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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften III 1914 Heft 1"

^\ 



. 



AGO 

ZHTSCHRIFT FÜR ANWENDUNa 
PER PSYCHOAKALYSE AUF DIE 
aElSTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DE SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
T>£ OTTO RANK U. Dt HANNS SACHS 

m. JAHRGANG / 1914 
HEFT 1 / FEBRUAR 




TSi 




HUGO HELLER &i.Q^ 

LEIPZIG U.W1EN-I-BAUERNMARKT3 



Der Erfolg des fwcircn Jahrgangs hat uns aufs neue des Interesses Jener vefSiAert, 
an die stA die ZritsArift junäAst wandte,, nidit minder afcer die Hofftiung bestätigt, 

daß audi weitere Kreise an den FVoblemen und Hrgd^nissm unserer jungen Wisse»' 
sAaft Anteii nehmen werden/ endlidi hat uns die rege Mitarbeit der Vertretet vcr&diiedener 
Fadigebtete dsis Bewufltsem gegeben^ daß unser Untcrnefimeji audi imstande war^ der An^ 
regung geistiger Produktionstätigkeit zu dienen. 

Die reidie und vielseitige Arbeit des abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inhaltsflber' 
iiAt tind wir dürfen hoffen, mit der Fcsthaltung und Ausgestaltung unseres Programmi 
audi unseren Erfolg siAem und steigern zu können. 

Soweit es durAführbar ist, sollen alle jene Zweige der Gcisteswissensdiaftcn^ für 
die die Psydioanalyse Bedeutung gewonnen hat^ zu Wort kommen/ auA soll weiterhin 
neben Sonderproblemen der Individualpsydiologic besonders die Völkerpsychologie einen 
breiten Raum einnehmen^ die ja am deutlidisten den Wert und die Prudttbarkeit der am 
Binzelnen gewonnenen Seelenkenntnis erwelstf 



Für die RHDAKTION bestimmte Zuschriften und Sendungen wollen an 
Dn HANNS SACHS, Wien XDC/l^Peter^ordangasseTÖ adressiert werden. 



»IMAGOc ersdieint SECHSMAL jährlidi im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M- 15. — ^= K 18- — pro Jahrgang durch 
l'ede gute BuAhandfung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
*© CIE, in Wien h, Bauernmarkt 3 abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wird ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf »IMA- 
GO« und die »INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ÄRZT^ 
LICHE PSyCHOANALySE« zum ermäßigten Gesamtjahrespreis von 
Mk. 30.— = IC 36.— eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesdilossenen 
II. Jahrgangs *IMAGO« werden im Preise erhöht, so daß der komplette 
IL Jahrgang nunmehr M* 18. — = K 21.60, gebunden M, 22.50 = K 27.— 
kostet. Auch vom ersten Jahrgange sind noch einige wenige Exemplare 
zu diesem fVeise verfügbar. 

ORIGINAL -EINBANDDECKEN mit Lederrücken sind zum 
Preise von M- 3.— ^= K 3.60 durch jede gute Buchhandlung, sowie 
direkt vom Verlage zu beziehen. 



Copyright 1914. HUGO HELLER ^ CE., Wien I., Bauernmarkt 3. 



^ o Inhaltsübersicht des III. Jahrganges 1914. 



.c,4.xocUo;: 



Seite 

Abhandlungen : 

Dr. Karl Abraham (Berlin): Über neurotische Exogamie .... 499 

Lou Andreas-Salome <Göttingen>: Zum Typus Weib .... 1 

Hans Blüh er (Berlin): Über Gattenwahl und Ehe 477 

Dr. A. A. Brill (New-York): Die Psychopathologie der neuen Tmzc 401 

Dr. Robert Eisler <Feldafing): Der Fisch als Sexualsymbol . . . 165 

Dr. Fritz Giese (Berlin): Sexualvorbilder bei einfachen Erfindungen 524 

Dr. Ludwig Jekels (Wien): Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 313 
Dr. Emil Lorenz (Klagenfurt): Die Geschidite des Bergmanns von 

Falun 250 

John T. Mac Curdy (New^York): Die Allmacht der Gedanken und 

die Mutterleibsphantasie in den Mythen von Hephästos und 

einem Roman von Bulwer Lytton 382 

Dr. Otto Rank (Wien): Der Doppelgänger 97 

Dr. Theodor Reik (Berlin): Die Couvade und die Psychogenese der 

Vergeltungsfurcht 409 

Dr. Hanns Sachs (Wien): Homers jüngster Enkel 80 

— Das Thema »Tod« 456 

Theodore Schroeder (New-York): Dersexuelle Anteil an der Theologie 

der Mormonen 197 

Herbert Silber er (Wien): Der Homunculus 37 

— Das Zerstückelungsmotiv im Mythos 502 

Dr. Alice Sperber (Wien): Von Dantes unbewußtem Seelenleben . 205 

. * *: Der Moses des Michelangelo 15 

Vom wahren Wesen der Kinderseele. Redigiert von Dr. 
H. v. Hug^Hcllmuth. 

Dr. M. Eitingon (Berlin): Gott und Vater 89 

Dr. H. V. Hug^Hellmuth (Wien): Lou Andreas^Salonie : »Im 

Zwisdienland« 85 

— Kinderbriefe 462 

Dr. Theodor Reik (Berlin): Die kindlidie Goltesvorstellung ... 93 

— Vaterkomplex 94 

— Das Kind und der Tod 94 

Besprechungen: 

Th. W. Danzel: Die Anfänge der Schrift (Hans Sperber) . . . 536 

Prof. Ernest Jones: Louis Bonaparte, King of Holland (Hanns Sachs) 303 

Emil Lucka: Die drei Stufen der Erotik (Th. Reik) 304 

F. MülIer^Lyer: Die Entwicklungsstufen der Menschheit : — l ormen 

der Ehe. — Die Familie. -- Phasen der Liebe. (O. Rank) . 307 

Wilhelm Ostwald: Auguste Comte (Ed. Hitschmann) .... 539 

Dr. Theodor Reik: Arthur Schnitzler als Psycholog: (Hanns Sachs) . 302 

Arthur Schnitzler: Frau Beate und ihr Sohn (Th. Reik) . . . . 537 

Franz Strunz: Die Vergangenheit der Naturforschung (H. Silberer) 310 

Fritz Witt eis: Alles um Liebe. Eine Urweltdichtung (Th. Reik) . 305 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Seit» 

Übersicht der Leistungen der auf die Geisteswissen- 
schaften angewandten Psychoanalyse: Für das |ahr 

1914 ..,..,,.,.. 541 

BQchereinlauf (Besprechung vorbehalten): 

Für das fahr 1914 . 543 

Kunstbellagen: 

Michelangelo: Moses, 16 

Kwan-yin, diincsiscfic Liebesgörtin mit dem Fisch im Korb 

<Fig.6> . ^. . . . I7f> 

japamsdie LiebesgÖtttn Benten mit dem Fisdi <h'igp 7> , , . 17f> 
MykcnisAe Vasen sdi erbe aus Tiryns: Fisdi zwischen die Beine 

eines Pferdes gemalt (Fig. 12) 177 

Fisch schwingende Maenade (Fig. 13) .177 

Babylonierin, vor dem heiligen Fisdi auf dem Altar üam 

spinnend (Fig, 17) ,,*-.-.*...,,, 177 

*La nzegna<j, neapolitanisdies Volksfest in S, Lucia (Fig. 18) , '77 

Textillustrationen : 

Eros, die Mandragorawiirzcl in der Hand, auf dem Delphin reitend 

<Fig. 1> 170 

Eros mit dem Fisdi in der Hand <Pig^ 2) ^ - * 170 

Das Symbol des *Fisdihauses* auf augusteischen Münzen (Fig, 3). 172 

BabylonisAes Ideogramm für die Göttin Ishanna <Fig. 4> . , . . 172 

Der Fisdi im Leib der Muttergöttin (Fig, 5) ........ 173 

Baby tonischer Siege (sy linder <Fig, 8) 174 

Buddhistisdics Symbol der Yoni (Fig. 9} 174 

Herakles für sein Hochzeitsmahl Fische fangend (Fig* 10) . , . . 176 

Prähistorisdie Ritzzeidinung (Fig. 11) , 178 

Sogenannter Ring des heiligen Arnulph von Trier (Fig. 15) . . 185 

Angelfisd^er und Fischreuse auf der Schale des Chachryltos (Fig, 16) . 185 

Fischer unter dem Schutz einer ithyphallisdien Gottheit (Fig, 19) , , 189 

Das Liebesfischen (Fig. 20) ,.,,.. 191 

*Raub des Ganymcd.A Schwebende Gruppe in Venedig (zu Seite 238) 540 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
III. 1. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1914 



Zum Typus Weib. 

Von LOU ANDREAS^SALOME. 

I. 

Was idi hier vorhabe, ist nur ein Stück Gedankenspaziergang: 
anfangs entlang an persönlich eng umgrenztem Weg, dann 
hinstrebend in weitern Gesiditskreis, um endlidi, wenn aucfi 
nur ein paar Schritte höher, zu sachlidiem Überblick darüber hinaus 
zu gelangen. 

Redit persönlich muß ich damit beginnen zu sagen, daß sich 
meine allerfrüheste Erinnerung auf Knöpfe bezieht. Auf geblümtem 
Teppich darauf ich saß, stand vor mir geöffnet ein brauner Kasten, in 
dessen Inhalt, unter gläsernen, beinernen, bunten, phantastisch geformten 
Knöpfen, ich kramen durfte, wenn idi entweder sehr artig gewesen 
war, oder wenn meiner alten Wärterin keine Zeit für mich übrig 
blieb. Der Knopfkasten hieß — anfänglich naiv, später ironisch ver^ 
standen — der Wunderkasten, und anfangs repräsentierte er für 
mich wohl audi Wunder schlechthin / dann — vielleicht weil man 
mich die entsprechenden Wörter daran kennen lehrte, bewunderte 
ich in den Knöpfen ebensoviele Saphire, Rubine, Smaragden, 
Diamanten und anderes Edelgestein, wodunh noch heute das 
russische Wort für »JuweU^ mir einen seltsam erinnerungsreichen 
Klang behalten hat. Die Knopfjuwelen blieben auf lange hinaus der 
Inbegriff dessen, was als wertvoll betont, und deshalb gesammelt 
nicht fortgegeben wird <wie in der Tat die damals verhältnismäßig 
kostspieligeren Modeknöpfe nach Verbrauch der Kleidungsstücke auf* 
bewahrt wurden). Und mir ist, als ob diese Vorstellung der Knöpfe 
als kostbarster Stücke sich in mir bereits unmittelbar zurückgegründet 
haben müsse auf eine noch ursprünglichere, wonach sie unver^ 
äußerliche Teile darstellten — gewissermaßen Teilstückchen meiner 



* »jcmtscfeug«. ^ 

Imago III/l 



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Lou AndreaS'Salome 



Mutter selbst (respektive ihrer Kleidung, an deren Knöpfen idi von 
ihrem Sdioßaus hantieren modite) oder vielleidit der<miranhänglidien) 
Amme, an deren Brust hinter der geöffneten Kleidung idi den 
ersten Rubin praktisdi kennen lernte, wenigstens entsinne idi midi, 
daß, als sidi mir die Knopfsdiätze hinterher mit einem mir erzählten 
Märdien kombinierten, worin sie eine mehr interne Angelegenheit 
vertraten, idi diese neue Auffassung sdion wie ein festes Besitztum 
in mir vorfand. Das Märdien handelte von jemandem, der, in einen 
Zauberberg dringend, sidi in dessen Innern durdi alle Reidie des 
Edelgesteins (»Saphire, Rubine« etc.) hindurdiarbeiten muß zu 
irgendeiner zu entzaubernden Königin, Gar nidit befremdete es midi 
deshalb audi, als idi auf meiner ersten Auslandsreise, mit meinen 
Eltern in der Sdiweiz, einen Berg »die Jungfrau« nennen hörte. 
Seitdem befestigte sidi mir das Bild einer unerreidilidi hohen, redit 
vergletsdierten Berg^Jungfrau, die in ihrem Allerinnersten ungezählte 
Knöpfe birgt. Wie eine Erinnerung daran wirkte etwas später ein 
zweiter Reiseeindrudt auf midi: eine Bergwerkseinfahrt mit meinem 
Vater in das Werk bei Salzburg, bei der idi, zwisdien ihn und die 
Knappen gräßlidi eingeklemmt, rittlings in die sdiauderhafte Tiefe 
zum märdhenhaft erleuditeten See niedersausen mußte, und unten, 
ziemlidi zerquetsdit, bitterlidi brüllend, ankam. Daß das glitzernde 
Salz an den Wänden nur einen Sammelnamen bedeuten konnte für 
Edelsteine jeder Art, sdiien zweifellos,- und idi glaubte sein Gefunkel 
nur wiederzusehen, als idi bald darauf die köstlidien Sammlungen 
russisdier Edelsteine im Petersburger Museum des Bergdiorinstituts 
sdiildern hörte und selber sah. 

Diese ganze kindlidie Auffassung nun untersdieidet sidi in 
diarakteristisaier Weise von einer gleichzeitigen zweiten, die andere 
kleine rundlidie Wertstüdte zum Gegenstande hat: nämlidi Geld^ 
Studie. Daß man Geld sammeln könnte für des Lebens Bedarf, war 
mir ganz früh nidit bekannt, da dieser auf eine mir unmerklidiere 
Weise bestritten wurde, allein gegen das adite Jahr etwa <auf 
Genauigkeit kann idi nidit sdiwören) erhielt idi jeden Monat Tasdien* 

feld, bestehend in einer Silbermünze von 20 Kopeken <40 Pfennigen), 
ür die man sidi Erfreulidies kaufen durfte, obsdion audi dies Er- 
freulidie allermeistens direkt durdi die Eltern und ohne Bezugnahme 
auf Geld, sidi verwirklidite. Einmal als mein Vater mit mir spa- 
zieren ging, begegnete uns ein Bettler, dem idi mein blankes Silber* 
stüA geben wollte. Da sagte mein Vater: »Die Hälfte reidit« — 
denn idi sollte ja daran Geld einteilen lernen — und wediselte mir 
ernsthaft das Stüd^ in zwei Silbermünzen zu je 10 Kopeken, so 
daß audi der Bettler Silber, nidit Kupfer (Nid^el gibt es in russi^ 
sdien Münzen nidit) erhielt. Von da ab muß sidi mir die Idee ein* 
gegraben haben: Geld ist das, wovon die Hälfte den Anderen ge* 
bünrt — zwar die Hälfte nur, dodi diese ohne weiteres, und sie 
darf nidit sdiäbiger aussehen als das ZurüAbehaltene : man hat vor 
den Anderen nidits voraus. Im sdiärfsten Gegensatz zu diesem. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Zum Typus Weib 



was teilbar war, ja dessen Wesen darin zu bestehen sdiien, daß 
man es zu teilen hatte, stand die ältere Idee von den unveräußer^ 
lidien Sdiätzen <Knöpfen>, den niditaustausdibaren, verborgenen, mit 
deren Wegnahme offenbar wir selbst ausgeraubt, angetastet werden 
würden — gleidisam unser Ganzes, das nidit »Hälften« kennt oder 
hat. Freilidi sind diese Gedanken selber nidit so frühe, dodi die 
Stelle, von der sie ausgegangen sein mögen, von der sie siA in 
zwei so versdiiedene Vorstellungsreihen abgrenzten, reidit erkennbar 
bis hinab in das Infantilste: in das Gebiet analer Interessen, d. h. 
dorthin, wo unsere Körperfunktion uns nodi gleidisteht mit uns 
selbst, und wo ein Teil unserer selbst, als ein von ihr geleisteter 
Teil, uns zum erstenmal zugleidi als Objekt, als ein Nidit^mehr^ 
wir, zum Bewußtsein kommt. Insofern nun speziell Geld den be^ 
kannten Ersatzbezug zum Analen enthält, wäre hier jenes früheste 
Erziehungswerk: UnterdrüAung der Identifikation mit dem Analen, 
des Idi-Interesses daran, zustande gekommen im Zusammenhang 
damit daß anal geriditeter Autoerotismus sidi am Symbol der 
> Knöpfe« als interner Sdiätze, bereits vor dieser ersten Sozial!^ 
sierung gleidisam in Sidierheit gebradit hätte. Im infantilen Wett^ 
streit der »Knöpfe und der Münzen« hätte sozusagen die Selbst* 
bewertung von der sozialen sidi zu sdieiden begonnen in zweierlei 
Sinnbildern, von denen das spätere, die Münze, sonst der redit^ 
mäßige Erbantreter der ehemaligen Analbetonung, sidi um so 
williger umprägen ließ zum alleinigen Repräsentanten sozialen Aus- 
tausches, als das andere, der Knopf, mit hödist egoistisdien Neben* 
absiditen entsdilüpft war auf ein Gebiet, wo es einstweilen in 
Märdienvorstellungen erotisdier Herkunft untergebradit wurde. 

Die Erziehung erzieht begreif lidierweise zum Sozialen,- sie tat 
das audi im vorliegenden Fall, einsdiließlidi des ganzen Individuums, 
ohne mindeste Ausnahmsredite irgendweldier Knöpfe. Dies nahm 
seinen Anfang sdion mit dem Lebensfaktum der Geburt: man war 
vorhanden, um Anderen zu gehören, und in jedem Jahr hatte man 
sidi in diesem Sinne würdig zu erweisen älter geworden zu sein. 
Sogar die, dieses Geborensein feiernden Gesdienke, und audi nodi 
die Gaben unterm Weihnaditsbaum, trotzdem er dodi reine Gnaden* 
herrlidikeit auszustrahlen sdiien, bargen nodi irgendwie heimlidie 
Fallen für den Egoismus und besagten stumm: :^wir liegen hier, 
teils, weil du brav gewesen bist, teils weil du es hoffentlidi sein 
wirst«. Als idi ganz klein von Sdimerzhaftigkeit der unteren Glieds 
maßen befallen wurde, die man »Wadistumsdimerz« benannte und 
die sidi nadi einer Weile von selbst verlor, erhielt idi, zum Trost 
für das erneute Getragenwerdenmüssen, kleine weidie Saffian^ 
stiefeldien mit Goldtroddeln daran, was zur Folge hatte, daß idi 
das Authören der Sdimerzen nidit reditzeitig signalisierte, besonders, 
da mein Vater häufig selbst midi trug. Indem diese Fälsdiung des 
Sadiverhalts als sträflidi entlarvt wurde, erfuhr idi mit kummer^ 
vollem Staunen, daß audi meine Beine durdiaus zu dem gehörten. 



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Lou AndreaS'Salome 



was idi der Anderen wegen besaß, daß idi über sie keineswegs 
disponieren konnte, wie idi wollte, und daß die roten Saffian-^ 
sdiuhdien sie nur zum Sdiein als meinen aussdiließlidien Eigenbesitz 
legitimiert hatten. Immer mehr zog sidi dasjenige, worüber kein 
Anderer zu verfügen hat, von den sozusagen äußeren Gütern des 
Lebens ins gleiAsam Unsiditbare, Unfaßbare zurüd<, als etwas, das 
man sidi nidit erst erwerben, verdienen, erkämpfen, aus zweiter 
Hand empfangen kann, sondern unverlierbar, ein für allemal, laut 
oberster Instanz, besitzt. Diese oberste Instanz ist in einem streng* 
gläubigen Elternhaus von selbst gegeben. So wurde hier, unter dem 
Ausdrudt der gegebenen Religion, ein Stück zurückbehalten von der 
»Allmadit der Gedanken« im Freudsdien Sinne des Wortes/ diese 
Allmacht über die Tatbestände wurde als Knopf deponiert cla, wo 
der Augenschein der Wirklichkeit nicht mehr hinreichte/ daneben 
aber blieb der Realität von außen her, dem sichtbar Wirklichen, 
dasjenige zugeteilt, was geteilt, halbiert werden kann, wie damals 
das Silberstück geteilt, halbiert wurde: darüber hinaus hatte die 
Außenwelt nicht nur kein Recht, sondern gewissermaßen keine 
»Wirklichkeit« zu beanspruchen: dahinter hörte sie als vorhanden auf. 
Ich bin damit angelangt beim Ausgangspunkt eines vorher^ 
gehenden Aufsatzes, worin ^ das Thema vom kindlich selbstgeschaffencn 
Gott zu anderem Endzweck betrachtet wird. Es ist klar, inwiefern 
schon das unsichtbare Spielzeug, das diesem Gott in allen Taschen 
steckte, im Zusammenhang stand mit der Verborgenheit der Berg* 
edelsteine, und, letzten Endes, aus den unveräußerlichen Knöpfen 
im braunen Knopfkasten bestand. Nicht zufällig blieben dem Gott 
gerade diese kindlichsten Attribute, die vorwiegend noch aus der 
»Allmacht der Gedanken« inmitten der schon beginnenden Welt* 
erkenntnis hervorgegangen waren. Sonst pflegt ja selbst die primi* 
tivste Religionsform in ihrer Glaubensphantastik gleichzeitig ein Er* 
kenntnisprinzip, eine Weltauslegung zu enthalten: aber dem Kinde, 
dem jede Weltbelehrung von vornherein durch die erziehenden Er* 
wachsenen zuteil wird, braucht die Phantastik seiner Gottesgestaltung 
davon nicht beeinträchtigt zu werden. Der Gott ersetzt hier ge* 
wissermaßen das, was Freud den »Familienroman« genannt hat: 
jene Idealisierungen von Herkunft und Schicksal, mit denen das 
Kind sich oftmals nur Ausdruck schafft für das ihm ungeheuer 
Selbstverständliche, Gewisse, jeder Fülle und Herrlichkeit. Nur 
spiegelt das sich hier, statt in einer Historie, in der Gegenwärtigkeit 
selber eines Extragottes des eigenen Seins und Wesens, der weder 
erklärt noch verbietet, sondern lediglich sanktioniert. Kann er sich 
nun in dieser sehr einseitigen Äußerungsweise auch ebensowenig 
lange aufrecht erhalten, wie der sonst übliche Familienroman, so 
stürzt er doch weniger durch einen Verstandeszweifel, als durch eine 
innere Wendung derjenigen lebensgewissen Zuversicht, die in ihm 



» »Imago«, Bd. II, Heft 5. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Zum Typus Weib 



sich selbst ergriff, und deren Symbolik im Verlauf der Entwicklung 
sidi ändern mußte. Denn die alte Vorstellung von den Schätzen* 
knöpfen, die er in seiner Allherrlichkeit so gesichert trug, wie das 
Spielzeug in seinen Taschen, besaß ja neben ihrem ausgesprochen 
egoistischen Charakter — wenn auch einstweilen ebenfalls ins noch 
phantastisch Märchenhafte eingekleidet — einen nicht minder erotisch 
)etonten. Blieb während langer Zeit (Freuds »Latenzzeit«) dieser 
Jmstand auch belanglos, so enthielt er doch die Tendenz, den Gott 
in der Form, im Ausdruck, des weiteren zu vermenschlichen. Über 
den dauernden Bestand des Gottes entschied deshalb, in den ver* 
borgenen, unterirdischen Wesensregungen, nicht so sehr seine Wahr* 
heit der Verstandesbedeutung, als seine Wirklichkeit der Sinnen* 
bedeutung nach. Darin, daß er eines Tages als abstrakt, blaß, un* 
sichtbar bemerkt wurde, machte sich einfach die von ihm scheidende 
Liebe bemerkbar: wenn sie aber nicht eigentlich in Unglauben, son* 
dern vorübergehend nur in eine Art Verkehrung der Gottesliebe, 
in Teufelsglauben, umschlug, so läßt sich ein zweites Merkmal noch 
darin feststellen: nämlich, daß diese Liebe schon in ihren Lebzeiten 
ambivalent gerichtet gewesen war, d. h. dem Gott um seiner ab* 
strakten Blässe, seiner mangelnden Blutfarbe, seiner gar zu fest an* 
gewachsenen Tarnkappe willen, unbewußt böse war. Als der Gott 
den Rücken gekehrt, bekam sie, genau genommen, nur dessen ge* 
schwärzte (von ihr selbst »angeschwärzte«) Hinterseite im Teufel 
zu sehen,- da es jedoch dem Kind nicht bewußt sein konnte, daß es 
sich den Gott selber vertrieb, so fühlte es, durch die unbekannte, ihn 
hinweewendende Macht, sich der Hölle anstatt dem Himmel überliefert. 
In der Tat kann als der natürliche Abschluß der Gottes* 
geschichte — mögen auch lange Jahre dazwischen liegen, die nichts 
mehr mit ihr zu tun haben, — erst die einsetzende Pubertät gelten. 
Dementsprechend geschah auch das erotische Erwadien nicht nur voll* 
gleichzeitig mit ihr, sondern es geschah so sehr wie aus automatisch 
sicherer oelbsterfüllung eben erst geträumten Kindertraumes heraus, 
daß es den großväterlich*allgütigen Phantasiegott vorsichtigerweise 
nur um eine Generation zu einem leibhaften Menschen verjüngte. 
Nicht nur in schlechten Romanen, weil »sie sich kriegen«, wäre 
hier eine lückenlose Vermittlung zu erwarten zwischen dem einiger* 
maßen introvertierten Ich und dem sozialen. Um so mehr noch, als, 
wie ein letztes Geschenk vom ehemaligen Gottverhalten her, 
dauernd die ganze Zutraulichkeit in Kraft blieb, die des Erwünschten 
gewiß ist: wenn sie auch nun, mit verbesserter Wirklichkeits* 
anpassung, statt bloßem Phantasieren, eine Art von Witterung für 
das real Vorhandene zustande brachte. Allein zugleich verblieb 
dieser Nachwirkung des Gottesverhältnisses auf das Menschen* 
Verhältnis, oder einfacher: jener tiefen ursprünglichen Verknüpftheit 
des Egoistischen mit dem Erotischen, eine letzte Macht, über die 
hinweg der »Schatz«wert der Knöpfe sich nicht restlos realisieren 
ließ. Mit der »Wirklichkeit« war ja dasjenige hinzugetreten, womit 



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Lou Andrcas-Salome 



man wohl »teilt«, aber eben nur Teilbares, wonach an den »Andern« 
die volle Hälfte zu vergeben ist, dodi eben nidit ganz im Sinne 
der »Hälfte«, als weldie in der erotisdien Verschmelzung der 
Mensdi selber nunmehr in toto darzustellen glaubt — vielmehr be* 
hält er hier den eigenen Kopf <Knopf> für sidi. 

Übersetzt man sidi dieses, ja sidierlidi sehr anfeditbare, Verhalten 
aus dem ErotisAen in einen Lebenstypus überhaupt, so ließe sidi 
etwa davon aussagen: das Reale draußen wird erlebt, dodi mehr in 
der Art, daß es empfangen, als daß man ganz daran fortgegeben wird, 
d. h. es wird nur um so leiditer, leiser erlebt, je rasdier und tiefer 
es berührt und befruditet hat, so daß der Wirklidikeitsertrag, ins 
Innerste einbezogen, nun ausgetragen werden kann. Wo es darüber 
hinaus als »wirklidistes«, als der endgiltige Seinswert, aufgenommen 
sein will, da verblaßt es, entsinkt gerade dadurdi ins Irreale <unge- 
fähr wie eine Farbe, ein Ton, wenn sie unsere Aufnahmefähigkeit 
übersteigen) und ist deshalb in diesem Entsdiwinden nur begleitet 
vom Gefühl unabwendbar sadigemäßen, ob audi bedauerten Ab^ 
laufs (also weder von Enttäusdiungs* nodi Sdiuldgefühl). Will man 
dafür eine anormale Anlage voraussetzen <wozu die Phantastik des 
Ursprungsstadiums bereditigt), so wäre es eine soldie, die am ent^ 
s'diiedensten auszusdiließen sdieint, was neurotisdien Kampf, Zwie^ 
Spalt, Zweifel, Kompromiß bezeidinet, und eher nodi Anleihen 
madit bei der Introversion des Paraphrenikers. Denn die zu teuer 
bezahlte Anhänglidikeit des Neurotisdien an ein Teilstüd^dien der 
Wirklidikeit, das ihn so früh festlegt, daß alles folgende ihm zu 
gespenstigen Mißproportionen sidi entwirklidien muß, ist hier zu 
ihrem Gegenteil geworden: Offenbleiben für erneutes und vertieftes 
Erleben, weil da, wo der Neurotiker gar zu versdiwenderisdi sidi 
plündern ließ, eine letzte geizige Selbstbesinnung bleibt. Indessen, 
wollte man von allem Pathologisdien gar zu sehr absehen, so 
könnte am Ende nodi jemand darauf verfallen, weit unsdiönere 
Namen zur Erklärung heranzuziehen, wie angeborne Leiditsinnigkeit, 
verwertlidie Untreue und ähnlidies. Idi will nun nidit auf hübsdiere 
Namen dringen, sondern nur den Versudi madien, aus der typi^ 
sdien Weibseelenverfassung einiges hervorzuheben, was mir mit 
analogen Prozessen zusammenzuhängen sdieint. 

II. 

Sdion in den »Drei Abh. z. S.« steht der Satz^ die Sexua- 
lität des Mannes sei: »die konsequentere, audi unserem Verstände 

^ Der Satz gründet sich auf den früheren: »wüßte man den Begriffen ,niännlidh 
und weiblidi' einen bestimmteren Inhalt zu geben, so h'eße siA die Behauptung ver- 
treten, die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, 
ob sie nun beim Mann oder beim Weibe vorkomme, und abgesehen von 
ih rem Objekt, mag dies derMann oder das Weib sein.« Hier steht »männ- 
lich« für die Aggressivität des Triebhaften als solchen, für seine unmittelbare Trieb- 
tendenz, und soll im folgenden im gleidien Sinn verstanden werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Zum Typus Weib 



nis leiditer zugängliche, während beim Weibe sogar eine Art von 
Rückbildung eintritt«. Denn: »Die Pubertät, welche dem Knaben 
jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet sich für das 
Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, durch welche ge^ 
rade die Klitorissexualität betroffen wird.« Das Weibliche ist so das 
durch den Prozeß seiner eigenen Reife auf sich selbst Zurückgeworfene, 
Aufgehaltene, von der Endentwicklung Ausgeschaltete. In der Tat 
beziehen sich die spezifisch weiblichen Tugenden sämtlich hierauf, 
sind dem Geschlecht nach solche der Abnegation: wo weibliches 
Selbstbewußtsein in rein menschlichen Leistungen mit den männlichen 
rivalisiert, sind es eben jene Tugenden, von denen es sich emanzi* 
patorisch erholen will. 

Nun liegt es mir eigentlich ferner, von Tugenden und 
Leistungen zu reden, als von dem, worin ich mich kompetenter 
fühle: vom Glück. Bezüglich des Glücks nämlich läßt sich der oben^ 
erwähnte Sachverhalt auch noch anders herum betrachten. Die ge* 
ringere Differenziertheit, die sich in jener Rückbildung ausdrückt, 
zieht um das mehr und mehr auseinanderstrebende Triebleben eine 
Art von einschränkendem Kreis, der es in gleichförmigerem Zu^ 
sammenhang mit dem gemeinsamen Ausgangspunkt erhält: aber 
dieser Umstand stellt ja nicht ein einfaches Zurück dar, sondern 
eine Wiederherstellung von Ehemaligem auf erhöhtem Niveau — 
als eine Wesensart weiterzukommen in sich, als eine Art des 
Wachsens am Leben. Denn gerade innerhalb des Sexualtriebes 
selbst, gerade infolge von dessen »Entmannung« im Weibe, 
differenziert er sich auch wieder auf eine neue weise von der 
Aggressivität des Ichtriebes und erschließt sidi damit eine Besonder* 
heit der Entwicklung. Das »Weibliche« <immer prinzipiell gemeint 
und abseits von allen Graden und Nuancen der Personalunion 
zwischen »männlich« und »weiblich«) eben durch seine Umkehrung 
des Sexualen auf sich, vermag sich das Paradoxon zu leisten, Sexua* 
lität und Ichtrieb dadurch zu trennen, daß es sie vereinigt. Es ist 
mithin zwiespältig da, wo das Männliche eindeutig aggressiv ver-^ 
bleibt, einheitlich aber dafür, wo diesem seine ungehemmte Aggres^ 
sivität als mehr sexual oder mehr ichhaft nach entgegengesetzten 
Richtungen sich spaltet. 

Suchte man eine Illustration dafür im vorhergehenden Thema: 
dem Autblick zum Vater, Mann^Vater, Gott etc., so fände man 
für das Weib Religiosierung und Erotik, Licht* und Wärmestrahlen 
im selben Gestirn, derselben Sonne gewährleistet, weil der passiv 

?;erichtete Sexualtrieb sich dem hinhalten kann, was dem Ich trieb das 
ordernd Höchste erscheint. Im Mann dagegen wendet sich die be* 
wahrte Aggressivität des Sexuellen auf das Passive, das Weib, 
weswegen, wie immer er es vom Geschlecht aus idealisieren mag, 
niemals im Sexualpartner zugleich sein Ichideal realisiert ist: sondern 
er dieses da finden muß, wo es ihm immer zugleich Ideal und Kon^ 
kurrenz bedeutet, im gleichen Geschlecht, im Vater <also »ent- 



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Lou Andreas'Salome 



sexualislert«, sofern sidi diese an sich schon ungemütliche Situation 
nicht auch noch bei betonterer Inversion zu einem wahren Rattenkönig 
von einander hemmenden Ambivalenzen verwächst). Der Vater ist es, 
zu dem er — sich selber suchend, ihn zu ersetzen, ja zu über^ 
treffen suchend — doch anbetend sagen muß: »Dein Wille ge^ 
schehe — «, während dem Weibe gegenüber in solcher Stunde, da 
es den ganzen Mann gilt, für immer auch wieder das Wort zu 
gelten hat: »Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen.« 

Indem die Kraft der Mannheit als sexuell und geistig in 
Gegensätzen auseinanderstiebt, oder aber sich selbst Konkurrenz 
madit, gibt sie ihre unmittelbare Glücksgemeinschaft in sich auf/ in^ 
dem der Mann als Leistender sich nachjagt, verliert er sich als 
Selbstbesitzender — wie er schon im Dienst der Fortpflanzung ver* 
liert was er besitzt < — um Freuds, ja absolut nicht witzig ge- 
meintes, Wort zu wiederholen: »altruistisch« handelt) und wie er 
aus der Einseitigkeit sexueller Entspannung in die Einseitigkeit 
sozialer Anspannung entlassen wird. Dieser gewissermaßen unfrei^ 
willige Edelmut der Selbstentäußerung kennzeichnet ihn fortan: sein 
Wesen ist, schön ausgedrückt, so etwas wie »Opferung« : Das ist 
unangenehm, aber es ist nun einmal seine Ehre. Der ungehemmt 
hinausgerichtete Drang muß dort draußen bezahlt werden mit AU 
truismus, wie die auf sich zurückgedrängte Passivität sich bezahlt 
macht mit Glücksegoismus. Nicht erst die Empfängnis ist ein Bild 
weiblidier Hingabe in der Selbstbewahrung — schon die Ruhsamkeit 
des Eies im Vergleich zu der Regsamkeit des auf der Suche be^ 
findlichen Samens, bezeichnet die gleiche Souveränität einer Indolenz, 
die nicht vor hat sich »ohne großen Gegenstand zu regen«. Ganz 
entgegen der Kalamität, die das Mannsein mit sich bringt, arbeitet 
die zu weitgehende Grellheit des Sexuellen sich im Weiblichen ge^ 
dämpfter in die verschiedensten Wesenstönungen auf, und beläßt 
dafür den dem Blut entstrebenden Ichtrieb an seiner Basis wasch* 
echt erotisch gefärbt. Allein, wie mir scheint, zeigt sich hier auch 
bereits, wie diese Verflochtenheit der Triebmasse, diese Einbuße an 
letzter Gliederung, etwas an sich hat, was die Sexualität nicht bloß 
verändern mußte: was ihr sogar ihren eigenen endgiltigsten VolU 
zug erst ganz ermöglicht. Denn es verhält sich ja nicht so, daß die 
Sexualität im gleichen eindeutigen Sinn eine Triebaggression dar- 
stellte, wie etwa der Freßtrieb durch Einnahme, der Defäkations* 
trieb durch Abgabe, sondern diese und andere Triebe haben sich 
von ihr hinweg differenziert, zu Spezialarbeitsleistungen sich abge* 
gliedert, während sie der Zusammenfassung aller Organkräfte behufs 
deren Fortpflanzung dienen lernte (hierin durchaus dem Weibgeschick 
selber ähnlich). Infolgedessen äußert das Sexuelle bei jedesmaligem 
Auftreten sich über sein Spezialgebiet so ganz hinaus, als Übergriff 
auf den Gesamtorganismus, als positiver Eingriff in ihn <wie Ab* 
stinenz ja auch nicht, gleich dem Hunger sdbwächt oder sterben 
läßt, sondern positiv mit Rausch und Gift agiert). Und in weiterer 



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Zum Typus Weib 



Folge schillert das Sexuelle aus diesem Grunde nidit nur zwisdien 
den einzelnen vitalen, sondern audi psydiisdien Äußerungsweisen so 
sdiwerfaßlidi und widersprudisvoll, indem es, nidits Speziellem ein- 
geordnet, dem Wesen nadi Invasion, ausdrüd^Iidi dazu vorhanden 
ist, die Welt auf den Kopf zu stellen. Gerade deswegen ist ja die 
Analyse des Psydiisdien so erfolgreidi und plausibel, wo sie prak^ 
tisdi auf das Sexuelle zurüAgeht, weil dieses, obwohl Körpertrieb 
und angehbar von der physiologisdien Seite, dennodi zugleidi, hart 
am Organleben hin, psydiisdie Tatsadien zuerst unverkennbar 
madit. 

Das hier sted^ende Problem <das nadi seiner philosophisdien 
Bedeutung natürlidi nidit aufgerührt werden soll) hat Freud 
<Beitr. z. Psydi. d. Llb., 11) erörtert in der Frage: warum der 
Liebesappetit bei vorläufigem Genuß nidit abnehme, wie sonstiger 
Appetit, vielmehr sidi daran steigere, und warum endgiltige Be^ 
friedigung trotzdem Reizhunger, Hunger nadi Wedisel, ergeben 
könne, anstatt der immer befriedigteren Ehe, die z. B. ein Alko^ 
holiker zu der ihm genehmen Weinsorte eingeht. Es ist wohl nidit 
ganz ein Zufall, wenn nadi der liebenswürdigen Vulgär^ Ansidit der 
Leute, alle beide Fragen das Weib viel weniger tangieren als den 
Mann. Man könnte nämlidi ganz wohl sagen, daß das, was den SexuaU 
trieb erst befähigt, sidi von Durst, Appetit etc. etc. zu untersdieiden, 
bereits gelegen sei in einem Moment der Passivität, d. h. 
in der Fähigkeit, in und neben der zielgeriditeten Triebtendenz beim 
Interesse am Objekt zu verweilen — sidi daran aufzuhalten. 
Was wir »seelisdie Komponente« am Sexuellen zu nennen pflegen 
— aus deren mangelhafter Verknüpftheit mit dem Gesdileditstrieb 
Freud in der erwähnten Arbeit das Sinken des sexuellen Objekt- 
wertes erklärt — ist <mögen wir sie Psydiosexualität, Zärdidikeits^ 
zusdiuß, Kontrektationsbedürfnis oder sonstwie benamsen), nur ein 
anderes Wort für soldie Abkehr vom Nur^Aggressiven zugunsten 
eines zugleidi aufnehmenden, raumgebenden Verhaltens. Freud sieht 
ja audi den Ursprung allen Sympathieausdrud^s in der Objekt- 
hingegebenheit des Neugebornen — was so zu verstehen ist, daß es 
im Objekt in dem Sinn aufgeht, als es sidi eben als Subjekt nodi 
gar nidits angeht, weil Selbsterhaltungs^ und Hingebunpsverlangen 
sidi nodi gar nidit voneinander untersdieiden können. Wenn dann 
jedodi, nadi der zweiten Freudsdien Phase, nadi der splendid 
isolation des Autoerotismus <wo wiederum, nur anders herum, 
aktiv und passiv in eins fallen), das Objekt nidit erst gefunden, 
sondern, als übertragen aus jener Urzeit des Kinderdaseins, »wieder* 
gefunden« <Freud) wird, so haftet daran bereits jene diffuse Süße 
damaliger Hingegebenheit nunmehr durdiaus als ein Einsdilag von 
Passivität. Denn nun madit sie sidi gegensätzlidi fühlbar gegenüber 
dem stadielnden Bewußtsein des Eigenen — des sein Objekt ganz 
fredi in der Methode des Selbsterhaltungstriebes behandeln wollen- 
den Subjekts. Und wenn im Verlauf des sexuellen Reifestadiums 



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10 Lou Andrcas-Salomc 



dieser Stachel des Nur^Aggressiven sidi mandimal so einseitig ver*' 
sdiärft, daß die Sexualität nur unter seinem Vorstoß nodi in ihrer 
Besonderheit empfunden wird, so mag ihr freilidi selber unerklärlidi 
werden das, was dodi immer nodi ihr Glüd^ und Leid wunderlidi 
abhebt von dem der Selbsterhaltungsfreuden = oder Enttäusdiungen. 
Aber dies bedeutet dann nidit so sehr: die Unterlassung von wer 
weiß wie feinsten Sublimierungen, die ihr fremd aufzupfropfen ge* 
wesen wären — im Kuhurversudi exotisdie Blüten am landest 
übhdien Stamm hervorzutreiben — es bedeutet weit eher: daß ihre 
Grundwurzel unterläßt, die für ihr natürlidies Vollgedeihen ge^ 
nügende Säftemisdiung in alle Zweige emporzusenden. Vielleidit ist 
es sdiließlidi audi die wahre Ursadie des post coitum omne animal 
triste — das deshalb niAt für alle Mensdien gilt, und dem die Er^ 
fahrung entgegensteht einer Nadiwirkung nidit nur der Freude, 
sondern eines hödist ungereditfertipten Gefühls: gleidisam die beste 
aller Taten vollbradit, der Welt Vollkommenheit zurüd^gesdienkt, 
sozusagen das Gewissen ein für allemal entlastet zu haben — im 
vitalen Ineinanderstürzen des ewig^doppelten Außer^uns mit uns 
selbst. 

Freud hat das Inzestverbot dafür verantwortlidi gemadit, daß 
nadi Absdiluß der Kindheit das »Zärtlidie« und das »Sinnlidie« so 
häufig ihre alte Einheit aufgeben und glüd^los, ja krankmadiend, 
in Seelenrespekt und Sinnenroheit verfallen. Allein sei das Inzest^ 
verbot audi der sdiwarze Mann, der sie aus ihrem Kindheitsidyll 
aufsdired<t: er griffe mit diesem sdieinbar von außen her begrün* 
deten Eingriff dodi nur der Tatsadie vor, daß ein Mensdi auf dem 
Mensdienwege, also auf dem einer stets weitergehenden Selbst* 
entwid^Iung, am Persönlidien niAt mit ganzer Konzentration haften 
bleiben kann. Ein genügendes Zusammenhalten der inneren Antriebe 
könnte nidit umhin, seine Ziele zurüdizusted^en, die, im Sadilidien 
wie Persönlidien, eben durdi ihre treibende Kraft, auf Erledigung, 
auf Vorwärtsgehen, auf bewußte Bewältigung des nodi nidit mensdi* 
lidi Bewältigten eingestellt sind. Im weiblidien Prinzip ist ja nur 
durdi eben diesen Verzidit, durdi eben dieses letztlidie In-sidi* 
erhalten der Triebeinheit, die Möglidikeit gegeben, dem enteilenden 
Sdiritt des Mensdien trotzdem immer wieder Boden unter die Füße 
zu sdiieben. Nur im Weiblidien heißt daher soldie Triebumkehrung 
in sidi, nidit »Pervertierung«, sondern ihrem Verweilen, Zusammen* 
fassen, bleibt das Ziel selber mitgegeben. So gibt es, streng ge* 
nommen, innerhalb ihres Prinzips keine bloße 5> Vorlust« <im Freud* 
sdien Sinn), nidits Vorläufiges im Verlauf des Erotisdien: Das 
Weiblidie ist zu definieren als das, was mit dem kleinen Finger 
allein die ganze Hand bereits hat/ nidit etwa im Sinne asketischer 
Begnügsamkeit — im Gegenteil, weil bereits das Geringste Raum 
gewährt der Zärtlidikeit sidi ganz darin zu erleben, noch mit dem 
Geringsten schon das Ganze des Liebesbereiches zu umspannen 
<ungefähr wie Dido es mit der Kuhhaut und Karthago machte). 



