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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II 1913 Heft 2"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR. ANWENDUNd 
DER. PSrCHOAKALYSE AUT DIE 
aEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DE SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
m OTTO RANK U. DE HANNS SACHS 



n. JAHRGANG / 1913 
HEFT 2 / / APRIL 




x5/ 




\gi3 
HUGO HELLER &.G11 

LEIPZIG u.WIEN'I- BAUERNMARKT 3 



^T"V CT über ErwÄftco fOristigc Erfolf d« abgelaufenen ersten fahrgangs hat uns vor 
I 1 allem des Interesses Jener versiAeff^ an die sidi die Zeitsdirift zynaAst wandte, 
A^^^^ nidit minder aber die Hoffnung bestätijt^ daß auch weitere Kreise an den Probfemem 
und Ergebnissen unserer jungen Wissensdiaft Anteil nehmen werden^- endltdi hat uns die 
rege Mitarbeit der Vertreter versdiiedcncr Fachgebiete das Bewußtsein gegeben^ daß unser 
Unternehmen audi imstande war, der Anregung geistiger Produktionstätigkeit ru dienen, 

Dte reidie und vielseitige Arbeit At% abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inhalts über- 
sidit und wir dürfen hoffen^ mtt der Fcsthaltung und Ausgestaltung unseres Pregramms 
aüdi unseren Erfolg sichern und steigern zu können. 

Soweit es durdiführbar ist^ sollen alle jene Zweige der Geisteswissenschaften, für 
die die Psyd^oanalyse Bedeutung gewonnen hat^r zu Wort kommen/ audi soll weiterhin 
neben Sonderproblemen der IndividuafpsyAotogie besonders die VolkerpsyAologic einen 
breiten Raum einnehmen, die ja am deutlidisten den Wert und die Fruchtbarkeit der am 
Einzelnen gewonnenen Seelenkenntnis erweist, 

ÄSTHETIK, LITERATURGESCHICHTE, PHILOLOGIE, PÄDAGOGIK, 
MORALTHEORIE. KULTUR- UND RELIGIONSGESCHICHTE, ETHNO^ 
GRAPHIE UND FOLKLORE, die im I- Jahrgang bereits vertreten waren, solloi 
sorgtatttg weker gepflegt werden^ andere Wissens 4 aften, besonders die MyTHEN- 
FORSCHUNG, dann au A PHILOSOPHIE und METAPHySIK, soweit ste einer 
psychologisdien Betraditung^ weise zuginglidi sind, werden hinzukommen, so daB jeder, 
der an wissenscfiaftlidicr Forsdiung Anteil nimmt, die Probleme, die ihn vorzüglidi 
interessieren, unter neuen Gesi dt ts punkten behandelt finden wtrd. Die EinheitliAkeit wird 
durd) die gemeinsame Beziehung z\xt Psydioanalyse gewahrt werden, durcb die jedes 
Problem in neue Zusammenhänge eingefügt wird. 

Audi wird ein gettieitiaatnea Abotinetnetit auf „Imago" und ^i^ iflnter* 
nationale Zeitschrift IDr Srxtllche PsychoanaljBe" zum «rmlBigten Gesamt- 
Jahrespreis von Mk, 30.~ = K 36— eröffnet. 

REDAKTION UND VERLAa 



Für dtc REDAKTION bestimmte Zusdiriften und Sendungen wollen an 
Dr. HANNS SACHS.Wien XIX 'l Peteri-Jordangasse 76 adressiert werden, 

»IMAGO« ersAeint SECHSMAL jährlich im Gesamtumfang von 
über 36 Bogen und kann für M. 15, — = K 18. — pro Jahrgang durdi 
lede gute Budihandlung sowie direkt vom Verlage riUGO HELLER 
*£> CIE. in Wien L, Bauernmarkt 3, abonmcrt werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des nunmehr abge- 
sdifossen vorliegenden L Jahrgangs werden im Preise erhöht, so daß 
der komplette L Jahrgang nunmehr M. 18, — ^ K 2L60^ gebunden 
M. 2250 = K 27.— kostet. 



DrucMchlerbcriArigung, 

Iia vorllegeiidcn Hefte ist zu les^i 

Sdte 110, Zeile 20 von oben: ^,fe aktiv" statt ,,fcaktionSr*'V 

Seite 136^ Zeile 8 von unten: „Sei liiere" statt ^^Seillife"/ 

Seite 137, Zeile 4 von oben; ,/Leb tosen" stan Jebloscn"/ 

Seite 142, Zeile 10 von unten: ,,als unbewaflt es" itatti/Uübewiißtcntstindeiies'/ 

Seite 147, Zeile 3 von unten: „ist" statt ,/St". 



Copyright 1913. HUGO HELLER © CFE, Wien l, Bauernmarkt 3* 




r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
IL 2. DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 1913 



Schopenhauer. 

Versuch einer Psychoanalyse des Philosophen ^ 
Von Dr. EDUARD HITSCHMANN. 

»Schopenhauer ideahsierte das Mit-^ 
leiden und die Keusdihcit, weil er am 
meisten von dem Gegenteile litt.* 

Nietzsdie. 

Die Psychoanalyse hat schon mehrfach mit Erfolg versucht, in 
die Psychologie des Dichters und Künstlers ebenso einzu^ 
dringen, wie in das Seelenleben des Normalen und des Neu^ 
rotikers. In diese Kette reiht sich der Philosoph insoferne ein, als 
durchaus nidit alle Vertreter dieser Wissenschaft als exakte Forsdier 
zu betrachten sind, vielmehr der produktive Philosoph im engeren 
Sinne, der ein eigenes System aufbaut, dem intuitiv schaffenden 
Künstler oft näher steht, als es nach dem Material, in dem er 
arbeitet, den Ansdiein haben mag. Wir stoßen in der Geschichte der 
Philosophie immer wieder auf unabhängige geistige Persönlichkeiten, 
die d n unbewußten Drang in sich fühlen, ein System aus sich 
selbst heraus zu entwerfen, das die Welt deuten, das Rätselhafte 
des Daseins erklären sollte und nadi ihrer Überzeugung diese Pro- 
bleme auch endgiltig gelöst hatte <Metaphysiker>. Jeder dieser pro- 
duktiven Philosophen fand seine Gemeinde ufid hatte seine Wirkung 
auf ein gewisses Zeitalter. So erinnert die Geschidite der Philosophie 
an die Geschichte der Religion, und wie den Atheisten nur cliese 
noch interessiert, so beschleicht einen beim Überblicken der Jahr^ 
tausende fortgesetzten philosophischen Spekulationen eine Skepsis 
gegenüber jedem doch nur vergänglich gebliebenem System. Schon 
darin, daß jeder Philosoph seine Vorgänger, so weit er nicht auf ihren 
Schultern stehend höher gelangt, zu desavouieren sucht, zeigt sich 

^ Nach einem Vortrag in der »Wiener psydioanatytischen Vereinigung« 
<8. Mai 1912). 



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102 # Dr. Eduard Hitsdimann 

diese Vergänglichkeit. Sie beruht letzten Grundes auf nidits anderem 
als auf der Tatsadie, daß jedes Geistesprodukt, sofern es nidit 
Resultat der fortarbeitenden wissensdiaftlidhen Forsdiung ist, von 
der Subjektivität des Sdiaffenden vollkommen erfüllt, Riditungslinien 
verraten muß, die notwendigerweise aus Persönlidikeit und Psydie 
entspringen, wie sie singuIär nur in dieser einen Kristallisation aus 
Vererbung, Anlage, SdiiAsal und Zeitalter Form gewinnen konnte. 
Was allen diesen Philosophen gemeinsam ist, das ist kurz gesagt — 
das Philosophieren: jener eigentümlidie und unwiderstehlidie Drang, 
sein Sinnen und Leben der Deutung der Welt, des Werdens und 
Vergehens beim Individuum und im Kosmos zu widmen, um, mit 
dieser Weltdeutung die Mitmensdien belehrend. Ansehen zu er^ 
werben,- — anstatt so wie der AlltagsmensA nadi außen zu 
leben, was das Leben zu bieten vermag als selbstverständliA hinzu- 
nehmen. Der Philosoph madit bei den frühen Problemen des Lebens, 
die sdion dem Kinde zum Anlaß des Grübelns werden, Halt: den 
Problemen von Geburt und Tod, von Gut und Böse, ZweA und 
Ziel des eigenen Daseins. Diese ersten Themen des kindlidien For* 
sdiungstriebes bleiben beim Philosophen die gleidien, während beim 
Forsdher das Interesse auf ein anderes Gebiet verschoben und 
damit die glatte soziale Einordnung ermöglidit ist. Über das Leben 
selbst nadidenken, statt zu »leben«, dies wäre der Lebensinhalt des 
Philosophen. Während dem Forsdier neben der Versdiiebung auf 
andere Gebiete audi die Sublimierung seiner infantilen Interessen 
und Neugierden in weitgehendem Maße glüd^t, verrät der Philosoph 
durdi sein ewiges Zweifeln, Sudien und Kämpfen, daß er mit diesen 
Urproblemen niemals ganz fertig geworden ist und zeitlebens an 
ihnen »leidet«. Natürlidi sind die Übergänge zwisdien diesen beiden 
Typen zahlreidi und nidit sAarf abzugrenzen,- es hat immer Philo^ 
sophen gegeben, weldie sidi hauptsädilidi der erkenntnistheoretisdien 
Wissensdiaft oder physikalisdien und mathematisdien Problemen 
zuwendeten oder von dort ausgingen, während andere bloß das 
fertige Rüstzeug dieser Wissensdiaften für ihre ZweAe heranzogen, 
dabei aber den Grundproblemen des philosophisdien Denkens treu 
blieben. Dem Psydioanalytiker sind audi die anderen Typen von 
Mensdien geläufig, weldie dadurdi, daß sie mit ihren Trieben und 
seelisAen Komplexen nidit so fertig werden wie der gesunde und 
genußfrohe Mensdi, entweder in dem Kampf unterliegen wie der 
Neurotiker oder zu höheren Zielen gelangen wie der Diditer und 
Künstler. Aus der Kinderforsdiung wissen wir, daß das Kind in 
einem gewissen Alter ganz nadi Art des Philosophen, über das 
Problem, woher es selbst und eventuell seine Gesdiwister gekommen 
sind, also über Werden und Vergehen selbständig zu forsdien 
beginnt. Dieser frühinfantile Forsdiungstrieb, der in den typisdien 
philosophisdien Neigungen der Jünglinge zur Zeit der Mannbarkeit 
in mehr vergeistigter Form wieder auflebt, sdieint sidi bei dem, 
der Philosoph zu bleiben bestimmt ist, aus gewissen Gründen in 



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Schopenhauer 103 



dieser Zeit zu fixieren, etwa wie sonst ein Entwicklungsstadium. 
Daß sidi in jedem Philosophen mystische und künstlerische Ele- 
mente, mandimal auch Züge des Neurotikers finden, wie nicht 
selten audi beim Dichter, deutet auf die gemeinsame Ursache ab* 
normer oder unproportionaler Triebanlage hin, die je nach Disposi* 
tion und Begabung minder* oder überwertige Typen verschiedener 
Ordnung ergibt. Den endgiltigen Ausgang dieser Gestaltung hat 
Freud für die pathologischen Fälle dahin erklärt, daß das unvoll* 
kommen Verdrängte, wenn es stellenweise symptombildend ins Be* 
wußtsein durchbricht, zur Neurose, wenn es als Strom das Bewußt* 
sein überflutet, zur Psychose führt. Der Künstler ist so glücklich, 
seinen unbewußten Reichtum an Phantasien für sidi uncT andere 
genußvoll darstellen zu können. Anders der Philosoph, der gleichfalls 
im Kampfe um die psychisdie Selbsterhaltung das, was in ihm 
ringt, als allgemein Menschliches zu fassen sucht: er deutet sich die 
Welt so nach seinem Sinne, daß sie, wenn auch nicht seine Wünsche 
direkt erfüllt, wie etwa die vom Dichter geschaffene Phantasiewelt, 
so doch seine Schwächen und Überkräfte rechtfertigt und ihm auf 
diese Weise das befriedigende und beruhigende Gefühl verschafft, 
in diese (seine) Welt hineinzupassen,- er sucht seine — sei es opti* 
mistische oder pessimistisdie — Grundstimmung mit der Qualität 
der realen Welt zu begründen und projiziert seine inneren Kräfte* 
Spannungen symbolisch und oft hinter dem Gegenteil verborgen nach 
außen. »Der Philosoph bestimmt selbst, nicht nur was er ant* 
Worten, sondern auch was er fragen will«, ja, Frage und Antwort 
des originellen Denkens sind »etwas in sich so Einheitliches, so 
sehr der intellektuelle Ausdruck eines in sich geschlossenen Seins, 
daß Frage und Antwort erst eine nachträgliche Spaltung des Denk* 
bildes bedeuten.« <Simmel.> In diesem Sinne entspricht das Origi* 
nelle eines Systems haarscharf dem Individuellen seines Schöpfers. 

Das hier Gesagte läßt sich überaus deutlich am Beispiel Seh open* 
hauers erörtern, wie er sich überhaupt ganz besonders eignet, um 
den innigen Zusammenhang zwischen Philosophie und Persönlidikeit, 
verfolgt bis in ihre Triebwurzeln, zu erweisen. Zeigt doch kaum 
ein anderer Denker in seinem Wesen und Werke so viel eigen* 
artige und krasse Züge (Pessimismus, Askese, Weiberverachtung)/ 
keiner hat sichtlich, wie auch nach eigenem Geständnis so unbewußt 
und intuitiv gesdiaffen, ja seine Philosophie direkt der Kunst zu* 
gerechnet/ kaum einer hat sein ganzes Leben lang so zähe und 
konsequent an seinem im Jünglingsalter fertig hervorgetretenen System 
festgehalten und immer wieder daran gezehrt,- kaum ein zweiter vor 
ihm hat so viel über sich selbst gedacht und geschrieben und keiner der 
nachantiken Philosophen die Sexualität, die wir als Formbildnerin 
der Psyche kennen, einer so freimütigen und offenen Behandlung 
würdig befunden! 

Aber auch das grundsätzlich Neue, das dieser hochbedeutende 
Philosoph zum erstenmal in so klarer Weise im Gegensatz zu fast 



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allen seinen Vorgängern, die den Mensdien nur als Vernunftwesen 
auffaßten, nadidrückliA betont, durchgesetzt und popularisiert hat: 
nämlidi seine Lehre vom Primat des blinden, treibenden Willens im 
Mensdien und in der Welt, audi das läßt sidi aus seiner eigenen 
überstarken Triebanlage klar ableiten, was längst den Sdiopenhauer^ 
forsdiern aufgefallen ist. <Volkelt, Paulsen, Möbius.) Ebenso läßt 
sidi zeigen, daß die Zweiteilung in Wille und Vorstellung einer stark 
empfundenen »Duplizität des eigenen Wesens« entsprungen ist, 
weldien Zwiespalt Paulsen audi sonst überall in Sdiopenhauers 
Philosophie wiederfindet, und den wir psydiologisdi ableiten aus dem 
Konflikt starker Triebanlage und deren Verdrängung durdi den 
vergeistigenden Gegentrieb <Verneinung des Willens) sowie aus dem 
Gegensatz zwisdien Bewußtem und unbewußtem. Ferner läßt sidi 
zeigen, daß audi seine Verehrung für Asketentum und Heiligkeit 
gerade seiner sdiwer bekämpfbaren Sinnlidikeit entspringt,- daß sein 
sdiwerer Pessimismus, die sdiledite Meinung, die er von der Welt 
und den Mensdien hatte, primär seiner eigenen Stimmung ent^ 
stammt/ seine Mitleidsmoral der Reaktion gegen sein boshaftes und 
grausames Wesen,- endlidi die Sehnsudit nadi reiner Erkenntnis der 
Verzweitlung über den ewig quälenden Dämon der Leidensdiaft. Es 
wird unsere Hauptaufgabe sein, die möglidist exakte Beweisführung 
für diese Zusammenhänge zu erbringen. Dazu ist es nötig, daß wir 
sowohl einen Abriß von Sdiopenhauers Lebenslauf, als audi ein 
Bild seines Charakters geben, wobei wir das, was wir von seinem 
Triebleben durdi ihn und über ihn erfahren haben, ebensowenig 
übergehen können wie seine neurotisdien und versdirobenen Züge. 
Im Änsdiluß daran wollen wir den Versudi madien, die Ableitung 
des Systems aus seiner Persönlidikeit — bis in ihre Triebwurzeln 
verfolgt — so weit als möglidi im Detail zu liefern, um damit 
an. diesem verlod^enden Beispiel einerseits den Wert der psydio- 
analytisdien Betraditung für das Verständnis des philosophisdien 
Genies zu erweisen, anderseits in Sdiopenhauer selbst einen intui^ 
tiven Kenner des Unbewußten und Urahner psydioanalytisdier 
Erkenntnisse aufzuzeigen. 

I. 

Leben und Persönlichkeit 

Vor allem sei hervorgehoben, daß die Daten der Lebens^ 
gesdiidite, die einer speziellen psydioanalytisdien Untersudiung zur 
Verfügung stehen müssen, neben den Zufälligkeiten der Begeben^ 
heiten und der Milicueinfllüsse vornehmlidi die ursprünglidien seeli^ 
sdien Triebkräfte des Individuums, sowie die daraus folgenden 
Reaktionen betreffen. Daß so mandies sdieinbar unwiditige Detail 
uns wie durdi Akzenrv^ersdiiebung sdiwerwiegend ersdieint, daß wir 
aus einem Traumbild, aus einer nur für den Moment hingeworfenen 
Notiz Bedeutsames zu ersdiließen uns bereditigt wissen, daß wir 



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Schopenhauer 105 



Erlebnisse ebenso wie Eigenheiten, Verschrobenheiten und neuroti* 
sehe Züge durch Übung in der Deutung psychologischen Materials 
oft erfolgreich verwerten, wird gleichfalls als eine Eigenart der 

Rsychoanalytisdien Betrachtungsweise offenbar werden. Dazu ist die 
Lenntnis der psychischen Mechanismen Voraussetzung, welche zu^ 
nächst durch Beobachtungen an Kranken gewonnen, sich zum 
größten Teil aber am gesunden Durchschnittsmenschen nachprütbar 
und auf den Produktiven und das Genie anwendbar erwiesen haben. 
Gelingt unserer Darstellung diese Arbeit, »so ist das Lebensverhalten 
der Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution und 
Schicksal, inneren Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt« <Freud>. 
Unter diesem Gesichtspunkt berücksichtigen wir als Psychoana^ 
lytiker besonders die sonst allgemein vernachlässigte allererste Jugend 
— wie spärlich auch oft die überlieferten Daten aus jener Lebenszeit 
sind — namentlich die Äußerungen des Trieblebens ^- ferner das 
Verhältnis zu Eltern und Geschwistern, die den speziellen Charak^ 
teren und Schicksalen der Eltern entsprechende Einstellung des 
kindlichen Individuums, da aus ihr so viele seiner späteren Reak^ 
tionen verständlich werden, besser als aus der oft überschätzten 
Vererbung. Das Kind kann nämlich seinen Eltern auch auf anderem 
Wege ähnlich werden als dem der angeborenen erblichen Eigene 
schafien,- es gibt ein gleichsinniges Nachlebenwollen aus Liebe, ein 
Nachahmen, das eigentlich ein unbewußtes Sichhineinversetzen und 
Einfühlen ist, das Freud »Identifizierung« genannt hat. Übersehen 
wurde sonst vielfach auch die unbewußte feindselige Einstellung gegen 
den oder jenen Elternteil aus Rivalität um die Liebe einer nahe- 
stehenden Person <Mutter, Schwester), für den später so oft beim 
Heranwachsenden die ursprünglich zärtliche Einstellung wieder in 
übertriebener Weise an den Tag tritt. 

Der größte und bleibendste Eindruck des Kindes sind natür^ 
lieh seine Eltern, die liebende Mutter und der anscheinend allmäch^ 
tige Vater, die für das Neugeborene zwei Riesengestalten sind, die 
es liebend, pflegend, strafend umgeben. Wenn diese infantile Ein^ 
Stellung der Liebe, der Ehrfurcht und Überschätzung auch vom 
heranreifenden Individuum periodenweise von der aus der kind^ 
liehen Eifersucht entspringenden Feindseligkeit abgelöst und durch 
die Realfiguren der Eltern desavouiert wurde, so bleibt im Un- 
bewußten doch jene romanhafte kindliche Einstellung erhalten, die 
den Vater als göttlich^allmächtigen Herrscher, die Mutter als hehre 

' Audi Schopenhauer huldigte (vgl. W. W. H. Bd., p. 464 f.) der vor- 
psychoanalytischen Auffassung, daß das Kind nicht sexuell sei: Die heillose Tätig- 
keit des Genitalsystems schlummere noch,- jener unheilschwangere Trieb fehle, daher 
sei die Kindheit die Zeit der Unschuld und des Glücks, das Paradies des Lebens. 
Die Basis jenes Glücks sei, daß in der Kindheit unser ganzes Dasein vielmehr im 
Erkennen als im Wollen liege. Der unschuldige und klare Blick des Kindes sei 
aus dem Gesagten erklärlich. — Für den Psychoanalytiker ist diese Anschauung 
nichts weniger als ein Gegenbeweis gegen eigene reiche Kindersexualität, die ver- 
drängt wurde. 



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106 Dr. Eduard Hitsdimann 



gütige Fee, aber diesen oder jenen Elternteil audi als feindselige 
Madit auffaßt. Es madit sidi nämliA in der Beziehung der Kinder 
zu den Eltern die sexuelle Anziehung und Abneigung insofern 
geltend, als der Sohn die Mutter mehr liebt und den Vater als 
störend empfindet, die Toditer dem Vater angehören mödite und den 
Platz von der Mutter sdion besetzt findet. So wertvoll uns daher 
audi die objektiven Beridite über die Eltern Schopenhauers sein 
müssen, so bleibt dodi für das Endbild des Charakters unseres 
Darstellungsobjektes seine Auffassung von den Dingen und Per^ 
sonen die entsdieidende. 

1. 

Die Familie. 

Zunädist wird es sidi empfehlen, im Sinne der Familien^ 
forsdiung einen Blidt auf auffällig entwiAelte Charakterzüge in der 
Reihe der Vorfahren zu werfen, w ohl als der hervorstediendste er* 
sdieint kraftvolle, gewalttätige Energie und ausholender, nidit rück= 
siditsvoller Tätigkeitstrieb. Es zeigt sidi, daß des Großvaters Tatkraft 
und Entsdilossenheit sidi in ähnfidier Weise beim Vater Schopen* 
hauers aufweisen läßt, der ebenfalls Tätigkeitstrieb, sidi hinauf* 
arbeitende Tüditigkeit, Stolz und HartnäAigkeit verrät. Von hef^ 
tigem Charakter war audi die Großmutter väterlidierseits, weldie 
ebenso im Wahnsinn endete, wie ein Onkel väterlidierseits, während 
ein anderer von Jugend an blödsinnig war. Der Vater, Heinridi 
Floris Sdiopenhauer, war groß, kräftig und häßlidi,- der Sohn, der 
immer unter Mittelmaß blieb, empfand ihn in seiner Kindheit als 
Riesen. Später klagt er, er habe durdi die Härte des Vaters viel 
in der Erziehung zu leiden gehabt. Der Vater, immer sdion jäh- 
zornig und hartnäckig, wurde mit den Jahren reizbarer und heftiger, 
seine Pedanterie sdiwerer erträglidi/ gelegentlidi ließ er sidi zu hef^ 
tigen Ausbrüdien hinreißen, nadi denen er aber bald wieder »zur 
Besinnung kam«. Im Alter von 58 Jahren ertrank er, aus einer 
Speidieröffnung in den Kanal fallend, und es wird vom Sohn, wie 
audi von den Biographen Selbstmord vermutet. Im Alter von 
38 Jahren hatte er die um 19 Jahre jüngere Johanna Trosiener ge^ 
heiratet, die Toditer eines gleidifalls als jähzornig und unbezähmbar 
heftig gesdiilderten, tüditigen Kaufmannes. Sie heiratete den um so 
vieles älteren, unsdiönen, aber angesehenen Mann nadi einer un* 
glüd^lidien Liebesgesdiidite und hat ihn audi nie eigendidi geliebt, 
obwohl sie mit Hodiaditung von ihm spradi. Ihr Charakterbild 
sdiwankt in den Beriditen, dodi sdieint es sidier zu stehen, daß sie 
mehr intellektuell als gemütvoll war, und insbesondere den Kindern 
gegenüber stets egoistisdi ihre eigenen Interessen vertrat. Als Witwe 
und im Verkehr mit zum Teil berühmten Männern entwid^elte sie 
sidi zu einer gewandten Gesellsdiaftsdame und entded^te ihr sdirift- 
stellerisdies Talent, dem ihre Tagebüdier und mehrere seinerzeit 
gesdiätzte Romane entsprangen. Fällt sdion die Rastlosigkeit und die 



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Schopenhauer 107 



fast krankhafte Reiselust des Ehepaares als Zeichen mangelnder Be^ 
haglidikeit und wohl audi mangelnden GlüAsgefühles auf, so deuten 
die vielseitigen Geselligkeiten und Freundsdiaften, die Schopenhauers 
Mutter nadh dem Toae ihres Mannes pflegte, auf eine in der ernsten 
Konvenienzehe nidit zur Befriedigung gelangte Lebenslust hin, der 
sidi voll hinzugeben sie ursprünglidi in dem Milieu ihres Eltern- 
hauses gewohnt war. Ihre Freunde wurden ihr widitiger als ihr 
Sohn, und zwisdien einem dieser Freunde, dem unbedeutenden 
Diditer Müller, genannt v. Gerstenbergk <mit dem sie seit 1813 zu^ 
sammenlebte, d. h. ihm einen Teil ihrer Wohnung vermietete und mit 
ihm zusammen aß, wie sie es sdion früher mit v. Fernow getan hatte), 
geriet der Sohn in einen Konflikt, der sdiließlidi dazu führte, daß 
die Mutter dem Sohne den »Sdieidebrief« sdirieb. Es sdieint plau^ 
sibel, daß der Sohn die Mutter eines unsittlichen Verhältnisses ge^ 
ziehen haben mag, obwohl die Mutter damals bereits 47 Jahre, 
Müller allerdings 33 Jahre alt war. Dieser Konflikt zwischen Mutter 
und Sohn reicht aber schon weiter zurück und wurde hier nur aktuell 
und akut. War auch in der ersten Zeit des jungen Mutterglückes, 
das in ländlicher Zurückgezogenheit mit dem nadi dreijähriger Ehe 
geborenen Knaben verbracht wurde, die Zärtlichkeit der in der Ehe 
wenig befriedigten Frau sicherlich eine große, vielleicht eine über^ 
große, so muß der Knabe doch später wenig Zärtlichkeit zu Hause 
gefunden haben, sonst könnte er nicht zweier bei einem Geschäfts* 
freunde des Vaters in Havre verbrachten Knabenjahre <10 bis 12) 
in seinem Curriculum vitae als des »weitaus frohesten Teils« seiner 
Kindheit ausdrücklich gedenken. Als die Eltern ihn drei Jahre 
später für mehrere Monate abermals im Ausland, bei einem engli* 
sehen Geistlichen unterbrachten, schreibt ihm die Mutter kluge er- 
zieherische Briefe, welche jedoch deutlich Gereiztheit und Unzufrieden* 
heit mit dem wenig entgegenkommenden, selbstgefälligen und rauhen 
Wesen des Sohnes verraten und seine Stimmung gegen die Mutter 
gewiß nicht günstig beeinflußten: vielleicht um so weniger, als ihre 
Kritik zum guten Teil berechtigt gewesen sein mag. Einen viel 
heftigeren ^X^iderstand gegen die Art des Sohnes zeigen spätere 
Briefe, die sie ihm, als er endlich seinen wissenschaftlichen Neigungen 
nachgehen durfte und sein intellektuelles Selbstgefühl in die Höhe 
schoß, geschrieben hat. Zwar muß sie ihm Geist, Bildung und Gemüt 
zugestehen, aber weiter heißt es: 

»Alle deine guten Eigenschaften werden durch deine Superklugheit ver* 
dunkelt und für die Welt unbrauchbar gemadit, bloß weil du die Wut, alles besser 
wissen zu wollen, überall Fehler zu Finden, außer bei dir selbst, überall bessern 
und kritisieren zu wollen, nidit beherrsdien kannst. Damit erbitterst du die Men^» 
sdien um didi her, niemand will sidi auf eine so gewaltsame Weise bessern und 
erleuditen lassen, am wenigsten von einem so unbedeutenden Individuum, wie 
du doch nodi bist. Niemand kann es ertragen von dir, der dodi audi so viele 
Blößen gibt, sich tadeln zu lassen, am wenigsten in deiner abspredienden Manier, 
die im Orakelton gerade heraussagt: so und so ist es, ohne weiter eine Ein^ 
Wendung nur zu vermuten«. (Gwinner p. 49.) 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



108 Dr. Eduard Hitsdimann 



Als es sich darum handelt, ob der neunzehnjährige, nadi 
Weimar zurückkehrende Sohn bei der Mutter wohnen soll, ver- 
weigert sie es ihm: 

»Es ist zu meinem Glüdt notwendig zu wissen, daß du glückliA bist, aber 
nidit ein Zeuge davon zu sein. Idi habe dir immer gesagt, es wäre sehr sdiwer 
mit dir zu leben, und je näher idi didi betradite, desto mehr sAeint diese Sdiwie* 
rigkeit, für micfi wenigstens, zuzunehmen. Ich verhehle es dir nidit: so lange du 
bist, wie du bist, würde idi jedes Opfer eher bringen, als mich dazu ent* 
sdiließen .... Idi kann mit dir in nidits, was die Außenwelt angeht, überein- 
stimmen. Audi dein Mißmut ist mir drückend und verstimmt meinen heiteren 
Humor .... Du bist nur auf Tage bei mir zu Besudi gewesen und jedesmal 
gab es heftige Szenen um nidits .... und jedesmal atmete idi erst frei, wenn 
du weg warst. Weil deine Gegenwart, deine Klagen über unvermeidlidie Dinge, 
deine finstern Gesiditer, deine bizarren Urteile, die wie Orakelsprüdie von dir 
ausgesprodien werden, ohne daß man etwas dagegen einwenden dürfte, midi 
bedrüdtten .... An meinen Gesellsdiaftstagen kannst du abends bei mir essen, 
wenn du didi dabei des leidigen Disputierens, das midi audi vcrdrießlidi madit, 
wie alles Lamentierens über die dumme Welt und das Mcnsdienelend enthalten 
willst.« <Gw inner, p. 52.) 

Mutter und Sohn waren nun einmal nidit für einander ge* 
sdiafFen. »Er warf ihr vor, das Andenken seines Vaters nidit ge^ 
ehrt zu haben, glaubte audi, da sie diesen nidit geliebt habe, nidit 
an ihre Mutterliebe.« Er war in Besorgnis, »das väterlidie Vermögen 
könnte in den Händen der Mutter nodi ganz zusammensdiwinden 
und ihm, der sidi zum Erwerb nidit befähigt fühlte, die Sorge für 
seine nädisten Angehörigen zufallen«. <Gwinner.) 

Als der fünfundzwanzigjähriee Doktor der Philosophie dodi 
wieder versudien wollte, bei der Mutter in Weimar Wohnung zu 
nehmen, sollte er dort keine Heimat mehr finden. Es kam zu heftigen 
Auftritten zwisdien Mutter und Sohn, weldie bei den geringsten 
Veranlassungen sdion alles Maß des Sdiid^lidien übersdiritten und 
sdiließlidi zu einer endgiltigen Trennung führten. Mutter und Sohn 
sdieinen einander seit dieser Zeit nidit wieder gesehen zu haben, 
obwohl die Mutter nodi 24 Jahre lebte. 

Aus dieser zunehmenden Abneigung gegen den Sohn kann 
man wohl auf tiefere Differenzen der Individualitäten sdiließen. Die 
Mutter spielte gern selbst die geistig Interessierte und Überlegene,- 
sie ließ sidi gern anbeten und bewundern. Einen dieser »Seelen- 
freunde« besdirieb sie, sonderbarerweise in einem Brief an ihren neun= 
zehnjährigen Sohn, folgendermaßen: »Wollte idi ausgehen, so hatte 
idi seinen Arm,- wollte idi Sdiadi spielen, so spielte er,- wollte idi 
mir vorlesen lassen, so las er,- wollte idi Musik, so sang er zur 
Gitarre,- wollte idi quatre mains spielen, so spielte er,- wollte idi 
malen, so saß er,- wollte idi allein sein, so ging er. Soldi einen 
Cicisbeo finde idi nie wieder.« Der unwirsdie, eigenwillige und 
geistig so enorm überlegene und dessen bewußte oohn entspradi 
rreilioi nidit diesem Ideal! 

Faßt man die Äußerungen Sdiopenhauers über seine Mutter 



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Schopenhauer 109 



zusammen, so würde man fast nicht glauben, daß er je audi ein 
zärtlidier Sohn war, wie es wohl für die frühe Kindheit anzunehmen 
ist. Später gab er ihr, wie R. v. Hornstein beriditet, die Sdiuld an 
dem Selbstmord seines Vaters und er sdirieb ihr das finanzielle 
Herabkommen seiner Familie zu. Mit Ironie erzählte Schopenhauer, 
wie seinem Wunsdie, Flöte spielen zu lernen, der Vater Redit gab, 
»aber«, heißt es weiter, »meine poetisdie Mutter, der Sdiöngeist von 
Weimar, war meinem Wunsdie entgegen: er wird einmal so viel 
Geld haben, daß er sidi Flöte vorspielen lassen kann«. Die ab^ 
fällige Äußerung L. Feuerbachs <1815> über sie; »Eine reidie 
Witwe, madit von der Gelehrsamkeit Profession. Schriftstellerin. 
Sdiwatzt viel und gut, verständig,- ohne Gemüt und Seele. Selbst^ 
gefällig, nadi Beifall hasdiend und stets siA belädielnd«, ließ der 
Sohn gelten, als man sie ihm beriditete. 

Es mag zunädist Schopenhauers individuellem Erleben ent- 
sprodien haben, daß er meint, der Mensdi erbe von seiner Mutter 
den Intellekt und vom Vater den Willen. Gebildet, belesen, sdirift^ 
stellerisch tätig, mit Diditern und Literaten in dauerndem Verkehr, 
wurde die Mutter, die durdi ihre literarisdie Bildung und Erfolge 
vielleidit ursprünglidi ein Vorbild für den Knaben war, später, unter 
dem Einfluß seiner zunehmenden Feindseligkeit und Ablösung von 
der seinen männlidien Stolz beleidigenden mütterlidien Autorität, für 
ihn zum oberflädilidien Blaustrumpf. Hatte er do(i\ seither durdi 
ernste wissensdiaftlidie Arbeit die sdiöne Literatur weit hinter sidi 
gelassen. Als Schopenhauer der Mutter seine Dissertation ȟber 
die vierfadie Wurzel des Satzes vom zureidienden Grunde« über^ 
reidite, meinte sie spöttisA — wo andere Mütter stolz gewesen 
wären — , das sei wohl etwas für Apotheker. Der gekränkte Philo* 
soph entgegnete gereizt, man werde seine Sdirift nodi lesen, wenn 
von den Sdiriften der Mutter kaum ein Exemplar in einer RumpeU 
kammer stehen werde. Dodi sie gab sdilagfertig die Antwort: »Von 
den deinigen wird die ganze Auflage nodi zu haben sein.« AIU 
mählidi nahm die Veraditung des nodi durdi Verdäditigung der 
Treue befleckten Mutterbildes einen so hohen Grad an, daß das 
Zusammenleben unmöglidi wurde. 

Man kann als sicher annehmen, daß eine soldie auffällige Ab^ 
Wendung von der Mutter als Reaktion auf eine ursprünglidie Liebe 
eintrat, sobald der Vater nadi seinem nicht ohne odiuld der 
Mutter eingetretenen Tode zum ehemaligen infantilen Idealbild 
wieder erhoben wurde. Ein Charakter wie Schopenhauer konnte 
Abhängigkeit, vielleidit sogar masodiistisdier Färbung, von einem, 
seiner Meinung nadi sdion durdi sein Gesdiledit minderwertigen 
Wesen, ins Mannesalter nidit mitnehmen, und audi diese Regung 
wird zur Verallgemeinerung seines Mutterhasses zum Weiberhaß 
beigetragen haben. 

Schopenhauer erzählte in späten Jahren ~ was die Stärke 
des Erlebnisses beweist — , er sei als sedisjähriges Kind von 



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110 Dr. Eduard HitsAniann 



Angst befallen worden, weil er geglaubt habe, die auf einem 
Spaziergang befindlidien Eltern hätten ihn für immer verlassen. 
Dieses häufig zu beobaditende Angstgefühl zeigt den starken Kon* 
flikt des Kindes in dem bereits zwiespältig gewordenen Verhältnis 
zu den Eltern an (Ödipuskomplex). Wir erwähnen hier, worauf 
wir später nodi zurückkommen, daß sidi diese Kinderangst bis zur 
neurotisdien Angst steigerte und wiederholt im späteren Leben in 
krankhafter Form hervortrat. 

Im Gegensatz zu seiner Mutter sdiien der immer strenge und 
auf seinen W illen beharrende Vater, der sidi hartnäAig den Plänen 
des Sohnes widersetzte, in der frühen Kindheit als der Feind des 
Knaben. So bringt Schopenhauer seine Auffassung, daß die Welt 
eher von einem Teufel als von einem Gotte gemaAt worden sei, 
mit seinem Eindrud^ von der Strenge seines \^ters in Zusammen^ 
hang. In den späteren Äußerungen des Sohnes ersdieint der ver* 
storbene Vater jedodi wieder als übersdiwenglidi gepriesenes Idealbild 
eines diaraktervollen, fürsorglidien, unvergeßlidien Mannes. Man kann 
wohl annehmen, daß, als Schopenhauer mit siebzehn Jahren den 
Vater verlor und eine sdiwere Verstimmung bei ihm eintrat, damals 
seine Liebe zum Vater eine reaktionäre Verstärkung aus der Reue 
erfuhr, die sidi auf Ungehorsam oder Lieblosigkeit, sowie feindselige 
Radiewünsdie bezogen haben mag. ^ 

2. Eigenart seines Wesens. 

Die Eigenartigkeit des Wesens Schopenhauers, die kleinen 
und großen originellen Züge desselben, die selbstverständlidi audi aus 
seinen Werken spredien, haben seine Persönlidikeit überaus populär 
gemadit. Wäre nidit sein Werk ein so imponierendes, würden nidit 
die ernsten, wuditigen, tiefsinnigen, eine starke, diaraktervolle und 
heftige Persönlidikeit verratenden Züge überwiegen, so könnte 
mandier Zug ihn als versdiroben, ja vielleidit komisdi ersdieinen 
lassen. Besonders dort, wo seine Lebensführung, sein Äußeres, seine 
gesellsdiaftlidien Manieren, seine sozialen Gewohnheiten von der 
Norm abweidien, wo Auffallendes, Versdirobenes, Sonderbares 
aufzuzeigen ist, werden wir ins Detail gehen. Neurotisdie Züge bei 
einem genialen Mensdien aufzufinden, ist der modernen Auffassung 
geläufig/ audi diese können wir nidit sdionend übergehen. 

Man rufe sidi das Bild des in dem vornehmen Hause oder 
auf weiten, in aller Bequemlidikeit unternommenen Reisen seine 
fugend verbringenden Knaben ins Gedäditnis. Das Bild der Eltern 
haben wir bereits entworfen,- viele Nadiriditen zeigen uns die Ehe, 

^ So ist auch der schwärmerisch begeisterte Stil der Entwürfe zu einer 
Dedikation (der 2. Ausgabe seines Hauptwerkes) an den Vater zu verstehen. Für 
die ambivalente Einstellung des Sohnes gegen den Vater ist es diarakteristisdi, 
daß sich Schopenhauer an stilistisAen Änderungen und mehrfachen Entwürfen 
dieser Widmung nidit genugtun konnte, aber dodi sdiließlich davon Abstand nahm, 
überhaupt eine dieser Fassungen zu veröffentlichen. 



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SAopenhauer 111 



in der so mancher Streit ausgekämpft wurde, als wenig glücklich, 
und ein lebensfreudiger Ton hat wohl nie vorgeherrsdit. Des Vaters 
rauhe und strenge Art, deren der Sohn sich noch spät erinnert, hat 
gewiß vielfach wie ein Druck auf dem Hause und dem Knaben ge* 
lastet. Darum empfand er die beiden in Havre verbrachten Jahre 
als die glücklidisten seiner Jugend und nennt den Mann, der dort 
bei ihm Vaterstelle vertrat, rühmend einen )!vlieben, guten, sanften 
Mann«. 3>Offenbar,« sagt Möbius, »war der Knabe nicht nur durch 
das positive Gute beglückt, sondern audi durch die Trennung von 
seiner Familie, in der die Eigentümlidikeit seines Vaters und die 
Weldichkeit der Mutter ihm das Leben ersdiwerten« <p. 34). 
Übrigens hat das eigentliche Leben im Vaterhaus sowohl durch die 
vielen Reisen mit den Eltern wie durch den jahrelangen Aufenthalt 
in fremden Städten schon früh mehrfache Unterbrechungen erfahren. 
Zeitig fiel auch am Kind schon ein schwermütiges Grübeln und 
jene Verstimmung auf, die er selbst als Dyskolie geschildert hat\ 
und die zum erstenmal deudich in den Reiseeindrücken des Knaben 
zum Vorschein kommt. So schreibt ihm die Mutter im Jahre 1807, 
»daß ich nur zu gut weiß, wie wenig Dir vom frohen Sinn der 
Jugend ward, wieviel Anlage zu schwermütigem Grübeln Du von 
Deinem Vater zum traurigen Erbteil bekamst«. Der ernste Knabe, 
der schon mit 13 und 14 Jahren einen ungestümen Drang zur 
Wissenschaft verrät, mit dem der Vater rechnen muß, wird durch 
verschiedene Eindrücke einer Reise <1803>, durch die der Vater ihn 
für das praktische Leben gewinnen will <er sagte »mein Sohn soll 
im Budie der Welt lesen«) 2, in seinen düsteren Stimmungen vieU 
fach bestärkt. Er besiditigt die Ruinen des römischen Amphitheaters 
in Nimes und seine Gedanken werden, wie er in sein Tagebuch 
schreibt, an die »Tausende längst verwester Menschen gemahnt« 
und an die Kürze des menschlimen Lebens. Im Bagno von Toulon 
entsetzte sich der lebensunerfahrene Jüngling über das Los der 
Sträflinge und verliert ein andermal alle Reiselust, weil der Wagen 
an elenden Hütten und verlotterten Menschen vorbeigefahren ist. 
Diese trüben Stimmungen, Todes* und Vergänglidikeitsgrübeleien, 
denen wir so häufig in der Jugendgeschidhte von Neurotikern 
<Zwangskranken> begegnen, sind auch in enge Beziehung zu bringen 
zu den bei Schopenhauer seit der frühesten Jugend bis ins 
späteste Alter in geradezu krankhafter Weise auftretenden Angst- 

* In dem schönen Kapitel »Von dem, was einer ist'^^ in den »Aphorismen 
zur Lebensweisheit« nimmt die Bedeutung der Stimmungsanlage für Lebensglüdt 
des Individuums eine auffallend breite Stelle ein, was auf das eigene Erleben 
Schopenhauers hindeutet. 

* Es liegt die Vermutung nahe, daß diese Äußerung, falls sie früh und 
eindrucksvoll dem Knaben zukam, in mißverständlicher Auffassung und Danach- 
richtung ein Antrieb zum Philosophieren wurde. Vgl. dazu Schopenhauers 
Worte: »Die Gelehrten sind die, welche in den Büdiern gelesen haben,- die 
Denker, die Genies . . , sind aber die, welche unmittelbar im Buch der Welt ge= 
lesen haben.« 



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112 Dr. Eduard Hitsdimann 



gefühlen. Schon im sechsten Lebensjahr wurde das Kind, wie er^ 
wähnt, von Angst befallen. Krankhafte Angstgefühle treten bei 
dem zeitlebens ängstlidi ^stimmten Philosophen in späterer Zeit 
wiederholt auf, sowohl in Träumen \ als audi bei Tage. Gwinner 
beriditet über eine »an Manie grenzende Angst, die ihn zu^ 
weilen bei den geringfügigsten Anlässen mit solmer Gewalt über^ 
fiel, daß er bloß mögliches, ja kaum denkbares UnglüA leibhaftig 
vor sidi sah . . . Als Jüngling quälten ihn eingebildete Krankheiten 
und Streithändel. Während er in Berlin studierte, hielt er sidi eine 
Zeitlang für auszehrend . . . Aus Neapel vertrieb ihn die Angst 
vor den Blattern, aus Berlin die Cholera. In Verona ergriff ihn die 
fixe Idee, vergifteten Sdinupftabak genommen zu haben. Als er 
1833 im Begriffe war, Mannheim zu verlassen, überkam ihn ohne 
alle äußere Veranlassung ein unsäglidies Angstgefühl. Jahrelang 
verfolgte ihn die Furdit vor einem Kriminalprozesse, vor dem Ver-- 
luste seines Vermögens und vor der Anfeditung der Erbteilung 
seiner eigenen Mutter gegenüber. Entstand in der Nadit Lärm, so 
fuhr er vom Bette auf und griff nadi Degen und Pistolen, die er 
beständig geladen hatte. Audi ohne besondere Veranlassung trug 
er eine fortwährende Sorglidikeit in sidi, die ihn Gefahren sehen 
und sudien ließ, wo keine waren ... In späteren Jahren sdieint ihn 
die krankhafte Erregbarkeit seltener heimgesudit zu haben. Jedodi 
blieb er von RüAfällen nidit versdiont . . . Wie sidi selbst, so 
quälte er die, weldie mit ihm umgingen, durdi seinen Argwohn . . . 
Seine Wertsadien hielt er derart versted^t, daß trotz der lateinisdien 
Anweisung, die sein Testament dazu gab, einzelnes nur mit Mühe 
aufzufinden war. Seit seiner zweiten italienisdien Reise führte er sein 
Redinungsbudi englisdi und bediente sidi bei widitigen Gesdiäfts^ 
notizen des Lateinisdien und Griediisdien. Um sidi vor Dieben zu 
sdiützen, wählte er täusdiende Aufsdiriften, verwahrte er seine 
Wertpapiere als arcana medica, die Zinsabsdinitte besonders, in 
alten Briefen und Notenheften, und sdiwere GoldstüAe als Not^ 
pfennige unter dem Tintenfaß im Sdireibpult. Nie vertraute er sidi 
dem Sdiermesser eines Barbiers an,- audi führte er stets ein ledernes 
Sdiiffdien bei sidi, um beim Wassertrinken in öffentlidien Lokalen 
keiner Anstediung ausgesetzt zu sein. Die Spitzen und Köpfe seiner 
Tabakspfeifen nahm er nadi jedesmaligem Gebraudie unter Ver* 
sdiluß. Aus Furdit vor dem Sdieintode verordnete er, daß seine 
Leidie über die gewöhnlidie Zeit hinaus offen beigesetzt werden 
solle«, (p. 249 u. ff.) 

Sehr diarakteristisdi für seine näditlidien Angstgefühleist ein aus 
dem zwanzigsten Lebensjahr erhaltenes GediÄt, in weldiem es 
heißt: 

»Mitten in einer stürmisdien Nadit, Bin icfi in großen Ängsten er^ 
wadit/ Hört' es sausen und hört' es stürmen Durch Höfe, Hallen und an den 

' Es ist diarakteristisdi, daß sidi so viele seiner Träume und Ahnungen 
mit dem Thema des Todes besdiäftigen. (Vgl. später). 



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Schopenhauer 113 



Thurmcn ... Da that gar große Angst mich fassen. Fühlt' mich so bang, so 

allein und verlassen,- Suchte vergebens zurück es zu rufen. Wie 

wir uns gestern Freude erschufen , . .« <N. P. p. 369). 

Eine andere Stelle zeigt das Erlebnis und seine Anwendung 
nebeneinander. 

»Wenn in schweren grauenhaften Träumen die Beängstigung den hödisten 
Grad erreicht, so bringt eben sie selbst uns zum Erwachen, durch welches alle 
jene Ungeheuer der Nacht verschwinden. Dasselbe geschieht im Traume des 
Lebens, wann der höchste Grad der Beängstigung uns nötigt, ihn abzubrechen.« 

Wie hier die Angst direkt mit der Todesangst in Beziehung 
gesetzt ist, so ersdieint noch an anderer Stelle die Todesangst als 
sdireckliciie Begleiterin des Lebens <N. R § 276): 

»Es gibt Augenblicke, wo, wenn wir an den Tod lebhaft denken, er in 
so fürchterlicher Gestalt erscheint, daß wir nicht begreifen, wie man mit solcher 
Aussicht eine ruhige Minute haben könne und nicht jeder sein Leben mit Klagen 
über die Notwendigkeit des Todes zubringe.« 

Und sdiließlidi seien noch die Worte aus den N. P. § 658 
angeführt, welche so überaus charakteristisch sind für die Psychologie 
des Angstmenschen überhaupt: 

»Wenn ich nichts habe, was mich ängstigt, so beängstigt miA eben dies, 
indem es mir ist, als müßte doch etwas daseyn, das mir nur eben verborgen 
bliebe. Misera conditio nostra!« 

Diese das ganze Leben begleitende Angst, als pavor nocturnus 
beginnend, in pathologischen Angstäquivalenten wiederkehrend, vicU 
fadi das Traumleben durchsetzend, das ganze Leben verbitternd, 
ist sicher als krankhafte Erscheinung aufzufassen und steht nach 
unserer ärztlichen Beobachtung mit Verdrängungsvorgängen der in^ 
fantilen Sexualität im engsten Zusammenhang. Wir sind gewöhnt, 
sie in der Kindheit mit der Ablösung von der kindlichen Selbst^ 
befriedigung und deren Phantasien sowie mit der Verdrängung der auf 
Eltern und Geschwister gerichteten Todes^ und Liebeswünsche in Be-- 
Ziehung zu bringen und finden sie besonders ausgeprägt bei einer 
starken, außen gehemmten und gegen das eigene Ich gekehrten gewalt^ 
tätigen Anlage, wie eine solche bei Schopenhauer nachweisbar ist. 
Daß Schopenhauer einen überstarken Sexualtrieb hatte, berichtet 
er selbst aus seiner Kindheit,- er rühmte sich auch, außerordentlich 
heißes Blut gehabt zu haben <Gwinner p. 396). Er hat unter 
diesem starken Trieb sehr gelitten, wie wir am deutlichsten aus dem 
Jugendgedicht (achtzehntes Jahr) ersehen, das den Kampf gegen die 
verwerflich empfundene Sinnlichkeit widerspiegelt <N. P. p. 366): 

»O Wollust, o Hölle, o Sinne, o Liebe, Nidit zu befried'gen und nirfit 
zu besiegen! Aus Höhen des Himmels hast du mich gezogen Und hin midi ge* 
worfen In Staub dieser Erde: Da lieg' ich in Fesseln. Wie wollt' ich midi 
schwingen Zum Throne des Ew'gen, Mich spiegeln im AbdruA des höchsten 
Gedankens, Midi wiegen in Düften, Die Räume durchfliegen. Voll Andacht, 
voll Wunder . . . Doch du. Band der Schwäche, Du ziehest mich nieder. Daß 
fest midi umklammert Das Heer deiner Fäden, Und jegliches Streben Nach Oben 
mißlingt mir.« 

Jmago II 2 8 



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114 Dr. Eduard Httsdimann 



Audi aus zahlreidien Stellen seiner intimen Aufzeidinungen, 
seiner Briefe und seiner Sdiriften folgert der Biograph Damm »wie 
ungeheuer sdiwer Schopenhauer unter dieser geheimen Geißel litt, 
wie er sidi selbst bewußt war, daß die Leidensdhaft zum weiblidien 
Gesdiledit, der Sinnengenuß ihn stets aufs Neue in Fesseln sdilug 
und seinem Charakter dunkle Sdiatten aufsetzte . . . Sdion im 
Jünglingsalter sudite er diese Triebe zu bekämpfen: bald stürzte er 
sidi mit Eifer in die kaufmännisdien Obliegenheiten, bald sudite er 
Ablenkung in der Lektüre ... im Besudi von Theater und Kon^ 
zerten, in der Ausübung des Flötenspiels, in weiten Spaziergängen 
und im Betreiben des Segelsports. — Die Natur aber wollte ihr 
Redit. Sdiließlidi überwältigte ihn der Ekel am ganzen Dasein und 
er versank in immer tiefere Melandiolie« <p. 54). Er litt zeitlebens 
unter diesem »Dämon« und »mit einem Jubelruf begrüßte er darum 
den Eintritt jener Lebensjahre, in denen die Begierden sdilafen ge^ 
gangen sind« und die Erlösung erfolgt. Es liegt nahe, in dem 
Erlösungsbedürfnis, das audi in Schopenhauers Philosophie eine 
so große Rolle spielt, eine Analogie hiezu zu finden. Dem starken 
Trieb entspridit audi das starke Sdiuldgefühl, weldies, wie wir sehen 
werden, mit die Grundlage seiner pessimistisdien Weltansdiauung 
geworden ist. Sdiopenhauer bemerkt gelegendidi, daß der der 
Kindheit fehlende Sexualtrieb später das Leben verdüstere: 

»Dieser Trieb hebt jene Sorglosigkeit, Heiterkeit und Unschuld . . auf, 

indem er in das Bewußtsein Unruhe und Melandiolie, in den Lebenslauf Unfälle, 

Sorge und Not bringt« <W. W. II, p. 668). 

Das mit der Angst innigst zusammenhängende Schuldgefühl 
sind wir gewohnt, teils auf dem Ödipuskomplex entspringende 
böse Wünsdien auf Eltern und Gesdiwister zurüd^zuführen, teils 
wird es verstärkt durdi die von der Autorität der Eltern der kind^* 
lidien Onanie entgegengesetzten Drohungen, die einer Natur wie 
dem strengen Vater Schopenhauers gewiß nahelagen. Der Knabe, 
dem der Vater übrigens mit sedizehn Jahren nooi seine sdiledite 
Körperhaltung vorwerfen mußte, sdieint audi seine Phantasien 
damals nidit im Zaume gehalten zu haben. Er versdilang mit der 
üblidien Heimlidikeit und Begierde jener Jahre eine Menge poetisAer 
Werke und Romane, siditlidi mit sdileditem Gewissen. »Du bist 
nun sdion fünfzehn Jahre alt,« sdireibt ihm die Mutter, »Du hast 
sdion die besten deutsdien, französisdien und zum Teil audi eng^ 
lisdien Diditer gelesen und studiert und dodi außer den SdiuU 
stunden kein einziges Budi in Prosa, einige Romane ausgenommen, 
keine Gesdiidite, nidits als was Du etwa lesen mußtest, um bei 
Herrn Runge zu bestehen . . . alles in der Welt wollte idi didi 
lieber werden sehen als einen sogenannten Beiesprit.« Vielleidit 
hatte Arthur mehr Romane gelesen, als sie dadite, heißt es bei 
Möbius <p. 36> weiter. »Dem K. Bahr erzählte Schopenhauer, 
er habe als vierzehnjähriger Knabe mit Hilfe seines Kommoden^ 
sdilüssels der vätcrlidien Bibliothek den Roman »Faublas« entführt 



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Schopenhauer 115 



und habe sich Nadits auf seinem Bette sitzend darein vertieft. Da 
sei der Vater, um in seiner Frau Zimmer zu kommen, unversehens 
hereingetreten: »Ein gegenseitiges Ertappen!« Vor dem Romanlesen 
hat Schopenhauer später die jungen Leute wiederholt gewarnt, 
er muß wohl die übeln Folgen gespürt haben.« Der psydiisdi be^ 
deutsame Kampf zwisdien SexuaU und Iditrieb mag um die Zeit der 
Pubertät und später audi bei Schopenhauer eine widitige Rolle 
für Charakterbildung und geistige Ziele gespielt haben ^. Die ange^ 
strebte sexuelle Abstinenz seines späteren Lebens, der er nur perio* 
disdi untreu wurde, führte wieder zur Verstärkung, respektive Kon* 
tinuierlidierhaltung der Angst, die wieder den AusaruA in den 
versdiiedenen bereits angeführten Phobien fand: in auffällig über^ 
triebenen Vorsiditsmaßregeln gegen übersdiätzte Gefahren, gegen 
Krankheit und Tod insbesonders. Daher hat er aud\ das Thema 
der Vergänglidikeit, der Flüditigkeit der Zeit und insbesondere des 
Todes, weldie seit jeher die Anreger alles Philosphierens gewesen 
sind, aus seinen eigenen Erlebnissen heraus als soldie empfunden, 
wenn er sagt <W. w. II, p. 185): 

»Ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod und neben diesem die 
Betraditung des Leidens und der Not des Lebens, was den stärksten Anstoß 
zum philosophisdien Besinnen und zu mctaphysisdicn Auslegungen der >X''elt 
gibt.« 

Darum sagt Schopenhauer mit Redit, daß der Tod der 
wahre Musaget der Philosophie sei'^. — 

Den mehr als ernsten und grüblerisdien Knaben hatte das be- 
wegte Reiseleben nidit aus seiner trüben Stimmung zu reißen ver- 
modit, er blieb nadi innen gewendet und sdion mit zwölf Jahren 
verrät er eine brennende Liebe zur Wissensdiaft und eine starke 
Neigung zur Gelehrtenlaufbahn. Als er endlidi nadi dem Tod des 
Vaters, dem zuliebe er nodi zwei Jahre in »naditräglidiem Gehorsam« 
<Freud) dem Kaufmannsstande treu blieb, sidi der Wissensdiaft widmen 
konnte, zeigte er sidi voll von edelstem Eifer und Wissenstrieb, ver^ 
sdilang zahllose Bände und es dauerte nidit lange, so hatte er alles 
nadigeholt und die ausgiebigste Grundlage für philologisdie und 
philosophisdie Bildung gelegt. Im zwanzigsten und einundzwanzigsten 
Lebensjahr begann er sich bewußt mit jenen ernsten, tiefsinnigen 
Themen zu besdiäftigen, die er später im vierten Budie seines 
Hauptwerkes eingehend behandelt hat. Daß der junge Schopen^ 
hau er, der sidi sdion den Philosophen merken ließ — »Jugencl und 
Philosophie gepaart — immer eine paradoxe Ersdieinung» <Möbius> 

^ Es ist audi interessant, daß er sidi eines guten Gcdäditnisses für seine 
ersten zwölf Lebensjahre rühmt. Warum nidit vt^eiter? müssen wir fragen: v^ermut- 
lieh begann um diese Zeit eine stark einsetzende Verdrängung. 

- »Der Tod ist der eigentlidie inspirierende Genius oder der Musaget der 
Philosophie, weshalb Sokrates diese audi iJaraiov z/fAfT/y definiert hat. Schwerlich 
sogar würde, audi ohne den Tod, philosophiert werden.« (Über den Tod und sein 
Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sidi, II. Bd., p. 542). 



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OrfgfrTaffrom 
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116 Dr. Eduard Hitsdimann 



keine großen Erfolge beim weiblichen Gesdiledite hatte <bei den 
Freunoinnen seiner Schwester), ist begreiflich,- »er war eben keine 
Speise für sie« <Möbius>. Schopenhauer selbst sagt: »In meiner 
Jugend machte die Vernachlässigung, die ich in der Gesellschaft erfuhr 
und der Vorzug, den man den Alltäglichen, Platten, Dürftigen vor 
mir gab, mich an mir selber irre.« — Fassen wir Schopenhauers 
seelischen Zustand um diese Zeit zusammen, so verstehen wir, 
warum er Wieland — als dieser ihm abriet, lediglich Philosophie 
zu studieren, was doch kein solides Fach sei — antworten konnte: 
»Das Leben ist eine mißliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es 
damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.« <April 1811.) 

Wir dürfen uns um diese Zeit Schopenhauer im äußeren 
Leben nicht allzu verschieden von anderen Studenten vorstellen. Es 
scheint, daß seine materielle Unabhängigkeit ^ das Erreichen seiner 
geistigen Ziele und das anregende Leben in Weimar ihn geselliger 
machten und seine von der Kindheit her schon bestehende pessimi^ 
stische Verstimmung zeitweilig unter den Ablenkungen des Sportes 
und der geselligen Zerstreuungen verschwinden ließen. Wir werden 
nodi einmal ein ähnliches Aus^der^Art-^schlagen dieses zu ernstem 
und eingezogenem Leben bestimmten Mannes begegnen, und zwar, 
als er nach Vollendung seines Hauptwerkes im dreißigsten Lebens^ 
jähr nach Italien reist. Er sdireibt damals folgende siegesbewußte 
Verse nieder: 

5^Aus langgehegten, tiefgefühlten Schmerzen Wand sicfi's empor aus meinem 
inncrn Herzen. Es festzuhalten hab' idi lang gerungen: Doch weiß ich, daß zu- 
letzt es mir gelungen. Mögt euch drum immer wie ihr wollt gebärden: Des 
Werkes Leben könnt ihr nicht gefährden. Aufhalten könnt ihr's, nimmermehr 
verniditen: Ein Denkmal wird die NaAwelt mir errichten!« 

Es ist ein Zeichen für seinen geistigen Ehrgeiz, daß Höhepunkte 
seines Studien- und Arbeitsfortschritts ihm die Lebensfreude nahe* 
bringen. Dem durch Jahre wider Willen im Kontor festgehahencn 
Jüngling war eine goldene Zeit angebrochen, da er mit seinen 
Geisteskräften und mit seinem Tätigkeitstrieb sich auf das ganze 
Gebiet der Wissenschaften werfen konnte und sein Fleiß, sein Intern 
esse waren bewundernswert. Ausgezeichnete Lehrer und Ratgeber 
standen ihm zur Seite, sein vortreffliches Sprachtalent kam ihm zu 
Nutze und das Ideal, in allen Fächern zu Hause zu sein, um später 
der Königin der Wissenschaften dienen zu können, mochte ihm schon 
damals vorgeschwebt haben. Sein Interesse für Naturwissenschaft, 
vielleicht auch für hygienische Fragen (wohl aus Hypochondrie 
stammend), wandte sidi vorübergehend der Medizin zu. Das um- 



* Mit eiiUMidzwanzig Jahren erhielt er von der Mutter das vätedidie Erb* 
teil ausbezahlt, welAes ihm naA dem damaligen Kapitalswerte vollkommen aus*^ 
reichend ersdieinen mußte, ihm für seine Person zeitlebens ein bequemes Auskommen 
zu sichern. Die materielle Unabhängigkeit, die gleidizeitig mit der von der Mutter 
cinherging, mußte sein Selbstgefühl heben. 



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Schopenhauer 117 



fassende Liniversalstudium, das Schopenhauer damals beschäftigte, 
erhielt die entscheidende Richtung durch den Rat seines Professors 
G. E. Schulze, der ihn bestärkte, Philosoph zu werden, und zu-» 
nächst seinen Fleiß aussdiließlich Plato und Kant zuzuwenden riet. 
Er warf sidh dann in Berlin mit erneutem Eifer auf das Studium 
der Philosophie und begann sich gesellschaftlich mehr und mehr 
zurückzuziehen. Er verzichtete, daran zu denken, ein Haus zu 
gründen, Weib und Kinder zu besitzen und lebte nur dem einen 
Lebenszweck, sein Werk zu vollenden. Seine Dissertation Ȇber 
die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde« verriet 
einem Kritiker schon, daß der junge Philosoph die Absidit habe, 
»die Ethik zum Schlußstein der ganzen Philosophie zu madien«. Er 
war damals schon mit seinen weit höher strebenden Absichten be* 
schäftigt, sein Haupt* und Lebenswerk gewann bereits in seinem 
Innern Gestalt,- es sollte eine Philosophie werden, die nicht auf dem 
Wege der Wissenschaft gesucht war, sondern durch Anschauen der 
Welt <Intuition>, mehr Kunstwerk als Wissenschaft. Schopen-- 
hau er hat dann wiederholt geschildert, wie er die Freude, etwas 
Großes und Wertvolles in sich wachsen zu fühlen, gleich einer 
stolzen jungen Mutter empfunden hat,- er hat damit allen jenen, 
die etwa noch glauben, daß ein Philosoph die Grundlehren seines 
Systems ausklügle oder konstruiere, in klarster Weise gezeigt, daß 
das Entstehen eines philosophischen Gebäudes ebenso unbewußt vor 
sich gehen kann, wie ein Tagtraum oder ein Kunstwerk. Am besten zeigt 
sich dies darin, daß diese Jugendkonzeption seines Hauptwerkes — des 
Werkes seines Lebens, wie er selbst sagt — die endgiltige blieb, da 
alle spätere Gedankenarbeit des Philosophen in eigenartiger Starrheit 
nur der Ausgestaltung, Bestätigung, Begründung und Rechtfertigung 
seiner Grundprinzipien galt. Diese Jungmannszeit war die eigentlich 
und einzig schöpferische in seinem Leben, in ihr gebar er den seiner 
würdigen Geistessprossen, dessen Schutz, Pflege und Verteidigung 
sein übriges Leben gewidmet war. Ruhe und Muße war der fruchte 
bare Boden für die Schöpfung und Jahrzehnte lange Verteidigung 
dieses Kindes. Man mag sich Schopenhauer in seiner Studenten^ 
Stube vorstellen, wo Piatos und Kants Werke, des Sokrates Büste 
und Goethes Bildnis zu finden waren und wo damals schon der den 
menschlichen Vertrauten vorgezogene Pudel auffallend erscheint. Mag 
es auch zu gelegentlichen Disputen unter Kollegen gekommen sein, 
wobei sich Schopenhauer selbstbewußt und brüsk benommen hat, 
so mied er doch, angeblich weil es ihm unbequem und antipathisch 
war, vermutlich aber mehr aus den tieferen unbewußten Gründen 
seiner Asozialität, des Widerstandes gegen das Zusammensein, fast 
alle Geselligkeit, jedes Familien- oder Vereinsleben und prädestinierte 
sich sdion damals für das dauernde Junggesellentum. Wenn er aber 
auch Junggeselle blieb — die Ehelosigkeit ist eine wiederholt hervor^ 
'gehobene Eigenart der Lebensführung der Philosophen, wie besonders 
Nietzsche in seiner Abhandlung >>Was bedeuten asketische Ideale« 



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118 Dr. Eduard Hitsdimann 



betont hat* — , so mögen dodi hier entgegen den vielfadi um^ 
gehenden Meinungen, daß Schopenhauer gar nidits mit Frauen 
zu tun gehabt habe, sowie der unbereditigten und leiditfertigen Be^ 
hauptung Lombrosos über größte sexuelle Aussdi weifungen, 
einige Bemerkungen über das Liebesleben Schopenhauers Platz 
finden. Im Gegensatz zu seinem so oft von ihm selbst als über^ 
mäditigen Dämon bezeidineten Sexualtrieb, der ihn erst im Alter 
zur Ruhe kommen ließ, wissen wir Sidieres nur von einigen nidit 
dauernden Liebesbeziehungen, die er einging, nidit ohne mit dem Ge- 
danken an die Ehe theoretisdi zu spielen. Aus dem Tagebudi der 
Sdiwester, der er in Briefen so mandies anvertraute, wissen wir, 
daß seine Geliebte in Dresden guter Hoffnung war, wobei er sidi 
übrigens »redididi und gut benommen« haben soll. »Zärdidie Be- 
ziehungen fesselten ihn an Fräulein Medon, die der Berliner Hof* 
bühne angehörte ... für die Stärke seiner Neigung zu ihr spridit es 
wohl, daß er ihrer nadi dreißig Jahren mit einem bedeutenden 
Legat gedadit hat« <Damm, S. 184). 

Liebe und Ehegedanken traten Schopenhauer audi in 
Venedig nahe. Nad) Italien war er ja nadi Absdiluß seines Werkes 
lebens* und wahrsdieinlidi audi liebesdurstig geeilt, nadidem ihm 
sdion die letzten Jahre hindurdi Wunsditräume jenes Land vorge* 
spiegelt hatten. Möbius sagt \qx\ den dort eingegangenen Liebes^ 
beziehungen zusammenfassend: »Abgesehen von rein sinnlidien 
Verhältnissen geriet Schopenhauer audi zu einer Dame der 
Gesellsdiaft in Beziehungen <»die Geliebte ist reidi, sie ist von 
Stand gar,« sdireibt Adele), die, wie es sdieint, beinahe mit einer 
Heirat geendet hätten« <p. 67). »Von den inneren Kämpfen,« sagt 
Gwinner <p. 20), »die er gegen Anfeditungen dieser Art zu be- 
stehen hatte, geben Überlegungen Zeugnis, die er in englisdier 
Spradie Zetteln anvertraute, deren Inhalt jedodi im ganzen sidi 
nidit zur Mitteilung eignet.« Daß trotz seiner Abneigung gegen eine 
dauernde Verbinduiig mit der Frau, oder vielmehr eben dadurdi, 
Schopenhauers Sinnlidikeit, vielfadi unbefriedigt, die Phantasie 
sehr leidit überflutete, so daß er zum weiblidien Gesdiledite kaum 
geistige Beziehungen eingehen konnte, hat er selbst verraten : indem 
er seiner Sdiwester sdirieb, er hätte außer ihr nie eine Frau ohne 
Sinnlidikeit geliebt. 

Wir können hier nidit die Psydiologie des Ledigbleibens, des 
Hagestolzentums breit erörtern. Es ergibt sidi für Schopenhauer 
speziell sdion aus vielem hier Gesagten, daß er zur Ehe aus den 
Tiefen seiner Persönlidikeit vollkommen ungeeignet war. 

Er weiß ganz gut: »Von der Natur bestimmt ist des Mensrfien Los: 
Tages Arbeit, Nadits Ruhe und wenig Muße, und des Mensdicn Glück: Weib 

^ Schopenhauer erwähnt, sidi selbst vergleichend, alle cditen Philosophen 
seien ledig geblieben, so Cartesius, Leibniz, Malebranche, Spinoza und 
Kant/ des Sokrates Leiden sei bekannt und Aristoteles sei ein Hofmann gc* 
wesen. 



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Schopenhauer 119 



und Kind, die sein Trost sind im Leben und Sterben«. Aber heißt es selbst* 
tröstend weiter: »Wo eine abnorme Besdiaffenheit große geistige Bedürfnisse, 
und mit diesen die Möglichkeit großer geistiger Genüsse herbeiführt, da wird 
freie Muße zur Hauptbedingung des Glücks, für welche sodann dem normalen 
Menschenglück durch Weib und Kind willig entsagt wird.« 

»Die meisten Männer,« sagt Schopenhauer an anderer Stelle, »lassen 
sich durch ein schönes Gesicht verlocken: denn die Natur induziert sie dazu, 
Weiber zu nehmen, indem sie diese auf einmal ihre volle Glanzsette zeigen 
läßt; die vielen Übel dagegen, die sie im Gefolge haben, verbirgt: als da sind 
endlose Ausgaben, Kindersorgen, Widerspenstigkeit, Eigensinn, Alt* und 
Garstigwerden nach wenigen Jahren, Betrügen, Hörneraufsetzen, Grillen, 
hy^sterische Anfälle, Liebhaber und Hölle und Teufel. Deshalb ist die Heirat 
eine Schuld zu nennen, die in der Jugend kontrahiert und im Alter bezahlt wird . . . 
Die freie Muße, welche sie ihren Weibern zu erarbeiten den Tag verbringen, 
braucht der Philosoph selbst. Der Verheiratete trägt die volle Last des Lebens, 
der Unverheiratete nur die halbe.« 

Die unbewußten, aber wirklichen Motive sind die Sexualab^ 
lehnung und die damit im Zusammenhang stehende Angst,- das böse 
Vorbild der eherlichen Ehe u. a. wirkten zusammen mit seiner 
Asozialität, seinem Einsamkeitsbedürfnis, um Schopenhauer nie 
heiraten zu lassen, Schopenhauer hat diese Hemmungen kaum 
durchschaut, vielmehr sie sekundär verstandesmäßig zu begründen 
gesucht (»rationalisiert«). Die Angst vor Betrogenwerden, Körperlich^ 
Geschwächtwerden, von materiellen Opfern etc. verrät er zu deut^ 
lieh. Bei seiner Sensibilität und Intellektualität, seinem Sinn für 
Unabhängigkeit, bei seinem Entschluß, von seinem kleinen Ver^ 
mögen ohne Arbeit sparsam zu leben, last not least bei seiner, 
allerdings teilweise sekundären, herabsetzenden Ansicht über das 
weibliche Geschlecht — konnte die Entscheidung nur nach der 
negativen Richtung fallen. Das gehaßte und verachtete Bild seiner 
Mutter, zumindest die von widerstreitenden Gefühlen getragene 
Einstellung des Sohnes werden dabei eine entscheidende Rolle gespielt 
haben. In dieselbe Richtung wpist auch eine weitere letzte Wurzel, 
seine seltsame Einstellung zum Weib und seinen Mitmenschen. 

