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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften Band II 1913 Heft 5"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG. 
DEK PSYCH OAKALY5E AUF DIE 
aElSTES\VISSEHSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VOM 

PROF. DSSIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
m OTTO RANK U. Dr HANNS SACHS 

n; JAHRGANG/ 1913 
HEFT 5 / OKTOBER 




1913 

HUGO HELLER &.Ö1 

LEIPZIG U.W1EN-I-BAUERNMARKJ3 



Der über Erwarten günstige Erfolg des abgelaufenen ersten Jahrgangs hat uns vor 
allem des Interesses Jener versitiiert, an die sirfi die Zeitschrift zunäAst wandte, 
nidit minder aber die Hoffnung bestäligt, daß audi weitere Kreise an den Problemen 
und Ergebnissen unserer jungen Wissensdiaft Anteil nehmen werden/ endlidi hat uns die 
rege Mitarbeit der Vertreter versdiiedener Fachgebiete das Bewußtsein gegeben, daß unser 
Unternehmen audi imstande war, der Anregung geistiger Produktionstätigkeit zu dienen. 
, , Die reiche und vielseitige Arbeit des abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inhaftsüber- 
SLiit und wir dürfen hoffen, mit der Festhailung und Ausgcstakuiig unseres Programms 
au(h unseren Erfolg sidiern und steigern zu könnffi, 

Soweit es durdiführbar ist, sollen alle jene Zweige der Geisteswissenschaften, für 
•"^ t"!^ "sydioanalyse Bedeutung gewonnen hat, zu "Wort kommen/ audi soll weiterhin 
neben Sonderproblemen der Individualpsydiologie besonders die Völkerpsychologie einen 
breiten Raum einnehmen, die ja am deutlirfisten den Wert und die FruÄtbarkeit der am 
Einseinen gewonnenen SeeJcnkenntnis erweist. 

ÄSTHETIK, LITERATURGESCHICHTE, PHILOLOGIE, PÄDAGOGIK, 
MORALTHEORiE, KULTUR- UND RELIGIONSGESCHICHTE, ETHNO- 
GRAPHIE UND FOLKLORE, die im 1. Jahrgang bereits vertreten waren, sollen 
sorgfältig weiter gepflegt werden^ andere Wissens diaften, besonders die MVTHEN' 
FORSCHUNG, dann audi PHILOSOPHIE und METAPHySIK, soweit sie einer 
psydiologisdien Befradilungs weise zugänglidi sind, werden hinEukommen, so daß jeder, 
der an wissensdiaftlidier Forsdiung Anteil nimmt, die Probleme, die ihn vorzüglidi 
interessieren, unter neuen Gesiditspunkten behandelt finden wird. Die EinheitÜdikeit wii^ 
durdi die gemeinsame Beziehung zur Psydioanalyse gewahrt werden, durdi die jedes 
Problem in neue Zusammenhänge eingefügt wird. 



Für die REDAKTION bestimmte Zusdiriftcn und Sendungen wollen an 
Dr. HANNS SACHS, Wien XIX/i,Peter=Jordangasse76 adressiert werden. 



»IMAGO« ersdieint SECHSMAL jährfidi im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M. 15, — = K 18. — pro Jahrgang durdi 
jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
® CIE. in Wien L, Bauernmarkt 3 abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wird ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf »IMA= 
GO« und die »INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ÄR2T^ 
LICHE PSyCHOANALySEo zum ermäßigten Gesamtjabrespreis von 
Mk. 30.- = Ä* 36.- eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesdilossenen 
I. Jahrgangs »IMAGO« werden jm Preise erhöht, so daß der komplette 
l Jahrgang nunmehr M. 18.— = K 2L60, gebunden M. 22.50 = K27.— 

kostet. 



Copyright 1913. HUGO HELLER ® CIE., Wien I., Bauernmarkt 3. 



^mSUm 



mäM 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO^ 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHÄFTEN 
HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

^^ _ SCHRIFTLEITUNG: 

11. 5. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1913 



Von frühem Gottesdienst. 
Von LOU ANDREAS -SALOME. 

Nadidcm Freud in dieser Zeitschrift die Religion und die 
leligiösen Gebräudie der »Wilden« psydioanalytisdi ange^ 
fallt hat, versudie idi einen Beridit hinzuzufügen von anderem 
frühen Gottesdienst, von dem des Kindes, wenn audi nur als 
persönlidie und sogar frauenzimmerliche Beigabe, die von ps/dio= 
analycisdier Durchdringung absieht. 

Dieser entsdieidende Mangel rührt daher, daß idi nicht, ehe 
ich von einem Gott was sage, von einem dahinter stehenden 
Mensdien sagen kann, denn meine Erinnerungen lassen mich dabei 
im Stidi. Sollte idi sie dennoch einmal erwisdien, so will ich sie 
getreulich beichten. 

Meine früheste Vatererinnerung sdieint mir nicht genügend 
Licht zu bringen in den dunkfeii Vorgang, wie idi von ihm mein 
Gottesmodell bezogen haben mag, und sie wurde in dieser Zeit-" 
strecke von keiner weiteren gefolgt. 

Ein nodi ganz kleines Mädchen, sehe ich mich aufrecht in 
in meinem Gitterbett stehen, als mein Vater, in großer Uniform 
von einem Galadiner kommend, mich an sich ziehen will und da= 
bei mit seiner brennenden Zigarette an meine nadcte Sdiulter gerät, 
Natürlidi sdireie ich mörderlich los, und als er, zärtlich erschrocken 
ob seiner väterlidien Untat, midi über und über mit Küssen 
bededit, nehme idi wahr — in staunender Befriedigung ver= 
stummend — daß in seinen stahlblauen Augen ganz wirldidie edite 
Tränen stehen. 

Mit diesem Anblid; verbindet sidi irgendwie die Erinnerung 
an ein Knallbonbon. Damals und audi später noch braditc er mir 
von der kaiserlidien Tafel ein bis zur Unwahrsdieinlichkeit praÄt= 
volles Bonbon mit, von dem idi annahm, daß, wenn man es knallen 
ließ, goldene Gewänder herauskämen. Als idi jedodi hörte, es sei 
nur Kleidung und Kapuze von Seideiipapier, hab idi es nidit 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




458 



Lou Aii(!reas=SaIomc 



knallen lassen: und so blieben, gewissermaßen, doch goldene Gc" 
wänder unwidersprodien darin. 

Dies Superlativisdie, über alle Erfahrung Hinausfliegende, 
sowie umgekehrt das hödist positiv mit einer geringfügigen Einzel^ 
licit Verklammerte, sdieiiit, wie wenigstens mir vorkommen will, 
all denen Kindereindrürken eigen zu sein, die sich uns fest ins be= 
wuRtseinsbereite Gedädilnis graben,- immer sdieint sidi in ihnen 
diese Doppeicendenz zu finden: einmal in das ganz eng LInw 
sdiriebene, sidi typisdi Wiederholende und dadurdi Einprägende, 
der kindlidien Erlebnis möglidikeiten — dann aber auch in eine sel[= 
sam davon ausgehende WeitersCrablung, eine fast uiiersdiöpflidie 
Tiefenwirkung. Der Gegensatz spiegelt sidi darin, den die Itleine 
Kindesweli zur grollen LImwelt bildet, dodi audi der andere; einer 
Verträumtheit, die es nodi groß umfängt, zu den präzisen Grenzen 
der Einzeldinge ringsumher. Dem Kinde, weil es sid\ nodi nidit 
total zur Welt geboren bat, nodi nidit so fest verfangen hat im 
System des Vielfältigen, steht nodi jeder geringste Teil davon für 
das Ganze, als Statthalter und Madithaber unverkürzten Leben5= 
Wunders und diese Befraditung, Überladung der Dinge nicht mit 
vielem nur, sondern mit gieidisam allem, in jegüdiem, bleibt als 
ihr Reiditum und Zauber an ihnen haften; so dal) noch für späteste 
Erinnerungen Perspektiven davon ausgehen nadi überallhin — Wege 
sidi auftun, vergessene, verwa<iisene, auf denen die Alten nodi sidi 
zurüdsfinden zu rätselhaften Sdiätzen, und um die jeder SdiafFende 
heimlidi weiß wie um Heimat. 

In der elterlidien Obhut <oder dem, wodurd\ sie vertreten 

■wird) sdiließt sidi dem Kinde dieses sein Doppeierleben zu Einem 

zusammen, insofern die Eltern außerhalb seiner und dodi nodi wie 

mit herübergenommen sind von jenen Fernen, aus denen das Kind 

eben erst landete an den Ufern des Mensdiseins. Von woher sie 

ja ihre Stammesverwandtsdiaff besitzen mit sämtlichen Zauberern 

und Feen, all diesen Vize=Mama3 und =Papas aus den Märdien, 

deren Tun nur verrät, was man den Eltern längst heimlidi zutraute: 

nämlidi ebensowohl wesenseins mit dem Kinde zu sein als audi 

überlegen dem Unbekamiten außerhalb, und dadurdi jedes Wunders 

mächtig — d. Ii, aber: des dem Kinde allein selbstverständlidien. 

Kinderglüdi ist von so äußerster Wichtigkeit deshalb, weil Innen und 

Außen ihm nur eins werden können in Eitern^Allmadit und =Liebe, 

aus der heraus das unbekannte Dasein sidi gefahrlos aneignen läßt 

— spielend. Und so mag Erinnerungen daran trotz ihrer Inhalrsver= 

schiedenheit, wie im Traum, ein Gleidies zugrundeliegen — ein 

Intimstes des Wiinsdiens — etwas von jener Särtlidikcit, die Mund 

und Augen meines Vaters für midi gehabt, zugleidi geeint unbe^ 

zweifelbarer Maditfüllc, wohU wie wehlueiider — wenn auch nur 

repräsentiert durdi eine Zigarette und ein Knallbonbon. 

Offen bleibt die Frage, wieso ein Gott sidi in solche Familien^ 
Intimität hineinzumengen hat, und wirklidi sieht man gesunde, glüdi.» 



Von frühem Gottesdienst 4.59 



Iidie Kinder audi wenn sie seine Anwesenheit gutgläubig hin= 
nel^Tien, auf deren verwunderlidie Tatsadie ganz überrasdiend 
nuditern reagieren. Es bleibe also möglidi, daß es Krankhaftes war, was 
midi gottbedurftig werden ließ, wie ja audi augensdieinlidi die Gaben 
des Gottes Regressionen darstellen auf reaiitätsabgewandte Wunsdi^ 
erfüllungen. Nur daß beim Kinde, zumal einem Ideinen, audi nur 
ein sehr kleiner Sdiritt zurüdizutun ist aus den Wirklidikeits= 
grenzen in ein paradiesisch Unbegrenztes, Audi darf man ja nidit 
vergessen, daß in der Stellung des Kindes zum AuRenleben sdioli 
an sidi selbst etwas Zwiespältiges ist, insofern die nämlidien Eltern 
die wcsenseins sdieinen mit seiner Glüdiseligkcit, zugleidi seine Er- 
zieher sein müssen für lauter ihm fremde, der Erwadisenenwelt ent= 
nommene Zukunftswerte, so dafi ein jedes Kind sdion früh von 
Heimlidikeit und von Feindlidikeit in sidi erfahren und seine 
wahre Geborgenheit über die Eltern nodi hinaus verlegt sehen 
kann. Überdies stand ein Gott sdion parat, vorgeführt und über= 
nommen aus der evangelisdien Orthodoxie der großen Leute. Wenn 
idi audi allerdings bereüs sehr früh da meine stillen Untersdieidungen 
madite; bei den Hausandaditen 2. B., wo er uns allen unters diiedslos 
zukam, war er für midi ungefähr nur soweit wirklich anwesend, wie 
etwa ein uns sehr vertrauter Mensdi audi nodi im Gesellsdiaftsanzug 
und unter vielen, für uns da ist. Ganz anders benahm er sidi mit mir 
allein. Und läßt sidi diese Spezialbezichung zu meinem allerfrü besten, 
allerbesten Freunde nur sdiwer in Worte fassen, so hat sie das 
dodi mit dem spezifisdiesten Gehalt audi der EItern= und Kinder= 
beziehungen gemein, trotzdem es sidi dort um Gesdiöpfe von 
Fleisdi und Blut handelt: was man beobaditet, bezieht sidi audi da 
sdieinbar auf Spiel und Torheit, und reidit dentiodi, daran entlang, bis 
in den stummen Urgrund alles Lebensernstes hinab, So wüßte idi 
nur von Kindisdiem zwisdien ihm und mir zu reden und weiß 
dodi, daß es lebenslang kaum etwas an Wunder und Wundervollem 
gab, zu dem idi nidit zutraulidi hätte sein können infolge dieser 
Kindereindrüdte von einem Gott. 

Seihst die permanente Tarnkappe, die meinen Freund fi'ir midi 
unsiditbar erhielt, störte midi zum verwundern wenig; sie saß ihm 
durdiaus so natürlidi wie anderen Leuten ihr Hut. Ohne ihn zu 
sehen, war mir dodi bekannt, daß er annähernd einetn vcrgött= 
liditen Großvater gleidikam — einem mit grauem Barr und großem 
Mantel, in dessen auffallend weiten Falten und Tasdien keineswegs 
bloß die Sorgen des Mensdiengesdiledits Raum fanden, sondern 
erst redit jedes Kinderspielzeug, Nodi verwunderlidier war, daß 
audi die Unsiditbarkeit dieser Gegenstände in seinen Tasdien, diese 
Erfüllungen über alle Stränge sdilagender Kindcrwünsdie, midi eben= 
falls nur wenig irritierte. Es ist da efwas, wobei sidi an das Knall- 
bonbon, das idi lieber nidit knallen ließ, zurüdidenken läßt. Mir 
genügte jedenfalls, daß er audi im Sdienken sogar mehr als E[tern= 
madit besaß; Alhnadit, und mehr an Zeit und Gegenwart verfügbar. 



460 Loh Andreas-Salonie 



als sogar Eftem haben — in jedem AugenbÜdi, für jedes Verk- 
langen: Allgegenwart. 

Aber audi Allmadit uni Allgegenwart des Gottes drücken 
sdion dem Kinde naiv dessen eigene Lebenszuversidit aus — dessen 
eingebornes; »mir kommt alles zu!« — und nur deshalb ist audi 
unsiditbares Spielzeug als wirklidi vorhandenes legitimiert und nur 
deshalb die göttlidie Nadisidit so selbstverständlidi. Der Gotl als 
bewußt »wunsdierfüllender« ist bereits eine Hilfsaktion zu dieser 
Suversidit, um ihn dem eigenen Verstand oder den anderen deut- 
lidi zu madien, er ist sdion ein Kompromiß. 

Bei alledem gab es einen dunklen Punkt in dieser Sadiiage, 
der für midi der hellste war. Gott erwies sidi nämlidi als Gott 
ganz besonders dadurdi, daß er nidit nur meine Wünsdie erfüllte, 
sondern die meiner Eltern in bezug auf midi unerfüllt ließ: er er=r 
wies sidi als mein ganz alleiniger Spezialgott dadurdi, daß er ein 
Gott der Oppositon war — eine Partei bildend mit dem Kinde, 
gegenüber allen Erwadisenen mit ihren fremdartigen Begriffen und 
Interessen und ihrer Leidensdiaft für Pädagogik, Von der hielt er 
nidit viel, Immer lag es für midi so günstig, dali idi nadi jeder 
erlittenen Strafe seines lebhaftesten Mitgefühls sidier sein konnte — 
fast als habe er da was gutzumadien und nidit idi; fast wie mein 
Vater damals den kleinwinzigen Brandsdiaden selbst verursadit 
hatte und unter Zärtlidikeit gutzumadien hatte. Am meisten redinete 
idi darauf in jenen düsteren und feieriidien Fällen wo <auf einer 
Riesentruhe, die Sommers das Pelzwerk beherbergte) ein Birken^ 
reisig zu peinlidier Anwendung gekommen war, wenn nidits anderes 
meinen Eigensinn erweidien zu können sdiien. Der Gott, der ins 
Verborgene sieht, mußte wohl audi ein rotangelaufenes Gesäßdieii 
bemerken. Befand idi midi dann gerade in edelmütiger Stimmung — 
dodi das war leider durdiaiis nidit immer der Fall — so ersudite 
itii ihn, meinen Eltern diesen kleinen Exzeß nidit weiter übel zu 
deuten/ sonst jedodi besah idi mir tagsdarauf ganz unwillkürlidi die 
laufenden Vorkommnisse daraufhin, ob sie nidit ein paar milde 
Gottesrügen in meiner Sadie enthielten. 

Erst seit der Besdiäftigung mit Freuds Psydioanalyse ist es 
mir klar geworden, weldie Tragweite diesen kindisdien Korrekturen 
unter göttlidier Legitimation innewohnte — wie sie in mandiem 
gewiß sdiädlidi und hemmend sein moditen, weil entgegen beredi- 
tigten und gerediten Erziehungsprinzipien, dodi wie unendlidi viel 
mehr nodi heilvoll, weil sie midi hinderten, Brudi oder Zwiespalt 
in mir selber kennen zu lernen. Nidit nur wurde das später von 
Bedeutung für midi, insofern idi mit meinem ganzen Denken und 
Wollen in starken Gegensatz zu meiner Umwelt geriet und dieses 
seine Wesensselbstverständlidikeit leidit dabei hätte einbüßen können, 
sondern überhaupt wurde von vornherein damit der gefährlidisten 
Gewalt des »Verbotenen« und »Gebotenen« die Spitze abge= 
brodien und damit die Tendenz zum Verdrängen auf gewissen 



Von frühem Gottesdienst 461 



Gebieten abgestumpft. Von allem aber, was das Leben uns in der 
Kindheit sdienken kann, ist dies das lebendigste Gesdienk. 

Darum, so bis ans Krankhafte phantastisdi sidi das Ganze 
audi anläßt, ersdieint es mir jetzt weit eher als eine Methode 
im Grunde nüditerner Abwehr von dem, was nur zu oft geeignet 
ist phantasi eltrank zu madien — einer Seibstwehr gegen viele Ge- 
spenster, die der eigenen Wirldidikeit zu entfremden imstande sind. 
Und idi sage mir, daß gerade in der drastisdi=kindisd\en Art 
soldien Goftesumgangs ja nur typisA zur Wiederholung gelangt, 
was den ursprünglidien Sinn aller alten Gottesbilder enthält: näm= 
lidi ebenfalls nur der kindlidien Erkenntnisform nadi phantastisdi 
zu sein, dodi dem Wesen nach die volle Nüditernheit einer Selbst- 
durdisetzung gegenüber Mäditen und Ängsten, die das Mensdien= 
kind in seiner Lebenskraft zerstüdtt hätten. Nur daß für das heutige 
Kind die Sadilage sidi so paradox wenden kann, daß es nidit etwa 
gegen wilde, reißende Tiere oder Gefahren mit einer Goitesfiktion 
als WaEFe zu kämpfen hat, sondern gegen eben religiöse oder 
moralisdie Fiktionen seiner Eltern, seiner Umwelt, mit Waffen, die 
es eventuell dem Gott selber entlehnen muß, indem es sidi ihn, 
naiv wie damals, zum eigenen Lebenssymbol umformt. 

Das ist nurmöglidi, wo für die kindlidie Auffassung die Gottes= 
wirldidikeit nodi in nichts der Tages wirklidikeit nadisleht und die 
Extreme des Exorbitanten und Banalen sidi nodi berühren: und 
wiederum ist dies ein Merkzeldien aller »primitiven«, d. h. also 
ohne weiteres aus sidi heraus sdiöpferisdien Religiosität. Ja, man 
muß sagen: Kaum beginnt die VerstandesentwidvTung daran An= 
stoß zu nehmen, kaum beginnt die götdidie Tarnkappe sidi audi 
nur insoweit zu lüften, daß darunter gleidisam die Unsiditbarkeit 
als soldie siditbar, fühlbar, Tatsadic, glauben heischend wird, 
so hebt audi sdion die Fragwürdigkeit des Götdidien an. Der Seele 
wird bereits ein Aufsdiwung, eine Exaltation zugemutet, um nidit 
zu bemerken, auf wie sdimaler Sdieide sie dasteht zwisdien der 
sdion verlorenen Nüditernheit der Naivität und der nodi drohenden 
der Aufklärung. Der Prozeß des Glaubens selber wird Sadie der 
Absidit, der Bemühung, der Diskussion, Weshalb audi historisdi die 
kritisdien Zweifelperioden am liebsten sidi den glaubensexaltiertesten 
ansdiließen: sie sind Gefühlsübermüdungen. 

Allein anderseits: nur wo man mit Gedanken und Gefühlen 
dem Gott so gefährlidi dringlidi zu Leibe will, wird er vor einer 
Todesart bewahrt: vor der ganz akuten, gewaltsamen, fast wie 
durdi Selbstmord. Denn die nämlidie Verstandeskritik, die ihn später 
auf alle möglidie Weise langsam aushungert, s6ützt ihn audi, so= 
lange sie seiner für alle möglidien Zwedte neben den religiösen 
bedarf. Sie erhöht und behängt ihn mit vielen fremden Zutaten, 
die einer steigenden Ehrung gleidikommen und wenn er sdion an= 
fängt, eine sdiledite Figur zu madien, so stedit sie ihn nadiem= 
ander in so verwirrende Verkleidungen, daß man nodi lange nadi 



Lou Andreas^Salom^ 



seinem endgilrigen Hinsdieiden nie redit wissen kann, ob nidit selbst 
unter der »atheistisdiestcn« Außenseite sidi dodi nur ein wohl= 
mumifizierter Gott maskiert. Lediglidi die primitivsten, die Kindheits-- 
gotter der Mensdiheit werden nodi nidit durdi soldie List der 
r ^jT ^"^ <"i der Religionsgesdiidite heißt sie »Vergeistigung«^) 
auh-edit erhalten,- nodi unverkleidef, nadtt bis zur Anstößigkeit, 
Stehen sie da: nidits als lauter Wunder. Kraß und friedlidi kommt 
nodi die ganze Unlogik, aus der sie bestehen, zur Ersdieinung; 
dasjenige also, was man nidit vorwärts, in die Verstandes weit, 
treiben kann, ohne mit jedem Sdiritt zugleidi eine Rüdtbildung daran 
zu verüben, denn an einem Gott kann absolut nidits anderes »ent= 
widielt« werden als seine Widersprüdie. Deshalb ist, ehe Zwedt^ 
haftes bewußt an seinem Bestände mitarbeitet, nidits so leidit tÖd= 
lidi verletzbar wie so ein Gottgebilde: nodi ehe man sidi Redien= 
sdialt davon gibt, was ihm gesdiah, ist es nidit mehr am Leben. 
Und dieses, inmitten all des Wirklidien, geisterhaft leise Ent= 
sdiwinden ist vielleidit nidit minder diarakteristisdi für das nodi 
unvermisdit Goriariige daran, wie der unbekümmert derbe Realis= 
mus seiner primitiven Struktur: es ist gewissermaßen die einzige 
Art von Gott, die ganz nur als Gott kommt und geht. 

So erkläre idi mir den plötzlidien Verlust meines besten 

Freundes zu einer Zeit, wo seine allzu realistische Besdiaffenheit 

selbst meinem nodi kindisdien Verstände wohl nidit mehr plausibel 

sein konnte — dodi durdiaus vor der Zeit, wo ein Zweifel an ihm 

mir ins Herz fallen konnte. Er ging von mir, wie er wohl nur 

von einzelnen, nidit von einer ganzen Glaubensgemeinsdiaft mit 

ihrem Amalgam von ihm verbundenen Interessen, hinweggleiten 

kann; idi verstand nidic, ihn etwas anderem als der ursprünglidien 

Gottphantasie zu verbinden. Dadurdi blieb der Eindrudt von einem 

Todesfad, einem Verlassenwerden, nidit von Anzweiflung seiner 

Existenz oder Abtrünnigkeit meinerseits, Er entwidi, wie Kindheit 

zurüdtweidit, in rätselsdiwer traumhafter Weise in das Nieda= 

gewesene. Ähnlidi wie das für lebendig, für swirkli<li«, gehaltene 

Kinderspielzeug sidi entseelt — irgendwann einmal, für irgendeinen 

Blidi, der darauf anders fiel als sonst — und dem von da an audi 

ein hundertmal Feiner konstruiertes, ja, ein dem Verstand unerklär= 

lioi feines, dodi von der alten Illusion nidits mehr wiederbringen 

könnte,, im Gegenteil, nur Verdadit wedten könnte es, durdi die 

Anstrengungen, einen Glauben einzureden, der ja durdiaus nur im 

sdiöpferisdien Tun des Kindes selbst bestand und sidi eben daher 

am simpelsten, unraffiniertesten Gegenstand vollauf genügen ließ. 

Idi gerate auf diesen Vergleidi aber deshalb, weil mir nodi nadi 

vielen Jahren, wenn mir von damaligem Spielzeug was vor Augen 

kam gerade das die Erinnerung an meinen allerersten Freund mir 

im Gedäditnis aufriß: so sehr blieben er und die Kindheit eins. 

Wie von alten Gottheiten ihre totemistisdien Abzeithen sie selber 

lange überleben, so sdiienen nodi Lederbälge oder PorzeHanleiber 



Von frühem Gotresdienst 4^3 



von Pupjien — sonderbaren Urfetiscfien vergleidibar — mir aus 
starren Glasaugen etwas entgegenzublidten von uranfänglichstem 
Erleben, tiefere und immer tiefere Welten aufsdiHeßend, bis alles 
persönliche Erinnern daran erblindet und, nur nodi tastend, sidi ver= 
iiert vor den dunklen Umrissen eines beginnenden Gottes: der audi 
enden konnte. 

So unmerklidi der lebendige Gott sidi ins Nidits verRüditigt 
liatte, so erdrückend lastete der tote; und idi bin nicht sidier, ob 
idi in iTicinem Leben von etwas Düstererm überhaupt weiß. Weil 
er nicht klar bewußt, selbständig, in der Reife einer Einsicht preis=^ 
gegeben worden war, darum erschien die Macht, die mich seiner 
beraubte, mir gar nicht als einbegriffen in meine eigenen Wesens^ 
äußerungen, sondern als ein mir feindliches, böses, unbeimlidies 
Gegenüber. Die »Gläubigkeit« hatte bewußt so wenig abgenommen, 
daß selbst das Nichtmehrvorhandensein des Gottes zunächst nur 
einen neuen »Glauben« provozierte: den an den Teufel. Bekannt 
war mir dieser nebst seinem höllischen Aufenthalt ja ebenfalls 
längst, indessen war er es bisher nur theoretisch, noch nicht praktisch 
gewesen. Ganz fein definiert die christliche Kirchen dogmatik den 
Charakter der Hölle als Selbstverlassenheit, weil Gottverlassenheit: 
in der Tat ist ja erst dies der äußerste Grad von Vereinsamung, 
wo wir selbst uns entwendet werden, also zwiespältig werden, also 
nicht einmal mehr allein, sondern in der Gesellschaft des Unheimlichen 
sind, d. h, dessen, was unmöglidi aulierhalb unserer sein kann und 
dodi ist — des Gespenstisdien. Der böse Teufel bradite es zu keiner 
langen LauFbahn bei mir, doch zu einer ebenso kindisch=krassen, wie 
der liebe Gott, und er lieB mich sdimoren und braten in all der Sinn= 
losigkeit von Ängsten und Schuldgefühlen, vor denen der liebe 
Gott midi sogar da bewahrt hatte, wo sie ein klein wenig am 
Platz gewesen wären und von wo aus sie ihren mißachteten 
Sdiatten möglicherweise jetzt radiend in das Überlebensgroße seiner 
Sphäre reckten, Gerade infolge ihrer drastischen Kraßheit tobte 
diese Reaktion sidi rasdi wie ein Fieber aus: sie erwies sidi als 
ebenso ungeeignet, sich zu geistigeren Gewissensformen zu enl- 
widceln, wie audi der Gott es nidit zu irgcndweldier Vergeistigung 
gebracht hatte. 

Dagegen blieb eine andere Folgeersdieinung dauernder und 
gefährlidier: die Phantasietätigkeit, bisher im Gott gebunden, der 
sie zugleidi mit aller Realität zusammenschloß, wurde durdi die 
plötzliche Freigebung nun erst phantastisch, krankhaft, d. h. realitäts= 
abgewandt, als sei ihr damit eine Tür in alle Wirklidikeit zuge= 
schlagen. Als sie aus der Hölle glücklidi entkam, verfing sie sich im 
Spiel mit sidi selber: was sich darin äußerte, daß anstatt des Inter=> 
esses an der Umgebung, sie sich erträumten Gebilden zuwandte: 
allerdings bezogen auf wirklich vorhandene Menschen, flüditig vom 
Anblidv auf den Straßen her aufgegriffene Illustrationen, die mit 
Namen und Schicksal versehen wurden und mit allem, dessen sie 



464 



Lou Andreas-Salomf 



bedurften und 
sparen, für 



ange innerlich nattigehen, angestrengt aufmerksam für 
jng, Ausdrudt, wenn idi es wiedertraf, bis es endgiltig 



was sidi an den sdiönsten Schaufenstern, ohne zu 
sie aussudien ließ. Soldi einem Mcnsdienexemplar 
konnte idi 

Miene, Haltung, , _ 

in den schon vorhandenen Kreis der Zusammenhänge eingereiht 
war — ohne Zeitmonient der Einteilung jedoch: denn wie sie da 
ahnungslos an mir vorübersdiritten, Männer, Frauen, Kinder, Greise, 
besaßen sie meistenteils für midi sdion in irgendeinem der anderen 
ihre eigene vergangene Jugend, oder ihr zukünftiges Alter, ihren 
Vorfahren oder ihr Kindeskind — neben- und miteinander Geburt 
und Tod und Wedisel der Gesdilediter. 

Nun hatte idi allerdings dies Spiel bereits von ganz kleinauf 
getrieben: allein der Untersdiied war, daß ich damals meine Ge- 
sdiiditen niAt mir selbst, sondern dem lieben Gott erzählte — oder, 
was dasselbe war, von ihm erfuhr, denn nie vergaß idi seine AlU 
wissenheit, der man nichts vormadien konnte/ idi fügte deshalb vor^ 
si dl tigerweise immer hinzu; »wie Du weißt«, — und, aus dem 
gleichen Grunde, aus dem idi mit äußerster Aditsamkeit selbst 
das kleinste Stüdtdien Realität auszulassen oder geringzusdiätzen 
vermied, überließ idi midi darüber hinaus nur um so treuherziger 
meiner Phantasie, die ganz ebenso wie irgendeine Tagesrealität sich 
erst im Gott zuverlässig beglaubigte. Deshalb blieben die späteren 
Phantastereien, trotzdem sie an sich eine viel größere Ausbreitung 
gewannen, durdiaus minderwertig abgegrenzt gegen diese frühere 
untere Stbidite, auf der dodi ein ganzer Zusammenhang von 
fertig phantasierten Mensdien und Sdiidtsalen bereits basierte, 
und dadurch einer Editheit, »Wirklichkeit« teilhaftig war, der gegen^ 
über alles unlegitimiert ersdiien, was ich, mir selber zuhörend und 
meiner Willkür bewußter, aussann. Auch lag über den GesdiÖpfen 
jener Zeit ein feiner Glanz, den der liebe Gott auf sie ausgestrahlt 
haben mußte, als er ihre Seelen und Gesdiidte einen Augenbli^^^ in 
den Händen gehalten und damit sanft und fröhlidi gemacht hatte. 
Statt dessen trugen sie von da ab — vertrieben aus dem Paradies 
mit mir — , auch alle meine Erdenlast mit sich,- und idi entsinne 
mich, daß, als ich masernkrank lag, idi im Fieber midi ganz erdrüd{t 
fühlte von der Verantwortung für alle die Menschen, von denen idi 
nicht wußte, wo sie hin sollten, falls idi wegstürbe, Aber auch außer- 
halb dieses drolligen Albtraums begann ihre Fülle dadurch auf mir 
zu lasten, daß sie sidi zu einer immer umständlidieren Chronik aus- 
wuchs und schließlidi zu solch einem Knäuel unentwirrbar zunehmen- 
der Wediselbeziehungen zwischen den stets drei= bis viermal gleich- 
zeitig vorhandenen Exemplaren, daß jedes Gedäditnis davor ver- 
salzte. Da begann ich, bekümmert, mir mit Notizen darüber zu 
helfen, meist nur trockenen Namen, Daten, Zahlen, von denen end- 
lose Verbindungsstriche nadi allen Seiten und kreuz und quer in 
sidi zurückliefen — halb Stbriftwerk, halb Netzwerk, und mitten 
darin, unsiditbar aufbewahrt, das Wissen um eine Vorsehung, die 



Von frühem Gottesdienst 46Ö 



all dies früher norfi unvergleiAIidi viel einheitiidier ineinander ver= 
spönnen haben würde. 

In einem Punkt jedodi hatte der Gottes verlust, nacfi der 
teuflisdien und nadi der phantastisdien Wirkung, eher eine ent- 
sdiieden abhärtende. Denn wenigstens erzog er das Denken zu 
strafferer, von subjektiven Einmisdiungen befreiterer Disziplin in 
Glaubensfragen. Wohl begegnete mir Gott nodi oft und lange, als 
Gott der Erwadisenen, als das von Logik und Erfahrung zwedv= 
mäßig zuredit retusdiierie Glaubensbild, oder er taudiCe auf dem 
Hintergrund streitender philosophisdierAnsdiauungen auf in sdian:en= 
haft sublimem Umriß. Allein dieses Wesen besaß keinerlei Verwandt^ 
sdiaft mit dem groben, bunten Holzschnitt des Kinderfreundes, und 
madite keine Erinnerung an ihn lebendig; wo Theorien um ihn 
stritten, und ging es selbst um seine Existenz, da kam das Resultat 
auf nidits Erregenderes hinaus, als wenn es sidi um das Vor= 
kommen einer angezweifelten Käfersorte gehandelt hätte. Bin soldier 
Abbrudi findet wohl nur statt, wenn das, was Religion einem Men= 
sdien bedeutet hat, in so frühe Lebenszeit fiel,, entstehen dagegen 
die Glaubensvorstellungen erst als Kompromiß bereits zwischen 
Wünsdien und Denken, drüdten sie ihren Wunsdigehalt nidit mehr 
so restlos sorglos aus wie nur erste naive Kinderträume den ihren, 
dann wird audi das ehrlichste Denkresultat so hcimlidi unterbecin- 
flußt sein, wie die klarste Traum manifestation von den in ihr mas= 
kierten Motiven, Das ist aber nidit nur ein Sdiade an der darin 
aufgewendeten Verstandesarbeit, sondern, so widersinnig es klingt, 
audi sdiade um den Gott. Denn mit dem innersten Motiv verded^t 
es gerade das, weswegen er sozusagen für die Mensdien ins Leben 
tritt: nämlidi dodi nicht nur als Krücke und Krankenstuhl, sondern 
als Ausbrudi der siA mit nidits Geringerem genug tuenden Lebens^ 
zuversidit selbst, ab ihr jaudizendes Lebenssymbol und Siegesvor= 
zeidien Den Gott dankt man nidit ab; man dankt ihm durdi die 
Lebendigkeit des Lebens, die einstmals für die Mensdien nur er 
ganz zu verbildlidien vermodite. Indem er das Leben dadurdi ganz 
autwedit hebt er sozusagen sicfi als Notwendigkeit auf. So ist, was 
am gotthaftesten von ihm überlebt, wirklidi seine Verneinung. Und 
damit, daß es so sein kann, gibt er der Vergänglichkeit überhaupt 
einen ihrer hödistcn Zauber, ihren götdidisten: was Veriust heißt, 
wird gleidibedeutend mit Heimkehr zu sidi selbst, 

Sidierlidi kann man es paradox finden, und es beweist sidi 
ja audi bloß durch eine reine Gefühlsbestätigung, wenn idi deshalb 
behaupte, daß nidits meinem Kinderglüdi beim Gott eher gleidi kam, 
als dies helle ernste Jugendglüdt am Erkennen, — diesem ganz 
gottabgekehrten. Dodi wenn das auffallend erscheint, so muß man 
sich nur veranschaulichen, wie oppositionell seinerseits so ein Kinder^ 
gott scheinbar entstehen kann und dodi ganz aus den Eltern selbst, 
— wie seine Weite, die alle Dinge mitumfaßt, dodi nur in sidi zu=' 
sanimenfaßt die Erinnerung an die engste, allerengste Mensdicnzärt-' 

Imiso U/S w 



466 



Lou Andreas-Salome 



lichkeit, deren Süße ein Kind zuerst zu Itosten bekam. Gern stelle irfi 
es mir daher audi weiterhin so vor, wie die Psydioanalyse es plausihel 
gemadil hat: daß sdion in den Fragen der Kinder »wo sie her= 
kommen«, in der sexuellen Neugier, wcldier der Gott und die 
letzten Dinge oft so verblüffend nahe liegen, schon dcnkcrisdicr und 
zärtlidier Drang ununtersdieidbar eins hilden, und daß aiiA der ab^ 
geklärtesie Wissenstrieb nodi aus dieser erdwannen Wurzel hodi= 
vudis. Denken wie Leben, Erkenntnis wie Gcsddedit, in ihren 
auseinanderlaufenden Tendenzen, treffen zusammen in diesem ge^ 
meinsamen Ursprung, und die Frage danadi, wer und woher wir 
sind, erwadit in uns als die erste volle Glut des Bewußtwerdens 
davon, daß wir sind. 

