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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII 1921 Heft 1."

MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 
DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROE DJ* SIGtt FREUD 

REDIGIERT VON 
DI OTTO RANK u. DI HANNS SACHS 



VII. BAND 




19 2 1. 

INTERNATIONALER PSyCHOANALyTISCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 















a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Inhaltsübersicht des VII. Bandes III 

Inhaltsübersicht des VII. Bandes <1921>. 

Abhandlungen: Seite 

Lou Andreas-Salome <Göttingen>: Narzißmus als Doppelrichtung 361 

Dr. Honorio F. Delgado (Lima): Der Liebesreiz der Augen .... 127 

Dr. Helene Deutsch <Wien>: Zur Psychologie des Mißtrauens ... 71 
Dr. Geza Dukes (Budapest): Psychoanalytische Gesichtspunkte in der 

juridischen Auffassung der »Schuld« 225 

J. C. Flügel <London>: Charakter und Eheleben Heinrichs VIII. . . 424 

Melanie Klein <BerIin>: Eine Kinderentwicklung 251 

Aurel Kolnai (Wien): Über das Mystische 40 

Dr. Carl Müller-Braunschweig (Berlin): Psychoanalytische Gesichts- 

punkte zur Psychogenese der Moral 237 

Dr. S. Pfeifer (Budapest): »Robert Lachs Studien zur Entwicklungs- 
geschichte der ornamentalen Melopöie« 505 

Dr. Geza Rohe im (Budapest): Das Selbst. Eine vorläufige Mitteilung. 

I. Die magische Bedeutung des menschlichen Körpers 1 

II. Essenz der Dinge 142 

III. Eidolon ; 310 

IV. Außenseele 453 

Frieda Teller (Prag): Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt 

und körperlichen Leiden bei Schiller 95 

Dr. Alfred Winterstein (Wien): Der Sammler 180 

P. C. van der Wölk (Haag): Zur Psychoanalyse des Rauchopfers. . 131 

— Das »Tri-theon« der alten Inder 387 

Vom wahren Wesen der Kinderseele: 

Dr. Hermine Hug »Hellmuth: Vom »mittleren« Kinde 84 

Literatur: 

Internationale Psychoanalytische Bibliothek. (Dr. Otto Rank: 
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. — Dr. Theodor 
Reik: Probleme der Religionspsychologie. I. Teil: Das Ritual. — 
Dr. GezaRöheim: Spiegelzauber. — Dr. Eduard Hitschmann: 
Gottfried Keller. — Dr. O. Pf ist er: Zum Kampf um die Psycho* 
analyse. — Aurel Kolnai: Psychoanalyse und Soziologie.) (Reik) 459" 

Religionswissenschaft. 

T. K. Österreich: Einführung in die Religionspsychologie. (Reik) 197 

Franz Boll: Oknos. (Storfer) 198 

Ludwig Weiner: Altgriechischer Baumkultus. (Reik) 198 

Dr. S. A. Horodetzky: Religiöse Strömungen im Judentum. 

(Kielholz) ' 198 

Völkerpsychologie. 

Elias Hurwicz: Die Seelen der Völker. (Kolnai) 202 

G. A. Wehrli: Krankheitsdarstellungen in den Winterzeichnungen 
der Dakota-Indianer. — G. A. Wehrli: Die inneren Körper- 
organe in den Kinderzeichnungen mit einigen ethnographischen 
Parallelen. (Rorschach) 203 

Kunstwissenschaft. 

O. Pfister: Der psychologische und biologische Untergrund des 

Expressionismus 204 

G. F. Hartlaub: Kunst und Religion (Abraham) 205 

Dr. K. H. Boumann: Das biogenetische Grundgesetz und die 

Psychologie der primitiven bildenden Kunst. (Hermann) . . 206 






IV Inhaltsübersicht des VII. Bandes 

Pädagogik. Seite 

}. B. Egger: Die Psychoanalyse als Seelenproblem und Lebens» 

richtung. <Grüninger> 207 

William Stern: Die Intelligenz der Kinder und Jugendlidien und 

die Methoden ihrer Untersudiung 208 

Horst: Das Tagebudi eines Knaben <Hug = Hellmuth> 208 

Dr. A. Knabenhans: Die Erziehung bei den Naturvölkern. 

<Rorschach> 209 

Elfriede Friedländer: Sexualethik des Kommunismus. <Kol na i> 209 

Kriminologie. 

E. Mezger: Die Beschuldigtenvernehmung auf psychologisdier 

Grundlage 210 

J. Ambos: Kriminalität, Jahreszeit und Kirdie <Srorfcr> 212 

Psychologie. 

W. Seidemann: Die allgemeine Psydiologie der Gegenwart und 

ihre pädagogische Bedeutung. <P fister) 213 

UlridiGrüninger: Zum Problem derAffektverschiebung. <Sarasin> 215 

Philosophie. 

Dr. Vladimir Dvornikovic": Die beiden Grundtypen des Philo* 

sophierens. (Hermann) 217 

Schöne Literatur. 

Franz Werfel: Nidit der Mörder, der Ermordete ist schuldig. 

<Kolnai> 218 

Georg Groddeck: Der Seelensucher. <Ferenczi> 356 

Englische Literatur. 

Frederick Schieiter: Religion and Culture 349 

Edward Clodd: »Magic in Names« 349 

R. R. Marett: Psydiology and Folklore <jones> 350 

Französische Literatur. 

Dr. F. Morel: Essai sur l'Introversion mystique. <Kielholz>. . 200 
Maurice Neeser: Les principes de la psychologie de la religion 

et la psychanalyse 201 

Pierre Bovet: Le sentiment religieux 201 

— Le sentiment filial et la religion 202 

O. Pfister: Au vieil Evangile par im chemin nouveau <Morel> 202 

Pierre Bovet: La psychanalyse et l'education. <Grüninger> . . . 206 
Georges Dwelshauvers: La psychologie francaise con= 

temporaine. <Saussure> 216 

Dr. Gustave Geley: De l'inconscient au conscient 217 

Goblett d'Alviella: L'initiation, institution sociale et religieuse 352 

Sir James Georges Frazer: Les origines magiques de la royaute 353 

P. Saintyves: Les origines de la Mediane 354 

Alfred Loisy: Essai historique sur le sacrifice <Morel> 354 

Dr. Christin: »Hamlet« 355 

Albert Thibaudet: »Psychanalyse et litterature« 355 

A. Stocker: »Essai psydianalytique sur la cruche cassee, de 

Greuze« <Saussure> 356 






IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO= 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCH ER VERLAG G.M.B.H. 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW--VORK 



VII. 1. 



1921 



Das Selbst. 

(Eine vorläufige Mitteilung 1 .) 
Von Dr. GEZA ROHE IM (Budapest). 

I. Die magische Bedeutung des menschlichen Körpers. 

Een sich die magisdwreligiösen Handlungen und Vorstellungen 
Primitiven, die sich auf sein eigenes Ich beziehen, aus irgend 
einem einheitlichen Gesichtspunkt zusammenfassen und psycho= 
logisch erklären? Wir wollen versuchen, in den ontogenetischen Resul= 
taten der Psychoanalyse über die Entwicklungsstufen der Libido eine 
Parallele und einen Leitfaden zu finden. Wir machen also gleich den 
Anfang mit der oralerotischen Abart der Autoerotik, mit der Sauge= 
last 2 . Es ist nun natürlich vorauszusetzen, daß ein lange fort- 
gesetztes Saugen des Kindes an der Mutterbrust diese Art der 
Libidobetätigung besonders verstärken muß, ja eine solche wird 
wohl nicht immer aus Ursachen der äußeren Notwendigkeit, sondern 
schon als Symptom der konstitutionellen Saugelust entstanden sein. 
Dies ist nun durchaus der Fall bei den Primitiven. Bei den Kai in 
Deutsch=Neu=Guinea werden z. B. Säuglinge von zwei Monaten 
neben der Milch bereits mit Taro gefüttert, welche die Mutter zu 
Brei zerkaut und dem Kleinen in den Mund gibt. Ein Mangel an 

1 Raum- und Zeilmangel bestimmen den Verfasser, zunächst nur das Not-- 
wendigste an Material und Hypothesen mitzuteilen, eine ausführlichere Behandlung 
dieser Fragen bleibt für eine weiter ausgreifende Untersuchung vorbehalten. Ein 
Auszug dieser Abhandlung wurde am Budapester Kongreß vorgetragen. 

-Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexuahheorie. 1915. 45. 
K. Abraham: Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe 
der Libido. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. IV. 1916. 81. 

Imago VII, I 1 



Vcrlänscrung der 
Säuglingszeit- 



Dr. Geza Roheim 



Nahrungsmitteln kann also keinesfalls als Ursache angeführt werden, 
wenn man die Kinder dort noch jahrelang säugt: Vierjährige und 
ältere kann man noch an der Brust trinken sehen 1 . Ähnlich berichtet 
Roth über die Eingeborenen der nordwestlichen Distrikte von 
Queensland. »In all districts the suckling of children continues up 
to a comparatively advanced age. A mother may commonly be 
seen with too infants at her breasts and I have offen come across 
children of three, four or even five years running up for a sude.« 
»Mrs L. in attempting to wean a 4 or 5 years old youngster by 
taking its Keppel Island mother away on a 3 weeks visit to the 
Veppoon, discovered that the latter had during the whole period 
' secretly got one of the other gins to sudtle her breasts regularly 
so as to keep them füll.« 2 Die Mutter will sich also den Lust- 
gewinn des Säugens um keinen Preis entgehen lassen und überredet 
eine andere erwachsene Frau, bei ihr die Stelle des entfernten 
Kindes einzunehmen 3 . 
Bedeotunff des ^' e bleibenden Spuren, welche diese ersten infantilen Lust= 

Speichels, eindrücke im Leben des Menschen zurüddassen, lassen sich vor 
allem durch die magische Bedeutung des Speichels erhärten. Wie 
nun aber die verschiedenen Untersuchungen der Bechterewschen 
Schule nachgewiesen haben, ist der Speichelreflex bei Hunden nicht 
bloß eine unmittelbare, d. h. es kann nicht nur durch das Zeigen 
des Essens ausgelöst werden, sondern auch als Assoziationsreflex/ 
so wirkt z. B. schon der Anblick der Pinzette speichelerregend '. 
Die ursprünglich mit" der Nahrungsaufnahme und mit dem Ludein 
verbundene Speichelsekretion wird auch bei den Primitiven in den 
verschiedensten Fällen, wo überhaupt eine positive oder negative 
Libidoübertragung vorhanden ist, auftreten, denn alle diese Über- 
tragungen sind ja Wiederholungen jener Übertragung, in dem die 
Nahrungs= und Sexuallust nodi undifferenziert vereinigt sind, können 

1 Ch. Keysser: Aus dem Leben der Kaileute. Neuhauss: Deutsch- 
Neu-Guinea. III. 1911. 29. 

2 W. E. Roth: Marriage Ceremonies and Infant Life. North Queensland 
' Ethnography. Bull. 10. Records of the Australian Museum. VII. 1908. 14. 

Vgl. E. Nordenskiöld: Indianerleben. 1912. 63. I. Murdoch: Ethnological 
Results of the Point Barrow Expedition. IX. ReDort of the Bureau Am. Ethn. 415. 
A. Werner: The Natives of British Central Africa. 1906. 105. H. Rehse: 
Kiziba. 1910. 114. PIoss--Renz: Das Kind. 1911. I. 493-501. 

3 Die Lustempfindungen des Saugeaktes »erden ins übernatürliche projiziert 
und als magische Kraft dem lange Saugenden zugeschrieben. Vgl. Gönczi: 
Göcsej. 1914. 144, 145. G. P. Abbott: Macedonian Folklore. 1903. 145. 
P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglauben in Sddesien. 1903. I. 213. 
F. S. Krauss: Sitte und Brauch der Südslawen. 1885. 545. K. Bartsch: Sagen, 
Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 54. R. Andree: Braun- 
schweiger Volkskunde. 1901. 292. Vgl. das sieben Jahre fortgesetzte Saugen des 
Märchenhelden z. B. im Bärensohntypus. F. Panzer: Studien zur germanischen 
Sagengeschichte. 1910. I. 31. Bolte-Polivka: Anmerkungen zu den K. u. H. M. 
1915. IL 91. 

' W. v. Bechterew: Objektive Psychologie. 1913. 256-259. M. Dont- 
chef'Dezeuze: L'Image et les Reflexes conditionnels. Bibl.Pfiif.C6nt 1914. 13. 






Das Selbst 3 



also auch die Symptome der ersten libidinösen Eindrücke regressiv 
beleben. Ich habe neben der positiven auch die negative Libido» 
Übertragung erwähnt: das Aus- und Bespucken steht bei den 
Primitiven ambivalent für Liebe und Haß (Verachtung). Wenn wir 
den Anfang mit den aktiven Formen negativer Übertragung machen 
wollen, so finden wir. das Spucken als Abwehr» und Angriffs» 
zauber. In Südafrika hütet man sich in einem fremden Haus zu 
spucken, den Betreffenden würde man gewiß der Bosheitszauberei 
verdächtigen 1 . »Natives place great faith in spitting they frequenrly 
chew medicines and spit them out in the directum of their enemy,- 
they get their ill will ,off the ehest' by the action. They combine 
selfprotection with the expression of contempt for their ehemy by 
this explosive outlet of their venom«- und in Alt=HeIIas spuckt 
das Mädchen, das einen Liebesantrag" zurückweist, in ""ihren eigenen 
Busenlatz, um den bösen Blick des Zurückgewiesenen abzuwehren 3 . 
Das letzte Beispiel läßt keinen Zweifel an der Ambivalenz des 
scheinbar feindlichen Spuckens übrig. Das Mädchen, das sich in 
seinen eigenen Busen speit, vollzieht an Stelle des Geliebten einen 
symbolischen Koitus mit sich selbst, sie wehrt den bösen Wünschen 
(Blick) der Umwelt, indem sie introvertiert, d. h. ihre Libido gegen 
sich selbst wendet. In der Bretagne ist das gegenseitige In»den» 
Mund=spucken des Burschen und Mädchens ein feierlicher Akt der 
Verlobung 1 . In all den Fällen, in denen wir das Spucken als 
Aggregations», Segnungs» oder Heilungsritus finden, müssen wir 
den Speichel als Vehikel einer positiven Libidoübertragung be» 
trachten. Das Bespucken des kranken Körperteils ist eines der be» 
liebtesten Heilmittel in Neu--Süd» Wales, wodurch sie nach ihrer 
Meinung die Krankheit heraustreiben''. Den Mitgliedern des Thi'xide 
Unterstammes der Omaha war es gegeben, die Krankheit auf folgende 
Weise zu heilen. Der Kranke bringt dem Medizinmann Pfeil und 
Bogen, dann bespuckt er den Pfeil und zielt damit viermal nach dem 
Kopf des Kranken, worauf er ihn damit noch einreibt''. Bei den 
Barotses verabschieden sich Verwandte voneinander, indem sie sich 
gegenseitig bespucken oder wenigstens mit dem Munde das Bespucken 
andeuten. Sie spucken auf einen Grashalm und setzen es über das 
Haupt des Betreffenden, oder sie spucken in ihre eigenen Hände. 

1 Macdonald: Manners Customs and Superstitions of South African 
Tribcs. Journal of the Anthropoiogical Institute. 1890. XX. 131. 

"-' D. Kidd: The Essential Kafir. 1904. 10, 11. 

3 Theocritos: Idyllen. XX. 

1 P. Scbillot: Coutumes populaires de la Haute«Bretagne. 1886. 105. 
Bei den Jabim zerbeißt der Liebesbewerber eine besprochene Zwiebel und sprüht 
es gegen die Auserwählte hin. H. Zahn: Die Jabim. Neuhauss: Deutsch=Neu- 
Guinea III. 1911. 327. Über Speichel im Liebeszauber vgl. auch Rascher: Die 
Sulka. Ardiiv für Anthropologie. XXIX. 217, 218. 

s J. Ph. Townsend: Rambles and Observation« in New South Wales. 
1849. 90. 

A. C Fletcher and F. la Flesche: The Omaha Tribe. XXVII. 
Report. Bureau Am. Ethn. 1911. 43. 



Dr. Geza Röheim 



l'assiv'inagisdic 
Riten. 



Das alles, um die bösen Geister, d. h. ihre eigene verdrängte Feind- 
seligkeit, zu verscheuchen. Bespucktes Stroh ist ein Tabuzeicheii, sie 
deuten damit an, daß sie eine Übertragung auf den betreffenden 
Gegenstand vollzogen haben, wodurch es zu einem Teil ihrer Innen- 
welt geworden ist 1 . Der Speidielbund der Dschagga besteht darin, 
daß sie sich gegenseitig eine Flüssigkeit in den Mund spucken. So 
will z. B. der sterbende Ehegatte durch den Speichel den anderen 
Teil binden, sich der Waisen anzunehmen. Die Formel lautet: 
»Wenn Du nach meinem Tode die Waisen verlassen solltest, so 
soll dies Dich töten, wenn Du Dich aber ihrer annimmst, soll der 
Bund Dir Heil bringen 2 .« 

Das Spucken ist aber ein zweischneidiges Schwert. Die magische 
Wirkung kann nicht nur vom Spuckenden ausgehen, sondern sie kann 
sich auch ebenso leicht gegen ihn wenden. Ein lustbetonter Körper- 
teil strahlt ja diese Lust in Form einer magischen Potenz aus: aber 
»Post equitem sedet atra cura«, keine Lust ohne Angst. Auf der 
Insel Siau verwandeln sich die Hexen in Tiere und in dieser Gestalt 
kriechen sie dann unter die auf Pfählen stehenden Häuser, um den 
Speichel, der durch die Ritzen des Fußbodens herunterfließt, aufzu- 
fangen und damit die Bewohner des Hauses verhexen 3 . In Mada- 
gaskar ist das Spucken verboten, wenn jemand sich in der Nähe 
befindet 4 . Wenn man spuckt, so vergibt man sich, d. h. man läßt 
einen wichtigen, weil stark affektbetonten Teil der eigenen Persön= 
lichkeit in fremde Hände gelangen. Bei den Cherokee vergräbt man 



1 L. Decle: Three Vears in Savage Africa. 1900. 77. In Piedcliac spuckt 
man ins Wasser, um die Dämonen zu vertreiben. P. Sebillot: Le Folklore de 
France. 1905. II. 214. In Wales spuckt man dreimal auf die Erde — wenn man 
nachts über ein Wasser setzt — um die bösen Geister und Hexen zu verscheuchen. 
M. Trevelyan: Folk Lore and Foik Stories of Wales. 1909. 6. Laut dem 
Talmud bringt auch das zufällig ausgegossene Wasser Verderbnis, wenn man 
nicht hineinspuckt. J. Scheftelewitz: Sündentilgung durch Wasser. Archiv für 
Religionswissenschaft. 1914. 397. Vgl. über die Bedeutung des Wassers in diesen 
Riten als Fruchtwasser. Roheim: Spiegelzauber. 1909.60. Dann wäre das Spucken 
in diesen Fällen eine Koitusäquivalente, das Spucken ins Wasser würde den Koitus 
als Weg der Regression ins Intrauterinleben bedeuten. Wie Storfer: Marias jung- 
fräuliche Mutterschaft. 1914. 98, 99 richtig hervorhebt, kann das Bespucken auch eiii 
symboIisd>er Koitus sein <vgl. A. von Löwis of Mcnar: Nordkaukasische 
Steingeburtssagen. Archiv für Religionswissenschaft. XIII. 1910.521—523), in dem 
die Libido auf eine prägenitale Stufe regrediert <vgl. K. Abraham: Untersuchungen 
über die früheste Entwicklungsstufe der Libido. Internationale Zeitschrift für ärztl. 
Psychoanalyse. IV. 1916. 76. »Mundpollutionen«), darum dürfen wir aber das 
Bespeien im Ritus nicht an sich, in jedem Kall, als symbolischen Koitus deuten: 
wohl aber als eine zum Ritus erstarrte Abart der prägenitalen Lustgewinnung 
<d. h. primär,- ohne Regression). 

-' ). Raum: Blut- und Spcidielbünde bei den Wadschagga. Archiv für 
Religionswissenschaft. X. 290, 291. Der Medizinmann bespuckt und bespricht das 
Amulett, an dem dann geleckt wird. Ebenda 273. 

3 B. C. van Dinter: Eenige geographisdie en ethnographische aanteekc- 
ningen betreffend het eiland Siaoe. Tijdschrift voor Indische Taal-Land en Volkcn= 
künde. XLI. 381. 

4 A- van Gennep: Tabou et Totemisme a Madagascar. 1904. 331. 



Das Selbst 5 



den Speichel unter einem vom Blitz getroffenen Baum, der Betreffende, 
dessen Speichel so behandelt wird, fühlt sich sofort krank, seine 
Seele schrumpft zusammen und in sieben Tagen ist er tot 1 . In 
Hawai begleitet den König sein vertrauter Diener,- dem liegt es ob, 
des Königs Speichel in einem tragbaren Spucknapf zu sammeln und 
so zu verhindern, daß er in die Hände der bösen Zauberer falle-. 
Wir können nunmehr zusammenfassen: die magische Be- 
deutung des Speichels ist eine affektive, libidinöse,- die 
magische Kraft, eine Projizierung der libidinösen Regungen 
ins Übernatürliche^. Wir bleiben immerhin noch innerhalb des 
Geltungsgebietes der oralen Zone bei der Betrachtung des Hauch- Haurhzauber. 
zaubers. Im großen und ganzen haben wir es hier mit einer reduzierten, 
weniger sinnfälligen, halbsymbolischen und daher auch mehr sub(i= 
mationsfähigen Form des Bespudiens zu tun. Dementsprechend sind 
die Abarten des Angriffs^ und Abwehrzaubers, die auf eine uran= 
fängliche Haßeinstellung des Individuums der Außenwelt gegenüber 
zurüd<.gehen, hier weniger augenfällig, das Soziale, die Übertragungs= 
form, der Heilzauber überwiegt, wenn es auch an den primitiveren 
Formen nicht mangelt. Bei den Kaitish in Zentralaustralien blasen 
die Frauen auf ihre Finger und führen dann krallende Bewegungen 
in der Richtung des Mannes, den sie zu verderben wünschen, aus. 
Der Mann siecht nun hin und wird wie ein Gerippe*. Dies ent= 
spricht vollkommen dem Ritus des Puliliwuma <= Speichelwerfen) 
bei den Arunta, nur daß die Kaitish eine weniger primitive Form 
bewahrt haben. Die Arunta bespucken ihre Fingerspitzen und 
führen dann stoßende Bewegungen in der Richtung ihres Opfers 
aus. Dadurch wird der Betreffende mager und schwach"'. Ein Schutz^ 
zauber der Bateke besteht darin, daß sie eine gewisse Kräuterart 
kauen und die betreffende Person oder Sache dann anblasen und 
mit den gekauten Kräutern bespudten". In folgendem Sulkabrauche 

1 James Mooney: Sacred Formulas of the Cherokees. VII. the Report 
Bureau of Am. Ethn. 1891. 392. 

2 \V. Ellis: Poiyjiesian Researches. 1830. I. 365. Vgl. J. G. Frazer: 
Taboo and the Periis of the Soul. 1911. 287-290. Über die passiv» und aktiv» 
magische Verwendungen des Speichels siehe E. S. Hartland: The Legend of 
Perseus. 1894. II. 258-276. Crawley: The Mystih Rose. 1902. 112. Speichel ver- 
ursacht die magische Geburt. Hartland: The Legend of Perseus. I. 120, 122, 
128-130, 160, 161. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. 191-198, 150. 

■■■ Die Ausdrücke »Glüdc* und >magische Kraft« sind nur verschiedene Ab- 
stufungen desselben Grundkomplexes: um Glück zu haben, bespuckt man das Geld 
bei Kauf und Verkauf. M. Peacock: The Folklore of Lincolnshire. Folk-Lore. 
XII. 179. Ebenso den ersten Fisch beim Fischfang. Gönczi: Göcsej. 1914. 226. 
<Mit dem Zauberspruch : »Dein Vater, deine Mutter und alle deine Anverwandten 
mögen herkommen.«) Dnsselbe pflegt man auch in Ungarn zu sagen, wenn man 
Geld erhält. 

4 Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia. 1904.464. 

1 Spencer and Gillen: The Native Tribes of Central Australia. 1899. 552. 
Vgl. W. L. Hildburgh: Notes ön Singhalese Magic. Journal of the Anthro- 
pological Institute. 1908. 163, 164. 

8 L. Guiral: Les Batekes. Revue d'Ethnographie. V. 1886. 163. - 



Dr. Geza Röheim 









scheinen Blasen und Schwängern als gleichwertige Handlungen auf- 
zutreten. Wenn ein Mädchen einem Manne den Koitus verweigert, 
so paßt er, wenn der Mond im ersten Viertel steht, in der Nähe 
ihrer Wohnung auf, bis sie heraus kommt, um sich im Mondschein 
zu ergötzen. Dann nimmt er Kalk 1 , bläst ihn gegen den Mond-, 
wobei er iviHvu=ivu=vur lispelt. Hiedurch soll bewirkt werden, daß 
das Mädchen nach seiner Verheiratung Mißgeburten zur Welt bringt 
oder so häufig schwanger wird, daß sie bald sterben muß 3 . Auch 
beim Heilzauber gehen Bespucken, Lecken 4 und Anblasen ineinander 
über. Die Eingeborenen an der Astrolabebudit beblasen eine Ingwer- 
wurzel und bemurmeln sie, sie sagen z. B.: »Mache den Kranken 
gesund«, dann wird die Wurzel gekaut und auf die Wunde oder 
kranke Stelle gespuckt 5 . Die Eskimo erzählen, in uralten Zeiten 
gab es noch keine Schamanen, wenn jemand krank war, so ließ 
man einfach einen holen, der sich auf das Wegblasen der Krankheit 
verstand. Er sprach nicht, vom bloßen Blasen und Berühren wurde 
der Kranke gesund. Nun war die Reihe an den Freunden des 
Kranken mit dem Blasen, um den Gerudi des ersten Blasens weg- 
zublasen 11 . Auch bei den Tschuwaschen heißt der Medizinmann »der 
Anblaser«. Dieses Anblasen ist eigentlich eine Art Spucken, das 
man am besten mit dem Wörtlein rcfv sdiildern kann. Die Tschu- 
waschen pflegen übrigens das Hermurmeln der Zaubersprüche und 



1 Zur magischen Verwendung des Kalkes vgl. Rohe im: A varäzsero 
fogalmänak eredete. (Ursprung des Begriffes der Zauberkraft.) 1914. 126, 254. 

- Mond hier dem Weibe im allgemeinen gleichgesetzt. Vgl. Sadger: Über 
Nachtwandeln und Mondsucht. 1914. Derselbe: Ein merkwürdiger Fall von 
Nachtwandein und Mondsucht. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 
IV. 262. Hina, das erste Weib wird in den Mond versetzt. Tregear: MaorU 
Polynesian Comparative Dictionary. 76. <Marquesas.) 

8 Rascher: Die Sulka. Archiv für Anthropologie. XXIX. 218. Vgl. 
die bekannten Beziehungen des Mondes zu den Mißgeburten. (Mondkalb etc.) 
Die Häufigkeif der Schwangerschaften wohl in Zusammenhang mit dem Mond» 
wedisel. 

* Zur erotischen Bedeutung des Leckens als Heilzauber mag eine chinesische 
Sage herangezogen werden. Eine Frau träumt, daß ein gehörnter Hund sie beleckt. 
Infolge dieses Traumes wird sie schwanger und gebiert einen Sohn, der 'junger 
Hund« heißt. J. J. M. de Groot: The Religious System of China. Vol. VI. 1133. 

5 B. Hagen: Unter den Papuas. 1899. 257. Man vergleiche die bekannte 
Kinderart, sich die Schmerzen von den Eltern und Pflegepersonen wegblasen oder 
wegküssen zu lassen. 

F. Boas: The Eskimo of Baffins Land and Hudson Bay. Bull. Am. Mus. 
Nat. Hist. XV. 1901. 133. Man wird allerdings mit Jones (Die Empfängnis der 
Jungfrau Maria. Jahrbuch. VI. 1914. 140) annehmen müssen, daß diese magischen 
Komplexe (Hauchzauber, Wortzauber siehe weiter unten) einen Teil ihrer unbe- 
wußten Bedeutung einer Verschiebung von der analerotischen auf die oralerotische 
Zone zu verdanken haben. Vgl. oben das Wegblasen des Geruches. Ein bekannter 
Herr sagte mir einmal, über seine eigenen Verse spottend: »Es ist wie beim 
Scheißdrang, es muß heraus«. Ein anderes Mal bemerkte er, er habe bereits einen 
ganzen Düngerhaufen voll Verse geschrieben. Nur scheint es mir nicht zulässig, 
deshalb die selbständige Bedeutung der Oralerotik bei der abweichenden Bildung 
dieser Vorstellungen leugnen zu wollen. 






L 



Das Selbst 



das Bespucken des Medizinmannes mit einem Worte zusammen» 
fassend »Anblasen« zu nennen 1 . 

Da sich der Übergang nun von selbst vorbereitet, wird es Zauberspruch. 
vielleicht nicht allzu kühn erscheinen, wenn wir die ursprünglichste 
Bedeutung der magischen Kraft der Zaubersprüche ebenfalls im 
Gebiete der Oralerotik suchen. Doch ein Begriff muß bei dem Worte 
sein, wird man mir entgegenhalten. Nun glaube auch ich wie Mephisto, 
daß das nicht gar so notwendig ist. Die ersten Lallmonologe der 
Kinder werden wohl eher als lustvolle Betätigungen der Lippen, 
die sich erst langsam zum Nachahmen und erst dadurch zum Begriffe 
liehen entwickeln, zu betrachten sein und nicht als bewußte Versuche, 
irgend einen Gedanken mitzuteilen. Die Regression in diesem Zu= 
stand des Lallens erklärt den eigentlichen Sinn der »Abracadabra«, 
der unverständlichen fremdsprachigen) oder sinnlosen Zauberwörter. 
Der erste Unterricht im Reden wird ja dem Kinde von den Eltern in 
einer Sprache erteilt, welche von diesen nodi nicht verstanden wird, also 
eine fremde ist, und ebenso spridit dann der Zauberer, eine Neu= 
aufläge des übermenschlich mächtigen Vaters, eine fremde oder eine 
archaisierende Sprache. (Völkische und individuelle Vergangenheit!) 
Wir haben die gradweise erfolgende Akkulturation desselben magi* 
sehen Verfahrens vom Spucken bei den Arunta bis zum Blasen bei 
den Kaitish verfolgt. Nun finden wir bei den Ilpirra wörtlich das» 
selbe, nur daß hier das »Besingen« an Stelle des Speichels und 
Hauches getreten ist 2 . Ebenso wie man den Menschen bezaubern 
kann, wenn man seines Speichels habhaft wird, kann auch das ge= 
sprochene Wort passiv magisch wirken. Wenn eine Sulkafrau ihrem 
Mann entläuft, so macht er eine Schlinge in einem Bindfaden, schleicht 
sich vorsichtig in die Nähe des Hauses, in welchem die Frau sich 
aufhält und hält hier die offene Schlinge in Bereitschaft, indem er 
Zauberworte über dieselbe flüstert. Sobald die Frau spricht, zieht 
er die Schlinge zu. Darauf macht er einen Spalt in eine bestimmte 
Schlingpflanze und steckt den geknoteten Bindfaden hinein. Sobald 
dann der erste Regen auf die Frau fällt, sollen sich ihre Glieder 
krümmen, sie soll Wunden bekommen, abmagern und sterben. Dieses 
Verfahren heißt das »Stimmenbinden« oder »Lautbinden« 3 . 

Das letzte mit der Oralerotik noch immer eng verbundene Bfe 

Thema, das uns in diesem Zusammenhange beschäftigen soll, ist die SSS*S sÄ"" 
magische Bedeutung der Speise. Der Mensch, der einen Teil SH^SmX» 
seiner noch undifferenzierten Ich» und Sexuallibido auf die genossene Todeszaubers. 

1 Meszaros:A esuvas ßsvallas emlekci. <Die Urreligion der Tschuwaschen) 
1909. 271. Vgl. F. S. Krauss: Slawische Volksforsdiungen, 1908. 65. Munkäcsi: 
Votjäk nepkölteszeti hagyomanyok. 1887. 177 und das afrikanische Material. 
Röheim: A varäzserö fogalmanak eredete. 1914. 144. H. A. Junod: The Life 
of a South African Tribe. 19H. I. II. Siehe laut Index »Sacrifices«, ferner 
D. Westermann: The Shilluk People. 1912. 119. 

- Spencer and Gillcn: The Native Tribes of Central Australia. 1899. 
552, 553. 

' R. Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsec. 1907. 190, 191. 



Dr. Geza Röheim 



Die?, 
l.icbcszaiibi'r. 



speise im 



Speise überträgt, wird eben durch die Speisenüberreste, die möglicher^ 
weise eine innige Verbindung mit seiner Person hätten eingehen 
können und nun sidi in Feindeshänden befinden, empfindlich verletzbar 
sein. Anderseits wird aber das übertragbare Lustgefühl der Oral- 
zone in Form einer magischen Wirksamkeit von der Speise aus= 
strahlen und die Überreste werden sich anderen gegenüber aktiv 
magisch verhalten. Das Übelwollen des Mäditigeren, der die übrig=- 
gelassene Speise und die damit einhergehende engere Verbindung 
mit der hochheiligen Person dessen, der es übrig gelassen hat, dem 
anderen nicht gönnt, kann Fatales bewirken. Ein junger, kräftiger 
Maorisklave ißt die übriggelassene Mahlzeit des Häuptlings, man 
sagt ihm, was er getan und bis zum Abend desselben Tages stirbt 
er 'unter schreddichen Krämpfen. Ebenso stirbt die Maorilrau, die 
Obst von einem tabuierten Ort gegessen hatte 1 . Das sind aber 
Ausnahmen. Häufiger verhält sich die Speise passiv magisch. Wenn 
man in Neuseeland einen Menschen töten will, so trachtet man 
etwas in die Hände zu bekommen, was dem betreffenden gehört 
hat, eine Haarlocke, ein Stück seines Kleides oder etwas von seiner 
Speise, über den Gegenstand werden nun Zaubersprüche hergesagt, 
man vergräbt ihn und wie die Speise oder der Fetzen verfault, 
so auch der, dem sie ursprünglich gehört hat 2 . 

Aber die Speise ist nicht. bloß dem Tode dienstbar,- sie ist 
auch der Weg zur Liebe. Es ist eine häutige Form des australi- 
schen Frei erb rauch es, daß der Mann der Frau eine Speise anbietet. 
Nimmt sie dieselbe an, so hat sie damit auch den Eheantrag an- 
genommen. Strehlow berichtet: »Es besteht noch heute unter den 
Schwarzen die Sitte, daß ein Mann, der eine Frau oder ein Mäddicn 
verführen will, derselben Fleisdi zum Essen anbietet. Nimmt sie es 
an, so ist das ein Zeichen ihrer Einwilligung :i .«. Wenn ein Kurnai" 
mädchen sich mit dem Auserwählten aus dem Staub machen will, 
so läßt sie ihm sagen: »Wirst du etwas Essen für mich suchen.« 
Man versteht, daß das einen Heiratsantrag bedeutet' 1 . 

In Neu=Guinea bei den Jabim ist die Hochzeit sicher, sobald 
der Bursche einmal von dem Mäddien gekochte oder gebratene 



1 J. G. Frazer: Taboo and tl.e Perils of the Soul. 1911. 134, 135. 
Vgl. Crawley: The Mystic Rose. 1902. 149. 

'-' Taylor: Tc ika a Maui, or New Zealand and its Inhabitants. 1870. 89. 167- 
R. Shortland: Traditions and Superstitions of the New Zealanders. 1854. 117. 
Vgl. Taplin: The Narrinyeri. 1878. 24. H. E. A. Meyer: Manners and Customs 
of the Aborigines of the Encounter Bay Tribes. Woods: Native Tribes of South 
Australia. 1879. 196. Eylmann: Die Eingeborenen der Kolonie Südaustralien. 
1908. 218, 221. R. H. Codrington: The Melanesians. 1691. 203, 204. 
Th. Williams: Fiji and the Fijians. 1858. I. 249. H. H. Romilly: From my 
Verandah in New Guinea. 1889. 83. H. Schnee: Bilder aus der Südsee. 1904. 319. 
Frazer: Taboo. 1911. 126-130. 

"- 1 C. Strehlow: Die Aranda' und Loritjastämme in Zentrai-Australien. 
<VeröfF. Stadt. Völker-Museum. Frankfurt a. M.) 1908. II. 54. 

1 Fisou and Howirt: Kamilaroi and Kumai. 1880. 200. 



Das Selbst 



Taro gegessen hat 1 . Man würde gewaltig irren, wenn man in allen 
diesen Bräuchen nur die Andeutung der zukünftigen Gemeinsamkeit 
von Tisch und Bett sehen würde. Es handelt sich vielmehr um eine 
direkte Gefühlsübertragung, das Geschenk ist gleich dem Schenkenden 
und das Liebesobjekt wird mit dem Essen einfach einverleibt. Die 
Buckaua machen beim Liebeszauber ein Gemisch von gelblicher 
Erde, Rötel etc.: in einem Stückchen Fisch oder Fleisch wird ein 
kleiner Einschnitt gemacht, von dem Gemisch wird ein wenig hinein- 
gesteckt und der Bissen wird dem Mädchen gereicht. Dies macht 
dasselbe lüstern nach dem Geber-, Der Zusammenhang mit dem 
Speichelzauber ist ganz klar aus folgendem Beispiel. Wenn bei den 
Sulka ein Mann nach einer Frau Verlangen hat, so nimmt er eine 
Kokosnuß, murmelt darüber eine Zauberformel und spuckt auf den 
Kern, dann wird die Nuß so gelegt, daß die Frau oder das Mädchen 
davon essen muß: geschieht dies, so verliert sie ihren Widerwillen 
gegen den Mann und folgt ihm willig' 1 . Ähnliches läßt sich aus 
Europa vielfach belegen. In Böhmen glaubt man z, B., daß, wenn 
ein Bursche nach einem Mädchen von demselben Stücke ißt, so vei- 
liebt er sich in sie'. Die erogenen Zonen haben ja das Primat nur 
langsam an die Genitalien abgetreten und bei feierlichen, affekt- 
betonten Anlässen- kommt mit Hilfe der Verschiebung nach oben 
eine Regression ins Infantile zustande. Das gemeinsame Essen ist 
ein symbolischer Koitus \ So scheint man es z. B. am Encounter 
Bay aufzufassen, denn nach der Männerweihe sind die Jünglinge 
den Frauen gegenüber eine Zeit lang »rambe«, d. h. heilig, tabu 
und dann darf keine Frau, nicht einmal die eigene Schwester, vom 
Jüngling Essen annehmen, bis zum Zeitpunkt, wo sie die Erlaubnis 
erhalten, um eine Frau zu freien ,: . Das Annehmen hat nämlich 
Folgen. Morrison berichtet: wenn bei den Stämmen des Cairns 
Distrikt eine Frau von einem Manne Nahrung annimmt, wird dies 
nicht nur als eine Art Ehebruch, sondern auch als Grund der 
Empfängnis betrachtet 7 . Daran reihen sich nun verschiedene Zeug= 
nisse aus Zentral- und Westaustralien. Bei den Arunta rindet eine 
Frau Lalitjafrüchte und nach reichlichem Genuß derselben stellt sich 
eine Übelkeit ein,, nun ist ein Lalitja-Ratapa (Kinderkeim laut Strehlow, 
Spint-child laut Spencer and Gillen) in sie eingedrungen 8 . Ja,' wenn 
man bemerkt, daß sich bei einer Frau nach dem Genüsse von 

1 H. Zahn: Die Jabim. Neuhauss: Deutsch=Neu=Guinea. 1911. III. 300. 

- Stefan Lehner: Bukaua. Ebenda. 459. 

■ Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 192. 

4 Wuttke: Der deutsche Volksaberglaube. 1900. 366. Vgl. Roheinr 
Spiegelzauber 1919. 155. Anm. 1. 

'- Vgl. Rohe im: Ebenda, S. 144. 

H. E. A. Meyer: Manners and Customs of the Aborigines of the 
Encounter Bay Tribes. Woods: 1. c. 187. 

7 J. G. Frazer: Beliefs and Customs of the Australian Aborigines. Folk- 
Lore. 1909. 352. 

s Strehlow: Die Aranda und Loritjastämme. 1907. I. 1. 



10 Dr. Geza Röheim 



Fleisch Üblichkeiten einstellen, so ist eigentlich nicht ihr Mann, der 
ihr das Fleisch gebracht hat, für die Geburt verantwortlich, sondern 
der betreffende Totemvorfahre, dem es danach gelüstet, von dieser 
Frau wiedergeboren zu werden 1 . Basedow beriditet über dieLarrekya 
und ihre Nachbarstämme: Tötet ein Mann auf der Jagd ein Tier 
oder findet er irgendwelche Nahrung, so gibt er es seiner Frau zu 
essen in dem Glauben, daß dies die glücklidie Geburt eines Nach* 
kommen hervorruft. Empfängnis wird hier nicht als Folge des 
Geschlechtsverkehrs angesehen-. Am Tully River werden unter 
anderen folgende Gründe als Ursache der Empfängnis angenommen: 
»A woman begets children a> because she has been sitting over 
the fire on which she has roasted a particular species of bladc 
bream, which must have been given to her by the prospective 
father, b> she has purposely gone a hunting and caught a certain 
kind of bulI=frog« :i . Unter den Ingarda am Gascoyne River findet 
sich der Glaube, daß die Kinder durch eine Speise erzeugt werden, 
welche die Mutter vor dem ersten Anzeichen der Schwangerschaft 
genossen hat. Zum Beispiel der Vater speert ein kleines Tier, ge-= 
nannt »Bandaru« und gibt es der Mutter zu essen, die davon 
sdiwanger wird. Das Kind trägt nun ein Zeichen an der Hüfte, 
wo es vom Vater in Tiergestalt gespeert wurde, bevor seine Mutter 



1 Strehlow: Die Aranda= und Loritjastämme in Zentral=Australien. 1908. 
II. 54. Nach dem Genuß des Fleisches stellt sich bei ihr Übelkeit und Erbrechen 
ein. Am nächsten Tag geht sie an einem Felsen vorbei und sieht dort einen 
Mann. Das ist ein Totemvorfahr: mit einer naniatuna (= Schwirrholz, die im 
Liebeszauber gebraucht wird. Spencer and Gillen: The Native Tribes of 
Central Australia. 1899. 541) wirft er <sexualsymbolistisch zu verstehen vgl, 
A. S. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. 1914. 99) die Frau an die 
Hüfte und verschwindet dann in die Erde, die naniatuna geht in die Frau ein 
und nimmt dort menschliche Gestalt an. Ins Lager zurückgekehrt spürt sie drückende 
Schmerzen im Leibe und sagt: »Ich bin am Rande des Felsens gegangen. Da 
habe ich am Felsen einen Mann mit einem Stirnband vor mir stehen sehen. Ob- 
wohl ich ihn gesehen habe, habe ich nichts mit ihm zu sdiaffen gehabt. (Dieses 
Ableugnen des Geschlechtsverkehrs vor der Empfängnis scheint darauf hinzudeuten, 
daß die Kenntnis des Zusammenhanges schon mehr als unbewußt, auch vorbewußt 
zu nennen ist). Als ich Sämereien bereitete, spürte ich Schmerzen und einen Druck 
im Leibe. Der Mann erwidert: Du hast ein Kind empfangen. Den Namen gibt 
dem Kinde sein Großvater (väterlicherseits), der derselben Heiratsklasse wie das 
Kind und auch wie der Totemvorfahr angehört. (Ebenda 54, 55.) Das Kind ist 
eigentlich der wiedergeborene Großvater: die Vision am Felsen ist ein symboli* 
scher (Wurf<=Koitus) Tagtraum, in dem der Totemvorfahr zunächst den Schwieget - ' 
vater, letzten Endes den eigenen Vater der Frau vertritt. Das Verschwinden in 
der Erde ist einem Verschwinden in der Frau gleich zu achten. Ausführlidier 
handle ich über diese Fragen in meiner Arbeit über Totemismus in Australien. 

2 H. Basedow: Anthropological Notes on the Western Coastal Tribes 
of the Northern Territory of South Australia. Transactions of the Royal Society 
of South Australia. 1907, XXXI. 4. 

