stürmte^ Paüen 
in die Ordination und fragte: „Wäre es Ihnen lieber, wenn ich mich jetzt 
wieder ausschließhch aufs Kartenspielen verlegen würde? Und nun setzte 
er mir auseinander, daß er z. B. beim „Einundzwanzig - einem Hasard, 
spiel, bei welchem die Höchstzahl 21 ist und die am nächsten an diese Grenze 
kommende Pointzahl gewinnen läßt -, wenn er mit einem As m der Hand 
ein zweites herbeiwünsche („herbeibefehle") und es tatsachhch zufällig als 
zweite Karte erhalte, ebenso seine fiktive Allmacht betätige wie bei der Ko. 
prophemie. „Und doch haben Sie", argumentierte der Patient ironisch und 
zum Schein indigniert, „mir gegenüber behauptet, daß mem Kartenspiel 
ebenso krankhaft ist, wie mein Stehlen und mein Errötenmachen der 
Frauen." (So bezeichnete Patient züchtig seine Koprophemie.) „Was woUen 

Sie eigentlich?" 

Dieser witzige Patient brachte also selbst den Schlüssel zum Problem m. 
dem er auf die Allmachtsphantasie beim Hasardspiel hinwies.^ Tatsachlich 
ergab sich - und der Patient bewies mir all dies mit sophistischer Spitz, 
findigkeit -, daß das Hasardspiel ja im Gegensatz zur Koprophemie em 
sozial praktisch geduldetes Mittel zur Allmachtsbetatigung 

und zum Gelderwerb sei; weshalb sei es also neurotisch? Er finde, 
so meinte er mokant, daß die Koprophemie eigentiich moralischer sei als das 
Hasardspiel, weil sie nicht in Verbindung mit Geldaffären stehe Trotzdem 
verpöne die GeseUschaft die Koprophemie und toleriere das Hasardspiel. 
Was solle man von diesen Inkonsequenzen bürgerhcher Moral halten:' -_ 

Wir sehen also, daß der Patient aus seinem Widerstand heraus eine geis^ 
volle Plattform gefunden hatte, die er reichlich ausnützte. Dieser Widerstand 
gab aber Gelegenheit, das als Aper9U hingeworfene Argument von den „^ 
mächtigen Wünschen" bei der Gewinnchance näher zu analysieren. Der 
Patient hatte nach der Pubert ät - in chronologischer Reihenfolge - drei 

i2l In geschickter Weise versuchte er den Analytiker immer wieder auf das schwierige 
TerrL der moralischen Werturteile zu lotsen und bezeichnete die W^gerung des Ana. 
^teSmTuf diesen sich der Kompetenz der Analyse entziehenden Boden zu folgen, als 
„weltfremd". 



Zur Psychologie des Hasardspielers 415 



Phasen seiner neurotischen Allmachtsfiktion durchgemacht: in der ersten he» 
tätigte er sich kleptoman, in der zweiten koprophem, in der dritten 
hasardierte er. In späterer Zeit waren diese Phasen nicht völlig getrennt, 
dagegen verstärkte sich sofort die Lust zum Hasardieren, wenn der Patient die 
Koprophemie oder Kleptomanie zu unterdrücken versuchte. In dieser Phase 
verspielte der Patient regelmäßig sein Monatsgeld, so daß er hungerte, wenn 
er sich nicht durch neue Durchstechereien Geld verschaffte. 

Es ist wohl überflüssig, hinzuzufügen, daß die triebhaften Grundlagen des 
Hasardierens, der Kleptomanie und Koprophemie mit der Allmachtsfiktion 
nicht identisch waren. Doch zeigte es sich, daß die Durcharbeitung der 
phallischen und analen Ödipuswünsche und konsekutiven Onaniebestra^« 
fungsäquivalente die Störungen nicht völlig erklären, da immer ein Rück«* 
stand der „Allmac htsfikt ion" übrigblieb, der in die Symptome mit=« 
verwoben und mitgenossen wurde. Es handelte sich um ein quantitativ wirk» 
sames Plus zu analytisch längst Bekanntem. 

Die weitere Analyse des Patienten ergab, daß seine moraUinsaniiy^ 
Symptome auch überstarke Aggressionen gegen die Mutterrepräsentanz 
wareri (der Vater war einige Wochen vor Geburt des Patienten gestorben), 
wobei er sein Über*=Ich nach dem Prinzip der von Alexander beschrie«» 
benen Zweizeitigkeit — erst Strafe, damit Erkaufen der Erlaubnis zu ver»< 
pöntem Tun — beschwichtigte, d. h. die Patronanz desselben nach dem 
Prinzip der „Bestechung des Über»=Ichs" erkaufte. So hatte er ständig ge» 
schäftlich „Pech", eine Attitüde, die von ihm selbst unbewußt herbeigeführt 
wurde. Im Hasardspiel war diese Aggression, wie die Analyse zeigen konnte, 
dem Patienten völlig unbewußt, aber besonders klar. Die Mutter hatte 
ihm stets gepredigt, man müsse „vernünftig" sein. Was nützt aber alle 
Vernunft beim Hasardspiel, bei dem gerade der unbe* 
rechenbare Zufall regiert?" Im Hasardspiel lag eine posthume 
Aggression gegen die das Realitätsprinzip, d. h. den Ver* 

z ichtauf die Lust und die All m achtpredigende Mutt er. Pa*i 
tient hatte demgemäß, ohne von den Ursachen dieses Tuns eine Ahnung zu 
haben, ein sonderbares Spielsystem: er tat aus innerem Drange stets das — 
Unerwartete.^ So zog er z. B. bei „Einundzwanzig" regehnäßig bei 18 noch 
eine Karte (ein seltenes Wagnis), um ja nur 21 zu haben. Er war beim Poker 
ein Meister im Bluffen. Jede dieser Aktionen war eine Aggression 
gegen die „Vernunft", ein Bestehen auf einer supponierten Allmacht. 
Bezüglich der Gewinnchancen konnten beim Patienten zwei Phasen unter=« 
schieden werden. In der einen war er von einer nicht zu überbietenden Fröh»> 

13) „Das Spiel ist der Bankrott menschlichen Geistes" sagte Schopenhauer. 



lichkeit, von Sorglosigkeit und Selbstvertrauen erfüllt. In dieser Phase machte 
er zur Verblüffung der Mitspieler lauter Husarenstücke und — gewann. In 
der zweiten — wie die Analyse ergab: passivAomosexuellen — , benahm er 
sich anfangs ähnlich, ließ sich aber übertölpeln, vom jüngsten Neuling über* 
listen. Die Analyse zeigte, daß er in der ersten — sieghaften — Phase die, 
Aggression gegen die (phallisch gedachte) Mutter auslebte, die sich daraus 
ergebenden Schuldgefühle in der zweiten — „zerquetschten" — Phase in 
Form einer passiven Analität mit unbewußten passiven Kastrationsphantasien 
abbüßte. Er war also in der einen Phase ein gefährlicher Spielgegner, in der 
anderen aber Beute jedes Anfängers. Die Inkonsequenz seines Verhaltens 
war dem Patienten bekannt (so stammte z. B. das Wort „zerquetschte" Phase 
von ihm), er wußte auch zu Begirm der zweiten Phase, daß er „möglichers:^ 
weise" verlieren würde, spielte aber trotzdem weiter. 

Zum besseren Verständnis sei ein Stück des Entwicklungsganges des Pasi 
tienten nachgetragen: 

Er war das einzige Kind einer Ehe, die bloß einige Monate gedauert liatte. Der 
Vater ertrank vor Geburt des Patienten bei einer Schiffsreise. Die Mutter war 
eine überaus energische, männliche Frau, die sich nach dem Tode des Mannes, 
der sie völlig mittellos zurückließ, eine Existenz als Kantinenbesitzerin in der 
Nähe von Kasernen verschaffte. Auf diese Weise konnte sie die beiden Kinder 
— der Patient hatte einen um drei Jahre älteren Halbbruder aus der ersten^ Ehe 
des Vaters — ernähren. Die Mutter wird vom Patienten als „Halbwilde" ge» 
schildert: energisch, unbeugsam, „trotzig, wie ein störrischer Esel", roh und 
brutal, in der Erziehung überstreng und prüde, schlief sie angeblich mit einer 
Menge Soldaten. Es konnte in der Analyse vorerst nicht mit Sicherheit nachge* 
wiesen werden, inwieweit die diesbezüglichen Angaben des Patienten neuro* 
tische Anklagen aus der Ödipuszeit oder Realität waren; die Angaben eines 
Bruders der Mutter verifizierten später die Beschuldigungen des Patienten. Dar* 
nach war die Mutter des Patienten ein triebhafter Mensch, der tatsächlich alle 
paar Wochen den „Haupthebhaber" wechselte, in der Zwischenzeit sich aber 
gleichzeitig auch anderen Soldaten hingab. Der Patient bezeichnete seine Mutter 
in seinen Gedanken in späteren Jahren mit dem Spitznamen „Dreyfus", auf 
Grund des bekannten Witzes von der Frau, an deren Unschuld die Armee nicht 
glaubte. Er behauptete, wiederholt Zeuge des Geschlechtsverkehrs der Mutter 
mit Soldaten gewesen zu sein, von Szenen, die er eine kurze Zeit lang zu be# 
wußten Onaniephantasien verwertete, wobei er'sich in beide Rollen hinein^« 
dachte, um später an Stelle der Mutter eine Bedienerin derselben zu setzen. Vor 
allem spielt ein Vorfall eine große Rolle, in welchem ein hünenhafter Soldat 
die Mutter vergewaltigte, indem er die rechte Brust derart stark preßte, 
daß sie alles mit sich geschehen ließ. Diese Szene war verdrängt und fiel dem 
Patienten plötzlich ein, als in der Analyse seine sonderbare Nachpubertätsge* 
gewohnheit besprochen wurde, die Frauen durch Kneifen der Analbacken „ver* 
führen" zu wollen. Der Patient war damals der Meinung, es sei dies die Ver* 
führungsmethode, der keine Frau widerstehen könne. Es zeigte sich auch, daß 



Zur Psychologie des Hasardspielers 417 

diese aggressiven Praktiken an den Analbacken das Vorstadium seiner 
Koprophemie waren. Eines Tages — er konnte dafür begreiflicherweise 
keine Erklärung geben — gab er „diese Scherze", wie er sagte, auf und „ver* 
legte sich" auf das Aussprechen obszöner Worte. Interessant war, daß 
dabei zwei Bedingungen bestanden: die Frauen, denen er diese Worte zu* 
flüsterte, mußten ihm unbekannt sein und die ganze Szene mußte sich 
auf der Straße abspielen. Die Analyse ergab, daß er damit alle Frauen 
zu Dirnen machte (Straße!) und sich in seiner Koprophemie auf der 
Flucht vor einer bestimmten Frau — der Mutter — befand, deshalb die er» 
wähnte Bedingung der fremden Frau. Das „Zwicken" der Analbacken entsprach 
einer Verschiebung von der Brust auf die Globi, offenbar war die Brust 
infolge der durch das Mitansehen der Vergewaltigung aktivierten alten oral» 
sadistischen Wünsche nicht mehr bewußtseinsfähig. 

Patient schilderte die Wirkung der Männerbeziehungen der Mutter auf sich 
so, daß er vor ihr keinen „Respekt" mehr haben konnte. Die Rationalisierung 
lautete, daß er sich chronisch „umstellen" mußte, da die jeweiligen „Onkel" Ver» 
schiedenes von ihm verlangten: der eine wünschte ihn brav, der andere drauf» 
gängerisch, dieser beschimpfte ihn, weil er still gewesen, jener, weil er kindisch 
herumgetollt hatte. Bezeichnend war, daß er diesen Onkeln, d. h. den jeweiligen 
Liebhabern der Mutter, gegenüber äußerst fügsam und devot war; der Knabe 
nahm gelehrig die divergierenden Gebote und Verbote der Männer an, während 
er der Mutter gegenüber immer größere Renitenz zeigte, so daß diese ihn eines 
Tages kurz entschlossen aus dem Hause wies und sich erst nach einiger Zeit ent» 
schloß, ihn zu einem Installateur in die Lehre zu geben. Dort kam es zu den 
ersten kleptomanen Handlungen: während er Geld nicht anrührte, stahl e{t 
ständig Glühlampen, zerschlug sie und warf sie ins Klosett. In späterer Zeit 
verkaufte er sie und verspielte das Geld beim Hasardspiel. Eine Erklärung konnte 
er für diese Handlung nicht beibringen — „es hat mich halt gepackt, ich mußte, 
es tun" — , auch nicht, als er deshalb von seinem Chef entlassen wurde. Der 
Mutter gegenüber erklärte Patient, er hätte aus Trotz gestohlen, „um ihr Schande 
zu machen". Doch war dies bloß ein zwar wichtiges, aber nicht entscheidendes 
Motiv. Das unbewußt Triebhafte aller seiner kleptomanen Hand» 
1 u n g e n war stets eine Wiederholung der verdrängten Vergewaltigungs» 
szene der Mutter durch den Soldaten: die gewölbten Gegenstände^* repräsen» 
tierten die B r u s t d e r M u 1 1 e r, die er an sich nahm und zerstörte, d. h. abj* 
riß (zutiefst abbiß). 

Von hier aus ergab sich auch eine weitere Determinante des Spitznamens 
„D r e i f u s". Der dritte Fuß waren die als Doppelphallus perzipierten Mutter» 
brüste, wobei der Patient unbewußt die Vorstellung entwickelte, er sei um diese 



i4) Im späteren Verlaufe traten an Steile der Glühbirnen alle möglichen „dicklichen" 
Gegenstände, wie Nippes, Gummibälle, Teetassen etc. — Eine spezielle Determinante, 
weshalb ursprünglich gerade Glühbirnen gestohlen wurden, ergab sich nicht, was nicht 
weiter verwunderlich war, da die symbolische Äquivalenz Glühbirne = Brust von Anfang 
an gegeben war. In höheren Schichten war die mütterliche Phallusbedeutung der Glühbirne 
mit konsekutiven Kastrationsphantasien sichtbar. Weitere Determinanten waren anale 
Kindesbedeutung (der Patient zerschlug die Glühbirnen im Klosett), bezw. Aggressionen 
gegen den jeweiligen Geliebten der Mutter. 

Imago XXII/4 27 



Brüste von der Mutter verkürzt worden. Eine Bestätigung dieser sonderbaren 
Annalme entaahm der Patient einer zufälligen Begebenheit: der Milchbruder 
drPatTeUn'iar im Gegensatz zum überschlanken ^fl^^^Z^^^Di::! 
hatte schon in der Kindheit Fettansammlungen an den Globi und Brüsten. Uiesen 
Wer haßte der Patient, beschuldigte die Mutter, ^en Br-Jr ihm vorzu.eh^^^^^ 
und wurde aus Prinzip", wie er sich ausdruckte, sein Gegenstuck war der ßru^ 
der braV' war er schlimm, entwickelte sich der Bruder zum Musterknaben 
wurde der P^nt zum „Schandfleck der Familie" und - nach dem Ausspruch 

'%:^LZ^'ZZttSZS:tti-^ii^nt.n das Symptom des ungeheueren 
Tix.tze Die Mutter, die in höherem Aher moralisch wurde, litt unter den Dieb. 
An - dfnf ds solche präsentierten sich ^ie kleptomanen Hand^^^^^^^ 
Außenwelt - in stärkstem Maße. Die Trias: Kleptomanie ^^H^ 
«hemTe - Hasardspiel vernichtete chronisch jede Existenzmoglichkeit 
Ld fXe dazu, daß sich'der Patient noch als 30J ähriger Mann von der Mutte 
erhalten ließ, was gut zu seiner o r a 1 .parasitären Bindung an die Mutter der 
Präödi pal zeit paßte; schon sein übermächtiger „Mammakomplex wies ja 
darauf hin. 

Bei der Analyse dieser pathologischen Persönlichkeit konnte die ganze 
Kette seiner Allmachtsphantasien rekonstruiert werden, eine Rekonstruktion, 
die vom Individuellen abgesehen, Aligemeingültigkeit beansprucht: 

1. Autarkische Fiktion. 

Diese Phase - von Jekels und mir beschrieben" - fällt in den Be. 
reich der Ferenczischen „bedingungslosen Allmacht , zum Teil auch der 
..magisch.halluzinatorischen". Gemeint ist ein Zustand m welchem das Kmd 
zwischen seinem Ich und den Objekten keine Schranken setzt "nd let^^^^^ 
als zum eigenen Ich gehörig betrachtet. Als Paradigma ist etwa das Stadium 
zu nennen, in welchem die nahrungspendende mütterliche Brust vom Kmde 
als Teil des eigenen Körpers empfunden wird. Jekels und ich leiten aus 
diesem Vorgang das Streben nach dem „narzißtischenRestitutions. 

versuch" in Form von Objektsuche und Liebe ab, um den Menschen der. 
art zur verloreneri narzißtischen Einheit zu verhelfen, ein Vorgang der a 1er. 
dings durch intrapsychische Abwehr des unbewußten Schuldgefühls mittels 
Projektion des Ich.Ideals kompliziert, resp. mitdeterminiert wird. 

Es ist selbstverständlich, daß das Hervorheben des narzißtischen Antols 
in der Liebesbeziehung den Unterschied zwischen narzißtischer und Ob. 
jektlibido nicht aufhebt. Die glücklichste Formulierung über den Unter, 
schied zwischen beiden stammt von Eidelber g. Er bezeichnet als Objekt, 
libido „jene Libido, die der Außenwelt zugewendet ist und der die vier 

15) S. „Übertragung und Liebe", Imago, Bd. XX, 1934. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 419 

verschiedenen Qualitäten zugehören: die orale, anale, phallische und geni* 
tale." Soweit der Verliebte also im Projektionsvorgang der Liebe am ge«= 
liebten Objekt eigene Einstellungen M^iederzufinden glaubt, liegt ein nar* 
zißtischer Vorgang vor, soweit am Liebesobj ekt eine dervier Qua* 
1 i t ä t e n befriedigt wird, ein objektlibidinöser. 

Unser Patient zeigte Störungen des normalen Ausweis aus dem DUemma 
der autarkischen Fiktion in Form der Liebe: Er war zu einer normalen 
Liebesbeziehung unfähig und wiederholte in Form der Koprophemie und 
der Kleptomanie die infantÜen oral^sadistischen Aggressionen gegen die 
Mutterbrust teils in direkter, teils in unbewußt verschobener Form mit konse;« 
kutiven Selbstschädigungen. Die „große Verführungsszene" hatte deshalb 
so nachhaltigen Eindruck auf den Patienten gemacht, weil sie altes, nie er* 
ledigtes Wunschmaterial eruptiv hochkommen ließ." Weiters bediente er 
sich vielfach „autarkisch" mitbedingter Abwehrmethoden: des „masochisti»> 
sehen Mechanismus"" (Eideiberg), des „Mechanismus der Heuchelei" 
(siehe z. B. sein Verhalten zu den verschiedenen Liebhabern der Mutter). 
Von besonderer Art war sein Verhalten zum „oralen Pessimismus". Näheres 
darüber wird später berichtet werden. 

2. Allmacht der Exkremente und des Penis („Dinglidie Allmadit"). 

Diese von Abraham und M. Klein" hervorgehobene Phase entspricht 
zum Teil dem Ferenc zischen Stadium der Allmacht „mittels magischer 
Gebärden". 

Auch den Exkrementen eignet nach diesen Untersuchungen in der Vor^ 
Stellung des Kindes Allmacht, so etwa im Beispiel des von Abraham h&f 
schriebenen Knaben, der am Meeresstrande urinierend behauptete, er hätte 
das Meer damit erschaffen. Unser Patient erinnerte folgendes Spiel: Als vier* 
bis fünfjähriger Bub hatte er die Gewohnheit, „Stuhl* Pyramiden", 
wie er es in der Analyse bezeichnete, zu „bauen". Mittels einer speziellen 
Technik, die er erfunden hatte, setzte er seine Fäzes in Form einer 

i6) Vom Standpunkt des Ödipuskomplexes war der ständige Wechsel der Liebhaber für 
den Patienten ein Acquit, daß die Mutter für ihn doch erreichbar sein könnte. Es ist eine 
Erfahrungstatsache, die ich wiederholt beobachten konnte, daß realer Wechsel der Ob* 
jekte von selten der Eltern (Tod, Scheidung, Tausch des Liebhabers) geradezu katastro* 
phale Wirkungen hat: die alte Wunschphantasie des Ödipuskomplexes wird in Realitäts* 
nähe gebracht. In diesem Fall kam noch hinzu, daß Patient ein „heteronomes Über^^Ich" 
(Jakob Hoffmann) entwickelt hatte und die divergierenden Erziehungseinflüsse einen 
„triebhaften Charakter" (Reich) zustande kommen ließen. 

17) Zutiefst war ja sein ganzes Hasardieren ein solcher masochistischer Mechanismus. 

18) Zusammenfassende Darstellung in „Die Psychoanalyse des Kindes". Int. Psa. Verl., 
Wien 1932. 

27* 



420 Edmund Bergler 



spitz zulaufenden Pyramide ab, rief dann regelmäßig die Mutter, zeigte ihr 
stolz sein Werk und fragte, ob das nicht ein schöner Rathausturm sei, wobei 
er bramarbasierend erklärte, er habe auch den echten Rathausturm mit tx. 
krementen gebaut; dabei imitierte er das Glockenschlagen der Turmuhr seiner 
Heimatstadt. Diese Fäzes^Exhibition wurde weitgehend gehemmt, als die 
Mutter eines Tages folgende Einschüchterungstechnik anwandte, nachdem 
alle anderen Abwehrmethoden zur Eindämmung dieses Spieles scheiterten 
(kam die Mutter nicht, dann brüllte das Kind halbe Stunden lang): die 
Mutter sagte ihm während eines Gewitters, jetzt habe der Blitz m den Ra^ 
hausturm eingeschlagen. Die Wirkung war überraschend: der Patient gab 
sein Spiel auf, bekam Angst, das Klosett aufzusuchen (besonders die Wasser. 
Spülung erregte seine Angst), und hielt tagelang den Stuhl zurück. Diese 
anal perzipierte Kastrationsangst wirkte sich begreiflicherweise auch phal. 
lisch aus, umsomehr als ja die anale Exhibition zum Teil auch regressive 
Stellvertreterin der phaUischen war. Beweisend dafür war, daß der Patient, 
der auch an Gewitterangst litt, jedesmal, wenn er bei einem Gewitter Angst 
hatte, ein peinliches Gefühl im Penis verspürte und - offenbar als Nach. 
Wirkung der Kastrationsangst - Diarrhöe bekam. Diese Wechselwirkung 
anal^phallischer Kastrationsmechanismen führte auch zu einer weitgehenden 
Herabsetzung seiner genitalen Potenz, wie denn der Patient überhaupt am ge. 
nitalen Akt weitgehend desinteressiert war. Vor allem war seine Potenz sehr 
launenhaft, orgastisch völlig ungenügend, auch hielt er beim Koitus das E ja. 
kulat bewußt zurück. Ich habe diesen Typus in meiner Arbeit über Ejaku. 
lationsstörungen erwähnt und darauf aufmerksam gemacht, daß neben sadi^ 
stischen Motiven vor allem unbewußte Kastrationsangst eine Rolle spielt, 
wobei die Vorstellung vorherrscht, daß gerade das Abfließen des Ejakulats 
gefährlich sei und „aphanische Wirkungen" (Jones) mit sich bringe. Beim 
Patienten lag die so häufige Identifizierung von Sperma = Fäzes = Urin vor 
und die letzteren zwei Glieder der symbolischen Gleichung rührten sofort 
an seine eben erwähnten analen Kastrationsängste. Die Analyse ergab, daß 
hier nebenbei auch ein Nachklang der Lehren der Mutter, man müsse „ver. 
nünf üg" sein, vorlag, wobei er in infantiler Weise das Gebot durch die kom. 
promißweise Lösung des Onanierens bei gleichzeitiger Spermaretention loste.i'' 

19) Es war für mich sehr interessant zu lesen, daß D os t o j e w sk i wiederholt be. 
hauptete. er könnte mit seinem Roulettesystcm sicher gewinnen wenn er nicht die Herr.:^ 
Schaft über sich verlöre. So heißt es z. B. im Brief Dostojewskis an seine Frau CHom== 

"'^' ■ 'Also ich habe bereits etwa zwanzigmal bei Spielbeginn die Erfahrung ge. 
macht, daß, wenn man kaltblütig, ruhig und berechnend operiert, es keine Möglichkeit 
gibt, zu verlieren Mch schwöre dir, nicht einmal die Möglichkeit ist da! Folglich habe 
ich diese Chance voraus; aber wie war es gewöhnlich? Ich begann zumeist mit vierzig 



Zur Psychologie des Hasardspielers 421 

Der Patient erzählte auch, daß er in der Pubertät in der Form onanierte, daß er 
den Samen zurückhielt. Der genitale Akt war — auch in den Fällen, in denen 
die Aktion nicht gestört war, — gar nicht lustvoll und stand, wie der Patient 
sagte, „in keinem Verhältnis zur großen Lust beim Errötenmachen der 
Frauen". Auch war es beim Patienten zur typischen Fiktion der Allmacht 
des Penis nicht gekommen, resp. es waren die Ansätze dazu sehr früh durch 
die damals noch nicht gelöste Koppelung : Kotpyramide = Penis und durch 
die von der Mutter ausgehenden analen und wahrscheinlich auch direkt phal== 
lischen Kastrationsdrohungen in ihrer Entwicklung gehemmt worden. So 
rekurrierte der Patient von dieser dinglichen Allmachtsstufe auf die gedankt 
liehe und verbale: auf die Koprophemie, resp. das Hasardspiel. Ein Rest der 
Allmachtsfiktion der magischen Geste war lediglich noch die Kleptomanie. 

J. Allmadit der Gedanken. 

Die großartigen Untersuchungen Freuds über die Zwangsneurose und 
„Totem und Tabu" haben die Allmachtsfiktion mittels der Gedanken zum 
analytischen Gemeingut gemacht. 

Der Übergang zwischen der dinglichen Allmacht („Allmacht der Exkres! 
mente und des Penis") und der Allmacht der Gedanken — sie entspricht 
auch der III. F e r e n c z i sehen Phase — wurde bisher nicht ausgearbeitet. 
Ich möchte hier darauf verweisen, daß wir möglichexvreise in einem Hinweis 
von Jones und O p h u i j s e n das fehlende Zwischenglied vor uns haben 
Die Autoren zeigten nämlich, daß im Unbewußten Gedanken den 
Fäzes und dem Flatus gleichgesetzt werden. Dies wäre also 
m. E. die fehlende Verbindungsbrücke zwischen Phase II und III. 

In meiner Arbeit über das „Unheimliche" habe ich auf das früher erwähnte 
Zitat von R. Rolland als einen Beleg für die Kompliziertheit der einzelnen 

Gulden, nahm sie aus der Tasche, setzte mich hin und machte Einsätze zu einem und 

zwei Gulden. Nach einer Viertelstunde gewöhnlich hatte ich das Doppelte gewonnen. Da 

hätte ich nun haltmachen und weggehen sollen, zum mindesten bis zum Abend, um 

meine erregten Nerven zu beruhigen, umsomehr, als ich die zuverlässige Beobachtung ge^ 

macht habe, daß ich beim Spiel nicht länger als eine halbe Stunde ruhig und kaltblütig 

bleiben kann. So aber ging ich nur weg, um eine Zigarette zu rauchen und kehrte sofort 

zurück . . . die Kaltblütigkeit verschwand, die Nerven wurden erregt, ich begann zu 

riskieren, ärgerte mich, setzte bereits ohne alle Berechnung und verspielte . . ." 

Auf Grund von Analyseerfahrungen darf die Vermutung geäußert werden, daß dieser 

Tatbestand — in die Sprache des Unbewußten übersetzt — lautet: Onanie ist erlaubt, 

Ejakulation verboten. S. meinen Aufsatz „Über einige noch nicht beschriebene 

Spezialformen der Ejakulationsstörung", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934, bezvA Int. 

Journal of PsA., 1935. Ferner: „Ergänzungen zum Krankheitsbild der psychogenen oralen 

Aspermie", ebendort im Erscheinen. 




422 Edmund Bergler 



Übergangsphasen verwiesen und nannte dies „Allmacht um den Preis von 
Konzessionen". E. P. Ho ff mann beschrieb in anderem Zusammenhang 
einen ähnlichen Vorgang als „nachträgliche Sanktionierung . 

Der Hasardspieler rekurriert auf die Allmacht der Gedanken, wenn er, 
wie mein Patient es plastisch ausdrückte, eine Karte oder Zahl nixttels Ge. 
danken „herbeibefiehlt". Dabei ist jedes Spiel eine Frage an das Schicksal, 
d h. zutiefstandieMutter: Hebst du mich? Als ich dies dem Patenten ausex^ 
andersetzte, fragte er ironisch, weshalb denn die Spieler diese F-je nich^ in 
der den Liebenden eher geziemenden Form des Auszupfens emer Mar. 
guerite vorbringen? Der berechtigte Einwand rührte an das früher erwähnte 
Problem: das Realitätsprinzip gestattete uns nicht, die ursprüngliche 
Form der Allmachtsfiktion unverändert aufrechtzuerhalten, und erzwmgt die 
rationale Maskierung. Ich sagte bereits, daß das Realitätsprinzip unter dem 
Mäntelchen der Vernunft, der geistigen, intellektuellen Leistung den alten 
Götzendienst am Altar des Lust., d. h. AUmachtspnnzips gestattet. Das i 
zutiefst die Ursache, weshalb sich das reine „Glücksspiel zum „Ver. 
nunftspiel" entwickelte. Und es berührt den Wissenden seltsam, wenn 
etwa der Schach., der Tarock. oder Bridgespieler verächtlich auf den Rou. 
lette., Poker.. Bakkarat. oder Makaospieler herabsieht. Die Einschaltung der 
Vernunft hat dem Orakelhaften des Spiels^» nur scheinbar Abbruch 
getan, das Irrationale nicht ausgeschaltet. Und wenn der Zufall (Karten, 
folgei) - nach einem guten Wort Th. Reiks ..das inkognito reisende 
Schicksal" - durch die Allmacht der Wünsche wettgemacht werden soll, 
sind wir wieder beim alten Orakel, das zu unseren Gunsten gewendet werden 
soll, angelangt. Gerade die Metamorphose des reinen Hasardspiels zum Ver. 
nunftspiel" zeigt die Ohnmacht des Versuchs, das Irrationale und Unbe. 
rÄelmlpiel auszuschalten. Der beste, geistvollste Spieler ist machtlos 
gegenüber der schlechten Karte. Die Berufung auf die Vernunft verdeckt 
nu'r notdürftig das wirklich Lustvolle am ^P-l: das Hervor, 
holen der alten Allmachtsf iktion der Kindheit. Und wenn 
der Erwachsene nicht mehr mit Puppen spielt und diese Puppen modernst 
drapiert. — auch automatisierte Puppen bleiben Puppen. 

Sehr gut paßt dazu, daß jeder leidenschaftliche Hasardspieler zwei Eigen. 
Schäften aufweist, die der „Allmacht der Gedanken' _ stets wie em Schatten 
folgen : den A b e r g 1 a u b e n und die peinlich genau einzuhaltende S y s t e m. 
sucht. Das System des Spielers hat, so wertlos es auch beim Hasardspiel 
ist. den Vorteil der Befreiung von der Ambivale nz. 

=0) Eine alte nichtanalytische Theorie über die Entwicklung des Hasardspieles behauptet 
dessen Abkunft vom Orakelwesen. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 423 

Man könnte einwenden, die Idee der Allmaclitsfiktion passe bloß für die 
reinen Hasardspiele. Aber selbst die Königen der Vernunftspiele: das Schach, 
hat eine ähnliche Entwicklung von der Allmachtsfiktion zur ratio mitge# 
macht. Ich zitiere folgende Stelle aus der Einleitung F. Ecksteins (zu 
„Dostojewski am Roulette": 

. . . Und es mag . . . nicht ohne Interesse sein, daß auch bei der ältesten 
Form des Schachspiels, dem uralten „Tschaturanga" der Inder, und wohl auch 
bei anderen Brettspielen nach Ansicht bedeutender Forscher die beiden Partner 
vor jedem Zug über die Art der nächstfolgenden zu wür* 
fein hatten, so daß also auch hier das an sich durchaus rationale Brettspiet 
von gänzlich unberechenbaren, zufälligen und fremden Einflüssen beherrscht 
war, ein wundervolles Sinnbild des unendlichen Lebens, das immer wieder alle 
unsere Voraussicht und vermeintliche Weisheit zuschanden macht ... 

Man sieht: genetisch betrachtet, darf man das königliche Schachspiel 
mit der vulgären Roulette nennen, wenn auch damit die Differenz zwischen 
beiden nicht bestritten werden soll. 

Einige Fragen tauchen auf: Was will der Hasardspieler eigentlich erzwin=* 
gen? Angenommen den Fall, er hätte gesetzt und gewonnen, die Frage an 
das Schicksal wäre positiv ausgefallen. Warum gibt er sich nicht zufrieden, 
warum zieht er sich nicht mit dieser Bestätigung des Geliebtwerdens 
zurück? Warum spielt er trotzdem weiter? Warum ist der Spiel* 
drang nicht zu befriedigen? Und weiter: Ist der Spieler ein unentwegter 
Optimist oder setzt er das Spiel weiter fort trotz der pessimistischen Vor* 
aussieht, daß er auf die Dauer verlieren müsse? 

Die analytische Erfahrung belehrt, daß die Wiederholung des Hasard* 
Spiels ad infinitum — pausenloses, jahrelanges Hasardieren ist die Regel, die 
bloß durch Geldmangel unterbrochen wird^^ — die nicht zu überbie* 
tende unbewußte Lust am Spiel und zugleich ihre ständige Bedrohung 
und Neutralisierung durch das ebenfalls nichtabzusättigende Straf* 
bedürfnis beweist. Hier ist auch all das einzufügen, was wir durch 
Freud über die Theorie des kindlichen Spieles wissen, wobei das wesent* 
liebste Motiv der unbewußte Wiederholungszwang darstellt^^. Anders ausge* 
drückt: passiv Erlebtes wird zwecks psychischer Erledigung aktiv wieder* 
holt. Beim Hasardspiel werden Elemente der Lust* und Straftrias (s. später) 
wiederholt (vor allem passiv erlebter Allmachtsverlust und Onanieverbote), 

2i) Dostojewskis „Spieler" wird Kammerdiener, um sich das Geld zum Roulette 
zusammenzusparen. 

22) Siehe Wälders zusammenfassende Arbeit über das kindliche Spiel. Ztschr. f. 
psa. Pädagogik, Bd. VI, 1932. — Bezüglich der Arbeiten der englischen Schule siehe das 
zitierte Buch von M. K 1 e i n. 



wobei der Vorteü des Spielers auch darin besteht, daß er seine „Frage an das 
Schicksal" eben — spielerisch, also scheinbar unernst, wie zum Spaß 
stellt, womit er wieder den larvierten Allmachtswahn vor allzu schweren 
Erschütterungen bewahren kann : 

„Es gibt im Menschenleben Augenblicke, 
Wo er dem Schicksal näher ist als sonst 
Und eine Frage frei hat an das Schicksal". 

Diese Frage ist zutiefst eine Frage des Geliebtwerdens, also der infantilen 
Allmacht. 

Es sei nochmals hervorgehoben, daß das Hasardspiel die einzige Ge* 
legenheitbietet,inwelcher das Lustprinzip mit seiner Gedanken* 
und Wunsch^AUmacht nicht aufgegeben werden muß, resp. das 
Realitätsprinzip gegenüber dem Lustprinzip keine Vor^ 
teile bietet. Im Gegenteil! Es gibt eine Anekdote, die diesen Tatbestand 
illustriert: Ein Gymnasiast hat 10.000 Gulden im Lotto gewonnen. Er trifft 
seinen Mathematiklehrer, der ihn fragt, wie er die gewinnbringenden Ziffern 
erraten habe. „Sehr einfach", antwortete der Schüler, „ich habe die Zahlen 
acht und fünf geträumt und mir gedacht: 8X5 = 56, habe die Nummern 
56, 8 und 5 gesetzt und gewonnen." — „Aber 8 X 5 ist gar nicht 56", repliziert 
der Lehrer indigniert. „Sie wollen mich belehren, wieviel 8X5 ist, — ich habe 
doch gewonnen", lautet die Antwort des Erfolgreichen ... Der kleine Junge, 
der seinen Mathematiklehrer belehrt: 8X5=56, kann sich auf den Erfolg 
seiner alogischen Rechenkunst — den Riesengewinn — berufen, sprengt also 
mit seiner Privatmathematik alle Logik — und behäh trotzdem Recht. Diese 
real praktizierte Allmacht der Wünsche, die daraus resultierende 
Aggression gegen die maternale und später ödipale Auto«= 
rität, die das Realitätsprinzip vertrat, die präödipalen und ödipalen Wün=< 
sehe austrieb, und die sozial zulässige Exhibition sind die uii* 
bewußten Aktivposten des Spielers. Dieses dritte Glied der Lusttrias: 

1. unbewußte Betätigung der Gedankenallmacht, 

2. unbewußte Aggression gegen die Autorität und 

3. sozial zulässige verdrängte Exhibition 

ist stets mit ödipalen Onaniephantasien gekoppelt. (Siehe die Angaben 
Freuds in der Dostojewski^Studie.) Auch da ist es interessant, daß prä^^ 
ventiv eine Form gewählt wird, die von der Gesellschaft (Über*Ich^Reprä== 
sentanz) toleriert wird. Es hat vielleicht mehr zu bedeuten als eine bloße 
Floskel, wenn Dostojewski seiner Gattin nach Selbst*„Heilung" vom Spiel=» 
wahn schreibt: „Meine Hände sind nun frei". 



F 



Zur Psychologie des Hasardspielers 425 



Die Möglichkeit, beim Hasardspiel Geld zu gewinnen, die im Be* 
wußten eine so große Rolle spielt, ist rein sekundär. Und wir können den 
passionierten Hasardspielern glauben, wenn sie beteuern, daß sie nicht allein 
des Gewinnes wegen spielen. So sagte etwa D o s t o j e w s k i in einem seiner 
Briefe: 

„Die Hauptsache ist das Spiel selbst. Ich schwöre Ihnen, es handelt sich dabei 
nicht um Habgier, obwohl ich vor allem freilich Geld nötig hätte." 

Und noch schlagender ist die von Z w e i g in seiner Casanova^^Biographie 
hervorgehobene Tatsache, daß der berüchtigte Falschspieler „Chevalier de 
Seingalt"2ä gelbst wiederholt das Opfer von Spielern wurde, wenn ihn die 
Spielleidenschaft packte! 

Es ist unrichtig, wenn man zwischen Spielern aus Leidenschaft und Ge# 
winnsucht unterscheiden will: 

„Es gibt", sagt E.T. A. Hoffmann in seiner psychologisch aufschlußreichen 
Novelle „Spielerglück" — „zweierlei Arten von Spielern. Manchen gewährt, 
ohne Rücksicht auf Gewinn, das Spiel selbst als Spiel eine 
unbeschreiblichegeheimnisvolleLust. Die sonderbaren Verket* 
tungen des Zufalls wechseln in dem seltsamen Spiel, das Regiment der höheren 
Macht tritt klarer hervor, und eben dieses ist es, was unsern Geist anregt, die 
Fittiche zu rühren und zu versuchen, ob er sich nicht hineinschwingen kann in 
das dunkle Reich, in die verhängnisvolle Werkstatt jener Macht, um ihr Ar* 
beiten zu belauschen. Ich habe einen Mann gekannt, der Tage, Nächte lang 
einsam in seinem Zimmer Bank machte und gegen sich selbst pointierte, der 
war meines Bedünkens ein echter Spieler. Andere haben nur den Gewinn vor 
Augen und betrachten das Spiel als das Mittel, sich schnell zu bereichern." 

Die beste Widerlegung dieser Theorie bietet der Dichter in dem gleichen 
Meisterwerk, in welchem er eine Reihe von Doublierungen des Spielers aus 
Leidenschaft schildert: Baron Siegfried, Chevalier Menars, den Wucherer 
Vertua.ä* Das Spielmotiv wird in geistvoller Weise mit unbewußten, kaum 
verschleierten Ödipusphantasien verquickt, die auch dazu führen, daß ein 
ständiges Oszillieren zwischen der heterosexuellen und prägenital^ähomosexu^ 
eilen Allmachtsfiktion stattfindet. Das Gegensatzpaar: normale Heterosexua* 
lität — Spielleidenschaft wird ständig variiert und mit dem Schuldgefühl ver=ä 

23) Auch bei der Wahl des Namens zeigt sich übrigens die Allmachtsfiktion : Casanova 
antwortete auf den Einwand, daß sein Adelsname frei erfunden sei, die 24 Buchstaben des 
Alphabets stünden jedem frei, er habe eben diese Buchstaben gewählt! 

24) Ich gehe hier auf eine Analyse dieser bewundernswerten Novelle nicht ein, da ich 
sie in einer größeren Arbeit in anderem Zusammenhang besprechen will, und verweise 
bloß darauf, daß der Dichter die stets rezidivierende Macht der Spielleidenschaft auch bei 
den sogenannten „geheilten" Spielern hervorhebt. 



426 Edmund Bergler 



knüpft: der Spieler verliert am Schluß die Frau nicht bloß wörtlich, sondern 
auch beim Pointieren. 

Parallel mit dieser Trias der Lust läuft aber das unbfe» 
wußte Strafbedürfnis für die gegen die Eltern gerichtete 
Aggression des Festhaltens der verbotenen AUmachtswünsche, die spater 
in die Ödipusphantasie ausläuft. Diese bewirkt, daß der Spieler ä la 
longue stets verliert. Das Nichtauf hörenkönnen beim Gewinn 
und Verlust, das Sich4mmer=»tiefer==hineinverstrickenlassen m den Mecha*= 
nismus der Trias von Lust und Sühne, ist ein Werk dieses unbewußten Straf, 
bedürfnisses. Und selbst da wird diese Strafe - ein Triumph des Eros! 
— sexualisiert und masochis tisch und unbewußt homosexuell ge* 

nossen. Denn darüber besteht, so befremdend diese Formulierung klingen 
mag, klinisch kein Zweifel: die unbewußte Emotion des Spielers 
ist neben der geschilderten Trias auch die der Unsicher* 
heit und zutiefst des Verlierens. Das Grandiose dieses Mecha^ 
nismus liegt in der Tatsache, daß aus der Strafe Lust geschöpft wird. Und 
zwar ganz nach dem E idelb er g sehen „masochistischen Mechanismus , 
in welchem eine Niederlage unbewußt herbeigewünscht wird unter der Vor* 
aussetzung, daß sie unbewußt selbst geschaffen werde, wodurch der un* 
bewußte Größenwahn befriedigt wird. 

Das unbewußte Überwältigtwerdenwollen vom Verlust, das 
Bangen um das letzte Geldstück, das Alles*auf*eine*Karte*setzen, um ohne 
Groschen da zu stehen, all dies gehörte beim früher erwähnten Patienten 
in die Sphäre der unbewußten passiven Homosexualität, die sich über den 
oralen Triebschicksalen in diesem Falle aufbaute. 

Hier ergibt sich ein scheinbarer Einwand: wenn der Spieler angeblich die 
narzißtische Überlegenheit der Allmacht sucht, weshalb sollte dieser Wunsch 
unter selbstschädigenden Bedingungen vor sich gehen? Dieser Zweifel konnte 
beim früher geschüderten Patienten eindeutig gelöst werden. Er erzahlte nam* 
lieh folgende Beobachtung: Er kenne ein Trickspiel mit 15 Zündhölzchen, 
das darin bestehe, daß jeder der beiden Partner 1, 2 oder 3 Zündhölzchen bei 
jedem Zug je nach Wahl wegnehme, wobei der Verlierende derjenige sei, der 
das letzte Zündhölzchen nehmen müsse, weil er eben zum Zug gelange. Der 
Trick bestehe darin, daß man dem Gegner stets eine ungerade Zahl von 
Zündhölzchen zurücklassen müsse, praktisch gewinne der „Wissende", wenn 
er mit zwei Zündhölzchen anfängt. Dieses Katz* und Mausspiel — der Aus* 
gang der Partie zwischen einem Eingeweihten und einem Nichtemgeweihten 
sei im vorhinein sicher — mache dem Patienten zwar einigen Spaß, der Lust* 
gewinn sei aber, versicherte unser Spieler, nicht zu vergleichen mit dem beim 



Zur Psychologie des Hasardspielers 



427 



Spiel mit „ungewissem Ausgang". Bezeichnender Weise brachte Patient dieses 
Spiel als Einwand gegen die Theorie von der Allmacht: er behauptete 
nämlich — logisch völlig korrekt — , daß er im Falle des sicheren Gewinnes 
theoretisch einen größeren Lustgewinn haben müßte, da die Allmacht restlos 
bestätigt werde, während sich de facto ein sehr restringiertes Vergnügen ein=> 
stellte. Die Lösung lag eben darin, daß der Spieler zutiefst die Situation des 
ErzwingenwollensderLiebe, resp. den Ausgleich des Nichtgeliebti» 
Werdens unbewußt herbeiführen will — mit einem masochistischen 
Hintergedanken. Da dieser „masochistische" Zuschuß beim Zündholz;» 
chenspiel fehlte, ergab sich ein Minus an Lustgewinn. 

Dies „Erzwingenwollen der Liebe mit einem masochistischen Hinterge* 
danken" ergibt auch die Antwort auf die Frage, ob der Spieler eigentlich ein 
Optimist oder Pessimist sei. In meiner Grabbe>»Arbeit habe ich einen Typus 
des Pessimisten beschrieben. Ich machte schon in dieser Arbeit auf den Tat* 
bestand des scheinbaren Oszillierens zwischen oralem Optimismus und Pessi* 
mismus aufmerksam: 

Andererseits hat man bei Unkenntnis dieses Tatbestandes bei den oralen 
Pessimisten den Eindruck, es handle sich im Gegenteil um Optimisten, da sich 
diese Menschen von ihren unbewußten Wünschen durch keine üble Erfahrung 
abbringen lassen und ihnen immer wieder nachjagen. Es handelt sich, neben 
der zutiefst infolge der eignen Allmacht nicht völlig aufgegebenen Hoffnung, 
geliebt zu werden, um die besprochene Technik des Pessimisten: den an* 
deren ins Unrecht zu setzen. Würde sich der Pessimist durch die Realität ;..be* 
lehren" lassen, könnte er seinen neurotischen Mechanismus nicht mit der 
gleichen unbewußten Lust abhaspeln lassen. 

Beim Vergleich des Typus des oralen Pessimisten mit dem oben geschil* 
derten Spielertypus ergibt sich, daß Ähnlichkeiten und doch weitgehende 
Differenzen vorhanden sind. Vor allem bedient sich der Spieler einer 
weniger anklagenden und mehr aggressiven Technik in der 
Widerlegung der mütterlichen Autorität. Der orale Pessimist schöpft seinen 
Hauptgewinn aus der masochistisch;*narzißtischen Befriedigung der richtigen 
Voraussage, der Spieler aus der Lusti«Trias plus der masochistisch genos* 
senen Strafe. Auch fehlt dem Spieler das Verbissene des oralen Pessimisten, 
er ist eher heiter, unbekümmert, zutiefst doch von seinem Erfolg überzeugt. 
Diese Sicherheit bezieht sich allerdings auf einen anderen Erfolg als den 
spieltechnischen: den Erfolg des ad=a6surdum=führens des Realitätsprinzips 
und der aggressiv^siegreichen Behauptung des infantilen Allmachtsprinzips. 
In diesem Punkte ist der besiegteste Spieler tatsächlich unbesiegbar, seine 
Erfolge sind auch bei Verlusten vorhanden, das intrapsychische Ausleben 
der Aggression nicht imaginär. Daher rührt z. 'T. die aufs Reale verschobene 
Siegeszuversicht. 



428 Edmund Bergler 



4. Allmadit mittels magischer Worte 
verdient von der AUmacht mittels magischer Gedanken abgetrennt zu wer=» 
den, weil die Worte eine nähere Realitätsrelation haben als Gedanken. Bei* 
spiele dieser Wortallmacht bieten etwa die obszönen Worte, denen Freud 
und Ferenczi einen Zwang zur dinglichen Vorstellung des Ausge* 
sprochenen zuschrieben. Man kann von einem „visuellen Imperativ" dieser 
Worte sprechen. Der früher beschriebene kopropbeme Patient lebte also seine 
Allmacht doppelt aus: in der Tatsache, daß er die Macht hatte, die Frauen 
erröten zu lassen, und in der ihnen aufgezwungenen dinglichen Vorstellung 
der zugeflüsterten obszönen Inhalte. 

Die „Wortallmacht", eines der Stigmen des Infantilen, ist analytisch vor 
allem durch die Arbeiten Freuds bekannt. „Auf dieses Stadium der Rea* 
litätsentwicklung", meint Ferenczi, „scheinen die Zwangsneurotiker zu 
regredieren, wenn sie vom Gefühle der Allmacht ihrer Gedanken und Wort, 
formeln nicht abzubringen sind, wenn sie, wie Fr eu d nachgewiesen hat, das 
Denken an Stelle des Handelns setzen." 