Wenn an deranigen Einzelheiten, von denen EntwidUungen 
ihren Ausgang nehmen, Neurotiker, also Ichensgehemmte Mensdien, 
ihre dauernden Fixierungen erfahren, so ersdicint das wie ein 
ahnungsvoller vergeblidier Immerwicderversudi, den dodi alles ciit= 
haltenden Lebcnssdirein selber darin zu eröffnen, aufzuhredien. Und 
umgekehrt audi verlieren die Tatsädilidikeiten soldier Art sidi für das 
GedäÄtnis vielleidit um so spurloser, je freigebiger die Lebcnsfüllc, 
die gleidisam sinnbildlidi darin zusammengefaltet lag, sidi ausbreiten 
und damit ihr eigenes Bild sorglos in nidits zerstieben lassen durfte. 
So würde es mir sdiwer fallen, für den ganz und gar verloren gc= 
gangenen Gott nodi etwas Spezielles, nodi von ihm selbst direkt 
Herrührendes, im Verlauf des späteren Erlebens anzuführen — es seien 
denn zwei feine leise Wirkungen, die sidi nie völlig verfluditigt haben, 
sondern beharren wie ein Stüdc Kindheit ■ — eine negative und eine 
positive. Die negative als ein Gefühlsvorurteil <womit idi sagen will : audi 
unabhängig nodi vom jeweiligen Einzelurteii) wider alles Säuldbcwußt= 
sein, wie wenn das Relative an allen Verboten und Geboten, eine 
Verneinung ihrer letzten Instanz, immer fühlbar und gegenwärtig 
bliebe. Die positive als das beglüdiende entgegengesetzte Vorurteil: 
wie wenn alle Freude, audi die relativste nodi, durdiaus darüber 
hinaus zu werten sei, ungefähr so, als habe sie eine ganze Ewig= 
Iteit rund um sidi, sie zu sanktionieren, und in endlosen Jubeldiören 
das Wort Spinozas zu variieren: »Freuilc ist Vollkommenheit.« 
Sind nun beide Vorurteile gleidizusetzen mit nidit vollgelöstcn 
Fi.\ienmgen an Kindereindrüdte — von etwas gar zu güttiidier 
Nadisidif vielleidit und von Spielen mit unsiditbarem Spielzeug 
— so haben sie sidi dodi nidit als Hemmungen kundtun können, 
sondern haben als Förderungen der Lcbenszuversidit, sei des Da= 
seins Inhalt im übrigen weldier er wolle, gewirkt. Um das be- 
greiflidi zu finden, muß man vielleidit dessen gedenken, wie audi 
umgekehrt dann, wenn Lebenszuversidit am liödisten ansteigt, 
oder wenn das Leben sidi ganz sidi selber adäquat, d, h. sdiöpfe= 
risdi, betätigt, es wiederum Stimmungen zugänglidi ist, die sidi den 
religiösen nähern. Man hat viel davon gesprodien, daß da, wo 
sexuell, also dem Lirsinn nadi, Leben gezeugt wird, Mensdi und 



Von frühem Gottesdienst 



4ß7 



Tier cm ÜbersAwang ergreift, der sidi nur in Verzückungen am 
Partner entladen kann, und daß der Mensdi sidi dann nidit gcnus 
tun kann an kindlidistcn Idealisierungen, VergÖtllidiungen. Dies läßt 
'^1 c "''^'^ ""■" '^^" ^'^^^ erkennen, worin das Sexuelle dem 
sdiöpferisdien Kernpunkt des Daseins entspridit, sondern auA, vs-orin 
alles Volldasein, jedes Ganzerleben, gleidivicl sogar ob es nur 
körperhaft zum Ausdruds komme, irgendwie zurüdtgreifen muß auf 
die geistigen Ursymbole, in denen gewissermaßen seine Totalität dem 
Kinde einge^Fid^elt lag, und die deshalb in ihrer Bedeutung über 
alles Einzelne \ceii hinaiiszureidien sdieinen. Was wir mit ihnen 
meinen, ist immer das Leben: audi »Gott« ist nur der letzte Akzent 
darauf. 




JS- 



4G8 



ProF. Dr. Ernest Jones 



Andrea del Sartos Kunst und der Einfluß seiner 

Gattin. 

Von Prof. Dr. ERNEST JONES <London>. 

Für viele Generationen von Kunstforstiicrr. vcar es unerklär- 
lidi, warum Andrea dcl Sarto trotz seiner verblüffenden 
Gaben auf allen Gebieten der Malerei dodi kein Künstler 
ersten Ranges wurde. Je sorgfältiger man seine Arbeiten im Detail 
analysiert, um so größer wird das Erstaunen bei dem Besdiauer, 
vor allem bei dem Kenner. Seine Zeidienkunst ist unübertroffen 
in ihrer Fehlerlosigkeit und spottet jeder Kritik,- er war der beste 
Kolorist seiner Zeit und wurde in diesem Punkte nur von einigen 
Mitgliedern der venezianischen Schule übertroffen,- er war ein 
vollendeter Meister des Clair=obscur, seine Kompositionen waren 
von nahezu vollkommener Harmonie, seine Fresken zeigen uns nodi 
heute das Hödiste, was auf diesem Gebiete erreidit werden konnte, 
und seine tedinisdie Gesdiititlidikeit wendete er mit einem Zart^ 
gefühl an, mit einer Sicherheit des Urteils und einem Gcsdimadt, 
die über jeden Vorwurf erhaben sind. Es ist daher nidit zu ver- 
wundern, daß er selbst von einer kritischen Generation den Titel 
»il pittore senza errori« erhielt. Abgesehen von diesen Fähigkeiten 
müssen wir nodi bedenken, daß er in Florenz lebte, zugleidi mit 
Raphael und Michelangelo, zu einer Zeit, da die Kunst der 
Renaissance ihren Höhepunkt erreichte, bevor nodi eines der bald 
darauf eintretenden schweren Vertallszeidien vorhanden war, zu 
einer Zeit, in der die Luft selbst von hispiration erzitterte. Und 
dodi, trotz alledem stehen wir der überrasdienden Tatsache gegcn=' 
über, daß Andrea del Sarto niemals die wahre Größe in seiner 
Kunst erreichte, daß seinen Werken etwas Wesentlidics fehlt, das 
sie jeden Ansprudis darauf beraubt, in einer Reihe mit denen der 
ersten Meister zu stehen, 

Einige Zitate von sadiverständigen Beurteilern werden seine 
Vorzüge und Mängel weit besser sdiildern, als idi mir schmeidicln 
kann, es zu vermögen: 

Sir Henry Layard^ hält sein frühestes uns erhaltenes Werk 
<in der Annunziata), das aus seinem zweiundzwanzigsten Lebens* 
jähre stammt, für »ein Beispiel für die hödisle Stufe der Tedinik, 
zu der man im Fresko gelangte« und audi Leadcr Scott meint 
darüber, »man könnte es wohl zum Hödisten redinen, was je im 
Fresko erreidit wurde« ^. Guinness schreibt über ihn: »Er übermittelt 
uns die Geheimnisse der Natur mit einer Kraft, die alle Schwierige 
keiten der Tedinik so vollkommen besiegt, daß die Anstrengung für 
ihn nur ein Kinderspiel zu sein sdieint, und seine Hervorbringungen 

' Layard in der 5. Ausgabe von Kuglers Handboolc of Painting 1887, 
art. 11, p. 457. 

» Leader Scott, Andrea del Sarto. 1881, p, 92. 



Andrea del Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin 



469 



sind nur neue Äußerungen ihrer tiefen Mysterien ... Die Werke von 
Mannertl w ßuonarotti und Leonardo verraten tausend Fein= 
hellen der iirfindung und erfüllen uns mit Staunen über die Sdiwieri)?- 
ketten, von denen sie sidi nidit absdiredten ließen und die sie Über= 
wanden, Aber Andrea wußte nidits von soldien Kompliziertheiten, 
tedinisdie Sdiwierigkeiten gab es für ihn nidit . . . Sein wunder- 
bares lalent, das ihm sdion früh den Titel »senza error!« cinse- 
tragen hatte und die natürlirfie EinfaAheit seines Charakters ließen 
ihn ohne den Wunsdi zu verblüffen. Erstrebte nidits an, was nidit 
irn ßereidi seines lenksamen Pinsels lag, und je länger der Be- 
sdiauer seine Werke betrachtet, desto größer wird seine Bewunde= 
rung gegenüber dieser umfassenden Einheit und Ganzheit , , . Diese 
h-igensdiaft der natürlidien Einfadiheit, dieser Mangel jeder Über- 
treibung ist es, der del Sarto in so hohem Maße zu einem 

fX"^ n L?< ' ^^'" '"'^^'" ^" Künstlern spridit als zum gewöhn= 
hdien Pubhkum,- denn dieses ist ohne Verständnis für die vornehme 
b-iiifadiheit seiner Werke und seine crstaunhdie Madit über die 
ledvnili«'. Er sagt von Andreas Meisterwerk, der Madonna des 
Saii hrancesco, »die Sdiönheit dieses Gemäldes übersteigt alles 
Lob« und von den Scalzi=Freskcn »ihre Tedinik enthüllt uns die 
^st ubermensdilidie Kraft des Künstlers, der — innerhalb der 
grenzen des Clair-obscur — sidi hier als vollendeter Meister der 
^arbe erwiesen hat. Sie wurden von keinem anderen Künstler Italiens 
erreidit«-. Über das berühmte letzte Abendmahl schreibt er: 
»i\ein anderes Wort als sdiimmernd kann den wie von Edelsteinen 
ausgehenden FarbeneindruA und die herrlidie Zeidinung be- 
schreiben, die beim Eintritt in das Refektorium des Salvi=KI osters 
das_ Auge verblüffen.« Es war die Sdiönheit dieser wunderbaren 
üdiopkmg, die sie während der Belagerung von Florenz vor der 
Verniditung rettete, als die Soldaten, die das Kloster dem Erd- 
boden gleidigemadit Satten, in das Refektorium einbradien und dem 
^ ( k"^.?- j '"^ gegenüberstanden, das der Pinsel des Künstlers 
so lebendig dat-gestelll hattet da hielten sie inne, wie von einem 
j^auber gefesselt. Bottari nennt Andreas Tabernacolo »ein «Ott- 
lidies Lremalde, eines der scjiönsten, die je aus Mensdienhand hervor- 
gingen« und ahnlidien Lobeshymnen begegnen wir häufig genue 
bme redit warme enthält audi Michel Angelos Bemerkung zu 

Mein Freund, da gibt's so einen kleinen WiAt 
In unserm Florenz, niemand aditet sein, 
_Der, wäre er zu Plan und Wzrk berufen. 



' Guinness, Andrea del Sarto. 1899, p. V, 57, 58. 

- Guinness, p, 21, 44, 45. 

= Guinness, p. 42 NaA Vasaris Bericht aber diese Episode <Vo!. III 
p. ZZ4> wurde das (jemalde von dem kommandierenden Offizier ffercttet Die 
reidier ausgesAmüdiie Version stfieint auf Varchi <Storie fiorentine Vol III 
p. ]86) lurüdizugehen. ' ' ' 

^ Zitiert von Guinness, p. 32. 



470 



Prof. Dr, Ernest Jones 



Befeuert so wie Du von Papst und Könis, 
iSradit manchen Tropfen Scfiweili auf Deine Stirn'. 

Andreas Mängel sind trctFciid zusainmciiecfaßt in Reumonis 
Worten: »Es fehlt in seinen Werken das GroLftige. ^. Er sd^ein 
kerne mnereVtston, kei^.e Inspiration, kein Ideal, das ilun vorsdi webte 
gehabt zu haben und er vermag den Besdiauer seiner Werke zu' 
nidits anderem zu bewegen, als zu einem Gefühl der Bewunderunsr 
ihrer abstrakten Sd.önheit und Vollendung, er läDt ihn im Herzeti 
li das auf ;f .^^d'■^Empfi"dung voS etwas Jcnseiti,em er" 
Tb Reumont ZTf '^ Weise geoffenbart wurde. So sAreibt 
blühende TftkriftW M . "°' Madonnen spridu sidi eine frisAe, 
Diunenöe, oft ki^aftige Natur aus, aber sie tragen nidit die Aureole 

m d^ ' wf/uns M^""'"r*''^""' ^^ Him'mIisd,=SehnsuAt e.. 
wekhes7e ihres ^TT D "^^ '° ^."^ "'"S'^''^" '^'^"''^" ""^ Ine 
wenter tadelnd t."^?'r "" '""'^'"''^ S^^''^'- dasselbe, aber 
Seelfin Sn Din/ert ^^"'""''^ T^ ^^'^^'^ ^^'"^ Andreas 

ideaL siönh^T^niS^t b sfß"rrar t cf '' '''. ^^^T ^^^ 
wahrlid, in seiner Gewalt und siri.f^ Gehennnts der sichtbaren 

Gesdiicklidikeit wiedergegeben l^ t-''''" ''"" '"!' vollenderer 

Rivalität, er wendete iSfek^nststü^e r"''% 1'^ "".4. ''^j"^ 
Mangels an Originalität besagt zt werden i^d'^' ■'''*^- ''f 
auf sein 2iel los und gelangte^ wie ^sb"' ° E"^ t''^' 

poetischem Idealismus leider unv rn7e idliS wa zu de ^",T' /" 
FeI>lerlos.Vkeit. In der Geburt des heiSen ;,f" ^^"^ F-^^^r der 
sd>idte rfand des Künstlers in ihrer ufeeitt"mel" 't '" 
worden. Die vornehme Haltung, die präl , 'e A/ '"'*^"'.^* S^ 
kommene AusgegHAenheit der Komrosit of w rl-S[ C'' a'T^^A 
gerade durd> ihre Vollendung, und Ls r Lz e?roße d J^^ 
Fresken verrät die Scf.wäd>e so gut wie de Stä£ d I q '''^'^ 
Vasari faßt sein Urteil foleendermXn ^ , Sartos«^ 

banden sidi Kunst und NaS 'm zu '"'""'""^"^ '^" '^m ver= 
erreidit werden kann wenn 7.;^ f '"S^"' *as in der Malerei 
und Erfindungsgabe i^TnäiiMä'""'"' ^'"^ '^^ Farbengebung 
Meister eineS 'etwa iXeren u'fd'e IT'''' ''"^ Hätte diese? 
wäreerdurA höhet'e äSafteni "'''"" ^1''' ^'''''^"' 

M^:J'^I:Z°!^f±J^-!I Oi*";?»: «I." Andre, die S,e«, nieder. 



er 

Ijer es 
>irt 




(kopierte, und ;war so sesdiiA, und vol e det d.T^ r- r °"'"''^"° j}' M=<l;d 
Mitarbeiter an dem Gemälde, täuschte ^'"'"^ ^^"'^"°' R^Pt^aels 

^Reuniont, Andrea dcl Sarto. 1835 S XV 

•^ Reumoiil, S. 75. ' ' 

* Guinness, p. 44, 57. 



I 






. AiJrea dd Sanos Kunst mid der EmfluH s einer Gattin 47t 

SduiAtcrnhdt ü.d Mangel an Kraft, so daß man niemals Lei ihm 
jene Zeugnisse von Glut und Beseeltheit erwarten konnte, wie sie 
höheren Charakteren eigen sind,- audi .eigte er niemals das Gerings c 
von jener Hoheit, d,e, hatte man sie seinen anderen Vor7ÜKen .resXn 
können, dm zu emen. wahrhaft göttlidien Maler gemaTt \1 e" 
Daher ermangeln d.e Werke Andreas jener Zierden von Größe" 
Reidilum und Kraft, die so klar in denen vieler anderer MeSl; 
ziitage treten« ^ Browning in seinem . Andrea del Sarto« eS 
Diditung, die eine wundervolle deskriptive Analyse des Malens S 
seit rrhÄ'fi'^"?'"" P^yd.olog'isd,er Ein^dit verrä S Ihn 

Mit meinem Stifte sd.aff id,, was idi weiß. 

Und was idi sehe, was idi mir ersehne 

Im Herzensgrund wenn je einmal ein Wunsdi 

S.O tiet hineinbridit ~ sdiaff' es muhelos. 

Und wenn idi sage in Vollkommenheil, 

00 prahl idi kaum: 



In ihnen ^ brennt ein reinres Gotresiidit, 

In den gequälten, g-lühend^vollen Köpfen 

Uen Herzen, wo audi immer, als es hier 

Uie trag durdipulste Handwerkshand mir lenkt. 

Ihr Werk versinkt, dod, sie, das weiß id. wohl, 

brfliegen oft den mir versAlossncn Himmel, 

Wo ihnen sidirer Sitz bereitet bleibt. 

Wenn sie daheim audi nidits verkünden köiinen. 

Mein Werk isr hnnmelnäher, idi steh' hier. 

Adi, wer nidit höher reldit, als wo er pÜüAc, 
Was soll der mit dem Himmel? Silbergrau, 
In Ruf,e der Vollendung eingehüllt 
Ist meme Kunst: so sdilimmer denn für midi! 

Die hervortretende Eigenart von Andreas Werken tleot 

k " '" efneVl*""'^'" ^°""'är^? '''"'' überrasdiei^en L id. 1^ 
ke.t semer ungezwungenen Ehrlidikeit und natürlidien Einfadihei 
dam,t verem.gt sid, ein Mangel an Inspiration, ein Fehlen de".See£' 
oder tiefer Gemütsbewegung und eine Unfähigkeit, eine große 
r.?nd I^ ''ä '■'S''^'' l^'' oder überhaupt einen idealen Gedfnken 
irgendweldie r Art auszudrüd;en. Für diesen auffallenden Widersprudi 

Vol. UlX^^mlir "^ '*" """'' ""'"'"' ^^'"^"'' ^"S"^'' Translation, 1851, 

Sdi>JSX.^t^:^sZ<^t. -'' "' "" t^ditenswertes StüA unbewußter 

- D, h, in seinen Rivalen. 

> Er malte niemals wk ^nd.re Künstler einen Sdiatten über dem anderen, 
alles war von der ersten Anlage an vollendet, mit niemals iiren/cn geS. 
und sicheren Pinsels tri dien. 'tuuvii, gcndueii 



r 



470 



Prof, Dr. Ernest /ones 



ßefeueri so wie Du von Papsi und König, 
Brätlir mandieri Tropfen Schweiß auf Deine Stirn'. 

Andreas Mängel sind treffend ziisammengcfafit in Reunioius 
Worten: »Es fehlt in seinen Werken das GroSartige«^ Er d^e n 
keine innere Vision, keine Inspiration, kein Ideal, das ihm vorsdiwcbte 
gehabt zu haben und er vermag den Besdiaucr seiner Werke zu 
nidits anderem zu bewegen, als zu einem Gefühl der Bewunderung 
kafu^nd^l'"; Sd^önheit und Vollendung, er lälit ihn in. hier cf 
vor das.?f ^f/^<^'^ Empfindung von etwas Jenseitigem her» 
vor das auf gehe.mmsvollc U^eise geoffenbart ^^'urde. So sdircik 

biühende'^oTkräfri" N '^"°^ ^^'°""^" '^""^^^ ^■^' ^'^ ^^^^' 
des cSi^en de. fln> ^T'' ^^^'/'^ ^'^S^^'^ "i^u die Aureole 

mh d^r wfr un. Kl ''fi'''^'''"'"' ^^' HimmIisd,=Sehnsüditigen, 

welche s^ih^es itnT P "^^ '° ^^ """"S'^'" '^-'f^^" ""^ ^ne 
wenfger taJe Ind trX G " ^"'^'"''^ «eht^^ Dasselbe, aber 
Seele in dj^, öl'en der '^^ "'"'', T' '^P^' *'^"" Andreas 
idealen SAönhet St besaß "oTt a' ^t '' ^'^. ^■^'°" ^«-^ 
wahrlidi in seiner Gewalt und . / Geheimnis der siditbaren 

GesAiddiAkeit wiederlegebe " Fr k"™" """ "1' vollendeter 
Rivalität, er wendete kein7K,,n;;..-^ kümmerte sidi um keine 
Mangels an oJiSitärhe.^ 1?. "'*'" ^^ " ^^'^'^'^ "i'^f ^^^ 
auf fein Ziel bT u d Stlf:' :" ""t"' ^°"^^^" «i'-S ^i-kt 
poetisAem Idealismus leide unl' ^^l-l' ''" '''"^'" '^^"?^' ^" 
^elderlosigkeit, n der Geburt den, i* '^"[' .'" ^'^■" ''^'^'" ^^'• 
sAld^te Hand des KüLtWs i ihr? r 1^"] ^°';^""" ''' ^'^'^ S-- 
worden. Die vornehme Hn In it^-^''*"i''^'' ^^'' '"<^a,anisdi ge- 
kommene AusgegEZit dt Efom P^^^^'^e Draperie, die volU 
gerade durch iL Vo endut nnd^ "'l '^"'^''" '^'' erdrüd^end 
Fresken verrät die Sd-wächeV.! ''">''c'' ^'°^' '^^' Scalzi. 
Vasari faßt sein UrTed foL d^ T' '^'^ ^'^'^^ ^^' Sartos.'. 

banden sidi KuTst und nS tn"'^" '"'""'" ''" """ ^^^ 
erreicht werden kann wenn 7.-^ , ""■^^"' ^^^ i" ^'^r Malerei 
und Erfindungsgabe i'nTmcmM.I ""'''' ^^'^^ '^^ Farbcgehung 
Meister eine? 'etwa £Cre^"u,fd''err h '"'^^ ''"f-^ Hätte diese? 
wäre er durdi höhere EipensJafren J """'" ^'''' ^""^^"' 

«^^^r Matur ^lÜ'^w^^ vS^^f ^f ^^ A|^^ 

Andrea ernst ein Gemälde von RJphae]7Ler Y f 'f- """A^" '-" "■'"i"'^'""' ''^'' 
^op.erte ""d zwar so gespickt und voIle,X\(!'«°n- fV"" 0"^^'^"° ^<" Medici 
Mitarbeiter an dem Gemälde täusdite °"'"° ''°'"^"°' Rapf»aels 

* Guinness, p, 44, 57. 



Andrea <id Sartos Kunst u nd der Einfluß seiner Gattin 471 

Sduichternheit und Mangel an Kraft, so daß man niemals bei ihm 
jene Zeugnisse von Glut und Beseeltheit erwarten konnte, wie sie 
hölieren Charakteren eigen sind,- audi zeigte er niemals das Geringste 
von jener Hoheit, die, hätte man sie seinen anderen Vorzügen gesellen 
können, ihn zu einem wahrhaft göttlidien Maler gemadit hätten. 
Daher ermangeln die Werke Andreas Jener Zierden von Größe, 
Rciditum und Kralt, die so klar in denen vieler anderer Meister 
zutage treter«^ Browning in seinem »Andrea del Sarto«, einer 
Diditung, die eine wundervolle deskriptive Analyse des Malers gibt 
und einen großen Reiditum psydiologisdier Einsidit verrät, läßt ihn 
selbst Rediensdiaft geben, von dem, -was er besitzt und dem was 
ihm fehlt: 2 

Mit meinem Srifte sdiaff' idi, was idi weiß, 

Und was idi sehe, was idi mir ersehne 

Im Herzensgrund, wenn je einmal ein Wunsdi 

So tief hineinbricht — sdialF' es mühelos. 

Und wenn idi sage in Vollkommenheit, 

So prahl' iA kaum: 

In ihnen ^ brennt ein reinres GottesÜdit, 

lii den gequälten, glühend^vollen Köpfen, 

Den Herzen, wo audi immer, als es hier 

Die frag durdipulste Handwerkshand mir lenkt. 

Ihr Werk versinkr, dodi sie, das weiß idi wohl, 

Ei-fiiegen oft den mir versdilossncn Himmel. 

Wo ihnen sidirer Sitz bereitet bleibt, 

Wenn sie daheim audi nidits verkünden können. 

Mein Werk ist himmelnäher, id: steh' hier. 

Adi, wer nidit höher reicht, als wo er pflückt. 
Was soll der mit dem Himmel? Silbcrgrau, 
In Ruhe der Vollendung eingehüllt 
Ist meine Kunst: so sdilimmer denn für midi! 

Die hervortretende Eigenart von Andreas Werken liegt 
also m der tedinisdien Vollendung, in seiner überrasdienden Leiditie^ 
keif, seiner ungezwungenen Ehrlirfikeit und nafürlidien Einfadiheit. 
damit vereinigt sidi ein Mangel an Inspiration, ein Fehlen der »Seele« 
oder tiefer Gemütsbewegung und eine Unfähigkeit, eine große 
poetisdie oder religiöse Idee oder überhaupt einen idealen Gedanken 
irgendweldi er Art auszudrüdien. Für diesen auffallenden Widersprudi 

,7 , TM ^^^^n''H^" °^ ^^^ '"°^f eminent Painters. English Translation, 1S5], 
Vol. 111, p. löU, 181. 

= Die Diditung ist so gut, weil sie ein beadiTenswerfes StüA unbewuilter 
ieibstanajyse des Diditcrs enthält. 

^ D. h. in seinen Rivalen. 

' Er malte niemals wie andere Künstler einen Sdiatccn über dem anderen,- 
alles war von der ersten Anlage an vollendet, mit niemals irrenden, genauen 
und sidieren Pinselstridien. 



47i 



Prof. Dr. Ernest Jones 



wurden zwei Erklärungen gegeben, von denen gcwöluilidi, und 
z^3^r mix. Redir, angenommen wird, dnß sie einander nidit wider- 
sprcdicij, sondern ergänzen. Die eine gibt die Sdiuld dem ange- 
borenen Mangel jener undefinierbaren Eigenschaft, die wir Genie 
nennen, die andere dem unseligen Eijiflu!5 der Frau des Künstlers. 
Auf die erste will id\ bier nidit eingeben, dodi ist es meine Ab.» 
sidir, vom Standpunkt der Psydioanalyse aus die zweite näher zu 
bcrraditen und zu selicn, ob man auf diese Weise mebr Lldir 
darauf werfen kann. 

Die wesentiidicn Daten von Andreas Leben, die sidi auf 
unser Problem beziehen, sind folgende: der genaue Ecitpunkt .seiner 
Ueburt ist umstritten, fiel aber sidier in den Juli des Jahres 1486 
oder H88, eher in letzteres. Er war das dritte von sedis Kindern 
und hatte zwei ältere Brüder. Um 1511 oder 1512' mndilc er die 
tSekanntsdiad von Lucrczia del Fede, die damals die Gattin eines 
anderen war und heiratete sie nadi dem Tode ihres Mannes im 
ahre liU. br war gänzlidi betört von ihr, opferte ihr seine 
kunstiensdien Aussiditen und die A*tu„g seiner I^reunde und ließ 

rJ'T ^nt T"" ^^'r" '"" ^''^- *^ '='■ vorher unterstüizt 
hai^,- diese Verbindung wahrte, ansdieinend ohne die leiseste Unter- 
t^rZUi^' Andemng. bis an sein Lebensende. Seine Gattin 
var zweifellos eme sdimie und anziehende Frau, aber der ihr all- 
gemem zugesdir.ebene Charakter ist das gerade Gegenteil von an- 
genehm^ S,e soll hod>mut,g, ansprudisvoll, eitel, durd^ und durdi 
egoisrisdi, versdiwenderisd, und herrsAsüduig gewesen sein E iTt 
daher bcgreiflid, daß die ganze Sad>[age eine^nfTe 'u, g zw^d. 
ihm und semen Freunden hervorrief, die sein Benehmen al das 

^Als die Nadindit sid> m Florenz verbreitete, da trat an die Stelle 
der Zuneigung und Achtung, mit der Andreas Freunde ihn stets 
betraute hatten, Mißbilligung und Veradtung . . . Ai^er er ze sS?te 
semen eigenen Frieden und entfremdete si3, seine iieunde durd 
diese Tat, denn sie sahen daß er bald eifersüditig ward und fanden 

war S'-hn d'' 'u f "'"'^f, "'T ""'^^^'"'^'^ Weibe gSafl 
üuJn F f7 t'^- '" ^"'" '^^"Sen nad. i!>rem Gefallen zu 
handeln. Er keß z. B. seine eigenen armen Eltern im Stidi und 

Km es^daß" Vi- '.""t ^f'''^^^'^^ ""d Sdiwestern auf,, so 
U Tu T '^'^ "*" ^^''^'^^^ l^3»"tcn- über ihn trauerten und 
JZt^i't i"'° ^" '"fid^"„''egann, wie man ihn früher auf- 
gesüßt hatte, Seme Sdiufer allerdings blieben bei ihm, in der 
Hoffnung, etwas Nutzhdjes zu ernen, aber es gab keinen einzigen 
uner ihnen groß oder klein, der nidu von seinem Weibe dur* 
sdihmme Worte und boshafte Handlungen gequält wurde; niemand 
konnte ihren Streidien entgehen, aber Andrea, obwohl er in. 

("1. - -'^^1" ^"'^'^^ [»ekanntes Porträt von itir findet sidi in dem Fresko von 
e.nristi Oebürl in der Annunziata, das zwisdien 1511 und 1514 gemalt ist. 



Andrea de( Sartos Kunst und d er Einfluß seiner Gattin 473 

mitten von all dieser Plage lebte, erachtete sie als croßes Wr* 
gnügen«^ ^ 

Andrea wurde für seine Arbeit sdiledit bezahlt, wahrsAein- 
hdi weil er keinen reidien Gönner hatte,- für die Annunziata^-Fresken 
z._B. bekam er nur je 70 Lire. Etwa fünf /ahre nadi seiner Ver- 
heiratung wurde er von König Franz aufgefordert, an den frar= 
zosisdien Hof zu kommen, und nahm diese Einladune bereitwilligst 
an,- er ^ar im ganzen vom 25. Mai J518 bis 17. Oktober 1519 
ferri von Florenz. In Fontainebleau wurde er mit allen Zeidien der 
Aditung empfangen wurde von König und Hof hodi geehrt und 
für seine Arbeit reidi bezaWt,- er soll während seines Aufenthaltes 
m Frankreid, über fünfzig Gemälde vollendet haben - einige aller- 
dings stammen zweifelos von seinem Sdiüler Squazzenrden er 
gLI r ' ~: ""'^ '' "'^^'^^ f"-- ^i"*^^ «"-" 2100 Lire De 

Leb'en voll Ref^t" """jJ'f'l'" ^""'^'^" ^^'^^^^ -<» diesen 
haTir^rhiln n'^ Hodisdiätzung muß ihm einfad, zauber- 

eifersSSt'" "f ''■"■ r ^^' ^^'"^f " '''"''' ^^^"»^^ ^^er, die wobl 
aSÄ h . ^°' """' ,"'^^ '^'^ Herrsdiaff über ihn wieder 

S te ihm dat . e~ '" Vasari- bittere Klagen an Andrea, er- 
währendPr'T,. '\"''"'^^' f/f-öre zu weinen und in immer= 
mft süfien Worr " '" u ^'^^^^f"'^^'^ ^^''^ ^" ^ies kleidete sie 

SLSen I, ^ '"'' T^' ^"^Seklügelt, um das Herz des Un= 
In Armen f. 7'^'"' ^wV'' ""^^'l^"^^hr liebte, und sie trieb 
den Armen fast zum Wahnsinn, besonders als er ihre Ver- 

itt^^'llT' "n^'A^ 'u^-}'^''r erniditsAIeunigst zurüd, sid.er- 
wTedlr .nf \^"'"*i.^'' ^'"^ bewogen, besAIoß er, seine Ketten 
Wieder auf s,d, zu nehmen, und er zog ein Leben im Elend mit 
Ihr dem Behagen rmgs um ihn und all dem Ruhm vor, den seine 
Kunst ihm gesidiert hätte* ^. In gutem Glauben verspradi er dem 
fy/ ^ "^'eder nadi Frankreid, zu kommen, in der Hoffnung, 
sein Weib zur Rüdtkehr mit ihm veranlassen zu können, do<b, 
^al daheim, wurde er von seiner Frau, die sid. weigerte, nadi 
J^rankreidi zu gehen, als Gefangener gehalten. Es heißt, das Haupt- 
motiv dieser Weigerung sei das Widerstreben gewesen, ihren Vater 

' Vasari, p. 194, Vasart dürfte in dieser Angelegenheit einige Autorität 
besitzen, da er selbst zu den erwälintcn SAülern geliörte. Leider ist er ein unver- 
läßliAer Autor, da er dazu neigt, die Tatsadien zu verdrehen und neue hinzu» 
zudiditcn Aber die widitigsten Punkte des gegcin^-ärtigcn Beridites können aus 
anderen Quellen bestätigt werden, z. B. durdi Andreas eigene Ponräts, ihn selbst 
und seine (■■rau darstellend. 

= Vasari, p 206. König Franz soll ihm große Geldsummen anvertraut 
haben, um für ihn Gemälde in Florenz zu kaufen, dodi Andrea soll das Geld 
für sein Weib verwendet haben. Diese vielfadi für wahr gehaltene Gesdiiditc 
sdieint aber eine von Vasaris Erfindungen zusein,- denn neuere Nadiforsdiungen 
in des Königs mit skrupulöser Genauiglieit geführten Redinungen zeigen, daß 
er Andrea kein anderes Geld gab als die Bezahlung für die von ihm geleistete 
Arbeit <sielie Guinness, p. 28, 29). 



474 



Prof. Dr. Ernest Jones 



SU verlassen, eine Tatsache, die einiges LiAr auf ihre allscmeine 
hysterisAe Anläse wirft. So lieil also A»drca seine Rlänzcnden 
Aussiditen fahren, nahm sein altes Leben voll Llend und Amnit 
wieder auf und wurde dieses Benehmens wescn mehr veraduct 
als je. Es heiHc, daSl er sidi eine Zeitlang sdicutc sidi in den 
Straßen von Florenz zu zeigen, um der liöhnisdien Bemerkungen 
willen, die er zu hören bekam'. Ein wenig später madue er den 
Versuch, die Gunst von König Franz wiederzugewinnen und sandte 
ihm einige Bilder, aber der König vergab ihm nie und nahm weiter» 
hin keinerlei Notiz von ihm. , . , t 

Über den Rest von Andreas Leben ist nidit viel zu he- 
ridicen. Er verbradite es in relativer Dunkelheit und Armut,- tiir 
die beiden sdiönstcn der Scalzo=Freskcn z. B., die Carita und 
die Veritä bezahlte man ihm 20 Lire <im Jahre 1520) und tur 
seine Grablegung erhielt er nur ein Bündel Kerzen/ dasselbe war 
aud\ der Preis seiner Madonna von Zanobi Bracci. Seme Trau 
war sein Hauptmodell und er war von ihrer Ersdicimmg so voll-^ 
ständig eingenommen, daß ihre Züge uns wieder inul wieder bei 
allen seinen weiblidien Typen begegnen. Er lebte mit ihr, ihrer 
Mutter und ihrer Sdiwester, also in einer durdiauB weiblidien 
Atmosphäre, und starb im fänner 1531 <im Aller von 42 Jahren) 
an der Pest, verlassen von seiner Frau, die davor zurudisdieute, 
sidi der Ansfcdiung auszusetzen. Die Qualität seiner Werke ver- 
sdilediterte sidi mit gewissen Ausnahmen fortgesetzt während dieser 
zwölf Jahre, obzwar sie natürlich mehr Reife und Selbstvortmucn ver- 
raten,- nadi Guinness wurde «der größte leil seiner besten Wcrice 
vollendet, bevor er 32 Jahre war^- <d. h. vor dem Jahre, in dem 
er beschloß, nidit nadi Frankreidi ziirüdizukehrcn). Layard sagt 
»seine Leichtigkeit führte später zu wachsender Manieriertheit und 
Leere« ^ und sidicrlidi trat der Mangel an Inspiration m diesen 
letzten Jahren immer klarer zutage. 

Unsere Aufgabe ist es also, wenn möglidi fcstzusicUcn, wie 
viel von diesem Mangel Lucreziens Einfluß zugcsdirieben werden 
muß und den Weg zu präzisieren, auf dem er seine Widmung her- 
vorbrachte. Die Gesdiidite liefert uns viele Beispiele dafür, dal> 
leidenschafilidie und dauernde Hingabe an eine .schöne Frau nidit 
immer die besten Folgen für die Karriere eines Mannes mit sidi 
bringt,- aber man schrieb ihr zumindest die Fähigkeit 2U, ihn, wenn 
er Maler oder Diditer war, in seiner Kunst zu inspirieren, Müssen 
wir uns audi diese Illusion rauben lassen? Nein, denn das Urteil 
der Kritiker geht dahin, daß die kleinlidicn, durdi Lucrczias Oe= 
haben verursadilen Widerwärtigkeiten, ihre Art, den Oatten zu 
hetzen, nur an Geldverdienst zu denken statt an die Bereidierung 
seiner kü nstlerisAen Fähigkeiten und die allgemeine Niedrigkeit 

1 Reumonr, S. 113. 
- Guinness, p, 56. 
ä Layard, p. 460. 



Andrea del Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin 475 



ihres FüKIens — eine Folge ihres Mangels an Verständnis und 
Phantasie — sidi versihworen, um in Andrea zu töten, was immer 
an Seele er besitzen modite und seinen Genius für immer erstickten. 
Idi will wiederum Browning zitieren: 

Hältst Du mit ihr <dcr Sdiönheit) die Seele mitgebradil! 

Audi solche Weiber gibts. Hättst Du gemalmt; 

»Gott und der Ruhm! Veradiie den Gewinn. 

Nie wiegt die Gegenwart die Zukunft auf, 

Leb' für den Ruhm, dem Angelo zur Seit'! 

Raphael wartet: Auf, ihr drei zu Gott!« 

Idi hätt's für didi getan. So sdieint mir's jetzt. 

Wenn wir unsere psydioanalytisdien Kenntnisse zu Hilfe rufen 
und damit sdiärfer und genauer das innere Verhältnis der beiden 
Gatten prüfen, so werden wir viclleidit zu einem klareren Vcr= 
ständnis über die Art seines Einflusses auf Andrea gelangen. Es 
wird dann sogleiA dcutlidi, daß Liebe nidit das einzige Gefühl sein 
kann, aus dem seine Einstellung gegen Liicrezia sidi zusammeii= 
setzte und daß unser Verständnis der Sachlage unvollständig bleibt, 
wenn wir nidit den Einfluß anderer Triebe, besonders des Hasses, 
mit in Betradit ziehen. 

Hier einige gute Gründe für diese Schlußfolgerung: Erstens 
besitzt fast jeder Mensdi eine gewisse Summe von Affekt^ 
ambivalenz,- ein intensives und dauerndes Gefühl l^ann daher 
unmöglich entstehen, ohne daß gleidizeitig sein Gegenteil erregt und 
durdi die natürlidie Gegenströmung eine Steigerung hervorgerufen 
wird. Besonders findet dies statt, wenn, wie in unserem Falle, das 
Gefühl ungewöhnlidi stark ist, denn dann ist es fast unweigerlidi 
im Unbewußten von einer Gegenströmung <von wcdiselnder Intensi= 
tät> begleitet. 