■ , W. E. Roth: Superstition, Magic and Mediane. Bull. 5. N. Q E. 
1903. 22. Vgl. Spencer: The Native Tribes of Northern Australia. 1914. 270,271. 
Der Frosch, der in Europa den Uterus symbolisiert (vgl. R. Andree: Votive und 
Weihegaben. 1904. 129) vertritt also hier das Kind. 



II 



T 



Das Selbst 11 



es gegessen hatte 3 . Daß Essen und Sexualakt im Unbewußten 
einander gleidigesetzt werden, geht auch aus einem Verbot der 
Arunta, LInmatjera und Kaitish hervor. Bei diesen Stämmen darf 
nämlich niemand vom Fleische eines Tieres essen, welches sein 
Schwiegervater getötet oder auch nur gesehen hat 2 . Ebensowenig 
darf der Schwiegervater dabei sein, wenn der Schwiegersohn ißt, 
sonst würde das Essen verderben, der Schwiegervater würde 
»seinen Geruch hineinwerfen« 3 . Das, was der Mann dem Schwiegep= 
vater genommen hat, ist ein anderer Genuß — seine Tochter. Der 
verdrängte Neid des Sdiwiegervaters bezieht sich eigentlich auf den 
Geschlechtsgenuß und wird darum durch den damit im Unbewußten 
einen Komplex bildenden Akt des Essens hervorgerufen. 

Nun sind ja alle diese infantilen Sexualtheorien nur durch r 9, r - a,er0 ' is j? ,e 

r» »joi rt- « « . « Ltrhiaruiig dieser 

eine Regression der ochwangeren auf die ursprüngliche Vorstellungen. 
Oralerotik 1 zu verstehen <vgl. die bekannte Süchtigkeit da S B ff, 
Sdiwangeren '>, welche bewirken kann, daß sie die beiden Objekte 
ihrer Wünsche, nämlich Kind und Speise identifiziert. Die lange und 
vergeblich diskutierte Frage, ob der Zusammenhang von Geschlechts- 
verkehr und Empfängnis von den Zentralaustraliern bloß geflissentlich 
auf Grund ihrer hochentwickelten animistischen Theorien geleugnet 
wird oder ob sie infolge ihres primitiven Urzustandes diese Ent=- 
deckung noch nicht gemacht haben, erhält nun eine befriedigende 
■Lösung": der Zustand ist wirklich infantil=primitiv, denn das Unbe= 
wußte weiß das Geheimnis der Zeugung sdSon, doch das Bewußte 
kann es nodi nicht zugeben. Daher entsteht einerseits ein Konflikt, 
dessen intrapsychische Spannung in der Form von religiösen Vor» 
Stellungen und Riten abreagiert wird, anderseits eine Regression der 
Libido, auf den noch primitiveren LIrzustand der reinen Oralerotik, 
die keine Differenzierung zwischen Eßlust und Sexuallust kennt. 
Dazu eine Parallele in Hemmungsform. Das Schamgefühl nämlich, 
welches bei uns nur als Hemmung der genitalen und exkrementellen 
Funktionen bekannt ist, tritt bei den Primitiven als eine häufige Be= 
gleitersdieinung des Essens, also der oralen Lustgewinnung auf. 
Cameron berichtet, daß alle Warua sich selbst Feuer anzünden und 

^' ,0« ^ e ' ie f s concerning child birth in some Australian Tribes. 

Man. 191Z. 180. Vgl. die Deutung, die Reik: Die Couvade und die Psycho- 
genese der Vergeltungsfurcht. Image 1914. <Probleme der Religionspsychologie. 
1919. 51) 'zur Erklärung der Verbote, laut denen der Vater des Neugeborenen 
gewisse Tiere nicht essen darf, gibt. Siehe Analoges weiter unten. 

2 Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 609. 

3 Spencer and Gillen: Ebenda. 610. 

* Vgl. K. Abraham: Untersuchungen über die früheste Entwicklungsstufe 
der Libido. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1916. 71. 

s Ploss-Bartels: Das Weib. 1908. I. 916-920. Auch im Volksglauben 
<die Speise, die der Frau verweigert wurde, wird am Kinde als Mal sichtbar) 
findet sich diese Identifikation. 

Vgl. A. van Gennep: Mythes et Legendes D'Australie. 1906. XLIX. 
P. \V. Schmidt: Die Stellung der Aranda unter den australischen Stämmen. 
Zeitschrift für Ethnologie. 1908. 879. 



12 Dr. üeza Röheim 



selbst ihre Speisen kochen. Keiner gestattet, daß andere ihm zusehen, 
wenn er ißt oder trinkt und doppelt streng bewahrt man Geheim* 
nisse gegenüber dem anderen Geschlecht 1 . Oder führen wir die 
berühmten Zeilen von den Steinens an, wo er erzählt, welche 
Wirkung es auf die Bakarri ausübte, daß er sein Abendessen in 
Gesellschaft verzehren wollte. »Alle senkten die Häupter, blickten 
mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit vor sidi nieder oder 
wandten sich ab und Paleko deutete nach meiner Hütte. Sie 
schämten sich« 2 . Audi die Karajafrauen schämen sich in Gegen* 
wart der Fremden zu essen 8 . 
dte übertragbar- Nun läßt sich audi ein anderer weitverbreiteter Zug des primitiven 

keit *** Eige "' Seelenlebens erläutern, nämlich der Glaube an die Übertragbarkeit der 
Eigenschaften des gegessenen Menschen oder Tieres auf den Esser. 
Was man ißt, das liebt man,- aber der Satz läßt sich für die 
Primitiven auch umkehren: was man liebt, das ißt man. Ander* 
seits ist es ja klar, daß jede Libidoübertragung das Bedürf* 
nis, dem geliebten Objekt nachzuahmen, in sich schließt. 
Der Bär imponiert dem Eskimo durch Körperkraft und Unerschrocken^ 
heit, also essen sie in der Kindheit Bärennieren, damit sie zu 
tapferen Bärenjägern heranreifen 1 . Ähnlich berichtet Sternberg über 
das Bärenopfer der Giljaken. »In diesem Genießen wird kein bloßer 
Akt des Essens gesehen, sondern die Aufnahme der mächtigen 
Eigenschaften des Bären in den eigenen Körper.« Eine Frau z. B." 
darf nicht vom Herzen des Bären genießen, welches Mut, eine für 
die Frau vollkommen unnütze Eigenschaft verleiht 5 . Die Australier 
am Mary River essen am liebsten vom Fleische der berühmtesten 
Häuptlinge, denn dadurch hoffen sie, deren Eigenschaften zu erben . 
Daß eben diese Riten als Liebesbeweise aufzufassen sind, wird ja 
von den Primitiven ausdrüddich bezeugt. So sagen z. B. die Diene, 
daß sie das Fett ihrer Verwandten darum essen, damit die Trauer 
von ihrem Herzen weichen möge. Bemerkenswert ist auch, daß bei 
den matrilinear rechnenden Dieri Kinder von der Mutter und die 
Mütter das Fleisch ihrer Kinder essen, aber der Vater ißt nicht 
von seinem Kinde und das Kind nicht von seinem Vater. Die 
Tangara tragen die Leichen ihrer Verwandten mit sich herum »and 
whenever they feel sorrow for the dead they eat some of their 
ffesh until nothing remains but the bones« 7 . Hochwichtig ist folgende 

1 V. L. Cianieron: Quer durch Afrika. 1877. II. 61. 

2 K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. 1897.69. 

3 F. Krause: In den Wildnissen Brasiliens. 1911.257. Vgl. E. Crawley: 
The Mystic Rose. 1902. 148. 

* F. Nansen: Eskimoleben. 1903. 186. - 

L. Sternberg: Die Religion der Giljaken. Archiv für Religionswisscn» 
scfaaft. VIII. 458. Weiteres Material siehe bei Crawley: The Mystic Rose. 1902. 156. 
Röheim: A varazserö fogahnänak eredete. 1914. Kap. V. 

u Mc Donald: Modes of preparing the dead among the Natives of the 
Upper Mary River. Journal of the Anthropological Institute. II. 1872. 179. 

7 A. W. Howitt: The Native Tribes of South East Australia. 1904. 751. 



Das Selbst 13 



Angabe. In Queensland finden sogenannte Liebesschmäuse statt. 
Stirbt eine junge Frau oder ein junges Mädchen, so verzehren die 
Männer, die sie liebgehabt haben, gewisse Teile des Körpers, wobei 
sie sidi weiß anmalen 1 . Bei den Gebar im nördlichen Teile von 
Ncu-Guinea werden die Genitalien eines getöteten Mannes von 
einem alten Weibe, die einer Frau von einem alten Manne ver» 
zehrt-. Hier dürften die Alten wohl als Vertreter der Eltern der 
ersten Liebesobjekte des Kindes aufzufassen sein. 

Eine zweite bedeutsame erogene Zone ist die anale, die ebenfalls , Anaierotik. 

; , ä < t ic» l< ••. i xr» I'assivmagiMlic 

geeignet ist, eine Anlehnung der oexuahtat an andere Körper* Bedeutung der 

funktionell zu vermitteln 3 . Die bei der Entleerung der Exkreta Exkremcnu - 

auftretende Lustempfindung transponiert sich in ganz ähnliche Vor-= 

Stellungen, wie wir dies oben für die Lippenzone festgestellt haben. 

Auch hier finden wir, daß das Scheiden eines libidinös bedeutsamen 

Teiles aus dem Körper lebhafte Affekte der Furcht auslöst, die in 

der passiv^magischen Rolle der Exkremente ihren Ausdruck finden. 

Auch hier finden wir, daß die endopsychische Wirksamkeit der 

infantif=analen Lustgefühle als reell bewertet und den Exkreten 

eine aktiv^magische Potenz zuerkannt wird. Am Prcserpine River 

glauben die Eingeborenen, daß sie krank gemacht werden können, 

wenn man ihre Exkremente verbrennt, daher bededien sie diese 

immer mit Erde, am Bloomheld und Pennefather River betrachtet 

man jedoch nur die Exkremente von kleinen Kindern, die noch nicht 

gehen können, als schutzbedürftig 1 . Dasselbe hnden wir bei den 

Mafulu in Neu=Guinea. Die Erwachsenen zeigen gar keine Sorge 

in betreff der Exkremente und des LIrins, aber die Ausscheidungen 

der kleinen Kinder werden von der Mutter sorgfältig versteckt 

oder in den Fluß geworfen'. Während also die Erwachsenen 

dieser Stämme die analerotischen Regungen schon überwunden 

1 O. Bergmann: Die Verbreitung der Anthropophagie. 1893. 29. Leider 
ohne Quellenangabe. 

n . " Z • "• Ruys: Bezoek an den Kannihalenstamm \on Noord Nieuw 
vvni a 'inn dsd,rift van het konm| iJl< Nederlandsche Aardrijkskundig Genootsdiap. 
XXII . 1906 328 ex Frazer: Taboo. 1911. 190. Vgl. des weiteren Steinmetz: 
hndokannibalismus. Mitt. d. W. A. G. XXVI. 1-28. 

4 W F R eU D : DrC ' AW,an dl»ngcn zur Scxualrheorie. 49. 
„ , . A ,.°i h: Superstition, Magic and Medicine. Nortli Queensland 

Ethnography. Bull 5. 1903. 22. 

s W. Williamson: The Mafulu Mountain People of British New Guinea. 
1912. 280. Hingegen ist es mir nicht ganz klar, warum nhe inedible remnants of 
recently consumed vegetable food* nur den Erwachsenen gefährlich werden können. 
Exkremente der Kinder und Sp_eisenüberrestc der Erwachsenen werden, um sie vor 
den Angriffen der feindlichen Zauberer zu schützen, ins Wasser geworfen und 
man gießt Wasser über Kinderurin. Ebenda 281. Zur schützenden Intrauterin- 
bedeutung des Wassers vgl. Röheim: Spiegelzauber. 1919. 60 — 64. Vgl. das 
Verbrennen der Exkremente. H. Schnee: Bilder aus der Südsee. 1904. 349. 
Codrington glaubt annehmen zu dürfen, daß in Melanesien die Sitte, die Not= 
dürft im Meere zu verrichten, aus dem Glauben stammt, daß das Wasser die 
Exkremente vor den Machenschaften der Zauberei schützt. R. H. Codrington: 
The Melanesiens. 1891. 204. 



14 



Dr. Geza Röheini 



haben, leben diese als Regression auf ihre infantile Einstellung in 
den Müttern wieder auf. Im allgemeinen fällt das Analerotische auf 
relativ früher Stufe der Verdrängung anheim und es dürfte diesen 
Regungen eine größere Bedeutung zuzuerkennen sein, als sich aus 
dem unverblümten, d. h. nichtsymbolischen Beispielen erhärten läßt 1 . 
Bei den Kakadu in Nordaustralien ist das Verbrennen von »Korno«, 
d. h. Exkrement, die allgemeinste Art des Vemichtungszaubers. 
Deshalb gibt auch jeder sehr acht auf seine Exkrete, verdeckt oder 
versteckt sie, und die Lagerplätze der Kakadu sind reiner als die 
der meisten Eingeborenen-. Jeder Tod aus natürlichen Ursachen 
wird in Victoria dem Umstände zugeschrieben, daß die Exkremente 
des Kranken verbrannt worden sind 3 . 
Hräudie. JJiese passiv-magischen Brauche zeigen jedoch nur die Emp- 

findungen in der Verdrängungsform. Die infantile Lust an dem 
Betasten der Exkremente wird auf die Zauberer projiziert und in 
ein scharf betontes Meiden des Exkrementellen umgewandelt 1 . Die 
ursprünglichere Befriedigungsform leuchtet jedoch aus den Bräuchen 
hervor, in denen ein Berühren oder Essen der Exkremente anderer 
zur Erhöhung der Zauberkraft oder zur Erlangung gewisser Eigen» 
Schäften dient und auch in denen man die eigenen Exkremente 
positiv=magisch verwendet, d. h. mittels ihrer eine magische Wirkung 
auf andere auszuüben vermag. Bei gewissen Stämmen des nord- 
östlichen und zentralen Teiles von Victoria ist das Essen von 
Menschenkot ein Bestandteil der Weiheriten, deren bewußten Zweck 
die Erhöhung der Zauberkraft bildet'. Dieselben Stämme nämlich, 
die diese Riten bei der Männerweihe beobachten, halten ihre Lager- 
plätze frei von allen Ausscheidungen, aus Furcht, die bösen Geister 
oder Feinde könnten sie dadurch verzaubern 11 . Die Kakadu, bei 

1 Namentlich wird ein Teil der Analerotik in der magischen Bedeutung der 
harten und glitzernden Gegenstände (Bergkristall) sublimiert/ hierüber an anderer 
Stelle ausführlicher. Siehe vorläufig das Material bei Roh ei in: A varazserö fogal- 
manak eredete. 1914. (Ursprung des Begriffes der Zauberkraft.) 54. 

2 B. Spencer: The Native Tribes of the Northern Territory of Australia. 
1914. 257. Zur Reinlichkeit vgl. S. Freud: Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. II. 1912. 132. Charakter und Analerotik. 

3 W. Stanbridge: On the Aborigines of Victoria. Transactions of the 
Ethnological Society. I. 299. 

4 Atnatu, der Vatergott der Kaitish, hat, wie sein Name andeutet, keinen 
Anus. Dafür ist aber sein Gesicht sehr schwarz. (Wiederkehr des Verdrängten: 
Verschiebung nach oben.) Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central 
Australia. 1904. 498. 

5 Mathews: Ethnological Notes on the Aboriginal Tribes of New South 
Wales and Victoria. 1905. 118. 

° R. H. Mathews: Ethnological Notes on the Aboriginal Tribes of New 
South Wales and Victoria. 1905. 112. Vgl. dasselbe bei den Kamilaroi. W. Ridley: 
Report on Australian Languages and Traditions. Journal of the Anthropological 
Institute. II. 27 und bei den Wiradthuri. R. H. Mathews: The Burbung of the 
Wiradthuri Tribes. Journal of the Anthropological Institute. 1896. 278. Man 
bringt die Novizen nach goonambang <excrement-place>. Hier zeigt man ihnen die 
weißen Kristalle, die man Exkremente des Gottes Goign nennt, <VgI. G. F. An gas: 
Savage* Life and Scenes in Australia and New Zealand. 1847. II, 224.) Nun 



. 



Das Selbst 15 



denen, wie wir oben gesehen haben, das Verbrennen von Korno 
die allgemein übliche Art des Todeszaubers bildet, pflegen, wenn 
ein Bursche schwach und klein ist, den Korno eines starken Mannes 
zu stehlen und zu verbrennen. Dadurch wird der Knabe stark, der 
Mann aber verliert seine Kraft und stirbt 1 . Daß der Kot einen, 
Bestandteil des Liebestrankes bei den Apachen bildet 2 , besagt ein- 
fach, daß die erotischen Triebe durch eine Regression auf die infantile 
Analerotik einen bedeutenden Libidozuschuß erhalten. Dieselbe Er- 
klärung trifft auch zu, wenn wir finden, daß Frauen im Mittelalter 
auf ihrem bloßen Hintern Brotteig kneten und von diesem Brote ihren 
Männern geben, um diese verliebter zu machen 3 . Wenn die Zulu, 
bevor sie über einen Fluß setzen, Krokodilexkremente kauen und 
mit diesen ihre eigenen Körper bespucken 4 , so ist das eine ganz 
ähnliche Liebesbezeugung den Krokodilen gegenüber wie das Ver» 
fahren der Patientin Jungs, die sich zu seinem Empfang vom Kopf 
bis zu den Füßen mit Kot einschmiert und ihn lachend fragt: »Gefall 
icfi dir so?« 5 Alle diese Verdrängungs= und Befriedigungsformen 
der primitiven Analerotik fügen sich ungezwungen in das Schema 
unserer Auffassung von dem Lustcharakter der magischen Handlungs- 
weise. Die Zauberkraft, die den einzelnen Körperteilen zu= 
erkannt wird, ist einfach der Ausdruck ihrer Erogeneität. 



as 



kommen sie in ein anderes Lager, genannt kella ybang <urinating place). D„„ 
Schwirrhol: heißt goonandhakua <excremenucater). R. H. Mathews: The Keepara 
Ceremony of Initiation. Journ. Anthr. Inst. 1896. 329—331. <Das Schwirrholz ist 
Prototyp der Novizen: es ist ein Exkrementenesser, weil die Novizen es sind.) 
In einer Sage der Jaurorka und Dieri heifit der Ort, wo die Heroen die Jünglinge 
beschneiden, Kunauana <ExcremenHight). A. W. Howitt and O. Siebert.: 
Legcnds of the Dieri and Kindred Tribes. Journ. Anthr. Inst. 1904. 100. 

1 Spencer: The Native Tribes of the Northern Territory of Australia. 
1914. 261, 262. Die Larakia=2auberer können den Todeszauber leicht ausführen, 
wenn sie eine Mischung vom Kote eines Menschen und dem Harze der Wurzeln 
des Erythrophilaeum Laboucherii in einer faustgroßen Grube verbrennen. Kommt 
der Mensch, von dem der Kot stammt, an die betreffende Stelle, so muß er sterben 
Eylmann: Die Eingeborenen der Kolonie Südaustralien. 1908. 219. Die Ent- 
leerung der Exkremente isu eine Art von Geburt: kommt der Mensch daher 
an die stelle, wo seine Exkremente in der Intrauterinlage <Grube) sind, so muß 
er ebenfalls in den Mutterleib zurück. Was den Exkrementen widerfährt, wieder» 
e • inm de ™H e J ,s * en < Verbrennen). Vgl. P. Kammerer: Das Gesetz der 
Serie. 1919 und S. Freud: Das Unheimlidie. Image V. 5/6 vom Wiederholungs* 
zwang des Unbewußten. Zu Kind und Faeces einerseits, Analerotik und Haß 
anderseits vergleiche die sfabuni«. Diese sind die schattenhaften Abbilder der 
Massimfrauen, aber nur derer, die schon ein Kind geboren haben. Durch diese 
üben sie den lodeszauber aus und diese labuni verlassen den Körper ihrer Be= 
Sitzerinnen per rectum. Seligmann: The Melanesiens of British New Guinea. 
1910. 640. 

3 Bourke = Krauss-Ihm: Der Unrat in Glaube und Brauch der Völker. 
<Anthropophyteia»Beiwerke. VI.) 1913. 189. 

3 Wuttke: Der deutsche Volksaberglaube. 1900. 366. 

* E. Crawley: The Mystic Rose. 1902. 232. Nach I. Shooter: The 
Kaffirs of Natal. 218. 

5 CG. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. 1912. 182. Vgl. 
W. Joest: Tätowieren, Narbenzeichen und Körperbemalen. 1887. 17. 



16 Dr. Geza Röheim 



Das »boollia« oder Zauberkraft der Watchandie ist eine Art Essenz, 
welche auf verschiedene Arten aus dem Körper des »boollia-Besitzers«, 
d. h. Zauberers, herausgebracht werden kann. »Es scheint, daß das 
boollia keine andere Quelle hat, als den menschlichen Körper und 
verschiedene Manipulationen sind notwendig, um es zur Entwicklung 
zu bringen.« Manche bringen diese Zauberkraft aus dem Arm, 
andere aus dem Baudi hervor, aber der bevorzugte Körperteil ist 
der Anus 1 . 

1 A. Oldfield: The Aborigines of Australia. Transactions of tlic Ethno- 
logical Society. 111. 235. Die abgeschiedenen Seelen der Kaileute gehen zu Tulumeng, 
dem Beherrscher der Unterwelt. Dieser Fürst des Todes hat auch in der Liebe 
eine gewisse Bedeutung. Sein Kot wird nämlich von den Zauberern zum Hin» 
reiben' des Seelenröhrchens gebraucht und der verrückte Liebhaber dreht eine 
Kleinigkeit von diesem Stoff in die Zigarette, welche er der Frau zum raudien 
reicht. So wenig Tulumeng eine Seele freigibt, so wenig soll die mit seinem Kot 
behandelte Person sich der Wirkung des Zaubers entziehen können. Aul Irischen 
Gräbern findet der Zauberer diesen Kot, der natürlich von irgend welchen Nadit» 
tieren stammt. Ch. Keysser: Aus dem Leben der Kaileute. Neuhauss: Dcutsch- 
Neu-Guinea. 111. 150. Die Anwesenheit von Tulumeng gibt sich in den Verwesungs- 
gasen des Leichnams kund. Ebenda. Zur Bedeutung der Zigarette. Vgl. »Aus den 
Sdiamteilen der Ahnfrau der Mendalam-Kajan ging Tabak hervor/ daher geben 
die Frauen ihren Liebhabern Zigaretten zum raudien».. Nieuwenhu is: Quer 
durch Borneo. 1904. 1. 158. Kincr besonderen Aufmerksamkeit wert ist die Rolle 
der Toten im Liebeszauber. Einerseits handelt es sidi um das Gesetz der Ampi« 
valenz und vielleicht auch um die tiefsten biologischen Zusammenhänge zwischen 
Tod und Libido, anderseits müssen wir aber auch der Rolle der infantilen Liebes- 
objekte, der Eltern bei der Objektwahl des Erwachsenen gedenken. Wenn auch 
die Bitern zur Zeit der Pubertät meistens noch am Leben sind, so sind sie ja 
doch die Protoypen der Toten, sowohl weil sie Objekte der verdrängten infantilen 
Todeswünsche waren als auch in dem Sinne, daß die Vater- oder Multer-Imago 
der Kindestage durch andere Objekte verdrängt, ,d. "■ also endopsychisch »tot« ist, 
Bei den Magyaren erlangt die Maid Blut von einem Burschen und reibt es an die 
Sohlen des Toten, so kann der Bursche nimmer von ihr lassen. Oder aber sie 
merkt sich den Ort, wo der Bursche das Wasser abzuschlagen pflegt, nimmt eine 
Handvoll von der Erde, mischt sie mit ihren Menses und wirft es dann in das 
offene Grab: »Mich die Lebende oder diese die Tote soll er zeitlebens lieben- 
(Wlislocki: Tod und Totenfetische im Volksglauben der Magyaren. Mitteilungen 
der anthropologischen Gesellschaft in Wien. XXII. 177>. Liebeszauber in Ver- 
bindung mit Grabhügel. V. Areco: Das Liebeslcbecv der Zigeuner. <Liebeslebcn 
aller Zeiten und Völker. III.) 72. Kleine Teigfiguren, weldie »manush mulengre* 
<Totenmänner> heißen, werden zu Pulver gerieben und dieses Pulver wird unfrucht- 
baren Weibern in Hirsebrei eingegeben. Wlislocki: Volksglaube und religiöser 
Brauch der Zigeuner. 1891. 103. Totentuch im Liebeszauber. F. S. Krauss: 
Volksglaube und religiöser Brauch der Südslawen. 1890. 141. Hilfe des Grob- 
vaters bei der Hochzeit angerufen: so gezeugtes Kind der wiedergeborene Grob- 
vater. Frobenius: Und Afrika sprach. 1913. III. 159. Vgl. ebenda 240 Die 
Deutung ähnlicher Reinkarnationslehren im Sinne des Ödipuskomplexes siehe im 
»Australian Totemism«. In gewissem Sinne kann man ja auch die von 1 rebitsdi 
vertretene Auffassung gutheißen, daß die Defäkation ein Mittel zur »hrregung 
des Grausens bei den Dämonen« wäre (R Trcbilsch: Vcrsudi einer Psycho« 
logie der Volksmedizin und des Aberglaubens. Mitteilungen der AltfhtOpolOffi 
sdien Gesellschaft in Wien. XLIII. 1913. 175), nur müßte man dann che 
Dämonen gerade mit den »höheren« ethisch oder ästhetisch gefärbten K°'»* 
pleven derer identifizieren, die den Ritus ausüben. (Dämonen* an sidi ist 
natürlich keine psychologische Erklärung.) Das scheint nun ein Wideiwnn zu sein, 
denn wir haben uns ja gewöhnt, in den Dämonen gerade die Vertreter der 



Das Selbst 17 



Einige Beispiele aus dem Gebiete der Genital* und der mit Urohralcrotik. 
dieser engverwobenen * Urethralerotik mögen zur Stütze der bis* 
herigen Annahmen dienen. Bei den Koko=minni kann man jemanden 
zu Tode zaubern, indem man seine Haare, Urin oder Exkremente 
verbrennt 1 ,- am Proserpinefluß, indem man einen spitzen Knochen 
in die Erde steckt, wo der Betreffende uriniert hat-. Aber solche 
Erde betrachtet man in Westaustralien auch als gefahrbringend für 
andere, also aktiv magisch. Man fürchtet sich, auf solchen Boden 
zu treten und die Frauen pflegen ihn darum mit Schilf zu bedecken". 
Eine Art Summierung der Kräfte der Urethral* und Genitalerotik 
stellt das Verfahren der Loritjaweiber dar. Wenn sich zwei Loritja= 
weiber an einem Mann rädien wollen, so schneiden sie sich ihre 
Schamhaare ab und verfertigen daraus zwei lange Schnüre. Die 
Schnüre bestreichen sie mit dem der Vagina entnommenen Blut und 
stecken diese in den mit ihrem Urin getränkten Boden. Nachdem 
die beiden Weiber in ihren Lagerplatz zurüdcgekehrt sind, kommen 
die beiden Schnüre aus dem Boden hervor und gehen, nachdem sie 
per vaginam durch den Leib der beiden zaubernden Weiber hindurch^ 
gegangen und zum Kopfe derselben wieder hinaufgegangen sind, 
in das Herz ihres Feindes ein, worauf dieser sehr große Schmerzen 
bekommt und stirbt 4 . Als Parallele zum Brauch des Kotessens finden 
wir bei der Männerweihe der Wiradthuri, daß man Urin im Gefäß 



ejizierten verdrängten Komplexe zu sehen. (Wie i. B. in Palästina die Latrinen 
und Düngerhaufen die Wohnstätte der Dämonen sind. H. H. Spoer: The Powers 
of Evil in Jerusalem. Folk-Lore. XVIII. 58. R. C. Thompson: Semitic Magic. 
1908. 90, 91, 200) Hier knüpfe ich im Sinne der mehrfachen Determiniertheit alles 
Psychischen eine zweite Deutung an. Derjenige, der die Dämonen durch Exkremente 
oder Defäkation vertreibt, handelt nach dem Prinzip > Gleiches mit Gleichem«, d. h. 
er entledigt sich der psychischen Spannung, die durch den Kampf zwischen den 
analerotischen Trieben (Dämonen) und dem intrapsychischen Widerstand ent* 
standen ist, indem er den analerotischen Trieben teilweise nachgibt. In diesem 
Sinne wäre also die Defäkation als Dämonenabwehr eine KpmpromilMiandlung 
zwischen Widerstand und Koprophilie. Zwischen beiden Auffassungen läßt sich 
jedoch eine Brücke schlagen, wenn wir die Dämonen als Vertreter aller Reaktions* 
bildungen gegen jede Art von Lust, mit einem Wort als Vertreter der Libido- 
Stauung, der Unlust, mag diese nun eine »ethisch« gefärbte sein oder nicht, auf* 
fassen. Als Geister, d. h. projizierte Komplexe, repräsentieren die Dämonen die 
Analerotik, aber zu Dämonen, d. h. bösen Geistern, werden sie nur durch den 
Widerstand, auf den'der analerotische Trieb von seiten der höheren Systeme stößt. 
Die Dämonen entstehen also, indem der Mensch auf die Defäkationslust mit Grausen 
reagiert: in der Umkehrungsform heißt es, die Dämonen verschwinden, indem es 
ihnen vor einem defäzierenden Menschen graust. . Die Deutung Vierkandts 
(Anfänge der Religion und Zauberei. Globus. 1907) • ist richtig, insofern sie 
das Moment der Erleichterung bei der Defäkation in Bctradit zieht, unrichtig 
aber in ihrer rationalistischen Färbung. 

1 W. E. Roth: Superstition Magic and Mediane. 1903. 31. 

^ Roth: Ebenda. 32. 

3 G. F. Moore: Diary of an Early Settier in Western Australia. 1830 — 41 
and also a Descriptive Vocabulary. 1884. Descriptive Vocabulary. 31. 

1 C. Strehlow: Die Aranda= und Loritjavölker in Zentral*Australien. IV. 
2. 1915. 38. (Veröff. Stadt. Mus. für Völkerkunde. Frankfurt.) 

Imago Vll/l 2 






- — — — -- — ' 

18 Dr. Geza Röheim 



sammelt und es den durstigen Novizen zum Trinken gibt 1 . In 
British Neu-Guinea hatte der Knabe- auch den Urin eines Häupt- 
lings su trinken, den er auf dem Rüden liegend von dem über ihm 
stehenden Häuptling empfing 2 . Bei den Kai in Neu-Guinea erhöht 
der Mann die Wirksamkeit des Liebeszaubers sehr bedeutsam dadurch, 
daß er in die Flüssigkeit einige Tropfen des eigenen Urins gibt & 
Eine nicht minder deutliche Sprache spricht der Brauch der Korjaken: 
hier spült sich der Mann mit einem Schäfchen Urin von seiner Ge* 
liebten den Mund aus 4 . Der Tschuktsdie, der seinen Feind töten will, 
trachtet in den Besitz eines Teiles seiner Person zu gelangen: eine Haar- 
locke, die abgeschabten Nägel oder ein Stückchen Schnee, worauf die 
betreffende Person vor kurzem ihren Urin gelassen hat. Das wird nun 
ans Feuer gelegt und das Opfer spürt das Feuer in den eigenen 
Gliedern*. Bei den Wenden harnt der Bursche in die Schuhe und läßt 
dasMäddien davon trinken '\ Hochbedeutsam wegen der Analogie mit 
Vorgängen, die wir bei den Hunden täglich beobachten können, ist 
der Brauch der Kaisarinsulaner: Der Liebende tritt auf die Stelle, 
wo das Mädchen ihren Urin gelassen hat und uriniert ebenfalls hin 7 . 
Wenn man bei den Slowaken im Komitat Nyitra den Harn zur 
Abwehr des bösen Blickes anwendet s , wenn die Chukchen sagen, 

1 R. H. Mathews: The Burbung of the Wiradthuri Tribes. Journ. Anthr. 
Inst. 1896. 278. 

3 J. Holmes: Initiation Ceremonies of Natives of the Papuan Golf. Journ. 
Anthr. Inst. XXXII. 1902. 424. Der Ritus deutet die »weibliche* Einstellung der 
Novizen gegenüber dem Häuptling in krassester Weise an. Man vergleiche dazu 
die Deutung der Zirkumzision als Kastrationsäquivalente, sowie über die homo- 
sexuelle Tendenz <in diesem Falle passivhomoerotisdie Einstellung gegenüber dem 
Vater) der Weiheriten. Reik: Die Pubertätsriten der Wilden. Imago. IV. 207. 
Die Novizen der Masai und Nandi tragen Weiberkleidung. A. C. Hollis: The 
Nandi. 1909.53. Derselbe: The Masai, their Language and Folklore. 1905. 298. 
Vom Standpunkt der Ichtriebe und des Vorbewußten bedeutet hier freilich »männlich« 
und »weiblich« ein Oben*« und »Untensein« im Sinne Adlers (Über den nervösen 
Charakter. 1912.) 

3 Ch. Kayser: Aus dem Leben der Kaiieute. Neuhauss: Deutsch-Neu- 
Guinea. 1911. III. 120. 

« Georgi: Besdireybung aller Nationen des Russischen Reichs. 1776. 349, 353 
Bourke = Krauss*Ihm: Unrat. 206. 

J Bogoras: The Chukchee. <Jesup North Pacific Expedition.) Religion. 
1907. 480. 

•> W. v. Schulenburg; Wendisches Volksthum. 1882. 118. 

' Riedel: De Sluik- en Kroeshaarige Rassen tuschen Selebes en Papua. 
1886. 414. Vgl. Ploss=Bartels: Das Weib. 1908. I. 651. 

* Bourfce-Krauss-ihm.: loc cit. 180. In Persien und Tirol dient der 
Urin des Kranken dazu, um die Diagnose auf den bösen 'Blick zu stellen. S. Selig- 
mann: Der böse Blidi. 1910. I. 261. J. N. v. Alpenburg: Mythen und Sagen 
Tyrols. 1857. 264. »The most effective way of disenchantig folk was to throw 
owr them a concoction of strong urine and hens exerement.« R. C. Maclagan: 
Evil Eye in the Western Highlands. 1902. 137. Urinblase als Amulett. E. Wester- 
marck: The Populär Ritual of the Great Feast in Morocco. Folk-Lore. 1911. 149. 
Ist in Dänemark ein Kind von einem bösen Menschen versehen worden, dann 
uriniert die Mutter in ihren rechten Schuh und läßt ihr Kind am Morgen dreier 



Das Selbst 19 



daß die Geister nichts in der Welt so fürchten, wie den Nadittopf 
und den menschlichen Harn, der sie sofort vertreibt 1 , so werden 
diese Bräuche verständlich, wenn wir bedenken, daß die bösen 
Zauberer und Geister nur projizierte Vertreter der eigenen Unlust= 
gefühle sind, die durch ein Regredieren auf infantile und darum 
besonders tief wurzelnde Arten der Lustgewinnung gebannt werden, 
mit anderen Worten, daß es sich um eine Libidinisierung der Angst 
handelt. Weiterhin ist dann die Frage zu stellen, woher die Angst, 
die in den Dämonen objektiviert wird, herrührt. Wahrscheinlich ist 
diese durch eine Stauung der Lustgewinnung beim Urinieren oder 
Defäzieren entstanden . . ., also ist es nicht der Dämon, der sich 
vor dem defäzierenden Menschen fürchtet, sondern das Ich, welches 
sich vor dem Ansturm der anal- oder urethralerotischen Libido 
wehrt . . ., und es wird eben durch Urinieren, d. h. durch eine 
Wiederherstellung der Lirsituation gebannt, wie das Tabu durch 
den Bruch des Verbotes-, also durch die Wiederkehr der im Tabu 
verpönten Impulse aufgegeben wird. 

Mit dem Worte Lustgewinnung ist auch die magische Be= §*Sb«SS«3i*f 
deutung der eigentlichen, d. h. genitalen Erotik klar angegeben. 
Bei gewissen Festlichkeiten der östlichen Annita, Kaitish, fliaura 
und Warramunga sind gewisse Weiber die Muras <»Schwieger- 
mütter«) der auftretenden Männer, die sonst nicht einmal in ihre 
Nähe kommen dürfen, ebenfalls anwesend. »The natives say their 
presence and the sexual indulgence, which was a practice of the 
Alcheringa prevents anything from going wrong whith the perfoi- 
mance,- it makes it impossible for the head decoration, for example, 
to become loosei and disordered during the Performance« 3 . Natürlich,- 
denn im goldenen Zeitalter des Stammes, in der Alcheringa, war ja 
alles, was jetzt verboten ist, erlaubt, weder Inzestverbot noch das 
Verbot des Totemessens galten für die übermenschlichen Heroen. 

Donnerstage daraus trinken, so wird es gesund. Seligmann: loc. cit, 1. 300. <Sdmh- 
Vagina. Weiteres zur Verwendung des Urins gegen den bösen Blick. Ebenda und 
laut Index.) Kuliurin als Lustrationsmittel. M. W. H. Beech: The Suk, their 
Language and Folklore 1911. 8, 9. W. Crooke: The Populär Religion and 
Folklore of Northern India. 1896. II. 28. Derselbe: The Veneration of 
the Cow in India. Folk4.ore. 1912. 290. 291. S. Eitrem: Opferritus und 
Voropfer der Griechen und Römer. 1915. 124. Wenn die »lutin« sehen, daß 
jemand sein Brot ißt und dabei Wasser läßt, können sie ihm nichts mehr anhaben. 
Les Evangiles de Quenouilles. Appendice. B. IV. 8 nach 1\ Sebillot: Le Folk» 
Lore de France. I- 1904. 162. Als Gegenzauber der Hexerei. H. v. Wlislocki: 
Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 112. Gegen den »Schredt« 
läßt man das Kind urinieren. Urintrinken hebt jede schädlidie Wirkung auf. 
T. Canaan: Aberglaube und Volksmedizin im Lande der Bibel. 1914. <Abh. d. 
Hamburgisdien Kolonialinstituts. Bd. XX) 65, 66. Vgl. Hovorka und Kronfeld: 
Vermeidende Volksmedizin. 1909. II. 869. 

