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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I 1912 Heft 3"

MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG. 
DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR SIGH FREUD 

REDIGIERT VON 
OTTO RANK U. DI HANNS SACHS 



L JAHRGANG / 1912 
HEFT 3. AUGUST 




1912. 

HUGO HELLER &,Qe 

LEIPZIG u.WIEN.-l- BAUERNMARKT 5 



PROSPEKT 

Ein Rltscf, <fas die Wißbcfierde der Mensrfihcit sdt Jahrtausenilcn 
gereizt und ihr seit Jahrtausenden widerstanden hatte, ist von der Psycho- 
analyse bereits gelost worden r sie hat die Deutung des Traumes ergründet 
und den NaAweis geführt^ daß er nictt ein wirres Gemenge zusammenhang- 
loser Bilder und Worte sei, sondern, wie das Altertum und der Volks^ 
abcrglaubc dunkel ahnten, ein bedeutungsvolles Erzeugnis psychisdier Kräfte« 

Aber nicht nur das Erieugnis eines einzelnen Mensdiengcistes, wie 
es der Traum und das ihm im Innersten verwandte Kunstwerk ist, muß 
eine wahre Seelenkunde durdvleuditen können, auch was Dasein und Form dem 
Zusammenwirken einer unzahlbaren Menge von Einzelseelen verdankt, die 
das Streben nach demselben Eiel zu einer geistigen Einheit vcrsAmolzen hat, wie 
SPRACHE UND SITTE, RELIGION UND RECHT, fällt in ihr^n Bereidi. 

Darum werden sidi mit dem Schlüsse! der psyAoa na ly tischen TeAnik 
auch in vielen anderen Wissenschaften versperrte Türen öffnen und Probleme 
ergründen lassen, an denen die Fadigelehrsamkeit, nidir minder aber JEDER 
EINZELNE GEBILDETE dm stärksten Anteil nimmt. Wir nennen 
hier nur jene Geistesgebiete, in denen schon heute ein Versurfi gelang: 
ÄSTHETIK. LITERATUR- UND KUNSTOESCHiCHTa MYTHO- 
LOGIE, PHILOLOGIE. PÄDAGOGIK, FOLKLORE, KRIMINA. 
LISTIK^MORALTHEORIE UND RELIGIONSWISSENSCHAFTEN, 

Was aber bisher nur in einzelnen Streifzügen gesdiehen konnte/ soll 
jetzt Ordnung, Dauer und eine sichere Stätte finden* Ober die neuentdedtten 
Gebiete, auf die die PsyAoanalyse ihren Fuß gesetzt hat, muß nun 
audi der Pflug regelmäßiger Arbeit geführt werden. Dazu soll unsere 
Zeitschrift dienen. Sie wird sich in buntester Mannigfaltigkeit allen Geistes- 
wissensdiaften widmen, so daß jedermann die Probleme des Faches, 
das ihm am nädisten steht, darin behandelt finden wird. Die EinheltliAkeit 
wird durch die gemeinsame Beziehung zur Psychoanalyse gewahrt werden, 
durrfi die Jedes Problem in neue Zusammenhänge eingefügt wird. 

REDAKTION UND VERLAG, 



Für die REDAKTION bestimmte Zusdiriften und 
Sendungen wollen an Dr. HANNS SACHS, Wien^- 
/ XIX h, Peter- Jordangassc 76^ adressiert werden. / 

Copyright 1912 Hugo Heller <© Cie , Wien, L, Bauernmarkt j. 



,,IMAGO" crsdieint vorläufig SECHSMAL jährlidi im Gesamt- 
umfang von etwa 50 Bogen und kann für M. 15'-« = K 18*^ pro Jahr^ 
gang durdi jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlage HUGO 
HELLER 'S) CIE- in Wien, L Bauernmarkt 3, abonniert werden. 
Einzelne Hefte werden nicht abgegeben. 




IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO- 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR S. FREUD 

I Q SCHRIFTLEITUNG: .^.^ 

1. O. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1^1^ 



Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 

Von SIGM. FREUD. 

IL 

Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühls^ 

regungen. 

Tabu ist ein polynesisdies Wort, dessen Übersetzung uns 
Sdiwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeidineten Be^ 
griff nidit mehr besitzen. Den alten Römern war er nodi ge^ 
läufig/ ihr sacer war dasselbe wie das Tabu der Polynesier. 
Audi das a Y c der Griedien, das Kodausch der Hebräer muß 
das nämlidie bedeutet haben, was die Polynesier durdi ihr Tabu, 
viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord^ und Zentral- 
Asien durdi analoge Bezeidinungen ausdrüd^en. 

Uns geht die Bedeutung des Tabu nadi zwei entgegenge- 
setzten Riditungen auseinander. Es heißt uns einerseits : heilig, ge- 
weiht, anderseits : unheimlidi, gefährlidi, verboten, unrein. Der 
Gegensatz von Tabu heißt im Polynesisdien noa = gewöhnlidi, 
allgemein zugänglidi. Somit haftet am Tabu etwas wie der Begriff 
einer Reserve, das Tabu äußert sidi audi wesentlidi in Verboten 
und Einsdiränkungen. Unsere Zusammensetzung »heilige Sdieu« 
würde sidi oft mit dem Sinn des Tabu ded<en. 

Die Tabubesdiränkungen sind etwas anderes als die religiösen 
oder die moralisdien Verbote. Sie werden nidit auf das Gebot 
eines Gottes zurüd^geführt, sondern verbieten sidi eigentlidi von 
selbst/ von den Moralverboten sdieidet sie das Fehlen der Ein^ 
reihung in ein System, weldies ganz allgemein Enthaltungen für 
notw^endig erklärt und diese Notwendigkeit audi begründet. Die 
Tabuverbote entbehren jeder Begründung,- sie sind unbekannter 
Herkunft/ für uns unverständlidi, ersdieinen sie jenen selbstverständ^ 
lidi, die unter ihrer Herrsdiaft stehen. 

Imago, I 3 14 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



214 Sigm. Freud 



Wundt^ nennt das Tabu den ältesten ungesdiriebenen 
Gesetzeskodex der Mensdiheit. Es wird allgemein angenommen, 
daß das Tabu älter ist als die Götter und in die Zeiten vor jed?r 
Religion zurüAreidit. 

Da wir einer unparteiisdien Darstellung des Tabu bedürfen, 
um dieses der psydioanalytisdien Betraditung zu unterziehen, lasse 
idi nun einen Auszug aus dem Artikel »Taboo« der »Encyclopedia 
Britannica« ** folgen, der den Anthropologen Northcote 
W. Thomas zum Verfasser hat. 

»Streng genommen umfaßt tabu nur a> den heiligen <oder 
unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der 
Besdiränkung, weldie sidi aus diesem Charakter ergibt und c) die 
Heiligkeit <oder Unreinheit), weldie aus der Verletzung dieses Ver^ 
botes hervorgeht. Das Gegenteil von tabu heißt in Polynesien 
,n o a', was ,gewöhnlidi' oder ,gemein' bedeutet . . . 

»In einem weiteren Sinne kann man versdiiedene Arten von 
Tabu untersdieiden : i. Ein natürliches oder direktes Tabu, 
weldies das Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft <M a n a) ist, die 
an einer Person oder Sadie haftet ,• 2. ein mitgeteiltes oder 
indirektes Tabu, das auch von jener Kraft ausgeht, aber entweder 
ä) erworben ist, oder b) von einem Priester, Häuptling oder sonst 
wem übertragen ,• endlidi 3. ein Tabu, das zwischen den beiden 
anderen die Mitte hält, wenn nämlidi beide Faktoren in Betradit 
kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes durdi einen 
Mann. Der Name Tabu wird audi auf andere rituelle Besdirän^ 
kungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses 
Verbot heißen könnte, nidit zum Tabu redinen.« 

»Die Ziele des Tabu sind mannigfadier Art : Direkte Tabu 
bezwed^en a) den Sdiutz bedeutsamer Personen, wie Häuptlinge, 
Priester, und Gegenstände u. d<^I. gegen möglidie Sdiädigung,- b) die 
Sidierung der Sdiwadien — Frauen, Kinder und gewöhnlidier 
Mensdien im allgemeinen —' gegen das mäditige Mana <die magisdie 
Kraft) der Priester und Häuptlinge,- c) den Sdiutz gegen Gefahren, 
die mit der Berührung von Leidien, mit dem Genuß gewisser 
Speisen usw. verbunden sind ,• d) die Versidierung gegen die 
Störung widitiger Lebensakte, wie Geburt, Männerweihe, Heirat, 
sexuelle Tätigkeiten ,■ e) den Sdiutz mensdilidier Wesen gegen die 
Madht oder den Zorn von Göttern und Dämonen***,- /) die Be* 
hütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfadien Ge^ 
fahren, die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetisdien Ab^ 
hängigkeit von ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse 
Dinge tun oder Speisen zu sidi nehmen, deren Genuß den 
Kindern besondere Eigensdiaften übertragen könnte. Eine andere 

Völkerpsychologie, II. Band, »Mythus und Religion«, 1906, II, p. 308. 
Elfte Auflage, 1911. — Daselbst auA die widitigsten Literaturnadiweisc. 
Diese Vensrendung der Tabu kann audi als eine nidit ursprungliche in 
diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Tabu und die Ambivalenz 215 

Verwendung des Tabu ist die zum Sdiutz des Eigentums einer 
Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe.« 

»Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ur^ 
sprünglidi einer inneren, automatisdi wirkenden Einrichtung über^ 
lassen. Das verletzte Tabu rädit sidi selbst. Wenn Vorstellungen 
von Göttern und Dämonen hinzukommen, mit denen das Tabu in 
Beziehung tritt, so wird von der Madit der Gottheit eine auto^ 
matisdie Bestrafung erwartet. In anderen Fällen, wahrsdieinlidi in^ 
folge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, übernimmt die Ge- 
sellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen Vorgehen seine 
Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die ersten Strafe 
Systeme der Menschheit an das Tabu an.« 

»Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu 
geworden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu 
entstehen, können durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien 
besdiworen werden.« 

»Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümlidie Zauber^ 
kraft angesehen, die an Personen und Geistern haftet, und von 
ihnen aus durch unbelebte Gegenstände hindurdi übertragen werden 
kann. Personen oder Dinge, die tabu sind, können mit elektrisdi 
geladenen Gegenständen verglichen werden,- sie sind der Sitz einer 
furditbaren Kraft, weldie sich durch Berührung mitteilt und mit un* 
heilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn der Organismus, der 
die Entladung hervorruft, zu schwadi ist, ihr zu widerstehen. Der 
Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur von der 
Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabu^Objekt haftet, 
sondern audi von der Stärke des Mana, die sich dieser Kraft bei 
dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und Priester In^ 
haber einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre Unter^ 
tanen, in unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein 
Minister oder eine andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana 
kann ungefährdet mit ihnen verkehren, und diese Mittelspersonen 
können wiederum ihren Untergebenen die Annäherung gestatten, 
ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch mitgeteilte Tabu hängen in 
ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab, von der sie aus- 
gehen,- wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt, ist es 
wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlidien Mensdien käme.« 

Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der 
dazu Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durdi Sühne^ 
Zeremonien zu versuchen. 

»Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Haupt* 
linge sind das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen ge* 
hört hat. Zeitweilige Tabu schließen sidi an gewisse Zustände an, 
so an die Menstruation und das Kindbett, an den Stand des 
Kriegers vor und nach der Expedition, an die Tätigkeiten des 
Fischens und Jagens u. dergl. Ein allgemeines Tabu kann audi 

»4* 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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216 Sigm. Freud 



wie das kirchliche Interdikt über einen großen Bezirk verhängt 
werden und dann jahrelang anhalten.« 



Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen 
weiß, so getraue idi midi jetzt der Behauptung, sie wüßten nach 
all diesen Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sidi 
darunter vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken untere 
bringen können. Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden 
Information, die sie von mir erhalten haben, und des Wegfalls aller 
Erörterungen über die Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum 
Seelenglauben und zur Religion. Aber anderseits fürdite ich, eine 
eingehendere Schilderung dessen, was man über das Tabu weiß, 
hätte noch verwirrender gewirkt, und darf versidiern, daß die Sach- 
lage in Wirklichkeit redit undurchsichtig ist. Es handelt sich also um 
eine Reihe von Einsdiränkungen, denen sidi diese primitiven Völker 
unterwerfen,- dies und jenes ist verboten, sie wissen nidit warum, 
es fällt ihnen audi nicht ein, danadi zu fragen, sondern sie untere 
werfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt, daß 
eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen 
wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentlidie 
Übertretung eines solchen Verbotes sidi tatsädiHdi automatisch 
gestraft hat. Der unsdiuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm 
verbotenen Tier gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen 
Tod und stirbt dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist 
Genußfähigkeit, Bewegungs^ und Verkehrsfreiheit/ sie scheinen in 
manchen Fällen sinnreich, sollen offenbar Enthaltungen und Ent^ 
sagungen bedeuten, in anderen Fällen sind sie ihrem Inhalt nach 
ganz unverständlidi, betreffen wertlose Kleinigkeiten, scheinen ganz 
von der Art eines Zeremoniells zu sein. All diesen Verboten scheint 
etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als ob die Verbote 
notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine ge^ 
fährlidie Kraft zu eigen ist, die sidi durdi Berührung mit dem so 
geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird audi 
die Quantität dieser gefährlichen Eigensdiaft in Betradit gezogen. 
Der eine oder das eine hat mehr davon als der andere und die 
Gefahr riditet sidi geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das 
Sonderbarste daran ist wohl, daß, wer es zustande gebracht hat, 
ein soldies Verbot zu übertreten, selbst den Charakter des Ver- 
botenen gewonnen, gleidisam die ganze gefährlidie Ladung auf sidi 
genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen Personen, die etwas 
Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene, an allen Aus^ 
nahmszuständen wie die körperlidien der Menstruation, der Pubertät, 
der Geburt, an allem LInheimlidien wie Krankheit und Tod, und 
was kraft der Ansteckungs^ oder Ausbreitungsfähigkeit damit zu*^ 
sammenhängt. 

>Tabu« heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die 



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Das Tabu und die Ambivalenz 217 

Örtlidikeiten, Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, 
welche Träger oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigensdiaft sind. 
Tabu heißt audi das Verbot, weldies sich aus dieser Eigensdiaft 
herleitet, und Tabu heißt endlidi seinem Wortsinn nadi etwas, was 
zugleidi heilig, über das Gewöhnlidie erhaben wie audi gefährlidi, 
unrein, unheimlidi umfaßt. 

In diesem Wort und in dem System, das es bezeidinet, drüAt 
sidi ein Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich 
nidit nahe gerückt ersdieint. Vor allem sollte man meinen, daß man 
sich diesem Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so 
tiefstehende Kulturen charakteristisdien Glauben an Geister und 
Dämonen einzugehen. 

Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel 
des Tabu wenden? Idi meine, nidit nur, weil jedes psydiologisdie 
Problem an sidi des Versudies einer Lösung wert ist, sondern audi 
nodi aus anderen Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der 
Wilden Polynesiens doch nicht so weit von uns abliegt, wie wir 
zuerst glauben wollten, daß die Sitten^ und Moralverbote, denen 
wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen eine Verwandtschaft mit 
diesem primitiven Tabu haben könnten, und daß die Aufklärung 
des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres eigenen 
»kategorischen Imperativs« zu werfen vermöchte. 

vC^ir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung 
aufhorchen, wenn ein Forscher wie W. W u n d t uns seine Auf^ 
fassung des Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, »zu den letzten 
Wurzeln der Tabuvorstellungen zurückzugehen«*. 

Vom Begriff das Tabu sagt W u n d t, daß es »alle die Bräuche 
umfaßt, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen 
Vorstellungen zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf 
diese beziehenden Handlungen ausdrüd^t«**. 

Ein andermal: »Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), 
wie es dem allgemeinsten Sinn des Wortes entspricht, jedes in 
Brauch und Sitte oder in ausdrüd^lich formulierten Gesetzen nieder^ 
gelegte Verbot, einen Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch 
in Anspruch zu nehmen oder gewisse verpönte Worte zu ge* 

brauchen «, so gebe es überhaupt kein Volk und keine 

Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen wäre. 

W u n d t führt dann aus, weshalb es ihm zwed^mäßiger 
erscheint, die Natur des Tabu an den primitiven Verhältnissen der 
australischen Wilden als in der höheren Kultur der polynesischen 
Völker zu studieren. Bei den Australiern ordnet er die Tabu* 
verböte in drei Klassen, je nachdem sie Tiere, Menschen oder 
andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das wesentlich im 
Verbot des Fötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern des 



• In der Völkerpsychologie, Band II, Religion und Mythus II p. 300 u. ff. 
►• I. c. p. 2,7. 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



218 Sigm. Freud 



Totemismus*. Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen 
zu seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von 
vorneherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten 
eine ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu 
beim Fest der Männerweihe, Frauen während der Menstruation 
und unmittelbar nach der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und 
vor allem die Toten. Auf dem fortwährend gebrauchten Eigentum 
eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu für jeden anderen: so 
auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum persönlichsten 
Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein 
Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß 
peheim gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, 
Pflanzen, Häusern, örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen 
nur der Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was 
aus irgend welcher Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist. 

Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur 
der Polynesier und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß Wund t selbst 
für nicht sehr tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung 
dieser Völker macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige 
und Priester ein besonders wirksames Tabu ausüben und selbst 
dem stärksten Zwang des Tabu ausgesetzt werden. 

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in 
den Interessen der privilegierten Stände,- »sie entspringen da, wo 
die primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren 
Ursprung nehmen, in der Furcht vor der Wirkung 
dämonischerMächt e**«. »Ursprünglich nichts anderes als die 
objektiv gewordene Furcht vor der in dem tabuierten Gegenstand 
verborgen gedachten dämonischen Macht, verbietet das Tabu, diese 
Macht zu reizen, und es gebietet, wo es wissentlich oder un^ 
wissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons zu be^ 
seitigen«. 

Allmählidi wird dann das Tabu zu einer in sidi selbst begrün^ 
deten Macht, die sidi vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird 
zum Zwang der Sitte und des Herkommens und sdiließlidi des 
Gesetzes. »Das Gebot aber, das unausgesprodien hinter den nadi 
Ort und Zeit mannigfadi wediselnden Tabuverboten steht, ist ur^ 
sprünglicb das eine; Hüte didi vor dem Zorn der Dämonen.« 

W u n d t lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdrud^ und Aus^ 
fluß des Glaubens der primitiven Völker an dämonisdie Mädite. 
Später habe sidi das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei 
eine Madit geblieben, einfadi weil es eine soldie war, infolge einer 
Art von psydiisdier Beharrung,- so sei es selbst die Wurzel 
unserer Sittengebote und unserer Gesetze geworden. So wenig nun 
der erste dieser Sätze zum Widersprudi reizen kann, so glaube idi 
dodi dem Eindrud^ vieler Leser Worte zu leihen, wenn idi die 

• Vgl. darüber die vorige Abhandlung in Heft I dieser Zeitschrift. 
•• 1. c. p. 307. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Tabu und die Ambivalenz 219 

Aufklärung Wundts als eine Enttäuschung anspreche. Das heißt 
wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen heruntergehen 
oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch die 
Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden, 
die jeder weiteren Zurückfuhrung trotzen. Es wäre anders, wenn 
die Dämonen wirklich existierten,- aber wir wissen ja, sie sind selbst 
wie die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen ,- sie 
sind von etwas und aus etwas geschaffen worden. 

Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert W u n d t be- 
deutsame, aber nicht ganz klar zu erfassende Ansichten. Für die 
primitiven Anfänge des Tabu besteht nach ihm eine Scheidung von 
heilig und unrein noch nicht. Eben darum fehlen hier jene 
Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie eben erst durch den 
Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen konnten. Das 
Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind dämonisch, 
nicht heilig und darum audh noch nicht in dem späteren Sinne un* 
rein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende Be- 
deutung des Dämonischen, das nicht berührt werden darf, ist der 
Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das 
schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemein* 
sam bleibt : die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden 
Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hin* 
weis darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche 
Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen 
einer Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich 
zu Gegensätzen entwici^elt haben. 

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämoni* 
sehe Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Be* 
rührung oder unerlaubte Verwendung durch Verzauberung des 
Täters rächt, ist eben noch ganz und ausschließlich die objektivierte 
Furcht. Diese hat sich noch nicht in die beiden Formen gesondert, 
die sie auf einer entwickelten Stufe annimmt: in die Ehrfurcht 
und in den Abscheu. 

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch die 
Verpflanzung der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen ^ in 
das der Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein 
fällt mit der Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zu^ 
sammen, von denen die frühere nicht vollkommen verschwindet, 
wenn die folgende erreicht ist, sondern in der Form einer niedrig 
eeren und allmählich mit Verachtung sich paarenden Wertschätzung 
Fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein das Gesetz, daß eine 
vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der höheren über^ 
wunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in erniedrigter 
Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in solche 
des Abscheus sich umwandeln*. 

• I. c. p. 313 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



220 Sigm. Freud 



Die weiteren Ausführungen W u n d t s beziehen sich auf das 
Verhältnis der Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. 

2. 

Wer von der Psydioanalyse, d. h. von der Erforsdiung des 
unbewußten Anteils am individuellen Seelenleben her an das Pro^ 
blem des Tabu herantritt, der wird sidi nadi kurzem Besinnen 
sagen, daß ihm diese Phänomene nidit fremd sind. Er kennt Per^ 
sonen, die sidi soldie Tabuverbote individuell gesdiaffen haben und 
sie ebenso strenge befolgen, wie die Wilden die ihrem Stamm oder 
ihrer Gesellsdiaff gemeinsamen. Wenn er nidit gewohnt wäre, diese 
vereinzelten Personen als »Zwangs kranke« zu bezeidinen, 
würde er den Namen »T a b u k r a n k h e i t« für deren Zustand 
angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat er 
aber durdi die psydioanalytisdie Untersudiung soviel erfahren : die 
klinisdie Aetiologie und das Wesentlidie des psydiologisdien 
Medianismus, daß er es sidi nidit versagen kann, das hier Gelernte 
zur Aufklärung der entspredienden völkerpsydiologisdien Ersdiei^ 
nung zu verwenden. 

Eine Warnung wird bei diesem Versudie angehört werden 
müssen. Die Ähnlidikeit des Tabu mit der ZwangsKrankheit mag 
eine rein äußerlidie sein, für die Ersdieinungsform der Beiden gelten 
und sidi nidit weiter auf deren Wesen erstred^en. Die Natur liebt 
es, die nämlidien Formen in den versdiiedensten biologisdien Zu^ 
sammenhängen zu verwenden, z. B. am Korallenstod^ wie an der 
Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen Kristallen oder bei der 
Bildung bestimmter diemisdier Niedersdiläge. Es wäre offenbar vor^ 
eilig und wenig aussiditsvoll, durdi diese Übereinstimmungen, die 
auf eine Gemeinsamkeit medianisdier Bedingungen zurüd\gehen, 
Sdilüsse zu begründen, die sidi auf innere Verwandtsdiaft beziehen. 
Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, braudien aber die 
beabsiditigte Vergleidiung dieser Möglidikeit wegen nidit zu untere 
lassen. 

Die nädiste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangs* 
verböte <bei den Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß 
diese Verbote ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft 
sind. Sie sind irgend einmal aufgetreten und müssen nun infolge 
einer unbezwingbaren Angst gehalten werden. Eine äußere Straf- 
androhung ist überflüssig, weil eine innere Sidierheit <ein Gewissen) 
besteht, die Übertretung werde zu einem unerträglidien Unheil 
führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken mitteilen können, 
ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine bestimmte Person ihrer 
Umgebung durdi die Übertretung zu Sdiaden kommen. Weldies 
diese Sdiädigung sein soll, wird nidit erkannt, audi erhält man 
diese kümmerlidie Auskunft eher bei den später zu bespredienden 
Sühne- und Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. 

Das Haupte und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Tabu und die Ambivalenz 221 

das der Berührung, daher der Name Berührungsangst, Delire de 
toudier. Das Verbot erstreckt sidi nidit nur aur die direkte Be^ 
rührung mit dem Körper, sondern nimmt den Umfang der über^ 
tragenen Redensart : in Berührung kommen, an. Alles, was die Ge^ 
danken auf das Verbotene lenkt, eine Gedankenberührung hervor* 
ruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare leiblidie Kontakt ,• 
dieselbe Ausdehnung findet sidi beim Tabu wieder. 

Ein Teil der Verbote ist nadi seiner Absidit ohneweiters ver* 
ständlidi, ein anderer Teil dagegen ersdieint uns unbegreiflidi, 
läppisdi, sinnlos. Wir bezeidinen soldie Gebote als »Zeremoniell«, 
und finden, daß die Tabugebräudie dieselbe Versdiiedenheit erkennen 
lassen. 

Den Zwangsverboten ist eine großartige Versdiiebbarkeit zu 
eigen, sie dehnen sidi auf irgend weldien wegen des Zusammen- 
hanges von einem Objekt auf das andere aus und madien audi 
dieses neue Objekt, wie eine meiner Kranken treffend sagt, »u n* 
möglich«. Die Unmöglidikeit hat am Ende die ganze Welt mit 
Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sim so, als wären 
die »unmöglidien« Personen und Dinge Träger einer gefährlidien 
AnsteAung, die bereit ist, sidi auf alles Benadibarte durdi Kontakt 
zu übertragen. Dieselben Charaktere der Ansted^ungsfähigkeit und 
der Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Sdiilderung der 
Tabuverbote hervorgehoben. Wir wissen audi, wer ein Tabu über^ 
treten hat durdi die Berührung von etwas, was tabu ist, der wird 
selbst tabu und niemand darr mit ihm in Berührung treten. 

Idi stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Versdiiebung) 
des Verbotes zusammen ,• das eine aus dem Leben der M a o r i, 
das andere aus meiner Beobaditung an einer zwangskranken Frau. 

»Ein M a o r i häuptling wird kein Feuer mit seinem Haudi 
anfadien, denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer 
mitteilen, dieses dem Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, 
die in ihm gekodit wird, die Speise der Person, die von ihr ißt, 
und so müßte die Person sterben, die gegessen von der Speise, die 

fekodit in dem Topf, der gestanden im Feuer, in das geblasen der 
iäuptling mit seinem heiligen und gefährlidien Haudi.«* 

Die Patientin verlangt, daß ein Gebraudisgegenstand, den ihr 
Mann vom Einkauf nadi Hause gebradit, entfernt werde, er würde 
ihr sonst den Raum, in dem sie wohnt, unmöglidi madien. Denn 
sie hat gehört, daß dieser Gegenstand in einem Laden gekauft 
wurde, weldier in der, sagen wir : Hirsdiengasse liegt. Aber Hirsdi 
ist heute der Name einer Freundin, die in einer fernen Stadt lebt, 
die sie in ihrer Jugend unter ihrem Mäddiennamen gekannt hat. 
Diese Freundin ist ihr heute )^unmöglidl«, tabu und der hier in 
Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die Freundin selbst, 
mit der sie nidit in Berührung kommen will. 

• Frazer, The golden bough, II., Taboo and thc perils of thc souI, 
1911, p. 136. 



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222 Sigm. Freud 



Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Ein^ 
sdiränkungen des Lebens mit sidi wie die Tabuverbote, aber ein 
Anteil von ihnen kann aufgehoben werden durdi die Ausführung 
gewisser Handlungen, die nun audi gesdiehen müssen, die Zwangs^ 
diarakter haben, — Zwangshandlungen — und deren Natur 
als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem Zweifel 
unterliegt. Die gebräudilidiste dieser Zwangshandlungen ist das Ab^ 
wasdien mit Wasser <Wasdizwang>. Audi ein ^ Teil der Tabu^ 
verböte kann so ersetzt, respektive deren Übertretung durdi 
soldies »Zeremoniell« gutgemadit werden und die Lustration durdi 
Wasser ist audi hier die bevorzugte. 

Resümieren wir nun, in weldien Punkten sidi die Überein^ 
Stimmung der Tabugebräudie mit den Symptomen der Zwangs- 
neurose am deudidisten äußert: i. In der Unmotiviertheit der Ge^ 
böte, 2. in ihrer Befestigung durdi eine innere Nötigung, 3. in ihrer 
Versdiiebbarkeit und in der Ansted^ungsgefahr durdi das Verbotene, 
4. in der Verursadiung von zeremoniösen Handlungen, Geboten, 
die von den Verboten ausgehen. 

Die klinisdie Gesdiidite wie der psydiisdie Medianismus der 
Fälle von Zwangskrankheit sind uns aber durdi die Psydioanalyse 
bekannt geworden. Erstere lautet für einen typisdien Fall von ße^ 
rührungsangst wie folgt : Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, 
äußerte sidi eine starke Berührungs 1 u s t, deren Ziel weit speziali- 
sierter war, als man geneigt wäre zu erwarten. Dieser Lust trat 
alsbald von außen ein Verbot entgegen, gerade diese Berührung 
nidit auszuführen.* Das Verbot wurde aufgenommen, denn es 
konnte sidi auf starke innere Kräfte stützen**,- es erwies sidi als 
stärker als der Trieb, der sidi in der Berührung äußern wollte. Aber 
infolge der primitiven psydiisdien Konstitution des Kindes gelang 
es dem Verbot nidit, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des Ver^ 
bots war nur, den Trieb — die Berührungslust — zu verdrängen 
und ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben 
beide erhalten,- der Trieb, weil er nur verdrängt, nidit aufgehoben 
war, das Verbot, weil mit seinem Aufhören der Trieb zum Be^ 
wußtsein und zur Ausführung durdigedrungen wäre. Es war eine 
unerledigte Situation, ein psydiisdie Fixierung gesdiaffen, und aus 
dem fortdauernden Konflikt von Verbot und Trieb leitet sidi nun 
alles weitere ab. 

Der Hauptdiarakter der psydiologisdien Konstellation, die so 
fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente 
Verhalten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die 
eine Handlung an ihm, heißen könnte***. Es will diese Handlung — 

• Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen 
Genitah'cn. 

•• Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot 
gegeben wurde. 

••• Nadi einem trefflidien Ausdruck von Bleuler. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 223 

die Berührung — immer wieder ausführen, es sieht in ihr den 
höchsten Genuß, aber es darf sie nidit ausführen, es verabsdieut 
sie audi. Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf kurzem 
Wege nidit ausgleidibar, weil sie — wir können nur sagen — im 
Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nidit zusammenstoßen können. 
Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde Berührungslust ist 
unbewußt, die Person weiß nidits von ihr. Bestünde dieses psydio- 
logisdie Moment nidit, so könnte eine Ambivalenz weder sidi so 
lange erhalten, nodi könnte sie zu soldien Folgeersdieinungen führen. 

In der klinisdien Gesdiidite des Falles haben wir das Ein^ 
dringen des Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende 
hervorgehoben,- für die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem 
Medianismus der Verdrängung auf dieser Altersstufe zu. In^ 
folge der stattgehabten Verdrängung, die mit einem Vergessen — 
Amnesie — verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewußt 
gewordenen Verbotes unbekannt, und müssen alle Versudie sdieitern, 
es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nidit finden, an 
dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke — seinen 
Zwangsdiarakter — gerade der Beziehung zu seinem unbewußten 
Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer 
innern Notwendigkeit, in weldie die bewußte Einsidit fehlt. Die 
Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbots spiegelt 
einen Vorgang wieder, der sidi mit der unbewußten Lust zuträgt, 
und unter den psydiologisdien Bedingungen des Unbewußten be^ 
sonders erleiditert ist. Die Trieblust versdiiebt sidi beständig, um 
der Absperrung, in der sie sidi befindet, zu entgehen, und sudit 
Surrogate für das Verbotene — Ersatzobjekte und Ersatzhand^ 
lungen — zu gewinnen. Darum wandert audi das Verbot und 
dehnt sidi auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden 
neuen Vorstoß der verdrängten Libido beantwortet das Verbot 
mit einer neuen Versdiärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden 
ringenden Mädite erzeugt ein Bedürfnis nadi Abfuhr, nach Ver^ 
ringerung der herrsdienden Spannung, in weldiem man die Moti- 
vierung der Zwangshandlungen erkennen darf. Diese sind bei der 
Neurose deudidi Kompromißaktionen, in der einen Ansidit Be^ 
Zeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und dergleidien, 
in der anderen aber gleidizeitig Ersatzhandlungen, weldie den Trieb 
für das Verbotene entsdiädigen. Es ist ein Gesetz der neurotisdien 
Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den Dienst 
des Triebes treten und immer näher an die ursprünglidi verbotene 
Handlung herankommen. 

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, 
als wäre es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer 
Kranken. Wir madien uns dabei von vorneherein klar, daß viele 
der für uns zu beobaditenden Tabuverbote sekundärer, versdiobener 
und entstellter Art sind, und daß wir zufrieden sein müssen, etwas 
Lidit auf die ursprünglidisten und bedeutsamsten Tabuverbote zu 



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224 Sigm. Freud 



werfen. Ferner, daß die Versdiiedenheiten in der Situation des 
Wilden und des Neurotikers widitig genu§ sein dürften, um eine völlige 
Übereinstimmung auszusdiließen, eine Übertragung von dem einen 
auf den anderen, die einer Abbildung in jedem Punkte gleidikäme, 
zu verhindern. 

Wir würden dann zunädist sagen, es habe keinen Sinn, die 
Wilden nach der wirklidien Motivierung ihrer Verbote, nadi der 
Genese des Tabu zu fragen. Nadi unserer Voraussetzung müssen 
sie unfähig sein darüber etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung 
sei ihnen »unbewußt«. Wir konstruieren die Gesdiidite des Tabu 
aber folgendermaßen nadi dem Vorbild der Zwangsverbote. Die 
Tabu seien uralte Verbote, einer Generation von primitiven Mensdien 
dereinst von außen aufgedrängt, d. h. also dodi wohl von der früheren 
Generation ihr gewalttätig eingesdiärft. Diese Verbote haben Tätige 
keiten betroffen, zu denen eine starke Neigung bestand. Die Ver^ 
böte haben sidi nun von Generation zu Generation erhalten, vielleidit 
bloß infolge der Tradition durdi elterlidie und gesellsdiaftlidie Au^ 
torität. Vielleidit aber haben sie sidi in den späteren Generationen 
bereits »organisiert« als ein Stück ererbten psydiisdien Besitzes. Ob 
es soldie »angeborene Ideen« gibt, ob sie allein oder im Zusammen^ 
wirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu bewirkt haben, 
wer vermöAte es gerade für den in Rede stehenden Fall zu ent- 
sdieiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, 
daß die ursprünglidie Lust, jenes Verbotene zu tun, audi noch bei 
den Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabu- 
verboten eine ambivalenteEinstellung,sie möchten im Unbewußten 
nidits lieber als sie übertreten, aber sie fürditen sidi auch davor,- sie 
fürchten sidi gerade darum, weil sie es möchten, und die Furdit ist 
stärker als die Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson 
des Volkes unbewußt, wie bei dem Neurotiker. 

Die ältesten und widitigsten Tabuverbote sind die beiden 
Grundgesetze des Totemismus: Das Totemtier nidit zu töten und 
den sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des anderen Ge^ 
schledits zu vermeiden. 

Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der 
Mensdien sein. Wir können das nidit verstehen und können dem* 
nadi unsere Voraussetzung nidit an diesen Beispielen prüfen, so* 
lange uns Sinn und Abkunft des totemistisdien Systems so völlig 
unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse der psydioanalytisdien 
Erforsdiung des Einzelmensdien kennt, der wird selbst durdi den 
Wortlaut dieser beiden Tabu und durdi ihr Zusammentreffen an 
etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die Psydioanalytiker für den 
Knotenpunkt des infantilen Wunsdilebens und dann für den Kern 
der Neurose erklären.'* 



* Wl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte Studie 
über den Totemismus. 



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Das Tabu und die Ambivalenz 225 

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscfieinungen, die zu 
den früher mitgeteilten Klassifizierungsversudien geführt hat, wädist 
für uns auf folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage 
des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im 
Unbewußten besteht. 

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das 
Tabu übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsadie 
mit der anderen zusammen, daß das Tabu nidit nur an Personen haftet, 
die das Verbotene getan haben, sondern audi an Personen, die sidi in 
besonderen Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an 
unpersönlidien Dingen? Was kann das für eine gefährliAe Eigene 
sdiaft sein, die immer die nämliche bleibt unter all diesen versdiie^ 
denen Bedingungen? Nur die eine: die Eignung, die Ambivalenz 
des Mensdien anzufadien und ihn in Versuchung zu führen, 
das Verbot zu übertreten. 

Der Mensdi, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, 
weil er die gefährlidie Eignung hat, andere zu versudien, daß sie 
seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid,- warum sollte ihm ge^ 
stattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirklidi a n^ 
steckend, insoferne jedes Beispiel zur Nadiahmung ansted<t, und 
darum muß er selbst gemieden werden. 

Ein Mensdi braudit aber kein Tabu übertreten zu haben und 
kann dodi permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sidi in einem 
Zustand befindet, weldier die Eignung hat, die verbotenen Gelüste 
der anderen anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wed^en. 
Die meisten Ausnahmsstellungcn und Ausnahmszustände sind von 
soldier Art und haben diese gefährlidie Kraft. Der König oder 
Häupding erwed^t den Neid auf seine Vorr.edite,- es mödite vielleidit 
jeder König sein. Der Tote, das Neugeborene, die Frau in ihren 
Leidenszuständen reizen durdi ihre besondere Hilflosigkeit, das eben 
gesdileditsreif gewordene Individuum durdi den neuen Genuß, den 
es verspridit. Darum sind alle diese Personen und alle diese Zu- 
stände tabu, denn der Versudiung darf nidit nadigegeben werden. 

Wir verstehen jetzt audi, warum die Manakräfte versdiiedener 
Personen sidi von einander abziehen, einander teilweise aufheben 
können. Das Tabu eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, 
weil die soziale Differenz zwisdien ihnen zu groß ist. Aber ein 
Minister kann etwa den unsdiädlidien Vermitder zwisdien ihnen 
madien. Das heißt aus der Spradie des Tabu in die der Normal- 
psydiologie übersetzt: Der Untertan, der die großartige Versudiung 
sdieut, weldie ihm die Berührung mit dem König bereitet, kann 
etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nidit so sehr zu 
beneiden braudit, und dessen Stellung ihm vielleidit selbst erreidibar 
sdieint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König durdi 
die Erwägung der Madit ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt ist. 
So sind geringere Differenzen der in Versudiung führenden Zauber^ 
kraft weniger zu fürditen als besonders große. 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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226 Sigm. Freud 



Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabu* 
verböte eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der 
Gesellsdiaft gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle 
sdiädigen soll. Diese Gefahr besteht wirklidi, wenn wir die bewußten 
Regungen für die unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der 
Möglidhkeit der Nadiahmung, in deren Folge die Gesellsdiaft bald 
zur Auflösung käme. Wenn die anderen die Übertretung nidit 
ahnden würden, müßten sie ja inne werden, daß sie dasselbe tun 
wollen wie der Übeltäter. 

Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnlidie Rolle spielt 
wie beim Delire de toudier, obwohl der geheime Sinn des Ver- 
botes beim Tabu unmöglidi ein so spezieller sein kann wie bei der 
Neurose, darf uns nidit Wunder nehmen. Die Berührung ist der 
Beginn jeder Bemäditigung, jedes Versudies, sidi eine Person oder 
Sadie dienstbar zu madien. 

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, 
durcfi die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung 
anzuregen, übersetzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich 
die Ansteckungsfähigkeit des Tabu vor allem in der Übertragung 
auf Gegenstände äußert, die dadurch selbst Träger des Tabu werden. 

Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose 
nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf 
assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir 
werden so aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft 
des )^Mana« zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, 
den Menschen an seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die 
scheinbar bedeutsamere, ihn zur Übertretung des Verbotes im Dienste 
dieser Wünsche zu verleiten. Beide Leistungen treten aber wieder 
zu einer einzigen zusammen, wenn wir annehmen, es läge im Sinne 
eines primitiven Seelenlebes, daß mit der Erweckung der Erinnerung 
an das verbotene Tun auch die Erweckung der Tendenz, es durchs 
zusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und Versuchung 
wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn das Beispiel 
eines Mensdien, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur 
gleidien Tat verführt, so hat sidi der Ungehorsam gegen das Ver^ 
bot fortgepflanzt wie eine Anstediung, wie sich das Tabu von einer 
Person auf einen Gegenstand, und von diesem auf einen anderen 
überträgt. 

Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann 
durch eine Sühne oder Buße, die ja einen Verzicht auf. irgend ein 
Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, 
daß die Befolgung der Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf 
etwas, was man gerne gewünscht hätte. Die Unterlassung des einen 
Verzichts wird durch einen Verzicht an anderer Stelle abgelöst. 
Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den Schluß ziehen, 
daß die Buße etwas ursprünglicheres ist als die Reinigung. 

Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Das Tabu und die Ambivalenz 227 

uns aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers 
ergeben hat : Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen <von 
einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der 
Mensdien geriditet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren 
Unbewußten fort/ die Mensdien, die dem Tabu gehordien, haben 
eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene. Die 
dem Tabu zugesdiriebene z^auberkraft führt sidi auf die Fähigkeit 
zurüd^, die Mensdien in Versudiung zu führen / sie benimmt sidi 
wie eine Ansted^ung, weil das Beispiel ansted^end ist, und weil sidi 
das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes versdiiebt. Die 
Sühne der Übertretung des Tabu durdi einen Verzidit erweist, daß 
der Befolgung des Tabu ein Verzidit zu gründe liegt. 

(Fortsetzung folgt,) 



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228 H. V. Hug-Hcllmuth 



Über Farbenhören. 

Ein Versuch, das Phänomen auf Grund der psycho^analytischen Methode 

zu erklären. 

Von Frau Dr. H. v. HUG^HELLMUTH, WIEN. 

Seit zirka 50 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft gelegenthch 
mit dem Phänomen des Farbenhörens, dessen Erforschung 

nicht so sehr die Seltenheit des Vorkommens vielfach er^ 
Schwert, als die zumeist unzulänglichen Berichte der mit ihm Be^ 
hafteten, zumal unter den Laien auch heute noch die Ansicht 
besteht, es gehöre ins Kapitel der Schrullen und »Narreteien«, die 
nur umso störender hervortreten, je größere Beachtung ihnen zu^ 
gewendet wird. Raten doch Forscher wie Benedikt dringend davon 
ab, sich in dieses Problem zu vertiefen, da solche Betätigung zur 
Hypochondrie führe. Und es bleibt keinem Farbenhörer erspart, 
einem ungläubigen oder höhnischen Lächeln zu begegnen, wenn er, 
sei es im Kreise der Familie oder der Freunde, von den 
Synästhesien berichtet, die ihm Geschehnisse oft lustvoll betonen, 
manchmal auch mit verstärkter Unlust zum Bewußtsein bringen. 
Die skeptische Aufnahme solcher Aussagen lassen den mit dieser 
Bewußtseins^Erscheinung Behafteten bald verstummen, ohne daß 
sie natürlich deshalb schwände. Insbesondere lieben es Eltern, mit 
ihrer ganzen Autorität einer solchen »Hypernervosität« ihrer Kinder, 
in der sie ein ihnen unerklärliches Abweichen vom guten Schlage 
ihrer Familie erblicken, entgegenzutreten, und übersehen, daß hier 
die Nichtbeachtung ebenso wenig die beabsichtigte Wirkung 
versagt, wie das vorsätzliche Nichtsehen sexueller Äußerungen in 
zartem Kindesalter diese erstickt. Man schafft fatale Regungen der 
kindlichen Seele nicht aus der Welt, indem man ihr Bestehen 
leugnet oder sie mit Prügeln beantwortet, man zwingt sie höchstens, 
sich für den Augenblick ängstlich zu verbergen, um vielleicht zu 
späterem Zeitpunkte als schwere psychische Erkrankung hervor- 
zubrechen. 

Unter Farbenhören oder chromatischer Synopsie* verstehen 
wir die zwangsmäßige, mehr oder minder als solche 
empfundene Verknüpfung von Tönen und Ge* 
rauschen mit Farbenempfindungen, • es steht unter den 
Synästhesien obenan. Seltener findet sidi die reziproke Ersdieinung, 
daß nämlidi Farbeneindrücke Tonempfindungen bedingen. Endlich 
gibt es Fälle von optischen und akustischen Synästhesien**, die ge^ 
Bunden sind an Gerudis^, Geschmacks oder Hautempfindungen. 
Alle Arten der optischen Synästhesie, also jene Fälle, in denen 

* Auch Pscudochromästhesic, CoIour^Hearing, Audition Colorec genannt. 
** Auch als sekundäre Sinnesempfindungen, Doppelempfindungen, Sekundär* 
Vorstellungen bezeichnet, dem theoretischen Standpunkte der einzelnen Forscher ent" 
sprechend. 



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über Farbenhören 229 



ein Farben^ oder Liditeindruck einer anderen Ursadie als einem 
physikalisdien Liditreiz entstammt, werden als Photismen bezeidinet/ 
man untersAeidet sie in diromatisdie Photismen (direkte Farbenbilder) 
und Diagramme. (Vorstellung von Kurven, Geraden von bestimmtem 
Verlaufe oder von Flädien.) Akustisdie Synästhesien, d. s. jene 
Gehörswahrnehmungen, die nidit unmittelbar von einem physi^ 
kalisdien Sdiallreiz herrühren, werden Phonismen genannt. 

Die erste und lange Zeit einzige wissensdiafdidie Würdigung 
des Phänomens stammt aus dem Jahre 1812 von Dr. G. T. L. Sa chs, 
der in seiner Dissertationssdirift seine diesbezüglidien eigenen Wahr^ 
nehmungen anführt, und diese Doppelempfindungen nadi ihrem 
optisdien, akustisdien und rein psydiisdien Ursprung in drei Gruppen 
ordnet. Er beriditet, daß ihm die Vokale und Konsonanten, die 
musikalisdien Töne, die Klänge der Instrumente, die Ziffern, ja die 
Namen von Städten, selbst Zeitabsdinitten, historisdien Daten, sowie 
die der Altersstufen mit Farbenempfindungen verknüpft sind. 

Die spärlichen Arbeiten* der folgenden Dezennien bringen 
Beridite von einzelnen Personen meist männliAen Gesdiledites,- dies 
dürfte übrigens bloß dem Umstände zuzusdireiben sein, daß man 
denen von Frauen mit Rüd^sidit auf ihre in damaliger Zeit geringen 
psydiologisdien Kenntnisse wenig Glaubwürdigkeit zumaß, und daß 
audi wohl das Interesse für derartige Beobaditungen bei ihnen 
entweder ein zu geringes gewesen oder dodi nidit über einen ge^ 
wissen Grad von Neugierde und Selbstbespiegelung hinausgegangen 
sein mag, als daß sie Nennenswertes zur Beleuditung dieser Frage 
beigetragen hätten. 

Die erste Arbeit, weldie durdi das reidie Material an beob^ 
aditeten Fällen ihre Verfasser, E. Bleuler und K. Lehmann, in den 
Stand setzten, aus mandien Übereinstimmungen der »Positiven«** eine 
gewisse Gesetzmäßigkeit im Verlauf dieser Ersdieinung nadiweisen 
zu können, ist der im Jahre 1881 ersdiienene Artikel *Zwangs^ 
mäßige Lichtempfindungen durch Schall und ver^ 
wandteErscheinungen auf dem Gebiete deranderen 
Sinnesempfindungen.« In den folgenden Jahren wandte sidi 
ein allgemeineres Interesse dem Gebiete der Doppelempfindungen zu 
und es ersdiienen in rasdier Folge VeröfFentliAungen von deutsdien, 
französisAen, englisdien Forsdiern. 

Aus der aktiven und passiven Beobachtung der versdiiedenen 
Farbenhörer zeigen sidi gewisse übereinstimmende Ergebnisse, die 
von großem Werte in bezug auf die relative Wahrscheinlidikeit der 
aufgestellten Theorien sind. Sie lassen sidi in folgende Punkte zu^ 
sammenfassen. 



• F. A. Nußbäumen, »Wiener Medizin. Wochenschrift«, Jänner 1S73. 
H. Kaiser, Compendium de physiol. optic. 1872. Cornaz, Des abnormites 
congenitales des yeux et de leurs annexes, 1848. 

•• »Positive« nennen Bl. u. L. die mit Sek. 'Empfindungen behafteten Per- 
sonen, Negative solche, denen diese fehlen. 

imago 1,3, 15 



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2.H0 H. V. Hug-Hellmuth 



1. Unter den Synästhesien sind die Sdiallphotismen am 
häufigsten und zwar zeigen sidi die diromatismen Photismen 
ziemlidi eben so oft wie die geometrisdien Diagramme, weldie meist 
nur durdi Lidit^ und Sdiattenverteilung, nidit aber durdi eine be^ 
sondere Farbe ausgezeidinet sind. 

2. Die Sdiall^Photismen sind an Vokale, seltener Kon-* 
sonanten, an Wörter, an musikalisdie Töne und an Geräusdie ge^ 
bunden. 

3. Laut^ und Wort ^ Photismen finden sidi am häufigsten. 
Insbesondere sind es die Vokale, denen Farbenempfindungen 
adhärieren, die dann oft den Wörtern, in weldien der betreffende 
Laut den Hoditon hat, das Kolorit verleihen,- die Wirkung der 
Konsonanten besteht in der Regel bloß in einer bestimmten Nuan^ 
cierung der Vokalfarbe. Für einige Farbenhörer bilden die Wort^ 
photismen sogenannte »Spektroide«, das sind nadi Bleuler und 
Lehmann Farbenbilder, bei weldien die Farben nadi den im Worte 
vorkommenden Vokalen angeordnet sind/ sie stammen in der 
Regel aus späteren Jugendjahren, während die in frühester Kindheit 
erworbenen gewöhnlidi einfarbig sind. Unter den Wörtern rufen 
besonders Eigen^ und Rufnamen Farbenempfindungen hervor. 
Audi die Namen der Wochentage, der M o n a t e, der 
historischen Epochen, der Zahlen und geometrischer 
Gebilde ersdieinen mandien Personen gefärbt. Allgemein wird 
vermeldet, daß Eigennamen, Wodientage, Monate und Zahlen ihr 
eigenes, von dem Vokale der Hauptsilbe häufig unabhängiges 
F'Colorit besitzen. 

4. Bei den Ton^Photismen treten die versdiiedensten 
Farben auf, dodi in der Regel* derart, daß höheren Tönen hellere, 
tieferen dunkle Farben zugeordnet werden, so daß die Tonhöhe 
von bedeutendem Einflüsse ersdieint. Eine ähnlidie Rolle spielt die 
Intensität des Sdialleindrudces in bezug auf die Sdiattierung,- 
schwache Töne verleihen der Farbe etwas Versdiwommenes, 
oft audi Durdisiditiges, starke geben ihr leidit einen grellen Akzent. 

5. Geräuschphotismen zeigen in der Farbenauswahl 
eine starke Monotonie, Grau und Braun erschöpfen die Farben^ 
reihe. Die Intensität ist bei ihnen von größerem Einfluß als bei den 
Ton^Photismen. 

6. Bei mandien Personen sind die Farben an gewisse I n^ 
s t r u m e n t e, bei anderen an bestimmte Töne geheftet, so daß bei 
den ersteren derselbe Ton, hervorgerufen durdi versdiiedene In^ 
Strumente in versdiiedenen Farben in vergleidisweise entsprediender 
Nuance ersdieint, während die letzteren einen und denselben Ton 



• H. Stcinbrugge berichtet von einem jungen Manne, Schüler der Priester- 
schule auf Madeira, dem die Töne eines Klaviers einfache Farbenempfindungen 
hervorriefen/ die hohen Töne erzeugten ein reines Rot, von der einge- 
strichenen Oktave an, nach abwärts aber erschienen die Tone 
anfangs g e 1 b r o t, in der Tiefe rein gelb. 



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Qber Farbenhören 231 



auf allen Instrumenten mit der gleichen Farbe, jedoch verschiedener 
Nuance verbinden. Häufig tritt auch das Phänomen so auf, daß 
ganze Musikstücke mit einer Farbe in ihren Abstufungen verknüpft 
werden/ die Kompositionen Wa gners, Beethovens, Haydns 
und Schumanns ersdieinen diesbezüglich besonders bevorzugt. 
Die menschliche Stimme erzeugt im rhetorischen und g e* 
sanglichen Vortrage stärkere Photismen als in der einfachen 
Konversation. 

7. DieZahl der Farbenhörer ist nidit so gering, 
wie dies allgemein geglaubt wird. Bleuler und Lehmann 
fanden unter 596 befragten Personen 76 Positive, d. i. 12^/0. 



Aus den Fragebogen, die der^ akad. ^philos. Verein in 
Herren Länder aussandte, ergab sidi ein Resultat von 442 Fällen 



Leipzig im Jahre 1879 auf Fechners Anregung nach aller 



von Farbenassoziationen, unter denen zirka 100 Aufzeidinungen 
wegen zu geringer Sicherheit für wissenschaftliche Beobaditungen 
ausgeschieden wurden, so daß 374 »Entschiedene« — so nennt 
Fe ebner die Farbenhörer — verblieben. Zu ihnen zählten audi 
zwei Blinde und ein Farbenblinder, in dessen Assoziationen natürlich 
nur die ihm bekannten Farben eine Rolle spielten, während Rot 
ausgesdialtet war. Aus den Aufzeichnungen mittels Fragebogen läßt 
sich natürlich kein Schluß auf die Häufigkeit des Phänomens ziehen, 
da keine Angabe über die Zahl der überhaupt Befragten vorliegt. 
Die neuesten Untersuchungen an Kindern einer Bostoner Schule 
ergaben, daß 21 unter 53, d. i. 40^*^, für die Töne gewisser Instru^ 
mente Photismen aufwiesen.* Nach der Nation stehen bezüglich der 
Frequenz die Deutschen obenan, ihnen folgen Schweizer, 
Österreicher, Engländer und Amerikaner, Italiener, 
Franzosen. Lebhafte Einbildungskraft, Beschäftigung mit Kunst 
und Wissenschaft scheinen das Phänomen zu begünstigen,- bei prak^ 
tischen Berufen <nach H e n n i g auch bei Personen, die sich mit 
exakten Wissenschaften, so Mathematik, beschäftigen) tritt es selten 
auf. Musikalische Veranlagung spielt dabei keine bestimmende Rolle, 
da sich unter den Farbenhörern neben Musikern wie Joachim 
Raff, Franz von Holstein, auch ganz unmusikalische Personen 
finden. Nach Aussage der meisten Autoren sind die »Positiven« 
in der Regel körperlich und geistig gesund. 

8. Die beobachteten Fälle zeigen insgesamt, 
daß das Farbenhorcn aus der frühesten Kindheit stammt 
Die den Tönen und den Geräuschen zugesellten Farben und 
Diagramme variieren bei den verschiedenen Individuen, bleiben 
aber im Leben des Einzelnen in der Regel dauernd** erhalten, dem 

•G. Stanley Hall, Ausgewählte Beiträge zur Kinderpsydiologie und 
Pädagogik, pag. 99 ff. 

•* Sully berichtet in seinen »Untersuchungen über die Kindheit« von 
einem sechsjährigen Mädchen, bei dem die an Zahlen geknüpften Farbenvorstellungcn 
während der folgenden drei Jahre teilweise eine Änderung erfahren hatten. 



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282 H. V. Hug-Hellmuth 



Einfluß des Alters nur insoweit unterliegend, als sich dasselbe über^ 
haupt im Verlaufe der physisdien und psydiisdien Prozesse als 
hemmender Faktor bemerkbar madit. Das Gefühlsleben bleibt häufig 
von den Sekundärempfindungen unberührt, wiewohl audi Fälle be* 
kannt sind, in denen das Farbenhören von Lust^ und Unlustgefühlen 
begleitet ist, mitunter audi die ursprünglidien Gefühle verstärkt 
oder hemmt. 

Von einigen Forsdiern wird das Phänomen als hereditär be^ 
zeichnet/ doch könnte die Erblichkeit jedenfalls nur betreffs der 
Disposition, niemals bezüglich der Art der Photismen angenommen 
werden. 

9. Bezüglich der Häufigkeit der beobachteten Farben wurde 
konstatiert, daß Gelb Braun, Rot, am begünstigsten er^ 
scheinen, während Grün und Violett die geringste Rolle 
spielen,- Weiß, Grau, Schwarz, Blau nehmen eine Mittel^ 
Stellung ein. Die Farben werden außerdem durch verschiedene 
Grade von Durchsichtigkeit, Glätte oder Rauheit der Oberfläche 
ausgezeichnet. Die Diagramme zeigen ganz individuelle Verschieden^ 
heit/ Kreise, Ovale, ferner Kegel sind am häufigsten vertreten. 

10. Im allgemeinen treten die Synopsien gleichzeitig mit dem 
Schalleindruck auf/ nur bei wenigen Beobachtern zeigte sich eine 
kleine Zeitverschiebung im Bewußtwerden beider Empfindungen. 
Die Dauer des Farbeneindrucks stimmt mit der der Schallsensation 
durchwegs überein/ beide erlöschen gleichzeitig. Willkürliche Aufmerke 
samkeit auf das Phänomen ruft dasselbe weder hervor, noch verstärkt 
sie es. 

Es ist natürlich, daß sich auf Grund der Beobachtungen 
einzelner Fälle, sowie deren Zusammenstellung und Vergleichung 
in der Wissensdhaft das Bedürfnis regte, das Phänomen vom 
theoretischen Standpunkt zu beleuchten. Kurz nach dem Erscheinen 
der Bleuler^Lehmann sehen Arbeit sprach sich der Physiologe 
Mensen in einem über dieselbe verfaßten Referate ^' dahin aus, daß er 
glaube, voraussagen zu können, daß mit der Zeit diese Art von 
Beobachtungen wichtige Aufschlüsse über die Vorgänge im Gehirn 
geben werden/ »doch«, fährt er fort, >'*zur Zeit wissen wir noch 
nicht recht, etwas damit anzufangen.« Und fast ist es so bis zum 
heutigen Tage geblieben. Die Ansichten, weldie über das Farben^ 
hören im Laufe der Jahre ausgesprochen wurden, haben vielleicht 
deshalb nichts von ihrem hypothetischen Charakter verloren, weil 
diese Bewußtseinserscheinung, häufig vom Träger selbst kaum be^ 
merkt, so wenig vordringlich und fast nie das Allgemeinbefinden 
störend verläuft/ ich glaube nicht, daß jemals eine Person von dieser 
Sensation sich so gequält gefühlt hatte, daß sie dagegen einen Arzt 
zu Rate gezogen, bleibt doch den meisten Farbenhörern der Zwang, 
unter dem sie die Farben imaginieren, unbewußt oder zumindest 



Archiv für Ohrenheilkunde, Bd. 17. 



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Ober Farbenhören 233 



ohne besondere Unlustbetonung. Trotzdem hält eine ganze Reihe 
von Forsdiern das Phänomen für psydiopathologisch und sie 
führen zur Begründung ihrer Ansidit an, daß sidi unter den Farben^ 
hörern zahlreidie Hereditarier mit mehr oder weniger psydiisdien 
Abnormitäten finden. Die anatomisch^physiologische Riditung 
nimmt einen abnormalen Verlauf der Nervenfasern cler versdiiedenen 
Sinneszentren an. So sagt Steinbrügge*: »Es lassen sidi als 
Ursadie der Doppelempfindung zweierlei Möglidikeiten denken: ent* 
weder geht ein Sinnesreiz von einer Sinnesnervenbahn auf eine 
andere über, im Verlaufe dieser Bahnen — also von dem peripheren 
Sinnesorgan an bis zu dem ihm eigentümlidien Zentrum geredinet 
— oder er übersdireitet das letztere, und gelangt zu einem zweiten 

Zentrum, wo er die zweite Empfindung auslöst.« »Es ließe 

sidi denken, daß bei exzessiver Erregbarkeit der sensorisdien 
Hirnelemente die Reizwelle auf weitere Stred^en fortgeleitet werde, 
und daß derartige abnorme Erregungszustände in 
den zentralen Sinnesfeldern, vor allem in den aku^ 
stisdien Zentren den D oppe 1 e mp fi n dünge n bei den 
Positiven zugrunde liegen.« Thorp** vertritt die Ansidit, 
daß sidi bei Leuten mit Doppclempfindungen Fase rn des nervus 
acust. intercerebr. zwisdien den Fasern des nervus 
opticus verirrten, infolge weldier Anordnung die 
Doppelempfindungen entständen. Urbantschitsch erklärt 
die oy nästhesien als sensorielle Reflexersdieinungen, 
weldier Ansidit sidi Benedikt ansdiließt, mit dem Beifügen, man solle 
von der Selbstbeobaditung dieser Bewußtseinsersdieinungen abstehen, 
»da man den Konsequenzen nidit gewadisen sein dürfte«. Bleuler 
und Lehmann negieren diese Befürditung durdi die durdi zahlreidie 
Beobaditungen begründete Annahme, das Phänomen sei nidit 
psychopathischer Natur. Vielmehr sehen auch sie 
seineUrsache in demVerlaufe derNervenprozesse 
selbst, ja sie geben dem Gedanken Raum, »die Fähigkeit, 
Sekundärempfindungen wahrzunehmen, als eine 
ArtAtavismus aufzufassen, da es in der Entwicklung der 
Tierreihe eine Stufe gegeben haben muß, wo die einzelnen Empfin^ 
dungsqualitäten nodi nidit getrennt waren, da ja jedes perzipierende 
Element auf die verschiedenen Reize reagierte«***. Audi Nordau 
sieht in dem Phänomen, sofern ihm nach seiner Ansicht überhaupt 
Realität zukommt, einen gewissen Atavismus, ja geradezu einen. 
Grad von Entartung, »einen Beweis krankhafter und gesdiwäditer 
Hirntätigkeit, wenn das Bewußtsein auf die Vorteile der differenzierten 
Wahrnehmungen der Erscheinung verziditet und die Meldungen der 
einzelnen Sinne nachlässig verwechselt. Es ist ein Rüd^sdiritt 

• Steinbrügge, »Ober sekundäre Sinnesempfindungen«, pag. 21. 
•• Thorp, Colour audition and its relations. »Edinburg med. Joum.« 
Bd- CDLXIX July 1894. 

••• Bleuler und Lehmann, »Zwangsmäß. Liditempf. dA. Sdiall etc.«, pag. 58. 



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OrfgfrTaffrom 
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284 H. V. Hug-Hellmuth 



in der organischenEntwicklung bis zu deren An^ 
fangen«. 

Im Gegensatz zu den bisher genannten Theorien der p h y s i o^ 
logisch-pathologischen Riditung gibt es eine Reihe von 
die 



Autoren, die den in frühester Kindheit erworbenen 
psychoIogisch-assoziativenZusammenhangin den 
Vordergrund stellen. Ja, es sind mehrere Forsdier der 
Meinung*, daß für das Zustandekommen von Synästhesien nidit 
eine Ursadie allein entsdieidend sei, sondern, daß der Mannig* 
faltigkeit der Fälle entsprediend, audi eine große Verschiedenheit des 
Ursprungs erwartet werden müsse. Bemerkenswert ist, daß Nor da u**, 
der die Tatsadie des Farbenhörens überhaupt in Frage stellt und 
derartige Bewußtseinsersdieinungen als Zeidien von psychischer 
Dekadenz betraditet, über die Ursadie desselben folgendes 
sagt : »Mir ist nidit zweifelhaft, daß das Farbenhören immer 
eine Folge von Ideenassoziation ist, deren Ur* 
Sprünge dunkel bleiben müssen, weil die Verknüp* 
fung gewisser Fa rbe n vor s te 1 1 u n ge n mit gewissen 
Tonempfindungen möglicherweise auf ganz fluch* 
tigen Wahrnehmungen im frühen Kindesalter be* 
ruht, die nicht stark genug waren, umdieAufmerk* 
samkeit zu wecken, und deshalb dem Bewußtsein 
unbekannt geblieben sind.« Audi Steinbrügge*** ist der 
Ansidit, daß für eine große, ja vielleicht für die übe r^ 
wiegende Zahl von Photismen, Assoziationsvor^ 
gänge als unmittelbarer Ursprung anzusehen sind,- er 



r. 



jibt der Vermutung Raum, »daß ursprünglich bei allen 
Personen, welche in der Erinnerung Worte oder 
Begriffe mit Farben assoziieren, vielleicht in frü^ 
bester Jugend direkte Doppelempfindung bestanden 
haben. In späteren Jahren mag dann die . . . . Dis^ 
osition des Gehirns, welche die Doppelempfindung veran^ 
aßte, erloschen sein,- die Kombinationen aersen^ 
sorischen Eindrücke hatten sich jedoch — einfach 
ausgedrückt — dem Gedächtnisse bereits fest ein^ 
geprägt, somit kehrte bei der E r i n n er u n g a n de n 
Begriff, das Wort oder den Vokal, jedesmal auch 
die assoziierte Vorstellung der Farbe wieder.« 

Audi H. Kaiser^ und Schenkltt erklären die Photismen als 
in zartem Jugendalter erworbene und habituell ge^ 
wordene Assoziationsprodukte und die Untersudiungen 



• JodI, Lehrbuch der Psychologie, I. Bd , Kap. IV, 24. 
•• Nordau, Entartung, I. Bd., pag. 248 — 251. 
••• Steinbrügge, I, c, pag. 19. 

t H Kaiser, Kompend. d. physiol. Optik, 1872/ Memorabilien, 1882. 
tt Schenkt, Ober Asso2iat. von Worten mit Farben, Prag, «Med. Wochen- 
schrift«, 1883, Nr. 10. 

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über Farbenhören 235 



der letzteren Jahre weisen immer deutlicher auf den Zusammenhang 
dieses Phänomens mit den frühesten Jugenderlebnissen hin. All 
jene Fälle, wo es sich um urteilmäßig erworbene un^ 
trennbare Verknüpfung einer Farben vors teil u ng 
mit nicht visuellen Begriffen handelt, werden als rein 
psychologisch*, als assoziierte Vorstellungen, auf- 
gefaßt. Jene Fälle dagegen, welche eine durch physiolo^ 
gische Abnormität begründete Zwangsmäßigkeit 
aufweisen, werden als eine gesonderte Gruppe von Ersdieinungen, 
als Sekundärempfindungen bezeidinet,- denn sie sind mit 
dem für jede Empfindung integrierenden Merkmale des äußeren 
Reizes ausgestattet. 

Flournoy** gliedert die psydiologisdien Synopsien nadi ihrer 
Entstehung in soldie, die auf Gefühlsideenassoziationen, 
auf habituellen und auf privilegierten Assoziationen 
beruhen. Hennig***, der diese Einteilung billigt, bezeidinet als »Ge^ 
fühlsassoziationen diejenigen, weldie zwei Wahrnehmungen 
unter sidi verknüpfen, nidit infolge von quantitativer Ähnlidikeit, 
nodi vermöge ihres regelmäßigen oder häufigen Zusammentreffens 
im Bewußtsein, sondern durdi die Analogie ihres außergewöhnlidien 
Charakters.« [Als Beispiel könnte man eine meiner Synopsien, die 
Verknüpfung des Knattern von Gewehrfeuer mit der Vorstellung 
»Graubraun« <siehe Seite 254) anführen.] Habituelle Asso^ 
z i a t i o n e n sind nadi Hennig soldie, »durdi weldie zwei Dinge, die 
sidi beständig oder gewöhnlidi vereinigt finden, im Geiste sdiließlidi 
sidi verbinden und ein unlöslidies Ganzes bilden« (so die von einer 
Dame »sdiwarz und weiß« bezeidineten Töne des Klaviers, die 
»holzbraunen« der Violine, die »gelben« der Blediinstrumente,- ferner 
die allgemein vorkommende Farbenvorstellung Grau bis Braun für 
das Knirsdien von Wagenrädern). Privilegierte Assoziation 
n e n endlidi nennt derselbe Autor diejenigen, »durdi weldie in 
unseren Gedanken gewisse Dinge eng verbunden sind, nur weil 
einmal, vielleidit nur ein einziges Mal, ihre Verbindung uns lebhaft 
getroffen und eine unzerstörbare Spur in unserem Nervenleben zu- 
rüd^gelassen hat.« (Aus den von Bleuler und Lehmann angeführten 
Fällen der Knabe, dem der Sonntag blau, der Mittwodi weiß 
ersdieint/ ferner ibidem das sedisjährige Kind, das den zum ersten 
Male gehörten Namen Kunigunde als so »sdiwarz« ablehnt.) Diese 
privilegierten Assoziationen sind natürlidi am bedeutungsvollsten für 
das Zustandekommen von Synopsien und bedingen jene Fälle, die 
sidi durdi das Merkmal strenger Individualität auszeidhnen, während 
die habituellen Assoziationen zu den Chromatismen führen, weldie 
von den meisten Farbenhörern in gleidier Weise beobaditet werden. 

• Hennig, Entstehung und Bedeutung der Synopsien, »Zeitschrift für 
Psych.«, 10. Bd. 

•• Flournoy, Des phenomenes de Synopsie. 
••• Hennig, I. c, 10. Bd., Zeitschrift für Psych. 



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23() H. V. Hug^Hellmuth 



Beim Studium der versdiiedenen Theorien, die sidi bei der 
Erforsdiung des Farbenhörens ergaben, zeigt sidi das Streben 
zahlrcidier Autoren, der anatomisdi-physiologisdien Riditung, weldie 
viele Fälle als ganz unerklärlidi bezeichnet, die psydiologisdi^asso^ 
ziative zur Seite zu stellen, die, in die Tiefe des Seelenlebens 
sdiürfend, audi in jene dunklen Fälle Klarheit tragen soll. Bleuler 
und Lehmann, die in dem Auftreten des Farbenhörens in frühester 
Jugend, sowie im steten Festhalten derselben Photismen im Leben 
des Einzelnen geradezu einen Gegengrund erblid^en, diese DoppeU 
interpretationen eines peripheren Reizes dem Gebiete des a s s o* 
ziativ Erworbenen zuzuzählen, weisen an anderer Stelle* aber 
dodi auf die eminente Bedeutung dieses Faktors hin: »Sehr 
widitig ist bei Angabe derPhotismen überhaupt 
die Erinnerung aus den frühen Lebensjahren, wo 
die Vorstellungen meist lebhafter sind. Bei soldien 
Jugenderinnerungen kann die Farbe auffallend häufig nidit auf die 
der komponierenden Laute zurüd^geführt werden, und zwar bei ganz 
zuverlässigen Leuten. Für die meisten dieser Ausnahmen haben 

wir gar Keine Erklärung finden können die Per* 

sonen^, Monats^ und Wochentags n amen, sowie die 
Zahlwörter sind die ^X^ortkIassen, über die audi Personen, 
denen sonst Wortphotismen fehlen, namentlich mit Hilfe 
von Jugenderinnerungen Angaben madien können.« Und 
weiters**: »Wir sind geneigt, so sehr wir eine soldie <assoziative> 
Erklärung für die Klang-, Gcräusdi- und Lautphotismen für unan* 
nehmbar halten, in betreff der Wodientags^, Monats*, zum Teil audi 
der Eigennamenfarben an die Möglidikeit derselben zu glauben, 
obgleidi es auffallen muß, daß bei unseren zahlreidien Personen die 
Erinnerung an das Zustandekommen dieser Vorstellungen so spurlos 
versdiwunden ist. Die Wahrsdieinlidikeit ist wohl, daß diese Vor^ 
Stellungen nidit nadi einem einheitlidien Sdiema entstanden sind, 
sondern daß bald dieses, bald jenes Moment, das wir im speziellen 
Falle nidit näher kennen, das Aussdilaggebende war.« 

Idi habe nidit umsonst diese Ausführungen in ihrem ganzen 
Umfange zitiert, denn hier sdieint mir die Brüd^e gesdilagen, die 
uns hinüberführt auf das Feld, auf dem die Freud'sdien Lehren 
vielieidit audi zum Verständnisse dieses Problems beitragen werden. 
Sie haben uns einen EinbliA in das Traumleben gewährt, gezeigt, 
wie all unser Träumen in der letzten Wurzel auf Kinderwünsdbe 
zurüd^führt, sie weisen dem Psydioanalytiker den Weg, auf weldiem 
allein er den seelisdien Erkrankungen, denen die anderen Ärzte 
ratlos gegenüberstehen, siegreidi zu Leibe rüAen kann, indem er 
tiefer und tiefer eindringt in das psydiisdie Erleben des Patienten 
bis zu seinen ersten Lebensjahren. Und so wie hier durdi die ge* 
meinsame Arbeit des Arztes und des Kranken das Erinnerungs^ 

• Bleuler und Lehmann, I. c, pag. 32—33. 
•• Bleuler und Lehmann, I. c, pag. 34. 



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Ober Farbenhören 231 



vermögen des letzteren sidi der Erlebnisse früher Kindertage ent* 
sinnt, so gelingt es in ehrlidier Selbstanalyse, längst Vergessenes 
über die Sdiwelle des Bewußtseins treten zu lassen/ und dieser 
Weg ist, wie idi glaube, vielleidit der einzige, der audi beim Pro* 
blem der Sekundärempfindungen zu wertvollen Erkenntnissen führen 
dürfte. Denn gerade der Umstand, daß bei allen Farbenhörern das 
Phänomen bis in die erste Jugend zurüAreidit, sdieint mir ein Hin*^ 
weis darauf zu sein, daß es sidi nebst einer gewissen konstitutio^ 
nellen Veranlagung um früheste, zum großen Teil als soldie längst 
vergessene Denkprozesse handelt, von denen infolge gewisser lust* 
oder unlustbetonter Erlebnisse dem Kinde eine dauernde Ver* 
knüpfung bestimmter Vorstellungen erhalten bleibt. Weldie sind nun 
die Interessensphären, die dem Kinde so WiAtiges bieten, daß es 
nadi allen Seiten Fäden knüpft, fest gedreht und dauerhaft für das 
ganze Leben ? Spredien wir es nur ohne Sdieu aus, .mögen sidi die, 
weldien es gelungen, ihre eigenen Kindheitsregungen und ^Lüste 
niederzusdiweigen, darob entrüsten, es ist das Gebiet des 
Sexuellen und des Erotischen, das gerade dem Kinde, 
dem die Kunst der Sublimierung noA fremd ist, all seine kleinen 
Erlebnisse lustbetont ersdieinen läßt. Wer sein Inneres ehrlidi prüft, 
so ein wenig sein Gewissen erforsdit, dem taudien Erinnerungen 
aus seiner frühen Kindheit auf, die ihm dann sein sonst unbegreif* 
lidies Verhalten in späteren Situationen, zumal im Liebesleben, er^ 
klären. In den Psychoanalysen der Kranken erfahren wir, wie in 
diesen die Erinnerung an ansdieinend so unbedeutende, harmlose 
Szenen aus dem Kinderleben haftet, die sidi oft als widitige Ver^ 
anlassung zu späteren Übeln erweisen. Da erinnert sidi der eine 
eines Kleides der Mutter, das sie bei einem Anlasse getragen, bei 
dem das Kind sidi von ihr zurüd^gesetzt fühlte, der andere eines 
Spazierganges, auf dem das Kind Gelegenheit hatte, den Vater bei 
Verriditung seiner Bedürfnisse zu belausdien ,• von da ab zeigt sidi 
eine intensive Abneigung gegen die Farbe jenes Kleides, begründet 
sidi eine Vorliebe für ähnlidie Wege ,• oder es erfolgt audi hier in*^ 
folge von Verdrängung eine Ablehnung und alle diese Faktoren 
spielen dann im Traume eine gewaltige Rolle, Rezentes mit dem 
Infantilen verwebend und so jene bedeutsamen Träume erzeugend, 
die dem Laien barer Unsinn dünken. 

Alle sinnlidien Eindrüd^e, die auf das Kind wirken, werden, 
sofern sie starken, i. e. sexuellen Interesses nidit entbehren, bereit^ 
willig und voll aufgenommen, mandies mit Lust oder Unlust be*^ 
antwortet, was die Aufmerksamkeit des Erwadisenen kaum erregt. 
Zur Perzeption gesellt sidi sdion früh eine mehr oder minder rege 
Assoziationsfähigkeit. Warum sollte diese beim Kinde nidit so stark 
sein, daß bei einem gewissen konstitutionellen Entgegenkommen 
Empfindungen versdiiedener Sensorien so innig verknüpft werden, 
daß es genügt, auf dem einen Sinnesgebiete Vorstellungen wadizu* 
rufen, sobald auf das andere ein Reiz wirkt? Wenn Nußbaumer 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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238 



H. V. Hug-Hellmuth 



beriditet, daß er und sein Bruder das Klingen von Messern und 
Gabeln, die wir heute längst als Sexualsymbole kennen gelernt 
haben, mit Farbenempfindungen begleiten, so wird wohl jene Sym^ 
bolik in Verbindung mit kindlidien Erlebnissen nidit ohne Bedeutung 
gewesen sein. Warum hätte jeder >seinen Glödidien« die sdiönere 
Farbe zugesdirieben, wäre nidit kindlidier Sexualneid im Spiel ge* 
wesen? All das Bramarbasieren unserer Jungen mit ihrer Stärke 
und ihrer Überlegenheit bedeutet ja im Grunde nidits anderes, als 
im Sexuellen mehr leisten zu können als die anderen. Soldie in* 
fantil^exuelle Zusammenhänge lassen sidi aber fast in allen Fällen 
des Farbenhörens nadiweisen und idi will es zunädist versudien, 
meine eigenen Synopsien auf ihre Abhängigkeit von Assoziations- 
vorgängen, gebunden an sexuelUerotisdie Erlebnisse in der frühen 
Jugend, zu prüfen. 