Zweitens könnte kein Mann das, was Ancirea von seiner trrau 

litt ohne einen natürlidien Vergeltungswunsdi für dieses Unredit er= 

leiden In seinen ehrgeizigen Bestrebungen gesdieitert, von seiner hrau 

bcherrsdit, in seiner tagÜdien Arbeit gehemmt, von seinen Freunden 

und Verwandten abgesdinitten, sein Leben zerstört in jeder Hinsicht, 

aul^er in einer, dem Besitze der geliebten Ffau das sind Dinge, 

die audi den mildesten Mann erbittern müßten. Ob die eine Kom= 

pensation alles übrige aufwiegt, ist frei idi eine andere Sadie,- wir 

können zugestehen, daß dies bei Andrea der Fall war und er 

uZSigt das Leben, das er führte, einer Existenz ohne Lucrezia 

vörzorabcr er wäre kein Mensdi gewesen wenn sd> nidit m ihm 

neben dieser ständigen hingebungsvollen Liebe eine Gegenstrom uiig 

/v.rdränetem) Haß gebildet hätte. Ferner zeigt die Tatsache, 

da°S 'er t e£ ' soldien' Leben voller Martern sein Glüd. finden 

1 r linen Genuß am Leiden, einen Masodiismus, der nii 

mT ' R^n steis von seinem Gegenteil begleitet ist, nämlidi 

htt'TadTstis6ef Strömung, mit dim Trieb zu hassen, ihrer 



471) 



Prof. Dr. Ernest Jones 



häufigen Begleitung,, wir werden auf diesen Punkt soglcidi zu,ü<k^ 

■""""fs gibt ncA einen dM.ren Grand der vielleiAt -" ;f^;f,J 
für die Annahme spridu, dai> dieLi.be Andreas zu scjnem Wab 
mit unbewußten Gefühlsregungen ganzandety Art verbunden wai-l^s 

ist näniÜd. hinreißend Anlafi zu glauben, daß die normale omo= 
sexuelle Komponente seiner Liebeseniptindung, """f .^^""fL p,Z 
veibÜAen Einstellung, bei ihm unge^^-öhnlidi entw.d^clt ^^^^ ^'£[ 
jedenfalls gewiß, daß er vor seiner Heirat nin dem größten L.kr 
sein Vergnügen in männlidier Geseilsdiaft sudite. 

Als er 20 Jahre alt war, wurde er von einem alteren rmmd, 
Franciabigio, überredet, seinen Lehrer zu verlassen und cmc WcrH= 
statt und Wohnung zu nehmen, weldie sie miteinander teilen 
x7ollren,- eine Zeitlang signierten sie sogar ihre Arbeit gemeinsam. 
Nadidem er ein Jahr etwa so gelebt hatte, wechselte Andrea seine 
Wohnung, um in derselben Straße mit zwei anderen 1-reuiiden 
Sansovino und Rustici zu wohnen. Seine Verbindung mit hrancia 
wird besdirieben als die »denkbar engste Freundsdiaft'^, wahrend 
Vasari über seine Frcundsdiaft mit Jacopo Sansovino sdireibt: 
:*Ja eine so nahe Verbindung und so tiefe Leidensdiaft entstand 
nadiher z-j/isdien Jacopo und Andrea, daß sie weder bei Tag nodi 
bei Nacht ohne einander sein konnten« '. Während dieser Zeit soll 
Andrea in seinem Kreis sehr beliebt gewesen sein, an munterer 
G»sellsdiafi viel Geschmack gefunden und bei den verschiedenen, 
nidit immer feinen Scherzen ^ mit denen man sidi in den beiden 
GeseKsAaften, deren Mitglied er war, unterhielt^ die Rolle emes 
Anführers gespielt haben. Es ist nidit anzunehmen, daß der Ver^ 
ziAt auf diese Vergnügungen infolge seiner Verheiratung ihm leidit 

^^'^°Es^'ist'ticht ohne Bedeutung, daß die Freunde, ^/="^" ^^ be- 
sonders nahestand, sämtlidie älter waren wie er selbst. Franaa 
um fünf Jahre, Sansovino um zwei, Rtrst.c, um vierzehn usw. Es 
läßt sich nidit vermeiden, dies mit der Farsache in Susammenhang 
2U bringen, daß er zwei ältere Brüder besaß,- in vielen semer Bilder 
ist dies abgespiegelt durch die Darstellung eines sdierzhaftcii Streits 
zwisd>en dem Jesukinde, das dur* die Arme der Mutter geschützt 
wird, und einem oder mehreren älteren Knaben <St. Johann dem lauter 



' Vasari, Bd. III, p. 1S4. 

= Vasari. Bd. V, p. 72 bis /6y Scott, p. 86, 87. 

" Die meisten hingen mit 'km Essen .us^mmc.i. Jene, •^^."^'1"^^^^^'^ 
Arbeit über Homosexualität vertraut sind, wird es '"f""='r"\t..!n Xt au^^ 
das Speisen von besonderer WiAiigkeit war, er sing l^den Morsen selb tat 
L Markt, um die besten Bissen seiner LiebUnssspe.sen .^"^X* "' XJ^^^^^^^^^ 
Wände seines Ha.ses mit Fresken, welAe Koch- 7'^. A""*'"""^'^n''',f „ac^ 
(sie sind beute noch zu sehen* -«^ /-. -^'i[ '7'Ä£ i g'^^^^^ 
Vasari, dadurdi sein Leben abkürzte, da seine Wider!,tanclstaiii>,heii f..-i 

auf diese Weise vermindert wurde. 



Andrea del Sartos Kunst und d«r Einfluß seiner Gattin 477 



etc.). In dieselbe Riditimg wie diese Tatsadien deutet die Sdiiiderung 
vofi Andreas Charakter als eines »sanften, zarr und besdieiden 
auftretenden Mensdien ohne Selbstvertrauen«. Srfiließlidi, wenn 
Vasaris Behauptung riditig ist, daß Andrea »von Eifersudit^ 
gequält« war, so haben wir den deutlichsten Beweis seiner Hoirio» 
Sexualität, denn eine bis zum Zwanghaften gesteigerte Eifersudit ist- 
ein fast sidieres Anzeidien hiefür. 

Unter diesen Umständen kann man Andreas Bindung an 
sein Weib wenigstens zum Teil als Folge einer Fludit vor seinen 
verdrängten homosexuellen Bestrebungen verstehen. Sie wurde 
gleidizeitig sein Rettungsanker, den er um keinen Preis fahren lassen 
durfte, und die Sdiranke gegen die Befriedigung seiner verdrängten 
Begierden, Als seine Eurfudit vor sidi selbst vermehrte sie seine 
Liebe. Als die Person, die ihn von dem Genuß männlidier Gesell 
sdiaft abhielt, vermehrte sie seinen Hai). Dieser Haß durfte nidit be= 
wüßt werden, weil seine BegründiEng verdrängt war und konnte 
sidi daher nur dadurdi äußern, daß er ein übertriebenes Maß von 
Liebe hervorrief, durdi wcldies er aufgewogai werden sollte. 

In seiner Haltung gegen sein Weib herrschte also ein ständiger 
Konflikt. Das Problem wird dadurd\ nodi mehr verworren, daß 
wahrsdicinlidi ein größerer Teil seiner homosexLicIUmasodiistisdicn 
Strebungen in der Eigenart ihres Temperaments Befriedigung gefunden 
haben muß. Mit anderen Worten, er liebte sie wie ein Weib einen 
Mann liebt^ was in vielen Ehen vorkommt. Wir können kaum zu 

' Vasari, Bd. III, p. 194. 

ä Es bestefit Nein Grund für uns, an Lucrezias Treue zu zweifeln, 

' Er hat sie mandimal tatsädilirfi als Mann abgebildet, insbesondere <und 
wohl passend) als Erzengel Midiael, den christlidien Kriegsgoft. Von anderen 
KomplexanEeidien in seiner Malerei will idi drei eru/ähnen: 

^- Auf dem Piedestal der Madonna in seinem oben eri'älinten Meiste rstüdt 
sind einige Hnrpyien angehradit. weldie selbstverständli* bei einem Gegenstand 
dieser Art keineswegs am Platze sind. So viel idi weiß, ist dies der einzige Fall 
eines hcidiiisdien Motivs, das In irgendeinem Werk Andreas vorkomrat und es 
ist liier so auffallend angebradit, daß das Gemälde von daher den Namen 
»Madonna dell Arpie. bekommen hat. Die Kritik stand hier einem vollständigen 
Rätsel gegenüber, aber wenn meine Annahme hinsiditliA der unbeu'ußten 
Einstellung Andreas gegen sein Weib riditig ist, wäre die Lösung nirfit 
sdiwierig. 

2, Ein Lieblingsthema Andreas, das er nidit weniger als fünfmal de- 
handelte, ist Abrahams Opfer seines Sohnes Isak, Die Kunstkritiker haben die 
wunderbare Milde des Vaters auf diesen Bildern hervorgehoben und das voll- 
kommene Vertrauen uiid die Ergebung, die der Sohn unter dem Messer des Vaters 
seigl. ^e\- die obigen Bemerkungen im Auge behält, wird dies ebenfalls ver- 
ständlidi linden. 

3. Andrea zeigt eine bemcrkens werte Vorliebe dafür, seine Figuren mit 
verkreuiten I^üRen auf der Erde sitzend abiubilden. und bewies in der anmutigen 
Komposition dieser Gestalten besonderes Gesdiidi. Es ist sdiwcr, dies nidit damit 
in Zusammenhang zu bringen, daß sein Vater Srfineider *ar und daß Andrea 
Später im Leben seinen Niimen von Agnolo :u de! Sarto <Sarto = Sdineider) 
abänderte. 



418 



Prof. Dr, Ernest Jones 



einem anderen Sdilusse kommen, wenn wir seine sanfte Art mit 
ihrer hodimütigen Herrschsucht vergleithen/ in diesem Zusammen= 
hang ist es audi bedeutungsvoll, daß sie etwa vier Jahre älrer 
war wie er. Reumonts Sdiilderung, in der er als »ein gutmütiger, 
besdieidcner, ansprudisloser, aber sdiwadier und von seinen eigenen 
Neigungen sowohl als einem ihm überlegenen Weibe völlig be= 
herrsditer Mann« ^ bezeidinet wird, stimmt mit dieser Folgerung 

völlig überein. ,. , , . , ,, , , .. 

Wir beginnen nun die Llnersdiutterlidikcit der Madit, die 
Lucrezia über Andrea ausübte, besser zu verstehen. Seine Liebe 
wurde in einem ständigen Grad von Hodispannung gehalten, da 
sie außer für ihre eigenen Ziele nodi als Damm gegen den ver^ 
drängten HaR und die Homosexualität dienen muRte. Sie konnte 
von ihm alles verlangen und ihn behandeln, wie es ihr einfiel, denn 
ohne sie war er verloren,- er konnte sidi nidit gestatten, sie niAt 

^" '^w"nn wir nun zu unserem Hauptproblem zurüdikehren, dem 
Einfluß dieser Situation auf die Kunst Andreas, ((önnen_ wir uns 
wundern, daß der aktuelle Konflikt ihn nidit in die alteren infantilen 
zurüdisdileuderte <Regression), atis denen er einen tieferen Queli 
des Ansporns hätte gewinnen können, oder wenigstens, warum er 
jenen Konflikten nidit durdi eine Fludit in seine Arbeit zu ent= 
rinnen sudite. Eine mögliche Antwort auf die erste Frage wäre 
die, daß die infantilen Komplexe entweder nidit stark genug waren, 
um die zurüdvgctretene Libido an sidi zu ziehen oder daß ihnen 
die Eignung für eine Sublimierung in der gewünsditcn Riditung 
mangelte,, dies ist allerdings eine unbefriedigende und skizzenhafte 
Antwort, aber um sie voll zu gehen, müßten mandie fragen er= 
Örtert werden, die uns hier fernstehen. Eine andere A"i-Wort die 
beide Fragen erledigt, wäre die Vermutung, daß die aktuellen Kon= 
flikie solcher Art waren, daß es kein Entrinnen daraus gab, nidit 
einmal in der Phantasie. Wie konnte Andrea sidi m sc me Kunst 
versenken (Flucht in die Arbeit), wenn Lucrezia ihm jeden Moment 
leiblidi gegenwärtig blieb? Sie war tatsädilidi sein einziges Modell, 
sie leitete die Werkstatt, befahl, was ihr Gatte ausführen sollte 
und was nicht, <je naAdcm, was sie für das Einträglidistc hielt) und 
ließ ilin keinen Augcnblids ruhig, um seine eigene Personlidikeit 
zu entwidceln. Mit Redit konnte Browning ihn sagen lassen: 

So siegen jene" dennodi. 

Weil hier Lucrezia ist — idi wähle so. 

Die letnen drei Worte geben den Sdilüsscl der Situation, 
Die Liebe zu Lucretia mit Hinzurcdinung jener Kräfte, von denen 
wir gesprodicn haben, war stärker als alles andere, starker audi 

■ Reumont, S. 214, 
' D. h, Raphael u. a. 



Andrea del Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin 



479 



als die Schnsudit nadi künstlerisdiein Ausdruck, so daß man in 
diesem Sinne vielleidit sagen darf, da?} sie für den Untergang seines 
Genius verantwortlidi war. Genauer gesagt, sie zwang ihn, den 
innerlidien Kampf, der für jede künstlerisdie Sdiöpfung notwendig 
ist in den flüditigen Einzelvorfällen des Alltags auszukämpfen und 
raubte ihm so die Gelegenheit, Kraft und Begeisterung zu sammeln, 
mit denen er nadi höheren Eielen hätte streben können. Ihre zügel= 
führende Herrsdiaft gab die Wahl des SAladitfeldes in ihre Hand 
und egozentrisdi, wie sie war, wählte sie es so, daß sie in seinem 

Zentrum stand. 

Schliefllidi lag der Grund für diese Situation mmdestens eben 
so viel bei Andrea als bei Lucrczia. Hätte sie nie gelebt, er hatte 
mit der Sonderart seines Temperaments wahrsdieinhdi eme andere 
Lucrezia gefunden und hier kann man niAt uiTihm, den Un er-- 
schicd zwisdien einem mämilidien sdiöpferisdien Temperament und 
einem weibiidien empfangenden zu empfinden, gleidigiltig, ol» ^le m 
einem männÜdien oder weiblidien Körper wirksam sind. i>^ott sagt 
in dieser Beziehung sehr riditig; «Bei der Betramtung von Andreas 
Gemälden seufzt man selbst mitten in der Bewunderung, wenn man 
bedenkt, weldies Übermaß an Sdiönheit die Hand, die sie hervor-- 
gerufen hat, hätte crsdinfFen können, wäre sie von eniem ^urih'rn 
des göttlichen Genius anstatt von dem größten lalent geluiirt 
worden. Die \X^ah,-heit ist, daß Andreas Geist eher auftiehmend 
als original und sdiöpferisA war. Sein Geist war ""^hr nadiahmend 
als selbstkräfrig und dies bildet vielleicht den UntersAied 2^v■s*^" 
Talent und Genius« ^ Was die Entwiddung von Andreas Ue. 
betrifft, mag Lucrezia in der Tat kaum eine 8^°"^^%^°"^ |f ^e 
haben als die einer Marionette,- es war seine ^"^^S^'J'^XZ 
Handlungsweise hervorrief. So wird das Problem wie ^"5^ ^"^er^ 
psydiobgisdie auf das der konstitutionellen Anlage zurudtgetuhrt. 
Wäre Andrea nicht gewesen, was er war. Lucrezia hatte ihre 
Rolle in seinem Leben nidit so spielen können,, aber es ist wahr= 
sdieinlidi, daß, audi wenn sie nidit gewesen wäre, was sie war, 
er sich bemüht hätte, sie diese Rolle spielen zu lassen, d. h. sie 
wäre nocii immer für ihn der Mann gewesen und nidit die rrau 
und Helferin, In seiner Natur war nur die eine Seite entwiAelt 
und nicht die andere. Idi muß nodi einmal Brownings Gcdidit 
zitieren. 

Idi weiß, was ich erreidien könnt und was 
Mir mangelt. Dodi wie völlig unnütz ist s, 
Eu wissen und zu seufzen: ^Wär idi zwei. 
Ein andrer und idi selbst, weltüber hatte 
Dann unser Haupt geragt.* — Kein Zweifel dran. 

Wer etwas kann in dieser Welt, der wiU's nidit, 



1 Scott, p. 72, 73. 



48U 



Prof. Dr. Ernest Jones 



Und wer es wollte, kann es iiidit, das merk' ich: 
Wille ist etwas — etwas aurfi die Kraft — 
Wir halben Mensdieii plagen so uns ab, 

KurZf wenn Andrea imstande gewesen wäre, auf seine alU 
täglidien Sdiwierigkeitcn anders zu reagieren, so Iiätle er das 
Genie eines Schöpfers zeigen können anstatt bloß das Talent eines 
gesdiicktcn Handwerkers. Er hätte ein Künsder sein können und 
war — nur ein Maler. 




1, 



flu 



-. idi.j?.-. . ., -•:,.'.>. .- .-> -• ... .'(•i'j«^. 



.. j 




l-\. 1, 



BEILAGE EU 
„IMAOO" 11/5, 




i-ifi. 2. 




Fig. 3. 



BEILADE ZU 
„IMAGO" [1/5, 



Die Entstellung der fcflnstlerisdien Inspiration 48i 



Die Entstehung der künstlerischen Inspiration. 

Von Dr. OSKAR PFISTER, Pfarrer in Zürich. 

Die Idinstlerisdie Intuition wurde wie das Sdiauen des reli= 
giösen Propheten meistens als eine Art Hcliselien betraditet, das der 
Wissensdiaft ehrfurditsvolles Sdiweigen gebietet. Heute darf man 
den nidit mehr der Verwegenheit zeihen, der als Psydiologe in 
die Geisteswerkstatt des Künstlers Einlaß begehrt. Freud und 
seine Nadifolger Rank, Stekel, Sadger, Jung u. a. haben mit 
Erfolg das Werden des diditerisdien Sdiaffens erforsdit, Graf be= 
lausdite als Erster die poetisdicn und musikadsdien Offenbarungen 
eines genialen Tonmeisters. Freud drang in den jungfräulidicn 
Boden der bildenden Kunst ein, indem er einige Werke Leonardo 
da Vincis mit unvergleidilidiem Sdiarfsinn auf ihre letzten seeli= 
sdicn Wurzeln zurümührtc. Dagegen fehlte bisher die direkte 
Analyse der malerisdien Produktion am lebenden Künstler'. 

Diese Lüdie möd\te die vorliegende Untersudiung ausfüllen. 
Von pädagogisdier Absidit geleitet, sah idi midi eines Tages zu 
einer ästhetisÄen Studie genötigt, ohne weldie der erzieherisdie 
Swedi sdiwer zu erreidien gewesen wäre. Die Einmisdiung in 
kunstwissensdiaftlidies Gebiet dürfte aus diesem Grund dem Laien 
verziehen werden. 

Franz J. ist ein intelligenter ISV'ijähriger Jüngling, mit dem 
idi midi öfters über religionspliilosophisdie und ethisdie Gegenstände 
unterhielt. Aus pietistisdien Kreisen hervorgegangen, hatte er sidi 
zu freieren Ansdiauungen durdigerungen. Mir begegnete er seit 
dem Anfang unserer zwei Jahre bestehenden Bekanntsdiaft mit zu= 
traiilidier Offenheit, so daß idi auf ein günstiges Übertragungsver= 
hältnis sdiloß. Vor einigen Monaten änderte sidi sein Betragen gegen 
midi. Seine von mir bisher gern gehörte Kritik nahm einen nör= 
gelnden Ton an und mündete in höhnisdie Opposition, grundsätz= 
lidicn Negativismus aus. Als der Jüngling sdilicRIidi alle ethisdien 
Wertungen für Unsinn erklärte und beinahe im selben Atemzug 
sidi über den Mangel an sitdidiem Ernst bei seinen Kameraden 
besdiwerte, sdilug idi ihm analytisdie Seelsorge vor, die nadi kurzem 
Widerstreben angenommen wurde. Man mödite allerdings lieber, 
der Analysand ersdiiene aus freien Studien/ allein mandimal ist 
eine direkte Aufforderung nidit zu umgehen. 

Bei seinem ersten Ersdieinen bekannte Franz, daß ihm das 
Leben im bödisten Grade verleidet sei. Mit den Eltern habe er 



' Sachs gab -wertvolle Winite über die Werke Kubins, Imag-o, I. Bd., 
p, 197 ff. ßertschinger analysierte »illustrierte Halluzinationen* ohne künst" 
lerisdie Abzweckung, <jahrb. f. psydioan. u. psydiopath. Forsdiungen, III- Bd„ 
p. 69 bis 100. Vorstehende Arbeit wurde im September 1912 entworfen. Ein 
einzelnes Gemälde eines Sdiisoplirenea analysierte H. Rorschach <Zbl. f. Psydioan., 
in. Bd., p. 170 bis 272), dodi liandelt es sidi nur um eine wenn audi sehr 
diarakteristisdie Variante des typisdien Abendmahlsbildes.> 

Imajo 11/5 31 



482 



Oskar Pfister 



si(h gänzlidi überworfen, von den Kameraden wolle er mit einer 
einzigen Ausnahme nidits wissen, Oft brüte er über seinem Selbst- 
mord. Wenn er nidit hoffen dürfte, in dreiviertel Jahren eine Kunst- 
akademie zu bcsudien, so hätte er sidi längst das Leben genommen. 
Der Besudi des Institutes, dem er angehöre, sei ihm fast unmög= 
hdi geworden,- erst diese Wodie habe er aus innerem Zwang ein 
paar Tage gesdiwänzl. Seine Lage sei eine furdilbare, er könne sie 
unmöglidi drei weitere Quartale ertragen. Daher sei es am besten, 
er bereite seinem Leben ein Ende, Nietzsche habe ihm den reli- 
giösen Halt vollends genommen, alle Lebenswerte seien ihm seither 
versunken. 

Der Jüngling präsentierte eine Anzahl von Ölgemälden und 
Zeidinungen, die idi nadi guter analylisdicr Regel sofort mir 
zeigen und erklären ließ- Was idi im ersten Absdinitt des Folgen- 
den sdiildere, ist das Ergebnis der ersten drei Sitzungen,- in der 
vierten Besprcdiung bekundeten neue Bilder die Metamorphose der 
Komplexe, 

I. Unter der Vorherrschaft der Introversionstendenz ent- 
standene Bilder. 

1, Selbstportr ä t. 

Zuerst analysierten wir ein Selbstporträt, das am Tag der 
ersten Besprediung in zwei bis drei Stunden gesdiaffen worden war. 

Die keiAnting, im Original 50Va:64 Zentimeter groß, ist gut 
getroffen, nur wurde der finstere, drohende Gesiditsausdrtidi, der 
unseren angehenden Künstler seit einiger Zeit diaraktcrisierte, durdi 
ernste Resignation ersetzt'. 

Unsere Aufmerksamkeit wandte siA bald der an der Kette 
zur Rcditen hängenden Gruppe von Köpfen zu. Franz versidicrr, 
sie bedeuten keine bestimmten, ihm bekannten Persönlidikeiten, Auf- 
gefordert, IcdigÜdi seine Einfälle mitzuteilen, nennt er sofort zum 
Gesidite en face den Vater, zum Haupte links die Muitcr, zum 
anderen die jüngere Sdiwester. Alle drei sind ihm, wie er offen 
zugibt, direkt verhaßt. 

Später führt er aus: Nur der obere Teil des Gesidites gleidit 
etwas dem Vater, Genau besehen entspricht nur die Wölbung 
der Stirne und die Nasenwurzel denselben F^rtien im Antlitz 
des Vaters. 

Die Nase ist die des älteren Bruders, der, in den Fuß- 
stapfen der streng religiösen Mutter gehend, von den Freuden der 
Welt abgesdiiossen ein siiiles, gottergebenes Leben führt. 

Die Falten von den Nasenflügeln zu den Mund- 
winkeln gehören einem Oheim väterlidicrseits, der starb, als Franz 

' In der Reproduktion wurde das GesiAt abgeändert, so weit es olme 
Störung des Verständnisses anging. 



Die Entstehung der künstlfrisdien Inspiration 483 



fünf Jahre zahlte. Und dod. erinnert sidi unser Analysand nodi 
lebhaft wie der Onkel in seinen epileptischen Anfällen wütete 
Auch die Augenbrauen erinnern an diesen Bruder des Vaters 
Die gekrümmten Enden des Mundes vergegenwärtigen 
einen vor sechs Jahren verstorbenen, gleidifalls epileptisdien Bruder 
unseres Seimncrs. 

Die Rinne unter der Nase, sowie die beiden Spitzen der 
Oberlippe erklärt Franz für herübergenommen von der verhaßten 
jüngeren Sdiwester, die aber audi die hier abgebildeten Mund= 
winKel aufweist. 

Das Bärrchen wird auf einige widerwärtige Lehrer zurüdt^ 
geführt. 

Der Gesichtsausdruck im ganzen soll ein höhnisches 
Lachen angeben, das unser Künstler auf sxdi bezieht. 

Das Gesicht links ruft Franz seine Mutter ins Gedächtnis, 
doch findet er auffallenderweise zuerst keinen ihrer Züge auf unserer 
Berlodce. Einzig die Haare, die den Scheitel bedecken und das en 
face gegebene Gesidit einrahmen, sollen mit denen der Mutter 
übereinstimmen, Etwas später werden audi die Lippen der Mutter 
beigelegt. Unser eigentümlidier Porträtist erinnert sich, daß die 
Mutter beständig auf ihn einredete, als er Nietzsche zu lesen 
begann, wie aucfi einige Tanten ihm damals Vorwürfe machten. 
Jetzt weist es sidi, daß die jüngere Sdiwcster sich durch dieselben 
Lippen auszeichnet, 

Die Nase trägt Ähnlidikeit mit derjenigen einer klatsdisüch= 
tigcn Nachbarin. Einst verhöhnte sie einen mit Spradifehier behaf= 
teten Knaben,- gleich darauf trat eine ähnliche Störung bei ihrem 
eigenen Kinde auf. 

Das ganze Gesicht ist totenblaß. 

Das Haupt rechts assoziiert die verhaßte Sdiwestcr, Die 
Haare der Stirnpartie treffen genau zu. Die untere Strähne 
gehört einer streitsüchtigen, unordentlichen Magd, die trotz ihres 
KirAenlaufens unsittlich lebte und wegen eines unehelichen Kindes 
heiraten mußte,- von ihr stammt auch der Mund. 

Die verhaßte jüngere Schwester gleidit dieser Magd insofern, 
als sie sirfi ebenfalls durdi Sinnlidikeit auszeichnet, gerne zankt und 
klatscht, obwohl sie frömmelt. 

Der Hals der Figur trägt ein Ornament, das als Spitzen= 
kragen eines Knaben erkannt wird. Letzterer schlug Franz beim 
Zimmern einer Bank mit der Axt auf den Kopf. Des weiteren mahnt 
der Hals an den Kropf mehrerer älterer Verwandter. 

Bis dahin haben wir ledigiidi die Einfälle unseres Zeichners 
gesammelt und nichts von unseren Vermutungen merken lassen, 
Die Deutung unserer Gruppe ist nun für jeden, der die Theorie 
der Psythanalyse empirisch nachprüfte, leicht: Franz hat eine An= 
zahl verhaßter Personen, in erster Linie den Vater, die 
Mutter und die eincSchwester raffiniert umgebracht, indem 



31' 



484 



Oskar Pfister 



7 ^T '■, ^°P^^^' 2- erhängte, 3. spießte <ein Spieß geht 
durch alle Häupter) und 4. kreuzigte <das Kreuz über den 
Köpfen wird ausdrüddidi als Hinweis auf die Frömmigkeit oder 
Frömmelei der Angehörigen gedeutet). Audi zwei Brüder, ein 
Onkel, eine böse Nadibarin und ein Kamerad fallen dem Blutbad 
zum Opfer, oder vielmehr soll der Vater wolii das Ende der beiden 
Epileptiker finden. 

Neben dieser sadistisdien Prozedur kommen allerlei kleinere 
Bosheiten zum Ausdrudv. 

Zur Charakteristik der Eltern ist folgendes zu bemerken: 

Der Vater ist ein tüditigcr, wohlgesinnter, allgemein beliebter, aber 

zu strenger Mann, die Mutter eine voitrefflidie, liebevolle Frau, 

der hödistens religiöse Einseitigkeit und Aufdringlichkeit vorgeworfen 

werden kann. 

Wir wenden uns nun dem Ornament <Fig. 1 a) zu, das von 

der Mitte des oberen Randes herabhängt. Wiederum halten wir, so 

langweilig es Franz anmuten mag, ihm cinfadi das Objekt vor 

und sammeln seine Assoziationen. 

Vorne erblicken wir ein Herz, das der Zeidiner als harr, 

eisern, verletzend beschreibt. Es ist gezähnt und steht im Begriff, 

sidi nach vorne aufzurollen, »so daß man sieht, was dahinter stedd. 

Es muß dem Vater angehören«. 
Redits lehnt 

sidi ein zweites 

Herz an die erste 

Figur an. Man 

kann es audi 

als einen welken, 

liebeleeren Busen 

auffassen. Die 

Mutter ist da= 

mit angedeutet. 

Zwisdicn beide 

Ornamentstücke 

hinein drängt sidi 

ein seltsames 

Gebilde, das 

Franz niditdeu^ 

tenkann. Es fällt 

ihm jedodi ein, 

daß ihm gegen* 

über ein wunder= 

hübsdies Mäd-» 

dien wohne, das 

er hier vielleidit 

gezeichnet habe, . ' ' 

Den Bogen nach ■ . . . . pjg i ^ 




7: 



Die Entstehung der kunstleristhen Inspiration 485 



A J^A^I^ ^' ^"ff ^'^ ^'''^'- ^^"" ^"t entdeckt er daß er ia 
dasMaddien umgekehrt auf dem Kopf stehend zeiAneL D? Leser 
steh auA sofort, daß der gewöhnliche und der gravide uS 
deutlidi angegeben ist. ^ avme ljud 

Das ganze Stück soll einen Dradien vorstellen. 
Uie Auslegung lautet somit: An den hartherzigen Vater 
lehnt sidi die hebearme Mutter, Beide haben ein Geheimnis gemein! 
'f'^M-Ml '"^ ?"' ^»trolte Zum Vorschein kommt die Mutter 
als Maddien und gravides Weib. Der in einer Psydioneurose seilen 
fehlende Ödipuskomplex gibt sidi deutlich zu erkennen: Franz ist 
auf seinen Vater grimmig eifersü<htig. Die deutlidi inzestuös gefärbte 
Liebe zur Mutter gehört wescntlidi zu seiner Neurose. Diese 
sträfliche Neigung ist der ihn bedrohende Dradic. Eine etwaige 
liefere Deutung bleibt vorbehalten. 

Endlidi kam das Selbstbildnis zur Spradie, 
Die Tracht ist die eines Möndies. Franz hegte lange den 
Wünsdi, buddhisiisdier Möndi zu werden. Er stellte es sidi als 
etwas »riesig großes« vor, in ein Kloster einzutreten oder in Nichts 
aufzugehen. Die Klostertradit, in die sidi der Künstler hüllte, ist 
audi die des Parricida in Schillers »Teil«. Was jener Name 
bedeute, will Franz einige Zeit nicht wissen, was ihm selbst »kurios« 
vorkommt. Plöfzlidi entsinnt er sidi, daß Parricida »Vatermörder« heißt. 
Die Hand ist die eines um Erbarmen Flehenden. Vorbild 
ist der Zöllner, der an seine Brust sdilug und betete; »Gott sei 
mir Sünder gnädig!« (Luk. 18>, 

Der kleine Finger ist verzeidinet. Es fällt Franz auf, daß 
der Fehler helfe, der Hand die Form eines männlidien Genitales zu 
geben, das nadi Masturbation zu ersdilaffen im Begriffe steht, 

Das von der Kette herabhängende Eisenstück geht in 
den Kopf des Porträtisten hinein und versetzt ihn damit in dieselbe 
Lage, wie die vicrfarfi getöteten Familienangehörigen, 

Der Sinn des Porträtes lautet somit vorläufig: Ich bekenne 
reumütig die Schuld, die ich als Vater= und Verwandten- 
morder, sowie als Masturbant auf mich geladen habe, 
flehe uni h-rbarmen und will durch meine Hinrichtung oder 
als buddhistischer Mönch, ins Nichts versunken, meine 
öunde sühnen. 

?%i''u^-f."P^^'"'^'^ "•" Zeichnung enthalten somit; 
1. üchuld <Verwandtenmord, durdi Masturbation verstärkt), 
Z. Ursache und Kern der Sdiuld <Haß, Inzestliebe), 
j. ouhne. 

Will man analog dem Traume den wesendidien Inhalt unseres 
üildes in einen^atz zusammenfassen, so könnte man etwa sagen- 
Da idi in Haß gegen den Vater, in unreiner Liebe zur Mutter 
brenne und meinen nädisten Verwandten ein gewaltsames Ende 
wünsdie, bekenne ich mi<fi reumütig als todwürdig und will durdi 
die Fiudit ins Nichts des Klosters mein Verbrechen sühnen. 



^^^ Oskar Pfister 



cfp. pS?^ ^°"fJP^^^' analysierten wir die rezenten Anlässe 
vJrunT'/''"^lT ^°':,'^^'- Zeichnung hatte Fran. nift seinem 
Varer und der verhaßten Sdiwster eine KunstausstellunK besucht 
Vor den Gemälden von Böcldin und Segantini wurde er zornig 
da er an sem übles Verhältnis zu den Eltern dadite. Bitter und in 
verletzender Absidit äufierte er vor dem Vater, es sei eine Sdiiedi- 
ligkeit, dali man den Künstler zuerst beinahe verderben fasse und 
dann seme Cremälde bewundere. 

k ik ^!P J^u^"^^ ^""^ ''^^ Ausführung des Bildes entsdiloß er sidi 
naib und halb, morgen das Institut zu sdiwänzen, wie er sdion oft 
getan hatte. Als er des folgenden Tages um adit Uhr hei der 
loilette sein Gesidit im Spiegel betraditete, fielen ihm die von der 
Nasenwurzel steil über die Stirne sich ziehenden Furdien auf. Sdion 
truher als er nodi ein Knabe war, kam ihm vor, sein Vater zeige 
diese Linie, wenn er von Kummer und Gram über seinen Sohn 
erfüllt war. Jetzt fragte sidi letzterer, was wohl der Vater sagte 
wenn er wußte, daß sein Sorgenldnd schwänzte. Zwei Stunden 
spater kam plötzlidi die Inspiration über unseren Künstler. Sofort 
eilte er, einen Papierbogen zu kaufen, und setzte sich an die Arbeit 
Man sieht, wie die Sorgenfalte auf des Vaters Gesidit stark her- 
vorgehoben ist. Das sidi regende Mitleid wird vom negativen Vater- 
komplex durdi ein sadistisdies Elaborat quittiert. Die Falte auf der 
sSn" »n'h'^' -ne Red.tfertigung dls grausamen Tuns da ! 
stellen »Du hast mir sdion viel mehr Leid zugefügt als idi dirl« 
So zeigt denn diese künstlerische Konzeptin g^nau wie der 
Traum eine rezente Wurzel, während der Komplex Sbar n die 

Vt'f d^e'ädmufR'^^fn^' ^'^ ^*!.^^""^^ d^s sonst vörtr ff Ae 

Vaters die Üdipus-Emstellung verschlimmerte. ^, 

2. Requiem. ^W 

häuslidier Srre r nnart P ' . ^^"^^^^''^den, wie dann, wenn ihn 

kllni dringe^:'' ^^ "" ''' ^^^" gemalten Kapelle herrli^e SrgeU 

n,üsse^zugSn*'Sn'"wn ^""'r ^^"P^^^"!^- "--or, der Vater 
AD ^"Sfpn sem. Wo, weiß er nidit zu sagen Dodi erinnert 
das Rundf enster an das von einem Dreiei un.gebene Auge 



' Er findet sidi auch auf Bild 1. 



Die Enlstehung der künstlerisdien Inspiration ^87 



Gottes auf Aibredit Dürers Radierung »Die heilige Familie in 
Ägypten«. Ferner mahnt es an den einäugigen Wotan, sowie an 
Polyphem, der die Gefährten des Odysseus in seiner Hohle ver^ 
sdilingt und den vor der Höhle zu Wasser entfliehenden Odysseus 
mit reisen zu treffen und zu töten traditet. Dieses Auge ist audi 
das des eignen Vaters, der finster auf seinen Sohn herabsdiaut. 

Die beiden Zypressen rufen die zwei Brüder, die runden 
Bäume die Sdiwestern ins Gedädhtnis, deren eine (die uns aus 
dem vorangehenden Bild bekannte) damit prahlt, eine wie gute 
Toditer sie sei, wie sie sidi den Eltern behilflidi madie, indessen sie 
doth von ihnen möglithst viel Nutzen zu ziehen sudit, während die 
ältere, edlere, dem Baume zur Rediten entsprediend, sidi nidit so 
auffallend benimmt. Die Eudringlidikeit der verhaßten Sdiwester ist 
in der Haftung des hnken Baumes ausgedrüdit. 