Von neueren Arbeiten sei auf Grabers „Zur Psychologie des Fluchens , 
Psa. Bewegung, 1931, und meinen Aufsatz „Über obszöne Worte" verwiesen. 

III. Versuch einer genetischen Typologie des Hasard;:= 
Spielers und die analytische Therapie. 

Der Versuch einer Typologie innerhalb der Gruppe des Hasardspieles 
stößt schon deshalb auf Schwierigkeiten, weil die beschriebenen einzelnen 
Tendenzen nicht isoliert, sondern miteinander gemischt vorkommen. Anders 
ausgedrückt: auch beim Hasardspieler ist die Rolle der Überdeterminierung 
entscheidend. Eine Typologie hat aber gerade beim Hasardspieler ihre Be* 
rechtigung, weil die quantitative Mischung der einzelnen Konstituenten 
variiert und bald die eine, bald die andere stärker hervortritt und — was das 
praktisch Wichtigste ist — die analytische Therapie durchaus verschieb 
den e Erfolgchancen bietet. 

a) Der klassische Hasardspieler 
bietet ein Überwiegen der Allmachtsfiktion, ohne die, wie be. 
reits betont, der Hasardspieler nicht möglich ist. Der ausführhch beschrie^ 
bene Patient gehört — von individuellen Varianten, wie Koprophemie und 
Kleptomanie abgesehen - diesem Typus an. Zu charakterisieren ist er durch 
die Lusttrias (Betätigung der Gedankenallmacht, posthume infantile Ap 
gression gegen die Autorität und sozial zulässige verdrängte Exhibition in 



I 



Zur Psychologie des Hasardspielers 429 



Verbindung mit anal»=phalliscben Onaniephantasien) und die Straftrias 
(unbewußter Verlustwunsch, homosexueller Überwältigungswunsch [Kastra.« 
tion], soziale Diffamierung). Dabei ergeben sich Verbindungsbrücken 
masochistischerArt zwischen den drei Gliedern der Lust»= und der 
Sü-aftrias insoferne, als der Verlustwunsch erotisiert und in die Sensation des 
„masochistischen Mechanismus" (Eideiberg) mit konsekutiver Befriedig* 
gung des infantilen Größenwahnes umgewandelt, der homosexuelle Kastra^^ 
tionswunsch in der passiven weiblichen Identifizierung genossen und die 
soziale Diffamierung, resp. die realen Geldnöte, zur Abtragung des unbe# 
wußten Strafbedürfnisses verwendet und indirekt als Freibrief für den immer 
einsetzenden circulus vitiosus von unbewußter Lust und unbewußt selbst* 
gewollten Schwierigkeiten verwendet wird. 

Der Erfolg der Therapie hängt von zwei Faktoren ab: erstens, in welchem 
Ausmaß o r ale E lem en te, d. h. auch die „autarkische Fiktion" erschüttert, 
resp. in sozial mögliche Betätigungsformen übergeführt werden können. Zwei* 
tens vom Ausmaß des reversiblen Str af bedür f nis ses. Diese 
beiden Klippen bewirkten z. B. im früher geschilderten Fall, daß Patient nach 
einer bloß vier Monate dauernden Analyse eines Tages zur Bedingung stellte, 
daß das Honorar für die Analyse ihm entweder geschenkt oder — aus 
kleptomanen Handlungen gedeckt werden sollte,^« obwohl der Onkel des 
Patienten den Erwerb des Honorars durch Vermittlung eines Postens er# 
möglichen wollte, sich selbst allerdings für zahlungsunfähig erklärte. Mein 
Versuch, dem Patienten den Widerstandscharakter, die orale Begehrlichkeit 
(Schenken), resp. das real unmöghche Hineinzerren des Analytikers in die 
kriminellen Handlungen des Patienten^« durch „Mitschuldigmachen" als 

25) Die Fähigkeit der Patienten mit moral insanity, den Arzt auf diese Weise ad a}j=~ 
surdum zu führen, ist eine therapeutisch manchmal nicht zu bewältigende. Ich beschrieb 
in meiner Arbeit über „Die Psychologie des Zynikers", Psa. Bewegung, 1934, einen solchen 
Fall. 

26) Der Sinn dieser Forderung war zutiefst neben der Aggression ein ad^absurdum- 
führen der These des Analytikers, er halte den Patienten lediglich für krank und nicht für 
„unmoralisch", wie dies der Patient stets dem Arzte unterschob. Die Probe aufs Exempel 
sollte also den Analytiker entlarven. Ein anderer Patient mit moral insanity, der u. a. an 
Kleptomanie litt, den ich in meiner Arbeit „Zur Psychologie des Zynikeus" beschrieb (1. 
c. S. 144), brachte mir eines Tages als „Geschenk" ein Buch unld teilte mir zugliei,toh mit, 
wo er es gestohlen hatte. Der Patient erwartete unbewußt einen Affektausbruch des 
Analytikers — etwa: „Was fällt Ihnen ein, ich kann doch nicht ihr Mitschuldiger werden" 
— , wodurch er die moralische Verachtung, die der Arzt dem Patienten gegenüber an^ 
geblich empfand, entlarvt hätte. Ich dankte dem Patienten für sein Geschenk und schlug 
vor, zu analysieren, warum er mir gerade dieses Buch gebracht hatte, wobei ich ihm sagte, 
daß er selbst entscheiden solle, ob ich das Geschenk annehmen könne. Nach Durch* 
arbeitung der Motive verzichtete der Patient am Ende der Ordination auf sein Agieren. 
Diese Beispiele zeigen aber, vor welche — manchmal untragbare — Belastungen Patienten 
mit moraZ insanity den Analytiker stellen. Bezüglich des Motivs des „Mitschuldigmachens" 



430 Edmund Bergler 



Aggression aufzuzeigen, hatte keinen Erfolg. Der Patient «^^f ^^^^^^^f j^^^! 
daß ihm das Gesundwerden keine Freude mache (eme typische Angabe bei 
Patienten mit moralinsanity), ^ndei^^^eits behauptete er schon gesun^^^^^^^ 
und führte als Beweis die Tatsache an, daß er sich nicht «■^^^'^ kleptom^be. 
tätige und das Hasardspiel zugunsten des Tarocks aufgegeben l^^^- In Wirk, 
lichkeit ergriff Patient vor der Deutung semer oraWnalen Beziehung zur 
Mutter die Flucht und wollte unbewußt auf seinen Zyklus von unbewußte" 
Aggressionen und Bestrafungen nicht verzichten. Ich traf den Patienten zwei 
Jahre nach Abbruch der Behandlung auf der Straße, und er erzahlt mir, d ß 
ihm das Hasardspiel völlig entwertet worden sei. Sem Beruf sei leider auf. 
reibend genug und biete ihm starke Sensationen. Er war Theaterkartenag o. 
teur geworden, eine von der Polizei verbotene Tätigkeit, die ihn ^n standige 
Konflikte mit den Behörden und wiederholt in den Arrest brachte,^ Den Zu. 
fammenhang dieser „Tätigkeit" mit seinem unbewußten Strafbedurfms durch, 
s haute dir Wentkur fehr wenig, resp. er verdrängte ixamer wieder diese 
Erkenntnis. Erstaunlicherweise war also durch den Torso des Analysebeginns 
eine Verschiebung der Symptome zustandegekommen ohne daß d^se de 
pathologische Grundtendenz geändert hätte Ich halte m solchen Fallen ^e 
Angabe, die Analyse sei bloß deshalb gescheitert, weil sie zu kurz war. fu. 
unrichtig. Auch durch die längste Analyse sind Fälle, m denen die quanü. 
tativen Mengenverhältnisse der Lust und Bestrafungsmechanismen ungunstig 

sind,^^ nicht kurabel. . ^7^11 

In einem anderen Fall - einem oralen Pessimisten, der anfangs einen Fall 
von passiwfemininer. unbewußter Homosexualität vortäuschte- -sff^S^^l 
die Spielsüchtigkeit des Patienten zu zerstören und auf das Verstandesspiel 
zu beschränken (Schach). Die unbewußten Mechanismen des Spielwunsches 
waren dem eben geschilderten Fall täuschend ahnHch. 

h) Der Hasardspieler aus unbewußter Homosexualität 

Weisung bedroht war. ,, o . . <:•• 

durchschaut wild. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 431 



legentlich bemerkte, darauf hin. Anders ausgedrückt: das Liebespech bei der 
Frau wird durch Glück beim Mann kompensiert. Doch hat — und dies ist 
das Wesentliche — dieses Sprichwort meistens den entgegengesetzten Sinn 

— Glück in der Liebe, Unglück im Spiel — insoferne, als die unbewußte 
passive HomosexuaHtät beim Spielverlust unbewußt lustvoll genossen und 
deshalb herbeigeführt wird. Dieser Typus des Spielers verliert regelmäßig, 
wobei bei Verstandesspielen wie unabsichtlich „unverständHche" Fehler ge«» 
macht werden, Gewinnmöglichkeiten und günstige Gelegenheiten versäumt 
werden und bei reinen Glückspielen — etwa Roulette — in einer Verlust» 
Serie weiter hasardiert, bezw. bei Gewinn das Spiel nicht rechtzeitig ahgc» 
brochen wird. 

Dieser Spielertypus könnte das Geld auch vor Beginn des Spieles der 
Spielbank, bezw. dem Spielgegner abliefern, so sicher ist der aus unbe;» 
wußten Gründen herbeigeführte Verlust. 

Ein Spezialfall dieses Typus sind die sogenaimten „Nachspieler", d. h, 
Menschen, die etwa beim Roulette sich einen Führer aussuchen, dem sie jeden 
Einsatz nachspielen.'" 

Die Prognose der analytischen Kur ist — nach Lösung der passiven 
Vergewaltigungswünsche, die aus dem negativen Ödipuskomplex stammen 

— besonders günstig; ich habe eine Reihe solcher hasardierender Patienten 
erfolgreich behandelt. 

Es seien für diesen Typus des Spielers zwei literarische und ein klinisches 
Beispiel genannt:" 

In Soykas Roman „Herr im Spiel" wird u. a. ein Gutsbesitzer geschil* 
dert, der regelmäßig sein Geld an den Berufsspieler Wehlen verliert: 

„Johann Auberg, der Gutsbesitzer. Seit drei Tagen ist er in der Stadt. Immer 
am dritten Abend kommt er zu mir. Solange hält er es aus, länger nicht; und 
immer erwartet er, ich würde erstaunt sein! Dann wird er mit dem niedrigsten 

30) Das Problem des „Kiebitz" und des Falschspielers verdient eine eigene Unter* 
suchung. 

31) Es ist mir unmöglich, auf alle in Romanen niedergelegten Spielerschilderungen ein«» 
zugehen. Eine gute Zusammenstellung findet sich in Arthur Hübschers „Der Spieler 
in der Literatur" (Das literarische Echo, 1923, H. 19/20). Diese Literatur umfaßt die Zeit 
von der Mahabharata, in welcher der König Nala seine Liebste Damajanti auf einen Wurf 
setzt und verliert, über T a c i t u s' Germanen, die oft Hof, Weib, Kind und Freiheit ver* 
spielten, bis zum modernsten Spielerroman: Soykas „Herr im Spiel". — Die Tatsache, 
daß so häufig die Frau als Spieleinsatz verpfändet und verspielt wird, spricht füi* die 
unbewußte Homosexualität der Spieler. Dieses Thema — Frau als Spieleinsatz — wird in 
allen Varianten abgehandelt; tragisch (E. Th. A. Hoffmanns „Spielerglück") und 
ins Scherzhafte gewendet (A. G. Meißner, „Der Schachspieler", 1782. Näheres über 
dieses Drama in Gottlieb Fritz „Der Spieler im Drama des 18. Jahrhunderts", Inaugural* 
Dissertation, 1896). Schon Fritz hebt den Mangel der psychologischen Motivierung bei 
den meisten Spielerdramen hervor. 



432 Edmund Bergler 



Satz zu spielen beginnen. Nach dem ersten Verlust wird er aufgeregt, nach 
dem zweiten streitlustig. Geht es fort, so ist er nur noch abgespannt. Jetzt wird 
er erhöhen, verdoppeln, das Spiel immer weiter forcieren. Er hat zwanzig* 
tausend Mark bei sich. So viel Überschuß trägt ihm sein Besitz im Vierteljahr. 
Ich bin darüber orientiert. Bis alles fort ist, wird er unhöflich werden und mit 
einer Menge von unterdrücktem Haß gegen mich davonstürmen. Die letzten 
Minuten interessieren mich noch ein wenig. Da brauche ich meine iier=< 
bändigerfähigkeiten. Aber ich weiß genau, sie reichen aus, und das entschädigt 
nicht für die vorhergehenden Stunden. Am nächsten Tag erhalte ich noch einen 
liebenswürdigen Brief und die paar Mark, die er schuldig bleiben mußte. Nie 
gibt es eine Änderung im Programm!" , ^^ , ., , 

„Wollen wir? Wollen wir?" rief Auberg, sich heftig die Hände reibend. 

„Muß es denn sein", sagte Konrad Wehlen mit leichter MüdigKeit im Ton. 
„Wir könnten doch schließlich gemeinsam soupieren, ohne die Karten vorzu* 

,Wo denken Sie hin!" Der Dicke war ganz erschrocken. Wehlen lächelte. 

„Sie sind nicht zu warnen. Sagen Sie es aufrichtig! Können Sie auch nur die 

Vorstellung fassen, daß Sie gegen mich gewinnen würden? Nun? Denken Sie 

einmal nach! Liegt das im Bereich der Möglichkeit?" 

„Ach was! Gewinnen! Spiele ich deshalb? Und dann — warum auch nicht? 

Das klang ein wenig ungewiß. 

Ein anderes Beispiel ist Zolas Roubaud in „Die Bestie im Menschen", 
der nach Verübung des Mordes an dem Verführer seiner Frau an dieser 
völlig desinteressiert wird und im Spiel mit Männern das geraubte Geld ver# 
spielt. Es liegt eine Kombination von passiver Homosexualität und unbe^* 
wüßtem Strafwunsch vor. 

Pf isters „Hamlet am Schachbrett"<=Patient gehört in die Gruppe des 
Spielers aus unbewußter Homosexualität, bezw. Strafbedürfnis. 

c) Der Hasavdspieler aus Abwehr der unbewußten Homosexualität 

progagiert meistens eine Theorie des Inhalts, der „Stärkere", d. h. die „stär* 
kere" Persönlichkeit müsse gewinnen. In Wirklichkeit spielen diese Männer 
nur in Männergesellschaft (das Spiel mit Frauen langweüt sie) und stellen 
ein Pendant dar zu jenem bekannten passiv^femininen, unbewußt homo# 
sexuellen Typus, der donjuaneske Allüren an den Tag legt, weil er sich auf 
der ständigen Flucht vor der unbewußten passiven Homosexualität befindet. 
So lange diese Männer als Gegner noch stärker unbewußt passiv;»bomo* 
sexuelle Männer finden, ist diese Fiktion vom „Stärkersein" aufrechtzu^ 
erhalten. Ein Zusammenbruch der Fiktion bedeutet aber zugleich das Mani^ 
festwerden der Neurose. 

Die Prognose dieses Typus ist günstig, doch dauert die Analyse sehr 

lange. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 433 



Der Fall Morphy (siehe die zitierte Arbeit von E. Jo n e s) gehört offenbar 
in diese Gruppe. Interessant ist, daß Morphy — wie Jones hervorhebt — 
nur solange mit Erfolg spielen konnte, als man ihm „anständige Motive" 
zubilligte, d. h. die Vatertötung in subKmierter Form geschehen ließ. Als 
dann durch das Verhalten Stauntons diese Kaschierung innerlich zusammen* 
fiel, konnte er sich der unbewußten Homosexualität, die durch die Vater=» 
aggression bloß verdeckt war, nicht mehr erwehren und verfiel — fast hätte 
man diesen Ausgang beim Lesen der Jones sehen Arbeit vorausgeahnt — 
der Paranoia. 

Als literarisches Beispiel sei Konrad Wehlen in Soykas Roman „Herr 
im Spiel" genannt: 

Nun kamen ihm seine ungewöhnlichen Fähigkeiten zustatten. Er brauchte 
wenig Schlaf, konnte ihn durch Tage entbehren, seine Bedürfnisse waren ge> 
rmg, seine Energie und Arbeitskraft auf das äußerste entwickelt. Während er 
em Jahr lang durch Stundengeben die Existenz fristete, begann er zielbewußt 
und konsequent sich zum Spieler auszubilden. Er wußte jetzt, was es hieß 
Spieler sein. Das bedeutete, unter Feinden leben, das verlangte, jeder Art 
Niedertracht die Spitze bieten zu können, dazu mußte man Rücksichtslosigkeit 
und eiserne Nerven besitzen. 

Konrad Wehlen lernte Fechten und Schießen. Ruhe und Unerschrockenheit 
besaß er. Seines kalten Blutes auf dem Kampfplatz war er gewiß. Er übte nun 
die inanuelle Fertigkeit und brachte es auch darin weit. Die Sicherheit am 
Fechtboden schien ihm die wichtigste Vorbedingung für den Aufenthalt am 
grünen Tisch zu sein. 

Er besuchte während dieses Jahres Spelunken aller Art. Er ging, in schlechter 
Kleidung, bewaffnet mit einem eisernen Stock, in jene Gassen der Großstadt 
wo mit Anbruch der Dunkelheit das Faustrecht zurückkehrt. Dort suchte und 
fand er die Partner, an denen er seine Kaltblütigkeit für später üben konnte 
Dort kämpfte er gegen die Praktiken der Falschspieler an, dort lehrte er seine 
Nerven, dem Einflüsse der erstickenden Luft, des Lärmens und Streitens um 
ihn her zu widerstehen. Er behandelte seine Nerven mit jener Sorgfalt, die ein 
erster Tenor seiner Kehle zuwendet. Er schonte sie, er hielt ihnen jede Erre* 
gung fern, um dann plötzlich wieder die höchsten Anforderungen an sie zu 
stellen, sie aufs äußerste anzuspannen. Als Mittel zum Nerventraining wählte 
er den Sport. Von seinen wohlhabenderen Freunden — vor denen er, ebenso 
wie vor aller Welt, seine Notlage aufs strengste geheimhielt — besaß der eine 
em Automobil. Konrad Wehlen legte die Prüfung zur Führung eines Wagens 
ab und unternahm von Zeit zu Zeit allein Ausfahrten. Damals erprobte er sich 
m jenem tollen Dahinjagen, in jenem Spielen mit der Gefahr, in dem er es zu 
einer unheimlichen Meisterschaft brachte, und das einem unvorbereiteten Zu* 
schauer das Blut erstarren lassen mußte. Er setzte erst sein Leben aufs Spiel 
um sich darauf vorzubereiten, es später mit seinem Gelde zu tun. 

Er ging systematisch vor bei seiner Ausbildung zum Spieler. Er studierte 
wissenschafthche Werke über das Nervenleben, er beschäftigte sich mit "den 
Krankheitserscheinungen, von denen dieses bedroht wird. Und bei diesem 

Imago XXII/4 



28 



Studium stieg zum ersten Male der Gedanke in ihm auf, aus dem sich seine 
Sr^ übe? Gewinnen und Verlieren entwickeln sollte, jene Theorie, die 
seiner Spielerpersönlichkeit das eigentUche Gepräge gab. 

Er entsann sich vieler merkwürdiger und unerklärUcher Erscheinungen, die 
er beim Spkle zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte Er wußte, da« Gewm- 
und Verlust fast niemals in rascher Folge wechseln, sondern anzuhalten 
und Verlust tast nie Beständigkeit zukommt. Er 

Är'oler äubfe - ^SLndaß der Spielerfolg durch das Hinzutreten 
dnes Zuschauer^ beeinflußt wird, daß es glückbringende Gesellschaft gebe 
und andere die das Glück vertrieb. Ferner schien eine ausgesprochene Über. 
WeXdt man her Spieler über andere obzuwalten, die gegen alle Regeln der 
'ÄcWichkeit'dem einen Erfolg, dem -^ern Niede^^^^^^^^^ -J^^^^j. D 
alles beim reinen Hasardspiele, wo eme bessere ^^^f ^^^^^^'/S"' ^er^ 
feinere Kombination nicht zur Geltung kommen konnten. Diese und andere 
TaSchen hielt er mit den Theorien über Suggestion zusammen wie sie von 
LrTorragenden Ärzten, von Charcot. Bernheim und anderen aufgestellt wor. 
den waren. Und er kam zu folgenden Resultaten. 

Wenn es bis jetzt niemals gelang, den Spielerfolg \"^^ ,-^;?;^^Xß 'ml "et 
nungsmäßig vorauszubestimmen, so Hegt die Ursache darin, daß man eme 
Stige Größe die in Frage kommt, nicht kannte und vernachlässigte: die 
Sufgeftln Wo immer zwischen zwei oder mehreren Personen ,ener Kontakt 
hergestelU wird, den wir Spielen nennen, stellt sich auch eine suggestive Wir. 
kung der plisoken aufeinander und der Spielereignisse auf die Personen em. 
■ rnffet SbeTzeugung eines Spielers, er sei ^er Stärk-\- -"^^^/fX™! 
er sei überlegen, wirkt auf seinen Partner suggestiv l^^^^^^f/ ^^^^^Jf ^^g 
wirkUch für den ersteren den Gewinn herbei Solange ein Spieler d^e^t^^^^^^^^^ 
keit hat an den eigenen Erfolg zu glauben, solange er sich dem enervierenüen 
mnflusse ^orüberg'ehenden Mfßgeschicks entzieht, so ange g^ - -ch d^ ^^^^ 
liehen Sieges gewiß. Wessen Nerven besser sind, wer das Selbstvertrauen, aie 
S^u hoffen im Gegner niederringt, der siegt. Spiel ist Nervensache: der 
psychisch Stärkere gewinnt. . , 

In der Suggestion, die von dem Spielereignisse auf den Spieler ausgeübt wird, 
fand er aucf de Erklärung der rätselhaften Beständigkeit des Spielerfolges 
der Serie^' im Gewinn. oLn das Selbstbewußtsein des Gewinners wird noch 
erhöht efn Glaube an die Gunst des Zufalls wird weiter befestigt wahrend 
bef dem verlierenden Partner das ^-de Gegenteil eintrüt Diese See env r. 
f-issun2 wirkt wieder auf den Erfolg und dieser m seinem Sinne aut sie zurucK. 
So rzeulrGewnn fortlaufend neuen Gewinn und Verlust wieder Verlust^ 
Dam t erklärte sich auch, daß es selbst beim reinen Glückspiel «ne Persönliche 
Überlegenheit gab. die stets in demselben Sinne für den einen ent^^^^^ 
war eben diese Überlegenheit der Nerven, die größere Elastizität dem Mil5. 

"ttenfr'sTeSen Kraftleistung, die der Gewinn stets, wenn auch unbewußt 
volW mußte die Ursache des merkwürdigen Triumphgefühles hegen, welches 
das Spidglü k begleitet. Wo wäre sonst ein Grund für diese ganz unvergleich. 
üäe'^^Snarüge Freude des erfolgreichen Spielers zu suchen gewesen? Sie 
ergriff feden, einerlei, ob er des Geldes bedurfte oder nicht, ob er es hoch 



r 



Zui Psychologie des Hasardspielers 435 

oder gering einschätzte. Daß ein blinder Zufall gerade ihn durch eine Spanne 
Zeit begünstigt hatte, das konnte ihm doch unmöglich Hochgefühle verleihen, 
seinem Stolze Nahrung geben. Das vermochte nur eine stets vorhandene innere 
Gewißheit, deren Berechtigung er selbst nicht ahnte, die Gewißheit, durch 
eigene Qualitäten, durch persönliche Macht einen Erfolg errungen zu 
haben. 

Und was war klarer, als daß dem Hinzutreten eines Zuschauers, einer neuen 
psychischen Kraft, die in irgend einer Richtung wirkte, auch eine Beeinflussung 
des Spieles zugeschrieben werden mußte? 

Man warf ihm mancherlei dagegen ein. Wohl könne eine Stimmung durch 
Suggestion erzeugt werden, wohl sei es dann auch möglich, daß der schlecht 
gestimmte Spieler verliert, weil er nunmehr den richtigen Moment nicht aus* 
nützt und seinen Vorteil nicht wahrnimmt. Ganz unglaublich sei aber die An* 
sieht, daß diese Stimmung auch auf das Unpersönliche beim Spielen Einfluß 
nehmen könne, daß die Karte anders fallen solle, weil man ihr nicht mehr mit 
Hoffnung entgegensieht. 

Aber er hielt an seiner Anschauung fest. Er war überhaupt der Meinung, daß 
die Wirkung des menschlichen Willens und der Energie auf die äußeren Vor* 
gänge eine weit stärkere sei, als bisnun bekannt ist, und daß ein späterer Stand 
der Wissenschaft hier nachweisbare Beziehungen aufdecken würde, von denen 
unsere Zeit nichts ahnt. 

Der Schriftsteller zeigt uns nicht, was hinter diesem „Stärkersein" ver* 
borgen ist: es ist die Abwehr der unbewußten Homosexualität. Doch verrät 
sich der Autor, allerdings unbewußt, an einigen Stellen: in den früher 
zitierten Hörigkeitsverhältnissen der Spieler Auberg und Deckert-^s Ferner 
in der psychologisch glänzend geschauten Szene, in welcher der Spieler 
Konrad Wehlen um ein bürgerliches Mädchen wirbt. Er tut dies mit den 
Mitteln der — fiktiven Allmacht. Er stellt z. B. dem Mädchen ein Auto 
zur Verfügung, aber in der Form, daß er einen harmlosen Verehrer vor* 
schiebt, so daß das Ganze wie ein Wunder wirkt. Oder: ein alter Händler 
nötigt der Geliebten ein Armband für einige Mark auf, scheinbar eine lmh> 
tation, in Wirklichkeit ein sehr wertvolles Geschenk, und beschenkt sie so 
„meuchlings", wie das Mädchen später klagt. Die AUmachtsfiktiön, von der 
S o y k a nicht spricht, ist hier — allerdings, ohne daß der Dichter dies offen«» 
bar ahnt — dichterisch einwandfrei dargestellt. 



32) „Die Salongestalt Hans von Deckerts hatte sich geräuschlos auf einen Platz beim 
Tische niedergelassen. Es gab nur eine kurze Begrüßung durch Nicken zwischen ihm und 
den Anwesenden. Deckert zählte zu Konrad Wehlens Bewunderern. Er pflegte seine nicht 
unbedeutenden Einkünfte bis auf den letzten Pfennig an diesen zu verspielen und dann 
von dem Gelde zu leben, das Wehlen ihm borgte. So befand er sich unaufhörlich jn 
einem Hörigkeitsverhältnisse zu ihm, ohne aber mit dem Zustand unzufrieden zu sein. 
Er tauchte überall in der Begleitung seines Meisters auf und nannte sich mit Stolz seinen 
Frexmd." 

28* 



436 Edmund Bergler 



d) Der Hasardspieler aus unbewußtem Strafbedürfnis 

gehört eher dem zwangsneurotischen Typus an. Als Beispiel sei Dostojewski 
genannt. Meistens sind es Onanien und Mordphantasien aus dem Ödipus* 
konflikt, die das Substrat dieses Strafbedürfnisses abgeben. Doch genügt dies 
— wie schon früher hervorgehoben — zur Konstituierung des Hasardeurs 
nicht, es muß die Allmachtsfiktion mit der ganzen Lust* und Straftrias hin* 
zutreten. 

Das Strafbedürfnis fehlt niemals im Orchester der Motive des Hasard* 
Spielers. Bezeichnend ist hiefür die Erfahrungstatsache, daß der interes* 
sierte Spieler meistens verliert.'^ So stark muß offenbar die un* 
bewußte Abwehr gegen die unbewußten Lustmotive des Hasardeurs sein, 
daß der Geldgewinn geradezu als eine zu verweigernde Prämie vom Über* 
Ich gewertet zu werden scheint. 

Die Spieltechnik dieser Neurotiker wurde bereits hervorgehoben: Ver* 
passen von günstigen Gelegenheiten, Nichtauf hörenkönnen etc. 

Die Prognose der Therapie hängt vom Ausmaß des unbewußten Strafbe* 
dürfnisses ab und stellt bloß einen Spezialfall der üblichen Schwierigkeiten 
bei Patienten mit übergroßem Strafbedürfnis dar. Ein Problem, das auch 
analytisch nicht immer zu meistern ist. 

e) Der „leidensdiaftlose" Hasardspiehr 

ist eine Utopie, resp. ein Ideal, von Spielern und Neidern erdichtet. Ein 
leidenschaftsloser Hasardeur würde eben — nicht spielen, da Hasard als 
Beruf zum Zweck des Gelderwerbs wohl die problematischeste aller Busi* 
ness*Methoden darstellt. Vielfach wird von Spielern an dieser legendären 
Gestalt zur eigenen Rechtfertigung festgehalten. 

Daran ändert es nichts, daß dieser Typus praktisch vorgetäuscht wird. Er 
existiert nämlich scheinbar: 

a) bei „abgebrannten" Spielern, die lange Zeit mit geringen Einsätzen „be* 
sonnen" spielen, um — wenn sie gewonnen haben — ins wildeste Hasardieren 
zu verfallen. Diese Menschen wagen meist zwei bis drei Einsätze, um wenig* 
stens die Luft des Spielsaals zu atmen. Balzac erwähnt diesen Typus in 
„Le peau de chagrin": 

Gegenüber vom Bankhalter standen einige jener schlauen Spekulanten und 
Sachverständigen des Spiels, die sich wie ausgediente Sträflinge vor der Galeere 
nicht mehr fürchteten. Sie waren gekommen, um drei Schläge zu versuchen und 

33) Eine Ausnahme bietet vielleicht das Spiel des Neulings. Das Erlebnis des „ersten 
Spiels", in welchem die geschilderte Lusttrias hervortritt, ist so überwältigend, daß selbst 
routinierte Spieler das „Glück" des Neulings fürchten. 



V 



Zur Psychologie des Hasardspielers 437 



dann augenblicklich mit dem wahrscheinlichen 'Gewinn, von dem sie lebten. 
au± und davon zu gehen. 

b) bei bestimmten aggressiven weiblichen Hystericis, die beim Spiel ebenso 
„frigid" sind wie beim Koitus. Dostojewski spricht im „Spieler" davon: 

Dort zur Linken, an der andern Hälfte des Tisches, zog unter den Spielern 
eme junge Dame, neben der ein Zwerg stand, die Aufmerksamkeit auf sich. 
Wer dieser Zwerg war, weiß ich nicht; ob er ein Verwandter von ihr war oder 
ob sie Ihn nur so, um Aufsehen zu erregen, mitnahm. Diese Dame hatte ich 
schon früher bemerkt; sie erschien am Spieltisch täglich um ein Uhr mittags 
und ging punktlich um zwei; sie spielte täglich eine Stunde lang. Sie war schon 
allgemein bekannt und es wurde ihr bei ihrem Erscheinen sofort ein Sessel 
hingestellt. Sie zog ein paar Goldstücke oder ein paar Tausendfrancscheine 
aus der lasche und begann zu setzen, ruhig, kaltblütig, mit Über* 
legung, auf einem Blatt Papier notierte sie mit Bleistift die Zahlen .die 
herausgekommen waren und suchte die systematische Ordnung zu erkennen in 
der sich diese gruppierten. Ihre Einsätze waren von ansehnlicher Höhe Sie 
gewann täglich ein=., zwei=>, höchstens dreitausend Frank, nicht mehr, und ging 
|o^bald sie die gewonnen hatte, sofort weg. Die Tante beobachtete sie längere 

„Na, die da wird nicht verheren! Die wird nicht verlieren. Was ist das für 
eine? Kennst du sie nicht? Wer ist sie?" 

„Es ist eine Französin, wahrscheinlich so eine", üüsterte ich 

„Ah, man erkennt den Vogel am Fluge. Die hat offenbar scharfe Krallen." 

Doch hatte ich Gelegenheit, gerade eine Patientin mit nymphomanen 
Zügen und Prostitutionsallüren zu analysieren, die leidenschaftlich Rouge 
et noir spielte. Sie war nach Angabe ihrer Begleitung von einer bewunderns^ 
werten Ruhe im Spielsaal, gewann auch häufig. Die Analyse ihrer Spiel» 
leidenschaft, die bloß als Nebensymptom zur Geltung kam, ergab die üb^. 
hche Lust:* und Straftrias kombiniert mit der für das Hasardieren von Frauen 
typischen Beigabe des phallischen Peniswunsches, bezw. des Brust==Phallus* 
Wunsches der präödipalen Mutter (Mammakomplex).^* Die Ruhe der Pa^ 

34) Das Hasardspiel bei Frauen enthält, von den erwähnten zwei Varianten abge^ 
sehen, die gleichen Elemente wie beim Mann. Doch ist es interessant, daß das Spiel fast 
zu allen^Zeiten bis vor 150 Jahren reine Männerangelegenheit war und von vielen masku. 
linen Schriftstdlern als ein Beweis der sog. „Frauendegeneration" gewertet wird. Schon das 
Sprichwort: „Glück in der Liebe. Unglück im Spiel" bezieht sich in seiner Antithese: 
Hetero. und Homosexualität bloß auf den Mann. Doch dürften wohl mehr soziale als 
psychologische Ursachen in der von Männern gestalteten Gesellschaft die - übrigens heute 
kaum mehr bestehende Cman "denke an die Bridgemegären) - Vorherrschaft des Mannes 
am grünen Tisch begründet haben. Die unbewußt^homosexuelle Komponente spielt beim 
^rauenspiel eine quantitativ etwas geringere Rolle, der infantile Karten:<„Wunsch"^Penis 
(K a d o) eme größere. Auch kann die Frau einfachere Formen des Überwältigt^^w e r d e n s 
wählen, als die beim Hasard, das beim Mann ein wichtiges Mittel des Abreagierens seiner 
unbewußten Homosexuahtät darstellt. 



I 



438 Edmund Bergler 



tientin war unbewußt stärkste Aggression gegen die ins Unrecht zu setzende 

Mutterimago. 

« 

Es ist ein bisher nicht gelöstes, ja kaum aufgesteUtes Problem, wie es 
kommt, daß die Spielleidenschaft fast jedes Menschen so 
leicht zu wecken ist. Menschen, die niemals gespielt haben, können 
scheinbar durch den agent provocateur eines Spieles zu Hasardspielern wer=* 
den. Die Frage ist also : welche verborgenen, unbewußten Äff ekte 
weckt das Hasardspiel? 

Die Antwort lautet: die der infantilen Allmachtsfiktion,»» der 
Basis der besprochenen Lust* und Straftrias. Dies ist auch die Vx^ 
Sache, weshalb in der Therapie des Hasardspielers eine völlige Abkehr vom 
Spiel nicht zu erzielen, ja m. E. nicht einmal anstrebenswert ist. Das thera^ 
peutische Ziel lautet: Überführung vom ruinösen Hasardspiel zum härm* 
losen Verstandesspiel. Wir werden auch bei der Therapie des Morphinisten 
nichts dagegen einzuwenden haben, wenn er nach der Kur in mäßigen 
Mengen — Kaffee trinkt, d. h. vom gefährlichen zum harmlosen „Genuß* 
mittel" übergeht. Ebenso wird es uns nicht bekümmern, wenn der geheilte 
Hasardeur nach der Kur Tarock, Bridge oder Schach spielt. Es ist gar nicht 
einzusehen, weshalb nicht auch der GeheÜte sich jenen harmlosen Freuden 
hingeben soll, wie der vielgepriesene sogenannte Gesunde. 

Wie unausrottbar sich übrigens die Allmachtsfiktion des Hasardspielers 
immer wieder vorschiebt, zeigt folgende Stelle aus Dostojewskis 

Der JüngKng", wo der Held die, offenbar als Bekenntnis des Dichters, lange 
nach seiner „Selbstheilung" (d. h. Überführung der Lust* und Straftrias in 
eine andere Form) zu wertenden Worte ausspricht: 

.selbst jetzt noch, da ich dies niederschreibe, Hebe ich es manchmal, an 
das Spiel zu denken. Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden damit 
verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit Spielberechnungen zu 
beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor sich geht, wie ich pointiere 
und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar vielerlei Eigenschaften m mir. 
ich habe eine unruhevolle Seele." 

Zum Schluß sei noch auf eine Tatsache verwiesen, die zur Perpetuierung 
des Hasardspielens beiträgt: der Hasardeur jagt im Wesentlichen narziß* 

35) Interessanterweise gibt es neben der Angstvariante eine andere Spielart des Anti^ 
Hasardeurs, den scheinbar das Spiel kalt läßt, sozusagen aus infantilem Größenwahn 
z u m Q u a d r a t : die Allmachts f i k t i o n ist ihm zu wenig, da er nach dem Grundsatz 
lebt: „Aut Caesar aut nihil." Die meisten Menschen begnügen sich aber mit Fiktionen, 
also ist die Majorität wenigstens potentiell Hasardeur. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 439 

tischen und aggressiven Allmachtswünschen nach. Diese haben — 
soweit sie nicht unmittelbar mit den direkt erotischen liiert sind^^ — dieEigen«= 
Schaft des größeren zeitlichen Ausdehnungsradius. Ein direkter Koitus*= 
wünsch ist wesentlich rascher durch den Orgasmus befriedigbar, als der nars« 
zißtisch^aggressive Allmachtswunsch. Die Tatsache, daß die genitale Sexual« 
lität stets und sogar im günstigsten Fall einen Rückstand von Unbefriedigung 
übrigläßt, geht auf drei Tatsachen zurück: nicht alle prägenitalen Wünsche, 
die später der Genitalität tributär werden, sind im Koitus unterbringbar, das 
Objekt ist, vom Standpunkt des Ödipuskomplexes gesehen, stets ein Sur== 
rogat. Neben diesen beiden, von Freud bereits 1908 festgestellten Tatsachen 
kommt — wenn auch nicht von Freud direkt ausgesprochen, ,so doch 
implicite in seinen letzten Arbeiten enthalten — der Tatbestand hinzu, daß 
die UnmöglichkeitdesAuslebens der unbewußten großangelegten 
Aggression zur Unbefriedigung beiträgt. Die im Koitus abreagierbare 
Aggression ist sehr domestiziert. Es ist etwas Sonderbares um die im Koitus 
abgeführten Aggressionsneigungen des „Sexualtriebgemisches" (die Nomens« 
klatur stammt von E i d e 1 b e r g). Sie sind keineswegs identisch mit den ur^« 
sprünglichen, unbewußt ihnen zugrunde liegenden Tötungsphantasien des Ob^ 
jekts. Es handelt sich beim Koitus um eine durch Legierung beider Triebarten 
kompromissuell zustandegebrachte „Purifizierung", die bereits den Wert 
einer vom Übers^Ich gebilligten sexuellen Handlung erreicht hat. So kommt 
das an und für sich widerspruchsvolle Ergebnis zustande, daß einerseits das 
Nichts'Abführen der Aggression vom eigenen Ich aufs Sexualobjekt krank;« 
machend wirkt, anderseits aber das zu starke Hervortreten primitiver Tötungss^ 
Phantasien — Potenzstörungen hervorruft. Man muß sich immer vor Augen 
halten, daß die Genitalität ein Kompromiß widerstrebender prägenital* 
sexueller und aggressiver Tendenzen darstellt, ohne den einen noch den 
andern völlig Genüge tun zu können, was ja im Wesen des Kompromisses 
liegt.»' 

So kommt es, daß vor allem die narzißtische und aggressive AUmachts^s 
fiktion notleidend wird : Wer deshalb von dem im Hasardspiel abreagierbaren 
— sozusagen Ewigkeitswert besitzenden — Lustmechanismus gekostet hat, 
verfällt ihm um so leichter, je mehr er auf die „neurotische Dauerlust" 
(Pfeifer) festgelegt ist und je weniger er sie in der normalen Sexualität 
infolge prägenitaler Fixierungen unterbringt, was ja immer nur zum Teil 
gelingt. Auch ist zu bedenken, daß nach Freud die Sexualität beim Mens= 

36) Siehe „Übertragung und Liebe" und „Mammakomplex". 

37) Siehe das Buch des Verfassers „Die psychische Impotenz des Mannes" (Im Er* 
scheinen). 



440 Edmund Bergler 



sehen den Eindruck einer absterbenden Funktion macht, während man dies 
von den aggressiven und narzißtischen Tendenzen keineswegs behaupten 
kann. 

Zusammenfassung. 

An Hand von kHnischem Material wird gezeigt, daß das Entscheidende 
beim Hasardspieler die infantile Allmachtsfiktion darstellt. Das 
Hasardspiel bietet die einzige Gelegenheit, in welcher das Lustprinzip mit 
seiner Gedanken«» und Wunschallmacht nicht aufgegeben werden muß, resp. 
das Realitätsprinzip gegenüber dem Lustprinzip keine Vorteile bietet. In 
diesem Festhalten der infantilen Allmachtsfiktion liegt eine posthume Ag=* 
gression gegen die maternale, resp. paternale Autorität, die dem Kinde das 
Realitätsprinzip „einbläute". Diese unbewußte Aggression bildet gemeinsam 
mit der Betätigung der Gedankenallmacht und dem Erleben der sozial zu^* 
lässigen, verdrängten Exhibition beim Spiel eine L u s 1 1 r i a s. Dieser Lust=* 
trias steht eine Straftrias gegenüber, die aus dem unbewußten Verlust» 
wünsch, dem unbewußten homosexuellen Überwältigungswunsch und der 
sozialen Diffamierung konstituiert wird. Dabei ergeben sich Verbindungs»= 
brücken masochistischer Art zwischen den drei Gliedern der Lust* und Straf* 
trias insoferne, als der Verlustwunsch erotisiert und in die Sensation des 
„masochistischen Mechanismus" (Eideiberg) mit konsekutiver Befriedi* 
gung des infantilen Größenwahnes eingebaut, der homosexuelle Kastrations* 
wünsch in der passiven weiblichen Identifizierung genossen und die soziale 
Diiiamierung, bezw. die realen Geldnöte zurAbtragung des unbewußten Straf* 
bedürfnisses verwendet und indirekt als Freibrief für den immer einsetzenden 
icrculus vithsus von unbewußter Lust und unbewußt selbstgewoUten Schwie* 
rigkeiten verwendet werden. Zutiefst ist jedes Hasardspiel ein Erzwingen* 
wollen der Liebe mit einem unbewußten masochistischen Hintergedanken, 
Deshalb verliert der Hasardeur a h longue immer. 

Eine genetische Typologie des Hasardeurs wird versucht; es kommt zur 
Aufstellung folgender Typen: 

L Der klassische Hasardspieler. Dieser bietet ein Überwiegen der All* 
machtsfiktion mit der beschriebenen Lust* und Straftrias. 

2. Der Hasardspieler aus unbewußter Homosexualität. 

3. Der Hasardspieler aus Abwehr der unbewußten Homosexualität. 

4. Der Hasardspieler aus unbewußtem Strafbedürfnis. 

5. Der „leidenschaftslose" Hasardspieler, ein vorgetäuschter Typus, da ein 
solcher Mensch eben nie spielen würde. 



Zur Psychologie des Hasardspielers 441 



Allen Typen ist die Lust* und Straftrias gemeinsam, different ist das quanti»» 
tative Hervortreten der einzelnen Glieder der Trias. Die Prognose der psycho»» 
analytischen Therapie ist je nach dem Typus verschieden. 

Im Anschluß an die Rekonstruktion der infantilen Größenideen hasard»« 
spielender Patienten wird der Versuch unternommen, ein allgemeines 
Schema der Entwicklung der Größenideen aufzustellen. 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie 

der Primaten' 



Von 

Imre Hermann 

Budapest 



Schon wiederholt habe ich versucht, die Aufmerksamkeit der psychoanaly. 
tischen Leser auf den Reichtum zu lenken, welcher in der vergleichenden Psycho. 
logie der Primaten verborgen liegt. Kein Analytiker darf z B. an der Tatsache 
vorübergehen, daß die meisten Primaten in Familien leben, die durch die Domi. 
nanz des Familienhauptes zusammengehalten werden,^ daß sie zur Zeit der Er. 
schütterung dieser Dominanz erbitterte Kämpfe führen, bei welchen sehr oft das 
Weibchen am Kampf felde bleibt, daß sie keine Brunstzeit zeigen,' zyklisch men. 
struieren* und viele von ihnen eine Geschlechtshaut entwickeln;^ daß die Jungen 
polymorph.pervers" sind, aber auch bei den Erwachsenen oft eine Unbestimmt, 
heit bezüglich des Objektes der sexuellen Betätigung besteht," daß die Kmder 

i^ Vorgetragen im Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület am 12. Okt. 1934. 

2^ I Hermann: Modelle zu den Ödipus. und Kastrationskomplexen bei Aften. 
Imago.'ßd. XII, 1926. - Ders.: Zum Triebleben der Primaten Bemerkungen zu 
S Zuckerman: Social life of monkeys and apes. Imago, Bd. XIX, U33. 

^) S auch S Zuckerman: Functional affinities of man, monkeys and apes, 1933. 
p. 35: ,'.Eigentliche Brunstzeiten, im Sinne abgegrenzter Zeitperioden der Brunst, kommen 
außer bei den niederen Arten nicht vor." . , ^ ^ •• u^- 

5 S Zuckerman, 1. c, p. 37-38. „Es ist seit langem bekannt, daß nicht.trachtige 
katarrhine Primaten einen Menstruationszyklus zeigen, welcher einem sich rhythmisch wie. 
derholenden und ungefähr 30 Tage umspannenden Oestrus.Zyklus entspricht; die auf. 
dnanderfolgenden Zyklen sind durch eine äußerHch sichtbare Uterusblutung von einander 
Xnnt ofeser Typ des Zyklus ist für den Menschen und für alle bisher beobachteten 
Primaten und Affen der alten Welt kennzeichnend." Nicht für neuweWiche Affen und 

Lemuren ^_^^ ^j^ perineale Gegend ist hauptsächlich während der ersten 

Häl te 'des Zyklus gerötet und geschwollen." (Die Neuwelt.Affen der Drang, der 
S'bbon und der Mensch entwickeln keine sexuelle Haut, - doch soll beim Orang die 
perineale Anschwellung während der Trächtigkeit erfolgen.) - „Diese vasculare Eigen. 
Schkeif^ nicht auf die perineale Gegend beschränkt. Sie kann sich auch auf das 
cächt spezlaliskren. so bei der Macaca muZatta. während bei dem TheropUhecus gelada die 

^ifL "c p SrisT-'sf'^^man denke an den universellen sexuellen Geschmack der 
Affen ' aller Art In der Gefangenschaft konnte es beobachtet werden, _wie 
sie Hunde. Schlangen, ja selbst leblose Gegenstände als sexuelles Objekt gebrauchen. - 
ole Pavkne und die Menschenaffen sind in dieser Hinsicht nicht anders, un erscheidei^ 
St scharf und anhaltend zwischen den Geschlechtern, zwischen jung und alt^ zwischen 
kbendi und tot. zwischen Homosexualität und Heterosexualität. zwischen Monogamie 
und Polygamie." 



r 



Neue Beiträge z ur vergleichenden Psychologie der Primaten 443 

monatelang an die Mutter angeklammert heranwachsen.'' 

Die Beobachtungen von W. N. Kellogg und L. A. Kelloggs bieten nun 
nochmals Gelegenheit, ein Affenindividuum näher kennen zu lernen. Dieses 
Ehepaar nahm es auf sich, ein höchst interessantes, aber auch heroisches Experi* 
ment zu vollführen. Sie nahmen ein 7 Monate altes Schimpansenkind — ein 
Weibchen — zu sich und ließen ihm 9 Monate lang dieselbe Behandlung und 
„Erziehung" zu Teil werden, wie ihrem eigenen, um 2 Monate älteren Sohne. 
Gua, das kleine Affenmädchen, wurde täglich gebadet, in Schuhe und Kleider 
gesteckt, zur Reinlichkeit angehalten, hatte mit einem Wort alle Freuden und 
Leiden eines menschlich zivilisierten Kinderzimmers zu teilen. 

Aus dem reichhaltigen Beobachtungsmaterial will ich einiges herausheben. Die 
Aneinanderreihung der angeführten Beobachtungen folgt nicht dem Buche, son* 
dern den eigenen Gesichtspunkten. 

Sinnestätigkeit und Motorik. Von den Sinnesgebieten ist das Ge= 
sieht außerordentlich scharf. Es besteht eine Aversion gegen starkes Licht, eine 
Reizempfindlichkeit, die auch auf anderen Sinnesgebieten zu bestehen scheint. 
Spielzeuge, die Töne von sich geben, will es nicht annehmen, es scheint sich vor 
ihnen zu fürchten. Plötzliche Schalt und Lichtreize wirken ebenfalls angstaus* 
lösend. Gegen Temperaturveränderungen ist es besonders empfindlich. 

Geruchsreize werden zur Identifizierung der Objekte verwendet, und 
zwar in einer vom Menschen völlig abweichenden Weise. Doch nie war es zu 
bemerken, daß Gua im Freien Geruchsspuren verfolgt hätte, und sie hob nur 
selten eßbare Gegenstände zur Nase mit dem Zweck, sie zu beriechen. Die 
Hauptrolle dieser Sinnestätigkeit bestand in dem Wiedererkennen von Personen 
oder dem Erkennen eines Teils ihrer Kleidung. In dieser Funktion legte Gua 
nicht nur die Nase auf den Gegenstand, sondern grub das ganze Gesicht hinein. 
So kam es vor, daß ehe sie noch die Erziehungsperson mit dem Gesichtssinn i er* 
kennen konnte, sie sich an ihre Arme klammerte und sorgsam Brust und Achsel* 
höhlen beroch. Trug die Erziehungsperson ein anderes Kleid, so erkannte sie sie 
vor allem am Geruch. 

