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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften XVII 1931 Heft 1"

. 



I M A G O 

XVII. BAND 
1931 



> 



IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER 

PSYCHOANALYSE AUF DIE NATUR- 

UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGELEN VON 

SIGM. FREUD 






REDIGIERT VON 

SÄNDOR RADÖ, HANNS SACHS 
A. J. STORFER 



XVII. BAND 
(x 9 3x) 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 









Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 



Copyright 1951 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien T 



Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

XVII. Band lQ3i Heft i 



-Naturobjekt und _M.enscnenwerk 

über einen Unterschied in der wissenschaftlichen Betraaitung natürlicher 

und künstlicher Sachverhalte 

V on 

M.ax Deri 

Berlin 

Vorbemerkung 

Es kann sich für den Bearbeiter jedes geisteswissenschaftlichen Gebietes 
als notwendig erweisen, neben den Fragen seines eigentlichen Faches auch 
Problemstellungen benachbarter Gebiete zu berücksichtigen. Für die Kunst- 
wissenschaft etwa, das Spezialgebiet des Verfassers, wurden in den letzten 
Jahrfünften psychologische, soziologische und psychoanalytische Frage- 
stellungen wichtig. Es ergaben sich dabei mancherlei Schwierigkeiten, die 
bewußtseinspsychologischen und soziologischen Gesichtspunkte mit den 
psychoanalytischen störungslos zu vereinigen. Das Folgende stellt einen Ver- 
such dar, die verschiedenen Arten der Fragestellung in leicht durchschau- 
barer Ordnung so miteinander zu verbinden, daß jeder ihr Recht bleibt, 
ohne daß der anderen das Konzept verdorben wird. Und zwar scheint damit 
ein Arbeitsschema gegeben, das nicht nur bei der wissenschaftlichen Behand- 
lung von Kunstwerken, sondern bei der aller von Menschen stammenden 
Werke mit Vorteil angewendet werden kann. Das Neue, das versucht wird, 
bringt also im wesentlichen keine neuen sachlichen Ergebnisse, sondern 
nur deren methodische Anordnung für die jeweilige Arbeit. Die Tatsachen 
selbst sind dem Wissenschaftler zum größeren Teil bereits bekannt. 



Max Den 



Der erste Teil referiert die wissenschaftliche Behandlung natürlicher 
Sachverhalte (Naturwissenschaft) ; der zweite Teil erörtert die Methode, nach 
der heute noch alle künstlichen Sachverhalte wissenschaftlich behandelt 
werden müssen (Geisteswissenschaften oder Kulturwissenschaften). 

1) Ick und Außenwelt 

Für das Bewußtsein des erwachsenen Einzelmenschen zerfällt die Welt 
in eine Zweiheit: in das eigene Ich und in die Außenwelt um dieses Ich 

herum. 

Schon bei der Einführung dieser ersten „scharfen Trennung" zweier 
Gebiete sei prinzipiell und für alles Folgende bemerkt, daß diese sowie 
alle noch folgenden Einteilungen rein begrifflichen, also rein ideellen 
Charakter besitzen. Sie werden nötig, um überhaupt Wissenschaft treiben 
zu können. Denn mag die Realität auch für unsere makroskopische Wahr- 
nehmung wohl ausnahmslos kontinuierlich sein: die Begriffe, mit denen 
diese kontinuierliche Realität zum Zwecke der wissenschaftlichen Erkenntnis 
bezeichnet werden muß, sind unbedingt diskreter Natur. „Die Schärfe der 
Begriffe besteht in ihrer Diskretion von anderen Begriffen, die V ^rschwommen- 
heit alles Realen besteht in seiner Kontinuität, die keine absolut scharfen 
Grenzen duldet" (Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre, 2. Aufl., 1925, S. 133). 
Soll also überhaupt Erkenntnis von der Natur, also Realwissenschaft möglich 
sein, so wird sie auf keine andere Weise möglich, als daß man den kontinuier- 
lich ineinander übergehenden Realitäten scharf getrennte, diskrete Begriffe zu- 
ordnet. Hiebei muß notwendigerweise das jeweilige Übergangsgebiet vorerst 
vernachlässigt werden. Im nachhinein ergibt sich dann stets die Möglich- 
keit, es eben als Zwischengebiet — je nach dem Zwecke der Untersuchung - 
entweder von der einen oder von der anderen Seite her der begrifflichen 
Bearbeitung zu unterwerfen. Demgemäß wird jedes Übergangsgebiet durch 
die Möglichkeit charakterisiert, bis zu einem gewissen Grade durch zwei 
Klassen von Begriffen eindeutig bezeichnet werden zu können. 

So zeigt auch die erste Teilung, die zwischen Ich und Außenwelt, eine 
Zone, die sowohl zum Ich wie auch zur Außenwelt gerechnet werden kann: 
unseren Körper. Je nach dem Zwecke der Untersuchung kann beispielsweise 
die eigene Hand oder der eigene Fuß als objektiv äußeres Gebilde oder 
aber als zum Ich gehörig betrachtet werden. 

Um nun für das Folgende möglichste Durchsichtigkeit zu erreichen, 
nehmen wir vorerst an der „Außenwelt" einige Vereinfachungen vor. 



Naturolijckt uiid Menscnciiwerk 



Die Außenwelt umfaßt für den Einzelnen: die anderen Menschen, die 
Tiere und die „leblosen" Dinge und Vorgänge. 

Als erstes vernachlässigen wir alle Übergänge zwischen „Lebendigem 
und „Totem". Dabei fassen wir das „Tote als dasjenige, dem kein „Be- 
wußtsein" eignet, und stellen es allem Lebendigen, also allem mit einem 
Bewußtsein Ausgestatteten scharf geschieden gegenüber. 

So zerfällt uns die dem Ich gegenüberstehende Außenwelt in Belebtes 
und Unbelebtes. 

Innerhalb des Belebten nun wieder schalten wir für alles Folgende die 
Tiere mit ihrem Bewußtsein aus. Wir vernachlässigen damit wieder alle 
jene Übergänge, die von der Einzelle zum Menschen führen und stellen 
den Menschen der toten Natur kraß gegenüber. 

Und schließlich nehmen wir als letzte Vereinfachung an, daß sich die 
Menschen einer relativ begrenzten Kulturstufe in der Grundstruktur ihres 
Psychischen genügend ähneln, um — bezüglich dieser Grundstruktur — 
wechselseitig füreinander eintreten zu können. Nehmen wir diese Ver- 
tauschbarkeit der Persönlichkeit für alle Mitglieder einer relativ geschlossenen 
Kulturstufe an, so können wir alle diese Einzelnen jeweils als „geschlossene 
Gruppe" aus der übrigen Natur herausheben und dieser in ähnlicher Ein- 
heitlichkeit gegenüberstellen, wie wir dies mit unserem Einzel-Ich gegen- 
über der übrigen Natur tun : das Verfahren der Soziologie. 

Damit zerfällt uns die Welt in zwei Bezirke, die kraß einander gegen- 
überstehend gedacht werden. Auf der einen Seite steht der Bezirk aller 
„lebendigen Menschen", sowohl der Individuen wie der Kollektive; wobei 
für beide als erwiesen angenommen wird, daß ihnen sowohl ein Bewußtes 
wie ein Unbewußtes eignet. Auf der anderen Seite stehen alle bewußtseins- 
losen Realitäten, also alle „toten Dinge und Vorgänge"; wobei als gemein- 
same Bezeichnung für die relativ dauernden Dinge und für die rasch vor- 
übergehenden Vorgänge der Name „Sachverhalt" gewählt wird. 



2) Natürliche und künstliche Sachverhalte 

Betrachtet man zuerst diese „toten Dinge und Vorgänge" der realen 
Außenwelt näher, so zerfallen sie abermals in zwei Gruppen: in die von 
Natur aus daseienden und in die vom Menschen gemachten Sach- 
verhalte. Wir wollen die ersten die „natürlichen", die zweiten die „künst- 
lichen" Sachverhalte nennen. 



Mos Der! 



Beispiele für „natürliche Sachverhalte" wären etwa Bäume, Berge, Flüsse, Ge- 
witter, Erdbehen, Jahreszeiten . . . Beispiele für „künstliche Sachverhalte" geben 
etwaWege, Felder, Werkzeuge, Häuser, Kleider, Brücken, Maschinen, Religionen, 
Philosophien, wissenschaftliche Theorien, Symphonien, Gedichte, Bildwerke. . . 

Auch bei dieser Zweiteilung sehen wir davon ab, daß die beiden Gruppen 
stetig ineinander übergehen. Die „Grenze" wäre in diesem Bezirke fast noch 
schwerer zu ziehen als in allen anderen. So wären beispielsweise kaum exakt 
zu trennen: die etwa durch eine vulkanische Bodenhebung naturgemäß er- 
zwungene Abweichung eines Flußlaufes — von der durch menschliche Tätig- 
keit bewirkten Umleitung; die Entwaldung eines Gebirgsstockes, etwa durch 
einen Gletscherstrom — von der Abholzung durch die Menschen, wobei sich 
diese Abholzung wieder ohne die Mitwirkung von Regen und Wind nicht zur 
heutigen völligen Kahlheit ausgewirkt hätte; die Veränderung einer Pflanze als 
Folge des Verschleppens ihres Samens durch Wind oder Wasser in andere klima- 
tische Gebiete — von der Veränderung, die sie durch das Verbringen von 
Menschenhand aus erfahren hat. Bei der außerordentlich weiten Einflußnahme, 
die der Mensch im Laufe der Jahrtausende an so vielen Stellen der Erde auf 
so viele irdische Sachverhalte getätigt hat, ist das Zwischengebiet zwischen 
natürlichen und künstlichen Sachverhalten kaum mehr übersehbar. Ist ein Apfel 
oder sonst eine „gezüchtete" Naturfrucht ein „natürlicher" oder ein „künst- 
licher" Gegenstand? Sind die Blumen unserer Gärten natürliche oder künst- 
liche Gebilde? Und noch von einer anderen Seite her wird dieses Zwischen- 
gebiet zwischen natürlichen und künstlichen Sachverhalten abermals vergrößert, 
die Grenzen neuerlich verwischt. Die eben besprochenen Mischgebilde lagen 
auf dem Gebiete des menschlichen Eingreifens in die Natur; auf der Linie also, 
die von einem völlig unberührten Naturgegenstande, etwa von einem Felsblock 
in bisher noch unbetretenem Gebiete der Erde her, bis zu einem völlig künst- 
lichen Gebilde, etwa einer Dynamomaschine oder einer Symphonie, führt. Der 
zweite Bezirk der „natürlich-künstlichen Mischgebilde" liegt auf der Entwick- 
lungslinie vom Einzeller zum Menschen. Denn nicht nur der Mensch greift 
mit seinen Handlungen in das „tote" Naturgebiet ein, auch alle Tiere tun es. 
Und hätten wir nicht die tierischen Bewußtseine ausdrücklich aus dieser Be- 
trachtung ausgeschaltet, «o würden die von den Tieren erstellten „künstlichen 
Objekte", die „tierischen Werke", einen zweiten, wohl lückenlos-stetigen Über- 
gang von den natürlichen zu den künstlichen Sachverhalten vermitteln können. 
Denn von den physikalisch-chemischen Umsetzungen der organischen Gebilde, 
etwa der Pflanzenwurzeln im Erdboden — über die Veränderungen, die dieser 
Erdboden sowie die gesamte anorganische Natur etwa durch die Tätigkeit 
kleinster Lebewesen erfährt, — über die von größeren Tieren gegrabenen 
Höhlen und getretenen Wege — weiter zu den von höher organisierten Tieren 
gebauten Nestern — dann weiter zu den von ihnen gespielten Spielen, ge- 
brüllten Rhythmen und gesungenen Melodien — bis schließlich zu den vom 
Menschen „gegrabenen Höhlen" und „gebauten Nestern" und gespielten Spielen 
und gesungenen Melodien: scheint ein stetiger Weg zu führen. 



Narurohjekt und iberischen werk 



Gleichwohl bleibt bestehen: auch angesichts dieser überreichen Zwischen- 
gebiete ist auch hier Wissenschaft nur möglich, wenn sie künstlich scharfe 
Grenzen setzt. Auch wenn nur ein einziges, völlig und rein „natürliches" Ge- 
bilde existierte, bekäme sie schon das Recht zu dieser Grenzsetzung. Denn 
Wissenschaft vom Realen ist eben nicht möglich, ohne der Natur diskret ge- 
trennte Begriffe eindeutig zuzuordnen, also der kontinuierlichen Stetigkeit alles 
Realen die Diskontinuität begrifflicher Erkenntnis aufzuzwingen. 

Wir setzen demgemäß für alles Folgende eine scharfe Grenze zwischen 
zwei kraß getrennten Gebieten: zwischen den natürlichen und den künst- 
lichen Sachverhalten. 

Betrachten wir nun weiter die zweite Gruppe und versuchen, diese künst- 
lichen Sachverhalte nach einem wesentlichen Gesichtspunkte zu ordnen, so 
zeigt sich, daß ein Teil von ihnen aus vorwiegend verstandesmäßig -intel- 
lektuellen Abläufen heraus entstand, während ein anderer Teil aus vor- 
wiegend gefühlsmäßig-emotionellen Abläufen erstellt wurde. Die ersten, die 
vorwiegend intellektuell „verursachten künstlichen Objekte bilden die 
Gruppe der wissenschaftlichen und insbesondere der technischen Werke, 
wie eben Wege und Werkzeuge, Apparate und Maschinen. Die zweite, aus 
vorwiegend emotionellen seelischen Abläufen entstandene Gruppe umfaßt 
die künstlerischen Werke, wie etwa Statuen und Bilder, Lieder und 
Symphonien. 

Bei dieser letzten Gruppenscheidung ist es aber — im Gegensatze zu 
den früheren — nicht angängig, eine krasse Teilung zu imaginieren. Sondern 
hier muß die volle Breite der Übergangszone mitbeachtet werden. Sie wird 
von jenen Werken eingenommen, bei deren Erstellung — in gleitender 
Ergänzungsreihe — sowohl die intellektuelle, wie auch die emotionelle Funk- 
tion beteiligt sind. Am deutlichsten ist diese Tatsache in den Gebieten der 
Baukunst und des Kunstgewerbes zu durchschauen. In der Baukunst werden 
Häuser, Brücken oder Kirchen, im Kunstgewerbe Möbel oder anderes Ge- 
brauchsgerät für ihre Zweckerfüllung rein technisch konstruiert; doch diese 
technische Konstruktion wird dann — und zwar um so mehr, eine je 
größere Rolle das Objekt im Gemeinschaftsleben spielt — von der gefühls- 
mäßigen Seite her übernotwendig ausgestaltet. Soweit die Konstruktion 
des Gebildes die Erreichung des erstrebten Zweckes sichert, ist es technisches 
Werk; soweit, hinzukommend, übernotwendige emotionelle Ausgestaltung 
vorliegt, ist es Kunstwerk. 

Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der natürlichen und künstlichen 
Sachverhalte ergibt sich nun von einem bestimmten Punkte an die Not- 
wendigkeit einer verschiedenen Behandlung der beiden Objektgruppen. 



10 Mnx Den 

3) Die phänomenale .Betrachtung 

Die wissenschaftliche Behandlung sowohl der natürlichen wie auch der 
künstlichen Sachverhalte wendet sich, auf ihrer ersten Stufe, der reinen 
Beschreibung zu. Dies geschieht, indem das Wahrgenommene in seinem 
Nebeneinander oder Nacheinander mit seinen individuellen Namen benannt 
und vom Größten bis ins Kleinste mit den üblichen Wörtern der Sprache 
möglichst eindeutig bezeichnet wird. Man beschreibt so das reine Phäno- 
men unserer Wahrnehmungen — gleichsam das „behavior" der Sach- 
verhalte. Man nennt diese rein beschreibende wissenschaftliche Behandlung 
die phänomenale Betrachtung. 

4) Existenziale und historische phänomenale Betrachtung 

Diese rein phänomenale Betrachtung kann in zwei Einstellungen vor- 
genommen werden. Man kann sich entweder auf die Beschreibung des gegen- 
wärtig so Seienden beschränken, oder die Veränderungen, die dies jetzt so 
Seiende im Zeitablaufe erfahren hat, mit in die Betrachtung nehmen. Die 
rein phänomenale Erscheinung der meisten Dinge ändert sich ja merklich 
im Zeitablaufe. Die reine Beschreibung des jetzt und hier so Seienden wird 
die existenziale genannt; die Beschreibung, die alle Veränderungen im 
Ablaufe der Zeit mitbenennt, als historische bezeichnet. 

Als Beispiel: die phänomenal-existenziale Betrachtung etwa eines 
Gebirgszuges zählt und benennt die Gipfel, mißt Höhen und Neigungs- 
winkel, benennt das Material, gibt die Anzahl der Gletscher, ihre Formen 
und Größen, die Spaltungen und ihre Tiefen ... in der gegenwärtigen Ver- 
fassung an. Die entsprechende Betrachtung eines künstlichen Sachverhaltes, 
etwa eines Gebäudes, benennt, beschreibt und mißt dessen Einzelteile. — 
Die phänomenal-historische Betrachtung natürlicher oder künstlicher 
Sachverhalte sammelt derartige Daten über längere Zeiträume hinweg und 
beschreibt damit — stets nur rein „von Außen her" — alle die Verände- 
rungen, die vom Damals, Dort und Anders bis zum Jetzt, Hier und So 
geführt haben. 

5) Kausale Betrachtung 

Die zweite Stufe der wissenschaftlichen Behandlung eines Sachverhaltes 
fragt nach den Ursachen der phänomenalen Erscheinungstatsachen, geht 
also von der „beschreibenden" zur „erkennenden" wissenschaftlichen Behand- 









Naturolijekt und Mcnsdienwcrk 11 



lung über. So fragt sie etwa danach, ob der eben phänomenal beschriebene 
Gebirgszug seine So-Formung vulkanischen Vorgängen verdankt, oder ob die 
Erkaltungsvorgänge der Erde mit den sie begleitenden Schrumpfungen diese 
Formung bestimmt haben. Die Wissenschaft kann weiterhin — im idealen 
Falle — bis in die kleinste Einzelheit, bis in Form und Neigungswinkel 
der kleinsten Fläche hinein nach den Ursachen fragen, die zu der So-Form 
geführt haben und sie etwa in erster Annäherung in den Wirkungen von 
Wind, Regen, Schnee, Erosion und Frost, Lawinen und Sturzbächen fest- 
stellen, und auch diese ersten Ursachen wieder weiterhin auf die ihnen 
zugrunde liegenden zurückzuführen versuchen. Man nennt diese Art der 
Betrachtung die kausale Betrachtung. 

G) Existenziale und kistoriscke kausale Betrachtung 

Diese kausale Betrachtung kann sich wieder entweder auf die gegen- 
wärtige Formung des Gebildes beschränken oder die Ursachen auch der 
vergangenen Erscheinungsformen festzustellen versuchen; sie kann sich also 
selbst wieder entweder existenzial oder historisch orientieren. Wir kommen 
so zu vier Möglichkeiten wissenschaftlicher Behandlung sowohl der natür- 
lichen wie der künstlichen Sachverhalte: 

i) phänomenal-existenzial 3) kausal-existenzial 

2) phänomenal-historisch 4) kausal-historisch 

Diese vier wissenschaftlichen Betrachtungsweisen sind heute alle im 
Gebrauche, wenn auch häufig ohne klare Unterscheidung voneinander. 
Zumeist verwendet man für sie abgekürzte Namen. Und zwar wird meist 

genannt: 

1) phänomenal-existenzial ...phänomenale Betrachtung 

2) phänomenal-historisch. . . . historische Betrachtung 

3) kausal-existenzial. . • kausale Betrachtung 

4) kausal-historisch genetische Betrachtung 



Im Schema: 



historische phänomenale 

""" Betrachtung. 



genetische kausale 

So ergeben sich zwei „Schichten" wissenschaftlicher Behandlungsart, 
deren eine „unter" der anderen liegt und damit die „tiefere" Fragestellung 
andeutet. 



Mnx Der! 



1 

7) Trennung der natürlichen von Jen künstlichen oadiverhalten 

in der kausalen .Betrachtung 

Nun erweist sich aber, daß wir von der kausalen Betrachtung ab jene 
zwei Bezirke voneinander trennen müssen, in die uns die Welt der äußeren 
Objekte zerfiel: die natürlichen von den künstlichen Sachverhalten. 

Die natürlichen Sachverhalte sollten, wie man sich erinnert, unserer 
Benennung nach alles das und alles das so umfassen, was und wie es heute 
vorhanden wäre und im Laufe der Erdgeschichte vorhanden gewesen wäre, 
auch wenn niemals Menschen auf der Erde gelebt hätten. Die künstlichen 
Sachverhalte sollten alle jene Dinge und Vorgänge sein, die vom Menschen 
im Laufe seiner Geschichte erstellt und in diese Welt hineingestellt wurden. 

Die kausale Betrachtung aller natürlichen Sachverhalte, also aller jener, 
bei deren „Herstellung" kein „lebendiges Bewußtsein" beteiligt war, kann 
nun in durchaus einheitlicher Weise durchgeführt werden Doch bei den 
von einem lebendigen menschlichen Bewußtsein hergestellten künstlichen 
Objekten besteht heute noch keine Möglichkeit, ohne einen mehrmaligen 
Wechsel in der Betrachtungsweise auszukommen. 

8) Die kausale Betrachtung der natürlidien Sachverhalte 

Das Wesen der „kausalen wissenschaftlichen Betrachtung", also die Er- 
kenntnis der Ursachen einer Erscheinung wird hier durchaus im Sinne 
der heutigen Naturwissenschaft gefaßt. Und es wird dabei jene Formulierung 
des Erkenntnisbegriffes benützt, die ihm Moritz Schlick in seiner „All- 
gemeinen Erkenntnislehre" gegeben hat. 

Nach dieser Formulierung ist jedes Erkennen das Wiederfinden eines 
Vorher -Erlebten in einem Neu -Erlebten, oder das Auffinden eines Neu- 
Erlebten in einem Vorher - Erlebten : also bedeutet, allgemein definiert, „das 
Erkennen in der Wissenschaft, wie schon im täglichen Leben, ein Wieder- 
finden des Einen im Anderen (Schlick, S. 10). Und dieses Erkennen, diese 
„Zurückführung des Einen auf das Andere" ist offensichtlich um so voll- 
kommener, je vollkommener im neu zu erkennenden Einen das Andere 
wiedergefunden wird. Die vollkommenste Art dieses Wiederfindens ist aber 
nun die quantitative, die zahlenmäßige Angabe des Einen im Anderen. 
Können alle qualitativ scheinbar so verschiedenen objektiven Sachverhalte 
so behandelt werden, daß „ihre Unterschiede als rein quantitative aufgedeckt 
und damit aufeinander zurückgeführt" werden (S. 253), so ist die voll- 






Naturobjckt und Alenscbenwerk 



kommenste Erkenntnis gewonnen. „Denn das Wiederfinden des einen Gegen- 
standes im anderen findet am vollkommensten da statt, wo der letztere eine 
bloße Summe von lauter gleichen Exemplaren des ersteren ist" (S. 254). 

Wendet man diesen Grundsatz auf die kausale Behandlung der natür- 
lichen Sachverhalte an, so ermöglicht er, im idealen Falle, eine durch- 
gehende Gleichheit der verwendeten Begriffe. Vorerst zerfallen dem 
Menschen allerdings die natürlichen Sachverhalte in die verschiedenen Ge- 
biete seiner Sinnesorgane: das Getastete, Geschmeckte, Gerochene, Gehörte, 
Gesehene . . . stehen unverbunden und unverbindbar nebeneinander, zeigen 
kraß verschiedene „Qualitäten". Doch unter jenem oben angeführten Gesichts- 
punkt ist es der Naturwissenschaft bereits in weitestem Maße ja nach 
der neuen „Einheitlichen Feldtheorie" Einsteins vielleicht schon völlig — 
gelungen, die vielen verschiedenen sinnlichen Qualitäten der natürlichen 
Sachverhalte auf Eine angenommene Urqualität zu reduzieren. Denn selbst 
die beiden letzten, bisher noch unverbunden nebeneinander gebliebenen 
Qualitäten des Universums, das Gravitationsfeld und das elektromagnetische 
Feld, scheinen auf ein einheitlich Gemeinsames zurückgeführt, „als eine 
einheitliche Struktur des vierdimensionalen Raumes" (Einstein) erkannt. 
Damit wäre für die natürlichen Sachverhalte im Prinzip das ideale Ziel 
der Erkenntnis erreicht. Denn nun wäre es prinzipiell möglich, alle diese 
natürlichen Sachverhalte restlos so zu „erklären", zu „erkennen", auf ihre 
kausalen Ursachen zurückzuführen, daß man eine einzige „Urqualität" oder 
„Intensität" mit den, jedem einzelnen natürlichen Sachverhalt zugehörigen 
quantitativen individuellen Indizes versieht; und so, von einer einzigen 
fundamentalen Größe aus, alle einmaligen natürlichen Sachverhalte auch 
eindeutig zu bezeichnen vermag. Damit aber wäre das prinzipiell letzte Ziel 
jeder Erkenntnis erreicht: „Es soll das Individuelle nur mit Hilfe der allge- 
meinsten Namen und dennoch eindeutig bezeichnet werden" (Schlick, S. 13). 
Diese Tatsache bedeutet, daß man in der Naturwissenschaft also prinzipiell 
nur eine einzige Art von Begriffen braucht, um alle natürlichen 
Sachverhalte zu „erkennen" oder — was dasselbe bedeutet — zu „erklären 
oder zu „begreifen". So würden wir bei dem Beispiele des Berges, das 
wir im Anfange erwähnt haben, in der Zurückführung der heutigen Kon- 
stellation auf ihre früheren und immer früheren Zustände stets allgemeinere 
Formeln finden, aus denen das heutige Gebilde kausal ableitbar wäre. Wir 
würden auf diesem Wege schließlich zur — relativ willkürlich, nämlich aus 
Zweckmäßigkeitsgründen gewählten — Urqualität kommen: doch stets 
würden wir dabei ein und dieselbe Art von Begriffen, nämlich nur 



solche quantitativer Art verwenden, da sich jeder einzelne individuelle 
Natursachverhalt von jedem beliebigen anderen nur durch die quanti- 
tativen Größen jener Urqualität unterscheidet. Und auch wenn man 
an Stelle strenger Determiniertheit nur Wahrscheinlichkeiten annimmt, also 
an Stelle der Kausalgesetze nur statistische Sätze verwendet, ändert sich 
an dieser Tatsache nichts. Auch in diesem Falle erreichte man jeden 
einzelnen individuellen natürlichen Sachverhalt — falls man ihn über- 
haupt erreicht — von den „Anfangsbedingungen" jener Urqualität aus: 
unter ausschließlicher Verwendung rein quantitativer Begriffe. 

Einschaltung : Weltanschauliche Konsequenzen 

Aus diesen Feststellungen lassen sich zwei, für jeden Wissenschaftler ebenso 
interessante wie wichtige Tatsachen ableiten. Erstens der erkenntnistheo- 
retische Monismus. „Wir sind also von der Überzeugung durchdrungen, 
daß alle Qualitäten des Universums, daß alles Sein überhaupt insofern von 
einer und derselben Art ist, als es der Erkenntnis durch quantitative Begriffe 
zugänglich gemacht werden kann. In diesem Sinne bekennen wir uns zu einem 
Monismus. Es gibt nur eine Art des Wirklichen — das heißt für uns: wir 
brauchen im Prinzip nur ein System von Begriffen zur Erkenntnis aller Dinge 
des Universums, und es gibt nicht daneben noch eine oder mehrere Klassen 
von erfahrbaren Dingen, für die jenes System nicht paßte (Schlick, S. 29g). 

Und zweitens folgt — eine Konsequenz übrigens, die nicht von Schlick 
gezogen wird — aus der Notwendigkeit, eine Urqualität anzunehmen, die eben 
quantitativ in allen anderen Qualitäten des Universums wiedergefunden wird, 
der exakte wissenschaftliche Agnostizismus. Denn es kann auf die „letzte 
Frage" nach der Erklärung, nach der „Erkenntnis" jener Urqualität nur die 
eine Antwort geben: ich weiß es nicht, und ich werde es, dem inneren 
Sinne jeder Erkenntnis nach, auch niemals wissen können. Denn da Erkennen 
ein Wiederfinden des Einen im Anderen ist, ist weitere Erkenntnis prinzipiell 
ausgeschlossen, wenn ausnahmlos alles in einem Letzten wiedergefunden wurde. 
Dieses Letzte ist dann eben das Erklärungsprinzip für alles, kann aber selber 
nicht mehr weiter erklärt werden, weil sozusagen „nichts mehr da ist , in 
dem es wiedergefunden werden könnte. So endet hier auch die Gülügkeit des 
Satzes vom „ausgeschlossenen Dritten" — daß der „letzte Grund des Daseins 
entweder „dieses" oder „dieses nicht" sein müsse — und es gibt auf die Frage 
nach diesem „letzten Grunde des Daseins" prinzipiell keine andere wissen- 
schaftliche Antwort als die des bewußten Verzichtes, des bewußten Ein- 
geständnisses der Nicht-Erklärbarkeit, der Nicht-Erkennbarkeit, der Nicht- 
Wißbarkeit: also des bewußten Agnostizismus. 

Dabei darf allerdings die prinzipielle Einseitigkeit dieses wissenschaft- 
lichen, monistisch-agnostischen Weltbildes nicht übersehen werden. Sie besteht 
darin, daß es sich ausschließlich auf die eine der beiden Grundfunktionen 



: 



Naturobjekt und Mensdienwerk ™ 



des menschlichen Bewußtseins stützt: nur auf die intellektuelle Funktion, auf 
das denkende Erkennen, und nicht auch auf die emotionelle Funktion, auf das 
fühlende Erleben Rücksicht nimmt. Tut man dies zweite aber, so bemerkt 
man, daß hier, bei der emotionellen Funktion, nicht nur kein Grund vor- 
handen ist, jenes monistische Verfahren zur Ausschaltung aller verschiedenen 
Qualitäten einzuschlagen, sondern daß hier gerade das gegenteilige Verhalten 
das gegebene ist. Denn für das fühlende Erleben ist gerade die besondere 
und einmalige Art des vorliegenden Erlebnisses, seine unersetzbare und originale 
Eigenqualität das Wichtigste, das als Gefühlserlebnis und im Gefühlserlebnis 
eigentlich und einzig Gesuchte. „In diesem Sinne muß aber jede verständige 
und aufrichtige Weltanschauung pluralistisch sein, denn das Universum ist 
eben bunt und mannigfaltig, ein Gewebe unendlich vieler Qualitäten, von denen 
keine der anderen genau gleicht. Ein formelhafter metaphysischer Monismus 
gibt davon nicht Rechenschaft mit seinem Satze, daß alles Sein in Wahrheit 
eines ist; er bedarf notwendig eines pluralistischen Prinzips zur Ergänzung. 
Es muß irgendwie Platz bleiben für die Wahrheit, daß es unendlich viele 
Spielarten von Qualitäten gibt, denn die Welt ist nicht kalt und eintönig, 
sondern vielgestaltig und voll ewigen Wechsels" (Schlick, S. 305). Und so er- 
gibt sich, dem erkenntnistheoretischen Monismus der intellektuellen Einstellung 
homolog, vorerst ein erlebensmäßiger Pluralismus für die emotionelle 

Welterfassung. 

Zieht man aber nun wieder von hier aus die weltanschauliche Ronsequenz, 
so gelangt man von diesem erlebensmäßigen Pluralismus aus wohl zu keinem 
anderen Ende als zu dem der Mystik. Denn was vom denkenden Erkennen 
her zum Eingeständnis des Nichtwissens und Nichtwissenkönnens fuhren muIJ, 
das bleibt für das fühlende Erleben eben das Unerklärbare, das Unverstehbare 
— aber das geheimnisvoU dennoch Daseiende: also eben das Mystische. Und 
diese Mystik — die nichts mit Wissenschaft zu tun hat, denn sie hat keine 
Folgerungen zu ziehen und keine Voraussagen zu machen — diese Mystik gilt, 
von hier aus erlebt, dem „letzten Grunde" des Daseins nicht weniger als aus^ 
nahmslos allen seinen Inhalten. Dem kleinsten Kieselstein wie dem Leben una 
dem Tode, dem fernsten Nebelfleck wie dem Kreisen des Elektrons und dem 
Wachsen jedes Grashalms. Denn sie gilt sowohl dem Vorhandensein der Welt 
und ihrer Inhalte überhaupt, wie auch dem Sosein ihrer Artung vom Atomaren 
bis zum Kosmischen. . 

So erst rundet sich das Weltbild des heutigen, nicht mehr magisch- 
animistischen und nicht mehr religiös-infantilen Menschen: Monismus des Er- 
kennens, Pluralismus des Erlebens; Agnostik des Denkens, Mystik des^ Fuhlens: 
und beidem ist die gleiche Welt das Objekt. Denn von dieser gleichen Welt 
aus gelangte er durch die Methode des erkenntnistheoretischen Monismus zum 
wissenschaftlichen Agnostizismus; und auf den Wegen des erlebensmäßigen 
Pluralismus zur gefühlsmäßigen Mystik. 



16 Max Der! 

9) Die kausale Betrachtung der künstlichen Sackverhalte 

Ergibt sich so, daß — prinzipiell und im idealen Falle — bei der kausalen 
Betrachtung der natürlichen Sachverhalte die Verwendung ein und der- 
selben Art von Begriffen, nämlich der quantitativen, durch das gesamte 
Gebiet hindurch festgehalten werden kann, so erweist sich dies bei der 
kausalen Betrachtung künstlicher Sachverhalte heute nicht als durchführbar. 
Zwar mag man überzeugt sein, daß einer fernen Zeit wohl auch die Zu- 
rückführung seelischer Vorgänge auf quantitative Änderungen jener Ur- 
qualität gelingen wird, womit die Einordnung der psychologischen Wissen- 
schaften in die Naturwissenschaften durchgeführt wäre. Der Weg dazu 
und seine ersten primitiven Anfänge sind ja bereits bekannt: er führt 
über die Physiologie des Gehirnes und des gesamten menschlichen Körpers. 
Doch heute sind wir noch so weit von jenem wissenschaftlichen Ideal 
entfernt, daß sich eine prinzipiell andere Orientierung der kausalen Er- 
klärung künstlicher Sachverhalte als nötig erweist. 

Künstliche Sachverhalte sind vom Menschen gemacht, also notwendiger- 
weise aus seelischen Zuständen heraus entstanden. Diese Tatsache gilt aus- 
nahmslos für alle vom Menschen erstellten Sachverhalte. Denn vor allen 
künstlich, also durch menschliches Handeln erstellten Sachverhalten steht 
die Motilität des Menschen, vor dieser aber — Reflexhandlungen kommen 
für uns hier nicht in Betracht — stehen Bewußtseinsabläufe. Nun kennen 
wir zwar diese Bewußtseinsabläufe unmittelbar nur aus dem eigenen Er- 
leben. Aber die erfahrungsgemäß sehr weitgehende Ähnlichkeit der Bewußt- 
seinsabläufe aller Individuen eines relativ geschlossenen Kulturkreises macht 
es möglich, von den aus den Handlungen der Menschen erwachsenen künst- 
lichen Gebilden auf jene Handlungen selbst, und von ihnen aus auf die vorauf- 
gegangenen Bewußtseinsabläufe der Ersteller zurückzuschließen. Sind wir auf 
diesem Wege in den Bereich des Psychischen gelangt, so erweist sich in 
diesem Gebiete die Möglichkeit quantitativer Erkenntnis als derzeit noch 
unmöglich. Damit bleibt ein, wenn auch nicht theoretisch notwendiger, so 
doch tatsächlich vorhandener methodischer Unterschied zwischen den 
Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften bestehen. 

Sicherlich ist dies heute noch der Fall. Denn auch die Messung seelischer 
Vorgänge in der Psychophysik, etwa die Empfindungsmessungen nach dem 
Weber-Fechnerschen Verfahren, sind zwar immerhin exakter und damit 
eine wichtige und bedeutende Stufe in der wissenschaftlichen Erkenntnis 
höher als die rein introspektive Beschreibung der seelischen Erlebnisse. 



Naturobjekt und Mcnsdienwc-rk 



Doch sie geben noch keine eigentliche, noch keine „echte" Erkenntnis 
des Psychischen. Sie verfahren so, daß eine Energiequelle gleichzeitig 
die Versuchsperson und das Meßinstrument trifft; worauf dann objektive 
Änderungen dieses Meßinstrumentes den subjektiven Empfindungsände- 
rungen der Versuchsperson von außen her eindeutig zugeordnet werden. 
Doch die echte Erkenntnis der psychischen Vorgänge wäre erst dann ge- 
wonnen, wenn die Messung nicht durch eine, wenn auch eindeutig, so doch 
noch willkürlich zugeordnete Reihe meßbarer „äußerer Parallel Vorgänge" 
zu den inneren Empfindungsänderungen erfolgen würde; sondern wenn die 
Messung an jenem inneren, an jenem „körperlichen" Vorgange selbst er- 
folgte, der die unmittelbare „Ursache" der innerseelischen Erscheinungen, 
der erlebten Empfindungsänderungen ist. Nicht die am äußeren Meß- 
instrument ablesbaren „Reizstärken" dürften also gemessen werden, die 
die inneren Erregungen hervorrufen: sondern diese Erregungen der 
nervösen Materie selbst, die uns als psychische Vorgänge bewußt werden 
oder auch unbewußt bleiben, müßten der Meßmöglichkeit unterworfen 
werden können — es müßte eine „Physik der Gehirnvorgänge" geschaffen 
werden. Denn selbst wenn man voraussetzt, daß man bereits sämtliche 
seelischen Erscheinungen nach der psychophysischen Methode messen könnte — 
ein äußerst erstrebenswertes Ziel, dem die Untersuchungen von Bernfeld 
und Feitelberg (Imago, 1930, XVI. Bd., S. 66 ff.) ja näher zu kommen 
scheinen selbst dann „wäre wohl eine Zuordnung von Zahlen zu seelischen 
Größen nach einer willkürlichen Skala erzielt, aber sie wären nicht auf 
etwas anderes zurückgeführt und blieben untereinander völlig unverbunden, 
von einer Wesenserkenntnis könnte man nicht sprechen. Man hat ganz 
denselben Fall wie im physikalischen Beispiel: das Wesen der ,Temperatur' 
blieb so lange unerkannt, als ihre Messung nur durch Zuordnung von 
Zahlen auf Grund einer willkürlichen Skala erfolgen konnte; die mecha- 
nische Theorie der Wärme aber, welche an Stelle der Temperatur die 
lebendige Kraft der Moleküle einführte, gab damit zugleich ein natürliches 
Prinzip der quantitativen Beherrschung, das jede Willkür ausschaltete. Erst 
wenn die quantitativen Beziehungen nicht bloß eine willkürliche Fest- 
setzung widerspiegeln, sondern gleichsam aus der Natur der Sache folgen 
und eingesehen werden, stellen sie eine Erkenntnis des Wesens dar. Wie 
hier die Temperatur auf mechanische, so müßten die Bewußtseinsdaten, 
um wahrhaft erkannt zu werden, allgemein durch natürliche Prinzipien 
auf physikalische Bestimmungen zurückgeführt werden; und wie das bei 
der Temperatur, der objektiven Wärmequalität, nur möglich ist durch Hypo- 

Imago XVII. 2 






x 8 Mnx Dcri 

thesen über die molekulare Struktur der Materie, so bedarf es zur Erkenntnis 
der subjektiven psychischen Qualitäten eindringender physiologischer Hypo- 
thesen über die Natur der Gehirnvorgänge. Der gegenwärtige Stand der 
Forschung erlaubt aber leider noch nicht die Aufstellung derartiger genügend 
spezieller Hypothesen, wie sie zur Erreichung dieses letzten Zieles der Psycho- 
logie erforderlich wären" (Schlick, S. 264). 

So gilt die derzeitige Grenze wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten 
für alle von Menschen vollführten Handlungen und alle eventuell daraus 
folgenden Resultate. Ob es sich um die unbedingt notwendigen, lebens- 
erhaltenden Tätigkeiten handelt, die in erster Linie das Essen, Trinken, 
Schlafen, Kleiden, Wohnen betreffen; ob es die übernotwendige Aus- 
gestaltung der leiblichen Bedürfnisse, also die zivilisatorischen Er- 
rungenschaften gilt, etwa Werkzeuge, Feldwirtschaft, Tierzähmung und 
-haltung, Brücken, Straßen, Maschinen, alles sogenannte technische Werk 
betrifft, Ordnung, Sicherheit, Reinlichkeit angeht; oder ob es sich schließ- 
lich um die übernotwendige Ausgestaltung der seelischen Bedürfnisse, 
also um die kulturellen Errungenschaften der Menschen handelt, die etwa 
in den Gebieten der animistischen Magie, der Religion, der Ethik, der Kunst 
und der Wissenschaft — und in deren Mischformen und Übergangsformen, 
wie etwa in der „Philosophie" — zutage traten: alle diese „künstlichen 
Sachverhalte, die nicht vorhanden wären, wenn es keine Menschen gäbe, 
sind heute ausnahmslos noch nicht quantitativ erkennbar, sondern auf die 
Aufzeigung subjektiver seelischer Qualitäten, auf die „introspektive Psycho- 
logie" angewiesen. 

10) Die drei KausaLcniehten bei künstlichen Sachverhalten 

Versucht man nun die Begriffe zu ordnen, die zur Erklärung der künst- 
lichen Sachverhalte dienen, so findet man drei oder vier Gebiete, die inner- 
halb ihrer Grenzen „Begriffe ähnlicher Qualität" verwenden. Sie sind: das 
bewußte individuelle Seelengebiet; das bewußte Gemeinschafts-Seelengebiet; 
das unbewußte Gebiet. Dieses Unbewußte könnte wieder in den individuellen 
und den kollektiven Teil getrennt werden; wir führen hier diese letzte 
Trennung nicht durch. 

Trägt man diese drei Gebiete in das frühere Schema ein, und zwar — 
entsprechend der jeweils in „tiefere" Seelengebiete reichenden Fragestellung 
in Schichten, die untereinander liegen, so läßt sich die Situation für die 
künstlichen Sachverhalte im folgenden Schema veranschaulichen. 



k. 



Naturobjekt und Alensdiemveik 



»9 



Genetisch 



Exishnzial 




IJtihtBachmkny d. kwitl. Sachicrha/fts: 
Mäixmialc Üetrachfaiig 

I. Icuuife inJitidaellt Schicht: 
fsyiho/oyiicfc ßetradlfuiy. 

E BeM/sskGe/mnsciafls-ScJjicM; 
F Unbcmsste Schicht: 

Afil/jtische Beircc.'itufij. 

/ 



Die erste Schicht der Pyramide gibt den unmittelbar wahrnehm- 
baren Tatbestand des künstlichen Sachverhaltes. Er wird der reinen Be- 
schreibung unterworfen. Diese Schicht ist die phänomenale, ihre Behand- 
lung ergibt die phänomenale Betrachtung. 

Diese phänomenale Betrachtung ist also bei natürlichen und bei künstlichen 
Sachverhalten die gleiche. Erst von jetzt ab, von der kausalen Behandlung an, tritt 
der Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Sachverhalten zutage. 

Die zweite Schicht umfaßt jenen Teil des individuellen Bewußt- 
seins, der bei der Erstellung des künstlichen Sachverhaltes durch den tat- 
handelnden Menschen vorwiegend und unmittelbar beteiligt war. In dieser 
Schicht müssen wir aber, auf Grund der Ergebnisse der Bewußtseinspsychologie, 
zwei Bezirke unterscheiden: den intellektuellen und den emotionellen Bezirk. 
Sie entsprechen den zwei — dem bewußten Wollen vorgelagerten — Grund- 
funktionen der menschlichen Seele, dem Denken und dem Fühlen. Die 
Bewußtseinspsychologie kann — wie bereits erwähnt — feststellen, daß, 
von dieser bewußten Schicht aus gesehen, die wissenschaftlichen und die 
technischen Werke aus vorwiegender Einstellung auf gedanklich-intellektuelle 
Abläufe gebildet werden, die künstlerischen Werke aus vorwiegender Isolierung 
gefühlsmäßig-emotioneller Abläufe entstehen. Von beiden Sektoren des Be- 
wußten also, vom intellektuellen wie vom emotionellen aus, führen — über 
das Wollen und das darauffolgende Handeln — direkte Verbindungen zur 



Max Deri 









phänomenalen Gestalt. Als Faustformel könnte man angeben, daß in diese 
zweite Schicht, in das individuell Bewußte, alles das gehört, was der Tat- 
handelnde selbst auf die Frage antworten würde oder antworten könnte: 
welche seelischen Vorgänge und Abläufe er in sich selbst während der 
schaffenden Tätigkeit beobachtet hat oder hätte beobachten können. Man 
bezeichnet diese zweite Schicht als die bewußte individuelle Schicht 
und die ihr zugehörige Betrachtung als die psychologische Betrachtung. 
Die dritte Schicht umfaßt das, was im Leben der Gemeinschaft be- 
wußt da ist. Also alle Beaktionen, die durch die Zugehörigkeit zu einer 
.,Gruppe" bedingt sind, und damit auch die seelischen Inhalte und Abläufe, 
die durch die wirtschaftlichen Gegebenheiten bedingt werden. Und auch 
hier müssen die beiden Sektoren des Intellektuellen und des Emotionellen 
unterschieden werden: die „säkularen Gedankeninhalte" von den „säkularen 
Gefühlsgegebenheiten", also etwa die „Weltanschauungen" von den „Kunst- 
stilen". Man nennt diese Schicht des bewußten Gemeinschaftslebens die 
bewußte Gemeinschaftsschicht und die ihr zugehörige Betrachtung die 
soziologische Betrachtung. 

Die vierte Schicht umfaßt das unbewußte. Hier scheint vorerst eine 
Trennung in individuell Unbewußtes und Gemeinschafts-Unbewußtes noch 
nicht recht durchführbar. Zwar kann man zuweilen bereits derartige 
Feststellungen machen. So etwa, wenn Freud — in „Der Dichter und das 
Phantasieren" (Ges. Schriften, Bd. X, S. 229) — von den Mythen sagt, es 
sei „durchaus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunsch- 
phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen Menschheit, 
entsprechen"; oder wenn man die „säkulare Verdrängung" beachtet, die das 
Erotische in der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts fast zwei Generationen 
lang — Wendepunkt seit den achtziger Jahren mit Conradi und Wedekind — 
erfahren hat. Aber klar faßbar und erfaßbar dürfte die Scheidung in 
individuelles und säkulares Unbewußtes kaum schon sein. Wir beschränken 
uns auf die allgemeine Einordnung des Unbewußten in die Pyramide als 
einheitlich tiefster Schicht, von der aus Wirkungswege in die drei darüber- 
liegenden Schichten führen. Dabei müssen sowohl alle indirekten Wege aller 
Schichten untereinander durch die dar überliegen den Schichten hindurch als 
möglich angenommen werden, wie auch alle direkten Verbindungen der 
einzelnen Schichten miteinander, ohne Durchgang durch eine der anderen 
Schichten. Denn sie sind alle von Fall zu Fall als wirklich zu beobachten. 
Die wissenschaftliche Behandlung dieser vierten, der unbewußten 
Schicht, wird die analytische Betrachtung genannt. 