1 W Bogoras: The Chukchce. Religion. Cjesup North Pacific Expedition.) 
II. Religion.' 1907. 298. 

1 Vgl. Crawley: The Mystic Rose. 1902. Breaking through the taboo. 

3 Spencer andGillen: The Native Tribes of Central Australia. 1896.96. 



20 



Dr. Geza Roheim 



Ein jeder durchlebt ja dieses goldene Zeitalter der Kindheit, wo 
wenigstens das Wünschen noch nicht verboten ist, nicht verdrängt, 
kein Wunsch in Angst verkehrt wird. Zur Zeit des großen Festes 
regrediert man in diese Epoche, indem man die Inzestschranke 
durchbricht, nun läuft natürlich alles glatt ab, denn das Unbewußte 
der Teilnehmer am Feste ist befriedigt. Der andere Sinn dieser 
Bräuche, den man bisher stets allein vor Augen gehalten hat, daß 
man einen Fruchtbarkeitszauber auf die Natur ausüben will, ist 
offenbar ein sekundärer. Er kann nur entstehen, wenn gewisse 
äußerliche Umstände, nämlich das Zusammenfallen von Brunstzeit 
und Frühjahr die Assoziation zwischen Mensch und Natur befestigt 
und die Introjektion ermöglicht haben 1 . Für unsere Zwedte dürfte 

1 Vgl. ausführlicher in meinem demnächst erscheinenden Buche »Australien 
Totemism«. Hier findet sich der natürliche Übergang zu den Vorstellungen, die 
Wundt unter dem Sammelbegriff »Die Niere als Seelenträger« zusammengefaßt 
hat. Allerdings handelt es sich hier noch eher um eine magische, als um eine 
animistische Bedeutung der Niere, was aber in unserem Sinne eben nur ein Grad* 
unterschied ist. Der Ursprung dieser Bräuche wurde von Wundt richtig erkannt: 
»Vor allem aber ist hier wohl der enge Zusammenhang maßgebend gewesen, in 
den es mit den Geschlechtsorganen, namentlich denen des Mannes gebracht wurde, 
und der oft schon in der Übereinstimmung der sprachlichen Bezeichnungen aus- 
gedrückt ist.« <W. Wundt: Völkerpsychologie. 1!. Mythus und Religion. Zweiter 
Teil. 1906. 11.) Die Schlange als Pcnissymbol dient auch zur Bestimmung der 
unbewußten Bedeutung der magischen Eigenschaften der Niere. Zwei Medizin- 
männer nehmen das Nierenfett eines toten Kindes und verbrennen es, um mit dem 
Duft der brennenden Nieren einen »Numereji« hervorzulocken. Die Numereji sind 
übernatürliche Schlangen, die Hilfstiere der Medizinmänner. B. Spencer: 1 hc 
Native Tribes of the Northern Territory of Austraiia. 1914. 294, 295. Kakadu- 
Stamm. Also gleiches zu gleichem, Schlange zur Niere. Die weitverbreitete Zwangs- 
vorstellung des Australiers, feindliche Zauberer könnten seinen Tod herbeiführen, 
indem sie seine Nieren durch eine unsichtbare Wunde hinausschneiden, sieht einer 
Kastrationsphobie sehr ähnlich. Man glaubt z- B., daß jeder, der eines natürlichen 
Todes gestorben ist, eigentlidi den bösen Anschlägen eines Feindes zum Opfer 
fiel, der sein Nierenfett verzehrt hat. Nach der Schlacht reißen sie ihren Feinden 
das Nierenfett heraus und verschlingen es vor den Augen ihrer noch lebenden 
Opfer. <W. Howitt: Abenteuer in den Wildnissen von Australien. 1856. 288.) 
Am Murrayffuß bei Mildura glaubt man, daß die Feinde dem Schlafenden, die 
Niere herausschneiden. (H. Jamieson: bei Tb. F. Bride: Letters from Victorian 
Pioneers. 1898. 271.) Allmähliches Hinschwinden des Nierenfettes als Ursache der 
Krankheit. <E. M. Curr: The Australian Race. I. 1886. 47.) Der Feind hat den 
Toten erwürgt und ihn seines Nierenfettes beraubt. (J.-Dunmore Lang: Cooks- 
land. 1847. 432.) Am Boulia wird dem Verzauberten sein Blut entzogen und durch 
einen Stein oder Knochen ersetzt,- am oberen Georgine River wird sein Bauch auf- 
geschlitzt und sein Hals aufgeschnitten. Am Tully River wird ihm gerade unter 
dem Adamsapfel ein Strick in die Brust eingeführt,- am Cape Grafton wird er im 
Schlafe erdrosselt, seine Zunge wird ihm herausgenommen und zwei Knochen- 
splitter in seinen Kopf gestecht,- am Cape Grafton schlägt man ihn mit einem 
Stock, sein Kopf wird abgeschnitten, wieder aufgesetzt, sein Nacken umgedreht 
oder seine Schenkelsehnen durchschnitten, anderswo wird ein Speerstück, ein 
Splitter, ein Quarzkristall durch eine unsichtbare Wunde in sein Inneres gebracht. 
(W. E. Roth: North Queensland Ethnography. Bull. 5. Superstition, Magic and 
Mediane. 1903. 28.) Stirbt ein kleines Kind, so trägt die Mutter die Leiche so 
lang herum, bis ihr Mann irgend einem fremden Schwarzen das Nierenfett nimmt. 
<Brough-Smyth: The Aborigines of Victoria. 1878. IL W. Locke: 334.) 
Vgl. auch E. Giles: Austraiia twicc traversed. 1889. 5. E. M. Curr: Re* 



Das Selbst 21 



aber eine andere Gruppe von Bräuchen wichtig sein, da sie den in 
diesen Betrachtungen angenommenen engen Zusammenhang zwischen 
Lieben und Hassen, zwischen Liebes« und Bosheitszauber noch einmal 
augenfällig demonstrieren. Bei den Tschuktschen entkleidet sich der 
»schwarze Schamane« bei Mondschein und sagt: »O Mond! Ich zeige dir 
meine Genitalien! Erbarme dich meiner bösen Gedanken! Vor dir habe 

collections of Squatting in Victoria. 1883. 275. A. OWfield: The Aborigines of 
Austraiia. Transactions of the Ethnological Society. III. 236. »ff the t.me was pro- 
pitious, the cord was passed lightly round the sleepers neck and the bone being threaded 
through the loop was puiled tight. Another Burring <rope) mas then passed round his 
feet and the victim carried off into the bush where has was cut open and the tat 
extracted. The opening was magicaily closed up and the victim lehr to come to 
himself with the belief that he had had a bad dream. If the fat thus extracted 
was heated over a fire, the man died in a day or two, but otherwise he would 
linger for some time.« <A. W. Howitt: The Native Tribes of South East 
Austraiia. 1904. 375.) Ähnlich mit Zungenausreißen und schlafähnlichem Zustand 
bei den Kurnai. Ebenda 377. Im Schlaf : Wotjobaluk. Ebenda 368. Vor seinem 
Tode sieht das Opfer den, der ihm sein Fett genommen, im Traum: Mukjarawaint. 
Ebenda 371. Drosseln, Wegschleppen: Wiimbaio- Ebenda 367, 368. Ein leichter 
Schlag auf den Nacken: er fühlt das Zauberinstrument in der Brust G. Taphn: 
The Narrinyeri. 1878. 27. E. N. Meyer: The Encounter Bay Tribes. Woods: 
The Native Tribes of South Austraiia. 1879. 196. Der Wortlaut der Berichte 
macht «es unzweifelhaft, daß wir es hier nicht mit mythischen Parallelen zum 
Traume, sondern mit ausgesprochenen Alptraumerlebnissen im Sinne Laistners 
(Das Räthsel der Sphinx. 1889. I. II: Vgl. das Würgen, Drücken usw.) zu tun 
haben. Der latente Traumgedanke dieser Alpträume ist dann allerdings die 
Kastrationsfurcht: es ist auch die Analogie recht auffällig, die zwischen diesem 
Nierenfettwegnehmen und den Tötungs- und Auferstehungsriten der Manner- 
und Schamanenweihen besteht. <Vgl. Th. Reik: Die Pubertätsriten der Wilden. 
Imago. IV- 125.) Hier wie dort handelt es sich um Entleiben, Bauchautschlitzen. 
Köpfen und Wiederaufsetzen des Kopfes, um Stellvertretung der eigenen Organe 
durch Fremdstoffe, nur daß diese Stoffe in den Weiheriten magisch überwertig 
sind und eine Überkompensation der Kastrationsfurcht darstellen, während es sich 
hier, analog den Vorstellungen über die Ätiologie der Krankheit <vgl. Roheim: 
A varazserß fogalmanak eredete. 1914. Ursprung des Begriffes der Zauberkraft) um 
todbringende Stoffe handelt. <VgI. über Bauchaufschlitzen im europäischen Volks- 
glauben. Roheim: Adalekok a magyar nephithez. 1920. 104> Auch hier haben 
wir es wie in den Weiheriten mit einer zweizeitigen Symptomhandlung zu tun, 
der Schlafende wird entleibt oder verwundet, d. h. getötet, danach aber wieder 
zugenäht, d.. h. wiederbelebt. In diesen offen feindlichen Riten kommt aber die 
ursprünglich aggressive Tendenz der Handlung in der Projektionsform außerhalb 
der Stammesgrenzen <es handelt sich gewöhnlich um die Angehörigen fremder 
Stämme) zum Durchbruch, denn der so Wiederbelebte siecht hin und stirbt dann 
nach kurzer Frist. Es handelt sich eben um eine archaischere Form des Kastrations- 
ritus, dem aber auch die Phase der Kommunion nicht abgeht. So reiben sie sich 
auch mit Nierenfett ein, um dadurch die Kraft des Feindes zu assimilieren. 
<G C Mundy: Wanderungen in Australien. 1856. 83.) Die Wiimbaio tragen 



n-lgenSCnaiicu ut» i yv».™ ,*J"-- -■» ,..-...... .._.... ... ■ 

Queensland essen die Eingeborenen von allen I eilen des menschlichen rvorpers 
am liebsten das Nierenfett und wenn sie davon essen, so eignen sie sich auch die 



22 



Dr. Geza Röheim 



ich keine Geheimnisse!« ' Bei den Loritja schneiden sich zwei Zauberer 
ihre Barthaare ab, verfertigen daraus lange Schnüre und bestreichen diese 
mit Blut aus ihrer Beschneidungswunde. In drei Tagen verwandeln 
sich beide Schnüre in Schlangen. Nun entnehmen die Männer ihrem 
Körper einige Zaübersteine und werfen sie nach den Schlangen. 
Diese Steine gehen in den Körper derselben ein, worauf letztere 
in die Luft aufsteigen und sich auf das Opfer der beiden Männer 
niederlassen. Eine dieser beiden Schlangen dringt in die Hüfte, die 
andere . in den Hinterkopf desselben ein, sie zerbrechen die inneren 
Teile und verursachen dessen Tod. Dasselbe machen die Loritja- 
weiber, nur nehmen sie ihre Schamhaare dazu und das nötige Blut 
entnehmen sie ihrer Vagina, die sie mit einem spitzen Känguruh* 
knochen ritzen. Auch diese Haarschnur verwandelt sich im Körper 
der Feindin zu einer Schlange-'. Die weibliche Abart dieses Zaubers 
wird ja nur dem männlichen nachgebildet sein, der ja in seiner 

manchen Stämmen <Turrbal Maryborough) findet bei Gelegenheit der Pubertätsz- 
eiten ein zeremonieller Kampf statt,- wird jemand in diesen Duellen zufällig getötet, 
dann wird die Haut von seinen Freunden abgeschält und der Körper gegessen. 
<Das Verzehren des Vaters in der Urhorde!) *The skin is then taken off, with 
the nails and hair left on. The body is distributed among the male friends of the 
deceased and the old women as far as it will go who roast and eat the Hesh . . . 
The little tat there is on the kidneys is rubbed on the points of the spears o( 
his relations, and the kidneys are stuck on the points. of two spears. It is thought 
that this will make the spears extremely deadly when thrown and the deceased 
is eaten in order that his virlues as a warrior may go into those who partake 
ofhim.« (Howitt: loc. cit. 753.) Daß die magisdie Bedeutung des Fettes eigentlidi 
eine unbewußt-erotische ist, wird durch den Glauben der Carriera, Natnal und 
Injibandi bestätigt. Hier heißt es nämlich, daß ein Jäger, der ein Känguru oder 
Emu getötet hat, ein Stück von dessen Fett beiseite legt. Das Fett verwandelt 
sich in ein »Geistkind«, folgt dem Jäger in seine Hütte, worauf er es in eine 
Frau schickt, in die es hineinsteigt, um durch sie geboren zu werden. (A. R. Brown: 
Beliefs concerning childbirth in some Australian Tribes. Man. 1912. 180.) Das 
Fett der Kinder lockt die Fische als Köder heran. G. F. Angas: Savage Life 
and Scenes in Australia. 1847. I. 73. Dasselbe wie oben in Umkehningsfonu 
dort Tierfett— Kind, hier Kinderfett— Fisch <= Embryo). Ißt eine Schwangere vom 
verbotenen Fisch, so verläßt die Seele des ungeborenen Kindes ihren Leib und 
inkarniert sich im Fische. <R. H. Mathews: Ethnological Notes on the Aboriginal 
Tribes of New South Wales and Victoria. 58.) Totenfett als Zaubcrsubstanz. 
Mathews: 1. c. 55. Dicke Frauen werden von den Männern bevorzugt. (Spencer 
and Gillen: Native Tribes of Central Australia. 1899. 125, Geistkinder gehen 
häufiger in solche Frauen ein, »who are fat and well favoured*), gesellschaftlich 
haben dicke Männer ein größeres Ansehen <Angas: Savage Life and Scenes. 
1847. I. 55) und wie aus den Speiseverboten ersichtlich, gilt auch das fette Fleisch 
als Vorzugsbissen. Wenn junge Mädchen oder Knaben Emufett essen, so ist die 
Strafe dafür die Mißbildung der Genitalien. <Spencer and Gillen: Native 
Tribes. 469, 470.) Kein Wunder also, wenn dem Fette eine übernatürlich* 
magische Wirkung zukommt, da wir hierin eine Verdichtung der beiden funda- 
mentalen Arten der lustvollen Gefühle (Fßlust und Sexuallust) sehen müssen. 

1 W. Bogaras: The Chukchee. <Jesup North Pacific Expedition.) Religion. 
1907. 448, 449. Zu Entblößen und Verwünschen vgl. Röheim: Adalekok a 
magyar nephirhez. 1920 Nefanda Carmina. Zur Bedeutung des Mondes. White: 
Moon in Mcdicine. The Psychoanalytic Review. 1914. I. 241. 

'■'■ Strehlow: Die Aranda- und Loritjavölker in Zentralatistralien. IV. 
Teil IL 37, 38. - 



Das Selbst & 



durchsichtigen Symbolik <Barthaare, Beschneidimgswunde, Schlange, 
Fliegen) die gehemmte Libido als eigentliche Quelle des Hasses 
darstellt 1 Wenn die Niasser die Geschlechtsorgane ihrer Idole so 
auffallend groß abbilden, um die bösen Geister zu erschrecken und 
in die Flucht zu jagen, anderseits aber dieselben Niasser berichten, 
daß diese Darstellungen nur der Lust am Obszönen dienen 2 , so 
fallen für uns beide Begründungen zusammen: es ist eben die Lust, 
wekhe die Angst <böse Geister) vertreibt. Die Übereinstimmung 
zwischen der Bedeutung der körperlichen Ausscheidungen in den 
Zauberbräuchen geht so weit, daß auch der Semen - dem man doch 
sowohl aus Gründen der Zugänglichkeit wie auch, weil ein Kraftgefuhl 
natürlicherweise mit dem Ausüben des Geschlechtsaktes verbunden ist, 
am ehesten eine rein aktiv=magische Verwendung zutrauen würde - 
sich in folgendem Brauch der Orang^Belendas passiv=ma*gisch verhält. 
Um sich vor Untreue des Mannes zu schützen, ist die folgende 
Methode in Gebrauch: Es wird etwas Baumwolle von dem »Seiden- 
baumwollenbaume« an einem dünnen Stäbchen befestigt und dieses 
pos cohabitationem in die Vagina eingeführt, um das Semen virile 
aufzusaugen. Die Baumwolle wird alsdann getrocknet und solange 
sie sorgfältig trocken gehalten wird, vermag der Mann nur mit der 
Frau zu verkehren, in deren Besitz sich dieselbe befindet. Macht sie 
sich nichts mehr aus den Aufmerksamkeiten des Mannes, so braucht 
sie die Baumwolle nur fortzuwerfen und sobald dieselbe naß ge= 
worden ist, ist die Fähigkeit des Mannes zurückgekehrt, auch mit 
anderen Weibern Umgang zu pflegen 3 . Der passiv=magischen Ein- 
stellung entspricht das ängstliche Zurückhalten des Samens beim 
Geschlechtsverkehr bei stark narzißtischen Neurotikern ' . 

Nach den erogenen Zonen im eigentlichen Sinne des Wortes Hau««««, 
bliebe nur noch die sogenannte diffuse oder Hauterotik zu behandeln. 
Die Reizbarkeit der erogenen Zonen bildet ja nach Freud nur eine 
Steigerung der allgemeinen Reizbarkeit, welche im gewissen Grade 

_ ; ( 

1 Das Eindringen in den Hinterkopf ist eine Verschiebung des Koitus 
nach oben. 

s J. P. Kleiweg de Zwaan: Die Insel Nias bei Sumatra. 1913. Die 
Heilkunde der Niasser. 63, 64. 

3 H. v. Stevens: Mitteilungen aus dem Frauenleben der Orang Bölendas. 
Zeitschrift für Ethnologie. 1896. 184. Vgl. das folgende: »Man sperre einen 
schwarzen Hund ein und gebe ihm bei abnehmendem Monde vom Sperma des 
Mannes oder auch der Menses oder auch der Nachgeburt der Frau zu fressen, dann 
sammle man den Kot des Hundes und mische ihn in die Speisen des Menschen, 
von dem man die betreffenden Dinge erlangt hat und dessen Tod man herbei- 
führen will.« Wlislocki: Tod und Totenfetische im Volksglauben der Magyaren. 
Mitt. d. Anthr. Ges. in Wien. XXII. 173. 

4 Vgl. »Er <d. h. der login) zwinge durch Übung den Tropfen, der in den 
Schoß der Frau fahren will, umzukehren, wenn aber der eigene Tropfen schon 
gefallen ist, zwinge er ihn, umzukehren und behalte ihn. Der )ogin, der so den 
Tropfen bewahrt, wird den Tod besiegen,- denn wie der gefallene Tropfen den 
Tod bedeutet, ebenso bedeutet das Zurückgehaltene das Leben«. Schmidt: Fakire 
und Fakirtum, 1908. 228. Das Zurückhalten kann auch auf analerotische Motive 
deuten. 



24 Dr. Geza Roheim 



der ganzen Hautoberfläche zu eigen ist 1 . Für diese Reizbarkeit ist 
es besonders charakteristisch, daß auch an sich unlustvolie Ein* 
Wirkungen, wenn auch unbewußt, ein gewisses Maß von Lustgefühl 
miterregen können, und daß anderseits das Zufügen von Unlust- 
gefühl gewöhnlich von einer gewissen Libidoübertragung begleitet 
wird 2 . Es ist ja allbekannt, daß bei den Primitiven überall Sitten 
herrschen, die eine äußerst unlustvolle Einwirkung auf die Haut- 
oberfläche voraussetzen. Könnten nun diese Sitten, die doch dem 
-Realitätsprinzip keinesfalls dienen, überhaupt weiterbestehen, wenn 
ihnen nicht zugleich ein positiver Lustwert zukommen würde? Wir 
werden trachten, diese a priori gestellte Frage auch induktiv zu 
beantworten. 
Täwwkfungumi Daß die verschiedenen Schmucknarben und Tätowierungen 

Amulett. äußerst schmerzhaft sind, wird wohl niemand leugnen und wenn 
Ploss schreibt, daß der Verschönerungstrieb in den allermeisten 
Fällen das einzige Motiv sein dürfte, aus dem man sich dieser 
Prozedur unterwirft 3 , so wissen wir ja, daß hinter dem Ver= 
schönerungstrieb kein anderer Wunsch steckt, als dem anderen 
Geschlechte zu gefallen 1 . Fülleborn berichtet, daß bei den Weibern 
in Südostafrika gewöhnlich die untere Rumpfhälfte, besonders die 
Genitalgegend tätowiert ist, und er erhielt auf seine Frage, warum 
man gerade jene Teile so sorgsam schmückt, von den Wajao und 
Makua die Antwort, daß es für den Mann ein angenehmeres Ge- 
fühl sei, mit der Hand über eine durch vorspringende Narben ver* 
zierte Fläche zu streidien als über eine glatte-'. Man darf annehmen, 
daß dies angenehme Gefühl durch die assoziativ verbundene Vor» 
Stellung der erduldeten Schmerzen der Frauen bestimmt ist. Audi 
bei den Betsileos und Magandja wird als Motiv angegeben, daß die 
Weiber den Männern gefallen sollen' 1 . Wenn die Frauen von Tahiti 
und Ponape sich gerade an der Vulva tätowieren 7 , wenn die Täto^ 
wierung bei den Guarani, Kabylen, auf Tahiti und Toba, in Porte- 
Moresby <Neu-Guinea>, auf Siaru und Formosa das Abzeichen des 












1 S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1915. 61 

J Vgl. im allgemeinen P.Federn: Beiträge zur Analyse des Sadismus und 

des Masochismus. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1913. 28. 

1914. 105. Sadger: Haut», Schleimhaut- und Muskelerotik. Jahrbuch. III. 1912. 525. 
» Ploss*Bartels: Das Weib. I. 1908. 162. 

* »Die Körpermalerei der Naturvölker und ihrer Nachfolger verdankt zweifel- 
los ganz natürlichen Trieben ihren Ursprung, zumal dem Wunsche, sich Feinde 
irgendwelcher Art vom Leibe zu halten <Insekten, Witterung usw.) und dem Ge- 
schlechtstriebe«. W. Joest: Tätowieren, Narbenzeichen und Körperbemalen. 1887. 18. 

5 Fülleborn: Über künstliche Verunstaltungen. Ethnologisches Notiz» 
bfatt. II. 3. 

6 Ploss»Bartels: loc. cit. I. 159. Und auch umgekehrt. Darüber, daß die 
Tätowierung im wesentlichen ein Reizmittel für die Weiber sein soll. Vgl. A. Krämer: 
Die Ornamentik der Kleidmatten und der Tätowierung auf den Marshallinseln. Archiv 
für Anthropologie. XXX. 1904. 17. Vgl. ebenda über Tätowierung von Gesäß 
und Membrum. S. 23. Spalte 2. Anm. 1. 

• Ploss-Bartels: Ebenda 147. 



^ 



Das Selbst 25 



geschlossenen Ehebundes bildet 1 , als Pubertätszeremonie auf Nukahiva, 
Tahiti und Neuseeland 2 , bei dem Port Lincolnstamm, den Arunta 3 , 
den Eskimo 4 , bei den Shan erscheint r ', in Bosnien gewöhnlich in 
den Jahren der beginnenden Pubertät, und zwar am Vorabende 
der Frühjahrssonnenwende ausgeführt wird", so dürfte die erotische 
Bedeutung ebensowenig zu bezweifeln sein als bei der Angabe der 
Arunta am Finke River, wonach den Männern durch den Nasen* 
schmuck eine große Geschicklichkeit im Feuermachen, den Weibern 
aber die nötige Kraft zuteil werde, schwere Lasten von Feuerholz 
zu tragen 7 . Bei den Kabre kommt die Tätowierung als Zeichen der 
Geschlechtsreife vor 8 . Bei den Moba ist die Tätowierung mit dem 
sonst üblichen Eingriff in die Geschlechtsorgane gleichwertig 9 . In 
Burma wird eine Art Tätowierung direkt als Liebeszauber be= 
zeichnet. Sie besteht aus ein paar in Dreieck gestellten Flecken 
zwischen den Augen, manchmal auch auf den Lippen und auf 
der Zunge. Verliebte Mädchen bedienen sich dieses Mittels, um 
Liebe zu gewinnen und zubehalten 1 ". Nach Milne wird der Liebes- 
zauber bei den Shans gewöhnlich auf Arme und Zungenspitze 
tätowiert/ Mädchen tätowieren sich nur dann, wenn sie Verdruß 
in der Liebe haben 11 . Wie jede libidinöse Betätigung dient auch das 
Tätowieren dazu, Unheil oder böse Geister abzuwehren. Bevor 
ein Kavirondo in den Krieg zieht oder eine gefährliche Reise untere 
nimmt, pflegt er am Leibe seiner Frau ein paar Extraschnitte als 
»Glückbringer« zu machen 12 . Von hier aus läßt sich auch eine all- 
gemeine theoretische Einsicht in den Ursprung des Schmucktriebes 
gewinnen. Es ist zwar nicht ganz das Motiv des Sichherausheben- 
wollens 13 , wohl aber etwas ähnliches: Schmuck und Amulett 
sind die ersten, noch unmittelbar am Körper haftenden 
Projektionsformen der erogenen Zonen in die Außenwelt. 
Versucht man daher den Schmuck überhaupt ans dem Zauber ab* 
zuleiten, so verwechselt man ein Nebeneinander mit einem Nach* 
einander,- vielmehr sind Schmuck und Amulett im Laufe der Ent* 
wicklung divergierende Materialisierungen der Lustgefühle, 

1 PIoss-Bartels: Ebenda 152. 

s Otto Stoll: Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie. 1908. 67-74. 

:l Otto Stoll: Ebenda 83, 85. 

* Otto Stoll: Ebenda 91. 

•• L. Mi Ine: The Shans at Home. 1910. 66. 

* Ploss = Bartels: loc. cit. I. 157. 

7 Eylmann: Die Eingeboreilen der Kolonie Siidaustralien. 1908. 115. 
» L. Frobenius: Und Afrika sprach. 1913. III. 406. 

9 L. Frobenius: Ebenda. III. 421. Vgl. über Hauteinschnitte und Be- 
schneidung demnächst im sAustralian Totemism«-. Vgl. Reik: Das Kainszeichen. 
I.nag'o. V. 31. 

10 Stoll: Geschlechtsleben. 115. 

11 L. Milne: The Shans at Home. 1900. 67, 68. 

'- R. Johnston: The Uganda Protectorate. 1902. II. 728. 

1:1 K. Weule: Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen For« 
schungsreise in den Südosten Deutsch-Osfafrikas. F.rgänzungsheft 1. Mitteilungen 
aus den deutschen Sdiutzgebieien. 1908. 84. 



26 Dr. Geza Röheim 



wobei sich der Zweck des Schmuckes mehr in die Richtung der 
alloerotischen Sexualität entwickelt, das Amulett aber durch die 
Sublimierung ins Übernatürliche mehr autoerotische Elemente be- 
hält. Schmuck findet sich ja gerade an den erogen betonten Korper- 
teilen, an der Nase 1 , Ohren, Lippen-, Genitalien und am After. 
Die Bedeutung Die magische Bedeutung des Blutes zeigt einen kompli« 

des BU,,es zierteren Aufbau als die der bisher behandelten Körperteile und 
Ausscheidungen, Sie hängt zweifelsohne auch mit der unbewuoten 
Vorstellung einer Wunde an der Hautoberfläche und mit den damit 
verbundenen algolagnistischen Gefühlsströmungen zusammen, eignet 
sich aber auch zur symbolischen Vertretung anderer Ausscheidungen, 
so besonders der Milch, des Urins und Semens. Was den Zusammen- . 
hang mit der Hauterotik betrifft, so sei auf folgende Bemerkung von 
Joest hingewiesen: »Die Farbe zum Schminken oder Anstreichen, 
und zwar gerade die Farbe, die heute noch in der ganzen Welt 
bei allen Völkern die beliebteste ist - Rot - wurde dem Men- 
schen bei seinem ersten Schritt in den Kampf ums Dasein von der 
Natur selbst geboten: Blut bespritzte den Jäger, der die liere des 
Urwaldes erlegte, blutrot war die Keule gefärbt, mit der Kam 
den Bruder erschlug usw. 3 Hochinteressant in dieser Hinsicht <und 
auch im Lichte von Reiks Auffassung der Brith-Riten 4 ) sind die 
Bräuche der Tschuktsdien. In der Herbstzeremonie werden alle Mit- 
glieder der Familie neu bemalt. » A reindeer-fawn is slaughtered and its 
' blood is used for this purpose.« Die mit dem Blute des geschlachteten 
Renntierkalbes gemachten Zeichen dienen dazu, »to make the face similar 
to that of the spirit protecting reindeer~-breeding : \ Nach dem Uropfer 
geht es ans Zeugen". Jede Familie hat ihre eigenen Blutmarken: 
bei der Hochzeitszeremonie wird ebenfalls ein Kalb geschlachtet, 



1 Das Durchbohren der Nasenwand ist ein symbolisches Äquivalent der 
Beschneidung (Kastration), soll aber wohl auch den feierlichen Abschluß des infantilen 
Nasenbohrens <nach oben verschobene Onanie) bedeuten. Bei den Sulka wird dein 
Knaben die Nasenwand gleich nach der Beschneidung durchbrochen. Rascher: 
Die Sulka. Archiv für Anthropologie. XXIX. 212. Der mystisch«! Nasenschmudc 
der Warramungazauberer soll von den Schlangen der Vorzeit herstammen. Spencer 
and Gillen: The Northern Tribes of Central Austr.alia. 1904. 484. 

a Zur Bedeutung des LippenpHorkes und Pelele, die ein unmäßiges, aber von 
den Primitiven doch als schön empfundenes Vorschieben der Lippen bewirken ver- 
gleiche: »Besonders beim Saugen, welches zuerst die Aufmerksamkeit des Neu-, 
geborenen hervorruft, wird der Mund vorgeschoben. Diese Verbindung des ersten 
durch Saugen entstandenen Vorschiebens d«r Lippen mit Anspannung der Auf- 
merksamkeit wird durch häufige Wiederholung der Nahrungsaufnahme, des inter- 
essantesten Vorganges für den Säugling, befestigt. Daher vererbt sich die Assoziation 
und bleibt oft jahrelang, sogar bis in das Greisenalter bestehen. Sie tritt bei ange- 
strengtem Aufmerken, wenn etwas ungewöhnlich interessiert, namentlich bei eigener 
anspannender Tätigkeit, wie Schreiben, Zeichnen es ist, in auffallender Weise hervor*. 
W. Preyer: Die Seele des Kindes. 1912. 181. 

s W. Joest: Tätowieren. 1887. 20. 

* Vgl. Reik: Probleme der Religionspsychologie. 1919. 

■■ W. Bogoras: The Chukchee. 1. N. P. E. VII. Religion. 1907. 360. 

f ' Vgl. ausführlicher in der Arbeit »Australian Tolemism«. 



Das Selbst 27 



Braut und Bräutigam werden mit dem Blute bemalt 1 . Die Tschuk« 
tschen, die von Fischfang leben, benützen rote Farbe an Stelle des 
Blutes-'. Im Erröten, welches eigentlich eine nach oben verschobene 
Erektion ist, haben wir das physiologische Prototyp dieser Blut^ 
zeichen 3 . Namentlich ist auch daran gedacht worden, in den Blut* 
bünden zwischen Freunden eine Wiederbelebung des »Milchbundes« 
zwischen Mutter und Kind zu sehen 4 . Ein ostafrikanischer Reisender 
erzählt, daß er mit dem Sultan einen Bund schloß, indem beide 
von der gleichen Milch tranken, und zwar der eine aus dem 
Mund des andern' 1 . So findet der Bräutigam die Mutter in der 
Braut wieder: in der Bretagne macht sich die junggetraute Frau 
einen Einschnitt in den linken Busen und der Bräutigam saugt 
das Blut heraus' 1 . Der junge swa'netische Ritter, der der Dame 
seines Herzens dienen will, fällt vor ihr auf die Knie und fragt 
sie, ob er ihre Brust mit den Zähnen berühren soll oder ob 
sie ihm dasselbe tun will: »rhat is to say, whether she will be 
his mother, or he shall be her father« 7 . Die verschiedenen Formen 
der Blutbünde sind ja schon oft behandelt worden, doch handelt es 
sich darum, den Nachweis zu führen, daß es sich eigentlich um eine 
erotisch betonte Gefühlsübertragung handelt und keineswegs primär 
um die bewußte Theorie des »ngia-ngiampe«, d. h. der Vorstellung, 
daß das in sich aufgenommene Blut nun gegenseitig zur Verzauberung 
des anderen bei eventuellem Wortbruch dienen kann*. »In addition 
to the idea of stengthening the recipient, there is the further important 
belief that this partaking together of blood prevents the possibility 
of treachery«, und so vergewissert man sich gegen eventuellen Verrat 
der anwesenden Fremden bei einer Bluträcherexpedition, indem man 
sie zwingt, vom Blute der Krieger zu trinken' 1 . Bei den Wadschagga 
war es früher Sitte, daß Verlobte Blutsfreundsdiaft miteinander 
geschlossen haben, um ihren Liebesbund für ewig zu befestigen. 
Man sagt aber, Verlobte, die dies tun, werden nicht lange leben, 
denn wenn die Frau ihren Mann später zu hassen beginnt und 
ihm flucht, so werden sie bald sterben müssen. »Das sagt uns 
weiter nichts,« bemerkt Gutmann, »als daß auch die Wadschagga 
die Erfahrung machten, wie allzu leidenschaftliche Liebe in der Ehe 

1 Bogoras: Ebenda 361. 

s Bogoras: Ebenda 365. i 

? Im Anschluß an einen Vortrag von Feldmann: »Über das Erröten« 
in der Budapester Ortsgruppe der Psychoanalytischen Vereinigung. 1920. Über 
Beschmieren der Nase <Penissymbol> mit roter Farbe vergleiche Joest: loc. cit. 

* Jellinek: Ethnologische Beiträge zur Psychologie der Freundschaft. Vor- 
trag III. Internationaler Psychoanalytischer Kongreß. 1918. Budapest. 

•'• A. Jacoby: Der Ursprung des Judicium offae. A. R. W. XIII. 551- 

F. C. Conybeare: A Brittany Marriage Custom. Folk-Lore. 1907.448. 

7 S. Singer: Bfood-Kinship. Folk-Lore. 1908.343. Vgl. R ö h e i m : Spiegel- 
zauber. 94, 95. 

"Vgl. E. Crawley: The Mystic Rose. 1902. 236. 

" Spencer and Gillen: The Native Tribes of Central Australia. 1899. 461. 



28 Dr. Geza Rohcim 






auch in das arge Gegenteil umschlagen kann« 1 . Im Blutbund wird 
der Koitus wiederholt, nur tritt »ein ganz besonderer Saft« an die 
Stelle des Samens. Im Blutbund der Eheleute ist also die erotische 
Identifikation eine doppelte: die Gefahr einer mißlungenen Ver- 
drängung der Feindseligkeit eine erhöhte. Reik geht von der 
aggressiven Bedeutung des Blutvergießens aus: das Bindende an 
diesen Brith-Riten ist die gemeinsam begangene Sünde, das gemein» 
sam vergossene Blut <des Vaters)' 2 . Daneben dürfte aber auch <er« 
gänzend) die Koitusbedeutung des Blutflusses zu berücksichtigen sein, 
die Blutmischung ist eine Semenmischung, wobei die Stelle der genitalen 
Erotik teilweise von der Hauterotik <Wunde>, teilweise von der Oral- 
erotik eingenommen wird <Bluttrinken>. So kommt ein vierzehnjähriges 
und bereits menstruierendes Mädchen auf die Idee, das Verheiratet- 
sein bestehe in einer »Mischung des Blutes« 3 . In Amboina trinken 
Liebesleute gegenseitig ihr Blut, »um ihre enge Zusammengehörig- 
keit zu zeigen« 1 . Bei den Wenden läßt das Mädchen, wenn sie sich 
zufällig schneidet, Blut in ein Bierglas tropfen. Der Bursche, der mit 
dem Blute das Bier trinkt, muß sie dann unbedingt lieben '■'. Im 
südlichen Irland pflegt die Amme, wenn ein kleiner Bub im Spiele 
einem Mädchen zufällig Blut entlockt, zu sagen: »nun mußt du sie 
heiraten« . In beiden Fällen ist wohl das »zufällige« ,Bluten des 
Mädchens ein Vorspiel, eine Andeutung der Defloration 7 . An der 
Riviera schreiben sich die Liebesleute mit dem eigenen Blut Briefe 
als Zeichen der Treue s . In Birhor beschmieren sich Braut und 
Bräutigam gegenseitig mit Blut aus ihren kleinen Fingern 9 . Bei den 
Wenden soll sich der Bursche in den kleinen Finger der linken 
Hand schneiden und das Blut dem Mädchen heimlich zu essen 
geben 10 . Wenn eine Zigeunermaid ihren zukünftigen Gatten sehen 

1 Gutmann: Die Frau bei den Wadsdiagga. Globus. 1907. XCII. 2. 

2 Vgl Th Reik- Probleme der Religionspsychologie. 1919. Koinidre. Im 
Blutvergießen hätten wir also ein Überbleibsel der AtUrophagie: vergleiche dazu die 
Sitte der Franken, wonach der Adoptivsohn vom Blute des Adoptivvaters trinkt 
oder sein eigenes Blut auf die Erde, die ihm testamentarisch zuteil wird, ausgießt 
(Koitus mit der Mutter Erde). Koenigswarter: Histoire de 1 Organisation de 
la Familie en France. 1851. 148. Zitiert nach Taganyi: A hazai elÖ jogszokasok. 

Ethnographia. XXIX. 47. . _ .- ,, 17 . 

J S. Freud: Über infantile Sexualtheorien. Sammlung kleiner benritten. I. \i\. 
* J. G. F. Riedel: De Sluik en Kroesharige Rassen tusschen belebes cn 

aPUa > W.v. Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882.117. Weiteres Material 
zur Bedeutung des Blutes und der erogenen Zonen überhaupt im Liebeszauber 
gebe ich an anderer Stelle. 

« W. Crooke: Folk--Lore. XVII. 114. 
' ' Vgl. Freud: Tabu der Virginität. Schriften zur Neurosenlehre. IV.iyiö. 

3 ES. Hartland: The Legend of Perseus. II. 243. Andrews: Revue 
des Traditions Populaires: IX. 115. „ , 

» Dalton-.JDescriptive Ethnology of Bengal. 1872. 220 ex Crawky. 

ThC ^'thuknb^' indisches Volkstum. 1882. 118. Der kleine Finger, 
insbesondere der linken Hand, ist ein Penissymbol. Vgl. Blut Vom kleinen Imger 
des Kranken als Heilmittel der, Epilepsie. W. L Hildburg!,: Notes on sonn- 



Das Selbst 29 



will, so geht sie in der St. Georgsnacht auf einen Kreuzweg, 
sticht sich dort in den kleinen Finger ihrer linken Hand und läßt 
drei Tropfen Blut auf die Erde fallen, wobei sie spricht: »mein 
Blut gebe ich meinem Liebsten,- den ich sehe, dem soll ich ange= 
hören«. Dann entsteigt dem Blutstropfen die Gestalt des zukünftigen 
Gatten und zerfließt langsam in der Luft 1 . Dann muß aber die 
Maid das vergossene Blut samt Staub und Kot aufheben und 
in fließendes Wasser werfen, sonst lecken die Nivashi (Wasser- 
geister) die Blutstropfen auf und das Mädchen findet als Braut 
ihren Tod im Wasser 2 . Demnach wird es wohl einleuchten, wenn 
wir das Blut bei den Blutbünden, die zwischen Männern geschlossen 
werden, analog deuten und die »Freundschaft« auch in diesem Falle 

Amulets of the Three Magi Kings. Folk=Lore. XIX. 1908. 85. Der »kleine Finger 
eines Toten dient dazu, um die Türe eines Mädchens zu offnen"«. K- Lumholtz: 
Unknown Mexico. 1903. II. 427. Männer können einen Bund mit dem Teufel 
schließen, indem sie ihm jedes siebente Jahr Blut aus ihrem linken Arm übergeben 
oder — nach dem Volksglauben der serbischen Zigeuner — einige Tropfen ihres 
Spermas. Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 124. 
Die schwedischen Hexen beleben die Sauberpuppe, indem sie sich in den linken 
kleinen Finger schneiden und das Blut darauf tröpfeln. J. Grimm: Deutsche 
Mythologie. 1877. 11.912,913. Ähnliches inEsthland. A. B. Holzmayer: Osiliana. 
Verhandlungen der gelehrten esthnischen Gesellschaft. VII. 2. 1873. 12. Ebenso die 
große Zehe des linken Fußes: das Mädchen umwindet es mit Haar beim Liebeszauber. 
SandorTarczy: Nephagyomänyok (Volksüberlieferungcn. Handschrift. F.F. Säros= 
patak) 37. Jeder Finger, welcher bei einem Mädchen, wenn er gezogen wird, im Gelenk 
kracht, bedeutet einen Freier. K. Bartsch : Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meck= 
lenburg. II. 1880. 57. Children sometimes link their little tingers together (Koitus- 
Symbolik) and wish something. By doing this it is supposed that the wish will be 
granted. (Allmacht der Gedanken.) S. O. Addy: Household Tales and Traditional 
Remains. 1895. 78, 95. Der Teufel hält das Holzstück, womit er der Hexe sein Sigel 
aufdrückt, in der linken Hand. Reizner: Sreged törtenete. (Geschichte der Stadt 
Szeged.) 1900. IV 390. Vgl. auch PIoss-Bartels: Das Weib. 1908. I 650, und 
zur Bedeutung der linken Seite Rohe im: Adalekok a magyar nephithez. 1920.88. 
Der Daumen wird dem Geliebten gleich gesetzt: ein Mädchen, welches sich in den 
Daumen schneidet, verliert den Geliebten. Rose: Folk-Lore Notes from the Pro* 
vince of Quebec. Folk-Lore. 1912. 346? 

1 Blut auf die Erde tröpfeln lassen ist ein symbolischer Inzest, eine sym- 
bolische Befruchtung der Mutter Erde, daher im Orakel als Prototyp der Licbes-- 
wahl am Platze. »Den Acker hat Kain bebaut, des Ackers Früchte dargebracht, 
dem Acker Bruderblut zum trinken gegeben,- aber vom Acker klagt auch das ver- 
gossene Blut wider ihn und der Acker verweigert ihm die Frucht.« Th. Reik: Das 
Kainszeichen. Imago. V. 39. In Indien darf man das Blut eines Menschen, der Blut= 
schände getrieben hat, nicht vergießen (vgl. ebenfalls Kain),- man muß ihn ersticken 
(über Ersticken der Eltern und Könige vergleiche Röheim: A kazär nagyfejedelem 
es a turulmonda. 1917) oder totschlagen, aber das vergossene Blut würde die Erde 
unfruchtbar machen. Alb. C. Kruijt: HetAnimisme in den Indischen Archipel. 1906.24. 
(Verdrängungsform des Inzestwunsches: eigentlich sollte es heißen: sehr fruchtbar.) 
Bei den Angelsachsen mußte die Summe des Wcrgeldes erhöht werden, wenn das 
Blut des Getöteten die Erde berührt hatte. Folk-Lore. XIII. 100. 

- Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 131. 
Gehört in die Kategorie der Irrealitätsriten, die das Ereignis durch eine ge- 
milderte Nachahmung desselben verhindern wollen. Es ist eine Art Analogie- 
zauber in der Umkehrungsform: sie wirft ja ihr Blut gerade deshalb ins Wasser, 
damit sie nicht den Wassergeistern angehöre. Zur Intrauterin- und Schutzbedeutun*; 
des Wassers vergleiche Röheim: Spiegelzauber. 1919. 60. 






30 



Dr. Geza Röheim 



als die Sublimierung einer erotischen Gefühlsübertragung auffassen \ 
Am Kongo ist das ti n'deko (Blutsbruderschaft) unbedingt bindend. 
Am reiten Arm wird ein Einschnitt gemacht und beide Parteien 
reiben ihre Arme aneinander, so daß das Blut zusammenfließt, 
während andere ihr gemischtes Blut in ein Blatt legen, das dann 
gemeinsam verzehrt wird 2 . Die Kayan und Kenyah rauchen eine 
Zigarette, in die ein Tropfen vom Blute des andern gemischt ist 11 . 
»Einen Bund schließen die Scythen, mit denen sie ihn eingehen, 
auf folgende Weise: sie gießen in einen großen irdenen Pokal Wein, 
welchen sie mit dem Blute derer, die den Bund miteinander schließen, 
vermischen, indem sie mit dem Pfriemen ritzen oder mit dem Messer 
einen kleinen Einschnitt am Körper machen und dann tauchen sie 
in den Pokal ein Schwert, Pfeile, eine Axt und einen Wurfspieß. 
Ist dies geschehen, so halten sie lange Gebete und hernach trinken 
sowohl diejenigen selbst, welche miteinander den Bund schließen, als 
die Angesehensten ihres Gefolges« 4 . Es ist hier nicht notwendig, 
die Parallelen zu häufen"' oder auf Einzelheiten einzugehen: wir 
wollen nur feststellen, daß der Bund zwischen Freunden dem Bunde 
zwischen Liebesleuten analog ist und daß die magische Kraft des 
Blutes eine Umschreibung der erotischen Gefühlswerte ist. Nodi 
deutlicher wird diese Bedeutung in den Heilungsriten. Die Kranken- 
heilung der Primitiven ist ja überwiegend eine psychische, d. h. sie 
beruht auf einer Gefühlsübertragung von Seiten des Kranken auf den 
Heilenden. In Südostaustralien verschafft sich die Frau eines Kranken 
eine Schnur aus Opossumhaar und reibt damit ihr Zahnfleisch 
blutig. Das Blut spuckt sie in ein Blatt und gibt es dem Kranken 
zu schlucken 15 . Bei den Bungyarlee und Parkingi werden Schwer- 
kranke mit dem Blute gefüttert, welches ihre Freunde hergeben 
müssen 7 . In Zentralaustralien bekommt der Schwerkranke das Blut 
vom Sohn seiner väterlidien Tante <unkulla>, der es seinem Penis 
entnimmt".. Der erotische Ursprung all dieser Bräudie wird aber 
ganz evident aus folgenden Einzelheiten. Wenn ein Mann ernstlich 



1 Vgl. 11 Blüher Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. 

a H. Ward: Ethnographie Notes relating to the Congo Tribes. Journ. 
Anthr. Inst. XXIV. 291, 292. '■ v 

3 Hose and Mc Dougall: The Pagan Tribes of Bomeo. 1912. IL 67. 

4 Herodot: IV. 70. Langenscheidtsdie Bibliothek. Bd. 32. IV. S. 64. 

4 Vgl.C. Seyfert: Völkerkunde des Altertums. Anthropos. 1913. Sebestyen: 
A magyar honfoglaläs mondäi. (Sagen der ungarischen Landnahme.) 1905. II. 24. 
K. Tagänyi: Ahazai elö jogszokäsok. <Reditsbräudie in Ungarn.) Ethnographin. 
1918. XXIX- 47-49. W. Wundt: Das Recht. 1918. 395, 395. E. S. Hart- 
land: The Legend of Perseus. II. 1895. 232. L.. Strack: Das Blut im Glauben 
und Aberglauben der Menschheit. 1900. 21. 

« C. Hodgkinson: Australia front . Port Macquarie to Moreton Bay. 
1845. 227. 

• F. Bonney: On some customs of the Aboriginals of the River Darling. 
Journal of the Anthropological Institute. XIII. 132. ■ I 

8 Spencer and Giften: The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 600. 



Das Selbst 31 



krank ist, so gibt man ihm Blut von der Labia minora einer Frau 
zu trinken und reibt audi damit seinen Körper ein. Ist es aber eine 
Frau, so kann sidi der Sohn einer ihrer jüngeren Schwestern frei» 
willig melden und dann gibt er ihr Blut aus seiner subinzidierten 
Urethra. Zwischen den beiden entsteht nun aber eines jener charakte- 
ristischen »Schweigeverhältnisse«, die einem wie eine Reaktion 
der Ichlibido auf unerwünschte Gefühlsübertragungen anmuten: das 
Tabu wird in diesem Falle dadurch beendet, daß die Frau dem 
Manne Speise als Geschenk schickt 1 . Zwischen einem Mann und 
seiner Mura <Schwiegermutter> ist jede Annäherung auf das strengste • 
verpönt. Aber es gibt Ausnahmen. So haben wir schon' oben erwähnt, 
daß gewisse Festlichkeiten den Koitus dieser beiden, also das Durchs 
brechen der Inzestschranke direkt erfordern 2 . Ähnliches ist auch der 
Fall, wenn die Frau schwer krank ist. Der Schwiegersohn öffnet 
eine Ader seines Armes, die Frau erwartet ihn mit geschlossenen 
Augen und auch er muß sein Haupt abwenden, damit er sie nicht 
sehe, und so läßt er das Blut von seinem Arm in ihren Mund 
sickern 3 . Den Frauen ist es überhaupt verboten, das Blut der Männer 
fließen zu sehen, ob nun zeremoniell oder in einer Schlägerei, das 
bleibt sich gleich — und wenn es dennoch geschieht, muß der Mann 
zu Ehren seines Totems einen Ritus ausführen, der»Alua uparilima = 
the blood fading away« heißt*. 

Nun sind aber diese Blutriten oft nichts anderes als Libidini* Passiv-maRisAc 
sierungen der entbundenen Angst. Eine Hexe wird so lange ge- Blutbfäud,e - 
schlagen, bis ihr Blut fließt, um dasselbe dem Kranken einzugeben 
oder ihn damit zu waschen. In einem anderen Falle mußte die 
Hexe, eine junge Verwandte, sich über das Bett des Besessenen 
legen und das Blut in dessen aufgesperrten Mund fließen lassen'', 
wem es gelingt, eine Hexe blutig zu verwunden, über den hat sie 
keine Macht mehr , d. h. wer die Angstaffekte in einem symbolischen 
Koitus libidinisieren kann, für den hört eben die Hexe auf Hexe 

l Er erhält also etwas zurück statt des hingegebenen Blutes: damit ist der 
Teil seiner Libido, welcher mit dem Blute bei der Frau verankert war, wiederum 
in das Ich einbezogen, und das gegenseitige Sichmeiden, die Reaktion des Narziß- 
mus gegenüber der Objektbesetzung, hört auf. Der Frau ist die eingegebene Speise 
vielleicht Symbol des dem Manne geschenkten Kindes. 