Die Empfindlichkeit gegen körperliche Schmerzen scheint nicht groß zu sein. 
Das Affenkind ist weniger empfindlich gegen Gekratztwerden und Fallen, als 
das menschliche Kind und selbst offene Wunden scheinen ihm keine große Pein 
zu verursachen. Bemerkenswert ist hingegen die große seelische Empfindlichkeit, 
von der später die Rede sein wird. 

Die Gangart ist nur in dem Sinne angeboren, als die Art der körperlichen 
Konstitution die Art des Gehens bestimmt. Dagegen kann der Wechsel der Um* 
gebung einen Wechsel der Gangart mit sich bringen. Einen angeborenen Instinkt, 
der das Nacheinander der Bewegungen bestimmen würde, gibt es nicht. 

7) I. Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. IX, 1923. 
Yerkes: Genetic aspects of grooming, a socially important primate behaviour pattern. 
Journ. ot soc. psychology, IV, 1933, p. 3 ff ; ref. in Imago, Bd. X'lX, 1933^ S. 430 ff. 

8) W. N. K e II o g g and L. A. K e II o g g: The ape and the child. A study of environ* 
mental influence upon early behavior, New York and London, 1933. 



444 Imre Hermann 



Kitzeln und Masturbation. Gua ist außerordentlich [empfindlich 
gegen Reizungen, welche beim Menschen ein Kitzelgefühl auslösen. Wurde sie 
an der Bauchgegend berührt, so zog sie Füße und Arme sofort über die gereizte 
Stelle. Bei solchen Gelegenheiten lachte oder lächelte sie. Gegen das Ende der 
Beobachtungszeit wurde diese Empfindlichkeit noch größer. Es wurde oft ge# 
sehen, wie Gua sich selber kitzelte und dabei lachte. Dazu gesellte sich gewöhn* 
lieh das Reiben des Halses an der herausstehenden Ecke eines Möbelstückes. In 
den letzten Monaten breitete sich diese Selbstreizung so stark aus, daß es die 
Reibung der „erogenen Zonen" und endlich der Genitalien selbst in sich faßte. 
Während dieser Reizungen lachte das Affenkind oft, wenn auch nicht regel* 
mäßig. 

Spiel. Donald, der Knabe und Gua, das Affenmädchen spielten in der letzten 
Zeit sehr gerne miteinander, so daß keines von ihnen zum Essen zu bewegen war, 
wenn das andere spielte. Viele Spiele Guas waren durch Unbändigkeit und Zer* 
Störungslust gekennzeichnet. Sie ließ sich durch Nachahmung weniger leiten als 
der Knabe. Häufig waren Spiele, die der Reizung des Gleichgewichtsinnes 
dienten, zu beobachten. Auch dabei lachte Gua. (Man möchte hier die Möglich* 
keit erwägen, daß das verschämte Lachen in Situationen der Verlegenheit aus 
dem Zusammenhang entspringe, der zwischen der seelischen Verlegenheit und 
der Funktion des Gleichgewichtsinnes zu bestehen scheint, — ein Zusammen* 
hang, der auch in Analysen oft durch ein Schwindelgefühl bei orientierungs* 
störenden Situationen angedeutet wird.) Belustigend war die Art des Spieles, bei 
dem sich Gua ganz oder teilweise in Schachteln versteckte. Zwei Monate, nach* 
dem sie in menschliche Umgebung geriet, war oft zu beobachten, daß sie sich 
aufs Bett legte und abwechselnd die Decke über sich zog und wieder wegschob. 
Zwei Wochen, nachdem sie in den hohen Stuhl gesetzt wurde, entdeckte sie die 
Freude am Hinunterwerfen der Gegenstände. Ein charakteristisches Spiel ist 
auch das Heben beider Arme über den Kopf, während sie das Spielzeug in der 
Hand hält. Dieser Gegenstand wird dann gewöhnlich hinter den Kopf, um den 
Nacken oder auf die Schultern gestellt. (Hier läßt sich die Ähnlichkeit nicht 
übersehen, die zwischen den Spielen Guas und dem von Freud beschriebenen 
^,fort"*Spiel besteht. Dieses „fort" erhält beim Schimpansenkind dadurch eine 
besondere Note, daß es die ersten Lebensmonate ständig, die späteren teilweise 
in Anklammerung an den Körper der Mutter verbringt. Ich habe schon in der 
Erörterung der von W. Köhler angestellten Beobachtungen an Schimpansen 
vermutet, daß die Spiele, bei denen ein Gegenstand an einen Teil des Körpersi 
angesetzt wird, wahrscheinlich Wiederholungen dieses Urzustandes darstellen.) 

Gefühlsverschiebung von der Mutter auf ein anderes Ob* 
jekt. Im ersten Drittel seines zivilisierten Lebens mied Gua alle Erwach« 
senen mit Ausnahme ihrer beiden Erzieher. Sie war vor Fremden scheu, doch 
legte sich das später. Es zeigte sich eine Art der seelischen Abhängigkeit: iGua 
empfand einen starken und beständigen Impuls, in dem Seh* und Hörbereich 
irgendeines Freundes, Beschützers oder Protektors zu bleiben. Sie war gleichsam 



Neue Beiträge zur verglei chenden Psychologie der Primaten 445 

nie willens, jenseits einer gewissen Entfernung von einem Bekannten zu bleiben- 
Gua konnte nicht allein bleiben, ohne zu leiden. Es kann sein, - meint 
Kellogg - daß dieses Verhalten, besonders am Anfang, eine Folge des 
Schocks war, den das Tierchen erlitt, als es von der Mutter weggenommen wurde. 
In den ersten Tagen konnte es sich nur beruhigen, wenn es das Gesicht in die 
Arme des Erziehers verbarg und so jeden äußeren Reiz vermied. (Scheinbar Auf* 
rechterhaltung der Illusion einer Anklammerung an die Mutter.) In der ersten 
Zeit konnte Gua nur in tiefem Schlaf ins Bett gelegt werden; erwachte sie dann 
m der fremden Umgebung, so schrie sie, bis sie in die Arme genommen 
wurde. Obwohl sie sich allmählich daran gewöhnte, daß sie zu Bett gebracht 
wurde, konnte sie sich noch viele Wochen nicht erschlaffen lassen und die Augen 
nicht schließen, wenn sie nicht physischen Kontakt mit einer Erziehungsperson 
hatte, z. B. deren Hand hielt. 

War auch Guas Zuneigung zur neuen Umgebung ursprünglich unbestimmt 
und ohne Bevorzugung eines Objekts, so wendete sie sich bald entschieden dem 
männlichen Mitglied des Haushaltes zu. So scheint sich die Bindung des Tierchens 
von der Mutter auf einen der neu erworbenen Elternteile verschoben zu haben 
Wahrscheinlich wurde diese neue Fixierung dadurch beschleunigt, daß Gua fast 
ausschließhch von diesem Erzieher betreut wurde. Auch die wiegenden Bewe. 
gungen gefielen ihr sehr gut und trugen zur Zuneigung bei. Entfernte sich 
Kellogg auf einige Stunden, so raffte Gua eines seiner Kleidungsstücke auf, iden. 
üfizierte es mit Beschauen und Beriechen und schleppte es dann bis zur Rückkehr 
Kelloggs wie einen Fetisch mit sich. Wenn Kellogg zurückkehrte, schrie Gua auf 
und lief ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. Als sich Kellogg im vierten 
Monat der Beobachtung auf eine Woche entfernte, verschob Gua alsbald ihre 
Gefühle auf Frau Kellog, der sie sich in einigen Tagen geradeso anschloß wie 
zuvor an Kellogg. Doch mit dessen Heimkehr stellte sich das alte Verhältnis 
schnell wieder her. 

Ersatzbildungen für das Saugen. Das Affenkind nagte und biß 
standig an irgend etwas. Diese Tendenz nahm periodisch zu und ab. Es fraß nur 
selten den in dieser Weise in den Mund genommenen Gegenstand auf; oft hielt 
es ihn so im Mund, daß das eine Ende herausstand. 

In den ersten Tagen, als das Affenkind von Kellogg herumgetragen wurde, 
machte es beißende und den Mund zuspitzende Bewegungen in der Brustgegend' 
die nicht mißverstanden werden konnten. Es waren dies Bestrebungen, etwas zu 
finden was den Brustwarzen der Mutter, der es vor kurzem entrissen worden 
war. ähnlich ist. In einem solchen Falle packte es einen Knopf am Kleid des Er. 
ziehers und sog daran mit durchsichtiger Absicht. Ziemlich klar war sein Finger=» 
lutschen, obzwar dies eher einem Spiel mit der Hand als einem Bestreben zum 
Saugen ahnlich sah. Es nahm den Daumen in den Mund. Aus den ersten Tagen 
ergaben sich mehrere solche Beobachtungen, aus späterer Zeit nicht mehr. Aller* 
dings wurde Gua auch am Mund bestraft: als es z. B. einmal beim Baden 
den Seifenschaum in den Mund nahm, wurde er ihm in den Mund geschlagen 



446 Itnie Hermann 



(Kellogg erinnert dabei daran, daß ähnliche Erziehungsmaßnahmen auch 
Kindern gegenüber angewendet werden). Es war ihm streng verboten, Sand oder 
Blätter in den Mund zu nehmen. Doch blieb das Verbot bei der „Hand m deri 
Mund'VReaktion erfolglos. 

In den warmen Sommermonaten litt das Affenkind an einem beinahe unstilU 
baren Durst. In den ersten sechs Wochen wurde es durch Wasserhähne so stark 
angezogen, daß alles, was einer Spritze oder einem Gießrohr am entferntesten 
ähnlich sah, sofort zum Untersuchungsobjekt wurde. 

Bei der zweiten Gelegenheit, als Gua zum Knaben zugelassen wurde, spitzte 
es die Lippen, um das Gesicht und die Lippen des Kindes mit einem prüfende« 
Kusse zu berühren. Dann gaben sie sich die Hände. 

L au s en. Die für die Affen charakteristische Hauptflege war bei Gua nicht zu 
beobachten. (Man muß hier in Betracht ziehen, daß sich diese Gewohnheit, die 
nachgewiesener Weise nichts mit der Entfernung von Parasiten zu tun hat, bei 
Schimpansen, nach Yerkes, erst beim reiferen Affenkinde entwickelt.) Einige 
Beobachtungen könnten aber auch nach Kellogg hier eingereiht werden. So 
wurde einmal beobachtet, wie es die Kruste einer Kniewunde mit dem Zeigefinger 
der linken Hand aufnehmen wollte, und im letzten Monat der Beobachtung ent== 
deckte Gua. daß die Haare des Knaben eine gute Gelegenheit zum Spiel bieten. 
Wenn umgekehrt die Erzieher die Haut des Affenkindes rieben oder kratzten, 
lag es zufrieden da und ließ es solange geschehen, als es ihm gewährt wurde. 

Ein Zusammenhang dieser letzten Beobachtung mit dem „Lausen" wird von 
K e 1 1 o g für fragwürdig gehalten. Für uns, die wir das „Lausen" mit der Anklam* 
merung an Fell und Haut der Mutter in Zusammenhang bringen, gehört aber 
auch jene Beobachtung hieher, wonach Gua den Finger mit Vorliebe in den 
Mund eines geliebten Menschen steckte. - auch in den Mund des Knaben, dessen 
Biß es sich dann gerne gefallen ließ (Anklammerungsersatz). 

Affektleben. Die Emotionen sind im allgemeinen heftiger, die Hern* 
mungskraft gegen sie geringer. Die dominierende Emotion Guas ist die Angst 
Während der 9 Monate anhaltenden Beobachtungszeit kam es kein einziges Mai 
vor, daß sie ihre Kraft spüren ließ, außer wenn es aus Angst geschah. Aber auch 
in diesem Fall gebrauchte sie ihre Kräfte nur, um von dem Objekt der Furcht 
loszukommen und sich zu seinen Beschützern zu flüchten. Kampflustig wurde sie 
nur, wenn sie sehr gereizt wurde. Wenn man mit dem Finger auf das Tierchen 
zeigte oder es auslachte, wurde es aggressiv. Während affektiver Erschutte. 
rungen sträubten sich seine Haare und es ließ Harn und Stuhl unter sich. Seme 
Reaktion auf schreckeinflößende Laute war in der ersten Zeit ein Aufschrei und 
Flucht in die Arme des Erziehers. Aus Angst konnte sich auch ein Zittern mel* 
den doch da dieses zuerst durch die Berührung mit kaltem Wasser ausgelost 
wurde, kann es sein, daß es der Reaktion auf kaltes Wasser angehört. Das Feuer 
wurde im allgemeinen gemieden, doch fürchtete sich Gua nur in der Nahe davor. 
Nach Kelloggs bestem Wissen hat es sich niemals gebrannt. Es wurde angsthch, 
wenn sich die Erwachsenen seiner Umgebung zum Fortgehen anschickten. In 



Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten 447 

großer Angst kam ein Raptus über das Tier, in welchem es, vor Angst geblendet, 
eine Reihe schriller, vibrierender Töne hören ließ, bis zum Glottiskrampf. Wäh* 
rend des Schreiens rannte es ohne bestimmtes Ziel mit abnehmender Geschwin* 
digkeit. Es kam vor, daß Gua während des Glottiskrampfes niederstürzte, als 
hätte es gänzlich die Selbstkontrolle verloren. Solche Ausbrüche waren stets von 
dem Sichsträuben der Haare, von Urinieren und Defäzieren begleitet. (Der 
Glottiskrampf dabei könnte als ein heftiges inneres Anklammern, das Nieder* 
stürzen als Anklammerungsversuch an den Boden gedeutet werden.) 

Zorn stellte sich hauptsächlich dann ein. wenn das Affenkind nicht bekam, 
was es haben wollte, oder wenn es in einer Handlung unterbrochen wurde. 
Manchmal traten Zornausbrüche auf. Im Zorn fuchtelte es mit den Händen und 
warf einen Gegenstand nach dem anderen zu Boden. Es kratzte sich und schlug 
seinen Kopf an die Wand. Einmal nahm es die geballte Faust in den Mund und 
biß mit solcher Kraft hinein, daß die Haut platzte. Solche Zornreaktionen igab 
es nur in den ersten Wochen. 

Es war eifersüchtiger als der Knabe. Schamhaftigkeit und Verlegenheit 
spielten keine größere Rolle. 

Pädagogische Erfahrungen. Bei Eßschwierigkeiten ließ sich mit ge* 
waltsamen Maßregeln (z. B. dem Zusammendrücken der Lippen, wenn es die 
Speise ausspucken wollte) nie etwas erreichen. Bei einer solchen Gelegenheit 
aß Gua 43 Stunden lang überhaupt nichts. Endlich wurde ihm Freiheit auf dem 
Gebiete des Essens gewährt. Dieses /azssez=/a!re= Prinzip führte am weitesten und 
Gua aß, wenn genügend Geduld angewendet wurde, auch die bis dahin zurück=< 
gewiesenen Speisen. Überhaupt wirkte Lob als Motiv viel erfolgreicher als 
Schelten oder Strafen. Wurde ihm gezürnt oder wurde es aus Strafe allein ge# 
lassen, so gab es keine Ruhe, bis es nicht auf den Arm genommen und wieder 
mit der alten Liebe empfangen wurde. 

Die Gewöhnung zur Reinlichkeit. Es wurde bald klar, daß Gua 
schon bei seiner Mutter Schritte in der Richtung der Kontrolle seiner Entlee* 
rungen tat. Dieser frühe Fortschritt trat deutlich in den ersten Tagen seiner, 
menschlichen Umgebung zum Vorschein. Denn trotz der Furcht vor dem Allein* 
gelassenwerden und der Vorliebe, sich herumtragen zu lassen, drehte und be* 
wegte es sich hin und her, bis es an die Erde gestellt wurde, wenn es die Not* 
wendigkeit der Entleerung seiner Blase oder seines Afters verspürte.« Es schien 
zu wissen, daß es heruntersteigen und sich zurückziehen müsse. Wahrscheinlich 
wurde es von der Mutter auf eine noch unbekannte Weise dazu angeleitet. Es 
kann sein, daß die Mutter den Säugling in Armlänge von sich hielt, als er noch 
ganz klein war, und später bei Entleerungen von sich jagte. Die Kontrolle des 
Enddarmes entwickelte sich bei Gua schneller als die Kontrolle der Blase. Die 

9) Vgl auch den Bericht von Yerkes: „Congo nahm frühzeitig die Gewohnheit an, 
die nordwestliche Ecke des Nestes als Klosett zu gebrauchen." — The Mind of a Gorilla. 
Genetic Psychology Monographs, IL S. 32. (Vgl. mein Referat: „Zur Psychologie eines Go* 
rillakindes", Psa. Bewegung, Bd. III, 1931.) 



448 Ini'^s Hermann 



Entleerungen bei Affekten hörten nie ganz auf, obwohl es solche Blasenentlee. 
rungen manchmal auch verhindern konnte. Spontane Anzeigen gab Gua am 
Anfang erst nach dem vollzogenen Akt, anstatt ihn im voraus anzuzeigen. 
Wurde es in der ersten Zeit der Gewöhnung vom Erzieher auf ein paar Stunden 
allein gelassen und der Obhut eines anderen anvertraut, so schien es den Fort, 
schritt, den es bis dahin getan hatte, für die folgenden ein oder zwei Tage 
größtenteils zu vergessen. , „ ^ c , 

Der Gehorsam. In gewissem Sinne läßt sich sagen, daß Gua folgsamer 
war als der Knabe. Doch muß diese Behauptung präzisiert werden. Guas Ge* 
horsam war in dem Sinne beschränkt, daß sich die Zeitdauer oder die Wirkung 
irgendeines Befehles in den meisten Fällen nur auf Sekunden oder Minuten er. 
streckte. Die Zyklen Untersagung - Einstellung folgten einander m gehäufter 
Wiederholung selbst binnen einer so kurzen Zeitspanne wie 5 Minuten. Es 
ergab sich deutlich, daß es dem geliebten Erzieher eher folgte als jedem an. 
deren. Manchmal folgte es niemandem außer ihm. Sein Gehorsam war einer be. 
sonders starken Probe ausgesetzt, wenn es auf einem Stuhle sitzend allein im 
Zimmer bleiben mußte. Das hatte Gua nie gemocht und weinte oft bis zur Ruck, 
kehr des Erziehers. Im sichtbaren Kampf zwischen den Impulsen, zu gehorchen 
oder dem sich Entfernenden nachzufolgen, stieg es nach dem Weggehen Kel. 
loggs oft vom Sessel und blickte ihm vorsichtig nach. In dem Augenblick aber, 
als das Tier seine Rückkehr hörte, sprang es plötzlich auf seinen Platz zurück 
und wartete unschuldig, bis er erschien. Weder bei Gua noch bei dem Knaben 
ließ sich beobachten, daß sie nach Beginn einer verbotenen Handlung, m Er. 
innerung eines älteren Befehles oder unter dem ethischen Druck eines sich ent. 
faltenden Gewissens damit plötzlich aufgehört hätten. Ohne wörtlichen Befehl 
stellten sie eine solche Handlung nur dann ein, wenn es den verstohlenein 
Blicken der Missetäter klar wurde, daß sie beobachtet wurden. Gua schaute 
ihren Erzieher während der untersagten Handlungen plötzlich an, und wenn 
sie sah, daß sie beobachtet wurde, brach sie damit ab. Dieses Verhalten führte 
später dazu, daß schon eine unbedeutende Bewegung der Respektperson — auch 
wenn sie Gua den Blick nicht zuwandte - die Einstellung der Handlung nach 
sich zog. Saß aber der Erzieher ruhig daneben, ohne dem Tierchen Beach. 
tung zu schenken, so vollbrachte es die verbotene Handlung, ohne irgendetwas 
wie Gewissensbisse zu zeigen. In einer folgenden Periode versteckte es sich hinter 
einem Gegenstand, wenn es etwas Verbotenes durchführen wollte. 

• 
Unter den reichhaltigen Beobachtungen Kelloggs sind es besonders zwei 
Tatsachengruppen, an die ich anschÜeßen möchte. Die eine betrifft das zuletzt 
behandelte Thema: die Entwicklung des Gehör sams. Den Anfangs, 
punkt bildet das Befolgen der Befehle, das strikt auf den Zeitpunkt des Befehls 
beschränkt und an die Gegenwart des Befehlenden gebunden ist, - eine Sach. 
läge, die ein Analogen zur Tatsache abgibt, daß das Unbewußte keine Vernei. 
nung kennt. Endpunkt ist die von einem reaLgegenwärtigen Befehlshaber un. 



Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten 449 

abhängige Errichtung des Befehlshabers in uns selber, d. h. die Herausbildung 
der Über* Ichs. Zwischen diesen beiden Punkten gibt es einen Entwicklungs* 
weg, der — wie die Erfahrungen mit Affen deutlich zeigen — mit der B e a ch* 
tung des Nichtanwesenden, mit der Treue zu ihm parallel geht. 
Diese Entwicklungsrichtung ist nach F r e u d mit dem Schicksal der Kastrations* 
angst verwoben; das wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die 
Kastration mit der Negation in enger Korrespondenz steht und das Ausweichen 
vor der im Sinne der Angst zur Kastration führenden Situation mit der ErricL» 
tung einer die Abwesenheit bewertenden Einstellung Hand in Hand geht. Die 
Entwicklung, welche durch das Respektieren des Nicht*Anwesenden zum Über* 
Ich führt, läuft parallel mit der Furcht und dem Respekt vor dem Toten. Tat* 
sächlich ist erfahrungsgemäß die ständige Anwesenheit der Respektperson (des 
Vaters) der Bildung eines echten Über*Ichs hinderlich, die öftere Abwesenheit 
förderlich. Sekundär wird versucht, die Abwesenheit durch halluzinationsartige 
Gebilde, innere Bilder rückgängig zu machen. Die Moral ihrerseits involviert 
die Bewertung längst verübter Taten. Sündhafte Taten sind auch Taten, welche 
nicht vergehen wollen, nicht vergessen werden können." 

Wie sehr die Welt der Affen auf die räumliche und zeitliche Gegenwart, auch 
außerhalb des Gebietes der Befehle, beschränkt ist, geht auch aus andersartigen 
Beobachtungen hervor. Wurde das Futter vor den Augen von 9 Tieren (Cebus, 
Macaca, Cercocebus. Cercopithecus, Lemur) in die Tasche des Versuchsleiters 
oder unter einen Blumentopf versteckt, so suchten nur die Lemuren, der Kapu* 
zineraffe und einer der Macacos danach; die anderen verloren das Interesse zu* 
meist in dem Augenblick als das Futter vor ihren Augen entschwand." Noch 
beweiskräftiger erscheint eine andere Beobachtungsreihe. Das dritte Baby einer 
Schimpansin starb innerhalb 24 Stunden nach der Geburt. Der Kadaver wurde 
von der Mutter eifersüchtig gehütet; einen vollen Monat widersetzte sie sich 
jedem Versuch, ihn von ihr wegzunehmen, indem sie, wohin sie nur ging, die 
sich schon zersetztenden Reste mitschleppte. Kurz bevor er ihr genommen wurde, 
konnte man es beobachten, daß sie den Schädel mit den Zähnen aufknackte und 
von dem Inhalte aß. Sobald aber der Kadaver von ihr weggenommen wurde, 
schien sie ihren Verlust völlig zu vergessen. Dieselbe Gleichgültigkeit tragen die 
Schimpansenmütter zur Schau, denen lebendige Kinder entrissen werden. Obzwar 
sie dem, der die Trennung zu vollziehen trachtet, den größten Widerstand 
leisten, scheinen sie sich doch innerhalb einiger Minuten völlig darein gefunden 
zu haben, und wenn ihnen ihr Sprößling binnen ganz kurzer Zeit vorgeführt 
wird, zeigen sie keine Spur des Wiedererkennens. Ein ähnliches Verhalten ist 
auch für Paviane und niedere Affenarten bezeichnend.^^ 

Daß die Macht des dominanten Tieres auf seinen Gesichtskreis beschränkt ist 
und die strengen sexuellen Verbote hinter seinem Rücke n — im ursprünglichen 

lo) Vgl. I. Hermann: Die Psychoanalyse als Methode. Beiheft zur Int. Ztschr. 
f. Psa. und zur Imago. Int. Psa. Verl., "Wäen, 1934. S. 98 f. 
ii) Zuckerman: Functional affinities usw. S. 127. 
12) Zuck er man. 1. c, S. 154. 

Imago XXII/4 29 



450 Ifflre Hermann 



Sinne des Wortes - gebrochen werden, wird von Zucker man anderen Orts 
beschrieben. Neu ist eine Hypothese, die er aus dieser Beobachtung und aus der 
Tatsache, daß die Affen keine eigentlichen Fleischfresser sind, zieht. Er meint,, 
der Übergang von der Polygamie zur Monogamie sei dort zu suchen wo die 
Tagd auf Tiere - eine nach ihm exquisit menschliche und mannliche Tätigkeit 
- beginnt. Mit der Notwendigkeit, sich von der Familie zu entfernen, wird did 
Zugehörigkeit des Harems zum FamiHenvater in ihrer Grundlage erschüttert 
und durch die Entwicklung einer neuen Gefühlsart der Treue wenn auch jetzt 
mir zwischen den Gliedern der monogamen Familie, wiederhergestellt. 

Der Übergang vom sichtbaren Befehlshaber zum unsichtbaren ^'^d vom sehen, 
den zum nicht.sehenden kann samt dem darin verborgenen Konflikt sehr klar 
an einer erinnerten Kindheitsphantasie einer Patientin veranschaulicht werden. 
Mit ungefähr 7 Jahren stellte sie sich den lieben Gott so vor, daß er am Kopie 
den mit Flittern bestreuten Schleier der Mutter trage. , , t,., , i 

Für den Analytiker ist die Kenntnis dieser Vorstufen der Uber.Ich.Bildung des. 
halb von Wichtigkeit, damit er sie vom echten über.Ich zu unterscheiden wisse. 
Ein echtes Über.Ich besteht nur dort, wo nicht nur die Gegenwart des Befeh en. 
den, sondern auch die Furcht vor dem Befehl oder vor der Strafe (also die Vor. 
Stellung einer möglichen Gegenwart) ausgeschaltet werden kann. Dieses Kri. 
terium wird von Freud scharf formuliert, in der Praxis jedoch oft vernach. 

^^ Dl? andere Tatsachengruppe, die ich hervorheben möchte, bezkht sich auf die 
Folgen des Mutter . Kind. Verhältnisses, bezw der spezifischen 
Lage des Anklammerns an den mütterlichen Körper. Wir sahen oben die 
Ersatzbildungen, die die kleine, von der Mutter losgerissene Gua entwickelte, 
und daß sie den physischen und psychischen Kontakt mit dem als Mutter.Ersatz 
angenommenen Erzieher stets zu wahren suchte. Daß das Lausen einen psychi. 
sehen Abkömmling der Anklammerungs.Situation und der Lostrennung von der 
Mutter darstelle, wurde von mir bereits früher angenommen; Jerkes und 
Zucker man bringen nun dafür neues Belegmaterial. Letzterer beschreibt ver. 
schiedene Abarten des Lausens. So seien beim Lemur und Tarsius eher die 
Zunge und die Zähne in diese Tätigkeit einbezogen; beim Tarsius deckt sich 
das gut mit der Beobachtung, daß die Jungen von der Mutter katzenartig m 
den Mund genommen und abgeleckt werden. Bei derselben Art findet das Lausen 

nicht mutuell statt." ■.•«„+ 

Das Lausen besteht, wie wir wissen, aus der Entfernung von schuppigen Jrlaut. 
teilchen, Hautexkrementen und anderen Fremdkörpern, vergesellschaftet mit be. 
sonderen Mundbewegungen, Einschnappen, Kauen. Nun ist es bei Gua be. 
schri eben, daß sie sich bei starken Emotionen kratzte und m die Hand bii5^ 

:g lu ck'er «: n. 1. c: p. 72-75. - Gründliche neue Beobachtungen über die Ent. 
Wicklung des AnklammeruAg'sdranges gibt John P. Foley. jr.: ^irst year deve bpmen^ 
of a rhesus monkey reared in isolation. Journal of Genet.c Psychology XLV 1934. 
Ders.: Second year development. Journal o£ Geneüc Psychology, XLVII, 1935. 



'Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten 451 



r= 

H ebenso ließ sie sich gerne von dem Knaben in den in seinen Mund gesteckten 

■ Finger beißen. Und hier fällt uns ein Zusammenhang auf, dessen Tatsachen* 

■ material von einer Beschreibung Y e r k e s' und von einem archäologischen Fund 
^M geliefert wird. 

■ Die Beschreibung von Y e r k e s lautet: „Eine eigentümliche Unregelmäßigkeit, 
H die bei gewissen Arten des Orang-Utan schon seit langem beobachtet wurde, ist 
H der Mangel der Nägel, ja sogar des ganzen letzten Daumengliedes. Nachdem es 

^ früher für mögHch gehalten wurde, daß diese strukturelle Eigentümlichkeit eine 

Besonderheit der Art sei, kam man später dazu, sie als Folge eines Unfalles zu 
betrachten, da sie bei Abarten von verschiedener örtlicher Herkunft, bei beiden 
Geschlechtern, in verschiedenem Lebensalter oder auf verschiedener Entwick* 
lungsstufe unregelmäßig erscheint. Es wird behauptet, sie käme eher bei Weib^ 
chen vor und gelegentlich nur auf der einen Seite. Diese Umstände erregten in 
überraschendem Maße Interesse und es fehlte nicht an Spekulationen über ihre 
Bedeutung. Rennie (1838) stellt die Frage: ,Wäre es mögHch, daß die Natur 
in diesem einzig dastehenden Falle die allgemeinen Gesetze der Uniformität, mit 
deren Hilfe sie die organische Entwicklung der verschiedenen Arten in gewisse 
prädeterminierte und unveränderliche Grenzen zwingt, nicht einhält und eben 
im Falle des Orang den unwandelbaren Formen und Verhältnissen, denen der 
ganze übrige Rest der belebten Welt unterworfen ist, entsagt? Oder käme diese 
variable und anormale Besonderheit aus einer absichtlichen Verstümmelung, die 
von diesen intelligenten Tieren an ihrem Nachwuchs zu dem Zweck vollzogen 
wird, einen uns unbekannten Nachteil in ihrem Leben abzuwenden?' " 

„Unsere Beobachtungen, die uns zwar nicht in Stand setzen, die Frage end* 
gültig zu entscheiden, nötigen uns zu einer von Rennie abweichenden Er* 
klärung. Es handelt sich hier um einen Fall der Selbstverstümmelung, welche 
durch Unterernährung, durch endokrine Störungen oder durch irgend einen neu* 
ropathischen Zustand verursacht wird. Im Yale Primate Laboratovy konnte die 
Zerstörung der Nägel und des letzten Gliedes an den großen Fingern beider 
Füße an einem jungen weiblichen Schimpansen beobachtet werden. Es ist 
viel wahrscheinlicher, daß der Zustand, dem man beim Orang begegnet, 
eine Folge der Selbstverstümmelung sei als das Ergebnis einer Verstüm* 
melung durch die Eltern oder eine zufällige Variation oder Anomalie. Gegen 
die Annahme der Variation spricht auch die gelegentlich beobachtete asym* 
metrische Erscheinungsart. "i^ 

Der Auffassung von Y e r k e s entspricht gut eine Beobachtung von T i n k 1 e* 
paugh," die ich abgekürzt hier wiedergebe. Ein junger Rhesusaffe, Cupid, wird 
mit einer etwas älteren Affin von der Art macacus cynomologus, Psyche benannt, 
gepaart. Nach wiederholten Verführungsversuchen von weiblicher Seite wird die 
Ehe konsumiert. Nach Ablauf einer längeren Zeit wird eine Äffin der eigenen 

i5) R. M. Y e r k e s and A. W. Y e r k e s : The great apes. New Haven, 1929. p. 107. 
i6) O. L. Tinklepaugh: The self=mutilation of a male macacus rhesus monkey. 
Journal ol Mammalogy, 1928. Vol. 9. S. 293 — 300. 

29* 



452 Imxe Hermann 



Art, Topsy, zu Cupid zugelassen. Er stürzt sich erzürnt auf sie, beißt ein etwa 
zwei Daumen langes Stück von ihrem Schwanzende ab." langsam wird jedoch 
Cupid zu Topsy „konditioniert", so daß er endlich seine Aggression ihr gegen* 
über aufgibt und sie besteigt. In einigen Tagen wird wieder Psyche mit Cupid 
allein gelassen. Er koitiert mit ihr, doch etwas weniger häufig als früher. Er lenkt 
auch oft seine Aufmerksamkeit auf den benachbarten Käfig, wo Topsy haust. In 
zwei Wochen wird wieder ein Frauenwechsel vorgenommen. Cupid besteigt so# 
gleich Topsy und ist im Begriff sie zu koitieren, als er plötzlich davonspringt und 
seine hinteren Füße zu beißen beginnt, eine Verhaltungsweise, die er früher nur 
spielerisch vollführte. Dieses Verhalten war drei Tage lang öfters zu beobachten. 
Cupid führte während dieser Zeit, so weit es zu beobachten war, 'den Sexualakt 
nicht aus. Am vierten Tage wurde er mit stark verletzten Hinterfüßen aufge* 
funden. Als er zur Exploration aus seinem Käfig heraus und neben dem Käfig 
mit Psyche vorbeigeführt wurde, schaute er hin und her, auf Topsy und Psyche. 
Psyche schrie bedrohend gegen Topsy. Cupid fing plötzlich wieder an sich zu 
beißen und biß sich tiefe Wunden an den Hinterfüßen. Dann warf er sich in 
die Arme des Beobachters, sprang wieder fort, biß sich, riß sein Scrotum auf, 
verletzte den einen Testikel, verstümmelte das Ende seines Schwanzes. Es waren 
nun zwanzig frische Wunden an seinem Körper und von diesen nur eine in der 
Genitalgegend. Er genas bald und nahm normale sexuelle Relation mit Psyche 
auf. Später verabscheute er auch die Bigamie nicht. Doch innerhalb der nächsten 
vier Monate schien er oft in einen einer depressiven Psychose ähnlichen Zustand 
zu versinken. Dabei behielt er auch weiterhin die Eigenheit, bei Erregung sofort 
eines seiner hinteren Beine oder die Scheide seines Penis zwischen die Zähne zu 
nehmen, doch biß er jetzt nur ganz leicht. Der Anklammerungs*Trennungs:=! 
Konflikt spricht ziemlich klar aus dieser Beschreibung. Er warf sich auch inmitten 
seiner Raserei in die Arme des befreundeten Mannes. 

Der archäologische Fund stammt aus der Aurignac*Zeit, aus der Höhle von 
Gargas. An der Rückwand dieser Höhle wurde eine Zeichnung gefunden, die 
eine Anzahl von menschlichen Händen darstellt. Bei den meisten dieser Hand* 
Zeichnungen, — die unzweifelhafter Weise durch Unterlage einer wirklichen 
menschlichen Hand, als Schablone, verfertigt worden sind — fehlen die beiden 
letzten Glieder von einem oder mehreren Fingern, ja gelegentlich von allen Ein* 
gern. Der Ursprung dieser Zeichnungen wurde in zweierlei Weise interpretiert: 
nach der einen Interpretation wäre die als Unterlage dienende Hand eine unver* 
letzte, mit eingebogenen, nach der zweiten eine mit verstümmelten Fingern. 

L u q u e t " neigt der ersten Ansicht zu und beruft sich darauf, daß die Ver* 
stümmelung der Finger kein allgemeiner Brauch sein konnte, da man weder an 
den vorgefundenen Skeletten noch an anderwärtigen Zeichnungen verstümmelte 

17) Der Schwanz bildet bei beschwänzten Affen ein Organ des Anhaltens. 

18) Luquet: L'art et la religion des hommes fossiles. Paris, 1926, p. 222 — 226. — In 
diesem Buche findet sich eine besonders anschauliche "Wiedergabe der erwähnten Höhlen* 
Zeichnungen. 



Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten 453 

Finger fand. Mit einer systematisch verübten Verstümmelung verträgt sich nach 
ihm auch die Tatsache schlecht, daß die Abbildungen von Gargas viele Vari* 
ationen von Verstümmelungen zeigen; da es sich um männliche Hände — ob* 
zwar ausschheßlich um linke — handelt, meint er auch, daß sich eine allgemeine 
Sitte der Verstümmelung schwer mit den Lebensbedingungen des Jägers ver;= 
einigen lasse. Er schwächt dieses letzte Argument freilich selbst durch den 
Hinweis ab, es könne sich um Hände von Zauberern handeln, für die die Not* 
wendigkeit des Jagens nicht bestand, da sie von der Gemeinschaft ernährt wur* 
den. Für die Theorie der eingebogenen Finger spricht aber nach L u q u e t auch 
die Tatsache, daß überall die beiden letzten Glieder fehlen und nirgends nur 
eines — das entspricht aber gerade der Situation der eingebogenen Finger. 

Die Entdecker der Zeichnungen hingegen bestehen darauf, daß es sich um reale 
Verstümmelungen handle. Sie berufen sich einesteils darauf, daß „die Ethno* 
logie zahlreiche Beispiele der Fingerverstümmelungen bietet, die mit religiösen 
Riten, Bestattungsbräuchen oder Sühnezeremonien zusammenhängen, und deren 
ursprüngliche Bedeutung manchmal selbst für die. Ausübenden in Vergessenheit 
geraten isf'S; andernteils verweisen sie auf die tatsächüch vollführten Experi* 
mente, bei welchen der Versuch mißlang, mit eingebogenen Fingern Abbildungen 
zu erhalten, die ähnlich scharfe Konturen zeigen, wie die Zeichnungen von 
Gargas. In der neueren Literatur meint M e n g h i n. daß ihm die Ansicht L u* 
quets, es könne sich auch um eingebogene Finger handeln, zu gekünstelt er* 
scheine.^" 

Die Bedeutsamkeit der Debatte wird dadurch aufgehoben, daß Luquet es 
selbst zugibt, daß wenigstens eine der Hände, die den Zeichnungen von Gargas 
als Schablone dienten, auch in Wirklichkeit verstümmelt war, da sie nach dem 
Befund des Abbe B r e u i 1 an mehreren Stellen in sich überdeckender Identität 
wiederkehrt. So bleibt für ihn nur fraglich, ob diese als Vorbild dienende Ver* 
stümmelung die Folge eines Unfalles oder das Resultat eines magischen Brauches 
war. Diese Frage ist aber nach ihm bei dem gegenwärtigen Stand der Wissen* 
Schaft nicht zu entscheiden. 

Wenn wir jedoch den Mut fassen wollen, auf vergleichender Grundlage weiter* 
zuarbeiten, so fallen uns zunächst Selbstverstümmelungen an der Hand ins Auge, 
die auch in unseren Tagen häufig sind. Wir denken an die Selbstverstümme* 
lungen Geisteskranker. In der sehr reichhaltigen Literatur der Selbstverstümme* 
lung wird diese Tatsache in den Hintergrund gerückt, doch wird sie erwähnt, z. B. 
besonders prägnant im Lehrbuch der gerichtlichen Medizin von Kenyeres: „Es 
kam vor, daß sich ein Geisteskranker die Augen oder die Hoden aushöhlte, den 
Penis abschnitt. Es geschah, daß einer im Tiergarten die Hand durch Bären ver* 
Stummeln ließ. Mit ständigen automatischen Bewegungen können sich Geistes* 
kranke Löcher am Körper bohren, Finger oder Lippen zersaugen oder zernagen."2i 

19) Luquet, L c, p. 222. 

20) Menghin: Weltgeschichte der Steinzeit. Wien, 1931, S. 147. 

21) Kenyeres: Törvenyszeki orvostan (Gerichtliche Medizin), II. Bd., S. 226. 



Dr. R. Bak hat mir aus dem Material einer Irrenanstalt einige von ihm 
beobachtete Fälle von Selbstbeschädigung an der Hand mitgeteilt, die er an geeig= 
neter Stelle veröffentlichen will. Hier mögen sie nur kurz erwähnt werden. Ein 
21 Jahre alter Oligo^Schizophrener biß an dem rechten Zeigefinger eine 4 bis 
5 mm tiefe, 4 cm lange Wunde. Außer dieser frischen Wunde findet man mehrere 
vom Beißen stammende Narben an verschiedenen Fingern. Ein 45 Jahre alter 
Epileptiker beißt in tenebrösem Zustande seine rechte Hand an verschiedenen 
Stellen. Es sind hier feine weiße Narben sichtbar. Ein 20 Jahre alter Idiot mit 
Epelipsie legt seine Hände auf einen Plüschpolster; will man den Polster weg* 
nehmen, so schützt er ihn in Begleitung von unartikulierten Forderungen. Beide 
Hände zupft er besonders in der Gegend der Nagelwurzel blutig, so daß er oft 
verbunden werden muß. Die Nägel kaut und zupft er, das Blut begrüßt er mit 
heiterem Jubel. Auch das Hinauswerfen von Gegenständen verursacht ihm 
große Freude. 

Einen klareren Einblick in das seelische Gefüge dieser Zustände gewähren 
einige analytische Patienten. Eine Patientin wußte sich einerseits daran zu er* 
innern, daß sie bis zum 14. Lebensjahre fast allnächtlich ihre Mutter beim 
Schlaf mit Händen und Füßen eng umarmt hielt (sie war das jüngste Kind der 
kinderreichen Familie), andererseits erschauderte sie seit früher Kindheit sofort 
bei dem Gedanken an einen spitzen Gegenstand, der ihre Augen treffen könnte, 
oder an das blutige Herausreißen ihrer Nägel. Während sich die erste Angst als 
Abkömmling der Kastrationsangst im Sinne von F e r e n c z i (Zerstörung durch 
den zu großen Penis) erwies, löste sich die zweitangeführte Angst als Abkömm* 
ling der Furcht vor der Trennung (von der Mutter) auf. Dieser Zusammenhang 
kann an einem Traum während der Analyse demonstriert werden, in welchem 
X. Y. ein eiitiges Geschwür an einem Finget und einer Zehe hat. Die Vorge* 
schichte des Traumes enthielt Gedanken an die Trennung von einer Freundin, 
die vor Jahren mit X. Y. — dem damaligen Vorgesetzten der Träumerin — einen 
heftigen Zusammenstoß hatte und sich gegenwärtig mitten in einem Scheidungs* 
konflikt befindet. Dieser Fall zeigt die Tendenz zur Selbstverstümmelung der 
Finger in eine Phobie umgewandelt. 

Eine zweite Patientin, die sich vor Jahren von ihrem Manne scheiden Heß, sich 
aber seelisch von ihm noch immer nicht trennen konnte, hatte die Gewohnheit, 
während ihrer Angstzustände an einem ihrer Finger zu beißen; es bil* 
deten sich dann sichtbare Schwielen. Der Biß tat ihr weh, aber gerade 
der Schmerz war für ihr Bewußtsein das Wünschenswerte. Sie fühlte sich 
in den Angstzuständen ganz verlassen und hatte das Gefühl, selbst das 
eigene Ich zu verlieren; der Schmerz gab ihrem Bewußtsein das Gefühl 
der Realität, des Angehörens ihrer Seele an die Realität, wieder. Dieselbe 
Patientin hatte aber oft den Wunsch, beim Einschlafen von der Hand des ge* 
liebten Mannes an der Hand gehalten zu werden, was den unbewußten Sinn des 
Fingerbeißens nahelegt. Mit dem Schmerz wird die Illusion der eben stattfinden* 
den Trennung, das heißt, die Illusion, sie wäre an niemanden mehr gebunden, sie 



J 



Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten 455 

könnte sich jetzt leichter trennen als früher, wachgehalten. 

In einem dritten Falle (bei einer depressiven Kranken) trat das Beißen an der 
Hand auch in der Analysenstunde oft während starker Emotionen auf, welche 
als schmerzhafte Zustände der Verlassenheit, der vollständigen Isoliertheit ge* 
kennzeichnet werden können. 

So mußte ich auch bei Neurotikern die Tendenz zur Selbstverstümmelung der 
Finger annehmen und dieser Tendenz — den Freud sehen und Ferenczi* 
sehen Gedankengängen folgend — den Sinn beilegen, sie möchte das U r* 
traumaderTrennungvonderMutter, dasVerbotdesAnklam* 
merns, nochmals durchleben, und zwar so, daß das Individuum dabei 
aktiv mitwirkt. Zugleich wird ein Teil der Hand selbst zu dem, wovon man 
sich trennt (zur „Mutter"). 

Man sieht, bei welchem „Modell" der Kastration wir hier landen konnten. 
Wenn wir die Kastration stets als das sekundäre, den Objektverlust als das pri* 
märe annehmen — und eben dies ist mein Standpunkt in der Frage des Kastra» 
tionskomplexes — , so ist eine lückenlose Parallele zwischen dem „Modell" und 
dem Kastrationskomplex hergestellt. 

Eine vergleichende Betrachtung soll auch etwas Quantitatives aufweisen. Auch 
dies ist hier möglich. An erster Stelle stehen die tatsächlichen Selbstverstümme» 
lungen an den Fingern bei den Affen und vermutlich bei dem Aurignac^Men* 
sehen, an zweiter die tiefen Wunden und Narben der Geisteskranken, an dritter 
die oberflächlichen der Neurotiker und die nunmehr ins Phobische gewendeten 
Tendenzen. 

Die Tatsachengruppe, auf deren vergleichend^psychologische Untersuchung 
wir hier zuletzt eingingen, betraf das Mutter^Kind* Verhältnis, als Anklamme* 
rung^Trennung gekennzeichnet. In einer klinisch orientierten Untersuchung^^ habe 
ich die hiehergehörigen Tatsachen der Menschenpsychologie verarbeitet und wies 
dort auf den mächtigen Anklammerungsdrang des Menschen im Kindesalter, im 
im Schlaf, im primitiven Denken, in der Sexualität und in pathologischen Seelen» 
zuständen hin. Es sei hier auf einige Tatsachen aus der Urgeschichte des 
Menschen hingewiesen. Da finden wir analog der Armstellung des schlafen* 
den Säuglings, also der Anklammerungsstellung der oberen Extremitäten, in pri* 
mitiven Zeichnungen sehr oft eine „Anklammerungsstellung" der Arme (z. B. in» 
dianische Felszeichnungen in Südamerikas^), ja die Mensehenfigur klammert sich 
auch nicht selten an einen Gegenstand in dieser Armstellung an (z. B. der Son* 
nenbildträger in den Felsbildern der Provinz Ost^Gotland^^). Oft halten sich 
die Menschenfiguren die Hände — wie es für sich auch Gua wünschte — , auch 
stilisierte Muster entstanden aus solchen Menschenfiguren, die einander die 
Hände halten. Arme in Anklammerungsstellung. In einer schönen Zeichnung 

22) Sich^Anklammern — AufrSuche^Gehen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936. 
22a) E. v. Sy dow: Primitive Kunst u. Psychoanalyse, Wien, 1923. Taf. XL 

23) A. Norden: Werke der Urgermanen, Schwedische Felsbilder, IL Bd., 1923. 



L 



456 Richard Sterba 



des Paläolithikums führt eine Frau das Kind an der Hand^*). Des weiteren sind 
hier die begrabenen Skelette zu erwähnen; es wird ersichtlich, daß bei sehr vielen 
die Oberarme der Brust anliegen, die Unterarme flektiert sind, so daß sie Schul» 
ter und Hals berühren.^^ Die ganze Positur erinnert an die Schlaf Stellung des Säug* 
lings, diese aber an die Stellung des angeklammerten Kindes. Ferner spricht für 
unsere Annahme in gewissem Maße die Sitte, „anthropomorphe", d. h. haibtie» 
rische Figuren, mit Schwanz und Behaarung zu zeichnen, besonders aber, daß 
diese halbtierischen Menschendarstellungen — wenigstens in den spanischen 
Höhlen — dort erscheinen, wo auch Händesilhouetten vorzufinden sind, und 
fehlen, wo diese fehlen.^" Weiters ist mit unserem Ansatz, wonach im Urmenschen 
der Anklammerungsdrang noch sehr wach gewesen wäre, die weitverbreitete Sitte, 
Schmucksachen an den Körper zu hängen, und durchbohrte Steine oder Knochen 
an sich zu tragen, leicht vereinbar; als Aufhängeschnur war Roß* oder Menschen» 
haar stets zur Hand. — Was sodann schließlich die Reaktion auf den Anklam* 
merungsdrang, die Trennung betrifft, so spielt das primitive Steinwerkzeug die 
Rolle einer verstärkten Hand, ursprünglich eines Werkzeuges zum Spalten, also 
Trennen. — Das reichhaltige einschlägige ethnologische Material fand in G. R 6* 
heim einen sachkundigen Bearbeiter. 