^ 



Naturolvjekt und Aiensdienverk 21 

n) Die wissensaialtlicne Notwendigkeit der dreifachen 
ivausalierung künstlicher »Sachverhalte 

Die Notwendigkeit, die künstlichen Sachverhalte von drei verschiedenen 
Ursachen-Schichten her zu kausalieren, ergab sich aus der Tatsache, daß 
die Verwendung einheitlicher Begriffe für diese drei Schichten bisher 
nicht möglich ist. In jedem dieser drei Gebiete gelangen wir, bei den 
heute möglichen Rückführungen, zu verschiedenen Begriffssystemen, bei 
denen bisher nur in seltenen Fällen eine weitere Rückführung aufeinander 
gelang. Die gegenseitige „Zurückführung des Einen auf das Andere , das 
„Wiederfinden" der Grundbegriffe der einen Schicht in denen der anderen 
gelingt heute noch nicht — kann ja nicht wirklich gelingen, solange die 
quantitative Messung weder im individuellen noch im sozialen Bewußten 
noch auch im Unbewußten möglich ist. 

In Analogie also, wie in der Physik auf primitiver Stufe die ver- 
schiedenen Sinnesgebiete des Menschen die verschiedenen, streng von- 
einander getrennten Kapitel der physikalischen Wissenschaft bestimmten — 
das Körpergefühl die Mechanik, das Sehen die Optik, das Hören die Akustik, 
der Temperatursinn die Wärmelehre — , so bleiben vorerst die Gebiete 
des individuell Bewußten, des sozial Bewußten und des Unbewußten da- 
durch voneinander geschieden, daß ihre Grundbegriffe keine gemeinsamen 
Elemente besitzen. 

Allerdings scheint unter einem gewissen Gesichtspunkt diese Formulierung 
übertrieben scharf. Wenn man sich den Weg hypothetisch ausdenkt, den 
die Erklärung der künstlichen Sachverhalte wohl gehen wird, so dürfte 
zunächst versucht werden, die Grundbegriffe dieser drei Schichten erst ein- 
mal unter sich anzugleichen, indem man sie aufeinander zurückführt. Es 
ist naheliegend, hier der Ergebnisse zu gedenken, die Freud in der Zurück- 
führung der bewußten individuellen und kollektiven Begriffe aufeinander 
in „Massenpsychologie und Ich -Analyse" erreicht; sowie der Zurückführung 
der unbewußten individuellen und kollektiven Begriffe, die im letzten Kapitel 
seines „Unbehagen in der Kultur" begonnen wurde, ja im „Vergleich des 
Kulturprozesses mit der Einzelentwicklung" (S. 126 ff.) und im „Über-lch 
der Gemeinschaft" (S. 12g ff.) bereits gewonnen scheint. 

Trotzdem aber halten wir es bei dem heutigen Stande der Wissenschaft 
von der menschlichen Seele für vorteilhaft, die Drei-Schichtung der Kausa- 
lierung künstlicher Sachverhalte vorerst beizubehalten. Denn sie kann zu- 



Es sollen zwei Beispiele besprochen werden, eines aus dem technischen 
und eines aus dem bildkünstlerischen Gebiete. Dabei wird sowohl von der 
Einbettung der Beispiele in die Bealitäl wie auch von ihrer genetischen 
Herleitung abgesehen. 



22 Max Den 

mindest zum Beweise verwendet werden, daß sich die Fragestellungen der 
vier Gebiete untereinander nicht mehr zu stören und schon gar nicht aus- 
zuschließen brauchen. 

12) Die Einbettung der künstlichen Sachverhalte in die Realität 

Bevor wir an zwei Beispielen die Fruchtbarkeit der Vier-Schichten-Ordnung 
für die methodische wissenschaftliche Behandlung künstlicher Sachverhalte 
zu erweisen trachten, muß noch das Verhältnis dieser vier Schichten zur 
Bealität festgestellt werden. 

Dieses Verhältnis ist so zu denken, daß die gesamte Schichtenpyramide, 
sowohl in ihrer gegenwärtigen Existenz wie auch in ihrer gesamten historisch- 
genetischen Abfolge, völlig in das Gebiet der äußeren Realität ein- 
gebettet gedacht werden muß. Die Realität besitzt dabei direkte Wirkungs- 
möglichkeiten unmittelbar in alle vier Schichten hinein: Wirkungswege 
führen direkt von der Realität aus in das Phänomenale, in das individuell Be- 
wußte, in das Soziologische und in das Unbewußte. Und diese Tatsache in 
Verbindung mit der Kommunikationsmöglichkeit aller vier Schichten unter- 
einander ergibt die hohe Kompliziertheit aller hiehergehörigen Probleme. 

So kann etwa eine Maschine, ein Gebäude, ein Denkmal im Laufe der 
Jahre verrosten, verfallen, verwittern, also seine phänomenale Gestalt durch 
reine Realeinflüsse ändern: Real — 7. Dabei kann die Vernachlässigung 
der Pflege dieses Objektes bewußte individuelle Ursachen haben: 77 — I. 
Diese etwa können wieder durch reine Realitätsgründe, etwa durch Nahrungs- 
sorgen bedingt sein : Real — 77 — Real — /. Oder soziale Umwälzungen 
können den Grund für den Verfall abgeben: III — 77 — Real — I; wobei 
diese Umwälzungen wieder wirtschaftlich -reale Ursachen haben mögen: 
Real — 777 — II — Real — 7; und in all diese Verwicklungen spielen dann 
noch die individuellen und gruppengemäßen unbewußten Determinierungen 
hinein, von Fall zu Fall auf ihre Mächtigkeit zu prüfen. 

i3) Beispiele für die vierfache Betrachtung künstlicher 

Sachverhalte 


















Naturobjekt und Men.scuenwerk 2o 



A) Beispiel aus dem tedmisdien Gebiete: Der Pflug 

I) Phänomenal 

Rein äußere Beschreibung des Aussehens eines Pfluges und seiner ein- 
zelnen Bestandteile. Angabe des Materiales, seiner Maße, seines Gewichtes 
sowie aller anderen sehbaren und tastbaren Gegebenheiten. 

II) Psychologisch 
1) Intellektuell 

a) Allgemeines 
Die allgemeine Definition des „Technischen Werkes" ist für den idealen 
Fall und innerhalb der individuell-bewußten Schicht rein von der intellek- 
tuellen Funktion aus zu geben. Ein technisches Werk ist ein Gebilde, das 
zu einem bestimmten vorausgedachten äußeren Zwecke auf Grund möglichst 
isolierter verstandesmäßiger Überlegungen erstellt wird. In diesen verstandes- 
mäßigen Überlegungen wird die Zueinanderordnung von Naturkräften vor- 
erst im Gedankenexperiment vorgenommen, indem die sie tragenden Kon- 
struktionsteile in der Vorstellung probeweise aneinandergefügt werden. Dann 
wird die Ausführung in vorhandenem Materiale versucht. Widerspricht keines 
der bestehenden Naturgesetze der phantasiemäßig vorausgenommenen Kon- 
struktion, war diese also den realen Zwängen richtig angepaßt: so kann 
das neue technische Gebilde praktisch hergestellt werden und erfüllt dann 
den vorgenommenen Zweck. 

b) Besonderes 

Die spezielle Konstruktion des Pfluges sucht den vorgestellten Zweck, 
nämlich das Auflockern der Erde, unter Verwendung bekannten Materiales 
auf jene Weise zu erreichen, die den beiden äußeren Vorgegebenheiten am 
besten angepaßt ist: der Konsistenz des Erdbodens als des zu bearbeitenden 
Materiales und der Kinematik des menschlichen Körpers oder des zur Arbeit 
verwendeten Tieres. Der pflügbare Erdboden besitzt eine Konsistenz, die 
zwischen dem durch Rühren zu bewältigenden flüssigen Zustand und der 
nur durch Schlag oder Stoß zu bewältigenden Gesteinsfestigkeit liegt. Damit 
erweisen sich sowohl die stoßmäßige Betätigung des Grabstockes wie die 
schlagmäßige Betätigung der Hacke auf die Dauer als unnötige Kraft- 
vergeudung. Die Pflugkonstruktion konnte den Gedanken ausführen, die 
einmal in den Boden eingeschlagene Hacke durch Heranziehen an den 
Körper zum „Aufreißen" des Erdreiches zu verwenden. Kehrte sich dann 



»6 Max Den 

gereifter Künstler unterlag, wie es der über fünfzigjährige Leonardo zur 
Zeit der Ausführung dieses Bildes war. Vorerst ist die Proportion der hinten 
sitzenden Frau, der Anna, völlig unmöglich: die Körperpartie zwischen 
Knien und Hüften ist völlig ungeklärt und nicht nachfiihlbar. Und ebenso 
ist die Hüftpartie der Maria gänzlich verzerrt worden, was am deutlichsten 
wird, wenn man den Weg über ihren linken Oberschenkel zur linken 
Hüfte mit dem von ihrer linken Schulter zur Hüfte zu vereinigen sucht. 
Die gesamte Zone also, in der die beiden Frauenkörper aufeinander ruhen 
sollen, war Leonardo in der Vorstellung offenbar völlig unklar und er ver- 
suchte nicht, sich hier zur Klarheit der Formvorstellung hindurchzuarbeiten 
— wenn auch immerhin gegenüber dem Karton ein gewisser Fortschritt in 
der Durchformung der Bildaufgabe deutlich zu erkennen ist. 

Die Unklarheit der Figurenkomposition wird noch dadurch vergrößert, 
daß der hintere Kontur der Maria über Bücken und Gesäß das Auge ver- 
leitet, vertikal nach unten weiterzugehen, ihn im linken Kontur des 
Kleides der Anna fortgesetzt zu glauben. Damit wird es noch schwerer, 
die beiden Frauenfiguren für das Erleben klar voneinander zu lösen. 

II) Psychologisch 
1) Intellektuell 

Es handelt sich um eine Darstellung der „Anna Selbdritt" aus der 
christlichen Mythologie. Anna: Mutter der Maria; Maria: Mutter des 
Christusknaben; Lamm: Allegorie . . . 

2) Emotionell 
a) Allgemeine Definition des Kunstwerkes 

Die allgemeine Definition des Kunstwerkes ist vom Schaffenden aus zu 
geben und erfahrt dann vom Erlebenden her ein /.usatzmerkmal. Sie 
gründet sich ausschließlich auf die emotionelle Funktion des Bewußtseins. 

Sieht man von allen komplizierteren Funktionen des bewußten Seelen- 
teiles ab, so vereinfacht sich — nach vollendeter Aufspaltung der magisch- 
eidetischen Frühform — die Struktur des Bewußtseins auf die drei be- 
kannten Grundfunktionen des Denkens, des Fühlens und des Wollens, auf 
die intellektuelle, die emotionelle und die voluntaristische Funktion. Diese 
drei Funktionen sind aber nicht — wie häufig angenommen wird — ein- 
ander nebengeordnet, sondern das bewußte Wollen ist dem bewußten 
Denken und Fühlen nachgeordnet. Bei jedem bewußten Erleben des 






Naturoljji-kt und Mensdieiiwerk 



2 7 



heutigen erwachsenen Menschen, etwa bei der Wahrnehmung eines blühenden 
Baumes, treten das erkennende Denken und das erlebende Fühlen gleich- 
zeitig und in unmittelbarer innerer Verbundenheit in Funktion, während 
das bewußte Wollen erst nach einem gewissen Ablauf des Fühldenkens 
aufspringen kann. So bleiben zwei Grundfunktionen des Bewußtseins: 
das denkende Erkennen und das fühlende Erleben. Ihre Anordnung kann 
im Schema etwa folgendermaßen verbildlicht werden: 




I Aeiz- , 

: Ver/nifftung 



äußeres O&'c&f- 

Mfc. rar'Jtrot/i.'tJ 




X 



w 



V 



jj p .^ 



*&J< 






jal&l*S', 



Ourc/7 die Wand/nfio 
res Oe/eStr; 



Im Laufe der Kulturentwicklung, beziehungsweise im Laufe der Ent- 
wicklung des Einzelnen vom Kind zum Erwachsenen gewinnt nun der Mensch 
die Fähigkeit, eine der beiden Grundfunktionen für sich zu isolieren und 
sich in dieser Isolierung des Denkens oder des Fühlens auf das Objekt 
gerichtet einzustellen. Die Isolierung, die „Ummauerung" der intellektuellen 
Funktion und ihre vom Fühlen möglichst ungestörte Richtung auf ein äußeres 
Objekt der Realität oder auf ein inneres Objekt einer Vorstellung: führt zum 
wissenschaftlichen Verhalten. Die möglichste Isolierung der emotionellen 
Funktion in ihrer Richtung auf das äußere oder auf das innere Objekt: 
führt zum ästhetischen Verhalten. Diese Isolierungen können, bei der 
ursprünglichen inneren Verbundenheit der beiden Grundfunktionen im Be- 
wußtsein, natürlich nur mit relativem Gelingen durchgeführt werden. Doch 
bleibt einerseits für das wissenschaftliche Verhalten spezifisch, daß Gefühls- 
regungen — und die aus ihrer Verbindung mit Willensvorgängen folgenden 
Wünsche" — keinen Einfluß auf die wissenschaftliche Feststellung des 
Resultates gewinnen dürfen; und daß anderseits wieder intellektuelle Über- 
legungen — und aus ihrer Verbindung mit Willensregungen folgende „Zweck- 
setzungen" — stets das ästhetische Verhalten stören. 



28 Max Dcri 

Nun kann es aber aus jeder der beiden relativ isolierten Einstellungen, 
hier des denkenden Erkennens im wissenschaftlichen Verhalten, dort des 
fühlenden Erlebens im ästhetischen Verhalten, unmittelbar und direkt 
zu Willensentschlüssen und daraus folgenden Handlungen kommen. In 
diesem Falle können aus der intellektuellen Isolierung die wissenschaft- 
lichen und technischen Werke, aus der emotionellen Isolierung die 
Kunstwerke erstehen. In ungefährem Schema: 




; KrÄarn : mxnfr- bvru'»</ie : wann ' 

i ; 6rtü)* \ 



■ .*»■#**' <*> MalnMM 



Definition: ein Kunstwerk ist, vom Bewußten her und im idealen 
Prozeß definiert: ein von einem Menschen aus isolierter Gefühls- 
haltung heraus erstelltes Gebilde, das so beschaffen ist, daß es 
dieses Gefühl in adäquater Formung in sich beschlossen ent- 
hält. — Das so erstellte künstlerische Gebilde wird zum Gefühlsträger, 
und ist als solcher imstande, seine Gefühlsinhalte einem anderen Menschen 
— des gleichen oder eines verwandten Kulturkreises — zu vermitteln, sie 
dessen Bewußtsein zu „übertragen". 

b) Besondere Gefühle der „Anna Selbdritt" 
So wie man beim technischen Werk aus den konstruktiven Gegeben- 
heiten rückläufig die gedanklichen Überlegungen des Erfinders erschließen 
kann, so vermag man beim Kunstwerke durch Einfühlung in die farb- 
lichen und formalen Gegebenheiten rückläufig die Gefühle in sich wach- 
zurufen, die das Bewußtsein des Künstlers beim Schaffen erfüllten. Dieser 
Vorgang, der meist das „Verstehen" des Kunstwerkes genannt wird, sollte 
entsprechender als „Erfühlen" des Kunstwerkes bezeichnet werden. Nimmt 
man die „Anna Selbdritt" Leonardos im Ganzen in Blick und in Gefühl, 
so fällt eine eigentümliche „Weitung" des Raumes vom Hintergrunde aus 
nach vorne auf. Von der enge gesehenen Landschaft des Hintergrundes 



Naturobjekt und Mcnsaicnwcrk 



39 



geht es in etwas abruptem Übergang zum „ausgedehnteren" Vordergrunde. 
Die gleiche „Weitung" findet man in anderen beglaubigten Werken des 
Leonardo, so etwa in der Felsgrottenmadonna, in den unvollendeten Bildern 
des Hieronymus und der Anbetung der Könige und am deutlichsten im 
Abendmahle, in dem ein tiefer und im Hintergrunde schmaler Innenraum 
nach vorne hin in einem Gefühle „auseinanderläuft , auseinanderweicht, sich 
aufspannt, das wie das Aufspannen eines weiten Maules aus engem Rachen 
wirkt. Durchaus verwandt mit diesem Räumlichen ist bei der Anna Selb- 
dritt die „Entwicklung" der Figurenkomposition. Denkt man sich das Bild 
horizontal hingelegt und damit die Figuren vertikal in die Höhe empor- 
wachsend: so wachsen die Körper und die Glieder wie aus einer schmalen 
Wurzelplatte, die etwa den Sitzkreis der beiden Frauenfiguren umfaßt. Wie 
wenn eine Pflanzenstaude aus engem Gefäße aufwachsend sich weiten, ver- 
breiten, entfalten würde: so ist das Gefühl, mit dem der Oberkörper und 
die Oberschenkel der Anna, der Oberkörper und die Beine der Maria von 
den Hüften ab deutlich in der Proportion größer werden. Dieses merk- 
würdige Gefühl des „Anschwellens" — das alle sicher beglaubigten Bilder 
Leonardos zeigen — , das Breiterwerden und Dickerwerden und Schwererwerden 
nach den „Enden" hin, dieses in ihrem Volumen „Wachsende" aller Propor- 
tionen: kann man am deutlichsten zum Kopf der Anna und zu ihrem linken 
Arm hin, von den Hüften der Maria zu ihrem „aufgeschwollenen Nacken, 
zur „aufgeschwollenen" rechten Schulter hin, an den Füßen zu den auf- 
fallend langen Zehen hin beobachten. Ja, nimmt man die Proportion des im 
Schatten sichtbaren rechten Fußes der Anna in Vergleich zu dem zuge- 
hörigen Unterschenkel, so erreicht der Fuß fast die Länge dieses Unter- 
schenkels. Hat man dies einmal im Einzelnen erfühlt und geht dann zum 
Gesamten zurück, so wachsen von der engeren Hüftzone, von der Be- 
rührungsfläche der beiden Frauenkörper aus, alle Figurenteile wie leise 
dynamisch, wie eben irgendwie mit prallem Safte sich füllend in einen 
nach vorne hin „geweiteten" Raum. Es wirkt wie das stetige Anschwellen 
eines Tones, als bliese man einen Posaunenton, piano beginnend, ihn 
ständig stetig zu immer vollerem Forte verstärkend. Es wirkt wie das all- 
mählige Dickerwerden einer Keule von ihrem dünneren Griff zum rund 
gewölbten Kopfe hin. Wie wenn man eine zwar noch geschlossene, doch 
aber schon zur Reife hin gediehene Fuchsienknospe zwischen den Finger- 
spitzen auf-drückt, so daß jetzt eben sich die Blätter spannend entfalten, 
die Fingerspitzen auseinander-drücken — es wirkt wie ein eben erigierendes 
Glied. Nimmt man andere Bilder Leonardos zur Stärkung dieses Erleb- 



5o Mnx Deri 



nisses hinzu: so wird dies Anschwellende, dies Tumeszente, dies sich eben 
erst mit wachsend spannendem Gehalte Erfüllende völlig deutlich. 1 

Aus dem gleichen Gefühle scheinen auch die Vorschriften geboren, die 
Leonardo in seinem „Trattato della Pittura" den Malern für die Innen- 
modellierung der Körper gibt, und die er in seinen Bildern und besonders 
in seinen Zeichnungen mit so faszinierendem Erfolge anwendete. „Zuletzt 
achte darauf, daß die Schatten und die Lichter ohne Striche und ohne 
Ränder ineinander übergehen wie ein Rauch (a uso difumo)." Spürt man 
diesem „Sfumato" in seinem Gefühle nach, spürt im besonderen, wie sich 
in den nackten Körperteilen aus den durchsichtig-weichgetönten Halb- 
schatten die helleren Partien leise, stetig, in lyrischer und doch allmählich 
verstärkter Rundung zu hellerem Leuchten erheben, wie auch hier das 
„Schwellende" eines Nackens, einer Schulter, zweier Wangen, eines Kinnes 
wie aus wehendem Rauche eben „erwachsend" lebendig wird: dann wird 
auch hier dies aus dünnerem Gefühle zu breiterer Kraft eben erst sich 
Entwickelnde in einer leisen Berauschtheit des Erlebenden deutlich. Und 
in dieses Gebiet scheint auch zum Teile das Lächeln zu gehören, das die 
Frauenköpfe Leonardos seelich durchleuchtet. Die Frauenköpfe der Stil stufe 
vor Leonardo zeigten das gespannte, helle, metallische Lächeln, das aus so 
vielen Porträtbüsten des Quattrocento bekannt ist: das achtzehnjährige, 
frische, junge, knospig herbe Mädchen spielte in der damaligen Gesell- 
schaft die Hauptrolle. Die Frauenköpfe der Stilstufe nach Leonardo zeigen 

j) Prinzipiell sei gesagt, daß die Formel der psychologischen Analyse eines 
künstlerischen Gebildes folgenden Weg geht. Die Kunstform K erweckt im Er- 
lebenden ein bestimmtes Gefühl G„ das spezifisch zu dieser Kunst- 
X V form gehört. Um dieses Gefühl möglichst eindeutig zu bezeichnen, 

1| assoziiert der Erlebend-Analysierende aus seinen Gefühlserinnerungen 
ein möglichst ähnliches Gefühl G 2 , von dem er annehmen kann, daß 

Gj *■ G s es dem Miterlebenden aus seiner eigenen Erfahrung bekannt ist. 

Dieses assoziierte Gefühl hatte seinerzeit einen bestimmten Anlaß- 
träger V. Indem man nun zu diesem Anlaß, dem Vergleichsobjekt V, weiterschreitet 
und es dem Hörer oder Leser nennt, erweckt man in ihm das dieser Repräsentanz 
zugehörige Gefühl. Und damit erweckt man gleichzeitig, auf Grund der Ähnlichkeit 
mit dem der Kunstform zugehörigen Gefühl, im Erlebenden das Gefühl der Kunst- 
formung selbst, „öffnet ihm die Augen". So geht der Weg des Verstehenden den Weg 
zurück, den der Analysierende genommen hatte: statt von K über G, und G t zu Vi 
von V über G 3 zu G x und K. Dabei ist es stets nötig, die Vergleichsobjekte und damit 
die "Vergleichsgefühle zu häufen, da ein spezifisches Sehgefühl niemals durch ein 
Wortgefühl, also durch ein Gefühlswort wirklich adäquat wiedergegeben, also ein- 
deutig bezeichnet werden kann. Man muß dabei die Vergleichsobjekte uud damit die 
Vergleichsgefühle in der Weise zu häufen suchen, daß sie das neuerlebte spezifische 
Gefühl der gesehenen Kunstform möglichst dicht „einkreisen". 



^ 



Naturohjekt und Mensdienwcrk 



einen ernsten, schweren, zuweilen tragisch getönten Ausdruck: die reife 
und voll erblühte Frau von dreißig Jahren spielte jetzt die Hauptrolle in 
der Gesellschaft. Die Frauenköpfe Leonardos aber stehen auch hier mitten 
inne, auf dem Wege vom schmaleren Dur zum breiteren Moll. Noch haben 
sie halb jugendlichen Charakter, noch lächeln die Lippen, noch sind auch 

— wie etwa bei der Mona Lisa — die Augenbrauen nach quattrocenti- 
stischer Mode rasiert, um die glatt gespannte Fläche des Gesichtes nicht 
durch lastende Horizontalen zu beschweren. Doch gleichzeitig ist auch 
schon in den Köpfen der Anna und der Maria die Reife zu spüren, die 
im Kommen ist, der Ernst, der die Lippen zu beschwerterer Lastung zu- 
sammenführt, die Mundwinkel vom Fernen her leise umdunkelt. „Auf 
dem Wege" also von der dünnen und gespannten Seele einer Achtzehn- 
jährigen zur breiten und sonoren Seele einer Dreißigjährigen bringt Leonardo 
jenes „Stärker werden" und „Gewichtigerwerden', jenes anschwellend immer 
voller Tönende, das seine rein formalen Bildungen beherrscht, auch im 
Ausdruck seiner Gesichter, also im unmittelbar Seelischen seiner Figuren. 

III) Soziologisch 
1) Intellektuell 

Das religiöse Bild als Träger der Kirchenmacht, als Bilderschrift für 
Ungebildete, als allen sichtbarer Zielpunkt für den gemeinsamen Gottes- 
dienst: also als „Einigungsmittel" und als „Machtmittel" der Kirche. 

2) Emotionell 

a) Allgemeines 

Der große Künstler überragt den Durchschnitt der Gemeinschaftsgenossen 

durch eine Doppelbegabung: erstens durch die Intensität und die Seltenheit 

seiner Gefühle, zweitens durch die Fähigkeit, diese Gefühle in irgendeiner 

Kunstart adäquat gestalten zu können. Das Kunstwerk ist dann weiterhin 

— als Träger dieser Gefühle — imstande, sie einem anderen Mitmenschen, 
dem Erlebenden, zu vermitteln. So erhält das Kunstwerk eine soziale Be- 
stimmung: es bereichert die Gemeinschaftsgenossen um Gefühle, die diese 
von sich selbst aus zu erleben nicht imstande gewesen wären. So wie der 
Durchschnittsmensch im verstehenden Lesen eines genialen wissenschaft- 
lichen Werkes gleichsam so klug wird, wie der Verfasser war; so weitet 
und vertieft der ein Kunstwerk Erlebende in diesem Erleben sein eigenes 
Gefühl zu der Seltenheit oder Intensität des Gefühles, das dem genialen 



02 



Max Der! 



Schaffenden eignete. Damit wird das Kunstwerk zu einem wesentlichen 
Freudenbringer und Freudenmehrer der Gemeinschaft und die soziale Be- 
stimmung des Künstlers ist es, für diese Lebensbereicherung der Gemein- 
schaft Sorge zu tragen. 

Der Boden, von dem aus dabei das gegenseitige „Verstehen" von Künstler 
und Gemeinschaft erfolgt — besser: von dem aus das richtige, das „erfüllende" 
Erfühlen des Kunstwerkes erfolgt — ist das allgemeine Stil-Gefühl der Zeit. 
„Stil" ist dabei das Gemeinschaftsgefühl einer relativ umgrenzten Gruppe 
von Menschen in einer relativ umgrenzten Zeitspanne. 

b) Besonderes 

Die stilmäßige Funktion, die die Anna Selbdritt sowie die übrigen Bilder 
Leonardos in der Generation zwischen 1480 und 1510 erfüllen, kann nicht 
verständlich werden, ohne weit hinter diese Zeit zurückzugehen. 

Bis etwa um 1300 war das herrschende Stilgefühl die Gotik gewesen: 
das aufs Höchste sublimierte und verfeinerte Gefühl einer feudalen Ober- 
schicht, der Geistlichkeit und des Bittertums. Als Folge der Kreuzzüge — 
1100 bis 1300 — , die einen Goldstrom vom Orient ins Abendland brachten, 
war — besonders auf dem Hauptwege der Kreuzzüge: in Italien — seit dem 
dreizehnten Jahrhundert eine neue gesellschaftliche Schicht, das privat- 
kapitalistische Bürgertum entstanden: Kreuzzugsgewinnler. Dieses städtische 
Bürgertum depossedierte allmählich, in Vorstößen und Bückschlägen, die 
kirchliche und weltliche Feudalaristokratie und verdrängte sie, auf Grund 
seines starken wirtschaftlichen Aufstieges, aus den politischen Machtpositionen. 
Das Lebensgefühl dieser ungebrochen starken Neukommer aber war dem 
hochkultivierten, ja bereits reichlich dekadenten lyrischen Feinheitsgefühle 
der gotischen Gesellschaft diametral entgegengesetzt: es war, dem Aufstiege 
aus tieferen Schichten entsprechend, brutal, stark, kräftig, diesseitig. Da 
sich nun die Kirche gegen die allmähliche Aufnahme des neuen Lebens- 
gefühles in ihre Kunstwerke sträubte, kam es zur „Stauung" und damit 
zum revolutionären üurchbruche des Neugefühles, vorerst in Italien. Giotto 
— in den Fresken der Arenakapelle in Padua vom Jahre 1305 — ist der 
erste Bepräsentant dieses jungen, privatkapitalistischen Bürgertums und seines 
neuen Lebensgefühles, das „Benaissance" genannt wurde. Seine Bilder zeigen 
die fast brutale Kraft, die die neue Schicht noch ungebrochener, eben erst 
in die Kultur eintretender Menschen revolutionär dem aristokratischen 
Feinheitsgefühle der alten, hochkultivierten, feudalen und geistlichen Führer- 
schicht entgegenstellte. Da nun dieser Kraftschlag ohne jeden vermittelnden 




Leonardo da Vinci : Die heilige Anna iS.üxIiitt 












I 






Naturobjekt und AleiucLenwerk 33 



stetigen Übergang dem früheren Stilgefühle entgegengeworfen wurde, mußte 
es — nach dem Gesetze der Stetigkeit jeder Entwicklung — zur Reaktion 
kommen, die jede Revolution im Gefolge hat. 

Diese erste Reaktion zum Gotischen erfüllte die zweite Hälfte des vier- 
zehnten Jahrhunderts und gipfelte in dem gotischen Reaktionär Fra Angelico, 
der bis 1455 lebt. Doch die Reaktion zum alten gotischen Feinheitsgefühle 
ging zu weit, stellte das alte Gefühl nahezu vollständig wieder her: so 
mußte es zu einer zweiten Revolution kommen. Hundert Jahre nach dem 
ersten Renaissancemaler Giotto, zwischen 1400 und 1450, brachen der Bau- 
meister Rrunelleschi (Domkuppel in Florenz), der Maler Masaccio und seine 
Schule, der Rildhauer Donatello zum zweiten Male abrupt und unstetig 
gegen die wiedererstarkte Gotik vor: wiederum wurde der neue privat- 
kapitalistisch-bürgerliche Kraftstil brutal der feinen gotischen Lyrik ent- 
gegengeworfen. So mußte die zweite Reaktion zur Gotik kommen, deren 
Hauptträger Rotticelli und Verrocchio wurden. Doch diese zweite Reaktion 
zum Gotischen war nun eine „gesunde": sie führte nicht zur völligen 
Wiederherstellung und Wiederkehr des Gotischen, sondern sie blieb eine 
Teilreaktion. War — formelhaft gefaßt — das rein gotische Gefühl „fein 
und weich", das revolutionäre Renaissancegefühl „stark und hart" gewesen: 
so ist die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts „fein und hart". 
Dieser reaktionäre Stil entnimmt also nur eine seiner Gefühlskomponenten, 
die „Feinheit", dem alten Gotischen, verbindet sie mit der „Härte", also 
mit einer der Gefühlskomponenten der neuen Renaissance: und stellt damit 
die Stetigkeit der Entwicklung wieder her. 

Der Schüler Verrocchios nun, also dieses halb im Gotischen, halb im 
neuen Gefühle lebenden Repräsentanten, war Leonardo. Und seine unerhörte 
Mission und seine kaum hoch genug zu schätzende Tat waren es — vom 
Soziologischen, also vom allgemeinen Gemeinschaftsgefühle her gesehen — , 
daß er nun nicht abermals abrupt und revolutionär den neuen Kraftstil 
propagierte: sondern daß er in stetiger „Weitung" und Vergrößerung und 
Verdichtung und beschwerender „Anschwellung" aus dem „dünnen" Gefühle 
Botticellis und Verrocchios in das große, gewichtige und monumentale Stark- 
gefühl Michelangelos überleitete. So wurde er der Mittler und Vermittler 
zum endgültigen Siegesgefühle des städtischen Bürgertums über den Feudal- 
adel, wurde der „Übergangsmeister" zur Hochrenaissance. 

Erst von hier aus erhält also das so eigentümlich „gehemmt wachsende", 
für das persönliche Erleben so außerordentlich reizvolle, es so stark be- 
reichernde individuelle Bildgefühl Leonardos seine breitere soziologische 

Imago XVII. 






-j Max Deri 



Gründung. Leonardos „Zaghaftigkeit" ist ja — siehe die nachstehende analy- 
tische Betrachtung — im Tiefsten individuell gegründet und bedingt gewesen. 
Doch sie wurde für die Zeit und ihre Kunst — trotz dem Minimalen der 
künstlerischen Produktion dieses siebenundsechzigjährigen Lebens: er malte 
kaum ein Dutzend Bilder, von denen mindestens ein Drittel unvollendet 
blieben — stilmäßig so außerordentlich fruchtbar, weil sie die soziale Mission 
erfüllte, durch die Vermeidung einer abermaligen „Revolution" der Gemein- 
schaft eine abermalige „Reaktion" zu ersparen. Faßt man das Gesagte in 
einige Sätze zusammen, so kann man die soziologische Funktion von Leo- 
nardos individuellem Schaffen etwa folgendermaßen beschreiben: 

Die Stilstufe vor Leonardo war fein und hart gewesen, die Figuren wie 
aus Metall getrieben, voll dünner innerer Spannung. Das Ziel aber, dem 
der neue Stil seit 1300 zustrebte, war ein Starkstil, wollte Größe und Breite, 
Majestät und „Gewichtigkeit". Indem nun Leonardo in langsamem Größer- 
werden, Gewichtigerwerden, Wachsen und Anschwellen die dünnen und 
gespannten Formen stetig zur Breite und Größe entwickelte, schuf er die 
Basis für Michelangelo, der dann in seiner Monumentalität und maestä der 
Gefühlsrepräsentant des siegenden Bürgertums wurde. Leonardos „Stilgefühl 
ist also das Stilgefühl des sich endgültig in seiner Herrschaftsstellung sichern- 
den und behauptenden privatkapitalistischen Bürgertums. 

Diese soziologische Interpretation, die Leonardos Stellung in der allgemeinen 
Stilentwicklung zu klären versucht, scheint seiner einmaligen Persönlichkeit wenig 
Spielraum zu lassen. Doch dieser Anschein entsteht immer und muß entstehen, 
wenn ein großer Künstler gleichzeitig zum ersten Träger eines neuen Stilgefühles 
wird — was keineswegs immer der Fall ist. Es gab und gibt bedeutende Künstler, 
deren persönliche Art so sehr dem Zeitstile entgegensteht, daß sie Außenseiter 
bleiben und dadurch weit individueller, einmaliger und eigenwilliger wirken 
können, als individuell größere Künstler, die sich dem Zeitstile einordnen. Es 
kommt in dieser Frage darauf an, ob ein künstlerisch bedeutend Veranlagter 
„zur rechten Zeit geboren ist", so daß sich seine persönliche Artung mit dem 
Gefühle der Zeit verträgt, tendenzmäßig dieselbe Richtung aufweist. In diesen 
Fällen lehrt die Erfahrung, daß — soziologisch gesehen — der große Künstler 
bloß die beste und empfindlichste Antenne des neu erstehenden Gemeinschafts- 
gefühles ist: er vermag damit als Erster jene Gefühle zu formen und klar heraus- 
zustellen, die die Gemeinschaft erst dunkel ahnt, die noch halb unbewußt in 
ihr schlummern, ihr Gefühlsleben eben erst zu orientieren beginnen. Damit 
bestätigt und erlöst der große Künstler diese neuen Gefühle, treibt sie zur Reife, 
stärkt sie und führt sie zu klarer Bewußtwerdung bei allen. Von hier aus ge- 
sehen bildet also dieses neue Gemeinschaftsgefühl, der jeweilige „Stil", den Kern 
der Darstellung jedes großen und gleichzeitig führenden Künstlers, und seine 
einmalig individuellen Züge erscheinen nur als Fransen, als „fringes , die 









Naturolijckt und .Meiusdicnwerk 35 



stilmäßig, also soziologisch gesehen — als minder Wichtiges diesen Kern um 
lagern. Formelmäßig gefaßt: die Hochrenaissance wäre, als Gefühlsgestaltung 
des siegenden Bürgertums, in ihrem Wesentlichen auch entstanden, wenn Leo- 
nardo und Michelangelo und Raffael als kleine Kinder gestorben wären. Es 
würden in diesem Falle dem Bilde der Hochrenaissance die individuellen Zü<re 
dieser drei fehlen; doch im Kerne, in ihrer „maestä" wäre sie als Zeitstil in 
gleicher Weise entstanden. Man durchschaut diese Situation am klarsten beim 
eigenen Zeitstile der Gegenwart, da ja in diesem Falle jeder in seiner Zeit 
Lebendige das Stilgefühl selbst in sich trägt. So heben sich etwa in der Baukunst 
der Gegenwart selbst die größten Künstler nur in ihrer persönlichen Differenz von 
den anderen ab. Für frühere Zeiten aber lernen wir ja das jeweilige Gemeinschafts- 
gefühl, da wir es nicht ohneweiters selbst in uns tragen, erst durch die 
großen Künstler der Vergangenheit kennen: so daß hier dem Individuum zu- 
geschrieben zu werden pflegt, was Gemeinschaftsleistung ist. 

Die unerhörte, weite Wirksamkeit, die Leonardo, trotz der außerordentlichen 
Spärlichkeit seines Schaffens, in seiner Zeit gewann, ist zum größten Teil darauf 
zurückzuführen, daß seine persönliche Artung so sehr dem Übergangscharakter 
der Zeit entsprach und entgegenkam. Und gerade daran, daß seinen bedeutenden 
wissenschaftlichen Erkenntnissen beiweitem nicht die Wirksamkeit seiner künst- 
lerischen Taten zukam, mag man ermessen, wie sehr er für die ersteren zur 
falschen Zeit, nämlich zu früli geboren war und wie sehr bei den zweiten das 
Glück des zur rechten Zeit Geborenseins Einfluß und Wirksamkeit seiner Werke 
ins Außerordentliche weitete. 



IV) Analytisch 

Die Abhandlung von Freud: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo 
da Vinci" (Ges. Sehr. Bd. IX, S. 569 ff.) gilt der Analyse von Leonardos 
Gesamtpersönlichkeit und befaßt sich nur zu einem kleinen Teile — sieben 
Seiten von dreiundachtzig — mit der „Anna Selbdritt". Es geschieht dies in 
der zweiten Hälfte des vierten Kapitels. In der ersten Hälfte dieses Ab- 
schnittes behandelt Freud das Lächeln der Mona Lisa. Freud führt dieses 
Lächeln auf früheste Kindheitserinnerungen des Leonardo zurück. „Es mag 
also so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Mona Lisa gefesselt 
wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner 
Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Er- 
innerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, nachdem 
sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen Aus- 
druck geben. Die Versicherung Paters, daß wir verfolgen können, wie sich 
ein Gesicht wie das der Mona Lisa von Kindheit auf in das Gewebe 
seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörtlich verstanden 
zu werden" (S. 425). „Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der 

5* 



Zfa Max Den 

, ■ ■ 

Darstellung von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexual- 
objekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie 
erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen seiner 
eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts anderes 
als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir beginnen die 
Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln besessen, 
das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als er es bei der Florentiner 

Dame wiederfand" (S. 425 und 4 a6 )- 

An diese unbewußte Gründung des Lächelns der Mona Lisa in die 
Erinnerung an früheste Kindertage Leonardos schließt dann Freud die Be- 
sprechung des Anna-Selbdritt-Bildes an. „Bei Leonardo sitzt Maria auf dem 
Schöße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden Armen nach dem 
Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig mißhandelt. 
Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt 
und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung ist 
gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches auf den Lippen 
beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe wie im Bilde der 
Mona Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften Charakter verloren; es 
drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus" (S. 427). 

„Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein plötz- 
liches Verständnis über den Beschauer: nur Leonardo konnte dieses Bild 
malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In dieses Bild ist 
die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen; die Einzelheiten des- 
selben sind aus den allerpersönlichsten Lebenseindrücken Leonardos erklär- 
lich. Im Hause seines Vaters fand er nicht nur die gute Stiefmutter Donna 
Albiera, sondern auch die Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, 
die, wir wollen es annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Groß- 
mütter zu sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der 
von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer 
auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die heilige 
Anna, die Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone 
sein müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die heilige Maria, 
aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo 
hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme 
nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit 
dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet" (S. 427 und 428). 

„Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild. 
Er hatte zwei Mütter gehabt; die erste seine wahre Mutter, die Catarina, 






Nnturobjckt unJ Mensdienwcrk 07 

der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und eine 
junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna Albiera. 
Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten, der An- 
wesenheit von Mutter und Großmutter, zusammenzog, sie zu einer Misch- 
einheit verdichtete, gestaltete sich ihm die Komposition der heiligen Anna 
Selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter 
heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen Verhältnis 
zum Knaben der echten früheren Mutter Catarina. Mit dem seligen Lächeln 
der heiligen Anna hat der Künstler wohl den Neid verleugnet und über- 
deckt, den die Unglückliche verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie 
früher den Mann, so auch den Sohn abtreten mußte. So wären wir von 
einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der Ahnung gekommen, 
daß das Lächeln der Mona Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung 
an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte (S. 428 und 429). 
„Versucht man an diesem Bilde die Figuren der Anna und der Maria 
voneinander abzugrenzen, so gelingt dies nicht ganz leicht. Man möchte 
sagen, beide sind so ineinander verschmolzen wie schlecht verdichtete Traum- 
gestalten, so daß es an manchen Stellen schwer wird zu sagen, wo Anna 
aufhört und wo Maria anfängt. Was so vor der kritischen Betrachtung als 
Fehlleistung, als ein Mangel der Komposition erscheint, das rechtfertigt sich 
vor der Analyse durch Hinweis auf seinen geheimen Sinn. Die beiden Mütter 
seiner Kindheit durften dem Künstler zu einer Gestalt zusammenfließen. 
Es ist dann besonders reizvoll, mit der heiligen Anna Selbdritt des Louvre 
den berühmten Londoner Karton zu vergleichen, der eine andere Komposition 
desselben Stoffes zeigt. Hier sind die beiden Muttergestalten noch inniger 
miteinander verschmolzen, ihre Abgrenzungen noch unsicherer, so daß Be- 
urteiler, denen jede Bemühung einer Deutung ferne lag, sagen mußten, es 
scheine, ,als wüchsen beide Köpfe aus einem Rumpf hervor' " (S. 429, Anm.). 
Aus dem hier Angeführten fällt nun auf einige jener Eigentümlichkeiten 
des Bildes klärendes Licht, denen wir innerhalb des phänomenalen und des 
psychologischen Abschnittes begegnet sind. Vorerst werden die Mängel in 
der kompositionellen Durcharbeitung des formalen Grundproblemes, des 
Sitzens der Maria auf dem Schöße der Anna verständlich — wenngleich 
ein solches Verständnis niemals einem ästhetischen Mangel abzuhelfen 
vermag. Die Unklarheit in der Zusammenordnung der beiden Frauenfiguren 
wird als die zweier „schlecht verdichteter Traumgestalten erkennbar, und 
zwar als die der beiden Mütter Leonardos, die dem Künstler „zu einer 
Gestalt zusammenfließen". Dann werden die viel bemerkte Gleichaltrigkeit 






38 Mnx Dcri 



der beiden Frauen sowie ihr gleicherweise gütiges und liebevolles Lächeln 
daraus verständlich gemacht, daß Leonardo dein Knaben „zwei Mütter gegeben 
hat, eine, die die Arme nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, 
und beide mit dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet". 

Über dies Spezielle des einzelnen Bildes hinaus kann aus Freuds Abhand- 
lung auch die allgemeinere Tatsache begründet werden, daß sich Leonardo 
so leicht und so widerstandslos in die Rolle des Übergangsmeisters gefügt 
hat, der stetig und allmählich aus einer Stilgepflogenheit in die andere 
hinüberleitete, ohne irgendwie „revolutionär" gegen die „Kunst der Väter" 
aufzutreten. Denn erstens hatte er in den entscheidenden Jahren den „strengen 
Vater", den Rivalen, der sonst zwischen Mutter und Sohn steht, nicht kennen- 
gelernt, also auch keinen Haß gegen diesen Vater entwickelt. Und zweitens 
sagt Freud über die allgemeine Charakteranlage Leonardos: „Eine gewisse 
Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. Zu einer Zeit, 
da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung zu gewinnen 
suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression gegen andere 
abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch Vermeidung aller 
Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild und gütig gegen alle, 
lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, weil er es nicht für gerechtfertigt 
hielt, Tieren das Leben zu rauben, und machte sich einen besonderen Genuß 
daraus, Vögeln, die er auf dem Markte kaufte, die Freiheit zu schenken. 
Er verurteilte Krieg und Blutvergießen und hieß den Menschen nicht so 
sehr den König der Tierwelt als vielmehr die ärgste der wilden Bestien. 
(S. 377 und 378.) 

Keine unmittelbare Aufklärung finden wir dagegen in Freuds Ausführun- 
gen für das eigentümlich „Anschwellende", Tumeszente in Leonardos Ge- 
staltungen und Formengebungen. Es scheint das Zärtl ; che, das Schmeichle- 
rische, das im Malen und Zeichnen, im Schattieren und Komponieren so 
eigentümlich sich „Hebende" irgendwie mit der „gehemmten Sexualität , 
dem „gebändigten Affekt" des Leonardo zusammenzuhängen, wie sie Freud 
in seiner Abhandlung klarstellt. Besonders ein persönlicher Satz Freuds 
scheint zu beweisen, daß auch Freud selbst diese eigentümliche „gehemmte 
Schwellung", den „gedämpften Trieb", der sich in der Formengebung 
Leonardos zeigt, wohl erfühlt hat: „Ich bin wie andere der Anziehung 
unterlegen, die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in 
dessen Wesen man mächtige triebhafte Leidenschaften zu ver- 
spüren glaubt, die sich doch nur so merkwürdig gedämpft äußern 
können" (S. 450). 






^ 



NnUirobjekt und Alciisdicnwcrk -^9 



Freud hat, wie erwähnt, in seiner Abhandlung eine Analyse der Gesamt- 
persönlichkeit Leonardos gegeben. Es erschiene uns nicht als aussichtsloses 
Beginnen, bei Zuhilfenahme des gesamten bildkünstlerischen Werkes Leo- 
nardos eine ganze Reihe von Behauptungen, die Freud aus dem Geiertraum 
und aus anderen außerkünstlerischen Sachverhalten erschlossen hat, auch in 
den Bildgestaltungen nachzuweisen. Doch zu diesem Ziele müßte sich die 
Kenntnis des bildkünstlerischen Material es mit gründlichster analytischer Er- 
fahrung vereinen. 

