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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I 1912 Heft 4"

MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNC 
DER. PSYCHOANALYSE AUF DIE 
aElSTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DE SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
OTTO RANK U. D£ HANNS SACHS 



I. JAHRGANG 1912 
HEFT 4. OKTOBER 




1912 

HUGO HELLER &tQe 

LEIPZIG u.WlEN-1-BAUERNMARKJ 5 



PROSPEKT 

Ein Rätsel/ das die Wißbegierde der Mensdiheit seit Jahrtausenden 
gereizt und iKr seit Jahrtausenden widerstanden hatte, ist von der PsyAp- 
analyse bereits gelöst worden: sie hat die Deutung des Traumes ergründet 
und den Nadsweis geführt, daß er niAt ein wirres Gemenge lusammenhang- 
loser Bilder und Worte sei, sondern, wie das Altertum und der Volks- 
aberglaube dunkel ahnten, ein bcdeutungs volles Erzeugnis psyAisrfier Kräfte* 

Aber nidit nur das Erzeugnis eines einzelnen Mcnsdiengeistes, wie 
es der Traum und das ihm im Innersten verwandte Kunstwerk ist, muß 
eine wahre Seelenkunde durthleurfiten können^ audi was Dasein und Form dem 
Zusammenwirken einer unzählbaren Menge von Einzetseelen verdankt, die 
das Streben nadi demselben Ziel zu einer geistigen Einheit versrfvmolzen hat, wie 
SPRACHE UND SITTE, RELIGION UND RECHT, fällt in ihren Bereidi. 

Darum werden siA mit dem Sd\lQssel der psychoanalytisdien Tedinik 
audi in vielen anderen Wissensdiaften versperrte TQren öffnen und Probleme 
ergründen lassen^ an denen die Fadigelehrsamkeit, nidit minder aber JEDER 
EINZELNE GEBILDETE den stärksten Anteil nimmt. Wir nennen 
hier nur jene Geistesgebiete, in denen sdion heute ein Versudi gelang; 
ÄSTHETIK, LITERATUR. UND KUNSTGESCHICHTE, MyTHO. 
LOGIE, PHILOLOGIE, PÄDAGOGIK, FOLKLORE, KRIMINA- 
LISTIK,MORALTHEORIE UND RELIGIONSWISSENSCHAFTEN. 

Was aber bisher nur in einzelnen Streifzügen gesdiehen konnte, soU 
jetzt Ordnung, Dauer und eine sichere Stätte finden. Über die neuentdeAten 
Gebiete, auf die die Psychoanalyse ihren Fuß gesetzt hat, muß nun 
auch der Pflug regeimäfliger Arbeit geführt werden. Dazu soll unsere 
Zeitsdirift dienen. Sie wird sich in buntester Mannigfaltigkeit allen Geästes- 
wissensdiaften widmen, so daß jedermann die Probleme des Fadies, 
4as ihm am nädisten steht, darin behandelt finden wird. Die Einheitlidikeit 
wird durdi die gemeinsame Beziehung zur Psydioanalyse gewahrt werden^ 
durdi die jedes Problem in neue Zusammenhange eingefügt wird. 

REDAKTION UND VERLAG. 



Für die REDAKTION bestimmte Zusdiriften und 
Sendungen woHca an Dr. HANNS SACHS, Wien, 
/ XIX/i, Peter- Jordan gasse 76, adressiert werden. / 

Copyright 1912 Hugo Heller ® Cie , Wien, L, Bauernmarkt j. 

„IMAGO" erscheint vorläufig SECHSMAL iährlidi im Gesamt- 
umfang von etwa 30 Bogen und kann für M* 15'— = K iS'^ pro |alir' 
gang durch jede gute Budjhandluog sowie direkt vom Verlage HUGO 
HELLER ® CIE, in Wien, l Bauernmarkt 3, abonniert werden. 
Einzelne Hefte werden nidit abgegeben. 



linal from 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO^ 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR S. FREUD 

t . SCHRIFTLEITUNG: .f..^ 

1. 4. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1^1^ 



Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 

Von SIGM. FREUD. 

II. 

Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen. 

\ Y^ / *^ wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleidi^ 
\ \ I Stellung des Tabu mit der Zwangsneurose und die 
y V auf Grund dieser Vergleidiung gegebene Auffassung 
des Tabu beansprudien kann. Ein soldier wert liegt offenbar nur 
vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nidit 
zu haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gz= 
stattet, als uns sonst möglidi wird. Wir sind vielleicht geneigt zu 
behaupten, daß wir diesen Nadiweis der Braudibarkeit im Vor-^ 
stehenden bereits erbradit haben,- wir werden aber versuchen 
müssen, ihn zu verstärken, indem wir die Erklärung der Tabu^ 
verböte und Gebräudie ins Einzelne fortsetzen. 

Es steht uns aber audi ein anderer Weg offen. Wir können 
die Untersudiung anstellen, ob nidit ein Teil der Voraussetzungen, 
die wir von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder 
der Folgerungen, zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phäno^ 
menen des Tabu unmittelbar erweisbar ist. Wir müssen uns nur 
entsdieiden, wonadi wir sudien wollen. Die Behauptung über die 
Genese des Tabu, es stamme von einem uralten Verbote ab, 
weldies dereinst \ox\ außen auferlegt worden ist, entzieht sidi natür- 
lidi dem Beweise. Wir werden also eher die psydiologischen 
Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen sudien, weldie wir für die 
Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der 
Neurose zur Kenntnis dieser psydiologischen Momente? Durdi das 
analytisdie Studium der Symptome, vor allem der Zwangshand^ 
lungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an 
ihnen die besten Anzeidien für ihre Abstammung von a m b i^ 
valenten Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleidi^ 

Imago 1 4 zo 

f^nonl^ Orrgmaffnom 

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'M)2 Sigm. Freud 

zeitig dem Wunsch wie dem Gegenwunsdi entspredien oder vor^ 
wiegend im Dienste der einen von den beiden entgegengesetzten 
Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, audi an den Tabu^ 
vorsdiriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter Tendenzen 
aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die naA der Art 
von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleidizeitigen Ausdrud\ 
geben, so wäre die psydiologisdie Übereinstimmung zwisdien dem 
Tabu und der Zwangsneurose im nahezu widitigsten Stüd\ gcsidiert. 
Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin er^ 
wähnt, für unsere Analyse durdi die Zugehörigkeit zum Totemismus 
unzugänglidi/ ein anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer 
Abkunft und für unsere Absidit nidit verwertbar. Das Tabu ist 
nämliA bei den entspredienden Völkern die allgemeine Form der 
Gesetzgebung geworden und in den Dienst von sozialen Tendenzen 
getreten, die sidierlidi jünger sind als das Tabu selbst, wie z. B. 
die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern auferlegt werden, um 
sidi Eigentum und Vorredite zu sidiern. Dodi bleibt uns eine 
große Gruppe von Vorsdiriften übrig, an denen unsere Untere 
sudiung vorgenommen werden kann,- idi hebe aus dieser die Tabu 
heraus, die sidi a. an Feinde, b. an Häuptlinge, c. an Tote 
knüpfen, und werde das zu behandelnde Material der ausgezeidineten 
Sammlung von J. G. Frazer in seinem großen Werke: >^The 
golden bough« entnehmen". 

a> Die Behandlung der Feinde. 

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern 
ungehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzu- 
sdireiben, so werden wir mit großem Interesse erfahren, daß audi 
bei ihnen die Tötung eines Mensdien zur Befolgung einer Reihe 
von Vorsdiriften zwingt, weldie den Tabugebräudien zugeordnet 
werden. Diese Vorsdiriften sind mit Leiditigkeit in vier Gruppen 
zu bringen,- sie fordern i. Versöhnung des getöteten Feindes, 
2. Besdiränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen des Mörders 
und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder wie 
vereinzelt soldie Tabugebräudie bei diesen Völkern sein mögen, 
läßt sidi einerseits aus unseren unvollständigen Nadiriditen nidit 
mit Sidierheit entsdieiden, und ist anderseits für unser Interesse an 
diesen V^orkommnissen gleidigiltig. Immerhin darf man annehmen, 
daß es sidi um weitverbreitete Gebräudie und nidit um ver- 
einzelte Sonderbarkeiten handelt. 

Die Versöhnungs gebräudie auf der Insel T i m o r, nadidem 
eine siegreidie Kriegersdiar mit den abgesdinittenen Köpfen der 
besiegten Feinde zurüd^kehrt, sind darum besonders bedeutsam, 
weil überdies der Führer der Expedition von sdiweren Be- 
sdiränkungen betroffen wird <s. u.>. »Bei dem feierlidien Einzug der 

* Third editioii, part II. : Taboo and the pcrils of the souI 1911. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Das Tabu und die Ambivalenz 803 



Sieger werden Opfer dargebradit, um die Seelen der Feinde zu 
versöhnen/ sonst müßte man Unheil für die Sieger vorhersehen. 
Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen, 
in weldiem der ersdilagene Feind beklagt und seine Verzeihung 
erbeten wird: »Zürne uns nidit, weil wir deinen Kopf hier bei uns 
haben/ wäre uns das Glüd^ nidit hold gewesen, so hingen jetzt 
vielleidit unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer 
gebradit, um didi zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden 
sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind ge^ 
wesen? Wären wir nidit besser Freunde geblieben? Dann wäre 
dein Blut nidit vergossen und dein Kopf nidit abgeschnitten 
worden*.« 

Ähnliches findet sich bei den P a 1 u in Celebes ; die G a 1 1 a s 
opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimats- 
dorf betreten. (Nach Paulitschke, Ethnographie Nordost^ 
Afrikas.) 

Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren 
früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Be^ 
Schützer zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung der 
abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneos sich 
deren rühmen. Wenn die See-D a y a k s von Sarawak von einem 
Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate 
hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und 
mit den zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache 
verfügt. Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in 
den Mund gested^t, Led^erbissen und Zigarren. Er wird wiederholt 
gebeten, seine früheren Freunde zu hassen und seinen neuen 
Wirten seine Liebe zu schenken, da er jetzt einer der ihrigen ist. 
Man würde sehr irre gehen, wenn man an dieser uns gräßlich er^ 
scheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe.** 

Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die 
Trauer um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beob^ 
achtern aufgefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind getötet 
hatte, so begann für ihn eine monatlange Trauer, während welcher 
er sich schweren Einschränkungen unterwarf. Ebenso trauerten die 
D aco t a- Indianer. Wenn die O sagen, bemerkt ein Gewährs- 
mann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann 
um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre***. 

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen 
zur Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine nahe^ 
liegende Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung dieser 
Versöhnungsvorschriften, wird man uns mit F r a z e r und anderen 
entgegenhalten, ist einfach genug und hat nichts mit einer »Ambi^ 



•• 



F r a z e r, I. c, p. i66. 

F r a z e r, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. — Nach H u g h L o >X', 
Sarawak, London 1848. 

**• ). O. Dorsay bei F r a z e r, Taboo etc., p. iSi. 



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304 Sigm. Freud 



Valenz« zu tun. Diese Völker werden von abergläubischer Furcht 
vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, einer Furcht, die auch 
dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der große britisdie 
Dramatiker in den Halluzinationen Macbeths und Richards III. 
auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben leiten sich 
folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, wie auch die 
später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen ,• für diese 
Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten 
Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen, als von Be^ 
mühungen, die den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu 
verjagen '••'. Zum Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den 
Geistern der getöteten Feinde direkt ein und führen die besprochenen 
Tabugebräuche selbst auf sie zurüd<. 

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie 
ebenso ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres 
Erklärungsversuches gerne ersparen. Wir verschieben es auf später, 
uns mit ihr auseinanderzusetzen und stellen ihr zunächst nur die 
Auffassung entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen 
Erörterungen über das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen 
Vorschriften, daß im Benehmen gegen die Feinde noch andere als 
bloß feindselige Regungen zum Ausdrud^ kommen. Wir erblid\en in 
ihnen Äußerungen der Reue, der Wertschätzung des Feindes, des 
bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht zu haben. Es will uns 
scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot lebendig: Du 
sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt werden darf, 
lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines Gottes 
empfangen wird. 

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorsdiriften 
zurüd\. Die B es ch r an k u nge n des siegreidien Mörders sind 
ungemein häufig und meist von ernster Art. Auf Timor <vgl. die 
Versöhnungsgebräudic oben) darf der Führer der Expedition nidit 
ohne weiteres in sein Haus zurüd^kehren. Es wird für ihn eine 
besondere Hütte erriditet, in weldier er zwei Monate mit der Be^ 
folgung versdiiedener Reinigungsvorsdiriften besdiäftigt verbringt. 
In dieser Zeit darf er sein Weib nidit sehen, audi sich nidit selbst 
ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in den Mund 
sdiieben"' '■. — Bei einigen D a y a k stammen müssen die vom erfolge 
rcidien Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert 
bleiben und sidi gewisser Speisen enthalten, sie dürfen audi kein 
Eisen berühren und bleiben ihren Frauen ferne. — In Logca, 
einer Insel nahe bei N e u g u i n e a, sdiließen sidi Männer, die 
Feinde getötet oder daran teilgenommen haben, für eine Wodie in ihren 

• I^ r a z e r, Taboo, p. 169 u. s. f. p. 174. Diese Zeremonien bestehen u\ 
Schlagen mit den Schildern, Sdireien, Brüllen und Erzeugung von Lärm mit Hilfe 
von Instrumenten us\x'. 

*• F r a z e r, Taboo, p. i6ö, nach S. Müller, Reizen en Onderzoekingen 
in den Indischen Archipel Amsterdam 1^57. 



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Das Tabu und die Ambivalenz *}05 



Häusern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren 
Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und 
nähren sidi nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für 
sie gekodit wird. Als Grund für diese letzte Besdiränkung wird an^ 
gegeben, daß sie das Blut des Ersdilagenen nidit riedien dürfen,- 
sie würden sonst erkranken und sterben. ^ Bei dem Toaripi^ 
oder Motumotu^Stamm auf Neuguinea darf ein Mann, der 
einen anderen getötet hat, seinem Weib nidit nahe kommen und 
Nahrung nidit mit seinen Fingern berühren. Er wird von anderen 
Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum 
nächsten Neumond. 

Ich unterlasse es, die bei F r a z e r mitgeteilten Fälle von Be^ 
schränkungen des siegreidien Mörders vollzählig anzuführen, und 
hebe nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter 
besonders auffällig ist, oder die Besdiränkung im Verein mit 
Sühne, Reinigung und Zeremoniell auftritt. 

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der 
einen Feind im Kampfe -getötet hat, »unrein«, wofür dasselbe Wort 
gebraucht wird, das auf Frauen während der Menstruation oder 
des Wodienbettes Anwendung findet. Er darf durch lange Zeit das 
Klubhaus der Männer nidit verlassen, während sich die Mitbewohner 
seines Dorfes um ihn versammeln und seinen Sieg mit Liedern und 
Tänzen feiern. Er darf niemand, niAt einmal seine eigene Frau und seine 
Kinder berühren,- täte er es, so würden sie von Gesdiwüren be* 
fallen werden. Er wird dann rein durdi Wasdiungen und anderes 
Zeremoniell. 

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, 
die den ersten Skalp erbeutet hatten, durdi sedis Monate zur Be^ 
folgung gewisser Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren 
Frauen schlafen und kein Fleisdi essen, erhielten nur Fisch und 
Maispudding zur Nahrung. Wenn ein Choctaw einen Feind 
getötet und skalpiert hatte, begann für ihn eine Trauerzeit von 
einem Monat, während weldier er sein Haar nidit kämmen durfte. 
Wenn es ihn am Kopf juckte, durfte er sidi nicht mit der Hand 
kratzen, sondetn bediente sich dazu eines kleinen Sted^ens. 

Wenn ein P i m a ^ Indianer einen Apachen getötet hatte, 
so mußte er sieb sdiwerenReinigungs^ und Sühnezeremonien unter- 
werfen. Während einer sedizehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch 
und Salz nidit berühren, auf kein brennendes Feuer schauen, zu 
keinem Mensdien sprechen. Er lebte allein im Wald, von einer alten 
Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung bradite, badete oft im 
nächsten Fluß und trug — als Zeichen der Trauer — einen Klumpen 
Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tag fand dann die 
öffentliche Zeremonie der feierlidien Reinigung des Mannes und 
seiner Waffen statt. Da die P i m a^ndianer das Tabu des Mörders viel 
ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht 
wie diese bis nadi der Beendigung des Feldzuges aufzusdiieben 



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306 Sigm. Freud 



pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge 
oder Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlidien 
Tapferkeit erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende 
Bundesgenossen in ihren Kämpfen gegen die ApaAen. 

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne^ 
und Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer 
eindringende Betraditung auch sein mögen, so bredie idi deren Mit^ 
teilung dodi ab, weil sie uns keine neuen Gesiditspunkte eröffnen 
können. Vielleidit führe idi nodi an, daß die zeitweilige oder 
permanente Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis in 
unsere Neuzeit erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. Die 
Stellung des »Freimannes« in der mittelalterlidien Gesellsdiaft ver^ 
mittelt in der Tat eine gute Vorstellung von dem »Tabu« der 
Wilden ^ 

In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Be« 
sdiränkungs-, Sühne- und Reinigungsvorsdiriften werden zwei 
Prinzipien mit einander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom 
Toten her auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen ist, und 
die Furdit vor dem Geist des Getöteten. Auf weldie Weise diese 
beiden Momente miteinander zur Erklärung des Zeremoniells zu 
kombinieren sind, ob sie als gleichwertig aufgefaßt werden sollen, 
ob das eine das primäre, das andere sekundär ist, und welches, das 
wird nidit gesagt und ist in der Tat nidit leicht anzugeben. Dem^ 
gegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer Auffassung, wenn 
wir all diese Vorsdiriften aus der Ambivalenz der Gefühlsregungen 
gegen den Feind ableiten. 

b) Das Tabu der Herrscher. 

Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, 
Könige, Priester wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander 
eher zu ergänzen als zu widersprechen sdieinen. Man muß sidi vor 
ihnen hüten und man muß sie behüten**. Beides gesdiieht vermittelst 
einer Unzahl von Tabu Vorschriften. Warum man sidi vor den 
Herrschern hüten muß, ist uns bereits bekannt geworden,- weil sie 
die Träger jener geheimnisvollen und gefährlidien Zauberkraft sind, 
die sich wie eine elektrische Ladung durdi Berührung mitteilt und 
dem selbst nidit durdi eine ähnliche Ladung Geschützten Tod und 
Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare oder un^ 
mittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo 
solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die 
gefürchteten Folgen abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika glauben 
z. B., daß sie sterben müssen^ wenn sie das Haus ihres Priester- 
königs betreten, daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim 

* Zu diesen Beispielen s. Frazcr, Taboo, p. 165 — 190. »Manslayers 
tabooed«. 

•• Frazer, Taboo, p. 132/ »He must not only bc guardcd, he must also 
be guardcd against«. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Tabu und die Ambivalenz 807 



Eintritt die linke Schulter entblößen und den König veranlassen, 
diese mit seiner Hand zu berühren. So trifft das Merkwürdige ein, 
daß die Berührung des Königs das Heil* und Schutzmittel gegen die 
Gefahren wird, welche aus der Berührung des Königs hervorgehen, 
aber es handelt sich dabei wohl um die Heilkraft der absichtlichen, 
vom König ausgehenden Berührung im Gegensatz zur Gefahr, daß 
man ihn berühre, um den Gegensatz der Passivität und der Aktivität 
gegen den König. 

Wenn es sidi um die Heilwirkung der königlichen Berührung 
handelt, brauAen wir die Beispiele nidit bei Wilden zu sudien. Die 
Könige von England haben in Zeiten, die nodi nidit weit zurüd^^ 
liegen, diese Kraft an der Skrophulose geübt, die darum den Namen: 
»The King's Evil« trug. Königin Elisabeth entsagte diesem Stück 
ihrer königlichen Prärogative ebensowenig wie irgend ein anderer 
ihrer späteren Nachfolger. Charles I. soll im Jahre 1633 hundert 
Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter dessen zuchtlosem 
Sohn Charles II. feierten nach der Überwindung der großen 
englischen Revolution die Königsheilungen bei Skropheln ihre 
höchste Blüte. 

Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hundert- 
tausend Skrophulose berührt haben. Das Gedränge der Heilung^ 
suchenden pflegte bei diesen Gelegenheiten so groß zu sein, daß 
einmal sechs oder sieben von ihnen anstatt der Heilung den Tod 
durch Erdrücktwerden fanden. Der skeptische Oranier, Wilhelm IIL, 
der nach der Vertreibung der Stuarts König von England wurde, 
weigerte sich des Zaubers,- das einzigemal, als er sich zu einer 
solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit den Worten: »Gott gebe 
Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand«*. 

Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher 
man, ob auch unabsichtlich, gegen den König, oder was zu ihm 
gehört, aktiv wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein 
Häuptling von hohem Rang und großer Heiligkeit auf Neuseeland 
hatte einst die Reste seiner Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da 
kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger, hungriger Gesell, sah 
das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es aufzuessen. 
Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein entsetzter Zu- 
schauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen sei, an 
welcher er sich vergangen habe. Er war ein starner mutiger Krieger 
gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte 
er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb 
gegen Sonnenuntergang des nächsten Tages**. Eine Maorifrau hatte 
gewisse Früdite gegessen und dann erfahren, daß diese von einem 
mit Tabu belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des 
Häuptlings, den sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah 

• F r a z e The magic art I, p. 368. 

** Old New Zcaland, by a Pakeha Maori (London 1884), bei Fr a z e r 
Tabu, p. 135. 



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308 Sigm. Freud 

am Nachmittag und am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot'\ 
Das Feuerzeug eines Maori^Häuptlings brachte einmal mehrere 
Personen ums Leben. Der Häuptling hatte es verloren, andere 
fanden es und bedienten sich seiner, um ihre Pfeifen anzuzünden. 
Als sie erfuhren, wessen Eigentum das Feuerzeug sei, starben sie 
alle vor Schrecken**. 

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar 
machte, so gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von 
den anderen zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter 
welcher sie für die anderen unzugänglich waren. Es mag uns die 
Erkenntnis dämmern, daß diese ursprünglich aus Tabuvorschriften 
gefügte Mauer heute noch als höfisches Zeremoniell existiert. 

Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher 
läßt sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurück^ 
führen. Der andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten 
Personen, das Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Ge^ 
fahren zu schützen, hat an der Schaffung der Tabu und somit an 
der Entstehung der höfischen Etikette den deutlichsten Anteil 
gehabt. 

Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren 
zu schürzen, ergibt sich aus seiner Ungeheuern Bedeutung für das 
Wohl und Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine 
Person, die den Lauf der Welt reguliert,- sein Volk hat ihn nicht 
nur für den Regen und Sonnenschein zu danken, der die Früchte 
der Erde gedeihen läßt, sondern auch für den Wind, der Schiffe an 
ihre Küste bringt und für den festen Boden, auf den sie ihre Füße 
setzen***. 

Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer 
Fähigkeit, zu beglücken, ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, 
und an welche auf späteren Stufen der Zivilisarion nur die servilsten 
ihrer Höflinge Glauben heucheln werden. 

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von 
solcher Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, 
um vor den sie bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber 
CS ist nicht der einzige Widerspruch, der in der Behandlung königlicher 
Personen bei den Wilden zutage tritt. Diese Völker halten es auch 
für notwendig, ihre Könige zu überwachen, daß sie ihre Kräfte im 
rechten Sinne verwenden,- sie sind ihrer guten Intentionen oder ihrer 
Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. Ein Zug von Mißtrauen mengt 
sich der Motivierung der Tabuvorschriften für den König bei. »Die 
Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despotismus ist,« sagt Frazert. 
»demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher existiert, ist auf die 

W. Brown, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei 
F r a z c r ibid. 

F r a z e r, I. c. 

F r a z e r, Taboo. The bürden of royalty, p. 7. 
t I. c, p. 7. 



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Das Tabu und die Ambivalenz *^09 



Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und gar nidit an- 
wendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrsdier nur für seine 
Untertanen,- sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die 
Pfliditen seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten 
seines Volkes regelt. Sobald er darin nadiläßt oder versagt, wandeln 
sidi die Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, deren 
Gegenstand er bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Vcr^ 
aditung um. Er wird sdimählidi davongejagt und mag froh sein, 
wenn er das nad^te Leben rettet. Heute nodi als Gott verehrt, mag 
es ihm passieren, morgen als Verbredier ersdilagen zu werden. Aber 
wir haben kein Redit, dies veränderte Benehmen seines Volkes als 
Unbeständigkeit oder Widersprudi zu verurteilen, das Volk bleibt 
vielmehr durdiaus konsequent. Wenn ihr König ihr Gott ist, so 
denken sie, muß er sidi audi als ihr Besdiützer erweisen,- und wenn 
er sie nidit besdiützen will, soll er einem anderen, der bereitwilliger 
ist, den Platz räumen. So lange er aber ihren Erwartungen ent^ 
spridit, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und sie nötigen 
ihn dazu, sidi selbst mit der gleichen Fürsorge zu behandeln. Ein 
solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System von 
Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Ge^ 
brauchen und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine 
Würde zu erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, 
sondern die einzig und allein bezwed^en, ihn vor Schritten zurück- 
zuhalten, welche die Harmonie der Natur stören und so ihn, sein 
Volk und das ganze Weltall gleichzeitig zugrunde richten könnten. 
Diese Vorschriften, weit entfernt, seinem Behagen zu dienen, 
mengen sich in jede seiner Handlungen, heben seine Freiheit auf 
und machen ihm das Leben, das sie angeblich versichern wollen, 
zur Bürde und zur Qual.« 

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und 
Lähmung eines heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell 
scheint in der Lebensweise des Mikado von Japan in früheren 
Jahrhunderten erzielt worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt 
über zweihundert Jahre alt ist*, erzählt: »Der Mikado glaubt, daß 
es seiner Würde und Heiligkeit nicht angemessen sei, den Boden 
mit den Füßen zu berühren,- wenn er also irgendwohin gehen will, 
muß er auf den Schultern von Männern hingetragen werden. Es 
geht aber noch viel weniger an, daß er seine heilige Person der freien 
Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, auf sein 
Haupt zu sdieinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so hohe 
Heiligkeit zugesdirieben, daß weder sein Haupthaar, nodi sein Bart 
gesdioren und seine Nägel nidit gesdinitten werden dürfen. Damit 
er aber nidit zu sehr verwahrlose, wasdien sie ihn nadits, wenn er 
sdiläft,- sie sagen, was man in diesem Zustand von seinem Körper 
nimmt, kann nur als gestohlen aufgefaßt werden, und ein solcher 

• Kämpfer, History of Japan bei F r a r c r, I. c, p. 3. 



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310 Sigm. Freud 



Diebstahl tut seiner Würde und Heiligkeit keinen Eintrag. In nodi 
früheren Zeiten mußte er jeden Vormittag einige Stunden lang mit 
der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem Throne sitzen, aber er 
mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen 
zu bewegen,- nur so, meinte man, könne er Ruhe und Frieden im 
Reidie erhalten. Wenn er unseligerweise sidi nadi der einen oder 
der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß 
auf einen Teil seines Reidies riditete so würden Krieg, Hungers^ 
not, Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbredien, um das 
Land zu verheeren.« 

Einige der Tabu, denen barbarisdie Könige unterworfen sind, 
mahnen lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In S h a r k 
Point bei Kap Padron in Unter^Guinea <Westafrika) lebt ein 
Priesterkönig, Kukulu, allein in einem Wald. Er darf kein Weib 
berühren, auch sein Haus nicht verlassen, ja nicht einmal von seinem 
Stuhl aufstehen, in dem er sitzend schlafen muß. Wenn er sich 
niederlegte, würde der Wind aufhören und die Schiffahrt gestört sein. 
Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken zu halten und im 
allgemeinen für einen gleidbmäßig gesunden Zustand der Atmosphäre 
zu sorgen ^*^. Je mächtiger ein König von Loango ist, sagt Bastian, 
desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist von 
Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, während 
er heranwächst/ im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen 
erstickt. 

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es 
nicht, daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priester- 
würde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß 
Beschränkungen der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle 
unter ihnen spielen. Wie konservierend aber auf alte Gebräuche der 
Zusammenhang mit diesen privilegierten Personen wirkt, mag aus 
zwei Beispielen von Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivili^ 
sierten Völkern, also von weit höheren Kulturstufen, genommen sind. 

Der Flamen D i a 1 i s, der Oberpriester des Jupiter im alten 
Rom, hatte eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu 
beobachten. Er durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten 
sehen, keinen Ring tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten 
an seinen Gewändern haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht be* 
rühren, eine Ziege, einen Hund, rohes Fleisch, Bohnen und Efeu 
nicht einmal beim Namen nennen,- sein Haar durfte nur von einem 
freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten, seine Haare und 
Nägelabfälle mußten unter einem glückbringenden Baum vergraben 
werden,- er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten Hauptes 
unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die 
Flaminica, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf 
einer gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, 

• Bastian, »Die deutsche Expedition an der L o a n g o k ü s t c*, Jena 

1S74, bei F r a z e r, I. c, p. 5. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 811 

an gewissen Festtagen ihr Haar nidit kämmen,- das Leder ihrer 
Sdiuhe durfte von keinem Tier genommen werden, das eines natür^ 
lidien Todes gestorben war, sondern nur von einem gesdiladiteten 
oder geopferten,- wenn sie Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein 
Sühnopfer dargebradit hatte*. 

Die alten Könige von Irland waren einer Reihe von hödist 
sonderbaren Besdiränkun^en unterworfen, von deren Einhaltung 
aller Segen, von deren Übertretung alles Unheil für das Land er- 
wartet wurde. Das vollständige Verzeidinis dieser Tabu ist in dem 
Book ofRights gegeben, dessen älteste handsdiriftlidie Exemplare 
die Jahreszahlen 1390 und 1418 tragen. Die Verbote sind äußerst 
detailliert, betreffen gewisse Tätigkeiten an bestimmten Orten und 
zu bestimmten Zeiten,- in dieser Stadt darf der König nidit an 
einem gewissen Wodientag weilen, jenen Fluß nidit um eine ge^ 
nannte Stunde übersetzen, nidit volle neun Tage auf einer ge^ 
wissen Ebene lagern und dergleidien**. 

Die Härte der Tabubesdiränkungen für die Priesterkönige hat 
bei vielen wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisdi bedeute 
sam und für unsere Gesiditspunkte besonders interessant ist. Die 
Priester^Königswürde hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein,- 
wem sie bevorstand, der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu ent^ 
gehen. So wird es auf Combodsdia, wo es einen Feuere und 
einen Wasserkönig gibt, oft notwendig, die Nadifolger mit Gewalt 
zur Annahme der würde zu zwingen. Auf Nine oder Sa vage 
Island, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, kam die Monardiie 
tatsädilidi zum Ende, weil sidi niemand mehr bereit finden wollte, 
das verantwortlidie und gefährlidie Amt zu übernehmen. In mandien 
Teilen von Westafrika wird nadi dem Tode des Königs ein ge- 
heimes Konzil abgehalten, um den Nadifolger zu bestimmen. Der, 
auf weldien die Wahl fällt, wird gepad^t, gebunden und im Fetisdi- 
haus in Gewahrsam gehalten, bis er sidi bereit erklärt hat, die 
Krone anzunehmen. Gelegentlidi findet der präsumptive Thronfolger 
Mittel und Wege, um sidi der ihm zugedaditen Ehre zu ent^ 
ziehen,- so wird von einem Häuptling beriditet, daß er Tag und 
Nadit Waffen zu tragen pflegte, um jedem Versudi, ihn auf den 
Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen*'^"*. Bei den Negern 
von Sierra Leone ward das Widerstreben gegen die Annahme 
der Königswürde so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren. 
Fremde zu ihren Königen zu madien. 

Frazer führt es auf diese Verhältnisse zurüd<, daß sidi in 
der Entwid^lung der Gesdiidite endlidi eine Sdieidung des ursprüng- 
lidien Priester-Königstums in eine geistlidie und weldidie Madit 
vollzog. Die von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige 



* Frazer, I. c, p. 13. 
Frazer, 1. c, p. 11. 

A. Bastian, »Die deutsche Expedition an der Loangoküste« bei 
Frazer, 1. c, p. 18. 



••• 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



.'J12 Sigm. Freud 



wurden unfähig, die Herrsdiaft in realen Dingen auszuüben, und 
mußten diese geringeren, aber tatkräftigen Personen überlassen, 
welche bereit waren, auf die Ehren der Königswürde zu ver^ 
ziditen. Aus diesen erwudisen dann die weldidhen Herrscher, 
während die nun praktisdi bedeutungslose geisdicfie Oberhoheit den 
früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, inwieweit diese 
Aufstellung in der Gesdiichte des alten Japans Bestätigung findet. 

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven 
Mensdien zu ihren Herrscfiern überblicken, so regt sidi in uns die 
Erwartung, daß uns der Fortschritt von seiner Beschreibung zu 
seinem psychoanalytischen Verständnis nicht schwer fallen wird. 
Diese Beziehungen sind sehr verwickelter Natur und nicht frei von 
Widersprüchen. Man räumt den Herrschern große Vorrechte ein, 
welche sich mit den Tabuverboten der anderen geradezu decken. 
Es sind privilegierte Personen,- sie dürfen eben das tun oder ge^ 
nießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. Im 
Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere Tabu 
besdiränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen nicht drücken. 
Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen 
einem Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für 
dieselben Personen. Man traut ihnen außerordentliche Zauber^ 
kräfte zu und fürchtet sich deshalb vor der Berührung 
mit ihren Personen oder ihrem Eigentum, während man anderseits 
von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung erwartet. Dies 
scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu sein ,• allein wir 
haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. Heilend und 
schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in wohU 
wollender Absicht ausgeht,- gefährlich ist nur die Berührung, die vom 
gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, wahr^ 
scheinlidi, weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, 
nicht so leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich darin, daß man 
dem Herrscher eine so große Gewalt über die Vorgänge der Natur 
zuschreibt und sich doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer 
Sorgfalt gegen ihm drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine 
eigene Macht, die so vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine 
weitere Erschwerung des Verhältnisses stellt sich dann her, indem 
man dem Herrscher nidit das Zutrauen entgegenbringt, er werde 
seine ungeheure Macht in der richtigen Weise zum Vorteil der 
Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden wollen,- man 
mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, ihn zu überwachen. 
Allen diesen Absichten der Bevormundung des Königs, seinem 
Sdiutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der 
Gefahr, die er ihnen bringt, dient gleidizeitig die Tabuetikette, der 
das Leben des Königs unterworfen wird. 

Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und 
widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu 
geben : Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Tabu und die Ambivalenz ^]\H 



Behandlung der Könige mannigfadie Tendenzen zum Ausdrud\, von 
denen jede ohne Rüd^sidit auf die anderen zum Extrem entwid\elt 
wird. Daraus entstehen dann die Widersprüdie, an denen der 
Intellekt der Wilden übrigens so wenig Anstoß nimmt wie der der 
Hödistzivilisierten, wenn es sidi nur um Verhältnisse der Religion 
oder der »Loyalität« handelt. 

Das wäre soweit gut, aber die psydioanalytisdie Tedinik wird 
vielleidit gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und 
Näheres über die Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszu^ 
sagen. Wenn wir den gesdiilderten Sadiverhalt der Analyse unter^ 
ziehen, gleidisam als ob er sidi im Symptombild einer Neurose 
fände, so werden wir zunädist an das Übermaß von ängsdidier 
Sorge anknüpfen, weldies als Begründung des Tabuzeremoniells aus^ 
gegeben wird. Dies Vorkommen einer soldien Überzärtlidikeit ist in 
der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die wir in erster 
Linie zum Vergleidi heranziehen, sehr gewöhnlidi. Ihre Herkunft ist 
uns sehr wohl verständlidi worden. Sie tritt überall dort auf, wo 
außer der vorherrsdienden Zärtlidikeit eine gegensätzlidbe aber un^ 
bewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typisdie 
Fall der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird 
die Feindseligkeit übersdirieen durdi eine übermäßige Steigerung 
der Zärtlidikeit, die sidi als Ängstlidikeit äußert und die zwanghaft 
wird, weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung 
in der Verdrängung zu erhalten, nidit genügen würde. Jeder Psydio^ 
analytiker hat es erfahren, mit weldier Sidierheit die ängstlidie Uber^ 
zärtlidikeit unter den unwahrsdieinlidisten Verhältnissen, z. B. 
zwisdien Mutter und Kind oder bei zärtlidien Eheleuten, diese Auf^ 
lösung gestattet. Auf die Behandlung der privilegierten Personen 
angewendet, ergäbe sidi die Einsidit, daß der Verehrung, ja Ver^ 
götterung derselben im Unbewußten eine intensive feindselige 
Strömung entgegensteht, daß also hier, wie wir es erwartet haben, 
die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung verwirklidit ist. 
Das Mißtrauen, weldies als Beitrag zur Motivierung der Königstabu 
unabweisbar ersdieint, wäre eine andere direktere Äußerung der^ 
selben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären -— infolge der 
Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines soldien Konfliktes bei ver^ 
sdiiedenen Völkern — nidit um Beispiele verlegen, in denen uns der 
Nadiweis einer soldien Feindseligkeit nodi viel leiditer fiele. Die 
wilden T i m m e s von Sierra Leone, hören wir bei F r a z e r *, 
haben sidi das Redit vorbehalten, ihren gewählten König am Abend 
vor seiner Krönung durdizuprügeln, und sie bedienen sidi dieses 
konstitutionellen Vorredites mit soldier Gründlidikeit, daß der un^ 
glüdvlidie Herrsdier gelegentlidi seine Erhebung auf den Thron um 
nidit lange Zeit überlebt, daher haben es sidi die Großen des 
Volkes zur Regel gemadit, wenn sie einen Groll gegen einen be^ 

• I. c, p. iS nach Zweifel et Monstier, »Voyage aux sources du 



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.'U4 Sigm. Freud 



Stimmten Mann haben, diesen zum König zu wählen. Immerhin 
wird audi in soldien grellen Fällen die Feindseligkeit sidi nidit als 
solche bekennen, sondern sidi als Zeremoniell gebärden. 

Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre 
Herrsdier ruft die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der 
Neurose allgemein verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn 
offen zutage tritt. Es wird hier die Bedeutung einer bestimmten 
Person außerordentlich erhöht, ihre Machtvollkommenheit ins Un^ 
wahrscbeinlidie gesteigert, um ihr desto eher die Verantwortlichkeit 
für alles Peinlidie, was dem Kranken widerfährt, aufladen zu können. 
Eigentlich verfahren ja die Wilden mit ihren Königen nicht anders, 
wenn sie ihnen die Madit über Regen und Sonnensdiein, Wind und 
Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder töten, weil die 
Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine reife Ernte 
enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im Verfolgungs^ 
wahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes zu seinem 
Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der Vor^ 
Stellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß das Miß^ 
trauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft 
ist. Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu 
seinem »Verfolger« ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, 
bringt sie unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles 
Unglück seiner Empfindung verantwortlich zu machen. So mag 
uns diese zweite Analogie zwischen dem Wilden und dem Neu-- 
rotiker die Einsicht ahnen lassen, wie vieles im Verhältnis des 
Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen Einstellung des 
Kindes zum Vater hervorgehen mag. 

Den stärksten Anhaltungspunkt für unsere Betrachtungsweise, 
welche die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen 
will, finden wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung 
für die Stellung des Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses 
Zeremoniell trägt seinen Doppelsinn und seine Herkunft von ambi^ 
valenten Tendenzen unverkennbar zur Schau, wenn wir nur an- 
nehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es hervorbringt, auch 
von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet nicht nur die 
Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen Sterblichen, es 
macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur unerträglichen 
Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger ist als 
die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige Gegen^ 
stück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unter* 
drüd^te Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und 
gemeinsamen Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist an^ 
ge blich ein Schutz gegen die verbotene Handlung,- wir möchten 
aber sagen, sie ist eigentlich die Wiederholung des Verbotenen. 
Das >>angeblich« wendet sich hier der bewußten, das »eigentlich« der 
unbewußten Instanz des S3elenlebens zu. So ist auch das Tabu^ 
zeremoniell der Könige angeblich die höchste Ehrung und Sicherung 



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Das Tabu und die Ambivalenz 315 



derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erhöhung, die Rache, weldie 
die Untertanen an ihnen nehmen. Die Erfahrungen, die Sancho 
P a n s a bei C e r V a n t e s als Gouverneur auf seiner Insel madit, 
haben ihn offenbar diese Auffassung des höfisdien Zeremoniells als 
die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr wohl möglich, 
daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir 
Könige und Herrsdier von heute zur Äußerung darüber veranlassen 
könnten. 

Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrsdier einen so 
mächtigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, 
ist ein sehr interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit über^ 
schreitendes Problem. Der Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex 
haben wir bereits gegeben,- fügen wir hinzu, daß die Verfolgung 
der Vorgeschichte des Königtums uns die entscheidenden Aufklä^ 
rungen bringen müßte. Nach Frazers eindrucksvollen, aber nach 
eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden Erörterungen waren 
die ersten Könige Fremde, ciie nach kurzer Herrschaft zum Opfer- 
tod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit bestimmt 
waren *. Noch die Mythen des Christentums wären von der Nach^ 
Wirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. 

c> Das Tabu der Toten. 

Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind ,• wir 
werden vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde be^ 
trachtet werden. 