Die Kapelle stellt sidi zunädist als Gotteshaus einer Anstalt 
für unheilbare Geisteskranke heraus. Das Anstaltsgebäude war 
früher ein Kloster. Dort wohnt ein genialer Künstler, der wie Franz 
malte und diditete, bis er in dieses Institut verbradit wurde. Und 
nun bekennt unser Analysand seinen brennenden Wunsdi, diesen 
Mann zu besudien und selbst für Lebenszeit als Wahnsinniger 
interniert zu werden. Stundenlang saß der Jüngling vor dem Kirdilein 
und träumte sidi das Glüdt aus, in der zugehörigen Anstalt _ aller 
Sorgen entledigt seinen großartigen Phantasien nadizuhängen. Öfters 
begab er sieb nadi dem einige Stunden entfernten Ort, Das Spitz-» 
kirdilein der Irrenanstalt liegt nidit auf einer soldien Insel- Letztere 
mahnt an Burg Wasserstelz in Gottfried Kellers »Hadlaub«. Der 
junge Minnesänger wurde in der Burg versteckt, damit er vom unauf= 
richtig minnenden Grafen von Rapperswyf nidit enidedit würde. Die 
Gefiebte kam zu Hadfaub, gestand ifire Liebe und wurde seine 
Gemahfin. Diese Gescfaidite führt Franz auf ein sdiönes Mäddien 
seines Heimatsortes, das in einem »kolossal ruhigen« Hause abseits 
der Straße wohnt und dem Vater sehr gut gefällt. Franz hofft 
also, gemäß Keffers Novelle 6en Vater auszustedien. 

Das Innere der Kapefle ist heff erfeuditet. Wundersame 
Musik sdiatit heraus. Wieaer kommt auffallenderweise Franz die 
hübsdie Nadibarin zu Sinne, die siÄ hinter die Herzen der Eftern 
als Repräsentation der Mutter gesdilidien hatte. Dann springt unser 
Anatysancf über zu den Weihnaditsfesten, die er als Kind zu Hause 
feierte. Alles Interesse, das er am Bilde nimmt, konzentriert sidi 
auf das Lidit, das aus der Kirdie auf den Toten fällt. Hierauf 
stellt sidi Franz vor, sein älterer Bruder müsse nodi in der Kirdie 
stedten. Zuletzt fällt ihm ein, er habe sidi audi immer die Mutter 
ebenda gedadit. Zu ihr hat er gegenwärtig gar keine Liebe. 

Die beiden Kruzifixe induzieren die Brüder,- die Pfosten 
stedien sdiief in der Erde. Bald werden sie fallen. Die Pappeln 
<Brüder) erreichen die Kirdie (Mutter) nidit, obsdion sie sidi 
<unkünstlerisdi symmetrisdi) ihr zuneigen. 



488 



Oskar Pfisicr 



Der Tote, natürlidi Franz selbst, liegt mit ausgebreiteten 
Armen als der wahre Christus vor der Insel, perspckrivisdi viel zu groß. 

Die drei Sterne rufen wieder Vater, Mutter unci verhaßte 
Sdiwester ins Gedäditnis. 

Ergänzungsweise sei bemerkt, dali der Vater Kirdicnvorstehcr 
<Kirdigemeindcpräsident> ist, und daß Franz den Ausdrudt »Mutter 
Kirdies genau kennt. 

Das Ölgemälde drückt somit den Todeswunsch und 
seine Begründung in der Einstellung auf die Familie aus. 
Franz will sterben und als Lcidie die im Leben versagte mütterlidie 
Liebe auf sidi lenken. Ein anderer, aus den Einfällen ersiditlidier 
Wunsdi gehl darauf, fortan ganz in der Kirdie (-Mutter) oder im 
Irrenhausc zu leben und so lebendig begraben zu sein. 

Dieser Phantasie korrespondiert einerseits aktive Grausamkeit, 
anderseits Selbststeigerung. \n crsterer Hinsidit ist bemerkenswert 
der Todeswunsdi gegen Vater, Mutter und jüngere Sdiwcster (die 
drei Sterne), die Identifikation des Vaters mit Polyphem, weldiem 
Odysscus (Franz) vor dem Wegsdiwimmen das eine Auge aus- 
bohrte, die Darstellung der dem Fall geweihten Brüder, die Ver= 
höhnung der zudringlidien Sdiwcster. Eine Vergrößcrungstendenz 
liegt angedeutet in dem Verlangen, dem genialen Geisteskranken 
ähnlidi zu werden, den Vater bei der Sdiönen seines Dorfes aus«' 
zustedien und vor allem als der wahre, riesengroße gekreuzigte 
Erlöser neben den falsdien Messiasscn, den Brüdern, von der Mutter 
erfunden und betrauert zu werden. 

Setzte sidi auf dem Selbstbildnis der Künstler durdi die Stirn- 
falte^ dem Vater gleidi, so ist hier auf eine nidit gemalte Wunsch- 
gleidiung aufmerksam zu madien, Franz hört während dcrZeidmung 
aus der Kirdie wundervolle Musik dringen. Die (hystcrisdie oder 
katatonisdie) Mutter halluzinierte früher oft, jetzt gclcgentlidi eine 
ähnlidie Musik. 

Man beadite die religiöse Sublimierung des Todeswunsdics und 
der auf die Familienangehörigen geriditeten Phantasien. 

Einige Wochen narfi dem »Requiem« sdiuf Franz eine sehr 

schöne 2cidimjng, der er den vielsagenden Titel gab: »Laß die 

1 oteti ihre Toten begraben.« Ein ertrunkener Jüngling sdiwimmt 

\vr -k L ( ^'"^^ ^°" Pappeln flankierten Stromes. Ein versdilciertes 

Weib halt wie segnend die Hände über den entseelten Leib. Llnsdiwer 

wkennt der Zeidmer in beiden Gestalten sidi und die Mutter, die im 

litel als geistig tot diarakterisicrt wird. Später rü da der Grimm bis zur 

lotwunsdiung des insgeheim glühend geliebten erotisdien Objektes 

vor. In der Aare die am Heimatdorf vorüberfließt, möditc Franz 

seit langem einsdilafen. Jedes Sdiwimmbad wird zur Todesorgie. 

Der Fluß selbst wird zum Wuttersymbol und nimmt die Rolle ein 

die nadi späteren Gemälden Mutterleib, Höhlengrab, Irrenhaus und 

Kloster spielen (vgl. Ibsen, Die Frau vom Meere). 



Die Entstehung der künstle rischen Inspiration 489 

3. Der Wahnsinn, 

<Federzeidinuns, 36Va : 26 Zenlimeter, entstanden fünf Monate vor der Analyse.) 

Das Bild als Ganzes erinnert Franz an das Riesenhafte, 
Gewaltige des Wahnsinns, an seine Besudle in der Irrenanstalt, in 
der er sdiwelgc beim Anblidi der Kranken, besonders ihrer Augen. 
Dem kräftigen Wunsdi, geisteskrank zu werden, steht die klare 
Einsidit in die Unsinnigkeit und Minderwertigkeit dieses Begehrens 
gegenüber. 

Zuerst fesseln Franz die Augen der Figur. Sie verraten den 
Irrsinn, erinnern ihn aber audi an seine eigenen Augen, wie sie in 
Momenten der Begeisterung aussehen. 

Der Mund zeigt ihm die eigene Unterlippe, Den Grund 
dieser Untersdiiebung kann idi nidit angeben. Die Falten bei den 
Mundwinkeln sind diejenigen eines Onkels, mit dessen Stodt der 
Analysand geprügelt wurde, weil er die Habersuppe nidit essen 
wollte. Damals rieF er dem Vater zu: »Sdilage midi dodi gleidi tot!« 
Der Finger unter dem Kinn wird sofort bezeidinet als 
Gesdileditsglied, das zu den Lippen fahren will. Franz denkt sidi 
dazu einen masturbatorisdien Akt, Auf den nämlidien Liistgewinn 
führen ihn die Schlangen, die zugleidi etwas teuflisdies aus-- 
drüdsen sollen. 

Das weinende Weib assoziiert zuerst Franz selbst, der 
sidi beklagt, hierauf den Friedhof, der in der Nähe des Elrern= 
hauscs liegt, dann die Sdiwester und die »gewaltig sdiöne Kapelle 
der Irrenanstalt, also die Mutter«. 

Die Hand ist abnorm groß. Sie umfai^t und beherrsdit alle 
Fäden, die über den Vorhang <der Welt) laufen. Sie kann alles 
zusammendrüdten. Sie gehört Franz. 

Die Wirbellinien repräsentieren »herabfliei)enden« Sdimutz, 
von dem Kraft ausgeht, so daß alles erieuditet ist. Franz sieht sidi 
und seine Mutter mitten in ein und demselben genußreidien Sdimutz. 
Die geschlängelien Senkrechten, von unten nadi oben 
gezeidinet, sollen aus unbekanntem dunklen Sdimutz aufsteigen, 
vom Lidite angezogen. <Idi kann sie nidit mit Bestimmtheit deuten. 
Veranlaßt sind sie durdi die Falten eines Vorhanges. Vielleidit 
gehen sie auf die Sexualtriebe, die durdi offenkundige Sexuallust 
<s. u.) angelodit, aus ihrem Verstedt aufsteigen.) 

Die Insdirifi »Ich weiß« bezieht sidi auf die Einsidit in das 
Geheimnis des eigenen Zustandes. 

Ems tehungs Verhältnisse. Das Bild wurde gesdiaffcn in 
der Wohnung eines älteren Herrn, der Franz mit Artigkeit über;- 
häufte, ihn auf große Reisen einlud und für die Kosten seiner 
akademisdien Ausbildung aufzukommen verspradi. Kurz vor dem 
Entwurf hatte unser Analysand die Entdedtung gemadit, daß der 
Mann homosexuell sei und sdilimme Absiditen im Sdiild führe. 
Beim Verlassen des Zimmers nämlidi, als der Jüngling vorausging. 



490 Oskar Pfister 



faßte ihn der andere und sdimiegte sidi an ihn. Dies widerte den 
ÜberrasÄten an, und er beschloß, sidi von dem alten Sünder zu 
trennen. Am Tisdi des Homosexuellen begann er das Bild zu 
zeidinen, ohne zu wissen, was herauskommen werde, während sonst 
seine Inspirationen mit einem Sdilage in hödister Deutlidikeit vor 
ihm auftaudien. 

Deutung. DurA das homosexuelle Attentat angeekelt, erfährt 
Franz die intensivste Introversion, Die Katatonie wird durdi seine 
Eeidinung vorzüglidi symbolisiert: Der Kranke zieht sidi von der 
Außenwelt hinter seinen Vorhang zurüdt, sdiwelgt in wildesteni 
Auterotismus (Masturbation und masodiistisdier Lust am Sdimerz 
der Mutter) als der Wissende, der <paranoisdi> mit gewaltiger Hand 
die Gesdiid^e der Welt regiert. Franz gesteht, daß soldie Gedanken-' 
gange ihn öfters, dodi nidit während der Entstehung dieser Zeidi« 
nung, besdiäftigten. 

4. Die Nymphe. 
Stark grelles Ölbild, unvollendet, 45:37 Zentimeter. 

Oben Waldlandsdiafi, links Bäume/ dem Waldsaum entlang 
auf den Betraditer zu ein sdimaler Weg, der sidi in ein Bädilein 
verliert. Darunter Felswand mit zwei übereinander liegenden 
Höhlen. In der oberen eine liegende Nymphe, neben ihr ein brauner 
und ein gelber Sdimetterling, Das Weib hält die Hand empor, um 
das über tropFste inartige Gebilde herabRießende Wasser aufzufangen. 
Das lange blonde Haar der weiblidien Gestalt hängt herab. Die 
Komposition entstand am Karfreitag. 

Die Nymphe trägt gleidie Haare wie die ältere, geliebte 
Sdiwester. Franz liebt nur Mäddien mit der nämlidien Haarfarbe 
und ähnlidien Figur. Gerne läßt er sidi auf kleinen Flirt ein, be= 
gehrte aber mit einer einzigen Ausnahme keine Küsse. Audi die 
Küsse der früher zärtlidien Mutter waren ihm, so weit er sidi er= 
Innern kann, stets zuwider. Hat er die Gunst eines Mäddiens er^- 
rungen, so zieht er sidi von ihm gleidigiltig zurück. 

Die Sdimetterlinge werden anfangs für zufällig und nidits be* 
deutend ausgegeben. Dann aber assoziiert der <braunc) Schinetter=' 
ling neben dem Mäddien Franz selbst, der <gelbe> an seiner Seite 
ein Mäddien, das ihm auf den Abend der Analyse ein Rendezvous 
gab. Mit ihr spazierte er öfters, ohne aber stärkere Ge^ 
fühle dabei aufzutreiben, Nur einmal erfaßte ihn eine Liebeswelle, 
die er aber verbarg. Die Sdimetterlinge über der Erde rufen die 
Erinnerung an drei Mäddien, mit denen ein kleines Getändel vor-;- 
gefallen war, von denen sidi aber unser harmloser Don Juan ge= 
trennt hatte. 

Der Weg neben den Tannen existiert in Wirklidikeit. An 
jenem Ort lustwandelte er mit der gegenwärtigen Freundin. 

Die Bäume passen jedodi nidit zur Szenerie. Dafür entstammen 




Die Entstehung der h ünstlerisdien Inspiration 491 

Sie einem Walde, der Zeuge einer Eusammenkunff mit einer anderen 
blonden Sdiönen war. 

So weit die Einfälle. Wie ordnen wlv sie? Alles deutet auf 
die verdrängte Liebe zur älteren, audi bewußt innig verehrten und 
■wertgesdi ätzten Sdiwester. Franz will zu ihr, wie er sie in der 
Wirklidikeit sehnsüditig sudit,- alle blonden Mäddien, denen er na(h= 
stellt, um sidi dann doA wieder enttäusdit von ihnen abzuwenden, 
sollen ihm die heiß begehrte Sdiwester sein, können es aber natura 
lidi nidit. Hierüber soll später ein Weiteres gesagt werden. 

Was aber bedeutet die Höhle? ein Blick auf das Ganze sagt 
es uns. Der Wald, die Quelle, darunter die beiden Höhlen bilden 
offenbar das Sdiema der weiblidien Organe. Unsere Seidinung be= 
stätigt vollkommen die gezeidineien Träume Marcinowskis, die 
sidi als unbewußte Wiedergabe weiblidier Körperpartien erwiesen '. 
Die Höhle, in weldier die Sdiwester liegt, bedeutet wie die Kapelle, 
die den Bruder beherbergt, den Mutterleib. 

Franz will also zu seiner Sdiwester in die Organe der 
Mutter zurüdskehren. Bemerken wir, daß die Tuffsteine, die 
Wasser über die Sdiwester entsenden, deuilidi Phallusform auf- 
weisen, so erkennt man wirklidi, wie Herr Dr. Jung erkannte, eine 
Szene die in der alten Mythologie eine Rolle spielt: Osiris und 
seine Sdiwester Isis wohnen zusammen im Leibe ihrer Mutter Neith. 
<VgI. Jung, Wandlungen, Jahrb. IV. p. 278.) 

Der gelbe Sdimetterling in der Höhle verrät den Wunsdi, 
die Freundin mit der Sdiwester zu verbinden, so daß er in jener 
die unreahsierbare Sehnsudit nadi dieser verwirklidien könnte. Er 
wil gleidisam Sdiwester und Freundin so zusammenbringen, daß er 
m letzterer die erstere wiederfände. Die Stellung des Sdimetterlings 
m seiner Entfernung von der Sdiwester gewährt diesem Bestreben 
keine gunstige Diagnose. 

Unsere Deutung findet durdi anderweitige Beobaditungen 
kräftige Bestätigung, ^er sidi mit der Analyse von Don Juans 
befaßte, weiß audi, daß diese alle zusammen eine ganz bestimmte 
wciblidie Person sudicn, die sie in ihren Opfern zuerst zu finden 
hoffen, dann aber dodi nidit finden, wenn es mit der Liebe Ernst 
zu madien gilt. Freud entdeckte, daß es sidi immer um die Mutter 
handle, die erstrebt, aber nidit gefunden wird^. Seither fand idi 
mehrere Bestätigungen, Ein Beispiel: Ein aditzehnjähriger Bursdie 
leidet an versdiiedenen hysterisdien Lähmungen und starkem Don- 
juanismus. Zu einer ganzen Reihe von Mäddien fühlt er sidi 
sukzessive hingezogen, unwirbt sie stürmisdi, erobert ihre Neigung, 
gewinnt ein paar Küsse und verliert zu seiner Betrübnis die Liebe 
vollständig. Er hält sidi darob für einen sdilediten Kerl und ver= 

' Marcinowski, Gezeidinete Träume. Zentralblatt für Psydioanalyse, 
11. Bd., p. 490 bis 518 <1912>. 

^ Freud, Über einen besonderen Typus der Objelctwalil beim Manne. 
Jahrb. f. psydioan. u. psydiop. Forsdiungen. H,, p, 389 bis 397. 



492 Oskar Ptisier 



fällt in schweren Lebensüberdruß. Aus der Analyse seien ein paar 
Details mitgeteilt. Eines Tages wird der Jüngling beim Treppen- 
steigen von sdiwerem Asthma und Stedien im Rüdtcn unter der 
linken Sdiulter befallen. Auf diese Symptome eingestellt, erinnert er 
sidi, daß audi der Vater an Asthma leidet. Als Kind verkrodi sidi 
der Knabe lange Zeit fast jede Nadit ins Bett des Bruders, da er 
Gestalten halluzinierte. Er sah einen mit Messer oder Revolver 
bewaffneten Mann, der heftig keudite, und eine Frau, die gewöhnlidi 
einen Besen trug. Aus den vielen Fällen analyiisdier Heilung von 
Asthma wissen wir, daß das Keudien auf den begattenden Vater 
geht', wozu in unserem Fall Revolver und Messer gut stimmen. 
Der negative Vaterkomplex, der zu offenkundigem Haß gegen den 
lidienswürdigen Mann führte, wurde somit früh erworben. Am 
Samstagnadimittag, an dem jetzt das Leiden ausbradi, war ein 
Brief des Vaters eingetroffen, der seinen Besudi ankündigte. Hierüber 
geriet der Sohn in Wut. Erst nadi intensivem Sudien fand sidi der 
Sdilüssel des Rätsels; Im Vorjahr halte der Vater ebenfalls seinen Be- 
sudi auf den Samstag angemeldet. Der Jüngling telegraphierte jcdodi 
ab, indem er Aufgaben vorsdiütsle, und begab sidi mit einer Freundm 
in 'den "Wald. Die Apperzeption der sdimerzhaftcn Stelle wedu die 
lebhafte Erinnerung, daß der Bursdie sidi kosend an seine Geliebte 
sdimiegte, dabei aber dtirdi einen kleinen Baumstrunk oder eine 
Wurzel empfindlidi an die jetzt sdimerzende Stelle gestodien wurde, 
was am Weiterküssen nidit hinderte. Durdi die Anmeldung des 
Vaters erzürnt, versetzt sidi der unzärtlidie Sohn wunsdiweise in 
die damalige zärtlicfae Situation^ die er sidi durdi eine Absage an 
den lästigen Bcsudicr vcrsdiafft hatte, und identifiziert sidi mit dem 
keurfiendcn, d. h. begattenden Vater, er erneuert seine Begierde 
nadi der Mutter. Nodi deutlidier kam in mandien Träumen letzterer 
Wunsdi zum Vorsdiein, Als der Sohn drei Jahre alt war, erkrankte 
die zärtlidie Frau an Tuberkulose und verließ die Familie, um in 
Sanatorien Heilung zu finden, öfters kehrte sie audi zur Freude 
des Kleinen für einige Monate zurüdt. Dann wurde das Kinder» 
mäddien jeweils entlassen. So übertrug das Kind während sieben 
Jahren, bis zum Tode der Kranken, seine Liebe auf mandie weiblidien 
Personen, in denen er stets die Mutter sudite. Dieses Treiben setzt 
er gegenwärtig fort. Er empfindet es selbst als Ewang und sträubt 
sidi heftig, dodi ohne Erfolg, bis die Analyse ihn ohne Mühe 
befreite. 

Unser Franz bildet nur sdieinbar eine Ausnahme: Hinter 
dem auf die Sdiwester geriditeten Inzestwunsdi stedit fast aus- 
nahmslos die Mutter als früheres Objekt, Die Sdiwester ist in der 
Regel das erste Muttersurrogat, dem später eine Reihe anderer 
folgen. Oft wird die Mutterimago bekanndidi nadi den beiden 
Charakteren, die dem Sohne vorsdiweben, der idealen, reinen Natur 



' Vg!. mein BuA: Die psythan. Methode, S. 65. 



.^ii^^^^^^^Td^fcü^^i^^ 



493 



und der sexuellen, in zwei Typen zerlepr Hör "N/l,,«. -j. . 
auf die reine Jungfrau oder die Dirne las lA sdW h'.'f "^\«^*^^ 
derartige Fälle beobaAtet, in wlAen die von Fre ,S / Tu''^ 
erotische Konstellation von MerUalen re^rau^JS/enV^oÄen 
war. Franz, der mindestens die vier ersten fahrp mif aI^^u 
dann mit den S^western das Sd,lafzin.ner reiltt ^d."^! t' e ! S 
Mutterbilder auf d.e Sdi-^estern zu projizieren; Die edle reine 

^M ^% " J"^" '" ^'"" tT"' ^^"^^^- SAwester/da 
sinnl.die We.b in der jüngeren, gehaßten, Die beiden Frauen die 

ubngens beide audi selbst Mütter sind, tragen wirldidi eine merkliche 
Versduedenheir des Charakters in dieser Riditung an sidi Allein 
indem der Bruder die beiden Multerrypen in sie hineinsieht, über, 
treibt er die Differenz und heftet die der Mutter geltenden Affekte 
ihren jungen Surrogaten an'. Ob wir uns mit dieser Auffassung 
begnügen können, sudien wir später auszumadien, 
j ^f""" Beantwortung dieser Frage müssen wir wissen, ob 
der Mutterleib selbst in der Höhle begehrt sei, oder ob er nur 
&n Symbol für die Abgesdiiossenheit von der Welt und das 
Oeborgensein ausdrüdct, somit eine Introversionsphantasie, weldie 
die maximale Regression in zeitlidier Riditung lediglidi benutzt, um 
die^starksie Regression in funktionaler Riditung zu bezeidinen. Tat= 
sadie ist, daß der Mutterleib selbst in unzähligen Fällen ersehnt 
wird. Die Nikodemusfrage: »Kann audi ein Mensdi in seiner Mutter 
Leib zurüdikehren <wörtlidi: zum zweitenmal hineingehen) und 
geboren werden?« <Joh. 3^)^ spielt eine große Rolle. Stekel zeigte den 
Wunsdi im Traum eines Neurotikers^ Abraham lieferte eine 
damit übereinstimmende Serien Marcinowski bestätigte die Beob- 
aditungen seiner Vorgänger durdi seine präditigen »gezeidineten 
1 räume«-, die mit unseren hier aufgewiesenen Erfahrungen siA 
eng berühren in novellistisdier Form stellt Paul Ernst denselben 
Gegenstand dar'^: >>WeIdie von den vielen Zügen, in denen sidi 
diese Wandlung äußerte, soll der Erzähler nun wohl herausheben? 

- f T^l ^" ^'■^^''fe' ^'^ "^"^ ^" ^="^'" Mittwodmadimittag 
m der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinter dem Ofen der 
Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte 2igarrensdiaditel, 
die er gesdienkt bekommen die klebt er an allen Seiten sorgsam 
mit Kleister zu, daß kein Lidit hinein kann, und träumt in der Art 
wie ernst, da er zu Hause unter dem Tisdie saß, wie heimtidi es 

t, . nL^iVnT^^""' y""''f-'i'""?if p^^*^isterliebe, .uA der direkt i-zestuöse«, 
hat Ono Rank ai mtaunddi reidiialtigem Material nadigewsen, (Das InzesU 
motiV in Sage und Diditung, p. 441 bis 6S5.> 

' JunS- Wandlunger. und Symbole der Libido. Jabrb. IV, 268ff. 
I Bd 107^ Symbolik der Munerleibsphantasie, Zentralbj. f. Psydioan., 

' Abraliam, Einige Benierliungen über den Wulterkultus und seine Symbolik 
m der Jndividual- und Vollfcrpsydiologie. Ebenda II Bd p 549F 

« ZemraibHf 'ß'd "^"5*^""^ "^'"^""'^' ^entralbl.', Ü. Bd.,'p. 490 bis 518, 



494 



Oskar Pfister 



Wäre, K^nz klein zu sein und in solAer verklebter Sdiachtel zu 
sitzen.« (Der schmale Weg zum Glüd, p. 83.) In der zürcherischen 
psydianalytisdien Vereinigung beriditete Fraulc-n Dr hr.eda 
Kaiser von einer Manisdi-Depressiven, die morgens mdit aulstehen 
wollte, weil sie das Bett mit dem Mutterleib gleidisetzte. Ferner hat 
Silberer auf die Wichtigkeit der Mutterleibsträume hmgewjcsen . 
Ich nehme vor der Hand an, daß die zur Introversion fuhreiide 
Hemmung in den WunsA naA Wohnen im Uterus tre.bt aber 
allerdings um den AbsAluR von der Aufienwelt zu errc dien. I^ e 
Muttcrfeibsphantasie wirkt auA nad. in der Schnsud,t Js G abe^ 
heiliger oder Mönch das Leben zu besdi heßen Die Psydiologie des 
AnXoretentums ist ein Zweig der Psydiologie der Introversion, 

5. Die Brücke des Todes. 

<Bieistiftzeidhnuiig, 38 : 28 Zentimeter,) 

Ein Jüngling steht im Begriff von der LeiAe eines Weibes 
weg auf e ne sidf im Nebelmeer verlierende Bnjd^e zu Sturzen auf 
derln Mitte der Tod steht. Hinter ihm erhebt sidi in glutroter 
Pradit die Sonne. Am Rande redits wollen zwei Handepaare den 
Davoneilenden zurüdchalten oder =rufen. ..... 

Das Weib assoziiert die Mutter, die Haare sind die der 
geliebten Schwester. Die Gestalt ist, was Franz nidit bemerkte, 
spiralig verdreht. Diese Beobaditung ruft die Vorstellung eines SexuaU 
aktes lei dem Jüngling hervor. Die Füße gehen auf ein Weib, der 
Oberkörper paßt seiner Stellung, nidit seiner Form nadi auf einen 
Mann. Weitere Einfälle trafen nicht ein. 

Der Jüngling stellt den nädisten Freund unseres Analysanden 
dar, meint aber natürlich letzteren. 

DieHände ge= 
hören dem Vater 
und der ungeliebten 
Schwester. 

Die Veranlas« 
sung des Bildes er= 
fuhr ich nidit. 

Die Deutung 
liegt auf der Hand: 
Der Jüngling wünscht 
seine Mutter tot und 
bereitet sich selbst, 
dem Vater und der 
bösen Sdiwester zu= 
leide, ein gewa!t= 




Fig. 4. 



' H. Silberer, Sperniatozoent räume. )ahrb, IV <19]2), p. Hl ff. 



Die Entstehung der künstlerisAen ] 



nspiration 495 



sames Ende. Die Sonne ist wohl, wie so oft, Symbol des Vaters ^ 
tline Uberdeutung folgt später. 

Das Bild entstand bereits ein Jahr vor der Analyse. Es ist 
somit das älteste aller hier benutzten. Wir reihen es hier ein, weil 
es zu den spät analysierten gehört. 

11. Im Zeichen der Egression geschaffene künstlerische 

Phantasien. 

Sdion die erste Sitzung wirkte auf Franz sehr beruhigend, 
dodi hielt die Besserung nur kurze Zeit an. Nadi der dritten, als 
die Bilder Nr, 1 bis 5 ergründet worden waren, trat ein starker 
Umsdiwung der Gesamtstimmung und besonders der sympathrsdien 
Beziehung zu den Eltern ein. In weldiem Sinne es gesdiah, zeigen 
die folgenden Bilder. 

6. Sonnige Höhe. 

' (Fünf Tage nacfi der letzten Besprediung entworfene Skizze zu einem Ölgemälde, 

46 ; 38 Zentimeter,) 

Ein liebendes Paar steht auf sonniger, mit Rosenbäumdien 
bewadisener Höhe über einem Nebelmeer, auf dessen anderem 
Ufer inmitten von Felsen vor einer Hütte ein Asket steht. Der 
finstere Mann will die Glüdtlidien zur Arbeit fortjagen. Der Liebende 
sieht ihm aber mit ruhiger Sidierbeit ins Auge und hält die Gc- 
liebte fest. 

Der Asket ruft den Vater in Erinnerung, sofern er sidi selbst 
wenig gönnt und einer strengen Lebensansdiauung huldigt. Hinter 
ihm stedit der Analytiker, der dem Drange nadi Flirt und Müßig-=^ 
gang gleidifalls wehrt. 

Die Hütte dient dem Büßer als Wohnstätte. 
Der Liebende ist wieder der nädiste Freund unseres Analy^ 
sanden, derselbe, den wir bei der »Brüdie des Todes« antrafen. 

Die Geliebte ist die Freundin, die als Sdimetterline zur 
Nymphe mitgenommen worden war. Ihr kräftiger, etwas breiter 
Körper und die gerade Nase sollen gut getroffen sein. Dagegen 
paßten die wenig gewölbten Augenbrauen zur geliebten Sdiwester. 
Die Substitution ist also trotz der drei Tage vorher erfolgten Analyse 
des Nymphenbildes befestigt worden. 

Die Rosen bäumchen assoziieren Liebesverhältnisse. Das dürre 
Stämmdien provoziert, wie sdion seine Stellung zunädist dem 
Asketen voraussehen läßt, die Mutter. Zunädist aber ersdieint der 
vielsagende Einfall: »Bei jeder jungen Liebe ist's, wie wenn ein 
Bäumdien aufginge und blühte. Hier ist aber eines abgestorben: 

' Freud, Nachtrag 2U d. autobiogr, besdiriel). Fall v. Paranoia. Jahrb. Ilt, 
p, 590. — Jung, Wandlungen. Jahrb. III, p. 203f, IV, p. 162f, - Vgl. die 
Sonne in Josephs Traum. 1. Mos. 39, V. 9 u. 10, 



496 



Oskar Pfisler 



Gemeint ist die Liebe zur Mutter«, Das vorderste, kraftigste 
Bäumdien bezeidinet die umarmte Freundin, die beiden zurudi- 
stehenden ihre zwei letzten Vorgängerinnen. Während der Analyse 
zeidinete Franz eine Rose hinein, rfie aber ganz an einen Aptel 
erinnerte. Er bestärkte damit den Eindruck, daß das Bild Adam 
und Eva im Paradies darstellen sollte. Der sie yersdieudiende Vater 
ist dann Gott, gegen den der Künsder sidi auflehnt. 

Die Skizze besagt somit den uneingestandenen Wunsch. 
Ich.X'Ül mich von ^er Liebe zur Mutter losreißen und trotz 
des Einspruches meines rigorosen Vaters und des Analy- 
tikers, erhaben über Nebel auf sonniger Hohe, mich der 
paradiesischen Liebe meiner Freundin '^f'^f": 

Audi diese Auslegung geben wir nidit als definitive. ^ 

7, Seele ■wohin? 

Am Tage nadi der Ersdiaffung der »Sonnigen Höhen« trat 
Franz eine etwa zehntägige Reise naA dem Süden an. Einst ging 
er am Garten einer Villa vorbei, als ihn plotzlidi gegenüber dem 
Portal der Gedanke erfaßte: »Hier möchte idi begraben hegen« 
Dann fielen ihm die Ölbäume auf und alles sdiien 'hm Musik. 
Einen Moment später taudite der Wunsdi auf: ^Es mußte doch 
herrlidi sein, aus dem Dunkel ins Sternenlidit zu treten!« Alsbald 
stand »wie ein Blitz« vor ihm die hituition des hier reproduzierten 
Bildes, das er selbst folgendermaßen auslegt: 

»Die ins Dunkel des Gartens tretende Gestalt ist meine Seele, 
der hinter ihr kauernde Mann mein Leib. Jene mödite aus dem 
Dunkel hinaustreten und sidi dem freien Himmel nähern, von dem 
ein Stern hell herüberblitzt. Audi im Garten sah idi durdi die 
Laubkrone hindurdi ein StüA Himmel. Der Leib folgt zaghaft der 
Seele. Beide, Seele und Leib, wollten sidi gerne vereinigen, allein 
wenn jene hodiflie= 



gende Pläne madit, 
bildet der Leib ein 
Hindernis. Die Seele 
sudit Halt im Stern, 
der Körper sieht den 
Sternnidit. JetztmÖdite 
der Leib die Seele um- 
armen und mit ihr eins 
sein,« 

Hinter der »Seele« 
erblidien wir die bis 
auf einen Rest aus= 
radierte Gestalt eines 
Jünglings. Erstandauf 
einem Bergrüdien, der 







Fig. 5. 



•^WM 



Die Entstehung der kanstferisdien Inspiration 



497 



Sich vom Nadithimmel abhob. Im Hintergrund sah man ein Tal 
Aus einigen Häusern grüßte ein Lidit. Nebel stiegen herauf Der 
Jüngling blickte nach seinem Elternhaus, konnte es aber we^en des 
Nebels nidit sehen. — Der ideenreidie Künstler hatte den Entwurf 
verniditet, weil er ihn nidit mehr interessierte, anders ausgedrüdtt 
weil er seinen veränderten Komplexen nidit mehr entsprach. Durch 
die Analyse fand Franz ja die ridilige Beziehung zum Elternhaus 
der Nebel widi, die sudiende, nicht findende Sehnsucht ist von ihrn 
genommen. 

An Stelle der pessimistischen Szenerie tritt eine neue, die das 
Streben nach Licht verrät, zugleich die Hoffnung, daß der zaghafte 
Leib, der in seiner Schwachheit schon so ofi ein Hindernis bildete, 
dem Geist folgen könne. Das Bild dürfte den Wunsch nach Besiegung 
der Sinnlichkeit ausmalen. Wir vermuten, daß die Neigung zur 
Freundin mindestens in Jenem Augenblidc erloschen war. In Wirk= 
lichkeit entsdiwand sie wohl endgiltig. Ein Zwist mit einigen Reise^ 
begleitern begünstigte den Auterolismus. 

Ob der Stern eine Umdiditung der auf dem »Requiem« ge- 
botenen Sterne sei, mufi ich auf sidi beruhen lassen. Seit es Franz 
gut geht, verliert er seine analytische Freigiebigkeit. Wie gewöhnlich 
ist auch hier der Genesungsprozeß ein Feind der wissenschaftlidien 
Untersuchung. 

Nodt genauer fassen wir den Sinn des Entwurfes, wenn wir 
seiner Entstehung unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Es fiel mir 
auf, daß die Inspiration blitzartig eintraf, als Franz am Portal vor= 
beikam. Ich ließ daher dieses fixieren und erhielt den Einfall: »Es 
erinnert stark an das des Friedhofes, der nahe bei unserem Hause 
liegt,« Dort wünschte Franz so oft begraben zu liegen. Beim Pas= 
sieren des Gartentores entsann er sidi der ähnlidien Eingangspforte 
in der Heimat nidit, wohl aber wurde angeregt der Todeswunsdi, 
der unter Benützung des Ausblickes in den freien Himmel sofort 
überkompensiert und in eine höhere Lebenshoffnung ver'yandelt 
wurde. 

Das rezente Materia! wirkte so komplexanregend <das Portal), 
diente aber auch zur Ausarbeitung der Reaktionsbildung (das Stückchen 
freier Himmel), Auch hier fällt uns auf die Sdinelligkeit, mit der 
das Unbewußte seine Manifestation, hier die Inspiration, schafft. 

8. Der Zweifel. ' . , 

Die Eeichnung entstand am Vorabend der Analyse. 

Bin Jüngling rastet nadi besdiwerlidier Wanderung gegenüber 
einer sich in die Tiefe senkenden Felsenhöhle, neben welcher zwei 
Frauengestalten stehen. Ober die Wiesen führt ein Pfad, der aus dem 
Schatten in »kolossal lichte, heiter lachende Höhen« mit blühenden 
Obstbäumen führt. Im Hintergrund leuchten die Alpen, wie im En^ 
gadin. Das Ganze ist überdadit von einem fein abgetönten blauen 

Imago 11/5 32 



498 



Oskar Pfister 



Himmef. Der Jüngling befindet sidi im Zweifel, ob er in die Höhle 
dringen oder den Pfad zum Lidit einsdilagcn soll. 

Die Höhle ruft sofort die des früheren Gemäldes (sNymphe«) 
in Erinnerung,- sie bedeutet den Mutterleib, 

Der Jüngling ist ein Kamerad, der zum Bilde saß. 

Das Weib mit dem Schwerte ist die gehaßte Sdiwester, 
die so gerne die Justitia spielt <daruin wohl der Sdileier über dem 
Gesidit) und noch kürzlich zu ihrem Bruder sagte, er soll sich einen 
anderen Charakter anschaffen. Sie ist kriegerisch, vielleicht will sie 
Franz mit dem Schwert in die Höhle jagen. Das andere Weib ist 
die ältere, bevorzugte Sdiwester. Sie wünscht, daß der Bruder in 
die Höhle gehe, und folgte ihm, wie auch die jüngere, dorthin nach. 
Vor vier Tagen gestand er ihr, daß er die Eltern im Frühling zu 
verfassen gedenke, um eigene Wege zu gehen, Sie fand es unrecht. 

Weiteres war leider nicht crhältlidi. 

Die Deutung fällt uns leidit. Franz ist wieder etwas von 
den »sonnigen Höhen« zurüdtgeglittcn und wieder am Muttcrproblem 
hängen geblieben, Er hatte geplant, die Ablösung von der Mutter 
durdi örtlidie Trennung zu vollziehen. Als ob dies das Geringste 
nützte! Auf die Ablösung von der Mutter-Imago, dem seit der 
infantilen Verdrängung In ihm wohnenden Mutterbild, kommt dodi 
alles an. Da die geliebte Sdiwester von der lokalen Trennung ab^ 
mahnt, erfolgt ein Rücl?fall in die Versuchung zur hitroversion, die 
allerdings durch die Perspektive in den Frühlingsglanz vorläufig nodi 
balanciert wird. Dodi überwiegt die Sehnsudit nadi der Mutter, wie 
nicht nur aus Blick und Körperhaltung, sondern auch durch das 
Sexualsymbol des allzu lange geratenen Beines deutlich ersichtlich ist. 

Die Skizze besagt folglich; So verlockend die Frühlings° 
weit des freien Lebens, stärker zieht es mich zur Introversion, 
zur Rückkehr in 
denMutterleib, in 
dem ich mit den 
Schwestern ver= 
eint bin. 