Zur Theorie der Übertragung 

Von 

Richard Sterba 

Wien 

Vorgetragen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

am 30. Oktober 1935 

Es steht fest, daß die Übertragung das wichtigste und eindrucksvollste Ge* 
schehen in der psychoanalytischen Therapie darstellt. Das Zustandekommen der 
Übertragung, vor allem aber die Regelmäßigkeit dieses Zustandekommens, hat 
von Anfang an einer Erklärung bedurft, und es sind zahlreiche Erklärungen 
dafür im Laufe der analytischen Forschungen gegeben worden. Bevor wir auf 
diese Erklärungen kritisch eingehen, wollen wir das Phänomen der Übertragung 
selbst zunächst seiner Natur nach eindeutig bestimmen. Eine Begriffsbestim» 
mung von Freud aus dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" wird uns für 
eine erste Orientierung die genügende Grundlage bilden. Sie lautet: „Was sind 
die Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nachbildungen von den Regungen 
und Phantasien, die während des Vordringens der Analyse erweckt und bewußt 

24) L u q u e t, 1. c, Fig. 81. 

25) Luquet, I. c. S. 196 — 201. 

26) E. Max: Realiexikon der Vorgeschichte, 192-1—32, Bd. VII, S. 152. 



gemacht werden sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung 
einer früheren Person durch die Person des Arztes. Um es anders zu sagen: eine 
ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird nicht als vergangen, sondern 
als aktuelle Beziehung zur Person des Arztes wieder lebendig. Es gibt solche 
Übertragungen, die sich im Inhalt von ihrem Vorbilde in gar nichts bis auf die 
Ersetzung unterscheiden. Das sind also, um in dem Gleichnisse zu bleiben, ein* 
fache Neudrucke, unveränderte Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht, 
sie haben eine Milderung ihres Inhaltes, eine S üb limi er ung, wie ich sage,' 
erfahren und vermögen selbst bewußt zu werden, indem sie sich an irgendeine 
geschickt verwertete reale Besonderheit an der Person oder in den Verhältnissen 
des Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr Neudrucke."^ 
Es ist dies übrigens keineswegs die erste Stelle, an der bei F r e u d das Phäno* 
men der Übertragung besprochen wird. Vielmehr taucht dieses unter weit* 
gehender Erkenntnis seiner Bedeutung schon in den „Studien über Hysterie", 
also 1895 auf, wo im Aufsatz „Zur Psychotherapie der Hysterie" unter den 
Hindernissen gegen die kathartische Kur als ärgstes das gestörte Verhältnis zum 
Arzt genannt wird, mit welchem Hindernis allerdings in jeder ernsteren Analyse 
zu rechnen sei. Die Störung des Verhältnisses zum Arzt könne bedingt sein: 
1. durch persönliche Entfremdung, 2. durch die Furcht, sich zu sehr an die Person 
des Arztes zu gewöhnen, die Selbständigkeit ihm gegenüber zu verlieren, gar in 
sexuelle Abhängigkeit von ihm zu geraten, 3. (wörtlich) „wenn die Kranke sich 
davor schreckt, daß sie aus dem Inhalte der Analyse auftauchende peinliche Vor* 
Stellungen auf die Person des Arztes überträgt. Dies ist häufig, ja in manchen 
Analysen ein regelmäßiges Vorkommnis."^ 

Auf das Wort „Übertragung" stoßen wir übrigens bei Freud wiederholt in 
anderem Zusammenhange, vor allem bei der Darstellung der Psychologie der 
Traumvorgänge, wo die Verschiebung psychischer Intensitäten von Elementen 
auf andere als „Übertragung" dieser Intensitäten angesprochen wird. Diese Wort* 
Identität wird auf die ihr zugrundeliegende Sachidentität von uns zu untersuchen 



sein. 



Im allgemeinen wissen wir also, was wir unter Übertragung in der analytischen 
Kur zu verstehen haben, nämlich die Wiederbelebung vergangener Objektbe* 
Ziehungen und die Verschiebung rezenter Objektbeziehungen derart, daß die 
Person des Analytikers an Stelle der Objekte rückt, die Beziehung also am Arzt 
erlebt wird. Der Analytiker wird durch die Übertragung im Sinne einer zunächst 
von seiner Person unabhängigen Objektbeziehung aktuell besetzt. An Triebre* 
gungen, Einstellungen zu Objekten, Wünschen und Phantasien wird an Stelle 
des ihnen zugehörigen ursprünglichen Objekts der Arzt unterschoben, wobei 
diese Unterschiebung dem Analysanden im typischen Falle unbewußt bleibt. Der 
Objektwechsel vollzieht sich also in den Schichten des Unbewußten. 

Solchen Objektwechsel an psychischen Strebungen kennen wir aus unserer 

. Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 119 f. 
2) Ges. Sehr., Bd. I, S. 234. 



458 Richard Sterba 



tiefenpsychologisclien Forschung auf allen möglichen Gebieten zur Genüge. 
Es kann für uns ja kein Zweifel sein, daß die Übertragung in der Analyse pur 
einen Spezialfall einer allgemeinen Verschiebungsfähigkeit darstellt, die einer 
Reihe von psychischen Strebungen zuzuschreiben ist. Wir wissen, daß solche Ver^^ 
Schiebung besonders diejenigen seelischen Prozesse auszeichnet, welche dem 
Primärvorgang unterworfen sind, also die Entwicklung zur höheren Gestaltung 
und Gesetzmäßigkeit des Sekundärvorganges noch nicht mitgemacht haben, und 
wir bringen diese Fähigkeit zur Verschiebung mit der Ungebundenheit der psy* 
chischen Energie im System Ubw in Zusammenhang. Es wird außerhalb des 
Rahmens dieser Untersuchung bleiben müssen, die Verschiebung psychischer 
Intensitäten ihrem Wesen nach näher und tiefer zu charakterisieren. Wir müssen 
uns im Zusammenhang mit unserem Thema damit begnügen, die Übertragung jals 
Spezialfall der Verschiebung charakterisiert zu haben. Sehr klar und eindeutig 
hat den Zusammenhang zwischen Übertragung und Verschiebung übrigens be# 
reits F e r e n c z i 1909 ausgesprochen.^ Halten wir also fest, daß die Übertragung 
ein Spezialfall der Verschiebung ist und daß solche Verschiebungsmechanismen 
insbesondere den unbewußten Prozessen zukommen. Damit wissen wir, daß die 
Erkenntnisse, die uns die tiefenpsychologische Forschung über die Verschiebung 
gebracht hat, auch für die Übertragung zu gelten haben. Trotzdem genügen uns 
die allgemeinen Aussagen über die Verschiebung nicht; wir haben das Bestreben, 
über die Übertragung mehr. Genaueres, Gesetzmäßigeres zu erfahren, als uns 
eine Verpflanzung der Erkenntnisse über die Verschiebung auf den Spezialfall 
Übertragung geben kann. Der Grund ist einleuchtend. Wir begegnen diesem 
Spezialfall der Verschiebung regelmäßig und, man kann sagen, unter experimen* 
teilen Bedingungen, nämlich in der analytischen Therapie. Die Übertragung ist 
dort sowohl unser wichtigstes Erkenntnismittel als auch der gewaltigste Motor 
der Behandlung einerseits und das stärkste Bollwerk des Widerstandes anderer== 
seits; sie steht somit im Zentrum unseres analytischen, therapeutischen und for* 
sehenden Interesses. 

Ich habe am Anfange erwähnt, daß vor allem die Gesetzmäßigkeit des Auf»» 
tretens der Übertragung die Autoren zu Erklärungsversuchen herausgefordert 
hat. Der erste solche Versuch stammt von Freud und findet sich in den „Stu* 
dien über Hysterie". Im Anschluß an die vorhin zitierte Stelle, an welcher die 
Bezeichnung „Übertragung" mit dem ihr zugehörigen Begriffsinhalt erstmalig 
bei Freud auftaucht, heißt es: „Die Übertragung geschieht durch falsche 
Verknüpfung." Und weiter: „Es war so zugegangen: Es war zuerst der In= 
halt des Wunsches im Bewußtsein der Kranken aufgetreten, ohne die Erinne* 
rungen an die Nebenumstände, die diesen Wunsch in die Vergangenheit ver* 
legen konnten; der nun vorhandene Wunsch wurde durch den im Bewußtsein 
herrschenden Assoziationszwang mit meiner Person verknüpft, welche ja die 
Kranke beschäftigen darf, und bei dieser Mesalliance ~ die ich falsche Ver= 



3) S. F e r e n c 2 i : Introjektion und Übertragung. In „Bausteine zur Psychoanalyse", 
Bd. I, S. 9 ff. Int. Psa. Verl., Wien, 1927. 



Zur Theorie der Übertragung 459 



knüpfung heiße — wacht derselbe Affekt auf, der seinerzeit die Kranke zur 
Verweisung dieses unerlaubten Wunsches gedrängt hat. Nun ich das einmal 
erfahren habe, kann ich von jeder ähnlichen Inanspruchnahme meiner Person 
voraussetzen, es sei wieder eine Übertragung und falsche Verknüpfung vorge# 
fallen. Die Kranke fällt merkwürdigerweise der Täuschung jedes neue Mal zum 
Opfer." Ein Hinweis, den Freud an die Bezeichnung „falsche Verknüpfung" 
anschließt, führt an eine andere Stelle der „Studien über Hysterie", die lautet: „Es 
scheint ein Bedürfnis vorzuliegen, psychische Phänomene, deren man sich bewußt 
wird, in kausale Verknüpfung mit anderem Bewußten zu bringen. Wo sich die 
wirkliche Verursachung der Wahrnehmung des Bewußtseins entzieht, versucht 
man unbedenklich eine andere Verknüpfung, an die man selbst glaubt, obwohl 
sie falsch ist. Es ist klar, daß eine vorhandene Spaltung des Bewußtseinsinhaltes 
solchen „falschen Verknüpfungen" den größten Vorschhub leisten muß."* 

Die erste Erklärung, die von Freud, nennt also die Übertragung eine „falsche 
Verknüpfung", etwa das, was Jones später als Rationalisierung bezeichnet hat. 
Daß Freud selbst von dieser Erklärung nicht ganz befriedigt ist, zeigt uns der 
letzte Satz der erstzitierten Stelle, wo es heißt: „Die Kranke fällt merkwür* 
digerweise der Täuschung jedes neue Mal zum Opfer". Freud könnte sonst 
das regelhafte Zustandekommen des Phänomens nicht merkwürdig finden, nach» 
dem er die Erklärung für dieses Zustandekommen gegeben hat. 

Die nächsten Erklärungen gehen von der Struktur und Dynamik des psy* 
chischen Apparates aus. So die von Ferenczi im Aufsatz „Introjektion und 
Übertragung". Ferenczi versucht darin, aus den Übertragungsphänomenen 
in der analytischen Kur eine allgemeine Theorie über das Verhalten der Neu* 
rotiker abzuleiten. Der Verdrängungsdruck halte Besetzungen von den Ursprung» 
liehen Vorstellungen fern und wandle sie in „freiflottierende" Libido um, deren 
Vorhandensein im psychischen Apparat aber schlecht vertragen werde. Um diese 
Libido zu binden und gleichzeitig vom ursprünglichen Objekt weiter abzu» 
drängen, wende sich der Neurotiker, der seinen Verdrängungen entsprechend 
über reichlichere Mengen solcher freiflottierender Libido verfügt, anderen Ob* 
jekten zu und besetze sie mit dieser Libido. Es bestehe geradezu eine „Übei^# 
tragungssüchtigkeit" der Neurotiker. Das übermäßige Hassen und Lieben, die 
Übertriebenheit der Neurotiker will Ferenczi aus der Übertragungssüchtig» 
keit erklären. Der Neurotiker nehme gewissermaßen krampfhaft möglichst große 
Teile der Außenwelt in das Ich auf; Ferenczi stellt dies als eine Art von 
Verdünnungsprozeß dar, dem er die Bezeichnung „Introjektion" beigibt. (Es 
erübrigt sich, darauf aufmerksam zu machen, daß der jetzt gebräuchliche Be» 
griffsinhalt der Bezeichnung Introjektion sich nur mehr teilweise mit der 
Ferenczi sehen Bestimmung deckt.) Die Übertragung ist also nach Ferenczi 
eine Introjektion, d. h. eine Einbeziehung der Außenwelt — im Sinne einer 
Objektbesetzung — zum Zwecke der Verdünnung der freiflottierenden Libido, 
die aus den verdrängten Regungen stammt. Die Übertragung wäre somit dyna» 



4) Ges. Sehr., Bd. I, S. 47, Fußnote. 



460 Richard Sterba 



misch ein Ergebnis der Verdrängung. Diese dynamische Erklärung Ferenczis 
aus der Verdrängung können wir deshalb nicht gelten lassen, weil ja offensicht= 
lieh der Übertragende nicht vom ursprünglichen Objekt loskommt, sondern es 
im Gegenteil in jede neue Beziehung mitnimmt und mit jedem neuen Objekt zur 
Deckung bringt. Es könnte in diesem Sinne die Übertragung höchstens das Re^ 
sultat einer mißglückten Verdrängung sein. Es bleibt außerdem zu erklären, 
warum gerade die Behebung der Verdrängung in der analytischen Kur regeU 
mäßig zur Übertragung führt. 

Neben dieser Erklärung für die allgemeinen Übertragungen der Neurotiker 
hat F e r e n c z i das Bedürfnis, die Übertragung in der Analyse besonders zu er* 
klären, ohne sie deshalb ausdrücklich von den übrigen Übertragungen zu son«= 
dern. Für die Übertragung in der Analyse stellt er ein Erklärungsprinzip auf, das 
dann wiederholt in der analytischen Literatur auftaucht; es ist das Erklärungs»» 
prinzip des status nascendi. 

Die Präsenz des Arztes beim Auftauchen der unbewußten Wunschregungen 
ins Bewußtsein sei die Ursache der Übertragung dieser Wunschregungen von 
früheren Objekten auf den Arzt. „Die verdrängt gewesenen und allmählich be* 
wüßt werdenden Regungen begegnen in statu nascendi zunächst der Personen 
des Arztes und suchen ihre ungesättigten Valenzen an dieser Persönlichkeit zu 
verankern", heißt es bei F e r e n c z i. Dieses Erklärungsprinzip, auf das wir erst 
gelegentlich der Besprechung des Wiederholungszwanges kritisch eingehen 
wollen, erinnert an das erste von Freud, nämlich den Assoziationszwang; es 
hat mit diesem das Moment des Auftauchens aus dem Unbewußten als erklä* 

rendes gemeinsam. 

Das Erklärungsprinzip des status nascendi hat aber ein weiteres Gemeinsames 
mit jenen Erklärungen, die den Objekthunger des Es für die Über* 
tragung verantwortlich machen. Die „ungesättigten Valenzen" Ferenczis 
sollen wohl nichts anderes bedeuten. Da die triebhaften Wünsche im Es unter 
starken Spannungen stehen, suchen sie sich jedes neuen Objektes zu bemächtigen, 
in der Hoffnung, durch dieses Objekt endlich doch zur Befriedigung gelangen zu 
können. So findet Nunberg im Objektverlangen des Es eines der stärksten 
Motive der Übertragung.^ Man muß sich wohl vorstellen, daß dabei die konser* 
vative Natur der Triebe und ihre Absperrung von jeder Entwicklung durch die 
Verdrängung die Ursache ist, daß der Analysand in der Übertragung nicht nach 
einem neuen Objekt, sondern nach seinen alten Objekten hungrig ist. Denn in 
der Wiedererrichtung der a 1 1 e n Beziehungen mit Objektwechsel besteht ja das 
Wesentliche der Übertragung. 

In der psychoanalytischen Literatur wird an der ursprüngUchen Bedeutung des 
Wortes „Übertragung" nicht immer festgehalten. Im allgemeinen wird jede Be* 
Ziehung zum Analytiker als Übertragung bezeichnet. Wir werden untersuchen 
müssen, ob aus diesem Beziehungsreichtum die Übertragungen zu trennen sind 
oder ob nicht jede Beziehung — zum Analytiker und vielleicht auch sonst über* 



Zur Theorie der Übertragung 461 



haupt — regelmäßig im Kern eine Übertragung ist. Im letzteren Falle wäre der 
Mangel einer Trennung zwischen den Begriffsinhalten Beziehung und Über* 
tragung berechtigt. Wir wollen aber auf dieses Problem erst später eingehen. 

Der Objekthunger des Es, der nur der Ausdruck seines Befriedigungs« 
Verlangens ist, hält als ein Erklärungsprinzip der Übertragung mannigfacher 
Kritik stand. Er erklärt uns vor allem die Regelmäßigkeit des Zustandekommens 
der Übertragung, da wir in jeder Analyse auf ein Befriedung verlangendes Es 
stoßen müssen. Aber wir können in diesem Erklärungsprinzip nichts für die 
Übertragung Spezifisches erkennen; wir wissen damit nicht die Übertragung 
von anderen Objektbeziehungen zu scheiden, was uns übrigens wieder auf das 
später abzuhandelnde Problem des Unterschiedes zwischen Übertragung und 
anderen Objektbeziehungen führt. 

Das nächste Prinzip der Erklärung für die Übertragung in der Analyse stammt 
von Freud, es ist der von ihm erkannte und benannte Wiederholung s* 
zwang. Sie wissen, der Wiederholungszwang stammt aus der konservativen 
Natur des Triebes, die sich in seinem Verlangen ausdrückt, frühere Zustände 
wieder herzustellen. Wenn die gegen diese Wiederherstellung stehenden Wider* 
stände des Ichs zurückgedrängt und beseitigt werden, kommt es zur Reproduk* 
tion dieser frühen Zustände, also auch früherer Objektbeziehungen, und in ihnen 
taucht der Analytiker als Objektstellvertreter der infantilen Triebregungen auf. 
Dem Wiederholungszwang ist das getreu Reproduktive aus der Vergangenheit 
an der Übertragung zuzuschreiben. Die Erlebnisse und Einstellungen in der 
Übertragung werden durch ihn nach Freuds Worten zu einem „Spiegel der 
vergessenen Vergangenheit". ^^ Die Erklärung durch den Wiederholungszwang ist 
durchaus mit der durch den Objekthunger des Es vereinbar, kommt ja durch den 
Wiederholungszwang vergangenes Trieb verlangen zur getreuen Wiederho* 
lung in der Übertragung. Aber auch der Wiederholungszwang leistet uns nichts zur 
Scheidung zv/ischen Übertragung und sonstiger Objektbeziehung. Ja, der stärkere 
Durchbruch des Wiederholungszwanges während der Kur beeinflußt keineswegs 
nur die Beziehung zum Arzt, sondern ergreift umfassend alle übrigen Objektbe* 
Ziehungen in gleicher Weise. Freud sagt darüber im Aufsatz „Erinnern, 
Wiederholen, Durcharbeiten" folgendes: „Wir merken bald, die Übertragung 
ist selbst nur ein Stück Wiederholung und die Wiederholung ist die Übertragung 
der Vergangenheit nicht nur auf den Arzt, sondern auch auf alle anderen Ge* 
biete der gegenwärtigen Situation. Wir müssen also darauf gefaßt sein, daß der 
Analysierte sich dem Zwange zur Wiederholung, der nun den Impuls zur Er* 
innerung ersetzt, nicht nur im persönlichen Verhältnis zum Arzt hingibt, sondern 
auch in allen anderen gleicTizeitigen Tätigkeiten und Beziehungen seines Lebens, 
zum Beispiel wenn er wahrend der Kur ein Liebesobjekt wählt, eine Aufgabe auf 
sich nimmt, eine Unternehmung eingeht." 

Unter den zahlreichen Übertragungen, die wir den Patienten während der Kur 
vornehmen sehen, ist die auf den Arzt also nur eine unter vielen anderen wieder* 



6) „Jenseits des Lusfprinzips", Ges. Sehr., Bd. VI. 



462 Richard Sterba 



holungsbedingten Objektbeziehungen, die durch den Objekthunger der ins Ich 
gelangenden Es^Strebungen veranlaßt werden. Der status nascendi der auf=' 
tauchenden Triebregungen gilt also nicht nur für die Übertragung auf den Arzt, 
sondern für alle neuen Objektbeziehungen und für die Modifikationen der be* 
reits bestehenden Objektbeziehungen während der Kur. Als Motiv für eine 
Sonderung der Übertragung von den übrigen Objektbeziehungen kommt der 
Status nascendi daher nicht in Betracht. Unsere Untersuchung spitzt sich bei der 
Sichtung der verschiedenen Erklärungsprinzipien der Übertragung sichtlich auf 
ein Problem zu, die zahlreichen Fragen konvergieren gegen die eine: Sind Über;> - 
tragung und Objektbeziehung prinzipiell zu unterscheiden? Und wenn nicht, was 
hebt die Übertragung auf den Arzt doch unter den zahlreichen Objektbe* 
Ziehungen während der Kur hervor und läßt sie zur vornehmsten während der 
Analyse werden? Eine eingehende Untersuchung von F r e u d über die Unter== 
Scheidungsmöglichkeit zwischen Übertragung und anderer Objektbeziehung 
findet sich in dem Aufsatz „Über die Übertragungsliebe" (1915). Freud be. 
handelt darin wohl nur einen Ausschnitt aus den Übertragungsphänomenen, 
nämlich die erotische Übertragung auf den Arzt in Form der Verliebtheit in ihn; 
aber nichts spricht dagegen, das dort über die Übertragungs 1 i e b e Ausgesagte 
auf sämtliche Übertragungsphänomene in all ihrer reichen Schattierung aus* 
dehnbar zu betrachten. Freud formuhert die Frage so: „Ist die in der analy<» 
tischen Kur manifest werdende Verliebtheit wirklich keine reale zu nennen?"' 
Und seine Untersuchung, vor allem die lebendige Beobachtung des Charakters 
der VerUebtheit in der Kur im Vergleich zu der ansonsten im Leben beobachte 
baren führt ihn zum klar formulierten Ergebnis: „Man hat kein Anrecht, der in 
der analytischen Behandlung zu Tage tretenden Verliebtheit den Charakter einer 
,echten' Liebe abzustreiten."^ 

Im Gegensatz dazu versuchen L. J e k e 1 s und E. B e r g 1 e r, Liebe und Über* 
tragung prinzipiell, nämhch triebpsychologisch voneinander zu scheiden.» Wir 
können nicht umhin, ihre Argumentationen kritisch zu prüfen. 

Die Autoren beginnen ihre Ausführungen am Problem der Objektbesetzung, 
das sie zwar ein „Mirakel" nennen, aber entgegen der Bedeutung dieses Wortes 
doch zu erklären suchen. Ihre Erklärung ist ganz auf den letzten spekulativen 
Freudschen Trieb dualismus, Eros*Thanatos, gestellt. Der Stützpunkt, von dem 
aus sie ihr Mirakel erklären wollen, ist das Übersieh, das sie als neutralisierte 
Zone zwischen zwei Nachbarländern auffassen. Der Kampf zwischen Eros und 
Thanatos spielt sich nach der anschaulich dramatisierenden Darstellung der 
Autoren vor allem um diese neutralisierte Zone ab. „Wie im Kriegsfall" machen 
„beide kriegführenden Parteien" alle Anstrengungen, sich vorerst in den Besitz 
dieses indifferenten Landstriches zu setzen. Die eine Wurzel des Ichideals bestehe 



7) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 130. 

8) 1. C, S. 131. , „ , vxr ,r^■r^ 

9) L. Jek eis und E. Bergler: Übertragung und Liebe. Imago, Bd. XX, 1934. 



Zur Theorie der Übertragung 463 



in dem Versuch des Ichs, „die gegen das Ich gerichtete Aggression des Todestriebes 
auf Objekte abzuleiten, wodurch diese schreckhaft werden." Diese Leistung des 
Destruktionstriebes wird vom Eros „pariert" durch Aufnahme dieser angst* 
erregenden Objekte ins Ich, wo sie Gegenstand des eigenen Narzißmus werden. 
Die zweite Wurzel des Ichideals sei die kompromißweise Erhaltung des infantilen 
Allmachtsgefühls in Form der narzißtischen Besetzung des Ichideals. Dieses wäre 
damit eine libidinöse Stätte. Aber „der Thanatos gibt sich nicht geschlagen, macht 
vielmehr diese Waffe, die sich Eros geschliffen hat, schartig, indem damit eine 
Desexualisierung eintritt". So wird das Ichideal die „wechselnde Beute bald des 
einen, bald des anderen, je nach Übergewicht ... um dann die Farben des je* 
weiligen Siegers zu tragen." „Durch Verwendung des Ichideals für seine Zwecke 
mobilisiert der Dämon den Eros gegen den — Eros, schlägt ihn ^gleichsam mit 
eigenen Waffen und macht derart die Absichten des Eros, die dieser bei der 
Aufrichtung des Ichideals verfolgte, zunichte." Eros aber ist weiter unablässig 
bemüht, die „Vorstöße des Thanatos aufzufangen, sie zu parieren". Die gegen 
das Ich gerichtete Aggression werde wegen der Projektion als von der Außenwelt 
kommend empfunden, und zwar zur Schonung des bedrohten Narzißmus. Auch 
der Eros wird schließlich noch aggressiv im Witz, in der Komödie, im Humor, 
in der Manie, welche Bildungen Versuche bedeuten, dem Dämon — so nennen 
die Autoren das destruktiv besetzte Übersieh — sein „Werkzeug zu entwinden, 
mit welchem er dem Ich Qualen bereitet." Der Dämon wird damit mit seinen 
eigenen Waffen geschlagen. So also nach den Autoren die Verhältnisse um das 
Über:=Ich. 

Nun aber verwenden die Autoren ihre Auffassung vom Kampf innerhalb des 
Seelischen auch für die Erklärung der Liebe. Sie stützen sich darauf, daß Freud 
die Erkenntnis ausspricht, der Liebende habe im Objekt sein Ichideal aufgerichtet. 
Sie meinen nämlich, es sei auch die Liebe ein Ausdruck des Kampfes zwi* 
sehen ErosundThanatos, derart, daß es sich in der Liebe darum handle, 
den Dämon zu entwaffnen, indem ihm das „Quälinstrument" — das Übersieh — 
entwunden wird und die neutralisierte Zone des Über*lchs der erotischen Stre* 
bung sich hinzugesellt. Die indifferente Energie, mit der die Autoren das Über* 
Ich identifizieren, soll dazu verwendet werden, die erotische Strebung zu er» 
höhen, indem eben geliebtes Objekt und Ichideal identifiziert werden. Es gehe,, 
behaupten die Autoren, auch der Liebe regelmäßig eine Spannung zwischen Ich» 
ideal und Ich voraus, ohne daß sie allerdings einen Beleg dafür bringen. Die 
Liebe diene daher der Erneuerung des Ichideals, das in seiner bisherigen Form 
gegen die Aggressionen des Dämons unzulänglich war. Das Wesentliche der 
Liebe sei aber erst die Re*Introjektion des projizierten Ichideals ins Ich, 
und zwar kehre es gestärkt ins Ich zurück. Es zwinge also der Thanatos, resp. 
der Dämon, d. h. die allzustarke Besetzung des Über*Ichs mit destruktiver 
Energie das Individuum zur Liebe. Die Liebe sei somit die Folge des Schuld* 
gefühls. Dabei verstehe es der Liebende, wie der vorsorgliche Kämpfer dem 
Feind, dem Dämon bei seiner ersten Annäherung die Waffe des Ichideals zu 



464 Richard Sterba 



entwinden, noch bevor sich jener ihrer vollends bemächtigt. So weit also die 
Verhältnisse bei der Liebe. 

Im Gegensatz dazu sei die Übertragung „ein aus panischem 
Schrecken entspringender Verzweiflungsak t". Denn bei der 
Übertragung werde nicht nur das erosentstandene Ichideal, sondern das gesamte 
Übersieh, also auch der Dämon, übertragen. Der Analytiker sei daher durch die 
Übertragung nicht nur Liebes*, sondern auch Angstobjekt. Die Beweise der 
Autorer. für diese Theorie eines prinzipiellen trieb qualitativen Unterschiedes 
zwischen Übertragung und Liebe scheinen mir wenig stichhältig. 

Die Autoren stützen sich auf den Unterschied im Aspekt des Liebenden 
und des Übertragenden — wie sie ihn schildern. Sie finden dabei zwischen den 
beiden einen „geradezu grotesk anmutenden Gegensatz: einerseits den Neuro* 
tiker, der kaum mehr zustandebringt, als in zutiefst passiver Haltung initiativelos 
Jahre am. Analysediwan im .Zwischenreich' der Übertragungsneurose zu ver* 
bringen; andererseits aber den Liebenden mit dem ganzen Rüstzeug seiner Akti=> 
vität und Initiative: Projektion des Ichideals, Werbung um das Objekt, das 
sein Ichideal realisieren soll, seine unablässigen Bemühungen, dieses Objekt im 
Sinne der Wunschphantasie umzumodeln, sowie der Realität für dieses angeblich 
realisierte Ichideal möglichst viel und möglichst Günstiges abzuringen. 

Ganz anders der Neurotiker, der bereits als Entwaffneter und daher Ge# 
schlagener, noch dazu nach mannigfach mißglückten Kompromissen, eben den 
Symptomen, gleichsam als Desperado den nämlichen Weg des Kampfes gegen den 
Dämon versucht." 

Es ist nicht schwer, den Autoren hierin zu widersprechen. Wenn man den 
Neurotiker, der jahrelang initiativelos am Analysediwan verbringt, ansonsten in 
seinem Liebesleben beobachtet, sieht es nicht anders aus als seine Übertragung. Und 
sollte es den Autoren in ihren Analysen niemals widerfahren sein, daß eine 
liebesbedürftige Analysandin ihr Ichideal auf sie projiziert hat, um sie als 
Objekt geworben hat, sich unablässig bemüht hat, dieses Objekt im Sinne der 
Wunschphantasie umzumodeln, sowie der Realität für dieses angeblich reali* 
sierte Ichideal möglichst viel und möglichst Günstiges abzuringen, also alles 
das, was sie für die Liebe als „pathognomonisch" betrachten? Was die Autoren 
schildern, ist die pathologisch*prägenitale Art des Liebens beim schweren Neu» 
rotiker einerseits, wie sie natürlich auch in der Übertragung zu sehen ist, durch* 
setzt mit destruktiven Tendenzen und mit Angst, und die Liebe des annähernd 
Normalen andererseits, der wir in gleicher Weise als Übertragung in unseren 
Analysen begegnen. Die Darstellung, als ob die eine, neurotische Art des Liebens 
nur als Übertragung und die andere, normale Art nur als Objektbeziehung 
außerhalb der Analyse zustandekäme, gibt die realen Verhältnisse nicht richtig 
wieder. Es scheint mir daher unberechtigt, aus ihr einen Unterschied zwischen 
Übertragung und Liebe abzuleiten. 

Wir möchten aber die Arbeit von J e k e 1 und B e r g I e r nicht verlassen, ohne 
noch auf ein Merkmal einzugehen, das sie als Unterschied zwischen Liebe und 



Übertragung empfinden. Wir gewinnen durch die Besprechung dieses Merk;» 
mals den Anschluß an die uns noch vorliegende weitere Problematik der Über* 
tragung. Dieses Merkmal ist nach den Autoren „die Unfehlbarkeit des Ein;» 
tretens der Übertragung bei oder trotz absoluter Wahllosigkeit in bezug auf das 
Objekt, die völlige Ungebundenheit der Wahl, die sich durch ein restloses Hin»» 
wegsetzen über Alter, Geschlecht, und durch ein Nichtberücksichtigen jeder 
persönlichen Qualität, resp. des Mangels einer solchen kundgibt." 

Die Autoren sehen in diesem Merkmal an der Übertragung ein deutliches 
Kennzeichen, daß sie eben ein „aus panischer Stimmung entspringender Ver;» 
zweiflungsakt" sei. In demselben Sinne spricht ihnen die „Impetuosität" der 
Übertragung, ihr sozusagen „überstürztes Tempo". — Einer weniger tendenziösen 
Betrachtung erscheint das Merkmal der Unfehlbarkeit des Eintretens der Über* 
tragung keineswegs im voraus gegeben und auch der Eintritt nicht immer so über* 
stürzt, wie die Autoren es für ihre Trennung von Liebe und Übertragung 
brauchen. Gerade der Zustimmung „jedes aus praktischer Erfahrung schöpfenden 
Analytikers", dürfen die Autoren für ihre Aussage nicht so sicher sein. Höre« 
wir, was Freud darüber sagt: „Das erste Ziel der Behandlung bleibt, den Pa* 
tienten an die Kur und an die Person des Arztes zu attachieren. Man braucht 
nichts anderes dazu zu tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ernstes Interesse 
bezeugt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und gewisse 
Mißgriffe vermeidet, stellt der Patient ein solches Attachement von selbst her 
und reiht den Arzt an eine der Imagines jener Personen an, von denen er Liebes 
zu empfangen gewohnt war." " 

Dieses Bestreben des Analytikers, den Patienten an sich zu binden und gegen 
diese Bindung aufkommende Widerstände zu beseitigen, hat Freud wohl im 
Auge, wenn er die Übertragungsliebe als eine durch die analytische Situation pro* 
V o z i e r t e Liebe anspricht und dieses provozierte Entstehen als einen der spar* 
liehen Züge hervorhebt, durch die der Übertragungsliebe eine besondere Stellung 
gesichert sei. " Und nichts anderes, wenn es ein paar Zeilen weiter heißt, der 
Arzt habe „diese Verliebtheit durch die Einleitung der analytischen Behandlung 
zur Heilung der Neurose hervorgelock t". Und ähnlich: „Wir eröffnen 
dem Patienten die Übertragung als den Tummelplatz, auf dem ihm gestattet wird, 
sich in völliger Freiheit zu entfalten." " 

Nunberg hat die libidinösen Quellen der Übertragung in seiner ausge* 
zeichneten Arbeit „Probleme der Therapie" " aufzudecken gesucht und als solche 
Quellen mehrfaches gefunden, so die Hilflosigkeit des Kranken, der an den Arzt 
sich bindet, da dieser ihm Heilung verspricht, den Glauben an Zauber und AU* 
macht des Arztes, die narzißtische Befriedigung des Blendens durch das Reden, 
den Schluß, es sei Liebe, wenn sich der Analytiker ihm aufmerksam widmet; 

lo) Zur Einleitung der Behandlung, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 193. 
ii) „Bemerkungen über Übertragungsliebe", Ges. Sehr.,' Bd. VI. 

12) „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten", Ges. Sehr , Bd VI 

13) 1- c. 

Image XXn/4 30 



466 Richard Sterba 



kurz, der Patient hat Anlaß genug, eine Bindung an den Arzt einzugehen, ihn 
einer der „Imagines jener Personen anzureihen, von denen er Liebes zu empfan* 
gen gewohnt war", wenn der Arzt sich entsprechend verhält. Aber der Patient 
hat im Laufe der Behandlung ebenso häufig Anlaß, den Arzt zu hassen, sich 
vor ihm zu ängstigen, kurz die Skala aller seiner Affekte ablaufen zu lassen, 
die eben in der Übertragung aufscheinen, und von denen die Übertragungsliebe 
nur einer, wenn auch für die Abwicklung der Kur als ihr Motor der wich^« 
tigste ist. 

Der überstürzte Beginn der Übertragung, die bisweilen eintritt, bevor der Pa< 
tient den Arzt zu Gesicht bekam, was wiederum Jekels und Bergler als 
pathognomonischen Unterschied gegenüber der Liebe ansehen, scheint mir nicht 
der Erklärung durch den Dämon zu bedürfen. Man möge sich doch bloß ver=. 
gegenwärtigen, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen Menschen, die unter 
starker Triebspannung stehen, ansonsten in neue Situationen eintreten, welche 
Phantasien sie an Objekte knüpfen, denen sie erstmalig begegnen sollen, und 
man wird sich deutlich machen, daß Übertragungen nicht nur beim Analytiker 
„schon im Wartezimmer" beginnen. Was immer wir als Unterschied zwischen 
Übertragung und sonstiger Objektbeziehung fassen wollen, zerrinnt uns beim 
festeren Zupacken zwischen den Händen. 

Nur noch auf ein Moment müssen wir eingehen, das F r e u d als unterschied* 
lieh zwischen Liebe und Übertragung nennt. Die Übertragung „entbehrt in 
hohem Grade der Rücksicht auf die Realität, sie ist unkluger, unbekümmerter tim 
ihre Konsequenzen, verblendeter in der Schätzung der geUebten Person, als wir 
einer normalen Verliebtheit gerne zugestehen wollen." Man beachte, wie F r e u d 
vorsichtig formuliert, daß wir diese Eigenschaften der normalen Liebe nur nicht 
gerne zugestehen wollen. Denn er entkräftet das Argument für einen solchen 
Unterschied selbst weitgehend im darauffolgenden Satz: „Wir dürfen aber nicht 
vergessen, daß gerade diese von der Norm abweichenden Züge das Wesentliche 
einer /Verliebtheit ausmachen." ** 

Die Entfaltung größeren Affektreichtums und die geringere Rücksichtnahme 
auf die Realität in der analytischen Objektbeziehung scheinen mir aber auch weit* 
gehend durch die spezifischen Gegebenheiten der analytischen Kur bedingt zu 
sein. Wir sind ja beflissen, zahlreiche der ansonsten berechtigten Bedenken 
für das Aufkommen von Affekten in der Kur zu entkräften, wir versprechen ja 
dem Ich des Patienten „Nutzen und Prämien, wenn es auf den Widerstand 
verzichtet"," wir versprechen diesem Ich, ihm beizustehen, wenn die Affekte 
allzu beängstigend würden, wir reden dem Ich zu, sich irrealer Affekte zu ge* 
trauen. Wir dürfen uns also nicht so sehr verwundern, wenn das Ich in der 
Analyse weniger realitätsgerechte Affektbeziehungen schließlich zuläßt. 

Der Wiederholungszwang, dem Rücksicht auf die Realität gewiß nicht 
zuzuschreiben ist, äußert sich nach F r e u d, bis „die entgegenkommende Arbeit 



14) „Bemerkungen über die Übertragungsliebe", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 132. 
t5) „Hemmung, Symptom und Angst", Ges. Sehr., Bd. XI, S. lOL 



Zur Theorie der Übertragung 457 



r= 

m der Kur die Verdrängung gelockert hat". " In der Erweiterung des Es=>Bereiches 

m den die Auflockerung durch die Grundregel und ihre Befolgung bedeutet, komJ 

I men Wiederholungen alter Affektabläufe an Objekten auf, die das Ich ohne die 

Sicherheit psychischer Hilfe nicht gestatten würde. Aus tieferer Verdrängung 

also aus früheren Schichten stammend, haftet diesen Objektbeziehungen mehr 

Irreahtat an als den oberflächlichen; die Verschiebung, Verkleinerung der Re* 

alitätswerte ist bei ihnen intensiver, als sie ohne solche Umstellung des Ichs 

sein könnte. Auch lernt das Ich im Training des analytischen Verfahrens stücke 

j weise, Es:»Regungen zu bewältigen, und kann aus solcher Erfahrung bisher ver* 

drängten Objektregungen zunehmend mehr Raum geben. 

Und vergessen wir nicht, daß der Widerstand die Übertragung für seine 
Zwecke benutzt, sie „in die Höhe treibt"'^ und sich dieser Übertreibung bedient 
um dem Ich die Notwendigkeit zu neuerlicher Verdrängung zu demonstrieren' 
Dieser Einfluß des Widerstandes auf die Objektbeziehung zum Analytiker, er. 
klart uns weiter vieles von anderen Objektbeziehungen Abweichende an der 
Übertragung. 

Die Auffälligkeiten, durch die sich die analytische Übertragungsbeziehung 
von sonstigen Objektbeziehungen unterscheidet, erklären sich also aus der be* 
sonderen Situation der analytischen Kur und aus den dynamischen Verhältnissen, 
unter denen die Übertragung aufkommt und sich weiterentwickelt. In ihrem 
wesentlichen Anteil aber ist die Übertragung eine Objekt, 
beziehungwiejede andere. 

Wir sind an dem Punkte angelangt, an dem unser Problem auf dem Wege 
der Lösung in eine neue Fragestellung umkippt, die lautet: Gibt es Objektbe. 
Ziehungen, die keine Übertragungen sind? Wir müssen uns begnügen, die Pro. 
blematik dieser Frage durch wenige Streiflichter zu erhellen. Von einer sehr 
allgemein gehaltenen Formulierung her dürfen wir sagen: wie in allen aktuellen 
Regungen Vergangenes mitschwingt, so wird es auch keine wichtigere Objekt, 
beziehung des Erwachsenen geben, in der nicht vergangene Objektbeziehungen 
mit zur Wiederholung kommen, in der nicht das rezente Objekt mit einem in. 
fantilen zur Deckung gebracht wird. Die Dauerspuren der ersten großartigen 
Objektbeziehungen der Kindheit bilden für alle Zeit die „Klischees", um 
Freuds treffliche Bezeichnung zu gebrauchen, nach denen künftige Objekt, 
beziehungen .ablauf en. 

terenczi nennt in seinem Aufsatz „Introjektion und Übertragung" schon 
die erste Objektliebe und den ersten Objekthaß gleichsam Übertragungen, wo. 
bei er das erste Lieben und Hassen als eine Übertragung der autoerotischen 
Lust, und Unlustgefühle auf die Objekte auffaßt, die jene Gefühle verursachen. 
Im allgemeinen aber wird man gut tun, Objektbeziehung und narzißtische Be. 
Ziehung, zu der ja die Pseudo.Objektbeziehungen des purifizierten Lust.Ichs 
gehören, zu trennen. Zweckmäßigerweise schränken wir uns also ein und fragen, 

i6) „Jenseits des Lustprinzips", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 204. 

17) „Bemerkungen über Übertragungsliebe", Ges. Schr„ Bd. VT, S. 132. 

30» 



468 Richard Sterba 



bis zu welchem Zeitpunkt etwa Objektbeziehungen neu entwickelt werden, die 
keine Übertragungen sind. Nur bei Ferenzci fand ich hierüber eine unge* 
fähre Zeitangabe. Es heißt in „Introjektion und Übertragung": „Es stellt sich 
heraus, daß tatsächlich in jedem Menschen das liebenwollende, dabei furcht* 
sam#ängstliche Kind weiterlebt, und daß alles spätere Lieben, Hassen und Furch« 
ten nur Übertragungen oder, wie Freud sagt, , Neuauflagen' von Gefühlss» 
Strömungen sind, die in der ersten Kindheit (vor dem vollendeten vierten Jahr) 
erworben und später verdrängt worden sind." 

Das kinderanalytische Problem, warum Kinder in früherem Lebensalter keine 
Übertragung in der Analyse produzieren, scheint direkt aus der Ferenczi sehen 
Aufstellung ableitbar. Aber bedenken wir anderseits, daß Übertragungen selbst 
in den ersten großen Objektbeziehungen der Kindheit schon eine bedeutende 
Rolle spielen, daß oftmals, besonders zur individuellen Abwicklung der großen 
phylogenetischen Erlebnisschemen an ferneren Objekten Erlebtes und Beob* 
achtetes in die ersten großen Objektbeziehungen phantasieweise verpflanzt, wir 
dürfen wohl sagen, übertragen wird; daß also auch in diesen „Klischees" kein 
durchwegs reines Urerlebnis am Objekt auffindbar ist. Ja, muß uns Erfüllung 
und Nacherleben des phylogenetisch einvererbten Schemas im Ontogenetisch* 
Individuellen nicht als Vorbild aller Übertragung imponieren? So dürfte es 
schwer sein, abzugrenzen, von welchem Zeitpunkte im Laufe der Kindheit an 
die Entwicklung selbständiger Objektbeziehungen nicht mehr zustande kommt. 
Auch hier wird reichere Erfahrung, besonders der Kinderanalytiker, manche 
Lösung erhoffen lassen. 



DISKUSSIONSBEMERKUNGEN: 

Ludwig Eidelberg: 

In der Arbeit „Übertragung und Liebe" haben Jekels und Bergler die 
Unterschiede zwischen dem Idealtypus der Liebe des Gesunden und der Über* 
tragung des Neurotikers besprochen. Sterba hat den Gedankengängen dieser 
Arbeit widersprochen. Er zitiert dabei einige Stellen aus den Schriften Freuds, 
aus denen hervorgehen soll, daß Freud an der Identität beider Phänomene 
festhalte; doch haben Jekels und Bergler nicht behauptet, daß Freud ihre Auf* 
fassung teile. Im übrigen aber begnügt sich Sterba damit, die Darlegungen von 
Jekels und Bergler aus deren Arbeit in charakteristischen Stellen wiederzu* 
ge"ben, scheinbar im Vertrauen darauf, daß sie gegen sich selbst sprechen würden. 
Eigentliche Argumente gegen die Theorie von Jekels und Bergler habe ich jedoch 
in den Ausführungen Sterbas nicht finden können, so daß auch für eine Replik 
kein Ansatzpunkt besteht. 

Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß Sterba nicht nur die Ergebnisse der 
Arbeit von Jekels und Bergler, sondern mit kaum geringerem Nachdruck 
die Eros*Thanatos*Lehre ablehnt. Diese aber stammt von Freud, und in der 



k 



Zur Theorie der Übertragung 469 



Arbeit von Jekels und Bergler ist nur eine Anwendung dieser Lehre auf 
ein bestimmtes Problem unternommen worden. Soweit also die Kritik yon 
Jekels und Bergler über diese Anwendung auf eine Detailfrage hinaus die 
Theorie selbst betrifft, geht sie füghch über den Rahmen der Diskussion dieses 
Themas hinaus, stellt nicht mehr eine Kritik am Versuch von Jekels und 
Bergler dar und wäre in anderem Zusammenhang zu erörtern. 

Schließlich sei noch in einer Art argumentum ad hominem der Unterschied 
zwischen Übertragung und Liebe, wie Jekels und Bergler sie meinem Er* 
achten nach richtig geschildert haben, an einem Beispiel gezeigt. Eine Analyti* 
kerin war längere Zeit hindurch bemüht, einem männlichen Patienten, der sich 
in starker positiver Übertragung befand, den Übertragungscharakter seiner 
Wünsche zu zeigen; doch alle Versuche, ihn von der Irrealität und dem Wieder* 
holungscharakter zu überzeugen, blieben längere Zeit hindurch vergebens. Da 
entschloß sie sich eines Tages, ihn durch ein etwas energischeres Mittel zu er» 
wecken, und warf die Bemerkung hin, sie sei bereit, entsprechend dem oft ge* 
äußerten Wunsche des Patienten die eigene Ehe aufzugeben und mit ihm die Ehe 
einzugehen. Die erwartete Reaktion trat prompt ein: der Patient erschrak töd» 
lieh, wehrte ihren Vorschlag entschieden ab und mußte sich so als überzeugt 
bekennen. Ist diese Reaktion das Verhalten eines glücklich Verliebten? Wenn es 
wirküch keinen Unterschied gäbe zwischen Übertragungsliebe und Liebe — 
warum diese paradoxe Reaktion? 

Edmund Bergler: 

Das von E i d e 1 b e r g zitierte Beispiel, das bei der Diskussion des Vortrages 
von Jekels und mir von einem 'Diskussionsteilnehmer mitgeteilt wurde, scheint 
mir sehr geeignet, unsere These vom Unterschied zv/ischen positiver Übertragung 
und Liebe zu stützen. 

Zu dem kritischen Teile der Ausführungen Sterbas sei noch folgendes er* 
wähnt: 

Zunächst hat Sterba unsere Auffassungen über das Ich*Ideal nicht ganz 
exakt wiedergegeben, so daß mehrfach eine Verwechslung zwischen dem Ich* 
Ideal und dem Übersieh als Ganzem ensteht. Im übrigen möchte auch ich den 
Unterschied zwischen positiver Übertragung und Liebe an einem Beispiel illu* 
strieren. Nehmen wir. an, eine Frau begegnet unverhoffterweise dem von ihr 
geliebten Mann. Sie wird freudige Überraschung erleben. Vergleichen wir damit 
die Situation, wenn eine Frau, die bei einem männlichen Analytiker in Analyse 
steht, unversehens mit ihrem Analytiker zusammentrifft, und nehmen wir an, 
daß dies in einer Zeit geschehe, da sie sich in intensiver positiver Übertragung 
zu ihrem Analytiker befinde. Es wird auch diesmal das Gefühl der Freude über 
den Anblick des Objektes geben, das in beiden Fällen unserer Meinung nach 
eine Realisierung des projizierten Ich*Ideals ist. Aber im zweiten Fall, und nur 
in diesem, kommt zu diesem Erlebnis der Freude noch etwas sehr Merkwürdiges 
hinzu: ein schwer beschreibbares Gefühl von Angst, von Abwehr, ja des Un* 



470 Richard Sterba: Zur Theorie der Übertragung 

heimlichen. Dieses zweite Gefühl, das nur bei der Analysandin, nicht bei der 
liebenden Frau begegnet, ist die Wirkung des projizierten „Dämons", des thana* 
tischen Anteils am Übersieh. 