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Zum Typus Weib 11 



Man könnte glauben, daß eher der Charakter der »Endlust« 
an dieser weiblidien Gesdilossenheit etwas gefährde, sowohl durA 
den rein körperhaften AusdruA auf den der letzte sexuelle VolU 
zug gestellt ist, als durdi die nadidrüd^lidie Passivität, die das Weib 
darin an ein bestimmtes Verhalten bindet. Indessen das lebendige 
Ineinanderspiel ihres Idi^ und Liebeslebens bekundet sidi vielleicht 
nirgends entsdiiedener als gerade dann : nämlidi kraft der weiblidien 
Tendenz dort, wo man siA hingibt, audi immer die Norm, das 
Ideal aufzuriditen, woran das eigene Selbst sidi orientieren kann. 
Nimmt es sidi audi im DurAsdinitt leidit wie urteilsgetrübte bloße 
Verliebtheit, ja läppisdi sogar, aus und verbirgt sidi daran die 
wahre Bedeutsamkeit der Sadie, so sted^t dahinter dodi nidit mehr 
nodi weniger als folgende Leistung: den geistigen Sinn des Er^ 
lebten dort am geistigsten zu fassen, wo er am körperhaftesten zu^ 
gededct, am psydiisdi undeutbarsten bleibt, und so der eigenen 
Grundeinheit am gewissesten zu werden dort, wo sie am abgrün^ 
digsten sdi wankt. Mit anderen Worten: hier gelingt dem <ja an sidi 
sAon paradox geriditeten) Weiblidien sein zweites und tiefstes 
Paradoxon: das vitalste als das Sublimierteste zu erleben. Dieses 
Vergeistigen und Idealisieren in seiner Unwillkürlidikeit läßt sidi ver^ 
anlaßt denken dadurdi, daß, dem weiblidi-^einheitlidien Wesen nadi, in 
den Übertragungen der Liebe lebenslang deren ursprünglidier Aus* 
drud^ fühlbarer gegenwärtig bleibt als dem Mann — jene Uranfänge 
lidie Versdimelzung mit dem Ganzen darin wir ruhten, ehe wir 
selber uns gegeben waren und die Welt in Einzelgestaltungen vor 
uns aufging. Man weiß, wie viel davon im Erotisdien überhaupt 
wiederkehrt: wie alles was irgend an uns rührt, wesensverbunden 
ersdieint mit der geliebten Person, als dehne sie sidi aus in alles 
und kondensiere alles sidi in ihr. Von dorther idealisiert sidi das 
Personale zu fast symbolisdi überragendem Sinn und, indem soldie 
Rüd^beziehung dem Weibe näherliegend bleibt, wird sie ihr zum 
Erlebnis: der einzelne Mensdi, in all seiner Tatsädilidikeit wird ihr 
nadi jener Riditung hin gleidisam durdisdieinend, ein mensdilidi 
kontouriertes Transparent, durdi das die Fülle des Ganzen unge* 
brodien und unvergessen sdiimmert. Erwähnt deshalb Freud 
<Beitr. z. Psydi. d. Llb., II>, daß, wenn es sidi um sdiwer oder 
nidit erreidibare Objekte der Sehnsudit handle, die Frau: »etwas 
der Sexualübersdiätzung beim Manne ähnlidies in der Regel nidit 
zustande bringt«, so hängt das eben hiemit zusammen, daß ihre 
Sdiätzung und Übersdiätzung dem Erreiditen, nidit nur dem Be- 
gehrten, gilt und gelten muß — dem, daran ihre Hingabe sie vor 
sidi selbst verniditet, wenn sie sie nidit vor sidi selbst erhebt ^ 
Dieses ist die verborgene Härte an aller spezifisdi weiblidien Liebe 

* Daher bleibt die Bedeutsamkeit der Hingabe eine so verschiedene für 
Mann und Weib, daß sie mit vollem Recht an beiden versdiicden beurteilt wird. 
Und daher bildet einen wesentlichen Grund für weibliche Frigidität das Aus- 
einandergleiten von Mann und Mann-Imago. 



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12 Lou Andrcas-Salomc 



(oftmals alle Manneshärte reichlich aufwiegend) — ihr zugleich 
Blindestes und Hellseherischestes, daß sie in ihm erkennt, was sie 
mit ihm gewissermaßen über die Person hinaus eint,- es ist durch- 
aus ihr kostbarstes Stück (nicht blumenzart sondern edelsteinhart) 
so wie seine kostbarste Gabe an sie das, aus dem Geschlecht auf- 
gearbeitete, Stück an Zartsinn und Herzlichkeit ist. 

Gerade wegen dieser doppelten Rolle jedoch, die der Mann 
für das Weib vertritt, damit sie selber um so einheitlicher bleiben 
kann — gerade wegen der daran haftenden inneren Unterscheidung 
von — ich möchte sagen: Person und Vertreterschaft — muß hier 
eine kleine Einschaltung angebracht werden. Denn wenn von hier 
aus betrachtet, alle jene weiblichen Abnegationstugenden, von denen 
ganz eingangs die Rede war, gar nicht mehr tragisch aussehen, 
sondern eine richtige Glücksmiene aufsetzen, so daß das Weibliche 
als der geborne Ausbund alles Treuen, Idealgerichteten und Hin^ 
gegebenen von der Natur Gnaden erscheint, so darf man das doch 
nidit zu absolut nehmen. Ganz läßt es sich nämlich nicht von der 
Hand weisen, ob nidit gerade auch die Fülle, womit weiblichem 
Erleben alles Herrliche über dem Fest der Liebe ausgeschüttet ist, 
zum Anlaß werden könnte eines um so akuteren Ablaufs — so 
daß bisweilen nur um so weniger daraus sich für vernünftige Dauer- 
gestaltung retten läßt, je restloser alles hineingegeben war. Und 
umgekehrt bleibt auch auf der anderen Seite jedesmal zu fragen, wie 
viel mitunter selbst von den prächtigsten Zutaten an Ethik^ oder 
Ehegesinnung eben schon bloße Zutaten zum weiblichen Liebes- 
erleben gewesen sind — hinzugetan aus falscher Scham bereits, aus 
einem Gutmachenwollen, aus Verlangen nach Sanktion. Denn man 
darf nicht vergessen, daß sidi auf diesem Punkt für das Weib alles 
zusammenfindet, was es kann und was es nicht kann, seine natür^ 
liehe Größe sowohl wie seine ihm angewachsene Kleinheit. Ist es 
doch der einzige naturgegebene und dadurch mögliche Kulturpunkt 
für sie, daß sie vermag, im Sexuellen nicht ein Rohgegebenes, in sich 
Isoliertes, vollzogen zu sehen, sondern gleichsam in ihrer Sinnlichkeit 
zugleich ihre Heiligkeit zu ergreifen, zu begreifen: sei es nun, in^ 
dem sie sie in bereits sanktionierten Bestand schutzheischend hinein- 
stellt, sei es, daß sie aus innerster Weibheit heraus sie reiner und 
freier anblicken kann als der Mann, dessen aufarbeitende Kraft sich 
an anderen Kulturzwecken erschöpfen muß. Von sich aus tut das 
Weib ja nur eine Kulturtat und auch diese passiert ihr mehr dem 
Weibwesen nach, als daß es eine Handlung wäre: das Kind <wes* 
halb die Kinderlose ohne Frage als das sozial mindere Material 
anzusehen ist). Dennoch kann es eine Handlung werden: trägt und 
gebärt sie das Kind noch als einen Teil ihrer selbst, hat sie so 
lange als möglich an ihm noch die zärtliche Selbstidentifikation, worin 
feinste SexuaU und Seelenfreude gewissermaßen lächelnd ineinander^ 
fließen — so entstammt diesem warmen Egoismus doch schließlich 
ihre erste eigentliche Sozialisierung, es entstammt ihm der Bezug 



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Zum Typus Weib 13 



zum Kinde als zum zweiten Menschen, zum anderen, zu einer 
Welt außerhalb ihrer, die sie aus ihrem Tiefsten hergab — nidit 
nur »teilend« von dem Ihren, sondern sidi selber mitteilend und 
zurüAtretend. Das hödiste Frauenbild ist insofern nidit sdion die 
»Mutter mit dem Kinde«, sondern — falls man in diristlidien 
Madonnenbildem reden will — die Mutter am Kreuze: die, welAe 
opfert, was sie gebar: die, weldie den Sohn an sein Werk dahin* 
gibt, an die Welt und an den Tod. 

Selbstverständlidi läßt sidi nidit gut die Kulturaufgabe des 
Mannes mit dem Kreuz vergleidien, das er trägt oder woran er 
gar hängt. Aber sidierlidi mit demjenigen, was ihn am prinzipiellsten 
ins mensdilidi Geistige hinaufrüAt unter Einbuße des mensdilidi 
Erotisdien. Und eine rein männlidie Auffassung der Dinge sieht 
mit dem Fortsdireiten der Kultur nidit selten die Sinnlidikeit als 
soldie tatsädilidi bereits gekreuzigt, also in, wenn audi: »weitester 
Ferne die Gefahr des Erlösdiens des Mensdiengesdiledits« ^ Wohl 
bleibt audi dem Mann ein Traum vom Zusammengehören d^s 
Geistes und der Sinne — bleibt ihm wie eine ferne Erinnerung 
daran, daß ja audi die breitesten abendlidien Wolkensdiatten wesens* 
eins seien mit dem Tau, der bei Sonnenaufgang blitzend sidi über 
den Boden breitet. Und wohl verwirklidit sidi audi, von Zeit zu 
Zeit, immer wieder etwas von soldiem Traum in ihnen selber, 
diesen VorgerüAtesten des Geistes, den Sdiaffenden: zwingt sie. 
Halt madiend unterwegs, ein Werk aufzustellen wie einen ernsten, 
freudigen Zeugen soldier Wiedervereinigung für alle, die daran vor* 
über vorwärts gehen. Dodi wiederum ist es in ihnen nur deshalb 
Wirklidikeit geworden, weil ihrem männlidien Können weiblidies 
eingeboren und in ihnen jene Doppelnatur sdiöpferisdi geworden 
ist, die in Werken schafft, was das Weib von seinem Wesen 
aus ist. In seinem sdiöpferisdien Tun bezeugt der Mann, wie sehr 
audi ihm aller letzte Kultursinn liegt in der Wiedererfassung jener 
Einheit — wie sehr er um deswillen die Welt nodi einmal er* 
sdiafft, aus sidi heraus auf allen Gebieten als die seine, um mit 
Händen zu greifen, mit Augen zu sehen, daß das »Andere«, das 
Draußen, von gleidien Pulsen des Lebens durdipulst sei und eins 
mit ihm. Er bezeugt es sidi, ob audi in jeglidiem einzelnen seines 
Tuns oder Lassens der Dualismus sein Teil bleibe, weil sidi stets 
neu ersdiließend in jedem neuen Ding, das zu neuem und weiterem 
Unterwegs werden muß und so das Ziel ihm nirgends garantiert 
ist in den Dingen, sondern nur in gleidisam überpersönlidien 
Werten und Bildern. 

Damit ist dem Weiblidien ein Kulturwert von sidi aus und 
unabhängig gegeben, daß es analog <nidit: identisdi mit => dem Sinn 
des Geistessdiöpferisdien wirken kann. Wie versdiieden audi die 
Außerungsweisen der beiden Gesdilediter — darin finden sie sidi 



» »Beitr. z. Psych, d. LIb.«, II. 



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14 Lou Andrcas'Salome 



zusammen: an denselben Geist, zu dem das Weib mit dem Manne 
und vermittelst seiner aufblickt, ist sie zugleidi angesdilossen von 
tiefher, von ihrer Wesensbasis her, als von einer die Gegensätze 
unmittelbar in sidi noA vereinheitlidienden. Stumme Verwirklidiung 
davon fast sdion enthaltend in ihrem Leibesleben und im geistleib« 
lidien Aufruhr des ErotisAen das ewig Unzulänglidie wandelnd zu 
ewigem Ereignis: weshalb Umarmung, Vermählung ihr das Bild 
bleibt für das gleiAe, worauf der Mann, geistleistend, voraus- 
sAreitend und ^sAauend zogeht. So hat sie gerade darin, gerade in 
ihrem AnsAIuß an das Seine, Weithintreibende, am allerwenigsten 
über ihren Wesensumkreis hinauszubliAen oder gar, ihn sprengend, 
ihn zu verlassen — sondern am meisten in ihrem geistigsten Er-^ 
leben, in der weitgehendsten Kulturumgreifung noA, würde sie doA 
in sich bleiben: Kreis um Kreis um siA selber ziehend — naA 
jeweiligem Maßstab ihrer innersten Dimensionen, Eu diesem weib^ 
liehen Narziß will die Kultur-^Zukunftsprognose zunehmender 
GIüAsverdunklung — immer sAräger und blasser fallender Strahlen 
alter SonnenherrliAkeit, immer breiterer AbendsAatten über der siA 
vergeistigenden Welt — niAt mehr stimmen. Nur ein Sinnbild 
stimmt da noA: Das Bild der Pflanze im hohen LiAt der Mittag- 
stunde, da sie ihren SAatten ganz senkreAt wirft^ da sie, darin ge- 
borgen, auf ihn niederblidtt als auf den zarteren Abglanz ihres 
eigenen Seins — siA selbst in ihm besAattend; auf daß der große 
Brand sie niAt verbrenne vor ihrer Zeit. 




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Der Moses des Michelangelo 15 

Der Moses des Michelangelo'. 

Von *** 

1A schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. 
Ich habe oft bemerkt, das mich der Inhalt eines Kunstwerkes 
stärker anzieht als dessen formale und technische Eigenschaften, 
auf welche doch der Künsder in erster Linie Wert legt. Für viele 
Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das 
richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine nachsichtige 
Beurteilung meines Versuches zu sichern. 

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, 
insbesondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. 
Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegenheiten 
lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine W eise er^ 
fassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken. Wo ich das 
nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genußunfähig. Eine ratio* 
nalistische oder vielleidit analytische Anlage sträubt sich in mir 
dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei nidit wissen solle, warum 
ich es bin, und was mich ergreift. 

Ich bin dabei auf die anscheinend paradoxe Tatsache aufmerk* 
sam geworden, daß gerade einige der großartigsten und überwälti* 
gendsten Kunstschöpfungen unserem Verständnis dunkel geblieben 
sind. Man bewunciert sie, man fühlt sich von ihnen bezwungen, 
aber man weiß nicht zu sagen, was sie vorstellen. Ich bin nicht be* 
lesen genug um zu wissen, ob dies schon bemerkt worden ist, oder 
ob nidit ein Ästhetiker gefunden hat, solche Ratlosigkeit unseres 
begreifenden Verstandes sei sogar eine notwendige Bedingung für 
die höchsten Wirkungen, die ein Kunstwerk hervorrufen soll. Ich 
könnte mich nur sdiwer entschließen, an diese Bedingung zu 
glauben. 

Nicht etwa daß die Kunstkenner oder Enthusiasten keine 
Worte fänden, wenn sie uns ein solches Kunstwerk anpreisen. 
Sie haben deren genug, sollte ich meinen. Aber vor einer 
solchen Meisterschöpfung des Künstlers sagt in der Regel jeder 
etwas anderes und keiner das, was dem schlichten Bewunderer das 
Rätsel löst. Was uns so mächtig packt, kann nach meiner Auf* 
fassung doch nur die Absicht des Künstlers sein, insoferne es ihm 
gelungen ist, sie in dem Werke auszudrücken und von uns erfassen 
zu lassen. Ich weiß, daß es sich um kein bloß verständnismäßiges 
Erfassen handeln kann,- es soll die AflFektlage, die psychische Kon* 
stellation, welche beim Künstler die Triebkraft zur Schöpfung abgab, 
bei uns wieder hervorgerufen werden. Aber warum soll die Absicht 

^ Die Redaktion hat diesem, strenge genommen nicht programmgerechten, Bei-r 
trage die Aufnahme nidit versagt, weil der ihr bekannte Verfasser analytisdien 
Kreisen nahe steht, und weil seine Denkweise immerhin eine gewisse Ähnlidikeit 
mit der Methodik der Psychoanalyse zeigt. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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16 Der Moses des Michelangelo 



des Künstlers nidit angebbar und in Worte zu fassen sein wie irgend^ 
eine andere Tatsadie des seelisdien Lebens? Vielleidit daß dies bei 
den großen Kunstwerken niAt ohne Anwendung der Analyse ge* 
lingen wird. Das Werk selbst muß dodi diese Analyse ermögliAen, 
wenn es der auf uns wirksame Ausdrud« der Absiditen und Re* 
gungen des Künstlers ist. Und um diese AbsiAt zu erraten, muß 
idi dodi vorerst den Sinn und Inhalt des im Kunstwerk Dar* 
gestellten herausfinden, also es deuten können. Es ist also möglidi, 
daß ein soldies Kunstwerk der Deutung bedarf, und daß idi erst 
nadi Vollziehung derselben erfahren kann, warum idi einem so ge* 
waltigen Eindrud^ unterlegen bin. Idi hege selbst die Hoffnung, daß 
dieser EindruA keine Absdiwädiung erleiden wird, wenn uns eine 
soldie Analyse geglüd^t ist. 

Nun denke man an den Hamlet, das über dreihundert Jahre 
alte Meisterstüd^ Shakespeares ^ Idi verfolge die psydioanalytisdie 
Literatur und sdiließe midi der Behauptung an, daß erst die Psydio* 
analyse durdi die Zurüd^führung des Stoffes auf das ödipusthema 
das Rätsel der Wirkung dieser Tragödie gelöst hat. Aber vorher, 
weldie Überfülle von versdiiedenen, miteinander unverträglidien Deu^ 
tungsversudien, weldie Auswahl von Meinungen über den Charakter 
des Helden und die Absiditen des Diditers! Hat Shakespeare un^ 
sere Teilnahme für einen Kranken in Ansprudi genommen oder für 
einen unzulänglidien Minderwertigen, oder für einen Idealisten, der 
nur zu gut ist für die reale Welt? Und wieviele dieser Deutungen 
lassen uns so kalt, daß sie für die Erklärung der Wirkung der 
Diditung nidits leisten können, und uns eher darauf verweisen, 
deren Zauber allein auf den EindruA der Gedanken und den Glanz 
der Spradie zu begründen! Und dodi, spredien nidit gerade diese 
Bemühungen dafür, daß ein Bedürfnis verspürt wird, eine weitere 
Quelle dieser Wirkung aufzufinden? 

Ein anderes dieser rätselvollen und großartigen Kunstwerke 
ist die Marmorstatue des Moses, in der Kirdie von S. Pietro in 
Vincoli zu Rom von Midielangelo aufgestellt, bekanntlidi nur ein 
TeilstüA jenes riesigen Grabdenkmals, weldies der Künsdcr für 
den gewaltigen Papstherrn Julius IL erriditen sollte^. Idi freue midi 
jedesmal, wenn idi eine Äußerung über diese Gestalt lese wie: sie 
sei »die Krone der modernen Skulptur« <Herman Grimm). Denn 
idi habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren. 
Wie oft bin idi die steile Treppe vom unsdiönen Corso Cavour 
heraufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem die verlassene 
Kirdie steht, habe immer versudit, dem verädididi^^zürnenden BliA 
des Heros standzuhalten, und mandimal habe idi midi dann behut* 
sam aus dem Halbdunkel des Innenraumes gesdilidien, als gehörte 



^ Vielleicht 1602 zuerst gespielt. 

^ Nach Henry Thode ist ciie Statue in den Jahren 1512 bis 1516 aus- 
geführt worden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Mit Gen^hniigun^ des Verlags Robert Lan^cwksdie aus dzm Bznd iMidiefangdo« clar Sammlung >Bfauc Büdicrt , 



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r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

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Der Moses des Michelangelo 17 

lA selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge geriditet ist, das 
keine Überzeugung festhalten kann, das nidit warten und nidit ver* 
trauen will und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder 
bekommen hat. 

Aber warum nenne idi diese Statue rätselvoll? Es besteht 
nidit der leiseste Zweifel, daß sie Moses darstellt, den Gesetzgeber 
der Juden, der die Tafeln mit den heiligen Geboten hält. Soviel ist 
sidier, aber audi nidits darüber hinaus. Ganz kürzlidi erst <1912> 
hat ein Kunstsdiriftsteller <Max Sauerland t> den Aussprudi madien 
können: »Über kein Kunstwerk der Welt sind so widersprediende 
Urteile gefällt worden wie über diesen panköpfigen Moses. Sdion 
die einfädle Interpretation der Figur bewegt sidi in vollkommenen 
Widersprüdien . . .c An der Hand einer Zusammenstellung, die 
nur um fünf Jahre zurüAliegt, werde idi darlegen, weldie Zweifel 
sidi an die Auffassung der r igur des Moses knüpfen, und es wird 
nidit sdiwer sein zu zeigen, daß hinter ihnen das Wesentlidie und 
Beste zum Verständnis dieses Kunstwerkes verhüllt liegt ^. 

1. 

Der Moses des Midielangelo ist sitzend dargestellt, den Rumpf 
nadi vorne geriditet, den Kopf mit dem mäditigen Bart und den Blid^ 
nadi links gewendet, den rediten Fuß auf dem Boden ruhend, den 
linken aufgestellt, so daß er nur mit den Zehen den Boden berührt, 
den rediten Arm mit den Tafeln und einem Teil des Bartes in Be* 
Ziehung/ der linke Arm ist in den Sdioß gelegt. Wollte idi eine 
genauere Besdireibung geben, so müßte idi dem vorgreifen, was idi 
später vorzubringen habe. Die Besdireibungen der Autoren sind 
mitunter in merkwürdiger Weise unzutreffend. Was nidit verstanden 
war, wurde audi ungenau wahrgenommen oder wiedergegeben. 
H. Grimm sagt, daß die redite Hand, >unter deren Arme die Ge* 
setzestafeln ruhen, in den Bart greife«. Ebenso W. Lübke: »Er^ 
sdiüttert greift er mit der Rediten in den herrlidi herabflutenden 
Bart . . .«/ Springer: »Die eine <linke> Hand drüd^t Moses an den 
Leib, mit der anderen greift er wie unbewußt in den mäditig wallen^ 
den Bart.« C. Justi findet, daß die Finger der <rediten> Hand mit 
dem Bart spielen, »wie der zivilisierte Mensdi in der Aufregung 
mit der Uhrkette«. Das Spielen mit dem Bart hebt audi Müntz 
hervor. H. Thode spridit von der »ruhig festen Haltung der 
rediten Hand auf den aufgestemmten Tafeln«. Selbst in der rediten 
Hand erkennt er nidit ein Spiel der Aufregung, wie Justi und 
ähnlidi Boito wollen. »Die Hand verharrt so, wie sie in den Bart 

Greifend, gehalten ward, ehe der Titan den Kopf zur Seite wandte.« 
akob Burkhardt stellt aus, »daß der berühmte linke Arm im 

^ Henry Thode, Michelangelo, Kritische Untersuchungen über seine Werke, 
I. M, 1908. 

Ima^o III/l ^ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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18 Der Moses des Michelangelo 

Grunde nichts anderes zu tun habe, als diesen Bart an den Leib 
zu drücken«. 

Wenn die Beschreibungen nicht übereinstimmen, werden wir 
uns über die Verschiedenheit in der Auffassung einzelner Züge der 
Statue nicht verwundem. Ich meine zwar, wir können den Gesichts^ 
ausdruck des Moses nicht besser charakterisieren als Thode, der 
eine »Mischung von Zorn, Schmerz und Verachtung« aus ihm las, 
»den Zorn in den dräuend zusammengezogenen Augenbrauen, den 
Schmerz in dem Blick der Augen, die Verachtung in der vor^ 
geschobenen Unterlippe und den herabgezogenen Mundwinkeln«. 
Aber andere Bewunderer müssen mit anderen Augen gesehen haben. 
So hatte Dupaty geurteilt: Ce front auguste semble n'etre qu'un 
voile transparent, qui couvre ä peine un esprit immense ^ Dagegen 
meint Lübke: »In dem Kopfe würde man vergebens den Ausdrudi 
höherer Intelligenz suchen,- nichts als die Fähigkeit eines ungeheuren 
Zornes, einer alles durchsetzenden Energie spricht sich in der zu= 
sammengedrängten Stirne aus.« Noch weiter entfernt sich in der 
Deutung des Gesichtsausdruckes Guillaume <1875>, der keine Er- 
regung darin fand, »nur stolze Einfachheit, beseelte Würde, Energie 
des Glaubens. Moses' Blick gehe in die Zukunft, er sehe die Dauer 
seiner Rasse, die Unveränderlichkeit seines Gesetzes voraus«. Ähn^ 
lieh läßt Müntz »die Blicke Moses' weit über das Menschengeschlecht 
hinschweifen/ sie seien auf die Mysterien gerichtet, die er als Ein^ 
ziger gewahrt hat«. Ja, für Steinmann ist dieser Moses »nicht mehr 
der starre Gesetzgeber, nicht mehr der fürchterliche Feind der 
Sünde mit dem Jehovazorn, sondern der königliche Priester, welchen 
das Alter nicht berühren darf, der segnend und weissagend, den 
Abglanz der Ewigkeit auf der Stirne, von seinem Volke den letzten 
Abschied nimmt«. 

Es hat noch andere gegeben, denen der Moses des Michel- 
angelo überhaupt nichts sagte, und die ehrlich genug waren, es zu 
äunern. So ein Rezensent in der Quarterly Review 1858: »There 
is an of absence of meaning in the general conception, which pre^ 
cludes the idea of a self^sufficing whole . . .« Und man ist erstaunt 
zu erfahren, daß noch andere nichts an dem Moses zu bewundern 
fanden, sondern sich auflehnten gegen ihn, die Brutalität der Ge* 
stalt anklagten und die Tierähnlidhkeit des Kopfes. 

Hat der Meister wirklich so undeudiche oder zweideutige 
Schrift in den Stein geschrieben, daß so verschiedenartige Lesungen 
möglich wurden? 

Es erhebt sich aber eine andere Frage, welcher sich die er* 
wähnten Unsicherheiten leicht unterordnen. Hat Michelangelo in 
diesem Moses ein »zeitloses Charakter^ und Stimmungsbild« schaffen 
wollen oder hat er den Helden in einem bestimmten, dann aber 
höchst bedeutsamen Moment seines Lebens dargestellt? Eine Mehr^ 

» Thode, I. c, p. 197. 



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OrfgfrTaffrom 
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Der Moses des Midielangelo 19 

zahl von Beurteilem entscheidet sidi für das letztere und weiß audi 
die Szene aus dem Leben Moses' anzugeben, weldie der Künstler 
für die E>3^igkeit festgebannt hat. Es handelt sidi hier um die Herab^ 
kunft vom Sinai, woselbst er die Gesetzestafeln von Gott in Emp- 
fang genommen hat, und um die Wahrnehmung, daß die Juden 
unterdes ein goldenes Kalb gemadit haben, das sie jubelnd umtanzen. 
Auf dieses Bild ist sein Blid^ geriditet, dieser Anblidv ruft die 
Empfindungen hervor, die in seinen Mienen ausgedrüd^t sind und 
die gewaltige Gestalt alsbald in die heftigste Aktion versetzen 
werden. Midielangelo hat den Moment der letzten Zögerung, der 
Ruhe vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt,- im nädisten wird 
Moses aufspringen — der linke Fuß ist sdion vom Boden abgehoben 
— die Tafeln zu Bodeft sdimettern und seinen Grimm über die 
Abtrünnigen endaden. 

In Einzelheiten dieser Deutung welAen audi deren Vertreter 
voneinander ab. 

Jak. Burkhardt: »Moses sdieint in dem Momente dargestellt, 
da er die Verehrung des goldenen Kalbes erblid^t und aufspringen 
will. Es lebt in seiner Gestalt die Vorbereitung zu einer gewaltigen 
Bewegung, wie man sie von der physisdien Madit, mit der er aus- 
gestattet ist, nur mit Zittern erwarten mag.« 

W. Lübke: »Als sehen die blitzenden Augen eben den 
Frevel der Verehrung des goldenen Kalbes, so gewaltsam durdi^ 
zud^t eine innere Bewegung die ganze Gestalt. Ersdiüttert greift er 
mit der Rediten in den herrlidi herabflutenden Bart, als wolle er 
seiner Bewegung nodi einen Augenblid^ Herr bleiben, um dann um 
so zersdimetternder loszufahren.« 

Springer sdiließt sidi dieser Ansidit an, niAt ohne ein Bedenken 
vorzutragen, weldies weiterhin nodi unsere Aufmerksamkeit bean^ 
sprudien wird: »Durdiglüht von Kraft und Eifer kämpft der Held 

nur mühsam die innere Erregung nieder Man denkt daher 

unwillkürlidi an eine dramatisdie Szene und meint, Moses sei in 
dem AugenbliA dargestellt, wie er die Verehrung des goldenen 
Kalbes erblid^t und im Zorn aufspringen will. Diese Vermutung 
triffst zwar sdiwerlidi die wahre Absidit des Künstlers, da ja Moses, 
wie die übrigen fünf sitzenden Statuen des Oberbaues^ vorwiegend 
dekorativ wirken sollte,- sie darf aber als ein glänzendes Zeugnis 
für die Lebensfülle und das persönlidie Wesen der Mosesgestalt 
gelten.« 

Einige Autorep, die sidi nidit gerade für die Szene des goU 
denen Kalbes entsdieiden, treffen dodi mit dieser Deutung in dem 
wesentlidisten Punkte zusammen, daß dieser Moses im Begriffe sei 
aufzuspringen und zur Tat überzugehen. 

Herman Grimm: »Eine Hoheit erfüllt sie <diese Gestalt), ein 
Selbstbewußtsein, ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner 

^ Vom Grabdenkmal des Papstes nämlidi. 



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OrfgfrTaffrom 
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20 Der Moses des Midielangelo 

des Himmels zu Gebote, dodi er bezwänge sich, ehe er sie ent* 
fesselte, erwartend, ob die Feinde, die er verniditen will, ihn anzu* 
greifen wagten. Er sitzt da, als wollte er eben aufspringen, das 
Haupt stolz aus den Sdiultern in die Höhe geredet, mit der Hand, 
unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, 
der in sdiweren Strömen auf die Brust sinkt, mit weit atmenden 
Nüstern und mit einem Munde, auf dessen Lippen die Worte zu 
zittern sdieinen.« 

Heath Wilson sagt, Moses' Aufmerksamkeit sei durdi etwas 
erregt, er sei im Begriffe aufzuspringen, dodi zögere er nodi. Der 
BliA, in dem Entrüstung und Veraditung gemisdit seien, könne sidi 
nodi in Mirieid verändern. 

Wölfflin spridit von »gehemmter Bewegung«. DerHemmunps* 
grund liegt hier im Willen der Person selbst, es ist der letzte Mo* 
ment des Ansidihaltens vor dem Losbredien, d. h. vor dem Auf- 
springen. 

Am eingehendsten hat C. Justi die Deutung auf die Wahr* 
nehmung des goldenen Kalbes begründet und sonst nidit beaditete 
Einzelheiten der Statue in Zusammenhang mit dieser Auffassung 
gebraAt. Er lenkt unseren BliA auf die in der Tat auffällige Stellung 
der beiden Gesetzestafeln, weldie im Begriffe seien, auf den Stein* 
sitz herabzugleiten: »Er <Moses> könnte also entweder in der Ridi* 
tung des Lärmes sdiauen mit dem Ausdrude böser Ahnungen, oder 
es wäre der Anblide des Gräuels selbst, der ihn wie ein betäuben* 
der Sdilag trifft. Durdibebt von Absdieu und Sdimerz hat er sidi 
niedergelassen^. Er war auf dem Berge vierzig Tage und Nädite 
geblieben, also ermüdet. Das Ungeheure, ein großes odiiAsal, Ver* 
bredien, selbst ein Glüdc kann zwar in einem Augenblidc wahr* 
genommen, aber nidit gefaßt werden nadi Wesen, Tiefe, Folgen. 
Einen Augenblidt sdieint ihm sein Werk zerstört, er verzweifelt an 
diesem Volke. In soldien Augenblideen verrät sidi der innere Auf* 
rühr in unwillkürlidien kleinen Bewegungen. Er läßt die beiden 
Tafeln, die er in der Rediten hielt, auf den Steinsitz herabrutsdien, 
sie sind über Edt zu stehen gekommen, vom Unterarm an die 
Seite der Brust gedrüAt. Die Hand aber fährt an Brust und Bart, 
bei der Wendung des Halses nadi redits muß sie den Bart nadi 
der linken Seite ziehen und die Symmetrie dieser breiten männlidien 
Zierde aufheben,- es sieht aus, als spielten die Finger mit dem Bart, 
wie der zivilisierte Mensdi in der Aufregung mit der Uhrkette. Die 
linke gräbt sidi in den Rode am Baudi <im alten Testament sind die 
Eingeweide Sitz der Affekte). Aber das linke Bein ist bereits zu* 
rüd^gezogen und das redite vorgesetzt,- im nädisten AugenbliA wird 
er auffahren, die psydiisdie Kraft von der Empfindung auf den 

^ Es ist zu bemerken, daß die sorgfältige Anordnung des Mantels um die 
Beine der sitzenden Gestalt dieses erste Stüdk der Auslegung Justi s unhaltbar 
madit. Man mußte vielmehr annehmen, es sei dargestellt, wie Moses im ruhigen 
erwartungslosen Dasitzen durdi eine plötzIiAe Wahrnehmung aufgesdiredct werde. 



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Der Moses des Midielangelo 21 

Willen überspringen, der rechte Arm sich bewegen, die Tafeln 
werden zu Boden fallen und Ströme Blutes die Sdimadi des Ab* 
falls sühnen . . . .« »Es ist hier noA nidit der Spannungsmoment 
der Tat. NoA waltet der Seelensdimerz fast lähmend.« 

Ganz ähnlidi äußert sidi Fritz Knapp/ nur daß er die Ein- 
gangssituation dem vorhin geäußerten Beaenken entzieht, audi die 
angedeutete Bewegung der Tafeln konsequenter weiterführt: »Ihn, 
der soeben nodi mit seinem Gotte allein war, lenken irdisdie Ge* 
räusdie ab. Er hört Lärm, das Gesdirei von gesungenen Tanzreigen 
weAt ihn aus dem Traume. Das Auge, der Kopf wenden sidi hin 
zu dem Geräusdi. SdireAen, Zorn, die ganze Furie wilder Leiden- 
sdiaften durdifahren im Moment die Riesengestalt. Die Gesetzes- 
tafeln fangen an herabzugleiten, sie werden zur Erde fallen und 
zerbredien, wenn die Gestalt auffährt, um die donnernden Zornes- 
Worte in die Massen des abtrünnigen Volkes zu sAleudern .... 
Dieser Moment hödister Spannung ist gewählt . . . .« Knapp betont 
also die Vorbereitung zur Handlung und bestreitet die Darstellung 
der anfänglidien Hemmung infolge der übergewaltigen Erregung. 

Wir werden nidit in Abrede stellen, daß Deutungsversudie 
wie die letzterwähnten von Justi und Knapp etwas ungemein An- 
sprediendes haben. Sie verdanken diese Wirkung dem Umstände, daß 
sie nidit bei dem GesamteindruA der Gestalt stehen bleiben, son- 
dern einzelne Charaktere derselben würdigen, weldie man sonst von 
der Allgemeinwirkung überwältigt und gleidisam gelähmt zu beaditen 
versäumt. Die entsdiiedene Seitenwendung von Kopf und Augen 
der im übrigen nadi vorne geriditeten Figur stimmt gut zu der An- 
nahme, daß dort etwas erbliAt wird, was plötzlidi die Aufmerksam- 
keit des Ruhenden auf sidi zieht. Der vom Boden abgehobene Fuß 
läßt kaum eine andere Deutung zu, als die einer Vorbereitung zum 
Aufspringen S und die ganz sonderbare Haltung der Tafeln, die dodi 
etwas hodiheiliges sind und nidit wie ein beliebiges Attribut irgend- 
wie im Raum untergebradit werden dürfen, findet ihre gute Auf- 
klärung in der Annahme, sie glitten infolge der Erregung ihres 
Trägers herab und würden dann zu Boden fallen. So wüßten wir 
also, daß diese Statue des Moses einen bestimmten bedeutsamen 
Moment aus dem Leben des Mannes darstellt, und wären audi nidit 
in Gefahr, diesen Moment zu verkennen. 

Allein zwei Bemerkungen von Thode entreißen uns wieder, 
was wir sdion zu besitzen glaubten. Dieser Beobaditer sagt, er sehe 
die Tafeln nidit herabgleiten, sondern »fest verharren«. Er konsta- 
tiert »die ruhig feste Haltung der rediten Hand auf den auf- 
gestemmten Tatein«. BliAen wir selbst hin, so müssen wir Thode 
ohne RüAhalt redit geben. Die Tafeln sind festgestellt und nidit in 
Gefahr zu gleiten. Die redite Hand stützt sie oder stützt sidi auf sie. 



* Obwohl der linke Fuß des ruhig sitzenden Giuliano in der Mcdicikapellc 
ähnlidi abgehoben ist. 



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t.'2 Der Moses des Michelangelo 

Dadurdi ist ihre Aufstellung zwar niAt erklärt, aber sie wird für 
die Deutung von Justi und Anderen unverwendbar. 

Eine zweite Bemerkung trifft nodi entsdieidender. Thode 
mahnt daran, daß »diese Statue als eine von sedisen gedadit war 
und daß sie sitzend dargestellt ist. Beides widerspridit der Annahme, 
Midielangelo habe einen bestimmten historisdien Moment fixieren 
wollen. Denn, was das erste anbetrifft, so sdiloß die Aufgabe, 
nebeneinander sitzende Figuren als Typen mensdilidien Wesens 
<Vita activa! Vita contemplativa !> zu geben, die Vorstellung ein^ 
zelner historisdier Vorgänge aus. Und bezüglidi des zweiten wider^ 
spridit die Darstellung des Sitzens, weldie durdi die gesamte künst- 
lerisAe Konzeption des Denkmals bedingt war, dem Charakter jenes 
Vorganges, nämlidi dem Herabsteigen vom Berge Sinai zu dem 
Lager«. 

Madien wir uns dies Bedenken Thodes zu eigen,- idi meine, 
wir werden seine Kraft nodi steigern können. Der Moses sollte 
mit fünf <in einem späteren Entwurf drei) anderen Statuen das 
Postament des Grabdenkmals zieren. Sein nädistes Gegenstüd^ hätte 
ein Paulus werden sollen. Zwei der anderen, die Vita activa und 
contemplativa sind als Lea und Rahel an dem heute vorhandenen, 
kläglidi verkümmerten Monument ausgeführt worden, allerdings 
stehend. Diese Zugehörigkeit des Moses zu einem Ensemble maAt 
die Annahme unmöglidi, daß die Figur in dem Besdiauer die Er- 
wartung erwed^en solle, sie werde nun gleidi von ihrem Sitze auf^ 
springen, etwa davonstürmen und auf eigene Faust Lärm sdilagen. 
Wenn die anderen Figuren nidit gerade audi in der Vorbereitung 
zu so heftiger Aktion dargestellt waren, — was sehr unwahrsdiein^ 
lidi ist, — so würde es den übelsten Eindrud^ madien, wenn gerade 
die eine uns die Illusion geben könnte, sie werde ihren Platz und 
ihre Genossen verlassen, also sidi ihrer Aufgabe im Gefüge des 
Denkmals entziehen. Das ergäbe eine grobe Inkohärenz, die man 
dem großen Künstler nidit ohne die äußerste Nötigung zumuten 
dürfte. Eine in soldier Art davonstürmende Figur wäre mit der 
Stimmung, weldie das ganze Grabmonument erweAen soll, aufs 
äußerste unverträglidi. 

Also dieser Moses darf nidit aufspringen wollen, er muß in 
hehrer Ruhe verharren können, wie die anderen Figuren, wie das 
beabsiditigte <dann nidit von Midielangelo ausgeführte) Bild des 
Papstes selbst. Dann aber kann der Moses, den wir betraditen, nidit 
die Darstellung des von Zorn erfaßten Mannes sein, der vom Sinai 
herabkommend, sein Volk abtrünnig findet und die heiligen Tafeln 
hinwirft, daß sie zersdimettern. Und wirklidi, idi weiß midi an meine 
Enttäusdiung zu erinnern, wenn idi bei früheren Besudien in S. 
Pietro in Vincoli midi vor die Statue hinsetzte, in der Erwartung, 
idi werde nun sehen, wie sie auf dem aufgestellten Fuß enipor- 
sdinellen, wie sie die Tafeln zu Boden sdileudern und ihren Zorn 
endaden werde. Nidits davon gesdiah,- anstatt dessen wurde der 



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Der Moses des Michelangelo 23 

Stein immer starrer, eine fast erdrückende heilige Stille ging von ihm 
aus, und iA mußte fühlen, hier sei etwas dargestellt, was unver^ 
ändert so bleiben könne, dieser Moses werde ewig so dasitzen und 
so zürnen. 

Wenn wir aber die Deutung der Statue mit dem Moment 
vor dem losbredienden Zorn beim AnbliA des Götzenbildes auf^ 
geben müssen, so bleibt uns wenig mehr übrig als eine der Auf- 
fassungen anzunehmen, weldie in diesem Moses ein Charakterbild 
erkennen wollen. Am ehesten von Willkür frei und am besten auf 
die Analyse der Bewegungsmotive der Gestalt gestützt ersdieint 
dann das Urteil von Thode: »Hier, wie immer, ist es ihm um die 
Gestaltung eines Charaktertypus zu tun. Er sdiafft das Bild eines 
leidensdiaftlidien Führers der Mensdiheit, der, seiner götdidien ge^ 
setzgebenden Aufgabe bewußt, dem unverständigen Widerstand der 
Mensdien begegnet. Einen soldien Mann der Tat zu kennzeidincn, 
gab es kein anderes Mittel, als die Energie des Willens zu ver^ 
deutlidien, und dies war möglidi durdi die Veransdiaulidiung einer 
die sdieinbare Ruhe durdidringenden Bewegung, wie sie in der 
Wendung des Kopfes, der Anspannung der Muskeln, der Stellung 
des linken Beines sidi äußert. Es sind dieselben Ersdieinungen wie 
bei dem vir activus der Medicikapelle Giuliano. Diese allgemeine 
Charakteristik wird weiter vertieft durdi die Hervorhebung des Kon* 
fliktes, in weldien ein soldier die Mensdiheit gestaltender Genius zu 
der Allgemeinheit tritt: die Affekte des Zornes, der Veraditung, 
des Sdimerzes gelangen zu typisdiem Ausdrudi. Ohne diesen war 
das Wesen eines soldhen Übermensdien nidit zu verdeutlidien. Nidit 
ein Historienbild, sondern einen Charaktertypus unüberwindlidier 
Energie, weldie die widerstrebende Welt bändigt, hat Midielangelo 
gesdiaften, die in der Bibel gegebenen Züge, die eigenen inneren 
Erlebnisse, Eindrüd^e der Persönlidikeit Julius', und wie idi glaube 
audi soldie der Savonarolasdien Kampfestätigkeit gestaltend.« 

In die Nähe dieser Ausführungen kann man etwa die Bemer^ 
kung von Knackfuß rüd^en: Das Hauptgeheimnis der Wirkung des 
Moses liege in dem künstlerisdien Gegensatz zwisdien dem inneren 
Feuer und der äußerlidien Ruhe der Haltung. 