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des 
Vergleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primi^ 
tiven Völkern eine besondere Virulenz. Es äußert sich zunädist in 
den Folgen, welche die Berührung des Toten nach sich zieht, und 
in der Behandlung der um den Toten Trauernden. Bei den Maori 
war jeder, der eine Leiche berührt oder an ihrer Grablegung teiU 
genommen hatte, aufs äußerste unrein und nahezu abgeschnitten von 
allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen boykottiert. Er 
konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe kommen, 
ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte nicht 
einmal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm 
durch ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte 
ihm das Essen auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als 
sich seiner mit den Lippen und den Zähnen, so gut es eben ging, 
zu bemächtigen, während er seine Hände nach dem Rücken ge^ 
bogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt, daß eine andere Person 
ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm tat, sorgsam, den 
Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese Hilfsperson war dann 
selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel weniger drückend 
waren als seine eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz 

* F r a z e r, »The magic art and the cvolution of kings«. 2 vol. 1911. (The 
jolden bough). 



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81() Sigm. F'rcud. 



verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das 
in der armseligsten ^X^eise von spärlidien Almosen lebte. Diesem 
Wesen war es allein gestattet, sidi auf Armeslänge dem zu nähern, 
der die letzte Pflidit gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War 
aber dann die Zeit der Absdiließung vorüber, und durfte der durdi 
die Leidie Verunreinigte sid» wieder unter seine Genossen mengen, 
so wurde alles Gesdiirr, dessen er sid) in der gefährlidien Zeit be^ 
dient hatte, zersdilagen, und alles Zeug weggeworfen, mit dem er 
bekleidet ^wesen war. 

Die Tabugebräudie nadi der körperlichen Berührung von Toten 
sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika 
die nämlidien,- ihr konstantestes Stüd^ ist das Verbot, Nahrung 
selbst zu berühren, und die sidi daraus ergebende Notwendigkeit, von 
anderen gefüttert zu werden. Es ist bemerkenswert, daß in Poly^ 
nesien oder vielleidit nur in Hawaii* Priesterkönige während der 
Ausübung heiliger Handlungen derselben Besdiränkung unterlagen. 
Bei den Tabu der Toten auf Tonga tritt die Abstufung und alU 
mähliAe Aufhebung der Verbote durdi die eigene Tabukraft sehr 
deutlidi hervor. Wer den Leidinam eines toten Häuptlings berührt 
hatte, war durdi zehn Monate unrein,- wenn er aber selbst ein 
Häuptling war, nur durdi drei, vier oder fünf Monate, je nadi dem 
Rang des Verstorbenen,- aber wenn es sidi um die Leidie des ver^ 
götterten Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten Häupt- 
linge durdi zehn Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, 
daß, wer soldie Tabuvorsdiriften übertrit:, sdhwer erkranken und 
sterben muß, so fest, daß sie nadi der Meinung eines Beobaditers 
nodi niemals den Versudi gewagt haben, sidi vom Gegenteil zu 
überzeugen**. 

Im wesentlidien gleichartig, aber für unsere Zwed^e inter^ 
cssanter sind die Tabubesdiränkungen jener Personen, deren Be^ 
rührung mit den Toten in übertragenem Sinne zu verstehen ist, 
der trauernden Angehörigen, der Witwer und Witwen. Sehen wir 
in den bisher erwähnten Vorsdiriften nur den typisdien Ausdrudv 
der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des Tabu, so sdiimmern 
in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durdi, und zwar 
sowohl die vorgeblidien als audi soldie, die wir für die tiefliegend 
den, editen halten dürfen. 

Bei den Shuswap in Britisch-Columbia müssen 
Witwen und Witwer w^ährend ihrer Trauerzeit abgesondert leben ,• 
sie dürfen weder ihren eigenen Körper nodi ihren Kopf mit ihren 
Händen berühren,- alles Gesdiirr, dessen sie sidi bedienen, ist dem 
Gebraudie anderer entzogen. Kein Jäger wird sidi der Hütte, in 
weldier soldie Trauernde wohnen, nähern wollen, denn das brädite 
ihm Unglüdv/ wenn der Sdiatten eines Trauernden auf ihn fallen 

* Frazer, Taboo, p. 13S usf. 

•• W. Mariner, »The natives of the Tonga Islands«, 1818, bei F ra z e r, 
1. c. p. 140. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 31' 



würde, müßte er erkranken. Die Trauernden sdilafen auf Dorn^^ 
büsdien und umgeben ihr Bett mit soldien. Diese letztere Maß- 
regel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen ferne zu 
halten, und nodi deutlidier ist wohl der von anderen nordameri^ 
kanisdien Stämmen beriditete Gebraudi der Witwe, eine Zeitlang 
nadi dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstüdt aus 
trod^enem Gras zu tragen, um sidi unzugänglidi für die Annähe* 
rung des Geistes zu machen. So wird uns die Vorstellung nahe 
gelegt, daß die Berührung »im übertragenen Sinne« dodi nur als 
ein körperlicher Kontakt verstanden wird, da der Geist des Ver* 
storbenen nidit von seinen Angehörigen weidit, nidit abläßt, sie 
während der Zeit der Trauer zu »umsdiweben«. 

Bei den A g u t a i n o s, die auf P a 1 a w a n, einer der Philip* 
p i n e n, wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder 
adit Tage nadi dem Todesfall nidit verlassen, es sei denn zur 
Naditzeit, wenn sie Begegnungen nidit zu erwarten hat. Wer sie 
ersdiaut, gerät in Gefahr, augenbliAlidi zu sterben, und darum 
warnt sie selbst vor ihrer Annäherung, indem sie bei jedem Sdiritt 
mit einem hölzernen Stab gegen die Bäume sdilägt,- diese Bäume 
aber verdorren. Worin die Gefährlidikeit einer soTdien Witwe be* 
stehen mag, wird uns durdi eine andere Beobaditung erläutert. Im 
M e k e o bezirk von Britisch^Neu*Guinea wird ein Witwer 
aller bürgerlidien Redite verlustig und lebt für eine Weile wie ein 
Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sidi nidit öffentlidi 
zeigen, das Dorf und die Straße nidit betreten. Er sdileidit wie ein 
wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsdi umher, und muß sidi 
im DiAidit verstehen, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib, 
herannahen sieht. Diese letzte Andeutung madit es uns leidit, die 
Gefährlidikeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der 
Versuchung zurüAzuführen. Der Mann, der sein Weib ver^ 
loren hat, soll dem Begehren nadi einem Ersatz ausweidien,- die 
Witwe hat mit demselben Wunsdi zu kämpfen und mag überdies 
als herrenlos die Begehrlidikeit anderer Männer erwed^en. Jede 
soldie Ersatzbefriedigung läuft gegen den Sinn der Trauer,- sie 
müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen."*^ 

Eines der befremdendsten, aber audi lehrreidisten Tabuge^ 
bräudie der Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den Na m e n 
des Verstorbenen auszuspredien. Es ist ungemein verbreitet, hat 
mannigfaltige Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen 
gehabt. 

Außer bei den Australiern und Polynesiern, weldie uns die 
Tabugebräudie in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet 
sidi dies Verbot bei so entfernten und einander so fremden Völkern, 

• Dieselbe Kranke, deren »Unmöglidikeiten« idi oben <S. 221) mit den 
Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung gerate, 
wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße begegne. Solchen 
Leuten sollte das Ausgehen verboten sein ! 

Imago, I/4 2t 



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OrfgfrTaffrom 
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818 Sigm. Freud 

wie die Samo jeden in Sibirien und die Todas in Südindicn, 
die Mongolen der Tartarei und die Tuaregs der Sahara, die 
A i n o in Japan und die A k a m b a und N a n d i in Zentralafrika, 
die T i n g u a n e n auf den Philippinen und die Einwohner der 
Nik ob arischen Inseln, von Madagaskar und Borneo*. Bei 
einigen dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sidi ab^ 
leitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es 
permanent, dodi scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom 
Zeitpunkt des Todesfalles abzublassen. 

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der 
Regel außerordentlidi strenge gehandhabt. So gilt es bei mandien 
südamerikanisdien Stämmen als die sdiwerste Beleidigung der Über^ 
lebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen aus^ 
zuspredien, und die darauf gesetzte Strafe ist nidht geringer als die 
für eine Mordtat selbst festgesetzte**. Warum die Nennung des 
Namens so verabsdieut werden sollte, ist zunäAst nidit leicht zu 
erraten, aber die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze 
Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nadi versdiiedenen 
Riditungen interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die M a s a i 
in Afrika auf die Ausflludit gekommen, den Namen des Verstorbenen 
unmittelbar nadi seinem Tode zu ändern,- er darf nun ohne Sdieu 
mit dem neuen Namen erwähnt werden, während alle Verbote an 
den alten geknüpft bleiben. Es sdieint dabei vorausgesetzt, daß der 
Geist seinen neuen Namen nidit kennt und nidit erfahren wird. Die 
australisdien Stämme an der Adelaide und der Encounter 
Bay sind in ihrer Vorsidit so konsequent, daß nadi einem Todes^ 
fall alle Personen ihren Namen gegen einen anderen vertausdien, 
weldie ebenso oder sehr ähnlidi geheißen haben wie der Ver^ 
storbene. Mandimal wird in weiterer Ausdehnung derselben Er^ 
wägung die Namensänderung nadi einem Todesfall bei allen An- 
gehörigen des Verstorbenen vorgenommen, ohne Rüdcsidit auf den 
Gleidiklang der Namen, so bei einigen Stämmen in Vi c toria und 
in N o r d w e s t a m e r i k a. Ja bei den Guaycurus in Para^ 
g u a y pflegte der Häuptling bei so traurigem Anlaß allen Mit- 
gliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan erinnerten, 
als ob sie sie von jeher getragen hätten***. 

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sidi mit der Be^ 
zeidinung eines Tieres, Gegenstandes usw. gededu hatte, ersdiien 
es manchen unter den angeführten Völkern notwendig, audi diese 
Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim Gebraudi 
dieser Worte nidit an den Verstorbenen erinnert werde. Daraus 
mußte sidi eine nie zur Ruhe kommende Veränderung des Spradi^ 
sdiatzes ergeben, die den Missionären Sdiwierigkeiten genug bereitete, 
besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den 



•• 



Fr az er, 1. c. p. 353. 

F raze r, 1. c, p. 352 usf. 

Frazer, I. c. p. 357 nach einem alten spanischen Beobachter 1732. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 319 



sieben Jahren, die der Missionär Dobrizhofer bei den Abi* 
p o n e n in Paraguay verbradite, wurde der Name für Jaguar drei* 
mal abgeändert, und die Worte für Krokodil, Dornen und Tier* 
sdiladiten hatten ähnlidie Sdiid^sale*. Die Sdieu, einen Namen aus* 
zusprechen, der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sidi aber 
auch nadi der Riditung hin aus, daß man alles zu erwähnen ver* 
meidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als be* 
deutsame Folge dieses UnterdrüAungsprozesses ergibt sidi, daß 
diese Völker keine Tradition, keine historisdien Reminiszenzen haben 
und einer Erforschung ihrer Vorgesdiidite die größten Sdiwierig* 
keiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser primitiven Völker 
haben sidi aber audi kompensierende Gebräudie eingebürgert, um 
die Namen der Verstorbenen nadi einer langen Zeit von Trauer 
wieder zu erweAen, indem man sie an Kinder verleiht, die als die 
Wiedergeburt der Toten betrautet werden. 

Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sidi, wenn wir 
daran gemahnt werden, daß für den Wilden der Name ein wesent* 
lidies Stüdk und ein widitiger Besitz der Persönlidikeit ist, daß sie 
dem Wort volle Dingbedeutung zusdireiben. Dasselbe tun, wie idi 
an anderen Orten ausgeführt habe, unsere Kinder, die sidi darum 
niemals mit der Annahme einer bedeutungslosen Wortähnlidikeit 
begnügen, sondern konsequent sdiließen, wenn zwei Dinge mit gleidi* 
klingenden Namen genannt werden, so müßte damit eine tiefgehende 
Übereinstimmung zwisdien beiden bezeidinet sein. Audi der zivili* 
sierte Erwadisene mag an mandien Besonderheiten seines Benehmens 
nodi erraten, daß er von dem Voll* und Widitignehmen der Eigen* 
namen nidit so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein Name 
in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwadisen ist. Es 
stimmt dann hiezu, wenn die psydioanalytisdie Praxis vicifadien 
Anlaß findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten 
Denktätigkeit hinzuweisen**. Die Zwangsneurotiker benehmen sidi 
dann, wie zu erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die 
Wilden. Sie zeigen die volle »Komplexempfindlidikeit« gegen das 
Ausspredien und Anhören bestimmter Worte und Namen <ähnlidi 
wie audi andere Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des 
eigenen Namens eine gute Anzahl von oft sdiweren Hemmungen 
ab. Eine soldie Tabukranke, die idi kannte, hatte die Vermeidung 
angenommen, ihren Namen niederzusdireiben, aus Angst, er könnte 
in jemandens Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stüd^es 
von ihrer Persönlidikeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, 
durdi die sie sidi gegen die Versudiungen ihrer Phantasie sdiützen 
mußte, hatte sie sidi das Gebot gesdiaffen, »nidits von ihrer Person 
herzugeben«. Dazu gehörte zunädist der Name, in weiterer Aus* 
dehnung die Handsdirift, und darum gab sie sdiließlidi das 
Sdireiben auf. 

• F r a z e r, I. c. p. 360. 
•• Stcket Abraham. 



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820 Sigm. Ih'cud 



So finden wir es nidit mehr auffällig, wenn von den Wilden 
der Name des Toten als ein Stüd^ seiner Person gewertet und 
zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemadit wird. 
Audi die Namensnennung des Toten läßt sidi auf die Berührung 
mit ihm zurüd^führen, und wir dürfen uns dem umfassenderen 
Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem Tabu 
betroffen ist. 

Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürlidie Grauen 
hinweisen, weldies der Leidinam und die Veränderungen, die als^ 
bald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte man der 
Trauer um den Toten einen Platz einräumen, als Motiv für alles, 
was sidi auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem 
Leidinam deAt offenbar nidit die Einzelheiten der Tabuvorsdiriften, 
und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die Erwähnung des 
Toten ein sdiwerer Sdiimpf für dessen Hinterbliebene ist. Die Trauer 
liebt es vielmehr, sidi mit dem Verstorbenen zu besdiäftigen, sein 
Andenken auszuarbeiten und für möglidist lange Zeit zu erhalten. 
Für die Eigentümlidikeiten der Tabugebräudie muß etwas anderes 
als die Trauer verantwortlidi gemadit werden, etwas, was offenbar 
andere Absiditen als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen 
verraten uns dies nodi unbekannte Motiv und sagten es die Ge^ 
bräudie nidit, so würden wir es aus den Angaben der trauernden 
Wilden selbst erfahren. 

Sie madien nämlidi kein Hehl daraus, daß sie sidi vor der 
Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen 
fürchten,- sie üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fern 
zu halten, ihn zu vertreiben*. Seinen Namen auszuspredien, dünkt 
ihnen eine Besdiwörung, der seine Gegenwart auf dem Fuße folgen 
wird**. Sie tun darum rolgeriditig alles, um einer soldien Besdiwörung 
und Erwed^ung aus dem Wege zu gehen. Sie verkleiden sidi, damit 
der Geist sie nidit erkenne***, oder sie entstellen seinen oder den 
eigenen Namen ,• sie wüten gegen den rüd^siditslosen Fremden, der 
den Geist durdi Nennung seines Namens auf seine Hinterbliebenen 
hetzt. Es ist unmöglidi, der Folgerung auszuweidien, daß sie nadi 
Wundts Ausdrud^, an der Furdit »vor seiner zum Dämon ge- 
wordenen Seele« leiden t- 

Mit dieser Einsidit wären wir bei der Bestätigung der Auf- 
fassung W u n d t's angelangt, weldie das Wesen des Tabu, wie 
wir gehört haben, in der Angst vor den Dämonen findet. 

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teuere Familien^ 
mitglied mit dem Augenblid^e seines Todes zum Dämon wird, von 



* Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei F r a z e r, 1. c , p. 353, 
die Tuaregs der Sahara angeführt. 

•• Vielleidit ist hiezu die Bedingung zu fügen: so lange nodi etwas von 
seinen körperlirfien Überresten existiert. Frazer, I. c, p. 372. 
•*• Auf den Nikobaren. F r a z e r, I. c, p. 382. 
t W u n d t. Religion und Mythus, II. B., p. 49. 



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Das Tabu und die Ambivalenr 821 



dem die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und 
gegen dessen böse Gelüste sie sich mit allen Mitteln sdiützen müssen, 
ist so sonderbar, daß man ihr zunächst den Glauben versagen wird. 
Allein so ziemlich alle maßgebenden Autoren sind darin einig, 
den Primitiven diese Auffassung zuzusdireiben. Westermarck, 
der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der MoraU 
begriffe« dem Tabu, nadi meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung 
schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene 
direkt: »Überhaupt läßt midi mein Tatsadienmaterial den Schluß 
ziehen, daß die Toten häufiger als Feinde denn als Freunde ange- 
sehen werden* und daß J e v o n s und Grant Allen im Irrtum 
sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt, die Böswillige 
keit der Toten ridite sicfi in der Regel nur gegen Fremde, während 
sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und Clangenossen 
väterlich besorgt seien.« 

R. K 1 e i n p a u 1 hat in einem eindrucksvollen Budie die Reste 
des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Dar^ 
Stellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten 
verwertet**. Es gipfelt audi nach ihm in der Überzeugung, daß die 
Toten mordlustig die Lebendigen nadi sidi ziehen. Die Toten töten,- 
das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird, stellt dar, daß 
der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlt sich der Lebendige 
vor der Nachstellung der Toten sicher, als bis er ein trennende 
Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher begrub man die 
Toten gerne auf Inseln, braciite sie auf die andere Seite eines 
Flusses,- die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon aus^ 
gegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit der Toten 
auf jene Kategorien besckränkt, denen man ein besonderes Recht 
zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder 
als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gee 
storbenen, wie die Bräute. Aber ursprünglich, meint Kleinpaul, 
waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, 
ihnen zu schaden, sie des Leben zu berauben. Der Leichnam hat 
überhaupt erst den Begriff eines bösen Geistes geliefert. 

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach 
dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung 
zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teueren Toten ein* 

•Westermarck, 1. c, II. B., p. 424. In der Anmerkung und in der 
Fortsetzung des Textes die reidie Fülle von bestätigenden, oft sehr charakteristisdien 
Zeugnissen, z. B. 1 Die Maoris glaubten, »daß die nädisten und geliebtesten Ver* 
wandten nadi dem Tode ihr Wesen ändern und selbst gegen ihre früheren Lieb* 
linge übel gesinnt werden.« — Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei 
lange Zeit bösartig ,• je enger die Verwandtsdiaft, desto größer die FurAt. Die 
Zcntraleskimo werden von der Vorstellung beherrsdit, daß die Toten erst spät 
zur Ruhe gelangen, anfänglidi aber zu fürditen seien als unheilbrütende Geister, 
die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes Unheil zu ver- 
breiten. <B o a s.) 

•* R. K I e i n p a u 1 : Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben, 
Reifgion und Sage. 1S9S. 



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322 Sigm. Freud 



solche Sinnesänderung zuzusdireiben. Warum maditen sie sie zu 
Dämonen ? Westermarck glaubt, diese Frage leidit zu beant^ 
Worten*. »Da der Tod zumeist für das sdilimmste UnglüA gehalten 
wird, das den Mensdien treffen kann, glaubt man, daß die Abge^ 
sdiiedenen mit ihrem Sdiidcsal äußerst unzufrieden seien. Nadi Auf^ 
fassung der Naturvölker stirbt man nur durdi Tötung, sei es ge* 
waltsamc, sei es durdi Zauberei bewirkte, und sdion deshalb sieht 
man die Seele als radisüditig und reizbar an,- vermeintlidi beneidet 
sie die Lebenden und sehnt sich nadi der Gesellsdiaft der alten Ange^ 
hörigen — es ist daher begreiflidi, daß sie trachtet, sie durdi Kranke 
heiten zu töten, um mit ihnen vereinigt zu werden .... 

. . . Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den 
Seelen zusdireibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche 
Furdit ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.« 

Das Studium der psydioneurotisdien Störungen weist uns auf 
eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarcksche 
miteinsdiließt. 

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Toditer ihre Mutter durdi 
den Tod verloren hat, so ereignet es sidi nidit selten, daß die 
Überlebende von peinigenden Bedenken, die wir »Zwangs vorwürfe« 
heißen, befallen wird, ob sie nidit selbst durdi eine Unvorsiditigkeit 
oder Nadilässigkeit den Tod der geliebten Person versdiuldet habe. 
Keine Erinnerung daran, wie sorgfältig sie den Kranken gepflegt, 
keine sachlidie Zurückweisung der behaupteten Versdiuldung vermag 
der Qual ein Ende zu madien, die etwa den pathologischen Aus^ 
druck einer Trauer darstellt und mit der Zeit langsam abklingt. Die 
psychoanalytisdie Untersudiung soldier Fälle hat uns die geneimen 
Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren, daß 
diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur darum 
gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nidit als ob die 
Trauernde den Tod wirklidi versdiuldet oder die Vernachlässigung 
wirklidi begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet / 
aber es war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbe^ 
wußter Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der 
ihn herbeigeführt hätte, wenn er im Besitze der Madit gewesen 
wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch reagiert nun der Vorwurf 
nadi dem Tode der geliebten Person. Solche im Unbewußten ver^ 
steckte Feindseligkeit hinter zärtlidier Liebe gibt es nun in fast allen 
Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, 
es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz mensdilidier 
Gefühlsregungen. Von soldier Ambivalenz ist bei einem Mensdien 
bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen,- normalerweise 
ist es nidit so viel, daß die besdiriebenen Zwangsvorwürfe daraus 
entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie 
sidi gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man 



:z6. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 32^] 



CS am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition 
zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleidi 
herangezogen haben, denken wir uns durdi ein besonders hohes 
Maß soldier ursprüngiidier Gefühlsambivalenz gegeben. 

Wir kennen nun das Moment, weldies uns das vermeintlidie 
Dämonentum der frisdi verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, 
sidi durdi die Tabuvorsdiriften gegen ihre Feindsdiaft zu sdiützen, 
erklären kann. Wenn wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der 
Primitiven ein ähnlidi hohes Maß von Ambivalenz zukomme, wie 
wir es nadi den Ergebnissen der Psydioanalyse den Zwangskranken 
zusdireiben, so wird es verständlidi, daß nadi dem sdimerzlidien 
Verlust eine ähnlidie Reaktion gegen die im Unbewußten latente 
Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durdi die Zwangsvor- 
würfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über 
den Todesfall peinlidi verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primi- 
tiven ein anderes SAidisal ,- sie wird abgewehrt, indem sie auf das 
Objekt der Feindseligkeit auf den Toten, versdioben wird. Wir 
heißen diesen im normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen 
Abwehrvorgang eine Projektion. Der Überlebende leugnet nun, 
daß er je feindselige Regungen gegen den geliebten Verstorbenen 
gehegt hat/ aber die Seele des Verstorbenen hegt sie jetzt und wird 
sie über die ganze Zeit der Trauer zu betätigen bemüht sein. Der 
Straf- und Reuediarakter dieser Gefühlsreaktion wird sidi trotz der 
geglüd^ten Abwehr durdi Projektion darin äußern, daß man sidi 
fürditet, sidi Verzidit auferlegt und sidi Einsdiränkungen unterwirft, 
die man zum Teil als Sdiutzmaßregeln gegen den feindlichen Dä- 
mon verkleidet. Wir finden so v/iederum, daß das Tabu auf dem Boden 
einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwadisen ist. Audi das Tabu 
der Toten rührt von dem Gegensatze zwisdien dem bewußten 
Sdimerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. 
Bei dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlidi, 
daß gerade die nädisten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn 
am meisten zu fürditen haben. 

Die Tabuvorsdiriften benehmen sidi audi hier zwiespältig wie 
die neurotisdien Symptome, Sie bringen einerseits durdi ihren 
Charakter als Einsdiränkungen die Trauer zum Ausdrud^, andere 
seits aber verraten sie sehr deudidi, was sie verbergen wollen, die 
Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. 
Einen gewissen Anteil der Tabuverbote haben wir als Versudiungs- 
angst verstehen gelernt. Der Tote ist wehrlos, das muß zur Be^ 
friedigung der feindseligen Gelüste an ihm reizen, und dieser Ver* 
sudiung muß das Verbot entgegengesetzt werden. 

Westermarck hat aber Redit, wenn er für die Auf^ 
fassung der Wilden keinen Untersdiied zwisdien gewaltsam und 
natürlidi Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbewußte 
Denken ist audi der ein Gemordeter, der eines natürlidien Todes 
gestorben ist,- die bösen Wünsdie haben ihn getötet. <Vergl. die 



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324 Signi. Freud 

nächste Abhandlung dieser Reihe : Animismus, Magie und Allmacht der 
Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume vom 
Tode teurer Verwandter <der Eltern and Geschwister) interessiert, 
der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle 
Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf 
die nämlidie Gefühlsambivalenz, reststellen können. 

Wir haben vorhin einer Auffassung von W u n d t wider^ 
sprochen, welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dä^ 
monen findet, und doch haben wir soeben der Erklärung zuge* 
stimmt, welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor der zum 
Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. Das 
schiene ein Widerspruch : es wird uns aber nicht schwer werden, 
ihn aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber 
nidit als etwas Letztes und für die Psychologie Unauflösbares 
gelten lassen. Wir sind gleichsam hinter die Dämonen gekommen, 
indem wir sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkennen, 
welche die Überlebenden gegen die Toten hegen. 

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen — 
zärtlichen und feindseligen — Gefühle gegen die nun Verstorbenen 
wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als 
Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen 
muß es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, 
die Feindseligkeit — ganz oder zum größeren Anteile ^, unbe^ 
wüßt ist, kann der Ausgang des Konfliktes nicht in einer Sub* 
traktion der beiden Intensitäten von einander mit bewußter Ein- 
setzung des Überschusses bestehen, etwa wie wenn man einer 
geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der 
Prozeß erledigt sich vielmehr durdb einen besoncieren psychischen 
Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als Projektion zu 
bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß 
und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahr^ 
nehmung in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person 
gelöst und der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, 
freuen uns jetzt darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind,- nein, 
wir trauern um ihn, aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser 
Dämon geworden, dem unser Unglück Befriedigung bereiten würde, 
der uns den Tod zu bringen sucht. Die Überlebenden müssen sich 
nun gegen diesen bösen Feind verteidigen,- sie sind von der inneren 
Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine Bedrängnis von 
außen eingetauscht. 

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher 
die Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an 
den reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern 
und ihnen wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer 
Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund 
auch der zärtlichsten Verhältnisse unter den Menschen bildet. Aber 
es kann nicht so einfach zugehen, daß uns dieses Moment für sich 



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Das Tabu und die Ambivalenz 325 

allein die Projektionssdiöpfung der Dämonen begreiflidi mache. Die 
Verschuldungen der Verstorbenen enthalten gewiß einen Teil der 
Motivierung für die Feindseligkeit der Überlebenden, aber sie wären 
unwirksam, wenn nidit diese Feindseligkeit aus ihnen erfolgt wäre, 
und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der ungeeignetste Anlaß, 
die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man ihnen zu 
madien bereditigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit 
als das regelmäßig wirkende und eigentlidi treibende Motiv nidit 
entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und 
teuersten Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, 
d. h. sidi dem Bewußtsein weder direkt noch indirekt durdi irgend 
eine Ersatzbildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig ge^ 
liebten und gehaßten Personen war dies nicht mehr möglidi, der 
Konflikt wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlidikeit stammende 
Trauer wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindselig- 
keit, anderseits durfte sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer 
nun ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kam es zur Ver^ 
drängung der unbewußten Feindseligkeit auf dem Wege der Pro^ 
jektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der 
Bestrafung durdi die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem zeit- 
lidien Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Sdiärfe, so 
daß das Tabu dieser Toten sich abschwädien oder in Vergessen- 
heit versinken darf. 



Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehr^ 
reidie Tabu der Toten erwadisen ist, so wollen wir nidit versäumen, 
einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu 
überhaupt bedeutungsvoll werden können. 

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der 
Toten auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer 
Reihe von Vorgängen, denen der größte Einfluß auf die Gestaltung 
des primitiven Seelenlebens zugesprodien werden muß. In dem be^ 
traditeten Falle dient die Projektion der Erledigung eines Gefühls^ 
konfliktes/ sie findet die nämliche Verwendung in einer großen 
Anzahl von psydiisdien Situationen, die zur Neurose führen. Aber 
die Projektion ist nidit für die Abwehr gesdiaffen, sie kommt audi 
zu Stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer 
Wahrnehmungen nadi außen ist ein primitiver Mechanismus, dem 
z. B. audi unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an 
der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil 
hat. Unter nodi nicht genücjend festgestellten Bedingungen werden 
innere Wahrnehmungen aum von Gefühls^ und Denkvorgängen 
wie die Sinneswahrnehmungen nadi außen projiziert, zur Aus^ 
gestaltung der Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt 
verbleiben sollten. Es hängt dies vielleidit genetisch damit zusammen, 
daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprünglidi nidit der Innen- 



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326 Sigm. Freud 



weit, sondern den von der Außenwelt zuströmenden Reizen zuge^ 
wendet war, und von den endopsydiisdien Vorgängen nur die 
Nadiriditen über Lust- und Unlustentwidilungen empfing. Erst mit 
der Ausbildung einer abstrakten Denkspradie, durdi die Verknüpfung 
der sinnliAen Reste der Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, 
wurden diese selbst allmählidi wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die 
primitiven MensAen durdi Projektion innerer Wahrnehmungen nadi 
außen ein Bild der Außenwelt entwid^elt, weldies wir nun mit erstarkter 
Bewußtseinswahrnehmung in Psydiologie zurüdiübersetzen müssen. 

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen 
ist nur ein Stüd eines Systems, weldies die » Weltansdiauung» der 
Primitiven geworden ist und das wir in der nädisten Abhandlung 
dieser Reihe als das »animistisdie« kennen lernen werden. Wir 
werden dann die psydiologisdien Charaktere einer soldien System* 
bildung festzustellen haben und unsere Anhaltspunkte in der Ana^ 
lyse jener Systembildungen finden, weldie uns wiederum die Neu* 
rosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur verraten, daß die 
sogenannte >>sekundäre Bearbeitung« des Trauminhaltes das Vor* 
bild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir audi nidit 
daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ab* 
leitungcn für jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die 
systematisdie und die reale, aber unbewußte*. 

Wundt** bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der 
Mythus allerorten den Dämonen zusdireibt, zunädist die u n h e i 1* 
vollen überwiegen, so daß im Glauben der Völker siditlidi die 
bösen Dämonen älter sind als die guten«. Es ist nun sehr wohl 
möglidi, daß der Begriff des Dämons überhaupt aus der so bedeut* 
samen Relation zu den Toten gewonnen wurde. Die diesem Ver* 
hältnis innewohnende Ambivalenz hat sidi dann im weiteren Verlaufe 
der Mensdiheitsentwidvlung darin geäußert, daß sie aus der nämlidien 
Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psydiisdie Bildungen hervor* 
gehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurdit einerseits, die Ahnen* 
Verehrung anderseits ''''''*'. Daß die Dämonen stets als die Geister 
kürzlich Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nidits anderes 
den Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. 
Die Trauer hat eine ganz bestimmte psydiisdie Aufgabe zu erledigen, 
sie soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von 
den Toten ablösen. Ist diese Arbeit gesdiehen, so läßt der Sdimerz 

• Den ProjektionssAöpfuiigen der Primitiven stehen die Personifikationen 
nahe, durdi weldic der Dichter die in ihm ringenden entgegengesetzten Trieb- 
regungen als gesonderte Individuen aus sidi herausstellt. 
•• «Mythus und Religion«, II., S. 129. 

••• In den Psydioanalysen neurotisdhcr Personen, die an Gespensterangst 
leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es oft niAt sdiwer, diese Gc* 
spenster als die Eltern zu entlarven. Vergleidie hiezu audi die »Sexualgespensterc 
betitelte Mitteilung von P. H ae b e r I i n (Sexualprobleme, Februar 1912), in weldier 
es sidi um eine andere erotisdi betonte Person handelt, der Vater aber ver» 
^ torben war. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 327 



nach, mit ihm die Reue und der Vorwurf und darum audi die Angst 
vor dem Dämon. Dieselben Geister aber, die zunädist als Dämonen 
gefürditet wurden, gehen nun der freundlidieren Bestimmung entgegen, 
als Ahnen verehrt und zur Hilfeleistung angerufen werden. 

Überblid^t man das Verhältnis der Überlebenden zu den Töten 
im Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambi^ 
Valenz außerordentlidi nadigelassen hat. Es gelingt jetzt leidit, die 
unbewußte, immer nodi nadhweisbare Feindseligkeit gegen die Toten 
niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelisdien Aufwandes 
hiefür bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die sdimerz^ 
hafte Zärtlidikeit miteinander gerungen haben, da erhebt sidi heute 
wie eine Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil 
nisi bene. Nur die Neurotiker trüben nodi die Trauer um den 
Verlust eines ihrer Teuren durdi Anfälle von Zwangsvorwürfen, 
weldie in der Psydioanalyse die alte ambivalente Gefünlseinstellung 
als ihr Geheimnis verraten. Auf weldiem Wege diese Änderung 
herbeigeführt wurde, inwieweit sidi konstitutionelle Änderung und 
reale Besserung der familiären Beziehungen in deren Verursadiung 
teilen, das braudit hier nidit erörtert zu werden. Aber man könnte 
durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, es sei den 
Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein 
höheres Maß von Ambivalenz zuzugestehen, als bei 
dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden 
ist. Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand 
auch langsam das Tabu, das Kompromißsymptom 
des Ambivalenzkonfliktes. Von den Neurotikern, weldie 
genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu 
zu reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine ardiaistisdie 
Konstitution als atavistisdien Rest mit sidi gebradit haben, deren 
Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so 
ungeheuerlidiem seelisdien Aufwand zwingt. 

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durdi ihre Unklarheit 
verwirrenden Auskunft, weldie uns W u n d t über die DoppeU 
bedeutung des Wortes Tabu: heilig und unrein geboten hat <s. o.>. 
Ursprünglidi habe das Wort Tabu heilig und unrein nodi nidit 
bedeutet, sondern habe das Dämonisdie bezeidinet, das nidit berührt 
werden darf, und somit ein widitiges, den beiden extremen Begriffen 
gemeinsames Merkmal hervorgehoben, dodi beweise diese bleibende 
Gemeinsdiaft, daß zwisdien den beiden Gebieten des Heiligen und 
des Unreinen eine ursprünglidie Übereinstimmung obwalte, die erst 
später einer Differenzierung gewidien sei. 

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen 
mühelos ab, daß dem Worte Tabu von allem Anfang an die er^ 
wähnte Doppelbedeutung zukommt, daß es zur Bezeidinung einer 
bestimmten Ambivalenz dient und alles dessen, was auf dem 
Boden dieser Ambivalenz erwadisen ist. Tabu ist selbst 
ein ambivalentes Wort, und naditräglidi meinen wir, man 



C^ nonl^ Orrginal fnom 

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*S28 Sigm. Freud 



hätte aus dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten 
können, was sidi als Ergebnis weitläufiger Untersudiung heraus- 
gestellt hat, daß das TaBuverbot als das Resultat einer Gefühls^ 
ambivalenz zu verstehen ist. Das Studium der ältesten Spradien hat 
uns belehrt, daß es einst viele soldie Worte gab, weldie Gegensätze 
in sidi faßten, in gewissem — wenn audi nidit in ganz dem näm^ 
lidien Sinne — wie das Wort Tabu ambivalent waren*. Geringe 
lautlidie Modifikationen des gegensinnigen Urwortes haben später 
dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen einen 
gesonderten spradilidien Ausdrud< zu sdiaffen. 

Das Wort Tabu hat ein anderes Sdiid^sal gehabt,- mit der ab^ 
nehmenden Widitigkeit der von ihm bezeidineten Ambivalenz ist es 
selbst, respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Spradi- 
sdiatz geschwunden. Idi hoffe, in späterem Zusammenhange wahr- 
sdieinlidi madien zu können, daß sidi hinter dem Sdiid^sal dieses 
Begriffes eine greifbare historisdie Wandlung verbirgt, daß das Wort 
zuerst an ganz bestimmten mensdilidien Relationen haftete, denen 
die große Gefühlsambivalenz eigen war, und daß es von hier aus 
auf andere, analoge Relationen ausgedehnt wurde. 

Wenn wir nidit irren, so wirft das Verständnis des Tabu audi 
ein Lidit auf die Natur und Entstehung des Gewissens. Man 
kann ohne Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen und von 
einem Tabusdiuldbewußtsein nadi Übertretung des Tabu spredien. 
Das Tabugewissen ist wahrsdieinlidi die älteste Form, in weldier 
uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt. 

Denn was ist »Gewissen«? Nadi dem Zeugnis der Spradie ge^ 
hört es zu dem, was man am gewissesten weiß,- in mandien Spradien 
sdieidet sidi seine Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins. 

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung 
bestimmter in uns bestehender Wunschregungen, ■ der Ton liegt aber 
darauf, daß diese Verwerfung sidi auf nidits anderes zu berufen 
braudit, daß sie ihrer selbst gewiß ist. Nodi deutlicher wird dies 
beim Sdiuldbewußtsein, der Wahrnehmung der inneren Verurteilung 
solcher Akte, durdi die wir bestimmte Wunschregungen vollzogen 
haben. Eine Begründung ersdieint hier überflüssig/ jeder, der ein 
Gewissen hat, muß die Bereditigung der Verurteilung, den Vorwurf 
wegen der vollzogenen Handlung, in sidi verspüren. Diesen nämlidien 
Charakter zeigt aber das Verhalten der Wilden gegen das Tabu,- 
das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung läßt ein ent^ 
setzlidies Sdiuldgefühl entstehen, weldies ebenso selbstverständlidi 
wie nadi seiner Herkunft unbekannt ist**. 

* Vgl. mein Referat über Abels »Gegensinn der Lirworte« im Jahrbuch 
f. psydio^analyt. und psydio-pathol. Forschungen, Bd. II, 1910. 

** Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des Tabu in 
nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich geschah (siehe Beispiele 
oben), und daß noch im griediischen Mythus die Verschuldung des ödipus nicht 
aufgehoben wird dadurch, daß sie ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen er* 
worben wurde. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Da> Tabu und die Ambivalenz 329 



Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden 
einer Gefuhlsambivalenz aus ganz bestimmten mensdilidien Rela^ 
tionen, an denen diese Ambivalenz haltet, und unter den für das 
Tabu und die Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß 
das eine Glied des Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwang* 
haft herrsAende anclere verdrängt erhalten werde. Zu diesem 
Schlüsse stimmt mehrerlei, was wir aus der Analyse der Neurose 
gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der Zwangsneurotiker der 
Zug der peinlidien Gewissenhaftigkeit hervortritt als Reaktionssymptom 
gegen die im Unbewußten lauernde Versudiung, und daß bei 
Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von Schuldbewußtsein 
von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den Ausspruch 
wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des 
Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine 
Aussidit, dieselbe je zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe ge- 
lingt nun beim einzelnen neurotisdien Individuum,- für die Völker 
getrauen wir uns eine ähnliche Lösung zu erschließen. 

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel 
von der Natur der Angst hat,- es kann ohne Bedenken als »Ge^ 
wissensangst« beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf un^ 
bewußte Quellen hin,- wir haben aus der Neurosenpsychologie ge- 
lernt, daß, wenn Wunschregungen der Verdrängung unterliegen, 
deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu wollen wir erinnern, 
daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und unbewußt 
ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten 
entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins. 

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist 
eine Überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständliA 
und bedürfe keines weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der 
Neurose, daß ihm eine positive, begehrende Strömung zu Grunde 
liege. Denn, was niemand zu tun begehrt, das braudit man doch 
nidht zu verbieten, und jedenfalls muß das, was aufs nadidrücklidiste 
verboten wird, doch Gegenstand eines Begehrens sein. Wenden wir 
diesen plausibeln Satz auf unsere Primitiven an, so müßten wir 
schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, ihre Könige 
und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu mißhandeln 
und dergleichen. Das ist nun kaum wahrscheinlich/ den entsdiiedensten 
\\ idersprudi erwecken wir aber, wenn wir den nämlidien Satz an den 
Fallen messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am 
deutlidisten zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit einer nicht 
zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß wir nicht die geringste 
Versudiung verspüren, eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. das 
Gebot : Du sollst nicht morden, und daß wir vor der Übertretung 
desselben nichts anderes verspüren als Abscheu. 

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung 
bei, die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig 
— das Tabu sowohl, wie unser Moralverbot — , anderseits bleibt 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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330 Sigm. Freud 



die Tatsache des Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwisdien 
Gewissen, Tabu und Neurose entfallen,- es ist also jener Zustand 
unseres Verständnisses hergestellt, der audi gegenwärtig besteht, so 
lange wir nidit psydioanaTytisdie Gesiditspunkte auf das Problem 
anwenden. 

Wenn wir aber der durdi Psychoanalyse — an den Träumen 
Gesunder — gefundenen Tatsadie Redinung tragen, daß die Ver^ 
sudiung, den anderen zu töten, audi bei uns stärker und häufiger 
ist, als wir ahnen, und daß sie psyAisdie Wirkungen äußert, audi 
wo sie sidi unserem Bewußtsein nidit kundgibt, wenn wir ferner in 
den Zwangsvorsdiriften gewisser Neurotiker die Sidierungen und 
Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls, zw morden, er- 
kannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: 
Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer 
Sdiätzung zurüd^kehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, 
zu morden, tatsäAlidi im Unbewußten vorhanden ist, und daß das 
Tabu wie das Moralverbot psydiologisdi keineswegs überflüssig ist, 
vielmehr durdi die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls 
erklärt und gereditfertigt wird. 