Das, wie mir scheint, einzige Argument Sterbas geht meines Erachtens auf 
ein Mißverständnis zurück. Sterba meinte, das Phänomen, das wir als Über* 
tragung geschildert haben, sei die passive Übertragung prägenitaler Trieb* 
regungen. Darum weist Sterba auch auf solche Patienten hin, die in der Über* 
tragung aktiv um den Analytiker werben, und fragt, warum wir diese Erschei* 
nung nicht berücksichtigt hätten. Hier aber liegt ein Mißverständnis der Ge* 
dankengänge vor, die Jekels und ich vertreten; wir meinen, daß hinter jedem 
aktiven und passiven Lieben zutiefst der Wunsch nach Geliebtwerden verborgen 
sei. Es mag nun sein, daß das Objekt an die Stelle des Ich*Ideals gesetzt wird und 
das Subjekt, der Liebende, sich zu ihm verhält wie das Ich zum Ich*Ideal; oder es 
mag umgekehrt sein, der Liebende agiert sein Ich*Ideal und behandelt das Objekt 
wie sein Ich. Berücksichtigt man aber die innere Identität beider Liebesformen, 
auf die Jekels und ich größtes Gewicht legen, so fällt, scheint mir, auch der 
Einwand weg. Letzten Endes ist beides eine Äußerungsform des Geliebt*werden# 
wollens. I 

Schließlich wurde ja nie bestritten, daß Liebe eine Objektbeziehung ist, wenn 
auch narzißtische Elemente in ihr eine Rolle spielen. Wie mir scheint, hat Eidel* 
berg eine glückliche Formulierung des Unterschiedes zwischen narzißtischer 
und Objektlibido vorgeschlagen; er bezeichnet als Objektlibido jene Libido, die 
„der Außenwelt zugewendet ist und der die vier verschiedenen Qualitäten zuge* 
hören: die orale, anale, phallische und genitale". Soweit also der Liebende im 
Projektionsvorgang der Liebe am geliebten Objekt eigene Einstellungen wieder* 
zufinden glaubt, liegt ein narzißtischer Vorgang vor, soweit eine der vier Quali* 
täten befriedigt wird, ein objektlibidinöser. 

Ich bin mir dessen bewußt, daß gegen die von Jekels und mir vertretenen 
Aufstellungen ernste und gewichtige Argumente vorgebracht werden können, 
vermochte aber gerade dem Vortrag Sterbas gewichtig Bedenken nicht zu 
entnehmen. 

• .■..„..■ 

Im weiteren Verlauf der Diskussion hat H. Hartmann die Frage aufge* 
worfen, wie nach unserer Theorie die typische Sexualüberschätzung des Lieben* 
den bei jener Form zu erklären sei, in der der Liebende selbst das Ich*Ideal agiert 
und im Objekt das Ich sieht. Ich meine, nicht anders als bei jenem Typus, der 
das Ich*Ideal auf das Objekt projiziert und selbst das Ich agiert. In beiden 
Fällen liegt der Überschätzung des Objektes die narzißtische Überschätzung 
der eigenen Person zugrunde. 



Zur Arbeit von E. Kris: 
„Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken"' 

Von 

M. Wulff 

Tel Aviv 

In seiner sehr interessanten und anregenden Abhandlung über die Bildnerei 
der Geisteskranken bespricht Ernst Kris in einem speziellen Kapitel die 
„Wiedergabe des menschlichen Antlitzes in der Kunst der Geisteskranken" und 
stellt zur Erklärung der von ihm festgestellten Besonderheiten der Wiedergabe 
in den Porträts dieser Kranken zwei Hypothesen auf, deren Unsicherheit er 
selbst hervorhebt. Mir scheint es, daß es vielleicht möglich wäre, diese Hypo* 
thesen zu umgehen, wenn man den Versuch macht, die Frage in etwas anderem 
Lichte zu betrachten. Es sei mir deshalb gestattet, eine kurze Bemerkung hiezu 
vorzulegen. 

Kris sagt: „Wer eine Sammlung von Bildwerken Geisteskranker durchblät* 
tert, . . . dem wird es auffallen, wie starr und ungelenk die Wiedergabe der mensch* 
liehen Gestalt geblieben ist . . . Um brauchbare Ergebnisse zu erzielen, ist es zn* 
nächst unumgänglich, daß sich unsere Fragestellung dem bescheidenen Material 
anpasse, über das wir verfügen. Wir schränken unseren Befund ein und erörtern 
im folgenden nur die Störung in der Wiedergabe des menschlichen Antlitzes. 
Die Beschränkung erlaubt uns, genauer zu beschreiben: wir meinen, die Störung 
äußere sich darin, daß wir an Bildwerken Schizophrener auffallend selten,— ich 
wage nicht, weiter zu verallgemeinern, — seltener aber, als wir es nach dem son* 
stigen Umfange ihres bildkünstlerischen Ausdrucksvermögens erwarten dürfen, 
menschliche Gesichter finden, deren mimischer Ausdruck nach dem optischen 
Eindruck allein .verständlich' ist . . . Der Kopf des Mädchens auf jener Zeich* 
nung, die uns diese Überlegung aufnötigte, . . .zeigt äußerste Leere des Aus* 
drucks; ein Lächeln, das keines ist. Man darf sagen, hier wird ein Mimisches nicht 
faßbar . . . Die Köpfe entgleisen in ihrem mimischen Ausdruck auf eine grund* 
sätzlich gleichartige Weise. Das legt mir den Gedanken nahe, es handle sich hier 
um einen Restitutionsversuch auf dem Gebiete des Mimischen. 

Diese Behauptung bedarf zunächst einer Erläuterung. Der mimische Ausdruck 
ist an das Du, an den andern gerichtet. Kontakt mit der Umwelt ist sein Ziel. 
Dieser Kontakt ist im schizophrenen Prozeß an entscheidender Stelle gestört, im 
Endzustand fast gelöst. Das mag erklären, wieso der ganze Ausdrucksapparat der 
Schizophrenie als .unnatürlich' imponiert. Dieser Charakter, auf den gerade 
die besten Diagnostiker sich immer wieder mit voller Sicherheit berufen, . . . läßt 
sich nun leicht mit F r e u d s Anschauung verbinden. Danach läge es nahe, in den 
mimischen , Bemühungen' der Schizophrenen, in der Manieriertheit etwa oder 



472 M. Wulff 



in dem Gewichtig»sclieinen>wollen bei gleichzeitiger Leere der Züge, einen 
Restitutionsversucli auf dem Gebiete der Autoplastik zu sehen. 

Aber nehmen wir an, diese Auffassung fände Beifall, so wird sich an dieser 
Stelle doch entschiedener Widerspruch erheben. Man wird darauf hinweisen, 
daß die bildnerische Darstellung des mimischen Verhaltens und der mimische 
Ausdruck des menschlichen Antlitzes selbst streng zu unterscheiden seien, oder 
Beweise dafür verlangen, daß sich das Phänomen der Autoplastik mit der Allo* 
plastik, das Antlitz des Zeichners mit dem Antlitz auf seiner 
Zeichnung verbinden lassen. 

Ich gebe zu: Beweise vermag ich nicht beizubringen, aber doch auf einiges hin* 
zuweisen, was die Hypothese unterstützen könnte, die hier im Bewußtsein voller 
Unsicherheit vorgetragen wird. Wer je mit bildenden Künstlern Umgang hatte, 
wird aus ihrem Mund eine Theorie über die Beziehung von Bildner und Bild jn 
der einen oder anderen Form vernommen haben, die, meines Wissens, zuerst am 
tiefsten Leonardo da Vinci vorgetragen hat. Dem Künstler liege es nahe, 
die Gestalten seiner Bilder mit seiner eigenen Körperlichkeit zu erfüllen, sie der 
eigenen Erscheinung anzunähern, .wenn nicht ein langes Studium ihn davor be» 
hütet'. 

"Was hier — frei wiedergegeben — als Meinung Leonardos begegnet, ist 
gerade in der letzten Zeit ein Stück weit wissenschaftlich faßbar geworden. Ich 
nenne drei benachbarte Forschungsgebiete, auf denen sich Bestätigungen für diese 
Meinung Leonardos — und so vieler Künstler neben und nach ihm — ergeben 
zu haben scheinen : Sabina S p i e 1 r e i n hat Ergebnisse, die sich beim Vergleich 
an Kinderzeichnungen bei offenen und geschlossenen Augen ergaben, im Sinne 
dieser Auffassungen gedeutet und G. E n g e r t h hat bei einem Fall von Auto* 
topognosie eindrucksvolle Beobachtungen gemacht . . . Endlich meine ich, nur 
aus der Beziehung zwischen bildnerischer Fähigkeit und Erleben am eigenen 
Körper ein großartiges und anschauliches Material verstehen zu sollen, an dem 
L. M ü n z eine erste Vorstellung vom plastischen Schaffen Blinder zu geben ver* 
mochte . . . Wir stehen an der Grenze der Neurologie, der es nun zufällt, unsere 
Hypothese kritisch zu prüfen oder ihre Grundlagen zu sichern . . ." 

So weit die Anschauungen von K r i s, der in der Manieriertheit der Schizo* 
phrenen und in ihren auffallenden Gebärden und Bewegungen einen RestitUi» 
tionsversuch auf dem Gebiet der Autoplastik sehen will. Dagegen wäre vielleicht 
nichts einzuwenden; man darf aber dabei nicht vergessen, was die vortreffliche 
Arbeit Jungs und viele andere Analysen nach ihm mit voller Sicherheit er* 
wiesen haben, daß nämlich diese Manieriertheit und diese Gebärden ebenso 
wie das ganze Verhalten der Kranken oft ganz bestimmte psychische Inhalte und 
Erlebnisse in symptomatisch*symbolischer Weise darstellen. Mimik und Ge* 
bärden sind also oft M i 1 1 e 1 des Restitutionsversuches und nicht dessen letzter 
Inhalt. Es ist deshalb wohl richtig, in dieser motorisch* mimischen Art 
und Weise, sich zu produzieren, in erster Linie eine Regression zu der Ausdrucks* 
weise der tiefen Schichten des Unbewußten zu erblicken, wie wir sie im hyste* 



Zur Arbeit von E. Kris: „Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken" 473 

Tischen Anfall, im Dämmerzustand überhaupt, oft im Kinderspiele, mitunter auch 
im Schlaf (Nachwandeln) beobachten, — zu einer primitivsten vorgedanklichen 
Ausdrucksweise, könnte man sagen. Sie entspricht auch der allgemeinen tiefen 
Regression des Seelenlebens der Schizophrenen und ist eher ein Ausdruck des 
krampfhaften Versagens beim Restitutionsversuch als dessen eigentliche Auße* 
rung. Jedenfalls aber stehen diese Gebärden und dieser mimische Ausdruck in 
der Manieriertheit in offensichtlichem Gegensatz zur mimischen Verarmung des 
Gesichtsausdruckes, zur mimischen Leere der Züge, die eher ein Symptom der 
sekundären Verblödung des Endstadiums ist. Und in diesem letzten Stadium wird 
kaum noch ein ernster künstlerisch^malerischer oder zeichnerischer Restitutions== 
versuch seitens des Kranken unternommen. 

Kris gründet aber darauf die zweite Hypothese, daß sich das Phänomen der 
Autoplastik mit dem der AUoplastik, das Antlitz des Zeichners mit dem Antlitz 
auf seiner Zeichnung verbinden lasse. Mit anderen Worten: die mimische Ver= 
armung und Leere des Gesichtsausdruckes des Kranken selbst, die eigentlich im 
Widerspruch zu der Manieriertheit, zu den auffallenden Gebärden und der 
Motorik steht und einem anderen Krankheitsstadium entspricht, führt in dem 
Restitutionsversuch, der in der künstlerisch^malerischen Betätigung zum Aus* 
druck gelangt (und wohl in diesem letzten Krankheitsstadium noch vorkommt), 
zur alloplastischen Gesichtserstarrung in den Porträts der Schizophrenen. Diese 
Widersprüche in den Gedanken von Kris sind mir unverständlich. Kris ver* 
sucht dann, dieser widerspruchsvollen Hypothese, deren Unsicherheit er selbst 
betont, gewisse Stützen und Bekräftigungen zu geben, die aber, wie mir scheint, 
keine besondere Beweiskraft besitzen, zu allgemein und andeutungsweise gefaßt 
sind und auch anders gedeutet werden können.^ 

Demgegenüber möchte ich Kris auf ein Buch aufmerksam machen, das ihm 
sicherlich nicht bekannt sein konnte und das zur Klärung des Problems vielleicht 
von großer Bedeutung ist. Ich meine das Buch des bekannten russischen Schrift» 
stellers, Kunstkritikers und Theaterregisseurs Jevreinoff über das Porträt. 

Aus Gründen, auf die ich hier nicht einzugehen brauche, war Jevreinoff 
ein gesuchtes Modell, und so kam es, daß viele Künstler, darunter auch die 

2) Um nur ein Beispiel zu bringen: Die Worte L e o n a r d o s, daß die Künstler auf 
ihren Bildern (wohlgemerkt, nicht auf den Porträts!) die Gestalten mit ihrer eigenen 
Körperlichkeit erfüllen, kann man doch einfach so verstehen, wie man es auf den Bildern 
vieler Künstler sieht, etwa bei Rubens oder C o r i n t h, deren Gestalten oft eine gc^ 
wisse Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Äul^eren haben; und R em b r a n d t z. B. hat ein=< 
fach sich selbst in der Gestalt von Simsen dargestellt. Dem können aber gewisse unbe^ 
wußte — und sogar bewußte — psychische oder technische Gründe zugrunde liegen Ander.» 
seits hat aber der häßliche und bucklige Michelangelo den David geschaffen Man 
konnte sagen, er war eben „geschult". Wenn aber „Geschultheit" — die doch ein voll^ 
kommen bewußter Vorgang ist — diese Wirkung haben kann, so ist dies kaum in dem 
von Kris gemeinten Sinne zu verstehen, der scheinbar an einen vollkommen unbewußten 
Vorgang denkt, wie seine Berufung auf die Arbeiten von S p i e 1 r e i n und sogar auf die 
Fortschritte der Neurologie beweist. Ähnliches ließe sich auch hinsichtlich der anderen 
Beweisführungen von Kris vorbringen, doch würde dies zu weit führen. 



474 M. Wulff 



größten Meister der russischen Porträtkunst der Vorkriegszeit, wie Rjepin, 
Ssorin und andere, sein Bild gemalt haben. Insgesamt sind, wenn ich mich 
nicht irre, ungefähr zehn verschiedene Porträts von Jevreinoff entstanden, 
die einander trotz der Gleichheit des Objekts selbstverständlich nur sehr wenig 
oder überhaupt nicht ähnlich waren. Dieser Umstand veranlaßte nun J e v r e i# 
noff, eine sehr interessante, in ihrer Beweiskraft schlagende Studie über das 
Porträt zu schreiben, in der er den Nachweis erbringt, daß all die verschiedenen 
Künstler, die sein Porträt schufen, seine Person eigentlich nur zum Vorwand 
benützt haben, um die Eigenart, das Charakteristische, letzten Endes den eigent* 
liehen geistigen Inhalt ihrer eigenen Persönlichkeit voll zum Ausdruck zu 
bringen. Um es noch krasser zu sagen: in Wirklichkeit war es nicht die Person* 
lichkeit Jevreinoff s, die hier porträtiert wurde, sondern die geistige Person* 
lichkeit all dieser verschiedenen Künstler mit allem Typischen, Eigentümlichen, 
Charakteristischen, das den seelischen Inhalt dieser Persönlichkeiten ausmachte. 
Jeder, der das Buch in die Hand nimmt, die verschiedenen dort reproduzierten 
Bilder betrachtet, die Unterschriften der Maler liest, muß — wenn er nur die 
(im Buche geschilderten) Persönlichkeiten der Künstler irgendwie kennt — von 
der überzeugenden Beweiskraft dieses Buches unwiderstehlich erfaßt werden. 

Ist dies die Sachlage bei einem Kunstwerk, das vielleicht mehr als irgendein 
anderes die volle Objektivität vom Künstler fordert — handelt es sich doch 
darum, die äußere Erscheinung eines anderen Menschen, die Eigentümlichkeit 
einer anderen, fremden Persönlichkeit mit all ihren charakteristischen Einzel* 
heiten und Besonderheiten wiederzugeben — , was soll man dann erst hinsieht* 
lieh anderer Kunstschöpfungen annehmen, bei denen der Künstler viel weniger 
vom Objekt der Außenwelt abhängig ist und noch viel mehr von sich selbst, von 
seinem eigenen Inneren hergibt? Man muß sagen: ebenso wie der Träumer in 
allen Gestalten seines Traumes letzten Endes doch nur sich selbst, seine eigenen 
Erlebnisse reproduziert, so gibt auch der Künstler in allen seinen Schöpfungen 
nur sich selbst, seine eigene Persönlichkeit wieder. Jedes Kunstwerk ist eine 
Projektion des geistigen Porträts seines Schöpfers in die Außenwelt, ist das Ab* 
bild der geistigen Persönlichkeit, des eigentlichen Ichs seines Urhebers.' 

Nach diesen Feststellungen bleibt zum eigentlichen Thema des mimischen Ge* 
Sichtsausdruckes im Porträt der Schizophrenen nicht mehr viel zu sagen. Schon 
in dem Beginnen, ein menschliches Antlitz, das Gesicht eines anderen, zu malen 
oder zu zeichnen, ist ein Restitutionsversuch, d. h. eine gewisse Zuwendung zu 
einem anderen Objekt und zugleich ein Sichäußern der Umwelt gegenüber, zu er* 
blicken. In der mimischen Ausdruckslosigkeit aber, in der Starrheit und Leere 
des Gesichtsausdruckes, kommt bereits der fortgeschrittene psychische Zerfall 
zu Wort: die große Verarmung des Ichs und seine eigene Starrheit und Leere' 
infolge des Verlustes der eigentlichen seelischen Bindung und Beziehung, des 
seelischen Kontaktes nicht bloß mit den Objekten der gegenwärtigen Außenwelt, 

3) Die psychologischen IVlechanismen und Vorgänge, wie Introjektion, Projektion usw., 
brauche ich hier nicht ausführlich zu berücksichtigen. 



Zur Arbeit von E. Kris: „Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken" 475 

sondern noch früher mit den introjizierten Objekten der Innenwelt. Das Porträt 
der Schizophrenen ist, wie jedes andere Symptom, das Ergebnis der Bemühung 
um die Restitution und des Mißerfolges dieser Bemühung — eine Kompromiß* 
bildung zwischen dem Streben nach Rückkehr in die reale Welt und dem stören* 
den Krankheitsprozeß. Diese Erklärung erscheint mir viel begründeter und zu« 
gleich viel einfacher und deutlicher. Sie bleibt auf dem Gebiete des rein Psycho* 
logischen und braucht nicht ihre Hoffnungen in die zukünftigen Fortschritte der 
Neurologie zu setzen. 



BESPRECHUNGEN 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

ALEXANDER, FRANZ und HEALY, WILLIAM: Roots of Crime. Psychoanalytische 

Studien. Alfred A. Knopf, New York, 1935. 

Die Autoren dieses Buches, beide hervorragende Fachleute auf ihrem Gebiet, hatten zehn 
Monate hindurch die einzigartige Gelegenheit, die psychoanalytische Methode bei einer 
Gruppe rechtskräftig verurteilter Verbrecher anzuwenden. Hiezu wurden solche Personen 
ausgesucht, die dem Judge Baker Guidance Centre schon früher, in manchen 
Fällen acht Jahre und länger, gut bekannt und den üblichen Untersuchungen und Be# 
handlungen unterworfen worden waren. Auch war man über das Leben, das sie in den 
dazwischenüegenden Jahren geführt hatten, recht gut orientiert. Zur Zeit der Analyse aber 
kannte keiner der Analytiker das ganze jeweils vorher über seinen Analysanden gesam«^ 
melte Material. Zur Orientierung stand ihnen lediglich ein kurzer Überblick über die 
wichtigsten Daten zur Verfügung, der jedoch keinerlei Angaben des Schuldigen über 
seine eigenen Probleme, Stellungnahmen und Konflikte enthielt. 

Diese selbst auferlegte Einschränkung im Gebrauch von früher erhobenen Daten war 
insofern erwünscht, als die Gegenüberstellung des während der Analyse erarbeiteten mit 
dem früher mehr oder weniger gründlich ermittelten Material nach Angabe der Verfasser 
ein wesentUches Ziel der Untersuchung bilden sollte; dadurch bot sich Gelegenheit zu 
einem Vergleich der durch die Analyse erforschten inneren Vorgänge mit dem mannig* 
fachen Material, das von den früheren Aufnahmen her vorlag und das man gelegentlich 
klinischer Untersuchungen, durch Eltern, Anstaltsbesuche oder auf anderem Weg erhalten 
hatte. 

Ungeachtet der Einschränkung, die Raum^« und andere Rücksichten bei der gedruckten 
Wiedergabe einer psychoanalytischen Behandlung notwendig mit sich bringen, sollte dieses 
Buch doch jeden von (1er relativen Unzulänghchkeit des traditionellen, objektiven, kUnisch« 
soziologischen Studiums eines Menschen überzeugen, verghchen mit den sich vertiefenden 
und häufenden Erkenntnissen in ihrem Wechsel von Reiz und Reaktion, die ein psycho« 
analytischen Verfahren ermöglicht. 

Die Frage nach der Anwendung dieser Methode auf die Probleme der Verbrechen sollte 
hier eine untergeordnete Rolle spielen. Auch wenn man den therapeutischen Nutzen in 
Frage stellt, kann man die unverkennbare Tatsache der größeren Zuverlässigkeit dieses 
Verfahrens als Mittel zum Verständnis der menschlichen Motive und Handlungen nicht 
verkennen. In ihrer Diskussion der theoretischen und praktischen Tragweite eines solchen 
Unternehmens bei dem heutigen Stande der Prozeduren in kriminellen Angelegenheiten 
weisen die Autoren auf die zahlreichen durchgreifenden Änderungen hin, die in der 
öffentlichen Stellungnahme, in der soziologischen, rechtUchen und strafrechthchen Praxis 
Platz greifen müssen, ehe die Psychoanalyse mit vollem Erfolg in der Kriminologie etwas 
leisten kann. 

Der Schreiber dieser Kritik ist jedenfalls davon überzeugt, daß dies durchführbar ist und 
daß Kompromisse dabei keinerlei wirklich verbessernden Einfluß auf die wachsende Ge* 
fahr der Kriminalität haben können. 

Die außerordenthche Begeisterung, die dieser Versuch als ein Ereignis in der kriminal 
listischen Praxis hervorruft, gilt nicht in gleichem Maße den Ergebnissen der vorliegenden 



I 



Besprechungen 477 



Arbeit. Das geringe klinische Material (sieben oder acht Fälle) und die Unvollständigkeif 
infolge gewisser, nicht ru vermeidender Umstände erfüllen nicht die Erwartung, uns 
allzufiel aufsehenerregende neue Entdeckungen auf dem Gebiete des menschlichen Ver« 
haltens im allgemeinen und im besonderen des kriminellen zu bringen. Die ursprünglichen 
Neigungen, die ans Licht kommen, wie vornehmlich solche, die mit dem oralen Entwick»^ 
lungsstadium verknüpft sind, können nicht als Ursache für die Kriminalität dieser Indi* 
viduen gelten. Man kann höchstens sagen, daß das Zusammenwirken bestimmter Umstände 
solche Individuen, die durch eine ungesunde Kind^Eltern^Beziehung dafür besonders emp^* 
fänglich sind, in verbrecherische Laufbahnen treibt. 

Was diese Arbeit dem auf diesem Gebiete schon vorhandenen Wissen hinzufügt, ist, 
daß selbst die gründlichste Untersuchung der subjektiven Elemente einer Persönlichkeit 
die Annahme jedes gut unterrichteten Kenners kriminologischer Probleme bestätigt, näm«- 
lieh, daß letzten Endes verbrecherische Handlungen auf die Wechselwirkung zwischen 
Umgebung und subjektiven Faktoren zurückzuführen sind, und daß das wahre Motiv 
einer Tat nicht notwendig durch die augenscheinlichen und manifesten Tatbestände, die 
so ein Geschehnis umgeben, aufgeklärt wird. Die vorliegende Untersuchung hebt die 
subjektiven Elemente im verbrecherischen Handeln hervor; darin stimmen die Verfasser 
mit einem Ausspruch überein, der, mehr als hundert Jahre alt, besagt, daß jede Gesell^ 
Schaft die Verbrechen verdient, die sie hat, und dieser Anschauung leihen sie durch ihre 
Untersuchung größeren Nachdruck. 

Es ist aufrichtig zu hoffen, daß die Autoren und andere gut geschulte Psychoanalytiker 
weiter Gelegenheit zur analytischen Erforschung und vielleicht auch Therapie einzelner 
Verbrecher finden werden. Ohne Zweifel liegt darin eine große Hoffnung auf eine bessere 
Lösung der Probleme, vor die der einzelne Verbrecher uns stellt, und gewiß besteht der 
hicht weniger wertvolle Ausblick auf die endgültige Feststellung, daß das, was sich heute 
die Wissenschaft vom Verbrechertum nennt, nebst ihrer kostspieligen Maschinerie wenig 
fruchtbar ist. B. G 1 u e c k (New York) 

ALEXANDER, FRANZ, und STAUB, HUGO: O crlminosa e sens juizes. Rio de Janeiro, 
Editora Guanabara, 1934. 

Das Buch ist die portugiesische Übersetzung des wohlbekannten Werkes. Übersetzer 
ist Leonidio Ribeiro, Direktor des Institute de Identifica?äo in Rio de Janeiro, dessen 
offizielles Organ das Arquivos de Medicina Legal ist, und Träger des Lombroso^Preises 
^^^ ^933. H. M a y o r (London) 

BERGLER, EDMUND: Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe. Psychoanalvtisch==bio.^ 
graphische Essays. Int. Psa. Verlag, Wien 1935, 166 S. 

Triebpsychologische Deutungen, wie sie in den hier gesammelten Aufsätzen vorgelegt 
werden, stellen darum erfreuliche Beiträge zur psychologischen Erforschung historischer 
Persönlichkeiten dar, weil die Zusammenhänge, die der Verf. herausarbeitet, immer noch 
zu oft in den biographischen Arbeiten übersehen werden. Doch hätte man aus diesem 
Grunde gewünscht, daß der Verfasser sich mehr der Herausarbeitung lebensgeschicht=< 
lieber Zusammenhänge gewidmet hätte. Er hat, wie mir scheint, der im psychoanalytischen 
Schrifttum (und auch in der Praxis) leider noch allzuhäufigen Neigung ein Stück weit 
nachgegeben, dort, wo klare lebensgeschichtliche Zusammenhänge nicht zu erschließen 
sind, die Lücken mit Begriffen wie „unbewußtes Strafbedürfnis", „Schuldgefühl" usw. 
auszufüllen. All das bleibt im Grunde unbefriedigend, weil das konkrete Geschehen nicht 
einsichtiger wird. 



478 Besprechungen 



Es sei mir gestattet, an den Arbeiten noch etwas Prinzipielleres auszusetzen: Der Wert 
einer solchen Darstellung ist erst dann voll gegeben, wenn das hervorgehobene Schicksal 
der Sexualentwicklung im größten biographischen Rahmen abgebildet wird. Eine ideale 
und darum nie ganz zu erreichende Darstellungsform müßte versuchen, die Ödipusbe* 
Ziehung, die Oralität, die Analität, die frühkindliche Sexualität usw. in derart reichem und 
vielschichtigem Zusammenhang erscheinen zu lassen, daß alle psychoanalytischen Termini 
überflüssig würden, daß aber gerade dadurch die von der Psychoanalyse immer wieder 
herausgestellten Tatbestände unmittelbar überzeugend erwiesen wären. Gerade bei bio* 
graphischen Darstellungen ist dieses Gebot heute für Psychoanalytiker nicht mehr zu 
umgehen. Daß es durchzuführen ist, zeigt die Studie von Hanns Sachs über „Bubi 
Caligula", deren „unanalytische" Sprache dem „analytischen" Gehalt nicht nur keinen 
Abbruch tut, sondern ihn erst eigentlich lebendig werden läßt. G. B a 1 1 y (Zürich) 

FLÜGEL, J. C.: Men and Their Motives. Psychoanalytische Studien. Mit zwei Essays von 
Ingeborg Flügel. Kegan Paul, Trench, Trubner & Co., Ltd., London, 1934, 289 S. 
Es war wohl wert, diese Essays in Buchform herauszugeben; wir bedauern nur, daß sie 
nicht in der „International Psychoanalytic Library" erschienen sind. Den Kennern der 
psychoanalytischen Literatur sind sie so vertraut, daß es keines detaillierten Referates be* 
darf. Das Buch enthält sechs Essays von Professor Flügel: „Die Psychologie der Ge* 
burtenregelung", „Sexuelle und soziale Gefühle", „Einige Probleme der Eifersucht", 
„Maurice Bedels .Jerome'. Eine Studie der Kontrast*Typen", „Esperanto und die inter« 
nationale Sprachbewegung", „Über den Charakter und das Eheleben Heinrich VIII."; 
außerdem noch zwei Essays von Frau Flügel: „Über die Bedeutung von Namen" und 
„Einige- psychologische Aspekte über einen Fuchsjagd^^Ritus." Alle stellen in sich ge* 
schlossene Beiträge zum psychoanalytischen Wissen dar, speziell zu dessen Anwendungen. 
Da sie sehr flüssig geschrieben sind, dürfen sie wegen der großen Mannigfaltigkeit der 
Themen, die sie behandeln, ein umso größeres Interesse beanspruchen. Das Buch ist ein 
wertvoller Beitrag zur englischen psychoanalytischen Literatur. 

E. Jones (London) 

GOITEIN, P. LIONEL: Footnote to an Allegory of Bellini. The Psychoanalytic Review. 

1934. Vol. XXI, Nr. 4, S. 361—371. 

Das Gemälde „Allegorie vom Lebensbaume" von BelÜni (Uffizien, Florenz) wird als 
unbewußter Versuch, die durch die illegitime Geburt des Künstlers hervorgerufene psychi« 
sehe Situation zu lösen, gedeutet. Die weiblichen Figuren stellen sowohl die Verwerfung 
wie die schließliche Annahme und Erhöhung der Mutter dar, einer unberührten Jungfrau, 
in deren Körper der Künstler symbolisch wieder eintritt, um noch einmal, ohne sein wahres 
Ich zu zerstören, geboren zu werden. Andere Teile des Gemäldes zeigen anale und phal* 
lische Phantasien. L. D o o 1 e y (Washington) 

RÖHEIM, GfiZA: The Riddle of the Sphinx. Autorisierte Übersetzung aus dem Deut« 
sehen von R. Moneys'Kyrle. Mit einem Vorwort von Dr. Ernest Jones. Inter<< 
national Psycho^Analytical Library, London, 1934, 302 S. t 

Beiweitem nicht jede Arbeit von größerer Bedeutung auf anthropologischem oder selbst 
auf psychoanalytischem Gebiet bietet dem Leser eine so erfreuliche Anregung wie dieses 
Werk. Das Erfreuliche daran rührt zum Teil direkt von dem eigenen Reiz des Weges her, 
auf dem der Autor eine Lösung des Rätsels anstrebt, — einem Reiz, den die ausgezeiich» 



Besprechungen 479 



nete Übersetzung ungeschwächt wiedergibt, - zum Teil entspringt es dem Eindruck, den 
der Leser von der geistigen Regsamkeit des Autors und seiner großartigen Beherrschung 
des Materials empfängt. 

Die Leichtigkeit, die Tiefe und der Umfang des Verständnisses, die dieses Buch kenn« 
zeichnen, sind das Ergebnis zweier neuer Anregungen: der eigenen, unmittelbaren Edaho 
mng R o h e I m s mit den Primitiven und seiner Anwendung der Forschungen von Melanie 
Klein an Hand der unmittelbaren Analysen von Kleinkindern. Sie beide zusammen 
ergaben die Möglichkeit, sowohl die äußeren Erscheinungen der Geschichte der mensch^» 
heben Gesellschaft als auch ihre innere Dynamik weitaus richtiger zu erkennen und zu 
würdigen, als dies von Seiten vieler nichtanalytischer Forscher geschieht. In diesem Ge* 
samtbild spielen die Primitiven eine menschÜche und persönliche Rolle - ebenso mensch« 
lieh und persönlich wie wir, die wir von ihnen lesen und über sie schreiben. Röheim 
sagt selbst: „Mein erster Eindruck bei meiner Forschungsarbeit war der, daß die Primitiven 
nicht annähernd so primitiv sind wie die Anthropologen, mit anderen Worten, daß sie nicht 
annähernd so geheimnisvoll sind, wie man nach der Lektüre Tylers, Frazers, Levy« 
Brühls oder sogar Röheims annehmen möchte" (S. 238). Die neue Fähigkeit des 
Autors, Menschen zu sehen, wo man bisher nur „Totemismus", „Animismus" usw. kannte, 
steht im Einklang mit der Art und Weise, in der er nun d as Ki n d in den Mittelpunkt 
des menschlichen psychologischen Dramas stellt. Er betont, daß es „drei Akteure in dem 
großen Spiel" gebe: „den Vater, die Brüder und die Kinder", und daß es diese drei immer 
gegeben haben müsse. Das Verständnis, das uns Freud vermittelte, indem er uns die 
Gegenüberstellung zwischen der Urhorde der erwachsenen Söhne und dem Urvater zeigte 
miissen wir nun durch eine tiefere Würdigung der schockartigen Wirkung dieses Kampfes 
auf die unreifen Beobachter, die Kinder, ergänzen. R6 heims Verwendung der Bei« 
träge Melanie Kl eins hat das Problem der menschlichen Uranfänge dem Verständnis 
naher gebracht, als es die psychologischen Tatsachen, wie wir sie aus der täglichen ana« 
lytischen Arbeit kennen, vermochten. 

Das Buch widmet sich seinem Aufbau nach hauptsäcWich der Theorie und enthält 
R6 heims Reflexionen über seine Forschungsarbeit in den Jahren 1929 bis 1931; seine 
Hauptthemen sind: die Urreligion, der zentralaustralische Totemismus, die ontogenetische 
Deutung der Kultur und das Problem der menscWichen Uranfänge. Es enthält ferner 
eine Reihe von Nachträgen zu den wesentlichsten Punkten, die einige der aufschlußreichsten 
Gedankengange enthalten. Jedoch sind auch eine Fülle wichtiger Tatsachen und nicht 
wenig neues Material in den theoretischen Zusammenhang verwoben, die letzten Endes 
einen guten Teil, seines Wertes und Reizes ausmachen. Da es sich hier zum ersten Malei 
ereignete, daß ein erfahrener Analytiker die Gelegenheit zur unmittelbaren Beobachtung 
auf diesem Gebiet fand, war es dieser Arbeit bestimmt, nicht bloß theoretische Ergeb« 
nisse zu zeitigen, sondern auch neue und bedeutsame Tatsachen zutage zu fördern. Hier 
war ein Beobachter am Werk, dem es nicht nur gegeben war, die Einzelheiten der Rituale, 
Mythen und Gebräuche, die Ausdrucksformen der sozialen Beziehungen zu vermerken 
und zu überliefern, die den nichtanalytischen Forschern entgehen mußten, — Fragen auf 
den Grund zu gehen, die für diese anderen gar nicht existieren, — sondern dem es auch 
möglich war, eine tiefere Gefühlsbeziehung mit seinen primitiven Freunden einzugehen, 
und dem sie nicht nur ihre Träume, sondern auch ihre freien Einfälle und Erklärungen 
offenbarten. Auf diese Weise konnte er für den gewöhnlichen Beobachter unerreichbares, 
vorbewußtes psychisches Material zugänglich machen und konnte vor allem unbewußte 
Empfindungen und Phantasien deuten. Endlich konnte er mit voller Aufmerksamkeit das 



480 Besprechungen 



Spiel der primitiven Kinder übersehen und aus seinen Gesprächen mit ihnen neue Anhalts* 
punkte gewinnen. Welch reiche Ergebnisse diese Hilfsquellen zeitigten, ist den Lesern der 
Imago^ bereits bekannt, in der die wichtigsten dieser neuen Tatsachen und Perspektiven 
veröffentlicht worden sind. Die vorliegende Darstellung anläßlich der theoretischen Be« 
arbeitung des Stoffes ist aber noch weit ausführlicher. 

Das Material ist in seinen Einzelheiten viel zu reichhaltig und mannigfaltig, als daß 
es sich zusammenfassen oder zitieren ließe; doch gewinnt man allenthalben den, Ein«« 
druck, daß R.,s Ansichten sich streng an die unmittelbaren Tatsachen halten. 

R. hebt hervor, wie sehr bei den anthropologischen Berichten nicht bloß stillschweigend 
eine Deutung, sondern auch wissentlich oder unwissentlich eine Auslese der aufgezeich* 
neten Daten vorgenommen worden ist. Strehlow z. B. erfaßt nicht, daß die Handlung 
und der Gesang bei den verschiedenen Totemkulfen nicht nur durch die Art des Totem« 
tieres, sondern auch des Ortes bestimmt werden. Spencer und G i 1 1 e n ahnen nicht, 
daß die totemistische Zeremonie die Dramatisierung eines Mythos ist. Spencer ver* 
mißte sogar den Zusammenhang zwischen Gesang, Mythos und Ritual, denn er konnte 
die Gesänge nicht übersetzen und nahm deshalb einfach an, daß sie für die Eingeborenen 
selbst unverständlich seien. 

Die Psychoanalytiker wiederum, die ihr Material entweder von anderen Schreibtisch* 
anthropologen oder von unzulänglich ausgerüsteten Feldforschern beziehen, sind darauf 
angewiesen, ausgearbeitete Theorien auf unrichtige oder allzu dürftige Daten zu gründen. 
L a f o r g u e^ z. B. nimmt an, daß „das, was wir Orgasmius nennen, oft nur unter ganz 
besonderen Bedingungen, wie z. B. bei Massentänzen und Ekstasen, oder beim Koitus als 
religiösem Zeremoniell erreicht" wird, eine Annahme, der alle Tatsachen widersprechen. 
Weder R 6 h e i m noch Malinowski fanden psychosexuelle Impotenz oder weibliche 
Frigidität und Perversionen unter den Wilden oder Halbwilden, mit denen sie in Berührung 
kamen. Laforgue hingegen benützt die Annahme des größeren Konservativismus der 
Primitiven, um seine Ansicht zu stützen, daß sie mehr Angst produzierten als die Kultur* 
Völker. R. zeigt, daß schon die Voraussetzung äußerst fragwürdig ist. 

R. wählt das „Rätsel der Sphinx" zum Ausgangspunkt. Obgleich er gelegentlich auf 
indoeuropäische Phänomene zurückgreift und unter einer Fülle anderen Materials von 
den Studien Ernest Jones über den Alptraum^ Gebrauch macht, befaßt er sich doch 
hauptsächlich mit den Völkerschaften Zentralaustraliens. Er zeigt, daß, während der Tote* 
mismus an seiner klassischen Stätte Zentralaustraliens — mit seinen Abstammungsmythen, 
Pubertätsriten, Vermehrungszeremonien und Tjuvunga — die esoterische offizielle Religion 
der erwachsenen und eingeweihten Männer für die Zeit der Stammesversammlungen der 
Regenperiode ist, eine andere Religion sphinxartiger Dämonen mit dem Medizinmann als 
Exponenten — eine Mythologie von Volksmärchen, heilenden oder krankmachenden Riten, 
mit zugespitzten Knochen und magischen Steinen als Kultgegenständen — während der 
übrigen Zeit, in der das Volk in kleinen Familienverbänden wandert, vorherrscht, die die 
ständige Religion der Frauen und Kinder darstellt. Die Dämonen erscheinen, im Gegen* 

1) Imago, Bd. XVIII, H. 3/4, Sonderheft: R 6 h e i m. Die Psychoanalyse primitiver 
Kulturen. 

2) R. Laforgue: Libido, Angst und Zivilisation. Psa. Studien. Int. Psa. Verlag,i 
Wien, 1932. 

3) E. Jones: On the Nightmare. 2. Aufl., Hogarth Press, London, 1931. — E. J o n e s : 
Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens. 
Deutsch von Dr. E. H. S a c h s. Verlag Franz Deuticke, Wien, 1912. 



k 



Besprechungen 481 



satz zu den wohlgestalteten Ahnen der totemistischen Welt, als eine Art häßlicher Unge* 
heuer und sind vor allem durch riesige Genitalien und kannibalistische Gewohnheiten 
gekennzeichnet. Welche Form magischer Betätigungen wir in Zentralaustralien auch untere 
suchen mögen, ob es sich um solche zur Heilung oder zur Zerstörung handle, — immer 
finden wir das Volk mit irgendetwas beschäftigt, was den Glauben an Dämonen in sich 
schließt, und „alle Formen von aggressiver Magie lassen sich auf die eine Formel zurück«- 
führen: irgendetwas wurde aus dem Körper des Zauberers herausgenommen und in den 
der kranken Person eingeführt" (S. 63). Ob dieses Etwas, welches in den magischen 
Liedern „besungen" wird, ein Knochen oder ein Stock, eine Schlange oder ein Stein ist, es 
verrät immer denselben unbewußten Inhalt. „Der Zauberer tut in Wirklichkeit eines von 
zwei Dingen: entweder er benützt den symbolischen Penis zum Verkehr mit seinem Opfer 
oder er saugt die Krankheit aus." (S. 64.) Und er kann seine magischen Waffen zur 
Verteidigung des gemeinsamen Besitzes verwenden, indem er seine Steine und andere 
Wurfgeschoße gegen den Teufel schleudert, um ihn so zu töten oder wenigstens zu ver* 
scheuchen. Gleichwohl handelt es sich aber um eine hilfreiche Abart 'des Teufels. Die 
Vorstellungen vom Teufel, der sich in die Menschen hineinfrißt, und vom Teufel mit dem 
riesigen Penis illustrieren die außerordentliche Wichtigkeit der Projektion für die kindliche 
Phantasie, da sie die ersten Impulse des Kindes widerspiegeln, das sich seinen Weg in den 
Leib der Mutter oral oder phallisch zu bahnen wünscht. Der Zauberer, der das Übel aus 
dem Körper seines Patienten saugt, benimmt sich wie der Teufel. Er regrediert auf die 
anale Stufe und identifiziert den Körper des Patienten mit der Brust der Mutter. Die psy? 
chologischen Wurzeln des prätotemistischen Dämonkults Hegen daher in den frühesten, 
mit sexueller Spannung verbundenen Ängsten des Kindes. „Die mit den elterlichen Imagines 
verknüpfte Angst entsteht hauptsächlich durch die Beobachtung der Urszene, ist aber 
auch zum Teil durch die orale Aggression des Kindes und die unbefriedigten Impulse des 
Knaben oder Mädchens bedingt. Weil der Knabe in der Urszene seinen Vater zu kastrieren 
wünscht, fürchtet er den kastrierten Vater in der Person des kannibalistischen Wesens, 
auf das er seine eigenen aggressiven Impulse projiziert. Es liegt aber ein Wunsch hinter; 
der Angst versteckt, nämlich der Wunsch des negativen Ödipuskomplexes, durch den 
großen Penis des dämonischen Vaters in eine Frau verwandelt zu werden. Eine weitere 
Komplikation tritt durch die Tatsache ein, daß der ersehnte Koitus durch die Vorstellung, 
den Penis gegessen zu haben, repräsentiert sein kann, wobei das gefürchtete Objekt hier 
die kannibalistische Mutter mit der riesigen Vagina ist. Auch primitive Vorläufer des 
wahren Über^Ichs spielen eine Rolle; die Autorität, welche die Ödipuswünsche bestraft, 
ist dabei für die Mädchen gewöhnlich ein weiblicher, für die Knaben ein männlicher 
kannibalistischer Dämon" (S. 40 f). 

„In der aggressiven Magie finden wir eine Phantasiereaktion des Knaben, der als Zeuge 
der Urszene eine Erektion hat und den Vater zu töten wünscht, während wir in der Heil<< 
magie die Identifizierung des kranken Körpers mit der Mutter und das Aussaugen von 
etwas, das die Milch der Mutter oder den Penis des Vaters symbolisiert, vor uns sehen. 
Genau gesprochen, ist die Urszene jedoch auch in letzterem Vorgang enthalten. Der 
Knabe versucht, das Geschehene rückgängig zu machen und den Penis des Vaters aus der 
Mutter zu entfernen" (S. 68) — eine Schlußfolgerung, die R. durch die Träume eines 
berühmten Pitchentara^-Zauberers bestätigt wird. Die Initiation der Pitchentara für die 
Zauberer steht zu den anderen zentralaustralischen Einweihungen in demselben Verhältnis 
wie eine relativ offene Darstellung eines gegebenen Themas zu seiner mehr symbolischen 
und verschleierten Version. „Der Zauberer nimmt eine feminine und masochistische Hal^ 

Imago,' XXII/4 3j 



482 Besprechungen 



tung dem Vater gegenüber an, damit dieser bereitwilliger eine maskuline und sadistische 
Haltung anderen gegenüber einnehmen möge. Die Steine der Krankheit wurden auf ihn 
geworfen, und er wurde ein Zauberer: er wirft dieselben Steine auf andere, und diese 
werden krank. Seine Seele wurde verzehrt, er verzehrt die Seelen der Kinder. Aber der 
Dämon bleibt im Mittelpunkt des Bildes; seit der Zauberer durch den phallischen Teufel 
eingeweiht worden ist, ist er selbst zur Hälfte ein Teufel" (S. 81). 

Sodann fährt R. fort, die latente Bedeutung des zentralaustralischen Totemismus und 
dessen Beziehung zu den Dämonen dieses Gebietes zu untersuchen. Seine Beobachtungen 
führen zu der wichtigen Schlußfolgerung, daß die Zeremonien die darstellerische Wieder* 
gäbe der Ahnenmythen und die begleitenden Gesänge Erläuterungen der Handlung seien. 
Gesänge, Mythen und Ritual seien einander genau koordiniert. Das Thema der totemi=» 
stischen Riten besteht darin, die Wanderungen der Gesamtheit der Vorfahren vom Tode 
bis zur Verwandlung in Tjurunga darzustellen. Aber diese Darstellung muß den wech« 
selnden realen Umständen angepaßt sein; die Handlung beschränkt sich auf das, was Zeit 
und Umstände, Wetter, Nahrung und Material gestatten. So wird, wie gesagt, ein Kom^ 
promiß zwischen dem Idealen und dem Realen hergestellt. Der ganze Apparat der totemi« 
stischen Kultur scheint viel plastischer zu sein, als man ihn sich bisher vorgestellt hat, — 
ein weiterer Gesichtspunkt, durch den R. den Primitiven uns näher bringt. Überdies läßt 
sich die Vielfältigkeit der Riten und Mythen mit ihren endlos variierenden Details aus 
theoretischen Gründen auf bestimmte, wiederkehrende Themata eines übergeordneten XJx" 
bildes zurückführen, das einen Einblick in ihre unbewußte Bedeutung gestattet. 

Hinsichtlich der Bedeutungsakzente innerhalb des Gesamtmodells der totemistischen 
Riten wurden auf Grund R.'s unmittelbarer Beobachtungen gewisse Korrekturen notwendig. 
Am wichtigsten ist die Tatsache, daß er nunmehr behauptet, das zeremonielle Zittern oder 
alknantama spiele nicht bloß eine nebensächliche, sondern eine durchaus zentrale Rolle 
in der ganzen Zeremonie. Es kehrt in allen Nachahmungsriten wieder. Die Arunda ver»» 
wenden „erooma" als Synonym oder als Erklärung von „alknantama"; und „erooma" 
bedeutet „Zittern" oder genauer: Zittern durch erotische Erregung. Es repräsentiert das 
im Mittelpunkt stehende Mysterium, nämlich den elterlichen Verkehr. Wenn einer von 
Röheims Freunden während der freien Assoziationen zu einem Traum gefragt wurde, 
ob er Zeuge des elterlichen Verkehrs gewesen sei, antwortete er: „Ich habe meinen Vater 
bei einer heiligen Handlung gesehen." Die Eltern des Pindupikindes verbieten ihren Kin^« 
dern nur zwei Dinge: den elterlichen Koitus zu beobachten und an den totemistischen 
Riten teilzunehmen. „Lelitukutus Traum" bewies jedoch, daß die Kinder den Sexualverkehr 
beobachten. Die Angst vor dem Vater verdrängt dieses Erlebnis gleichzeitig mit dem damit 
verbundenen inzestuösen Impuls. Aber das totemistische Ritual bietet einen Ersatz und 
eine sublimierte Form der Befriedigung. Was verboten war, ist nun in die Sphäre des 
Übers'Ichs emporgehoben und auf diese Weise zwingend und sozial gültig geworden. Groß 
war diä Gefahr eines Konfliktes zwischen den Darstellern des sexuellen Spieles und den 
Zuschauern, zwischen dem Vater und dem Sohn. Aber sie ist nun vorbei, denn beide 
spielen miteinander. In diesem Spiel zittert ein älterer Mann in sexueller Erregung und 
die Jungen ermuntern ihn: ,Machs gut! Zittere!'. Aber sie können auch die Szene be* 
enden. Einige aus der Gruppe der Zuschauer kommen nach vorne und legen ihre Hände 
auf die zitternde Gestalt . . . 

Im Ritus wird die Endlust nicht dargestellt. Das Ritual bietet dem Sohn eine andere Art 
der Befriedigung, indem es ihn den Vater beim Sexualakt unterbrechen läßt. Er ist nicht 
länger ausgeschlossen; er ist in das sexuelle Mysterium eingeweiht. Das ist tatsächlich die 





Besprechungen 483 



.offizielle', d. h. die bewußte Bedeutung des Inititationsritus, der die Söhne in das bisher 
verbotene Reich des Sexuellen einführt" (S. 115 f). 