Idi finde nidits in mir, was sidi gegen die Erklärung von 
Thode sträuben würde, aber idi vermisse irgend etwas. Vielleidit, 
daß sidi ein Bedürfnis äußert nadi einer innigeren Beziehung zwisdien 
dem Seelenzustand des Helden und dem in seiner Haltung ausge*^ 
drüd^ten Gegensatz von »sdieinbarer Ruhe« und »innerer Be* 
wegtheit«. 



Lange bevor idi etwas von der Psydioanalyse hören konnte, 
erfuhr idi, daß ein russisdier Kunstkenner, Ivan Lermolieff, dessen 
erste Aufsätze 1874 bis 1876 in deutsdier Spradie veröffendidit 
wurden, eine Umwälzung in den Galerien Europas hervorgerufen 



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24 Der Moses des Michelangelo 

hatte, Indem er die Zuteilung vieler Bilder an die einzelnen Maler 
revidierte, Kopien von Originalen mit Sidierheit untersdieiden lehrte 
und aus den von ihren früheren Bezeidinungen frei gewordenen 
Werken neue Künstlerindividualitäten konstruierte. Er bradite dies 
zustande, indem er vom Gesamteindruck und von den großen 
Zügen eines Gemäldes absehen hieß und die charakteristische Be* 
deutung von untergeordneten Details hervorhob, von solchen Kleinig* 
keiten wie die Bildung der Fingernägel, der Ohrläppchen, des Hei* 
ligenscheines und anderer unbeachteter Dinge, die der Kopist nadi* 
zuahmen vernachlässigt, und die doch jeder Künstler in einer ihn 
kennzeichnenden Weise ausführt. Es hat mich dann sehr interessiert 
zu erfahren, daß sich hinter dem russischen Pseudonym ein Italie* 
nischer Arzt, namens Morelll, verborgen hatte. Er ist 1891 als 
Senator des Königreiches Italien gestorben. Ich glaube, sein Ver^ 
fahren Ist mit der Technik der ärztlichen Psychoanalyse nahe ver-^ 
wandt. Auch diese ist gewöhnt, aus gering geschätzten oder nicht 
beachteten Zügen, aus dem Abhub — dem »refuse« — der Beobach- 
tung, Geheimes und Verborgenes zu erraten. 

An zwei Stellen der Mosesfigur finden sich nun Details, die 
bisher nicht beachtet, ja eigentlich noch nicht richtig beschrieben worden 
sind. Sie betreffen die Haltung der rechten Hand und die Stellung 
der beiden Tafeln. Man darf sagen, daß diese Hand in sehr eigen- 
tümlicher, gezwungener, Erklärung heischender Weise zwischen den 
Tafeln und dem — Bart des zürnenden Helden vermittelt. Es Ist 
gesagt worden, daß sie mit den Fingern Im Barte wühlt, mit den 
Strängen desselben spielt, während sie sich mit dem Kleinfingerrand 
auf die Tafeln stützt. Aber dies trifft offenbar nicht zu. Es verlohnt 
sich, sorgfältiger ins Auge zu fassen, was die Finger dieser rechten 
Hand tun, und den mächtigen Bart, zu dem sie In Beziehung treten, 
genau zu beschreibend 

Man sieht dann mit aller Deutlichkeit: Der Daumen dieser 
Hand ist versteckt, der Zeigefinger und dieser allein Ist mit dem 
Bart In wirksamer Berührung. Er drückt sich so tief in die welchen 
Haarmassen ein, daß sie ober und unter Ihm <kopfwärts und bauch- 
wärts vom drückenden Finger) über sein Niveau hervorquellen. Die 
anderen drei Finger stemmen sich. In den kleinen Gelenken ge- 
beugt, an die Brustwand, sie werden von der äußersten rechten 
Flemte des Bartes, die über sie hinwegsetzt, bloß gestreift. Sie haben 
sich dem Barte sozusagen entzogen. Man kann also nicht sagen, die 
rechte Hand spiele mit dem Bart oder wühle in ihm; nichts anderes 
Ist richtig, als daß der eine Zeigefinger über einen Teil des Bartes 
gelegt Ist und eine tiefe Rinne In ihm hervorruft. Mit einem Finger 
auf seinen Bart drücken, Ist gewiß eine sonderbare und schwer ver- 
ständliche Geste. 

Der viel bewunderte Bart des Moses läuft von Wangen, 

* Siehe die Beilage. 



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Der Moses des Midielangelo 26 

Oberlippe und Kinn in einer Anzahl von Strängen herab, die man 
nodi in ihrem Verlauf voneinander untersdieiden kann. Einer der 
äußersten rediten Haarsträhne, der von der Wange ausgeht, läuft 
auf den oberen Rand des lastenden Zeigefingers zu, von dem er 
aufgehalten wird. Wir können annehmen, er gleitet zwisdien diesem 
und dem verdedcten Daumen weiter herab. Der ihm entsprediende 
Strang der linken Seite fließt faßt ohne Ablenkung bis weit auf die 
Brust herab. Die didce Haarmasse nadi innen von diesem letzteren 
Strang, von ihm bis zur Mittellinie reidiend, hat das auffälligste 
SAidcsal erfahren. Sie kann der Wendung des Kopfes nadi links 
nidit folgen, sie ist genötigt, einen sid\ weidi aufrollenden Bogen, 
ein Stiidc einer Guirlande, zu bilden, weldie die inneren rediten Haar*» 
massen überkreuzt. Sie wird nämlidi von dem Drude des rediten 
Zeigefingers festgehalten, obwohl sie links von der Mittellinie ent* 
Sprüngen ist und eigendidi den Hauptanteil der linken Barthälfte 
darstellt. Der Bart ersdieint so in seiner Hauptmasse nadi redits 
geworfen, obwohl der Kopf sdiarf nadi links gewendet ist. An der 
Stelle, wo der redite Zeigefinger sidi eindrüdct, hat sidi etwas wie 
ein Wirbel von Haaren gebildet/ hier liegen Stränge von links über 
soldien von redits, beide durdi den gewalttätigen Finger kompri* 
miert. Erst jenseits von dieser Stelle bredien die von ihrer Riditung 
abgelenkten Haarmassen frei hervor, um nun senkredit herabzu* 
laufen, bis ihre Enden von der im Sdioß ruhenden, geöffneten linken 
Hand aufgenommen werden. 

Idi gebe midi keiner Täusdiung über die Einsidididikeit meiner 
Besdireibung hin und getraue midi keines Urteils darüber, ob uns 
der Künstler die Auflösung jenes Knotens im Bart wirklidi leidit 
gemadit hat. Aber über diesen Zweifel hinweg bleibt die Tatsadie 
bestehen, daß der Drud; des Zeigefingers der rechten Hand haupt* 
sädilidi Haarstränge der linken Barthälfte betriffst, und daß durdi 
diese übergreifende Einwirkung der Bart zurüAgehalten wird, die 
Wendung des Kopfes und BliAes nadi der linken Seite mitzumadien. 
Nun darf man fragen, was diese Anordnung bedeuten soll und 
weldien Motiven sie ihr Dasein verdankt. Wenn es wirklidi RüA-» 
siditen der Linienführung und Raumausfüllung waren, die den 
Künstler dazu bewogen haben, die herabwallende Bartmasse des 
nadi links sdiauenden Moses nadi redits herüber zu streidien, wie 
sonderbar ungeeignet ersdieint als Mittel hiefür der Drude des einen 
Fingers? Und wer, der aus irgendeinem Grund seinen Bart auf 
die andere Seite gedrängt hat, würde dann darauf verfallen, durdi 
den Drude eines Fingers die eine Barthälfte über der anderen zu 
fixieren? Vielleidit aber bedeuten diese im Grunde geringfügigen 
Züge nidits und wir zerbredien uns den Kopf über Dinge, die dem 
Künstler gleidigiltig waren? 

Setzen wir unter der Voraussetzung fort, daß audi diese De^ 
tails eine Bedeutung haben. Es gibt dann eine Lösung, weldie die 
Sdiwierigkeiten aufhebt und uns einen neuen Sinn ahnen läßt. Wenn 



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26 Der Moses des Michelangelo 

an der Figur des Moses die linken Bartstränge unter dem Drude 
des rechten Zeigefingers liegen, so läßt sidi dies vielleiAt als der 
Rest einer Beziehung zwisdien der rediten Hand und der linken 
Barthälfte verstehen, weldie in einem früheren Momente als dem 
dargestellten eine weit innigere war. Die redite Hand hatte vielleidit 
den Bart weit energisdier angefaßt, war bis zum linken Rand des* 
selben vorgedrungen, und als sie sidi in die Haltung zurückzog, 
weldie wir jetzt an der Statue sehen, folgte ihr ein Teil des Bartes 
nadi und legt nun Zeugnis ab von der Bewegung, die hier abge* 
laufen ist. Die Bartguirlande wäre die Spur des von dieser Hand zu* 
rüAgelegten Weges. 

So hätten wir also eine Rüdebewegung der rediten Hand er* 
sdilossen. Die eine Annahme nötigt uns andere wie unvermeidlidi 
auf. Unsere Phantasie vervollständigt den Vorgang, von dem die 
durdi die Bartspur bezeugte Bewegung ein Stüde ist, und führt uns 
zwanglos zur Auffassung zurüde, weldie den ruhenden Moses durdi 
den Lärm des Volkes und den Anblide des goldenen Kalbes auf* 
sdiredeen läßt. Er saß ruhig da, den Kopf mit dem herabwallenden 
Bart nadi vorne geriditet, die Hand hatte wahrsdieinlidi nidits mit 
dem Barte zu tun. Da sdilägt das Geräusdi an sein Ohr, er wendet 
Kopf und Bilde nadi der Richtung, aus der die Störung kommt, er* 
sdiaut die Szene und versteht sie. Nun padeen ihn Zorn und Em* 
pörung, er mödite aufspringen, die Frevler bestrafen, verniditen. 
Die Wut, die sidi von ihrem Objekt nodi entfernt weiß, riditet sidi 
unterdes als Geste gegen den eigenen Leib. Die ungeduldige, zur 
Tat bereite Hand greift nadi vorne in den Bart, weldier der Wen* 
düng des Kopfes gefolgt war, preßt ihn mit eisernem Griffe zwisdien 
Daumen und Handflädie mit den zusammensdiließenden Fingern, 
eine Geberde von einer Kraft und Heftigkeit, die an andere Dar* 
Stellungen Midielangelos erinnern mag. Dann aber tritt, wir wissen 
nodi nidit wie und warum, eine Änderung ein, die vorgestredete, 
in den Bart versenkte Hand wird eilig zurüdegezogen, ihr GrifF gibt 
den Bart frei, die Finger lösen sidi von ihm, aber so tief waren sie 
in ihn eingegraben, daß sie bei ihrem Rüdezug einen mäditigen 
Strang von der linken Seite nadi redits herüberziehen, wo er unter 
dem Drude des einen, längsten und obersten F'ingers die rediten 
Bartflediten überlagern muß. Und diese neue Stellung, die nur durdi 
die Ableitung aus der ihr vorhergehenden verständlidi ist, wird jetzt 
festgehalten. 

Es ist Zeit, uns zu besinnen. Wir haben angenommen, daß 
die redite Hand zuerst außerhalb des Bartes war, daß sie sidi dann 
in einem Moment hoher Affektspannung nadi links herüberstredete, 
um den Bart zu padeen, und daß sie endlidi wieder zurüdefuhr, 
wobei sie einen Teil des Bartes mitnahm. Wir haben mit dieser 
rediten Hand gesdialtet, als ob wir frei über sie verfügen dürften. 
Aber dürfen wir dies? Ist diese Hand denn frei? Hat sie nidit die 
heiligen Tafeln zu halten oder zu tragen, sind ihr soldie mimisdie 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Moses des Michelangelo 27 

Exkursionen nicht durdi ihre wichtige Aufgabe untersagt? Und weiter, 
was soll sie zu der Rückbewegung veranlassen, wenn sie einem 
starken Motiv gefolgt war, um ihre anfänglidie Lage zu verlassen? 

Das sind nun wirklich neue Schwierigkeiten. Allerdings gehört 
die rechte Hand zu den Tafeln. Wir können hier auch nicht in Ab^ 
rede stellen, daß uns ein Motiv fehlt, welches die rechte Hand zu 
dem erschlossenen Rüci^zug veranlassen könnte. Aber wie wäre es, 
wenn sich beide Schwierigkeiten miteinander lösen ließen und erst 
dann einen ohne Lücke verständlichen Vorgang ergeben würden? 
Wenn gerade etwas, was an den Tafeln geschieht, uns die Be^ 
wegungen der Hand aufklärte? 

An diesen Tafeln ist einiges zu bemerken, was bisher der Be- 
obachtung nicht wert gefunden wurde^. Man sagte: Die Hand stützt 
sich auf die Tafeln oder: die Hand stützt die Tafeln. Man sieht 
auch ohne weiteres die beiden rechteckigen, aneinander gelegten 
Tafeln stehen auf der Kante. Schaut man näher zu, so findet man, 
daß der untere Rand der Tafeln anders gebildet ist als der obere, 
schräg nach vorne geneigte. Dieser obere ist geradlinig begrenzt, der 
untere aber zeigt in seinem vorderen Anteil einen Vorsprung wie 
ein Hörn, und gerade mit diesem Vorsprung berühren die Tafeln 
den Steinsitz, was kann die Bedeutung dieses Details sein, weldies 
übrigens an einem großen Gipsabguß in der Sammlung der Wiener 
Akademie der bildenden Künste ganz unrichtig wiedergegeben ist? 
Es ist kaum zweifelhaft, daß dieses Hörn den der Schrift nadi oberen 
Rand der Tafeln auszeichnen soll. Nur der obere Rand solcher recht- 
eciugen Tafeln pflegt abgerundet oder ausgeschweift zu sein. Die 
Tafeln stehen also hier auf dem Kopf. Das ist nun eine sonderbare 
Behandlung so heiliger Gegenstände. Sie sind auf den Kopf gestellt 
und werden fast auf einer Spitze balanciert. Welches formale Mo-^ 
ment kann bei dieser Gestaltung mitwirken? Oder soll auch dieses 
Detail dem Künstler gleichgiltig gewesen sein? 

Da stellt sich nun die Auffassung ein, daß auch die Tafeln durch 
eine abgelaufene Bewegung in diese Position gekommen sind, daß 
diese Bewegung abhängig war von der erschlossenen Ortsverän^ 
derung der rechten Hand, und daß sie dann ihrerseits diese Hand zu 
ihrer späteren Rüd^bewegung gezwungen hat. Die Vorgänge an der 
Hand und die an den Tafeln setzen sich zu folgender Einheit zu- 
sammen: Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die 
Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. Die rechte Hand faßte 
deren untere Ränder und fand dabei eine Stütze an dem nach vorn 
gerichteten Vorsprung. Diese Erleichterung des Tragens erklärt 
ohne weiteres, warum die Tafeln umgekehrt gehalten waren. Dann 
kam der Moment, in dem die Ruhe durch das Geräusdi gestört 
wurde. Moses wendete den Kopf hin, und als er die Szene erschaut 
hatte, machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ 
ihren Griff an den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den 

^ Siehe das Detail Figur D. 



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(I. 




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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 







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Orfgmaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



30 Der Moses des Michelangelo 

Bart, wie um ihr Ungestüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die 
Tafeln waren nun dem Druck des Armes anvertraut, der sie an 
die Brustwand pressen sollte. Aber diese Fixierung reichte nidit 
aus, sie begannen nadi vorn und unten zu gleiten, der früher 
horizontal gehaltene obere Rand richtete sich nach vorn und ab- 
wärts, der seiner Stütze beraubte untere Rand näherte sidi mit 
seiner vorderen Spitze dem Steinsitz. Einen Augenblid^ weiter und 
die Tafeln hätten sich um den neu gefundenen Stützpunkt drehen 
müssen, mit dem früher oberen Rande zuerst den Boden erreidien 
und an ihm zerschellen. Um dies zu verhüten, fährt die rechte 
Hand zurück, und entläßt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht 
mitgezogen wird, erreidit noch den Rand der Tafeln und stützt 
sie nahe ihrer hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So 
leitet sich das sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, 
Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leiden^ 
sdiaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen 
ab. Will man die Spuren des abgelaufenen Bewegungssturmes rück^ 
gängig machen, so muß man die vordere obere Ecke der Tafeln 
heben und in die Bildebene zurückschieben, damit die vordere untere 
Ed^e <mit dem Vorsprung) vom Steinsitz entfernen, die Hand senken 
und sie unter den nun horizontal stehenden unteren Tafelrand führen. 
Ich habe mir von Künstlerhand drei Zeidinungen madhen 
lassen, welche meine Beschreibung verdeutlichen sollen. Die dritte 
derselben gibt die Statue wieder, wie wir sie sehen,- die beiden 
anderen stellen die Vorstadien dar, welche meine Deutung postuliert, 
die erste das der Ruhe, die zweite das der höchsten Spannung, der 
Bereitschaft zum Aufspringen, der Abwendung der Hand von den 
Tafeln und des beginnenden Herabgleitens clerselben. Es ist nun 
bemerkenswert, wie die beiden von meinem Zeichner ergänzten Dar^ 
Stellungen die unzutreffenden Beschreibungen früherer Autoren zu 
Ehren bringen. Ein Zeitgenosse Michelangelos, Condivi, sagte: 
»Moses, der Herzog und Kapitän der Hebräer, sitzt in der Stellung 
eines sinnenden Weisen, hält unter dem rechten Arm die 
Gesetzestafeln und stützt mit der linken Hand das Kinn <!>, wie 
Einer, der müde und voll von Sorgen.« Das ist nun an der Statue 
Michelangelos nicht zu sehen, aber es deckt sich mit der Annahme, 
welche der ersten Zeichnung zugrunde liegt. W. Lübke hatte wie 
andere Beobachter geschrieben : »Erschüttert greift er mit der Rechten 
in den herrlidi herabflutenden Bart . . .« Das ist nun unrichtig, 
wenn man es auf die Abbildung der Statue bezieht, trifft aber für 
unsere zweite Zeidinung zu. Justi und Knapp haben, wie erwähnt, 
gesehen, daß die Tafeln im Herabgleiten sind und in der Gefahr 
schweben, zu zerbrechen. Sie mußten sich von Thode berichtigen 
lassen, daß die Tafeln durch die rechte Hand sicher fixiert seien, 
aber sie hätten Recht, wenn sie nicht die Statue, sondern unser 
mittleres Stadium besdireiben würden. Man könnte fast meinen, 
diese Autoren hätten sidi von dem Gesichtsbild der Statue frei 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Moses des Michelangelo 31 

gemacht und hätten unwissentlich eine Analyse der Bewegungs^ 
motive derselben begonnen, durch weldie sie zu denselben An^ 
Forderungen geführt wurden, wie wir sie bewußter und ausdrücke 
licher aurgestellt haben. 

3. 

Wenn ich nicht irre, wird es uns jetzt gestattet sein, die 
Früchte unserer Bemühung zu ernten. Wir haben gehört, wie vielen, 
die unter dem Eindruck der Statue standen, sich die Deutung auf- 
gedrängt hat, sie stelle Moses dar unter der Einwirkung des An^ 
blid\s, daß sein Volk abgefallen sei und um ein Götzenbild tanze. 
Aber diese Deutung mußte aufgegeben werden, denn sie fand ihre 
Fortsetzung in der Erwartung, er werde im nächsten Moment auf^ 
springen, die Tafeln zertrümmern und das Werk der Rache voIU 
bringen. Dies widersprach aber der Bestimmung der Statue als 
Teilstück des Grabdenkmals Julius II. neben drei oder fünf anderen 
sitzenden Figuren. Wir dürfen nun diese verlassene Deutung wieder 
aufnehmen, denn unser Moses wird nicht aufspringen und die 
Tafeln nicht von sich sdileudern. Was wir an ihm sehen, ist nidit 
die Einleitung zu einer gewaltsamen Aktion, sondern der Rest 
einer abgelaufenen Bewegung: Er wollte es in einem Anfall von 
Zorn, aufspringen, Radie nehmen, an die Tafeln vergessen, aber er 
hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen bleiben in 
gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. Er wird 
auch die Tafeln niclit wegwerfen, daß sie am Stein zerschellen, denn 
gerade ihretwegen hat er seinen Zorn bezwungen, zu ihrer Rettung 
seine Leidenschaft beherrsdit. Als er sich seiner leidenschaftlichen 
Empörung überließ, mußte er die Tafeln vernachlässigen, die Hand, 
die sie trug, von ihnen abziehen. Da begannen sie herabzugleiten, 
gerieten in Gefahr zu zerbrechen. Das mahnte ihn. Er gedachte seiner 
Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seines Affekts. 
Seine Hand fuhr zurück und rettete die sinkenden Tafeln, noch ehe 
sie fallen konnten. In dieser Stellung blieb er verharrend, und so 
hat ihn Michelangelo als Wächter des Grabmals dargestellt. 

Eine dreifache Schichtung drückt sich in seiner Figur in verti- 
kaler Richtung aus. In den Mienen des Gesichts spiegeln sich die 
Affekte, welche die herrschenden geworden sind, in der Mitte der 
Figur sind die Zeichen der unterdrückten Bewegung sichtbar, der 
Fuß zeigt noch die Stellung der beabsichtigten Aktion, als wäre die 
Beherrschung von oben nadi unten vorgeschritten. Der linke Arm, 
von dem noch nicht die Rede war, scheint seinen Anteil an unserer 
Deutung zu fordern. Seine Hand ist mit weicher Gebärde in den 
Schoß gelegt und umfängt wie liebkosend die letzten Enden des 
herabfallenden Bartes. Es macht den Eindrud^, als wollte sie die 
Gewaltsamkeit autheben, mit der einen Moment vorher die andere 
Hand den Bart mißhandelt hatte. 

Nun wird man uns aber entgegenhalten: Das ist also dodi 



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32 Der Moses des Michelangelo 

nidit der Moses der Bibel, der wirklidi in Zorn geriet und die 
Tafeln hinwarf, daß sie zerbradien. Das wäre ein ganz anderer 
Moses von der Empfindung des Kunstlers, der sidi dabei heraus* 
genommen hätte, den heih'gen Text zu emendieren und den Cha*' 
rakter des göttlidien Mannes zu verfälsdien. Dürfen wir MicheU 
angelo diese Freiheit zumuten, die vielleidit nidit weit von einem 
Frevel am Heiligen liegt? 

Die Stelle der Heiligen Sdirift, in weldier das Benehmen Moses' 
bei der Szene des goldenen Kalbes beriditet wird, lautet folgender* 
maßen <idi bitte um Verzeihung, daß idi midi in anadironistisdier 
Weise der Übersetzung Luthers bediene): 

<IL B. Kap. 32.) »7. Der Herr spradi aber zu Mose: Gehe, 
steig hinab/ denn dein Volk, das du aus Aegyptenland geführt hast, 
hat's verderbt, 8. Sie sind sdinell von dem Wege getreten, den 
idi ihnen geboten habe. Sie haben sidi ein gegossen Kalb gemadit, 
und haben's angebetet, und ihm geopfert, und gesagt: Das sind 
deine Götter, Israel, die didi aus Aegyptenland gerührt haben. 
9. Und der Herr spradi zu Mose: Idi sehe, daß es ein halsstarrig 
Volk ist. 10. Und nun laß midi, daß mein Zorn über sie er* 
grimme, und sie vertilge,- so will idi didi zum großen Volk madien. 
1 1 . Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott und spradi : Adi, 
Herr, warum will dein Zorn ergrimmen über dein Volk, das du 
mit großer Kraft und starker Hand hast aus Aegyptenland ge- 
führt? ... 

... 14. Also gereuete den Herrn das Übel, das er dräuete 
seinem Volk zu thun. 15. Moses wandte sidi, und stieg vom Berge, 
und hatte zwo Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren 
gesdirieben auf beiden Seiten. 16. Und Gott hatte sie selbst ge- 
madit, und selber die Sdirift drein gegraben. 17. Da nun Josua 
hörte des Volkes Gesdirei, daß sie jauchzeten, spradi er zu Mose: 
Es ist ein Gesdirei im Lager wie im Streit. 18. Er antwortete: 
Es ist nidit ein Gesdirei gegeneinander derer die obsiegen und unter* 
liegen, sondern idi höre ein Gesdirei eines Siegestanzes. 19. Als er 
aber nahe zum Lager kam, und das Kalb una den Reigen sah, er* 
grimmte er mit Zorn, und warf die Tafeln aus seiner Hand, und 
zerbradi sie unten am Berge,- 20. und nahm das Kalb, das sie ge* 
madit hatten, und zersdimelzte es mit Feuer, und zermalmte es 
mit Pulver, und stäubte es aufs Wasser, und gab's den Kindern 
Israels zu trinken,- . . . 

30. Des Morgens spradi Mose zum Volk: Ihr habt eine 
große Sünde gethan/ nun will idi hinaufsteigen zu dem Herrn, ob 
idi vielleidit eure Sünde versöhnen möge. 31. Als nun Mose wieder 
zum Herrn kam, spradi er: Adi, das Volk hat eine große Sünde 
gethan, und haben sidi güldene Götter gemadit. 32. Nun vergib ihnen 
ihre Sünde,- wo nidit, so tilge midi audi aus deinem Budi, das du 
gesdirieben hast. 33. Der Herr spradi zu Mose: Was? Idi will den 
aus meinem Budi tilgen, der an mir sündiget. 34. So gehe nun hin 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Moses des Michelangelo 33 

und führe das Volk, dahin idi dir gesagt habe. Siehe, mein Engel 
soll vor dir hergehen. Idi werde ihre Sünde wohl heimsudien, wenn 
meine Zeit kommt heimzusudien, 35. Also strafte der Herr das 
Volk, daß sie das Kalb hatten gemadbt, weldies Aaron gemadit hatte.« 

Unter dem Einfluß der modernen Bibelkritik wird es uns un^ 
möglidi, diese Stelle zu lesen, ohne in ihr die Anzeidien ungesdiid^ter 
Zusammensetzung aus mehreren Quellberiditen zu finden. In Vers 
8 teilt der Herr selbst Moses mit, daß das Volk abgefallen sei und 
sidi ein Götzenbild gemadit habe. Moses bittet für die Sünder. Dodi 
benimmt er sidi in Vers 18 gegen Josua, als wüßte er es nidit, und 
wallt im plötzlidien Zorn auf <Vers 19), wie er die Szene des 
Götzendienstes erblid\t. In Vers 14 hat er die Verzeihung Gottes 
für sein sündiges Volk bereits erlangt, dodi begibt er sidi Vers 
31 fl^. wieder auf den Berg, um diese Verzeihung zu erflehen, be^ 
riditet dem Herrn von dem Abfall des Volkes und erhält die Ver^ 
sidierung des Strafaufsdiubes. Vers 35 bezieht sidi auf eine Be- 
strafung des Volkes durdi Gott, von der nidits mitgeteilt wurde, 
während in den Versen zwisdien 20 und 30 das Strafgeridit, das 
Moses selbst vollzogen hat, gesdiildert wurde. Es ist bekannt, daß 
die historisdien Partien des Budies, weldies vom Auszug handelt, von 
nodi auffälligeren Inkongruenzen und Widersprüdien durdisetzt sind. 

Für die Mensdien der Renaissance gab es soldie kritisdie 
Einstellung zum Bibeltexte natürlidi nidit, sie mußten den Beridit 
als einen zusammenhängenden auffassen und fanden dann wohl, daß 
er der darstellenden Kunst keine gute Anknüpfung bot. Der Moses 
der Bibelstelle war von dem Götzendienst des Volkes bereits unter* 
riditet worden, hatte sidi auf die Seite der Milde und Verzeihung 
gestellt und erlag dann dodi einem plötzlidien Wutanfall, als er des 
goldenen Kalbes und der tanzenden Menge ansiditig wurde. Es 
wäre also nidit zu verwundern, wenn der Künstler, der die Reaktion 
des Helden auf diese sdimerzlidie Überrasdiung darstellen wollte, 
sidi aus inneren Motiven von dem Bibeltext unabhängig gemadit 
hätte. Audi war soldie Abweidiung vom Wordaut der heiligen 
Sdirift aus geringeren Motiven keineswegs ungewöhnlidi oder dem 
Künsder versagt. Ein berühmtes Gemälde des Parmigiano in 
seiner Vaterstadt zeigt uns den Moses, wie er auf der Höhe eines 
Berges sitzend die Tafeln zu Boden sdileudert, obwohl der BibeU 
vers ausdrüd^lidi besagt: er zerbradi sie am Fuße des Berges. 
Sdion die Darstellung eines sitzenden Moses findet keinen Anhalt 
am Bibeltext und scheint eher jenen Beurteilern Redit zu geben, 
weldie annahmen, daß die Statue Michelangelos kein bestimmtes 
Moment aus dem Leben des Helden festzuhalten beabsiditige. 

Widitiger als die Untreue gegen den heiligen Text ist wohl 
die Umwandlung, die Michelangelo nadi unserer Deutung mit 
dem Charakter des Moses vorgenommen hat. Der Mann Moses 
war nadi den Zeugnissen der Tradition jähzornig und Aufwallungen 
von Leidensdiaft unterworfen. In einem soldien Anfalle von heiligem 



Imago III/l 



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34 Der Moses des Michelangelo 

Zorne hatte er den Egypter erschlagen, der einen Israeliten miß* 
handelte, und mußte deshalb aus dem Lande in die Wüste fliehen. 
In einem ähnlidien Affektausbrudi zersdimetterte er die beiden 
Tafeln, die Gott selbst besdirieben hatte. Wenn die Tradition soldie 
Charakterzüge beriditet, ist sie wohl tendenzlos und hat den Ein^ 
drudi einer großen Persönlidikeit, die einmal gelebt hat, erhalten. 
Aber Michelangelo hat an das Grabdenkmal des Papstes einen 
anderen Moses hingesetzt, weldier dem historisdien oder traditionellen 
Moses überlegen ist. Er hat das Motiv der zerbrodienen Gesetzes- 
tafeln umgearbeitet, er läßt sie nidit durdi den Zorn Moses' zer- 
bredien, sondern diesen Zorn durdi die Drohung, daß sie zerbredien 
könnten, besdiwiAtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Hand^ 
lung hemmen. Damit hat er etwas Neues, Übermensdilidies in die 
Figur des Moses gelegt, und die gewaltige Körpermasse und kraft^ 
strotzende Muskulatur der Gestalt wird nur zum leiblidien Aus^ 
drud^smittel für die hödiste psydiisdie Leistung, die einem Mensdien 
möglidi ist, für das Niederringen der eigenen Leidensdiaft zugunsten 
und im Auftrage einer Bestimmung, der man sidi geweiht hat. 
Hier darf die Deutung der Statue Michelangelos ihr Ende 
erreidien. Man kann nodi die Frage aufwerfen, weldie Motive in 
dem Künstler tätig waren, als er den Moses, und zwar einen so 
umgewandelten Moses, für das Grabdenkmal des Papstes Julius II. 
bestimmte. Von vielen Seiten wurde übereinstimmend darauf hin- 
gewiesen, daß diese Motive in dem Charakter des Papstes und im 
Verhältnis des Künstlers zu ihm zu suchen seien. Julius II. war 
Michelangelo darin verwandt, daß er Großes und Gewaltiges zu 
verwirklidien sudite, vor allem das Große der Dimension. Er war 
ein Mann der Tat, sein Ziel war angebbar, er strebte nach der 
Einigung Italiens unter der Herrschaft des Papsttums. Was erst 
mehrere Jahrhunderte später einem Zusammenwirken von anderen 
Mächten gelingen sollte, das wollte er allein erreichen, ein Einzelner 
in der kurzen Spanne Zeit und Herrschaft, die ihm gegönnt war, 
ungeduldig mit gewalttätigen Mitteln. Er wußte Michelangelo als 
seinesgleidien zu schätzen, aber er ließ ihn oft leiden unter seinem 
Jähzorn und seiner Rüci^sichtslosigkeit. Der Künstler war sich der 
gleichen Heftigkeit des Strebens bewußt und mag als tiefer blicken^ 
der Grübler die Erfolglosigkeit geahnt haben, zu der sie beide ver- 
urteilt waren. So brachte er seinen Moses an dem Denkmal des 
Papstes an, nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen, zur Mahnung 
für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur er^ 
hebend. 



Im Jahre 1863 hat ein Engländer W. Watkiss Lloyd dem 
Moses von Michelangelo ein kleines Büchlein gewidmet ^ Als es 

* W. Watkiss Lloyd, The Moses of Michelangelo. London, 
>X''illiams and Norgate, 1863. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Moses des Michelangelo 35 

mir gelang, dieser Schrift von 46 Seiten habhaft zu werden, nahm 
idi ihren Inhalt mit gemisditen Empfindungen zur Kenntnis. Es war 
eine Gelegenheit, wieder an der eigenen Person zu erfahren, was 
für unwürdige infantile Motive zu unserer Arbeit im Dienste einer 
großen Sadie beizutragen pflegen. Idi bedauerte, daß Lloyd so 
vieles vorweg genommen hatte, was mir als Ergebnis meiner 
eigenen Bemühung wertvoll war, und erst in zweiter Instanz konnte 
idi midi über die unerwartete Bestätigung freuen. An einem ent^ 
sdieidenden Punkte trennen sidi allerdings unsere Wege. 

Lloyd hat zuerst bemerkt, daß die gewöhnlidien Besdireibungen 
der Figur unriditig sind, daß Moses nidit im Begriffe ist, aufzu^ 
stehen ^ daß die redite Hand nidit in den Bart greift, daß nur 
deren Zeigefinger nodi auf dem Barte ruht 2. Er hat audi, was weit 
mehr besagen will, eingesehen, daß die dargestellte Haltung der 
Gestalt nur durdi die Rüd^beziehung auf einen früheren, nidit dar- 
gestellten, Moment aufgeklärt werden kann, und daß das Herüber- 
ziehen der linken Bartstränge nadi redits andeuten solle, die redite 
Hand und die linke Hälfte des Bartes seien vorher in inniger, 
natürlidi vermittelter Beziehung gewesen. Aber er sdilägt einen 
anderen Weg ein, um diese mit Notwendigkeit ersdilossene Nadi^ 
barsdiaft wieder herzustellen, er läßt nidit die Hand in den Bart 
gefahren, sondern den Bart bei der Hand gewesen sein. Er erklärt, 
man müsse sidi vorstellen, »der Kopf der otatue sei einen Moment 
vor der plötzlidien Störung voll nadi redits gewendet gewesen über 
der Hand, weldie damals wie jetzt die Gesetztafeln hält«. Der 
DruA auf die Hohlhand <durdi die Tafeln) läßt deren Finger sidi 
natürlidi unter den herabwallenden Lodden öffnen, und die plötzlidie 
Wendung des Kopfes nadi der anderen Seite hat zur Folge, daß 
ein Teil der Haarstränge für einen Augenblid^ von der nidit be^ 
wegten Hand zurüd<gehalten wird und jene Haarguirlande bildet, 
die als Wegspur <»wake«> verstanden werden soll. 

Von der anderen Möglidikeit einer früheren Annäherung von 
rediter Hand und linker Barthälfte läßt sidi Llovd durdi eine Er^ 
wägung zurüd^halten, weldie beweist, wie nahe er an unserer 
Deutung vorbeigegangen ist. Es sei^nidit möglidi, daß der Prophet, 
selbst nidit in hödister Erregung, die Hand vorgestredvt haben 
könne, um seinen Bart so beiseite zu ziehen. In dem Falle wäre 
die Haltung der Finger eine ganz andere geworden, und überdies 
hätten infolge dieser Bewegung die Tafeln herabfallen müssen, 
weldie nur vom Drud^ der rechten Hand gehalten werden, es sei 



* »But he is not rising or preparing to rise,- thc bust is fully upright, not 
thrown forward for thc alteration of Balance preparatory for such a move^ 
ment/ . . .« <p. 10). 

- »Such a description is altogether erroneous/ the fillets of the beard are 
detained by the right band, but they are not held, nor grasped, enclosed or taken 
hold of. They are even detained but momentarily — momentarily cngaged, they 
are on the point of being free for disengagement.« (p. 11). 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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W Der Moses des MiAdangelo 

denn, man mute der Gestalt, um die Tafefn audi dann nodi zu 
erhalten, eine sehr ungesAiAre Bewegung zu, dere^n Vorstellung 
cigendidi eine Entwürdigung enthalte, <*Unl€ss clutdied by a gesturc 
so awkward, that to imagine it is profanation.«) 

Es ist leicht 2u sehen, worin die Versäumnis des Autors 
liegt. Er hat die Auffälligkeiten des Bartes riditig als Anzeidien 
einer abgelaufenen Bewegung gedeutet, es aber dann unterlassen, 
denselben Sdiluß auf die nidit weniger gezwungenen Einzelheiten 
in der Stellung der Tafeln anzuwenden. Er verwertet nur die An- 
zeigen vom Bart, nidit audi die von den Tafeln, deren Stellung 
er als die ursprünglidie hinnimmt. So verlegt er sich den Weg zu 
einer Auffassung wie die unsrige, weldie durA die Wertung ge^ 
wisser unsdieinbarer Details zu einer überrasdienden Deutung der 
ganzen Figur und ihrer Absiditen gelangt. 

Wie nun aber, wenn wir uns beide auf einem Irrwege be* 
fänden? Wenn wir Einzelheiten sdiwcr und bedeutungsvoll auf- 
nehmen würden, die dem Künstler gleidigiltig waren, die er rein 
willkürlidi oder auf gewisse formale Anlässe hin nur eben so ge- 
staltet hätte, wie sie sind, ohne etwas Geheimes in sie hineinzu* 
legen? Wenn wir dem Los so vieler Interpreten verfallen wären, 
die deutlidi zu sehen glauben, was der Künstler weder bewußt noA 
unbewußt sdiaffen gewollt hat? Darüber kann idi nidit entsdieiden, 
Idi weiß nidit zu sagen, ob es angeht, einem Künstler wie 
Michelangelo^ in dessen Werken soviel Gedankeninhalt nadi 
Ausdrudt ringt, eine soldie naive Unbestimmtheit zuzutrauen, und 
ob dies gerade für die auffädigen und sonderbaren Züge der Moses^ 
Statue annehmbar ist. Endlidi darf man noA in aller Sdiüditernheit 
hinzufügen, daß sidi in die Versdiuldung dieser Unsidierheit der 
Künstler mit dem Interpreten zu teüen habe. Michelangelo ist 
oft genug in seinen Sdiöpfungen bis an die äußerste Grenze dessen, 
was die Kunst ausdrüdten kann, gegangen/ vielleicht ist es ihm auA 
beim Moses nidit völlig geglüdtt, wenn es seine Absidit war, den 
Sturm heftiger Erregung aus den Anzeigen erraten zu lassen, die 
nadi seinem Ablauf in der Ruhe zurüd^bleiben. 




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Der Homunculus 37 



Der Homunculus. 

Von HERBERT SILBERER. 

Wagner (ängstlich) : 

Willkommen! zu dem Stern der Stunde. 

(Leise) : 
Dodi haltet Wort und Athem fest im 

Munde^ 
Ein herrlidi Werk ist gleidi zu Stand 

gebradit. 

Mephistopheles (leiser): 
Was gibt es denn? 

Wagner (leiser): 
Es wird ein Mensdi gemadit. 

Der Homunculus läßt sidierlidi jeden an Goethes »Faust« 
denken. In einem Laboratorium <Faust, II. Teil, zweiter 
Akt, 2: »Laboratorium im Sinne des Mittelalters, wcit^ 
läufige, unbehülflidie Apparate, zu phantastisdien Zwecken«) bereitet 
da Wagner einen Mensdien durdi diemisdie Arbeit. Indem wir 
dieser Assoziation stattgeben, setzen wir den Flomunculus gerade 
in seine riditige Umgebung. Denn die Aldiemie war es, deren 
wunderbaren Künsten man einst die artefizielle Herstellung eines 
Mensdlleins zutraute. Einer Studie über den Homunkel müßte 
eigentlidi eine soldie über' die Aldiemie vorangehen, und zwar 
müßte sie angesidits der ebenso sdiwer zugänglidien als weit ver* 
zweigten Gedankenwelt dieser ehrwürdigen Kunst redit weit aus* 
greifen. Statt midi aber hier derartig zu verbreiten, verweise idi den 
Leser einfadi auf mein soeben ersdiienenes Budi »Probleme der 
Mystik und ihrer Symbolik« ^ worin gerade die Aldiemie eine aus* 
giebige Behandlung erfährt. 

So kann idi midi denn mit wenigen Hinweisen begnügen. In 
den »Problemen« wird gezeigt, daß die aldiemistisdie Symbolik 
durdisetzt ist mit Zeugungsgedanken. Diese spredien sidi sowohl 
offen aus als audi in dunkleren Bildern, deren Deutung indes dem 
Psydianalytiker nidit allzuviel Sdiwierigkeit bereitet. Ganz klar 
wird z. B. gesagt <von Morienes, dessen dictum in der aldie* 
mistisdien Literatur mit Vorliebe zitiert wird): »Unser Stein <der 
Weisen) ist die Confection oder Zusammensetzung unsers . . . 
Geheimnüsses, und der Ordnung nadi ist er gleidi der Er* 
sdiafFung des Mensdien,- Denn erstlidi ist allda die Zusammen* 
Vereinigung, und 2. die Corruption% 3. die Sdiwängerung, 4. die 
Geburt des Kindes, 5. folget die Nahrung.«^ Und das wird erklärt: 

* Im Verlag von Hugo Heller, Wien und Leipzig 1914. 

^ Die Zersetzung oder Fäulung des Samens in der Matrix. Vgl. das später 
über die Putrefaktion Gesagte. 

'^ Z. B. bei Nicolaus Flamcllus (XIV. Jahrb.): »Sdiatz der Philo- 
sophen«. 