Ehe idh .diese Beziehungen entrolle, mödite idi eine kleine 
Übersidit über meine Photismen bringen, wie idi sie vor sedis 
Jahren, angeregt durdi ein Gesprädi mit einem Gelehrten, zu* 
sammenstellte,- dazu sei bemerkt, daß mir damals die Freudsdien 
Lehren fremd waren, daß idi also ohne Beeinflussung durdi die* 
selben meine Aufzeidinungen gemadit habe. 



A, Lautphotismen: 



Vokale. 





a . 


. . blau (besonders in Verbindung? 


ai . . . hellgelb mit stark blauem 






mit 1, r, x>, 






Hintergrund. 




c . 


. . versdiwommen gelb oder ohne 


ei . . . hellgelb. 






Wirkung, 






au . . . blaugrau. 




i . 


. . grün bis gelbgrün. 






eu, äu* . . .dunkelrotbraun, 




o . 


. . rot bis sdiwarz. 






oi . . . blaugrün <matt>, 




u . 


. . braun, 






oui . . . braungrün. 


c 










Ol . . . kräftig blaugrün. 


^ 
2 


ä . 


. . grau <wie Nebel), 






Nasallaute an, en, em . . . mattgrün. 


-6 


ö . 


. . fast sdiwarz mit 


rötlidiem 


« un, um . . . mattbraun. 




Untergrund, 
. . dunkelbraun. 








13 

OQ 


ü . 






'•■ Als Laut, dunkelblaugrau als 


"m 










Budistabe. 



Konsonanten: Dieselben sind für sidi <mit Ausnahme 
von m = braun, n = graubraun) ohne besonderes Kolorit, beein^ 
Aussen aber in Wörtern das des folgenden oder vorhergehenden 
Vokals, teils in der Nuance <s, ß madien die Farbe grell), teils in 
der Art der räumlidien Ausbreitung (Wellen, Bänder, Wolken, 
Flammen durdi 1 r u. a.) 

B. Wortphotismen: 

Der mit dem Hoditon versehene Vokal des Wortes verleiht 
in der Regel dem ganzen Worte seine Färbung,- die Wortphotis^ 
men sind für midi deshalb einfach und hievon madien weder die 
Eigennamen nodi die Wodientags^ und Monatsnamen eine Aus^ 



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Qbcr Farbenhören 239 



nähme <nur der Name Gisela erscheint mir violett, obwohl 
i = grün, e = gelb oder unbetont, a = blau). 

C Ton- und Klangphotismen: 

Hohe Töne — helle Farben, tiefe Töne — dunkle Farben. 
Piano und Forte bei Musikstudien sdiwädien, resp. verstärken nur 
die Farbenvorstellung/ Staccato verleiht jeder Nuance etwas 
Grelles. Einige Musikstüd^e ersdieinen mir in besonderen Farben, 
unabhängig von den einzelnen Tönen, so Beethovens »Lenore« in 
rot^sdiwarzen Wolken, Sdiumanns »Jägerlied« in rein blauen 
Flammengebilden, Beyers »La pluie de perles« in blaugrauen Perlen^ 
sdinüren <nadi Art von Rosenkränzen). 

Instrumente : 

Klavier : in den unteren Oktaven braunsdiwarz, 

in den mittleren Oktaven blau <von dunkel bis hell,- 
in Form von Wellen und Flammen), je nadi dem 
Rhythmus, 
in den hödisten Oktaven gelb. 

Geige : ziemlidi übereinstimmend mit dem Klavier, aber mit 
blauem Unterton in den tiefsten und hödisten Tönen. 

Flöte: ebenso. 

Waldhorn : mit blaugrünem Unterton <ähnlidi wie Pfauen- 
gefieder). 

Orgel: sdiwarz, violett, dunkelblau <mit der Vorstellung, aus 
den Blasebälgen quelle eine dunkle Flüssigkeit). 

Harmonium: ähnlidi der Orgel, mit ausgesprodien braunem 
Unterton. 

Blediinstrumente : rot — gelb. 

MensdiliAe Stimme <im Gesänge): Sopran — hellblau — gelb, 
Mezzosopran — hellblau, Tenor — mittleres Blau, Alt — das sdiönste 
Stahlblau, Bariton — dunkelblau, Baß — braun bis sdiwarz,- <im 
Spredien): selten besonders koloriert,- bei mir sympathisdien <etwas 
bedediten) Stimmen habe idi die Farbenvorstellung blaugrau 
bis stahlblau, bei kreisdienden oder sdinarrenden Stimmen rotgelb. 

Die Spradien selbst rufen mir wenig Photismen hervor,- nur 
die englisdie ersdieint mir blaugrau — braungrau, die italienisdie 
orangengelb — rot. 

D. Zahlenphotismen: 

Unter den Zahlen ist es besonders die 8, weldie für midi mit 
einer Farbe <blau) verknüpft ist,- dies geht soweit, daß mir jede 
als Vielfadies von 8 erkannte Zahl ebenfalls blau ersdieint. Daß 
7 = gelbgrün, 9 -dunkelrotbraun, führt auf die Wortphotismen 
zurüd^/ den übrigen Zahlen, sowie Ziffern fehlen soldie. 

E, Geräuschphotismen: 

Knarren won Rädern =^ graubraun, ebenso das Heulen des 
Windes. Kratzen von Sdireibfedern == sdimutzig graugrün,- alle 
Geräusdisphotismen sind versdiwommen und unbestimmt. 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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240 H. V. Hug-Hellmuth 



Daß das Farbenhören bei mir in der Regel nidit auf be* 
grifflichen Assoziationen beruht, zeigt sidi dadurdi, daß z. B. 
»Blut« niemals mit rot, sondern stets mit braun <dem u ent- 
sprediend), die Wörter »weiß, Blei, rein . . . .« mit gelb beantwortet 
werden. Endlidi bliebe bei der Annahme einer Begriffsassoziation 
unverständlidi, wieso das Wort »Freude« die Farbenvorstellung 
dunkelrostbraun, »Ärger« grau wed^en kann. 

Bezüglidi der Farben ist mir das Blau das stärkste und an^ 
genehmste Photisma. Weiß fehlt mir vollständig. Violett ersdieint 
mir nur an wenige Wörter und an gewisse Instrumente gebunden. 
Die Farbe wird von mir in der Regel in das Gehörsfeld, bei 
reproduzierten Vorstellungen ins Gesiditsfeld projiziert,- sie ersdieint 
und sdiwindet mit dem sie erzeugenden Sdialleindrudve. Intensive 
Aufmerksamkeit auf das Phänomen sdiwädit dasselbe. Geometrisdie 
Diagramme, wie Kurven oder Flädien mit bestimmter Lidit^ und 
Sdiatrenverteilung, fehlen mir. 

Von anderen sekundären Sinnesempfmdungen, respektive 
assoziativen Vorstellungen habe idi an mir selbst nur ein fast 
sdimerzhaftes Gefühl der Stille beim Verlösdien eines Lidites in der 
Dunkelheit beobaditet''/ GesAmad\S- und Gerudisphotismen kann 
idi mit Ausnahme eines einzigen Falles mich nidit erinnern, je gehabt zu 
haben, ebenso wenig Phonismen. 

Sdiließlidi mödite idi nodi bemerken, daß idi jedes musikalischen 
Gehörs bar, schon in früher Jugend einen stark ausgeprägten 
Farbensinn zeigte, der mir eine Quelle großer Lust war. Stunden* 
lang konnte ich mich mit dem Ordnen von bunten Glasperlen, ver^ 
schiedenen Wollfäden beschäftigen, ohne des Spiels müde zu 
werden,- Christbaumbehang und -kerzchen verteilte ich nach den 
Farben der einzelnen Studie, da Mama nach meiner Ansicht darauf 
zu wenig Sorgfalt verwendete. Eine mir häßlich erscheinende Farbe 
eines Kleides wirkte auf mich so nachhaltig, daß ich, gehörte sie 
einem meiner eigenen Kleidungsstüc^<e an, stets den ganzen Tag in 
der unliebenswürdigsten Laune war, wenn ich sie trotz meiner Ab* 
neigung tragen mußte. Personen von mir unsympathischer Haar- 
oder Hautfarbe oder derartigen Kleidern waren mir bewußter 
Weise dadurch verleidet, und Bücher zu lesen, deren Einband 
keine mir zusagende Farbe hatte, lehnte ich ab. Diese frühzeitige 
Entwid^lung eines so ausgeprägten Farbensinnes fand seine Kehr* 
Seite im vollständigen Mangel an musikalischer Begabung. 

Meine frühesten Erinnerungen bezüglich des Farbenhörens 

• Diese Eigentümlichkeit stammt aus meiner Kindheit und hängt damit zu* 
sammen, daß in Mamas SAlafzimmer, das wir Kinder mit ihr teilten, wegen ihrer 
Kränkh'dikeit nachts ein Lämpdien brannte. Erlosdi dieses oder löschte es Mama 
in früher Morgenstunde, so fuhr ich jedesmal angstvoll aus dem Schlafe auf und 
warf mich solange ruhelos und ächzend herum, bis ich mit meiner Bettdecke und 
meinem Kissen mich zu Mama ins Bett legen durfte. Dieses nächtliche Auf- 
schrecken mit dem Rufe »Mama, ich seh' nichts«, blieb mir noch viele Jahre nadi 
ihrem Tode. 



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über Farb^nhörcn 241 



gehen in mein siebentes Lebensjahr zurück. Damals wurde ich daheim 
oft verspottet, wenn ich, unter dem Klavier sitzend, in den 
Resonanzkasten sang, um die »blauen« Töne zu hören,- so bezeichnete 
ich die einmal gestrichene Oktave, insbesondere das ai. Denselben 
Farbeneffekt aber rufen mir Wörter, die den Vokal a enthalten, 
hervor, welcher Eindrud^ durch die Verbindung des a mit 1, <r, x> 
bedeutend verstärkt wird, so die Wörter »Schale, Kristall, Ball« etc. 
Nun war es gerade eine b 1 a u e K r i s t a 1 1 s c h a 1 e, die in meinem 
7. bis 8. Lebensjahre eine bedeutsame Rolle spielte,- eine solche 
besaß nämlich ein alter Stabsarzt, der im selben Hause wohnte 
und sich arg gegen das kaum sechsjährige Kind verging. Diese 
blaue Schale fand ich stets mit Zud<erwerk gefüllt und oft 
lod^te mich der leise Klang der Led^erbissen an der Kristallwand 
oder der des silbernen Fußes, trotz Verbotes meiner Eltern zu dem 
alten Lüstling in die Veranda zu eilen. Ob ich nur des Zud^erwerks 
halber, das wir Kinder auch zu Hause oft genug bekamen, mich 
bei ihm einfand oder ob mich auch sein Tun, das über eine ge^ 
wisse ängstliche Grenze nicht hinausging, lod^te? Ich kann mich 
dessen nicht mehr entsinnen, doch sicher ist, daß mir aus jener 
Zeit die Erinnerung an die ersten eigenen onanistischen Akte 
— Klettern an glatten Baumstämmen — geblieben ist. Und gerade 
damals suchte ich die blauen Töne des Klaviers. Das Verbergen 
unter demselben mag wohl eine Symbolhandlung für den heim« 
liehen Aufenthalt in der Veranda gewesen sein, und wie ich dort 
mit roten Wangen hervorkroch, so dürfte ich oft ebenso vom 
Stabsarzte zu Mama zurüd^gekommen sein. Eine weitere Beziehung 
zwischen der blauen Schale mit dem Silberfuß und dem 
blauen at des Klaviers zeigt mir die Erinnerung, wie gerade zur 
Zeit meiner sexuellen Aufklärung <in meinem elften Lebensjahre) 
die a -Saite unseres Klaviers gerissen war und erneuert wurde, 
und daß ich mir die Überreste derselben ausbat,- sie war mit feinem 
hellglänzenden Draht umsponnen, den ich abwid^elte und als Hals^ 
ketten für die Puppen, aber auch als Strumpfbänder für mich selbst 
verwendete und sie, die masochistischen Regungen der Kindesseele 
befriedigend, als Strafmittel benützte. Die neue a^Saite hatte 
längere Zeit hindurch einen stark metallischen Klang, der sich mir, 
an die scharfen Befehle meines Papas mahnend, fest einprägte. So 
wurde das a, der einzige Ton, den ich bei kleinen Gehörübungen 
in der Klavierstunde erkannte. Dieser Unterricht war nun über- 
haupt meine Schwäche und Qual und ich suchte die Stunden auf 
alle mögliche Art, wohl hauptsächlich unter dem Vorwande 
physischer Bedürfnisse abzukürzen. Besonders haßte ich die 
»gelben« Töne der höheren Oktaven und der schwarzbraune 
Baß war durch seine Farbe auch nicht darnach angetan, meine 
Sympathie zu erwed^en,- oder vielleicht hatte ich dieselbe verdrängt,- 
denn als ich d^n Baß einmal als »Kl ose tt^Töne« bezeichnete, 
konnte mich die Entrüstung meiner Mama über meine Unanständig* 



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242 H. V. Hug-Hellmuth 



keit wohl zum Unterdrücken, nicht aber zum Vergessen des An^ 
stößigen zwingen. Warum verband ich aber die mir unangenehmen 
hohen Töne mit Gelb? Dies knüpft an die von väterlicher Seite 
hereditäre Analerotik meiner Kinderjahre an. Nichts war Papa ver^ 
ächtlicher, als wenn einer Angst zeigte und er rügte solche An^ 
zeichen bei uns Kindern mit der beliebten Wendung von der 
»gelben Furcht in den Hosen«. Da ich nun in Papa den Inbegriff 
aller Vortrefflichkeit sah, trachtete ich, Furchtäußerungen vor seinem 
scharfen, kaiserblauen Auge zu verbergen, um nicht das 
tadelnde Wort auf mich angewendet zu hören. Aus demselben 
Grimde unterdrüditen meine Schwester und ich auch jegliches 
Schreien ^ i. e. die hohen Töne — bei einem Schmerz. 

Als Zusatz zu der Blaufärbung des a ist.nodi zu erwähnen, 
daß gerade Blau ^ in Übereinstimmung mit beiden Eltern — meine 
Lieblingsfarbe war, und zwei kleine Freundinnen aus meinem sedisten, 
respektive neunten Jahre »Anna« hießen. Die erstere besaß ein 
Puppenklavier, dessen Klang mir nodi in der Erinnerung metaU 
lisch blau vorkommt/ die letztere einen in blauem Lidite phos^ 
phoreszierenden Ball, der mir in gleidier Weise wie das Puppen^ 
instrument den lebhaften Wunsdi nadi Besitz wed^te. Dazu kommt 
nodi, daß mir die ältere Freundin das Märdienbudi »Tausend und 
eine Nadit« lieh, in weldiem die Gesdiidite »Aladins Wunder^ 
lampe« mit einem in blauem Ton gehaltenen Transparentbilde aus^ 
gestattet war, einem Budisdimud^, der sidi in keiner meiner eigenen 
Märdiensammlungen fand. So knüpften sidi gerade an das a so viele 
Erlebnisse und W ünsdie meiner Kindheit, die wieder irgendwie mit 
der Farbenempfindung Blau zusammen auftraten, daß es nidit 
Wunder nimmt, daß die Assoziationen habituell wurden. 

Das c ist häufig ohne Farbenvorstellung/ erfolgt eine soldie, 
dann ist sie ein fahles Gelb bis Braun gelb. Vielleidit rührt 
dies zum Teil von den gelben Sägespänen'*" her, die sidi als letzter 
Gewinn bei meinen »ärztlidien LIntersudiungen« an Puppen ergaben. 
Daß dabei sexuelle Dinge das Ziel meines Forsdiens waren, glaube 
idi wohl annehmen zu dürfen, zumindest war es eine unbewußte 
Betätigung der UrethraU und Analerotik ,• darauf deutet hin, daß 
idi dieses Spiel immer heimlidi trieb und mir dasselbe, vermutliA 
wegen erklärender Begleitworte, verboten wurde. Audi spielte in 
meinen Kindertagen ein im Garten befindlidier Lchmhaufen, den idi 
gern nadi den Spuren unserer Katzenfamilie durdiforsdite, eine 
große Rolle. 

Wie selbstverständlidi es dem farbenhörenden Kinde ersdieint, 
dies Phänomen als allgemein vorkommendes zu bctraditen, zeigt mein 
Verhalten gegen das bekannte Winterlied, dessen zweite Strophe 
mit den Worten beginnt: »E, e, e, nun fällt der erste Sdinee.« 
Wurde dieses Lied in der Sdiule <zweite Volkssdiulklasse) gesungen, 

• Kindern wird der Unterschied in der Ausspradie von e und ä häufig erst 
spät, oft nur bei absichtlicher Hervorhebung bewußt. 



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über Farbenhören 243 



SO konnte ich nie den ärgerlidien Gedanken unterdrücken, das gelbe 
»e, e, e« und das Wort »Sdinee« passe dodi gar nidit zu dessen 
weißer Farbe. 

Das i ersdieint mir hellgrün bis gelbgrün. Wir hatten 
bei unserem Wohnhause einen großen Garten mit einer Wiese, auf 
der idi allerlei Erlaubtes und Verbotenes, i. e. Sexuelles trieb. Ins- 
besondere kletterte idi gern an dem glatten Stamm eines Kirsdi^ 
baumes mit möglidist entblößtem Körper, wobei idi midi so lange 
anpreßte, bis mir Hören und Sehen verging. Wenn Mama ein* 
mal mein Tun bemerkte, verwehrte sie mir dieses Vergnügen mit 
den Worten : »Du, du bist auf dem Ktrsdibaum, geh' augenblid^lidi 
herunter!« An einem Birnbaum hatte idi wieder eine Sdiaukel, auf 
der idi audi mandie sexuell vergnügte Stunde verbradit, bis eines 
Tages — vermutlidi auf Papas Anordnung — die Sdiaukel ver- 
sdiwunden war. Auf der Wiese unseres Gartens tollte audi mandi- 
mal abends Papa mit uns Kindern herum, kitzelte uns, besonders 
midi, unter den Armen und Knieen,- diese Wendung des Spiels 
war mir eigendidi nidit angenehm, da es fast jedesmal mit einem 
Verdrusse endete, wenn idi ungebärdig mit den Beinen herumsdilug 
und in den hödisten Tönen quietsdite, sobald mir das Kitzeln zu 
viel wurde. Dabei hatte idi sidier audi gewisse Lustgefühle, wie idi 
überhaupt in meiner Kindheit eine starke Hauterotik gezeigt haben 
mag/ erinnere idi midi dodi jetzt nodi des eigentümlidien Gefühls, 
das mir ein Streidieln der Haut an den Armen oder dem Halse 
verursadite, und daß idi es sehr liebte, von meiner Sdiwester an 
den Fußsohlen gestreidielt zu werden,- dies ließ idi mir so lange 
madien, bis es mir vor den Augen grün wurde, gleidi der Wiese, 
auf der Papa midi gekitzelt hatte. Große Bedeutung kam in meiner 
Jugend einer in der Nähe unserer Wohnung gelegenen Privat^ 
Irrenanstalt zu, an weldier ein sdimaler Hed^enweg vorbeiführte, 
der mir streng verboten war, da idi stets im Sdilafe aufsdirie oder 
bei Tag sehr aufgeregt war, wenn idi dort gegangen. Denn erstens 
ging idi diesen Weg nur heimlidi, hatte also immer Angst, ertappt 
zu werden, ferner erfolgte gerade auf diesem Umweg nadi Hause 
meine Einführung in das Sexualgebiet durdi eine Sdiulkameradin 
und endlidi beobaditeten wir durdi die Spalten des Zaunes des 
Irrenhausparks eine irrsinnige Französin, die in einem kleinen Neben* 
häusdien untergebradit, dort an dem Fenstergitter rüttelte, unauf* 
hörlidi Drohungen ausstieß und gellend nadi einem »Ridiard« sdirie, 
was uns Kinder, die wir uns eben mit dem Problem von »Mann 
und Weib« intensiv zu besdiäftigen begannen, hödilidi interessierte. 
Der Eindrud^ des sdirillen Sdireiens war so nadihaltig, daß idi es 
nodi heute, wenn idi diesen grünen Hed^enweg gehe, zu hören 
vermeine. 

Wörter, deren Stammsilbe den Vokal o enthält, sind mir rot 
bis schwarz koloriert. 

Audi hier stellt sidi ein Zusammenhang mit sexuellen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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244 H. V. Hug-Hellmuth 



respektive erotischen Dingen heraus. In die Zeit, da idi lesen lernte, 
in mein siebentes Lebensjahr, fielen die ersten Angriffe des früher 
erwähnten Stabsarztes. Nun erinnere idi midi eines Vorfalles im 
Garten, der midi die Versdiiedenheit der männlidien und weiblidien 
Genitalien ahnen ließ, indem idi aus der o^förmigen Öffnung 
seiner Hand plötzlidi etwas Rotes lugen sah. Wenn mir audi der 
riditige Zusammenhang fehlte, da idi keinen Bruder hatte und audi 
sonst in unserer Familie kein einziger Knabe verkehrte, so fühlte 
idi dodi instinktiv, daß es sidi hier um etwas handle, »was man 
niemandem sagen dürfe«. Von da abfüllte sidi mii die Rundung des 
Budistaben o mit dieser Farbe,- durdi Assoziation zwisdien Laut^ 
zeidien und Laut übertrug sie sidi natürlidi auf diesen. Die Länge 
desselben, sowie die benadibarten Konsonanten variierten die Farbe 
vom hellen Rot bis zu rötlidiem Sdiwarz. Daß das o audi so dunkel 
ersdieinen konnte, hat allerdings nodi einen besonderen Grund. Als 
idi die zweite Volkssdiulklasse besudite, sah idi auf dem Heimweg 
aus der Sdiule aus einem sonst stets geschlossenen großen Tor, das 
in eine dunkle Einfahrt führte, zwei Männer im Streite rennen,- der 
eine mit fliegendem roten Halstudi hielt ein blutiges Messer in der 
Hand,- der ganze Mensdienstrom wälzte sidi durdi die Straße, in 
der wir wohnten, und zitternd und weinend bat idi meine bei uns 
wohnende Tante, deren Lieblingsniditdien idi war, sie möge ja nidit 
wie sonst um diese Stunde aus dem Hause gehen. Alles Zureden 
und Besdiwiditigen, daß dieser Mann dodi Tante nidits tue und 
wohl sdion längst arretiert sei, war vergebens. Dieses große Tor 
war von da ab für midi mit tief dunklem Rot und Sdiwarz ver^ 
knüpft und so oft idi das Wort »Tor« hörte, hatte es, selbst in 
seiner zweiten Bedeutung gebraudit, die bestimmte Farbe. Ja, es 
wurde für midi ein stark rotes Gesidit direkt ein Kriterium eines 
töriditen Mensdien,- daher stammt wohl audi zum Teil meine kind^ 
lidie Ansidit, geistig bedeutende Mensdien müßten blaß sein, was 
natürlidi audi andere infantile Wurzeln hatte, so die Autorität der 
Eltern, die beide von bleidier Gesiditsfarbe waren und den Auto^ 
erotismus, dem die eigene Blässe hödist interessant schien. Sdiließ^ 
lidi hörte idi in der Zeit meiner sexuellen Aufklärung <zwisdien 
zehn bis elf Jahren) durdi Mitsdiülerinnen von den physisdien Vor* 
gangen im Leben des Weibes und das Wort Periode und ein hiefür 
häufig gebrauditer Volksausdrud^ <das Monatlidie) lieferten der 
assoziierten Vorstellung »rot« für o neue Nahrung. Überdies gab 
es gerade damals in der Familie meiner kleinen Freundin eine 
Hündin namens Flora, die wiederholt des Vaters Bett mit Blut 
besudelt hatte. 

Das u ist in Sdirift und Laut durdi braune Photismen 
Aarakterisiert. Hier zeigt sidi wieder die starke Betonung der AnaU 
erotik im Leben der Kinder. Es ist eine ziemlidi allgemeine Ge*' 
pflogenheit von Müttern und Pflegerinnen, den Abgang von Darm^^ 
gasen der Kleinen mit dem Worte »Puh« zu begleiten,- da das 



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OrfgfrTaffrom 
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über Farbenhören 245 



gewöhnlich zugleich mit der Defäkation stattfindet, so wird die Farbe 
der Exkrete einfadi an jenen anderen Vorgang assoziiert. Da unserer 
Kinderstube der Ausdruck Lulu <für Urinieren) fehlte, so ist es 
leicht erklärlich, warum das u nur an Braun, nicht etwa an Gelb 
ebunden ersdieint. Von den Geräusdien bei der Verrichtung der 
edürfnisse wurde dann die Farbe auf ähnlidie Sdialleindrüc^^e, so 
das Heulen des Windes <hier liegt vielleicht audi noch eine begriff- 
liche Assoziation vor infolge der Bezeichnung der Darmgase als 
»Winde«) übertragen,- auch Knistern von Papier und andere unan- 
genehme Geräusche erzeugten mir braune Photismen und so kam 
ich dazu, in dem landläufigen Ausdrud^ >^Es läuft einem kalt über 
den Rücken« das Wort »kalt« durch »braun« zu ersetzen. Endlich 
entsinne ich mich eines sonderbaren Gedankens, der sich mir als 
iSjähriges Mädchen blitzartig aufdrängte, als ich zum ersten Male 
eine voll entblößte üppige Frauenbrust beim Säugen eines Kindes 
sah/ »Mutterbrust«, clacbte ich mir da, »paßt wirklich ausgezeichnet. 
Die zwei u für die beiden braunen Flecken«. Diese Gedankenkette 
zeigt so recht deutlich, wie auch der erwachsene Farbenhörer geneigt 
ist, das Phänomen bei allen Individuen vorauszusetzen. Hieher ge- 
hört noch ein Erlebnis aus meinem u. Jahre. Papa hatte J. Scherrs 
»Germania« angeschafft,- ihr Inh.alt ließ mich ziemlich kalt, bis ich 
darin eine Stelle aus Wolfram von Eschenbachs Parzifal fand: 

y>D\Q Königin ohne lange Wahl 
Nahm das rot braune Mal 
Ihres Brüstleins Zutscherchen 
Lind schob es in sein Lutscherdien/ 
Selber wollt' ihm Amme sein. 
Die ihn trug im keuschen Schrein«. 

Die wichtige Miene, das bedeutsame Augenzwinkern und heim^ 
liehe Lächeln machte Mama bald aufmerksam, was plötzlich mein 
Interesse an diesem Werk wachgerufen, und sie entzog es mir. 

Zur Erklärung der Farben der Trüblaute fehlt mir jede Er^ 
innerung/ ich glaube übrigens, daß ihr Kolorit ursprünglich mit dem 
der ihnen ähnlich klingenden Reinlaute, beim geschriebenen Wort 
hingegen eine besondere Farbe annahmen, die sich dann auf den 
prononziert gesprochenen Laut übertrug. 

Die Diphtonge aber besitzen wieder ihre selbständigen Pho^ 
tismen. 

Das ei und auch das ai <bei nicht stark prononzierter Aus- 
sprache) rufen die Vorstellung gelb hervor. Diese Farbe ist weit 
entschiedener und heller als das Gelb des e. Vor allem mag wohl 
dieses Kolorit von einer obszönen Bezeidhnung für die Defäkation 
herstammen, die ich als Kind für mein Leben gern gebraucht hätte. 
Das bestbehütete Kind hat Gelegenheit, solche Ausdrücke zu hören 
und je strenger das Verbot, sie anzuwenden, desto größer ist 
natürlich das Verlangen darnach. Als Kind gelegentlich an Ver* 

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246 H. V. Hug-Hellmuth 



dauungsbeschwerden leidend, erhielt idi öfters Irrigationen, zu wel<lien 
ein Ansatzstück aus gelbem Bein verwendet wurde. Wenn nun 
Papa die gelben Bernsteinmundstücke seiner Pfeifen und Zigarren^ 
spitzen in den Mund steckte, dachte ich jedesmal an die andere 
Prozedur und oft belustigte ich midi mit meiner Schwester darüber. 
Und so wurde die gelbe Farbe ein jedem Worte mit ei inhärentes 
Merkmal. Übrigens glaube ich, daß gerade die Verknüpfung von ei 
mit gelb bei so vielen Personen vorkommt, dürfte auch immerhin 
auf eine begriffliche Assoziation hinweisen. Es ist auffallend, daß 
gerade dieses Photisma in mehreren Fällen als »gesprenkelt« ange^ 
geben wird. Vielleicht ist es deshalb so vielfach übereinstimmend, 
weil doch das Ei für jedes Kind frühzeitig der willkommene Anlaß 
zu sexuellen Fragen ist. 

Wie ich schon bemerkte, schließt sidi der Laut ai bei wenig 
sorgfältiger Aussprache bezüglich des Kolorits an das ei an. Anders 
in der Schrift,- hier tritt ein helles Blau links vom Gelb auf. Diese 
eigentümlidie Aufnahme der beiden Zwielaute ist wohl ein deutlicher 
Hinweis darauf, daß die Synopsien aus recht frühen Jugendjahren 
stammen. Denn einen so starken Untersdiied in den zwei Lauten 
macht nur das Kind und audi dieses nur zur Zeit seines ersten 
Leseunterrichtes, wo es die Bestandteile der Zwielaute noch häufig 
getrennt sprechen will, bis ihm erst in späterer Zeit gelingt, dieses 
Bild als Zeichen für einen Laut zu erfassen. 

Das cu und häufig auch das äu <als Laut) erregen mir die 
Farbe dunkelrotbraun. Auch hier liegt eine Verknüpfung mit dem 
sexuellen Gedankenkreise des Kindes vor. Eine stark masochistische 
Ader veranlaßt mich oft, mich im Spiele in die Rolle von Kindern 
zu versetzen, die von überstrengen Eltern bis aufs Blut geprügelt 
werden, ich nannte dies »Durchbläuen«. Auch freute ich mich tatsäch- 
lich an kleinen Wunden, die ich mir bongre, malgre zugezogen 
hatte. Durch diese Neigung erklärt sich zum Teil meine große Vor^ 
liebe für Katzen, von denen ich mich kratzen und beißen ließ, nach 
Herzenslust für beide Teile. Die rotbraune Borke rieß ich dann 
ab und nannte das: »ich mache mir eine Freude«,- gleiche Lust 
bereitete mir das Spiel mit den Katzen. Hinterdrein ließ ich mich 
gern von Mama bedauern und schöpfte aus ihren Liebkosungen 
abermals Freude. Und ich kenne heute noch kaum ein zweites 
Wort, das mit seinem Klange oder seinem Schriftbild so kräftig die 
rotbraune Farbe erzeugt, wie das Wort »Freude«. 

Für die blaugraue Färbung des au, sowie für das 
bräunliche Kolorit von m und n weiß ich keine Erklärung. Den 
übrigen Konsonanten fehlt, wie ich in der Übersicht bemerkte, eine 
eigene Farbe. Einige, besonders das 1, ziehen das Farbenbild des 
Vokals in Wellen aus. Betreffs dieser Eigentümlichkeit wurde mir 
die Vermutung rege, daß hier das Tun des schon erwähnten alten 
Paidophilen eine Rolle spielt. Ein einzigesmal versuchte er, die 
Hand des Kindes an seinem Membrum entlang gleiten zu lassen. 



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über Farbenhören 247 



Schrie ich ob der neuen Tastempfindung oder störte ihn anderes, 
kurz, es kam zu keiner Wiederholung. Aber ich weiß, daß mir 
noch lange nachher das Ausklingen einer Glod^e und Gläserklingen 
jene Szene ins Gedächtnis zurüd^rief. Vielleicht hat die KristalU 
schale geklirrt, als ich mich losreißen wollte. Irgendwie muß die 
lang gleitende Bewegung eine Verknüpfung mit jener Kristallschale 
erfahren haben,- denn es erscheint eigentümlich und ein wenig sinn^ 
los, daß ich mir in meiner Kindheit lange Zeit Kristalle nicht anders 
als langgestredit vorstellen konnte, obgleich ich zu Hause Gelegen^ 
heit hatte, mich an einer Mineraliensammlung zu überzeugen, daß 
es auch recht breite Kristalle gebe. Daß gerade meine blauen 
Photismen so häufig in Form von Flammengebilden auftreten, dürfte 
wohl in dem bekannten Phallus^Symbol, der Flamme, seine Er^ 
klärung finden und an die eben erwähnte Szene anknüpfen. 

Unter den Wortphotismen macht einzig der Name Gisela 
eine Ausnahme, indem derselbe, unabhängig von den Vokalfarben, 
hell violett erscheint. Dazu folgendes: Meine Eltern besaßen eine 
Photographie der kaiserlichen Familie, worauf ich mir viel zugute 
tat, da ich mir nicht ausreden ließ, Papa hätte sie vom Kaiser selbst 
erhalten. Erzherzogin Gisela trug auf dem Bilde ein hell- und 
dunkelgestreiftes Kleid, das mich lebhaft an ein ähnliches violettes 
von Mama erinnerte, Grund und Vorwand genug zur Identifikation. 
Da noch überdies das Photographienalbum, in dem sich das Bild 
befand, in hellviolettem Samt gebunden war, waren alle Bedingungen 
gegeben, um den Namen Gisela an diese Farbe zu fixieren. 

Die Assoziation von Farben und ganzen Musikstudien stammt 
nicht aus der Kindheit, da ich Melodien infolge meiner schlechten 
musikalischen Begabung nicht behalten konnte,- diese Verknüpfung 
erfolgte erst in späteren Jahren, entbehrte aber da nicht des erotischen 
Hintergrundes. So kolorierte ich das Sc hu mann sehe Jäger^ 
lied in schönstem Blau, als ich mit 16 Jahren mich lebhaft für 
den Bräutigam meiner Schwester — einen Landwehroffizier mit blau- 
grauer Uniform — interessierte. Und aus ähnlichen Gründen nahm 
Beethovens »Lenore« ihr rot^schwarzes Kolorit an. Dagegen 
führt das Photisma der blaugrauen Perlenschnüre zu Beyers «La 
p 1 u i e de p e r 1 e s« an die Grenze zwischen Kinder- und Mäddien- 
jahren. Nach dem Tode meiner Mama fiel mir beim Ordnen ihres 
Nachlasses ein silbergefaßter Rosenkranz aus grauem Sandelholz 
auf, der schon seit vielen Generationen sich in ihrer Familie ver- 
erbt hatte, für mich ein hinreichender Grund, mein größtes Interesse 
zu erwed^en. In dieser Zeit lebte ich in meinen ersten religiösen 
Zweifeln und empfand noch nachträglich schmerzlich die Ver^ 
schiedenheit der Ansichten meiner Eltern auf diesem Gebiete. Als 
später einmal meine Schwester das genannte Musikstüd< spielte, 
erinnerte ich mich, es auch von Mama gehört zu haben und da 
^og mir der Gedanke durch den Kopf: »Mama hat da eigentlich 
ihren eigenen Rosenkranz <den »schmerzhaften«) gespielt. Und so 

16' 



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248 H. V. Hug-Hellmuth 



blieb mir »La pluie de perles« verknüpft mit den grauen Kügelchen 
der Gebetschnur. 

Den Instrumenten weise ich ganz bestimmte Farben zu, 
deren Nuancierung durch Höhe, Stärke und Klangfarbe der Töne 
bedingt wird. Daß ich gerade dem Klavier meine Lieblingsfarbe 
Blau zueignete, geht außer aus den genannten Gründen noch daraus 
hervor, daß, wenn Mama, eine vortreffliche Klavierspielerin, sich 
diesem Vergnügen widmete, auch ich dem meinen, allerlei ver- 
botenen Dingen, nachging, ja dieselben gern unter dem Klavier 
trieb, daß mir also dieses Instrument wegen der Lust, die ich mir 
in seinem Schutz gelegentlich verschaffte, ebenso lieb war, wie die 
blaue Kristallschale. Das Klavierspiel verursachte mir besonders im 
Blau und Gelb stets Flammenbilder, auf deren Bedeutung ich schon 
hinwies. Ob mir der Klavierkasten als Symbol des mütterlichen 
Leibes erschien und ob das fortwährende Bemühen, die blauen Töne 
aus ihm herausquellen zu sehen, als Symbolbehandlung des Lauschens 
auf die Verrichtung der körperlichen Bedürfnisse bei Erwachsenen 
anzusehen ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Immerhin 
muß irgend ein Zusammenhang zwischen Klavier und Klosett be- 
standen haben, wie aus der Bezeichnung »braune Klosett-Töne», 
die ich doch gewiß von niemandem anderen gehört hatte, hervor^ 
geht. Dies gelbe Kolorit der hohen Töne des Klaviers hängt, wie 
ich glaube, mit der früher besprochenen Ablehnung jeder Furcht- 
äußerung seitens meines Papas zusammen. Gerade im Zustande der 
Angst ist häuhg das Sprechen der Kinder sehr leise, d. h. sehr 
hoch, und steigert sich dieser Affekt, so wird aus dem hohen 
Flüstern ein Schreien im höchsten Diskant, wobei im zarten Kindes^ 
alter nicht selten ein kleines Malheur passiert. Anderseits schreit 
das Kind gerade dann am stärksten, wenn ihm ein solches zuge^ 
stoßen, nach hilfreicher Hand, so daß die Erklärung der Ver^ 
knüpfung von Gelb mit hohen Tönen wohl nicht gesucht erscheinen 
kann. Eine ähnliche Assoziation liegt wahrscheinlich auch in jenen 
Fällen von Scnsibilitätsphotismen'^' vor, in welchen Bauchschmerzen 
mit Gelb, Braun bis G r ü n, Kolik mit der Vorstellung von 
hellgelben, roten oder braunen Kugeln verbunden sind. 
Auch hatte ich die Gewohnheit, in zärtlicher Stimmung meine 
Stimme künsdich in die höchste Lage hinaufzuschrauben, besonders 
wenn ich die jungen Kätzchen bedauernd liebkoste, sobald sie in 
der üblichen Weise zimmerrein gewöhnt wurden. 