EineWochc später 
brachte Franz üble 
Laune in die Sitzung 
mit, dagegen keine 
Bilder. Er hielt seit 
zwei Tagen das Le= - 
ben wieder für arm= - 
selig und verspürte (^ 
keinen Wunsch, mit 
den Mensdien Ge= 
meinsdiaft zu pflegen. 
Da sich als Grund 
der Verstimmung die 




Die Entstehung der li uns tierischen Inspiration 499 



Abreise einer hübschen neu gewonnenen Freundin herausstellte, 
nahm idi den Rüd;fall nitht tragisdi, sondern wagte es, die früheren 
Bilder nadizuprüfen. Den sehr spärlichen Ertrag habe idi bereits 
früher eingefügt. 

Eine neue Inspiration wurde am Sdiluß der Besprediung etwa 
mit folgenden Worten gesdiildcrt: Sternennadit. Auf einem qua= 
dratisdien Mannorblock liegt ein toter Jüngling. Ein Dradie mit 
Löwenantlitz drüdtt ihm den Kopf nadi hinten. Ein Mädchen küfir 
die Haare des Toten. Eine verhüllte Figur scheint das Geschehende 
mehr zu fühlen als zu sehen. 

Der Tote ist Franz, das Mäddien die geraubte Freundin, 
hinter der die Mutter stedct, die verhüllte Figur ist der Vater, der 
Leu das Srfiidtsal. Das Ganze bildet eine Umdidilung einer hier 
nicht mitgeteilten Zeichnung, deren religiöser Gehalt jetzt zerstört, 
deren ethisdier Kern gesteigert worden ist. 

Franzens Enthüllung ersdircdtte midi nun dodi einigermaßen. 
Ich hatte unrecht gehandelt, indem idi die ästhetisdie Analyse hatte 
aufnötigen wollen. Obwohl idi mir bewußt war, daß nur durdi 
geistige Arbeit, namentlidi audi durdi Ergründung des rezenten 
Materiales die nidit unbeträditlithc Gemütsverwid;lung gründlidi 2u 
lösen sei, sdilug idi meinem Klienten vor, eine außerordcntlidi ge= 
diegene, in jeder Hinsidit bevorzugte Dame meiner Bekanntsdiaft 
zu porträtieren, Sie verfügt über gründlidie Bildung, gewinnende 
Diditergabe mit Neigung zu formvollendeter Elegik, aus der em 
starker Lebenswille hervorbridit. Als Braut eines tüditigen Mannes, 
an Alter und Lebenserfahrung, Mensdienliebc und religiös-_ethisdier 
Einsidit Franz überlegen, verspridit sie diesem eine kluge Beraterin 
zu sein und seine Erotik einer ethisdi und ästhetisdi wertvollen 
Sublimierung zuzuführen. Direkt religiösen Einfluß lehnt der Jung- 
ling vorderhand ab. 

Eine Wodie später bringt Franz in die (fünfte) Sitzung mit 

Die Geschichte vom weißen "Wölklein. 

»Vater und Sohn gingen an einem sdiönen Sommermorgen auf 
die Wiese, um Gras zu mähen. Der Sohn war heute sehr fröhlich, 
Die Leute sagten, er sei ein Schwärmer, Man soll ihn gehört und ge= 
sehen haben, wie er einst zu einem weißen Wölklein hinauf lachte. Seine 
Sdiwestern waren älter und liebten ihn nidit besonders. Sie plauderten 
aus, er küsse jeden Frühling die ersten Blumen, und wenn dann am 
Abend etwa der Nebel umhersdileiche, springe er auf die Fluren 
hinaus und ladie wie toll. <Dies alles trieb Franz oft.) Das sind ganz 
böse Gesdiidtten, meinte der Ortspfarrer. Man sah den Knaben seit 
jener Stunde sdiief an, und er weinte deshalb oft. (In Wirklidikeit 
konnte Franz nidit weinen, was ihn heftig quälte.) Heute aber lachte 
er. Als Beide auf der Straße gingen, sprang der Knabe plötzlidj 
vor den Vater hin und sagte; »Vater, heute sieht man's wieder!« 

3Z' 



^ Osltar Pfister 



iT/.^yn V '^? ^-^'ße WcJklein! Kennst du denn die GcsAirfitc 

Magdle-n, das an euiem Sommermor^en aus dem Moor zum HimmS 
aufsteigt, am Abend des anderen Tages aber als Greisin d" E^de 
küßt und st rbt.« - .Diese GesAichte kenne ich wah Tftig „S,t « 

aut d^ Wege zur Arbeit reden 2u können. 

r.f,"^'" f^"^"f '^S- i? einer schönen Sommernadit unterm 
Gebüsd. nahe am Moor. Die Sonne war nodi hinter den Berten 
als er seme Augen aufschlug. Viele graue Räuchicin stiegen aus 
dem feuchten Boden, darunter fiel ihm namentlich eines auf Es stiejr 
am sdinellsren und wurde immer weißer, je weiter es vom Boden 
weg kam. Aber das war's nicht allein. Bald glaubte er in ihm eine 
Lüie zu sehen, die sidi im Morgenwinde wiegte, bald sah er ein 
Magdlein, das sidi heblidi im Tanze drehte. Immer slic^ es und 
immer weifier wurde es, je näher es dem Blau des Himmels kam 
Wie erstaunt war er als er am Abend das Wölklein hoA am 
rtimmel wieder fand, Er sah's genau, es war eine Jungfrau, von 
ifham gerötet, denn die Sonne lachte ihr ins Gesicht, — In der 
Pracht gab sie dem Monde den Brautkuß, und ihre Silberhaare um- 
fingen Ihn. Sie taten so lieb miteinander. Der Wanderer sah es 
a^s er spat in der Nadit aus dem Fenster der Herberge schaute' 
De fct ^"^ r' ^''?- Viele Wolken wanderten gegen Osten 
woiKiein, tir tand es nirgends und war traurij? Als der Minaa 

staunte' A^(;wn'"^ '"^^"'^ ^.^^""^ ^'^"^" Fimmel auf und 
de ihre A ^ Yf'^A T^'C '" ^^^*^" ""^ ^''^^^" geworden, 
laAen L^ ^fe"^ ^f ^°""^ ^'"^"^Sen hielten. Wie mögt ih^ 
wnß? \^'^'^' H'^2^' ^^nimes Volk, schrie er und fühlte ~~ er 
JZ '"'^^^"■*' ^^^- Das weiße Wölklein! dadite er wieder Die 
auf ,?n\7StrH"'ir ^r^ -"^"'^^."^^ -^' ^'^ wollen sie emand 

iTHimtls^-r '? - - ^a^ndt-L^e ^ ^^ 
t^fhl^-^^f^^f^ Hinseh'^. Dod. fuhflr 

"' ^t ■" ktmtTuI ^~? ^'~It'£ :^L tote 

B^u des HltT^und tdteifre nTV"f ^f W-^^'- '''t ^°^ 
Wem außer mir isr p/^JI Y ^er darf die Sonne küssen? 

Glüdc überkam hn erlebt irr^ied^V-' 'f'^'L^'"' "r""^"'^^^ 
und sAlief ein, Träumen d'laSfe " -1' "" 1^" %^'"'' ^T ^'"^' 
sich. Die Wolkenknaben und WofU ■■ ^ ^°""'" verfinsterte 

und Jungfrauen geworden, Ä.7sfrnÄo,:S"^ T ^iT-«""^f" 
wurden aber weder weiß, nodi rein snnW. ™"' ^'^" «^^^ Himmels, 
kamen Räusche. Der Zorn fufr Sn Tt" K^X^uil^d-^sirpt 



Die Entstehung der_ ltCinstler;sd.en Inspiration 



501 



selten im ganzen Himmel herum/ wo aber ein T.mcrfio^ - t 
frau nahm, fuhr ein Blitz nieder, daß d e ErK /l'"^ ^"t^«"" 
Wanderer wachte auf und sah vor Freden bfed,zLm"5^S^[ 
empor Die weiße Wolke kam auf ihn zugeflogen und" fe 
seme A™e aus. Er erkannte d,e greise, fiete Mutter. Im selben 
Augenblid. fuhr ein Bhtzstrahl in die Eid,e, säe flog in sXtlrn 
ausemander und die Erde stöhnte in hundertfadiem Echo Der 
Wanderer lag tot am Boden. Die v^eifie Wolke aber senkte sidi 
zur Erde nieder, küßte den Leidinam und die Blumen, benetzte sie 
mit ihren Iränen und starb.« 

Als der Knabe geendet hatte, sah ihn der Vater fragend an 
*Mir war der Himmel leer, dodi du erfüllst ihn mir mit deinen 
l räumen, sdilof) er bald darauf«, 

»Sonntag, den in der Früh', eh' ich ein Glas 

Wasser trank!« 

<Franz genießt als Frülistüdt nur ein Glas Wasser,) 

Diese duftige Märchcndiditung überkam Franz im Sdilaf oder 
Halbsdilaf, Einige Wochen vorher hatte er seinem Lehrer als allge^ 
meines Thema für eine freie Aufsatzerfindung angegeben: »Wolken.« 
Lehrer und Kameraden nahmen die Anregung gerne auf. 

Audi wenn die Wolke nidit vom DiAter selbst auf die Mutter 
gedeutet würde, errieten wir, daß unser Analysand sidi wie auf 
so vielen Zeichnungen tot und von der Mutter betrauert wünsifit 
und diesen Wunsch poetisch als verwirklicht darstellt. Der ungeduldige 
Jüngling sträubte sich auch jetzt einigermaßen gegen die Exploration. 
Die Einleitung schildert uns persönlidie Kindheitserlebnisse. 
Franz sehnte sidi längst nadi freier Aussprache mit dem Vater, der 
keine Ahnung von der seelischen Bedrängnis seines Sohnes hatte. 
Den Ortspfarrer verabscheute der Jüngling wegen einer Denun= 
ziation: Der strenggläubige Mann hatte gegen die Lektüre Nietz- 
sches geeifert und Franz nahm sidi rittcrlidi seines L!eblings= 
dichters an. 

Der Wanderer assoziiert den Träumer selbst, der eine Wodie 
zuvor mit dem uns aus Bild 5 und 6 bekannten Freund und dessen 
Freundin neben einem Moor im Grase lag. 

Das aus dem Sumpf steigende Wölklein induziert die 
Mutter, sofern sie nadi der infantilen Geburtstheorie ihres Sohnes 
aus dem Sumpfe vom Stordi gebradit wurde. Das luftige Gebilde 
gleidit einer Lilie: Vor einer Wodie bewunderte der Künstler eine 
Lilie im elterlidien Garten und besdiloß, sidi mit dieser Lilie in der 
Hand zu porträtierend Oft bctraditete er erfreut die Wölklein, die 
von den Wellenspitzen der am Elternhaus vorüberrausdi enden Aare 
aufstiegen. 

' Umdidilung des früheren Seihstporträts. 



602 Oskar Pfister 



Als tanzendes Mädchen erscheint die Wolke, obwohl die 
Mutter, einst ein sehr sdiönes Mäddien, als pictisrisdi erzogen, nie 
tanzte, rranz wünschte, daß sie freier dädite. 

Das Wölklein wird immer weißer: Es saugt Himmelsblau, 
darum Icuditet es immer heller. Die Mutter will diirdi Religion reiner 
und größer werden, Franz meint aber, die Natur gewähre ebensoviel. 

Das Entschwinden des Wölkleins erinnert Franz an seinen 
Gedanken, ein feines, hodistehcndcs Mäddien sei für andere MensÄen 
gar nidit mehr faßbar/ das Wiedersehen des fliegenden Wunders 
ruft die Erinnerung, daß der Jüngling öfters hoffte, als reifer Mann 
die Seele des Weibes zu verstehen. 

Das Wölklein errötet im Sdiein der Abendsonne. Ein 
reicher Aristokrat wollte die Mutter gewinnen und verführen, 
wurde aber von der Standhaften zurückgewiesen. 

Das Wölkiein schenkt dem von Silberhaaren umfangenen Mond 
den Brautkuß: Der Vater pflegte bei Mondlitht zu seiner Braut zu 
reiten. Als der jüngere Bruder sich verlobte, warnte jener den Sohn 
vor unvorsichtigen Intimitäten, erhielt aber die kränkende Ablehnung, 
daß nidit alle sich gleich benehmen. 

Der Wanderer sieht von der Herberge aus das kosende 
Wölklein: öfters ertappte Franz vom Elternhause aus ein Liebes* 
pärchcn, so auch etwa den Bruder mit seiner Braut. Früher ärgerte 
er sich über die verliebten Leutchen, jetzt ist er duldsam geworden. 

Der Träumer sucht am folgenden Tage umsonst sein wolkchen: 
Unser Dichter sdiautc jahrelang umsonst nadi der Liebe seiner 
Mutter aus. 

Die Umarmung der schneeweißen Sonne und des 
Wölkleins bezieht sich auf die Verheiratung mit dem Vater. Franz 
sehnt sidi während dieser Phantasie unbändig nach den Eltern. 
Plötzlidi fällt ihm ein: leb bin die Sonne. Aus dieser Identifikation 
mit dem Vater erklärt sich die Freude und das Einschlafen, 

Die vielen grauen Wolken, die auch durch Himmelsbläue 
Reinheit nicht erlangen, sondern scbwarz werden und im Rausche 
umherpurzcin, sind allerlei verliebtes Volk, das durch die Liebe 
nidit rein, sondern roh und schmutzig wird. Blitz und Donner sind 
zunächst als Liebesentladung zu deuten, aber auch als Strafe, Franz 
wird an seine rohe Liebe erinnert und läßt sich als Wanderer er^- 
sdircckt aufwachen. Die Angst verrät audi hier gestaute Libido. 

Die Wolke fliegt auf den Wanderer zu: Audi sie will 
die Liebe realisieren. Franz vcrsidiert, daß er, obwohl der Entwurf 
der ganzen Erzählung von Anfang an deutlich vor ihm stand, erst 
im Augenblick der Niederschrift dieser Stelle merkte, daß 
die Wolke die Mutter des Wanderes sein müsse. 

Der Blitz zersplittert die Eiche und tötet den Wanderer: 
Der Blitz bricht aus der schwarzen Wolke, aus unreiner Liebe 
hervor. Man kann sidi fragen, was unter dem männlidicn Symbol 
der Eidie verstanden sei. Einfälle konnten nicht gesammelt werden. 



Die Enlsrehung der künstlerisdicn 1 



nspiraiion 503 



Zuletzt stirbt Franz wie auf dem Requiem, von der Liebe seiner 
Mutter bcsdienkt. 01c tolgt ilim selbst iti den Tod 

Der Traum besagte also wenn wir uns an die von Franz 
produzierten bintallc halten: Idi sehne midi nadi der Liebe meiner 
Mutter und wünsdic vow ilir im Tode Üebrcidi umfangen zu werden 

Allein dieses spärlidie Resultat kann uns nidit genügen. Un- 
erklärt sind die grauen Wölklcin mit ihrem Sdiidtsal, ungedcutct 
blieb die engelreine Sonne, die zu dem verhaßten, die Mutter um- 
armenden Vater gar nidit paßt, rätselhaft ersdieint uns das Glüdts- 
gefühl des sonst so Eifersüdiligcn beim Anblidt des von der Sonne 
geküßten Wölkleins. 

Versudicn wir es daher einmal mit der funktionalen Inter- 
pretation! Die aus dem feuditen Boden aufsteigenden grauen Räudi- 
lein stellen die primären Triebe oder Triebreg unjjen dar. Alle außer 
einem »dem Wölklcin« bleiben grau, sie cniwi(4ieln sidi zu Knaben 
und Mäddien, weldie höhnisdi ladiend die Sonne herunterreißen 
wollen, später als Jünglinge und Jungfrauen vom Himmelsblau 
sdiwarz und trunken werden, so daß sie in sinnlidier Lust sidi 
hingeben. Offenbar sind diese Räudilein Symbole der Lüste, be- 
sonders der sexuellen, die unveredelt, unrein bleiben, sidi wider 
das Hödiste empören, durdi die Berührung mit ihm erst redit zur 
Zügellosigkcit gereizt werden und cndlidi untergehen. 

Das weiße Wölklcin, »die Mutter«, ist dem gegenüber als sidi 
sublimicrcndc Libido zu fassen, als rein <Lilie), sdiamhaft und un- 
sdiuldig (Mäddien), sidi mit dem Ideal (Sonne) verniählend. 

Die Sonne enispridit dann dem hödisicii, reinsten Lidit, dem 
ethisdicn Ideal. Die (hristlidie Bildersprathe bedient sidi dieses Aus- 
drudtes bckanntlidi ort. Der Vater wird hier religiös erhöht, er 
wird Gott-Vater, 

Der Siini der Diditung ist demnadit Das Rohe in mir, das 
sidi nidit veredeln läßt, will das Götilidie herunterreißen und sidi 
sinnlidier Lust ergeben/ allein es muß untergehen. Idi will midi der 
durdi die Mutter repräsentierten reinen, sdiöncn, edlen I.,ibido, die 
sidi mit dem Ideal vereint, hingeben und midi in sie niystisdi ver- 
senken. Die Introversion wird also hier zum mystischen Tod. 

Bei dieser Deutung, die der vorausgehenden nidit im geringsten 
Abbrudi tut, versdiwinden die übriggebliebenen Rätsel. Vcrsudicn 
wir mm, das Räudilein oder ähnlldie Gebilde, die uns bisher be- 
gegneten, gleidi zu deuten, so ergibt sidi ebenfalls ein guter Sinn: 
Die »Brücke des Todes* sdiildert den Tod als Untergang im Nebel 
der Sinnlidikeil, die »Sonnige Höhe« illusirieri die reine [Jebc, 
erhaben, über demselben Nebelnieer, die Zeiihnung des i'altmpsestcs 
zeigt die widilige Wahrheit, daß Franz wegen der ungereinigten 
Libido das Elternhaus nidit finden konnte. 

Diese funktionalen Deutungen entstanden erst nadi der Analyse. 

Die Diditung verrät, daß die Besserung im zustand unseres 
Analysanden nodi nidit befriedigend ist. NoÄ besteht ein geheimer 



ß04 



Oskar Pfister 



Todeswunsdi, Der Jüngling srfiwebt notti immer in der Gefahr, an 
seiner Introversion zugrunde zu gehen. 

Einige Tage nad\ der Analyse hatte unser Patient einen diarak- 
teristisdien 

Traum. 

Von einer Bergeshöhe aus sieht er am Himmel mehrere 
Lichter,' eine Stimme behauptet, daß alle eins seien. 

In diesem Traume kommt die funktionale Kategorie sdiön zum 
Ausdrudt, Das Verhalten der Libido wird gut gesdiildcrt. Die liebens- 
würdige DidiCcrin und andere Mäddien lodtcii ihn, die Mutter will 
ihn nidit freigeben. Er sdiließt ein Konipromifi, indem er sidi be= 
ruhigt, daß in allen Liebesbeziehungen ein und dasselbe, nämlidi 
die Mutter gemeint sei, was audi völlig zutrilft. Das Bild des 
Kometen symbolisiert die Psydiologie des Don Juans nidit übel. Es 
kann audi bedeuten: Alle hohen Lidifer, Freuden, Güter sind ver- 
wandt, identisdi mit dem einen Lidit, das in der <idealen> Mutter 
symbolisiert ist. 

Die Ferien veranlaßten eine vierwödientlidie Pause in unserer 
Arbeit. Unterdessen begab sidi Franz in ein malerisdies Alpendorf 
und lag emsig seinen Kunststudien ob. Eines Tages sdirieb er der 
Befreundeten einen humorvollen, aber nadi dem Urteil der Emp= 
fängerin etwas grotesken Brief. Des anderen Morgens erwachte er 
zu Beginn der Dämmerung und sah, wie langsam der Tag auf den 
Thron Stieg. In guter Laune erhob er sidi und skizzierte das Bild: 

9. »Weiche, Nacht, die Welt will Tag.« 

In wuditiger Hodigcbirgslandsthaft ragen aus einem NebeU 

meer zwei menschlidie Figuren auf, ein Mann, der den Tag und 

ein Weib, das die Nadit vorstellt. Das Weib bededu mit der 

Rediten ihre Büste, 

mit der Linken zieht 

sie allen Nebel vor 

ihren Sdioß. 

Hinter der me= 

diceischen Venus 

verbirgt sidi die 
Mutter, dodi gehören 
die Haare der didi= 
tenden Freundin an. 
Die Redite erinnert 
Franz an die Geste 
des Zöllners im Selbsr= 
bildnis. Das Weib 
sdireitet rüdiwärts. 

An der niänn= Fig. 7. 




Die Entstehung der künstlerisdicn Inspiration 505 

liehen Gestalt fällt unserem Analysanden zuerst auf die vom 
Nacken zum Scheitel führende Linie, die sidi audi beim Vater 
vorfindet. Die Stridie unter dem rediten Sdiulterblatt wedien die 
Erinnerung an eine Narbe, die sid\ der Vater durdi Sturz vom 
Pferde zuzog. Audi die uns aus dem Sclbstporträt bekannte Furdie 
vom Sdieitel der Augenbrauen aus über die Slirne gehört dem 
Vater an. Der Bart stammt von Böcklin, dem geistigen Vater des 
Künstlers, her, Die Haltung des Mannes drüdtt Entsdiiedenheit 

aus. Sie sagt: »Ich herrsdie.« , r^ , , j < j v c 

Vor dem Eeidmen fuhr Franz der Gedanke durdi den Koph 
Wenn meine poetisdie Freundin so zart und anständig ist, wird sie 
nie eine große Künsderin werden. 

Deutung. Die Mutter ersdieint als Symbo der mtrovertierten 
Libido, die sid. in die Mutter, d. h. in die Dunkelheit und den Nebel 
des Todes <«Requiem«, »Lasset die Toten ,hre Toten begraben«) 
oder des Wahnsinns <^ Wahnsinn« ^^ymphe«) zurückgezogen h.tte 
Jetzt will Franz die Begierde nadi der Mutter aufgeben, die Sehnsudit 
S Wahnsinn und fod verbannen. Alles Nebelhafte, Dunkle, ver. 
weist er in den Sdioß der Mutter, dieses Urgehe.mnLs, von dem 
Tr siA nun trennen will. Als Mann wjK er herrsAen ""^ f^f^' 
das Leben bejahen als Liebeshejd und ^i'"!!^^^' f^^'J°" .^T^^^^^^^^^ 
düng an seine erste Geliebte, die Mutter. Die Mutter als Venus 
mulf fliehen, die rohen Triebe <wieder als Nebel dargestellt) nimmt 

^" "EbSso entläßt er in der Mutter zugleid, die edk Freundin 
die ihm S viel ist und zu seiner Lebensbereidierung so v.el beitragt, 

''' \"er;ssant ist die Entstehung der §^"^5 " ^"^'^f °" " ,fC 
erbliAte an jenem Morgen den Felsen, desse. «^ere Kontur auf dem 
Bilde von der Hand des Vaters zum Ellenbogen der Venus tuhrL 
AugenbhddiA stand die ganze Konzeption vor ihm. Erst wie idi 
ihn auf dem Felsen einstelle, merkt er: Die angegebene Linie be= 
sdireibt einen verhüllten, daliegenden MensAen dessen Haupt des 
Vaters Nähe, dessen deuthch siditbarer Fuß den Arm des Weibes 
crrei<fit Wir erinnern uns sofort an die yot der »Brüdie des lodes« 
liegende Mutter, deren Thema hier offenbar wieder aufgenommen 
wird. Hier ist sie nidit mehr in versdiraubter Gestalt. 

10. »Die höchste Hoffnung der Nacht.« 

Der Entwurf entstand etwa eine halbe Stunde nadi dem vor' 
angehenden. Sein Titel lautet genauer; »Nadit, id\ kenne deine 

hödiste Hoffnung!« j , ..u -t. 

Die Nadit sitzt als Mutter auf emcm reisen und halt ihr 
Kind in die Höhe. Um sie herum liegen »Naditgeister«, wie betende 
Mohammedaner die Hände nadi ihr ausstredtend. Rosig angehaudite 
Wolken verkünden den nahenden Morgen. 



Ö06 



Oskar Pfister 



• A i^'^ Aufforderung, irgendeine dieser Gestalten sdiarf 

ins Auge zu fassen, enrsdicidet sidi der junge Künstler übcrrasdicnder- 
wejse tür die zweitvorderste Gestalt rechts, die Üini die Multer 
ins Gedäditnis zurückrufi:. 

Die Mutter mit dem Kind assoziiert zu seinem Erstaunen 
die befreundete Diditerin und ihn selbst. Das Mäddicn war, wie er 
sagt, das Mittel, ihn zum Lidit zu erheben. Vor Mutter und Bam- 
bino, vor der Madonna und dem segnend die Hände crliebenden 
Messias, werfen sidi die Menschen anbetend nieder. 

Die beide Anne ausstrediendc Gestalt [inks vorne zeigt 
ein Weib, das der Nadit ähnlidi werden und audi ein soldics Kind 
bekommen mödite, Es ist die verhaßte Srfiwcster. 

Die vorderste Gestalt rechts zeigt den älteren der Brüder. 
Er gibt der Sdiwester die Hand, denn in der Anbetung der Nadit 
und ihres Kindes sind sie einig. 

Die zweite Figur links induziert die geliebte Sdiwester. 
Das Gemälde schließt sich dem vorangehenden genau an und 
führt den dort wegen unüberwindlidier Hindernisse abgebrodienen 
Gedanken weiter. Wir sehen, in weldiem Sinn Franz die Mutler 
vertrieb: Er zerlegt sie in eine sinnlidie und eine ideale Figur. 
Letztere macht er zur Mutter, von der er sich wiedergebären läßt,- 
damit ist der Fehler der Rüdtkehr in den Mutterleib überwunden', 
ohne daß die Mutter selbst verloren ging. Zu ihr trat er dabei in 
das denkbar intimste Verhältnis: Er liebt sie als Mutter, gleidi= 
zeitig erhebt er sie zur Würde einer Madonna. Die sinnlidie Mutter 
dart nun m ihrem wiedergebornen Sohn den Erlöser verehren, also 
kommt audi sie nidit Übel davon. Ähnlidies gilt von den Ge- 
schwistern, Der Vater fehlt, weil er sdioii im vorangehenden Bild 
zu seinem Redite gelangte und symbolisdi suhlimiert wurde. 

h.A ^"^ i"-^'^-"^" ^^^\ "«'^''^ ^' ^'^"^ ^'-■"'^f' der als Messias 
„n?,n 7 "S- ^^''"'* X?" *'" "'^5^"^'^ Mensdiheit erhoben wird 

Tummtet^Stn""" ^'"'"P'' '''' ^^"'^ ^"^'^' '^ '" ^"^ ^^ 

dargestellt werden, 

und die Welt feiert. 

Die Triebe sehnen 

sidi nadi Erlösung,- 

er als Wiedcrgebo= 

rener kann sie ihnen 

geben. 

Weldi ein Lditer^ 
sdiied zwischen den 
düsteren Bildern vor 
der Analyse und den 

lebensbejahenden 
nach ihrem Beginn! 
Auch die Gcmüts= , pj- g_ 





Die Entstehung der künstlerisdicn Inspiration 507 



Stimmung hatte sich verwandelt: Franz war sdion na<h den 
ersten Sitzungen ein meistens glüdilidier Mensdi geworden. Zuerst 
war seine Fröhlidikeit deutüdi überkompensien gefärbt. Das be^ 
ständige Lachen wegen jeder Kleinigkeit, der übertriebene Humor 
IruF noch nidit den Stempel der Editheit. Allmählidi aber wurde 
unser Künstler ruhiger, wenn audi öfters Rü<^fälk in alte Not 
erfolgten. Mitunter kam es zu einem kleinen Konflikt mit den l^ltern, 
allein es fehlte die frühere Heftigkeit und der Lebensüberdruß blieb 
aus. Nadi sedis Sitzungen fühlte sidi Franz vollständig gesund und 
froh, so daß er die Analyse, die sidi, abgesehen von einigen NaA^ 
trägen, auf zehn Wochen verteilt hatte, zu meinem Bedauern aufgab. 
Heute etwa sedizehn Monate nadi Beginn der Analyse, steht ^ ranz 
zu den Eltern und zum Leben redil gunsug. , ,. , 

Die seelsorgerÜdie Kur ist nodi lange nidit beendigt und unser 
kunstpsychologischer Wissensdurst bei weitem n.dn befriedigt Sdion 
die bisher geprüften Bilder haben uns nur einen Te' 'hrer Gche.m.- 
nisse preis|egeben. Allein es war mir kaum mosjich, von Franz 
mehr zu gewinnen. Audi konnte id> es anges.Ats der ^rn^«" Si= 
Sation nidit verantworten, aus wissensd.aftl.diem Interesse d.e Regel 
der Analyse der neuesten Komplexäußerungen ^ ^^ ^"'^'' f";,^ Xr 
hraAtc mir nodi zwei humoristisdie Zeichnungen: Emen Faun der 
mit einem nackten Mäddien kost, während zwei Sdimetterlmge 
dnander hasdien. Gemeint ist ein zynisd^er, sinnhdier BursAe, den 

Form der Behandlung ab. Die bisherigen Erfolge der he,lpadagogi= 
sdienKur stellen eine nidit ungünstige Prognose Dodi muß der 
junge Mann fleißig arbeiten, um seine Gesundheit für gesidiert be- 

traditen zu dürfen. , u • t 

Unser Fragment einer Künstleranalyse stellt uns vor viele 
Probleme, von denen wir nur ein besonders widitiges, algemein 
psydiologisdies und ein paar weniger bedeutsame kunstpsydiologisdie 

Wie verstehen wir das Mutterbild? Liegt wirklicher Iiizest= 
wunsdi vor oder handelt es siA nur um andersartige Wünsche, die 
in der Beziehung zur Mutter symbo!isc3i verkleidet werden? Mit 
anderen Worten: Ist der Inzestwuns6 zieltreffend oder ist er 

Deckziel? 

An einer Stelle könnte der Inzestwunsch absolut sein: Zu 
Beginn der Analyse, im Ornament des Selbstporträts. Hinter den 

1 Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psyioanalyse. Zen- 
tralbf, f. Psydioan., II. Bd., p. 109 If. 

- Umdiditung der Sdimetterlinge in der Hohie, Bild 4. ■ " 



508 Oskar Pfister 



Herzen der Eltern kommt als Sdilüssel des düsteren Rätsels das 
normale und gravide Weib zum Vorstfiein. Es muß die Mutter 
vorstellen, denn eine allfällige Liebesbezielumg zum benadibarien 
Mäddien fiele aus dem Zusammenhang. Idi wüßte audi nidit, wie 
man jene Gestalt als Libidosymbol deuten konnte. Immerhin genügte 
im Zusammenhang die Annahme, der Sohn sei auf seinen Vater 
wegen des Besitzes der Mutter neidisdi, Damit ist die eigene Be- 
Pierde des Sohnes zugegeben. Legt man die Begierde als inzestuöse 
aus was durdi das vorliegende Material geboten scheint, so tragt 
Eidi' weiter ob reine Repression oder Rütkprojektion einer erst jetzt 
vorhandenen erotisdien Regung in die durdi Regression wiederbelebte 
und überbetonte Mutterimago vorhanden sei. 

Daß in den späteren Manifestationen die Muttervorstellung 
vergeistigt wird, kann niemand leugnen. Im »Wölldeiiu ersdieint sie 
als Greisin, im Bild von der weidienden Nadit wird sie als Venus 
entlassen,, folglidi muß zuvor ein sinnlicher Wunsd. vorhanden ge- 
wesen sein, wenn audi vielleidit nur als durd. äußere Hemmungen 
aufgenötigter, nidit aus eigenem inneren Antrieb gewollter und nidit 
als absoluter. leb neige somit zur Annahme, daß zwar zuerst eine 
unerlaubte sinnlidie Neigung zur Mutterimago da war, aber nur 
infolge mangelnder Durchsetzung der immanenten Lebensforderung 
und ungenügender Anpassung an die Wirklidikeit. Spater aber 
traten die idealen Züge des Mutterbildes in den Vordergrund, die 
Mutter wurde selbst Idealfigur, Symbol. Franzens Bilderserie 
sdiildert die Sublimierung seiner Libitlo, den Übergang vom physi- 
sdien zum mystischen Todeswunsdi und zur sitdidi-religiösen Wieder- 
geburt. 

Daß die Anpassung oder Durchsetzung in der Wirklidikeit 
nidil erfolgte, wird uns aus der Analyse versiändlidi : Franz wurde 
durdi bewußten und unbewußten Haß, über= und untcrsdiwellige 
Liebe abgelenkt, ja beinahe absorbiert. Die innere Bindung madit 
die äußere Sdiwierigkeit erst zur unübers teigbaren Schranke. Daß 
die Bedeutung des inneren Konfliktes weit überwiegt, zeigt auch die 
Wiedergeburt, die dem Entsdiluß des Abganges vom Institut um 
Wodien vorangeht. 

Mit der kunstpsychologischen Ausbeute dürfen wir, wie 
mir sdieint, zufrieden sein, obwohl das Material äußerst spärlich in 
unsern Besitz überging, indem weder die rezenten, noch die 
regressiven Wurzeln genügend aufgedcdtt wurden. Idi hoffe, daß 
spätere Forscher gefügigere und wisscnsdiaftlidi stärker iiuercssierte 
Künstler zu untersuchen Gelegenheit haben werden. Dodi will ich 
meinem begabten Jüngling dankbar sein für sein Opfer, das er mir 
durdi die Überlassung seiner sdiönen Entwürfe darbraditc. 

Alle näher besiditigten Zeidinungen und Gemälde, wie auch 
die Märdiendiditung führten uns zu folgender Erkenntnis: 

1. Die künstlerische und poetische Inspiration ist als 
Manifestation eines verdrängten Komplexes anzusehen 



Die Entstehung der ktinstlerisdien Inspirati. 



lon 509 



und als solche gemäß den Gesetzen aufgebaut, in welche 
^reud dte bei der b,ntstehung des neurotischen Symptoms 
des Traumes, der Halluzination und verwandter Erschei^ 
nungen beteiligten Prozesse faßte, nur daß ein sinnvolles 
Ganzes geschaffen -wird, dessen tiefere psychologische 
Bedeutung allerdings dem Künstler nicht völlig klar ist. 
Wir vermißten weder die Verdiditung, nodi die VersAiebung, noch 
die Dramatisierung. Vom Symbolismus wird der ausgiebigste Ge^ 
braudi gcmadit. Es sei fedodi ausdrücklidi betont, daß wir unter 
Inspiration ein künstierisdies Sdiaffen verstehen, das nidit in be^ 
sonnener Reflexion einen vorgefaßten Plan ausführt, sondern sein Werk 
wie eine plötzlidie oder allmählidi auftretende Eingebung oder Offene 
barting erlebt. Die Reflexion tritt im Kunstwerk zur Inspiration hinzu. 

2. Die Veranlassung zur Inspiration konnten wir in vier 
Fällen ausfindig madien, von denen drei <Selbstbildnis, Seele wohin? 
"Weidie, Nadit!) eine Intuition, ein künsderisdies Sdiauen, einer 
{Wahnsinn) ein mehr automatisdies Arbeiten aufweisen. Dem Sehen 
lag eine äußere Wahrnehmung, der automatisdien Produktion, 
so viel idi bei sorgfälliger Prüfung erfuhr, keine soldie, wohl aber 
ein starker Affekt zugrunde. Dod\ verriet sdion die Verwertung 
der äußeren Beobachtung die Virulenz eines Komplexes. Infolge 
dieser »determinierenden Tendenz«, um mit Ach ^ zu reden, führte 
eine alltäglidie <Furdie in der Stirn) oder belanglose (Portal, Felsen) 
Beobaditung zum ersdiütternden Erlebnis, dessen realer Inhalt 
Jedodi unter der Bewußtseinssdiwelle blieb. Der äußere Anlaß oder 
»rezente Reiz« der Inspiration kehrt im Kunstwerk wieder. 

Es wäre interessant zu wissen, ob in allen Fällen, in denen 
eine äußere Wahrnehmung komplexanregcnd wirkt, eine Intuition 
erfolgt, in den anderen aber, die weder als visuelle Enstehungs- 
ursadie, nodi als Inhalt des Kunstwerkes einen Umgebungsbestand= 
teil aufweisen, ein automatisdies Sdiaffen ohne vorsdiwebendes 
Bild entsteht. Unsere spärlidien Beobaditungen gestatten keine Ver» 
allgemeinerung. Die beiden angegebenen Formen dürften übrigens 
durdi viele Übergangsstufen verbunden sein. 

3. Der Sinn des Kunstwerkes ist ein doppelter: Vom mani- 
festen Inhalt ist die latente Bedeutung zu untersdieiden. Ersterer 
ist für die andern, letztere nur für den Künstler bestimmt. Der 
manifeste Sinn will allgemeinen Wert haben, darum wird er der 
Mitwelt übergeben. Er regt im Betraditer ähnlidie Stimmungen 
an. Der latente Sinn dagegen ist reine Privatsadie des Künstlers, so 
intim, daß nicht einmaf das Bewußtsein des Autors ihn erkennen 
kann. Es handelt sidi in unserem Fall zuerst um böse Wünsdie, die 
auf die Mutter geriditet sind, und Eingebungen des Hasses, die den 
Vater töten wollen. Diese subliminalen Begierden beherrschen das 
gesamte G eistesleben unseres Analysanden. Sie bewirken seine un= 

' Narziß Ach, Über die ■Willenstäiigkeii und das Denken. Göttingen 1905, 
p. 191 fF. 



510" Oskar Pfisicr 



beschreiblidie Not und grausame Lust, die sich im Lebrnsiiberdruß, 
in der Sehnsudit nad, Irrenhaus, Höhlengrab Tod <« den Wellen usw. 
spiegelt. Sie betätigen sidi aber audi in den künstlensdien Leistungen 
und verleihen ihnen enorme Lustwerie. 