14) Zusammenfassung 

Bei keinem der besprochenen Beispiele wurde für den betreffenden künst- 
lichen Sachverhalt die Einbettung in die Realität vorgenommen, noch auch 
die Herleitung von den Frühformen aus bis zum heutigen Entwicklungs- 
stadium berücksichtigt. Vergegenwärtigt man sich die Fülle der Einwirkungen 
und Gegenwirkungen, die — in alle vier Schichten hinein und von allen 
vier Schichten her — Realität und künstlicher Sachverhalt aufeinander 
nehmen, bedenkt man das Netz dieser Reaktionen durch die ganze Genese 
eines künstlichen Sachverhaltes, also oft durch Jahrhunderte, ja durch Jahr- 
tausende hindurch: so erhält man das Bild einer ganz außerordentlichen 
Kompliziertheit. Dieser Reichtum der tatsächlichen Relationen zwingt zur 
Einsicht, einen wie kleinen Teil nur des Wirklichen derjenige faßt, der 
menschlich zivilisatorisches und kulturelles Geschehen bloß von einem 
Standpunkt aus betrachtet: sowohl der rein phänomenal beschreibende 
Historiker, der die Objekte nur sammelt und ordnet; wie der experimentelle 
und introspektive Psychologe, der bloß die bewußten individuellen Gründe er- 
forscht; wie der Soziologe, der ausschließlich die breitere Bettung in das Gemein- 
schaftsleben bringt; wie aber auch der Psychoanalytiker, der allein die deter- 
minierenden Wurzeln des Unbewußten aufdeckt. Da nun heute wohl nur für 
die allereinfachsten Fälle ein Einzelner imstande wäre, die Behandlung eines 
Problemes von allen vier Schichten aus, als Historiker, als Psychologe, als 
Soziologe und als Analytiker — und all dies von den Ursprüngen bis zur 
Gegenwart — befriedigend durchzuführen: scheint auch von hier aus die 
bewußte Trennung aller geisteswissenschaftlichen Aufgaben in die vier 
Problemkreise von Vorteil. Denn sowohl für die richtige Abfassung wie 
auch für die richtige Auffassung einer wissenschaftlichen Untersuchung ist 
es vorteilhaft, nicht nur den Problemkreis klar zu sehen, den die Arbeit 
behandeln soll, sondern auch zu wissen, was alles die vorliegende Unter- 
suchung in gewußter Ausschaltung beiseite läßt. 



4o Don: .Naturobjekt und Merodiemrcrk 

So erweist sich auch von hier aus wieder einmal, um wie vieles schwieriger 
die Arbeit des Kulturwissenschaftlers ist, als die des Naturwissenschaftlers. 
Während dieser in der theoretischen Nominierung des „reinen Falles" und 
in seiner angenäherten Realisierung im willkürlich anzuordnenden Experi- 
ment ein bequemes Mittel besitzt, sich ein überschaubares Untersuchungs- 
feld zu schaffen, wird die Fülle der Probleme nahezu unübersehbar und 
kaum durch experimentelle Einengung besser beherrschbar, sowie die 
Schöpfungen der menschlichen Psyche mit in den Kreis des Interesses 
treten. 



Jranz Jvalkas Intern o 

r*ine psychologische Deutung seiner Otralpnantasie 

Von 

Hellmuth Kaiser 

Berlin 

„Der wahre Weg führt über ein Seil, das nicht 
in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem 
Boden; es scheint weniger bestimmt, begangen zu 
werden als Stolpern zu machen." (Kafka.) 

Die Werke Franz Kafkas, in ihrer Mischung aus kühner Phantastik und 
strenger Realistik Träumen gleichend, durch die lebendige Kraft der Sprache 
und die zwingende Anschaulichkeit der Darstellung Kunstwerken höchsten 
Ranges verwandt, erlauben der analytischen Betrachtung so reiche Ein- 
blicke in die sie erzeugenden Strömungen des Unbewußten, wie wohl kaum 
eine Kunstdichtung sonst. 

In der Geschlossenheit ihres Symbolgehalts Märchen und Mythen vergleichbar, 
haben sie für das psychologische Interesse diesen gegenüber den Vorzug, daß sie 
die inneren Schicksale einer einzigen Individualität verkörpern und daher die 
Zusammenhänge einer ganzen Persönlichkeitsentwicklung erkennen lassen. 

Den Hauptgegenstand der vorliegenden Studie bildet eine 69 Seiten um- 
fassende, im Jahre 1919 erschienene Erzählung Kafkas, die den Titel trägt: 
„In der Strafkolonie." 1 

1) Wir benutzen beim Zitieren Kafkascher Dichtungen folgende Abkürzungen: 
Bericht = „Ein Bericht für eine Akademie". Enthalten in: Ein Landarzt. 

Kleine Erzählungen. Kurt Wolff Verlag, 1919. 
Landarzt = „Ein Landarzt". Ebenda. 

Verwandlung — „Die Verwandlung". Kurt Wolff Verlag, 1917. 
Urteil = „Das Urteil". Eine Geschichte. Kurt Wolff Verlag, i 9 j6. 

Strafkolonie = „In der Strafkolonie". Eine Geschichte. Kurt Wolff Verlag, 1919. 
Schloß = „Das Schloß". Roman. Kurt Wolff Verlag, 1926. 

Prozeß = „Der Prozeß". Roman. Verlag Die Schmiede, Berlin 1925. 



4= 



Hellmuth Kaiser 









Sie enthält eine Art Privatmythologie, die gleichwohl bedeutsame An- 
klänge an die Mythologie der jüdisch-christlichen Religion nicht vermissen 
läßt. Der Verfall und endgültige Zusammenbruch dieser religiösen Schöpfung 
macht die Handlung der Dichtung aus. 

Der Besprechung dieses Werkes stellen wir die Deutung zweier anderer 
kurzen Erzählungen voran, von denen die erste in der Sammlung: Ein 
Landarzt, kleine Erzählungen, 1919 erschienen ist. Ihr Titel lautet: Ein 
Bericht für eine Akademie. Die zweite heißt: Die Verwandlung. Sie ist 
1917 erschienen. Über die Reihenfolge der Entstehung dieser Dichtungen 
wissen wir nichts. Wir glauben aber, mit der von uns eingehaltenen Reihen- 
folge, in der wir die Dichtungen besprechen, der historischen Entwicklung, 
zum mindesten ihres psychologischen (.Sehalts, Rechnung zu tragen; in der 
Tat stellt die psychologische Interpretation der beiden ersten Geschichten 
eine wesentliche Erleichterung und Vorbereitung für das Verständnis der 
dritten dar. 

Der Natur einer analytischen Untersuchung entsprechend, wird das, was 
wir an psychologischen Tatsachen linden werden, nicht dem Kafkaschen 
Charakter angehören, der sich in bewußten Handlungen, Gedanken und 
Worten äußerte, sondern es werden Elemente, die dem Bewußtsein des 
Dichters ganz oder teilweise entzogen waren, eine große Rolle spielen. 

Wir müssen daher den mit solchen Untersuchungen nicht vertrauten 
Leser warnen, etwa zu glauben, daß durch diese Untersuchungen der „eigent- 
liche Kafka" ans Licht käme, während die auf Grund nichtanalytischer 
Anschauung erfaßte, bewußtseinsnähere Gestalt des Dichters nur eine trüge- 
rische Maske sei. 

Es kommt nicht in Frage, daß wir das Charakterbild Kafkas, wie es 
seine Freunde und Bekannten sich bildeten, korrigieren. Wir erforschen 
vielmehr eine Schicht seines Wesens, die eben nur der analytischen Be- 
trachtung zugänglich ist, und die bei den meisten Menschen dauernd im 
Dunkel bleibt. Wir wollen diesem Umstand, daß unsere Aussagen sich auf 
ein der gewöhnlichen biographischen Forschung nicht angehöriges Objekt 
beziehen, um Mißverständnisse nach Kräften auszuschließen, auch äußer- 
lich Rechnung tragen und werden die Persönlichkeit, deren unbewußte 
Seelenschichten wir zu erforschen suchen, mit dem Decknamen „K. be- 
zeichnen, mit dem Kafka die Helden seiner Romane meistens benannte. 












Fran= Kafkas Inferno ä3 



Efin Bericht für eine Akademie 

In der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie" läßt Kafka einen 
„gewesenen Affen" die Geschichte seines Eintritts in die Menschen weit dar- 
stellen nebst Vorgeschichte, Randbemerkungen und einem Überblick über 
seine gegenwärtige Artistenexistenz. 

Auf dem Transportschiff, das ihn von der 'Goldküste, wo er eingefangen 
wurde, nach Europa trägt, führt er in einem engen Käfig ein qualvolles Dasein : 

„Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn 
konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand — ich wäre unweiger- 
lich verreckt. Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand — nun, 
so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein klarer, schöner Gedankengang . . .'" (Bericht, 161.) 

In Konsequenz dieses Gedankens übt er sich in der Nachahmung der 
Menschen. Der entscheidende Schritt vom Affentum zum Menschendasein 
geschieht, indem der Affe es lernt, Schnaps zu trinken, und zwar aus der 
Flasche, wie es die Matrosen tun. Dies glückt erst nach vielen vergeblichen 
Versuchen, die vor allem durch den Ekel des Tieres vor dem Schnaps er- 
schwert werden. 

„Der Geruch peinigte mich; ich zwang mich mit allen Kräften; aber es 
vergingen Wochen, ehe ich mich überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die 
Leute merkwürdigerweise ernster als irgendetwas sonst an mir. " (Bericht, 174.) 

Die Schilderung dieser Bemühungen, das Schnapstrinken zu erlernen, 
nimmt einen breiten Raum in dem Bericht ein und ist in einer Sprache 
gegeben, deren zupackende Kraft und dramatische Spannung keinen Zweifel 
darüber lassen, daß es sich hier um Entscheidendes handelt. 

Diese Szenen bilden einen Anknüpfungspunkt für die psychologische 
Interpretation; denn der Alkoholgenuß hat eine ganz allgemeine symboli- 
sche Bedeutung. Das „Trinkenkönnen", die Trinkfestigkeit, wie wir sagen, 
ist im Bewußtsein unseres Volkes eine charakteristische Fähigkeit des dem 
Knabenalter entwachsenen Mannes. Der Abschiedskommers der Abiturienten, 
die Biergelage der studentischen Verbindungen, die Liebesmahle der Offi- 
ziere, der Wirtshausbesuch des konfirmierten Schulentlassenen sind Initiations- 
riten und bedeuten die Aufnahme in die männliche Gemeinschaft. Selbst 
unzweifelhafte Exzesse werden — wenn man sie auch öffentlich tadelt — 
doch unter der Hand mit verständnisvoll lächelnder Nachsicht beurteilt, 
so daß die Haltung, die man dem Alkoholgenuß gegenüber einnimmt, 
deutlich an diejenige erinnert, die man gegenüber dem Geschlechtsgenuß 
zur Schau trägt. 






JA HcIIhiiiiIi Kniser 



Nehmen wir einmal an, daß die Bedeutung des Alkoholgenusses — näm- 
lich ein Kennzeichen und Ausdruck der Männlichkeit zu sein — nicht zu- 
fallig ist für die Betonung des Schnapstrinkens in dem Bericht des Affen, 
so können wir sagen, daß dem Eintritt des Affen in die menschliche 
Gesellschaft — deutungsweise — der Eintritt K.s in die männliche Ge- 
sellschaft entspreche. Wir werden diesen Gedanken nun weiter verfolgen 
und es von seiner Zusammenstimmung mit weiteren Einzelheiten abhängig 
machen, ob wir ihm definitive Anerkennung gewähren wollen. 

Ist der Ausweg, ein Mensch zu werden, psychologisch deutbar als der 
Wunsch, ein Mann zu werden, so muß der qualvolle Aufenthalt im Käfig 
dem qualvollen Zustand entsprechen, in dem sich jemand befindet, der 
nicht Mann ist und es doch aus irgendeinem Grunde nötig hat, Mann 
zu sein. 

Um herauszubekommen, um was für einen Zustand es sich da handelt, 
verfolgen wir die Geschichte des Affen rückwärts, bis wir erfahren, auf 
welche Weise er in den Käfig hineinkam : 

„Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck . . . lag im Ufergebüsch auf dem 
Anstand, als ich am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß ; 
ich war der Einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse." (Bericht, 152.) 

Mit dem „ersten Schuß", der den Affen in die Backe traf, können wir 
vorläufig nichts anfangen. Wir gehen daher gleich zu dem zweiten über: 

„Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat 
es verschuldet, daß ich noch heute ein wenig hinke." (Bericht, 155O 

Hier bietet sich die Möglichkeit einer Anknüpfung. Ein Schuß, dessen 
Einschlagstelle auffällig unbestimmt durch die Worte „unterhalb der Hüfte" 
beschrieben wird, könnte es in der Tat bewirken, daß ein an und für sich 
männliches Individuum genötigt ist, sich um Männlichkeit zu bemühen — 
ein solcher Schuß könnte nämlich das Genitale getroffen haben. 

Der Schuß bewirkt ein Hinken. 

Nun dient das „Hinken in der Symbolik der Mythen, Sagen und Dichtun- 
gen zur Andeutung einer im Sinne der Kastration wirkenden Schädigung. 
Man denke etwa an ödipus, Hephästus und Tollers „Hinkemann". 

Unsere Vermutung findet nun gleich eine neue Stütze, wenn wir den 
Text der Erzählung weiter verfolgen; es heißt da: 

„Letzthin las ich in einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, 
die sich in den Zeitungen über mich auslassen: Meine Affennatur sei noch nicht 
ganz unterdrückt; Beweis dessen sei, daß ich, wenn Besucher kommen, mit 
Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen. Dem 



Frans Kafkas Infe 



«5 



Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. 
Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem es mir behebt. Man wird dort 
nichts finden als einen wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem . . . frevel- 
haften Schuß. . . . würde dagegen jener Schreiber die Hosen ausziehen wenn 
Besuch kommt, so hätte dies allerdings ein anderes Ansehen ..." (Bericht, 155.) 

Daß man bei ihm, dem Affen, „nichts finden wird als einen wohl- 
gepflegten Pelz und die Narbe", also nichts, was das Schamgefühl verletzen 
könnte, während es bei dem „Schreiber" ein „anderes Ansehen" hätte, läßt 
sich kaum anders verstehen, als daß er, der Affe, im Gegensatz zu jenem 
Schreiber das Genitale nicht mehr besitzt; denn der Anblick des Genitales 
dürfte wohl in erster Linie das sein, was Anstoß erregt. 

Einen weiteren Hinweis gibt die Strafe, die der Affe dem Schreiber zu- 
denkt. Das, was dem Genitale des Affen geschehen ist, soll den Fingern 
an der Hand des Schreibers geschehen, nämlich, sie sollen abgeschossen 
werden! Der Finger ist ein Ersatz für den Penis; der Plural entspricht 
einer Intensivierung, wie es in unserer Umgangssprache gebräuchlich ist, 
wenn wir etwa sagen: bitte tausendmal um Verzeihung! 

Es muß auffallen, daß der Affe den Schreiber durch Kastration strafen 
will, aber sich doch offenbar seiner eigenen Kastriertheit rühmt. Auf das 
hierin liegende Problem werden wir später zurückkommen. Zunächst wollen 
wir uns darüber klar werden, wie wir das Kastrationserlebnis des Affen in 
unserer psychologischen Interpretation verwenden wollen. 

Ein solches Erlebnis ist nun in der psychoanalytischen Forschung wohl- 
bekannt. Wenn das männliche Kind den ersten Höhepunkt seiner Sexual- 
entwicklung erreicht hat, was etwa um das Ende des dritten Lebensjahres 
der Fall zu sein pflegt, erlebt es jede Einschüchterung seiner sexuellen 
Strebungen als eine Bedrohung seines Geschlechtsgliedes — als eine Kastra- 
tionsdrohung. Die sich summierenden Wirkungen mehrerer solcher Erlebnisse 
führen dann zur Verdrängung der auf das Genitale konzentrierten Libido 
und somit zum Eintritt der sogenannten Latenzperiode. 

Hiermit stimmt es gut zusammen, wenn es in dem „Bericht", S. 156, heißt: 

„Nach jenen Schüssen erwachte ich — und hier beginnt allmählich meine 
eigene Erinnerung . . . 

Der zweite Teil dieses Satzes lehrt uns, daß für die ganze der Gefangen- 
nahme voraufgehende Zeit Amnesie besteht, und dies trifft mit geringen 
Ausnahmen tatsächlich für das kindliche Leben vor der Latenzzeit zu. 

Der erste Teil des Satzes läßt uns schließen, daß der Affe durch die 
Schüsse das Bewußtsein verlor. Auch diese — scheinbar unwesentliche — 






4b 



I Ii'llmutli K/iimt 






Tatsache gestattet eine Deutung, und zwar eine, die für das Verständnis 
des Gesamtzusammenhanges der Erzählung von Wichtigkeit ist. 

Das Ohnmächtigwerden und Wiederaufwachen des Helden ist nämlich, 
ein nicht nur von Kafka angewandtes Symbol der Dichtung und bedeutet 
etwa so viel wie das Fallen und Wieder-in-die- Höhe-Gehen des Vorhanges in 
einem Theaterstück. 1 Dieses will nämlich sagen, daß hier eine längere oder 
kürzere Zeit als verstrichen gedacht werden muß, in der gleichwohl nichts 
Erzählenswertes geschehen ist; so daß nun, nach dieser Zeit, die Handlung 
sozusagen da wieder ansetzen muß, wo sie abgebrochen wurde. Psychologisch 
gesehen heißt das: Es ist zwar Zeit vergangen, aber die Problematik ist 
dieselbe geblieben, oder, anders ausgedrückt, wir befinden uns (nach der 
Ohnmacht) zwar auf einer anderen der historisch aufeinanderfolgenden 
Seelenschichten — aber an einer analogen Stelle. 

Diese Symbolübersetzung ergibt — wie wir gleich sehen werden — in 
unserer Erzählung einen guten Sinn : Es ist wohl einleuchtend, daß der 
durch die Deutung zu entschleiernde, dem Dichter unbewußte Gehalt einer 
Dichtung, unbeschadet seiner Unbewußtheit, irgendwie mit dem aktuellen 
Leben des Dichters zu tun haben muß. So gehört das Problem K.s: „wie 
werde ich ein Mann?" — dargestellt durch das Problem des Affen: „wie 
werde ich ein Mensch?" — sicher in die Zeit, in der die Erzählung ent- 
stand, hinein. Um nun die Entstehungsgeschichte seiner Notlage (d. h. der 
Unvollkommenheit seiner Genitalität) zu erzählen, greift K. — in Über- 
einstimmung mit den Erfahrungen der Psychoanalyse, die genitale Störungen 
bis in die Infantilität verfolgt, — auf seine Kinderzeit zurück und weist 
auf den Kastrationsschock hin, der offenbar bei K. besonders heftig ausfiel. 
Nach dem — traumatisch wirkenden — Kastrationsschock trat zunächst die 
Latenzperiode ein, in der sich die besondere Heftigkeit jenes Schocks nicht 
unmittelbar in Gestalt einer Störung der genitalen Sexualität auswirken 
konnte, da in dieser Zeit ja ohnehin die Sexualität verdrängt ist. Erst nach 
dem Wiedererwachen der Sexualität in der Pubertätszeit machte sich — 
wie wir annehmen müssen — die Störung der Genitallibido bemerkbar. 

Nun verstehen wir, was das Ohnmächtig werden und Wiedererwachen des 
Affen bedeutet. In der Erzählung geht die symbolische Darstellung des 
Kastrationsschocks (Schüsse) der Schilderung der Sexualnot (Käfig-Qual) 
unmittelbar voran, denn das Verdrängte bleibt — vergleichsweise — un- 
berührt von der Zeit; gleichwohl aber gehört das Kindheitserlebnis einer 

1) Soweit nämlich die „Pause" nicht nur den Wechsel der Szenerie technisch er- 
möglichen soll. 



Frans Kafkas Inferno Aj 



älteren (wohl mindestens um anderthalb Jahrzente älteren) Seelenschicht 
an als die aktuelle Not, und diese Zeitlücke wird durch die Ohnmacht 
angedeutet. 

Nachdem wir uns so über die Bedeutung des zweiten Schusses verständigt 
haben, wollen wir versuchen, auch die des ersten zu erklären. Sehen wir 
uns zuerst wieder den Text an: 

„Einen in die Wange; der war leicht; hinterließ aber eine große, ausrasierte 
Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, förmlich von einem 
Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so, als unterschiede ich mich 
von dem unlängst krepierten, hie und da bekannten Affentier Peter nur durch 
den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei." (Bericht, 152.) 

Der Name Rotpeter erinnert an das Kinderspiel „Schwarzer Peter". Dies 
Spiel besteht bekanntlich darin, daß nach Verteilung der Karten der Reihe 
nach jeder von seinem Nachbar eine Karte „zieht" und die paarweise zu- 
sammengehörenden Karten, wie Kaiser und Kaiserin, Bauer und Bäuerin, 
Müller und Müllerin usw. ablegt. Zuletzt bleibt einem der Kinder eine 
Karte, zu der es keine dazugehörige gibt, der sogenannte „Schwarze Peter" 
(gewöhnlich eine greuliche Mohrenfigur) in der Hand. Das Kind wird als 
„Schwarzer Peter" verhöhnt und bekommt mit Kohle einen Schnurrbart 
ins Gesicht gemalt. 

Der aufgemalte Schnurrbart verspottet das Männlichkeitsstreben des Kindes: 
„Du willst erwachsen sein und einen Bart haben wie der Vater, dein Bart 
ist aber nur ein scheinbarer und bedeutet zugleich eine Beschmutzung zum 
Zeichen, daß du noch ein schmutziges Kind bist; also bist du so wenig 
paarungsfähig wie die Karte, die dich kennzeichnet." Das ist der grausame 
Sinn dieses Spieles, das, wenn es sich um kleine Kinder handelt, oft genug 
und begreiflicherweise einen Tränenstrom bei dem „Schwarzen Peter" auslöst. 

Nach dem Sinn dieser Parallele würde also der erste Schuß auch wieder 
eine Kastrationsdrohung bedeuten, nur daß die Angriffsrichtung von unten, 
vom Genitale, nach oben auf die Wange verschoben ist. Solche „Verschie- 
bungen nach oben" sind bei der Darstellung unbewußter Erlebnisse überaus 
häufig und stehen im Dienst einer Verhüllungstendenz. — Hier soll wohl 
auch die relative Unbedeutendheit des ersten Schocks durch die Verschiebung 
angedeutet werden. Die Gereiztheit, die der „gewesene Affe" über den ihm 
angehängten Namen Rotpeter zeigt, und die seiner Verachtung für den Affen 
Peter entspringt, hängt — wie es scheinen will — wieder mit dem uns 
vorläufig noch rätselhaften Umstand zusammen, daß der Verfasser des Be- 
richts auf seine Kastriertheit stolz ist. Was ihn von jenem dressierten 






^S rli'Iiiiiuth Kaiii'i' 



Affen unterscheidet, ist — so will er sagen — nicht nur der rote Fleck, 
auf der Wange, sondern er trägt — wie wir ergänzen können — noch eine 
andere, bedeutungsvollere Narbe. 

Über den realen Anlaß jener Sexualeinschüchterung, die als Kastrations- 
drohung wirkte, wollen wir erst später eine Vermutung anstellen. Ihre Folge 
war, daß — nach dem Text der Erzählung — der Affe gefangengenommen, 
an Bord gebracht und in einen engen Käfig gesperrt wurde. Im Sinn der 
Deutung heißt das, daß der erwachsene K. infolge seiner Kindheitserlebnisse 
an einer Sexualhemmung litt und durch die Stauung der Libido, der keine 
Abfuhrmöglichkeit gegeben war, gequält wurde. Wahrscheinlich waren diese 
Qualzustände auch von schweren Minderwertigkeitsgefühlen begleitet; dafür 
spricht das dick aufgetragene Selbstbewußtsein des Affen, das eine Über- 
kompensation der Selbstverachtung andeutet. 

Wir kommen nun, in der Lebensgeschichte des Affen vorschreitend, 
wieder zu dem „Ausweg", der ihn aus seiner Zwangslage befreit. Das Er- 
lernen des Schnapstrinkens ist zwar — wie wir jetzt wohl mit einiger Sicher- 
heit sagen dürfen — ein Symbol für das Mannwerden oder wenigstens für 
eine Kompensation der fehlenden Männlichkeit, aber es ist doch keines- 
wegs das einzige Symbol, das hier in Betracht kam, und so sind wir auch 
berechtigt, den Umstand, daß gerade dieses gewählt wurde, inhaltlich aus- 
zudeuten . 

Wie aus unserem Zitat (S. 43) hervorgeht, ist der Schnapsgenuß dem 
Affen ekelhaft. Schon der Geruch des Fusels widersteht ihm. Dem Ekel 
entspricht bekanntlich immer eine verdrängte Lust, die ekelhafte Sache 
mit dem Munde zu berühren oder zu verschlucken, sie zu riechen oder 
zu schmecken. — Das Schnapstrinken muß also den Affen an einen anderen, 
früheren Genuß erinnern, der später mit Hilfe des Ekels verdrängt wurde. 
Dieses Übergehen der Lust in Ekel finden wir — und zwar gerade bei 
einem Fall von Alkoholgenuß — in einem anderen Werke Kafkas unmittelbar 
dargestellt. 

„Wie es sich beim Trinken verwandelte, aus etwas, was fast nur Träger 
süßen Duftes war, in ein kutschermäßiges Getränk." (Schloß, 201.) 

Dasjenige, was den kleinen Kindern lustvoll ist und was ihnen später 
ekelhaft wird, ist aber Kot und Urin. Da es sich hier um das Trinken 
einer Flüssigkeit handelt, könnte nur Urin in Frage kommen. — Was 
leistet aber eine solche Deutung für das Verständnis der Tatsache, daß 
das Trinken der Menschwerdung des Affen oder der Mannwerdung K.s 
dient? 









Frans Kailtas Inferno An 



Wir müssen uns hier daran erinnern, daß der Affe den kastrierenden 
Schuß erhielt, als er eines Abends „zur Tränke lief". Diese Angabe ist 
gewiß keine zufällige, d. h. keine bloße Zeitbestimmung. Wir wollen uns 
getrauen, aus dieser zeitlichen Koinzidenz in der Erzählung in der Deutung 
ein „propterhoc" zu machen und behaupten, daß der Kastrationsschock wegen 
dieses Zur-Tränke-Laufens oder dieses Trinken wollens erfolgte. Daraus ergibt 
sich dann weiter, daß dieses „Trinkenwollen einen genitalsexuellen Sinn 
gehabt haben muß. Ja, es scheint nicht zu kühn, anzunehmen, daß K. 
schon in der Kindheit die Vorstellung hatte, daß man durch „Trinken" 
zum Manne werden könne. Dieser Trinkversuch muß nun für die Erwach- 
senen den Charakter einer „Unart" gehabt haben, so daß von ihrer Seite 
ein schroffes Verbot ausgesprochen, vielleicht sogar eine Strafe verhängt wurde. 
Als nun beim erwachsenen K. die Folgen jener Einschüchterung in Gestalt 
einer Sexualstörung, einer Neurose, fühlbar wurden, und er den Mangel 
eigener Männlichkeit empfand, muß er in einer unbewußten Phantasie auf jene 
alte Vorstellung vom Männlichkeitserwerb durch Trinken zurückgekommen 
sein, indem er sozusagen an derselben Stelle seine Sexualentwicklung wieder 
aufnahm, wo er sie auf den Kastrationsschock hin unterbrechen mußte. 

Nun wird man aber immer noch den Zusammenhang von „Trinken", 
„Männlichkeitserwerb" und „Urin" vermissen. Diesen Zusammenhang liefern 
uns zwei dem Kindheitsalter eigentümliche Theorien. Die eine ist die in- 
fantile Sexualtheorie, wonach der Urin das Genitalprodukt ist, das der Mann 
beim Geschlechtsverkehr in die Frau hinein-entleert. Die andere ist die 
dem magischen Weltbilde nahestehende Vorstellung, daß man eine Fähigkeit, 
die ein anderer besitzt, erwerben kann, wenn man diesen anderen oder 
auch nur dasjenige seiner Organe, an das die betreffende Fähigkeit geknüpft 
ist, verschlingt. Nimmt man diese beiden Theorien zusammen, so ergibt 
sich der Satz, daß man Männlichkeit erwerben kann, wenn man den Urin 
aus dem väterlichen Penis saugt. 

Wenn wir am Anfang unserer Betrachtungen auf den Zusammenhang 
der Trinksitten mit der Schätzung der Männlichkeit hinwiesen, so waren 
wir vielleicht von diesem letzten Resultat nicht so weit entfernt, wie es 
scheinen möchte. Wir brauchen uns nur zu erinnern, daß die Studenten- 
kommerse Vorbilder in der nordischen Götter- und Heldensage finden, bei 
denen das feierliche Trinken, insbesondere das Wetttrinken aus Hörnern 
geschieht, und daß das Hörn ein phallisches Symbol ist. 

In der Schilderung der Trinkübungen des Affen findet sich folgende 
Stelle, die unsere Deutung stützen kann: 

Imaeo XVII. 4 



5o Helliuiilli Kaiser 



„. . . er (sc. der Lehrmeister des Affen, ein Matrose) freut sich, setzt die Flasche 
an und macht einen Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, 
verunreinige mich in meinem Käfig, was wieder ihm große Genugtuung macht. " 
(Bericht, 176.) 

Diese Verunreinigung — wir nehmen an, daß K. an urinieren gedacht hat — 
geschieht aus Ungeduld, d. h. sie ist eine Vorwegnahme; und zwar nimmt 
sie die Betätigung vorweg, zu der das Schnapstrinken den Affen befähigen 
soll: die phallische. Es ist bekannt, daß das männliche Kind das Urinieren 
als einen Beweis seiner Männlichkeit betrachtet. 

Wir hatten gesehen, daß das Affen tum — offenbar wegen der sogenannten 
Affenabstammung des Menschen — ein im Gegensatz zu der voll entwickelten 
Männlichkeit des Erwachsenen infantileres Entwicklungsstadium darstellt; 
und wir haben diese Infantilität K.s auf eine Entwicklungsstörung zurück- 
geführt, die ihrerseits durch Triebverdrängungen bedingt war. Wir verstehen, 
daß infolge dieser Verdrängungen auch solche infantilen Lustquellen zu- 
samt der gegen sie gerichteten Abwehrmaßnahmen (Ekel) voll erhalten 
blieben, die bei einem normal entwickelten Erwachsenen nur eine unbe- 
deutende Rolle spielen. Daher hat der „Affe", der sich wie ein Mensch 
benehmen will, eine Ekelschranke zu durchbrechen. 

Wie gestaltet sich nun das weitere Schicksal des Affen? Im wesentlichen 
gelingt sein Vorhaben. Er lernt es zu trinken, und nachdem er die erste 
Schnapsflasche zur grenzenlosen Bewunderung der Schiffsbesatzung kunst- 
gerecht geleert hat, „bricht er" in einer Art Siegesrausch „in Menschen- 
laut aus und ruft Hallo! — In Hamburg einem Dresseur übergeben, sieht 
er sich vor der Wahl zwischen dem Zoologischen Garten, wo ihn nur ein 
neuer Gitterkäfig erwartet, und dem Varietö, wo er sein eigener Herr werden 
kann; und wählt das letzte. 

„Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, 
wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt sich 
selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand." 
(Bericht, 183.) 

So der Weg! — Nun das Erreichte: 

„Überblicke ich meine bisherige Entwicklung, so klage ich weder, noch 
bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem 
Tisch, liege ich halb, halb sitze ich in dem Schaukelstuhl und schaue aus dein 
Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario 
sitzt im Vorzimmer; läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. 
Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde 
Erfolge." (Bericht, 186.) 



Frans Kafkas Infei 



Das Leben, das der Affe sich unter verzweifeltem Kräfteeinsatz geschaffen 
hat, ist ein Artisten dasein. Allein, vereinzelt, steht er auf der Variet^bühne 
der Masse der Schauenden gegenüber, die er durch seine Leistungen ver- 
blüfft. Diese Leistungen und die Anerkennung, die sie finden, sind es auch 
nur, die ihm die Kraft zu der stolzen Resignation geben, mit der er sein 
Dasein — dem die Zufriedenheit fehlt — klaglos erträgt. — Denn voll ist sein 
Ziel nicht erreicht. Er ist nicht ganz und gar Mensch geworden, trotz der 
„Durchschnittsbildung eines Europäers", trotz der Anhäufung von Wissen 
und trotz der „kaum mehr zu steigernden Erfolge". — Die folgende Stelle 
schließt sich unmittelbar unserem letzten Zitat an: 

„Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, 
aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halb- 
dressierte Schimpansin, und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. 
Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten, 
dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht er- 
tragen." (Bericht, 187.) 

Man sieht, trotz aller intellektuellen Leistungen ist das Triebleben äffisch 
geblieben. Hier klafft eine Lücke. Die Persönlichkeit ist gespalten. 

Wir brauchen nicht viel hinzuzusetzen, um aus diesem Affenschicksal 
die Deutung zu gewinnen. Durch keine noch so gewaltige Anstrengung 
des Willens kann der Triebgestörte zu dem Leben eines vollentwickelten 
Menschen gelangen. Nachahmung bleibt Nachahmung. Diese Nachahmung 
ist ja nicht das freudige Sichaneignen eines Verhaltens, das der eigenen 
Natur gemäß ist : 

„Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; 
ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund." 
(Bericht, 18a.) 

Es ist ein gewaltsamer Versuch, sich aus einer Zwangslage zu befreien. 
Menschen, die an Entwicklungshemmungen leiden, pflegen zu sagen: „Ich 
tue so, als wäre ich wie die anderen. Ich spiele Theater, wenn ich wie 
ein Erwachsener rede und handle. 

Freilich gibt es auch in einem solchen Leben Befriedigungen: 

„Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten 
ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich." (Bericht, 185.) 

Ja, es ist nur ein Ausweg, den der Affe, den K. gefunden hat — 
nicht „dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten". — „Als Affe 
kannte ich es vielleicht" — geht es im Text weiter — „und ich habe 
Menschen kennengelernt, die sich danach sehnen." (Bericht, 162.) 



52 



Hellmuth Kaiser 



Aber das Merkwürdige ist, daß der Ausweg dem Affen lieber ist, als 
jene „Freiheit nach allen Seiten". 

„Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute." 
(Bericht, 181.) 

„Freiheit" bedeutet ja hier offenbar, der Käfig-Qual enthoben zu sein, 
den Druck der unbefriedigten Triebe nicht zu spüren — zufrieden zu sein, 
mit einem Wort. Der „Ausweg aber ist der schmale und steile Weg zu 
einem künstlichen, gesteigerten, schwierigen, auf Triebsublimierung beruhen- 
den Dasein, in dem man des Triebdrucks niemals ledig, zu außerordent- 
lichen Leistungen genötigt und befähigt ist. Es ist das Dasein eines Künstlers, 
der keine Zufriedenheit kennt — sich über das Schicksal aber auch nicht 
beklagt, weil er die Zufriedenheit ja gar nicht will. — Wie würde denn 
die Freiheit aussehen? 

„Oft habe ich in den Varietes vor meinem Auftreten irgendein Künstler- 
paar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich 
sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug 
den anderen an den Haaren mit dem Gebiß. ,Auch das ist Menschenfreiheit', dachte 
ich, .selbstherrliche Bewegung'. Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau 
würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick." 
(Bericht, 163.) 

Dies Schaukeln und Sich-in-die-Arme-Schweben ist eine symbolische Dar- 
stellung der normalen Triebbefriedigung, aber zugleich auch ihre Verspottung. 
Der seelisch komplizierte, in stetem inneren Kampf gespannte Künstler ver- 
achtet die Monotonie im Leben des einfachen, seinen Trieben folgenden 
Menschen, mag diese Verachtung auch mit Neid gemischt sein. 

Und nun verstehen wir, warum der Affe seiner körperlichen Verstüm- 
melung gegenüber ein so ambivalentes Verhalten zur Schau trägt, warum, 
wenn er den Schuß, der ihn kastrierte, einen „frevelhaften" nennt, er die 
Worte einschaltet: „. . . wählen wir hier zu einem bestimmten Zweck ein 
bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden wolle." (Bericht, 154.) 
Er erkennt, daß diese körperliche Beeinträchtigung die Bedingung seiner 
ungewöhnlichen Leistungen ist, und in diesem Sinn legt er Wert auf die 
„Narbe in seinem wohlgepflegten Pelz", die ihn von dem Journalisten unter- 
scheidet und ihn zu einem exhibitionistischen Verhalten berechtigt, das 
jenem verwehrt ist. Der andere ist eben nur ein Journalist geworden, er 
selber aber ist ein Künstler. 

Die Mischung von äffischen und menschlichen Zügen in dem Verfasser 
des „Berichts" zeigt genau das Bild des hochbegabten aber entwicklungs- 



Frans Kai Las Inferno 53 



gehemmten — neurotisch erkrankten Menschen eines bestimmten Typs. 
Die intellektuellen Leistungen überragen durchaus den Durchschnitt, die 
beruflichen und gesellschaftlichen Beziehungen zu Menschen beruhen auf 
Routine und geschickter Nachahmung, das Triebleben, insbesondere das 
Sexualleben, ist äffisch, d. h. unentwickelt geblieben. Der Mangel reifer, 
normaler Männlichkeit ist teilweise kompensiert, aber nicht behoben. 

Dies noch sehr lückenhafte, noch sehr schematische Bild von der Pro- 
blematik der K. sehen Seele werden wir nun durch die Ausdeutung einer 
zweiten Erzählung zu ergänzen suchen, die, so wenig das bei ihrer Lektüre 
zunächst in die Augen springen mag, mit dem Bericht des Affen mancherlei 
Verwandtschaft hat. 



Die Verwandlung 



Die Erzählung „Die Verwandlung" beginnt damit, daß der Held, ein 
junger Handlungsreisender, eines Morgens, als er gerade im Begriffe ist, 
sich in Erfüllung seiner Berufspflichten auf eine Geschäftsreise zu begeben, 
beim Aufwachen entdeckt, daß er in ein häßliches, unappetitliches Insekt 
(etwa in eine Wanze, von freilich übernatürlicher Größe) verwandelt 
worden ist. 

Eine Ursache dieser Verwandlung, aus der man etwa ihre Symbol- 
bedeutung herleiten könnte, wird nicht genannt. Wir werden daher ihre 
Wirkungen, die Veränderungen, die sie hervorruft, studieren, um daraus 
auf ihren Sinn zu schließen. 

Dem Eintritt der Verwandlung geht ein Zeitraum von fünf Jahren vor- 
aus, innerhalb dessen sich an dem Helden, Gregor Samson und an seiner 
elterlichen Familie, in der er lebt, eine stetige, immer im gleichen Sinn 
verlaufende Entwicklung vollzieht. Eingeleitet wird diese Entwicklung durch 
den Zusammenbruch des väterlichen Geschäftes, der eben um fünf Jahre 
dem Anfang der Erzählung vorausgeht. Dieses Ereignis veranlaßt Gregor, 
sich mit verdoppeltem Eifer seiner Berufstätigkeit hinzugeben, so daß er bald 
vom Kontoristen zum Reisenden avanciert, seine Einnahmen vermehrt und 
der Erhalter und Ernährer seiner Eltern und seiner Schwester wird. Die 
Mutter war wegen eines körperlichen Leidens immer schon untätig gewesen, 
der Vater versinkt, offenbar von seiner wirtschaftlichen Niederlage seelisch 
schwer getroffen, in einen Zustand physischer und psychischer Lethargie, in 
dem er sein Äußeres vernachlässigt, viel schläft, teilnahmslos vor sich hin- 
dämmert und meistens ruht. Die Schwester sorgt mit Hilfe eines Dienst- 



5< 



Hellmuth Kaiser 



mädchens für die Wirtschaft und widmet sich im übrigen ihrem Geigenspiel. 
Der Sohn, Gregor, dessen Ehrgeiz mit seinem Erfolge wächst, geht in der 
Sorge für die Familie schließlich so weit, daß er den Entschluß faßt, die 
Schwester aufs Konservatorium zu schicken, obwohl er sich deswegen in seiner 
geschäftlichen Bewegungsfreiheit würde einschränken müssen. Er nimmt sich 
vor, der Schwester diesen Plan am Weihnachtsabend — der beim Beginn 
der Erzählung kurz bevorsteht — zu verkünden, „ohne sich um irgend- 
welche Widerreden" (Verwandlung, 63.) zu kümmern. 

Nun tritt die Verwandlung ein. Gregor wird arbeitsunfähig und stirbt 
schließlich nach ein paar Monaten einen freiwilligen Hungertod, nachdem 
er eingesehen hat, daß er in diesem Zustande seiner Familie ein Grauen 
und eine schwere Last und Sorge ist. 

Die Wirkung dieses Ereignisses auf die Familie ist die folgende: Die 
Schwester nimmt eine Stellung in einem Büro an, die Mutter näht 
Wäsche für ein Modengeschäft, der Vater wird Diener bei einer Bank. 
Die Geschichte endet mit einem gemeinsamen Ausflug von Vater, Mutter 
und Tochter, bei dem die wirtschaftliche Lage der Familie erörtert wird 
und sich als relativ sehr günstig herausstellt. Die letzten Sätze gelten 
hoffnungsvoll aufkeimenden Wünschen für eine glückliche Versorgung der 
„schönen und üppigen" Tochter durch Heirat mit einem „braven Mann". 

Am auffälligsten aber ist die Veränderung, die im Laufe der Erzählung 
mit dem Vater vorgeht. Fast eine ganze Seite (49) ist ihrer Beschreibung 
gewidmet. Aus einem alten Manne, der meistens einen Schlafrock trägt, 
sich kaum allein vom Sessel erheben kann und beim mühseligen Gehen 
einen Krückstock benutzt, wird ein „gut aufgerichteter", in eine „straffe 
blaue Uniform" gekleideter Bankbeamter, dessen Blick unter buschigen 
Augenbrauen frisch und aufmerksam hervordringt, der das sonst „zerzauste 
weiße Haar zu einer peinlich-genauen, leuchtenden Scheitelfrisur nieder- 
kämmt" und sein Doppelkinn über einem hohen steifen Kragen trägt. 
(Verwandlung, 49.) 

Der Verlauf der Ereignisse ist also, zusammengefaßt, der, daß der Sohn 
an der beruflichen Niederlage des Vaters erstarkt, durch seine Tüchtigkeit 
den Erwerbssin und die Selbstachtung seines Vaters lähmt und schließlich 
in der Familie die Stellung des Vaters einnimmt, während dieser zu einem 
unselbständigen, hilflosen und pflegebedürftigen Wesen herabsinkt. — Nach 
der katastrophalen Verwandlung, die der Geschichte ihren Namen gegeben 
hat, vollzieht sich genau die umgekehrte Entwicklung; der Vater nimmt 
seine Stellung als Familienoberhaupt wieder ein, und der Sohn sinkt zum 



Franz Kafkas Inferno 55 



unnützen Ballast herab, bis er durch seinen freiwilligen Tod die Familie 
erlöst. 

Die Erzählung schildert also den Kampf zwischen Sohn und Vater wie 
er dem Ödipuskonflikt entspringt. Und zwar werden zwei Phasen dieses 
Kampfes hart gegeneinander gesetzt, eine erste, in der der Sohn im Vorteil 
ist, und eine zweite, in der der Vater den Sohn besiegt. Zwischen den beiden 
Phasen steht als die Grenze oder richtiger als das den Entwicklungssinn 
umkehrende Ereignis die Verwandlung. 

Natürlich bedeutet die Verwandlung des Sohnes — psychologisch be- 
trachtet — kein äußeres Ereignis, sondern einen inneren Wechsel der Trieb- 
richtung. Sie ist eine Art Selbstbestrafung für das vorangehende, gegen den 
Vater gerichtete Konkurrenzstreben, ein Sich-Zurückziehen aus der an- 
spruchsvollen genitalen Position. 

Das Wort „Strafe" scheint nicht angemessen zu sein, da doch der Sohn 
nichts anderes getan hat, als was ein reges Verantwortungsgefühl für die 
Familie einem jeden an seiner Stelle vorgeschrieben hätte. 

Allein wir müssen damit rechnen, daß feindselige Gefühle gegenüber 
dem Vater, eben wegen ihrer Strafwürdigkeit, in der Erzählung nicht offen 
zum Ausdruck gelangen durften. Sehen wir recht genau zu, so können 
wir noch ihre verhüllten Spuren auffinden. Wenn nämlich auch das 
Handeln des Sohnes sowohl vor wie nach der Verwandlung so geschildert 
wird, daß ihn keinerlei Vorwurf treffen kann, 1 so ist doch das Verhalten 
des Vaters von einem deutlichen Rachedurst getragen i Dies Gefühl tritt 
zutage, wenn der Vater in dem Moment, wo er Gelegenheit und äußeren 



l") Genau besehen, gibt es hievon sogar eine Ausnahme. Gregor will die Schwester 
aufs Konservatorium schicken, „ohne sich um irgendwelche Widerreden" zu kümmern. 
Das ist sozusagen sein letzter und kühnster Wille vor dem Eintritt der Verwandlung. 
Dem steht, am Ende der Erzählung, der Wunsch der Eltern, die Tochter zu ver- 
mählen, gegenüber. Wenn Gregor also die Schwester aufs Konservatorium schicken 
wollte, so geschah das nicht nur aus brüderlichem Interesse an ihrer musikalischen 
Entwicklung, sondern — wie wir eben dem gegensätzlichen Wunsch der Eltern ent- 
nehmen können — um sie durch die Bindung an einen künstlerischen Beruf an einer 
Vermählung zu hindern. Die sich hierin ausdrückende brüderliche Eifersucht auf 
die Schwester mag nun ihrerseits wieder durch eine Verschiebung der der Mutter 
geltenden Eifersucht der Ödipussituation entstanden sein. Diese Überlegung mag 
eine Stütze darin finden, daß der Entschluß Gregors, die Schwester aufs Konser- 
vatorium zu schicken, sein letzter Gedanke vor der Verwandlung ist, von dem wir 
durch die Erzählung erfahren, so daß wir annehmen dürfen, die Verwandlung werde 
durch ihn ausgelöst. Daraus folgt, daß in diesem Entschlüsse etwas zum Ausdrucke 
kommen muß, was geeignet ist, starke Schuldgefühle und somit ein starkes Straf- 
bedürfnis auszulösen. 



56 



Hellmuth Kaiser 



Anlaß hat, gegen den Sohn aggressiv vorzugehen, nicht nur „wütend" 
sondern auch „froh ist". (Verwandlung, 48.) Die verhüllende Tendenz hat 
hier bewirkt, daß die Schilderung der Haßgefühle des Sohnes gegen den 
Vater eingekleidet ist in die Schilderung der korrespondierenden Gefühle 
des Vaters gegen den Sohn. Diese Interpretation ist der Natur unserer 
psychologischen Deutung nach nicht nur eine allenfalls in Betracht 
kommende Möglichkeit, sondern geradezu eine Notwendigkeit. Denn jede 
markante Erscheinung innerhalb der Dichtung muß ihren psychologischen 
Grund in der Seele des Dichters haben, nichts Wesentliches darf als das 
zufällige Merkmal einer nun eben so gestalteten und angeblich wahrheits- 
getreu abgeschilderten „Natur" oder „Umwelt" betrachtet werden. 

Die Strafe, die sich K. durch die Verwandlung zudiktiert, hat einen 
grauenvollen, unheimlichen Charakter. Wir werden verschiedene Züge an 
ihr sondern müssen. 