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38 Herbert Silbercr 



:^LInse^^ Sperma, weldies ist Argen tum vivum^ wird mit der Erde 
zusammengefügt zu dem unvollkommenen Körper/ sie wird darum 
unsere ^ Erde genannt, weil die Erde die Mutter ist aller Elemente. 
Dieser Vorgang wird von den Philosophen Koitus geheißen . . . Wann 
aber die Erden anfehet ein wenig von dem Argento vivo bey ihr 
zu behalten, wird es genant Conceptio, die Empfahung . . .« etc.* 
Der Aldiemist Johannes Daustenius <zirka vierzehntes Jahr^ 
hundert) sagt im Rosarium IX*: »Wer nun weiß zu heirathen, 
sdiwanger zu madien, zu gebähren, zu tödten und lebendig zu 
madien . . . der wird in hohen Würden sein.« <Rosar. VII): 
». . . Derohalben füge unsern rothen Knedit zu seiner wohU 
riedienden Sdiwester, so werden sie untereinander das Kunststück 
gebähren: Davon sind die Reimen: 

Wann du das weiße Weib gebradit zum rothen Mann, 
Da nehmen sie alsbald einander freundlidi an, 
Darauf empfängt denn das edle weiße Weib, 
Die zuvor waren zwey, sind worden nun ein Leib.* 

Nidit bloß die Zeugungsphantasien, sondern audi die übrigen 
der Psydianalyse als seelisdie Urbeweger so sehr bekannten, damit 
zusammenhängenden Motive (ödipus^Motiv etc.) finden sidi getreu 
in der aldiemistisAen Symbolik. Idi erwähne kurz, daß der Inzest 
eine große Rolle spielt, das Überwinden des Vaters, das Bestreben 
es besser zu madien, als er, beziehungsweise als die Eltern. Von 
diesem BessermaAen wird noch die Rede sein. Vom Inzest sahen 
wir bereits Beispiele. Der Koitus gesAieht mit der »Mutter« Erde 
oder mit der odiwester, was, wie sidi nadiweisen ließe, das^ 
selbe ist. 

Der Inhalt dieser Symbolik, also der Lehrgehalt der alAe^ 
mistisAen Sdiriften, ist von zwei Seiten aus zu betraditen,- von 
einer naturwissensdiaftlidien und won einer theologisAen. Die »AU 
diemie«, wie sie in den Sdiriften ihrer eigentümlidien »Philosophen« 
vorliegt, ist nidit bloß Vorstufe der heutigen Chemie und Physik, 
sondern zum guten Teil audi religiöse Spekulation und Anleitung. 
Mit der religiösen Seite <dic in meinen »Problemen« Beaditung 
findet) haben wir es hier gar nidit, mit der naturwissensdiaftlidien 
ein wenig zu tun,- mehr als der Inhalt interessiert uns jeweils das 
Bild, in das er sidi kleidet. 

Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob wir zu so ge^ 

* »Unser« wird gebraucht, um die betreffenden Stoffe als die aldicmisti- 
sehen Geheimnisse von den »gemeinen* Stoffen gleidien Namens zu unterscheiden. 
Z. B. »Unser« Quecksilber im Gegensatz zum »gemeinen« Quecksilber. Damit 
wird gleichsam unterstrichen, daß der betreffende Ausdruck ein Symbol, ein Ter* 
minus der Kunst ist. 

2 Quecksilber. 

^ Wilhelm Höhler, »Hermetische Philosophie und Freimaurerei«. 
Ludwigshafen a. Rh. 1905. Nach alten Quellen zitiert, p. 92. 

* »Alchimistisch Siebengestirn«. Frankfurt a. M. 1756, p. 144. 



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Der Homunculus 39 



sonderter Betrachtung der Symbolik bereditigt seien. Audi dies- 
bezüglidi muß idi midi mit einem Hinweis auf meine »Probleme« 
begnügen. 

Um an den vorigen Faden anzuknüpfen: das )^Bessermadien« 
ist ein widitiges Motiv in der Aldiemie, dieser Kunst der Ver- 
besserung der Metalle. Es handelt sidi da symbolisdi immer irgend^ 
wie um die Zerstörung des Alten und die Sdiaffung eines Neuen/ 
um die Beseitigung einer alten <mit Vatersymbolen zusammen^ 
hängenden) und die Aufriditung einer neuen Ordnung/ um die 
Aufhebung einer alten, mangelhaften Sdiöpfung und deren Ersatz 
durdi eine bessere neue Sdiöpfung oder Zeugung. Das Motiv ist 
mythologisdi sehr bekannt. Es kommt in unzähligen Kosmogonien 
vor und ist mit dem Motiv der Trennung der Ureltern versdiränkt. 
Die mythologisdien Motive und ihre Gleidiungen leisten in der 
aldiemistisdien Hieroglyphik gute Führerdienste. Man halte zum 
Verständnis des Späteren, besonders die Idee des Besserzeugens 
fest, weldie eine der Formen des Bessermadiens ist. 

Widiti^ ist ferner die Fülle infantiler <oder wenn man will 
primitiver) Theorien, in denen, wie im Mythos so in der aldie^ 
mistisdien Bilderspradie, der Zeugungsgedanke auftritt. Otto Rank 
hat uns wertvolle »Völkerpsydiologisdie Parallelen zu den infantilen 
Sexualtheorien« geliefert ^ Man könnte die aldiemistisdie Symbolik 
an zahllosen Stellen in diese Parallelen einreihen. Für diesmal ge^ 
nügt das Hervorheben weniger Motive. Da ist vor allem der Ge^ 
danke an die spermatisdie Kraft des Kotes <Mistes, Urin etc.). 
Was in der Alchemie bereitet werden soll, ist zunädist nidit der 
Homunculus, sondern das Gold, und die bemerkenswerte Verknüpfung 
von Gold und DreA wird dem mythologisdi und psydianalytisch 
gesdiulten Leser nidit entgehen. Die Angabe, daß die erste Materie 
zu dem aldiemistisdien Werk ein veraditetes Ding oder Mist sei, 
findet sidi in der Literatur sehr häufig. Damit ist's aber nidit genug. 
Die spermatisdie Natur des Mistes kommt viel mehr nodi zur 
Geltung, indem verlangt wird, daß in den Vorstadien der Gold-^ 
bereitung die verwendeten Stoffe in Mist und Fäulnis übergeführt 
werden müssen, damit die »Befruditung« stattfinde und das Gold 
(beziehungsweise der Stein der Weisen) sprießen und wadisen 
könne. Das Samenkorn des Goldes muß in seiner »Erde« erst der 
Fäulnis oder Verwesung <»Putrefaktion«) unterliegen, ehe es keimen 
kann. Aller Zeugung und allem Keimen geht nam alter Vorstellung 
der verwesende Zerfall des Samens voraus. Man denke an die 
Worte des Gleidinisses Joh. XII. 24: ^oEs sei denn, daß das 
Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein,- wo 
es aber erstirbet, so bringet's viele Früdite.« Die Aldiemisten lieben 
es, soldie Sdiriftstellen bei der Erörterung der Putrefaktion anzu- 
führen. Der Gedanke des Dungs spielt in die alten Vorstellungen 

* »Zentralbl. f. Psycfioan.«, II. Jahrg., Wiesbaden 1912. 



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40 Herbert Silbcrer 



auA hinein. Die Putrefaktion des verwendeten Stoffes, der zuerst 
»sterben« muß, ehe die neue Generation beginnt, hängt anderseits 
wieder mit dem Tode der alten Generation <Vaterfigur> zusammen. 

Wenn der Zerfall der Rohstoffe des Werkes nidit selten als 
Zerstücklung gefaßt wird, sehen wir wieder um so deutlidier 
eine primitive Zeugungstheorie vor uns, als die AlAemie das zer^ 
stüAelte Etwas <das häufig als eine mensdilidie oder tierisdie Ge- 
stalt gesdiildert wird) in ein wohlversdilossenes Gefäß tun, darin 
»feudit« erwärmen und als neues Wesen nadi einer gewissen Zeit 
— es werden häufig neun Monate angegeben — aus dem Gefäße 
nehmen läßt, weldies nodi dazu das >philosophisdie Ei« heißt. In*» 
wiefern das ZerstüAeln, beziehungsweise das Erzeugen des neuen 
Wesens aus Studien als eine primitive und infantile Zeugungs* 
theorie anzusehen ist, hat z. B. Rank mitgeteilt ^ Idi verweise audi 
auf die mandierlei primitiven Märdien, wo eine Tiergeneration so 
entsteht, daß ein großes (gleidisam vorbildlidies oder audi anders 
geartetes) Tier, beziehungsweise Ungeheuer in Studie zerfällt <zer- 
sdinitten wird od. dgl.), worauf aus den Studien je ein neues 
kleineres Tier entsteht: Fortpflanzung durdi Teilung ^ 

In dem »philosophisdien Ei« herrsdit nadi der Putrefaktion 
gewöhnlidi eine Flut, die audi Sintflut genannt wird. Idi will hier^ 
über an dieser Stelle nur soviel sagen, daß sie ebenso dem FruAt^ 
wasser entspridit, wie jenes Wasser bei Rank <»Mythus von der 
Geburt des Helden«), aus dem nidit nur alle kleinen Kinder 
mythisA gezogen werden, sondern auf dem in einem Kästdien 
<Ardie, Korb = philosophisdies Ei!) sdiwimmend audi der »Held« 
eines widitigen Sagentypus als Kind aufgefunden wird. 

Die Phase des »Todes« oder der »Verwesung« (putrefactio), 
wo die Körper schwarz werden, wird in der Aldiemie gemeinig- 
lidi »der sdiwarze Rab« oder »caput corvi« genannt. Vergessen wir 
nidit die Sintflut, nodi die Tatsaoie, daß das aldiemistisdie Werk 
einer Schöpfung verglidien wird und betraditen wir nun p. 434 
der »Astralmythen« von Eduard Stucken^: er teilt eine Version 
der Eridithonios^Sage (Parallele zu Moses im Kästdien) mit, worin 
die Krähe Anwendung findet. Der Rabe ist ein Sintfllutvogel und 
entspridit audi dem Vogel mandier Sdiöpfungssagen. Samoanisdie 
Sdiöpfungssage nadi Turner: Tangaloa, der Himmelsgott, sendet 
seine Toditer in der Gestalt des Vogels Turi hinab. Sie fliegt um* 
her, findet nidits, worauf zu ruhen, nur Gewässer. Sie kehrt in den 
Himmel zurüde und wird abermals ausgesandt, um Land zu sudien. 
Sie sieht nun Sdiaum, dann Klumpen, das Wasser teilt sidi, Land 
ersdieint an der Oberflädie und ein trodeener Ort, wo sie ruhen 

^ Otto Rank, »Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage«, Wien und 
Leipzig 1912, p. 313 f. 

- Man findet derartige Märchen z. B. bei Oskar D ahn hardt, »Natur^ 
sagen«, Leipzig und Berlin 1910, III, p. 152 ff. 

^ Erschienen zu Leipzig 1896 — 1907. 



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Der Homunculus 41 



kann. Sie kehrt zu dem Vater zurück und gibt ihm Beridit. Er 
sdiickt sie abermals hinab, sie meldet die Ausbreitung des Landes, 
und nun sendet er sie hinab mit etwas Erde und einer Pflanze. 
Diese wädist und die Toditer besudit sie öfters. Nadi einer Zeit 
welken die Blätter. Beim nädisten Besudi der Himmelstoditer 
wimmelt die Pflanze von Würmern und Maden <putrefactio !>, und 
beim folgenden Besudi sind zwei Mensdien daraus geworden 
<generatio !>. »Die amerikanisdien Varianten sind zahllos«, bemerkt 
otucken, der <p. 224 f. Anmerkung) audi einen Sdiöpfungsmythos 
der Loudieux-Indianer mitteilt, worin die Wiederbelebung eines 
Raben die Bevölkerung der Erde mit Mensdien ermöglidit. Der 
Leidinam und die gelblidien Knodien des Raben lagen umher 
<Zerstüd^lung). Der Held der Sage fügt die Knodien zusammen, 
breitet <nadi der uns sdion bekannten mythologisdien Regel) ein 
Tudi^ darüber, läßt einen Wind darauf^ und gibt dadurdi dem 
Raben wieder Leben. Der Rabe führt dann die Bevölkerung der 
Erde mit Mensdien herbei,- die Keime dazu befanden sidi in Fisdien, 
die nadi der Verstümmelung des Urwesens <Zerstüd^lung oder 
Kastration des Vaterwesens) sdiwanger geworden waren. 

Das Kästdien, worin Eridithonios bewahrt und das, worin 
Moses aufgefunden wird <nebst allen Parallelen) ist gleidi der Ardie 
des Noah. Alle diese Behälter sind, wie die Hülle des Zerstüdvelten, 
für die psydiologisdie Auffassung der Mutterleib^. Wie gesagt, ist 
das Kästdien begreiflidierweise meist mit einer Flut verbunden: 
dem Wasser, woher die Kinder kommen. Ob die Flut außerhalb 
oder innerhalb des Kästdiens ist, bleibt den Eigenheiten der je- 
weiligen Darstellung überlassen. An dem Sintflutmythos und Aus^ 
setzungs<^= Geburts^)mythen gemessen, ist der Vorgang im philo^ 
sophisdien Ei der Aldiemisten ein verkehrter, denn die Flut ist in^ 
wendig. Der Natur entspridit das um so besser: das Frudit^ und 
Lebenswasser ist wirklidi inwendig. Also: Philosophisdies Ei = 
Ardie = Uterus. 

Die motivisdien Gleidiungen der modernen, allgemeinen 
Mythologie <vgl. Stucken, Siecke, Ehrenreich, Lessmann etc.), 
denen ein nidit zu übersehender psydiologisdier Gehalt innewohnt, 
stimmen überrasdiend zu jenen der aldiemistisdien Hieroglyphik. 
Und wenn die diymisdie Kunst ihre »prima materia« mit Namen 
belegt wie: lac virginis, menstruum, sanguis spiritualis, Sputum 
lunae, serpens, urina, urina puerorum, fimus, faeces dissolutae, 
aurum dissolutum . . . *, so glaubt man beinahe eine der symboli^ 
sdien Gleidiungen von Wilhelm Stekel^ zu lesen. 

' = Gefäß. 

* Wieder eine infantile Scxualtheorie, die audi in der Alchcmic vertreten ist. 
^ Eventuell audi die Frudithülle. 

* Vgl. 2. B. Martinus Rulandus, »Lexicon Aldiemiae«, Frankfurt 1612, 
p. 323 ff. 

^ »Spradie des Traumes«, Wiesbaden 1911. 



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42 Herbert Silberer 



Vorhin sagte ich, daß die Sdivärze <putrefactio> eintreten 
muß, damit die Empfängnis gesdiehe und in feuAter Wärme, im 
hermetisA^ versdilossenen Komgefäß, das neue W^sen, der Stein 
der Weisen, seinen geheimnisvollen Ursprung nehme. Idi lasse an 
dieses Stadium der Sdiwärze oder »Kohle« die Verse anknüpfen, 
die auA Daustenius <Rosar. VIII> anfuhrt: 

In gar gelinder Wärm' ohn Hitze laß es stehen. 

So lange bis da sey die Empfängiß gesdiehen, 

Das Glaß versdiUeße fest, daß die vor wahren zwey, 

In einen Leib allein zusammen kommen Frey . 

Gleidi wie des Mannes Saam vom reinem Blut herkommen, 

Und aus den Nieren in die Mutter eingenommen 

Zum Weibes Saam sidi fügt, daraus ein Mensdi entsteht. 

In soldier Weiß es audi in diesem Werk zugeht. 

Aus einer der ältesten aldiemistisdien Sdiriften, worin Zosi«^ 
mos (zirka viertes bis fünftes Jahrhundert) eine Vision von einem 
Gefäß mit darin kodienden Mensdien sdiildert, glaubt C. G. Jung^ 
als ursprünglidien Sinn der Aldiemie einen Befruditungszauber ent* 
nehmen zu sollen, »d. h. ein Mittel, wie Kinder gemadit werden 
könnten ohne Mutter«. Und wenn sidi diese Äußerung audi nidit 
gerade in der vorliegenden Form aufredit halten läßt, so ist dodi 
viel Wahres daran. Jedenfalls sind die aldiemistisdien Bestrebungen 
so sehr von Zeugungsideen durdisetzt, daß es nidit wundernehmen 
kann, wenn diese sich einmal oder öfters vom Übrigen abgespalten 
haben und selbständig geworden sind. Und wirklidi hat sidi ja diese 
Verselbständigung vollzogen: es entstand neben den Problemen der 
eigentlidien Aldiemie die Bemühung, den Homunculus herzustellen. 

Idi will nidit sagen, daß nidit audi von anderen Qiiellen her 
Ideen zu diesem Unternehmen flössen, so z. B. aus allerhand magi^^ 
sdien Vorstellungen, wie wir später nodi sehen werden. Die AU 
diemie aber hat wohl den widitigsten Anteil geliefert/ einerseits 
indem, wie sdion gesagt, ihre Zeugungsmotive für sidi allein sidi 
wissensdiaftlidi durdisetzten, und anderseits, indem ihre Bilder von 
irgendweldien Laboranten in ganz banaler Weise mißverstanden 
wurden. 

Im XXIV. Band des »Goethe-Jahrbudis«^ findet sidi p. 217 fF. 
ein Beitrag von E. v. Lippmann, und dort wird behauptet, es 
stehe in den <vermutlidi um 250 n. Chr. redigierten) Homilien 
des Clemens Romanus, daß der <aus der Apostelgesdiidite VIII. 
9—24 bekannte) Simon Magus »den Homunculus in einer Retorte 
dargestellt haben soll«. Die betreffende Stelle <IL 26) lautet indes so^: 

* Nach jenes Hermes Trismegistos Kunst, den die Aldiemisten als ihren Stamm* 
vater ansahen. 

2 Jahrb. f. psydioan. u- psydiopath. Forschungen, IV. Bd., p. 184. 

8 Herausgegeben von Ludwig Geiger, Frankfurt 1903. — Idi verdanke 
den Hinweis Herrn Dozenten Dr. Franz Strunz. 

^ Idi zitiere nadi Albertus R. M. Dressel, »Clementis Romani quae 
fcruntur homiliae vigintic. Goettingae 1853. 



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Der Homunculus 43 



>Etcnim caede se inqyinare coeperat <Simon>/ sicut ipse 
adhuc amicis nobis velut amicus patefecit, quod cum pueri ani^ 
mam a proprio corpore separasset infandis adjuramentis, futuram 
adjutricem ad eorum quae ipse vellet repraesentationem, pueroque 
in imagine delineato, consecratam haberet imaginem in aede 
intcriori, ubi ipse dormiret: dicens se aliquando hunc ex aere 
formasse, divinis conversionibus, et imagine ejus depicta, rursus 
aeri reddidisse. Rem vero ita factam interpretatur. Ait quod pri* 
mo hominis Spiritus, versus in naturam calidi, circumstantem 
aerem, sicut cucurbitula facit, attractum imbibit: quem 
deinde intra Spiritus formam positum ipse Simon in aquam vertit/ 
cumque aer in spiritu consistens ob Spiritus continuitatem effundi 
nequeat, eumdem convertit in sanguinem: et ex sanguine con^ 
creto carnem fecit/ sicque postea carne solidata, hominem non 
e terra, sed ex aere protulit. (Ugcbtop vö ävd'Qcbjtov Tcveviia 
A^€t xoaTckv elg ^eg/xijv (pvaiv röv jtSQtxeiiJisvov avtCo aiKvac, 
diH7]v BJtiöJtaadfisvov ov/ÄJtietv äiga, sha svdoü-riv tr/yg tov 
jvvEVfiatog iösag yevöi^iBvov avtov TQiyfat elg vöcoq . . .) Atque 
hunc in modum sibi persuadens, potuisse a se creari novum 
hominem, ait se eum, resolutis conversionibus, rursum aeri reddi- 
disse. Quae cum aliis diceret, credebantur,* a nobis vero, qui 
adfueramus ejus mysteriis, pie non credebatur. Quapropter dam* 
nata impietate abscessimus ab eo.« 

Cucurbitula (aixva) heißt der Sdiröpfkopf. Es ist ein ver^ 
führerisdier Zufall, daß in späterer Zeit audi Retorten so genannt 
wurden. Die betreffende Stelle ist offenbar zu übersetzen: Er sagt, 
zuerst ziehe der Geist des Mensdien <nämlidi der Geist eines ge- 
töteten Knaben, den Simon besdiwört), in die Natur des Warmen 
verkehrt, die umgebende Luft an sidi und trinke sie ein, geradeso 
wie es ein Sdiröpfkopf madit,- sodann habe Simon diese in die Ge* 
stalt des Geistes eingetretene Luft in Wasser verwandelt,- da ferner 
die im Geiste verbleibende Luft wegen dessen Zusammenhanges 
<Diditheit> nidit ausfließen könne, habe er sie (weiter) in Blut ver* 
wandelt und habe aus dem verdiditeten Blut Fleisdi gemacht,- indem 
sidi dergestalt das Fleisdi festigte, habe er also einen Mensdien 
nidit aus Erde, sondern aus Luft hervorgebradit <und damit, wie 
die »Recognitionen« anfügen, den biblisdien Gott übertroffen). 

Man sieht, es handelt sidi hier <wie man es zum Überfluß in 
den Pseudo^Klementinisdien Recognitionen expressis verbis gesagt 
finden kann) um ein n ek romantisches Kunststüd^ und nidit um 
die Erzeugung des Homunculus. Das sdiließt nidit aus, daß einige 
Vorstellungen der Nekromantie <und zwar vielleidit auf dem Weg 
der später zu erwähnenden Palingenesie^Versudie) in die Konzeption 
der Homunkelidee eingegangen sein mögen. Beiläufig findet man im 
Übertreffen Gott^ Vaters das Motiv des Bessermadiens. 

Albertus Magnus <1193— 1280) und Arnald von ViU 
lanova <zirka 1240 — 1313) sollen über Homunculi gesdirieben 



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44 Herbert Silbercr 



haben. Idi finde diese Behauptung bei Eckarts hausen^ und konnte 
sie bisher nidit naAprüfen. 

In die Linie der Homunkelidee gehören wohl die Ausführungen 
des Henricus Cornelius Agrippa <1487 — 1535) »Von der Ver^ 
bindung der gemisditen Dinge und der Einfuhrung einer edleren 
Form, sowie von den Lebensanregungen« ^. Es heißt dort unter 
anderem: »Es werden . . . unbegreiflidbe Wunder verriditet, wenn 
man die zur rediten Zeit gemisditen und zubereiteten Gegenstände 
dem belebenden Einflüsse der Gestirne aussetzt, damit diese ihnen 
Leben und die empfindende Seele, als eine edlere Form, mitteilen. 
Eine soldie Gewalt liegt nämlidi in den gehörig zubereiteten Stoffen, 
weldie wir alsdann Leben bekommen sehen, wenn die vollkommene 
Misdiung^ der Eigensdiaften die früheren Hindernisse gebrodien zu 
haben smeint . . . Der Himmel aber, als die vorherrsdiende Ur* 
sadie eines jeden zu erzeugenden Dinges, verleiht durdi die volU 
kommene Concoction und Digestion der Materie zugleidi mit 
dem Leben die himmlisdien Einflüsse . . . Auf diese Weise kann 
man wunderbare Gesdiöpfe hervorbringen, wie in den Büdiern Ne* 
mith zu lesen ist, die audi die Gesetze Plutos heißen, weil soldie 
Erzeugungen monströser Art sind und nidit nadi den Gesetzen der 
Natur gesdiehen. Wir wissen, daß aus Würmern MüAen . . . 
erzeugt werden, . . . aus einer gerösteten und zu Pulver gestoßenen 
Ente entstehen, wenn man dieses Pulver ins Wasser wirft, Frösdie 
. . . aus in den Mist gelegten Haaren einer menstruierenden Frau 
werden Sdilangen ... Es giebt ein KunststüA, wodurdi sidi in 
einem einer Bruthenne unterlegten Ei eine menschenähnliche 
Gestalt erzeugen läßt . . . Einer soldien Gestalt sdireiben die 
Magier wunderbare Kräfte zu und nennen sie die wahre Alraune 
(mandragora)«. 

Man darf wohl der herrsdienden Ansidit vertrauen, daß die 
erste wirklidie, greifbare Anleitung zur Homunkelbereitung in den 
paracelsi sehen Sdiriften enthalten ist. Aureolus Ph. Th. Bom^ 
Dastus von Hohenheim <ParaceIsus> lebte 1493 — 154L In die 
Meinungsversdiiedenheiten bezüglidi der AutorsAaft der paracelsi* 
sdien Büdier braudie idi midi nidit einzulassen: es genügt, daß die 
gelehrte Spekulation der damaligen Zeit sidi mit der Idee des 
Homunkels befaßte und daß uns Anleitungen zu seiner Erzeugung 



* Karl vonEckartshausen/ »Aufschlüsse zur Magie«. II. Teil. München 
1790. Der Autor beruft sich <p. 390) seinerseits auf Campanella. 

2 Cap. XXXVI des I. Buchs seiner Occulta Philosophia. Agrippas An* 
sichten fußen vorwiegend auf neuplatonisdien und kabbalistischen Lehren. 

3 »Faust«, II. Teil, 2. Akt 2: 

Wagner: 

» Nun läßt sich wirklich hoffen. 

Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen 

Durch Mischung — denn auf Mischung kommt es an — 

Den Menschenstoff gemächlich componieren. 



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Der Homunculus 45 



vorliegen. Die wichtigste steht in dem Werk »De Natura Rerum«, 
und zwar im ersten Budi davon, weldies »de generatione rerum 
naturahum« handelt. Idi setze die widitigen Partien dieses Budies 
hieher^: 

„Vie ©eneration aller nafürlicf)en bingen ift jtDeperIep : y\h CEine 
bie oon Tlatur gefc^icht / o()n alle Kunft/bie J\nbcx Qc\d)\d)t burcf) 
Kunft/nemlicf) burcf) Alchimiam. TüietDol in gemein baroon }u reben/ 
möchte man fagen/baß oon Tlatur alle bing toürben au|} ber (£rben 
geboren mit ()ilff ber Putrefaction. Sann bie Putrefaction ift ber ^öc()ft 
©rab/onb aucf) ber erfte anfang }u ber ©eneration: T3nb bie Putre^ 
faction nimpt j^ren anfang onnb ()erfommen auf) einer feuc()ten u)ärme. 
'Dann bie ftett feud)te Wärme bringet Putrefadionem, onnb trans- 
mutirt alle natär(id)e bing oon jb^er erften geftalt onnb toefen/bef)- 
Qkidfcn and) in if)ren Kräfften onb Xugenben. 1)ann }u gleid^ertoeij) 
u)ie bie Putrefaction im THagen alle ®peij) ?u Ka()t (Kotb) macf)t 
onb transmutierts: J^Ifo and) aufferbalb bej) Tragens bie Putrefadio, 
fo in einem ©laf) befc()ic()t / alle bing transmutiert oon einer ©eftalt 
in bie anbere/oon einem lÖefen in ba5 anber oon einer §axh in bie 
anbere/oon einem &cxnd) in ben anbern/oon einer Xugenb in bie 
anbere/oon einer Krafft in bie anbere/oon einer <£t)gen[4)afft in bie 
anbere/onb gar oon einer Qualitet in bie anber. 

©ann i)a5 becoeifet ficf) augenfc()einlic^ / onb gibts bie täQlid)c CEr^ 
fabrung/baf) oiel bing gut / gefunb onb ein Jlrtjnep finb: Jlber nacb 
jbrer Putrefaction / böj) / ongefunb / onb ein lauttere ©ifft toerben. iRIfo 
bergegen finb oiel bing böf) onb ongefunb / gifftig onb fc^äblicb / aber 
nadf j()rer Putrefaction toerben fie gut / oerlieren all j()r boj)b^it / t>nb 
loerben ein (Jble J^rt^nep. 1)ann bie Putrefaction groffe bing gebiert: 
Deffen mix ein fc^ön (fj^empel b^ben im O^ilifl^n Euangelio, ba 
Christus fagt: (£$ fep bann baf) bas löeptjenförnlein in ben Jlrfer 
gcroorffen roerbe onb faule mag es nit bunbertfeltige frucf)t bringen. 

T)abep ift nu()n juujiffen / baf) oiel bing in ber Putrefaction ge- 
manigfaltiget- merben/alfo baf) fie ein (f bie fruct)t geberen. Dann bie 
Putrefaction ift ein ombfebrung onb ber Xobt aller bingen /onb ein 
jerftörung bef) erften roefens / aller natürlichen bingen / barauf) ons l)cx^ 
fommet bie Töibergeburt / onb netoe ©eburt / mit tauffentfa4)er 
befferung. 

'XJnb bieroeil nu^n bie Putrefaction ber erft ©rab onb anfang ift 
}n ber ©eneration: fo ift nun ()od) oon nöten/baf) u)ir bie Putre^ 
faction tool ernennen, ©ann beren finb oieleriep / boc^) je eine anbers 
ah bie anbere jbre ©eburt ()erfür bringet / and) eine oiel be^enber als 
bie anbere /etc. 

® ift auc^ gemelbet / baf) bie feucf)te onb toärme ber erft ©rab 
onb Jlnfang fep ju ber Dutrefaction / bie alle bing auf)brätet / toie ein 
Oenn Jbre CEper. ©arumb burc^ onb in ber Putrefaction / alle THucila- 



» ParaccIsuS'Gesamtausgabc Huscr 4^ <Basel M.D.XC.) Bd. VI. p. 255fr, 
folio <Straßburff M.DC.III und <M.DC.XVI), p. 881 ff. 
* Der aldiemistisdie Begriff der multiplicatio. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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46 Herbert Silbercr 



gtnonf<l>^ Phlegma^ mnb Materia (ebettbfg »fttt/es tpetbt bann 
barauf) mas ts voölU. Vm fef>enb fbr ein (ifttapti an ben CEpem 
barinnen Ügt TRucilagtnifc^e feud^tidfeit / bicfelbige toirbt bur4> ein |ed' 
l\d}c ftete tüärme fau(/t>nb außgebnttet / ?u einem (ebenbigen ^finlin. 
73nb nit oKein non ber u>ärme ber O^nnen / fonbetn non einet |egn4)en 
[olc^en vo&xtM. 9n fo(4)em ®rab bei» kernte mögen alle CE^er in einem 
<5Iö^ ünnb Äfc^en öu^gebrütef »erben / ju lebenbigen T3D8eIn. (£0 mag 
audb ^Ifo ein je0(ic()er 7Henf(^ nnber fein Jlc^feln ein CEp außbrfiten/ 
ab mol ab ein Qenn. (£9 ift au4) barbeQ noc^ ein grofferö ^u miffen 
nemiic^ fo berfeibig 13ogeI (ebenbig in einem oerfigilfierfen Cucurbiten' 
^u Puluer onb dfcb^n gebrannt /mit bem britten ®rab^ bes ^emtd/ 
nac^mald a(fo nerfcbloffen geputrifi^irt in ber böc^ften Putrefaction 
vcntre Equino* ju 7nuciIaginDfif4)en Pbl^gnta: ®o mag nubn »eittere 
bicfelbige THucilaginoftfcbe Phlegma jum anbern mal ausgebrütet/ 
ünb alfo ein renouirter onnb reftaurierter VoqcI werben fo biejfe 7Hu= 
cilaginonfcf)e Phlegma, »iberumb in fein erfte (Sö)akn ober Ö^wP^J« 
üerf^Ioffen coirbt ; Das b^ift bie Xobten »iberumb (ebenbig gemadbt 
bie TOibergeburt onnb Clarificirung / melcbes ein groffed onb bob^s 
mirarfel ber Tlatur ift^. T3nb nacb bifem Proceß mögen alte lebenbige 
13öge( getobt onb miber lebenbig gemacbt renouirt onb reftaurirt 
merben. Das ift aucb b<^^ b^cbft t^nnb gröf)eft Magnale onnb My^ 
sterium Del, bae böcbft ©ebeimnuf) onnb TOunberu>errf / bas ©Ott ben 
töbtiicben TKenfcben geoffenbaret bött. 

(Eö ift aucb ?u toiffen / baf) alfo Tllenfcben mögen geboren toerben / 
obne natürlicbe 'Rätter onb iHutter: Dae ift/fie merben nic()t oon 
TÖeiblicbem £eib auff natürlicbe lOeip/mie anbere Kinber geboren/ 
fonbern burcb Kunft^ onb eines CErfabrenen Spagyrici^ gefcbirfligfeit 
mag ein TRenfcben macbfen onnb geboren merben/toie b^^nacb toirbt 
angezeigt / etc. 

(Eö ift aucb ber Hatur müglicb/boß "THenfcben oon Xbieren 
mögen geboren »erben: O^tt aucb f^in Tiafürlicbe orfacf)en* O^bocb 
aber/fo mag folcbed obn Ke^eref) md)t tool gefcbeben: hM ift/fo fücb 
ein THenfcb mit einem Xbi^^ oermifcbt / onnb baffelbig Xbier/ab ein 
TXJeibdbilb / ben Spemia bef) THannee mit luft onb begirligfeit^ in jbr 

* SAIeimigc Masse. 

2 Ein chemisches Kochgefäß. 

^ Es gab vier Grade des Feuers, wovon der erste der schwächste war. Die 
absolute Höhe eines Grades wechselt bei manchen Autoren je nach der Beschaffen- 
heit der zu behandelnden Materie. Zum wenigsten ist aber der dritte Grad so 
heftig, daß bei Berührung des erhitzten Gegenstandes eine Verletzung erfolgen müßte. 

^ Siehe die spätere Anmerkung über den venter equinus = Pferdemist. 
Er gehört zu den Mitteln, die den ersten, den gelindesten Grad des Feuers liefern. 

* Es handelt sich hier um die sogenannten Palingenesie-Experimente, an 
deren Möglichkeit man lange Zeit geglaubt hat. — Idee des Vogels Phönix. 

® Der Gedanke dieser Selbstherrlichkeit ist wichtig. 

* Spagiricus = Alchemist. Der Ausdruck wird von ö.Tdoj und dytiov) <ich 
scheide, ich vereinige) hergeleitet. 

^ Dieser psychischen Bedingung wird Bedeutung beigelegt. Sie steht nicht 
bloß als Phrase hier. 



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Der Homunculus 4? 



THottijf empfa^ct üitb et)nf4)Ieuffet: Jlb bann muß nu()n ber Sperma 
in ble feulung gebn/onb burcf) bie ftefe töärme^ bef) ßeibe wiberumb 
ein 7nenf4) t)nb fein X()iet barauf? toerben. "Dann alle maH toie ber 
®a()men ift ber 9efe(>et u)irbt/ alfo tüäc^ft auc^ ein Stuart barauf). 
'Dann taa es ni4)t ßef Ae()e / tpere ee ber PbiIofop()e9 ?u toiber/auc^ 
tDiber bae £ie(f)t ber natur* Darumb toie ber ®a()men ift /alfo 
tDacf)fet ein Kraut barauf)* Dann auf) S^ibelfa^men u>act>fet tDiber 
3tDibeIn / nict)t Tlofen / nict)t Tluf)/nicf)t ®alat/etc. Jllfo auf) Korn 
U)acf)fet roicbcr Korn /auf) ^^bern tuiber ßabern/auf) ©erften u)iber 
©erften: Jllfo aucf) mit allen anberen ^üc^ten gefcf)id[)t / toas ha 
®af)men batt onb ge[e()et roirbt. 

'XJnb alfo roie ]\)t nu^n gehört böbt baf) burcf) bie Putrefaction 
oiel onb mancherlei) bing geboren toerben/onb lebenbig merben: Jllfo 
ift anö) }\i miffen baf) auf) oielen Kreuttern burc^ bie Putrefaction 
Dielerlep n)unberbarlicf)er X^ier geboren toerben / u)ie bann bie (Erfa()rnen 
biefer bingen toiffen. ®o ift auc^ barbep }\i U)iffen/baf) folct)e Z})kx/ 
bie auf) onnb inn ber 5^ulung^ toacbfen unb geboren werben, alle 
etwas ©ifftigfeit be^ jnen b^ben/onb gifftig feinb: jeboc^ eins oiel 
me()r onb frefftiger ah bas anbei /anö) eines anberft geftaltet onb ge= 
formieret ab bae anber, Jlls jf)r febent an ben Schlangen / Tlattern / 
Krötten / 5rc)fcf)en ®corpion öafiliscfen / Spinnen /roilben 9mmen/ 
Omeifen / oielerlep ©etoürm / "^lauppen / THucf en Käfer / etc. bie alle 
auf) onb inn ber 5^ulung toacf)fen onb geboren werben. 

(So ift an(^ nic^t minber/baf) oiel Monstra onter ben Xf)ieren 
geboren werben /onnb ba^ feinb nut)n i^re Monstra, bie fo nit oon 
jbnen fclber auf) 5^iJJwng wa4)fen / fonbern buxö) Kunft bar^u gebracht 
werben in einem ©laf)/wie gemelbet ift worben. Dann biefelbig offt 
in gar mandfzxki) onnb wunberbarlicber geftalt onb «^orm erfc^einen 
onb f4)rerflic^ anjufeben finb: Jlb offt mit oielen öeuptern mit oielen 
5üf)en / mit oilen ®d^went>en / ober oon oielen ^^rben / etwann löürm 
mit 5if4) fc^wäntjen ober ^'ügeln onb fonft felftamer geftalt /bergleic^en 
man juoor nie gefeben. Darumm alle bie !tf)ier Monstra fepn/bie 
nit j^re (fltern b^ben/onb oon anbern Xbieren jbres gleichen geboren 
werben / fonbern auf) anbern bingen wacbfen onb geboren werben 
onb burcf) Kunft baju gebracht werben. Töie jbr bann febenb oom Basi- 
lisco, berfelbig ift auc^ ein Monstrum, onnb ift ein Monstrum ober 
alle Monstra: bann teins gröffer ?u förc^ten ift/barumb baf) er einen 
jeglic()en 'nienfd)en mit feinem ©efic^t onb Jlnblicf / geblingen (jäblings) 
tobten tan: bann er ift eines ©iffts ober alle ©ifft/bem in ber Töelt 
feines glei(f)en mag: "önb baffelbig ©ifft führet er oerborgener weif) 
in feinen Jlugen/onb ift ein 3maginirt ©ifft/nid)t faft ongleicf) einer 
^rawen ^ bie in jbrer THonats jeit ift / bie aucf) ein oerborgen ©ifft in 
Jlugen b^t. ©ap fe()et jbr an bem/baf) fie THaafen ober ^lecfen in 

* Die Wärme des Uterus ist es, die bei der künstlidien Herstellung des 
Menschen im Kodigefäß nadigeahmt wird. 

* Durch generatio aequivoca. 



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OrfgfrTaffrom 
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48 Herbert Silberer 



einen Spiegel fi^et/onb benfelbigen Dcrunreiniget vnb maculiert allein 
mit j^tem ©efic()t. Jllfo aud) fo fie fid)t in ein tOunben / ober ®cf)aben / 
biefelben ju gleic^ermeij) oergifftet Dnbgar ün^eilfam madfcl Vnb a{\o 
tDie fie nuf)n mit j()rem ©efid)t Diel bing Dergifftet alfo mag fie aud) 
mit jbrem Jlt()em onb Eingriff t>iel bing oergifften oerberben onb trafft- 
Io6 machen. 'Dann jbt fef)ent/fo fie mit einem löein pmbgebn in 
foIct)er ?eit/berfclbig balb aufffteJ)t onb ©epger toirbt. CEin (£ffig bamit 
fie ombgebn / auc^ abftebt onb oerbirbt. Jllfo aud) ber 53rannttoein fein 
frafft oerleuret / bepglei^en ber 55i[em / Jlmber ßibet / unb bergleici[)en 
rooiriec^enbe bing oon jbrem beptragen onb angriff jbren ©erud) oer= 
Heren. 3^IfD au^ ha^ ©olb onb (£oraIIen jbr ^^rb/aucf) oiel ebel 
©eftein/toie bie (Spiegel /baroon maculiert o)erben/etc 

Tlun aber /bamit ic^ toiberumb auff mein fiirnemmen tomm oon 
bcm Basilisco jn fcbreiben toarumb unb toas orfad) er boö) hce ©ifft 
in feinem ©eficf)t onb Jlugen böbe. ©a ift nubn ?u u)iffen ba^ er 
\olö)c (£pgenfd)afft onnb ^erfommen oon ben onreinen lOepbern b^tt/ 
a)ie oben ift gemelbt u)orben. Dann ber Basiliscus toäcbft onb toirb 
geboren auj) onb oon ber gröften T3nreinigteit ber löeijber / nemlicb 
auf) bcn Menstruis onnb auf) bem Slut spermatis, fo baffelbig in 
ein ©laß onb Cucurbit getf)an/in uentre equino putreficiert / in 
folc^er putrefaction ber Basiliscus geboren roirbt, H3er ift nun fo fecf 
onb fretobig / benfelbigen ju machen / ober auf) }u nemmen ober wibc-- 
rumb }u tobten /ber ficf) nic^t ?uoor mit (Spiegeln befleibet onb be^ 
u)aret? ic^ rabts niemanbtö / fonber toill f)iemit menniglicb geu)amet 
baben. 

'Tlun ift aber aud) bie ©eneration ber Homunculis in feinen 
toeg }n oergeffen. ©ann etwas ift baran: toietool foId)e6 bij}f)er in 
groffer O^imligteit onb gar oerborgen ift gebalten U)orben/onnb nic^t 
ein fleiner jtoepffel onb frag onber etlichen ber Jllten Pbilofopbis ge- 
u)efen / ob aud) ber Tlatur onnb Kunft müglicb fep baj) ein IHenfcf) 
auffertbalben u)epbli(f)5 ßeibs onb einer natürli4)en THutter möge ge^ 
boren n^erben? ©arauff gib id) bie Jlntu)ort / baß es ber Kunft Spa- 
gyrica onnb ber Tlatur in feinem toeg ju toiber / fonber gar tool müg- 
lief) fep: toie aber fo(4)e6 Zugang onb gefd)eben möge /ift nun fein 
Projef) alfo: Tlemlicf) baß ber Sperma eines THanns in oerfcbloffenen 
(Cucurbiten per fe, mit ber böcbften Putrefaction / ventre equino \ 
putrepciert toerbe auff 40. Sag , ober fo lang biß er lebenbig toerbe / 
onb fi^ betoeg onb rege/toeId)ö Ieid)tlicb ?u feben ift. Tlac^ folcber 
3eit toirbt es etlicf)er maffen einem Tllenfcben gleich feben / bo(^ burcf)- 
ficbtig/obn ein Corpus ^ (So er nun nacb biefem / teglicf) mit bem 

* Venter equinus <Pferdebauch> für fimus equinus <Pfcrdemist>/ dieser war 
ein von den Alchemisten zur Erzeugung gleichmäßiger »fcuditer Wärme« ge- 
brauAtes Mittel. In »venter equinus« hat man die Vorstellungen des Uterus 
<venter!), der Mutterleibstempcratur (und Feuchtigkeit) und der Putrefaktion sym* 
bolisch vereinigt. 

^ Entspricht genau den Vorstellungen in den Palingenesie-Expcrimcnten. 



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Der Homunculus 49 



Arcano sanguinis humani gar tpeifflicf) gefpeifet vnb ernef)ret tpirbt/ 
bif) auff 40. 10oct)en / onnb in ftätcr Qkid)cx löerme ventris equini 
er[)alten: witbt ein x^ö)t lebenbig menfd)licf) Kinb barauß/mit allen 
©liebmaffen / toie ein anber Kinb / i>a^ oon einem Tüepb geboren mirbt / 
hod} üil t(einer: baffelbig toir ein Homunculum nennen /pnnb foll 
bemact) nic^t anbers ab ein anbers Kinb mit groffem fleif) onb [org 
auffer?ogen roerben bii) es }u feinen Sagen onb 7}erftanb fompt. ©as 
ift nun ber aller i^öd^iun pnn gröffeften Q^iniligfeiten eine/bie ©Ott 
ben töbtlic^en onb fünbigen TIIen[cf)en b^tt n)iffen laffen. 1)ann es ift 
ein THiracfel onb Magnale Dei, onb ein ©ebeimnuf) ober alle ©e^: 
beimnuf): foK auc^ biüic^ ein ©ebeimnuj) bleiben /bis ju ben aller 
letften 3^itten/ ba bann nict)t$ oerborgen toirt bleiben / fonbern alles 
offenbaret werben. 