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter 
dieses Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung 
eine unbewußte ist, eröffnet einen Ausblid^ auf weitere Zusammen- 
hänge und Erklärungsmöglidikeiten. Die psychischen Vorgänge im 
Unbewußten sind nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus 
unserem bewußten Seelenleben bekannt sind, sondern genießen ge^ 
wisse beachtenswerte Freiheiten, die den letzteren entzogen worden 
sind. Ein unbewußter Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, 
wo wir seine Äußerung finden/ er kann von ganz anderer Stelle 
herstammen, sich ursprünglich auf andere Personen und Relationen 
bezogen haben und dureh den Mechanismus der Verschiebung 
dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt. Er kann ferner dank der 
Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit unbewußter Vorgänge aus 
sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in spätere Zeiten 
und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine Äußerungen 
fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen, aber 
eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie 
für das Verständnis der Kulturentwid^lung werden können. 

Zum Sdilusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere 
Untersudiungen vorbereitende Bemerkung nidit versäumen. Wenn 
wir audi an der Wesensgleidiheit von Tabuverbot und MoraU 
verbot festhalten, so wollen wir dodi nidit bestreiten, daß eine 
psydiologisdie Versdiiedenheit zwisdien beiden bestehen muß. Eine 
Veränderung in den Verhältnissen der grundlegenden Ambivalenz 
kann allein die Ursadie sein, daß das Verbot nidit mehr in der 
Form des Tabu ersdieint. 

Wir haben uns bisher in der analytisdien Betraditung der 
Tabuphänomene von den nadiweisbaren Übereinstimmungen mit der 



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Das Tabu und die Ambivalenz 381 



Zwangsneurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine Neu^ 
rose, sondern eine soziale Bildung/ somit obliegt uns die Aufgabe, 
audi darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle Unterschied der 
Neurose von einer Kulturschöpfung wie das Tabu zu suchen ist. 

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangs^ 
punkt nehmen. Von der Übertretung eines Tabu wird bei den 
Primitiven eine Strafe befürchtet, meist eine schwere Erkrankung 
oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der sich die Über^ 
tretung hat zu Schulden kommen lassen. Bei der Zwangsneurose ist 
dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm Verbotenes ausführen 
soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, sondern für eine andere 
Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber durch die Analyse 
leicht als eine der ihm nächsten und von ihm geliebtesten Personen 
erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also hiebei wie altruistisch, 
der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die Tabuübertretung sich am 
Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann erwacht bei den Wilden 
ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel alle bedroht wären, 
und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung selbst zu volU 
strecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser Soli^ 
darität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor 
der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit 
des Tabu ist hier im Spiele. Wenn einer es zustandegebracht hat, 
das verdrängte Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesell* 
schaftsgenossen das gleiche Begehren regen,- um diese Versuchung 
niederzuhalten, muß der eigentlich Beneidete um die Frucht seines 
Wagnisses gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern 
nicht selten Gelegenheit, unter der Rechtfertigung der Sühne dieselbe 
frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. Es ist dies ja eine der Grunde 
lagen der menschlichen Strafordnung, und sie hat, wie gewiß richtig, 
die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen beim Verbrecher wie 
bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung. 

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen 
pflegen, wir seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den uner^ 
warteten Edelsinn der Neurose erklären, die nichts für sich und alles 
für eine geliebte Person fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, 
daß er nicht primär ist. Llrsprünglidh, d. h. zuAnfang der Erkrankung, 
galt die Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person,- 
man fürchtete in jedem Falle für sein eigenes Leben,- erst später 
wurde die Todesangst auf eine andere geliebte Person verschoben. 
Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert, aber wir übersehen ihn 
vollständig. Zugrunde der Verbotbildung liegt regelmäßig eine böse 
Regung — ein Todeswunsch — gegen eine geliebte Person. Diese 
wird durdi ein Verbot verdrängt, das Veroot an eine gewisse 
Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige gegen die geliebte 
Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung dieser Handlung 
mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht weiter, und der 
ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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882 Sigin. Freud 



durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sidi also 
so zärtlidi altruistisdi erweist, so kompensiert sie damit nur 
die ihr zugrunde liegende ge^enteHige Einstellung eines brutalen 
Egoismus. Heißen wir die Gefühlsregungen, die durdi die Rüd^sidit 
auf den anderen bestimmt werden, und ihn nicht selbst zum SexuaU 
objekt nehmen, soziale, so können wir das Zurüd^treten dieser 
sozialen Faktoren als einen später durch Überkompensation ver^ 
hüllten Grundzug der Neurose herausheben. 

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und 
ihrer Beziehung zu den anderen Grundtrieben des Mensdien aufzu^ 
halten, wollen wir an einem anderen Beispiel den zweiten Haupte 
diarakter der Neurose zum Vorschein bringen. Das Tabu hat in 
seiner Erscheinungsform die größte Ähnlichkeit mit der Berührungs^ 
angst der Neurotiker, dem Delire de toudier. Nun handelt es sidi 
bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot sexueller Berührung, 
und die Psydioanalyse hat ganz allgemein gezeigt, daß die Triebe 
kräfte, weldie in der Neurose abgelenkt und versdioben werden, 
sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung 
offenbar nidit nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die all^ 
gemeinere des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltendmadiens 
der eigenen Person. Wenn es verboten ist, den Häuptling oder 
etwas, was mit ihm in Berührung war, selbst zu berühren, so soll 
damit demselben Impuls eine Hemmung angelegt werden, der sich 
andere Male in der argwöhnisdien Überwadiung des Häuptlings, ja 
in seiner körperlidien Mißhandlung vor der Krönung <s. oben) zum 
Ausdruck bringt. Somit ist das Überwiegen der sexuellen 
Triebanteile gegen die sozialen das für dieNeurose 
diarakteristische Moment. Die sozialen Triebe sind aber 
selbst durch Zusammentreten von egoistischen und erotischen Kom^ 
ponenten zu besonderen Einheiten entstanden. 

An dem einen Beispiele von Vergleidi des Tabu mit der 
Zwangsneurose läßt sidi bereits erraten, weldies das Verhältnis der 
einzelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, und 
wodurch das Studium der Neurosenpsydhologie für das Verständnis 
der Kulturentwicklung wichtig wird. 

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreidiende 
Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, 
der Religion und der Philosophie, anderseits ersdieinen sie wie Ver^» 
Zerrungen derselben. Man könnte den Aussprudi wagen, eine 
Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstsdiöpfung, eine Zwangsneurose 
ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild 
eines philosophischen Systems. Diese Abweisung führt siA in letzter 
Auflösung darauf zurüd<, daß die Neurosen asoziale Bildungen sind,- 
sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellsdiaft 
durdi kollektive Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen 
erfährt man, daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den 
bestimmenden Einfluß ausüben, während die entspredienden Kultur^ 



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Das Tabu und die Ambivalenz 



333 



Bildungen auf sozialen Trieben ruhen, soldien, die aus der Ver^ 
einigung egoistisdier und sexueller Anteile hervorgegangen sind. Das 
Sexualbedürfnis ist eben nidit imstande, die Mensdien in ähnlidier 
Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu einigen,- die 
Sexualbefriedigung ist zunädist die Privatsadie des Individuums. 

Genetism ergibt sidi die asoziale Natur der Neurose aus 
deren ursprünglidister Tendenz, sidi aus einer unbefriedigenden 
Realität in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüditen. In dieser vom 
Neurotiker gemiedenen realen Welt herrsdit die Gesellsdiaft der 
Mensdien und die von ihnen gemeinsam gesdiaflFenen Institutionen/ 
die Abkehrung von der Realität ist gleidizeitig ein Austritt aus der 
mensdilidien Gemeinsdiaft. 




Imago I'4. 



3y Google 



OrFgfrTaffrom 
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334 Karl Abraham 



Amenhotep IV. <Echnaton>. 

Psydioanalytische Beiträge zum Verständnis seiner Persönlichkeit 

und des monotheistisdien Atonx^Kultes. 

Von Dr. KARL ABRAHAM, Arzt in Berlin. 

Im Jahre 1880 wurde in der Nähe des ägyptisdien Dorfes TelU 
el^Amarna eine große Anzahl von Tafeln mit asiatisdien Texten 
aufgefunden. Diese Tafeln stellten sidi als widitige historisdie 
Dokumente heraus und braditen insbesondere über König 
Amenhotep IV. und seine Regierungszeit die merkwürdigsten Auf^ 
sdilüsse. Die aus jener Epodie erhaltenen hieroglyphisdien Texte 
setzten in Gemeinschaft mit den »Amarna^Tafeln« die Forsdiung 
in den Stand, von der Persönlidikeit des Königs ein ansdiaulidics 
Bild zu entwerfen. Wir besitzen eine Reihe von Quellenbüdiern 
und Bearbeitungen der ägyptisdien Gesdiidite, die eine Fülle des 
Interessanten über jene Epodhe mitzuteilen wissen*. Sie lieferten die 
materiellen Grundlagen der nadifolgenden Untersudiung. Idi ver^ 
weise namentlidi auf die Werke von Breasted, dessen »Gesdiidite 
Ägyptens« vor kurzem in einer vorzüglidien deutsdien Bearbeitung 
ersdhienen ist, sowie auf W e i g a 1 1 s ausgezeidinete Monographie 
über das Leben Amenhoteps IV. 

Die Ägyptologen haben sidi des »Ketzerkönigs«, der sidi 
selbst den später zu erklärenden Namen Echnaton beilegte, mit 
besonderem Interesse, ja mit einer Begeisterung angenommen, die 
dem Uneingeweihten seltsam und unverständlidi ersAeinen muß. 
Trennen uns dodi drei Jahrtausende und einige Jahrhunderte von 
der Amarna-Periode ! Wenn aber ein so berufener Forsdier wie 
Breasted den König als die merkwürdigste Gestalt in der 
älteren Orientalisten Gesdiidite bezeidinet, ja geneigt ist, ihm in 
der Weltgesdiidite einen ganz besonderen Platz einzuräumen, so 
werden wir zu erfahren wünsdien, durdi weldie Eigensdiaften oder 
Taten Amenhotep IV. sidi eine solAe Ehrenstellung verdient hat. 
Amenhotep IV., weldier der adizehnten Dynastie angehört, 
lebte im vierzehnten Jahrhundert vor Christo. Er war weder ein 
Eroberer nodi ein staatskluger Herrsdier wie so mandier seiner 
Vorfahren. Vielmehr ging unter seiner kurzen Regierung das von 
jenen gegründete Weltreich zugrunde, indessen der junge König der 
Katastrophe untätig zusah. Seine Größe liegt auf anderem, auf 
ideellem Gebiet. Man staunt, wenn man nur in einigen Andeutungen 
den Inhalt dieses kurzen Lebens erfährt. 



• Breasted, Ancient Records of Egypt., Vol 2, Chicago 1906. — 
Breasted, History of Egypt-, Chicago 1905. Deutsche Ausgabe: Ge* 
sdiidite Ägyptens. Deutsdi von Dr. H. Ranke. Berlin 1911. — W e i g a 1 1, 
The Life and Times of Akhnaton Pharao of Egypt. Edinborough und London 1910. 
— N i e b u h r. Die Amarna-Zeit. In: Der alte Orient. Jahrgang i, Heft 2. 
Leipzig 1S99. — Set he, Urkunden der 18. Dynastie. Bd 4 der Urkunden des 
äg>''ptis(hen Altertums, Leipzig 1906. — Flinders Pctrie, A History of 



Egypt-, Vol. 2, London 1896. 

3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Amenhotep IV. <Edinaton> o]5 

Zehn Jahre alt, besteigt Amenhotep IV. den Thron,- mit adit^ 
undzwanzig Jahren stirbt er. In den wenigen Zwisdienjahren führt er auf 
den Gebieten der Religion, der Ethik, der Weltansdiauung und der 
Kunst eine großartige Umwälzung herbei. Alles, was wir über 
diese geistige Revolution erfahren, läßt uns darauf sdiließen, daß 
der König seiner Zeit weit vorausgeeilt war. Er ersdieint als der 
Träger von Ideen, die zum Teil erst nadi mehr als tausend Jahren 
wieder aufgenommen wurden. Waren seine Vorfahren gewaltig in 
der Tat, so ist der letzte direkte Sproß der adizehnten D>^nastie 
ganz Träumer, ganz Denker und Idealist, ganz Ethiker und Ästhet. 
Er ist der erste Große im Reidie des Geistes, von dem die Ge- 
sdiidite der Mensdiheit meldet. 

Wer sidi gewöhnt hat, alles Seelisdie unter den Gesidits^ 
punkten der Freudsdien Forsdiungen zu betraditen, den fordert 
das Leben Amenhoteps IV. gleidisam dazu heraus, es psycho- 
analytisdi zu durdidringen. Denn es läßt in einzigartiger Durdi* 
siditigkeit erkennen, wie ein Mensdi in jener weit entlegenen 
Kulturepodie von den gleichen »Komplexen« beherrscht wurde, 
wie die gleichen psychischen Mechanismen in ihm wirkten, weldie 
die Neurosen^Forsciiung F r e u d s und seiner Schule bei Individuen 
unserer Tage aufgedeckt hat. 

In die Zeit der achzehnten Dynastie fällt die erste »Welt^ 
herrschaft« Ägyptens. Unter den direkten Vorfahren Amenhoteps IV. 
war es Thutmosis III. gewesen, der sie begründete. Während seiner 
langen Regierungszeit erweiterte er sein Reich bis zum Euphrat. 
Es bedurfte einer stattlichen Reihe alljährlidi wiederholter Feldzüge, 
um die ägyptische Herrsdiaft zu befestigen. Aus allen diesen Untere 
nehmungen ging der tatkräftige Thutmosis als Sieger hervor. Sein 
Nachfolger, Amenhotep IL, hatte vollauf zu tun, um die asiatischen 
Völker endgiltig zu unterwerfen. An kriegerischem Geist, Wildheit 
und Grausamkeit übertraf er alle seine Vorgänger. Seine Körper^ 
kraft war berühmt: Kein anderer Mann — so wird erzählt — war 
imstande, des Königs Bogen zu spannen. Sein Sohn, Thutmosis IV., 
der nur kurze Zeit regierte, war von geringer Körperkraft. Er 
erhielt Ägyptens politische Macht auf ihrer Höhe, jedoch nicht so- 
wohl durch kriegerische Leistungen als durch die Heirat mit der 
asiatischen Prinzessin Giluchipa, der Tochter des Königs Artatama 
von Mitanni (Mesopotamien). Bei seinem Tode hinterließ er einen 
minderjährigen Sohn, für den seine Mutter die Regentschaft über^ 
nahm, bis er als Amenhotep III. selbst den Thron besteigen konnte. 
Diese Regentschaft ebnete dem asiatischen Einfluß den Boden am 
ägyptischen Hofe. Unter der Regierung Amenhoteps III. wurde der 
Höhepunkt der ägyptischen Macht bereits überschritten. Ihm fehlte 
der kriegerische Sinn noch mehr als seinem Vater. Dagegen war 
er ein begeisterter Jäger, der die Berichte von seinen Jagderfolgen 
der Nachwelt in gleicher Weise überlieferte wie seine Vorfahren 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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336 Karl Abraham 



ihre Kriegstaten. Er entfaltete am Hofe eine früher nidit gekannte 
Pracht. Die Kunst konnte in einer langen Friedenszeit erblühen. In 
folgenschwerster Weise wurde aber den fremden Einflüssen 
Raum gegeben, indem audi dieser König eine Fremde heiratete, die 
den Namen Teje führte. Sie war die Toditer eines ansdieinend 
aus Asien eingewanderten Priesters, der dem Hofe nahe stand. Als 
sie ihm keinen männlidien Thronerben gebar, nahm er sidi eine zweite 
Gemahlin. Audi diese war keine Ägypterin, sondern eine Asiatin: 
Tadudiipa, Prinzessin von Mitanni, eine Toditer des nunmehr dort 
regierenden Königs Tusdiratta. Amenhotep III. wählte in ihr eine 
Cousine aus der mütterlidien Familie. Seine erste Gemahlin Teje 
gebar jedodi später nodi den sehnlidi erwarteten Sohn, den nadi^ 
maligen König Amenhotep IV. 

Mit den Jahren ging die Regierung immer mehr vom König 
auf die Königin über. Die äußere Politik des Landes erfuhr dadurch 
keine wesentlidie Veränderung. Dagegen madite sidi auf religiösem 
Gebiete alsbald ein Umsdiwung bemerkbar. Die Königin und ihr 
Anhang versuditen den hergebraditen Kultus des A m o n bei Seite 
zu drängen und bevorzugten den bis dahin wenig populären Gott 
A ton. 

Amon war um jene Zeit unbestritten der Hauptgott Ägyptens*. 
Die Residenz der Pharaonen ^ Theben — war die widitigste Stätte 
seines Kultes, und die Amonspriester von Theben besaßen sowohl 
am Hofe als im Volke einen außerordentlidien Einfluß. Die gleidie 
dominierende Rolle hatte ehedem der unterägyptische Hauptgott Ra 
<oder Re> innegehabt, bis innerpolitische Veränderungen den Schwer- 
punkt des staatlichen und religiösen Lebens nach der jüngeren 
Residenzstadt Theben verlegten. Der Kultus des Ra war jedoch 
keineswegs völlig beseitigt — ja wir finden sogar den für die reli^ 
giösen Anschauungen der Ägypter sehr charakteristischen Versuch, 
die beiden rivalisierenden Gottheiten zu einer einzigen —' »Amon^Ra« 
zu vcrsdimelzen. Soldier kombinierter Gottheiten gab es viele. Die 
Priestersdiaft eines weniger angesehenen Gottes liebte es, dem Namen 
des letzteren denjenigen des Ra oder Amon hinzuzufügen, um sein 
Ansehen dadurdi zu steigern. Die Historiker weisen nun auf die 
bemerkenswerte, sdion oben erwähnte Tatsadie hin, daß der Vater 
der Königin Teje Priester einer soldien kombinierten Gottheit war, 
nämlidi des Min^Ra. Min entspradi etwa dem Pan der Griedien,- 
Min^Ra bedeutete also eine Kombination des Gottes der Frudit^ 
barkeit mit dem lebenspendenden Sonnengotte, Der Kultus einer 
soldien Gottheit, des Adonis, war nun in dem benadibarten 
Syrien zu Hause. Der asiatisdie Einfluß war in jener Zeit im Zu* 
nehmen begriffen. Und da nun der Vater der Königin ein wahr* 
sdieinlidi aus Asien eingewanderter Priester war, s^o ergibt sidi die 
Vermutung, daß es asiatisdie Einflüsse waren, die sidi im Kultus 
des Min^Ra geltend zu madien begannen. 

* Die Griechen identifizierten ihn daher mit ihrem Zeus. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt . UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Amenhotep IV. (Edinaton) 837 

Die Inschriften aus den späteren Regierungsjahren Amenhoteps III. 
enthalten mehrfach den Namen des Gottes A t o n , der in ferner 
Vergangenheit neben Ra als Sonnengott im unterägyptischen Phara^ 
onenreidie verehrt worden war. Die lautHche Ähnlidikeit der beiden 
Namen Aton und Adonis ist auffallend. Adonis war der Gott der 
untergehenden Sonne. Die Vermutung, der alte Name Aton sei 
zum Träger des von Asien eindringenden Adonis^KuItes geworden, 
ist nicht von der Hand zu weisen. Die namhaftesten Forscher tun 
dieser Auffassung Erwähnung. 

Nach Amenhoteps III. Tode nahm der Kultus des Aton, wie 
bereits bemerkt, größeren Umfang an. In eine solche Zeit des Über* 
ganges fällt der Regierungsantritt des minderjährigen Königs Amen* 
hotep IV. 0375 — 1358 v. Chr.). 

Der junge König war von zartem, schwächlichem Körperbau, 
gelangte nie zu einer kernigen Gesundheit und starb schon im Alter 
von 28 Jahren. Es heißt auch, er habe an »Anfällen« <über die ich 
freilich nirgends nähere Angaben finden konnte) sowie an visionären 
Zuständen gelitten. Man hat daher die Ansicht ausgesprochen, er 
sei epileptisch gewesen,- wohl mit dem gleichen Unrecht, wie es von 
anderen Großen der Geschichte behauptet worden ist. Die Epilepsie 
bringt stets einen fortschreitenden geistigen Verfall des Erkrankten 
mit sich. Hat ein Mensch sich durch besondere geistige Gaben aus-^ 
gezeichnet, und ist er bis zu seinem Ende im Vollbesitz dieser 
Gaben geblieben, so kann die Annahme der Epilepsie schon aus 
diesem Grunde als ausgeschlossen gelten. Amenhotep IV. war, wie 
aus allen Quellmaterialien hervorgeht, ein Idealist uud Träumer, der 
wichtigen Erfordernissen des Lebens rat^ und tatlos gegenüberstand. 
Ihm eignete nicht epileptische Impulsivität,- die weitgehende Ver^ 
drängung in seinem Triebleben und die ausgeprägten Reaktions- 
bildungen in seinem Charakter gemahnen uns vielmehr an das Wesen 
der ISleurotiker. Erinnern wir uns daran, daß nach gesicherter Er* 
fahrung die phantasiebegabten Menschen — Dichter und Künstler — 
stets eine Beimischung neurotischer Züge aufweisen, so werden wir 
Amenhotep IV. eher dieser Menschenklasse zurechnen. 

Mag der junge König nun neurotischen Zuständen in höherem 
oder geringerem Maße unterworfen gewesen sein — ^o vereinigte 
er mit ihnen sicher eine ungewöhnlich frühreife und vielseitige Intel* 
ligenz, ein Gefühlsleben von seltenem Reichtum. Wir erkennen in 
ihm einen Typus wieder, der auch in unserer Zeit existiert. Audi 
heute beobadhten wir oft genug, wie in einer Familie Tatkraft und 
körperliche Leistungsfähigkeit zurückgehen, indessen der absterbende 
Stamm noch den einen oder anderen Sproß hervorbringt, der in 
geistiger Hinsicht vielleicht einen Aufstieg bedeutet, durch neurotische 
Veranlagung aber gehindert wird, sich an Leib und Seele harmonisch 
zu entwickeln. 

Ein Blick in die Geschichte so mancher Familie läßt bemerken, 
wie sich aus ihrer Mitte eine PersönHchkeit erhebt und sich durch 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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338 Karl Abraham 



ihre Aktivität Bahn bridit. Sdion der Sohn eines solchen Mannes 
leitet oft den Abstieg der Familie ein. Häufig fehlt ihm die kraft* 
volle Konstitution des Vaters. Hat er sie aber audi ererbt, so 
wäAst er doch im Sdiatten einer übermäditigen Persönlidikeit heran 
und wird dadurch in der freien Entfaltung gehindert. Er setzt das 
Werk des Vaters fort, ohne dessen Erfolge zu überbieten. Sein 
Maditbedürfnis zeigt sidi mehr in seinen gesteigerten Ansprüdien an 
das Leben, in der Neigung zu Genuß und Luxus. Die folgende 
Generation pflegt dann an Energie und Tatkraft nodi weiter nadi- 
zulassen, zeigt eine Tendenz zur intellektuellen Überfeinerung und 
zur Sentimentalität. Den Anforderungen der Realität nicht gewadisen, 
treibt sie der Neurose zu. 

Viel Entsprediendes findet sich in dem Entwicklungsgang der 
achtzehnten ägyptisdien Dynastie von ihren älteren maditvollen Ver- 
tretern über Amenhotep III. bis zu dessen Sohne, dem Träumer 
und Philosophen, dessen Persönlidikeit nunmehr in psychoanalytisdie 
Beleuchtung gerückt werdan soll. 

Bringen wir bei einem Neurotiker das psychoanalytisdie Ver^ 
fahren zur Anwendung, so begnügen wir uns nidit mit der Kennt* 
nis seiner Lebenssdiicksale und der Feststellung des Krankheits* 
bildes, sondern wir dringen in das Unbewußte des Patienten 
ein und decken dessen Beziehungen zu den Ersdieinungen der Neu- 
rose auf. Wir rekonstruieren in gemeinsamer Arbeit mit dem 
Patienten die Gesdiichte seiner Libido, d. h. ihren Zustand in der 
Kindlicit, das Wirken der Sexualverdängung und die Rüd^kehr ver- 
drängter Wunsdiregungen in das Bewußtsein. Jeder Krankheitsfall, 
den wir in dieser Weise untersudien, lehrt uns von neuem die 
Bedeutung erkennen, weldie der Einstellung des Kindes den Eltern 
gegenüber zukommt. 

Wir haben aber erfahren, daß audi der Gesunde in seinem 
LInbewußten die gleichen Triebkräfte birgt wie der Neurotiker, daß 
auch bei ihm die unbewußte Einstellung zu den Eltern den »Kern^ 
komplex« bildet. Daß die Libido des Knaben zuerst der Mutter 
zustrebt, daß seine ersten feindselig^eifersüditigen Regungen dem 
Vater gelten, können wir bei jedem Individuum von neuem beob- 
aditen. Nur gelingt es dem gesunden Individuum, diejenigen Triebe 
kräfte, deren Verdrängung aus sozialen Gründen erforderlich ist, zu 
sublimieren und zwischen Trieb und Verdrängung einen Ausgleidi 
zu sdiaffen, während der Neurotiker zwisdien den Extremen hin 
und her geworfen wird. 

Amenhotep IV. zum Objekt einer psydioanalytisdien Untere 
sudiung zu madien, müßte als ein gänzlich phantastisdies und aus- 
sichtsloses Unternehmen erscheinen, würden wir nidit gerade über 
den »Elternkomplex« des jungen Königs aus seiner Geschidite in 
einer nidit mißzuverstehenden Weise unterrichtet. Die Tatsachen 
aber, von welchen bald die Rede sein soll, frappieren durch ihre 
weitgehende Analogie mit den Erfahrungen der Psychoanalyse. 



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Amenhotep IV. <Ecfinaton> 339 

In der Ehe seiner Eltern, des Königs Amenhotep III. und der 
Königin Teje, hatte die letztere ohne Zweifel das Übergewidit. 
Eine Frau von großer Intelligenz und Regsamkeit, nahm sie mehr 
und mehr die Zügel der Regierung in die Hand. An Tatkraft, 
Initiative und praktisdier Klugheit war sie ihrem Gemahl weitaus 
überlegen, der in seinen letzten Lebensjahren wenig Interesse für 
die Regierungsgesdiäfte an den Tag gelegt zu haben sdieint. Im 
Leben ihres Sohnes ist ihr Einfluß überall aufs deutlidiste zu er^ 
kennen. Er muß ihr von Kindheit an besonders nahe gestanden 
haben. Seine Libido hatte sidi in ungewöhnlidiem Maße an die 
Mutter fixiert, während im Verhältnis zum Vater eine ebenso aus- 
gesprodiene negative Einstellung hervortritt. 

Für die nadihaltige Fixierung des jungen Königs an seine 
Mutter vermögen wir neben ihrer geistigen Bedeutung nodi eine 
andere Ursadie namhaft zu madien: das ist Tejes Schönheit. Wir 
sind in der Lage, uns eine lebendige Vorstellung von dem Äußeren 
dieser merkwürdigen Frau zu bilden. Eine kleine, in privatem Besitz 
befindlidie Porträtbüste (von der das Berliner Museum eine Nadi^ 
bildung enthält) zeigt in ihren Zügen eine seltene Vereinigung von 
Sdiönheit, Klugheit und Energie. Sie ist von so pad^ender Lebendige 
keit, daß sie ihren Eindrud^ auf den Besdiauer audi heute nidht 
leidit verfehlen wird. Sdion die Betraditung einer Reproduktion* — 
siehe die beigeheftete Tafel — läßt es dem Kundigen begreiflidi 
ersdieinen, daß der feinsinnige, sensible Sohn sidi in besonderem 
Grade an diese Mutter fixierte. 

Eine derartig starke und nadihaltige Bindung der Libido an 
die Person der Mutter entfaltet in späterer Zeit ganz bestimmte 
Wirkungen auf die Erotik des reifenden oder erwadhsenen Sohnes. 
Sie erschwert es ihm — wie ich dies in einem früheren Aufsatz^*'* 
ausgeführt habe '— zur Zeit der Pubertät seine Libido von der 
Mutter abzulösen und sie auf neue Liebesobjekte zu übertragen,- 
nicht selten mißlingt die Ablösung sogar völlig. Meist gelingt sie 
in einem unvollkommenen Grade,- alsdann tritt die Neigung hervor, 
sich monogamisch an eine Person zu binden, die zum Ersatz der 
Mutter wird. Die einmal erfolgte Übertragung der Libido pflegt die 
endgiltige, unwiderrufliche zu sein. 

Eben dieser monogamisdie Zug findet sich nun bei dem jungen 
König in ausgesprochener Weise. Die Schid^sale seines Liebes- 
lebens sind einfach erzählt. Bald nach dem Tode seines Vaters 
wurde er, noch nicht zehn Jahre alt, vermählt. Zur Gemahlin er- 
hielt er eine ebenfalls noch kindliche asiatische Prinzessin. Es ist 



• Die Abbildung ist der im Verlag Curtius ersdiienenen reich illustrierten 
deutschen Ausgabe von Breasteds Geschichte Ägyptens entnommen. 

•• »Die Stellung der Venxandtenehe in der Psychologie der Neurosen.« Jahr- 
buch für psychoanalytische Forschungen, Bd. I, 1909. — Ich habe dort besonders 
die häufigen Cousinen^Ehen berücksichtigt. Ich verweise daher auf die zweite Ehe 
Amenhoteps III. mit einer Cousine aus der mütterlichen Familie. 



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340 Karl Abraham 



bemerkenswert, daß jetzt zum dritten Male eine Asiatin zur künf* 
tigen Königin erhoben wurde. Zur künftigen — denn einstweilen 
blieb die Herrschaft in den Händen der Königin^Mutter Teje und 
ihrer Berater. Als sie herangereift war, gebar die junge Königin 
eine Reihe von Töchtern, während der ersehnte männlidie Thron^ 
erbe ausblieb. Amenhotep IV. unterließ es jedoch, wie sein Vater 
eine zweite Gemahlin zu nehmen,- er beschränkte sich auf die von 
ihm über alles geliebte Nefer^Nefru-Aton. Diese Tatsache wird 
umso auffälliger, wenn man in Betracht zieht, daß die früheren 
Könige nach orientalischer Sitte einen Harem unterhalten hatten. 
Amenhotep IV. ist, wie W e i g a 1 1 richtig hervorhebt, der erste 
der Pharaonen, der in streng monogamischer Ehe lebte. Er he^ 
schränkte sich auf eine einzige Frau, die ihm überdies angetraut 
war, als er noch im Kindesalter stand. Er verzichtete also zeit^ 
lebens auf eine eigene Objektwahl. An seine Gemahlin fixierte er 
sich mit ähnlicher Intensität, wie an seine Mutter. Auch nachdem 
er großjährig geworden war, zeigte er sich in der Öffentlichkeit mit 
Vorliebe in Begleitung der beiden Frauen, die denn auch einen 
bedeutenden Einfluß auf die Regierung ausübten*. 

Unmittelbar nadi dem Tode Amenhoteps III. gab die Königin^ 
W^itwe deutlidi zu erkennen, wie sehr sie (fem Kult des Aton zu^ 
neigte und wie widitig es ihr war, ihren unmündigen Sohn zum Werk- 
zeug ihrer Reformpläne zu madien, Amenhotep IV. erhielt beim 
Regierungsantritt einen höchst bezeidinenden Titel. Seinem Namen 
Amenhotep, der etwa bedeutete »von Amon geliebt« wurde hinzu- 
gefügt: »Hoher Priester des Ra^Horakhti, weldier sidi am Horizont 
erfreut seines Namens: »Glut, die in Aton ist«. So zeidmete 
die Mutter dem Sohne gleidisam den Weg vor, den er nadi ihrem 
Willen gehen sollte. 

Aton war nun ganz offiziell zum Rivalen Amons geworden. 
Nodi wies nidits darauf hin, daß er wenige Jahre später zum 
alleinigen, einzigen Gotte erhoben werden sollte, wie es gesdiah, 
als der König die Großjährigkeit erreidit hatte. Nodi ahnte niemand 



• Nodi eine scheinbar geringfügige Tatsache mag hier Erwähnung finden. 
Unter den Liebesobjekten der Kindheit, an die der neurotisdi Veranlagte sidi mit 
Zähigkeit zu fixieren pflegt, genießt sehr häufig die Amme einen besonderen 
Vorzug. Es ist sehr gewöhnlidi, daß die Amme nadi der Entwöhnung des Kindes 
in dessen Nähe bleibt. Die lustvollen Erinnerungen des Kindes an das Saugen an 
der Ammenbrust werden dadurdi vor der Vergessenheit bewahrt, daß die Amme 
das Kind auch weiter mit besonderer Liebe hegt. In den Psydioanalysen neuroti^ 
sdier Personen habe idi oft genug die Nadiwirkungen dieser Ammenliebe nadi- 
weisen können. Weldie Bedeutung der Amme in den Träumen Erwadisener zu* 
kommt, hat neuerdings Stekel (Die Spradie des Traumes, Bergmann, Wiesbaden 1911) 
ausführlidi dargetan. Wir erfahren nun, daß am Hofe Amenhoteps IV. seine 
Amme und ihr Mann eine erhebh'die Rolle spielten. Ein Reliefbild z. B. stellt den 
König und die Königin dar, wie sie von einem Balkon aus dem Priester Eje, 
eben dem Manne der Amme, und dieser selbst, Gesdienke zuwerfen. Vielleidit ist 
es audi nidit ohne Belang, daß sie den gleidien Namen — Tejc — wie des 
Königs Mutter führte. 



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Amenhotcp IV. (Edinaton) 341 

die neue Weltanschauung, in deren Mittelpunkt Aton treten sollte. 
Teje war klug und besonnen genug, einen zu rasdien Über^ 
gang zu dem neuen Kult zu verhüten oder gar die Anhänger des 
alten Kultes anzufeinden. Es wäre audi zu jener Zeit ein aussidits^r 
loses Unternehmen gewesen, sogleidi den Kampf mit der Priester* 
sdiaft des Amon aufzunehmen. Dodi ließen sdion die ersten Maß* 
regeln ihrer Regentsdiaft klar erkennen, wohin sie strebe. 

Das erste Bauwerk, weldies unter der (nominellen) Regierung 
Amenhotep's IV. erriditet wurde, war der Tempel des Ra^Horakhti* 
Aton zu Karnak. Ein hier aufgestelltes Bildwerk zeigt den König 
— wie es ja seinem Namen durdiaus entspradi — den Gott Amon 
verehrend. Das gleidie Bildwerk aber enthält audi das Symbol des 
Aton: die am Himmel stehende Sonnensdieibe mit Strahlen, die in 
Hände auslaufen und den König umgeben. Wir dürfen wohl eine 
Art von vorsiditiger Rücksidutnahme auf die Amons^Priester darin 
erkennen, daß der König hier in Beziehung zu beiden Gottheiten 
gesetzt wurde. Theben aber, die Hauptstadt und Zentrale des 
Amonsdienstes, erhielt einen neuen Namen; Stadt des Glanzes 
Atons. 

Mit etwa 15 Jahren übernahm Amenhotep IV. selbst die 
Regierung. Er befand sidi jetzt in dem Lebensalter, das sidi der 
körperlidien Reifung ansdiließt. Wohl zeigte sidi bald, weldi starke 
Individualität in dem Jüngling sted^te. wohl mußte jeder mit der 
Zeit erkennen, daß Amenhotep seine eigenen Wege gehen werde. 
Dennodi blieb der Einfluß der Mutter, so lange sie lebte, unver^ 
kennbar. Der Sohn setzte das von ihr begonnene Werk mit seiner 
ganzen jugendlidien Begeisterung fort. In ihrer vollen Stärke tritt 
diese seine Fixierung an die Mutter erst hervor, wenn man seine 
Bestrebungen, sidi vom Vater zu lösen, zum Vergleidi heranzieht. 

Das gesamte Verhalten des jungen Königs in den nun 
folgenden Jahren steht im Zeidien der Auflehnung gegen seinen 
sdion seit geraumer Zeit verstorbenen Vater. Leider sind wir 
gänzlidi ununterriditet darüber, in weldiem Verhältnis er als Knabe 
zu diesem stand, aber seine Einstellung in der Pubertät und in den 
späteren Jahren ded^t sidi völlig mit derjenigen, wie wir sie heute 
bei vielen Individuen beobaditen können: Sie hangen unbewußt dem 
Vater an wie in der Kindheit. Herangewadisen, sudien sie sidi von 
dieser inneren Abhängigkeit zu befreien. Äußerlidi ensteht dann der 
Anschein, als kämpften sie gegen den Vater in 
Person. In Wirklidikeit ist es die in ihrem Unbewußten 
herrsdiende Fixierung an den Vater, gegen die sie sidi auflehnen, 
ist es die Imago des Vaters, deren Herrsdiaft sie absdiütteln wollen. 
Nur so erklärt es sidi, daß der Neurotiker oft einen Kampf führt, 
der sidi — seiner äußeren Ersdieinung nadi — gegen einen Ver* 
storbenen riditet. 

In dem jungen König bestand also ein Gegensatz zweier 
Parteien, einer konservativen und einer revolutionären. Die Er^ 



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342 Karl Abraham 



fahrung lehrt, daß es unter solchen Umständen zu psychisdien Kom^ 
promißbildungen kommt. 

Nadi allem, was bisher über den Jüngling beriditet wurde, 
wird man erwarten, daß seine Auflehnung gegen den Vaterkomplex 
nidit in einer stürmisdi^gewaltsamen Form vor sidi gegangen sei. 
Und tatsädilidi wird sidi zeigen, wie er seine Auflehnung gegen 
die väterliAe Madit und Autorität in idealen Bestrebungen sublim 
mierte, die freilidi in enrsdiiedenster Weise gegen die durdi den 
Vater vermittelte Tradition geriditet waren. Wenn aber trotz- 
dem später in gewisser Hinsidit die gewalttätige, revolutionäre 
Tendenz offener zum Durdibrudi gelangte, so werden wir gerade 
daraus auf die Heftigkeit des inneren Kampfes sdiließcn, der sid) 
in Amenhotep abspielte. Der revolutionären Tendenz wirkte, wie 
erwähnt, eine konservative entgegen. Wir beobaditen bei Amenhotep IV. 
einen Vorgang, der uns von den Neurotikern wohlbekannt ist. Sie 
lehnen die Autorität des Vaters in religiöser, politisdier oder 
sonstiger Beziehung ab, ersetzen sie aber durdi eine andere und 
zeigen dem Kundigen gerade dadurdi, daß sie das Bedürfnis nadi 
einer väterlidien Autorität tatsädilidi nidit verloren haben. 

Für Kompromißbildungen dieser Art gibt es kaum prägnantere 
Beispiele, als sie die Gesdiidite Amenhoteps IV. bietet. Bald nadi 
seinem Regierungsantritt bridit er vollends mit der religiösen 
Tradition, bridit mit Amon, dem Gotte seines Vaters, und geht zu 
Aton über, den er mit einer Madit und Autorität ausstattet, die kein 
Gott zuvor besessen hatte. Er läßt damit den uralten unter^ 
ägyptisdien Sonnenkultus in neuer Form wieder aufleben. Indem 
er aber auf den Kultus des Ra^Horakhti^Aton zurückgreift, knüpft 
er an das Vorbild der ältesten Könige an, die ihre Herkunft un^ 
mittelbar von Ra ableiteten. Um nodi deutlidier zu dokumentieren, 
wie nahe er sidi ihnen, wie fern seinem Vater fühlt, trägt er stets 
die Krone von Unterägypten, d. h. des um Vieles älteren Reidies, 
wie er denn überhaupt von Anfang an nadi Unterägypten tendiert. 
Andere bemerkenswerte Symptome treten hinzu. 

Wir begegnen um diese Zeit den ersten Veränderungen des 
Kunststiles/ gerade diese sind besonders diarakteristisdi. Dem 
Kenner ägyptisdier Kunst fallen an den Bildern des Königs gewisse 
EigentümTiAkeiten auf, durdi die sie sidi von den Werken der 
vorhergehenden Zeit auf den ersten Blid< untersdieiden : der in die 
Länge gezogene Sdiädel und Hals, der vorstehende Leib und die 
überlangen Hüften und Sdienkel. Die Forscher haben diese Ab^ 
weichungen auf verschiedene Art zu erklären versucht. Besonders 
war man zu der Annahme geneigt, bei dem Könige habe eine 
körperliche Deformität im Sinne jener Abbildungen und Skulpturen 
bestanden. Aber diese Hypothese mußte verlassen werden, als man 
die Mumie des Königs aufgefunden hatte. Denn Deformitäten, wie 
sie in den bildlichen Darstellungen Amenhoteps IV. erscheinen, 
fand man an den Knochen der Mumie nicht. W e i g a 1 1 hat nun 



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Amenhotep IV. <Edinaton> 343 

in höchst geistreicher und überzeugender Weise den Nachweis 
geführt, daß die sehsamen Formen in der Kunst dieser Zeit auf 
archaische Vorbilder zurückgehen, und zwar auf solche 
aus der Zeit der ältesten unterägyptischen Könige. W e i g a 1 1 gibt 
auf einer Tafel eine sehr instruktive Gegenüberstellung von Dar^ 
Stellungen aus der Urzeit ägyptischer Kunst und aus der uns be- 
schäftigenden Epoche. Die Anlehnung des Stiles dieser letzteren 
Zeit an den der archaischen ist ganz evident*. Der junge 
König stellt durch Wiederaufnahme des ältesten Stiles eine be- 
sonders innige Verbindung zwischen sich selbst und den ältesten 
Königen her. 

Der Sinn dieser ersten von Amenhotep IV. selbst durchge-' 
führten Veränderungen in Kultus und Kunst liegt klar zutage: der 
König will nicht Sohn und Nachfolger seines Vaters sein, sondern 
Sohn des Gottes Ra. Er will nicht den Gott seines wirklichen 
Vaters verehren, sondern seinen imaginären Vater Ra <Aton>. 