Das Tier, in das sich Gregor verwandelt, ist ein Insekt, ein unappetit- 
liches, ekelerregendes Wesen. Aus den Speisen, die ihm vorgesetzt werden, 
wählt er sich das Verdorbene, Verfaulte, für Menschen Ungenießbare heraus. 
Das andere mag er nicht. Wir sehen, daß auch hier, wie in dem Bericht 
des Affen, die Tierheit ein niedrigeres, infantileres Entwicklungsniveau des 
Trieblebens bezeichnet. Es ist kein Zufall, daß das Tier hier ein Insekt ist, 
also ein Wesen, das auf der Stufenleiter der Entwicklung weit unter dem 
Affen steht. Was den Ekel betrifft, verläuft ja die Entwicklung so, daß 
zunächst eine Kotlust besteht, die gänzlich ekelfrei ist. Bei der Verdrängung 
der Kotlust entsteht der Ekel vor dem Kot. Solange die Verdrängung noch 
nicht konsolidiert ist, ist der Ekel heftig und das Objektbereich, auf das 
er sich richtet, verwaschen, da jede Kotähnlichkeit eines Genußmiltels als 
solche erkannt und aufgegriffen wird und das betreffende Genußmittel in 
das Bereich des Ekelhaften hineinzieht. Mit zunehmender Konsolidierung 
der Kotlustverdrängung werden die Grenzen, die das Ekelhafte vom Nicht- 
ekelhaften trennen, schärfer und enger, weil keinerlei Kotlust mehr die 
Verwandtschaft oder Ähnlichkeit mit dem Kote sucht. Im Sinne dieser 
Tatsachen ekelt sich der vergleichsweise höher entwickelte Affe vor dem 
Schnaps, weil seine unvollkommen verdrängte Urinlust ihn dabei an Urin 
denken läßt, während das Insekt der „Verwandlung" noch ausgesprochene 
Lust am Unreinen, Ekelhaften, also am Kot empfindet und daher die ver- 
dorbene Speise ekelfrei genießen kann. 

Nach dem, was wir uns eben überlegt haben, können wir bei der Ver- 
wandlung von einer Begression in die anale Phase sprechen. 



Frnns Knlkas Inferno &J 



Bemerkenswert ist, daß der Triumph des Sohnes über den Vater genau 
so von einem Schmutzigwerden des Vaters begleitet ist (und zwar nicht nur 
hier, sondern auch in anderen Dichtungen Kafkas), wie der Triumph des 
Vaters von einem Unreinwerden des Sohnes. Der Sohn kann sich nicht an 
des Vaters Stelle setzen, ohne daß sich der Vater an des Sohnes Stelle setzt. 
Die Unreinheit, die Analität, wird hier wie ein Dämon aufgefaßt, der, aus 
der einen Person ausgetrieben, in eine andere hineinfahren muß. 1 Die Triebe, 
die man in seinem Handeln nicht mehr zur Auswirkung kommen läßt, 
werden auf den Partner, auf den „Gegner" projiziert. 

Ein weiteres Moment an der „Verwandlungsstrafe" ergibt sich aus dem 
Verhalten des Vaters gegen den Sohn. Wie wir schon sagten, kehrt sich das 
Machtverhältnis zwischen Vater und Sohn durch die Verwandlung des Sohnes 
um. Die bisher unterdrückte Feindseligkeit und Rachbegierde des Vaters — 
das Spiegelbild des von uns erschlossenen Üdipushasses, den der Sohn gegen 
den Vater hegt, äußern sich in zwei aggressiven Akten, bei denen der Vater 
den Sohn körperlich mißhandelt. 

Die erste dieser Mißhandlungen ereignet sich, als der verwandelte Gregor 
in seiner Mißgestalt versucht, den über Gregors Ausbleiben erzürnten Pro- 
kuristen seiner Firma zu besänftigen und zu diesem Zweck sein Zimmer 
verläßt. Der Vater, von dem Entsetzen, das sowohl die Mutter wie den 
Prokuristen beim Anblick Gregors packt, angesteckt, sucht das „Insekt 
unter wütendem Zischen zurückzuscheuchen. Gregor, der in seinem neuen 
Zustand seinen Körper nur mangelhaft beherrscht, bleibt in der nur halb 
geöffneten Tür seines Zimmers stecken, seine eine Flanke reibt sich wund, 
an der weißen Tür bleiben häßliche Flecke: 

„. . . da gab ihm der Vater von hinten einen jetzt wahrhaft erlösenden starken 
Stoß, und er flog, heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein." (Verwandlung, 27.) 

Die zweite Mißhandlungsszene ist reicher an Einzelheiten : Die Schwester 
beabsichtigt, die Möbel aus Gregors Zimmer auszuräumen, um ihm dadurch 
das Herumkriechen zu erleichtern. Sie gewinnt auch die Mutter für diesen 
Plan, obwohl diese mit richtigem Instinkt zunächst dagegen Bedenken hat, 
weil ein solches Tun den Sohn glauben machen müsse, die Familie sei 
von der Unveränderlichkeit seines jetzigen Zustandes überzeugt. Gregor, der 
sich früher die Entfernung der Möbel gewünscht, empfindet die Ausräumung 



1) Vgl. Die Affennatur raste, sich überkugelnd aus mir hinaus und weg, so daß 
mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde und in eine Heilanstalt gebracht 
werden mußte." (Bericht, 184.; 



I Yv 1 1 null li Kaiser 



der ihm lieb gewordenen Einrichtungsgegenstände, da sie zur Tat werden 
soll, schmerzlich, und in dem Bestreben, wenigstens etwas zu retten, bricht 
er aus der Verborgenheit, in der er sich aus Rücksicht auf Mutter und 
Schwester hält, hervor und deckt mit seinem Leib ein Bild, das an der 
Wand hängt und eine Dame darstellt, die in Pelzhut und Pelzboa aufrecht 
dasitzend, „einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm ver- 
schwunden ist, dem Beschauer entgegenhält . (Verwandlung, 5.) Die Mutter 
fällt bei seinem Anblick in Ohnmacht. Sie liegt in Gregors Zimmer; die 
Schwester, die sich um die Mutter bemüht, läßt Gregor im Wolmzimmer, 
wohin er ihr nachgefolgt war, zurück und sperrt die Tür seines Zimmers, 
damit er ihr nicht dorthin nachfolge. Gregor, der sich nun also im Wohn- 
zimmer aufhält, wird dort vom Vater überrascht. Der, in falscher Auffassung 
von Gregors Verschulden an der Ohnmacht der Mutter, jagt den Sohn um 
den Tisch herum und bombardiert ihn schließlich mit Äpfeln: 

„. . . da flog, knapp neben ihn leicht geschleudert, irgend etwas nieder und 
rollte vor ihm her. Es war ein Apfel. Gleich flog ein zweiter nach. . . . Ein 
schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich ab. 
Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors Rücken 
ein. Gregor wollte sich weiterschleppen, als könne der überraschende, unglaub- 
liche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen. Doch fühlte er sich wie fest- 
genagelt und streckte sich in vollständiger Verwirrung aller Sinne." (Verwand- 
lung, 51.) 

Es sind zwei Mißhandlungsszenen. In der ersten Szene kommen zwei 
Verwundungen vor, in der zweiten sind es zwei Äpfel, die treffen. Diese 
mehrfach auftretende Zweizahl erinnert an die zwei Schüsse, die der Affe 
erhält, und dies bekräftigt die ohnehin naheliegende Deutung der Miß- 
handlungen als „Kastrationsakte" in jenem weiten Sinn, in dem wir das 
Wort auch bei der Besprechung des Affenberichts brauchten. 

In der zweiten Szene finden wir auch leicht deutbare Anspielungen auf 
die sexuelle Basis der ganzen Vorgänge. Das Verhalten von Mutter und 
Schwester schildert mit unheimlicher Genauigkeit das typische Verhalten 
einer wohlgesinnten Familie gegen ein neurotisch erkranktes Mitglied. „Die 
Möbel werden ausgeräumt", d. h. das Familienleben wird auf die Neurose 
hin orientiert. Man gibt dem Erkrankten eine Sonderexistenz, macht, teils 
um ihm wohlzutun, teils um besser mit ihm auszukommen, Konzessionen 
und räumt Konfliktstoffe aus dem Wege. Auch die Gefahr, die hierin liegt, 
ist in der Erzählung angedeutet: Dies Verhalten raubt dem in die Regres- 
sion Geflüchteten die letzten Beziehungen zur Realität. Dies empfindet K. 
instinktiv und, um wenigstens etwas von seinem früheren Leben zu retten. 



■ 



hau: ivntkas liilerno 09 



stellt er sich schützend — und zwar durch Verhüllung schützend — vor 
seine Beziehung zur Frau, zur Sexualität. Aus anderen Werken Kafkas kann 
man entnehmen, daß der Pelz für ihn fast immer Symbol für das weib- 
liche Genitale ist (wie dies Symbol auch im Folklore häufig angetroffen 
wird) und daß für K. als Liebesobjekt nur erotisch -aktive und aggressive 
Frauen in Betracht kommen. Diese Hinweise werden genügen, um die Be- 
deutung des „Bildes", das, wie im Anfang der Erzählung erwähnt wird, 
von Gregor aus einer illustrierten Zeitung ausgeschnitten wurde, verständ- 
lich zu machen. 

Daß es sich hier wirklich um den Ödipuskonflikt, d. h. um die Eifer- 
sucht auf den Vater der Mutter wegen handelt, geht aus dem Ende der 
zweiten Mißhandlungsszene hervor, das sich unmittelbar an unser letztes 
Zitat anschließt: 

Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines Zimmers auf- 
gerissen wurde und vor der schreienden Schwester die Mutter hervoreilte, im 
Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der Ohnmacht Atem- 
freiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater zulief und ihr auf 
dem Weg die aufgebundenen Röcke, einer nach dem andern, zu Boden glitten, 
und wie sie stolpernd über die Röcke auf den Vater eindrang und, ihn um- 
armend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm — nun versagte aber Gregors Seh- 
kraft schon — , die Hände an des Vaters Hinterkopf, um Schonung von Gregors 
Leben bat." (Verwandlung, 51.) 

Hier finden wir im unmittelbaren Zusammenhang mit der „kastrierenden , 
gewalttätigen Einschüchterung durch den Vater eine Urszenenbeobachtung 
des Sohnes angedeutet, kenntlichgemacht durch das typische, dem Verdrän- 
gungseffekt entsprechende „Erlahmen der Sehkraft". 

Es mag vielleicht Befremden erregen, daß in der Erzählung sich zunächst 
die Verwandlung, d. h. also die Regression vollzieht und erst im weiteren 
Verlauf dieses Prozesses der Kastrationsschock und die Urszenenbeobachtung 
auftreten. Wenn wir aber — wie es im folgenden geschehen wird diese 
Erlebnisse genauer betrachten, so werden wir, wenigstens was den Kastrations- 
schock angeht, finden, daß es gar nicht die ursprünglichen, der Regres- 
sion zeitlich um Jahre voraufgehenden Kindheitserlebnisse sind, sondern 
Fortbildungen dieser Eindrücke, komplexe Gebilde, die durch Verflechtungen 
verschiedenartiger Strebungen innerhalb des Unbewußten entstanden sind. 
Aber auch da, wo — wie bei der „Urszenenbeobachtung" — eine Weiter- 
bildung nicht zu erkennen ist, braucht nicht das entsprechende primäre 
Erlebnis gemeint zu sein, sondern nur ein Wiederauftauchen dieses Erleb- 
nisses in der Erinnerung oder in der Phantasie. Denn die Symbolsprache 



6o Hellmuth Knisei- 






der Dichtung macht zwischen einem realen Erlebnis und dem Wieder- 
vordringen des Verdrängten zum Bewußtsein keinen Unterschied. 

Wir haben bisher an der Verwandlungsstrafe zwei Momente betrachtet: 
die Regression aufs Anale und die Wiederbelebung der ödipussituation 
(Kastration, Urszenenbeobachtung). Wir kommen nun zu einem dritten Mo- 
ment, dem für die besonderen Ziele unserer Untersuchung wichtigsten. 

Wenn Gregor während seiner Strafzeit in Wiederholung des Kastrations- 
erlebnisses von seinem Vater mißhandelt wird, so liegt hierin nicht nur 
eine Befriedigung des Straf bedürfnisses. Die Frucht, deren sich der Vater 
bei der Mißhandlung bedient, der Apfel, ist ja die typische, sprichwört- 
liche Belohnung des Kindes, wie sie beispielsweise in vielen „moralischen 
Erzählungen" vorkommt, von der Bedeutung des Apfels im Sündenfall der 
Bibel gar nicht zu reden. Was der Vater dem Sohne bei dem Bombarde- 
ment gewährt, ist also nicht nur Strafe, sondern auch Lust, und zwar 
masochistische Lust. Wir ahnen nun, daß das „Unglaubliche, Überraschende" 
an dem Schmerz, den Gregor nach dem Apfelwurf empfindet, der Um- 
stand ist, daß dieser Schmerz Lust enthält. Diese Lust ist es auch, die es 
bewirkt, daß Gregor sich „wie festgenagelt" fühlt und daß er sich „streckt " 
oder, wie wir jetzt sagen können, „wollüstig dehnt" in „vollständiger Ver- 
wirrung" aller Sinne. Die Verwirrung rührt natürlich ebenfalls daher, daß 
chmerz und Lust sich aufs innigste vermischen. 
Die Verletzungen treffen den Sohn allemal von hinten. In der ersten 
Szene ist es „ein Stoß von hinten", der ihn bluten läßt, die Äpfel in der 
zweiten Szene treffen seinen Rücken, und der eine von ihnen bleibt sogar 
darin stecken. Dies deutet darauf hin, daß der Masochismus hier mit der 
analen Sphäre zu tun hat, was gut damit zusammenstimmt, daß die Ver- 
wandlung in das schmutzige Insekt eine Regression auf anale Fixierungen 
darstellt. Man könnte sich etwa denken, daß die Wirkungen einer vom 
Vater erlittenen Züchtigung (Schläge auf das Gesäß) in Verbindung ge- 
treten ist einerseits mit der vom Vater angedrohten Kastration, anderseits 
mit den Lustgefühlen, die mit der Defäkation verbunden sind. Aus dem 
Zusammentreffen dieses Komplexes mit den Anregungen, die von einer 
Urszenenbeobachtung ausgegangen sind, mag sich als Resultante der Wunsch 
nach einer gewaltsamen Befruchtung durch den Vater in Form eines 
coitus per anum gebildet haben, ein Vorgang, dessen Bezeichnung durch die 
Apfel wurfszene dargestellt wird, wenn wir sie wie einen Rebus oder einen 
Kalauer auffassen. Unter Zuhilfenahme von Parallelen aus anderen Dich- 
tungen Kafkas (die wir zum Teil noch erörtern werden) können wir noch 






Frans Kafkas Inferno 



einen Schritt weitergehen und annehmen, daß auch das Steckenbleiben des 
Apfels im Rücken des „Insekts" die Erfüllung eines Wunsches bedeutet, 
nämlich, bei diesem Koitus den Penis des Vaters als Ersatz für den ver- 
lorenen eigenen zu gewinnen. 

Hiermit haben wir das in der kleinen Erzählung vorhandene Material 
soweit ausgeschöpft, wie es für die Zwecke der vorliegenden Arbeit erforderlich 
ist. Es erübrigt nur, die Beziehung zwischen ihr und dem Bericht des Affen 
herzustellen. Dazu wird uns eine Zeitangabe von Nutzen sein, die sich 
— hier wie dort — d. h. in beiden Dichtungen vorfindet. Im Affenbericht 
heißt es: „Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum . . ." (Bericht, 146.) 

Im Sinne der Deutung will dies besagen, daß seit dem Kastrationserlebnis 
fünf Jahre der Kompensationsarbeit vergangen sind, um K. zu der — wie 
gesagt recht unvollkommenen — Lösung zu führen, die durch den Berufeines 
Variet^künstlers und die teilweise Menschenhaftigkeit des Affen symbolisiert ist. 

Wir können es nicht als zufällig ansehen, daß auch in der Verwandhing 
ein Zeitraum von fünf Jahren vorkommt, und schließen daher, daß die 
beiden Zeiträume identisch sind. Die „fünf Jahre" der „Verwandlung 
umfassen die Zeit von dem Zusammenbruch des väterlichen Geschäftes bis 
zu der Verwandlung Gregors, also eine Periode genitalen Aufschwunges. 
Demnach würde sich der Inhalt der „Verwandlung" dem Inhalt des Affen- 
berichtes anschließen ; sofern man allein die aktuelle Gegenwart in diesen 
Erzählungen in Betracht zieht. Nimmt man auch auf die Vorgeschichten 
Rücksicht, so beginnt der Affenbericht ja mit der Kastration, die Ver- 
wandlung etwa kurz nach diesem Ereignis. Fünf Jahre der Entwicklung, 
die nun hier wie dort folgen, sind beiden Geschichten gemeinsam. In dieser 
Zeit erobert sich der Affe die Aufnahme in die Menschen weit, Gregor 
wird das Oberhaupt der Familie. Während der Affenbericht an dieser Stelle 
abbricht, tritt in der „Verwandlung" jetzt die Katastrophe ein. Es ist so, 
als ob die im Bericht des Affen gefundene „Lösung" des Lebensproblems in 
der „Verwandlung" als „doch nicht tragbar" erkannt und verworfen würde. 

In der Strafkolonie 

Nach ihrem manifesten Inhalt schildert diese Erzählung das Strafsystem 
und die dazugehörige Hinrichtungsmaschine, die der „alte Kommandant" 
der Strafkolonie nach eigenen Plänen dort einführte. Zu Beginn der Er- 
zählung ist der „alte Kommandant" schon tot; an seiner Stelle sitzt ein 
neuer Kommandant, der den Ideen des „Alten abgeneigt ist, und unter 



ba 



Hellmuth KrliMT 



dessen Führung das alte System seinem Ende entgegengeht, wie auch die 
Hinrichtungsmaschine, die es gewissermaßen verkörpert, langsam verfällt. 
Die Handlung besteht darin, daß ein Forschungsreisender, der Einladung 
des neuen Kommandanten folgend, das einsame Tal, in dem die Maschine 
steht, aufsucht, um sich bei Gelegenheit einer gerade stattfindenden Exekution 
von dem „Offizier", einem fanatischen Anhänger des alten Systems, die 
Maschine zeigen und ihren Gebrauch vorführen zu lassen. Der Offizier 
hofft, in dem Reisenden einen Parteigänger und Fürsprecher des alten 
Systems zu gewinnen, und tut alles, ihn für die Maschine und das Straf- 
verfahren einzunehmen. Das ablehnende Urteil des Reisenden besiegelt das 
Schicksal der Partei des alten Kommandanten. 

Das Vergehen des Verurteilten besteht in einer Tat der Auflehnung gegen- 
über seinem Vorgesetzten, einem Hauptmann. Es wird sehr flüchtig ab- 
getan, wie ja auch der Verurteilte selbst als ein „stumpfsinniger, hündisch- 
ergeben dreinschauender Mensch, wenig Interesse beansprucht. 
Wir aber wollen uns gleichwohl für seine Tat interessieren: 
Der Hauptmann findet seinen Burschen schlafend, während er der Dienst- 
ordnung nach wachen sollte, holt die Reitpeitsche und schlägt ihn übers 
Gesicht. Statt nun aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, faßt der 
Mann seinen Herrn bei den Beinen, schüttelt ihn und ruft: 

„Wirf die Peitsche weg, oder ich fresse dich." (Strafkolonie, 19.) 
Der Vorgesetzte, also in diesem Falle der „Hauptmann", ist eine Vater- 
figur. Das Delikt bedeutet den uns aus der Verwandlung schon bekannten 
Versuch, den Vater zu überwältigen. Die Aufforderung, die Peitsche weg- 
zuwerfen, deutet auf eine Kastrationsabsicht. Die Androhung des Auffressens 
verrät den Wunsch, sich den Vater einzuverleiben (um dadurch zum Vater 
zu werden), eine Tendenz, die an die Bedeutung des Schnapstrinkens im 
Affenbericht erinnert. Die schon bei der Besprechung der Verwandlung 
angemerkte Doppelheit der Ziele des ödipuskampfes mit dem Vater zeigt 
sich auch hier. Entweder der Vater soll die Peitsche wegwerfen, sich also 
selbst kastrieren und so zum unmännlichen (schmutzigen) Kinde werden 
oder der Sohn wird zum Vater werden. (Durch Verschlingen des Vaters.) 
Aus der Verwandlung wissen wir nun schon, daß diese beiden Möglich- 
keiten untrennbar miteinander verknüpft sind, sozusagen das gleiche be- 
deuten. Die Alternative, die der Bursche dem Hauptmann stellt, ist also 
nur eine scheinbare, wie das in der Sprache des täglichen Lebens sehr häufig 
vorkommt und als Mittel einer vulgären Redekunst meistens eine Ver- 
spottung des Angeredeten bezweckt. 












Frans Kafkas In ferne 



Auf die Meldung des Hauptmanns von dem Vorfall — so erzählt der 
Offizier dem Reisenden — habe er, der Offizier, gleich das Urteil verfaßt, 
ohne den Burschen zu verhören oder ihm Gelegenheit zur Verteidigung 
zu geben, denn: 

„Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos." 
(Strafkolonie, 18.) 

Die Strafe, die den Verurteilten erwartet, ist fürchterlich. Die „Maschine", 
die sinnreiche Erfindung des alten Kommandanten, schreibt, oder richtiger, 
sticht den Urteilsspruch dem Verurteilten mit Nadeln in die Haut, um ihn 
erst nach zwölfstündiger Qual zu töten. Zu dieser Hinrichtung muß der 
Verurteilte entkleidet werden. Dies geschieht so, daß der „Soldat" (der dem 
Offizier bei der Exekution assistiert) dem Verurteilten „mit einem Messer 
hinten Hemd und Hose durchschneidet". (Strafkolonie, 29.) Schon diese 
Art des Entkleidens, die ja nicht zweckmäßiger ist als irgendeine andere, 
gibt der Strafe den Charakter des „Angriffes von hinten", wie er auch der 
Verwandlungsstrafe eigentümlich ist. 

Zur Exekution wird der Verurteilte auf ein mit Watte bedecktes Lager — 
im Volksmund „das Bett" geheißen — gelegt, und zwar bäuchlings, so daß 
die von oben her wirkenden Nadeln in die Rückseite des Körpers eindringen. 
Freilich erzählt der Offizier, daß die Maschine während der Exekution den 
Körper herumwälzt, so daß der ganze Körper des Delinquenten mit den 
Schriftzeichen und den Verzierungen des Urteils bedeckt wird. In der Dichtung 
selbst aber kommt es zu diesem Stadium der Exekution gar nicht; was un- 
mittelbar geschildert wird, ist immer nur die Bauchlage. Diese muß daher 
auch für unsere Deutung entscheidend sein, 

An der Maschine gibt es zwei Arten von Nadeln, lange und kurze. Sie 
stehen paarweise zusammen, jedesmal steht eine lange bei einer kurzen. 
Die lange Nadel dringt in den Körper ein; die kurze ist hohl und spritzt 
Wasser aus, um das Blut abzuwaschen. 

„Früher aber tropften die schreibenden Nadeln eine beizende Flüssigkeit aus, 
die heute nicht mehr verwendet werden darf." (Strafkolonie, 37.) 

An den Ecken des „Bettes erheben sich vier Messingstangen; diese tragen 
den Zeichner, einen Kasten von der Größe des Bettes, in dem das „Räder- 
werk" der Maschine untergebracht ist und in den die Zeichenvorlage ein- 
gelegt wird, die Form und Inhalt der Beschriftung bestimmt. 

An einem Stahlseil hängt vom Zeichner die „Egge" herab, eben jenes 
System von Nadeln, das den Körper des Verurteilten beschreibt. 



(,X Hellmuth Kaiser 



„Bett und Egge" zittern rhythmisch und genau abgemessen in feinste*- 
Bewegung, wodurch die Stiche und die aus den Stichwunden gebildete 
reichverzierte Schrift Zustandekommen. 

„Wenn der Mann auf dem Bett liegt und dieses ins Zittern gebracht ist, 
wird die Egge auf den Körper gesenkt. Sie stellt sich von selbst so ein, daß 
sie nur knapp mit den Spitzen den Körper berührt; ist die Einstellung voll- 
zogen, strafft sich sofort das Stahlseil zu einer Stange." 

Die Ähnlichkeit des ganzen Vorganges mit einem Koitus springt in die 
Augen: Das zur Stange sich straffende Stahlseil deutet die Erektion an. 
Die Nadeln, die zugleich stechen und eine Flüssigkeit ausspritzen, stellen 
Penes dar. Die „beizende" Flüssigkeit, die die Nadeln früher austropften, 
dürfte Urin bedeuten, der seines Säuregehalts wegen wohl als „beizend'* 
empfunden werden kann, so, wie er in dem Bericht des Affen und auch 
sonst bei Kafka durch den „scharfen, brennenden" Schnaps symbolisiert 
wird. Wenn gesagt wird, daß diese beizende Flüssigkeit früher gebraucht 
wurde, jetzt aber nicht mehr verwendet werden darf, so kann darin zürn 
Ausdruck kommen, daß die Vorstellung, das Sexualsekret sei Urin, ein e 
alte, kindliche Vorstellung ist, die zu einer Zeit, als die Strafphantasie 
noch modulationsfähig war, der wachsenden Einsicht zum Opfer fiel. Das 
rhythmische Zittern des Bettes und der Egge ahmt die rhythmischen Be- 
wegungen der beiden koitierenden Partner nach. 

Wir haben hier als Strafe für die Auflehnung gegen den Vater eine 
Marterung, die die Züge eines mit grausamer Gewaltsamkeit ausgeführten 
coitus a tergo trägt, und befinden uns damit in guter Übereinstimmung 
mit der Deutung, die wir für die Apfel wurfsszene der Verwandlung fanden. 
Diese Übereinstimmung berechtigt uns zu der Vermutung, daß auch die 
Marterung der „Strafkolonie" ein Lustmoment enthält. Dafür finden wi r 
auch die ein und andere Bestätigung im Text der Erzählung, obwohl hier 
wie in der „Verwandlung" gerade über den Lustcharakter der Strafe di e 
dichtesten Schleier gebreitet sind: 

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand gerxt 
dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. 
Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen.** 
(Strafkolonie, 36.) 

Und an einer anderen Stelle heißt es: 

„Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten 
Gesicht ..." (Strafkolonie, 38.) 

Und da, wo von der mißglückten Marterung des Offiziers selbst die Bede ist ; 









Frans Kafkas Inferno ß$ 



„Kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken. Was alle 
andern in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht ..." (Straf- 
kolonie, 65.) 

Wir sagten schon, daß die Hinrichtung als ein Vom -Vater-koitiert -Werden 
aufzufassen sei. Aber genau wie in der „Verwandlung" die Apfelwurfsszene 
erst das Ende eines Entwicklungsverlaufes innerhalb der Regressionsphase 
darstellt, und erst durch Reaktivierung der Kastrationserlebnisse und anderer 
Triebumwandlungen (Speise-Ekel, Kot-Lust) die komplexe, aus analen und 
masochistischen Strebungen, aus einer homosexuellen Identifizierung mit 
der Mutter und einem Verlangen nach dem väterlichen Penis zusammen- 
gewobene Libidoorganisation zustandekommt, die das Genießen der in der 
Apfel wurfsszene gebotenen Lust ermöglicht, so durchläuft auch in der Straf- 
kolonie die Libidogestaltung des Verurteilten einige Phasen, ehe die Möglich- 
keit zu dem orgastischen Erlebnis der Hinrichtung erreicht wird. 

Wenn der Verurteilte auf das „Bett" geschnallt wird, dringt ihm ein 
Filzstumpf in den Mund. 

„Er hat den Zweck, am Schreien und am Zerbeißen der Zunge zu 
hindern" (Strafkolonie, 12), wie der Offizier in seinen einleitenden Erläute- 
rungen bemerkt. Nachher, wenn die Exekution an dem Verurteilten wirklich 
vorgenommen wird, verursacht dieser Filz eine Störung. Da er infolge der 
Vernachlässigung der Maschine, die sich der neue Kommandant zuschulden 
kommen läßt, lange nicht erneuert worden ist, so ruft er bei dem Ver- 
urteilten einen unwiderstehlichen Brechreiz hervor. 

„Wie kann man ohne Ekel diesen Filz in den Mund nehmen, an dem mehr 
als hundert Männer im Sterben gesaugt und gebissen haben." (Strafkolonie, 34.) 

Wir betrachten nun wieder den normalen Exekutionsverlauf, wie er sich, 
wenn kein Zwischenfall eintritt, vollziehen soll: 

„Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn der Mann hat keine 
Kraft zum Schreien mehr. Hier, in diesen elektrisch geheizten Napf am Kopf 
ende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er Lust hat, 
nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht. Keiner versäumt die Gelegen- 
heit . . . Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am Essen . . . 
Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn nur im Munde 
und speit ihn in die Grube. Ich muß micli dann bücken, sonst fährt es mir 
ins Gesicht." (Strafkolonie, 27.) 

Wenn wir uns über die Bedeutung dieser oralen Zeremonien klar zu 
werden suchen, so fällt uns zunächst der Reisbrei als die typische Kinder- 
speise ins Auge, an dem sich der Verurteilte eine Zeitlang (von der zweiten 

Imago XVII. . 



6b 



Hell mu tli Kaiset 



bis zur sechsten Stunde) erquickt. Da wir die ganzen Vorgänge in die Kinder- 
zeit zu verlegen haben, bedeutet der Reisbrei die normale Nahrung, und 
das Verlangen nach dem Reisbrei die normale Eßlust. Diese normale Eß- 
lust erleidet nun um die sechste Stunde (das sechste Lebensjahr?) eine 
Störung, und zwar dadurch, daß das Kind mit dem Essen im Munde 
spielt; das bedeutet, daß die Funktion der Nahrungsaufnahme erotisiert 
worden ist und ihrem eigentlichen Zweck dadurch entfremdet. Dieser 
neue Lustgewinn läßt sich nicht lange ausbeuten; dann wird diese Be- 
tätigung von einem inneren Verbot des „Ich" getroffen und die Kaulu st 
oder Zungenspiellust verwandelt sich in Ekel: Der Bissen wird ausgespieen, 
und die Lustgewinnung geht von der oralen Zone auf die anale über, 
denn nun setzt ja die orgastische Verklärung und Erlösung ein, bei der 
der Verurteilte den Urteilsspruch — mit Hilfe seiner Wunden — zu ent- 
ziffern beginnt. Daß zu diesem Erkenntnis-Orgasmus aber auch die der 
oralen Zone angehörige Libido einen Beitrag liefert, werden wir später 
zu zeigen versuchen. 

Welche ältere libidinöse Strebung ist es nun, die sich an die Stelle der 
normalen Eßlust setzt und sich unter der Wirkung der Zensur in Ekel 
verwandelt? — Vermutlich war diese Strebung schon einmal, nämlich in 
ihrer primären Form verdrängt und durch Ekel abgelöst und hat dann 
die Gelegenheit des Essens benutzt, um wieder für eine Weile als Lust- 
quelle manifest zu werden. Nun ruft die Aufnahme des abgenutzten Filz- 
stumpfes beim Verurteilten Erbrechen, also Ekel hervor, so daß wir auch 
hier die Spuren einer verdrängten oralen Lust gefunden haben. Nehmen 
wir diese Tatsache mit dem Umstand zusammen, daß bei der ordnungs- 
gemäßen Exekution der Mund des Delinquenten zunächst zwei Stunden 
lang durch den Filz ausgefüllt wird — um den Verurteilten am Schreien . . . 
zu verhindern! — und daß dann der Filz entfernt und durch den Reis- 
brei ersetzt wird, so werden wir in dem Filz die mütterliche Brustwarze 
erkennen, die ja auch das Schreien des Kindes „verhindert", und in dem 
Spiel mit dem Essen (Herumdrehen des Bissens) eine Reaktivierung der 
Sauglust. Das Saugen an der Mutterbrust (zwei Zeiteinheiten), darauf das 
Essen von Reisbrei (vier Zeiteinheiten), dies stellt ziemlich genau ein Stück 
der Entwicklung der oralen Sphäre in der Kindheit dar. Die dann auf- 
tretende Eßstörung (Spielen mit dem Bissen, Ausspeien des Bissens, Auf- 
hören mit Essen) und der Übergang zur analen Lust (wie wir der 
Kürze halber sagen wollen) ist durch Andeutungen der Erzählung selbst 
nicht weiter motiviert. Wir müssen annehmen, daß ein Fortschritt in der 



Fron= Kafkas Inferno ^7 



Triebentwicklung - vielleicht in Richtung auf das Anale - auch auf 
die Munderotik Einfluß nimmt, den Vorgang des Essens umdeutet ahn 
dadurch zensurwidrig macht und ihn so dem Verbot des Ich anheimfallen 
läßt. Dies ist die Deutung des normalen Verlaufes der Exekution die uns 
ein Stück der frühesten Libidoentwicklung K.s in schattenhaften Umrissen 
zeigt. Die Besonderheiten bei der Exekution des verurteilten Burschen 
scheinen uns eine im ganzen zeitlich spätere Stufenfolge anzudeuten die 
eine modifizierte Wiederholung der durch die normale Exekution symboli- 
sierten früheren Entwicklung darstellen dürfte. 

Beim Festschnallen der rechten Hand des Burschen reißt dem Soldaten 
der Riemen. Darauf folgt eine Klage des Offiziers über die Vernach- 
lässigung, mit der die Maschine behandelt wird, und hierauf die Ein- 
führung des Filzes und das Erbrechen des Verurteilten, worauf sich der 
Offizier wiederum beklagt, und zwar diesmal über die Weichherzigkeit des 
neuen Kommandanten, der sich nicht dazu verstehen will, den Verurteilten 
den letzten Tag über fasten zu lassen, und es gestattet, daß seine Damen 
dem Verurteilten „den Hals mit Zuckersachen vollstopfen . 

„Riemen" ist ein vulgärer Ausdruck für den Penis. Das Abreißen des 
Riemens deutet die Kastration an. Da der Riemen bestimmt war, die 
rechte Hand zu „fesseln", und die als Ersatz gewählte Kette „die Zart- 
heit der Schwingung für den rechten Arm beeinträchtigt", können wir 
uns vorstellen, daß die Kastrationsdrohung ein Onanieverbot war. Als Ent- 
schädigung für die versagte Onanie wurde das Saugen — vielleicht als 
Daumenlutschen — reaktiviert. (Die Hand ist ja nun nicht mehr durch 
den Penis „unten" gefesselt.) Bei einer solchen Verschiebung der Libido 
von unten nach oben ist es wohl nie etwas rein Quantitatives, was ver- 
schoben wird. Etwas von dem qualitativen Wesen des Penis geht auf den 
Daumen über oder gegebenenfalls auf die Brustwarze der Mutter, die ja 
auch durch den Lutschdaumen repräsentiert wird. 

Handelte es sich nur darum, den Ekel vor dem Filz zu erklären, so 
wären wir schon fertig: Die von der Onanie auf eine Saugphantasie ver- 
schobene Libido stößt auf die bei der Entwöhnung gebildete Saugtrieb- 
abwehr und wird dadurch in Ekel verwandelt. Schwierigkeiten macht der 
Hinweis auf die „mehr als hundert" Männer, die an dem Filz vorher ge- 
saugt und gebissen haben. Man könnte hier an die Eifersucht auf jüngere 
Geschwister denken, die von der Mutter genährt werden. Von solcher 
Eifersucht finden wir bei Kafka sonst nirgends eine Andeutung und meinen 
darum, diese Deutung aufgeben zu müssen. Dagegen dürfen wir nach 



68 



Hellmuth K.iim-1 



unserer obigen Bemerkung hinsichtlich der Übertragung des Penischarakters 
auf das Objekt der Sauglust uns vorstellen, daß ein Saugen an einem 
„mütterlichen Penis" phantasiert wird. In der Erzählung „Ein Landarzt" 
finden wir Andeutungen der — ja sehr häufigen — infantilen Sexual- 
theorie, nach der die Vagina der Frau dadurch zustande kommt, daß der 
Mann den Penis der Frau abbeißt. Wenn wir daran denken, daß wir uns 
bei diesen oralen Strebungen in der phallischen Phase K.s befinden (Onanie 
und Kastrationsdrohung!), so gelingt es uns nun, in dem Hinweis auf 
die „hundert Männer" eine Eifersucht auf den Vater zu erkennen, der 
den Penis der Mutter abgebissen hat — „hundertmal ehe K. ihn hätte 
abbeißen können . 

Der Ekel vor dem Filz entspringt, wie wir jetzt sehen, nicht sowohl 
einer verdrängten Sauglust als vielmehr einer verdrängten Beißlust; dies 
findet eine Bestätigung darin, daß der Filz ja nicht nur „am Schreien" 
sondern auch „am Zerbeißen der Zunge" hindern soll. Dieses „Hindern" 
besorgt der Filz natürlich auf mechanischem Wege; aber zugleich auch 
auf einem psychologischen. Die Beißlust, die ohne den Filz die Zunge zum. 
Objekt genommen hätte, kann sich jetzt an dem Filz austoben und darum 
die Zunge verschonen. Auf „das Zerbeißen der Zunge" werden wir später 
noch in einem anderen Zusammenhang zurückkommen. Jetzt wollen wir 
uns die Frage vorlegen, ob wir aus dieser Aufklärung über den Grund 
des Ekels, den der Verurteilte vor dem Filz empfindet, auch Nutzen ziehen 
können für das Verständnis des Speiseekels, der den Verurteilten veranlaßt, 
den letzten Bissen auszu speien. Wir waren aber über das in diesem Speise- 
ekel liegende Problem hinweggegangen, indem wir die sehr allgemein 
gehaltene Vermutung aussprachen, irgendeine Triebwandlung werde zu einer 
ömdeutung des Essens in eine — verbotene — Form der Lustgewinnung 
geführt haben. Jetzt können wir die speziellere Vermutung wagen, daß 
die Eßstörung auf einer auftauchenden Beißlust und auf deren Verdrängung 
beruht. Der letzte Bissen wird nicht hinuntergeschluckt sondern ausgespieen > 
und der Offizier muß sich ducken, damit es ihm nicht ins Gesicht fliegt. 
Hieraus kann man erkennen, daß in dem Essen ein aggressiver Impuls 
erlebt wird, der gegen den Vater gerichtet ist. (Denn für den Verurteilten 
ist der strafende Offizier eine Vaterfigur.) So wird auch durch den Ekel 
vor dem Filz ein Erbrechen hervorgerufen, in dem der Verurteilte die 
Maschine, d. h. den väterlichen Genitalapparat verunreinigt. Wir dürfen 
nun schließen, daß der aggressive Impuls gegen den Vater und die Beißlust 
identisch sind, so daß wir von einem Antrieb, den Vater zu beißen, sprechen 



Franz Kafkas Inferno 



können. Dieser Antrieb ist uns ja schon bekannt als die Reaktion des Ver- 
urteilten auf die Peitschenschläge des Hauptmanns, wo der Verurteilte aus- 
ruft: „Wirf die Peitsche weg, oder ich fresse Dich!" Hier, beim Hin- 
richtungsakt, wird der Beißtrieb zweimal geweckt, einmal durch das Ein- 
dringen des Filzes, das wir wegen seines zeitlichen Verhältnisses zum Reis- 
breiessen mit der Ernährung an der Mutterbrust in Verbindung bringen 
durften, das zweitemal durch den Fortschritt der Marterung, wodurch 
natürlich feindselige Impulse gegen den Vater aktiviert werden. 1 Wir finden 
hier eine Bestätigung für unsere Erklärung des Zusammenhangs zwischen 
Männlichkeitserwerb und Schnapstrinken im Bericht des Affen. In dem 
Schnapstrinken vereinigt sich wie hier beim Filzekel die Vorstellung des 
Saugens und Trinkens mit der einer Aggression, und zwar einer oralen 
Aggression gegen den Vater, genauer: gegen den väterlichen Penis. 

Nach diesen Betrachtungen müssen wir sagen, daß der in der „Straf- 
kolonie" agierende Sadismus zu einem großen Teil oraler Natur ist, während 
der Sadismus, der in der „Verwandlung" zum Ausdruck kommt, im wesent- 
lichen anale Züge zeigt. Genau besehen, konnten wir freilich in der „Straf- 
kolonie" einen oralen Sadismus nur auf Seiten des „Sohnes" nachweisen — 
und das ist auffällig. 

Im Unbewußten herrscht mit größter Strenge das Gesetz der Talion, 
nach dem die Strafe dem Verbrechen gleichartig sein muß. In der „Ver- 
wandlung" war dies Gesetz erfüllt. Wirtschaftlicher Aufschwung des Sohnes 
und wirtschaftlicher Niedergang des Vaters werden durch das umgekehrte 
Verhältnis gesühnt; dem früheren Schmutzigwerden des Vaters entspricht 
als Strafe ein Unreinwerden des Sohnes. Die anale Mißhandlung in der 
Apfelwurfsszene ist eine „Heimzahlung" des „Geldes", das der Sohn den 
Eltern gezahlt hatte. (Geld = Kot.) Der Verfügung des Sohnes über die 
Schwester steht eine entgegengesetzte Verfügung der Eltern über die Schwester 
gegenüber. Was entspricht nun in der „Strafkolonie" der oralen Aggression 
des rebellierenden Sohnes? Nun, wir können die Maschine auch als ein 
beißendes Werkzeug auffassen, das den lebenden Bissen herumwälzt, ihn 
mit Speichel benetzt und zerkaut, um ihn schließlich zu verschlingen, 
d. h. in die bei der Maschine befindliche Grube zu werfen, „wo er auf 
das Blutwasser und die Watte niederklatscht". (Strafkolonie, 29.) Dabei hat 
die Grube nicht etwa den Magen sondern wohl die Abortgrube zu repräsen- 
tieren, dafür spricht ihr ausgesprochen schmutziger Charakter. Diese zweite 

1) Wir vermuten, daß die hier besprochenen Zusammenhänge auch ein Licht auf 
die heute noch bestehende Sitte der sogenannten „Henkersmahlzeit" werfen. 



y Hellmuth Kaiser 



Deutung der Hinrichtungsmaschine steht natürlich nicht im Widerspruch 
mit der zuerst gegebenen, wonach sie den väterlichen Genitalapparat dar- 
stellt. Die beiden Deutungen überlagern sich vielmehr, und sie treffen sich 
in der Rolle, die das Anale in beiden Deutungen spielt. Bei der ersten 
Deutung dringt der Penis des Vaters von hinten in den Körper des Sohnes 
ein und übt eine Reizung aus, deren Lustbestandteil wir der analen, durch 
den Kotreiz ausgelösten Lust vergleichen konnten, in der zweiten Deutung 
wird der Sohn vom Vater verschlungen und wie ein Kotballen ausgestoßen 
und in die schmutzige Grube geworfen. Das Anale tritt hier also in zwei 
Erscheinungen auf: Einmal in der durch einen Kotpenis (wie wir der Kürze 
halber sagen wollen) bewirkten Lustempfindung, das andere Mal durch das 
Ganz-und-gar-Kot- Werden der Sohnesfigur. Beide Erscheinungsformen des 
Analen treten auch in der „Verwandlung auf- Die erste im Apfelwurf, 
die zweite in dem Ganz-und-gar-zum-schmutzigen-(braunen)-Insekt-Werden 
des Sohnes. 

Es ist wichtig, daß wir das Gemeinsame in diesen Dichtungen lebhaft 
herausfühlen, um die Unterschiede zwischen ihnen und die Entwicklung, 
durch die sie bedingt sind, um so deutlicher empfinden zu können. Das 
Gemeinsame liegt im Stofflichen. Wir wollen es, so gut es geht, benennen, 
und bezeichnen es als „Hingabe an die Bestrafung der Ödipustat . Der 
Unterschiede sind mehrere, und wir müssen sie einzeln betrachten und 
auf ihre Bedeutung prüfen. 

Der auffallendste Unterschied ist vielleicht der, daß es in der „Verwandlung" 
offensichtlich die Hauptperson der Erzählung, der „Held" der Geschichte 
ist, der die Ödipustat vollzieht und die darauf folgende Strafe erduldet, 
während in der „Strafkolonie" der sich gegen die Vatergewalt des Vorgesetzten 
auflehnende Rebell ein armer, tierisch-dumpfer, stumpfsinniger Mensch 
ist, der in der Geschichte eine äußerst nebensächliche Rolle spielt. 

Durch diese Personen Verteilung — aber auch durch die Ausführlichkeit, 
oder besser Nicht-Ausführlichkeit der Darstellung — kommt in der „Straf- 
kolonie" die Auflehnungsphase gegenüber der Bestrafungsphase gewaltig zn 
kurz. Verglichen mit dem entsprechenden Verhältnis in der „Verwandlung", 
und dies als Ausgangspunkt betrachtet, hat hier eine sehr deutliche Akzent- 
verschiebung zugunsten der Bestrafung stattgefunden. 

Dies zeigt sich auch in der psychologischen Motivierung, der „Auflehnung" . 
Während in dem Affenbericht das Wiederaufleben nach dem Kastrations- 
schock, durch das hier die Auflehnungsphase repräsentiert wird, ein sinn- 
voll-planmäßiges Ringen um den Eintritt in die Menschheit ist, wobei aber 



Frans Kafkas Inferno 



der Kampf nur gegen die eigene Affennatur geführt wird, und eine nach 
außen gewandte Aggressivität allein in der unbetonten Bemerkung über 
das Äffischwerden eines Lehrers schattenhaft in Erscheinung tritt, kollidiert 
in der „Verwandlung" das „Erwachsen werden" des Sohnes ganz offensichtlich 
mit dem Interesse des Vaters, wobei freilich die bewußte Absicht des Sohnes 
eine friedliche, ja sogar liebevolle bleibt; in der „Strafkolonie" endlich stellt 
die Auflehnung einen primitiven, unüberlegten und von vornherein zur Er- 
folglosigkeit verurteilten „Ausbruch" dar, wobei die der Vatergestalt geltenden 
Haßgefühle deutlich sichtbar werden. Nur die moralische Integrität der 
Sohnesfigur bleibt auch hier gewahrt. Die Insubordination des Burschen 
gegenüber dem Hauptmann ist so geschildert, daß das Rechtsgefühl des 
Lesers sich auf die Seite des Burschen stellen muß, wenn auch der „Offizier 
die Tat bedingungslos verdammt. 

Was die Auflehnung verliert, gewinnt die Strafe. In dem Affenbericht 
ist sie kaum als solche erkennbar: „Ich beklage mich nicht, bin aber 
auch nicht zufrieden." (Bericht, 186.) Das ist alles, was sich in dem 
Bericht an Hindeutungen auf ein dem Aufstieg des Affen folgendes „Arges" 
finden läßt. — In der „Verwandlung" besteht die Strafe in einer alle Existenz- 
bedingungen des Sohnes umstürzenden und ihn dem Tod in die Arme 
treibenden Katastrophe und in körperlichen, das Kastrationserlebnis reaktivieren- 
den Mißhandlungen durch den Vater. Überdies steckt in dem durch diese 
Mißhandlungen bereiteten Schmerz auch eine Lust, die aber nur zaghaft 
angedeutet und schwer hinter den Verhüllungen zu erkennen ist. 