13nb mietool folc^es bif) an^er bem natürli4)en THenfcben ift oer^^ 
borgen getoefen/ift es bocf) ben Syluestris^ onnb ben TIt)mp()en onnb 
CHiefen n\d)t oerborgen / fonbern oor langen QcHcn offenbar gemefen/ 
ba^er fie auc^ fommen. ©ann auf) fold)en Homunculis, fo fie ju 
mannli^em J^lter fommen / toerben 'liefen / 3u?erglen onb anbere ber* 
gleict)en groffe löunberleubt / bie }\i einem großen löerrfjeug onb 3m 
ftrument gebraucht werben / bie groffen gewaltigen Sieg toiber jbre 
$cinb böben / onb alle b^imlic^e onb oerborgene bing toiffen / bie allen 
THenfcben fonft nicbt müglicb fepn ?u toiffen. Dann burcf) Kunft ober^ 
bmmen fie j'br £eben / burcf) Kunft oberfommen fie £eib Ski\d) I Sein 
onnb Slut/burcb Kunft werben fie geboren: barumb fo wirt jbnen bk 
Äunft epngelepbt onb angeboren /onb börffen es oon niemanbts lebmen/ 
fonbern man muj) oon jbnen lebrnen: bann oon ber Kunft feinb fie 
ha I onb auffgewacbfen / wie ein 'Xofen ober 53lumen im ©arten onnb 
werben ber ©ploeftern onb Tlpmpben Kinber gebeiffen / barumb baj) 
fie mit j'bren Kräfften onnb Sb^ten / nicbt 7Henfcj)en / fonbern fic^ 
©epftern oergIeic()en. 

Tlubn were bie aucf) oon nöbten oon ber ©eneration ber TRe- 
tallen }\x reben. "Dieweil wir aber im fiibell de Generatione de Me- 
tailorum genugfam baroon gefcf)rieben / laffen wirs \)k hzi^ bem Kür^eften 
bleiben: Jlllein aber /was wir in benfelbigen oergeffen b^ben / baffelbig 
wollen wir \}k für^licf) anzeigen /in ber geftalt/baf) jbr erftlicb wiffen 
follen / ha^ alle fieben THetallen auf) brepen THaterien geboren werben / 
nemblicf) auf) Mercurio, Sulphure Sale, . . . 

<So ift aucb nicbt minber/baf) Mercurius viuus ein THutter^ ift 
aller fieben THetallen / onnb billicb foll ein THutter ber THetallen ge^: 
nennet werben. 'Dann er ift ein offens IRüaW: onnb ?u gleicberweif) / 
wie er in jbm b^tt alle färben /bie er bann im 5ewr oon jf)m gibt: 
alfo ^at er aucf) in ibm alle IfX^taW oerborgen / bie er auc^) auffer bem 
^ewr nicbt oon Ibm gibt/ etc." 



^ Eine Gattung Elcmentargeister. 

^ Wohl zu merken. Er <und jedes Lösungsmittel) wird audi menstruum 



genannt. 

Imago ni/1 



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50 Herbert Silberer 



Und es wird weiter von der Erzeugung und Verbesserung 
der Metalle gesprodien. 

Ein interessanter Zug ist es, daß der nidit natürlidi aufge^ 
blühte Samen monströse Wesen entstehen läßt, namentlidi soldie 
von übermensdilidien Fähigkeiten. In der Mythologie hat man viele 
soldier Fälle,- idi erinnere an den sdilangenfüßigen Eridithonios 
<motivisdi = Moses im Kästdien etc.), an die Giganten, die aus 
dem <spermatisdien> Blut des entmannten Uranos erwadisen und an 
den Riesen Orion^Urion. In den Stucken sdien Gleidiungen ist 
Onans Same <fallengelassener Same) = durdi Parthenogenesis ge- 
bornes Kind <der mythologisdien Beispiele bieten sidi wohl zur 
Genüge!) und ist, nadi versdiiedenen Riditungen, weiter = Gold 
<Aldiemie!) = Soma <^X'issenstrank, Kostbarkeit etc.) = der Zer- 
stüAelte, dessen Wiederbelebung <PaIingenesie) = Geburt des her^ 
vorragenden Helden =^ Inzestgeburt. Parthenogenesis ist audi = Ehe 
von oterblidien und Unsterblidien. In die Linie unserer »Monstra« 
fallen also motivisdi z. B. audi die Riesen der berühmten BibeU 
stelle 1. Mose 6. 2 — 4: »Da sahen die Kinder Gottes (Engel) nadi 
den Töditern der Mensdien, wie sie sdiön waren, und nahmen zu 
Weibern, weldie sie wollten ... Es waren audi zu den Zeiten 
Tyrannen auf Erden,- denn da die Kinder Gottes zu den Töditern 
der Mensdien eingingen, und sie ihnen Kinder gebaren, wurden 
daraus Gewaltige in der Welt und berühmte Männer.« Aus dem 
Budi Henodi ist nodi mehr über die übermensdilidien Fähigkeiten 
dieser Gewaltigen zu erfahren, zu denen sidi die »Riesen« und 
»Wunderleut« des Paracelsus sehr gut in Parallele setzen lassen. 
Daß aus dem nidit natürlidi verwendeten Samen Monstra erblühen, 
mag psydiologisdi auf Sdiuld^ oder Angstgefühlen beruhen, die mit 
Onanie, Inzestphantasien u. dgl. zusammenhängen, freilidi unter 
Vermittlung sdion anderweitig gebildeter Dämonenvorstellungen/ 
audi Feld-<Fruditbarkeits-)zauDer mag in das Motiv des fallen^ 

?[elassenen Samens hineinspielen, was abermals zu den Dämonen 
ührt. Nidit ganz von der Hand zu weisen ist endlidi die Möglidi* 
keit, daß man sidi reale Mißgeburten durdi irgendein »Fallenlassen« 
<BiId der Defektuosität) des Samens zu erklären sudite. 

An die Palingenesie in der Form wie wir sie bei Paracelsus 
fanden, glaubten vor und nadi ihm zahlreidie Forsdier. Der naive 
Eckartshausen S der alles für bare Münze nimmt und von der 
Möglidikeit der Palingenesie überzeugt ist, sowie Kiesewetter- 
führen eine Menge Autoren an. Abu Bekr al Rasi <der »Rases« 
der Aldiemisten, neuntes bis zehntes Jahrhundert) und Albertus 
Magnus sollen sidi mit Palingenesie abgegeben haben. Athana^ 
sius Kircher beriditet^ er habe im Jahre 1657 das Wiederauf- 

' A. a. O., p. 385—405. 

- Aufsatz »Die Palingenesie« im VIII. Band der von Hübbe^Schlcidcn 
herausgegebenen »Sphinxe^ Gera 1889. 

^ »Mundus subterraneus« XII sect 4. 



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Der Homunculus 51 



leben einer Rose aus ihrer Asche hohen Herrschaften praktisch vor- 
geführt. Kenelm Digby (siebzehntes Jahrhundert) will in der 
gleichen Weise wie es Paracelsus von dem Vogel beschrieb, Krebse 
wieder rekonstruiert haben. William Maxwell (siebzehntes Jahr- 
hundert) ist der Ansicht, daß die Palingenesie nicht allein mit 
Pflanzen, sondern auch mit Menschen gelingen müßtet Van der 
Becke^ meint, man könne mit der Asche seiner Ahnen eine er- 
laubte Nekromantie betreiben. Manche Autoren meinten aus der 
Asche einer in Verwesung übergegangenen Kindesleiche in einem 
Glasgefäß die Gestalt des Kindes erscheinen lassen zu können. 

Die Berichte über palingenetische Experimente stimmen ge- 
wöhnlich darin überein, daß die im Glas erscheinende Gestalt, sei 
es überhaupt, sei es wenigstens anfangs, schattenhaft ist, um sich 
nach und nach zu kräftigen. Der Hinweis auf die Nekromantie 
kommt uns sehr zu statten, um dies einzusehen. Zuerst ist bloß 
die Idea oder die ätherische Gestalt des betreffenden Wesens da und 
zieht nach und nach die dichteren, irdischen Stoffe an sich. Man er- 
innere sich der Worte des Simon Magus. Man denke auch daran, 
wie sich im elften Gesang der Odyssee die Schatten durch Trinken 
von Blut stärken,- und an die ähnlichen Stellen anderer alter Dichter. 
Nach H. C. Agrippa^ der an Virgil, die Neuplatoniker etc. an- 
knüpft, bildet die unreine Menschenseele, die in diesem Leben allzu- 
sehr dem Körperlichen anhing, . . . aus den Dünsten der Elemente 
sich einen anderen Körper, indem sie aus solcher bildsamen 
Materie wie durch einen Atemzug^ einen Schattenkörper annimmt, 
der nun ... ihr sinnliches Organ ist, etc. 

Das Blut ist Lebensträger und hat auch spermatischen Wert. 
So entnimmt sich z. B. in einer afrikanischen Mythe ^ eine unfrucht* 
bare Frau einen Blutstropfen, verschließt ihn auf neun Monate in 
einen Topf und findet dann in diesem ein Kind. 

Zeugung und Verdauung hängen merkwürdig zusammen in 
der paracelsischen Schrift »De Homunculis« (Baseler 4^^Ausg. von 
M.D.XCI, Bd. IX, p. 3n— 321, Straßburg fol. M.DC.XVI, Bd. II, 
p. 278fF.>, die offenbar die Möglichkeit einer monströsen Befruch^ 
tung durch Mund und Anus vertritt, wie man sogleich sehen wird: 

„ . . . Tlun tDeiter begibt ftcb/ba^ auf) ®obomitifcf)er IHutcatll 
biefelbigen 2nf\\ö)cn ^ ©obomiten offfmalö / auj)ocrfd^ütten Sperma auff== 
flaubcn/pnb toiber cingieffcn" in Matricem, bas toetter }\x feutf4)en 

^ »Medicina magnctica«, Hedelbcrg 1679, cap. 5 und 20. 
- »Expcrimcnta et meditationes circa naturalium rcrum principia.« Ham- 
burg 1683, Vidc p. 310, 318. 

» Occ. Philos.. III, cap. XU. 

* »Quasi haustu quodam.« Man erinnere siA des von Clemens Romanus 
gebrauchten Bildes vom saugenden Schröpfkopf. 

* Leo Frobenius, »Das Zeitalter des Sonnengottes« (I. Bd.), Berlin 
1904, p. 237. 

^ Von luxus = Geilheit, Üppigkeit. 
^ Receptio per os? 



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52 Herbert Silberer 



nic^t notl) ift. Tlun merrfen auff bas I nad) bem onb es bin^in f ompt / 
bemnocf) erzeigt es ficf). Tlimptö bie Matrix an/fo roirb etoas barauj): 
TDo nic()t / fo toirb nic^fö barauf) / pcrfault o^n ein ©etpäcf)6 / rcfoloiert 
\\d) felbö ipibcr ()inu)eg. ©as tDiffcn aber/roas nict)t in ber Matrix 
empfangen ift bnxdf bie Tlatürlic^en ipercfen ba5 ift ab ?um Monstro 
onb 7HiffgetDe4)ö geneigte löaö aud) ben £ufft berü()rt/onb mieipol 
loiber binein / ift aber fein (Saamen mehr / fonber ein Materia Homun- 
culi. Älfo iDiffen auc^/baf) in ber Stercoribus Humanis oieleriep 
Sbier gefunben n^erben onb felttjam Jlrt/bie ba fommen oon ben 
©obomiten^ oon toelc^en Paulus fc^reibet / onb fie nennt Knabenfc^em 
ber/toiber bie 9iömer/etc. Tlun ift ba^ war wo nic^t ber Jluf)gang 
ber Stercorum ba toerenb täglich baj) oiel tounberbarlicbö ba geboren 
toürb / baj) ein erfc^rerfen folt fein ber gantjen TOelt, ®o aber bie bing 
auffgetrieben toerben onb toeren in ein Digeftion fommen /toie fiicb 
bann tDoI begeben mag / fo bleibts nicbt obn ein ©etDed)6* <£& ift offt 
gemeint toorben/baf) in b^imlicf)en ©emacben / ctioan finb £ied)ter/ 
5lmpeln/etc. erfd)inen / mitten im Kotf) ftebenb/etc. 'Darauf) etliche 
oermeint / Seelen ba }n fein ober bergleicben- Jlnber aud) auff folc^eö 
anzeigen oermeinet / bie fobomitifc^e ®ünb alfo ^uoerfünben oon' lllenfcben 
(Saamen / ber alfo mit ben Stercoribus fep auf)gangen^ 5)ber nein / es 
ift fein THenfd) auf)gefcf)ütt toorben: 1)a$ ift aber toa()r/baf) an ben 
Orten oielleicbt onb ift and) alfo/baf) bie Ouren jbre Kinber in ber 
©eburt binein geujorffen / unb alfo tobten bamit onb es nicbt an Sag 
fomm: ®oIcber Kinber 55Iut fcbrepet auff ju ©ott/?u gleicber loeif) 
toie ein gemorbter Iftlann oergraben onb juberft burcb baj) ©rab auj)= 
blutt / fo ber THörber ba ift. IRIfo fold) fiiecbter aud) erfcbeinen mögen / 
bietoeii ba& ^(ut in bem Kotb onb Xieffe nicbt mag gefeben toerben* 
Darauff nun fo toiffen oon ben bingen / baf) fie mannigfaltig oon ben 
®obomiten gebrau(bt toerben /ba^ fcbanben l^alhcn nicbt ^ufcbreiben ift 
nocb jn entbecfen / fonbern nacb ber für^j fürgebalten: l)en oerffenbigen 
aber genug / barburcb fie tool mögen oerfteben/fo folcb bing nicbt nacb 
ber Tlatur^ gefcbeben onb jbr Orbnung/bad nicbts ift bann (Sobomiten 
Ärbept / auj) toelcben fofcbe ongebürIi(| bing toacbfen unb entfpringen / 
onb in fo oiel löeg onb Soxm gebraucbt / baj) bie Monstra onb Ho- 
munculi nicbt all mögen befcbrieben toerben / fonbern nacb bcx fürfjj 
er^eblet / onb fürgebalten / folcb fiafter }u oermeiben / onb bie juerfennen / 
fo bamit ombgebnb: aucb toae Oungfratofcbafft fep/toae S^aw fep/ 
onb toaö bie nicbt fepen/bas ift u^ae ©obomiten feinb. 

Tlun nacbbem onb icb aucb angezeigt böt/baj) bie ^^ratoen ficb 
felbft mit bem Omaginiren aucb babin bringen /baj) fie anberft ge:' 
baren bann es fein foIM: TXJae aber im felbigen gefcbicbt / bae ift 
alles ©efeelt/onb nicbt obne (5eeI/ob fie fcbon faft böj) 3maginiren / 

1 Dieser Gedanke ist schon vorhin ausgedrückt worden. 

' Also Befruchtung des Kotes per anum. 

^ Immer die Betonung des Natürlichen. 

^ Die Imagination hat Einfluß auf die Gestaltung des Kindes etc. 



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Der Homunculus 53 



ünb pngefc^Iac^t. Jlber tpeitcr fo tpiffen auc^ oon bem Spermate bcr 
X^ieren/baf) fie offt mab ®obomiren / biefelbigen an Tllannen ftott^ 
gebrauchen: ©arauf) bann fonberIic() Monstra geboren merben/bie ba 
in ber ^^rm onb ©eftalt gleich (eben benfelbigen Sf)ieren: IRlfo auc^ 
mit ben THannen- "Daroon ift ni<^t piel jufcf)reiben / bann barumb Uh 
i4)$ ba^er/baf) bie Monstra lOeiffagung finb/fo fie allein pon ben 
rechten ®aamen b^^P^fM / bej) THannes onb ber ^^atpen: Töo aber 
ba^ nic|)t fein tpürbe/fo tpürbe an bem Ort foIcf)6 auct) nid)t fein: 'Das 
ift/fo folcbe Monstra auf) ®obomittfcf)er Orbnung fommen/fo ift es 
ein ©obomitifc^ ©emec^s / fein THenf^/ein Xbier: fein Xier auc^ 
nic^t/fonbern in alle u)eg ein TIliffgetDe4)5 / bas erfcf)rerflic^ ift nor ben THen^ 
[4>en an?ufe()en / onb ein (£jfempel / baf) a>ir barburc^ follen ertennen/bie arg 
unb läfterlidb ^o^Db^ltung / toiber bie Orbnung ber Tlatur: 'XJnb oer:: 
febenb eucf) bej) nur eben baf) ba ein ®obomitifc(> Tßefen gebraucht 
ift ©orben. 'J)ergleic()en auä) fo roiffen / baf) bie ®obomiten folcf) Sperma 
in bas Ttlani^ fallen laffen/etc. onb alfo offtmalö in THagen fompt/ 
gleich alö in bie Matricem, ab bann fo me4)f)t im 'JHagen auc^ ein 
©en)ect)6 barauf) / Homunculus ober Monstrum, ober roas bergleic^en 
ift / barauj) bann oiel entftebet / onnb fel^am Krantb^iten fict) erjeigen / 
biß jum legten aufjbric^t. T3nb ift gleich als einer ber ßepc^ oon 
5rofc^en/etc. trincfe onb baf) fie in j'bm wüö)\cn: Älfo iftd and) mit 
biefem/fo anberft bie Tlatur folc^en bingen nicf)t für!ommet onb ab= 
toenbet onb oer^ebret^ (Solct)e bing all finb barumb erjel)let baf) bie 
oermeinten Oungframen^ auc^ bie £u?ifcf)en Tüeiber / auc^ bie ®obo^ 
miten/in bie ©omorrifct>e ®ünben fallen /onb fic^ alfo beluftigen in 
folct)er T3ppig!eit / in toelc^er 55elüftigung folct> 5lrg onb TJbeb auff^ 
ftebt /bas id) bod^ bie ?um menigften erjeblt ^ab. Qebod) aber oon 
wegen bej? groben T3beb / nicf)t notb me^r onterric^t }\x geben* Tüill 
biemit ein jegli4)en genugfam onterricfjt ()aben / bie ba ber Tlatur ^Diener 
finb / baf) fie auc^ in ber Tlatur Orbnung ioif)en jumanblen : T3nb bae 
bie (Einfältigen barju gecoiefen werben /auff ba^ fie }u bem/bae fie 
bann feinb eplenb / onnb bal) bae oon jbn geboren toerb / baf) fie 
feinb/onb bas nic^t oer^alten nac^ oerfc^ütten/no^) oiel toeniger ju 
fiafter gebrauchen onb ju T3ppigteit. T3nb obö fcbon gleicf) groffe Per- 
fönen tbeten / ©ele()rt / ©etoaltig fo i)aU^ für (Sobomitifcf) / ober bie 
®cf)u>ebel onb Pect) ge()ört/' 

Es sei hier daran erinnert, daß versdiiedene Saeen den Ur* 
Sprung der Mensdien aus dem Kot oder verwandten Materien er^ 
zählen. So z. B. eine australisdie Sage, welche beriditet: Ningorope 
<oder Mingarope) bemerkte voller Freude in der Abtrittsgrube ihren 

* Es hat den Anschein, als wurde hier auf die Sodomie im heutigen Sinn 
dieses Wortes übergegangen. 

* Hier werden also die vermeintlidien Folgen der irrumatio behandelt. Die 
Befruditung durA den Mund ist ja audi eine primitive Zeugungstheorie, die in 
Mythen außerordentÜA häufig vorkommt. 

' Der Autor will offenbar ausdrüAen, daß zur Jungfernschaft cigcntlidi 
mehr gehört als das unverletzte Hymen. Die Stelle läßt erraten, wie man sidi 
half, um zu genießen und dodi die kostbare Jungfernsdiaft zu bewahren. 



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54 Herbert Stlbcrer 



Kot und errötete lieblich/ sie formte ihn zu einer mensdilidien Ge^ 
stalt, die, als die Göttin sie berührte <kitzelte>, lebendige Bewegung 
annahm und zu ladien anfingt Dodi kehren wir zum nomunculus 
der Aldiemisten zurüd\! 

Khunrath (sedizehntes bis siebzehntes Jahrhundert), ein tief^ 
ernster Meister der Hermetisdien Kunst, warnt ^ vor den Char^ 
latanen, die sidi mit der Herstellung des Homunculus befassen: 
»Hastu didi durdi ihr großspredien lassen herbey bringen, daß sie 
dir aus Urin eines 7. 8. 9. und 10* jährigen Knäbleins und Magd* 
leins, so nur mit weissem Brot und Wein dieselbe Zeit durdi, biß 
du den Urin colligirest, ernehrt worden, und dem besten weissen 
Wein, Homunculum Philosophorum, dadurdi du, ihrem Vorgeben 
nadi, zu aller Künste Erkänntnuß und Verständnuß kommen sollest, 
madien wollen und sollen, der mit arcano Sanguinis humani, mit 
Rosenwasser und gutem Wein eingemadit, auß einem silbern 
Löffelein, wie sie lügen, künstlidi müsse gespeiset, und alsdann, 
wann er, zu seiner Zeit, ein sdireylein thut, auß dem Glase gar 
subtil genommen werden, damit er nidit wider hinunterfalle und er- 
trinke, audi straAs biß auff die Beinlein in seinem Erst^materiali* 
sdiem Wasser verwese: Hastu du didi lassen hinanbringen, sag idi, 
so gib ja wohl Aditung darauff, daß sie dir mit Helffant^Beine 
(Elfenbein) kleine, Menschenbeiner Gestalt nadi, Contrafectisdie ge* 
drehete Beinlein ins Glas partiren, und didi Lappen überreden, Ho^ 
munculus sey vorhanden gewest, jedodi aus Versäumnuß um* 
kommen,- darvon die Beinlein nodi übrig, weldie seine praesentiam 
genugsam bezeugeten. Es ist lädierlidi, daß sie fürgeben, es soll ein 
kleines Männleyn sevn, nur einer Hand hodi,- gehe gemeiniglidi in 
einem sammeten Sdilaffbeltzlein/ sdilaffe gern in einem Zelt^Betriein 
mit Vorhängen alleine/ sitze mit zu Tisdie auff einem mit rothem 
Sammet überzogenem Stülgen,- und beweise im Werd<, daß es sey 
ein Sohn der Weisen: Und was der sdiändlidien Lügen mehr seyn.« 

Mißverständlidie Auslegung der allegorisdien Anleitungen zur 
Bereitung des Steins der Weisen ließ die seltsamsten Verirrungen 
aufkommen. Man sudite die riditige Materie in den Haaren, dem 
Speidiel, dem Blute, dem Sperma, dem Kote etc. Die sidi zu den 
beiden letzten Annahmen bekannten, heißen Seminalisten und Ster*^ 
coristen. Soldie Käuze gab es, beiläufig bemerkt, vereinzelt nodi im 
neunzehnten Jahrhundert. Im aditzehnten Jahrhundert sdieinen sie 
eine rege Tätigkeit entfaltet zu haben* Magie und Aldiemie waren 
damals stark in Mode,- namentlidi wurden auf dem Weg der Gold- 
und Rosenkreuzerei — wovon später nodi gesprodien werden soll 
— hodi ansehnlidie Kreise in die kritikloseste odiwärmerei hinein* 
gezogen. 

* Bourkc'Krauss^Ilim, >Dcr Unrat in Sitte, Brauch, Glauben und Ge« 
wohnheitsredit der Völker.« Leipzig 1913, p. 238 und 241. 

^ In einer Sdirift vom HylealisAen Chaos. Cit. Höhler a. a. O., 
p. 139, 161. 



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Der Homunculus 55 



Gustav Brabbec, ein verdienter maurerischer Schriftsteller, der 
im Auffinden geschichtlicher Kuriositäten namentlich aus österreichischen 
Quellen, eine überaus glückliche Hand bewies, gedenkt in seinen Schriften 
auch öfters der Alchemisten. »Wie man heutzutage,* so schreibt erS *in 
Baum* und Schafwolle, in Staatspapieren und wohl auch in Knoppern, 
Galläpfeln und ähnlichen Dingen ,macht', so ,machte' man zur Zeit Maria 
Theresias und Josephs in Magie, Theosophie, in Kabbala und zumal in 
— Alchymie. Sie vor allem war die epidemisch grassierende Krankheit 
jener Epoche: alle Welt laborierte am — Laborieren, jeder Tor suchte 
den Stein der Weisen.« Brabbee erwähnt mehrere AlchemistengeselU 
Schäften in Wien. Eine davon ist 1782—1783 nachzuweisen. Sie legte 
sich den pomphaften Namen der »hohen, weisen, edlen und fürtrefFlichen 
Ritter vom Sternschnuppen« bei und arbeitete mit der sogenannten 
»Sternschnuppensubstanz«/ der Glaube, daß die Sternschnuppe, der 
Sternenschleim, zum subjectum, d. i. zum Ausgangsstoff für das große 
Werk, tauge, war damals unter Alchemisten ziemlich verbreitet/ man 
glaubte solchen Sternenschleim dort auflesen zu können, wo ein Meteor 
vorbeigeflogen war. Die Materie, die man dann nach langem Suchen 
wirklich fand, dürfte die bei feuchter Witterung plötzlich wachsende gallertig 
artige Pflanze Nostoc gewesen sein, die freilich mit dem sich schneuzen* 
den Stern gar nichts zu tun hatte. Man war zu der seltsamen Idee 
wahrscheinlich dadurch verleitet worden, daß die prima materia in alche* 
mistischen Schriften <wohl symbolisch) als *sputum Lunae« und »sperma 
astrale* bezeichnet wird-. Doch ich wollte eigentlich von einer anderen, 
der gleichen Zeit angehörenden Wiener Alchemisten gesellschaft sprechen. 

Es ist unbegreiflich, wie diese Gesellschaft <Brabbee, S. R., p. 182 f.> 
fast zwei Jahre lang ihr lichtscheues, verbrecherisches Treiben fort-^ 
setzen konnte, ohne von der strafenden Hand der Gerechtigkeit ereilt 
zu werden. »Als man endlich genügende Anhaltspunkte gefunden hatte, 
die ein strenges behördliches Einschreiten vollkommen gerechtfertigt er* 
scheinen ließen, war es zu spät, die Mitglieder dieser abominablen 
Adepten-Gesellschaft waren rechtzeitig gewarnt worden, und plötzlich, 
wie vom Winde zerstoben, in fast gespenstiger Weise verschwunden, so 
daß man niemandes habhaft werden konnte, als eines uralten, dem An^* 
scheine nach halb blödsinnigen Hauswarts, dem keine irgendwie maß- 
gebende Aussage zu erpressen war, und der nach lange andauernder 
Untersuchungshaft wieder freigelassen werden mußte. Doch aber war man 
im Verlaufe der gerichtlichen Prozedur zur moraliscfien Überzeugung ge- 
langt, daß die Mehrzahl dieser Mitglieder jenen schändlichen Alchymisten- 
Sekten angehörte, die man gewohnt war, mit dem Namen der Sterko- 
ristcn, Seminalisten und Sanguinisten zu bezeichnen. Auf dem Grund- 
satz fußend: *Der Mensch als Mikrokosmos berge in sich die Keime zu 
dem Edelsten, was die Welt hervorbringen könne: Gold — und kein 
Kolben und keine Retorte sei so kräftig, als der menschliche Magen, bei 
dem es nur darauf ankäme, ihm lauter edle Dinge zur Destillation zu 
geben, um das edelste Produkt zutage zu fördern« — hatte man eine 
Anzahl feiler Individuen beiderlei Geschlechts verlockt, sich mit den nahr- 
haftesten und feinsten Speisen und feurigsten Weinen füttern und tränken 
zu lassen, sie dagegen aber verpflichtet, die Produkte ihres Stoffwechsels 
beiderlei N atur an einem ihnen zu diesen Behufe angewiesenen Ort zu 

* »Sub Rosac, Wien 1879, p. 180. 

* Auch hier der Gedanke eines spermatischen Sekretes. 



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56 Herbert Silberer 



deponieren, wo selbe durdi einige Famulos der GcscÜGcfiaft von Zeit zu 
Zeit geholt und an die hiezu bestellten Laboranten abgeliefert wurden, 
um dann eine Unzahl der aberwitzigsten und verwickeltsten diemisdien 
Prozesse durchzumadien/ man hatte ferner, als ob es an den angedeuteten 
argen Obszönitäten noch nicht genug gewesen wäre, sich in Manipula-r 
tionen eingelassen, wodurdi der Name eines hochgestellten Offiziers in 
ganz unglaublichem Grade bemakelt ersdiien,- der Unselige, ein Mitglied 
dieser Gesellschaft, soll über Geheiß seiner geheimnisvollen Oberen eine 
Anzahl seiner ihm untergebenen Soldaten gedungen haben, gegen bare 
Bezahlung, das zu liefern, *was — — — —«, weil man audi darin 
die primam materiam aufzufinden verhofFte! Es verlautet weiter, daß 
dieser Vampyr seine Opfer so lange und so schonungslos ausgenützt 
habe, bis »sie ganz schwach und hinfällig wurden, wovon anfangs der 
Regimentsarzt die Ursadie nidit entdecken konnte, bis ihm das Geständnis 
eines Mannes, der dabei war, die Augen öffnete*, worauf die Sache »im 
Interesse der Disziplin vertuscht wurde«/ man hatte endlich gewichtige 
Anzeichen aufgefunden, daß, um den gedachten Gräueln die Krone auf-^ 
zusetzen, jene saubere Gesellsdiaft sich nidit damit begnüge, urina 
puerorum und ähnliche Substanzen zur Anfertigung der philosophischen 
Tinktur, des *Aesdi majim«, oder * feurigen Wassers« und »wässrigen 
Feuers* zu verwenden, sondern hiezu auch mensdilichen Blutes bedürfe 
— es war in der Nähe des Gebäudes, worin sie monatlich wenigstens 
einmal ihre verstohlenen Zusammenkünfte abzuhalten pflegte ... an einem 
kalten Novembermorgen ein mit dem Tode ringendes junges Weib auf^^ 
gefunden worden, deren Adern an Händen und Füßen man geöffnet 
hatte, und das infolge des erlittenen Blutverlustes binnen einer Stunde 
an Schwäche vergehend, nicht mehr die Kraft besaß, Aussagen zu machen, 
sondern nur noch mit Hand und Blick auf diese unheilvolle Behausung 
zu deuten vermochte — von alledem hatte sich, wie erwähnt das Unter« 
suchungsgericht die moralische Gewißheit zu verschaffen gewußt, aber der 
gesetzlich unerläßliche Beweis konnte nicht erbracht werden, die Sache gc* 
riet ins Stod^en und verrann endlidi, ohne zu irgendwelchem Ergebnisse 
geführt zu haben, spurlos im Sande!« 

So wie die traurigen Helden dieser Beispiele durdi eine be- 
schränkte Auslegung der aldiemistisdien Bilderreden mißleitet wurden, 
mag, wie gesagt, zum Teil ähnliches für die Homunkelfabrikation 
gelten. Dies scheint die Ansicht des großen Chemikers und Chemie- 
historikers Marcellin Berthelot zu sein. Er führt^ eine alte 
allegorische Darstellung des Prozesses der Goldbereitung an, die 
z. B. bei Zosimos und anderen vorkommt,- es handelt sidi dabei 
um einen ehernen Mann, der durch Eintauchen in ein Wasser zu 
einem Silbermann und sAließlich zu einem Goldmann wird. Und 
er fügt an; »Rappeions encore ces allegories, oü les metaux sont 
representes comme des personnes, des hommes: c'est lä probable^ 
ment Torigine de Thomunculus du moyen äge,- la notion de la 
puissance creatrice des metaux et de celle de la vie s'etant con=^ 
Fondues dans un meme symbole.« 

Eine verführerisdie Stelle kommt z. B. auch in der einen 



^ Marcellin Berthe lot, »Lcs Origines de TAldiimie«, Paris 1885, p. 60. 



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Der Honiunculus 57 



»TurbaPhilosophorum« Wor: i>Bonellus inquit: Sciendum est omnes 
discipuli, quod ex electis nihil fit utile absque conjunctione, ® 
regimine, eo quod sperma ex sanguine generatur ® libidine. Viro 
namque mulieri imminente, uteri humore sperma nutritur ^ san- 
guine humectante, et caliditate, peractis vero 40 noctibus sperma 
formatur. Si enim humiditas sanguinis ® uteri calor non esset, 
sperma non maneret nee foetus perageretur. Deus autem illum 
sanguinem et calorem ad nutriendum sperma constituit, quousque 
extrahas ipsum ad libitum. Foetus autem extractus non nisi lacte 
nutritur ^ igne, parce et paulatim, dum pulvis est, et quanto 
magis exurit, tanto ossibus confortatis in juventutem ducitur in 
quam perveniens sibi sufficit. Sic ergo oportet te in hac arte facere. 
Et scitote quod absque calore nihil unquam generatur, ® quod 
balneum calore intenso perire facit. Si vero sit frigidum fugat, sin 
autem temperatum sit, corpori conveniens ® suave fit, quare venae 
leves fiunt ® et caro augmentatur. Ecce vobis demonstratum est 
Omnibus discipulis, intelligite igitur, ^ in omnibus quae regere 
conamini timete Deum.« Damit glaube idi eine für die Homunculus^ 
phantasie widitige Stelle angegeben zu haben. 

Von den beiden Büdiern, die »Turba Philosophorum« heißen, 
wird diese als die ältere betraditet,- beide werden von Autoren des 
fünfzehnten Jahrhunderts erwähnt, und es wird <was allerdings 
wenig besagen will) die erste davon nodx ausdrüd^lidi als eine alte 
Quelle hingestellt. 

Mißdeutungen mögen audi zu Sagen, wie der folgenden, An^ 
laß gegeben haben, in der man wieder die Idee von der Fruditbar- 
keit des Mistes findet: 

Theophrastus, der große Wunderdoktor (offenbar Paracelsus), 
weldier in der ganzen Welt herumreiste, hatte einen Teufel in 
einem Glase, mit dessen Hilfe er die größten Taten verriditete. 
Der Teufel hatte ihn alle Kräuter und Blumen kennen gelehrt, wor^ 
aus man Arznei bereitet. Nun madite Theophrastus, wie der Herr 
Christus im Evangelium, Blinde sehend, Taube hörend. Lahme 
gehend. Aussätzige rein usw. — aber nur durdi die sdiwarze Kunst. 
So sehr ihn audi die Kranken suditen, um geheilt zu werden, so 
fürditeten sie sidi dodi audi vor ihm, weil er es mit den Höllen^ 
geistern hielt. Bei Kaisern und Königen aber stand er in großer 
Gunst, weil er sie nidit nur gesund madite sondern ihnen audi ihr 
Reidi stützen und sdiirmen half,- denn er braudite nur das Glas 
ein wenig zu öffnen, so sagte ihm der Teufel immer, was zu tun 
sei. Zuletzt aber ist es ihm sdiledit ergangen. Als er sdion alt war 
und sidi vor dem Tod fürditete, gab ihm sein Teufel den Rat: er 
solle sidi in kleine StüAe zerhauen, in Roßmist begraben und 
nadi Jahr und Tag gewinnen lassen,- dann werde er wieder ein 



* »Theatrum Chemicum«, Vol. V, Argentorati M.DC.LX. Turba, Scrmo 
LX, p. 45. 



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68 Herbert Silberer 



Jüngling sein. So ließ er sidi denn durA seinen treuen Diener zer- 
hauen und begraben. Dieser aber konnte die Zeit vor Ungeduld 
nidit abwarten/ den vorletzten Tag öffnete er vorwitzig die Grube,- 
und es lag Theophrastus da lebendig, ein sdiöner Jüngling/ nur der 
Kopfded^el war nodi nidit ganz zugewadisen. Nun aber kam ihm 
die Luft ins Gehirn und er mußte sterben. Sonst hätte er wieder 
alt und mit Hilfe des Teufels und eines treuen und nidit vor^ 
witzigen Dieners immer und immer wieder jung werden können^. 

Hier haben wir also audi die Idee des in ein Glas gebannten 
Geistes ^ weldie zur Homunculusphantasie gleidifalls einen Beitrag 
geliefert haben mag. Mit der Zeit wurde im Volksglauben zum 
Teufel, was ursprünglidi ein einfadier Spiritus familiaris gewesen 
sein wird. Dem Homunculus werden ja jene Tugenden zuge- 
sArieben, die einen dienstbaren Dämon zu einer hodibegehrten 
Sadie maditen, um derentwillen sidi so mandier in der Magie ver^ 
sudite, modite sie nodi so sdiwarze »Nigromantie« ^ sein — rettete 
man dodi sein Seelenheil durdi die bei den Besdiwörungen aus^ 
giebig gebrauditen Namen Gottes. 

Den Glauben an den Teufel im Glas illustriert ein gelungenes, 
von G. C. Horst mitgeteiltes Faktum: Als der bayrisdie Geist* 
lidie Adam Tanner, der den Hexenriditern größere Vorsidit und 
bessere Beweise predigte, 1632 in Tirol starb, verweigerte man ihm 
ein diristlidies Begräbnis, weil man bei ihm einen haarigen Teufel 
in einem Glase fand. Später stellte sidi allerdings heraus, daß der 
vermeintlidie Teufel ein Floh war, den Tanner in einem Mikroskop 
aufbewahrt hatte. 

Im Jahre 1851 ist in Mündien von dem Definitor Prov. Pater 
Franz Xaver Lohbauer das Rituale ecclesiasticum ad usum Cleri^ 
corum ord. S. Francisci ref. Prof. Antoniano Bavaricae herausge^ 
geben worden. Aus diesem Rituale hat Dr. Andreas Gassner zu 
Salzburg in seinem »Handbudi der Pastoraltheologie« einen Aus^ 
zug geliefert und ein Kapitel über Besessenheit 1869 nodi besonders 
ediert ^ Zu den Besessenen im weiteren Sinn werden darin audi die^ 
jenigen geredinet, »deren Häuser oder Gemädier von diabolisdien 
Ersdieinungen geplagt sind,« sowie ferner diejenigen, »qui Daemoni 
se subscripserunt, vel eum in vitro aut alio vase inclusum 
detinent, et ab eo, ut vellent, liberari negueunt, item, qui habent 
spiritum incubum vel succubum«. Es wircl also vorausgesetzt, daß 
sidi Leute Teufel in Flasdien halten. 

In den Kinder^ und Hausmärdien <Grimm> heißt Nr. 99 
»Der Geist im Glas«. Der Sohn des Holzhauers, der auf der hohen 



* Dr. Friedrich Müller, »Siebenbürgisdie Sagenc. 2. Aufl. Hermann* 
Stadt und Wien 1885, p. 117 f. 

* Oder sollte es am Ende bloß ein Laubfrosdi gewesen sein? 
' Verderbt aus Nekromantie. 

* Soldan-Hcppe, »Gesdiidite der Hexenprozesse«, Stuttgart 1880, 
II. Bd., p. 343. 



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OrfgfrTaffrom 
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Der Homunculus 59 



Schule gelernt hat, dann aber, weil die nötigen Mittel fehlten, die 
Studien aufgeben und heimkehren hat müssen zur Holzhackerarbeit, 
hört, vor einem Baum stehend, eine dumpfe Stimme: Laß midi 
heraus! Nadi einigem Sudien entdeAt der Sdiüler unter den 
Wurzeln des Baumes eine Glasflasdie. Er hebt sie ans Lidit und 
sieht darin »ein Ding, gleidi einem Frosdi gestaltet, das sprang 
darin auf und nieder«. Der SdiüIer öffnet das Glas, dem ein 
fürditerlidier Geist entfährt, der sidi Mercurius^ nennt und seinem 
Befreier das GeniA bredien will. Dieser überlistet den Geist und 
erhält von ihm eine Wundermedizin und weiße Tinktur, Eine andere 
Version teilt der dritte Band Grimm mit,- da befreit Paracelsus 
den Geist, wird von ihm bedroht, überlistet ihn und bekommt die 
wertvollen Dinge, mit denen er dann seine Wunderkuren verriditet. 

Wenn audi die Vorstellung des Gebundenseins von Geistern 
an bestimmte Orte sidi als etwas sehr Natürlidies überall selb^ 
ständig entwiAelt hat, so wird dodi die Idee des Einsdiließens in 
ein Gefäß — also jene engere Vorstellung, die in die Konzeption 
der Homunkelphantasie eingegangen sein mag — hauptsädilidi dem 
morgenländisdien Aberglauben entstammen, der mit dem gelehrten 
Zauberwesen im Mittelalter in den Westen herüberkam. Idi er^ 
innere in diesem Zusammenhang an die Märdien der 1001 Nädite, 
worin mehrmals von Geistern die Rede ist, die in Gefäße einge^ 
sdilossen sind,- als der sie eingesdilossen hat, wird meistens der Erz^ 
Zauberer König Salomo genannt. Wohlbekannt ist die Gesdiiditc 
von dem Fisdier und dem Geist/ insbesondere madie idi aber auf 
das Märdien von der Messingstadt aufmerksam. Im letzteren wird 
geradezu eine Expedition ausgerüstet, um soldie Flasdien mit 
Geistern herbeizuschaffen. 

Khunrath <Hyl. Gh.) klagt: »Etlidie verzweiffeite Buben 
unterstunden sidi einsmahls den Teuffei, als einen Laboranten, zum 
QueAsilber und Gold in Glaß zu bannen, dieselben also zu dispo* 
nieren, anzuordnen und zu qualificieren, daß Lapis Phil, darauß 
würde. Was gesdiah? auff ihre Ladung kam er,- jedodi solAer Ge* 
stalt, daß sie, ohne Zweiffei nodi auß deß barmhertzigen Gottes 
milder Güte, nährlidi Zeit hatten außzureissen, sie weren sonsten 
innen worden, was der Teufel für ein Laborante ist.« 

Wie mir sdieint, hat der Homunculus audi etwas vom Alraun 
angezogen. Er hat sogar den Namen mit ihm insofern gemein, als 
seinerzeit audi der Alraun »Homunculus« genannt wurde, weldier 
AusdruA übrigens nodi einen verwandten Gegenstand bezeidinete, 
nämlidi jenes Bild aus Wadis od. dgl., das man sidi von seinem 
Feinde madite, um ihm durdi Bildzauber zu sdiaden, indem man 
der imaguncula jene Unbilden zufügte, weldie an dem Original in 
Erfüllung gehen sollten. 

Der Alraun ist bekannt als eine mensdienähnlidi gestaltete 



Ein aldiemistisdies Prinzip. 



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60 Herbert Silberer 



Zauberwurzel, die man sorgfältig aufbewahrte und von der man 
glüAlidien Einfluß erwartete. Der Name Alraun ist eigenriidi weib* 
lidi (die Alraune) und weist auf einen altgermanisdien Glauben zu- 
rück/ man hat an die Alrunen, die weisen Frauen, zu denkend 
Die weissagenden Frauen sind zauberkundig und wissen Besdieid 
in der Zubereitung von Kräutern und Wurzeln. Etwas von ihrer 
kultisdien Bedeutung, der Verehrung, die sie genossen, mag in den 
späteren kultartigen AlraunwurzelgTauben (natürlidi entstellt) über*' 
gewandert sein. Eine BrüAe für diesen Übergang zeigt sidi darin, 
daß die Alraunwurzel als ein persönlidies Wesen gedadit wurde. 
Dazu kommt natürlidi die mensdienähnlidie Gestalt der Wurzel. 
Der fertige Alraunwurzelglaube, wie er für die Homunculus-^Idee 
in Betramt kommt, enthält viele griediisdi-'Orientalisdie Elemente, 
die zum Teil audi das alte Rom passiert haben. Die zum Alraun- 
bild <Alräundien, Alruniken, Galgen*^, Gold^, Hed^e*, Erd^, HeinzeU 
männdien. Hausgeistdien etc.) verwendete Wurzel war in erster 
Linie die Mandragora. Man wird alsbald sehen, daß audi diese 
möglidie Quelle des Homunculus stark von Zeugungsgedanken 
durdisetzt ist. Betraditen wir zunädist einmal die Art, wie man die 
Alraun gewinnt. 