5 Spencer andGillen: The Native Tribes of Central Australia. 1899.96. 

3 Spencer andGillen: The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 601. 
Einen alten totkranken "Mann salben auch wohl die Weiber, die zu ihm im Ver- 
hältnis von Amba <Nichten> stehen, mit dem ihrer Vagina entnommenen Blute, 
wie auch umgekehrt die männlichen Amba <Neffen> eine totkranke alte Frau 
mit dem Blute ihrer Beschneidungswunde salben. C. Strchlow: Die Aranda- 
und Lorirjastämme in Zentral-Australien. IV. Teil. Abt. II. Das soziale Leben. 
1915. 31. 

' Spencer and Gillen: The Native Tribes. 1899.463. Es kann auch der 
Totem seines Vaters oder seiner Mutter sein, und es geschieht »by way of 
reconciliation«. 

5 H. L. Strack: Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit. 
1900. 66. Ebendort weitere Beispiele. 

M. Peacock: Folklore of Lincolnshire. ,FoIk=Lore. XII. 178.. 



Dr. Geza Roheim 



zu sein. In beiden Fällen, in Australien wie in buropa, wird die 
Krankheit mit weiblichem Blut geheilt, doch haftet «m letzteren Falle 
der Vorstellung schon ein Angstvorzeichen an - aus der Ver- 
wandten oder Gattin wird die Hexe*. Die autoerot.sche Bedeut- 
samkeit des Blutes erklärt auch seine passiv-magische Rolle, ^wai 
haben hier die Erfahrung und das Realitätsprinz.p das ihrige ^zur 
Ausgestaltung dieser Bräuche beigetragen da Blutverlust tatsächlich 
Schwächung und Tod des Individuums herbeiführen können. Daß 
aber nun der Analogieschluß vom Verlust mehrerer Liter Blutes 
auf einen Blutstropfen gezogen wird, daß die Gefahr unter em so 
ungeheueres Vergrößerungsglas gerückt ersche.nt laßt sich W^M 
stehen, wenn wir die libidinöse Betontheit des Blutes und des Blut- 
vergießens berücksichtigen. In Holland glaubt man dal man erkrankt 
wenn ein Lappen, auf dem ein Tröpfchen Blut klebt <z B der Ver- 
band einer Wunde), verbrannt : wird K Die Thonga bedeck* .4* 
vergossene Blut instinktiv mit Sand aus Furcht, es konnte . he 
Hände der Zauberer fallen. »The charms ofthe Wizards are com- 
monly called tingati <bloods>^ So trachtet der Baka.r.zaubere suh 
etwas Haar oder ein bißchen Blut seines Opfers zu verschaffen, die 
er dann in eine Giftkalebasse schließt und sotort erkrankt der Uf- 
prüngiiehe Besitzer*. Bei dej^Ulupul ». zift .^jjj««^ 
seinen Knochenapparat, dem Mangan., das Lebensblut seines Opfe s 
aus und behält es im Apparat. ttun hat er den Betreffenden voll- 
kommen in seinen Händen, er kann anordnen, daß er von dem 
B™e einer Schlange oder in beliebiger Weise sterbe,- nähert er den 
Apparat dem Feuer, so wird sein Opfer krank verbre.mt er es, 
so stirbt er 5 . Auf Tun.leo werden Haare oder Blut des Opfers in 
ein aus Blättern und Zeug bestehendes Päckchen gewickelt und 
unter Verwünschungen ins Feuer geworfen. Auch aktiv-magisch 
kommt Blut als Vernichtungszauber vor Wer mit dem Blute eines 
Toten den Nabel eines Schlafenden einreibt, bewirkt dessen baldigen 
Tod 1 ' Erdweg erzählt: »Als ein Mann, der eine Wunde im Mund 
hatte' und daran blutete, zu uns kam, um sich zu verbinden, 
sammelte seine Gattin allen Auswurf und warf es in den See« . 

' Vgl. Furcht vor Frauenblut in Australien und andernorts. Frazcr: 

a> °°'* Alb C. Kruijt: Het Animisme in den indischen Archipel. 1906. 24. 
Vgl. J. G. Fräxer: The Magic Art and the Evolution ot Kings. 1911. I. 

• H. Junod: The Life of a South African Trib. 1912. 11. 337. 

• K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zcntralbrasiliens. 817. Z Jh. 

• W. E. Roth: Superstition, Magic and Mediane. North Queensland 
Ethnography. 5. 1903. 35. Dasselbe auch aktiv-magisd». Die Dien schnüren den 
Ann, der den Zauberknochen handhabt, recht fest, »damit ihr Blut in das Instru- 
ment übergehe*. Howitt: Native Tribes of South East Austraha. 1904. 359. 

™ Wlislocki: Tod und TotenfetisoSc im Volksglauben der Magyaren. 
Mitteilungen der Anthr. Ges. in Wien. XXII. 173. 

" Erdweg: Die Bewohner der Insel Tumleo. Mitteilungen der Anthr. Ges. 
in Wien. XXXII. 287. Zur Bedeutung des Wassers vgl. oben. 



Das Selbst 33 



Die Sitte, den Götzen mit Blut zu beschmieren 1 , ist einerseits ein 
Blutbund mit einem übernatürlichen Wesen <dem Vater), anderseits 
die typische Milderung der passiv-magischen Bräuche im Opfer, 
welche eben als die freiwillige Hingabe der sorgsam gehüteten 
Körperteile zu charakterisieren ist. Damit ist eben die Phobie durch« 
brochen, die Angst durch Vorwegnähme des Verlustes gebunden. 

Während wir in den bisher behandelten Gebräuchen das DiemagiiAe 
Hauptgewicht auf die unmittelbar an den betreffenden erogenen hJSJS 1 "" 8 d d <fer 
Zonen haftenden Lust* und Unlustgefühle legen konnten und eine Fingernägel. 
Vertretung einer erogenen Zone durch eine andere, also den ersten 
Schritt zur Symbolbildung, eigentlich erst bei den Blutriten anzu* 
nehmen genötigt waren, ist bei der aktiv* und passiv-magischen 
Bedeutung des Haares <und der Nägel) der Umstand von Wichtig- 
keit, daß diese leicht loslösbaren Körperteile infolge der Assoziations* 
Verkettung zum unbewußten Stellvertreter, d. h. zum Symbol der 
Empfindungen und Affekte werden können, die sonst an dem ganzen 
Körper, an der ganzen Persönlichkeit haften. Bin solches »Verschieben 
auf ein Kleinstes« ist eine Folge der Verdrängung und ist in der 
Sexualpathologie hauptsächlich in den sogenannten fetischistischen Per* 
Versionen zu beobachten; denen aber analoge Züge im normalen 
Liebesleben entsprechen. »Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein 
im allgemeinen für sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Körper- 
teil <Fuß, Haar) oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweis* 
barer Relation mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualität 
derselben steht«-. Bei dem Haar handelt es sich außer der Riech* 
lust <Analerotik> hauptsächlich um die Kastrationsangst: Haar und 
Nägel sind Körperteile, die wachsen <wie der Penis in der Erektion) 
und an denen sich das Abschneiden, die Kastration, regelmäßig 
wiederholt 3 . Daher ist denn auch die Angsteinstellung, das Passiv- 
Magische, bei Haar und Nägeln überwiegend. Von den Eingeborenen 
Victorias berichtet Bunce, daß sie eigentlich nur eine Krankheits- 
Ursache kennen: immer ist es ein Mitglied des feindlichen Stammes, 
der die Haarabfälle des Kranken gestohlen hat, und wenn es dem 
Kranken noch schlechter geht, so hat der Betreffende die gestohlenen 
Haare auch verbrannt 4 . In Fiji hat Thompson den Eingeborenen 
die Nichtigkeit ihres Aberglaubens beweisen wollen und erbot sich 
selbst als Zielscheibe ihrer Zauberkünste. Die Probe wird aber nicht 
angenommen, da die Europäer ja bekanntermaßen andere Speisen 

1 Vgl. Reuterskiöld: De nordiska lapparnes religion. 1912. Munkäcsi: 
Vogul Nepköltesi Gyfijtemeny. II. 2. 1910. 453. J. Scheffer: The History of 
Lapland. 1674. 43. W. Jochelson: The Koryak. Jesup North Pacific Expedition. 
1905. Vol. VI. P. I. 93, 95. 

* S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1915. 19. Vgl. über 
Riechlust. Ebenda 21. 

s Vgl. in den Mythen Stucken: Astralmythen. 1907.324. Rank: Inzest- 
Motiv. 1912. 296. Wilken: De Verspreide Geschnitten. 1912. III. 553. De 
Simsonsage. 

4 R. Brough^Smyth: The Aborigines of Victoria. 1878. I. 110. 

Imago VH'l 3 



34 



Dr. Geza Röheim 



essen und daher gegen einheimische Magie gefeit seien {Beziehung 
zur Anal= und Oralerotik). Er fordert daher einen gebildeten und 
sich als aufgeklärt gebärdenden Tonganer auf, statt seiner in die 
Bresche zu treten, doch wie es dazu kommt, daß er eine Haarlocke 
hingeben soll, hält der Tonganer dodi die Vorsicht für die Mutter 
der Weisheit 1 . Wenn in Neu-Guinea jemand die Haarabfälle eines 
Menschen vergräbt, muß der Betreffende bestimmt sterben. Darum 
trachtet jeder, die Abfälle selber zu vernichten 2 . Bei manchen Per- 
sonen ist auch das Haarscheren überhaupt verboten. Es sind dies 
vor allem solche, in deren psychischer Konstitution der Narzißmus 
eine paranoide Selbstüberschätzung mit einer entsprechend gesteigerten 
Kastrationsangst eine besondere Rolle spielen. Die Ho kennen Priester, 
in denen ein Gott wohnt, der das Haarschneiden bei Todesstrafe 
verbietet. Dieser Gott wohnt in den Haaren und würde seines 
Sitzes verlustig werden, wenn man die Haare abschneiden würde 3 . 
Es ist bekannt, daß die Fähigkeit, Regen machen zu können, oft 
nur eine Umschreibung der Potenz ist 4 und wir erfahren, daß die 
Häuptlinge und Zauberer der Masai ihre Barthaare nicht auszupfen 
dürfen, sonst würden sie keinen Regen machen können . Auch sonst 
sind Beziehungen zwischen dem Haar und dem nassen Element 
bezeugt. Ein polnischer Arbeiter in Dembina bei Skole bewahrt 
einen Büschel Haare eines Gehängten als Zaubermittel, um die 
Fische beim Angeln heranzulocken 6 . In Victoria legt man mensch- 
liche Haare in den Fluß bei niedrigem Wasserstande und wenn 
man Menschenhaare verbrennt, entsteht Regen 7 . Die Indonesier 
rücken schon beinahe offen mit der Sprache heraus. Ein Mann darf 
sich während der Schwangerschaft der Frau und vierzig Tage nach 
Geburt des Kindes keine Haare scheren lassen 8 . In Serang heißt 
es von dem Haarscheren: »gehuwde mannen zouden alsdan hunne 
echtgenooten verliezen en jongelieden tot eenen toestand van ver* 
slapping gebracht worden« 9 . »Het haar der gehuwde mannen mag 

1 Basil Thomson: The Fijians, a Study ofthc Decay of Custom. 1908. 165. 

■ H. H. Romilly: From my Verandah in New Guinea. 1889. 83. Vgl. 
Ilwof: Hexenwesen und Aberglauben. Zeitschr. d. Ver, f. Völkerkunde. VII. 191. 
J. G. Frazer: Taboo. 267-287. Stoll: Geschlechtsleben. 182. 

3 J. Spieth: Die EwcStämme. 1906. 229. Auf das Haupt eines Göttcr- 
sklaven darf so lange kein Schermesser kommen, bis das Kind erwadisen ist. 
J. Spieth: Die Religion der Eweer in Süd-Togo. 1911. 61. Würde ihm jemand 
anderer als der Priester die Haare schneiden, so müßte das Kind sterben. 70, 80, 
100, 126. »Rasiert dem Schüler das böse Haar vom Kopf, schneidet ihm die 
Fingernägel und die Nägel an den Sehen.« 197. 

* Vgl. Roheim: A kazar nagyfejedelem es a turulmonda. 1917. 

* M. Merker: Die Masai. 1904. 21,22, 143. Scherzhaft habe ich schon im 
Ungarischen das Wort »haj« (= Haar) für Penis gehört. 

«Schiffer: Urquell. III. 202. 

J Stanbridge: The Aborigines of Victoria. Transactions of the Ethno- 
logical Society. I. 300. 

* w. Skeat: Malay Magic. 1900. 44. 

9 J. G. F. Riedel: De Sluik- en Kroesharige Rassen tusschen Selebes en 
Papua. 1886. 137. 



Das Selbst 35 



niet worden afgekniept,omdat volgens het volksgeloof de vrouw alsdan 
spoedig zal sterven« (Tomorloro und Tanembar) 1 . Daß die Frau 
stirbt, ist doch nur Ausdruck der Tatsache, daß sie ihre Bedeutung 
für den durch Haarveriust impotent gewordenen Mann verloren 
hat. Das lange Haar <Mähne usw.) 2 gehört ja ursprünglich zu den 
sekundären Geschlechtsmerkmalen des männlichen Geschlechts und 
bei manchen Naturvölkern finden wir als Überbleibsel dieser Zu- 
stände die Sitte, daß die Männer langes, die Frauen kurzgeschorenes 
Haar tragen :! . Bei den Akikuyu sind die Mädchen gewöhnlich kahl* 
geschoren, doch wenn eine kränklich ist, so läßt man ihr das Haar 
lang wachsen 4 . Demnach ist es zu verstehen, warum Könige 
und Zauberer, deren magische Kraft <d. h. Potenz) von einer so 
großen Wichtigkeit für das Volk ist, sich ihr Haar nicht scheren 
lassen dürfen'"'. Dieselbe psychische Einstellung: Narzißmus und 
Kastrationsangst, ist aber auch beim Kinde vorherrschend 11 . Dem* 
entsprechend wird auch in Nordthüringen im ersten Lebensjahr das 
Beschneiden von Haar und Fingernägeln vermieden 7 . In Ostpreußen 
und Böhmen heißt es: im ersten Jahr darf man dem Kinde das 
Haar nidit kämmen und nicht schneiden, sonst stirbt es 8 . Die Pro* 
phezeiung des Todes ist eigentlich die endopsychische Wahrnehmung 
der mit dem Kastrationskomplex eng verwandten "Todesangst: so 
heißt es in Wetterau, wenn man einem Knaben vor seinem siebenten 
Jahr schneidet, so bekommt er keinen Mut 1 '. Versdiiedene aktive 
Formen des Haarzaubers, sowie die Gleichung Haar = Schlange 
<Penis>, dürfen wir als überkompensierte Abarten des Kastrations* 
komplexes qualifizieren. Der Huichol nennt seine Haare Schlangen 10 , 
die Veddas halten das Anbinden von Menschenhaaren für uner* 
läßlich gegen den Schlangenbiß 11 . Ein Cakchiquel*Indianer in Guate* 
mala sagt, aus seinen Haaren würden, wenn sie verloren gingen, 
Schlangen und daß er und die Seinigen dann zeitlebens viel von 
Schlangen zu leiden haben würden 12 . Wir wissen, daß die Initiations- 
riten auf einem Ambivalenzmechanismus aufgebaut sind und aus 
dem Kompromiß der feindlichen und zärtlichen Regungen der Alten 
gegenüber den Jungen ihre Erklärung finden. So haben nun also die 

1 Riedel: Ebenda 292. 

a Vgl. Darwin: Descent of Man. II. 1898. 289. 

5 Vgl. StoII: Geschlechtsleben. 125, 149, 195. Über Haarsebneiden als 
Strafe für Ehebruch. Ebenda 163, 164. 

* Routledge: With a Prehistoric People. 1910. 

5 Vgl Frazer: Taboo. 258 u. f. 

6 Vgl. Roheim: Spiegelzauber. 1919 83. 

7 Rudolf Reichhardt: Volksbräuche aus Nordthüringen. XIII. 385. 
s Wuttke: 392. 

8 J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. I. 209. Vgl. noch 
Frazer: Taboo. 263. Roheim: Spiegelzauber. 1919. 31, 32. 

<° Lumholtz: Unknown Mexico. 1903. II. 234, 235. 
» Seligmann: The Veddas. 1911. 197, 198. 

12 StoII: Das Geschlechtsleben. 1908. 184. Vgl. Roheim: Psychoanalysis 
es ethnologia. Ethn. XXIX. 208. 

3« 



36 Dr. Geza Roheim 



direkten Aussagen mancher primitiver Stämme, die Zirkumzision diene 
dazu, den Jungen die Fähigkeit zur Ausübung des Geschlechts- 
verkehrs zu verleihen, gewiß auch recht, trotzdem der Ritus doch 
eigentlich als symbolische Kastration aufzufassen ist 1 . Dazu ein 
merkwürdiger Brauch der Arunta. Bei den Weihezeremonien beißen 
die Alten so lange den Jungen in den Kopf, bis dieser von Blut 
ganz überströmt ist <Kastrationssymbolik mit Verschiebung nach 
oben) und sagen, dies diene dazu, damit das Haar der Jungen 
besser wachse 2 . Daß Haare hier gleich Penis, beziehungsweise 
Potenz sind, dürfte ohne weiteres klar sein, zumal es bei den süd- 
lichen Massim in Neu-Guinea heißt, wenn ein uneingeweihter Junge 
frühzeitig und besonders während der Weihezeit Verkehr mit dem 
anderen Geschlechte pflegt, werden seine Haare nie gut wachsen 3 . 
Vielleicht ist, der aktiv-magische, übelkompensierte Gebrauch der 
Menschenhaare nirgends mehr in floribus als in Zentralaustralien. 
Hier werden förmlich alle Haare der Toten dazu verwendet und 
auch die Lebenden schenken sich ihre Haare gegenseitig nach fest- 
gesetzten Regeln. Die Haare des Toten übertragen dessen Eigen* 
Schäften auf den neuen Besitzer. Man macht daraus einen Gürtel, 
den die Bluträcher tragen, um dadurch ihre Zauberkraft und Mut 
mit dem des Toten zu erhöhen 4 . Hier finden wir auch keine Furcht 
vor der Bezauberung der Haarabfälle, es scheint sogar, als wäre 
dieses ganze ausgebaute System der Haarverteilung nichts als eine 
Überkompensierung dieser Angstgefühle 1 '. Im allgemeinen dürfen 
wir den Primitiven ein größeres Quantum narzißtischer, beziehungs- 
weise autoerotischer Libido zutrauen, als selbst den tiefsten Schichten 
eines Kulturvolkes und deshalb ist es ihnen schwerer, sich vermittels 
der Haare mit einem anderen Wesen (Liebesobjekt) zu identifizieren. 
Über die Euahlayi schreibt Parker: »In dieser verkehrten Welt ist 
die Haarlodce also ein Symbol des Hasses und nicht der Liebe« . 
Auf den Aruinseln geben sich Liebesleute verschiedene Geschenke, 
aber nie Haarlocken, da sie sich fürchten, daß bei eventuellem Streif 
der andere die Locken verbrennen könnte 7 . Die verschiedenen Bräuche, 
in denen jemand der Außenwelt gegenüber seine Haare verbirgt 
oder aber vermittels eben dieser Haare eine Identifikation mit einem 
Wesen desselben oder des anderen Geschlechtes zustande bringt, 
repräsentieren die verschiedenen auto= und alloerotischen Strömungen 



1 Vgl. Rcik: Probleme der Religionspsychologie. 1919. Pubertätsriten. 

ä Spencer and Gillen: Native Tribes. 251. Dieselben: Northern Tribes. 352. 

3 Seligmann: The Melanesians of British New Guinea. 1910. 496. 

4 Vgl. dazu J. H. P. Murray: Papua or British New Guinea. 1912. 111. 

5 Spencer and Gillen: Native Tribes. 539. Dieselben: Northern Tribes. 

476-478. .'/«c. , 

« K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 32. Gemeint ist der Gebrauch 
der Haare im Todeszauber. Auch in Ungarn findet sich eine Scheu davor, Haar- 
locken unter Liebesleuten auszutauschen, man fürchtet, dies könnte der Liebe 

7 J. G. F. Riedel: De Sluik en Kroeshaarige Rassen. 1886. 358, 370. 












Das Selbst 37 



der Libido. Ein Weddamädchen darf von ihrem Bräutigam unbe« 
dingt eine Haarlocke als Hochzeitsgabe beanspruchen. Nötigenfalls 
gibt er auch von seinem eigenen Haare, aber gewöhnlich muß seine 
Schwester herhalten. Keinesfalls aber würde 'ein Mann daran denken, 
von seinen Haaren jemand anderem als der Frau herzugeben 1 . Die 
Keiinsulaner mischen gewisse Kräuter in die Haare der Frau und 
hängen sie so auf einen Baum, um ihre Liebe zu entflammen 2 . In 
Buru sagt man über das Öl, welches die Frau für ihre Haare 
benützt, oder über ihre Haarabfälle Zaubersprüche her*. Bei den 
Niassern ist das Haar ein Unterpfand der Liebe, sie pflegen 
nämlich die Haare ihrer verstorbenen Frauen zu bewahren, weil 
sie sonst so großes Verlangen nach ihnen bekommen wurden, dal) 
sie auch sterben müßten 4 . ■ 

Somit können wir den ersten Teil unserer Betrachtungen ab^ g gagg* K*ft 
schließen. Auf dem Wege, den wir bisher zurückgelegt haben, sind 
wir überall in die Fußstapfen eines mit Recht berühmten Ethnologen 
getreten. Das ist Konrad Theodor Preuß, der ja ungefähr dieselben 
Themata behandelt hat und auch deren Ursprünglichkeit nachdrücklich 
betont. Er schreibt: »Den Anfang bildet natürlich der Glaube an 
die Zauberkraft der einzelnen Körperteile und bestimmten Hand- 
lungen, namentlich herrschte von jeher die Meinung, daß aus den 
Öffnungen des Körpers Zauberkraft und Zauberstoffe austreten. 
Zum Beispiel der Atem aus der Nase, der Hauch, die Töne und 
der Speichel aus dem Munde, Kot- aus dem After, Urin und die 
geschlechtlichen Ausscheidungen aus den Genitalöffnungen« 5 . Nun 
kann es unmöglich ein Zufall sein, daß diese magischen Korperteile 
und Ausscheidungen samt und sonders mit dem auf ganz anderem 
Wege gewonnenen erogenen Zonen Freuds übereinstimmen. Dies 
gibt uns auch die Möglichkeit, einen Schritt weiterzugehen als Preuß 
es konnte und auch nach dem Ursprung dieses Zauberglaubens zu 
fragen. Es ist ganz klar, daß das Magische an einem Korper- 
teil einfach seine Erogenität, seine Fähigkeit, Lust zu 
spenden, bedeutet und daß die Zauberkraft der Korper- 
teile eine Projizierung der Organlust ins Übernatürliche 
ist. Diese Erkenntnis scheint mir so wichtig, daß ich beinahe geneigt 
wäre, eine andere Frage daran zu knüpfen. Ist der Ausdruck »Pro- 

' Seligmann: The Veddas. 1911. 98-100. 

2 Riedel: loc. cit. 223. 

3 Riedel: loc. cit 11. . 

* Kleiweeg de Swaan: Die Heilkunde der Niasser. 1913.247. Weiteres 
Material "ur — ebenfalls erotisch determinierten — passiv- und aktiv-magischen 
Verwendung anderer Objekte, wie Nägel, Fußstapfen, Kieiderstücfce etc. findet 
man bei Crawley: The Mystic Rose. 1902. Hartland: The Legend of Perseus. 
895 II 55 Kazer: Taboo and the Periis of the Soul. 1911. 224-317. Derselbe: 
The Magic Art. 1911. I. 174-214. Berkusky: Vernichtungszauber. Archiv für 
AnthroDo Lie 1912. N. F. XI. 88. Weiteres Material über die Verwendung der 
Ko^ertdKnd Ausscheidungen im Liebeszauber der europäischen Volker bringe 
ich in der Arbeit »Psy<hoanaIyse und Ethnologie« YVYVI 322 

« K.Th. Preuß: Ursprung der Religion undKunst. Globus. Bd.LXXX vi. ict, 



38 



Dr. Geza Roheim 



jizierung ins Übernatürliche« nicht einfach eine Tautologie, indem 
wir das Übernatürliche mit dem Gebiete des Lustprinzips zusammen- 
fallen lassen können? Doch das würde uns zu weit führen und wir 
greifen daher lieber auf ein anderes unmittelbares Ergebnis unserer 
Untersuchung zurück, welche lautet: alle erogen betonten Körper- 
teile sind entsprechend dem Gesetz der psychischen Po- 
larität zugleich aktiv und passiv magisch, d. h. sie üben 
magische Wirkungen auf andere aus und sind diesen Wir- 
kungen anderer ausgesetzt 1 . Dabei haben wir gewisse stets wieder- 
kehrende Formen und Ziele des magischen Handeln beobachten können, 
von denen wohl die Furchteinstellung der Außenwelt gegenüber, 
also das Passiv-Magische der geliebten Körperteile die ursprünglichste 
und daher auch allgemeinste Form sein dürfte a . Die aktiv-magischen 
Bräuche sind ihrerseits als die verschiedenen Etappen in der Libidini- 
sierung dieser urnarzißtischen Angst anzusprechen a . Von hier aus 
führen nun zwei Wege weiter: die der Gefühlsübertragung, welche 
die endopsychisch wahrgenommenen Lustempfindungen mit den Körper- 
teilen selbst, an denen sie haften, auf andere überträgt und selbst 
eine solche Übertragung von Seiten anderer herbeiwünscht. Das sind 
die magisdien Identifikationsbräuche, die Crawley unter dem 
Titel Ngia-Ngiampe sehr gut behandelt hat. Ihr Mechanismus 
ist der doppelte der Projektion und Introjektion. Diese magi- 
schen Identifikationsgebräuche zerfallen in die Untergruppen des 
magischen Bundes (eigentliche Aggregationsriten), des Liebes- 
zaubers und des Heilzaubers, welche ebenfalls nur auf einer 
Gefühlsübertragung von seiten des Kranken beruht. Die erste und 
teilweise auch die zweite Gruppe dieser Riten ist gleich aktiv und 
passiv/ dieselben Kräfte werden von zwei Seiten in Bewegung 
gesetzt und auf dieselbe Weise entgegengenommen. Der zweite 
Weg ist derjenige der Überkompensation. Die erogenen Körper- 
teile sind ja loci minoris resistentiae: in der Relation zur Außen- 
welt kann aber diese Furcht motorisch in Mut umgewertet und 
durch eine angriffslustige Haßeinstellung verdeckt werden. Auf 



1 Eine interessante Distinktion machen aber die Arunta, in der wir vielleicht 
einen Fingerzeig zum Anteil der Partialtriebe an der Bildung verschiedener 
Charaktereigenschaften erblicken können. »Medizin« <tjikatjira> ist auch in den 
menschlichen Körperausscheidungen enthalten, z. B. im Achselschweiß und im Blut, 
nicht jedoch im Urin und im Speichel, die nur Arunkulta (Bedeutung : >Sdhnell das 
Leben zerbrechen«, d. h. Gift böser Zauberkraft) enthalten und darum nie als 
Medizin verwertet werden. Strehlow: Die Aranda» und Loritjastämme. IV. 

2 >Der Haß ist als Relation zum Objekt äjter als die Liebe, er entspricht 
der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden Außenwelt von seiten des nar« 
zißtischen Ichs.« S. Freud: Triebe und Triebschicksale. Internationale Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse. 1915. III. 99. 

3 Die Angstseite des Urnarzißmus tritt natürlich nur mit der Geburt ins 
Leben. (Freud.) Ober magische (beziehungsweise animistische) Vorstellungen, die 
als Regressionserscheinungen in eine noch frühere Phase der Ontogenese aufzu- 
fassen sind, siehe demnächst »Australian Totemism«. 



Das Selbst 



39 



diese Weise, aber auch aus einer Hemmung der Libidoüber- 
tragung, entstehen jene Formen des Vernichtungszaubers, in denen 
die sonst sorgfältig behüteten Körperteile aktiv-magisch als Kraft- 
quellen auftreten und diese Kraft ist dann wieder nichts anderes 
als eine umgewertete Form der Erogenität. Es bleibt noch eine 
Gruppe übrig, die wir wohl gestreift haben, deren eingehende 
Untersuchung aber diesmal außerhalb der Grenzen unserer Auf- 
gabe liegt/ die Umwertung geht hier nämlich noch weiter, indem 
die, ursprünglich autoerotischen, später immerhin noch innerhalb der 
menschlichen Gemeinschaft bleibenden Lustempfindungen, stellver- 
tretende Zielscheiben in der Natur bekommen, die infolge von ge- 
wissen symbolischen Verknüpfungen mit menschlichen Gefühlen oder 
Personen den entladungsbereiten Gefühlen geeignete Ableitungs- 
objekte bieten. 



•r 







40 Aurel Kolnai 






Über das Mystische. 
Von AUREL KOLNAI. 

1. 

Der Begriff »das Mystische« kann zweierlei Bedeutungen haben, 
die jedoch einander eng entsprechen: einen Gefühlston, be- 
ziehungsweise eine Eigenschaft von Gegenständen in weitem 
Sinne, die geeignet ist, diesen Gefühlston hervorzurufen, wofern die 
subjektiven Voraussetzungen vorhanden sind. Diese beiden Bedeu- 
tungen mögen ohne methodische Gefahr nebeneinander gedacht werden, 
da sie vollkommen adäquat sind und ihr Unterschied keinen Keim 
von Mißverständnis enthalten kann. Hingegen müssen wir das 
Mystische von etlichen sprachlich ganz nahe stehenden Begriffen 
sorgfältig absondern. Zu diesen gehört das Mysterium, ob es 
nun die religiöse Zeremonie oder einfach Rätsel bezeichne. Der erst* 
genannte Sinn steht ganz abseits,- der zweite (mysteriös) ist wohl 
für das Mystische grundlegend, aber doch eine mehr logische Kate- 
gorie, wogegen das Mystische eine rein psychologische ist/ überdies 
ergibt das Rätsel an sich noch kein Mystisches und ist anderseits, 
wie später erhellen wird, auch nicht unbedingt notwendig zur Ent- 
stehung des Mystischen. Die Mystik bezeichnet etwas Konkretes, 
Historisches,- ihr Gegenstand ist sidierlich mystisch, wird aber hie* 
durch keineswegs erschöpft und von dem Kreis des Mystischen 
wiederum weit überschritten. Endlich operiert der Mystizismus 
als philosophische oder vulgäre Richtung unleugbar mit dem Mysti- 
schen, es wird aber noch darauf hingewiesen werden, daß die beiden 
Begriffe, weitab davon, zusammenzul allen, in letzter Linie geradezu 
divergieren. 

Ehe wir nun das Mystische ins Auge fassen, müssen wir der 
Frage Rechnung tragen, ob es überhaupt tunlich sei, zur Zergliede- 
rung eines solchen, bereits auf den ersten Blick in hohem Maße 
formell erscheinenden Begriffes die vorwiegend nach Inhalten for- 
schende Psychoanalyse heranzuziehen. Gestehen wir ein: diese 
Untersuchung ist, insbesondere sobald sie sich mit der begrifflichen 
Bestimmung und Beschreibung des Mystischen begnügt, in Wirklich- 
keit keine psychoanalytische. Doch kommen die Ergebnisse und die 
psychologische Grundauffassung dieser Wissenschaft ungezwungen 
in Betracht. 



Über das Mystische 41 



Übrigens schließen sich die Darlegungen formell beziehungs^ 
weise Inhaltlich an Freuds Erörterungen ähnlichen Inhalts und 
Charakters an, die in dem das Komische behandelnden Teil des 
Buches »Der Witz«, dieses eng genommen nicht psychoanalytischen 
Werkes, sowie in der Arbeit »Das Unheimliche« <Imago 1919) ent« 
halten sind. Das Mystische ist in unserer Auffassung von derselben 
Ordnung wie das Komische 1 . Die diesbezüglichen Ergebnisse, die 
Freud gewonnen hat, weisen eben die Spuren von psychoanalyti= 
schem Material und Gedanken auf. Der wesentlichste dieser Sätze 
ist, daß das Komische aus der plötzlichen Herabsetzung des 
auf einen Begriff gerichteten Besetzungsaufwandes, be= 
ziehungsweise aus dem Stoße der hiedurch frei gewordenen 
Energie besteht,- und das ist etwas ganz Formelles, Morpho« 
logisches. Am meisten ist die Psychoanalyse an der Würdigung des 
infantilen Motivs fühlbar: den Gegenstand des Komischen betrachten 
wir oftmals als Kind uns gegenüber, d. h. wir projizieren es in 
unser Kindesalter. Die weiteren Teilergebnisse sind nicht einmal so 
weit »freudistisch«. 

Anläßlich des Mystischen wird sich Gelegenheit bieten, die 
Psychoanalyse ergiebiger in Anspruch zu nehmen. Bei dem »Un= 
heimlichen« gelangen wir der Welt der Psychoneurosen bereits näher. 
Das erste aber, worauf wir aufmerksam machen wollen und das 
unseres Wissens bislang keine gebührende Bedeutung erhielt, ist 
das bestimmende Verhältnis zwischen Komischem und 
Mystischem. Wir lesen immerhin in dem »Unheimlichen« Jentsch' 
Bemerkung, wonach das Unheimliche oft dem lebendig» leblosen 
Charakter eines Systems seinen Ursprung verdankt. Auch wird 
Mark Twains Beobachtung angeführt, daß das Unheimliche leicht 
zum Komischen werden kann,- nichtsdestoweniger stellt der Autor 
fest, daß das Unheimliche dem, der außerhalb der betreffenden Lage 
steht, komisch sein mag,- doch wird die Erkenntnis besagten Zu* 
sammenhanges nicht weiter ausgebeutet. 

Nun vermag man eine solche engste Verknüpfung unschwer 
nachzuweisen, da es kaum einen Typus des Komischen sowohl als 
des Mystischen <des Unheimlichen) gibt, der sich mittels einfacher 
und charakteristischer Umkehrung nicht ins Mystische, beziehungs« 
weise ins Komische umsetzen würde. Nehmen wir das Komische 
zuerst. Das von Jentsch vorgebrachte Motiv ist Bergson zufolge, 
dessen System Freud eigentlich als eines, das über eine dürftigere 
Grundlage verfügt und weniger tief dringt, in das seinige aufnimmt, 
platterdings das Wesen des Komischen. Ist die in dem Lebendigen, 
dem Menschen hervorblirzende Leblosigkeit, der darin steckende 
Automatismus komisch, so bieten Leben und Seele, hinter dem 
Leblosen, der Maschine verborgen, das Mystische. Ist es komisch, 



1 Der Witz ist bereits anderer Ordnung: er steht den Kunstprodukten näher, 
könnte wohl auch mit Mystik oder Magie in Vergleich gebracht werden. 



42 



Aurel Kolnai 



eine Metapher Wort für Wort zu verstehen, so ist es mystisch zu 
ahnen, daß irgend eine Formel einen tieferen Sinn in sich birgt. Ist 
die zwingende Erscheinung einer Trivialität inmitten der Erhaben- 
heit komisch, so erwecken die Trivialität durchleuchtenden großzügigen 
Motive das Gefühl des Mystischen. Wortvermischungen sind als 
Spiel, als mechanische Vermanschung der Worte komisch, als magische 
Worte jedoch — wenn wir also an sie glauben oder nur ihr Zauber- 
aroma schmecken - sind sie mystisch. Das Naive ist komisch, die 
(zufällige) Intuition eines Kindes mystisch. Alles Sonderbare, der 
Erwartung nicht Entsprechende, befindet sich am Scheidewege des 
Komischen und Mystischen,- die plötzliche Enttäuschung einer großen 
Erwartung gibt dem Komischen, die nicht plötzliche Überllügelung 
einer anspruchslosen Erwartung dem Mystischen Leben. Nicht ohne 
Grund wefst die Erörterung des Komischen bei Bergson eine so 
tiefgreifende Parallelität mit der des Traumes sowie des dejä vu, 
dieser so vornehmlich mystischen Erscheinungen, auf. Freud unter* 
streicht irgendwo, daß die Traumabsurditäten (Mystisches) in die 
analytische Sprache des bewußten Denkens <die an eine andere 
Realität angepaßt ist, als das traumgestaltende Unbewußte) als Spott 
(Komisches) zu übersetzen sind. Die Symptome einer Psychoneurose 
mögen für den Betrachter komisch oder mystisch sein, je nach dem, 
wie viel er darin sieht und fürchtet. Fremde Religionen sind für 
den völlig Ungläubigen komisch, aber mystisch für denjenigen, der 
zu dem Glauben halbwegs disponiert ist. Die angeblichen Gegen* 
stände von mystischen Visionen erscheinen für den ihnen gegenüber 
durchaus Immunen ebenso komisch, wie der vertiefte Beschauer in 
gar einfältigen Zerrbildern viel Mystisches zu finden vermag. Hie 
und da gesellen sich Komisches und Mystisches auch aktuell zu- 
einander, ohne der Zwiefachheit verlustig zu werden, und gestalten 
so das Groteske: bei gewissen Tieren, wie auch beim Ziegenbocke, 
doch namentlich in gewissen imaginären Gebilden, in Teufel und 
Gnom. Das geschlechtliche Unvermögen ist ein häufiger Gegenstand 
;s Komischen, die Don Juan=Figur ist mystisch. Überhaupt wird 



les 



das Komische immer durch etwas Kleines gekennzeichnet <Freud>, 
das Mystische immer durch etwas Großes. Dem Komischen 
gegenüber, worin das Kleine vielleicht scheinbar verflochten, doch 
leicht, geschwind und sicher ausschälbar eingebaut sein muß, ist das 
»Große« des Mystischen diffus verborgen, dem rätselhaften Grund- 
ton dieses Gefühls entsprechend. Die Verfolgung besagter Eigen- 
schaft lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den affektiven Unterbau des 
Mystischen, auf die Angst und auf eine ihrer körperlichen Äuße- 
rungen: das Gruseln/ entgegen der heiteren Überlegenheit und dem 
Lachen. Ehe wir hierauf sowie auf Freuds Angsttheorie übergehen, 
haben wir die Theorie des Unheimlichen heranzuziehen. 



Über das Mystische 43 



2. 

Die innige Verknüpfung zwischen Heimlichem und Unheimlichem 
mahnt uns, das Mystische mit dem Unheimlichen nicht erschöpft zu 
halten,- sehr feine Arten des Mystischen sind an das Heimliche 
gebunden, beispielsweise das Mystische an dem gemütlichen Bei= 
sammensein von seelisch hochstehenden Menschen, das — bei allen 
bestehenden Ähnlichkeiten — von dem Mystischen eines Verbrechers 
so überaus abweicht. Es gibt auch Formen des Mystischen, die 
weder heimlich noch unheimlich zu nennen sind: viele Fälle des 
Mystischen von Licht und Lampen, wobei das Heimliche oder Un- 
heimliche wohl nicht gänzlich entfallen, doch wird jenes breiter ge= 
lagerte Gefühl, dem die Bezeichnung mystisch zukommt, unverhältnis^ 
mäßig stärker gespürt. Fügen wir den von Freud gesammelten 
Synonymen des Unheimlichen hinzu, daß es eines mit sehr gutem 
Klange in der ungarischen Sprache gibt: »baljoslatu« oder »baljos«, 
auf Deutsch »böses voraussagend« (vgl. »unheilvoll«, »unheil= 
schwanger«)/ es wird besonders oft auf das blinzelnde, bleiche oder 
rötliche Licht von kleinen, traurigen Lampen und Kerzen angewendet. 
Auch dieser Ausdrudt tut der Freudsdien Definition Genüge, 
gemäß welcher das LInheimliche an alten, sich der Verdrängung ent= 
ledigenden Regungen haftet: wir wissen, daß Verdrängung und Uli* 
bewußtes affektiv, gleichsam moralisdi bedingt sind,- und das Böse 
wird von dem Volksglauben oft ins Unglückliche projiziert. Der 
Mangel . der Definition aber ist, daß sie, gleich dem Worte »baljos« 
selbst, keinen Hinweis darauf enthält, weshalb ein unheimliches 
Kerzenlicht, die heimliche Kaminflamme oder ein eigenartig mystischer 
Lilaschein hieher gehören,- und im allgemeinen Dinge, denen eine 
inhaltliche affektive Bedeutung in sehr weitem Assoziationskreise 
abgeht und die die Aufwallung verdrängter unbewußter Elemente 
lediglich mittels ihrer formellen Züge zu »Vikariieren« vermögen. 
Diese stärker betonte Inbetrachtziehung der formellen Seite, worauf 
wir noch bei der Angst zurückzukehren gedenken und die das 
Wesen der Beobachtung des weiter gefaßten Mystischen bildet, ist 
es, was wir zur Theorie des LInheimlichen vorab bemerken wollen. 
Das Hervorschimmern des Unbewußten ist allenfalls ein Hauptfall 
und sogar das Urbild jener Erscheinung, daß wir hinter etwas 
Geringem allgemach etwas Größerem begegnen, die unserer Ansicht 
nach das Grundphänomen des Mystischen und Gegenstück des 
Komischen ist. Wie die Bestimmung des Komischen auch bei Freud 
durch und durch formell ist, sein infantiler Inhalt jedoch auf das 
entschiedenste betont wird, so wurzelt die formelle Konfiguration 
des Mystischen mittels inhaltlicher Rückgrate: verschiedener Regres= 
sionen, Kastrationskomplexes, Allmacht der Gedanken und Am-- 
bivalenz in unserer Seele. 

Weshalb das Unheimliche eine häufigere und schärfere Gattung 
des Mystischen ist als das Heimliche, ist hienach unschwer zu be- 



44 



Aurel Kolnai 



antworten. Das Unheimliche vertritt den normalen Fall: das feind- 
liche Herumtasten vor der unbekannten Macht, dem unverstandenen 
Unbewußten. Zur überlegen und reflektierend mystischen Regung des 
Heimlichen ist bereits eine versöhnte, weise und zarte gefühlsmäßige 
Behandlung des Unbewußten unentbehrlich, die sowohl dem nihilisti« 
sehen Durchbruch des Unbewußten als auch dem analytischen Er- 
kenntnis ferne steht, aber neurotische Angst und Starrheit immerhin 
überwunden hat. Der milde Gefühlston des HeimlidvMystischen mag 
bei Neurosenheilungen seine Rolle haben, wie bei tiefer fühlenden 
Menschen überhaupt nach Abwendung einer Gefahr. Das Un- 
heimlich-Mystische aber ist in den Neurosen überall gegenwärtig,- 
und zwar in den intellektuellen Typen : Zwangsneurose und Paranoia 
reiner als in den mit gröberer Angst auftretenden Krankheitsbildern. 
Jene Gattung des Mystischen, die weder mit dem Heimlichen noch 
mit dem Unheimlichen zusammentrifft, worin die Eigenartigkeit, 
gleichsam der Hauch einer völlig anderen Welt vorherrschen, kann 
am meisten dem Traume angenähert werden, der für den Gesunden 
die üblichste Weise des mit dem Unbewußten gepflogenen friedlichen 
Verkehrs und der Verschiebung des affektiven Gegensatzes in den 
Unterschied zweier voneinander vollständig abweichenden und schlecht- 
hin nicht kollidierenden Welten ist. Dergleichen ist unter anderen das 
Mystische in der Lumineszierung der Geißlerröhren, in gewissen 
Melodien, überhaupt »Transzendenzen« ohne inhaltliche Anspielung. 
Unheimlich ist hingegen ein im Winde lohendes, sdwaches Kerzen- 
licht in großem, finsterm Raum, als bleicher Vorposten vor dem un- 
ausweichlich drohenden Überfalle,- heimlich ist die Kaminflamme .mit 
ihrer heiteren Wärme und Farbe, aber ein wenig geheimnisvollen 
Gestalten und Tönen. Es ist müßig zu beteuern, daß die Gattungen 
zusammenfließen und daß das Unheimliche, wiewohl auch nur in 
gedämpfter Form, seine Vorherrschaft behalten muß. 