Die Widerstände, die wir bei Schopenhauer sowohl gegen 
die Verbindung mit dem Weibe wie gegen die Wertung des 
Weibes finden, seine Herabsetzung des Geschlechtsaktes, lassen den 
geübteren Psychoanalytiker schon hieraus eine stärkere Betonung 
des homosexuellen Anteiles der bekanntlich allgemeinen bisexuellen 
Anlage des Menschen bei Schopenhauer annehmend Vom tat^ 
sächlichen Liebesumgang mit Männern absolut fernbleibend muß 
Schopenhauer als sozusagen »ideell gleichgeschlechtlich« <Freud> 
bezeichnet werden. Als Beweise für diese Annahme sei auf folgende 
gewichtige Tatsachen hingewiesen. Schopenhauer empfancT den 
weiblichen Körper als häßlich, den des Jünglings als schönsten. 

So heißt es P. P. II, p. 654 »über die Weiber«: 

* Vgl. Frauenstädt, »Mcmorabilien etc.«, p. 393 und 394. 



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120 Dr. Eduard Hitsdimann 



»Das niedrig gewadiscnc, schmalsdiultrige, breithüftige und kurzbeinige 

GesAIedit das sAöne nennen konnte nur der vom GesdileAtstrieb umnebelte 

, männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlidi steckt seine ganze Schönheit. Mit 

mehr Fug als das schöne, könnte man das weibliche Geschlcdit das unästhetische 

nennen.« 

Und in der »Metaphysik der Gesdileditsliebe« ist die Rede von 
den Jünglingen, »die dodi eigentlidi die höchste mensdilidie Sdiön- 
heit darbieten«^. 

In einer brieflichen Kritik von Frauenstädts Buch »Ästhetik 
sehe Fragen« heißt es p. 50: 

»ein vollkommenes Weib ist schöner als ein vollkommener Mann,« 
— quae qualis, quanta! Hier haben Sie ein hödist naives Bekenntnis Ihres Ge» 
schlechtstriebes abgelegt . . . Warten Sie, daß Sie in meinem Alter sein werden, 
wie Ihnen dann diese kurzbeinigen, langleibigen, schmalscfiultrigen, breithüftigen, 
mit Zitzen exornierten Persönchen vorkommen werden: auch ihre Gesichter sind 
nichts gegen die der schönsten Jünglinge, zumal die Augen ohne Energie.« 

Mit Recht sagt B. Friedländer^ in bezug auf diese Stelle: 
»Meiner Ansidit nach ist derjenige, der so wertet, wie Schopen* 
hauer, ein sozusagen ästhetisch Homosexueller. Aber audi 
die anderen Auslassungen über Weiber, nämlich über deren Psyche 
und Intellekt, atmen denselben Geist . . . und er beweist damit eine, 
wenn man so sagen darf, psydiisdi gleidigeschleditliche Neigung. 
Denn es Ist dodi unmöglldi, daß, wer so denkt und empfindet, ein 
inniges Verhältnis mit einem Jüngling einem soldien mit einem Weib 
nidit bei weitem vorziehen sollte.« Friedländer gibt sogar der 
Vermutung Raum, daß »vielleidit die Lebensfeindlidikeit, die ver^ 
feinerte Grießgrämigkeit, kurz der Pessimismus des großen Denkers 
die letzte tiefste Wurzel in einer unbefriedigten uranisdien 
Veranlagung gehabt habe . . . Nur der ganz Unkundige würde 
die nadigewiesenen, vorübergehenden, rein sinnlidien Beziehungen 
Schopenhauers zu Weibern als Gegengrund anführen können«. 

Als ergänzende Argumente seien hervorgehoben Schopen^ 
haucrs übertriebene Abneigung gegen den Anblid^ des männlldien 
Bartes wie audi die später <vgT. p. 129) zitierten Äußerungen über 
das Verbergensollen des Genitales. Er verwirft den Bart wieder- 
holt als häßlidi und tierisdi. So heißt es <P. P. I, p. 204): 

»Sogar als äußerliches Symptom der überhand nehmenden Roheit er* 
blidtt ihr den konstanten Begleiter derselben — den langen Bart, dieses Gc- 
sdileditsabzeidien, mitten im Gesidit, welches besagt, daß man die Maskuh'nität, 
die man mit den Tieren gemein hat, der Humanität vorzieht . . . Das Ab^ 
sdieeren der Barte in allen hodigebildeten Zeitaltern und Ländern ist aus dem 



' ^X^enn wir uns berechtigt glauben, diese Äußerung als Zeidien einer 
unbewußten homosexuellen Neigung anzuführen, so übersehen wir dabei nicht, daß 
die Frage nach einem objektiven Schönheitsideal vielfadi von Ästhetikern zugunsten 
der Männlichkeit entsdiieden wurde. 

2 »Die Renaissance des Eros Uranos«, Berlin 1904. 



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Sdiopenhauer 121 



richtigen Gefühl des Gegenteils entstanden . . . Zudem ist alles Behaartsein 
tierisch. Die Rasur ist das AbzeiAen der höheren Civilisation.« 

Schopenhauer gehört also zu jenem nicht seltenen Typus 
sexuell relativ zurückhaltender Männer, die durdi diese Eigene 
sdiaft und durdi kleine andere Züge verdrängte homosexuelle 
Neigung verraten. Daß Schopenhauer selbst die etwa von seinen 
Gegnern ihm zugemutete Homosexualität im vorhinein ironisdi ab* 
lehnt, kann für uns kein Gegenargument gegen diese Vermutung 
sein. Schopenhauer hat der Päderastie einen eigenen Absdinitr 
als Anhang zur Metaphysik der Gesdileditsliebe gewidmet, in 
weldiem er sie als häufige Ersdieinung des Alters und der Jugend* 
jähre teleologisdi dahin auslegt, die Natur wolle dadurdi die Er* 
zeugung degenerierter Nadikommen hintanhalten. Am Sdilusse be- 
gründet er die Abfassung dieses Absdinittes mit folgender ironisdier 
Bemerkung: Er hätte damit »den Philosophieprofessoren eine kleine 
Wohltat zufließen lassen wollen, indem er ihnen Gelegenheit er* 
öffnete zu der Verleumdung, daß er die Päderastie in Sdiutz ge* 
nommen und empfohlen hätte«. — Es sei audi aufmerksam gemadit 
auf jene Darstellung des Entstehens seines Hauptwerkes, wo 
Schopenhauer sidi selbst ganz weiblidi*mütterlidi und »sdiwanger« 
empfindet, das Werk als Kind im Mutterleib: »Idi sehe es an und 
spredie, wie die Mutter: idi bin mit Frudit gesegnet« <N. P, 
§ 630). Es entsprädie dieses Bild passiver Homosexualität, wie 
wir sie als Folge übergroßer Liebe zum gefürditeten Vater ent* 
stehen sehen. Schopenhauers unbewußte homosexuelle Neigung 
mag selbst wieder verstärkt worden sein durd> seine Ab* 
Wendung vom Weibe <von der Mutter). Finden wir aber bei 
anderen Mensdien als Sublimierungsprodukt verdrängter gleidi* 
gesdileditlidier Neigung den Sinn für Freundsdiaft und Geselligkeits* 
Beziehungen, so sehen wir, daß Schopenhauer audi diese im 
weiteren Sinne der Libido entspringenden Beziehungen zu den 
Nebenmensdien in ganzen großen Absdinitten seines Lebens ver* 
missen läßt und erst im Alter von einem kleinen Kreis geistiger 
Anhänger umgeben ist. Audi dem Vereinsleben bleibt er zeitlebens 
ferne und sein Mensdienhaß, der sidi in nidit sdiwädieren Ausdrüd^en 
und Übertreibungen äußert als sein Weiberhaß, zeigt, daß bei S c h o p e n* 
hauer audi die Libidoübertragung auf die Mitmensdien späterhin 
gehemmt war, wenn er audi vorübergehend in seinen Knaben* 
freundsdiaften ^ und als Jüngling wenige Ausnahmen gemadit hatte. 
Ohne Freund, ohne Frau, ohne geselligen Kreis, ohne Empfindung 
dafür, den übrigen Mensdien zu geben oder von ihnen zu empfangen, 
ging der in diesem Sinne tief unglüd^lidie Mensdi allein durdis Leben, 
eingehüllt in seinen Stolz und seine Mensdienveraditung, die ihm, aus 
Ressentiment entspringend, zum Trost in seiner Einsamkeit dienten. 

* Vgl. dazu den Traum des 42jährigen Schopenhauer von »seinem 
Busenfreund und steten Spielkameraden« Gottfried J ä n i s c h, der mit 10 Jahren ge- 
storben war <N. P. § 194). 



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122 Dr. Eduard HitsAmann 



Nach elfmonatlidiem Aufenthalt in Italien wurde er in Mai- 
land durdi die alarmierende Nadiridit von einer das Vermögen 
der Seinigen bedrohenden finanziellen Krise unangenehm überrasAt. 
Die Mutter hatte den größten Teil ihres Vermögens sowie das der 
Toditer verloren und erhielt sidi später durdi Sdiriftstellerei. Das 
nädiste war, daß er der Sdiwester sdirieb, er sei bereit, mit ihr 
und der Mutter das Wenige, was ihm geblieben sei, zu teilen, wo^ 
von jedodi kein Gebraudi gemadit wurde. Er besdiloß jedodi so^ 
fort, sidi als Privatdozent zu habilitieren. Sein ausgesprodiener Besitz- 
trieb und seine gesdiäftlidie Tüditigkeit erreiditen es im Verein mit 
seiner Hartnäckigkeit, daß er sidi sein eigenes Vermögen unbeein- 
träditigt erhielt. Die Gesdiwister aber entfremdeten sidi in diesem 
brieflidien Konflikt für mehr als 10 Jahre. Die Dozentur endete mit 
einem Mißerfolg, da sein Gegner Hegel auf der Höhe seines 
Ruhmes stand, und Schopenhauer selbst sidi wie gewöhnlidi 
sdiroff benahm. Dies war für ihn ein zu bereditigter Verstimmung 
und mißtrauisdiem Pessimismus Anlaß gebendes Erlebnis. Die 
Ignorierung seines Lebenswerkes durdi viele Jahrzehnte gab weitere 
zureidiende Gründe. Es sdiließen sidi jetzt Jahre an, in denen 
Schopenhauer nadi Fortsetzung seiner unterbrodienen Italien- 
reise seinen Wohnort an versdiiedenen Städten aufzusdilagen 
sudite, 1825 nadi Berlin zurüd^kehrte und 1833 sidi von der 
Cholera vertrieben, endlidi dauernd in Frankfurt a. M. festsiedelte, 
wo wir ihn, zu einer stadtbekannten Figur geworden, als welt- 
bekannte Berühmtheit aufgesudit, audi seine Tage besdiließen 
sehen. 

War Schopenhauer im allgemeinen von großer körperlidier 
Widerstandsfähigkeit und nodi im Greisenalter kräftig und rührig, 
von gesundem Sdilaf und gesegnetem Appetit, so madite er dodi 
einmal — mit 35 Jahren — eine langwierige Krankheit durdi, von 
der wir nidits Bestimmtes wissen, über die er aber Klage geführt 
hat, der er die Sdiuld an seinem frühen Ergrauen gab und seine 
Nervensdiwädie zusdirieb. Über die Art dieser Erkrankung ist 
zwisdien Iwan Blodi und Wilh. Ebstein ein wissensdiaftlidier 
Streit ausgefoditen worden. Der erste Autor glaubt auf Grund 
von Schopenhauers Geheimaufzeidinungen über seine Qued^^ 
silberkur und aus anderen Gründen den Nadiweis erbringen zu 
können, daß es sidi um eine sdiwere tertiäre Syphilis gehandelt 
habe (primäres Stadium nadi Bloch 1813^), der zweitgenannte 
Autor jedodi leugnet das Zwingende der Beweisführung und meint, 
es habe sidi um die von Schopenhauer in einem Brief an den 

* Bloch findet auch in der venerischen Erkrankung Schopenhauers »eine 
der Wurzeln seiner asketisAen Weltansdiauung und seines Pessimismus.« — 
Wir sdiließen uns dieser Ansidit an, audi für den Fall, daß die Sy'phih's Schopen- 
hauers nidit tatsädilidi war; denn an Syphih'sangst hat er deutlidi gehtten. 
Man vgl. dazu Schopenhauers Ansidit: ^Damit der Gesdileditstrieb nidit zu 
viel Gewalt über den Mensdicn gewinne, ist die venerisdie Krankheit ein sehr 
dienlid^er Damm.« 



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Schopenhauer 123 



intimsten seiner älteren Jugendfreunde, Osann, angegebene Krank« 
heit: Hämorrhoiden mit Fistel, Gidit und Nervenübel gehandelt. 
Es zeigen sidi audi im weiteren Leben keine Folgezustände und erst 
mit 72 Jahren starb er nadi kurzem Leiden an einer Herzlähmung. 

Wie viele andere Persönlidikeiten ist audi Schopenhauer 
erst durdi die Bilder seines Alters zu einer populären Figur ge* 
worden, und sein ernstes, durdifurdites Gesidit mit den weißen 
Haarbüsdieln zu beiden Seiten des mäditig gewölbten Sdiädels gehört 
zu den markantesten Bildern großer deutsdier Männer. Als stürmisdi 
dahinsdireitender Spaziergänger in altmodisdier Kleidung, der laut 
vor sidi hinmurmelt und oft unartikulierte Laute ausstößt, dazu mit 
dem Stock heftig zur Erde stampft, war er, unzertrennlidi von 
seinem Pudel, in Frankfurt eine bekannte Straßenfigur. Mehr nodi 
als in früheren Stationen lebte er hier als ein Fremder,- er speiste 
im Restaurant, saß in der Regel allein und fing nidit leidit ein Ge* 
sprädi mit fremden Tisdigenossen an, was für seine allgemeine 
Mensdienunfreundlidikeit zeugt. War ihm jedodi einmal ein Gesprädi 
sympathisdi, so konnte er audi bis in die Nadit hinein sitzen 
bleiben, philosophierte audi hier mit Vorliebe und viele seiner Zeit^ 
genossen rühmen seine ernste, der Zote wie der Banalität ent^ 
ratende Konversation. Audi hier war er gerne didaktisdi und 
Gwinner gibt mit tiefer psydiologisdier Ahnung das befremdende 
Gefühl wieder, »einen über a = a spredien zu hören und ein Ge^ 
sidit dazu madien zu sehen, als sprädie er mit seiner Geliebten von 
der Liebe.« Wie sidi im Verkehr mandie Versdirobenheit und Pedanterie 
verrät, so ist es audi interessant, dem Philosophen in seine Wohnung 
zu folgen. Am Morgen sehen wir ihn energisdi sidi das »Optimum« 
geistiger Konzentration wahren: er darf nidit gestört werden, sieht 
nidit einmal die Dienerin um diese Zeit. Sein Zimmer war nüdi^ 
tern, nur eine vergoldete Statuette des Buddha thronte auf einer 
Marmorkonsole. Kants, Shakespeares, Descartes und Goethes 
Bildnisse hingen an den Wänden, daneben — Hundestüd<e! Dem 
Pudel, den er in den vierzehn Jahren seines Frankfurter Aufenthaltes 
besessen hatte, gab er außer einem profanen Namen für den intimen 
Verkehr den esoterisdien Namen Ätma, d. i. Weltseele. 

Schopenhauers Charakterbild zusammenfassend, müssen 
wir zugeben, daß die Kritik Fichtes aus dem Jahre 1850 über 
die »Parerga«, so ungeredit sie sonst war, das Wesen der Per* 
sönlidikeit pidit unzutreffend diarakterisierte, wenn er Schopen- 
hauer als pathologisdi^psydiologisdies Problem zu betraditen emp- 
fiehlt, »dessen Rätsel sidi eigentlidi nur durdi persönlidie Kenntnis 
lösen ließe«. Es ist seltsam, weldi versdiiedene Charakterzeidinung 
Schopenhauer widerfuhr und es erklärt sidi dies aus dem Um^ 
stand, daß er aus seinen Werken einen ganz anderen Eindrud^ 
madit, als aus den Details seiner Lebensbeschreibung und besonders 
aus den nidit vor einem großen Publikum gemaditen Äußerungen 
seiner Briefe und Privataufzeidinungen. Wie wir in unserer Arbeit 



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124 Dr. Eduard Hitsdimann 



zeigen werden, sind die Grundsätze, die er in den Werken vorträgt, 
keineswegs gerade Ausläufer, sondern größtenteils Reaktionsbildungen 
auf seine Charaktereigensdiaften (Überwindung), und so wird es 
verständlidi, daß dieser Verteidiger des Mitleids — im Leben als ein 
hartnäd^iger, heftiger, mißtrauisdier, rasdi aburteilender Mensdi, 
selbst von seinem ihn persönlidi liebenden Pathographen Möbius be^ 
zeidinet wird. v. Seydlitz, der ja das Pathologisdie an Schopen^ 
hau er weit übersdiätzt hat, erzählt gar, des Philosophen Ankläger 
hätten seine geistigen Aussdireitungen, »fanatisdies Selbstlob, wahr- 
haft häßlidie Gemütsstimmung, nichts aditenden Ehrgeiz, Mensdien^ 
veraditung, Lieblosigkeit, Roheit, fanatisdie Propaganda gegen okzi^ 
dentalisdie Bildung, Gesittung und Religiosität« genannt. In seinem 
Büdilein »Sdiopenhauer als Verbilder« sdiildert Graf Keyserling 
die Sdiattenseiten dieses »kleinen Mensdien«, der allerdings ein 
großer Geist war. Keyserling nennt ihn einen ausgesprodienen 
Praktiker mit Zügen eines unternehmenden Handelsherrn, einen 
Tatenmensdien von zäher Vitalität, von rüd^siditsloser Eigenlebig^ 
keit/ einen starren Charakter, unbildsam bis zur Unwahrsdieinlidi^^ 
keit. Ferner von Widersprüdien durdisetzt, von Leidensdiaft durdi-^ 
sdiüttert, unharmonisdi gequält, zerrissen, voll kleiner häßlidier 
Züge, unvornehm, von Ressentiment erfüllt, abstoßend durdi kleine 
lidien Egoismus und Zynismus, von dürftigem Gemütsleben — eine 
verkrüppelte Seele. Seine singulare Individualität zu überwinden 
gelang ihm nidit, seine Ideale blieben stets unerreidit. — Mag 
dieses Urteil aus kontradiktorisdier Individualität stammen, wir regi^ 
strieren es. Wir vergessen aber nidit, daß Schopenhauer ein im 
hödisten Sinne wahrhaftiger, ehrlidier, uneigennütziger Mann gewesen 
ist, daß er in seinen werken tiefsinnig, geistreidi, genialisdi er^ 
sdieint und als Mensdi von hoher Welt* und Lebensauffassung, als 
Propagandist idealer Forderungen im Mensdien, für alles Geistige, 
Künstlerisdie eintritt! Hingegen müssen wir jene voreingenommenen 
Urteile zurüd^weisen, die einen besonders edeln Charakter oder be* 
sondere Gemütstiefc an dem Mann hervorheben, der ja gerade 
seine kräftigsten Impulse und seine Hauptenergien aus jener rohen, 
zusdilagenden, heftigen familiären Naturanlage bezog, die er in seiner 
Ethik zu überwinden versudite. So geht ein gebrodiener Zug durdi 
dieses Mannes Persönlidikeit und Werk, der von kraftvoll zugreif 
fenden und trotzig sidi im Leben durdisetzenden, praktisA tätigen 
Vorfahren stammt und sidi durdi eine Marotte des Sdiid^sals damit 
begnügen mußte, — hinter Büdiern zu sitzen und die Feder zu 
führen^: »So wenig als möglidi zu wollen und so viel als möglidi zu 

' Der Übereinstimmung halber sei erwähnt, daß der Phrenologe Scheve nadi 
Untersudiung von Schopenhauers Schädel, »das Organ des Tätigkeitssinnes« 
am meisten ausgeprägt fand. Audi der Gesdileditstrieb verrät sidi nadi dieser 
allerdings stark angezweifelten Lehre, als entsdiieden ausgejirägt. — Möbius, 
audi Anhänger Galls, meint sogar, daß aus dem Srfiädel auf einen Zerstörungs* 
trieb, ähnlidi wie an Mörderköpfen, gesdilossen werden könne, der allerdings bei 
Schopenhauer nur als rücksichtslose Energie in Erscheinung trat. 



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Schopenhauer 125 



erkennen, ist die leitende Maxime meines Lebenslaufes gewesen«, 
sdirieb Schopenhauer einmal auf ein heimlidies Blatt. 

Es würden sidi hier mandierlei Ausblicke ergeben auf den 
Zusammenhang von heftigem Temperament, unterdrückter Aggression 
und Grausamkeit — mit geistig^künstlerischer Produktion. Der 
Begriff der Sublimierung wäre heranzuziehen und dergleidien. Aber 
wir müssen es uns versagen, das Thema der Produktivität weiter*^ 
zuverfolgen. 

II. 

Deutung der philosophischen Grundprobleme. 

Ehe wir darangehen, die aus den biographischen und cbaraktero^ 
logischen Details gewonnenen psychologischen Einsichten auf das 
Verständnis der Entstehung der Schopen hau ersehen Philosophie 
anzuwenden, wollen wir unsere Aufgabe neuerlich scharf um^ 
grenzen, um dem Eindruck vorzubeugen, als prätendierten wir, 
Schopenhauers Werk in seiner Gänze zu würdigen und zu 
deuten. Vielmehr besdiränken wir uns, wie wir glauben, mit 
richtigem Instinkt, auf die Hauptgrundsätze sozusagen die Leit^ 
motive, die uns, neben der Erkenntnistheorie, das objektiv Wert* 
volle und Bleibende der Lehre zu enthalten sdieinen. Doch 
ist es kein Zufall, daß gerade diese wenigen mächtigen Grunde 
pfeiler der Lehre sich dem psychologischen Verständnis am ehesten 
erschließen, da sie auf den individuellen Schicksalen des Seelen- 
lebens basieren. Und so wird unsere Betrachtung vor allem eine 
psychologische Genese der Grundgedanken von Schopenhauers 
Philosophie zu geben versuchen, damit aber nicht etwa eine philo^ 
sophische Würdigung und Beurteilung seiner Erkenntnistheorie, 
Ethik und Metaphysik, gesdiweige eine Kritik. Überhaupt ist unser 
Standpunkt, daß es sich nicht darum handelt, dem Wahrheitsgehalt 
einer Philosophie nachzuspüren, am wenigsten dem einer Metaphysik, 
da uns vielmehr eine andere Frage vorschwebt, nämlich: warum 
jemand gerade dieses Problem und gerade in dieser Richtung löst. 
Die psydhologisdien Voraussetzungen und die individuellen Detcr^ 
minierungen, warum und warum so philosophiert wird, klarzulegen, 
Individualpsychologie an einem ganz Großen zu treiben, weil sein 
Werk dazu anreizt, sein Leben aber um seines Ruhmes willen im 
Detail bekannt ist, das betrachten wir als unsere Aufgabe. Wir be^ 
anspruchen nicht etwa als Philosophen gewürdigt zu werden, betreiben 
auch nicht irgendeine allgemeine Psydiologie, sondern — Psycho^ 
analyse. 

L Willenslehre. 

Das unvergängliche Verdienst Schopenhauers war die Ent^ 
deckung des Willens als »Ding an sich«^ Durch Intuition wird der 

* Über frühere ähnliche Anschauung anderer vgl. > Arthur Schopen- 
hauer«, Memorabilien etc. von J. Frauenstädt, p. 251 und 253. 



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126 Dr. Eduard HitsAmann 



Mensch sich dieses seines tiefsten Wesens bewußt, der Wille ist 
»das innere wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen . . ., 
das allein Metaphysische und daher Unzerstörbare im Menschen«. 
Der Schopenhauersche Wille ist nicht der bewußte Wille, 
sondern etwas Neues, es ist ein dumpfer, blinder Wille, der 
nicht vom Intellekt geleitet wird. Schopenhauer hat also den 
Begriff des Willens erweitert und der Wille im gewöhnlichen 
Sinne ist nur ein Teil des seinigen. Schopenhauers Wille ist ein 
Drängen, eine Art Wille zum Leben, Trieb also im weitesten 
Sinne des Wortes. Dieser Wille wird jedoch im System nicht nur 
den bewußten Wesen zugeschrieben, sondern auch in der außer^ 
menschlichen und anorganischen Welt soll er sich manifestieren. 
Wie wir sehen werden, ist die Blindheit des Willens auch ein 
Hauptargument für den Pessimismus Schopenhauers. Das einzelne 
Wesen faßt er als Objektivation dieses Willens auf, der den Drang 
in sich hat, sich in Einzelindividuen, Gattungen und Ideen zu ge^ 
stalten. Am heftigsten tritt dieser Wille in unseren Leidenschatten 
und Begierden zutage und am charakteristischesten in dem »unge* 
stümen und finstern Drang« des Sexualtriebes. Sehr mit Recht hat 
sich Schopenhauer daher in weitem Umfang mit der Sexualität 
beschäftigt, wie er in der Einleitung zur »Metaphysik der Geschlechts^ 
liebe« hervorhebt: 

» . . . man sollte daher, statt sidi zu wundern, daß auA ein Philosoph 
dieses beständige Thema aller Diditer einmal zu dem seinigen macht, sidi dar- 
über wundern, daß eine Sache, welche im Mensdienleben durdiwegs eine so be* 
deutende Rolle spielt, von den Philosophen bisher so gut wie gar nicht in Be* 
traAtung genommen ist . . .« <W. W. II, p. 625). 

Den Geschlechtstrieb faßt Schopenhauer als die stärkste und 
zusammengedrängteste Äußerung des Willens auf. Dies läßt sich 
an mehreren, überaus charakteristischen Stellen, namentlirfi des zweiten 
Bandes seines Hauptwerkes und in zerstreuten skizzenhaften Auf^ 
Zeichnungen der späteren Zeit nachweisen. Doch schon in seinem in 
der Jugend konzipierten Hauptwerk ist diese Auffassung vertreten: 

»Diesem allem zufolge sind die Genitalien der eigentlidie Brennpunkt 
des Willens und folglich der entgegengesetzte Pol des Gehirns, des Repräsen^ 
Tanten der Erkenntnis, d. i. der anderen Seite der Welt, der Welt als Vor* 
Stellung. Jene sind das lebenerhaltende, der Zeit endloses Leben zusirfierndc 
Prinzip, in weldier Eigensdiaft sie bei den Griedien im Phallus, bei den Hindu 
im Lingam verehrt wurden, weldie also das Symbol der Bejahung des Willens 
sind. Die Erkenntnis dagegen gibt die Möglidikeit der Aufhebung des Wollcns, 
der Erlösung durdi Freiheit, der Überwindung und Verniditung der Welt.^< 
<W. W. 1, p. 427.) 

Ausführlidier hat sidi dann Schopenhauer über die um- 
fassende Bedeutung der Sexualität in den späteren Naditrägen zu 
seinem Hauptwerk geäußert: 

»Aus diesen Betraditungen erklärt es sich, warum die Begierde des Ge» 
sdileAts einen von jeder anderen sehr versdiiedenen Charakter trägt,- sie ist 



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Schopenhauer 127 



nidit nur die stärkste, sondern sogar spezifisch von mächtigerer Art als alle 
anderen. Sie wird überall stillsAweigend vorausgesetzt, als notwendig und unaus» 
bleibliA und ist nidit wie andere Wünsdie, Sadie des Gesdimadis und der Laune. 
Denn sie ist der Wunsch, welcher selbst das Wesen des Menschen 
ausmacht. Im Konflikt mit ihr ist kein Motiv so stark, daß es des Sieges gewiß 
wäre. Sie ist so sehr die Hauptsadie, daß für die Entbehrung ihrer Befrie- 
digung keine anderen Genüsse entsdiädigen: auA übernimmt Tier, und Mensdi 
ihretwegen jede Gefahr, jeden Kampf . . . Dem allen entspriAt die wichtige 
Rolle, welche das Geschlechtsverhältnis in der Mensdienwelt spielt, als wo es 
eigentlich der unsichtbare Mittelpunkt alles Tuns und Treibens ist und trotz 
allen ihm übergeworfenen Schleiern überall hervorguckt. Es ist die Ursache des 
Krieges und der Zweck des Friedens, die Grundlage des Ernstes und das Ziel 
des Scherzes, die unerschöpfliche Quelle des Witzes, der Schlüssel zu allen An- 
spielungen und der Sinn aller geheimen Winke, aller unausgesprochenen Anträge 
und aller verstohlenen Blicke, das tägliche Dichten und Trachten der Jungen und 
oft auch der Alten, der stündliche Gedanke des Unkeuschen und die gegen 
seinen Willen stets wiederkehrende Träumerei des Keuschen, der allezeit bereite 
Stoff zum Scherz, eben nur weil ihm der tiefste Ernst zum Grunde liegt . . . 
Dies alles aber stimmt damit überein, daß der Geschlechtstrieb der Kern des 
Willens zum Leben, mithin die Konzentration alles Wollens ist,- daher eben 
ich im Texte die Genitalien den Brennpunkt des Willens genannt habe. Ja, man 
kann sagen, der Mensch sei konkreter Geschlechtstrieb,- da seine Entstehung ein 
Kopulationsakt und der Wunsch seiner Wünsche ein Kopulationsakt ist und 
dieser Trieb allein seine ganze Erscheinung perpetuiert und zusammenhält . . . 
Daher ist der Geschlechtstrieb die vollkommenste Äußerung des Willens zum 
Leben, sein am deutlichsten ausgedrückter Typus: und hiemit ist sowohl das Ent- 
stehen der Individuen aus ihm, als sein Primat über alle anderen Wünsche 
des natürlichen Menschen in vollkommener Übereinstimmung.« <W. W. II, 
p. 602 ff.) 

Im Nachlaß, in den für seine Person und das Verständnis 
seiner Lehre so aufsdilußreidien »Neuen Paralipomena« <N. P.) 
heißt es <§ 401>: 

»Wenn man mich fragt wo denn die intimste Erkenntnis jenes innern 
Wesens der Welt, jenes Dinges an sich, das ich den Willen zum Leben ge* 
nannt habe, zu erlangen sei? oder wo jenes Wesen am deutlichsten ins Bewußt* 
sein tritt? oder wo es die reinste Offenbarung seiner Selbst erlangt? — so muß 
ich hinweisen auf die Wollust im Akt der Kopulation. Das ist es! Das 
ist das wahre Wesen und der Kern aller Dinge, das Ziel und der Zweck alles 
Daseins.« 

Und ähnlidi in den »Parerga und Paralipomena« <P. P. II, p. 330): 

»Geht man bei der Auffassung der Welt vom Dinge an sich, dem Willen 
zum Leben, aus, so findet man als dessen Kern, als dessen größte Konzen- 
tration, den Generationsakt: dieser stellt sidi dann dar als das Erste, als der 
Ausgangspunkt: er ist das punctum saliens des Welteics und die Haupt- 
sache.« 

Was Schopenhauer hier generell in der Welt findet und 
als erster Philosoph betont hat, das ist im Hinblid^ auf seinen 
bereits gesdiilderten heftigen Sexualtrieb aus seiner Konstitution und 
Persönlichkeit abzuleiten. Das Gedicht »O Wollust, o Hölle« hat 



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128 Dr. Eduard Hitsdimann 



uns gezeigt, wie sehr er darunter gelitten hat, und diese Tatsadie 
madit uns vieles in seinem Wesen als Reaktionsbildung und Sublim 
mierung, als Sehnsudit nadi Befreiung von diesem quälenden Drange 
verständlidi. 

Haben wir hinter dem »vernunfdosen Willen« Schopen^ 
hauers zunädist seinen heftig drängenden Sexualtrieb gefunden, so 
wissen wir wohl, — und erledigen mit den weiteren Ausführungen 
audi einen Einwand mandies Lesers — daß Schopenhauer selbst 
in dem Gefühl eines in ihm waltenden triebkräftigen Willens mehr 
umfaßt hat, als die Sexualität allein: audi alles Wünsdien, Hoffen, 
Fürditen und Hassen. Audi empfand er jenes dunkle Unbewußte, 
das wir hinter jedem einzelnen Akt unserer Seele nodi als tragende 
und zugleidi darüber hinausragende Energie empfinden. »Wir wissen 
zwar immer, was wir in jedem gegebenen Augenblid^e wollen, nie 
aber, was und warum wir überhaupt und ganz wollen« <Simmel>. 
Das hinter dem Bewußtsein, der Erkenntnis und dem Wollen als 
Dunkles, Blindes und eigentlidi nidit Erkennbares Waltende ist 
Schopenhauers Wille — das, was wir Psydioanalytiker als das 
Unbewußte bezeidinen. Daß Schopenhauer so ein Vorläufer der 
Erkenntnis des Unbewußten geworden ist, weldies audi nadi psydio^ 
analytisdier Auffassung ewig wünsdit und treibt, soll am Sdiluß 
ausführlidi besprodien werden. 

Gegenüber dem starken Voluntarismus in Schopenhauers 
Leben und Lehre muß es dem oberflädilidien Betraditer als Wider^ 
sprudi imponieren und wurde audi wiederholt von Sdiülern und 
Kritikern eingewendet, daß gerade der Entdecker und Bewunderer 
dieses starken Lebenswillens zu einem Verherrlidier der Willens^ 
Verneinung <des Quietismus) wurde. Psydiologisdi ist dies jedodi 
leidit verständlidi aus den Konflikten der mensdilidien Seele, die in 
einem Kampf der Urtriebe mit den Hemmungen bestehen, die der Idi^ 
trieb des Kultivierten ihnen entgegensetzt. Diese Bekämpfung und Ver- 
drängung trifft die kraß egoistisdien und die Sexualtriebe, an denen 
er sidi darum audi am deudidisten manifestiert,- zugleidi wird dieser 
Kampf aber audi vorbildlidi für die gesamte Einstellung der Person^ 
lidikeit gegenüber Trieb und Reaktion, gegenüber der Außenwelt über^ 
haupt. Den Psydioanalytiker wird es also am wenigsten wundern, 
daß dort, wo er einem starken Triebe begegnet, audi eine starke 
Bekämpfungstendenz siditbar wird. 

Audi im Sexuellen nähert sidi nur der Mensdi dem Ideal 
Schopenhauers, weldier die häßlidie, verwerflidie Gesdiledits^ 
befriedigung aufgibt, die ja den Fludi des Mensdien an der Wurzel 
des Lebens bedeutet. 

*Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist an sidi sdiledithin ver- 
werf liA, weil sie die stärkste Bejahung des Lebens ist« <N. P. § 355). 

Damit hängt audi der abstoßende und häßlidie Eindrud<, den 
der Sexualakt und die Genitalien auf Schopenhauer madien, 
zusamirien: 



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Schopenhauer 129 



» was die Verliebtheit uns vorspiegelt, ist, so lange wir es im 

Prospekt haben und als kommend erblicken, ein Paradies der Wonne,- aber wann 
vorübergegangen und demnadi von hinten gesehen, zeigt es sich als etwas 
Geringfügiges und Unbedeutendes, wo nicht gar Widerliches« <N. P. § 375>. 

»Dem Gesagten gemäß hat man seinen Willen zu verbergen wie seine 
Genitalien, obgleidi beide die Wurzel unseres Wesens sind« <P. P. II, p. 633). 

»Der Akt nun aber, durch welchen der Wille sich bejaht und der Mensdi 
entsteht, ist eine Handlung, deren alle sidi im Innersten sAämen, die sie daher 
sorgfältig verbergen, ja, auf welcher betroffen, sie erschrecken, als wären sie bei 
einem Verbrechen ertappt worden. Es ist eine Handlung, deren man bei kalter 
Überlegung meistens mit Widerwillen, in erhöhter Stimmung mit AbsAeu ge* 
denkt .... Eine eigentümlidic Betrübnis und Reue folgt ihr auf dem Fuß, ist 
jedoch am fühlbarsten nach der erstmaligen Vollziehung derselben, überhaupt 
aber um so deutlicher, je edler der Charakter ist«. <W. W. II, p. 670). 

Diese für Schopenhauers Person so charakteristische Abwendung 
von der Sexualität, die er als niedrig und unwürdig empfindet, zeigt 
sich auch deutlich in einer Stelle über Träume, wo er, zunächst nur 
für seine Person, charakteristische Träume als allgemeine Erfahrungen 
mitteilt. Auch hier geht er von den gewiß niclit ohne persönlichen 
Grund so auffällig oft erwähnten Pollutionsträumen aus: 

»Es gibt bekanntlich Träume, deren die Natur sich zu einem materiellen 
Zwecke bedient, nämlich zur Ausleerung der überfüllten Samenbläschen. Träume 
dieser Art zeigen natürlich sdilüpfrige Szenen: dasselbe tun aber mitunter auch 
andere Träume, die jenen Zweck gar nicht haben, noch erreichen. Hier tritt nun 
der Untersdiied ein, daß, in den Träumen der ersten Art, die Schönen und die 
Gelegenheit sidi uns bald günstig erweisen, wodurch die Natur ihren Zweck er* 
reidit. In den Träumen der andern Art hingegen treten der Sache, die wir auf 
das heftigste begehren, stets neue Hindernisse in den Weg, weldie zu über« 
winden wir vergeblich streben, so daß wir am Ende doch nicht zum Ziele ge- 
langen. Wer diese Hindernisse sdiafFt und unsern lebhaften Wunsdi Schlag auf 
Schlag vereitelt, das ist doch nur unser eigener Wille,- jedoch von einer Region 
aus, die weit über das vorstellende Bewußtsein im Traume hinausliegt und daher 
in diesem als Schicksal auftritt.« 

Es kann nidit prägnanter, als durch diese Darstellung von Wille 
und Gegenwille im Traume, Schopenhauers vernunftgehemmte 
Stellung zur Sexualität diarakterisiert werden. Wir wissen, daß 
Schopenhauer für gewöhnlidi den Geschlechtsverkehr vermied, 
und dies muß wohl die Ursadie sein, daß Pollutionsträume bei ihm 
eine häufige Erfahrung waren. Es hätte ihm gewiß nicht an weib^ 
liehen Lebensgefährtinnen gemangelt, hätte er sie nicht aus Wider^ 
stand gegen die Sexualität und das Weib meist gemieden. Aus 
der Beobachtung der Entwid^lung von Charakteren, namentlich aus 
der ärztlichen Beobachtung, läßt sich feststellen, daß diese Veradi^ 
tung und dieser Abscheu vor dem eigentlidi sexuellen Genuß auf 
Ablehnung und Verdrängung des als sündhaft Empfundenen beruht 
und meist durch Erziehung verstärkt wird. Es ist nicht zu gewagt 
zu behaupten, daß der strenge rauhe Vater in dem, vielleicht einer 
mit Schuldgefühl verbundenen Jugendsünde ergebenen Knaben durch 

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130 Dr. Eduard Hitschmann 



ein die Sexualität noch mehr herabsetzendes Verbot diesen Konflikt 
versdiärft hat. Verstärkend und fixierend in dieser Riditung dürfte 
bei Schopenhauer der Umstand gewirkt haben, daß die mit 
der frühen Kenntnis vom elterlidien Sexualverkehr normalerweise 
oft eintretende Veraditung des Weibes <der Mutter) und der 
Sexualität überhaupt, durdi Schopenhauers in dieser Zeit bereits 
offenkundig feindseliges Verhältnis zu seiner Mutter, der Korrektur 
entzogen blieb. Die Psydiologie dessen, dem das Sexuelle in dieser 
doppelten Weise früh befled^t ersdieint, entspridit es vollkommen, 
daß er — seine individuellen Erfahrungen generalisierend und ob^ 
jektivierend — dann das Weib überhaupt herabsetzt^ und die 
Sexualität nidit naiv und frei von Sdiuldbewußtsein genießen kann,- 
überall findet er in ihr ein Versdiulden. So wie Schopenhauer <ana^ 
log der Erbsünde des Christentums) den Fludi der Welt zurüd^führt 
auf das Verwerflidie des Zeugungsaktes, so genügen ihm zur Er^ 
klärung des allgemeinen Strebens nadi Wollust und der Betörungen 
der Liebe nidit allein die Freuden, die sie an und für sidi bietet, 
sondern er entwirft die »Metaphysik der Gesdileditsliebe«, in der er 
das teleologisdie Prinzip irrtümlidi als ein ursprünglidies einzuführen 
sidi genötigt sieht. Dieses originelle Bedürfnis Schopenhauers, der 
das Liebesverlangen durdi den naiven sinnlidien Genuß nidit genügend 
motiviert empfand, einer rationalistisdien Erklärung nadizugehen, deutet 
darauf hin, daß er nadi seinen eigenen wediselnden Sexualeindrüd^en 
den Liebesgenuß do(i\ nidit proportional fand der Heftigkeit, mit 
weldier der Mensdi danadi strebt. Es muß dies ein individueller Ein- 
druA gewesen sein, der ein StüA seines Liebesdranges nidit durdi 
sidi selbst erlöst fand. Die Annahme, daß Schopenhauers Ge^ 
sdileditsgenuß selbst vielleidit ein unbefriedigender, minderwertiger 
war, läl)t sidi nidit nur hier, sondern audi an anderer Stelle ver* 
mutungsweise ableiten. Ist die Sexualität sonst so vielfadi für die 
übrige Psydie vorbildlidi, so könnte man audi hierin eine der 
Wurzeln seines im Pessimismus gipfelnden unbefriedigten Lebens*^ 
genusses erbliAen. So kommt er dazu, die Pollution auffallender^ 
weise der Koitusbefriedigung gleidizusetzen: 

»So gewiß zwischen dem Leben und dem Traum kein spezifisdier und 
absoluter, sondern nur ein formeller und relativer Untersdiied ist, so gewiß ist 
eigentlidi und im Ernst gar kein wesentlidier Untersdiied zwisdien einer Pollu* 
tion und einem Koitus. Beide geben ein verfliegendes Traumbild und eine Er- 
gießung des Samens« <N. P. § 361). 

Von hier mag audi eine Veranlassung ausgehen, warum 
Schopenhauer nidit dauernd und nur relativ selten in seinem 
Leben in innigere Beziehung zu einem weiblidien Wesen trat und 
endlidi letzdicn audi Junggeselle geblieben ist. 

^ »Allen Generalurteilen eines Mannes über das Weib kommt in erster 
Linie eine Bedeutung als Symptom seiner eigenen psydiosexuellen Anlage zu/ sie 
haben mehr einen biographisdien als einen normativen Wert« <Rosa May red er, 
»Zur Kritik der Weiblidikeit«). 



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Schopenhauer 131 

Mehr als sonst in der Psyche des Mensdien zeigt sich bei 
Schopenhauer eine Art Zweiteilung in Positiv und Negativ, die 
für sein ganzes System gleiciisam das Gerippe gegeben hat. Ganz 
ungewöhnlich muß in Schopenhauer die Tendenz gewesen sein, 
dem immer wieder sich meidenden und in Phantasien wuchernden 
Sexualtrieb gerade dann, wenn er am stärksten war, den Hydrenkopf 
abzuschlagen. Finden wir sonst, wenn der Sexualtrieb zur Befriedig 
gung drängt, das Individuum auch dazu bereit, so verrät Schopen* 
hauer den seltsamen Drang, die sexuelle Lust, wenn sie ohne 
ein besonderes Objekt, also aus somatischen Ursachen oder aus 
Phantasien heraus sich am stärksten meldet \ gerade dann zu unter- 
drücken : 

»An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur Wollust am stärksten 
ist, nicht ein mattes Sehnen, das aus Leerheit und Dumpfheit des Bewußtseins 
entspringt, sondern eine brennende Gier, eine heftige Brunst,- gerade dann sind 
auch die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein zur größten 
Tätigkeit bereit, obzwar in dem Augenblick, wo das Bewußtsein sich der Begierde 
hingegeben hat und ganz davon voll ist, latent: aber es bedarf nur einer ge- 
waltigen Anstrengung zur Umkehrung der Richtung und statt jener quälenden, 
bedürftigen, verzweifelnden Begierde füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte 
das Bewußtsein« (N. P. § 345). 

Wir stehen damit vor der psychologischen Tatsache, weldie 
aus dem triebgepeinigten Schopenhauer jenen tiefen Metaphysiker 
werden ließ, dem die enthusiastischen Worte über den hohen 
Genuß des vom Wollen freien, reinen Erkennens zu Gebote stehen,- 
nämlich vor der Tatsache, daß er wie wenige den Willen so zu ver* 
neinen, den Trieb so zu unterdrücken und dem Irdisdien so zu ent* 
fliehen wußte. SAon in seinen Jugendkonzeptionen, in der Zeit vor 
1815, schwärmt er von dem »besseren Bewußtsein«: Wir haben 
etwas in uns, was über Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft, über Sub^ 
jekt und Objekt weit hinaus liegt und die gemeinsame Geburtsstätte 
des Genies und Heiligen bildet. Künstlerisdie, philosophische und 
asketische Erlösung sind hier in dunkler Einheit versdimolzen. 
Später klärt sidi die Lehre und Schopenhauer unterscheidet als 
Reaktion auf den heftigen Willen die »Willensverneinung«, die 
Grundlage seines asketischen Ideals und anderseits das »reine willen^ 
lose Erkennen«, die Ideenerkenntnis, deren Äußerungen in Philo^ 
Sophie und Kunst zutage treten und wohl mehr einer Subli* 
mierung des Triebes entsprechen würden. Die Auffassung, die 
wir hier vertreten, hat kein Geringerer als Nietzsche <in der 
dritten Abhandlung seiner »Genealogie der MoraU: »Was be^ 
deuten asketische Ideale?«) in vollendeter Darstellung zum Aus-- 

' Es gibt Personen, die, der Selbstbefriedigung ergeben, den Akt bis zu 
einem Grade hoher Erregung fortsetzen und dann aus Furdit des Säfteverlustes 
oder andern rationalisierenden Schuldgefühlen plötzlich unterbrechen. Diese mastur- 
batio interrupta scheint das Vorbild jener oben beschriebenen Umkehrung zu sein. 
Daß Schopenhauer der Ansicht huldigte, daß Gebrauch der Sexualität sdiwäche, 
Enthaltsamkeit aber alle Kräfte erhöhe, ergibt die Stelle in W. \V. II, p. 600. 

9» 



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132 Dr. Eduard HitsAmann 



druck gebradit. Der scharfsinnige Meta-Psychologe wirft hier, wo 
er ja längst seine jugendliche Begeisterung für »Schopenhauer 
als Erzieher« überwunden hatte, die Frage auf, was es bedeute, 
wenn ein wirklicher Philosoph dem asKetischen Ideal huldige,- 
ein wirklich auf sich gestellter Geist, wie Schopenhauer, >ein 
Mann mit erzernem Blick, der den Mut zu sich selber hat«,- und 
er kommt zu der Antwort: »Er will von einer Tortur loskommen.« 
Diese Tortur ist nichts anderes als die allzu anspruchsbereite, ethisch 
bereits verworfene Geschlechtlichkeit, welche, wie Nietzsche sagt, 
»Schopenhauer in der Tat als persönlichen Feind behandelt hat, 
einbegriffen deren Werkzeug, das Weib, dieses »instrumentum dia- 
boli«. Das höchste Ziel dieser Willensverneinung ist nach Schopen^ 
hauer die Askese, ein Verwerfen und Verzicht auf die ganze böse, 
leidensvolle Welt, »die vorsätzliche Brechung des Willens durch 
Versagung des Angenehmen und Aufsuchen des Unangenehmen, 
die selbstgewählte büßende Lebensart und Selbstkasteiung zur an^ 
haltenden Mortifikation«. Dieses Ideal schwebt Schopenhauer 
als Sehnsucht vor und er bezeichnete es einmal beim Anblick 
des Bildes eines Trappisten unter Tränen als Sache der Gnadet 
Der rücksichtslose Psycholog Nietzsche, der hinter diesem pessimi^ 
stischen Verzicht den masochistischen Leidenswunsch aufdeckt, hat 
diese Tendenz des Verzichtens und des Heiligseins zersetzt: »Man 
sieht, das sind keine unbestochenen Zeugen und Richter über den 
Wert des asketischen Ideals, diese Philosophen! Sie denken sich — 
was geht sie »der Heilige« an! Sie denken an das dabei, was 
ihnen gerade das Unentbehrlichste ist: Freiheit von Zwang, 
Störung, Lärm, von Geschäften, Pflichten, Sorgen,- Helligkeit im 
Kopf .... Ruhe in allen Souterrains,- alle Hunde hübsch an die 
Kette gelegt . . . Man weiß, was die drei großen Prunkworte des 
asketischen Ideals sind: Armut, Demut, Keuschheit: und nun sehe 
man sich einmal das Leben aller großen fruchtbaren erfinderischen 
Geister aus der Nähe an — man wird darin alle drei bis zu einem 

* Wie Schopenhauer, der das Ideal des Heiligen <auch nach eigener Aus^ 
sage) nie erreicht hat, sidi des Zwiespalts und beständigen Ringens bewußt war und 
der Tatsadie, wie sdiwer der Mensdi zu diesem Ziel gelangt, zeigt eine Bemerkung 
<N. P., § 588): »Es ist eine unmöglidie, in sidi selbst sidi widersprechende Forde- 
rung fast aller Philosophen, daß der Mensch innre Einheit seines Wesens, Ein- 
tracht mit sich selbst erlangen soll. Denn als Mensch ist innere Zwietracht sein 
Wesen, durdiaus so lange er lebt. Denn nur Eines kann er wirklich ganz und gar 
sein: zu allem Andern hat er aber die Anlage und die unvertilgbare Möglichkeit, 
es zu sein. Hat er sich zu Einem entschlossen, so steht alles Übrige als Anlage 
immer bereit und fordert unablässig aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit zu ge* 
langen: er muß es also fortwährend zurückdrängen, überwältigen, töten, 
so lang er jenes Eine sein will . . . So, wenn er sich zur Heiligkeit entschlossen 
hat, muß er sein ganzes Leben hindurch, und nicht ein für alle Mal, sich als ge- 
nießendes, der Wollust ergebenes Wesen töten : denn ein solches bleibt er, solange 
er lebt ... So durchaus in allem in unendlichen Modifikationen. Bald mag das 
Eine, bald das Andere in ihm siegen: er ist der Tummelplatz. Siegt auch das 
Eine fortwährend, so kämpft doch das Andere fortwährend: denn es lebt, so 
lange er lebt: Als Mensch ist er die Möglichkeit vieler Gegensätze.« 



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Schopenhauer 183 



gewissen Grade immer wiederfinden. Durdiaus nidit, wie sidi von 

selbst versteht, als ob es etwa deren ,Tugenden' wären 

sondern als die eigentlidisten und natürlidisten Bedingungen ihres 
besten Daseins, ihrer schönsten Fruditbarkeit. Dabei ist es ganz 
wohl möglich, daß ihre dominierende Geistigkeit vorerst einem un- 
bändigen und reizbaren Stolze oder einer mutwilligen Sinnlidikeit 
Zügel anzulegen hatte«. 

In der Ideenerkenntnis hat sidi nadi Schopenhauer unser In* 
tellekt vom Willen gleidisam abgewendet, der ^X^ille hat das Bewußt^ 
sein geräumt, damit sei audi alle Unruhe, Not und Qual abge^ 
wendet. Im willensfreien Ansdiauen der Ideen, dem eigentlidi philo^ 
sophisdien Betrachten, findet er die reinste Beruhigung und nirgends 
sonst wird Schopenhauers Spradie so enthusiastisdi und voll 
Entzügen, als wenn er dieses willenlose Erkennen, das in der Be* 
tätigung der Philosophie und Kunst Ausdrud< findet, sdiildern kann: 

*Was ist der größte Genuß, der dem Mensdien möglid)? — Die intuitive 
Erkenntnis der Wahrheit. Die Richtigkeit der Antwort leidet nidit den mindesten 
Zweifel« <N. P., § 648). 

Nietzsche widerspridit selbst am empfindlidisten dieser Lehre 
von der reinen interesselosen Erkenntnis in der Philosophie und der 
gleidien Anstauung vom Kunstgenuß und hat die vielgepriesene 
^^interesselose Ansdiauung« als einen »UnbegrifF und Widersinn« 
entlarvt: »Hüten wir uns nämlidi, meine Herren Philosophen, von 
nun an besser vor der gefährlidien alten Begriffsfaselei, weldie ein 
»reines, willenloses, sdimerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis« 
angesetzt hat, hüten wir uns vor den Fangarmen soldier kontra^ 
diktorisdier Begriffe wie »reine Vernunft«, »absolute Geistigkeit«, 
»Erkenntnis an sidi«, ... je mehr Affekte wir über eine Sadie zu 
Worte kommen lassen, . . . um so vollständiger wird unser Begriff 
dieser Sadie, unsere »Objektivität« sein. Den Willen aber über* 
haupt eliminieren, die Affekte samt und sonders aushängen, gesetzt, 
daß wir dies vermöditen : wie? hieße das nidit den Intellekt kastrieren?« 

Anknüpfend müssen wir hier als selbsrverständlidi hervor^ 
heben, daß audi nadi unserer Ansdiauung, wenngleidi in anderem 
Sinne, es ein willenloses Erkennen gar nidit geben kann. 
Schopenhauer hat sidi vollkommen darin getäusAt, daß der 
Wille <das Unbewußte) je sdiweigen könnte und das Denken 
unbeeinflußt ließe; Gerade deshalb ist seine — wie er selbst sagt — 
intuitiv gesdiaffene Philosophie ein so sdiönes Beispiel für die Sub*^ 
jektivität aller Philosophie, weil nadi dieser Art des Arbeitens durdi 
Aufsteigenlassen von Einfällen <was Schopenhauer »Ansdiauen 
der Welt« nennt) gerade das Individuelle am reinsten zutage tritt. 
Er beging so den Irrtum, durdi Insidihineinhordien und Selbstbeob^ 
aditung objektive Wahrheiten finden zu wollen. Wir stellen dem Ge--^ 
sagten die tiefgründige Einsidit Nietzsches an die Seite: 

»Man muß dodi den größten Teil des bewußten Denkens 



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134 Dr. Eduard HitsAmann 



unter die Instinkttätigkeiten redinen/ . . . das meiste bewußte 
Denken eines Philosophen ist durdi seine Instinkte heimlidi geführt 
und in bestimmte Bahnen gezwungen,- . . . dahinter stehen vC^ert^ 
sdiätzungen, deudidier gesprodien, physiologisdie Forderungen zur 
Erhaltung einer bestimmten Art von Leben ... ein abstrakt ge^ 
maditer und durdigesiebter Herzenswunsch wird von ihnen mit 
hinterher gesuditen Gründen verteidigt.« 

Außer dem Genuß, den Schopenhauer in dem angeblidi 
willenlosen Erkennen fand, vermag er dem Pessimismus audi nodi 
die beglüd^ende und erlösende Wirkung der Kunst entgegenzusetzen, 
die über des Daseins Sdimerz und Langeweile erhebt. Ein willen^ 
und interesseloses Ansdiauen soll audi die Grundlage des ästheti^ 
sdien Genusses sein, der ebenso, wie das reine philosophisdie Er^ 
kennen vom Willen befreit und von der Welt erlöst. Insbesondere 
das Trauerspiel lenkt zu Entsagung und Willensverneinung ^ 
während die Musik am unmittelbarsten das »bessere Bewußtsein« 
anregt und am fernsten vom empirisdien liegt. Der Musikgenuß ist 
bei ihm ein Quietiv des Willens,- der Musik, weldier er eifrig 
huldigte, kann er nidit genug nadirühmen, wie sehr sie das Ge^ 
müt reinige/ *sie spült alles Unreine, alles Kleinlidie, alles Sdiledite 
weg, stimmt jeden hinauf, auf die hödiste geistige Stufe, die seine 
Natur zuläßt« <N. P., p. 398). Man vergesse hier nidit, daß andere 
die Musik und die sdiönen Künste als Verführer empfanden, 
wie Plato, Stendhal, Tolstoi. Wenn Schopenhauer daher die 
sonst als sinnlidi geltende Musik Wagners verwirft^ so zeigt 
er damit vielleidit audi seine Abkehr von der verführerisdien 
Seite der Kunst, weldie Ablehnung audi wieder Nietzsche als 
die Grundlage der Schopenhauersdien Ästhetik erkannt und 
damit zugleioi die sdiarfsinnigstc Deutung des ganzen Systems ge- 
geben hat: 

»Schopenhauer hat sidi die Kantisdie Fassung des 
ästhetisdien Problems zunutze gemadit . . . ,Sdiön ist, hat Kant 
gesagt, was ohne Interesse gefällt'. Ohne Interesse! Man ver^ 
gleidie mit dieser Definition jene andere, die ein wirklidier »Zu^ 
scfirucr« und Artist gemadit, — Stendhal, der das Sdiöne einmal 



^ »Wir sehen im Trauerspiel die Edelsten nadi langem Kampf und Leiden 
den Zwedten, die sie bis dahin so heftig verfolgten und allen Genüssen des 
Lebens auf immer entsagen, oder es selbst willig und freudig aufgeben,- so »den 
standhaften Prinzen des Calderon« (Schopenhauer). DurA Calderons Sdiau^ 
spiel wurde er sdion als Jüngling so ersdiüttert, daß er die gewohnte Gesellschaft 
bei seiner Mutter eine Zeitlang verlassen und die Einsamkeit aufsudien mußte. 
Möbius vermutet daraus, daß Schopenhauer sehr früh das Erlebnis der Ent=^ 
sagung gemadit habe, >da er srfion als Jüngling von einem Drama so tief 
ersdiüttert war, dessen Held in einer plötzlidien edeln Aufwallung seine Person 
und seine Interessen dem Vater zum Opfer bringt«. 

- Ridiard Wagner ließ er sagen, ^er solle die Musik an den Nagel 
hängen, er habe mehr Genie zum Diditer. Er, Schopenhauer, bleibe Rossini 
und Mozart treu«. (Grisebach, Gesprädie.) 



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SAopcnhaucr 1 35 



une promesse de bonheur nennte Hier ist jedenfalls gerade das 
abgelehnt und ausgestridien, was Kant allein am ästhetisdien 
Zustande hervorhebt: le desinteressement. . . . Kommen wir auf 
Schopenhauer zurüd^, der in ganz anderem Maße als Kant den 
Künsten nahe stand und dodi nidit aus dem Bann der Kantsdien 
Definition herausgekommen ist: wie kam das? Der Umstand 
ist wunderlidi genug: Das Wort »ohne Interesse<< interpretierte er 
sidi in der allerpersönlidisten Weise, aus einer Erfahrung heraus, 
die bei ihm zu den regelmäßigsten gehört haben muß. Über wenige 
Dinge redet Schopenhauer so sidier wie über die Wirkung der 
ästhetisdien Contemplation: Er sagt ihr nadi, daß sie gerade der 
geschlechtlichen ^>Interessiertheit« entgegenwirke, ähnlidi also 
wie Lupulin und Kampfer,- er ist nie müde geworden, dieses 
Loskommen vom »Willen« als den großen Vorzug und Nutzen 
des ästhetisdien Zustandes zu verherrlidien. Ja, man mödite ver^ 
sudit sein zu fragen, ob nidit seine Grundconzeption von »Willen 
und Vorstellung«, der Gedanke, daß es eine Erlösung vom »Willen« 
einzig durdi die »Vorstellung« geben könne, aus einer VeralU 
gemeinerung jener Sexualerfahrung ihren Ursprung genommen habe. 
»(Bei allen Fragen in betreff der Schopcnhauersdien Philo^ 
Sophie ist, anbei bemerkt, niemals außer adit zu lassen, daß sie die 
Konzeption eines sedbsundzwanzigjährigen Jünglings ist, so daß sie nidit 
nur an dem Spezifisdien Schopenhauers, sondern audi an dem Spezifi- 
sdien jener Jahreszeit des Lebens Anteil hat.) Hören wir zum Bei^ 
spiel eine der ausdrüd<lidisten Stellen unter den zahllosen, die er 
zu Ehren des ästhetisdien Zustandes gesdirieben hat <W. W. I, 

B231), hören wir den Ton heraus, das Leiden, das Glück, die 
ankbarkeit, mit der soldie Worte gesprodien sind. ,Das ist der 
sdimerzenslose Zustand, den Epikuros als das hödiste Gut der 
Götter pries,- wir sind, für jenen Augenblid^, des sdinöden Willens* 
dranges endedigt, wir feiern den Sabbat der Zudithausarbeit des 
WolTens, das Rad des Ixion steht still' , . . Weldie Vehemenz 
der Worte! Weldie Bilder der Qual und des langen Überdrusses! 
Weldie fast pathologisdie Zeit^Gegenüberstellung , jenes Augenblid^s' 
und des sonstigen ,Rads des Lxions', der , Zudithausarbeit des 
Wollens', ,des sdinöden Willensdrangs!' — Aber gesetzt, daß 
Schopenhauer hundertmal für seine Person Redit hätte, was wäre 
damit für die Einsidit ins Wesen des Sdiönen getan? Schopen^ 
hauer hat Eine Wirkung des Sdiönen besdirieben, die Willen^ 
calmierende, — ist sie audi nur eine regelmäßige? Stendhal, wie 
gesaet, eine nidit weniger sinnlidie, aber glüd^lidier geratene Natur 
als ochopenhauer, hebt eine andere Wirkung des Sdiönen her^ 
vor: ,Das Sdiöne verspridit GlüA', ihm sdieint gerade die Er* 

^ Vgl- dagegen Stendhals Übereinstimmung mit Schopenhauers Erklärung 
(\es ästhetischen Empfindens nn pndcrer Steüe: >Die Seele, schon halb erlöst von 
den eitlen Wünscfien dieser Welt, ist in der Stimmung, die erhabene Schönheit 
zu empfinden.« (Zit. nach Seilliere.) 



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136 Dr. Eduard Hitsdimann 



regung des Willens <,des Interesses') durdi das Sdiöne der 
Tatbestand. Und könnte man nidit zuletzt Schopenhauern selbst 
einwenden, daß er sehr mit Unredit sidi hierin Kantianer dünke, 
daß er ganz und gar nidit die Kantsdie Definition des Sdiönen 
Kantisdi verstanden habe, — daß audi ihm das Sdiöne aus einem 
Interesse gefalle, sogar aus dem allerstärksten, allerpersönlidisten 
Interesse: dem des Torturierten, der von seiner Tortur los* 
kommt.« Audi eine Stelle aus der »Götzendämmerung« sei hier 
zitiert: »Schopenhauer ist für einen Psydiologen ein Fall ersten 
Ranges: nämlidi als bösartig genialer Versudb, zu Gunsten 
einer nihilistisdien Gesamt^Abwerthung des Lebens gerade die 
Gegen^Instanzen, die großen Selbstbejahungen des ,Willens zum 
Leben' ... ins Feld zu führen. Er hat, der Reihe nadi, die 
Kunst, den Heroismus, das Genie, die Sdiönheit, das große Mit* 
gefühl, die Erkenntnis, den Willen zur Wahrheit, die Tragödie 
als Folgeersdieinungen der ,Verneinung oder der Verneinungs* 
Bedürftigkeit des Willens' interpretiert — die größte psydiologisdie 
Falsdimünzerei, die es, das Christenthum abgeredinet, in der Ge* 
sdiidite gibt.« 

Haben wir bisher, ganz im Sinne Schopenhauers selbst, 
den Sexualtrieb und dessen Ablehnung als tiefste Bedeutung für 
seinen Willen und seine Willensverneinung betont und Näheres 
dazu ausgeführt, so sind nodi andere bedeutsame Determinanten 
für diese seine Lösung des von Kant aufgegebenen Rätsels vom 
»Ding an sidi« heranzuziehen. Das Treibende im Mensdien ist nidit 
nur das Sexuelle, sondern audi die Summe der dem Idi dienenden 
Triebe <Selbsterhaltung>, der Kampf um das Durdisetzen der Per* 
sönlidikeit. Der Wille ist nidit nur Wille zur Zeugung, Wille zum 
Leben, sondern audi Wille zur Madit. Im Gegensatz zu Fichte, 
Sehe Hing und Hegel, die den Intellekt verherrliditen und die 
Welt für ein Produkt bewußter EntwiAlung hielten, war esSchopen* 
hauer vorbehalten, dem Triebleben, dem Unbewußten, dem wollen 
das gebührende Redit einzuräumen. Ist aber der Wille audi das 
Maditbedürfnis, so erkennen wir, daß Schopenhauer, der von so 
willensstarken heftigen Vorfahren abstammt und dem robusten Vater 
unterworfen war, den Kampf des »Willens zur Madit« intensiv erlebt 
haben mußte,- daß er für seinen übermäditigen Vater, die Gewalt, 
die er in seiner Jugend so kräftig über sidi fühlte, ein Symbol 
hinausprojiziert hat ins Weltall — als Wille. So gesdiah es dem 
soi^disant^Atheisten Schopenhauer, daß er, wie Seil lere riditig 
sagt, den Willen zu seinem Gotte <Gott und Teufel) madite, daß 
er die väterlidie Madit sozusagen vergöttlidite. Erst nadi des Vaters 
Tode begann er im Leben seinen eigenen Willen durdizusetzen,- 
bald darauf konzipierte er sein Werk. 

Aber audi die Willensverneinung ist mehr, als wir vorher 
ausgeführt haben/ sie ist audi alles Nadigeben, Verziditen, alle 
Demut. Wir verstehen, warum Calderons »Standhafter Prinz« in 



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Schopenhauer 137 



jener Szene tiefster Demütigung vor dem königlichen Vater, ihn 
so tief erschüttert hat. Der Gehorsam und die Demut des Heiligen 
blieb ihm darum das erstrebenswerteste Ideal. 

Daß der Wille Schopenhauers auch im leblosen Körper 
gewinnt, daß die ganze Welt wie durchseelt gedacht wird vom 
Willen, das erinnert an die vorreligiösen und vorwissenschaftlichen, 
animistisdien Anschauungen primitiver Völker. Der Mystiker 
Schopenhauer kann, wie es eben jenen Völkern durch ihre ani- 
mistisdien Anschauungen gelingt, damit die ganze Welt aus einem 
Punkte erklärend Eine naive, infantile Animisierung des Leblosen 
finden wir in der Anekdote, die Schopenhauer aus seiner frühen 
Kindheit berichtet: er warf einen Schuh in ein Mildigefäß und bat 
ihn herzlich, doch herauszuspringen. 

Betrachten wir die Willenslehre Schopenhauers zusammen*- 
fassend, so müssen wir diese gewaltige Inthronisierung des Unbe^ 
wußten und des Trieblebens als eine geniale geistige Leistung aner^ 
kennen. Die Verwendung dieser psychologischen Einsicht zur philo^ 
sophischen Systembildung behandeln wir am Schlüsse unserer Aus^^ 
führungen. 

2. Ethik. 

In Nietzsche, der Schopenhauer in seiner Jugend fast 
väterlich verehrt hatte, erstand unserem Philosophen sein gefähr^ 
lichster Gegner. Denn Nietzsche, der im Gegensatz zu dem bei seiner 
Jugendkonzeption verharrenden Schopenhauer in stetig fort^ 
schreitender Entwicklung immer tiefer in das Verständnis der 
menschlichen Seele vordrang, hat durch seine unerbittliche Kritik 
dem »letzten Metaphysiker« den Boden unter den Füßen weg^ 
gezogen. Nicht nur das »reine Erkennen« hat er zersetzt, nicht nur 
den »Heiligen« von seinem Piedestal gestoßen, sondern auch die 
Mitleidsmoral Schopenhauers, die so viele inbrünstige Verehrer 
fand, hat er kritisdi^psychologisch untergraben und intuitiv^psycho- 
analytisch auf ihre Triebwurzeln zurückgeführt. 

Es hat immer Schopenhauer-Forscher und ^Verehrer ge^ 
geben, die von der edeln und gefühlvollen Mitleidsmoral begeistert 
in dem Schöpfer derselben, — durch ihren Wunsch unkritisch ge-» 
macht, — einen besonders gemütvollen und guten Menschen gesehen 
haben. Es liegt der allgemeinen Auffassung gewiß näher und ist 
psychologisch leichter zu verstehen, wenn die Lebensführung des 
?hilosophen seinem System entspricht, wie das etwa bei Spinoza, 
Xant, Fichte zunächst den Eindrucke macht,- und es tut uns fast 
innerlich weh, wenn wir sehen, daß der Lehrer des Mitleids im 
Leben so wenig von tiefem Versenken in fremdes Leid, von Mit* 

^ Schopenhauers Sinn für magische, abergläubische und andere über* 
sinnliche Phänomene kann mit dem Animismus in Zusammenhang gebracht werden. 
Vgl. Freud: Animismus, Magie und AHmacht der Gedanken <»Imago<v 
IL Jahrg., 1913, Heft 1>. 



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138 Dr. Eduard Hitsdimann 



leiden mit anderen, zeigt. Von der psydioanalytisdien Erfahrung aus^ 
gehend, daß das Mitleid eine Reaktionsbildung auf antisoziale, grau^ 
same Triebregungen darstellt, überhaupt das kulturelle Idi erst 
sekundär auf dem Trieb^Idi aufgebaut ist, werden wir erwarten, 
daß es versdiiedene Übergänge gibt, von jenem Individuum, das 
diese Urtriebe unverändert behält und auslebt <Verbredier> bis zu 
jenem, das die Triebe restlos verdrängt und den altruistisdien 
Charakter als Resultat davon aufzeigt. Schopenhauer ist es nidit 
gelungen, seine aggressiven Triebe im Leben zu Güte und Mideid 
umzuwandeln und es läßt sidi zeigen, daß er Regungen der Bosheit, 
der Grausamkeit, der Sdiadenfreude, des Neides, ferner Sdiimpflust, 
Spottsudit, Mangel an Mensdienliebe in hohem Grade verraten hat. 
Schopenhauers Vorfahren zeigen sdion, wie erwähnt, ein 
auffallend heftiges, zornmütiges, nadi Tätigkeit drängendes Wesen, 
das in dem dem geistigen Leben zugewandten Philosophen nur in 
seinem groben und abweisenden Verhalten sowie in Sdiimpfen, 
Bosheiten und Aggressionen einen direkten Ausweg fand. In den 
Werken, weldie das Mitleid idealisieren, darf man allerdings nidit 
danadi sudien, aber in den unstilisierten Äußerungen im Umgang 
mit Mensdien und in den Briefen verrät Schopenhauer viel Grob- 
heit, grimmig-aggressiven Humor,- er sdiimpft mit Ausdrüd^en, die 
wir von Gebildeten sonst kaum zu hören gewohnt sind,- audi im 
Disputieren wird er als heftig und redithaberisdi gesdiildert. Wer 
nidit seinen Geist zu bewundern berufen und befähigt ist, der 
findet in ihm einen unfreundlidien, leidit gehässigen, unbeherrsditen, 
Patron. So war er imstande, eine ältere, ärmlidhe Frau wiederholt 
mit Gewalt vor die Tür zu setzen, weil es ihm nidit redit war, 
daß sie seine Hauswirtin in seinem Zimmer besudite. Mit der Frau, 
weldie eine Entsdiädigungsklage wegen einer durdi den Sturz über die 
Treppe eingetretenen Arbeitsunfähigkeit anstrengte, hatte er sedis Jahre 
zu prozessieren und mußte der »hödist versdimitzten und boshaften 
Person« durdi zwanzig Jahre eine ansehnlidie Entsdiädigungssumme 
zahlen. Auf ihren Totensdiein sdirieb er, über den Tod hinaus 
hassend, folgenden grausamen Witz: »Obit anus, abit onus.« Aus 
den Briefen ließen sidi zahlreidie für seine Grobheit und seinen 
unstillbaren Haß beweisende Stellen anführen K Sein Verleger 
Brockhaus äußerte nidit mit Unredit im Zusammenhang mit der 
Verlagsangelegenheit des Hauptwerkes: »Idi muß midi mit diesem 
Mensdien sehr zusammennehmen, er ist ein wahrer Kettenhund.« 
Audi hat er sidi über die göttlidie Grobheit und Rustizität 
Schopenhauers, sowie über dessen sad^grobe Formen beklagt. 
An Dr. Asher sdireibt Schopenhauer einmal, als er sidi über 
einen Gegner, Professor Weisse, zu ärgern hatte: »Fänden Sie 
Gelegenheit ihm dies irgendwo nodi naditräglidi einzureiben und 
spanisdien Pfeffer darauf zu streuen, so würde midi das sehr freuen.« 

' Vsl. Damm, p. 167. 



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Sdiopenhauer 139 



Der gröbsten und herabsetzendsten Ausdrüd^e bedient er sidi gegen^ 
über den Philosophenprofessoren (den »windbeutelnden Sophisten«), 
namentlidi Hegel. Er spridit von Hegelsdier Afterweisheit, nennt 
dessen Werk eine philosophisdie Hanswurstiade und bezeidinet es 
als den inhaldosesten Wortkram, an weldiem jemals Strohköpfe ihr 
Genüge gehabt, spridit von dessen Lehre als dem widerwärtigsten, 
unsinnigsten Gallimathias und wird dabei an die Deliramente der 
Tollhäusler erinnert. Man vergleidie nur einmal diesen rauhen, 
widerhaarigen, so sehr zum Hassen gestimmten Mensdien, der auf 
der anderen Seite die Mitleidsmoral preist, mit dem feinen, zurüA* 
haltenden, leisen Nietzsche, der von sidi selbst sagt: »Idi bin so 
gar nidit zum Hassen und Feindsein gemadit« und — der in 
seiner Moral den Willen zur Madit, die Grausamkeit, die Rüd^^ 
siditslosigkeit preist! 