R. betont sodann nachdrücklich die Tatsache, daß die Verbindung zwischen Totemismus 
und Initiation enger ist, als es bisher den Anschein hatte. „Einerseits kann nur der Einge* 
weihte an dem Totemkult teilnehmen. Andererseits ist die Einweihung streng totemistisch 
und besteht aus einer Reihe kultischer Handlungen, wie Zirkumzision und Subinzision; 
sie beruht gleich den anderen Riten auf totemistischen Mythen und wird von totemistischen 
Ritualgesängen begleitet. Der Umstand, daß der totemistische Kult (d. h. der Koitus) ein 
Privileg der Erwachsenen ist, ist auch in anderen Träumen betont" (S. 116). In manchen 
Kulten beenden !nWc?!mma=Zeremonien die Initiationsriten. Dieses Thema wird sodann 
noch weiter entwickelt. „Ein Studium der Pubertätsriten hilft uns, den Übergang vom 
Dämonenglauben zum Totemismus präziser zu formulieren. Die Einweihungszeremonien 
trennen den exoterischen Dämonenglauben von der esoterischen totemistischen Lehre. 
Den Frauen und Kindern wird erzählt, daß ein Dämon, Tuanyiraka, die Jünglinge in 
Männer verwandle, den Eingeweihten aber sagt man, daß es nicht Tuanyiraka sei, sondern 
die Ahnen und die Tjurungas, die sie verkörpern" (S. 148). 

„Waj aber ist die wirkliche Bedeutung, der Sinn und die Struktur der totemistischen 
Mythologie? Aus einer Analyse der Gesänge geht klar hervor, daß die wiederkehrenden 
Elemente entweder voneinander entlehnt sind oder — und das ist wahrscheinlich die 
wichtigste Entwicklung — daß sich die Wandersagen durch Vereinigung einer Anzahl 
ursprünglich kurzer Gesänge und Riten herausgebildet haben. So gibt es in Wirklichkeit 
nur einen Ritus, den alknantama der an verschiedenen Orten ausgeführt wird. Das 
entsprechende Element im Mythos ist entweder der Vorfahre Alknantama (der die Keime 
der Kinder hervorbringt) oder die Verwandlung in Tjurungas. Die ganze Wanderung ist 
nur eine Einleitung zu diesem Ereignis, und es ist wahrscheinlich, daß im ursprünglichen 
Ritus nur die Verwandlung in Tjurungas, d. h. der Koitus der Ahnen, dargestellt war 
(alknantama). Die gegenwärtige komplizierte Struktur entstand durch die Hinzufügung 
des Wanderthemas, dessen latente Bedeutung wiederum der Sexualakt ist. Einerseits wur<= 
den wirkliche historische Wanderungen in die Mythen aufgenommen, andererseits ht" 
stimmen von irgendeiner lokalen Besonderheit hergeleitete Namen von Orten den Inhalt 
und die Verschmelzung der verschiedenen Sagenmotive" (S. 138). 

„Wir können endlich den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Formen der 
zentralaustralischen Religion verstehen. Der Teufelsglaube beginnt mit der Angstreaktion 
auf die Urszene. Das Kind sieht die koitierenden Eltern. Aber in der projizierten Version 
dieser Erinnerung, in der der tatsächliche Inhalt verleugnet wird, sind die Koitierenden 
nicht die Eltern, sondern unmenschliche Teufel. Die Angst jedoch ist an reale Wesen 
fixiert, hauptsächlich an Tiere, da die Beobachtung des tierischen Koitus als Deckerinne<= 
rung für die Urszene dient. An Stelle der Teufel finden wir die phallischen Wildkatzen* 
vorfahren und die gekrümmten Tjurungas, mit denen sich die Männer identifizieren und 
deren Koitus sie in der rituellen Verrichtung nachahmen. Der Flugtraum ist ein Erektions« 
träum; und aus diesem Grund träumt der Zauberer, er sei ein Adler, und die Darsteller 
schmücken sich zum Ritual mit Adlerfedern. Nach der Initiation sieht der Jüngling 
wiederum die Urszene, aber diesmal in einer sublimierten, vom Übersieh beeinflußten 
Gestalt. Der Mensch versucht, den verwirrenden Inhalt (Urszene) durch Projektion (Teufel) 
zu bewältigen, aber Introjektion folgt dem Mißlingen dieses Versuches. Dem Knaben 
werden zuerst Geschichten vom Teufel Tuanyiraka erzählt, dann erzählt man ihm, daß er 
selbst oder sein Ebenbild, der Tjurunga, ein Tuanyiraka sei . . . 

31» 



. . . Die Reintrojektion dieser Wesen findet nur nach der Einweihungszeremonie statt. 
Dann werden sie aus menschenfressenden und phallischen Dämonen in beschützende 
Ahnen verwandelt, die von jeder Berührung mit Frauen ferngehalten werden : Angst weist 
den Weg zur Verehrung, Liebe und Identifizierung" (S. 156 f). 

R. greift nun das Problem der ontogenetischen Deutung der Kultur auf und nimmt 
dabei auf einige seiner bereits publizierten Arbeiten* über die Duau und die Zentralaustra«! 
lier Bezug. Es soll an seine Annahme erinnert werden, der spezifische Charakter dieser 
beiden Völker lasse sich aus einem infantilen Trauma herleiten und als Verteidigungsmaß« 
nähme gegen bestimmte infantile Erlebnisse erklären. Er beginnt: „Wenn die Analyse den 
Zusammenhang zwischen infantilem Erlebnis und dem Schicksal der Individuen enthüllt, 
so ist es selbstverständlich, daß die gewonnene Einsicht auch auf das Schicksal von Völkern 
angewendet werden kann. Bisher aber haben uns Worte dazu verführt, Völker wie Über* 
Individuen zu behandeln und in ihrer Frühgeschichte nach traumatischen Ereignissen zu 
suchen. So sahen wir im Konflikt zwischen Völkern oder in Kathastrophen der Außeo* 
weit infantilen Traumen analoge Ereignisse" (S. 166). R. erhebt den Anspruch, daß wir 
hiefür mit einer vera causa versehen seien seit der Entdeckung, daß bestimmte Völker auch 
in der Behandlung ihrer Kinder bestimmte Gewohnheiten haben, durch die Traumata, 
analog denjenigen, die die Psychoanalyse aufdeckt, hervorgerufen werden, — ist doch die 
Art und Weise, in der solch ein infantiles Trauma das Übersieh und den Charakter be* 
einflußt, aus den klinischen Analysen gut bekannt. „In der Beziehung zu unseren Kindern 
erleben wir nochmals unsere eigene Kindheit und befriedigen die libidinösen Impulse, die 
nicht auf andere Weise befriedigt wurden" (S. 169). Er gibt zu, daß der erste Teil dieses 
Satzes nur die Formulierung eines circulus vitiosus sei, nämlich ein Schluß von einem 
typischen Trauma auf eine typische Über=Ich«Struktur und von dieser zurück auf die 
Wiederholung desselben Traumas; er meint aber, daß ein Ausweg aus diesem Zirkel durch 
den zweiten Teil des Satzes angedeutet sei: „In unseren Beziehungen zu unseren Kindern 
befriedigen wir die libidinösen Impulse, die nicht anderweitig befriedigt wurden." 

„Ein Problem von größerer Wichtigkeit erwächst aus der ontogenetischen Deutung der 
spezifisch menschlichen Kulturen. Wenn wir gelten lassen, daß Unterschiede bei der 
Behandlung von Kindern Unterschiede in der Kultur bedingen, müßten wir auch an«= 
nehmen, daß der Ursprung der Kultur im allgemeinen, d. h. die Entstehung der Mensch^ 
heit, selbst durch Traumata der Ontogenese bedingt war, die in der Eltern^Kind^'Be« 
Ziehung bei den Anthropoiden oder den vormenschlichen Wesen, von denen wir aho 
stammen, nachzuweisen sein müßten. Die Analyse lehrt uns, daß Übersieh und Charakter, 
die moralischen Haltungen, die unabhängig von der Realität und der augenblicklichen 
Situation sind, sich aus der kindlichen Erfahrung ergeben. Der Besitz dieser moralischeii 
Einstellung ist spezifisch menschlich; er unterscheidet den Menschen von seinem vor<= 
menschlichen Vorfahren" (S. 171). Wie verhält sich nun die ontogenetische Konzeption 
des Kulturproblems zur Urhordentheorie? Hier kommt R. zu dem nach der Meinung des 
Ref. interessantesten und bedeutsamsten Teil seines Buches, nämlich zu dem Problem der 
menschlichen Uranfänge. „Wenn wir die spezifischen Züge der einzelnen Kulturen aus 
der infantilen Erfahrung der Einzelmenschen, die in diesen Kulturen leben, abzuleiten 
versuchen, müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, den Ursprung der Kultur ganz 
allgemein in ontogenetischer Terminologie zu beschreiben, d. h. ihn von einer spezifisch 
menschlichen Form der Kindheit, von einem andauernden, universellen und gleichzeitig 
historischen Prozeß herzuleiten. 

4) 1. c. 



■ 



w 



Besprechungen 485 



Dabei bleiben jedoch gewisse Elemente übrig, die nicht leicht vom Ödipuskomplex, wie 
er sich in der einzelnen Familie auswirkt, abgeleitet werden können. Ich verweise auf die 
Mythen ... Sie beschreiben den Konflikt zwischen dem Einzelnen und der Masse, zwÜ^« 
sehen dem Übermenschen und der Menschheit. Überdies befassen sie sich oft mit irgend.» 
einem Ereignis der menschlichen Urgeschichte, mit irgendeinem entscheidenden Um=< 
Schwung, der mit ihrer Tragödie verbunden ist, wie etwa dem Ursprung der ZiviHsation 
oder einer Teilkultur" (S. 173 f). ' 

R. erörtert sodann im einzelnen eine Reihe von Urhordenmythen, wie er sie nennt, 
deren grundlegendes Element darin liegt, daß eine Art Übermensch dem Rest der Mensch^ 
heit gegenübergestellt wird, — ein Übermensch, der die jüngeren Mitglieder des Stammes 
verschlingt und auffrißt. Es gibt viele Varianten dieser Mythen, aber sie stimmen in der 
Grundstruktur und in manchen sekundären Einzelheiten überein. 

„An erster Stelle identifiziert eine ganze Reihe von mythischen Zügen das kannibali^ 
stische Ungeheuer, das entweder in menschlicher oder in tierischer Gestalt erscheint, mit 
dem Vater des heranwachsenden Helden. In einigen Varianten erscheint das Ungeheuer 
als weibliches Wesen, oder es sind zwei Ungeheuer vorhanden, Mann und Weib. Gewöhn* 
lieh jedoch ist es ein einzelnes Wesen — halb Mann, halb Eber — , dessen Männlichkeif 
besonders durch seine Hauer betont ist. In den Träumen, die ich bei den Duau anaiy* 
siert habe, stellt das Wildschwein tatsächlich den Vater dar; und wir können als gewiß 
nicht belanglos beobachten, daß die Eingeborenen in ihren Dörfern die Eber immer 
kastrieren. Warum wird der Vater zu einem kannibalistischen Ungeheuer, welches das ganze 
Dorf auffrißt und zum Schluß vom Sohne getötet wird? 

... der Sohn wünscht mit seiner Mutter zu verkehren, und aus diesem Grunde wird 
der Vater, der sie besitzt, ein Ungeheuer, das vernichtet werden muß. Ein anderes stän^» 
diges Merkmal des Mythos ist, daß er sich auf ein Urereignis bezieht und daß der riesige»» 
Vater droht, das ganze Menschengeschlecht und nicht nur den einen Sohn zu vernichten. 
Der Sohn scheint die Heldentat allein oder mit Hilfe eines Bruders zu vollführen, aber 
tatsächlich ist er der „Held" im R a n k sehen Sinne, d. h. ein Repräsentant der Bruderfe 
horde. Der Mythos sagt nicht ausdrücklich ,die Brüder vereinigten sich schließlich und 
schleuderten ihre Speere (oder, besser, Steine) auf das Ungeheuer', sondern ,der Held 
führte mit vielen Speeren den Tod herbei'. Andere Spuren der Horde sind in den hefe 
f enden Tieren und in der Zweizahl der Brüder zu finden. Noch heute zählen die Zentral» 
australier ,vier' nur, indem sie sagen ,zwei und zwei'; und was darüber hinausgeht, ist ein== 
fach .viel". Aber es muß eine Zeit in der menscUichen Geschichte gegeben haben, in der 
Einheit und Vielheit die einzigen arithmetischen Vorstellungen waren. ,Zwei Brüder' be» 
deutete damals ,viele Brüder'. Der Schluß der Kai»Sage verrät den Kollektivmörder in 
sehr charakteristischer Weise. Die Brüder, die ihren Vater getötet und so sich selbst an 
seine Stelle gesetzt haben, werden von allen gemeinsam getötet" (S. 188 fQ. 
„Die Möglichkeit, einen Mythos in zwei verschiedenen Lesarten (ontogenetisch und 
phylogenetisch) zu deuten, kann auf zweierlei Art verstanden werden. Auf der einen Seite 
bezieht das phylogenetische Material aus jeder folgenden Generation einen ontogenetischen 
Kraftzuwachs. Wir müssen aber annehmen, daß der onfogeneüsche Faktor auch schon in 
Urzeiten wirksam war, die Macht des Urvaters war nicht nur real (d. h. muskulär), sondern 
auch ideal (d. h. eine Ableitung aus traumatischen Erfahrungen in der Kindheit seiner 
Söhne)" (S. 190 f). 

R. wendet sich nun dem überraschenden Material zu, das sich dem Psychologen in 
Zuckermans Studien an Pavianen und höheren Affen darbietet, einem Material, das 



486 Besprechungen 



er in vortrefflicher Weise auswertet. Den Lesern dieser Zeitschrift ist Zucker many 
Buch jedenfalls nicht unbekannt,^ aber es soll doch an gewisse wesentliche Punkte erinnert 
werden. Bei den wildlebenden höheren Affen scheinen sich einsame Männchen, Harems 
und Familiengruppen feststellen zu lassen. Was die Frage nach dem sozio^sexuellen Vei- 
halten der Paviane von Monkey Hill betrifft, so ist die Annahme begründet, daß die Ant« 
Worten weitgehend dieselben sein werden wie bei denen der Wildnis, abgesehen davon, daß 
die Aggressionen eine Steigerung erfahren, wenn keine Möglichkeiten zur Flucht vor dem 
offenen Kampf bestehen. Ein Großteil der Aggression, die meist sexuellen Ursprungs ist, 
gelangt zur Abfuhr und führt in diesen andauernden und wilden Kämpfen fast stets zum 
Tode der Weibchen. Es handelt sich nicht um einfache Promiskuität, sondern um Familien* 
gruppeu mit einem Oberhaupt und einem oder mehreren Weibchen; auch noch nicht zur 
Paarung gekommene Männchen sind mit der Familiengruppe verbunden und warten auf 
ihre Gelegenheit. Innerhalb der Gruppe als Ganzheit herrschen bestimmte Männchen in 
dem Sinn, daß sie eine größere Anzahl von Weibchen und eine größere Menge Futter be* 
sitzen und gefürchtet sind, wenn sie auch von den anderen Männchen herausgefordert 
werden. Die sexuellen Impulse sind diffus und vom wiederkehrenden Zyklus unabhängig; 
.sie äußern sich sowohl in homosexuellen wie auch in heterosexuellen Betätigungen. Sexuelle 
Anziehung wird nach der sozialen Seite hin ausgenützt — z. B. zur Bestehung eines älteren 
oder stärkeren Männchens, um mehr Futter zu bekommen oder Hilfe bei einem Kampf zu er* 
halten. Ein Männchen bietet sich selbst homosexuell einem anderen an : um ihn als Buneds* 
•genossen gegen einen Dritten zu gewinnen; um den Ärger eines herrschenden Männchens 
zu beschwichtigen, wenn sein Weibchen attackiert wird; um die Wut eines Feindes abzulen* 
ken; oder, was das Interessanteste ist, um ein Männchen in eine Situation zu versetzen, in der 
es angegriffen werden kann. In Kämpfe zwischen zwei beliebigen Männchen werden meist 
andere Mitglieder der Gruppe, manchmal alle Mitglieder der Kolonie hineingezogen; aber 
sie beginnen niemals als Angriff aller unbeweibten Männchen. Wenn aus irgendeinem 
Grund ein führendes Männchen die Macht verliert, so können einer oder mehrere der 
unbeweibten Jungaffen ihn attackieren und überwältigen. Es ist eine Bereitschaft zu gegen* 
seitigen Angriffen vorhanden, die mit diesem Herrschafts Verhältnis fest verknüpft ist; 
nichtsdestoweniger eilen die Mitglieder einander zur Hilfe, wenn die Gruppe als ganze von 
einem Außenseiter oder einem Menschen angegriffen wird. 

Sicherlich lassen sich Ähnlichkeiten mit menschlichem Verhalten feststellen. Der sexuelle 
Zyklus ist an keine Periodik gebunden; die Paarung kann jederzeit vollzogen werden, ob* 
gleich der Wunsch danach beim Weibchen in gewisser körperlicher Verfassung sicherlich 
lebhafter ist als sonst. Der sexuelle Impuls — der homosexuelle ebensogut wie der hetero* 
sexuelle — ist diffus und hoch sozialisiert. Er wird im Dienste persönlicher individueller 
Ziele verwendet, die selbst asexuell sind. Es gibt eine dauernde sexuelle Verbindung sowohl 
beim Menschen wie bei den anderen Primaten. Den Kern der Horden bildet bei den Affen 
und Menschenaffen eine Familiengruppe, bestehend aus dem Anführer und seinem Harem, 
die durch das Interesse des Männchens an seinen Weibchen und deren Interesse an ihren 
Jungen zusammengehalten wird. Der Harem steht im Mittelpunkt, wenn sich einzelne 
Familien vereinigen, um eine Herde zu bilden. Aber die Herde scheint niemals so stabil 
und einheithch zu sein wie eine Familie, die innerhalb der größeren Gruppe niemals ihre 
Identität verliert. R. hebt besonders die Tatsache hervor, daß in der Affen* oder Menschen* 
affengemeinschaft „der Tod eines einzigen Individuums den Staat aus dem Gleichgewicht 



5)S. Zuckerman: The Social Life of Monkeys and Apes. Kegan Paul, London, 1932. 




Besprechungen 487 



bringt und daß gewöhnlich Kämpfe ausbrechen, die so lange dauern, bis ein neues Gleich« 
gewicht erreicht ist" (S. 194). 

„Wir wollen nun versuchen, den Pfad durch das fast undurchdringliche Dickicht zu 
verfolgen, das die Menschenaffen von den Urformen der menschlichen Kultur trennt. 
Aus dem einen oder anderen Grund wurde die Periode der Kindheit einer gewissen Gruppe 
der Anthropoiden verlängert; die hbidinösen Bindungen zwischen Eltern und Kindern 
wurden enger und das infantile Ich wurde mit einer Art von Sexualität belastet, der es 
noch nicht gewachsen war. Abwehrmechanismen wurden entwickelt und die unglücklichen 
Affen erwarben zwei bemerkenswerte Fähigkeiten: sie konnten das Vergangene 
betrachten und genießen, als wäre es Gegenwart (die Urszene als endo* 
psychisches Element), und sie konnten die Realität der Gegenwart ver»= 
leugnen (elterlicher Koitus). Die Fähigkeit, das Vergangene zu bewahren, 
bewirkte den Übergang von der ,Vorherrschaft' in der Affenhorde zur .Gerontokratie" 
der Australier. In der Affenhorde behält der alte Mann alles für sich, aber nur solange; 
er seine Kraft bewahrt. In der menschhchen Horde ist seine Macht verlängert; er be* 
kommt die besten Bissen, wenn er altersschwach und sein Sohn ein starker und erwachsener 
Mann ist. Wir können den exakten Mechanismus dieses Privilegs verstehen: Essen symbo* 
lisiert den sexuellen Verkehr, die Frau und die Mutter. Das Kind war nicht stark genug, 
die Mutter dem Vater wegzunehmen, und der Mann muß sich, obgleich er nicht länger 
der Frauen beraubt ist, bestimmter Arten von Speise enthalten. Solche Speise enthält die 
arunkulta (magische Kraft) der alten Männer, und diese magische Kraft bedeutet sexuelle 
Potenz; sie leitet sich von dem großen Penis her, der den Knaben bei der Urszene beeini* 
druckte. Den alten Männern werden besondere Nahrungsgeschenke (tjaurilja) als Be« 
Zahlung für ihre Zeremonien gegeben. Ihre Macht besteht darin, daß sie die Riten dar»» 
stellen und so die Urszene wiederholen. So ist die psychologisch festgehaltene Vergangen.» 
heit eine Verfälschung der Realität oder, besser, ein Kompromiß mit der Reahtät. Die 
reale Gegenwart ist mit der idealen Vergangenheit verschmolzen. Die alten Männer sind 
immer die Stärkeren, die Kraft bleibt ihnen bewahrt, aber sie behalten nicht alles für sich; 
die Vorschrift ist an die Stelle der Vorherrschaft getreten. 

Ein zweiter wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die größere Bedeu* 
tung der zielgehemmten Impulse. „Lausen" ist die Haupttätigkeit in allen Schilderungen 
der Affengewohnheiten, obgleich es sich nicht tatsächlich oder wenigstens nicht aus* 
schließlich um Lausen handelt, sondern um eine gegenseitige Untersuchung des Pelzes 
zwecks Entfernung aller abgeworfenen Hautstückchen, Dornen oder Parasiten. W a t s o n 
schreibt: ,Flöhe fangen ... ist die wichtigste und grundlegendste Form des sozialen Ver*' 
kehrs unter den Rhesusaffen . . .'"übereinstimmend mit Zuckerman: ,Die Verrich« 
tung scheint sexuelle Bedeutung zu haben, nicht nur wegen der sanften Reizunjj zahlreicher 
Hauteridorgane, sondern auch weil sie manchmal von direkter Sexualbetätigung begleitet 
ist. Aus diesem Grunde und wegen ihres häufigen Auftretens ist es vielleicht berechtigt, 
die pickende Reaktion und den Haarreiz als Faktoren zu betrachten, die mit der Erhaltung 
einer sozialen Gruppe bei den vormenschlichten Primaten zusammenhängen'.' 

Wir haben uns mit einem Impuls zur erotischen Reizung der Haut befaßt, d. h. mit einer 
Vorlustbetätigung. Da unentwickelte Individuen zur Endlust in der vollen Bedeutung des 
Wortes unfähig sind, müssen wir die Vorlustbetätigung als der Kindheitsperiode ange=i 

6) J. B. Watson: Imitation in Monkeys. Psych. Bull., 169—178. 

7) Z u c k e r m a n : L c, S. 58. 



488 Besprechungen 



messene Formen der Sexualbefriedigung betrachten. Die Verlängerung dieser Periode muß 
deshalb eine dauernde Fixierung an ein solches Verhalten hervorrufen und so eine breite 
Basis für die Entwicklung sozialer Impulse schaffen. Vorlust ohne Endlust bedeutet einen 
dauernden Zustand von Liebe ohne Abfuhr" (S. 228 ff). 

„Die Verlängerung der Kindheit äußert sich also in zwei Merkmalen, beide Abkömm« 
linge des Eros, die die Grundlage des Menschseins bilden. Die psychische Fixierung an 
die Vergangenheit und die zielgehemmfen Impulse, die sich aus Vorlustbetätigungen her* 
leiten, entsprechen dem, was in der Alltagssprache als Tradition und Gesellschaft he" 
kannt ist. Wenn die ersten Lebensjahre dauernd ihren Lustweg behalten, ist es zu verstehen, 
daß der Mensch versucht, ,den Fußtapfen seiner Ahnen zu folgen' (mbaijalkatiuma) und 
die Vergangenheit in der Person seiner eigenen Kinder wieder zu erleben. Daher wird die 
Fixierung zum Anlaß der Mythologie, des Ahnenkultes und der Geschichte. Zielge* 
hemmte Impulse beinhalten andererseits die Fähigkeit, Affekte in gleichbleibender Span«' 
nug zu erhalten, und so eröffnen sich neue Möglichkeifen für die integrierende und ßlU 
umfassende Tendenz des Eros . . . 

Auch die aggressiven Impulse sind durch das Fehlen adäquater Abfuhrmöglichkeiten 
gekennzeichnet. Die Modifikationen, die die hemmende Instanz des Über^Ichs an ihnen 
vornimmt, sind gleichfalls eng mit der Familiensituation, d. h. mit dem Ödipuskomplex und 
der Urszene verbunden. Der Vater, der die Erfüllung der Wünsche des Knaben verhindert, 
wird ein Teil von dessen eigener Persönlichkeit. Der eifersüchtige alte Mann wird ein 
eifersüchtiger Götze, der darüber wacht, daß wir nicht glücklich sind" (S. 230 f). 

„Primus in orbe deos fecii titnor — das primum movens ist zuerst die Angst, die zur' 
Verdrängung führt, und dann die Verdrängung, die zur Ersatzbildung führt. Hinter der 
Angst finden wir die infantile Urszene und die Reaktion des Kindes auf die ihm noch nicht 
adäquate Form von Lust. Das Festhalten an der kindlichen Lustsituation setzt Endlust« 
Vermeidung und dauernde Vorlustfixierung voraus, d. h. das Ansammeln von abfuhrloser 
Spannung. Dies gilt sowohl für libidinöse als auch für aggressive Impulse, eine Tatsache, 
die von Freud vor langer Zeit erkannt wurde, als er hervorhob, daß die Einschränkung 
der Aggressivität des Ichs immer die des Über^Ichs wachsen läßt . . . 

Solcherart ist der kulturelle Fortschritt abhängig von einem Machtzuwachs des Über<< 
Ichs auf Kosten der genitalen Impulse. Fiktive Autoritäten gewinnen die Oberhand, und 
sie sind schwerer zu behandeln als reale. Im Falle der Australier beobachten wir, wie das 
unbewußte Festhalten der Urszene den Alten die Macht und der Jugend die Kindheit 
bewahrt" (S. 232). 

R. erörtert nun das umstrittene Problem der „Gruppenseele". 

„Unsere ersten Schwierigkeiten betreffen die Überlieferung all jener Mythen, die wir 
als eine Wiedergabe der Urkämpfe erkannt haben. Die mündliche Mitteilung ist der 
einzige Träger der kontinuierlichen Überlieferung, den wir kennen. Die Zeit der Ur« 
horde muß aber — ex hypothesi — noch vor der Entwicklung der Sprache beendet ge^« 
Wesen sein. Wir haben bereits den Ausweg aus dieser Schwierigkeif angedeutet. Es gibt in 
der Affenhorde Kampfspiele ohne tragischen Ausgang ebenso gut wie wirkliche Kämpfe. 
Die dramatischen Riten mögen sich aus diesen entwickelt und den Kampf und die Nieder* 
läge des Einzelnen gegenüber der Masse dargestellt haben. Wenn das zutrifft, so ent« 
stand allmählich aus dem erregten Schreien, das die Handlung ursprünglich begleitete, zu 
einer Zeit als der homo alalus bereits eine vergangene Entwicklungsstufe war und der 
Mensch schon die Anfänge des Sprechens erlernt hatte, ein Text und ein Mythos. Dieser 
Text muß anfangs in der Zeitform der Gegenwarf ausgedrückt gewesen sein, gleich vielen 



Besprechungen 489 



australischen Gesängen, weil er die dramatische Darstellung, in der der große Vater fällt 
und die Söhne triumphieren, begleitet. 

Was bedeutet diese dramatische Darstellung für die heranwachsende Generation? Sie 
war eine durch die Gruppe sanktionierte Sublimierung des eigenen ontogenetisch ent« 
wickelten Ödipuskomplexes; je stärker dabei die Tendenz, die infantile Urszene im Unbe= 
wußten festzuhalten, war, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen 
Aufruhres; je tiefer die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit, desto größer war die 
soziale Rolle des rituellen Dramas. Die Schauspieler wußten, daß sie spielten und daß der 
Text sich auf Vergangenes bezog. Tatsächlich scheint ein auffallender Zug der zentral* 
australischen Überlieferung zu beweisen, daß der Text später entstand als das Ritual. Die 
Mythen erzählen von den Riten, die von den Urahnen aufgeführt wurden, während die 
gegenwärtigen Aufführungen nicht als Wiederholungen der ursprünglichen Geschehnisse, 
sondern als schwacher Widerhall jener ersten Darstellungen behandelt werden. Die Hands^ 
lung wurde nachgeahmt, noch bevor die Überlieferung im eigentlichen Sinn des Wortes 
entstand. Solche nachahmende Gruppenaufführungen sind die ersten kulturellen Besitz« 
tümer der Menschheit, die ersten kollektiven Sublimierungen, die in einen überwundenen 
Entwicklungszustand zurückweisen" (S. 234 f). 

Es ist interessant, festzustellen, daß Arnold T o y n b e e in seinem Buch „A Study of 
History"8 f^jt dieselbe Ansicht zum Ausdruck bringt: „Die vollständige geistige Entwick' 
lung des Menschen setzt die Existenz von Gruppenverbänden mit bestimmten Begrenzungen 
voraus. Es ist in erster Linie unmögUch, daß das wichtigste Werkzeug des Menschen, die 
Sprache, — die erste Bedingung seines Menschseins, die auch die Voraussetzungen für den 
Aufbau unseres geordneten Denkens schuf, — im Einzelmenschen oder in der Beziehung 
der Eltern zu den Kindern entwickelt worden sein kann. Die Sprache erwuchs aus den 
Notwendigkeit der Mitteilung zwischen Gleichen, die durch gemeinsame Interessen und 
ein geregeltes System des gegenseitigen Verkehrs miteinander verbunden waren. "^ 

Im wichtigsten seiner verschiedenen Nachträge erörtert R. das biologische Prinzip der 
Retardierung, das neben anderen von B o 1 k^" bearbeitet worden ist. Beim Menschen kommt 
dieses Prinzip in einer konstanten Verlangsamung des Tempos der individuellen Ent* 
Wicklung und einer ebenso konstanten Hinausschiebung des Reifealters zum Ausdruck. R. 
meint, daß „alles im Organismus, was darauf gerichtet ist, Antriebe in einem bestimmten 
Spannungszustand zu erhalten, alles was sich der Libido entgegenstellt — die Endlust und 
auch die Erlösung des Todes, alle Abwehrmechanismen (Verdrängung, Regression) — als 
differenzierte Formen des Retardierungsprozesses aufzufassen" sei. „Die stetig zuneh^ 
mende Schwierigkeit für das Individuum, unabhängig, d. h. erwachsen zu werden, und die 
Tatsache, daß die Primitiven die sexuellen Impulse nur in ihren Pubertätsriten wirksam 
bekämpfen, während die Zivilisation die kindliche Sexualität zu unterdrücken versucht, 
kann ebenso gut als ein spezieller Fall der stetig wachsenden Retardierungstendenz er«^ 
klärt werden" (S. 253). Und er zitiert zustimmend die Arbeiten von G. Ball y," der 
dieselben Prinzipien auf die Entwicklung des Ichs und die Funktion des Spieles anwendet. 
R. sagt: „Aus dem Anschein, der in dem jungen Lebewesen erweckt wird, entsteht eine 
lebenslange, gemeinschaftsgerichtete und feierliche Haltung des primitiven Menschen, die 

8) A. Toynbee: A Study of History. 3 Bände, 1934. 

9) 1. c, Bd. I, S. 174. 

10) L. B o 1 k : Das Problem der Menschwerdung. Jena, 1926. 

11) G. Bally: Die frühkindliche Motorik im Vergleich mit der Motorik der Tiere. 
Imago, Bd. XIX, 1933, S. 339 ff. 



490 Besprechungen 



schließlich in ihren endlosen Verästelungen zu unserer heutigen Zivilisation führt" (S. 265). 

Zum Schlüsse wollen wir R. selbst die wesentlichen Elemente seiner gegenwärtigen 
Ansicht über die menschlichen Uranfänge aufzählen lassen: 

„Der Weg ist lang geworden und es wird nun, da wir am Ziele sind, nicht überflüssig 
sein, nochmals einen Blick zu unserem Ausgangspunkt zurückzuwerfen. Wenn wir statt 
an die „Wilden" in der Masse an die lebendigen Menschen denken, die wir kennen lernten, 
wie an den alten Yirramaba oder an Ramoramo, werden wir die Eigenheiten ihres Ver* 
haltens lieber aus ihrem Leben als aus einer hypothetischen Urzeit zu erklären suchen. 
Der erste Schritt, den wir auf diesem neuen Wege machten, war die Enfideckung, daß der 
zentralaustralische Totemismus (Ahnenkult) einen Vorläufer in dem Glauben an Dämonen 
hatte, welche Projektionen der koitierenden und deshalb für das Kind furchterregenden 
Eltern sind. Der Totemkult ist ein sekundäres Streben, diese Eindrücke — diesmal durch 
Introjektion — auf dem Wege über eine gemeinschaftliche und dramatische Darstellung 
der Urszene zu bewältigen. 

Ich entdeckte auch, daß besondere Kulturformen von typischen Kindheitstraumen ab^ 
geleitet werden können, und daß ihre Struktur eine Abwehr gegen diese Traumata darstellt 
und deren sublimierte Wiederholung ist. Übereinstimmend mit der ontogenetischen Theo* 
rie ist der Charakter einer Kultur durch einen Zirkel verewigt, indem nämlich die speziU' 
fische Form des infantilen Traumas bei irgendeiner Gruppe selbst durch unbefriedigte 
Komponenten des normalen Sexuallebens der Erwachsenen dieser Gruppe bedingt ist. 
Wenn wir es auch nicht beweisen können, so dürfen wir doch annehmen, daß konstitu^ 
tionelle Faktoren die minimalen Unterschiede bewirken, auf denen das spezifische libidi« 
nöse Verhalten der Erwachsenen im Umgang mit ihren Kindern beruht. Einerseits wurden 
derselbe Inhalt der Tradition, dieselben Sublimierungsformen des infantilen Traumas über=« 
liefert; andererseits wurden dieselben Traumata wiederholt. So entsteht die Dauerhaftigkeit 
einer Kultur, die psychologische Gültigkeit ihrer traditionellen Institutionen. 

Wir wenden uns nun der Frage der Ausdehnung zu, für die die Urhorden!hypo;these 
noch immer wesentlich ist. Wenn das Schicksal der Individuen und der einzelnen Kul« 
turen ontogenetisch aus ihrer infantilen Erfahrung erklärt werden kann, ist es natürlich, 
nach einer ähnhchen Erklärung für die Entwicklung dessen Ausschau zu halten, was allen 
Menschen gemeinsam ist, nämlich der Kultur im weitesten Sinn des Wortes. Wenn wir 
die Riten und Vorstellungen der lebenden Primitiven durchwegs ontogenetisch erklären 
können, so erscheint die Urhordenhypothese überflüssig. Gegen diese Meinung ließen 
sich sowohl jene Mythen anführen, die ohne die Annahme des Urkampfes Unverstand* 
lieh erschienen, als auch zuverlässige Angaben über die Lebensgewohnheiten der höheren 
Affen, die eine soziale Organisation haben, welche stark an Freuds hypothetische LTr* 
horde erinnert. Wenn wir aber, Freud folgend, annehmen, daß der Mensch oder Vor* 
mensch einmal in einer Urhorde lebte, bleibt das schwierige Problem des Überganges von 
dieser Stufe zu der der echten menschlichen Gesellschaft ungelöst. Die inadäquate Be* 
friedigung der Sieger und der vernachlässigte Gehorsam gegen den erschlagenen Vater, 
diese beiden von Freud angeführten Motive, scheinen einen so gewaltigen Umschwung 
nicht hinlänglich zu begründen. Das Stadium der Urhorde muß sehr lange gedauert 
haben und es ist schwer zu begreifen, wie sich der Mangel an Befriedigung mit der Zeit 
verdichtet haben soll. Wenn dieses Ungenügen in der ersten Generation da war, warum 
muß es auch in der hundertsten vorhanden sein? Überdies ist das Motiv des Gehorsams 
nach dem Tode, das wir aus der klinischen Praxis kennen, kein so allgemeines Phänomen, 



Besprechungen 491 



als daß es als eine Individuelle Parallele zur phylogenetischen Entwicklung anzusehen 
wäre. Es gibt zwei Akteure auf der Bühne des Freud sehen Dramas, den Urvater und 
die Brüderhorde. Die große Veränderung findet in den Seelen der Brüder statt. Das wider* 
spricht aber der Erfahrung. Heute finden tatsächhche Veränderungen nur in den Seelen 
der Kinder statt und das muß immer so gewesen sein. Wenn unsere Hypothese richtig 
ist, so gab es drei handelnde Personen in dem großen Spiel: den Vater, die Brüder un|d 
die Kinder, d. h. die unentwickelten Mitglieder der Horde — die Beobachter. So wird der 
Urkampf ein sehr verständliches Trauma; denn bei den höheren Affen klammert sich das 
Kind in seiner Angst an die Mutter und wird im Kampf oft zerquetscht. Nach Z u' c k e b= 
m a n s Beschreibung folgen Urkampf und Urszene unmittelbar aufeinander. Die Jungen 
in der Affenhorde werden von Anfang an als Sexualobjekte behandelt. Es bleiben ihnen 
weder reale noch libidinöse traumatische Erfahrungen erspart. Wir haben angenommen, 
daß die Veränderung bei den Beobachtern durch die Verdrängung der infantilen Erleb* 
nisse eintrat. Diese Verdrängung hatte eine Wiederkehr des Verdrängten in der Gestalt von 
Ersatzhandlungen (Kampfspielen) zur Folge, welche die Tendenz hatten, allmählich an 
die Stelle der wirklichen Kämpfe zu treten. Wann aber begann die Verdrängung? Warum 
gibt es bei den Tieren keine Kultur? Wir können auf diese Fragen antworten, wenn wir 
wissen, daß der Fortschritt bei den Lebewesen mit einer Verlängerung der Kindheits* 
Periode Hand in Hand geht. Der Mensch entwickelt sich viel langsamer als alle anderen 
Wesen, so daß sein unreiferes Ich durch die traumatischen Erlebnisse der Kindheit stärker 
beeinflußt wird. In der polygamen Urhorde wendet sich die unbefriedigte Libido der zahl* 
reichen Weibchen ihren Kindern zu, die deshalb besonders an ihre Mütter fixiert und 
für die Eindrücke der Ödipussituation empfänglich sind . . . 

Bezüglich der Entwicklung der auf dem Prinzip der Vorherrschaft begründeten Affen* 
gemeinschaft zu den menschlichen Organisationsformen dürfen wir folgendes annehmen: 
Der Unterschied zwischen der gerontokratischen Urgesellschaft und der Gesellschaft der 
höheren Affen liegt in der Dauer der infantilen Situation. Affen werden durch wirkliche 
Gewalt regiert; in der menschlichen Gesellschaft aber bleibt der alte Mann dauernd der 
mächtige Vater der ersten Kindheitsperiode, der in den Riten nochmals in sublimierter 
Form die Urszene darstellt. In der infantilen Situation erwerben wir die Fähigkeit, unsere 
Aggressivität zu hemmen; und weil sich diese Hemmung auch auf andere Sphären er* 
streckt, nimmt sie einen entscheidenden Einfluß auf die Kulturentwicklung. Die Strenge 
des Über*Ichs wächst mit der Einschränkung der Aggression; wir fressen unsere 
Kinder nicht, aber wir „erziehen" sie dafür. . ." (S. 280 ff). 

Es könnte unfreundlich erscheinen, an einem Buch, das in so reichem Maße eine 
Fülle von Erkenntnissen und Anregungen zur weiteren Forschungsarbeit bietet, seine 
Kritik versuchen zu wollen; und doch scheint es zu einigen kritischen Anmerkungen 
herausfordern. Man könnte vielleicht als wünschenswert hervorheben, R. möge in seiner 
Verwendung der wichtigen Konzeptionen, die Melanie K 1 e i n s Forschungen über das 
Seelenleben des Kleinkindes erbrachten, und der glänzenden Anregungen Melitta 
S c h ni i d e b e r g s in ihrer Arbeit über die psychotischen Mechanismen in der Kultur* 
entwicklung'" noch weiter gehen. Seine Vorstellung von der Mannigfaltigkeit und Ver* 
schiedenheit der kindlichen Gefühle und Phantasien ist vielleicht nicht genügend präzis 
oder kühn. So ließe sich zum Beispiel vieles von dem Material, das mit der Funktion und 
der Technik des Zauberers und den verschiedenen Bedeutungen der waninga und der 

12) M. Schmideberg: The Röle of Psychotic Mechanisms in Cultural Develop* 
ment. Int. Journal of Ps A., Bd. XI, 1930, S. 387 ff . • 



492 Besprechungen 



Milchstraße zusammehhängf, besser klarmachen, wenn in größerem Ausmaß die Phan«» 
tasien von den „guten" und „bösen" verinnerlichten Objekten, der „guten" und „bösen" 
Mutter, den „guten" und „bösen" verinnerhchten Penis und dem komplizierten Wechsel* 
spiel zwischen den verschiedenen Ausprägungen dieser Ur^Imagines herangezogen worden 
wären. Man könnte dies auch anders ausdrücken und sagen, R. betone zu sehr die Ge^ 
fühle des Kindes gegenüber den „schlechten", gefährhchen, sexuellen Eltern — sowohl 
in äußerhcher wie in innerlicher Beziehung — und unterschätze in seinem Gesamtbild 
sowohl die Bedeutung der guten Imagines und den eigenen Wunsch des Kindes, den 
„guten" Penis und die „gute" Mutter zu bewahren, als auch die Quellen, aus denen dajs 
Leben selbst gespeist wird, — alles, was gut ist, sei es nun Milch, Macht oder Liebe. Da 
und dort finden sich im Material diesbezüghche Andeutungen, wie z. B. in der Beschreib« 
bung der helfenden und heilenden Verrichtungen des Zauberers. Aber weder hinsichthch 
des Zauberers noch hinsichtlich des Milchstraßenmythos ist diese positive Seite mit ge== 
nügendem Nachdruck herausgearbeitet. Das innere Drama des kindhchen Seelenlebens 
ist auf diese Weise in seiner Bedeutung ein wenig herabgemindert und leicht entstellt. Wie 
die jüngste Arbeit von Melanie Klein, Joan R i v i e r e und anderen gezeigt hat, enft* 
steht beim Kinde der tiefste Konflikt nicht so sehr aus dem einfacheren Problem der 
sexuellen Spannung, das durch die Sexualität der Eltern hervorgerufen wird, als vielmehr 
durch seine eigenen Impulse von Liebe und Haß. Gerade die sexuellen Eltern mit ihrem 
Anstrich von Potenz und Fruchtbarkeit sind in seinen Augen gut. 

Solchen Erwägungen folgend möchte man wünschen, daß R. zu seinem Werk einen 
weiteren Nachtrag schriebe, in welchen er sein Material nochmals, im Lichte des sich stetig 
vertiefenden Verständnisses für die ursprünglichen psychologischen Fragen bearbeitet, vor* 
legte. S. Isaa CS (London) 

SANDSTRÖM, TORA: Ein Psykoanalytisk Kvinnostudie: Ernst Ahlgren= Victoria Bene» 

dictsson. Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 1935. 209 S. 

Das Buch enthält eine interessante Studie über die schwedische Schriftstellerin Ernst 
Ahlgren. Sie wurde 1850 geboren; ihre Mutter, die ein Ideal äußerster Selbstkontrolle ver* 
trat, war streng religiös, der Vater war ziemüch mürrisch; ihre ersten Jahre waren arm an 
Liebe. Der Umstand, daß ihr einziger Bruder kurz vor ihrer Geburt gestorben war, 
führte dazu, daß sie in vieler Hinsicht so behandelt wurde, als ob sie ein Junge wäre,. 
Diese Umstände riefen in ihr eine Verachtung für alles Weibliche hervor und das Be^» 
streben, das Fehlen der Liebe durch männhches Gehaben zu kompensieren. Als ihr Vater 
ihr die Erlaubnis verweigerte, ihre Studien an der Stockholmer Akademie fortzusetzen, 
heiratete sie, mehr, um von daheim fortzukommen, als aus Liebe, Christian Benedictsson, 
einen Witwer mit fünf Kindern. Sie selbst hatte zwei Kinder, aber Mutterschaft war für 
sie nur eine Erniedrigung und ein Trauma für ihren Narzißmus; ihre eigenen Kinder be* 
handelte sie mit weit weniger Güte und Gerechtigkeit als ihre Stiefkinder. Ihr ganzes 
Leben hindurch beklagte sie sich darüber, daß niemand sie mehr liebe oder schätze als 
irgend einen anderen Menschen. Ihre Empfindlichkeit aber über das Fehlen von Gegen* 
liebe scheint sich zum Teil gegen sie selbst gerichtet und sich als quälendes Schuldgefühl 
manifestiert zu haben, weil sie selbst unfähig war, irgend jemanden voll und rückhaltlos 
zu lieben. Nur höchste Liebe schien für sie von Wert zu sein; geringere Grade von Zu* 
neigung oder Liebe, die mit anderen geteilt werden mußte, erschienen ihr daher wertlos. 
Dieses Verhalten wird in ihrem ganzen Leben und ihrer Arbeit genau verfolgt. 1886 be* 
gegnet sie Georg Brandes und wurde trotz ihrer eigenen sexuellen Hemmung aller Wahr* 
scheinlichkeit nach seine Gehebte; auch hier wieder wohl nicht so sebr aus Liebe als in 



Besprechungen 493 



der Hoffnung, größeren Einfluß auf die literarischen Kreise zu gewinnen. Als sie ent= 
deckte, daß Brandes, wie sie vermutet hatte, sie nur als eine unter den vielen Frauen, die 
in seinem Leben eine Rolle gespielt hatten, betrachtete und keine besondere Hochachtung 
vor ihr als schöpferischer Künstlerin empfand, verübte sie 1888 Selbstmord. 

J. C. F 1 ü g e 1 (London) 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

ALVERDES, FRIEDRICH: Leben als Sinnverwirklichung. Hippokrates Verlag, Stuttgart 
1936, 115 S. 

Der Verfasser bekennt: „Die Welt muß man deuten als Verwirklichung einer meta^ 
physischen Gesamtidee: eingeschlossen in ihr ruht die abgestufte Ordnung der Urideen." 
„Jedes Lebewesen empfängt vom Absoluten her seinen Sinn und seine Werte. Das Leben 
ist schal und leer ohne Beziehungnahme zu einem absoluten Grundprinzip. Nur Gott 
kann der Schöpfer sein; das höchste Absolute ist von Gott geschaffen." In diesen Zeiten 
wünschen so viele, ihr privates Absolutes zu haben! P. S c h i 1 d e r (New York) 

BANISTER, H.: Psychology and Health. Cambridge University Press, London 1935, 256 S. 
Der Autor — kein Arzt — will einen Bericht über die pathologischen Beziehungen 
zwischen Leib und Seele geben. Das Buch ist eines von den vielen, die gerade in den letzten 
Jahren erschienen sind. Es gibt Kapitel über „Das Problem des Kindes", „Infantile Sexua* 
lität" (deren Existenz geleugnet wird), „Die Folgen schlechter Gesundheit", „Angstzu* 
stände (Neurasthenie)", „Die Theorien Janets", „Die Theorien Freuds", „Die Theorien 
Jungs", „Die Theorien Adlers" usw. Die Psychoanalyse ist ausführlich behandelt, aber 
die ihr gewidmeten Abschnitte sind durch arge Mißverständnisse und falsche Behauptungen 
verwirrt. Ein energischerer Referent als ich würde sie vielleicht alle der Reihe nach durch== 
arbeiten, um die nötigen Korrekturen vorzubringen. Diese Aufgabe wäre aber für den 
Referenten und die Leser gleich lästig. Auch ist sie nicht vonnöten, denn der Verfasser hat 
keinerlei selbständiges und originelles Mißverständnis vorgebracht. Das einzig Erstaun»^ 
liehe an dieser Art Bücher ist, daß der Verfasser es nicht der Mühe wert findet, vor der 
Veröffentlichung jemanden zu Rate zu ziehen, der mit dem Gegenstande vertraut ist. 

E. Jones (London). 

BAUMGARTEN, FRANZISKA: Die Dankbarkeit bei Kindern und Jugendlichen. Unter 

Mitwirkung von Hans N o b s, Berufsberater, Bern. Beiträge zur Charakter* und Person* 
lichkeitsforschung, herausgegeben v. Franziska Baumgarten. Verlag A. Francke, 
Bern. 1936. 

Nach einer guten gedanklichen Einleitung, der Zitate, vor allem aus L a R o c h e f o u« 
c a u 1 1 und Nietzsche, stellenweise hellen Glanz verleihen, steht der Bericht über vier 
Untersuchungen und ihre rechnerische Auswertung. Die Schlußbetrachtung bringt einige 
allgemeine Sätze, die der Autorin das Ergebnis der Untersuchung zu sein scheinen. 