Wir werden hierdurch an geläufige Erscheinungen erinnert, 
die durch die psychoanalytische Erforschung der Neurosen ihre 
Aufklärung gefunden haben. Es sind die sogenannten Abkunfts- 
phantasien, die sich aber auch bei nicht neurotischen Personen 
finden. 

Der Vater ist für das Kind ursprünglidi das Vorbild aller 
Madit und Größe. Treten feindselige Regungen gegen ihn auf, so 
entthront der Knabe häufig in seiner Phantasie den Vater, indem er 
sidi selbst etwa zum Sohne eines imaginären Königs erhebt, seinem 
tatsädilidien Vater dagegen nur die Rolle eines Pflegevaters zuerteilt. 
Ein Prinz zu sein, ist eine der gebräudilidisten Knabenphantasien. 
Bei Geisteskranken gehen aus soldher Ablehnung des Vaters Wahn^ 
ideen hervor, weldie die hohe Abkunft des Kranken zum Inhalt 
haben. Bekannt sind uns die gleidien Ideengänge aus den Mythen 
und Märdien, in denen oftmals der Held als Sohn niederer Eltern 
auferzogen wird, bis er später der Herrsdierwürde teilhaftig wird, 
die ihm seiner wirklidien Abkunft gemäß zukommt. Es sind dies 
Mythen, die den uralten Konflikt zwisdien Sohn und Vater in allere 
band Verhüllungen zum Ausdrudi bringen.'** 

Amenhotep IV. verfährt ganz in diesem Sinne: er versdimäht 
die Abkunft von seinem wirklidien Vater und setzt einen Höheren 
an dessen Stelle. Da er aber in Wirklidikeit ein Königssohn war, 
so konnte er sidi durdi die bei anderen üblidie Phantasie von könig* 
lidier Abkunft nidit über seinen Vater erheben. Er mußte sdion 
eine Stufe höher hinaufsteigen: zu den Göttern. Man muß in Betradit 
ziehen, daß zu damaliger Zeit der ägyptisdie König der Beherrsdier 

• Die neuere Kunstgeschichte bietet in den Praerafaelitcn ein ganz 
analoges Beispiel für das Zurückgreifen auf primitive Vorbilder. 

*• Vgl. hierzu meine Schrift »Traum und Mythus« <p. 40). sowie Rank, 
»Der Mythus von der Geburt des Helden«. Beide in »Schriften zur angewandten 
Seelenkunde« <Heft 4, resp. 5.) 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



344 Karl Abraham 



eines Weltreiches war. Einen Sterblichen, der ihn an Macht über* 
troffen hätte, gab es nicht. Da blieb der Phantasie nur die einzige 
Möglichkeit, die eigene Existenz mit einem außerirdischen Wesen in 
Verbindung zu bringen. Dem Amon konnte die Vaterrolle nicht 
zufallen,- er war ja der von Amenhotep IIL verehrte Gott! Der 
Einfluß der Mutter wies auf Aton, resp. Ra hin, der überdies in 
der Vorzeit als Stammvater der ersten Könige gegolten hatte. 

So begann die Regierung Amenhoteps IV. nicht mit kriegeri* 
sehen Taten oder sonstigen Ereignissen der äußeren Politik, sondern 
mit Neuerungen auf ideellem Gebiet. Zunächst allerdings handelte 
es sich noch nicht um Neuerungen im eigentlichen Sinne, sondern 
eher um eine Rückkehr zu Ältestem, Vorgeschichtlichem. Je mehr der 
König aber zum erwachsenen Manne wurde, um so mehr Neues 
und Eigenes fügte er dem Alten, an das er angeknüpft hatte, hinzu. 
Daß die nun einsetzende Umwälzung in der Kunst auf die persona 
liehe Initiative des Königs zurückging, dafür besitzen wir wertvolle 
Zeugnisse in ein paar Grabschriften von Künstlern, welche die 
Bauten des Königs ausgeführt hatten. Es war in Ägypten allgemein 
Sitte, daß in der Grabschrift der Verstorbene gewissermaßen persona 
lieh seinen Lebenslauf erzählte. Bekanntlich verdanken wir diesen 
in großer Zahl erhaltenen Inschriften einen nicht geringen Teil unserer 
Kenntnis der ägvptischen Geschichte. Der königliche Baumeister B e k, 
dessen Werk die sogleich zu erwähnende neue Hauptstadt war, 
berichtet nun in seiner Grabsdirift, daß seine Majestät ihn 
selbst unterwiesen habe. Man könnte darin eine an ciie 
Adresse des Königs gerichtete, höfische Schmeichelei erblicken,- de li 
sicher mit Unrecht! Wir sind auch ohne solche Zeugnisse in c! :r 
Lage, in der bildenden Kunst jener Epoche den Geist des Königs 
zu erkennen. Denn die Malerei und Plastik seiner Zeit sind eine 
Verkörperung der Ideale, deren Pflege sich der jugendliche Schwärmer 
mit ganzer Hingabe gewidmet hatte. Von der beständigen Betonung 
der Wahrheit in seinen ethischen Lehren und von dem ihr ent^ 
sprechenden, ganz modern anmutenden Realismus in der Kunst 
seiner Epoche wird später noch die Rede sein. 

Hatten seine Vorfahren nach einer Erweiterung und Sicherung 
ihrer politischen Machtsphäre getrachtet, so strebte der Nachkomme 
nach einer stetigen Erweiterung seines geistigen Gesichtskreises. Er 
wandte sein Interesse der ausländischen Kunst, den fremden Reli- 
gionen und Mvthen zu,- allem Anschein nach gelang es ihm auch, 
die maßgebenclen Kreise der Hauptstadt für die ihn bewegenden 
Fragen zu interessieren. 

Zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt tat der erst Siebzehn- 
jährige einen Schritt von größter prinzipieller Tragweite,- er gründete 
eine neue Residenz, die den Namen »Achet-Aton« <»Horizont des 
Aton«> erhielt. Er ließ diese Stadt etwa 450 km nördlich von der 
bisherigen Hauptstadt Theben erbauen. Damit entfernte er sich 
demonstrativ von der alten Amonsstadt und näherte sich dem Nil- 



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Amenhotep IV. <Edinaton> 345 

delta <d. h. dem ältesten Reidie), Die neue Aton-Stadt lag an der 
Stelle des heutigen Tell^eUAmarna/ hier wurden audi die eingangs 
erwähnten Tafeln aufgefunden. Bald erhoben sidi Paläste und Tempel 
von großer Pradit. Außerdem wurde audi in Nubien und in Syrien 
je eine neue Stadt gegründet, deren Namen ausdrüd^ten, daß sie 
dem Gotte Aton geweiht seien. Zwei Jahre später — 19 Jahre alt 
— verließ Amenhotep IV. endgiltig Theben und verlegte seine 
Residenz nadi Adiet-Aton. Zu gleidier Zeit änderte er seinen Namen 
und nannte sidi fortan Echnaton, »dem Aton angenehm«*. 

Inzwisdien war es zu sdiweren Konflikten mit der Amons*' 
priestersdiaft gekommen, die sidi den Neuerungen widersetzte. 
Edinaton führte aber sein Vorhaben mit eiserner Konsequenz durdi. 
Er vertrieb die dem Aton feindlidien Priestersdiaften aus ihrem Besitz, 
und indem er die Verehrung aller anderen Götter bekämpfte, erhob 
er Aton zum einzigen Gotte des Landes. Besonders 
erklärte er dem Amon den Krieg. Er riditete sein Streben darauf, die 
Spuren des Gottes, nadi dem sein Vater und er selbst benannt waren, 
überall auszutilgen. Der verhaßte Name sollte nidit mehr laut werden. 
Und so ließ er in gleicher Weise den Namen Amon 
und den Namen seines Va te rs Amenhotep aus allen 
Inschriften und Denkmälern beseitigen. In dieser 
seltsamen Reinigungsaktion kommt die alte, lange zurüd^gehaltene 
oder sublimierte Feindsdiaft des Sohnes in aggressiver ^Veise zum 
Durdibrudi. Das Vorgehen des Königs ersdieint wie die Verwirk^ 
lidiung eines uralten, orientalisdien Fludies gegen einen sdilimmen 
Widersadier, dem man zu wünsdien pflegte, daß seiner nidit gedadit 
werden sollte. Edinaton sudite Amons, und damit zugleidi seines Vaters 
Gedäditnis auszutilgen. Er hat später, als seine Mutter Teje starb, 
die letzten Konsequenzen nadi dieser Richtung gezogen. Tejes Mumie 
wurde nicht neben der ihres Gemahls bestattet, sondern nahe der 
Atonstadt in einer neuen Gruft, in der Edinaton selbst einst ruhen 
wollte. In der Grabschrift wird sie als die Gemahlin »Nebmaaras« 
bezeichnet. Nebmaara war ein persönlicher Name Amenhoteps III., 
den er aber als König nicht offiziell geführt hatte. Noch be- 
merkenswerter ist, daß das Wort »Mutter« nicht mit dem in der 
Hieroglyphenschrift üblichen Zeichen des Geiers, sondern buch- 
stabenweise geschrieben ist. Das Geierzeichen bedeutete nicht nur 
j^Mutter«, sondern noch speziell die Göttin Mut, die aber Amons 
Gemahlin war. Das Zeichen würde also einen zwar indirekten, 
aber deutlichtn Hinweis auf Amon enthalten haben, und aus diesem 
Grunde mußte es vermieden werden. Echnaton wollte also im 
Tode neben seiner Mutter ruhen, die er won ihrem Gatten getrennt 
hatte. Bis über das Grab hinaus sollte seine Rivalität mit dem Vater 
um den Besitz der Mutter sich äußern ! So vollzog er an den Toten, 
was er an den Lebenden zu tun nicht vermocht hatte. Er erinnert 

• Die Töchter des Königs erhielten schon bei ihrer Geburt Namen, wie 
»Merit'Aton« (die von Aton geliebte) oder »Beket^Aton« (Dienerin Atons). 



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346 Kari Abraham 



uns durch diesen Charakterzug ganz besonders an das X^'erhalten 
neurotischer Individuen. 

Ebenso ostentativ, wie er die Nennung seines Vaters mied, 
benutzte der König fortan jede Gelegenheir, sich als Atons Sohn 
zu bezeichnen. Die Inschriften von Achet^Aton zeigen es mit 
größter Deutlichkeit. Da heißt es z. B. mit Bezug auf den Bezirk, 
velcher dem Gotte gevreiht vurde: »Dieses Gebiet von .... 
bis ... . soll meinem Vater Aton gehörenc. 

Mit der Errichtung der neuen Residenz und ihrer Heihgtümer 
ging die weitere Ausgestaltung der neuen Religion und ihres Kultes 
Hand in Hand. 

Aton ist Edmatons Vater, dodi nidit im gleidien Sinne, wie 
einst Ra als Vater der ersten Könige gegolten hatte. Der neue 
Gott ist ein idealisierter \'ater, und er ist nidit nur des Königs 
Vater im strengen Sinne des Wortes, sondern ein \'ater aller Ge- 
sdiöpfe, der Ursprung des Alls. Er ist nicht — wie Ra oder Amon 
— ein Gott neben andern oder über andern, sondern ein einziger 
Gott, nicht ein Nationalgott, sondern ein Univer^ 
salgott, dem alle Wesen gleich nahe stehen. 

Es ist besonders her\'orzuheben, daß Edinaton nidit die Sonne 
als Gottheit verehrte, sondern daß er die \X arme der Sonne, als 
lebenspendende Kraft, in Aton personifizierte. Breasted (Deutsche 
Ausgabe S. 296) betont mit Redit : »Wenn Edinaton audi keinen 
Versudi madite, die Identität seiner neuen Gottheit mit dem alten 
Gott Re zu verbergen, so war es dodi nidit bloß Sonnenverehrung, 
was er erstrebte. Das Wort Aton wurde an Stelle des alten 
Wortes »Gott« <neter> verwendet, und der Gott selbst deutlidi von 
dem Sonnengestim untersdiieden. Dem alten Namen des Sonnen^ 
gottes fügte man den erklärenden Satz hinzu: >das heißt: die Glut, 
weldie in der Sonne <Aton> ist«, und man nannte ihn gelegentlidi 
audi den »Herrn der Sonne <Aton)«. 

Wenn FlindersPetrie in Edinaton einen Vorläufer des 
Monotheismus erblidt, so darf man über dieses Urteil sehr wohl 
nodi um ein Beträditlidies hinausgehen. Edmatons Lehre enthält 
nidit nur wesentlidie Bestandteile des alttestamentarisdien jüdisdien 
Monotheismus, sondern eilt ihm in mandier Beziehung voraus. Ja, 
ganz das Gleidie ergibt sich, wenn man Echnatons Ideen neben 
diejenic^en des um dreizehn Jahrhunderte jüngeren Christentums 
hält. Und nicht Weniges gemahnt uns an moderne, unter dem 
Einfluß der Naturwissenschaften entstandene Anschauungen! 

Die uns erhaltenen Gebete und Hymnen, deren bedeutendster 
später mitgeteilt werden soll, lassen Echnatons Auffassung vom 
Wesen des einzigen Gottes klar erkennen. Aton ist das liebende, 
allgütige Wesen, das durch Raum und Zeit hindurchgeht. Den 
früheren ägyptischen Gottheiten war solche Güte und Milde ganz-' 
lieh fremd gewesen, ganz wie den Menschen, von denen sie ver^ 
ehrt wurden. Aton kennt nicht Haß, nicht Eifersucht noch Strafe, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Amenhotep IV. (Echnaton) 347 

wie der Gott des alten Testamentes. Er ist der Herr des Frie- 
dens, nicht des Krieges. Er ist frei von allen menschlichen Leiden* 
Schäften. Echnaton stellt sich ihn nicht körperlich vor — wie die 
alten Götter — sondern geistig und unpersönlich. Er verbietet 
daher jede bildliche Darstellung des Gottes, darin 
ein Vorläufer der mosaischen Gesetzgebung ! Aton ist die leben^ 
spendende Kraft, der alles Lebende seine Existenz verdankt. 

W e i g a 1 1 weist darauf hin, daß Echnatons GottesaufFassung 
der chrisdichen mehr ähnele als der mosaischen. Besonders treffend 
bemerkt er: »The faith of the patriarchs is the lineal ancestor of 
the Christian faith,- but the creed of Akhnaton is its isolated 
prototype«. <p. 117.) 

Die ganze Anschauungswelt und das gesamte religiöse System 
Echnatons zeigen eine einzig dastehende Tendenz zur Vergeistigung. 
Nicht nur der Bilderdienst wird abgeschafft, sondern ebenso alles, 
was früher Beiwerk und Ballast der Religion gewesen war. Das 
Zeremoniell der Aton^Religion war äußerst einfach,- alles war auf 
möglichste Verinnerlichung gerichtet. Da gab es keine verdunkeln* 
den Mysterien, sondern der Sinn des neuen Glaubens wurde in 
den vom König gedichteten Hymnen in zugleich verständlicher und 
pad^ender Form dargestellt. Es fehlte ferner alles, was an Welt- 
flucht oder Askese hätte erinnern können. Abgeschafft wurden auch 
die Toten^ und Unterweltsgötter,- auch Osiris verlor seine Be^ 
deutung. Die Höllenstrafen, die einen wesendichen Bestandteil des 
alten Glaubens gebildet hatten, finden keine Erwähnung mehr. Dem 
Verstorbenen wurde nur ein einziger Wunsch zugeschrieben : die 
Sonne, d. h. Atons Glanz wiederzusehen,- und lediglich darauf be- 
zogen sich nunmehr die in den Grabmälern eingemeißelten Gebete 
des Toten, daß seine Seele das Licht sehen möge. 

Besser als jede Beschreibung veranschaulicht der schon er^ 
wähnte große Hymnus die religiösen Ideen Echnatons. Er möge 
deswegen hier unverkürzt folgen. Die Übersetzung entnehme ich 
der deutschen Ausgabe von Breasteds Geschichte. Er lautet 
wie folgt: 

Der Glanz des Aton. 

Dein Aufleuchten ist schön am Rande des Himmels, 

Du lebender Aton, der zuerst lebte! 

Wenn du dich erhebst am ösdichen Rande des Himmels, 

So erfüllst du jedes Land mit deiner Schönheit. 

Denn du bist schön, groß und funkelnd, du bist hoch über 
der Erde,- 

Deine Strahlen umarmen die Länder, ja alles, was du ge^ 
macht hast. 

Du bist Ra, und du hast sie alle gefangen genommen,- 

Du fesselst sie durch deine Liebe. 

Obwohl du fern bist, sind deine Strahlen doch auf Erden,- 

Obwohl du hoch droben bist, sind deine Fußstapfen der Tag! 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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348 Karl Abraham 



Nadit 

Wenn du untergehst am westlichen Rande des Himmels, 

So liegt die Welt im Dunkel, als wäre sie tot, 

Sie schlafen in ihren Kammern, 

Ihre Häupter sind verhüllt, 

Ihre Nasen sind verstopft, und keiner sieht den andern. 

Gestohlen wird alle ihre Habe, die unter ihren Häuptern liegt. 

Ohne daß sie es wissen. 

Jeder Löwe kommt aus seiner Höhle, 

Alle Schlangen stechen. 

Dunkel herrscht, es schweigt die Welt,- 

Denn der sie schuf, ist am Himmelsrande zur Ruhe gegangen. 

Der Tag und der Mcnsdi- 

Hell ist die Erde, 

Wenn du aufgehst am Himmelsrand, 

Wenn du als Aton bei Tage scheinst. 

Das Dunkel wird verbannt, wenn du deine Strahlen aussendest. 

Die beiden Länder* feiern täglich ein Fest, 

Wachend und auf ihren Füßen stehend. 

Denn du hast sie aufgerichtet. 

Sie waschen sich und nehmen ihre Kleider,- 

Ihre Arme erheben sich in Anbetung, wenn du erscheinst. 

Alle Menschen tun ihre Arbeit. 

Der Tag und die Tiere und Pflanzen. 

Alles Vieh ist zufrieden mit seiner Weide, 

Alle Bäume und Pflanzen blühen. 

Die Vögel flattern über ihren Sümpfen, 

Und ihre Flügel erheben sich in Anbetung zu dir. 

Alle Schafe hüpfen auf ihren Füßen, 

Alle Vögel, alles, was flattert — 

Sie leben, wenn du über ihnen aufgegangen bist. 

Der Tag und das Wasser. 

Die Schiffe fahren stromauf und stromab. 

Jede Straße ist o^cn, weil du leuchtest. 

Die Fische im Strom springen vor dir. 

Und deine Strahlen sind mitten im großen Meer. 

Die Ersdiafl^ung des Mensdicn. 

Du bist es, der den Knaben in den Frauen schafft. 
Der Samen in den Männern gemacht hat,- 
Der dem Sohn Leben gibt im Leibe seiner Mutter, 
Der ihn beruhigt, damit er nicht weine. 



Ober- und Unterägypten. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 




PORTRÄTKOPF VON EINER 
STATUETTE DER KÖNIGIN 
TEJE, DER MUTTER DES 
KETZERKÖNIGS ECHNATON 

IM BESITZE DES HERRNiÄMES SIMON, BKRLIH 



BEILAGE ZU 
JMAOO" I. t. 



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OrfgfrTaffrom 
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Digilizecf by GoOglc 



Orfginal from 
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Amenhotep IV. <Echnaton) 349 



Du Amme im Mutterleibe. 

Der Atem gibt, um alles zu beleben, was er gemacht hat! 

Kommt er heraus aus dem Leibe, 

.... am Tage seiner Geburt, 

So öffnest du seinen Mund zum Reden, 

Du schaffst ihm, wessen er bedarf. 

ErsdiafFung der Tiere. 

Das Küchlein piept schon in der Schale, 
Du gibst ihm Atem darin, um es zu beleben. 
Wenn du es vollkommen gemacht hast. 
So daß es die Schale durchbrechen kann. 
So kommt es heraus aus dem Ei, 
Um zu piepen, so viel es kann,- 
Es läuft herum auf seinen Füßen, 
Wenn es aus dem Ei herauskommt. 

Die ganze Sdiöpfung. 

Wie mannigfaltig sind alle deine Werke, 

Sie sind vor uns verborgen, 

O du einziger Gott, dessen Macht kein anderer hat. 

Du sdiufst die Erde nadi deinem Begehren, 

Während du allein warst : 

Mensdien, alles Vieh, groß und klein. 

Alles, was auf der Erde ist. 

Was einhergeht auf seinen Füßen,- 

Alles, was hodi droben ist, was mit seinen Flügeln fliegt. 

Die Länder Syrien und Nubien 

Und das Land Egypten ,• du setzest jedermann auf seinen Platz 

Und gibst ihnen, was sie bedürfen. 

Ein jeder hat seinen Besitz, 

Und ihre Tage sind gezählt. 

Ihre Zungen reden mandierlei Spradie, 

Audü ihre Gestalt und Farbe sind versdiieden. 

Ja, du untersdiiedest die Mensdien. 

Bewässerung der Erde. 

Du sdiufst den Nil in der Unterwelt, 

Du führtest ihn herauf nadi deinem Belieben, 

Um die Mensdien am Leben zu erhalten. 

Wie du sie dir gemadit hast. 

Du, ihrer aller Herr! 

Du Tagessonne, die Furdit jedes fernen Landes, 

Du sdiaffst audi ihr Leben. 

Du hast einen Nil an den Himmel gesetzt. 

Damit er für sie herabfalle 

Und Wellen sdilage auf den Bergen wie das Meer 

Imago 14 23 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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350 Karl Abraham 



Und ihre Felder bewässere in ihren Städten. 

Wie herrlidi sind deine Pläne, du Herr der Ewigkeit ! 

Der Nil am Himmel ist für die Fremdländer 

Und für das Wild der Wüste, das auf seinen Füßen geht,- 

Der <wirklidie> Nil aber quillt aus der Unterwelt hervor für 

Egypten. 
So ernähren deine Strahlen jeden Garten, 
Wenn du didi erhebst, so leben sie und wadisen für didi. 

Die Jahreszeiten. 

Du maditest die Jahreszeiten, um alle deine Werke zu sdiaffen. 
Den Winter, um sie zu kühlen, und ebenso audi die Hitze 

<des Sommers) 
Du hast den fernen Himmel gemadit, um an ihm aufzugehen. 
Um alles zu sdiauen, was du gemadit hast, 
Während du allein warst. 

Erstrahlend in deiner Gestalt als lebender Aton, 
Aufdämmernd, strahlend, didi entfernend und wiederkehrend. 

Schönheit durch das Licht. 

Du hast Millionen von Gestalten gemadit aus dir allein. 

In Städten, Dörfern und Ansiedlungen, 

Auf der Landstraße oder am Fluß — 

Alle Augen sehen didi vor sidi. 

Wenn du die Tagessonne über der Erde bist. 

Aton und der König. 

Du bist in meinem Herzen, 

Kein and'rer ist, der didi kennt. 

Außer deinem Sohne Edinaton. 

Du hast ihn eingeweiht in deine Pläne 

Und in deine Kraft. 

Die Welt ist in deiner Hand, 

Wie du sie gemadit hast. 

Wenn du aufgegangen bist, so leben sie <die Mensdien) 

Gehst du unter, so sterben sie. 

Denn du selbst bist die Lebenszeit 

Und man lebt durdi didi. 

Alle Augen sdiauen auf deine Sdiönheit, 

Bis du untergehst. 

Alle Arbeit wird bei Seite gelegt. 

Wenn du im Westen untergehst. 

Wenn du didi erhebst, so werden sie gemadit. 

Zu wadisen für den König. 

Seit du die Erde gründetest, hast du sie aufgeriditet 

Hast du sie aufgeriditet für deinen Sohn, 

Der aus dir selbst hervorging. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Amenhotep IV. <Edinaton> 851 

Den König, der von der Wahrheit lebt. 

Den Herrn der beiden Länder Nefer^dieperu^Re, Ua^en^Re 

Den Sohn des Re, der von der Wahrheit lebt. 

Den Herrn der Kronen Edinaton, dessen Leben lang ist,- 

<LInd für) die große königlidie Gemahlin, die von ihm geliebte. 

Die Herrin der beiden Länder, Nefer^nefru-Aton. 

Die lebt und blüht für immer und ewig. 

Die Spradie dieser Diditung ist so klar, daß sie keiner Er^ 
läuterung bedarf. Nur auf einige besonders diarakteristisdie Partien 
mag noai hingewiesen werden. 

Die einleitende Strophe weist auf Atons Liebe hin, durdi die 
er alle Länder und alle Wesen gefangen nehme. Wohl zum ersten^ 
male im Geistesleben der Mensdiheit wird hier die Liebe als 
welterobernde Macht gepriesen. Hierauf wird zurüd^zukommen 
sein, wenn von Edinatons Ethik gehandelt wird. 

Die Sdiilderung der göttlidien Güte, die allen Wesen ohne 
Untersdiied zu teil wird, erinnert in hohem Maße an die hebräisdie 
Psalmenpoesie. Breasted und andere Autoren madien speziell 
auf die überrasdiende Ähnlidikeit aufmerksam, weldie zwisdien 
gewissen Stellen des Aton^Hymnus und dem 104. Psalm besteht. 
Namendidi Vers 20 bis 24 und 27 bis 30 zeigen bemerkenswerte 
Anklänge : 

»Wirkst du Finsternis, so ist es Nadit,- in ihr regen sidi 
alle Tiere des Waldes. Die jungen Löwen brüllen nam Fraß, 
indem sie von Gott ihre Nahrung verlangen. Wenn die Sonne 
aufgeht, ziehen sie sidi zurüd^ und lagern in ihrer Behausung. 
Der Mensdi geht an sein Werk und an seine Arbeit bis zum 
Abend. Wie sind deiner Werke so viel, Jahwe ! Du hast sie 
alle in Weisheit gesdiaffen ,• die Erde ist voll von deinen 

Gesdiöpfen « 

»Sie alle warten auf didi, daß du ihnen zu seiner Zeit 
ihre Speise gebest. Du gibst ihnen, sie lesen auf,- du tust 
deine Hand auf, sie sättigen sidi mit Gutem. Du verbirgst 
dein Antlitz, sie werden bestürzt,- du ziehst ihren Odem ein 
und sie werden wieder zu Erde. Du entsendest deinen Odem, 
sie werden gesdiaffen,- und du erneust das Angesidit der Erde.« 
Es ist anzunehmen, daß der 104. Psalm unter dem direkten 
Einfluß der Poesie Edinatons entstanden ist*^^. 



• Weigall vermutet, daß auch der 19. Psalm sein eigentümliches Gepräge 
diesem Einfluß verdankt. In V. 6 bis 7 heißt es dort von der Sonne <deren Ge^ 
schlecht in der hebräischen Sprache männh'ch ist) : 

»Und er gehet hinaus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, und freuet 

sich wie ein Held, zu laufen seine Bahn. Er gehet auf an einem Ende des 

Himmels und läuft bis an sein and'res Ende, und nichts bleibt vor seiner 

Glut verborgen.« 

Sicherlich dürfte es sich hier um Reste eines Hymnus auf den Sonnengott 
handeln / ob sie ägyptischen Ursprungs sind, mag dahingestellt bleiben. 



23 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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352 Karl Abraham 



Flinders Petrie hebt in seiner Besprechung des Aton^ 
Hymnus hervor, daß dieser nidit nur von allem, was an den Poly^ 
theismus erinnern könnte, völlig frei sei, sondern audi alles Anthropo- 
morphe in der Auffassung des einzigen Gottes vermissen lasse. 
Das trifft nun freilidi nidit ganz ohne Einsdiränkung zu, sidierlidi 
aber in einem höheren Maße als für irgend eine andere monotheisti^ 
sdie Auffassung. Man muß in Betradit ziehen, daß der Aton^Kultus 
seinem tiefsten Sinne nadi die Verehrung einer Naturkraft, eines 
unpersönlidien Prinzips bedeutet. 

Wie sdion erwähnt, wurde Aton nidit bildlidi dargestellt. Ein 
Symbol vertritt ihn : die Sonnensdieibe, von deren Strahlen jeder in 
eine Hand ausläuft. Die Hände aber umgeben auf den bildlidien 
Darstellungen den König, und mit ihm seine Gemahlin oder audi 
seine Kinder. 

Wenn der König in Aton seinen Vater erblid<te, so leitete er 
damit, streng genommen, seine Herkunft von einer unpersönlidien 
Kraft ab. W ir werden dadurdi an die Zeugung Christi durdi den 
Heiligen Geist erinnert. Nur ist Edinaton nimt von Aton mit einem 
mensdilidien Weibe gezeugt — wenigstens finden sidi keine Hin^ 
weise auf eine soldie Vorstellung — sondern Aton ist ihm Vater 
und Mutter zugleich. 

Echnatons Religion darf nidit für sidi allein betraditet werden. 
Sie wird in vollem Umfange erst verständlidi, wenn man seine 
Ethik berüd^siditigt, die redit eigentlidi im Brennpunkt seiner ge- 
samten Interessen, seines religiösen Empfindens und seiner Lebens^ 
führung steht. 

Edinaton verwirft in seiner Ethik — ähnlidi wie viele Jahr^ 
hunderte nadi ihm Christus — jede Äußerung des Hasses, jede 
Gewalttat. Er mödite, ganz wie es im Hymnus von Aton heißt, 
durdi Liebe herrsdien. Er ist ein Gegner des Blutvergießens in jeder 
Form. Er läßt überall die Abbildungen von Mensdienopfern aus^ 
tilgen. Kriegerisdie Gelüste sind im fremd. So wie er Aton als 
Herrn des Friedens verehrt, so will er audi in seinem eigenen 
Reidie nidits vom Kriege wissen. Es ist besonders interessant, 
Edinaton in dieser Hinsidit mit seinen Vorgängern zu vergleidien. 
Man denke nur an den kriegerisdien und grausamen Amenhotep II. 
Yon ihm heißt es, daß er die syrisdien Fürsten, die er auf einem 
seiner Feldzüge gefangen genommen hatte, an seinem Sdiiff auf^ 
hängen ließ, und so sein Sdiiff im Triumph den Nil hinaufführte. 
Und Edinatons Vater, unkriegerisdier als seine Vorfahren, hatte 
seinen aggressiven Gelüsten nodi in einem gewissen Maße Raum 
gegeben, indem er leidensdiaftlidi der Jagd frönte. Der Sohn untere 
drüd^te nahezu jede Äußerung aggressiver oder grausamer Tendenzen. 
Seine Ethik beruht in erster Linie auf einer ungewöhnlidi weit^ 
gehenden Sublimierung der sadistisdien Triebkomponente. Für ihn 
selbst und sein Reidi sollten aus der starren Befolgung dieser ethi* 
sdien Prinzipien die sdiwersten Folgen hervorgehen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Amenhotep IV. <Ecfinaton> 353 

Besonders seit dem Tode seiner Mutter sudite Edinaton seine 
Ideale in die Wirklidikeit umzusetzen, ohne mit den Hindernissen 
zu redinen, die ihm entgegentreten mußten. Er wollte sein Reidi — - 
d. h. im Sinne der damaHgen Zeit: die ganze Welt — mit Frieden 
beglücken. Dabei übersah er völlig, daß seine Zeit für soldie 
ideale Bestrebungen nidit reif war, übersah ganz und gar die 
Rolle, weldie Haß, Habsudit usw. im Leben der einzelnen Tvlensdien 
und der Völker spielen. Er stand an der Spitze eines gewaltigen 
Reidies, das zerfallen mußte, wenn nicht eine starke Hand es zu- 
sammenhielt. Er aber versuchte, wie er es dem Aton zusdirieb, 
die Welt durch seine Liebe in Fesseln zu legen. 

Edinaton verschmähte es nidit nur, durdi Gewalt sein Reich 
zu erweitern oder zu erhalten, sondern er wollte auch in Friedens^ 
Zeiten von der Herrschergewalt keinen Gebrauch madien. Er be- 
strebte sich, dem Volke als Mensch näher zu treten. Das bedeutete 
einen Bruch mit aller höfischen Tradition. Die Pharaonen hatten von 
altersher eine fast göttliche Verehrung im Lande genossen. 
Echnaton tritt schlicht und einfach, ohne Herrscherpose auf. In allen 
bildlichen Darstellungen erscheint er in mensdilidi-natürlicher Attitüde. 
Da findet sich nichts von der heroisdien Geste der alten Pharaonen^ 
bilder. Er zeigt sich — wie das auf verschiedenen Bildwerken zur 
Darstellung kommt — mit seiner Familie dem Volke. Er gibt dem 
Volke immer von Neuem kund, daß er nicht der unnahbare und 
strenge Herrscher sei, wie ihn das Volk gewohnt war, daß er sidi 
nidit am Herrschen und an der königlichen Machtfülle freue, sondern 
daß er nur ästhetische Freude kenne. Er nennt sich mit Vorliebe 
den König, »der in der Wahrheit lebt«. 

Gerade dieses Streben nach Wahrheit bedarf einer besonderen 
Würdigung. Nach Echnatons Auftreten vergingen noch Jahrhunderte, 
ehe die bedeutendsten Kulturvölker zu einer Verurteilung der Lüge 
gelangten! Echnaton aber ging über die ethische Hochsdiätzung der 
Wahrheit hinaus, indem er sie sogar zum Prinzip in der Kunst 
erhob. 

Wie Breasted sich ausdrückt, lehrte Edinaton die Künstler 
seines Hofes, »den Meissel und den Pinsel das erzählen zu lassen, 
was sie wirklich sahen«. »Der Erfolg« — so heißt es weiter — 
»war ein einfacher und sdiöner Realismus, der klarer und richtiger 
sah, als irgend eine Kunst es früher getan hatte. Man hielt, wie in 
einem Momentbilde, die Stellungen der Tiere fest: den jagenden 
Hund, das fliehende Wild, den springenden Wildstier ,• denn alles 
dies gehörte zu der Wahrheit, von der Echnaton lebte.« 

Echnatons sexuelle Ethik bedarf noch einer besonderen 
Erwähnung, obwohl schon einige hierher gehörige Züg^ zur Sprache 
gekommen sind. Seine monogamische Fixierung wurde bereits er^ 
wähnt. Alle uns zugänglichen Quellen zeigen, mit welch inniger 
Liebe Echnaton an seiner Gattin hing. Er unterließ es, eine zweite 
Frau zu heiraten, als der männliche Thronerbe ausblieb. Er be^ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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354 Karl Abraham 



nutzte vielmehr jede Gelegenheit, sidi dem Volke im Kreise seiner 
Familie zu zeigen. Nefer-nefru^Aton hatte ihm vier Töditer ge^ 
boren, die er zärtlidi liebte. Das Glüd^, weldies Edinaton in seinem 
Familienleben fand, bradite er vor allem dadurdi zum Ausdruck, 
daß er in allen öffentlidien Kundgebungen, Insdiriften usw. seine 
Verehrung für die Königin besonders hervorhob. Er belegte sie 
mit mandierlei Beinamen, wie »Herrin seines Glückes« und ahn* 
liehen. So sudite er im Volke für eine neue Auffassung der Ehe, 
für eine veränderte Stellung des Mannes zum Weibe Propaganda 
zu madien. Sdion früher wurde darauf hingewiesen, daß unter 
Edinatons Regierung die Frauen am Hofe einen früher nicht ge- 
kannten Einfluß erhielten. 

Die Zartheit der Beziehungen zwischen König und Königin 
läßt am sdiönsten ein Relief erkennen, welches sich im Berliner 
Museum befindet. Es zeigt den König in jugendlicher, fast 
mädchenhafter Gestalt auf einen Stab gelehnt, und ihm gegenüber 
die Königin, die ihn an einem Blumenstrauß riedien läßt. Nirgends 
in der früheren ägyptisdien Kunst findet man eine Darstellung, 
welche dieser bezüglich des Inhaltes oder der Auffassung an die 
Seite gestellt werden könnte. <Vgl. die Reproduktion in der deut^ 
sdien Ausgabe von Breasted, Gesdiichte Ägyptens.) 

Bezeichnend für die innigen Gefühle, die den König mit den 
Seinigen verbanden, ist auch eine Darstellung im Grabmale einer 
seiner Töchter, die früh verstarb. Nie zuvor hatte die Trauer einer 
Familie um ein totes Kind soldien Ausdruck gefunden. 

Und welche Zartheit des Empfindens zeigt der Aton^Hymnus ! 
Es sei nur an die Schilderung vom Ausschlüpfen des Küdileins 
erinnert. 

In enger Verbindung mit dem Vermeiden alles Rohen steht bei 
Edinaton die Sdieu vor dem Häßlichen, das Bedürfnis nadi Schön^ 
h e i t. Der Aton^Hymnus setzt mit einer Schilderung- der Sdiönheit 
des Gottes ein. Edinaton pflegte nicht nur die bildenden Künste. 
Er legte präditige Gärten an und ergötzte sidi an der Sdiönheit 
der Blumen und Tiere darinnen. Er wandte der Musik sein be^ 
sonderes Interesse zu. So äußerte sidi sein Verlangen nadi ver^ 
edelten Genüssen, sein Drang zur Sublimierung in mannigfadister 
Form. 

Echnatons Religion, Weltanschauung und Ethik bilden in 
ihrer Gesamtheit ein Bauwerk, das uns nicht nur durch die Groß* 
artigkeit seiner Konzeption staunen macht, sondern auch durch 
die Konsequenz seiner inneren Ausgestaltung. Wollte der König 
aber solch umfassende, in das Volksleben tief eingreifende Reform* 
plane zur Durchführung bringen, so bedurfte er dazu der größten 
Tatkraft, nicht minder aber des praktischen Blickes, um bei seinem 
Vorgehen diejenigen Mächte zu würdigen, die ihm hindernd in den 
Weg treten mußten. Der Jüngling, der ein Weltreich ererbt hatte, 
plante ja nichts Geringeres, als die Einführung einer Weltreligion 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Amenhotep IV. <Echnalon> 355 



mit einem einzigen Weltgott. Während er aber des Gottes Herr* 
schaff aufzurichten begann, verlor er die eigene. 

Es ist klar, daß Echnaton das Reich Atons nur dann be^ 
festigen konnte, wenn er sein eigenes Ansehen als König wahrte. 
Aber je mehr er, seinem Idealismus folgend, den Unterschied 
zwischen sich und dem Volke verwischte, je mehr er sich die 
Priester der alten Gottheit zu Feinden machte, je radikaler er seine 
Reformen zur Durchführung bringen wollte, um so mehr mußte 
sein Einfluß beim Volke abnehmen. Für seine Religion war außer 
ihm selbst allenfalls ein kleiner Teil von Auserwählten reif, während 
sie den Bedürfnissen der Massen in keiner Weise Rechnung trug. 
W e i g a 1 1 zieht einen Vergleich zwischen der Einführung des 
Aton-Kultes und derjenigen des Christentums. Er gelangt zu der 
Auffassung, daß das Christentum nur deswegen eine rasche und 
umfassende Verbreitung finden konnte, weil es dem Bedürfnis der 
Massen nach sinnlich greifbaren und anthropomorphen Objekten 
der Verehrung einen gewissen Spielraum gewährte. Da gab es 
neben dem einzigen Gotte die den Menschen viel nähere Gestalt 
Christi, da gab es den Teufel, gab es Engel, Heilige, Geister usw. 
Der Glaube an ein einziges, göttliches Wesen, das den Menschen 
unsichtbar blieb, wäre sicherlich beim Volke nicht durgedrungen. 
Aus diesem von Wcigall richtig erkannten Umstand erklärt sich 
wohl auch die geringe Werbekraft des mosaischen Monotheismus, 
der zeitlich dem Aton^Kultus bald folgte. 

So vieles wir aus den Quellen über die inneren Umwälzungen 
erfahren, welche sich unter Echnatons Regierung vollzogen, so 
wenig erfahren wir von Ereignissen der äußeren Politik. Es geschah 
nidits. Und eben weil nichts gesdiah, begannen räuberisdie Stämme, 
die Grenzen des Reiches unsidier zu machen. Gleidizeitig lehnte 
ein Teil der syrisdien Vasallenfürsten sich auf und gritf die treu 
gebliebenen an. Diese wandten sidi um Hilfe nach Ägypten. Aber 
alle ihre Bitten um Beistand blieben unerhört. Im sechzehnten 
Regierungsjahre Echnatons erfolgte dann der Einfall der Hethiter 
in Syrien. Der König litt um diese Zeit bereits an der Krankheit, 
die ihn zwei Jahre später dahinraffen sollte. Jedem gewaltsamen 
Eingreifen abgeneigt, überließ er die schwer bedrohten asiatischen 
Provinzen sich selbst. Um diese Zeit setzt nun jene merkwürdige 
Korrespondenz ein, die uns durdi den Tafelfund von El-Amarna 
beinahe vollständig bekannt geworden ist. Es handelt sich um eine 
große Anzahl von Kcilschrifttafeln, die im Laufe der nun folgenden 
Eeit aus Asien einliefen. Sie enthalten die immer dringlidieren 
Klagen der asiatischen Vasallen, die sich der aufrührerisdien 
Gegner und der eindringenden Barbaren nicht mehr zu erwehren 
vermoditen. Aus einem dieser Hilfegesudie, welches Breasted 
nach Knudtzons »Amarna^Briefen« zitiert, sei ein charak^ 
teristischer Passus hier wiedergegeben. Die Ältesten der bedrohten 
Stadt Tunip bitten um Hilfe gegen den abtrünnigen Fürsten Aziru 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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356 Karl Abraham 



mit folgenden Worten: »Wenn Aziru in Simyra eindringt, so wird 
er uns tun, was ihm gefällt auf dem Gebiete unseres Herrn, des 
Königs, und trotz alledem hält unser Herr sich von uns zurüA. 
Und nun weint deine Stadt Tunip und ihre Tränen fließen, und es 
gibt keine Hilfe für uns. Seit zwanzig Jahren haben wir an unseren 
Herrn, den König von Ägypten, Boten gesandt, aber keine Antwort 
ist uns gekommen, nicht ein einziges Wort«. 