In jeglicher Zergliederung des Mystischen gelangen wir zur 
Analogie mit dem Komischen. Allseits verrät sich das Fühlen einer 
verborgenen größeren Macht als Kern der Lage, in mehr oder 
weniger verfeinertem Niederschlag, während das Komische immer 
die Begleiterscheinung einer nur zu gut erkannten Minderwertigkeit 
ist. Nicht nur dem Subjekt, auch zeitlichen Dispositionen gemäß 
mag die komische oder mystische Färbung des Gegenstandes zutage 
treten. Versuchen wir es an den von Freud vorgebrachten Motiven: 
Der Kastrationsgedanke ist in seinen weniger furchtbaren Ver- 
schiebungen, im Zusammenhange mit Tieren, in der sexuellen 
Schwäche, in milderen Verstümmelungen, unleugbar komisch. Die 
maschinenhafte Rückkehr, die Serie, kann gleichwohl mystisch oder 
komisch sein: als das »unentrinnbare« Heranrücken einer mächtigen 
fremden Einspielung, beziehungsweise als die automatische Bin- 
fältigkeit eines geschlossenen Systems. Zauberei und Magie, die 
Erreichung großer und ferneragender Wirkungen in Anlehnung an 
bescheidene Mittel: der Prototyp der. mystischen Tat ist für uns, 



Über das Mystische 45 



wenn wir durchwegs nüchtern sind, komisch: die Bezeichnung »Hokus« 
pokus« und ihre Stimmung sind ein komischer Splitter jenes mysti- 
schen Knotens. Auch ist das die Verdrängung abschüttelnde Element 
nidit jederzeit mystisch. Die ungeschickten Bewegungen und Worte 
eines mit Verdrängungsjungfräulichkeit durchtränkten Wesens, die 
auf den verhüllten Vorstoß seiner gebändigten Sexualität schließen 
lassen, erwecken im Betrachter vielmehr Lächeln als Gruseln, wo« 
gegen die Äußerung eines Inzestwunsches nur Gruseln hervorrufen 
kann. Denn seines eigenen Inzestgelüstes hat sich niemand entledigt, 
noch sich damit versöhnt. Auch dem Tode ist das Komisdie ver« 
wehrt. Die Gewichtigkeit des Inzests ist, daß er niemals zur Tatsache 
werden kann,- die des Todes, daß er eine unaufhaltbare Tatsache ist 

Was die grundsätzlich feindselige Natur des Mystischen, d. h. 
vielmehr des Unheimlichen anlangt, so ist diese ebenfalls zum 
Komischen gehörig, hiebei aber umgekehrt im Sinne der Überlegen- 
heit. Dennoch könnte man die Verknüpfung des Mystischen mit 
dem Masochismus, die des Komischen mit dem Sadismus nicht einfach 
für ein Gesetz erachten, obschon der noch anzuführende formelle 
Gegensatz innerhalb unseres Begriffspaares die Gestaltverschiedenheit 
von Sadismus und Masochismus noch zu erschließen helfen wird. 
Mit dem Heimlichen wäre etwa der Humor parallel — nach Freud 
die Freiwerdung von Gefühlsaufwand — während in der Richtung 
des sonderbaren, romantischen Mystisdien durch das »Bizarre«, das 
»Skurrile« seitens des Komischen eine Annäherung vorstellbar ist. 
Komisches und Mystisches sind ihrer sublimierten Feindseligkeit 
zufolge mit dem Interessanten verwandt. Dies hat wohl noch 
nichts von dem inadäquaten Täuschungscharakter jener an sich, ent« 
stammt aber auch dem Anregenden, Herausfordernden, Wider« 
stand Erheischenden: das Komische und Mystische, diese formellen 
Widerstandstypen, sind nicht weniger formelle Typen des Interessanten, 
Lockmittel, die jeglichen inhaltlich uninteressanten Gegenstand zu einen 
interessanten stempeln können. Allenthalben werden sie zum Erwecken 
des Interesses verwertet. 

Und trotzdem oder eben weil das Komische gleichsam »leichter 
verdaulich«, ist das Mystische um einen Grad interessanter. Gewiß, 
da es mehr und Tieferes aus der Seele zu greifen vermag, wofern 
es einen Angriffspunkt gefunden hat. Aber man kann sich die Lage 
gar nicht so kontinuierlich vorstellen. Wird etwas Komisches mystisch, 
so gewinnt es, wird ein mystisches Ding komisch, so verliert es an 
Interesse. Dem ist so, weil das Komische ein von Natur aus ab- 
nehmender, das Mystische aber ein zunehmender Vorgang ist. In 
Freuds Abhandlung zieht eine entsprechende Betonung der Be« 
deutung der Realität in dem Unheimlichen unsere Aufmerk« 
samkeit auf sich. Unheimlich (mystisch) sind die auffällige Häufung 
der Erfolge, in der Tat ausgeübte Allmacht des Gedankens, die 
sich zum Krokodilleder gesellenden wirklichen Krokodile <in einer 
SpiritistennoveÜe C. A. Doyles erscheinen auf der Mauer Ein« 



46 Aurel Kolnai 



hörnerschatten und sodann in dem Zimmer, allmählich, ein leib» 
haftiges Einhorn), der Roman, der von der angenommenen Realität 
ausgehend zum Außerordentlichen gelangt, worin also das Außer- 
ordentliche Kredit erhält. Wir möchten überhaupt von dem Mysti- 
schen der Konkretheit sprechen: der bildliche Sinn ist nicht jeweils 
mystischer als der materiale,- ist jener schematisch, primitiv, durch* 
sichtig=allegorisch, so mag das langsame Vordringen der materialen 
Bedeutung überaus mystisch wirken, zumal wo es der Gegenstand 
selbst begünstigt. 

3. 

Das Mystische verhält sich sonach zur Angst ungefähr wie 
das Komische zur raschen Gefühlsapperzeption der Überlegenheit 
<die Selbstbeobachter werden wohl nachfühlen können). Das be- 
gleitende milde Gruseln ist ein Überbleibsel des körperlichen Bildes 
der Angst, gleichwie das dem Komischen entsprungene Lachen und 
Lächeln zum somatischen Gefolge der Überlegenheit, Überwindung 
und Selbstzufriedenheit gehört. Ähnlich wie der über das Komische 
Lachende sich nicht als Sieger empfindet, sondern sich eine sui generis 
Gefühlsart um den verbliebenen Kern dieser Empfindung kristalli- 
siert, ist das Mystisdie bloß ein feiner und formeller Hauch der 
Angst. Doch, wollen wir das Mystikumgefiihl näher kennen lernen 
und seinen inhaltlichen Träger ausfindig machen, so müssen wir er- 
forschen, wodurch Angst bedingt wird: worauf sich, natürlich in 
seiner sublimierten Form, audi das Mystische stützen wird. 

Wir kennen zwei Angsttheorien Freuds,- die erste erschien 
noch in den Kleinen Schriften zur Neurosenlehre <I. Folge), die 
zweite in der Allgemeinen Neurosenlehre. »Das Unheimliche« 
knüpft nicht an sie an. Die ältere Theorie, die anläßlich der Ab- 
sonderung der Angstneurose von der Neurasthenie dargelegt wird, 
lehrt, daß die Angstentbindung bei der erstgenannten Erkrankung 
sexualphysiologischer Herkunft ist und daraus entsteht, daß ein Teil 
der Libido infolge gewisser Verzerrungen oder Unterdrückung des 
normalen Geschlechtslebens der psychischen Verarbeitung entschlüpft 
und vor dem Bewußtsein als Angst auftritt. Deshalb als Angst, 
weil diese Empfindung denjenigen ergreift, der von einer mehr oder 
minder fremden, unbekannten, vom Verstände nicht zu bewälti- 
genden Macht überrumpelt wird. 

Diese Formulierung, die in der zweiten Theorie folgender- 
weise lautet: die Angst wehrt den Schreck ab, ist mit unserem 
formellen Mystikumsatze verwandt. Nur können wir noch hinzu- 
fügen, daß, wenn die Angst gleichsam antizipierte Furcht ist, ist das 
Mystische noch mehr antizipierte Angst. Dieser Gedanke leidet an 
keinem logischen Gebrechen, da Furcht und Angst voneinander nicht 
nur in der Stufe der Antizipierung verschieden sind. Die Angst ist 
an keinen bestimmten Gegenstand gebunden: sie »flottiert frei«, gerade 
infolge des Mangels an Kenntnis, vielleicht der Verdrängung. 



Über das Mystische 47 



In der Vertiefung der Angsttheorie war die Beobachtung der 
psycho neurotischen Angst wesentlich. Wohl ergab die Unter- 
suchung in der Regel, daß das Krankheitsbild — namentlich das 
der Angstneurose — um einen physiologischen Angstkern gebaut 
war, doch zeugen die Phobien und die Zwangsneurose selbst 
<Z wangsbefürchtung!) für das Dasein der psychogenen Angst. Wir 
glauben, diese ist die Angst schlechthin,- die rationale Angst <die 
im übrigen nach Freud in letzter Linie auch irrational ist) ist 
Weniger charakteristisch und ähnelt mehr der Furcht und Verdrieß* 
lichkeit. Denn die Theorie besagt ohnedies, daß die Urangst die 
Scheidung von der Mutter, die Geburt, die »angustiae« zum Grund 
hat, und auch die weitere im Großen normale Angst des Kindes 
sich an die Abwesenheit de» Mutter anreiht. Die Angst des Er- 
wachsenen, des Neurotikers <und des Mystikumgenießers) geht auch 
nach infantilen, unbewußten Beweggründen. Der zur scheinbar realen 
Angst veranlassende Umstand ist der formelle Verursacher, be- 
ziehungsweise der Formgeber eines freiflottierenden irrealen Angst* 
quantums. Die Rolle des FormelUMystischen ist darin bereits ein* 
begriffen. 

Nun müssen wir uns jene Übereinstimmung, aber auch jenen 
Widerspruch zurechtlegen, der zwischen den Angsthypothesen der 
Geburt*Angustiae und der unverarbeiteten Libido <neuerdings: Libido* 
Stauung,- auch beim Komischen sprach Freud von Stauung!) 
besteht. Man mag sagen, in der Angst der Geburt und der Mutter* 
abwesenheit äußere sich der Verlust des Libidoobjekts und die 
hiedurch entstandene Libidostauung, was dasselbe Phänomen ist 
wie wenn später die auslösende Ursache nicht der unfreundliche 
Eingriff" der Realität, sondern der Vorstoß der Libido bildet. Aber 
eben diese Abweichung ist ziemlich bedeutsam. Die Einstellung der 
Angustiae ist eine solche, als ob die Angst nicht aus der Mutter* 
fixierung, sondern aus der unbekannten, fremden und drohenden 
Außenwelt stammte,- in der neurotischen Angst aber ist das bewußte 
Ich auf dem Standpunkt der Realität und die verdrängte Libido 
wird für eine von außen her drückende Macht erachtet, für das 
Unbestimmte, wogegen es sich zu wehren gilt. Ist also die Geburts* 
angst keine irrationale, sondern eine typisch*rationale? Dieser Ansicht 
stünde die Freudsche Bemerkung nahe, daß für uns unheimlich 
ist, was ehedem heimlich war 1 . Dennoch wird diese Auffassung 
dadurch widerlegt, daß die kindliche Angst bereits klarerweise irreal 
ist, wie die wahrhaftige Angst überhaupt. 

Wir sehen den Springpunkt der Sache darin, daß das Ich 
nach der Geburt nicht seine Lage wechselt, sondern eigentlich zu* 
stände kommt. Die erste Angst <angustiae> begleitet das logische 
Zustandekommen des Ichs, die Aktuellwerdung des Gegensatzes 



1 Dieses »Heimliche« ist natürlich niefit mystisch, nur das dem Unheimlichen 
folgende. 



48 



Aurel Kolnai 



Uterus — Realität, als eine Erschütterung des physischen Daseins. Die 
Angst der Mutterabwesenheit ist die Wiederholung der frühern, 
bloß mit einem sich bereits immer mehr ausbildenden libidofeind- 
lichen Bewußtsein und mit der Spaltung der Mutter^Imago. 
Nämlich, wenn die Furcht im Dunkeln in Anwesenheit der Mutter 
verschwindet <diese kann bald von anderen Personen ersetzt werden), 
so ist diese Furcht dennoch auch eine vor dem Uterus, vor der 
Mutterrückkehr 1 . Eine Fixierung dieser Art mag die von Silberer 
<Probleme der Mystik usw.) mehrfach erwähnte »furchtbare Mutter«- 
Imago <Jung) zustande bringen. Andernteils birgt das Dunkel auch 
vieles in sich von den unbekannten Gefahren der Außenwelt, wo» 
gegen die Mutter eine Zuflucht bietet <»Lebensbasis«, Mutter Erde, 
Antaios!),- diese aktuelle Mutter bedeutet aber nicht mehr den 
Uterus, sondern einen das Ich stützenden Teil der Realität, eine 
Ausgleicherin, eine Verbürgerin des physischen Daseins <»nährende 
Erde«). Späterhin verringert sidS diese Rolle der aktuellen Mutter, 
aber auch die angstertötende Wirkung ihrer Anwesenheit. Die 
Spaltung überträgt sich auf die Sexualität und die Angst nimmt 
mannigfachere Formen an, auf deren Grund jedoch die unver* 
arbeitete Libido der Uterusregression verbleibt. Die An» 
gustiae=Lage in ihrer ursprünglichen Form wird durch die Befürchtung 
aufgefrischt, daß die verbotenen Wünsche und Handlungen entdeckt 
werden könnten. Die eigentliche Angst aber hat ein sidi bereits 
tatsächlich herausbildendes soziales Ich zur Voraussetzung und ist 
beispielsweise während des Geburtsaktes noch gegenstandslos; dieser 
Akt wird dann als Engramm regressiv, angstbildend und eventuell 
auch progressiv verwendet. 

Diese Einstellung behält das inhaltliche Vorbild der Angst bei, 
trägt aber dem formellen Element der Angst voll Rechnung und 
besitzt Elastizität für die Erkenntnis derjenigen Umstände, die Angst, 
beziehungsweise deren Vorspiegelung herbeiführen können. Die 
formelle Erscheinung der Angst hat deshalb solch eine ständige 
inhaltliche Wurzel, weil eben auch die formelle Erscheinung des Ichs 
solch eine ständige inhaltliche Wurzel hat/ dies ist der Grundstein 
der psychoanalytischen Wissenschaft. Das Idi ist auf die Verneinung 
der regressiven Inzestlibido gebaut,- diese ist ihm notgedrungen, aus 
seinem Wesen folgend fremd,- von jeglicher Lage hervorgerufene 
Angst nährt sich aus dieser Quelle. Jene Lagen aber können sehr 
verschieden geartet sein: mit der Uterusregression vielfach verwandt, 
aber auch nur sehr lose damit zusammenhängend, durch ihre 
formelle Beschaffenheit Angst herantreten lassen. 

Diese Einsicht ist notwendig dazu, die anagogische Angst 
würdigen zu können. So nennen wir jene Angst, die weder un» 
heimlich, noch eine passiv^reale ist, sondern vor der Erfüllung einer 



1 Über die Mutler und die erste große Enttäuschung siehe Freud: Eine 
Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 



Über das Mystische 49 



Aufgabe, der Vollführung einer wichtigen Handlung erscheint. Sie 
ist einigermaßen irreal, eine äußere und zumeist progressive Wieder- 
holung der Geburts-angustiae, wo es sich gleichfalls um den Auftritt 
der Außenwelt, um das Tun eines anagogischen Schrittes und um 
die Erschütterung des physischen Lebens handelte. Was aber die 
anagogische Angst von der nackten Erregung scheidet, ist das 
Mystische/ diese Angstformel leitet ein Angstquantum in die 
Anagogie. Das Heimlich-Mystische fällt dem nahe. Die anscheinende 
Rückkehr in die Lage des ichlosen Säuglings ist hiebei natürlich 
eine — spirale — Entwicklung. 

Der Angst vor einer schweren Obliegenheit, einer Prüfung, 
wurde oftmals ein sexualsymbolischer Sinn zugeschrieben 1 . Aber 
auch in dieser sogenannten normalen Sexualität ist ein gegen die 
Infantilregression gewendetes Element enthalten. Die Spaltung in 
der Geschlechtlichkeit, worauf wir soeben anspielten, geht weiter, da 
auch diese »männliche« Sexualität beziehungsweise Erotik in zwei 
Richtungen verzweigt,- der eine Weg ist physiologisch lokalisiert, 
bedürfnis- oder genußartig und völlig unmystisch, eine Seitenableitung 
der Libido, die weitab nicht jederzeit genügt,- der andere Weg, für 
viele eine »ernste«, »inhaltsvolle«, »heilige« Erotik, die gewisser 
Liebesverhältnisse und Ehen, fst eine direkte, aber stark sublima- 
torische Fortsetzung der Muttererotik und untersteht nicht selten 
einer ausgesprochen mystischen Färbung. Auch dieses Mystische ist 
heimlich, doch nicht sowohl anagogisch, als vielmehr »wohlwollend 
neutral« gegenüber der Anagogie. 

In diesem Zusammenhange ist auf das Fieber hinzuweisen, 
mit seinem eigenartigen Angstgefühl und Mystischen, das natürlich 
dem wachsenden oder beginnenden, das Gruseln <Schüttelfrost> 
zum Symptom habenden Fieber anhaftet. Das Frieren bei dem an- 
hebenden rieber, die Häufigkeit des Schüttelfrostes insbesondere bei 
schwereren akuten Infektionskrankheiten, das Motiv des Crescendo 
bei vielen Hemmungsaufhebungen <der Fall im physischen und mora- 
lisch en Sinne), der Schauer beim Eintauchen in das Wasser scheinen 
viel Gemeinsames an sich zu haben. Das Mystische des steigenden 
Fiebers ist in der Tatsache vorbildlich: kaum fügt es sich zu be- 
stimmten Gefahren, eher deutet es bloß, natürlich immer unverkenn- 
barer, auf die Gefahr hin und bewegt nebendem auch regressive 
Libido. Das Mystische des Wassers, namentlich großer Wasser- 
massen ist bekannt. Das Abgießen mit kaltem Wasser wirkt er- 
nüchternd, aber wahrscheinlich mittels der raschen Libidoableitung, 
ähnlich wie der Sport,- das Bad, und bei weitem nicht allein das warme, 
ist bereits offener libidinösen Charakters. Der kalte Guß verwandelt 



1 Neuerdings <Int. Zschr. f. Psa. 1920) behauptet Sa dg er die diesbezügliche 
Rolle des Kastrationskomplexes/ das würde das Mystische in diesen Fällen ver= 
ständlicher machen/ und wohl auch jenes, welches etlichemal die an sich un- 
mystische zweite Form der Erotik, wie einigen Schilderungen zufolge anzunehmen 
ist, begleitet. 

Imagn W/1 4 



50 Aurel Kolnai 



1 K»ug und Begießen sind vielleicht auch symbolisch determiniert/ vgl. Be- 
gießen mit Vitriol. 




durch Plötzlichkeit und mechanische Aggression das irreale Gruseln 
in ein reales,- interessant ist von diesem Gesichtspunkt ein Grimm» 
sches Märchen <Von einem, der ausging, das Fürchten zu lernen). 
Den Helden hat noch niemals gegruselt und er versucht alles, um 
diese Empfindung kennen zu lernen. Auf Befehl des Fürsten ver- 
bringt er drei aufeinander folgende Nächte in einer von Gespenstern 
bevölkerten Räumlichkeit ohne den geringsten Gruselerfolg, worauf 
er die Tochter des Fürsten zur Frau erhält. Am Morgen gießt ihn 
diese tückischerweise mit kaltem Wasser ab,- nun schreit er zappelnd 
und beglückt: »Ich habe das Gruseln erlernt!« So scheint der pro« 
grediertere Teil der Libido in der vorteilhaften Heirat, der ver- 
bliebene regressivere Teil aber in dem Kaltwasserkrug 1 der wackeren 
Dame seinen Platz gefunden zu haben/ das Mystische schneidet 
dabei allerdings schlecht ab, doch ist dies die Tendenz des Märchens, 
die Richtung ist dem Unheimlichen diametral entgegengesetzt. 

Auf Grund des Bisherigen müssen wir noch die Beziehung 
des Mystischen zur Angst auf der einen und zum Komischen auf 
der anderen Seite streifen. Das Mystische ist ein weniger physio- 
logischer, mehr formeller, objektiver, intellektueller Niederschlag 
der Angst: wie anläßlich des Komischen, so könnte man audi hier 
von Besetzungsaufwand sprechen. Intellektualität bedeutet Ab» 
sehen vom Aktuellen, Kommensurabilität,- hierin wird das Mystische 
als keine Gefühls«, sondern Gegenstandseigenschaft deutbar. Eben- 
falls folgt hieraus, daß das Mystische eine größere Beweglidikeit als 
die Angst zum Anhauchen anagogischer Gegenstände besitzt. So- 
nach veranlaßt das Mystische eine Überwindung und Sublimierung 
der Angst, selbst ein ganz grobes Unheimlichgefühl, soweit es sich 
noch nicht in »Ich habe Angst«, sondern »Hier könnte man so große 
Angst haben« ausdrückt, dämpft die Angst und unterstützt die 
Anagogie. Hingegen weist das anagogische Heimlich «Mystische, 
worin die vorgespiegelte Angst selbst innerlich sublimiert ist, noch 
immer einen feinen Zug der »großen« Regression auf, weldier titani« 
scher ist als manche positive Einzelregressionen. Überhaupt gibt der 
unmittelbare Verkehr zwischen Re- und Progression, die einheit- 
liche Linie der titanischen und anagogischen Richtung, die 
Angustiae als reine Form, die Geburtslage dem Mystischen Raum. 
Den Kanalisierungswert des Mystischen werden wir noch am Ende 
hervorheben müssen. 

Diese erheblichere Formalität und Ubiquität des Mystischen 
wird auch insofern ersichtlich, als seine Gegenstände nicht nur z. B. 
anagogisch, sondern auch überdies vielmehr mannigfalrig sein können. 
Die Unsicherheit in einer ziemlich gleichgültigen Angelegenheit, augen- 
fällige UnVerhältnismäßigkeit zwischen den Bestandteilen eines be- 
liebigen Systems, was also komisch wäre, aber infolge der Disposition 



^ 



Über das Mystische 51 



oder weil man nicht klar zu sehen vermag, sich anders wendet, 
ebenso ein eigenartiger Lichtschein: sind mystisch, ohne daß sie in 
irgend jemand Angst erwecken könnten. Wir nehmen folglich im 
Vordergrund des Mystischen, neben einem Charakter des Gegen- 
standes, der geeignet ist, im Wege näher oder ferner gelegener Asso- 
ziationen Furcht — Angst — anklingen zu lassen, die Unbestimmte 
heit, die Diffusion des Gegenstandes wahr,- das Mystische ver- 
liert sich mehr minder kontinuierlich immer in unsicheren großen 
Perspektiven. Jegliche Ahnung, sobald sie etwas Interessantes an- 
langt und keiner festen, wenig Möglichkeiten erlaubenden und die 
Sache abschließenden Antwort erheischt, ist mystisch. Es muß sich 
dabei keineswegs um die regressive Ahnung des Unbewußten 
handeln. 

Hiemit haben wir den morphologischen Gegensatz des 
Komischen und des Mystischen erreicht: wird das Komische 
durch geschwindes Abgleiten auf ein unteres Niveau (»Potential- 
gefälle«), Kurzschluß- und explosionsartige Entladungen (»Funken«, 
auch gewisse Crescendos: Bergson), plötzliche Übersicht gestaltet, 
so strahlt das Mystische vom langsamen Anfühlen, Halbdunkel, 
vibrierender Entfaltung ferner Umrisse aus (»konvektive Entladung 
der Elektrizität«, anhaltende, schimmernde, blasende oder saugende 
elektrische Lichterscheinungen, St. Elmi-Feuer). Es gibt dem schein- 
bar widersprechende Fälle, wie beispielsweise der vertiefte, witzlose, 
trockene Humor, oder demgegenüber scharfe Linien, blitzende Be- 
wegungen in einem mystischen Komplexe. Wir finden aber hiebei 
immer entweder bloß in eine fremde Masse eingebettete, kontrast- 
mäßig wirkende Elemente, oder eine Abschweifung des Komischen 
beziehungsweise Mystischen in der Richtung voneinander oder irgend 
eines anderen Gefühlstons. So schmilzt das gedehnte Komische ins 
Mystische, dieses kann hinwieder ins Komische zusammenschrumpfen. 
Es steht fest, daß das Komische eckig, das Mystische diffus 
ist/ isolierte Abgewetztheit und Automatenart wäre komisch, in eine 
ernste Regression eingefügt oder als durch ein mächtiges fremdes 
System verursachte Lähmung aber eher mystisch. 

Dieser Gegensatz ist verständlicherweise verwachsen mit dem 
andern: dem Richtungsgegensatze des Komischen und 
Mystischen. Das Komische und Mystische, die selbständigen Ton 
besitzenden Empfindungen der Energie-Inadäquation und deren Ab- 
leitung in Lachen beziehungsweise Gruseln, erheischten der Theorie 
nach zwei ergänzende Figuren. Die eine wäre, hinter dem Manifesten 
unbestimmt und diffus etwas Kleineres zu ahnen. Ist diese Lage 
nicht rein, so können wässerige Komisch- oder Mystischwirkungen 
entstehen, und sogar sehr gute, nämlich dann, wenn am Ende doch 
ein plötzliches Abgleiten folgt, beziehungsweise wenn das Kleine 
sich schließlich als Vorgänger von etwas Großem entlarvt. Ist aber 
die Lage rein, so steht noch Zeit zur Verfügung, die Energie all- 
mählich zurückzuziehen oder zu zerstreuen. Bei dem Abgleiten ist 

4* 



52 



Aurel Kolnai 



das unmöglich, da muß das angesammelte Plus hinausgeschleudert 
werden. Der vierte Fall der Inadäquation besagte, daß sich ein ver- 
borgenes Großes plötzlich einstellt. Auch hier kann sich kein selb- 
ständiger Gefühlston ergeben. Schreck, Jauchzen und Erregung haben 
wohl ihre somatischen Äquivalente, doch halten sie an einem be- 
stimmten Gegenstande fest, worauf sich alles zentral richtet, auch 
wenn augenbliddidh nichts zu handeln ist,- in dem Mystischen aber 
enträt die Orientierung nicht nur des endgültigen Schlages, sondern 
auch der Konzentrierung, wobei sie doch unausgesetzt hervorgelockt 
wird, so daß sie die Angst mit ihrer regressiven Libido abbilden 
muß, sei es vor großen Progressionen oder in deren Dienst. 

Alles in allem: wo das Komische mit kindlichem Automatismus, 
dort arbeitet das Mystische mit infantiler Libido, dem hartnäckigen 
Konservativismus des Komischen entsprechen im Mystisdien Reaktion 
und Chaos,- seiner Natur gemäß ist das Mystische um eine Stufe 
tiefer, greifend, den Triebkräften der Seele näher kommend, und der 
Aufmerksamkeit der Psychoanalyse angelegener 1 . 

4. 

Die beschreibende Bearbeitung, Phänomenologie, Typisierung 
des Mystischen wäre für die Psychoanalyse gleichfalls anregend, da 
sie die Probleme von Angst, Sublimierung, Anagogie in ihren 
Einzelheiten, möglicherweise in Verbindung mit der Neurosenlehre 
erhellen würde. Wir können hier jedoch bloß grobe Ansätze zu 
diesem umfangreichen Studium versuchen. Diejenige Frage, wer zur 
Empfindung irgendwelcher Art Mystischen geeignet ist, und wann, 
überlassen wir völlig der analytischen Beantwortung bis auf zwei 
Bemerkungen: Zuerst setzt die Empfindung des engeren Mystischen 
eine gewisse Stufe der seelischen Entwickeltheit, ja Gesundheit 
voraus: Psychotischen geht sie vermutlich ab. Vorteilhaft aus dem 
Gesichtspunkt des Mystischen sind einige Konfliktreste und die 
masochistische Grundneigung, diese offenbar mehr als die sadistische 

• Das feine Komische entledigt sich jeglicher Tendenz/ nie kann z. B. die 
Sexualität darin Platz finden. Der obszöne Witz ist unseres Erachtens auch nicht 
regressiv, vielmehr formelHiederlich/ immerhin ist der Witz mit der Kunst in 
manchem verwandt. Angesichts der durdi weg igen Inhaltlichkeit der Kunst ist es 
eine riesenhafte Oberflächlidikeit seitens der Schulästhetik, das Komische mit dem 
Tragischen, mit einem Motiv ganz anderer Ordnung und sozialen Inhalts, wovon 
das Komische bloß eine Umhülle besitzt (vgl. Bergson), in Parallele zu ziehen. 
Kaplan zufolge <Imago 1912) sei die Tragödie »ein sozialer Traum«. Wahrhaftig 
ist sie von vielen titano=anagogisdien mystischen Gefiihlselementen durchwopen, 
doch allzu scharf bestimmt und umrissen. Das Tragische ist nur in der Tragödie, 
•durch die Handlung möglich/ das Komische hingegen bedarf keiner Komödie noch 
das Mystische eines Mysteriums. Im übrigen ist dem Mystischen eine erheblich 
weitere Ausdehnungsfähigkeit eigen als dem begrenzteren Komischen/ es gibt kein 
komisches Licht, keine komische Farbe. In dieser Hinsicht, den Gegenstand an« 
langend, ist das Mystische das formellere. Es ist nach innen und nach außen um» 
fassender, gewichtiger als das Komische. 



Über das Mystische 53 



in bezug auf das Komische. Zweitens wird der Genuß des Mysti- 
schen - wir sagen Genuß, da die sublimierte Angst hiebei wieder 
in Lust umschlägt - durch einen Zustand begünstigt, wo auch das 
Leben des Subjektes mystisch ist: wo er am Beginne einer Handlung, 
eines Vorgangs, gleichsam eines Feldzuges steht: wo gar bloß ein 
ihn interessierender Vorgang in Entfaltung begriffen ist. 

Etwas mehr können wir uns bei den mystischen Gegenständen, 
den Arten des Mystischen aufhalten. Am zweckmäßigsten unter- 
scheidet man in erster Linie das Mystische der Dinge, der Personen 
und der Lagen sowie Vorgänge. 

Das Mystische der Dinge. Mehrfach wurde das Licht- und 
Farbenmystische in Erwähnung gebracht. Mystisch wirkt das Licht, 
sobald es diffus, nebelhaft ist, vieles ahnen läßt und sich in tiefem 
Dunkel verliert/ überhaupt das Halbdunkel mit unsicheren Linien,- 
die nächtliche Stadt. Auch die Farbe des Lichtes und der Ober* 
flächen ist bestimmend,- mystische Farben sind die nicht typischen, 
nicht häufigen, nicht scharfen: selbst manches schmutzige Grau, so- 
dann blasses Orange, Lila, Bläulichgrün, Mondlicht. Das Mystische 
des Mondes: er ist der nächtliche Ersetzer der Sonne, mit einer 
die der Sonne weit übertreffenden, an lebendige Organismen ge- 
mahnenden Periodizität und engen Beziehungen zu der Periodizität 
der See und des menschlichen Leibes. Er ist oftmals unheimlich, doch 
auch ohnedies mystisch. Fahler ist das Mystische anderer Himmels- 
körper, der Astrologie und wohl auch der Astronomie. Neben der 
Eigenartigkeit der Beleuchtung und Färbung ist auch die der Ver- 
hältnisse innerhalb des Systems, ja auch im Vergleiche zu außen- 
stehenden ausschlaggebend, insbesondere wo Wichtigkeit und Natur 
des Gegenstandes dem Komischen den Weg versperren: großes Rad, 
Schornstein <wohl mit einem sexualsymbolischen Plus), anatomische 
Veränderungen an organischen Wesen. Das Mystische der Häuser 
<und Gemächer) kann mit ihrer Symbolik nicht erschöpft werden/ 
überdies sind die Häuser neben ihrer baulichen Herkunft Individuali- 
täten, Stileinheiten, mit Gliederungen, augenähnlichen Fenstern und 
Nischen, sowohl als mit sehr beträchtlichen Unterschieden zwischen 
einander,- ferner stehen sie mit verblichenen Generationen in tief 
eingewurzelter Verknüpfung (alte Häuser). Ihr Mystisches und das 
der Maschinen wird in der Fabrik gepaart/ die Maschine ist bei- 
nahe stets mystisch, da sie neue Lebensformen zu bieten scheint*. 
Das Mystische von Häusern, Gebäudeblocks, Straßen, mannigfaltigen 
Verbindungen, auch Einwohnern gestaltet nun das der Städte und 
Stadtviertel. Stadtgrenzen, Bezirksgrenzen sind mystisch, da sie un- 



1 Die Illustrationen eines 1916 erschienenen Werkes von" H. Wettich: »Die 
Maschine in der Karikatur« sind mehr als einmal eher mystisch denn komisch. 
Die Aura, die Atmosphäre ist natürlich schwerwiegend. Allerdings kann die 
komische beziehungsweise mystische Absicht infolge einer starken Gegenwirkung 
der Realität mit. umgekehrtem Vorzeichen zur Geltung kommen, wie beispiels* 
weise bei dem Zauberlehrling. • - • ••"-"• 



54 



Aurel Kofnai 



sehbare Bestimmerinnen von mäditigen gesonderten Einheiten sind. 
In Budapest gibt es außer 10 Bezirken ungefähr 100 administrativ 
oder sonstwie belanglose Grundstüdtgruppen <Rieden), die kapriziöse, 
aber exakt festgestellte Grenzen haben und deren häufig romantische 
Namen an den Straßentafeln ersichtlich sind/ überdies werden inneres 
und äußeres Gebiet voneinander exakt abgegrenzt,- all dies ergibt 
einen mystischen Reiz. Im Mystischen der Vorstadt haben die gro- 
teske Vermischung von Altem und Neuem (vgl. »Synagoge Alt- 
Neu« in Prag), das Schwanken zwischen Stadt und Wiese, das 
Zusammentreffen von Fabrik und Feld eine Rolle. Unter den 
Maschinen ragt hauptsädilich die Mühle hervor, ein wirklich 
schöpferisches, Neues hervorbringendes, auch in der Mystik 
wohl ausgebeutetes Sexualsymbol. Fernerhin sind die Fahrzeuge 
zu bezeichnen: namentlich die Galeere, die Lokomotive und die 
Eisenbahn überhaupt, die eben wegen ihrer Gebundenheit, aber auch 
großzügigsten Organisation mystischer ist als Automobil und Flug« 
Maschine, welche vielmehr nur romantisch sind. Der Baulichkeiten 
mystischste sind vielleicht die Brücken, zwischen fernen Ufern, oder 
gar als Flure von sonderbar gefügten Häusern, und die Türme, 
vermöge ihrer bekannten Symbolik, scheinbaren Labilität und Über- 
windung der Gravitation. Es sind nicht völlig in das Maschinen- 
mystische einzureihen das Mystische der Uhr (Zeit, ihre eherne 
Bestimmtheit neben der diffuseren Empfindung der Dauer/ weib- 
licher Organismus) und das der elektrotechnischen Einrichtungen, 
worin die Steigerung der Fern Wirkung und der Energiekonzentrierung 
so magisch erscheinen. Der Stromkreis und seine Arbeit sind mysti- 
scher als die statische Elektrizität, wofern diese den ersteren vermöge 
ihrer häufig höheren Spannung nicht aufwiegt. Dem Mystischen der 
Maschine kommt das etlicher Tiere gleich: der Elefantenrüssel, 
Hörner und Schneckenhäuschen, unheimliche Insekten. Im Mystischen 
des Wassers werden formelle, phylogenetische und urethrale Ge- 
fühlskörner vermengt,- das nach oben schießende Wasser, Wasser- 
strahlen von sonderbarer Form und ihre Kombinationen sind 
realitätsverneinend, traumhaft und nicht selten unheimlich. Besonders 
mystisch fanden wir das Aufziehen eines großen Springbrunnens. 
Unter den Tönen sind die dumpf und hohl klingenden mystisch, 
unheimlich, die auf Tiefen, hinter der Mauer verborgene Kavernen 
anspielen. Die Wörter und Zahlen 1 sind als konkret seiende, 
magische Mächte mystisch. Das »Fremdfinden eines bekannten 
Wortes« mag komisch oder mystisch sein/ der Name gehört jedoch 
bereits mehr zum 

Mystischen der Personen, das nebenbei mit vielem Sachen- 
mystischen analog ist. Hier kommen vorwiegend das Unheimliche, 
aber auch das Heimliche in Betracht, als Ausstrahlungen der Spal- 



1 Vgl. Hug-Hellmuth: Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathe« 
matik. Imago 1915. 






Ober das Mystische 55 



tung und Desorganisation, beziehungsweise der Einheit und Ent-= 
wicklung der Persönlichkeit. <In der Regel sind nur Männer mystisch.) 
Der Grenzpunkt zwischen beiden Richtungen ist sehr schwankend. 
Unheimlich ist jedes Vorkommnis, das auf die Auflösbarkeit, eine 
Art »Kastrierbarkeit« der Person hinweist. Denn all das hat affek- 
tive, regressive Bedeutung. Der Schatten ist gleichsam Sine Ver* 
zerrung der Person, eine Vorspiegelung des andern Charakters, den" 
dieser Mensch in sich trägt/ überdies ist er beweglich, empfindlicher 
als der Körper selbst, als ob er mehr verriete. »Vor dem eigenen 
Schatten erschredcen«: die Projektion der Irrealangst, vermutlich auf 
narzissistischer Grundlage. Auch das Spiegelbild hat eine 
mystische Tendenz, insbesondere wenn man sich seine Unabhängig- 
keit von dem Körper vorstellt und hiedurch jenes dem Doppel» 
ganger (siehe Ranks gleichnamige Arbeit, Imago 1914) annähert. 
In Stevensons Roman: »Der sonderbare Fall Dr. Jekylls und 
Mr. Hydes« ist der Doppelgänger auch nichts anderes als die Be= 
lebung des von antimoralischen Tendenzen wimmelnden Unbewußten 
des ursprünglichen Ichs. Dem Doppelgängermotiv begegnen wir noch 
bei der blockmäßigen Dissoziation der Hysterie, während die mol^ku» 
lare Dissoziation in der Zwangsneurose ein weniger scharfes, aber 
feineres Mystisches bietet — möglicherweise auch dem Kranken 
selbst. Mystischer ist nun, doch diesmal schon mehr bloß für den 
Außenstehenden, die Paranoia,- die den winzigen Vorfällen ge- 
widmete systembildende Aufmerksamkeit zaubert dem an das feste 
System nicht glaubenden Betrachter ein morphologisch reines MystU 
sches vor, das im Detektivroman 1 zurückkehrt und gewissermaßen 
an den Nebel erinnert (siehe später). Dieses regressive Mystische 
der Person haftet auch an solchen Erscheinungen, daß jemand ge- 
wissen äußeren, mechanischen Einwirkungen auffälligerweise unter- 
worfen ist: dem Monde, anderen Perioden, einem hinterlassenen 
Zug der Ahnen und nicht zuletzt dem Geschlecht (Keimplasma) 
und der Religion (primitive, zwangsmäßighomogene soziale Ge» 
memschaft). Die Unheimlichkeit der Toten, eine den Lebendigen 
endopsychische Reaktion der eigenen feindseligen Regungen, ist eigent* 
lieh ein Abglanz der Macht von Keimplasma und Gemeinschaft, worin 
der Tote weiter lebt. In der Magie aber wird diesem Mystischen 
noch das der fiktiven UnVerhältnismäßigkeit von Anfang und Fort* 
setzung, Handlung und Ergebnis zugefügt. Im übrigen ist nicht bloß der 
Tod mystisch, sondern auch jegliches notgedrungene, vom Einzelnen 
unabhängige Moment des Lebens. Rückfall und Erneuerung fließen 
hierin ununterbrochen zusammen/ das Richtungsvorzeichen bedingt 
das Mystische nicht. Im Mystischen der Tatsache des Lebens selbst 
ist ein re= und ein progressiver Bestandteil : die Unverständlichkeit, das 
Keimplasma, beziehungsweise die das Leblose überbietende Organa 
sation. Ein feineres und schon heimliches Mystische der Persönlich-» 



1 Siehe Sachs: Schülers Geisterseher. Imago 1914. 



56 Aurel Kolnai 



keit ist jenes, das gerade deren sui generis Einheit zum Substrat 
hat. Im Alltagsleben hat dies viel Gelegenheit hervorzutreten. Wir 
fühlen es in den Reminiszenzen, wofern diese nicht pathologisch 
sind <das dejä vu ist unheimlich) und von ihrem Inhalte abgesehen 
wird/ wir fühlen es, wenn wir nacheinander an verschiedenen 
Orten einer Stadt oder einer anderen beliebigen, gefühlsmäßig zu- 
sammenfaßbaren Gebietseinheit anwesend sind, wenn wir ohne jeden 
Zwang irgendwohin zurückkehren, wenn wir verschiedene Bekannte 
sprechen: auch solche, die einander nicht bekannt sind. Dies fühlen 
wir ferner, wenn wir mit anderen Individuen zusammenarbeiten, 
einheitlich auftreten, aber keinen Augenblick lang daran vergessen, 
daß wir mit dieser ganzen Aktion nicht erschöpft sind. In allen 
diesen Fällen verbirgt sich die selbstverwaltende, zusammengesetzte 
Persönlichkeit hinter scheinbarem Chaos, Automatismus, Rückfall, 
scheinbarer Impulsivität und Auflösung. Selbstverständlich ist hiezu 
<lie in eine regressive Einheit ziehende, aber gedämpfte Libido als 
Mystikumquelle wiederum unentbehrlidi. Auch Rassen und Nationen 
haben ihr Mystisches. Das der russischen ist regressiver (Mittelasien 
als * Uterus?), das der englischen progressiver (Verschlossenheit, 
scheinbarer Mechanismus, kleines Mutterland und große Macht, 
Kolonisation). Hinsichtlich des eigene Behandlung erheischenden 
Mystischen des Judentums erwähnen wir Ahasverus, den ewigen 
Juden und die Kabbala. Mystische Kulturen wären (Spenglers 
System gemäß) die arabische (»Magie«) und die indische (»Tran- 
szendenz«), eine ganz und gar unmystische die Antike (»euklidisches, 
standbildhaftes Dasein«). 

Das Mystische der Lagen. Steht das Mystisdie der Dinge 
dem Bizarren, das der Personen dem Heimlichen und Unheimlichen 
nahe, so enthalten die mystischen Lagen stets Interessantes und 
Erregendes. Wir denken insbesondere an Lagen, die aus scheinbar 
unbedeutenden Anfängen nebst Aufrechterhaltung gewisser Immanenz 
und Notwendigkeit (der seitwärtigen Grenzen des Mystischen!) 
zu großen, noch verschwommenen Perspektiven führen. Viele Aktionen, 
Kämpfe, eine sich auch geringem Unwohlsein langsam, doch mit 
etwas wachsender Geschwindigkeit entfaltende schwerere (akut- 
infektiöse) Erkrankung gehören hieher. Ein beträchtlicher Raum wird 
dem Mystischen im Roman zuteil, auch wenn dieser kein aus- 
gesprochen mystischer ist. Vorhergehende, abflauende Lokalexplosionen 
steigern das Mystische überaus,- eine solche war der Balkankrieg im 
Jahre 1912/13. Schon die Ausdrüdce: »Am Vorabende großer Ereig- 
nisse«, »Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus« (Schatten!), 
»Präludium«, »Vorboten«, »Prodromus« usw. klingen mystisch. Die 
Wendung von komischen Geringfügigkeiten zum Ernste, der schwierig 
immanent erklärbare Kreislauf der Geschehnisse, die merkwürdigeren 
Serien und die stufenweise vordringende Tiefe des Gedankens: so 
auch das Lesen eines wissenschaftlichen Werkes mag Mystisches 
gewähren, welches Buch im Laufe der Forschung in am Ausgangs- 




Über das Mystische 57 



punkte noch kaum vorausgeahnte Tiefen gerät. Im Mystischen der 
Kämpfe und Aktionen ist zuweilen ein bezeichnendes. Heimliches 
auf der Oberfläche: das Solidaritätsgefühl zwischen den Teilnehmenden 
vertieft sich stets mehr, als ob die Sache sich selbst transzendierte. 
Ein schwerer Fehler wäre es, diese Einstellung ohne weiteres auf 
die der Klanbrüder zurückzuführen, wenn auch beide in irgend 
welchem Maße übereinstimmen: bei solchen Aktionen fühlen wir 
manchmal, als ob sämtliche Gefährten ganz einzeln, aus unend* 
lieber Ferne, auf eigene Faust immer aufs neue in den Kampf 
eingriffen. Ähnliches mag den Festungskommandanten durchzucken, 
wenn er im Rücken des belagernden Heeres Wachtfeuer <nicht 
Feuerzeichen!) erblickt, die das Nahen der Entsetzet- ankündigen 1 . In 
diesem Mystischen genießen wir sonach eben die Autonomie der 
befreundeten Persönlichkeit (freilich: mit der anarcho^kommuni* 
stischen Regression liebäugelnd), wie auch in dem gleichgearteten 
Mystischen der edlen Gemütlichkeit,- herbe Gemütlichkeit und 
breitspuriger Ernst heben das Mystische der Lage, da beide zwischen 
der freien Persönlichkeit und der gebietenden Sache schwingen. 