Die Geige, als in der Klangfarbe dem Klavier und der 
menschlichen Stimme am nächsten verwandt, zeigt in der Färbung 
ihrer Töne auch die mit ihnen übereinstimmende Nüancierung,- 
der bläuliehe Untergrund aller auf der Violine gespielten Musik^ 
stücke rührt von folgendem her: So lange Mamas Gesundheit es 
erlaubte, musizierte sie im ^Vinter allwöchentlich einmal abends mit 



• Bleuler und Lehmann, 1. c. Anhang. 



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über Farbenhören 249 



einem Violinspielcr/ diese Abende liebten wir Kinder sehr, weil 
wir da der steten mütterlichen Aufsicht entronnen waren. Unter 
dem Vorwande, dem Vortrage besser lauschen zu können, saßen 
wir im selben Zimmer, in dem musiziert wurde, beim Fenster und 
tuschelten mit einander — natürlich von sexuellen Dingen. Da die 
Klavierlampen einen großen Teil des Zimmers im Dunkeln ließen, 
wirkte hier das Mondlicht mit seinem bläulichen Glänze und der 
Lichtreflexe der Schneemassen im gegenüberliegenden Park stark 
auf unsere Phantasie und hüllte die Töne der Geige für mich in 
ein durchsichtiges Blau. 

Aus weldien Gründen sidi diese Photismen auf die Flöte 
übertrugen, weiß idi nidit anzugeben,- sidier aber stammen sie 
ebenso wie die des Waldhorns erst aus viel späterer Zeit, 
letztere zirka aus meinem 14. Lebensjahre. Damals hörten wir oft 
abends aus dem Dunkel des Nadibargartens die Klänge eines 
soldien. Meist waren es Licbeslieder, weldie der unbekannte Musi^ 
kant ungesehen blies. Die PubertätssehnsuAt, etwas Großes, Lln^ 
bekanntes zu erleben, fand in dieser Zeit ein konkretes Ziel in den 
neidvollen Gefühlen auf einige um weniges ältere Mäddien unseres 
Bekanntenkreises, denen die Eltern gestatteten, ohne Aufsidit in 
Park und Wald promenieren und flirten zu gehen. Der Wald des 
Kahlengebirges aber mit seinem blaugrünen Sdiimmer war die Sehn^ 
sudit meiner frühen Kinderjahre. Er ersdiien mir als etwas so 
Wunderbares, daß idi keine Gelegenheit versäumte, ihm vom Boden^ 
räum unseres Hauses wenigstens mit den Augen grüßen zu können. 
Dabei sang idi gern all jene Lieder, in denen idi halb unbewußt 
das Erotisdie ahnte, wie »Idi sdinitt es gern in alle Rinden ein« 
und dann Lieder von Todessehnsudit, so »Den Wanderer in der 
Sägemühle«, »Absdiicd«, »O hast du nodi ein Mütterdien«. Lind 
mit den Klängen verwob sidi der blaugrüne Duft, der über dem 
Gebirge hig, und assoziierte sidi dann den Tönen des Waldhorns. 
Der blaugrüne Hintergrund derselben zeigt stets das Sdiillern von 
Pfauengeneder,- audi dies knüpft an einen Kinderwunsdi. Soldies 
zu bewundern hatte id\ nämlidi von meinem 6. bis 12. Lebensjahre 
Gelegenheit, da in der NaAbarsvilla ein Pfau gehalten wurde, der 
gegen Abend gern auf dem Dadie eines Gartenhäusdiens herum^ 
stolzierte. Meine Kindersehnsudit aber, ihn einmal ein Rad sdilagen 
zu sehen, erfüllte er niemals, weil er — wie mir erklärt wurde — 
traurig sei wegen seiner Einsamkeit. Als Vierzehnjährige fühlte 
idi midi nun eben so allein wie einst der arme Pfau und die Farbe 
seines Gefieders wurde mir zum Symbol ungestillter Sehnsudit. 

OrgeU und H a r m o n i u m t ö n e weisen in allen Lagen 
einen schwarzblauen, respektive braunen Unterton auf, 
Idi erinnere midi redit gut, daß idi in meiner Kindheit mit dem 
Orgelklang die Vorstellung verband, beim Treten der Blasebälge 
rinne unten irgend eine dunkle Flüssigkeit heraus, vielleidit in 
Übertragung von der Muskelanstrengung bei der Defäkation. Aller* 



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250 H. V. Hug-Hellmuth 



dings erschien mir die aus der Orgel gepreßte Flüssigkeit sdiwarz- 
blau, die aus dem Harmonium kommende braun,- da idi Darmgasen 
diese Farbe beilegte, so mag wohl audi diese Identifikation statte 
gefunden haben. Es ist auch nidit ausgeschlossen, daß das Aus^ 
pressen der farbigen Orgeltöne eine Beziehung zu onanistischen 
Akten hatte, bei welchen es dem Kinde »schwarz vor den Augen« 
wurde, wenn es den Körper, insbesonders die Beine, an den Baum^ 
stamm preßte. 

Üoereinstimmend bezeichnen die Beobachtungen über Farben* 
hören die Töne von Blechinstrumenten als Gelb bis 
Orangegelb und Rot. In dem Leben jedes Kindes gibt es eine 
Zeit, wo ihm die Freude am Zusammenschlagen von Blechgeschirr 
und -Deckeln umso größer wird, je ärger der Spektakel, und ebenso 
treibt jedes Kind das Spiel, Sonnenreflexe mit solchen Gegenständen 
zu erzeugen, solange bis es ganz geblendet ist. Daß dem überlauten 
Spiele der Kinder der Drang nach Sexualbetätigung zugrunde liegt, 
ahnen viele Erwachsene und verwehren das allzu arge Geschrei nidit 
bloß aus egoistischen Gründen,- das Starren der Kinder in ein grelles 
Licht dürfte vielleicht den Zweck verfolgen, sich ebenso alles vor 
den Augen verschwimmen zu lassen, wie dies bei masturbatorischen 
Akten eintritt. So mag es kommen, daß diese lustbetonten Sen* 
sationen zwei Sinnesgebiete zu einem Eindrucke versdimelzen. 

Die menschliche St i m m e erzeugt mir im Konversations* 
tone nur ausnahmsweise Photismen. Etwas gebrochene oder bedeckte 
Stimmen erhalten mir leicht einen schönen blaugraucn Farbenton, 
jedoch tritt dies — vermutlich in Übertragung von meiner schwer 
kranken Mutter — stets nur bei Personen ein, die mir sehr sym^ 
pathisch sind,- bei diesem Photisma spielt nämlich die Stimmlage 
Keinerlei Rolle, es ist unter den gegebenen Bedingungen für Mann und 
Weib dasselbe. Kreischende oder schnarrende Stimmen haben ein 
rotgelbes Kolorit, häufig in Flammengebilden. Wenn ich bei den 
kindlichen Fangspielen wie »Hexe« und dergleichen recht schrill auf- 
schrie, pflegte Papa mich mit den Worten »Was schreist du denn, 
als ob du am Spieße sted\test« zur Ruhe zu mahnen, so daß ich 
eigentlich mich nie so recht nadi Herzenslust austoben konnte, wenn 
Papa daheim war. Dieses Aufkreischen verband sich mit den 
saciistisdien Vorstellungen »Hexenverbrennung«, »an dem Spieße 
braten« dauernd und es übertrug sich das Photisma in der Folge 
auf schrille Stimmen überhaupt. 

Unter den Personen, die ich im Laufe der Jahre kennen gelernt, 
befand sich eine einzige, die, obwohl blind, mit dem Phänomen des 
Farbenhörens behaftet war. Es war ein zirka elfjähriges, seit seinem 
sechsten Lebensjahr erblindetes Mädchen, Zögling einer Blinden^ 
Erziehungsanstalt, das meine Stimme als grün bezeichnete, mich 
das »Fräulein mit der grünen Stimme«, audi das »grüne Wiesen^ 
fräulein« nannte. Da ich damals selbst erst 18 Jahre zählte, vom 
Farbenhören als psychisches Phänomen wenig mehr wußte, als daß 



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Ober Farbenhören 251 



ich um seinetwillen oft ausgelacht wurde, beachtete ich es nur in^^ 
soweit, als mir dieses Kind infolge seiner großen Anhänglichkeit an 
mich und vielleicht auch wegen der gemeinsamen Besonderheit recht 
lieb war. Auch in der Anstalt wurde das Ganze mehr als Scherz 
oder kleine Verschrobenheit, denn als erforschenswerte psychische 
Eigenart aufgefaßt. Die Vermutung, daß auch hier Assoziationen 
aus der frühesten Jugend vorliegen, drängt sich mir auf, in Er^ 
innerung an die spontane Frage des Kindes, als ich mich zum 
ersten Male mit ihm beschäftigte: »Sitzt denn das Fräulein, weil 
mir die Stimme so nahe ist?^ und die große Enttäuschung, als es 
zur Einsicht kam, daß mir der hohe Wuchs, mit dem seine Phan* 
tasie mich ausgestattet, fehle. Wie ließen sich diese scheinbaren 
Ungereimtheiten, einem Menschen eine wiesengrüne Stimme 
uncT im Zusammenhang mit dieser eine hohe Gestalt 
anzudichten, anders erklären als durch assoziative Verknüpfung von 
Eindrücken aus der Zeit vor der Erblindung des Kindes? In dieser 
Anstalt befand sich ein i4Jähriges Mädchen mit einer prachtvollen 
Altstimme, die oben erwähnter Kleinen blaugrün, mir hingegen 
rein stahlblau erschien, worüber das Kind oft ganz aufgeregt 
war, da es ihm ganz unmöglich war, das rein Blaue in der 
Stimme zu hören. Einen ähnlichen Fall von AflFektäußerung berichtet 
Steinbrügge*' von einer Dame, die seit ihrer frühesten Kind^ 
heit mit Zahlen, Eigennamen und Wochentagsnamen gewisse Farben 
assoziierte, während ihre Mutter, die gleichfalls Photismen hatte, 
eine andere Auswahl traf,- diese Verschiedenheit wurde nun letzterer 
oft zur Quelle von Verdruß und Ärger, da sie nicht begreifen 
konnte, wie die Tochter bei diesen Vorstellungen andere Wege 
gehen könne als sie. Die kleine Ida in der Blindenanstalt wollte 
auch durchaus nicht zugeben, daß mir ihr Name grün erschien, 
indes sie ihn als »ganz weiß, glänzend weiß« bezeichnete. 
Im Gesänge treten die Photismen für die einzelnen Stimme 
lagen außerordentlidi prononziert auf, ohne daß idi einen anderen 
Grund als Übertragung von den Tönen des Klaviers anzugeben 
wüßte,- audi hatte idi als Kind wenig Gelegenheit, Gesangsvorträge 
zu hören und es ersdiienen mir soldie, wie fast allen Kindern, 
wegen der im Gesänge häufig verzerrten Gesiditszüge meist redit 
lädierlidi. Einzig für das intensive Stahlblau von Altstimmen ent^ 
sinne idi midi einer erotisdien Beziehung. Eine ältere, sehr gereift 
aussehende Mitschülerin, die sich eines in der ganzen Schule be^ 
rühmten Alts erfreute, war mir in meinem 13. Lebensjahr der 
Gegenstand zärdicher Neigung und Bewunderung. Stahlblaue Augen 
zu haben wie sie, hätte mich glüd^lich gemacht und ihre Stimme 
bezauberte mich,- es war eine richtige Schwärmerei mit allen Leiden 
der Eifersucht und allen Freuden erhörter Anbetung. Hier liegt 
übrigens noch eine eigentümliche Wortassoziation vor, Papa besaß 



• Steinbrügge, I. c, pag. 18. 



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OrfgfrTaffrom 
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52 H. V. Hug-HeIImuth 



ein paar sehr alte Familienerbstficke von Hiebwaffen, darunter einen 
Hirschfänger mit feingeätzter Klinge,- er pflegte dieselben von Zeit 
zu Zeit eigenhändig zu putzen, wobei ich immer sehr gern zusah, 
und mit lustvollem Grauen erfüllte es mich, wenn er die Klinge 
durch die Luft sausen ließ. Dieser Ton erschien mir stets im 
reinsten Stahblau. Und so oft ich eine Altstimme hörte oder auch 
nur von einer solchen gesprochen wurde, mußte ich an die alte 
Stahlklinge denken. 

Unter den fremden Sprachen, die ich selbst lernte oder 
mindestens Gelegenheit hatte, von anderen sprechen zu hören, steht 
an Deutlichkeit des Kolorits die englische obenan. Sie erscheint 
mir infolge der vielen Trüblaute matt blau-grau bis grau^ 
braun, so dunkel wie ein recht grauer Nebeltag, Tage, die meine 
Mama in ihrer Jahre währenden Krankheit am meisten fürchtete, 
da sie durch sie gleicherweise ihr physisches, wie ihr psychisches 
Befinden gefährdet fühlte. Auch ich soll als Kind in meiner Laune 
sehr unter dem Einflüsse solcher Nebeltage gelitten haben, so daß 
Mama mir oft vorwarf, ich hätte »einen Spleen wie die Engländer 
bei Nebel Wetter«. Als ich in meinem 12. Jahre anfing, die englische 
Sprache zu lernen, herrschte in unserer Familie, da Mamas Kranke 
heit so vorgeschritten war, daß auch wir Kinder wußten, ihre Tage 
seien gezählt, eine sehr gedrückte Stimmung, die mich stets an das 
traurige Halbdunkel katholischer Kirchen in der Karwoche mahnte. Und 
diese Depression fand für mich Ausdrud^ in jenen düsteren Farben* 
tönen, die sich mir an die Wörter church, much etc. banden, 
während solche wie call, what etc. in dunklem Blaugrau fcst^ 
gehalten wurden. Sicherlich spielte dabei der gebrochene Klang der 
mütterlichen Stimme eine Rolle, umsomehr als Mama bis wenige 
Wochen vor ihrem Tode meine Lehrmeisterin im Englischen war. 
Dem hellen i bleibt auch in der englischen Sprache der grüne 
Farbenton gewahrt,- so übersetzte ich als Kind zu Mamas großer 
Überraschung in einer kleinen Erzählung die Stelle »my swcct 
heart« konsequent mit »mein grünes Herz«. 

Das Italienische, von Italienern selbst gesprochen, erregt mir die 
Vorstellung Rotgelb bis Orangegelb, genau wie die Töne von 
Blechinstrumenten. Dabei treten Flammengebilde auf, die dem Munde 
des Sprechers zu entströmen scheinen. Ist dies darauf zurüd^zu- 
führen, daß Papa, wenn er von seinem langjährigen Aufenthalt in 
italienischen Garnisonen erzählte, die Italienerinnen stets als so 
feurig pries? Daß er damit auf Erotisches anspielte, entging dem 
sicheren Instinkte des Kindes nicht, und daß er oft mitten im 
Erzählen abbrach, machte die Neugierde, vielleicht auch unbe* 
wußte Eifersucht der heranwachsenden Tochter nicht geringer. 

Im Französischen treten älinliche Laut^ und Wortphotismen, 
wie im Deutschen auf. Ein besonderes Kolorit, Blaugrün, zeigt das 
Ol. Dieses Photisma übertrug sich nach vielen Jahren auf das o\ der 
griechischen Sprache. Da ich diese erst als Erwachsene lernte, so 



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über Farbenhören 253 



muß in erster Linie die gleiche Zusammensetzung bezüglich der 
Buchstaben eine Brücke zu den Assoziationen früher Kindertage 
gebildet haben. Im Schutze einer dunkelblaugrünen Bettded^e, die 
ich, unter das Bett kriechend, über mich zog, höhnte ich oft meine 
Schwester mit »oi, oi«, wenn sie im Streite mit mir den kürzeren 
gezogen hatte. Diese kleinen Raufereien, in denen ich eifrig Nägel 
und Zähne gebrauchte, waren aber bei mir der Ausfluß der Eifer- 
sucht auf eingebildete Bevorzugung meiner Schwester durch die 
Eltern. Da aber oft auch meine Schwester von Mama zum Nach^ 
geben aufgefordert wurde, hatte das »oi, oi« die Nebenbedeutung: 
»Bilde dir nichts ein, die Mama hat doch mich lieber, denn sie 
hat dir befohlen, vom Streit abzulassen.« 

Die an Zahlen assoziierte Farbenvorstellungen sind zum 
größten Teile einfache Wortphotismen, so Dunkelrotbraun für g, 
Gelbgrün für 7. Besonders betont ist das Blau für 8, was noch 
andere Ursachen als das einfache Vokalphotisma für a hat,- sonst 
könnten nicht Zahlen, in deren Bezeichnung das a überhaupt fehlt, 
wie 72, 512 etc., sobald ich sie als Vielfache von 8 erkannt habe, 
das Kolorit der 8 annehmen. Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, 
daß hier eine frühzeitige Assoziation zwischen dem väterlichen 
Verbote, zum Stabsarzt auf die Veranda zu gehen und der ver^ 
lod^enden blauen Kristallschale stattfand. «Nimm dich in a c h t,« 
war eine oft gebrauchte Warnung meines Papas und enthielt 
zugleich die Androhung einer Strafe, welche dann gewöhnlich nicht 
lange auf sich warten ließ. Dazu kam noch der strenge Blid< seiner 
kaiserblauen Augen, der durch Kristallbrillen noch an 
Schärfe gewann. Endlich muß ich noch der zitternden Freude und 
Aufregung erwähnen, die mich als Kind jedesmals überkam, wenn 
Papa in meiner Begleitung der militärische Gruß von Wachposten 
oder größeren Truppenabteilungen durch das »Habt acht« zuteil 
wurde. Charakteristischerweise erscheint mir noch heute auf den 
Warnungstafeln »Achtung auf den Zug« das erste Wort auf 
blauem Untergrunde gedrud^t. Es liefen also in dem Wort »acht« 
zahlreiche Fäden zusammen, die alle verknüpft waren mit der Vor* 
Stellung Blau. 

In Übereinstimmung mit den meisten anderen Farbenhörern 
liefern Geräusche auch mir vorzugsweise graue und braune Photismen 
verschwommenen Charakters, so erscheint mir das Knarren von 
Rädern graubraun, ebenso das Heulen des Windes,- dies dürfte 
wohl zum Teile doch begrifflicher Versdimelzung zuzuschreiben 
sein, wenn auch gewisse Assoziationen sexueller Art — Winde 
= Darmgase — mitspielen können. Daß mir das Kratzen von 
Schreibfedern die Vorstellung »schmutzig — Graugrün« hervorruft, 
geht auf meine kindliche Naschhaftigkeit zurüd^, durch die ich 
wiederholt ein Glas eingemachter Früchte, welche ich heimlich mit 
einem schon gebrauchten Messer herausstach und kratzte, verdarb,- 
infolge des lässigen Verschlusses, den ich in der Eile nur anlegen 



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254 H. V. Hug-Hellmuth 



konnte, bildete sich graugrüner Schimmelpilz, So nützte mir das 
wiederholte Leugnen, wenn Mama das Geräusdi des Messers an der 
Zudierkruste hörend, vom Nebenzimmer rief: »Du, du nasdiest 
Eingesottenes« nidits, denn der graugrüne Belag war ein deudidier 
Schuldbeweis. Mit Kratzen der Feder und eifrigem Suchen nach 
solchem Schimmelpilz in der Tinte störte ich auch oft genug den 
häuslichen Unterricht in der französischen Sprache, sowie gelegent^ 
lieh die Schulstunden, und freute mich immer innig, wenn ich 
meinen Zwed^, eine Unterbrechung des Lernens, damit erreichte. 
Zu den lebhaftesten Geräuschphotismen gehört endlich die Ver- 
knüpfung des Graubraun mit dem Knattern von Gewehrfeuer, 
speziell bei der Abgabe von Ehrensalven bei militärischen Begrab* 
nissen. Hier bin ich mir des Assoziationsvorganges deutlich bewußt. 
In meinem 22. Jahre nahm ich mit Papa an dem Begräbnisse eines Offiziers 
— des Vaters meiner Freundin — teil,- als die Ehrensalve ertönte, 
hatte ich die klare Empfindung, Papa liege im Sarge,- gleichzeitig 
stellte sidi mit der Farbenvorstellung Graubraun — dies ist für midi der 
einzige Fall von Gesdimad^photismen — ein bitterer Gesdimad; an 
der Zunge ein. Einen Augenblid^ später war die Trugwahrnehmung 
versdiwunden. Diese Farbenbeziehung weist deutlidi auf einen unter- 
drüd^ten Kinderwunsdi hin. Oft malte idi mir als Kind aus, wie 
Papa mit vollem militärisdien Kondukt begraben werde, wie sidi die 
Generäle ^ gelegendidi sogar der Kaiser — unser annehmen und 
wie wir jede Hilfe ablehnen würden, mit dem stolzen Bemerken, 
Papa hätte hinreidiend gesorgt für uns. Anderseits war mir der Knall 
eines Sdiusses das gefürditetste Geräusdi, da idi immer in der Angst 
lebte, Papa könnte sein oft gebrauchtes »Eine Kugel vor den Kopf, 
und alles hat ein Ende« zur Wahrheit machen. 

Freilich lag auch dieser übergroßen Furcht der heimliche 
Wunsch zugrunde, mit einer zeitweiligen oder dauernden Abwesen- 
heit des strengen Vaters eine größere Ungebundenheit und Freiheit 
zu allerlei verbotenen Dingen zu erkaufen,- begrüßten wir Kinder 
es doch stets mit Freude, zu hören, Papa sei einmal einen ganzen 
Nachmittag nicht zu Hause. 

Es liegt also die Vermutung nahe, das Braun des beschriebenen 
Photisma als Farbe der Erde zu deuten, die, den Kinderwunsch 
erfüllend, den Vater decken sollte, während das Grau vielleicht an 
den Rauch der Kugel, die ihn aus eigener Hand träfe, mahnt. In 
dem oben erwähnten Fall dürfte wohl das Grau noch einer be-^ 
sonderen Quelle entstammt sein. Es war — wie ich mich noch 
heute erinnere — genau von der gleichen Nuance wie Papas grauer 
Militärmantel und vielleicht sollte diese Farbenverbindung dem 
einstigen bösen Kinderwunsch die Freude der erwachsenen Tochter 
»Gott sei Dank, Papa steht ja in seinem grauen Mantel wohlbe^ 
halten neben mir« gegenüberstellen. Daß ich als Kind tatsächlich 
allerlei Todeswünsche gegen meine Eltern gehegt haben muß, zeigt 
mir die Erinnerung an gewisse Spiele. So drapierte ich mich gern 



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über Farbenhören 255 



in schwarze Schleier, wählte schwarze Zopfbänder und Halsmaschen 
mit dem heimlichen Gedanken, sie seien Zeichen der Trauer um 
die als verstorben imaginierten Eltern, welche Phantasien auch wahr^ 
scheinlich die Grundlage zu meiner späteren großen Vorliebe für 
Friedhöfe bildete. Ohne diese Beziehung zu verpönten Kinder* 
wünschen bliebe das peinliche Gefühl unerklärlich, das mich be*^ 
fällt, wenn ich bei solchen Gängen mir bekannte Personen treffe. 

In bezug auf die Farbenauswahl steht für mich die blaue 
an erster Stelle,- es ist das einzige Photisma, dessen ich mir lust- 
betont bewußt werde. Wie ich schon erwähnte, war es die 
Lieblingsfarbe beider Eltern,- besonders Papa liebte jene Nuance, 
die mit Louisenblau bezeichnet wird, was wieder auf den Vornamen 
meiner Mama führt. Endlich hatte Papa ausgesprochen blaue Augen 
und nur solche mochte ich an Puppen leiden. Und sicherlich blieb 
auch des Vaters dunkelblaue, wie des Stabsarztes hellblaue Uniform 
nicht ohne Bedeutung für das Kind. 

Aus den Beobachtungen der Synopsien geht hervor, daß 
manche Farben eine allgemeine Zurüd^setzung gegen andere er^ 
fahren, z. B. Violett. Vielleicht ist das dem Umstände zuzuschreiben, 
daß diese Farbe wegen ihrer Unentschiedenheit im Kindesleben eine 
geringe Rolle spielt, wie denn auch häufig von Erwachsenen die zu 
Blau neigenden Schattierungen direkt diesem, die rötlichen dem Rot 
zugesellt werden. Auch dem Grün soll nur eine beschränkte Teil- 
nahme an dem Phänomen gewährt sein. 

Ich glaube nun, daß die auswählende rein individuelle Bevor^ 
zugung der Farben wie gewisser geometrischer Formen <Kegel-, 
Kugel-, Spitzenform) geradezu auf ein psychisch bedingtes Zustande- 
kommen der Chromatismen und Diagramme hinweist. 

Aus meinen eigenen Beobachtungen ergibt sich, daß das Weiß, 
das in den Photismen anderer recht häufig auftritt, bei mir volU 
ständig ausgeschaltet ist, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich 
diese Ablehnung auf gewisse Jugendeindrücke zurüd^führe. Zunächst 
vermied es Mama fast ängstlich, sich am Tage in der weißen Llnter^ 
kleidung zu zeigen und ebenso wenig erinnere ich mich, Papa jemals in 
Hemdärmeln gesehen zu haben,- nie lag ein Wäschestüd^ irgendwo 
in der Wohnung herum. Endlich hatten beide Eltern eine starke 
Abneigung gegen offene Waschkasten oder gar Waschtische, so daß 
bei uns auch in der Kinderstube das weiße Waschservice stets ver^ 
sdilossen stand. Zu dieser, idi mödite fast sagen, hereditären Ab* 
lehnung des Weiß kommt nodi ein kleines persönlidies Erlebnis, 
das nadihaltig auf meine Psydie wirkte. In meinem 8. Lebensjahre 
zerbradi idi wenige Tage nadi dem Christfeste ohne bösen Willen 
ein Tellerdien des weißen Puppenservices, das idi am Weihnadits- 
abend erhalten hatte. Papa war über meine »Zerstörungswut« so 
empört, daß er mir, als mittags die Mehlspeise aufgetragen wurde, 
aur meinem Teller die beiden zusammengefügten SAerben des zer^ 
sprungenen Tellerdiens legte, wovon idi nun die Speise essen mußte. 



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25(3 H. V. Hug-Hcllmuth 



Viel zu sehr an stummen Gehorsam gewöhnt, als daß iA midi ge- 
traut hätte, sie unberührt liegen zu lassen, würgte idi sie hinunter,- 
aber niemals konnte idi diese harte ungeredite Strafe vergessen und 
das weiße Puppengesdiirr war mir von diesem Augenblid^ verhaßt. 
Nur wer sidi selber soldi kleiner Erlebnisse seiner Kindertage zu 
entsinnen weiß, wird verstehen, wie nadihaltig sie wirken. So wie 
bei mir die direkte Ablehnung einer Farbe stattfand, so beriditet 
H e n n i g von mehreren Fällen von Synopsien, in denen gewisse 
Zahlen geradezu perhorresziert, andere besonders bevorzugt wurden, 
indem sie vom Betreffenden personifiziert, mit unsympathisdiem oder 
angenehmem Äußern, bald m ä n n 1 i di e n , bald weiblichen 
Geschlechts vorgestellt wurden. Idi weiß nidit, ob nidit viel- 
leidit der Ausdrud^ »eine böse Sieben«* auf soldie Quelle zurüd^- 
führt. 

Wie gerade die Sieben wiederholt mit sexuellen und eroti- 
sdien Dingen verknüpft wird, zeigt der in einigen Gebieten Sdilesiens 
gcbräudilidie Volksausdrud^ »jemand sehe aus wie ein grüner 
Siebner«, was ungefähr der Wendung »wie eine unreife Zwetsdike 
aussehen« gleidikommt. Daß letzteres wort häufig an Kinder ge^ 
riditet wird, die im Verdadite stehen, zu onanieren, ist bekannt. 

Betreffs der Farbenauswahl zeigt sidi aus den Aufzeidinungen 
der versdiiedenen Autoren, daß, obwohl sidi dieselbe rein individuell 
vollzieht, dodi gewisse Farben prävalieren, und es ist wohl kein Zufall, 
daß gerade Rot, Braun und Gelb eine Bevorzugung erfahren. 
Mögen immerhin nadi der y o u n g^He I m h o I tzsdien Theorie 
physikalische und physiologisdie Gründe hiefür spredien, so sdieinen 
diese dodi nidit alleinige LIrsadie der Sonderstellung der genannten 
drei Farben zu sein. Eben diese sind es, die im Sexualleben des Kindes 
die größte Rolle spielen. Bei der weit verbreiteten Gepflogenheit, kleine 
Kinder, ja oft nodi soldie von 9 bis 10 Jahren, das Sdilafzimmer 
der Eltern teilen zu lassen, mit der überlegen lädielnden Bemerkung, 
ein so kleines Kind sdilafe dodi die ganze Nadit, merke also nidits 
vom sexuellen Verkehre der Eltern, verstehe ihn audi gar nidit, ist 
es nidit zu wundern, wenn dem sdieinbar asexuellen Kinde aus 
Wahrnehmungen im Bette der Mutter die rote Farbe sidi als etwas 
mit den nadits gelegentlidi gehörten Geräusdien, wie Stöhnen, Knarren 
der Betten etc. im Zusammenhange Stehendes aufdrängt, woraus 
die nidit selten anzutreffende infantile Furdit, in näditlidiem Streite 
habe der stärkere Vater die Mutter bis aufs Blut verletzt, entspringt. 
Mag nun das Kind diesen Erlebnissen durdi Fragen, die ihm immer 



• J. u. W. Grimm geben für die Entstehung des Ausdrucks 5^eine böse 
Sieben« zwei Erklärungen. Nach der einen findet er seinen Ursprung in der Satire 
des 17. Jahrhunderts von Joadiim Rachel, in welcher der Autor sieben Typen böser 
Frauen vorführt/ nach der andern in einem Kartenspiel des 15. Jahrhunderts, bei 
welchem die siebente Karte des Teufels war. Wer könnte an einem sexuelU 
erotischen Zusammenhang zw^eifeln, wo es sich um Teufel und böse Frauen 
handelt? 



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über Farbenhören 257 



unbeantwortet bleiben, auf den Grund zu kommen sudien, oder ist es der 
»guten Erziehung« gelungen, das Kind gewisse Gebiete als anstößig 
betraditen zu lehren, so daß es jede Äußerung der Wißbegierde 
vor den Eltern unterdrüd\t, so bleiben dodi soldie Eindrüd^e haften, 
ja, in letzterem Falle madien sie sidi so breit, daß ihre Dauerver^ 
knüpfung mit anderen harmlosen Erlebnissen besiegelt ist. Ehe 
nodh der sexuelle Forsdiungstrieb sidi der Bedeutung der roten 
Farbe zuwendet, sind es vor allem die Farben der Exkrete, die 
des Kindes Aufmerksamkeit erregen. Die urethrale und nodi 
viel mehr die anale Zone sind dem kleinsten Kinde sdion eine 
unersdiöpflidie Quelle sexueller Lust und es ist ganz natürlidi, daß 
die dabei in Betradit kommenden Farben ~ man beobadite nur, 
mit weldiem Wohlgefallen Kinder sidi tatsädilidi dieser Betraditung 
widmen -- für zum Farbenhören konstitutionell Disponierte zu 
Assoziationen besonders geeignet sind. Als Kehrseite dieser Jugend^ 
lidien Vorliebe findet sidi dann häufig bei Erwadisenen ein often^ 
kundiger Absdieu gegen Braun und gewisse Nuancen des Gelb, 
nidit selten mit dem ausdrüdilidien Beifügen, »es seien ekelhafte 
Farben«. Die psydioanalytisdie Forsdiung lehrt uns aber, daß 
späterem heftigen Ekel nid^ts anderes als infantile Sexuallust zu- 
grunde liegt, welAe dann durdi Sitte und Herkommen diese In- 
version erfahren hat. In den tabellarisAen Zusammenstellungen von 
Bleuler und Lehmann finden wir bezeidinenderweise gerade 
dem Braun, Gelb, Grün <den Farben der Defäkationsprodukte) 
wiederholt den Zusatz »s c h m u t z i g« beigefügt, was dodi wieder 
deudidi auf die genannten Gebiete weist. 

Es wird von den Forsdiern, die sidi mit den Synopsien be- 
sdiäftigten, immer wieder betont, daß das Phänomen deshalb so 
sdiwierig zu erklären sei, weil in so vielen, ja fast in den meisten 
Fällen keine Brinncrungsspuren an das Zustandekommen der 
Synopsien zu finden seien, da diese ja in der frühesten Kindheit 
begründet wurden. Dies ist insoweit riditig, als bis vor zirka einem 
Jahrzehnt kein Weg existierte, der ein Sdiürfen in so tiefe Regionen 
des Seelenlebens gestattet hätte, Freud aber hat uns in der psydio- 
analytisdien Methode das Mittel gesdienkt, mit dessen Hilfe längst 
Vergessenes, Verdrängtes in dem Bewußtsein wieder gewed^t wird 
und Erinnerungen bis zum zweiten Lebensjahre zurüd^ wadiruft. 
Und so ersdieinen gerade jene Fälle von Farbenhören, die in den 
Beriditen als »ganz unerklärlidi« bezeidinet werden, demjenigen, der 
der modernen Riditung der Psydiologie folgt, häufig redht klar und 
durdisiditig. Allerdings geht audi H e n n i g bei der Erklärung seiner 
und seiner Gesdiwister Synopsien an der Hand von Tagebudi- 
blättern seiner Mutter auf früheste Jugenderinnerungen zurüd^, aber 
nirgends gestattet er dem Leser einen Einblid^ in Erlebnisse, die 
allein dem Kinde so lustvoll betont sind, daß sie Dauerverknüp^ 
fungen sdiafFten, in das sexuelle und erotisdie Leben des Kindes. 
Er erzählt von zwei privilegierten Assoziationen, die seinem 



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258 H. V. Hug-Hcllmuth 



Wochentags^Diagramme mit der sonderbaren Lichte und Sdiatten- 
verteilung zugrunde liegen : »Der Montag erinnert midi zuweilen 
an ein Bild, das idi als kleiner Knabe besaß, ein Jägerhaus in einem 
dunklen Walde <vielleidit rührt daher die besonders dunkle Färbung 
des Tages?)/ der Grund dafür liegt darin, daß unter dem Giebel 
jenes Försterhauses eine kreisrunde Dadilud\e abgebildet war, weldie 
midi, wie idi genau weiß, an den Vollmond erinnerte.« Bedenkt 
man nun, daß »Vollmond« für Kinder oft »Gesäß« bedeutet, andere 
seits alle Kinder heimlidi dem Vergnügen fröhnen, an Tieren, be- 
sonders Hunden und Pferden den Anus zu betraditen, so wäre 
eine Lösung gegeben, die vielen zwar verpönt ersdieint, dem Seelen^ 
leben des Kindes aber redit gut entspridit. 

Es würde zu weit führen, wollte idi all jene Fälle, für die 
wenigstens der Zusammenhang mit dem Jugendleben vom Autor 
selbst angegeben wird, einer psydioanalytisdien Prüfung unterziehen,- 
nur einige prägnante Beispiele mödite idi anführen, Hilbert* erzählt 
von einem gesunden, kräftigen und intelligenten Herrn von 22 Jahren, 
der ihm beriditet, er habe, so weit er nur zurüd\denken könne, seit 
seiner frühesten Jugend fast täglidi folgende Beobaditung gemadit: 
Sobald er sidi im Stadium des Einsdilafens befände <gleidigiltig, ob 
bei Tag oder Nadit) und zufälligerweise die Wanduhr zu sdilagen 
beginne, so habe er bei jedem Sdilag die Empfindung eines sdiön 
rosa gefärbten Flammenbüsdiels von kegelartiger, deutlidi und sdiarf 
bezeidineter Gestalt. Die Riditung dieses Flammenbüsdiels verlaufe im 
gemeinsamen Gesiditsfelde sdiräg von oben redits nadi unten und 
links. Das dünnere Ende sei unten, das did^ere oben gelegen. Die 
sdieinbare Länge betrage etwa einen Fuß. Es ersdieine wie eine 
Verzierung der Uhr. Diese Empfindung trete zu keiner Zeit als liegend 
und im Halbsdilafe auf. Im wadicn habe er nie etwas Derartiges 
beobaditet. Weiter ließen sidi absolut keine Doppelempfindungen 
nadiweisen, sie traten also nur in einer Zeit auf, in weldier sidi 
das Gehirn im Zustande der Ruhe befindet. Das ist die Eigen* 
tümlidikeit, weldie diesen Fall von allen bisher besdiriebenen untere 
sdieidet. Ist sdion das Flammenbüsdiel selbst als Phallussymbol nidit 
zu verkennen, so sind die weiteren Angaben — - die Farbe »sdiön 
rosa«, sowie die Stellung, »von oben redits nadi unten links«, die 
Form »kegelartig, das dünnere Ende nadi unten« — nur bestärkend 
für die Ansidit, es handle sidi hier um ein Erinnerungsbild des 
väterlidien Penis, den der kleine Knabe, durdi Geräusdie gewed^t, 
in erigiertem Zustande — daher die sdieinbare Länge von einem 
Fuß <vielleidit audi eine Reproduktion des erigierten Membrums 
eines Hengstes) — gesehen. Es wäre nidit ausgesdilossen, anzu^ 
nehmen, daß die Eltern täglidi zur bestimmten Stunde zur Ruhe ge^ 
gangen seien, so daß das Kind durdi den elterlidien Koitus vieU 
leidit oft zur nämlidien Stunde gewed^t worden, wodurdi sidi das 
Phänomen an das Sdilagen der Uhr assoziierte. 

• Klinische Monatsblätter f. Augenheilkunde, Jahrg. XXII, Nov. 1882. 