Die Wirren in den Provinzen nahmen immer mehr zu, und 
nadieinander gingen die widitigsten Städte und Stützpunkte ägypti^ 
sdier Madit verloren, so die Städte, resp. Bezirke von Askalon, 
Tyrus, Sidon, Simyra, Bvblos, Asdidod, Jerusalem, Kadesdi, Tunip, 
ferner die Täler des Jorclan und Orontes und viele andere Gebiets^ 
teile. Edinaton aber blieb durdi das alles ungerührt, lebte weiter in 
seinen Idealen, und ließ sein ganzes außerägyptisdies Reidi, das seine 
Vorfahren unter den größten Opfern aufgeriditet hatten, zugrunde gehen. 

Wie ungerührt der Träumer auf dem Throne angesidits aller 
dieser Nöte seines Reidies blieb, das hat er nodi in den letzten 
Monaten seines Lebens gezeigt. Anstatt der Gefahr zu wehren, die 
von außen kam, war er auf nidits anderes bedadit, als auf die 
Beseitigung aller Spuren des früheren Polytheismus. Die letzte 
widitige Maßnahme seiner Regierung, von der wir Kunde haben, 
war, daß er die Namen der alten Götter, soweit dies nidit sdion 
früher gesdiehen war, überall austilgen ließ. Sogar die Bezeidinung 
»Götter« wurde ausgemerzt. Eine soldie Handlung war in diesem 
Zeitpunkt am wenigsten angebradit. Denn da das Ansehen des 
Königs im Sinken war, so durfte man dem Volke oder vielmehr 
den Priestern, die es beeinflußten, keinen direkten Anlaß zur Em- 
pörung geben. Edinaton beging diesen Fehler gleidiwohl, und 
es sdieint, daß nur sein Tod, der kurz darnadi eintrat, ihn davor 
bewahrte, das gewaltsame Ende seiner Hersdiaft zu erleben. 

Kaum war Edinaton gestorben, da setzte die Gegenrefor* 
mation der Amonspriester ein. Sie erlangten ihre Madit audi äußer^ 
lidi bald wieder. Denn Edinatons S diwiegersohn Smenkhara war 
nidit der Mann, das Werk seines Vorgängers zu sdiützen ,• audi 
war ihm nur eine kurze Regierungszeit besdiieden. Edinaton aber 
wurde zum Ketzer gestempelt, und man zerstörte sein Werk mit 
der gleidien Gründlimkeit, mit der er selbst das Überlieferte ausge^ 
merzt hatte. Sein Name verfiel dem gleidien Sdiid^sal, das er selbst 
dem Namen seines Vaters und demjenigen des Gottes Amon be^ 
reitet hatte. Man hämmerte seinen Namen aus und drang selbst in 
das Grabgewölbe ein, um audi hier das verhaßte Wort, das an 
Aton erinnerte, zu vertilgen. Nidit zufrieden damit, entfernte man 
audi die Mumie der Königin Teje, die in der Nähe von Edinatons 
Resten ruhte, und bestattete sie an der Seite Amenhoteps III. Und 
wie Edinaton einst den Namen Amenhotep abgelegt hatte, so wurde 
einer seiner Nadifolger, die einander sdinell ablösten, gezwungen, 
seinen Namen Tut^andi^Aton in Tut^andi^Amon zu verwandeln. 



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Amenhotep IV. (EAnaton) 357 

Edinaton war ein Revolutionär —' nidit freilich im gewöhn- 
lichen Sinne des Wortes. Denn seine aggressiven Triebregungen 
hatte er in erstaunlichem Maße sublimiert und sie in eine zu allen 
Wesen überströmende Liebe verwandelt, so daß er selbst den 
Feinden seines Reiches nicht mit Gewalt entgegentrat. Seine stärkste 
Feindschaft richtete sich gegen den Vater, den sie doch in Wirklich^ 
keit nicht treffen konnte, weil dieser eben nicht mehr zu den Leben* 
den zählte. Wir werden hier in frappanter Weise an das Ver* 
halten gewisser Neurotiker erinnert, die, zu schwach, um gegen 
Lebende aktiv vorzugehen, ihren Haß und ihre Rachsucht 
an Toten auslassen, meistens freilich nur in Phantasien oder 
in Form neurotisciier Symptome. 

Wie sdhon erwähnt, konnte Echnaton — - trotz aller Auf* 
lehnung gegen die Macht des Vaters — einer diese Macht ver^ 
tretenden Autorität nicht entraten. Und so schuf er sich eine neue, 
auf seine persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Religion mit einem 
väterlichen Gott als Mittelpunkt. Ihn stattete er mit einer unbe- 
schränkten Macht aus — mit der Allmacht, die jedes Kind ur^ 
sprünglich seinem Vater zumißt. Er machte ihn zum einzigen Gotte, 
in durchsichtiger Anlehnung an die Einzigkeit des Vaters. Er wurde 
damit zum Vorläufer des mosaisdhen Monotheismus, in welchem 
der einzige Gott unverkennbar die Züge des Patriarchen, des Allein^ 
herrschers in der Familie, an sidi trug. Überdies aber schrieb er 
dem neuen Gotte die grenzenlose Liebe und Güte zu, die ihn 
selbst auszeichneten. So schuf er sich einen Gott nach seinem 
eigenen Bilde, um hernach — wie es die Menschen so oft getan 
haben — seine Herkunft von ihm abzuleiten. In Aton spiegelt 
sich also Echnaton selbst mit allen seinen Eigen- 
schaften wieder. Und wenn er den Aton, der doch tatsäch^ 
lieh ein Kind seiner Phantasie, der doch Geist von seinem Geiste 
war, als seinen Vater bezeichnet, so lesen wir darin nichts anderes 
als Echnatons Wunsch: von einem Vater zu stammen, 
der die gleichen persönlichen Eigenschaften 
hätte wie er selbst. 

Auch in unserer Zeit bilden sich viele Individuen — wie wir 
es besonders von den Neurotikern wissen ^ eine private Religion, 
manche unter ihnen audi einen privaten Kultus. Sie sind, wie die 
Psychoanalyse oftmals darzutun vermag, Menschen, die sich in der 
Tiefe ihres Unbewußten gegen den Vater empören, ihr Bedürfnis 
nach Abhängigkeit aber auf ein göttliches — d. h. auch dem Vater 
übergeordnetes — Wesen übertragen. Nicht selten fühlen sie sich 
berufen, die in ihrem Vaterkomplex wurzelnden Ideen zu propa^ 
gieren,- dann werden sie zu Religionsstiftern oder Sektenführern. 

In anderen Fällen sucht der Sohn an die Stelle des wirk^ 
liehen Vaiers einen von seiner Phantasie geschaffenen Ideal-Vater 
zu setzen. Dieser trägt dann, wie nicht anders zu erwarten, alle 
diejenigen Eigenschaften und Charakterzüge an sich, durch welche 



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358 Karl Abraham 



der Sohn seinen Vater zu überragen meint. Als Kern dieser Phan^ 
tasieprodukte ergibt sidi der Wunsch, sich selbst erzeugt 
zu haben, der eigene Vater zu sein. Von Aton aber, der 
für uns nur ein mit väterlidier Allmadit versehenes, zum Gotte er- 
hobenes Abbild Edinatons ist, heißt es in dem mitgeteilten Hymnus, 
daß er sich selbst erzeugt habe! 

Erklärt es sidi somit aus seiner Einstellung zum Vater, daß 
Edinaton zum Stifter eines monotheistisdien Kultus wurde und daß 
er eine Religion der Liebe begründete, so bleibt nodi zu beant^ 
Worten, warum er gerade den Aton, und nicht einen anderen Gott 
in den Mittelpunkt des neuen Kultus stellte. Zwar wurden sdion 
oben verschiedene Gründe angeführt, wie das Eindringen des asi^ 
atischen Adonis-^Dienstes, die Bevorzugung Atons durch die Königin^ 
Mutter und ihr Einfluß auf den minderjährigen Sohn. Allein mit 
diesen äußeren Gründen erklärt man weder die Inbrunst, wie sie 
z. B. aus dem großen Hymnus hervortritt, nodi die Tatsadie, daß 
Edinaton sein ganzes Denken, seine beste Kraft, ja sein Leben in 
den Dienst Atons stellte. Teils von psydioanalytisdien Erfahrungen, 
teils von Tatsadien der Völkerspydiologie ausgehend werde idi 
versudien, dem Verhalten des Königs eine innere Begründung zu geben. 

Durdi neueste Forsdiungen* sind wir auf die besondere Be^ 
deutung der Sonne als Vatersymbol hingewiesen worden. Be- 
lege für diese Bedeutung finden sidi nidit nur in der Psydiologie 
der Neurosen und Geistesstörungen, sondern ebenso in den Vor- 
stellungen der versdiiedenstcn V^ölker. Als Symbol eines ein^ 
zigen Gottes aber eignet sidi die Sonne vor allem deshalb, 
weil sie, im Gegensatz zu den anderen Gestirnen, einsam am 
Himmel ihre Bahn zieht. 

Edinaton verehrt nun, wie oben ausgeführt wurde, nidit 
eigentlidi das Gestirn selbst, sondern die Glut der Sonne. Der 
Sonnenwärme kommt im Vorstellungsleben der Völker die Bedeutung 
einerzeugenden, lebenspendenden Kraft zu. Soaudi in Edi^ 
natons Auffassung. Aber hier tritt — zum Zeidien seiner unge^ 
wöhnlidi starken Tendenz zur Sublimierung — eine zweite Be- 
deutung der Sonnenwärme hinzu: sie wird zum Symbol der 
allumfassenden Liebe Atons. Die ersten Verse des Hymnus 
lassen es deudidi erkennen. Die Strahlen der Sonne, weldie alle 
Länder umarmen, werden mit Atons Liebe identifiziert, durdi die 
er alle Länder gefangen nimmt. Diese Symbolik ist uns aus den 
Träumen gesunder und neurotisdier Personen wohl bekannt. Ferner 
treten im Krankheitsbild der Neurosen abnorme Hitze^ und Kälten 
gefühle sehr häufig hervor. Sie stehen mit der Erotik der Kranken 
in einem meist durdisiditigen Zusammenhang, auf den an dieser 
Stelle nur im Vorübergehen hingewiesen werden kann. 

* Ich nenne hier besonders: Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über 
einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia, sowie den Nachtrag zu 
dieser Arbeit. (»Jahrbuch für psydioanalytische Forschungen«, Bd. III.) 



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Amenhotep IV. (Ecfinaton) 359 

Es wird gestattet sein, noch einen weiteren Schritt zu tun, der 
freilidi auf das Gebiet der reinen Hypothese hinüberführt. Es wurde 
sdion eingangs auf die Beziehungen zwisdien Aton und dem syri- 
sdien Gotte Adonis hingewiesen. Adonis wurde in der Gestalt eines 
sdiönen JüngHngs verehrt, der eines frühen Todes stirbt*. Bedenkt 
man nun, daß der junge König in dem von ihm verehrten Gotte 
nur ein Ebenbild seiner selbst gesdiaffen hatte, so mag die Ver* 
mutung ausgesprodien werden, er habe siA in seiner Vorstellung 
zunädist mit Adonis identifiziert. Sdiwadi und kränklidi von Kind^ 
heit an, das Sdiid^sal eines frühen Todes vor Augen tragend, 
durfte er sidi wohl mit Adonis vergleidien. Und was er erstrebte, 
war ja nidit mannhafte Tat, sondern ein Leben in Sdiönheit. 

Mit seinem Gotte Aton stimmt Edinaton in einem besonderen 
Zuge seines Wesens überein : auch er ist ein Einsamer. 
Wohl hatte er um sidi einen kleinen Anhang von Verehrern ge* 
sammelt, aber in lebendigem Kontakt mit seinem Volke stand er 
nidit, trotz aller Versudie der Annäherung. Eine übermäßige SexuaU 
Verdrängung stört die Gefühlsbeziehungen jedes MensAen zu den 
andern und beraubt ihn der Fühlung mit der Wirklidikeit. Es 
kommt zu der bei den Neurotikern, und oft gerade bei den Be^ 
gabtesten, so häufigen autoerotisdien Einengung: die eigenen 
Wunsdiphantasien werden zum aussdiließlidien Gegenstand des 
Interesses. Der Neurotiker lebt dann nidit mehr in der Welt der 
wirklidien Gesdiehnisse, sondern in einer anderen, von seiner 
Phantasie gesdiaffenen. Er wird teilnahmslos gegenüber den realen 
Begebenheiten, als existierten sie für ihn überhaupt nidit. Edinatons 
Verhalten ist dem gesdiilderten völlig entsprediend. Ganz in der 
Welt seiner Träume und Ideale lebend, in der es nur Liebe und 
Sdiönheit gibt, hat er kein Auge für alles das, was an Haß und 
Feindsdiaft, an Llnredit und Unglüd^ in Wirklidikeit unter den 
Mensdien herrsdit. Audi in der Natur — der Hymnus läßt es 
deutlidi erkennen -^ ignoriert er die Herrsdiaft des Stärkeren und 
die Not des Sdiwadien,- er sieht alle Kreaturen nur voll fröhlidien 
Dankes hüpfen und springen, hört sie jubeln zur Ehre ihres 
Sdiöpfers. 

So verschloß er denn audi sein Ohr den Hilferufen seiner 
asiatisdien Untertanen, so war er blind für die Greuel, die sidi in 
seinen Provinzen abspielten. Sein Auge sah nur Sdiönheit und 
Harmonie, während sein Königreidi in Trümmer ging. »In Adiet 
Aton, der neuen und glänzenden Hauptstadt, hallte der präditige 
Tempel des Aton wider von den Lobgesängen, die dem neuen 
Gotte des Reidies gesungen wurden, — aber dieses Reidi selbst 
existierte nidit mehr.« <B r e a s t e d.) 

Die griediisdie Mythologie erzählt uns von dem Jüngling 
Phaeton, dem Sohne des Helios, der sidi vermaß, an seines Vaters 

• Vgl. hierzu die ähnliche Gestalt des Baidur in der germanisdien Göttersage. 



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360 



Karl Abraham 



Stelle den Sonnenwagen über den Himmel zu führen. Er verlor 
die Gewalt über seine Rosse, und aus dem Wagen stürzend, büßte 
er sein Leben ein. Das Sdiid^sal dieses Sohnes der Sonne berührt 
uns wie ein Gleichnis zur Gesdiidite Edinatons. Mit kühnem Ge= 
dankenflusre trat audi dieser seine Fahrt an. Zu Sonnenhöhen 



strebend ließ er die Zügel Fallen, die seine Väter mit starker Hand 

f;;ehalten hatten, und es erfüllte sidi an ihm das Sdiid^sal so mancher 
dealisten : während sie in einer Welt der Träume leben, gehen sie 
an der WirkliAkeit zugrunde* 




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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Braudi der Völker 361 

Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch 

der Völker. 

Von Professor Dr. ERNEST JONES, Toronto. 
<Mitte September 1911.) 

Im Verlaufe einiger höchst anregender Bemerkungen über den 
Aberglauben sdireibt Freud ^: »Id\ nehme nun an, daß diese 
bewußte Unkenntnis und unbewußte Kenntnis von der Natur 
der psydiisdien Zufälligkeiten eine der psydiisdien Wurzeln des 
Aberglaubens ist.« Er stellt den allgemeinen Grundsatz auf, daß die 
unrichtige Bedeutung, die von den Abergläubisdien zufälligen äußeren 
Ereignissen beigelegt wird, sidi aus der assoziativen Verbindung 
erklärt, die zwischen diesen Ereignissen und widitigen Gedanken 
und Trieben im Unbewußten des betreffenden Mensdien besteht, 
daß sie eine Projektion der Bedeutung darstellt, die in Wirklidikeit 
den unbewußten Gedanken zukommt ,• das Gefühl der Bedeutsamkeit 
ist also vollständig gereditfertigt, aber es wurde in eine falsche Ver^ 
knüpfung gebracht. Der Zweck der vorliegenden Abhandlung ist, im 
Lichte dieser Hypothesen einen der bekanntesten und verbreitetsten 
Aberglauben zu prüfen, daß es nämlidi Unglück bringe, Salz auf 
dem Tisch zu versdiütten. 

Dabei werde idi mich bemühen, nur die induktive Methode 
anzuwenden, d. h. Hypothesen nur aufzustellen, wenn sie als 
berechtigte Sdilüsse aus vorher festgestellten Tatsadien ersdieinen, 
und sie dann daraufhin zu prüfen, ob sie imstande sind, den 
gesamten Umfang des zugänglidien Materials zu erklären. 

Zwei wichtige Tatsachen müssen zu Beginn erwähnt werden: 
zunächst, daß man zu allen Zeiten dem Salz eine Bedeutung zu* 
sdirieb, die diejenige seiner natürlidien Eigenschaften weit übertraf: 
Homer schildert es als göttlichen Stoff, Plato schreibt, daß es den 
Göttern besonders wert sei^, und wir werden sogleidi seine große 
Widitigkeit bei religiösen Zeremonien, Verträgen und magisdiem 
Zauber kennen lernen. Daß dies in allen Teilen der Welt und zu 
allen Zeiten der Fall war, zeigt, daß wir es hier mit einer allge* 
mein mensdilidien Neigung zu tun haben und nidit mit einem 
lokalen Braudi, einem Zufall oder einem unwesentlidien Zug. 
Ferner entlehnte man dem Salzbegriff in den versdiiedenen Spradien 
einen bemerkenswerten Überfluß metaphorischer Bedeutungen, 
deren Studium erkennen lassen wird, wofür der Begriff tatsädilidi 
im mensdilidien Geist stand, und dadurdi die Quelle seiner über* 
großen Bedeutung erklären kann. 

Wir wollen zunächst die widitigsten diarakteristischen Eigen* 
sdiaften des Salzes in Betradit ziehen, die sidi den Gedanken des 
Volkes eingeprägt haben und so mit allgemeineren Vorstellungen ver* 

^ Freud, Zur Psydiopathologie des Alltagsleben. Dritte Auflage. 1910. 5,134. 
' Plutardi, Morals. Goodwins English Edition. 1870. Vol. II. Pag. 338. 



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362 Ernest Jones 



wandter Art assoziiert wurden. Vielleidit ist die hervorragendste 
unter ihnen die Dauerhaftigkeit des Salzes und seine 1 m^ 
munität gegen Verderbnis. Infolge dieser Eigensdiaften war 
das Salz sinnbildlidi für Dauerhaftigkeit und Unzerstörbarkeit ^ und 
daher auch für Ewigkeit und Unsterbhdikeit^/ im Mittelalter hielt 
man dies für die Ursadie, weshalb der Teufel Salz verabsdieue ^. In 
Verbindung mit der Ewigkeit wird audi die Weisheit erwähnt, die 
das Salz ebenfalls symbolisiert \ wenn audi Pitre ^ sagt, dies komme 
nur von einem Spiel mit den Wörtern sedes sapientiae und 
salee sapienza. Brand ^ aber zitiert eine Antrittsrede, die an einer 
deutschen Universität im 17. Jahrhundert gehalten wurde und die eine 
innere Verbindung zwisdien den beiden Begriffen zeigt: »Die Ge- 
danken und Meinungen der Gottesgelehrten und Philosophen stimmen 
darin überein, das Salz zum Sinnbild der Weisheit und 
Gelehrsamkeit zu madien, und zwar nidit allein mit Rücksidit 
auf seine Bestandteile, sondern wegen der vielen Verwendungen, 
die es findet. Was seine Bestandteile betrifft, so sollte, wie das 
Salz aus dem reinsten Stoffe besteht, audi die Weisheit rein, gesund, 
unbefled^t und unbestedilidi sein, und die Wirkungen von Weisheit 
und Gelehrsamkeit auf den Geist sollten denen entsprediend sein, 
die das Salz auf die Körper hervorbringt.« Diese Erklärung für die 
Verbindung mit dem Begriff der Weisheit klingt nidit allzu über* 
zeugend und legt den Gedanken nahe, daß vielleidit nodi andere 
bestimmende Faktoren außer den eben erwähnten vorhanden sein 
könnten. Die Vorstellung von der Dauerhaftigkeit des Salzes ist 
zweifellos eine widitige Ursadie für seine Assoziation mit dem 
Thema Freundschaft und Treue ''. Dank seiner dauerhaften 
und unzerstörbaren Art wurde es als Symbol fortdauernder Freund* 
sdiaft^ angesehen und davon sind mehrere sekundäre Bedeutungen 
abgeleitet. 

Eine der Folgen z. B. ist der Glaube, daß das Versdiütten 
von Salz einen Streit oder Bruch der Freundsdiaft mit sidi bringe^. 
Das Salz hat eine widitige Rolle in der G a s tf r e u n ds c h a f t ge* 
spielt: Stuckius ^^ beriditet von dem Glauben der Moscowiter, daß 

* Lawrence, The Magic of the Horsc-Shoe, with other Folk-Iore Notes. 

1899. Ch. III., »The Folk-Iore of Common Salt«. Pag. 157. 

' Sehgman, Der böse Blick und VenK^andtes. 1910. Band II, S. 33. 
' Bodin, De la Demonomanie des Sorciers. 1593. S. 278. 

* Codin de Plancy, Dictionnaire Infernal. 1818. I. II. P. 278. Lawrence, 
Loco cit. 

^ Pitre, Usi e costumi, credenze e pregiudizi del popolo Siciliano. 1889. 
Vol. III. Pag. 426. 

^' Brand, Observations on the Populär Antiquities of Great Britain. 1849. 
Vol. I. Pag 433. 

^ Siehe Viktor Hehn, Das Satz. Eine kulturhistorische Studie. <i87i> 
2. Aufl. 1901, S. 10 bis 12. 

^ Brand, Op. c. Vol. III. Pag. 162. Lawrence, Op. c. Pag. 169, 171. 

•* Wuttke, Der deutsdie Volksaberglaube der Gegenwart. Dritte Bearbeitung 

1900. S. zu. Brand, L. c. 

^*' Stuckius, zitiert von Brand. Op. c, pag. 161. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 363 

ein Fürst einem Fremden keinen größeren Freundschaftsbeweis geben 
könne, als wenn er ihm Salz von seinem eigenen Tisdi sende,- in 
den Ländern des Ostens ist es ein altehrwürdiger Braudi, den 
Fremden als ZeiAen und Pfand für Freundsdiaft und Wohlwollen ^ 
Salz vorzusetzen, und in Europa wurde es den Gästen gewöhnlidi 
vor einer anderen Speise gereidit, um die andauernde, kräftige 
Freundsdiaft anzuzeigen"". Wenn ein Abessinier einem Freunde oder 
Gast besondere Aufmerksamkeit erweisen will, so bringt er ihm ein 
Stüd^ Steinsalz und gestattet dem anderen huldvoll, mit der Zunge 
daran zu led^enl In den versdiiedensten Ländern und zu allen 
Zeiten, vom alten Griedienland bis zum heutigen Ungarn, wurde 
das Salz benützt, um Eide und Verträge zu bekräftigen^,- 
so beriditet Lawrence: »Im Osten werden nodi heute Verträge 
zwisdien den Stämmen mittelst Salz gesdilossen und die feierlidisten 
Verpfliditungen werden durdi diesen StofF bekräftigt.« Soldie Ver- 
träge sind unverletzlidi und ebenso bringt »eines Mannes Salz essen« 
— die Phrase ist nodi jetzt gebräudilidi -^ die Verpfliditung der 
Treue mit sidi ,• während des indisdien Aufstandes vom Jahre 
1857 soll ein Hauptgrund, der die Sepoys bewog, sidi davon 
fernzuhalten, der Umstand gewesen sein, daß sie der Königin beim 
Salz Treue gesdiworen hatten''. 

Byron bezieht sidi in den folgenden Versen aus »Der Corsar» 
auf diese Gruppe von religiösen Vorstellungen : 

»Was meidest du das Salz, das heiliger als Eide, 

Den bindet, der es nimmt, und stumpft des Sdiwertes Sdineide? 

Feindlidie Stämme einigt es in Frieden, 

Madit Brüder die, die sonst durdi Haß gesdiieden.« 

Eng verbunden mit dem erwähnten Zug der Unzerstörbarkeit 

ist die Fähigkeit des Salzes, andere Körper vor Verderb^ 

nis zu bewahren. Es wird allgemein angenommen, daß dies 

die Ursadie für die Madit des Salzes ist, gegen den Teufel und 

andere böse Geister zu sdiützen, die es verabsmeuen^. Audi diese 

Eigenschaft hat viel dazu beigetragen, die Assoziation zwisdhen 

Salz und Unsterblidikeit herzustellen,- die Verbindung zeigt sidi 

deutlidi in der ägyptisdien Verwendung des Salzes bei der Ein^ 

balsamierung, wo es eine widitige Rolle spielte. Sie ist eine der 

Ursadien für den Braudi, der in allen Teilen Großbritanniens bis 

vor kurzem bestand, Salz auf einen Leidinam zu streuen^,- gewöhn^ 

^ Lawrence, Op. c, pag. 156. 

'^ Lawrence, Op. c, pa^A6g. 

^ Lawrence, Op. c, pa<, 188. 

* Scfilciden, Das Salz. Seine Geschichte, seine Symbolik und seine Bedeutung 
im Mensdienlcben. 1875. S. 71 bis 73. Lawrence, Op. c, pag. 164 bis 166. 

'* Manley, Salt and Othcr Condiments. Pag. 90. 

^* Conway, Demonology and DeviULore. 1879. Vol. L Pag. 288. Moresini, 
Papatus- Pag. 154 Bodin, L. c. 

^ Dalyell, The Darker Superstitions of Scotland, 1835. Pag. 102. Sikes, 
British Goblins. 1880. Pag. 328. Brand, Op. c. Vol. IL Pag. 234, 235. 



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364 Erncst Jones 



lidi wurde Erde hinzugefügt, «Erde als Sinnbild des vergänglidien 
Leibes, Salz als Sinnbild der unsterblidien Seele«. In späterer Zeit 
hieß es, dies werde getan, um die Verwesung^ zu verhindern, eine 
Vorstellung, die wahrsdieinlidi mit der ursprünglidien verwandt ist. 
Nodi weiter ging der Braudi in Wales, wo man einen Teller mit 
Salz und Brot auf den Sarg stellte,- der gewerbsmäßige »Sünden^ 
esser« der Gegend ersdiien hierauf, murmelte eine BesAwörung und 
aß das Salz, wodurdi er alle Sünden des Abgesdiiedenen auf sidi 
nahm"". 

Widitig ist die Vorstellung, daß das Salz die Essenz der 
Dinge, besonders des Lebens, bilde. Dies sdieint zwei andere Be^ 
griffe mit einzusdiließen : die notwendige Gegenwart und den ent^ 
spredienden Wert. Die Idee von der Quintessenz liegt zweifellos 
der biblisdien Phrase <Matth. V., 13) : »Ihr seid das Salz der Erde« 
zugrunde, und in vielen Wendungen wird es im Sinne von »aristo^ 
kratisdi«, »die Quintessenz bildend«, etc. verwendet \ In der 
Aldiimie hielt man das Salz für eines der drei Grundelemcnte, aus 
denen die sieben Edelmetalle gesdiaffen wurden ,■ Qued^silber stellte 
den Geist dar, Sdiwefel die Seele und Salz den Leib. Herridc in 
seinen Hesperiden <pag. 394) wertet das Salz nodi höher : 

»Das Salz des Leibes ist die Seele,- sdieidet sie. 
So sinkt das Fleisdi rasdi in Verwesung hin«. 

Im alten Ägypten stellten Salz und eine brennende Kerze das 
Leben vor und wurden über einem Toten aufgestellt zum Ausdruck 
des sehnlidien Wunsdies, das Leben des Abgesdiiedenen zu ver^ 
langem"^. Folgender Grund wurde von lateinisdien Sdiriftstellern, 
z. B. Plutardi, angeführt: »Nadi dem Tode fallen alle Teile des 
Körpers auseinander. Im Leben erhält die Seele die Teile intakt und 
in Verbindung. Ebenso erhält das Salz den toten Körper in seiner 
Form und seinem Zusammenhang und vertritt also somit gleidisam 
die Seelen« Der Gipfel der Lobeserhebungen, wobei ebenfalls die 
Vorstellung des Wertes hervorstidit, findet sidi in einer Abhandlung 
über das oalz, die im Jahre 1770 veröffentlidit wurde,- darin bringt 
der Verfasser in leidensdiaftlichem Stil die übertriebensten Lob- 
preisungen über diesen Stoff vor, den er als die Quintessenz der 
Erde ansieht. Das Salz wird hier als ein Sdiatz der Natur dar^ 
gestellt, als das Wesen der Vollendung, als das Ideal eines Sdiutz^ 
mittels. Nodi mehr, wer Salz besitzt, sidiert sidi damit unter den 
körperlidien Dingen einen Grundfaktor mensdilidier Glüdiseligkeit^. 

Salz ist enge assoziiert mit der Vorstellung von Geld oder 

^ Brand und Sikcs, L. c. 
2 Sikes, Op. c, pag. 324, ^z6, 

^ Murrays, Oxford Englisn Dictionary. Vol. VIII. Pag. 59. 
^ Morison, Op. c, pag. 89. 
'^ Zitiert aus Sdileiden, Op. c, S. 90. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 163 zitiert hier: Elias Artista Hermctica. Das 
Geheimnis vom Salz, 1770. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Braurfi der Völker 365 

Reichtum, und in der Tat ist dies eine der bildlidien Bedeutungen 
des Wortes. Heutzutage findet sidi audi die Verknüpfung mit über^ 
mäßigem oder ungehörigem Preis wie in der Phrase: »a salt or salty 
price«, »ein gesalzener Preis«,- ähnlidi bedeutet im Französisdien : 
»il me Va bien sale«, 5^er hat mir einen übertriebenen Preis auf» 
gerechnet«. In kaufmännisdien Kreisen heißt die Redensart: >to salt 
a mine or property«, »eine kleine Menge von etwas Wertvollem 
hinzufügen und so den Verkaufspreis künsdidi in die Höhe treiben«. 
Im alten Rom wurden Soldaten und Beamte mit Salz anstatt mit 
Geld bezahlt, woher <von salarium) audi das heutige Wort »Salair« 
und die Phrase »sein Salz wert sein« <= »imstande sein, sein Geld 
zu verdienen«) stammen. Eine Salzwährung gab es im 16. Jahr^ 
hundert in Afrika und ebenso im Mittelalter in England ^ und 
Deutsdiland, ferner in China, Tibet und audi sonst in Asien-,- der 
Name der österreidiisdien Münze »Heller« ist von einem alten 
deutsdien Wort für Salz »Halle« '^ abgeleitet. Die Montem^Zeremonie 
in Eton**, die darin bestand, Geld im Austausdi gegen Salz einzu- 
sammeln, wurde bis zum Jahre 1847 beibehalten. Salz^Silber zahlten 
die Lehensleute ihren Herren als Ablösung für die Dienstleistung, 
ihnen Salz vom Markt zu bringen '\ In einigen Teilen von Deutsdi- 
land besteht ein Spiel darin, etwas Sand, ein wenig Salz und ein 
grünes Blatt auf den Tisdi zu legen und eine Person mit verbundenen 
Augen danadi tasten zu lassen,- wenn sie das Salz erfaßt, so bedeutet 
das Reiditum'*. 

Diese und andere Ursadien haben der Vorstellung des Salzes 
im Volksglauben eine große Wichtigkeit verliehen. Waldron ^ 
erwähnt, daß auf der Insel Man »niemand in einer widitigen An^ 
gelegenheit ausgeht, ohne Salz in die Tasdie zu stecken. Nodi viel 
weniger würde jemand von einem Haus in ein anderes ziehen, 
heiraten, ein Kind aus dem Hause geben oder eines zur Erziehung 
annehmen, ohne daß gegenseitig Salz ausgetausdit wird,- ja, wenn 
ein Armer selbst auf der Straße fast verhungerte, würde er keine dar^ 
gereidite Speise annehmen, wenn man nidit zu dem übrigen Almosen 
noch Salz hinzufügt«. Salz mit sidi zu nehmen, wenn man sidi in eine 
neue Wohnung begibt, ist ein sehr weit verbreiteter Braudi^,- es wird 
beriditet, daß der Diditer Burns, als er im Jahre 1789 ein neues 
Haus in Ellisland beziehen wollte, von einer Sdiar von Verwandten 
begleitet wurde, die in ihrer Mitte eine SAale mit Salz trugen '\ Die 
Araber von Ober^Ägypten verbrennen, bevor sie eine Reise an^ 

1 Brand, Op. c. Vol. I. Pag. 436. 

- Sdileidcn, Op. c, S. 68 — 70, 82. 

^ Hehn, Op. c, S. 90. 

* Brand, Op. c, pag. 433-440. 

'' Brand, Op, c, pag. 403. 

;; Wuttke, Op. c, S. 233. 

" Waldron, Description of thc Isle of Man. 1725. Pag. 187. 

^ Wuttke, Op. c, S. 396. 

^ Rogers, Scotland, Social and Domestic. Vol. III. Pag. 288. 

Imaga I 4 24 



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30f5 Ernest Jones 



treten, Salz, um Unglück abzuwendend Im Mittelalter war das 
Setzen des Salzes auf die Tafel eine hödist feierlidie Zeremonie. 
Die übrigen Geräte wurden mit größter Genauigkeit, je nadi ihrer 
Zugehörigkeit zum Salz verteilt, das überall mit besonderer Ehrfurdit 
behandelt wurde"-. Bei den Römern war es ein religiöser Grundsatz, 
daß keine andere Sdiüssel auf den Tisdi gestellt wurde, bevor das 
Salz seinen Platz hatte. Rang und Reihenfolge der Gäste war durdi 
ihren Sitz ober^ oder unterhalb des Salzes und durdi ihre Entfernung 
davon genau angezeigt. Weldie große Bedeutung man dem Salze 
zusdirieb, geht audi daraus hervor, daß fast kein Ort existiert, an 
dem Salz produziert wird, bei dem das nidit audi in dem Namen 
des Ortes ausgedrückt worden wäre, vom indisdien Lavanäpura 
(Salzburg) und dem österreidiisdien Salzburg bis zum preußisdien 
j^Salzkotten« und dem sdiottisdien Saltwats'l 

Die große Widitigkeit, die dem Salz anhaftet, führte dazu, daß 
man ihm versdiiedene magische Kräfte zusdirieb, und es wurde 
in sehr ausgedehntem Maße beim Zaubern angewendet. Zu diesen 
und anderen Zwed^en konnte es verwendet werden, indem man es 
auf die Zunge legte oder den Körper damit einrieb, aber die belieb^ 
teste Art war, es in Wasser aufzulösen und die betreffende Person 
darin zu baden. Die Hauptfunktion des Salzes in diesem Zusammen- 
hang, wie audi die der meisten anderen Zaubermittel war, gegen 
LI n g 1 ü c k z u schützen, besonders durdi Abwenden des Ein^ 
flusses sdiädlidier Geister. Salz ist fast überall für böse Dämonen 
ein Gegenstand des Absdieus * mit alleiniger Ausnahme — soweit 
mir bekannt ist — des ungarisdien Volksglaubens, wo im Gegenteil 
die bösen Geister eine Vorliebe für Salz haben'/ Salz fehlte immer 
bei den Gelagen des Teufels und der Hexen ^/ es war daher ein 
Hauptzauber gegen die Madit des Teufels ^ gegen Zauberer ^ Hexen '^ 
den bösen Blid^^" und bösen Einfluß überhaupt^^- soldber Aberglauben 
findet sidi audi in so weit entfernten Ländern wie Arabien^- und Japan ^'. 
Audi das Vieh wird auf dieselbe Weise gegen Zauber geschützt ^*^. 

^ Burckhardt, Travels in Nubia Pag. 169. 

' Lawrence, Op. c, pag. 197 — 205. 

^ Zitiert aus Sdilciden, Op. c. S. 70. 

^ Bodin, L. c./ CoIIin de Plancy, Op. c , pag. 277, 278/ Schleidcn, Op. c, S. jS, 

"' La>R^rence, Op. c, pag. 159. 

*' Wright, Sorcery and Magie, 1851. Pag. 310. 

" Bodin und Collin de Plancy, L. c. 

^ Grimm, Deutsdie Mythologie. Vierte Ausgabe. 1876. S. 876. 

^ Grimm a. a. O. Nachtrag, S. 454/ Krauß, Slavisdic Volksforschungen. 1908. 
S. 39/ Mannhardt, Germanische Mythen. 1858. S. 7,- Seligmann a. a. O. Band II. 
S. 33/ Wuttke, Op. c, S. g^, 258, 283. 

^^ Sciigmann, Op. c. Band I., S. 312, 313, 320, 331, 344, 346, 365, 377, 3S9, 
Band II. S. 73, 144, 220, 376. 

^^ Lawrence, Op c, pag. 177. 

^" Burckhardt, L. c. 

^^ Bousquet, Le Japon de nos jours. 1 877,7. 1.Pag. 94/ Griffis, The Mikados Empire. 

^^ Seligmann, Op. c. Band IL, S. 104, 241, 329/ Wuttke, Op. c, S. 40, 435, 
43S/ Krauß, L. c. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 367 

In Indien und Persien entsdieidet man sogar mit Hilfe des Salzes, 
ob irgend eine Person behext wurde oder nidit^ Salz bewahrt audi 
die Felder vor üblen Einflüssen "/ es wurde ferner dazu benützt, 
die Seelen der Toten an der Rückkehr zu hindern und ihnen den 
Frieden im Fegefeuer zu versdiaffen '. 

Diese Verfahren wurden mit besonderer Häufigkeit bei 
Kindern angewendet. Auf den Braudi, neugeborene Kinder mit 
Salz einzureiben, bezieht sidi die Bibelstelle Ezediiel XVL 4. Die 
Verwendung von Salz zum Sdiutz der Neu^^eborenen gegen böse 
Dämonen und Einflüsse, indem man ihnen entweder ein wenig auf 
die Zunge streute oder sie in Salz und Wasser taudite, war in 
ganz Europa seit frühester Zeit verbreitet und ging sidier der christ- 
lidien Taufe voran S- in Frankreidi dauerte die Sitte, die Kinder bis 
zur Taufe, wo es nidit mehr nötig war, mit Salz zu bestreuen, bis 
1408'. Nocb heutigen Tags wird es in Holland in die Wiege des 
neugeborenen Kindes gelegt *\ In SAottland war es üblidi, einem 
Kind Salz in den Mund zu stecken, wenn es das Haus eines Fremden 
zum ersten Mal betrat '. Audi einem neugeborenen Kalb wurde 
Salz in den Mund gested^t zu ähnlidien Zwed^en wie bei Kindern^. 

Salz wurde in ausgedehntem Maße zu medizinischen 
Zwecken verwendet, wenn audi weniger häufig als in den anderen, 
eben erwähnten Absiditen. Es hatte die Aufgabe, Krankheiten 
sowohl zu verhindern'' als audi zu heilen ''^ wie sdion Plinius an^ 
führt, besonders soldie, die durdi geheime Einwirkungen entstanden 
waren. Es ist möglidi, daß das lateinisdie Wort »salus« <Gesund^ 
heit), dessen früheste Bedeutung »wohl bewahrt« ist, ursprünglidi zu 
dem Wort »Salz« gehört. 

Eine andere widitige Funktion hatte das Salz bei der Herbei- 
führung der Fruditbarkeit. Da dies augensdieinlidi nidit von 
einer seiner natürlidien Eigensdiaften stammen kann, muß es eine 
symbolisdie Bedeutung vorstellen, die mit der allgemeinen, dem Salz 
zugesdiriebenen Widitigkeit in Einklang steht. 

S c h 1 e i d e n ' ^ madit folgende interessante Bemerkungen : 

»Das Meer war ohne Zweifel das befruditende, zeugende 
Element. Wenn wir von den wenigen Säugetieren des Meeres ab- 
sehen, so zählen bei den Meeresgesdiöpfen die Nadikommen nadi 

* Seligmann, Op. c. Band I., S. 262, 264. 

- Seligmann, Op. c. Band II , S. 324. 

3 Wuttke, Op. c, S. 465, 472. 

** Conway, Op. c. Vol. IL Pag. 217/ Lawience, Op. c, pag. 174, 175/ 
Seligmann, Op. c, Band IL, S. 34/ Wuttke, Op. c, S. 382, 387. 

'' Srfileiden, Op. c, S. 79. 

*' New York »Times«, iNovember 10, 1889. 

'' Dalyell, Op. c, pag. 96. 

^ Seiigmann, Op. c, S. 5S/ Wuttke, Op. c, S. 436, 443. 

^ Wuttke, Op. c, pag, 374. 

^'^ Dalyell, Op. c, pag. 98, 99, 102/ Lawrence, Op. c, pag. 180/ Selig- 
mann, Op. c , Bd. J, S. 278/ Wuttke, Op. c, S. 336. 
*^ Schieiden, Op. c, S. 92, 93. 