5. 

Sofern es der Raum gestattet, wollen wir auch der mysti^ 
sehen Literatur gedenken. Hierin tauchen zwei Pole auf: der Roman 
und das lyrische Gedicht — das Drama gehört diesbezüglich zu 
dem Roman, vermag ihn aber keineswegs zu erreichen/ im Roman 
herrscht das Mystische des Gefüges, der Vorkommnisse, im Gedicht 
das der kurzen Bilder, der plastischen Einzelheiten. Der Roman ist 
zum Ansammeln von ungleich mehr Mystischem vermögend. Wir 
werden einige Bemerkungen zu etlichen Gedichtstücken zweier zum 
Teil mystischer Dichter und zu, zwei mystischen Romanen mitteilen. 

Die typisch mystische Anfangsstrophe von »Luzifers Abend^ 
lied« Franz Werfeis: 

»Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre, 
Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt. 
Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre, 
Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.« 

Mystisch ist bereits die Fassung mit »wenn«, da sie das 
mystische Bild des Zuges über der nächtlichen Stadt geheimnisvoll 
belebt. In der zweiten Zeile sind die Konkretheit der Vorstellung, 
die Gewichtslosigkeit des Mantels und seine Verschmelzung mit dem 
Nebel, die Rücksichtnahme auf den Wind mystisch: daß auch der 
Geist von den Fesseln der Materie nicht frei, wohl aber freier als 
der Mensch ist, stärkt enormerweise die Realität des Inhalts und 

1 Eine sehr mystische Kampfesorgie mag es gewesen sein, als im Herbst 1919 
die Streitkräfte Sowjetrußlands, des Generals Denikin und der ukrainischen Volks* 
republik zugleich an drei Fronten gegen je zwei Feinde ankämpften.- 






58 



Aurel Kolnai 



die Möglichkeit des Mystischen K Hier sei eingeschaltet, daß die 
Übertreibung dem Mystischen sehr bald Abbruch tut/ die Raschheit, 
Leichtigkeit und Leere der unbegrenzten Allmacht der Gedanken 
ertöten es sogleich. Das beobachtet man gar zu häufig bei Schrift» 
stellern, die eine außerordentliche »Wirkung« zu erzielen bestrebt 
sind. »Abend der Tage und Jahre« : eine mystische Übereinstimmung, 
namentlich weil der Abend des Jahres weniger natürlich als der des 
Tages <die Mehrzahl bedingt einen Übergang) und jener Abend 
das noch unbestimmte Bild der Menschheitsdämmerung ist (Regression). 
»Stuben« etc.: Dunkel, verinselte Lichtflächen, wieder Schatten: hier 
und dort Menschen, von denen wir nichts anderes wissen/ ein 
Schulbeispiel des Mystischen. Vgl. einen Satz aus »Der Held«: 

»Ewig fährt er ohne Sdiwere 

Hoch durch den dichten Novemberabend.« 

Hier ist die nicht gewaltsame, unbemerkte Ständigkeit des 
Novembers mystisch. Einige Stellen aus »Ballade von zwei Türen«: 

»Ich ruhe in einer Pagode von Traum, 
Meine Feinde schleichen am Waldsaum. 
Sie sind wie von Nebel, gespitzt und schief, 
Ich schlief mich im Weihrauch tief.« 



»Fern stößt in sein Hörn ein reitender Feind. 
Ich hebe mein Bein nicht aus dem Moor.« 

»Den rechten Himmel zerschwärzen Krähn, 
Den linken goldrote Störche verwehn.« 

»Der Tierkreis umfitticht mein Moosgesicht, 
Die Feinde lachen mit WafFengetös.« 



Diese Einstellung ist traumhaft-mittelalterlich,- die aus dem 
Nebel scheidenden spitzen, schiefen Gestalten, das konkrete und 
dennoch nervöse Mystische des »stößt in sein Hörn« etc. sind 
charakteristisch. Ähnlich »goldrote Störche«, die Einbeziehung des 
»Tierkreises« ins Individuelle. 

Der Anfang der »Lesbierinnen« : 

»Wenn abends Heimkehr endlos durch die Straßen geht, 
Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät, 
Zwei süße Näherinnen, noch vom Radgesang umspült, 
Jetzt wandelt Ihr, von Wind und Müdigkeit gekühlt.« 



1 Vgl. den von Freud angeführten Witz: »Am besten wäre gewesen, 
niemals geboren zu werden, dies aber passiert kaum Einem unter Tausend«. Hier 
ergeben freilidi die uneingeschränkte Willkür, die schreiende Absurdität, ohne Ein* 
leitung, das reine Komische. 






Über das Mystische 59 



Außergewöhnlich mystisch ist jenes »transzendente Gesicht«, 
wovor die »Heimkehr« sich in einer Richtung vollzieht. In den 
übrigen das Gruseln der abendlichen Entspannung Ovom Wind« etc.). 
Eine analoge, die Entspannung des Frühmorgens heranziehende 
Stelle aus dem Gesänge der Introversion und Wiedergeburt, der 
»Ballade von Wahn und Tod« 1 : 

»Im großen Raum des Tags 

Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum und sah auf meinen Fensterbaum. 

Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, 

Der Himmel glühte noch kaum. 

Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, 

Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß. 

Ich ging wie Tote gehn . . . 

Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. 

Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl.« 

Das konkrete Mystische von »rötliches« etc., der dabei un- 
gesehene Zug, das »schwebt« sind vielleicht hervorzuheben. 

Wir verweisen auch auf »Der Ritt«, dessen mystischer Reichtum 
jedoch den Rahmen dieser Erörterungen sprengen würde. 

Stellen aus der »Verfluchung«, die in Hinblick auf das Mystische 
(überhaupt führt uns bloß dieser und er fällt mit dem Gesichts- 
punkt der Kunst schlechthin keineswegs zusammen!) selbst die übrigen 
Teile des Gedichtes überbieten: 

»Daß sie dich treiben in verdammten Trott, 
Sind meine Rotten, meine Flotten flott.« 

»Vergiß — — — 

Ruhm, Gruß und Budi und meinen großen Besuch, 

Vor dir sei Sumpf und hinter dir Steinbruch!* 

»— — — und wie scharfes Qualmen, 

Rückweht von naßem Holz, ersticken dich die Psalmen, 

Die ich dir eingab — — — « 

»Wie Raum durch Mauern dringt, 

So dring ich ein in dich mit meinen Fürsten.« 

»So bist du denn verheert, 

Solang die bösen Engel sich mir neigen. 

Bis Rot aufspringt, aus Horizonten Reiter steigen.« 

Hier wird dem Mystischen in der Vereinigung der meta* 
physischen Erhabenheit mit schwerer Konkretheit sowohl die Leere 

1 Frühere Zeilen hieraus: 

»Und da es war also, . 

Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem schon, 
: Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.« - 



60 



Aurel Kolnai 



als auch die Trivialität verhütet und infolge einer milden Disharmonie 
bleibt auch die diffuse Grundqualität erhalten. Die Komposition 
der »Verfluchung« ist erzen, aber nicht mystisch, da es darin keine 
Ferne Entfaltung gibt, das Gedicht ist hymnisch. »Der Ritt« hat 
auch eine mystische Komposition. 

Unser zweiter Poet ist im Gegensatze zu Wer fei von einer 
statischen Konkretheit, geringerem Pathos und feisterer Bizarrheit, 
sein Mystisches ist wohl unheimlicher. Die Übersetzung der unten 
wiedergegebenen Zeilen von Milan Füst aus dem Ungarischen 
wurde durch das Fehlen des Reims und die Lockerheit des Rhythmus 
erleichtert. 

»Der betrunkene Krämer.« 

»Im Nebel schalten zwei Vetteln einen Trunkenbold. 
Und über dem Nebel langsam glitt ein schönes Fuhrwerk. 
Es trug zwei alberne Bauern/ einen stämmigen Gesellen, 
Und neben ihm saß der leutselige Mondschein . . . 

Am Anfang haderten damals mit mir 

Dämonen unsichtbar, doch späterhin verdichtet 

Schieden alle aus der Luft und mit unkörperlichen Schlägen 

Hüben sie an zu schlagen und schalten mich auch: 

Der eine schälte Rüben und warf mir die Schalen zu, 
Der andre schielte mich aus einem runden Turm an, 
Und schwatzend viel Furchtbares, das ich lange weiß, 
Zeigte er einen Körperteil, der unaussprechlich schon. 

Weh, der Mund des Toten ist mit Erde voll, 
Und die aßen Leber und Nüsse am Sylvesterabend, 
Und die an schönen Früchten der Butten sich ergötzten: 
Ihre Seele schläft am .Wassergrunde wie der Fisch. 

Ehemals hatt' ich spitze Kappe und war Krämer, 

Doch tauchte ich in Schnee einst meine dicken Füße ein, 

Und erkühlte midi betrunken in Sylvesternacht . . . 

Lang ist der verreckt, der meine Schande sah. 

Wie ich auch lief, verfolgte er mich eine Weile lang, 

Und was er hinflüsterte, entging schon meinem Sinn. 

,Ei, ei, du Schelm, gib mir für diese Kunde etwas Geld, 

Oder rieche zu mir, wenn du gute Nase hast!' 

Dies war sein Abschied. Und die Erde sog ihn ein. 

Und die betrunkenen Nachtwolken tranken ihn.« 

:.'.:.: ■ ■ " '■•*■■. 

Die Besonders bezeichnend=mystischen Stellen sind von uns 
gesperrt,- ansonst genügt es zu bemerken, daß das spezifische,Mittel 
des Mystischen hiebei die Behandlung der Absurdität mit 
gelassener Volkstümlichkeit, Beschreibung und Konsta- 
tierung, sozusagen Zynismus, ist. Alles wird \ in Bleischwere 



Über das Mystische 61 



empfunden, verblüffend ist die materielle Verschmelzung mit der 
Natur. Das »späterhin verdichtet« usw.. ist uns bereits begegnet/ 
schön offenbart sich dieses Motiv in Bram Stokers vampyristischem 
Schreckensroman »Drakula«, worin überaus interessante Regressions= 
formen erdacht sind. Vgl. noch diese Füstsche Zeile <»An eine 
Dame!«): 

_„ ... Nacht ist jetzt und gleichmäßig dampft die Erde 1 . 

Der Mondschein als »Bauer«: siehe dementsprechend aus 
»Armenia!«: 

»Verwandter meiner kranken, trüben Seele, trüber, schlafender Hafen, wo 

bei dämmerndem Lichte 
Bleiche Gespenster stille schreiten: rege Schiffsleute und gelbe Feuer.« 

Wiederholung von Ausdrücken <»trüb«> ist bei Füst sehr 
häufig und eigenartig: weder die scharfe Wiederholung der gut ge- 
gliederten wissenschaftlichen Dialektik, noch die schmächtige, auto* 
matische des lässigen Stils, sondern das Anzeichen einer ringenden 
Erschlaffung, einer völligen Annahme des Gewichts der Dinge,- dies 
Gewicht vibriert darin gleichsam. Hieher gehört die Konzision 
in Füsts Stil, die aber oft von beinahe unverständlich müßigen 
Worten umringt wird, die eben ihretwegen eines mystischen Sinnes 
habhaft werden,- vollkommene Konzision, Plastizität sind nicht mystisch. 

Beispiel eines Gedankenganges von aufloderndem Mystischen 
<»Der Mond«>: 

•; • . 

»Es war große Stille und Dunkelheit nach Regen 
Und plötzlich, wie ein verfluchtes Phänomen, 
So tauchte er hinter den Alpen auf 
Und zerstörte den Frieden sogleich: 

Der riesige Mond, wie ein unruhiges Roß, Dampf hauchend 

Rannte er das Tal hindurch und die Herzen 

Lief erregte Wärme durch und durch sogleich 

Und niemand fand seinen Platz, seinen Gesellen suchend 

Und so schwoll am Ende die Lauferei an und das Gewirre: 



1 Das NebeU und Nebelmenschmotiv scheint die Linie Geburt-B.rüder- 
mannmännliche Erotik zum Rückgrat zu haben. Vgl. die »flüchtig hingemachten 
Männer« des Paranoikers Schreber, sodann Jesuitentum, Freimaurertum. Das 
Mystische 4es Streifzuges erinnert an Ahasverus und analoges Person- und Lagen' 
mystisches. »Fliegende Kavallerie«, »jugoslawische Prügelbanden« <in Kärnten). 
Aus Werfeis Prosa: »mystisches Militär« — obschon der Gebrauch des Wortes 
»mystisch« aus mystischem Gesichtspunkte eine heikle Sache ist. »Der Sandmann.« 
Lateinisch »nebula« = Nebel, »nebulo« -= Spitzbub. Vgl. »Nibelungen«. Ein Vers 
'Horatius': »Ut' iugulent hominem, surgunt de nocte latrones«. 

Audi sind hie und da die Formen der Wolken mystisch. 



62 Aurel Kolnai 



Daß man vier starke Pferde einspannen mußte und auf einem großen Fuhrwerk 
Sitzend fuhren wir hin und her, wie die nächtlichen Narren neun, 
Viele von uns weinten, viele erwähnten ihren Todestag 
Und manche hielten schon ihre Pistole ans Herz: — 

»Aber die anderen« — — — 

»Hetzten und schlugen sie blutig die schaumbedeckten Pferde 

Und lenkten sie auf den wilden Murstrom zu ■ . .« 

»Ich tat, daß wieder Stille herrschte — und die Tollenden 
Stiegen ab beschämt und bleich — und stumm, 
Traurig gingen wir einzeln nach Hause«. 

Die Wirkung des Mondes: »daß man vier« etc. ist die Pointe 
hier. Unergründbar und doch notbedungen ist die Verzweiflung der 
Menschen. Dazu trägt der schon nicht einmal konkrete, sondern 
geradezu nüchterne Ton bei: »Dunkelheit nach Regen« — eine 
unseres Wissens fiktive Beobachtung, »niemand fand seinen Platz« 
— welchen Platz?! — und dennoch muß man es annehmen, >die 
nächtlichen Narren« — wie eine gemeinbekannte Sekte! »einzeln 
nach Hause«, und die Lokalisation: »Alpen«, »Mur«. Alles scheint 
natürlich, an die Erde gebunden und ist trotzdem bizarr, eine fremde 
Realität, fremde Ordnung verheißend. Die Einflechtung regressiver 
Faktoren <Mond, seine Einwirkung) bedarf keiner Erörterung. 

Der eine unserer beiden Romane ist »Der Golem« von 
Meyrink, der sämtliche übrigen Werke des Verfassers und wohl 
alle einschlägigen Produkte weit überragt und der natürlich seitens 
des Psychoanalytikers eine ungleich eingehendere Behandlung als 
die folgende erforderte. Wir aber sind gezwungen, uns auf die 
hervorstechendsten mystischen Züge zu begrenzen. 

Das Golemmotiv selbst ist eine Koppelung des unheimlichen 
Personmystischen und der Zauberlehrling-Idee. Der Golem, eine 
von dem gelahrten Prager Rabbiner verfertigte Tonfigur (Gaulem 
= ungebildeter, roher Mensch) verrichtet allerlei Dienste,- als aber 
eine Nacht der Rabbiner daran vergißt, ihm den zauberkräftigen 
Zettel aus dem Mund zu nehmen, wandelt er zerstörend durch das 
Ghetto. Das sind die Acheronten, die bewegt, aber unbeherrscht 
werden. <Siehe auch Coppelia.) Hierauf zeigt sich der Golem mit 
seinen mongolischen Gesichtszügen und mittelalterlichen Gewändern 
in regelmäßigen Zeiträumen im Ghetto und wird von Plagen be- 
gleitet. Diese mystische Periodizität ist ein bevorzugtes Thema 
Meyrinks <»Die vier Mondbrüder«, »Walpurgisnacht« usw.). Der 
Golem ist nicht der Held des Romans, aber alles geschieht in seinem 
Zeichen, unter dem Luftdruck seines Vorüberziehens, samt der zeit- 
weiligen Offenbarung seiner selbst. Der Held, der Kameegraveur 
Pernath, ist in den Mittelpunkt des Wirkungskreises vom Golem 
gestellt. Einen Abend sitzt er daheim in der Gesellschaft seiner 
Freunde,- der Maler Vrieslander schnitzt einen kleinen Holzkopf 



Ober das Mystische 63 



und siehe da, die Physiognomie des Golem wird darauf ersichtlich: 
wieder ein Schulbeispiel des Mystischen. Ein Fremder bringt ein 
kabbalistisches Buch mit einer auszubessernden Initiale dem betäubt 
daliegenden Pernath: er ist der Golem. In einer nächtlichen Exkursion 
kleidet sich Pernath in mittelalterliche Lappen: dessen uneingedenk 
geht er auf die Straße und wird von dem Volke als der Golem 
erkannt. 

Doch ist der Golem vorwiegend das Symbol des Ghettos, 
das mitten in der umgebenden Welt als Fremdkörper verblieb, mit 
seiner Verschlossenheit, Endogamie, mit seinen Verbrechen und Ver- 
brechertypen, einer Welt, die »sich in dem Hasse des Sohnes gegen 
den Vater kristallisiert«. In dem Ghetto ist nichts klar, die Dinge 
sind ebenso krumm verflochten wie die Häuser und die Seelen. Die 
Ghetto-Gewandtheit und -Schlauheit ist ein siebenter Sinn der Eins 
wohner. Man spricht davon, daß der Golem in einem gespenster- 
haften Hause zu verschwinden pflegt, in einem Zimmer, das keine 
Tür, nur ein vergittertes Fenster besitzt. Einst versuchte jemand, 
in diese Räumlichkeit an ein Seil gebunden einzudringen, doch riß 
das Seil und der Kühne wurde nie mehr aufgefunden. <Symbolik?> 
Pernath, der individuelle Doppelgänger <in weitem Sinne) des Golems, 
birgt einen inneren Ghetto, ein persönliches Sadtzimmer in sich: 
nicht lange ist er von seiner geistigen Umnachtung genesen und als 
er von der Golemkammer vernimmt, fällt ihm die Zeit vor der 
Erkrankung, seine Jugend, ein. Ein Kettenglied eines hartnäckigen 
Feldzugs, den er im Verein mit Freunden gegen den Trödelmann 
Wassertrum führt, bildet der nächtliche Kasemattengang in das alte 
Haus der Altschulgasse,- bei dieser Gelegenheit wird er mit dem 
Golem, dem sein Gewand gehört, verwechselt. Hier taucht ihm die 
Erinnerung an die nahe gelegene, von ihm als Kind besuchte Schule 
auf. Aus einem Tarockspiel nimmt er einen Pagat zu sich und be= 
hält ihn in seiner Tasche. An dem Tag besuchen ihn der Archivar 
der Glaubensgemeinde Hillel und der Puppenspieler Zwakh, die 
anläßlich der Golemgerüchte in einen Wortstreit über die Kabbale 
geraten. Auf die mystischen Auseinandersetzungen Hillels erwidert 
Zwakh in heftiger Art: »Das sind Worte bloß, Rabbi, Worte! 
Pagat ultimo soll ich heißen, wenn ich etwas davon verstehe.« Hillel 
aber hält ihm in Ruhe entgegen: »Vielleicht heißen Sie in Wirklich- 
keit Pagat, Herr Zwakh?!« und beginnt, die Bestürzung Pernaths 
. über seine Worte wohl merkend, den Sinn des Tarodcs auszulegen. 
Diese Konstellation, worin übrigens der Fall enthalten ist, daß die 
auf die bildliche folgende konkrete Bedeutung infolge der Blaßheit 
der ersteren und seiner eigenen Tiefe nicht komisch, sondern mystisch 
wirkt, mag man verzweigendes Mystisches, mystische Gabelung 
nennen. 

Eine interessante Figur ist Innozent Charousek, der un* 
eheliche Sohn und Todfeind Wassertrums, ein phthisischer Medizin- 
hörer, der einmal vor Pernath klarlegt, daß er den Kampf genau 



64 



Aurel Kolnai 



wie eine Schachpartie leitet. Wir wissen nicht, ob Meyrink an 
den vortrefflichen Budapester Schachmeister Rudolf Charousek 
dachte, der Rechtshörer war und gleichfalls jung starb, zwar nicht 
seine Adern eröffnend und seine Arme in den ; Erdboden bohrend, 
wie Innozent, sondern infolge der Lungenschwindsucht selbst. Auch 
solche Winzigkeiten sind sehr mystisch für ihre Kenner, ob sie be- 
absichtigt, unbewußt oder zufällig seien. 

Die drei Frauenfiguren des Romans illustrieren ungefähr die 
von uns aufgestellten drei Typen der Erotik. Die »rote Rosina«, 
eine blutjunge, aber begabte Dirne die »dämonisch««unheimliche, 
Angelina, eine schon außerhalb des Ghettos stehende Dame die 
leichte und amystische und Mirjam, Hillels einigermaßen schwärme- 
rische Tochter, die heimlich^mystische und im Verhältnis entschieden 
anagogische. Eines Lenzsonntags begibt sich Pernath auf eine 
Spazierfahrt mit Angelina — deren Geliebtem er gegen die Ränke 
Wassertrums zur Seite stand — ,• am Abend werden seine über- 
spannten Sinne mit Hilfe der »roten Rosina« hergestellt. Am nächst- 
folgenden Tag fühlt er einen unbezwingbaren Ekel und trifft 
Vorbereitungen zum Selbstmorde/ doch was der außerghettoischen 
Realität als Angelina nicht glückte <ja diese steigerte nur die Re- 
gression), das vollbringt die außerghettoische Realität als bürokratisch 
und miserabel geübte Rechtspflege,. Es gelingt Wassertrum, das 
Odium "eines Raubmordes auf Pernaths Kopf zu wälzen, worauf 
dieser unschuldig eingekerkert wird/ nach langer Zeit entdeckt die 
Untersuchung den wirklichen Täter und Pernath wird freigelassen: 
nun wurde der Ghetto abgebaut, Wassertrum und Charousek sind 
tat. Man erfährt jedoch von dem Erzähler, der Pernaths Geschichte 
im Traum durchlebte, daß dieser natürlich Mirjam geheiratet hat 
und mit ihr auf einem steilen Abhang des Hradschins, »an der 
Mauer zur letzten Laterne« wohnt. Es ist dies das anagogische 
Mystische in seiner schönsten Form: die Regression, der Ghetto, 
die Versenkung, der Golem wurden überwunden, die edle Mirjam 
und die noch edlere Stimmung aber erhalten/ noch immer ist nicht' 
alles klargelegt, das Mystische nicht zerstoben. Die Einschaltung des 
Träumers, der in der Synagoge Ah>Neu seinen Hut mit dem des 
neben ihm gesessenen und ihm doppelgängerisch ähnelnden Pernath 
zufallsweise vertauscht hat, hebt die Realität der vorgezählten Er- 
eignisse, also das Mystische, da sich Pernath und Mirjam auch nach 
dem Erwachen als tatsächlich existierend erweisen. Der Traum 
scheint »an der Mauer zur letzten Laterne« an Realität zu ge- 
winnen. 

Trotzdem »Der Golem« keine bloße Sammlung des Mystischen 
ist, sondern auch ein einheitliches Regressions^ und Anagogie» 
mystisches inne hat, ist seine Komposition keine typisch mystische, 
da in ihm das »Große« des Mystischen allzu früh und lose hervor- 
tritt. Ein typisches Kompositionsmystisches wird in einem Roman 
geboten, der vielleicht organischer auf dem Golemmotiv fußt, zweifei- 



Über das Mystisdie 65 



los geringeren Wertes ist, aber auch ohne Zweifel ungerechterweise 
unterschätzt wurde: im »Schattenmensch« von Paul Feiner <Berl n, 
1917?>. Er spielt in Budapest, in der Nähe von Altofen: im Neu* 
stift und auf dem Wächterberge, also auf einem fürs Mystische vor* 
züglich gewählten Gebiete. Charaktere, Szenen und Stil sind viel- 
fach primitiv, doch steigert ihre Naivität oft unbeabsichtigterweise 
das gediegene Mystische des Buches. Seine Hauptperson ist Heinrich 
Sebök, ein der Mutter in früher Kindheit, des Vaters in seiner 
Jugend verlustig gewordener Träumer, der glänzend begabt ist: 
auch vernehmen wir flüchtig, daß er die Projekte eines unüber* 
windlichen Flammenwerfers und eines nationalen Kommunismus im 
Entwurf fertig hat,- ansonst handhabt er Zeichenstift und Vorzugs* 
weise Violine mit Talent, Er schreckt aber vor jeder Übung und 
Verwirklichung zurück. Er lebt arm, nur ab und zu trifft er sich in 
der Gaststube »Onkel Franzens« mit einigen Freunden, darunter 
mit dem denk* und tatkräftigen Alex Morbert,- eine Zeitlang ist er 
Geliebter eines überaus sympathischen Mädchens, Klems. Die Dinge 
reifen mählich: im Wege der Bücher seines verstorbenen Vaters und 
einer indischen Reise Morberts gewinnt er Einblick in die indische 
Mystik und wird auf ein Werk Namens »Fohät« hingewiesen, worin 
sein Schicksal geschrieben stehen soll. Das Suchen dieses Buches ist an* 
scheinend aussichtslos, doch versichert ihn der ewig tränentriefende Neu* 
pester Antiquarhändler Mordechai Chaim, daß er es zu seinem Ver* 
derben ausfindig machen werde. Plötzlich erwähnt der alte Onkel Thomas 
mitten im Gespräch den Fohät, doch kurz darauf erklärt er, das Wort 
nicht zu kennen. Bald findet Heinrich den Fohät unter seiner Mappe und 
liest darin unter anderen : Wem seine von der Natur geschenkten Fähig* 
keiten unausgenutzt bleiben, den verläßt diese seine Energie, der Fohät, 
samt seinem Schatten,- und nach zwei Tagen Herumirren besetzt er 
irgendwen, der geeignet ist, ihn in Tat zu kehren. Wehe dem Schatten, 
der kein Herz mit sich nehmen kann, denn er wird zum Fluche der 
Menschheit. Heinrich experimentiert fieberhaft mit seinem Schatten: 
bald findet er seine Farbe unnatürlich hell, bald dünkt es ihn, als 
ob sich der Schatten von ihm unabhängig bewegte. Indessen entsteht 
infolge seiner Unbehutsamkeit eine Feuersbrunst und sein kleines 
Haus brennt nieder,- er aber, während man sich um die Rettung 
seiner Mobilien bemüht, beobachtet nur eins: wie sein Schatten 
im Lichte der Flammen erst eine längliche Form annimmt, sodann 
sich mehrfach biegt, ihm mehr und mehr entwächst, sich endlich von 
ihm loslöst und die Straße entlang fortgleitet. Von nun an gibt er 
peinlich acht, so zu stehen, daß seine Schattenlosigkeit niemandem 
auffallen könne. Einmal erklärt Klem, daß »zwischen ihnen beiden 
ein Schatten stünde«. Schatten — denkt er in sich — nicht übel! <Der 
Zynismus als außergewöhnlicher Steigerer der Realität des Mysti* 
sehen.) Einem beschränkten Freunde setzt er auseinander, daß die 
Leute zu wenig an ihren Schatten denken, er z. B. beschäftigt sich mit 
seinem Schatten recht viel — und genießt des Burschen Erstaunen. 

Imago VII'l 5 



66 



Aurel Kolnai 



Wie wäre es — sagt er sich einen Tag nach dem Feuer- 
Unglück -r, wenn der Sdiatten plötzlich jemanden anfiele, einen 
armen Studenten, der verdachtlos auf und ab spaziert in der Nähe 
der Neupester Eisenbahnbrücke ... In der Tat gesdiieht das,- der 
Angegriffene ist Morbert. Er liegt einen Tag lang leblos in einem 
Spital, dann entfernt er sich unbemerkt und niemand weiß, was hier 
eigentlich vorgefallen, selbst Heinrich vermag von Morbert nicht die 
Wahrheit, die Bestätigung seiner inneren Überzeugung zu erfahren. 
Nun sind Heinrich und Morbert durch ein eigenartiges, nicht voll- 
kommenes doppelgängerisches Verhältnis verbunden. Besonders 
Morbert errät Heinrichs Gedanken, empfindet seine leiblichen 
Schmerzen und wacht sorgfältig, daß dies keinem bekannt werde. 
Alles, was bislang Heinrich gehörte, entwickelt sich gefahrvoll in 
ihm. Er erobert Klein und jagt sie mit seiner Herzlosigkeit in den 
Tod,- ^vo Heinrich mit der Violine nur noch klimpern kann, ist seine 
Konzertmusik großartig, wenngleich gefühllos, br verwirklicht die 
zweckmäßigere Arbeitsausnutzung in Form einer starr heraus- 
gebildeten Arbeitsteilung und Konzentrierung, er schafft den Flammen- 
werfer, wodurch er einen Krieg entfacht, als Ministerpräsident ruft 
er die Nation-Familie wach — im Zeidien des erbarmungslosen 
Militarismus. Jetzt begeht Heinrich in einem unbewahrten Äugen- 
blicke Selbstmord und tötet damit audi Morbert. 

Das Ende - die Geschidite besteht bloß aus Träumereien 
»Heinrichs« — fügt dem Mystischen Schaden zu <es ist gut, auch 
hievon ein Beispiel zu sehen), eben weil es das politische »Große« 
zunichte macht. Wie jedoch die Dinge um Heinrich immer größere 
Wellen werfen, bis aus den völlig verborgenen Privatqualen 
ein Weltkrieg auflodern muß: ist unleugbar eine schöne Dar- 
stellung des Strukturmystischen. Das Grundmotiv ist nicht reinlich, 
das der »Acheronten«,- es gemahnt überaus an die psydiosexuelle 
Impotenz. Den Psychoanalytiker mögen die Einzelheiten interessieren, 
daß Heinrichs Mutter früh verschieden ist (Fixierung?) und sein Vater, 
mit dem ihn gegenseitige innigste Liebe verbunden hatte, »um ihn an 
Selbständigkeit zu gewöhnen«, beinahe sein ganzes, beträchtliches 
Vermögen den Bettlern von Altofen hinterläßt (Kastration?). Man 
sieht überall, daß in jeglichen Betätigungen Heinridis bloß Seele ist, 
die Technik aber fehlt,- die »zur Bearbeitung nicht gelangte physio- 
logische Libido« äußert sich nun mittels einer grandiosen Projektion 
in der riesenhaften Weltangst (einer »kosmischen Walpurgisnacht« 
im Sinne Meyrinks). Eine Analogie zwischen Schatten und Potenz, 
Penis, nicht verwerteter Kraft läßt sich aus der Betonung der 
selbständigen Existenz und Bewegung des Schatten ersehen/ wo 
er sich ins Unendliche verlängernd abbricht, muß man an Erektion 
und' Kastration denken'. Eine derartige Auffassung der Technik 

1 Man merkt, daß die Verkettung der Vorgänge, der Sdiuld und Sühne nicht 
logisch geklärt sind. Dem Mystischen kommt dies zugute/ im übrigen gehört es 
in die Kunsttheorie. 



Über das Mystische 67 



wäre freilich keineswegs stichhaltig, doch ist ihre Annahme von 
dem Gesichtspunkte des Mystischen aus in hohem Maße günstig, 
da sie sich auf die Verknüpfung von Technik und Reali- 
tätsmöglichkeit stützend, der Regression einen ungeheuer 
vergrößerten Hintergrund gewährt. Die am Ende erfolgende 
Anagogie ist katzenjammerartig und daher, im Gegensatz zu der im 
»Golem«, nicht mehr mystisch. Erwähnen wir noch, daß es sich im 
Roman um mehrere kleine Neustifter Gäßchen handelt, die wohl 
auch Budapestern kaum bekannt sind,- und daß ein verdienstvoller 
Zeichner und ein Universitätsprofessor <die jedoch nicht weltberühmt 
sind) flüchtig beim Namen angeführt werden,- der Arzt läßt den Ver- 
fasser selbst auftreten. Natürlich schöpfen die mystischen Ereignisse 
auch hieraus ein kleines Kredit-Plus. 

6. 

Es steht uns noch bevor, gewisse Beziehungsfragen zu beant- 
worten, die sich bei der Erkenntnis des Mystischen aufdrängen. 
Einerseits berühren sie das Verhältnis des Mystischen zu verwandten 
Begriffen, anderseits seine Funktion und seinen Wert. 

Was zuerst den Stand des Mystischen zum Komischen an- 
betrifft, so fragt sich natürlich, mit welchen Änderungen fürs Komische 
gälte, was wir rücksichtlich des Mystischen sagten. Eine umfassende 
Antwort vermögen wir hierauf nicht zu erteilen,- an den meisten 
Stellen ergibt sich die Lösung von selbst. Die unheimliche Form 
des Mystischen hat am wenigsten eine komische Parallele: der 
Zusammenhang des Komischen und Mystischen ist nicht germinal, 
sondern konvergent,- in ihren feinsten Formen stehen sie einander 
am nächsten, ohne deswegen asymptotisch verschmelzen zu wollen. 
Der Wert des Komischen aber schmilzt an diesem Punkt beinahe 
in den breiteren des Mystischen hinein. 

Eng ist das Mystische mit dem Phantastischen verknüpft. 
Dieses verstehen wir nicht sprachlich, sondern als einen Gegenstand, 
der Übernatürliches, Übersinnliches, Unmögliches, nebendem in weitem 
Kreise Außergewöhnliches als Seiendes darstellt. Das Mystische, 
zumal wenn bizarr, leitet das Phantastische häufig ein, ohne es 
deshalb vorauszusetzen. Auch das Phantastische symbolisiert, wenn 
nicht unmittelbar, so auf Umwegen, eine großzügige Regression, 
wie beispielsweise das Gespenst. Phantastisches ist ohne Mystisches 
möglich, wofern es plötzlich auftritt,- immerhin ist ein verkapptes 
Mystisches bereits in diesem Falle vorhanden: die vorgemalte über- 
sinnliche Realität hinter der gewöhnlichen Realität und der bloßen 
Vorstellung des Übersinnlichen. Nie ist das Phantastische heimlich: 
es ist zu grob dazu. 

Am andern Pol des Bizarr--Mystischen steht das Romantische, 
welches Erlebnisse, Abenteuer, soziale Elemente fordert,- das Phan* 
tastische ist objektiv, das Romantische subjektiv. Dieses kommt 



68 



Aurel Kolnai 



häufig ohne jegliches Mystische vor,- zuweilen auch heimlich oder 
unheimlich gefärbt. 

Gewisse Beziehung zum Heimlidv=Mysfischen besitzt das Senti- 
mentale, die passive Form des Romantischen/ eine Art Gefühls- 
apperzeption, Huldigung vor den Dingen hat es mit dem Mystischen 
gemein. 

Das Pathos schöpft viel aus Heimlichem und Unheimlichem. 
Ein Pathos ohne Mystisches gibt es nicht/ zwar liegen auf seinem 
Grunde das inhaltliche Ziel und der Handlungswunsch, doch ergibt 
sich seine eigene Prägung durch die Orientierung nach einem gc 
ahnten Großen. Das mißlungene Pathos ist ganz besonders komisch. 
Dieser Umstand ist in Anbetracht der sublimatorischen Leistung des 
Mystischen sehr wichtig. 

Jetzt können wir das Mystische von den sprachlich verwandten 
Begriffen bereits exakter abgrenzen. Das Mysterium ist oft ein 
ziemlich gutes Gehäuse des Mystischen,- das ihm nahe stehende 
Rätsel verhält sich gleichermaßen zum Komischen. Das Mystikum- 
gefühl ist eine nicht gering zu schätzende Stütze der wissenschaft- 
lichen Forschung: ist eine gewisse Stufe erreicht, so gewährt die 
Entfaltung des Verborgenen mehr Mystisches, als die krampfhafte 
Beibehaltung eines Mysteriums. Folglich begünstigt der Mystizismus, 
der dieses krampfhafte Festhalten, die Bindung der Seele mit ge- 
gebenen Mysterien bedeutet, die Entwicklung des Mystischen nicht. 
Der Mystizismus, indem er mit Lüge und einer bestimmten, nahen 
Dunkelheit, oder <als philosophische Richtung) mit einer allgemeinen, 
homogenen operiert, lähmt das Mystische. Dieses nämlidi ist nicht 
auf Lüge hingewiesen, da es um so mehr zu sein vermag, je weiter 
der Blick reicht/ es duldet die künstlichen Schranken der Vernunft 
nicht, denn diese verbergen die wirklichen sowie die fernere Perspek- 
tive. Die Erkenntnis der Dinge hemmt das Mystische keineswegs, 
ja schafft es vielmehr, differenziert es vo'n der Angst: im 
Mystizismus ist die Angst verwertet, ohne überwunden zu sein,- 
der Tod des Mystizismus ist die Geburt des wahrhaftigen Mystischen. 
Demnach kann man vom intellektuellen oder moralischen Gesichts- 
punkte aus gegen das Mystische nichts einwerfen: dieses verhält 
sich zu der intellektuellen Redlichkeit, wie die Sublimierung zu der 
kritischen Verurteilung antisozialer Wünsche. Das Mystische ist es, 
was die Erledigung der Angst ohne sacrificium intellectus ermög- 
licht,- ähnlicherweise ersetzt das Komische die rohe Überlegenheit, 
das Nicht* Verstehen- Wollen. Bekanntlich bezeugt der Mann zum 
Mystischen, das Weib zum Mystizismus mehr Neigung. 

Während der offen anagogische Teil des Mystischen wissen- 
schaftlichen und moralischen <das Heimliche) Zwecken zu statten 
kommt, befindet sich das stärkere Unheimliche in engem Verkehr 
mit der Mystik, der noch erlebten Introversion, Regression. Der 
Unterschied ist, daß dies bei der Mystik bewußt, mit eigenen Zielen 
vorgeht,- auch die Mystik berührt das Mystische inhaltlich, wie die 



Über das Mystische 69 



Angst; aber von einer entgegengesetzten Seite her: bei dieser ist 
die gefühlsmäßige Grundsituation, bei der Mystik die integrale 1 eil- 
nähme der Persönlichkeit betont. Wir spielen darauf an, daß die 
Kunst eine aktualisierte und veräußerlichte Art der Mystik ist und 
das Mystische in ihr keinen geringen Platz haben mag. Dodi ver- 
gesse man nicht, daß man ohne jede Kunst ziemliche Mystikum- 
Wirkungen erzielen kann: z. B. Detektivromane, Films. Und es gibt 
auch eine kein Mystisches enthaltende Kunst. Das Mystische ist viel 
dynamischer und einfacher als die Kunst, worin die Seitenabzwei- 
gungen und der ganz selbständige Gefühlswert der einzelnen Lebens- 
elemente, deren eigentümliche schichten weise Lagerung vorwiegen,- 
nur verflochten, im Verein mit anderen Elementen kann das Mystische 
wirklich kunstbildend sein. Lesen wir diese Stelle aus Füsts »Elegie«: 

»Jetzt ist hier Nacht, es dämmert unter den Hügeln, o Gott, finster sind 

die Zeiten! 

Ein wenig schlief ich eben, die Seele schlummerte und die Zeit verging 

über ihr! 

Doch weh, drückend für die auffahrende ist die Finsternis, schwer die Nacht 

und qualvoll das Gesicht.« 

Hier ist das Mystische klar fühlbar, aber auch das, daß der 
Schwerpunkt der Kunst diesmal nicht im Mystischen, sondern im 
konkreten Lebensausdruck ist, das Mystische bloß ein untergeordnetes 
Mittel darstellt. Doch wird es durch seine selbstzwedtartige Hedonik, 
nur auf Umwege zur Geltung kommende ethische und intellektuelle 
Rolle, verhältnismäßige Entwickeltheit zu einem Kunstfaktor, zur 
Stimmungsvertreterin der engeren Mystik geweiht. 

Ein bemerkenswerter Platz wird dem Mystischen noch in der 
unter dem Namen Prestige bekannten Erscheinung des sozialen 
und politischen Lebens eingeräumt. Ludwig Leopold schied das 
Prestige als denkmechanischen, funktionalen Lustwert von Autorität 
und Geschätztwerden. Das Prestige ist jener irrational-persönliche 
Ton, der ähnlich wie der wirkliche Wert imstande ist, Richtlinie zu 
bieten. Diese unbestimmbare »Note« ist das aus mehrfachen ge- 
ringeren und größeren Zügen zusammengesetzte Mystische, das 
wohl hiebei oftmals im Sinne des Mystizismus mißbraucht wird/ in 
seiner edelsten Form fiele das Prestige, das Personmystische, mit 
dem reinen Persönlichkeitsmystischen zusammen, das dem objektiven 
Wert entspricht,- dieser bedeutet ja niemals einen leerenund schlechtweg 
durchsichtigen Mechanismus, sondern eine noch höhere persönliche 
Synthese. Nicht allein das Genie, auch der sonderbar gute Mensch 
besitzt ein eigenes Mystisches. 

Was die Politik anlangt: je gröber die feudale und kommu- 
nistische Hedonik, desto mehr hat sie vom Mystizismus auf Kosten 
des Unheimlichen. Durchschaut wird sie komisch. Die Wirtschaft ist, 
wenn nicht als ein schon überwirtschaftliches Ganzes betrachtet, 
völlig amystisch <die Welt der adäquaten ziffermäßigen Exaktheit), 



70 



Aurel Kolnai 



ebenso die laue, eigentlich konservative, nur ganz unreaktionäre 
bürgerliche und Sozialdemokratie. Die anagogische Politik, der 
Personal-Kollektivismus, das Ideal der Genossenschaftswirtschaft hat 
vi fei j" Pers P ektiven " und Heimlichmystisches, mit dem Unheim- 
lichen des revolutionären Schwunges und mit einer gedämpften 
anarcho-kommunistischen Komponente infolge des bereits berührten 
In-den=Vordergrund=Tretens der Linie Regression-Progression. 

Endlich können wir feststellen, daß die unheimliche und bizarre 
i? ir S M y st, ' scfaen < a,s Wesen oder vielmehr als Staffage) mehr 
l Kunst, seine aktual-anagogisch gerichtete Form aber mehr 
in den Stimmungskreis der Handlungen gehört. Die größte Be- 
deutung wird dem Mystischen und darunter dem Komi- 
schen sicherlich in der Färbung des Alltagslebens und 
dessen Gestaltung zur Umhülle der Persönlichkeit zu- 
kommen. 







Zur Psychologie des Mißtrauens 7t 



Zur Psychologie des Mißtrauens 1 . 
Von Dr.. HELENE DEUTSCH <Wien>. 

Der Psychoanalyse ist es bereits mehrfach gelungen, dem tieferen 
Verständnis der diarakterbildenden Kräfte näher zu treten und 
sie auf die unbewußten Quellen zurüd^zuführen. Der Weg 
dazu führte meist durch die an den Neurotikern gewonnenen Er- 
fahrungen, bei denen wir das, was wir im Normalen Charakter* 
eigenschaften nennen, oft in pathologischer Verstärkung als Symptom 
wiederfanden. 

In meinem Versudie, den psydiischen Mechanismen des Miß* 
trauens als Charaktereigenschaft näherzutreten, wurde mir die 
Tatsache behilflich, daß das Mißtrauen einerseits als äußerst häufiges 
Symptom bei allen Formen von Übertragungsneurosen, besonders 
bei der Zwangsneurose auftritt, daß es im Verfolgungswahn der 
narzißtischen Neurosen zu linden ist und daß seine Verbreitung im 
scheinbar Normalen, also außerhalb der Neurose, oft auffällige 
Formen annimmt. Ich weise hier auf das Verhalten der Taub- 
gewordenen, deren Mißtrauen allgemein bekannt ist, hin, auf die 
diesbezügliche Charakterveränderung im Alter und auf die merk- 
würdige Tatsache, die auch der gröberen Beobachtung zugänglich 
ist, daß in den letzten Jahren die ganze menschliche Gesellschaft ein 
Mißtrauen ergriffen hat, dessen Erklärung aus realen Gründen den 
Tieferblickenden nicht befriedigen kann. 