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über Farbenhören 259 



Von besonderem Interesse sind mehrere Fälle, die Bleuler 
und Lehmann* beriditen, so von einem Herrn, dem das Wort 
Sonntag blau ersdieint, in Anknüpfung an ein schönes königsblaues 
Sonntagskleid aus seiner Kindheit, und vom Mittwodi erzählter: »Als 
idi mit meiner Mutter reiste, fragte idi dieselbe, was für einen Tag 
wir hätten. Es ist ,Mittwodi' und in demselben Augenblick fuhren 
wir an einem weißen Hause vorbei, an dessen Ecke eine Rolle 
(etwa zum Aufziehen einer Laterne) befestigt war. Seitdem cr^ 
weckte mir der Mittwoch noch lange die Vorstellung eines weißen 
Hauses mit einer Rolle daran, die dann später einfach zu weiß 
verblaßte. — Sich vor Gespielen im Sonntagsstaate zeigen, erst sidi 
ein wenig brüsten, und dann, wenn's nicht etwa früher zu Streit 
und Rauferei kommt, sich mit einem Lieblingsgenossen oder einer 
solchen ^Genossin von den anderen zurückziehen, um sich in Worten 
oder Handlungen allein, i. e. sexuell zu unterhalten, ist uralte Kinder- 
gepflogenheit. Eitelkeit, sexuelle Neugierde, Furcht vor dem Entdeckt^ 
werden, mögen mit ihren Fäden den Sonntag mit dem schönen königs- 
blauen Kleide für den kleinen Jungen zu einer Doppelvorstellung 
verknüpft haben. Was den weißen Mittwodi betrifft, so scheint 
mir die Vermutung nicht ausgesdilossen, daß es sich um eine 
Onanie^Phantasie handelt. Das weiße Haus mit der Rolle an der 
Ecke zum Aufziehen einer Laterne dürfte wohl den weißen Leib 
mit dem Penis, dessen Vorhaut das Kind beim Onanieren auf- 
und abschiebt, bedeuten. Vielleidit hat auch der Knabe durch 
die ungewohnte Erschütterung des Fahrens seine erste Erektion 
bekommen, in dem Augenblicke, da er das weiße Haus erblickte 
und die Antwort »Mittwodi« hörte. Und daß er sie vor der 
Mutter zu verbergen sudite, dafür spräche die allmähliche Verdrängung 
der Vorstellung des Hauses mit der Rolle, während die Farbe erhalten 
blieb. Einen ganz deutlichen Hinweis auf analerotisdie Motive zeigen 
Photismen wie eine »Tafel braunen L e i m s«**' für m, braune 
Wolken« für f und pf,- wenn endlich ein junger Mann, der neben 
akustischen audi Gerudisphotismen hatte, durdi einen sehr unange- 
nehmen, fauligen Geruch plötzlich eine Farbenvorstellung produziert, 
genau der Farbe gekoditer Bohnen entsprechend, so bedarf es wohl 
Kaum einer Erklärung dieses Zusammenhanges***. Hören wir die 
wiederholt auftretende Angabe,- die Wörter »Papa« und »Mama« 
seien schwarz oder dunkelgraublau, wobei letztererein dunklerer 
Ton, ins Bräunlidie spielend, zukommt, so liegt wieder der Gedanke 
an das clterlidie Schlafzimmer nahe, vielleidit mit dem Untersdiiede 
zum früher erwähnten Falle, daß hier der Schlafraum möglidier 
weise zur Nachtzeit seltener beleuditet wurde, als es dort gesdiehen 
sein mag. 

Niemand wird wohl den sexuellen Charakter eines Zahlenphotis* 






Bleuler und Lehmann, 1. c, pag. 33—34. 

Alle drei Fälle, Bleuler und Lehmann, 1. c, Anhang. 

Alle drei Fälle, Bleuler und Lehmann, I. c, Anhang, 



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260 H. V. Hug-Hellmuth 



mas leugnen, welches Flournoy* anführt,- eine Dame bezeichnet 
die 9 als Ehemann derS,- er liebees, alle möglichen 
Arzeneien einzunehmen und mache ganz den Ein^ 
druck eines eingebildeten Kranken. Es wäre interessant, 
die Lebensaufstände dieser Dame, Alter von Vater und Mutter 
<um die es sich ja wohl handeln dürfte) zu kennen. Denn dies 
scheint ein Fall zu sein, der auch die skeptischesten Gegner der 
psycho^scxuellen Interpretation der Synopsien überzeugen könnte, 
wenn sie sich überzeugen lassen wollen. 

H e n n i g schreibt von einem jungen Manne, dem i und 5 als 
männlich, 2, 4^ 8^ 9 als w e i b I i c h erscheinen ,• die 3 sei ihm 
ein »frecherjunge« und die 6 mache ihm einen weichlichen 
Eindruck. Ob hier in den Ziffern — insbesondere von kindlicher 
Hand geschrieben ^ Sexualsymbole angedeutet sind oder ob vieU 
leicht eine Assoziation an ein allerdings selten vorkommendes 
Zahlenspiel, in welchem jede Ziffer einen menschlichen Kopf trägt, 
vorliegt, ist nicht ohneweiters zu entscheiden. Sicher würde aber 
letztere Annahme auch nicht des sexuellen Zusammenhanges ent- 
behren, da diese Köpfe recht groteske Züge aufweisen und für 
Kinder »Gesichter schneiden« häufig ein Verbergen von sexuellen 
Gedanken und Handlungen bedeutet. 

Ehe ich auf Grund der Analyse meiner eigenen Beobachtungen 
und, soweit sich dies bei gebotener Rücksichtnahme durchführen ließ, 
auf Grund der Prüfung anderer, mein Urteil ausspreche, möchte ich 
noch einen Blick in die Werke der Dichter werfen. Ist ihnen dieses 
Phänomen fremd? Wenn wir auch nur spärliche Kunde bei ihnen 
finden, so sind doch die wenigen diesbezügHchen Stellen schon darum 
wertvoll, weil aus denselben immer wieder die Beziehung zum 
Erotischen hervorgeht. So lesen wir in der »Liebesgeschichte der 
schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence«**, wie 
dieser nadi dem vor der Geliebten errungenen Siege im Turnier in 
die Einsamkeit des Gartens flüchtet und wie mit dem Verhallen der 
Festesklänge »der Ton versank wie ein blauer Lieh t^ 
Strom.« Und in den Träumen der Schönen Magelone*** ver* 
schmelzen Ton und Farbe in eins: ».... lichte Wolken 
zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosen^ 
rot gefärbt und tönten wieder. Dann kam der LInbekannte 
in aller Lieblichkeit aus einem dunklen Gange, er umarmte sie und 
sted^te ihr einen noch köstlicheren Ring an den Finger und d i e 
Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide wie 
ein goldenes Netz und die Lichtwolken umkleideten sie und 
sie waren von der Welt getrennt, nur bei sich selber und in ihrer 
Liebe wohnend « In dem Märchen »Der PokaUt vom 



• Flournoy, Des phenomenes de synopsie. 
•• Tieck, Gesamte Werke, Bd. XI, Phantasus, pag. 74. 
••• Tieck, Phantasus, I. c, pag. 84. 
t Tieck, Der Pokal (Märchen), pag. 185, Bd. XL 



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über Farbenhören 2G1 



selben Autor entquellen dem purpurnen Gefäße unter den Händen 
des alten Meisters herrlidie Melodien,- .... »es sdiien, als wenn 
Funken aus seinen Fingern fuhren und zud\end gegen das Gold 

leuditend und klingend zersprangen Die Musik sank wieder 

zurüd^, wurde leiser und leiser und Ferdinand erkannte das 

lädielnde Angesidit seiner Geliebten.« So läßt der Diditer Töne 
und Farben sidi verweben, dem einen zum strahlenden Hintergrund 
für das Bild des geliebten Antlitzes, den andern, ihre Liebe zu 
bergen vor dem Auge der Welt. Es ist mir leider nidit gelungen, in 
die Biographie Tied^s von K ö p k e, weldie über des Diditers dies^ 
bezügliche Eigenart Bemerkenswertes enthalten soll, Einsidit zu nehmen. 
Dodi fürdite idi, daß hier dem Leser ebenso wenig eine befriedigende 
Erklärung oder wenigstens hinreidiendes Material zu einem solAen 
Versudie geboten sein dürfte, wie idi in Gust. Freytags Kom^ 
mentar zu Otto Ludwigs"^' »Aesthetisdies« vergebens nadi Auf- 
sdilüssen über dessen Photismen forsdite. In dem Absdinitte »Zum 
eigenen SAaffen« sdireibt Ludwig: »Mein Verfahren beim poetisdien 
SdiafFen. Mein Verfahren ist dies: Es geht eine Stimmung voraus, 
eine musikalische, die wird mir zur Farbe, dann sehe 
idi Gestalten, eine oder mehre in irgend einer Stellung und Ge-^ 
bärdung für sidi oder gegeneinander und dies wie einen Kupfer- 
stidi auf Papier von jener Farbe oder, genauer ausgedrüd^t, wie 
eine Marmorstatue oder plastisdie Gruppe, auf weldie die Sonne 
durdi einen Vorhang fällt, der jene Farbe hat. Diese Farben^ 
erscheinung habe ich auch, wenn ich ein Dicht ungs^ 
werk gelesen, das mich ergriffen hat,- versetze idi midi 
in eine Stimmung, wie sie Goethes Gedichte geben, so hab' 
idi ein gesättigt Goldgelb, ins Goldbraune spielend, 
wie Schiller, so hab' idi ein strahlendes Karmoisin,- bei 
Shakespeare ist jede Szene eine Nuance der beson- 
deren Farbe, die das ganze Stück hat Dies 

alles in großer Hast <nämlidi das Bilden der Gruppen und Bilder), 
wobei mein Bewußtsein sich leidend verhält, und 
eineArt körperlicherBeängstigung mich inHänden 
hat.« Bleibt audi die Frage unbeantwortet, wie dem Diditer sidi 
eben diese Photismen bildeten, warum er Goethes Gedidbte mit 
Goldgelb, die Schiller sdien mit strahlendem Karmoisin umhüllt, 
so ist das Geständnis des psydiisdien und physisdien Leidens, also 
wohl das Bewußtwerden eines Zwanges, von hohem Interesse, da 
sidi den meisten Farbenhörern das Phänomen ohne Gefühlsbetonung 
vollzieht/ letztere Tatsadie ist audi der Grund, warum viele von 
ihnen das Bestehen von Synästhesien bei allen anderen Personen 
voraussetzen. 

In Ludwig Ganghofers »Lebenslauf eines Optimisten« 
lesen wir im ersten Teile »Buch der Kindheit« <pag. 308 bis 310) foU 



• Otto Ludwig, Ges. Werke, Aesthetisches. (Zum Eigenen Schaffen.) 

Imago, 1/3 17 



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262 H. V. Hug-Hellmuth 



gende interessante Stelle: ». . . . Wenn Herr Kerler auf der Orgel mit 
wechselnden Tonarten phantasierte, bekam oft plötzlich die ganze 
Kirche vor meinen Augen eine intensive, einheitliche Farbe,- alles 
erschien mir rot oder ährengelb oder im prachtvollen Blau. Das 
dauerte immer nur wenige Sekunden und verschwamm dann wieder. 
Meistens sah ich nur eine einzige Farbe, und wenn sie zerflossen 
war, blieb alles so, wie es in Wirklichkeit war. Doch manchmal 
— wenn die Tonart, während ich eine Farbe sah, mit raschem 
Übergang wechselte — verwandelte sidi diese Farbe ebenso rasch 
in eine andere, die noch stärker leuchtete. Das war immer so 
namenlos schön, daß mir ein süßer Schauer durch 
Herz und Sinne rieselte. — Dieses Farbenschauen meiner 
Augen, bei tiefer Wirkung guter Musik, verstärkte sich noch in 
späteren Jahren. Irgendwelche Gesetzmäßigkeit dieser Erscheinung 
habe ich bisher nicht konstatieren können. Aber es gibt ein paar 
musikalische Werke, bei denen ich stets die gleiche Farbe sehe.« Der 
Dichter führt dann an, wie ihm Wagners Rheingold an einer 
bestimmten Stelle die Bühne in ein brennendes Goldgelb 
taucht, wie ihm das erste Trio vonHavdn am Ende des ersten 
Satzes ein rotviolettes Kolorit annimmt, clas im Adagio Cantabile 
in ein tiefes Stahlblau sich verwandelt. Brahms C-MolU 
Symphonie zeige im Allegro non troppo jedesmal das gleiche 
Scharlachrot — »und einmal sah ich in dieser Farbe 
eine weite Himmelsferne mit langgestreckten, in 
Scharlach brennenden Wolkenzügen, über die eine 
hohe, in ein tieferes Rot gekleidete Frauengestalt 
wie schwebend dahinglitt.« »Alle leidenschaftlich 
empfundene Musik verwandelt sich für mich in 
Bilder, die ich sehe, während ich die Musik für Sekunden und 
Minuten nidit mehr zu hören glaube.« Schumann und Beethoven 
erzeugen dem Autor die stärksten und häufigsten Photismen, während 
»die bilderschaffende Wirkung, die sonst die Wagn e r sehe Musik 
in mir hervorrief, seit etwa fünf Jahren fast ganz für mich erloschen 
ist.« Fehlt uns auch hier eine psychologische Deutung des Phäno^ 
mens von des Dichters eigener Hand, so gibt er uns doch reich- 
liche Fingerzeige, die ins Gebiet des SexuelUErotischen weisen. 
Die Abhängigkeit der Intensität des Farbenhörens vom Alter, das 
Versagen der Wagnerschen Musik ungefähr nach dem fünfzigsten 
Lebensjahre läßt ebensowenig Zweifel an solchem Zusammenhang 
wie die Angabe, daß dem Dichter im Schauen der Farben die 
Gehörswahrnehmung zu schwinden schien. Wenn er endlich auf 
den scharlachfarbigen Wolken, die ihm Brahms C^MolUSymphonie 
vorzaubern, eine hohe Frauengestalt dahingleiten sieht, wer dächte 
da nicht an das Bild der Mutter, der er so zärtliche Erinnerung 
bewahrt? 

Greifbar deutlich spricht sich der Hinweis auf die sexuelle 
Wurzel der optischen Synästhesien in den Schriften französi-' 



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über Farbenhören 263 



scher Symbolisten aus, die jedem anderen Interpretations^ 
versuch ein unentwirrbares, oft sinnloses Dunkel entgegensetzen. 
Nordau zitiert in seiner »Entartung« eine Stelle aus Francis 
Poictevins »Dernieres Songes«, welche uns die Gefühle kennen 
lehrt, die den Farben entsprechen: 

»Das Blau geht, ohne besondere Leidenschaft, von der 
Liebe bis zum Tode, oder richtiger, es ist ein verlorenes 
Äußeres. Von Türkisenblau bis Indigo, geht man von scham^ 
haften Ausströmungen zu den letzten Verheerungen.» 
Solche Worte klingen dem, der die gewaltige Bedeutung des Un^ 
bewußten im Erotischen nicht anerkennen will, in der Tat als leere 
Phrasen, als die sie denn auch in den offiziellen Lehrbüchern der 
Psydiologie bezeichnet wenden. Daß aber die Verfasser derselben 
im Zitieren solcher Textstellen gerade da abbrechen, wo auch sie 
die Verknüpfung mit Erotik und Sexualität ahnen, ist ein hinläng* 
lieber Beweis, daß das Verständnis keinem mangelt, sondern bloß 
als unwissensdiaftlich unterdrüd^t wird. Was könnte der Weg von 
den schamhaften Ausströmungen bis zu den letzten Verheerungen 
anderes bedeuten als den geschlechtlichen Werdegang des Mannes, 
von der ersten sinnlichen Kegung bis zu den physischen und psy^ 
chischen Übeln, die ihre Wurzel im sexuellen Übergenusse haben? 
Individuelle Erlebnisse mö>;cn eine Dauerverknüpfung der blauen 
Farbe mit der Erinnerung an infantile Onanie, an Ausschreitungen 
in der Pubertätszeit gesdiatfen haben. 

Hennig weist in seinen Ausführungen über »Entstehung und 
Bedeutung der Syncpsien« als Erster auf den praktisdien Wert der* 
selben hin, wie sie nidit nur als mnemotedinisdies Hilfsmittel Treff* 
lidies leisten, »sondern wie sie so^ar geeignet sind, mittelbar auf 
die Geistesentwid<lung und ^besdiättigung nadihaltig einzuwirken.« 
Es wäre dies ein Faktor, mit dem Elternhaus und Sdiule redinen 
sollten und idi halte es für verfehlt, wenn bei dem den Kindern 
verhaßten »Kopfredinen« der Lehrer Zahlcnbilder und Diagramme, 
die mandiem Kinde vorzusdiweben sdieinen, als «nidit verstandes- 
mäßige Arbeit« verwerfen und unterdrüd^en. Diese Vorstellungen 
sind wohl leise Anklänge zu Synopsien und werden instinktiv vom 
Kinde beim Redinen verwertet. F 1 o u r n o y beriditet von einer 
Dame, weldie sidi von ihren Wortphotismen beim Zureditfinden in 
der Orthographie leiten ließ und von einem Maler, der seine Violine 
zu Rate zog, um durdi ihre Töne die passenden Farben für seine 
Gemälde zu finden. Und Gleidies erzählt uns Gottfried Keller in 
der Novelle «Der Landvogt von Greifensee«* von diesem,- die 
Klänge der Maultrommel zaubern ihm das Dämmerlidit des Morgens 
vor die Seele, das er auf einem »Flußbilde, auf weldiem der Kampf 
des ersten Frührotes mit dem Sdieine des untergehenden Mondes 



• Gottfried Keller, Züricher Novellen, »Der Landvogt von Greifensee«, 
Kap. Die Grasmücke. 



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264 



H. V. Hug-Helimuth 



vor sich ging«, darstellen wollte. Umgekehrt bestimmte ein Bariton 
die feinsten Nüancierungen seiner Stimme nadi seinen Chromatismen. 
Die Ergebnisse meiner Beobaditung zusammenfassend, glaube 
idi sagen zu können, daß die Synopsien überall dort zu^ 
Stande kommen, wo eine konstitutionelle Eignung 
mit individuellen S ex u al e rl eb n i s s en der frühesten 
Kindheit zusammentrifft, die durch ihre Lust* oder 
Unlustbetonung von so starkem Eindrucke waren, 
daß sie begleitende Nebenumstände, wie Gehörs^ 
und Fa rben e m p f i n d u n gen , durch Schaffung von 
assoziierten Vorstellungen dauernd im Gedächtnis 
fixierten. Idi bin der Meinung, daß eine Spaltung der 
Synopsien in anatomisch^physiologische und p s y- 
chologische nidit aufredit zu halten ist,- denn so wie die 
physiologisdi zwangsmäßig bedingten Synästhesien nidit der psydio^ 
iogisAen Quelle entbehren, ebenso wenig finden sidi die psydio^ 
logisdien ohne konstitutionelle Veranlagung. Voraussetzung ist 
die konstitutionelle Eignung, die unmittelbare 
Veranlassung sind die sexuellen und erotischen 
Erlebnisse in zartester Kindheit, an denen es im Leben 
keines Mensdien fehlt. 




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Die Ursache der Farbenbegleitung etc. 265 

Die Ursache der Farbenbegleitung 

bei akustischen Wahrnehmungen und das Wesen 

anderer Synästhesieen^. 

Von Dr. OSKAR PFISTER, ZüriA. 

Unter Synästhesie versteht man die weitverbreitete Erscheinung, 
daß beim Eintritt einer Sinneswahrnehmung eine einem andern 

Sinnesgebiet angehörige Empfindung ohne Reizung des zugehö* 
rigen Endapparates ausgelöst wird. Das bekannteste Beispiel ist wohl 
die audition coloree <SynopsieX die darin besteht, daß ein wahrge- 
nommener Sdiall, ein Geräusdi, Ton, Budistabe, Wort usw. ohne- 
weiters von einer Farbenempfindung begleitet wird, also etwa e 
von rot, die Zahl 5 von grün, die Melodie »Seid umsdilungen, 
Millionen« von weiß und rot. Man gebraudit den Ausdrud< »Syn^ 
ästhesie« aber audi in einem weiteren Sinne ; Statt einer Sinnes* 
Wahrnehmung kann eine Vorstellung die sekundäre Empfindung 
hervorrufen, oder die letztere kann zu einer bloßen sdiwamen Er* 
innerung verblassen, während sie oft geradezu Zwangsdiarakter 
innehat. 

Aus der gewaltigen Literatur, die sich mit dem Rätsel der 
Synästhesie befaßt ^ sdion 1892 zählte ein amerikanisier Psydio* 
log 85 Nummern*^"! —, hebe \d\ nur zwei besonders widitige Werke 
hervor. 1881 gaben zwei Kandidaten der Medizin, Eugen B 1 e u 1 e r 
und Karl Lehmann, eine bedeutende, auf sorgfältigen Beob* 
aditungen fußende und sdiarfsinnig ausgearbeitete Sdirift heraus 
unter dem Titel : »Zwangsmäßige Liditempfindungen durdi Sdiall 
und verwandte Ersdieinungen« (Leipzig 1881, 96 S.>. Es lag den 
Verfassern zunächst daran, die damals noch wenig bekannten Tat* 
sadien festzustellen. Auf Erklärungsversudie ließen sie sidi mit Recht 
nicht ein. 

Zwölf Jahre später erschien aus der Feder des Genfer Ex* 
perimentalpsychologen Th. Flournoy ein Buch, dessen Über* 
Schrift lautete ; »Des Phenomenes de Synopsie <audition coloree, 
photismes — schemes visuels ^ personnifications) <Paris et Geneve, 
1893). Der Autor sucht die Ursachen der Synopsieen mit der ihm 
eigentümlichen Umsidit auf und glaubt sie nach den Prinzipien der 
affektiven, habituellen und privilegierten Assoziation zu finden. Doch 
kann er — abgesehen von einigen bescheidenen Versuchen — weder 
die einzelne audition coloree aus ihren konkreten Entstehungs* 



• Anmerkung der Redaktion: Die Autoren dieser und der vorstehenden 
Arbeit wandten sich, ohne von einander zu wissen, der Untersuchung desselben 
Problems zu. Ohne irgend eine andere Gemeinsamkeit als die Beziehung zur Psydio^^ 
Analyse, sind die beiden zu völlig gleichen Resultaten gelangt. Diese merkwürdige 
Übereinstimmung hat uns veranlaßt, die beiden Beiträge nebeneinander zur Kenntnis 
unserer Leser zu bringen. 

** Flournoy, »Des Phenomenes de Synopsie«, 3. 



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2m Dr. Oskar Pfister 



Bedingungen ableiten, nodi über den Sinn und die Notwendigkeit 
der Photismen im allgemeinen Aufsdiluß erteilen. Flournoy hält 
denn audi in musternafter Besdieidenheit seine Erklärungen selbst 
für provisorisdi und unzureidiend (20). Was damals zu entdecken 
war, dürfte sein Sdiarfsinn aufgespürt haben. 

Die physiologisdie Deutung wurde öfters unternommen 
<Flournoy 19), ohne aber das geringste braudibare Resultat zu 
liefern. 

Die komplizierten Synopsieen lassen sidi leidit als stereotype 
Halluzinationen erkennen. Beim Anblick der von Flournoy ver= 
öffentliditen Zeidinungen <z. B. S. 142 f.) erwadit sofort die Lust 
nadi einer gründlichen Analyse. Ebenso deutlidi redet ein Beispiel 
eigener Beobaditung: Ein Musiker meiner Bekanntschaft sah während 
eines Konzertes rote Kugeln regelmäßig dann, wenn er den Sänger 
einen bestimmten Ton von mittlerer Höhe singen hörte. Dies wieder^ 
holte sich später bei einer Sängerin. Den halluzinatorisdien Charakter 
dieser Ersoieinungen wird wohl niemand leugnen. 

Wie nun, wenn auch die einfadien Synästhesieen als Halluzi^ 
nationen zu beurteilen wären, somit auf Verdrängung beruhten ? 
Einiges spridit von vornherein dafür : Das Phänomen tritt bisweilen 
im Zustand der Ermüdung stärker hervor <Flournoy 28). Die so^ 
genannten negativen Photismen erinnern an verwandte Beobach^ 
tungen bei Halluzinanten. Die Behauptung z. B. »Wenn Null eine 
Farbe hätte, so wäre sie nicht weiß«, gleidit der Vision, die eine 
völlig unbekannte Person, aber sicher nidit den und den Mensdien 
präsentiert. Immerhin bleiben die Analogien zwisdien audition 
coloree und Halluzination ziemlidi vage. 

Den Beweis für die halluzinatorisdie Bedeutung mandier Syn-^ 
ästhesieen lieferte mir zuerst die Analyse eines intellektuell, ethisdi 
und religiös hodistehenden 17jährigen Mäddiens aus neurotisdi 
sdiwer belasteter Familie. Vater, Onkel und Sdiwester sind Epi^ 
leptiker, ein Bruder wurde durch analytische Seelsorge von sehr 
zahlreidien Zwangserscheinungen geheilt, die Mutter wies früher 
hysterische Symptome auf. Alle Familienglieder außer dem Vater 
haben intensive Synopsieen, die aber in keinem Punkt unterein^ 
ander übereinstimmen. 

Audi Nannette, meine Analysandin, ein im übrigen kerngesun* 
des, frisdies und fröhlidies Mäddien, zeigte seit einiger Zeit Spuren, 
die auf die Gefahr einer Zwangsneurose hindeuteten. In der Mathe- 
matik verwechselte sie nämlidi bei der Niedersdirift konstant a und 
2, so daß der gutbegabten Schülerin eine Menge Redinungen miß^ 
rieten. Diese unvermeidlidien Irrtümer wirkten begreiflicherweise be^ 
unruhigend. Zur Vorstellung »a« gesellte sich überdies die starke 
Empfindung einer blauen, leicht ins Grüne spielenden Farbe, gleich- 
zeitig eine schwadie Kälteempfindung. Nidit nur sämtlidie Vokale, 
sondern audi alle Konsonanten mit Ausnahme des q, v, w und x 
traten in Farbenbegleitung auf. Audi die Zahlen hatten außer 1 



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Die Ursache der Farbenbegleitung etc. 267 

und looo ihre Farbenrepräsentation, 2 zum Beispiel blau, 
ganz schwach gegen violett geneigt, 3 gelb, 4 rot, 10 
Silber, 1000 Gold, 10.000 Kupfer. Der Budistabe z war genau wie 
2 violettblau begleitet. Von den Worten erhielten die abstrakten 
Bezeidinungen die Farbe des Anlautes, Benennungen konkreter 
Gegenstände riditeten sidi nadi den natürlidien Farben. Weitaus die 
stärkste Farbenkonkomitanz lösten aus e = g e I b und a z:^ blau. 

Die Symptomanalyse ging zunädist von e aus, stieß aber auf 
so starken Widerstand, daß sie nadi kurzem Bemühen abgebrodien 
wurde. Damals war nämlidi die peinlidie Verwedislung nodi nidit 
aufgetreten, und das psydiologisdie Interesse reidite zur Über^ 
Windung der Widerstände nidit aus. Idi betone dies zu Nutz und 
Frommen derjenigen, die sidi ebenfalls des Stoffes bemäditigen 
wollen. Mögen sie sidi durdi die Widerstände nur ja nidit zu 
rasdi zum Rüc^kzug verleiten lassen ! Die rein psydiologisdie <audi 
religionsspydiologisdie) Analyse ist gewöhnlidi sdiwieriger als die 
medizinisdie, weil der Hebel des gesundheididien Interesses fehlt. 

Von letzterem kräftig unterstützt, fand idi nun: [Die Zahl 2]*. 
Sie assoziiert »Zwetsdige«. Der Budistabe a, gesdirieben <^', trägt 
die Form einer Zwetschge. 

[a] Ein See, in dem idi als kleines Mäddien zusammen mit dem 
Vater badete. Eine vorübergehende Dame war entsetzt darüber, 
daß er kein Badekleid trug und rief ihm zornig eine sdiarfe Be^ 
merkung zu. Der See hat genau die mir vorsdiwebende Farbe. 
Ein Ölgemälde, das ihn abbildet, hängt in unserer Wohnung. Die 
Form des Seebed<ens mahnt midi an das Oval des a. 

Die Übersetzung des Wortes »Zwctsdige« in eine Fremde 
spradie ergibt klanglidi ziemlidi genau den Namen der Stadt, in 
der idi geboren wurde und meine ersten Kinderjahre zubradite. Idi 
hasse diese Stadt. (Vaterstadt,- die Abneigung gegen den Vater 
wird auf die Stadt übertragen.) [Zwetsdige] Ader. Nun sehe idi 
einen Erker vor mir. <Pause, Erröten.) Eine Kinderszene. Mein 
Sdiwesterdien und idi saßen in jenem Erker. Da entblößte sidi mein 
Bruder und zeigte seine Organe. Dabei sah idi jene Adern, die 
midi an das Violettblau des Z und der Zwetsdige erinnern. 

So weit Nannette. Der Leser wittert den Vater^ und Bruder^ 
komplex, der, wie mir damals bereits bekannt war, im Leben des 
Mäddiens keine geringe Rolle gespielt hatte. Er wird audi, wenn 
er Freuds Neurosenlehre empirism nadiprüfte, sofort zugeben, daß 
die Verwedislung sowohl, als die Synästhesie für Verdrängungs^ 
Produkte anzusehen sind. Der psydiologisdie Aufbau beider Er- 
sdieinungen stellt sidi uns folgendermaßen dar: 

Der Budistabe ^ erinnert durdi seine Form an die Testikel, 
die seit dem Erlebnis mit Vater und Bruder der Verdrängung 
anheimgefallen waren, jetzt können sie sidi daher nur nodi symbolisoi 

* Die eckigen Klammern enthalten meine an die Analysandin geriditeten 
Worte. Was auf sie unmittelbar folgt, sind die hervorgerufenen Einfälle. 



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268 Dr. Oskar Pfister 



äußern. Als Symbol figuriert die Zwetschge, die hauptsädilidi wegen 
ihrer Form <Oval und Zweiteilung) ja audi von der Vulgärspradie 
als Bezeichnung des Skrotums gebraudit wird. Gerade deshalb ist 
die Gefahr der Entdediung und damit der Belästigung des Bewußt^ 
Seins zu groß. Die Zwetsdige darf deshalb nur angedeutet werden : 
Dies geschieht durdi die Anlaute Zw. Sie sind enthalten in der 
Zahl 2, welche überdies die Zweiheit der Hoden andeutet. Man 
wird zugeben, daß die von der Gestalt des 0/ ausgelöste Zwetschge 
in der rarbenzahl z recht geschickt vertreten wird. Der Buchstabe Z 
diente lange nicht so gut, weil der charakteristische Anfang des 
Wortes zw lautet. Es kommt hinzu, daß das graphische Zeichen 
für 2 die beiden Buchstaben z und w verdichtet enthält <?. — J?, z, 
^^ =7^^, w*>. So gesellt sich zur Wortbrücke >^zwei — Zwetschge« 
die aus der automatischen Kryptographie bekannte Schrift*^ 
zeichenbrücke. Auch die vom Gegenstand nahegelegte An^ 
deutung der Zweiheit findet in der Ersatzzahl Ausdruck. Wo die 
Zahl 2 bewußt werden darf, was bei der Verwechslung natürlich 
nicht der Fall ist, vergönnt die sekundäre violettblaue Farbe der 
Komplexvorstellung »Zwetschge«, sich noch ausgiebiger zu mani^ 
festieren. Da alsdann die verräterische Form des a ferne liegt, besteht 
keine Gefahr der Entdeckung. Die automatische Einsetzung des z 
für a ist uns somit gut verständlich. Ebenso wird uns die Synopsie 
z ^ violettblau erklärt, wenn auch nicht in genügender Determinierung. 

Wie aber deuten wir den umgekehrten Ersatz der Zahl 2 
durch a? Diesmal ist es statt der visuellen die akustische Ausdrud^s* 
form, dazu die sekundäre Farbe und der Inhalt <2 = 2 Testikel), 
welche durch ihre peinliche Assoziation <zw -— Zwetschge) einen 
Ersatz des natürlichen Zeichens fordern. Da der Komplex auf eine 
ihm gemäße Vorstellung dringt, liegt am nächsten der Buchstabe a, 
dessen symbolischen Wert wir bereits kennen. Dieses Zeichen wird 
diesmal ja nicht bemerkt, sondern rein automatisch erzeugt. (Bemerkte 
Nannette, daß sie a schriebe, so korrigierte sie natürlich sofort den 
Fehler.) Da der Buchstabe also nicht gesehen wird, ist seine 
symbolische Charakteristik unverfänglich. 

Die Synästhesie <a = blau) ist auf einen verwandten Vorgang 
zurückzuführen. Der Vokal a assoziiert »Papa« und »Vater«, die 
graphische Form für ^ die Zwetschge, welche in diesem Zusammen* 
hang als Skrotum des Vaters bestimmt ist.** Diese Vorstellung 
ist verkoppelt mit derjenigen jener Badeszene, in welcher der Vater 
eine Rolle spielte, deren kritisches Moment <die Genitalien des 
Vaters) verdrängt werden muß. Die Zensur leitet daher, um das 
Bewußtsein zu schonen, von a statt zu »Papas Skrotum« über auf 
einen dominierenden Umgebungsbestandteil <See) der Szene, in 



• Vergl. m. Aufs. : jfrDic psychoIog. Enträtselung der relig. Glossolalic und 
der automat. Kryptographie. Jahrb. f. psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen. 
III. Bd., 2. Hälfte. 

•• Hier bewähren sich Flournoys Assoziationsprinzipien. 



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Die Ursadie der Farbenbegleitung etc. 269 

welcher durch libldinöse Reizung <Schautrieb> und sdirofFe 
Verdrängung <Inzestsdiranke, Vorwurf der Fremden) eine Wurzel 
des Vaterkomplexes gesdiafFen wurde. Daß nodi jetzt der Vater 
viel Anlaß zu Verdrängungen gibt, führt der Synästhesie stets neue 
Nahrung zu. 

Ebenso wurde bei z Nannettes Aufmerksamkeit, weldie den 
violettblauen Adern des brüderlidien Sexualapparates sidi zuzuwenden 
drohte, auf ihre an sidi harmlose Farbe abgelenkt, welAe aber audi 
die Farbe wirklidier Zwetsdigen ist. Wiederum begegnet uns also 
doppelte Determination : Eine reproduktive <Adern> und eine logisdie 
(Symbolik der ZwetsAge). Gab vorhin in der Verwechslung der 
Zahl 2 mit a die Zwetschge ihre Form ab, so überläßt sie jetzt 
ihre Farbe. 

Die sekundäre Kälteempfindung geht vermudich auf die 
während des Bades verspürte Kälte und die Ablehnung der 
inzestuösen Regung zurück. Auch im täglichen Leben verhält sich 
Nannette gegen Zärdichkeiten ablehnend. Küsse sind ihr ein Greuel. 
Ihr Lebensplan geht dahin, ledig zu bleiben und dem Bruder die 
Haushaltung zu führen. 

Zur Probe diene uns eine zweite Synästhesie. Es liegt nahe, 
die andere dominierende Hörfarbe zu untersuchen, nämlich die 
Doppelverbindung e = gelb und 3 = gelb. 

Die erste Sitzung ergab, wie oben bemerkt, ein mageres 
Resultat. Es lautet: [3] Die Zahl gleicht einem umgekehrten C , ein 
f im Spiegel. Meine <einzige, etwa zwei Jahre jüngere) Schwester 
heißt Edith. Als ich etwa 6 bis 7 Jahre alt war, wurde sie als 
Prinzeßchen mit goldener Krone und gelbem Kleid porträtiert. Auch 
der Hintergrund des reizenden Bildes enthält viel gelb <Ich fand 
diese Angaben bestätigt). Dieses Ölgemälde machte mich furchtbar 
neidisch. Gelb ist die Farbe des Neides. 

Weiteres war zur Stunde nicht herauszubringen. Wir gewannen 
somit die wertvolle Andeutung eines Schwesterkomplexes, aber 
keinen Aufschluß über die genauere Determination der Hörfarbe. 
Die Synästhesie hörte denn auch nach der Analyse nicht auf. 

Anderthalb Jahre später, als die Verwechslung das Interesse 
nach der Analyse verstärkt hatte, kam in unmittelbarem Anschluß 
an die Exploration der Synopsieen a = blau und z = violettblau die 
Verbindung e = gelb nochmals zur Sprache. Diesmal schoben keine 
Widerstände mehr den Riegel vor. [Schreiben Sie 3!] ^. [Stellen Sie 
sich diese Figur vor!] »Sie erinnert an ein Lippenpaar, neben dem 
sich eine Lodke befindet. Oder auch an eine Remontoir^Uhr, deren 
Schalen ein wenig geöffnet sind. Oder an eine Fischangel.« 

Der Leser sieht sogleich, was damit ausgedrückt werden soll. 
Deudicher hätte dieses weibliche Gegenstück zur Zwetschge kaum 
symbolisiert werden können. Im Traum trifft man diese typischen 
oymbole bekanndich sehr oft. 

Auf Edith konstelliert, deutete Nannette nun eine Menge von 



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270 Dr. Oskar Pfister 



Erinnerungen aus der Kinderzeit an. Die beiden kleinen Mäddien 
hatten häufig gegenseitige Besichtigungen vorgenommen. 

Eine koprophile Determinante konnte idi nidit nadiweisen, 
halte sie aber nidit für ausgesdilossen*. 

Zur gelben Farbe gesellte sidi eine Wärmeempfindung. Sie 
dürfte eine wunsdigemäße Wiederholung der bei den einstigen Be- 
siditigungen verspürten Erregungen bilden. Übrigens weiß Nannette, 
daß die Malerei gelb zu den warmen, blau zu den kalten Farben 
redinet. Zu »gelb« assoziiert sie: »Feuer«, zu »blaue Farbe« nad» 
der Analyse: »Wasser, aber das ist ja nidit blau, sondern grün«. 

Die Erklärung dieser Synästhesie ist der früheren genau 
analog. E assoziiert klanglich Edith, die aber in doppelter Deter^ 
minierung, durch Neid und verdrängten Schautrieb, abgelehnt wird, 
wie im früheren Beispiel der Vater. Die gelbe Farbe tritt ein, um 
die Lust des Neides zu rechtfertigen und zu schüren,- das Gold- 
prinzeßdien beweist schlagend die Bevorzugung Ediths. Es ist aber 
audi anzunehmen, daß die Redensart : »Vor Neid gelb werden« 
nadiwirkt : Nannette projiziert ihren eigenen Neid nadi außen. 
Widitiger als beide Motive aber ist der Wunsdi, Edith als Sexual- 
objekt <vgl. die Zahl 3) bei s\d\ zu haben. So treffen, wie wir es 
so häufig beobachten, in demselben Symptom Liebe und Haß zu^ 
sammen. Wir verstehen nun audi, warum die Sexualsymbolik 
leiditer bei 3 als bei E hervorsprang : Die deutlidie Beziehung auf 
Edith rief den Widerstand der Inzestsdiranke hervor. Wäre der 
Sdiwesterkomplex stärker geworden und käme E in der mathe- 
matisdien Formel häufig vor, so hätte ganz ebenso gut eine Ver- 
wedislung von E und 3 sidi einnisten können, wie die von a und 2. 
— Von einigem Belang ist gewiß audi der betonte Vokal von 
Edith, der sidi in »gelb« ebenso wiederfindet, wie das a von »Papa« 
und »Vater« in »blau«. 