Einen völlig anderen Aspekt gewinnt die Strafe in der „Strafkolonie . 
Zunächst fällt es auf, daß ihr Zusammenhang mit der Straftat erheblich 
gelockert ist. Denn die Straftat ist ja ein herzlich unbedeutender Einzelfall, 
der nur erwähnt wird, weil er ein — wie es scheinen will — zufälliger 
Anlaß oder Vorwand für die Strafe ist. Die Strafe aber, wie die begeisterten 
Worte des Offiziers sie uns schildern, ist kein Einzelfall, sondern ein System, 
eine Institution. Sie erscheint uns als eine lange, unüberblickbare Reihe 
von Exekutionen, vollzogen an gleichgültigen, namenlosen „Opfern" für 
unbekannte, mit keinem Wort erwähnte Taten, so daß keine Teilnahme für 
das Individuum unsere Aufmerksamkeit ablenkt von der Würdigung des 
Scharfsinnes, des Ernstes und der liebevollen Mühegabe, die an die Exe- 
kutionen gewendet werden. 

Wir ahnen schon, daß an dieser Akzentuierung der Strafe in der „Straf- 
kolonie" der Umstand schuld hat, daß hier das in der Strafe liegende Lust- 
moment eine viel größere Bolle spielt als etwa in der „Verwandlung". Diese 



7 2 Hellmuth Kaiser 



Tatsache hat zwei Folgen, die beide ihren Grund darin haben, daß der 
masochistische, aus einer homosexuellen Einstellung zum Vater geschöpfte 
Lustgewinn natürlich dem männlichen Selbstbewußtsein K.s besonders zu- 
wider ist. Die eine Folge besteht in der Übertragung der Leidensrolle von 
dem K. unmittelbar vertretenden Offizier auf eine Nebenperson (den Ver- 
urteilten). Der Offizier genießt die anal-masochistische Lust des Verurteilten — 
oder vielmehr der vielen Verurteilten, die er hinrichtet — zwar auch selbst, 
aber doch nur durch die Einfühlung und Identifizierung, wie sie der Zu- 
schauer vollzieht. Man kann sich vorstellen, daß die Entwicklung K.s von 
einem Stadium masochistischer Phantasien infolge eines von der Zensur 
ausgeübten Druckes zu einem Stadium führte, in dem diese Phantasien 
durch sadistische ersetzt werden mußten. Daß diese Entwicklung keine 
eigentliche Überwindung der masochistischen Triebgestaltung im Sinne einer 
Lockerung der die ursprünglichen sadistischen Antriebe niederhaltenden Ver- 
drängung ist, sondern selbst ein Verdrängungsprodukt, geht aus der Stellung 
des Offiziers zu der Vatergestalt des alten Kommandanten hervor. Gegenüber 
dem alten Kommandanten empfindet der Offizier nichts als Liebe und ehr- 
furchtsvolle Bewunderung. Keine Spur einer rivalisierenden, rebellischen 
Tendenz, wie sie dem Ödipuskomplex angehören würde, ist hier zu finden. 
Der ganze Vaterhaß K.s ist aus der Seele des Offiziers herausgelöst auf die unbe- 
deutende und kulturlose Gestalt des Delinquenten übertragen und so isoliert. 
Die zweite Folge des Anwachsens der anal-masochistischen Lust und der 
dadurch wachgerufenen herberen Kritik der höheren Instanzen ist die Ent- 
persönlichung der Strafe. Die „Strafe" ist eigentlich erst hier — in der 
„Strafkolonie" — zu einer „Strafe" im juristischen Sinne geworden. In 
der „Verwandlung" war sie noch als ein väterlicher Racheakt dargestellt, 
soweit sie nicht als eine freiwillige Bußetat des Sohnes erschien oder als 
eine Vergeltung des Schicksals. An die Stelle des individuellen Vaters ist 
hier die durch den Tod entrückte und verklärte, schon legendär gewordene 
Persönlichkeit des alten Kommandanten getreten, einer Amtsperson, also 
einer von höheren Stellen eingesetzten Autorität, die nicht einen indivi- 
duellen Familienkonflikt auf gut bürgerliche Manier mit Rohrstock und 
Polterstimme austrägt, sondern ein Gesetz schafft, „ein System", eine öffent- 
lich-rechtliche Institution, einen Brauch, einen Kult. Der Schauplatz der 
von ihm eingeführten bluttriefenden Zeremonien ist nicht mehr die gute 
Stube einer Kaufmannsfamilie, sondern ein weites, sandiges Tal in der Welt- 
ferne der Strafkolonie, unter dessen freiem Himmel sich eine zahlreiche, 
andächtige Zuschauerschaft versammelt. 



x raus rvaikas Inleriio 



„Wie war die Exekution in früherer Zeit! Schon einen Tag vor der Hin- 
richtung war das ganze Tal von Menschen überfüllt; alle kamen nur, um zu 
sehen; früh am Morgen erschien der Kommandant mit seinen Damen; Fan- 
faren weckten den ganzen Lagerplatz; . . . kein hoher Beamter durfte fehlen. 
. . . Vor hunderten Augen — alle Zuschauer standen auf den Fußspitzen bis 
dort zu den Anhöhen — wurde der Verurteilte vom Kommandanten selbst 
unter die Egge gelegt." (Strafkolonie, 56.) 

Diese Ausweitung des seelischen Raumes, in dem die Strafe vollzogen 
wird, eine Ausweitung, die das Erlebnis eines einzelnen umbildet zu dem 
Ritual einer sozialen Gemeinschaft, müssen wir als eine Art Sublimierung 
der ursprünglichen Triebe bezeichnen. Diese Form der Sublimierung ist 
aber nicht die einzige, die hier vollzogen wird. Auch innerlich — wenn 
wir hier so sagen dürfen — erfahrt das Leidenserlebnis eine Umwandlung. 
Bezeichnend für diese Umwandlung ist der Gebrauch zweier Worte, die 
die seelische Wirkung der Strafe auf den Verurteilten schildern. Es sind 
die Worte „Erlösung" und „Verklärung . 

Hier eröffnet sich der analytischen Betrachtung ein reiches Material an 
Einzelheiten und Beziehungen, dessen Erörterung wir aber — aus dar- 
stellerischen Gründen — noch zurückstellen müssen. Wir hatten bisher 
unsere Erläuterungen im wesentlichen nach dem Zusammenhang orientiert, 
in dem die Erzählung von der „Strafkolonie" mit der „Verwandlung" und 
dem „Bericht des Affen" steht. Das Fundament unserer psychologischen 
Interpretation bildete die Triebkonstellation, die sich aus dem schroffen, 
durch den Kastrationsschock ausgelösten Zusammenbruch des Ödipuskom- 
plexes ergab. Wir konnten dann noch vermutungsweise zwei Entwicklungs- 
phasen unterscheiden. Die eine stellte eine Art künstlicher Restaurierung 
der Genitalität dar (Menschwerdung des Affen), wobei älteres, verdrängtes 
Triebmaterial (im wesentlichen der oralen Phase entstammend) mit den 
Resten der genitalen Organisation eine neue — freilich nicht sehr trag- 
fähige — Verbindung einging. Die andere Phase erwies sich als eine um- 
fangreiche Regression auf die anale Stufe (Verwandlung), wobei sich vor- 
übergehend (später nämlich von den Selbstmordtendenzen überdeckt) die 
Spur einer anal-masochistisch-homosexuellen Libidoorganisation zeigte. In 
der Erzählung von der „Strafkolonie" fanden wir eine Art Fortentwick- 
lung dieser letztgenannten Organisation, die hier durch starke orale Züge 
erweitert und kompliziert erscheint. 

Damit haben wir uns aber erst der einen Seite der psychischen Phäno- 
mene K.s bemächtigt. In allen unseren bisherigen Erörterungen handelte 
es sich immer nur um solche Triebregungen, die dem „Es" angehören. 



^4 Hellmuth Kaiser 



Die Sphäre der Ich-näheren Triebe haben wir zwar überall da gestreift, 
wo von Verdrängungen, von zensurierenden Instanzen und dem Begriff der 
Bewußtseinsfähigkeit die Rede war. Aber wir haben sie eben auch nur 
gestreift, sie als ein undifferenziertes Ganzes summarisch und eben nur als 
das die Triebbefriedigung einschränkende „Etwas abgetan. Dies Verfahren 
mochte bei der Besprechung des „Berichts für eine Akademie" und der 
„Verwandlung"' zur Not genügen, bei der Erzählung von der „Strafkolonie" 
reicht es nicht aus, da hier Ichtriebe eine äußerst markante Rolle spielen. 
Sie sind es nämlich, die den Gang der Handlung, sozusagen das dynamische 
Moment der Erzählung wesentlich bestimmen. 

Es ist daher an der Zeit, die Betrachtung der Ausgangssituation zu unter- 
brechen, um den Gesamtverlauf der Erzählung und damit eben die be- 
wußtseinsnäheren Phänomene, die sich darin ausdrücken, ins Auge zu fassen. 
Danach erst werden wir die spezielle Betrachtung der Es -Triebe und ihrer 
Sublimierungen fortsetzen. 

Der Reisende ist von dem Kommandanten, dem „neuen", eingeladen 
worden, der Exekution beizuwohnen. Der Offizier äußert sich über diese 
Einladung folgendermaßen : 

„Ich war gestern in der Nähe, als der Kommandant Sie einlud. Ich hörte 
die Einladung, ich kenne den Kommandanten. Ich verstand sofort, was er mit 
der Einladung bezweckte. Trotzdem seine Macht groß genug wäre, gegen mich 
einzuschreiten, wagt er es noch nicht. Wohl aber will er mich Ihrem, dem 
Urteü eines angesehenen Fremden aussetzen. Seine Berechnung ist sorgfältig . . . 
Sie sind in europäischen Anschauungen befangen . . ." (Strafkolonie, 40.) 

So spricht der Offizier, während der Verurteilte schon angeschnallt auf 
dem „Bett" liegt, und fährt dann mit der Erörterung eines Planes fort, 
der darin besteht, in öffentlicher Sitzung den Reisenden zur Frage der 
Exekutionen zu Wort kommen zu lassen und durch sein Eintreten für das 
alte Strafsystem dieses wieder zu Ansehen und Geltung zu bringen. Nach- 
dem der Offizier dem Reisenden, in unerhört eindringlicher Weise, alle 
möglichen Eventualitäten vorsorgend, den Entwurf ihres gemeinsamen Vor- 
gehens unterbreitet hat, indem er zuletzt seine Stimme zu einer lauten Be- 
schwörung erhebt, heißt es weiter: 

»Die Antwort, die er zu geben hatte, war für den Reisenden von allem 
Anfang an zweifellos; er hatte in seinem Leben zu viel erfahren, als daß er 
hier hätte schwanken können; er war im Grunde ehrlich und hatte keine Furcht. 
Trotzdem zögerte er jetzt im Anblick des Soldaten und des Verurteilten einen 
Atemzug lang. Schließlich aber sagte er wie er mußte: ,Nein!' Der Offizier 



Franz Kafkas Inferno 7^> 



blinzelte mehrmals mit den Augen, ließ aber keinen Blick von ihm. .Wollen 
Sie eine Erklärung?' fragte der Reisende. Der Offizier nickte stumm. ,Ich bin 
ein Gegner des Verfahrens', sagte nun der Reisende, ,noch ehe Sie mich ins 
Vertrauen zogen — dieses Vertrauen werde ich natürlich unter keinen Umständen 
mißbrauchen — habe ich schon überlegt, ob ich berechtigt wäre, gegen dieses 
Verfahren einzuschreiten und ob mein Einschreiten auch nur eine kleine Aus- 
sicht auf Erfolg haben könnte . . . Ihre ehrliche Überzeugung geht mir nahe, 
wenn sie mich auch nicht beirren kann.'" (Strafkolonie, 50.) 

Wir haben diese Stelle mit solcher Ausführlichkeit zitiert, um, so gut 
als möglich, auch den Lesern, die die Erzählung Kafkas nicht zur Hand 
haben, das im Vergleich zu dem Benehmen des Offiziers ganz auffällig 
leidenschaftslose, kühl - sachliche Verhalten des Reisenden nahezubringen. 
Der Reisende wird von beiden Parteien als Richter, als Unparteiischer, an- 
gerufen, und er ist für diese Rolle wirklich wie geschaffen. Auch die 
Deutung muß diese Eigenschaft der Sachlichkeit und Nüchternheit als 
maßgebendes Kennzeichen verwerten. Nüchtern und sachlich aber sind nicht 
die Affekte, sondern Verstand und Vernunft. Der Dialog, in dem die Er- 
zählung im wesentlichen verläuft, das Ringen des Offiziers um die Teil- 
nahme und Zustimmung des Reisenden ist also der Kampf einer Trieb- 
konstellation gegen die Macht vernünftiger Einsicht. Aber mit dieser 
Formulierung haben wir schon der Erzählung Gewalt angetan, denn der 
Kampf geht ja eigentlich zwischen der Partei des alten und der des neuen 
Kommandanten, und der Reisende ist so wenig aktiv, so zurückhaltend und 
maßvoll, daß wir ihn und die psychische Instanz, die er vertritt, kaum als 
„Gegner", als Mitkämpfer, sondern eben nur — wie wir es oben taten — 
als „Richter" bezeichnen dürfen. Diese Tatbestände zwingen uns eine Formu- 
lierung auf, die auch psychologisch bedeutsam ist. Vernunft und Verstand 
sind überhaupt keine Kräfte, die unmittelbar einen Trieb einzuschränken 
vermöchten. Ein Trieb kann immer nur von einem Trieb bekämpft werden. 
Und Einsicht hat für sich allein überhaupt keine bewegende Gewalt. Sie 
ist nur ein Vermögen, das anderweit vorhandene Mengen von Triebenergie 
auslösen und hinsichtlich ihrer Zielrichtung bestimmen kann. Diesem Sach- 
verhalt trägt die Kafkasche Erzählung in erstaunlich getreuer Weise Rech- 
nung. Die Stimme des Reisenden braucht in der Sitzung, auf der nach dem 
Plane des Offiziers der neue Kommandant bekehrt und gedemütigt werden 
soll, nicht zu „brüllen" — es genügt, wenn sie ihr Urteil „flüstert". Und 
da dieses Urteil denn, dem wirklichen Gang der Ereignisse nach, zu Un- 
gunsten des alten Strafsystems ausfällt, ist gar keine weitere Aktion des 
Reisenden vonnöten, als daß dieses Urteil eben ausgesprochen wird — so- 



Hellmuth Kaiser 



gleich ändert der Offizier seine Haltung: Er gibt den Verurteilten frei und 
legt sich selbst unter die Maschine. 

Die Kraft, die sich dem über das Grab hinaus wirksamen Willen des 
alten Kommandanten entgegenstellt, ist also nicht der Reisende — sondern 
eigentlich und genau gesprochen — der neue Kommandant, der ja den 
Reisenden zum Resuch des einsamen Tales, wo die Richtstätte liegt, ver- 
anlaßt hat. Um nun unsere Deutung zu vervollständigen, müssen wir uns 
überlegen, welchem psychischen Tatbestand denn der neue Kommandant 
und seine Partei entspricht. 

Zunächst müssen wir die Tatsache hinnehmen, daß der neue Kommandant 
der Nachfolger des alten Kommandanten und somit die von oben eingesetzte 
Autorität und die mächtigste Persönlichkeit der Insel ist, auf der die Straf- 
kolonie liegt. Den alten Kommandanten hatten wir als eine Vater-Imago 
gedeutet, wir werden daher versuchen müssen, auch den neuen als eine 
Vater-Imago — nur als eine neue, das heißt jüngere zu verstehen. Die Vor- 
stellung vom Wesen des Vaters, wie sie der K.schen Imagination des alten 
Kommandanten zugrunde liegt, entspricht natürlich nur einem bestimmten, 
engbegrenzten Lebensalter K.s. Wie auch immer der wahre Vater K.s be- 
schaffen gewesen sein mag, dem Rüde des alten Kommandanten, dem 
Erfinder jener teuflischen Foltermaschine, konnte er nicht gleichsehen. 
Nun brauchte freilich der Widerspruch zwischen den beiden Vaterbildern, 
dem neuen, verhältnismäßig wirklichkeitsgerechten und dem alten, zum 
sadistischen Schreckbild verzerrten, nicht immer in Erscheinung zu treten. 
Die alte Vater-Imago war von K. mitsamt der masochistischen Refriedigungs- 
phantasie, der sie entsprach, sicher tief verdrängt worden und stand wie 
alles Verdrängte unter hermetischem Abschluß von allen anderen und neueren 
Rewußtseinsinhalten. Wir können und müssen aber annehmen, daß diese 
Verdrängung nicht auf die Dauer voll wirksam war (sonst wäre ja schon 
die Erzählung von der „Strafkolonie" nie geschrieben worden) und daß mit 
der Zeit die Erkenntnis der Wirklichkeit — das heißt hier „des wirklichen 
Vaters" — mit jener alten Phantasie in Rerührung und damit auch in Konflikt 
kam. Der wirkliche Vater war vergleichsweise human, milde, nachsichtig, 
gerecht und damit untauglich, den an das alte Vaterbild anknüpfenden, ver- 
drängten Wunschphantasien eine Entladung zur Realität hin zu verschaffen. 
Er mußte vielmehr dem ganzen sado-masochistischen Komplex, wo immer 
er sich dem Rewußtwerden nähern wollte, als eine Art lebenden ßeweises 
seiner Absurdität entgegentreten. Eine Szene wird uns hier lebendig, eine 
Szene aus der Kindheit K.s, die, ohne selbst auf historische Wirklichkeit 



frans Kafkns Inferno 77 



Anspruch machen zu können, — dazu reicht das Material, aus dem wir 
sie rekonstruieren, nicht aus — doch das, was wir meinen, zutreffend ver- 
anschaulichen mag. Wir erinnern uns, daß der Offizier versucht hatte, die 
Verurteilten vor der Exekution einen Fasttag durchmachen zu lassen, damit 
der durch den Filzstumpf hervorgerufene Brechreiz nicht zu einer Be- 
schmutzung der Maschine führen könne. Der neue Kommandant aber hatte 
davon nichts wissen wollen und seinen Damen erlaubt, dem Verurteilten 
den Hals mit Zuckersachen vollzustopfen. Wir stellen uns nun den acht- 
jährigen K. vor, wie er beim Mittagessen im elterlichen Hause vor dem 
Genuß des Fleischgerichtes von einem unerträglichen Speiseekel überfallen 
wird. Da er sich weigert zu essen, wird er als schlimmes, ungezogenes 
Kind vom Tisch geschickt und muß fasten. Dies Fasten aber ist ihm will- 
kommen; denn es dient ihm als Selbstbestrafung für die unbewußten und 
auch nicht mehr bewußtseinsfähigen Wünsche, die ihm bei der Vorstellung 
des Fleischgenusses aufsteigen und sein Gewissen belasten. Er hat — wenn 
auch unbewußt — den Vater fressen wollen; deswegen quält ihn ein rätsel- 
haftes Schuldgefühl, und diese Qual wird erst durch die Wohltat einer Strafe, 
eines Leidens gemildert. Wenn der, der fressen wollte, was nicht gefressen 
werden durfte, hungern muß, dann und nur dann geschieht „Gerechtigkeit 4 *, 
empfindet der kleine K., und es ist eine Enttäuschung für ihn, daß der 
Vater der Mutter oder einem weichherzigen Dienstboten erlaubt, ihm „den 
Hals mit Zuckersachen vollzustopfen". Aber trotz der Sehnsucht nach einer 
Stillung des Schuldgefühls, trotz des Wunsches zu leiden, und neben diesen 
/ Strebungen ist natürlich auch der Wunsch nach den „Zuckersachen", nach 
Liebe und Güte in der Seele des Knaben K. vorhanden und dieser Wunsch 
gibt „dem neuen Kommandanten" über die bloße Existenz hinaus auch ein 
Stück Macht, der es ihm ermöglicht, dem Strafkodex und der Hinrichtungs- 
maschine des alten Kommandanten Abbruch zu tun. 

Die Humanität des neuen Kommandanten zeigt sich aber auch in einem 
positiven Bestreben. Dieses — es ist nur eines — gilt den Hafenbauten. (Straf- 
kolonie, 47.) Hafenbauten können ja nur den Zweck haben, den Verkehr der 
Strafkolonie mit der übrigen Welt zu erleichtern. Im Sinne der Deutung zeigt 
sich hier ein Verlangen, die Inselexistenz des verdrängten, an die masochisti- 
schen Phantasien gebundenen Partial-Ichs zu sprengen und es in Verkehr mi* 
den übrigen Gebieten der Seele zu bringen, es der Gesamtpersönlichkeit ein- 
zugliedern, wodurch denn ein Wesen entstünde, das seinerseits nun wieder 
aus der Isolierung des Neurotikers herauszutreten vermöchte und den An- 
schluß an die Welt, an die anderen, an die soziale Gemeinschaft fände. 



78 rlellmutli Kaiser 



Die Partei des „neuen Kommandanten" verspricht also — im Sinne der 
Deutung geredet — dem Ich einen Zuwachs an Geschlossenheit und eine 
Annäherung an humane, soziale Ideale und stellt somit einen Triebkomplex 
dar, der sozusagen im Zentrum des „Ich" liegt. Aber natürlich sind diesen 
Strebungen auch solche angegliedert, die, ohne Ich-widrig zu sein, doch 
zum Ich peripherer liegen. Der Offizier empfiehlt dem Reisenden, in der 
Sitzung die Hände „für alle sichtbar hinzulegen, „. . . sonst fassen sie die 
Damen und spielen mit den Fingern ..." (Strafkolonie, 48.) Diese Warnung 
des Offiziers zeigt, daß unter dem Schutz des neuen Kommandanten erotische 
Beziehungen zur Frau, die unter dem Regime des alten unterdrückt wurden, 
zum Vorschein kommen dürfen. 

Mit den eben gegebenen Erläuterungen glauben wir aber die Bedeutung 
des neuen Kommandanten noch nicht völlig ausgeschöpft zu haben. Wir 
können an dem eigentümlichen Umstand nicht vorübergehen, daß der neue 
Kommandant — der doch nun einmal vom Standpunkt schlicht-realistischer 
Betrachtungsweise aus — die absolut mächtigste Persönlichkeit der Insel 
ist, bei seiner Bekämpfung des überkommenen Strafsystems gar zu leise- 
treterisch verfährt. Statt einfach die Fortsetzung der Exekutionen zu ver- 
bieten, verhält er sich passiv abwartend und mildert nur in Kleinigkeiten 
das grausame Zeremoniell. (Verbot der Anwendung der ätzenden Flüssigkeit 
und Verbot des Fastens.) Statt die Maschine zerschlagen zu lassen, beschränkt 
er nur die Mittel zu ihrer Erhaltung, so daß sie langsam zerfällt. Seine 
Gestalt ist auffällig blaß. Das Positive, was von ihm gesagt wird, daß er 
sich für Hafenbauten interessiert, ist nicht stark genug, zu irgendeiner 
anschaulichen Darstellung seiner Tätigkeit und ihrer Erfolge zu führen. 
Während wir von der Hinrichtungsmaschine jede Einzelheit deutlich vor 
Augen sehen, erblicken wir von den Hafenbauten nichts. Es ist, als seien 
die Hafenbauten nicht Mittel des Weltverkehres, sondern bedeuteten den 
Hafen der Buhe, in dem jede Bewegung endet. 

Die Frage, ob es Todestriebe gibt, soll hier nicht diskutiert, geschweige 
denn in diesem oder jenem Sinne entschieden werden. Wir haben hier nur 
auf die Tatsache hinzuweisen, daß in dem neuen Kommandanten, diesem 
Vertreter der Ich-nahen Strebungen K.s, eine Tendenz nach Ausgleich, 
Entspannung und Zerfall merkbar wird, die jedenfalls einigen der Tat- 
bestände verwandt ist, um derentwillen Freud den Begriff der Todestriebe 
einführte. 

Wir kommen nun zu dem „Ereignis", von dem die Geschichte erzählt. 
Das Ereignis besteht — wie wir schon früher sagten — in dem Zusammen- 



Fraus Kafkas Inferno 79 



bruch des alten Strafsystems. Es vollzieht sich in zwei Phasen, von denen 
die erste sich beim Beginn der Erzählung schon im Lauf befindet, während 
die zweite ganz in die Gegenwart der Dichtung hineinfällt. Unter der ersten 
Phase verstehen wir die Gesamtheit der Auswirkungen der passiv-ablehnen- 
den Haltung, die der neue Kommandant gegenüber dem alten Strafverfahren 
einnimmt, unter der zweiten die durch das Urteil des Reisenden bewirkte 
Selbstaufgabe des Offiziers. Psychologisch gesehen handelt es sich bei jener 
um einen Widerstand, der sich gegen die anal-sadistische Libidoorganisation 
erhebt, bei dieser um etwas, was wir nur als eine Auflösung, eine Zersetzung 
dieser Organisation bezeichnen können. In der ersten Phase gerät die Wunsch- 
phantasie in Konflikt mit der Realität (Vatergestalt des neuen Kommandanten!), 
in der zweiten mit der Kritik einer vernünftigen, ethischen Überzeugung. 

Das psychologisch bemerkenswerteste Detail der ersten Phase ist das vom 
Offizier lebhaft geschilderte Abflauen des öffentlichen Interesses an der Exe- 
kution. Während früher die Zuschauer sich drängten, ist jetzt der Offizier 
der einzige, der mit Liebe und Begeisterung der Hinrichtung beiwohnt. 
Ein Haufen von Rohrsesseln am Rande der Grube bildet ein kümmerliches 
Denkmal der einstigen Volksstimmung. Für unsere Deutung heißt dies, 
daß der Untergang der Strafphantasie damit begann, daß K. das Eigen- 
brötlerische, Asoziale in ihr empfinden lernte. Die hinzuphantasierten, 
begeisterten Zuschauer — die natürlich einer Komponente von passiver 
Schaulust (vgl. Artistenberuf des „gewesenen" Affen) ihr Dasein verdankten, 
erfüllten zugleich die Funktion, der ganzen Handlung die soziale Sanktion 
zu verleihen, das Schuldgefühl durch Teilung der Verantwortung zu mildern. 
Erlaubt es die erwachende Realitätserkenntnis nicht mehr, eine solche 
Phantasie für das Wunschziel vieler oder aller Artgenossen (z. B. Alters- 
genossen) zu halten, so ist ihr Fortbestehen äußerst gefährdet, da nun die 
ganze Verantwortung für den Inhalt der Phantasie von dem „Träumer selbst 
getragen werden muß. 1 Das dadurch sich anstaunende Schuldgefühl bereitet 
natürlich die zweite Phase, die der Kritik und Zersetzung vor. 

Diese zweite Phase wollen wir nun an Hand des Textes unserer Erzählung 
genauer studieren. 

1) Ein von zwei Brüdern in ihrem sechsten bis zwölften Lebensjahr ausgesponnener 
gemeinsamer Tagtraum, worin sie eine Unterwelt imaginierten, in der sie Herrscher- 
stellungen einnahmen, behandelte jahrelang im wesentlichen Staatsaktionen und soziale 
Institutionen des Unterweltreiches, an denen die ganze Bevölkerung teil hatte. Ihr 
Ende fanden diese Träumereien erst, nachdem die Ereignisse, die sich die Träumer 
erzählten, immer mehr den Charakter privater Erlebnisse der beiden „Helden" an- 
genommen hatten. 



So Hellmuth Kaiser 



Nachdem der Reisende sein Urteil abgegeben hat, sagt der Offizier: „Dann 
ist es also Zeit", läßt den Verurteilten frei und schickt sich an, sich selbst 
unter die Maschine zu legen. — Die innere Stellungnahme des Offiziers zu 
der Entscheidung des Reisenden ist nicht leicht zu bestimmen. Keinesfalls 
dürfen wir annehmen, daß er durch den Reisenden überzeugt worden sei : 

„Das Verfahren hat Sie also nicht überzeugt", sagte er für sich und lächelte, 
wie ein Alter über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln 
sein eigenes, wirkliches Nachdenken behält." (Strafkolonie, 52.) 

Wie eine grundsätzliche Änderung seines Standpunktes mutet es freilich 
an, wenn er die für den „Verurteilten" bestimmte, in den Zeichner ein- 
gelegte Schablone mit dem Urteilsspruch „Ehre deine Vorgesetzten" für 
den Zweck seiner eigenen Hinrichtung austauscht gegen eine Schablone, 
deren Text lautet: „Sei gerecht!" Zweifellos hat das Wort „gerecht" i n 
diesem Imperativ einen gründlich anderen Sinn als das Wort „Gerechtig- 
keit , wenn der Offizier, von seinen früheren Exekutionen erzählend, sagt: 
„Hier geschieht Gerechtigkeit." Die Gerechtigkeit, die den andern Delin- 
quenten zuteil wurde, ist ein religiös- mystisches Erlebnis und hat mehr 
mit „gratia" zu tun als mit „iustitia", während in dem Urteil, das der 
Offizier sich selbst zuerkennt, der humane Begriff der Billigkeit, der demo- 
kratischen Gleichheit, gemeint sein dürfte. 1 

Einer solch „billigen, humanen" Gesinnung schlägt es dagegen wieder 
ins Gesicht, wenn der Offizier sich ihre Formel in der alten mystisch- 
sadistischen Weise ins Fleisch stechen will — ein Verfahren, dem freilich 
auch der Reisende Folgerichtigkeit ausdrücklich zubilligen muß. Wir können 
über diese Gegensätzlichkeiten nicht mehr sagen, als daß wohl auch hier 
die bekannte Wiederkehr des Verdrängten im Verdrängenden stattfindet. Bei 
dem Abbau der alten Strafphantasie scheint sogar durch die Marterung des 
Offiziers eine — allerdings nur von uns vermutete — frühere und durch 
ein „Weniger" an Verdrängung charakterisierte Stufe wieder erreicht zu 
werden, bei der nämlich die Phantasie noch unmittelbar masochistischen 
Charakter trug und noch nicht die Ersetzung des Leidens durch das ein- 
fühlende Zuschauen beim Leiden anderer ihr einen „sadistischen" Aspekt 
verliehen hatte. 

In der Tat trägt der in den nun folgenden Geschehnissen ausgedrückte 
psychische Prozeß auch sonst das Gepräge eines Abbaues, einer Rück- 

1) Im umgekehrten Sinn ist es wohl wieder aufzufassen, daß nur der Offizier 
dagegen nicht der Reisende den Urteilsspruch „Sei gerecht!" entziffern kann. 



Frans k ..; Was Infcruo 



Verwandlung psychischer Bildungen, wie wir sogleich im einzelnen sehen 
werden. 

Nachdem der Offizier das Blatt mit dem Urteil: „Sei gerecht" in den 
Zeichner eingelegt und diesen darauf eingestellt hat, entkleidet er sich. 
Er tut es umständlich und sorgfältig. Einzelne Kleidungsstücke werden 
erwähnt und zum Schluß heißt es ausdrücklich: „Nun stand er nackt da." 
(Strafkolonie, 58.) Die Uniform mit ihrem metallisch-glänzenden Schmuck 
dient neben anderem der Eitelkeit, und diese ist ein narzißtisch orientierter 
Abkömmling der passiven Schaulust. Wenn der Offizier sich nun entkleidet, 
so macht er diese Entwicklung wieder rückgängig. Die Freude am Hübsch- 
und-adrett-gekleidet-Sein zerlegt sich in die ästhetische Wertung des Uniform- 
schmuckes, wie sie in seiner sorglichen und zärtlichen Behandlung der 
Monturstücke während des Entkleidens zum Ausdruck kommt, und in die 
kindliche Lust am Sich-(nackt-)zur-Schau-Stellen. 

Zu der pfleglichen Behandlung der eigenen Kleidung liefert natürlich 
auch das Reinlichkeitsbedürfnis einen Beitrag, ein Bedürfnis, das aus dem 
Überwiegen der einen Seite des ambivalenten Verhaltens zum Schmutz 
resultiert. Bei der Entkleidung des Offiziers zeigt sich auch hier ein Aus- 
einanderfallen der Libidoorganisation. Sobald er ein Stück seiner Kleidung 
mit Sorgfalt ausgezogen und zurechtgeschüttelt hat, wirft er es mit einem 
unwilligen Ruck in die Grube. Es ist, als ob sich aus seinem Ordnungs- 
sinn die ursprüngliche anale Komponente der Schmutzfreudigkeit heraus- 
gelöst hätte.' 

Nun legt sich der Offizier auf das Bett; er wird von dem Soldaten und dem 
Verurteilten festgeschnallt und von selbst beginnt die Maschine zu arbeiten. 

Jetzt aber tritt eine Störung ein: 

„Langsam hob sich der Deckel des Zeichners und klappte dann vollständig 
auf. Die Zacken eines Zahnrades zeigten und hoben sich, bald erschien das 
ganze Rad, es war, als presse irgendeine große Macht den Zeichner zusammen, 
so daß für dieses Rad kein Platz mehr übrig blieb, das Rad drehte sich bis 
zum Rand des Zeichners, fiel hinunter, kollerte aufrecht ein Stück im Sand 
und blieb dann liegen. Aber schon stieg ein anderes auf, ihm folgten viele, 
große, kleine und kaum zu unterscheidende, mit allen geschah dasselbe, immer 
glaubte man, nun müsse der Zeichner jedenfalls schon entleert sein, da erschien 
eine neue, besonders zahlreiche Gruppe, stieg auf, fiel hinunter, kollerte im 
Sand und legte sich ... die Maschine ging offenbar in Trümmer ..." (Straf- 
kolonie, 62.) 

1) Wir erinnern daran, daß auch in der „Verwandlung" die Uniform (des Vaters) 
und Schmutz polar entgegengesetzte Symbole sind. 

Imngo XVII. 6 



Hellmuth Kaiser 



Erinnern wir uns daran, daß wir den Hinrichtungsakt als einen Koitus 
auffaßten. Wir betrachteten den Delinquenten samt dem „Bett", das ihm 
die rhythmischen Schwingungen erteilt, als den passiven Partner. Der aktive 
wird durch die übrigen Teile der Maschine, das heißt durch den auf seinen 
vier Messingstangen wie auf vier Extremitäten ruhenden Zeichner symboli- 
siert, in dessen Mitte die Egge, einem Penis gleich, an ihrem Stahlseil 
herunterhängt. Der Zeichner ist also der Leib des aktiven Partners. Was 
aber durch gewaltsame Pressung in unregelmäßigen Gruppen und in zahl- 
reichen rundlichen Gebilden aus dem Leibe herausgedrückt wird, ist der 
Kot. Es liegt also nahe, den im Texte geschilderten Vorgang als eine Kot- 
entleerung aufzufassen. Tun wir dies, so zeigt sich auch hier der Zerfall 
der komplizierten Libidoorganisation in ihre ursprünglichen Komponenten. 
Die grausame Vernichtung, die die Maschine leistet (insbesondere in der 
oral-analen Auffassung ihres Mechanismus) wird hier durch die primitivste, 
ursprünglichste Form analer Vernichtung: die Kotentleerung, dargestellt. 

Das Räderwerk ist der subtilste Teil der Maschine. In ihm verkörpert 
sich ihre Genauigkeit, ihre wahrhaft unerhörte Präzision, durch die allein 
das Zusammenwirken in den Bewegungen der Egge und des Bettes er- 
möglicht wird. Auch in der „Genauigkeit" steckt bekanntlich eine Fort- 
bildung analer Antriebe, so daß die Umwandlung des Räderwerkes in Kot 
eine Rückentwicklung sublimierter analer Strebungen bedeutet. 

Wir würden jedoch der Bedeutung dieses ausführlich geschilderten, merk- 
würdigen Zerfallphänomens nicht gerecht werden, wenn wir es nicht noch 
einem weiteren Sinnzusammenhang einreihten. Sehen wir uns die Folgen 
dieser Entleerung des Zeichners an, so finden wir sie in der Wirkung der 
Maschine deutlich ausgeprägt: 

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper 
nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein ... das war ja 
keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war un- 
mittelbarer Mord." (Strafkolonie, 63.) 

und weiter: 

„Es (das Gesicht der Leiche des Offiziers) war, wie es im Leben gewesen 
war: Kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle 
anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht. . ." (Straf- 
kolonie, 65.) 

Offenbar ist das, was der Offizier in der Maschine nicht findet, was alle 
seine Vorgänger gefunden hatten, und was er selber dort sucht, — Lust. 
Die Maschine kann jetzt nach der Beschädigung, die sie erlitten hat, nur 



Trans Kafkas Interno 83 



noch töten aber nicht mehr beglücken. Wir müssen suchen, uns dies ver- 
ständlich zu machen. Die Wirkungsweise der Maschine faßten wir als einen 
coitus per anum auf, als eine „von hinten erfolgende" Befruchtung durch 
den Vater, wie wir in Analogie zu der Apfelwurfsszene der „Verwandlung" 
sagen konnten. Das in den Körper des Delinquenten eindringende Instru- 
ment, die Egge mit ihren Nadeln, war ein Modell des väterlichen Penis. 
Daß das Eindringen des väterlichen Penis in den anus als lustvolles Erlebnis 
phantasiert und ersehnt wird, geht bekanntlich auf folgende einzelne, in 
ihren Auswirkungen aber sich unauflöslich durchdringendeTatbestände zurück : 
i) Eine mechanische Reizung der Darmschleimhaut, zum Beispiel durch 
zurückgehaltene Kotmassen wird (oder wurde) als lustvoll empfunden. 

2) Es besteht der Wunsch, an die Stelle der Mutter zu treten und vom 
Vater gewaltsam etwas angetan zu bekommen. 

3) Es besteht der Wunsch, den Penis des Vaters (als Ersatz für den ver- 
lorenen eigenen) zu erhalten. 

4) Es besteht die infantile Theorie: Einen Penis kann man durch eine 
Defäkation erzeugen: der Penis ist eine Kotstange. 

Durch diese Aufstellung wollen wir daran erinnern, daß die in der 
Hinrichtungsphantasie erlebte Lust durchaus komplexer Natur ist und eine 
nicht zu unterschätzende genitale oder, noch genauer, phallische Komponente 
enthält. Die von K. dort einmal erreichte phallische Position ist durch die 
Regression nicht völlig vernichtet worden. Ja gerade in der Erscheinungs- 
form der durch die regredierende Libido reaktivierten, infantileren Strebun- 
gen zeigen sich sehr merkbare Spuren der zerstörten phallischen Organisation. 
So bedeutet das Schnapstrinken des Affen zwar eine Wiederbelebung der 
Sauglust der oralen Phase, aber die Flasche ist nicht — oder nicht nur — 
ein Abbild der mütterlichen Warze, sondern auch und vorwiegend ein Symbol 
des väterlichen Penis, der verschlungen und so durch Einverleibung zum 
eigenen (Ersatz-) Penis gemacht werden soll. Das Endziel des Schnapstrinkens 
ist nicht Befriedigung einer Sauglust, sondern die Gewinnung phallischer 
Lust. Diese Triebgestaltung einmal vorausgesetzt, erhält das Herausquellen 
der Zahnräder des Zeichners und die dadurch angedeutete Kotentleerung 
einen neuen Sinn. Da nämlich die Folge dieses Ereignisses in dem Aus- 
bleiben der sonst bei der Marterung zu gewinnenden Lust besteht, können 
wir annehmen, daß das eigentliche Lustinstrument, der Penis, an dem auch 
die anal angeregte Lust im wesentlichen empfunden wird, bei jenem Er- 
eignis zugrunde geht: Der aus Kot gebildete Penis wird in Kot zurück- 
verwandelt und ausgestoßen. Dabei geht die Lust, die einer komplizierteren, 

6* 



84 



Hellmuth Kaiser 



eine phallische Komponente enthaltenden Libidoorganisation entspricht, ver- 
loren — aber die rein anale Ausstoßungslust kommt zustande, ein Sach- 
verhalt, der sich darin ausdrückt, daß der höher organisierte Offizier nicht 
gefoltert (lustvoll gereizt), sondern nur getötet wird, während der primitive 
Verurteilte von den herausquellenden „Zahnrädern" „völlig entzückt" ist. 

Überhaupt werden die beiden primitiven Nebenfiguren, der Soldat und 
der Verurteilte, jetzt zum Schluß besonders lebendig und treiben allerlei 
kindlichen Scherz; so dreht sich der Verurteilte in seiner hinten zerfetzten 
Kleidung vor dem Soldaten im Kreise herum, und beide raufen sich um 
ein paar Taschentücher, die der Verurteilte von den Damen geschenkt be- 
kommen hatte. Es ist so, als ob durch die Zerstörung und kritische Auf- 
lösung der kombinierten Wunschphantasie primitive Partialtriebe frei ge- 
worden wären. 

Es ist natürlich nur konsequent, daß die zerstörte Maschine dem Offiziei 
nicht wie den früheren Verurteilten zur Erkenntnis und zum Verständnis 
seines Urteilsspruchs verhelfen kann. Trotzdem glauben wir, daß in der 
Schilderung des Toten: 

„. . . die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, 
hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch 
die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels ..." (Strafkolonie, 65.) 

neben der Vernichtung der „Erlösungskraft" der Maschine, auch gerade 
das Gegenteil, nämlich die Unzerstörbarkeit des alten Systems zum Ausdruck 
kommt. — Etwas bleibt von- jeder psychischen Bildung erhalten. 

Nach dem Tode des Offiziers begibt sich der Reisende in die Kolonie; 
der Soldat zeigt ihm im Teehaus unter einem Tisch das Grab und den 
Grabstein des alten Kommandanten. Er liest unter dem Lächeln der Arbeiter, 
die dort herumsitzen, die Aufschrift des Steines mit der Prophezeiung von 
der Wiederkehr des Alten und verläßt das Haus, um sich an den Hafen 
zu begeben. Den Soldaten und den Verurteilten, die sich in das Boot, das 
zum Dampfer übersetzt, hineindrängen wollen, wehrt er mit einem Tau- 
ende ab. Und das Boot löst sich vom Ufer. 

Auf die Bedeutung dieses Wenigen, was nach dem Tode des Offiziers 
noch geschieht, wollen wir später eingehen. Wir wenden uns jetzt wieder 
zu der Ausgangssituation der Strafphantasie zurück, deren Auflösung wir 
soeben studiert haben, mit der Absicht, die darin verwobenen „Sublimierungen" 
genauer zu betrachten. 

Das Urteil wird dem Verurteilten nicht verkündet, sondern die Strafe 
besteht darin, daß er gezwungen wird, den Urteilsspruch, den ihm die Maschin« 



r ranz K.alkas Inlenio öo 



in die Haut gestochen hat, mit seinen Wunden zu entziffern. — Dieser 
Vorgang — wir müssen ihn einen Erkenntnisprozeß nennen — beginnt um 
die sechste Stunde und währt bis zum Tode des Mannes, das heißt bis zur 
zwölften. Um die gleiche Zeit, zu der der Verurteilte zu erkennen beginnt, 
verliert er die Lust am Essen. Wir hatten oben die Vermutung ausgesprochen, 
daß infolge der Marterung und der dadurch hervorgerufenen aggressiven 
Impulse gegen die Obrigkeit, das bei der Nahrungsaufnahme betätigte Kauen 
und Beißen eine Bedeutungsverschiebung, eine Erotisierung erfährt, so daß 
der Impuls zu einer oralen Aggression gegen den Vater auftritt. Der gegen 
diese Aggression gerichtete Verdrängungsdruck bringt mit der Beißlust auch 
die Eßlust zum Verschwinden, die libidinöse Besetzung der oralen Funktionen 
verwandelt sich in Ekel und der Bissen wird ausgespieen (worin sich dann wieder 
ein Stück Aggression gegen die Vatergestalt äußert). — Wir haben mit 
dieser Erläuterung aber wohl nur den Verbleib eines Teils der oralen Libido 
getroffen. Der Umstand, daß das Essen von der Erkenntnis abgelöst wird, 
läßt an eine Libido-Verschiebung zwischen diesen beiden Funktionen denken, 
dergestalt, daß das Erkennen einer „sublimierten" Beiß- und Verschlinglust 
gleichzusetzen wäre. 

Ein solcher Zusammenhang ist ja der analytischen Psychologie wohl 
bekannt, — er besteht bei allen Menschen. 1 Unsere Aufgabe ist es, die 
spezielle Natur dieses Zusammenhanges bei K. zu untersuchen. 

Eine Stelle aus den Tagebüchern Kafkas vermag uns hier einen Fingerzeig 

zu geben. Es heißt da: 

„Beim Diktieren einer größeren Anzeige bleibe ich stecken . . . Endlich 
habe ich das Wort „brandmarken" und den dazugehörigen Satz, halte aber 
alles noch im Mund mit einem Ekel und Schamgefühl, wie wenn es rohes 
Fleisch, aus mir geschnittenes Fleisch wäre (solche Mühe hat es mich gekostet). 
Endlich sage ich es, behalte aber den großen Schrecken, daß zu einer dich- 
terischen Arbeit alles in mir bereit ist und eine solche Arbeit eine himmlische 
Auflösung und ein wirkliches Lebendigwerden für mich wäre, während ich 

i) Ein paar geläufige bildliche Ausdrücke der Volkssprache mögen als Belege dienen: 

Denken gleich Beißen: Erkennen gleich Verschlingen: 

Eine harte Nuß zu knacken geben. Ein Buch verschlingen. 

Sich an einer Aufgabe die Zähne ausbeißen. An den Brüsten der Weisheit trinken. 

Schärfe des Verstandes. Geistige Nahrung. 

Messer der Logik. Erkenntnisquelle. 

Schneidende Dialektik. Habt ihr's gefressen? 

Jemandem etwas vorkauen. (militärisch: gleich: „habt ihr's ver- 

Sich auf etwas abkauen. standen?") 

(aus dem reiterlichen Sprachgebrauch.) Etwas nicht verdauen können. 



86 



Hellmuth Kjiiscr 



hier im Büro um eines so elenden Aktenstückes willen einen solchen Glückes 
fähigen Körper um ein Stück seines Fleisches berauben muß. 

Wir müssen zunächst auf den Unterschied aufmerksam machen, der 
zwischen der Situation des Verurteilten und der Situation Kafkas in jenei 
Tagebuchstelle besteht. Der Verurteilte soll einen ihm — wenn man so 
sagen darf — vorgelegten Gedanken verstehen, Kafka soll einen Gedanken 
produzieren. Man wird daher das, was sich aus der Betrachtung der Tage- 
buchstelle ergibt, nicht ohne weiteres auf die Situation der „Strafkolonie" 
übertragen dürfen. 