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368 Emcst Jones 



Tausenden und Hunderttausenden. Das sdirieb man umso leiditer 
dem Salze zu, da man damit andere Beobaditungen, die man ge^ 
madit zu haben glaubte, verband. Man erzählte sidi, daß bei der 
Hundezudit häufiger Salzgenuß die Nadikommensdiaft vermehre, 
daß die Zahl der Mäuse sidi gerade auf Salzsdiiffen so unberedien^ 
bar vergrößere, daß man sdion damals zu dem Gedanken der 
Parthenogenesis kam, d. h. zu der Ansidit, daß die Mäuse ohne 
Mitwirkung eines männlidien Wesens Junge werfen könnten. So 
bildete sidi die Überzeugung, daß Salz und physisdie Liebe in 
engem Zusammenhang stehen müßten, und Salz wurde das Symbol 
der Zeugung.« 

Es wurde in diesem Zusammenhang auf zwei Arten ver* 
wendet, erstens um Fruditbarkeit und reimen Ertrag zu bewirken, 
und zweitens um Unfruditbarkeit und Impotenz abzuwenden. Das 
letztere wird an der Handlung Elisas gezeigt, der Salz in den 
Brunnen von Jeridio wirft <2. Budi der Könige, II, 2i>: »So spridit 
der Herr: Idi habe diese Wasser gereinigt und in Zukunft sollen 
sie nidit mehr Tod oder Unfruchtbarkeit hervorrufen.« 

G a u m e ^ berichtet, daß das Salz speziell die Aufgabe hat, 
Fruchtbarkeit herbeizuführen, und seine symbolische Bedeutung 
zeigt sich in folgendem indischen Brauch": Eine Frau, die sich ein 
Kind, besonders einen Sohn wünscht, fastet am vierten zu einer Mond- 
nacht gehörenden Tag nach jedem mondlosen halben Monat und be- 
endet ihr Fasten erst, wenn sie den Mond gesehen hat. Hierauf wird 
eine Schüssel mit 21 Kugeln aus Reis, deren eine Salz enthält, vor sie 
hingestellt, und wenn sie die Hand zuerst auf die Kugel legt, die 
das Salz enthält, wird sie mit einem Sohn gesegnet sein. In diesem 
Fall ißt sie nidit weiter,- sonst fährt sie fort, bis sie zu der gesalzenen 
Kugel kommt. Die Zeremonie darf nidit beliebig oft wiederholt 
werden,- wenn es ihr niemals gelingt, die gesalzene Kugel zuerst 
herauszufinden, ist sie zur UnTruditbarkeit verdammt. In Belgien 
wird Salz unter die Nahrung einer träditigen Kuh oder Stute ge- 
mengt, um die Geburt leidit zu madien ^- in der Normandie wird 
es Kühen gegeben, um viel Butter zu gewinnen"*. 

In Böhmen wird eine bestimmte Art von salzhaltigem Gebäd^ 
einer träditigen Kuh gegeben, damit sie ein besonders sAönes Kalb 
zur Welt bringe und eine Menge Mildi gebe',- in Sdiotdand^' und 
Ost^Friesland * wird Salz in die erste MilA nadi dem Kalben ge^ 
sdiüttet, um zu einer großen Menge von guter Mildi zu verhelfen. 

^ Gaume, L'Eau Benite au Dix-neuvieme Siede 1866. Zitiert von 
Conway. 

- Indian Notes and Queries. Vol. IV., pag. 106. 

^ Siehe Reinsberg^Düringsfeld, Volksgebräudie in Kempen. Ausland 1874. 
S. 471. 

^ Kuhn, Märkische Sagen und Märdien. S. 388. 

'* Wuttke, Op. c, S. 442. 

^' Dalyell, Op. c, pag. 101, • Sikes, Op. c, pag. 329. 



Wuttke, Op. c, S. 446- 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 369 

Wenn in Sdiottland die Saat vorbei ist, streut die Herrin des 
Hauses Salz auf das Feld^ und Wuttke" beriditet von einem 
ähnlidien Braudi in Ostpreußen. In Bayern wird, um eine reidie 
Ernte zu erlangen, die erste Ladung mit Salz und Wasser be^ 
sprengt^*^ 

Bs ist nur natürlidi, daß die allgemeine, dem Salz zugesdiriebene 
Widitigkeit sidi in der Religion wiederspiegelt, und wir finden, daß 
dies in bemerkenswerter Ausdehnung der Fall war. Es bildete einen 
wesentlichen Bestandteil der Ojpfergaben sowohl im alten Ägypten^ 
als audi in Griedienland und Rom'. Brand sagt über die beiden 
letzteren: »Griedien wie Römer misditen Salz in ihr Opfergebäck/ 
audi bei ihren Reinigungsopfern maditen sie Gebraudi von Salz 
und Wasser, was in späteren Zeiten Veranlassung zu der Ver^ 
Wendung von Weihwasser gab.« Im Judentum finden wir in der 
Bibel drei versdiiedene Verwendungen besdirieben. Ebenso wie in 
anderen Ländern bildete es einen notwendigen Bestandteil der Opfer^ 
spenden: »Jede Darbringung deines Speiseopfers sollst du mit Salz 
würzen,- und nidht sollst du das Salz von dem Bunde deines Gottes 
bei deinem Speiseopfer fehlen lassen <3. Budi Mosis, II, 13)^'«. Ein 
Bündnis, besonders ein religiöses, wurde durdi Salz ratifiziert: »Es ist 
ein Bund des Salzes für immer vor dem Herrn« <Numeri XVIII. iq>. 
»Gott, der Herr über Israel, gab das Königreidi über Israel für 
immer David, ihm und seinen Söhnen durdi einen Bund des Salzes« 
<2. Budi der Chronik, XIII. 5). Audi die Vorstellung von einer 
Verpfliditung zur Treue durdi Essen von Salz begegnet,- die Stelle: 
»Wir haben unseren Unterhalt von des Königs Palast« <Esra, 
IV. 14), lautet budbstäblidi »wir sind gesalzen mit dem Salz des 
Palastes«^. Die Salzquellen in Deutsdiland, die später mit dem 
Treiben der Hexen in Verbindung gebradit wurden, hatten eine 
widitige religiöse Bedeutung,- Ennemoser^ sdireibt in Bezug auf 
sie: »Man betraditete ihren Ertrag als der nahen Gottheit unmitteU 
bare Gabe, die Gewinnung und Austeilung des Salzes als ein 
heiliges Gesdiäft,- wahrsdieinlidi waren Opfer und Volksfeste mit 
dem Salzsieden verbunden.« In der römisdi-katholisdien Kirdie wurde 
Salz zu Taufzwed^en im 4. Jahrhundert'* eingeführt und hat hier 



^ Camden's Britannia,- zitiert von Brand, HI., S. 165 und Dalyell, L. c. 

- Wuttke, Op. c, S. 419. Siehe auch Seh'gmann, Op. c, Bd. II, S. 34. 

3 Wuttke, Op. c, S. 423. 

^ Dalyell, Op. c, pag. 97. 

'l Brand, Op. c, Vol. Ili, S. 161. 

*' In Hiob I, 22, sollte die wörtliAe Wiedergabe der Stelle: »In allem diesen 
sundigte Hiob nidit und tat nidits TöriAtes wider Gott« lauten: »In allem diesen 
sündigte Hiob nicht, nodi gab er Gott ungesalzen. (Conway, Op. c, Vol. IL 
P. 150.) 

^ Lawrence, Op. c, pag. 156. 

^ Ennemoser, Gesdiichte der Magie. 2. Aufl. 1844. S. 839. 

^ Pfannensdimid, Das Weihwasser im heidnisdien und diristlidien Kultus, 
citiert von Lawrence. 



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370 Ernest Jones 



seitdem immer eine hervorragende Rolle gespielt K Nach S di 1 e i d e n- 
stammt dies von der jüdisdien Sitte, bei der Besdineidung Salz an^ 
zuwenden. In den Taufzeremonien der anglikanisdien Kirche wurde 
im Mittelalter dem Kinde Salz in den Mund gesteht und Ohren 
und Nasenlödier mit Speidiel berührt -- Verfahren, die in der 
Reformationszeit außer Gebraudi kamen ^. Dodi wurde in der Regel 
Salz in aufgelöstem Zustand verwendet, der wohlbekannte »Salz* 
stein«^ nämlidi, bestehend aus Salz und Wasser, deren jedes für 
sidi vorher gesegnet worden war. Das so entstandene Weihwasser 
fand in katholisdien und protestantisdien Ländern ausgedehnte Ver- 
wendung, und zwar zu oenselben Zwed^en wie vorher das einfache 
Salzwasser, mit dem einzigen Untersdiied, daß letztere Lösung nidit 
ganz so wirksam war wie die geweihte. So wurde es von der 
römisdi^katholisdien Kirdie offiziell angewendet zum Nutzen der 
leiblidien Gesundheit und zur Austreibung von Dämonen'"*, von der 
anglikanisdien, um den Teufel vom Betreten der Kirdien und 
Wohnungen abzuhalten *\ und von der sdiottisdien zur Vertreibung 
von bösen Geistern, zur Heiligung religiöser Bräudie, und um die 
Verwandlung neugeborener Kinder in Wediselbälge zu verhindern'. 
Weihwasser wurde und wird in gewisser Ausdehnung nodi jetzt 
benützt, um den bösen Blid^^ abzuwenden, um sidi für eine Reise 
zu rüsten "^ Besessenheit zu heilen ^^, damit das Vieh gedeihe^^ um 
die Hexen zu hindern, die Butter sauer zu madien ^", und um einer 
träditigen Kuh eine glüd^lidie Entbindung zu sidiern^'^ In diesem 
Zusammenhang mögen audi gewisse afrikanisdie Tabus, die sidi auf 
Salz beziehen, erwähnt werden. 

Ein böser Geist, der in einem See in Madagaskar wohnte, 
haßte Salz so, daß man es immer mit einem anderen Namen nennen 
mußte, wenn weldies an dem See vorbeigefuhrt wurde, sonst wäre 
es ganz zergangen ^^. 

Eine Gesdiidite aus Westafrika beriditet, daß man einem 
Mann erzählte, er müsse sterben, wenn je in seiner Gegenwart das 
Wort Salz ausgesprodien würde,- eines Tages wurde das Unglüd^s^ 
wort ausgesprodien und er starb wirklidi sofort^-*. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 182. 
'^ Schieiden, Op. c, pag. 76. 
^ Lawrence, Op. c, pag. 176. 

^ Seligmann, a. a. O., Bd. L S. 322,- Wuttkc, Op. c, S. 142. 
^ Gaume, L. c./ Morisinus, Op. c, pag. 153, 154. 
^' Ady, A Perfect Discovery of Witdies. 1661, 2itiert bei Lawrence. 
" Dalyell, Op. c, pag. 98/ Napier, zitiert bei Conway, Op. c. Vol. II, pag. 217. 
^ Seligmann, Op. c, Bd. I, S. 325, Bd. II, S. 315, 396. 
•> Wuttke, L. c. 
^^^ Scot, The Discoverie of Witdicraft. 1584. Pag. 178. 

11 Wuttke, Op. c, S. 439. 

12 Wuttke, Op. c, S. 448. 
1'^ Wuttke, Op. c, S. 142. 

^* Sibree, The Great African Island. 1880. Pag. 307. 
^^ Nassau, Fetidiism in West Africa. 1904. Pag. 381. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker ;371 

Wir wollen nun eine andere Eigenschaft des Salzes betraditen, 
die zu vielen symbolisdien Bedeutungen Anlaß gab, nämlidi seinen 
besonderen Gesdimack. Seligmann ^ sagt : »Das Salz ist 
wegen seiner würzenden Kraft ein lebenförderndes Mittel.« Er 
bringt in Verbindung damit die Vorstellung von dem Einfluß, den 
das Salz ausübt, wenn es in andere Substanzen, z. B. Brod ein^ 
dringt, und audi den Glauben an seine Fähigkeit, Krankheiten zu heilen. 

Diese Eigensdiaft des Salzes wurde in versdiiedener bildlidier 
Weise, besonders auf die Gedankenäusserung angewendet. Law- 
rence'^ sdireibt: »Infolge der Bedeutung des Salzes als Würze 
wurde sein lateinisdier Name ,sal' metaphorisdi angewendet, um 
einen geistigen Led^erbissen und dann allgemein, um Witz oder 
Sarkasmus zu bezeidinen. Die Charakterisierung von Griedienland 
als ,das Salz der Völker' wird dem Livius zugesArieben und dies ist wohl 
der Ursprung der Redensart ,attisdies Salz' für feinen, geläuterten 
Witz«. Eine beißende oder markige Bemerkung oder ein eben soldier 
Sdierz wird Salz*^ genannt in Ausdrüd^en wie »es ist kein Salz in seinen 
Witzeleien«, obgleidi die Verwendung des Wortes in diesem Sinn 
im Englisdien außer Gebraudi kommt,- im Französisdien hält sidi 
eine ännlidie Anwendung in Phrasen wie z. B. »un epigramme 
sale«, »il a repandu le sei ä pleines mains dans ses ecrits« etc. 
In der Bibelstelle <Kolosserbrief, IV, 6> »laßt eure Rede immer 
lieblidi sein, gewürzt mit Salz« ist wohl diese Bedeutung ebenso 
vorherrsdiend wie die früher erwähnte von Weisheit und Verstand. 

Dieselbe Metapher wird audi, abgesehen von der Ausdrud^s* 
weise, im allgemeinen Sinne angewendet, um einen sdialen Mensdien, 
der es an Gesdiid^Iidikeit und Lebhaftigkeit fehlen läßt, als »ohne 
Sinn und Salz« zu bezeidinen. 

Ganz ebenso bedeutet ja audi das lateinisdie insalsus <unge^ 
salzen) »dumm«. Diese metaphorisdie Anwendung des Wortes Salz 
berührt siA offenbar eng mit seiner vorher erwähnten Eigensdiaft, 
die »Essenz« aller Dinge zu sein. 

Eine Eigenart des Salzes, die in hohem Maße von der 
Phantasie des Volkes ausgenützt wurde, ist die Leiditigkeit, mit der 
es sidi im Wasser auflöst. Daß eine sonst so widerstandst 
fähige Substanz im Wasser versdiwinden und, ohne siditlidie Spuren 
ihrer Gegenwart zu zeigen, dem Wasser ihre besonderen Eigene 
sdiaften (Fähigkeit vor Verderben zu sdiützen, sdiarfer Gesdimad^ etc.) 
mitteilen soll, hat sidi dem Volke immer als bemerkenswertes 
Charakteristikon eingeprägt und ist zweifellos teilwe'se verantworte 
lidi für die Bedeutung, die man dem Weihwasser zusdireibt. Eine 
praktisdie Verwendung findet das Salz oft, indem man nadi seiner 
wediselnden Fähigkeit, Feuditigkeit aufzunehmen, die Menge der* 
selben in der Luft bestimmt. 

^ Seligmann, Op. c, Bd. I, S. 278. 

- Lawrence, Op. c, pag. 161/ siehe audi Sdileiden, Op. c, S. 91. 

^ Siehe Murray, L. c. 



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372 Ernest lones 



Es wurde so ganz vernünftiger Weise dazu verwendet, das Wetter 
vorherzusagen^ Daher stammen folgende symbolische Bräuche, 
die demselben Zweck dienen*. Eine Zwiebel wird in zwölf Teile 
geteilt, die mit Salz bestreut und nadi den zwölf Monaten benannt 
werden. Das Stüd^, das besonders feudit wird, zeigt einen regne^ 
risdien Monat im kommenden Jahr an. Dasselbe kann man mit 
zwölf Nußsdialen machen, die um Mitternacht untersudit werden 
müssen. Oder es wird ein Stüd^ Salz in jede Tisdied^e gelegt, um 
die vier Jahreszeiten anzuzeigen ,• dasjenige, das am Morgen die 
meiste Feuditigkeit gesammelt hat, zeigt die nasseste Jahreszeit an. 
Das zuletzt erwähnte Verfahren dient auch dazu, herauszufinden, 
ob die kommende Ernte etwas taugen wird*. Diese prophetisdie 
Fähigkeit des Salzes wurde selbstverständlidi über ihre ursprüng- 
lidie Sphäre hinaus verallgemeinert ,• so wird daraus, ob ein ge^ 
wisses Iläufchen Salz trod^en bleibt oder nicht, geschlossen, ob 
eine bestimmte Person das nächste Jahr überleben wird oder nicht, 
ob ein bestimmtes Unternehmen Erfolg haben wird, etc"^, 

Wasser ist nicht die einzige Substanz, von der Salz unter 
Hervorbringung bestimmter Veränderungen absorbiert werden kann. 
Die Fähigkeit des Salzes, Verbindungen miteinem zweiten 
Körper einzugehen, muß sogar als eine seiner am meisten in die 
Augen springenden Eigensdiaften angesehen werden. Die Substanz, 
mit der es weitaus am häufigsten verbunden wird, ist Brot. Die 
Vereinigung beider wurde für alle Zwecke gebraucht, die oben in 
Bezug auf das Salz erwähnt sind, und im Volksglauben sind die 
beiden fast synonym. So zum Beispiel : Brot und Salz fehlen beide 
bei den Festen des Teufels'\ ihre Verbindung ist wirksam gegen 
Hexen^ und gegen den bösen Blick^,- sie schützt das Vieh gegen 
Krankheiten"", sichert eine reidiliAe Menge von Milch** und beseitigt 
die Hindernisse beim Buttern'^'. Sie ist gleich wirksam bei ErwaA-^ 
senen und Kindern. Sie wird in eine neue Wohnung gebradit, um 
üble Einflüsse abzuwehren und Glück zu'^ bringen,- in Hamburg wird 
dieser Brauch jetzt dadurdi ersetzt, daß man zu den Umzugszeiten 
einen mit Schokolade überzogenen Kuchen in Form eines Brot^ 
Weckens und ein mit Zucker gefülltes Salzfaß aus Marzipan trägt. 
Die Verbindung von Salz und Brot wurde auA vielfach benützt, 

^ Willsford, Nature's Secrets, P. 139, zitiert bei Brand. 

- Wuttke, Op. c, S. 231. 

^ Wuttke, Op. c, S. 230. 

; Wuttke, Op. c, S. 231. 

'' Grimm, Op. c, S. 877. 

^' Grimm, Op. c, Nachtrag S. 454/ Seligmann, Op. c, IL Bd., S. 37, 52, 
93' 94/ Wuttke, Op c, S. 129, 282. 

" Seligmann. Op. c, Bd. I., S. 39S. Bd. II , S. 37, 38, 93, 94, 100, 250, 334/ 
Wuttke, Op. c, S. 282. 

^ Dalyell, Op. c, pag. 100. 

•* Dalyell, L. c. Seligmann, Band II, pag. 38. 
^" Scligmcinn, L. c. 



^^ Seligmann, Op. c, S. 37. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 373 

um Eide zu bekräftigen^ und wird in Arabien nodi heute so an* 
gewendet '. Die Mischung von Weizen und Salz wurde zu 
denselben Zwecken benützt wie die von Brot und Salz. Sie war 
ein wichtiger Bestandteil der römischen Sühnopfer^ und auch der 
jüdischen Darbringungen^. In Rußland wurde sie als Glückwunsch 
den Fremden dargereicht", wie wir es vom Salz in andern Ländern 
gehört haben. In Irland streuen Frauen in den Straßen und Mäd* 
chen von den Fenstern aus Salz und Weizen auf die öffentlichen 
Beamten, wenn diese ihr Amt antreten''. 

Zuletzt möge noch das Salz als Reinigungsmittel er^ 
wähnt werden. Schon in einem frühen Kulturstadium beobachtete 
man, daß Salzwasser diese Eigenschaft besitze, und bei den römi* 
sehen Damen galt es geradezu als Schönheitsmittel'. Diese Tat^ 
Sache hat, insbesondere bezüglich des Meeres, zu vielfacher poetischer 
Verwertung und zur Entwicklung von mancherlei Aberglauben An* 
laß gegeben. Es ist begreiflich, daß diese reinigende Eigenschaft 
eine wichtige Rolle bei der Anwendung des Salzes im Kultus spielte, 
und bekanntlich finden wir dies in Ägypten und Griechenland^. Wir 
werden später zu diesem Thema zurückkehren, nämlich bei der Er* 
örterung der Beziehungen zwischen Reinigung und Taufe. 

Wir wollen nun die eben erwähnten Tatsachen überblicken. 
Obgleich es nur möglich war, eine verhältnismäßig geringe Anzahl von 
Beispielen dafür zu geben, welche Rolle die das Salz betreffenden 
Vorstellungen in Volksglauben und Brauch spielten — es wäre 
eine eigene Abhandlung nötig, um von allen zu berichten — , 
ist es wahrscheinlich, daß die hervorstechendsten und typischen von 
ihnen erwähnt wurden,- auf alle Fälle habe ich keinerlei Auswahl 
getroffen, außer daß das Sexuelle in den Hintergrund gedrängt 
wurde. Ich brauche kaum zu sagen, daß die hier gewählte Anord* 
nung ungebührlich schematisch ist, da ich der Darstellung zuliebe 
eine rein konventionelle gewählt habe,- ein bestimmter Gebrauch 
wird ebenso durch andere Eigenschaften des Salzes hervorgerufen 
als durch die, unter denen er erwähnt wurde. 

In Betreff des Themas nun, das unsern Ausgangspunkt bildete, 
nämlich der abergläubischen Furcht vor dem Salzausschütren, ist es 
klar, daß man hier einem Akt eine Bedeutung beilegt, die ihm nicht 
von jeher zukommt, und es ist ebenso klar, daß dies auch bei 
mandhem oben erwähnten Brauch und Aberglauben der Fall ist. Es 
gibt zwei mögliche Erklärungen, die sich dafür darbieten. Die erste 

^ Dekkers Honest Whore, 1635, Scct., 13/ Blackwoods Edinburgh Magazine, 
Vol I. Pag. 236/ Lawrence, Op. c, pag. 164. 
- Lawrence, Op. c, P. 185. 

^ Brand, Op. c. Vol. III, S. 163/ Dalyell, Op. c, P. 99, 100. 
^ Dalyell, Op. c, P. 99. 
^; DalycK, L. c. 

^ Brand, Op. c, S. 165/ Dalyell, L. c. 
'' Schieiden, Op. c, S, 84. 
^ Schieiden, Op. c S., 84, 85. 



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374 Ernest Jones 



würde etwa folgendermaßen lauten: Der heutige Aberglauben hat 
keine Bedeutung, außer einer historisdien/ er ist bloß ein Beispiel 
für die Neigung der Mensdien, ein überliefertes Verhalten ohne 
vernünftigen Grund festzuhalten, und ist ein Nadiklang aus der 
Zeit, in der dem Salz eine größere psydiisdie Wertung beigelegt 
wurde. In früheren Zeiten war die dem Salz zugesdiriebene Be* 
deutung nidit übertrieben, wie uns dies jetzt ersdieint, da sie 
durdi die Tatsadien gereditfertigt war und bei der Widitigkeit des 
Stoffes als ganz natürlidi angesehen werden muß. Unleugbar liegt 
ein Körndien Wahrheit in dieser Ansidit. Salz als zum Leben 
notwendige und in mandien Ländern nur mit bemerkenswerten 
Sdiwierigkeiten^ zu erlangende Substanz mußte unvermcidlidi als 
widitig und wertvoll angesehen werden, obgleidi diese Überlegung 
in den meisten Teilen der Welt, wo der Vorrat reidilidi ist, nidit 
Stidi halten würde. Femer mußten die besonderen Eigensdiaften 
des Salzes, seine Fähigkeit, gegen Verderbnis zu sdiützen und andre 
Körper zu durdidringen etc., auf primitive Geister selbstverständ- 
lidi Eindrud\ madien und die hier erwähnte Ansidit würde den 
Glauben an seine Zauberkräfte zweifellos durdi die Darlegung 
reditfertigen, daß soldie Geister auf einem niedrigeren Gedanken^ 
niveau arbeiten als dem unseren. Dodi könnte die vergleidiende Psydio*^ 
logie einem solchen Argument entgegensetzen, daß diese Art von Ge* 
danken, wenn sie audi wie die der Kinder sidierlidi versdiieden ist von dem, 
was wir vernünftiges Denken nennen, sidi dodi bei sorgfältiger Fcr- 
sdiung immer viel weniger bizarr und unverständlidi zeigt, als <c 
beim ersten Blid^ ersdieint,- die Bildung von unlogisdien Gedankcii^ 
Verbindungen ist nämlidi nidit sinnlos, sondern hat ihre vollkommen 
bestimmte und verständlidie Ursadie. Die Hauptkritik, die an dieser 
Erklärung geübt werden muß, ist also, daß sie zwar unleugbar 
widitige Gründe anführt, daß diese aber nur imstande sind, einen 
Teil der Tatsadien zu reditfertigen und nidit geeignet, sie alle volU 
ständig zu erklären. Andre Faktoren müssen im Verein mit den 
eben erwähnten am Werk gewesen sein. 

Die zweite Erklärung würde die übermäßige Bedeutung als 
Beispiel für das ansehen, was Wernid^e eine überwertige Idee 
nennt, das heißt eine mit psydiisdier Bedeutung überladene Idee, 
von der nur ein Teil von Psfatur aus der Vorstellung selbst ange^ 
hört, während der Rest fremden Ursprungs ist. Soldie Vorgänge 
sind natürlidi im täglidien Leben sehr häufig,- eine Banknote z. B. 
wird nidit wegen des inneren Wertes des Papiers gesdiätzt, sondern 
wegen des Wertes, den äußere Umstände ihr geben. Die psydioanaly* 
tische Forsdiung hat einerseits gezeigt, daß eine soldie Affektüber- 
tragung von einer Vorstellung auf eine andre, verwandte häufiger 
ist, als man früher erkannte, andrerseits, daß das Subjekt sidi oft 
des Vorfalls nidit bewußt ist. So kann eine Person einen starken 



^ Lawrence, Op. c, pag. 187. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 875 

Affekt, Furdit, Schreck etc. angesidits einer bestimmten Vorstellung 
erfahren, der nur dadurch hervorgerufen wird, daß diese Vorstellung eine 
enge Assoziation mit einer andern einging, mit der dieser Affekt beredi- 
tigter Weise verbunden war,- die inneren Eigenschaften der Vorstellung 
rechtfertigen nicht den begleitenden heftigen Affekt, der aus einer 
andern Quelle stammt. Diesen Prozeß kann man in seinen schlagend^ 
sten Äußerungen bei den Psychoneurosen beobachten: ein Patient hat 
einen Abscheu vor einem bestimmten Gegenstand, der für ge^ 
wohnlich nicht mit Abscheu angesehen \x^ird/ die Ursache ist, daß 
die Vorstellung in seinem Geist mit der eines andern Gegenstandes 
verbunden ist, der den Abscheu durchaus rechtfertigt. Man kann 
sagen, daß in solchen Fällen die zweite Vorstellung die erste re- 
präsentiert oder symbolisiert. Je bizarrer und unverständlicher eine 
rhobie oder ein andres Symptom ist, desto erzwungener ist die 
Gedankenverbindung zwischen ihm und der ursprünglichen Vor- 
stellung und desto heftiger der diese begleitende Affekt. Abgesehen 
von den Neurosen gibt es keine sehr auffallenden Beispiele solcher 
erzwungener Verbindungen. Bei den Normalen sind die zu den beiden 
Vorstellungen gehörenden AfiFekte einander sehr ähnlich, so daß der 
übertragene nur einen Teil des Affektes, der die zweite Vorstellung 
begleitet, erklärt. In diesem Falle rechtfertigen eben die eigenen 
Eigenschaften der Vorstellung einen Teil des Affektes, aber nicht 
den ganzen,- er ist dann angemessen in der Qualität, aber über- 
trieben in der Quantität. Wenn die Ursache dieser Übertreibung 
nicht gewürdigt wird, so besteht ein unvermeidliches Streben, die 
Tatsache an sich zu übersehen oder mit rationalistischen Begrün^ 
düngen wegzuerklären. Dann wird von den inneren Eigene 
Schäften der Vorstellung irrtümlich angenommen, daß sie eine aus^ 
reichende Erklärung des fraglichen Affektes bilden. 

Der Hauptunterschied zwisdien den beiden Erklärungen ist 
also der, daß die erste annimmt, der Affekt oder die psydiische 
Bedeutung, die der Vorstellung vom Salz anhaftet, sei seinem tat^ 
sächlichen Wert entsprechend, während die zweite diesen Affekt 
nicht als adäcjuat oder im richtigen Verhältnis stehend ansieht und 
behauptet, ein Teil von ihm müsse einer fremden Quelle ent^ 
stammen. Beim Suchen nach dieser Quelle haben wir zwei ver^ 
sdiiedene Leitfäden. Erstens zeigt die allgemeine Verbreitung der 
betreffenden Gebräuche und Glauben und die bemerkenswert hohe, 
ja mystische Bedeutung, die man dem Salz zuschrieb, daß jede 
weitere Vorstellung, von der diese abgeleitet sein kann, eine allge* 
meine, der ganzen Menschheit gemeinsame und höchst wichtige sein 
muß. Zweitens muß die Assoziation zwischen der Vorstellung des 
Salzes und der anderen durdi wirkliche oder eingebildete Ähnlidi^ 
keiten zwischen den Eigenschaften beider entstanden sein. Es ist 
daher notwendig, mit größerer Aufmerksamkeit die oben bescfiriebene 
volkstümliche Auffassung dieser Eigenschaften zu betrachten. 

Sie kann folgendermaßen zusammengefaßt werden: Salz ist ein 



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376 Ernest Jones 



reiner, weißer, fleckenloser, unzerstörbarer Körper, der offenbar 
nidit auf weitere Bestandteile zurüAgeführt werden kann und für 
die Lebewesen unentbehrlidi ist. Es wurde dementsprediend als das 
Wesen der Dinge überhaupt angesehen, als die Quintessenz des 
Lebens und die Seele des Körpers. Die hödiste allseitige Be* 
deutung wurde ihm beigelegt, — viel mehr als irgend einem 
anderen Nahrungsmittel — es war ein Äquivalent für Geld und 
andere Arten von Vermögen und es war unentbehrlidi bei jedem 
Unternehmen, besonders bei jedem neu begonnenen. In der Religion 
war es eines der heiligsten Dinge und ihm wurden alle möglichen 
Zauberkräfte zugesdirieben. Der scharfe, aufreizende Geschmack des 
Salzes, der vielfach metaphorische Verwendung bei der Bezeichnung 
von schneidendem, wirkungsvollen Witz oder Dialog gefunden hat, trug 
zweifellos zu seiner Auffassung als wesentliches Element aller Dinge 
bei/ ohne Salz sein, ist dasselbe wie schal sein, es an etwas Wesent- 
lichem fehlen lassen. Die Dauerhaftigkeit des Salzes und seine 
Immunität gegen Zerstörung machten es zum Sinnbild der Unsterb^ 
lichkeit. Man nahm an, daß es eine wichtige Rolle bei der Hervor^ 
bringung von Fruchtbarkeit jeder Art und bei dem Schutz gegen 
Unfruchtbarkeit spiele,- diese Vorstellung ist noch mit anderen 
Eigenschaften als den eben erwähnten verbunden, wahrscheinlich 
sogar mit allen. Die Dauerhaftigkeit des Salzes verhalf zu der Vor^ 
Stellung, daß für eine Person das Annehmen vom Salz einer anderen 
die Verpflichtung zur unwandelbaren Freundschaft und Treue 
zwischen den beiden bilde, und es war daher von großer Bedeutung 
bei den Gastgebräuchen. Ahnliche Verwendung Fand es bei der 
Bekräftigung von Eiden, der Ratifizierung von Verträgen und der 
Besieglung feierlicher Bündnisse. Diese Vorstellung vom Salz als 
etwas Bindendem gehört auch zu seiner Fähigkeit, sich innig mit 
einem zweiten Körper zu verbinden, dem es seine besonderen 
Eigenschaften, einschließlich der Fähigkeit, gegen Verfall zu schützen, 
mitteilt/ besonders für eine wichtige Substanz, nämlich Wasser, hat 
es eine natürliche und seltsame Neigung. 

Wenn wir jetzt zu erfassen suchen, welcher Begriff außer Salz 
diese Vorstellungen hervorrufen könnte, ist die Aufgabe sicherlich 
nicht schwer. Wenn das Wort Salz in der vorhergehenden Be*^ 
Schreibung nicht erwähnt wäre, würde jeder mit verborgener Sym- 
bolik Vertraute und mancher auch ohne diese Erfahrung sie als 
umschreibende und ein wenig hochtrabende Darstellung einer be* 
kannten Vorstellung, nämlich der des menschlichen Samens ansehen. 
Jedesfalls würde sich eine Substanz mit den eben erwähnten Eigen* 
Schäften mit besonderer Leichtigkeit zu einer solchen Assoziation 
darbieten. Tatsächlich gibt die bloße Tatsache an sich, daß das Salz 
als Sinnbild der Ewigkeit und Weisheit angesehen wurde, dem 
einen Wink, der für solche Möglichkeiten zugänglich ist, denn das 
andere Sinnbild dieser beiden Begriffe ist die Schlange, die in der 
Mythologie und auch sonst das phallische Symbol par excellence 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 377 



ist. Die Vermutung, daß das Salz viel von seiner Bedeutung der 
unbewußten Assoziation mit dem Samen verdanke, erfüllt zumindest 
ein Postulat alles symbolisdien Denkens, nämlidi daß die Vor* 
Stellung, der die übermäßige Bedeutung entstammt, widitiger ist als 
die, auf die sie übertragen wurde,- die Ausstrahlung des Affektes 
geht, wie die der Elektrizität, immer von der Gegend stärkerer 
Ladung zu der geringerer. 

Bei dem gegenwärtigen Stand unserer Forsdiung ist es klar, 
daß der eben gezogene Sdiluß nur als Vermutung oder höAstens 
als Arbeitshypothese angesehen werden kann,- er wird mehr oder 
weniger wahrsdieinlidi ersdieinen, je nadi der größeren oder ge* 
ringeren Erfahrung auf dem Gebiete der Symbolik, mit der er be- 
traditet wird. Er muß zunädist nadi dem gewöhnlidien wissensdiaft* 
lidien Kanon geprüft werden, nämlidi auf seine Fähigkeit, Vorher* 
sagungen zu madien, und auf seine Eignung, eine Reihe ganz ver* 
sdiiedener Phänomene in befriedigender Weise auf einfadie Bezie* 
hungen zurüd^zuführen. 

Wenn die Hypothese riditig ist, dann kann man wohl im 
voraus sagen, daß sidi sehr viele GebräuAe und abergläubisdie 
Vorstellungen mit einer direkten und nodi mehr mit einer einfadien 
symbolisdien Beziehung zwisdien Salz einerseits und Ehe, gesdiledit* 
lidiem Verkehr und Potenz anderseits finden werden,- ferner, daß 
die das Salz und Wasser betreffenden Vorstellungen ähnlidie, 
primitivere, die sidi auf Samen und Urin beziehen, wiederspiegeln, 
und daß das Annehmen von Salz mit Vorstellungen, die zum 
gesdileditlidien Verkehr und zur Befruditung gehören, verknüpft 
sein wird. Wir werden sogleidi sehen, daß die anthropologisdie und 
folkloristisdie Forsdiung diese Erwartungen vollauf befriedigt. 

Der Glaube an den Einfluß des Salzes auf die Fruditbarkeit und 
die Abwehr der Unfruditbarkeit wurde oben erwähnt. Im Altertum 
glaubte man, daß Mäuse durdi das Essen von Salz sdi wanger würden ^z 
damit fällt sogleidi eine etwaige Einwendung gegen unsere Hypothese, 
daß nämlidi die Verbindung zwisdien den Begriffen von Salz und Samen 
zu fern liege, um die beiden je anders als künstlidi zusammenzubringen, 
denn hier haben wir eine direkte Identifikation der beiden Sub^ 
stanzen. In den Pyrenäen sted^t das HoAzeitspaar vor dem Gang 
zur Kirdie Salz in die linke Tasdie, um den Mann gegen Impotenz 
zu sdiützen. In Limousin, Poitou und Haut^Vienne tut nur der 
Bräutigam dies, in der Altmark nur die Braut. In Pamproux steAt 
man zur Abwehr der Impotenz-^ Salz in die Kleider des Hodizeits* 
paares. In Sdiottland wird in der Nadit vor der Hodizeit Salz auf 
den Boden des neuen Hauses gestreut, zu dem Zwed^e, das junge 
Paar vor dem bösen Blid^ zu behüten,- in ganz Rußland gesdiieht 



1 Plinius, Nat. Hist. X. 85. 

- Die vorliegenden Beispiele stammen aus Seligmann, Op. c, S. 35, 36 
oder aus Schieiden, Op. c, S. 71, 79. 



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878 Ernest Jones 



dasselbe, um sich Glück zu versdiaflFen. Idi habe an anderer Stelle^ 
gezeigt, daß die Vorstellung vom Malefizium, die mit der vom 
bösen Blick praktisch identisdi ist, hauptsächlidi der großen 
Angst vor der Impotenz entstammt und Seligmann *^^ erwähnt tatsäch* 
lidi den Gebraudi von Salz, um der »Ligatur« entgegen zu wirken, 
d. h. dem Zauber, der durch unheilvolle Einflüsse über die sexuelle 
Funktion geworfen ist. 

Oft, besonders in früherer Zeit, wurde dem Salz eine nerven^ 
aufregende, reizende Wirkung zugeschrieben und man meinte, es 
vermöge Leidensdiaft und Begierde zu erwecken '^ »Bei den Römern 
hieß ein verliebter Mensch ,salax' und auch jetzt noch lebt diese 
Anschauungsweise bei uns fort, wenn wir im Scherz sagen, die 
Köchin, welche die Suppe versalzen, müsse verliebt sein ^.« In 
Belgien heißt der Brauch, seine Geliebte in den Mitfastennächten 
zu besuchen, »sein Lieb im Salz umdrehen*'.« Im folgenden finden 
sich zwei metaphorische Anwendungen derselben Vorstellung. Salz 
wird benützt, um das Feuer fortwährend brennend zu erhalten ^\ und 
es gibt Beispiele, deren Zitierung nicht nötig ist, für die Verbindung 
von Salz und Feuer zu allen Zwecken, für die Salz allein in aber^ 
§Iäubischer Weise verwendet wurde. Bei den Osiris^Festen in 
Ägypten mußten alle Teilnehmer Lampen brennen, deren Öl mit 
Salz gemengt war". 

Den Begriff des Feuers aber läßt man in Poesie und Mytho* 
logie^ fortwährend die Begriffe Lebensfeuer und Liebesfeuer darstellen. 

Häufig wird Lahmheit in symbolische Verbindung mit Impotenz 
(Unfähigkeit, Ungeschicklichkeit) gebracht, und in Sizilien wird Salz 
speziell angewendet, um Lahmheit zu verhindern "^ 

Die Einweihungszeremonien, die bei niedriger entwid^elten 
Völkern allgemein im Pubertätsalter ausgeführt werden, sdiließen 
gewöhnlidi einen Opfer^ oder Sühnakt in sidi,- die Besdineidung ist 
ein Ersatz für diese Zeremonien, der nach rückwärts ins Kindesalter 
verlegt wurde, ebenso wie die Taufe bei den meisten, wenn audi 
nidit allen diristlidien Kirchen. In Ägypten wird nach der Durchführung 
der Besdineidung Salz gestreut'^. Bei den verschiedenen Einweihungen, 
ernsten und scherzhaften, auf Universitäten und in Sdiulen spielte 
das Salz eine sehr widitige Rolle und die Phrase »einen Neuling 
salzen« ist noch immer gebräudilidi^^ In den letzten Jahren wurde 

^ Der Alptraum, Schriften zur angew. Seelenkundc 1912. P. 107, 108. 
- Seligmann, Op. c, Bd. I., S. 291. 
^ SAIeiden, Op. c.^ S. 92. 



* Zitjert aus Schieiden, Op. c, S. 93 

' ^ ^ ' ' . "►• 93- 

^ Mühlhause, Urreh'gion des deutschen Volkes 1860. S. 133. 



V. Reinsbcrg*Düringsfeld, Op. c 



fi 



^ Schieiden, Op. c, S. j6. 

^ Abraham, »Traum und Mythus«. 1909. S. 31 etc. 

^ Pitre, Log cit. 

^^^ Seligmann, Op. c, Bd. 11 , S. 37. 

^^ Brand, Op. c. Vol. I. Pag. 433 bis 439. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und BrauA der Völker 379 

es in diesen Fällen von dem angemesseneren Alkohol verdrängt, 
einem andern unbewußten Symbol für Samen ^ aber das Gefühls* 
Verhältnis bleibt dasselbe, nämlidi, daß der junge Mann einer 
widitigen Substanz bedarf, um als im Besitze der vollen Männlidi- 
keit angesehen zu werden. 

Es ist bekannt, daß eine enge Verbindung zwisdien extremer 
Abstinenz jeder Art und starker sexueller Verdrängung besteht,- 
übergroße Prüderie ist leidit von dem Wunsdi begleitet, den ganzen 
Alkohol aus der Welt zu sdiaffen. Ebenso ist Salz auf versdiiedene 
Arten mit der Vorstellung von sexueller Abstinenz verknüpft. Die 
Arbeiter in den Salzpfannen bei Siphoum in Laos müssen sidi aus 
rein abergläubisdien Gründen an dem Platze, wo sie arbeiten, 
jeder sexuellen Beziehung enthalten-^. Die im Zölibat lebenden 
ägyptisdien Priester mußten sidi zu manchen Zeiten ganz des 
Salzes enthalten, nadi Sdileiden^ als eines die sinnlidien Begierden 
zu sehr aufregenden Stoffes. Enthaltsamkeit von sexuellen Be- 
ziehungen und vom Genuß des Salzes für mehrere Tage ist den 
Männern von den Dvak^Stämmen geboten, wenn sie von einer 
Expedition zurüd^kenren, bei der sie Menschenhäupter erbeutet 
haben', und für drei Wochen einem Pima-Indianer, der einen 
Apachen getötet hat"',- im letzteren Fall darf auch die Frau des 
Mannes während derselben Zeit kein Fleisch essen*\ Die volU 
ständige Beschreibung dieser Gebräuche zeigt klar, daß wir es mit 
Reinigungs-^ und Sühnungsriten zu tun haben. Enthaltung von 
sexuellen Beziehungen und von Salz wird auch häufig bei bedeute 
samen Unternehmungen und wichtigen Anlässen vorgeschrieben ,- 
so am Viktoria Nianza See während des Fischens*^ und auf der 
Niasinsel, während den wilden Tieren Fallen gelegt werden*^,- in 
Uganda darf niemand, "der Ehebruch begangen oder Salz gegessen 
hat, an dem heiligen Fischopfer teilnehmen'\ In Mexiko unterziehen 
sich die HuichaUIndianer derselben doppelten Abstinenz, solange 
die heilige Kaktus-^Pflanze, der Kürbis des Feuergottes gesammelt 
wird^^ Ahnliche Doppelobservanzen bestehen in anderen Ländern 

^ Abraham, »Die psychologischen Beziehungen zwischen Sexualität und 
Alkoholismus«. Zeitschr. für Sexualwissenschaft 1908. S. 449. 