Wir stehen damit vor einer genügenden Reihe von Deter- 
minanten, infantilen und rezenten <Sdiwesterkomplex>, visuellen und 
auditiven, triebgemäßen und sublimierungsgemäßen, um unser psydio- 
logisdies Kausalitätsbcdürfnis für befriedigt erklären zu dürfen. Die 
Gesamtzahl aller mitwirkenden Faktoren ist selbstverständlidi über- 
haupt nie zu gewinnen, so wenig als bei Nadiweisung physisdier 
Ursädilidikeit. 

Ein kleines Nadispiel bestätigte unser Ergebnis. In der auf 
die Analyse folgenden Nadit fuhr Nannette, als es 3 Uhr sdilug, 
entsetzt <»mit gräßlidier Angst«) aus dem Sdilafe auf, sprang aus 
dem Bett und zündete das Lidit an, um in die Sdiule zu eilen. 

• Nach Bleuler und Lehmann zeigten von 51 Versuchspersonen 28 bei 
e gelb/ keine andere Farbe war durch mehr als 5 Personen in der Verknüpfung 
mit e vertreten <a. a. O. 23). Nach Claparedes Statistik dagegen war gelb mit c 
nicht so oft, wie mit o verbunden {38 gegen 42 Personen), vielleicht z. T. darum, 
weil die Vorstellung »gelb« im Französischen o aufweist (jaune) (Flournoy 67). 
Bei anderen Fällen fehlt jedoch die Koinzidenz von Farbe und Vokal der Be^' 
nennung. 



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Die Ursache der Farbenhegleitung etc. 271 

Da sah sie, wie spät es sei, und legte sich wieder hin, konnte aber 
nidit mehr einsdilafen. Deshalb versudite das intelligente Mäddien 
eine Autanalyse, die zwar den Komplex nidit heraussdiälte, aber 
dodi wertvolle Materialien zur Deutung gewann. 

Der erste Einfall mahnte an die tags zuvor vollzogene Ana* 
lyse der Farbenzahl 3. Sogleidi kam weiter in den Sinn, daß idi 
meine Explorandin starr angesehen haben soll. Des Ferneren be^ 
sann sidi Nannette darauf, daß sie nadi dem Besudi bei mir mit 
einer älteren Freundin über ihre Lieblingsmaler redete, und zwar 
mit etwas bösem Gewissen, da die Smulaufgaben drängten. Als 
Lieblingsmaler nannte sie Franz Stuck, von dem ihr ausgezeidmet 
gefalle das Gemälde »Satan« ,- das Bild heiße eigentlidi »Mephisto« 
<vergl. Künstler-Monographie von O. J. Bierbaum, Velhagen und 
Klasing, S. 24). Jetzt fiel dem Mäddien ein, daß idi in der Analyse 
so stediende Augen madite, wie Mephisto, und audi sonst ihm 
gleidie. Zu Mephisto gesellte sidi die Erinnerung an Faust und 
Gretdien. Mit letzterer empfand Nannette Mitleid. Plötzlidi überfiel 
sie heftiger Ekel vor dem Bett, so daß sie nidit länger liegen 
bleiben wollte und sidi nadi der Sdiule sehnte, um sidi zu vergessen. 

Seit diesem Erlebnis war das junge Mäddien allnäditlidi bis 
zur folgenden Sitzung^ beinahe eine Wodie lang, Sdilag 3 Uhr 
angstvoll aufgewadit. Einen ähnlidien Pavor nocturnus fand idi bei 
einem Analysanden von 35 Jahren. Er erwadit mit heftigem SdircAen 
an der Zahl 51. Draußen hört er den Sdilag der Kirdienuhr ver^ 
klingen und weiß, daß es 1 Uhr ist. Er erinnert sidi, diese Uhr 
gehe einige Sekunden hinter den übrigen Turmuhren nadi. Vor 
etlidien Tagen besudite er einen Kranken, der ihm erzählte, er 
lasse sein gebrodienes Bein trotz sdiwerer Leiden durdi Gewidite 
ausdehnen, denn er wolle kein Einundfünfziger <volkstümlidier Aus^ 
druA für Hinkende) werden. Der aus dem Sdilaf AufgesdireAte 
besinnt sidi weiter und findet : Letzter Tage wurde ihm erzählt, das 
37. Altersjahr sei für Frauen gefährlidi, weil da die erste Periode 
der Erotik zu Ende sei und die Liebe leidit erkalte,- bei den 
Männern sei es das 41. Jahr. Er erinnert sidi audi, dabei an seine 
eigene Ehe gedadit zu haben. Nun ist ihm seine Angst verstand- 
lidi : Die Turmuhren sdilugen die vier Viertelstunden ,• darauf folgte 
der Einuhrsdilag. Das hätte leidit 4 und 1, somit nadi dem be* 
kannten Traumgesetz 41 ergeben. Das Traumbewußtsein addiert 
aber die fünf ungleidien Schläge zu 5, setzte jedodi dann den 
letzten, tieferen Schlag nodi besonders dahinter. So entstand sein 
kurzer Traum von der Zahl 51. Als dann aber die benadibarte 
Turmuhr naditräglidi sidi ihrer Aufgabe entledigte, konnte infolge 
der unterdessen wadigewordenen Kritik der Einunrschlag nidit mehr 
zu den Viertelsdilägen addiert werden. Somit wäre die gefürditete, 
erotisch verhängnisvolle Zahl 41 entstanden. Dem entgeht der 
Sdiläfer durdi seine Flucht ins Wadibewußtsein, sein sdireckhaftes 
Erwadien. 



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272 Dr. Oskar Pfister 



Die gemeinsame Sitzung beriditete, daß Nannette seit der 
letzten Besprediung die Zahl 3 als unangenehm empfinde. Das Bild 
des Mephisto sei ihr sdion lange sehr lieb gewesen. Wir verstehen 
nun: In der vorangehenden Unterredung war die homosexuelle 
Komponente aus ihrer Verdrängung befreit und bewußt zurück^ 
getrieben worden. Ferner hatte idi vor ungesunder Übertragung 
auf den Bruder und veräditlidier, daher unmoralisdier Einsdiätzung 
der Ehe in sdionender Weise gewarnt. Dafür werde idi nun zum 
satanisdien Verführer gestempelt <statt »Mephisto« soll das Bild 
heißen »Satan«), und die Aufmerksamkeit des Analytikers ersdieint 
als durdibohrender BliA. Die Übertragung auf den Explorator wird 
audi damit ausgedrüd^t, daß er dem Lieblingsmaler otuck im Ge^ 
sidite ähneln soll. Damit wird Mephisto aber nur desto gefähr- 
lidier, wenn er audi Gretdien einem andern zuführt und sich nidit 
selbst vergreift. In der Stellung zu Mephisto sieht man wieder 
Liebe und Haß vereint, wie in derjenigen zu Edith. Während aber 
in dieser homosexuellen Beziehung untersdiwellig der Haß vor* 
herrscht, sdieint in der heterosexuellen Übertragung die Liebe zu 
dominieren. Mit Mephisto werde ich übrigens von deutschen 
Analysanden wegen meines Namens <Pfister, — phisto) oft identifiziert. 

Der 3'-Uhr^Sdilag regte somit den Sexualkomplex an, hatte 
sich dodi mit voller Klarheit herausgestellt, was 3 bedeutete <Lippen 
mit Locke, Remontoir^Uhr, Fisdiangel). Die Aufdeckung der homo* 
sexuellen libido, die Beseitigung coelibatärer Ideen, die Warnung 
vor der Bindung an Vater und Bruder mobilisierten die hetero* 
sexuelle Komponente und richteten sie auf den Analytiker. Da 
keine Abfuhr der intensiven Spannung entstand, mußte pavor 
nocturnus eintreten. Die Ablenkung auf die Scbule im Moment des 
Erwachens und nach der Autanalyse wird darum gewählt, weil 
während des gestrigen Gesprächs über Mephisto und vielleicht schon 
während der Analyse, wenn sieb die Widerstände regten, der 
Gedanke an die Sdiulaufgaben als möglicher Ausweg sidi ein* 
gestellt hatte. 

Man möge darauf achten, daß die beiden bevorzugten Syn^ 
ästhesieen, die wir nun zu erklären versuditen, in engen Beziehungen 
zu einander stehen. Die erste <a = blau) geht aus der Verdrängung 
der heterosexuellen, die zweite <e = gelb) aus der Verdrängung der 
homosexuellen Komponente hervor. Beide gehören jedoch zusammen. 
Ich weiß nicht bestimmt, ob dieser Sachverhalt in einer graphischen 
Eigentümlichkeit zum Ausdruck kommt: Nannette schreibt nämlich 
Qj so, daß es von redits gelesen ein E, von links gesehen ein 3 
ergibt. Ebenso ergibt die Zahl ^ vow redits betraditet das a, wie 
Nannette es sdireibt. 

Beiden Synästhesieen ist gemeinsam, daß sie mit einer Fludit 
in die Mathematik verbunden sind, bei a durch die Verwechslung 
mit 2, bei E durch die Umdrehung ins Spiegelbild 3. Die Flucht in 
die Mathematik oder Astronomie oder Briefmarkenspielerei oder 



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Die Ursache der Farbenbegleitung etc. 273 



— o grausame Nemesis ! — in die experimentelle Psydiologie treffen 
wir sehr oft bei Personen, denen die Krotik, die w irklidikeit über* 
haupt und besonders das Seelenleben verekelt worden sind. So 
repräsentiert die Synopsie ein Sehen, um nidit denken zu müssen, 
sie ist ein Ventil für libidinöse Stauungen, eine 
indirekte Betätigung des Sdiautriebes. Nannettes Lieb- 
haberei für Malerei hängt mit ihren Synopsieen eng zusammen, 
was sdion aus der oft merkwürdigen Wahl der Farben deutlidi 
hervorgeht. 

Endlidi führt mich die Zusammenstellung der beiden Syn- 
ästhesieen bei a und e auf eine letzte Determinante, die idi zur 
Zeit anzugeben habe, a, der Induktor des männlidien erotisdien 
Objektes, verbindet sidi mit der Zahl 2,- e, der Provokator des 
weiblidien Objektes, mit 3. Die Familie besteht aber audi aus zwei 
männlidien und drei weiblidien Personen — eine neue Bestätigung 
unserer Analyse. 

Die Wirkung der Analyse war eklatant: Synopsieen, Ver^ 
wedislung und pavor nocturnus blieben vom Tag ihrer Ergründung 
an definitiv versdiwunden. Dies bestärkt uns, wenn es nodi nötig 
wäre, in der Gewißheit, daß die analysierten Phänomene neurotisdier 
Art waren. 

Leider konnten andere Untersudiungen über Nannettes Syn* 
ästhesieen aus äußeren Gründen nidit stattfinden. 

Sind nun aber alle Synästhesieen so zu erklären? Idi bin 
nidit befugt, es zu behaupten. Dafür spridit, daß alle von mir bis- 
her untersuditen Fälle — es sind ihrer rreilidi nidit gar so viele — 
den vorgewiesenen Medianismus verrieten, und daß alle übrigen 
Erklärungsversudie fehlsdilagen, indem sie die Hauptsadie, den Sinn 
und die biologisdie Bedeutung der Synästhesie, in vollständiges 
Dunkel gehüllt lassen, während die psydianalytisdie Interpretation, 
wo immer sie angewandt wurde, die fra;^lidien Ersdieinungen gleidi 
dem Traum, der hysterisdien Manifestation, dem Zwangssymptom 
usw. als wohl begründete, sinnvolle, das Bewußtsein stützende 
Komplexfunktionen bis ins Einzelne verstellen lehrte. 

Vielleidit wendet man ein: Es ist dodi nidit denkbar, daß ein 
so häufiges Symptom, wie die Synästhesie neurotisdien Charakter 
trage. IdFi entgegne zunädist: Neurotisdi — man kann das sdired^^ 
lidie Wort leider nodi immer nidit entbehren —' heißt keineswegs 
)athologisdi. Selbstverständlidi können audi kerngesunde Mensdien 
?hotismen und Phonismen oder andere sekundäre Ersdieinungen 
laben. Erst wo diese als lästiger Zwang empfunden werden, werden 
wir von einem krankhaften Zustand reden.* 

Ferner ist zu berüd^siditigen, daß ähnlidie, aber wohl eher als 



• Herr Professor Dr. Bleuler teilt mir auf Befragen freundlichst mit, daß er 
mit den Titel seines mit Lehmann herausgegebenen Büdileins »Zwangsmäßige 
Lichtempfindungen« von Anfang an nicht ganz einverstanden war. 



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274 Dr. Oskar Pfister 



neurotisdi zugegebene Phänomene, wie die Synästhesieen, tatsädi^ 
lidi ebenso oft, ja nodi öfter als sie vorkommen. Hier der Beweis: 

In zwei meiner Klassen am zürdierisdien Lehrerseminar in 
Küsnadit, deren eine aus sieben Mäddien und 21 Jünglingen, die 
andere aus 27 Jünglingen, lauter ansdieinend gesunden, kräftigen 
Individuen im Alter von 18 bis 19 Jahren bestand, fanden sidi 
auditions colorees bei 20 Sdiülern, also eine viel höhere Zahl, als 
Bleuler und Flournoy für den Durdisdmitt annehmen. 

Erheblidi häufiger fand sidi ein hödist buntes Gehzeremoniell, 
von dessen zahllosen Variationen idi nur die Rüd^sidit auf die 
Grenzlinie zweier Rinnsteine <am Rande des Bürgersteiges auf 
gleidier Höhe mit ihm) hervorhebe. Idi konstatierte: 

a) Obsedierendes Vermeiden der Linie bei 18 Zöglingen, 

b) Zwangsmäßiges Berühren der Linie bei 7 Zöglingen, 

c) Beides alternierend bei 2 Zöglingen, 

somit ein entsdiieden neurotisdies, ob audi meistens nidit geradezu 
krankhaftes Zeremoniell bei 27 von 55 Sdiülern. (Unter den 16 An^ 
gehörigen einer Mittelsdiulklasse für Fünfzehnjährige wollten sogar 
13 diese Gewohnheiten geteilt haben.) Die meisten hatten die 
Zeremonie ohne Kunsthilfe spontan überwunden. 

Hinzu kommen massenhaft andere Zeremonien beim Gehen, 
z. B. Antreten mit dem rediten oder linken Fuß an der und der 
Stelle, Zählen beim Gehen <io Seminaristen von 55), obsedierende 
Melodien, Spredien sinnloser Silben <vergl. Glossolalie und Kryp^ 
tolalie), Intoleranz gegen Berühren von Kreide, Dejä vu's*, Brief- 
angst (vermeintlidies Vergessen der Adresse oder Frankatur) und 
eine Menge anderer neurotisdier Ersdieinungen, um die sidi die 
Pädagogik leider nidit kümmert, so enorm widitig sie für die Seelen^ 
kenntnis und Erziehung der jungen Leute sind**. Die meisten dieser 
Phänomene sind uns Analytikern wohl bekannt, wir braditen ihre 
Enträtselung als Beute von unsern Streifzügen heim***. 

Wenn nun entsdiieden neurotisdie, ob audi harmlose Symptome 
so häufig vorkommen, warum sollte die Frequenz der Synästhesieen 
gegen ihren neurotisdien Charakter spredien? Meine Untersudiungen 
bereditigen indessen nur zu dem SAluß, daß viele auditions 
colorees und ähnliAe Ersdieinungen als Verdrängungsfolgen zu 
verstehen seien. 



In der vorhin erwähnten MittelsAuIklasse erinnerten sidi sieben Sdiüler 
an Dejä vu. 

Zu den widitigsten Gegenständen dieser Art gehören die in der Puber* 
tätsentwidilung überaus häufigen Gehcimsdiriften und Geheimspradien. In einer 
Gesellsdiaft von 11 Psydiiatern fand idi fünf einstige Besitzer von Geheimsdiriften 
und vier frühere Geheimredner. Welrficr Analytiker besdienkt uns mit 
einer Untersuchung über die Zeremonien der Kinder? 

••* Natürlidi kann in einem Seminar aus pädagogisdien Gründen an eine 
Analyse soldier Tatsadien nidit gedadit werden. Halbe Aufklärung wirkt leidit 
sdiädliA, halbe Analyse erst redit. Nur bei kranken Sdiülern halte idi vorsiditige 
Analyse für angezeigt, ja unter Umständen durdiaus nötig. 



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Die Ursache der Farbenbegleitung etc. 275 

Daß man von kalten und warmen Farben spricht, mag teiU 
weise von Verdrängung herrühren — idi weiß es nidit. Sidier aber 
hängen die sekundären Farbenempfindungen von der Spradie ab, 
wie sdion die Vergleichung der von Bleuler und Lehmann im 
deutsdien, vonClaparedeim französisdien Spradigebiet vorgenommenen 
Enqueten über die Begleitfarben der Vokale nadiweist. 

Wenn audi die von mir angegebenen Determinanten volU 
ständig ausreidien, die untersuditen oynästhesieen zu reditfertigen, 
so kann idi dodi nidit leugnen, daß nodi andere Faktoren mit- 
wirken moditen. 

Idi hoffe somit, daß es mir gelungen sei, im Verständnis der 
sekundären Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen auf 
psydianalytisdiem Wege ein gutes Stüdk vorwärts zu kommen 
und den SAleier von einer lange und lästig empfundenen Crux 
der Psydiologie beträditlidi zurückzusdiieben. Mandie Einzelheiten 
werden nod\ zu ergründen sein. \d\ bin jedodi gewiß, daß Freuds 
Tiefenforsdiung, die sdion so mandies bisher für unlöslich gehaltene 
Rätsel der Seelenkunde gelöst hat, audh die übrig gebliebenen 
Dunkelheiten aufhellen wird. 




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276 Dr. S. Ferenczi 



Symbolische Darstellung des Lust= und Realitäts^ 
Prinzips im Ödipus^Mythos. 

<Gedeutet durch Schopenhauer.) 
Von Dr. S. FERENCZI Budapest. 

Jedes Werk hat seinen Ursprung in einem glücklichen Einfall, und 
dieser gibt die Wollust der Konzeption; die Geburt aber, die 
Ausführung ist, wenigstens bei mir, nicfit ohne Pein: denn als^ 
dann stehe idi vor meinem eigenen Geist: wie ein unerbittlicher 
Riditer vor einem Gefangenen, der auf der Folter liegt, und lasse 
ihn antworten, bis nichts mehr zu fragen übrig ist. Einzig aus dem 
Mangel an jener Redlicfikeit sdieinen mir fast alle Irrtümer und 
unsäglichen Verkehrtheiten entsprungen zu sein, davon die Theorien 
und Philosophien so voll sind. Man fand die Wahrheit nicht, bloß 
darum, daß man sie nicht suchte, sondern statt ihrer immer nur 
irgendeine vorgefaßte Meinung wiederzufinden beabsichtigte, oder 
wenigstens eine Lieblin^i^sidee durchaus nicht verletzen wollte, zu 
diesem Zwecke aber Winkelzüge gegen andere und sich selbst an- 
wenden mußte. Der Mut, keine Frage auf dem Herzen 
zu behalten, ist es, der den Philosophen macht. 
Dieser muß dem Ödipus des Sophokles gleichen, 
de r, A u f kl är u ng über sein eigenes schreckliches 
Schicksal suchend, r as 1 1 o s w e i t er forscht, selbst 
wenn er schon ahndet, daß sich aus den Antworten 
das Entsetzlichste für ihn ergeben wird. Aber da 
tragen die meisten die Jokaste in sich, welche den 
Ödipus um aller Götter willen bittet, nicht weiter 
zu forschen: und sie gaben ihr nach, und darum 
steht es auch mit der Philosophie noch immer 
wie es steht.* Wie Odin am Höllentor ciie alte Seherin in ihrem 
Grabe immer weiter ausfragt, ihres Sträubens und Weigerns und 
Bittens um Ruhe ohngeachtet, so muß der Philosoph unerbittlich sich 
selbst ausfragen. Dieser philosophische Mut aber, der eins ist mit 
der Treue und Redlichkeit des Forschens, die Sie mir zuerkennen, 
entspringt nicht aus der Reflexion, läßt sich nicht durch Vorsätze 
erzwingen, sondern ist angeborene Richtung des Geistes . . . « 

[Aus einem Briefe Schopenhauers an Goethe, nach 
Übersendung des Manuskripts »Über das Sehen und die Farben«,, 
datiert vom ii. November 1815.] 

Die tiefe und gedrängte Weisheit dieser Sätze verdient etwas 
auseinandergelegt und mit den Ergebnissen der Psychoanalyse zu- 
sammengehalten zu werden. 

Was Schopenhauer über die zur wissenschaftlichen <philosophi^ 
sehen) Produktion erforderliche psychische Einstellung sagt, klingt wie 

• Vom Ref. gesperrt. 



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SymbolisAc Darstellung des Lust^ und Realitätsprinzips etc. 277 

die Anwendung der Freud sdien Formel über die Prinzipien des 
psychisdien Geschehens* auf die Wissensdiaftslehre. Freud untere 
sdieidet zwei solcher Prinzipien: Das Lustprinzip, das bei 
primitiven Wesen (Tieren, Kindern, Wilden) sowie in primitiveren 
seelischen Zuständen <in Traum, Witz, Phantasie, Neurose, Psychose) 
die führende Rolle spielt und Vorgänge Zustandekommen läßt, die 
nur danach streben, auf dem kürzesten Wege Lust zu gewinnen, 
während sich die psychische Tätigkeit von solchen Akten, welche 
Unlust erzeugen könnten, zurückzieht (Verdrängung). Sodann 
das Realitätsprinzip, das eine höhere Entwicklung und Wach- 
sein des psychischen Apparates voraussetzt und dadurch charakteri- 
siert ist, daß »an Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der 
auftauchenden Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung 
ausschloß, die unparteiische Urteilsfällung tritt, welche entscheiden 
soll, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, das heißt im 
Einklang mit der Realität sei oder nicht, und durch Vergleichung 
mit den Erinnerungsspuren der Realität darüber entscheidet.« 

Nur eine Art der Denktätigkeit bleibt auch nach Einsetzung des 
höheren Prinzips von der Realitätsprüfung frei gehalten und allein 
dem Lustprinzip unter^'orfen : das Phantasieren, während die 
Überwindung des Lustprinzips am gründlichsten der Wissen- 
schaft gelingt ^'^. 

Die eingangs zitierte Ansicht Schopenhauers über die zur 
wissenschaftlichen Tätigkeit erforderliche Geistesverfassung würde 
also in Freuds Terminologie umgegossen etwa so lauten: der 
Gelehrte darf <und soll) seine Phantasie spielen lassen, um so die 
»Wollust der Konzeption^< genießen zu können — (neue Einfälle 
sind eben auf andere Art nicht zu haben '■^^) aber damit aus den 
phantastischen Einfällen Wissenschaft wird, müssen diese erst einer 
mühevollen Realitätsprüfung unterworfen werden. 

Schopenhauer hat es mit Scharfblick erkannt, daß die größten 
Widerstände, die sich selbst beim Gelehrten gegen die vorurteilslose 
Prüfung der Realität erheben, nicht verstandesmäßiger, sondern affek*^ 
tiver Natur sind. Auch der Gelehrte hat menschliche Schwächen und 
Leidenschaften: Eitelkeit, Eifersucht, moralische und religiöse Partei^ 
Stellung wollen ihn blind machen einer Wahrheit gegenüber, die ihm 
unangenehm ist, und allzu geneigt, einen Irrtum, der in sein persön- 
liches System paßt, für wahr zu halten. 

Die PsyÄoanalyse kann die Forderung Schopenhauers nur an 
einem einzigen Punkte vervollständigen. Sie fand, daß die inneren 
Widerstände in der frühesten Kindheit fixiert und vollkommen unbe-^ 
wüßt sein können, verlangt also von jedem Psychologen, der an das 

• Jahrbuch für psychoanal. und psychopathol. Forschungen, III. Bd., S. i. 
•• Freud, I. c, S. 4. 

••• Siehe dazu AI fr. Robitschck »Symbolisches Denken in der chemisdien 
Forschung«, »Imago« {Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften), 1. Jahrgang, Heft 1. 

mago 13 18 



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278 Dr. S. Ferenczi 



Studium der Mensdienseele herantritt, zuvor seine eigene — ange^ 
borene und erworbene — seelisdie Verfassung bis in die tiefsten 
Sdiiditen und mit allen Hilfsmitteln der analytisdien Tedinik zu 
durdiforsdien. 

Unbewußte Affekte können aber nidit nur in der Psydiologie, 
sondern audi in allen anderen Wissensdiaften die Wahrheit ver^ 
fälsdien/ die Forderung Sdiopenhauers müßten wir also so formu^ 
lieren: Jedermann, der wissensdiaftlidi arbeitet, sollte sidi zuerst einer 
methodisdien Psydioanalyse unterziehen. 

Die Vorteile, die der Wissensdiaft aus dieser vertieften Selbst^ 
erkenntnis der Gelehrten erwüdisen, liegen auf der Hand. Eine un^ 
geheure Menge von Arbeitskraft, die jetzt auf infantil anmutende 
Streitigkeiten und Prioritätskämpfe vergeudet wird, könnte in den 
Dienst ernsterer Zwecke gestellt werden. Die Gefahr, daß man 
»Eigentümlidikeiten seiner Person als allgemeingültige Theorie in die 
Wissensdiaft hinausprojiziert« <Freud*'>, würde viel geringer. Audi 
die feindselige Tendenz, mit der audi heutzutage neue, ungewohnte 
Ideen oder wissensdiaftlidie Vorsdiläge unbekannter, durdi keine 
Autorität gestützter Persönlidikeiten empfangen werden, könnte 
einer vorurteilsfreieren Realitätsprüfung weidien. Idi stehe nidit an, 
zu behaupten, daß durdi die Einhaltung dieser Maßregel der Selbst^ 
analyse die Entwid^Iung der Wissensdiaften, heute eine endlose 
Kette von kräftevergeudenden Revolutionen und Reaktionen, einen 
viel ruhigeren und dodi ersprießlidieren, wohl audi besdileunigteren 
Gang nehmen könnte. 

Es ist nun durdiaus kein Zufall, daß Sdiopenhauer, als er die 
riditige psydiisdie Einstellung des Gelehrten bei der geistigen Pro^ 
ciuktion und die inneren Widerstände, die sidi gegen diese riditige 
Arbeitsweise erheben, durdb ein Bild verdeudidien wollte, sofort der 
Ödipus^Mythus eingefallen ist. Wäre er -- wie wir Analytiker — 
von der strengen Determiniertheit und Determinierbarkeit 
jedes psydiisdien Aktes überzeugt gewesen, so hätte ihn dieser Ein^ 
fall zum Nadidenken anregen müssen. Uns, die wir uns im glüd\^ 
lidicn Besitze der Freudsdien Psydiologie befinden <weldie wie ein 
q^eistiger Dietridi so mandies bisher für unaufsdiließbar gehaltene 
Sdiloß mit Leiditij^kcir öffnet), fällt es gar nidit sdiwer, dieses Stüd 
Analyse nadizuholcn. Dieser Einfall Sdiopenhauers deutet an, es sei 
ihm unbewußt gegenwärtig gewesen, daß von allen inneren Wider^ 
ständen der Widerstand gegen die infantile Fixierung an feindselige 
Tendenzen dem Vater — und an inzestuöse der Mutter gegenüber 
die aKerbedeutsamsten sind. 

Diese durdi die kulturelle Erziehung der Rasse und des EinzcU 
Wesens für das Bewußtsein hödist unlustvoll gewordenen, daher ver^ 
drängten Tendenzen ziehen eine große Menge anderer, mit diesen 
Komplexen assoziierter Vorstellungen und Tendenzen mit sidi in die 

• Freud, Ratscfiläge für den Arzt bei der psyAoanalytiscfien Behandlung. 
(Zentralbl. f Psychoanalyse, II. Jahrg.). 



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Symbolische Darstellung des Lust* und Realitätsprinzips etc. 279 

Verdrängung und sdialten sie aus dem freien Gedankenverkehre aus 
oder lassen sie zumindest nidit mehr mit wissensdiaftlidier Sadi^ 
lidikeit behandeln. 

Der »Ödipus^Komplex« ist nidit nur der Kernkomplex der 
Neurose <Freud>/ die Art der Stellungnahme zu ihm bestimmt audi 
die wiAtigsten Charakterzüge der normalen Mensdien und z. T. audi 
die größere oder geringere Objektivität eines Gelehrten, Ein Mann 
der w issensdiaft, den die Inzestsdiranke daran hindert, die in ihm 
etwa audi Blutverwandten gegenüber aufkeimenden Liebes- und 
unehrerbietigen Neigungen sidi einzugestehen, wird — um die Ver^ 
drängung dieser Neigungen zu sidiern — audi die Taten, Werke 
und Gedanken anderer als elterlidier Autoritäten nidit mit der von 
der Wissensdiaft geforderten Unparteilidikeit auf ihre Realität 
prüfen wollen und können. 

Den unbewußten Gefühls* und Gedanken i n h a 1 1, der sidi 
hinter dem Wortlaut des ödipus^Mythos versted^t, konnte also selbst 
der sonst so sdiarfblid^ende Sdiopenhauer nidit enträtseln. Er — wie 
die ganze Kulturmensdiheit bis Freud — übersah, daß dieser 
Mythos eine entstellte Wunsdiphantasie ist, die Projektion ver* 
drängter Wunsdiregungen (Vaterhaß, Mutterliebe) mit verändertem 
Lustvorzeidien (Absdieu, Grausen) auf eine äußere Madit, das 
»SdiiAsal«, Diese Rekonstruktion des eigentlidien Sinnes des Mythos, 
die Deutung desselben als »materialen Phänomens« <Silberer) 
lag also dem Philosophen ferne. Er stand ja selber — ' wie idi 
glaube — beim Sdireiben dieses Briefes gerade unter der Herrsdiaft 
von Affekten, die ihm diese Einsidit verwehrt hätten. 

Der aktuelle Anlaß, der Sdiopenhauer gerade den Vergleidi 
seiner selbst mit Ödipus wählen ließ, läßt sidi nämlidi aus den 
übrigen Teilen des Briefes erraten. Der verkannt gewesene Philosoph 
sieht sidi zum ersten Male von einem Manne von der Größe und 
vom Ansehen Goethes anerkannt. Er antwortet ihm in Ausdrüd^en 
der Dankbarkeit, wie wir sie vom stolzen, selbstbewußten Sdiopen^ 
hauer nidit gewohnt sind. »Ew. Exzellenz haben mir durdi Ihr 
gütiges Sdireiben eine große Freude gemadit, weil alles, was von 
Ihnen kommt, für midi von unsdiätzbarem Wert, ja mir ein Heilige 
tum ist. Überdies erhält Ihr Brief das Lob meiner Arbeit, und Ihr 
Beifall überwiegt in meiner Sdiätzung jeden anderen . . .« 

Das klingt förmlidi wie die enthusiastisdie Danksagung eines 
Mensdien an einen älteren angesehenen Mann, in dem er den lange 
gesuditen Gönner zu finden, d. h. den Vater wiederzufinden 
hofft. Nebst Gott, König und Nationalhelden sind eben audi Geistes^ 
heroen wie Goethe »revenants« des Vaters für zahllose Mensdien, 
die alle Gefühle der Dankbarkeit und Aditung, die sie einstmal 
ihrem leiblidien Vater zollten, auf diese übertragen. — Das Zitieren 
des Ödipus^Mythos nadiher könnte aber sehr wohl eine unbewußte 
Reaktion gegen diese -— vielleidit etwas zu übersdiwänglidi 
geratene —' Danksagung an den Vater sein, die die feinde 



18* 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



280 Dr. S. Fcrenczi 



seligen Tendenzen der im Grunde innerer ambivalenten Ge^ 
fühlseinstellung des Sohnes dem Vater gegenüber zu Worte kommen 
läßt. Dafür spridit audi, daß der Brief gegen den Sdiluß immer 
stolzer und selbstbewußter wird. Sdiopennauer bietet da Goethe 
an, sein Hauptwerk <Die Welt als Wille und Vorstellung) zu 
drucken und spridit nunmehr zu ihm wie zu seinesgleidien, hebt 
den ungewöhnlidien Wert seines Budies, die Eigentümlidikeit von 
dessen Inhalt, die Schönheit des Stils rühmend hervor und sdiließt 
mit einigen gesdiäftsmäßig kühlen, ja etwas sdiroffen Zeilen. »Ihre 
gefällige, ganz entsdiiedene Antwort erbitte idi mir ohne Aufsdiub, 
weil, falls Sie meinen Antrag nidit annehmen, idi jemanden, der 
nadi Leipzig geht, auftragen werde, mir dort auf der Messe einen 
Verleger zu sudien.« 

Vielleidit gerade mit Zuhilfenahme der von der materialen 
Bedeutung abgelenkten Aufmerksamkeit gelang es SAopenhauer in 
diesem Briefe, die selbst den Psydioanalytikern bislang entgangene 
funktionale Symbolik gewisser Einzelheiten des Ödipus* 
Mythos zu entziffern. 

P'unktionale Symbolphänomene nennt S i 1 b e r e r soldie in 
Träumen, Phantasien, Mythen etc. vorkommenden Bilder, in denen 
nicht das Inhaltliche des Denkens und Vorstellens, sondern die 
Funktionsweise der Psyche, z. B. deren Leichtigkeit, Be* 
schwerlichkeit. Gehemmtsein etc. indirekt dargestellt wird*. 

Wenn wir Sdiopenhauers Vergleidi gutheißen und ihn in die 
analytisdi^wissenschaftlidie Sprache übersetzen, so müssen wir sagen, 
daß die zwei Hauptpersonen der Sophokleischen Tragödie auch die 
zwei Prinzipien des psychischen Geschehens symbolisieren. Ödipus, 
der »Aufklärung über sein schreckliches Schicksal suchend, 
rastlos weiter forscht, selbst wenn er schon ahndet, daß sich aus 
den Antworten das Entsetzlichste für ihn ergeben wird,« stellt das 
Realitätsprinzip im Menschengeiste dar, das keine der auftauchen- 
den Vorstellungen, auch die LInlust erzeugenden nicht, zu ver- 
drängen gestattet, sondern alle gleichmäßig auf ihren Wahrheits^ 
gehaft zu prüfen gebietet. Jokaste, »welche den Ödipus um aller 
Götter willen bittet, nicht weiter zu forschen«, ist die Personifi- 
zierung des Lustprinzips, das, unbekümmert um objektive Wahrheit, 
nichts anderes will, als dem Ich Unlust zu ersparen, womöglich 
Lust zu gewinnen und das, um dieses Ziel zu erreichen, alle Vor^ 
Stellungen und Gedanken, die Unlust zu entbinden drohen, womög^ 
lieh ins Unbewußte verbannt. 

Durch die Deutung Schopenhauers und deren schlagende 



• Vgl. dazu S i 1 b e r e r s durchaus originelle und inhaltsreidie Arbeiten 
über Symbolik, besonders: »Beridit über eine Methode, gewisse symbolische Hallu* 
zinations^Ersdieinungen hervorzurufen«. <Jahrbudi f. Psychoanalyse, I. Band, 
2. Hälfte.) »Phantasie und Mythos.« (Jahrbuch, II. Band, z. Hälfte.) »Symbolik 
des Erwadiens etc.« (Jahrbudi, III. Band, 2. Hälfte.) »Über Symbolbildung « 
<Ibidem.) 



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Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips etc. 281 

analytische Bestätigung ermutigt, wage idi es, einen Schritt weiter 
zu gehen und die Frage aufzuwerfen, ob es denn reiner Zufall ist, 
daß im Ödipus^Mythos sowohl, als auch in der von unserem 
Philosophen gleichfalls zitierten Edda^Sage das Realitätsprinzip durch 
Männer <Ödipus, Wotan), das Lustprinzip durdi Weiber gokaste, 
Erda) dargestellt wird? Der Psychoanalytiker ist nicht gewohnt, vor-^ 
eilig beim »Zufälligen« Zuflucht zu nehmen, und wird eher geneigt 
sein, dem Griechen^ und Germanenvolke sowohl, als Sophokles und 
Schopenhauer die unbewußte Kenntnis von der psychischen B i* 
Sexualität eines jeden Menschen zuzumuten. Schopenhauer sagt 
ja geradezu, daß die meisten Menschen den Ödipus und die Jokastc 
in sich tragen. Nicht schlecht würde zu dieser Deutung stimmen, daß 
nach alltäglicher Erfahrung die Verdrängungsneigung, also das Lust^ 
prinzip tatsächlich beim Weibe, die Fähigkeit zu objektiver Urteils^ 
fällung und zum Ertragen schmerzlicher Einsichten, d. h. das 
Realitätsprinzip, im allgemeinen beim Manne vorherrscht. 

Der durch individualpsychologische Erfahrungen geschärfte Blick 
wird in der Tragödie des Sophokles gewiß noch zahlreiche bedeut- 
same Symbole entdecken und lösen können. Ich will nur noch auf 
zwei sehr auffallende hinweisen, beide von der Kategorie der 
»Somatischen Symbolphänomene« Silberers, in denen 
sich also körperliche Zustände widerspiegeln. Da ist gleich der Name 
des tragischen Helden Ödipus, der im Griechischen <ol^£co = schwellen, 
Tuou; = Fuß) Schwellfuß bedeutet. Diese anscheinend sinnlose, 
ja befremdende Namengebung verliert sofort diesen Charakter, wenn 
wir wissen, daß in Träumen und Witzen sowohl, als auch in der 
fetischistischen Verehrung des Fußes oder in der neurotischen Angst 
vor diesem Gliedmaß, ihm symbolisch die Bedeutung des männlichen 
Gliedes zukommt. 