Über Schopenhauer finden wir nur spärlidi Züge von Mit^ 
leid beriditet, wie etwa aus seiner Jugend, wo er — namendidi beim 
Anblid^ des Bagno von Toulon — gequälte Mensdien bemitleidet. 
Mag sein, daß er in der Jugend ^durdi sein erregbares Tempera^ 
ment zur Empfindlidikeit, ja selbst zur Empfindsamkeit gedrängt« 
war, »bevor die harte Lebenserfahrung ihn in das andere Extrem 
trieb und ihn zum selbstsüditigsten und gelegendidi zum brutalsten 
alten Sonderling madite« <Sei liiere). Ein Zug, den wir audi ge* 
wohnt sind als Keaktionsbildung auf Grausamkeitssudit den Mensdien 
gegenüber analytisdi aufzufinden, findet sidi bei Schopenhauer 
überaus entwidielt: das ist sein tiefes Mitgefühl für die Leiden 
der Tiere. Er war Zeit seines Lebens der sdiärfste Gegner der 
»wissensdiaftlidien Tierfolter« (Vivisektion). Mit Worten flammender 
Entrüstung brandmarkt Schopenhauer die Absdieulidikeit eines 
Naturforsdiers, der zwei Kanindien planmäßig tothungern ließ, und 
er stellt audi Vorsdiläge zu Sdiutzgesetzen auf. Aber: »Die in 
England zu jener Zeit für Tierquälerei eingeführte Prügelstrafe modite 
der Philosoph audi in Deutsdiland redit ausgiebig gegen die armen 
zwei- und vierbeinigen Mitgesdiöpfe der Menschen angewendet 
wissen« <Damm). Prügel für Mensdien zum Sdiutz von Tieren! 
Diese Liebe zu den Tieren, die zu seinem sdiriftlidi und mündlidi 
oft geäußerten Mensdienhaß in sdieinbar paradoxem Widersprudi 
steht, hat er nidit nur von den Indern preisen gelernt, sondern 
selbst tief empfunden. So äußert er einmal unverhohlen <N. P., 
p. 363): 

»Ich muß es aufrichtig gestehen: der Anblick jedes Tiers erfreut midi 
unmittelbar und mir geht dabei das Herz auf . . . Hingegen erregt der Anblick 
der Menschen fast immer meinen entschiedenen Widerwillen.« 

Und ähnlich sagt er in einer »Antistrophe zum 73. Venetianisdien 
Epigramm« <P. u. P. II., p. 696): 

»Wundern darf es midi nidit, daß mandie die Hunde verleumden, denn 
es beschämet zu oft leider den Mensdien der Hund.vt 



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140 Dr. Eduard HitsAmann 



Bekannt ist Schopenhauers Vorliebe für Hunde V insbesonders für 
seinen Pudel, den er im Testament nodi treulidi bedadit und versorgt 
hat. Die Wände seines Zimmers sdimüd^ten neben Porträts seiner großen 
Vorbilder, wie erwähnt, audi Tierbilder. Entgehen konnte einem 
so feinen Psydiologen, wie es Schopenhauer war, die Bedeutung 
der Reaktionsbildung und Sublimierung dodi nidit ganz. So kam er 
einmal beim Anblid^ eines jungen Orangs auf einer Marktmesse 
darauf zu spredien, »wie es ihm sdion in jungen Jahren aufgefallen 
sei, daß der Hund, dieses gezähmte Raubtier, der Verwandte, vieU 
leidit der Abkömmling des Sdiakals oder des Wolfs, — der treue, 
liebevolle, gelehrige, mensdienähnlidie Gefährte des Mensdien ge^ 
worden sei, das harmlos grasfressende Sdiaf aber nidit, und daß 
beim Mensdien etwas ähnlidies stattzuhaben sdbeine, indem die ur^ 
sprünglidi wilden, harten, mit starken sinnlidien Neigungen und 
Leidensdiaften behafteten Naturen zu den hödisten Tugenden ge- 
langen, wie denn sdion Plato die starke Neigung zum Bösen in 
den trefflidien Naturen bemerkte« <Gw inner p. 332>. 

Audi einen Teil seiner Angst müssen wir wohl aus Ver- 
drängung von Aggressionsgelüsten erklären, die sidi in der Angst 
unbewußterweise gegen das eigene Idi geriditet zeigen. Es spridit 
für die ursprünglidhe Stärke seiner Triebanlage, daß sie trotz dieser 
Verdrängungen und teilweisen Reaktionsbildungen dodi nodi so 
deudidi die ganze Persönlidikeit durdizieht und färbt. Kaum je ein 
anderer hat sein Haßgefühl intensiver in sidi erlebt, die Grausam^ 
keitsinstinkte des Mensdien ausgebildeter gesehen und stärker im 
Zusammenleben empfunden und mehr darunter gelitten. Vielleidit 
nur Nietzsche hat nadi ihm in ähnlidier Weise Madit^, Radiegefühle 
und Grausamkeit im Innersten erlebt und im Tiefsten erkannt. Aber 
er verwirft sie nidit wie Schopenhauer, sondern entded^t darin 
die Urkraft des Mensdien und anerkennt sie als Ideal des Gesunden, 
nidit Dekadenten. Gleidiwie bei Nietzsche- ist bei Schopen* 
hau er in der Ethik, wo er über die Triebfedern des mensdifidien 
Handelns spridit, viel von der Bosheit die Rede: 

»Die drei Triebfedern der mensdilidien Handlungen: 

a> Egoismus, der das eigene Wohl will (ist grenzenlos)/ 

b> Bosheit, die das fremde Wehe will (geht bis zur äußersten Grau^ 

samkeit)/ 
c) Mitleid, welAes das fremde Wohl will (geht bis zum Edelmut und 

zur Großmut). << 

Und ausführlidier heißt es in dem Naditrag zur Ethik <P. u. P. IL, 

219 ff.>: 

^ '"Wenn CS keine Hunde gHbc, möAte ich nidit leben« (zu Frauenstädt). 

" »Die Bosheit hat niAt das Leiden 6qs andern an sidi zum Ziele, sondern 
unscrn eigenen Genuß, zum Beispiel als Radicgefühl oder als stärkere Nervenauf- 
rcy::ung. Sdhon jede Neckerei zeigt wie es Vergnügen madit, am anderen unsere 
Macht auszulassen und zum lustvollen Gefühle des Übergewidits zu bringen« 
(Nietzsche, Menschl. Allzumenschl.). 



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Schopenhauer 141 



. . . Zum gränzeiilosen Egoismus unserer Natur gesellt sich aber noch 
ein, mehr oder weniger in jeder Menschenbrust vorhandener Vorrat von Haß, 
Zorn, Neid, Geifer und Bosheit, angesammelt, wie das Gift in der Blase des 
Sdilangenzahns, und nur auf Gelegenheit wartend, sich Luft zu machen, und 
dann wie ein entfesselter Dämon zu toben und zu wüten. Will kein großer 
Anlaß dazu sich einfinden,- so wird er am Ende den kleinsten benutzen, indem 
er ihn durch seine Phantasie vergrößert. 

. . . der Mensch ist das einzige Tier, welches anderen Schmerz verursacht, ohne 
weiteren Zweck als eben diesen . . . Kein Tier quält jemals, bloß um zu quälen ,• 
aber dies tut der Mensch, und dies macht den teuflischen Charakter aus, der 
weit ärger ist, als der bloß tierische. Von der Sache im Großen ist schon ge*- 
redet: aber auch im Kleinen wird sie deutlidi/ wo denn Jeder sie zu beobachten 
täglich Gelegenheit hat. Z. B. wenn zwei junge Hunde miteinander spielen, so 
friedlich und lieblich anzusehen — und ein Kind von drei bis vier Jahren kommt 
dazu: so wird es sogleich mit einer Peitsche oder Stock, heftig dareinschlagen, 
fast unausbleiblich, und dadurch zeigen, daß es schon jetzt Tanimal mechant par 
excellence ist. Sogar auch die so häufige zwecklose Neckerei und der Schaber^ 
nack entspringt aus dieser Quelle . . . 

. . , Wirklich also liegt im Herzen eines Jeden ein wildes Tier, das nur 
auf die Gelegenheit wartet, um zu toben und zu rasen, indem es Anderen wehe 
tun und, wenn sie gar ihm den Weg versperren, sie vernichten möchte: es ist 
eben das, woraus alle Kampfe und Kriegslust entspringt ... es ist der Wille 
zum Leben, der durch das stete Leiden *des Daseins mehr und mehr erbittert, 
seine eigene Qual durch das Verursachen der fremden zu erleichtern sucht. Aber 
auf diesem Wege entwickelt er sidi allmählich zur eigentlichen Bosheit und 
Grausamkeit . . . 

Während sich Nietzsche bejahend zur Grausamkeitslust 
stellt, wenn er sie aucii persönlidi fast restlos verdrängt und 
sublimiert hat, reagiert Schopenhauer, der in seiner Ethik das 
Mideid als mensdiliche Regung katcxodien preist, mit einer Ab^ 
wehr, deren Ausdruck eben diese Ethik ist: 

»Nichts empört so im tiefsten Grunde unser moralisches Gefühl wie 
Grausamkeit. Jedes andere Verbrechen können wir verzeihen, nur Grausamkeit 
nicht. Der Grund hievon ist, daß Grausamkeit gerade das Gegenteil des Mit- 
leids ist.« 

Ist er auch an die Darstellung seiner Ethik erst relativ spät 
und auf einen äußeren Anlaß hin gegangen, so hören wir doch viel* 
leicht seine tiefsten Gemütstöne hier erklingen, wie er audi die Ethik 
zum Sdilußstein seiner ganzen Philosophie gemacht hat. Es zeigt 
wieder recht von den Gegensätzen, die in der menschlichen Seele 
herrschen, wo ja Reaktionsbildungen so vielfach die Wurzeln der 
Charaktereigenschaften darstellen, daß gerade Schopenhauer, dieser 
rauhe, unerbittliche, neidische und rachsüchtige Mensch, der fast alle 
anderen Menschen ^o grundverschieden und tief unter sich distanziert 
empfand, daß gerade dieser griesgrämige, vereinsamte und eigene 
süciitige Räsoneur — die Mitleidsmoral, die er freilich bei den 
Indern vorfand, zu der seinen machte! Er emphndet in sich gleidi*' 
sam als Hemmungsmittel gegen die bösen Instinkte, ohne nach der 
Herkunft zu fragen, als ethisches Urphänomen die Mideidsregung. 



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142 Dr. Eduard Hitsdimann 



Es ist nach ihm eine unmittelbare, sidi als solche von selbst an- 
kündigende, instinktartig wirkende Triebfeder. Auch das die Vor- 
aussetzung des MitleicTs bildende Durchschauen der Wesenseinheit 
alles Lebenden, weldies die indische Philosophie als »tat twam asi« 
ausspricht, ist eine unmittelbar, ohne Schlul) und logische Reflexion 
vor sich gehende intuitive Erkenntnis. Wir sehen hier Schopen^ 
hauers Mangel an Bedürfnis nach einer Genealogie der Moral, im 
Gegensatz zu dem tiefschürfenden Trieb nach Aufklärung der letzten 
Wurzeln moralischer Wertung bei seinem Antipoden Nietzsche. 
Seltsam mutet es an, den jugendlichen Nietzsche als dankbar ver^ 
ehrenden Schüler Schopenhauers auftreten zu sehen <in der be^ 
geisterten Jugendschrift »Schopenhauer als Erzieher«) ^ Aber Nietz^ 
sehe wird auch darin das Gegenspiel Schopenhauers, daß er 
sich immer wieder selbsterkennend zu überwinden sucht, während 
Schopenhauer ein für allemal bei seiner Konzeption des Welt^ 
bildes starr verharrte. So brachte die Selbstanalyse Nietzsche weit 
über seinen Lehrer hinaus, gegen den er namentlich in der »Genea* 
logie der Moral« nicht genug polemisieren kann. Für eines aber 
bieten diese beiden in Leben und Lehre so gegensätzlichen Persönlich^ 
keiten die prachtvollsten Beispiele: Die Moral eines jeden von ihnen 
erscheint als direkter Gegensatz ihrer Persönlichkeit und Lebens^ 
führung. So sagt Simmel von Nietzsche: v^Es ist oft hervorgehoben 
worden, daß die Lehre Nietzsches den Gegensatz seiner Person^ 
lichkeit bildete: dieser rauhe, kriegerische und dann wieder bacchantisch 
weittönende Ruf quoll aus einer höchst sensitiven, still in sich ge^ 
kehrten, liebenswürdig milden Natur.« Und von Schopenhauer 
sagt Paulsen, man könne seine Moral bezeichnen als seinen cata* 
logus desideratorum. 

Sowohl Volkelt wie Simmel heben hervor, daß Schopen* 
hau er dort, wo er die Mitleidsmoral darstellt, nicht jene echten, 
tiefen, auf Selbsterlebnis beruhenden schwärmerischen Gefühle 
äußere, wie in seiner Darstellung des »reinen willenlosen Erkennens«. 
Sie wollen daraus schließen, daß diese Mitleidsmoral konstruiert sei. 
Wir hingegen versuchen dieselbe aus der aggressiv^heftigen Anlage 
Schopenhauers und deren Verdrängung durch Reaktionsbildung 
unbewußt entstandenes, also psychologisch wahrhaftes und auf^ 
richtiges Resultat abzuleiten. Denjenigen, die an einer solchen Zu* 
rückführung Anstoß nehmen, seien Nietzsches ironische Worte 
entgegengehalten: 

»Wie könnte etwas aus seinem Gegensatz entstehen? Z. B. 
die Wahrheit aus dem Irrtume? Oder der Wille zur Wahrheit aus 
dem Willen zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung 
aus dem Eigennutze? Oder das reine, sonnenhafte Schauen 
des Weisen aus der Begehrlichkeit? Solcherlei Entstehung ist 
unmöglich/ wer davon träumt, ein Narr, ja Schlimmeres,- die Dinge 

* Außer Schopenhauer (und Nietzsche in seiner Jugendperiode) hat 
kein Philosoph dem Mitleid als solchem moralischen Wert zuerkannt (A. Richl). 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Schopenhauer 143 



höchsten Wertes müssen einen anderen eigenen Ursprung haben 
— aus dieser vergänglichen, verführerischen, täuschenden, geringen 
Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie unab^ 
leitbar! Vielmehr im Schöße des Seins, im Unvergänglichen, im 
verborgenen Gotte, im ,Ding an sich' — da muß ihr Grund liegen 
und sonst nirgendswo.« 

Wir sind überdies gewohnt, wo wir der Verschränkung von 
Aggressionstendenzen mit einer sexuellen Komponente (Sadismus) 
und deren Verdrängung begegnen, auch gegen die eigene Person 
gerichtete Grausamkeit, d. h. masochistisdie Einstellung, zu finden, 
wie sie schon Nietzsche in der verweichlichenden Mitleidsmoral 
erkannt hat. 

Ist die Ausschaltung aller gewalttätigen und egoistischen Motive 
nach Schopenhauer das Kriterium einer Handlung von moralischem 
Wert, so begnügt er sich doch nicht mit dieser Stufe der VolU 
kommenheit. Es scheint, daß er schon sehr früh, jedenfalls aber als 
Jüngling, ein höheres ethisches Ideal vor sich sah: »er hatte den Hei* 
ligen als Richter des Daseins gesehen« (Nietzsche): Bevorzugte 
Menschen, hellblickende Geister erreichen in seltenen Fällen, eigent^ 
lieh nur durch Gnade, diese Vision der Sehnsucht. Sie töten ihren 
Willen ab und gehen über die Gerechtigkeit hinaus zu strenger 
Askese. Der erste Schritt ist geschlechtliche Enthaltsamkeit, dann folgen 
freiwillige Armut, Vergebung der Beleidigungen, Nahrungsenthaltung, 
Kasteiungen und Sterben als Sühne. Dies ist das masochistisch^mysti* 
sehe Bild, das Schopenhauer vom Heiligen entwirft: es läßt den 
Heiligen der christlichen Religion weit hinter sich. Ganz besonders 
bewundert Schopenhauer jene plötzlichen radikalen Bekehrungen, 
für die ihm Bucidha ein Vorbild war und mit rührend schönen 
Worten hat er diese Mythe dem Carl Bahr erzählt <April 1856). 
Auch hier sehen wir, wie Schopenhauer sich den mystischen 
Anschauungen der Inder nähert: die Heiligen gehen ins Nirwana ein, 
welches wieder nur ein Ausdruck der Wünsche und der Sehnsucht 
ist, die wir als die Motive aller Paradiesesschilderungen kennen. 
Dieses ganze Ideal des Heiligen, des Verzichtens, des sich Annäherns 
an Fakir^ und Büßertum, müssen wir als Ausdruck schmerzfreudiger 
Phantasien ansehen, wie ja der Masochismus mit dem Sadismus eng 
verknüpft ist. Nur aus großen Schuldgefühlen können diese Selbst* 
bestrafungstendenzen ihre Intensität beziehen, und aus diesen 
Schuldgefühlen entspringt das Erlösungsbedürfnis ^ Von sich selbst 
hat Schopenhauer gesagt, er sei in seinem siebzehnten Lebens- 
jahr plötzlich vom Jammer des Lebens so ergriffen worden, wie 

^ »Es ist der Kunstgriff der Religionen und Metaphysiken, welche den 
MensAen als böse und sündhaft von Natur wollen, ihm die Natur zu verdächtigen 
und so ihn selber schlecht zu machen: denn so lernt er sich als schlecht empfinden, 
da er das Kleid der Natur nicht ausziehen kann. Allmählich fühlt er sich . . . von 
einer solchen Last von Sünden bedrückt, daß übernatürliche Mächte nötig werden, 
um diese Last heben zu können: und damit ist das Erlösungsbedürfnis auf 
den Schauplatz getreten.« <Nietzsche, »Mensthl. Allzumenschl.«) 



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144 Dr. Eduard HitsAmann 



Buddha in seiner Jugend. Es muß als hodi bedeutsam für die 
dieser Wandlung zugrunde liegenden Sdiuldgefühle und Erlösungs^ 
tendenzen hervorgehoben werden, daß sie gerade nach dem Tode 
des Vaters sidi verstärkten! Deutlidi läßt sidi die Freude am 
eigenen Leiden in der ganzen pessimistisdicn Darstellung und 
Auffassung des Lebens erkennen, da ja »am Mißraten, Vcr^ 
kümmern, am Sdimerz, am Unfall, am Häßlidien, an der willkür- 
lidien Einbuße, an der Entselbstung, Selbstgeißelung, Selbstopfcrung 
ein Wohlgefallen empfunden und gcsudit wird. Dies ist alles im 
hödisten Grade paradox: wir stehen hier vor einer Zwiespältigkeit, 
die sidi selbst zwiespältig will, weldie sidi selbst in diesem Leiden 
genießt« (Nietzsche: >^Was bedeuten asketisdie Ideale?«). Be- 
sonders klar drüd^t dies audi Simmel aus: »Das Sdiwelgen in den 
eigenen Sdimerzen, das wollüstige sidi verbohren in jeden Kummer, 
die Sudit, von seinem Mißgesdiehen audi vor sidi selbst viel ,her 
zu madien' — dies äußert sidi durdigehends in den Formen mit 
dem Hintergrund oder dem Vordergrund einer pessimistisdien Auf- 
fassung der ganzen Welt«. 



3. P 



essimismus. 



Die Popularität seiner Philosophie verdankt Schopenhauer 
vornehmlidi der pessimistisdien Weltansdiauung. Kaum jemand vor- 
her gab seinem Leiden an der Welt, seiner Enttäusdiung an den 
Mensdien, an der Liebe, an Wert und Inhalt des Lebens, an der 
EntwiAlungsfähigkeit der Mcnsdiheit und des Individuums in so 
prägnanter Weise Ausdrud^. Das widitigste der Argumente, mit 
denen Schopenhauer immer wieder die Mißgefühle, die ihm die 
Welt erregt, zu rationalisieren sudit, ist der bereits in diesem Sinne 
erwähnte blinde, vernunftlose, ziellose Wille, der niemals voll zu 
befriedigen ist und keinen Ruhepunkt kennt. Vielleidit mehr nodi als 
dieses methaphysisdie Prinzip ist es der empirisdie Eindrud^ der 
Betraditung der Welt und der Mensdien, die LInverbesserlidikeit 
der Menschheit in jeder Hinsidit: Es sei viel mehr Unlust als Lust 
im Leben, weldies Unverstand, Bosheit und Zufall regieren,- die 
Gesdileditsliebe sei eine Prellerei, im letzten Grunde ekelhaft,- die 
Mensdien voll Verstellung und Heudielei/ alles Wirklidie nur ein 
Sdiein, Trugbild, Gehirnphänomen/ die Zeit von einer trostlosen 
Flüditigkeit, ein Phantom,- mehr sei nidit zu erstreben als Sdimerz* 
losigkeit,- nur in der Geistigkeit, der Abwendung vom Leben, sei 
Beruhigung als eine Art von Glüdv zu finden. Selbst von den 
Kindern, die durdi ihre Harmlosigkeit mit allem zu versöhnen ver^ 
mögen, sagt Schopenhauer: 

»Kinder sind wie unsdiuldi^c Delinquenten, die zwar nicht zum Tode, 
hingegen zum Leben verurteilt sind, jedoch den Inhalt des Urteils noch nicht 
vernommen haben.« 

v^Wir gIvMdien den Lämmern, die auf der Wiese spielen, während der 
Metzger schon eines und das andere von ihnen mit den Augen auswählt: Denn 



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Schopenhauer 145 



wir wissen nidit, in unseren guten Tagen, welches Unheil eben das Sdiicksal uns 
bereitet — Krankheit, Verfolgung, Verarmung, Verstümmelung, Erfindung, 
Wahnsinn, Tod . , . tc 

Und seinen Eindruck von den Mensdien sdiildert er wieder^ 
holt in folgender Weise: 

»Wer geistige und leiblidie SAönheit kennt, dem gibt der Anblick und 
die Bekanntschaft eines jeden neuen sogenannten Mensdien in hundert Fällen 
gegen einen nichts, als ein ganz neues, wirklich originales, bisher nodi nicht in 
den Sinn gekommenes Beispiel eines Compositi von Häßlidikeit, Plattheit, Ge- 
meinheit, Verkehrtheit, Dummheit, Bosheit, mit einem Worte, Widerlidikeit und 
Abscheulidikeit.« 

Das Leben erscheint ihm »als ein beständiger Kampf um diese Existenz 
selbst, mit der Gewißheit, ihn zuletzt zu verlieren. Ist nun aber die Not weit 
zurückgedrängt und ihr ein Stück Feldes abgewonnen, so tritt sogleidi furchtbare 
Leere und Langeweile ein, gegen weirfie der Kampf fast noch quälender ist^^ 
<N. P. § 320). 

Er findet daher, »daß es ungleich wahrer ist zu sagen: Der Teufel hat 
die Welt geschaffen, als: Gott hat die Welt geschaffen.« (N. P., § 316). 

Für den Ursprung soldi krass^pessimistischer Urteile aus Miß-^ 
Stimmung spridit folgende Stelle, die volle Selbsterkenntnis verrät: 

»Es kann hiemit soweit kommen, daß vielleicht manchem, zumal in Augen- 
blidcen hypochondrisdier Verstimmung, die Welt, von der ästhetifdien Seite 
betrachtet als ein Karikaturenkabinett, von der intellektuellen als ein Narrenhaus 
und von der moralischen als eine Gaunerherberge erscheint. Wird solche Ver- 
stimmung bleibend, so entsteht Misanthropie.« (Preisschrift über die Grund- 
läge der Moral.) 

Nirgends läßt sich die strenge Subjektivität der Welt^ 
ansdiauungen deutlidier erkennen, als in der Stellung, die der ein- 
zelne der Welt gegenüber als Optimist oder Pessimist einnimmt. 
Es zeigt sidi da, daß der Pessimismus gar keine Weltansdiauung, 
sondern eine Stimmung, oder um es gleidi mit dem richtigen Namen zu 
sagen, — Verstimmung ist. So fragt Gwinner, der ja Schopen^ 
hauer persönlich gekannt, in seiner Grabrede auf Schopenhauer 
mit einem psydiofogisdi tiefen Vergleich: »Lief er nicht beleidigt, 
wie ein Kind, das sich im Spiel erzürnt, durdi sein ganzes Leben 
dahin — einsam und unverstanden, nur sich selbst getreu?« — In 
frühen Jahren, wo der in einem wohlhabenden Patrizierhause auf-^ 
wadisende Knabe nodi keine Bekanntschaft mit dem rauhen Leben 
gemacht haben konnte, hat er, wie seine Mutter sagt, »sAon als 
Knabe über das Elend der Menschheit gebrütet«. <Gw inner, p. 22.) 
Vielleicht mit mehr innerer Berechtigung durfte er, seine persönliche 
Mißstimmung als Jüngling empfindend, später sagen: 

»In meinem siebzehnten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde idi vom 
Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, 
Alter, Schmerz und Tod erblidvte. Die Wahrheit, welche laut und deutlidi aus 
der Welt sprach, überwand bald die auch mir eingeprägten Jüdischen Dogmen 
und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens 

Imago II/2 10 



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146 Dr. Eduard Hitsdimann 



sein könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Dasein gerufen, 
um am Anblidt ihrer Qual sidi zu weiden: Darauf deuteten die Data und der 
Glaube, daß es so sei, gewann die Oberhand.« <N. P. § 656.) 

Als diarakteristisdi sei ferner noA eine Stelle hier angeführt, die 
um so mehr beweist, wenn man die Tatsadie heranzieht, daß audi 
der melandholisdi Kranke morgens die größte, abends die geringste 
Verstimmung zeigt. Die analoge, von Schopenhauer gesdiilderte 
Ersdieinung kennen wir übrigens audi bei neurotisdien und ver^ 
stimmten Mensdien als Fludit aus der unbefriedigenden und peinlidi 
empfundenen Realität in den SAlafzustand, den diese Mensdien 
gelegentlidb über Gebühr auszudehnen sudien. Schopenhauer 
formuliert diese zweifelsohne persönlidie Erfahrung so: 

»>X/'as man audi sagen mag, der glüdtlidiste Augenblick des Glüddidien 
ist doA der seines Einsdilafens, wie der unglüddidiste des Unglüddidien der 
seines Erwarfiens.« <W. W. II. ^> 

Allen Sdiopenhauer^Forsdiern mußte die Frühzeitigkeit seines 
Lebensernstes und seiner Verstimmung auffallen. Möbius behauptet 
sogar, daß Schopenhauer »von Anfang an krankhafte gewesen 
sei und meint, daß es sdion auf Krankheit hindeute, »daß In der 
Jugend die Frage nadi dem Werte des Lebens gestellt wird«. 
Treffend sagt Möbius: »Nidit die Erkenntnis der Übel in der Welt 
hat ihn dazu <zum Philosophen des Pessimismus) gemaAt, sondern 
er hat die Übel aufgesudit und gesdiildert, weil er Belege für 
seine lebensfeindlidie Stimmung braudite.« — ^Schopenhauer 
sudite nadi Erklärungen für sein Wehgefühl, für seine Lebensangst 
und er fand seinen Pessimismus«, der das älteste Stüd^ seiner Philo^ 
Sophie darstellt. Nadi Möbius wird also das angeborene Gefühl 
der Dyskolie später durdi die Lehre gereditfertigt. Wir werden 
weiterhin ausführen, daß die eigenartige Stimmungslage Schopen* 
hauers niAt so sehr als angeboren, vielmehr als eine früh erwor- 
bene, zumindest aber durdi frühe Eindrüd^e krankhaft verstärkte 
aufzufassen ist. 

Ferner sei — indem wir uns hier gestatten von der Ober- 
flädie des Psydiologisdien auszugehen — daran erinnert, daß die von 
Schopenhauers Mutter so rüd^siditslos gesdiilderten abstoßenden 
Charaktereigensdiaften ihres Sohnes, wie sein hodifahrendes und 
reizbares Wesen, sein Eigendünkel, seine Gehässigkeit und Un^ 
freundlidikeit, sein ewiges Besserwissenwollen, vielfadi im Leben 
Anstoß erregen und dadurdi wieder zu einer Steigerung seiner 
Mißstimmung führen mußten. So mußte er sidi in seiner Eitelkeit 

* Vgl. audi Hebbel (TagebüAer): *Sehr sdiön sagte meine liebe Frau 
gestern Abend, als wir zu Bette gingen: in der )ugend steht man fröhlidi auf, 
im Alter legt man siA fröhlidi nieder. <- 

- Es gibt Familien, ja ganze Generationenreihen, die düsterer Stimmung 
sind/ vom Vater her mag das Elternhaus Schopenhauers jenen von Ibsen 
oft gesdiildertem Mangel an Lebensfreude aufgewiesen haben. 



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Schopenhauer 147 



und Empfindlidikeit um so mehr verletzt und herabgesetzt fühlen, 
als er in seinen maßlosen Ansprüdien an die Mensdien überhaupt 
nie zu befriedigen gewesen wäre. Tatsädilidi wird audi sdion von 
seinen gesellsdiaftlidien Mißerfolgen beriditet, insbesondere den jungen 
Mäddien gegenüber, die den mürrisdien und abseits stehenden, 
jugendlidien Philosophen belädielten, der sie gewiß audi nidit ver^ 
sdionte und sie seine geistige Überlegenheit fühlen ließ. Schopen^ 
hau er tröstet sidi über diese Mißerfolge in der ihm geläufigen und 
sein ganzes Denken beherrsdienden Manier durdi Vergrößerung seiner 
Distanz zu den Mensdien: 

»In meiner Jugend machte die Vernadilässigung, die ich in der Gesell- 
sdiaft erfuhr und der Vorzug, den man den Alltäglichen, Platten, Dürftigen vor 
mir gab, midi an mir selbst irre: bis ich, 26 Jahre alt, den Helvctius las und 
nun begriff, daß die Homogeneität jene vereinigte und die Heterogeneität 
midi ausschied . . . « <N. P. § 661.) 

Allzu leicht stieß er in allen Lebenslagen bei seinen Neben* 
mensciien an und rächte sidi dafür, indem er ihnen Bosheit und 
Lieblosigkeit vorwarf. Ambivalent in seinen Gefühlen, war er einer 
reinen Liebe nicht fähig, sondern sie mischte sidi ihm allzu leicht 
mit Haß. So blieb ihm kein Ausweg als die Vereinsamung. In 
diesem Sinne sagt Paulsen: »Er sah, daß er mit den Menschen 
nidit leben könne, weder im Guten, dazu war er zu hochfahrend 
und reizbar, noch im Bösen, dazu fehlte es ihm an kaltblütiger 
Überlegenheit/ so entschloß er sich, ohne Menschen zu leben.« 

In nicht für die Veröffentlichung bestimmten Aufzeichnungen 
(dg kavrov) hat Schopenhauer das erschütternde Bekenntnis 
gebucht: 

»Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich schrecklich einsam 
gefühlt und stets aufs tiefste geseufzt: Jetzt gib mir einen Mensdien!' Ver- 
gebens! Ich bin einsam geblieben! Aber ich kann aufriditig sagen, es hat nicht 
an mir gelegen,- ich habe keinen von mir gestoßen, keinen geflohen, der an 
Geist und Herz ein Mensch gewesen wäre,- nichts als elende Wichte von 
beschränktem Kopf, sdileAtem Herzen, niedrigem Sinn habe ich gefunden,- 
Goethe, Fernow, allenfalls F. A. Wolf und wenige andere ausgenommen, 
die sämtlich 25 bis 40 jähre älter als ich waren. Demnach hat allmählich der 
Unwille über einzelne der ruhigen Verachtung des Ganzen Platz machen müssen. 
Früh ist mir der Unterschied zwischen mir und den Menschen bewußt geworden. 
Aber ich habe gedacht: Lerne nur erst hundert kennen und du wirst deinen 
Mann schon finden,- dann: Aber unter tausend wirst du's,- dann: Zuletzt 
muß er doch kommen, wenn auch unter vielen Tausenden. Endlich bin ich zu 
der Einsicht gelangt, daß die Natur noch unendlich karger ist und ich muß die 
,solitude of Kings' Byrons mit Würde und Geduld tragen.« 

Vergleicht man mit diesen zu sich selbst gesprochenen Worten 
die Äußerungen Schopenhauers für seine Leser, so st hier ein Ge^ 
ständnis der Sehnsucht nach Vertrauten nicht zu finden, sondern stolz 
wird das Einsamkeitsbedürfnis als Zeichen der Größe und Tiefe 
angeführt : 

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148 Dr. Eduard Hitsdimann 



»Daß ein McnsA edlerer Art sei, zeigt sich zunädist daran, daß er kein 
Wohlgefallen an den übrigen hat, sondern mehr und mehr die Einsamkeit ihrer 
Gesellsdiaft vorzieht.« 

»Die eigentlidien großen Geister horsten, wie die Adler, in der Höhe, 
allein.« 

»Er ist ungesellig,« sagt beinahe sdion: »er ist ein Mann von großen 
Eigens Aaften.« 

»Denn je mehr Einer an sidi selber hat, desto weniger bedarf er von 
außen und desto weniger können die Übrigen für ihn sein. Darum fuhrt die 
Eminenz der Geister zur Ungeselligkeit.« 

Schopenhauers soziale Mißerfolge im Lehrberuf, bei KoU 
legen, in der Geselligkeit, bei den Frauen, erregten sekundär bei 
ihm erst redit Groll <Ressentiment> und Überhebung/ seine Miß^ 
erfolge bei den Mensdien legt er dann gegen die Betreffenden aus 
und war daher ein Mensdienfeind, Feind jeder Geselligkeit und 
namentlidi der Philosophieprofessoren und der Frauen. Wir erkennen 
in diesem Verhalten leiAt den Medianismus der Projektion, mittels 
dessen eine subjektive EnttäusAung umgewandelt wird in objektive 
Entwertung. Selbstverständlidi haben die Jahrzehnte vergeblidien 
Wartens auf äußeren Erfolg mit der großen Enttäusdiung seines 
maßlosen Ehrgeizes Schopenhauer bis zu einem gewissen Grade 
bereditigt, an dem Wohlwollen und der Gereditigkeit der Mensdien 
zu zweifeln. Dafür mag audi spredien, daß sein Älter, weldies vom 
Glanz des späten Erfolges, von Popularität und Ruhm nodi ver^ 
klärt war, den Pessimismus und den Mensdienhaß bedeutend ge^ 
mildert hat. Dodi sind jene Mißerfolge zweifellos in weitem Aus* 
maße durdi sein Verhalten gegen die Mensdien mitversdiuldet und 
eben darum ist ja seine Reaktion ein so diarakteristisdier, die eigene 
Sdiuld übersdireiender Reditfertigungsversudi. 

Wir wollen nun den Medianismus des Ressentiments klar^ 
legen, weldier darin besteht, daß durdi Enttäusdiung, Erfolglosig^ 
keit, Niditanerkanntsein, durdi das Gefühl der Unvollkommen* 
heit etc. eine Art »seelisdier Selbstvergiftung« <Scheler^> Platz 
greift, indem der herabgesetzte und enttäusdite Mensdi seine Radie^ 
gefühle und ^Impulse, Haß, Zorn, Neid, anstatt sie abzureagieren, 
ins Unbewußte verdrängt, vermutlidi weil audi sonst seine heftigen 
Triebregungen im Leben gebrodien wurden,- es setzt nämlidi ein 
Ohnmaditsgefühl voraus, daß man sidi nidit anders rädien und ent* 
sdiädigen kann, es gehört dazu das dunkle Gefühl, daß man selbst 
unvollkommen ist. Alle jene Ziele, Kräfte und Tugenden, die uns 
unerreidibar sind, beginnen wir dann herabzusetzen und minder 
zu werten. Es tritt eine Wertefälsdiung ein, die Unlust über das 
Entbehrenmüssen und Niditbesitzenkönnen wird dadurdi erleiditert 
<»die Trauben sind dem Fudise zu sauer«). Dies führt zu einer 
Verfälsdiung des Weltbildes,- aber nidit nur die Aussage über das 

' Max Scheler, Über Ressentiment und moralisdie Werturteile (ZeitsAr. 
f. PathopsyAologie, I. Bd., 1912, Heft 23). 



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Sdiopenhauer 149 



Weltbild wird verändert, »das wäre nodi bewußte Fälsdiung,« 
sondern allmählidi wird das Urteil selbst ein anderes, d. h. auA 
das Unbewußte übernimmt die neue Wertung. 

Den gleidien Medianismus haben wir bereits bei der Redit^ 
Fertigung der subjektiv^^pessimistisdien Verstimmung aus der 
Sdileditigkeit und Verwerflidikeit der Welt, wirksam gesehen und 
dürfen auf Grund zahlreidier Erfahrungen auf anderen Gebieten 
geistigen SdiafFens sdiließen, daß ein großes Stüdt der Systembildung 
in niAts anderem als in derartigen unbewußten Projektionen besteht. 

Die Flüchtigkeit der Zeit dient unserem Philosophen gleidi- 
falls zur Begründung seiner traurigen Lebensansdiauung: jeder Augen^ 
blidt ist nur insofern da, als er den vorhergehenden, seinen Vater, 
vertilgt hat und selbst wieder ebenso sdinell vertilgt wird. Die 
Gegenwart ist nidits als Dauerlosigkeit, nidits als Dahinsdiwinden. 
So offenbart sidi in der Zeit die Vergänglidikeit und die Niditig- 
keit aller Dinge. »Was im nädisten AugenbliA nidit mehr ist, was 
sogleidi versdiwindet wie ein Traum, ist nimmermehr eines ernsten 
Strebens wert.« <Schopenhauer.> 

Die Flüditigkeit der Zeit hat niemand so sdiwer empfunden, 
als Schopenhauer,- sie läßt bei ihm kein GlüAsgefühl auf^ 
kommen: 

»In einer solchen Welt, wo keine Stabilität irgendeiner Art, kein 
dauernder Zustand mögliA, sondern alles in rastlosem Wirbel und Wechsel 
begriffen ist, alles eilt, fliegt, sich auf dem Seile, durch stetes Schreiten und Bc^ 
wegen, aufrecht erhält, läßt Glückseligkeit sich nicht einmal denken.« <P. P. IL> 
»Die Zeit ist die Form, mittels derer jene Nichtigkeit der Dinge als 
Vergänglichkeit derselben erscheint, indem, vermöge dieser, alle unsere Genüsse 
und Freuden unter unseren Händen zu Nichts werden und wir nachher ver* 
wundert fragen, wo sie geblieben seien.« <W. W. 11.) 

»Ihr klagt über die Flucht der Zeit: sie würde nicht so unaufhaltsam 
fliehen, wenn irgendetwas, das in ihr ist, des Verweilens wert wäre.^ <N. P. § 305.) 

Auch fand sich in Schopenhauers Papieren eine Übersetzung 
des Mi hon seilen Gedichtes an die Zeit, aas der Sehnsucht nach 
Erlösung von Zufall, Tod und Zeit Ausdruck gibt. <N. P. p. 365). 

In auffälligem Gegensatz zu jener hartnäckigen Betonung der 
Flüditigkeit der Zeit steht des Philosophen immer wieder ange^ 
stimmte Klage über die Unerträglichkeit der Langweile, welche 
die sdimerzlosen Momente des Lebens ausfülle. Auch diesen 
Zug möchten wir aus der Verstimmung ableiten, da nur der Ver- 
stimmte oder vom Leben schwer Enttäuschte, der Vereinsamte und 
nidit Liebende so schmerzlich über Langweile, d. h. über das Miß- 
empfinden der ungenützten Zeit klagen kann. Daß diese Empfindung 
namentlich bei genialen und schaffenden Menschen, die nur ihrem 
Werke leben, durch die Zeiten des Stillstandes der Produktion, also 
die Empfindung einer inneren Leere, gefördert und gesteigert wird, 
zeigen uns freilich häufig die Selbstbekenntnisse großer produktiver 
Männer. 



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150 Dr. Eduard HitsAmann 



Schopenhauer hebt immer wieder hervor, daß seine Philo^ 
Sophie durdi Ansdiauung der Welt gewonnen sei. Und so imponierte 
seiner Betraditung, neben der Flüdhtigkeit der Zeit, das Traum- 
hafte alles Irdisdhen, das Unwirklidie des Lebens so intensiv, daß 
ihm dieses Gefühl den zweiten Grundpfeiler seines philosophisdien 
Systems zwingend entgegenbradite: Die Welt ist nur unsere Vor^ 
Stellung. Knüpfte er selbstverständlidi damit an Plato, Kant und 
die Inder eklektisdi an, so kann man überall aus seinen Werken 
nadiweisen, daß tiefstes inneres Erleben ihm zu seiner genialen 
Begründung des Phänomenalismus Stoff und Affekt gegeben hat. 

Der Kantsdie Vorstellungsidealismus gleitet, wie Volkelt 
treffend sagt, bei Schopenhauer unwillkürlidfi in indisdien Traum^ 
Idealismus hinüber,- es ist ihm vollkommen ernst damit: indem die 
Welt Vorstellung ist, hat sie damit audi nidit mehr Existenzwahr- 
heit als ein Traum. An zahlreidien Stellen seiner Werke verkündet 
er bald mehr die Verwandtsdiaft, bald mehr die Wesenseinheit von 
Welt <Realität> und Traum. 

»Meine Phantasie spielt oft (besonders bei Musik) mit dem Gedanken, 
aller MensAen Leben und mein eigenes seien nur Träume eines ewigen Geistes, 
böse und gute Träume, und jeder Tod ein Erwadien.« <N. P. § 275.) 

»Das Leben ist eine Nadit, die ein langer Traum füllt, der oft zum 
drüdtenden Alp wird.« <N. P. § 273.) 

Besonders folgt er hierin der Ansdiauung der Vedänta^Philo* 
Sophie, ihrer Lehre von der Maja und dem Sdileier, der »die 
Augen der Sterblidien umhüllt und sie eine Welt sehen läßt, von 
der man weder sagen kann, daß sie sei, nodi audi, daß sie nidit 
sei«. Schopenhauer will damit, wie es weiter in den Aus^ 
Führungen Volke Its heißt, das ganz und gar Niditige, Bestand* 
lose, dem Niditsein Ähnlidie, zugleidi das Sinnlose und Bange der 
Ersdieinungswelt zum Ausdrud^ bringen. Es ist sonadi klar, daß 
für Schopenhauer die Welt, indem sie bloße Vorstellung ist, zu* 
gleidi ein in seinem metaphysisdien Werte herabgesetztes Sein be* 
deutet. Die erkenntnistheoretisdie Würdigung der gegenständlidien 
Welt ist ihm unmittelbar zu^Ieidi ein metaphysisdies, und zwar 
pessimistisdi^metaphysisdies Werturteil. Bedenkt man, daß gerade 
Schopenhauer das heftig Brutale des Lebenswillens sdimerzlidist 
empfunden hat, so liegt es nahe, hinter dieser Verflüditigungs^ 
tendenz des Irdisdien den sehnsüditigen Wunsdi nadi Erlösung 
davon zu sudien. Es sei dabei als hödist bedeutsam hervorgehoben, 
daß wir diese Ernpfindung der Welt als Traum und Saiein, als 
ein befremdendes Gefühl typisdi von den melandiolisdien Patienten 
angegeben hören,- es sdieint audi dort dem aus der Verstimmung 
stammenden Wunsch nach Erlösung von der unerträglichen 
Wirklichkeit des Daseins zu entspringen. 

So heißt es audi bei Paulsen: »wie überall, so ist audi bei 
Schopenhauer der theoretisdie Idealismus bedingt durdi einen 
Idealismus praktisdier Art,- das Ungenügen der Wirklidikeit, wie sie 



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Schopenhauer 151 



ist, führt zur Bildung der Idee einer vollkommenen Welt. Und 
diese drüd^t dann das empfindlidie Dasein herab zuerst zur Unwertheit, 
sodann zur Unwirklidikeit: eine Welt, die nidit zu sein verdient, 
ist nidit die wirklidie Welt.« 

Als weitere Wurzel seines Pessimismus müssen wir die S c h o p e n* 
hauers ganzes Leben verbitternde Angst hervorheben, die ihn dazu 
führt, immer und überall Unheil zu erwarten und zu wittern: Die 
Furdit vor allen Übeln und besonders vor dem Erzübel, dem Tod, 
besdiatte das ganze Leben, zu dessen sorglos heiterem Genuß der 
Mensdi daher kaum komme. Zum Trost für diesen unerträglidien 
Gedanken des persönlidien Todes dient dem Philosophen, wie der 
todesfürditigen Mensdiheit überhaupt, die Phantasie eines ewigen 
Lebens, bei ihm in der Form eines ewigen unzerstörbaren Willens, 
der sidi zeitweilig im Einzelnen durdi das principium individuationis 
objektiviert. 

»Wir würden vielleicht, beim Anblick dieses Ablaufens unserer kurzen 
Zeitpause rasend werden, wenn nidit im tiefsten Grunde unseres Wesens ein 
heimliches Bewußtsein läge, daß uns der nie zu ersdiöpfende Born der Ewigkeit 
gehört« <P. P. 11). 

Fragen wir uns aber weiter nach dem Ursprung solcher ver^ 
stimmender Angstgefühle, die Schopenhauer schon seit der Kind«^ 
heit begleiteten, so kommen wir, wie erwähnt, auf den Trieb, bei 
Schopenhauer auf einen überstarken und vermutlidi sadistisch ge^ 
färbten Sexualtrieb und dessen Unterdrückung: Die Angst entspräche 
einer mißglüd^ten Verdrängung von Lust uncl Wut. Die Zusammen^ 
hänge zwischen Sadomasochismus und Pessimismus sind aber noch viel 
weitere. Die Lust am fremden und die Lust am eigenen Leide ver- 
schlingen sich noch in ihren Erstreckungen in die Abstraktion hinein, 
gerade in der Erscheinung des Pessimismus selbst, wie Simmel meint: 

»Eine sublime Grausamkeitslust liegt in der Zerstörung, mit 
der er sonst anerkannte Werte trifft, in der Leidenschaft, mit 
der er sonst unbewußt oder unberechnet gebliebene Leiden ins 
Bewußtsein hebt, in der Abschätzung unseres Seins, das nichts 
Besseres als dieses Leben und diese Welt verdiente. Aber die alU 
gemeine pessimistische Anschauung ist keineswegs nur mit subjek^ 
tivem Leide, sondern oft mit einem gewissen Genuß gerade an 
diesem verknüpft.« 

Diese Zusammenhänge, die auch Nietzsche in meisterhafter 
Form in )?^Jenseits von Gut und Böse« aufgeded^t hat, rühren mir 
ihrer ZurüAführung auf die Triebwurzeln an unsere psychoana^ 
lytische Auffassung. 

Was bisher über den Pessimismus ausgeführt wurde, gibt nicht 
die letzten, eigentlich im Infantilen wurzelnden Ursprünge der Ver^ 
Stimmung und damit des Pessimismus. Auf die Bedeutung konsti-^ 
tutioneller, ererbter Momente wie Triebanlage und Stimmungs^ 
neigung, sowie auf die Möglichkeit irgendeines realen Defektes in 
Schopenhauers Sexualität, vielleicht einer allzuleichten Anspreche 



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152 Dr. Eduard Hitsdimann 



barkeit, haben wir sdhon hingewiesen. Die vielleidit entsAeidendste 
Ursadie einer bleibenden Charakter* oder Wesensform sind wir aber 
nadi Freud gewohnt, in psydiosexuellen Momenten der frühesten 
Kindheit aufzudeAen, und audi hierin stoßen wir bei Schopen* 
hauer auf reidies Material zur Begründung einer pessimistisdien 
Weltansdiauung. 

Das Familienbild, weldies der erste verständnisvolle Blick des 
Knaben traf, zeigte ihm eine jugendlidie, heitere, zärtlidie Mutter. 
Dafür spredien die Bemerkungen Gwinners, daß die Mutter »am 
Tage wie in der Nadit kaum einen anderen Gedanken« als ihren 
Arthur hatte, von dem sie »wie alle jungen Mütter, fest überzeugt 
war, daß kein sdiöneres, frömmeres und klügeres Kind auf Gottes 
Erdboden lebe«. Die Zärtlidikeit der Mutter pflegt sidi gerade dann 
in übertriebener Weise dem erstgeborenen Knaben zuzuwenden, 
wenn die Ehe, wie es ja hier der Fall war, Enttäusdiungen gebradit 
hatte. Dann aber mögen dem kleinen Knaben des Vaters Strenge, 
sein strafender Ernst und seine hohen Anforderungen in unlieb- 
samer Erinnerung geblieben sein. Wenn man den heftigen Charakter 
des Vaters, der übrigens sdion seine Vorfahren auszeidinete, seine 
gelegentlidi exzedierende Rauheit in Betradit zieht, so wird man es 
verstehen können, daß Schopenhauer, trotzdem er später so sehr 
vom Vater dankbar sdiwärmt, unter dessen Jähzorn, Pedanterie und 
Strenge ursprüngllA sdiwer gelitten hat. Er selbst sagt darüber mit 
diarakteristisdiem Hinweis auf seinen Pessimismus: 

vidi war als Jüngling immer sehr melancholisch und einmal — ich mochte 
18 Jahre alt sein — dachte ich, noch so jung, bei mir: Diese Welt soll ein 
Gott gemacht haben? Nein! Eher ein Teufel ! Ich hatte freilidi schon viel in der 
Erziehung, durch die Härte meines Vaters, zu leiden gehabt.« <Frauenstädt, 

MemorabiÜa.) 

Diese Stelle ist eines der widitigsten Dokumente dafür, daß der 
früheste Pessimismus, sdion des Knaben, audi aus dem düsteren, 
heftigen und niederdrückenden Wesen des Vaters abzuleiten ist. 
Entstammt so die vielleidit bedeutendste und früheste Wurzel seines 
Pessimismus aus dem Verhältnis zum Vater, der ihm im Sinne seiner 
eigenen feindseligen Einstellung <ödipuskomplex) um so böser und 
ungerediter ersdieinen mußte, so geht die zweite entsdieidende 
Wurzel seiner so düster gebliebenen Welt^ und Mensdienbeur^ 
teilung, wie man der Bedeutung des ganzen Ödipuskomplexes ent* 
sprechend erwarten darf, aus seiner eigenartigen Beziehung zur 
Mutter hervor. Das Maßgebende in diesem Verhältnis ist das selt^ 
same Umsdhiagcn der gegenseitigen Zärtlichkeit zwischen Mutter und 
Sohn in eine Abneigung und Feindseligkeit, die sich im Laufe der 
Jahre zu einem erbitterten Hasse steigerte. 

In einer Stelle der Parerga <II, p. 659) verrät Schopenhauer 
sein Wissen von dem Schwinden einer instinktiven Mutterliebe in 
einer Ehe, in der die Gattin ihren Mann nicht lieben kann: 



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Schopenhauer 153 



»Die ursprunglidie Mutterliebe ist wie bei den Tieren, so auch im 
McnsAen, rein instinktiv, hört daher mit der physisAen Hilflosigkeit der 
Kinder auf. Von da an soll an ihre Stelle eine auf Gewohnheit und Vernunft 
begründete treten, die aber oft ausbleibt, zumal wenn die Mutter den Vater 
nid)t geliebt hat.« 

Bedenken wir, daß der neunjährige Knabe anläßlidi der An* 
kunft eines Sdiwesterdiens (geboren 1797) für zwei Jahre in die 
Fremde gegeben wurde, so liegt es nahe anzunehmen, daß in ihm 
eine Eifersudit auf diese ihn der Mutterliebe beraubende kleine 
Konkurrentin erstand, wie wir ja bei Kinderbeobaditungen soldien 
Regungen bei der Ankunft jüngerer Gesdiwister so häufig begegnen \ 
Es ist wahrsdieinlidi, daß hier eine bedeutsame Wurzel der Ab-' 
Wendung des Knaben von der Mutter und deren Entwertung ent* 
springt. Dieser Umsdiwung ist ein auffälliges Gegenstück zu dem 
Llmsdiwung im Verhältnis zum Vater, der dem Sohne bei Lebzeiten 
anfangs als böser, den kindlidien Neigungen und Wünsdien ent* 
gegenstehender Tyrann ersdiienen war, und dem er nadi dem 
Tode, mit einer übertriebenen, wir sagen »reaktiven«, Liebe und 
Verehrung huldigte ^ die wir als Kompensation infantiler böser 
Wünsdie gegen den Vater erkannt haben. Soldie heimlidie kindlidie 
TodeswünsAe, wie sie siA im ersten Verdrängungsstadium be^ 
reits in der Angst des sedisjährigen Knaben verrieten, (»seine 
Eltern könnten von einem Spaziergange nidit mehr zurüd^^ 
kehren«), lassen sidi ihrer Tendenz und Intensität nadi nidit 
bloß aus der sdiwer empfundenen Strenge des Vaters erklären, 
die sie gewiß unterstützt und bewußterweise reditfertigt, sondern 
sdieinen audi aus unbewußten erotisdien Quellen gespeist, weldie 

* So sehr die Schwester, über die hier einiges eingefügt sei, dem Bruder 
mit Interesse, ja Liebe entgegenkam, dauernde Intimität, bis auf wiederholt 
gewediselte und vertrautere Briefe, kam niAt zustande. AuA hier isolierte sidi 
Schopenhauer durdi seine Ablehnung und EmpfindliAkeit,- ursprünglidi muß 
er ihr doA sehr zugetan gewesen sein, denn er sdireibt ihr einmal, außer ihr 
habe er nie eine Frau ohne Sinnlidikeit geliebt. Adele Schopenhauer war ein un- 
sdiönes, ihrem Vater ähnlidies Mädchen, von versAiedensten Begabungen, ge- 
bildet und geistreiA, von Goethe gesAätzt, Unter der egoistisAen Mutter litt 
sie gleiAfalls sehr, maAte die unsAönsten Familienszenen mit, bei denen sie 
manAmal »die Lust empfand, siA aus dem Fenster zu stürzen, um dem Elend 
zu entgehen«. AuA ihr Leben verlief glüddos, oft war sie melanAolisA und resig- 
niert/ sie blieb trotz versAiedener Ansätze zur Liebe unverheiratet. Für den 
Bruder zeij^ sie viel Verständnis und eine tiefe Zuneigung, und in ihren inter* 
essanten TagebüAern heißt es einmal: »Eine Ahnung dessen, was ihm (ihrem 
Bruder) Liebe geben könnte, was aus ihm zu maAen gewesen wäre — ein Blick 
ins Vergangene, ins Künftige zerstörte meine Heiterkeit, glühend tobten die Sehn- 
suAt und der SAmerz in meiner Seele«, 

2 Vgl. dazu die warm empfundene »Dedikation« der zweiten Ausgabe seines 
Hauptwerkes an die »Manen meines Vaters«, wo ansAeinend den früheren eigenen 
BeriAten über die Härte des Vaters widersproAen wird: 

»Edler, vortreffliAer Geist! dem iA alles danke, was iA bin und was iA 
leiste. Deine waltende Fürsorge hat miA besAirmt und getragen, niAt bloß durA 
die hilflose Kindheit und unbedaAtsame Jugend, sondern auA ins Mannesaltcr 
und bis auf den heutigen Tag« etc. 



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154 Dr. Eduard HitsAmann 



vornehmlich einer eifersüchtigen Konkurrenz um die Liebe der Mutter 
entspringen (Ödipuskomplex). Die Annahme, daß der kleine Schopen^ 
hauer scfion frühzeitig vom Sexualverkehr zwischen den Eltern Erfah- 
rung gewonnen haben mag\ ist nidit von der Hand zu weisen. Aus 
Psychoanalysen von Kindern und Erwachsenen ist uns geläufig, daß der 
Knabe — wie hier — , wenn er diese für ihn unerhörte und das reine 
Bild seines Mutterideals befled^ende Ernüchterung erlebt, als typische 
Reaktion eine aus gemischten Gefühlen gegen beide Elternteile zu^ 
sammengesetztes Verhalten an den Tag legt. Gegenüber der Mutter 
tauchen ihm aus Neid und Radiegefühlen verstärkte Phantasien von 
deren Unreinheit, eventuell Verderbtheit auf <Dirnenphantasie>, was 
zunächst ein enttäuschtes Abwenden von diesem ursprünglichen Ideal 
zur Folge hat. Entspricht im späteren Pubertätsleben, wo diese 
Phantasien unter dem Drang der mächtig erwachenden Objektliebe 
ineu belebt werden, das Bild der Mutter dieser Knabenphantasie 
von ihrer moralischen Verderbtheit auch nur vermutungsweise oder 
in ganz geringem Grade,* so erhält diese für ein gewisses Ent- 
wicklungsstadium typische, aber sonst bald von normaler Gefühls^ 
einstellung der Mutter und dem Weib gegenüber abgelöste pessi^ 
mistisch^verächtlidie Auffassung von ihrer Schlechtigkeit - eine 
gewisse Fixierung. Dies trifft für Schopenhauers Mutter, weldie 
ja nach des Vaters vermutlichem Selbstmord <an dem der Sohn ihr 
schuld gab) enge Beziehungen zu anderen Männern pflegte, doch 
so weit zu, daß auch dem erwachsenen und lebenserfahrenen Sohn 
Anhaltspunkte genug geboten waren, um seinen aus der Kindheit 
rege gebliebenen Phantasien eine reale Begründung und anscheinende 
Berechtigung zu verleihen. Diese durch seine puerilen Erfahrungen 
verstärkte Enttäuschung an dem unvergeßlichen infantilen Liebes^ 
ideal der Mutter mußte bei Schopenhauer so tief und so nach^ 
haltig wirken, weil dieses als Untreue gegen ihn selbst aufgefaßte Ver- 
halten der Mutter, sowie überhaupt ihre ganze spätere lieblose und 
feindselige Einstellung gegen den Jüngling, in so krassem Widerspruch 
zu den allerersten intensiven Zärtlichkeiten stand. Während diese 
Phantasien normalerweise bald verdrängt und irgendwie nach dem 
Leben orientiert werden, wurde für Schopenhauer die an seiner 
heimlich immer geliebten Mutter erlittene schwere Enttäuschung zur 
zweiten mächtigen Quelle seiner pessimistischen Lebensauffassung, 
insbesondere des Weiberhasses und der Weiberverachtung. So leitet 
er manche dem Weibe überhaupt geltende Herabsetzung direkt won 
gewissen an seiner Mutter gemachten Erfahrungen ab, wenn er z. B. 
gegen die Verschwendung der Weiber in allen Fällen eine männliche 
Kuratel verlangt, weil er glaubte, seiner Mutter Vergeudung des 
väterlidien Vermögens vorwerfen zu dürfen: 

^ Dafür scheint auch die kleine Erzählung zu sprechen, die Schopenhauer 
dem K. Bahr anvertraute: Daß ihn eines nadits sein Vater beim verbotenen 
Romanlesen überrasdite, als er unversehens eintrat, um ins Zimmer der Mutter 
zu gelangen. Es war »ein gegenseitiges Ertappen«, sagte Schopenhauer wörtlidi. 



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Schopenhauer 155 



»In den allermeisten Fällen wird ein soldies Weib, das vom Vater 
der Kinder und mit stärkendem Hinbiidt auf sie, durdi die Arbeit seines ganzen 
Lebens Erworbene mit ihrem Buhlen verprassen,- gleidiviel ob sie heiratet 
oder nidit . . . Die wirklidie Mutter wird nadi dem Tode des Mannes, oft zur 
Stiefmutter . . . Überhaupt aber wird eine Frau, die ihren Mann nidit geliebt 
hat, audi ihre Kinder von ihm nidit lieben, nämlidi nadidem die Zeit der 
bloß instinktiven, daher niAt moralisdi ihr anzuredinenden Mutterliebe vorüber 
ist.^ <P. P. II, p. 268.) 

Wir glauben so wahrsdieinlidh gemacht zu haben, daß die 
frühesten und zutiefst reidienden Wurzeln des Pessimismus bei 
Schopenhauer aus der eigenartigen Elternkonstellation entspringen, 
die ihm zu Zeiten den Erzeuger als grausam und teuflisdi, die 
Gebärerin als verworfen ersdieinen ließ. Hierin ist wahrsdieinlidi 
audi die Begründung für die so oft von Schopenhauer betonte 
Verwerflichkeit des Geschlechtsaktes zu finden, den er als 
die erste Sdiuld des Mensdien und — in Anlehnung an das 
Christentum — der Mensdiheit überhaupt auffaßt. 

»Das mensdilidie Dasein, weit entfernt den Charakter eines Geschenks 
zu tragen, hat ganz und gar den einer kontrahierten Schuld. Die Einforderung 
derselben ersdieint in Gestalt der, durdi jenes Dasein gesetzten, dringenden Be^ 
dürfnisse, quälenden Wünsdie und endlosen Not. Auf Abzahlung dieser Sdiuld 
wird, in der Regel, die ganze Lebenszeit verwendet: doA sind damit erst die 
Zinsen getilgt. Die Kapitalabzahlung gesdiieht durA den Tod. — Und wann 
wurde diese Sdiuld kontrahiert? — Bei der Zeugung.« (W. W. II, p. 683.) 

»Das Leben stellt sidi dar als eine Aufgabe, ein Pensum zum Abarbeiten 
und daher, in der Regel, als ein steter Kampf gegen die Not. Demnadi sudit 
jeder durdi und davon zu kommen, so gut es gehen will: er tut das Leben ab 
wie einen Frondienst, weldien er schuldig war. Wer aber hat diese Sdiuld 
kontrahiert? — Sein Erzeuger, im Genuß der Wollust.« <W. W. II, p. 669.) 

>Auf die Zeugung folgt Leben und auf das Leben unwiderruflidi der 
Tod. Nun ist es der Betraditung wert, wie die Wollust der Zeugung, 
die das eine Individuum <der Vater) genießt, nidit von ihm selbst, sondern von 
einem anderen <dem Sohne) durdi Leben und mithin durdi Tod gebüßt wird.< 
<N. P. § 350.) 

Viele Züge Schopenhauers, wie besonders die Verstimmung, 
Lebens^ und Liebesverbitterung und pessimistisdie Weltansdiauung 
erinnern in auffälliger Weise — wie sdion Paulsen ausgeführt 
hat — an Shakespeares Hamletgestalt. Die letzte Wurzel dieser 
Übereinstimmung, die eine nodi viel weitergehende und tiefer reidiende 
ist, wird auf Grund der Freudsdien Deutung des Hamletproblems 
aus dem gleidiartigen Ödipuskomplex klar: Hier wie dort handelt 
es sidi in gleidier Weise um eine relativ überbetonte, zärtlidie Liebe 
des Jünglings zu seinem, durdi angeblidie Sdiuld der Mutter vor^ 
zeitig aus dem Leben gesdiiedenen Vater, sowie um eine Veraditung 
der ehebredierisdien Mutter. Daraus resultiert hier wie dort die 
Ansdiauung von der Sdileditigkeit der Welt und Mensdien, philo^ 
sophisdies Grübeln, namendidi über das Thema des Todes, und die 
Sexualablehnung des ursprünglidi verliebten, von der Mutter aber 



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156 Dr. Eduard Hitscfimann 



sdiwcr enttäuschten Sohnes gegen das Weib überhaupt. Es kann 
kein Zufall sein, daß Schopenhauer selbst an einer Stelle, wo 
er von inneren Widerständen gegen rüAsiditsloses Aufdecken der 
wissenschaftlichen Wahrheit spridht, als Gleichnis gerade den Ödipus^ 
mythus anführt: 

»Der Muth, keine Frage auf dem Herzen zu behalten, ist es, der den 
Philosophen madit. Dieser muß dem Odipus des Sophokles gleidien, der Auf* 
klärung über sein eignes, sdirecklidies Sdiicksal suchend, rastlos weiter forsdit, 
selbst wenn er sdion ahndet, daß sidi aus den Antworten das Entsetzlidistc 
für ihn ergeben wird. Aber da tragen die meisten die Jokaste in sidi, weldic 
den Odipus um aller Götter willen bittet, niAt weiter zu forschen: und sie 
gaben ihr nadi und darum steht es auch mit der Philosophie nodi immer, wie 
es steht.« (Brief an Goethe vom 11. November 1815.)* 

Diese Stelle scheint die Auffassung zu gestatten, daß das 
Ödipusthema für Schopenhauer in der Jugend ein bedeutsames, 
seelisches Erlebnis war. Freud hebt einmal hervor, daß erfahrungs^ 
gemäß jene Männer, welche sich von der Mutter bevorzugt und aus^ 
gezeichnet wissen, im Leben dann eine besondere Zuversicht zu sich 
selbst sowie unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht 
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen 
(Traumdeutung, 3. Aufl., p. 207, Anmerkung).* Einen Cjegenbeweis 
für diese Beobachtung bietet Schopenhauer, den das auffällige Zu= 
rückgestoßenwerden und die scharfe, lieblose Beurteilung von Seiten 
seiner Mutter in den entscheidenden Knaben* und Jünglingsjahren 
zum Pessimisten machen mußten. 

Auf Grund dieses eigenartigen Ödipuskomplexes zeigt Seh open^ 
hauer auch andere Charakterzüge und Eigenheiten der Lebensführung. 
Das Hapestolzbleiben hat neben den früher angeführten, äußeren und 
inneren Ursachen, vielleicht als wichtigste Motivierung, eine starke 
Verkettung des inneren Schicksales mit der Mutter. Dieser Typus 
Mann zeigt, wenn er sich von der Mutter enttäuscht fühlt, neben 
der sonst entstehenden Verehrung eines auf die geliebte Mutter 
zurückgehenden Liebesideales, Weiberhaß und Weiberverachtung, ^ 
und im Liebesleben die Trennung von Sexualität und höherer 
seelischer Empfindung <Erotik>, mit dem Herabsteigen zur Prostitu* 
tion. Schopenhauer, der ja die höhere geistige Liebe <Erotik> 

^ Vgl. zum psychologischen Gehalt dieser Briefstelle die Arbeit von 
Ferenczi: »Symbolische Darstellung des Lust* und Realitätsprinzips im Odipus- 
mythos (gedeutet durdi Schopenhauer).« <»Imago«, 1, p. 276 ff.) 

^ Es sei auf Goethe hingewiesen, dessen Eltern, worauf Möbius auf* 
merksam macht, von ähnlicher Gemütsart waren wie die Schopenhauers, und 
der trotzdem von der Mutter dauernd zärtlich geliebt — lebensfreudig, optimistisdi 
und menschenfreundlich sich entwickelte. 

' Als Beweis für die mütterliche Wurzel von Schopenhauers Weiber- 
haß sei z. B. angeführt seine schroffe Abweisung auf Annäherungsversuche weib- 
licher Schriftsteller, die ihm alle aus tiefster Seele zuwider waren, sowie seine 
scharfe Verurteilung der modernen ^Dame« und ihrer bevorzugten Stellung in der 
Gesellschaft/ er redet immer nur von »Weibern«. 



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Schopenhauer 1 57 



kaum erlebt hat, sondern mit Mephistopheles meist das grob Sinn^ 
lidie allein unter Liebe versteht <»aus einem Punkte zu Kurieren«), 
hat audi von hier Verstimmung und Pessimismus bezogen. Diese 
Auffassung von der Gesdileditsliebe als jedes positiven, fordernden, 
erhebenden, geistigen Anteils bar, finden wir audi beim Pessimisten 
E. V. Hartmann, und sehr riditig betont Rosa Mayreder in ihrer 
»Kritik der Weiblidikeit« den generellen Zusammenhang zwisdien 
der asketisdi^pessimistisdien weltansdiauung und der mit einer 
gesteigerten Geistigkeit verbundenen anerotisdben Sexualität. Unter* 
stützt wird diese auf die zwiespältige Empfindung gegen die Mutter 
zurüdtgehende Trennung von Sexus und Eros, mit besonderer 
Herabsetzung der Sexualität und des Weibes, durdi eine frühzeitig 
erfolgende Veräditlidimadiung des Sexuellen überhaupt. — Audi aus 
der psydiisdien Einstellung zum Vater ergeben sidi für das spätere 
Leben bedeutsame Charakterzüge: Wenn Schopenhauer audi die 
Umwertung seines Vaterhasses in Verehrung für den Verstorbenen 
gelang, so zeigt er dodi gegen alle Welt, insbesondere aber gegen^ 
über wissensdiaftlidien Lenrem und seinen Vorgängern einen revo^ 
lutionären Widersprudisgeist, der sidi gegen alles Bestehende und 
fast jede Autorität wendet, sowie ein ebenfalls aus dem Vaterkomplex 
stammendes ewiges Besserwissenwollen, das sdion die Mutter sdiarf an 
ihm gerügt hatte. So sagt Paulsen: »Opposition und Widersprudi ist 
das Element, worin ihm wohl wird/ mögen andere ihrer Sadie 
gewiß werden durdi Anlehnung an das Geltende, er wird es durdi 
Widersprudi. Er würde sidi veräditlidi vorkommen, wenn er sidi 
darauf ertappte, irgendwo zu denken, zu urteilen, zu empfinden, 
wie alle Welt urteilt und empfindet.« 

Für den inneren Karnpr des Sohnes zwisdien Liebe und Ab^ 
neigung, Verehrung und opott spridit das eigenartige Verhalten 
Schopenhauers gegen Lehrer und autoritative Personen, denen er 
viel zu danken hatte. So verdarb er sidi es sdion in seiner Kind* 
heit mit einem Lehrer durdi ein Spottgedidit, sdirieb an den Rand 
seiner Kollegienhefte boshafte una anmaßende kritisdie Spottworte 
über die Professoren nieder <«Gewäsdi«, »Sophist«, »Rindvieh«). Er 
verfolgte dann die Philosophieprofessoren überhaupt <insbesondere 
Hegel) mit einem in der Form maßlosen Hohn und Spott, und 
selbst die Verehrung, die er für Kant empfindet, sdiützt diesen 
nidit vor Verunglimpfung. Kants Veränderungen in der zweiten 
Auflage der »Kritik der reinen Vernunft« führt Schopenhauer 
»auf Heudielei und Mensdienfurdit zurüdt«. Nidit anders ging es 
Goethe, der dem jungen Philosophen anerkennend und fördernd 
entgegengekommen war. Wurde er von dem jungen Doktor wie ein 
Gott verehrt <v^l. im Brief an F. A. Wolf: »gepriesen sey sein 
Name in alle Ewigkeit«), so wurde er in späteren Jahren von 
Schopenhauer als Egoist und Grobian bezeidinet. Daß der 
Knabe sdion früh irreligiös wurde und im Gegensatz zu dem frommen 
Kant nie gottesgläubig war, deutet audi auf ein frühes Untergehen 



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158 Dr. Eduard HitsAmann 



der väterlichen Autorität hin. Den gleidien Ursprung mögen zum 
Teil wenigstens die Abneigung gegen Vaterland und Vaterstadt, 
sowie gelegentlidie Äußerungen über seine Nation nehmen, die er 
einmal die dümmste nennt. 

Haben wir in den vorstehenden Ausführungen über Schopen^ 
hauers Pessimismus die individuelUpsydiologischen Wurzeln dieser 
Einstellung hervorgehoben, die zum Teil in der Nähe des Patho^ 
logisdien ihre Nahrung ziehen, so haben wir damit indirekt eine 
Kritik dieses Pessimismus angedeutet, wie sie dem objektiven 
Beurteiler sdion durdi die krassen Übertreibungen Schopenhauers 
nahegelegt wird. Es ist bekannt, daß auA der Durdisdinittsmensdi 
vorübergehend und zwar gerade in den Stunden der Einkehr, zu 
skeptisdi-pessimistisdier Sprudi Weisheit geneigt ist, und daß der Heran^ 
wadisende, namentlidi zur Zeit der Pubertät, pessimistisdi verstimmt 
sein kann. In soldien Zeiten wird man am leiditesten Anhänger 
eines pessimistisdien Philosophen und audi dann, wenn einem im 
Leben und Lieben etwas mißglüd^t ist. Die Mensdien werden aber 
nie dauernd zugeben, daß nur der Sdimerz positiv, die Lust nur 
in der Befreiung vom Sdimerz liege. Hier kann das natürlidie 
Empfinden dem Philosophen nidit folgen, den offenbar persönlidie 
Erfahrung anders spredien ließ. Aber diesem, durdi sein inneres 
Sdiid^sal so isolierten Mensdien, war die altruistisdi bedingte Freude, 
die Mitfreude, völlig fremd,- auf Hausgenossensdiaft, Freundsdiaft, 
Familie, wo der Egoismus mehr zurüdttritt, hat er fast sein ganzes 
Leben lang verziditen müssen. Bei Schopenhauer findet »alles, 
was stilles Behagen, traulidie Enge, munteren Sdierz, frohes Spiel 
bedeutet, keine Würdigung« <Volkelt>, oder wie Paulsen 
meint: »Schopenhauer ist für diese Dinge, man mödite sagen 
farbenblind.« 

In Äußerungen späterer Jahre, besonders in seinen berühmten 
>>Aphorismen zur Lebensweisheit« zeigt sidi Schopenhauer zu 
einer optimistisdieren Lebensauffassung gestimmt. Er verfaßte diese 
Aussprudle als »Anweisungen zu einem glüAlidien Dasein«. »Ja, 
diese Aphorismen sagen uns auf jeder Zeile, daß der wahre Weise, 
der Mensdi, dem das größtmöglidiste ErdenglüA besdiieden war, 
den man sidi bei allen seinen Entsdiließungen und Neigungen zum 
Vorbild nehmen solle, der Dr. Arthur Schopenhauer ist« 
<Seilliere>. ^ Hier zeigt sidi klar, wieviel selbstgefällige Selbstbe^ 
traditung (Narzißmus) an philosophisdien Ansdiauungen mitwirkt. 