Wenn ein Erbdieb, der nodi reiner Jüngling ist, erhängt wird 
und das Wasser oder den Samen fallen läßt, wädist unter dem 
Galgen die breitblättrige, gelbblumige Alraun. Beim Ausgraben ädizt 
und sdireit sie so entsetzlidi, daß der Grabende davon sterben muß. 
Man soll also Freitag vor Sonnenaufgang, nadidem die Ohren mit 
Baumwolle oder Wadis verstopft sind, einen ganz sdiwarzen Hund, 
an dem kein weißes Härdien sei, mitnehmen, drei Kreuze über die 
Alraun madien und ringsherum graben, daß die Wurzel nur nodi 
an dünnen Fasern hänge, dann werden diese mit einer Sdinur an 
den Sdiwanz des Hundes gebunden, dem Hund wird ein Stüdc 
Brot gezeigt und eiligst weggelaufen. Der Hund, nadi dem Brote 
gierig, folgt und zieht die Wurzel aus, fällt aber, von ihrem ädizen^^ 
den Wehruf getroffen, tot hin. Hierauf wird die Wurzel aufgehoben, 
mit rotem Wein gewasdien, in weiß und rote Seide gewid^elt, in 
ein Kästlein gelegt, alle Freitage gebadet und alle Neumonde mit 
neuem weißen Hemdlein angetan. Fragt man sie nun, so offenbart 
sie künftige und heimlidie Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen, madit 
reidi, entfernt alle Feinde, bringt der Ehe Segen, und jedes über 
Nadit zu ihr gelegtes GeldstüA findet man frühmorgens verdoppelt, 
dodi überlade man sie nidit damit. Stirbt ihr Eigner, so erbt sie 
der jüngste Sohn, muß aber dem Vater ein Stüd^ Brot und Geld 
in seinen Sarg legen. Stirbt er vor dem Vater, so geht die Alraun 
über auf den ältesten Sohn, der aber seinen jüngsten Bruder 
ebenso mit Brot und Geld begraben soll. <Grimm, D. Mythol. 
1153 f.) 



Vgl. Grimm, D, Mythol. 1153. 



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Der Homunculus ()1 



Der Spiritus familiaris bei Grimm <D. S. 84> ist wohl mit 
dem Alraun <D. S. 83> identisch. Er wird gewöhnlidi in einem wohU 
versdilossenen Gläslein aufbewahrt. 

Die halbmensAlidie Alraunwurzel entspndit dem »mandra^ 

?;oras semihomo« bei dem Ackerbausdiriftsteller Columella <erstes 
ahrhundert) und die Gewinnung wird audi von Plinius <25. 13> 
als eine heikle Sadie gesdiildert/ man habe sidi vor konträrem Wind 
in adit zu nehmen und mit einem Sdiwert drei Kreise zu be^ 
sdireiben. Diese drei Kreise werden natürlidi später zu Kreuzen. 
Plinius untersdieidet übrigens zwei Gesdilediter der Pflanze: eine 
weiße männlidie und eine sdiwarze weiblidie Mandragora. 

Die Mandragora ist eine narkotisdie Pflanze, den Solanaceen 
zugehörig. Es gibt ihrer mehrere Arten,- im ganzen Mittelmeer^ 
gebiet ist die M. officinarum L. heimisdi. Die Früdite der Pflanze, 
Beeren, sollen nidit bloß einsAläfernd, sondern audi aphrodisisdi 
wirken,- sie werden von den Arabern genossen. Man sagt ihnen 
audi seit alters her nadi, daß sie die Frauen fruditbar madien. Die 
Dudaim des alten Testamentes, Liebesäpfel von ebendieser Eigene 
sdiaft, werden als Früdite der Mandragora aufgefaßt. Im Altertum 
verwendete man die Mandragora gerne zu Liebestränken, zu 
Zaubereien und als Sdiutzmittel. Sdion Pythagoras madite auf die 
mensdienähnlidie Gestalt der Wurzel aufmerksam. Sie wurde von 
den Alten audi als Betäubungsmittel vor Operationen gebraudit. 

Das Märdien von der gefährlidien Gewinnung der Wurzel 
findet Horst <Z. B. IV, p. 24) bei Josephus <De Bello Jud. VII. 
25) nahezu ebenso, wie sie später im Abendland umläuft. Als 
Fundort der Wurzel wird das Tal Baaras angegeben und die Pflanze 
trägt den gleidien Namen, Die Entstehung aus dem Samen des 
Gehenkten kommt dort jedodi nidit vor. 

Die Mandragoren haben nadi Dulaure im Priapskult eine 
Rolle gespielt. Audi phallisdie Amulette hießen Mandragoren, und 
zwar nodi im mittelalterlidien Frankreidi. »Das Fascinum der 
Römer . . . war bei den Franzosen einige Jahrhunderte lang üb* 
lidi . . . Sie nannten diese Amulette audi Mandragoren, nadi dem 
Namen einer Pflanze, deren Wurzelform dem männlidien Gesdiledits* 
teil ähnelte . . . Zu Ehren dieser phallisdien Amulette verriditete 
man Gebete und sagte Besdiwörungsformeln her.« 

Was hier von der Form der Wurzel gesagt wird, bedarr 
einer kleinen Erläuterung. Die fleisdiige, rübenartige, oft geteilte 
Mandragorenwurzel hat wohl von Natur aus eine gewisse Ähnlidi* 
keit mit einer mensdilidien Gestalt oder audi mit einem Gesdiledits* 
teil/ von den Leuten aber, die damit ihren einträglidien Handel 
trieben, wurde, um die Ahnlidikeit in der einen oder anderen 
Riditung zu erhöhen, künstlidi nadigeholfen. Audi hielt man sidi 
nidit streng an die im Abendland, namentlidi in den Binnenlanden, 
redit seltene Mandragora, sondern zog audi die Wurzeln von 
Allium victoriale, Bryonia u. dgl. heran. 



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62 Herbert Silberer 



In dem Journal eines Pariser Bürgers <Oeuvres de Georges 
Chastelain, Bruxelles 1865, Bd. IX> heißt es, daß ein Franzis- 
kanermöndi 1429 gegen das Amulett Mandragora eine heftige 
Kanzelrede hielt. Er überzeugte die Männer und Frauen von dessen 
Nutzlosigkeit und ließ mehrere Wurzeln verbrennen, die man ihm 
übergab. »Die Pariser hatten ein soldies Vertrauen zu diesen 
Püppdien, daß sie wirklich fest daran glaubten, sie würden ihr Leben 
lang nidit arm sein, solange sie es hatten, vorausgesetzt, daß es 
sauber in Seide und Linnen eingehüllt war.« Die Wurzeln galten 
so ziemlidi in ganz Europa <wie im Orient) als siAeres Mittel 
gegen Unfruditbarkeit. Abt Rosier sagt in seinem »Cours complet 
d'Agriculture« <Bd. VI, p. 401): »lA sah Mandragoren, die ganz 
gut die männlidien und weiblidien Gesdileditsteile aufwiesen« ^ 

Mandragoren beiderlei Gesdiledits besaß Kaiser Rudolf IL Horst- 
weistaufcinediesbezüglidie Stelle aus Lambecks Commentar. de augustiss. 
Bib. Caes. Vindob. <Bd. VIII, p. 647 der 2. Aufl., Wien 1766-- 1782) 
hin und zitiert folgende Stelle aus den *Monadidien Unterredungen von 
dem Reidi der Geister«, worin eine der spredienden Personen, Andrenio, 
sagt: *Wir wollen uns nunmehro audi auf die kayserlidie weltberühmte 
Bibliothec verfügen, von weldier mir vor nidit gar langer Zeit der da* 
mahlige Vorsteher dieses vortreffliAen Büdier-rSchatzes aufriditig be^ 
kennet hat, dass er nadi dem gewöhnlidien Beth-Zeidien keine bleibende 
Stätte mehr daselbsten habe, wo er nidit mit Gewalth wollte darauss 
vertrieben werden. Absonderlidi versidierte er mir dieses von dem* 
jenigen Zimmer, in weldiem untersdiiedliche Manuscripta, benebst an* 
dern rahren Monumenten verwahret werden, wie er mir dann zwey 
Mandragoras, mit köstlidiem rothen SdiarlaA bekleidet und gleidisam 
in ordentlidien Todten-Laden nadi Proportion ihrer Grösse liegend, ge* 
zeiget, und audi mir soldie in die Hand zu nehmen vergönnet hat. An 
denselben funden sidi besondere Zeidien, alss wenn sie untersdiiedenen 
Gesdiledites wären, und sollte sidi Kayser Rudolphus II. derselbigen be* 
dienet, und gar seltsame Dinge damit verübet und ausgeriditet haben. 
Unter anderm erzehlete er mir audi, dass sie, wie kleine Kindlein, hätten 
müssen offtmahls gebadet werden, und zwar mit unverfälsditen guten 
Weine. Wenn dieses nidit gesdiehen wäre, hätten sie ein Geheule ange* 
fangen, wie kleine neugebohrne Kinder, weldie erst von Mutter Leibe 
kommen, und die äusserste Natur*Lufft anfangs nidit vertragen können, 
hätten mit dem Heulen audi nidit ehender nadigelassen, biss ihnen ihre 
ordentlidie Pflege widerfahren seye.« 

Der Wert, den man im Volk den Alräundien beilegte, wird 
kraß illustriert in dem folgenden Brief, der sidi in Keyßlers Anti- 
quitt. Septemtr. <p. 507> findet: 

»Brüderlidie Liebe und Trew, und 
sonst alles Guthes bevor! 



' Dulaure-Krauß-Rciskel, »Die Zeugung in Glauben, Sitten und 
Bräucfien der Volkere, Leipzig 1909, p. 94—100. 

2 Georg Conrad Horst, »Zauber-Bibliothek«, Mainz 1821 ff., Bd. V, 
p. 322 ff. 



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Der Homunculus 63 



Lieber Bruder! 

»Ich habe dein SAreiben überkommben, vnd zum Theilß genug 
wohl darauß verstanden, wie daß Du, lieber Bruder, biß her an Deinem 
Husse vnnd hoffe groß Sdiaden genommen hast. Daß Dir deine Rinder, 
Kühwe, Sdiweine, Schaffe, Pferde Alles absterben, dein Wein vnd Bier 
versawren in Deinem Keller, vnd Deine Nahrung gantz und gar zurücke 
gehet, vnd Du ob dem Allen mit deiner lieben Hauß*Frawen in grossen 
Zwietracht lebest, welches mir von Deinet-wegen ein groß Hertzleyd ist, 
zu hören/ vnd bin zu den Leuthen gangen, die solcher Dinge Verstand 
haben, hab Rath und That von deinetwegen bey ihnen sudien wollen, 
vnd hab sie audi danebenß gefraget, woher Du solches Unglücke haben 
müssest? — So haben sie mir geantwortet. Du hättest soldies Unglücke 
nicht von Gott, sondern von bößen Leuthen, vnd Dir kunte auch nit 
geholfen werden. Du hättest dann ein Allruniken oder Erd-Mäncken; 
vnd wenn Du solches in deinem Hauß oder Hoffe hättest, so würde es 
sich mit Dir wohl bald gantz anderß schicken; so habe ich mich von 
deinetwegen fernerß bemühet, vnd hin zu den Leuthen gangen, die 
soliches gehabt haben, als bey unsern Scharffrichter; vnnd ich habe ihme 
dafür geben, alß nemblich mit 64 Thaler vnd deß Büttelß seinem Knecht 
ein Engels^Kleid zum Drinckgeldt. 

»Ansolcheß soll Dir nun, lieber Bruder, auß Lieb vnd brüder^ 
lieber Trewe geschencket seyn, vnd so solltu es nun lehren vnd damit 
halten, wie ich Dir schrieb in diesem Brieff. Wenn Du den Erdmann, 
oder das Alrunicken in dein Hauß oder Hoffe überkommest, so laß es 
drey Tage ruhen, ehe Du darzu gehest, nach dreyen Tagen hebe eß uffe, 
vnd bade eß wohl in warmen Wasser. Mit dem Baade solltu alßdann 
besprengen dein Vieh, vndt die Sollen {Schwellen) deines Husses, do 
Du vnd die Deinigen übergehen, so wird es sich mit Dir wohl gewiß* 
lieh bald änderst schicken, vnd Du wirst wohl wiederumb zu dem Deinem 
kommen, wenn Du dieß Erdmännicken fein wirst zu Rade halten. Vnd 
Du sollt eß alle Jahr viermahl baaden, vnd so offte Du es baadest, sollt 
Du es wiederumb in sein seiden Kleidtlein legen vnd winden, vnd legen 
es bey deinen besten Kleidern vnd Sachen, die Du hast, so darffest Du 
jhme alßdann nit mehr thun; das Baadt ist auch sonderlich guth, wan 
eine Frawe in Kindensnöthen ist, vnd nit gebehren kann, daß sie ein 
Löffel voll davon trincket, so gebehret sie mit Frewden und Danckbar- 
keith. Vnd wan Du für Rieht <vor Gericht) vnd Rath zu thun hast, so 
stecke den Erdmann nur bey Dir unter den rechten Arm, so bekommest 
Du eine gerechte Sache, sie sey recht oder vnrecht. 

»Nun, lieber Bruder, dießes Erd^Männicken schicke ich Dir auß 
Lieb vnd Trew zu einem glückseeligen Newen Jahr, vnnd laße eß nit 
von Dir kommen, vnd eß mag soliches behalten dein Kindeskinder. Sey 
hiemit mit Gott befohlen! — Datum Leipzig Sonntags vor Fasten 
1675. N. N.« 

Der Alraun ist kurzweg das Begehrenswerteste,- er ist als 
das Ziel der habsüchtigen Wünsche für seine Kreise das gleiclie, 
wie für andere Kreise der dienstbare Dämon und für die intelli^ 
gentere Klasse der Stein der Weisen. 

Der Alraun wurde audK mit der Springwurzel in Zusammen* 
hang gebracht, welche besonders Dieben <vergl. den Ursprung des 



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64 Herbert Silbercr 



Alraun aus Diebssperma) nützlich ist, weil sie alle Türen und 
Schlösser sprengt. Man verschafft sich die Springwurzel am besten 
mit Hilfe des Schwarzspechts <auch des Buntspechts, Grünspechts). 
»Merke, wo derselbe im Frühling in einen Baum nistet. Wenn nun 
die Brutzeit vorbei ist und der Vogel ausfliegt, Nahrung zu suchen: 
so treib einen harten Quast <KeiT) in die Öffnung des Ausflugs. 
Stelle dich hinter dem Baum auf die Lauer, bis der Vogel zurüdc^ 
kommt zur Futterzeit. Nimmt er wahr, daß das Nest verspundet 
ist, so wird er mit ängstlichem Geschrei um den Baum sdiwirren 
und seinen Flug plötzlich gegen Sonnenuntergang nehmen. Alsdann 
sey bedacht, einen rothen scharlachenen Mantel aufzutreiben, oder 
kauf vier Ellen hochrothes Tuch, verbirg es vorsichtig unter dem 
Kleide, und harre beim Baume einen oder auch zwei Tage lang, 
bis der Schwarzspecht wieder zu Neste fliegt, mit der Springwurzel 
im Schnabel. Sobald er damit den Propfen berührt, wircT dieser 
wie ein Kork aus einer gährenden Flasche mit grosser Gewalt 
heraus fahren. Alsdann breite behende den scharlachenen Mantel 
oder das rothe Tuch unter den Baum, so meynt der Specht, es sey 
Feuer, erschrickt davor, und läßt die Springwurzel aus clem Schnabel 
fallen. Einige zünden auch unter dem Baum wirklich ein kleines 
Feuer an, und streuen die Blüthe vom Krauth Spickenardi <La- 
vendel) darauf. Aber hiemit ist es ein mißliches Ding, denn wenn 
die Flamme nicht rasch genug gerade in dem Augenblick auflodert, 
da der Specht den Quast im Nest mit der Wurzel berührt, so ent* 
fliegt derselbe, und trägt die Springwurzel mit sich davon. Hast du 
nun die Wurzel in deiner Gewalt, so unterlaß nicht, jeden Tag ein 
Stückchen Kreuzdornholz dabei zu binden. Denn wofern du sie frei 
aus der Hand legen wolltest, so wäre sie ohne Gebrauch und 
Genuß verloren.« ^ 

Auch diese Geschichte hat ihr orientalisches Vorbild. Horst 
<Z, B. IV, p. 353 f.) gibt darüber folgendes an. Der Talmud weiß 
von einem Würmchen n-aü <^amir), vor dem nichts Hartes, es sei, 
was es will, bestehen kann. Der ^amir ist sogleich in den sechs 
Schöpfungstagen unmittelbar vom hochgelobten Gott erschaffen 
worden. Es befindet sich in einem Schwamm von Wolle, in einer 
bleiernen Schachtel, die mit Gersten-Kleyen angefüllt ist/ ein magi* 
scher Apparat, den der hodigelobte Gott für dasselbe selbst so zu* 
gerichtet hat. Als Salomon eben den Grund zum Tempel legen 
wollte, fiel ihm mit Entsetzen bei, daß er sich keines Meißels und 
Hammers beim Bau bedienen dürfte. In dieser Verlegenheit rief er 
die Gesetzgelehrten und Rabbiner zusammen, was nun anzufangen 
wäre? — Sie sagten, er möchte sich nur den toc? bringen lassen, 
den Moseh zur Polierung der Steine des Leibrocks gebraucht hätte. 
Und wo ist dieser ^amir? fragte er. Das wüßten sie selber nicht, 
die Teufel aber müßtens ohne Zweifel wissen, die sollte er nur 



* Horst, a. a. O., IV, p. 48 f. 



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OrfgfrTaffrom 
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Der Homunculus 65 



deshalb fragen. Der König machte auf der Stelle Gebrauch von 
seinen Beschwörungskünsten und zitierte ein Dutzend Dämonen. 
Diese erschraken, als sie vom Samir hörten, machten allerhand 
Tergiversationen, und schützten zuletzt ihre Unwissenheit vor. Er 
müßte sich an ihren Fürsten Asmodi oder Asmodeus wenden. Hier 
war nun guter Rat teuer, weil dieser mächtige Höllenfürst alle Be^ 
schwörungen zunichte zu machen wußte. Einer der Dämonen ward 
jedoch von Salomon so in die Enge getrieben, daß er auf die 
Frage, wo sich ihr Oberhaupt, Asmodeus, gegenwärtig aufhalte, 
bekannte, in der und der Höhle, auf dem und dem Berg. Jetzt nahm 
der König zur List seine Zuflucht. Er gab seinem Feldmarschall, 
Benaja, einem sehr beherzten Mann, eine Kette, eine Flasche Wein 
und etwas öl, und schickte ihn damit nach der Felsenhöhle zum 
Höllenfürsten Asmodi ab. Der Wein schmeckte dem Teufel so gut, 
daß er sich besoff und endlich gar hart und fest einschlief. Nun hatte 
der Feldmarschall gewonnenes Spiel, er warf ihm die Kette, worauf 
der Name Semhamephoras stand, um den Hals, »und wiewohlen 
er beym Erwachen gräulich tobete«, denn wir wollen nun mit 
Eisenmengers Worten in der Erzählung fortfahren, »muste er 
dennoch gefangen bleiben, und ward so für den König Salomoh 
geführet, der ihn anredete um den Schamir zum Tempelbau ,• der 
Teuffei sprach, er ist nicht mir, sondern dem Fürsten des Meeres 
übergeben, welcher ihn einem getrewen Auerhahn, so ihm deswegen 
einen Eyd gelaistet, zu verwahren gegeben, welcher dann ihn an 
die grosse reißen hält, so zerspringen sie,- da sie nun das Nest 
des Auerhanen gefunden haben, darinnen Junge lagen, haben sie 
das Nest mit weissem Glaß zugedecket, als nun der Auerhann 
käme, konte er nicht in sein Nest, deßwegen so flog er weg, höhlte 
den Schamir, und setzte ihn aufF das Glaß daß es brach, da fing 
der Benaja ein groß erschrecklich Geschrey an, daß der Auerhahn 
erschrocken, das w^ürmchen Schamir aus dem Schnabel fallen ließ, 
welches Benaja dann alsobalden auffhube vnd dem Salomoh über* 
brachte, lehren also hiermit die Juden, daß Salomoh in Erbauung 
des herrlichen Tempels Gottes, sich der Teuffei Rath und Hülffe 
bedienet habe, da doch Gott Selbsten das Werk angeordnet« ^ 

JDas Fallenlassen der Wurzel durch den Schwarzspecht oder 
des Samir durch den Auerhahn scheint mir dem Fallenlassen des 
Samens von dem Gehenkten zu entsprechen. Es dürfte sich um das 
häufig wiederkehrende mythische Motiv vom fallengelassenen Samen 
<Onan, Kronos, Hephaistos etc.) = Kostbarkeit = Funke des ge* 
raubten Urfeuers ^= Soma (Göttertrank) etc. handeln. Vgl. Stuckens 
Gleichungen. Alles das ist eine wunderbare spermatische Materie, 
Lebenskeim. Er befruchtet die Mutter Erde, entwickelt sich zu einem 
Zauberwesen. Das Feuer unter dem Baum ist charakteristisch. 



' Als Quellen führt Horst <z. B. IV, p. 355) an: Eiscnmcnger, »Ent 
dcdctcs Judenthum«, I., 8/ p. 350. Wagenscil, Sota, p. 1071. Schudt, »Jüdisch 
Mcrdcw.c, III, p. 192. Thalmud, Traktat gittin, fol. 68, col. 1, 2. 

Imago III/I 5 



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66 Herbert Silberer 



Feuer hat audi die Bedeutung von Liebesbrunst^/ wenn das Feuer 
nidit reditzeitig aufflammt, geht der Same verloren. Der Sdiarladi^ 
mantel ist die Vulva. Das, was alle »Türen und Sdilösser« <wie 
der »Diederidi« des Wanderers in der Parabola meiner »Probleme«) 
öffnet, das »Würmdien«, ist der Phallos. Audi Spedit und Hahn 
sind phallisA, ersterer deshalb besonders auffällig, weil er einen 
roten Kopf hat. Asmodi, der dem Salomo den Samir versdiafft, ist 
der Dämon der Sinnenlust. Die ^amir^Legende enthält audi das 
Motiv des Kästdiens, der Beraubung <== Entmannung) im Sdilaf, 
der Sdiöpfung <Bau des Tempels) usw. 

Zum Absdiluß lasse idi nun eine gar kuriose Gesdiidite 
folgen. Die Leser werden darin die seltsamste Kombination von 
Vorstellungen finden, die wir im Laufe der bisherigen Unter- 
sudiungen kennen gelernt haben. Gustav Brabbee ist es, der die 
merkwürdigen Nadiriditen über die wahrsagenden Geister des 
Grafen Kueffstein aufgestöbert hat. Sein Aufsatz darüber ist in dem 
jetzt vergriffenen Budi »Die Sphinx« <Freimaurerisdies Tasdienbudi, 
herausgegeben von Dr. E. Besetzny, Wien 1873) nadi dem 
»Zirkel« gedrud^t^. Die Begebenheit spielt gegen das Ende des 
aditzehnten Jahrhunderts, zu einer Zeit, wo sidi mandier frei- 
maurerisdier Kreise, und namentlidi eines aristokratisdien Zirkels in 
Österreidi, ein aldiemistisdier Taumel bemäditigt hatte, der freilidi 
ebenso gut außerhalb der Maurerei spukte. Idi mußte dies zum 
Verständnis einiger Einzelheiten voraussdiiAen. 

Gedrud^te Quellen wissen nur kurz davon zu beriditen, daß 
man in einer Wiener Loge, wo ein Graf Kueffstein Meister vom 
Stuhl war, Geister in Gläser gebannt zu haben glaubte, u. dgl. 
Um so reidier fließt eine handsdirifflidie Quelle, die Brabbee bei 
einer Privatperson entded^te. Diese Quelle rührt augensdieinlidi von 
des Grafen Kammerdiener und Faktotum her und hat nur den be* 
dauerlidien Fehler, daß eine Menge Blätter mit starkem Textverlust 
besdiädigt sind. Immerhin bietet audi das Vorhandene sehr viel. 
Das kuriose Manuskript ist ein wohl kaum für die Außenwelt be^ 
stimmtes 

»Verrechnungsbuch und Anmerkungen für meinen 
gnädigen Herrn, den Herrn Herrn Grafen J. F. v. Kueff- 
stein — mit Gott angefangen A. D. 1775 <oder 1773?) und 

mit Gott geschlossen A. D (in biancoX von Josef 

Kammerer.« 

<Idi lasse nun Brabbee das Wort. »Sphinx«, p. 119 f., mit 
mehreren Kürzungen.) 

Was die Persönlidikeit Josef Kammerers betrifft, geht aus seinen 
hinterlassenen Aufzeidinungen hervor, daß er in seiner Dienstleistung 
beim Grafen Kueffstein so mandies Jahr hindurdi eine wahrhaft proteus^r 
ähnlidie Vielseitigkeit zu entwidteln Gelegenheit hatte, und daß er sidi 

^ Die ist zur regelrechten conceptio notwendig. 

- Einen Auszug brachte auch Hubbe^Schleidens »Sphinx«, IX. Bd. 



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Der Homunculus 67 



demselben, mindestens während der Dauer seiner Reisen durch Frank* 
reich, Italien und Deutsdiland in der Eigenschaft eines Kammerdieners, 
Intendanten, Kodies, vor allem aber eines gewandten, vielerfahrenen und 
höchst praktischen Famulus bei dessen diemischen und physikalischen 
Arbeiten unentbehrlich zu madien wußte. Daß Kammerer auch dem 
Maurerbunde, wenn gleidi nur als dienender Bruder angehörte, daß er 
darin bis zum Range eines Meisters gestiegen und mit allen Rechten und 
Obliegenheiten eines solchen wohl vertraut war, ergibt sich aus so 
manchen seiner nicht wenig selbstgefälligen Andeutungen und häufig 
wiederkehrenden Phrasen. Er scheint das nahezu unbedingte Vertrauen 
seines Gebieters, wohl verdientermaßen, genossen zu haben; nicht selten 
finden sidi Hinweisungen, daß ihn der Graf in alle seine Geheimnisse 
Einblick tun ließ, ihm auch namhafte Summen auf En^bloc* Verrech* 
nung behändigte <so einmal in »Fenedig* 1200 fl., in »Dorin« (Turin?) 
500 fl., einmal sogar in Dresden 2000 fl.>. 

Überall begegnen wir dem ehrlichen Kammerer als einem Manne) 
der gewohnt ist, die Augen stets offen zu halten, als einem anscheinend 
ganz nüchternen Beobachter, als einer durch und durch gesunden, prakti* 
sehen Natur, weldie Reisen und Erfahrungen aller Art wacker gesdiult 
haben, und endlidi vor allem als einer überaus treuen und anhänglichen 
Seele, ängstlich beflissen, den Vorteil seines *guten gnädigen Herrn« auch 
in den kleinlichsten Dingen eifrig zu wahren, wie er sich denn beispiels* 
weise einmal in langatmigen Klagen über das hochbetrübliche Faktum 
ergeht, daß das Pfund Haarpuder in Preßburg auf nur sechs Kreuzer, in 
Wien aber, der »hochen Dax« wegen, auf siebzehn Kreuzer zu stehen 
kommt, und ähnliches mehr. 

Einen um so eigentümlicheren Eindruck macht es eben darum, 
wenn Kammerer, der sich manchmal über derartige nationaUökonomisdie 
Details mit großer Wichtigkeit, als ob das Heil der Welt davon ab^ 
hänge, so redit con amore verbreitet, nunmehr plötzlich ohne allen ver* 
mittelnden Übergang auf die unglaublichsten Dinge überspringt und solche 
mit einer Nonchalance, Gemütlichkeit und Treuherzigkeit bespricht, die 
uns den Beweis liefert, daß selbe für ihn zu den alltäglichsten Ereignissen 
feines Lebens gehören, daß sie für ihn als geradezu apodiktische Wahr- 
heiten gelten, die gar keines Nachweises bedürfen. 

Unser Material muß also herausgeklaubt werden aus einem wahr=^ 
haft betäubenden Wüste von minutiösen Verrechnungen über Haus«^ 
haltungs- und Reisebedürfnisse und Ausgaben ähnlicher Art, wobei jedes 
»Schachterl Stiwelwix«, jeder »Metzen Habern für des gnädigen Herrn 
Rappen*, jeder als Trinkgeld gegebene Groschen, einmal sogar ein 
»gläsernes s. v, Botschamberl für des gnädigen Herrn NaAtkastel, die^ 
weil das irdene alte durch darein geschüttetes Schaidwasser zerfressen und 
unten löcherig geworden«, die ihm gebührende Kontierung findet. Die 
also ausgegrabenen Notizen ergeben nun, einigermaßen übersichtlich ge- 
ordnet, aber mit strenger Fernhaltung aller nicht faktisch in dem betreffen* 
den Manuskripte nachweisbaren Einzelheiten ungefähr nachfolgendes: 

Die in Gläser gebannten Geister waren das gemeinschaftlich unter- 
nommene und glücklidi durchgeführte Werk des Grafen Joh. Ferdinand 
von Kueff^stein und eines italienischen Magus, Rosenkreuzers, Cabbalisten 
und Theurgen, des Abbe Geloni. Graf Kueffstein hatte diesen geheimnis^ 
vollen Abbe, den Kammerer wiederholt den »wälischen geistlichen Herrn« 
nennt, und als Mann bezeichnet, »der, weiß Gott! mehr als Birn braten 



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68 Herbert Silberer 



kunt«, während seiner italienischen Reise, wahrsdieinlich gegen Ende der 
Siebzigerjahre in »Galabria« <KaIabrien?> in einer kleinen Stadt, deren 
Name nidit zu entziffern, und zwar in der »osteria al bomo doro« 
kennen gelernt/ inan hatte sich gegenseitig sofort als Freimaurer und 
Rosenkreuzer geoffenbart, sidi ganze Tage und Nädite lang über ge* 
heime Wissensdiaften unterhalten, und darüber Essen, Trinken und 
Sdilafen vergessen. 

Der beiderseitige rege Verkehr führte alsbald zu einem hödist 
intimen Freundschaftsbündnisse, als dessen Resultat wir den Grafen einen 
Zeitraum von mehr als neun Wochen in Gesellschaft seines neuen 
Bruders und Freundes zubringen sehen, und zwar in einem tief im Ge^ 
birge gelegenen Karmeliterklosters, wo sie beide von den Mönchen mit 
großer Gastfreundschaft und vielen Ehrenbezeigungen empfangen und 
beherbergt wurden. In dem dortigen, wie es scheint, großartig angelegten 
Laboratorio arbeiteten nun die beiden Adepten Tag und Nacht/ durch 
mehr als fünf Wochen durfte das Feuer gar nicht ausgehen, und Kam* 
merer, der abwechselnd mit einem uralten Laienbruder hiefür zu sorgen 
hatte, und seiner Versicherung nach bei fast allen stattfindenden Experi* 
menten gegenwärtig war, will hiebei Dinge erlebt haben, daß ihm manch xx 
mal »die Haare wie bei einem Igel die Stacheln in die Höhe standen*. 
Dort lehrte nun Geloni dem »gnädigen Herrn gleich anfangs nebst vielen 
andern unbegreiflichen Sachen* auch die Kunst, Geister zu »machen*, 
wie denn auch die beiden Herren Adepten innerhalb dieser fünf Wochen 
wirklich zehn Geister zustande gebradit hätten. Es waren: Ein König, 
eine Königin, ein Ritter, ein Mönch <»Münich«>, ein Baumeister, ein Berg-» 
knapp, ein Seraph <Kammerer schreibt ganz köstlich »Sehraff*), eine 
Nonne, endlich ein blauer und roter Geist, welch letztere beide aber für 
gewöhnlich nicht sichtbar waren, und nur mittels einer noch später zu 
erwähnenden Prozedur zum Vorschein kamen. 

Die zuerst erwähnten acht Geister wurden sofort, wie sie der 
geistliche Herr und der gnädige Herr einen nach dem anderen mit kleinen 
silbernen Zangeln aus dem Schmelzkolben *herfürfangen thaten« in je 
zwei Maß haltige Gläser, »wie man sie zum Marmelade aufheben braucht, 
nur ein bissei schmächtiger und höcher, aber viel dicker, dass sie einen 
Puff aushalten kunnten«, eingesperrt, die Gläser »geschwinde mit reinem 
Wasser angefüllt <,wird wohl, Gott verzeih mir's, Weichwasser gewesen 
sein', meint Kammerer mit schlecht verhehlter frommer Entrüstung), so- 
dann mit einer nassen »Oxenbladern«, welcher der »wälische geistlidie 
Herr zuvor segnete, nachgens aber auch weichte und anrührte« zuge* 
bunden und oben darauf ein großes *SigilU <etwa das Siegel Salo* 
monis?) gedruckt, damit die Geister, »wann sie rabbelköpfisch sein 
möchten, nicht eschappiren kunnten, denn da war ihnen schon ein riegel 
vorgeschoben!* 

Die acht Geister schwammen in ihren. Behältern herum <»fast wie 
kleinwinzige Grundein«, sagt Kammerer), waren aber keiner mehr als 
eine halbe Spanne lang, worüber der Graf schier den Mut verlor und 
ganz untröstlich war, weil er das mühsame und kostspielige Experiment 
für mißlungen erachtete, was jedoch Geloni durchaus nicht zugeben 
wollte, und dem Grafen lachend versicherte, er würde sich noch »schön 
wundern« wie die »Kerle« wachsen sollten ^ er wolle ihnen schon da* 
zu verhelfen, der Graf solle ihn nur madien lassen und ein wenig Ge* 
duld haben, er bürge für alles. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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Der Homunculus 69 



So wurden denn die acht Gläser samt Inhalt in einer schönen 
Hodisommernacht »fein fürsichtig, damit die anderen Müniche im Kloster 
ja nichts davon merken sollten«, von den zwei Adepten, dem dienenden 
Bruder Kammerer und dem alten Laienbruder in den Klostergarten ge- 
tragen — jeder hatte die Spedition von zwei Gläsern auf sich genommen, 
damit »der ganze Rummel auf Einmal abgethan wäre und vieles Hin^* 
und Herrennen nicht auffallen mögt während der nachtschlafenden Zeit« 

— und dort in zwei Fuhren »Maulthierdung« ^ vergraben, welchen der 
Abbe den Abend zuvor hatte herbeischaffen lassen, damit die Geister 
darin »wachsen und zeitigen mogten«. 

Alltäglich bespritzte auf Gelonis Geheiß der Frater Kloster« 
gärtner, der wohl in das Geheimnis eingeweiht worden, diesen Dünger* 
häufen mit einem gewissen Liquor, den die beiden Herren ebenfalls im 
Laboratorio mit »großem Fleiß und Müh' preparird hatten« und wozu 
allerlei abscheuliche, vom Abbe »Gott weiß woher« beigeschaffte »Ingre« 
dienzia« gebraucht wurden, vor deren Beimischung dem armen Kammerer 
oft dergestalt ekelte, daß er mehrmals in Gefahr kam, »alles des Tages 
über Genossene bei allen schuldigen Resbekt für die beiden Herren wieder 
herauszuspeihen, so schweinisch und gotteslästerisch waren diese Sachen!« 

— Für die in Aufruhr geratenen Verdauungsorgane unseres über der^ 
artige Obszönitäten hochempörten Geisterchronisten war es wohl von 
gar keinem Belange, daß ihm der zynische Abbe den uralten Satz: 
»Naturalia non sunt turpia* wiederholt zu Gemüte führte und zur gleich« 
zeitigen Beschwichtigung seiner gereizten Magennerven und seiner 
religiösen Skrupel bei seinem <Gelonis> priesterlichen Worte heilig ver- 
sicherte, die zweckmäßige Verwendung solcher Ingredienzien sei keine 
Sünde, und selbe wären auch »beim Goldmachen nothwendig und gar 
nicht zu entbehren!«'- 

Sogleich nach Bespritzung mit diesem unheimlichen Liquor begann 
der ganze Düngerhaufen zu gären und zu dampfen, wie von einem 
unterirdischen Feuer erhitzt. Mindestens alle drei Tage gingen die beiden 
Herren des Abends »wenn alles im Kloster schon ruhig und stille war* 
in den Garten hinab, um bei dem Düngerhaufen fleißig zu beten und zu 
räuchern/ wieder ein neuer Gegenstand des Kummers und Abscheus für 
den armen Kammerer, der darin eine arge Profanation sah, und sich, wie 
billig, nicht wenig entsetzte, besonders aber ein^ oder zweimal, wo er, 
seiner Versicherung nach, die im Innern des Düngerhaufens vergrabenen 
Geister »wie hungrige Mäuse quitschen und pfeifen gehört« hatte, wor* 
über er »vor Angst bald die Fraiss bekommen!« 

In solcher Weise blieben diese, wie man sieht, je zuweilen gar un- 
geberdigen und mißlaunischen Geister gute vier Wochen über vergraben. 
Nach Ablauf dieser Frist feierten sie unter »allerhand geistlichen Cere^ 
monien*, wobei der Abbe sein Meßgewand angezogen und die Stola 



^ <Das entspricht dem fimus equinus.) 

^ Diese und ähnlidie Behauptungen, über welche sich Kammerer gar nicht 
genug wundern und entsetzen kann und seitenlang darüber faselt, lassen uns fast 
vermuten, daß Geloni jener Sekte der Alchemisten angehörte, die man bezeichnend 
genug, mit dem Namen »Sterkoristen und Seminalisten« zu brandmarken pflegte. 
— (Es wird also im Text ausdrücklich das Goldmachen erwähnt. Man sieht nicht 
bloß wieder einmal die enge Zusammengehörigkeit von Alchemie und HomunkeU 
bereitung, sondern auch diejenige von Mist und Gold, beziehungsweise Verwesung 
und Zeugung.) 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Herbert Silberer 



umgehängt hatte, der Graf aber Psalmen sang und Kammerer das »Raudi» 
fasse!« sdiwingen mußte, ihre endh'che Auferstehung. Trotzdem die Nacht 
»hübsdi frisdi war, weil es dort im Gebürg sdion herbstelte«, arbeiteten 
die vier Wissenden, der Abbe, der Graf, der alte Laienbruder und 
Kammerer, in guter Eintracht und Brüderlichkeit mit ihren Schaufeln so 
wacker und dodi so vorsichtig im Düngerhaufen herum, daß »der Schweiß 
auf der Stirne stund« und sie sdion in Zeit einer halben Stunde samt* 
lidie acht Gläser ohne daran irgendwelchen Unfall oder Sdiaden zu ver* 
Ursachen, ausgescharrt hatten. Die beiden Adepten und ihre Hilfsmänner 
brachten ihre Schätze glücklich und ohne daß sie ein ^^sterbliches Aeugel« 
gesehen, ins Laboratorium zurück, allwo die Geister auf des Abbe An* 
Ordnung noch drei Tage und Nächte im lauwarmen Sandbade dünsten 
mußten. 

Der gute Kammerer kann sich nicht genug verwundern, wie die 
»Dinger« gewachsen waren, »jedes fast auf anderthalb Spannen lang«, 
so daß ihnen ihre Gläser beinahe zu nieder gewesen. Ausdrücklich be* 
merkt er, daß sämtlichen männlichen Geistern große Barte gewachsen 
waren, worunter sich namentlich jener des Mönches, der gar »stattlich 
aber schon stidielhaarig« gewesen, ausgezeichnet habe. Auch die Nägel 
an den Fingern und Zehen der Geister hatten eine so abnorme Länge 
erreicht, daß sie wie »Geierkrallen« ausgesehen, worüber der Graf 
etwas bedenklich den Kopf geschüttelt und gemeint habe, man solle sie 
ihnen doch ein wenig stutzen, was aber der Abbe durchaus nicht zu* 
geben wollte, weil das schon »so in ihrer Art sei« und man es ver* 
meiden sollte, sie für nichts und wieder nichts unwirsch <Kammerer sagte 
»grantig«) zu machen. 

Und diese barocke, sinnverwirrende Phantasmagorie bis ins Grenzen* 
lose zu treiben, meldet Kammerer weiter, daß sämtliche acht Geister von 
der geschickten Hand des AbbeGeloni, der alles, somit auch das Schneidern »im 
kleinen Finger« hatte, jeder »seinen Stand und Würden« gemäß — be- 
kleidet und mit den ihm zukommenden Attributen, »so alle sehr nett 
geschnützelt waren« versehen wurden: der König mit Purpurmantel, 
Krone und Szepter, die Königin mit einem »ditto Mantel« und einem 
kostbaren Diadem, der Ritter mit Schild, Schwert und Lanze, der 
»Münidi« <dem der Abbe »mit Gewalt« eine Platte gesdioren, wie ein 
»Linsl so groß«, wobei ihn der darüber erboste Geist »gar erbärmlich 
in den linken Daumen gebissen!«) mit Kapuze, Kelch und Meßgewand, 
der Baumeister mit Kelle, Zirkel und Winkelmaß etc. — Was die 
beiden Gläser betrifft, worin angeblich der »blaue und rothe Geist« ein* 
gesperrt waren, über deren »Bereitung oder Verfertigung« jedoch nichts 
weiteres verlautet, so sah man in ihnen nichts als »pures lauteres Wasser«. 
Wenn aber der geistliche Herr oder der Graf mit einem kleinen silbernen 
Hammer dreimal auf das an der »Oxenbladern« befindliche Siegel klopfte 
und ein kurzes jüdisches Gebetlein dazu sprach, so begann sich das 
Wasser »schön langsam« himmelblau, respektive feuerrot zu färben und 
zeigte sich ein Antlitz »anfangs gar klein, kaum wie ein Hanefkörndl«, 
das aber binnen wenig Minuten wudis und wuchs, bis es fast die Größe 
eines normalen menschlichen Gesichtes erreicht hatte. Das Antlitz des 
blauen Geistes war dann gar lieblich und fromm anzuschauen, wie das 
»von einem Engerl« ^ das des roten aber war *käsweiß <?), fräch und 
garstig, wie ein boshaftiger Teufel, streckte auch manchmal die Zunge 
langmächtig heraus und verdrehte die Augen wie ein Hinfallender« 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Homunculus 71 



<ein mit der Epilepsie Behafteter), j^dass einem völlig todtenangst dabei 
wurde«. 