Die künstlerisdie Phantasie ^ ist somit eine Verwandlung^ un= 
erlaubter Triebregungen in erlaubte ja T^^^j™"^ L^'!^""«^"' .';;^ -f 
also ein sozial bedingtes Werk, wie die Verdrängung de in. 
zestuösen Wünsdie. Bleibt die Phantasie ohne teAnisdien Vollzug 
im Kunstwerk, so ist sie eine auterotisdie Komp exfunktion. Durd. 
die Überleitung der Phantasie ins Kunstprodukt wird ein Uber- 
tagung versuch angestellt. Die künstfcrisAe Leistung unsere. 
Anflya^en ist in ihrer sozialen AbzweAung ein Untcrnchtrien, 
das aus der Sadcgasse der Introversion herausfuhren soll, und ver- 
dient hiedurA als sanitäre Verrid^tung die hödiste Ane,4ennung. 
Gleikzekig repräsentiert sie eine ethisdie Reinigung und Subdmic-- 
runTde en biologisAen Wert wir sehr hodi ansetzen müssen, wed 
^e n'iAt nur ihren Urheber sittliAer Erlösung naher bringt, sondern 
auV dem BetraAtcr wohi tut- Unserem Künstler fehlt allerdings 
noA zum Ruten Teil die Sprache, die in den Tiefen anderer Seelen 
e.„versSndn volles EAo weda und den dort wolmenden Noten 
eben heilsamen Ausweg verheißt. Idi finde bestätigt, was Otto 
Rank sL- .Audi dei große Diditer geht . . von solchen per- 
SihLn^ nteressen und Problemen aus aber er überwindet sie 
dil ni dl im Laufe der Ausarbeitung, indem er sie in ailgane.n= 
rnensdilidie auflöst, eine Sublimierung, die dem subjektiven D.diter 
S gehngt Wir merken hier, daß wir diese Subjektivität als einen 
neurofisdien Charakterzug verstehen müssen und daß _w vom 
psydiologisdien Standpunkt aus kein Recht und nodi weniger einen 
bkind haben, eine Qualifikation der did,ter.sdien Leistungen vor= 
zunehmen, die nur im Sinne der sozialen Wertigkeit eine Berediti= 
Rung haben.« 2 Sdion daß also Franz zeicl.net, malt und diditet, 
lereidit ihm als Übertragungsversudi zum Heil. Allein ^«nn nim 
sein Sdiaffen kein Verständnis findet? Wenn der subjektive Ausdrudt 
den sozialen Anklang vermissen läßt? Dann besteht Gefahr daß der 
Künsder sidi erst redit nadi außen versciiließt und vollends intro= 
vertiert. Glüdilidi erweise begegnen uns in den Skizzen unseres Analy- 
sanden so viele allgemein anspredicnde Süge, daß uns seinethalben 
nidit bange zu sein braudil, 

4. Die Inkubationszeit der künstlerisdien Inspiration ist in 
unseren Beispielen, wie es sdieint, kurz, Zwisdicn dem rezenten Anlaß 
und dem Sdiauen oder automatisdien Sdiaffen vergehen höchstens zwei 
Stunden <Anblidc der Furdie auf der Stirn, Selbstbildnis), in einem 
Fall ist sie mit dem auslösenden Reiz (Portal) gleidizeitig. Aller- 
dings war der Anblidt vorbereitet, denn Franz sah sidi selbst oft 
im Spiegel, erblickte mandimal ähnlidie Portale und kannte jenen 

1 Wir reden zunädist nur von unserem Fall. 

* Otto Rank, Das Inzestmotiv in Diditung und Sage, p. 122, 



Die EnrstehuiiE der künstleriid ien Inspiration 51 1 

Felsen der an die tote Mutter erinnert, seit einigen Tagen. Es ist also 
moglidi, dali die Inkubation ebensolange dauerte, allein die Wirkung 
unerwarteter Leibreize auF Träumende läßt midi doÄ eher annehmen 
daß das Unbewulite seine Kundgebungen sehr sdinell ausarbeitet! 

5. Die innere Einheit rasch aufeinander folgender 
Inspirationen sahen wir in einem Fall genau analog derjenigen 
sdieinbar inkohärenter Traumstüdte einer Nadit. Die Bilder Nr, 9 
<'Weidie, Nadit!) und 10 <Die Hoffnung der Nadit) gehören inhalt- 
lidi aufs engste zusammen: Der weidienden Nadit entspriÄt der 
tagende Morgen, der wahre Sinn der Vertreibung der Nadit liegt 
in der Geburtsszene ausgedrüda, das im Felsen der ersteren Skizze 
angedeutete Motiv der toten Mutter wird in der anbetenden Gestalt 
der letzteren Eeidinung reintegriert, erst beide zusammen lösen den 
ganzen Familienkomplex, sofern alle Personen in eine erhabene Si= 
tuation gebradit werden. 

6, Das Gesetz der Komplexdichtung und =umdichtung 
kommt in der künstlerischen Inspiration sehr schön zum 
Ausdruck. 

In meinen »analytisdienUntersudiungen über die Psydiologie des 
Hasses und der Versöhnung« ' stellte idi die Sätze auf: »Der ver« 
drängte Haß bestimmter Individuen bildet aus geeigneten erlebten oder 
nur vorgestellten Erfahrungsinhalten nadi den Gesetzen der Traum^ 
arbeit Phantasien, durdi weldie er sidi vorstellungsmäflige Befriedigung 
versdiafft. Diese Komplexbefriedigung kommt dadurdi zustande, daß 
ein auf Sdiädigung des Gehaßten geriditetcr Wunsdi deutlidi oder ver« 
hüllt im Inhalt des Waditraumes als verwirklidit dargestellt wird.« 
»Bei Versdiärfung bedient sidi der Haßkomplex zum 2wedte der 
Befriedigung immer neuer Bilder.« »Bei der Versöhnung dagegen 
kehren die früheren Phantasien wieder, jedodi entweder unverändert 
verblaßt, respektive von Konversionszeidien begleitet, oder in einer 
Umarbeitung, weldie ihnen nadi den Gesetzen der Traumbildung 
den vormals feindlidien Charakter durdi Umdeutung auf gleidiem 
oder sublimiertem Funktionsniveau nimmt.« 

Was hier von Haß und Versöhnung gesagt wird, gilt von 
jedem beliebigen andern verdrängten Komplex. Er sdiafft sidi in der 
Phantasie seines Trägers seine diditerisdien Gebilde, die allerdings 
für Außenstehende größtenteils ungenießbar sind, und versieht sie 
bei Lösung des Komplexes mit negativem Vorzeidien, d. h. er ver= 
wandelt sie, nadidem ihr latenter Sinn in seiner Verwerf lidikeit cin= 
gesehen wurde, in ähnlidie harmlose Phantasien. 

Diese Umdiditung können wir deutlich nadiweisen. Idi greife 
nur einige Beispiele heraus: 

Das Selbstporträt wird revoziert in dem unausgeführten Plan 
eines Selbstb ildnisses, auf dem er eine Lilie als Seldien der Ünsdiuld trägt. 

' lahrbuch f, psydioan, Forschungen, II, Bd., audi separat bei Deutidte, 1910. 
weiteres Material findet sidi in meinem Buthe; »Die psydianalytisdie Methode« 
<1. Bd. des »Pädasogiums»), Klinkhardt, Leipzig 1913, Kap. 18, p, 391 bis 394. 



612 Osliar Pfisrer 



Die nadite Mutter derselben Skizze wird durch wiederholte 
Umhüllung mit Gewändern und Sdileiern, die selbst das Gesidit 
verhüllen, aufgewogen. , r^ t 

Dem toten Messias des »Requiem« entspridit die Geburt 
des Heilandes <Bild 10), der Nadit auf jenem Gemälde der Tages- 
aiibrudi des letzteren Entwurfs. 

Der »Wahnsinn« mit seiner Insdirift »Idi weifi« klingt viel» 
leidif nadi in dem Titel; »Nadit, idi kenne deine hödistc Hoffnung«, 
zumal der Wahnsinn als sUmnaditung« bezeidinct wird. Dem von 
Sdilangen umgebenen Autisten tritt auf der »sonnigen Hohe« ein 
paradiesisdier Zustand ohne Sdilangen gegenüber. 

Die »Brücke des Todes« wird besonders sorgtahig bearbeitet. 
Während hier der Jüngling in den Nebel stürmt steht er auf Bild/ 
hodi über ihm, und Fig. 9 wird der <durd. dhc Mutter einst herbei- 
geführte) Nebel in aller Form weggezogen. Der tot daliegenden 
Mutter wirdFig.lOdcrnaditräglidie Kommentar gegeben: Sie lag 
nidit tot, sondern anbetend da. Die auf Fig 5 nadidem Jungimg 
ausgestrediten Hände werden (Nr. 10) als anbetend mterpreticrt - 
^ Auf den. Ölgemälde «Die Nymphe« erstrebt Franz den 
Mutterleib,, später sLt er vor der Hohle (Der Eweifel oder laßt 
sidi gebären (Hoffnung der Nadit). Der Mutterleib wird so zum 
Ausgang radi der Wiedergeburt, während er anfangs aussdihem.di 
den Absdiluß vom Leben bezeidmet hatte. Aus dem untenrdisdien 
Treiben der Sdinietterlinge in der Hohle wird ein nedisd.es Spiel 

Sfltonnige Höhe, bildet den Kontrast zum 0"")^! des 
.Requiem-, Bild 9 wird das .Weichen der Nach «ausdruddid. 
gesdiüdert, worauf der Anbrudi des Morgens (Bild 10) zur kunst= 

lerisdien Darstellung gelangt. , r ,, - j t 

Viele andere Umgestaltungen liegen jedetifalls vor m den In= 
spirationen, die Franz i.idit auf Papier oder Holz braditc. 

Beim vorläufigen Absd.!ufi meiner Arbeit ange angt, tuhle idi 
midi gedrungen, einem Vorwurf zu begegnen, der leidit erwadien 
könnte. Unsere biologisdie Betraditungsweise raubt der kunstlensdien 
Inspiration den Nimbus einer götdidien Offenbarung. Allem be-' 
deutet diese Einfügung insReid. der natürlidien Ursadien undZwedte 
eine Degradation der Kunst? Indem wir das künstlerisdie Sdiaffen 
als Rettungsboot in der Gefahr des Versinkens in Qual und Tod, 
zugleidi als hehren Führer einsamer Mensdien zu ihren Mitmeiisdicn 
erkennen, entdedtei. wir seine hödiste Würde, Denn größer und 
edler als der zum Gott erhobene König, der nur durdi huldvolles 
Lädieln entzüdit, ist der sdilidite Mensdi, der als Samariter dem 
Verwundeten, als Befreier dem Gefangenen, als Heiland dem Kranken 
naht. Und als soldie Helferin lehrt die Psydianalyse die Kunst 
verehren. 



Vom wahren Wesen der Kinderseele 6I3 

Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

Redigiert von Dr, H. v. HUG-HELLMUTH. 

I. 

Die Kindheitseriiincruiigen des Baron de la Motte Fouque. 

Es ist ein fast verschollenes Buch, dem ich die nachfolgenden Erinnerungeü 
des Dicfiters der »Undine" entnehme, seine "von ihm selbst erzählte* 

nLebensgesdiiditeo ersJiien im fahre 1840. drei Jahre vor seinem 
Tod, zu einer Zeit, in der sein Ruhm bereits lange verblaßt war und der 
audi er, der späte Sproß des sagenhaften Normannen Führers Folko, fremd 
gegenüberstand. Es liegt uns ganz fern, mit dem Dirfiter oder mit seinen 
Zeitgenossen darüber rediten 3u wollen, wer die Sdiuld an diesem Miß- 
versrehen trug, es besdiäftigen ims hier nur die darin enthaltenen Kindheits- 
erinnertingen und wir haben allen Grund, dem Diditer dafür dankbar zu 
sein, daß er uns darin eine Reihe von Erlebnissen aufbewahrt hat, die für 
die Kenntnis der Kinderseele von großem biteresse sind. 

Fouque, Enkel eines Generals Friedrichs des Großen und Patenkind 
des Königs, verbradiie seine Kinderjahre in Brandenburg, später in Sacro 
<Sacrow> imd Lentzke. Nadi Brandenburg führen auch seine ersten Er- 
innerungen: »Ein halberwadisener Vetter, auf dem Brandenburger Ritter- 
kollegiuni erzogen und dem Knaben besonders lieb, hatte audi einstma! in 
den Ferien dort Unterkommen gefunden und nedcte den kleinen Fritz mit 
allerhand Spässen. Fritz, um des ihn störenden Eindrudis loszuwerden, sah 
auf einen an der Wand hängenden Kupferstidi in großem Format, worauf 
neben den Wappensdiildern des Havelberger Domkapitels, zu weldiem sein 
Vater gehörte, die zwei bärtigen Sdiutzheiligen desselben abgebildet waren. 
Mit eins überkam ihn eine seltsame Rührung. Tränen drangen in seine 
Augen. Der fröhlidic Vetter sagte mit unwilligem LaAen; ,Sdiäme didi, 
Fritz, du heulst, weil ich mit dir spasse.' ,Ich weine nidit über dich, 
antwortete Fritz, .icfi weine über das heilige Bild,' — Er ist noch oft- 
mals darüber geneit worden, als sei dies nur eine alberne Ausrede ge- 
wesen, dennodi war es wahrhaft wahr. Mache daraus ein Psydiolog, was 
er kann.s <p. 6 f,> 

Um dieser Einladung des Dichters — vielleidit als der erste 
Psychologe — naAzukommen, stellen wir gleicb ein zweites, sidi eng damit 
berührendes Stückchen hieher, um dann beide genieinsam zu analysieren, 
Fouque erzählt (p. 11 f,> von einer »schweren Krankheit, Keudihusten«, 
die er zu überstehen hatte. 

»Seltsam Hefter weise verlangte dabei das krankende Kind nadi einem 
gewissen oder vielmehr sehr ungewissen alten Buch, was er eben nidit 
näher zu bezeidincn wußte. Ihm schwebte dabei ein Bild vor, wo eine 
Frau hodi auf eines kegelförmigen Berges Gipfel sali. Eu beiden Seilen 
unten standen zwei langbärtige Mannsgestalteii und sdiauten nadi ihr hinauf, 
ob als ihre Wäditer, ob als ihre Verfolger, ob als sie Anbetende? ~ 
wahrsdieinlidi das letztere, denn es mochte wohl ein katholisdies Andachts- 
budi gewesen sein, eine Heilige auf dem Titelblatt illustrierend und wer 
weiß wie eben unter die weiblidie Dienersdiaft von Sacro geraten, Denn 
dort hatte es der Knabe früher gesehen. Aber Fritz knüpfte daran seit- 
samlidi romantisdie fräume, wie etwa an jenes Kapitelbild in der Branden- 
burger Kinderstube, und wollte sie nun im fiebrigen Zustand entziffern, 

Imago U/s 3J 



614 



Dr. Emil Lorenz 



Unrer der dunklen Rubrik »altes Budu ward ihm vieles zugetragen, sein 
Begehren zu stillen . . . aber das redite alte Budi war es nidit. Das wußte 
er wohl. Lind es fand sidi audi nidit. — Oder war es niil dem rediten, 
editen alten Budi vielleidit überhaupt nur eine Vision, die sidi durdi 
andere alte Büdier beim nadiher aiiFgesprolken Ji'mglin^ und Mann wunder= 
bar erfüllt hat?a 

Soll man hier die Deutung nodi eigens niedersdireiben? Wir wollen 
CS dennodi tun. Was das zufetzt erzählte Erlebnis betrifft, so ist es klar, 
daß in dem Verlangen nadi diesem Bild nidit irgendein religiöses Motiv 
stedtt, da der Knabe ja nid« einmal sidier wußte, ob es ein Heiligenbild 
war, was er begehrte und ihm derartiges zufolge seiner streng protestanti- 
sdien Erziehung überhaupt fernliegen mußte. Es miil) dieser Fieber* 
phantasie eine auch im normalen Leben bewußte oder unbewußte sehr 
stark affekibesetzte Vorstellung zugrunde liegen. Da liegt es ims denn am 
nädisten, die fypisdie Knabenpliantasie als wirkendes Moiiv anzusetzen und 
in jener Mater gloriosa des Bildes die Mutter, in den zwei niännlidien 
Gestalten, die anbetend zu ihr emporsdiauen, den Vater und den Knaben 
selbst zu erkennen. Aber er, der kleine Fritz, ist ja nodi nidit so groß wie 
sein Vater/ es ist sein hoffnungsloser Wunsdi, ihn einzuholen und gleidi- 
bereditigt vor die Mutter hintreten zu können. Dieser Sdimerz ist es, der 
ihm in jenem ersten Erlebnis beim Anblidt der zwei bärtigen Sdiiitz. 
heiligen des Domkapitels, dessen Mitglied sein Vater war, Tränen aus- 
preßt, eben auf einen Anlaß hin, bei dem er fremde Überlegenheit in 
den Ned(creien seines Vetlers hatte verspüren müssen. 

Dieselbe versudite und immer wieder als unmöglidi erkannte Identi« 
fikation mit dem Vater zeigt sidi in einem unmittelbar danaifi erzählten 
Traum <p. 12>. 

»Eines gewiß war ein deutungsreidier Traum, und zwar nodi aus 
den Brandenburger Erinnerungen, Dort nämlidi findet sidi, wie in mehreren 
allen Städten, ein Rolandsbild, und zwar das edelste, weldies mir nodi vor 
Augen gekommen ist. ... In einer Krankheitsnadit sah ihn Fritz also vor 
seinem Bette stehen, keineswegs unfreundlidi, aber angestrengt willens, das 
ungeheure Sdiwert in des Kindes Hände zu geben, una Fritz ädizte 
bangend: Adi, du großer Roland, laß ab von mir, dein riesengroßes 
Sdiwert zu tragen bin idi ja nodi viel zu klein. — Die Umstehenden 
hatten's gehört und haben's nadiher mir vieltadi wiedererzählt. Hätte es 
aber audi niemand vernommen oder neu heriditet; was idi in jenem Traum 
und in mandien scinesgleidien aurfi vernommen hatte, weiß idi unvertilgbar 
gewiß, ohne es dodi, versteht sidi, eben für mehr ausgeben zu wollen als 
für bloßes Geträum.« 

Der letzteren Meinung können wir uns natürlidi nidit ansdiließen. 
Da wir wissen, daß sidi der alrc General Fouque in den Kämpfen des 
Siebenjährigen Krieges hohe Verdiensrc erworben hatte und der Diditcr 
nodi an anderer Stelle einen Traum erzählt, in dem ihm König Friedridi 
ersdieint und ihn auffordert, es seinen Vorfahren gleidizutun, so ist die 
Ersetzung des Roland durdi den Vater, den Großvater, oder den König 
geeignet, uns den Traum völlig verständlidi zu madien. Das Riesengroße 
der Figur und des Schwertes paßt audi vollkommen zu dem infantilen 
Charakter der Traumphantasic und ist hier nidits anderes als die Bezeidinung 
»Großvater« im wördidien Sinn verstanden und dargestellt.' 

' Vgl. die Artikel von Ferenczi und )ones »Die Bedeutung des Groß- 
vaters für das Sdiidisal des Einzelnen«, Internat, Zeitsdir, f. ärztl. Psydioan,, 1, Bd., 3, 



Kindheitserinnerungen Fouque's 515 



Eine passende Illustration des zweifelhaften psydio logisdien Wertes 
der Vorstellung- von der goldenen Kinderzeit bietet das nadifofgende Be» 
Kenntnis des Diditers; 

Ȇberhaupt zieht sich durdi alle seine Kindheitserinnerungen, so 
heiter, ja fröhlidi meist ihr Vordergrund sid\ darzustellen pflegt, im Hinter. 
gründe irgendein Sdiatten düsterer Besorgnis vor etwas Feindlidiem oder 
Unheimhcheiii, weldies Gefühl er, der sonst so offenherzige Knabe, sorg, 
faltig vor allen, audi den liebsten Mensdien verborgen hielt,- mag sein, daß 
er sidi seiner kindischen Träumereien, und zwar nidit unbillig, schämte. 
Doch am wesentlichsten zum Sdiwdgen verband, ja gleicbsam verpfliditcte 
ihn ein schauerlicfies Gefühl der Abhängigkeit von Gewalten, deren Rache 
er sich aussetzen würde, wenn er sie ans unheimlidie Tageslicht zöge. So, 
wenn ihn die liebevolle Mutter beim Schlafengehen sorgfältig auszog und 
zu Bette legte, entrang sich oftmal ein banger Seufzer seiner Brust und 
wenn ihn dann die Mutter liebkosend fragte: , Fehlt dir was, lieber Fritz? 
Ach, sage dorfi nur, was dir fehlt!' mufite er antworten; ,Oh, gar nidits', 
während er in sidi voll sdimerzlichster Wehmut dadite; Wenn du es 
wüßtest, aber auch dann [a könntest du mir nicht helfen. Das hätte denn 
freilich die gütige Mutter mit all ihrer Sorj;falt nidit vermocht, Wtr 
bannet die Träume — und hier waren es Träume allerverwunderlidister 
Gattung. Nicht mehr jener riesenhohe Roland aus Brandenburg mit seiner 
allzugewiditigen Schwertesgabe erschien — winzig klein, wie er in der dodi so 
vorlängst schon beiseite gelegten Bilderfibel zu sehen war, stieg König 
Xerxes auf, oder es kamen audi zwei moderne Wildfänge, bei Wein und 
Spie! erzürnt, die Degen aufeinander züdtend, wie sie ein Tasdieiikalencler 
zur moralischen Warnung dargestellt hatte, ebenfalls die Erscfieinungen im 
kleinen Format geblieben und die allzumal wollten ein gewisses gcister= 
haftes Anrecht auf den Knaben geltend machen und das ihm recht Ent= 
setzHihste dabei war eben ihre schauerliÄe Kleinheit. Eine Zeitlang fast 
allnächtlich kamen diese Traunigesichte wieder, fast ohne alle Variation die= 
selben und just um ihrer Einförmigkeit willen fürchterlich, weil ihnen eben 
das einen Anspruch auf die Realität der Erscheinungen des wachenden 
Zustandes zu verleihen sdiicn.« <p. 24 f.) 

Diese Phantasien, die selbst auf den Leser noch beklemmend zu 
wirken vermögen, weil er selber einmal auf diese oder jene Weise ihr 
Subjekt gewesen ist, führen wieder mitten in die Probleme der psydio= 
sexuellen Familienkonstellation hinein. Was zunächst jene Angstgefühle der 
Mutter gegenüber bedeuten, bedarf fast keiner Erläuterung. Es sind ver= 
drängle Inzestwünsdie, Was tut aber Xerxes hier, warum ist er winzig 
klein geworden, was sollen die sEwei modernen Wildfänge*, die aufcin^ 
ander die Degen züdcen? Daß sie in der Bilderfibel und im Tasdienbudi 
aufgezeichnet waren, erklärt ihre Funktion in diesem Susammenhang 
gar nicht. 

Die Gestak des Xerxes war, wie wir aus einer auf p. 9 erzählten 
Erinnerung sdiließen dürfen, für den Knaben eng verbunden mit der des 
Leonidas, denn als man ihm die Gesdiidite des Kampfes in den Thermo, 
pylen erzählt hatte und ihn fragte, wer er lieber gewesen sein mödite, Xerxes 
oder Leonidas, hatte er trotz alier Bewunderung für die Heldengröße des 
Sparterkönigs sich für den siegreidien Xerxes entsdiieden. In der Realität 
mußte er aber einsehen, dal^ seine Stellung in der Welt nidit der des 
Xerxes, sondern mehr der des unterlegenen Leonidas cnispredie/ Xerxes 
und Leonidas war ein Verhältnis wie Vater und Sohn. Der Xerxes seiner 

31' 



Ö16 



Dr. Emil Lorenz 



Traumpliantasie wird als Vatersynibol gedeutet werden dürfen, wie de 
Roland von Brandenburß. Was soll aber die wuiiderlirfie Kleinheit? Sie is 



der 

Roland" von Brandenburg. Was soll aber die wuiiderlidie tVlcinheitf bie ist 
ein Beispiel für die im Traume häufig vorkomnieiide Umkehrung der 
Relationen, was sie speziell hier bedeutet, das werden wir bei der tir- 
klärung der zwei modernen Wildfärge verstehen lernen. 

Zwei soldie Gestalten nebeneinander sind uns sdion an zwei Stellen 
begegnet, nämlidi zuerst die zwei bärtigen Heiligen auf dem Bilde des 
Domkapitels, dann wieder die zwei Männer, die zu der auf enier brhohung 
sitzenden Frau hinaufsehen. Stellte jenes Bild die Erfüllung e.nes Wunsdies 
dar, indem es ihn als Erwachsenen neben den Vater stellte dm selbst 
also zu einer nidit vorhandenen Grolle emporhob so ist die Kleinheit des 
Xerxes und der beiden Wildfänge das Ergebnis des z-^-eiten, der Wunsdi- 
erfüllung offenstehenden Weges, indem sie den Vater zu der Kleinheit des 
Sohnes herabzieht. Daß die beiden Wildfänge die also wieder Vater und 
Sohn bedeuten, aufeinander mit dem Degen losgehen, hat ebenfalls einen 
guten Sinn. Es ist der im kindliAen Gehirn wiedergeborne Mythus von 
Hildebrand und Hadubrand, von Odysseus und Telegonos. 

Die Psydianaiyse des jungen Fouque, zu der wir durd. seine Be- 
kenntnisse herausgefordert werden, würde nidtt vollständig sein, wenn wir 
nidit audi auf Spuren stießen, die einen Sdilufi auf das Vorhandensein des 
typisdien Familienromans zuließen. Und wir treffen auf niehr als blolic 
Spuren. — Zunädist ist es ja ein interessantes Problem, ob es bloße Orolien- 
ideen sind, aus denen diese Phantasien ihre Nahrung ziehen, Größenideen, 
durch die die von der erwadienden Kritik und Vergieidiung ihres Glorien- 
sdieins entkleidete Gestalt des Vaters naditräglidi wieder emporgehoben 
wird oder ob die in der Phantasie vorgenommene Entthronung des wirk.- 
liAcii Vaters tiur überhaupt die Folge der Ablehnung der Zugehörigkeit 
zu ihm zu bedeuten hat. Offenbar wird es sidi darum handeln, ob in allen 
Familienromanen Größenideen nadiwcisbar sind. Ist das mdit der ball, so 
sind sie sekundäre Bildungen. Den Beweis liefert uns der Familienroman 

Fouques. , „ r i i r^ i 

»Aber noch weit ein wunderlicheres Grauen verlol|tc den Knaben 
eine Zeitlang selbst während des wadienden Zustandes. Ein Handwerker 
aus Potsdam - idi meine, es war ein Tapezierer - ward öfters im Hause 
zu Sacro besdiäftigt und gehörte zu jener Gattung von Leuten, welche 
späterher Callot-Hoffmann mit dem Beiworte skurril bezeidinet hat, 
Eine lange, hagere Gestalt war es, mit seltsam sdiarf gezeidineten Gesidirs- 
zügen und insbesondere gar wiinderlidi in die Höhe gezogenen. Ja f^st ge= 
zerrten Brauen, ein Mensch, immer gern bereit, über andere zu laoien, und 
ebenso gern bereit, andere über sich ladien zu lassen. Mir sind von jeher 
soldie Leute grell zuwider gewesen, fast ebenso sdiauerlidi für midi als 
HanswurstgauUler und Wahnwitzige . . - Und wie nun jener Handwerker 
in dem Knaben einen ähnlidi abstoßenden Eindrud madiie, steigerte sidi 
das beinahe zum Entsetzen, als jemand — ohne Zweifel es nur so ganz 
gewöhnlidierweise hinwerfend — sagte; Der Kerl ist ein Narr. — 
Fortan nun sdiauderte Fritz zusammen, wo ihn jener Spaßvogel etwa 
flüditig anredete oder nur überhaupt in seine Nähe kam, eben weil er das 
nie ganz vermeiden konnte, überkam ihn jene Sdieu vor einem unheiniHch 
mächtigen Ansprudi an ihn mit Bezug auf jenen Menschen. Ihm fiel ein: 
Wenn nun der behaupten wollte, du gehörtest ihm als sein eigen Kind an, 
und man dürfte didi ihm nidit vorenthalten und er führte dich von hinnen, 
in den Kreis seiner gewiß ebenso absdieulich närrischen Familie. Insbeson- 



Kindheitserinnerungen Fouque's 517 



dere kam ihm dabei in die Seele, als ob nadi jedem Mittagessen der skur- 
rile Hausvater sprädie: Nun laßt uns unser gewohntes Tänzdien halten 

— und man hüpfte dann im Ringelreigen mit albernen Geberden und nocfi 
albernerem Gesinge um den kleinen Rundtisdi her, und zwisdien äffisdhcn 
Gestalten der seiner edlen Umgebung abgcrechtete Knabe gezwungen mit. 

— Furditbar ersdiien es ihm, wie nur irgend je seither eine Danteske 
Vision, viellcidit gar furditbarer nodi eben der in dieser Verzerrung vor- 
sdilagenden Albernheit willen. Zwar sah er mit gesunden Sinnen ein, das 
alles sei ganz undenklidi — aber das entsetzliche Wenn dodi nun! und zwar 
unterstützt durdi eine in soldien Anfechtungen crsdirecklidi zu nennende 
Obmadit der Phantasie über die anderen Geisteskräfte.« (p. 25 bis 27.) 

Der Fall ist wieder nidit gar schwer zu durdisdiauen. Dem Sohn der 
adeligen Familie auf dem Lande, der sidi im Widerstand gegen die efter- 
lirfie Autorität, besonders die des Vaters, im Spiel der Phantasie von des 
eigenen Familie lossagt, muß angesidits der viel größeren 2ahl von Leuten 
niedrigeren Standes, die er vor Augen hat, die Möglidikeit, einer von diesen 
Familien anzugehören, sidi von selbst aufdrängen. Den Größenideen des 
Kindes geringerer Herkunft entspredien die Klcinheitsideen des Sohnes aus 
vornehmem Stande, und das eine ist so gut ein »Familienroman* wie das 
andere. Das Grauen aber vor den ^skurrilen Gestalten« ist in Wahrheit 
ein Grauen vor den pathologisdien Möglichkeiten des eigenen Innern, vor 
dem Knacks in der eigenen Seele. 

Idi lasse die Besciireibung der neurotischen Erkrankung folgen, in 
die der Elfjährige beim Tode seiner Mutter verfiel, Itfi darf sie ohne 
Kommentar wiedergeben. 

»Man mochte dem armen Fritz, wie sehr er audi begehrte, seine 
Mutter noch einmal zu sehen, die Leitfie nur didit verschleiert zeigen. 
Modite vielleicht die Verwesung bereits ihr grauenvoll entstellendes Werk 
begonnen haben an der einst so holden Gestalt? Sehr mutmaßlirfi bei dem 
Faulfieber, an welchem sie gestorben war, sonst hätte sich dieses anmutige 
Gesicht unniöglidi so rasdi entstellen können. Und an sich war die Sorge 
lobenswert, die man trug, dem Sohn das Bild seines Mütterlcins unver- 
stört zu erhalten. Dennoch, bei diesem phantastisdien Knaben, zog audi 
das Verhüllen schmerzliche Folgen nadi. Ihm träumte nämlich — irre idi 
nicht, war es gleich in der ersten Nacht — er sdileic^e sich in tiefster 
Dunkelheit einsam nach dem Sterbelager der Mutter hin. Und dann richtet 
sich die Leicbe auf und faßt nach ihm mit langen kalten Armen und erfaßt 
ihn und zieht ihn grauenvoll gewaltsam an ihre kalte Brust. Im Sträuben, 
sich frei zu ringen, warf er dann etwas, das ihm in die Hände kam, nach 
dem plötilidi unheiinlid\ gewordenen, spukhaft verschleierten Wesen. Und 
was war es, das er geworfen hatte? Ein überaus zierlidies, buntbemaltes 
DöEchen, ihm vor wenigen Wodien durch die Mutter geschenkt, ob seines 
ganz absonderlichen Wohlgefallens daran, als er es einst unerwartet unter 
ihren Sciimucksä chicin fand. Und nun hatte er es nach der lieben Leiche 
geschleudert, voll wahnsinnigem Entsetzen, und erwacJite darüber, und 
zwar unter den furchtbarsten Schauern der Selbstanklage. 

Dreimal, in drei unmittelbar aufeinanderfolgenden Näditen, kam dieser 
aus Sehnsudit, Liebe und tollem Grauen zusammengewobene Traum wieder 
und das nodi schreddirfiere Erwadicn daraus zu Gewissensbissen. Irgend 
jemandem seinen geheimnisreichen Jammer klagen, das vermodite er, seiner 
in äußeren Dingen sonst rücksichtslosen Offenheit gerade entgegen, durch- 
aus nicht. 



518 Dr. Emil Lorenz 



Nadi^Edem dritten Walteii jenes Traumes brach des «hnehm JukK 
all das Weh>gegrifFene» Knaben Gesundheit völlig zusammen. E^'S^"^''*^ 
Krankheit ^.ar es nicht, aber ein weiches Nachgeben aller Kratte^ 
ja auA der geistisen Kräfte mit, zeigte sidi unverkennbar. Man hanc 
anrfidenden Blödsinn befürditen mögen, oder auA Wahnsnin ^o seltsam 
klangen jet.t die imn.er noch von Zeit zu Zeit f"'-'=5^f .^'^X „faas 
sdien Ergüsse des Kindes, batd siA in f ^'-"^"1 '^^^^"'*^' ^iS Er! 
ihm überaus ^vitzig vorkam, bald in den sAaucrl, Asten und -esi Esten n 
sAeinungen „ordisAer Sage, insofern sie damals bruAstud.we.SVO ihm 
aufgedämmert war. Eines Abends, da er im Kre.se meiner L.ebaaut 
einem bequemen Lcbnstuhl saß, und naA seiner damaligen We'se J"X^ 
sames und Albernes cIurAeinanderspraA. überkam ihn ^'"^ P'^^f ^„„^ , ^ 
maAt. Ihm, sonst niemals von dergle Aen "t-er^alen, A.en es nur em 
tin^iderslehlich süBes, a.ich nicht ^°'" J^'^^^^f "..^^^^^^^^ 
beeleiietes Entschlummern und nur im WiedererwaAen veinahm er 
auf den ersArXn AngesiAtern der Umstehenden -d ih,;.. ang^^^^^^^^^^ 
Fragen, was vorgegangen sei, <Folgt die BesAre.bung eines Wmterautent- 
haltes in Potsdam.) , - j ■ j-„ 

Wohltätig umhüllte ihn, den V^"''^'"^^" ^"^'''"' ^Ir/^'frpSpt 
frühere Kindheit zurückgesunkener Sinn, Er spielte mit f upp- 
eben nnd teltte etzt^ keine SAauspiele dar, keine Kriegs taten, sondern a,. 
Kebsten laeden gegen wilde Tiere, woran er weder vor= noA i acWier 
ImafsonlerlAe Lust oder auA nur Teilnahme empfunden hat. Sem Zu. 
stand sAknsiA um so mehr dem Blödsinn zu nähern, als er m.t einer seit- 
Sen ihm sonst gleiAfalls gar ungewöhnlichen Eßlust verbunden 
wr An den MittagsgeriAten, a^is Speisebäusern geholt fand^" d'^ anderen 
MitglÄler der Familie, gewohnt an die kräftig und sAmaAhaft bereiteten 
ändliAen Speisen, kein sonderliAes Behagen und - Gastronomen gab es 
eben niAt darunter - würzten siA mit heiteren Spassen über die |ammer- 
liAe Kost ihr Mahl, Fritz konnte das niAt fessen. Ihm halte nie etwas 
im Leben besser gemundet als jene getadelten dünnen FleisAbruhen und 
saftlosen Gemüse und mageren Braten. Überhaupt empfand er im ganzen 
eine gewisse wunderliche Behaglichkeit an seinem gegenwartigen 
Dasein wie soldies ihm seither, ob oftmal unter günstigen, ja bisweilen 
glänzenden Verhältnissen, vielleiAt nie in sIei<^';'Ti Maße zuteilgeworden 
ist Aber zwisAendurA sprudelte die heiße Tränenquelle der SehnsuAt 
naA der entsAwundenen Mutter hervor, bei irgendeinem sAembar unbe- 
deutenden AnlaH, etwa wenn der Knabe auf dem Klavier eine der Ver- 
ewigten liebe Melodie ansAlug, oder wenn es ihm in den Sinn trat. Wie 
er den oder jenen ihrer freundHAen WünsAe in kindisAem LeiAtsinn un= 
erfüllt gelassen hatte, auA manAmal siA in Knabenwildheit aus ihren lieb- 
kosenden Armen losgerissen und sie dann mit demütigem LaAeln zu sagen 
pflegte' Warte nur, du lieber Fritz! wenn lA hinübergegangen sein werde 
Tde stille Ewigkeit, wirst du diA noA allzu oft sehnen naA den ^tzt 
versAmähten Umlrmungen, du armes Kind! Die vor diesen -^dJmliAej 
Erinnerungen hervorquellenden Tränen gediehen zu Hedque len ™Aend, 
erwärmend erkräftigend das ^uR^^^en. zweifelsohne von trublA^^^^^ 
heit und kindisAem Blödsinn sAwer bedrohte Gemüt. D"r* '1'«^ 'Olde 
ErbsAaft mütterUAerseits aber gewann die ,unge S^/'^, "^ Leib ge= 
wieder frisA aufkeimendes Leben und Gedeihen und auA der LeD ge 
staltete siA aufs neue zur ehemaligen Regsamkeit und FrisAe. (p. :jy 
bis 63.) 