In der Tagebuch stelle zeigt sich deutlich, daß für Kafka das Ausdenken 
eines Gedankens und seine Formulierung Akte sind, die mit dem Beißen 
zu tun haben, und zwar mit einem Zerbeißen des eigenen Körpers. Die 
Vorstellung einer solchen Verwandtschaft zwischen dem „Erkennen und 
dem „Etwas-vom-eigenen-Körper-Lostrennen" ist nicht ganz so absurd, wie 
sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Als das wesentliche Merkmal der 
Erkenntnis, das sie beispielsweise von der bloßen Reizempfindung unter- 
scheidet, betrachten wir ihr „Bezugnehmen" auf ein vom Ich verschiedenes 
Etwas, den Gegenstand. Nehmen wir — was naheliegt — an, daß in der 
Entwicklung des Kindes der Wahrnehmungserkenntnis von Sehdingen die 
Empfindung von Lichtreizen vorausgeht, so müssen wir den kritischen Punkt, 
in dem „Erkenntnis" auftritt, an der Zeitstelle suchen, wo zuerst der Licht- 
reiz, der bisher als Qualität schlechthin erlebt wurde und sozusagen ganz 
in das Ich hineinfiel, nun teilweise als „Nicht-zumTch- Gehörig" gewertet 
wird. Genau gesagt: Der Gegenstand — und natürlich auch das Ich — 
entstehen durch einen Schnitt, der den bisher unterschiedslosen Stoff der 
Empfindung in Objekt und Subjekt zerlegt. — In ganz analoger Weise 
bedeutet die gedankliche wie die künstlerische „Darstellung" des Erlebens 
ein Abtrennen gewisser Lebensinhalte vom Ich. 

Nun zurück zu K.! In der Szene, die das Tagebuch beschreibt, sucht 
er das Wort „brandmarken". Es ist verständlich, daß er es nicht leicht 
findet. Denn dies Wort bezeichnet ja eine Körperverletzung, eine schimpf- 
liche, entehrende, und er selbst ist gerade dabei, eine ebenso entehrende 
und schimpfliche Körperverletzung an sich selbst zu vollziehen. Worin be- 
steht hier das Schimpfliche? Dem K. sehen Texte nach in dem Mißbrauch 
des Produktionsprozesses für die „elenden" Zwecke der Büroarbeit. In 
Wirklichkeit wird durch die Ausdrücke „Ekel" und „Schamgefühl" eine 
andere Motivierung nähergelegt. Das Schamgefühl deutet auf eine der 
bewußten Kritik mißliebige, also schimpfliche Entblößungslust, die eben 



Franz Kafkas Inferno 87 



wegen ihrer Zensurwidrigkeit nicht voll zum Durchbruch kommen kann. 
Was K. zu zeigen wünscht, ist natürlich das, was er eine Weile scham- 
haft zurückhält: das abgebissene rohe Stück Fleisch in seinem Munde. 
Soweit ist die Situation verständlich. Wie aber kommt das Stück Fleisch 
in seinen Mund, dieses Stück seines eigenen Körpers? Die uns bei K. schon 
bekannte Beiß- und Verschlingungslust kann für sich allein noch nicht ver- 
ständlich machen, warum es gerade der eigene Körper ist, gegen den sie 
sich richtet. Wir nehmen daher an, daß diese oralen Strebungen hier in 
den Dienst einer Selbstbetrafungstendenz getreten sind. Das „Delikt" werden 
wir in eben der Strebung zu suchen haben, die sich auch nach der Be- 
strafung noch regt: in der Exhibitionslust. Wir haben bisher von dem männ- 
lichen Exhibitionsdrang, den Penis zur Schau zu stellen, noch nie etwas bei 
K. entdeckt, es zeigte sich vielmehr immer nur der weibliche, der auf die 
Zurschaustellung des ganzen Körpers abzielt. (Varieteberuf des Affen, Ent- 
blößung des Offiziers, Zuschauer bei der Hinrichtung.) Dieser männliche 
Exhibitionismus ist offenbar bei K. besonders stark verdrängt worden, und 
wir können uns vorstellen, daß er frühzeitig in der Phantasie durch die 
Strafe der Selbstkastration verscheucht wurde. Er mag dann durch eine „Ver- 
schiebung nach oben", wie bei vielen Kindern, im Herausstrecken der Zunge 
wieder zum Vorschein gekommen sein. Und auch hier folgte ihm die Strafe, 
nun unter Verwendung anderweit vorgebildeter oraler Strebungen, die das 
Moment des Ekels hineinbringen: durch das Abbeißen der Zunge. In dieser 
Strafe aber setzt das Verdrängte sich wieder durch: Die abgebissene Zunge 
oder der Penis, wie wir auch sagen können, muß ja ausgespien und auf 
diese Weise sichtbar gemacht werden, wodurch freilich auch die „Brand- 
markung" K.s, nämlich seine Kastriertheit, sichtbar wird. Die Parallele zur 
dichterischen Produktion ist nun deutlich zu sehen. Der dichterische Pro- 
duktionsdrang entsteht ja auch durch eine Triebeinschränkung, nämlich durch 
die Versagung, von der die Ödipusstrebung getroffen wird. Dem Abschneiden 
des Penis entspricht hier die Abstoßung, die Entpersönlichung, die Verobjekti- 
vierung der Ödipustriebe in einem Dichtwerk. Und wie dort das Ausspeien 
des Fleischstückes einem exhibitionistischen Triebe zugute kam, so geschieht 
etwas Ähnliches auch bei der Veröffentlichung der dichterischen Produktion, 
mag dieser Lustgewinn auch nicht das einzige Motiv sein, das zur Veröffent- 
lichung drängt. Unbeantwortet bleibt freilich die Frage, warum die dichte- 
rische Arbeit eine „himmlische Auflösung" für Kafka wäre, während ihn 
die Büroarbeit nur beraubt. Diese Frage ist keineswegs mit einem Hin- 
weis auf den höheren Bang künstlerischer Produktion zu erledigen. Wir 



88 Hellmutli Kaiser 



können sie aber im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht beantworten 
da uns das in den großen Romanen enthaltene Material hier fehlt. Wiy 
lassen sie also offen. 

Wenn wir nun zu der Strafphantasie unserer Erzählung zurückkehren, 
so werden wir den Umstand, daß der Verurteilte den letzten Bissen au«- 
speit, wieder in einem neuen Lichte sehen. 

„Erst um die sechste Stunde verliert der Mann das Vergnügen am Essen. 
Ich knie dann hier nieder und beobachte diese Erscheinung" (Strafkolonie, 28), 

sagt der Offizier, und dieses Beobachten, dieses gespannte „Draufschauen" 
auf seiner Seite setzt ein Zeigenwollen auf der anderen voraus. Denken 
wir ferner daran, daß der Filzstumpf auch das Zerbeißen der Zunge 
hindern sollte, gewissermaßen um durch Verhinderung der primitiven 
körperlichen Aktion die Sublimierung der auf das Zungezerbeißen zielenden 
Impulse zu Erkenntnisimpulsen zu erzwingen, so scheint die Situation des 
Verurteilten in der Strafkolonie doch derjenigen K.s, die in der Tagebuch- 
stelle zum Ausdruck kommt, ähnlicher, als wir anfangs vermuten konnten. 
Zusammengefaßt sagt das Verfahren, den Verurteilten das Urteil mit 
seinen Wunden entziffern zu lassen, etwa aus: Erkenntnis ist eine Marter — 
aber eine lustvolle, verklärende. Sie zerreißt uns, aber sie gewährt uns auch 
„Gerechtigkeit". 

Wir hatten schon einmal Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß das Wort 
„Gerechtigkeit" hier eine andere Bedeutung hat, als die einer bürgerlichen 
oder wie wir auch sagen können — welllichen Tugend, unter der das 
Wort in der Ethik eine Bolle spielt. Dies wird aus der folgenden Stelle 
vielleicht noch deutlicher: 

„Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten 
Besicht wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten 
und schon vergehenden Gerechtigkeit!" (Strafkolonie, 38.) 

Die Art, wie das Wort hier gebraucht wird, atmet nicht den Geist der 
Jurisprudenz, sondern den der Theologie, sie erinnert lebhaft an die Sprache 
der lutherischen Bibelübersetzung, wo es z. B. Böm. 3, Vers s8 heißt: 

„So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes 
Werke allein durch den Glauben." 

Diese Einzelheit, der wir später noch eine ganze Menge ähnlicher an- 
reihen werden, mag uns ahnen lassen, daß wir die in der K.schen Phantasie- 
bildung enthaltenen Sublimierungen nicht beschreiben können, ohne sie 
als ein Analogon zu den religiösen Schöpfungen — insbesondere der jüdisch- 



Frans Knlkns Inferno 89 



christlichen Religion zu betrachten; ja das Wort „Analogon" ist vielleicht 
noch zu schwach, so daß wir geradezu von einer Nachschöpfung jüdisch- 
christlicher Mythologien sprechen müssen. 

Wenn wir bisher unsere Darstellung von jeder Andeutung dieser Be- 
ziehungen freigehalten haben, so geschah es, um zu zeigen, daß die K.sche 
Phantasiebildung weitgehend durch die primitive Triebanlage K.s und deren 
nächste Umwandlungen und Fortentwicklungen determiniert ist, so daß das 
mythische Element nur wie eine Art Patina die schon geprägte Form des 
Problemkomplexes überzieht, gewissermaßen durch eine weitere Behandlung 
der Oberfläche aus dieser erwachsen. 

Der alte Kommandant ist ein Gott, ein strenger, grausamer, aber auch 
ein weiser und einsichtiger. Er schuf die Welt — die Welt der Strafkolonie, 
die Hinrichtungsmaschine, die kunstvollen Zeichnungen der Urteilssprüche, 
das Gesetz und die kultische Zeremonie, durch die es verherrlicht wird. 

„Hat er denn alles in sich vereinigt? War er Soldat, Richter, Konstrukteur, 
Chemiker, Zeichner?" 

„, Ja wohl', sagte der Offizier." (Strafkolonie, 15.) 

Sein Grab und der Stein mit der Inschrift sind von einem Tisch bedeckt. 
So sind auch heute die Steinbilder der Gottheit als Tische maskiert. Der 
Altar, der „Tisch Gottes", ist ja eigentlich ein Opferstein und dieser ist 
ursprünglich ein Steinbild des Gottes und letzten Endes der Gott selbst. 1 

Der Mensch ist mit der Erbsünde behaftet: 

„Die Schuld ist immer zweifellos." (Strafkolonie, 18.) 

Diese Erbsünde besteht im Ungehorsam gegen Gott. „Ehre deinen Vor- 
gesetzten" lautet ja das Urteil. Die Strafe besteht in dem durch die Folter 
erzwungenen quäl- und lustvollen Erkennen des Urteils. Wir möchten an- 
nehmen, daß hier eine Verdichtung stattgefunden hat, kraft derer die Strafe 
das Verbrechen und seinen Lustgewinn in sich schließt; wir behaupten: 
die Sünde besteht gerade im Erkennen — genau wie die Strafe. Dieses 
sündhafte Erkennen finden wir ja auch in der Bibel in der Geschichte 
vom Sündenfall. (Mose 1 .) Dort erreicht Adam diese Erkenntnis, indem er, 
dem Verbot Gottes zum Trotz, die Frucht vom Baum der Erkenntnis ver- 
zehrt. Baum und Frucht stellen, wie Reik 3 gezeigt hat, den Penis Gottes 
dar. Wir erinnern hier an den Apfel wurf in der Kafkaschen „Verwandlung", 
wo auch der Apfel an die Stelle des väterlichen Penis getreten ist. Die 



1) Vgl. Reik: Der eigene und der fremde Gott. 

2) Reik: Religionspsychologie. 



go Hellmuth Kaiser 



Sünde der „Erkenntnis" entspricht also der Sünde, Gott zu verschlingen. 
Und diese Tat ist es denn auch, die der Verurteilte der Strafkolonie begeht, 
er droht ja, seinen Hauptmann zu fressen. 

In der Bibel stellt die Schlange Eva in Aussicht, daß sie durch den 
Genuß der Früchte gottähnlich würde: 

„Da sprach die Schlange zum Weibe: ihr werdet mit nichten des Todes 
sterben. u 

„Sondern Gott weiß, daß, welches Tages ihr davon esset, so werden eure 
Augen aufgetan und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse 
ist." (l.Mose, Kap. 3, 4 — 5.) 

Diese Aussicht gründet sich auf den Gedanken, daß man durch Ein- 
verleibung eines Wesens dessen Eigenschaften und Kräfte erwirbt. In der 
Strafphantasie K.s geht dieses „Gottähnlichwerden" zusammen mit dem 
Erkennen in die Strafe ein: denn als ein solches Gottähnlich werden dürfen 
wir wohl die Verklärung deuten, die auf dem Gesicht des Gemarterten 
erscheint. Auch für den Umstand, daß Vers 5 zunächst von dem Aufgetan- 
werden der Augen spricht, finden wir eine Parallele in der Kafkaschen 
Erzählung: 

„Wie still wird aber dann der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht 
dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es." 

Was das Auf getan werden der Augen in der Bibel bedeutet, geht be- 
kanntlich aus dem Vers 7 hervor, wo es heißt : 

„Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie 
nackt waren." (1. Mose, Kap. 3, Vers 7.) 

Hier enthält die K.sche Phantasie insofern eine Modifikation, als die 
durch oder mit dem Sündenfall erregte Schaulust im wesentlichen auf den 
Offizier verschoben worden ist, wie ja überhaupt die Zerlegung des „Sohnes" 
in die beiden Gestalten, die des Verurteilten und die des Offiziers, in dem 
Sündenfall der Genesis nicht vorkommt. 

Die von Gott angedrohte Todesstrafe: 

„. . . denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben" 
(1. Mose, Kap. 2, Vers 17), 

die in der Genesis nicht sofort vollstreckt wird, tritt in der Kafkaschen 
Dichtung wirklich ein — aber, genau besehen, auch bei Kafka nicht sofort, 
sondern erst nachdem die tragende Rolle von dem kindlich-primitiven Ver- 
urteilten an den Offizier übergegangen ist. Es ist ja nicht der Verurteilte, 
der des Todes stirbt, sondern der Offizier. Auch er muß, wie Adam, zuvor 
das „Paradies", das heißt die Ideenwelt seines Hinrichtungskultes verlassen. 



Kafkas Inferno 91 



Von dem Moment an, wo der Reisende ihm sein leises „Nein" entgegen- 
gesetzt hat, ist von einer „Verklärung", einem Gottähnlichwerden nicht mehr 
die Rede. Jetzt geht es nur noch um den irdisch-menschlichen Tod. Das 
die Gottähnlichkeit gewährende Lustinstrument löst sich auf und wird zu 
Kot, wie es aus Kot gemacht war. 

„Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis daß du 
wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und 
sollst zu Erde werden." (1. Mose, Kap. 5, Vers 19.) 

Wir glauben, daß man sich dem Eindruck des Parallelismus zwischen 
jenem ersten Sündenfall der Bibel, jener Auflehnung Adams gegen Gott, 
und den Ereignissen in der Kafkaschen „Strafkolonie" nicht wird entziehen 
können. Aber auch ein zweiter „Sündenfall", eine zweite revolutionäre 
Wendung der jüdischen Religion spiegelt sich in der Kafkaschen Dichtung: 
die Tat Christi. Auch sie bedeutet ja eine Erhebung des Gottessohnes gegen 
Gott -Vater mit dem Ziel, an Gottes Stelle zu treten — selber Gott zu 
werden. 1 Hier ist es wesentlich die Bestrafung, der Kreuzestod Christi, der 
in der Marter des Verurteilten dargestellt wird. Hier wie dort wird der 
nackte, von vielen kleinen Wunden zerrissene Leib — man denke etwa 
an die Darstellung des Isenheimer Altars — vor einer Zuschauermenge in 
langen Stunden zu Tode gequält. Der tödlichen Beschriftung hei Kafka ent- 
spricht die Überschrift : „Jesus von Nazareth, der Juden König" (Joh.XIX, 19), 
die Pilatus aufs Kreuz setzen ließ und die ebenfalls auf das Vergehen man- 
gelnder Ehrfurcht vor der Obrigkeit hindeutet. 

Die Tränkung Christi mit dem Essig erinnert an den Reisbrei, den der 
Verurteilte bei Kafka bekommt. Eine weitere Übereinstimmung liegt darin, 
daß auch beim Tode Christi „um die sechste Stunde" eine Wendung eintritt: 
Luk. 23, Vers 44 heißt es: 

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das 
ganze Land bis an die neunte Stunde. Und die Sonne verlor ihren Schein, und 
der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. . 

Und Jesus rief laut und sprach: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine 
Hände, und als er das gesagt hatte, verschied er." 

Dieser, wie der Schilderung der anderen Evangelien, darf man entnehmen, 
daß der eigentliche Todeskampf Christi mit der sechsten Stunde beginnt, 
derselben Stunde (freilich nicht des Tages, sondern der Marterung), in der der 
Verurteilte anfängt, die Schrift des Urteils zu entziffern. 



1) Vgl. Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X. 





- 


g2 Hclliiiiitli Kaiser 




Die Ergriffenheit der Zuschauer bei Kafka ist mehr als bloße Anteil- 
nahme an dem Sterben eines Verbrechers : 

TTnrl r\v\r\ hsiranvi Aia 17 volrntirvvi 1 Kein Mißton StÖrtp rlip Arhfiit. rlpr M 3 S.c\\ \ r\ O 





Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen 
im Sand; alle wußten: »Jetzt geschieht Gerechtigkeit.' . . . Nun — und dann kam 
die sechste Stunde! Es war unmöglich, allen die Bitte, aus der Nähe zuschauen 
zu dürfen, zu gewähren. Der Kommandant in seiner Einsicht ordnete an, daß 
vor allem die Kinder berücksichtigt werden sollten ..." (Strafkolonie, 57) 

und weiter: 

„. . . Wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten 
und schon vergehenden Gerechtigkeit . . . (Strafkolonie, 38.) 

Die Hinrichtung ist für die Zuschauer offenbar ein Gottesdienst, ein Akt, 
der sie alle angeht, an dem sie alle innerlich aufs stärkste beteiligt sind. 
Die Gründe hiefür sind voraussichtlich die gleichen, die die Feier des 
Kreuzestodes Christi und seiner Auferstehung zu einer gemeinsamen Sache 
aller Gläubigen machen. Der Tod Christi bedeutet die Ablösung der mensch- 
lichen Schuld gegen Gott. 

Die aufgeführten Übereinstimmungen zwischen der Kafkaschen Dichtung 
und dem jüdisch-christlichen Mythus verdienen zweifellos auch an sich ein 
gewisses Interesse. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen sie aber nur ein 
Mittel sein, den Leser auf das Anerkenntnis des religiösen Gehalts der Kafka- 
schen Erzählung vorzubereiten. An und für sich ist es natürlich möglich, 
daß eine Dichtung, die sich in Inhalt und Form weitgehend einer historisch 
gegebenen, religiösen Schöpfung anpaßt, dennoch ihrerseits keinen Hauch 
religiösen Gefühls enthält, wie es umgekehrt auch möglich wäre, daß eine 
Ausdrucksform religiösen Erlebens mit keiner der bisher vorhandenen eine 
wesentliche Verwandtschaft aufwiese. Für die Beurteilung der Kafkaschen 
Dichtung ist natürlich vor allem die erste dieser beiden Möglichkeiten von 
Bedeutung, also die, daß die gefundenen Übereinstimmungen mehr äußer- 
licher Natur sein könnten. Wir glauben, daß gegen diese Möglichkeit schon 
allein der Umstand spricht, daß die in Betracht gezogenen Übereinstimmungen 
zum Teil gar nicht leicht in die Augen fallen, und daß sie sogar oft auf 
recht mühsame Weise zur Evidenz gebracht werden mußten. Insbesondere 
scheint dadurch eine absichtliche Anlehnung an die biblischen Formen, 
wie sie sonst als ein Kunstmittel des Sarkasmus, der Ironie oder des Witzes 
in Frage käme, ausgeschlossen zu sein. 

Auch von einem unbewußten „Nachwirken" oder „Im-Gedächtnis-hängen- 
Bleiben" der biblischen Szenen kann bei Kafka nicht gut die Bede sein. 



Frans Kalkas liilcrno 9^> 



Zwar mag etwa der Ausdruck: „. . . um die sechste Stunde" als eine solche 
Bibelreminiszenz aufgefaßt werden, da er bei Kafka in dem gleichen Wort- 
laut auftritt wie in dem Evangelium. Dagegen läuft die Parallele zwischen 
dem sündigen Apfelbiß Adams und dem „Wirf die Peitsche weg, oder ich 
fresse dich" des Verurteilten soweit abseits anschaulicher Ähnlichkeit, daß 
wir wohl mit voller Sicherheit sagen dürfen: Hier ist nicht die biblische 
Form für einen anderen Inhalt übernommen worden, sondern die Gleich- 
heit der Inhalte hat zu Darstellungsformen geführt, die zwar anschaulich 
sehr verschieden sind, aber, jede in ihrem Zusammenhang gedeutet, auf 
den gleichen seelischen Gehalt zurückweisen. 

Natürlich kann die Frage, ob die Kafkasche Schöpfung wirklich reli- 
giösen Gehalt besitzt, in letzter Instanz nur gefühlsmäßig entschieden werden. 
Den zweifelnden Leser müssen wir daher auf die Lektüre der Dichtung 
selbst verweisen. Aber einiges läßt sich vielleicht doch durch Erläuterungen 
zur Verstärkung des Echtheitseindruckes beitragen, und wir wollen im 
folgenden ein paar solche Hinweise geben. 

Ein Charakteristikum der religiösen Kulte ist ihre Unabhängigkeit von 
irdischen Zwecken. Dieses Merkmal finden wir auch in dem Strafkult der 
Kafkaschen Erzählung. Das Ziel des ganzen Aufwandes ist, dem Verur- 
teilten zur „Einsicht" zu verhelfen, ihn das Urteil lesen und verstehen 
zu lassen, bis die wachsende Erkenntnis ihn verklärt. Wenn diese Absicht 
auch an den human-vernünftigen und heute besonders gern diskutierten 
„Besserungszweck" der Strafe denken läßt, so hat sie doch im Grunde nichts 
mit ihm gemein. Denn dem „humanen" Standpunkt erscheint eine Todes- 
strafe mit Besserungszweck als ein vollendeter Widersinn, weshalb auch die 
weltliche Institution unserer Justiz auf jede moralische Bearbeitung zum 
Tode verurteilter Verbrecher verzichtet. Im Gegensatz dazu lassen es sich 
die Vertreter der Kirchen angelegen sein, den „armen Sünder" nicht nur 
zu trösten, sondern auch in eine religiös angemessene, bußfertige Seelen- 
verfassung zu bringen, gerade im Hinblick auf seinen bevorstehenden Tod. 

Das, was in der „Strafkolonie" mit dem Verurteilten geschieht, entspricht 
durchaus den kirchlichen Bemühungen um den hinzurichtenden Verbrecher. 
Erkenntnis und Erlösung sollen ihm zuteil werden, nicht damit er danach 
ein sittlich besseres Leben führe, sondern weil Erkenntnis und Erlösung 
an sich wichtig sind und sogar den Preis des Lebens aufwiegen. 

Wir hatten schon an früherer Stelle darauf hingewiesen, daß die „Ge- 
rechtigkeit" der Strafphantasie etwas anderes ist als die so benannte zivile 
Tugend. Bürgerlich-weltliche Gerechtigkeit wägt die Taten und bestimmt 






94 



Hellmuth Kaiser 



danach das Urteil. Aber bei dem Verfahren des Offiziers ist die Schuld 
„immer zweifellos". Das bedeutet, daß sie von den besonderen Taten des 
einzelnen Verbrechers unabhängig ist, daß sie eine „tragische", eine Schick- 
sals-Schuld ist. Der Begriff — oder besser — das psychische Phänomen 
der Schicksals-Schuld, der Erbsünde, wie wir auch sagen können, ist aber 
das notwendige Gegenstück zu der religiösen Lehre von der Erlösung. 
Während für eine rationale Betrachtung die Unvermeidlichkeit einer Schuld 
ihren Schuldcharakter aufheben würde, dient gerade diese Vereinigung der 
Widersprüche (notwendige Schuld) dem Religiösen zur Wiedergabe eines 
charakteristischen Erlebnisses, nämlich zur Darstellung unserer moralischen 
Ohnmacht vor Gott. 

Wie die Erlösungsbedürftigkeit ein Zustand ist, der unabhängig von der 
Moralität des Menschen ihm schicksalsmäßig zukommt, so ist auch die 
Befreiung von diesem Zustand, das heißt also die Erlösung, weitgehend un- 
abhängig von dem individuellen moralischen Verhalten und Leiden. Dadurch 
wird es möglich, daß die Erlösung eines Menschen nicht durch ihn selbst, 
sondern durch einen anderen, einen Stellvertreter oder einen Mittler, be- 
werkstelligt wird. Diese spezifisch religiöse Bedeutung der Mittlerschaft 
oder, von der andern Seite aus gesehen, der Anteilnahme, findet sich auch 
in der „Strafkolonie". Die Zuschauer der Hinrichtung sind nicht nur Zu- 
schauer, so wenig wie die Gemeinde einen Gottesdienst nur anschaut oder 
anhört. Wenn es dort heißt: 

„Wie hielten wir alle unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten 
und schon vergehenden Gerechtigkeit" (Strafkolonie, 38), 

so deutet diese Schilderung etwas durchaus anderes an als ein Kenntnis- 
nehmen, wie es durch die Augen oder Ohren vermittelt würde. Hält man 
die Wangen in den Schein der Sonne, so will man die Sonne nicht bloß 
sehen, nicht bloß ihr Vorhandensein feststellen, sondern man will ihre 
Wirkung spüren, man will durch sie verändert (etwa gewärmt oder gebräunt) 
werden. Die Teilnahme an dem Hinrichtungsakte bedeutet also für die Zu- 
schauer auch so etwas wie eine Läuterung, eine Erlösung. 

Dieser Eindruck, daß die geheimnisvoll erlösende Wirkung des Straf- 
aktes, ganz ohne Vermittlung rationaler Prozesse, auf die Teilnehmer über- 
greift, wird noch verstärkt, wenn wir daran denken, daß man auch Kinder, 
denen man ein intellektuelles Verständnis der Vorgänge ja nicht zutrauen 
darf, zu diesem Akte zuläßt: 

„Und der Kommandant in seiner Einsicht ordnete an, daß vor allem die 
Kinder berücksichtigt werden sollten." (Strafkolonie, 57.) 



Frans Kafkas Inferno q5 



Sollte sich der Leser — sei es unmittelbar durch Lektüre der Kafka- 
schen Erzählung, sei es erst mit Hilfe unserer Anmerkungen — davon über- 
zeugt haben, daß es sich bei dem „Strafkult" wirklich um einen Kult im 
religiösen Sinne handelt, so wird sich ihm eine Reihe von Fragen aufdrängen, 
deren wichtigste wir hier sogleich behandeln wollen. 

Wir haben uns in der vorliegenden Arbeit bemüht, ein und dasselbe 
Phänomen, nämlich die Hinrichtungszeremonie, in einer doppelten Weise 
zu behandeln. Einmal deuteten wir sie als das Abbild eines ziemlich 
komplexen Systems von Triebregungen, wie sie sich um das infantile Er- 
lebnis der Ödipussituation herumgruppieren, das zweite Mal versuchten wir, 
sie in die Erscheinungen des religiösen Lebens einzureihen. Die Verbindung 
zwischen diesen Betrachtungsweisen stellten wir bisher lediglich durch einen 
bildlichen Ausdruck her, indem wir sagten, daß der religiöse Charakter 
das System primitiver Triebe wie eine Patina überziehe, die sozusagen durch 
eine Art weiterer Oberflächenbehandlung aus jenem erwachsen sei. Für 
ein Verständnis dieser zwar anschaulichen, aber vom Psychologischen ab- 
führenden Darstellung, steuerten wir dann noch gelegentlich aus dem Vor- 
rat der analytischen Terminologie den Ausdruck „Sublimierung" bei, ohne 
damit die Klarheit unserer Ausführungen wesentlich zu fördern. 

Es scheint, daß wir hier vor die folgende Alternative gestellt sind: Ent- 
weder ist die religiöse Nomenklatur, deren wir uns bedient haben, eben 
nur eine Nomenklatur und wir müßten, um Klarheit zu schaffen, statt 
„Gott" — „Vater-Imago", statt „Erbsünde" — „unbewußtes Schuldgefühl", 
statt „Verklärung — „Orgasmus , statt „Erlösung" — „Befriedigung des 
Strafbedürfnisses" und „Ablösung des Schuldgefühls" und, zusammengefaßt, 
statt „Religion" — „Zwangsneurose" sagen — oder wir müssen uns herbei- 
lassen, ausdrücklich zu erklären, was es bedeutet, wenn wir sagen, das religiöse 
Erleben entwickele sich aus einer bestimmten Libidoorganisation und sei 
ihr Sublimierungsprodukt. 

Zunächst erkennen wir leicht, daß beide Glieder der Alternative auf ein 
und dieselbe Schwierigkeit stoßen: Diese gemeinsame Schwierigkeit besteht 
in der Tatsache, daß — um ein Beispiel herauszugreifen — das Erleben von 
Lust ein wertindifferenter Vorgang ist, während es im Begriffe der „Ver- 
klärung" liegt, daß in ihrem Zustandekommen ein Wert realisiert wird. 
Wenn wir dies etwas weniger nüchtern ausdrücken, so heißt es, daß die 
Gestaltung unserer Triebe — ob sie nun verdrängt sind oder nicht — eine 
triviale, prosaische und profane Sache ist, während wir dem religiösen 
Erlebnis, auch wenn wir es nicht teilen, mit Respekt, Achtung und Be- 



9 6 



Hellmuth Kaiser 



wunderung gegenüberstehen, als einer Erscheinung, die auf jeden Fall an 
das Erhabene rührt. Sind nun, wie es mit dem obigen gesagt ist, Trieb 
und religiöses Gefühl wesensverschiedene Dinge, so ist es unzulässig, sie 
mit dem gleichen Namen zu nennen (was dem ersten Glied unserer Alternative 
entspricht), und es ist unfruchtbar, das Triebleben als den Keim des religiösen 
Lebens zu betrachten, da das, was für dieses wesentlich ist, in jenem fehlt, 
und wir weiter fragen müßten, wo denn das für die Religion Wesentliche 
nun herstammt. 

Wir behaupten, daß das Dilemma, in dem wir uns befinden, wirklich ganz 
unauflöslich wäre, wenn sich in unsere Überlegungen nicht ein Fehlschluß 
eingeschlichen hätte, dessen trügerische Scheinwahrheit man nur zu zerstören 
braucht, um die Schwierigkeiten schwinden zu sehen. 

Um dies klar zu machen, müssen wir zunächst einmal unseren Sprach- 
gebrauch etwas berichtigen. Das Wort „Trieb" bezeichnet ja nicht einen 
unmittelbar aus der Wahrnehmung gewonnen, sondern einen durch Ab- 
straktion geschaffenen Begriff. Wir verstehen darunter eine in bestimmter 
Weise gerichtete seelische Kraft. Der Begriff des Triebes ist genau so eine 
Hilfskonstruktion wie in der Physik der Begriff der Schwerkraft. Wie diese 
kann auch der Trieb nicht unmittelbar beobachtet werden. Wohl aber gibt 
es unter Umständen in unserem Bewußtsein etwas, was dem Triebe ent- 
spricht, — eine Triebrepräsentanz, — die uns ihrerseits anschaulich ge- 
geben ist. So ist das bewußt erlebte Hungergefühl die Triebrepräsentanz 
des Ernährungstriebes. Triebrepräsentanz und Trieb sind demnach ver- 
schiedene Dinge und stehen in demselben Verhältnis zueinander wie der 
Ton, den wir hören, und die Wellenbewegung der Luft oder unseres Trommel- 
fells, die diesem Ton entspricht. Zwischen der anschaulichen Qualität des 
Tones und dem gedachten physikalischen Sachverhalt, den wir mit dem 
Wort „Schallwelle" bezeichnen, bestehen gewisse Relationen, deren Er- 
forschung (nebenbei bemerkt) für uns den Sinn hat, daß wir zum Beispiel 
bei dem Bau eines Musikinstruments gewisse Wirkungen vorausberechnen 
können. Unser ästhetisches Urteil aber trifft nur das anschauliche Erlebnis 
und nicht das physikalische Korrelat, so daß es sinnvoll ist, von einem 
schönen Ton, aber ungereimt, von einer schönen Schallwelle zu reden. 

Kehren wir nun wieder zu dem Verhältnis: Trieb zu Gefühlserlebnis 
des Triebes zurück, so finden wir, daß auch hier das anschauliche 
Phänomen des Gefühls allein der Träger eines eventuellen Wertes ist. 
Die Ehrfurcht, die wir etwa einer starken, leidenschaftlichen Liebe ent- 
gegenbringen, meint das Gefühl, in dem diese Liebe erlebt wird, nicht 



Exang Ivaikas inlcrrio 07 



die zugrunde liegende Libidoorganisation. Aber wie bei unserem physikali- 
schen Beispiel bestehen zwischen der Libidoorganisation und dem Gefühl, 
in dem sie dem Träger zum Bewußtsein kommt, Relationen, deren Kenntnis 
uns unter Umständen befähigen kann, den Verlauf der Gefühlserlebnisse 
vorauszusagen oder ihn zu beeinflussen. 

Wir sehen hieraus, wie wir uns zu jener oben erwähnten Alternative 
zu stellen haben. Eine Gleichsetzung des Triebes mit dem Gefühlserlebnis 
des Triebes müssen wir ablehnen. Wir müssen auch zugestehen, daß das 
religiöse Erlebnis ein Moment enthält, — und zwar ein wesentliches, — das 
in der Libidoorganisation, die dem religiösen Erleben zugrunde liegt, nicht 
enthalten ist. Aber wir sehen jetzt, daß dieser Sachverhalt keineswegs für 
das Religiöse charakteristisch ist, sondern für jedes Erleben überhaupt gilt. 
Es erübrigt somit nur, daß wir zu der Frage Stellung nehmen, welchen 
Sinn es hat, dem religiösen Erleben (wie übrigens jedem anderen auch) 
eine Trieborganisation als seine Grundlage gegenüberzustellen. Nun, darauf 
können wir jetzt leicht die Antwort geben. Das religiöse Erlebnis Kafkas 
wurde uns ja überhaupt erst dadurch zugänglich, daß es sich nicht in 
einem bloßen Gefühl erschöpft, sondern in Form eines Kultes — der Hin- 
richtungszeremonie — leibliche Gestalt angenommen hat. Überhaupt ver- 
mag ein Gefühl niemals in reiner Gefühlsform in unserem Bewußtsein zu 
bestehen. Immer drängt es nach einer Art Inkarnation in Form von Hand- 
lungen, Gedanken, von Urteilen, von Phantasien, Visionen und Träumen. 
Diese Inkarnationen aber sind es eigentlich, die durch die psychologische 
Theorie zu einer bestimmten Libidoorganisation in Beziehung gesetzt und 
dadurch „verständlich" gemacht werden. So verstehen wir beispielsweise 
die Bezeichnung „Gott -Vater", die der Fromme anwendet, aus der Ab- 
stammung der religiösen Triebe von den Relikten des Ödipuskomplexes. 
So verstehen wir, daß die Verklärung des Verurteilten während der 
Marterung eintritt, aus der sadistischen Komponente, die der der Kafkaschen 
Kultphantasie zugrunde liegenden Libidoorganisation eingefügt ist. Wir 
wiederholen: die Erklärungsmöglichkeit — aber auch die Erklärungs- 
bedürftigkeit — besteht allein für die Erscheinungen, Handlungen, Ge- 
danken oder Phantasien, in denen Gefühlserlebnisse sich äußern — mit 
den Gefühlen selbst hat es eine andere Bewandtnis — und zwar eine merk- 
würdige. Wir wollen uns einmal die Frage vorlegen, was von einem Ge- 
fühl, sagen wir von einem Liebesgefühl, übrig bleibt, wenn wir von allen 
Äußerungsformen abstrahieren. Wir denken uns also bei einem Liebenden 
alle Gedanken ausgelöscht, die sich mit dem geliebten Objekt beschäftigen, 

Imago XVII. 7 



Cf8 Hellmuth Kaiser 



alle Phantasiebilder, die das Objekt zum Gegenstand haben, alle Wünsche, 
die eine geistige oder seelische oder körperliche Vereinigung erstreben, alle 
Handlungen, die diese Wünsche auf irgendeine Weise befriedigen sollen, so 
behalten wir nicht etwa nichts übrig — keineswegs. Bestehen bleibt die 
Intensität des Gefühls, seine Innigkeit, seine Stärke, vielleicht auch der 
Grad, in dem es die Seele des Liebenden erfüllt. 

Aber das merkwürdige, im Grunde freilich nicht so merkwürdige 
Resultat dieses etwas anstrengenden Gedankenexperiments ist die Einsicht, 
daß wir dieses Gefühl kaum noch von einem anderen Gefühl, etwa 
dem, das ein gewaltiges Inspirationserlebnis begleitet, zu unterscheiden ver- 
mögen. Wir können vielleicht noch wahrnehmen, ob es spannend oder 
lösend ist, drückend oder weitend, stetig oder flackernd und dergleichen 
formale Qualitäten mehr. Aber gerade sein Charakter als Liebesgefühl oder 
als religiöses Erlebnis, als Kunsterleben oder Herrschergefühl geht verloren. 
Diese Charaktere werden erst an den Äußerungen, an den Inkarnationen 
des Gefühles kenntlich. 

Wenn wir also sagten, daß eine Erklärungsmöglichkeit und eine Er- 
klärungsbedürftigkeit wesentlich für die Äußer ungen der Gefühlserlebnisse 
in Betracht kämen, so hat dies den trivialen Grund, daß nur diese eine 
Mannigfaltigkeit aufweisen, deren Zuordnung zu einer anderen Mannig- 
faltigkeit eben die Aufgabe wissenschaftlicher Erklärung darstellt. Das Gefühl 
selbst — eine Abspaltung, die natürlich nur begrifflich möglich ist, psycho- 
logisch ist das Gefühl von seinen Äußerungen nicht zu trennen — ist 
bis auf jene wenigen, wie wir sagten, „formalen" Bestimmungen immer 
das gleiche. Erstaunlicherweise ist gerade dieses „immer gleiche" Gefühl 
der Gegenstand unserer Ehrfurcht. Wenn ein Liebender stets die gleichen 
Worte wiederholt, wenn er stammelt oder gar schlechte Gedichte macht, 
so erscheint seine Leidenschaft dadurch um nichts weniger respektabel. Die 
einfältigen Gebetsformeln eines Ungebildeten setzen unsere Achtung vor 
seiner Frömmigkeit so wenig herab, wie wir die Frömmigkeit eines Mannes, 
der sie in wertvollen Kunstwerken ausdrücken kann, deswegen höher ein- 
schätzen. Wir werten allerdings auch die Äußerungen, die Objektivie- 
rungen des Gefühls: die Handlungen nach ethischen, die Kunstwerke nach 
ästhetischen Gesichtspunkten, die wissenschaftlichen Schöpfungen nach ihrem 
Wahrheitsgehalt. Aber diese Wertungen sind nicht abhängig von unserer 
Schätzung des Gefühls, dem die Dinge, auf die sie sich beziehen, ihr Dasein 
verdanken. Denn, wie wir schon sagten, das Gefühl ist immer das gleiche, 
es variiert nur in bezug auf seine Intensität. Und dem entspricht auch der 



r ran: Ivalkas Inierno nn 



Wertmaßstab, nach dem wir es einschätzen. Je intensiver es ist, um so 
mehr Respekt bringen wir ihm entgegen. Die deutsche Sprache besitzt einen 
Ausdruck, der dieses Wertmoment des Gefühlserlebnisses prägnant bezeichnet, 
und der erkennen läßt, daß es keinem anderen Ding in der Welt, keinem Er- 
zeugnis, keiner Leistung, keiner Gestalt, keinem Wesen um seiner selbst willen 
zugesprochen werden kann als allein dem Gefühl: Es ist das Wort „Tiefe". 

Wer in unserem Bemühen, Phänomene, die wir als Äußerungen des 
religiösen Gefühls erkannten, zu elementaren psychischen Gebilden in Be- 
ziehung zu setzen, wer, sagten wir, in diesem unseren Bemühen die Würdigung 
„der Tiefe" vermißt, die dem Religiösen zukommt, der verkennt, daß ein 
Kult so wenig Tiefe besitzt wie ein Liebesbrief, ein Dogma so wenig wie 
eine wissenschaftliche Theorie, ein Kunstwerk so wenig wie eine körperliche 
Zärtlichkeit — der Kult mag beziehungsreich sein, der Liebesbrief ausdrucks- 
voU, das Dogma scharfsinnig, die Theorie wahr, das Kunstwerk schön oder 
ergreifend, die Zärtlichkeit reich, — die Bedeutung, die ihnen zukommt, 
ist immer nur eine mittelbare, die sich ableitet aus der Stärke des Erlebnisses, 
das sie hervorrief, und der Stärke dessen, das durch sie erweckt wurde. 

Kehren wir zu unserer psychologischen Erörterung zurück. Da müssen 
wir uns nun einmal die Frage vorlegen, welche Bedeutung die Strafphantasie 
oder vielmehr ihre dichterische Gestaltung und die ihres Zerfalles für K. 
gehabt haben mag. Zur Beantwortung dieser Fragen werden wir uns noch 
einmal dem Ende der Erzählung zuwenden: 

Die Art, in der der Hinrichtungskult in der Kafkaschen Erzählung zerfällt, 
erinnert durchaus an die Erschütterungen, die die christlich-jüdischen Reli- 
gionen Europas in den letzten hundert Jahren erfahren haben. Der erste 
Stoß gegen das „alte System" geschieht durch die Einsetzung des neuen 
Kommandanten, nach unserer Deutung durch die Anerkenntnis des neuen 
Vaterbildes, wie es die tägliche Erfahrung in einem späteren Abschnitt der 
Kindheit der alten, aus der Frühzeit stammenden, unheimlich-allgewaltigen 
Vater-Imago gegenüberstellte. Dieser Vergleich zwischen dem alten und dem 
neuen Vaterbilde entspricht dem Wirken der aufblühendenNaturwissenschaft, die 
dem religiös orientierten Weltbilde ihr auf Tatsachenerkenntnis gegründetes 
entgegenhielt. Erst nachdem so die Glaubwürdigkeit der religiösen Lehren 
in bezug auf theoretische Fragen erschüttert war, konnte eine ethisch- 
wertende Kritik die praktische Geltung der Beligionen angreifen, und dieser 
Erscheinung entspricht in der „Strafkolonie" das Auftreten des Reisenden, 
der erst erscheint, wenn schon ein gewisser Verfall des Hinrichtungsver- 
fahrens eingetreten ist, um sein endgültig verdammendes Urteil zu sprechen. 



Hellmuth Kaiser 



Was geschieht nun weiter mit der obsiegenden Partei? Am Ausgang 
der Erzählung, nach dem Tode des Offiziers, steht der Reisende allein im 
Mittelpunkte der Aufmerksamkeit. Wir können annehmen, daß er jetzt der 
Vertreter des K. sehen „Ich" ist. Er stattet dem Grab des alten Kommandanten 
einen Besuch ab, einen respektvollen Besuch, wie man sagen muß; so 
heißt es denn auch von ihm: „. . . er fühlte die Macht der früheren Zeiten." 
(Strafkolonie, 66.) Das siegreiche „Ich" ist weit davon entfernt zu triumphieren. 
Es fühlt, daß es zwar die Ausübung des grausamen Kultes durch die Klarheit 
seines sittlichen Urteils zu hemmen vermochte, daß aber die Mächte, die 
hinter diesem Kult standen, noch ungebrochen sind und auch in dem 
Schattendasein des Todes noch imponieren. Auf dieser Stätte, wo die Prophe- 
zeiung von der Wiederkehr des alten Kommandanten unsichtbar die Luft erfüllt, 
vermag es nicht zu wirken. Die Abreise des „Reisenden" gestaltet sich zur 
Flucht. Der Soldat und der Verurteilte, denen der Reisende sich entzieht, 
die er nicht mitnehmen will, sind sozusagen die Relikte der Hinrichtungs- 
zeremonie. Sie sind die Repräsentanten der primitiven Partialtriebe, die 
nach der Zersplitterung jener kunstvollen Libidoorganisation übrigbleiben 
und beim „Ich um Befriedigung nachsuchen. Aber das „Ich" ist nicht 
imstande, sie sich einzugliedern, sie neu zu organisieren. Der ganze seelische 
Bezirk, der von dem Strafkult eingenommen wird, ist dem „Ich" verleidet — 
dort ist nur „geringes, gedemütigtes Volk". 

Der Beisende begibt sich nach dem Hafen und besteigt ein Boot, um 
sich zum Dampfer bringen zu lassen, indem er den Soldaten und den Ver- 
urteilten zurückscheucht. Es scheint, daß sich in diesem Gang zum Hafen, 
zum Meere also, ein Verzicht ausdrückt, ein sehr weitgehender, — wohl 
ein Verzicht auf das Leben überhaupt. — Wenn die Vernunft das Wahn- 
system einer religiösen Form zerschlagen hat, so kann es oft geschehen, 
daß sie die Triebenergien, die darin untergebracht waren, auf keine Weise 
einer Ich-gerechten Verwendung zuzuführen vermag. Dann kann es sein, 
daß dem „Ich keine genügenden libidinösen Kräfte mehr zur Verfügung 
stehen, um sich an die Realität zu halten, während auf der anderen Seite 
die aus dem Paradies religiöser Visionen vertriebenen Strebungen des Ödipus- 
komplexes regredieren und dem „Ich" unmittelbar gefährlich werden. 1 
Immerhin steht, mag die Abfahrt des Beisenden vielleicht auch die Bedeutung 



l) In der Erzählung „Das Urteil", die ähnlich wie die „Verwandlung" die Srraf- 
phase des Ödipuskonfliktes darstellt, verurteilt am Schluß der Vater den Sohn zum 
Tode des Ertrinkens, den der Sohn willig an sich selbst vollstreckt. 



Frau: Kafkas Inferno 



des Sterbens haben, der Tod hier nicht so sehr im Vordergrund wie in anderen 
Kafkaschen Dichtungen. 

Daß dieser psychische Ablauf in einer Dichtung Gestalt gewann, muß 
wohl in erster Linie auf die Energie der in die Strafphantasie vervvobenen 
Strebungen zurückgeführt werden, die nach einer Auswirkung in der Reali- 
tät hindrängten. Der Gegendruck der kritischen Instanzen prägte dann im 
Lauf einer wahrscheinlich langen Entwicklung den zum „Ich' hinflutenden 
Triebmassen die kunstvolle Form auf, in der sie in der Dichtung ans 
Tageslicht getreten sind. Dies ist natürlich nur ein allgemeines Schema. Von 
den einzelnen Stadien der Entwicklung wissen wir nichts. Ob zum Beispiel 
irgend etwas von der Gestaltung des Strafkultes vorübergehend etwa in 
Tagträumereien ins Bewußtsein getreten war, was möglich erscheint, könnte 
nur durch ein zufälliges Auftauchen biographischen Materials entschieden 
werden. Jedenfalls können wir annehmen, daß zur Zeit, in der die Dich- 
tung entstand, der „Kult" nur als ein verfallender, überwundener bewußt- 
seinsfähig war, und daß der Kampf zwischen der religiösen Form und der 
kritischen Vernunft wohl nur in seiner allerletzten Phase, nämlich dem 
Siege der Kritik, dem bewußten Erleben Kafkas angehörte. 