' Aymonier, Notes sur le Laos. 1885. S. 141. 

^ Schieiden, Op. c, S. 93. 

■* Tromp, Vit de Salasila van Koetei. Bijdragen tot de TaaULand-en 
Volkenkunde van Nederlandsch Indie. 1888. Vol. XXXVII. Pag. 24. 

^ Bancroft, Native Races of the Pacific States 1875. Vol. I. Pag. 553/ 
Großmann, im Ninth Annual Report of the Bureau of Ethnology 1892. 

Pag- 475- 

^ Bussell, The Pirna Indians. Twcnty-Sixth Annual Report of the Bureau 

of American Ethnology 1908, Pag. 204. 

^ Frazer, The Golden Bough. Third Edition. Part II. »Tabooc 1911, 
Pag 194. 

^ Frazer, Op. c, pag. 196. 

^ Frazer, Op. c, pag. 195. 

^^ Lundioltz, Unknown Mexiko 1903. Vol. 11. Pag. 126. 



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380 Emest Jones 



in Verbindung mit dem Hervorrufen der Fruchtbarkeit/ tatsächlich 
bezieht sich auch der zuletzt genannte Gebrauch darauf, denn es 
wird als Hauptnutzen des heiligen Kaktus angenommen, daß er 
reiche Regenmenge, gute Ernte etc. veranlaßt. Die Indianer von 
Peru enthalten sidi aus Anlaß der Geburt von Zwillingen sedis 
Monate lang des gesdileditlidien Verkehrs und des Essens von 
Salz. Man meinte, daß einer der Zwillinge der Sohn des Blitzes, 
der Herr und Schöpfer des Regens sei^ Andere Zeiten der gleidien 
doppelten Abstinenz sind: In Peru vor dem Acatay-mita^Fest, dessen 
Zwed^ es ist, die Frudit zum Reifen zu bringen, und auf das eine sexuelle 
Orgie folgt-^/ in Nicaragua von der Saat des Maises bis zu seiner 
Reife "^ In Behar in Indien gehen die Nagiufrauen, geheiligte Prosti^ 
tuierte, bekannt als »Weiber des Sdilangengottes«, zeitweise umher 
betteln, und während dieser Zeit sollen sie kein Salz berühren/ der 
halbe Ertrag wandert zu den Priestern und für den halben kaufen 
sie Salz und Süßigkeiten für die Dorfleute^. 

Zwei Züge der obigen Sammlung von Bräudien müssen Auf* 
merksamkeit hervorrufen. Erstens, daß sie uns in allen Teilen der Erd* 
kugel begegnen, da Beispiele aus Europa, Afrika, Asien, Nord*, 
Süd^ und Mittelamerika zitiert wurden,- zweitens, daß sie in weitem 
Umfang zum zweitenmal die oben in Verbindung mit Salz allein 
erwähnten Nutzungsweisen zeigen, so bei der Religion, beim Wetter, bei 
widitigen Unternehmungen und bei der Förderung der Fruditbar^ 
keit. Wo in einem Land die Gegenwart von Salz unentbehrlidi ist, 
da ist es in einem andern ebenso widitig, sidi seiner — und gleidi* 
zeitig audi des sexuellen Verkehrs — zu enthalten. Beide Fälle 
stimmen darin überein, Salz als einen widitigen Faktor bei diesen 
Dingen anzusehen,- ob als gut oder als sdiledit, ist gleidigiltig, da 
der Hauptpunkt die Bedeutsamkeit bleibt. Wenn, wie idi hier an^ 
genommen habe, die Begriffe Salz und Samen allgemein miteinander 
verknüpft werden, so ist es durdiaus verständlidi, daß die Ent- 
haltung vom sexuellen Verkehr mit der vom Salz Hand in Hand 
geht (Ausstrahlung des Affektes) ,- dies stimmt durdiaus mit allem 
überein, was wir vom primitiven symbolisdien Denken wissen. 

Dieses bipolare Verhalten, bei weldiem Salz entweder als äußerst 
wohltätig oder als äußerst unheilvoll angesehen wird, erinnert an 
zwei häufige Streitfragen, nämlidi ob Alkohol, respektive gesdilcdit* 
liAer Verkehr, der Gesundheit nützlidi oder scbädlidi sind. In der Tat 
entstanden audi in unserem Falle zu versdiiedenen Zeiten Propaganda* 
bewegungen, die Salz als die Ursadie zahlreidier körperlidier Leiden" 
erklärten. Im Jahre 1830 wurde von einem Dr. Howard ein Band 

^ Frazer, Op. c. Part I. »The Magic Art.« 1911. Vol. I. Pag. 126. 
2 Frazer, Op. c. Vol. II. Pag. 98. 
' Frazer, Op. c, pag. 105. 

^ Crooke, Populär Religion and Folk^lore of Northern India 1896. Vol. II. 
Pag. 138. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 189 bis 192. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 381 

veröfFentlidit unter dem Titel: »Salz, die verbotene Frudit oder 
Nahrung und die Hauptursache von körperlidien und geistigen 
Krankheiten von Mensdien und Tieren, wie es von den alten 
ägyptisdien Priestern und weisen Männern und von der heiligen 
Smrift gelehrt wird, in Übereinstimmung mit des Autors lang* 
jähriger Erfahrung«. Wie man sich nach dem Titel vorstellen kann, 
behandelt der Autor Salz als eine höchst schädlidie Substanz, deren 
man sich enthalten muß, um seine Gesundheit zu bewahren. Es ist 
sogar nicht unmöglich, daß unbewußte Assoziationen der behandelten 
Art bei neueren medizinischen Ansichten nicht ohne Einfluß waren. 
Es wurde längst bemerkt, daß der Urin feste Bestandteile 
enthält, die als solche entweder klar erkennbar sind, oder aus ihrem 
flüssig n Zustand mit Hilfe der Verdunstung wieder hergestellt 
werden können. Von diesen nahm man einerseits an, daß sie die 
Essenz der Flüssigkeit komprimiert enthalten und identifizierte 
sie so mit dem Samen, anderseits hielt man sie für Salze, was 
sie in der Tat größtenteils sind^ Die Leiden, die aus der über- 
mäßigen Anhäufunj; dieser Salze in Form von Blasenstein folgen, 
zogen große Aufmerksamkeit auf sich und spielen in frühen 
chirurgischen Schriften eine hervorragende Rolle. Als die chemischen 
Bestandteile des Urins mit Hilfe genauer Methoden sorgfältig 
studiert wurden, entstand eine Tendenz, die ihren Höhepunkt in 
den letzten Adhtzigerjahren erreichte, eine große Menge von 
Störungen des Organismus der Anwesenheit einer Übermenge 
dieser Salze zuzuschreiben. So, um nur einige Beispiele zu erwähnen, 
dachte man, Gicht sei nur ein Fall von Vergiftung durch Harn^ 
säure, Urämie eine Vergiftung durch Harnstofl^, diabetische Schlafsucht 
<Erschöpfung, die dem fortgesetzten Verlust einer vitalen Substanz 
folgt), eine Vergiftung durch Azeton <einem gelegentlichen Bestandteil 
des Urins), Rheumatismus Vergiftung durch Milchsäure <Milch, eine 
sexuelle Absonderung, wird im Unbewußten fast immer mit dem 
Samen identifiziert) usw. Es ist interessant, daß die beiden Kranke 
heiten, bei denen diese Vorstellung am festesten haftete, Gicht und 
Rheumatismus, Gelenkskrankheiten sind und sich daher zu der Reihe 
unbewußter Assoziationen »Lahmheit — Unfähigkeit — Impotenz« 
eigneten. In den letzten Jahren zeigte sich die Tendenz gleichzeitig 
einfacher und verhüllter. Auf der einen Seite besteht eine Rückkehr 
zum Salz als solchem und eine salzfreie Diät wird als Hauptfaktor 
zur Verhinderung von Arterienverkalkung und vorzeitigem Altern 
(Impotenz) und zur Heilung von Epilepsie etc. gepriesen. Auf der 
anderen Seite findet ein rastloses Suchen nach zusammengesetzteren 
organischen Giften statt — meist im Darminhalt, der jetzt in dem^ 
selben Ausmaß ausgebeutet wird, wie vor 30 Jahren der Urin. 
Der Glaube an die besondere Wichtigkeit der organischen Gifte 

^ Die unbewußte Verknüpfung zwischen Samen und Urin einerseits und 
Salz und Wasser anderseits wird an einer späteren Stelle in diesem Aufsatz 
ausführlidi behandelt werden. 

Imago, I 4 25 



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382 Eriiest Jones 



wurde sogar auf die psydio^sexuellen Krankheiten ausgedehnt, wie 
Hysterie, Neurasthenie und Dementia Praecox. Man kann sidi 
fragen, ob das starke Vorrüd^en, das die toxisdie Krankheitstheorie 
zeigt, nidit größerem Widerstand begegnet haben würde, wenn sie 
nidit an einen fundamentalen Gedankenkomplex im mensdilidien 
Geist appelliert hätte, in dem unter andern die Begriffe von Gift 
und Samen enge miteinander assoziiert sind. 

Einige abgeleitete symbolisdie Verwendungen des Salzes 
mögen nun erwähnt werden, die im Lidite der oben vorgetragenen 
Hypothese eine erhöhte Bedeutung erhalten. Die Wirksamkeit des 
Salzes wird gesteigert, wenn es auf einen Gegenstand kommt, der 
dem männlidien Glied ähnelt. Auf diese ^X^^ise wird das Vieh 
gesdiützt, indem man es über einen eisernen Riegel oder ein Beil 
steigen läßt, das mit Salz bestreut wurdet- die Esthen sdineiden 
ein Kreuz'- unterhalb der Türe ein, durdi die das Vieh zu gehen 
hat, und füllen die Furdien mit Salz, um unheilvolle Wesen daran 
zu hindern, ihm etwas Böses zuzufügen *. In Böhmen streut, wenn 
ein Mäddien spazieren geht, die Mutter Salz auf den Boden, damit 
sie nidit »den Weg verliere« \- diese überängstlidie Sorgfalt wird 
verständlidier, wenn wir Wuttkes'' Erklärung lesen, dal) sie den 
Zwed^ hat, das Mädchen am Verlieben zu verhindern. Ein auf den 
ersten Blids: ganz töriditer und sinnloser Glaube ist der, daß ein 
Bursdi vom Heimweh geheilt werden kann, wenn man in den Saum 
seiner Hosen <!> Salz streut und ihn den Sdiornstein hinauf sehen 
läßt''. Dodi wissen wir jetzt, daß übergroßes Heimweh von einer 
übertriebenen, in unbewußten Inzestwünschen wurzelnden Anhänge 
lichkeit an ein Familienmitglied kommt,- diese hat den Effekt, seine 
Neigung zu »fixieren« und sie unfähig zu machen, sich auf normale 
Weise einem Fremden zuzuwenden. In den Schornstein hinauf^ 
blid^en, symbolisiert das Wagnis, einen anderen dunkeln, unzugäng^ 
liehen, gefährlichen Weg ins Auge zu fassen <das englische wort 
für Schornstein »chimney« ist vom griechischen xa^ivo; = Ofen ab^ 
geleitet, einem gebräuchlichen Äquivalent für Uterus). Der Glaube 
also, der meint, daß jemand, wenn es ihm gelingt, »einen Mann 
aus sich zu machen«, von seinem Heimweh befreit sein wird, ist 
nicht so unverständlich, als es scheint, und kleidet nur eine Grunde 
tatsache der menschlichen Natur in symbolische Sprache. 

Das Salzfaß, das Behältnis des Salzes, wurde ebenso aber* 
gläubisch verehrt wie sein Inhalt^, Seine symbolische Bedeutung ist 

^ Wuttke, Op. c, pag. 440/ Seligmann, Op. c, S. 38. 

- Die phallischc Bedeutung des Kreuzes als Symbol wurde von zahlreichen 
Forschern gezeigt. Siehe z. B. Inman, Ancient Pagan and Modern Christian 
Symbolism. 1874. 

•* Frazer, Op. c, pag. 331. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 182. 

•'; ^X^uttke, Op. c, S. 367. 

'* Lawrence, Op. c, pag. 181. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 166 bis 205. Schieiden, Op. c, S. 71. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 383 

natürlich weiblich, was in dem spanischen Kompliment, seine Ge^ 
liebte »Salzfaß meiner Liebe« ^ zu nennen, klar hervortritt. Salzfässer, 
oft von großer Kostbarkeit, waren und sind ein beliebtes Hochzeits- 
geschenk. In Rom bildeten sie ein besonderes Erbstüd^, das väter^ 
liehe Salinum, welches mit besonderer Sorgfalt von einer Generation 
der anderen überliefert wurde. Ebenso offenbar wie beim Salz selbst 
ist es, daß sich an das Salzfaß eine übermäßige, aus einer anderen 
Quelle stammende AfFektsumme heftete. Im Altertum hatte es den 
Charakter eines heiligen Gefäßes und war durch Assoziation mit 
dem Tempel im allgemeinen und besonders mit dem Altar '^ ver* 
bunden. Denjenigen, die mit dem Altar '^ als weiblichem Symbol 
vertraut sind, wird das ganz verständlich sein. 

Die Etymologie des englischen Wortes für Salzfaß <salt* 
cellar) ist in dieser Verbindung von Interesse. »Cellar« ist von 
dem französischen »saliere« <SaIzfaß> abgeleitet, so daß das Ganze 
eine Wiederholung mit der Bedeutung Salz^Salz^Behälter darstellt. 
Wir haben hier ein lehrreiches Beispiel sprachlicher Angleichung, 
denn ein »cellar« <ein dunkles Zimmer unter dem Haus!) hat die* 
selbe weibliche symbolische Bedeutung wie das Salzfaß selbst. Die 
Klangähnlichkeit der Worte »saliere« und »cellar« machte die An* 
gleichung natürlich leichter, aber der dabei zugrunde liegende Faktor 
war sicherlich die instinktive Ansicht des Volkes. 

Das Darbringen von Salz als besonderes Zeidien von Gunst 
und als Sinnbild der G^^stfreundsdiaft wurde oben erwähnt/ wir 
müssen jetzt auf die Kehrseite hinweisen. In England^ und Frank* 
reidi'^ wird es als unheilbringend angesehen, wenn man bei Tisdi 
Salz angeboten bekommt,- dieser Aberglauben besteht noch in den 
anglikanisdien Kreisen in England und findet seinen populären Aus* 
druck in der Redensart: »Hilf mir zu Salz, hilf mir zu Sorge«. In 
Rußland kann der Streit, der sonst folgen würde, vermieden werden, 
wenn man beim Anbieten des Salzes^' freundlidi lädielt. Ein 
SAlüssel zu der ursprünglidien Bedeutung dieses Aberglaubens findet 
sidi in dem ehemals in Italien'' herrsdhenden Verhalten, wo eine 
derartige Höflidikeit als Zeidien ungebührlicher Vertrau* 
1 i c h k c i t angesehen wurde ,• wenn ein Mann der Frau eines 
anderen Salz anbot, so war das ein hinreidiender Grund für Eifer* 
sudit und Streit. Im Lidite der oben vorgetragenen Hypothese 
ist das durdiaus verständlidi, aber auf andere vC^eise kaum zu 
erklären. 



^ Andree, Globus 1867. Band XI, pag. 140. 

* Sdileiden, Op. c, S. 74. 

•* G. W. Cox, The Mythology of the Aryan Nations. 1870. Vol. IL 
pag. 113 bis 121. Inman, Op. c, pag. 74. 

■* Brand, Op. c. Vol. III, pag. 162. 

'* Brand, Op. c, pag. 163. 

^ Revue des traditions populaires. 1886. T. I.,- Sikes, Op. c, pag, 329. 

" Boyle, A Theological and Philosophical Treatise of the Nature and 
Goodness of Salt. 1612. 

25" 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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384 Ernest Jones 



Im Norden von England wird es als gefährlidi angesehen, 
jemandem Salz zu geben, denn es bringt den Geber unter die 
HerrsAaft des Empfängers \- derselbe Glaube galt audi in Rußland". 
An anderen Orten gewährt dieser Vorgang Madit und Gewalt über 
den Empfänger und mit Hilfe von Salz kann man in den Besitz 
von MensAen oder Kenntnissen kommen 'V diese Vorstellung ist ver^ 
mutlidi verwandt mit der von der Treue und von den zauberkräftigen 
Eigensdiaften des Salzes. <Siehe oben.) 

So wird audi ein Lidit geworfen auf die sonderbare Redens-^ 
art : »Um einen Vogel zu fangen, muß man ihm Salz auf den 
Sdiwanz streuen.« Gewöhnlidi wird dafür die einleuditende Er^ 
klärung gegeben, daß man, um einen Vogel zu fangen, ihm nahe 
genug kommen muß, um ihn berühren zu können,- aber dies klärt 
nidit darüber auf, warum gerade Salz angewendet werden muß. 
Wenn man sich den Glauben an die Zauberkraft des Salzes ver- 
gegenwärtigt, wird das Spridiwort zwar verständlidi, aber die so 
gegebene Erklärung ist nur eine allgemeine,- Sdiöpfungen der 
Phantasie aber, wie Aberglauben und Spridiwörter, sind nidit nur 
im allgemeinen, sondern ganz genau und bis in die feinsten Details 
determiniert. Hilfe bringt uns ein altes, von Lawrence"^ erzähltes 
Märchen, in dem ein junger Mann im Sdierz ein wenig Salz auf 
den Rüd^en einer Frau, die bei TisA neben ihm saß, streute,- es 
traf sidi aber, daß sie eine Hexe war, und das Salz lastete so 
sdiwer auf ihr, daß sie sidi nidit bewegen konnte, ehe es weg- 
gewisdit war. Wir haben also hier das Salz in Verbindung gebradit 
mit einem Gewidite, das die Bewegung hindert. Nun stellte man 
sidi aber Hexen als unkörperlidie Wesen vor und als ein Haupte 
mittel, herauszufinden, ob eine Frau eine Zauberin war, galt, 
sie zu wägen '^/ der Gewiditsuntersdiied, der bloß durdi den 
Drudv des Salzes hervorgerufen wurde, war deshalb ganz beträdit- 
lieh oder konnte im Märchen so vorgestellt werden. Diese Eigene 
Schaft der Hexen war enge verknüpft mit ihrer Fähigkeit, bei Nacht 
zu fliegen, und dies steht wieder im Zusammenhang mit der VogeU 
mythologie. Im Altertum war der Vogel ein häufiges phallisches 
Symbol *' (vergleiche die geflügelten phallischen Amulette der Römer) 
und der Schwanz ist es noch heute/ ferner ist das Auffliegen vom 
Boden im Unbewußten häufig mit der Erscheinung der Erektion 
verbunden ^ Die Bedeutung des Salzes <= Samen) in dieser Ver- 
bindung ist klar,- begünstigen und hindern sind hier wie anderswo 

^ Henderson, Notes on the FoIk»(ore of the Northern Counties of Eng- 
land 1S79. Pag. 217. 

^ Sdilciden, Op c, S. 71. 

^ Murray, L. c. 

^ Lawrence, Op. c, pag. 179. 

'' Bekker, Die bezauberte Welt. 1692. Teil I, S. 209. 

^ Abraham, Traum und Mythus. 1909. S. 30, 63 etc. 

"^ Federn, zitiert bei Freud^ Die Traumdeutung. Dritte Auflage. 1911. S. 204. 



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Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker 385 

im Aberglauben als synonym behandelt, der Hauptpunkt ist die 
Bedeutsamkeit. 

Zuletzt mag noch der Glaube erwähnt werden, daß es Un- 
glüd^ bringe, von Salz zu träumend Wenn man sich ins Gedacht^ 
nis ruft, wie oft nächtliche Pollution, Krankheit und Stärkeverlust 
miteinander assoziiert werden, ist es nicht schwer, die Quelle auch 
dieses Aberglaubens zu erkennen. 

<SdiIuß folgt.) 




Sdileidcn, Op. cit. S. 80. 



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386 Hans Bluher 



»Niels Lyhne« von ). P. Jakobsen und das 
Problem der Bisexualität. 

Eine (iteraturkritisdie Studie von HANS BLÜHER. 

Die Erkenntnis der prinzipiellen Bisexualität des Mensdien ist zu 
einem der widitigsten Standpunkte der modernen Sexualwissen^ 
sdiaft geworden, und zwar nimmt hierbei die Auffassung Freuds 
einen gewissen Höhepunkt ein. Die Doppelgesdileditlidikeit nidit als 
eine einzelne pathologisdie Ersdieinung, wie die Doppelköpfigkeit, 
sondern als eine in der sexuellen Konstition des Mensdien über^ 
haupt begründete und dauernd wirksame Qualität, das ist der 
entsdieidende Punkt. Um zu einer solchen Stellungnahme zu kommen, 
war zunächst eine bedeutende E r w e i t e r u n g des Sexualitäts^ 
begriffes nötig gegenüber der früheren Auffassung, die bis jetzt 
auch noch die populäre ist. Sexualität durfte nicht bloß das Gebiet 
des mit deutlichen organischen Akten verbundenen Lustrausches 
sein, sondern jede Form von Zuneigung, Hingabe, jedes Streben 
nach einem andern Menschen mußte als mit einer sexuellen Quote 
belegt vorgestellt werden. Die Erfahrung pfbt hierzu tagtäglich 
Anlaß: wir beobachten im Verkehr mit Menschen Gefühls- 
äußerungen zwischen Angehörigen desselben Geschlechtes, die uns 
mit den Liebesbeziehungen, wie sie sonst zwischen entgegengesetzt- 
geschlechtlichen Personen vorkommen, eine auffallende Ähnlichkeit 
haben : das Drangartige, tief Bestimmende und Aufregende ist auch 
hier vorhanden, selbst wenn man den Gedanken an eine geschlecht^ 
lidie Entladung beiseite setzt. Mit einem Worte : das psychische 
Verhältnis des Menschen zum Menschen überhaupt ist ein vom 
Sexuellen her bestimmtes, wogegen die meisten Tiergattungen 
gewöhnlich nur sexuelle Beziehungserscheinungen von einem Ge- 
schlecht zum andern zeigen. Daß die Sexualität des Menschen in 
der Ausübung auf der einen Seite <der mannmännlichen) sich 
gewöhnlich an einer bestimmten Stelle verläuft und nicht weiter 
Kommt, während sie auf der andern bis zum orgiastischen Höhe^ 
punkt gelangt, ist eine zweite Frage, die die These der bisexuellen 
Disposition nicht umwirft. 

Der Mann hat also neben der meistens in der Übermacht 
befindlichen heterosexuellen Neigung auch ein bestimmtes Quantum 
homosexueller, mit der er fertig zu werden hat, — was freilich 
nicht immer gelingt. Ist diese gering und schafft sie nur unbedeutende, 
wenig ersdiütternde Gemütswerte, so treten keine Sdiwierigkeiten 
ein / mit Ausnahme sdiwärmerisdier Freundsdnaftsneigungen in der 
Jugend, riditet sidi das ganze sexuelle Wunsdileben zielbewußt und 
ohne Abweidiung auf das Weib, dessen Besitzergreifung dann audi 
gelingt. Ist die Neigung stärker, so treten immer entsprediend 
stärkere Hemmungen dem Weibe gegenüber auf, der so Veranlagte 
wird eine sexuell problematisdie und sdiwierige Natur: er hat mit 



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Orfgmaffrom 
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^Niels Lyhne« 387 



zwei bedeutenden Triebriditungen in sidi zu kämpfen, wobei der 
Sieg der einen oft nur ein Pyrrhussieg ist. ^ Es begegnen uns ^o 
häufig Mensdien, die auf cien ersten Blick die Frage in uns aus- 
lösen: wie steht dieser zum Weibe? Das heißt, wir merken, daß 
er sidi nicht so zu stellen vermag, wie die meisten andern. Dem 
Erfahrenen fallen solche Personen leidit auf, aber es ist schwer, 
ihre Eigenart schriftlich zu fixieren. Dann hören wir wieder von 
unglücklidien Ehen, wo uns das Unglück ganz unbegründbar erscheint : 
ein reizvolles Weib und ein kraftvoller Mann, '— und docfi kein 
Glück. Zuletzt sei an die vielen Junggesellen erinnert, von denen bekannt 
ist, daß sie keine Weiberhelden sind <wie z. B. der Junker Hans 
Landschad in Julius Wolfs «Recht der Hagestolze«). Man schüttelt 
den Kopf über sie, aber der Erfahrene wird in der Erklärung und 
Deutung ihrer Lebensverhältnisse dadurch um einen großen Schritt 
vorwärts kommen, ja die Lösung erreichen, daß er die Frage der 
Inversion, d. h. der homosexuellen Triebrichtung in die Diagnose 
einführt. Dann löst sich oft alles ohne Schwierigkeit. 

Es ist meines Erachtens vergriffen, wenn man die Inversions- 
neigung als eine unbedingt pathologisdie verstehen will und sie 
entsprechend zu behandeln, zu »heilen«, versucht. Man darf die 
Inversion nicfit den gewöhnlidhen Perversionen gleichstellen, aus 
dem einfachen Grunde nicfit, weil aus ihr keineswegs nur wertlos 
verpuffende Lustmomente entspringen, wie aus jenen, sondern sidi 
auf ihr kulturelle Leistungen aufbauen können, und weil außerdem 
ja das Sexualobjekt einen unvergleichlich viel höheren Wert hat als 
die der Perversionen : weil es eben ein Mensch ist. ^ Bei 
Freud ist dieser Standpunkt noch unentschieden,- er verweist 
einerseits die Inversion in die Pathologie, anderseits aber verkennt 
er auch die hohen Entwicklungsmöglichkeiten nicfit, die ja bei den 
Griechen ihren gelungenen Ausdruck gefunden haben. Es wird 
daher zweckmäßig sein, wenn man der Inversion den Platz zuweist, 
der ihr nach der Lage der Dinge gehört: sie ist eine seltenere, 
aber kulturell durchaus gleichfähige Liebesrichtung, die den Einzelnen 
zum vollen Ausbau seiner Persönlichkeit zu bringen vermag. Von 
pathologischen Fällen wird man nur dann reden können, wenn noch 
andere psydiische oder anatomische Bedingungen hinzukommen, die 
das Bild des Betroffenen in jene Kategorie verweisen. 

Man muß es den letzten Jahrtausenden zur Last legen, daß 
sie in der Beurteilung sexueller Verhältnisse bei weitem weniger 
klar und unbefangen waren, als die Antike. Das Hinnehmen der 
einfachen Naturtatsachen, wie die der Bisexualität, und ihre Ver^ 
Wertung zeichnete das Altertum aus <womit nicht gesagt sein soll, 
daß es überall richtig taxierte und richtig hinnahm),- die christlichen 
Völker dagegen haben sie unnaiv behandelt, sie haben vor allen 
Dingen die eine Richtung der sexuellen Veranlagung, die invertierte, 
abgelehnt und dem Menschen eine Verdrängung auf^zwungen. 
Diese Verdrängung des Triebes ist keine Abtötung,- der Trieb wird 



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388 Hans ßlühcr 



nicht vernichtet, sondern nur an die Seite gedrüd^t. Durch die heftige 
moralische Verpönung, die der invertierten Triebrichtung zu Teil 
wird, genötigt, versucht der Einzelne, sich selbst davon frei zu 
lügen,- der Erfolg ist, daß die ursprünglich mit Bewußtsein begabte 
gleichgeschlechtliche Neigung die ßewußtseinsfähigkeit verliert, ^ 
aber nicht die Triebkraft. Ihre Wirkungen dauern fort, nur 
unkontrollierbar, und greifen fortwährend ins bewußte Leben ein ,• ist 
die Neigung stark genug, so wird sie in diesem Zustande zum 
unbekannten Dämon, una so entsteht jene uns so häufig begegnende 
Menschensorte, die mit dem Weibe nicht ins Reine kommt. Sie 
wird, ohne es zu wissen, bedrüdtt und gehemmt von dem ins 
Unbewußte verdrängten Triebe zum eigenen Geschlecht. 

»Niels Lyhne« ist solch ein Mensdi. — Wenn eine tiefe 
Dichtung die Augen der Öffentlichkeit auf sich zieht, so schießen 
die Kritiken wie Pilze aus dem Boden. So geschah es auch mit 
dem Hauptwerk des Dänen Jens Peter Jakobsen, dem »Niels 
Lyhne«. Man wird sich keiner Übertreibung schuldig machen, wenn 
man diesen Roman e nen der schwersten nennt, den die Literatur 
je vorgebracht hat,- jedenfalls kann ein Dichter nicht tiefer dringen, 
als Jakobsen es getan. Henrik Ibsen las vier Wochen an diesem 
Werk. Es ist überreich an schweren psychologischen Einzelheiten, 
allenthalben sind kleine Wunder eingeschaltet, die das Ganze fast 
auflösen, aber es ist falsdi und oberflädilidi, wenn man dem Werke 
deshalb die Einheit abspridit. Das hat es mit den gotisdien Domen 
gemein : wo nur ein Platz ist, steht eine Nisdie mit einem kleinen, 
halb lädielnden, halb sdiwermütigen Heiligen darin, die Flädie ver^ 
sdiwindet immer mehr, der Stoff löst sidi sdieinbar auf, und doch 
hat das Ganze ein Ziel und ist ein Bauproblem sdiwerster Art. 

Ein Kritiker hat einmal von Jakobsen gesagt, seine Mensdien 
hätten alle einen »Knad^s«, und damit ist allerdings der Bauplan 
audi des »Niels Lyhne« Aarakterisiert. Es ist riditig, daß die 
meisten Mensdien Jakobsens mit einer psydiisdien Lähmung herum- 
laufen, die eben ihr Leben interessant madit, und es sdieint auA 
der Grundzug des Diditers selber gewesen zu sein, der sidi hier 
in seinen Werken wieder findet: audi ihm hat nie ein volles Liebes^ 
glüd^ geblüht. Und woher stammt dieser »KnaAs« . . ? Die Quelle 
ist in nidits anderem zu sudien, als in der ausgeprägten B i s e x u a«^ 
lität des Helden. Diese ist der Sdilüssel zum Niels Lyhne, und 
nur mit ihm kann man das Werk verstehen. Benutzt man ihn, so 
wird man finden, daß sidi alle großklingenden Kritiker-^Delikatessen, 
mit denen ein gewandter Journalismus unklare Gefühle zum 
Ausdrud^ bringt, erübrigen,- vor uns steht dann ein Mann, der 
uns ganz und gar verständlidi wird und nahe tritt. Wenn wir das 
Liebesleben eines Mensdien begreifen — dieser Satz gilt allgemein — , 
so haben wir ihn fast ganz, und das andere ergibt sidi von selbst. 

Verfolgen wir nun die Lebensgesdiidite Niels Lyhnes, wie sie 
uns der Diditer darstellt. Idi benutze dazu die Übersetzung von 



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>NieIs Lyhne« 889 



Theodor Wolff in der Reklambibliothek. — Niels ist der Sohn eines 
mehr zum Praktisdien neigenden Vaters und einer Mutter, die der 
Poesie ergeben ist. Das mütterlidie Erbteil ist in seiner Seele das 
entsdieidende, aber es ist kein wirklidier Sdiatz, den er vermehren 
kann,- dazu fehlt ihm die Entsdieidung : »ein Diditer, der kein Diditer 
ist,« nennt ihn Jakobsen in einem Brief. Er fühlt sidi unsidier auf 
den Wegen der Phantasie, die die Mutter ihm weist, und wenn 
dies so redit über ihn kommt, dann sudit er den Vater auf. 5>Er 
fühlte sidi dann so wohl beim Vater, war so froh, daß er seines-^ 
gleidien war und vergaß beinahe, daß dies derselbe Vater, auf den 
er von den Zinnen seines Traumsdilosses voll Mideid herabgesehen 
hatte.« <S. 41.) — Der Vater ist ihm ein Heilmittel gegen die Mutter und 
gegen das träumerisdie Wesen, das er von ihr ererbt hat, aber 
diesen Weg geht er doA »mit dem Bewußtsein, daß er einem un* 
edlen Instinkte folge.« <S. 41.) Also es ist das Schlechtere, was 
er beim Vater sudit, wenn er sidi im Besseren nicht halten kann. 
Daß dieses Anlehnen an den Vater von einem tiefer liegenden Triebe 
vorgange bedingt wird, läßt uns der Diditer in den feinen Worten 
fühlen, die in so plastischer Weise das Wesen des »Unbewußten« 
und sein Eintreten in die Bewußtheit darstellen : »es war wie die 
wundersame Vegetation des Meergrundes durdi fahles Eis gesehen,- 
sdilagt das Eis in Studie oder zieht das im Dunkeln Lebende an 
das Lidit des Wortes : stets geschieht das gleiche — das, was Ihr 
dann sehen und greifen könnt, ist in seiner Klarheit nicht das 
Dunkle, was vorher gewesen.« <S. 41.) Dies klingt fast wie eine ab^ 
sichtliche poetisdie Darstellung der Lehre Freuds vom Unbewußten und 
dodi ist ein Zusammenhang hier nidit möglidi, da Jakobsen sdion tot 
war, ehe die Hauptsdiriften Freuds ersdiienen. — Wir bemerken 
also bei Niels in seiner Kindheit ein deudidies Sdiwanken zwisdien 
Vater und Mutter. Sein späteres zwisdien Mann und Weib ist 
hierin vorgebildet/ man vergesse, um die Analogie voHgiltig zu 
madien, nidit, daß dieses Sdiwanken durdi wirklidie innere Bedürfe 
nisse widitiger Art begründet wird und keineswegs durdi das bloße 
Spielen mit der Abwedislung. 

Nun kommt das Knabenalter, und in ihm wiederholt sidi das- 
selbe in klareren Formen, und zwar in soldien, die das Liebesleben 
zu Tage treten lassen. Er erlebt zwei entsdieidende erotisdie Vor^ 
gänge. Die Sdiwester seines Vaters, ein blühendes Mäddien, kommt 
aus Kopenhagen zurüd<, um sidi von ihren gesellsdiaftlidien Stra^ 
pazen zu erholen. — »Nidits konnte unangreifbarer und korrekter sein 
als ihr Auftreten. In dem was sie sagte und was sie sidi sagen ließ, 
hielt sie sidi innerhalb der Grenzen der strengsten Sprödigkeit, und 
ihre Koketterie bestand darin, daß sie sidi nidit im mindesten kokett 
zeigte, daß sie unheilbar blind für den Eindrud^ war, den sie her^ 
vorrief und zwisdien ihren Anbetern nidit den geringsten Unter* 
sdiied madite. Aber gerade deshalb träumten sie alle oerausdiende 
Träume von dem Antlitz, das sidi hinter der Maske befinden müsse. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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390 Hans Blüher 



deshalb glaubten sie an eine Glut unter dem Schnee, spürten sie 
einen Haudi von Depravation in ihrer Unsdiuld.« <S. 51.) Diese 
E d e 1 e Lyhne ist das erste erotisdie Erlebnis für den Knaben Niels, 
und zwar tritt dieses in einer besonders aufreizenden Situation an 
ihn heran. Edele liegt in der phantastisdien Tradit eines Zigeuner- 
mäddiens in ihrem Zimmer auf dem Ruhebett. >Sie lag auf dem 
Rücken, das Kinn emporgestred^t, die Kehle angespannt, die Stirn 
zurüd^, und ihr langes aufgelöstes Haar floß über die Lehne des 
Lagers bis auf den Boden hinab.« <S. 54.) »Vom Knie an waren 
die Beine nad^t und die über Kreuz gelegten Knöchel hatte sie 
mit einem großen Halsband aus matten Korallen zusammengebun^ 
den.« <S. ^^.) Und dieses Bild sieht der hereintretende Niels, der 
seiner Tante Blumen bringt. »Niels trat hin / er war blutrot, und 
indem er sich über die mattweißen, langsam sich rundenden Beine 
und die langen, sdimalen Füße beugte, die in ihren Formen etwas 
von der Intelligenz einer Hand hatten, wurde ihm sdiwindlig, und 
als sidi audi nodi in demselben Augenblid^e die eine Fußspitze mit 
einer plötzlichen Bewegung krümmte, war er nahe daran, umzu^ 
fallen.« <S- ^^.} — Dieses Erlebnis wird für den zwölfjährigen 
Knaben von Bedeutung/ seine Sexualität ist ein Stüdt vorwärts 
gerüd^t. Das Weib hat getroffen! Aber nicht nur der Sinnen^ 
rausch allein ist es, was Edeles Wesen an ihn vermadit, es kommt 
audi noch ein tiefer seelischer Eindrud^ von ihr über ihn,- und 
dies in der Todesstunde des schönen, lungenkranken Mäddicns. 
Niels ist am Fußende ihres Bettes niedergesunken. »Er weinte 
leise und betete innig und unablässig in gedämpftem, leidenschaft^ 
liehen Flüsterton mit gefalteten Händen,- er sagte Gott, daß er 
nidit aufhören wolle zu hoffen, idi lasse dich nicht, mein Gott, idi 
lasse dich nicht, bevor du nicht ,ia' gesagt hast,- du darfst sie 
nicht von uns nehmen, denn du weißt, wie sehr wir sie lieben, du 
darfst nicht, du darfst nicht.« <S. 68.) 

Aber wie heftig auch dieses große Erlebnis auf den jungen 
Niels wirkt, wie sehr ihn die Vollgiltigkeit des Todes ergreift, und 
die Entreligionisierung seines Gemütes einleitet, innerlidi übertrumpft 
wird das alles durch ein anderes Ereignis, das hinterherkommt: 
durch seine Liebe zu einem Freunde. JaKobsen hat diese Liebe 
gefeiert, aber ganz ohne jenen Schwulst, wie ihn die Verfasser 
homosexueller Romane so gern haben. Er hat den Adel der 
Sinnlichkeit, der in soldien erotischen Jugendfreundsdiaften lebt, zu 
wahren gewußt,- indem er die Nuance der Männerliebe rein hielt 
von dem sinnenberüdvenden Duft der mannweiblidien, in dessen 
Sdiilderung er sonst Meister ist, hat er die Art jener Liebe besser 
getroffen, als sonst Einer. Die Liebe des jungen Niels zu seinem 
KÜnstlerisdi begabten Freunde Erik ist in der Farbe blasser ge- 
halten, und wer gewohnt ist, nur nadi der Farbe zu sehen, der 
wird leidit darüber hinweglesen, daß sie die entsdieidende im Leben 
des Helden ist. Und so ist es audi bisher gesdiehen. Gerade s i e 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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»Niels Lyhne« 391 



trifft ihn an einer empfindlidien Stelle, die im Charakter Niels 
Lyhnes unvertilgbar ist. Sie spaltet ihn. Verfolgen wir also, 
wie diese mannmännlidie Neigung in ihm zu seinem Verhängnis 
wird, und zwar deshalb wird, weil er ihre Größe und ihre tiefe 
Verwurzelung nidit kennt. 

Nadidem der Diditer es an vielen Stellen deutlidi gemadit hat, 
daß Niels in Erik wirklidi »verliebt« sei, madit er einen betraditen^ 
den Exkurs: »Gibt es wohl in allen Gefühlsverhältnissen des Lebens 
ein zarteres, edleres und innigeres, als die leidensdiaftlidie und dodi 
so sdiüditerne Liebe eines Knaben zu einem andern? Soldi eine 
Liebe, die niemals spricht, sidi niemals in einer Liebkosung, einem 
BliA, einem Worte Luft zu madien wagt, soldi eine sehende Liebe, 
die tief trauert über einen Mangel oder einen Fehler bei dem, den 
sie liebt, die Sehnsudit und Bewunderung und Selbstvergessen, Stolz, 
Demut und ruhig atmendes Glück ist!« <S. 77.) Vergessen wir nidit 
die Worte: »soldi eine sehende Liebe, die tief trauert über einen 
Mangel oder einen Fehler bei dem, den sie liebt«,- diese kritische 
Note in der Freundesliebe, die Jakobsen mit Redit als eine ihr 
eigentümlidie Seite hervorhebt, überträgt Niels später audi auf die 
Frauenliebe und in der Art und dem Grade wie er es tut, vev^ 
hindert sie den Erfolg. — Nun kommen alle möglidien phantasti^ 
sdien Jugendspiele, in denen Erik immer den Mittelpunkt bildet, 
das Leben des Knaben ist durchtränkt von dieser Liebe, und wenn 
der Leser aufmerksam zuhört und einmal den Versudi anstellt, 
beim Lesen dieser Seiten plötzlidi den Namen »Edele« auszu- 
sprechen, so wird sidi ihm ungerufen das Urteil einstellen : Edele 
ist ja längst erledigt, Edele ist gerade nodi eine Erinnerung. Erik 
aber ist zum heimlichen Leitmotiv bestimmt ! Und er bleibt es in 
der Tat. 