Schopenhauer hat also die Wahrhaftigkeit und Aufriditigkeit, 
die ihn überhaupt auszeidinet, im späteren Lebensalter darin be^ 
wiesen, daß er seine optimistisdier gewordene Lebensansidit nidit 
versdiwieg. Seinem Pessimismus darf man darum nidit Unaufriditig- 
keit nadisagen, wie Kuno Fischer. Denn daß seine unbewußte 



* Übrigens ist erst kürzlidi dem Optimismus Schopenhauers von 
S. Rzewusky eine Studie gewidmet worden <Paris 1911). 



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Schopenhauer 159 



Freude am Leiden nidit weiter ging, als daß seine Ansdiauung der 
Welt und die Darstellung derselben pessimistisA war, — daß er aber 
nidit in Sad^ und Asdie herumging, sidi nidit selbstmordete: ist für 
uns kein Widersprudi, sondern zeigt nur die Grenze, bis zu weldier 
er unterlag. Audi der Märtyrer, der Büßer und der, der sidi ent^ 
leibt, tut ja letzten Grundes das, was er gerne tut. So war audi für 
Schopenhauer der Pessimismus sdimerzlidie Lust, sein Sdiimpfen, 
Tadeln, Moralisieren Triebbefriedigung <man vergleidie den Satz »cela 
m'amuse, d'etre triste). Glüdc heißt, seine geistige Persönlidikeit aus- 
leben, seines inneren Wertes sidi bewußt sein. In diesem Sinne durfte 
vielleidit Kuno Fischer sagen, daß Schopenhauer einer der glüA- 
lidisten Mensdien war,- aber zu dem Glüd^ gehörte audi — seinen Pes^ 
simismus äußern zu können. »Die sdiönsten Güter des Lebens waren 
ihm besdiieden: Eine hohe Geistesbegabung, eine völlige Unabhängige 
keit des Daseins . . ., alle Muße, um seinem Genius nadizuleben und 
sidi seinen Anlagen gemäß auszubilden . . ., die Erfüllung eines 
erhabenen Berufes in einer Reihe von Werken, deren Unsterblidikeit 
er mit untrüglidier Gewißheit empfand und voraussah, eine in den 
letzten Jahrzehnten unverwüstlidie Gesundheit . . ., ein hohes, von 
der Sonne des Ruhmes glänzend erleuditetes und erwärmtes Alter . . ., 
endlidi ein sdineller und sanfter Tod.« 

Wir konstatieren freilidi viele Passiven in diesem Leben: Die 
Heiterkeit der Stimmung, das Geben und Empfangen von Liebe, 
das Arbeiten für andere,- — aber wo wäre audi sonst der Pessimismus 
geblieben!? 

Pessimismus und Askese sind für Nietzsche ein Zeidien 
»niedergehenden Lebens«! Und Sdiopenhauer war einer jener 
Minorität von Tisdigängern an des Herrgotts Tafel, denen es nidit 
sdimed^t/ ihr Kostveraditen beweist nidit, daß das Gebotene sdiledit 
ist, sondern — ihre psydio^physisdie Konstitution. 

III. 

Schlußbetrachtungen. 

Nadidem wir in psydioanalytisdier Eigenart die Persönlidikeit 
sowie die Grundzüge der Philosophie Schopenhauers gewürdigt 
haben, sind wir dem Ziele näher gekommen, das wir uns stedcten. 
Wir wollten am Beispiel Schopenhauers zeigen, daß jeder Zug 
der lebendigen Persönlidikeit eines Mensdien, das Charakteristisdie 
seiner Individualität, seine Betätigung, seine Arbeitsweise, seine Ver^ 
sdirobenheiten usw., daß all dies, von Vererbung und Einfluß des Er-^ 
lebens abgesehen, sidi aus seinen sdion in der Kindheit zutage treten- 
den Triebanlagen und seinen SdiiAsalen, namentlidi der Familien- 
konstellation, erklären läßt. Wir haben audi den Versudi intendiert, 
die Grundzüge einer Philosophie aus dem Unbewußten ihres Sdiöpfers 
abzuleiten und die Medianismen aufzuded^en, auf Grund weldier 
aus all den genannten Komponenten diese einzigartige Weltansdiauung 



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160 Dr. Eduard HitsAmann 



entstehen mußte. Schopenhauer ersdiien uns für das hier zu 
Beweisende ein klassisdies Objekt. Es sdieint an einer Art Simplizität 
des Schopenhauersdien Philosophierens, einem Näherstehen des 
Philosophen zur seelisdien Primitivität zu liegen, daß seine Philosophie 
und ihre Triebwurzeln durdisiditiger sind als bei anderen Metaphysikern. 
Den Sdiopenhauerforsdiern ist dies häufig zu Bewußtsein gekommen. 
Paulsen glaubt, »es gibt vielleidit nidit einen zweiten Denker, bei 
dem der Zusammenhang zwisdien der Philosophie und Persönlidikeit 
zugleidi von so durdigreifender Bedeutung ist und so klar zutage 
liegt«. Dem Philosophen Schopenhauer war es, wie Keys er* 
ling kritisdi hervorhebt, nidit ganz gelungen, »das Empirisdie durdi 
die Idee zu überwinden«, wie etwa Hegel und anderen. »Sdiopen^ 
hauers Philosophie ist wirklidi ein Selbstbekenntnis, aber sie ist audi 
keine große Philosophie«, formuliert der so temperamentvoll ab^ 
urteilende Graf Keyserling. 

Da unsere psydiologisdie Betraditungsweise zum großen Teil 
aus der Erfahrung ärzdidier Psydioanalyse gewonnen und später 
erst einzelnes davon auf die Psydiologie des Sdiaffenden angewendet 
wurde, empfiehlt es sidi für uns, vor den pathologisdien Kompo* 
nenten, die an der Persönlidikeit Schopenhauers Teil haben, 
nidit die Augen zu versdiließen, wenn sie unsere Analyse fördern. 
Wir sehen zwar nidit mit Schopenhauer im Genie <und im 
Heiligen) metaphysisdie Wunder, sondern mit Nietzsche etwas 
Mensdilidies/ wir verwahren uns aber hier gegen den Vor^ 
wurf, daß wir die Großen herabsetzen, das Geniale banalisieren 
wollen, sondern sind uns deudidi bewußt, daß wir gerade vor 
dem Wesen der genialen Produktionsfähigkeit respektvoll Halt 
madien müssen. 

Wir wollen nun die pathologischen Züge Sdiopenhauers 
zusammenfassend darstellen, So sehr er sdion als Jüngling aus dem 
Munde größter Männer Anerkennung und Voraussage seiner Größe 
erhielt, und so erfolgreidi er audi seinen geistigen Willen zur Madit 
voll durdigesetzt hat, muß dodi sein Eigenlob und sein Selbst^ 
gefühl als maßlos bezeidinet werden. 

»Bei mir Widersprüdie zu sudien, ist ganz eitel: alles ist aus 
einem Guß«, sdireibt er an J. A. Becker <1854) über seine Philo* 
Sophie, weldie dodi nadi dem Urteil der meisten berufenen Kritiker 
voll von inneren Widersprüdien ist. So sdireibt R. Haym 
am Sdilusse seiner diesbezüglidien Ausführungen, daß Schopen* 
hau er sidi durdi seine eigenen Voraussetzungen aus den Fugen 
gehoben habe »und es ist nidit zu viel gesagt, wenn wir behaupten, 
daß dabei kein Stein auf dem anderen geblieben ist«. Das Vor^ 
handensein zahlreidier Widersprüdie im oystem Schopenhauers 
beruht teils auf der inneren Spaltung seines Wesens und der eigen* 
sinnigen Hartnäd^igkeit, mit der er an einmal Gesagtem festhielt, 
aber audi auf seiner Untersdiätzung der bewußten begrifflidien 
Durdibildung gegenüber der intuitiven Ansdiauung. 



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SAopcnhaucr 161 



Es seien hier zu früher angeführten Beweisstellen nodi einige 
Belege für dieses übertriebene, an Größenwahn grenzende Selbst* 
gefühl angeführt: 

An Frauenstädt sdirieb er: 

»Meine Philosophie wird in der Welt eine Rolle spielen wie nodi nie irgend-* 
eine andere in alter oder neuer Zeit.« — 

»Meine Philosophie ist, innerhalb der Sdiranken der mensdilidien Er- 
kenntnis überhaupt, die wirklidie Lösung des Rätsels der Welt. In diesem Sinne 
kann sie eine Offenbarung heißen. Inspiriert ist soldie vom Geiste der Wahrheit: 
sogar sind im vierten Budie einige Paragraphen, die man als vom heiligen 
Geiste eingegeben ansehen könnte.« <N. P. § 701 >. 

»Mir ist unter den Mensdien fast immer, wie dem Jesus von Nazareth 
war, als er die Junger aufrief, die immer alle sdiliefen« (Dresden 1816.) 

Schopenhauer hat sidi ja selbst für den Stifter einer neuen 
Heils^ und Erlösungslehre angesehen, sidi selbst gleidisam als den 
abendländisdien Buddha betraditet, als den künftigen Gegenstand 
eines Bilder** und Reliquienkultus und hat seine Sdiüler und An-^ 
hänger allen Ernstes »als Apostel und Evangelisten!« bezeidinet 
<Kuno Fischer.) 

Verrät Schopenhauer in der Jugend nodi einige Neigung zur 
Geselligkeit, so nahm mit dem Übergang ins Mannesalter sein Zw 
rückziehen auf sich selbst geradezu krankhafte Formen an und 
von da an mehren sidi audi die Äußerungen, weldie diesen unbe^ 
wußten Drang durdi die Sdileditigkeit der Welt und Mensdien in 
sozusagen paranoisdier Weise remtfertigen sollen. 

»In einer Welt, wo wenigstens fünf Serfistel Sdiurken und Narren und 
Dummköpfe seyen, müßte für jeden des letzten Sedistels und zwar um so mehr, 
je weiter er von andern abstehe, die Basis seines Lebenssystems Zurückgezogen- 
heit sein. Wenn man nidit ein Spiel in der Hand jedes Buben und der Spott 
jedes Narren seyn wollte, so sei die erste Regel: zugeknöpft. Was ein Mensdi 
wie er fühle und denke, habe keine Ähnlicfikeit mit dem was jene däditen und 
fühlten.« <NaA Seidlitz.) 

Ein soldies hypertrophisdies Idigefühl kommt gerade durdi das 
Zurüdcziehen der sonst der Umwelt zugewendeten Liebe auf das 
eigene Idi zustande. Man könnte bei Schopenhauer von einer Art 
»autistisdien« Wesens (Bleuler) spredien, so sehr ignoriert er die 
Umwelt zugunsten seines eigenen Innern und hält an seinem Träumen 
und Grübeln unentwegt fest. Wo er die Welt nidit ignorieren kann, 
wo er ihr nidit durdi Libidoentziehung die Realität nehmen kann 
<»die Welt als Vorstellung«), da besdiimpft er sie oder empfindet sie 
feindselig. Wir haben beim Pessimismus darauf hingewiesen, daß 
Schopenhauer die feindlidie Beziehung zur Welt <wie zu seiner 
Mutter) erst sekundär eingenommen hat, nadidem er sidi 
erwartungsvoll zärriidi hat nähern wollen, aber enttäusdit wurde. 
Diesen Medianismus hat Freud aus der Analyse eines hodiintelli^ 
genten Paranoikers abgeleitet, der sidi gleidifalls ein, wenn audi 

Imago II/2 11 



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162 Dr. Eduard Hitsdimann 



vcrüAtes, Weltgebäude entworfen hat. ^ Abgesehen vom Pessi^ 
mismus, von dem Feindseligfühlen der Welt, finden sidi tatsädilidi Be^ 
einträchtigungsideen^ bei Schopenhauer, und zwar am deut- 
lidisten gegenüber den Philosophieprofessoren <Paulsen>. Er hielt sie 
allen Ernstes für versdiworen gegen sidi : Seine Sdiriften würden nidit 
nur ignoriert, sondern audi »sekretiert« <absiditlidi geheim gehalten). 

Deutlidi krankhaft waren Schopenhauers Angstgefühle, 
die wir bereits ausführlidi gesdiildert haben. Man könnte Schopen^ 
hau er direkt als Angst-Kranken bezeidinen. Nidit nur die Angst^ 
Anfälle, die Träume, die Phobien seines späteren Lebens sind 
gemeint/ sein ganzes Wesen ist durditränkt von auf verdrängter 
Sexualität und Aggresion beruhender Angsteinstellung und Unheils^ 
erwartung, gegen die alle möglidien Sdiutzmaßregeln ergriffen werden. 

Die eigenartige Stimmungslage Schopenhauers, von 
der wir sdion in seiner Jugend Erwähnung tun hören, erinnert an das 
von der besdireibenden Sdiulpsydiiatrie aufgestellte Bild der »konsti^ 
tutionellen Verstimmung«, das eine erklärende und genetisdie Wissen^ 
sdiaft jedesmal, wie wir hier, auf ihre Psydiogenese wird zurüd^^ 
führen müssen. Es sei die Sdiilderung dieser Zustände hier 
mit den Worten Kraepelins zum Vergleidi wiedergegeben: 
^Die konstitutionelle Verstimmung ist gekennzeidinet durdi eine 
andauernd trübe Gefühlsbetonung aller Lebenserfahrungen . . . 
Die Kranken haben eine besondere Empfänglidikeit für die 
Sorgen, Mühsale und Täusdiungen des Lebens . . . Das Leben, 
die Tätigkeit ist eine Last, die sie mit pfliditmäßiger Selbstver-^ 
leugnung gewohnheitsmäßig tragen, ohne durdi die Lust am 
Dasein . . , entsdiädigt zu werden. Die gesamte Lebensführung 
der Kranken wird durdi ihr Leiden erheblidi beeinflußt. Sie sind 
unentsdilossen, langsam, gehemmt durdi ihre trübe Lebensauffassung,- 
jede Regung von Leiditherzigkeit oder Wagemut wird erstickt 
durdi das Zurüdtsdiredcen vor Verantwortung, durdi die Furdit 
vor den entferntesten Möglidikeiten. Sie entwid^eln nidit selten 
Sdirullen und Eigensdiaften, die in irgendeiner Beziehung zu der 
Verstimmung stehen und Sdiutzmaßregeln bedeuten, durdh weldie 
sidi der Kranke über die inneren Sdiwierigkeiten hinwegzuhelfen 
sudit . . . Bei einer Gruppe von Fällen wird das Gefühlsleben 
dauernd von einer mißmutigen, gereizt galligen und verbitterten 
Stimmung beherrsdit. Regelmäßig besteht dabei ein stark erhöhtes 
Selbstgefühl. Die Kranken sind leidit beleidigt, empfindlidi, sdiwcr 



^ D. P. Seh reber: »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«, 1903. 

^ Mißtrauisch, empfindlich und »paranoisch« findet man häufig Menschen, die 
in ihrem Gehör stark gestört sind. Es sei daher hier ergänzt, daß Schopen- 
hauer wie sein Vater an Gehörsstörungen litt, welcher Erbfehler, wie er sagt, 
ihn schon im Junglingsalter und allezeit belästigt hat. Mit fünfunddreißig Jahren 
wurde sein rechtes Ohr beinahe völlig taub, im vierundsechzigsten Lebensjahr 
begann auch das linke allmählich sich zu verschlechtem. Auch für Schopenhauers 
gesellschaftliche Isolierung muß dies eine Rolle gespielt haben. 



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Schopenhauer 1 G3 



ZU behandeln, mißtrauisch, nörgelnd, streitsüchtig und unzufrieden. 
Sie sind unbotmäßig gegen die Obrigkeit, redithaberisch, wollen 
alles besser, wissen. Bei einzelnen Kranken tritt ganz besonders eine 
krampfhafte Zornmütigkeit in den Vordergrund . . . Einzelne 
Kranke sind sogar sehr begabt, oft mit ausgeprägten künstlerischen 
und schöngeistigen Neigungen . . . Manche vermögen audi auf 
geistigem Gebiet Genügendes und selbst Bedeutendes zu leisten.« 

Der profunde Unterschied, den wir hier nicht näher auf-^ 
klären können und der nur ein glückliches Sichhinaussetzen über 
dieses drohende Schicksal dauernder Erkrankung war, liegt in der 
genialen Begabung und konzentrierten, zielbewußten Leistungs* und 
Arbeitsfähigkeit bei Schopenhauer, gegenüber der leidit zusammen^ 
brechenden neurastheniscfien Halbheit der Patienten. — 

Gehen wir nun an den Versuch heran, verständlidi zu 
machen, wie ein Philosoph und wie aus ihm wieder ein philo* 
sophisches System sidi bildet, so hat hier Schopenhauer 
selbst im Sinne unserer psychologischen Erkenntnis vorgearbeiter. 
Wir leiten die philosophische Geistestätigkeit aus jenem kindlichen 
Forschungstrieb ab, der dem Entstehen und Vergehen, dem 
Woher und Wieso sich fragend zuwendet. Wir müssen an^ 
nehmen, daß ein Forschungstrieb von besonderer Intensität, von 
der Sexualforschung abgelenkt, als philosophischer Trieb nadi 
Erkenntnis wiederkehrt und nun die intellektuellen Operationen 
mit Lust betont sind^ Das Leben muß enttäusdht haben, um bei 
diesen Problemen bleiben zu lassen und dem Denken vor dem 
Handeln den Vorzug zu geben. Wir haben schon erwähnt, 
daß Schopenhauer in jungen Jahren, da das Leben ihm »eine 
mißlidie Sache« schien, beschloß, es mit Nachdenken darüber hinzu^ 
bringen. 

»Erst nadidem wir mit der wirklichen Welt in gewissem Grade entzweit 
und unzufrieden sind, wenden wir uns um Befriedigung an die Welt des Ge- 
dankens, c 

»Das philosophisdie Staunen ist im Grunde ein bestürztes und betrübtes 
die Philosophie hebt, wie die Ouvertüre zu »Don Juan«, mit einem Moll- 
akkord an«. 

»Nur der Mangel erhebt über diA selbst dich hinweg, <Goethe>. So 
lange man hat, was den Willen befriedigt, oder nur Befriedigung verspricht, 
kommt es zu keiner genialen Produktion: denn die Aufmerksamkeit ist auf die 
eigene Person geriditet. Nur wenn die Wünsdie und Hoffnungen zunichte werden, 
unabänderliche Entbehrung sidi zeigt und der Wille unbefriedigt bleiben muß, nur 
dann fragt man sich: Was ist diese Welt? 

Wer nur geringe, schwadie, leidit zu befriedigende Wünsdie hat, wird 
immerhin befriedigt und fest gehalten und kommt zu keiner Kontemplation. Nur 



* Zu dieser Auffassung vergleiche den Aussprudi Nietzsches: »Ich glaube 
nicht, daß ein ,Trieb zur Erkenntnis' der Vater der Philosophie ist, sondern daß 
sich ein anderer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntnis <und der Verkenntnis) nur 
wie eines Werkzeuges bedient hat.« 

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164 Dr. Eduard Hitsdimann 



wer gewaltig strebt, muß entweder ein Welteroberer oder großer Glücksritter 
werden oder untcrgehn, oder aber er kann, besonders wenn sein Streben durdi 
gar nidits auf der Welt befriedigt werden kann, zur Kontemplation gelangen.« 

Gerade bei Personen mit heftig gesteigertem Triebleben finden 
wir in der Pathologie die Neigung zu Todesgrübelei und überhaupt 
zur reaktiven Wendung vom Sinnlichen zum Qbersinn* 
liehen. So kann gerade der Sadistisdie nadi unseren Erfahrungen 
am ehesten zur Zwangsneurose kommen. Angst und Tod werden 
bei so Veranlagten als notwendige Reaktionen auf verdrängte 
grausame Todes- und Radiewünsdie gegen Personen der nädisten 
Umgebung zu Hauptthemen. Ganz in Analogie zu soldien 
Zwangskranken, denen Freud einen Mißbraudi des Denkens 
nadisagt, finden wir in der Form des Überwertigen bei Schopen* 
hauer neben seinem unterdrüd^ten, heftigen Triebleben, wie eine 
Reaktion und einen Ersatz, sein philosophisdies System einsdiließlidi 
der Ethik. ^ 

Es dürfte für die meisten spekulativen Philosophen gelten, daß sie, 
wie die Zwangsneurotiker, deshalb mit Vorliebe über übersinnlidie 
Dinge grübeln, namentlidi über Tod und Jenseits, weil das Denken 
ursprünglidi erfüllt war von sinnlidien Vorstellungen. Die Energie 
der sexuellen Impulse wurde dann vom anstößigen Inhalt der Vor* 
Stellungen auf das Vorstellen selbst versdioben, das Denken sozu^ 
sagen sexualisiert. Von anderen psydiisdien Besonderheiten der 
Zwangskranken zeigt Schopenhauer Zweifelsudit und Unent* 
sdilossenheit, femer einen bei einem Vielwisser und Ungläubigen 
doppelt auffallenden Aberglauben. Nidit nur glaubt er an die Er^ 
sdieinungen des Geistersenens und des Spiritismus, er verteidigt 
auA den unvertilgbaren Hang der Mensdien auf Omina zu aditen, 
ihr Bibelaufsdilagen, Kartenlegen u. dgl. Die Assekuranzprämie 
seiner Lebensversidierung ist ihm »ein öffentlidi und von Allen auf 
dem Altar der bösen Dämonen gebradites Opfer.« <P. I. p. 527.) 
Für die bedeutsame Beziehung des Aberglaubens zum Thema des 
Todes, die Freud bei den Zwangskranken aufgeded^t hat, zeugen 
folgende Erlebnisse, in denen Schopenhauer die Warnung vor 
einem zukünftigen Sdiid^sal erblid^en wollte. Der Traum sdieint die 
von uns vermutete gleidigesdileditlidie Einstellung Schopenhauers 
anzudeuten, die Vision ist geeignet, die verdrängten Todeswünsdie 
auf die Eltern zu beweisen. 



* Um den Gegensatz zwischen dem Bedürfnis sich auszuleben und dem 
Bedürfnis nach philosophischer Erkenntnis der Welt zu charakterisieren, sei eine 
Stelle aus dem Roman »Ssanin« von Artzibaschew zitiert, der für das Aus* 
leben eine Lanze bricht: 

>Mein Leben, das sind meine Empfindungen die angenehmen und die un* 
nngenehmen. Und was hinter ihren Grenzen liegt, ich spucke drauf, welche Hypo* 
these wir auch hinstellen mögen,- es bleibt immer nur Hypothese und auf cüeser 
Grundlage sein Leben aufbauen, das wäre Dummheit. Wem es Bedürfnis ist, der 
mag sich dafür absorgen, ich aber will leben, c 



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Schopenhauer 166 



»Und um der Wahrheit in jeder Gestalt und bis an den Tod zu dienen, 
sAreibe ich auf, daß idh in der Neujahrsnadit zwisdien 1830 und 1831 folgenden 
Traum gehabt, der auf meinen Tod in gegenwärtigem Jahre deutet. — Von meinem 
sedisten bis zu meinem zehnten Jahr hatte idi einen Busenfreund und steten Spiel- 
kameraden ganz gleidien Alters, der hieß Gottfried Jänisch, und starb, als idi, 
in meinem zehnten Jahr, in Frankreidi war. In den letzten dreißig Jahren habe 
idi wohl höAst sehen seiner gedadit. — Aber in besagter NaAt kam idi in ein 
mir unbekanntes Land, eine Gruppe Männer stand auf dem Felde und unter 
ihnen ein erwaAsener sAlanker, langer Mann, der mir, iA weiß niAt wie, als 
eben jener Gottfried Jänisch bekannt gcmaAt worden war, der bewillkomm- 
nete miA. 

<Dieser Traum trug viel bei, miA zu bewegen beim Eintritt der Cholera 
1831 Berlin zu verlassen: er mag von hypothetisAer Wahrheit, also ein 
Warnung gewesen seyn, d. h. wenn iA geblieben wäre, wäre iA an der Cholera 
gestorben.) 

GleiA naA meiner Ankunft in Frankfurt hatte iA eine vollkommen deut- 
liAe GeisterersAeinung : es waren <wie iA glaube) meine Eltern,- und deutete an, 
daß iA jetzt die damals noA lebende Mutter überleben würde,- der sAon tote 
Vater trug ein LiAt in der Hand.« <N. P. § 194.) 

In Bezug auf diese Träume bemerkt Frauenstädt <Memora* 
bilien, p. 202>. »Wie Schopenhauer in den magisdien Wirkungen 
die Allmacht des Willens sah, so sah er in den Ahnungen, den 
fatidiken Träumen, den das Abwesende und Zukünftige sdiauenden 
Visionen ,unsere Allwissenheit'«. 

Eine Eigenart des Zwangsdenkens ist audi ein auf der Emp* 
findung der Allmadit der Gedanken beruhender Glaube an magisoie 
Beeinflussungen anderer Personen. Dieses Bedürfnis, die Gedanken 
zu Kräften zu madien, finden wir gewissermaßen in Schopenhauers 
Grundauffassung wieder. Die ganze mäditige objektive Sinnenwelt 
ist nidits anderes als ein Produkt unseres Denkens: Die Welt ist 
meine Vorstellung. Daß die Welt anderseits Wille <= das Unbe^ 
wußte) ist, — der Titel des Hauptwerkes faßt beides zusammen — 
weist auf die von uns hervorgehobene Projektion des Zwiespalts vom 
Bewußten und Unbewußten bei Schopenhauer in sein System, 
das die ganze Welt unter diesem Doppelglas betraditet. — »Wie 
der Philosoph selber ein Doppelwesen ist, so wird er die Welt unter 
dem Gesiditspunkt dieser Doppelheit betraditen : als Wille und Vor^ 
Stellung. Überall wird er diesen großen Gegensatz wiederfinden und 
aufzeigen: in der theoretisdien Philosophie ist es der Gegensatz vom 
Ding an sidi und Ersdieinung, in der Metaphysik von Körper und 
Wille, in der Ästhetik von Idee und Individuum, in der praktisdien 
Philosophie von egoistisdier Willensbejahung und überindividualisti^ 
sAer Willensverneinung.« <Paulsen.> 

So kommen wir immer näher unserem Ziel zu zeigen, daß das, 
was der Philosoph für die objektive Wahrheit, für letzte Lösungen 
des Welträtsels ansieht, zunädist nur individuellste Zwangsgedanken-» 
bildung und deren Projektion vorstellt, daß seine eigensten Affekte 
ihn in bestimmte Riditungen zwingen. Sdiopenhauer zeigt so 



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1()6 Dr. Eduard Hitsdimann 



deutlich die von Rosa May reder hervorgehobenen »beiden, das 
mensdilidie Geistesleben in seinen Untergründen am stärksten binden^ 
den Eigentümlidikeiten: die Abhängigkeit alles Denkens von der 
angeborenen Eigenart und die Neigung, die Ergebnisse des eigenen 
Denkens für objektive Wahrheiten zu halten.« 

Und Paulsen sagt in ähnlidiem Sinne: 

Adi glaube nidit, daß es einen Fall gibt, an dem man den 
Einfluß des Affektes auf das Denken besser als an Schopenhauer 
studieren kann.« 

Es ist dies keine neue Weisheit, die wir hier propagieren,- 
der Subjektivismus philosophisdier Betraditungen ist ja längst in die 
Ansdiauungs weise der Einsiditigen übergegangen. Wenn Zola von 
der Kunst gesagt hat, sie wäre ein Weltbild, gesehen durdi ein 
Temperament, so ist die Philosophie, nadi Simmel, ein Temperament, 
gesehen durdi ein Weltbild. Audi Goethe hat sehr hübsdi die 
Philosophen mit den Ärzten verglidien, die uns etwas verbieten 
oder vorsdireiben, je nadidem sie selbst es hassen oder lieben. 
»Der eine ist zum Stoiker geboren, gelangt deshalb zum Stoizismus 
und ebenso wird der andere Epikuräer,- die strenge Mäßigkeit 
Kants fordert eine Philosophie, die diesen seinen angeborenen 
Neigungen gemäß war. Jedes Individuum hat vermittels seiner 
Neigungen ein Recht zu Grundsätzen, die es als Individuum nicht 
aufheben. Hier oder nirgends wird wohl der Ursprung aller 
Philosophie sein.« <Falk, Biedermann, IV., p. 314.) 

Dies gilt nadi dem radikalen Nietzsche, der im Denken 
nur ein »gewißes Verhalten der Triebe zueinander«, in der Ver^ 
nunft und ihren Gesetzen nidit viel mehr als ein »grammatisdies 
Vorurteil« sieht, sogar für moralisdie Grundsätze: 

»Es gibt Moralen, weldie ihren Urheber vor anderen redit* 
fertigen soflen,- andere Moralen sollen ihn beruhigen und mit sidi 
zufrieden stimmen,- mit anderen will er sidi selbst ans Kreuz 
sdilagen und demütigen,- mit anderen will er Radie üben, mit 
anderen sidi versted^en, mit anderen sidi verklären und hinaus, in 
die Höhe und Ferne setzen,- diese Moral dient ihrem Urheber, um 
zu vergessen, jene, um sidi oder etwas von sidi vergessen zu 
madien,- Kant gibt mit dieser Moral zu verstehen, »was an mir 
aditbar ist, das ist, daß idi gehordien kann — und bei eudi soll 
es nidit anders stehen als bei mir! — Kurz die Moralen sind audi 
nur eine Zeichensprache der Affekte«. (»Jenseits von Gut 
und Böse«.) 

Wir haben bisher nidit näher ausgeführt, in weldiem Bild wir 
es ansdiaulidi madien könnten, wie das in der Seele Gesdiaute — 
und bekanndidi kann man so redit nur in die eigene Seele sdiauen — 
unwillkürlidi erfaßt, zu Gedanken, Worten werden kann und als 
Metaphysik oder Religion Gestalt und Geltung findet. Freud hat 
den genialen Gedanken ausgesprodien, ^>daß ein großes StüA der 
mythologisdien Weltauffassung, die weit bis in die modernsten 



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Sdiopcnhaucr 167 



Religionen hineinreicht, nichts anders ist, als in die Außenwelt 
projizierte Psychologie. Die dunkle Erkenntnis (sozusagen: 
endopsydiisdie Wahrnehmung) psydiisdier Faktoren und Verhält* 
nisse des Unbewußten spiegelt sidi in der Konstruktion einer 
übersinnlichen Realität, weldie von der Wissensdiaft in Psy^ 
chologie des Unbewußten zurüdtverwandelt werden soll. Man 
könnte sidi getrauen, die Mythen vom Paradies und Sündenfall, 
von Gott, vom Guten und Bösen, von der Unsterblidikeit u. dgl. 
in soldier Weise aufzulösen, die Metaphysik in Metapsychologie 
umzusetzen«. 

Soldie unbewußte Projektionen endopsydiisdier Wahrnehmungen 
spielen offenbar bei allen Aussagen von sidi und den Mensdien, allen 
Verallgemeinerungen eine Rolle und es ist dem Mensdien gar nidit 
anders möglidi, als anthropomorphisdi zu denken. Audi hier werden 
wir übrigens erinnert an die Symptombildung Paranoisdier, zu deren 
Erklärung Freud gleidifalls jene »Projektion innerer <unterdrüd^ter> 
Wahrnehmungen nadi außen« herangezogen hat. Man muß uns 
gestatten, auf diese Analogien aus der Pathologie hinzuweisen,- 
denn gerade dort konnte die Psydioanalyse zuerst deudidi und 
gründlidist die Medianismen studieren. Die mißlungenen, philoso-» 
phisdien Systeme und Kosmogonien, die die Psydioanalyse jetzt 
kunstvoller Weise bei den ganz in sidi eingesponnenen raraphre- 
nikern durdileuditet hat, sind nur das pathologisdie Zerrbild der 
offenbar aus ähnlidien Komplexen und mit Hilfe analoger Median 
nismen entworfenen Weltbilder ernst zu nehmender und über* 
ragender Philosophen. Bei den Kranken läßt sidi aber deudidi nadi- 
weisen, daß es verdrängte Vorstellungen sexueller Natur sind, die 
eine soldie Zurüd^ziehung und spätere Projektion in die Außenwelt 
erfahren und als mehr weniger unkenntlidie Vergeistigungen banalster 
körperlidier und psydiisdier Dinge ersdieinen. 

Schopenhauers Werk ist also im wesentlidien als ein Abbild — 
sei es nun ein Positiv oder ein Negativ — seines eigensten Wesens. 
Seine Metaphysik ist das riesenhafte Abbild seines tiefinnersten 
Naturells. »Idi habe,« sagt Schopenhauer, »den Satz umgekehrt, 
mit dem man seit den ältesten Zeiten den Mensdien als Mikrokosmos 
angesprodien hat. Ich habe die Welt als Makranthropos 
nachgewiesen«. 

Alle Philosophie ist letzten Grundes eine Selbstbetraditung. 
Mit der Wohlgefälligkeit, mit der Narzißus sidi im Wasser spiegelt 
oder mit der ein Vater sidi in den ähnlidien Zügen seiner Kinder 
wiederliebt, ersdieint im System des Philosophen die Physiognomie 
seines Wesens wieder. Schopenhauer war, wie Seidlitz sagt, 
»von seinem Hauptwerke bis zum Fanatismus entzüd^t: es war das 
einzige in der Welt, was er wahrhaft liebte und in weldiem er 
sidi selber liebte«. Bei keinem anderen Philosophen mag dies so 
grob deudidi ins Auge springen, daß »das A und O seiner Philo^» 
Sophie, das Zentrum, auf weldies sidi alles bei ihm bezieht, wohin 



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168 Dr. Eduard Hitsdimann 



auch der fernste Ausblick reflektorisdh zurückweist, Arthur Schopen* 
hauers Person ist«. (Keyserling.) 

In den vorstehenden Ausführungen wurde gezeigt, wie das 
Unbewußte, daß sich in der Persönlichkeit und so deutlich in den 
pathologischen Zügen SchcMjenhauers manifestierte, auch in der 
rorm der Projektion zur Systembildung geführt hat. Das psycho* 
logische Genie Schopenhauers hat das gerade in ihm besonders 
wirksame und lebendige Unbewußte nicht nur in sich selbst <endo- 
psychisch) wahrgenommen, sondern auch — freilich nur bruchstück* 
weise — an einzelnen Lebensphänomenen erkannt. 

Vor allem war es der Traum, der ihm, wie wir bereits an 
Beispielen zeigen konnten, wiederholt tiefsten Eindruck machte. Schon 
in der Grundlegung seiner Lehre tritt er als wichtiges Problem auf, 
welches er in seinem Aufsatz Ȇber das Geistersehen und was 
damit zusammenhängt« zu lösen glaubte. Das Anschauungsvermögen 
des Genies erscheint ihm fast identisch mit dem »Traumorgan«, von 
dem er aussagt, es lasse in der Zukunft lesen. 

Auch gewisse, charakteristischerweise meist vom Traumleben 
ausgehende Beobachtungen Schopenhauers lesen sich, wenn man 
nur von den daraus gezogenen metaphysischen Konsequenzen abzu* 
sehen weiß, als hätte der Philosoph ein deutliches Empfinden eines 
unbewußten Seelenlebens gehabt: 

»Es gibt etwas, das jenseits des Bewußtseins liegt, aber zuzeiten in das- 
selbe hereinbridit, wie ein Mondstrahl in die umwölkte Nadit. Alsdann be- 
merken wir, daß unser Lebenslauf uns ihm weder näher nodi ferner bringt, der 
Greis ihm so nahesteht wie das Kind und werden inne, daß unser Leben zu 
ihm keine Parallaxe hat, so wenig wie die Erdbahn zu den Fixsternen.« <N. P. 
§ 145.) 

»Wenn wir aus einem uns lebhaft affizierenden Traum erwadien, so i«t, 
was uns von seiner Niditigkeit überzeugt, nidit sowohl sein Versdiwinden, als 
das Aufdecken einer zweiten Wirklidikeit, die unter jener, uns so sehr be- 
wegenden verborgen lag und nun hervortritt. Wir haben eigentlidi alle eine 
bleibende Ahndung oder Vorgefühl, daß audi unter dieser Wirklidikeit, in der 
wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liegt . . .« <N. P. § 146.) 

»Das Bewußtsein ist die bloße OberfläAe unseres Geistes, von weldiem, 
wie vom Erdkörper, wir nidit das Innere, sondern nur die Sdiale kennen.« 

Diese und ähnliche Stellen, sowie sein intensives Interesse für 
Magie, Hellsehen, Tischrücken etc. ein deutliches Vorgefühl von der 
mächtigen Einwirkung unbewußten Seelenlebens. 

Schopenhauer interessierte sich auch schon frühzeitig für 
Abnormitäten der Psyche. Es wird berichtet, daß er wiederholt 
die Charite besucht habe, wo zwei Melancholiker sein besonderes 
Interesse erregt hatten. Er wies in Polemik gegen Fichte schon 
auf die Zusammenhänge zwischen Genie und Irrsinn hin. Am 
überraschendsten ist aber sein Versuch einer Erklärung des Wahn*^ 
Sinns, welcher die Lehre von der Verdrängung peinlicher Vor^ 
Stellungen ins Unbewußte als Veranlassung der Psychoneurosen und 



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Schopenhauer 1 69 



mancher Geisteskrankheiten deutlich ausspricht^ und auffallendste 
Analogien zu den Lehren Freuds aufweist. 

Im ersten Band seines Hauptwerkes <§ 36> behandelt Schopen^ 
hauer auch die Verwandtschaft von Genialität und Wahn* 
sinn und sagt von den genialen Menschen direkt: »Daher endlich 
sind sie zu Monologen geneigt* und können überhaupt mehrere 
Schwächen zeigen, die sich wirklich dem Wahnsinn nähern.« Im An^ 
Schluß daran hebt er als Wesen des Wahnsinns eine Schädigung 
des Gedächtnisses hervor und zwar in dem Sinne, 

*daß der Faden des Gedächtnisses zerrissen, der fortlaufende Zusammenhang 
desselben aufgehoben und keine gleichmäßig zusammenhängende Rückerinnerung 
der Vergangenheit möglich ist . . . in ihrer Rückerinnerung sind Lücken, welche 
sie dann mit Fiktionen ausfüllen . , . Immer mehr vermisdit sich in seinem Ge- 
dächtnisse Wahres mit Falschem . . . der Einfluß dieser falschen Vergangenheit 
verhindert nun auch den Gebraudi der richtig erkannten Gegenwart . . . Daß 
heftiges geistiges Leiden, unerwartete entsetzliche Begebenheiten häufig Wahn* 
sinn veranlassen, erkläre ich mir folgendermaßen. Jedes solches Leiden ist immer 
als wirkliche Begebenheit auf die Gegenwart beschränkt, also nur vorübergehend 
und insofern noch immer nidit übermäßig schwer: überschwänglich groß wird es 
erst, sofern es bleibender Schmerz ist: aber als solcher ist es wieder allein ein 
Gedanke und liegt daher im Gedächtnis: wenn nun ein solcher Kummer, ein 
solches schmerzliches Wissen, oder Andenken, so qualvoll ist, daß es schlechter- 
dings unerträglich fällt, und das Individuum ihm unterliegen würde — dann greift 
die dermaßen geängstigte Natur zum Wahnsinn als zum letzten Rettungs- 
mittel des Lebens: der so sehr gepeinigte Geist zerreißt nun gleichsam den Faden 
seines Gedächtnisses, füllt die Lücken mit Fiktionen aus und flüchtet so sidi von 
dem seine Kräfte übersteigenden geistigen Sdimerz zum Wahnsinn . . . Ein 
sdiwaches Analogon jener Art des Überganges vom Schmerz zum Wahnsinn 
ist dieses, daß wir Alle oft ein peinigendes Andenken, das uns plötzlidi einfällt, 
wie mechanisch, durch irgend eine laute Äußerung oder Bewegung zu ver- 
sdieuchen^ uns selbst davon abzulenken, mit Gewalt uns zu zerstreuen suchenc 

Zeigt schon diese ihrer Wichtigkeit wegen so ausführlich 
zitierte otelle deutlich Schopenhauers Verständnis für die 
Verdrängung peinlicher Vorstellungen aus dem Bewußt* 
sein und ihre Bedeutung für die Entstehung seelischer Störungen, 
sowie für die determinierende Bedeutung des Wunschlebens, das 
unter Umständen zur Flucht des Individuums in die Krankheit führt, 
so enthält die Erläuterung hiezu im zweiten Band seines Haupt* 
Werkes <Kap. 32> eine ausgezeichnete Formulierung der Verdrän-^ 
ungslehre, sogar mit Berücksichtigung des Begriffes der >Nmißglückten 
erdrängung« (Freud): 



^, 



^ Auf die Obereinstimmung dieser Schopen hau ersehen Auffassung mit 
der psychoanalytischen hat zuerst Rank <ZentralbI. f. Psa., L Bd., p. 69 ff.) hin- 
gewiesen. Die Parallele zwischen Schopenhauer und Freud bringt dann Hin* 
richsen in seiner Arbeit: »Zur Psychologie und Psychopathologie des Dichters« 
(Wiesbaden, 1911). Auf Juliusburgers einschlägige Ausführungen <Allg. Zeit- 
sdirift f. Psydiiatric, 191 2> ist oben im Text verwiesen. 

^ Daß Schopenhauer häufig laute Selbstgesprädie auf der Straße führte, 
scheint darauf hinzudeuten, daß er diese Beobachtungen an der eigenen Person 
machte. 



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170 Dr. Eduard Hitsdimann 



»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns 
wird faßlidier werden, wenn man sidi erinnert, wie ungern wir an Dinge 
denken, weldie unser Interesse, unsern Stolz, oder unsere Wünsdie stark ver- 
verletzen, wie sdiwer wir uns entsdiließen, Dergleidien dem eigenen Intellekt zu 
genauer und ernster Untersudiung vorzulegen, wie leidit wir dagegen unbe* 
wüßt davon wieder abspringen, oder absdileidien, wie hingegen angenehme 
Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen und, wenn vcr=^ 
sAeudit, uns stets wieder besdileidien, daher wir ihnen stundenlang nadihängen. 
In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die Be- 
leuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an 
welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige 
neue Vorfall nämlidi muß vom Intellekt assimiliert werden, d. h. im System der 
sidi auf unseren Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle 
erhalten, was immer Befriedigenderes er audi zu verdrängen haben mag. So* 
bald dies gesdiehen ist, sdimerzt er sAon viel weniger; aber diese Operation 
selbst ist oft sehr sdimerzlidi, geht auch meistens nur langsam und mit Wider- 
streben vonstatten. Inzwisdien^ kann nur, sofern sie jedesmal rütig voll- 
zogen werden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreidit hingegen, 
in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des Willens wider die 
Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation niAt rein durch- 
geführt wird/ werden demnadi dem Intellekt gewisse Vorfälle oder UmsAIä^e 
völlig untersdilagen, weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann,- 
wird alsdann, des notwendigen Zusammenhanges wegen, die dadurdi entstandene 
Lücke beliebig ausgefüllt,- — so ist der Wahnsinn da. Denn der Intellekt hat seine 
Natur aufgegeben, dem Willen zu gefallen: der Mensdi bildet sidi jetzt ein, 
was nidit ist. Jedodi wird der so entstandene Wahnsinn jetzt der Lethe uner- 
träglidier Leiden : er war das letzte Hilfsmittel der geängstigten Natur, d. i. des 
Willens . . . 

Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahn- 
sinns ansehen als ein gewaltsames >Sich aus dem Sinn schlagenc 
irgendeiner Sache, welches jedodi nur möglidi ist mittels des »Sidi in den 
Kopf setzen« irgend einer anderen. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß 
nämlirfi das »Sirfi in den Kopf setzen^ das Erste und das »Sidi aus dem Sinn 
schlagen« das Zweite ist. Er findet jedodi statt in den Fällen, wo einer den 
Anlaß, über weldiem er verrüdtt geworden, beständig gegenwärtig behält und 
nidit davon loskommen kann: so z. B. bei mandiem verliebten Wahnsinn, 
Erotomanie, wo dem Anlaß fortwährend nadigehangen wird; auch bei dem aus 
Sdiredt über einen plötzliAen, entsetzlichen Vorfall entstandenen Wahnsinn. 
Solche Kranke halten den gefaßten Gedanken gleidisam krampfhaft fest, so daß 
kein anderer, am wenigsten ein ihm entgegenstehender, aufkommen kann. Bei 
beiden Hergängen bleibt aber das Wesentlidie des Wahnsinns das Selbe, näm- 
lidi die Unmöglidikeit einer gleidiförmig zusammenhängenden Rückerinnerung, 
wie solche die Basis unserer gesunden, vernünftigen Besonnenheit ist. — Vielleidit 
könnte der hier dargestellte Gegensatz der Entstehungsweise, wenn mit Urteil 
angewandt, einen sdiarfen und tiefen Einteilungsgrund des eigentlichen Irr- 
wahns abgeben. 

Übrigens habe idi nur den psydiisdien Ursprung des Wahnsinns in Be- 
tracht genommen, also den durdi äußere, objektive Anlässe herbeigeführten. 
Öfter jedoch beruht er auf rein somatischen Ursachen . . . jedoch werden beider- 
lei Ursachen des Wahnsinns meistens voneinander partizipieren, zumal die psy- 
rfiisdie von der somatisdien ... Ich habe die psychische Entstehung des 
Wahnsinns dargelegt, wie sie bei dem, wenigstens allem Ansdiein nadi, Ge- 



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Schopenhauer 171 



sundcn durch ein großes Unglück herbeigeführt wird. Bei dem somatisA bereits 
stark dazu Disponierten wird eine sehr geringe Widerwärtigkeit dazu hin* 
reidiend sein . - . Bei entsdiiedener körperlidier Anlage, bedarf es, sobald diese 
zur Reife gekommen, gar keines Anlasses. Der aus bloß psydiischcn Ursadien 
entsprungene Wahnsinn kann viellcidit, durch die ihn erzeugende, gewaltsame 
Verkehrung des Gedankenlaufes, auch eine Art Lähmung oder sonstige Depra- 
vation irgendweldier Gehirnteile herbeiführen, weldie, wenn nicht bald gehoben, 
bleibend wird; daher Wahnsinn nur im Anfang, niAt aber nadi längerer Zeit 
heilbar ist. 

Wie weit Schopenhauer außerdem ein Vorläufer der Freude 
sdien Erkenntnis des Unbewußten und anderer psydioanalytischer 
Einsiditen war, zeigte Julius burger, der nebst anderem auf die 
von Schopenhauer bereits erkannte fundamentale Bedeutung der 
Sexualität, sowohl für die Entstehung seelisdher Störungen als auch 
für das Begehen von Verbredien hinweist. 

Steht das eigentlich Unbewußte in engster Beziehung mit dem 
Triebartigen im Menschen, so mußte ja Schopenhauer die unge^ 
heure Bedeutung der Sexualität klar werden, die, wie wir wissen, 
bei ihm besonders stark und eigenartig ausgebildet war. Wir haben 
schon früher Worte Schopenhauers zitiert, weldie diese Bedeu- 
tung für die menscfilidie Psyche im weitesten Umfang anerkennen. 
Dafür ist ja auch ein Beweis, daß Schopenhauer die »Meta- 
physik der Gescfilechtsliebe« geschrieben hat. Es ist kein Zufall, 
daß er gerade über dieses Thema sehr viel nachgedacht und 
gegrübelt hat. Er scheint damit zu bestätigen, daß dies vielleicht in 
seiner frühen Kindheit das Thema seiner ersten Forschung war. 
Nidit jeder hat aber gegenüber der Sexualität ein metaphysisdies 
Bedürfnis,- vielleicht ist es in Analogie zu unseren früheren Aus* 
führungen auch hier Verwundern, Leiden, Unbefriedigtsein, was 
nach Hintergründen suchen läßt. 

Schopenhauer selbst hat sein philosophisches Schaffen als ein 
unbewußtes bezeichnet und auf diese Entstehungsweise hin den Re* 
sultaten den größtmöglichen Wahrheitsgehalt zugesprochen. Versidiert 
er audi gelegentlich <in seinen Cogitata) »Alle Gedanken, welche ich 
aufgeschrieben, sind auf äußeren Anlaß, meistens auf einen ansdiau* 
liehen Eindruck, entstanden und vom Objektiven ausgehend nieder^ 
gesdirieben«, so stehen dem doch eine Anzahl von Bekenntnissen 
gegenüber, aus denen die persönliche, intuitive Art seines Sdiaffens 
unzweifelhaft erhellt. Außer den schon an anderer Stelle ange-» 
führten Bemerkungen über die unbewußte Triebkraft seines SdiafFens, 
sei hier auf eine der prägnantesten Stellen hingewiesen <N. P. 
§ 630): 

»Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwädist ein 
Werk . . . wädist, konkresziert allmählirfi und langsam, wie das Kind im 
Mutterleibe: ich weiß nidit, was zuerst und was zuletzt entstanden ist . . . Idi 
werde ein Glied, ein Gefäß, einen Teil nach dem anderen gewahr, d. h. idi 
schreibe auf, unbekümmert wie es zum Ganzen passen wird: denn irfi weiß, 
es ist alles aus einem Grunde entsprungen . . . Ich, der ich hier sitze, den 



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172 Dr. Eduard Hitsdimann 



meine Freunde kennen, begreife das Entstehen des Werkes nidit, wie die 
Mutter nidit das des Kindes in ihrem Leibe begreift.« 

Und an anderer Stelle <N. P. § 652): 

»Was mir die Echtheit und daher die Unvergänglidikeit meiner Philo-r 
sopheme verbürgt, ist, daß idi sie gar niAt gemaAt habe/ sondern sie haben 
siA selbst gemaAt. Sie sind in mir entstanden ganz ohne mein Zutun, in Mo* 
menten, wo alles Wollen in mir gleiAsam tief eingesAIafen war und der 
Intellekt nun völlig herrenlos und dadurA müßig thätig war, die AnsAauung 
der wirkliAen Welt auffaßte . . . Mit dem Wollen ist aber auA alle Individualität 
versAwunden und aufgehoben: daher war mein Individuum hier niAt im Spiel, 
sondern es war die AnsAauung selbst, rein und für siA, d. h. die rein objek- 
tive AnsAauung oder die objektive Welt selbst, die siA in den Begriff rein und 
für siA absetzte.« 

Schopenhauer will nidit mehr zugeben, als was Nietz^ 
sehe in den Worten ausgedrückt hat: »Es denkt in mir.« Daß es 
aber kein Denken ohne Fühlen und Wollen gibt, ist ihm zuweilen 
entfallen. Möbius sagt treffend: »Schopenhauer ließ sich durdi 
seine Anknüpfung an Kant verleiten, zuerst vom Erkennen, Vor^ 
stellen, Denken zu reden als von etwas, das nicht zum Wollen 
gehöre. In Wahrheit kann Denken oder Vorstellen nicht ohne 
Wollen gedacht werden.« Im Grunde aber lehre Schopenhauer 
das Rechte, daß der Wille alles tut, und seine Lehre führt im 
Gegensatz zu der aller Früheren direkt zu der Einsicht, daß unser 
bewußtes Leben nur ein Ausschnitt aus dem großen für uns Unbe^ 
wußten ist. »Immer kommen wir in der inneren Erfahrung rasch 
zu der Stelle, wo das Bewußtsein aufhört, wo der Weg in das 
für uns unbewußte führt, rückwärts sowohl wie vorwärts. Der 
Instinkt ist vor aller individuellen Vernunft, die Hand, die uns 
leitet, ist im Dunkel. Soldie Erkenntnis schimmert sozusagen bei 
Schopenhauer immer durch.« <Möbius>. Daß diese Worte ganz 
dem entsprechen, was Freud vom Unbewußten gelehrt hat, ist klar. 
Wir sehen aus diesen Hinweisen auf die Psydiologie des Unbewußten, 
die sich bei Schopenhauer finden, auch eine Berechtigung für 
unsere Arbeit,- die Hauptberechtigung, die wir längst gezeigt haben, 
ist die, daß Schopenhauer eines der trefflichsten Beispiele für die 
Richtigkeit der psychoanalytisch gefundenen Tatsachen darstellt, die 
er allerdings mehr repräsentiert und demonstriert, als er sie selbst 
bewußt äußern konnte. 

Indem wir nun von Schopenhauers ragender Erscheinung 
Abschied nehmen, erweisen wir noch einmal tiefsten Respekt 
diesem Entdecker des »Willens«, des treibenden Unbewußten, 
dem Prediger der Güte und des Mitleids, dem Verherrlicher 
des Genies, der Kunst und alles Geistigen, des Wahrhaftigen 
und Echten, der nur die inneren Werte des Menschen aner^ 
kannte, keine andere Überlegenheit zugab als die des Geistes 
und des Charakters. So sehr wir alle diese edlen Züge bewundern 
müssen und Schopenhauer als >^Erzieher« verpflichtet sind, reißen 



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Sdiopcnhauer 173 



wir uns dodi los von den düsteren und allzupersönlidien Sdiatten-' 
selten seiner Weltansdiauung und sehnen uns, ihn zu überwinden. 
Nietzsche ist ursprünglim als größter Bewunderer, später als 
freiester Überwinder Schopenhauers vorbildlidi für die Möglidi*' 
keit einer soldien Überwindung des Philosophen auf dem Wege 
psydiologisdier Erkenntnis und der Einsidit in die persönlidisten 
subjektiven Bedingungen des PhilosophieVens überhaupt. 

>AllmähIiA hat sidi nun herausgestellt, was jede Philosophie 
bisher war: nämlidi das Selbstbekenntnis des Urhebers und 
eine Art ungewollter und unvermerkter memoires. Die Philosophie 
sdiafft immer die Welt nadi ihrem Bilde, sie kann nidit anders,- 
Philosophie ist dieser tyrannisdie Trieb selbst, der geistige Wille 
zur Macht, zur ,Schaffung der Welt', zur causa prima.« 
(Nietzsche.) 

In ihrer Subjektivität liegt die sdion von Nietzsche erkannte 
Besdiränktheit aller philosophisdien Wahrheit, die zur Resignation 
führen muß, da kein System imstande sein kann, das rätselhafte 
Wesen der Welt und des Lebens zu erklären, vielmehr nur dem 
einen Typus Mensdi und seinem metaphysisdien Bedürfnis ent^ 
spredien kann. In diesem Sinne dürfte man von einer Hoffnungs* 
losigkeit aller Philosophie spredien: »Sobald — sagt Nietzsche 
— die Religion, Kunst und Moral in ihrer Entstehung so be^ 
sdirieben sind, daß man sie vollständig sidi erklären kann, ohne 
zur Annahme metaphysischer Eingriffe am Beginn und im 
Verlauf der Bahn seine Zufludit zu nehmen, hört das stärkste 
Interesse an dem rein theoretisdien Problem vom »Ding an sidi« und 
der ,Ersdieinung' auf . . . Mit voller Ruhe wird man die Frage, 
wie unser Weltbild so stark sidi von dem ersdilossenen Wesen 
der Welt untersdieiden könne, der Physiologie und der Entwid<-- 
lungsgesdiidite der Organismen und Begriffe überlassen.« 

Sollte nun jemand, enttäusdit darüber, daß sidi Schopen-- 
hauer »nidit gesund genug zum Philosophen« <Riehl> erwiesen 
hat, bei einem anderen sein Seelenheil sudien wollen, so sei er 
gewarnt. Audi Nietzsche, dem wir hier als Schopenhauer* 
Kritiker und Tiefenpsydiologen so breiten Raum gewährt haben, 
sdieint nidit berufen, zum Riditer des Lebens gemadit zu werden. 
Wer da auszöge, einen zu sudien, der gesund genug zum Philo^ 
sophieren ist, dem erginge es wie jenem Boten eines kranken 
Königs, der das Hemd eines Glüd^lidien zur Heilung seines Herrn 
suAen ging. Denn als er endlidi in einem Hirten den Glüd^lidien 
fand, besaß dieser kein Hemd. — Wer zum Philosophieren gesund 
genug wäre, der — philosophiert eben nidit! 



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174 Dr. Eduard Hitsdimann 



Literatur: 

DAMM, O. F.: Arthur SAopenhauer. Eine Biographie. Reklam, 1912. 
EBSTEIN, Dr. W.: Arthur Sdiopenhauer. Seine wirklidicn und vermeintlidien 

Krankheiten. Stuttgart 1907. 
FISCHER, Kuno : Sdiopenhauers Leben, Werke und Lehre. Heidelberg 1898. 
GWINNER, W. V.: Sdiopenhauers Leben. Leipzig 1910. 
JOEL, K. : NietzsAe und die Romantik. Jena 1905. 
HERTOLET, W. L.: Sdiopenhauer-Register. Leipzig 1910. 
KEYSERLING, H., Graf: Sdiopenhauer als Verbilder. Leipzig 1910. 
LINDNER, E. O. und FRAUENSTÄDT, J.: Arthur Sdiopenhauer (Memora- 

bilien etc.). Berlin 1863. 
MÖBIUS, P. ).: Sdiopenhauer. Leipzig 1904. 
NIETZSCHES Werke. Tasdienausgabe. 
PAULSEN, F. : Sdiopenhauer. Hamlet. Mephistopheles. Drei Aufsätze zur 

Naturgesdiidite des Pessimismus. Berlin 1900. 
RICHERT, H. : Sdiopenhauer. Seine Persönlidikeit, seine Lehre, seine Bedeutung. 

6 Vorträge. Leipzig 1909. 
RIEHL, A. : Friedridi Nietzsdie, der Kunstler und der Denker. Stuttgart 1898. 
SCHEMANN, L.: Gespradie und Briefwedisel mit Sdiopenhauer. Aus dem Nadi- 

lasse von Karl Bahr. Leipzig 1894. 
SCHOPENHAUERS Werke, Nachlaß, Briefe. Reklam. 
SCHOPENHAUER, Adele: Tagebüdier. Leipzig 1909. 
SEIDLITZ, C. V.: Dr. Arthur Sdiopenhauer vom medizinisdien Standpunkte aus 

betraditet. Dorpat 1872. 
SEILLIERE, Ernest: Arthur Sdiopenhauer als romantisdier Philosoph. <Deutsdie 

Übersetzung) Berlin 1912. 
SIMMEL, Georg: Sdiopenhauer und Nietzsdie. Ein Vortragszyklus. Leipzig 1907. 
SIMMEL: Hauptprobleme der Philosophie. Leipzig 1911. 
VOLKELT, Johannes: Arthur Sdiopenhauer, Seine Persönlidikeit, seine Lehre, 

sein Glaube, Stuttgart 1900. 
WAGNER, G. F./ Encyklop. Register zu Sdiopenhauers Werken. Karls- 
ruhe 1909. 




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Psychoanalytisdie Anmerkungen zur Gesdiichte der Philosophie 175 

Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der 

Philosophie \ 

Von Dr. ALFR. Frh. v. WINTERSTEIN. 

»In der ,Kalewala', einem finnischen Epos, kehrt 
ein eigentümlidicr Vorgang von auffallender und selt- 
samer Bedeutung einigemale wieder. Der alte Held 
Wäinämöinen unterwirft sich hier die elementarischen 
Hindernisse, die er zu besiegen hat, nach vielen ver- 
geblichen Versuchen und Bemühungen endlich durch eine 
beschwörende Formel, die in jedem Fall von geradezu 
furchtbar bezwingendem Eindruck auf seine phantasti* 
sehen Gegner ist: er spricht ihnen nämlich die Drohung 
aus, ihren Ursprung zu singen. «^ 

Man wird gut tun, bei der Aufgabe, die ich mir auf den 
folgenden Blättern setze, ein Zweifaches zu unterscheiden: 
einerseits wird es sich darum handeln — ohne irgendwie 
ins Detail einzugehen — festzustellen, was für wesentliche Bestand* 
teile in den Lehren der Philosophen nidit durdi objektive Erkenntnis 
gefordert, sondern durdi unbewußte Wünsdie bedingt ersdieinen 
<diese Teiluntersudiung wird in die Frage auslaufen, weldie Welt* 
ansdiauung sich auf dem Boden der Psychoanalyse mit Fug er* 
heben darf),- anderseits wird in einem zweiten Absdinitt, wenn 
audi sachgemäß nidit streng gesdiieden, der Versudi gemacht 
werden, die unbewußten Grundlagen der Persönlichkeit des Philosophen 
zu skizzieren. Vorab bemerke ich noch dieses: Festhaltend an dem 
von der Psychoanalyse vertretenen Prinzip der Sdiichtenbildung im 
Seelenleben, glaube ich keineswegs, mit dem Aufzeigen der untersten 
Sdiidite eine erschöpfende Konstitutionsformel <um einen Terminus 
aus der Chemie zu gebraudien) des philosophischen Typus zu bieten/ 
ferner lege ich sdion hier gegen den etwa erhobenen Einwand der 
Unvollständigkeit Verwahrung ein,- man wird von einem einzelnen 
nicht erwarten dürfen, daß er einen Urwald fällt, und sich zufrieden* 
geben müssen, wenn seine Axt da und dort eine LiAtung ge* 
sdiafFen hat, die einen freieren Ausblick ermöglidit. 

I. Die Systeme. 

Daß es im weiten Felde der Geschichte der Philosophie nur 
einige wenige, stets wiederkehrende Weltanschauungen — Vari* 
ationen im einzelnen abgeredinet — gibt, wird den nicht ver* 
wundem, der vom Stuciium des Unbewußten und seiner geringen 
Anzahl pathogener Komplexe herkommt. 

Eine historische Übersidit über die Entwicklung des Problems 

* In Erweiterung eines im Dezember 1912 in der »Wiener psychoanalytischen 
Vereinigung« gehaltenen Vortrages. 

* Zit. nach L. Ziegler, Der abendländische Rationalismus und der Eros. 
Dicderichs, 1905, p, 216. 



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176 Alfr. Frh. v. Winterstein 



eines Weltbegriffs und seiner Lösungen liefern, ja auch nur die aus 
dem Unbewußten stammenden Elemente in den einzelnen Systemen 
dartun, hieße den mir gested^ten Rahmen der Arbeit weit über^ 
sdireiten,- idi will bloß bei einigen Philosophen, die typisdie Ver* 
treter einer bestimmten Weltansdiauung zu sein sdieinen, die Ver^ 
mengung des Wunsdimaterials mit dem ErkenntnismateriaP nadi* 
weisen. Zunädist gilt es jedodi, ein verbreitetes Vorurteil zu zer^ 
streuen: man neigt leidit dazu, einem philosophisdien System, das 
logisdi einwandfrei erriditet ist, deshalb audi den Wert der unbe^ 
dingten Wahrheit zuzuspredien. Hier mag an Nietzsches allere 
dings übertriebene Bemerkungen über die Bedeutung der Logik er^ 
innert werden. Wir geben zwei bezeidinende Stellen aus »Jenseits von 
Gut und Böse« mit Vorbehalt wieder: »Hinter aller Logik und 
ihrer ansdieinenden Selbstherrlidikeit der Bewegung stehen Wert^ 
sdiätzungen, deutlidier geredet, physiologisdie Forderungen zur 
Erhaltung einer bestimmten Art von Leben.« >Die Falsdiheit eines 
Urteils ist uns nodi kein Einwand gegen das Urteil. Die Frage ist, 
wieweit es lebenfördernd, lebenerhaltend, vielleidit gar artzüditend 
ist/ und wir sind grundsätzlidi geneigt zu behaupten, daß die 
falsdiesten Urteile uns die unentbehrlidisten sind.« Das heißt: Logik 
ist ein Instrument, ein Mittel zu einem Zwedt, oft nur ein wilU 
fähriger Diener im Dienste einer Leidensdiaft, eine »Laterne der 
Sdiritte des Willens« (Schopenhauer), nidit etwas in sidi Be* 
ruhendes von unbedingtem Wert. Audi der Paranoiker, der Zwangs* 
neurotiker sind in ihren Folgerungen von großer logisdier Treff* 
sidierheit und dennodi spridit niemand ihren Produkten objektiv* 
realen Wert zu. Übersdiarfe Logizität ist mandimal — und hiemit 
berühren wir das Wesen der Scholastik — geradezu ein verdäditiges 
Symptom, Überkompensation eines gewissermaßen endopsydiisdi 
wahrgenommenen Mangels im Unterbau, der durdi verclrängte 
Regungen gesdiaffen wurde. Man wird vielen in siA gesdilossenen 
Systemen nidit leidit logisdie Fehler nadiweisen können und brauAt 
dennodi mit der Annahme nidit fehlzugehen, daß das Fundament 
des stolzen Baues nidit auf den Boden konkreter Tatsadien er* 
riditet ist, sondern von den Fluten der Leidensdiaft getragen wird. 
Dodi zurüd^ zu der uns oben gestellten Aufgabe! 

Zwei Dinge sind es vor allem, die uns bei flüditigster Durdi^ 
sidit der Philosophiegesdiidite als metaphysisdie, nidit durdi objek* 
tive Tatsadienbetraditung, wohl aber durdi eine Nötigung des Un* 
bewußten erforderte Dogmen ersdieinen: der Begriff einer über* 
sinnlidien Welt und die Einführung Gottes in ein wissensdiafdidies 
System. Übersinnlidi ist »dasjenige, was prinzipiell nicht in die 

' H. Silbercr, Phantasie und Mythos, Jahrb. II, 1910, p. 622. Unter 
Wunschmaterial verstehe ich hier — nicht ganz in Übereinstimmung mit Silberer, 
der darunter bloß infantile verdrängte Vorstellungen begreift — alle durch das 
Unbewußte des Subjekts, nicht aber durch objektive Erkenntnis geforderten 
Inhalte. 



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PsyAoanalytisdie Anmerkungen zur Gesdiidite der Philosophie 177 

Sphäre des Sinnlidien hineingreift und daher prinzipiell nidit mit 
Sinnesorganen wahrgenommen werden kann«. <0. Ewald.) Nun 
sind viele täglidi von uns im Munde geführte Begriffe iibersinn^ 
lidie: die Materie ist etwas Übersinnlidies ebensogut wie die Kraft 
oder das Idi als Bewußtseinssubjekt oder das Unbewußte. Man 
kann im Denken und Spredien sdileditweg nidit auf Metaphysik 
verziditen. Versdiieden von dieser gleidisam durdi die Ökonomie 
unseres Denkens gebotenen Metaphysik ist die Annahme einer 
zweiten Welt, die häufig^ einer durdi unbewußte Motive be^ 
bestimmten Tendenz zur Entwertung der gegebenen Realität ent^ 
springt, mag es sidi nun beispielsweise um das Nirwana des 
Buddhismus, um die Ideenwelt Piatons oder um das Ding an 
sidi Kants handeln. Mehr oder weniger verhüllt blickt der wahre 
psydiologisdie Sadiverhalt aus allen diesen Fiktionen hervor. 

Fassen wir zunädist das psydiologisdie Phänomen, das im 
Laufe der Jahrtausende im Morgen^ und Abendlande zu so ver^ 
sdiiedenartigen Lehren geführt hat, näher ins Auge! 

Auf Grund der Forsdiungen Freuds und C. G. Jungs 
wissen wir, daß es in unserem Seelenleben zwei entgegengesetzte 
Strömungen- gibt: die eine strebt vorwärts, von der Mutter, der 
Kindheit weg zur Eroberung der Außenwelt, durdi sie löst sidi 
der Heranwadisende, der das Realitätsprinzip auf seine Fahne ge^ 
sdirieben hat, von der Gemeinsdiaft mit dem unendlidien Leben, 
mit dem er im Mutterleib zusammenhing, los, um ein Individuum 
im höheren Sinne des Wortes zu werden. Nidit ohne sdimerzlidie 
Kämpfe vollzieht sidi der Aufstieg zur Höhe des Lebens, dodi den 
sdilimmsten Feind trägt der Mensdi in sidi selbst, »die Sehnsudit 
nadi rüdtwärts, nadi dem eigenen Abgrund, dem Ertrinken in der 
eigenen Quelle, nadi der Versdilingung in die Mutter. Sein Leben 
ist ein beständiges Ringen mit dem Tode, eine gewaltsame und 
vorübergehende Befreiung von der stets lauernden Nadit. Dieser 
Tod ist kein äußerer Feind, sondern ein eigenes und inneres Sehnen 
nadi der Stille und tiefen Ruhe des Niditseins, dem traumlosen 
Sdilaf im Meere des Werdens und Vergehens«.^ Die »Sehnsudit 
hin zur heiligen Nadit«, zur Mutter, wo der Untersdiied zwisdien 
Subjekt und Objekt aufgehoben ist, ist die eine Quelle unserer 
Jenseitshoflfnungen, sofern sie nidit, einem zähen Lebenswillen ent^ 
Sprüngen, eine bloße Fortsetzung dieses Lebens voll Streit und 
Gefahr <mit einer leiditen Korrektur) erstreben,- audi Kunst und 
Philosophie tragen in ihrem innersten Kern das Verlangen »nadi 
dem Tode, der Bewegungslosigkeit, der Sättigung und der Ruhe«.^ 
Alle Entwid^lung beruht auf einer Wediselwirkung dieser zwei 

* Bezüglich der zweiten Quelle unserer Jenseitswünsche s. u. 

^ Die bei Schopenhauer nicht recht begreifliche Entzweiung des Willens 
wird durch die Annahme zweier Richtungen in uns psychologisdi verständlich. 

* Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. IV, 1912, p. 386. 

* Jung: I. c. 

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178 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Strömungen. Der Sdiöpfer steigt immer wieder in die Tiefe seines 
Unbewußten herab, um Kraft zu neuen Werken und Taten zu ge^ 
winnen. Jeder Fortsdiritt vollzieht sidi in der Weise jener Echter* 
na eher Springprozession, bei der die Teilnehmer zwei Sdiritte vor* 
wärts und einen rüdiwärts madien müssen. 

Es liegt nahe, drei Typen von Mensdien zu untersdieiden. 
Der eine, der Künstler, der Held, kehrt aus seinem eigenen Innern 
stets wiedergeboren herauf, »ein Antäus an Gemüte«, der den 
mütterlidien Ursprung berührt hat, der andere, der Neurotiker, 
ertrinkt in seiner eigenen Quelle, der dritte lebt ewig fremd seinem 
Unbewußten, aber audi ohne Außerordentlidies zu vollbringen. 

Das Unbewußte ist das Typisdie, das Generelle, das Band, 
das uns mit der Gesdiidite unseres Gesdiledites und dadurdi mit 
dem Leben des Alls überhaupt vereinigt, wohingegen das Bewußt* 
sein unseren eigensten Besitz, das wahrhaft Individuelle vorstellt. 
Wir verstehen von hier aus vielleidit, wie man immer wieder — 
auf dem Wege über die Tiefe unseres Idis — als der Weisheit 
letzten Sdiluß die Ineinssetzung von Mikrokosmos und Makrokosmos, 
von innerstem Idi und zentraler Weltpotenz, von mensdilidiem 
Atman und Atman des Universum verkündigt hat. Denn je weiter 
man in die Sdiiditcn seines Unbewußten hinabgelangt, je persön* 
lidier die Tiefe zu werden sdieint, desto mehr nähert man sidi 
faktisdi dem Allgemeinen. 

Wenn audi eine persönlidie Unsterblidikeit unwahrsdieinlidi, 
ja ausgesdilossen ist, so leben wir dodi gewiß in unseren Kindern, 
unseren Werken, in den Spuren unserer bildenden Tätigkeit fort. 
Das innere Erlebnis jedodi, das uns diesen Glauben eingibt, ist der 
im Unbewußten dunkel gefühlte Zusammenhang mit der Gene* 
rationskette, deren Glied wir sind. Ein soldier Glaube kann, falls 
er sidi mit einer Entwertung dieses Lebens verbindet, »das Reidi, 
das nidit von dieser Welt ist«, nur aus infantilem {individuell* 
prähistorisdiem) Material aufbauen und entstammt einer rüd^wärts 
geriditeten Sehnsudit, deren Wurzel in Anpassungssdiwierigkeiten 
<Unmöglidikeit des Vcrzidites auf das Lustprinzip) begründet ist. 

In der dünnen Luftsdiidit allgemeinster Betradhtungen auf dem 
Berggipfel der platonischen Ideenlehre landend, haben wir uns 
zu fragen, weldie unbewußten Kräfte an der Erriditung dieses 
hohen Baues sdiöpferisdi tätig gewesen sein dürften. Dodi ist 
Folgendes vorauszusdiid^en: Das ganz auf die Außenwelt geriditete 
reine Auge des griediisdien Volkes, das in seinen Philosophen von 
einem naiven Realismus zum Phänomenalismus <auf Grund des 
Mißtrauens in unsere sinnlidie Wahrnehmung) übergegangen war, 
wendet sidi erstmals mit Sokrates einer Betraditung der Innenwelt 
zu. Diese für die Gesdiidite des abendländisdien Denkens hodi be* 
deutsame und folgensdiwere Tat, von Sokrates mehr als Forderung 
ausgesprodien denn erfüllt, vollzieht sidi in großartiger Weise bei 
Plato, der dem Geist eine Riditung ins Transzendente wies, die man 



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Psydioanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 179 

ganz allgemein als Piatonismus bezeichnen darf und in der das Christen- 
tum durdi zwei Jahrtausende sdinurgerade weiterging. Die Wandlung, 
die sidi seit dem siebenten und achten Jahrhundert allmählich in der 
griediischen Psyche vorbereitete, führte im fünften Jahrhundert im 
Gesamtleben des Volkes und im Leben des einzelnen zu tiefer^ 
gehenden Störungen: an die Stelle des geschlossenen Kampfes gegen 
den äußeren Feind, den Perser, trat der innere Zwist zwischen 
Stadt und Stadt, ja selbst innerhalb der einzelnen Stadt, die De^ 
mokratie nimmt immer mehr überhand. In dieser Zeit, der Zeit des 
peloponnesischen Krieges, zeigt die Kunst ein ruhiges Antlitz von 
nie wieder erreichter Schönheit und verrät nichts von den Leiden* 
Schäften in der Brust der Künstler. Aber audi sie vermag nicht 
mehr die erregten Gemüter zu heilen, das Individuum wird asozial 
und sucht im Labyrinth seines eigenen Innern Trost und Zuflucht. 
Es beginnt die Geringschätzung der Außenwelt. Sokrates tritt auf 
und erklärt, er gehe nicht vor der Stadt spazieren, denn man könne 
von den Bäumen und Wiesen nichts lernen. Sein rvco&t oavrov 
<die Forderung des delphischen Apollo) ertönt als eine ernste 
Mahnung in dem Getümmel der hellenischen Welt. 