Das Auftreten eines psychischen Phänomens unter so ver- 
schiedenen Bedingungen wird für den Psychoanalytiker nidits Be- 
fremdendes bieten. Sind wir ja durch die Erfahrungen der Analyse 
belehrt worden, daß das, was wir psychisch gesund oder krank 
nennen, nicht prinzipiell verschieden ist, daß die praktisch bestimm- 
baren Grenzen nur durch die Intensität, Verteilung, gegenseitiges 
Verhältnis derselben psychischen Fundamente, die den Dauerbesitz 
der Psyche bilden, variieren. 

Die Tatsache, daß ein psychisches Phänomen unter so ver- 
schiedenen Voraussetzungen auftritt, daß es unter gewissen Bedin- 
gungen viele Mitglieder eines Volkes ergreifen kann, daß eine 
organische Erkrankung <ich meine die Taubheit) eine physiologische 
Bedingtheit <das Alter) bei Individuen der versdiiedenen Rassen, ver* 

;__!_ —- 

1 Vortrag, gehalten auf dem VI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 
im Haag, 8. bis'l2. September 1920. 



72 Dr. Helene Deutsch 

schiedener Kultur, verschiedener Temperamente und Charaktere ein 
gleiches psychisches Verhalten hervorrufen kann, bringt uns der Ver- 
mutung nahe, daß es eine Erscheinung ist, die aus allgemeinen, 
allen diesen Menschen gemeinsamen Regungen des Seelenlebens 
hervorgegangen sein muß. 

Die oberflächliche Beobachtung läßt uns das Verhalten des 
Mißtrauischen folgendermaßen charakterisieren. Er verhält sich seiner 
Umgebung gegenüber so, als wäre er in steter Erwartung einer 
Gefahr, deren drohende Nähe er spürt und vor der er sich immer 
zu schützen versucht. Da er aber nicht weiß, woher sie kommen 
wird, sucht er sie in jedem und in allem. 

Wir wissen, daß das reell begründete Mißtrauen dort entsteht, 
wo auf Grund der Erfahrung des erlittenen Bösen eine warnende 
Instanz, zur Vorsicht gemahnend, das Gefühl des Mißtrauens her- 
vorruft. 

Diese Fälle, wo diese Bedingungen vorhanden sind, also ein 
aus einer bewußten Quelle böser Erfahrung, intellektuell begründetes 
Mißtrauen ziehen wir zu unseren Betrachtungen nicht heran. Wir 
interessieren uns nur für das Mißtrauen, dem diese intellektuelle 
Motivierung fehlt, das in seiner Herkunft unbekannt ist, als unsinnig 
und unnormal imponiert, den Argumenten unzugänglich, der be- 
wußten, intakten Denkarbeit des Betreffenden trotzt. 

Wir sind in der psychoanalytischen Denkungsart gewohnt, in 
psychischen Gebilden, wie unsinnig sie auch erscheinen mögen, nach 
ihrem Sinn zu suchen und wissen, daß im psychischen Geschehen 
nichts unmotiviert, nichts zusammenhanglos, nichts zufällig besteht. 

Wenn sich eine psychische Erscheinung nicht in das Gefüge 
des bewußten Denkens einreihen läßt, so geschieht es deshalb, weil 
sie ihre Wurzel im Unbewußten hat, von dort ihren Sinn und ihre 
Widerstandskraft schöpft. 

Meine Fragestellung lautet: Welchen unbewußten Regungen 
verdankt das Symptom sein Dasein, an welcher Stelle greift es in 
*W des Trieblebens ein, aus welchen Verdrängungstendenzen 
schöpft es seine Dauerhaftigkeit, wo ist es einem neurotischen 
Symptom gleichwertig, wo wird es zur Charaktereigenschaft, welchen 
Jatsachen verdankt es seine Affinität zur Zwangsneurose, unter 
welchen Bedingungen steigert es sich zum Verfolgungswahn und wo 
sind seine Grenzen gegen Paranoia. 

f uP"? We S weiser haben wir a priori: Die Tatsache, daß die 
1 aubneit fast ausnahmslos die von ihr Betroffenen zu Mißtrauischen 
macht, wobei sie selbst, wie es klar ist, in gar keiner Beziehung zu 
irgendwelchen besonderen psychischen Dispositionen steht/ weiter die 
latsache, daß, wie uns der bei uns herrschende »Zeitgeist« belehrt, 
unter gewissen sozialen Bedingungen ganze Völker von dieser 
psychischen Einstellung betroffen werden, das alles weist darauf hin, 
daß es sich um allgemeine, dem Menschen immanente Kräfte handelt, 
die unter gewissen günstigen Bedingungen in ihm mobilisiert werden. 



Zur Psychologie des Mißtrauens 73 

Durdi diese Erwägungen angeregt und durch eine merkwürdige 
Multiplizität der in meiner psychoanalytischen Beobachtung stehenden 
Fälle, die zur Klärung der aufgestellten Fragestellung besonders 
geeignet schienen, unterstützt, versuchte ich, dem Problem näher* 
zutreten und glaube bereits aus dem Beobachteten Rechenschaft 
geben zu können. Ich füge eigentlich den bekannten Mechanismen 
nichts wesentlich Neues hinzu,- ich nehme sie zur Grundlage und 
Voraussetzung meiner Beobachtungen. 

Ich gebe die Analyse der erwähnten Fälle im folgenden wieder: 

Fall 1: Eine über 30jährige Patientin übt einen akademischen 
Beruf aus und bot bis dahin keine neurotischen Symptome. Sie 
kommt in meine Ordination, um über plötzlich aufgetretene Schlaf- 
losigkeit zu klagen. Ihre Schlaflosigkeit bezieht sie auf Gedanken, 
die sie bei Nacht quälen, die jedoch einen so merkwürdigen Charakter 
haben, daß Patientin selbst hinter denselben einen verborgenen Inhalt 
vermutet. Der Inhalt dieser Gedanken steht in gar keiner Beziehung 
zu ihrem sonstigen Charakter und erscheint ihr bei Tag lächerlich 
und belanglos. 

Sie wird bei Nacht von einem starken Mißtrauen gegen ihre 
Dienstpersonen gequält. Einmal ist es diese, dann die andere, die 
sie bestiehlt und hintergeht,- das Mißtrauen klammert sich dann an 
irgendwelche kleine, gänzlich belanglose Dinge, über die die streb* 
same und intellektuell stark interessierte Person wirklich erhaben ist 
und die eigentlich keinen wirklichen Wert für sie haben. 

In der Frühe nimmt sie ihre Befürchtungen humoristisch auf 
— nur ein merkwürdiges, unruhiges Spannungs- und Erwartungs- 
gefühl bleibt in ihr zurück/ etwas, was keine Angst ist. und doch 
mit den Unruhesensationen der Angst verwandt erscheint — ein 
Gefühl, das sich gegen die Umgebung richtet, im Verhalten derselben 
Motivierung süßend, mit dem Mißtrauen identisch ist. 

Die Analyse, die ich nur kurz darstellen will, ergibt folgendes: 
Patientin hatte eine sehr eifersüchtige Mutter, die im fortwährendem 
T> am P/ e . mit ^ en Hausmädchen stand, jeder mißtrauend, jede eines 
Verhältnisses mit ihrem Mann beschuldigend. Patientin übernimmt 
die Rolle der Mutter, mimt ihr Verhalten nach, den Inhalt des 
Mißtrauens ins Belanglose verschiebend,- auch die Mutter ver- 
dächtigte die Mädchen, sie stehlen ihr etwas, was ihr gehöre. Ob 
die Mutter paranoisch war, ist für uns belanglos - die Patientin 
selbst bietet nichts, was den Verdacht in dieser Richtung recht- 
fertigen würde. 

Daß die Identifizierung mit der Mutter stattfindet, ist für uns 
ein Beweis, daß bei der Patientin alte, infantile Empfindungskeime 
aufgefrischt worden sind, daß sie unter der Herrschaft des Ödipus- 
komplexes steht. 

Die weitere Analyse ergab, daß die Identifizierung mit der 
Mutter eine der Determinierungen des Symptoms darstellt, daß die 
Patientin sich ihrer zur Darstellung, zur Demonstration ihrer Ge- 



74 



Dr. Helene Deutsch 



fühiseinstellung gegen die Umgebung bediente, daß aber der wirk- 
liche Sinn des Symptoms tiefer zu suchen ist. 

Patientin lebt seit dem Anfang ihrer Ehe im ständigen Konflikt 
zwischen ihrem starken, männlichen Streben und der weiblichen Rolle, 
die sie als Wirtschafterin und Mutter auf sich genommen hatte. Sie 
hatte diesen Kampf in sich schlichten können, solange er sich im 
Bewußtsein abspielte, solange nicht unbewußte Tendenzen und 
libidinöse Regungen ihren Beitrag lieferten. 

Es herrschte für sie Sicherheit und Ruhe im Hause, solange 
ihre Libido im Hause war. Erst als ihre Liebe zum Manne zu 
versagen begann — es ist nicht meine Aufgabe, diesen Vorgang 
näher zu schildern - als regressive Tendenzen in ihr geordnetes 
psychisches Gefüge eingriffen, als scheinbar längst überwundene 
Komplexe ihren feindlichen Ansturm auf ihr sublimierendes Ich er- 
hoben, erst da entsteht ihr in ihrem Heim ein Feind, dem sie ihr 
warnendes Mißtrauensgefühl entgegenschickt. 

Nur, daß dieses ihr Heim, nicht in ihrer Häuslichkeit liegt, 
sondern in ihr, in ihrem psychischen Innern. 

Das große, peinvolle Gefühl des Mißtrauens ist nichts anderes, 
als die endopsychische Wahrnehmung der von innen kommenden 
Gefahr, das drohende Aufleben verlassener, infantiler, dem gegen- 
wärtigen Ich feindlichen Tendenzen. 

Die Mißtrauende behält Recht in ihrem Gefühl, es drohe ihr 
ein feindseliger fremder Angriff. Sie irrt sich nur in der Lokalisation 
— den von innen angreifenden Feind verlegt, projiziert sie nach 
außen, in Objekte ihrer nächsten Umgebung, was ihr um so leichter 
gelingt, als ihre Liebesbeziehungen zu dieser Umgebung gelodcert 
worden sind. Der Zustand der gestörten Ruhe sucht seine Ursachen 
in der Außenwelt und bedient sich dabei des uralten, primitiven, 
fix vorgebildeten Mechanismus der Projektion. » 

Der psychische Konflikt liegt bei der Patientin im Kampf zwischen 
der libidinösen Regung mit Rüdekehr zum inzestuösen Objekt und dem 
inneren Verbot. Ob es dispositionelle Momente sind oder quantitative, 
die die Abfuhr in eine massive Neurose verhüten und bewirken, daß 
der Konflikt sich nur im Mißtrauen erledigt, ist nicht festzustellen. 

Der Mechanismus der Entstehung und des Verhaltens des 
besprochenen psychischen Phänomens im obigen Falle erinnert in 
vielem an den Mechanismus der Angsthysterie. 

Die von der Zensur zurückgewiesene Vorstellung unterlag 
der Verdrängung — die quälenden Gefühlssensationen, das Span- 
nungsgefühl mit der fortwährenden Erwartung der Feindseligjceitsakte 
knüpft irgendwo an die Sensationen der Angst an und stellt sicher, 
wie die Angst der Hysterie, den Affekt dar, gegen welchen die zu 
der verdrängten Vorstellung zugehörende Gefühlssensation ein- 
getauscht wurde. 

Wie bei der Angsthysterie ist auch hier Iricbgefahr nach 
außen projiziert worden. Auch die durch die Projektion hervor* 



Zur Psychologie des Mißtrauens 75 

gerufene Behinderung der persönlichen Freiheit durch das vom Miß= 
trauen eingeschränkte Verhältnis zur eigenen Umgebung läßt sich 
noch in Analogie zur phobischen Einschränkung der Ängsthysterie 
drängen. Hier aber scheint schon die Analogie ihr Ende zu nehmen. 

Der ganze phobische Vorbau der Ersatzvorstellungen und 
Gegenbesetzungen entfällt hier. Die Objekte, denen die heraus* 
projizierte Regung zuströmt, verdanken ihre Wahl der Tatsache, 
daß ihnen die Liebesbesetzung entzogen wurde, was sie besonders 
zur Aufnahme der Feindseligkeiten geeignet machen mußte, denn 
dieses häusliche Milieu, gegen das sich das Mißtrauen richtet, hatte 
eigentlich durdi Verschiebung die ihrem Gatten zufallende Rolle 
übernommen. Dabei hebe ich hervor, daß die Patientin keinen be-» 
sonders starken Sadismus aufwies. 

Fall 2: 25jähriges Mädchen mit typischer Zwangsneurose: 
Zwangshandlungen, Zeremonielle, Aberglauben, Allmacht der Ge* 
danken, Zweifel. Besonders stark entwidteltes Mißtrauen, das sich 
in den Vordergrund aller Symptome stellt und für die Patientin 
mehr als alles andere eine Behinderung ihrer persönlichen Freiheit 
bedeutet. Sie bringt keine Beziehungen zu Menschen zustande, in 
allem und in allen wittert sie eine gegen sie gerichtete böse Absicht. 
Wenn man sie einlädt, ist es nur, um sich an ihrem Schicksal <ver* 
lassene Braut) zu weiden,- unterläßt man die Einladung, so geschieht 
es, um sie zu beleidigen,- immer nur Böses vermutend und er» 
wartend, und so seit langer Zeit und vom Zustand anderer Symptome 
unabhängig. 

Ich will mich bei der Analyse des Falles nicht länger aufhalten 
als zum Thema notwendig. Alles Typische für die Zwangsneurose, 
besonders starke sadistisch^anale Komponente des Trieblebens, 
starke dispositionelle Ambivalenz, mächtiger Ödipuskomplex. Äußere 
Lebensbedingungen besonders günstig für die Verstärkung des Dis» 
positionellen : Zweite Ehe des geliebten Vaters gegen den Protest der 
Tochter, sichtliche Parteinahme desselben für die Mutter, in dem 
durch die Patientin inaugurierten Kampfe zwischen den beiden 
Konkurrentinnen. Starke sadistische Rachegelüste, gegen den Vater 
gerichtet — Haßtendenzen, in übertriebene aufopfernde Liebesbeweise 
für denselben auslaufend. 

Es ist klar, daß sich alle Symptome aus der Ambivalenz 
ihrer Beziehungen zürn Vater aufklären lassen und zwar auf dem 
Wege ihrer Entstehung durch Reaktionsbildung und Verschiebung. 

Wie wir von Freud wissen, macht die Zwangsneurose auch 
vom Mechanismus der Projektion einen ausgiebigen Gebrauch: Vor 
aHern in dem für die Zwangsneurose so typischen Symptom des 
Zweifels, der seinen Ursprung in der Gefühlsambivalenz und der 
daraus resultierenden Unsicherheit am eigenen Gefühl hat, bedient 
sich die Zwangsneurose neben der Verschiebung auch der Projektion, 
indem sie in der eigenen Liebe sich nicht sicher fühlend um so 
mehr, an der des andern zweifeln muß, 



76 



Dr. Helene Deutsch 



Ich glaube übrigens zur Erklärung der Genese des Mißtrauens 
bei der Zwangsneurose die im Entstehen des Zweifels wirkenden, 
durch Freud entdeckten Mechanismen heranziehen und da eine 
Analogie aufstellen zu können. Der Zweifel ist die endopsychische 
Wahrnehmung der eigenen Gefühlsambivalenz mit Projektion des 
zwischen den divergierenden Tendenzen geführten Kampfes, nach 
außen. Das Mißtrauen entspricht der Projektion des einen Anteils des 
Ambivalenzkonfliktes d. i. der feindseligen Regung in die Außenwelt. 
Daß dieser Spezialfall des Mißtrauens als Symptom der Zwangs- 
neurose sich glatt aus den Haßtendenzen und der dieser Neurose 
eigenen Beziehung zur sadistisch^analen Organisation erklären lassen 
wird, lag auf der Hand. Die Analyse des Falles brachte eine rest- 
lose Bestätigung dieser Annahme besonders plastisch in einem Traum, 
der die Darstellung ihrer gegen den Vater gerichteten Ambivalenz 
war. In zwei Gestalten des Traumes erkannte die Analyse die in 
zwei Gegensätze zerteilte Vater-Imago. Die eine dieser Gestalten 
repräsentiert den geliebten Vater/ die zweite den fremden, bösen, 
von rückwärts angreifenden. Die Analyse des Traumes brachte uns 
das Verständnis, daß das von rückwärts Angreifende gegen das 
sich das Mißtrauen richtet, die eigene Feindseligkeit ist. 

Ich möchte noch auf eine Determinierung des Symptoms bei 
der Patientin hinweisen. Ich vermute, diese Determinierung werden 
wir bei jedem Mißtrauen finden : Patientin hatte an ihrem Vater 
eine schwere Enttäuschung erlitten. Er hatte sie eigentlich an die 
Stiefmutter verraten, hatte sie - in der Gefühlsauffassung der 
Patientin — betrogen, hatte ihr Vertrauen getäuscht. Wie kann sie 
nun noch jemandem trauen, wenn er, der Beste, sie betrogen hat. 
Ich glaube, daß diese ersten Enttäuschungen an den infantilen 
Objektbesetzungen eine Narbe hinterlassen, die jedesmal viel zur 
Entstehung des Mißtrauens beitragen wird. 

Auf die Analogie und den Unterschied im Mechanismus der 
Entstehung des Mißtrauens bei den beiden bis jezt zitierten Fällen, 
werde ich im weiteren zurückkommen. 

Fall 3: Ein junges, 19jähriges Mädchen mit schwerer Depression, 
klinisch=diagnostische Marke würde lauten: Konstitutionelle Ver- 
stimmung. Bei der Analyse erweist sie sich als Zwangsneurose 
fast ohne Symptome in die Depression auslaufend. Leidet besonders 
unter ihrem schweren Mißtrauen ,- fühlt sich einsam und verlassen, 
weil sie von niemandem geliebt wird, keine Freunde besitzt, jeder 
Versuch zur Herstellung näherer Beziehungen zwischen ihr und den 
anderen scheitert an ihrem Mißtrauen. 

Aus der Analyse will ich kurz berichten: Patientin hat einen 
älteren Bruder, der scheinbar zu Hause von beiden Eltern ihr vor- 
gezogen worden ist. Sie steht unter einem außerordentlich hohen 
Männlichkeitskomplex, dessen Quelle im Vergleich mit dem Bruder 
und in seiner dominierenden Stellung zu Hause und im Verhältnis 
zu den Eltern zu suchen ist. Penisneidkomplex und starke Haß* 



Zur Psydiologie des Mißtrauens 77 

tendenzen gegen den Bruder waren die psychischen Ergebnisse dieses 
Verhaltens. Über den Ödipuskomplex will ich nicht weiter sprechen/ 
Tatsache ist, daß die Rolle des Vaters sehr bald durch den Bruder 
eingenommen wurde. 

Ihre Liebe ist ein fortwährendes Schwanken zwischen Hetero« 
Sexualität und Homosexualität. In der Heterosexualität steht sie 
unter dem starken Bruderkomplex,- ihre mißlungenen Versuche, 
einen Mann zu lieben, spielen sich immer an Objekten, die unzwei* 
deutig dem Bruder-Imago entsprechen, ab. Aber auch ihre Homo* 
Sexualität ist durch die Beziehungen zum Bruder determiniert. Sie 
identifiziert sich mit dem Bruder und verliebt sich in alle diese 
Objekte, zu denen er scheinbar in irgend welchen erotischen Be- 
ziehungen steht. Interessanterweise identifiziert sie sich aber auch 
mit allen diesen weiblichen Personen, um mit ihnen den Bruder zu 
lieben und vom Bruder geliebt zu werden. 

In ihrer Überschätzung des Sexualobjektes behauptet sie, alle 
Frauen seien in ihrem Bruder verliebt. 

Wie schaut nun ihr Mißtrauen aus? Jedes weibliche Wesen, 
dem sich Patientin nähert, wird bei ihr zum Objekt der homosexuellen 
Regung von positiver Qualität und zum Objekte des Hasses als 
Konkurrentin in der Liebeswerbung um den Bruder. Sie gönnt dem 
Weibe die Liebe des Bruders nicht, weil sie ihn selbst liebt — sie 
gönnt dem Bruder das Weib nicht, weil sie es selbst liebt. Gegen 
beide ist ihr Haß gerichtet, verstärkt durch die dispositionellen 
Momente ihrer Zwangsneurose. Dieser ganze Kampf spielt sich im 
Unbewußten ab. Nur die endopsychische Wahrnehmung der dem 
Ich feindlichen Tendenzen der Homosexualität und der Inzestliebe 
wird wieder nach außen projiziert, ebenso der gegen das Weib und 
gegen den Mann gerichtete Haß unterliegt der Projektion nach außen 
und wird als Mißtrauen empfunden. 

Noch eine Determinierung ihres Mißtrauens liegt in der unter- 
geordneten Rolle, die sie in der Kinderstube spielte. Sie sagt selbst, 
zur Motivierung ihres Mißtrauens: Ich weiß, daß alle nicht mich 
meinen, nur meinen Bruder. 

Fall 4: 25jährige Frau seit einem Jahre verheiratet. Dia- 
gnostisch: Beginnender Verfolgungswahn. 

Ihr voreheliches Liebesleben ist reich an Erlebnissen, arm an 
Gefühlen. Sie hatte bis zu ihrer Ehe ein Dirnenleben geführt ohne 
materielle Vorzüge der Prostitution. Sie sei sexuell vollkommen 
anästhetisch geblieben, auch in ihren vorehelichen Beziehungen zu 
ihrem Mann. Erst in der Ehe stellte sich der Sexualgenuß ein,- sie 
brauchte dazu sichtlich die Sanktionierung der Mutter. Schon diese 
zwei Momente: Das Dirnentum und das Letztgenannte deuten be- 
reits auf den überstarken Mutterkomplex und auf den Kampf gegen 
denselben. 

Die erste Zeit ihrer Ehe verläuft in ungetrübtem Glücke, bis 
die Frau nervöse Symptome zu produzieren anfängt. Sie wird 



7,8 Dr. Helene Deutsch 



reizbar, mißtrauisch, klagt über ein unheimliches Gefühl des drohenden 
Etwas, das von außen kommen wird, sie argwöhnt, die Dienst- 
boten bestehlen sie, der Mann sdieine ihr untreu zu werden. Das 
Mißtrauen bezieht sich auf alle mit ihr zusammenlebenden Personen, 
hauptsächlich auf die nächste Umgebung. Bis dahin nichts, was auf 
Paranoia hindeuten würde. 

Anläßlich des Besuches eines Arbeiters kommt ihr plötzlich die 
Idee, der Mann sei bei seinem Weggehen viel dicker gewesen wie 
vorher. Er habe den Moment, in dem sie Geld für ihn holte, 
benützt, um sich der im Schrank hängenden Männerkleider zu be- 
mächtigen und sie übereinander anzuziehen. An dieses Ereignis 
knüpft sich eine Steigerung ihres Mißtrauens, sie ist in fortwährender 
Unruhe, schläft nicht, zählt ihre Sachen nach, spioniert die Dienst- 
boten, traut sich nicht vom Hause weg, verdächtigt jeden des Dieb- 
stahls etc. Nach diesem Stadium entwickelt sich der typische Ver- 
folgungswahn, den ich in statu nascendi beobachten konnte. 

Die durch äußere Momente fragmentarisch gebliebene Analyse 
ergibt folgendes: Patientin stand unter der Herrsdiaft des Mutter- 
komplexes, dessen sie sich schon in der vorparanoischen Zeit zu 
entledigen versuchte. Sie bediente sich bis dahin hysterischer Mecha- 
nismen <ich will jetzt nidit auf die Anfälle und anderweitigen Sym- 
ptome, die sie produzierte, eingehen). Die Szene, die sie produzierte, 
erwies sich analytisch als eine Wiederbelebung einer infantilen Szene, 
in der die Mutter der Patientin durch einen Mann bestohlen wurde, 
der tatsächlich einen Teil des dem Vater gehörigen Kleidergeschäftes, 
das die Mutter führte, auf oben beschriebene Weise ausraubte. 
Patientin erinnerte sich an eine heftige Szene, in der der Vater der 
Mutter den Vorwurf machte, durch ihre mangelhafte Aufsicht und 
zu großes Vertrauen habe sie ihn ruiniert. 

In der Wiederbelebung dieser Szene identifiziert sich Patientin 
mit der Mutter und korrigiert in ihrem weiteren Verhalten das, 
was die Mutter dem Vater Schlechtes getan hat,- sie machte es 
besser als die Mutter. 

Ich möchte noch hervorheben, daß im Beginn der Erkrankung 
Patientin scheinbar vollkommen unmotiviert plötzlich einen älteren 
Mann aufsucht, der ihr erstes Verhältnis war, zu dem sie aber seit 
vielen Jahren keine Beziehungen hatte. In ihrer Bedrängnis läuft sie 
oft zu ihm, um sich, wie sie sagt »in seinem Bette auszuweinen«. 

Ich habe bereits erwähnt, daß die Patientin sich bereits in 
früherer Zeit hysterischer Symptome zu Erwehrung der starken 
Mutterbildung bediente. Audi der Beginn der jetzigen Erkrankung, 
obzwar er den berechtigten Verdadit des Verfolgungswahnes er- 
weckt, steht noch im Zeichen der Übertragungsneurose. Patientin 
mobilisiert zum letzten Male mit voller Kraft ihre infantilen Be- 
ziehungen zum Vater, um sich der Mutter zu erwehren. Sie bedient 
sich noch hysterischer Mechanismen zu Heilungszwecken, wie sie 
sich dann des paranoischen bedient, als der erste mißhingen ist. 



Zur Psychologie des Mißtrauens 79 

Was uns heute au den Fall interessiert, ist die dem Ver* 
folgungswahn vorausgehende Phase des Mißtrauens. Wir sind so 
gewöhnt, diese zwei Symptome: Das Mißtrauen und den Ver> 
folgungswahn als Ausdruck desselben Mechanismus zu betrachten, 
daß dann eigentlich jede Erklärung des Mißtrauens bei einem, später 
als Paranoia erkannten Fall als unnötig erscheint. Die genaue ana- 
lytische Betrachtung des Falles hatte mich eines anderen belehrt. 
Wohl befindet sich Patientin in der Regression zur homosexuellen 
Objektwahl, sie bedient sich aber vorderhand im Stadium, von dem 
wir sprechen, noch nicht des paranoischen Mechanismus, es stehen 
ihr noch andere Abwehrmechanismen, die der Übertragungsneurose 
zur Verfügung. Das Mißtrauen spielt bei ihr dieselbe Rolle wie bei 
dem erstzitierten Fall: Es ist die Wahrnehmung der dem Ich 
drohenden Gefahr von Tendenzen, denen sich die Zensur, das Ge-- 
wissen warnend entgegenstellt: Die homosexuelle Regung und die 
aufgefrischte, heterosexuelle Bindung an das inzestuöse Objekt. 
Diese endopsychische Wahrnehmung der Feindseligkeit zwischen den 
psychischen Instanzen wird nach außen projiziert und im Mißtrauen' 
ausgedrüda. Erst als der Versuch, sich von der Mutter loszulösen, 
mißlingt, wird das Weib zur Verfolgerin,- der paranoische Mechanismus 
hat sich eingestellt. 

Man könnte geneigt sein, die von Freud für den Verfolgungs* 
wahn angegebenen Mechanismen mit Selbstverständlichkeit auch auf 
die Psychologie des Mißtrauens anzuwenden, und annehmen, es 
bestehe hier nur ein quantitativer Unterschied, um so mehr, als das 
Mißtrauen, eine ständige Begleiterscheinung der Paranoia, sich scheinbar 
im Beginne des Wahnes als Vorbote desselben dokumentiert. 

Dem steht die Erfahrung entgegen, daß das Mißtrauen ein 
häufiges, unter ganz divergierenden psychischen Bedingungen auf* 
tretendes Symptom ist. 

Ich leugne nicht, daß das Mißtrauen bereits den Verfolgungs- 
wahn ausdrücken kann, es wird dann eben bereits der Verfolgungs= 
wahn selbst sein und den Ausdruck desselben psychischen Prozesses 
mit dem der Paranoia eigenen Mechanismen bilden. Ich wollte nur 
betonen, daß er es nicht immer ist und, daß er sogar im Beginn 
der Paranoia aus anderen Mechanismen entstehen kann. 

Seine Wesensverwandtschaft mit der Paranoia liegt doch schon 
in der Projektion, der sich beide bedienen,- auf den Unterschied 
komme ich noch einmal zu sprechen. 

Übrigens sehen wir gerade im Anfangsstadium der Paranoia 
Bildungen, die noch stärkere Affinität zu dem von mir angenommenen. 
Mechanismus des Mißtrauens haben, als der gemeine • Verfolgungs* 
wahn. So im Symptom des Transitivismus, in dem die eigenen 
psychischen Veränderungen wahrgenommen, aber den anderen zu= 
geschrieben werden <im Wege der Projektion). Weiter im Beachtungs* 
wahn, der durch Freud seine psychologische Erklärung erhalfen hat, 
die darin besteht, daß die beobachtende Instanz eigentlich das eigene 



80 Dr. Helene Deutsch 



Gewissen repräsentiert, das aus äußeren Verboten gebildet, jetzt in 
regressiver Form wieder nach außen verlegt, projiziert dargestellt wird. 
Aus den bisherigen Erwägungen reasumiere ich folgendes: Das 
Wesen des Mißtrauens beruht auf dem uns aus anderen Zusammen- 
hängen bereits bekannten Mechanismus der Projektion. 

Die Bedingungen, unter denen das Phänomen zustande kommt, 
sind verschieden. Einmal wurden es unterdrückte Liebeseinstellungen, 
die im Keime erstickt werden, sein,- das andere Mal verpönte, ver* 
drängte Regungen, die das Motiv abgeben. 

Es hat im Unterschied zur Neurose keine dazu disponierende 
Fixierungsstelle in der Libidoentwicklung, es leitet sich von keiner 
bestimmten Triebkomponente ab. Jede Entwicklungsstufe, jede regres- 
sive Form der Libido und 'ihre Unverträglichkeit mit dem aktuellen 
Zustand der Persönlichkeit kann die Durchbruchspforte für das 
Symptom des Mißtrauens bilden. Der innere Konflikt zwischen 
jeder Triebregung und dem Ichbewußtsein, der sonst bei entsprechenden 
dispositionellen Momenten in einer bestimmten Neurosenform gelöst 
wird, ruft im Ichbewußtsein das Gefühl der gegen dasselbe ge- 
richteten Feindseligkeit, eine innere Spannung hervor, die nach außen 
projiziert, das Gefühl der Unsicherheit der Außenwelt gegenüber, 
d. i. das Mißtrauen bewirkt. Der Zwiespalt liegt dabei in psychi- 
schen Systemen und wird von da nach außen verlegt. 

Im weiteren entspricht das Mißtrauen der Projektion eigener 
unbewußter Haßtendenzen und den unterdrückten Regungen der 
Feindseligkeit gegen die Außenwelt, die innerlich wahrgenommen, 
auch wieder nach außen verlegt werden. In dieser Form werden 
wir das Mißtrauen überall dort finden, wo die anaUsadistische 
Komponente der Libido besonders stark entwickelt war. Also als 
ein häufiges Symptom der Zwangsneurose. 

Bei Paranoia finden wir das Mißtrauen als ein Symptom des 
Verfolgungswahnes mit allen Mechanismen dieser Erkrankung. 

Sonst unterscheidet sich das Mißtrauen trotz gewisser Analogien 
im Mechanismus dadurch von der Paranoia, daß es die homosexuelle 
Fixierung nicht zur unbedingten Voraussetzung hat und daß die 
Projektion ohne die typische Affektverwandlung der Paranoia vor 
sich geht. 

Soviel vom Mißtrauen als pathologischem Gebilde. 

Wie können wir nun die durch Analyse der Fälle analytisch 
erworbenen Erkenntnisse verwerten, um uns die Psychologie des 
Mißtrauens als bleibende Charaktereigenschaft klarzumachen? 

Der Zusammenhang einzelner Charakterzüge mit bestimmten 
Trieben und .Erregungen gewisser erogener Zonen ist psycho- 
analytisch bereits festgestellt worden, ebenso die Tatsache, daß sie 
Fortsetzungen der verdrängten Triebe, Reaktionsbildungen und Subli- 
mierungen derselben darstellen. 

An welcher Stelle des Unbewußten greift nun diese den 
Menschen sozial so verderbende Eigenschaft des Mißtrauens an, 



Zur Psychologie des Mißtrauens 81 

die ihn in fortwährender qualvoller Unsicherheit leben läßt, immer 
Böses argwöhnend, immer in Waffen der Abwehr gegen den Feind, 
den er nicht sieht und doch neben sich fühlt, in jedem vermutet, 
überall sucht. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß bei allen 
Mensdien Triebregungen elementarer Natur bestehen, die das tiefste 
Wesen des Menschen sind, alte Impulse, Wünsche, Strebungen, 
eingewurzelte Besitztümer der Seele, die im Laufe der Zeiten den 
Verdrängungen unterlagen und durch eine im Innern waltende Instanz 
in der Zurückweisung gehalten werden. Ergibt sich nun aus einer 
Verschiebung des quantitativen Verhältnisses einzelner Bestandteile 
des harmonisch wirkenden Gefüges des unbewußten Seelenlebens 
ein Kampf zwischen einer überwuchernden, nach aufwärts strebenden 
Triebregung und der in die Verdrängung zurückweisenden Instanz, 
bleibt er andauernd unerledigt, unausgefochten, so ruft er ständig 
im Individuum den Zustand der inneren Unsicherheit, das Gefühl der 
bestehenden Gefahr hervor, die nach Außen projiziert, dem Charakter 
das Gepräge des Mißtrauens gibt. Gleichzeitig gelingt es dem 
Individuum sich in dieser Form endgültig der Wiederkehr des Ver« 
drängten zu erwehren. 

Bei dieser Annahme stütze ich mich auf die am Fall 1 ana« 
lytisch gewonnenen Erfahrungen, bei dem unter analogen Bedin» 
gungen, aber im Zeichen des aktuellen Konfliktes, die Wiederkehr des 
Verdrängten das Mißtrauen als passageres Symptom entstehen ließ. 

Ein Trieb ist es jedoch, dem scheinbar besondere Bedingungen 
gegeben sind, mit dem Mißtrauen organischer verknüpft zu werden: 
Das ist der Sadismus und die mit ihm verbundene Intensität der 
psychischen Gefühlsambivalenz. 

Dieses wie Freud sagt »fundamentale Phänomen« der mensch« 
liehen Seele, von uns allen konstitutionell mitgebrachte Erbstück, 
begleitet alle Beziehungen auch unseres normalen Daseins. 

Wo dieser immanente, im Normalen scheinbar — ausgeglichene, 
aber immer lauernde Ambivalenzkonflikt — durch den mehr erit« 
wickelten Sadismus eine Verstärkung bekommt, weicht das Individuum 
dem Konflikte aus, indem es einen Teil desselben, die unbewußte 
Feindseligkeit nach Außen projiziert. Darin sind wieder die psychischen 
Bedingungen zur Entstehung des Mißtrauens als Charaktereigen« 
schaff gegeben. Die projizierte Feindseligkeit wird als eine von außen 
gegen das Individuum gerichtete empfunden und vom Mißtrauen 
empfangen. 

Es sind dieselben Bedingungen, die unter der Voraussetzung 
des aktuellen Konfliktes und der mißglückten Verdrängung den Kern 
der Zwangsneurose bilden, und sich desselben Mechanismus der 
Projektion beim Entstehen des Mißtrauens als Symptom der Zwangs« 
neurose bedienen. 

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf die 
bereits im vorigen erwähnte Tatsache aufmerksam machen, daß die 
Enttäuschungen an den ersten, vorbildlichen Liebesobjekten der Kind« 

Imago Vn/l 6 






82 



Dr. Helene Deutsch 



heit, der daraus resultierende Abzug vom Ideal, die starken Motive 
zur Verstärkung des Dispositionellen liefern, und vielfach für den 
Charakter das Verhängnisvolle darstellen werden. Als Charakter^ 
eigenschaft kann das Mißtrauen eine direkte Fortsetzung dieses 
primären Anstoßes" bleiben — bei seinem Entstehen als neurotisches 
Symptom auf die Auffrischung dieser alten Erinnerungsspuren 
zurückgeführt werden. 

Aus dem Obengesagten wird es uns leicht verständlich werden, 
wieso diese, so allgemein bekannte und fast zur Regel gewordene 
Tatsache zustande kommt, daß der Verlust des Gehörs, die Taub» 
heit, eine so auffallende Veränderung des Charakters, das typische 
Mißtrauen mit sich bringt. 

Wir wissen, daß alle Situationen, die irgendwie eine Ent* 
täuschung am Leben bringen, in denen der Mensch sich gekränkt, 
zurückgesetzt fühlt, auch eine Libidostörung in Gefolge haben können, 
indem die überstarken, bis dahin in Schranken gehaltenen Trieb- 
komponenten vom geschwächten Ich nicht mehr bewältigt werden 
können. 

So wird es dem Individuum schwer, den in jeder Seele 
waltenden Sadismus und die Ambivalenz zu beherrschen. Es wird 
mißtrauisch, indem es feindselig wird. 

Aber nicht nur aus der Tatsache der gestörten Libido läßt 
sich das Mißtrauen der Tauben erklären. 

Ich fragte einmal eine Taube, früher treuherzige Person, warum 
sie mißtrauisch geworden ist. Sie gab mir zur Antwort: »Wie kann 
ich den Menschen trauen, wenn ich sie nicht höre?« Diese scheinbar 
einfältige Antwort hatte mir jedoch vieles gesagt. 

Wir brauchen sichtlich der ständigen Wache aller unserer Sinne, 
um uns vor der Feindseligkeit der Wesen zu schützen, die uns in 
ihren Gefühlen gleichen. 

Alle Menschen werden für uns »Gettatore«, der »Mann mit dem 
bösen Blick«, wenn wir sie nicht mit dem Ohr kontrollieren können. 

Ich habe am Anfang erwähnt, daß keiner Beobachtung die 
Tatsache entgehen kann, daß die Menschheit in den letzten Jahren 
so voll Mißtrauen geworden ist. Dieses Mißtrauen drüdtt sich in 
allen Beziehungen der Menschen zueinander aus, und scheint eine 
der Folgeerscheinungen des Krieges zu sein. 

Die Motivierung, daß das Mißtrauen nur eine Reaktion auf 
den Verfall der Sitten, auf das zunehmende Stehlen, Rauben und 
Morden ist, seine Ursache in den realen Gründen der Unsicherheit 
des Daseins hat, genügt unserem psychoanalytischen Denken nicht. 

Ich glaube, es ist nicht so, daß die Menschheit sich In zwei 
getrennte Gruppen geteilt hat: Die einen die Stehlen und Morden 
— und die anderen, die Mißtrauen haben. 

Meiner Ansicht nach, sind das zwei parallele, gleichzeitige 
Erscheinungen derselben Ursachen mit etwas individualisierten 
Äußerungen. 



Zur Psydiologie des Mißtrauens 83 

Freud hatte uns in seinem Aufsatz: »Zeitgemäßes über Krieg 
und Tod« gezeigt, wie der Krieg die Triebumbildung, auf welcher 
unsere Kultureignung beruht, rüdtgängig gemacht hat, wie wir eine 
Illusion aufgeben mußten, daß unsere Triebneigungen sublimiert 
keiner Schranken des äußeren Zwanges bedürfen, um den kulturellen 
Forderungen zu entsprechen. 

Der Krieg hat uns gezeigt, daß die Kultur uns zwar die 
Triebunterdrückung auferlegt hat, nicht aber die Bereitschaft der 
gehemmten Triebe, im geeigneten Momente durchzubrechen, gestört 
hat. Wir waren Zeugen, wie rasch sich der menschliche Sadismus, der 

fanze Abgrund des Hasses und der Feindseligkeit der menschlichen 
eele, seiner Schranken entledigen konnte, und sich gebärdete, als 
hätte er nie die Fesseln der langen Unterdrückung getragen. Und 
einmal losgelassen, gehen die mächtigsten Triebe nicht gleich gefügig 
ins Joch zurück. 

Noch tobt sich der Sadismus in seiner Losgelassenheit aus. 
Wo er primitiver, ungeheuchelter, unkultivierter ist, wirkt er aktiver: 
Er mordet und plündert. 

Wo er durch größere Kulturdurchtränkung vom Individuum 
zurückgewiesen wird, windet er sich in seinen Fesseln: Aus der 
Unterdrückung sendet er seine Ausläufer des Hasses und der Feind= 
Seligkeit, durch die bereits wirkende Zensur zurückgehalten, bedient 
er sich der ihm vertraut gewordenen Mechanismen der Reaktions* 
bildungen, Projektionen etc. 

Als Ausdruck der letzten erkennen wir das Mißtrauen. 
Unsere Seele ist primitiver geworden. Die Welt wurde uns voller 
Dämonen. Denn, stammt unser Mißtrauen nicht aus denselben Quellen 
unserer Seele wie der Dämonenglauben der Primitiven? 

Die Psychoanalyse hat uns das Sehen gelehrt! 




. 



6* 



84 Dr. Hermine Hug»Hellmuth 



Vom wahren Wesen der Kinderseele. 
Redigiert von Dr. H. HUG-HELLMUTH. 

Vom »mittleren« Kinde. 
Von Dr. HERMINE HUG-HELLMUTH. 

Wir sind gewohnt zu hören, daß dem »einzigen« Kinde aus seiner 
Sonderstellung in der Familie eine ganz eigenartige Entwidmung 
erwachse, die keineswegs als günstige zu bezeidinen und von den 
Eltern nicht beabsichtigt und erwartet ist. Durch ihre verzärtelnde Liebe, 
die es zum Mittelpunkt des Hauses macht, verwöhnt, sudit das »Einzige« 
allerorten ein gleiches Übermaß von Neigung. Sein Streben, überall Hahn 
im Korb zu sein, seine Unfähigkeit, sich anderen Kindern anzupassen, 
machen es unbeliebt und verschärfen den Gegensatz zwisdicn der liebe- 
geschwängerten Atmosphäre daheim und der gefühlskalteren weiteren Um- 
welt. Die Frühreife, zu der das geschwisterlose Kind sich im steten ein- 
seitigen Verkehr mit den Erwachsenen entwickelt, wird von den Eltern in 
der Regel als Anzeichen einer ungewöhnlich hohen Begabung, einer großen 
Bestimmung im Leben gewertet und die Enttäuschung ist groß, wenn die 
Originalität seiner Aussprüche erlischt, sobald das »Einzige« in die Schule 
kommt. In dem neuen Kreise, in dem es eins unter vielen wird, vermißt 
es zum ersten Male die gewohnte Überschätzung seines Ich. Es fühlt sidi 
zurückgesetzt. Häufig will es durch Vordringlichkeit Beachtung erzwingen/ 
gelingt ihm dies nicht, dann wird es empfindlich, widerspenstig gegen die 
Lehrer, rechthaberisch, unverträglich gegen die Mitschüler. Es bietet im 
Kleinen das Bild des asozialen Menschen, der es dereinst wird. Oft versagt 
es in Bälde im Lernen, weil es dank der ausschließlichen Gesellschart der 
Erwachsenen »schon alles weiß« — kurz das verhätschelte, verzogene 
Wunderkind wandelt sich in ein schwer erziehbares, »nervöses« Kind, das 
früher oder später schlimmen Sdiiffbruch leidet an den Klippen des sozialen 
Lebens. 

In recht ähnlicher Weise vollzieht sich das Sdiicksal des »Lieblings- 
kindes«. Vielleicht wird ihm das Zurechtfinden im Leben nodi schwerer, 
weil sich das Glück seines Kinderdaseins auf der Zurücksetzung der Ge« 
schwister aufbaute und weil es also überall zu seiner Zufriedenheit die 
Bevorzugung gegenüber Gleichberechtigten braudit. Streit und Mißgunst der 
Geschwister läßt es seine Ausnahmestellung doppelt lastvoll empfinden und 
die gleiche Konstellation sudit es sein ganzes Leben. 