Daß dieses Glied im Namen des Helden als geschwellt vor^ 
gestellt wird, wird durch dessen Erectilität genügend erklärt. Übrigens 
kann es uns nicht Wunder nehmen, daß der Mythos den Mensdhen, 
der die als ungeheuerlich, aber gewiß auch als übermenschlich ge^ 
dachte Leistung des Geschlechtsverkehrs mit der Mutter vollführte, 
ganz und gar mit einem Phallus identifizierte. 

Das andere somatische Symbolphänomen ist die S e 1 b s U 
b 1 e n d u n g des Ödipus zur Strafe seiner unbewußt begangenen 
Sünden. Der Tragöde gibt zwar die Erklärung für diese Strafe: 
»Was noch sollt' ich sehen«, »was ist mir noch Blickes, noch 
Wunsches wert«, läßt er den ödipus <nicht ganz unzweideutig) 
ausrufen. Gewisse psychoanalytische Erfahrungen aber, bei denen 
die Augen regelmäßig als Symbol der Geschlechtswerkzeuge ge^ 
deutet werden mußten, gestatten es, daß ich die Selbstblendung als 
Verschiebung der eigentlich gemeinten Selbstentmannung des 
ödipus, also der hier viel verständlicheren Talionstrafe deute. Auf die 
entsetzte Frage des Chors aber: » Wie vermochst du dein Gesicht — 
So auszulöschen? Welcher Gott empörte Dich,« antwortet der Held: 



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282 Dr. S. Fercnczi 



»Es war Phöbos, teurer Mann, Phöbos war's 
Der all dieses mir, dies Leid all vollbracht.« 

Also der Sonne, dem typischesten Vatersymbol*, durfte 
der Held nicht mehr in die Augen sehen, was eine zweite 
Determinante der Entstellung der Kastrationsstrafe zur Blendung 
abgegeben haben mag**. 

Haben wir uns einmal diese Deutungen zu eigen gemacht, 
so muß in uns die Verwunderung darüber aufsteigen, daß es 
der Volksseele gelungen sein soll, in diesem Mythus die — allerdings 
entstellte — Erkenntnis vom bedeutsamsten Inhalte, dem Kern* 
Komplexe des Unbewußten <d. h. dem Elternkomplex) mit der 
allgemeinsten und umfassendsten, zwar nur symbolisch ausge^ 
drüd^ten Formel des psychischen Geschehens zu verdichten. Unsere 
Verwunderung macht aber dem Verständnis Platz, wenn wir erst 
aus den grundlegenden mytho^psychologischen Arbeiten Otto 
Ranks die Arbeitsweise der dichtenden Volksseele erfassen gelernt 
haben. Rank zeigte uns an einem schönen Beispiele***, daß der 
einzelne Dichter »vermöge seiner eigenen Komplexbetonung zur 
Verdeuriichung und Unterstreichung gewisser Züge eines über^ 
lieferten Stoffes gelangt«, daß aber auch die sogenannten Volks-- 
Produktionen als das Werk zahlreicher oder zahlloser Einzel- 
individuen zu betrachten sind, die als Urheber, Fortpflanzer und 
Ausschmüd<er einer Überlieferung zu denken sind. »Nur geht hier« 
—' sagt Rank weiter — »die Erzählung durch eine Reihe, offenbar 
in ähnlicher Weise eingestellter Individualpsychen hindurch, von 
denen jede in der gleichen Richtung an der Hervorbringung der 
allgemein-^menschlichen Motive und der Abschleifung manches sie 
störenden Beiwerks oft generationenlang arbeitet«. 

Nach der doppelten Deutung des Ödipus^Mythos können wir 
uns den von Rank geschilderten Kristallisierungsprozeß unseres 
Mythos etwa so vorstellen : 

Bedeutsame aber unbewußte psychische Inhalte (Agressive 
Phantasien gegen den Vater, Libido zur Mutter mit Erectionsneigung, 
Angst, daß der Vater die sündhafte Absicht mit der Kastrations- 
strafe ahnden würde) verschafften sich, jeder für sich, indirekte 
symbolische Vertretungen im Bewußtsein aller Männer. Menschen 

• Freud, Nachtrag zur Analyse Scfirebers <Jahrbucfi f. Psychoanal. HI. Bd.). 
Dem praktisch geübten Psychoanalytiker werden diese Symboldeutungen 
sofort einleuchten, da er sie in seinen Traumanalysen ungezählte Male bestätigt 
finden kann. Während der Durchsicht dieser Arbeit erhielt ich aber von Herrn 
O. Rank die Mitteilung, daß die Riditigkcit sowohl der hier versuchten Deutung 
des Namens Ö d i p u s wie auch der sexualsymbolischen Erklärung der Selbst^ 
blendung sich auch aus vergleichend^mythologischen Studien mit Sicherheit 
ergibt. In seinem soeben erschienenen Werke »Das Inzestmotiv in 
Dichtung und Sage <VerI. von Deuticke, Wien, Leipzig 1912) werden diese 
Deutungen mit reichem Tatsachenmaterial belegt, das deren Annahme audh dem 
Nichtanalytiker ermöglicht. 

*** O. Rank »Der Sinn der Griselda-Fabel«. (Imago, Zeitschrift f. die 
Anwdg. der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. I. Jahrg , Heft i>. 



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Symbolische Darstellung des Lust» und Realitätsprinzips etc. 283 

mit besonderen schöpferischen Fähigkeiten, die Dichter, verliehen 
diesen universellen Symbolen Ausdruck. So dürften zunächst einzeln, 
von einander unabhängig, die mythischen Motive der Aussetzung 
durch die Eltern, des Sieges über den Vater, des unbewußten 
Verkehrs mit der Mutter, der Selbstblendung entstanden sein. Im 
Laufe der von Rank wahrscheinlich gemachten Wanderung der 
Mvthen durch unzählige dichterische Individualpsychen kam es 
seKundär zur Verdichtung der Einzelmotive zu einer größeren 
Einheit, die sich dann als dauerhaft erwies und die sich ziemlich 
gleichartig bei allen Völkern und zu allen Zeiten neu bildet*. 

Es ist aber wahrscheinlich, daß, wie in diesem, so auch in 
jedem anderen Mythos, ja vielleicht bei der geistigen Produktion 
überhaupt, der Tendenz, psychischen Inhalten Ausdruck zu ver^ 
leihen, auch die unbewußte Absicht parallelläuft, die bei der Be^ 
wältigung dieser Inhalte betätigte seelische Funktionsweise 
zur Darstellung zu bringen**. Erst diese letzte Verschmelzung ergäbe 
dann den fertigen Mythos, der, ohne an seil er Wirkung auf die 
Menschen je etwas einzubüßen, jahrhundertelang unverändert über* 
liefert wird. 

So der ödipus^Mythos, in dem nidit nur die tiefstverdrängten 
GefühU und Gedankenkomplexe des Menschen, sondern audi das 
Spiel der seelischen Kräfte bildlich dargestellt wird, die sich beim 
bewußten Bewältigenwollen solcher Inhalte, und zwar nach Ge- 
schlecht und Individualität verschieden, betätigen. 

Für die Richtigkeit dieser Deutung mögen einige Stellen der 
Tragödie selbst Zeugenschaft ablegen***: 

». . . ö d i p u s: Wie ? Muß der Mutter Bette mich nicht ängstigen? 

J o k a s t e : Was soll der Mensch doch fürchten, den das 

Ohngefähr 
Beherrscht und nirgencis klares Vorgefühl regiert? 
Er lebt am Besten leicht dahin, wie er's 

V er magf. 
Und du erschrick nicht vor der Mutter Brautgemach. 
Wohl viele schon der Menschen sah'n in Träumen sich 
Der Mutter zugelagert. Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt allein das Leben leicht.« 



• S. dazu: Rank, Mythos von der Geburt des Helden. <Sdiriften zur 
angew. Seelenkunde. V. Heft. Deuticke, Wien). 

•• S i 1 b e r e r, dem die Begriffsbestimmung der funktionalen Symbolik zu 
verdanken ist, zitiert eine lange Reihe von Mythen und Märchen, die sich in 
materielle und funktionale Symbolphänoniene auflösen lassen. (»Phantasie und 
Mythos«, Jahrbuch für Psychoanalyse, II. Band, 2. Heft). 

*** Sophokles. Übersetzt von G. Thudichum. (Leipzig. Reclam). 
t Die typographischen Hervorhebungen sind vom Ref. 



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284 Dr. S. Ferenczi 



»J o k a s t e <zu Ödipus, der, nadi der sdirecklidien Wahrheit 
forsdiend, den einzigen Zeugen des Frevels zu sidi be* 
sdieidet): 

. . . Merke nidit darauf und dem 
Was sie gesprodien, sinne nidit vergebens nadi. 

ödipus: Das sei mir ferne, daß nidit nadi diesen, mir 
Gebot'nen Zeidien, mein Gesdiledit enthüllen soll! 

J o k a s t e : Nein, bei den Göttern, so gewiß dein Leben dir 
Lieb ist, ergrün d' es nicht! — Genug ist meine 
Qual!« 

Jo käste: Und dennodi folg' mir! Tu' es nidit! Idi bitte didi. 
Ödipus: Idi folge nidit dir, eh' idi klar das alles weiß. 
Jo käste: Und wohl es meinend, nur das Beste rat' idi dir. 
ödipus: Dodi eben dieses Beste quält midi lange sdion. 
Jokaste: Unsel'ger, daß du nie erkenntest wer 

du bist. 

ödipus: Es breche, was da brechen mag,- ich 

aber will 
Auch wenn es klein ist, mein Geschlecht 
ergrü nde t sehen. 

Der Hirt <der mit der Tötung des neugeborenen ödipus 
betraut war, ihn aber seinerzeit aussetzen ließ): 
Weh' mir, nun soll idi sagen das Entsetzlidie ! 

Ö d pus: Und idi es hören. Dodi es muß gehöret sein! 

»Die Jokaste in uns«, wie Sdiopenhauer sagt, das Lustprinzip, 
wie wir es ausdrüAen, will also, daß der Mensdi »leidit dahinleben 
soll, wie er vermag«, daß er die Dinge, die ihn ängstigen, »für 
niditig adite« <unterdrüd^e>, z. B. Phantasien und Träumen vom 
Tode des Vaters und vom Gesdileditsverkehr mit der Mutter mit 
der oberflädilidisten Motivierung alle Bedeutsamkeit abspredie, auf 
unangenehme und gefährlidie Reden nidit adite, dem Ursprung der 
Dinge nidit nadigehe, besonders aber warnt es davor, daß der 
Mensdi erkenne, wer er ist. 

Das Realitätsprinzip aber, der ödipus in der Mensdienseele, 
läßt sich durdi die Lod\ungen der Lust nidit davon abhalten, audi 
der zunädist bitteren oder gar entsetzlidi wirkenden Wahrheit auf 
den Grund zu gehen, es sdiätzt nidits so gering, daß es einer 
Prüfung nidit wert wäre, es sdiämt sidi nidit, selbst in den aber-^ 
gläubisdien Vorhersagen und Träumen den wahren psydiologisdien 
Kern zu sudien, und lernt es ertragen, daß im Innersten der Seele 
aggressive und sexuelle Instinkte hausen, die selbst vor den Sdiranken 
nioit halt madien, die die Kultur zwisdien dem Sohne und seinen 
Eltern erriditet hat. 



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Vom wahren Wesen der Kinderseele. 285 



Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

In gewisser Art lernen wir 
mehr von den Kindern, als die 
Kinder von uns. Wer ein Auge 
hat, lernt hier den Men* 
sehen. Wenn die Sonne auf- 
geht, kann sie der Blick um- 
fassen. -^ Wer kann in sie 
sehen, wenn es hodi Mittag ist? 
Th. Hippel. 

Hat die vorliegende Zeitschrift es sidi zur Aufgabe gestellt, die Er* 
gebnissc der psycho^analytisdien Forschung auf alle Gebiete der Geistes- 
wissenscfiaften anzuwenden, um so Aufsdilüsse zu geben für manches 
psychische Geschehen, das bisher unerklärlich schien, so hieße es, auf halbem 
NX^ege stehen bleiben, wollte sie sich mit der Durchleuchtung des Seelen^ 
lebens des Erwachsenen begnügen. Die psycfio^analytische Therapie zeigt 
klar den Zusammenhang auf, der regelmäßig zwischen den Symptomen neu^ 
rotisdi Erkrankter und deren infantilen Erlebnissen statthat, ja wie gewisse 
Eindrücke aus der frühesten Kindheit geradezu bestimmend werden für 
spätere Krankheitserscheinungen. Aber diese Erinnerungsspuren aufzudecken 
und bis an ihre Wurzel zu verfolgen, ist eine mühevolle Arbeit, die vom 
Arzte wie vom Patienten unendliche Geduld erfordert. Die Tatsache dieser 
Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit, die sich dem Analytiker 
täglidi aufdrängt, legte die Vermutung nahe, daß auch für die Entwid^Iung 
des körperlich und geistig Gesunden ganz bestimmten Ereignissen in der 
Jugend infolge starker Gcfühlsbetontheit ein entscheidender Einfluß zu=r 
kommt. Die Erinnerung an solche Erlebnisse geht nicht selten im Laufe 
der Jahre verloren oder entbehrt zumindest jedes Zusammenhangs mit dem 
übrigen Gedächtnisschatze, aber ihr Eindruck wirkt nach in jenen kleinen 
Eigenheiten, von denen keiner frei ist und die geradezu das Individuum 
vom Genus unterscheiden. Welcher Art die infantilen Erlebnisse sind, denen 
eine so bedeutende Rolle für die Charakterbildung des Menschen zufällt, 
läßt sich durch die Beobachtung des Kindes ermitteln. Hiebei stehen uns 
zwei Wege zu Gebote: der eine, der Rückblick in die eigene Jugend, wie 
wir ihn die Dichter in ihren autobiographischen Werken gehen sehen, ist 
deshalb so schwierig, weil Eitelkeit und falsche Scham nicht selten die 
Erinnerung dort abbrechen lassen, wo sie der Selbstbeobachtung peinlich 
wird und Beschönigung der Wahrheit heischt. Der zweite weist uns auf 
die unermüdliche objektive Beobachtung der Kinder unserer Umgebung. 
Dieses Mittels haben sich die Psychologen von dem Augenblicke an be* 
dient, da man sich der großen Wichtigkeit der Entwicklung der kindlichen 
Seele für das spätere Leben bewußt geworden. Allein sie begnügen sich in 
der Regel nach wie vor, mit größter Genauigkeit aufzuzeichnen, wann die 
ersten Tränen des Kindes, wann das erste Lächeln sich gezeigt / sie führen 
gewissenhaft Buch über die zunehmende Tätigkeit der Sinnesorgane, über 
Erwerbung und Bereicherung dcj Wortschatzes, über Erinnerungsvermögen 
und Phantasietätigkeit; aber sie künden nichts davon, welch intensives 
Interesse das Kind seinem eigenen Körper und dessen Funktionen entgegen^r 
bringt, wie gerade hiefür die ersten Wortbildungen auftreten und wie die 
Phantasie ihre Flügel regt, wenn das Kind auf die Frage nach der Her- 



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286 Vom wahren Wesen der Kinderscele. 



kunft der Kinder gestoßen ist. So entbehren fast alle Schriften über die 
Kinderseele jenes Gebietes, das im realen Leben gerade den breitesten 
Raum beansprucht und das dem Kinde die Bezeichnung »aufgeweckt«, 
»frühreif« einträgt. Diese tiefsten Regungen der Kinderseele verraten sich 
der Außenwelt durch jene entzückenden Raketen des kindlichen Geistes, 
für die wir kein besser Wort kennen als »Kindermund«; sie sind die 
Offenbarungen des Genies, das in jedem Kinde wohnt, solange es noch 
keine Verdrängung kennt, solange ihm Rücksichtnahme und Verstellung 
ebenso fremd sind wie Scham und Ekel. Daß aber solche Gedanken wie 
leuchtende Fäden des Kindes ganzes Tagewerk, sein Spiel, durchziehen, 
können wir leicht erkennen, sobald wir uns nur Mühe geben, seinem 
Treiben weniger Einhalt zu tun, als dies gemeiniglich Gepflogenheit ist. In 
dem Spiel des Kindes spiegelt sich das Milieu, in dem es aufwächst, bald 
nur in zarten Umrissen, bald grotesk verzerrt durch die naive Auffassung 
der infantilen Psyche. Wie sich das Kind jedes Vorkommnisses in seiner 
Umgebung bemächtigt, wie seine Phantasie es ausschmückt, sein Gefühls*- 
leben dazu Stellung nimmt, das sollen in den vorliegenden Blättern Wort 
und Handlung des Kindes selbst erweisen. In diesen Aufzeichnungen möge 
die Kinderseele unverhüllt vor den Leser treten, daß er ihr wahres Wesen 
erschaue und begreife! 

Bei der Beobachtung der Reaktion des infantilen Geistes und Gemütes 
auf die Umwelt werden sich aber nicht nur wertvolle Beziehungen zum 
Seelenleben des erwachsenen Individuums ergeben, sondern auch zur Kind^ 
heit der Völkerseele, ihrer Vorstellung von Gott und Welt und ihrem 
Vermächtnisse an die Nachwelt, ihrern Märchen^r nnd Sagenschatz. 

Und noch einen Gewinn erhofl^en wir von dem in die Tiefe schürfen* 
den Studium der Kinderseele. Es soll dazu beitragen, den Vorwurf zu 
entkräften, der oft gegen die Psychoanalyse erhoben wird, sie trage künstlich und 
suggestiv Beziehungen in das psychische Geschehen, die dem Kinde, wenig» 
stens dem normalen, fremd seien. Die unentstellte Wiedergabe der Äuße* 
rungen der infantilen Seele wird die Unhaltbarkeit jener Einwände besser 
bezeugen, als die geistvollste Theorie es imstande ist. 

Und vielleicht wird auf diesen neuen Bahnen das Ziel erreicht, das 
vor mehr denn loo Jahren der schottische Philosoph Th. Reid in der Ein» 
leitung zu seiner Abhandlung »An incpjiry into the human mind on the 
principle of common sense« als das vornehmste aller philosophischen Be» 
trachtungen bezeichnet: ^Wenn es möglich wäre, von allem, was in der 
Seele des Kindes vor sich gegangen ist — vom Anfange seines Lebens 
und seiner Empfindungen bis zum Gebrauche seiner Vernunft eine klare 
und vollständige Geschichte zu erhalten, eine Geschichte, aus der wir er» 
fahren würden, wie unsere wachsenden Fähigkeiten tätig sind, wie sie alle 
Begriffe und alle Gefühle erzeugen und entwickeln, die wir im Alter der 
Reflexion vorfinden, so wäre das eine Errungenschaft für die Natur» 
geschichte, die wahrscheinlich mehr Licht über die Fähigkeiten des Menschen 
verbreiten würde, als alle Systeme der Philosophen, die je über diesen 
Gegenstand geschrieben haben.« Dr, H. v. Hug»Hellmuth. 



DAS KIND UND SEINE VORSTELLUNG VOM TODE. 
Es gibt in der Fülle der Erscheinungen des menschlichen Lebens 
keine, die nicht auch dem Kinde bedeutsam würde. Insbesondere sind An» 
fang und Ende des Lebens, Eintritt und Hingang des Einzelnen die nie 



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Vom wahren Wesen der Kinderseele. 287 



versiegende Quelle aller W i e und Warum des Kindes. Einmal bei dem 
ewigen Lebensrätse! angelangt, bleibt dieses im Spiel und Ernst das Ziel 
alles Forsdiens. Denn mit Leben und Tod verknüpfen sich ihm Liebe 
und Haß, Grausamkeit und Mitleid. Das kleine Kind, das 
lachend den Wurm zertreten hat, nimmt ihn mit behutsamen Fingern auf, 
um die zuckenden Glieder wieder zu vereinigen, und ist ehrlich betrübt, da sein 
Beginnen erfolglos bleibt. So stark ahnt das Kind die seelisdie Übermacht 
des Mensdien über jegliche andere Kreatur, daß es ohne weiteres sich selbst 
Macht über Leben und Tod zuschreibt. Ihm bedeutet Todsein einmal 
einen Sdilafzustand, aus dem geweAt zu werden, ein Leichtes ist, ein 
andermal ein Entferntsein, das zu ändern im Willen des Menschen liegt. 
Diese freundliche Auffassung des Todes stammt zum großen Teil aus den 
Märchen, die Schrecken und Grausamkeit stets durch ein glüAlidies Ende 
versöhnen; wird doch der Held oder die Heldin alsbald wieder wachgeküßt 
aus dem Tode von einer guten Fee, einem schwertbewaffneten Ritter, und 
Leid und Trauer wandeln sich in Hochzeitslust und Freude. Und wenn 
eine Märchengestalt nicht wieder aufersteht von blutigem Sterben, so sieht 
darin die kindliche Phantasie die gerechte Strafe für arge Missetaten/ daher 
der Schauer gewisser nervös veranlagter Kinder vor dem Tode, wenn sie 
sich eines Unrechts schuldig fühlen. Solche grüblerische Todesphantasien 
über die eigene Person scheinen im allgemeinen im zarten Kindesalter 
nicht allzu häufig aufzutreten und weisen wohl auf Keime einer Psycho-^ 
neurose hin; doch fehlt im Leben keines Kindes der Augenblick, da ihm 
eine Ahnung kommt, daß es von der allgemeinen Gesetzmäßigkeit von 
Leben und Sterben nicht ausgeschlossen ist. Lange aber bedeutet, sogar noch 
neben dieser Erkenntnis, der Tod kein Ende in tragischem Sinne, sondern 
bloß eine zeitweise vorübergehende Trennung. Und deshalb ist dem Kinde 
der Wunsch, eine Person, aus deren Anwesenhejt ihm Beschränkung seiner 
Freiheit oder eine Einbuße der Liebe Dritter droht, möge sterben, weder 
fremd noch ungeheuerlich. Als mein fünfjähriger Neffe Max erfuhr, der 
Hausbesorger, der Haus und Garten einer uns befreundeten Familie 
besorgte, sei gestorben, kam er mit dem Freudenrufe nach Hause: »Juchhu, 
der alte Brummbär ist gestorben; jetzt kann ich mit meinem Leiterwagen 
im Garten herumfahren, wie ich will!« Wie die eifersüchtige Regung, die 
Furcht, durch ein neugeborenes Geschwisterchen in der Liebe der Eltern 
verkürzt zu werden, in Ablehnung desselben und in Todeswünschen auf 
dieses sich ausdrückt, hat Freud in seiner Traumdeutung* in mehreren Bei^ 
spielen aufgezeigt. Das Kind kennt in diesem Alter noch keine altruistischen 
Gefühle, es kennt und lebt nur sich selbst, ohne daß uns diese egozen«' 
trische Lebensauffassung verletzen könnte; denn ihr fehlt die bewußte 
Absichtlichkeit des Egoismus der Erwachsenen. Weit peinlicher schon berührt 
es uns, wenn ein fast i4Jähriges Schulmädchen die Kunde vom Ableben 
ihrer Lehrerin und von der Beteiligung der Sdiuljugend an dem Leichen^ 
begängnisse mit den Worten entgegennimmt: *Bravo, das ist gescheit; da 
fahr' ich auch mit hinaus!« sind wir doch gewohnt, daß in diesem Alter 
die erziehlichen Einflüsse bereits tiefer Wurzel gefaßt haben. Gleichwohl 
sind solche Äußerungen mehr als Ausdruck jugendlicher Unüberlegtheit als 
sittlicher Roheit aufzufassen; am wenigsten aber haben sie mit Undankbar* 
keit etwas zu schaffen. Ein unverhofft schulfreier Nachmittag ist immer 
ein köstlicher Gewinn, mag der Anlaß auch ein trauriger sein. Der Er* 



• Traumdeutung. III. Aufl. pag. 182, 183. 



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288 Vom wahren Wesen der Kinderseele. 



wachscne legt nur zu gern den Maßstab, nach dem er Gesinnung und Tun 
der gereiften Menschen mißt, aucfi an das Wollen und Handeln der Jugend 
an. An dieser Einseitigkeit des Urteils scheitert das Verständnis für das 
infantile Geistes^ und Gemütsleben, sie macht jede Rückerinnerung an die 
eigene Kindheit unmöglich und deshalb stößt auch unter allen Problemen, 
welche die Freudsche Lehre behandelt, neben dem der kindlichen Inzest^ 
gedanken keines auf so erbitterte Abwehr seitens der Kranken und der 
Gesunden wie das der infantilen Todeswünsche gegen Eltern 
und andere dem Kinde nahestehende Personen. Obwohl Freud* 
in klaren Worten aufzeigt, wie weit die Auffassung des Kindes vom 
Begriffe des T o t s e i n s von der wahren Bedeutung entfernt ist, will 
weder Laie noch Fachmann dies anerkennen. Der Gedanke, wenn auch 
nur als unverständiges Kind gegen einen geliebten Menschen Todeswünsdie 
genährt zu haben, wirkt auf die meisten so unendlich peinlich, daß der 
Widerstand, der sich gegen eine solche Gedankenkette erhebt, jede Einsidit 
unmöglich macht. 

Umso erfreulicher mutet es einen daher an, bei einem Autor, dessen 
Buch keineswegs auf Freu dschen Lehren fußt, eine schöne Bestätigung 
dessen zu finden, wovon die Mehrheit nichts wissen will.E. und G. Scupin** 
verzeichnen in dem Tagebuch, das sie über die seelische Entwicklung ihres 
Söhnchens geschrieben, wertvolle Nota über das Verhältnis des 
Kindes zum Tode. Sie verschleiern nichts und verscfiweigen nichts, 
sie schildern das Kind mit all seinen liebenswürdigen Unarten und all den 
wunderlichen Einfällen, die nur in den ersten Lebensjahren in so erstaun* 
lieber Fülle produziert werden. 

Zum erstenmale stößt der kleine Ernst Wolfgang auf den Begriff 
Tod, als er im Alter von 3 Jahren, 6 Monaten von den Eltern zu einem 
Friedhofbesuch mitgenomn\en wird. Im Tagebuch findet sich hierüber 
folgende Stelle: 

*z. Nov. 1907. Auf den Kirchhof mitgenommen, zeigte Bubi auf 
die Gräber: ,Was sind denn das für Haufen?' Ihm wurde nun kurz 
erklärt, daß kranke Menschen manchmal sterben, d. h. nicht wieder erwachen 
und daß man sie hier unter Gras^ und Blumenhügel bette, damit sie ruhig 
schlafen könnten. Das interessierte den Jungen, an jedem Grabe hielt er 
still und fragte: ,Wer sdiläft denn dort und wer schläft dort?' Übrigens 
wollte er sich mit dem von uns Gesagten keineswegs zufrieden geben, 
Bubi glaubt nidu gern, er will sehen, und so bat er inständig, indem 
er auf ein Grab zeigte: ,Mama, Du kannst mal ausgraben, ja?« 

Einen Monat später, am 5. Dez., will der kleine Junge, der wegen 
des Anknabberns eines Brotlaibes eine »kleine Maus« gescholten worden, 
von dieser Bezeichnung durchaus nichts wissen, weil »die Maus in die 
Falle eingesperrt und tot ist«, 

»22. März 1908. Ganz plötzlich macfit sich das Kind Gedanken 
über Tod und Sterben. Es sagte : ,Und wenn wir tot sind, können wir 
da bloß so leise sprechen?' Hier flüstert es ganz leise einiges vor sich hin. 
Dann folgte die noch seltsamere Frage: ,Wenn man sterbt, werden da die 
Haare ausgerissen?' Sic erklärt sich aber daraus, daß das Kind häufig in 
der Küche zugesehen hat, wie totem Geflügel die Federn ausgerupft 
wurden, so daß es nun von der Behandlung toter Tiere auf die toter 
Menschen schloß.« Ich kann dem Ehepaar S. nicht beipflichten in der An* 



•• 



Freud, Traumdeutung. III. Aufl. pag. 183 ff. 

E. u. G. Scupin, Bubi im vierten bis sechsten Lebensjahre. 



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Vom wahren Wesen der Kindcrsecle. 289 

nähme, das Kind mache sich plötzlich Gedanken über Tod und Sterben. 
Offenbar hatte jener erste Friedhofsbesudi einen nachhaltigen Eindruck auf 
die aufnahmsfähige Kindesseele gemacht und sich mit all den früheren Er^ 
lebnissen in der Küche und dem täglichen Anblicke det ausgestopften Vögel 
in Vaters Studierzimmer <S, ist am Zoologischen Institut in Breslau 
beschäftigt) verwoben, bis schließlich das Kind seinen Gedanken Worte 
verlieh, 

*4. April. Für leidende Tiere hat der Knabe immer großes Mit* 
gefühl, also auch solchen gegenüber, die von den Menschen gegessen werden. 
Z. B. sah er auf dem Abendbrottisch einen Teller mit Kieler Sprotten; und 
auf sein Befragen wurde ihm in großen Zügen etwas vom Fange der 
Fische erzählt. Das Schicksal der Tiere ging ihm nun so zu Herzen, daß 
er in größter Erregung auf die bösen Männer schalt, die solch niedliche 
Fische gefangen hatten/ dabei entwickelte er eine recht grausame Phantasie: 
,Das sind aber unatjen Männer, wenn se die amen Fischerle so tot machen 
^ da hau' ich se aber und szersäg' se und schneiden Kopp ab und de 
Brust und de A<r>men und szersteÄ'n de Augen und die Stückeln schmeiß' 
\d^ ins Wasser, und da kommen die Swän < - Sdiwäne) und fressen se 
auf . . .' Schließlich bat er uns mit fast versagender Stimme, wir sollten 
doch ja nicht weiter Sprotten essen, damit die Fischlein wieder ,lebendem' 
<= lebendig) würden. Er glaubte wohl, daß sie, ins Wasser gesetzt, wieder 
weiter schwimmen würden, denn der Begriff ,tot' ist ihm noch 
unfaßlich, das ging auch aus folgender Begebenheit hervor: Er lief mit 
seinem Gewehr in der Wohnung umher und schoß alle und alles tot, zur 
Mutter abersagte er liebevoll: ,Ich schieß Dich bloßbissel 
tot, Mama, bloß bissei — da kannst Du bloß lamsam laufen.* 
Tot sein bedeutet also bei Bubi eine Herabminderung der 
Lebensfunktionen, also z. B. nicht mehr laufen und essen 
und nur noch ganz leise sprechen können.« (cf. 22. März 1908.) 
Durch die Bemerkung, daß Mama dann nur langsam laufen könne, drückt 
der Kleine wohl den Wunsch aus, größere Freiheit zu allerlei Schelmen* 
streichen zu erkaufen durch die verminderte Behendigkeit der Mutter, sobald 
sie ,ein bissei tot geschossen' ist. 

^4. Mai. Bubi hat eine kleine Fliege am Fenster zerdrückt und 
amüsierte sich höchlich darüber/ die Mutter erzählte ihm nun von der armen 
Fliegenmama, die nun ihr Kind tot auffinden und deshalb jammern werde. 
Bubi sagte dann mit erstickter Stimme ; ,Wenn noch ein kleines Fliegenkind 
kommt, da laß' ich's aber!' . . . Als er später einen stechenden Schmerz im 
Finger empfand, glaubte der kleine Fliegentöter in seinem Schuldbewußtsein, 
die Fliegenmama sei heimlich gekommen und habe ihm wehtun wollen, weil 
sie ihr Kind tot aufgefunden.* 

Die chronologische Reihenfolge unterbrechend, führe ich hier ein 
analoges Erlebnis aus Bubis sechstem Lebensjahre an: 

^28. Juni 1909. Bubi sah auf dem Fensterbrett eine tote Fliege 
liegen und machte uns darauf aufmerksam. Dieser Anblick reizte ihn wohl, 
ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, eine herumsurrende Fliege zu fangen 
und sie mit den Fingern so zu drücken, bis sie ebenso still da lag, wie die 
andere. Mit verlegener Miene und der Röte des Schuldbewußtseins auf den 
Wangen, sagte er uns, was er soeben getan hatte: er wurde gescholten und 
ermahnt, nie wieder ein Tier zu töten, das ihm nichts zuleide getan. Nach 
einer Weile zupfte er die Mutter heimlich am Armel, deutete auf die von ihm 
getötete Fliege, auf der jetzt zufällig eine winzig kleine Fliege herumkroch. 



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290 Vom wahren Wesen der Kindcrseele, 

und fragte mit vor Erregung fast versagender Stimme : ,Is das epwa 
< = etwa) das Kindelfliegc und weint das, weil es denkt, daß seine Mama tot 
is?' Die Mutter bejahte ernst, da umhalste sie Bubi heftig, drückte in plötz* 
lidier Zärth'chkeitsaufwallung sein Gesicht an das ihre und suchte seiner 
vorcpiellenden Tränen Herr zu werden. Das Schicksal des verwaisten 
Fh'egenkindes beschäftigte ihn noch lange; als die kleine Fliege sich dann 
auf die Nachbarscheibe begab, fragte er, ob sie jetzt den Fliegenpapa 
suchen ginge, oder ob der etwa auch schon tot tei, worüber wir ihm tröst- 
liche Auskunft gaben,* Diese beiden Erlebnisse zeigen, wie die gelegent^ 
liehen Todeswünsche gegen die Mutter zur unbewußten Quelle von Mitleid 
und Reue werden. 

»26. Juli 1908. Wie ahnungslos das Kind noch den Erscheinungen 
des Todes gegenübersteht, geht auch aus folgendem hervor : Bubi schoß mit 
seiner Holzpistole wieder einmal alles tot, und bei dem ^Xorte ,tot' fiel ihm 
wohl das Wort ,gestorben' ein, denn er sagte : ,Wenn wir wieder mal auf 
den Kirchhof gehen, da schieß ich die Leute alle tot, die im Grabe sind und 
gestorben sind; das wern se schon hören, wenn ich sie tot schieße, und das 
so'n Krach macht/ Bei dieser Gelegenheit wurde auch erwähnt, daß die 
Toten in ihrem Bett, dem Sarg, so fest schliefen, daß sie nie wieder auf* 
wachen können / Bubi fragte nun, ob Kinder, die tot seien, auch in so einer 
, Schachtel' lägen und fest schliefen, und — als wir bejahten: ,Können sie da 
auch rumrackern V Wenn Bubi nämlich morgens nicht mehr scfilafen will, 
pflegt er im Bett herumzurackern, und da glaubt er, wenn die toten Kinder 
einmal gerade nicht schliefen, würden sie auch in ihrem Bett Allotria treiben. 
Sehr ernst sagten wir ihm nun, das sei sehr schlimm; wenn ein Kind stürbe, 
dann wache es nicht mehr auf; und die Mutter weine sehr, weil sie kein 
Kind mehr habe. Bubi hörte aufseufzend zu, dieser Schluß befriedigte ihn 
gar nidu, endlich fand er eine glückliche Lösung, er rief: ,Nu, da können 
doch die Männer den Sand wegschaufeln und die Blümchen rausreißen vom 
Grab und das Bübchen wieder der Mama verkaufen, '— da hot sie doch 
wieder sein Kind !' Von der ganzen Todesidee war ihm ersichtlidi weitaus 
der Gedanke am unerträglichsten, daß ein Kind von seiner Mutter getrennt 
sein und diese weinen würde.« Zum erstenmale tritt hier eine deutliche Iden^ 
tifikation des Toten mit dem eigenen Ich auf, indem der kleine Junge spontan 
vom »Bübchen« spricht, das im Grabe liegt, während beim Tode des 
I^liegenkindes der Gedankengang zwar derselbe ist, sprachlich aber nicht zum 
Ausdruck kommt. 