Erst Piaton hat den Bruch mit der Sinnenwelt vollzogen, 
nachdem bereits die Eleaten gelehrt hatten, daß hinter der Welt der 
Mannigfaltigkeit und des wechselnden Scheines das eine wahre Sein 
ruhe. Er, besser noch: Sokrates sind die Ahnherren des Ratio* 
naiismus, der die wahre Erkenntnis aus der Vernunft ableitet und 
das metaphysische An*sich*sein der Dinge a priori und apodiktisch 
gewiß mittels intellektualer Anschauung zu erfassen vermeint. In 
dem schönen Buche von L. Ziegler »Der abendländische Ratio^ 
naiismus und der Eros« wird gezeigt, wie das, was man später 
intellektuale Anschauung genannt hat, nichts anderes bedeutet wie 
den platonischen Eros, von dem im »Symposion«^ die Rede ist. 
Der von Mystik fast ganz freie Rationalist Sokrates, bei dem das 
Daimonion, das Unbewußte nur warnenden, negativen, nicht positiv^ 
schöpferischen Charakter trug, — hinter dem die Logik, um ein Bild 
Nietzsches in der »Geburt der Tragödie usw.« anzuziehen, wie 
ein Triebwerk stand, hinterließ seinem Schüler, in dessen Brust Be- 
wußtes und Unbewußtes, Philosophie und Theologie ein Leben 
lang miteinander haderten, den Ausbau der Ideenwelt, die durch 
den »Begriff« gefordert wurde, als sein Vermächtnis. 

Diese Welt von übersinnlicher Reinheit, von unbewegter und 
unveränderter Hoheit ist bei Pia ton nur auf künstliche weise mit 
der Welt der Ersdieinungen in Einklang gebracht. Die Ideenwelt, 
das »Wesen«, övrog öv, ovoia ist der Zweck des »Werdens«, ytveoiQ, 
das, was in der Seele aus Anlaß der Wahrnehmung der Sinnen^ 
dinge unendliche Sehnsucht nach dem Urbild, nach der verlorenen 



^ Piatons Gastmahl. Ins Deutsche übertragen von Dr. Rudolf Kassner. 
Diederidis, p. 63 ff. 



12* 



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180 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Einheit erregt,- dieses Streben nach der Höhe, das audi in den zer* 
streuten und unvollständigen Ersdieinungen waltet, aber ist der Eros, 
der philosophisdie Trieb, die platonisdie Liebe. 

Piatons metaphysisdier Dualismus, unter dem Einfluß jener 
religiösen Strömung entstanden, die in den orphisch-dionysischen 
Mysterien ihren Ausdrud^ gefunden hat, ist eine Konsequenz seiner 
erkenntnistheoretisdien Ansdiauung, die in dem Begriff etwas von der 
sinnlidien Wahrnehmung wesentlidi Versdiiedenes, und zwar quali* 
rativ Höheres, dem audi eine andere, wertvollere Wirklidikeit ent^ 
spredien müsse, erblidte. Diese jenseitige, immaterielle Welt aber 
ist nidit geistiger Art. Hatte bisher ein Stridi Sinneswahrnehmung 
und Körperwelt getrennt, so wurde nun durdi Plato die Grenz*^ 
linie zwisdien diesen beiden als einer Einheit und dem Reidi der 
Ideen, von dem sidi nur die negative Eigensdiaft des Immateriellen 
aussagen ließ, gezogen, wenn audi dieser Sdieidunc^ psycholo^ 
gisch der Abfall des Geistes vom Körper, der Widerstreit von 
Bewußtem und Unbewußtem, mit einem wort: der anthropologisdie 
Dualismus* <man könnte beinahe von einem neurotischen Dua^ 
lismus spredien) zugrunde lag. 

Vor Plato mußte die bange Frage aufsteigen: Wie gelangen 
wir zur Kenntnis dieser unbewegt thronenden Ideenwelt, deren 
sdiwädister Abglanz im Mensdien das logisdi-spradilidie Abstrak* 
tum der Begriffe ist? Auf keine andere Weise, lautete die Antwort, 
als durdi ein unmittelbar gewisses intellektuales Sdiauen, und diese 
Erwiderung entspradi völlig dem visuellen Typus des hellenisdien 
Volkes. Die Induktion der Erfahrung konnte niemals ein unfehlbar 
sidieres Wissen um das A^priori^Sein verbürgen. 

Eine zusammenhängende Darstellung der Ideenlehre zu geben, 
ist nidit unsere Aufgabe,- es verlohnt sidi aber, die intellektuelle 
Ansdiauung, den Eros, der in der folgenden Gesdiidite des Den* 
kens eine so widitige Rolle gespielt hat, als unleugbar vorhandenes 
psvc ho logisch es Phänomen, das bloß eine falsdie Deutung erfuhr, 
näner zu untersudien. Leopold Ziegler hat in seinem oben er* 
wähnten Budi eine trefflidie Sdiilderung dieser psydiisdi realen Er* 
fahrung — wir haben keinen Grund, an der Aussage so vieler be* 
deutender und wahrheitsliebender Männer zu zweifeln — unter* 
nommen und ist dabei didit an die Grenze dessen, was die Psydio* 
analyse aufgezeigt hat, gelangt. Wir geben zunädist seine Gedanken 
gekürzt wieder <p. 66 ff.>: Jede Konzentration des Bewußtseins 
auf einen einzigen Gegenstand hat ein erhöhtes Gefühl für die 
alleinige Wirklimkeit desselben zur Folge. Sudit der Mensdi unter 
all dem Wandel der rastlosen Vorstellungszusammenhänge, die in 

^ Nietzsche hat im »Problem des Sokrates« die Behauptung aufgestellt: 
»Die Instinkte bekämpfen müssen — das ist die Formel der Dekadenz: solange 
das Leben aufsteigt, ist Glüd; gleidi Instinkt.« Wir würden sagen: seine Triebe 
verdrängen müssen/ aber darin liegt noA nidit einmal etwas Neurotisdics, da die 
Neurose erst auf Grund der mißglückten Verdrängung entsteht. 



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Psydioanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 181 

ihm auftaudien, eine einzige Vorstellung festzuhalten, so gelangt er 
bald dazu, diesem Objekt eine vergleidisweise höhere W irklidikeit 
als der versdiwindenden Gesamtheit der übrigen zuzusdireiben. Ist 
dieser Gegenstand audi nodi durdi seinen besonderen Inhalt von 
allen anderen versdiieden, sdieint er sdion in sidi durdiaus aus*^ 
nehmend, unvergleidilidi, beziehungslos und gewissermaßen absolut, 
so wird eine starke Konzentration auf dieses Objekt das Gefühl 
erwed^en, als sei das gewöhnliche Dasein mit seinem gewohnten 
Gesdiehen verlassen, eine neue, schönere, über dem Weltgesetze 
der zeidichen Kontinuität stehende Sphäre erreidit. Ein solches Ob* 
jekt »sui generis« finden wir in uns selbst vor, in der Betrachtung 
unserer reinen Innerlidikeit. Die Vorstellung des bei sidi beharrenden 
Idis ist, wie alle Objekte im psydiologisdien Sinn, frei von den 
Formen der Kausalität und der Räumlidikeit, hingegen verläuft sie 
in der Zeididikeit und besitzt eine gewisse Intensität <die Stärke 
der sie begleitenden Gefühle). Da aber eine jede Versunkenheit des 
Mensdien in sidi selbst, jeder Akt der Kontemplation eben dadurdi 
ausgezeidinet ist, daß die Beziehungen zu allen übrigen Objekten 
außer dem eigenen Idi unterbrodien und aufgehoben sind, so fehlt 
audi die Möglidikeit, sich der Zeididikeit und Gefühlsstärke dieses 
Erkenntnisaktes bewußt zu werden, da alles Bewußtsein von diesen 
Dingen auf dem Vergleidien beruht und sofort aufhört, wo dieses 
unterbleibt. Aus dem subjektiven Gefühl nun, daß die Betradi*' 
tung des Idis frei ist von den wichtigen kategorialen Gesetzen und 
Formen, denen unsere Vorstellungen unterworfen sind, wird die 
tatsächliche Unbedingtheit der Selbstbesinnung gefolgert und so 
aus dem uns nächsten Symbol des Ewigen das An-sich^seiende 
Ewige selbst gemadit. Der Anhänger des Eros vergißt, daß nur 
sein Gefühl im Augenblick der Selbstschau die Zeidichkeit und 
Intensität seines Objektes aus dem Blickpunkt des Bewußtseins ver^ 
loren hat, weil er aufhörte, seinen Zustand mit dem vorhergehenden 
und nachfolgenden zu vergleichen,- diese kategorischen Formen aber 
sind noch lange nicht in cler Wirklichkeit aufgehoben, wenn sie sich 
dem beobachtenden Bewußtsein entzogen haben. Die selbstreflektierte 
Versunkenheit in das Ich wird zu einem tatsädilichen Verlassen der 
irdischen Welt und zu einem Verweilen im ewigen Ansich des 
metaphysischen Seins. Aus dem erscheinenden Abglanz des wahren 
Ansidis <?>, den wir gerade noch in glücklich^feierlichen Augen^ 
blicken zu erhaschen vermögen, wird das Metaphysische an sich selber, 
aus dem angesdiauten Ich cler Urgrund der Welt, das »seiend 
Seiende«. 

Wir haben es hier, falls es sich um einen länger dauernden 
Zustand handelt, mit dem zu tun, was Jung »Introversion« 
nennt. Die betreffenden Individuen schließen sidi immer mehr von 
der Realität ab und versinken in ihre Phantasie, wobei in dem 
Maße, wie die Realität ihren Akzent verliert, die Innenwelt an 
Realität und determinierender Kraft zunimmt. Eine Folge ist, daß 



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182 Alfr. Frh. v. Winterstein 



sich die Libido von den Objekten der Außenwelt auf das Idi zu- 
rüd^zieht und sidi in die Regression begibt, wobei die infantilen 
Imagines^ wiederbelebt werden. Dieses Versinken in die eigene 
Tiefe, Heruntersteigen zu den »Müttern«, hat infolge der libidinösen 
Überbesetzung das ganz einzigartige Gefühl einer besonderen Wirk* 
lidikeit zur Folge,- gegenüber dem Entstehen und Vergehen der 
Sinnenwelt, der wediselnden Libidobesetzung, herrsdit hier Unver^ 
änderlidikeit, »Beharren« im Gegensatz zum »Heraustreten« und 
»Zurüdikehren« <Proklus>. In dem Wesen der Libido, des Unbe^ 
wußten, wurzelt der Begriff der Ewigkeit, der nidit eine unendlidi 
lange Zeit vorstellt, sondern einer ganz anderen Bewußtseins* 
dimension angehört. Die Ewigkeit fängt nidit erst an, wenn die 
Zeitlidikeit aufhört, sondern beide bestehen sozusagen überein* 
ander. 

Die intellektuelle Ansdiauung besteht eigendidi in dem un* 
möglidien Verlangen eines dem visuellen Typus angehörenden Indi* 
viduums, sein eigenes Unbewußte, das Geheime, Verbotene zu 
sdiauen. Sobald man das Ineinanderfallen von Subjekt und Objekt 
nadigewiesen hat, verliert jeder Glaube an eine metaphysisdie Welt 
seine Bereditigung. Das erstrebte Sdiauen wird auf dem Höhepunkt 
der Ekstase beispielsweise bei Plotin durdi eine grobsinnlidie »Be* 
rührung«^ ein »lustvolles Erfassen des Absoluten« ersetzt und dieses 
Absolute selbst ist die eigene mütterlidie Tiefe, das AlUEine, 
wo der Untersdiied zwisdien Subjekt und Objekt aufgehoben ist. 

Ziegler hat vergessen, seinen klaren Ausführungen hinzuzu* 
fügen, daß jede intensive Einkehr in sidi selbst, jedes ZurüAziehen 
von der äußeren Realität motiviert ist. Es ist jene früher be* 
sdiriebene regrediente Strömung des Seelenlebens, der wir uns vor 
allem im Falle der Versagung, d. h. bei einer Entbehrung im 
realen Leben, oder bei einer allgemeinen Libidosteigerung, die aur den 
bereits eröffneten Bahnen nidit befriedigt werden kann, überlassen. 
Die Libido, für die die Realität durdi die hartnäAige Versagung 
oder Unmöglidikeit ihrer Befriedigung an Wert verloren hat, be* 
setzt unsere Gedankenbildungen, nun gilt nur mehr die von Freud 
sogenannte »neurotisdie Währung«, mit anderen Worten: die 
Übereinstimmung mit der äußeren vC^irklidikeit wird gleidigiltig, die 
seelisdien Vorgänge werden infolge ihrer Affektbetonung übersdbätzt. 
Dodi nur mit einem Anteil seiner Persönlidikeit ist es dem Indi- 
viduum gelungen, auf die infantilen Bahnen zu regredieren, neue 
Wunsdibildungen zu sdiaffen und die Spuren früherer, vergessener 
Wunsdibildungen wieder aufzufrisdien, der andere Anteil ist mit 
der Realität in Beziehung geblieben. Der daraus entstehende 
Konflikt wird Kompromißsdiöpfungen ins Leben rufen. Wenden wir 

' Bezüglich der Bedeutung von »Imago« s. )ung, ^3C'andIungen und Sym* 
hole der Libido, Jahrb. III, 1911, p. 164. 

- StammesgesAiditlidi werden die Tastempfindungen als die ursprünglichen 
angesehen ~ eine phylogenetisdie Regression! 



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PsydioanalytisAc Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 183 

uns nadi diesen allgemein giltigen Erwägungen der platonisdien 
Ideenlehre zu. 

Hatte sdion bei Sokrates der Begriff gegenüber der sinn- 
lidien Wahrnehmung eine entsdiiedene Höherwertung erfahren, die 
mit einer Überschätzung der geistigen Realität zusammenhing und 
der Ausgangspunkt einer Problemstellung geworden ist, deren 
diarakteristisdhe Äußerung der Universalienstreit des Mittelalters 
war, so wird bei Plato die ganze Frage ungleich mehr vertieft und 
ins Metaphysische gewendet. Sokrates meinte, man gelange zu 
den Begriffen induktiv, an der Hand der Erfahrung. Hier war nur 
Wahrsdheinlidikeit, nicht Gewißheit zu erreidien. Plato hingegen, 
der der Erfahrung innerlidi viel fremder^ gegenüberstand, drang 
auf unmittelbare Gewißheit. In dem, was er bezeichnenderweise 
»Eros« nannte, in der intellektualen Anschauung, glaubte er die 
Methode gefunden zu haben, zur Kenntnis des An^sich^seins der 
Dinge vorzudringen. Diese Sehnsucht, das reine Urbild von neuem 
zu sdiauen und ihm im begrifflichen Denken ähnlich zu werden, 
projiziert Plato auch in das Sinnending selbst, dem er ein gleidies 
Streben nach dem Übersinnlichen, ein gleiches Verlangen, aie Idee 
in sich darzustellen, zuschreibt. 

Indem sich Plato aus Gründen, die wir bloß vermuten, nidit 
wissen können (verdrängte Homosexualität?), in die Innerlichkeit 
zurüdtzog, löste er sich von den sinnlidien Vorstellungen der Außen* 
weit los, um zu den allgemeinen Begriffen aufzusteigen. Dieses 
Allgemeine, das in der äußeren Realität nicht anzutreffen war, er^ 
hielt nun aus der eben erwähnten Ursache eine intensive Gefühls* 
Verstärkung, bot anderseits auch an und für sich infolge seiner 
Eigenschaft, vieles einzelne unter sich zu fassen, diesem über* 
geordnet zu sein wie der Vater seinen Kindern, die Möglichkeit, als 
eine Art Kompromißbildung zwischen den wiederbelebten infantilen 
Imagines des Unbewußten und dem in Relation zur Außenwelt ver* 
bliebenen Stück der Persönlichkeit zu gelten. Wem diese Auffassung 
des Begriffes unglaubhaft dünkt, sei daran erinnert, daß sich Vor* 
läufer der Platonischen Idee bei den Peruanern, den Irokesen 
Nordamerikas, den Bewohnern der samoanischen Inselgruppe und 
den Finnen gefunden haben: das einer Erklärung bedürftige Vor* 
handensein einer Anzahl gleidiartiger Dinge wird auf die Erzeugung 
durch ein Urwesen zurückgeführt, das bald als ein älterer, den 
fraglidien Wesen an Kraft und Größe überlegener Bruder, bald als 
ihr im Land der Seelen wohnendes Urbild, bald als der auf einem 
Stern wohnhafte Gott oder Genius betrachtet wird^. 

1 Man wende mir nicht ein, daß Plato beständig vom Streben nadi Ver^ 
besserung der äußeren Welt geleitet wurde, also keineswegs bloß Theoretiker war. 
Eben in jenen mißgluAten Reformversudien verrät sidi nur allzudeutlidi der 
Glaube an die Allmadit seiner Gedanken. Audi die sokratisdie Gleidisetzung von 
Einsidit und <praktisAer) Tugend ist für diese Qbersdiätzung des rein Geistigen 
diarakteristisdi. 

- Vgl. Gomperz, Grierfiisdie Denker, II., p. 320, 573. 



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184 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Als soldie bot sich nur »das 
»Mütter«, »umschwebt von Bi 



Es klingt wie eine endopsychisdie Wahrnehmung der tat* 
sädilichen Determiniertheit des logisch^spradilichen Abstraktums durch 
das Unbewußte bei Plato, wenn dieser in leidenschaftlichen Worten 
eine diesen blassen Ideen entsprechende höhere Wirklichkeit fordert. 

angst nicht mehr Vorhandene« — die 
dern aller Kreatur« ^ Hätte uns nicht 
Goethe den Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses in die Hände 
gespielt, wir fänden vielleicht einen bedeutsamen Hinweis auf die 
»Imagines« des Unbewußten in dem platonischen Vergleich der Idee 
des Guten mit der Sonne, die ein in der Mythologie sowohl als 
auch in der Psychose und Psychoneurose geläufiges Vatersymbol 
ist/ jene Sehnsucht nach der metapsychischen Wirklichkeit, »wo nicht 
Ort, noch weniger eine Zeit« <!>, heißt bei Piaton — Eros, Philo- 
sophieren ist ihm Sterbenwollen, d. h. der Wunsch, ins Unbe- 
wußte wieder einzugehen, zu introvertieren, an einer anderen Stelle 
wieder Erinnerung, und zwar an die infantile Präexistenz, von der 
der Erwadisene ja gewöhnlich durch gänzliche Amnesie ge- 
trennt ist. 

Die dem Unbewußten eigentümliche Veränderungslosigkeit der 
Imagines kommt in der von rlato den Ideen verliehenen starren 
Ruhe trefflich zum Ausdruck/ die Körperwelt dagegen ist die Welt 
der Unruhe, des Entstehens und Vergehens, das bedeutet die ewig 
wechselnde Libidobesetzung der Objekte, denn immer sucht man das 
verlorene Ideal, ohne es zu finden. Liebt man aber einmal einen 
irdischen Gegenstand, so liebt man ihn nur als Bild des intelligibeln. 
Erinnert das nicht an die Bemerkungen Freuds über die Reihen- 
bildung bei der Objektwahl nach dem Vorbild der Mutter? Der 
Begriff der platonischen Liebe, wie er heute verstanden wird, erhält 
in diesem Zusammenhang einen sehr guten Sinn: er bezeichnet eine 
libidinöse Gefühlseinstellung, deren Aktivierung wohl durch unbe- 
wußt-^inzestuöse Phantasien <oft die Ursache der psychischen Im- 
potenz) verhindert wird. 

In großartiger Weise projiziert Plato den Eros in den ge* 
samten Lebensprozeß der sichtbaren Welt. Das ganze Weltall 
beherrscht der Trieb, in der unendlichen Reihe der sinnlichen Er- 
scheinungen die ewige Wahrheit und Schönheit der Idee zur Dar- 
stellung zu bringen. Die Idee ist das sehnsuchtweckende Bild und 
so Ziel und Zweckursache des irdischen Treibens. 

Wir haben oben flüchtig erwähnt, welch mächtigen Einfluß die 
orphisch-dionysische Religion auf Piatos Anstauungen von 
einem Jenseits ausgeübt hatte. In diesen Vorstellungskreis gehört auch 
die Auffassung, der Eros sei der Schmerz, womit der Dämon, 
der durch eigene rätselhafte Schuld in die Geburt gestürzt^ 

* Denn woraus soll eine solche zweite wesensverschiedene Welt erbaut 
werden, wenn nicht aus dem prähistorischen Material des Individuums? 

- Der Ausdrud< »Sturz in die Geburt« findet sich nicht nur bei den 
Orphikern, sondern audi im Buddhismus. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 186 

sei, nach dem verlorenen Paradies seines reinen und eigentlichen 
Wesens zurückverlange. Es ist wiederum nichts anderes wie jene 
Sehnsudit nadi der Kindheit, die also symbolisch verhüllt auftritt/ 
das dunkle Sdiuldgefühl mag in längst verdrängten infantiUsexuellen 
Regungen und Todeswünschen wurzeln. Nicht nur hier, auch in der 
Denkweise primitiver Völker finden wir die Identifizierung des 
Eintrittes in die Pubertät, in das Stadium der verstärkten Sexuali* 
tat mit einer Geburt^ 

Ziehen wir die Summe. Die Ideenlehre Piatos stellt sidi uns 
ihrem letzten Grunde nadi <wir sehen von dem intellektuellen Über* 
bau ab> als eine Libidotheorie dar, die eine Riditung unserer 
Psyche, jene »passion de la paresse« <La Rochefoucauld), von 
der Jung in seiner bedeutenden Arbeit »Wandlungen und Symbole 
der Libido«* handelt, in wundervoll durdigeistigter Weise zum 
Ausdruck bringt. Mit einem wissenschaftlidien Durdidringen der 
äußeren Wirklidikeit^ hat sie freilidi nidits zu tun. Das hinclert aber 
nidit, daß sie den allergrößten Einfluß auf die folgenden Denker 
ausgeübt hat, wodurdi sie ihre psydioIogisdi*reale Wurzel in der 
menschlidien Natur bewährt. Mit Sokrates^Plato beginnt die Er^ 
oberung der Innenwelt. Fast sdieint es, als wäre in jenem Jahr* 
hundert die Neurose* des abendländisdien Denkens ausgebrodien, 
von der wir uns heute nodi nidit befreit haben. Das Christentum 
fällt unter den erweiterten Begriff des Piatonismus — das Jenseits 
als Wille zur Verneinung der Realität! »Aber an der Wirklichkeit 
leiden, heißt eine verunglückte Wirklidikeit sein.« 

Kehren wir noch einmal zu dem, was wir oben intellektuelle 
Ansdiauung nannten, zurück. 

Wir haben gesehen, daß sie in dem Verlangen bestand, das 
Metaphysisdie, wir dürfen dafür einsetzen: das Metapsydiisdie, mit 
dem inneren Auge zu sdiauen^. Die unmittelbare Gewißheit, auf 
die das Individuum stürmisdi drang, erinnert uns beinahe an die 
Zweifel der Zwangskranken und ihr Streben nadi Sidierheit, indes 
die Betonung des Sehens einen Hinweis auf den sogenannten visu* 
eilen Typus enthält. Nicht ohne einiges Zögern werfe idi an dieser 
Stelle die Frage auf, inwieweit vielleidit ein Zusammenhang zwisdien 
diesem »type visuel« und dem infantilen Sdiautrieb, den das Ver^ 
botene zu sdiauen reizt, besteht. Über die Zusammenstellung der 
intellektuellen Anschauung mit diesem Sdiautrieb wird sidi wohl 

* Vgl. Frazer, Totemism and Exogamy, IV, p. 228 u. passim. 
•^ Jahrb. III und IV, 1911 und 1912. 

^ »Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, 
als um sie zu erforsdien.« Goethe über Plato. 

* Man darf vielleiAt im übertragenen Sinn von Neurosen einer Massen- 
psydic spredien. Der VergleiA ist natürlich nidit wörtlich aufzufassen. Und es ist 
— etwaigen Einwendungen gegenüber — hinzuzufügen, daß die Neurosen den 
Fortschritt madien helfen. 

^ Bei Fiditc ist die intellektuelle Ansdiauung die unmittelbare Auffassung 
des reinen Idis, das nidits anderes wie unser Unbewußtes bedeutet. 



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186 Alfr. Frh. v. Winterstein 



nur derjenige entrüsten, der die Vorbildlidikeit des Sexuellen nodi 
nidit kennen gelernt hat. Wie eine auf höherem Niveau erfolgende 
Wiederkehr der verpönten und verdrängten Sdiaulust — deren 
genauere Untersudiung uns tief in das Studium der infantilen 
Sexualität und speziell des Narzißmus hineinführen würde — mutet 
uns die infolge der Abkehr von der Realität libidinös überbesetzte 
Selbstbetraditung des Denkers an, der, ein .geistiger Narziß, seinem 
Denken förmlidi zusdiaut. Sein tiefstes Verlangen geht aber dahin, 
nidit mehr sein bewußtes psydiologisdies Idi, sondern sein Unbe^ 
wüßtes, den »Willen« Schopenhauers, das »Fünklein« Meister 
Eckharts zu erblid^en. 

Freud hat einmal die Phasen einer Zwangsneurose ganz alU 
gemein folgendermaßen besdirieben: An Stelle des verdrängten 
Sexuellen tritt eine affektvoll akzentuierte Handlung, die möglidbst 
weit davon entfernt ist, das Sexuelle setzt sidi aber dann doi\ so=^ 
weit durdi, daß es in der Zwangshandlung geradezu nadigeahmt wird. 
An diese Bemerkungen wird man erinnert, wenn man den Er^ 
kenntnisprozeß bei einem Mystiker wie Eckhart besdirieben findet. 
»Das Erkennen«, heißt es dort, »setzt Gleidiartigkeit voraus im 
Erkennenden und Erkannten. Sdhon das sinnlidie Wahrnehmen be^ 
deutet eine reale Vereinigung zwisdien dem Wahrnehmenden und 
dem Wahrgenommenen.« Die Auffassung des Erkennens als einer 
gesdileditlicnen Vermisdiung ist übrigens uralt und findet sidi be^ 
kanntlidi sdion in der Bibel. »Er erkannte sie«, d. h. er begattete 
sie, da die Erkenntnis ursprünglidi vor allem auf das SexuaU 
geheimnis geht <audi im Englisdien: »He new her«). Der Prozeß 
der Selbsterkenntnis, die an sidi den idealen Fall der Gleidiartigkeit 
um Subjekt und Objekt darstellt, ist, wenn sexualisiert, nidit nur 
durdi seinen Inhalt, sondern audi durdi die Tätigkeit des eigenen 
Denkens lustvoll <Funktionslust>. An irgendeiner Stelle spridit Freud 
von einem »Mißbraudi des Denkens« — ein Ausdrudi, dem man 
angesidits mandier unfruditbaren metaphysisdien Spekulation nur 
zustimmen kann. Vielleidit paßt audi der Aussprudi Lessings in 
diesen Zusammenhang, daß ihm mehr am Sudien der Wahrheit als 
an ihr selbst gelegen sei. 

Es ist bedeutsam, daß der Mystiker Eckhart den Vorgang 
der Erkenntnis des eigenen Idis als götdidie Dreieinigkeit^ darstellt. 
Idi setze einige bezeidinende Stellen aus Eckhart hieher: »In dem 
klaren Spiegel der Ewigkeit, dem ewigen Sidiselbstwissen des 
Vaters, da gestaltet er ein Abbild seiner Selbst, seinen Sohn. In 
diesem Spiegel bilden sidi alle Begriffe ab und man erkennt sie 
darin,- freilidi nidit als Kreaturen, sondern als Gott in Gott.« 
Außer Gott ist bei Eckhart die Kreatur ein lauteres Nidits. »Das 
reine Wissen als Beziehung der Seele auf sidi selbst ist immateriell 
und hat mit Raum und Zeit nidits zu sdiaffen« <vgl. das oben über 

^ Schlegel hat einmal die He gel sehe dialektisdic Methode die Methode 
der Dreieinigkeit genannt. 



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Psydioanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 187 

die intellektuelle Anschauung Gesagte). »Diabolus est Deus inversus« 
das Böse ist der verkehrte Wille des Guten. »Gott liebt nidits als 
sid) selbst oder sein Gleidinis in allen Dingen« <hier wird der 
Narzißmus im Gegensatz zur Objektliebe deutlidi ausgesprodien/ 
man denke audi an die Liebe Gottes bei Spinoza). 

»Durdi den Akt des in sidi selbst Reflektierens wird die Natur 
zur Person und als Person heißt die Natur , Vater'.« Sdiließlidi: 
>Die Reflexion in sidi ist das Wissen, der Vater ist also die reine 
Vernunft, die sidi selbst vollkommen durdisdiaut. Das Objekt dieses 
Wesens ist der Sohn oder das Wort und die Liebe zwisdien Vater 
und Sohn, als ihre ewige gegenseitige Beziehung aufeinander, ist 
der heilige Geist.« Hier wird Erzeugen und Spredien gleidigcsetzt. 
Aus diesen und ähnlidien Aussprüdien Eckharts geht audi her^ 
vor, wie groß die Rolle des Narzißmus vornehmlidi bei den My^ 
stikern ist. So, wenn sie beispielsweise lehren, daß im Paradies ein 
jedes Ding sidi im anderen spiegelt, der Baum im Mensdien, der 
Mensdi im Tiere usw^ 

Was hier als Vergleidi gebraudit wird: das Bewußtseins^ 
Subjekt setzt das Bewußtseinsobjekt, der Geist erzeugt das Wort — 
so gebiert der Vater den Sohn, kann für uns, die wir keinen Zu^ 
fall im Psydiisdien anerkennen, nidit ohne Bedeutung sein. Die Ver^ 
mutung ist vielleidit nidit völlig abzuweisen, daß der an und für 
sidi neutrale Akt der Selbstbetraditung <der die psydiologisdi inter* 
essante Frage nahelegt, ob es sidi dabei um eine tatsädilidie 
Gliederung in Bewußtseinssubjekt und ^objekt handelt) dem Miß^ 
braudi ausgeliefert wurde, »den die weggelogene und verdrängte 
Sexualität mit den hödisten seelisdien Funktionen treibt»-. Gefühle, 
die dem Vater gegenüber unterdrüdct werden mußten, steigen aus 
Tiefen der Verdrängung herauf und hypostasieren zwei Bestand* 
teile des Erkenntnisvorganges zu zwei Personen, wobei sie die 
Zweideutigkeit des Wortes »Erkennen« und seine erkenntnis* 
theoretisdie Auffassung <reelle Einigung mit dem Objekt) benützen, 
um libidinöse Beziehungen zwisdien diesen zwei nicht sdiarf von^ 
einander zu sondernden Gliedern des einen Aktes herzustellen. 
Möglidi, daß die Relation zwisdien Vater und Sohn, den Personi^ 
fikationen von Bewußtseinssubjekt und ^objekt, das unbewußte 
Motiv jenes Rüd^zuges vor der Außenwelt war, der den Narziß- 
mus und die Mißaditung der Kreatur als lauteren Nidits zur Folge 
hatte. Und die audi anderwärts ausgesprodiene Meinung, daß ein 
tieferer Zusammenhang zwisdien Narzißmus und Homosexualität 
bestehe, würde in diesem Falle wenigstens keinen Widersprudi er^ 
fahren. Die älteste Form der Beziehung zwisdien zwei gleidi* 

^ Zit. nach R. Kassner: Der indische Gedanke, Inselverlag, 1913. — 
Nietzsche: »Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält alles 
für schön, was ihm sein Bild zurückwirft: das Urteil ,schön' ist seine Gattungs- 
eitelkeit.« 

Mung, Jahrb. IV, p. 346. 



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OrfgfrTaffrom 
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188 Alfr. Frh. v. Winterstein 



gcsdilechtlichen Individuen, die nodi überdies einander oft sehr 
ähnlidi sind, die Identifikation mit diesem väterlidien Sexualobjekt 
— und die beim Narzißmus vorhandene Identität mit dem Gegen* 
stand seiner Liebe: idi glaube, das spridit deutlidi genug für eine 
Annäherung der zwei Phänomene. Sublimierte Homosexualität und 
geistiger Narzißmus sind bei Eck hart gewissermaßen auf einen 
AusdruA gebracht^ 

Hinter Gott, der Einen göttlidien Natur, die sidi »zu einer 
Dreiheit von Personen entfaltet, indem sie sidi selbst erkennend sidi 
ansdiaut als ein reales Objekt ihres Erkennens und sidi in Liebe 
und Freude an diesem ihrem Tun immer wieder in sidi zurüd^nimmt«, 
ruht das in sidi selbst verborgene Absolute, die Gottheit. Wir 
dürfen wohl sagen: der kleinere Kreis des Bewußten und seiner 
Erkenntnistätigkeit ist vom größeren Kreis des Unbewußten einge* 
sdilossen. Die sittlidie Aufgabe besteht nadi Eck hart darin, sidi 
durdi unmittelbare Ansdiauung mit dem Absoluten zu vereinigen 
und so die Gottheit lustvoll zu besitzen. Das heißt mit anderen 
Worten: man soll in die eigene Tiefe steigen und sich seiner infantil 
gebundenen Libido hingeben. Das Sollen drüAt nur die für 
Eckhart natürlidie Riditung der rüddäufigen Strömung im Seelen* 
leben aus. Audi hier liegt dasselbe Mißverständnis wie bei dem 
oben erwähnten Begriff der Ewigkeit vor: etwas, was hödistens als 
Symbol des Absoluten gelten kann, der in der Mutter wurzelnde 
Urgrund des Individuums, wird für das Absolute selbst ausgegeben. 

Vergleidien wir Mystik und Rationalismus, so sehen wir, wie 
innig beide zusammenhängen^. Man könnte sagen: der Rationalis* 
mus ist eine aufgeklärte Mystik, die Mystik ein theologisdier 
Rationalismus. Beim Rationalismus heißt das metaphysisdie An^sidi* 
sein nidit mehr Gott, bei ihm überwiegt der ErkenntniszweA, indes 
der Mystiker vor allem die Vereinigung mit der Gottheit im Auge 
hat. Beide bedeuten einen Fortsdiritt gegenüber den Projektionen 
der Religion, indem sie das tiefste Geschehen in das mensdilidie 
Gemüt verlegen. Und von da ist der Weg nidit mehr allzuweit zu 
ihrer Interpretation als <versdiobene und symbolisdi verkleidete) 
Libidotheorien. Mag man über jene Entgötterung der Welt audi 
klagen : aber möge man nidit vergessen, daß nodi genug des Rätsel* 
hatten und Sdiid^salsmäditigen in der eigenen Seele bleibt. 

^ über den Mystiker hat L. Feuerbach in den Noten zum »Wesen des 
Christentum« <Kröners Volksausgabe, p. 181> naAstchendc treffende Worte ge* 
sagt: »Sein Kopf ist stets umnebelt von den Dämpfen, die aus der ungelösditen 
Brunst seines begehrlichen Gemüts aufsteigen.« Ferner: »Er setzt sidi einen Gott, 
mit dem er in der Befriedigung seines Erkenntnistriebes unmittelbar zugleidi seinen 
Gesdilcditstrieb, d. h. den Trieb nadi einem persönlichen Wesen befriedigt. So ist 
auch nur aus der Unzucht eines mystischen Hermaphroditismus, aus einem woU 
lüstigen Traume, aus einer krankhaften Metastase des ZeugungsstofFes in das 
Hirn das Monstrum der Schellingschen Natur in Gott entsprossen,- denn diese 
Natur repräsentiert, wie gezeigt, nichts weiter, als die das Licht der Intelligenz 
verfinsternden Begierden des Fleisches. *< 

- Vgl. auÄ L. Zieglers op. cit., p. 70. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 189 

Sclion mehr als einmal war im Verlaufe dieser Arbeit vom 
Gottesbegriff die Rede. Bevor wir nun zur Besprechung der kosmo^ 
gonischen Phantasien — denn das sind die philosophisdien Systeme, 
die Gott an den Anfang setzen — übergehen, wollen wir einen 
Augenblick Halt machen und die möglichen Bedeutungen des Gottes* 
begriffes ganz flüditig betrachten. Gott ist, abgesehen davon, daß er 
eine Erhöhung des Vaters^ darstellt, eine Personifikation psychischer 
Phänomene. Er kann einmal — mit einigen Einschränkungen — 
als Projektion der wunscherfüllenden, allmächtigen, allweisen endo* 
psydiischen Instanz des Unbewußten gelten, weldi letztere während 
unseres ganzen Lebens das leistet, was der Vater nur dem be* 
wundernden Kind zu leisten sdiien. Auch der Kindern, Primitiven 
und gewissen Neurotikern eigentümliche Glaube an die »Allmacht 
der Gedanken« <Freud> erschafft sich, wenn ihn die Wirklichkeit eines 
anderen belehrt, in Gott eine Wunscherfüllung, vielleicht auf dem Um^ 
wege über den Vater, unser erstes Ideal. Wir wissen, daß das Kind 
seinem Gotte die Züge des Vaters, des zornigen und des liebenden 
(Altes und Neues Testament), leiht und sich der Erwachsene in 
Momenten der Hilfsbedürftigkeit in den Schutz dieser infantilen 
Madit begibt. 

Der Teufel, »Deus inversus», der eine Personifikation unseres 
elementaren Trieblebens <Freud> vom Standpunkt des ablehnenden 
Bewußtseins <oder audi der entgegengesetzt gerichteten, regredienten 
Strömung im Seelenleben) ist, kann, wenn er als von Gott ab- 
fallend dargestellt wird, die im Verhältnis zum Vater existierende 
Komponente des Hasses bedeuten, während Gott auch ein Symbol 
unseres Bewußtseins, unserer höchsten Sexualverdrängung, unserer 
sittlidien Persönlidikeit, kurz: unser Ideal ist. 

In der Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt kann 
man zweierlei Systeme unterscheiden: das Emanation s^ und das 
Kreationssys tem^ Dem erstgenannten begegnen wir in der grie^ 
chischen Philosophie zuerst bei Heraklit und dann bei den Stoikern. 
Beide fassen (las Wesen Gottes als feurige, erwärmende und 
bildende Kraft auf (Urfeuer bei Heraklit, /.oyo^ a.Tfo/mrfxdc bei 
den Stoikern), die alles in der Welt in ewig erneutem Kreislauf 
aus sidi hervorgehen und in sich zurüd<strömen läßt, wobei das 
Ganze das Beharrende, sich ewig neu Erzeugende ist <Sch wegler). 
Die Welt ist also eine Ausstrahlung Gottes in der Art, daß die 
mittelbare oder entferntere Emanation einen geringeren Grad von 
Vollkommenheit besitzt als ihr Prinzip, daß demnadi die Gesamt^ 
heit des Seienden ein absteigendes Stufenverhältnis darstellt. Die 
Emanationslehre findet ihre großartige Ausgestaltung bei den Neu^ 
platonikern, später bei Scotus Eriugena una Meister Eck* 
hart, in der neuzeitlichen Philosophie kehrt sie beispielsweise bei 

' »Die Gefühlsbedeutung des Vaters ist in Gott als äußerlidie Madit 
projiziert.« Freud. 

- Thomas von Aquino hat einen Mittelweg eingesdilagen. 



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190 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Jakob Böhme und Spinoza^ <clessen Auffassung sidi in vielen 
Punkten eng mit der stoischen berührt) wieder. Dem Kenner der Psydio^ 
analyse ersdieint diese ganze Theorie, die sidi audi im wahn- 
system des geistvollen Paranoikers Schreber^ findet, als eine Pro^ 
jektion gewissermaßen endopsydiisdi wahrgenommener Libidovor- 
gänge, als eine Darstellung der Emanation der beim Idi im 
Stadium des Narzißmus^ verbleibenden Triebe, die zur Objekt^ 
besetzung führt, und der immer wieder zu diesem Ausgangspunkt 
erfolgenden Regression^. »Im Wechsel liegt Erholung«, sagtHeraklit. 
Ein solches Alternieren zwischen den zwei Strömungen gehört 
vielleicht zu den normalen Vorgängen in uns. Und der Untersdiied 
im Rang, den beispielsweise ein Plotin zwischen dem »Unendlich^ 
Einen«, wo die Entgegensetzung von Subjekt und Objekt aufge^ 
hoben ist, und der sinnlidien Welt als der entferntesten Emanation 
madht (vovg und Seele sind eingeschobene Glieder dieses kosmo^ 
logischen Prozesses), drückt auf recht bezeichnende Art die ver- 
schiedene Bewertung von eigenem Sexualsubjekt^Objekt und dem 
fremden Libidoobjekt aus. Auch das von Plotin angewendete 
Gleichnis des Lidites, weldbes, ohne selbst an seinem Wesen einzu^ 
büßen, in die Finsternis strahlt, deutet geradeso wie die »Gottes^ 
strahlen« Schrebers auf ein Libidosymbol. Idi erinnere ferner an 
das, was ich oben über die intime Beziehung von Narzißmus und 
»Vaterimago« <Gott> gesagt habe. 

Der vom Neuplatonismus wie von aller Mystik erstrebte 
subjektive Zustand cler Ekstase, wo das Subjekt »sich des Abso^ 
luten innerhalb seiner selbst bemäditigt, es umarmt <!>, wo das 
innere mystische Schauen'^ einer Berührung ((LT/coatc) des Absoluten 
gleichkommt, wo das Subjekt sich vom Absoluten erleuditet und 
erfüllt fühlt«, ist uns ebenfalls seinem Wesen nach schon bekannt 
<gesteigerte Introversion,- die Vaterimago trinkt wie der Schatten in 
cler griechischen Unterwelt gewissermaßen Blut und erwacht zu 
vollem Dasein). Der vermutete Zusammenhang zwischen Narziß^ 
mus und infantiler, konstitutionell verstärkter Sdhaulust^^ — Alfred 
Adler würde von einer Triebverschränkung sprechen — wird durch 
die große Bedeutung, die in den Plotinischen »Enneaden« dem 
^fhcooFiv« eingeräumt wird, bis zu einem gewissen Grade bestätigt. 

^ Welcher Unterschied freilich zwischen dem Urfeuer Herakh'ts und der 
abstrakten Substanz Spinozas! 

- »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«, Leipzig 1903, Mutze, p. 19. 

^ Vgl. Freud, Psychoanalyt. Bemerkungen über einen autobiographisdi be- 
sdiriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. III, 1911, p. 54. 

* Ich erinnere hier auch an die drei Momente des dialektischen Prozesses 
bei Proklos: Beharren, Heraustreten, Zurückkehren, Movi), :tqöoöoc;, i7n<iToo(fi]. 

'' Das mystische Fühlen der Gottesnähe, das sogenannte persönliche innere 
Erlebnis. 

® Die narzißtische Lust am eigenen Gliede ist mit der Lust, die Genitalien 
des anderen zu sdiauen, versdiränkt. — Schreber macht auf p. 16 seines oben 
zitierten Buches folgende Bemerkung: »Die Seligkeit bestand in einem Zustand 
ununterbrochenen Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes.« 



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PsyAoanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 191 

In der III. Enneade, Budi 8;. antwortet die Natur jemandem auf 
die Frage: »Weswegen sdiaffst du?« »Weil icfi eine sdiaulustige 
Natur bin.« Und über den Narzißmus, der unser aller Denkweise 
beherrsdit, äußert sidi Plotin in der V. Enneade, Budi 8, wie 
folgt: »Wir indessen, die nidit gewöhnt sind oder nidit verstehen, 
in das Innere zu sdiauen, jagen dem Äußeren nach, ohne zu 
wissen, daß es das Innere ist, was uns bewegt,- wir gleidien einem 
Mensdien, der beim Anblick seines eigenen Bildes nidit wüßte, wo^ 
her es kommt, und ihm nadijagte.«^ 

Wir sagen nidits Neues, wiederholen vielmehr nur mit 
anderen Worten sdion Gehörtes, wenn wir dem Gedanken Aus^ 
druck geben, daß dieses Absolute, mag es nun <mit deutliciiem Hin* 
weis auf seinen Symboldiarakter) Urfeuer, Gottheit, Erstes, Sub^ 
stanz, Geist, Wille oder wie immer heißen, oft gegenüber der 
flüchtigen, veränderlichen Sinnenwelt die unveräncierlidie Libido 
gegenüber ihren ewig wediselnden Besetzungen bedeuten kann. Im 
»Rigveda« ist die Welt direkt als Libidoemanation aufgefaßt. In 
Wagners »Tristan und Isolde« kommt es auf dem Höhepunkt der 
Liebesraserei zu einem Weltuntergange. Indes hier das SexuaU 
objekt alle der Außenwelt gesdienkten Besetzungen an sidi zieht, 
saugt während des stürmisdien Stadiums der Paranoia das Ich des 
Kranken selbst diese Besetzungen ein, wodurch die Weltkatastrophe 
herbeigeführt wird-. 

Das Versinken in die eigene Libidoquelle, das Verlangen, 
in die eigenen Eltern wieder einzugehen, den Weg von neuem zu 
betreten, der in die dunkelste, fernste Vergangenheit, ins Absolute 
zurückführt, drückt auch den Wunsdi jener mächtigen Strömung 
in unserem Innern aus, zu einem neuen und anders beschaffenen 
Leben geboren zu werden. Wie hier kosmisches und egoistisches 
Gefühl durdieinanderspielen, läßt sidi im einzelnen nidit mehr sagen. 

Im Absoluten ist der Untersdiied zwisdien Subjekt und Ob^ 
jekt ausgelösdit. Dies wird von dem Individuum als lustvoll 
empfunden und ist unseres Eraditens von wesentlicher Bedeutung 
bei den ästhetischen Einfühlungsvorgängen. Vielleidit liegt darin 
eine Art Sehnsucht nadi dem Zustande vor der Geburt^. 

Absdiließend möchte ich nodi die Emanationstheorie ^ 
J. Böhmes mit wenigen Worten berühren. Da ist vorerst seine 
Lehre von der ewigen Natur in Gott. Der anthropologische Dualis^ 
mus zwischen Materie, Unreinem, Finsternis auf der einen und 
Geist, Bewußtsein, Licht auf der anderen Seite wird in Gott, den 



^ Nach einem alten Mythus war Bacchus, als er sich in einem Spiegel be- 
trachtete, so entzückt von seiner Schönheit, daß er die Natur nach seinem Bilde 
formte. (Zit. bei O. Kiefer, Die Enneaden des Plotin, Diederichs, 1905.) 

2 Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. III, p. 61. 

^ Vgl. Karl Joel, »Das Urerlebnis<^. Zit. bei Jung, Jahrb. IV, p. 316. 

* Eigentlich eine Verbindung von Emanation und Kreation. 



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192 Alfr. Frh. v. Winterstein 



gemeinsamen Urgrund, als von Anfang an bestehend, verlegt — 
eine Umgehung, nidit eine Lösung des Problems von Körper und 
Geist. Hier wird der Widerstreit von Bewußtem und Unbewußtem 
unnötigerweise auf Gott übertragen, Gott ist bei Böhme nidits 
anderes wie eine Projektion seiner eigenen neurotisdien Psydie. Es 
ist, als ob Böhme den Konflikt, dessen Lösung für ihn zu sdiwer 
war, vertrauensvoll seinem Vater übergeben hätte. Da ihm ein 
Maditsprudi Gottes zum Verständnis der SAöpfung nidit genügte, 
sudite er nadi einer natürlidien Erklärung der Natur und entdeite 
so zwei letzte Qualitäten. Weil aber die Annahme von zwei 
selbständig existierenden Urelementen mit seiner religiösen Ge* 
sinnung unvereinbar gewesen wäre, setzte er diesen Gegensatz in 
Gott selbst — er untersdiied ein sanftes, wohltätiges und ein 
grimmiges, verzehrendes Wesen <das vollkommenste Wesen und 
die böse Welt). Alles Feurige, Bittere, Herbe, Zusammenziehende, 
Finstere, Kalte kommt aus einer göttlidien Herbigkeit, Bitterkeit, 
Kälte und Finsternis, alles Milde, Glänzende, Erwärmende, Weidie, 
Sanfte, Nadigiebige aus einer milden, sanften, erleuditcnden Quali*' 
tat in Gott^ Die Ersdieinungswelt spaltet sidi nodi einmal in 
Gutes und Böses, Sdiönes und Häßlidies, Wahrheit und Irrtum. 
Wir dürfen vielleidit sagen, daß die dem Vater gegenüber herr* 
sdiende ambivalente ^ Gefühlseinstellung auf Gott projiziert und auf 
sie alle Versdiiedenheit in der Qualität der Dinge zurückgeführt 
wurde. Idi erinnere an dieser Stelle audi an Empedokles, der zwei 
Kräfte als Prinzipien der Bewegung annahm : die Liebe als das Ver- 
einende und den Haß als das Trennende. 

Im Gegensatz zu der Emanationstheorie, wo die Ersdieinungs- 
welt aus dem Ding an sidi emaniert <mit oder ohne Remanation), 
ist nadi der Kreationsauffassung das Ding an sidi von uns völlig 
wesensversdiieden. Für Augustinus, den bedeutendsten Yertreter 
dieser Riditung, ist »mundus a deo ex nihilo creatus«. Über die 
Bedeutung des »nihil« ist viel gestritten worden/ einige nahmen ein 
totales Nidits an, andere meinten, das »nihil« heiße soviel wie 
wüste ungeformte Materie. In diesem Falle würde es sidi um die 
stärkste Entwertung des gegenüber der Emanationstheorie immerhin 
wenigstens nodi vorhandenen sexuellen Partners^ handeln. 

Das anfänglidie Befremden über diese Gleidistellung von 
letzten kosmisdien Potenzen und den zwei Gesdileditern verliert ein 
gutes Stück seiner Bereditigung, wenn man sidi vor Augen hält, 
daß die Mensdiheit in ihren urtümlidien Bildern überall den Körper, 
die Materie <vgl. den etymologisdien Zusammenhang mit mater) 
als das weiblidie, negative, gebärende, den Geist, das Erkennen 



^ Zit. nach L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, p. 58. 
Kröners Volksausgabe. 

'-' Nach einem treffenden Ausdrudv von E. Bleuler. 

^ Bei einem Philosophen unserer Tage, O. Weininger, ist die Gleidiung 
Weib^NiditS'Materie zu neuem Leben erwadit. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 193 

als das männlidie, positive, zeugende Prinzip aufgefaßt hat. In der 
indischen Bhagavad Gita werden die Körper Ksdietra (Gefäße, 
fruchttragender Boden, Mutterleib) genannt. Dasjenige, was <in dem*' 
selben) Bewußtsein hat, heißt Ksdietradsdina (der Geist). Der 
höchste Weltgeist ist die erzeugende, befruditende Kraft, die Welt^ 
seele (Paramatma) in der ganzen Natur. Und in der Lehre des 
Buddhismus ist das Erkennen die formende Kraft, die aus den 
materiellen Elementen ein Wesen, das einen Namen trägt und mit 
einem Körper bekleidet ist, entstehen läßt\ Die diinesisdie Sdirift 
besitzt für das Wort »Weib« und das Wort »Negation«^ das 
gleiche Zeichen. Die Beispiele ließen sich natürlich vermehren. 

Hätte — um an das Frühere wieder anzuknüpfen — das 
>nihiU hingegen die Bedeutung eines völligen Nichts, so käme bei 
der Erschaffung der Welt etwas Ähnliches wie der früher erwähnte 
Glaube an die »Allmacht der Gedanken«^ in Betracht. »Und 
Gott sprach^: Es werde Licht. Und es ward Licht.« Gott ist 
hier der wunscherfüllenden endopsychischen Instanz gleichzusetzen. 

Zur Unterstützung dieser »sexualistischen« Interpretation führe 
ich folgende Sätze Jungs an: »Bei Anaxagoras handelt es sich 
darum, daß die lebendige Urpotenz des vovg der toten Urpotenz 
der Materie wie durch einen Windstoß die Bewegung erteilt. Dieser 
vovg, der dem späteren Begriff des Philo, dem Aöyog öJisouartKÖg 
der Gnosis und dem paulinischen jrvsvi^ta sowie dem Jivhviia der 
nebenchristlichen Theologien schon recht ähnlich ist, hat die alte 
mythologische Bedeutung des befruchtenden Windhauchs, der die 
Stuten Lusitaniens und die ägyptischen Geier befruchtete.« 

Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, daß die bei den 
Naturvölkern überaus verbreiteten Weltelternmythen, die sich indes 
auch in den Kosmogonien^ der Kulturvölker finden, in den ent^ 
wid<elten Religions^ und Philosophiesystemen zumeist den Schöpfungen 
der Welt durch Gott allein den Platz einräumen, was sich vielleicht 
dadurch erklärt, daß die Libidobesetzung der Mutter infolge von 
Inzestwiderständen schon sehr bald und in ausgiebiger Weise auf 
den Vater verschoben wurde, wodurch dessen beinahe pathologische 
Überbesetzung begreiflich wird. Ich hege überhaupt die Vermutung, 
daß die religionsbildende Kraft vom Sohne ausgeht, Religion hat der 
Sohn, indes der Vater (nach einer Äußerung Freuds) die Gesetze 
gibt. Der Gott der Juden ist ein strenger Gesetzgeber der Un^ 
mündigen, das Christentum (wohl auch der Mithraskult) die Schöpfung 

^ Oldenberg, Buddha, p. 256. 

2 Was am Weibe negiert wird, ist der Penis. Die Feststellung dieses 
Untersdiiedes hat für das kindlidie Denken die folgen reidiste Bedeutung. 

^ Vgl. auA den bergeversetzenden Glauben des Christentums! 

^ Wir haben an früherer Stelle Gelegenheit gehabt, auf die Identifikation 
von Spredien und Zeugen hinzuweisen. 

^ Unter den Gnostikern ist es namentlidi Bardesanes, der dem »Vater 
jdes Lebens« eine weiblidie Gottheit als empfangende Potenz bei der Weltbildung 
rur Seite gab. 

Imajo II 2 13 



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194 Alfr. Frh. v. Winterstein 



des mündig gewordenen liebenden Sohnes. Das Alte Testament 
kennt nur den Begriff des Gerediten, nidit den des Heiligen wie 
die JesuS'Religion <K assner). Der Heilige ist einMensdi, der, um nidit 
eine Person lieben zu müssen, alle, ja alles liebt ^ und so auf eine 
ardiaisdie Stufe regrediert, wo die Sonne sein Bruder und der Mond 
seine Sdi wester ist <hl. Franciscus von Assisi, ähnlidi mandie 
Geisteskranken). Der Heilige hat ein exquisit infantiles Weltbild: es 
ist alles eine Familie, die Eltern sorgen sdion für einen ^. 

Einen Hinweis auf die der Verdrängung verfallene Bedeutung 
der Mutter können wir — wie oben festgestellt wurde — in der 
völlig zurüd^tretenden Rolle entded^en, die in einem System die 
Materie, aus der Gott die Welt sdiafFt, gegenüber seiner Allmad)t 
spielt. Es besteht ein tieferer Konnex zwisAen der Tendenz zur 
Entwertung des Weibes, die aus der Sexualablehnung ^ resultiert, 
und dem neurotisdi verstärkten Glauben an den besonderen Reali* 
tätsgrad des Geistigen. Die zurüAgezogene Libido hat eine Über- 
besetzung des Denkens zur Folge. Aber »naturam si expellas furca, 
tamen usque recurret«. Die blutlosesten Begriffsverhältnisse werden 
nun einmal nadi dem Vorbild des Sinnlidien aufgefaßt. 

Allgemeinste Seinskategorien sollen die einzelnen Ersdieinungen 
»erzeugen«, ihre Gesetze sollen sidi Befolgung »erzwingen«^. Nodi 
die Hegelsdie dialektisdie Methode, die die der Position zur Seite 
gestellte Negation zum Vehikel des dialektisdien Fortsdiritts und der 
realen Entwid^lung überhaupt madit, zeigt die Spuren dieser irdi* 
sdien Herkunft. Selbst die hödisten intellektuellen Operationen sind 
also oft an die Vorbildlidikeit des Sexuellen gebunden. 

Die Annahme, daß die Ersdieinungen durdi Gott allein erzeugt 
werden, hat ihre Heimstätte in der Religion und geht wohl auf die 
früher erwähnte Abkehr von der Mutterlibido unaentsprediend ver^ 
stärkte Besetzung der Vaterimago zurüd^. Der Glaube an die AIU 
madit der Gedanken fließt ununtersdieidbar in den Glauben an die 
Allmadit des Vaters über. In der dirisdidien Religion hat Gott 
seinem Sohn gegenüber direkt androgynen Charakter, indem er mit 
einer Gebärmutter versehen wird (Mißlungene Verdrängung des 
anderen Elternteils). Bei Petavius, de Trinitate lib. V. c. 7, § 4 
heißt es: »Ebenso sagt die Sdirift, daß der Sohn aus der Gebär^ 
mutter vom Vater erzeugt sei/ denn obgleidi in Gott keine Gebär^ 
mutter, überhaupt nidits Körperlidies ist, so ist dodi in ihm wahre 
Erzeugung, wahre Geburt, die eben mit dem Worte: Gebärmutter, 
angezeigt wird.« 

' Vgl. die Worte: »Da sie <die Welt) ein Korn Staubes ist, nimm allen 
Staub an dein Herz! Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle 
Menschen!« 

- Wie ganz anders empfand die Antike mit ihrer Distanz zum Objekt, 
ihrem kriegerischen Hasse gegen die Feinde. 

^ Ihre Gründe sind inzestuöser Natur. 

^ Vgl. G. Simmel, Vom Wesen der Kultur, Österr. Rundschau, XV. Bd^ 
1908, p. 36. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 195 

Es ist nidit völlig ausgeschlossen, daß die Fiktion einer leib^ 
liehen Abstammung vom Vater die Überkompensation eines infantilen, 
namentlich aber von Zwangskranken gehegten Zweifels, ob man der 
Sohn seines Vaters sei, ^ bedeutet. Nadi der Ansdiauung der maz^ 
däisdien Sekte Gajomarthija entstand Ahriman durch den Zweifel 
des Gottes Jazdans^. Man darf aber anderseits nicht vergessen, 
daß der Glaube an das Hervorgehen des Kindes aus dem Vater 
ein der primitiven Denkweise nicht fremder ist: er findet sich 
so gut bei Stämmen Südostaustraliens wie in den »Eumeniden« des 
Äschylus, in der Bibel u. a. a. O. 

Daß Gott gerade einen Sohn hat, findet möglicherweise eine 
(freilich nur partielle) Erklärung in der bekannten kindlichen und 
mythologischen Auffassung, daß die Mutter Töchter macht, der Vater 
Söhne. 

Im Vorübergehen sei nun bloß mit einigen Worten dreier 
Lehren Erwähnung getan, die im Laufe der Zeit immer wieder die 
Gedanken der Philosophen beschäftigt haben : ich meine den Glauben 
an eine Präexistenz, an die Seelenwanderung und an »die ewige 
Wiederkehr des Gleichen«. Die erstgenannte Überzeugung hat wohl 
ihre individuelle Wurzel in dem bekannten Gefühl des »dejä vu«, 
das nach Freud^ der Erinnerung an eine unbewußte Phantasie ent^ 
sprechen soll. Die Präexistenz ist höchstens eine solche in bezug 
auf die Existenz des Erwachsenen, der infolge einer großen Lücke 
in seinem Gedächtnis seiner Kindheit ganz fremd geworden ist und 
sie als ein früheres, anderes Dasein empfindet. Charakteristisch hie* 
für ist der Ausspruch von Liebenden, die ihr Objekt unbewußt nach 
dem Vorbild der Mutter gewählt haben: Mir ist, als hätte ich sie 
schon vor Jahrtausenden gekannt, als hätten wir bereits auf einem 
anderen Stern zusammen gelebt, und so ähnlich^. 

Die mit dem Glauben an eine Präexistenz verwandte Auf- 
fassung, daß die noch nicht geläuterten Seelen nach dem Tode einer 
Wanderung durdh neue Mensdien*, Tier- oder Pflanzenleiber unter- 
worfen sind, entspringt in erster Linie wohl ethisdi-religiösen Motiven, 
vor allem dem Glauben an eine sittliche Weltordnung. Auch das 
Bewußtsein, daß unser innerstes Wesen mit seinen Begehrungen und 
Fähigkeiten in einem individuellen Dasein nie und nimmer erschöpft 
werden könne, mag bei der Entstehung dieses allerdings über^ 
wiegend pessimistisch gefärbten Glaubens mitgewirkt haben. Eine 
Bestätigung schien dem Anhänger der Seelenwanderungslehre aus 
der Außenwelt entgegenzukommen: er konnte in einer Zeit, wo die 

* Lichtenberg, »Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr 
mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nidit mit der, 
woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist«. <Zit. bei Freud, Bemerkungen 
über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. I., 1909.) 

2 Zit. bei J. Nelken, Analytische Beobaditungen über Phantasien eines 
SAizophrenen, Jahrb. IV, p. 536. 

^ Freud, Zur PsyAopathologie des Alltagslebens. Berlin 1910, p. 139. 

^ »Das Geheimnis der Reminiszenz« im Sinne Schillers. 

13* 



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196 Alfr. Frh. v. Winterstein 



ihn umgebenden Objekte nodi mit Libido besetzt und zum Teil 
sdion im Begriffe waren, Libidosymbole zu werden, oder audi später, 
wenn die Libido, von ihrem ursprünglidien Ziele aus irgendweldien 
Gründen abgelenkt, sidi an die Gegenstände der Natur heftete, in 
dem Blid^e eines Hundes so gut wie im Wehen einer Pflanze eine 
ihm ähnlidie Seele vermuten, die wie zur Strafe — denn der Mensdi 
hatte sidi sdion als Krone der Sdiöpfung empfinden gelernt — in 
diese Gestalten gebannt zu sein sdiien. Nur seine untermensdilidie 
Natur, seine bösen Triebe und Neigungen, personifizierte er nun in 
gewissen Tieren. Erhielt ein Tier den Charakter eines Libidosymbols, 
so setzte das einen Dualismus im Mensdien, einen Widerstreit 
zwisdien Bewußtem und Unbewußtem voraus. Auf diesem Boden 
erst waren ethisdi^religiöse Wertungen entstanden, die, vom Stand* 
punkt des ablehnenden Bewußtseins aus vollzogen, die Existenz der 
Seele in einem soldien tierisdien Symbol als Erniedrigung auffassen 
mußten. 

Die Seelen wandern also in dem Maße, als die Libido wandert. 
Ein auffallender Hinweis auf ihre Gleidistellung findet sidi in der 
Schrebersdien Biographie ^ Auf p. 333 lesen wir: »Die Seelen 
gleidien kleinen Kindern, die auf ihre Nasdiware — die Seelen- 
wollust — nidit einen Augenblid^ verziditen können oder wollen.« 

Die dritte der zu bespredienden Theorien, die Lehre von der 
ewigen Wiederkehr des Gleidien, ist uralt^ tritt bei den Orphikern, 
bei rythagoras, Heraklit, Anaximander und Empedokles, 
dann bei Plato und den Stoikern auf und wir finden sie bei 
Nietzsche wieder (verwandte Ansdiauungen spradien audi Herder 
und Goethe aus). So wie Nietzsche die Lehre von der »ewigen 
Wiederkunft« in der »fröhlidien Wissensdiaft« ^ formuliert: »Jeder 
Sdimerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles 
unsäglidi Kleine und Große dieses Lebens muß dir wiederkommen 
und alles in derselben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne 
und dieses Mondlidit zwisdien den Bäumen und ebenso dieser 
Augenblid^ und idi selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird 
immer umgedreht -- und du mit ihr. Stäubdien vom Staube!« — 
in dieser Übertreibung und Übersdiätzung des Augenblidis ersdieint 
sie jeder realen Bereditigung entbehrend. Sie hat ihre Quelle in der 
Beobaditung äußerer und innerer Periodizität,- audi das bekannte un^ 
heimlidie Gefühl, genau dieselbe Situation sdion einmal erlebt zu 
haben ^ — das oben zur flüditigen Erörterung gelangte — mag 

^ Schreber erwähnt übrigens auch flüchtig die Seelenwanderung (I. c, p. 15>: 
»Die betreffenden Menschenseelen wurden dabei (nämlich bei der Seelenwanderung) 
auf anderen Weltkörpern, vielleicht mit einer dunklen Erinnerung an ihre frühere 
Existenz, zu einem neuen menschlichen Leben gerufen, äußerlich vermutlich im 
Wege der Geburt, wie es sonst bei Menschen der Fall ist«. 

- Assyrisch-babylonischen Ursprungs. 

^ Ahnlich dann auch im ^^Zarathusira«. 

* »L'cssentiel du ,dejä vu' est beaucoup plutot la negation du present que 
I'affirmation du passe.« P. Janet, Les nevroses, Paris, Alcan, 1910. 



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PsyAoanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 197 

seinen Anteil an der Entstehung dieses Glaubens haben. Es ist 
dann ferner der periodisdie, für alle Entwid^lung im Mensdien wesent«^ 
lidie Wedisel in der progredienten und regredienten Strömung unseres 
Seelenlebens, der siai der endopsydiisdien Wahrnehmung bemerkbar 
madit und bei Heraklit eine durdisiditige symbolisdie Darstellung 
erfahren hat; im Weltgesdiehen existieren zwei ewig alternierende 
Prozesse, der Weg des Urfeuers nadi unten (ööög xaTCO), der Prozeß 
der Erstarrung, durdi den die Einzeldinge <Natur> entstehen, — und 
das Übergehen ins Feuer, der Weg nadi oben (ödög ävco). Ganz 
ähnlidi lautet die stoisdie Lehre von der periodisdien ^htJtvQOJöt^« 
und i^Tcakiyysveoia<f^ der Welt,- immer entstehen dieselben Mensdien, 
die das gleidie GesdiiA erfahren. 

Idi erinnere hier audi an die Goethesdien Verse aus der 
»Legende« : :»Immer wird es wiederkehren, immer steigen, immer sinken, 
sidi verdüstern, sidi verklären, so hat Brahma dies gewollt.« Im 
paranoisdien System Schrebers findet gleidifalls diese Lehre »von 
dem ewigen Kreislauf der Dinge, der der Weltordnung zugrunde 
liegt«, Erwähnung. Auf p. 19 seiner »Denkwürdigkeiten usw.« lesen 
wir: »Indem Gott etwas sdiafft, entäußert er sidi in gewissem Sinn 
eines Teiles seiner selbst oder gibt einem Teil seiner Nerven eine 
veränderte Gestalt, Der sdieinbar hiedurdi entstehende Verlust wird 
aber wiederum ersetzt, wenn nadi Jahrhunderten und Jahrtausenden 
die selig gewordenen Nerven verstorbener Mensdien, denen während 
ihres Erdenlebens die übrigen ersdiaffenen Dinge zur körperlidien 
Erhaltung gedient haben, als ,Vorhöfe des Himmels'^ ihm wieder 
zuwadisen.« Hier ist — wie audi aus anderen Stellen des Budies 
zur Genüge hervorgeht — das Aussenden und Wiedereinziehen der 
Libidobesetzungen in dinglidier Weise zur Darstellung gebradit. In 
endopsydiisdi wahrgenommenen Libidovorgängen können wir also 
die gemeinsame Grundlage der Emanations* (beziehungsweise Re^ 
manations*) Systeme und bis zu einem gewissen Grad audi der 
Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleidien erblid^en. Ewigkeit, 
Zeitlosigkeit ist eine dem Unbewußten wesentlidie Bestimmung, tine 
psydioanalytisdie Untersudiung der buddhistisdien und vorbuddhisti^ 
sdien Spekulation würde wahrsdieinlidi eine Beziehung zwisdien ihrer 
Verinnerlidiungstendenz und der gering gesdiätzten Rolle, die der 
Zeitbegriff^ in ihr spielt, aufdedten. 

Im folgenden gehen wir zu einem anderen Kapitel über: wir 
wollen nämlidi die typisdien Begriffe der Welt in aller Kürze vom 
Standpunkt der Psychoanalyse aus mustern, um festzustellen, weldier 
Weltbegriff einer soldien Prüfung standhält und sidi nidit als durdi 
unbewußte Motive bestimmt erweist. Die Aufgabe der Psydioana^ 

* Der Ausdruck »Vorhöfe des Himmels« kommt audi bei Eck hart vor. 

* Das sdieint audi mit Eigentümlidikeiten des indisdien Volksgeistes zu* 
sammenzuhängen, »der für das wann der Dinge nie ein redites Organ gehabt 
hat« <OIdenberg>. 



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11*8 Alfr. Frh. v. Winterstein 



lyse ist also eifie rein negative. Was uns als wesentlich neurotische, 
infantile oder primitive Betrachtungsweise der Wirklichkeit erscheint, 
scheidet aus der Gruppe der Weltanschauungen, die auf objektiven 
Wert Anspruch erheben, aus, ohne daß die Psychoanalyse es als 
ihre Aufgabe erachten dürfte, innerhalb dieses Kreises selbst end^ 
giltige Entscheidungen zu treffen. Als rein psychologisch orientierte 
Wissenschaft hat sie den Erkenntnisinhalt als psychisdhen Tatbestand 
hinzunehmen und zu versuchen, auf seine individuellen und generellen 
Entstehungsbedingungen zurückzugehen, eine erkenntnistheoretische 
Würdigung liegt ihr fern, sie kann nicht die Giftigkeit von Normen 
begründen/ denn aus der eindringendsten Kenntnis dessen, was ist 
und geschieht, leitet sich nicht mit innerer Notwendigkeit ab, was 
sein und gesdiehen soll. Wer sich für eine kritische Untersuchung, 
die den Erkenntnisinhalt seiner Geltung, seiner Bedeutung und Trag^ 
weite nach nimmt, interessiert, möge die vorzügliche Arbeit eines 
Wiener Philosophen : Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, von Dr. Viktor 
Kraft ^ einsehen. 

Gehen wir vorerst von der fundamentalen Einteilung der Welt^ 
begriffe in monistische und dualistische^ <eventuell pluralistische) aus, 
so werden wir auf der einen Seite die materialistische Auffassung 
den Weltbegriff der psychophysischen Identität, den idealistischen und 
positivistischen Weltbegriff, auf der anderen Seite den realistisch^ 
dualistischen Weltbegriff vorfinden. Ich füge hinzu, daß sich diese 
einzelnen Typen trotz des befremdenden, ja verdrehten Eindrucks, 
den dieser oder jener auf den sogenannten gesunden Menschenver^ 
stand machen mag, schließlich nur als konsequente Fortbildungen der 
naiven, an inneren Widersprüchen reichen Weltansicht, eines »vagen 
Dualismus« (Jerusalem), herausstellen. 

Der Materialismus, die bequemste und plumpste Art, die Ver^ 
schiedenheit von Seelischem und Körperlichem aufzuheben, ist ja 
seinem Wesen nach bekannt. Das Seelische mit einem Gehirnvorgang 
einfach zu identifizieren - wie es der primitive Materialismus tut — , 
ist offensichtlich falsch, dabei ist er aber doch eine der verbreitetsten 
Weltansichten. Es ist schon viel weniger grob, wenn man das Seeli* 
sehe als Resultat körperlicher Vorgänge auffaßt oder jenes an diese 
unlösbar geknüpft denkt. Hier ist bereits ein Dualismus, obzwar noch 
nicht auf dem Boden der Gleichberechtigung, angedeutet. 

Einer gewissen Beliebtheit erfreut sich in philosophischen 



^ Joh. Ambros Barth, Leipzig 1912. — Ich halte mich im nachstehenden an 
sein Schema. 

- Diese Gliederung hat mit der metaphysischen Frage nach einem Jenseits, 
heiße es nun wahres Sein, Ideenwelt, Ding an sich oder Noumenon, unmittelbar 
nichts zu schaffen. Hier handelt es sich bloß um das psychophysische Problem : Zwei 
Wesenheiten oder eine? indes die Annahme eines Jenseits zumeist die Tendenz 
zur Entwertung der gegebenen körperlich*geistigen Welt voraussetzt. Es gibt frei^ 
lieh auch einen metaphysischen Idealismus, der beide Probleme zusammen erledigt. 
In Wirklichkeit fließen sie leicht ineinander über. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 199 

Kreisen der Begriff der psydiophysisdhen Identität. Entweder werden 
Physisches und Psychisches als Ersdieinungsweisen desselben unbe*^ 
kannten Wesens oder als eine zweifache Beschaffenheit des einen 
Absoluten, als zwei Arten von Eigenschaften, von »Attributen«, 
von »objektiven Realitätsformen« angesehen, Kraft hat mit Recht 
darauf hingewiesen, daß die erste Auffassung ein Subjekt als 
Träger eines Bewußtseins voraussetzt, indem sich das X »das eine 
Mal von innen, das andere Mal von außen, das eine Mal direkt 
in der Selbstwahrnehmung, das andere Mal indirekt, d. h. durch 
die Sinnesorgane«^ darstellt. Wir stünden also wieder vor einer 
Dualität von Sein und Bewußtsein, vor einem Phänomenalismus. 
In der zweiten Fassung liegt ein wirklicher, allerdings metaphysischer 
Monismus vor. Diese Ineinsetzung jenseits der Erfahrung hat die 
deutlich empfundene Verschiedenheit von Geist und Materie zur 
Bedingung und ist ein bloß spekulativer Gedanke. 