Es war im Spätherbst und wahrscheinlicb gegen Ende der Siebziger* 
jähre <eine genaue Feststellung der Daten ist untunlidi, weil Kammerer 
bei seinen Anmerkungen immer nur den Monat, selten den Tag, nie-» 
mals aber die Jahreszahl verzeichnet hat), daß Graf Kueffstein sidi ent^ 
schloß, in Begleitung seiner zehn Geister und seines getreuen Famulus 
die Rückreise nach Österreich anzutreten. Letzterer klagt gar bitter über 
die mancherlei Fährlichkeiten, welche sie während der Reise bei jedes^ 
maliger Grenzübergehung zu bestehen hatten, weil da die »fürwitzigen 
Kerle immer alles durchstöbern wollen« und für ihr Leben gern gewußt 
hätten, was in den geheimnisvollen Gläsern, die in einem eisen* 
beschlagenen, mit Werg ausgefütterten Koffer sorgfältig verpackt waren, 
enthalten sei. Die mit den betreffenden Notizen fast parallel laufenden 
Ausgabsverrechnungen weisen zur Genüge nach, daß sich der »gnädige 
Herr« entschließen mußte, so manchen schönen Goldfuchs springen zu 
lassen, um diese von Kammerer mit einem so despektierlichen Namen 
belegten, allzu pfliditeifrigen Beamten davon anzuhalten, mit ihren langen 
spitzigen Eisenstäben rücksichtslos und unbarmherzig in seine Reise-r 
efFekten hineinzubohren und ihm solchergestalt unter seinen maurerischen, 
rosenkreuzerischen und kabbalistischen Schätzen einen unberechenbaren, 
vielleicht gar nicht wieder gut zu machenden Schaden anzurichten. So mag 
es denn allerdings für unsere Reisenden ein gutes Stück Arbeit gewesen 
sein, und eine namhafte Dosis von Geduld, Scharfsinn, Ausdauer und 
Opferwilligkeit erfordert haben, bis es ihnen gelang, trotz aller dieser lästigen 
Investigationsmaßregeln sich und ihre Habe möglichst unbehelligt und mit 
heiler Haut in das österreichische Gebiet, wo Graf Kueffsteins Name 
und geachtete Stellung bei Hofe allein schon als eine Art von Freipaß 
und Geleitsbrief galt, der ihn vor allen weiteren mißliebigen Nörgeleien 
so gut als völlig sicherstellte, glücklich durchzubringen. 

Von weiteren Reisespezialitäten weiß ich nichts anzuführen, als 
daß der Graf sich in der damals wie heute mit Weihraucliduft über* 
schwängerten Atmosphäre seines engeren Vaterlandes Tirol ganz und gar 
nicht behaglich atmen fühlte. (Kammerer meint pfiffig genug, die dortigen 
geistlichen Herren »die seyen gar feine Hechte« und hätten wohl den 
»Braten gerochen« und der Graf mit seinen »verdächtigen Geistern« habe 
sicherlich guten Grund gehabt, ihren zweifelsohne beabsichtigten 
»Scheerereien aus dem Wege zu gehen, denn*, setzt er sententiös hinzu, 
»der Gscheitere gibt nach!« Es darf uns daher unter so bewandten Um* 
ständen nicht sonderlich wundernehmen, wenn wir die beiden Wanderer 
dem eigentlichen Zielpunkte ihrer Rücltreise: »Wien« mit tunlichster Eile 
entgegenstreben sehen . . . 

In Parenthese wäre aber noch einiges über die Pflege der ^^Geister« 
zu bemerken. Aus Kammerers hieher gehörigen, relativ sehr ausführ* 
liehen Mitteilungen ist unter anderem zu entnehmen, daß die acht sieht* 
baren Geister alle drei, längstens vier Tage, jeder mit einem »erbsen* 
großen Stücklein« einer gewissen rosenfarbigen Salbe oder Latwerge, 
welches der Graf mit einem »noch ungebrauditen« stählernen OhrlöffeU 
chen aus einer silbernen Dose stach, gespeist wurden, sowie auch, daß 
das Wasser aus den Gläsern mindestens alle acht Tage entfernt, und 
dafür frisches destilliertes Quell* oder ganz reines Regenwasser nachge- 
füllt werden mußte. Dieser Wasserumtausch konnte gar nicht schnell 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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72 Herbert Silberer 



genug vollzogen werden, da die Geister inzwischen mit geschlossenen 
Augen und nur schwach und krampfhaft zuckenden Gliedern wie tot 
dahinlagen, und sich erst nach ein paar Stunden wieder völlig erholten. 

Was nun den sogenannten »blauen Geist« betrifft, so fand bei 
demselben niemals eine Speisung statt, auch blieb dessen Wasser fort* 
während ungetrübt und bedurfte keines Wechsels, während der rote 
wöchentlich einmal »einen Fingerhut voll« von dem Blute ^ eines frisch 
getöteten Tieres erhielt, zu welchem Behufe der Graf im Laboratorio 
seines »in der Vorstadt« <in welcher wird nicht gesagt) gelegenen Hauses 
immer ein Huhn oder eine Taube eigenhändig zu schlachten pflegte, das 
zur Speisung des Geistes nötige Blutquantum in einem kleinen silbernen 
Becher auffing, den Rest desselben aber ins Feuer warf,- das gesdiladitete 
Tier wurde meist einem Dürftigen verabfolgt, da Kammerer nichts davon 
genießen mochte — »es grauste ihm dafür«! 

Der zur Speisung des roten Geistes bestimmte »Fingerhut voll 
Blut« verschwand nach dem Einschütten in das Wasser, ohne die Farbe 
desselben im mindesten zu trüben, sofort spurlos. Gleichwohl wurde es 
alle zwei bis drei Wochen durch frisches ersetzt, nahm, sobald es nach 
Ablösung der Ochsenblase und des Siegels mit der Luft in Berührung 
kam, mit Blitzessdinelle eine schmutzigrote Färbung an, zischte wie im 
Sieden auf, wurde heiß und dunstig und roch nach faulen Eiern, daher 
Kammerer sich immer möglichst beeilte, es in den »Ausguß« zu schütten, 
sich auch sehr in acht nahm, seine Hände damit ja nicht zu benetzen, 
weil ihn der Graf einmal davor ausdrücklichst gewarnt und versichert 
hatte, man könne dadurch »grindig und krätzig* werden und kein Mensdi 
könne einen mehr davon kurieren . . . 

Als die beiden Reisenden nach Beendigung ihrer maurerisdien und 
rosenkreuzerischen Pilgerfahrten endlich in Wien anlangten <wie schon 
oben vermutungsweise angegeben : ungefähr Mitte November der letzten 
Siebzigerjahre — Kammerer erwähnt einmal flüchtig, daß er die alte 
Kaiserin gesehen, »so die Sechzig schon hinter sich hat* und Maria 
Theresia ist 1717 geboren — ->, waren die acht Geister nunmehr völlig 
ausgewachsen,- jeder war fast »zwei Spannen« lang geworden und 
Kammerer sagt, sie seien ihm in ihrem Wasser und in ihren Gläsern 
»fürgekommen«, wie die »großmäditigen Adaxln« (Eidechsen), die man 
bei ihm zu Hause »Krauthahn« heißt, und »die armen Dinger hätten 
ihm bitter erbarmt«, weil sie in ihren Gläsern nicht mehr gut aufrecht, 
sondern nur gebückt stehen konnten, wobei ihnen ohne Zweifel »das 
Kreuz abscheulich weh' thun mußte« ! Auf Kammerers mildherzige Bitten 
wurden die Geister schließlidi mit Sitzschemeln bedacht. 

Von der Zeit der Rückkunft des Grafen von Kueffstein in die 
Hauptstadt des österreichischen Kaiserstaates datiert auch die Wiederauf* 
nähme seiner schwerlich mühsamen und zeitraubenden Funktionen bei 
Hofe und seine Verbindung mit einer zum Orient von Wien gehörigen 
Loge, deren Name jedoch von Kammerer nicht genannt wird. Wir er* 
fahren von ihm nur, daß sie erst seit zirka zwei Jahren »ordentlich« 
arbeitete, und meist aus hochadeligen Brüdern bestand, welche nach höherer 
maurerischer Weisheit gierig dürsteten und daher nicht verabsäumten, die 
erste sich ergebende günstige Gelegenheit beim Schopf zu erfassen und 
ihren in allen geheimen Künsten so tief eingeweihten neuen Bruder und 



(Also die Speisung mit Blut.) 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Homunculus 73 



Standesgenossen zum Meister vom Stuhle zu wählen, was sdion im 
darauffolgenden Frühjahr geschehen sein dürfte. 

Es scheint, daß Graf Kueffstein die Teilnahme an seinen mit den 
wahrsagenden Geistern zu veranstaltenden Experimenten ursprünglich auf 
einen sehr engen Kreis von Brüdern, welche sämtlich seiner Loge ange-^ 
hörten, zu beschränken für gut fand, und daß namentlich den Gesellen 
und Lehrlingen der Zutritt bei den zu diesem Behufe abgehaltenen 
magischen Sitzungen insolange ganz und gar verwehrt blieb, bis ihnen 
der Meistergrad gespendet wurde. Kammerer läßt sich auch einmal eine 
dunkle Anspielung entschlüpfen, daß die zu diesen Sitzungen beige^ 
zogenen Brüder sich durch einen fürchterlichen Eid verbindlich machen 
mußten, sowohl über das Stattfinden derselben, als auch über die in ihnen 
stattgehabten Enthüllungen ein absolutes und unverbrüchlidies StilU 
schweigen zu beobachten, nicht nur der profanen Welt gegenüber, sondern 
auch gegen Brüder anderer Logen oder Systeme, Ob Kammerer bei 
solchen Versammlungen zugegen gewesen, geht aus seinen verworrenen 
Andeutungen nicht klar hervor. 

Kammerer erzählt ferner so manches von den stupenden Leistungen 
der Geister, womit selbe, wenn sie gerade »gut aufgelegt« waren, die 
erstaunten Brüder, und in erster Linie ihren erhabenen Herrn und 
Meister selbst, zu regalieren beliebten, und welche in Enthüllungen der 
wunderbarsten Art und in Prophezeiungen, welche »fast immer* ein^ 
trafen, bestanden haben sollen. 

Bei schlechter Laune waren sie freilich über die Maßen »bock* 
beinig und gar nicht zu tractiren« und dann kam entweder Unsinn oder 
aber irgendein zweideutiger Orakelspruch zum Vorschein, in weldiem 
sich auch der scharfsinnigste »Spintisirer« nicht zurechtfinden konnte. 
Leider erfahren wir nicht, in welcher Weise derartige Manifestationen 
oder Kundgebungen der Geister zutage traten und ob sie die gestellten 
Anfragen auf mündlichem oder schriftlichem Wege erledigten, wie ja 
letzteres nach den bündigsten Versicherungen gläubiger Spiritisten noch 
heutzutage, wenngleich unter wesentlich modifizierten Bedingungen zu 
geschehen pflegt. Dagegen werden wir belehrt, daß jeder der Geister sein 
ihm ausschließend zugewiesenes Gebiet kuliivierte, welches er niemals 
überschreiten konnte und durfte, und so gab denn der König und die 
Königin über politische und namentlich das Geschick verschiedener 
Dynastien betreffende Fragen, der Mönch und die Nonne über religiöse 
und der Architekt über freimaurerische Angelegenheiten mehr oder 
minder erschöpfende Auskünfte, während sich der Ritter mit kriegerischen 
und adeligen Dingen befaßte und der Seraph über alle Vorfallenheiten 
im Bereich der Lüfte, der Bergknapp über alle Geschehnisse auf und in 
der Erde sich verbreitete. 

Freilich standen alle diese im Grunde doch nicht allzu gering anzu* 
schlagenden Leistungen hinter jenen des sogenannten roten und blauen 
oder besser gesagt blauen und roten Geistes <ä tout Seigneur tout honneur!) 
noch weit zurück. Kammerer beteuert wenigstens ganz ernsthaft: Für 
diese zwei sei »nichts zu hoch, nichts zu tief« gewesen/ was »Gott im 
Himmel und Satan in der Hölle« eben getan, sie hättens gewußt und 
oft auch gesagt/ die zwei waren unstreitig die »Hauptgeister« und alle 
anderen »rein nichts dagegen« ! 

Viel des Wunderlichen, Unglaublichen und Aberwitzigen möchte 
noch aus Kammerers so einfach, treuherzig und harmlos hingeworfenen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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74 Herbert Silbcrcr 



Notizen auszuheben sein, träte nidit bei den meisten derselben der 
relativ jedenfalls bedauerliche Umstand, daß sie durdi den Mangel ihres 
Anfangs oder Endes meist aller Verständlidikcit bar geworden, deren 
Wiedergebung hemmend in den Weg. Nur eines Faktums soll nun nodi 
gedadit werden. 

Als Kammerer eines schönen Morgens in das Geisterkabinett ge- 
treten, um dort, wie er dies täglidi zu tun pflegte, mit seinem Pfauen* 
sdiweifwedel die auf ihren Stellagen befindlidicn Gläser abzustäuben, sah 
er zu seinem nidit geringen Entsetzen das Glas des Königs mit Aus- 
nahme seines Wasserinhaltes ganz und gar leer, den ausgesdilüpften 
Geist aber oben auf dem Glase der Königin boshaft grinsend »hudkcnc 
und eifrig damit besdiäftigt, mit seinen langen, krallenartigen Nägeln das 
Siegel abzukratzen oder die Blase durdizubohren/ er war augcnsdieinlich 
von der böswilligen Absicht beseelt, seiner Gefährtin entweder gleidi- 
falls zur Freiheit zu verhelfen, oder aber, von heißen Liebeswehen ge- 
trieben, zu ihr ins Glas zu gelangend Auf Kammerers Zctergesdirci 
über solch augenscheinliche Unj[ebühr stürzte Graf KuefFstein nicht wenig 
erschreckt im Schlafrock zur Türe herein, und nun begann eine vom 
regsten Wetteifer befeuerte Hetzjagd, während welcher das Objekt der- 
selben, der gespenstige kleine Deserteur, wie ein wildes *EichkatzU von 
*Möbel zu Möbel« sprang und wie ein Satan dazu kreischte, bis er 
endlich nach nicht allzulangem Wüten, weil des gewöhnten tropfbar- 
flüssigen Elementes entbehrend, in halber Ohnmacht zusammenbrach und 
sich von seinem bereits atemlosen und schweißtriefenden Zwingherm, an- 
scheinend geduldig und in sein Los ergeben, haschen ließ, wobei es ihm 
gleichwohl noch mit Zusammenrafl^ung seiner letzten Kräfte gelang, das 
Gesicht, und namentlich die Nase des Grafen in häßlich entstellender 
Weise zu zerkratzen. Bei seiner Reinstallation in das kaum verlassene 
kristallene Gefängnis zeigte es sich nachträglich, daß die zuletzt ge- 
schehene Aufdrückung des Siegels in nachlässiger und unvollständiger 
Weise vollzogen und hiedurch unmittelbar der beabsichtigte Flucht- 
versuch veranlaßt und ermöglicht worden war. Um diese trübselige 
Historia in einigermaßen heiteren Tönen ausklingen zu lassen, teilt uns 
Kammerer schließlich mit, daß »der gnädige Herr« ob seiner bei dieser 
Affäre arg mitgenommenen Nase sich durch beinahe vierzehn Tage des 
»Tobaks« enthalten mußte, was ihm, da er ein leidenschaftlicher Schnupfer, 
»gar hart angekommen«. 

Wie lange sich Graf Kueffstein den Besitz dieser seiner, wenn der 
Ausdruck gestattet ist, leibeigenen Geister zu sichern, und wie er sie 
fernerweitig für seine kaum über das Bereich höherer Gaukelei und ver- 
dächtig flunkernden Firlefanzes hinausgehenden magischen Zwecke aus- 
zubeuten wußte, wie sich deren weiteres Schicksal gestaltet, und was 
überhaupt aus ihnen geworden, darüber lassen uns die schon genannten, 
nicht nur fragmentarischen, sondern auch in Form und Anlage in vorn- 
herein verkrüppelten Behelfe und Quellen vollständig im unklaren. Eine 
Notiz mit der Jahreszahl 1781 in A. F . . . e's maurerischem Collectaneen- 
Buche vermeldet einfach, Graf K . . f . . n habe auf die direkte Abfrage 



* Es ist rein unmöglidi, auch nur andeutungsweise wiederzugeben, auf 
Grund weldier Symptome Kammerer sidi zu letzterer Annahme hinneigt. Bemerkt 
sei nur, daß seine dicsfällige Wahrnehmung jedenfalls einen neuen und wichtigen 
Beleg hiefür liefert, wie grobsinnlich und materiell die Natur und Wesenheit dieser 
sogenannten »Geister« beschaffen war. 



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Der Homunculus 75 



eines intimen Freundes: »Wie es denn mit seinen .vertracten' Geistern 
stehe?* kurz abfertigend geantwortet: Er habe sich ihrer längst »ent* 
äussert« und wolle von diesen »Höllenbränden« nichts mehr wissen, da 
seine Gemahlin und sein Beichtvater wiederholt in ihn gedrungen, sein 
Seelenheil durch solchen gotteslästerlichen Unfug nicht länger zu ge* 
fährden. 

Wer von mir etwa Aufklärung dieser etwas rätselhaften Ge^ 
schichte erwartet, wird enttäuscht sein, wenn ich diesbezüglich voll- 
kommen versaee. Es ist umsonst, sich in Konjekturen zu versuchen,- 
jede Theorie, die man aufzustellen versucht, und die ein Argument 
für sich hat, hat deren ein Dutzend gegen sich. Für unsere Zwecke 
genügt übrigens, was auf alle Fälle feststeht, nämlich daß die wüste 
Homunkeliade einem ausschweifenden Spiel der Phantasie einer oder 
eher mehrerer Personen ihren Ursprung zu verdanken hat — einem 
Spiel, das vielleicht durch irgendwelche konfuse oder mißverstandene 
wirkliche Experimente angeregt worden, und einer Phantasie, die mit 
unverdauten alchemistisch^ magischen Brocken angefüllt war. Was 
nun daraus entstanden ist, weist <und eben deshalb hat die Geschichte 
hier ihren Platz gefunden) erst recht, trotz allen Ausschmückungen 
und tollen Seitensprüngen, wieder mit einer gewissen Breite jene 
Motivenfolge auf, die für die alchemistische <und mythologische) 
Homunkelerzeugung dharakteristisch ist, und, wie gezeigt worden, 
die Anhaltspunkte zu psychanalytischer Auflösung der Grundidee 
liefert. Nicht, daß Kammerers Geschichte prinzipiell neue Motive 
brächte,- die Art vielmehr, wie sich die unveräußerlidien Grundmotive 
immer wieder durchsetzen, weil sie sozusagen inneren Anklang 
finden und also nicht umzubringen sind, das ist das Interessanteste. 
Hier waltet die gleiche Kraft, die wir auch als die mythenerhaltende 
schätzen gelernt haben. Hinter ihr stehen selbstverständlich seelische 
Urmotive als das ewige Treibende. 

Der aufmerksame Leser wird gewiß selbst die vorbesprochenen 
alchemistisch^mythologischen Motive in Kammerers Erzählung 
wiedergefunden haben. Ich will nur einige kurze Hinweise hersetzen. 
Die Homunculi sind in Gläsern, die mit Wasser angefüllt werden. 
Das entspricht dem »philosophischen Ei«,- daß aber das »philosophische 
Ei« zu dem mit der Geburt des Sagenhelden so häufig verknüpften 
Motiv des Kästchens und der Flut in Parallele zu setzen ist, darauf 
habe ich schon oben hingewiesen. Es handelt sich dabei um einen 
mythischen Ausdruck für Zeugung und Geburt im Dienste von sag- 
bildenden Tendenzen, deren ausführliche Erörterung weit über den 
Rahmen dieser kleinen Studie hinausgehen würde,- vom Standpunkte 
der Psychoanalyse wäre da in erster Linie natürlich der von Rank^ 
herangezogene »Familienroman« des Neurotikers zu erwähnen. Der 
Punkt, wo der »Familienroman» sich am nächsten mit der Ho^ 
munkelkonzeption im allgemeinen berührt, ist, beiläufig bemerkt, die 



^ »Der Mythus von der Geburt des Helden.« Leipzig und Wien 1909. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



76 Herbert Silberer 



Trotzphantasie des »Bessermadiens«, d. h, eine Tendenz, die audi 
für den »Familienroman« zum Teil grundlegend ist. Ein paar Be* 
merkungen über die Tendenz der Homunkelphantasie sollen übrigens 
am Sdilusse folgen. Die Gläser, worin die Geister gehalten werden, 
sind natürlidi reine Verdopplungen des Sdimelzkolbens, in dem die 
Homunculi gleidisam ausgebadcen werden. Das Ausbadcen ist ja 
ein bekanntes Bild für das Werden des kleinen Kindes. So wie es 
von dem aldiemistisdien »Kinde« heißt, daß es in neun Monaten 
in dem philosophisdien Ei reife, so können wir von den Geistern 
konstatieren, daß sie nadi neun Wodien fertig sind,- Tage, Wodien 
und Monate stehen, wie man weiß, häufig füreinander,- in aldie^ 
mistisd^en Büdiern wird dies sogar nidit selten eigens angemerkt. 
Das Wasser in den Gläsern, dieses Wasser, dessen die Geister 
zum Leben bedürfen, ist einerseits jenes mythisdie Wasser <des 
Lebens und des Todes), woher alles sein Leben nimmt, anderseits, 
in engerer Fassung, das FruAtwasser, während wir in dem Gefäße 
<Sdimelzkolben, Glasbehälter) den Uterus zu erblid^en haben, dessen 
Wärme sowohl in der Feueroperation mit dem Sdimelzkolben als 
in dem Vergraben der Gläser in dem infolge der Besprengung mit 
gewissen Flüssigkeiten sidi erwärmenden und dampfenden Misthaufen 
<tierisdier Dung) zum Ausdrud^ kommt. Nodi einleuditender wird die 
Sadie für jeden, der dieser Art Symbolik zugänglidi ist, indem man die 
Flüssigkeit zur Erhitzung des venter equi <Uterussymbol) als eine sper- 
matische erkennt. Braobee läßt uns ja deutlidi genug die Natur der 
Flüssigkeit erraten, indem er die Laboranten zu den Seminalisten und 
Stercoristen redinet. Audi der Urin wird in seiner stellvertretenden 
Rolle dabei nidit gefehlt haben, in jener Rolle nämlidi, vermöge weldier 
z. B. aus der urindurditränkten Stierhaut Orion-Urion entsteht. Audi 
die Alraune entspringt aus dem Urin oder Sperma. Das Wasser, 
worin die Geister sdiwimmen, kommt, wie idi beiläufig bemerken 
mödite, ebenfalls bei den Alraunen vor, und zwar in Form des bei 
ihnen erwähnten Bades, das zu ihrer rituellen Pflege gehört. Das 
zur Ernährung der Geister dienende Blut, beziehungsweise der ihm 
gleidiwertige rötlidie Stoff <der eigentlidi die rote Tinktur der Aldie^ 
misten vertritt) ist einerseits bekanntermaßen mythisdier Lebensträger 
und spermatisdie Materie und hat anderseits, wie sidi durdi aldie^ 
mistische Parallelen erweisen ließe, Beziehungen zur intrauterinen Er^ 
nährung. Der himmelblaue Geist und der rote Geist haben etwas 
Korrespondierendes in der Aldiemie, worauf hier nidit näher einge* 
gangen werden kann. Die Gefahr, bei Berührung mit dem Wasser 
der Geister grindig zu werden, kennzeidinet es (vermöge gewisser 
mythologisdier Beziehungen) abermals als Lebenswasser. Das Sigill, 
womit die Flasdien magisdi^hermetisdi verdilossen werden, hat audi 
seine gute psydianalytisdi zugänglidie Bedeutung,- es ließe sidi viel dar^ 
über sagen,- idi will nur sdilagwortartig andeuten, daß man das Siegel 
sub specie eines Verbotes oder der Hemmung eines verbotenen 
Tuns betraditen kann. Das Verbot ist geknüpft zu denken an die 



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Der Homunculus 77 



Idee der unnatürlidien Zeugung. Zu zeigen, wie diese weiter mit 
dem Inzest zusammenhängt, ist diesmal mein Vorhaben nidit. 

Die Flasdiengeister haben, wie die Homunculi und Alraunen 
überhaupt, phallisAen Charakter. Man erinnere sidi der phallisdi ge*^ 
stalteten Mandragoren. Glückbringende Kleinodien weisen ohnehin 
im allgemeinen auf phallisdie und verwandte Urformen hin. Was 
die Flasdiengeister im besonderen angeht, sei auf ihre Größe von 
einer Spanne, ihre Fähigkeit zu wadisen, sowie auf ihr Zusammen- 
sdirumpfen oder Hinfälligwerden hingewiesen. Der phallisdie Cha^ 
rakter bewährt sidi audi an der Episode des Königs und der Kö- 
nigin. Man gedenke audi des Würmdiens Samir, sowie des roten 
TuAes, in das die Springwurzel fällt. 

Meine Ausführungen dürften zur Genüge gezeigt haben, daß, 
was idi zu Beginn sagte: nämlidi daß die aldiemistisdie Svmbolik 
sidi an vielen Punkten in die »völkerpsydiologisdien Parallelen zu 
den infantilen Zeugungstheorien« einfügen ließe, — audi im beson^ 
deren von der Bereitung des Homunculus gilt. Indem idi nur nodi 
darauf hindeute, daß die Homunkelidee in den mythologisdicn Par^ 
allelen speziell mit Sdiöpfungsmythen zusammenhängt, will idi von der 
Form der Homunkelsymbolik nidits weiter sagen. Vielleidit mögen 
aber ein paar zusammenfassende Worte über die Tendenz des 
Homunkelgedankens am Platze sein. Weit entfernt von der Meinung, 
dafür eine gründlidie Lösung bieten zu können, will idi zwei Haupte 
momente hervorheben. 

Der Umstand, daß sidi aus der »materia homunculi«, d. h. 
aus dem unnatürlidi verwendeten Sperma <oder dem gleidiwertigen 
Stoffe) Monstra mit übernatürlidien Fähigkeiten^ entwid^eln, ja, 
daß sidi überhaupt etwas daraus entwid^eln soll, ist als eine Art 
Ersatzphantasie anzusehen, die nadi einer Bemerkung von Freud 
am besten aus einer Hodisdiätzung der Onanie zu erklären wäre. 
Die Idee wäre die, der unfruditbaren Onanie das ihr Fehlende in 
erhöhter Qualität anzudiditen. Phantasien, die eine nidit vorhandene 
Fruditbarkeit vorspiegeln, sind z. B. in Träumen oft genug beobaditet 

^ Allgemeiner gesagt, kommen überhaupt bei anomaler, insbesondere bei 
künstlicher Zeugung vorzugsweise Sprößlinge mit außergewöhnlichen Fähigkeiten 
vor. Der Eisenhans, den sich <bei Hai trieb, »Siebenbürgisch'Deutsche Volks* 
bücher«, 11*, Nr. 17) ein Mann schmiedet, entwicJtelt ungeheure Kräfte und er« 
wirbt seinen Eltern Reichtum. Ludwig Laistner, »Rätsel der Sphinx«, II, p. 392, 
erwähnt, daß sich Ilmarinen ein Weib aus Kupfer schmiedet, Hephaistos goldene 
Mägde, goldene und silberne Hunde. Die schwäbische Redensart »eins basteln« 
<bästeln = fabricare) bedeutet: spurium gignere. »Das vielgedeutete Wort Bastard 
könnte einen solchen Gebastelten, Geschmiedeten meinen, der ohne eines Vaters 
Zutun entstand/ wenn in einer altnordischen Sage ein Heldenschwert namens 
Bastardhr, Basthardhr vorkommt <Grimms Wörterb. 1, 1150), so wird das wohl 
ein vom Schmieden hartes sein. Nach Hesiod (Theog. 927) war Hephäst nur 
seiner Mutter Sohn, ein anderer Bericht weiß, daß er Ttx^'DOtv är^u Atög zu* 
Stande kam <RLM I 2048). Vielleicht deutete man seinen Namen als tqaiOTog, 
ainöq^atoxog, selbstgebästclt, und der ganze Mythus ruht auf einer falschen 
Etymologie wie zahllose erklärende Sagen auch.« 



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78 Herbert Silberer 



worden. Ein hübscher Fall ist der eines nodi nidit völlig aufgeklärten 
Mäddiens, das sich an einer Tischkante sexuell befriedigt hat und 
dann im Traume eine Menge hölzerner Kinder bekommt. Daß auch die 
häufig in psychischer Verknüpfung mit Onanie stehenden Schuld- 
oder Angstaffekte zu beachten sind, insofern nämlich die Monstra 
schrecklich sein können, wurde schon bemerkt. Wir werden gut tun, 
in betreff der »Hochschätzung« nicht bJ der Onanie im engeren 
Sinne stehen zu bleiben, sondern zu erweiterter Bedeutung fort* 
zuschreiten, die dem allgemeineren Begriff von unnatürlicher SexuaU 
befriedigung überhaupt zustrebt. Ist doch, wie wir bei Paracelsus 
sehen, jeder unregelmäßig verwendete Same »materia homunculi«, 
und handelt es sich doch auch beim biblischen Onan (Motiv des fallen 
gelassenen Samens) nicht gerade um MasturbationS welche vielmehr 
als ein Spezialfall angesehen' werden kann. Rank bringt <in den 
Völkerpsychologischen Parallelen) Onans Verhalten zum Inzest in 
interessante Beziehung. Thamar^ wird von Juda in Blutschande be* 
fruchtet. »Daß die Durchsetzung dieses Inzests auch hier die Triebe 
kraft für die Sagenbildung abgibt, lassen einzelne Hinweise noch er^ 
kennen, insbesondere der auffällige Tod der zwei Söhne Judas, die 
sich der Thamar nahen, ohne sie zu befruchten: ihr Mann und dessen 
Bruder Onan. Juda verspricht ihK dann seinen dritten Sohn Sela, 
bis er groß geworden ist. »Denn er gedachte: Vielleicht möchte 
er auch sterben wie seine Brüder.« In diesem vom Standpunkt 
des Vaters gearbeiteten Mythos, der in der Beseitigung der uner^ 
wünschten jüngeren Konkurrenten an die von Jung <I. Jahrb., p. 171 f.) 
aufgeklärte Tobias^Geschichte gemahnt, tritt also der Vater als be^ 
fruchtender Ersatzmann für den zeugungsunfähigen Sohn <Onan) ein, 
wie in der Ruben^Sage der Sohn für den alten Vater. Der auf die 
Erde gefallene Same Onans, der weiter in der Sage keine Rolle mehr 
spielt, muß ursprünglich der symbolische Ersatz einer verbotenen Be« 
fruchtung <Inzest) gewesen sein, da in allen anderen Überlieferungen 
das auf die Erde getropfte Sperma oder Blut <Uranus, Anepu) be- 
fruchtend wirkt. So auch in der griechischen Sage von Erichthonios, 
der entsteht, indem die jungfräuliche Athena sich der Umarmung 
des brünstigen Hephaistos zu entziehen weiß und den auf ihrem 
Schenkel vergossenen Samen auf die Erde wirft, die den seh 1 an* 
genfüßigen Erichthonios hervorbringt. Doch gilt diese Erzählung 
allgemein als Abschwächung einer älteren Fassung, der der Ge* 
schfechts verkehr der Athena noch nicht anstößig war.« 

Das zweite wichtige Moment ist das Motiv des Bessermachens 



^ Onan soll <1. Mose 38) auf Befehl seines Vaters Juda das Weib seines 
verstorbenen Bruders, Thamar, beschlafen, um seinem Bruder Nachkommen zu 
verschaffen. »Aber da Onan wußte, daß der Same nicht sein eigen sein sollte (die 
Kinder hätten als rechtmäßige Nachkommen seines Bruders gegolten), wenn er sich 
zu seines Bruders Weib legte, ließ ers auf die Erde fallen, und verderbte es, auf 
daß er seinem Bruder nicht Samen gebe« <38, 9). Thamar wird dann unerkannter* 
weise von ihrem Schwiegervater Juda in Blutschande befruchtet. 



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Der Homunculus 79 



oder, im Speziellen, das Besser^Zeug€n, Audi dieses Motiv bewährt 
siA in der übermensdilidien Besdiaffenheit der Homunculi, My^ 
thisdi setzt der Bildner der Mensdienwelt \n einem überaus ver^ 
breiteten Typus von Sdiöpfungssagen sein Werk besserer Ordnung 
dem älteren einer unvollkommenen Ordnung entgegen. Sofern aus 
der Homuncufusbereitung das Motiv des Besser^ Zeugens von selbst 
hervorstidit, genügen meine obigen Ausführungen/ für eine tiefere 
Begründung, die sidi in wenigen Worten nidit erledigen läßt, muß 
idi wieder auf mein sAon genanntes Budi verweisen, 

Wir haben mit einem Motto aus »Faust« angefangen. So lassen 
wir denn das Leitmotiv des Besser ^ Zeugens, zu dem wir zum 
Sdilusse zurüdigekehrt sind, in diesen Worten des Wagner (»Faust*, 
IL Teil, 2, Akt, 2> ausklingen: 

* , - , wie sonst das Zeugen Mode war 

Erklären wir für eitel Possen, 

Der zarte Punct ans dem das Leben sprang. 

Die holde Kraft^ die aus dem Innern drang 

Und nahm und gab, bestimmt sidi selbst zu zeidinen, 

Erst Närfistes, dann sidi Fremdes anzueignen, 

Die ist von ihrer Würde nun entsetzt/ 

Wenn sidi das Tier nodi weiter dran ergetzt. 

So muß der Mcnsrfi mit seinen großen Gaben 

Dodi künftig reinern, hohem Ursprung haben,* 



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80 Hanns Sadis 



Homers jüngster Enkel. 

Von HANNS SACHS <Wien>. 

Unsere Zeit verarmt durch ihren Reichtum. Damit das innige 
und reine Gefühl für irgendein Stück Außenwelt in uns aufblühe, 
müßten wir uns ihm mit allen unseren Sinnen zu eigen geben, und 
wie wäre das möglich, da stündlich neue Gegenstände auf uns ein* 
stürmen, die unser Interesse an sich reißen wollen und uns am 
Mantel zerren wie die zudringlichen Bettlergedanken den Zeus am 
Weltenturm? Ehemals blieb die Alltagsumgebung eines Menschen, 
solange er lebte die gleiche, so daß sie mit allen Fasern seines Wesens 
verwuchs/ das Ungewohnte, das in sein Dasein trat, gewann durch 
seine Neuheit lebhafte Farbe, die auch in der Erinnerung nicht 
verblaßte. Der Durchsdinittsbildungsmensch von heute hat, ehe seine 
Reifejahre erreicht sind, einen kaum mehr erschleppbaren Erinne* 
rungsbündel von Landschaften und Städtebildern, Kunstwerken und 
Naturwundern gesammelt/ jeder Ferientag trägt neue hinzu und 
auch die Heimat ändert ihr Antliz von Jahr zu Jahr. Wenn er die 
Tagesneuigkeiten in seiner Zeitung überfliegt, ein paar illustrierte 
Journale durchblättert oder gar in ein Kino geht, hat er in einer 
Stunde mehr interessante Gegenstände gesehen, seiner Phantasie — 
das Wort im weitesten Sinne — mehr Nahrung gereicht, als etwa 
dem Dichter des cherubinischen Wandersmannes während der langen 
Jahre gegönnt war, die er am Hofe des Herzogs Nimrod zu Öls 
verlebte. Wenn dem Aneelus Silesius und den besten Geistern 
seines Jahrhunderts die Welt hinter einem Nebel von Mystik 
entschwand, weil sie in ihrer Einförmigkeit, Öde und Nüchternheit 
allzu unerträglich war, so entgleitet sie unseren Sinnen, weil sie zu 
bunt und überquellend für unsere Fassungskraft geworden ist. 
Dazu kommt, daß die Fähigkeit, die Naturerscheinungen klar und 
sachlich zu betrachten, heute nicht mehr in so innigem Zusammen^ 
hange mit der wissenschaftlichen Forschung steht, wie noch für Goethe 
und seine Zeitgenossen. Das schärfste Auge kann das Mikroskop 
und das Reagensglas nicht ersetzen, es kann nur, selbständiger 
Beobachtung entsagend, in ihren Dienst treten. Die exakte Natur-^ 
forschung hat uns unendlich gefördert, aber die Dinge, die sie uns 
zeigt, sind nicht dieselben, die wir mit unseren Alltagsaugen er* 
blicken. 

Diese Wandlung der Zeiten findet ihren stärksten Ausdruck 
in der Kunst und ihrer Entwicklungsrichtung. Wir erwarten von 
dem Dichter nicht die Vermittlung eines Weltbild^^Bruchstückes, son^* 
dem daß er uns möglichst unmittelbar und umweglos zu einem 
Blick in die Tiefen seiner Persönlichkeit verhelfe. Einst war seine 
Aufgabe anders: Er war dazu bestimmt, die Pforten der Welt vor 
seinen Hörern aufzureißen, Menschen und Dinge vor sie hinzu^ 
stellen,- nur von ferne ließ sich der Schöpferhauch ahnen, aus dem 



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Homers jüngster Enkel 81 



das alles, was sich so selbständig und eigenwillig durdieinander^ 
tummelte, entsprossen war. Die künstlerisdie Persönlidikeit ver* 
sdiwand hinter dem Werke/ wie ein Lidit, das hinter einem Trans^ 
parent die Farben aufglühen läßt, verriet sie sidi nur durdi die 
innige Erfassung und Durdiseeltheit aller Fissuren und Sdiauplätze. 
Dies; die Welt mit eigenem Geist zu beleben und so dem Men* 
sdien die seelenlose, ihm tieffremde Außenwelt, vor der ihm graute, 
vertraut und den ersten Sdiritt hinaus leiditer zu madicn, war die 
große Sendung Homers und seiner Vor- und Nadifahren. Heute, 
so sdieint es, ist die Aufgabe gelöst, die Sendung überflüssig und 
die Sippe Homers bestimmt zu verlösdien. 

Wäre dem so, dann hätte die Reihe der Sänger und Seher 
einen Absdiluß gefunden, der ihrer würdig ist/ Carl Spitteler, der 
jüngste Enkel Homers, ist seiner großen Ahnen wert. Damit soll 
nidit gesagt sein, daß er als spätgeborner Sprosse einer alten Fa^ 
milie in unsere Welt nidit mehr hineinpaßt. Daß er geistreidi 
sein kann wie der beste moderne Franzose, ein tiefer und zarter 
Psydiologe wie die großen Russen, hat er in »Imago« bewiesen. 
Aber Geist und Simplizität, Psydiologie und Gegenständlidikeit 
sind ihm nur Mittel, clie er niemals über ihren Zwedt hinaus ver* 
wendet. Er hält seinen Witz und Tiefsinn gleidi fest am Zügel. 
Die Umrisse seiner Persönlidikeit lassen sidi aus seinen Werken 
kaum erraten, weil er immer mit seinem ganzen Selbst in den 
Dienst des künstlerisdien Zwedces tritt. So kann man z. B. nidit 
mit Sidierheit entsdieiden, ob der im »Olympisdien Frühling« so oft 
und ingrimmig betonte Pessimismus wirklidi die Grundansdiauung 
des Dioiters ist, oder ob er nur aus künstlerisdien Gründen als 
ein Gegengewidit von Dunkel und Bitternis notwendig war, damit 
die lautere Sdiönheit und Anmut des Werkes nidit ans Süßlidie 
gemahne. Überall tritt uns das Kunstwerk als selbständige Welt 
entgegen, der Sdiöpfer bleibt uns so unbekannt, wie der blinde 
Sänger, um dessen Geburtsstättc seine Volksgenossen wie die 
Philologen um seine Existenz stritten. »Idi dadite midi triff ts, ob 
idi leide. Den andern, dadit' idi, sdiuld' idi heit're Ohrenweide.« 

Nun hat uns dieser Meister der Kunst des Unsiditbarmadiens 
ein Büdilein besdiert, das ganz und gar nur von seiner Person 
handelt,^ und zwar von jener Zeit, die seiner eigenen Meinung 
nadi für die Entwidtlung seiner Persönlidikeit weitaus die widitigste 
war. Nehmen wir gleidi vorweg, daß dies dieselbe Lebenszeit ist, 
von der Freud ganz allgemein behauptet, daß in ihr die Grund- 
risse für den ganzen künftigen Lebens-r und Charakterbau gezogen 
werden, die Zeit bis zum vierten Lebensjahre. Die großartige 
Selbsterkenntnis des Künstlers über seinen frühesten Werdegang 
wird allerdings durdi einen besonderen Ausnahmsumstand erleidi* 



* »Meine frühesten Erlebnisse«, Süddeutsche Monatshefte, Heft 1—4 (Ok- 
tober 1913 bis Januar 1914). 



Imago in 1 



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OrfgfrTaffrom 
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82 Hanns Sachs 



tert: Seine Erinnerungen reidien zurück bis zum Ende des ersten 
Lebensjahres — und alle, selbst jene, die aus der allerersten EpoAe 
stammen, zeidinen sidi durdi Genauigkeit der Nebenumstände und 
eine klare Bestimmtheit aus, wie sie frühesten Kindheitserinnerungen 
sonst nidit zu eigen zu sein pflegt. Gedäditnislüd^en finden sidi 
auch bei ihm, aber mandie von den widitigsten Gefühlen und Ein* 
drüd^en des Kindes sind in vollkommener Frisdie aufbewahrt worden, 
während sonst nur ein oder das andere gleidigiltige Bild, bloße 
»Ded^erinnerungen«, von der Amnesie verschont zu werden pflegt. 

Es ist nicht unsere Aufgabe, den Dichter auf seinem ersten 
Welteroberungszug zu begleiten,- audi wäre es schade, eine Wieder- 
gabe zu versuchen, in der der köstliche Schimmer von Humor 
und Poesie verwischt würde, den Spitteler über seine Erzählung 
ausgegossen hat. Er ist imstande in seiner Reife so echt kind* 
lieh zu sein, daß man sein Gefühl, seine Persönlichkeit sei noch 
heute in jenem Kindheits^Ich am reinsten abgedrüd^t, zu teilen ge* 
zwungen wird. 

Wir sind es gewohnt, durch Analysen zu erfahren, daß der 
Traum aus den Quellen der Kindheit schöpfe. Auch darin bewährt 
sich die Verwandtschaft von Traum und Poesie: Spitteler weiß sich 
noch manches Eindruckes zu entsinnen, aus dem er seine herr* 
liebsten Gesichte geformt hat, und der Kindheitsstimmung, die ihn 
damals überglänzte. Diese Objekte freilich, ein Baum oder eine 
Felswand, ein freier Ausblick oder ein fließendes Wasser, sind 
an sich durchaus alltäglich und gewöhnlich. Den großen Affektwert, 
der so dürftige Gegenstände zu seiner monumentalen Verwen* 
düng tauglich macht, verdanken sie ofi^enbar ihrer Herkunft aus 
dem kindlichen Seelenleben,- der Künstler bildet seine Werke aus 
demselben Material, wie der Durchschnittsmensch seine Träume. 
Wir gehen ja schon längst von dieser Ansicht aus und einmal 
schon ^ wurde an dieser Stelle die Vermutung hingeworfen, daß die 
Gestalten des gewaltsamen, tyrannischen Vaters und der zarten 
leidenden Mutter die im »Leutnant Konrad« und in den »Mädchen*' 
feinden« ähnlich wiederkehren, aus des Dichters eigener Kindheit 
stammen. Das bestätigt sich durchaus,- ein Großoheim und Haus* 
genösse des Dichters, übrigens auch ein »Götti« wird geschildert : 
»Er sah auch wirklich fürditerlich aus: eine wuchtige Gestalt, ein 
Gesicht wie ein Menschenfresser, eine abenteuerlich getigerte Haut, 
blutunterlaufene rollende Augen« — Zug für Zug der Vater Reber, 
mit dem er auch die Geschäftstüchtigkeit gemeinsam hat. Das schlechte 
Verhältnis zum ältesten Sohn und die leidende Frau, die in beiden 
Erzählungen wiederkehren, sind demselben Vorbild entnommen. Ist 
der Vater Konrads hauptsächlich nach dem Götti gebildet, so trägt 
wiederum der Götti Statthalter sehr deutlich Züge des eigenen 
Vaters. So die Freude an den »unverdorbenen, urwüchsigen Buhen«, 



l^Imago«, II. Bd., 1. H. 