Erik ist es auch, der Niels in seinem ersten Semester in 
Frauengesellsdiaft hineinleitet. Damit wäre die dritte Etappe seines 
Liebeslebens begonnen: das bewußte Liebenwollen mit seinen Erobe- 
rungsplänen. In einem Bildhaueratelier, in dem Erik arbeitet, lernt 
er die Witwe Boye kennen. Mit Frau Boye stand es so: »Als 
das Trauerjahr zu Ende, madite die Witwe eine Reise nadi Italien 
und blieb ein paar Jahre da unten, meistens in Rom. Es war durch- 
aus nidits Wahres daran, daß sie in einem französischen Klub 
Opium geraudit haben sollte, ebensowenig wie an der Gesdiichte, 
daß sie sidi in derselben Weise wie Paulina Borghese hatte model- 
lieren lassen, und der kleine russische Fürst, der sidi in Neapel er^ 
schoß, während sie dort war, hatte sidi keineswegs um ihretwillen 
ersdiossen. Wahr jedodi war es, daß die deutsdien Künstler ihr 
unermüdlidi Ständdien braditen, und riditig war es, daß sie sidi 
eines Morgens in der Tracht eines Mäddiens von Albano auf eine 
Kirdientreppe oben in der Via Sistina gesetzt und sidi von einem 
angekommenen Künsder hatte engagieren lassen, ihm mit einem 
Krug auf dem Kopfe und einem kleinen braunen Knaben an der 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



392 Hans Blühe r 



Hand Modell zu stehen.« <S. 93). Es stedvt also viel Boheme In dieser 
Frau, die im übrigen überaus klug und von empfindlidister Be* 
saitung ist. Das ganze Milieu, in dem sie lebt, besteht aus freien 
und geistvoll angelegten jungen Künsdern, werdenden Diditern, 
Malern, Sdiauspielern und Ardiitekten,- die geistige Struktur des 
jungen Studenten Niels beginnt hier eine gewisse Färbung zu be^ 
kommen, und es kann nicht ausbleiben, daß er sidi in die junge 
und sdiöne Witwe verliebt, die mit ihrem Wesen sowohl die 
Erinnerung an die »Zigeunerin« Edele, wie an die phantasiebegabte 
Mutter wadiruft und mäditig werden läßt. Aber wie verliebt er 
sidi..? »Widerstrebend,« sagt der Diditer,- »Er liebte sie wie ein 
Wesen von einer feineren und glüd^lidieren Rasse als seine eigne, 
und daher lag ein gewisser Groll in seiner Liebe, eine Instinkt* 
massige Erbitterung ge^en das, was Rasse in ihr war.« <S. 94). Hier 
wiederholt sidi das odiauspiel, zu dem in seiner Kindheit zwei 
Personen nötig gewesen sind, an einer. Das Wesen von feinerer 
und glüd^lidierer Rasse in ihr, entspridit seiner Mutter, der Diditungs* 
begabten, und die wirklidie Rasse in ihr, gegen die er instinkt^ 
mäßige Erbitterung empfindet, dem Vater, zu dem er geflohen war, 
um zugleidi bei dieser Fludit das Bewußtsein zu haben, einem 
unedlen Instinkte zu folgen. Das ist ein Dualismus, der natürlidi 
wenig Hoffnung zu einem glüd^lidien Liebesverhältnis übrig läßt, 
aber er wird durdi einen anderen, der sidi auf ihm aufbaut, nodi 
überboten. »Mit feindlidien, cifersüditigen Augen sah er ihre Nei* 
gungen und Meinungen, ihre Gesdimadvsriditung und ihre Lebens* 
ansdiauung an, und mit allen Waffen, mit seiner Beredsamkeit, 
mit herzloser Logik, barsdier Autorität und mitleidigem Spott er* 
kämpfte er sie sidi, gewann er sie für sidi und seine Ansdiauung. 
Aber als nun die Wahrheit gesiegt hatte, und sie geworden war, 
wie er, da sah er, daß allzuviel gewonnen war, und daß er sie 
mit all ihren Illusionen und Vorurteilen, ihren Träumen und ihren 
Irrtümern geliebt hatte, und nidit so, wie sie jetzt war.« <S. 94). 
Was ist das für eine Liebe, die hier am Werke ist...? Er hat sie 
mit all ihren Illusionen und Vorurteilen, mit all ihren Träumereien 
und Irrtümern geliebt, aber nidit so, wie er sie sidi jetzt zuredit* 
gestutzt hatte! Jene erste Periode der Liebe, der naiven, war die 
edite mannweiblidie, die hier allein am Platze gewesen wäre, dann 
aber hatte bei ihm die andere eingesetzt, d. h. ihre Verhaltungs* 
form, jene heroisdie. kritisdie, »soldi eine sehende Liebe, die tief 
trauert über einen Mangel oder einen Fehler bei dem, den sie 
liebt..« Also die Freundesliebe, wie sie sidi bei Erik entwid<elt 
und erprobt hat, und deren Form und Verhaltungsart stets sprung* 
bereit in ihm wohnt, diese Liebe hat mitgesprodien, hat zu laut 
gesprodien und ihn irre geleitet. Und das ist der erotisdie Grund* 
diarakter des Helden, daß er durdi die beiden Liebesriditungen und 
Liebesformen, die so heftig in ihm wohnen, stets wieder in neue 
Konflikte gedrängt wird, und diese reißen ihm dann die besten 



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»Niels Lyhne« 393 



Erfolge aus der Hand. Das ist sein »Knacks«. — Es bleibt aber 
für den Verlauf des Romanes zu bemerken, daß es Frau Boye 
sdiließlidi doch wieder gelingt, ihn auf das erste Niveau der Liebe 
zurückzubringen,- er kommt in der Tat so weit, jenen heiklen 
Dualismus zu überwinden, freilich ohne die Möglidikeit zu haben, 
das Gelernte bei ihr selbst anzuwenden,- denn in ihr sted^t trotz 
allen seelischen Zigeunertumes »die Lust eines Weibes, in roman- 
tisdier Unerreichbarkeit begehrt zu werden«. 

Es ist nicht zu verkennen, und dies bleibt audi für das allge^ 
meine Leben giltig, daß diese bedingungslose Liebe zum Weibe, 
wie sie die kluge Frau dem jungen Sdiwärmer anzuerziehen ver- 
sucht, nicht gerade eine persönlidie Kulturhöhe bedeutet, so sehr 
sie auch im einzelnen Falle ein Gegengift gegen blasses Idealisieren 
ist. Der heterosexuelle Lebemann lebt am kulturlosesten,- überall 
dagegen, wo sich feinere und darum schwierigere Liebesverhältnisse 
zwisdien Männern und Frauen zeigen, da spricht audi immer zum 
mindesten von Seiten des Mannes ein Stück Freundschaftserotik aus 
der Knabenzeit mit, und diese wirkt stets korrigierend und empor- 
sdiraubend. Das aber nur in Fällen, die ein nodi geeignetes 
Misdiungsverhältnis der invertierten und der normalen Riditung in sich 
tragen. Wo dieses kompliziert wird, da treten leicht Störun^^en ein. 

Lind so steht es bei Niels Lyhne. Es ist dabei nicht gesagt, 
daß die sinnliche Seite allein die Schuld daran zu tragen braucht,- 
auch da, wo im Ansdiluß an die sinnliche Knabenfreundsdiaft sich 
ein hervorragend starkes geistiges Leben ausgebildet hat, das nun 
in alle Gebiete übergreift, kann eine solAe Störung eintreten. Niels 
hat sich geistig heftig entwickelt. Seine Freundschaft zu Erik, der 
inzwischen auf seiner künstlerisdien Bahn weiter gegangen ist, wird 
ihm zum Problem, und er kann sidi, gerade in der Zeit, wo er 
mit Frau Boye in ein erträglidies Verhältnis gekommen ist, der 
Einsidit nidit versdiließen, daß ihre Wege sich trennen. Lind diese 
wirkt — einem Normalen könnte das nie passieren ! —' so heftig 
auf ihn, daß er sein innerstes Wesen davon angegriffen und aus 
den Angeln gehoben fühlt,- »in der Bitterkeit hierüber begann er, den 
bis jetzt so sdionend beurteilten Freund ein wenig genauer anzu- 
sehen, und ein trauriges Gefühl der Vereinsamung beschlidi ihn, es 
war, als ob alles, was er von daheim aus alten Tagen mitgenommen 
hatte, von ihm abfiel und ihn vergessen und verlassen fahren ließ. 
Die Tür nadi rückwärts zu dem, was gewesen, war verschlossen, 
und er stand draußen mit leeren Händen und einsam,- was er 
wollte und ersehnte, mußte er sich selbst erringen, neue Freunde 
und neues Behagen, neue Liebe und neue Erinnerungen.« <S. 114). 
Wir werden später sehen, wie die beiden wieder zusammenkommen. 

Es ist merkwürdig, wie bei Jakobsen oft gerade die Stellen, 
die für den Entwicklungsgang des Helden von entsdieidender Be^ 
deutung sind, am kühlsten und in ganz abstrakter Spradie behandelt 
werden. Deshalb hat man audi stets über sie hinweggelesen und 



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394 Hans Blüher 



den Niels Lyhne nie verstanden. Jakobsen ist bis zur Kälte abstrakt, 
wo es sich um die Probleme der Freundeserotik handelt, was umso 
auffälliger ist, als er den anderen Ast der mensdilidien Sexualität 
aufs versdiwenderischeste sdimüd^t. Das entspridit freilidi dem allge* 
meinen Laufe der Kultur,- der der invertierten Riditung die Farbe, 
die sie im antiken Volksleben nodi trug, allmählich genommen und 
sie mehr und mehr ins Unbewußte gedrängt hat. 

Während nun Niels Lyhne so mit der Frauenliebe einiger* 
maßen ins Reine gekommen ist, aber gleidizeitig die alte Freund* 
sdiaftserotik in halb verdrängter, halb vergeistigter Form sidi meldet, 
trifft ihn ein äußeres Ereignis, das ihn aus der Bahn reißt. Sein 
Vater stirbt und die Mutter erkrankt. Er muß in die Heimat, und 
diese Reise hat für ihn die Bedeutung, daß sie alte Kindheitserin* 
nerungen und Kindheitsbedürfnisse aus ihm hervorholt und neu be* 
stärkt. Er gerät in seine »infantilen Komplexe« hinein. — Es ist 
die Mutter, die ihn von neuem fesselt. Er wird ihr Kranken* 
pfleger, und das SdiiAsal will es, daß er zu ihrem Todespfleger 
wird. Und da erwadit alles wieder, was ihn in der ersten Kindheit 
bestimmt hat. Seine Anlehnung an den Vater war damals wirklidi 
nur eine kurze Fludit gewesen,- sein Inneres drängt wesentlidi zur 
Mutter. Sie hatte ihn zu einem Diditer madien wollen, sie wollte 
ihn als Sonntagskind sehen, das seinen eigenen Himmel zum Selig* 
werden hat und seinen eigenen Ort der Verdammnis. Der Tot* 
kranken erklärt sidi der Sonn in feierlidier Spradie, ihr Wunsdi sei 
erfüllt »idi bin ein Diditer — wirklidi — mit meiner ganzen Seele!« 
und die Erklärung wird zum Gelöbnis: »O du Teure, Teure! idi 
werde mit um das Größte kämpfen, und idi verspredie dir, daß 
idi nie weidien, stets treu gegen midi und das, was idi habe, sein 
werde,- das Beste soll mir gerade gut genug und nidit mehr sein, 
keinen Akkord sdiließen, Mutter,- . . . denn dir danke idi es, daß 
meine Seele so hodi strebt,- sind es nidit deine Träume, dein Sehnen, 
die meine Fähigkeiten zum Wadisen getrieben haben, und sind es 
nidit deine Sympathien, dein niemals gestilltes Sdiönheitsverlangen, 
die midi dem geweiht haben, was meine Lebensarbeit werden 

soll!« <120>. 

Es ist übrigens bezeidinend, und audi sonst in der Erfahrung 
bekannt, daß Mensdien, die kein redites Verhältnis zum Weibe be* 
kommen und dabei mit einem stark invertierten Einsdilag zu 
kämpfen haben, in reiferen Jahren sidi häufig an die Mutter ansdiTießen 
und ihr die entsdieidendsten Dinge ihres Innenlebens anvertrauen,- 
audi für den Vollinvertierten ist die Mutter das einzig beaditens* 
werte Weib. Mit dieser Note im Gemüt hängen sie in der Tat an 
einem Stüd^ ihrer Kindheit fest, aber man darf sie deshalb allein 
nodi nidit als Mensdien bezeidinen, deren sexuelles Leben nidit aus 
der kindlidien Sphäre herauskommt, da sie ja sonst im Liebeswerben 
und in anderen Betätigungen der Persönlidikeit durdiaus männlidi 
und vollgiltig sein können. 



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»Niels Lyhne« 395 



Die folgenden Erlebnisse nötigen Niels nun wieder ein Stüdi 
Charakter auf. Wie er nacfi dem Tode der Mutter, die er im Süden 
begräbt, nach Kopenhagen zurückkehrt, findet er Frau Boye verlobt. 
Das muß ihn an sidi selbst erinnern und ihm die Frage vorlegen: 
Warum hast du sie nidit für didi behalten können . . .? Frau Boye 
ist ihm während seiner Abwesenheit geistig untreu geworden: sie 
hat sich in die Arme der Gesellschaft geworfen, über deren Gesetze 
und Sittlichkeiten die beiden früher gelädielt hatten. »Niels, wir 
Frauen können uns für eine Zeitlang losreißen, wenn jemand in 
unser Leben getreten ist, der unsere Augen dem Freiheitsdrange, 
der uns innewohnt, geöffnet hat, aber wir halten nicht aus, wir 
haben nun einmal eine Leidensdiaft für das Korrekteste des Kor^ 
rekten bis hinauf zur sprödesten Spitze des Passenden im Blute. 
Wir halten es nicbt aus, im Kriege zu liegen mit dem, was von 
der Allgemeinheit einmal angenommen worden.« <i32.> — — Aber 
e r hatte der Mutter versprochen, im Kriege zu liegen mit der All- 
gemeinheit um seiner Einzigkeit willen. Jetzt weiß er, daß ihn das 
vom Leben trennt: Frau Boye beweist es ihm. Er muß sidi von 
ihr verabschieden,- die ganze Situation ist schwer erotisdh, wie allent- 
halben im Leben Niels Lyhnes, aber es fehlt die Besitzergrei- 
fung. Er mag dies fühlen, jedenfalls lernt er jetzt/ er heilt sidi 
von dem extremen märtyrerhaften Schwur, den er der sterbenden 
Mutter gegeben hat, er bildet ihn realistisch um: »Sitz' nicht und 
brüte ängstlich über die Eigentümlidikeit deiner Seele, sAIicße dich 
nicht aus von dem, was Macht hat, aus Furcht, daß es didi mit^ 
reißen und deine liebe, innerste Eigenheit in seinem mächtigen 
Brausen ertränken könne. Sei ruhig, die Eigentümlichkeit, welche in 
der Sonderung einer üppigen Entwicklung und Umbildung verloren 
geht, ist nur ein Schaden gewesen, nur ein kraftloser Schößling, der 
gerade so lange eigentümlich war, als er krank vor lichtsdieuer 
Blässe war. Und von dem Gesunden in dir sollst du leben,- das 
Gesunde ist es, aus dem das Große wird.« <i42.> — Ganz genau 
wie damals, als der kleine Niels aus dem Schöße der märchen^ 
erzählenden Mutter an die Knie des erdstarken Vaters floh, des Hüters 
der Realität! Erst jetzt also ist Niels psydiisch wieder ganz bei 
Vater und Mutter/ denn am Grabe des Vaters hat er diesem nur 
eine moralisch gefä^-bte Träne nachgeweint. Aber freilich: er ist jetzt 
nicht mehr ihr Kind, und er hat keine Sehnsucht mehr nadx ihnen,- 
nur die Form dieses alten Verhältnisses ist geblieben, er ist Mann 
geworden, aber — besitzlos. 

Verfolgen wir daher sein Liebesleben weiter und spüren ihm 
nadi, wie er das nädiste Mal sein Glüd^ beim Weibe versucht. 
Dieses Weib ist Fennimore, seine Cousine. Er hat sie noch nie 
gesehen, nur in schlechten Bildern als Kind, und diese Bilder haben 
ihn stets kalt gelassen,- Fennimore mußte nach ihnen eigentlich 
häßlidi sein. — Er lernt sie als erwachsenes Mädchen zusammen 
mit Erik kennen. Dieser ist gerade von einer zweijährigen Reise 



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396 Hans Bluhcr 



nadi Italien wieder gekommen mit reidier Kunst begabt. Jakobsen 
schildert diese Kunst seitenlang mit größter Liebe und seltener 
Plastik, und er will uns damit sagen, daß diese Kunst und dieser 
Mensdi auf den Helden einen Eindrud^ madien. Wieder ist die 
Sdiilderung des Eindrud^es redit spärlidi, aber er ist doA eben da 
und er bedeutet ein Ereignis für Niels, gerade jetzt/ »in stillen 
Stunden ließ es sidi vernehmen wie die Glod^en in der versunkenen 
Stadt auf dem Meeresgrunde, und er und Niels hatten sidi nie so 
gut verstanden, wie jetzt,- das fühlten sie und sdilossen sdiweigend, 
jeder für sidi, neue Freundsdiaft miteinander.« <i56,> Die »ver^ 
sunkene Stadt auf dem Meeresgrunde« ist natürlidh weiter nidits, 
als das Unbewußte, das sidi in diesem Augenblid^e ins Be^ 
wußtsein drängt,- und der Trieb, der hier in Frage kommt, die alte 
Inversionsneigung. 

Mit Erik zusammen lernt Niels Fennimore kennen ,• Erik wird 
neu in die Familie ihrer Eltern eingeführt. Der EindruA, den das 
junge blühende MädAen auf Niels madit, ist groß, »er fand viel 
mehr, als er sidi gedadit,- er fand sie reizend, beinahe bezaubernd«. 
Und Niels und Erik verlieben sidi gleidizeitig in sie. Was gesdiieht? 
Man muß das Liebesleben soldier bisexuell bestimmten Naturen, 
wie Niels eine ist, kennen, um das, was kommen muß, ungefähr 
vorauszusehen. Niels liebt Erik mehr, nidit nur, als er selbst weiß, 
sondern audi, als dieser ihn. Erik neigt stärker zum Weibe, als er, 
und sdieitert daher an dieser Klippe nidit,- er hat einen entsdiiedenen 
Vorsprung. Bei Niels aber tritt an einer bestimmten Stelle ein eben^ 
so entsdiiedener Rüd^sprung ein. Er hat Fennimore in feiner platoni 
sdier Art geliebt, und nidit daran gedadit, daß es unter Umständen 
mehr gilt/ »Wenn sie mit ihrer Näharbeit da saß und mit jener 
weidien, ruhigen Stimme spradi, und mit ihren klaren, treuen Augen 
aufblid^te, so drängte sein ganzes Wesen ihr entgegen mit der un- 
widerstehlidien Madit eines starken und stillen Heimwehs.« <i65.) 
Aber einmal, da singt Fennimore, und in diesem Gesänge enthüllt 
sie die bisher übersehene Seite des weiblidien Wesens: »— wie sie 
sidi von diesen Tönen hinreißen ließ, und wie sie in ihnen aus- 
atmete, so rüd^haltlos und frei, ja, er empfand es beinahe wie un* 
keusdi, es war, als sänge sie nad<t vor ihm.« <i65.> Und da ver- 
sagt sein Gefühl. Er hat Angst vor dieser Art Weiblidikeit, und 
diese Angst zu überwinden, dazu reidit seine Gesamtneigung nidit 
aus. Er verliert den Ansdiluß, und Fennimore kommt in Eriks 
Hand, der tapfer zugreift. — Keine Eifersudit, kein Zank, nidits, 
was man sonst in dieser Lage zwisdien zwei Männern erwarten 
müßte. Niels überläßt das geliebte Mäddien seinem Freunde, und 
wenn der Diditer sagt, die Verlobung war ein harter Sdilag für 
ihn, der ihn bitterer und weniger vertrauensvoll gemadit habe, so 
gehen diese Gefühle alle nidit gegen Erik, sondern einzig und allein 
gegen sidi selbst: denn seine Natur wird ihm nun verdäditig. Ihn 
ermattet das »unaufhörlidie Anlaufnehmen zu einem Sprunge, der 



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»Niels Lyhne« 397 



doch nie gemadit wurde«. Dies gilt für seine Liebe und gilt ebenso 
für seine geistige Tätigkeit. 

Die folgende Zeit ist für Niels offenbar eine Latenz der 
Liebe. Möglidh, daß diese dadurdi erfolgt ist, daß er den Freund, 
den er mehr liebt, als er zugeben kann, glüd^lidi weiß, und daß 
eben dieser Freund, und kein anderer Mensdi, ihn von der furdit^ 
baren Entsdieidung für das Weib, vor dem ihm bange war, erlöst 
hat. — Aus dieser Latenzzeit wird er plötzlidi nadi drei Jahren 
herausgerissen durdi einen Brief von Erik, der bei ihm die inver^ 
tierte w agsdvale auf einmal stark belastet und den ganzen Mensdien 
zu heftigem Handeln treibt. Eriks Ehe hat einen Riß bekommen 
und mit ihr Eriks KünstlersAaft. Er bittet den Freund, zu ihm zu 
kommen. Da wirbelt in Niels auf einmal die lange, ins LInbewußte 
gedrängte Knabenfreundsdiaft in all ihrer heroisdien Leidensdiaftlidi^ 
keit auf. So ist Ni?ls niemals zu einem Weibe gewesen! »Ein 
fanatisdies Freundsdiafrsgefühl pad^te ihn. Er wollte Zukunft, Be^ 
rühmtheit, ehrgeizigen Träumen, allem entsagen um Eriks willen.« 
<i75.) »Erik in Hoheit und Ehren, er aber nur einer der vielen, 
vielen gewöhnlidien Mensdien, wirklidi nidits mehr,- zuletzt nidit 
mehr freiwillig, sondern notgezwungen arm,- ein wirklidier Bettler 
und nidit ein rrinz in Lumpen . . . und es war süß, sidi so bitter 
arm zu träumen.« <i76.> »Wie er audi versudien modite, es weg zu 
erklären und anzuzweifeln, er konnte dod\ nidit umhin, zu fühlen, 
daß es wirklidi die alte Knabenfrcundsdiaft war, die wieder in ihrer 
ganzen Naivetät und all ihrer Wärme den Jahren und dem, was 
sie gebradit hatten zum Trotz, erwacht war.« <i67.> Diese Proben 
dürften audi für den prüdesten Zweifler, der überall nur »Geistiges« 
sehen will, nidit mehr mißverständlidi sein. Jener Hilferuf des 
Freundes hat in Niels tatsädilidi die invertierte Liebesriditung aus 
dem Unbewußten ins Bewußtsein gerufen und mit einer Deutlidikeit, 
die uns fast zum Verwundern darüber bringt, daß er sidi nidit 
cndlidi einmal ganz und voll erkennt/ denn er geht nodi immer an 
der Tatsadie vorbei, daß er sidi zum Manne fast weiblidi verhält 
mit seiner ungewöhnlidien Hingabe und zum Weibe nie männlidi 
genug mit seiner Sdieu vor dem naAten, begehrenden. Der 
Hilferuf des Freundes vermag ihn ganz zu revolutionieren und zu 
Entsdieidungen zu treiben, die Frauenliebe bei ihm nie hat durdi* 
setzen können. Er madit die weite Reise zu seinem Freunde kurz 
entsdilossen. 

Idi übergehe die feingefühlten Künstler^ und Mensdiheits- 
gesprädie, die sidi zwisdien den Wiedergefundenen abspinnen, idi 
übergehe audi die unnadiahmlidien Sdiilderungen des Konfliktes, der 
::wisdien Erik und Fennimore hereingebrodien ist, und bleibe allein 
bei dem Liebesleben Niels Lyhnes. ^ Sowie er an Ort und Stelle 
ist und in Gesellsdiaft dieser beiden Mensdien, die ihm off^enbar die 
liebsten auf der Welt sind, da tritt audi sd\on seine ausgesprodienc 
und zugleidi unausgesprodiene Bisexualität wieder hervor. 

lr.:nro I 4 i6 



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■598 Hans BiQhcr 



Die Liebe zum eigenen Gesdiledite greift bei ihm ja nie bis 
in die Sphäre der Wollust, so heftig sie ihn sonst beeinflußt/ jene 
sdiwälende, duftende, sinnlidi sdiwere Liebessehnsudit fehlt ihr. 
Niels ist kein Griedie, audi kein »Uranier«/ er begehrt Frauen, 
aber er kann ihrer nidit psydiisdi Herr werden, und das verlangt 
das Weib. Er kann es wenigstens nicht allein,- er braudit Unter- 
stützung dazu: und dies gerade von dem Freunde, der er liebt. 
Audi das ist ein rypisdier Vorgang, dem man allenthalben be* 
gegnen kann. Man findet, daß Invertierte sidi leidit in die Sdiwestern 
oder die Geliebten von Freunden verlieben, die von ihnen ge^ 
liebt werden. Und das tut audi Niels. Er sieht das innere Zer^ 
würfnis zwisdien Fennimore und Erik, und da gelingt es ihm unter 
Zuhilfenahme der alten Gefühle, die er nodi für Fennimore übrig 
hat, von ihr Besitz zu ergreifen. Man könnte sidi verwundern, 
daß dieser dem Weibe gegenüber so wenig begabte Mensdi hier 
sogar einen Ehebrudi zustandebringt, und ein Weib nidit nur 
sexuell bezwingt, sondern audi über ihre Moralansdiauung Herr 
wird. Aber es ist eben das Weib des geliebten Freundes, der 
ja die erste Bezwingung ihm vorweggenommen und abgenommen 
hat, diese erste, die ihm nidit hatte glüAen wollen! Verwunderlidi 
ist es audi zunädist, daß Niels diese Handlungsweise gar nidit als 
sonderlidi betrügerisdi empfindet,- dieser moralisdi so feinfühlige 
Mensdi bekommt es in der Tat fertig, sogar an einen gemeinsamen 
Fluditvcrsudi zu denken, was allerdings nur der Plan eindrud^svoller 
Augenblidve ist. Aber man fühlt heraus, daß der Freund ihm eben 
gar nidit Gegner und Rivale ist, sondern heimlidi mitgeliebt wird, 
und wie Fennimore einmal vor ihrer Verführung fragt, wie Erik 
als Knabe war, antwortet er bezeidinend: »Alles, was gut und 
sdiön war, Fennimore. Präditig, brav, in jeder Beziehung eines 
Knaben Ideal von einem Knaben, nidit gerade das Ideal einer 
Mutter oder eines Lehrers, aber Jens andere, das so viel besser 
ist« <t95> und dann: »Ja, weißt du, idi war ganz verliebt in ihn, und 
er hatte nidits dagegen.« 

Werfen wir einen Blici^ auf diese Liebe zwisdien Niels und 
Fennimore. Natürlidi hat sie zunädist einen Aufstieg und einen 
Höhepunkt, Niets hat auch die Empfindung, daß diese Liebe die 
Liebe seines Lebens sei, »denn das, was er früher für Liebe ge* 
halten, war ja keine Liebe.« Er irrt natürlidi, — Der Höhepunkt 
ist sdinell nur allzu sdinell erreidit und dann kommt der jähe Ab^ 
stieg. »Ihre Liebe wurde nidit geringer, im Gegenteil, je tiefer sie 
sank, desto glühender und leidensdiaftlidier wurde sie, aber diese 
Händedrücke auf Treppen gestohlen, diese Küsse in Vorzimmern 
und hinter Türen, diese langen Blid^c unter den Augen des Be*^ 
trogencn — das alles raubte ihr den großartigen Stil.« »Die Falsdi^ 
heit wurde ihr wahres Element und machte sie so klein und 
gemein.« <2o6.> Und »so sank und sank ihrer Liebe hohes Sdiloß«, 
Niels ist eben völlig unfähig, Frauen voll zu lieben, er fällt immer 



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►Niels Lyhne« 399 



ins Extrem : erst will er seine Liebe platonisieren und nach Art der 
Freundeserotik einstellen, — und das duldet kein Weib auf die 
Dauer, — und dann brutalisiert er sie, ^ und das kann e r nidit 
vertragen. Da plötzlidi kommt die Katastrophe. Erik verunglückt 
und stirbt auf einer Eisfahrt. In Fennimore erwacht riesenhart das 
Gewissen. Sie schmäht und sdimäht grenzenlos ihren Verführer und 
verbietet ihm das heilige durch Eriks Geist geweihte Haus. Mit 
allen Chikanen der Weiberlo^^ sucht sie alle Sdiuld auf ihn zu 
wälzen und der betrogene Tote wird plump verherrlicht. Und 
Niels . . .? Er ist zwar wie gebannt, aber nur auf kurze Zeit. Er 
hat Erik, wie gesagt, nie als Feind betrachtet, er empfindet bei seinem 
Tode sich selbst nicht als seinen Betrüger, sondern : e r 1 i e b t i h n 
wieder. »Also dies war das Ende! So hatte er also die Frauen- 
seele erlöst und sie emporgehoben und ihr Glück gegeben! Wie 
sdhön es war, das Verhältnis zu dem toten Freunde, seinem Jugend- 
freunde, für den er Zukunft, Leben und alles hatte opfern wollen!« 
(zij.) »Er dachte an Erik und an den Freund, der er für Erik ge^ 
wesen. O er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände üoer 
ihn,- die Jugendträume verhüllten ihr Anditz und weinten über ihn,- 
seine ganze Vergangenheit sah ihm mit einem langen, vorwurfsvollen 
Blid^e nach.« <2i8.> Aber dieser Vorwurf trifft ihn nicht deshalb, weil 
er Fennimore verführt, sondern weil er Erik darüber vernachläsisigt 
hat. In der Tat: dies ist das Ende. Über seine Freundschaft zu 
Erik ist er nie hinweggekommen, und nach ihrem jähen Fall hat 
alles übrige nur wenig Sinn. 

Alles, was später kommt, ist nur ein Epilog. Eine Madame 
O d e r o, die er im Süden trifft, spielt eine kleine, kaum wesentliche 
Rolle für ihn. Seine letzte Liebe ist ein siebzehnjähriges Mädchen 
Gerda, die er aber eigendidi nur wiederlicbt. Denn Gerda 
ist ein rechter Backfisch, der kokettiert. Niels ist inzwisdien Land- 
mann geworden, und warum soll er sie nidit heiraten! Es ist ein 
Schlußidyll, dieses Gerda^Motiv, poetisdi von tiefem Reiz, gedanklidi 
hervorragend, aber man bekommt das Gefühl : er hat Gerda nur 
genommen, um irgend einen Menschen um sich zu haben. Es steckt 
nichts von Schidvsal darin. Wie sie stirbt, liebt sie Gott mehr, als 
ihn, und er läßt es geschehen. Die großen Personen seines Lebens 
sind abgetreten. Aber es bleibt natürliA in jedem Menschen, dessen 
Liebesleben an diesen Großen zerschellt ist, noch genug übrig, um 
Kleine zu lieben. 

Das ist der Schlüssel zum »Niels Lyhne«. Man sieht, die bis- 
herige Literaturkritik reidht nicht immer aus, um alles verständlidi zu 
machen. Diditer sehen immer tiefer ins Menschenleben als Kritiker 
und sind ihnen stets um ein Stüd^ Lebenskenntnis voraus, die sie 
in ihrer absichtslosen Art oft unverstanden niederschreiben. Man 
braudit dann gewisse Geheimschlüssel, wahre Diebsdietriche der 
Lösekunst, um solch ein Werk zu verstehen. Und die Literatur^ 
wissensdiaft wird an den neuen Einblicken, die man durch die Lehren 



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400 



Hans Blüher 



Freuds in den psydiisdien Aufbau des Mensdien bekommen 
hat, nidit vorübergehen können. Es ist bekannt, daß die sdiwierig^ 
sten Stellen von Werken der Diditkunst aus Mangel an jenen 
Kenntnissen oft ins Gewagteste mit abstraktem Gestrüpp ver^ 
wudiert worden sind -^ man denke an Hamlet und ödipus! -— 
und daß man dies »Erklärungen« nannte. Daß dieses Wort dann 
von »klar« herkommen soll, sieht man ihm in soldien Situationen 
nidit mehr redit an. 




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Zur Dcterminicruiig 401 



Beiträge zur Determinierung im Psychischen. 

ZUM FARBENHÖREN. Wir sind gewohnt, mehrfache Determinier 
rungcn psydiischcr Ersdieinungen durdi das Unbewußte aufzufinden, — so:* 
genannte Überdeterminierungen. 

Zu den Erklärungen, die Frau Dr. v. Hug^'Hell m ut b über ihr 
Farbenhören in dem interessanten Artikel über dieses Thema <Imago, Nr. 3) 
beibringt, mcdite idi als der Autorin entgangen, die Determinierung durdi 
den GleiAkJang naAtragcn. 

Es mi:ß auffallen, daß der Vokal, der die Farbensynopsie hervorruft, 
im Namen dieser Farbe den Hod^ton hat: c erzeugt gelb, o — rot, 
a — blau, i ^ grün <grin>, u braun. Für e und o ist dieser Gleirfiklang 
evident/ dem i kann nur grün entspredien, da die anderen Farbenbezeidi- 
nungen nodi weniger nadi i klingen. Da die Lautphotismen übrigens aus 
der frühen Jugend stammen, sei erwähnt, daß Kinder, besonders in unseren 
Dialektgegenden, eher »grin« als voll »grün« ausspredien. Übrigens sieht 
ü aus wie zwei i nebeneinander/ wozu das sonderbare Übersetzen von 
»sweet« mit >grün« <S. 252) gut stimmt! — Man wird diese Miterklärung 
der Lautphotismen audi bei au ^ blaugrau gerne zugeben, für welAen 
Zusammenhang Frau Dr. Hug keine Erklärung weiß. Es fallen mir in den 
Beispielen des Aufsatzes ferner als Beweise für meine Auffassung auf: Der 
Konsonant 1 »zieht das Farbenbild des Vokals in Wellen aus« <S. 246). 
Die Töne \o\\ Blediinstrumenten erzeugen gelbe Töne. Den Zusammen- 
hang zwisdien Goethe'sdien Gediditcn und goldgelb ähnlidi zu deuten, 
ersdieint mir aber sdion zu gesudit. Kaum audi mag es als in meinem 
Sinne deutbar sein, daß ratternde und kratzende Geräusdie <Gewehrfeuer, 
Sdireibfeder-Kratzen, Räder knarren) gerade graubraune oder graugrüne 
Photismen erzeugen/ aber daß der Name Gisela -- violett ersdieinen läßt, 
was der Autorin unerklärlidi, sdieint wohl durdi den ähnlidien Rhythmus der 
Wörter und ihr i als Hoditon bedingt. 

Die Bedeutung des Gleidiklangs für Assoziationen im Unbewußten 
<Vorbewußten> ist uns aus den Traum^ und Witz^Beobaditungen geläufig. 
Freilidi ließe sidi einwenden : wenn das e eine gelbe Farben^rErsdieinung 
erzeugt, handelt es sidi um ein optisdies Phänomen und nidit um eine 
Reproduktion des Wortes »gelb«. Aber, es ist eben notwendig, in die Zeit 
der Entstehung derSynopsie zurüd^zugehen, das ist die Zeit desSprerfienlernens. 
Damals — und ncueriidi beim Sdireibenlernen — war Laut, Budistabe, 
Ho Aton des Wortes eng als ersterlebt mit der Farbe assoziiert. — Pfisters 
Arbeit über das gleidie Thema <am selben Ort) ist, trotzdem audi bei seiner 
Analysandin c — gelb, a — blau auslöste, nidit genügend darauf ein^^ 
gegangen, daß der Vokal im Namen der zugehörigen Farbe fast typisdi 
wiederkehrt. Dodi erwähnt er <Seite 270) ausdrücklidi: »Von einigem Belang 
ist gewiß audi der betonte Vokal von Edith, der sidi in »gelb« ebenso 
wiederfindet, wie das a von »Papa« und »Vater« in »blau« und beriditet 
ferner nadi Bleuler und Lehmann, sowie nadi Gl aparede über 
relative Häufigkeit von Koinzidenz von Farbe und Vokal der Benennung, 
wie sie die Statistik ergibt. Dr. Eduard Hitscbmann. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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•402 Zur Determinierung 

ZUR SYMBOLISCHEN BEDEUTUNG DER ZIFFERN. In 
den beiden oben erwähnten Arbeiten über die psychologisdie Grundlage 
gewisser Synästhesien wird auch auf die sonderbare Rolle hingewiesen, 
welche den Zahlen im unbewußten Seelenleben häufig zufällt. Ich möchte 
dazu einige kleine Beobachtungen aus der letzten Zeit mitteilen. 

Ein kleines Mäddien, das die erste Volksschulklasse besudit und eben 
die Ziffern schreiben lernt, ist zum Verdruß ihrer Eltern und Lehrer nicht 
imstande, die 5 zu schreiben. Nähere Erkundigung ergab, daß seit kurzer 
Zeit im Hause eine Tante zu Besuch war, die infolge ihrer hochgradigen 
Sdiwangerschaft das Interesse der Kleinen erregt und sie zu der Frage ver^ 
anlaßt hatte, warum die Tante einen so großen Baudi habe. Nun war die 
Hemmung beim »Bauch« der 5*) verständlich und der Zusammenhang 
erschien auch den Angehörigen des Kindes sogleich einleuchtend; sie unter* 
ließen es jedoch, das Kind darüber aufzuklären. Erst nach Abreise der 
Tante schwand die Hemmung spontan soweit, daß die Kleine die 5, wenn 
auch nicht korrekt, schreiben konnte/ die Unkorrekthcit zeigt aber deutlidi 
den Zusammenhang mit dem Bauch, denn das Kind konnte die Ziffer nur 
so schreiben, daß es den Kreis ganz schloß und dann erst den oberen Strich 
ansetzte <ö>/ welche Schreibart sie dann auch auf die 6, die sie unmitteU 
bar darauf lernte, übertrug. 

Eine andere Beobachtung betrifft ein erwachsenes junges Mädchen, 
das eine besondere Vorliebe für die 4 hegt und diese Ziffer sehr häufig auf 
den Boden <mit dem Schirm) oder auf Papier schreibt, oft auch nur die 
Linien markiert. Durch Eingehen auf ihre Tagträume stellte sich mit un« 
zweifelhafter Sicherheit <in etwa 20 Fällen) heraus, daß die 4 regelmäßig 
der begleitende symbolische Ausdrucl^ einer Verführungsphantasie** ist, die 
bald mehr, bald minder bewußt sie augenblid^lich beschäftigt. Natürlich 
gehen von dieser Assoziationsbrücke tiefere Verbindungen in ihr gesamtes 
psychisches Erleben und Empfinden. Als Pendant zum ersten Fall sei hier 
nur darauf hingewiesen, daß sie schon als Schulmädchen diese Vorliebe für 
die 4 faßte und immer bemüht war, diese Ziffer besonders schön und 
schwungvoll <nach dem Muster der gedruckten) zu schreiben. Daß das Auf* 
treten dieser Erscheinung zeitlich mit einer intensiven Verliebtheit in einen 
Lehrer zusammenfällt <von dem sie heute noch bewußt schwärmt und un^ 
bewußt in ihrer Liebeswahl beeinflußt ist), zeigt, daß die spätere scheinbar 
rein assoziative Verwertung des Symbols genetisch begründet ist. 

Endlich sei noch der Bericht eines jungen Mannes erwähnt, der sich 
aus seiner Schulzeit der störenden Gewohnheit erinnert, in der Mathematik 
statt gewisser Ziffern Buchstaben zu schreiben, bei deren Auswahl das Wortbild 
der Zahl eine ähnliche Rolle spielte, wie die Vokale der Farbenbezeichnung 
für das Farbenhören <z. B. e gelb). Nur betrifft diese Ersetzung hier 
regelmäßig Konsonanten; so schrieb er völlig unbeabsichtigt und zu seinem 
eigenen Arger oft statt drei ein r, statt 7 ein langes s und besonders häufig 
statt der 2 w, was ihm auch von anderen Kollegen bekannt ist und sich 
den Pfister'schen Ausführungen <Imago, Heft 3, S. 268) schön fügt. Einer 



* Stekcl <Beiträgc zur Traumdeutung, Jahrb. f. psychoanalyt. Forschg. I, 
8.498) erinnert daran, daß die 5 »von Heine als das Symbol der schwangeren 
Frau, großer Bauch und kleiner Kopf, gedeutet« wird. 

•• Auf diese Bedeutung des »Vierer« als Verführer hat bereits Stckcl 
<1. c.) hingewiesen. 



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Zur Determinierung 



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eingehenden Analyse konnte dieses Phänomen leider nicht unterzogen werden, 
dodi läßt sich auf Grund anderer Erfahrungen aus den erhaltenen An* 
deutungen entnehmen, daß unbewußte Anspielungen auf eine zur Zeit der 
"Pubertät ganz besonders betonte erogene Zone zu Grunde liegen. 

Nachträglich kam mir die interessante Arbeit von Marcinowski *Drei 
Romane in Zahlen, ein Beitrag zur symbolischen Verwendung von Zahlen 
im Leben und im Traume* <Zentralblatt f. Psychoanalyse, Sept. 1912) zu 
Gesiebt, die lehrreiche Beiträge zu den hier angedeuteten Themen bringt 
und worin unter anderem die Geheimsprache der Kinder betont wird, die 
für Budistaben Ziffern setzt. 

Ähnliche Bedeutung wie im kindlichen Seelenleben und im Unbewußten 
der heutigen Erwachsenen mag den Zahlen im Geistesleben der Antike zuge- 
kommen sein, wie insbesondere die Buchstabenrechnung der Alten beweist, die 
zu einem nicht unwesentliAen Hilfsmittel der modernen mythologisch*philo^ 
logischen Forschung geworden ist. Wer sich für dieses Thema interessiert, sei auf 
eine Abhandlung von W. Schultz über »die Bedeutung der Zahlen und Bucfi^ 
Stäben für die Altertumsforschung« hingewiesen. <» Verhandig. d. 50. Ver^ 
samnilg. deutscher Philologen und Schulmänner in Graz, S. 95 — 102). 

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