Ein Monismus, wenn auch zumeist empirischer Art, ist die 
Lehre des Positivismus und Idealismus. Vorab eine kurze Be^ 
merkung über die beiden Termini; sie sind keineswegs etwas Ein^ 
deutiges. Man spricht von einem subjektiven, objektiven, absoluten, 
transzendentalen, metaphysischen, erkenntniskritischen, psychologischen, 
ja »magischen« Idealismus, man unterscheidet den Positivismus 
Auguste Comtes, von dem eines J. St. Mill, Laas und Avena- 
rius. Beschränken wir uns auf diesen letzteren. Er erhebt das »Be^ 
wußtsein zum übergeordneten Begriff, der sowohl Körperliches als 
Seelisches in völlig neutrale Erlebnisphänomene auflöst. Beide be^ 
deuten nur eine bestimmte Zusammenhangsbeziehung innerhalb des 
Bewußten <Eingeordnetheit im Natura, im Ich*Zusammenhang>. 
Derselbe Erkenntnisinhalt kann je nach der Eingliederung, je nach 
der Betrachtungsweise als seelisch oder körperlich genommen werden«^'. 
Diese Trennung gegenüber dem Idealismus, cier Bewußtsein und 
Seelisches gleichsetzt, ist jedoch im letzten Grund nicht haltbar,- das 
Bewußte ist ja seiner Realitätsart nach nichts anderes wie das 
Seelische und damit ordnen sich Positivismus und Idealismus der 
gleichen psychoanalytischen Betrachtung unter. 

Jeder Idealismus — der nach Krafts überzeugender Darlegung 
in seiner konseciuenten Weiterbildung bewußtseinsimmanenter Sub- 
jektivismus werden muß — geht von einer unbewußten Tendenz zur 
Entwertung der materiellen Außenwelt aus. In der Gestalt des 
metaphysischen Idealismus beispielsweise läßt er neben der immateri^ 
eilen Welt der Jdeen die niedrigere Welt der Körper und der 
Wahrnehmung bestehen, der Solipsist hingegen anerkennt überhaupt 
nur seinen individuellen Bewußtseinsinhalt: das Einzige, was 
existiert, sind seine Vorstellungen. Als eine Fortsetzung des vor* 
platonischen metaphysischen Gegensatzes von Erscheinung und 

* Jodl, Lehrbuch der Psychologie, I. Bd., p. 91, 
2 Kraft, I. c. p. IZZff. 



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200 Alfr. Frh. v. Winterstein 



wahrem Sein erweist sich der transzendentale Idealismus oder 
Phänomenalismus, der uns bloß eine Erkenntnis der Phänomena, 
aber nid\t der erfahrungsjenseitiffen Noumena einräumt und in sidi 
nun audi den Gegensatz^ von Seelisdi^Bewußtem und Körperlidiem 
einsdiließt. Audi diese Kantisdie Lehre leitet, energisdi zu Ende 
gedadit, zum subjektiven Idealismus über. Der magisdie Idealismus 
eines Novalis — ohne nennenswerte wissensdiaftlidie Bedeutung 
— fußt auf dem Glauben an die 5>Gedankenallmadit« : die Körper^ 
weit soll durdi den Geist willkürlidi beeinflußt werden, hödistes 
Ziel ist die faktisdie Aufhebung des Lebens durdi den Willen. 

Audi andere Gestaltungen des Idealismus: die Monadenlehre 
Leibniz', die Theorien Berkeleys, der subjektive Idealismus 
Fichtes, der objektive Schellings, der absolute Hegels bieten 
der erkenntniskritisdien Betraditung ebensoviel versdiiedene Prob^ 
Umstellungen, für den Psydioanalytiker versdiwimmen diese Untere 
sdiiede gegenüber der ähnlidien psydiisdien Ausgangssituation, auf 
deren Besdireibung es mir hier ankommt. Es handelt sidi nämlidi 
in allen Fällen um das Verhältnis zur äußeren Realität, deren ob^» 
jektiver Charakter vom Idealismus, wenn nidit aufgehoben, so dodi 
mindestens graduell beeinträditigt wird. Das Geistige, das von der 
naiven Weltansidit des Erwadisenen^ überhaupt nimt als mit einem 
spezifisdien Wirklidikeitsgrad versehen empfunden wird, erhält — 
wahrsdieinlidi infolge der von der Außenwelt zurüd^gezogenen 
Triebbesetzungen — ein ungewöhnlidies, erhöhtes Realitätsgefühl. 
Idi habe den Ausdrud^ Triebbesetzungen gewählt, da idi mir vor- 
stelle, daß das Interesse, das wir der Außenwelt entgegenbringen, 
nidit nur aus libidinösen, zumindest nidit aus »rezentsexuellen« ^ 
Quellen allein gespeist wird. Dabei ist folgender Untersdiied zu 
beaditen. Die Besetzungen, die von den Iditrieben, namentlidi vom 
Nahrungstrieb, ausgehen, sind infolge der besseren Befriedigung, die 
diesen Trieben gewöhnlidi im Gegensatz zum Sexualtrieb gewähr^ 
leistet ist, oft von geringer Intensität, ja, hier die Störungen des 
Kontaktes mit der Außenwelt viel seltener, da beispielsweise beim 
Nahrungstrieb eine halluzinatorisdie Besetzung des Erinnerungs* 
bildes des Nahrungsobjektes praktisdi wertlos ist, indes beim 
Sexualtrieb die Besetzungen vor allem infolge der stärkeren BerüA* 
siditigung des Individuellen bei der Objektwahl und der größeren 

^ Der Dualismus von Körper und Seele hat seine Vorbereitung bereits in 
der späteren Stoa und dem Neupythagoräismus, seine Vollendung bei Augustin 
gefunden. 

* Beim Primitiven und beim Kinde ist das Denken nodi in reidicm Maße 
sexualisiert/ aus dieser Oberbesetzung folgt der Glaube an die Allmadit der 
Gedanken (vgl. Freud, Über Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken, 
»Imago«, II, 1>. 

3 S. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. IV, p. 171 fT,- an 
dieser Stelle wird einem genetisdien Begriff der Libido das Wort geredet, »der 
das Rezentsexuale um einen beliebig großen Betrag an desexualisierter Urlibido 
erweitert«. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 201 

Schwierigkeit der Bedürfnisstillung ihrer Intensität nach erhöht sind, 
Störungen leicht eintreten und jederzeit der Rückzug auf sich selbst, 
die Introversion und Wiederbelebung der infantilen Imagines durch* 
führbar ist. Mit Freud wird man die Möglidikeit von Rüd^- 
Wirkungen der Libidostörungen auf die Idibesetzungen ebensogut 
zulassen dürfen wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder 
induzierte Störung der Libidovorgänge durch abnorme Ver* 
änderungen im Idi. Da diese aber ziemlich selten sind, anderseits 
die Idibesetzungen der Außenwelt audi im Falle einer Libido* 
Störung noch aufrechterhalten werden, kann man faktisdi, die ge* 
störte Relation zur Umgebung auf den Ausfall des Libidointeresses 
allein zurückfuhren. Die endopsychische Wahrnehmung einer soldien 
Affektablösung (Differenzierung) kommt nun in dem Gefühl des 
Fremden ^ Traumartigen zum Ausdruck. Diese Affektablösung kann 
nur eine gewünschte, eine vollkommene oder teilweise gelungene 
sein. Den möglichen Zusammenhang einer solchen psychischen 
Konstellation mit dem »idealistischen« Standpunkt des Philosophen 
ersieht man vielleidit aus einer (natürlich einseitigen) Bemerkung 
Schopenhauers: er bezeichnet nämlidi geradezu die Gabe, daß 
einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge als bloße Phantome 
oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer 
Begabung*. Nun ist das sicherlich nicht die einzige Bedingung, um 
ein idealistischer Philosoph zu werden. Wir werden über einige 
weitere, wahrscheinlich notwendigen Voraussetzungen im zweiten Teil 
unserer Arbeit handeln. 

Ziehen wir die »Denkwürdigkeiten« Schrebers zu Rate, jenes 
geistvollen Paranoikers, der ein in sich geschlossenes theologisdi* 
philosophisches System errichtete, so erfahren wir daraus, daß sein 
Verkehr mit übersinnlichen Kräften — von denen er sich sehr be^ 
stimmte Vorstellungen macht — in dem Augenblick beginnt, wo 
die Libidoablösung von der Realität vollzogen wurde. Auch das 
dadurch bedingte Gefühl des Fremden fehlt hier nicht :^ »In der 
Richtung des Bayrisdien Bahnhofs sah ich über die Mauern der 
Anstalt hinweg nur einen schmalen Streifen Landes, der mir einen 
durchaus fremdartigen, von der eigentlichen Beschaffenheit der mir 
wohlbekannten Gegend völlig abweichenden Eindruck machte,- man 
sprach zuweilen von einer ,heiligen Landschaft'.« Es klingt fast wie 
eine innere Wahrnehmung der Hand in Hand mit der Ablösung 



* St ekel, Die Sprache des Traumes, Bergmann, 1911, p. 437. Femer: 
Löwen fei d. Über traumartige und verwandte Zustände, Zentralbl. f. Nerven- 
heilk., 20. Bd., 1909. — Goethe: »Trocknet nidit, trodoiet nidit, Tranen der 
ewigen Liebe/ Ach, nur dem halbgetroctneten Auge wie öde, wie tot die Welt 
ihm erscheint!« 

2 Siehe auch C. Ph. Moritz, Anton Reiser, Reklam, p. 96: Beobachtung 
»eines unserer größten jetzt lebenden Philosophen hinsichtlich der Verwechslung 
von Traum und Wachen.« 



I. c. p, 72. 



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202 Alfr. Frh. v. Winterstein 



gehenden Introversion^ der Libido, wenn Schreber sidi an zwei 
Stellen seines Budies^ folgendermaßen äußert: »Ein anderes Mal 
durdiquerte idi die Erde vom Ladogasee bis Brasilien und baute 
dort in einem sdiloßartigen Gebäude in Gemeinsdiaft mit einem 
Wärter eine Mauer zum Sdiutz der Gottesreidie gegen eine siA 
heranwälzende gelblidie Meeresflut — idi bezog es auf die Gefahr 
syphilitisdier Verseudiung.« Und die zweite Vision lautet: »Idi habe 
ferner Erinnerungen, nadh denen idi eine Zeitlang in einem Sdilosse 
an irgendeinem Meere gewesen bin, das in der Folge wegen drohender 
Überflutung verlassen werden mußte und aus dem idi dann nadi 
langer, langer Zeit in die Fledisigsdie Anstalt zurüd^gekehrt bin, in 
der idi midi auf einmal in den von früher bekannten Verhältnissen 
wiederfand.« 

Es ist nidit ausgesdilossen, daß das in allen möglidien Mytho^ 
logien und Kulten vorkommende uralte Motiv der ointflut mit der 
Rettung eines einzigen Mensdien neben anderen Determinanten audi 
auf die endopsydiisdie Erkenntnis einer zum Stadium des Narzißmus 
regredierenden Strömung <wir gebraudien nodi immer das Bild!) der 
Libido zurüd^geht. Wir werden also Schreber nidit widerspredien, 
wenn er findet, »daß in seinen Visonen Methode lag«, und in 
der Sintflutsage selbst: der eine tugendhafte Mensdi gegenüber den 
vielen Sündern — diese Fiktion verträgt sidi sehr gut mit der 
narzißtisdien Selbstübersdiätzung, die sidfi bei Schreber in dem 
Glauben an eine unerhörte ^Anziehungskraft auf die Gottesnerven « 
äußert. 

Wenden wir uns wieder zu unserem eigentlidien Thema 
zurüdt. Das Gefühl des Fremden, das beispielsweise Schreber in 
den Mensdien »flüditig hingemadite Männer« erblid^en ließ, bedeutet 
nidit viel anderes wie jener Schopenhauersdie EindruA von den 
Mensdien als bloßen Phantomen oder Traumbildern. 

Dieses Ineinanderfließen von Traum und Wirklidikeit sdieint 
für die idealistisdien Philosophen gewissermaßen von heuristischer 
Bedeutung für ihre Weltansdiauung zu sein. Der Denker, der zu- 
erst in der neueren Philosophie die Frage aufgeworfen hat: VieU 
leidit ist das Leben ein Traum? — Descartes sdireibt in einem 
Briefe an seinen Freund Balzac vom Jahre 1631: »Idi sdilafe hier 
jede Nadit zehn Stunden,- und nadidem der Traumgott meinen aller 
Sorge ledigen Geist lange durdi verzauberte Wälder, Gärten und 
Paläste geführt hat, in denen idi alle Freuden genieße, die die 
Märdien gesdiildert haben, vermengen sidi allmählidi beim Erwadien 
die Träume des Tages mit denen der Nadit.« In den »Meditationes 

' Jung erklärt die Sintflut als Introversionssymbol. — Sdhon in der Ilias 
<XIV. Ges.) heißt es von Zeus, daß die Liebe seinen Sinn »rings umflutend 
bewältigt«. 

- 1. c. p. 74, 75. 

^ Rene Descartes Epistolae, Frankfurt 1692. Epistola CI ad Dominum 
Balzacium (Officii ergo). 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte cler Philosophie 203 

de prima philosophia« stellt er eingangs die Behauptung auf, es 
lasse sidi an allem zweifeln \ nur nidit daran, daß wir zweifeln ^ 
also da das Zweifeln ein Denken ist, nidit daran, daß wir denken. 
Der von ihm gesudite ardiimedisdie Punkt, der völlig gewisse und 
unzweifelhafte Satz ist dann für ihn das berühmte: Cogito ergo 
sum, idi denke und in diesem Denken besteht eben mein inneres 
Sein (Identität, nidit Folgerung). Das Denken ist die unmittelbar 
gewisse Tätigkeit in uns. Aber, fragt Descartes weiter, bin ich 
dessen audi wirklich sidier, könnte idi nidit von einem Dämon trotz 
der klaren und bestimmten Perzeption des Behaupteten getäusdit 
worden sein? Er geht nun zur Untersudiung des Daseins Gottes 
über und vermag im weiteren Verfolg nur durdi Appellation an 
die Wahrhaftigkeit Gottes und seine Unfähigkeit zur Lüge die 
Realität der empirisdien Welt zu beweisen. 

Wer Jemals Einblick in die Gedankengänge und Eigentum^ 
lidikeiten eines Zwangsneurotikers gewonnen hat, dem muß die 
ÄhnliAkeit mit den Descartessdien Erwägungen und Zweifeln 
eine auffällige dünken. Die Isolierung von der äußeren Wirklidikeit, 
die Übersdiätzung der Denkrealität, der Zweifel und vielleidit audi die 
Rolle des Vaters, beziehungsweise Gottes — hiemit sind die haupt^ 
sächlidisten Übereinstimmungen aufgezählt. Idi füge hinzu, daß der 
Vater im Leben Descartes von großem Einfluß gewesen ist. Wenn 
es wahr ist, daß das Verhältnis zum Vater von vorbildlidier Be^ 
deutung für das religiöse Verhalten eines MensAen ist, so dürfen 
wir uns nidit wundern, den aufgeklärten Philosophen sein Leben 
lang in einem respektvollen Verhältnis zur Kirdie stehen zu sehen. 
Für seine Beziehung zu Gott findet Descartes folgende sdiwär* 
merisdie Worte ^: »Die Überzeugung von dem warmen und innigen 
Anteil, den das allerhödiste Wesen an unserem Gesdiick nimmt, 
wird uns nicht nur mit Dankbarkeit ihm gegenüber erfüllen, sie 
wird audi das Gefühl einer außerordendidien unsagbar großen 
Liebe zu ihm in uns wadirufen, ein Gefühl, das so mächtig zum 
Ausdruck gelangen kann, daß ihm sogar nidits von der sinnlidien 
Lebhaftigkeit und Glut, mit der die Liebe zu einem irdisdien 
Gesdiöpf verknüpft ist, zu fehlen braudit.« Die sinnlidie Liebe zu 
Frauen scheint indes im Leben des Philosophen im allgemeinen 
keine allzugroße Rolle gespielt zu haben. »Les endiantemens de 
voluptez«, berichtet sein erster Biograph Baillet^ »ne purent agir 

^ Es gebe auch kein zuverlässiges Kriterium, um zu entscheiden, ob wir in 
diesem Augenblick träumen oder wachen. 

- Ganz ähnlich schon Augustin: »Indem ich zweifle, weiß ich, daß ich der 
Zweifelnde bin«, und so erzeugt gerade der Zweifel die Überzeugung von der 
Realität des bewußten Wesens. An einer anderen Stelle: »Tu, qui vis te nosse, 
scis esse te? Scio. Unde scis? Nescio. Simplicem te scis an multiplicem? Nescio. 
Moveri te scis? Nescio. Cogitare te scis? Scio«. — Verwandt ist der Ausgangs* 
punkt des Philosophierens bei Occam und Campanella. 

' Akademieausgabe, IV. Bd., p. 608 und 609. 

* A, Baillet, La vie de Mr. des Cartes, Paris 1691, Chap. VIII, p. 39. 



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204 Alfr. Frh. v. Winterstein 



en luy que tres-foiblement contre les charmes de la philosophie et 
des mathematiques.« 

Es liegt vielleidit ein tiefer psydiologisdier Sinn darin, daß 
für Descartes die Realität der Außenwelt aus der Existenz jenes 
so persönlidi gestalteten Gottes folgte. Ludwig Feuerbadi hat den 
wahren Sadi verhalt folgendermaßen formuliert: »Alle Gewißheit von 
Dingen außer uns ist uns vermittelt durdi die Urtatsadie von der 
Existenz anderer MensAen <,alter ego'}. Denn ,Idi' bin zugleidi ein 
,Du' für den Nädisten.« 

Soll man es wagen, Einzelheiten aus der Lebensgesdiidite des 
Descartes mit seiner Stellung zum Vater in Zusammenhang zu 
bringen? Es hat im Leben des Philosophen — bald nach dem Ab- 

fang von der Sdiule — eine Periode gegeben, in der eine mystisdie 
Jaturstimmung den anfänglichen Skeptizismus ablöste: es existiert, 
hieß es damals, nur eine lebendige Kraft in den Dingen, das ist die 
Liebe, das Mitgefühl und die Harmonie. Wie weit sind wir hier 
von jenem Zweifel an der Realität alles und jeden entfernt, der den 
ersten Absdinitt der »Meditationes« durdidringt! Muß es gerade ein 
Zufall sein, daß der junge Descartes nicht lange nadi Ablauf 
dieser pantheistisdien Epodie seines Denkens in die Dienste der 
aufstrebenden, freiheitlidi gesinnten Niederlande trat und es vermied, 
an den inneren Kämpfen, die in seinem Vaterlande wüteten, teilzu* 
nehmen? Der audi äußerlidi^ dokumentierte Versudi, zur Unab* 
hängigkeit zu gelangen, droht ihn aber in seinem Denken der Rea«' 
lität der Außenwelt zu entfremden — worauf die einleitenden Sätze 
der »Meditationes« hinzudeuten sdieinen^ — , bis er auf dem Um^ 
wege über Gott in alte Bahnen zurüd^lenkt und sein normales Ver^ 
hältnis zur Umgebung wiedergewinnt. 

Der oben erwähnte Vergleich des Lebens mit einem Traum 
ist natürlidi längst vor Descartes gemadit worden. Wir treffen 
ihn in den indisdien Veden und Puranas, bei Plato, Sopho^ 
kies, Shakespeare und Calderon, dessen bekannte Diditung 
Schopenhauer »ein gewissermaßen metaphysisdies Drama« nennt. 
Ich mödite sdion jetzt ^ einem Mißverständnisse vorbeugen, 
das möglidierweise aus meiner Nebeneinanderstellung des Philosophen 
Descartes und eines beliebigen Zwangskranken entstanden sein 
könnte: es fällt mir nidit ein, zu behaupten, daß beide völlig 
identisdi seien. Ein großer Denker, bei dem man ähnlidie neurotisdie 
Züge nadiweist, ist viel mehr, wenngleidi er in mandien Fällen 

' Descartes nahm Kriegsdienste in fremden Ländern. — Bczüglidi der 
Reiselust des Philosophen verweise idi auf meinen Aufsatz »Zur Psychoanalyse 
des Reisensc, Imago, I, 5. 

2 »Qjuil falloit nier <aumoins pour quelque t^ms) qu'il y cöt un Dieu/ que 
Dicu pouvott nous tromper/ qu'il falloit revoqucr toutes dioses en doute; que Ton 
ne devoit aucune creance aux sens/ que le sommeil ne pouvoit se distinguer de 
la veille« (BailletX 

' Man entsAuldige die nun folgende längere Abschweifung, die in manchem 
wesentlichen Stück streng genommen in den zweiten Teil der Arbeit gehört. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 205 

auch ein Zwangsneurotiker ist. So wie wir mit dem pathologischen 
Experiment arbeiten, bedient sich vielleicht das Genie ^ gewissermaßen 
seines eigenen krankhaft veränderten Persönlichkeitsteiles, um mikro^ 
skopisch vergrößert das zu schauen, was dem gesunden Menschen* 
v^erstand ewig entgeht. Ich will mich durch ein erfundenes Beispiel 
deutlidier machen. Die Tatsadie der Determiniertheit des Willens 
ist wohl eine feststehende: aber der normale Mensch fühlt sie nicht, 
man wird ihm nicht leidit ausreden können, daß sein Wille völlig 
frei sei. Es mußte denkbarerweise ein einzelner kommen, der sich 
— was in der Neurose der Fall sein kann — nicht als den nach 
Willkür schaltenden Urheber seiner Handlungen empfindet, um den 
richtigen Tatbestand zu erraten^. Mit einem Wort: Nervöse 
Störungen können einen heuristischen Wert besitzen,- indem sie 
den besonders befähigten Geist in eine bestimmte Richtung einstellen, 
ermögliAen sie es ihm, neue Seiten des Daseins zu entdeckten. Man 
kann vielleicht die Behauptung wagen, daß die Neurosen den Fort* 
schritt machen,- es ginge jedoch entschieden zu weit, sie für den Fort* 
schritt zu erklären. 

So berechtigt es nun auch in manchen Fällen ist, die ver* 
drängten Triebkräfte des Unbewußten bloß als Agens — ohne 
nennenswerten inhaltlichen Einfluß auf die Denkprodukte des Philo* 
sophen — zu betrachten, so begründet ist in anderen Fällen die 
Annahme einer materialen Determinierung durch unbewußte Phanta* 
sien. Zwisdien einer bloßen Steigerung der im Ichbetrieb vorhandenen 
Anlagen und einer stärkeren Vermengung mit dem Sexualtrieb im 
einzelnen Falle zu entscheiden, ist bisweilen fast unmöglich. Die 
größere oder geringere Anerkennung bei den anderen ist eben-r 
falls kein zuverlässiges Kriterium in der Frage nach dem Anteils* 
Verhältnis des Wunsch* und Erkenntnismaterials. Was subjektiven 
Wert für den Neurotiker besitzt, kann immer auch einen mehr oder 
weniger objektiven <Massen*) Wert darstellen, d. h. mehr oder 
minder allgemein giltig werden. Nicht ein <fiktiver?> Wert an sich 
spielt in den Augen der Mehrzahl eine Rolle, sondern die Frage, 
ob das betreffende Geistesprodukt die Gemütsbedürfnisse möglichst 
vieler Menschen befriedigt. Und da ist zu sagen, daß die söge* 
nannten interessanten Philosophen, ein Piaton, ein Schopenhauer 
vielleicht weniger Erkenntnis* und mehr Wunschmaterial bieten als 
beispielsweise ein Locke, ein Spencer, ein Auguste Comte, dabei 

^ Man hat der Psychoanalyse — mit Unrecht, wie mir scheint — vorgc-' 
worfen, daß sie das Genie verdächtige und verkleinere. Sie hat bloß — was 
keineswegs selbstverständlich schien — nachgewiesen, daß auch der Genius nicht 
von oben kommt, sondern aus dunkler Tiefe nach oben geht. Sie hat femer 
zwischen Echtem und Falschem oder sagen wir: zwischen objektiver Erkenntnis 
und subjektiver Phantasie unterscheiden gelehrt. Ihr Fehler war freilich bisweilen, 
die Dinge ohne die nötigen Einschränkungen und in allzu schroffer, einseitiger Form 
geschildert zu haben. 

- Ich behaupte nun aber keineswegs, daß sich der Vorgang tatsächlich so 
abgespielt hat. 



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aber viel weiter reichende Wirkungen erzielt haben. Sie heißen dem 
interessant, dessen gleidigestimmtes Unbewußte sie mitsdiwingen 
lassen. Die größere oder geringere Allgemeinheit der Komplexe 
und die Art ihrer Darstellung <die intellektuelle Blendung) entsdieidet 
über ihre Aufnahme bei den anderen. 

Bei der zweiten Gruppe von Denkern, den nüditernen, handelt 
es sich nur zum geringsten Teil um das Ausleben der Komplexe 
und ein solches durch das Unbewußte nicht wesentlich gefälschte 
Weltbild verdankt seine Entstehung bloß einem kräftigen Forscher^ 
trieb, zu dem sich eine in Wißbegierde sublimierte Libido als Ver* 
Stärkung gesellt. Der bei diesen Denkern nicht zu unterschätzende 
Anteil der Ichtriebe soll noch im Verlauf unserer Arbeit zur Sprache 
kommen. 

Auf dieser nicht mehr mythologischen Stufe des Erkennens 
hätte es keinen Sinn, das Unbewußte für die Forschungsresultate 
verantwortlich zu machen, da die Libido hier bloß als Motor des 
Denkens wirkt. Es wäre geradeso, wie wenn man aus dem Brenne 
material der Lokomotive die Eigentümlichkeit der durchfahrenen 
Landschaft herleiten wollte. 

Die vorläufige Unterscheidung von nüchternen und mytholo^ 
gischen Philosophen deckt sich ungefähr mit der von »Denkern« und 
»Schauern« <Chamberlain>, wozu ich bemerke, daß diese Bezeich-- 
nungen nur ein Mehr oder Minder, d. h. eine vorwaltende Anlage 
des Geistes ausdrücken. Vielleicht sind eigentliche »Weltanschauungen« 
bloß die Schöpfungen dieses visuellen Typus, dem der Typus des 
Dichters so nahesteht^. Ich erinnere nur an Plato. Es sei mir ge^ 
stattet, über dieses Vorbild eines idealistischen Philosophen noch 
Einiges zu sagen. 

Wenn wir ihn in die Nähe der Künstler stellen durften, so 
verdankt er dies nicht nur der hohen Kunst seiner Sprache, sondern 
auch seiner ganzen persönlichen Art, bildlich aufzufassen. Wer ent^ 
sinnt sich nicht des glänzenden Vergleiches des irdischen Daseins mit 
dem Aufenthalt in einer unterirdischen Höhle am Anfang des sie* 
benten Buches der »Republik«? Wieder im »Phädros« erscheint 
Plato die Seele unter dem Bilde eines Gespannes. Der vernünf* 
tige Seelenteil (Aoytanxd^) ist der Lenker zweier geflügelter Rosse: 
eines edlen <des ifvj^iOFiöeg} und eines unedlen <der ijniJ-vfiia), Im 
»Staate« endlich wird der begehrende Seelenteil mit einem Hunde 
verglichen. Es sind aus der Traumdeutung bekannte Symbole, teiU 
weise der funktionalen Kategorie-, die als unvergeßliche Eindrücke 
in uns haften. 

^ Der halluzinatorische Charakter des Unbewußten dürfte bei den »SAauern« 
ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Man könnte vielleidit kurz und ungenau 
sagen: Bei diesen findet eine Regression von Gedanken zu Bildern statt, während 
umgekehrt der Diditer aus Bildern einen gedanklichen Zusammenhang zu gewinnen 
sudit. 

- H. Silber er: Beridit über eine Methode, gewisse symbolische Halluzi- 
nationserscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Jahrb. I, p. 517. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 207 



Platon der Künstler stellt in dem eben erwähnten Höhlenvergleich 
die Idee des Guten, die bei ihm wohl der Gottheit gleichkommt, 
durch das Bild der Sonne dar, bei deren Anblick der aus der Höhle 
Tretende Schmerz empfände, kaum vermödite er die Helligkeit der 
Flamme zu ertragen. Wer den Nachtrag zu der Arbeit Freuds 
über Seh reber* kennt, wird sich der Vermutung nidit erwehren 
können, daß das dort über das Verhältnis zur Sonne Gesagte denk^ 
barerweise auch bei Plato seine Anwendung findet. Idi setze die 
bezeidinenden Stellen aus dem Aufsatz hieher: »Auf p. 48- er- 
wähne idi das besondere Verhältnis des Kranken zur Sonne, die 
ich für ein sublimiertes ,Vatersvmbor erklären mußte. Die Sonne 
spricht zu ihm in menschlichen Worten und gibt sich ihm so als ein 
belebtes Wesen zu erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit 
Drohworten anzuschreien,- er versichert auch, daß ihre Strahlen vor 
ihm erbleichen, wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner 
Genesung rühmt er sich, daß er runig in die Sonne sehen kann'' 
und davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet wird, was 
natürlich früher nicht möglich gewesen wäre <Anmerkung auf p. 139 
des Schreberschen Buches).« 

»An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne 
schauen zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. Man 
liest bei S. Reinach^ <nach Keller, Tiere des Altertums), daß die 
alten Naturforscher dieses Vermögen allein den Adlern zugestanden, 
die als Bewohner der höchsten Luftschichten zum Himmel, zur 
Sonne und zum Blitze in besonders innige Beziehung gebradit 
wurden. Dieselben Quellen berichten aber auch, daß der Adler 
seine Jungen einer Probe unterzieht, ehe er sie als legitim erkennt. 
Wenn sie es nicht zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne 
zu blinzeln, werden sie aus dem Nest geworfen.« 

Ȇber die Bedeutung dieser Tiermythos kann kein Zweifel 
sein. Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei den 
Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit seinen Jungen 
anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie sie von den ver^ 
schiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet wird.« Folgen nun 
einige Beispiele. 

»Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt und 
verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, benimmt 
sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine Kinder der 
Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreber sich rühmt, daß er 
ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen kann, hat er den 
mythologischen Ausdruck für seine Kindesbeziehung zur Sonne 



^ Freud: Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von 
Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. III, p. 588. 
2 Jahrb. III, p. 48. 

^ Von mir im Druck hervorgehoben. 
* Cultes, Mythes et Religions, T, III, 1908, p. 80 (Anmerkung Freuds). 



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208 Alfr, Frh. v. Winterstein 



wiedergefunden, hat uns von Neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne 
als ein Symbol des Vaters auffassen.« 

Um zu unserem Ausgangspunkt zurü Azukehren : drü At mög* 
lidierweise der Höhlenvergleidi für den, der an keinen Zufall im 
Psydiisdien glaubt und die typisdien Bilder des Unbewußten kennt, 
audi eine Mutterleibsphantasie ^ aus, so dürfen wir wiederum in der 
Sonne, der Idee des Guten, ein sublimiertes Vatersymbol vermuten 
und in der Unfähigkeit, anfangs ungeblendet in die Sonne zu sdiauen, 
könnten wir die mythologisdie Äußerung eines Zweifels an der Ab^ 
stammung vom Vater erblidten. Im zweiten Teil dieser Abhandlung 
soll die Bedeutung eines derartigen infantilen Zweifels für die System- 
bildung der Philosophen erörtert werden. Der Aufstieg zur Welt der 
Ideen hingegen würde im Bilde einer Geburt die Versdiiebung der 
Libidobesetzung von der Mutter zum Vater, eine EntwiAIung*^ an* 
zeigen. Diese Überleitung sdieint von großer Bedeutung für die 
Entstehung von Philosophie und Religion zu sein. 

Wir haben erst durdi die Psydioanalyse die Vorbildlidikeit des 
Sexuellen für das Verhalten des Individuums erkennen gelernt. Kühle 
oder feindselige Einstellung zur Frau, die wieder in der Beziehung 
zur Mutter ihre Quelle haben dürfte, hat leidit die Neigung, sim 
zu verallgemeinern^ und die Beurteilung der Sinnenwelt zu beein* 
Aussen. Hieraus erwädist oft die allzu hohe Sdiätzung der rein geistigen 
Wirklidikeit. Die ganze sinnenfeindlidie Position des Piatonismus, die 
in dem Christentum und seinem Willen zur Entwertung der gegebenen 
Realität zwei Jahrtausende nadiklang, wurzelt nur zum Teil in den 
individuellen Lebensbedingungen ihres Urhebers, zum größeren 
Teil hat sie ihren Ursprung in den Libidowandlungen der griediisdien 
Gesamtpsydie. Es wäre eine eines psydioanalytisdi gesdiulten Kultur^ 

^ Vgl. das orphisdie ocof^ia — of)ßa\ Plato ist durdi die orphisdie Religion 
sehr beeinflußt. Bezüglidi der Muttcrieibsphantasie, deren Bedeutung und Häufigkeit 
verweise idi auf Freud (»Traumdeutung«, p. 198 und 199) und St ekel <»Die 
SpraAe des Traumes«, p. 284 IT.). — Um empörte gegnerisdie Stimmen zu bc* 
sÄwiditigen, bemerke idh nodi dies: Die Aufdedcung der tiefsten SdiiAt wil! 
nidit mit einer erschöpfenden Darstellung des möglidien Ideengehaltes jener 
Bilder verwediselt werden. 

*-' Vielleidit lassen sidi die nadistehenden Ausführungen Bachofens <»Das 
Mutterrcdit«, Stuttgart 1901, p. XXVII) als Ergänzung zu dem oben Gesagten 
auffassen: »In der Hervorhebung der Paternität liegt die Losmadiung des Geistes 
von den Ersdieinungen der Natur, in ihrer siegreidien Durdiführung eine Er- 
hebung des mensdilidien Daseins über die Gesetze des stofflidien Lebens. Ist das 
Prinzip des Muttertums allen Sphären der tellurisdien SAöpfung gemeinsam^ so 
tritt der Mensdi durdi das Qbergewidit, das er der zeugenden Potenz einräumt, 
aus jener Verbindung heraus und wird sidi seines höheren Berufes bewußt. Über 
das körperlidie Dasein erhebt sidi das geistige und der Zusammenhan:: mit den 
tieferen Kreisen der Sdiöpfung wird nun auf jenes besdiränkt. Das Muttertum ge- 
hört der leiblidien Seite des Mensdien an und nur für diese wird fortan sein Zu- 
sammenhang mit den übrigen Wesen festgehalten,- das väterlidi-geistige Prinzip 
eignet ihm allein. . . Das siegreiche Vatertum wird ebenso entschieden 
an das himmlische Licht angeknüpft, als das gebärende Muttertum 
an die allgebärende Erde«. 

■* Vgl. den Ausdrud< ^Frau Welt*^. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 201» 

Historikers würdige Aufgabe festzustellen, was die Ursache des mächtigen 
Verdrängungsschubes im achten und siebenten vorchristlichen Jahr^ 
hundert, nach Rhode der wichtigsten Periode griechischer Entwicklung, 
gewesen sein mag. Möglich, daß die Verdrängungswelle von Ägypten 
herüberflutete. Seit dieser Zeit tritt in der griechischen Volksseele 
jener Zwiespalt zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zwischen 
Apollinischem und Dionysischem — um die berühmte und Völker^ 
psychologische bedeutsame Unterscheidung Nietzsches in der »Ge* 
)urt der Tragödie usw.« zu gebrauchen — immer wieder auf. Die 
Bedeutung dieses Widerstreites für die griechische Ethik hoffe ich 
einmal in anderem Zusammenhang darlegen zu können. Die Seele ist 
vom Leibe zu reinigen als einem befleckenden Hindernisse — das ist 
das Ziel des in jener Epoche blühenden, an die Tendenzen anderer 
Reinheitsreligionen: des Brahmanismus oder Zoroastrismus, 
gemahnenden orphischen Geheimdienstes. Was hier gebändigt und 
geläutert wurde, strömte ursprünglich in wilden Wellen von den 
Bergen des Nordens herunter: idi meine den Dionysoskult thrakischer^ 
Herkunft. Seine Ergänzung findet der orphische Glaube im pytha^ 
goräischen Geheimbund, dem auch der Leib ein Kerker der in ihn 
gebannten, aus höheren Regionen verirrten Seele ist. Ägyptische und 
vielleicht auch indische Einflüsse sind bei Pythagoras zu verspüren. 
Der Dienst des Dionvsos und die Askese des großen Reformers 
bezwecken eigentlich ciasselbe. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, mit 
der lästigen Sexualität fertig zu werden: entweder man verdrängt 
seine Libido oder man entledigt sich ihrer durch fortgesetzte ReaT^ 
Übertragung. Das zweite Verfahren, durch rücksichtslose Hingabe an 
die Natur ihrer überdrüssig zu werden, das Schwelgen »in impuris 
naturalibus« <Nietzsche> scheint dann wieder in der Schule der 
Kyniker aufzuleben. Diese will aber durchaus nicht den Menschen 
von der Welt ablösen, sondern nur den Einzelnen mitten in der 
Welt von deren Herrschaft über seinen Willen freimachen*. Der 
Zynismus entspringt nämlich im letzten Grunde nicht einer freudigen 
Wertschätzung der natürlichen Triebe, sondern einer Erniedrigungs^ 
tendenz im Sinne einer Ablehnung. So paradox es auch klingt: der 
Überempfindliche wehrt sich oft durch Zynismen <ein Schutzcharakter 
des Schamhaften). So wie ein Feigling, wenn er gereizt wird, am 
gefährlichsten werden kann. 

Die uns überlieferten Aussprüche der Kyniker kommen unserer 
Auffassung stark entgegen. Antisthenes soll gesagt haben: »Könnte 
ich der Aphrodite habhaft werden, so würde ich sie erschießen«.^ Von 
einem anderen wird berichtet, er habe sich geäußert: »Lieber will ich 
verrückt sein als genießen«.* 

^ Der thrakische Ursprung ist nach neueren Untersudiungen nicht feststehend. 
- Siehe). Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, 11. Bd. 
' frg. 35 (Mull ach, Fragmenta philosophorum graecorum II. Paris, Didot 
1867, p. 274ff.>. 

' frg. 65. Diog. Laert. VI, 3. 

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1^10 Alfr Frh. v. Winterstein 



Audi die hedonischc Meß* und Redienkunst, Ausdrud^ einer 
an Instinkten ärmer gewordenen Zeit, die mißtrauisdi in die Zukunft 
bildet, zeigt immer mehr ihr wahres Gesidit: um sidi gegen die Herrsdiaft 
der Triebe zu sidiern, strebt sie Leidlosigkeit an, die Meeresstille 
des Gemüts,- Ruhe und GlüA ist nur im Tode, lehrt Hegesias, 
der T^JzeiOL&dvaTog«, wie der Verfasser der Sdirift »Der Selbstmörder 
durdi Nahrungsverzidit« (»ajroKaoTSQ(7jv<^} genannt wurde. Die Ehe* 
losigkeit dieser Männer entspringt nidit minder dem neurotisdien 
Dualismus von Bewußtem und Unbewußtem. 

In diesen Jahrhunderten der Verdrängung, wo die Seele dem 
Leibe entfliegen und sidi mit der Gottheit vereinigen will, ist kein 
Platz für die Frau. In der harmonisdien, hellen Welt Homers, vieU 
leidit viel später nodi bei Herodot^ hören wir zum ersten^ und 
zum letztenmal starke Gefühlstöne als Ausdrud^ der Beziehungen 
zwisdien Mann und Weib. Um Helenas* willen kämpft man vor 
Troja, Hektor nimmt Absdiied von Andromadie. Diese Klänge ver^ 
stummen fortan. Was an zärtlidien Regungen in der Seele des 
Mannes keimt, wird zur Knabenliebe ^ verwendet, die ihren sublimsten, 
leuditendsten Ausdrud^ im »Gastmahl« des Plato* erhalten hat. Alle 
Wissensdiaften und Künste stammen aus dem Eros, heißt es dort. 
Trotzdem wird Eros dem Mensdien zum Feinde. Äußere Umstände 
gleidierweise wie innere führen zu einer immer größeren Isolierung 
des einzelnen, der Stoiker bedarf keiner Güter mehr, da er das 
Himmelreidi in sidi selber, in seines Unbewußten wunsdierfüllender 
Instanz trägt. Die Ethik wird vollkommen individualistisdi,- die 
Kyniker der vordirisdidien Zeit nehmen bereits die Ansdiauungen 
der Möndie des dritten und vierten Jahrhunderts vorweg: die Apo* 
litie, die Veraditung der Welt, die Freiheit von Mensdien, Bedürfe 
nissen und Meinungen ^ So sieht der Boden aus, der das Christen^ 
tum vorbereitete. 

Sdiüditern erst und dann mutiger wagt sidi in diesem ein 
Marienkultus hervor, im mittelalterlidien Minnedienst findet dann der 
Mensdi jene veredelten Beziehungen zur Frau wieder ^ entwidielt 
sidi jener Frauenkultus, in dem es die folgenden Jahrhunderte auf 
Kosten des homosexuellen Fühlens so weit gebradit haben. 
Schopenhauer bezeidinet eine vereinzelte Reaktion dagegen. 

Wenn wir im Auge behalten, daß die Homosexualität aus dem 

^ Vgl. Gomperz, »Griediisdie Denker«, II. Bd. 

- Spätere griecfiisdie SdiriftstcIIer haben sich bezeichnenderweise darüber lustig 
gemacht, claß die Ilias den Kampf um die Frau besang. 

^ Dorischen Ursprungs. Die Jonier haben eine abweichende EntwiAlung 
durchgemacht. 

^ In den »Gesetzen« wird die Knabenliebe aufs schärfste verurteilt! 

^ Vgl. JodI, GesAidite der Ethik, I. Bd. 

* In der hellenistischen Periode spannen sich zwischen den Geschlechtem 
Fäden einer vergeistigten Sinnlichkeit an, die an das achtzehnte Jahrhundert er- 
innern. — Idi weiß sehr genau, daß das Verhalten der Römer zur Frau ein anderes 
wie das der Griechen war, bin aber mit Absicht hier nicht darauf eingegangen. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 211 

Verhältnis zum Vater ihre stärkste Anregung empfängt und eine 
ursprünglicii intensive Fixierung bei der Nlutter voraussetzt, werden 
wir nidit erstaunt sein, Plato durdi den Mund des Sokrates, einer 
Neuauflage des väterlichen Ideals, sein Leben lang spredhen zu hören. 
Für die im »Symposion« gefeierte Knabenliebe ^ aber läßt sich fol- 
gende Erklärung geben : Wenn der Betreffende Vater wird <ich meine 
nicht: physischer Vater), identifiziert er sidi mit seinem eigenen Er^ 
zeuger und liebt, indem er die alte väterliche Rolle den Knaben 
gegenüber durchführt, eigentlich seine eigene Jugend, sich selbst. Jener 
Narzißmus hat dann bei Aristoteles in der Sdiilderung des sich selbst 
genießenden, ewig seligen Gottes großartigen Ausdruck gefunden — 
was wieder an clie Liebe erinnert, mit (Ter sich Gott bei Spinoza 
selbst liebt. Auch die heterosexuelle Richtung verrät noch ihren Ein^ 
fluß in der Liebe vorzugsweise zu solchen Knaben, deren Aussehen 
ein mädchenhaftes ist. 

Bei einem Individuum wie Plato, dem wir ein besonders 
hohes Maß von Sublimierungsfähigkeit werden zusprechen müssen, 
dürfen wir eine ebenso starke Ablehnung alles Grobsexuellen 
erwarten. Vieles deutet darauf hin: seine Seelenlehre, diese eanze 
Auffassung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele, die Sehn- 
sucht der Seele nach ihrer wahren Heimat, der idealen Welt, der 
Unsterblichkeitsglaube ^ — der eigentlich im Widerspruch mit seiner 
Ideenlehre steht — , die nur scheinbar überbrückte Kluft zwischen dem 
göttlichen /.oyionxov und dem vergänglichen Liiihv^iijrixöv in der mensdi^ 
liehen Brust, endlich der Kultus (Ter unsinnlichen Begriffe, der sich 
nach einem treffenden Worte Iherings einen Begriffshimmel errichtet. 

Furdit vor übermäditigen Sinnen — wir würden sagen: Ab^ 
lehnung drängender Triebe — hielt auch Nietzsche^ für den Grund 
des Idealismus Piatos, in dem der Künsder und der Theolog nie 
zur Versöhnung gelangten. Nur halbwegs gesidierte psychoanalytische 
Aufschlüsse über die Beziehung von Philosophie und psychosexueller 
Konstitution bei Plato zu geben — Plato selbst nennt den Eros 
den philosophischen Zeugungstrieb — , ist bei der nidit allzugroßen 
Ausrührlichkeit der Nachrichten über sein Leben und der Ungeeignet^ 
heit des Materials ein Ding der Unmöglidikeit. Wir sind daher hier 
wie anderwärts bloß auf Vermutungen angewiesen. 

Wir wissen, daß Plato nach dem Tode des Sokrates aus 
äußeren, politischen und wahrsdieinlich auch aus inneren Gründen 
Athen verließ und erst nach beiläufig zehnjähriger Reise nach Athen 
zurückkehrte. In der Fremde mag die Sehnsucht nach dem verlorenen 
väterlichen Ideal des Lehrers den herangereiften Sdiüler zur Abkehr 
von der äußeren Welt und zu jener Vertiefung in sidi selbst ver^ 



^ Plato sagte, daß es gar keine platonisdie Philosophie geben würde, wenn 
es nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe. 

- Zwisdien Todesfurdit, die Unsterblidikeit fordert, und unbefriedigter Sexu- 
alität besteht ein Zusammenhang <die Wünsche sind das Unsterblidie). 

3 »Die fröhlidie Wissensdhaft«, p. 329. 



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212 Alfr. Frh. v. Winterstein 



anlaßt haben, die die Voraussetzung einer Lehre war, in der die 
Ideen allein objektive Realitäten und Sitz aller Wesenheit und Wahr^ 
heit, umgekehrt die Ersdieinungen der Sinnenwelt unzulänglidie Ab* 
bilder derselben sind. Die Erinnerungen seiner Jugendzeit sdieinen 
bei Pia tos Heimkehr verstärkten Einfluß auf ihn gewonnen zu haben. 
Dafür spridit, daß die Sdiriften dieser Periode sidi wieder mit Vor* 
liebe zur Persönlidikeit des Sokrates zurüdcwenden, die Überhand* 
nähme der mythisdien Form verrät vielleidit audi eine größere Nähe 
des Unbewußten. Jetzt entsteht der »Phädros«, das »Symposion«, 
der »Phädon«, Werke, in denen die Erhebung zur Erkenntnis der 
Ideen, die Auffahrt der Seele zum überhimmlisdien Ort ihre voll* 
endetste künstlerisdie Gestaltung erhalten hat. 

Nur sdieinbar entflieht Plato auf den Flügeln der Seele ir* 
disdien Begehrungen und LeidensAaften, in Wirklichkeit kehrt er auf 
den Gipfelpunkt seines Sdiaff^ens zum »tiefsten, allertiefsten Grund« 
zuTüdi, »umsdiwebt von Bildern aller Kreatur«. Jeder Himmelsflug 
führt tatsädilidi ins bodenlose Unbewußte hinab. »Versinke denn! 
Idi könnt' audi sagen: Steige! 's ist einerlei«^. 

Im »Staate« läßt Plato der Dreiteilung der Seele in ziemlidi 
gezwungener Parallele die Dreiteilung der Stände entspredben. Der 
Staat wiederum ist für den Philosophen eine Welt im kleinen. Idi 
habe dieses Beispiel angeführt, um den Übergang zu einer Behauptung 
zu finden : daß nämlidi das ganze Altertum von der Voraussetzung 
ausging, der Mensdi sei ein Mikrokosmos. Erst Schopenhauer^ ist 
zu dem entgegengesetzten Bilde des Kosmos als Makranthropos ge* 
kommen, »sorern Wille und Vorstellung ihn wie sein Wesen er* 
sdiöpft«. Er hat insoweit redit, als der Mensdi eigene bewußte und 
unbewußte Regungen in die Außenwelt projiziert,- der Mensdi ist 
für sidi tatsädilidi das größte Hindernis, um zur Welt zu gelangen. 
In unzähligen Fällen stellt er, indem er ein Weltbild zu geben glaubt, 
nidits anderes wie sein eigenes Unbewußtes, eigene psydiisdie Struktur* 
Verhältnisse mit Hilfe des Materials der Außenwelt dar. Denn er 
weiß nidits von diesem Prozesse der Einfühlung, im Bilde kommt 
ihm bloß sein eigenes^ Wesen entgegen. 

Der »Urmythos aller Mythen« <H. St. Chamberlain), die 
Annahme einer Identität von Gesdiautem und Gedaditem, Natur 
und Vernunft, Denken und Sein beruht in der einen seiner mög* 
lidien Gestaltungen auf dem Mißverständnis einer anthropomorphen, 

* Vgl. Augustinus: »Ich werde midi also auch noch über diese Kraft 
meiner Natur erheben, schrittw^eise emporsteigend zu dem, der mich bereitet 
hat/ werde kommen zu den Gefilden und weiten Palästen meines Gedächtnisses«. 
(Bek. Buch X, Kap. VIII,- zit. bei Jung, Wandlungen und Symbole der Libido). 

2 Die Welt als Wille und Vorstellung, IL Bd., Kap. 50. 

' Novalis, Die Lehrlinge zu Sais: »Erkennen sie in der Natur nicht den 
treuen Abdruck ihrer selbst: Sie selbst verzehren sich in wilder Gedankenlosigkeit. 
Sie wissen nicht, daß ihre Natur ein Gedankenspiel, eine wüste Phantasie ihres 
Traumes ist. Jawohl ist sie ihnen ein entsetzliches Tier, eine seltsam abenteuerliche 
Larve ihrer Begierden«. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 213 

die eigene Libido projizierenden Anschauungsweise, die in dem Sein 
immer nur sidi selber finden kann. So kam Schopenhauer, der 
auch hier angeführt werden muß, dazu, beispielsweise in der 
Sdiwerkraft eine Äußerung des »Willens« zu erblicken. Und für 
diese Art, die Dinge zu betrachten, gilt das Wort des Novalis: 
»Die Welt ist ein Universaltropus des Geistes, ein symbolisches 
Bild desselben. < Bei Fichte, Schelling und Hegel, auf die ich 
in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen kann, ist jene 
Identitätstheorie in abstraKten Gedankenverknüpfungen wieder zu 
hohen Ehren gelangt. Es sind bei dieser Einheitslehre zunächst 
zwei entgegengesetzte Schlußfolgerungen möglich. Wer in seinem 
Innern das Drängen von dumpfen Kräften verspürt und sich als 
Tätigkeitszentrum empfindet, wird nur allzuleicht geneigt sein, die 
Beseeltheit der Außenwelt zu überschätzen. Daher auch der 
Pantheismus der Jugend. Anders bei jenem, der, durch kein ge^ 
schäftiges Weben der Seele gestört, die Dinge um sich mit leiden^ 
schaftsTos spiegelndem Auge auffängt. Ihm wird das All zu einem 
leblosen, seelenlosen Mechanismus und sein eigenes Psychisches also 
auch. Natürlich ist der oben gebrauchte Ausdruck »Schlußfolgerungen« 
etwas irreführend: es handelt sich nicht um logische Konklusionen, 
sondern um einen gefühlsmäßigen Eindruck, der durch die Libido^ 
konstellation des betreffenden Individuums mitbedingt ist. 

In archaischen Zeiten hat gewiß die erstere Anschauung allein 
geherrscht. Damals waren weitaus mehr Objekte der Außenwelt, 
lebendige und leblose, mit Libido primär besetzt als später,- die 
Sonne war nicht ein Vatersymbol, sondern etwas, dem eine — 
sagen wir — gleich starke Libido wie einem Vater entgegengebracht 
wurde. Nachträglich, mit zunehmender Exklusivität und Konzentration 
der Libido, konnte ein Libidostärkeäquivalent wie beispielsweise die 
Sonne oder die Erde als Vater- oder Muttersymbol verwendet 
werden. Es eignete sich dazu, da es nicht mehr Libidobedeutung 
besaß. Um bei unserem Exempel zu bleiben: ich glaube auch, daß 
ursprünglich bereits oder wenigstens sehr frühe <in diesem Fall 
immerhin sekundär) der Sonne und der Erde eine differenzierte 
Libido infolge eines verschiedenen, sozusagen physischen Entgegen* 
kommens gewidmet wurde. Die Erde ist etwa in jener prähistori* 
sehen Zeit als wirkliche Urmutter, die Sonne als wirklicher Urvater 
verehrt worden. Im Verlaufe einer Entwicklung, deren Dauer wir 
nicht abzuschätzen vermögen, hat sich die Libido von vielen 
Objekten zurückgezogen, sich teils für die nunmehr als solche 
geltenden Liebesobjekte verstärkt, teils sublimiert und jetzt erst 
konnten die der Urlibido ledigen Objekte als Symbole — wie wir 
es noch immer im Traum, in der Dichtung, in der Neurose^ und 



^ Freud deutete einmal den Angstanfall eines Patienten, den dieser bei einer 
Erdarbeit bekam, als die Sonne ihn beschien, nach den eigenen Angaben des 
Kranken dahin, daß er Angst vor dem zusehenden Sonnen* Vater hatte, der ihn 
beim Herumarbeiten in der Mutter^Erde überraschte. 



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214 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Psychose^ erleben — gebraucht werden. Mit einem Wort: Vieles, 
was jetzt als Libidosymbol angesehen wird, war vielleicht 
einmal Libidoobjekt. 

Der Mythos, das Unbewußte, ist die Regenbogenbrücke 
zwisdien Innen und Außen, zwisdien Geist und Natur ^. Was idi 
in die Dinge projiziert habe, täusdit mir eine Ähnlidikeit ihres 
Wesens mit dem meinigen vor. Auf allen Pfaden des Denkens tritt 
ewig der Mensdi nur sidi selber entgegen^ und erkennt sidi nidit. 
Im Rigveda heißt es: »Im Herzen schuf Varuna den Willen, am 
Himmel die Sonne,- gleicherart sind beide«. *^ Und Jahrhunderte später 
lehrte Giordano Bruno, daß die Stufenleiter der menschlichen 
Gemütsbewegungen genau der Stufenleiter der Natur entsprechet 

In einem gewissen Sinn gilt von unserem gesamten Erkennen 
der Satz, daß jeder nur das findet, was er zu finden voraussetzt — 
kraft seiner eigentümlichen Beschaffenheit. Auch der Philosoph nur 
das, was sein Unbewußtes wünscht, sofern er dessen Herrschaft 
nicht eingedämmt hat. Die Forderung Ferenczis erscheint deshalb 
sehr berechtigt, daß jeder, der an die Behandlung philosophischer 
Probleme herangeht, sich vorher gründlich analysieren solle. 

Und so ist die Philosophie verwandt mit der Erdichtung von 
Mythen, ja ihre Tochter, wie schon Aristoteles bemerkt, der hinzu^ 
fü^t, daß der Philomythos notwendig ein Philosophos sein müsse. 
Wir werden von unserem heutigen Standpunkte aus umgekehrt 
sagen, daß der Philosoph, der Metaphysiker, notwendig ein Freund 
von Wunschdichtungen sei. 

Eigentliche Philosophiegeschichte zu treiben, ist dieses Ortes 
nicht, aber wir verstehen von hier aus die verschiedenen Gabelungen, 
die in den entgegengesetztesten Systemen Vertretung gefunden haben. 
Die Kluft zwischen Geist und Natur, Denken und Ausdehnung 
schließt sich — dies ist eine Lösungsmöglidikeit — in einer trans^ 
zendentalen Substanz, Gott genannt, zusammen. Jedoch ist das eine 
äußerliche Vermittlung, da diese beiden Attribute als dasjenige, was 
der Verstand an der Substanz als ihr Wesen ausmachend wahr^ 
nimmt, Gott selbst gleichgiltig, da sie nicht immanente Unterschiede 
der Substanz sind. Gott ist hier wirkÜch nur ein Deus ex 
machina. Spinoza, ein Vernunftungeheuer, das die Prinzipien des 
Seins more geometrico zu demonstrieren unternahm und vermeinte, 
alles lasse sich 5>commodissime explicari«^ konnte aus unmittelbarer 



* Siehe die Sonne als Vatersymbol bei SArcber. 

3 Inwieweit das Unbewußte tatsächlich als Vermittlung zwischen Psydiischem 
und Somatisdiem aufgefaßt werden könne, soll späterhin dargelegt werden. 

^ »Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin zu Sais — Aber 
was sah er? Er sah — Wunder des Wunders, sidi selbst.« 

* Die philosophisdie Ansicht des Rigveda erfaßt nadi Jung <Jahrb. IV;. 
p. 408) die Welt als eine Libidoemanation. 

^ Zit. naA Chambe riain, Immanuel Kant, p. 326 <2. Aufl.) 
'^ Zit. bei Chamberlain, 1. c, p. 392. 



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Psychoanalytisdie Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 215 

Anschauung niemals die Brücke finden. Sein Geist war zu sehr der 
sinnlidien Außenwelt entwadisen. Die Vernunft war zum Affekt 
geworden, der sich in Syllogismen auslebte. Dem kühlen Denker, 
der sidi nadi einem sdiwadien Anlauf zur Objektliebe bei der 
Toditer seines Lehrers, Clara Maria van den Ende, narziß^ 
tisdi auf sidi selbst zurüd^zog und in der abstrakten Persönlidikeit 
Gottes sidi selbst liebte (Beziehung zwisdien Narzißmus und Vater^ 
imago), vermodite sidi gefühlsmäßig ein Zusammenhang zwischen 
Außenwelt und mathematisdi^nüditerner Gedankenwelt nur in 
dem Abgrund der göttlidien Substanz zu ergeben. Der »amor 
intellectualis«, mit dem der endlidie Mensdi, »Stäubdien vom 
Staube«, dem Versinken in die unendlidie Tiefe zustrebt, ist ein 
Nadifahr jener Unterwürfigkeit, mit der sidi Israel vor dem strengen 
Gott in den Staub warf^ Die innere Auflehnung Spinozas gegen 
seine Eltern, die wir aus seiner Biographie ersdhließen dürfen und 
die seinem Denken den Stempel der Unersdirod^enheit aufgeprägt 
hat, war nidit imstande, die Bedeutung des Vaters für ihn zu 
mindern*. In der Rolle, die Gott in seinem System innehat, er^ 
kennen wir sie wieder. Er wagt es nidit, von ihm für seine grenzen^ 
lose Hingebung Liebe zu fordern,- »nidit Gott liebt uns, sondern 
wir, die wir Gott erkennen, lieben Gott. Weil aber alle Mensdien 
zusammen einen Teil des unendlichen Verstandes bilden, weldier 
ein Attribut der ewigen Substanz ist, einen Teil jener Kraft, die 
allüberall Gott erkennt und Gott liebt, so kann gesagt werden, daß 
unsere Liebe ein Teil der Liebe ist, mit der Gott sidi selber liebt« ^. 
Sollte nun mit der Vermittlung zwisdien Innen und Außen 
ernst gemadit werden, so ergaben sidi zwei Möglidikeiten : der 
Realismus <Empirismus, Sensualismus) und der Idealismus. Nur 
über diesen will idi nodi einiges bemerken. Leibniz faßt die 
Substanz als lebendige Aktivität, als tätige Kraft auf/ die Substanz 
ist ihm ferner Einzelwesen, Monade,- es gibt eine Vielheit von 
Monaden, die alle psvdiisdien Charakter haben. Sie sind die Grunde 
wesen des ganzen physisdien wie geistigen Universums und unter* 
sdieiden sidi voneinander nur durdi größere oder geringere Deut* 

* Der masochistisAc Zug rückt Spinoza in die Nähe der Mystiker. Es 
fehlen — was nidit erstaunlidi ist — auA nidit sadistisdie Neigungen. Sein Bio- 
graph Colcrus <1705> bcriditet: »Wenn es ihm um irgendeinen anderen Zeit- 
vertreib zu tun war, so fing er einige Spinnen und ließ sie miteinander kämpfen/ 
oder er fing einige Fliegen, warf sie in das Netz der Spinne und sah diesem 
Kampfe mit großem Vergnügen, selbst mit Ladien zu.« Frcudenthal merkt 
hiezu an: »Die Zusammenstellung dieser Angabc mit der nadifolgcnden über 
Spinozas mikroskopisdie Untersudiungen beweist, daß er nidit aus Grausamkeit 
Spinnen und Fliegen miteinander kämpfen heß, sondern um wissensdiaftlidier 
Zwedcc willen«. — Als ob das — nadi den Erkenntnissen der Psydioanalyse — 
ein Widcrsprudi wäre! 

2 Die Kinder des Hauses (bei Hendrik van der Spyk) ermahnte er zur 
Unterwürfigkeit und zum Gehorsam gegen die Eltern (Colcrus). 

^ Eth. V, Prop. 35 u. 36. Es soll — trotz der vorstehenden Ausfuhrungen 
— nidit verkannt werden, weldic Großartigkeit in der Auffassung Spinozas liegt. 



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216 Alfr. Frh. v. Winterstein 



lichkeit der Erkenntnis. Aus den näheren Bestimmungen der 
Leibnizsdien Monaden geht hervor, daß wir in ihnen bloß 
Projektionen der eigenen seelisdien Spontaneität in den gesamten 
Kosmos auf Grund eines Analogiesdilusses zu erbliAen haben. 
Hier haben wir es eigentlidi mit einem wissensdiaftlidien, atomistisdi 
gefärbten »Animatismus« ^ zu tun. Die den einzelnen Monaden zu^ 
gesdiriebene Unfähigkeit, aufeinander einzuwirken, gestattet viel^ 
leidit Rüdcsdilüsse auf einen ziemlidi weitgehenden »Autismus« ^ 
bei diesem Denker. Geradeso, wie in der Feststellung, daß in jeder 
Monade sidi alles, was ist und gesdiieht, reflektiert ^ aber durdi 
ihre eigene spontane Kraft, die Interessebesetzung bei der Wahr- 
nehmung der Außenwelt möglidierweise ihren indirekten Aus^ 
drud^ findet. Die Monade ist — nadi dem Aussprudle Leibniz' 
— »parvus in suo genere deus«. Gott ist die Monade mit der 
distinKtesten Erkenntnis. Der Gottesbegriff spielt im ganzen bei 
Leibniz eine durdi sein Monadensystem in nidits gereditfertigte, 
wohl durdi Gefühlsmomente bedingte Rolle. 

Berkeley ist einen Sdiritt über den Idealismus Leibniz' 
hinausgegangen. Sein religiöses Gefühl allein hinderte ihn, in Solip^ 
sismus auszuarten. Esse = percipi,- es existieren nur Geister, d. h. 
denkende Wesen. Zur Erklärung des nidit spontan von uns Ge^ 
setzten wird Gott herbeigezogen, der die sinnlidien Empfindungen 
in uns hervorbringt. Die Ideen, die er uns mitteilt, muß er konse^ 
auenterweise aum in sidi tragen,- diese Ideen in Gott heißen 
Archetype <LIrbiIder>, diejenigen in uns Ektype <Abbilder>. Die 
Entwertung der materiellen Außenwelt, die überragende Bedeutung 
Gottes, den man sidi in Analogie mit dem in uns selbst Wirken- 
den zu denken hat — alles das spridit eine für den Psydio*^ 
analytiker durdisiditige Spradie^. 

Jeder Idealismus führt — wie Kraft in seiner früher zitierten 
Arbeit sdiarfsinnig darlegt — in folgeriditiger Weiterbildung zu 
einem Solipsismus, dem audi Niditpsydioanalytiker^ pathologisdien 
Charakter zusdireiben müssen. Ein idealistisdies System wie das 
Fichtes liegt trotz der Größe des Gedankens auf dem Wege 
dazu. Die Welt ist eine Sdiöpfung des reinen oder unendlidien 



^ Vgl. audi R. R. Marett, Preanimistic Religion, FoIk'Lorc, XI, London, 1900, 
*^ Der Ausdruck stammt von E. Bleuler/ siehe audi dessen Arbeit: Das 
autistisdie Denken, Jahrb. IV, 1. 

^ Leibniz <Principes de la Nature et de la Gräce, § 3>: »Chaque 
monade est un miroir vivant, representatif de I'univers suivant son point 
de vue.« 

* Im Leben war Berkeley ein warmherziger Philanthrop. 

* Die Verneinung der objektiven Welt könnte als praktisdic Überzeugung 
»nur im Tollhaus gefunden werden« (Schopenhauer). Der englisdie Psydiolog 
James SuIIy spridit an irgendeiner Stelle von dem »Solipsismus« oder »Berkeley* 
anismus« des Kindes und des Wilden. Der erste AusdruA trifft nur teilweise zu, 
der zweite ist entsdiieden unriditig, falls er das gleidie damit bezeidincn soll. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 217 

IchsV der schaffende Geist erzeugt das <empirische> Idi und NidiN 
Ich. Dem Ich tritt das Nicht^Ich als seine Beschränkung entgegen, 
aber von ihm als metaphysischem Daseinsgrund selbst gesetzt. Die 
wirkliche Welt ist das versinnlichte Material unserer rflicht. Das 
Beispiel des Traumes mag die etwas unklar wirkende Behauptung 
von der Schöpfung der endlichen Ichs und ihrer Schranken verdeut^ 
liehen. Im Traume erschafft das Ich unbewußt seine Traumwelt, die 
dem Ich im Traum als sinnlich-objektiv gegenübersteht. »Das ganze 
System unserer Vorstellungen«, heißt es in der »Wissenschafts* 
lehre«, »hängt von unserem Triebe und unserem Willen ab«. 
Dieses ursprüngliche Wirken aber ist bei Fichte das reine Ich als 
»Tathandlung«. Wenn er behauptet, die wahre Realität liege in 
dem {notwendigen, gesetzmäßigen) Wirken, das ohne unser Wissen 
das Weltbild in unserem Bewußtsein erzeugt, so hat er damit 
Schopenhauers Lehre vorweggenommen, die durch ihn mehr, als 
ihr Urheber zugestehen wollte, beeinflußt ist. 

Ohne die erkenntnistheoretische Berechtigung der Theorie 
Ficht es ausschöpfen zu wollen, bemerke ich, daß Fichte eine 
äußerst energische, geistige, selbstherrliche Natur war, die sich wohl 
vermögend fühlte, eine Welt zu gebären, um an ihrem Widerstand 
ihre Kräfte zu proben. 

Sofern wir Schöpfung Interessebesetzung gleichstellen, besteht 
der Satz Fichtes zu Recht. In einem gewissen Sinne existiert ja 
wirklich die Außenwelt — freilidi nur für uns — nicht, sofern wir 
sie nicht beachten. Bei Schopenhauer, der den Willen, die Libido 
als Urgrund des Seienden ansah, ist der Prozeß des Bewußtwerdens 
des — ich mödite sagen — metaphysischen Medianismus sdion weit 
fortgeschritten und liefert gewissermaßen eine Probe auf die Riditig-^ 
keit unserer Behauptungen^. Schopenhauer ist — nebenbei be^ 
merkt — der erste atheistische Philosoph. Der irrationale Wille tritt 
an Stelle des höchst weisen Gottes. 

Über die unsterbliche Geistestat Kants, der die Metaphysik 
vom Throne jagte und ihren Platz der von der Psychoanalyse nicht 
anfeditbaren Erkenntnistheorie einräumte, — der den ganzen Apparat 
der übersinnlichen Welt in den Menschen verlegte, will und kann 
ich hier nicht reden, da dies den mir gesteckten Rahmen der Arbeit 
sprengen würde, möchte nur jeden, der die Absicht hat, Kant mit 
dem Rüstzeug der Psychoanalyse zu bearbeiten, zu allergrößter Vor- 



^ Dieses reine Ich, das bei Fichte die Rolle Gottes einnimmt, entspridit 
ungerähr dem Unbewußten. In einer späteren, mehr mystisdien Periode lehrte 
Fichte, daß das unendliche Ich, dessen Ersdieinung alles ist, selbst nur »die 
Ersdieinung einer absoluten Realität, einer unendlidien Kraft, eines Lebens, eines 
Lichtes ist, das bloß in gebrodienen Strahlen in unser Bewußtsein gelangt«. 

2 Was Schopenhauer über die Metaphysik der Gesdilechtsliebe und den 
Wahnsinn sagt, stimmt auffällig mit Ergebnissen der Psychoanalyse uberein. Vgl. 
O. Rank, Schopenhauer über den Wahnsinn. Zentralbl. f. Psydioan., I. Bd., 
12, und O. Juliusburger, Weiteres von Schopenhauer, ebenda, I. Bd., 4. 



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218 Alfr. Frh. v. Winterstein 



sidit mahnen, will er sich nicht einer gröblichen Verwechslung von 
Erkenntnistheorie und Psychoanalyse sdiuldig machen. 

Es ist so gut wie eine Tautologie, wenn ich sage, daß der 
Idealismus, je energisdier und konsequenter er entwickelt wird, um 
so mehr den Charakter des Asozialen annimmt. Was die Philosophen 
im allgemeinen unbewußt abhielt, diesen letzten Schritt, so sehr er 
durdi die Logik geboten schien, zu vollziehen, war ein größerer oder 
geringerer Rest von sozialem GefühM, der sie neben anderem Untere 
scheidendem von den vorwiegend asozialen Psychotikern (besonders 
die Dementia praecox) trennt. Übrigens ist beispielsweise die Para^ 
noia, die uns im Wahnsystem des oenatspräsidenten Schreber so 
viel zur Erkenntnis der philosophischen Systembildung lieferte, keines^ 
wegs so asozial wie mandie Neurose. In der Psychose können wir 
ebenso wie in Religion und Philosophie eine Umwandlungs^, An^ 
passungs^ und Heilungstendenz wahrnehmen, die vielleicht ihren mehr 
oder weniger sozialen Charakter erklärt. Auch der Paranoiker ridbtet 
wie der Philosoph den Wunsch an die Gesamtheit, anerkannt zu 
werden, er wirbt um den anderen,- der konseauente Idealist^ freilich 
dürfte das nidit tun, er würde damit in Widerspruch mit seiner 
eigenen Lehre geraten, da es ja für ihn kein anderes Idi gibt. 

Ich möchte es an dieser Stelle als Vermutung aussprechen, daß 
in der Paranoia^ sowohl als in der metaphysischen Systembildung 
der Anteil der Vaterimago ein überwiegend großer^ ist und ihnen 
deshalb einen mehr oder weniger sozialen Charakter verleiht, indes 
in der Dichtkunst, je mehr sie sich der Lyrik nähert, und in den 
neurotischen Produktionen vielleicht der Anteil der Mutterimago vor* 
herrscht und das soziale Moment mehr in den Hintergrund rückt. 
Die Erklärung hiefür läge in der Tatsache, daß die erstrebte Rüdc^ 
kehr zur Mutter eine zunehmende Aufhebung des Unterschiedes 
zwisdien Subjekt und Objekt, zwischen Ich und Du herbeiführen 
würde, wohingegen der Vater einem von Anfang an als fremdes 
gleichgeschleditliches Du gegenübertritt. Eine in den metaphysischen 

^ Die sublimierte Homosexualität, die nach Freud einen wichtigen Beitrag zur 
Konstituierung der sozialen Triebe liefert, scheint bei den Philosophen eine gewisse 
Bedeutung zu haben,- ihre oft vorhandene Ehelosigkeit würde nicht dagegen sprechen. 

- Ein solcher Idealist steht dem neurotischen Tagträumer sehr nahe. 

' Freud, Psychoanalyt. Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw., 
Jahrb. III, 1. 

^ Die Naturphilosophen — beispielsweise ein Giordano Bruno, ein 
Vanini —scheinen eine Ausnahme zu bilden. Die affektive Beziehung zur Mutter 
ist bloß auf die Natur übertragen, doch in ihrer Äußerung nicht unterdrückt. No- 
valis hat für diese Sexualisierung der Natur folgende Worte gefunden: »Erfühlt 
sich in ihr (der Natur) wie am Busen seiner züchtigen Braut und vertraut auch 
nur dieser seine erlangten Einsichten in süßen vertraulichen Stunden. Glücklich 
preis' ich diesen Sohn, diesen Liebling der Natur, dem sie verstattet, sie in ihrer 
Zweiheit, als erzeugende und gebärende Macht, und in ihrer Einheit, als eine un = 
endliche, ewig dauernde Ehe, zu betrachten. Sein Leben wird eine Fülle aller Ge- 
nüsse, eine Kette der Wollust und seine Religion der eigentliche, echte Naturalis- 
mus sein«. 