Wie innig bei dem Kleinen die Todesphantasien mit einer starken 
sadistischen Neigung verknüpft sind, zeigen gleich den erwähnten Aufzeich* 
nungen vom 4. April neuerlich die vom 18. September: 

»j8. S e p t e m b e r. So sehr Bubi Blut am eigenen Körper fürchtet, 
so sehr liebt er es, blutige Dramen zu ersinnen; die meisten Kämpfe, die 
er in seiner Phantasie bald mit bösen Tieren, bald mit Männern ausficht, 
endigen damit, daß er den Feinden Wunden beibringt, aus denen ,viel großes 
Blut' herauskommt. Heute erregte er sich gegen die Paketfahrtbeamten, die; 
wie ihm scherzend gedroht worden war, alle herumliegenden Spielsachen 
eines Abends holen würden, um sie zu einem ordnungsliebenden Kinde 
hinzutragen. Statt nun aufzuräumen, rollte Bubi die Augen, fuchtelte wild 
mit den Armen in der Luft herum und drohte: ,Aber da schieß' ich sie 
mit meiner Schießpistole tot und schmeiß' sie an die Tür, und dann mach' 
ich die Tür schnell zu und da sind sie ganz zertwetscht und da kommt 
viel Blut'.« 



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Vom wahren Wesen der Kinderscele. 291 



♦ 27. S e p t e m b e r. Angesichts eines LeiAenzuges empörte sich der 
Knabe sehr über den Totengräber, der Erde auf den Sarg schaufeln würde. 
Diesem Mann mißt er offenbar die Schuld an dem Tode bei, und erst 
mit derHandlung des In*Die«Erde*Vergra b e n s verknüpft 
er die Idee vom wirklichen To d s e i n , denn das kann er jetzt 
schon vorstellen, daß tief unter der Erde ein Mensch nicht mehr atmen und 
leben könne. Sehr aufgebracht rief er: ,Die alten Gräbnisser (Totengräber) 
sollen nich immer so ein Grab schaufeln und die alten Leute reintun, da 
schmeiß' ich aber der Sand weg und die Blumen und laß die Leute 
wieder raus, und den alten Gräbnisser nehm' ich und 
s c h m e i ß'n ins Wasser. Und dann kriech' ich auf einer Leiter szum 
Himmel rauf und schaufle viel Eis in mein Eimerle, weißte, da oben is 
viel Eis, andermal is viel Eis vom Himmel gekommen (Erinnerung an ein 
kürzlich erlebtes Hagelwetter) und dann schütt ich das Eis dem bösen Mann 
auf'n Kopp, und da kriegt er Schnupfen und seine Nase wird blutig, alles 
blutig, und da is der Gräbnisser ganz tot, und ich schütt' noch 
mehr Eis, da wird er immer töter!'« Noch immer ist dem Kind »tot 
sein« ein steigerungsfähiger Begriff, ein Zustand, der gleich dem Schlafen 
beliebig unterbrochen werden kann. Gleichzeitig erscheint ihm das »Töten« 
als ein Strafmittel und Racheakt. Der gleichen Auffassung begegnen wir in 
der Notiz vom 

»25. N o V e m b e r. Das Mysterium des Todes flößt dem Knaben 
ein täglich wachsendes Interesse ein; die Vorstellung, daß der 
Mensch nach dem Tode nicht mehr fühlen und denken 
solle, ist ihm etwas ganz Unbegreifliches, die Frage : 
,Was sagt denn aber der Mann (beziehungsweise das Tier), weil er tot ist?' 
kehrt daher immer wieder. We il Bubi nun das mitunter so 
Grausame und Schmerzliche des Todes noch nicht 
begreift, geht er mit dem Wo rte ,sterben' und ,tot sein' 
sehr unbekümmert um. Das Gleiche wurde bei Lottchen (seiner 
um einige Monate älteren Cousine) beobachtet, diez. B. aus Ärger, 
daß ihr Vater sie zur Strafe für Eigensinn nicht zum 
Spaziergehen mitnahm, ihm wütend nachsah und sagte: 
, fetzt soll der Pa^pa sterben', natüriidi ohne eine Ahnur.g von 
der Bedeutung dieser Worte zu haben. Eine ähnliche unbewußte Gemüts- 
roheit beging Bubi heute, als er unwillig war, weil wir ins Theater gingen. 
Die Mutter fragte scherzend : ,Was würdest du sagen, wenn ich überhaupt 
nicht wieder käme?' Da erwiderte er, mit Tränen kämpfend: ,Nu, da 
wer' ich 'm Papa sagen, er soll mir eine andere gute Mama heiraten, die 
nidi immer fortlauft.' Die Mutter fragte betrübt, ob sie also eine böse 
Mama wäre. Da bereute Bubi auch schon seine Worte, und in der Ab:^ 
sieht, die Mutter zu trösten und alles wieder gut zu machen, verbesserte er 
sich : ,Nein, Mamale, weißte, bloß wennste gestorben bist, und ich bin noch 
nicht gestorben und der Papa noch nich, da soll der Papa mir eine andere 
Mama heiraten/ Auch von ,andcren Papas' hat Bubi schon wie von etwas 
Selbstverständlichem gesprochen. Man darf hierin nun keinesfalls eine Herz^ 
losigkeit des Kindes suchen, es hängt vielmehr mit größter Zärtlichkeit an 
seinen Eltern und weinte beispielsweise, als der Vater einmal drei Tage 
lang verreist war,- ist die Mutter einmal für wenige Stunden fortgewesen, 
dann nehmen die Liebkosungen kein Ende, das Kind umklammert sie und 
drückt sie viele Male stumm und heftig an sich.« Im weiteren spricht S. die 
Vermutung aus, die Eltern selbst seien an dieser scheinbaren Gemütsroheit 



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292 Vom wahren Wesen der Kindersccie. 

sdiuld, da sie bei gelegentlichem Ungehorsam ihres Söhnchens den Wunsch 
aussprachen, einen anderen Bubi zu holen und ihn wegzuschicken. Mag 
dies wohl auch mitwirken, so bleibt doch das Entscheidende für den in* 
fantilen Todeswunsch gegen die Eltern der Gedanke, durch ihre Abwesenheit 
der steten Aufsicht zu entrinnen, oder den Eltern zeigen zu wollen; *Wenn 
ihr mich so oft allein laßt, so mach' ich mir auch nichts aus euch!« Auf* 
fallend ist, daß der kleine Ernst Wolfgang, im Gegensatz zu andern Kindern, 
weit seltener gegen den Vater als gegen die Mutter Todesgedanken hegt. 
Wenn man aber bedenkt, daß gerade diese viel öfters Gelegenheit hat, 
hemmend in physisch oder psychisch ungeeignete Spiele des Kindes einzu* 
greifen, so kann es nicht wundernehmen, daß der Wunsch, ungestört zu 
sein, sich eben gegen sie richtet. 

Auch am 8. Dezember beschäftigt sich das Kind intensiv mit 
dem Tode bei der Betrachtung eines Bildes, auf dem ihm die Familie nicht 
vollständig erscheint <auf Grund der Wahrnehmung an der eigenen Familie). 
Alle fehlenden Personen sind für ihn gestorben,- wobei er immer wieder die 
Mitglieder seiner eigenen Familie nennt, die Großmutter, die Tante Olga etc. 
Schließlich vermengen sich ihm die Personen auf dem Bilde und die der 
Wirklichkeit derart, daß er plötzlich seine eigene Großmutter für gestorben 
erklärt. Wenige Tage später <i8. Dezember) überträgt er seine Todes* 
Phantasien auch auf leblose Dinge, so flüstert er zum Christbaum : »Ja, ja, 
du bist szersägt, Christelbaum, da biste tot.* 

»23. D e z e m b e r. Als der Junge heute ein Bild betrachtete, das eine 
Kriegsszene darstellte, in der ein Soldat gerade einen andern ersd^ossen 
hatte, ging ihm das sehr zu Herzen, er holte sofort sein Gewehr, legte die 
Mündung des Laufes genau auf den Kopf des feindlichen Soldaten, drückte 
den Hahn ab und — atmete erleichtert auf: ,So jetz hab' ich der auch 
totgeschossen, weil er den andern Soldaten totgeschossen hat', machte er 
seinem Gereduigkeitsgefühle Luft. Und weiter fragte er : ,Wenn man 
sterbt, fällt man da plums^pardauz hin?' Als ihm einiges über Krieg und 
Kriegsgebrauch erklärt wurde, sah er es wohl ein,- daß wir Deutschen 
unser Land verteidigen müßten, holte also seine Bausteinchen, die teils mit 
roten, teils mit blauen Budistaben bemalt sind, und spielte Krieg. Auf 
den Vorschlag, der ihm gemacht wurde, daß nämlich erst die Roten die 
Blauen totschießen und zuletzt die Blauen über die Roten siegen sollten, 
ging er nicht ein, denn ,Wenn die Roten die Blauen schon totgeschossen 
haben, da können doch nicht mehr die Blauen die Roten totschießen', meinte 
der Junge ganz logisch.« So mengen sich Phantasie und Wirklichkeit in dem 
Gedankenleben des Kindes, indem bald die eine, bald die andere die Ober-^ 
band gewinnt. Trotzdem ist die Vorstellung des Kindes vom Tode noch 
immer ungeklärt. 

*i5. Januar 1909. Der Gummipapagei, der längere Zeit wegge^ 
schlössen war, interessiert den Knaben wieder sehr. Er fragte, ob das 
eigentlich ein gestorbener Vogel sei/ er hatte geglaubt, der Gummivogel 
habe einmal gelebt und sei dann wie Vaters ausgestopfte Vögel präpariert 
worden. — Den Totenschädel auf Vaters Schreibtisdi hat Bubi schon oft 
gesehen, aber heute stellte er zum ersten Male Fragen darüber : ,Is das ein 
Kopp?' <Ja.) rVon was is denn der Kopp?" <Von einem Menschen.) 
,h cler Mensch tot?' <Ja!) ,Sind das die Augen? Die sind ja so groß!' 
<Es sind die Augenhöhlen.) ,Wie hat denn der Kopf geheißen ?' 
<Das wissen wir nicht, der Mensch ist schon sehr lange tot.) ,Warum is 
der Mann denn gestorben ?' (Vielleicht weil er schon alt war.) ,Stirbt man 



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Vom wahren Wesen der Kinderscele 293 



da, wenn man alt isV <Ja, alle Menschen müssen einmal sterben.) ,Is man 
da im Grabe?' <Ja.> ,Aber wer hat denn der Mann rausgenommen aus'm 
Grab?' <Man hat vielleidit Erde ausgegraben, um ein Haus zu bauen 
und dabei den Kopf gefunden.) ,Wo is aber der Knodien, der drin im 
Bauche is, und in meine Beine sind doch Knochen und hier im Arm auch V 
<Die Gebeine h'egen vielleicht noch in der Erde.) ,Warum is der arme 
Mann denn kein Engel worden? Hier is doch der Kopp?' Bubi setzte 
also einen ganz natürliclien Zweifel darein, daß ein Mensch zugleich im 
Himmel und zugleich mit einem Teile seines Körpers auf der Erde sein 
könne, trotzdessen zogen wir vor, ihm statt der als riditig erkannten Er* 
klärung die folgende zu geben, da er sonst mit der Ansicht, die er bald 
in der Schule vorgetragen erhalten bekommen wird, in Konflikt geraten 
würde, wir sagten also, der Mann, dessen Schädel hier liege, sei natürlich 
auch in den Himmel gekommen, wo der liebe Gott ihm alles schön neu 
gemacht habe, ein Gewand, einen gesunden Leib und Flügel. ,LInd ein 
neuer Kopp?' fragte Bubi begierig/ wir bejahten. ,Is das aber ein ganz 
selber Kopp?' Er meinte damit, ob das Gesicht des Menschen im Himmel 
noch genau so sei, wie er es auf Erden gehabt hat, damit er auch alle 
Verwandten und Bekannten gleich wiederfinden könne, und auch dies wurde 
der Einfachheit halber bejaht.« ^ Die Gedanken über Tod und Sterben 
führen bei Kindern häufig zu den ersten Zweifeln an der Wahrheit der 
Aussagen Erwachsener und zum Grübeln über die religiösen Vorstellungen, 
wie sie aus gelegentlichen Erzählungen der Umgebung dem Kinde sich 
aufdrängen. 

Die Aufzeichnung vom 19. Februar zeigt die Verwertung der 
Todesgedanken im Spiele: *Seit Bubi auf den Kirchhof mitgenommen 
wurde, läßt er häufig seine Spielzeugtiere sterben, um sie dann in Zeitungs* 
papier einwickeln und unter Bausteinen begraben zu können. Er baut dann 
ein längliches Gehäuse in Grabform und setzt ein Monument in Kreuz- 
form darauf«. 

Das Mitleid mit toten Tieren, gleichgiltig ob abgebildeten oder wirk* 
liehen, wächst immer mehr/ im Kinematographentheater <3. Juni) vergießt er 
Tränen, als ein Pferd tot umsinkt / ganz besonders äußert sich die Gefühls- 
regung, wenn sich eine Übertragung auf die eigene Person machen läßt, so 
in der s(hon angeführten Szene von dem «Kindelfliege« am 28. Juni. 

Von besonderem Interesse wird dem Kind das Todesproblem, als es 
beginnt, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, ob es selbst auch 
sterben müsse: 

*i9. Juni. Bubi will Baumeister werden! Sehr oft, wenn ihm etwas 
aufgetragen wird, fragt er, ob das große Baumeister auch täten, bejaht man, 
so gehorcht er sehr gerne, denn alles was Baumeister tun, ist ihm vor- 
bildlich. Der Knabe hört davon sprechen, daß alle Menschen 
einmal sterben müßten, er erwiderte, er wolle aber nicht 
sterben. Nach einer Weile fragte er, ob Baumeister auch stürben, und 
auf unsere Bejahung hin meinte er: ,Nu, da will ich auch'.* 

»21. August. ,Wenn alle Menschen gestorben sind, wird da die 
Erde weggemacht, und reißen da die Baumeister die Häuser ein, bis wieder 
bloß Wiese da is, und dann sterben sie auch?'* 

Anderseits wird ihm das «Begraben« nur eine Quelle heiterster 
Lust'*; davon berichtet der 

• Vgl. Otto Ernst, Aus Appelschnuts Leben und Taten, und Th. Storni, 
Von Kindern und Katzen und wie sie den Nine begruben. Sämtl. Werke, Bd. III. 

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294 Vom wahren Wcs€n der Kinderseelc 

»19. August. Wir hatten im Walde fünf neugeborene tote 
Kanindien gefunden,- das Kind fragte bedrü(kt : ,Nimmt der Tier^Uebe-Gott 
die toten Karnickels in den Tierhimmel und leben sie da weiter?' Schließlich 
bekam er die Erlaubnis, die Tierchen in einer Zigarrenkiste begraben zu 
dürfen/ er schaufelte Erde auf, streute aus eigenem Antrieb Blumen darüber 
und war so vergnügt, daß er zappelnd vor Freude um 
das Grab herumtanzte.« 

»5. September Ein Mistkäfer krabbelte schwerfällig über 

den Boden. Glücklich jubelte er, ,den lieben Mistkäfer' wolle er seinem 
Bäschen Lottel schenken. Aber er ist noch nicht weit gegangen, da setzt er 
den Käfer auf den Weg, tritt leicht mit dem Fuße darauf und hebt den 
breitgecjuetschten wieder auf, ,Aber Bubi, der arme Käfer!' ,Weißte, er 
krabbelt mir zuviel in der Hand und macht se naß, da tret' ich'n bloß 
b i s s e I tot, daß er stille liegt, und wenn die Lottel kommt, da wacht er 
wieder auf!' Über Steine und Baumwurzeln stolpert Bubi, aber liebevoll, 
behutsam trägt er den toten Mistkäfer weiter. Es befremdete ihn, daß 
Lottchen seine Freude über den Käfer gar nicht teilte, ihm war es eben 
der ,liebe Mistkäfer', und wenn er auch ,bissel tot' war, dann handelte es 
sich eben nur um eine Form des Schlafens/ Bubi war fest davon überzeugt, 
daß der Käfer bald wieder munter weiter krabbeln würde.* 

So fehlt dem Kinde, das seit zwei Jahren dem Todesproblem nach^ 
sinnt, noch immer das richtige Verständnis. Noch immer bedeutet ihm 
»Totsein« ein zeitweises Stilliegen, Schlafen, ein Entferntsein, das zu ändern 
in der Macht der Menschen liegt. In dieser Vorstellung aber erblickt das 
Unbewußte des Jungen gleichzeitig einen Freibrief für die Betätigung seines 
Sadismus. Grausamkeit gegen Tiere, Todeswünsche gegen nahestehende 
Personen treten auch hier in der Überkompensation als übergroßes Mitleid 
mit toten Geschöpfen und den Glauben an die Macht des Menschen über 
Tod und Leben auf. 

Daß weitaus die größte Zahl der Kinder sich in gleicher Weise mit 
dem Problem des Sterbens abfindet, wie Scupins Söhnchen, dafür sprechen 
zahllose Kinderworte, von denen ich nur einige hier anführen will/ so be^ 
richtet eine »Großmama«*: »Rudi kommt auf Spaziergängen mit seinem 
Fräulein und seinem Bruder Fritz häufig an einem Brunnen vorüber und 
möchte gar zu gern in diesem Brunnen herumplätschern. Dies wird ihm aber 
verboten. *Nun,« sagt er, »Fräulein, wenn clu, Papa und Mama und Fritz, 
wenn ihr alle erst tot seid, dann plantsche ich aber 
tüchtig.« Vielleicht haben wir schon in dem Aussperren von Vater oder 
Mutter aus dem Kinderzimmer durch gewaltsames Zuhalten der Tür einen 
Vorläufer solcher Wünsche zu erblicken, für deren Verdeutlichung dem 
Kinde auf der vorsprachlichen Stufe eben nur Mimik und Geste zu 
Gebote stehen. 

Der egozentrischen Weltauffassung des Kindes entspricht auch das 
Gefühl der Wichtigkeit der eigenen kleinen Person, die ihm Todesfälle in 
seiner nächsten Umgebung, ja selbst der Eltern, ihrer Tragik entkleidet/ es 
erblickt in ihnen trotz der Bedrücktheit, deren es sich nicht ganz erwehren 
kann, zugleich einen willkommenen Anlaß, sich der allgemeinen Beachtung 
und des Mitleids anderer zu erfreuen, kurz eine Fülle ungewohnter Liebes* 
beweise zu empfangen. So sind dem Kinde die neuen Trauerkleider von 
höchster Wichtigkeit/ selbst die Leichenfeier verliert wohl von ihrem 

• Was Kinder sagen und fragen, mit 26 Zeichnungen von ihnen selbst, 
gesammelt von einer Großmama. München, R. Piper. 



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Vom wahren Wesen der Kinderseele 295 



düsteren Charakter und prägt sich dem Gedächtnis als lust- und traucr- 
volles Ereignis zugleich ein. Beweise solch kindlichen Denkens sind Kinder* 
Worte*, wie: »Auf dem Schwarzwalde, in der Gegend von B., tragen die 
Buben eine Tracht mit roten Westen. Casper hat seine erste rote Weste 
geschenkt bekommen, als bald darauf seine Großmutter starb. Der Vater 
erklärte, mit der roten Weste könne Casper aber nicht izur Leich'c. »Ach,« 
meinte Casper, »wenn ich die rote Weste nit anziehen kann, 
hernach hab' ich an der ganzen Leidd' kein' Freud' mehr!« 
Wächst das Kind heran und sind ihm bereits gewisse konventionelle 
Formen anerzogen, so glaubt es, sich bei bestimmten Anlässen zu Gefühls* 
äußerungen zwingen zu müssen, die seinem einfachen Gemüt noch fremd 
sind. Hiezu wieder ein hübsches Wort aus »Großmamas« Sammlung**: 
»Weißt du, Großmama,« sagte Toni eines Tages, »wenn du stirbst, clann 
weine ich.« — »Ja, warum clenn?« — »Ach, das tut man doch so!« Ja, 
nicht selten erwartet das Kind, daß der Schmerz sich mit gewissen Äußerlidi* 
keiten einstellen müsse. So erzählt Marie v. Ebner*Eschenbach*** in 
»Meine Kinderjahre«, wie der Tod ihrer heiß geliebten Mutter, insbe* 
sondere aber der starre Schmerz der Großmutter an deren 
Totenbett sie am Morgen tief erschüttert habe; und weiter: »Am 
Abend spielten wir ganz vergnügt in den Zimmern der Kleinen. Plötzlich 
entsann ich mich dessen, was gesdiehen war, und sagte zu meiner Schwester: 
»Jetzt ist diese beste Mama gestorben, wir werden sie nie wiedersehen — 
warum sind wir denn nicht traurig?« »Warte nur,« erwiderte sie, »wenn 
erst die schwarzen Kleider kommen, dann werden wir schon 
traurig sein.« 

Von einer gewissen Altersstufe an erscheint es den Kleinen selbst* 
verständlich, daß alte Leute sterben/ sie stehen nicht an, gelegentlich die 
Großeltern auszuforschen, wann sie sterben werden. Und sie stellen die 
Frage so unbefangen, daß man ihnen nicht zürnen kann. Mein fast 
sechsjähriger Neffe Max rühmte sich kürzlich in einem Gespräche mit seiner 
Großtante, wie er als Maschinen^Ingenieur so viel Geld verdienen werde, 
daß wir dann im eigenen Hause mit einem riesigen Garten wohnen 
und in einem von ihm konstruierten Auto fahren würden/ als seine 
Großtante erwiderte: »Bubi, ich nicht mehr, da lebe ich schon 
lange nicht mehr,« meinte er gelassen: »So, na also, dann die Mutti 
und die Tante Hermin'/ natürlich, dann bist du schon gestorben.« Und 
ein andermal, als er sich, da ich nach Tisch lesend auf der Chaise longue 
liege, zu mir drängt, rufe ich zu seiner Mutter gewendet: »Schau, ein 
schönes Bild, Mutter und Kind!« Da meinte er: »O ja, warum denn 
nicht? Du bist um zwei Jahre jünger als die Mutti/ 
da stirbst du um zwei Jahre später und ich habe dich 
um zwei Jahre länger.« Auch die »kleine Anna«, von deren frühen 
Seelenkonflikten Jungt berichtet, quittiert die Erklärung ihrer Groß* 
mama, daß sie immer älter werde und dann sterben müsse, mit einem 
ruhigen »Ja und dann?« Bei diesem Kinde ist der Großmutter Antwort 
»und dann werde ich ein Engel« zu einem Wegweiser in das rätseU 
hafte Gebiet des Ursprungs der Kinder geworden/ denn ihre Erwiderung 

• Was Kinder sagen und fragen, etc., pag. 31. 
•• I. c. pag. §6, 

•** M. V. Ebncr*Eschenbach, Meine Kinderjahre, pag. 82 — 85. 
t C. G. Jung, Über Konflikte der kindl. Seele, Jhrb. f. psychoan. und 
Psychopath. ForsAgn. B. II., pag. 2. 



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lautet: »Und dann wirst du wieder ein kleines Kinddien?« Mit feiner 
Kinderlogik fürchtet sie, nadidem ihr die Geburt eines Brüderdiens mitge* 
teilt worden, daß die Ankunft des neuen Erdenbürgers den Tod der Mutter 
bedinge und »faßte diese um den Hals und flüsterte ihr hastig zu*, »Ja, 
stirbst du jetzt nicht?« Der versöhnliche Gedanke, der Tod einer 
Person werde ausgeglirfien durdi ein neues Leben, zeigt hier seine un* 
freundliche Kehrseite. Die Kinderphantasie, daß alte Menschen über die 
Zwisdienstation des Engeldaseins als kleine Kinder wiederkommen, gibt für 
eine kurze Spanne Zeit eine befriedigende Antwort auf die Frage : W o* 
herkommen die Kinder? Deshalb läßt das Kind aucfi häufig in 
seiner Vorstellung den Toten zusammenschrumpfen zu den Dimensionen des 
Säuglings •*. Dieser Gedanke entspringt den Wahrnehmungen des Kindes 
in der Umwelt : unzählige Male sieht es, wie Pflanzen, insbesondere Keime, 
im Welken zusammenschrumpfen, ebensowenig entgeht es seiner feinen 
Beobachtungsgabe, daß die Leiber toter Fliegen, Würmer etc. dürr, d. h. 
kleiner geworden sind. 

Überdies unterstützen auch gelegentliche Bemerkungen Erwachsener 
über religiöse Anschauungen die Meinung des Kindes, der tote Leib müsse 
sich in Gewicht und Größe den Kräften der Engel anpassen, die ihn in 
den Himmel zu tragen hätten. 

Äußere Veranlassungen und innere Verarbeitung dieser Erlebnisse 
bedingen im Leben jedes Kindes den Zeitpunkt, in dem es eine Über- 
tragung von fremdem Tod und Sterben auf sein eigenes Ich macht/ daß 
derselbe unter lebhafter Ablehnung erfolgt, findet sioi fast regelmäßig und 
erklärt sich aus der Freude am Dasein, dem Lebensdrange des Kindes. So 
bittet nach S u 1 1 y*** ein 3 Vi jähriges Mädchen seine Mutter, einen großen 
Stein auf seinen Kopf zu legen, da es nidht sterben wolle. Befragt, wie 
der Stein dies verhindern solle, antwortet es: »Weil ich nicht wachsen 
werde, wenn du einen großen Stein auf meinen Kopf legst, und die Leute, 
welche wachsen, werden alt und sterben.« Angstliche Gemüter erblicken 
schon in der Beschäftigung des kindlichen Geistes mit Tod und Sterben ein 
bedenkliches Zeichen für dessen seelische und leibliche Gesundheit/ sie ver* 
gessen dabei nur, daß gerade dem geistig gesunden Kinde alle Vorgänge 
in der Umwelt eine Quelle der Luft werden können/ solange nur in seiner 
nächsten Umgebung Lebensfroheit und Gesundheit herrschen, ist ihm der 
Tod ein Rätsel, dessen Lösung ihm zwar vorbehalten bleibt, ohne allzu 
grausig zu scheinen. 

Als schauriges Mysterium betrachten in der Regel nur ältere 
Kinder den Hingang eines geliebten Menschen, die durch lang dauernde 
Krankheit von Vater oder Mutter, und mehr noch, ja hauptsächlich durch 
wiederholt geäußerte Befürchtungen seitens der Erwachsenen fortwährend 
an ein nahes Ende gemahnt werden, Kinder, denen der Tod 
mit Schrecknis unerwartet entgegentritt, oder vielleicht noch solche, die an 
den eigenen Eltern ganz besonders tiefe seelische Verheerungen durch den 
Tod einer teueren Person wahrgenommen haben. Aber auch dann ist es eine 
vage Furcht vor etwas Unbekanntem, das die Stimmung im Hause bedroht, 
und dem Kinde heiteres Spiel und laute Fröhlichkeit verwehrt. Daß auch 
dieser Furcht — wie jeder anderen — nicht die libidinöse Wurzel fehlt. 



ibidem pag. 4. 
I. c. pag. 102. 
Sully, Untersuchungen über die Kindheit, pag. 104. 



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zeigt das starre Festhalten solcher Kinder am Todeskomplex, der sich zu- 
weilen bis in das reife Alter als besondere Vorhebe für clie Friedhöfe erhält. 
So erzahlt Bogumil Goltz* aus seinem zehnten Lebensjahre: »..in 
Bezug auf Todtcnandadit und Kirchhofsstimmung bin ich wenig oder gar 
nicht seit den Tagen meiner Kindheit verändert worden. In der Zeit des 
unglücklidien Franzosen kr ieges hatte der Habergisdie, wie der Roßgärtnische 
Kirchhof ganz das Ansehen eines Dorffriedhofs. Außer wenigen alten 
Bäumen und gewaltigen Leichensteinen, oder einfach begitterten Grabhügeln 
und Kreuzen war da nichts von Todtenprunk zu sehen, somit auch nichts 
von profaner Spaziergängerei. Hie und da ein einsam umherwandelnder, 
oder in Andacht versunkener alter Mensch. Wenn ich das sah, so durch- 
schauerte mich eine Empfindung, wie wenn ich mich in die Atome meines 
Wesens auflösen gesollt. Es war der menschliche Erden- und 
Todesschmerz, der schon an meine Kinderseele griff. 
Die Empfindungen, die Vorstellungen des Todes und der Ver- 
gänglichkeit alles Irdischen, der Vernichtung und der Erdennichtigkeit, des 
Verlebens und Sterbens in allem Leben, des Nichtsseins in allem Dasein 
und Sein, habe ich aufjenen Gräbern mit WoIIustsAmcf zcn 
für mein ganzes Leben in mir entwickelt und meinem 
ganzen Menschen zu eigen gemacht.* 

Von ähnlichen »Wollustschmerzen« berichtet J. C, Heer in seinem 
autobiographischen Roman »Joggeli«**, die der kleine Held erlitten: »In der 
Natur hatte er stets irgend ein Heiligtum. Eine Weile war es ein Franzosen- 
grab, das von Vetter Diethelm und anderen Bauern an einem Waldweg 
entdeckt worden war. Als sie die Gebeine wieder eingescharrt hatten, ging 
Joggeli, steckte ein glattes Scheit auf das Grab und betrachtete das ,Ruhe 
sanft!', das er mit Rotstift darauf geschrieben hatte, selbstgefällig. In der 
Überzeugung, er habe dem fremden, vergessenen Soldaten wohlgetan, 
fürchtete er ihn trotz seines Aberglaubens nicht, sondern betrachtete ihn wie 
seinen stillen Freund, spann an seiner Ruhestatt im grünen Wald Geschichten 
und sah halb aus seiner Einbildung, halb aus Forstesdämmerung gewoben 
Schildwachen aus fernen Kriegszeiten durch die Wälder der Heimat gehen. 

Dabei wallte etwas durch seine Seele, das war so schön wie die Fluten 
des grünen Haars im Wasser, und das löste sich in einer 
Spielerei auf, die nur einem Sonderling einfallen 
kann. Er dichtete Grabschriften auf Tote und Leben- 
dige, in denen er seiner Zu- oder Abneigung für die Leute seiner Be- 
kanntschaft kräftigen Ausdruck gab und die er je nach neuen Eindrücken 
verbesserte oder eine Note tiefer stimmte, und wenn es jemanden betraf, 
der ihm lieb war, dann staunte er selbst, wie warme Worte er für sie fand, 
und überraschte sich auf dem Wunsche, sie möchten 
wirklich gestorben sein, damit seine Grabschrift auch gültig für 
sie wäre. Dann erschrak er über sich selbst, geriet in Gewissensnot über 
irgend etwas Abgründiges, das in ihm sei, aber es gelang ihm 
nicht immer, die wie Zwangsvorstellungen auftauchen- 
den Wünsche zu besiegen.* Das Abgründige, das ihm solche 
Gewissensnot brachte, war wohl trotz der sinnig-träumerischen Art des 
kleinen Joggeli wenig verschieden von den Haßregungen des »Knaben Wlaß*, 
den Ossip Dymow*** sagen läßt: »Indes ich den Kopf über dieses 



«* 



Bogumil Goltz, Buch der Kindheit, pag. 334—5. 

J. C. Heer, Joggeli, Die Geschichte einer Jugend, pag. 129, 130. 

Ossip Dymow, Der Knabe Wlaß. pag. 61. 



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Heft senkte, loderte von Zeit zu Zeit der Haß gegen meinen Lehrer in mir 
auf, und wie es in jenem Lebensalter bei mir die Regel 
war — wünschte ich ihm heimlich den Tod.* 

Erst am Ausgang der Kindheit, in den Jahren des Garens und 
Reifens, fühlt die Seele das Schaurige des Sterbens, ohne sidi vor der 
Majestät des Todes zu beugen. Die Auflehnung der Pubertätszeit gegen 
diesen bleibt insbesondere beim weiblichen Geschlechte oft lange erhalten und 
bildet, gespeist aus ihrem Urquell, den infantilen Todeswünschen gegen 
geliebte Nächststehende, ein unversiegbares Reservoir des Aberglaubens. Dem 
Jüngling aber mag das Sterben nicht selten ähnliche Gedanken erwecken, 
wie sie der »Knabe Wlaß«* in seinem fünfzehnten Jahre hatte: »In der 
Tatsache des Todes schien mir stets etwas Beschämendes, etwas Kleinlich* 
Schmachvolles enthalten zu sein, was man vor Frauen und ins« 
besondere vor Mädchen geheim halten mußte. Der Tod 
erschien mir als ein Geheimnis des Lebens, wie die 
Nacktheit oder wie manche Krankheiten.« 

Wenn der Menscli für das Rätsel des Werdens längst die rechte 
Lösung gefunden, so bleibt ihm doch das Vergehen von unzerreißbaren 
Schleiern verhüllt, — das unerforschbare Geheimnis des Nirwana. 

Dr. H. V. Hug- Hellmuth. 

WIE DIE KINDER FABULIEREN. Was die Kinder fabulieren, 
erzählt im »Berliner Tageblatt* (7. April 1912) eine Volksschullehrerin, Else 
Fieckel. Es ist ungemein reizvoll, an diese Beobachtungen mit dem Senkblei 
der Psydioanalyse heranzugehen. Auf den ersten Blick erkennt man die 
infantilen Sexualtheorien, welche die Kleinen beschäftigen. Auch die Ver- 
fasserin muß zugeben, daß »Liebe und Ehe einen beträciitlichen Raum in 
den Kinderköpfchen einnehmen.« Und auch ihr fällt die Ähnlichkeit der 
kindlichen Phantasieprodukte mit der dichterischen Schaffensart auf. Gleich 
in der ersten Erzählung der kleinen Irma finden wir ein schönes Beispiel 
infantiler Sexualtheorie, noch beeinflußt von der Storchfabel: 

3>Es war einmal ein Frosch, der hupfte am Wasser rum und cjuackte 
in einer Tour. Da kam ein kleines Mädchen und wollte ihn wegjagen. Da 
schling te er das Mädchen auf. Mit einem Male kam der Klapperstorch. Der 
Frosch aber hatte nun einen so dicken Bauch, daß er nicht wegspringen 
konnte, und der Storch piekte ihn mit seinem langen, roten Schnabel mitten 
auf den Bauch. Da platzte er, und da kam das kleine Mädchen rausge* 
Sprüngen und lief schnell nach Hause.« Das antizipierte Zeichen der Gravi* 
ciät, der dicke Bauch und der Storchschnabel als Pennissymbol, treten in 
diesen Phantasien deutlich hervor. 

Besonders interessant ist in dieser Erzählung der Zusammenhang von 
Essen und Konzeption, eine Sexualtheorie, welche auch im Mythos und im 
Aberglauben eine große Rolle spielt. 

Eine andere Kleine erzählt von einem Manne und einem Mädchen, 
welche beide sehr verlassen waren. Sie trafen sich und heirateten. »Am 
anderen Tag bekamen sie zwei Mädchen, Zwillinge, die nannten sie Luise 
und Johanna.« 

Die überrascliende Gescfiwindigkeit dieser Folgeerscheinung veranlaßt 
die Autorin zu folgender Bemerkung: *Die Frage, wie es kommt, daß 



I. c. pag. 126. 



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einer ganzen Reihe dieser kleinen MädAen, wenn sie zu großen Mädchen 
herangewachsen sind, Liebe und Ehe zu unbekannten Territorien werden, 
hat schon manchem grübelnden Kopf Veranlassung zu den aller sdiarf* 
sinnigsten und geistreidisten Betrachtungen gegeben, ohne daß jedodi des 
Rätsels Lösung gefunden wäre.* Die Psydioanalyse gibt diese Lösung, 
indem sie Entstehung und Weiterentwicklung infantiler Sexualtheorien 
beleuchtet. 

Das schönste und lehrreichste Beispiel für die Entstehung des Fa^ 
milienromanes ist die phantasievolle Erzählung der achtjährigen Lucie. Sie 
zeigt die infantile Libido zum Vater und deren mißglückte Realisierung, sie 
zeigt zugleich den kindlichen Protest gegen die Großen, welche das kleine 
Mädchen in Unwissenheit und Dummheit darüber lassen, *wie man es macht«. 
Das ganze kindliche Seelenleben enthüllt sich in diesen wenigen Worten. 

»Es war einmal ein Mädchen, das wollte gerne Königin werden. 
Und es ging zum Vater und sagte: , Vater, ich möchte gern Königin werden!' 
Der Vater aber gab ihr keine Antwort, denn auf solche Fragen kann man 
doch keine Antwort geben. Nach einiger Zeit ging das Mädchen wieder 
zum Vater und sagte ; ,Vater, ich möchte gern eine Königin werden oder eine 
reiche Frau!' Da sagte der Vater: ,Eine Königin kannst du nicht werden, 
aber ich will dir viel Geld geben, dann kannst du einen reichen Mann 
heiraten.' Da war das Mädchen zufrieden. Aber sie wußte nicht, wie sie 
es anfangen sollte, einen Mann zu heiraten. Da ging das Mädchen zum 
Vater und fragte ihn: ,Wie muß ich es machen, daß ich heirate?' Aber 
der Vater war schon zu alt und wußte es nicht mehr. Da ging sie zur 
Mutter. Aber die Mutter hatte es auch vergessen, wie der Vater sie an^ 
gesprochen hatte und wie sie sich dann geheiratet hatten. Und das Mädchen 
ging hin und versuchte es noch einmal und fing es wieder dumm an. 
Bald war es überall bekannt, daß das Mädchen mit den Männern so dumm 
war. Wenn die Männer sie kommen sahen, dann lachten sie sie aus und 
sagten : ,Da kommt die Dumme, die nicht weiß, wie man einen Mann 
heiratet!' Und sie kehrten ihr alle den Rücken. Da starb sie und hatte 
keinen Mann gehabt!« 

Das kleine Mädchen will gerne Königin werden, das heißt, sie will die 
Stelle der Mutter bei ihrem Vater einnehmen. Naiv fragt sie den Vater,- 
es ist eine Frage der infantilen Sexualneugierde, die sie an ihn richtet. Das 
beweist der köstliche Zusatz, daß man doch auf solche Fragen keine Antwort 
geben könne. Die zweite Frage zeigt schon den Ablösungskampf: sie will 
eine Königin werden oder eine reiche Frau. Wieder fragt sie dann die alte 
Frage: wie sie heiraten solle. Sie zeigt das ganze Schicksal des Neurotikers 
in der Folge: sie fängt, in ihren alten Sexualtheorien und im Vaterkomplex 
verankert, ihre Pläne falsch zu realisieren an. Zugleich meldet sich ein 
stummer, wilder Trotz gegen die Eltern: seht, durch euer Verborgenhalten 
werdet ihr mich noch unglücklich machen. Die ganze Tragik des Kinder^ 
herzens, das gekränkt sich von den stolzen Großen abwendet, und die 
Bedeutung des Vaterkomplexes für Entstehung und Entwicklung der Neu^ 
rose liegen in dieser kleinen Erzählung. 

Dr. Theodor R e i k. 



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300 Mittdlungeni. 



Mitteilungen. 



Wir freuen uns, unsern Lesern mitteilen zu können, daß die 
»Berner Semin ar^BIätter«, Zeitsdirift für SAulreform (Or^an der 
Scfiweizerisdien Pädagogisdien Gesdlsrfiaft), lierausgcgeben von Dr. Ernst 
Schneider, Prof* Dr. Oskar M e s s m e r und Dr* Otto von G r c y er z, 
unsern Mitarbeiter Pfarrer und SeminaHehrer Dr. Oskar Pfister in Zuridi 
als Mitredakteur gewonnen haben. Im ersten Heft des VL Jahrganges 
<io. Apri( igjz) setzt mit Rüdtsirfit auf den wissensdiaft liehen Standpunkt 
Pflsters die Leitung des Blattes ihre Ste((ung zur Psydioanalyse mit 
erfreulicher Offenheit auseinander. » . . . , Wenn wir die Psjrchoanalyse 
zum Wort kommen lassen wollen, so geschieht es deshalb, weif uns die 
eigene praktisdie Erfahrung zur Überzeugung gebracht hat, daß von ihr 
eine große Befruchtung der pädagogisAen Praxis, besonders der Willens- 
bildung, zu erwarten sein dürfte; dann ist es für den Lehrer wertvoll, 
wenn er die Fortschritte auf dem Gebiete der Psychologie überhaupt kennt/ 
und zu(et2t wollen wir, soweit uns möglich ist, mithelfen, den Streit um 
die PsyAoanalyse von der pädagogisAen Praxis aus zu einer, hoffen wir, 
positiven Abklärung zu führen** 

»Psiche** Rivista di studi psicologici, herausgegeben von Prof. 
M o r s e 1 1 i <Genua>, Prof, Sante de Sanctis <Roni>, Prof. Villa 
<Pavia>, redigiert von Dr* Rob. Assagoli <Florenz>, enthält im z. Heft 
<Mär£* April \g\z> des L Jahrganges eine Reihe auf die Psychoanalyse bc^ 
züglidier Artikel und eine umfassende Bibliographie der wichtigsten psycho^ 
analytisdien Publikationen. 

Soeben ersciiien im Verlag von Franz Deuticke, Wien und Leipzig! 
»Das I n z e s t-M otiv in Dichtung und Sage. Gruncizüge 
einer Psychologie des dtchtcrisdien Sdiaffens.* Von Otto Rank, (Näheres 
Im beiliegenden Prospekt.) 




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