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Homers jüngster Enkel 83 



die Auflehnung gegen Erziehungsregeln und Anstandszwang, die 
Leutseligkeit und das Popularitätsbedürfnis, sdiließlidi audi Körper* 
kraft und Stimmgewalt. Natürlidi ist damit nidit gemeint, dan es 
dem Diditer um Porträtähnlidikeit bewußt oder unbewußt zu tun 
gewesen sei,- die Einzelzüge, die ihm sein Kindheitsgedäditnis über* 
lieferte, sind nadi den Erfordernissen des künstlerisdien Zwed^es 
verwendet worden, der allerdings selbst wieder jenseits jeder per* 
sönlidien Willkür liegt. 

Wie sdion erwähnt, war die Frau des »Götti« zart und 
kränklidi, ebenso audi die Großmutter des Diditers, die ihm in der 
Kindheit eine Zeidang mehr bedeutet zu haben sdieint, als die leib* 
lidie Mutter,- audi diese war sanft und zurüd^haltend, dem Mutter* 
bildnis in den j^^Mäddienfeinden« nidit ungemäß. 

Idi halte die Neigung, »Übereinstimmungen« aufzustöbern, für 
den Ausdrudt einer sdiädlidien und verwertlidien Geistesriditung, 
die strebt, den Reiditum und die Mannigfaltigkeit der Welt, die dodi 
darin begründet sind, daß audi das Ähnlidiste nodi Üntersdiei* 
düngen kennt, auf eine dürre, tote Formel zurüd^zuführen. Allen, 
die soldien Gelüsten frönen, sollte das SdiiAsal des Herrn Haupt* 
pastors Goetze und seiner Evangelienkonkordanz zur Warnung 
dienen,- freilidi begegnet man nidit auf jeder Straße einem Lessing. 

Nadidem idi meinen Absdieu mit hinreißender Deutlidikeit 
zu erkennen gegeben habe, wird es wohl gestattet sein, wenig* 
stens die zwei auffälligsten Übereinstimmungen zwisdien Freuds 
Lehren und den Selbstbeobaditungen Spittelers namhaft zu madien. 
Freud definiert^: >Der Traum ist die verkleidete Erfüllung eines 
unterdrüAten, verdrängten Wunsdies«, Spitteler nennt den Traum: 
»unbefugtes Auftaudien unterdrüd^ter Sehnsuditswünsdie unter fal* 
sdiem Anditz und Namen.« Es ist, wenn man vom Untersdiied 
der Ausdrud^sweise absieht, audi nidit ein Element, das nidit beiden 
Formulierungen gemeinsam wäre. Über das Verhältnis zu jüngeren 
Gesdiwistern spridit Freud in diesen Worten^: »Es ist aber ganz 
besonders interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig 
darüber in ihrem Verhalten gegen jüngere Gesdiwister zu beob* 
aditen. Das Kind war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, 
daß der StorA ein neues Kind gebradit hat. Das Kind mustert 
den neuen Ankömmling und äußert dann entsdiieden: Der Stordi 
soll ihn wieder mitnehmen«. Spitteler erzählt <p. 167): »Übrigens 
war nodi ein zweiter Adolf da. Ein kleines Gesdiöpf, von 
dem man behauptete, es wäre mein Bruder, von dem idi aber 
nidit begriff, wozu er nützlidi sei/ nodi weniger, weswegen man 
soldi ein Wesen aus ihm madie, wie von mir selber. Idi genügte 
für mein Bedürfnis, was braudite idi einen Bruder? Und nidht bloß 
unnütz war er, sondern mitunter sogar hinderlidi. Wenn idi die 



* Traumdeutung, III. Auflage, p. 117. 

* loc. cit. p. 182. 



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64 



Hanns Sadis 



Großmutter belästigte^ wollte er sie ebenfalls belästigen^ wenn idi 
im Kinderwagen gefahren wurde, saß er gegenüber und nahm mir 
die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den Füßen stoßen mußten.* 
Andere Stellen sdieinen einer Deutung im Sinne der Freud- 
sAen Forsdiungsergebnisse reidie Ausbeute zu verspredien/ wir 
wollen uns für diesesmal enthaltsam zeigen und nicht nadi Ge* 
heimnissen unter der Erde suAen, wo so viel Schätze offen zutage 
liegen* 




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Vom wahren Wesen der Kinderseele 85 

Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

Redigiert von Dr. H. v. HUG^HELLMUTH. 

I. 

Lou Andreas^Salome. Im ZwisAenland. 

Fünf Gesdiiditen aus dem Seelenleben halbwüdisiger Mäddien^ 

Wenn es wahr ist, daß die Frau das Wesen des Kindes tiefer, inniger 
erfaßt als der Mann, so gilt dies doppelt von der Diditerin. Denn sie hat 
vor ihren Mitsdiwestern die Gabe voraus, das, was sie in fremder Seele 
ersAaut, mit dem zu vereinen, was Erinnerung und Phantasie ihr aus der 
eigenen Kindheit bewahrten. Mit entzüd^ender Feinheit sdiildert Lou An-^ 
dreas^Salome in den fünf Gesdiiditen aus dem Seelenleben halbwüdisiger 
Mädchen das Ringen und Werden dieser »gewesenen Kinder«. Nur eine 
Frau von hoher diditerisdier Begabung und einem jungen, jungen Herzen 
kann so lieblidie Gestalten vor uns zaubern, wie die kleine Musja mit ihrer 
rührenden Begeisterung für das DiAter^Idol ihres Bruders, die sdilanke Lisa, 
die dem Vetter mit dem »sdired^Iidien Ruf« ein Sdiutzengel, ein Anwalt 
gegen die böse Welt sein will, Ria, »Vaters Kind«, und die armen heimat* 
losen SAwestern DasAa und Masdia und endlidi Ljubow, die Sedizehn* 
jährige, »deren große, sdiöne, wxidie Gestalt verkündete: ,Idi bin eine aus« 
gewadisene Person, eine Dame bin idi \\ indes das runde Kindergesidit dem 
lebhaft widerspradi,« Ljubow, die vom Leser sdieidet in erwartungsseligem 
Liebesbangen. 

Unter den vielen Problemen, weldie die Autorin in den fünf No* 
vellen berührt, lod^t uns vor allem eines, der Familien komplex. Die 
dunkle Madit, der wir alle unterworfen sind und die wir gemeinhin 
»Sdiidtsal« zu nennen pflegen, erweist sidi bei psydioanalytisdier Betradi« 
tungsweise im Grund als die Summe der Einflüsse unseres Heims von 
frühen Kindertagen an.- sie bestimmen unsere Entwidtlung, unsere Fehler 
und Vorzüge, sie zeidinen uns den Weg vor, auf dem wir Liebe und Glüd^ 
sudien. 

Was die moderne SeelentiefenforsAung mit nüditernem Verstand 
enthüllt, das wertet die Diditerin mit dem Gefühle', den Familienkomplex 
in seinen segensreidien und seinen tragisdien Wirkungen. Neben ihm und 
mit ihm eng versdilungen geht die Kindersehnsudit, groß zu sein wie 
Vater und Mutter, oder dodi wenigstens so groß wie die beneideten älteren 
Gesdiwister. Diese Sehnsudit, die das kleine Kind sdion erfüllt und in 
seinen Spielen einen beredten AusdruA findet, wädist und sdiwillt in den 
Jahren beginnender Reife ins Riesenhafte, sie treibt die junge Mensdien-^ 
knospe, ehe ihre Zeit gekommen, sidi zu entfalten. Daß die halbwüdisigen 
Mäddien unter diesem Drängen und Sehnen unendlidi mehr leiden als die 
Knaben, erklärt sidi aus den engeren SAranken, die die »gute Sitte« dem weib*^ 



^ Stuttgart und Berlin 1911, J, G. Cottasche Budihandlung Nadifolger. 

- Auf eine Anfrage hatte Frau LouAndreaS'Salomedie Liebenswürdig- 
keit, mir brieflidi mitzuteilen, daß die letzte der fünf Novellen »Wolga« aus dem 
Jahre 1901, die vier anderen aus noA früheren Jahren stammen, aus einer Zeit, 
da sie mit den Freudsdien Lehren nodi nidit bekannt geworden. Diese habe sie 
erst 1911 kennen gelernt. 



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86 Dr. H. V. Hug-Hellmuth 



lidicn Geschlecht zieht. Für sie alle gilt, was der fünfzehnjährige Michael im 
Gefühle seiner männlichen Überlegenheit seinen Geschwistern, dem zwölfjährigen 
Boris und der kleinen Musja, die auch schon »reichlich« zehn Jahre zählt, 
höhnisch entgegenwirft: ^Ja, lieber Himmel, was sind sie denn nun eigent^ 
lieh?! Kinder sind's nicht. Erwachsene sind's ja doch auch nicht — in der 
Klemme sind sie dazwischen! Rechts wohnen alle Erwachsenen, links alle 
Kinder, und ihr — ihr wohnt wohl nirgends oder so in einem Zwischen» 
land, einem Nirgendwo!« 

Langsam wächst in jedem Kinderherzen die Erkenntnis, daß Vater 
und Großvater doch nicht eine so große Macht besitzen, als es wähnte, und 
mit dieser Enttäuschung beginnt der Kinderglaube überhaupt zu wanken. 
Die vierzehnjährige Ria wendet sich nicht allein deshalb vom Vater, der ihr 
tödlich verletztes Hündchen durch einen wohlgezielten Schuß von seinem 
Leiden befreite, in Furcht ab, weil sie ihren Vater zum erstenmal unerbittlich 
und hart sah, es mischt sich das große Entsetzen in ihre Gefühle, da sie 
des Vaters Allmacht gebrochen sieht,- er konnte töten, aber wiedererwecken 
kann er das niedliche Hündchen nicht. 

So tief wird die junge Seele von Versagung und Enttäusdiung durch 
die Heißgeliebtesten in der Kindheit, die Eltern, getroffen, daß neben der 
Liebe ein stiller Haß zu glimmen beginnt und Furcht zugleich. Mit Entsetzen 
vernimmt die kleine Musja die lästerlichen Gedanken, mit denen Boris 
Großvaters Bemühung, den goldenen Stern an der Spitze der Weihnachts* 
tanne zu befestigen, verfolgte. Sein ganzes Sinnen und Trachten gilt dem 
heimlichen Plan, daß Musja zu dem angebeteten Dichter gehe, ihn zu fragen, 
wie Boris ein Dichter werden könne. »Als der Großpapa vorhin den Stern 
da oben anmachte, da schlug mir ordentlich das Herz, ich dadite: fällt der 
Großpapa nidit herunter, so gelingt's — fällt er herunter — «. »O pfui, 
Boris! Daß du aber auch so etwas Furchtbares dir ausdenken 
konntest!« rief Musja voller Entsetzen. 

Und Ria, »Vaters Kind«, die, soweit sie zurückdenken konnte, über 
alles seine Meinung wissen wollte, die mit allen kleinen persönlichen Nichtig* 
keiten zu ihm kam, flüchtet vom Vater weg zur Mutter, weil ihre guten 
Gefühle seltsam aufgerührt sind durch Furcht und Abscheu. *,Laß mich bei 
dir!' flüsterte sie zur Mutter und fing an zu weinen. Die Mutter lag ganz 
still. Sie ahnte, was im Kinde vorging und was in ihr gegen den Vater 
kämpfte. Noch nie zuvor war Ria in soWier Weise zu ihr gekommen, wie 
in eine Zuflucht. In diesem Augenblick fühlte sie die Macht, des Vaters 
Liebling an sich zu fesseln, die bisher ungleich verteilte Kindesliebe gerechter 
auszugleichen — , , , Dann aber legte sie ihre Hand auf Rias weiches Haar 
und sagte ruhig: ,Willst du mir nidit die Liebe tun und zum Vater 
fahren?' 

Ria schmiegte sich fester an sie. 

,Ich habe Angst vor dem Vater!' rief sie, ohne ihren Kopf zu erheben, 
,laß mich bei dir!' 

,Warum hast du Angst vor ihm? weil er dir bisher immer den Willen 
tat und zum erstenmal will, was du nicht willst? Hast du ihn denn nicht 
lieb? Geh hin zu ihm und laß ihn nicht allein — / heute abend in seiner 
leeren Stube.' 

Da erhob sich Ria vom Bettrand und trocknete die Augen. 

,Ich muß es tun, wenn du mich schickst. Aber nur, weil du es bist, 
die mich schickt,' antwortete sie und küßte die Mutter. ,— nur allein deinet* 
wegen, Mama!'« 



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Im Zwisrficnland 87 



Ein intuitives Schauen sagt der Dichterin, wie das Gefühlsverhältnis 
zwischen Vater und Tochter um eine Nuance anders gefärbt ist, als die 
liebevollste Zuneigung des Mädchens zur Mutter. 

Die feine Erotik der Beziehungen zwischen Vater und Tochter kommt 
auch dann zu Worte, wo der Beruf des Vaters ihn fern vom Hause hält. 
So leiden die beiden Mädchen in der Novelle »Die Schwestern« tief unter 
der Trennung vom Vater, tiefer als unter dem Tode der Mutter. Ihre ethi- 
schen Konflikte wegen eines Stückchens Kuchen, das die Magd ihrethalben 
vom Tische der Herrschaft zurückbehalten, ihre Skrupel, ob es sich um 
Diebstahl oder nur um etwas »Unfeines« handle, meinen sie, wären mit 
einem gelöst, wenn sie »doch Papa immer nach allem fragen könnten«. Bei 
diesen beiden ist der Familienkomplex so stark, sie fühlen so sehr den 
Mangel eines schützenden Heims, der steten Aufsicht und Obsorge der 
Eltern, daß sie ihre Freundin Aßja selbst um die strengen Worte beneiden, 
die sie um eines kleinen Fehlers willen vom Vater zu erwarten hat. »Wenn 
wir so etwas täten,« meinte Dascha, »niemanden könnte es einfallen, uns 
so zu strafen.« »Gestraft wird sie wohl eigentlich nicht.« Mascha verstummte 
und fügte nach einer Weile hinzu: »Sie sagt es den Eltern — das ist alles 
— das ist ja auch nur die Strafe.* , . .»Man verwöhnt uns nicht und straft 
uns nicht, — nicht wahr?« »—Aber möchtest du denn das?« fragte Mascha 
plötzlich und blieb vor ihr stehen; »möchtest du denn, daß jemand da ist, 
wenn — wenn man einmal etwas heimlich tut — etwas Unrechtes — — .« 

»Ja, ich glaube, ich möchte es!< antwortete Dascha unwillkürlich und 
sah sie mit großen Augen an/ »du auch, nicht wahr — ? Es muß schön 
sein, glaube ich. Vielleicht auch schrecklich, -— — aber auch schön — — .« 
. . . Unvermittelt sagte Dascha, als beendete sie damit einen langen, stummen 
Gedankengang: »Höre, es ist so: Daß niemand gegen uns streng sein mag, 
kommt daher, weil wir niemand kränken würden, wenn wir noch so Böses, 
noch so Heimliches tun wollten. Darum kann es ja auch nichts nützen, 
daß Aßjas Mama uns davor gewarnt hat. Sie vergaß ja, daß da niemand 
ist — .« 

In keinem anderen Alter verlangt das junge Menschenkind, zumal das 
junge Mädchen, so heftig nach der sorgenden, schützenden Liebe der Eltern, 
als in der Pubertätszeit. »Ich denke manchmal: anderen wird alles von ihren 
Eltern gesagt, wir können uns eigentlich nie an jemanden wenden. Und es 
gibt große Rätsel im Leben, — kommt es dir nicht auch manchmal so 
vor — ?« meinte Mascha. Dascha nickte zustimmend vor sich hin. 

»O ja. Man wird gut nachdenken müssen, um sie alle richtig zu 
ergründen.« — — 

Die schlanke Lisa, die es »grundkomisch findet, daß sie — die Halb* 
wüchsigen — von nichts was wissen sollen,« flüchtet in ihren Wirren zur 
Mutter, deren liebeatmende Atmosphäre allein sie schon beruhigt. 

Frühe Ahnungen drängen das werdende Weib, Teil zu haben an dem 
großen, großen Geheimnis, um das die Erwachsenen ihm voraus sind. Bei 
Ria ist es einmal die stumme Frage, wie man sich denn benehmen sollte, 
wenn man den ,ersten Verehrer' gefunden, dann wieder erwacht in ihrem 
Herzen eine heiße Liebe zum Hündchen Love, zu den Vögeln des Gartens 
mit ihrer Brutsorge. Ein Gefühl von Mütterlichkeit regt sich in Lisa, als 
sie ihren schönen Vetter verteidigen will gegen die Verleumdungen der 
Welt, die sie doch selber gern glaubt, weil ihrem vierzehnjährigen Herzen 
es herrlich scheint, einen Mann zu lieben, »um dessentwillen Frauen ge* 
storben sind^. Und in der Seele der kleinen Musja regt sidx in der 



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88 Dr. H. V. Hug-Hellmuth 



bitteren Stunde der ersten Enttäuschung, die sie gemeinsam mit Boris 
erlitt, als sie den Bruder leiden sieht, »ganz Feines, Seltsames: Fast 
wie ein mütterlidies Empfinden«. Schon vorher hatte es an die Tore ihrer 
kindlichen Seele gepocht/ sie fand es nidit schön, »daß ihr Puppen^Baby von 
beträchtlidier Größe die Augen nidit bewegen konnte und daß die Haare 
auch nur darauf gemalt sind« — gar nidit wirkliche Haare. Und bekümmert 
meinte sie: »Früher kam es mir darauf gar nidit an, jetzt kränkt es mich 
aber.« Die einsamen Waisen Dascha und Mascha haben ihre Liebe, nach 
der niemand fragt, einem Kanarienvogel zugewendet und in Zärtlichkeit und 
Fürsorge ihn zu Tode gebadet. Und in ihrer Verlassenheit erscheint ihnen 
der Ersatz, den die gutmütige Magd ihnen sdienkt, ein Vögelchen aus Pappe 
auch liebenswert. Ljubow aber ist aus ihrem Kindertraum gewectt worden 
durdi Matusdikas ehrliche Bewunderung ihrer jungen Schönheit. »Durdi alle 
Adern fühlte sie es leise rinnen, leise rauschen, wie lauter willige Wärme, 
wie lauter sehnende Kraft, als vermödite sie, es dem Wind und Wasser 
und Sonnenglanz und allen Wundern der Erde gleichzutun, — und es kam 
ihr vor, als sei sie alledem heimlich verwandt.« 

Nicht alle aus der Schar derer, von denen Elternhaus und Welt ver- 
langen und voraussetzen, »daß sie von nichts was wissen sollen«, rettet 
die große, schöne Liebe eines Vater*Geliebten aus ihrem Konflikte. Die 
meisten der »gewesenen Kinder« müssen sidi allein zurechtfinden in dem 
Rätselhaften, Lodcenden. Und sie tun es, indem sie sich eng aneinander 
anschließen in jenen Freundschaften mit tausend Geheimnissen, mit dem 
ewigen Tuscheln und Kichern der Backfischjahre. Ihre jungen Seelen wissen 
aber genug, um in den kühnsten Phantasien zu sAwelgen über die Untaten 
des Mannes/ der echte Ritter Blaubart, einer, der während seines Auf* 
enthaltes im Auslande »keineswegs immerzu studiert hat,« ist ihnen der 
liebenswerteste. Weil sie selber sich der Weibesliebe noch nicht gewachsen 
fühlen, wollen die Halbwüchsigen so gern fremde Seelen retten, fremde 
Liebe schützen und fördern. So rühmen auch Lisa und Anna sich, dem 
Brautpaar, das im vorigen November Hochzeit gemacht, die Wege geebnet 
zu haben. »— - — und daß •wir sie immer unversehens irgendwo zu zweien 
ließen! Wenn wir nicht gewesen wären, ich wette, so säßen sie noch heute 
und redeten vom Wetter, glaubst du nicht auch?« 

»Beide wühlten kichernd ihre Köpfe aneinander, 

,Idi sdilage vor, daß wir von ,Mäusen' zu Schutzengeln und Vor- 
sehungen avancieren!' rief Lisa . . . 

Und nun tuschelten sie sich Einzelheiten über diesen Brautstand ins 
Ohr, die sie bis zu Krämpfen lachen machten.« 

Wenn aber eine halbreife Seele allein bleibt, wenn ihr das lose 
Scherzen und Tändeln mit Altersgenossen fehlt, wenn der »Mann« plötzlidi 
unerwartet in ihr Leben einbricht, dann formt sich ihr, wie der armen jungen 
Dascha, die sich mit der Schwester eins wähnte, »die Vorstellung von etwas 
Gewaltsamem, Brutalem, der Mann wie eine bis an die Zähne bewaffnete 
Macht — ein drohendes, bärtiges Räubergesicht, — gezückte Messer -'«. 
Unter dem dumpfen Gefühle, daß der Mann, »er, von dem das Böse aus- 
ging, alle böse Macht und auch die Liebe, — er ,der Mann'« »ihre« Mascha 
getötet, bridit die bisher ahnungslose Dascha zusammen: sie begreift, daß 
»Mascha nicht erst heute von ihr fortgegangen war«. »Mascha hatte einen 
Mann lieb gehabt. Einen, von dem Dascha nichts wußte. 

Mascha hatte also ganz für sich gelebt, — nicht nur heute, — nein, 
immer schon, die ganze Zeit. Sie war gewesen, wo Dascha nie mit ihr war. 



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Im Zwischenland 89 



In einem ganz anderen Leben war sie herumgegangen, in einem 
ganz, ganz fremden. 

Wie Dasdia nun auch laufen wollte, ^ wie sie in Gedanken lief 
und lief, — jetzt holte sie Mascha damit nie mehr ein. 

Mascha hatte sie zurückgelassen. Sie hatte sich allein vorausgeschliAen, 
'— leise, heimlich, — in das Leben hinein, durch das rätselhafte, unbegreif- 
liche, und hinein in den Tod, in den geheimnisvollen Tod. Sie hatte alles 
schon für DasAa vorausgenommen. Vorauserfahren. Vorausgelebt. 

Dascha erfuhr davon nur, daß es lauter Rätsel und Geheimnis war 
und Tod. — « 

Die arme, kleine Dascha hatte in der älteren Schwester Ersatz für 
Vater und Mutter gefunden. — »Ja, Aßja hatte wirklich recht: ohne eine 
Schwester mußte es ein ganz böses Stück Arbeit sein, zu leben. Wie man 
das nur anfing? Herrlich war es doch, zwei zu sein statt einer, — zwei 
und dodi eine, — ein Mensch« ^ und diese geliebte Schwester hatte fremd 
neben ihr gelebt, nur die kleinen Niditigkciten des Tages geteilt, ihre Seele 
aber geheimgehalten vor ihr. -- — 

Vielleicht bei den meisten Mäddien geht der Liebe zum Manne eine 
Zeit heftigster Neigung zum eigenen Geschlecht voraus, oder sie bestehen 
in den frühen Pubertätsjahren oft nebeneinander. Wir dürfen diese Erschein 
nung in zweierlei Richtung werten,- das Mädchen sucht in dem geliebten 
weiblichen Wesen einmal die Gestalt der Mutter aus den frühesten Kinder^ 
tagen,- da diese ihm wirklich Vertraute und Freundin war. Wo die Mutter 
dieses Vertrauen sich bewahrt hat, schließt sich ihr die Halbwüchsige in der 
Zeit des Werdens und Kämpfens häufig in Leidenschaft an, wie Ria und 
Lisa in ihren seelischen Konflikten es tun. Diese Zeit des Suchens und 
Tastens ist ausgefüllt durch schwärmerische Freundschaften voll köstlicher 
Geheimnisse, Freundschaft, in die doch schon der Sexualneid gelegentlich 
eine Bresche reißt, durch glühende Verehrung der Braut des heimlich Ge^ 
liebten, durch ein inniges Verwachsen mit einer geliebten Schwester. Diese 
Wahl erfolgt aber auch in der Identifikation mit einem geliebten Manne, 
den zu lieben die Inzestschranke verbietet: Ida Wisentin verehrt ihren 
Bruder so sehr, daß ihr Herz auch heiß zu schlagen beginnt für Ria, seine 
Auserwählte. Und die kleine Musja liebt im Dichter I^^natieff doch nur den 
eigenen Bruder,- aus Liebe zu diesem geht sie unter Gewissensbissen gegen 
den gütigen Großpapa zu Boris' Ideal, zu fragen, wie man ein echter Diditer 
werde. Und als sie Boris auf dem Boden liegen und um seinen entgötterten 
Gott weinen und klagen sieht, da »füllt sich ihr ganzes kleines Herz bis 
zum Zerspringen mit Liebe zu ihrem Bruder«; der Dichter wird ihr mit 
einemmale wieder ein »fremder junger Mensch«, der ja gar nidu "^unser« 
'Ignatieff ist. Sie liebte, wo Boris liebte; nur im Hasse bleibt sie zurück, 
weil ihre Liebe ja gar nicht dem Fremden gegolten: ihre Enttäuschung geht 
auf in mütterlichem Mitleiden mit dem Bruder. Sie vergißt, daß der Knabe, 
der vor ohnmächtigem Zorn auf den Boden stampft, sie oft seine männlidie 
Überlegenheit fühlen ließ, sie zweifelt auch nicht mehr an seiner Dichter* 
gäbe; ein echtes kleines Mütterchen, fühlt sie nur das eine, daß Boris leidet. 

Auch Anna will es erst nicht recht zugeben, daß sie in ihren Stief* 
bruder regelrecht sich verliebt hat. Als Lisa ihr vorhält: »Übrigens scheint 
mir wahrhaftig, du bist ordendich in ihn verschossen !s da wehrt sie ab: 
»In den eigenen Bruder?!« >Stief bruder*, verbesserte Lisa. »Und noch dazu 
einer, der weiß wie lange fort war.« 

So stark ist der Familienkomplex, daß unter seinem Zepter alles 



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90 Dr. M. Eitingon 



steht, was mit Vater und Mutter und den Geschwistern verknüpft ist. 
Ria, das Sdi uldirektorstöditerlein, »fühlte sidi immer sehr stolz auf ihren 
Sonntagsbesitz an leeren Klassen. Stellten sie doch ohne Zweifel das speziell 
Reizvolle, Auszeichnende der Direktorswohnung in den Augen aller ihrer 
kleinen Freundinnen dar, deren jede bemüht war, an der eigenen Behausung 
irgend etwas rühmend herauszustreichen, was die anderen nicht besaßen. Bei 
einem reichen Banquierstöchterchen wurde der Pferdestall im Hofe zu dem 
Schönsten gezählt, woneben alle Pradit der vielen Gemächer selbst verblich; 
bei einer zweiten gipfelte alles Interesse darin, daß eine liebe alte Groß* 
mama von neunzig Jahren in einem gepolsterten Rollstuhl vorhanden war 
und dadurch den größten Neid erregte. Ja, ein Schwesternpaar stand sogar 
nidit an, siHi in Ermangelung eines Besseren damit zu brüsten, daß die 
ganze, niedrig am Flußufer gelegene Wohnung zu Beginn des Frühlings 
von der gewaltig anschwellenden Newa übersdiwemmt zu werden pflegte, 
— und auch dieses fand ungeteilten Beifall/ die Vorstellung umhersdhwim* 
mender Möbel stach sogar vieles andere aus und stellte fast die Großmama 
in den Schatten.« 

Dieses Sich^sonnen im Glänze der Familie bedeutet in Wahrheit 
nichts anderes, als daß die halbflügge Seele sich noch scheut, das liebe* 
warme Nest zu verlassen, daß sie noch fest verankert ist in der Liebe zu 
den Eltern und den Gesdiwistern. Erst wenn eine große, starke Neigung 
auflodert zu einem Fremden, dann versinken mit einemmale die Interessen, 
die das Mädchen vordem mit ihrem Heim verband. Sie zerstört ihr Ver* 
hältnis zu Bruder und Schwester, sie zerreißt die BaAfisdifreundschaften 
und madht in einem Tag aus dem ^gewesenen' Kinde eine Erwadisene, 
die nidit mehr teilhat an den tändelnden Freuden und Leiden der anderen. 
Weit, weit hinter ihr liegt das »Zwischenland« und erst dann wird sie 
wieder seiner gedenken, wenn die Jahre der Jugend entschwunden sind, 
wenn um sie ein neues Geschlecht mit gleichem unruhigen Herzen und 
fragenden Augen den Weg aus dem »Zwischenland« hinaus ins Leben der 
Großen sucht. Dr. H. v. Hug-Hellmuth. 

IL 

Gott und Vater. 

Über dieses Thema, das der Psydioanalyse so tiefschürfende Auf* 
klärungen verdankt, finden sich im neuen Buche von Max Dauthendey: 
»Gedankengut aus meinen Wanderjahren«^ viele sehr interessante 
Seiten, von denen wir einige ohne Kommentar folgen lassend Der Dichter, 

' 1. c, p. 74-78. 

2 In dem fast gleichzeitig ersdiienenen Budi »Der Geist meines Vaters. 
Aufzeichnungen aus einem begrabenen Jahrhundert« <VerIag Albert Langen, 
Mündien) hat Dauthendey seinem Vater ein liebevolles Denkmal gesetzt, zu* 
gleidi aber den »unbewußten Kampf gegen den Geist meines Vaters«, der seine 
Kindheit und Jugend bcherrsdite, kunstlerisdi gestaltet. Neben interessanten 
SAilderungen der vier Sdiwestern, die dem Diditer die früh verstorbene und sdiwer 
vermißte Mutter ersetzten, sowie des im Verfolgungswahn durdi Selbstmord um- 
gekommenen Bruders, tritt in dem Budie die innerliche Auflehnung des träumeri* 
sdien Sohnes gegen den praktisdi veranlagten Vater als Gegensatz zweier ge-^ 
trennten Weltansdhauungen in den Vordergrund. Dieser Gegensatz führte sdiließ-' 
lidi zur völligen Entzweiung, so daß der Sohn im letzten Vierteljahr seines ge- 
zwungenen Aufenthaltes zu Hause fremd neben dem Vater lebte und kaum mit 



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Gott und Vater 91 



der sich nach einer Phase des Glaubens an einen persönlichen Gott^Schöpfer, 
in den Jünglingsjahren zu einer Religion des »festlichen Allesinallemseins* 
durchringt, zu dem Glauben an ein Weltall, »in dem wir alle zusammen 
Schöpfer und Geschöpfe bedeuten«, zu einem eigenartig mystischen Pantheis^ 
mus, schildert auf den folgenden Seiten, wie der GottesbegrifF, zum ersten 
Male in die Seelenwelt des etwa sechsjährigen Knaben eingeführt, dort 
keinen Platz finden kann, da alle ihm zugemuteten Funktionen schon vom 
Vater besetzt sind, und nur Störungen, Zweifel erregt. 

Aufzuzeigen, wie Gott gesiegt und wie er später wieder über* 
wunden, wie in der neuen Synthese der »Geist des Vaters« eigentümlich 
verlebendigt wurde, wäre Aufgabe einer interessanten Analyse. 

»Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit 
noch nichts von Gott oder dem Schöpfer wußtet, von dem man euch später 
erzählte. 

Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als 
man mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein 
stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine beiden 
Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um midi im Hause gewesen, 
ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und wie seltsam 
wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß sein würde 
vom Vater fortkäme und meine eigne Frau haben würde, ein Gottherr, 
der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch da wäre, auch 
wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein Aufpasser über 
mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen Menschen. 

Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich ge=r 
demütigt/ das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das Erhabenste 
dünkte sich nicht erhaben genug zu sein, wenn man ihm nicht vertraute, 
daß es unantastbar wäre. Es fühlte sich beleidigt und erniedrigt, einen Auf- 
passer über sich haben zu müssen. Es war mir, als dürfte idb mich keinen 
freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da meine Unendlichkeit nicht 
anerkannt wurde, da immer nur von meiner ,niedrigen' Endlichkeit ge* 
sprochen wurde. 

Es war mir wirklich unbequem, beim Abend«, Morgen« und Mittags« 
gebet mit der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem 
aller Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen: einen Fremden 



ihm sprach. »Zu welchen Gewalttaten der Geist eines Mannes einen anderen Mann 
drängen kann, wenn der eine der Vater, der andere der Sohn ist, dies sehe ich 
heute erst vollständig und bewußt. Damals handelte idi unbewußt . . .« (p. 343). 
Es liegt nahe, daß der Sohn aus Trotz gegen den Vater sich dem ihm aufge- 
drungenen praktischen Beruf entzog und auf eigene Faust seinen idealen Lieb- 
habereien nachging, die für ihn mit dem Mutterkomplex enge verknüpft waren. 
Charakteristisch für diese Einstellung ist die folgende Episode: »Von dort (Genf) 
floh ich ganz plötzlich im Sommer, ohne Wissen meines Vaters nach Petersburg. 
Ich wußte nicht recht, was ich dort wollte. Ich fühlte nur, daß ich bei den Ver- 
wandten meiner Mutter in Rußland für mich Hilfe suchen mußte, um von 
dem geistigen Druck, den mein Vater auf mich übte, loszukommen. 
In meiner Verzweiflung hatte ich mich sogar auf der Reise dorthin in Berlin mit 
einer Kusine meiner Stiefschwestern, die ich nur dem Bilde nach kannte 
<wie die Mutter), Hals über Kopf verloben wollen. Ihr Bild hatte mir ge« 
fallen.« In späterer Zeit kommt es dann zu einer äußerlichen Aussöhnung zwischen 
Vater und Sohn, die einander aber innerlich fernbleiben (p. 353). 

Otto Rank. 



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92 Dr. M. Eitingon 



aufsuchen müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte, was ich 
nötig habe, sdienke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm meine 
Liebe und werde leben, wie er wünscht und werde später mir selber 
helfen können. 

Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und 
Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte idi bereits meinen 
Eltern. Nun sollte idi jeden Abend noch einmal danken und ebenso morgens 
und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was ich von 
meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also Schwächlinge 
und konnten sich nicht helfen, so dadite das Kind für sich. 

Meinen Eltern zu danken erschien mir selbstverständlidi, und ich tat 
es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer 
etwas angenommen hatten, so hatten sie bereits gedankt. Die ganze Beterei 
war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei, 

Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er braudite? 
Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und eben^ 
so meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde 
Herr sidi mir nidit? Es war mir unverständlich, was seine ewige Unsicht* 
barkeit für einen Sinn haben sollte. 

Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht 
sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzsdmell im Zimmer umzu* 
sehen, um zu erfahren, ob jener Herr nidit hinter mir stünde und ich ihn 
ertappen könnte. 

Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man 
mir sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es 
dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn bei 
ihm, da doch mein Vater und idi sie so nötig hatten? 

Und als man mir antwortete: nidits ist beständig, nidits ist wirklidi, 
da hatte idi oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer sdion ver*^ 
schwunden, während idi mich im anderen Zimmer befinde. Und ich sah 
vorsichtig durchs Sdilüssellodi, ob das Nebenzimmer noch da wäre. Denn 
das verstand ich: seit meine — Mutter verschwunden war und weder zum 
Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter wieder-r 
kehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr Platz 
am Eßtisdi leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am Nähtisch 
am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der Dämmerstunde, 
und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur, am Wäsche^ 
sdirank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der 
Garten terrasse — da sah idi ein, es hatte sich etwas Unfaßbares ereignet. 

Und idi dadite: jener unsichtbare Herr ist doch mäditiger als mein 
Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert, 
und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem Herrn, 
der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem 
sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine 
Heuchelei, die man midi da lehrte. 

Es steckte sonach eine tiefe Furdit in mir vor dem unsichtbaren Ort, an 
dem jener fremde Herr wohnen sollte und vor dem Unsichtbaren selbst. 
War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja, warum 
blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht sofort 
meiner Mutter nach? 

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie 
meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es 



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Die kindlidie Gottesvorstcllung 93 

dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine 
Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine 
Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo 
man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns 
Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte. 

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und 
warf mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter 
gebracht werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob 
und mich auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen ver* 
sicherte: .Deine Mutter hat uns nicht vergessen,' da stieß ich unter 
Schluchzen hervor: .Warum holst du sie denn nicht endlich?' Und mein 
großer starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren 
und Größeren gäbe als ihn, der die. die er einmal zu sich gerufen habe, 
nicht mehr hergeben wollte. 

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in 
meiner Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem 
Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er, und 
meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den Unsicht- 
baren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt. 

Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas das mich 
ganz verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater, 
der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte 
hassen müssen, wie ich folgerte — er faltete meine kleinen Hände in seinen 
großen Händen und sagte: ,Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann 
kommen wir der Mutter näher'. 

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit 
offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren, gewalt-» 
tätigen Herrn benahm. Und wenn ich clamals schon gewußt hätte, was 
Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben: 
wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in 
welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet 
hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden, c 

Mitgeteilt von Dr. M. Eitingon. 

III. 
Die kindliche Gottesvorstellung. 

Max weiß von seinem Gotte als besonderes Merkmal nur hervor* 
zuhebcn, daß er »heilige ist. Eine nähere Erkundigung ergibt, daß seine 
Vorstellung von heilig mit der unseren nicht völlig übereinstimmt. Denn 
heilig leitet er von den Heiligen ab, die er einmal auf Bildern gesehen hat. 
Dabei ist ihm besonders der ernste, oft düstere Gesichtsausdruck der 
Heiligen aufgefallen. Heilig heißt für ihn, wie er erklärt, soviel wie traurig. 
Als Max alle anderen Gott zugeschriebenen Attribute erfahren hat, beginnt 
bei ihm die Skepsis und er wünscht unausgesetzt Aufklärungen : wenn man 
von Gott etwas wünscht, muß man zu ihm beten/ aber kennt denn Gott 
alle Sprachen? Gott hat alle Menschen geschaffen, aber wer hat denn ihn 
selbst gemacht? Da Max keine befriedigende Antwort auf diese Frage er* 
hält, erklärt er: »Ah, ich weiß schon: Adam und Eva.« Max kommt, wie 
man sieht, der Wahrheit ziemlich nahe. Dr. Theodor Reik. 



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94 Dr. Theodor Rcik 



IV. 

Vaterkomplex. 

Nietzsche hat auf die Tragödie des Kinderherzens, die sich aus 
der ambivalenten Einstellung zum Vater ergibt, hingewiesen <Mensdhlidies 
Allzumensdiliches, Bd. I, 422>: »Es kommt vielleiAt nicht selten vor, daß 
edel und hochstrebende Mensdien ihren härtesten Kampf in der Kindheit 
zu bestehen haben: etwa dadurch, daß sie ihre Gesinnung gegen einen niedrig 
denkenden, dem Srfiein und der Lügnerei ergebenen Vater durchsetzen 
müssen.« Eine andere gleidigerichtete Äußerung des Philosophen <ibd. I, 
p. 382>: * Väter haben viel zu tun, um es wieder gutzumadien, daß sie Söhne 
haben.« Die Psychoanalyse zeigt, daß der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit 
in der Kindheit in Verbindung mit der analogen Einstellung zum Vater er* 
wadit. Nietzsche erzählt von sich: »In der Tat ging mir bereits als dreizehn^ 
jährigen Knaben das Problem vom Ursprung des Bösen nadi: ihm widmete 
idi in einem Alter, wo man ,halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen hat', 
mein erstes literarisches Kinderspiel — und was meine damalige Lösung 
des Problems anbetrifft, nun, so gab idi, wie es billig ist, Gott die Ehre 
und machte ihn zum Vater des Bösen,* <Genealogie der Moral.) Ahnlidi 
erging es Stendhal, von dessen Vater Eduard Rod (Stendhal, Paris 
1892, p. 9> berichtet: »qui n'aimait guere son fils et que son fils detesta.« 
Rod erzählt von dem Dichter und den Beziehungen zu seinen Eltern: »il 
devint athee en haine de leur Dieu, jacobin, parce que les sansculottes 
fouillaient leurs pretres.« Bekanntlich blieb Stendhal bei seiner atheistischen 
Kinderüberzeugung. Seine Ansdiauung über Religion faßt er in dem Aus* 
Spruche zusammen: »Die einzige Entschuldigung Gottes ist, daß er nicht 
existiert.« 

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Das Kind und der Tod. 

Von der kindlichen Auffassung des Todes, wie sie Professor Freud 
in der »Traumdeutung« dargestellt hat, kann sich jeder überzeugen, der un* 
befangen das Treiben in der Kinderstube beobachtet. 

Einen, wie mir scheint, bedeutsamen Beweis, für die von der Psycho* 
analyse erfaßte Eigenart der kindlichen Todesvorstellung bildet es, daß das 
Kind den Todesbegriff einer Steigerung und Abschwächung für fähig hält. 
So mein kleiner Neffe Max <fünf Jahre alt). Er pflegt mit seinem Vater 
»Krieg« zu spielen. Dabei ist er natürlich der, wie er sagt, »Stärkere«. Wenn 
er den Vater mit seinem Spielrevolver erschossen hat, darf dieser sich nicht 
mehr rühren. Als bei einer solchen Gelegenheit sein Vater durch eine un* 
willkürliche Bewegung nodi ein Lebenszeichen von sich gab, rief der Kleine 
ihm unwillig zu; »Nein, du mußt noch toterer sein!' 

Als Pendant dazu sei erwähnt, daß Max bei dergleichen Spielen auch 
den Wunsch äußert, der Vater solle ein bißchen tot sein.* In dem reiz* 

^ Vergleiche dieselbe Ausdrucksweisc beim kleinen Scupin in »Das Kind 
und seine Vorstellung vom Tode«, von Dr. Hug^Hellmuth, Imago I, 1912. 

Ahnlidie Vorstellungen zeigen auch die primitiven Völker, von denen 
mandie glauben, daß die Seelen der Verstorbenen in der Unterwelt noch ein- 
oder mchreremale sterben, ehe sie »definitiv tot« sind. <H einzelmann, Animis- 
mus und Religion, S. 21.) — Anmerkung der Redaktion. 



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Das Kind und der Tod B6 



vollen Budie =»Tom Sa'wyers Abenteuer und Slrcidie« von Mark Twain 
findet siäi ebenfalls ein Eeugnts ähnlicfter Natur. Der kleine Held Tom ist 
schwer gekränkt durch das abweisende Benehmen einer kleinen Schulkameradin, 
die er heimlich in sein Her^ geschlossen hat* Er fluditer in den Wald, wo 
er sich seinem Schmerz überläßt. Seine Gedanken nehmen bald die Richtung 
auf den eigenen Tod: iWenn nur sdn Sonntagssciu Ige wissen rein wäre, 
wie gerne würde er der ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen 
betraf ^ was hatte er eigentlich getan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, 
wie nur einer in der Welt und war behandelt worden wie ein Hund, — 
wie ein elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages — wenn es zu 
spät wäre vielleicht. Ach^ wenn er nur sterben könnte, nur für einige 
Zeit!* 

Wie zähe aber dieser infantile TodesbegrifF ist, möge ein anderer 
Ausspruch des kleinen Max zeigen. Er erzählt seinen um weniges älteren 
Schwestern: »Wenn man im Grabe liegt, muß man Würmer essen, * Na- 
türlich ist diese Vorstellung nur die vom kindlichen Standpunkte aus modi- 
fizierte Wiedergabe eines Ausdrudtcs der Erwachsenen. Sie findet eine 
Analogie in den Anschauungen primitiver Völker, welche ihre begrabenen 
Verwandten mit Nahrung versorgen* Dr, Theodor Retk. 




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