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Psydioanaly tische Anmerkungen zur Gesdiidite der Philosophie 219 

Systemen manchmal nachzuweisende »Vaterleibsphantasie«, auf deren 
Existenz in Träumen Stekel und Si Iberer^ hingewiesen haben und 
die ihrer Hauptbedeutung nadi den Wunsch zum Inhalt hat, das 
gegenwärtige Leben los zu sein, sprädie freilidi für eine andere Auf^ 
rassung des Verhältnisses/ dodi ergibt sidi diese Phantasie <die bei 
dem Mystiker in Gestalt eines Verlangens nach Vereinigung mit der 
Gottheit auftauchen kann,- »idi wünsdie mir allein in meines Heilands 
Sdioß tief einversenkt zu sein,« heißt es bei Angelus Silesius) 
möglicherweise aus einer bloßen Verschiebung von der Mutter her, 
also als etwas Sekundäres. Der Neurotiker und der Künstler folgen 
offensichriidi dem Lustprinzip ^ während der Philosoph das Realitäts^ 
prinzip^ zu beobaditen glaubt,- freilich projiziert er oft, ohne es zu 
wissen, mehr oder weniger infantiles W unsdimaterial in seine Welt^ 
anschauung. Je mythologischer diese ist, um so mehr nähern sich die 
»Begriffsdichtungen« Produkten der Kunst ^. 

Eine Welt mehrfachen Individualbewußtseins, wie sie beispiels* 
weise die Monadenlehre Leibniz' annimmt, ist eine Halbheit, was 
hier nicht gründlicher erörtert zu werden braud>t. Wir haben es also 
nur mit diesem letzten Gegensatz in den Weltbegriffen zu tun: 
mit dem Realismus, der die Welt aus einer objektiv für sidi be* 
stehenden Natur neben den vielfachen Einheiten des Bewußtseins 
aufbaut, und der Philosophie der Bewußseinsimmanenz (Idealismus 
und Positivismus), die sie nur als ein begrifflidies System von Ge^ 
setzen für die Verknüpfung der Wahrnehmungen und »Vorstellungen« 
denken darf*. 

Nicht nur, daß diese zweite Weltanschauung erkenntnistheore* 
tisch unhaltbar ist: wir konnten auch in bestimmten, durch Anpassungs^ 
Schwierigkeiten verursachten regressiven'' Vorgängen der Libido, die 
zu einer Übersdiätzung der Denkrealität führen, ihre unbewußten 
Determinanten erkennen. Die Schopenhauersche Verneinung des 
Willens entspricht psydiologisch einer soldien Introversion. »Wo kein 
Wille ist, da ist keine Realität,« hat Ludwig Feuerbach einmal 
gesagt/ wir dürfen den Satz psychoanalytisdi dahin erweitern: Wo 
keine vorwärts gerichtete Libido ist, da ist keine objektive Realität. 
Und an einer anderen Stelle äußert der große Denker, der mandie 
Erkenntnis der Psydioanalyse schon vorweg genommen hat: »In der 
Tat, nicht der Verstand, nur die Liebe ist es, welche Wesen außer 
sidi setzt, und zwar nicht nur der Vorstellung nadi, sondern wirklich, 
wahrhaft, leibhaftig, wie die Geschlechtsliebe sinnfällig beweist«^'. 

^ H. Silberer, Spermatozoenträume, Jahrb. IV. 

"^ Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psydi. Geschehens. 
Jahrb. III 1. 

2 Die zweite Welt des Künstlers ist »die Realität nodi einmal, nur in einer 
Verstärkung, Auswahl und Korrektur« (Nietzsche), indes die wahre Welt des 
Philosophen und Theologen eine Absage an die gegebene bedeutet. 

^ Zit. na* Kraft, l c. p. 166. 

* Die Regression reicht häufig bis zum Stadium des Narzißmus zurück. 

^ Kritik des Idealismus. Ausg. von Bolin und JodI, X. Bd., p. 216. 



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220 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Schließlich möchte ich noch Fichte heranziehen, der in der »An^ 
Weisung zum seligen LebeVi« bemerkt: »Die Liebe ist die Quelle 
aller Gewißheit und aller Wahrheit und aller Realität.« 

Wo die Realität gesucht und gefunden wird, das begründet 
nach Weininger^ alle Unterschiede zwischen den Menschen. Das 
Erfassen der Wirklichkeit aber ist in der Hauptsache durch unsere 
Libidokonstellation bedingt. Ja, hinter unserem gesamten Denken 
stehen treibende Wünsche — es wäre sonst leer und unfruchtbar. 
Der Mensch ohne Binnenleben, für den das Geistige keine Realität 
vorstellt, wünscht gar nidit, zu einer anderen Weltanschauung als 
der materialistischen^ zu gelangen, wohingegen der Phantasiemenscfa, 
>>tatenarm und gedankenvoll,« regressiv Gedanken die unerfüllbaren 
Taten vertreten läßt, die objektive Realität entwertet und Idealist 
wird, scheinbar allerdings auf Grund scharfsinniger logischer Er^ 
wägungen. 

Wollte man schließlich fragen, welcher Weltbegriff der Freude 
sehen Psychologie am gemäßesten erscheint, d. h., welcher ein Minimum 
von subjektiver oder mythologischer Betrachtungsweise und ein 
Maximum von Anpassung an die objektive Wirklichkeit aufweist, 
so muß man sich vor Augen halten, claß das eine Glied der oben 
dargelegten Alternative, der subjektive Idealismus, abgesehen von 
seiner erkenntnistheoretischen Unvollziehbarkeit ^ auch aus Gründen, 
die in ihm das Erzeugnis einer ganz bestimmten Libidokonstellation 
erkennen lassen, ausfallen muß. Bleibt also nur der realistisch^dualisti^ 
sehe WeltbegrifF. Wie verhalten sich nun die Anschauungen Freuds 
dazu? 

Im Gegensatz zu der sonst vorwiegend üblichen Meinung hat 
dieser* uns gelehrt, daß es für das Bewußtsein ein zweifaches von 
ihm bloß erschlossenes Reales, das seiner inneren Natur nach un^ 
bekannt bleiben muß, gibt: einerseits die sogenannte Außenwelt, d. h. 
genauer: der psychische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der 
W^Systeme"* cier Außenwelt zugekehrt ist, ist selbst Außenwelt für 
das Sinnesorgan des Bw, — anderseits das eigentlich reale Psydii^ 
sehe, das Unbewußte <durch die Daten des Bewußtseins uns ebenso 



* Vgl. Novalis: »Wo der Mensch seine Realität hinsetzt, was er fixiert, 
das ist sein Gott, seine ^X''elt, sein Alles.« 

* »Der Materialismus, der das Ich ganz in der Außenwelt aufgehen läßt, 
bezeichnet das Maximum der denkbaren Projektion/ der Solipsismus, der die ganze 
Außenwelt in das Idi aufnimmt, das Maximum der Introjektion«. (Fcrenczi, 
Zur Begriffsbestimmung der Introjektion, Zentralbl. f. Psydioan., II. Bd., 4.) 

3 Siehe Kraft, 1. c. p. 164ff. 

* Traumdeutung, 2. Aufl., p. 380fi^. 

^ Nadi Freud ist der seelisdie Apparat aus Instanzen oder Systemen zu* 
sammengesetzt und hat eine bestimmte Richtung vom sensiblen zum motorischen 
Ende. An jenem Wahrnehmungsende befindet sich das System W.,- das letzte der 
Systeme am motorischen Ende heißt das Vorbewußte <Vbw), das System dahinter 
das Unbewußte, weil es keinen Zugang zum Bewußtsein hat, außer durch das 
Vorbewußte, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich Abänderungen 
gefallen lassen muß. Vgl. Genaueres darüber in der Traumdeutung, p. 331 ff. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 221 

unvollständig gegeben wie die Außenwelt durA die Angaben unserer 
Sinnesorgane), das durch das System Vbw vom Bewußtsein abge- 
sdilossen ist. Das Bewußtsein hat die Rolle eines Sinnesorgans zur 
Wahrnehmung psydiisdier Qualitäten. 

Gegen diese Aufstellungen muß idi jedodi persönlidi folgenden 
Einwand erheben: Mit weldiem Redit behauptet Freud, das Be^ 
wußtsein sei ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung psydiisdier Quali^ 
täten,- und in demselben Zusammenhang: das Unbewußte sei das 
eigentliche Psychisch^Reale? So ausgedrüdct, scheinen mir beide Sätze 
irreführend zu sein. Halte idi midi an die Bedeutung des Wortes 
»Sinnesorgan«, so heißt das, daß ein von mir bloß gedachter, aber 
nidit ansdiaulidi vorstellbarer, realer Gegenstand des Bewußtseins 
mittels einer unbegreiflichen /ifräßaai; dg cVJ.o yevog — und darum 
dreht sidi ja die Streitfrage : Wie ist überhaupt eine Erkenntnis von 
etwas jenseits des Bewußtseins Liegendem, an sich Seiendem möglicii? — 
zu einem Bewußtseinsinhalt wird. Ebenso sind nun beispiels^ 
weise Träume oder Halluzinationen nicht Gegenstände des Be^ 
wußtseins, sondern nur dessen Inhalte, von denen wir Psydio^ 
analytiker auf ein determinierendes reales Unbewußtes mit dem 
gleichen Redite schließen müssen (falls das Bewußtsein ein Sinnes* 
Organ ist) wie von der Vorstellung ^ »Baum« auf die Existenz eines 
einem anderen Wirklidikeitsbereidi angehörigen Gegenstandes »Baum« 
der Außenwelt. Warum sollte man nun dieses Unbewußte für das 
eigentlidi Psydiisdie ansehen? Das heißt nur, ein uns geläufiges Wort 
für ein tatsädiliches X setzen, das, sofern man bei der Auffassung als 
Sinnesorgan verharrt, eher etwa dem Somatisdien <Cerebrations^ 
Vorgängen) gleidizustellen wäre. 

Audi die Identifizierung der W^Systeme mit einer Außenwelt 
für das Sinnesorgan des Bw ist, wörtlich genommen, unriditig. Das 
Bewußtsein bewirkt, daß das von den Sinnesorganen übermittelte 
Empfindungsdatum apperzipiert, begrifflidi verstanden und dadurch 
zur Wahrnehmung werde, das Bewußtsein apperzipiert das Perzi^ 
pierte, das bereits Psychisches, also nicht Außenwelt für das 
Apperzeptionsorgan ist. Mit einem Wort: Was Gegenstand des 
Bewußtseins ist, kann nichts Psychisches sein. 

Aber lassen wir diesen Vergleich des Bewußtseins mit einem 
Sinnesorgan zur Wahrnehmung psydiisdier Qualitäten, der vielleicht 
nicht streng durciigeführt werden sollte, fallen,- bescheiden wir uns 
bei der empirisdi ziemlich gesicherten Annahme, daß es neben dem 
Bewußtpsydiisdien audi ein Unbewußtpsychisdies gibt, das Freud 
im Sinne eines Wert^, nidit eines Existentialurteils das reale Psy^ 
chisdie nennt. Die Bedeutung dieses Wortes weist wohl nidit auf 
einen der Art nach vom Bewußtsein verschiedenen Wirklidikeits^ 
Zusammenhang hin, sondern drückt nur den zur Ausfüllung von 
LüAen in der Kausalkette des seelischen Geschehens statuierten 



Vorstellung nicht im Sinn von Erinnerungsbild. 



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222 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Unterbau aus, den wir dem unmittelbar erlebten Zusammenhang 
der Bewußtseinserlebnisse als Träger zugrunde legen müssen. 

Sdiien es also vorhin nidit widersprudisvoll, das Unbewußte 
etwa als eine Summe von Cerebrationsvorgängen der Körperwelt 
einzugliedern, so dürfen wir nadi dem eben Gesagten das Unbe^ 
wußte, dieses qualitativ an sidi völlig unbekannte Gesdiehen, in den 
Kreis des Psydiisdien — Subjektiv^rsydiisdien : damit wäre sdion 
vielleidit zuviel gesagt — einbeziehen. 

Weldie der beiden Auffassungen — die somatisdie oder die 
psydiisdie — man sidi audi zu eigen madit, — der realistisdi^ 
dualistisdie Weltbegriff wird dadurdi nidit wesendidi berührt, sofern 
man nidit das Reale des Unbewußten als einen zwisdien den beiden 
anderen Wirklidikeitszusammenhängen vermittelnden^ dritten Realie 
tätszusammenhang betraditen wollte. Denn dies allein wäre ein 
monistisdier Realismus. 

11. Die Persönlichkeit. 

»Kein Wunder, daß sidi Stutzer so gern im Spiegel 
sehen: sie sehen sidi ganz. Wenn der Philosoph einen 
Spiegel hätte, in welAem er sich so wie jene sehen 
könnte, er würde nie davon wegkommen.« 

Lichtenberg. 

Der bekannte Satz Fichtes: Was für eine Philosophie man 
wählt, hängt davon ab, was für ein Mensdi man ist^ hat erst durdi 
die Lehren Freuds eine gesidierte wissensdiaftlidie Grundlage er^ 
halten, nadidem bereits Nietzsche — um nur einen bedeutungs^ 
vollen Namen zu nennen — tiefgehende Auskünfte zur Beant^ 
wortung der Frage nadi der psydiologisdien Abstammung des 
Philosophen gegeben hat. Es fehlt zwar audi sonst nidit an ge^ 
legendidien Selbstbekenntnissen der Denker — idi erinnere hier an 
Descartes, an Pascal — , dodi sind jene zu unvollständig und 
ermangeln zumeist der letzten Aufriditigkeit, um für mehr denn als 
Winke in unserer Untersudiungdienen zu können. Audi Nietzsche 
hat keine zusammenhängende Darstellung geliefert,- die uns inter* 

' Einerseits psychische Gesetzmäßigkeit, anderseits nicht zum Bewußtseins^^ 
\&i gehörig, niclit subjektiv. — Idh halte bei dem gegenwärtigen Stande unserer 
Kenntnisse den Dualismus für die der Erfahrung am meisten entsprechende An* 
sdiauung. Das Psychische ist etwas anderes wie das Physische — womit ich 
nichts über die Herkunft des Geistigen gesagt haben will — und der Versuch, sie 
in einem völlig unbekannten Ding an sich zu vereinigen, bleibt jedem unbenommen, 
bedeutet aber einen Schritt ins Transzendente. 

- In der »Ersten Einleitung in die Wissenschaftslehre« (1797) wird des 
weiteren ausgeführt: Ein philosophisches System ist kein lebloses Gerät, das man 
nach Belieben besitzen und veräußern kann,- es entspringt aus der innersten Seele 
des Menschen. Die Wahl (zwischen Idealismus und Dogmatismus) wird darauf 
beruhen, ob das Selbständigkeits- und Tätigkeitsgefühl oder das AbhängigkeitS" und 
Passivitätsgefühl die Oberhand in uns hat (zit. nach. Höffding, Gesdi. der neueren 
Philosophie, II. Bd., p. 157). 



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Psydhoanalytisdie Anmerkungen zur GesAichte der Philosophie 223 

cssierenden Bemerkungen sind in bunter Fülle über alle seine Sdiriften 
verstreut. Aus der großen Zahl setzen wir in beliebiger Reihenfolge 
einige bezeidinende Aussprudle hieher. In der Einleitung zur 
5!>Fröhlidien Wissensdiaft« spridit Nietzsche über das Verhältnis 
von Gesundheit und Philosophie und davon, »wenn die Notstände 
Philosophie treiben«. Ferner heißt es dort: »Die unbewußte Ver^ 
kleidung physiologisdier Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven, 
Ideellen, Keingeistigen geht bis zum Ersdirecken weit und oft genug 
habe idi mich gerragt, ob nidit, im großen geredinet, Philosophie 
bisher überhaupt nur eine Auslegung des Leibes gewesen ist. Hinter 
den hödisten Werturteilen, von denen bisher die Gesdiidite des 
Gedankens geleitet wurde, liegen Mißverständnisse der leiblidien 
Besdiaffenheit verborgen, sei es von Einzelnen, sei es von Ständen 
oder ganzen Rassen.« An einer anderen Stelle seiner Werke lesen 
wir, daß zum Entstehen des Gelehrten »eine Menge sehr mensdi^ 
lidier Triebe und Triebdien zusammengegossen werden muß«,- das^ 
selbe gilt vom Wesen des Philosophen. — »Jede Philosophie war 
bisher das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter 
memoires, es gibt an dem Philosophen ganz und gar nidits Unper^ 
sönlidies.« — »Wenn idi etwas vor allen Psydiologen voraus habe, 
so ist es das, daß mein BliA gesdiärfter ist für jene sdiwierigste und 
verfänglidiste Art des Rüd^sdilusses, in der die meisten Fehler ge- 
madit werden — des RüAsdilusses vom Werk auf den Urheber, 
von der Tat auf den Täter, vom Ideal auf den, der es nötig hat, 
von jeder Denk^ und Wertungsweise auf das dahinter komman- 
dierende Bedürfnis.« — »Audi die Segnungen und Beseligungen 
einer Philosophie, einer Religion beweisen für ihre Wahrheit nidits: 
ebensowenig als das Glüd^, weldies der Irrsinnige von seiner fixen 
Idee her genießt, etwas für die Vernünftigkeit dieser Ideen beweist.« 

Im Denken sieht Nietzsche nur ein gewisses Verhalten der 
Triebe zueinander,- von den Philosophen sagt er: »Ihr Wille zur 
Wahrheit ist — Wille zur Madit.« Nietzsche selbst sudit nadi 
Riehls^ Worten das »Wehetuende der Erkenntnis« auf wie einen 
neuen Reiz, der von ihr ausgeht. »Neugierig bis zum Laster, 
Forsdier bis zur Grausamkeit« hat er sidi genannt und verheißen, 
man werde ihm eine »aussdiweifende Redlichkeit« nadisagen, nadi- 
rühmen. Das Wort: Don Juan der Erkenntnis, ist von ihm. »Er^ 
kenntnis — eine Form des Asketismus,« sdireibt Nietzsche im 
»Antidirist«. Endlidi: »Die Wertsdiätzungen eines Mensdien ver^ 
raten etwas vom Aufbau seiner Seele und worin sie ihre Lebens^ 
bedingungen, ihre eigentlidie Not sieht.« 

»II nV a pas de maladies,- il n'y a que des malades« — es 
gibt kein alleinseligmadiendes philosophisdies System, sondern nur 
versdiiedene Philosophen mit sehr mensdilidier Herkunft: dies ist die 
uns nidit mehr fremde Einsidit. Aber es mußten sidi nodi die 

* A. Riehl, Fr. Nietzsche, Der Künstler und der Denker, Dritte Aufl., 
Fromann, Stuttgart. 



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224 Alfr. Frh. v. Winterstein 



grundlegenden Ergebnisse der Freudsdien Forsdiungen zu einer 
Einheit zusammenschließen, um ein ungefähres Verständnis des 
geistigen Typus des Philosophen zu ermöglidien. 

Der Trieb, den Kausalzusammenhang des Weltgesdiehens im 
ganzen zu erforsdien, und das Verhältnis zur Realität sind die 
widitigsten Elemente in der Persönlidikeitsformel des Philosophen. 
Über beide Ersdieinungen hat Freud^ sdion das meiste gesagt, so 
daß idi midi wohl begnügen darf, seine Auffassung ganz kurz zu 
wiederholen. 

Aus der durdi einen Sdiub energisdier Sexualverdrängung ab- 
geschlossenen Periode der infantilen Sexualforsdiung^ erübrigen sich 
für das weitere Schicksal des Fofschertriebes aus seiner frühzeitlichen 
Verknüpfung mit sexuellen Interessen drei Möglichkeiten, von denen 
wir die erste; die neurotische Hemmung <die erworbene Denk^ 
schwäche leistet dem Ausbruch einer neurotischen Erkrankung Vor^ 
Schub), hier außer acht lassen können. Die zwei anderen Typen: der 
des neurotischen Grüblers^ und des nicht neurotischen Forschers, 
mögen sich aber gleicherweise unter den Philosophen finden. In 
beiden Fällen wird das Forschen zum Zwang und Ersatz der 
Sexualbetätigung/ die intellektuellen Operationen sind beim Grübler 
mit der Lust und der Angst der eigentlichen Sexualvorgängc betont 
und die Beschäftigung mit den ursprünglichen Komplexen der infan* 
tilen Sexualforschung macht sich noch bemerkbar, indes der zweite 
seinen kräftigen Forschertrieb, der bloß durch die sublimierte Libido 
eine Verstärkung erfahren hat, aber an sich nicht aus dem Sexuellen 
abstammt, frei im Dienste des intellektuellen Interesses betätigen 
wird. Der Sexualverdrängung trägt er insofern noch Rechnung, als 
er die Beschäftigung mit sexuellen Themen vermeidet. Die zugrunde 
liegenden psychischen Prozesse sind also verschieden: das eine Mal 
ertolgte ein Durchbruch aus dem Unbewußten, das andere Mal kam 
es zur »Sublimierung« — was freilich bloß ein Wort, das eine 
große Lücke in unseren Kenntnissen geschickt verdeckt. Man hat 
sich etwa vorzustellen, daß im Ichbetrieb vorhandene Anlagen durch 
einen sexuellen Zuschuß gewissermaßen befruchtet, zur Aktualität 
erweckt werden (Fließ faßt das Werk des Genies als ein Produkt 
der inneren Befruchtung des Bisexuellen auf). 

Was das Verhältnis zur Realität anbelangt, so hat schon vor 
Freud P. Janet^ in einer Störung der »fonction du reeU, in einer 
herabgesetzten psychologischen Spannung einen besonderen Charakter 
der »psychasthenie« zu erkennen geglaubt. Ich greife aus seinen 

^ Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Sdiriften z. 
ange>5r- Seelenk. I. Heft. — Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 
lahrb. I. — Formulierungen über die zwei Prinzipien des psydiisdien Ge- 
schehens. Jahrb. 111, 1 und passim. 

- Siehe die Arbeit über Leonardo, p. 15 ff. 

3 Lichtenberg: >Der gesunde Gelehrte: der Mann, bei dem Nachdenken 
keine Krankheit ist.« 

' P. Janet, Les nevroscs, Paris, Alcan, 1900, p. 354 ff. 



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Psydioanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 22ü 

interessanten Ausführungen einige wenige heraus: »Leurs fonctions 
psychologiques ne presentent aucun trouble dans les Operations qui 
portent sur Tabstrait ou sur l'imaginaire, elles ne presentent du 
desordre que lorsqu'il s'agit d'une Operation portant sur la realite 
concrete et presente.« — »Quand ifs conservent quelque activite, 
on voit qu'ils se complaisent dans les dioses qui sont les plus 
eloignees de la realite materielle: ils sont quelquefois psydiologues, 
ils aiment surtout la philosophie et deviennent de terribles metapnysi^ 
ciens. Quand on a vu beaucoup de scrupuleux, on en arrive ä se 
demander avec tristesse si la speculation philosophique n'est pas une 
maladie de Tesprit humain.« — »Qui ne croirait ä premiere vue, 
qu'un raisonnement syllogistique demande plus de traveil celebral 
que la perception d'un arbre ou d'une fleur avec le sentiment de 
leur realite et cependant, je crois que ce point de sens commun se 
trompe. L'operation la plus difficile, celle qui disparait le plus vite 
et le plus souvent, dans toutes les depressions, est celle dont on 
vient justement de reconnaitre Timportance, Tapprehension de la 
realite sous toutes ses formes.« — Freud selber erblid^t in der 
Tendenz zur Isolierung von der Realität einen für die Neurose 
wesentlidien Zug. Die Durdileuditung der Genese und des feineren 
Medianismus der Zwangsneurose, die uns unter anderem die Vorliebe 
der Kranken für den Zweifel und die Unsidierheit sowie ihren Glau^ 
ben an die Allmadit der Gedanken dargetan hat, und die Analysen 
einiger Wahnsysteme der Paranoia und Dementia praecox \ die eine 
überrasdiende Ähnlidikeit mit den metaphysisdien Konstruktionen 
der Philosophen zeigen, sdiließen sidi an die anderen Erkenntnisse an 
und gestatten uns, ein annähernd riditiges Bild von den unbewußten 
Grundlagen der philosophisdien Produktion zu gewinnen. 

Wenn wir nun darangehen, in einem bestimmten Verhalten 
der Triebe ein entsdieidendes Moment für die Entwid^lung zum 
Denker herauszustellen, wollen wir nidit vergessen, vorher zu er^ 
wähnen, daß wir uns nidit vermessen, eine Synthese der Elemente, 
die die Persönlidikeit irgendeines großen Philosophen konstituieren, 
zu geben/ denn wie Sexualtrieb und Iditriebe im einzelnen zu- 
sammenwirken, wieviel auf Redinung der angeborenen Anlage zu 
setzen oder den »Zufälligkeiten« des Erlebens zu verdanken ist, 
weldies ferner der organisdie Hintergrund von Sublimierungsfähigkeit 
und Verdrängungstendenz sein mag und worin sdiließlidi das 
Spezifisdie einer soldien Begabung beruht — alles das sind ebenso* 
viele ungelöste Probleme. 

Aber der Eindruck, den man aus den Analysen namentlidi 
gewisser Zwangskranker und dann audi der Paranoiker erhält, 
stimmt so auffällig zu jenem, den man sidi bei Betraditung von 

^ Vor allem Freud, Psydioanalytiscte Bemerkungen über einen Fall von 
Paranoia usw., ferner J. Nelken, Analytische Beobachtungen über Phantasien 
eines Schizophrenen, Jahrb. IV und S. Spielrcin, Über den psychologischen 
Inhalt eines Falles von Schizophrenie (Dementia praecox), Jahrb. III. 

Imago II 2 15 



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220 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Lehre und Leben vieler Denker holt, daß man dieser Ähnlidikeit 
eine mehr als zufällige Bedeutung beimessen muß. »Denn wie der 
Baum mit liditentfernten Wurzeln die etwa trübe Nahrung saugt 
tief aus dem Boden, so sdieint der Stamm, der Weisheit wird 
genannt, und der dem Himmel eignet mit den Ästen, Kraft und 
Bestehn aus trübem Irdisdien, dem Fehler nah Verwandten auf* 
zusaugen« ^ 

Wir haben an einem früheren Ort hervorgehoben, daß eine 
besonders verstärkte infantile Wißbegierde ^ die namentlidi die Her^ 
kunft der Kinder, die Besdiaffenheit der Genitalien des anderen 
Gesdiledits und die sdiwer zu ergründende Rolle des Vaters zum 
Gegenstand nimmt, sidi aber im Verkehr mit Erwadisenen dieser 
speziellen Fragen zumeist enthält, um desto unermüdlidier über alle 
möglidien anderen Dinge Auskunft zu verlangen, ein — soweit 
unsere Interessen in Betradit kommen — doppeltes SdiiAsal erfahren 
kann und das mäditigste Motiv für alle spätere Denkarbeit abgibt. 
Wir sind natürlidi im allgemeinen bloß auf Vermutungen angewiesen, 
wenn es sidi darum handelt, diese Besonderheit bei allen Individuen, 
die nadi den letzten Dingen forsdien, durdi biographisdie Details zu 
belegen. Um so willkommener ist es uns, Descartes' ersten Bio*^ 
grapnen Baillet^ beriditen zu hören, daß der Vater des Philosophen 



' Grillparzer, Die Jüdin von Toledo, I. Aufzug. 

- Einen sdiönen Nadiweis für den Zusammenhang von Sexualtrieb und 
Forsdierfreude — wenigstens in einem Falle — hat Dr. K. Furtmüll er im 
Zentralbl. f. PsyAoan., I, 5/6, durdi Anführung einiger Sätze aus einem Briefe 
Multatulis erbracht. Die betreffende Stelle (Multatuli*Briefe, herausgegeben von 
W. Spohr, 2 Bde., p. 72 f.) lautet: » . . . Idi hoffe, idi hoffe, eine vereinfachte 
Methode für die Trigonometrie zu finden. Alle Sdiüler werden mir dankbar sein. 
Idi habe nodi viele andere Dinge von dieser Art zu untersuchen. Es ist herrliche 
Poesie, das Aufheben des keuschen Gewandes der Natur, das Suchen nach ihren 
Formen, das Forschen nach ihren Verhältnissen, das Betasten ihrer Gestalt, das 
Eindringen in die Gebärmutter der Wahrheit. Siehe da die Wollust der 
Mathematik ! 

Und — ich Tor — ich bin ihr Freund ! Wahrlich, sie stößt mich nicht zurück, 
ergibt sie sich gleich nicht mühelos. Just Mysterium genug, um gewünscht und 
begehrt und angebetet zu bleiben. Nicht genug, um den stürmischen Bewerber 
mutlos zu machen. Ich habe ihre Fußknöchel, ihre Knie gesehen, ja die Hüfte und 
die Lenden, dann und wann . . . aber, aber, dann stößt sie mich weg und flieht 
dahin, Daphne, die sie ist, Sylphe, die sie ist, Irrlicht, Courtisane, Jungfrau . , . 
Und bei alledem die große, mächtige Isis, die Frau Jehovah, die ist, war und sein 
wird, unveränderlich, unantastbar, unvernichtbar: das Sein, die Wahrheit.« 

Ahnlich auch Schopenhauer in den »Fragmenten zur Geschichte der 
Philosophie«: »Als den eigentümlichen Charakter meines Philosophierens darf ich 
anführen, daß ich überall den Dingen auf den Grund zu kommen suche, indem ich 
nicht ablasse, sie bis auf das letzte, real Gegebene zu verfolgen. Dies geschieht 
vermöge eines natürlichen Hanges, der es mir fast unmöglich macht, mich bei irgend 
noch allgemeiner und abstrakter, daher noch unbestimmter Erkenntnis, bei bloßen 
Begriffen, geschweige bei Worten zu beruhigen,- sondern mich weitertreibt, bis ich 
die letzte Grundlage aller Begriffe und Sätze, die allemal anschaulich ist, nackt 
vor mir habe . . . « 

« Baillet, I. c. I. chap. IV, p, 16. 



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Psychoanalytisdic Anmerkungen zur Gesdiichte der Philosophie 227 

die Gewohnheit hatte, den kleinen Rene seinen Philosophen zu 
nennen, wegen der unersättlidien Neugier, mit der ihn dieser um 
die Ursadien und Wirkungen alles dessen, was ihm gerade durdi 
den Kopf ging, befragte. Derselbe Descartes hat später in dem 
i^Discours de la Methode« seinen Erfolg als Denker nidit seiner 
besonderen Genialität, sondern bloß unermüdlidier, harter und kon^ 
sequenter Gedankenarbeit zugesdi rieben. 

An dieser Stelle mödite idi eine kleine Einsdiiebung madien. 
Idi halte den Antrieb zum Denken bei den Mensdien für durdi^ 
sdinittlidi redit gering,- man wundert sidi wirklidi oft, über wieviele 
Dinge sie sidi nicht den Kopf zerbredien, wieviel sie gedankenlos 
hinnehmen, und idi glaube, daß die Qualitätsuntersdiiede im Denken 
sidi ziemlidi häufig, wenigstens zum guten Teil, auf Intensitäts^ 
differenzen <bei großer Intensität wird oft ein sexuelles Agens an- 
zunehmen sein) zurüd^führen lassen. In diesem Sinne behielte der 
Aussprudi: »Genie ist Fleiß«, redit gegen den Goethe'sdien Satz: 
»Alles Denken in der Welt wird uns nidit auf Gedanken bringen.« 

Es muß entweder der Inhalt des Denkens oder die Tätig-» 
keit d?s Denkens an sidi lustvoll sein, um als Anreiz zum Forsdien 
zu wirken. Was den ersten Faktor betrifft, so sind es gerade in 
der Metaphysik die alten infantilen Komplexe ^ die in nur leidit zen^ 
surierter Form immer wieder zur Bearbeitung gelangen. Mandier 
vertieft sidi — nadi den Worten Freuds — in die Wissensdiaft, um 
die Leidensdiaft in Wissensdrang umzuwandeln, um ein Ausleben 
der Komplexe zu ermöglidien und damit ihre Wirkung zu dämpfen. 

In dem sinnreidien MärAen des Novalis von Hyazinth und 
Rosenblütdien sehnt sidi der junge Hyazinth, die unausspredilidie 
Natur zu umfassen. Er muß sie sudien gehen. »Idi wollt' eudi 
gerne sagen, wohin, idi weiß selbst nidit, dahin wo die Mutter 
der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nadh der ist 
mein Gemüt entzündet.« Er fahndet nadi dem geheimnisvollen Auf^ 
enthalt der Isis. Sein Vaterland und seine Geliebten verläßt er und 
aditet nidit im Drange seiner Leidensdiaft auf den Kummer seiner 
Braut Rosenblütdien. Lange währt seine Reise. Endlidi begegnet er 

* Vgl. auA die folgende, von E. Jones (Jahrb. IV, p. 583) mitgeteilte 
Phantasie eines Zwangsneurotikers: >Der Held, natürlidi er selbst, verfolgt ein 
stets ausweidiendes Etwas, das er nie erreicht und das ihm der wirkliche Sinn 
und Mittelpunkt des Lebens zu sein sdieint. Nadi jahrelangem Umherwandem 
kommt er wieder in die Nähe seiner alten Heimat, traumverloren in einen tiefen 
Teich starrend. Träumend malt er siA aus, wie er vor vielen hundert Jahren 
Maid Marion aus den Händen der Normannen befreite und zur Strafe eine große 
Anzahl derselben tötete. Er erwaAte aus seinem Tagtraum und findet sich zur 
Seite seiner Cousine, von der er vor Jahren geschieden war, und weiß nun plötzlich, 
was er so lange gesudit hat.« »Der Patient war als Kind,« fügt Jones hinzu, 
sehr verliebt in eine erwachsene Cousine, naturlidi als Ersatz rör die Mutter. < 
Derselbe Patient, bei dem die Analerotik eine große Rolle spielte, wollte über- 
haupt bei allem im Leben, sei es konkret oder abstrakt, zum »Mittelpunkt« oder 
auf den »Grund« gelangen. Sein Streben ging auch dahin, die zentrale Bedeutung 
des Lebens, des Weltalls usw. herauszufinden. 

15* 



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228 Alfr. Frh. v. Winterstein 



einem Quell und Blumen, die einen Weg für eine Geisterfamilie 
bereiten. Sie verraten ihm den Pfad zum Heiligtum. Er tritt ein 
und steht vor der himmlisdien Jungfrau, da hebt er den leiditen, 
glänzenden Sdileier und — Rosenblütdien sinkt in seine Arme. — 

Der tiefsinnige Diditer hat hier den Zusammenhang zwisdien 
<versdiobener> Mutterlibido und Forsdiungsdrang in deutlidier Weise 
ersiditlidi gemadit. 

Die Frage nadi dem Ursprung der Dinge geht audi auf das 
Grübeln über die eigene Herkunft zurück und der kindlidie Zweifel an 
der Abstammung vom Vater <hinter dem sidi vielleidit mandimal 
der feindselige Wunsdi, keine Gemeinsdiaft mit dem Vater zu 
haben, dessen Rivale der Sohn bei der Mutter ist, birgt) erfährt 
mit der Verdrängung der inzestuösen Mutterlibido eine Art Über^ 
kompensation durdi Phantasien von der Geburt aus dem Vater ^ 
und der Sdiöpfung der Welt durdi Gott. Die aus unbewußten 
Gründen erfolgende Entwertung der Mutter^ und Überbesetzung 
der Vaterimago <Ausnahmen haben wir früher erwähnt!) führt 
also zu exquisit männlidien Geburtsphantasien, die einerseits viel* 
leidit bisweilen auf die eben besprodiene Unkenntnis betreffs des 
Anteils des Vaters hinweisen, anderseits gewisse infantile Wünsdie, 
wie sie beispielsweise der kleine Hans in Freuds »Analyse der 
Phobie eines fünfjährigen Knaben«^ äußert, nämlich in Identifizie- 
rung mit der Mutter Kinder zu kriegen, zu wiederholen sdieinen. 
Die manifeste Bedeutung des Vaters dünkt mir in mandien philo^ 
sophisdien Systemen von so überragender Bedeutung gegenüber 
der der Mutter zu sein, daß ihr wohl einige Bemerkungen ge^ 
widmet werden müssen. Es ist vielleidit mehr als ein Zufall, daß 
so viele hervorragende Denker in Pfarrhäusern geboren wurden, 
eine sehr religiöse Erziehung genossen haben oder Theologen waren, 
ehe sie sidi in Auflehnung gegen die religiöse und väterlidie 
Autorität zur Unabhängigkeit des Geistes durdirangen. Audi jene 
mystisdie Stimmung, in die nidit selten diese Männer auf dem 
sidi senkenden StüA Leben gerieten, wird begreiflidi, wenn man 
bedenkt, daß das Alter, besonders bei unverheirateten Individuen, 
die Realübertragung zurüdttreten und die infantilen Imagines 
regressiv wiederbeleben läßt. Vor den dräuenden Sdiatten des 
Todes flüditen sie wie einstmals als Kinder in den tiefsten Sdioß 
des Friedens. 

Betraditet man die Lebensgesdiidite vieler Denker, so hat 
man wirklidi den EindruA, daß sie niemals von ihrem Vater* 
komplex — sei es in positivem oder negativem Verhalten — ganz 

^ Jung schreibt in seiner mehrfach zitierten hochbedeutsamen Arbeit 
»Wandlungen und Symbole der Libido«: »Ein Sohn darf natürlidi denken, daß ein 
Vater ihn auf fleischlichem Wege erzeugt habe, nicht aber, daß er selber die Mutter 
befruchtet und so, sidi selber gleidi, zu neuer Jugend wiedergebären lasse.« 
<Jahrb. IV, p. 269.) 

- Jahrb. I, p. 70/71. 



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Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 229 

losgekommen sind. Auf ihre negative Einstellung läßt sich bisweilen 
mit Recht der von einem französischen Soziologen geprägte Ausdruck 
»contre-imitation« anwenden. Die psychische Konstellierung durch 
den Vater kann sich nun auf die verschiedenste Art und Weise 
geltend machen. Entweder besteht die ambivalente Einstellung 
nebeneinander wie beispielsweise bei Descartes, der ein unab* 
hängiger Denker und zugleich ein ergebener Sohn der Kirche war, 
der im Lande der Freiheit, in Holland, lebte und jeden Meinungs^ 
konfliktmit der Geistlichkeit ängstlich vermied ^ oder sie verschmilzt 
zu eigenartigen Gestaltungen innerhalb des Systems. So kann dieses 
von diarakteristischer Neuheit und Kühnheit sein und zugleich eine 
mystische Beziehung des Menschen zur Gottheit lehren. Ich darf 
hier wohl an Spinoza erinnern. Je stärker das konventionell* 
religiöse Moment bei einem solchen Denker betont erscheint, desto 
höher dürfen wir die Bedeutung der positiven Komponente der 
Vaterlibido gegenüber der negativen veranschlagen. Oder endlich die 
zwei Verhaltungsweisen lösen einander im Leben des Individuums 
ab,- die Abhängigkeit vom Vater wird sich in diesem Falle haupt* 
sächlich am Anfang und Ende des Lebens geltend machen. Fichte 
ist vielleicht der Vertreter eines solchen Typus. Es ist natürlidi auch 
möglich, daß der Einfluß des Vaters schon frühzeitig und volU 
ständig überwunden wurde, doch ist dies bei den Metaphysikern 
nicht eben wahrscheinlich. 

So interessant eine nähere Untersuchung der Mystiker und 
dann auch der Gnostiker wäre, in deren Lehre das sexuelle 
Fundament besonders unverhüllt durchschlägt, müssen wir doch des 
Raumes wegen davon absehen und begnügen uns nur mit der 
einen, aber, wie es scheint, nicht bedeutungslosen Bemerkung, daß 
alle Mystiker Masochisten- sind. Die alte passiv^homosexuelle Ein- 
stellung zum Vater, auf die möglicherweise dessen seinerzeitige 
Kastrationsandrohung von nachhaltiger Wirkung gewesen ist, kann 
sich in späteren Jahren im Rahmen eines Systems beispielsweise als 
Streben nach lustvollem Aufgehen im Absoluten^ äußern. Die Ver^ 
cinigung^ mit der Gottheit ist ja das Erlebnis und das Ziel jedes 
Mystikers. Die Schleier heben sich, wenn man in den »Denk- 
würdigkeiten« des philosophischen Paranoikers Seh reber liest, daß 
dieser von Gott entmannt und als Weib mißbraucht wurde. Natür^ 
lieh gehört das Verlangen des Mystikers und die Schreberschc 
Phantasie nicht demselben psychischen Niveau an. Der Mystiker 
gibt den ungeeignetsten Typus für eine nüditerne Tatsachen^ 
Forschung ab. Der Forscher hat — im Gegensatz auch zum 
Künstler — ein, man möchte sagen, feindliches, grausames Verhältnis 

* Auch Leibniz gehört in diese Kategorie. 

- Siehe auch die interessante Arbeit von O. Pfister, Hysterie und Mystik 
bei Margaretha Ebner. Zentralbl. f. Psychoan., I. Bd., 10/11. 

^ »Aber sich so verlieren, ist mehr sich finden« (Franciscus Ludovicus 
Blosius). 

* Die Berührung (ä^nXcoaig) des Absoluten! 



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230 Alfr. Frh. v. Wintcrstcin 



zur Außenwelt/ er will MaAt, Herrschaft über die Dinge erlangen, 
und zwar durch Erkenntnis. »Wissen ist Macht« ^ »Tantum possu^* 
mus, quantum scimus.« Unter den Philosophen ist vor allem ein 
Bacon,* ein Hegel zu nennen. Die eigentlichen Metaphysiker, die das 
Reich der Ahnungen mit Wunschmaterial ausbauen, sind dagegen wohl 
überwiegend Masochisten. Bezüglich der Gelehrten aber heißt es in 
Nietzsches Schrift »Schopenhauer als Erzieher«^; »Dazu füge 
man einen gewissen dialektischen Spür* und Spieltrieb, die jägerische 
Lust an verschmitzten Fuchsgängen des Gedankens, so daß nicht 
eigentlich die Wahrheit gesucht, sondern das Suchen gesucht wird* 
und der Hauptgenuß in fistigem Herumschleichen, Umzingeln, kunst^ 
mäßigem Abtöten besteht. Nun tritt noch der Trieb zum Wider* 
sprudh hinzu, die Persönlichkeit will, allen anderen entgegen, sich 
fühlen und fühlen lassen,- der Kampf wird zur Lust und der per^ 
sönliche Sieg ist das Ziel, währenci der Kampf um die Wahrheit 
nur der Vorwand ist.« 

Man kann vielleicht geradezu die Philosophen in die zwei Typen 
des mystischen Masochisten und amystischen Sadisten — im Sinne 
einer vorläufigen Auskunft — einteilen. Bei dem ersten Typus dieser 
Gattung äußert sich die seinerzeitige Auflehnung gegen den Vater, 
dessen Überlegenheit man nicht mehr anerkannte, später in einer 
rücksichtslosen, unbefangenen Betrachtung der Dinge, eine Art ver^ 
feinerten Sadismus, eine gewisse intellektuelle Grausamkeit zeichnet 
diese Individuen aus. Sie gewähren dem Psychoanalytiker wegen des 
Vorherrschens des Realitätsprinzips weniger Interesse als der zweite 
Typus, dessen Denken in reicherem Maße nicht nur aus infantilen 
Quellen intensiv verstärkt, sondern ebenfalls material bestimmt ist. 
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich immer wieder bemerken, 
daß in Wirklichkeit die zwei eben skizzierten Typen nicht so scharf 
gegeneinander abgesetzt sind, wie ich es hier zu tun versucht habe, 

^ Vgl. Nietzsche über die Philosophen: »Ihr Wille zur Wahrheit ist 
Wille — zur Madit.« Der »Wille zur Macht« Nietzsches steht zwar in einer 
gewissen Beziehung zum Sadismus, ist aber mit ihm keineswegs identisch. Er ist 
<nadh einer mundlichen Äußerung des Wiener Philosophen Professor A. Stöhr) 
eine gemeinsame Erscheinungsform aller Grundtriebe. Der Machtwille des einzelnen 
Triebes ist jedoch unseres Erachtens von dem Willen zur Macht des Individuums 
zu unterscheiden, der als Resultante eines bestimmten Verhältnisses der Triebe zu* 
einander (gleichsinniges Zusammenwirken der konstitutionell verstärkten Triebe 
aktivitäten) die inhaltlichen Bestimmungen der betreffenden für das Individuum 
<harakteristischen Triebe gegenüber der formalen Eigentümlichkeit der Hemmungs- 
losigkeit, der Expansionssucht, der das fremde Individuum zur gleich giltigen Sache 
wird, zurücktreten läßt. Der Sadismus ist gewissermaßen als sexueller Repräsentant 
dieses »Willens zur Macht« anzusprechen. Wenn dem Ficht eschen Ich die Welt 
das Material seiner Pflicht ist, so ist diese Welt dem »Willen zur Macht« ein 
Material seiner Machtgelüste. 

2 Nach O. Weininger eine Art Zauberer, Eroberer auf dem Gebiete der 
Wissenschaft. 

^ Nietzsches Werke, I. Bd., p. 455. Naumann, Leipzig 1903. 

* Vgl. L es s in gs Ausspruch, daß ihm mehr am Suchen der Wahrheit als 
iin ihr selbst gelegen sei. Anmerk. d. Ref. 



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PsydioanalytisAc Anmerkungen zur Gesdiidite der Philosophie 231 

daß im Leben eines Denkers abwechselnd bald das eine, bald das 
andere Moment deuriidier vorklingen kann, daß ferner ja bekannriidi 
Sadismus und Masodiismus nie ganz voneinander getrennt vor^ 
kommen und siA sdiließlidi von beiden Typen Fäden zu gemein* 
samcn eigentümlidien Charakteren des Seelisdien herüberspinnen. 

Über den Sdiautrieb und seine möglidie Beziehung zu Rationa- 
lismus und Mystik ist sdion im ersten Teil der Arbeit in Ver* 
mutungen — und mehr können wir heute nodi nidit geben — 
^sprodien worden. Wie wir bei diesem im einzelnen Fall einen 
Zusammenhang mit der infantilen Relation zum Vater <eventuell 
zu beiden Eltern) angenommen haben, so gilt das Gleidie audi vom 
Narzißmus <im geistigen Sinn), den wir als einen für die Philosophen 
wesentlidien Zug^ anführen mußten. Nur die Funktionslust am 
Denken an und für sidi erklärt jenen »MißbrauA des Denkens«, 
der oft zu den abenteuerlidisten und unsinnigsten Spekulationen 
geführt hat. Die intellektuellen Operationen sind hier mit der Lust 
und Angst der eigentlidien Sexualvorgänge betont*. Die Überbesetzung 
des Denkens hat natürlidi einen erhöhten Glauben an die Realität 
des Gedachten und eine Entwertung der transsubjektiven Wirklidi* 
keit zur Folge. Die fortgesetzte Introversion kann einen völligen 
Abbrudi der Beziehungen mit der Außenwelt bewirken. Das System, 
das in Anknüpfung an die Realität ein Ausleben uralter Komplexe 
ermöglidit, erinnert in bezug auf seine biologisdie Bedeutung bis^ 
weilen an den mißlingenden kompensierenden Übertragungsversudi 
mandier Geisteskranker im Aphelium ihrer Entfernung von der 
Außenwelt, wo ihnen die Abspaltung bewußt zu werden vermag.^ 
Betreffs des geistigen Narzißmus der Denker wage idi die Bemer^ 
kung, daß der Übergang des Narzißmus vom Objekt auf die 
Funktion vielleidit die BrüAe zur Sublimierung bildet. Die »Re- 
gression von Handeln aufs Denken« sowie einige andere, teilweise 
nodi anzuführende Charaktere der Philosophen erinnern in so auf- 
fälliger Weise an Symptome der Zwangsneurose, daß man nidit 
umhin kann, die meisten Philosophen in die Nähe jenes Typus, den 
Freud als ^^Zwangstypus« bezeidinet, zu stellen. Der genannte 
Forsdier hat in seinen tief sdiürfenden »Bemerkungen über einen 
Fall von Zwangsneurose« der Verdrängung des infantilen Hasses 
gegen den Vater die allergrößte Bedeutung für den Aufbau dieser 
Neurose zugesprodien. Der auf intellektuelle Probleme diffundierende 
Zweifel ist eigentlich der Zweifel an der Liebe, die durdi einen 
eben so starken Haß im Unbewußten gebunden wird. Das 

* Fichte ist ein besonders schönes Beispiel dafür, der das Ich und die Er- 
kenntnis desselben in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung stellt. 

2 Vielleicht liegt darin eine Quelle der Behauptung einer Verwandtschaft 
zwischen Erkennen und Zeugen, welch letztere von Franz v. Baader in merk- 
würdiger Weise dargetan wurde. Selbstverständlich ist die Gegensatzrclation im 
Unbewußten audi an der Herstellung dieser Beziehung beteiligt. 

* Vgl. J. Nelken, Analyt. Beobachtungen über Phantasien eines Schizo* 
phrenen. Jahrb. IV. 



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232 Alfr. Frh. v. Winterstein 



Stimmt sehr gut zu dem, was ich früher über die Bedeutung 
des Vaters für das Sdiidtsal des Philosophen gesagt habe, und 
wenn wir mit Stekel den Zweifel einen negativen Glauben^ 
nennen wollen, verstehen wir audi das oft ein Leben lang währende 
Sdi wanken zwisdien Atheismus und Glauben^ und die endlidie 
Fludit in die Religion. Das frühzeitige Auftreten des sexuellen 
Sdiau^ und Wißtriebes sowie die Ausbildung der sadistisdien 
Komponente^ würden als von Freud festgestellte Eigentümlidi* 
keiten der Zwangskranken das Material für die oben erörterten 
Sublimierungen ergeben. Wenn Freud ferner hervorhebt, daß 
die Zwangshandlungen sidi immer mehr, und je länger das 
Leiden dauert, infantilen Sexualhandlungen autoerotisdien Charakters 
nähern, ist vielleidit im Rahmen dieser Krankheit audi Platz für den 
von uns so oft herangezogenen Narzißmus. Die ziemliA gleidi* 
lautenden Aussprudle Augustins und Descartes\ daß sie erst 
im Zweifel ihrer Existenz gewiß geworden seien, weisen offenbar 
auf die libidinöse Überbesetzung des Denkaktes hin, dem die sonst 
den Inhalten des Denkens gewidmete Lust und Angst verliehen 
wird. Wer den Aberglauben und das Phänomen des Todes in seiner 
Bedeutung für die Zwangsneurotiker kennen gelernt hat, wird auf* 
merksam, wenn Schopenhauer das Todesproblem'* an den Ein^ 
gang der Philosophie stellt. Idi weiß nun sehr genau, daß der Tod 
einerseits audi Niditneurotiker zu philosophisdien Betraditungen an* 
regen kann, anderseits der Tod allein die Mensdien nidit zur Phi* 
losophie veranlaßt haben wird. Das ^i}av!iid^8LV<^^, die Verwunderung 
über alles, in der Aristoteles die Quelle des Philosophierens 
erblüt, mahnt hinwiederum an den Verstehzwang, an die Vorliebe 
der Kranken für die Unsidierheit und den Zweifel. Audi der Philo- 
soph besdiäftigt sidi mit Problemen, die einer gesidierten Lösung 
widerstreben, so z. B. mit dem Ursprung der Welt und ähnlidien 
ihrer Natur nadi sdiwebenden Fragen. Gewissermaßen als Ersatz 
für die fehlende Einsidit in die Determinierung des Innern regt sidi 
bei Denkern und Zwangsneurotikern ein erhöhtes Kausalitätsbedürfnis 
der Außenwelt gegenüber, das mit treffender Ansdiaulidikeit, wenn 
audi in pathologisdier Verzerrung, von Schreber besdirieben worden 

^ »Ist doch der Glaube nur das Gefühl der EintraAt mit dir selbst.« GrilU 
parzer. 

' Audi Schreber war seiner eigenen Aussage nadi vor Ausbruch seiner 
Krankheit ein Zweifler. 

3 Nach späteren Untersuchungen dürfte gleidifalls der Analerotik eine gewisse 
Bedeutung für die Zwangsneurose zukommen. 

* Aus den von Baillet <l.c., p. 81 ff.) mitgeteilten Träumen des dreiundzwanzig- 
jährigen Descartes geht das innere Schwanken des Philosophen zur Evidenz hervor. 

^ Die Welt als Wille und Vorstellung, II., 4. Rudi, 41. Kap.: »Der Tod 
ist der eigentlidie inspirierende Genius oder der Musaget der Philosophie, weshalb 
Sokrates diese auch i^avdxov iihXixri definiert hat. Schwerlich sogar würde auch, 
ohne den Tod, philosophiert werden.« 

ö Aristoteles, Metaphysik: '^Aiä yäo ib iJai\ud^eiv ol ävd'Qonot xal \ijv 



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Psydioanalytisdic Anmerkungen zur GesdiiAte der Philosophie 233 

ist <L c, p. 229>: 3^Gerade das zusammenhanglose Hineinwerfen 
der das Kausalitätsbedürfnis oder irgendwelche andere Beziehung 
ausdrückenden Konjunktionen in meine Nerven <warum nur usw.) 
hat mich zum Nachdenken über viele Dinge genötigt, an denen der 
Mensch sonst adhtlos vorüberzugehen pflegt und dadurch zur Ver* 
tiefung meines Denkens beigetragen. Jede Vornahme irgendeiner 
menschlichen Tätigkeit in meiner Nähe, die ich sehe, jede Natura 
betrachtung im Garten oder von meinem Fenster aus regt gewisse 
Gedanken in mir an,- höre ich dann in zeitlichem Anschlüsse an diese 
Gedankenentwicklung ein in meine Nerven hineingesprochenes ,Warum 
nur?' — so bin ich dadurch genötigt oder mindestens in ungleich 
höherem Grade, als andere Menschen veranlaßt, über den Grund 
oder Zweck der betreffenden Erscheinungen nachzudenken.« 

Und dieses Kausalitätsbedürfnis konstruiert sich — gleichsam 
als späte Wunscherfüllung für den unabschließbaren Charakter der 
Kinderforschung - — beim Philosophen ein in sich geschlossenes 
System, wo clie Beantwortung jeder quälenden Frage ihren Platz 
findet, eine Zufluchtsstätte der Sicherheit und Beruhigung. 

In Parenthese merke ich an, daß die pythagoräische Tafel 
der Gegensätze <die assyrisch^babylonischen Ursprungs ist) vielleicht 
denselben Zweck verfolgt/gewissermaßen: Tertium non datur. Sie 
enthält unter anderem die Gegenüberstellung von Rechts und Links, 
Männlich und Weiblich, Licht und Finsternis, Gut und Böse und 
bringt die »antithetische Einheitsbeziehung zwischen Vorstellung und 
Gegenvorstellung« <Lipps> zum Ausdruck. Diese uns auch aus der 
Traumsymbolik <z. B. linker Weg — Weg des Unrechts) und dem 
Folklore geläufigen Entsprechungen finden sich zumTeil in derZeugungs- 
theorie cies Parmenides wieder, wo der männliche und weibliche 
Charakter des Individuums von der Lage des Embryo im Mutter* 
leib — ob redhts oder links — abhängig gemacht wird^ 

Von Freud ist die frühzeitige Scheidung der Gegensätze von 
Liebe und Haß beim Individuum als eine Bedingung der Ent^ 
stehung der Zwangsneurose angesprochen worden. Die durdi Ver* 
Schiebung allgemein gewordene und durch den Zweifel stets lebendig 
erhaltene Empfindung »des scharfen Widerspruchs, des unerbitt* 
liehen EntwecIer^^Oder« mag denkbarerweise ihren Anteil an der 
Errichtung der pythagoräischen Tafel der Gegensätze^ haben. 

^ Der Biologe Fließ erblickt in der linken Hand den Index des Gegen* 
gesdilechtlidien. Nach desselben Ansicht liegt, wie sAon früher erwähnt, das 
Wesen des Genies im Hermaphroditisdien / das Werk ist ein Produkt der inneren 
Befruchtung des Bisexuellen. Vielleicht ist die »SchnsuAt, sidi selbst zu gebären«, 
von der in einer J. Böhme nachempfundenen Schrift Schellings die Rede ist, 
ein Ausdruck dieser biologischen Verhältnisse. Schreber spricht auf p. 4 seiner 
>Denkwürdigkeiten« eine hieher gehörige Beobachtung aus. Die Schule der Züricher 
Psydioanalytiker würde die Vorstellung der Selbstgeburt in Analogie mit den 
Vorstellungen vom Sterben und Wiedergeborenwerden wohl als den bloß mit 
archiaischen Mitteln dargestellten Begriff von Umwandlung und Entwicklung auffassen. 

* Vgl. die große Bedeutung des Gefühls für Symmetrie bei Kant, der sicher* 
lieh dem Zwangstypus angehörte. 



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234 Alfr. Frh. v. Wintcrstcin 



Wer diese Verquickung von philosophischem Denker und 
Zwangskranken unangenehm und ungerechtfertigt findet, soll nicht 
außer acht lassen, daß einerseits schon einem gewöhnlichen Zwangs^ 
neurotiker im Durchschnitt eine ziemlich große intellektuelle Begabung 
zugesprochen werden muß, anderseits der Denkzwang ^ — gute 
geistige Fähigkeiten vorausgesetzt — zu Resultaten nihren kann, 
über deren w ert und Giltigkeit ihre Genese ja nicht ent^ 
scheiden darf. 

Wenn ich vorhin einen sadistischen und masochistischen Typus 
beim Philosophen unterschied, so gilt für diese und für andere ähn^ 
liehe Einteilungen der Satz, daß die Typen in Wirklichkeit nicht so 
streng voneinander getrennt sind, daß nur ein Mehr oder Weniger 
betont werden soll, daß mit einem Wort die Wissenschaft die Dinge 
einfacher sieht, als es der vielfachen Verschlungenheit und Kompli' 
kation der Erscheinungen entspricht. Auch der nüchterne Forsdhcr 
wird nidit ganz frei von den Einwirkungen persönlidier Komplexe 
bleiben, so gut der mythologische Denker sidi in den Schöpfungen 
seiner Phantasie nicht völlig vom Boden der Realität zu entfernen 
braucht. Mindestens den Wert des Psychologisdi^Realen wird er 
für sein Werk beanspruchen dürfen. Wir wollen freilich nicht so 
weit wie Feuerbach gehen, dem alle Theologie und Philosophie 
nur Psychologie ist/ das müßte erst streng bewiesen werden. Die 
Psychoanalyse kann — um einen Einwand H. Höffdings^ g^g^n 
Feuerbachs Religionsphilosophie modifiziert wiederzugeben — alle 
philosophischen Vorstellungen als psychologische Erzeugnisse er- 
klären,- daß sie aber wirklich nichts anderes und nicht mehr sein 
sollten, läßt sich nicht beweisen. Es ließe sich die Realität einer 
philosophischen Idee denken, die dem tiefsten Trachten des mensch- 
lichen Gemüts entsprungen wäre. Ob hinter dieser Denkbarkeit sich 
allerdings nicht bloß ein schüchterner Wunsch verbirgt, ist nicht 
auszumadien. 

Ohne uns in eine Diskussion über den Anspruch auf objek^ 
tiven Wert, der von der oder jener Weltauffassung erhoben werden 
könnte, einzulassen, stellen wir fest, daß viele Weltanschauungen 
Libidotheorien zu sein scheinen, die sich entweder als verschobene 
Bearbeitungen psychoanalytischer Erkenntnisse darstellen oder mit 
den Ergebnissen der Psydioanalyse direkt übereinstimmen. 

Es sei mir an dieser Stelle, bevor ich zu den Sdilußgedanken 
übergehe, gestattet, in Form einer kleinen Einsdiiebung dem philo^ 
sophischen Optimismus und Pessimismus einige wenige Betrach- 
tungen zu widmen. Man hat hier weit klarer als in anderen Fällen 
schon lange erkannt, daß ein philosophisches System, das sich auf 

^ Freud, L c. p. 417: »Der Zwang ist ein Versuch zur Kompensation 
des Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von denen 
der Zweifel Zeugnis ablegt.« 

* H. Höffding, Gescbidite der neueren Philosophie, IL Bd., Leipzig 1906, 
p. 311. 



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PsyAoanalytisdic Anmerkungen zur GcsAidite der Philosophie 235 

einer bestimmten Wertschätzung des Lebens autbaut, nur »der 
kosmisdie Ausdrude eines bestimmten Temperamentes« ist. Nietz* 
sche^ hat das Entsdieidende gesagt; »Urteile, Werturteile über 
das Leben, für oder wider, können zuletzt niemals wahr sein: sie 
haben nur Wert als Symptome, sie kommen nur als Symptome in 
Betradit — an sidi sind soldie Urteile Dummheiten. Man muß 
durdiaus seine Finger danadi ausstreuen und den Versudi madien, 
diese erstaunlidie Finesse zu fassen, daß der Wert des Lebens 
nidit abgesdiätzt werden kann. Von einem Lebenden nidit, weil ein 
soldier Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nidit Riditer/ von einem 
Toten nidit, aus einem anderen Grunde. Von Seiten eines Philo* 
sophen im Wert des Lebens ein Problem sehen, bleibt dergestalt 
sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeidien an seiner Weisheit, 
eine Unweisheit.« 

Wenn sidi audi eine Weltansdiauung wie die Schopen^ 
hauers, die das Lebensgefühl eines einzelnen zu dem der ganzen 
Welt madit, gewiß nidit auf objektive Wahrheit berufen kann, so 
darf dodi nicht verkannt werden, daß sein radikaler Pessimismus 
dazu beigetragen hat, gewisse uns mandimal abgewendete Facetten 
des Daseins in einem deudidieren Lidite zu erbliAen. Daß der 
Weltsdimerz fast stets mit einer ganz bestimmten Libidokonstellation 
(Unfähigkeit zur Realübertragung, Fälle der Versagung, Unmöglidi-^ 
keit der Befriedigung auf den bereits eröffneten Bahnen infolge einer 
allgemeinen Libidosteigerung) einhergeht, ist wohl evident, indes ein 
übertriebener Optimismus stark an die Euphorie von Manisdien 
erinnern kann^. 

Im weiten Umkreise unserer Untersudiung konnten wir vor 
allem zwei Dinge in den Mittelpunkt stellen: den geistigen Narziß* 
mus der Philosophen und ihr Verhältnis zu den Eltern. Jener ist 
ein doppelter: einerseits wird die oft zwangsmäßig ^ ausgeübte 
Denkfunktion förmlidi zu einer autoerotisdien Handlung, der Phi* 
losoph betraditet mit Lust sein Denken, das bisweilen bloß um 
seinetwillen betrieben wird, unbekümmert um Erfahrung und Inhalt 
— wir haben traurige Beispiele dafür. Anderseits spiegelt sidi der 
Denker im Kosmos/ das Tiefste, was ihm von außen entgegen* 
tritt, wiederholt nur seine eigene innerste Natur, aber er erkennt es 

^ Götzendämmerung, p. 69, Naumann, Leipzig 1895. 

2 In der »Geburt der Tragödie usv.« wirft Nietzsche die Frage auf: 
»Ist Pessimismus notwendig ein Zeidien des Niedergangs, Verfalls, des Minraten* 
seins, der ermüdeten und gesAwäditen Instinkte? — Wie er es bei den Indern 
war, wie er es, allem Ansdiein nadi, bei uns, den modernen Mensdien und 
Europäern ist? Gibt es einen Pessimismus der Stärke?« Viellei At gehört die 
SAwcrmut der Jugend hieher, die auf einer aus äußeren oder inneren Gründen 
stattfindenden Triebstauung beruhen dürfte. Vgl. auA Nietzsches AusspruA: 
»Carlyle: der Pessimist oder das zurOAgetretene Mittagessen. c In dieser witzigen 
Form ist die physisAe VerursaAung des Pessimismus gekennzeiAnet. 

* Freud erbliAt im Denkzwang häufig eine Reaktion gegen die Drohung 
oder BefürAtung, man werde durA sexuelle Betätigung, speziell durA Onanie, 
den Verstand verlieren. Vgl. die Arbeit über Schreber. 



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236 Alfr. Frh. v. Winterstein 



nicht als soldie, sofern er nicht zuerst den umgekehrten Weg nach 
innen geschritten ist. Dann glaubt er, im Abgrunci des Gemüts den 
Kern der Natur ^ entdeckt zu haben. 

Es ist das Verdienst des deutschen Volkes, nachdrücklich in 
jene Richtung gewiesen zu haben, aber die Frage wird wohl kaum 
je von der Philosophie beantwortet werden können, ob der MitteU 
punkt unseres Wesens wirklich eins sei mit dem, »was die Welt 
im Innersten zusammenhält«. Von unserem nicht egozentrischen 
Standpunkte aus möchten wir diese Lösung eher verneinen. 

Die Bedeutung der Eltern, namentlich des Vaters, scheint für 
das Schicksal des Metaphysikers von maßgebendstem Einflüsse zu 
sein. Die an die Eltern gerichtete Frage nach der Herkunft des 
kleinen Menschenkindes wiederholt der Erwachsene, wenn er sich 
an die Natur wendet, um das Geheimnis ihres Daseins zu er^ 
forschen 2 und die Allmacht des Vaters überträgt er auf Gott, den 
er die Welt erschaffen läßt. Auch der Glaube an die Allmacht der 
Gedanken, hinter dem ein Stück kindlichen Größenwahns steckt, 
wird auf Gott projiziert. So heißt es bei Leibniz: »Dum deus 
calculat, fit mundus.« Im Erkennen des göttlichen Urgrundes liegt 
eine Art Vereinigung und das tiefste Streben des Denkers geht 
dahin, sich in den »Schoß des weltenschwangeren Nichts«^ des 
Einen, des Absoluten zu retten. Der von den Eltern ausgeübte 
Bann zeigt sich vielleidit auch noch in der Ehelosigkeit der meisten 
Philosophen,- in diesen Zusammenhang gehört gleichfalls die »Re^ 
gression vom Handeln auf's Denken«. »Primum vivere, deinde 
philosophari« — einige aber haben von vornherein auf das Leben 
verzichten und grübeln müssen'*. 

Damit wird keine Abdankung der Metaphysik verkündigt. Sie 
ist eine notwendige Erscheinung des menschlichen Geistes uncf wenn 

* Goethe: »Ist nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen?« 

' In einem »Philosoph« übersdiriebenen Gedichte von Fr. Langheinrich, 
das sich auf die beigegebene Radierung von Klinger bezieht, heißt es: 
»Natur, wie hab ich tief vor dir gekniet, 
Das dumpfe Haupt an deine Brust versunken: 
,Trink', spradist du, ,daß dein Auge Klarheit sieht'. 
Und Licht und Wunder hat mein Mund getrunken. 

Nun lehre midi, warum dies Dasein glüht. 
Die Seele, Mutter, gib mir deine Seele!« 

Die Aufklärung über das Sexualgeheimnis kann eventuell auch eine 
praktische sein. »Wenn dann,« schreibt Novalis in den ,Lehrlingen zu Sais', 
»jenes mäditige Gefühl, wofür die Sprache keine anderen Namen als Liebe und 
Wollust hat, sidi in ihm ausdehnt, wie ein gewaltiger, alles auflösender Dunst 
und er bebend in süßer Angst in den dunkeln lockenden Schoß der 
Natur versinkt, die arme PersönliAkeit in den übersdilagenden Wogen der Lust 
sidi verzehrt und nichts als ein Brennpunkt der unermeßlichen Zeugungskraft, ein 
verschluckender Wirbel im großen Ozean übrig bleibt!« 

^ Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung, IL Bd., 4. Kap. 4L 
— Was als Vergleich gebraudit wird, ist hier das psyAisdi Zugrundeliegende. 

* Schopenhauer, »Das Leben ist eine mißliche Sache,- ich habe mir vor- 
jjenomnien, das meine mit dem Nachdenken darüber zuzubringen.« 

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PsychoanalytisAc Anmerkungen zur GcsAidhtc der Philosophie 237 

sidi auch ihre Anhänger über die Tragweite der dort gegebenen 
Aufsdilüsse wahrsdieinlidi Täusdiungen hingeben, sofern sie in 
ihnen objektive Wahrheiten erblidten, so ist anderseits nidit zu 
leugnen, daß wir durdi die Weltansdiauungen der Philosophen eine 
hörnst wirksame Förderung in psydiologisdier Hinsidit erfahren, 
indem jene Sdiöpfer, oft mehr geniale Künstler als Forsdier, be* 
deutsame Einsiditen in unser eigenes Unbewußtes symbolisdi zum 
Ausdruck gebradit haben. GleidiwieFeuerbach gegenüber Voltaire 
in der Auffassung der Religion einen Fortsdiritt darstellt, indem er 
die festgestellte Subjektivität religiöser Dogmen zu einer Verherr^ 
lidiung der mensdilidien Natur benutzt hat, werden wir in dem 
Umstände, daß der Philosoph sein Weltbild in Übereinstimmung 
mit unbewußten Kräften des eigenen Gemüts zusammensdiaut, nur 
einen verstärkten Antrieb sehen, die Sdiöpferkraft der mensdilidien 
Phantasie zu bewundern. Und bei aller Ähnlidikeit, die viele philo- 
sophisdie Systeme mit den kunstvollen Konstruktionen beispiels^ 
weise der Paranoia audi aufweisen mögen, dürfen wir nidit das 
Spezifisch^Differenzierende gegenüber neurotisdien und psy^ 
diotisdien Ersdieinungen außer adit lassen: idi meine ganz alU 
gemein die intellektuelle Blendung, deren Vorbild die von Freud 
so genannte sekundäre Traumbearbeitung ^ ist. Je feiner und reidier 
die im Iditrieb vorhandenen Anlagen des Individuums entwid^elt 
sind und je größer seine Realitätsanpassung ist, umso stärker treten 
in der Fassade eines philosophisdien Gebäudes die subliminalen 
Mädite, die am Werke tätig waren und deren verhüllter Äußerung 
jene Fassade zunädist dienen sollte, zurüA und das Gebäude 
erhält, gewissermaßen nadi dem Gesetz der Heterogonie der 
Zwed^e <Wundt>, eine seiner ursprünglidien Bestimmung fremde, 
selbständige Bedeutung. 

^ Freud versteht darunter die in ihrem Ausmaß inkonstante Über^ 
arbeitung des Trauminhalts durdi das zum Teil geweckte >X^adidenken während 
der Traumbildung. Vgl. Traumdeutung, 2. AuH., p. 302 ff. 




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23S S. Fercnczi 

Aus der »Psychologie* von Hermann Lotze. 

Mitgeteilt von Dr. S. FERENC2I {Budapest). 

In den Werken des mit Redit berühmten und populären deut^ 
sdien Denkers und Universitätslehrers Hermann Lotze ^ fand idi 
einige Sätze, die — obzwar rein spekulativ entstanden — eine so 
weitgehende Übereinstimmung mit den auf empirisdiem Wege ge- 
wonnenen psydiologisdien Erkenntnissen der rsydioanalytik auf- 
weisen, daß wir ihren Autor als einen der Vorahner der Ideen 
Freuds betraditen dürfen. Eine soldie Kongruenz der Resultate 
intuitiven Denkens und Diditens* mit den Ergebnissen der prakti- 
sdien Erfahrung ist nidit nur vom gesdiiditlicnen Standpunkt intern 
essant, sondern sie kann audi als ein Argument für die Stidihältigkeit 
jener Erkenntnisinhalte selbst in Betradit kommen. 

In der »Psydiopathologie des Alltagslebens« erklärt bekanntlidi 
Freud das Vergessen als ein Unbewußtwerden von Vorstellungen, 
begründet durdi Unlustmotive. In seinen »Grundzügen der Psydio^ 
logie« <VIL Aufl. Leipzig, S. Hirzel) sagt Lotze über dieses 
Thema u. a. folgendes: 

§ 15. ». . . . die Erinnerungsbilder früherer Eindrüd^e (sind) 
nidit immer im Bewußtsein vorhanden, sondern treten nur zeitweilig 
in demselben wieder auf, dann aber so, daß kein äußerer Reiz nötig 
war, um sie von neuem zu erzeugen. 

Hieraus sdiließen wir, daß sie in der Zwisdienzeit für uns 
nidit ganz verloren gewesen sind, sondern sidi in irgendweldie 
,unbe wußte' Zustände verwandelt haben, die wir natürlidi nidit 
besdireiben können, und für die wir den an sidi widerspredienden 
aber beauemen Namen , unbewußte Vorstellungen, braudien . . .« 

§ 16. >. . . . Zwei Ansiditen standen sidi hier gegenüber. Man 
hielt früher das Versdi winden der Vorstellungen für natürlidi und 
glaubte das Gegenteil, das Gedächtnis, erklären zu müssen. Man 
folgt jetzt der Analogie des physisdien Gesetzes der Beharrung 
und glaubt das Vergessen erklären zu müssen, weil an sidi die 
ewige Fortdauer eines einmal erregten Zustandes sidi von selbst 
verstehe. 

Diese Analogie ist nidit ohne Bedenken. Sie gilt von der Be^ 
wegung der Körper. Allein Bewegung ist nur eine Änderung äußerer 
Relationen, von weldier der bewegte Körper nidits leidet/ denn er 
befindet sidi an einem Orte genau so wie am andern, und hat daher 
weder einen Grund, nodi einen Maßstab für einen der Bewegung 
zu leistenden Widerstand. Die Seele dagegen befindet sidi selbst 

* Rud. Hermann Lotze <1817 — 1881) war Professor der Philosophie und 
Physiologie in Leipzig, Göttingen und Berlin. Er war ein Sdiüler Herbarts und 
Anhanger von Leibnitz. 