Aus dem Leben Maupassanfs 519 



NoA eine Ermnerunjr möge, als letzte, hier Platz finden, obwohl sie 
im Budie Fouques an erster Stelle steht. Da es mir aber nidit gclunsfen 
ist, ihre vollständige psydiologisdie Deutung zu finden, führe idi sie als 

bloßes Material vor. . .,. r , , 

»In der Brandenburger K.niaerstube sdilier einige Zeitlang, eines 
FamilienbesuÄes halber, Fritz mit zwei anderen Kindern beisammen. Da 
kam ihm ein entsetzlidier Traum und eines leisen Schauders bann sidi der 
Sediziger nodi jetzt beim AuFsdireiben nidit erwehren, so kindisdi audi die 
Erstiieinung herausgehe. Eine nadi damaligem Gesdimadt ehrbarlidi ge- 
putzte Madame war es, die hereintrat, einen Stridc in der Linken, ein 
Messer in der Rechten, und ganz gelassen sagte: Nun haltet euch hübsch 
ruhig, Kinder, denn erst muß idi euch binden und nadiher euch sdilachten. 
Eben' die äußere Gewöhnlidikeit war es, welche dem kleinen Träumer die 
bedrohliche Kunde so überaus schrecklich machte, und weshalb er so ent- 
setzt aus seinem Schlafe eniporfuhr. Ich meine sogar, er habe das wunder- 
liche Ding mehr denn einmal im Traume gesehen. Als er's den Spiel- 
genossen wieder erzählte, waren audi die seltsamlich ergriffen davon, aber 
audi bald ebenso seltsamlich damit vertraut. Eine Biiidmadam hieß in der 
kleinen Genossenschaft jene Ersdieinung und warcj fortan — freili<fi in 
gar ungesdiiÄter Plastik — häufig aus Papier oder Spielkarten mit der 
Schere nadigebildet. Wie man etwa zu sagen pflegte: Soll idi dir ein Pferd 
auEsdmeiden? — oder einen Hund? usw., fragte man auch ganz unbe- 
fangen, ob eine Bindmadam ausgcsdinitien werden sollte.« <p. 6,) 

Es wäre möglidi, an den Kastrationskomplex zu denken.- es muiite 
ferner in Betraft gezogen werden, welche, für uns freilidi nicht mehr ganz 
ersründbare Bedeutung etwa der Familienbesudi und das Schlafen in dem- 
seien Raum mit den anderen Kindern für den Traum besitzt. Gewißjs 
diese Datierung nichts Unwesentlidies. Eine allerdings m diesem I-alle nidit 
S vermeidbare Hinansschiebung des Problenis läge darm, als Urbild für 
den Traum ein KindermärAen anzunehmen, dem auA die einen riAtjn 
Märdienton aufweisende Rede i"! Traum entstammen mußte, die offenbar 
das wichtigste BestandstüA des manifesten Trauminhakes ist und als_ Rede 
SadTbÄ einer wirklidi gehörten Rede sein muß. Das Vertrau sein der 
übrigen Gesdiwister mit der .Bindmadam« muß seinen Grund in einem 
identisdien Erlebnis haben. Dafür würde ein vor '^"S^rer Zeit gehörtes 
und unterdessen halb vergessenes Märchen am besten P^^^^"; '*^,*^^"^' 
etwa an Hansel und Gretel und ähnlidie andere. Se bst .'''^^^ J^^ "^""S^", 
als wahr angenommen, wäre damit noch nidit erklart, «n weldier Verbm- 
dung diese -Äaumelemente mit der auf Verdrängung beruhenden hbidmosen 
Anlsr stehen, aus der der Traum iedenfalls t'™gSfS|;!,:J-Lorenz. 

n. 

Aus dem Leben Guy de Maupassams. 
Ein entzüdcendes Beispiel des Einflusses, den i"ff fi"^Eindrüdcc 
auf das Verhältnis des Kindes zum Vater ausüben, finc^etsiA m der 
Maurassant.Biographie von Paul Mahn (Egon Fleische, 1908). 
^' '.Is e niAt'erstaunlidi, daß ein neun, ^s zehn ähr>ger BursAe d,e 
Verliebtheiten seines Vaters niAt nur errät, sondern -hn geradeweg da- 
mit hänset'-^ Ft^u von Maupassant wußte davon 2U erzählen! hs 
handelte iA einmal um einen Besuch bei einer Frau von Z der ge- 



520 



Dr, Th. Reik 



rade das »vielgeprüfte Herz* des Hcrni von Maupassant, des Vaters, 
gehörre. Guy und Herve' sind zu einer Kindergesellsdiaft bei ihr ge- 
laden. Herve ist krank, seine Mutter bleibt bei iiim. Sehr beflissen erbietet 
sich der Vater, Guy allein hinzubringen. Der Knabe enät den wahren 
Grund, der seinen Erzeuger leitet, und macfit sidi ein Vergnügen daraus, 
ihn im letzten AusenbliA hinzuhalfen, mit seinem Anzüge nidii fertig zu 
werden und dergleiAen. Der Vater, ungeduldig, droht: »Idi bringe didi nidiC 
hin zu der Gesellschaft! AA bin sehr unbesorgt«, sagt Guy, »ich weiß sdion, 
wem am meisten daran liegt hinzukommeiio. ■-SdinellU ruft der Vater, 
»sdinüre deine Schuhbänder! Nein, sdinüre du sie!« Der Vater ist verblüfft. 
Guy; »Komm nur! Du wirst sie ja dodt sdmüren. Tu es lieber gleidi-i. lind 
der Vater sdinürt seinem Jungen die Schuiie zu.« 

Im selben Alter schreibt Guy der Mutter einen Brief, in weldiem 
folgende Stelle vorkommt; 

*Idi war erster im Aufsatz. Zur Belohnung hat midi Frau von X. 
mit Papa in den Zirkus gefüliri. Es sdicint, daß sie audi Papa belohnt/ 
— womit, weiß idi nidil . . ,' 

Es ist kaum zu überscfiätzen, wie stark diese frühen Erlebnisse und 
Erkenntnisse auf den Entwidtlungsgang des Diditers einwirkten. Es wird 
vieles von seiner Frauenveracblung, seinem Skeptizismus, seiner vcr- 
nicfiicnden Analyse auf diese infantilen Eindrüdte zurüdizufüliren sein. 
Es wird das Ziel einer Psydioanalyse Maupassants sein, den Einfluß 
der Kinderreminiszenzen zugleidi mit seinem eigenen späteren Erlebnisse 
auf sein Sdiaffen und seine Weltaiisdiauung zu verfolgen. Es wird sidi 
dabei aurfi zeigen, wie nahe Maupassant oft den Einsichten und Fest- 
stellungen der Psydioanalyse kommt. 

Idi will nur nodi ein Beispiel anführen, das zeigt, wie nodi im Wahii- 
sinn die verborgenen, verdrängten Wünsdie des Künstlers durdibredien. 

Er flüsterte den Leuten Liebesgeständnisse zu. Er rühmte sich seiner 
übergroßen Potenz'. Es ist also sehr wahrsdieinlidi, daß sid\ audi sein 
Gröfien= und Verfolgungswahn in sexuellen Symbolen ausspridu. »Sehen 
Sie«, sagte er eines Tages, »sehen Sie diesen Rcgensdiirm! Er befindet sidi 
an einem einzigen Orte, den idi entdedtt habe und idi habe bereits mehr als 
dreihundert soldie Regensdiirme in der Umgebung der Prinzessin Mathilde 
aufkaufen lassen.» Ein anderesmal erzählte er; »Mit diesem Slodse habe 
ich midi eines Tages gegen drei Zuhälter verteidigt, die midi von vorn, 
und gegen drei tolle Hunde, die mich von hinten angriffen." Slodt und 
Rcgensdiirm sind uns afs Pennissybmole aus Trauma iialysen, Fehl- und 
Symbolbehandlungen, aus Märdien und Witzen bekannt. 

Die ganze Tragik eines Künstlerlebens liegt in der Szene, die aus 
seinen letzten Jahren erzählt wird. Den Diditer bcscfiäftigten audi in der 
Anstalt noch Gedanken über die Pfiarzenzudit, für die er sidi früher lebhaft 
interessiert hatte. Bei einem Spaziergange im Garten des Hauses blieb er 
vor einem Blumenbeete stehen und pflanzte einen Zweig darauf. Dann 
sagte er zu dem Wärter, der mit ihm ging: "Wir wollen das hier ein- 
pflanzen,- im nädi.sten Jahr werden wir kleine Maupassants hier finden«, 

Wir sehen hier, wie sidi die Zeugungsphantasic der Pflanzen- 
symbolik bedient — wie so off im Traum und im Märdien. Dieselbe 



' Broder Guys. 

- Vgl. Albert Lumbroso, Souvenirs sur Maupassant. Rome 1905 und 
Maynial, Vie et oeuvres de Maupasant. Paris 1907, 



-Liddy. 521 

Symbolik herrsdite offenbar in seiner Phantasie, wenn er das Geräuscfi der 
sich emporarteit enden Keime unter der Erde hören will, »Das sind 
die Ingenieure«, sagte er, »das sind die Ingenieure, die die Erde zerwühlen 
und aushöhlen.« Der Ingenieur, weldier die Mutter Erde aushöhlt, ist wohl 
der Ersatz für den Vater unü dahinter verbirgt sich der Wunsch, selbst 
diese Stelle einnehmen zu dürfen, 

Diese vorläufige Mitteilung soll nur andeuten, in welcher Weise im 
Leben des Dichters gewisse Komplexe in die Erscheinung traten. Den psy- 
chischen Mechanismus dieser Erscheinungen und ihren Einfluß auf die 
Werke Maupassants zu zeigen, bleibt einer größeren Arbeit vorbehalten. 

Dr. Th, Reik. 

ni. 

Claire Henriha Weber: »Liddy«*, 

Fast scheint es, als wären der Autorin die Erkenntnisse derFreud- 
sdien Lehre über das erotische Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern nidit 
fremd, Oder hat sie mit intuitivem Diditerblicic in die Seele des werdenden 
Weibes gespäht, die unbewußt? Sehnsudit und die Kämpfe gesdiaut, welche 
die Zeit der Reife zu einer Epodie wollüstig sdiauernder Geheimnisse und 
Schmerzen stempelt? 

Mit wenigen Worten läßt sich die Handlung skizzieren: Die zwölf, 
jährige Liddy, ein siiRcs Geniisdi von kindlicher Ungeberdigkeit und 
keimendem Weibtum, wird infolge eines Unfalles der Kinderfrau ihres 
kleinen Schwesterdiens von der Mutter für eine Nacht aus der Kinderstube 
verbatint und soll in Mutters Bett ins elierlidie Sdilafzimmer übersiedeln, 
Mama will bei der kleinen Vierjährigen schlafen, damit die Naditruhe der 
alten Gine nadi dem erlittenen Scfiredcen nidit gestört werde. Also ein Vor- 
kommnis, das in seiner Sdiliditheit sidi in tausend Familien ereignet hat 
und sidi wiederholen wird, solange es Kinderstuben gibt. Aber wie fein= 
fühlig weiß die Autorin den unbewußten und halbbewuRten Gefühlen und 
Regungen der erwachenden Weibesseele der Swölfjährigen nadizugehen ! 

Das Sögern, mit dem Liddy die mütterliche Anordnung aufnimmt, 
die Vorwände, die sie umstoßen sollen, sind wohl ihr selbst in ihren 
wahren Motiven dunkel, nicht aber der wissenden Frau und Mutter, Und 
erst durch deren unwillige Zurechtweisung nehmen die Gefühle des Kindes, 
die es vordem bloß als "peinvolle erschredite Abwehra empfunden hat, 
die Form der Sdiam an, vor der Mutter das Innerste enthüllt zu haben, 
das die Kleine selber nidit klar schaute, Vielleidit wirft gerade das Wort 
der Mutter: »Du hast dodi immer so gern bei uns in der Ritze gelegen, 
als du klein warst", einen hellen Schein auf halbverwischte infantile Ein- 
drüdce, auf uneingestandenc Neugier und Wünsche der ersten Kindheit. 
Denn nun *kam über Liddy die lähmende Sdiam, von der Mutter tiefinnere 
Regungen erkannt zu sehen, von denen sie selbst nodi nicht gewagt hatte, 
den Schleier zu ziehen«. Der verpönten Gedanken überfüKrt, fehh ihr der 
Mut, sidi länger zu widersetzen, ja sie will ihr vermeintlidies Sdiu!d= 
bewußtsein ersticken in allerlei Vernunftgründen, an die ihre Seele doch 
nidit glaubt. Und so fügt sie sidi. Aber sie fühlt sich in dem Raum, der 
ihr sonst vertraut und lieb gewesen, seltsam befangen. Die nahe aneinander 

■ Aus -Ecitschrifl lur Jugenderziehung und Jugendfürsorge*, 111. ]ahrg. 
September 1912, Zürich. 



522 H. V. Hug-Hellmuth 



gerüdtlen Betten, die Waschkommoden, selbst der GeruJi der Seife irritieren 
heute ihre Nerven - »so riecht Vater iiadi dem Waschen«. Und plötzlich 
fällt ihr ein, wie »rund und gewiditig« Mutter Fremden gegenüber iMiicin Mann^ 
sagt. Was für Bilder ihre Phantasie ihr vorgauhclr, sdiemenhaft und 
ahnend? »Ein vergnügtes Lädieln spannt Liddys Lip[>en. Sic fühlt es mit 
unbewußter Erleitfiterung und sdi-n'ingt sidi mit einem kleinen ergebenen 
Seufzer auf das mütterfidie Lager hinauf.* In diesem AiigeiibÜdi hat sie 
sidi trotz ihrer zwölf Jahre wohl ebenso in Mutters Rolle versetzt, wie 
das fünfjährige Mäddien', das, da die Mutter vom Mittagslisch abberufen 
wird, ihre Stelle einnimmi, den Vater zum Essen nötigt, etc. Aber die 
Zwölfjährige fühlt sich nidit allzu froli in ihren Phantasien, denn sie hat 
nur den einen Gedanken, sdinell einzusdilafen und sie mödite Papa am 
liebsten ganz aus dem Chaos in ihrem Köpfdien weisen Der letzte 
.scheue. Blid gilt dem Nachbarbett mit dem darauf ausgebreiteten zer- 
knitterten Naditbemd. Der ersehnte Sdilaf Hiebt Liddys Auge und ibr 
Blut kreist wild tönend hinter den Sdiläfen. Die Erinnerung an langst ver- 
gessene Geräusdie, auf die sie einst im Sdilafzimmer der Eltern als klenies 
Kind wollüstig gelausdit, mag in ihr aufleben und ihre überhitzte Phantasie 
erblidd in dem Licbtstreifen au der Türsdiwelle einen blutroten Mab, eine 
Symbolik, die uns in der Psydioanalyse stets wieder in derselbeti Bedeutung 
begegnet. Was ihre Seele gebiert an verpönten Gedanken und Gefühlen, 
will sie selber nidit wahrbaben, sie flüditet sidi in einen Halbsdilaf, der 
die Vorstellung von der »gräßlidien Klavierslunde« am nächsten Tage mit 
den unbewußten Regungen und Ahnungen ihres Triebiebens verknüpft/ 
Gines alter Kopf mit seiner grotesken Umhüllung taucht vor Liddys 
innerem Blidce auf und soll ihr wohl die Meinung vortäusdien, sie liege 
wohlgebettet auf ihrem Lager in der Kinderstube. 

Dem Einschlafen sind versdiiedenc Phantasien vorausgegangen, allerlei 
bewußt Bedrüdtendes vom Tage zum Ersatz Für die unbewußte Sexualität, 
die sie erregt und peinigt. Endlidi verfällt sie in einen unruhigen Schlaf, 
aus dem sie das Zusdilageii des Haustores wedct. Aufs neue erfaßt Liddy 
eine zitternde Pein, Sie hordit angestrengt auf Vaters Eintritt in die Wohn. 
Stube, wohin die Mutter ihn begleitet, und liegt mit krampfhaft gesdilosseneii 
Lidern, da er das Schlafzimmer betritt. Die »brennende Erregung, die sie 
überfallen hat", läßt sie den Vater beim Auskleiden belauscficn. Was sie 
wohl hundertmal als kleines Kind gesehen, den Vater in der LInterkIcidung, 
dieser Anblick jagt ihr heute einen 'frostigen Sdiaucr über den ziiiernden 
Körper«. Sie sieht in der wohlbekannten Gestalt nicht mehr den Vater, 
vor ihr steht der Mann, den sie mit unbewußt sexueller Note seit ihrer 
frühen Kindheit geliebt mit all der Ansdimiegsanikeit und der Eifcrsucfii 
zugleich, deren nur ein Kind und im Erwachsenen eben wieder das Kind 
fähig ist, »Zorn und Feindseligkeit wadicii in ihr auf« Sie lauern auf dem 
Grunde ihrer Seele, seit Gefühl und Intellekt im ersten Streite lagen. 
Immer sah sie sicfi durdi die glüddichere Rivalin, die Mutter, von der 
Stelle gedrängt, die jedes kleine Mäddicn im Herzen des Vaters einzu- 
nehmen wünsdii. Die Geheimnisse zwisdien den Eltern, halbvcrsiandene 
Worte und Zärtlidikeiten, säen im Kindesherzen eine verhängnisvolle Saat, 
die unter dem reifenden Handle von Erziehung und Herkommen balci bittere 
Früdite zeitigt. Eine schledu verhehlte, haßerfüllte Eifersud»; auFden gleich- 
gescfileditlidien Elternteil, eine bald übersAwenglidie Liebe, bald versteAte Ab- 

> Freud, TraumdeutuDg, 111. Aufl. p. 187, 



Munerliebe 523 



ncigung gegen den anJersgescJilecfiHidien, Gefühle, die aus unbewußten in- 
zestuösen Wünsdieii entspringen, Aus diesem Gemisdi von Liebe und Haß 
heraus mustert die kleine Liddy die Gestalt des Vaters, erscheint ihr der 
.dünne, blasse, nackte Hals mit dem nach oben scharf abselaen- 
den roten Rand, als etwas völlig Fremdes, irgendwie Beleidigendes'. 
Audi hier klärt uns die psych oanalytis die Forsdiung über das sdieinbar 
Seltsame in den Gedankengängen des Mädifiens auf/ der Hals ist nur ein 
Symbol, und was Liddy so beleidigend dünkt, ist die sorglose Entblößung 
des Vaters vor ihr, dem werdenden Weibe. Und darum hat sie das 
beißende Gefühl des Unreditleidens, des Mißaditetseins, das sicfi freilidi ver- 
eint mit dem angstvollen Wunsdie, unbemerkt zu bleiben. Denn sie fühlt, 
daß ihr nodi mehr vorbehalten ist, als sie bis jetzt gesdtaut. Aber audi 
der Vater sieht in seinem jungen Kinde ein Stüdi erwadiende Weibesseele 
und nadi kurzem zögernden Blitfc auf das Mäddien, lösdit er das Liefst, 
ehe er sidi vollständig entkleidet. Mit diesem Zögern des Vaters zerreißt 
der Schleier vor Liddys Augen, Sdiam und Q.ual lassen ihre Tränen 
fließen. Sie empfindet in ihrem Unbewußten die Sdiuld ihrer Seele, weldie 
die Inzestsdiranke in Phantasien und Blidten durdibredicn wollte, und sie 
empfindet zugleich mit Groll die Unfertiglteit, die Halbheit ihrer zwölf 




schlüpft sie, da sie das gleidimäßige, ruhige Atmen des sdilaterden Vaters 
hört, in ihre Kleider und eilt ohne Sdiuhe mit leisen Schritten hinaus zur 
Tür, über den Flur hinüber ins Wohnzimmer, Aufatmend, wie einem 
sdireiitlidien Spuk entronnen, sucht sie im Finstem den Weg zum Uiwan. 
Und hier ebbt die Erregung ihrer Sinne und ihrer Phantasie und ^zusammen- 
gerollt in tiefem Kindersdilaf findet die Mutter sie am nädisten Morgen." 
* Dr. V. Hug<Hellmuth. 



V. 
Mutterliebe. 



Ein seAsjähriges Mäd*en möchte gerne ihr kleines Brüderchen zu 
si(fi ins Bettdien haben. «Muttchen., biiter sie, "(aß midi sem herr hdies 
Körperdien genießen«-. Das sehr streng überwadiie Mäddien hat skeine 
Ahnung« von sexuellen Dingen. Es handelt sidi hier um «mutterlidie« 
Gefühle, welAe das ähere Schwesterdien dem »Körperdien« gegenüber 
hegt. Wir dürfen amiehmen, daß dem Kleinen die Berührung seines 
Schwesterchens ebenso angenehm ist. Warum soll es uns wundern, wenn dieser 
Eindrudi, wie jeder andere, eine Spur in unserer Psydie hinterläßt? Warum 
soll die Behauptung unwahrsdieinlidi vorkommen, daß die erste »korper= 
lidie Liebe« des Erwadisenen auf diese infantilen Erlebnisse zuruAgreitt, 
indem die seligmadiende Berührung der geliebten Frau mit der einst seiig= 
madienden Sdiwesternberührung, mit Mutterberührung verglidien wird. Haben 
wir dieses ZurÜdtgreifen auf infantile Erlebnisse anerkannt, dann muten 
audi neurotisdie Ersdieinungen nidit sonderbar an: bei einer stärkeren 
Fixierung an das mütterlidie Vorbild würden große Widerstände icdeni 
Objekte der sexuellen Liebe gegenüber auftreten, denn bei jedem Frauen. 

' Von mir gesperrt, 

- Russisch: »Doj ninie nasladitjsia ewo trdiudiiyni tielzem." 



524 Df- S. Spielrein 



bilde würde sidi das ehemalige Mutterbild aufdrängen, bewufit oder im 
UnterbewufiTsein. Wenn audi das Mutterbild selbst ohne Analyse nidit 
ins ßewurnseiii gelangt, treten doch Gcfühlsreaktionen auf, wie sie "orma- 
liter Vorstellungen der inzestuösen Liebe entspredieit. Dies sind Oetuhle 
des Ekels, der Srfiam, der Angst. 

Die folgende Mitteilung von pliil, J. Spielrein <Rostow) ist unter 
anderem ein Beleg dafür, wie ein aus dem Bewußtsein verdrängter psydii- 
srfier Inhalt Unlusrgefühle erzeugen kann, 

Das unbewufire Träumen in Kuprins »Zwlekampf«. 

«Als einen interessanten Beleg dafür, wie sehr die Freudsdien 
Theorien dem ganzen Geist der Moderne nahe liegen, will lA das folgende 
Zitat aus A. Kuprins Roman »Der Zwiekampf« aiiRihren. bs ist zu 
bemerken, daß die betreffende Erzählung vom bekannten russisdien 
Sdirifrsteller vor erw'a zwanzig Jahren gesdirieben worden ist, also lange 
bevor man in seinem Vaterlande mit Freud bekannt wurde; 

«Als Romasrfiow gegen fünf Uhr an das von Nikolajews bewohnte 
Haus heranfuhr, fühlte er mit Verwunderung, daß ein seltsames, grund- 
loses Unruhegefühl seine freudige Zuversiebt von heute truh auf den 
Erfolg am Abend ersetzte, Er fühlte, daß dieses nidit plötzlich, mdit 
jetzt eben geschehen ist, sondern viel früher/ augenscheinlich wuchs die 
Unruhe in seiner Seele kontinuierlid» und unmerklich, von einem ver- 
lorenen Moment an. Was konnte das sein? Er kannte ähnliche Erscbei- 
nungen nodi von früher, von der frühesten Kindheit her und er wußte, 
daß nur die Auffindung des Urgrundes dieser trüben Unruhe zur Be- 
ruhigung führen kann, So quälte er sich einmal den ganzen Tag und erst 
am Abend kam ihm zu Bewußtsein, daß er am Mittag, beim Über- 
scfireiten der Gleise durdi unerwartetes Pfeifen der Lokomotive erschrocken 
und betäubt wurde, und kam, ohne es selbst zu bemerken, in böse Laune. 
Kaum hat er sich erinnert, sofort fühlte er eine Erleiditerung und es 
wurde ihm sogar fröhlitb zu Mute.« 

Die Analyse ist keine vollkommene: Wir vermissen die Erklärung, 
warum das Trauma <Pfeifeii der Lokomotive) aus dem Bewußtsein ver- 
drängt wurde,- psychisch unbedeutend war es nicht, sonst würde es nicht 
das lang anhaltende Symptom der »bösen Laune- erzeugen können,- war 
CS psydiisdi bedeutsam, dann sollte das Vergessen irgendeinen Grund 
haben: es wurde glei'dizeitig nodi etwas negativ Gefühlsbetontes erlebt, das 
nidit ins Bewußtsein gelangen durfte, so daß die ganze Assoziationsketic 
der Verdrängung aus dem Bewußtsein unterlag. Der negative Affekt bei 
Romasdiow ist nidit dem gesdiilderten Erlebnisse entsprechend; er sollte 
sich freuen, daß sein Sdireck vergeblidi war und sein Leben nicht bedroht 

wurde. , c j. J 

Trotz der unvollständigen Analyse ist das Symptom gesdiwunden. 

Die Erfahrung lehrt, daß solche Fälle vorkommen. Einen Teil der Erleb- 
nisse kann das Individuum ohne Sciiaden «verdrängen^. Kommt ein neues, 
gleichartiges Erlebnis dazu - dann wird es dem vorhergehenden assimiliert. 
Die pathogenen Wirkungen summieren sich und führen zu Jj/m^omen. 
So wurde von Romasdiow - wohl auf Grund irgendeiner 'fluchtigen. 
Ähnlidikeit - das Pfeifen bewußt oder unbewußt einem anderen Erleb- 
nisse assimiliert, dessen peinlidien Gefüldslon es erhalten hat. Uas aut <]ic 
Art rraumatisdi gewordene Erlebnis (Pfeifen) wurde als soldies mitver- 



Les Cent gosses 525 



drängt und nun war das Verdrängte stark genug, um pathogen zu werden, 
d. h. in diesem Falle üble Laune ohne siditbaren Grund zu erzeugen Bei 
Auffindung der Ursadie, auf die zuerst der Gefühlston vcrsdiofaen würde, 
trat eine Erleiditerung auf: das Verdrängte sdirumpfte auf das frühere er- 
tragliche Maß zusammen. Die Krankheitsursadie ist jedodi nidit beseitigt 
und kann Immer auf gleidie Art jedes neue Erlebnis zu einem pathogenen 
umbilden. Romasdiow gibt uns einen Beleg dafür: er spridit von öfters 
auftretenden bösen Launen von vergessenen <verdrängten> Ereignissen Iier- 
rührend. Audi jetzt tritt bei ihm ohne bewufite UrsaAe plötzlidier Stim- 
mungswechsel ein und er muß wieder an das so lange erinnerungsfähiK 
gebliebene traumatisdie Kindheitserlefanis denken. Dr, S. Spielrein. 

VI. 

Alfred MaAard: »Les Cent Gosses.« 

<Paris 1912, Mercurc de France.) 

»Die hundert Gören.« 

Von einem Budie soll hier beriditet werden, das ein Freund der 
Kinder für Leute gesdirieben hat, die mehr Sinn für Wahrheit, Lebendig- 
keil und Humor haben, als für Rührseligkeit, Besdiönigung und Eimpcr- 
lidikeit. Vielversprediend ist es gewidmet »den editen Pariser Gören, den 
kleinen, dredtigen, rotznäsigen, ins Bett pissenden, in Brüderlidikeit*. Ver- 
sudien wir, da das französisdie Werk kaum übersetzbar ist, das pädago- 
gisdi, sozial und mensdiHdi Widitigsie dieses ehrlidien Budies dem deutsdien 
Leser nahe zu bringen. 



Ein gutes Dutzend kleiner Episoden und zwei gröfierc Gesdiiditen, 
die bezeichnenderweise fast ausnahmslos im Präsens erzählt sind, führen 
uns die Leiden und Freuden der Kinder vor, die in der Nähe der äußeren 
Boulevards und der Festungsgräben spielen, raufen, entzüdceiid naiv und 
reuflisdi grausam sind, in denen wohl audi die ersten Regungen der 
Pubertät spuken. Da ist in erster Linie ein gewisser Trique, der den 
Mäddien keine Ruhe läßt und das im einzigen Zimmer der Familie den 
Eltern Abgelausdite nadizumadien sucht, ehe die Natur es ihm vergönnt, 
Und warum können wir ihm nidit böse sein, wenn er den unsdiuldigen Hund 
seines ^Feindes« umbringt, eine Henne bei lebendigem Leibe rupft, einem 
Mäddien zwei Sous raubt, um Kaiussel fahren zu können . . . warum? 
Weil Alfred Machard ein ganz großer Künstler ist und durch winzige 
sympathisdie, naive Züge immer wieder den kleinen Lausejungen uns lieb 
madit, Audi in die Seelen der kleinen Mäddien dürfen wir wundervolle 
Einblidte tun, mütterlidie Regungen ahnen, ohne daß jemals die Sdiilderung 
süßlich und sentimental wird. Statt vieler Worte ein Beispiel, das der 
besten Episode des Buches entnommen ist und von der Rache der Mäddien 
an Trique beriditet, der ihnen in den düsteren Vorstadtgassen auflauert. 
Kriegslustig ziehen diese kleinen Dinger, »Die letzten Amazonen*, ins 
Feld. Unterwegs gibt es Deserteure,- das Wetter ist mit dem Feind im 
Bunde, der sie belästigt hat und dem sie in ihrer Angst ihre Beine zeigen 
mußten . . . 



g^ Dr. W. Klette 



.Der Rest der Truppe gehorAte, Aus der Mausemden^Henne- 
StraRe iTan nS ohne viel Lärm in die R.e Scanislas-BouFriquet dann 
im Ro engasse, watete durch Abwasserpfützen und trat ^uF KehnAt 
und ekele re/enden Mül!, der na* KüAe tnid Krankenhaus ro<h. Amal^ 
Gaimin rSte atiF einem Stück GemüseabFall aus und verktzte s,A 
am Knie Es blutete , . , Humpdnd verließ sie die Sdiar nicht gerade 
unglSiÄ über den Unfall der ihr einen ehrenvolle» RuAzug 

^"''^"Von da an sdiüttete der düstere Himmel einen sAräg einfallenden 
Regen ^herab. g,^_^j^^^^,^^^^^ß, ,ti,ß Marie Pigonneau einen lauten 

Schrei aus: 

»Da . . . da . . . seht!« 

Alle fuhren zurück. ., ,, 

Sehr blcidi stammelte das Maddien: 

>Gesehn hab' idi ihn! - . . Er ist da . . Dort m der Ede am 

F^n^rer stedct er' . . • Wenn idi sage . . . dortll« „ t~, , -r ■ 

Fenster sted^te ^^^^^ ^^^ ^^^ ^^,^ Pl^^^ ^ 

Amazonen achteten. »Spritzkuchen- packte den Sd.ürhaken Fester und 
sdirie so laut, daß sie ihre Angst übertonte; t f i 

.Dann Vut, wenn ers ist, dann kriegt ers jetzt . . . Tapfer!« 
Langsam Aoben sie siA an der Wand entlang naA vorn, _ ge- 
langten unter der Traufe überlaufender DaArinnen b.s hm a.. ,enes 
FenSr. Über eine Wäsdileine gehängt, bebte em W.sditudi nn Zugwu.d 

SpritzkuAen spottete, besAämt, dodj beruhigt: 

Jn WisAtuA ists. und du, Marie, du bist ne Memme!« 

Aber Marie Pigonneau setzte sidi auf eine Tursthwdle, ihre 

Aueen waren blau umrändert, geFurdit und bleidi die müden Wangen . . . 

Aller Mensdienwürde zum Trotz weigerte sie skh, weiter zu gehen, 
Spritzkuchen sammelte die Trümmer ihres Meeres. 
»Wieviel sind wir, he? Wo sind die anderen? Vierzig waren 

wir . - . letzt sind wir nur nodi fünfe! Sag bloß, Aurore, wo sind 

»Bange Habens halt gehabt! Ausgekniffen sind sie!» 

»Die feige Bande! Na, wart nur, morgen m der Schule , . , Da 
sollen sie was erleben, da werden sie ausgezisdit . . . Jetzt allein weiter! 
Wer kommt mit??« 

Henriette Guipure sdilug sdiüditern vor: 

»Es regnet sdion gar sehr! Spritzkudien, wollen wir mdit lieber 

nadi Hause?* . 

Zwei andere halfen, diesen Notausgang ersdilielien: 
»Ja, genug für heute ... ein andermal weiter ... es regnet 

'" ''^piölzlidi lieR Spritzkudien ihr Schüreisen fallen, so daß es zwei- 
mal auf dem Pflaster emporhüpfte. Sie befahl ^Psi! pst!« 
Eine jugendlidie Stimme gröhlte in iiädister Nahe: 

»Zu der idi heute bete. 
Du wirst es nie erfahren, 
Lieb idi didi. hafi idi didi - ■ ■« 



Sie hat den Bdnamen wegen ihrer Vorliebe für dies Badt^-erk. 



La guerre de boutons B27 



Spritzku<fien stieß hervor: 

»■Er ist's!! Der Trique ist's!!* 

Panik und Flucht . . . Ein Augenblick und keine ist mehr da. 
Leer ist die Straße . . . Die Amazonen sind versdiwunden, wie auf den 
Wink eines Eauberkünstiers, der mit Spiegeln hantiert. 

Spritzkudicn blieb allein. Stand mitten auf der Straße, als klebten 
ihre Schuhe am Pflaster. Ihre Arme hingen sdiiaff herunter die Augen 
riß sie weit auf, den Mund riß sie weit auf, und ein Sdiredtensrut bheb 
ihr in der Kehle stedten, 

Trique erschien. 

Er spottete: ,,,,,, . 

»Ja da sdiau her! Spritzkudien ! 'n Abend, Kind! |a ist das nett, 

du bist ganz allcinc! , . .« 

Er trat, sidi wiegend, näher und sagte lüsternen ühdies; 

'Da wir so hübsA allcine sind, könntest du sie mir mal 

zeigen . . ■* , . , 

»Was soll idi . . . ?* 

»Madi keine Faxen! . . . Sonst -!* _ 

Und unterworfen, gesdilagen, halb ohnmaditig murmelt Spntz- 

^"^'^Gut . . . U will sie dir zeigen; aber du ... da darfst e. 
niemand sagen!. <Autorisierte Übertragung.) 

Dies .i„c Beispid .uj, «e„..cn & J'|„-l°,|;;-l'r„t%«: 

ja, so müssen die Kinder reden und denken, de SiOi san 
Uledit genährt, bei Sonnenschein im Hof und auf d ^^al>e, dz K 
auf den Treppen ihr SiiicfeAen Jugendglücfc s^A dodi zu sid>eni wissen 

Dr. Werner Mette. 

VII. 

Louis Pergaud: »La Guerre des Boutons, roman de ma douzieme 

annee«. 

<Paris 1912, Mercure de France.) 

»Der Knöpfekrieg.* 

Hier hat ein junger, frisier Franzose ein Budi madicn wollen, das 
.Msund und gleidizeitig gaulois, epique et rabelaisien^ sein sollte, und 
dabei ist er »vor dem rohen Ansdrudc nidil zurüAgewidien, wenn er nur 
markig war, und ebensowenig vor der sdilimmen Gebärde, wenn sie nur 
heldisrfi war»; um aber ein für allemal alle Mudter von seiner Iure zu 
vertreiben, setzte er ein bekanntes Rabclaiswort darüber: 

Cy n'entrez pas, hypocrites, bigotz, 
Vieulx matagots, marmiteux borsouflez , . . 



528 Dr. W. Klette 



Deutstfic Leser werden alle Mühe liabeii, dies Budi im Original zu 
lesen; die es aber können, werden es vielleidit tun mit der Überzeugung, 
hier eine der ersten Äußerungen einer wahrhaften und dodi kunstreichen 
Literatur von morgen grüHen zu dürfen. Bildet bäuerlirfie Roheit zwölf- 
jähriger Buben das Thema des 364 Seiten starken Buches, so madii eine 
liebenswürdig lirerarisdie Aufmarfiung, eine stille Ironie, eine gelegentlidi 
desto vornehmere Spratlie die Lektüre jederzeit reizvoll und lehrreich. 



Erfaieiiidschaft herrschte zwischen den Bewohnern der Dörfer Longe- 
vernc und Velrans. bittere Feindschaft beseelt die Dorfbuben nodi heute 
und entfesselt den Krieg, der inn der Trophäen willen der Knöpfekrieg 
getauft wurde. Zuerst hören wir homerisch saftige Sdimähreden, die den 
beiderseitigen Sonntagskleidern nichts anhaben, hin= und hergehen, am 
Montag aber, als die Gefahr, nadisitien zu müssen, glüdclidi vorbeigegangen 
ist, treffen sich die Heere, und die Dorfbuben von Longeverne nehmen 
den >VelransistenÄ Migue=la=Lune gefangen. Der faulste Schüler des 
Dorfmagisters Simon, General Lebrac, unterwirft den Feind folgendem 
Schidcsa!. 

»Er begann mil der Bluse, riß die Metallösen am Kragen ab, 
schnitt die Armelknöpfe und die ab, die vorn die Bluse schlössen, 
schlitzte die Knopflöcher völlig auf und Camus warf das nun nutzlose 
Kleidungsstück beiseite,- ein gleidics Geschick ward den Knöpfen und 
Knopflöchern der Trikotjackc, auch die Hosenträger entgingen ihm nidit 
und man warf die LInterjacke beiseite. Nun kam das Hemd an die 
Reihe: an Kragen, Vorhemd und Ärmeln ward kein Knopf, kein Knopf» 
lodi übersprungen ; dann ward an den Hosen selbst Lese gehalten, 
Patten und Schnallen und Tasdien und Knöpfe und Knopflödier gingen 
drauf,- die Gummibänder, welche die Strümpfe hielten, wurden konfisziert 
und die Schnürsenkel in sedisundd reißig Stücke zerschnitten . . .« <p. 46.) 