Ein Stück der Bedeutung, die die Dichtung für Kafka hatte, bestand 
also in der Entladung der sonst von jeder Abfuhr in die Realitätsgestaltung 
abgeschnittenen Libido, die dem Ödipuskomplex zugehört. Dieser Erfolg 
wurde möglich einmal durch die Sublimierungen, die sich der Trieb- 
komplex hatte gefallen lassen müssen, zweitens aber durch die Niederlage, 
die er innerhalb der Erzählung erleidet und die ihm die Sympathie des 
Dichters wie des Lesers sichert. Denn mit dem, was unser Gewissen ver- 
wirft, können wir nur dann sympathisieren, wenn es als ein Überwun- 
denes, Gebrochenes erscheint. 

Wir glauben aber, daß die Kafkaschen Dichtungen für Kafka noch 
einen weiteren Sinn hatten. Während jene erste „ökonomische" Aufgabe 
der Dichtung, die Triebentspannung, mehr das seit langem Verdrängte und 
mehr das „Es" angeht, hängt dieser zweite Sinn mehr mit der jeweilig 
aktuellen Lage des Dichters zusammen und betrifft mehr das bewußte „Tch . 

Wir meinen nämlich, daß die Dichtungen nicht nur in ökonomischem 
Sinn Handlungen vertreten, sondern geradezu dem praktischen Handeln 
dienen. Sie sind wie Gedankenexperimente, die durch das Kennzeichen des 
künstlerischen Gelingens (worin ja die wenigstens ästhetische Zustimmung 
des Publikums notwendig enthalten ist) zeigen sollen, daß eine gewisse Art 
des Sichverhaltens, eine gewisse Form, die Probleme des Lebens zu lösen, 



fj.cllimith Kaiser 



einwandfrei, erträglich, möglich ist. Das „Einen-Ausweg-Suchen", wie es 
im „Bericht für eine Akademie" vorkommt, ist eine typische Tendenz 
nicht nur der Gestalten in den Kafkaschen Dichtungen, sondern der Kafka- 
schen Dichtungen selber, vielleicht der Dichtungen überhaupt. 

Die versuchsweise in der Phantasie vorgestellte Form des Lebens oder 
der Lebensbetrachtung schöpft immer aus der Vergangenheit. Sie ist so- 
zusagen aus dem Material kindlicher Erlebnisse gezimmert. Die erforder- 
liche Energie liefert eine wirksam gebliebene verdrängte Triebmasse, die 
durch ein aktuelles Geschehen mobilisiert ist. Die aktuelle Lage des Dich- 
ters ist für die Art der Verwendung des alten Materials bestimmend. „Das 
Problem", das durch das „Gedankenexperiment" einer Lösung zugeführt 
werden soll, ist aktuell. Inhaltlich stellt die probeweise in die Zukunft 
projizierte Daseinsgestaltung immer eine Art Extrem dar. Es ist, als ob 
der Dichter fragte, was würde sich äußerstenfalls ergeben, wenn . . .? Würde 
ich schlimmstenfalls mich so und so verhalten können? Würde ich kon- 
sequenterweise die Dinge nicht so und so anzusehen haben? . . . 

Es ist keine Frage, daß auch für diesen „Sinn" der Dichtung die von 
Hanns Sachs (a.a.O.) hervorgehobene Bedeutung des „Publikums", dessen 
Teilnahme das Schuldgefühl durch Teilung der Verantwortung mindert, 
eine große Rolle spielt. 

In dem „Bericht für eine Akademie" „versucht" K. den Ausweg in die 
Künstlerexistenz. In der „Verwandlung" (wie in der Erzählung „Das Urteil") 
wird der Weg des Opfers, des Zurücktretens und Sich-Auslöschens erprobt. 
In der „Strafkolonie" leuchtet die Möglichkeit einer religiös-kultischen Be- 
wältigung des ewigen Vater-Sohn-Problems auf, um dem Vordringen einer 
kritischen und human-vernünftigen Weltanschauung zu erliegen, die im 
Bewußtsein ihrer Triebarmut wiederum den Fluchtweg des Verzichtes vor 
Augen hat. In ihrer unbestechlichen Ehrlichkeit gesteht sich hier die Ver- 
nunft ein, daß sie, entblößt von dem Beistand und der Kraft primitiver 
Impulse, nicht dagegen gefeit ist, einmal dem eben überwundenen Gegner, 
der zum Gott verklärten Vatergestalt, wieder zu erliegen, und während sie 
ein Gebiet, wo sie nur zu zerstören, aber nicht zu wirken vermochte, ver- 
läßt, klingt ihr die Prophezeiung von der Wiederkehr des „alten Komman- 
danten in die Ohren, Fluch und Verheißung zugleich. 

In der „Verwandlung" (ebenso im „Urteil", im „Landarzt", ja auch in 
„Amerika") ist der für Kafkas Problematik so entscheidende „Vater" ein 
wirklicher Vater, ein Individuum mit höchst persönlicher, privater, oft 
geradezu körperlicher Macht. Die Auseinandersetzung mit ihm ist ein 



Frnn= Kafkns Inferno IOÖ 



Familienkonflikt, eine Privatangelegenheit — vor allem ein Kinderstuben- 
erlebnis, das den erwachsenen Dichter nicht unmittelbar an die aktuellen 
Probleme, die die Realität ihm stellt, hinführt. In der „Strafkolonie" da- 
gegen ist der Vater schon zu einer breiteren und unpersönlicheren Macht 
geworden. Das Einzelwesen, das ihn „darstellt" (der alte Kommandant), ist 
tot und so erscheint er in den Schöpfungen und Wirkungen dieses Toten, 
d. h. in der Form des religiösen „Gesetzes", als „übernatürliche Gerechtig- 
keit". Die Auseinandersetzung mit ihm ist ein soziales, ein öffentliches 

Problem . 

In dem Schloüroman sehen wir dann den Vater aufgelöst in die fast 
ganz weltliche Macht einer Verwaltungsbehörde, und der Kampf mit ihm 
stellt sich dar als ein Ringen um Duldung und Anerkennung seitens dieser 
Rehörde und um Aufnahme in die männliche Gemeinschaft der werktätigen 
Rewohner des Dorfes, das jener Behörde untersteht. 

Damit ist auch die entschiedenste Hinwendung zur Realität, die es bei 
Kafka überhaupt gibt, vollzogen. Im Schloßroman — er blieb charakteristischer- 
weise Fragment (wie übrigens auch „Amerika" und zu einem relativ ge- 
ringeren Teil „Der Prozeß") — spielt sich ein zäher, mit aller Intensität 
geführter Kampf um Lebensziele ab, der wohl den Höhepunkt der Kraft- 
entfaltung darstellt. Der Prozeßroman, künstlerisch vielleicht dem „Schloß 
noch überlegen, hat es nach unserer Meinung schon vorwiegend mit dem 
Tode zu tun. 

Die Ergebnisse der psychologischen Bearbeitung dieser großen Romane 
und der übrigen Kafkaschen Werke, die den in der vorliegenden Arbeit 
behandelten Stoff quantitativ wohl um das zehnfache übertreffen, können 
hier natürlich nicht weiter mitgeteilt werden. Sie mögen vielleicht einmal 
in einer umfangreicheren Arbeit eine ausführliche Darstellung finden. 



Alphabetstud 



len 



Von 

I. Zoller 

Trieste 

In Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" (zehnte 
Vorlesung, „Die Symbolik im Traum") heißt es: „Woher wir denn auch 
eigentlich die Bedeutung dieser Traumsymbole kennen sollen, zu denen uns der 
Träumer selbst keine oder nur unzureichende Auskunft gibt? Ich antworte: 
Aus sehr verschiedenen Quellen, aus den Märchen und Mythen, Schwänken 
und Witzen, aus dem Folklore, d. i. der Kunde von den Sitten, Gebräuchen, 
Sprüchen und Liedern der Völker, aus dem poetischen und dem gemeinen 
Sprachgebrauch. Überall hier findet sich dieselbe Symbolik vor." Die Psycho- 
analyse lehrt uns, daß wir außer beim Traume und den Neurosen oft auch 
bei anderen psychischen Produktionen neben dem manifesten einen unbe- 
wußten latenten Inhalt auffinden können. Ja, oft scheint uns ein solches 
Produkt zunächst ganz zusammenhanglos, genau so wie der manifeste Inhalt 
der Träume. Erst die genauere Untersuchung zeigt uns, daß das anscheinend 
Unzusammenhängende sinnvoll ist. So habe ich auch ganz unabhängig von 
der Psychoanalyse gefunden, daß die Kette der alphabetischen Schriftzeichen 
keine sinnlose und unzusammenhängende Zusammenstellung, sondern viel 
eher etwas Sinnvolles und ein abgeschlossenes Ganzes darstellt. Ich will 
vorwegnehmen, daß meine rein philologischen Untersuchungen dem alt- 
sinaitischen Alphabet, das auf das zweite Jahrtausend vor Christi zurück- 
geht und die Grundlage der griechisch-lateinischen Schrift ist, gelten. Um 
aber auf den latenten Sinn zu kommen, durfte ich nicht durch Wider- 
stände und Voreingenommenheit gegen die Sexualität behindert sein. 

Die altsinaitische Schrift ist nämlich gleich den ägyptischen Hieroglyphen 
eine Bilderschrift, deren einzelne Bilderzeichen allerdings aus rein techni- 



Alpaabetstudien 



sehen Gründen einen rudimentären Charakter angenommen haben, mußten 
sie doch in harten Stein eingemeißelt werden. So stand der Forscher vor 
der Schwierigkeit, die Bedeutung des Bildes zu ermitteln. Als Kontrolle 
bei der Auslegung der Bilder erwies sich mir die Benennung der Zeichen 
als ein Hilfsmittel von ganz hoher Bedeutung. Es zeigte sich dabei mitunter, 
daß der Name den manifesten, das Bild hingegen den latenten, eigentlichen 
Sinn darstellte. Es erwies sich ferner, daß nur unter Berücksichtigung des 
latenten Sinnes sämtliche Bestandteile des Alphabets in ein logisches Ganzes 
verschmelzen. Allein auch unter Vernachlässigung des latenten Sinnes ent- 
deckt man ganz leicht hie und da logische Zusammenhänge und Gruppierungen, 
so daß man vernunftmäßig auf die Idee kommen muß, daß ein logisches 
Anordnungsprinzip das ganze Alphabet beherrschen muß. Ein Beispiel: 
jod neben kaf (Hand neben Handfläche); ein Gruppierungsbeispiel: ajin 
und pe = Auge und Mund. Im übrigen verweise ich auf meine Arbeit: 
Sinaischrift und griechisch-lateinisches Alphabet, Triest 1925, und auf 
das Referat von Eduard Weiß in „Imago", Bd. XI, 1925, S. 488 und 489. 
Von Interesse ist ferner die Weiß sehe Arbeit: II simbolismo psicoanalitico 
in „Archivio generale di neurologia, psichiatria e psicoanalisi", Bd. VII, 
1928, S. 121 ff. Hier sei noch erwähnt, daß das Alphabet in drei Gruppen 
zerfallt, wobei die erste Gruppe die sexuellen Liebesansprüche des Menschen, 
die zweite die Mutterschaft und die dritte und letzte die Schöpfung des 
neuen Geschlechtes darstellt. 

Schon im Jahre 1913 bemerkte Kittel (Die Psalmen. Kommentar zum 
Alten Testament. Herausgegeben von Seil in, S. 32): „Ein ganzes Alphabet 
mag wohl die Kräfte aller Wesen und des Kosmos bedeutet haben, da ja 
mit ihm alles gesagt werden kann." Dieses gewichtige Wort Kittels kenne 
ich leider nur seit einigen Tagen, und zwar finde ich es in der Schrift 
von Alfred Bertholet: Das Dynamistische im Alten Testament, Mohr, 
Tübingen 1926, S. 34. Ich habe mich vor einigen Jahren selbständig zu 
dieser Erkenntnis durchgerungen. Damals hatte ich nur Set h es Äußerung 
vor: „In der Gestalt, wie das Alphabet uns vorliegt, wird man schwerlich 
ein logisches Anordnungsprinzip entdecken können. Vielleicht könnte man 
noch in einzelnen Gruppen Spuren von einem Grundprinzip übrigens 

vielleicht gab es deren mehrere — entdecken." Und doch heißt es schon 
bei einem älteren Schriftsteller: „Man gibt den Buchstaben den Namen 
Elemente nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr in Elemente zer- 
legbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind), wie die Weisen der Griechen 
in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern weil in ihren Zügen sich die Form 



106 I. Zolle r 

der Elemente der erschaffenen Welt findet." Hommel suchte die Bedeutung 
der Buchstaben in rein astronomischen Begriffen wiederzufinden. Grimme 
hat durch seine unrichtigen, allzu vielversprechenden Lesungen der alt- 
sinaitischen Texte die gelehrte Welt zu einem heißen Kampf um das alt- 
sinaitische Problem geführt. Grimme hat auch einen lesenswerten Ab- 
schnitt zur Erklärung der Namen der Buchstaben geliefert. Nicht allem, 
was er darin anführt, kann man zustimmen. Offenkundig bedeutet „jod" 
(jad) die Hand und nicht die ägyptische Gottheit Seth, um nur ein Bei- 
spiel anzuführen. Allein Grimme hat recht, wenn er „sehen" nicht mit 
„Zahn", sondern mit „Urinrute" (männlicher Geschlechtsteil) übersetzt. 1 
Von ganz besonderer Bedeutung ist es ferner, daß Grimme auf die 
Suche nach einem logischen Anordnungsprinzip der Buchstaben ausgeht. Er 
teilte das Alphabet in drei verschiedene, voneinander unabhängige Gruppen 
ein, und zwar eine kultische (alef bis kaf, siehe die Tabelle im Anhange 
dieser Arbeit), eine geographische {Lamed bis samech) und eine anatomische 
Cajin bis thaw). — Wie mit der Erklärung der einzelnen Buchstaben, so 
war es auch mit der Anordnung. Ich habe so manches von Grimme über- 
nommen, allein ich konnte ihm nicht ganz folgen. Ebensogut wie ich mich 
von Grimme nicht überzeugen ließ, daß „cadde" Gesicht, daß „quph" hohler 
Bauch bedeuten (ich erkläre cadde = Mutterbrust und quph = vulva, weib- 
licher Geschlechtsteil, das Bunde, das Loch), konnte ich auch nicht an einen 
Trialismus, an eine Dreiheit im Alphabet glauben. Meine oben erwähnte 
Arbeit „Sinaischrift" schließt folgendermaßen: „Die drei verschiedenen 
Gruppen von Buchstaben bilden nicht, wie Grimme behauptet, drei ver- 
schiedene Ideenkomplexe, — die kultische Gruppe bot nicht Begriffe genug 
und so ging der Autor des Alphabets zum geographischen Komplex über; 
hier fand er wieder nicht genug Begriffe und so ging er zum anatomischen 
Komplex über, — nein, alle drei Gruppen sind kultisch, denn in allen 
dreien kommt das Leben und Lieben der Hathor, der ägyptischen Himmels- 
kuh, zum Vorschein. In der ersten Gruppe sehen wir die liebende Göttin; 
in der zweiten wird Hathor Mutter des Sonnenkindes, des Horusknaben; 
in der dritten Gruppe stillt sie ihr Kind; alle drei Gruppen sind kosmo- 
graphisch, denn von kosmischer Liebe ist hier die Rede; alle drei sind 



1) Es sei bemerkt: Die Beschneidung, die den Mannbarkeitsriten einzuordnen ist, 
wird bei den Primitiven manchmal durch ein Zahnopfer abgelöst. Vgl. Ad. Wendel, 
Das Opfer in der altisraelitischen Religion. Veröffentlichungen des Forschungsinstituts 
für vergleichende Religionsgeschichte an der Universität Leipzig. II. Reihe, Heft 5, 
S. 16. Ed. Pfeiffer, Leipzig 1927. 



Alpliabetstudien 107 



anatomisch, denn überall werden die Liebesorgane und das Liebesleben 
reproduziert. Der Trialismus ist Schein; der Dualismus, nämlich die paar- 
weise begriffsmäßige Verbindung der Buchstaben, z. B. ajin und peh (Auge 
und Mund) oder jod und kaf (Arm und Handfläche) ist ein rein techni- 
sches Hilfsmittel; wesentlich ist nur die Einheit." 

Welcher Technik bediente ich mich bei meiner Arbeit? Ich hatte vor 
allem die Gefahr vor Augen, in die man geraten könnte, wollte man dem 
Beispiele selbst ganz hervorragender Forscher folgen, die schwer verständ- 
liche Buchstabennamen einfach durch willkürliche andere, leichter erklär- 
liche, ersetzten. Ich hielt die traditionellen Namen für die richtigen und 
mußte für diese die Erklärung finden. Angesichts des Umstandes, daß die 
(im Jahre 1905 von Flinders Petrie entdeckten) altsinaitischen Monumente 
Inschriften einer von ägyptischen Hieroglyphen abgeleiteten Bilderschrift 
enthielten, sagte ich mir: Der Inhalt des Bildes muß mit der Bedeutung 
des betreffenden Buchstabennamens übereinstimmen. Ist es eine Tatsache, 
daß zum Beispiel das Schriftzeichen, welches ich vor Augen habe, das Bild 
der Wolle und des Kleides darstellt, und ist es anderseits Tatsache, daß 
diesem Bilde beim Lesen der Wert „Z" („lamed") zukommt — so kann 
„lamed" nicht „Ochsenstachel" bedeuten, wie die meisten Autoren erklärten. 
Solange der traditionelle Buchstabenname und der Inhalt des Bildes mit- 
einander nicht vollkommen übereinstimmten, war ich nicht zufrieden. Der 
Name mußte überdies vom philologischen Standpunkte aus seine Begründung 

haben. 

Dies alles mußte in bezug auf jeden einzelnen Buchstaben untersucht 
werden. Allein im Augenblick, in dem ich zur festen, unerschütterlichen 
Überzeugung gelangte, daß das Alphabet als Grundidee eine Einheit, eine 
Ganzheit bildet, mußte ich voraussetzen, daß sämtliche Bestandteile des 
Alphabets auf jener Geraden stehen müßten, die von „alef bis „thaw" 
führt. Es ergab sich erfahrungsgemäß nun folgendes Kriterium: Dort, wo 
der Buchstabenname mit dem Bilde, das er ausdrückte, in der Tat über- 
einstimmte, befand ich mich entsprechend auf der geraden Linie, die die 
alphabetischen Begriffe zu einer Einheit verschmelzen läßt. War aber die 
Erklärung des Bildes keine richtige, so stimmte sie entweder zum Buch- 
stabennamen nicht, oder sie paßte zum Gesamtbilde nicht. Irgendwo machte 
sich der Mißton hörbar, der Fehler mußte zum Vorschein kommen. Ein 
Beispiel: „quph" erklärte Eisler mit dem babylonischen „quppu" =Vogel- 
netz. Was soll — fragte ich — das Vogelnetz unter rein anatomischen 
Begriffen, wie Auge, Mund, Kopf, Penis? Lidzbarski meinte seinerzeit, 



io8 I. Zoller 

der Buchstabe hieße eigentlich „qescheth" = Bogen. Das erschien mir un- 
annehmbar, da ich, wie erwähnt, treu zu den überlieferten Namen halte; 
Grimme leitete „quph" von „guf" (= Körper, Bauchhöhle) ab. Freilich 
ist „Bauchhöhle ein rein anatomischer Begriff, nur drücken „guf und 
„quf zwei voneinander ganz verschiedene Begriffe aus. Ist es denn gestattet, 
aus „quf ein „guf zu machen? Bildlich ist das altsinaitische „quf ein 
Kreis; den Begriff des Kreises finden wir im quf in der Inschrift des 
Königs Mescha von Moab (etwa 842 v. Chr.), in der Schiloachinschrift (etwa 
700 v. Chr.), aber auch in Gezer (etwa 900 v. Chr.) — die neu entdeckte 
Achiraminschrift enthält kein quf — überall wieder. Und das altgriechische 
„qoppa" , — ist es nicht ein vollkommener Kreis? Und bedeutet das Zeit- 
wort „quf im Hebräischen nicht „kreisförmig sein"? Man denke nur an die 
Taschenkalenderweisheit: te-quf-ah = Kreisumlauf. — litqufath hashnah = 
nach Kreisumlauf des Jahres. 

In der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" 
habe ich auf eine Erklärung hingewiesen, die ich nachträglich in einer 
alten hebräischen Handschrift (Bologna 1386) vorfand. Da heißt es in wort- 
getreuer Übersetzung (in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft 
des Judentums" gab ich den Originaltext wieder) : „quf kommt von haqafah 
und sibbuv (d. i. umkreisen und umringen), so wie es geschrieben steht: 
„Und es geschah als die Zeit im Kreisumlauf um war." — Was soll nun 
„quph" (quf) = Kreis in der anatomischen Gruppe bedeuten? Auge, Mund, 
Mutterbrust, Kopf, Penis — hier kann „Kreis" eben nur den weiblichen 
Geschlechtsteil, die vulva, bedeuten. 

Haben nun — fragt es sich — die Buchstabennamen tatsächlich eine 
symbolische Bedeutung? Und streift diese symbolische Nebenbedeutung an 
dynamistische, magische Begriffe? — Ich könnte mich auf die oben an- 
geführte Aussage Kittels berufen, auch auf Bertholet, der bemerkt: 
„Dem geschriebenen Wort eignet vielleicht sogar noch größere Macht 
als dem gesprochenen; denn der kulturelle Fortschritt, der sich in der 
Erfindung der Schrift kundgibt, erfüllt den naiven Vertreter des Alten mit 
unheimlicher Scheu. Es müssen eigentümliche Kräfte sein, die sich ^hinter 
den Buchstaben bergen! Ein einziger, zumal wenn er die ominöse Kraft 
des Kreuzes hat wie das hebräische thaw, kann schon genügen, den damit 
Gezeichneten gegen Gefahr zu feien." (Vgl. Jechezkiel, IX, 4.) Erst recht 
werden, wo ihre Vollzahl aufgeboten wird, magische Kräfte in Fülle ent- 
bunden. Wir können aber einen graphischen, also objektiven Beweis er- 
bringen. 



Alphabetstudien 109 



Eine altsinaitische Statue im Archäologischen Museum in Kairo (unter 
Nr. 346) enthält eine Reihe von kleineren Texten, deren Lesungen, ins- 
besondere die von Grimme vorgeschlagenen, wie bereits erwähnt, in der 
Fachliteratur viel Lärm verursacht haben. Das Echo dieser Kämpfe hallt 
auch in Grimmes neuester Schrift: Die Lösung des Sinaischriftproblems. 
Die altthamudische Schrift, Münster 1926, wider. (Siehe auch Savignac 
in „Revue Biblique", 1927, Nr. 2, S. 275; ferner Zoller: II nome della 
lettera gadde. II nome divino Shaddaj, Firenze 1926, und P. Johann Schaum- 
berger in „Biblica", 1928, Nr. I, S. tu — 119). Die Kairostatue enthält 
jedoch auch einen nicht strittigen Text, den einzigen dieser Statue, dessen 
Lesung laut der Meinung sämtlicher Fachgelehrten als feststehend gilt; es 
ist dies nämlich der Text A. (Sämtliche Texte wurden von mir an Ort und 
Stelle photographisch neu aufgenommen und in der von Pettazzoni heraus- 




Abb. 1 



gegebenen Zeitschrift „Studi e Materiali di storia delle religioni", II, Rom 1926, 
veröffentlicht.) Der Text A besteht aus in horizontaler Linie nebeneinander- 
laufenden fünf Schriftzeichen (siehe Abb. 1). Die Lesung heißt: „lebaalath" , 
d. h. „der Baalath gewidmet". 

Von besonderem Interesse ist für uns in diesem Augenblicke der Buch- 
stabe beth" , ein Viereck, dessen obere Seite einen Ausläufer nach oben 
hinauf trägt, etwa ü, liegend O. In meiner Arbeit „Sinaischrift (S. 49) 
habe ich geschrieben: „Das Viereck beth bedeutet Haus; Nebenbedeutung: 
Körper des Weibes, Mutterleib." Die Richtigkeit dieser symbolischen Be- 
deutung soll erwiesen werden. Als Bildzeichen bedeutet das Viereck nach 
Friedrich Delitzsch: Umschließung, Umfassung. Ist das Viereck mit einem 
rechteckigen Ausläufer, der dem des „beth" in der Kairostatue ganz nahe 
kommt, — das Bildzeichen «, — hat es die Bedeutung „Mutterleib". (Siehe 
Jensen: Geschichte der Schrift, Abb. 81.) Wie in der Schrift, so im Wort. 
Auch „bajitk" bedeutet „Haus", hat aber die Nebenbedeutung Weib, Kinder 
und Familienangehörige". An der viereckigen Darstellung des Mutterleibes 
darf man keinen Anstoß nehmen. Waren den Alten doch, da sie ihre Schrift- 



HO I. Zoller 

zeichen in hartes Material einzuritzen oder einzugraben pflegten, selbst die 
Sonne, das Ei usw. viereckig. Den kreisförmigsten aller Begriffe, den Kreis, 
pflegten die Alten mit einem rhomboidalen Viereck wiederzugeben! (Siehe 
Jensen, a. a. O., 54, Abb. 79.)' 

Dasselbe Schriftzeichen, das Viereck mit rechteckiger Verlängerung an 
einer Seite, hat also zwei Bedeutungen, „Haus" (Stadt) und „Mutterleib". 
Das Vorhandensein einer symbolischen, dynamistischen Nebenbedeutung 
bei dem Buchstaben „beth" kann demnach als Tatsache angesehen werden. 

Wir wählen jetzt ein anderes Beispiel. Auch diesmal soll das Vorhanden- 
sein einer symbolischen Nebenbedeutung auf Grund der Vorführung von 
Tatsachen erbracht werden. Der Buchstabe „gimel" hat im Altsinaitischen 
die Form eines geraden Winkels L_. Die altübliche Erklärung des Wortes 
„gimel" ist Kamel. Ist nun „beth" das Haus, d. i. der Tempel und als 
Nebenbedeutung der Mutterleib, folgt die Anordnung der alphabetischen 
Schriftzeichen einem logischen Prinzip und ist somit „daleth" die Tür des 
Tempels und des Mutterleibes, dann fragt es sich: Was soll das Kamel 
beim Eingang in den Tempel oder in den Mutterleib? 

Auf welche Schwierigkeiten man bei der Erklärung des Buchstaben- 
namens „gimel" stößt, kann man aus den folgenden Bemerkungen schließen: 
Delitzsch sah im „gimel" das Urmotiv /\ enthalten, welches „liegen, sich 
beugen, biegen" bedeutet (siehe Jensen, S. 54, Abb. 79). Deshalb wurde 
das Zeichen zum Ausdruck für „Kamelrücken". Allein Lidzbarski hatte 
rechtzeitig bemerkt, daß die ursprüngliche Form des „gimel" wahrschein- 
lich ~] war. Jensen erklärte den g-Laut, da er zwischen „beth" und „daleth", 
d. h. zwischen „Haus" und „Tür" steht, als „gag" = Dach. Lidzbarski 



1) Gerne ergreife ich die Gelegenheit, um an dieser Stelle auf andere hieher 
gehörige Frage zurückzukommen: Das Ideogramm für Haus bedeutet neben „Mutter- 
leib" auch „Stadt" (Mutterstadt). Mit rein philologischen Mitteln habe ich es in 
„Sinaischrift" nachgewiesen ; in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft 
des Judentums" habe ich gegen Jirku auf Jensen (Geschichte, S. 57, Abb. 83) hin- 
gewiesen. Das Bildzeichen, das S. 55, Abb. 81, mit „Mutterleib" gedeutet ist, wird 
auf S. 57 mit „Stadt" überschrieben. Hier soll der Beweis erbracht werden, daß eine 
ähnliche Auffassung auch den Ägyptern zu eigen ist. Der Sonnengott wird dort als 
„die Amme der Kinder", die „Wärterin der Menschen" bezeichnet. Wie die Sonne, 
so ihr „Ei", d. h. ihr Sohn, der König. Auch er ist „Amme der Menschen" oder 
„Vater der Kinder". — „Ja. einmal wird sogar die Heimatstadt Theben, deren Häuser 
dich als Kind wie eine Amme gewartet haben und deren Mauern dein Alter empfangen 
haben, mit einer anhänglichen Amme verglichen, die wie in der Kindheit, so auch 
noch im Alter sich um ihre Pflegung kümmert." (Grapow: Die bildlichen Ausdrücke 
im Ägyptischen, S. 139 f. Hinrichs, Leipzig 1924.) Bei den Griechen ist Athene (davon 
soll weiter noch die Rede sein) die Beschützerin des Königspalastes und der Stadt. 



Alphahet Studien 



meinte, es sollte „garzen" = Axt heißen. So steht aber die Sache nicht. 
Der Buchstabe heißt eben „gimel". 

Das „gimel" ist ein halbes Viereck, zwei gerade Linien, die einander 
in einem geraden Winkel begegnen. Als Urmotiv finden wir es in der Form ~1 
(man muß hier unwillkürlich an das griechische gamma denken) und in 
der Bedeutung von „in Gleichgewicht sein, voll sein". Die Wurzel „gml" 
hat sowohl im Hebräischen als auch im Arabischen die Bedeutung von 
vollkommen, schön sein; assyrisch „gamalu" heißt: vollkommen erhalten. 
Wir haben nun die zwei Urmotive vor Augen: das erste 'S, sumerisch 
„gam", Name des Zeichens „gamu" , in der Bedeutung „voll, vollkommen, 
im Gleichgewichte sein". Aus dem letzten entwickelte sich das aramäische 
„gamla" in der Bedeutung: „der langgestreckte, hingestreckte Balken." 

Betreffs des in gml enthaltenen Gegensinnes: sich biegen, krumm (Kamel) 
sein, soll hier folgendes nicht unerwähnt bleiben: Die arabische Frau spricht 
ihren Gatten gewöhnlich mit „o mein Herr" an. Will die Fellachin ihrem 
Manne gegenüber ein Kosewort gebrauchen, dann heißt es: „o mein Kamel". 
Prof. Max Löhr (Volksleben im Lande der Bibel, S. 63, 1918) bemerkt 
dazu: „Man weiß den Wert dieses Tieres dort im Lande besser und richtiger 
zu schätzen als bei uns." Ich glaube jedoch, es handelt sich hier weniger 
um eine richtige Einschätzung der Nutzbarkeit des Kamels, als um ein Durch- 
schimmern der richtigen Erkenntnis der zweifachen Bedeutung von „gml". 
dsckamile (= die Schöne) ist ein heute noch unter den Arabern vielverbreiteter 
Frauenname, dschemal ist „der Schöne" (der Ragende, der Herr), gleichzeitig 
bedeutet es aber auch: der sich Beugende, das Kamel. 1 

Kommen wir nun auf die zweifache Bedeutung von „bajith" und „deleth" 
(„deleth " heißt [sieheGesenius-Kautsch: Wörterbuch] : Tür, Türblatt, Deckel 
eines Kastens ; bildlich : leicht zu verführendes Mädchen) zurück, so kann „gimel" 
gewiß nicht „Kamel", aber auch nicht, wie Grimme vorschlug, „Priester- 



1) Freud: Gegensinn der Urworte (Ges. Sehr. X) beruft sich auf Abel. Ich möchte 
darauf aufmerksam machen, daß auf das Vorhandensein des „Gegensinnes" bei hebräi- 
schen Zeitwörtern Martin Schultze bereits im Jahre 1876 hingewiesen hat. Vgl. 
Zoller: Sinaischrift, S. 26, Anm. 36. Mit dem Gegensinn, sei es im Semitischen im 
allgemeinen, sei es im Hebräischen, befaßten sich: Landau: Die gegensinnigen 
Wörter im Alt- und Neuhebräischen, 1896. — Nöldeke: Neue Beiträge zur semiti- 
schen Sprachwissenschaft (Wörter mit Gegensinn), 67 — 108.— Zoller: Sinaischrift, 
25, 6. — id. Oriente e Occidente in „Rivista di Antropol.", XXVII, Rom 1926. Auf 
S. 5 ist auf „ari$" = der Gewalttätige, transitive Form des Zeitwortes „öroc", das in 
Verbindung mit „mipp^ie" = vor jemandem Angst haben bedeutet. „Gewalttätig sein" 
und „Fürchten" sind in derselben Verbalwurzel enthalten. — Den hiehergehörigen 
Aufsatz des Dr. Blau in „Jeschurun" habe ich nicht einsehen können. 



I. Zolle- 



schaft , sondern „der Vollkommene , der „Emporragende , der „Priester" 
bedeuten. Die Bedeutung „gml" (= Kamel) paßt zum Urmotiv >\ = sich 
beugen. Laut der symbolischen Bedeutung von „beth" = Mutterleib und 
„daleth = Eingang in den Mutterleib kommt für „gml , d. i. der Voll- 
kommene, Emporragende, der Hingestreckte, nur die Bedeutung von Penis 
erectus in Betracht. 

Das auf giml folgende daleth hat zweifelsohne eine klar definierte sym- 
bolische Bedeutung. „Warum , so fragt der duldende Hiob, „verschloß er 
(Gott) nicht die Türen des Mutterleibes meiner Mutter?" Der Kirchenvater 
Ambrosius erklärt, einer alten Überlieferung folgend, (ut alibi invenimus) 
daleth mit nativitas (Geburt) und timor (Angst). Dornsei ff bemerkt, delta 
sei eine uralte und bis auf den heutigen Tag fortlebende Bezeichnung für 
„weibliche Scham". Auf Ambrosius zurückkommend sei bemerkt: Auf 
dem XII. Kongreß der Societä Freniatrica Italiana hielt Dr. E. Weiß einen 
Vortrag (jetzt veröffentlicht in „Rivista Sperimentale di Freniatria", heraus- 
gegeben von Prof. G. Guicciardi, Bd. L, 5, 4, Reggio Emilia 1927), in 
dem er, unter Hinweisung auf Freud, auf den engen Zusammenhang 
hinweist, der zwischen „nativitas" und „timor" besteht. Der bekannte 
Ägyptologe, Hermann Grapow (Die bildlichen Ausdrücke des Ägyptischen, 
Leipzig 1924, S. 125, 126) verzeichnet: „Das weibliche Genitale findet sich 
einmal parallel oder im Vergleich mit dem Fenster." Somit scheint uns 
auch für „gimel und „daleth" das Vorhandensein einer symbolischen 
Bedeutung erwiesen. 

In einem anderen Falle soll ein archaisches Kunststück die Richtigkeit 
meiner in meinem Buche „Sinaischrift" entwickelten Anschauungen bestätigen. 
Die altsinaitischen Schriftzeichen für „nun" und „samech" sind in ihrer 
Bilderform die schönste und sicherste Erklärung der beiden Buchstaben- 
namen; ein länglicher, schlangenähnlicher und ein platter, leicht teilbarer 
Fisch, samak heißt im Arabischen: Fisch. In den Inschriften der Kairo- 
statue kommen alle beiden Buchstaben vor. Was die Schlange dem Ägypter 
im bildlichen Sinne war, ersehen wir leicht, wenn wir daran erinnern, 
daß sie als „Erdensohn bezeichnet wird. Die Erde ist der Vater, die Schlange 
ist der Sohn. „Bei der Schlange, die aus den Löchern im Erdboden her- 
vorkriecht, ist dieser als Erdgott gleichsam der Vater der Schlange. (Grapow, 
S- x 33-) — Frazer führt aus dem in den Kulturkreisen der Primitiven ver- 
breiteten Aberglauben eine Reihe von Beispielen vor, in denen der Zu- 
sammenhang der Begriffe von „Kind" und „Fisch" zum Vorschein kommt. 
Die Zwillinge haben das Vermögen, Lachse und Kerzenfische herbeizurufen; 



Alphabe tstudien 



sie werden deshalb „Besorger des Überflusses" genannt. Noch deutlicher 
tritt die Ansicht bei einem anderen indianischen Stamme hervor: Die 
Zwillingskinder sind nichts weiter als . . . Lachse; kommen sie in die Nähe 
des Wassers, so werden sie wieder zu Fischen. Ein anderer Stamm hat als 
Überlieferung: Zwillingskinder dürfen an der Fischjagd nicht teilnehmen, 
dürfen überhaupt Fische im rohen Zustande nicht berühren. Die Zwillingskinder 
stehen laut den Anschauungen aller dieser Stämme im Zusammenhange mit 
Sturm und Regen ; sie vermögen es, der Dürre ein Ende zu machen und Wasser 
in Überfluß zu bringen. (Frazer: Ramo d'oro, trad. De Bosis, I., 110, 
Rom 1925.) Jakobs Segenspruch — den Söhnen Josefs erteilt — lautet: „Ihre 
Nachkommen sollen zahlreich sein wie die Fische. Das weise jüdische 
Kind beruhigt seine wegen des bösen Blickes beängstigte Mutter: „Ich 
fürchte mich vor keinem bösen Blick, denn ich bin der Sohn eines mächtigen 
Fisches, und die Fische fürchten sich vor keinem bösen Blick." 1 (Siehe 
Scheftelowitz: Alt-Palästinensischer Bauernglaube, S. 1 18, Hannover 1925, 
Heinz Lafaire.) „Während der jüdischen Trauung in Jerusalem werden 
zwei Fische in einer silbernen Schüssel hingestellt. Die Braut und der 
Bräutigam treten dreimal darauf, wobei die Anwesenden ausrufen: „Seid 
fruchtbar und habet Kinder!" (ibid. S. 87.) „In Japan schicken die Eltern 
dem Brautpaare ins neue Heim eine Platte mit Fischen. Bei den Garos 
ist der Fisch das Symbol des Kinderreichtums." (Scheftelowitz: Das 
stellvertretende Huhnopfer, S. 12.) 

Das obengenannte weise jüdische Kind nennt sich „Sohn eines großen 
Fisches". In einer christlichen Inschrift vom Jahre 180 wird Jesus der 
„große Fisch genannt. (Siehe Salomon Reinach: Orpheus. Hist. gen. d. rel. 
S. 30, Paris 1926.) Tertullianus nennt die neubekehrten Christen „kleine 
Fische, die im Wasser der Taufe (neu) geboren werden". (Siehe Tertulliano 
a cura di Feiice Ramorino in „II Pensiero Cristiano." Bd. III, S. 239.) In 
Phrygien bestand eine Sekte, die Christus anbetete, ohne die alten phrygi- 
schen Mysterien aufzugeben; sie nannten sich Ophiten oder Naassener (hebr. 
nachasch = die Schlange.) (Siehe Pettazzoni: I Misteri, S. 139)- Ein Talmud- 
lehrer gibt die Anweisung: „Man heirate eine Frau am fünften Wochen- 
tag, da Gott an diesem Tage bei der Weltschöpfung die Fische gesegnet 
hat mit den Worten: Seid fruchtbar und mehret euch." dagoh (von dag = 
Fisch) heißt hebräisch: „sich mehren." Ein antikes schwarzfiguriges Vasen- 
bild läßt uns den für sein Hochzeitsmahl Fische fangenden Herakles sehen. 

1) Hier werden die Begriffe „Kind" und „Penis" identifiziert. 

Iroago XVII. 8 



n4 I. Zoller 

(Siehe Robert Eisler: Der Fisch als Sexualsymbol in „Imago", III, 1914, 
S. 176.) Eine mykenische Vasenscherbe läßt einen Fisch zwischen den Beinen 
eines Pferdes sehen (ibid. Abb. 12). In einer prähistorischen „Rittzeichnung" — 
es handelt sich meines Erachtens eher um einen Uberschreitungszauber zwecks 
Erhöhung der Fruchtbarkeit — ist der Fisch zwischen die Beine eines Renn- 
tiers gemalt. (Siehe Salomone Reinach: Apollo. Stör. gen. d. arti plast. 
ed. III, S. 6, Bergamo.) Der Fisch symbolisiert den Geschlechtsteil und die 
Leibesfrucht die Fruchtbarkeit. „In Burna opfert die Braut, sobald sie 
das Haus ihres Gatten betreten hat, Eier und getrocknete Fische." (Siehe 
Scheftelowitz: Huhnopfer. S. 12.) Es sei gestattet, hier kurz auf die bild- 
liche Bedeutung des Eies bei den Ägyptern hinzuweisen. Am häufigsten 
ist der seit dem Anfang des Neuen Reiches aufkommende bildliche Ge- 
brauch von „Ei" im Sinne von „Sohn". (Grapow, S. 86, 87.) Die Königin 
Hatschepsut ist „das reine Ei". Ei ist hier „Tochter". Der König Osorkon 
wird als „das prächtige Ei , ein Ramses als „das herrliche Ei" bezeichnet. 
„Auf dem Janiculum in Rom fand man", so berichtet Hugo Greßmann 
(Die hellenistische Gestirnreligion in den „Beiheften zum Alten Orient", 
herausgegeben von Prof. Dr. Wilhelm Schubart, S. 247, Leipzig 1925) „die 
kleine Bronzestatuette einer syrischen Göttin, also der Atargatis, 1 aus dem 
zweiten Jahrhundert n. Chr., eingewickelt wie eine Mumie oder, vielleicht 
sachlich besser, wie ein Wickelkind. (Von mir gesperrt.) Eine Schlange 
windet sich in sieben spiralförmigen Windungen um den Leib. Zwischen die 
Windungen waren sieben Eier gelegt, vermutlich eine Weihung an die 
Mutter alles Lebens, aus dem Ei geboren oder aus der Schlange gezeugt." 
Die Schlange ist also der bildliche Ausdruck für die zeugende Kraft. Eine 
Schlange, die man in der Nähe des Grabes erblickte, galt den alten Griechen 
als Verkörperung der Seele des dort bestatteten Toten. Diese Seelenschlangen 
werden bei Hochzeiten angerufen, man bringt ihnen auch Opfer dar, denn 
man erwartet von ihnen „Fruchtbarkeit der Ehe". (Siehe Ernst Samter: 
Die Religion der Griechen, S. 17, Leipzig 1914.) Schon den Ägyptern war 
die Schlange Symbol der Wiedergeburt. (Siehe Zoller: Sinaischrift, S. 58.) 
Vom Sonnen kn ab en heißt es in einer ägyptischen Inschrift: „Du erhebst 
dich wie eine Schlange, als lebendiger Geist (a. a. O.). Auch t/dmat, 
die Uranfängliche, aus der nach babylonischem Glauben die Götter wurden, 

1) Hier muß gleich daran erinnert werden: einem Berichte eines griechischen 
Schriftstellers aus dem zweiten Jahrhundert entnehmen wir, daß dieser Göttin die 
Fische heilig waren, und daß in der Nähe ihres Tempels lebende „heilige" Fische 
von den Priestern rituell verzehrt zu werden pflegten. Reinach, 63. 



AIpnnbetÄtudien 



war eine Schlange. Die Schlange ist „vielfach als das Urtier gedacht". Laut 
Macrobius lagen im syrischen Hieropolis zu den Füßen des Sonnengottes 
zwei Zwillingsschwestern, die von Schlangen umwunden waren. Die 
Schlange ist also der bildliche Ausdruck für das männliche lebenspendende 
Prinzip. In der Traumsymbolik ist die Schlange als Darstellung des Penis 
bekannt. In der Mithrasreligion ist der Felsen, aus dem Mithras geboren 
wird, von einer Schlange umwunden (Greßmann, Abb. 2); hingegen 
waren zwischen den Schlangenwindungen der Urgöttin der „Physis" von 
Janiculum auch sieben Eier gelegt. 

Von der Göttin Athene bemerkt ein Spezialforscher, Martin P. Nilsson, 
folgendes: „Athene ist sicher mykenischen Ursprungs . . . Als Hausgöttin 
ist sie die persönliche Schirmerin des Fürsten . . . Im Mythus ist das Bild 
der Athene, das Palladium, ein Unterpfand des Bestehens der Stadt . . . 
Ihre Verbindung mit der Schlange ist höchst auffällig (unter dem Schild 
der Goldelfenbeinstatue von Phidia und schon früher auf dem böotischen 
Vasenbild). Bei Homer nimmt sie die Gestalt von verschiedenen Vögeln an; 
später ist die Eule . . . ihre Begleiterin . . . Sowohl die Schlange wie der 
Vogel sind die heiligen Tiere der Athene, wie die kretisch-mykenische 
Hausgöttin von Schlangen umwunden ist und einen Vogel auf dem Kopfe 
trägt . . . Ge überreicht der Athene das Plutoskind zur Pflege, gerade wie 
sie nach einem bekannteren Mythus ihr den kleinen Erichthonios über- 
reicht." (Nilsson, wiedergegeben von Bernoulli in seiner Ausgabe von 
Bachofens „Urreligion und antike Symbole". II, S. 119 und 120. Philipp 
Reclam jun., Leipzig 1926.) Hätte Nilsson das Bild der „Physis" auf dem 
Janiculum vor Augen gehabt, so hätte für ihn die Verbindung der Athene, 
der Pflegerin des Plutoskindes, mit der Schlange nichts Auffälliges gehabt. 
Der Göttin ist sowohl die Schlange als auch der Vogel heilig. Von den 
Vögeln bemerkt bereits Bachofen (II, 57): „Die Vögel gehören dem telluri- 
schen Luftraum." Dies erinnert an Großmanns Bemerkung: „Wenn 
Sarapis und Isis bisweilen als Schlangen dargestellt werden, so wird man 
dies Bild schon wegen der Beigaben für chthonisch erklären müssen. Sarapis 
ist der Gott, Isis die Göttin der Fruchtbarkeit." Von den Vögeln sagt 
Bachofen: „Ihr Ursprung aus dem Ei gibt ihnen besondere Beziehung 
zu dem Muttertum und begründet jenen Ausspruch, den sie unter An- 
spielung auf die chthonischen Mysterien bei Aristophanes (Aves 605 — 704) 
erheben, nämlich, daß sie es sind, die den Adel des höchsten Altertums 
vor allen anderen Tieren besitzen." Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn 
ich behaupte: Der uranfänglichen, von einer Schlange und Eiern um- 

8* 



1 16 I. Zoller 

gebenen Atargatis auf dem Janiculum entspricht Athene, die Pflegerin der 
Kinder, die Göttin, der die Schlange und der Vogel heilig sind. 1 

Neben der Atargatis und Athene im Bilde sei noch eine auf einer 
archaischen böotischen Vase im National museum in Athen dargestellte 
Muttergöttin (siehe Eisler, S. 113, Abb. 55; wir bieten in Abb. 2 einen 
Ausschnitt) erwähnt. Im Innern der Muttergöttin ist ein Fisch sichtbar. 




Abb. 2 



Kann der Fisch hier anders denn als „Nachkommenschaft", als „Leibes- 
frucht" angesehen werden? Zu dieser Erklärung eben bin ich seinerzeit 
in meiner „Sinaischrift" auf ganz anderem Wege gelangt. (Siehe dort die 
Erklärung für die Buchstaben nun und samech.) 