Die Untersuchungen bestanden darin, daß einer großen Anzahl von Schulkindern ver* 
schiedenen Alters und beider Geschlechter Fragen zur schriftlichen Beantwortung vorge* 
legt wurden, die Dankbarkeitssituationen betrafen. Die Antworten sind mit großer Sorg» 
falt und viel Mathematik bearbeitet worden. Aber die Zahlenunterschiede, die sich ergeben, 
sind vielfach gering, die die Resultate abbildenden Kurven haben einen schwer erklärlichen 
zackigen Verlauf. Auch die Einteilung der Antworten scheint dem Ref. nicht überzeugend, 
ohne daß er Lust hätte, einen andern Vorschlag dazu zu machen. Warum sollte bei der 



494 Besprechungen 



Abstufung der Stärke der Dankbezeugung es als mittelmäßiger Ausdruck gelten, wenn 
das Kind schreibt: „Ich werde ihm sehr herzlich dankbar sein", und als starker Ausdruck, 
wenn es heißt: „Ich werde ihm immer dankbar sein"? Auch manche der theoretischen 
Fragestellungen und Antworten der Autorin scheinen angesichts des ihr zur Verfügung 
stehenden Materials erstaunlich. Die Dankbarkeit sei z. B. wahrscheinlich eine angeborene 
Eigenschaft, wofür die Tatsache, daß 7^/^yihnge Kinder sie schon in ihren Antworten 
erkennen lassen, spreche. 

Das Buch, in dem ein großes Quantum Arbeit seinen Niederschlag gefunden hat, kann 
dem Analytiker nicht viel bieten. Allerdings muß er anderseits bei der Lektüre aus dem, 
Nichtvorhandensein auch nur der geringsten Spuren von Anschauungen und Ergebnissen 
der Psychoanalyse schließen, daß diese der Autorin bisher gar nichts bieten konnte. 

P. Bergmann (Wien) 

BERGER, FRIEDRICH: Menschenbild und Menschenbildung. Die philosophisch*pädagoi 
gische Anthropologie J. G. Herders. Stuttgart, Kohlhammer, 1933. 
Das mit gründlicher Sachkenntnis gearbeitete Werk informiert in sehr eingehender 
Weise über die psychologisch^'philosophische Stellungnahme Herders zu den verschie* 
densten Problemen der menschlichen Seele, der Mensch«Tieri«Scheidung und des Werden« 
Prozesses der menschlichen Entwicklung. Man ist erstaunt über die Fülle vorahnender 
Erkenntnis bei diesem Großen der deutschen Geistesheroen, dem das Denken in Gestalt 
und Struktur und die Ganzheitsbetrachtung selbstverständliches Gut gewesen sind. Auch 
die Zahl der Vorahnungen an tiefenpsychologischen Erkenntnissen ist erstaunlich; die 
tiefenpsychologischen Grundlagen des seelischen Geschehens, die Wichtigkeit der Außen* 
Welteinflüsse auf die Charakterentwicklung des Individuums und Volkes, die Identifizier« 
rung als Grundlage des Kunstgenusses seien nur als wenige Beispiele ausgewiesen. Das Buch 
wird jedem Herderfreunde und jedem, der nach Vorläufern moderner psychologischer 
Betrachtung fahndet, viel Freude und Bereicherung geben. R. S t e r b a (Wien) 

DELGADO, HONORIO: Introduccional estudio de la psicopathologia. Actualidad lAc 
dica Peruana, October 1935, Nr. 6. 

An eine Übersicht über die Schwierigkeiten beim Studium des Seelenlebens und der 
einzelnen Richtungen der Forschung schließt sich eine kurze Diskussion der Probleme der 
Verwandtschaft zwischen Körper und Geist. Der Autor stimmt im allgemeinen Bergsons 
Auffassungen zu. Dann wird die allgemeine „Methode" der Psychologie und Psycho»' 
Pathologie erörtert; im Anschluß an die Psychopathologie auch das Unbewußte. 

M. D. E d e r (London) 

DUNBAR, H. FLANDERS: Emotions and Bodily Changes. Published for the Josiah 

Macy, Jr. Foundation by Columbia University Press, New York, Humphrey Milford, 

Oxford University Press, 1935, 595 S. ,t 

Dieses Buch ist ein bemerkenswertes Werk und eines der wenigen, das zur Unter» 

Stützung von Forschungen herangezogen werden kann, die der Beihilfe von Spezialliteratur 

bedürfen. Das Ziel des Autors war es, einen Überblick über die Literatur in den Jahren 

1910 bis 1933 über die „Psychosomatischen Zwischenbeziehungen", d. h. die „Erregungen 

und körperlichen Veränderungen" zu geben. Der 1. Teil, betitelt „Orientierung und 

Methodologie" ist drei Problemen gewidmet: der „Integration und Differenzierung", den 

„akuten und chronischen Erkrankungen" und dem „Problem des Messens". Der 2. Teil 

handelt in zwölf Kapiteln von den verschiedenen Organ^Systemen ; ein Kapitel ist dem 




Besprechungen 495 



„allgemeinen Metabolismus und der Hitze^^Regulierung" gewidmet. Der 3. Teil handelt 
von „therapeutischen Erwägungen" und enthält eine „Schlußfolgerung". Die Bibliographie, 
die sich über 130 Steiten erstreckt, enthält 2251 Hinweise, die nach den Kapiteln, auf die 
sie sich beziehen, geordnet sind. Der allgemeine Index der Namen und Gegenstände um* 
faßt 35 Seiten. 

Dieser ausgedehnte Überblick ist sehr gewissenhaft ausgeführt und die Tatsachen sind 
sehr klar und lesbar zusammengefaßt. Der Autor widmet absichtlich keinen Abschnitt der 
Psychoanalyse, da er darauf verzichtet, einen spezifischen Gegenstand in allgemeine Form 
zu fassen. Nichtsdestoweniger findet die psychoanalytische Literatur in dem ganzen Buche 
weitestgehend Berücksichtigung und ihre Resultate und Schlüsse werden auf ungemein ver* 
ständige Weise dargestellt. Dieses Buch sollte im Bücherschrank jedes Psychiaters und 
medizinischen Psychologen zu finden sein. E. Jones (London) 

ENDRES, FRANZ CARL: Die Zahl in Mystik und Glauben der Kulturvölker. Zürich 
Rascher. 1935. 179 Seiten. 

Unter Mystik versteht der Verfasser ein Mittel zum Erleben dessen, was nicht erkannt 
werden kann, nicht das, als was sie von radikalen Rationalisten so oft bezeichnet wird: 
Phantasie oder Schwindel oder Unsinn. Im wesentlichen hat er bei seinen Ausführungen 
den Kulturkreis des Altertums von China über Babylon nach Ägypten und seine Aus=« 
Strahlungen und selbständigen Ergebnisse in Griechenland und Rom in Betracht ge^ 
zogen, ferner Beispiele der Zahlensymbolik bei den alten Germanen, Kelten und Angel* 
Sachsen eingefügt. 

Der Analytiker, der in den Träumen der Gesunden wie in den Symptomen der Neuro* 
tiker und Psychotiker immer wieder auf die mystische Bedeutung der Zahl stößt, wird in 
dem geschickt zusammengestellten Material reichliche Belege dafür finden, daß die Mensch* 
heit von jeher dem Spiel mit den Zahlen eine tiefe und vielfach determinierte Bedeutung 
beilegte. A. K i e 1 h o 1 z (Königsf eldeniAargau) 

EVANS*PRITCHARD, E. E., FIRTH, RAYMOND, MALINOWSKI, BRONISLAW und 
SCHAPERA ISAAC: Essays presenfed to C. G. Seligman. London, Kegan Paul, Trench 
Trübner & Co., 1934. VI. u. 385 Seiten. 

Dieser Band vertritt die moderne Ethnologie und ist ein würdiger, der Bedeutung Selig* 
mans für die Entwicklung der ethnologischen Wissenschaft dargebrachter Tribut. Jeder 
Ethnologe wird die Worte Haddons in seiner „appreciation" bestätigen, nach denen 
„wirklich kein Ethnologe eine umfassendere Erfahrung in der Feldforschung hat oder so 
viele Seiten des menschlichen Lebens erforscht hat wie Seligman. Er fand Interesse 
an den einfachsten Gegenständen, an der Beziehung von Mensch zu Mensch und an 
menschlichen Ideen und Idealen und richtete er sein Augenmerk auf weite Zusammen* 
hänge." 

Das Buch enthält viele wichtige Abhandlungen; hier aber werden wir nur jene an* 
führen, die den psychoanalytischen Leser interessieren können. Zwei psychoanalytische 
Abhandlungen sind von Marie B o n a p a r t e und dem Referenten verfaßt. Die Abhand* 
lung Marie Bonapartes behandelt die Frage der psychoanalytischen Ethnologie von 
einem allgemeinen Gesichtspunkt aus (Psychoanalyse und Ethnographie, S. 19). Die 
menschliche Persönlichkeit wird in der Familie geprägt und durch die Verlängerung der 
Kindheit in der Spezies Mensch bedingt. Freuds Ansichten über den Ursprung von 
Totemismus, Moral, Magie und Animismus werden in wenigen, klaren Sätzen erläutert. 
Für die „Diffusionisten" scheint die Psychoanalyse überflüssig zu sein, für die Anhänger; 



496 Besprechungen 



der „evolutionistischen" und der „funktionellen" Schule ist sie, gelinde gesagt, zu gefähr* 
lieh. Das Haupthindernis aber auf dem Wege der Zusammenarbeit ist, daß der Ethnologe 
ein menschliches Wesen ist und daher seine Widerstände hat. Es ist unmöglich, den Men«« 
sehen zu studieren, ohne sein sexuelles Leben in Betracht zu ziehen, und unter anderen aus 
diesem Grunde sollten die Ethnologen in der Lage sein, sich die Einsicht, die die psycho* 
analytische Methode gewährt, zu Nutze zu machen. 

Mein eigener Aufsatz (Das Studium der Charakterentwicklung und die Ontogenetische 
Theorie der Kultur, S. 281) enthält eine kurze Darlegung meines Standpunktes und ver* 
gleicht die Entstehung des individuellen Charakters mit der Entwicklung eines bestimmten 
Kulturkreises. 

Brenda Z. Seligmans (Der Anteil des Unbewußten am sozialen Erbgut) macht, ob* 
gleich es scheint, daß sie den Begriff der Verdrängung mißverstanden hat (siehe S. 307), 
einige interessante Bemerkungen über den Wert, der den „dissociated states" (Ausnahmst 
zuständen) in der primitiven Gesellschaft beigemessen wird. „In der primitiven Gesell* 
Schaft ist das Benehmen der Personen in \,dissociated states in Einklang mit Glaube und 
Sitte." Träume und Visionen werden sozial anerkannt, sie beeinflussen Ritual und Sitte. 
„Die soziale Bedeutung, die auf diese Art dem unbewußten Material beigemessen wird, wird 
in der Kultur zu einem sehr mächtigen Faktor. Seine Bedeutung im sozialen Erbgut der 
Primitiven und seine relative Bedeutungslosigkeit in unserem eigenen kann möglicherweise 
für einen großen Teil des Unterschiedes zwischen pritivem und zivilisiertem Benehmen 
verantwortlich gemacht werden" (S. 317). Nichtsdestoweniger enthalten Träume und Vi* 
sionen oder Trancezustände unbewußte Elemente, aber außerdem noch einen gewissen 
Grad sekundärer Bearbeitung. Dasselbe gilt für alltägliche „normale" psychische Hand* 
lungen oder Zustände, nur spielt bei diesen der Realitätssinn eine größere Rolle. 

Melville L Herskovits (Der Freudsche Mechanismus in der primitiven Neger* 
Psychologie", S. 75) gibt Material, das von einem Autor ausgestaltet wurde, der nicht 
berufen erscheint, die vom Titel aufgezeigte Frage zu behandeln. Die einzige „Idee", die 
die Abhandlung enthält, ist einer Bemerkung Captain Rattrays (S. 77) entnommen, 
außer wir nehmen des Autors melancholische Witzelei auf Kosten selbst gebildeter Gegner 
Freuds als „Ideen". Nichtsdestoweniger sind manche Angaben interessant, etwa die, daß ein 
Buschneger dem Autor erzählt, daß „die Seele eines Mannes seine Töchter liebt und seine 
Söhne haßt." i 

Der glänzende Aufsatz R. R. M a r e 1 1 s über Speise*Riten ist eine ausgezeichnete 
Illustration dafür, was ein Psychologe, um ethnologische Tatsachen zu deuten, leisten 
kann, und auch für das, was er nicht leisten kann, d. h. ohne Hilfe der Psychoanalyse. 
Marett versucht, die sogenannten Intichiuma*Zeremonien zu erklären, indem er die be* 
kannten hypothetischen Spekulationen Y. E. Harrisons in ihrer „Themis" und die 
Robertson S m i t s zum Ausgangspunkte seiner Betrachtungen wählt. Seine eigenen An* 
sichten sind sowohl ungewöhnlich wie auch anregend. Die tatsächliche Ausübung des 
Ritus soll leichtes Auffinden und ergiebiges Verzehren des Tieres bewirken. Der Ritus 
gehört ursprünglich zum Stamme und der Känguruh*Mann oder Emu*Mann hat nur die 
Funktion eines Boten des Stammes an des Tier. Maretts Ausgangspunkt ist wirklich die 
zeremonielle Behandlung des Tieres durch den Jäger mit dem Doppelziel, den Geist zu 
versöhnen und Wiedergeburt zu bewirken. Ein Känguruh*Mann kann ein Känguruh mit 
weit geringerer Gefahr verzehren als irgendein anderer. „So ist der Ritus, wenn er noch 
weit vom Typ des gemeinschaftlichen entfernt ist, sühnend." (S. 204.) Jedenfalls bezieht 
das Wort „Sühnopfer" (afonemenf)] wirklich nur eine Person (at^oncness) und wird auf 



Besprechungen 497 



verschiedene Art ausgesprochen. „Es steht für eine transzendente Dualität eher als für eine 
durch die Natur gegebene Einheit" (S. 205). Das gemeinsame Essen muß beim Klan 
üblich gewesen sein, aber an sich ist es nur ein alltägliches Ereignis und kein religiöser 
Ritus. Wenn ein Mann ein Stierhorn trägt, so ist das Religion, wenn aber ein Süer das== 
selbe tut, kann man das nicht als religiöse Handlung bezeichnen. Der ursprüngliche Speise* 
Ritus würde daher im gemeinschaftlichen Essen mit einem Fremden (oder einem Tier) 
bestehen, so als ob er derselben Familie angehöre, um die Angst zu dämpfen. „Beim wahren 
Sakrament muß ein heiliger Schauer den freien Genuß der Speise als solcher hemmen" 
(S. 207). All dies ist sehr interessant und es mangelt nicht psychologischer Einsicht. Eine 
Menge könnte noch sowohl vom Standpunkte des ethnologischen Feldforschers wie des 
Psychoanalytikers hinzugefügt werden. Kurz gesagt: Einheit, die durch Überschreiten 
der „Dualität" zustande kommt, ist dasselbe wie ein Koitus mit Angst im Hintergrund. 
Aber gerade darüber habe ich in früheren Publikationen gehandelt und hoffe es auch in 
folgenden Arbeiten tun zu können. 

Von den anderen Mitarbeitern behandelt E. E. Evans P r i t c h a r d die Zander^The* 
rapie. Ahdrey I. Richards steuert eine Abhandlung über das Mutterrecht bei den 
Zentral^Bantu bei. I. Schapera beschreibt die orale Zauberei bei den Eingeborenen 
des Bechuana^Landes, und F. E. Williams gibt uns die Geschichte einer Gruppen== 
Psychose (Ein Rückblick auf die Vailala^Tollheit). L. K. T a o steuerte ine sehr interessante 
Arbeit über einige chinesische Eigentümlichkeiten im Lichte der chinesischen Familie bei. 
Ich glaube, diese Abhandlung stützt meine These über den im Vergleich und der Primi* 
tivität infantilen oder verlangsamten Charakter der Zivilisation. Die Chinesen, eines 
der ältesten und zivilisiertesten Völker der Erde, sind weit abhängiger von der Familie und 
von der Verehrung der Eltern als primitive Stämme. G. R 6 h e i m (Budapest) 

FRANKENHEIM, HANS: Die Entwicklung des sittlichen Bewußtseins beim Kinde. 

Herder, Freiburg im Breisgau 1933, X u. 198 S. 

In sorgfältig ausgeglichener Sprache und mit bemerkenswertem Ernste entwickelt der 
Autor die „sittliche Problematik des Kindes", so wie er sie versteht, und weist darauf hin, 
„daß das Herzstück ethischer Betrachtungsweise immer in den ethischen Prinzipien liegt, 
also in der Fragestellung, was denn eigentlich das letzte Wesen von Gut und Böse au*^ 
macht." (S. 1.) 

Das letzte Prinzip sittlicher Wertung findet er im „Normgemäßen" und sagt: „Was 
mit den Normen übereinstimmt, ist gut, was ihnen widerstreitet, ist schlecht. Die Norm 
ist ein neues Prinzip, das mit Intellekt und Willen nicht auf gleicher Ebene liegt. 

... Ihr Auftreten ist genetisch nicht vorauszuahnen, sie ist plötzlich da, ohne sich 
vorher angekündigt zu haben. Die Norm ist ein metaphysisches Urphänomen". (S. 191.) 

Die Arbeit verrät sorgfältigstes Studium der einschlägigen Literatur (Pestalozzi, 
Herbart, Jaspers, Scheler usw.) und ruht vor allem auf den Werken von Karl 
und Charlotte Bühler, W. Stern und anderen. 

Die genetische Darstellung des sittlichen Bewußtseins umfaßt den Hauptteil der Arbeit 
und beschreibt die verschiedenen Stufen der kindlichen Entwicklung, beginnend vom 
Kleinkind bis zur Reifezeit. (Die Stufe frühkindlicher Willensbegabung, die Stufe emo:» 
tionaler Feinfühligkeit, die Stufe der Idealbildung usw.) Zahlreiche Beispiele aus dem 
Scupinschen Tagebuch und aus dem Buche von Charlotte Bühl er „Kindheit und 
Jugend" und andere dienen zur Illustration. Die Frage nach den sittlichen Zielen schließt 
die Arbeit ab. . ■ ' 

Imago, XXII/4 ' 32 



498 Besprechungen 



Dem Leser wird hier eine psychologische Arbeit geboten, die auf ethischen Begriffen 
ruht, aber auch nicht die Spur psychoanalytischer Einsicht verrät. 

Ph. S a r a s i n (Basel) 

GEERS, G. J.: Lope de Vega. Sijn geest en sijn werk. 15. November 1562 — 27. August 

1635. Vrije Bladen, VII/8, 1935. 

Der Autor versucht, einige Eigenarten vom Leben und von den Werken Lope de 
Vegas psychologisch zu erklären. Er meint, daß zum vollständigen Verständnis dieses 
Menschen und Dichters noch ein Studium von vielen Jahren notwendig wäre. Im ersten 
Artikel gibt Geers einen kurzen Überblick über das äußerliche Leben Lope de Vegas, 
wobei besonders auf seine zahlreichen Liebesgeschichten hingewiesen wird. Die Lücken* 
haftigkeit des aus vielen Biographien und Autobiographien zusammengestellten Materials 
wird wiederholt hervorgehoben. Im zw.eiten Kapitel wird versucht, Lopes Zeitalter zu 
schildern. Unter Heranziehung der Erkenntnisse, die in Freuds „Massenpsychologie 
und Ich«^ Analyse" niedergelegt worden sind, meint Geers den spanischen Siglo de Oro 
als eine Periode beschreiben zu müssen, in der das Volk eine Masse von ziemhch hoher 
Organisation bildete, die jedoch einen regressiven Infantilismus zeigte. Geers meint damit, 
daß die starke Gebundenheit der Masse an den Führer (an die Trias Gott, Vaterland und 
König) zu einer Verringerung der intellektuellen Leistungen, zur ungehemmten Affektivität 
und zum Ausleben der Affekte in Taten geführt hat. Im dritten Kapitel finden wir denn 
Versuch, die Ungebundenheit des Liebeslebens de Vegas, seine homosexuellen Neigungen 
und seine besonders starke Eifersucht, mit aus dem Geiste seines Zeitalters zu erklären, 
vor allem aber die Eigenarten seines Werkes, das ziemlich unverhüllte Hervortreten der 
Inzestwünsche in seinen künstlerischen Leistungen und seine Beliebtheit beim Volke, mit 
diesem Geiste in Zusammenhang zu bringen. Im Schlußwort folgt eine Bewertung des 
Künstlers: Lope de Vega habe ein zu schwaches Übersieh gehabt, seine Selbstkritik sei 
nicht genug entwickelt gewesen, er sei nie „vom göttlichen Rausch des Adolescenten" ver« 
lassen worden. Dadurch sei sein Werk zu sehr Produkt seines Zeitalters geblieben und 
habe zu wenig Wert für andere Zeiten und andere Menschen bekommen. 

J. Lampl*deGroot (Wien) 

HOFSTÄTTER, P. R. : Die Psychoanalyse in pragmatischer Darstellung. Arbeiten aus dem 
Psychiatrischen Institut der Kaiserlichen Universität Tohoku. (Sendai, Japan). Beiträge 
zur Psychoanalyse IV/1— 2. 

Der Aufsatz stellt die Niederschrift eines an der medizinischen Fakultät zu Chiba 
(Japan) gehaltenen Referates dar, in dem der Autor sich bemühte, eine übersichtliche 
Gesamtdarstellung der Psychoanalyse zu geben. Er legt dabei besonderes Gewicht auf Ver* 
bin düngen und Übereinstimmungen, die die Lehren der Psychoanalyse mit denen anderer 
psychologischer Schulen, besonders mit der Charlotte Bühlers, haben und bietet so 
einen Gesamtüberblick. Bedauerlich ist, daß der Autor an verschiedenen Stellen eigene 
Ansichten in seine Darstellung der Freud sehen Gedankenwelt so einbaut, daß dem 
Leser nicht klar wird, wo diese endet und jene beginnen; ferner, daß ihm an manchen 
Punkten großbe Mißverständnisse der psychoanalytischen Theorie unterlaufen sind. 
So meint er, daß einer oralen und analen Phase eine „masturbatorische" und dieser erst 
eine (sich zeitlich nur teilweise mit ihr deckende) „inzestuöse" folge, die der „artspezifischen 
Einprägung der menschlichen Sexualität" diene. Auch das Übersieh hat er mißverstanden, 
wenn er meint, nach der „genitalen" Stufe, die in der Pubertät erreicht werde, noch eine 
eigene „soziale" einführen zu müssen: „Das soziale Niveau deckt sich größtenteils mit 




Besprechungen 499 



dem, was Freud als Über=<Ich beschrieben hat. Daß es auf dieses höchste Niveau eigentlich 
keine Regression gibt, mag Freud dazu veranlaßt haben, hier von einer eigenen see« 
lischen Instanz zu sprechen. Ich glaube aber, daß das System sehr viel an TEinheitlichkeit' 
gewinnt, wenn man ein soziales Niveau einsetzt, das bei jeder Neurose durchbrochen 
wird, der bekannte asoziale Charakter der Neurosen. Außerdem erspart uns diese Annahme 
einen erheblichen Teil der Vorwürfe, die Freud gemacht wurden, nämlich, daß für ihn 
die genitale Betätigung das Höchste auf der Welt sei." Ferner meint er, daß es der jeweilige 
Fortschritt von einer Entwicklungsstufe, einem „Niveau", wie er sagt, zur nächst höheren 
sei, der die Verdrängung bedinge, und stellt so die Konflikte der trieborientierten Person 
mit der Umwelt als sekundär dar. Auch bei der Darstellung der Technik kann man nicht 
mit allem einverstanden sein. Charakteristisch ist wohl auch, daß er das Problem der 
Verschiedenheit der seelischen Strukturen in verschiedenen Kulturkreisen oder Nationen in 
moderner Weise dahin auffaßt, daß die allgemeinen Grundanschauungen der Psycho* 
analyse nur in nationaler Bedingtheit Gültigkeit hätten: „Auf jeden Fall möchte ich' die 
Gelegenheit benutzen, ähnlich wie das C. G. Jung in einer seiner letzten Arbeiten tat, 
auf die notwendigen rassischen Verschiedenheiten im analytischen System hinzuweisen. In 
meinem Vaterland, wo Arier und Juden nebeneinander leben, haben wir relativ oft Ge« 
legenheit, solche Verschiedenheiten in der Analyse zu vermerken, und darum möchte ich 
Sie davor warnen, die Psychoanalyse allzu strenge zu übernehmen." 

Ein Beispiel eines Namenvergessens ist sehr eindrucksvoll: „Vor einiger Zeit lernte ich 
einen Herrn kennen, dem es während unserer Konversation jedesmal sehr schwer wurde, 
den Namen des chinesischen Machthabers Tschangkaischek zu nennen. Der Fall fand 
seine Aufklärung, als ich erfuhr, daß mein Gesprächspartner kürzlich zu seinem größten 
Ärger einer Dame in Shanghai hatte einen Scheck ausstellen müssen. Der unangenehme 
ShanghaiiäScheck störte die Reproduktion des Namens Tschankaischek". 

O. Fenicbel (Prag) 

HYATT, HARRY M.: Folklore from Adams County, Illinois. E. Cabella French Printing 

and Publishing Corp., New York 1935, 723 S. 

Dieser 700 Seiten starke Band enthält eine gehaltvolle Sammlung von 10.049 folklo»' 
ristischen Tatsachen, die innerhalb des Gebietes einer einzigen Grafschaft im Staate Illinois 
persönlich gesammelt wurden. Die Sammlung hat einen Index aber keinen Begleittext. 
Der Verfasser hielt es für unmöglich, eine Klassifikation der einzelnen Bräuche nach ihrem 
europäischen Ursprünge zu versuchen. Die moderne historische Schule der Ethnologie 
wird daher jeden Versuch mißbilligen, der das Material psychologisch auszuwerten sucht. 

Nichtsdestoweniger haben wir es mit einem wertvollen Quellenmaterial zu tun. 

E. Jones (London) 

MENAKER, WILLIAM: Neugier im 1. und. 2. Lebensjahr. Eine experimentelle Untere» 
suchung. (Psychol. Institut, Univers. Wien) Z. f. Psychol. 137 (1936). 
Da völlig Fremdes im ersten Lebensjahr nur negative Reaktionen erzeugt, so wurde in 
den vorliegenden Fällen zu Versuchszwecken ein Reizgegenstand gewählt, der Altbe* 
kanntes mit Unbekanntem verband. Die Versuchsanordnung bestand darin, daß eine 
mechanische Gliederpuppe aufgezogen wurde, um dann vor den Augen der Kinder ihre 
Bewegungen auszuführen. Insgesamt wurde das Verhalten von 70 verschiedenen Kindern 
beobachtet. Die Ergebnisse führten zur Aufstellung von vier verschiedenen Entwicklungs* 
stufen der Neugierde bei Kindern im Alter von 6 bis 24 Monaten. In der untersten Enf<» 
Wicklungsstufe werden nur reizungspezifische Reaktionen beobachtet. Die Kinder sind 

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500 Besprechungen 



aufmerksam, gespannt, fasziniert. Erst in der zweiten Stufe kommt es zu einer reizspezi* 
fischen, und zwar furchtsa:men Reaktion. Das Kind befindet sich in einer offenbaren 
Konfliktsituation, es empfindet einen Widerstreit von Zu* und Abneigung, die Furcht 
kämpft mit der Freude am Neuen. Mit 15 oder 18 Monaten überwiegt die positive Hin«» 
Wendung zum Reizgegenstand. Die letzte Entwicklungsstufe der Neugierde ist erreicht, 
wenn sich das nunmehr fast Zweijährige an den Versuchsleiter wendet und im Kontakt mit 
ihm an die Erforschung des neuen Gegenstandes herangeht, ihn berührt, zum Stillstand 
bringt und wieder in Bewegung versetzt. Das Studium der Neugierde zeigt also, daß eine 
Enhvicklung von der Faszination zur Furcht, zur Hinwendung und endhch zur lustvollen, 
aktiven Bewältigung. Daraus ergibt sich die Definition der Neugier „als einer positiven 
Zuwendung zum unbekannten Reizgegenstand". M. Grotjahn (Topeka, Kansas) 

PFANDL, LUDWIG: Das Liebesleben -des Lope de Vega, Versuch einer neuen Deutung. 

„Neophilologus", XX, 1935. 

Der Autor dieser zum Gedächtnis des 300jährigen Todestages des großen spanischen 
Dichters erschienenen Arbeit benützt psychoanalytische Erkenntnisse, um zu zeigen, daß 
Lope de Vegas Liebesleben unter einem neurotischen Zwang stehe; er gehöre zu dem von 
Freud beschriebenen „Typus des geschädigten Dritten" und müsse sich daher immer in 
bereits gebundene Frauen (Mutterersatzpersonen) verheben. Die Reihenbildung in seinen 
ehebrecherischen Beziehungen sei bei de Vega besonders deutlich, sowohl in seinem Lfeben 
als in seinen künstlerischen Schöpfungen. 

P f a n d 1 verwendet nun diese psychologische Durchleuchtung des Liebeslebens zur 
Verteidigung der moralischen Persönlichkeit des Dichters. Er meint, daß „Lope de Vega, 
für die größte moralische Schuld seines Lebens nur zu einem ganz geringen Teil veranD* 
wortHch" sei, da er „nicht Ehebrecher aus Leichtsinn und Gewissenlosigkeit, sondern aus 
psychoneurotischem Zwang" gewesen sei. Und weiter sagt der Autor: „Man soll also den 
großen Dichter und liebenswerten Menschen nicht weiter für etwas büßen lassen, was 
nicht seine Schuld war." Diese persönliche Auffassung Pfandls folgt selbstverständ«» 
lieh nicht automatisch aus der von ihm gegebenen Deutung des Liebeslebens de Vegas. 
Die psychoanalytische Wissenschaft sucht genetische Erklärungen für seelische Geschehen. 
Die Bewertung dieses Geschehens gehört nicht zu ihrer wissenschaftlichen Aufgabe. 

J. Lampl^de Groot (Wien)' 

RAMOS, ARTHUS: O Educador a Psicanalise. Arquivos de Medici na Legal e Identifi^» 

ca?ao. Rio de Janeiro 1934, IV. Bd., Nr. 9, S. 123—128. 

Der Verfasser weist einmal mehr darauf hin, wie wünschenswert es ist, daß Lehrer ihre 
eigenen unbewußten Konfhkte befriedigend gelöst haben. Denn der Einfluß, den sie auf 
die Bildung des Über^Ichs beim Kinde haben, steht an Bedeutung nur dem der Eltern 
nach. H. M a y o r (London) 

SCHRENCK^NOTZING, A. FRHR. V.: Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider. 

Aus dem Nachlaß herausgegeben von Gabriele Freifrau Schrenck^Notzing. Mit 
einer Einleitung von Prof. Eugen Bleuler. Walter de Gruyter &. Co., Berlin und 
Leipzig 1933, VIII u. 170 S. , 

An Stelle eines umfassenden Werkes, das der im Jahre 1929 verstorbene Forscher 
Schrenck^Notzing über Rudi Schneider, das derzeit berühmteste physikalische 
Medium, zu veröffentlichen beabsichtigte, erscheint hier eine Auswahl aus den Proto* 
kollen der Sitzungen Schrencks mit Rudi Schneider (1924—1929), zum Teil in Aus* 




Besprechungen 501 



Zügen und vermehrt um zusammenfassende Bemerkungen des Verfassers über einzehie 
Sitzungen und um Äußerungen anderer Beobachter. Die, wie aus dem Buche hervorgeht, 
von Jahr zu Jahr verstärkten Bemühungen Schrenck^^Notzings um eine einwand* 
freie, physikalische Kontrolle des Mediums (das nichtsdestoweniger fortfuhr, Phäno* 
mene zu zeigen) widerlegen gewiß den gegen den Autor so oft erhobenen Vorwurf der 
Unwissenschafthchkeit und Leichtgläubigkeit. Den Psychoanalytiker dürften insbesondere 
die Bemerkungen Schrencks (der keineswegs der spiritistischen Deutung anhing) über 
den erotischen Charakter der Experimente und über den Zusammenhang der medialen 
Leistungen mit der Sexualsphäre interessieren. Bei verschiedenen Sitzungen wurden an 
Rudi Schneider Erektionen und Ejakulationen beobachtet. Eine psychoanalytische Be« 
haridlung des Mediums, die zweifellos sehr aufschlußreich wäre, hat Schrenck* 
N o t z i n g mit der voll zutreffenden Begründung abgelehnt, daß die physikalische 
Mediumität dadurch zerstört würde. Die Analyse eines physikalischen Mediums bleibt nach 
wie vor ein Desiderat. Anfänge in dieser Richtung wurden vom Ref. vor einigen Jahreri 
gemacht. A. Winterstein (Wien)| 

SPERBER, ALICE: Über Träume und Phantasien von Schwerkranken und Sterbenden. 

Nederlandsche Tijdschrift voor Psychologie, Jg. II, 1934. 

Der Sterbetraum lautet ungefähr folgendermaßen: Der Träumer muß vor einer ehr« 
furchtgebietenden Persönhchkeit, welche die väterliche oder göttliche Autorität darstellt, 
Rechenschaft über sein Leben ablegen und erhält den Bescheid, er sei noch nicht voll» 
kommen genug, um der himmhschen Seligkeit teilhaftig zu werden, sondern er müsse 
noch warten. Im manifesten Trauminhalt wird die nicht immer ganz deuthch gesagt, doch 
geht es aus dem Sinn des Traumes hervor. Zumeist hat der Träumer ein starkes Glücks»^ 
gefühl, hervorgerufen durch den tröstlichen Anblick der himmlischen Herrlichkeit, die 
er sehen darf, aber auch durch die Gewißheit, noch weiter auf Erden leben zu dürfen. 

Die Autorin deutet die Tatsache, daß in diesen Träumen — es sind nur solche von 
gläubigen Menschen mit religiöser Erziehung — der Gedanke, daß der Träumer der 
ewigen Seeligkeitn och nichtwürdigsei, immer wieder vorkommt, als Aus=> 
druck des Wunsches, noch weiter zu leben, des noch nicht erloschenen Lebenswillens. 

Die interessante Zusammenstellung läßt an das Resultat der Arbeit von Felix Deutsch 
„Über Euthanasie" (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935) denken, in der das Schuldgefühl 
mehr hervorgehoben ist; es heißt dort: die Euthanasie ist dann möglich, wenn alle Aggres* 
sionen schweigen, wenn die Todesangst verflogen und von Schuldgefühl nicht mehr die 
Rede ist. E. Hitschmann (Wien) 

STRAUS, ERWIN: Vom Sinn der Sinne. Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie, 
Springer, Berlin 1935, V und 314 S. 

St. gibt zunächst eine kritische Darstellung von Descartes' Lehre der Empfindungen. 
Die Empfindungen sind nach Descartes ohne unmittelbare Kommunikation mit den 
Dingen. Diese Beziehung ist nur erschlossen. Die Empfindungen sind nur Modi des Bei» 
wußtseins. Der Körper ist eine Maschine. Die einzelnen Empfindungen werden isoliert 
gedacht, ebenso wird auch die Zeit in beziehungslose Zeitatome zerlegt. Empfindungen 
sind unklare Erkenntnisse. St. betrachtet die Theorie P a w 1 o w s als Erfüllung der Lehren 
von Descartes. Pawlows Theorie ist eine Mosaiktheorie, die Empfindung und Be=» 
wegung künstlich trennt. St. zeigt — allerdings ohne P a w 1 o w voll gerecht zu werden — , 
daß in der Versuchsanordnung Pawlows fundamentale psychologische Probleme nicht 
gesehen werden, und erkennt, daß die Generalisierung und Differenzierung Pawlows 



502 Besprechungen 



das Problem des Allgemeinen und Besonderen unrechtmäßigerweise in physiologischer 
Terminologie ausdrückt. St. kommt zur Formulierung, daß jeder Eindruck ein besonderer 
ist in bezug auf die Vergangenheit, aber ein allgemeiner im Hinblick auf die Zukunft. 
Der Analytiker wird solchen Formulierungen gegenüber ein gewisses Mißtrauen haben. Er 
sieht, daß jedes Erlebnis Haltungen hervorruft, die in ähnlicher Situation wiederum zur 
Wirkung kommen. Er wird auch nicht verkennen, daß die Haltungen mit vitalen In-» 
stinkten im Zusammenhang stehen, und daß so neue Eindrücke spezifische werden. Er 
wird überhaupt altehrwürdigen Formulierungen vom Allgemeinen und Besonderen skep»« 
tisch gegenüberstehen. St. findet, daß Empfinden sympathetisches Erleben ist. Den ein»« 
zelnen Sinnen gehören verschiedene Formen des Räumlichen zu. Er betont die Einheit von 
Empfindung und Bewegung. „Dem Empfinden ist die Empfindung nicht drinnen. Als ein 
Drinnen wird das Innerleibliche nur unter bestimmten Umständen erlebt. Das Empfinden 
setzt sich nicht aus einzelnen Empfindungen zusammen." St. protestiert auch gegen ato* 
mistische Bewegungstheorien. St. ist der Ansicht, daß auch die Gestalttheorie ebenso wie 
die Philosophie des Descartes, die Empfindung nicht als Wesenheit erkennt und 
sie zum Zusatzphänomen physiologischen Geschehens degradiert. „Wahrnehmung be»- 
darf wie alle Erkenntnis eines allgemeinen objektiven Mediums. Die Wahmehmungswelt 
ist eine Welt von Dingen mit festen und unveränderlichen Eigenschaften in einem allge« 
meinen, objektiven Raum und einer allgemeinen, objektiven Zeit." „Der Raum der Emp=> 
findungswelt verhält sich zu dem Raum der Wahrnehmungswelt wie die Landschaft zur 
Geometrie." 

„Der Gegensatz von Wahrnehmen und Empfinden ist nicht als ein funktioneller 
Gegensatz allein zu verstehen, das Wahrnehmen ist vom Empfinden radikaler verschieden 
als das Sitzen vom Gehen" etc. St. protestiert auch gegen die Abtrennung der räumlichen 
und zeitlichen Daten von der Qualität und Intensität. „Im sinnüchen Empfinden entfaltet 
sich zugleich das Werden des Subjekts und das Geschehen der Welt." „Die Erlebnisse der 
Nähe und Ferne, Sprung und Ziel, Richtung sind raumzeitlich." „Die Psychologie des Emp«^ 
findens und der beseelten Bewegung bedarf der Erkenntnis einer dem Gegenstand gt' 
mäßen raumzeitlichen Ordnung." 

Man wird dem Verfasser Scharfsinn zugestehen müssen. Er bemüht sich aber wenig um 
Tatsachen. Er verläßt sich auf das Denken. Es ist ein Buch, in welchem die cogitatio 
triumphiert. Vielleicht deshalb die Polemik gegen Descartes! Das Buch mag zum 
Nachdenken anregen. Der Ref. fühlt, daß sehr viele der Bemühungen des Verfassers rein 
sprachlich sind. Das Buch ist weniger mit den Tafsachen vertraut als das Buch von 
Hartshorn „Philosophy of Sensation", das vielfach ähnliche Wege geht. Dem Ana* 
lytiker hat das Buch wenig zu bieten. Er wird in ihm nichts finden, was darauf hindeutet, 
daß Empfinden und Wahrnehmen einem ringenden und strebenden Individuum mit sehr 
bestimmten Problemen zugehören. P. Schilder (New York) 

TIGERMANN, FELIX: Paul Verlaine. Zusammenhänge zwischen seinem Erleben und 

seinem Schaffen. Inaugural^Dissertation. Marburg, 1934. 

Die Psychopathie Verlaines auf die allzu einfache Formel aufgebaut zu finden, sein 
überstarker Sexualtrieb neben seiner grotesken Häßlichkeit seien das Verhängnis seines 
Lebens und die Wurzel seines Schaffens geworden, befriedigt den Leser nicht. Eine Unter* 
suchung der Frage, „mit welchen Mitteln Verlaine die Verdrängung und Abreagierung 
seiner Sexualtriebe auf dem Umweg über das künstlerische Schaffen durchzuführen ver* 
suchte", bleibt ein Torso, da nicht eine detaillierte Analyse auch seiner Ichstruktur durch== 
geführt ist. E. Hitschmann (Wien) . 




Besprechungen 503 



UNWIN, I. D.: Sex and Calture. Oxford University Press, 1934, 676 S. 

Bei der Besprechung dieses Buches möchte ich eher die Frage der Methode als die 
Folgerungen, die der Autor gezogen hat, würdigen. Er versucht zu zeigen, daß Gesell* 
Schäften entweder „zoistisch", „manistisch" oder „deistisch" sind, daß diese Gesellschafts* 
formen Phasen der kulturellen Entwicklung darstellen und in ganz bestimmter Wechsel* 
beziehung zur Verringerung der Möglichkeit zu sexueller Betätigung stehen. Den Enthno* 
logen wird diese Einteilung recht willkürlich anmuten. Warum sollten wir die Form, in der 
die Vorstellung vom Übernatürlichen in einem gewissen Gebiet auftaucht, als das einzig 
wichtige Merkmal bei der Einstellung der Gesellschaft berücksichtigen? Überdies ist die 
Einstellung selbst höchst fragwürdig. Übernatürliche Wesen sind gewöhnlich zu gleicher 
Zeit „zoistisch"^ und „manistisch" und „göttlich" und nicht einmal dies und einmal jenes. 
Diese Kategorien sind allen, die sich mit Ethnologie befassen, bekannt: Aus einer der 
ersten Publikationen von Frobenius kennen wir sie als „animalistisch", „manistisch" 
und „solar". Die Trobriand*Insulaner sollen „zoistisch" sein. (S. 105.) Nach U n w i n s 
Haupttheorie müßten sie „zoistisch" sein, weil sie vor der Heirat schon sexuelle Freiheit 
genießen. Jedenfalls spielt der Totemismus in dieser Gesellschaft wirklich eine sehr unter* 
geordnete Rolle. „Nur der Erntezeit folgt direkt das müa=mila, das Tierfest, in Verbindung 
mit der Rückkehr der Ahnengeister in das Dorf" (Ma li n o ws ki). Mit größerer Auto* 
rität jedoch kann ich Beispiele aus einem Gebiet anführen, das mir persönlich bekannt ist. 
Die Dobu und Duau stehen kulturell den Trobriandern sehr nahe. Wenn eine Gesellschaft 
wegen des Totenkultes, d. h. wegen der zu Ehren der Dahingeschiedenen abgehaltenen 
FeierUchkeiten, als „manistisch" bezeichnet wird, dann ist die Normanby*Insel (Duau) 
gewiß „manistisch", weil die großen sa^ari-Feiern immer einem Toten zu Ehren abgehalten 
werden, und die umständlichen „Gufe"aZeremonien übertreffen alles, was man als reine 
„Ehrungen" des Toten ansehen könnte. Stimmen sie nun mit dem Typus 1 U n w i n s 
(Männer und Frauen genießen sexuelle Freiheit) oder mit Typ 2 (sie können Vorschriften 
unterworfen sein, die nur unregelmäßig oder gelegentlich Enthaltsamkeit erzwingen, S. 341) 
überein? Typ 2 kann man auf dieses Gebiet nicht anwenden. Wenn wir ihre vorehei* 
liehen Sitten erforschen, so finden wir, daß die jungen Männer die Mädchen, die mejst 
in ihrem eigenen Hause leben, besuchen und die Nacht mit ihnen verbringen. Vertiefen 
wir uns indessen in weitere Details, so erfahren wir, daß sie die Nacht zwar in enger Umj' 
armung miteinander verbringen, daß das Mädchen aber seinen Rock nicht ablegt und daß 
kein Verkehr stattfindet. Später, wenn wir mit den Leuten in intimeren Kontakt treten, 
verstehen wir, daß es sich um Hypokrisie handelt, vielleicht aber in manchen Fällen neu* 
rotisch Gehemmter wirklich vorkommt. Jetzt wissen wir aber nicht, zu welcher Kategorie 
dies gehört. Es scheint zu U n w i n s Theorie, nach der eine „manistische" Gesellschaft 
die Geschlechtsvorschrift Nr. 2 haben müßte, in Widerspruch zu stehen. 

Es handelt sich jedoch nicht um die Frage, ob diese Regeln in allen Fällen gültig oder 
Ausnahmen unterworfen sind. Was wir wirklich brauchen, sind weniger strenge und feste 
Vorschriften als eine gründlichere Analyse der sozialen Struktur. In Duau haben wir 
voreheliche Freiheit in Opposition zu einem gewissen Grad sozialer Verurteilung. Einige 
Feststellungen des Autors sind entschieden zu oberflächlich. Zum Beispiel: Die mensch* 
liehen Gesellschaften waren, ganz allgemein gesprochen, in früheren Zeiten, als sie große 
Energien entfalteten (im Gegensatz zu der geringeren Energie unzivilisierter Völker) ab* 
solut monogam. (S. 343.) Niemals waren menschliche Gesellschaften in der Vergangenheit 
oder Gegenwart absolut monogam, außer wir meinen, wenn wir Monogamie sagen, nicht 
tatsächliche Verhältnisse, sondern die Normen. Aber selbst wenn wir eine Gesellschaft als 



504 Besprechungen 



monogam ansehen, bei der die Monogamie eine gesetzliche Forderung ist, könnte man 
meiner Meinung nach diese Behauptung leicht widerlegen. Zum Beispiel ist es sehr schwer 
angesichts der § 137, 144, 145, 146, 147, 148, 155, 156, 158, j 170, 171 etc. des Code 
Hammurabi (ungarische Übersetzung) die Anschauungen der babylonischen Mono;< 
gamie aufrecht zu erhalten. Unwin würde die babylonische Monogamie dadurch be== 
weisen, daß er anführen würde „Kein Ehemann konnte eine zweite Frau haben, wenn 
seine Ehefrau ihm eine Dienerin gab" (S. 608). Ja, aber wozu braucht der Mann eine 
Dienerin, wenn nicht zum geschlechthchen Verkehr? Das wird sofort bewiesen durch 
die §§ 170, 171 über das Erbrecht von Söhnen, die ihrem Herrn von der Dienerin ge* 
boren wurden. Nach §§ 144—146 wurde die Dienerin ihrem Herrn von der Ehefrau zu 
dem Zwecke gebracht, um ihm Kinder zu gebären, und sie konnte (§ 447), wenn sie dazu 
nicht fähig war, als Sklavin verkauft werden. Alles in allem würde ich diese Gesellschaft 
als typisch polygam bezeichnen, und es ist klar, daß die Sitte noch viel weniger streng 
war als das Gesetz. § 156 zeigt das Bestehen der Sitze, nach der ein Vater mit der seinem 
Sohne verlobten Frau verkehren konnte. § 158 besagt, daß Söhne mit den Frauen ihres 
Vaters verkehren durften, und sieht nur Strafe vor für die Söhne, die mit der Hauptfrau 
des Vaters verkehren und auch nur dann, wenn diese daraufhin gebar. 

Natürlich könnten wir fortfahren, in ähnlicher Weise über Details bei anderen Rassen, 
Gegenden und Jahrhunderten zu argumentieren. Einzelheiten jedoch können die Regel 
bekräftigen, und die wirkliche Frage ist die, ob Unwin im Beweis seiner Hauptthese 
recht hatte, nämlich, daß Fortschritte auf dem Gebiet der Kultur mit einem Abnehmen 
unmittelbarer genitaler Befriedigung Hand in Hand gehen. Oder, um es in seine eigenen 
Worte zu fassen: „Jede menschhche Gesellschaft hat die Wahl, entweder große Energien 
zu entfalten oder sich der sexuellen Freiheit zu erfreuen; es ist klar, daß sie beides zu=^ 
gleich nicht länger als eine Generation lang tun kann" (S. 412). Die Zivilisation wird zu 
Gunsten des Übersieh auf Kosten des Es entwickelt; soweit kann die Psychoanalyse den 
Gesichtspunkt Unwins nur befürworten. Trotzdem kann Zivilisation, wenn man das 
Wort im universellen Sinne gebraucht und alles dazu rechnet, was nicht biologisch ist, 
keinesfalls mit „sozialer Energie" gleichgesetzt werden, denn der letztere Ausdruck scheint 
zumindest die krankhafteren und angstbetonten Seiten der Zivilisation auszuschheßen. 
Daß die „soziale Energie" mit der Abnahme sexueller Betätigung zunimmt, ist eine hag^ 
würdige Behauptung, wenn wir sie vom Standpunkte unserer klinischen Erfahrung aus 
betrachten. Dies wäre dasselbe, wie wenn wir sagten, daß eine Person, je sexualgehemmter 
sie ist, umso mehr Aussichten auf Erfolg in der Gesellschaft und im Leben überhaupt hätte. 
Das ist weit davon entfernt, wahr zu sein. Wir wissen, daß die Fähigkeit zur Sublimierung 
variabel ist, aber wir wissen auch, daß es gewisse Grenzen und auch ein Qptimum des 
Gleichgewichts gibt. Die Schlußsätze Unwins sehen so aus, als ob er die Einschränkung 
der sexuellen Betätigung auf ein Mindestmaß befürworten wolle (S. 431, 432), um den 
„kulturellen Prozeß" zu bereichern. Die Psychoanalytiker werden auch gegen seine Theorie 
der Wechselbeziehung zwischen sexuellen Vorschriften und Kulturtypen Einwände er=< 
heben. Durchwegs führt er an, daß eine Veränderung in den sexuellen Vorschriften statt»^ 
finde und daß dies eine kulturelle Änderung zur Folge habe, eben weil er sich nicht vor== 
stellen kann, wie eine eingeschränkte Art des Rituals — zum Beispiel das Bestehen von 
Göttern, Tempeln und Priestern — zu vorehelicher Enthaltsamkeit führen könne. Wenn 
wir aber Götter mit Tempeln als Projektionen einer wachsenden Stärke des Übersieh an=^ 
sehen, wird die Wechselbeziehung ganz deuthch. Unwin unterläßt es auch, die Gründe 
für die Einschränkung sexueller Betätigung zu erläutern. - , 




Besprechungen 505 



Das Buch wird jedem, der sich mit der menschlichen Kultur beschäftigt, von Nutzen 
sein. G. Rohefim (Budapest) 

WARREN, HOWARD C: Dicfionary of Psychology. London, Allen &. Unwin, 1935 
372 Seiten. ; 

Eine nach Quantität und Qualität wirklich erstaunliche Leistung, die den Mitarbeitern 
unsere Bewunderung und Dankbarkeit sichert. Das Buch besteht aus 299 Seiten in Klein«^ 
druck, auf denen alle denkbaren in der Psychologie benutzten Termini mit voller Defi* 
nition, zuweilen mit wertvollen Bemerkungen wiedergegeben sind. Eine strenge Probe für 
ein solches Lexikon ist es, ob die psychoanalytischen Fachausdrücke, die so oft sorglos 
übergegangen oder falsch definiert werden, entsprechend behandelt sind. In diesem Buche 
hat man sich auf diesem Gebiete großer Sorgfalt befleißigt und man ist geneigt, anzu«> 
nehmen, daß auch andere Gebiete der Psychologie mit gleicher Genauigkeit behandelt 
werden. Wir finden gute Definitionen von Worten wie : anaditic (Anlehnung [«stypus]), 
cathexis (Besetzung), id (Es), preconscious (vorbewußt), parapraxis (Fehlleistung), usw. 
Offenbar ist unser „Glossary" benützt worden, denn man findet einen Fehler, der aus 
ihm übernommen ist: omnipotence of thoughi statt omnipoience of thoughts (Allmacht der 
Gedanken). Die Bearbeiter verbessern unser Glossary durch die Korrektur eines wichtigen 
Irrtums, des Terminus scoptophilia (Schaulust), der richtig scopophilia heißen soll. Bei der 
Definition von aphanisis sind die Worte „Furcht vor" unnötigerweise hinzugefügt worden. 