Die psychoanalytische Forschung hat wiederholt darauf hingewiesen, 
daß auch dort, wo mehrere Geschwister unter den freundlichsten Lebens- 
bedingungen aufwachsen, nicht das paradiesisdie Glück herrscht, das der 
Laie so gern dem Kindergemüt andichten möchte. Wir wissen, daß das 



Vom »mittleren« Kinde. 85 



bisher »Einzige« von heftiger Eifersucht erfaßt wird, wenn ihm ein Ge- 
schwisterchen die Alleinherrschaft im Hause entreißt. Wir sehen es dann 
den kleinen Ankömmling mit scheelen Blicken betrachten, allerlei gehässige 
Reden und Gebärden geben Ausdruck von der durchaus nicht liebevollen 
Einstellung zu dem unerwünschten neuen Mitglied der Familie. Auch die 
ebenfalls recht zwiespältigen Gefühle des Jüngeren gegen den Älteren sind 
uns gut bekannt. Wir sind also bereits gewohnt, in der Kinderstube eine 
keineswegs nur liebeerfüllte Atmosphäre zu erwarten, wir haben uns viel- 
mehr mit der Tatsache abgefunden, daß die kindlichen Gefühle gegen die 
Geschwister stark ambivalent sind. 

Die mündliche Äußerung Professor Freuds, daß man immer nur 
von der sexuellen Aufklärung des erstgeborenen Kindes spreche, während 
die der nachfolgenden Geschwister den Erwachsenen anscheinend wenig 
Sorge mache und daß man vielleicht mit gutem Recht diese Frage die 
Kinder in eigener Regie solle beantworten lassen, lenkte meine Aufmerk- 
samkeit auf die für die seelische Entwicklung der Geschwister, zumal des 
»mittleren« Kindes bedeutsamen Faktoren. Über das Schicksal des letzteren 
fand ich in der Literatur keine Aufzeichnung. Bislang wurde dem »mittleren« 
Kinde keine besondere Beachtung zuteil. Sein Los im Leben, »mitzulaufen« 
ist auch sein Los in der Kinderpsychologie. Doch scheint es mir wohl 
wert, besonders beleuchtet zu werden/ denn es gibt uns Aufklärung über 
den eigentümlichen Lebenslauf vieler Frauen und Männer, Menschen, die 
ihr ganzes Leben in irgendwelchem Bemühen um Liebe, Anerkennung, 
Reichtum vergeuden und doch immer zwischen zwei Stühlen auf die Erde 
zu sitzen kommen. 

Allerdings ist es in unserer das Ein- und Zweikindersystem bevor- 
zugenden Zeit nicht leicht, eine große Zahl von Beobachtungen an »mittleren« 
Kindern zu sammeln/ immerhin stützt sich meine über mehrere Jahre aus- 
gedehnte Untersuchung auf eine ziemliche Reihe von Fällen, aus der ich 
die besonders prägnanten herausheben will. Sie entstammen nur zum geringen 
Teil der psychoanalytischen Praxis, denn in dieser überwiegen die »Einzigen« 
und die ältesten Kinder bei weitem die »mittleren«. Diese Tatsache ist gut 
verständlich aus der Sonderstellung des ältesten und des einzigen Kindes in 

der Familie. . 

Vorausgeschickt sei, daß unter dem »mittleren« Kindeinsbesondere 
das zweite von drei, im weiteren Sinne ein von den übrigen Geschwistern 
durch größere Altersunterschiede nach oben und unten gesondertes Kind zu 
verstehen ist. 

Die mittlere von drei Schwestern <fünfzehn, zwölf, zehn Jahre) klagt: 
»Es ist ein Unglück, so in der Mitte zu sein. Die Emmy <die älteste) glaubt, 
weiß Wunder was sie ist, mit ihren nicht einmal ganz 15 Jahren und die Mary 
glaubt, sie ist schon dasselbe wie ich, der kleine Fratz von 10 Jahren. Und 
einmal heißt es: ,Du bist die Große, du sollst die Gescheitere sein und 
nicht allen Unsinn mitmachen', oder ,So gib doch der Kleinen nach, du 
sollst doch schon- so vernünftig sein', und dann wieder einmal: ,Laß die 
Emmy arbeiten, spiel mit der Mary' oder ,die zwei Kleinen . . .' Das 
war immer so. Wie ich 7 Jahre alt war, kam ich in die II. Klasse ins 
Institut G. Ich war sehr stolz, daß ich nun auch in die Schule gehen sollte 
und weil die Emmy gewöhnlich schon um 8 LIhr Turnen oder Französisch 
hatte, durfte ich sogar mehrmals allein gehen. Da wurde am 1. Dezember 
ein Kindergarten eröffnet und da ließ Mama die Mary einschreiben, damit 
sie nicht den ganzen Vormittag allein zu Hause sei. Jetzt mußten wir mit- 



86 Dr. Hermine Hug-Hellmuth 






einander gehen, d. li. die Mary wurde vom Fräulein hingeführt und ich 
mußte mitgehen. Ich war wütend und lief entweder voraus oder idi blieb 
eine Gasse weit zurück. Natürlich gab's richtig Verdruß. Und jetzt ist es 
noch so: Wenn ich mit der Mary gehe, bin ich die »Große' und soll auf 
sie aufpassen, besonders seit vorigem Jahr, als sie von einem Fiaker über- 
fahren wurde und wo ihr doch nichts geschehen ist/ aber wenn die Emmy 
und ich zusammen gehen, da bin ich die ,K!cine' und soll ihr schön bray 

folgen ... _ 

Und mit den Kleidern ist es auch so eine Geschichte/ zuerst hatten 
die Emmy und idi die gleichen Kleider und dann auf einmal bekam sie 
besondere und ich und die Mary bekamen die gleichen. Oft hält man uns 
sogar für Zwillinge. Und ebenso ist es beim Essen und Schlafengehen und 
bei allem. Nächstnädistes Jahr soll ich in die Tanzstunde gehen, und die 
Mary natürlich auch, aber da pfeiff ich auf die ganze Tanzerei. Dann petzt 
sie, was ich tue und wie ich schaue und mit wem idi rede. Überhaupt ich 
habe zwei Spione,- wenn wir nur zwei Kinder wären, so hätte idi nur 
einen Spion, aber so klatscht einmal die Emmy, einmal die Mary über 
mich, je nachdem mit wem ich gehen muß . . . 

Und wenn Kinder eingeladen werden, so hat gewöhnlich die Enuny 
ihren Nachmittag und ich darf ein oder zwei Mädel mit einladen oder es 
kommen lauter kleine Kinder zur Mary und zu mir kommt bloß die 
Grete, die Schwester vom Kurt und der Edith. Nie habe ich eine richtige 
KindergeseIJschaft für mich. Ein einzigesmal hatte idi einen Nachmittag an 
meinem 10. Geburtstag/ da bekam die Mary die Grippe und dann die 
Emmy und die Einladung wurde abgesagt. Idi habe noch nie die Grippe 
gehabt. Das ist überhaupt merkwürdig, von klein auf haben die Emmy 
und die Mary immer alle Krankheiten, z. B. Masern, Scharlach, Diphteritis 
zugleich gehabt und ich nicht, oder ich bekam sie viel später, so daß ich 
dann ganz allein liegen mußte. Wenn aber die zwei krank waren, durfte 
ich auch nicht in die Schule gehen und war wieder ganz allein. Als ob sie 
mir's zu Fleiß getan hätten. Aber das Schönste ist schon, wenn ein großer 
Ausflug ist oder wenn wir Theaterkarten bekommen/ zuerst war ich zu 
klein zum Mitgehen, aber jetzt ist die Mary auf einmal groß genug. So 
ist es bei allem, bei den Büchern, bei den Klavierstücken und immer. Am 
liebsten wäre mir, wenn idi oder eines von uns nidit zu Hause wäre, dann 
wären wir nur zwei und alles wäre anders.« 

Aus der Analyse eines dreizehnjährigen geistig gut entwickelten, 
körperlidi aber ziemlich zurüdtgebliebenen Knaben, dessen Brüder vierzehn 
und peun Jahre alt waren, entnehme ich folgende Stellen: ' 

» ... Es ist ein rechtes Elend/ alle Kinder in einer Familie sollten 
gleich alt sein können oder wenn viele Kinder, z. B. 6 oder 8 da sind, 
dann sollten sie in zwei Gruppen sein. Dann gäbe es keine solchen Un- 
gerechtigkeiten, z. B. wie der Robert (der älteste 20jährige Bruder) gefallen 
ist, hat der Fritz aus den besten Sachen Anzüge bekommen und ich mußte 
die vom Fritz. nehmen, aber der Karli hat nicht meine Kleider bekommen, 
Gott bewahre, für den haben die Großeltern ganz neues Gewand gekauft. 
. . . Auch beim Essen geht's so. Entweder heißt's: ,Der Fritz ist 
der Älteste, drum kriegt er das Meiste' oder ,Streit clodi nidit immer mit 
dem Karli, der versteht es ja nicht so' und da bekommt er immer zuerst 
und das Beste und das größte Stück und dann schimpft die Mutter, dal) 
ich immer mit den Augen abwäge, was jedes bekommt. Aber am meisten 
ärgert mich das: Wie wir nodi kleiner waren, der Fritz 8 und idi 7, da 






Vom »mittleren« Kinde. 87 



hat immer der Fritz das Kasserole von Mehlspeisen auskratzen dürfen, 
weil er der Ältere war, und jetzt kriegt's der Karli zum Reinputzen, weil 
er der Kleinste ist und ich hab's also natürlich nie bekommen,- solche Un= 
gerechtigkeiten empören mich und dann werde ich wild und mache einen 
fürchterlichen Radau . . . Und gerade so ist's mit den Büchern im Bücher* 
kästen/ der Fritz nimmt sich schon, seit er ins Gymnasium geht, aus dem 
Bücherkasten, was er will; wenn idi aber ein Buch nehmen will, heißt's 
gleich: ,Du hast im Bücherkasten nichts zu suchen' ... Ich habe mir schon 
oft gedacht: drei Kinder in einer Familie, das kommt mir vor wie Kopf, 
Körper <= Leibesmitte) und Füße. Die Mitte ist immer durch die Kleider 
eingeschnürt, z. B. durch den Hosenriemen, aber der Kopf und die Beine 
sind frei, die können tun, was sie wollen. Der Kopf kann sieb drehen und 
mit den Augen hinschauen, wohin er will und denken und reden, was er 
will usw., die Füße können stehen und gehen und laufen, aber der Leib 
kann gar nichts allein tun. Sie kennen doch die Sage von Menenius Agrippa 
vom Magen und den anderen Gliedern des Körpers. Da zeigt Menenius 
Agrippa seinen Landsleuten, daß alle Glieder des Körpers gleich viel wert 
sind und so sollte es auch mit den Kindern sein . . . Immer hat der Vater 
eins zum Liebling und die Mutter eins, also sollten nur zwei Kinder in 
der Familie sein. Und auch sonst; wenn nur zwei Kinder da sind, ist das 
viel besser,- jedes hat seine Vorrechte, der eine ist der Älteste, der andere 
der Jüngste,- einer gönnt dem andern seine Vorrechte, weil er selber auch 
welche hat, es braucht keinen Streit und Zank zu geben. Aber der mittlere 
Bruder ist immer schlecht dran, Vorrecht hat er überhaupt keines und jedes 
Redit teilt er entweder mit dem älteren oder mit dem jüngeren Bruder,- 
nie ist er selbständig, immer ist er ein Anhängsel oder eben die Mitte 
zwischen Kopf und Füßen ... So ist es auch im Staat: auf der einen 
Seite der Adel und die Reichen, die alles haben, auf der andern die Ar= 
beiter, die Armen, die doch das Recht haben, bei Aktionen und Beteilungen 
anzusuchen und in der Mitte sind d'e Beamten, der Mittelstand, der nichts 
hat und auch nichts bekommen kann bei Aktionen usw., weil er sich schämt 
zu bitten. So ist es bei der Tante Luise, sie haben nichts, aber sie können 
doch auch nirgends ansuchen,- gut, daß sie nur ein Kind und nodi dazu 
ein Mädel haben . . . Das Richtige wäre vielleicht, wenn in einer Familie, 
die schon zwei Kinder hat, sobald noch ein drittes kommt, eines von den 
dreien stürbe, so daß doch immer nur zwei sind, das wäre gut für beide.« 
Ein neunjähriges Mädchen schildert ihr Zusammenleben mit ihrer elf= 
jährigen Schwester Marietta und den fünfjährigen Zwillingen Hansl und 
Gretel folgendermaßen: 

»Die Marietta ist der erklärte Liebling vom Papa, der Hansl von 
der Mama,- für mich ist niemand da, nicht einmal die Tante Rosa, denn 
ihr Liebling ist die Gretel. Sie sagen zwar alle, daß ich der Liebling der 
Großmama bin, aber das ist nicht wahr,- ihr Liebling ist der Fredy vom 
Onkel Walter, von uns hat sie überhaupt keinen Liebling, am ehesten noch 
die Marietta oder eigentlich noch eher den Hansl, aber mich hat niemand 
besonders gern, so gern, daß es jeder gleich merkt, und dann sagen sie, ich 
bin zuwider und grantig. Natürlich, wenn einem immer jemand anderer 
vorgezogen wird. Immer soll ich den zwei Kleinen nachgeben, aber der 
Marietta fällt es nicht ein, mir nachzugeben, ,denn sie ist die Große, der 
ich folgen muß'. Könnte mir einfallen! . . . Wenn große Kinderjause ist, 
weiß ich nie, wo ich hingehen soll. Die Marietta und ihre Freundinnen 
hören auf zu reden, wenn wir, ich und meine Freundinnen, dazukommen 



Dr. Hermine Hug^Hellmuth 



und reden in Geheimspradien, während wir Tombola spielen. Bei den 
Kleinen aber ist es mir zu langweilig. Ich werde doch nicht mit ihnen 
Ringelreihen spielen oder Sandkuchen backen oder herumbalgen. Und wenn 
ich's schon einmal tue, dann heißt's, ich soll nidit so grob sein, sondern 
lieber aufpassen, daß keinem was geschieht und daß sie ihre Kleider nicht 
schmutzig machen oder zerreißen. . . . Am Abend soll ich auf die Kleinen 
aufschauen, die Marietta hat zu lernen, sagt die Mama, denn sie geht in 
die Bürgerschule, aber ich habe nichts zu tun und da kann ich schon auf- 
passen. Andere Leute haben ein Fräulein oder wenigstens ein Kinder- 
mädchen, aber bei uns muß man alles selber machen. Wie die Anna <das 
Dienstmädchen) krank war, habe ich das Gesdiirr abtrocknen müssen und 
die Schuhe putzen, denn die Marietta hatte natürlich keine Zeit und die 
Zwillinge sind zu klein dazu. Ich bin wirklich das ,Aschenbrödel' in der 
Familie,- hoffentlich kommt einmal wirklich ein Prinz, der mich erlöst . . . 
Am ärgsten ist es mit den Kleidern; seit der Krieg ist, habe ich eigentlich 
nur ein neues Kleid bekommen; immer werden die Sadien der Marietta, 
aus denen sie drauswächst, für midi als ,neue Kleider' hergcriditet. Aber 
wie die Mama aus meinem Wintermantel einen für die Gretel machen 
wollte, hat gleich die Tante Rosa gesagt: ,Das rentiert sich nicht mehr, der 
Mantel ist schon zu sdiäbig'. Aber jetzt gebe ich auf das grüne Kleid, das 
ich von der Marietta bekommen habe, absichtlich recht acht, weil ich sehen 
will, ob dann doch noch was für die Gretel gerichtet wird . . .« 

Ein neunzehnjähriges Mädchen, das mit einer um drei Jahre älteren 
und eine um drei Jahre jüngeren Schwester heranwudis, spricht sich über das 
Zusammenleben von Geschwistern in folgender Weise aus: »Gesdiwister 
sollten immer nur zu zweien sein, ein Bruder und eine Sdiwester. Wenn ich 
einmal heirate, so möchte ich absolut nur zwei Kinder, zuerst einen Buben 
und im nächsten Jahr ein Mäderl und dann Schluß. Ich sehe bei der Tante 
Regine, wie schlecht es ist, wenn nur ein Kind allein da ist, wie es ver- 
zogen wird und doch nicht zufrieden ist/ immer wünscht sich die kleine 
Linda ein Brüderchen oder eine Schwester, aber Onkel und Tante, insbe- 
sondere die Tante, wollen davon nichts wissen. Aber bei dreien, wie es 
bei uns war, ist immer eins zu viel/ ein Glück, daß die Liddv schon mit 
\7 i U Jahren geheiratet hat. Aber die Zeit der Verlobung war gräßlidi für 
mäch. Denn vorher waren doch die Liddy und ich immer mehr zusammen 
und die Margit galt als Kleine/ das änderte sich mit der Verlobung Liddys/ 
jetzt wurde ich plötzlich zur Margit geworfen, denn eine Braut ist natürlidi 
ganz erwachsen, auch wenn sie kaum erst 17 ist. Dieser Umschwung brachte 
mich oft in eine solche Wut, daß ich hätte weiß Gott was Gräßliches an- 
stellen können. Dies war, glaube ich, auch der Hauptgrund, warum idi für 
2 Jahre in ein Pensionat nach Deutschland kam. Als ich zurüdekam, waren 
die Margit und ich wenigstens allein/ ich hatte um so viel mehr gesehen 
von der Welt, das imponierte ihr. . . . Aber man hat sdion wirklich viel 
zu leiden als Mittelste, weil einem die Alteste immer als Muster und 
Beispiel vorgeritten wird, obwohl man sich ganz gut erinnert, daß sie 
auch kein Engel war. Und der Kleinen soll man immer ein gutes Beispiel 
geben usw. ...» 

Interessant ist es zu erfahren, wie anderen Familienmitgliedern das Los 
des »mittleren« Kindes erscheint. So äußert ein hochintelligenter vierzehn- 
jähriger Junge, der älteste unter drei Geschwistern, sich über das Verhältnis 
des mittleren, zwölfjährigen Bruders zu ihm und der zehneinhalbjährigen 
Schwester Ella in der Analyse ungefähr wie folgt: ». . . Der Ado hat 



Vom »mittleren« Kinde 89 



es gut/ einmal kann er tun, was mir als Ältestem zukommt und dann 
wieder, wenn's ihm paßt, stellt er sich mit der Ella auf eine Stufe. So 
Sst's beim Theatergehen, beim Sport, beim Essen, Schlafengehen, zu 
Weihnachten, kurz immer und bei allem. Paßt's ihm, so gehört er zu mir, 
paßt's ihm anders besser, so hält er sich zur Ella, er ist ein Kalfakter. 
Eigentlich kann man ihm 's nicht übelnehmen, da er weder der Älteste 
noch der Jüngste ist. Aber trotzdem sekkiere ich ihn, wo ich kann, z. B. 
beim Essen drehe ich die Schüssel so, daß gerade das kleinste Stück auf 
ihn kommt,- beim Fleisch liegt ihm nicht so viel dran, aber bei einer guten 
Mehlspeise ärgert er sich sehr, besonders wenn jemand zu Tisch geladen ist, 
so daß er nicht streiten kann. Oft verstecke ich der Ella etwas von ihren 
Sachen und schiebe es dann auf den Ado. Und beim Theaterspielen, wo 
idv immer Regisseur bin, teile ich ihm die schofelsten Rollen zu. Natürlich 
ist er beleidigt und beklagt sich bei der Mutter, deren Schoßkind er ist, 
obwohl er behauptet, ich sei ihr ausgesprochener Liebling, so wie die Ella 
der des Papas. Das letztere stimmt und früher war ich tatsächlich der 
Liebling der Mama, aber seit der schweren Lungenentzündung, an der der 
Ado fast gestorben wäre vor drei Jahren, hat sich dies vollständig geändert 
zu seinen Gunsten. Von dem Tage ab, jetzt hätte ich bald .Todestag' gesagt, 
wo er von den Ärzten aufgegeben war, wurde er der entschiedene Liebling 
der Mama. . . . An eine Szene erinnere ich mich gut,- wie ich 10 Jahre 
und der Ado 8 und die Ella 7 Jahre waren, bekamen wir zu Weihnachten 
einen großen Zauberkasten. Natürlich hat der Ado, der dumme Kerl, nichts 
zusammengebracht beim Zaubern und weil ich natürlich alles konnte, be.- 
kommt er eine solche Wut, daß er mit dem Griff vom Zauberei so auf 
meinen Kopf losdrischt, daß der Griff abbricht, ohne daß er es merkt und 
sagt, ich hätte den Griff abgebrochen/ aber die Ella war Zeuge. Und dann 
ist er immer geneckt worden mit seinem Zauberstück mit dem Griff vom 
Eibecher. Und je mehr er in Wut kam, desto mehr höhnten wir ihn . . . 
Etwas Köstliches fällt mir ein,- der Ado, der dumme Pimpf, hat die gewissen 
unanständigen Dinge, von denen ich Ihnen schon erzählte, vor mir gewußt, 
d. h. er hat mich aufgeklärt,- ist das nicht zum Lachen? Mit 6 bis 7 Jahren 
muß er schon alles gewußt haben, denn ich war zwischen 8 und 9, wie er 
mir alles sagte und gleich darnach klärte er die Ella auf und da hat's dann 
den Mordsskandal gesetzt. Daß der jüngere Bruder dem älteren alles sägen 
muß, ist die verkehrte Welt, dadurch hat er den Respekt verloren und 
daher stammt hauptsächlich unsere Feindschaft. Denn dadurch wirft er sich 
zum Herrn auf, was ich mir natürlich nicht gefallen lasse. Ich hätte alles 
früher, vor ihm wissen sollen und ihn einweihen, das wäre das Richtige. 
Aber so wie es ist, darunter leide ich direkt. Und es ist auch ganz natura 
lieh, daß er sich beim Lernen nichts von mir sagen läßt, darin gebe ich ihm 
vollkommen recht. Das sollte der Papa auch einsehen. Ich habe oft das 
Gefühl, daß er, trotzdem ich Sie um alles fragen kann und Sie mit mir 
wirklich über alles reden, vielleicht doch mehr weiß als ich. Der dumme 
Kerl, der mit 7 Jahren nicht einmal noch wußte, wieviel 3 + 5 ist, so daß 
die Ella ihm immer alles vorsagte. Überhaupt die I. Klasse des Ado, das 
war eine Komödie/ er hat das Rechnen nicht kapiert und da hat er's an 
Keks und Zuckerln lernen sollen und hat geplärrt, wenn er die Zuckerln 
so lange nicht bekam, als er die Rechnung nicht konnte/ und dann kam der 
kleine Stöpsel, die Ella, und rechnete es aus und bekam die Zuckerln. Die 
Wut vom Ado, das war zum Schießen! Manchmal hat er mir direkt leid 
getan, wenn's immer geheißen hat: ,Da schau die Ella an, die geht noch 



90 Dr. Herniine Hug-Hellmuth 



nicht in die Schule und kann das alles schon' oder ,Na, dein Ausweis wird 
nicht so ausschauen als wie der vom Kurt/ der hat immer lauter Einser 
gehabt'. Na also, das ist ja jetzt auch anders geworden bei mir, aber In 
der Volksschule habe ich tatsächlich lauter Einser gehabt. Und in der 
I. Gymnasialklasse, das war ein Gaudium mit dem Ado. . . . Manchmal 
glaube ich fast, er spielt sich absichtlich auf den Dummen hinaus, aber 
warum hat er denn dann eine solche Wut, wenn ihm die Ella oder idi 
als Beispiel vorgehalten werden? Ich möchte wirklich nicht an seiner Stelle 
sein, entweder der Älteste oder der Jüngste/ der Mittlere hat's gut und 
schlecht je nachdem. Er wird viel sekkiert, bej Renner wird die Frieda 
geuzt vom Georg und von der Mizzi. . . . Oft sagt der Ado, er ist der 
Benachteiligte, denn ich als der Alteste sei arrogant und frech und die Ella 
mit ihrem wehleidigen Getue komme als Jüngste und als Mädel überhaupt 
nicht in Betracht und so habe er, trotzdem wir unser drei sind, keine 
Geschwister, sondern nur Feinde, die ihn belauern, verraten und hassen/ 
na, also ganz unrecht hat er nicht, Ör ist nicht zu beneiden, ich bin doch 
froh, daß ich nicht an seiner Stelle bin. . . .« 

Endlich sei das Urteil einer Mutter über die seelische Entwicklung 
des mittleren ihrer drei kleinen Mädchen <neun, acht, fünf Jahre) angeführt: 
»In den ersten 3 Jahren war Lotte ein fröhliches, zutunlidies Kind, das 
mit der um 1 Jahr älteren Magda ein Herz und ein Sinn war. Kurz nach 
der Geburt der kleinen Paula stürzte Lotte von der Schaukel und bradi 
eine Rippe,- sie mußte lang zu Bett liegen und der Arzt fürchtete anfangs 
eine Rückgratsverkrümmung, was aber glücklicherweise nicht eintraf. Aber 
von dieser Zeit an war sie gegen Magda anders/ tyrannisch, launenhaft, 
grob, ja sogar boshaft gegen die ältere Schwester, schloß sie sich mit leiden^ 
schaftlicher Liebe an die kleine Paula an, von der sie sich alles gefallen ließ. 
Und so ist es noch heute. Sie bemuttert die Kleine, tut ihr alles zuliebe 
und nimmt jeden Streich, den die Paula ausführt, auf sich und hat dadurch 
schon manche ungerechte Strafe bekommen. Magda ist wohl gelegentlich auf 
Nesthäkdien, das von allen verzogen wird, recht eifersüchtig, besonders 
gegenüber Papa, aber Lotte findet es ganz in der Ordnung, daß sich alles 
um Paulchen dreht. Wenn sich dagegen jemand mehr mit Magda befaßt, 
kann sie ihren Ärger, der sich oft zu einer verbissenen Wut steigert, schwer 
verbergen. Wir hatten die plötzliche Änderung des Kindes in seinem Ver* 
halten zu Magda auf die Krankheit geschoben, aber möglicherweise kann 
auch die Geburt der Jüngsten einen Anteil daran haben. Es ist nur sonderbar, 
daß sie sich gerade der Magda gegenüber stets benachteiligt, zurückgesetzt 
fühlt und die Bevorzugung Paulas so ruhig hinnimmt.« 

Die kleine Lotte selbst äußert sich einmal so: »Es ist sehr unan= 
genehm, eine ältere Schwester zu haben,- die Paula soll es einmal besser 
haben als ich. Denn die Magda spioniert auf mich, klatscht über mich beim 
Papa, dessen Liebling sie neben der Paula ist und darum lauere ich ihr 
auch auf alles auf, was sie tut. Wie sie in Holland war, war ich glücklich. 
Ich verlange mir gar nicht, in eine Aktion zu kommen, mir ist viel lieber, 
sie fährt noch einmal nach Holland oder in die Schweiz. Die Mutti sagt 
oft, ich bin unverträglich, aber solange die Magda fort war, war nicht ein- 
mal ein Streit. Immer will sie kommandieren beim Spielen und ist doch 
nur um l Jahr älter als ich. Der Paula tue ich gern was zuliebe/ weil 
sie so klein und herzig ist/ aber die Magda tut mir nie etwas zuliebe, 
obwohl sie die Ältere ist. Im Gegenteil, ich soll ihr folgen und zu allem 
ja sagen, wie's sie will. Um jedes Spielzeug, nämlich um die Puppen und 



Vom »mittleren* Kinde 91 



das Kochgeschirr ist eine Rauferei,- warum soll denn gerade ich nachgeben? 
... Es ist auch sehr ungerecht, daß ich schon um 7*8 Uhr gleich nach der 
Paula schlafen gehen muß, die Magda aber bis 7*9 Uhr aufbleiben darf. 
Sie wird überall als »Große' angesehen und wir sind doch beinahe gleich 
groß. ... Ich kann mit der Magda nicht vierhändig spielen,- es geht nie 
zusammen, meistens spielt sie absichtlidi so schnell, daß mir ein Takt übrig 
bleibt und dann sagt die Lehrerin oder die Mutti, ich hätte den Fehler 
gemacht. Schwestern sollten nie vierhändig spielen müssen. . . . Die Paula 
habe ich riesig gern,- sie ist so herzig und klein, daß man ihr nie böse sein 
kann, obwohl sie manchmal tüchtig kratzt und zwickt, aber mein Gott, 
dafür ist sie erst 5 Jahre alt. Drum begreife ich die Mutti nicht, daß sie 
sagt: ,Schau, Lottel, mit der Pauli verträgst du dich so gut und läßt dir 
alles gefallen und gegen die Magda bist du so unfreundlidi', als ob die 
Magda auch erst 5 Jahre alt wäre. Die Mutti müßte das doch verstehen, 
wenn schon der Papa es nicht versteht. . . .« 

Von einem »mittleren« Kinde, das unter zahlreichen Geschwistern 
aufwächst, kann ich nur aus einer Beobachtung berichten. Es ist ein elf- 
jähriges Mädchen, dessen ältere Geschwister eine sechzehnjährige Schwester, 
dann zwölfeinhalbjährige Zwillingsgeschwister, Knabe und Mädchen, sind, 
die ein von den anderen Kindern vollständig gesondertes Leben zu zweien 
führen,- das vorletzte Kind ist ein neunjähriger etwas schwachsinniger Knabe, 
das jüngste ein vierjähriges Mädchen. Die mittlere Elfjährige ist durch die 
besondere Gruppierung und Eigenart der Geschwister ganz isoliert, sie 
spielt stets für sich allein, stört die Spiele der andern durch Unverträglich* 
keit, Empfindlichkeit und ihr altkluges unliebenswürdiges Wesen. Natürlich 
empfindet sie ihre Vereinsamung inmitten der Kinderschar sehr schmerzlich, 
ist aber gegen jedes Zureden taub. Niemals benützt sie Bücher und Spiel- 
sachen der andern und gerät in eine förmliche Raserei, wenn einmal eines 
der Geschwister eine ihr gehörige Sache anrührt. Ein bloßes Anfassen 
genügt, um sie auf das betreffende Stück dauernd verzichten zu lassen. 
Beim Essen kontrolliert sie ängstlich, ob nicht ein anderes mehr bekommt 
als sie. Immer möchte sie sich durch die Kleidung von den Schwestern 
unterscheiden, ja sogar durch eine Änderung der Schreibung ihres Familien-, 
namens sucht sie die Gemeinschaft mit den Ihren abzulehnen. Über dieses 
sonderbare Verhalten befragt, sagt- sie: »Das ist ganz natürlich. Wenn ich 
alles so mache wie die andern, so gehe ich ganz verloren unter so vielen 
Kindern. Die Rcnee <die Sechzehnjährige) übersieht niemand, weil sie die 
Älteste ist und schon wegen ihres besonderen Namens nicht,- dann kommen 
die Zwillinge, mit denen sind von jeher entsetzliche Geschichten gemacht 
worden ,- als ob das etwas Besonderes wäre, Zwillinge zu sein. Den Friedl 
bedauert jedes und drum tun alle schön mit ihm und das Julchen, na, die 
ist eben die Jüngste und wird schauerlich verwöhnt. Also bleibe ich übrig, 
noch dazu mit meinem greulichen Namen,- am liebsten ist mir, wenn mich 
niemand fragt, wie ich heiße, damit ich nicht sagen muß: Toni. Überhaupt 
kein Mensch kümmert sich um mich, natürlich weil genug andere da sind, 
immer lauf ich nur so mit. Am meisten ärgere ich ■ mich, wenn der 
Onkel Emil sagt: ,Ah, da kommt ja die Tonerl noch nachgezottelt mit 
einem Gesicht, so lang wie ein Handtuch'. Ich bin wirklich ganz überflüssig, 
wozu bin ich denn überhaupt auf der Welt? Und warum sind denn gerad 
bei uns so viele Kinder,- ich geniere mich schrecklich, wenn mich jemand 
fragt, wieviel Geschwister ich habe. Und wenn ich sage: ,Leider noch fünf, 
dann lachen die Leute und ich schäme mich noch mehr. Und drum gehe ich 



92 



Dr. Hermine Hug-Hellmuth 



auch am liebsten allein. Wenn ich wenigstens 6k Älteste oder die Jüngste 
wäre, dann wäre ich zufrieden. . . .« 

Das vorliegende Material läßt trotz seiner Verschiedenartigkeit doch 
gewisse übereinstimmende Züge in der seelischen Entwicklung des »mitt- 
leren« Kindes erkennen. Seine eingehende Beobachtung zerstört den Wahn, 
daß der Frohsinn und die Zufriedenheit des Kindes durch eine größere 
Geschwisterzahl so sehr gefördert würde. Wir sehen vielmehr, daß das 
»mittlere« Kind so gut wie das »einzige« besonderen Leiden und Gefähr- 
dungen ausgesetzt ist. Geradezu typisch scheint das in den angeführten und 
allen von mir beobachteten Fällen deutlich auftretende Gefühl des Zweifels 
am eigenen Ich, die Unsicherheit, wohin das Kind sich selber zählen soll. 
Der Erwachsene schiebt es je nach Gutdünken bald zu den »Großen«, 
bald zu den »Kleinen« in der Kinderstube und weckt dadurch in ihm ein 
ewig wechselndes Verlangen, die Sehnsucht nach einer noch nicht erreichten 
oder einer schon zurückgelegten Lebensstufe. Den Wunsch, »groß« zu sein 
wie der ältere Bruder, die ältere Schwester teilt das »mittlere« Kind 
natürlich mit jedem Zweitgeborenen ,• aber folgt diesem kein Gesdiwisterdien 
mehr, dann bleiben ihm auch die Vorrechte, die das ältere ihm abtreten 
mußte, durch die ganzen Kinder- und Jugendjahre als unbestrittener Besitz. 
Das »Mittlere« ist schlimm daran,- kaum hat es seine Vorredite zu genießen 
begonnen, werden sie ihm audi schon von seinem kleinen Nadifolger streitig 
gemacht, ohne daß es zu anderen gelangte/ es wird nicht Mutters »großer 
Junge« oder Mutters »große Tochter«, es bleibt zwischen groß und klein, 
so recht in einem »Zwischenland«, von dem keine Brücke zur Umwelt führt. 
Die Verzärtelung als Nesthäkchen hört auf, die Stelle des »Großen« ist 
besetzt und so pendelt es haltlos zwischen den Geschwistern hin und her. 
Es findet sich schlecht zurecht in der Doppelrolle, einmal dem Beispiel, der 
Beaufsichtigung des Erstgeborenen zu folgen, dessen oft gerügter Fehler es 
sich vielleicht nur zu gut erinnert, und dann wieder dem jüngeren Kind als 
Vorbild gelten zu sollen. 

Die labile Bewertung des mittleren Kindes durch die Erwadisenen 
erzeugt in der jungen Seele einen Groll gegen die, welche es schuldtragend 
wähnt an seiner Zwitterstellung. Es ist voll Feindseligkeit bald gegen das 
ältere, bald gegen das jüngere Geschwisterchen und sein Wunsch, von einem 
der beiden befreit zu sein, drückt sich offen oder verstohlen aus. Unter dem 
Einflüsse der Erziehung verfallen gewisse frühinfantile Wünsdie einer 
starken Verdrängung/ so wird ein elfjähriges Kind bei der Geburt eines 
Spätlings in der Familie nicht sagen: »Der Storch soll es wieder mitnehmen«, 
sondern wir hören, wie es über die nach seiner Meinung richtige Kinder- 
zahl denkt und wie sein uralter Wunsch sich in die Form kleidet: ». . . am 
liebsten wäre mir, wenn ich oder eins von uns nicht zu Hause wäre/ dann 
wären wir nur zwei und alles wäre anders«. Aus der Fehlleistung des vier- 
zehnjährigen Jungen : »Jetzt hätt' ich bald gesagt , Todestag'« spricht natürlich 
die gleiche Gefühlseinstellung des Ältesten zum Zweitgeborenen. 

Das stete Gefühl des Zurückgesetztscins, das im mittleren Kinde 
eine ihm selbst oft kaum bewußte Gereiztheit im Verkehr mit den Ge- 
schwistern erzeugt, wächst häufig mit den Jahren. Besonders in der Vor- 
pubertät und der Reifezeit, da das sexuelle Wissen die kindliche Seele 
überflutet und verwirrt, gestaltet sich häufig das Verhältnis des mittleren 
Kindes zu den Geschwistern immer unfreundlicher. Seine Zwitterstellung 
läßt es nicht den rediten Anschluß an den älteren Bruder, die ältere 
Sdiwester finden, die es um ihr sexuelles Mehrwissen, ihre größere körper- 



Vom »mittleren« Kinde 93 



liehe Reife beneidet; dem jüngeren Geschwisterchen fühlt es sich überlegen 
und so steht es einsam zwischen ihnen, die ihm »keine Geschwister sind, 
sondern Feinde, die es belauern, verraten und hassen«. Und die Älteren 
verstehen diese schiefe Lage gut aus ihren eigenen Missetaten zu den 
jungem und bemitleiden und verachten das, das in der Mitte steht. 

Der Wunsch des Kindes, nur zu zweit zu sein mit Bruder oder 
Schwester, wird verstärkt aus seinem Verlangen, das Verhältnis der Kitern 
wiederholt zu sehen durch die Kinder. Nach dem Vorbilde von Vater und 
Mutter soll auch in der Kinderstube die Zweizahl nicht überschritten werden 
und dieses Ideal wollen ja auch viele junge Menschen in ihrer künftigen 
Ehe verwirklichen. Sie spinnen in soldien Phantasien das uralte Kinderspiel 
»Vater und Mutter« aus. Aber dieses Spiel ist am beliebtesten und ver= 
breitetsten bei Kindern, die zu zweit aufwachsen,- denn das »Kind« im 
Spiel ist besser eine Puppe, die schweigt über das, was sie sieht und hört. 

Die erotischen Beziehungen des Kindes zu den Eltern in erster Linie 
und zu den erwachsenen Familienmitgliedern im weitern Sinne schüren die 
Unzufriedenheit des mittleren Kindes mit seinem Geschick immer von 
neuem. Es leidet unter dem Gedanken, daß Vater und Mutter das eine, 
das andere der Kinder zum Liebling erwählen und daß gerade das mittlere 
leer ausgehe, da ja auch Großeltern und Tanten ihre besondere Neigung 
häufig dem ältesten oder dem jüngsten schenken. Dann empfindet es jede 
kleine Pflicht im Hause, die ihm übertragen wird, als Bestätigung seiner 
*Asdienbrödel«=RoIle. Der wirkliche oder eingebildete Entgang an Liebe 
macht es mürrisch, mißtrauisch, unverträglich, zu Grübeleien geneigt. Nicht 
selten versagt es im Lernen, sobald auch das Jüngste zur Schule kommt. 
Das starke Interesse der Eltern für die ersten Kenntnisse des Ältesten ist* 
sicher beim Zweiten merklich geringer, aber das Kind selber fühlt dieses 
Minderausmaß erst, wenn sich die Aufmerksamkeit auch auf die Lernerfolge 
des Jüngsten richtet. Das »Mitlaufen« im Lernen läßt seinen Eifer bald 
erlahmen, die Lustprämie ist der Anstrengung nicht angemessen. 

Aus der Identifizierung des kleinen Mädchens mit der Mutter verstehen 
wir gut, daß es das jüngere Geschwisterchen, trotzdem dieses ihm reichlich 
Anlaß zu Eifersucht und Neid gibt, dennoch zärtlich liebt, es bemuttert 
und sich von ihm tyrannisieren läßt, gegen die ältere Schwester aber sich 
feindselig und ablehnend verhält. 

Am schmerzhaftesten empfindet das mittlere dreier gleichgeschlechtlicher 
Kinder von nicht allzu großem Altersunterschied die Unbestimmtheit seiner 
Stellung daheim. Die mitunter unbewußt gewordenen Reste jener kindlichen 
Mißstimmung werden der zweiten von drei Schwestern besonders gefährlich, 
wenn nicht nur die ältere, sondern auch die jüngere vor ihr eine glücklidie 
Liebeswahl trifft,- die Verheiratung der Jüngsten bedeutet nicht selten einen 
Verzicht der Mittleren auf die Ehe. 

Viel günstiger gestaltet sich das Schicksal des Mädchens zwischen 
zwei Brüdern. Bekommt es auch oft genug die körperlidie und geistige 
Überlegenheit des älteren Bruders zu fühlen, so entwickelt sich gerade durch 
das Zusammenleben mit ihm schon früh in ihr das echt Weibhafte, das 
von ihm mit Eifersucht gehütet wird. Unter dem Einflüsse des älteren 
Bruders kommt das »Kind -Weib« zur Entfaltung, dem jüngeren verdankt 
sie eine starke Mütterlichkeit und so vereinigt sie in glücklicher Weise die 
Qualitäten, die immer den Mann an der Frau am meisten ansprechen. 
Und sie entgeht auch dem Schicksal des Mädchens, das nur ältere Brüder 
hat und es ihnen in der geistigen Entwicklung gleiditun will. 



94 Dr- Herniine Hug-Hcllmuth 



Die Schattenseiten des Lebens eines mittleren Kindes bleiben viel- 
leicht am meisten dem Knaben zwischen zwei Schwestern erspart. Ist er 
der älteren ziemlich nahe an Jahren, so fällt ihm bald der erste Platz in der 
Kinderstube zu, indes die beiden Mädchen sich naturgemäß stärker aneinander =• 
schließen. 

Die natürliche Lebensfreude des gesunden Kindes verhüllt uns die 
Kämpfe der jungen Seele. Auch das rein Individuelle verdunkelt oder 
verwischt das Typische. So sehen wir auch das mittlere Kind häufig 
harmlos und fröhlich sein Dasein genießen. Aber dem genauen Beobachter 
entgeht es nicht, daß auch in ihm jene für seine Art kennzeichnenden 
Charakterzüge, wenn auch bisweilen nur in Andeutungen, vorhanden sind. 

Auch die Märchen, die uns die Welt des Alltags wunderbar spiegeln, 
erzählen uns vom Geschicke des mittleren Kindes. Fast immer verläuft 
es in den vorgegebenen Bahnen des Schicksals des älteren. Der mittleren 
der »drei Sdiwestern mit dem gläsernen Herzen« ergeht es zwar nicht ganz 
so schlecht wie der ältesten, aber auch ihr Herz leidet Schaden und mit 
einem Sprung im gläsernen Herzen muß sie sich begnügen, als Zuschauerin 
am Glück der Jüngsten teilzunehmen. Das Jüngste aber trifft regelmäßig ein 
herrliches Los,- ist es ein Knabe, so vollbringt er Heldentaten und erringt 
eine Prinzessin zur Frau/ ist es ein Mädchen, so holt es ein Prinz als seine 
Braut. Nur der jüngste der »vier kunstreichen Brüder« teilt das Los 
des ältesten und der beiden mittleren; über die Meisterschaft in einer Kunst* 
fertigkeit versäumt er, die große Kunst des Lebens zu erlernen. So ver- 
bringen denn alle vier ihr Leben unbeweibt, ohne große Freuden und 
Leiden in stiller Beschaulichkeit. Nur in einem Märchen ist der mittleren 
dreier Schwestern ein großes Glück bestimmt, indes die älteste und die 
jüngste als Bettlerinnen zu der einst gehaßten Schwester kommen: Zwei- 
äuglein, das von Einäuglein und Dreiäuglein, die stolz darauf sind, 
anders zu sein als die gewöhnlichen Menschenkinder, gehaßt wird, weil es 
zwei Augen hat wie alle Menschen, wird für sein sddimmes Leiden belohnt 
mit Reichtum, Liebe und Glück. Die Alteste und die Jüngste trennen ihre 
eigenen Vorzüge von den Menschen, die Mittlere, die so ist wie alle, wird 
erhöht. Mir scheint Zweiäuglein das Symbol des mittleren Kindes zu sein, 
das infolge seiner wenig bevorzugten Stellung im Elternhaus frühzeitig 
lernt, sich andern anzupassen und hilfreich zu erweisen. Diese Kunst hilft 
ihm im reifen Leben seinen Platz recht auszufüllen. Und daß das Märchen 
von drei Schwestern erzählt, hat seinen guten Sinn: Gerade die Frau 
bedarf der Fähigkeit sich anzupassen und ohne diese Gabe bleibt sie, gleich 
Einäuglein und Dreiäuglein, trotz aller wirklidien und eingebildeten Vor- 
züge des Körpers und des Geistes eine Bettlerin im Reiche der Liebe 



Buchdrucker«! Carl Fromme Gen. m. b. Fi., Wien V.