Der Krieg entwickelt sidi nun folgerichtig und unerbittlich, und das 
Buch ist ein Muster sidierer und klarer Komposition, Jedes Kapitel ist mit 
einem klassischen Zitat überschrieben,- so etwa das Kapitel, wo Lebrac 
dasselbe Sdiicksal^ erleidet wie Migue-Ia^Lune, mit einer Briefstelle Hein- 
richs IV.: »II m'ont entoure comme la beste et croycnt qu'on me prend 
au filetz.« Da lese man denn, wie Lebrac sidi heldenmäßig verteidigt, wie 
eine wundervolle Naturschi Iderung abspiegelt, in weldier Stimmung der 
knopflose Sprößling des sdilag fertigen Vater Lebrac heimschleidit. Dort 
wird ihm denn audi une de ces raclees qui comptent dans la vie d'un 
möme. Aber gleich am anderen Tag findet sidi der Held wieder, als er 
auf die stumm fragenden Blidte lakonisdi antwortet: 

»Ben oui! j'ai re.;u la danse. Et puls quoi! on n'en creve pas, 
»pisques me voilä!« 

Aber so geht das nicht weiter! Die Kleider dürfen nicht wieder ge- 
fährdet werden/ ein Angriff findet natkt statt, aber die Jahreszeit eriaubt 
das nicht mehr,- so muß man die Anlage eines Kriegsschatzes erwägen, 
der vorwiegend Knöpfe und andere Ersatzstüdce enthalten soll, und jeder der 
45 Buben soll womöglich einen Sou <soviel!> beitragen, »Ihr könnt das nicht«, 
zankt Lebrac, und lehrt sie gar uiiehrlidic: Mittel — . »Eine Ohrfeige oder 



La guerre de boutons 539 



zwei kann dirfis Ja kosten, aber in dieser sdiJediten Welt gibts nun mal 
nidits für nidits, und dann brülit man schon so ,ch' die Alten notfi hauen 
brüllt so lauf man kann, dann wagen sie nicht, so sehr zu hauen . , .« 

Ganz köstlich ist es, wie der Schatzmeister Tintin seine Bücher führt, 
wie sich die Kinder, einmal weniger schlimm als kindlidi, der Schätze 
Ireuen, und sich so stark fühlen, daß sie 6en »Aztefcen«, den Führer <3er 
Velrans, gefangen nehmen und mit dem Inhalt seiner Taschen und seinen 
Knöpfen den Schatz so vergrößern, daß sie bald von Überschüssen ein Fest 
werden feiern können. O diese Taschen ! Dieses Tasdientuch, womit man 
dem Gefangenen den Mund stopft! 

». . . Ein Stoffvieredt von unbestimmter Farbe, das rotkarriert ge- 
wesen sein mochte, wenn es nicht zu der Seit ■weiß gewesen war <die 
vielleirfit so fern nicht Iag>, da es rein war. Aber dieser »Rotzlappen« 
zei^fte jetzt den Augen des Beobachters — infolge der Berührung'en mit 
sehr verschiedenen heteroklitisdien Gegenständen und ohne Zweifel auch 
infolge der vielseitigen ihm zugemuteten Verwendungsarten (Reinlidikeit, 
Fessel, Knebel, Binde, Bündeltuch, Haarputz, Verband, Handtudi, Geld= 
sadi, Totschläger, Bürste, Federwedel usw. usw.) •— dieser »Rotzlappen« 
zeigte jetzt nur noch eine nidit weniger als verlockende gelb= oder grau= 
grünliche Färbung.« (p. ""/Z.) 



Cruelle Enigme 
ist das Kapitel übcrsdiricbcn, in wcldiem der seiner Hosen beraubte Azteke 
heimhinkt, nidit weil der arme Bube in die Klasse von Paul Bour^ets 
100.000 fr.=Rentcnseelen gehört, sondern weil er der sdiier unlösbaren 
Frage gegenübergestellt ist: wie traut man sich ohne Hosen heim? Br 
löst sie, und der Triumph der Sieger ist übertrieben. Sie smgen das 
schöne Lied 

Mon pantalon 

Est decousu! 

Si <pa continuc 

On vcrra le trou 

De mon , . . pantalon 

Qü'«st decousu . . . 

und befestigen im Dunkeln die aufgeschlitzte Hose des Azteken rund um 
die Beine einer Statue des heiligen Joseph , , . Jugend hat keine Tugend, 
aber diese Dorfbuben sind jenseits von Gut, Böse, Religion und Pietät, 

Und doch, wie anders sind sie als Alfred Machards Pariser_Gassen= 
kindcr', deren Urwüchsigkeit eines kleinen perversen Stiches nidit ent= 
behren^ in inniger Vertrautheit mit der Natur amüsieren sie sidi wohl 
über das Animalische, das Groteske, sind aber im Grunde so gesund wie 
Louis Pergaud selbst, der kindisches Muckertum tadelt: 

sAls sei der Liebesakt in der Natur nidit überall sichtbar! Sollte 
man ein Sdiild anbringen und den Fliegen den Liebesritt verbieten, den 
Hähnen, auf die Hennen zu springen, brünstige Färse einsperren, lieben= 

' Alfred Machard; Les cent Gosses, Paris 1912 (s, 0.). 

Imaga 11/5 M 



530 



Dr. ). Härnik 



den Spatzen Sdirot drauf brennen, Sdiwalfcennester zerstören, den Hunden 
Schurze und Hosen anziehen und den Hündinnen Rö<he und nie einen 
kleinen Schäfer zum Hüten schiAen, blofi weil die Widder das Grasen 
vergessen, wenn ein Muttcrsdiaf den GcrucJi ausstrahlt, der den Akt 
fördert, und sie umringt ist von einem Hof von Galanen . , ■* (p. 224,) 



Die Freudenfeier in der Hütte, die den Kriegsschatz bergen soll, 
läßt uns neue Biitfee in die naiven Seelen tun und zeigt uns die Buten, 
selbstgcfertigte Zigarren sAmaudiend, Schokolade und Sardinen und Wein 
und Schnaps genießend und das alte Wort bestätigend: c'etait diipe, donc 
c etait bon. 

Dodi schon ist der Verräter unter ihnen. Bei einem . , . mit Verlaub: 
Wettpissen haben sidi Bacaille und Camus verfeindet, und da Bacaille ein 
Angeber und Outsider ist, wird von ihm der Ort, der den Sdiatz birgt, an 
die Feinde verraten: diese plündern ihn denn auch gründlicb, worauf der 
Judas überführt und grausig bestraft wird. Zwar röstet man ihm nicht, wie 
erst geplant, die Zehen, aber er kommt dodi in so jämmerlidicr Verfassung 
daheim an, daß alles aufkommt: vom ersten Gefedit mit Reden und Steinen 
bis zum Freudenmahl mit zusammengestohlenen Scfiätzen und der Bchosung 
des heiligen Joseph. Und nun erhebt sidi das Buch zu einer an Eolas 
Massenbeherrsdiung erinnernden, ganz seltenen Höhe . . . 

Über diesem 9. Kapitel des III. Eudies steht das Baudelaire wort; 

Les sanglots des martyrs et des supplicies 
Sont une Symphonie enivrante sans doute. 

Prosaisch gesprodien heißt das, im Dorfe herrscht Heulen und Zähne= 
klappern/ denn feste Bauernfäuste vollziehen ein Geridit an ihren Jung» 
sten, davon sie noch tagelang einen Katzenjammer ohnegleichen behalten. 

Und so scheint die Streitaxt begraben werden zu müssen, und ein 
Bienenfleiß in die Sdiulstube einziehen zu sollen . . . Aber es müßten nicht 
Kinder sein, die schnell vergessen, Kinder, die ihren rauhen Vater, der gar 
so hart war, doch übermorgen wieder lieb haben . , . Wenn sie audi jetzt 
zanken: »Eltern wie unsere, das ist kein Spaß! Die waren dodi auch mal 
wie wir! Wenn wir mal groß sind, da sind wir vielleidit audi so dumm 
wie sie!* Dr. Werner Klette, 

VIII. 

Dostojewski, »Nj'etotsdika Neswaiiowa«, Bruchstück eines Romanes. 

(Sämtliche Werke, zweite Abteilung: 22. Bd„ faetirell; Ein kleiner Held, 
Mündieti und Leipzig, R, Piper 'S) Co, 1912.) 

rNjetotsdika Ncswanowa« ist, wie das Vorwort des Übersetzers 
sagt, das Brudistüdt eines Romanes, ein liegengebliebenes Manuskript, ein 
unausgearbeitefer Entwurf, trotzdem doch von einer Größe der psydio- 
logisdien Anlage und übrigens auch von einer Großartigkeit der künstlerischen 
Erfassung, die ihn zu den tiefsten und gewaltigsten Dingen zülilen lassen, 
die wir von Dostojewski besitzen. Der Anlage nach ein großer russischer 
»Entwicklungsroman*, erzählt er vom Leben eines armen Mädchens, der 
Tochter eines verkommenen Musikgenies, in autobiographisdier Form. Zur 
Einführung wir<l das eigenartige Sciiicksal des Vaters, eines sehr wunder- 



Njetotsdika Neswanowa 531 



samen Mensdien erzählt, der eigentlidi der Stiefvater des Mädchens war, 
da es der ersten Ehe der Mutter entstammte. Dann folgt eine ausführliÄe 
Kindheitsgesdiidite, die in höchstem Maße das Interesse des Analyrikers 
verdient und eigcntlidi g'ar keiner Deutung bedarf. Sie soll hier in detail» 
liertem Auszug wiedergegeben werden. 

Die kleine Familie, Vater, Mutter und Toditcr, lebte jahrelang in 
einer Dadistube unter den ärmlidisten Verhältnissen. Jahre und Tage ver= 
gingen in der größten Einförmigkeit — Armut und ewiger Streit herrsditen 
im Hause — oW einen bedeutenderen Eindruck auf die Seele des heran- 
wachsenden kleinen Mäddiens auszuüben. Sie gibt an, zu dem Bemrfltsein 
ihrer Lage in ihrem neunten Lebensjahre — wie aus einem tiefen Traume 
erwadiend — gekommen zu sein, Das Erlebnis, das ihr die Augen öffnete, 
war natürlidi ein Streit zwischen den Eltern. 

»Idi erinnere midi, meine Mutter war sehr aufgeregt und aus irgend^ 
einem Grund weinte sie. Mein Stiefvater saß in der Edce, wie immer in 
einem zerissenen RoA. Er antwortete ihr irgendetwas, anwortete unter 
einem höhnisdien Auflachen, was meine Mutter nodi mehr ärgerte, und 
dann flogen wieder Bürsten und Teller auf den Boden. Idi begann zu 
weinen und zu schreien und stürzte zu ihnen beiden, icfi war entsetzlidi 
ersdirocken und umklammerte wie versweifelc meinen Vater, um ihn, mit 
meinem Körper zu sdiützen. Gott mag wissen, weshalb es mir sdiien, 
daß der Arger meiner Mutter grundlos und mein Vater unsdiuldig sei. Idi 
wollte für ihn um Verzeihung bitten, gleichviel, was für eine Strafe an 
seiner Stelle auf micb nehmen. Idi fürditete midi entsetzhdi vor memer 
Mutter und glaubte, daß alle sie ebenso fürditeten . . . Diese ganze Szene 
dauerte etwa zwei Stunden und zitternd vor Spannung bemühte idi niidi, 
zu erraten, womit das alles enden werde. Endlid, verstummte der Streit 
und die Mutter ging irgendwohin fort. Da rief mich der Vater zu s,*, 
küßte mich, streidielte mein Haar, nahm midi auf den Schoß und i* 
schmiegte midi fest und süß an seine Brust, Es war die erste vaterli die 
Zärtlichkeit, die idi empfand, und vielleidit kann ich mich deshalb von der 
Seit an so gut alles Erlebten erinnern. Audi begriff idi, dali idi mir aiese 
Liebe des Vaters durch meine Parteinahme für ihn verdient hatte, und da 
kam mir, idi glaube, zum erstenmal der Gedanke, daß er von der Mutter 
viel zu erdulden und viel Leid zu ertragen habe. Seit der Seit konnte idi 
mich von dieser Vorstellung nidil mehr befreien und mit jedem 1 ag erregte 
und empörte sie midi mehr». ,, 

»In jener Stund erwadite in mir eine grenzenlose Liebe zuni Vater, 
aber es war eine wunderlidie, gleichsam gar nidit kindlidie Liebe^ Idi wurde 
sagen, daß es eher ein gewisses mitleidvolles mütterliches u^iuj ^'^' 
wenn eine solche Bezeidinung nidit komisch wäre - für ein K.ind, Uei 
Vater ersdiien mir immer dermaßen bedauernswert, so ungeredit verfolgt, 
so tyrannisiert, kurz, ich sah in ihm einen soldhen Märtyrer, daß es tur 
midi etwas ganz Unmögliches gewesen wäre, ihn nidit bis zur Besimiungs= 
losigkeit zu lieben, zu trösten, nidit zärtliA zu ihm zu sein, midi nidit 
aus allen Kräften zu bemühen, für ihn zu sorgen und ihm Gutes zu 
tun . . Vielleidit kam das daher, daß meine Mutter gar zu streng mit 
mir umging, weshalb idi midi denn an den Vater hielt, als an emen 
Menschen, der. wie idi glaubte, ebenso ungeredit von ihr behandelt wurde 
und in dem ith deshalb meinen Leidensgenossen sah«. 

, . »Mein Herz war von dem Augenblick an verwundet, meine 
Entwidmung setzte ein und vollzog sidi mit unglaublicher, sidi überhastender, 



34' 



532 



Dr, J. Härnik 



ermüdender Sdinelligkeit. M begann narfizudenken, zu Überlegen, zu beob^ 
aditen . . . Idi begriff, und ich weiß nidil wie, daß in unserem Winkel 
irgendein ewiger Kummer, ein unerträRÜdies Leid licrrsdire. Idi zerbrach 
mir den Kopf um zu erraten, warum das so war, und idi weil) nidit, wer 
mir dabei half, das Rätsel auf meine Art zu deuten; idi besdiuldigte meine 
Mutter, idi hielt sie für die Todfeindin meines Vaters, aber idi wiederhole 
— idi verstehe es selber nidit, wie eine so ungcheuerlidie Auffassung in 
meiner Phantasie entstehen konnte. Und je mehr ich mich dem Vater 
anschloß, um so mehr mußte ich meine arme Mutter hassen. Die 
Erinnerung an all das quält midi nodi jetzt sdimerzlidi, Dodi da gab es 
noch einen anderen Ewisdienfall, der noch mehr als jener erste meine selt- 
same Annäherung an den Vater bewirltte«. 

Hier erzählt sie nun, wie sie einmal abends von der Mutter in den 
Laden gcsdiidt wurde, auf dem Riidtwege stolperte und eine Tasse fallen 
ließ. Sie wird mit Mühe auf die Füße gestellt, will zögernd nadi Hause 
gehn, als sie plötzlidi den Vater erblidtt, der vor einem festlidi erleuAteten 
eleganten Hause steht, das dem ihrigen gegenüberlag, — .Idi faßte den 
Vater am Rodtschoß, zeigte ihm die zersdilagcne Tasse und sagte unter 
Tränen, daß ich vor Angst nicht wagte zur Mutter zu gehen. Idi war 
plötzUdi ohne weiteres überzeugt, daß er midi besdiützen werde. Aber 
weshalb ich davon überzeugt war und wer es mir gesagt oder midi sonst 
irgendwie darauf gebracht hatte, daß ich von ihm mehr geliebt wurde, als 
von meiner Mutter, das weiß idi nicht. Warum ging ich zu ihm ganz 
furditlos, während idi midi vor der Mutter aus lauter Furcht nicht zu 
zeigen wagte? Er nahm midi an der Hand, tröstete midi, und dann sapte 
er, er wolle mir etwas Sdiöncs zeigen, und er hob midi auf und nahm 
mich auf den Arm , . , « Sie bestaunte die roten Vorhänge hinter den 
Fenstern des eleganten Hauses, dann kehrten sie nadi Hause — und die 
ganze Nadit träumte ihr von dem Hause gegenüber und von den sdiöiien 
roien Vorhängen. 

Von nun spielte dieses Haus eine große Rolle in ihren Träumereien 
»Das ganze wurde in meiner kindlidien Phantasie zu efwas kaiscrlidi Groß ' 
artigem und märdienhaft Wundervollem. Und gar nadi meiner Bepeennn^ 
mit dem Vater vor diesem reidien Hause, da wurde es in meinen Auecn 
nodi einmal so sdion und beadifenswcrr. Nun entstanden in meiner erwarfiten 
Phantasie seltsame Vorstellungen und Vermutungen.. Endlidi regte sie zur 
A'ollstandigen Gestaltung ihrer Zukunftsphantasie ein Aussprudi des -un 
Wahnsinn neigenden Vaters: .Es werde eine Zeit kommen, wo audi er 
nidit mehr arm, sondern glcidifails ein reidier Herr sein werde und erst 
wenn die Mutter gestorben sei, würde er endlia'i aufleben.« 

Jcfi weiß nodi, idi crsdirak entsctzlidi, als idi diese Worte hörte 
Mein Sdiredv und Entsetzen waren so groß, daß idi nidit im Zimmer 
bleiben konnte und atif unseren kalten Flur hinauslief, wo id» in Tränen 
ausbradi und idi weinte dort herzbrediend Dann aber, als idi fort- 
während nadidadite und midi allmählidi an diese sdiredtlidic Hoffnung des 
Vaters gewöhnte — kam mir bald meine eigene Phantasie zu Hilfe. Und 
uj ~j '* j*'^''^ "''^^' '^'^ ^s anling, aber zu guter Letzt glaubte idi wirk- 
lidi, daß der Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese lang- 
weilige Wohnung veHassen und mit mir irgendwohin fortziehen werde. 
Aber wohin? — das konnte idi mir audi bis zuletzt nidit klar vorstellen, 
!m erinnere midi nur, daß alles, womit idi jenen Orr, wohin wir beide 
gehen würden (daß wir zwei unbedingt zusammen gehen würden, stand für 



Njetotsdika Neswanowa 500 



mid, außer Frage>, sAmüden konnte, daß alles, was id. mir an SAönheit 
und Olanz und GroßartiÄfccEt vorzustellen vermochte - daß ad das Ver 
Wendung in meinen Träumen von Jener Zukunft fend. Idi glaubte wir 
wurden dann sofort reiJi sein und idi brauAte nidit mehr in den kleinen 
Laden zu gehen, um für die Mutter etwas zu besorgen . Und dann 

malte idi mir aus, wie der Vater sidi soglcidi sdiöne Kleider bestellen und 
wir in ein glänzendes Haus ziehen würden, und da - da kam nun jenes 
reidie Haus mit den roten Vorhängen, meine Begegnung vor demselben 
und der Umstand, daß er mir dort etwas zeigen wollte, meiner Phantasie 
selir zu Hilfe. In memen Zukunftsträumen war es ganz selbstverständlidi 
da» wir gerade in dieses Haus zogen, um dort wie in ewiger Seligkeit zu 
Icbcn._ ieit der Zeit sah idi täglidi, namentlidi abends, mit angespannter 
JNeugier und leilnalime aus unserem Fenster nadi diesem für midi gleirfi. 
sam verzauberten Haüsc - und immer sdiien es mir, daß dort das Para= 
dies sei und ein ewiger Feiertag. Idi fing an, unsere armselige Dadistube 
und die zerlumpten Kleider, die idi trug, zu hassen. Und als einmal die 
Mutter midi sdialt und mir befahl, vom Fensterbrett herabzuklettern, wo 
idi gerade wie gewöhnlidi saß, da kam mir sogleiA der Gedanke, sie sei 
eifersüditig und wünsdie nidit, daß idi dieses Haus betraditete oder an das= 
selbe audi nur dadite, unser Glüdc sei ihr unangenehm und deshalb wolle 
sie es hintertreiben, wenigstens so lange, wie sie nodi lebte . . . Und den 
ganzen Abend beobarfitete idi sie mißtrauisdi.« 

»Wie konnte mein Herz sidi nur so verstodten gegen ein so armes, 
unglüdtlidies Wesen, wie es meine Mutter war! Jetzt erst begreife idi die 
ganze Qual ihres Lebens und kann nidit ohne stedienden Sdimerz im 
Herzen an ihr Martyrium denken. Ja, selbst damals sdion, in jener dunklen 
Zeit meiner wunderlidien Kindheit, während meiner unnatürlidi sdinellen 
Entwiddung, krampfre sidi mein Herz zusammen vor Sdimerz und Mideid 
~ und Unruhe, Verwirrung und Zweifel drängten sidi in meine Seele. 
Audi damals sdion lehnte sidi mein Gewissen gegen midi selbst auf und 
idi empfand es sehr wohl, daß idi ungeredit gegen sie war. Aber es war, 
als sdieuten und mieden wir einander, Idi entsinne midi nidit, jemals 
zärtlidi zu ihr gewesen zu sein, — Idi widersetzte midi gewissermaßen 
sogar ihrer Zärthdikeit, indem idi ihr gegenüber nidit das geringste Emp« 
finden äußerte, obsdion idi midi damit selber quälte. Nein, diese Ver- 
stodttheir konnte nidits Natürüdies sein! Der Mutter Strenge allein 
hätte mich nicht so gegen sie einnehmen können. Aber ich weiß, 
was es war; es war diese meine phantastische Liebe zu meinem 
Vater, die mich in ihrer Ausschließlichkeit verdarb,« 

Dann lehrt ihr Vater sie das Abc, erzählt ihr auch Märdicn: »das 
Unmöglidiste war nun plötzlidi möglich geworden.« — »Natürlich ließ 
idi sogleidi meiner eigenen Phantasie die Zügel sdiießen, und im Nu 
waren alle meine phaniastisdien Träume für midi ebensogut wie bereits 
verwirklidif. Da stand gleidi an erster Stelle das Haus mit den roten Vor= 
hängen, die handelnde Person aber war — aus unbekannten Gründen — 
der Vater, obwohl er selbst das Märdien erzählte, dann kam die Mutter, 
die uns hinderte, idi weiß nidit wohin, fortzuziehen. — In dieser Zeit 
verging idi fast vor Verlangen, mit dem Vater darüber zu spredicn, was uns 
bevorstand, was er selber erwartete und wohin er midi führen werde, 
wenn wir endlidi unsere Dadistube verließen . . , 

Bisweilen — und zwar vornehmlidi abends ~ sdiien es mir, daß der 
Vater mir nun gleidi heimlich zuzwinkern und mich auf den Flur hinauE= 



!?! Dr. O. Rank 



sah, me.n Abc=Budi und dann noA unser Bild, das seit undenklidien 

rte^d^nh f Smne fest besdilossen hatte - und dann liefen wir heiralidi 
n;gend^ohm fort und kehrten nie wieder zur Mutter 2tiriidc. Und eines 
lages als die Mutter nicht zu Hause und der Vater gerade bei besonders 
guter Laune war - das aber yar er regdmäßig, wenn er etwas getrunken 
hatte - da feilte i<Ji mir ein Herz und ging zu ihm und fing an, von 
Jrgcnd etwas zu spredien, in der Absirfit, bei der ersten Gelegenheit auf 
mein gehebtes Thema überzugehen. Endlidi erreidite idi es auA, daß er 
belustigt auflacf.te und da - da umsd.Iang ich ihn fest und begann mit 
bebendem Herzen ganz angstvoll, als wäre ich im Begriff, von «was Ge. 
heimmsvolleni und Fur<btbarem zu spredicn, verwirrt und zusammenhanglos 

und stockend ihn auszufragen: wohin wir denn eigentlich gehen sollten h 

"5i- JvT °l"" ""'', "^^^ ^l'^ mitnehmen und wo wir wohnen wollten und 
schlieDhdi, ob wir denn nidit in das Haus mit den roten Vorhängen ein= 
ziehen würden? ^ .1 

.Was für ein Haus? Rote Vorhänge? Was soll das? Was phantasierst f 

du, dummes Kind?« * 

sldi ersdirak und versudite angstvoll, ihm zu erklären, daß wir beide 
wenn die Mutter einmal gestorben sei, dodi nidit mehr hier auf dem Dadi' 
bodcn bleiben würden, daß er midi dann dodi irgendwohin fortführen müsse 
wo wir zwei reicb und glüdlidj leben könnten. Und zu guter Letzt ver!' 
sicherte irfi ihm nodi, daß er selbst mir das alles versprodien habe DahVi 
war idi vollkommen überzeugt, daß er mir wirklidi froher einmal so etwa^ 
gesagt hatte, wenigstens schien es mir in dem Augenblick so.« ~ NatürliA 
wird das Kind von dem sehr betroffenen Vater nur gesdiolten - die eV.^ 
große Enträusdiung in ihrem Leben. ^ 

.A ?'^ f?'f "^/" Kapitel des Romans beriditen, wie sie dann dod, nadi 
naA dem Tode der Mutter ihre Dadistube verliefien, das Kind aber vom 
wah.,.inmg ^gewordenen Vater auf der Straße verlassen und du^di el^en 
gluAhdien Zufall m ein vornehmes Haus aufgenommen wird, Dkse "n^ 
die weiteren Begebenhe ten, die in der Haunt^^diP n(,^r J ^"^se und 
Reihe von übe'ragungen beriditen und Is Ä lass . d ß 7:^^''' 

hir das tidiidtsal des einze nens werden seilte mii«pn ,.„ ""« <'^s vaters 
dem genialen Werke selbst nad^gelesen werden'. '"" D," f Ran'k, '" 

IX. 
Multatuli Über clie Wißbegierde, 

»Um zu analysieren, wie die Sucht zu 
wissen abgeleitet wird durdi das Be- 
dürfnis nadi Liebe, hätte er einige Jahr» 
zehnte älter sein müssen und nicht selbst 
der Patient dieser psydiologisdien Er- 
sdicinung.« Multaluli. 

Muitatuli, der sdiarfsiditige Psydiologe und Mensdiensdiildercr, 
w^tlk" 'T,!" ^"f^'"*«"<'e" Kindergesdiidite; >Die Abenteuer des kfeinen 
Walther« <ubersetzt von Spohr) die Bedeutung des sexuellen Wißtriebes 
Jur das Denken, Spekulieren und Forsdien des Kindes und der Er- 
wachsenen auf. 



Multatuli über die Wißbegierde 



535 



»Femke begann: - Gott sdiuf die Weh _ \Yr 

dieser ^ctFemhe? - Das weiß id, n«d,t «"^^'^ " ' " " "^^s tat er vor 

Ä^if $Ä-e- rw;£ ^" »-S S ■■■■ • 

heiratet bin.« scwju , , , weil idi nicht ver- 

ein lS.''"' ^'""'^^J'' Gelegenheit wollte er sie dann gleiA fragen was 
^r In R U ^-I, '^,""1 1'" 'ß^^"tt^« "nd ,Keusd,heir', alles Wörter T 
er m B>/derd.,ks ,Floris' kennen gelernt hatte, und weiter solche S.n 

fralen S "" "*' -"«^^ -d dod, gern wissen Tofre.wtde er S 
n(?/m !f 'T!."" wf ^"* "'^^' ^^« <^^^ ungelehrte Mäddien ihm^ 
AuSiZ ^ll'd ^^\7^S Reifen können, es x.ar ihm bereits eTne hm?iÄe 
Aussichr al[ diese Mystenen mit ihr bespredien zu dürfen. Also begann 
At^J Knaben das Ineinanderfließen der versdiiedenen Arten ^von 
imtwidlung zu ofFenbaren, auf die id. früher sdion hinwies. Id, behaupte 
nod. ""ni.er."idit daß wir es hier mit eigemlidier Liebe zu tun haben, 
doA semß ,st, daß Walthers Neigung für Femke, weidien Rang sie denn 
( 3Uf psydidogLsdien und ~ warum sollten wir es (eugnen? - audi 

aut stotthdiem Oebiec einnehmen modite, sidi versdimolz mit der Lust zu 

unlersudien.* 

H I S'"j ^"^^^ Steife zeigt, wie sidi die infantile Neugierde nadi der 

Herkunft des Mensrfien in philosophisdie und thcologisdie Spekulationen 

kleidet: i^br hatte Femke gefragt, was Gott tat, ehe er die Welt sdiuf. 

Ul«e ^rage nämlidi hatte ihn sdion lange besdiäftigt. Er konnte sid. das 

lNictit=üein nidit vorstellen und es verdroß ihn, nidt vordringen zu können 

bis 2u der ersten Ursadie der Dinge .... Meister Pennewip hat einen 

Vater und eine Mutter gehabt, seufzte er . . . gutl . . . Dieser erste Herr 

l^ennewip muß aud» einen Vater gehabt haben ... und dieser wieder . . . 

una der audi . . . und dieser wieder ... ja, immer so weiter . , . aber wer 

IrL ■!'" j Pennewip gewesen? ... Ja, Walther wollte so gerne wissen, 

Ztr -l -r HT*^" Bestehen von allen Weltweisen gesudit ist. Es 

SnmLn t' '' 2(1 nehmen, daß er von der kindlidien Neigung nidit 

- Zr f, ""''l '"^ f"'" *^^sinn« zu denken. Und wie vide andere 

w Jfe'r Ts'lrSlt ZijT! t " " ^"^"^'^^'^^ " "'"^' ^'"'"^^ 

nid,tvl?SJ'%'^'''^,''DV"^'''V^"^^"' "luß id^ ^3§en, daß id, ihn 
Hmen kainX J ,' ^'f ?' ^^"^ ""'^ i^resgleiAen. Und für diese 

»NaL^ -iT"*^ angeführt werden als mildernder Umstand,« 
gewiesen habe vT ^'°,4.'"' '"L^'' '^^"^'' °f^^*^"^" Lügen der Historie 
AMti.S A A^ !i^ r"" L^""'"'^^' ^urüd^kommen auf die !<indlid,e 
tes oÄedite und d'^^'T''' ■ '" ^'" "^^^er-den aus der Jugend un. 
£sKi^dSnS(."r ^"^"^ ^^'^^"' ^'^ ^^' K"^^^ Walther, gleid.wie 
KraftdurÄ S*f ' 77^'^' ^''"^^^" ^"^^^ '^^'^ ^i"^ dreidoppelte 
\und..ä d \r* h'^^,'l "^<^ Wissensdiaft und nadi Kampf« 
seiner e^ten lältre ^0!!^' '^^'»''^^.^"bewußt erwadiend aus dem SAlaf 
pnucken zu iionnen, was Faust zu vernehmen gedadife von Menhisto 
werEiwf ft"^^ -^^pPr"^^ ^anad, fragen, PaterTnsen . ein rld 
wen. Es war Durst nad, Erkenntnis. Dieser Durst mußte gelösdit werden! 



636 Dr. O, Rank 



gleidig-ilti^ an welchem Brunnen. Die Sucht zu wissen iinci zu erkennen in 
aem Knaben, in dem Doktor <Faust) in vielerlei DinRen, der mit all 
seiner Gelehrtheil ein Kind war, und cndlidi in dem allerdümmstcn Kinde, 
das in Asien vor tausend Jahrhunderten zum Bewulhsein seiner selbst 
ahnend vorsdiritr, floß ineinander mit der anderen Hauplbcdingung unserer 
Existenz: mit Liebe.« 

»Erkennen, lieben . . , nodi Fehlte etwas! Wenn der Begierde nach 
Wissenschaft Erfüllung zuteil j;eworden wäre, dann wäre Sätligiing eingc= 
treten, und der Knabe, der Gelehrte, die Menschheit wäre zum Stillstand 
gekommen . , . Ebenso auA mit der Liebe, mit dem Verlangen nadi An= 
näherung, gleidigillig, ob es sich offenbart in einem Seufzer, in dem Schenken 
einer Blume, im Erklimmen eines Fensters, im Aiifsudien einer nördlichen 
Durchfahrt nach Indien, im Erforschen des Grundstoffes einer Eentralsonne 
oder in der Versetzung unserer Phantasie in die sogenannte höhere Sphäre 
der Metaphysik . . , just überall ist dies brennende Begehren nadi Eins* 
sein mit dem Unbekannten die Ursadie unserer Bewegung, das ist: unseres 
Bestehens. Es versteht sidi also von selbst, daß dieses Bestreben vernichtet 
würde, wenn das Erreichen des Zieles möglidi wäre. Und diese Unmög« 
lichkeit stellt demnach die dritte Art Kraft dar, die uns bestehend erhält; 
Hmpdrung gegen das Verbot, Bedürfnis des Kampfes.* 

»Und ihm wie allen wurde in der Jugend von unserem Verstände 
zur Antwort gegeben: »Du willst wissen? Siehe Eva, siehe da G retchen, 
siehe da Fancy, Femke, diese oder jene . . . siehe da die Liebe.* 

»Ist es nicht so? Und ist eine deutlichere Aufzeigung der Beziehung 
möglich zwisdien Sucht nach Erkenntnis und Hysterie? lih rede 
ntjn nicht von den krankhaften Verirrungen dieser Triebe, ich rede von 
gesundem Antrieb zum Wissen und Lieben und man wird einsehen, dafi 
die liebe Natur, die »Fohlhandaln muß, bei Strafe der Veriiichfung, aui 
hierin gut gehandelt hat, indem sie alle ihre Kräfte in einer Riditung an= 
■wendet. Ohne daß sie den Ursachen nachforschten, war es Moralisten und 
Psychologen schon längst eine erkannte Tatsache, daß Neugier ein Haupte 
bestandteil der Liebe ist, Dodi sie daditen dabei allein an sinnliche Liebe 
und indem ich die beiden verwandten Termini in entsprechender Weise zu 
höherem Sinn erhebe, behaupte iiii, daß die edle Wissenslusl ein Erzeugnis 
desselben Bodens ist, darauf die edle Liebe wädist. Durdidringen, entdecken, 
besitzen, lenken und veredeln, siehe da Aufgabe und Begehr von Lieb, 
haber und Naturergründer. Also ist jeder Roß oder Franklin ein 
Werther der Polgegend, und jeder der lieb hat, ein Mungo Park des 
Gemüts.i Mitgeteilt von Dr. O, Rank. 





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I Verlag Hugo Helfer («.vGe., Leipzig U.Wien I., Bauernmarkt 3. 1 



I Internationale Zeitschrift für | 

j . ärztlidie PsyAoanalyse. | 

= Offizielles Organ der Intern: Psychoanalytischen Vereinigung. = 

= Herausgegeben von = 

j Prof. Dr. SIGM. FREUD. | 

= Redigiert von = 

j Dr. S. FERENCZI <Budape5t> und Dr. OTTO RANK <Wkn>. I 

~ Die bisher erschieticn.en4 Hefte des ersren Jahrganges Enfhielten Hebenden reichhaltigen = 

§ Mitteilungen; „Klinische Beiträge", „Aus dem infantilen Seelenleben", ^ 

= „Beiträge zur Traumdeutung", „Zur Psychopathologie des Alltags- ^ 

= lebens", „Beiträge xur Symbolik" etc. und außer den standigen Rubriken: = 

B „Kritiken u. Referate", „Aus Vereinen u. Versammlungen", „Sprech- ^ 

= saal", „Varia", „Bibliographie", „Korrespondenzblatt der Interna- = 

= tionalen Psychoanalytischen Vereinigung" folgende Originalarbeiten: g 

1 Dr. Karl Abraham <BerHn); Einige Bemerkungen über die Rolle der g 

S GföBeltern In der Psychologie d. Neurosen. g 

= Prof. S. Freud; Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. | 

= (Zur Einleitune der Behandlung. — Die Frage der ^ 

S ersten Mitteilungen. — Die Dynamik der Heilung.) = 

5 „ Einige Bemerkungen Über den Begriff des Un- s 

= bevuflten in der Psychoanalyse. ^ 

= Dr, Paul Federn <Wien>: Beitrage zur Analyse des Sadismus und ^ 

= Masochismusl. DleQuellen des männlichen Sadismus. ^ 

= Dr. S. FerencaE<Bud3pest): Entwicklungsstuten des Wirkllchkeitssinnes. p 

= „ Ein kleiner Hahnemann. = 

S „ Zum Thema „Großvaterkomplex". = 

= Prof. Ernest Jones (London); Die Beziehung zwischen Angstneurose = 

S und Angsthysterie. = 

S „ Die Bedeutung des Großvaters für das Schicksal = 

K des Einzelnen. ^ 

^ Prof. lames J. Putnam (Boston): Bemerkungen über einen Krankheits- = 

E fall mit Griselda-Phantasien. = 

S Dr. Otto Hanfc <Wien>: „Die Matrone von Ephesus". Ein Deutungs- ^ 

= versuch der Fabel von der treulosen Witve. = 

^ Dr. L, Seif (München): Zur Psychopathologie der Angst. 

S Dr. Viktor Tausk (Wien): Entwertung des Verdrängungsmotivs durch = 

= Rekompense. E 

I Jährlich 6 Hefte bei 40 Bogen stark M. 18.— = K 21.60. | 
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inhalt des fünften Heftes. 

LOU ANDREAS-SALOME: Von frühem Gottesdienst. 
Prof. ERNEST JONES: Andrea de! Sartos Kunst und der Ein- 
fluß seiner Gattin. 

Dr. OSKAR PFISTER: Die Entstehung der künstlerisdien In- 
spiration. 

VOM WAHREN WESEN DER KINDERSEELE, redigiert 
von Dr. H. v. Hug=Henmiith. 

Die Kindheitserinnerungen Fouqu^'s. Von Dr. E. Lorenz. 
Aus dem Leben Guy de Maupassants. Von Dr. Th, Reik. 
Clairc Weber »Liddy«, Von Dr. H. v. Hug^HeUmuth. 
Mutterliebe. Von Dr. S. Spielrein. 

Aifrcd Madiard KLes cent gosses,« Von Dr. W. Klette. 
Louis Pei^aud »La guerre de toutons.* Von Dr. W. Klette. 
Dostojewsky »Njetotsdika Neswanowai . Von Dr. J, Härnifc. 
Multatuli über kindlidie Wißbegierde. Von Dr. O. Rank. 



Nadidruck verboten. 



äiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiilfiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiuiiiiiiig 




MET^Hy^SCHE 
R^UNDSCHAU 

J^onaii«(hr»li IUI D^LIDlOD■■IECf1c p4rfhara|pEche 
und Bcl'IiO" n ticnuiiclllr PAUi. ZIU^AKH 



Die hihnndB ZelUchrltt (ür Okkuttlsmils 
TheosopliiA utid UeUpbnit 

Uu TEiluige koiUDl« ProipektEidte 
aml ProbaDuiDiiieni 

PrebiUndi I uod U jo 1.G0 H 
(Autluid S.50 HJ 

Oauldtt Scflfl U l.^i un Ab«m4[iuiit 

11 &, — [ür visva Band voa G Bofto) 

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DIE NEUE 

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München 2, Horscheltstr. 4 






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