Das Buch ist mit 18 Appendices versehen, die von Listen der Komplexe und Phobien 
bis zu statistischen Formeln reichen, logische Trugschlüsse und die Topographie des Zentral* 
nervensystems umfassen. Diesem Teile folgt ein Verzeichnis der einschlägigen Lexika, ein 
deutsches und ein französisches Glossar, beide mit größter Sorgfalt bearbeitet. 

Dieses großartige Werk stellt unschwer alle älteren psychologischen Lexika in den 
Schatten und reiht sich den wenigen Bänden an, die jedem ernsten Forscher unentbehrlich 
sind. E. J o n e s (London) 

WESTERMARCK, EDWARD: Three Essays on Sex and Marriage. MacmiUan u. Co., 
London 1934, IX u. 353 S. 

Dieses jüngste Werk von Prof. Westermarck besteht aus drei ausführlichen pole* 
mischen Essays, in denen er seine schon früher veröffentlichten Anschauungen über Tote* 
mismus, Exogamie, Ehe und die allgemeinen Beziehungen der Geschlechter in primitiven 
Gesellschaftsformen gegen die abweichenden Ansichten verschiedener anderer moderner 
Autoren verteidigt. Der erste Essay behandelt die Psychoanalyse, der zweite bespricht die 
„neuen Theorien der Exogamie", wie sie von S e 1 i g m a n, Lord Raglan, Briffault 
und anderen vorgelegt worden sind, während der dritte die Anschauungen über das Matri* 
archat und den Ursprung der Familie bekämpft, die Briffault in seinem Werk „The 
Mothers" darlegt. Die sich durch das ganze Buch hindurchziehenden Polemiken gehen 
sehr ins einzelne und beanspruchen die gespannte Aufmerksamkeit des Lesers. In schritt* 
weiser Untersuchung wird der Versuch unternommen, zu zeigen, daß die Ansichten des 
jeweihgen Autors sich bei näherer Betrachtung als unstichhältig oder unzulänglich er* 
weisen, bezw. daß sie auf Unkenntnis oder Fehldeutungen bekannter Tatsachen beruhen. 
Eine so lange Liste von Irrtümern und Mißverständnissen, deren jedes einer genauen und 
sorgfältigen Betrachtung aus logischen und praktischen Gesichtspunkten unterzogen wird, 
hat in ihrer gehäuften Wirkung unvermeidbar etwas Verwirrendes und Bedrückendes an 
sich. M ö b i u s schrieb einmal ein Buch mit dem Titel „Die Hoffnungslosigkeit jiller 
Psychologie", und man denkt bei der Lektüre der Anklage Wes te rm ar cks unwil^ 



506 Besprechungen 



kürlich daran, daß gewiß Anlaß für einen ergänzenden Band bestünde, der sich mit der 
Anthropologie oder vielleicht sogar überhaupt mit den Wissenschaften vom Menschen 
befaßt; denn wenn so viele offenbar geistvolle und maßgebende Autoren so zahlreicher 
und grober Mißgriffe überführt werden können, scheint es höchst zweifelhaft, ob wir je 
hoffen dürfen, zu einer befriedigenden wissenschaftlichen Erkenntnis auf diesem Gebiet 
zu gelangen. Wenn deshalb der Leser nicht von so optimistisch vertrauensvoller Geistes<= 
Verfassung ist, daß er bereitwillig Professor Westermarck selbst als unfehlbaren 
Führer akzeptiert und sich über die Niederlage aller, die sich von ihm unterscheiden, freut, 
wird er wohl gut daran tun, sich mit dem Buch nach Maßgabe des Interesses und der 
Gelegenheit Heber Abschnitt für Abschnitt zu befassen, als zu versuchen, es sich in einem 
Zuge zu eigen zu machen. Jedenfalls muß er sich, wenn er sich mit dem Studiutm des 
Gegenstandes beschäftigt, in der einen oder anderen Weise mit dem Buch auseinander* 
setzen. Er schuldet dies sowohl dem Ansehen des Verfassers wie der mühevollen Ge* 
dankenarbeit und Sorgfalt, die der Zusammenstellung dieser kritischen Essays offensicht* 
lieh gewidmet wurden. 

Im Rahmen dieser Zeitschrift würde es verzeihlich scheinen, wenn wir unsere Auf« 
merksamkeit auf die erste der drei Abhandlungen Westermarcks beschränken wollten, 
die sich mit der anthropologischen Arbeit der Psychoanalytiker befaßt. Bei der Besprechung 
der fünften Auflage der monumentalen „History of Human Marriage" im Int. Journai 
of Ps.A., vol. III, 1922, p. 249, kritisierte Ernest Jones, daß Westjermarck fast 
gänzlich verabsäumte, von den psychoanalytischen Befunden Notiz zu nehmen, und 
Freu d nur in „ein paar geringschätzigen Fußnoten" erwähnt. Diese Unterlassung ist nun 
gutgemacht worden. Der besagte Essay zeigt deutlich, daß sich Westermarck in um>= 
fassender und gründlicher Weise mit der psychoanalytischen Literatur beschäftigt hat. 
Ein Ergebnis davon war, daß er einen Eindruck von den „unerhörten Ansprüchen" er» 
hielt, die die psychoanalytischen Autoren auf anthropologischem Gebiet dort erheben, wo 
ihm nur unbedeutende und fehlerhafte Beweismittel vorzuliegen scheinen. Er hat es des:» 
halb der Mühe wert befunden, ihre Theorie „einer strengen Prüfung" zu unterziehen, 
deren Resultat der vorliegende Essay ist. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß es sich dabei um eine der sorgfältigsten und 
eingehendsten kritischen Arbeiten handelt, die der Psychoanalyse bislang durch einen 
Anthropologen von Rang gewidmet wurden. Vom Gesichtspunkt des allgemeinen Fort=^ 
Schrittes und der Rangzuordnung wissenschaftlicher Arbeit ist es natürlich enttäuschend, 
daß Westermarck als Ergebnis seiner Prüfung findet, die Psychoanalyse habe nichts 
von Bedeutung zum Thema beigetragen; daher ist es wichtig, so weit wie möglich klarzu* 
machen, worin die wesentlichen Unterschiede der Perspektive, Methode und Voraussetzung 
liegen, die Westermarck von den Psychoanalytikern trennen. Wie kommt es, daß 
eine ganze Reihe von Autoren, die an anthropologische Probleme vom Standpunkt der 
klinischen Psychologie herangehen, der Meinung ist, die Psychoanalyse habe eine „Flut 
von Licht" über Probleme wie das der „fast allgemeinen Inzestscheu" verbreitet, während 
ein auf dem Gebiet der Anthropologie selbst so hervorragender Autor nicht „den kleinsten 
Lichtstrahl" entdecken kann? 

Wie in so vielen anderen Fällen, in denen eine Meinungsverschiedenheit zwischen 
Psychoanalytikern und anderen Forschern besteht, ist auch hier die tiefste Ursache für die 
Divergenz der Ansichten darin zu finden, daß die psychoanalytische Theorie des Unbe^* 
wußten und der mit ihm in Verbindung stehenden anderen Mechanismen des Seelischen, 
wie Verschiebung, Überdeterminierung, Rationalisierung, Symbolik etc., — Begriffe, in 




Besprechungen 507 



denen die Psychoanalytiker zu denken gewohnt sind, — von selten Westermarcks 
keine Würdigung erfährt. Man muß eben die Tatsache in Rechnung stellen, daß es auch 
für wohlgelehrte und hochintelligente Persönlichkeiten möghch ist, bewußt respektable 
Mengen psychoanalytischer Literatur zu lesen, ohne die volle Bedeutung jener Begriffe zu 
erfassen; und abgesehen davon werden diese Wissenschaftler nicht nur die Gesichtspunkte 
des Psychoanalytikers mißverstehen, sondern auch den wahren Grund ihrer eigenen Dif* 
ferenzen mit ihm ignorieren. Dies ist es, was auch Westermarck unterlaufen ist, 
eine Tatsache, die im Verlauf seiner Ausführungen immer offenkundiger in Erscheinung 
tritt. Ich greife ein schlagendes Beispiel heraus: Gelegentlich der Besprechung der „Tobias* 
nachte" und der generellen Feststellung der Enthaltsamkeitsperiode nach der Ehe, die in 
vielen Teilen der Welt nachweisbar ist, erzählt uns der Verfasser, daß es „fragwürdig" sei, 
über die Ursachen dieses Brauches nachzudenken, wie es ja auch „sehr zweifelhaft" sei, 
„ob die Leute selbst eine klare Theorie über diesen Sachverhalt haben" (S. 52). Wenn sich 
Freud gestattet hätte, von dem Studium einer Verhaltensweise durch das Fehlen klarer 
Vorstellungen über das Warum des So^^handelns und So^denkens bei ihrem Träger abge* 
schreckt zu sein, wäre er natürlich nicht weitergekommen als jene Psychologen, die sich 
lediglich auf die Selbstbeobachtung stützen. Die Psychoanalytiker vertreten, zu Recht oder 
Unrecht, die Meinung, daß es dort, wo ein bewußtes Motiv nich nachgewiesen werden kann, 
oft möglich ist, ein unbewußtes ans Licht zu bringen, und daß überdies manchmal, gerade 
wenn ein bewußter Grund geltend gemacht wird, diese Motivierung nur eine Überdeter* 
minierung oder Rationalisierung darstellt, hinter der ein anderer und unbewußter Grund 
vorhanden ist, der die in Wirklichkeit wesentliche Bedeutung der fraglichen Handlung 
ausmacht. Wenn man mit den Psychoanalytikern nicht darin übereinstimmt, daß ein 
solcher Gesichtspunkt gerechtfertigt sei, muß vieles von dem, was sie sagen, als bloße 
„phantastische" Spekulation erscheinen — gerade das also, was Westermarck so oft 
findet. Hätte er die wahre Natur der Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und den 
Psychoanalytikern wirklich durchschaut, er hätte sich vor großer Verwirrung bewahren und 
gleichzeitig eine kritische Arbeit schreiben können, die für beide Teile ergiebiger ge' 
Wesen wäre. 

Der Mangel an Verständnis für das Merkmal der Überdeterminierung war besonders 
dazu geeignet, den Anlaß zu Beschwerden und Mißverständnissen seitens des Autors zu 
bilden. Wie er es — wie wir gesehen haben — von dem Psychoanalytiker vermessen findet, 
für ein Verhalten Gründe anzunehmen, wenn sich die Akteure selbst nicht auch eine „klare 
Theorie" darüber gebildet haben, so hält er es schlechthin für unvernünftig, falls von den 
Handelnden tatsächlich Erklärungen gegeben werden, mit diesen Erklärungen nicht zu=> 
frieden zu sein. Weil z. B. in Fällen von Königsehen zwischen Geschwistern und Ge^« 
schwisterkindern andere Gründe als die Anziehungskraft einer inzestuösen Gemeinschaft 
gegeben sind — Gründe wie die Wahrung von Rechten, von Besitz oder der Reinheit des 
Blutes oder die Angst vor einer Mesalliance — so glaubt er, diese Fälle könnten der Aiw 
sieht des Analytikers, daß solche Verbindungen als Überbleibsel ehemals deutlicher mani* 
festierter inzestuöser Tendenzen aufgefaßt werden dürfen, keine Stütze bieten. Oder — 
ein anderes Beispiel — wenn aus offensichtlich utilitaristischen Motiven Opfer dargebracht 
und Totemtiere geschlachtet werden, wie etwa bei der magischen Nahrungsversorgung, — 
was berechtige da die Psychoanalytiker, verkehrter und überflüssiger Weise anzunehmen, 
daß solche Handlungen in irgendeinem Zusammenhang mit Tendenzen der Vatertötung 
stehen? Gerade wenn Menschen — Könige oder Eltern — wohlbedacht ermordet werden, 
können die Mörder für ihre Tat gewöhnlich eine gute Begründung geben: die Schwäche 



508 Besprechungen 



des Königs sei nachteilig für die Gemeinschaft, oder die Tötung aher Leute sei ein Relikt 
aus einer Zeit, da es zu wenig Nahrung gab oder die älteren Personen auf einer Wandö» 
rung ein Hindernis bedeuteten. Was solche Fälle betrifft, brächten die Analytiker ledig« 
lieh „phantastische Deutungen von Bräuchen, für die die bewußten Motive nicht weit 
zu suchen sind" (S. 114). , 

Der Begriff der Ambivalenz macht WeBtermarck gleichfalls Schwierigkeiten. In 
seiner Besprechung des jus primae noctis zeigt sich, daß ihm weder die subtile zwieM 
spältige Einstellung begreiflich ist, als deren Ausdruck der Deflorationsakt gleichzeitig 
hochgeschätzt und zutiefst gefürchtet werden kann, noch, daß er imstande ist, die gegen* 
sätzlichen Liebes* und Haßregungen richtig zu würdigen, welche die Frau gegenüber dem 
Mann, der sie ihrer Jungfräulichkeit beraubt hat, beseelen mögen (S. 45). Ferner, wie 
dürften die Psychoanalytiker behaupten, daß ein Mann sein Totem hasse, wenn dieser 
Mann selbst feststellt, daß seine Beziehungen zu diesem Totem vollkommen freundschaft* 
liehe seien (S. 103)? Oder was berechtigt uns, zu sagen, daß das Totem einen Vater 
repräsentiere, wenn der Primitive selbst sagt, daß dies nicht der Fall sei (S. 104)? Ödipus 
selbst, endhch, kann nicht den Wunsch gehabt haben, seinen Vater zu töten, da er es ja 
unabsichtlich tat (S. 58)!! 

Dieses letzte Beispiel zeigt, wie W e s t e r m a r c k augenscheinlich die Ansicht miß»» 
verstanden hat, daß Mythen die entstellten Wunscherfüllungen der Menschheit verkörpern 
und eine ganz ähnUche Rolle spielen wie die Träume für die Einzelseele, — hält er es doch 
für einen ernsthaften Einwand gegen Freuds Deutung der ödipuserzählung, daß Ödipus 
von seinen Eltern unmittelbar nach der Geburt getrennt worden war und vielleicht „nicht 
einmal die früheste Befriedigung seines .Sexualtriebes' durch das Milchtrinken an der 
Brust seiner Mutter" kennengelernt hatte. Westermarck scheint zu glauben, daß 
alle Phantasien streng den Möglichkeiten der Realität entsprechen müßten, solle nicht die 
Wunscherfüllungstheorie den Boden verlieren. „Wenn Ödipus Freud gefolgt wäre", so 
hören wir weiter, „hätten sich seine Liebe und sein Haß nicht lokaste und Laios, sondern 
seinen Pflegeeltern zugewandt." Offenbar ist Westermarck bei seiner Lektüre weder 
Ranks „Mythos von der Geburt des Helden" noch irgendeiner anderen Abhandlung 
über den „Familienroman" begegnet. Es ist natürlich richtig, daß wir, um ein Phantasie« 
Produkt (oder eine bestimmte Version eines solchen) restlos zu verstehen, imstande sein 
sollten, für jede Einzelheit, einschließlich jeder Abweichung von der Wirklichkeit, eine 
Erklärung zu geben, — so z. B., weshalb nach Sophokles' Bericht ödipus gerade; 
drei Tage nach seiner Geburt von seinen Eltern getrennt wurde. Aber der Mangel eine^ 
so weitgehenden Verständnisses aller Details braucht uns gewiß nicht davon abzuschrecken, 
eine solche Erklärung so weit wie möglich aus der allgemeinen Theorie der Wunscher« 
füllung durch ihre Anwendung auf Mythos, Phantasie und Traum abzuleiten. 

Die Abhandlung befaßt sich zum größten Teil nur mit den anthropologischen An« 
Wendungen der Psychoanalyse; doch gibt W es t e r m a r ck auf den ersten fünf Seiten 
klar zu verstehen, daß er schwere Zweifel auch hinsichtlich der den Ödipuskomplex und 
die infantile Sexualität betreffenden rein klinischen Befunde hegt. Bezüglich der letzteren 
zitiert er Moll und McDougall, deren abweichende Deutungen der betreffenden 
Tatsachen unbestreitbar seien, während er in bezug auf den Ödipuskomplex die Frage 
stellt, welche psychoanalytische Argumentation denn als befriedigend angesehen werden 
könne, da ja doch Jugenderinnerungen unverläßlich, Kinder beeinflußbar und die Traum« 
deutungen willkürhch seien. Da er nicht geneigt ist, das Vorhandensein unbewußter Fak« 
toren in Erwägung zu ziehen, ist es für ihn natürlich verhältnismäßig leicht, an seiner wohl« 




Besprechungen 509 



bekannten Ansicht festzuhalten, die universelle Inzestscheu und die Gesetze und Tabus, 
die den Ausdruck dieser Scheu darstellen, seien das Ergebnis einer natürlichen Abneigung 
gegen Sexualbeziehungen zwischen Menschen, die ihre Jugend gemeinsam verlebt hätten, 
— eine Abneigung, die virahrscheinlich mit den biologischen Nachteilen der Inzucht im 
Zusammenhang stehe. (Bezüglich dieser letzteren Behauptung gibt er zu [S. 148], daß das 
Gewicht der modernen biologischen Lehrmeinung der seinen die Waage halte, zitiert aber 
B a u r zugunsten der älteren Ansicht, welcher mit dieser darin übereinstimmt, daß Inzucht 
an sich schädlich sei.) Er wiederholt seine Behauptung, an der er schon in seiner Kontro^^ 
verse mit F r a z e r streng festgehalten hatte, daß gesetzliche und soziale Verbote keines« 
wegs das Vorhandensein einer nennenswert verbreiteten Tendenz, die verbotenen Hand* 
lungen zu begehen, voraussetzen. Zu dem häufig erhobenen Einwand gegen diese Auffas-» 
sung — daß es nämlich nicht klar sei, wie aus einer sexuellen Abneigung zwischen frühen 
Hausgenossen eine Sexualablehnung unter Verwandten werden könne, — bemerkt er, daß 
die Psychoanalytiker sich vor einer analogen Schwierigkeit befänden, wenn sie zeigen, 
wie aus der Anhänglichkeit an Pflegepersonen eine inzestuöse Liebesbeziehung werden 
könne (S. 84). Wir müssen wahrscheinlich zugeben, daß an dieser Bemerkung etwas Wahres 
ist; gleichzeitig können wir aber darauf hinweisen, daß im Falle der von Westermarck 
angenommenen Abneigung eine fast vollständige Übertragung von den ursprünglichen 
Objekten \ (den frühen Hausgenossen) auf die sekundären und gewöhnhch vereinigten 
Objekte (die Verwandten) stattgefunden hat, wogegen im Falle der von den Analytikern 
postulierten Liebesbeziehung den ursprünglichen Objekten (Hausgenossen) die Freiheit 
geblieben ist, ihrer Liebe zu einander Ausdruck zu verleihen, einer Liebe, die im großen und 
ganzen nur dann gesellschaftliche Mißbilligung trifft, wenn sie gleichzeitig auch inzestuös 
ist. Westermarck ist vielleicht die Möglichkeit dieser Erwiderung selbst aufgefallen, 
da er bestrebt ist, ihr im voraus zu begegnen, wenn er sagt, daß z. B. eine Ehe zwischen, 
einem Ziehbruder und einer Ziehschwester „mehr als ein mildes Staunen hervorrufen und 
unnatürlich und ungehörig erscheinen würde" (S. 82). 

Dem vorliegenden Buch, das ja zur Gänze Polemiken gewidmet ist, fehlt die Bedeutung 
als Nachschlagewerk und als reiche Fundgrube von Tatsachenmaterial, wie es etwa „The 
History of Human Marriage" war. Nichtsdestoweniger ist ihm sicherlich ein besonderer 
Eigenwert als Zusammenstellung gewisser aktueller Kontroversen und als Übersicht über 
das in ihnen aufscheinende Material zuzusprechen. Es hat auch bereits Entgegnungen 
von Autoren ausgelöst, deren Einstellung in ihm angegriffen wird, unter denen vor 
allem die Gegenschrift Mrs. Seügmansi erwähnt sei, die vom Standpunkt des Anthro* 
pologen aus mit dem des Psychoanalytikers sympathisiert. In dieser Arbeit meint die Ver# 
fasserin übrigens, man müsse mit der Möglichkeit rechnen, daß wir nie in der Lage sein 
würden, die letzten Ursachen so universeller Tendenzen wie des Inzesttabus vöUig zu 
erkennen, und daß wir uns damit begnügen müßten, diese Tendenzen mit anderen Faktoren 
in wechselseiäge Beziehung zu setzen. Westermarcks Buch ist überdies auch dazu 
bestimmt, uns unnachsichtlich die Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen psychoanalytischen 
Theorien auf anthropologischem Gebiet vor Augen zu führen — Unzulänglichkeiten, die 
ja kein Psychoanalytiker in Abrede zu stellen wünscht. So ist es für ihn auch ein leichtes, 
die schwankende Haltung Freuds gegenüber den Problemen der jeweiligen Bedeutung 
von Erb'' und Umweltfaktoren für die Errichtung und Erhaltung sozialer Institutionen 
aufzudecken, wie sich ja auch die Schwierigkeiten dessen aufweisen lassen, was Freud selbst 

1) Brenda Z. Selig man: The Incest Taboo as a Social Regulation. Sociological Re«= 
View, XXVII, 1935. p. 75. 



510 Besprechixngen 



die „jnsi so story" der Urhorde genannt hat. Es ist weiters klar, daß manche psychoana« 
lytische Autoren (den Referenten inbegriffen) weitgehend, vielleicht in mancher Hin-» 
sieht über Gebühr, durch die Theorien und Hauptthesen F r a z e r s beeinflußt worden 
sind und daß dieser Umstand für die Anthropologen anderer Schulen gegen die Annahme 
der psychoanalytischen Auffassung sprach. Unter den in dem vorliegenden Buch erörterten 
Teilproblemen, hinsichtlich deren eine ergänzende und tiefer auf Einzelheiten eingehende 
Anwendung der psychoanalytischen Anschauungsweise höchst wünschenswert erscheint, 
seien erwähnt: die vergleichende Psychologie der tierischen und nichttierischen Formen, 
des Totemismus und die äußerst mannigfachen Beziehungen zwischen Totemismus und 
Exogamie. (Soferne es richtig ist, daß diese beiden Institutionen in einer Wechselbeziehung, 
zu den beiden Aspekten des Ödipuskomplexes stehen, fehlt uns das Wissen, weshalb Exo«^ 
gamievorschriften keine beständigere Verbindung mit totemistischen oder Klassenorganisa* 
tionen aufweisen.) In erster Linie sind da vielleicht die schwierigen Probleme zu erwähnen, 
unter welchen Umständen weit verbreitete Verdrängungen und Abneigungen sich mani»- 
festieren, bezw. in gesetzlichen Verboten, übernatürlichen Sanktionen und gesellschaft=' 
liehen Übereinkünften formuliert werden. Dies alles und mehr sind Fragen, die ein vieli» 
versprechendes Betätigungsfeld für die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Anthropo<< 
logen, Soziologen und Psychoanalytiker für viele Jahre abgeben würden; es sind Fragen, 
bei deren Bearbeitung sich Westermarcks Buch als eine recht wertvolle Quelle 
förderlicher Anregungen erweisen wird. J. C. Flügel (London) 

WIERSMA, D.: Xoepassingen der Zielkunde. Leiden, Leidsche Uitgeverymij., 1933. 

95 Seiten. 

Von diesem vier Vorlesungen umfassenden Büchlein geht uns am ehesten die dritte an, 
die die Psychoanalyse behandelt. An Hand des anal-^erotischen Charakters, zu welchem 
der Autor Geiz, pedantisches Benehmen, Mißtrauen und Ängstlichkeit rechnet, wird ver» 
sucht, in wenigen Seiten eine Einführung in die Psychoanalyse zu geben. 

Der Analcharakter verdankt seine Auswahl dem glückhchen Umstand, daß Porf. E. 
Wiersma im Jahre 1923 eine Enquete abgehalten hatte, in der verschiedene Eigen* 
Schäften korreliert wurden. Die Statistik will so die Zugehörigkeit der verschiedenen Züge 
des Charakters prüfen. Die Enquete hat ergeben, daß Obstipierte im allgemeinen weniger" 
geizig sind als der Durchschnitt der Menschen. 

W. zieht nicht in Erwägung, daß sich die Obstipation schon längst ganz ins Psychische 
verschoben haben kann; daß auch der Geiz abgewehrt sein kann, so daß er vielleicht nur 
unter bestimmten Umständen oder in der Analyse wieder klar hervortritt. 

Andererseits ist die Beantwortung einer Fragenliste von den jeweiligen Widerständen 
abhängig und die Menschen sind über sich selbst so ungenau unterrichtet, daß eine 
Enquete nicht zur Prüfung der analytischen Methodik zu verwenden ist. 

In diesem Kapitel ist auch Jung genannt, der Autor meint, daß Jung die Analyse 
besser erfaßt habe als Freud. M. Katan (Den Haag) 

WINKLER, H. ALEXANDER: Die reitenden Geister det Toten. Stuttgart, Kohlhammer, 

1936. V und 144 Seiten. 

Eine Studie über die Besessenheit des Abd er Radi und über Gespenster und 
Dämonen, Heilige und Verzückte, Totenkult und Priestertum in einem oberägyptischen 
Dörfe. ' 

Der Autor hat sich bemüht, einen mohammedanischen Fellachen, der im Anschluß 
an eine fieberhafte Krankheit, wahrscheinlich eine Poliomyelitis, besessen wurde, gründ* 




Besprechungen 511 



lieh kennen zu lernen und ihn nun dem Ethnologen, Religionsforscher, Ägyptologen und 
Psychologen vorzustellen, indem er zuerst seine Umwelt schildert, dann seine Herkunft, 
seinen Lebensgang, seine Krankheit, seine Berufung, seine Besessenheitszustände, dann 
die Wirkung der Besessenen auf das religiöse und soziale Leben der Fellachen, ferner 
seinen Charakter, sein subjektives Verhältnis zu seinen Totengeistern und schließlich die 
Beziehung zwischen Wachbewußtsein und Besessenheitszuständen. 

Die anschauliche und ausführliche Schilderung wird durch die beigegebenen Licht=> 
bilder noch plastischer. Dem Verfasser ist offenbar ein tieferes Eindringen in die Verhält«« 
nisse und in den Mechanismus der Besessenheit bei seinem Patienten dadurch möglich gc 
worden, daß er selbst gewisse telepathische Fähigkeiten desselben als tatsächlich bestehend 
angenommen hat. Daß aber bei solchen hysterischen Spaltungen der Persönlichkeit, als 
■welche wir diese Besessenheiten wohl diagnostizieren dürfen, derartige Fähigkeiten vor«^ 
kommen, dürfen wir nach analogen Beobachtungen z. B, bei der Analyse durchaus für 
möglich halten. A. Kielholz (Königsfelden=» Aargau) 

WOLTERECK, RICHARD: Grnndzüge einer allgemeinen Biologie. Die Organismen als 
Gefüge, Getriebe, als Normen und als erlebende Subjekte. Ferdinand Enke, Stuttgart, 
1932, XVI und 629 S. i 

Die Grundtendenz dieses Buches ist philosophisch. Der Verfasser hat durch viele Jahre 
ein Sonderstudium der Kleinkrebse unternommen. Seine Untersuchungen führten ihn 
immer wieder zu materiell unauflösbaren Sachverhalten. Dazu gehört die Ganzheit der 
Gestalten und „harmonischen Funktionskomplexe". Aber auch Spontaneität, Gerichtet« 
sein der Entwicklung, das „zweckmäßige" Reagieren der Organe ergab Widersprüche gegen 
die mechanistisch^darwinistische Auffassung. Der Verf. betrachtet das erlebende Subjekt als 
Ausgangspunkt der Lebensforschung. Organismen sind einheitliche und spezifische Geo 
füge (Gestalten). Die gesamte Entwicklung der Erde und ihres Lebens macht den Eindruck 
eines weder zufälligen noch mosaikhaften, sondern eines gesetzmäßigen und einheitHchen; 
Phänomens, einer Ganzheit im Werdevorgang, in der Richtung, im Rhythhius und in der 
harmonischen Ausgeglichenheit. Nicht nur für begrenzte Räume (Wassertümpel, Bäume, 
menschlicher Körper) ist Gleichgewicht unter den lebenden Insassen die Regel, sondern 
auch für größere Komplexe, wie Inseln, Seen, Kontinente und Ozeane, endlich sogar für 
den gesamten Wohnraum Erde. „Heute beginnt man wieder zu empfinden, daß das Wort 
Zufall, auf das Werden der großen Tier<» und Pflanzentypen, auf das Entstehen von 
Bodenbakterien, Hchtbindenden Pflanzen etc. angewandt, bloß ein ärmhches Wort, ein 
Unbegriff und ein Unsinn ist . . . Heute empfinden viele wieder das von innen heraus 
Gesetzmäßige, Planvolle, Harmonische des Kosmos und der lebendigen Welt . . . sach* 
lieh auf Grund eines verfeinerten Gefühls für Gleichgewicht, Stil, Rhythmus." Jeder 
lebendige Körper ist eine spezifische Vorgangskette, ein Gesamtrhythmus, eine Zeitgestalt. 
Die Zeitgestalt wird durch Selbstinduktion geprägt; in allen Grundzügen der Geschehens* 
folge durch Organisatoren, in den erblichen aber vertretbaren Modalitäten durch Genim« 
pulse, endlich durch vielerlei regulierende Wirkungen, z. B. die der sogenannten Hormone. 
Auf den Organismus paßt nicht das Symbol der Maschine, sondern das des aus sich selbst 
rollenden Rades. Über den Tod sagt der Verfasser: „Vom Einzelorganismus aus gesehen, 
ist Sterben eine innere, systembedingte Notwendigkeit, Endpunkt aller Hemmungen und 
Abnützungen des Körpers." Die Not^vendigkeit (und Wahrscheinlichkeit) des individuellen 
Todes erfordert, wenn das Leben weitergehen soll, fortgesetzte Erneuerung, und zwar 
Selbsterneuerung der Organismen. Der Verfasser erkennt sowohl das Lamarcksche 
Prinzip der direkten Milieuwirkung (Vererbung erworbener Eigenschaften) als auch die 



512 Besprechungen 



Darwinsche Auslese an, betont aber, daß beide Faktoren nur eine mitwirkende Bedeu* 
tung haben, und daß die Evolution hauptsächlich durch den Organismus von innen be* 
stimmt ist. Der dritte Hauptteil des Buches bespricht die Organismen als Normen und als 
erlebende Subjekte und die Innendimension des Lebendigen. 

Es ist ein interessantes Buch, das ein großes Tatsachenmaterial eigenwillig verarbeitet. 
Es ist daher kein Nachschlagebuch. Der Analytiker wird manche Anregung gewinnen, 
wird aber die psychologische Analyse als ungenügend empfinden. Er wird auch den allge«» 
meinen Begriffen „Gerichtetsein", „systembedingte Notwendigkeit", „harmonische Funk= 
Itionskomplexe" ein gesundes Mißtrauen entgegenbringen. Aber die „Psychoanalyse des 
organischen Geschehens" wird den Gedankengängen des Autors über allgemeine Form* 
Prinzipien ein gründliches Studium widmen müssen. P. Schilder (New York) 



Inhaltsverzeichnis 

des XXII. Bandes (1936) 

Edmund Bergler: Zur Psychologie des Hasardspielers 409 

Edward Bibring: Zur Entwicklung und Problematik der Triebtheorie 147 

W. Bischler: Selbstmord und Opfertod 177 

Paul Federn: Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Nar=ä 

zißmus . - f ' • 5 I 

Edward Glover: Medizinische Psychologie oder akademische (nor=» 

male) Psychologie: ein Problem der Orientierung 40 

Ludwig Jekels: Mitleid und Liebe 383 

Ernest Jones: Die Psychoanalyse tmd die Triebe 129 

Ernst Kris: Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken .... 339 ! 

Karl Landauer: Die Affekte und ihre Entwicklung (Affekte, Leiden== 

Schäften, Temperament) ...,,,,,-. 275 I 

Thomas Mann: Freud und die Zukunft 257 

Wilhelm Nicolini: Verbrechen aus Heimweh und ihre psychoanaly* 

tische Erklärung , . 91 j 

L. E. Peller=Roubiczek: Zur Kenntnis der Selbstmordhandlung. 

Psychologische Deutung statistischer Daten ......... 81 

Paul Schilder: Psychoanalyse des Raumes 61 

— Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik .... 389 

Emilio Servadio: Die Angst vor dem bösen Blick 396 

Alfred von Winterstein: Swedenborgs religiöse Krise und sein 

Traumtagebuch • 292 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Ludwig Eideiberg: Zum Studium des Versprechens 196 

S. H. Fuchs: Zum Stand der heutigen Biologie. Dargestellt an Kurt 

Goldstein: „Der Aufbau des Organismus" 210 

Alfred Gross: Zur Psychologie des Geheimnisses 202 

Imre Hermann: Neue Beiträge zuf vergleichenden Psychologie der 

Primaten ,...,.,,,- 442 



Inhalts Verzeichnis 



Richard Sterba: Über Libidokriterien 371 

— Zur Theorie der Übertragung 456 

M. Wulff: Zur Arbeit von E. Kris „Bemerkungen zur Bildnerei der 
Geisteskranken" 471 



BESPRECHUNGEN 

Aus der psychoanalytischen Literatur: 

Alexander und H e a r 1 y : Roots of Crime . (Gluedc) AI 6 

Alexander und Staub: O criminosa e sens juizes (Mayov) 477 

Bergler: Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe (Bally) 477 

Bernstein: Psychoanalytic Extensions o£ the S'K Formula . . . (Marseille) 121 
Burrow: Behaviour Mechanisms and their Phylopathology .... (Marseille) 121 

Flügel: Men and Their Motives . (Jones) 478 

Freud, Anna : Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen . . . (Sarasin) 379 
Gölten: Footnote to an Allegory of Bellini .... . .... . ... (Dooley) 478 

Lasswell: Verbal Ref erence and Physiological Changes During the Psychoanalyse 

tical Interview: A Preliminary Communication • ■ ■ (Marseille) 121 

L o w t z k y : Sören Kierkegaard (Gero) 242 

R e i k : Der überraschte Psychologe (R. Sterba) 244 

Röheim: The Riddle of the Sphinx (Isaacs) 478 

Sandström: En Psykoanalytisk Kvinnostudie : Ernst Ahlgreen* Victoria Bene« 

dictsson , , . . . (Flügel) 492 

Schilder: Personality in the Light of Psychoanalysis (Marseille) 122 

Weiss : La Psicoanalisi , , , , (E. K.) 2i8 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: 

Alverdes: Leben als Sinnverwirklichung (Schilder) 493 

Bailey: An Intruduction to Rankian Psychology (Marseille) 123 

Banister: Psychology and Health (Jones) 493 

Baumgarten: Die Dankbarkeit bei Kindern und Jugendlichen . . (Bergmann) 493 

B e r g e r : Menschenbild und Menschenbildung (R. Sterba) 494 

Beun: Het Zadehjk Ordeel bij Rinderen (Westerman'Holstijn) 248 

Cochrane: De oorsprong der gevangenissen (Piera) 250 

D e I g a d o : Introduccional estudio de la psicopathologia (Eder) 494 

D u n b a r : Emotions and Bodily Changes (Jones) 494 

Eliasberg: Ausdruck oder Bewegung im künstlerischen Schaffen . . (E. K.) 123 
Endres: Die Zahl in Mystik und Glauben der Kulturvölker . . . (Kielholz) 495 

Evans^Pritchard: Essays (Röheim) 495 

Frankheim: Die Entwicklung des sittHchen Bewußtseins beim Kinde (Sarasin) 497 

Geers: Lope de Vega (Lampl-de Grooi) 498 

Hofstätter: Die Psychoanalyse in pragmatischer Darstellung . . (Fenidiel) 498 

Hya tt: Foklore from Adams County, Illinois (Jones) 499 

Koffka: Principles of Gestalt Psychology (Sdiilder) 251 

König^Fachsenfeld: Wandlungen des Traumproblems von der Romantik 
bis zur Gegenwart .....,,... (Kielholz) 124 



1 



Inhaltsverzeichnis 



Korperth=<Tippel: Kind und Bild (E. K.) 255 

K r a u s s : Der seelische Konflikt. Psychologie und existentiale Bedeutung (Marseille) 124 
Mehlich: Fichtes Seelenlehre und ihre Beziehung zur Gegenwart . (Marseille) 256 

Menaker: Neugier im 1. und 2. Lebensjahr . (Grotjahn) 499 

Mus chg: Die Mystik in der Schweiz 1200— 1500 (Kielhoh) 380 

N a g 1 e r : Anlage, Umwelt und Persönlichkeit des Verbrechers .... (Kielhok) 380 

Pfandl: Das Liebesleben des Lope de Vega (LampUde Groot) 500 

R a m o s : O Educador a Psicanalise (Afayor) 500 

Schrenck^Notzing: Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider .... 

(Winterstein) 500 
Sperber: Über Träume und Phantasien von Schwerkranken und Sterbenden . . 

(Hitsdimann) 501 

S t r a u s s : Vom Sinn der Sinne , . (Schilder) 501 

Tiger mann: Paul Verlaine (Hitsdimann) 502 

U n w i n : Sex and Culture (Röheim) 503 

W a r r e n : Dictionary of Psychology (Jones) 505 

Westermarck: Three Essays on Sex and Marriage (Flügel) 505 

Wiersma: Toepassingen der Zielkunde (Katan) 510 

W i n k 1 e r : Die reitenden Geister der Toten (Kielholz) 510 

Woltereck: Grundzüge einer allgemeinen Biologie (Sdiilder) 511 







THE 




THE 






PSYCHOANALYTIC 




INTERNATIONAL 






QUARTERLY 




JOURNAL OF 






Fifth year of public aüon 




PSYCHO-ANALYSIS 






THE QUARTERLY 










is devoted to original contributions 










in tiie field of theoretical, clinical and 




Directed by 






applied psychoanalysis, and is 




SIGM. FREUD 






published four limes a year. 










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TERLY consistsofthe Editors: Drs. 




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Dorian Feigenbaum, Bertram D.Lewin 




ERNEST JONES 






and Gregory Zilboorg. Associate Edi- 










tors: Drs. Henry AI den Bunker, Jr., 










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H e n dr i c k : Ego Development and CertainCharacter 




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Problems. — Felix Deutsch: Eathanasia. — Rene 








Laforgue: Exceptions to the Fundamental Rule 
of Psychoanalysis. — Editha Sterba: An Abnormal 




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and Anxiety. In Memoriam : Montagu David 




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Literature. — Notes. 




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IMAGO, Band XXII (1956), Heft 4 

(Ausgegeben im Dezember 1936) 

Seite 

Ludivig Jekels: Mitleid und Liebe 385 

Paul Schilder: Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik 389 

Emilio Servadio: Die Angst vor dem bösen Blick 596 

Edmund Bergier: Zur Psychologie des Hasardspielers 4o9 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Imre Hermann: Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten .... 442 

Richard Sterba: Zur Theorie der Übertragung . ... 456 

M. fVuLff: Zur Arbeit von E. Kris ,, Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken" 471 

BESPRECHUNGEN 

Aus der jnychoanalytischm Literatur: Alexander und Healy: Roots of Crime {Glueck) 476. — 
Alexander und Staub: O criminosa e sens juizes {Mayor) Ml . — Bergler: Talleyrand, Napoleon, 
Stendhal, Grabbe (Bally) 477. — Flügel: Men and Their Motives {Jones) 478. — Goitein: Footnote 
to an Allegory of Bellini (Dooley) 478. — Röheim: The Riddle of the Sphinx {Isaacs) 478. — Sandström: 
En psykoaualytisk Kvinnostudie: Ernst Ahlgreen- Victoria Benedictsson {Flügel) 492. 

Aus der Literatur der Grenzgebiete Alverdes: Leben als Sinnverwirklichung {Schilder) 493 — 
Banister: Psychology and Health (Jones) 493. — Baumgarten: Die Dankbarkeit bei Kindern und 
Jugendlichen (Bergmann) 493. — Berger: Menschenbild und Menschenbildung (R Sterin) 494. — Delgado: 
Introduccional estudio de la psicopathologia (Eder) 494. — Dunbar: Emotions and Bodily Changes 
(Jones) 494. — Endres: Die Zahl in Mystik und Glauben der Kulturvölker (Kielholz) 495. — Evans- 
Pritchard: Essays (Röheim) 495. — Frankenheim: Die Entwicklung des sittlichen Bewußtseins beim 
Kinde (Sarasin) 497. — Geers: Lope de Vega (Lampl-de Groot) 498. — Hofstätter: Die Psychoanalyse 
in pragmatischer Darstellung (Fenuhel) 498. — Hyatt: Folklore from Adams County, Illinois (Jones) 
499. — Menaker: Neugier im 1. und 2. Lebensjahr (Grotjahn) 499. — Pfandl: Das Liebesleben des 
Lope de Vega (Lnmpl-de Groot) 500. — Ramos: O Educador a Psicanalise (Mayor) 500. — Schrenck- 
Notzing: Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider (Winterslein) ÖÜQ. —Sperber: Ül)er Träume und 
Phantasien von Schwerkranken und Sterbenden (Hitschmann) 501. — Strauß: Vom "Sinn der Sinne 
(Schilder) 501. - Tigermann: Paul Verlaine (Hitschmann) 502. — Unwin: Sex and Culture (Röheim) 
503. — Warren; Dictionary of Psychology (Jones) 505. — Westermarck: Three Essays on Sex and 
Marriage (Flügel) 505. — Wiersma: Toe passingen der Zielkunde (Katan) 510. — Winkler: Die 
reitenden Geister der Toten (Kielholz) 510. — Woltereck: Grundiüge einer allgemeinen Biologie 
('Schilder) 511. 



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Wien IX, Berggasse 7 



Eigentumer und Verleger; Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H., Wien IX, Berggasse 7 
Herausgeber: Prof. Ur. Sigm. Freud, Wien. - Verantwortlich für die Redaktion: Dr. RobertWälder,Wien II, Obere Donaustraße 35 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 




IMAGO, Band XXII (1936), Heft 4 

(Ausgegeben im Dezember 1936) 

Seite 

Ludwig Jekeh: Mitleid und Liebe ^g, 

Paul Schilder: Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik 389 

Emilio Servadw. Die Angst vor dem bösen Blick 396 

Edmund Bergler: Zur Psychologie des Hasardspielers 4o9 

MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Irrire Hermann: Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten .... 442 

Richard Sterba: Zur Theorie der Übertragung . ... 456 

M. Wuljf: Zur Arbeit von E. Kris „Bemerkungen zur Bildnerei der Geisteskranken" 471 
BESPRECHUNGEN 

Aas der p ixchoanalj-tisclun Literatur: Alexander und Healy: Roots of Crime (Glueck) 476 — 
Alexander und Staub: O criminosa e sens juizes (Maxor) 477. — Bergler: Talleyrand, Napoleon, 
Stendhal Grabbe (Baliy) 477. - Flügel: Men and Their Motives {Jones) 478, - GoiteiA: Footnote 
to an A legory of Bellini (Dooter) 478. - Roheim: The Riddle of the Sphinx (Isaacs) 478. — Sandström: 
En psykoanalytisk Kvmnostudie: Ernst Ahlgreen- Victoria Benedictsson {Flügel) 492. 

Aus der Literatur der Grenzgebiete- Alverdes: Leben als Sinnverwirklichung (Schilder) 493 — 
Banister: Psychology and Health (Jones) 493. — Baumgarten: Die Dankbarkeit bei Kindern und 
Jugendliclien (Bergmann) 493. — Berger: Menschenbild und Menschenbildung (RSteria) 494. — Delgado- 
Introduccional estudio de la psicopathologia (Eder) 494. — Dunbar: Emotions and Bodily Changes 
(^ones) 494 — Endres: Die Zahl in Mystik und Glauben der Kulturvölker (Kielholz) 495. — Evans- 
Pritchard: Essays (Röh^im) 495. — Frankenheim: Die Entwicklung des sittlichen Bewußtseins beim 
Kmde (Sarasin) 497. — Geers: Lope de Vega (Lampl-de Groot) 498. — Hofstätter: Die Psychoanalyse 
'.nn^'"''^""'*'"' " D'i^ätelling (Fenuhel) 498. — Hyatt: Folklore from Adams County, Illinois (Jones) 
499. — Menaker: Neugier im 1. und 2. Lebensjahr (Grotjahn) 499. — Pfandl: Das Liebesleben des 
Lope de Vega (Lampl-de Groot) 500. — Ramos: O Educador a Psicanalise (Mayor) 500. — Schrenck- 
^otzmg: Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider (PVinterslein) 500. — Sperber: Ül)er Träume und 
Phantasien von Schwerkranken und Sterbenden (Hitschmann) 501. — Strauß: Vom'Sinn der Sinne 
(Schilder) 501. - Tigermann: Paul Verlaine (Hitschmann) 502. — Unwin: Sex and Culture (Röheim) 
505. — Warren; Dictionary of Psychology (Jones) 505. — Westermarck: Three Essays on Sex and 
Marriage (Flügel) 505. — Wiersma: Toe passingen der Zielkunde (Katan) 510. — Winkler: Die 
tTm T51l"''^'" ^^"^ '^°*''" '^'^"^^"^"'^ ^^°- - Woltereck: Grund^üge einer allgemeinen Biologie 



Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes: 

DR. EDMUND BERGLER, Wien I, Seilerstätte 7. 

DR. IMRE HERMANN, Budapest 11, Filler-ucca 25. 

DR. LUDWIG y EKELS. Stockolm, Norrmälarstrand 20. 

DR. med. et phil. PAUL SCHILDER, Professor an der New York University, 160 East 48th 

Street, New York, N. Y. 
DR. EMILIO SERVADIO, Via Tagliamento ^Q, Roma. 
DR. RICHARD STERBA, Wien VI, Mariahilferstraße 71. 
DR. M. WULFE, Tel-Aviv, Boulevard Rothschild 38. 



Wir bitten zu richten: 
Redaktionelle Zuschriften aus allen Ländern mit Ausnahme Nordamerikas an die 
Redaktion der „Imago", Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, 
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Redaktionelle Zuschriften aus Nordamerika an Dr. Sandor Rado, 324 West 86* 
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Geschäftliche Zuschriften aller Art an Internationaler Psychoanalytischer Verlas. 
Wien IX, Berggasse 7 ^ 7 s. 



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,sse 7 
Donaustraße 35 



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XXII. Band 



1936 



Heft 4 



IMAGO 

iieitsctirilt lür psyckoanalytisaie Eycnoloeie 
ihre Crrenzgebiete una An^wenciungen 

Offizielles Organ Jer Interaationalen Psydioanalytisdien Vereinigung 



H 



erausgegeben von 



Sigm. Freuo 

Redigiert von Erzist Kris und Robert W^äld 



r Ludwig Jekels Mitleid und Liebe 

Paul Schilder Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik 

und Physik 

Emilio Servadio Die Angst vor dem bösen Blick 

Edmund Bergler Zur Psychologie des Hasardspielers 

• Imre Hermann Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie 

der Primaten 

Richard Sterba Zur Theorie der Übertragung 

M. Wulff Zur Arbeit von E. Kris „Bemerkungen zur 

Bildnerei der Geisteskranken" 

Besprechungen