^ Ähnlidie Übereinstimmungen mit der Psychoanalyse sind bereits in den 
Werken von Schopenhauer, Nietzsche, Anatole France u. a. nadigewiesen 
worden. 



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Aus der »Psychologie« von Hermann Lotzc 239 

in versAicdenen Zuständen, je nad\dem sie a vorstellt oder b oder 
auA gar nidits. Denkbar wäre daher, daß sie gegen jeden 
ihr aufgedrängtenEindruck zurückwirkte, wodurcnsie zwar 
niemals diesen ganz annullieren, aber doch vielleicht aus 
bewußter Empfindung in einen unbewußten Zustand ver* 
wandeln könnte.«^ 

§ 19. »Als Grundlage einer ,psychi sehen Mechanik' 
könnten ... die Begriffe von Stärke und Gegensatz nur dann selbst^ 
verständlidi dienen, wenn sie sidi auf die vorstellenden Tätig- 
keiten bezögen. Das ist nicht der Fall. — Man würde es daher 
als eine bloße Tatsadie anerkennen müssen, wenn die Stärke und 
Gegensatz des vorgestellten Inhalts die entsdieidenden Bedin-^ 
gungen für die Wediselwirkung der Vorstellungen wären. Die Er^ 
fahrung bestätigt dies nidit. Die Vorstellung größeren Inhalts 
verdrängt keineswegs immer die von kleinerem/ im Gegen^ 
teil ist die letztere selbst imstande, zuweilen die Empfin* 
düng äußerer Reize zu unterdrücken^. 

Nun kommen aber Vorstellungen niemals in einer Seele vor, 
die außerdem nidits anderes täte,- sondern an jeden Eindrud^ knüpft 
sidi außer dem was in dessen Folge vorgestellt wird audi nodi 
ein Gefühl des Wertes, den derselbe für das körperlidie und 
geistige Wohlbefinden des Perzipierenden hat. Diese Gefühle von 
Lust und Unlust sind einer Gradabstufung offenbar ebenso fähig, 
wie das bloße Vorstellen unfähig dazu ist. NaA der Größe nun 
dieses Gefühlsanteils, weldie übrigens außerordentlidi wediselnd 
ist je nadi der Versdiiedenheit des Gesamtzustandes, in dem die 
Seele sidi eben befindet, oder kurz gesagt: nadi dem Grad des 
Interesses, weldie eine Vorstellung aus vielerlei Gründen in jedem 
AugenbliAe zu erwed<en vermag, riditet sidi ihre größere oder 
geringere Madit zur Verdrängung anderer Vorstellungen. Und 
nur hierin, aber nidit in einer ursprünglidien Eigensdiaft, weldie sie 
als bloße Vorstellung hätte, besteht das, was wir ihre Stärke nennen 
können.« 

In diesen Sätzen finden wir zum Teil Freuds Feststellungen 
über die bestimmende Rolle der Lust^ und Unlustqualität für die 
Perzeption und Reproduktion wieder. Daß dies Kein Zufall ist, 
darauf läßt eine andere Stelle der »Psydiologie« Lotzes sdiließen, 
an der er — ganz wie es die Psydioanalyse zu tun gezwungen 
ist — gegen die Haltlosigkeit der reinen Bewußtseinspsydiologie und 
-philosopnie Stellung nahm. 

§86» . . . Die Frage nadi der Art und Wahrheit unserer 
Erkenntnis oder nadi dem Verhältnis zwischen Subjekt und 
Objekt hatte so sehr alle Aufmerksamkeit gefesselt, daß der Vor^ 

ffang, durdi weldien das Seiende dazu kommt, sidi selbst zu er- 
assen, d. h. die Entwicklung des Selbstbewußtseins, für das 

* Vom Referenten hervorgehoben. 
- Vom Referenten gesperrt. 



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240 S. Fcrcnczi 



eigentliche Ziel oder für den letzten Inhalt der ganzen Wehordnung 
gehahen wurde. Nun ersdiien die Seele nur dazu bestimmt, diese 
Aufgabe der Selbstbespiegelung innerhalb des irdisdien Lebens auf* 
zulösen/ und die versdiiedenen Formen, in denen diese Aufgabe 
der reinen Intelligenz stufenweise immer mehr gelöst wird, nahmen 
ziemlidi allen Platz in der Psydiologie ein. Der Inhalt dessen aber, 
was empfunden, angesdiaut oder begriffen wird, trat ebensosehr 
dagegen zurück, wie das ganze übrige Seelenleben, der Gefühle 
und Strebungen, die selbst wieder bloß so weit in Betradit 
kamen, als sie audi zu jener formellen Aufgabe der Selbstobjekti* 
vierung in bezug gesetzt werden konnten.« 

In der Sprache der Psychoanalyse heißt das etwa: Bewußtheit 
ist keine notwendige QuaHtät des Psychischen, ja: der Inhalt der 
Psyche ist an sich unbewußt und nur ein Bruchteil dieses Inhalts 
wird vom Bewußtsein, dem Sinnesorgan für <an sich ubw.> psydiische 
Qualitäten, wahrgenommen. 

Auch die Anschauung Lotzes über die Richtkraft des Lust^ 
prinzips bei der Entstehung der Triebe deckt sich mit unseren 
Anschauungen. »§ 102 . . . Triebe sind ursprünglich nur Gefühle, 
und zwar meistens der Unlust oder doch der Unruhe,- sie pflegen 
aber verknüpft zu sein mit Bewegungsantrieben, weldie in der 
Weise der Reflexbewegungen zu allerhand Bewegungen führen, 
durch die nach längerem oder kürzerem Irrtum die Mittel gefunden 
werden, jene Unlust zu beseitigen.« <Vgl. dazu Freuds »Prin^ 
zipien des psychischen Geschehens« uncT den theoretischen Teil 
seiner »Traumdeutung«.) 

Auch das Problem der objektivierenden Projektion und der 
Introjektion wird von Lotze angeschnitten. Wo er von der Bildung 
des »Ich« im Gegensatz zur Objekt weit spricht. »Jeder unserer 
eigenen Zustände« — sagt er im § 52 — »alles was wir selber 
wirklich leiden, empfinden oder tun, ist dadurch ausgezeichnet, daß 
sich daran unmittelbar ein Gefühl <der Lust, der Unlust, des Inter-^ 
esses> knüpft, während diese Begleitung demjenigen fehlt, was wir 
als die Zustände, das Tun, Empfinden, Leiden anderer Wesen 
bloß vorstellen aber nicht selber erfahren oder erleiden . . . Ein 
bloßes Wissen überhaupt <kann> nicht das Motiv dieser 
ganz beispiellosen UntersAeidung sein, durch die jedes beseelte 
Wesen sich selbst der ganzen übrigen Welt entgegenstellt.« >Auf 
die dargelegte Weise wird, glauben wir, zuerst der Sinn des 
Possessivpronomen ,mein' uns deutlich/ erst nachher, wenn 
wir unsere denkende Reflexion auf diese Umstände richten, bilden 
wir auch den substantivischen Namen des Ich als des Wesens, 
dem das, was ,mein' hieß, zukommt« <§ 53>. <VgI. dazu auch 
meine Ausführungen in der Arbeit »Introjektion und Übertragung« 
(Jahrbuch für Psychoanalyse, I. Jahrg.). 

Wenn Lotze die »beispiellose Untersdieidung« des Ich von 
der übrigen Erfahrungswelt auf seinen Wert für das Individuum 



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Aus der »PsyAoIogie* von Hemianti Lotze 241 

mtudifühttr (worunter er zweifellos dessen Lüstwert und nidit den 
Nutzwert versteht)^, so nähert er sidi der psydioanalytisdien Auffas- 
sung^ nadi der die Irfi^Bildung im innigsten Konnex steht mit dem 
Narzißmus^ dem Verliebtsein in die eigene Person. <Vg!. Freud; 
Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken, »Imago«, IL Jahrg., 
L Heft, p. 12.) 

Dafür spridit unter anderem audi folgende Stelle bei Lotze 
<t. c, § 53}: ^. , , Zweierlei muß man unters Aeiden. Das Bild, 
weldies wir uns von unserem eigenen Wesen madien^ kann mehr 
oder weniger zutreffend oder irrig sein/ das hängt von der 
Höhe der Erkenntniskraft ab, durdi weldie jedes Wesen sidi über 
diesen Mittelpunkt seiner eigenen Zustände theoretisA aufzuklären 
sudit. Die ßvidenz dagegen und die Innigkeit, mit der jedes 
fühlende Wesen sidi selbst von der ganzen Welt untersdieidet, 
hängt gar nidit von der Vortrefflidikeit dieser seiner Einsicht in 
sein eigenes Wesen ab^, sondern äußert sidi bei den niedrigsten Tieren, 
soweit sie durdi Sdimerz oder Lust ihre Zustände als die ihrigen 
anerkennen, ebenso lebhaft^ als bei dem intelligentesten Geiste-« 

Interessant ist, was er über den Sinn »der vielen, zum Teil 
zierliAen, zum Teil sonderbaren beweglidien Zusätze oder An- 
hänge an unseren Körper« sagt, »deren sidi die Putzsudit zu be- 
dienen pflegt«, Lotze meint, daß man damit gletdisam einen Teil 
der Außenwelt zum Idi sdilagen will um dieses zu vergrößern/ 
diese Zusätze »geben uns "^im allgemeinen das angenehme Gefühl 
einer über die Grenzen unseres Körpers erweiterten geistigen 
Gegenwart«, 




Imago I1/Z !€ 



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242 Budier 

»Wenn wir eine Gemütsbewegung oder einen 
Affekt von dem Gedanken der äußcrliolen Verursadiimg 
trennen und mit anderen Gedanken verbinden, so werden 
Liebe oder Haß gegen die äußcrliAe Vcnirsadiung und 
damit autfi die Sdiwankungen des Gemüts^ die aus 
diesen Affekten entspringen, vemiditct werden. Ein 
Affekt, der ein Leiden ist, hört auf ein Leiden zu sein, 
sobald wir eine klare und deutlidie Idee von ihm bilden. 
Und es gibt keine Körpererregung und also auA keinen 
Affekt, wovon wir nidit einen klaren und deudidien 
Begriff bilden könnten. Ein jeder hat die Macht, sid) 
und seine Affekte, wenn audi nidit absolut, so dodi zum 
Teil klar und dcutlidi zu erkennen und folglidi audi zu 
bewirken, daß er weniger von ihnen leide. Darauf 
hauptsädilidi muß daher unser Bemühen geriditet sein, 
daß wir jeden Affekt, so viel wie möglidi, klar und 
deutlidi erkennen, damit so der Verstand, von dem 
Affekt aus, zum Denken dessen bestimmt werde, 
was er klar und deutlidi erfaßt und worin er sidi selb* 
ständig beruhigt, und so der Affekt selbst von dem 
Gedanken der äußerlidien Verursadiung losgelöst und 
mit wahren Gedanken verbunden werde.« Spinoza^ 

Bücher. 

DR. PAUL HÄBERLIN, Privatdozent an der Universität zu Basel: 
Wissenschaft und Philosophie, ihr Wesen und ihr Verhältnis. IL Bd.: 
Philosophie. <426 S. Basel, Kober, C. F. Spittlers Nachfolger 1912, 6 M., 
geb. 8 M.> 

Es ist vielleicht nicht das höchste Lob, das man einem philosophi* 
sehen Werke spenden kann, wenn man sagt, es erscheine gerade im richtigen 
Zeitpunkt, es hieße jedoch die eigentliche Absicht des vorliegenden Budfies 
gänzlich verkennen, wenn man daran denken wollte, ihm das Prädikat des 
Unzeitgemäßen zuzuerkennen. Häberlins Buch hat eingestandenermaßen 
propädeutischen Charakter und beabsichtigt, in der gegenwärtigen Krisis 
klärend über das Wesen, die Aufgabe und die Möglichkeit der Philo^ 
Sophie überhaupt zu wirken. Das wicfitigste, das Wesen der Philosophie 
selbst angehende Problem, vor dem unsere deutsche Philosophie heute steht, 
läßt sich zusammenfassen in die Disjunktion: nur^wissenschaftliche (positiv 
vistische) Philosophie oder Philosophie in universalem Sinn mit dem Rechte 
einer metaphysischen Position. 

Der Verfasser betrachtet als '^die Aufgabe der ideal gedachten Philo* 
Sophie einheitliche, überzeugungskräftige Problemlösung im umfassendsten 
Sinne«, er stellt damit an die Philosophie die Forderung, »nicht nur umfassende 
und einheitlidie theoretische Wahrheit zu suchen, sondern auch harmonische 
und universale Wahrheit im praktischen Sinne zu erstreben und beide zu 
einer Weltanschauung zu vereinigen« <p. 4>. 

Den Weg dazu bahnt sich der Verfasser durch eine eindringliche 
Analyse des Wesens der praktischen Wahrheit, die im ersten Kapitel ab^ 
gehandelt wird, während die Probleme der theoretischen Wahrheit im ersten 
Band des Werkes behandelt worden sind, und zum Teil im zweiten Kapitel 
<Das Werden der Weltanschauung) noch einmal zur Sprache kommen. Dem* 
gemäß beginnt dieser Band mit der Untersuchung der elementaren Tatsachen 

^ Mitgeteilt von Dr. E. Simonson. 



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Büdner 243 



und Beziehungen des praktisdien Erlebens überhaupt/ zunädist durdi die 
Analyse der »gewöhnliAen Handlung als psydiisdhen Vorgangs«, ein Kapitel, 
das wegen der Herausarbeitung der entsdieidenden psydiisdien Momente 
des Handelns sehr verdienstvoll zu nennen ist. Man vergleidie die Aus* 
führungcn über die Zielphantasie und ihre drei Begleitgefühle, die zwei posi* 
tiven und das eine negative <p. 14 f.) und die Resultatgefühle <p. 38f.>, so* 
wie die allgemeine Feststellung, daß die negativen Gefühle stets mit posi* 
tiven gepaart sind. — »Die praktische Seite der ganzen Sukzession bedeutet 
ein Oszillieren der Gefühlslage zwisdien negativen und positiven Nuancen. 
Dem negativen Ausgangsgefühl entspricht ein positives, zunädist vorgestelltes, 
aber audi bereits als Vorgefühl vorweggenommenes Zielgefühl. Den nega- 
tiven Wunsdigefühlen der Absidit entspredien die positiven Vorgefühle der 
erfüllten Wünsdie, dem Spannungsgefühl entspridit das Gefühl der Ent- 
spannung. Je ein Paar solcher Gefühle gehört zusammen, als Kontraste oder 
Pole derselben Art des Fühlens. Es offenbart sich in ihnen je eine Art des 
Fühlens oder Werdens überhaupt, sie sei mehr individuell oder mehr Ge- 
meingut vieler Individuen. Das Treibende liegt im Kontrast oder vielmehr 
im Zusammensein positiv-negativer Gefühlspaare, — in einer bestimmten 
Art des <negativ-positiven> Fühlens überhaupt.« 

Unser besonderes Interesse erregen die Ausführungen des Verfassers 
über die Fehlhandlungen, als welche er soldie Erlebnissukzessionen be- 
zeidinet, denen »charakteristische Züge augenscheinlich fehlen«, Handlungen, 
die nicht das erwartete und gewünschte Resultat bringen. Ob Handlungen 
mit Alteration der Resultatgefühle <wegen eingetretener Änderung der 
Wertungsweise der Zielphantasie) als Fehlhandlungen zu bezeichnen sind, 
darüber ließe sich streiten — vielleicht wäre es ein Streit um Worte. Hin^ 
gegen hat sich Häberlin den Dank aller — von Seite der Philosophen ja 
nidit gerade verwöhnten — Anhänger der psydianalytischen Methode ver- 
dient, wenn er die andere, eigentlidi so zu nennende Art der Fehlhand- 
lungen unserem Verfahren gemäß auf eine nidit überwundene Zwiespältig- 
keit der Absidit zurückführt, wobei die eine der beiden Absiditen über- 
haupt nicht bewußt oder nidit voll bewußt ist. Dies führt den Verfasser 
zu einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des Unbewußten. 

Er untersdieidet zwischen solchen Erlebnissen, die von Anfang an 
nicht im Bewußtsein sind, und soldien, die einmal bewußt waren, aber zu 
einem gewissen Zeitpunkt entweder vergessen, oder verdrängt wurden, 
ein Unterschied indes, den der Verfasser, ohne sich darüber näher zu äußern, 
nicht als konstitutiv angesehen haben möchte. Der psychologisch zunädist nicht 
ganz klare Begriff des von Anfang an Unbewußten, wird <p. 57 f.) durdi 
ein Beispiel erläutert. Das CharakteristisAe dieser Art des Unbewußten er- 
blidtt der Verfasser darin, daß der betreffende Inhalt von Anfang mit an- 
deren bewußten Erlebnissen nicht in Beziehung gesetzt wurde: »die augen- 
blickliche Reproduktion ist das Kennzeichen des bewußten Erlebens« <p. 58f.>, 
»dodi sind diese Grenzen fließend« <p. 60>, man könne sagen, »alles Er^ 
leben ist ursprünglidi unbewußt/ aber ein Teil wird gleich, ein anderer 
später reproduziert.« »Warum nun einiges Erleben gleidi, anderes erst später 
bewußt wird, das wäre eine Frage für sidi.« 

Es liegt wohl in der Natur des Zusammenhangs, in dem der Ver- 
fasser die in Rede stehenden Probleme behandelt, wenn er dabei nicht Ge- 
legenheit findet, sich theoretisdi des näheren mit dem umstrittenen Begriff 
des Unbewußten auseinanderzusetzen, da wir doch bei ihm erwarten dürften, 
darüber etwas anderes als den spradilich orientierten Einwand zu vernehmen, 

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244 Büdicr 



das Unbewußte als Psydiiscfies im Sinne der Psychoanalyse sei ein unmög* 
lidier Begriff, da alles Psychische nur als Bewußtes vorhanden sein könne. 
Das Vorhandensein eines Unbewußten überhaupt wird vom Verfasser wie 
von der Psychoanalyse mit wünschenswertester Sicherheit erschlossen, die 
Frage aber, ob das Unbewußte als ein Wort für neurozerebrale Vorgänge 
und Dispositionen oder als etwas Psychisches mit fehlender Selbstspiegelung 
betrachtet werden müsse, wird nicht zur Diskussion gestellt. Der Ver* 
fasser stellt sich vielmehr, auch hierin dem Verfahren der meisten Psych* 
analytiker folgend, auf den Standpunkt des unbewußt Psychischen, wenn 
er den Gedanken als möglich hinstellt, es könnten nicht nur die Bewegungen 
5^willkürlicher« Muskeln, sondern auch andersartige Veränderungen im Or* 
ganismus, Kontraktion »unwillkürlicher« Muskeln psychische Hintergründe 
und Prämissen haben. Dieser Gedanke ist, wie man weiß, sehr alt. In un* 
serem Zusammenhang berührt er unmittelbar das zweite Problem im Be* 
griff des Unbewußten; ob dieses nämlich entweder ein bloßes Refugium 
unbrauchbaren seelischen Hausrates oder die Residenz derjenigen Gewalten 
ist, die die apollinische Außenseite des Seelenlebens aus einer unnahbaren 
Ferne regieren. ^ Vielleicht dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß 
der Verfasser an anderer Stelle seine glänzenden, in scharfen Disjunktionen 
arbeitenden logischen Fähigkeiten in den Dienst der Bearbeitung dieses Be^ 
griffes stellt, den die Psychoanalyse, wie jede ehrlich zu Werke gehende 
Wissenschaft, auf Grund hingebungsvoller Einzelforschung als notwendig auf* 
gestellt hat, ohne bis jetzt Zeit gefunden zu haben, ihn eindeutig zu de- 
finieren. 

Nach der Fehlhandlung, deren anscheinende Un Vollständigkeit sich 
bei Ansetzung unbewußter Absichten völlig verflüchtigt, wird in ähnlich 
orientierter Weise die Ersatzhandlung beschrieben, die bei völliger 
Hemmung <als Vorsatz oder schöne Phantasie) in die »innere Handlung 
übergeht, mit ihrer versuchten Umgestaltung sekundärer Größen« <p. 11 
bis 84>. 

Häberlin unterscheidet weiter an jedem praktischen Erleben die vier 
Momente der Intensität des den theoretischen Inhalt des Erlebens be^ 
gleitenden Gefühls; der Modalität des Gefühls als Bezogenseins desselben 
auf ein bestimmtes Objekt; der Polarität mit den Untersdiieden positiver 
oder negativer Wertung <ein Gut oder ein Übel), schließlich der Qualität 
als desjenigen Moments, in dem zum Ausdruck kommt, unter welchem 
»Gesichtspunkte« das Wertobjekt gewertet werde. ^ »Wir schätzen — - 
oder lehnen ab« -^ ein »Ding« entweder um seinetwillen oder um 
unsertwillen. <p, 109), 

Die Ableitung der Momente der Intensität, Qualität und Polarität 
aus den vom Verfasser angesetzten Grundtendenzen, der Identifikations- 
tendenz und der Ichtendenz gehört zu den gelungensten Teilen des 
Buches. 

»Wir alle streben in jedem Moment unseres bewußten und unbe* 
wußten Erlebens danach, mit Anderem Eins zu sein, darin aufzugehen, uns 
in Anderes zu versenken, oder in Anderem zu sein. Dies Andere kann 
jedes beliebige Element und jeder Komplex theoretischen Erlebens sein, also 
jedes mögliche Wertobjekt.« Diese »Veränderung bedeutet, wenn sie 
vollzogen ist, ein Miterleben, oder besser Zusammenleben, Zusammen* 
existieren mit einem Anderen« . . . diese »Tendenz braucht Persönlidi* 
keiten«; sie »ist das harmonische Miterleben mit dem Persönlichen, das in 
den Objekten gesehen wird« . . . Mit fremdem Erleben streben wir uns 



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Büdier 245 



nach unserer »seelischen« Seite zu identifizieren, mit dem »leiblicfien« Aus^ 
druck fremder Persönlichkeit streben wir nach unserer »leiblichen« Seite Eins 
zu sein. 

»Die Sehnsucht nach Einheit setzt das Erleben der Andersheit, den 
Gegensatz, das Getrenntsein voraus. Daß dieser Gegensatz existiert, schreiben 
wir der zweiten Grundtendenz zu. Wir alle gehen darauf aus, Individuen 
zu sein. . . . Selbstdarstellen, Selbstsein, ist die allgemeine Idee dieser 
zweiten Tendenz« <Ichtendenz>. »Sie braucht Anderes, braucht einen 
Gegensatz, eine Folie. Sie macht, daß etwas im Erleben dem Ich gegen^ 
übergesetzt wird , . . nicht als andere Wesen, sondern einfach als Anderes, 
als Gegenstände.« Dieser Gegenstände bedarf das Individuum, um sich in 
seiner »Ichheit« zu erleben, wie es vom Identifikationstrieb aus der Person- 
lidikeit bedurfte, um sich identifizieren zu können. . . . *Die Ichtendenz strebt 
weiter danadi, gerade am Anderen selbst zu sein . . . durch Beherrschung, 
d. h. durch Einbeziehung in die eigene Existenz.« 

Aus dem Zusammensein dieser beiden Tendenzen entsteht ein »Wett* 
streit, der das ganze praktische Erleben jedes Individuums ausmacht«. 

»Es handelt sich ... in jedem Moment und jedem Objekt gegen^ 
über um einen Kampf . . . beider Tendenzen. So gelangen wir zum Be* 
griff der Intensität und des Intensitätsverhältnisses der Lirabsichten.« — Der 
Sieg der einen oder anderen Tendenz entscheidet über die Qualität des 
Wertes. 

»Er wird ein I den tifikations wert, wenn die Identifikationstendenz 
im ganzen überwiegt, im anderen Falle ein Ichwert«, (Persönlichkeitswert 
oder Sachwert), »ohne daß jedoch jemals ein absoluter Sieg festzustellen 
wäre« <p. 132>. — Die Ichtendenz wird im Falle des Unterliegens auf 
die besondere Form des Identifikationswertes in solcher Weise einwirken, 
daß sie das Sonderdasein des Individuums gegenüber dem anerkannten Per- 
sönlichen erst recht hervorzuheben versuchen wird, während die Identifikations- 
tendenz über die bloße Konstatierung hinaus gänzlich in die fremde Per- 
sönlichkeit eingehen will. Der Ausgang dieses erneuten Kampfes entsdieidet 
über den polaren Charakter des Wertes: »Das Objekt wird positiv ge- 
wertet, sofern es der Identifikationstendenz gelingt, der Ichtendenz das Auf- 
geben des Sonderdaseins abzuringen«, im Gegenfall negativ, 

»Mit dem Gelingen oder Nichtgelingen der Durchsetzung der einzelnen 
Tendenz sind die Urwerte gegeben, bei gelungener Identifikation in Gestalt 
eines Gefühls der Seligkeit« ... im Falle der Unmöglichkeit der Identifi- 
kation in Form eines Gefühls, das v^cine Form der Angst darstellt«. 

»Gelingt einem Objekt gegenüber die restlose Einbeziehung ins Ich . . . 
so begleitet diese gelungene Aktion ein Triumphgefühl . . .«, im gegen- 
teiligen Fall der Ohnmadit, Sdiwäche, der anderen Form der Angst. »Angst 
im allgemeinen Sinne wäre dann das Gefühl der Hemmung einer 
Urtendenz überhaupt, das Gefühl des <partiellen> Nichtseins 
und zugleich etwas wie ein Vorgefühl des Todes« <p. 117). 

Aus diesen Urgefühlen entstehen die <primären> Objektswerte, indem 
wir den einzelnen Objekten das »Verdienst« am Gelingen der Identifikations- 
oder Ichtendenz »zuschieben« und ihnen einen positiven <oder negativen) 
Identifikations- oder Ichwert beilegen. Um seinetwillen gefällt es, wenn es 
der Identifikationstendenz entspridit, <wir lieben es, finden es schön und gut), 
um unsertwillen, wenn es der Ichtendenz entspricht <brauchbar, nützlich). ^ 
Qualität, polarer Charakter und Intensität jedes primären Wertes sind vari- 
able Größen und hängen ab von der Variabilität der Grundtendenzen selbst. 



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240 Büdier 



Die Einsicht in diese Verhältnisse gibt uns aber auch unmittelbar den 
Schlüssel zum Verständnis der Erscheinungen der Ambivalenz in die 
Hand. Sie ist dann vorhanden, wenn die Entscheidung über den Sieg der 
einen oder anderen Grundtendenz >in einer oder der anderen Phase lange 
nicht oder überhaupt einem Objekt gegenüber nicht auftritt« <p. 136). 

Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle die weitere gedankt 
liehe Entwicklung dieses Werkes durch so reichliche Anführungen zu schildern 
und glaubten dies im eben geschehenen Falle nur deshalb tun zu müssen, 
weil wir zeigen wollten, wie der von der Psychanalyse empirisch gewonnene 
Begriff der Ambivalenz durch die Deduktionen Häberlins eine wohlfundierte 
Begründung erhält, die, besonders was die Ansetzung der beiden Grund- 
tendenzen anlangt, der ernstesten Beachtung der Psychanalytiker sicher 
sein darf. 

Nur nodi einige Hinweise auf den Weg, auf dem der Verfasser das 
ethische Normproblem zu lösen versucht. -- Der vorhandenen Variabilität 
der primären Werte und der darauf begründeten Inkonstanz des Handelns 
tritt gegenüber ein Ideal des praktischen Verhaltens,- dieses »schließt ein 
Ideal aller drei Wertcharaktere mit Bezug auf jedes Objekt und damit auch 
ein Ideal der Wertverhältnisse aller Objekte untereinander ein, dazu ein 
Ideal der Überzeugung von den theoretischen Beziehungen zwischen den 
Objekten« <p. 158>, vollendet in einem Wertsystem <p. 164>, aus dem 
die Normen für das eigene Verhalten abgeleitet werden. Die Überwindung 
der Schwierigkeit, über die das nach Normen verlangende Individuum nicht 
hinaus kann, nämlich, wie denselben die Autorität und Absolutheit verbürgt 
werde, glaubt der Verfasser in der Identifikation mit einem anderen prakti* 
sehen Ich zu erkennen, einer Einzelpersönlichkeit oder einer persönlichen 
Gemeinschaft <p. 191 f.>, die als ein dem eigenen Idi Überlegenes, als eine 
Persönlichkeit höherer Ordnung imponiert <p. 194). 

»Diese Identifikation mit einem Überlegenen, dieses Einswerden mit 
einem Imponierenden, einer , Autorität' ist das große Geheimnis aller 
Normbildung und daher auch aller wirklichen Problemlösung. Es ist einfach 
das Geheimnis aller Erziehungsmöglichkeit.« . . . *Man kann allgemein so 
viel sagen, daß in allen diesen Dingen der frühen Kindheit und damit der 
Familie oder dem, was ihre Stelle vertritt, die wichtigste Rolle zufällt« 
<p. 195)- — Häberlin unterscheidet weiter zwischen allogener und autogener 
Normbildung und meint mit letzterem Ausdruck die »Findung des eigenen 
Ideals ohne Führer, selbständig, autogen«/ macht aber dazu die psycho^ 
logisch höchst wichtige Bemerkung: y^Man geht wohl nicht fehl, wenn man 
alle autogene oder originale Normbildung in kindlichen Erlebensweisen be^ 
gründet sieht, die nachträglich unbewußt die Normbildung leiten.« '— Der 
Verfasser berührt sich tnit dieser Einsicht wieder direkt mit den Ergebnissen 
der Psychanalyse, die ja im Hintergrund nicht nur der persönlichen <fürst* 
liehen) Autorität, sondern auch der transzendenten Idealbilder die Vater-r 
imago als wirkendes Motiv aufgedeckt hat, 

Angesichts der von uns als Psychanalytikern mit Genugtuung aner^^ 
kannten Bearbeitung und Einordnung wichtiger Begriffe und Erkenntnisse 
unserer Wissenschaft wird es nidit schwer ins Gewicht fallen, wenn ich vom 
Standpunkt der Philosophie mir einige Bemerkungen zu Häberlins Lösung 
des Normproblems erlaube. Der Verfasser scheint mir nämlich in seiner 
Zurüd^führung der Normen auf eine wie immer gedachte Autorität zu sehr 
pädagogisch orientiert. Es liegt darin eine Hinaussdiiebung des eigentlichen 
ethisdiien Problems, die auch sozusagen von ihm eingestanden wird, wenn 



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BQAer 247 



er den Begriff eines absoluten persönliAen Normzentnims einführt, mit dem 
idi offengestanden nichts anzufangen weiß. 

Wir erfahren nichts über die ontologische Natur dieser Normen und 
gerade darin liegt der philosophische Kern des ethischen Problems. Wir 
möchten uns wehren gegen die Annahme, als sei es überhaupt möglich, 
Einzelobjekte oder Objektgruppen ihrem Werte nach zu bestimmen und 
diese Werte zu einem ethisdien Gesamtaspekt zusammenzusetzen, ohne 
eine vorausgehende allgemeinste Überzeugung von einem Sinne alles 
Geschehens überhaupt, der erst die Werte bestimmt. In dieser von uns 
geforderten Grundüberzeugung liegt aber die eigentlich srfiöpferisdie philo^ 
sophisdie Intuition, der Häberlin an anderen Stellen seines Buches so warme 
Worte widmet. 

Sind wir in diesem einen Punkte, an dem wir — vielleicht über^ 
flüssigerweise — unsere eigene Meinung angedeutet haben, mit dem Ver^ 
fasser verschiedener Ansicht, so muß ihm jeder von den yi^iioifog; qi/.ooof^ovi'ie^ 
ohne Vorbehalt beistimmen, wenn er die höchste Aufgabe der Philosophie 
in der Entwerfung eines Weltplans erblickt, »der zugleich umfassenden Vor- 
satz des gesamten eigenen Handelns wie Vorstellung desjenigen Weltlaufs 
bedeutet, weld^er zur Realisierung der Idealwelt führen mußte«, und cv^ 
blicken hierin das nidu hoch genug anzuschlagende Verdienst, den echten 
Begriff der Philosophie, wie er zuletzt in den Systemen des deutschen 
Idealismus seinen mächtigsten Ausdruck gefunden hat, auf Grund ein^ 
dringendster Analyse der theoretischen und praktischen Probleme heraus- 
gearbeitet und die Möglichkeit seiner Verwirklidumg dargetan zu haben. 
Dafür sei auf das Budi selbst verwiesen, von dem wir aus den angeführten 
Gründen glauben, daß sie gerade zur rediten Zeit ans Lidit getreten ist. 

Dr. Lorenz. 

ADOLF STÖHR, Psychologie der Aussage. <s>Das Redit.<. Samm- 
lung von Abhandlungen für Juristen und Laien. IX. u. X. Bd.) Berlin. 
Puttkammer ^£) Mühlbredu. 

Der Wert der kleinen Schrift, die den bekannten Professor der Philo- 
sophie an der LIniversität Wien zum Verfasser hat, liegt nicht nur darin, 
daß sie zuerst einen orientierenden Llberblid< über die Aussagepsychologic 
bietet, sondern auch in ihrer klaren und besonnenen Kritik und den viel- 
fachen Anregungen, die sie spendet. 

Ein kurzer, historischer Abschnitt über die Entwicklung der Aussage^ 
Psychologie dient zur Einführung. Es folgt eine komprimierte Darstellung 
ihres gegenwärtigen Standes, in welcher den Forschungen von Freud, 
Jung und Riklin ein großer Raum reserviert ist. Professor Stöhr zeigt 
das Neue und Fruchtbare, das die Psychoanalyse gerade für dieses Gebiet 
geliefert hat. Er sdieidet in seiner Kritik den allgemeinen Gesichtspunkt 
Freuds, dem er die größte Bedeutung zuerkennt, von den besonderen Aus^ 
führungen der Psychoanalyse. Sein erster Einwand erwächst aus seiner De- 
finition des Charakters. Charakter ist das Intensitätenverhältnis der Grund- 
triebe. Ist bei einem Menschen der Geschlechtstrieb am stärksten entwickelt, 
so wird man vom Charakter des Sexualisten reden müssen. In ähnlicher 
Weise müsse man auch vom Charakter des Egoisten, des Altruisten usw., 
schließlich auch von einem harmonischen Charakter, in dem alle Grund- 
triebe sich gleichmäßig entwickelt haben, ausgehen. Eine Besonderheit der 
Freudschen Theorie bestehe nun darin, daß die Menschheit den Charakter 
des Sexualisten haben solle. Man kann die Definition des Charakters, die 
der Autor aufstellt, als eine sehr glückliche ansehen, ohne darum mit den 



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218 Bücher 

ferneren Ausführungen einverstanden zu sein. Denn die Charakterbildung 
ist schon ein sehr später, komplizierter Begriff, den eine psychologisdie 
Forsdiungsmethode an den Sdiluß ihrer Untersuchungen stellen muß. Die 
überragende Bedeutung, die die Psychoanalyse der infantilen Sexualität und 
ihrer Weiterentwicklung zusdireibt, ist kein Resultat abstrakter Gedanken^ 
arbeit, sondern streng empirischer Beobachtung. Der Weg zur Aufstellung 
typischer Charaktere kann nur über eine Geschichte der Libido, welche der 
Verteilung, Umformung und Verdrängung des kindlichen Trieblebens folgt, 
führen. Die Psychoanalyse hat auf diesem Gebiet schon mandie wertvolle 
Ergebnisse zutage gefördert, gleichsam einige Stufen zu dieser letzten Höhe 
psydiologischer Forschung ausgehauen*). 

Ein anderer Einwand Stöhrs richtet sich gegen die Annahme einer 
allgemeinen Tendenz peinlicher Vorstellungen, verdrängt zu werden. Auch 
hier müßten verschiedene Typen unterschieden werden. Die Lebenskräftigen 
scheinen die Gabe zu haben, unangenehme Eindrücke zu vergessen und zu 
verdrängen, während sich in anderen, vermutlich lebensuntüchtigeren Naturen 
gerade das Peinliche einwühle. Diese Unterscheidung besticht wohl auf de« 
ersten Blick, doch sie erscheint in einem anderen Lichte, wenn man gelungene 
und mißlungene Verdrängung trennt. Sicher ist, daß alle Kulturmenschen 
gewisse lust^ und unlustbetonte Erinnerungen ihrer Kinderzeit verdrängt 
haben. Ob diese Verdrängung geglückt ist oder nicht, ob diese Menschen 
psychisch gesund bleiben oder Neurotiker werden, das hängt wohl in letzter 
Linie von der psychophysischen Konstitution ab. 

Diese zwei prinzipiellen Einwände verleiten den Autor indessen nicht, 
die große Bedeutung der Psychoanalyse in der Aussagepsychologic zu untere 
schätzen. Er widmet einen Abschnitt der »unbewußten Aussage« und be^ 
tont, welchen großen Fortschritt die psychoanalytische Forschung in der Ent^ 
Wicklung dieses wichtigen Zweiges namentlich durch die Assoziationsmethoden 
Freuds und Jungs gebracht habe. Schon früher waren durch Wert^ 
heimer und Klein Assoziationsversuche zu forensischen Zwecken gemacht 
worden,- auch über die Methode W, Sterns enthält das Buch interessante 
Ausführungen. 

Bei diesen Versuchen, welche bei Personen angewendet wurden, die 
etwas ableugneten, bei Zeugen, die z. B. etwas nicht gehört zu haben be^ 
haupteten, wechselten harmlose und sogenannte »komplexe« Reizworte ab. 
Vorher war schon von Kräpelin, Bleuler, Sommer u. A, die Assoziations* 
methode zur Prüfung des Vorstellungssystems verwendet worden. 

Die Neuheit des Jungschen Verfahrens aber besteht darin, daß es 
jedes beliebige Wort zur Aufnahme des Versuches für geeignet hält, (wegen 
der durchgängigen Determiniertheit des Psychischen) und daß es das Haupte 
gewicht auf die Wirkung der unbewußten Seelenvorgänge legt. Die Ein« 
Wendungen, die Max Lederer den üblichen Assoziationsmethoden macht, 
scheinen berechtigt: es ist zweifelsohne richtig, daß schon die Forderung, 
nur in einem Worte zu antworten, eine Formung des Reaktionsablaufes 
bedeutet, die zwangsmäßiges Reagieren ausschließt. Die Versuchsperson kann 
auch Impulse zu Gesten, zu Gefühlsausbrüchen verspüren; es können ihr 
auch Melodien, Figuren usw. einfallen. Der Psychoanalytiker, dem der 
seelische Mechanismus des Unbewußten bekannt ist, wird in der Lage sein, 
auch diese Reaktionen zu verstehen, Besonders interessant erscheint das letzte 
Kapitel, das der Deutung, Lenkung und Reizung der Aussage gewidmet 

*> Charakter und Analcrotik in Freuds »Kleineren Schriften zur Neurosen- 
lehre«. IL Bd. 



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Bücher 249 

ist. Vieles von dem, was hier Stöhr über die Psychologie des Verhörenden 
sagt, trifft auf den Psychoanalytiker zu. 

Einige Bedenken und Anregungen mögen hier noch ihren Platz finden. 
Die freisteigende Erinnerung im Traume ist nach den Traumforschüngen 
Freuds kaum mehr annehmbar. In dem sehr interessanten Abschnitt über 
den sprachlichen Ausdruck der Aussage vermißt man eine gerade durch die 
Psychoanalyse geforderte Hervorhebung der Determiniertheit der Wortwahl 
und Wortfügung. Vielleicht sind den Begriffen der Identifikation und Intro^ 
jektion neue entscheidende Aufklärungen über die Rolle der Suggestion in 
der Aussage abzugewinnen. Es wäre auch zu untersuchen, wie weit die 
Autosuggestion im Dienste eigener Komplexe steht. 

Rückblickend kommt Professor Stöhr zu dem Schlüsse, daß die An^ 
wendbarkeit der Assoziationsmethode in der Gerichtspraxis noch in der 
Ferne liege, während *die Deutung der unbewußten Aussage viele Erfolge 
verspricht«. 

Das durch Inhalt und Form gleich wertvolle Buch wird jeden, der 
sich für die wichtigen Probleme der Aussage interessiert, fesseln. Wir be- 
grüßen es nicht nur als den bis jetzt wertvollsten, kritisdien Überblick dieses 
Gebietes, sondern auch als Vorläufer eines lange erwarteten, vollständigen 
Psychologielehrbuches, das zu geben Professor Stöhr wie wenige berufen ist. 

Dr. Theodor Reik. 

ZUR PSYCHOLOGIE DES PRIESTERS. 

Beethoven sagte, nachdem er die »Eleonora« von Paer gehört hatte: 
»Diese Oper gefällt mir, ich hätte Lust, sie in Musik zu setzen.« Ähnlidi 
ergeht es einem nach der Lektüre des großangelegten Werkes, in dem August 
Horneffer das Problem des Priesters in seiner ganzen Tiefe zu umfassen 
sucht*. Der Hauptfehler des psychologischen Teiles <die sozialen und refor^ 
matorischen Ausführungen kommen für uns erst in zweiter Linie in Betracht) 
scheint mir der zu sein, daß der Autor hier einen deskriptiven Standpunkt 
einnimmt, wo ein psyciiogenetischer geboten wäre. Zwar hat er, was das Völker^ 
psychologische Material betrifft, fast zu reichlich das Werden des Priester^ 
Charakters belegt, darüber aber die andere Seite des Problems, die individual- 
psychologische, vernachlässigt. Hier aber wären die Fragen nadh den seelisdien 
Bedingungen der Berufswahl, wie sie sich dem Psychologen aus der Ent^ 
Wicklungsgeschichte der Libido und der wechselnden Verhältnisse der Triebe 
komponenten ergeben, am Platz. Der Wert der beiden starken Bände, die 
sidierlich eine Arbeit mehrerer Jahre voraussetzen, ist dadurch leider ver^ 
ringert; doch bleibt er immerhin ein sehr großer und kein Psychologe, der 
sich mit den vielen Religionsfragen beschäftigt, wird es unterlassen, sie mit 
großem Interesse zu lesen. Besonders lehrreich ersdieinen die Ausführungen 
Horneffers über die primitiven Glaubensformen, über die Tabuierung und 
andere Arten religiöser Gesetzgebung. Als feiner Beobachter kommt er oft 
psychoanalytischen Gedankengängen nahe. Ein hübsches Beispiel für die 
»Allmacht der Gedanken«, das er erzählt, ist folgendes/ wenn ein Skythen^ 
könig erkrankte, ließ er die drei bedeutendsten Wahrsager kommen. »In der 
Regel lautet ihr Spruch dahin, daß ein Stammesgenosse, den sie namhaft 
machen, einen Meineid auf die königlichen Hausgötter geschworen habe.« 
Die Therapie ist einfach und radikal: der Sdiuldige wird ergriffen und geköpft. 

In dem Kapitel »Der Priester als Kranker« prüft Horneffer alle 

* »Der Priester. Seine Vergangenheit und Zukunft.« Verlag Eugen Diederidis. 



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250 Rii(fier 

Jene pathologischen Züge des Priestertums, die namentlich in primitiveren 
Kulturstufen hervortreten. Seine Betrachtungsweise ist in ihrer Verbindung 
von Psydiologie und Biologie sehr fruchtbar. Er zeigt, daß Krankheit nicht 
nur Kräfte lahmlegt, sondern auch entbindet und erklärt so den »Willen 
zur Krankheit^«. Er weist audi auf den Zusammenhang zwischen dem Ver^ 
siegen der Zeugungskraft und gewissen auffallenden, religiösen Wandlungen 
im Alter hin, die sich bei Männern wie Swedenborg, Tolstoi, Heine, 
Brentano, Huymans usw. zeigen. Wie mir scheint, haben an dieser 
Wandlung Veränderungen innerhalb des von der Psydioanalyse aufgeded^ten 
Vaterkomplexes einen großen Anteil. Der »religiöse Anfall« — wie ihn 
Horneffer beschreibt — ist wohl psychologisch zu einfach erklärt. Der 
Priester werde von ihm ergriffen, wenn er ein bestimmtes Kleid anlege, eine 
gewisse Handlung vornehme, etwas berühre usw. *Die Wirkung dieser Um^ 
stände ist suggestiver Art, ihr Zusammenhang ist zufällig und beruht auf 
religiöser Konvention. »Ein Psychoanalytiker, der die strenge Gesetzmäßigkeit 
des seelischen Geschehens kennt, wird nidit leicht solche Zufälligkeiten zu* 
geben können, sondern nadi assoziativen und zwanghaften Zusammenhängen 
suchen. Sehr hübsdi klärt der Autor die Beziehungen zwischen religiösem 
Tanz und Sexualität auf. Er erzählt, wie die Angst, die eine der treuestcn 
Begleiterinnen des Priesters war, ihn zu ablenkenden und entladenden Zerc* 
monien, zu Gebeten und Waschungen geführt habe. Die Zauber^ und Kult* 
handlungen »sind in den meisten Fällen Scheinhandlungen, sie bringen eine 
Phantasiebefriedigung, eine scheinbare Lösung von Stauungen hervor. Sie 
lenken Trieberregungen ab und erfüllen unerfüllbare Wünsche«. Mit gutem 
Recht zieht Horneffer manche Vergleidie zwischen den religiösen Ge* 
brauchen der Wilden und den dMistlichen Taufzeremonien. So wasdien z. B. 
die Krieger in Südafrika nadi der Sdiladu sidi und ihre Waffen, damit, wie 
sie sagen, die Schatten der Ejrsdilagenen sie nidit mehr verfolgen. 

Interessant, wenn auch oft zum Widerspruch reizend, sind Horneffers 
Ausführungen über Totemismus, über die Stellung der Wilden zum Tod 
und zu den Träumen. Audi ihm fällt die ambivalente Einstellung der pri* 
mitiven Völker zu teuren Toten auf. >^Man sddägt sich blutig, wälzt sich 
im Kote, streut Erde auf sein Haupt, um den Toten mitleidig zu stimmen 
und ihn ja nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, daß man sich über 
sein Ableben freue. Man zieht Trauerkleider, meistens schwarzer oder weißer 
Farbe an, vielleicht um sich der verfolgenden Seele unkenntlich zu machen. 
Ferner übt man kräftigen Gegenzauber gegen den gefährlidien Zauber der 
toten Seele aus, hauptsächlich dadurch, daß man sich stärker und lebens^ 
voller macht: die Waffe gegen den Tod ist das Leben. Daher hält man 
einen üppigen Leichenschmaus, nimmt belebende Rauschgifte zu sich, führt 
Tänze auf.« 

Auch über die Magie und den Totemismus, die durch Freuds psy* 
chologische Erklärungen viel von ihrer Dunkelheit verloren haben, weiß 
Horneffer manches Interessante mitzuteilen. Es scheint, als wären die An* 
fange der Kunst enger mit der Magie verbunden, als man bisher annahm. 
»Wenn die Männer vor der Jagd einen Tanz aufführen, sich in zwei Gruppen 
teilen, deren eine den Jäger, die andere die verfolgten Tiere darstellt und 
nun eine scheinbare Jagd möglichst naturgetreu veranstalten, so wird dadurch 
der Erfolg bei der wirklichen fagd gewährleistet. Die symbolische Anwesen* 
heit der Tiere zwingt sie in Wirklichkeit herbei, die symbolische Erlegung 
erlegt sie in Wirklidikeit.« Er erklärt, auch hier in Übereinstimmung mit 
psychoanalytischen Resultaten, daß der Ausübung erotischer Handlungen 



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Bücher 251 

magisdier Wert zukomme. Nach Meinung der primitiven MensAheit be^ 
steht nämlidi zwisdien der Fruchtbarkeit der Natur und der tierisch^mensch^ 
h'chen Zeugung ein sehr enger Zusammenhang. Die Aufführung der lasziven 
Tänze wirkt unmittelbar stärkend und befrudbtend auf die in der Erde und 
in den Pflanzen und Bäumen vorhandenen Schaffenskräfte. Wenn die dionysi* 
sehen Bacchanten einherrasen, vollführen sie einen wichtigen und heilbringenden 
Fruchtbarkeitszauber. Der weibliche Schoß wird dem nadi Befruchtung ver* 
langenden Acker gleichgesetzt; der Pflug oder Grabstock ist das Zeugungs^ 
glied; mit seiner Hilfe wird der Same in die Erde gesenkt. In mandien 
Mythologien hören wir von dem Vater Himmel, der in liebender Um* 
armung auf der Mutter Erde liegt, wenn die Zeugung vollbracht ist, weicht 
er hinweg in die Höhe und^ damit beginnt der Tag, der Frühling, das Leben 
auf Erden. Der Gedanke 'der Weltsdiöpfung verbindet sidi hier mit der 
Erfahrung.« Hörne ff er zählt noch andere Mythenmotive auf, die den 
sexuellen Sinn des Mythos verraten und stützt sich des öfteren auf Freuds 
und Ranks Forschungsergebnisse. Er macht ferner darauf aufmerksam, daß 
die Christen der Frühzeit, um ihrer religiösen Stimmung Ausdruck zu ver^ 
leihen, mit Vorliebe Vergleiche aus dem sexuellen Gebiet wählten. Die 
Änderung, die mit dem Christentum eintrat, besteht im wesentlichen darin, 
daß man jetzt durch die Kulthandlungen nidit irdische, sondern himmlische 
Güter, erwerben wollte. Die vorschreitende Verdrängung und die Ver^r 
änderungen, die sie im Seelenleben der Menschen hervorrief, entgehen auch 
Horneffer nicht. Er zeigt, wie diejenigen Bräuche, die das Triebleben und 
die zeugende Natur bejahten, als Teufelswerk erschienen. Ziemlich willkürlich 
sdieint mir die Unterscheidung der Gemeindereligionen in männliche und 
weibliche Formen. In der ersteren entlädt sich die Erregung nach außen, in 
der zweiten nadi innen. Es handelt sidi hier um eine Verschiedenheit des 
seeliscfien Mechanismus, deren späteren Fall wir Introversion nennen. Den 
bisher nicht genug beachteten Sadismus des Priestertums hebt Horneffer 
zu Recht hervor. »Die Priester waren die reinen Metzger,- sie wateten im 
Blut/ die Luft, die sie atmeten, war geschwängert mit Blutgeruch. Die 
heiligsten und wichtigsten Handlungen ihrer Berufstätigkeit waren Tötungen. 
Und die Tempel und Opferplätze hallten wider vom Gebrüll und Röcheln 
der sterbenden Tiere.« Horneffer erzählt uns von drei privatpriesterlichen 
Typen, die in primitiver Zeit als heilkundig galten: der Schmied, der Henker 
und die alte Frau. Ricbtig errät Horneffer, daß der Sdimied diesen ärzt^ 
liehen Ruf der dämonischen Kraft seiner Werkzeuge und der Waffen, die er 
schmiedet, verdankt. >> Lanzen und Pfeile, die der Schmied mit so eisernen Spitzen 
versieht, haben doppelte Eigenschaft: Wunden zu schlagen und zu heilen. 
Das klingt noch in der christlichen Sage von der heiligen Lanze nach, bei 
deren Berührung sidi eine unheilbare Wunde schließt.« Ähnlich wie beim 
Schmied verhält es sich beim Henker und bei der alten Frau. Das Medizin* 
weib ist Hebamme und hat als solche mit den Frauen zu tun, die durch 
die Schwangerschaft tabu sind. Alle diese Ausnahmsstellungen werden durch 
die »Ambivalenz der Gefühlsregungen« vermittelt. 

Den hervorragendsten Platz aber in der ärztlichen Reihe nahm der 
Priester ein. Ihm oblag es, den Krankheitserreger zu entdecken. »Er legt 
sich also im Tempel zum Schlaf nieder und hofft, durdi ein Traumbild 
diagnostisch und therapeutisch belehrt zu werden. Oft muß auch der Kranke 
selbst diesen medizinischen Tempelschlaf halten, der in den Mittelmeerländern 
allgemein üblich war. In Griecfienland, wo wir über den Gebrauch des 
Tcmpclschlafes genauer unterriditet sind, hatte sich der ursprüngliche Sinn 



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252 BüAer 

dieser Heilweise schon etwas verschoben. Die kranken Griechen, die zum 
Asklepiosheiligtum wallfahrteten, um den Tempelsdilaf zu halten, wollten 
nicht den Krankheitserreger erfahren, sondern hofften mit dem Heilgott 
Asklepios in Traumverkehr zu treten und von ihm Angaben über das ein^ 
zuschlagende Heilverfahren zu erhalten. Ursprünglidi aber war dieser HeiU 
gott vermutlich zugleich der Krankheitsdämon und der Tempelschlaf hatte 
den Zweck, die Bedingungen in Erfahrung zu bringen, unter denen dieser 
Dämon den Kranken freigeben würde.« Die letzte Vermutung hat alle 
Wahrscheinliclikeit für sich. Diese Völker haben — wenigstens was psydu^ 
sehe Krankheiten anlangt — nicht so ungereimte Ansichten als es auf den 
ersten Blick scheinen möchte. Die Krankheitserreger werden von der Psycho* 
analyse tatsächlich in den Träumen der Neurotiker aufgedeckt. 

Ebenso eigentümlich ist eine andere Heilmethode. Der Medizinmann 
wendet sidi nämlich an den Kranken <oder den in ihm wohnenden Dämon); 
er bedroht ihn, besdiwört im Namen aller guten Geister. Er besdiimpft 
und bittet in reizvoller Abwechslung den Dämon, den Kranken zu ver^ 
lassen. »Noch heute , bespricht' man im Volke manche Krankheiten, d. h. 
man kämpft mit Worten gegen sie und bringt sie durch Beschreibung des 
Heilvorganges oder durch Aufforderungen und Schimpfworte dahin, sich 
aus dem Staube zu machen.« Wir erkennen hier etwas der Moralpredigt 
Ähnliches. Der Priester will dem Kranken durch dieses Zureden dazu ver- 
helfen, die Gewalt der übermächtigen Triebe zu unterdrücken. 

Eine Veränderung dieses Heilverfahrens ist das Heraussaugen der 
Krankheit. Der Priester berührt den Kranken und saugt an ihm, bis er alle 
bösen Krankheitsdämonen herausgetrieben hat. Do<i\ nicht immer ist der 
Priesterarzt so geduldig. Er vertreibt audi den Dämon durch eine RadikaU 
kur; er prügelt ihn aus dem Kranken, übergießt ihn mit Wasser, gibt ihm 
Fußtritte usw. Es ist klar, daß diese Mißhandlungen nur den bösen Trieben 
<= dem Dämon) gelten. Mit Recht bemerkt Horneffer, daß in diesen alten 
Heilpraktiken, die ja alle bloß psychische Kuren waren, manches Wertvolle 
enthalten war. Über die Grundlagen der Inspiration weiß der Verfasser 
vieles Richtige zu sagen. Er erkennt, daß die Quelle unseres tiefsten Wissens 
das unbewußte Seelenleben ist. Wieweit sein Glaube an die Determinierung 
des Psychischen geht, läßt das folgende Urteil erkennen: »Ein visionäres 
Erlebnis, ein in der Ekstase gefundenes Wort kann zwar an und für sich 
Sinn und Wert haben, denn es entspringt stets einem tiefen Wünschen und 
Wähnen des Kranken ^ zufällige und sinnlose Gebilde erzeugt unser 
Geist überhaupt nici^t, auch der des Irrsinnigen nicht; alles ist begründet, 
alles folgt einer inneren Logik, alles hat innerhalb des Trieblebens des 
Kranken seine berechtigte Stelle.« Ebenso stimmt er fast überall den Re^ 
sultaten der Freud sehen Traumdeutung bei und weist auf die Wichtigkeit 
der Herrsdier^ und Priesterträume hin. Gegenüber dem Unbewußten der 
Traumvorgänge verhalfen die Traumdeuter und Orakelpriester der bewußten 
Instanz berichtigend und ergänzend in ihre Rechte. Eine ebenso interessante 
Erscheinung ist die >>AIImacht des Wortes«, von der Horneffer im Zu^ 
sammenhang mit dem primitiven Gebet berichtet. 

Das primitive Gebet war ein Machtwort, durch dessen Ausspredien 
Zauberwirkungen entstehen. Es riditet sich nicht an Götter, es trägt seine 
Kraft in sich. ?>Wenn ich z. B. sage: jener Mensch wird sofort einen Schmerz 
in der Brust verspüren, wird umsinken und nach kurzer Krankheit sterben, 
so sind diese Erklärungen, wenn sie in die richtigen zauberkräftigen Worte 
gebracht werden, ein Gebet, das sich nadi Meinung der primitiven Mensdi* 



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Bücher 253 

hcit unfehlbar verwirklicht, falls kein Gegenzauber angewendet wird.« In 
dem Kapitel »Der Priester als Künstler und Denker« zieht der Autor eine 
Parallele zwischen religiöser Betätigung und Spiel und vertieft sie durch 
Fortführung der in einem Freud sehen Aufsatz (Kleine Schriften zur Neu* 
rosenlehre, IL) ausgesprochenen Gedanken. 

Er weist auf den uralten Glauben hin, daß das Abbilden eines Ge* 
Schopfes Macht über dasselbe verleihe. Die Kunst hat ihren Ursprung in 
Zauberhandlungen. Wenn ein Krieger einen Löwen auf seinen Körper 
malte, ging die Kraft des Tieres in seinen Körper über. Doch diese magische 
Wirkung geht weiter. Die dargestellten Tiere werden zu Schutzgeistern: 
auch die Wappentiere, die der Kulturmensch auf seinem Schild oder seinem 
Siegelring anbringt, sind Abkömmlinge solcher Stammesdämonen. Auch das 
Lied hat magische Wirkung und zwingt den Erfolg herbei. Die Erlösung 
von den Zwangsgedanken, die zur religiösen Bildung führen, vollzog sich 
auf zwei Arten: indem man die Zwangsgebilde in Kunstwerken gestaltete 
oder indem man ihnen durch die Forschung auf den Grund ging. In Über* 
cinstimmung mit der psychoanalytischen Ästhetik beschreibt Horneffer die 
kathartische Wirkung der Kunst. »Indem der Priesterkünstler dem Volke 
unter dem Bilde der alten, furchtbaren Mythen — man denke z. B. an den 
Mythus von ödipus, der seinen Vater tötet und seine Mutter ehelicht — 
seine eigenen Sünden und Leiden vorhielt, die Seelen erschütterte, das 
Tiefste, Verborgenste, Böseste aus ihnen hervorholte, die verwegensten 
Wünsche und lärmendsten Schauer zu sichtbaren und greifbaren Gestalten 
verdichtete, dies alles aber nicht als formlose Gefühlsmassen, als wüste 
Phantasieerzeugnisse stehen ließ, sondern es in rhythmisierter und organi* 
sierter Form vorbrachte, befreite er die Seelen, sprach sie los und befähigte 
sie zu dem schönsten Gottesdienste der Tat.« So anfechtbar der Stil dieser 
Zeilen ist, so richtig und erfreulich wirkt die psychologische Erkenntnis, zu* 
mal sie unabhängig von der Psychoanalyse zustande kam : immer anregend, 
wenn auch oft zum Widerspruch reizend, bleibt Horneffer auch dort, wo 
er über die Beziehungen von Religion und Sexualität in unseren Tagen 
spricht. Der Priester der Zukunft wird ein Prediger der Norm sein, seine 
Aufgabe ist eine seelsorgerische, d. h. psychotherapeutische. Der Autor weist 
auf Freud und Dubois hin, die als Arzte diesen Heilweg, der ein 
priesterlicher im edelsten Sinne genannt werden muß, wiederfinden. Der Zu* 
sammenhang zwischen Psychoanalyse und Beichte, die von ihm als psychi* 
sehe Entladungserscheinung aufgefaßt wird, wird hergestellt und Freuds 
psychoanalytisches Verfahren als eine Beichte nicht begangener und nicht be* 
wußter Sünden bezeichnet. Ein tieferes Eindringen wird Horneffer auch 
seine Bedenken wegen der gefährlichen »Übertragung« leicht nehmen lehren. 

Zu den eingangs erwähnten Mängeln des Buches kommt noch seine 
ungünstige Einteilung, die ihm viel an Übersichtlichkeit nimmt. Seine Ehr* 
lichkeit, sein Fleiß und seine psychologische Forschungsarbeit verdienen aber 
hohes Lob. Was haben wir bis jetzt besseres in dieser Art? Dieses ist das 
beste. Dr. Theodor Reik. 

ANSCHAUUNG UND BEGRIFF. Grundzüge eines Systems 
der Begriffsbildung von Dr. Max Brod und Dr. Felix Weltsch, Verlag 
Kurt WolfF, Leipzig. 

»Die genaue Abgrenzung zwischen den beiden Bereichen des Spontanen 
und der Reziptivität ist es, die in jeder psychologischen Arbeit aus dem 
Gebiet der reinen Deskriptive unwiderstehlich in das der Theorien und 
Zusammenfassungen drängt.« Dieses deskriptiv psychologische Problem 



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254 Ba*cr 



bekommt oft eine ethische und erkenntnistheoretische Fassung; die Diskussion 
zwisdien den >>Unmittelbaren<s und den 3>Logikern« wird eine lebhafte, 
erhält eine affektive Betonung und weitet sich »zum unüberbrüdtbaren 
Gegensatz zwisdien ,Leben' und ,Begriff'«. 

Primär haben wir eine »einheitliche ungegliederte Gesamtanschauung«. 
In weiterer Folge wird das Phänomen der verschwommenen Vor« 
Stellung aufgezeigt, die in dem System eine fundamentale Bedeutung 
gewinnt. Die »versdiwommene Vorstellung«, deren näheren Beschreibung 
ein großer Teil des Buches gewidmet ist, resultiert in dieser Untersuchung 
als eine Vorstellung, die mehrere Einzel Vorstellungen umfaßt, mit denen 
sie durch Aufmerksamsteigerung identisch werden kann, dabei doch 
eine einheitliche anschauliche Vorstellung bleibt und somit die erste 
Form des mensdilichen Begriffes darstellt. »Wir sehen somit in den Begriffen 
keineswegs, wie es sonst geschieht, einen Gegensatz zur ,Anschaulicnkeit', 
sondern eine Fortbildung, Modifizierung des Anschaulichen.« 

Nebenbei wird in Fortführung der Gedankengänge die Ent* 
tehsung der Symbole gestreift. 

Im wissenschaftlichen Denken ist zwar die größtmögliche Atomi* 
sierung und Erstarrung der Anschauung erreicht, aber »es ist doch wieder 
nur Anschauung, die in dieser veränderten Form den wissenschaftlichen 
Begriff durchdringt und sich bis in seine feinsten Adern verzweigt. 
Nicht als ein neu von uns Gcsdiaffenes, als eine leere Form, oder vieU 
leicht als etwas Eingeborenes, bringen wir ihn an die Erfahrung heran, 
sondern im Gegenteil, in natürlicher Entwicklung erwächst auch er uns aus 
der Anschauung. Denn sein ganzes Material entnimmt er der Anschauung, 
die ihm so ewig fließende Lebensquelle ist.« — Zum Nachweise, daß 
selbst abstraktes Denken oft in anschaulichen Symbolen ohne Worte vor 
sich geht, werden auch Silberers Forschungen <die autosymbolischen 
Phänomene) herangezogen. 

Die Entwicklung der dargestellten Resultate aus dem Prinzip der 
verschwommenen Vorstellung gibt den Autoren Anlaß zu sehr tief^ 
gehenden Gedankengängen; jedenfalls hat das Buch dem Probleme des 
Konzeptualismus eine neue und bedeutende Lösung gegeben, deren stilistisAe 
Fassung dem Referenten nur mandimal etwas langwierig und überladen 
scheint. Gaston Rosenstein. 

MAX SCHLESINGER: Geschidite des Symbols. Ein Versuch. 
<Berlin 1912. Verlag von Leonhard Simions Nachf. Mk. 12. — .) 

Der Verfasser bietet in seinem groß angelegten Werke eine verdienst^ 
volle Zusammenfassung der Symbolgeschichte. Er behandelt zunächst die 
Wortgeschichte des Symbols, ferner die naturgeschichtlichen Grundlagen seines 
Vorkommens <Psychologie, Pathologie, Traumleben) und gibt eine aus*^ 
führliche Darstellung der Entwicklung des Symbolbegriffes von den alt- 
griechischen Philosophen bis in unsere Tage. Der dritte Hauptteil seines 
Werkes endlich bietet eine Übersicht über die Symbolerscheinungen im Recht, 
in der Religion, in der Kunst, der Sprache und im Menschenleben. Ein aus* 
führliches Namen^ und Sachverzeichnis erleichtert die Übersicht über die Fülle 
des streng gegliederten Materials. 

Es ist im Rahmen eines Referates unmöglich, den reichen Inhalt des 
Werkes aurzuschöpfen, das den Psychoanalytiker in hohem Grade interes^ 
sieren muß. Einzelne Stichproben mögen zu der lehrreidien Lektüre des 
Buches selbst anregen. 

Der Autor hebt in der Einleitung die Bedeutung des Symbols für 



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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



BüAer 255 

das Geistesleben und die Kulturgeschichte der Menschheit hervor und be* 
weist durch die vornehme und großzügige Art der Behandlung des Themas, 
wie sehr er von dieser Auffassung durchdrungen ist. Das Symbol ist ihm — 
und darin trifft er mit der psychoanalytischen Auffassung zusammen — ein 
Stück herabgesunkener ^X'^irklichkeit: '^Was seine Lebenskraft verloren hat, 
schwindet dahin, langsam zwar, aber es hört doch allmählich auf, Ursadic 
zu sein. Oft überdauert sein Zustand der Machtlosigkeit den Zeitraum dieser 
Blüte. Wenn es sich solchergestalt in Symbol verwandelt ... so bleibt es 
erhalten ... es stellt ein großes Stück auch jetzt noch nicht erloschener 
Menschheitsgeschichte dar* <p. 2>. Der Verfasser zeigt, »daß der Inhalt des 
Symbols keine objektive, dauernde Wahrheit ist, daß symbolische Darstellung 
und symbolisches Begreifen nur bedingt sind, bedingt sowohl durch die Kunst 
des Symbolbildners, bedingt aber auch durch die Begabung des Einzelwesens 
und ganzer Völker. Was dem Fortgeschritteneren nur nodi als veran- 
schaulichendes Bild ersdieint, das hat sich der größeren Menge durch Ge* 
Wohnung in Wirklidikeit verwandelt und zwischen beiden Entgegenstreben -^ 
den flutet die große Zahl der Schwankenden, die durch die Zeitströmungen 
hin und her getrieben werden«. Auch auf die in der Kinderseele zu be* 
obachtende Neigung zur Symbolisierüng, »die aus Unerfahrenheit mit der 
Umwelt hervorgeht«, wird als ontogenetischer Parallele hingewiesen <p. 37). 

Der Sexualsymbolik weist der Verfasser, wenn auch keinen breiten 
Raum, so doch eine um so größere Bedeutung an: ^^Die sexuelle Begierde 
neigt mehr als jede andere Erregung zum Symbolismus hin, ja, das sexuelle 
Gefühl des Erregsamen kristallisiert sich im Symbol, ohne aber deshalb un* 
natürlich zu sein.* — »In Sprachen, Mythen, Legenden, in Kranken* und 
Verbrech ergesch ich ten sind so viele Formen der sexuellen Symbolbetätigung 
niedergelegt, daß es hier zur Zusammenfassung an Platz fehlt« <p. 52). »Vor 
der Eingangspforte des menschlicJhen und alles Lebens stand als hochbedeut* 
sames Symbol der männlichen Zeugungskraft das Phallusbild. Kein Symbol 
dürfte eine weitere Verbreitung gefunden haben als dieses . . . und fast 
täglich wird Neues herbeigetragen, das Ethnographie, Medizin und Volks« 
künde wissenschaftlich sichten. Jene leiteten von den dem Phallusdienste 
verbundenen Sagenkreisen religiöse und astronomische Mythen, Feste, 
Mysterien, Sitten und Bräuche ab, diese zeigen an ihm dem Historiker den 
Weg, den einst die Kultur gegangen ist . . . Alle Formen, welche das 
Phallusbild von seiner natürlichen Wiedergabe bis zu den kühnsten Aus* 
gestaltungen im ägyptischen Obelisk und den kolossalen syrischen TempeU 
türen durchlief — alle die Arten seiner Verehrung, die von tiefsinniger 
Grübelei in den heiligen Mysterien bis zu der ausgelassensten Unzucht im 
Hexensabbat und weit darüber hinausreichen, können hier nicht namhaft ge* 
macht werden* <p. 437). 

Wir wissen dem erstaunlidi belesenen Verfasser gewiß Dank, daß er — 
wenn audi nur der Vollständigkeit zuliebe — die »neuesten Forschungen* 
der »Zürdierischen Schule^S womit er die Psydioanalyse meint, an ver^ 
sdiiedenen Stellen erwähnt, hätten es jedoch lieber gesehen, wenn er dazu 
deutlidi Stellung genommen hätte, anstatt sie im Anschluß an andere Auf* 
lassungen einfach zu referieren. Er wäre dann vielleicht dazu gekommen, 
der psychoanalytischen Bewegung, die ein erstes Licht auf die psychische 
Genese des Symbols wirft, eine besondere Stellung in der Geschichte der 
von ihm so intensiv geförderten '^Symbolwissenschaft« anzuweisen. Der 
Verfasser ist vielleicht zu bescheiden, wenn er die Erforschung des Symbols 
als seelisches Erlebnis ^-Berufeneren überlassen« möchte, und »die Ge* 



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25(1 Büdier 



schichte des Symbols im wesentlichen nur als eine Materialsammlung* für 
diese Aufgabe ansieht. »Daß aber die wirklichen Maßstäbe der Wissen-^ 
Schaft nicht in der Geschichte, sondern in der Psychologie liegen, entspricht 
völlig unserer Auffassung von der Lösung der vorliegenden Aufgabe* 
<p. 44). Ein wesentliches Stüdi dieser Aufgabe ist in den kritischen Ein^ 
Wendungen angedeutet, die der zum Katholizismus übergetretene Arnobius 
<3(X) n. Chr.) seinen Landsleuten in tendenziöser Weise vorhielt, als sie die 
die griechischen Götter verunglimpfenden Mythen in allegorischem Sinn aus* 
zulegen suchten. Arnobius apostrophiert dlie Griechen in folgender Weise: 

»Wir fragen zuerst, ob diese Dinge dort, wo ihr sie gefunden und 
angenommen habt, im allegorischen Sinne erfaßt worden sind oder so ver* 
standen werden müssen? ob euch nämlich die Schriftsteller zur Beratung 
herbeigerufen? oder ob ihr in deren Brust verborgen ward, als sie mit 
Verhüllung der Wahrheit das eine für das andere unterschoben? . . . 
Inwiefern seid ihr denn wohl sicher, daß ihr in der Erklärung und Aus* 
legung denselben Sinn wahrnehmt und darlegt, den jene Historiker selbst 
in ihren verborgenen Gedanken hatten, den sie aber nicht mit dem eigent* 
liehen Ausdruck, sondern in anderen Worten dargestellt haben? Es kann 
doch ein zweiter eine andere, scharfsinnigere und wahrscheinlichere Aus* 
legung ersinnen , . . Da dem so ist, wie könnt ihr etwas Gewisses von 
vieldeutigen Dingen herleiten imd eine bestimmte Erklärung dem Worte 
geben, das ihr durch zahllose Arten der Auslegung durchgeführt findet? . , . 
Wie wollt ihr denn wissen, welcher Teil der Erzählung in gewöhnlicher 
Darstellung abgefaßt, was dagegen in ihr durdi zweideutige und fremd* 
artige Ausdrücke verhüllt ist, wo die Sache selbst kein Merkmal enthält, 
welches die Unterscheidung an die Hand gibt? Entweder muß alles in 
allegorischer Weise abgefaßt sein, und von uns so erklärt werden oder 
nichts . . . Vordem war es üblich, allegorischen Reden den ehrbarsten 
Sinn zu geben, schmutzige und häßlich lautende Dinge mit dem Schmuck 
anständiger Benennung zu verhüllen, jetzt sollen sittsame Dinge zotig und 
garstig eingehüllt werden«. 

Diese Ausführungen sind nicht nur insofern aktuell, als sie die 
naturmythologische Deutung der Göttersagen aufs entschiedenste ablehnen, 
sondern auch weil sie ^ abgesehen von ihrem tendenziösen Sinn — sich 
gegen die Willkür in der Symboldeutung überhaupt wenden und bestimmte 
Kriterien der symbolischen Deutung fordern, deren Feststellung die Psycho* 
analyse durch Aufdeckung der Genese der Symbolik und ihrer Beziehung 
zum Unbewußten zu fördern glaubt. Dr. Rank, 



Druck fe hierher ichtigung: 

In dem Artikel von Dr. Lorenz: »Das Titanen^Motiv in der allgemeinen 
Mythologie«, »Image«, II. Jahrg., Heft 1, ist zu lesen: 

Seite 30, Zeile 15: zunächst statt zurecht. 

Seite 37, Zeile 14 von oben M. Meyer stattt K. Bapp. 

Zeile 10 von unten: ytvväö^cu. 

Zeile 1 von unten: gesegneten. 
Seite 49, Zeile 3 von unten: Schrift über die Sprachenverwirrung <Kap. 2). 
Seite 61, Zeile 18: dem Ödipuskomplex. 
Seite 69, Zeile 31: Mythologie der Germanen. 



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