Habe ich durch Anhäufung und Verarbeitung neuen Stoffes den Beweis 
erbracht, daß den Buchstabennamen auch eine bildliche, dynamische Be- 
deutung zukommt, so ist das Ziel dieser Arbeit erreicht. 

Für die Richtigkeit der Gesamtauffassung des Alphabets als eines 
Ineinanders von kosmischen und anatomischen Begriffen ließe sich unter 
anderem noch folgendes anführen: Ein von Robert Eisler (a. a. O., S. 174) 
wiedergegebener babylonischer Siegelzylinder hat: Bock, Wasser, Baum, 
Mond, Sonne, Fische und Raute (vulva) zum Inhalt. Die Verbindung von 
kosmischen und anatomischen Begriffen, die ich der Sinaischrift als ideellen 



1) Es ist ersichtlich, daß wir hier an Stelle von „Schlange und Ei" „Schlange 
und Vogel" haben. 



Alphabetstudien 



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Gehalt zuschrieb, ist also den Alten doch nicht fremd gewesen! „Die 
Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos" — bemerkt Greßmann, 
S. 13 — 14 — „ist in der Tat eine altbabylonische Anschauung; den all- 
gemeinen Ursprung und den Zusammenhang dieser Idee mit der Vor- 
stellungswelt der Magie hat Cumont aufgezeigt. Der Zusammenhang 
von Mikro- und Makrokosmos ist meines Erachtens die Grundidee des alt- 
sinaitischen Alphabets. 1 



/ 



l) Bezüglich Näherem muß ich auf meine Originalschrift verweisen. Siehe auf 
S. 117 die schematische Tabelle des altsinaitischen Alphabets mit den Buchstaben- 
bedeutungen. 

* 

Anmerkung bei der Korrektur. Eine kritische Übersicht über die seit Abschluß 
dieser Arbeit erschienene Literatur habe ich in meiner Abhandlung „Altsinai tische 
Schrift und Inschriften" in „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Juden- 
tums", 1930, S. 50g ff., gegeben. — Wie mir aus privaten Mitteilungen mehrerer Fach- 
kollegen bekannt ist, gewinnt eine Auffassung immer mehr an Boden, die das Alt- 
smaitische nicht mehr zu den Semitica rechnet. Dies kann aber, wie mir scheint, 
meine Auffassung der alphabetischen Schriftzeichen als einer zusammenhängenden 
Reihe von Sexualsymbolen nicht erschüttern. Die Richtigkeit meiner Auffassung ließe 
sich im Kreis der semitischen Schriften auch unter Ausschluß des Altsinaitischen 
erweisen. 



Hansel und Crretel 

Von 

Emil Lorenz 

Es war auch in alten Zeiten keine Alltäglichkeit, daß Kinder von ihren 
Eltern in den Wald geführt und dort dem Hungertode überantwortet wurden. 
In dem Märchen von Hansel und Gretel ist zwar in Rücksicht auf seinen 
guten Ausgang der Wunscherfüllungscharakter offenkundig, aber man muß 
doch fragen, woher der sonderbare und unheimliche Inhalt des Märchens 
stammt, der Weg, auf dem es zu der endlichen Wunscherfüllung gelangt. 
Der Psychoanalytiker kann nicht annehmen, daß es lediglich die Absonder- 
lichkeit eines Schicksales und das mit ihm konfrontierte Gefühl der Ge- 
borgenheit in einer normalen, von elterlicher Güte behüteten Kindheit ist, 
die die Wirkung dieses Märchens ausmacht. Bei der weiten Verbreitung 
des Märchens, von dem Hansel und Gretel in der Grimmschen Fassung 
ja nur ein einzelnes, freilich überaus einprägsames Beispiel darstellt, muß 
man vielmehr annehmen, daß es tiefere Motive sind, durch die diese Wir- 
kung erzielt wird, Motive, die hinter der manifesten naiven Ausdrucks- 
weise verborgen sind und ihre Kraft aus unbewußten Quellen schöpfen. 

Es sei gestattet, die in dem Märchen enthaltenen Motive im Anschluß 
an die vergleichende Studie in den „Anmerkungen zu den Kinder- und 
Hausmärchen der Brüder Grimm" 1 im Nachstehenden auseinanderzulegen. 

A) Die Kinder werden von den Eltern im Walde verlassen. Grund: 

Hungersnot. 

B) Sie finden aber zweimal durch Ausstreuen von Kieselsteinen zurück. 

C) Nach dem Ausstreuen von Brotkrumen finden sie nicht mehr zurück. 

D) Sie gelangen zum Kuchenhaus. 

i) Neu bearbeitet von Johannes B ölte und Georg Polivka. Leipzig 1913, Dieterich, 

1. Bd., S. 115 ff. 



Lmil JUorciiÄ 



E) Von der Hexe eingesperrt und gemästet, streckt der Knabe ein Knöchlein 
oder Hölzlein statt des Fingers heraus. 

F) Sie schieben die Hexe in den Ofen. 

G) Auf der Flucht tragen Enten die Kinder übers Wasser. 

H) Mit Schätzen kehren sie ins Elternhaus zurück. Die Stiefmutter ist 
inzwischen gestorben. 

Wenn wir annehmen, daß es sich bei der Frage nach der seelischen 
Wirklichkeit, die diesen Motiven zugrundeliegt, um Erlebnisse handeln 
muß, die in jedem Menschen aufbewahrt sind, wenn wir weiter bedenken, 
daß die Wirkung auf das Kind, die von diesem Märchen ausgeht, eine 
noch unmittelbarere ist als beim Erwachsenen, dieses Märchen also ein 
wirkliches Kindermärchen, nicht herabgekommenes Sagengut darstellt, so 
müssen es Erlebnisse der frühen oder sogar der frühesten Kindheit sein, 
die in ihm verborgen sind. 

Das Urbild aller Trennung ist die Geburt, das Urbild aller Hungersnot 
die Entwöhnung von der Mutterbrust. Es sind die einschneidendsten 
Traumen, die der Mensch mitmachen muß. „Hansel und Gretel" durch- 
läuft den Weg zwischen diesen beiden Entwicklungspunkten des frühinfan- 
tilen Seelenlebens. Das Motiv A verlegt den Grund für die dem Emp- 
finden des Säuglings unbegreifliche und unverzeihliche Entwöhnung in 
die äußere Realität. Es spricht von einer „Hungersnot", was die ent- 
wöhnende Mutter gewissermaßen entschuldigt. Andrerseits mißt es ihr aber 
doch wieder eine Schuld zu, denn es hängt der Mutter den gehässigen 
Charakter der „Stiefmutter" an. 

Die Motive B und C behandeln den Versuch, die verlorene Mutterbrust 
wiederzuerlangen. Die ausgestreuten Kieselsteine sind eine herabsetzende 
Kennzeichnung der dem Kinde nach der aufgezwungenen Entwöhnung zu- 
nächst unannehmbaren festen Speisen. Nach der Annahme des Brotes aber 
ist die Rückkehr abgeschnitten. Die Vögel des Waldes, die das Brot im 
Märchen essen, stehen in Stellvertretung der Kinder selbst. Daß es sich 
um eine Stellvertretung handelt, die nicht willkürlich postuliert wird, er- 
gibt sich aus der Betrachtung des folgenden Motives. 

Die Kinder sind, nachdem ihnen die Rückkehr abgeschnitten ist, weiter 
in den Wald gegangen. Was jetzt zu erwarten steht, ist sicherlich keine 
glatte Anpassung an die versagende Realität, sondern eher ein Kompromiß, 
bei dem der unbewußte und darum wichtigere Teil wiederum eine neuer- 
liche Eroberung der verlorenen Mutterbrust darstellen wird. Das Kuchen- 
haus setzt dieses Motiv ganz folgerichtig fort. Die Kinder essen davon, wie 



Hansel und Gretcl 



von dem Brote, das in ihrer Stellvertretung die Vögel aufgepickt haben. 
Aber freilich, so ein eßbares Haus gibt es in dieser Welt nicht; es muß 
eine symbolische Bedeutung haben : Das Haus, von dem man ißt, ist die 
Mutter, an der man trinkt; und ehe man auf diese Welt kam, verfügte 
man ja tatsächlich über einen Aufenthaltsort, der keine Nahrungssorgen 
aufkommen ließ. Das Motiv D ist demnach der Ausdruck der von uns 
erwarteten Regression zur Stillperiode und noch weiter zurück. Es ist die 
von den tiefsten Schichten der Seele ersehnte Seligkeit des Embryonal- 
zustandes, die hier ein Symbol gefunden hat. 

Dieses Äußerste an Bealitätsflucht, das in dem Motiv des Kuchenhauses 
verkörpert erscheint, ruft aber auch wieder den Protest der der Wirk- 
lichkeit zugewandten Instanz unseres Seelenlebens hervor. Das Motiv dieser 
Rückkehr wird darum gewissermaßen mit dem negativen Vorzeichen 
versehen. Das Eingesperrtwerden in einem Ställchen im Motiv E und 
die Gefahr des Aufgefressenwerdens bringt die negative Wertung des 
Aufenthaltes im Uterus und der intrauterinen Ernährung. Es ist ein Ver- 
geltungsmotiv. Die Hexe aber, die alles besorgt, ist die Mutter im 
Lichte der Flucht vor der gefährlichen und verbotenen regressiven Sehn- 
sucht. 

Die in den Ofen geschobene Hexe setzt das Regressionsmotiv noch weiter 
fort. Es ist das Äußerste an Ablehnung der Regression, was sich das Märchen 
hier gestattet. Der Ofen, das Symbol des Mutterleibes, erscheint als Ort 
der Vernichtung, der Mutter aber wird die einstige Bewahrung darin als 
Verbrechen angerechnet. 

Der symbolischen Bedeutung des Aufenthaltes bei der Hexe als Auf- 
enthaltes in utero und der negativen Bewertung dieses regressiven Motives 
entspricht es, daß in das Motiv der Befreiung von der Hexe, in die an- 
schließende Flucht, das Symbol des Wassers hineingewoben ist, über das 
die Kinder durch hilfreiche Tiere, die Enten, getragen werden. Die Flucht 
stellt also eine Geburt dar, die Motive „Wasser" und „Rettung" lassen das 
Weiterwirken der regressiven Phantasie in positiver Fassung und ihren Ab- 
bau erkennen. 

Nun geht es vorwärts zur richtigen Einschätzung der einst verlassenen 
Realität. Die Anpassung an sie muß natürlich im Sinne der Anerkennung 
der Entwöhnung erfolgen. Diese Anerkennung findet mehrfachen Ausdruck. 
Daß die im Ofen verbrannte Hexe eine DoubJette der Mutter ist, kommt 
darin zum Vorschein, daß nach der Rückkehr der Kinder auch die Stief- 
mutter gestorben ist. 



. .Ulli LjOIIZIIZ 



Wo liegt aber schließlich der Ersatz für das Verlorene? Das Trieb-Ich 
läßt sich doch nicht so leicht abspeisen. Das Märchen legt nun Gewicht 
auf die Schätze, die die Kinder aus dem Hause der Hexe heimbringen. 
Dieser Fortschritt entspricht natürlich genau dem Gange der Libido- 
entwicklung. Die orale Phase der Libidoentwicklung hat mit der Entwöh- 
nung ihren Höhepunkt überschritten. Was jetzt folgen muß, ist die Hin- 
wendung zur analen Organisationsstufe, die ja erst zur vollen Aus 
prägung gelangt, wenn einmal der Übergang von der Milchnahrung zur 
festen Nahrung vollzogen ist. Die Schätze des Märchens, die von den 
Kindern dem erfreuten Vater vorgewiesen werden, repräsentieren dieses 
neue anale Interesse, das für das Verlorene Ersatz zu bieten vermag. 

Indem wir auf die bisherigen Feststellungen dieser Untersuchung zurück- 
blicken, wird es uns begreiflich, daß die so starke Wirkung dieses Mär- 
chens, das ja sicher von allen Grimmschen Märchen das häufigst erzählte 
ist, ihren Grund darin hat, daß die zwei so wichtigen ersten Phasen 
der Libidoentwicklung sich darin mit nahezu historischer Treue wider- 
spiegeln. Die Lust an diesem Märchen ist die lustvolle Belebung verlassener 
Libidopositionen, die ja niemals so völlig verlassen sind, daß ihre Wieder- 
herstellung nicht wenigstens vorübergehend auf dem Wege der Phantasie 
erfolgen könnte. 

Es sei nun einiger Nebenmotive gedacht, die in den Gang der Erzählung 
verwoben sind. Zunächst sei daran erinnert, daß den Kindern nach der 
Annahme des Brotes die Rückkehr ins Elternhaus abgeschnitten ist. Hier 
drängt sich als Parallele der Mythos von Persephone auf, die im Hades 
verbleiben muß, weil sie dort, wenn auch nur ein einziges Mal, Speise 
zu sich genommen hat. Es entspricht dies dem weiteren Umstand, daß man 
zu dem Ort, an dem man einmal etwas gegessen hat, in eine Beziehung 
der „Pietät" tritt, wovon sich ja die Bräuche der Gastfreundschaft her- 
leiten, die Sitte, dem Fremden Speise zu reichen, z. B. Salz und Brot, 
oder den Willkommentrunk, um ihn gewissermaßen seelisch an das Haus 
zu binden. Umgekehrt zeigt aber wieder die Erscheinung des Heimwehs 
mit ihren seelischen und physiologischen Begleiterscheinungen, unter deren 
im übrigen ja recht mannigfaltigen Symptomen die Nahrungsverweigerung 
besonders hervortritt, eine oral bedingte Fixierung an die Heimat. Eine 
Analyse des Heimwehs müßte ihren Ausgangspunkt vom Trauma der Ent- 
wöhnung nehmen. Im übrigen stimmt ja zu der oralen Fixierung des 
Heimwehs sein melancholischer Gesamthabitus. Indessen ist aber Heimweh 
weder eine Melancholie, dazu fehlt ihm das Symptom der Selbstvorwürfe, 



iiänsel uii'i (jretel 123 



noch Trauer, da der an Heimweh Leidende vielfach gar nicht weiß, woran 
er leidet. Man könnte die Vermutung aussprechen, das Heimweh sei eine 
narzißtische Neurose mit der Fixierungsstelle im Trauma der Entwöhnung 
und zur Melancholie darum nicht gediehen, weil es der großartigen sadisti- 
schen Zuschüsse dieser Psychose entbehrt. 

Das Knöchelchen, welches der im Stalle eingesperrte Knabe statt seines 
Fingers herausstreckt, um die Hexe zu täuschen, steht wohl in Beziehung 
zur Kastrationssymbolik. Dieses Motiv ist in die Nähe eines andern zu 
stellen, das ebenfalls bereits in die Periode einer mehr genital bestimmten 
infantilen Sexualforschung hineinreicht, in die Nähe der gespielten Unge- 
schicklichkeit des Mädchens der Hexe gegenüber, als diese das Ansinnen 
stellt, Gretel möge in den Backofen hineinkriechen. 

Es ist mit diesem Motiv offenbar darauf Bezug genommen, daß den 
Kindern oft die Möglichkeit eines einstigen Aufenthaltes im Mutterleib — 
eine Kenntnis hievon mag ihnen von woher immer vermittelt sein — 
irgendwie unbegreiflich und unglaubhaft erscheint, eine häufige Folge früh- 
zeitiger Aufklärung. So leicht sich das Kind mit der Einsicht abzufinden 
vermag, auf irgendwelchem Wege aus dem Mutterleibe gekommen zu sein, 
so schwierig ist der infantilen Sexualforschung das Problem, wie es in den- 
selben hineingekommen sein mag. In der gespielten Ungeschicklichkeit des 
Mädchens, die ja im manifesten Zusammenhang der Erzählung immerhin 
eine befriedigende Bationalisierung erfährt, indem sie die Hexe verleiten soll, 
sich dem Backofen in so gefährlicher Weise zu nähern, liegt darum das latente 
Motiv eines unbefriedigten Wissensdranges, zugleich auch eine bei Kindern, 
die mehr wissen als die Eltern meinen und wünschen, gespielte Unwissenheit 
in Hinsicht auf die Herkunft der Kinder. Es ist so, als würden sie sagen: „Ich 
bin ja sicher auf einem ähnlichen Wege wie die Jungen der Haustiere auf 
die Welt gekommen. Diese Erkenntnis könnt ihr mir nicht verhehlen. Wenn 
ihr aber glaubt, daß ich glaube, in diesen Mutterleib auch auf irgendeine 
harmlose Weise hineingekommen zu sein, etwa wie man Brot in den Ofen 
schiebt, so täuscht ihr euch. Da steckt mehr dahinter, als ihr zugeben wollt." 
Das Hineinstoßen der Hexe ist wie ein Hohn auf die unzulänglichen Ant- 
worten, die das Kind bei seinen ungeduldigen Fragen nach seiner Herkunft 
von den Erwachsenen erhält, wie die boshafte Aufforderung: Probiere es doch 
selber, wie harmlos die Geschichte in Wirklichkeit ist. 1 



i) Vgl. die bei B ölte- Pol ivka (a. a. O.) zitierte Arbeit von Cosquin: Le conte 
de la chaudiere bouülante et la feinte maladresse (Revue des traditions populaires 25, 
1. 65. 126). 



124 Emil Loren: 

Diese kleine Untersuchung bietet uns nun noch Anlaß, über den eigent- 
lichen psychologischen Hergang der Entstehung solcher Märchen überhaupt 
nachzudenken. Dieses Nachdenken aber vermittelt uns die Einsicht, daß 
all diese Kindermärchen ja nicht von Kindern erfunden sind, auch jene 
nicht, die nicht herabgekommenes Sagengut sind, sondern sich von An- 
beginn von außen an die Kinder wenden. Immer sind es Erwachsene, die, 
wie vorzugsweise eben die Eltern, angesichts ihrer eigenen Kinder eine 
Wiederbelebung ihrer eigenen unbewußten infantilen Erlebnisse erfahren, 
eine Wiederbelebung, die natürlich durch die starke Identifizierung mit 
dem Kinde ermöglicht wird, worauf das Unbewußte, dessen Verdrängungen 
hiemit gelockert werden, die Märchenmotive als seine Abkömmlinge ins 
Bewußtsein entsendet. Die Identifizierung mit dem Kinde ist begreiflicher- 
weise bei der Mutter am stärksten, weshalb das Märchen auch fast aus- 
nahmslos ein spezifisches Gebilde der weiblichen Phantasie ist. Überblickt 
man von diesem Punkte aus die ganze Mannigfaltigkeit dessen, was als 
„Märchen" bezeichnet wird, so drängt sich gewissermaßen die Notwendigkeit 
auf, den maßlos erweiterten Umfang dieses Begriffes einmal sinngemäß ein- 
zuschränken. Doch fällt diese Aufgabe außerhalb des Bereiches dieser Aus- 
führungen. Daß die Identifizierung mit dem Kinde sich auf dem Boden 
des elterlichen Narzißmus erhebt und von ebendort ihre Hellsichtigkeit be- 
zieht, sollte keiner Hervorhebung bedürfen. Daß dieser Narzißmus wiederum 
in dem originären Narzißmus des Kindes seinen Mitspieler hat, läßt die so 
zahlreichen paranoischen Züge des Märchens begreiflich erscheinen. Und 
wieder ergibt sich hier eine zwingende Beziehung auf unser Märchen. Es 
ist ein paranoischer, nämlich ein Projektionsmechanismus, der das vom Ent- 
wöhnungstrauma betroffene Kind veranlaßt, sich von der bösen Stiefmutter 
verfolgt zu glauben. Wir dürfen uns die vollständige Entwicklung einer 
solchen Projektion in folgender Weise denken. Am Anfang steht die Identi- 
fizierung mit der nährenden Mutterbrust. Auf sie beziehen sich oral-sadistische 
Triebregungen des saugenden Kindes. Im Gefolge der Entwöhnung wird das 
Objekt dieser Triebrichtung introjiziert. Die Triebrichtung wendet sich jetzt 
gegen das introjizierte Objekt, das mit dem ursprünglichen Subjekt identisch 
geworden ist, erscheint darum von außen her als gegen das Subjekt ge- 
richtet, das sich damit von aggressiven Tendenzen, wie Gefressenwerden 
oder Kastriertwerden bedroht fühlt. Hiebei darf dieser Projektionsmechanis- 
mus nicht einmal als ein reiner bezeichnet werden, weil ja das reale Er- 
lebnis der Entwöhnung selbst von dem Kinde als etwas Gewalttätiges und 
Feindseliges aufgefaßt werden muß, das dem Kinde von der Mutter wider- 



Hansel und Orctcl 



fahrt. Wäre das Kind (wenn wir zur Veranschaulichung des Vorganges diese 
Fiktion machen dürfen) schon denkfähig, so wäre es ihm leichter als einem 
beliebigen Paranoiker, seinen Verfolgungswahn zu rationalisieren. Ein klini- 
sches Beispiel für die in Frage stehenden Mechanismen bietet der Beitrag, 
den Gustav Bychowski unter dem Titel „Ein Fall von oralem Verfolgungs- 
wahn veröffentlicht hat. 1 

Wir finden in unserem Märchen die in das klinische Bild des Ver- 
folgungswahnes gehörigen Mechanismen noch in anderen Motiven wieder. 
Die Zweiheit der verfolgten Kinder entstammt der Identifizierung mit der 
Zweiheit des Elternpaares. So bekommt sogar Gretel etwas von der dem 
weiblichen Geschlechte geltenden Feindseligkeit ab, indem sie, wenn auch 
unfreiwillig, als Hilfskraft der Hexe dienen muß. Der Finger, den Hansel 
der augenschwachen Hexe jeden Tag herausreichen muß, damit sie feststellen 
könne, wie fett er schon geworden ist, steht wohl an Stelle des Penis. In 
weiterem Verfolg des Motives dürfen wir wohl die Gleichung Penis-Mamma 
ansetzen und in dem trockenen Knöchelchen oder Hölzchen, das der Knabe 
statt des Fingers heraushält, das Symbol für die entzogene oder versiegte 
Brust erblicken, die ja den Ausgangspunkt des ganzen seelischen Prozesses 
bildet. 

Jetzt noch ein Letztes in der Form einer Frage : Stellt nicht das Trauma 
der Entwöhnung einen hinlänglich variablen Faktor dar, um eine spezifische 
Disposition für die Neurosenwahl in der Richtung der Paranoia zu begründen? 
Nach allem, was im Vorangegangenen ausgeführt wurde, scheint mir die 
Antwort darauf nur bejahend ausfallen zu können. 



l) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse XV. (1929), S. 96 ff. „Man glaubt eine 
gigantische Wiederholung der zur Zeit des Saugens erlebten Versagungen und Reaktionen 
vor sich zu sehen. Das vorhandene Material zwingt uns die Annahme auf, daß diese 
oralen Versagungen (vielleicht nicht nur die Entwöhnung allein) vom Patienten fol- 
gendermaßen verarbeitet wurden : Die Brust als Liebesobjekt introjizierte er und identi- 
fizierte sich mit ihr; dieser Prozeß muß ihm aber nicht restlos gelungen sein, sondern 
er voUzog sich sozusagen kontinuierlich, so daß der Patient jede neuerliche Wegnahme 
als Attentat auf sich selbst, auf die inzwischen zu seinem Ich gewordene Brust, be- 
ziehungsweise Milch empfand. So wurde die Mutter aus der Spenderin zur Berauberin, 
hiemit zur Feindin." (Ebendort S. 99.) 



REFERATE 

Em siamesisches Werk über den Träum 

Ein sehr interessantes Dokument für die immer mehr fortschreitende Fühlung- 
nahme zwischen östlicher und westlicher Wissenschaft ist das Werk des ge- 
lehrten siamesischen Autors LüongVichitvathkan, das unter dem Titel „Khüam 
Fan" („Über den Traum") im Jahre 2472 der mit dem Tod Buddhas (545 v. Chr.) 
beginnenden buddhistischen Ära (also 1929 n. Chr.) erschienen ist. Es umfaßt 
/.wei Bände, deren erster (läksänä khong khüam fän) eine Darstellung der allge- 
meinen Traumtheorie gibt, während der zweite Teil (vitthi ple khüam fän 
le khäm thämnai) eine Übersicht über die Traumdeutungen verschiedener 
Autoren, Zeiten und Völker bringt. 

Das Werk, das überall die eifrige Beschäftigung mit der dem gebildeten 
Siamesen vor allem durch das Medium der englischen Sprache zugänglichen 
europäischen Wissenschaft verrät, ist wohl das erste Werk in der Thai-Sprache, 
in dem sich eine ausführliche Behandlung der Psychoanalyse (= kan jeh thatu 
hlm chai) Prof. Sigmund Freuds (= ihan sikman[d] froifdj) findet. Nach 
einem einleitenden Kapitel, „Was ist der Traum", wird zu den verschiedenen 
Theorien übergegangen, die von Aristoteles bis Freud über dessen Ursprung 
aufgestellt worden sind. Nach der Besprechung einiger allgemeiner Eigenschaften 
des Traumes werden drei Autoren behandelt, deren Werke Lüöng Vichit- 
vathkan einer solchen separaten Hervorhebung für besonders würdig erachtet: 
Artemidoros von Daldis, der Pali-Autor Nänthächän (Nandächäriya) und 
Freud. In dem nun folgenden systematischen Teil werden zunächst Träume 
behandelt, die aus äußeren Reizen und Ursachen entspringen, sodann die, 
welche ihre Entstehung inneren Reizen und Ursachen (Erinnerung und Wunsch) 
verdanken; darauf folgen Träume, in denen dem Träumenden früher nicht 
gehabtes oder nicht bewußtes Wissen vermittelt wird, oder durch welche eine 
Sinnesveränderung bewirkt wird; ein Abschnitt über prophetische Träume, die 
vom Autor recht kritisch betrachtet werden, bildet den Abschluß. 

Kurze biographische Angaben über den Begründer der Psychoanalyse finden 
sich auf S. 77 ff. Die Traumlehre Freuds wird ausführlich, wenn auch etwas ele- 
mentar, an vielen Stellen herangezogen, besonders in dem Kapitel über die 
Wunschträume. Beispiele, die aus Freuds Werk „Die Traumdeutung" ge- 
nommen sind, finden sich sehr zahlreich in die Darstellung eingestreut. 



lYclcratc 127 

So werden S. 108 ff. in dem Kapitel „Erinnerung als Traumursache" von 
den in der „Traumdeutung" (Ges. Schriften, II, S. 166 f.) gegebenen Träumen 
Freuds vier als Beispiele angeführt (die Nummern 1, 2, 5, 6 bei Freud). 

Der Traum vom polnischen Schnaps Kontuszöwka (Freud, II, S. 16) findet 
sich auf S. 117 ff.; der von Volkelt mitgeteilte Traum eines Komponisten, 
in welchem sich die Worte „o ja über Orja und Eurjo in „Feuerjo" ver- 
wandeln — das wirkliche Feuergeschrei auf der Straße, das den Traum ange- 
regt hatte — steht auf S. 94 (Freud, II, S. 28); der aus einem ungarischen 
Witzblatt stammende Traum des Kindermädchens (Freud, III, S. 84 f.) wird 
auf S. 125 ff. ausführlich wiedergegeben, und die bei Freud (III, S. 84) 
stehende Illustration reproduziert und ausführlich erläutert. 

Gegenüber der Wunschtheorie des Traumes nimmt der Autor eine kritische 
Stellung ein, indem er (S. 128) sagt: es sei sicher wahr, daß der Traum ein 
Mittel sei, um dem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche vorzubilden, man 
dürfe aber diese Theorie nicht zu sehr übertreiben und nun annehmen, daß 
jeder Traum eine Wunsch erfüll ung darstelle, denn oft träume man Dinge, die 
man sich bestimmt nicht gewünscht hätte. 

Der zweite Band ist ein veritables Traumbuch; der Autor stellt hier mit 
einem gewissen kulturhistorischen Interesse die Deutungen von vier Autoren 
zusammen, nämlich : 

i) die des Artemidoros von Daldis, 

2) die eines französischen Traumbuches, das von einer gewissen Marquise 
de Cire verfaßt sein soll, 

3) die eines anderen französischen Traumbuches, das von Georges An quetil 
verfaßt sein soll, und, last not least, 

4) die in Siam seit alter Zeit einheimischen Traumdeutungen, die zum 
großen Teil auf indische Traumbücher zurückgehen. 

Da ich die siamesische Traumlehre und Traumdeutungskunst an anderer 
Stelle ausführlich zu behandeln hoffe, werde ich mich hier mit kurzen An- 
deutungen begnügen. 

Allgemein bekannt und von religiösem Glanz umgeben sind für den buddhi- 
stischen Siamesen die sogenannten „mahäsübin'', das sind die Träume, welche 
der erhabene Buddha in der Nacht vor dem Erwachen träumte, das ihm die 
volle Erkenntnis seiner Berufung brachte. Deren zählt der Autor, dem oben 
erwähnten Pali-Werk des Nanthächän folgend, fünf auf: 

a) Buddha träumte, daß er, auf dem Bücken liegend, über die Erde hinge- 
streckt schliefe. Sein Haupt ruhte gestützt auf den Berg Himavant im Norden, 
seine Füße streckten sich über das große Meer bis zum Weltberg im Süden, 
seine linke Hand reichte bis zum Gipfel des Weltberges im Osten, seine rechte 
Hand reichte bis zum Gipfel des Weltberges im Westen. — Dies bedeutete, 
daß er die erhabene Lehre über die ganze Welt ausbreiten würde. 

b) Er träumte, daß eine Pflanze aus seinem Nabel sproß und allmählich 
wachsend die Höhe von mehreren jot erreichte. — Dies wies darauf hin, daß 
er nicht nur den Menschen, sondern auch den Bewohnern der Götterwelten 
Erlösung bringen würde. 



1 2.8 Referate 

c) Würmer mit weißem Körper und schwarzem Kopf krochen in großer 
Zahl an ihm bis zu seinen Knien empor. — Dies besagte, daß die Rassen der 
Menschen sich in seiner Verehrung vereinigen würden. 

d) Vier Arten Vögel von verschiedenen Farben kamen von den vier Welt- 
gegenden her zu ihm niedergeflogen und wurden, nachdem sie ihm ihre Ver- 
ehrung erwiesen hatten, allesamt weiß. — Dies besagte, daß die Angehörigen 
der vier Kasten alle mit gleichem Eifer den Weg seiner Lehre gehen und alle 
gleich in Frömmigkeit erstrahlen ■würden. 

e) Er kam auf einen Berg, der mit Kot und Schmutz bedeckt war ; er ging 
darüber hin, ohne daß seine Füße im geringsten besudelt wurden. — Dies 
wies auf seine vollkommene Gleichgültigkeit gegen die weltlichen Dinge und 
Güter hin. 

Nicht alle Träume gelten als auf die Zukunft deutbar. Träume, die während 
des Tages oder während der ersten Nachtwache entstehen (von Sonnenunter- 
gang bis 22 Uhr) oder in der mittleren Nachtwache (von 22 Uhr bis 2 Uhr 
morgens) sind trügerisch, unsicher, weil durch die Überfüllung des Körpers 
durch am Abend genossene Nahrung bedingt; nur die Träume, die man in der 
letzten Nachtwache (2 Uhr morgens bis Tagesanbruch) hat, also zu einer Zeit, 
wo die Nahrung bereits verdaut und der Körper vom Magendruck befreit ist, 
sind sicher und prophetisch deutbar (II, S. 32). 

Die Träume sind gut, böse oder von mittlerer Art. Aber auch wer einen 
bösen Traum hat, braucht deswegen nicht zu verzweifeln; er braucht im allge- 
meinen nur die Traumdeutung (ke Jan) vorzunehmen, wozu in der Regel eine 
zweite Person gehört. Wenn der Traum ein ungünstiger ist, wird er nichts- 
destoweniger von der zur Traumdeutung herangezogenen Person in günstigem 
Sinn gedeutet: „Der Traum bedeutet Glück, du wirst reich werden, Geschenke 
erhalten." Man meint, daß durch diese Deutung ein schlechter Traum gut und 
ein guter noch besser wird. 

In manchen Fällen werden ausdrücklich bestimmte Arten von Personen zur 
Vornahme dieser Traumdeutung (ke fem) vorgeschrieben. Zum Beispiel muß 
man, wenn man sich im Traum die Kopfhaare reinigt, schleunigst die Traum- 
deutung mit einer schwangeren Frau vornehmen. 

Eine große Anzahl sonstiger Abwehrmittel wird angegeben; sie haben die 
größte Ähnlichkeit mit anderswo üblichen Bräuchen und brauchen hier nicht 
besprochen zu werden. 

Die Deutung schließt in manchen Fällen aus dem Trauminhalt auf das gerade 
Gegenteil; zum Beispiel bedeutet das Weinen im Traum, daß man in den Besitz 
einer geliebten Sache kommen wird. Gewöhnlich steht die Prophezeiung mit 
dem Trauminhalt in einem naheliegenden assoziativen Zusammenhang ; wenn 
man zum Beispiel träumt, daß eine Überschwemmung naht, bedeutet es, daß 
man mit einem großen Mann zusammengeraten wird, der einen bestrafen 
lassen wird. 

In vielen Fällen zeigt sich bei der Deutung eine Symbolik, die uns sehr 
bekannt anmutet. So bedeutet das Hinaufsteigen im Traum '{z. B. auf einen 
durch das Nest der weißen Ameisen gebildeten Hügel, auf einen Baum, auf 






Relefate 12g 

eine Sandbank u.a.) ein „Emporkommen"; der Träumer wird eine Respekts- 
person werden, Ansehen erlangen und allgemein geachtet sein. Ebenso bedeutet 
das Überschreiten eines Flusses, das Durchfahren des Meeres u. ä. überall etwas 
Günstiges, insofern man glücklich „hinübergekommen ist. 

Wie in indischen Traumbüchern finden sich kannibalische Traumtypen, die 
gewöhnlich Günstiges vorhersagen. Wer zum Beispiel im Traum Menschen- 
fleisch ißt, wird zu Ansehen und Ehre gelangen. Der Traum, man äße den 
Kopf eines Menschen, ist von guter Vorbedeutung. Man wird eine Respekts- 
person werden und allgemein geachtet sein. 

Bezüglich der sogenannten „ Flugträume " sei angeführt, daß es als nicht 
gut gilt, wenn man träumt, daß einem Flügel wachsen-, man muß die Traum- 
deutung in einem Tempel oder mitten auf einer Brücke vornehmen und sich 
dann die Haare stutzen, damit das Ärgste gemildert ist. Dagegen ist es sehr 
gut, wenn man sich im Traum in die Luft emporschwingt oder darin fliegt; 
man wird reich sein und Ehre erlangen, Freunde von großem Wissen erwerben 
und allgemein geachtet sein. 

Von den Träumen, die auf die Erlangung einer Frau zu deuten sind, mögen 
die folgenden vielleicht nicht ohne Interesse sein, insofern sie vielfach eine auch 
anderswo vorkommende Symbolik zeigen. 

Blutegel. — Wenn man träumt, daß sich Blutegel an die Haut ansaugen, 
ist dies ein guter Traum. Man wird eine schöne Frau erlangen. 

Blüten. — Das Aufstecken von Baumblüten im Traum hat gute Vorbe- 
deutung. Man muß dann Räucherkerzen ftkub ihien) nehmen und opfern, 
hernach erlangt man eine gute Frau. Wenn es sich um ein unverheiratetes 
Mädchen handelt, wird sie einen guten Mann bekommen ; wenn sie schon einen 
hat, wird sie einen liebenswürdigen Sohn bekommen. 

Eingeweide. — Träumen, daß man sich die Eingeweide herauszieht, so 
daß sie sichtbar werden, ist günstig. Man wird eine liebenswürdige Frau er- 
langen. 

Höhle. — Träumen, daß man in einer Höhle (Grotte) schläft, ist gut. Man 
muß ein Opfer von gerösteten Reiskörnern und Blüten darbringen, hernach 
■wird man eine Frau erlangen. 

Psittacus (nok khek tao). — Wer einen solchen Vogel im Traume bekommt, 
wird eine Frau aus guter Familie heiraten. 

Sälikä-Vogel (House mynah). — Wer einen solchen Vogel im Traume 
bekommt, wird eine Frau aus guter Familie heiraten. 

Schlangen, die ineinander verwickelt sind. — Solche im Traum zu sehen, 
ist günstig. Man wird eine Frau bekommen, mit der man in inniger Liebe 
zusammenlebt. 

Richard Dangel (Wien) 



Imago XVII. 



i3o Referate 

Eine psych O-logiscne Studie über Caiigula 

(Hanns iSaclis: Bul>i. Die Lebensgeschichte des Caligula. 
Verlag Julius Barcl, Berlin ig3o) 

Das steigende Interesse für Biographien entstammt sicherlich eher einem 
psychologischen Bedürfnis als dem nach Kenntnis geschichtlicher Fakta. (So 
versprach zum Beispiel Emil Ludwig, der dieses Bedürfnis erkannt und be- 
nützt hat, Goethes Lebensgeschichte „mit den Mitteln der modernen Psycho- 
logie" zu schildern. Man weiß seit dieser Darstellung, daß ihr Autor zwar 
nichts von „moderner Psychologie" versteht, dafür aber — zumindestens wenn 
er Biographien schreibt — eine reiche dichterische Begabung besitzt.) Das Buch, 
das Hanns Sachs dem merkwürdigen Leben und Charakter des Caligula ge- 
widmet hat, würdigt wie die Biographie von früher die Zeit und die Um- 
welt ihres Helden, aber in erster Linie werden seelische Vorgänge — nament- 
lich die unbewußten Prozesse — dargestellt. Der Name Psychoanalyse oder 
der ihres Schöpfers wird in diesem Buche nicht genannt, doch das Wesentliche 
darin ist von analytischen Gesichtspunkten gesehen, bezeugt die analytische 
Betrachtungsweise des Autors. 

Einleitend werden die Familienverhältnisse im Julisch-Claudischen Hause 
geschildert, die um so schwieriger zu durchschauen sind, als sie von den Zeit- 
genossen und den Späteren fast immer in Verzerrung gesehen wurden. (Schon 
die Genealogie ist ziemlich kompliziert, wenngleich dieses depravierte, welsche 
Kaiserhaus an den verwirrenden Reichtum der Familienbeziehungen unver- 
dorbener, keuscher, germanischer Heroen Wagners nicht im entferntesten her- 
anreicht.) Mit Recht betont Sachs, daß hier die seelischen Voraussetzungen zu 
suchen sind, aus denen sich jene Zügellosigkeiten und Missetaten der ersten 
Kaiser verstehen lassen. Die Umwelt Caligulas wird deutlich und unbefangen 
geschildert, die Gestalten treten plastisch hervor; in ihrer Mitte und doch von 
ihnen allen abgesondert, die Figur des Tiberius. Es ist, als sehe man den ewig 
mißtrauischen, verschlossenen, kalt-grausamen alten Tiberius vor sich, nicht 
mehr einen längst zu Staub gewordenen Herrscher einer verschollenen Zeit, 
sondern uns lebendig nahe: er gehörte „zu jenen Menschen, die selbst die 
Anteilnahme an ihrem Schmerz als unzulcömmliche Einmischung empfinden". 
Wie er „ohne Temperamentsausbrüche mit der für ihn charakteristischen farb- 
losen Zähigkeit seine geheimen Absichten verfolgt, wie er etwa die Prätorianer 
gewinnt, wie er dann im Greisenalter als ein „Pedant der Unzucht seiner 
durch keinerlei Phantasie geführten Sinnlichkeit verfallt — das ist vorzüglich 
dargestellt. Auch die Charakterzeichnung der anderen Gestalten ist vortrefflich, 
und nur beschränkte Pedanterie wird Anstoß daran nehmen, daß sich eine 
solche Darstellung manchmal vergnüglich liest. (Agrippa, die Witwe des Ger- 
manicus, „war eine vorzügliche, ja eine mustergültige Frau; ganz Rom wußte 
es und ihr selbst war es auch schon zu Ohren gekommen".) Nur selten über- 
schreitet der Autor die Grenze, die zwischen einer einfallsreichen und belebten 
Darstellung eines ernsten Themas und einer psychologischen Causerie über das- 



iVeterate i3i 

selbe verläuft. Nur an vereinzelten Stellen hört er auf, geistreich zu sein um 
nur geistreich zu sein. Hieher rechne ich etwa die Schilderung der Beziehung 
des Tiberius zu seiner Frau Vipsania, die später einem anderen Manne ver- 
mählt wurde. Tiberius ließ „viele Jahre später den zweiten Ehemann seiner 
Frau im Kerker verhungern: wohl, um zu zeigen, daß es nicht geraten sei 
mit ihm aus einer Schüssel zu essen". Die Glosse ist für mein Gefühl deplaciert, 
der Vergleich schief. 

Die Schilderung der Zeit, in der Caligula heranwächst, zeigt Sachs als einen 
verständnisvollen und vorurteilsfreien Kenner der ausgehenden römischen Antike. 
Namentlich die Beziehung der Römer dieser Epoche zum Geschlechtsleben, 
diese unbefangene, freie Anschauung, die uns durch das Christentum und nicht 
nur durch das Christentum entfremdet wurde, wird in klarer Form dargestellt. 
Licht- und Schattenseiten dieser untergehenden Welt werden hier sachlich und 
sachruhig gezeigt. In dieser Welt, innerhalb dieser Familie, wuchs nun Cali- 
gula zu einem mageren, schwächlichen, verschlossenen Jüngling heran, sah 
Mutter und Brüder von Tiberius vernichtet, sich selbst ununterbrochen am 
Rande des Verderbens, von Spionen umgeben, wurde aufbrausend, launisch, 
erregbar und doch ungewöhnlich beherrscht und mißtrauisch. Sachs löst das 
Rätsel dieses Widerspruches zu einem großen Teil; er zeigt, wie sich das Ich 
dieses Mannes, der immer ein Kind blieb, unter zwiespältigen Einflüssen und 
schwerem äußeren Druck nicht befestigen konnte und locker und austausch- 
bar blieb. Caligulas Einstellung erscheint als eine Art Mimikry, die ihn retten 
sollte; er löschte sozusagen seine eigene Persönlichkeit aus und verwandelte 
sich in einen Spiegel, der das Bild des Tiberius zurückwarf. Es ist, als ob das 
Chamäleon sich auch nach der Verfolgung nicht wohl in seiner Haut fühle 
und die Schutzfarbe festhalte. 

Sachs geht von einigen beiläufigen Bemerkungen aus, die Tacitus bei der 
Schilderung der letzten Jahre des Tiberius dem Caligula widmet, und benützt 
ihren Inhalt als Substrat für die psychologische Analyse. Die methodische Ver- 
wertung einer solchen Randbemerkung in der hier durchgeführten Art ist einer 
der glücklichsten Einfälle in diesem einfallsreichen Buche. 

Nicht immer bleibt Sachs auf dieser Höhe psychologischer Darstellung: die 
Schilderung der Beziehung Caligulas zur Religion, seiner Stellung zum Heer, 
die Darstellung seines Unterganges ist trotz — oder wegen? — der oft dramati- 
schen Steigerung psychologisch weniger fruchtbar. So scheint mir Sachs den 
Einfluß des früh ermordeten Vaters nicht hoch genug anzuschlagen; so ver- 
bleibt manches andere im Schatten. Die besondere Beziehung des Kaisers zu Cassius 
Chaerea, jenem Prätorianeroffizier, den Caligula „ohne ersichtlichen Grund und 
Anlaß" auf jede erdenkliche Weise zu reizen und zu verspotten begann und 
der dann sein Mörder wurde, ist psychologisch nicht erklärt. Das mag mannig- 
fache Gründe haben; einer darunter mag die Ökonomie der Sachsschen Mono- 
graphie sein. 

So berechtigt die psychologische Verwertung der Aussage des Tacitus ist, 
sie scheint mir schwerlich zu genügen, wenn es gilt, die so seltsame Persön- 
lichkeit Caligulas zu erklären. Gewiß, die Beziehung zu Tiberius allein kann, 

9- 



Ri-fc 



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so bedeutungsvoll sie auch war und wurde, nicht alle seltsamen Züge dieses 
Bubi-Kaisers, nicht diese Mischung von Spielneigung und Blutgier, dieses Neben- 
einander von Unsicherheit und Anmaßung psychologisch verständlich machen. 
Wichtig ist, daß Sachs zuerst mit Nachdruck auf die Besonderheiten der Be- 
ziehung des Caligula zu Tiherius hingewiesen und so den wesentlichen Zugang 
zur Lösung dieses charakterologischen Rätsels gezeigt hat. Sein Verdienst ist 
um so höher zu schätzen, als das spärliche und unsichere Material, das uns 
über Caligula und über sein Schwanken zwischen Blutrausch und Blague zur 
Verfügung steht, der psychologischen Vertiefung besonders ungünstig ist. Es 
scheint mir dabei nicht wichtig, ob Sachs in seiner psychologischen Bemühung 
die analytische Terminologie verwendet oder vermeidet. Es ist wesentlicher, 
daß es die Methode und die Anschauungsweise der Analyse sind, welche ihn 
zu so aufschlußreichen Resultaten geführt haben. 

Noch ein Wort über einen eigenartigen Zug dieser Monographie: man muß 
zugestehen, daß das Bild einer untergehenden Welt selten so ohne alle drasti- 
sche oder pathetische Worte gezeichnet wurde. Hier ist die Genese eines 
Falles von moral insanity mit fast behaglicher Ruhe geschildert. Ein Massen- 
mörder, ein Unmensch, ein Monstrum wird hier mit Bonhomie dargestellt. Es 
wirkt fast wie ein Virtuosenkunststück, wenn man bemerkt, daß dieser Ton 
auch gegenüber Tatbeständen, welche diese heuchlerische Welt als shocking 
empfindet, festgehalten wird. Es ist, wie wenn etwa ein Geiger ein Konzert- 
stück nur auf der G-Saite spielte, während andere Künstler alle Saiten der 
Geige dazu brauchen. Es ist wie ein technisches Kunststück und ist doch auch 
mehr: die tragischen Untertöne brechen doch gelegentlich deutlich genug durch. 
Manchmal, wie etwa im Endkapitel und in dem über die Schwester und 
Geliebte, fallen schwere Schatten über das in freundlichen Farben gemalte 
Bild. Das psychologische Interesse des Autors ist so vorwiegend, seine ver- 
borgene Menschlichkeit wirkt so deutlich, daß die Charakterisierung bestehen 
bleibt: hier wird ein Massenmörder mit Bonhomie geschildert. 

Es ist leicht zu prophezeien, daß das Buch vielen Lesern intellektuellen und 
ästhetischen Genuß bereiten wird. Es ist ein Leckerbissen für Feinschmecker 
der Psychologie. TL. Reik (Berlin) 



Reich, "Wilhelm: Dia lelit isch er Materialismus unJ Psycho- 
analyse. Unter dem Banner des Marxismus. III, 5. Oktober 1929. 

Den gelegentlichen Angriffen, denen die Psychoanalyse von marxistischer 
Seite ausgesetzt war, ist von berufener Seite nur wenig entgegengetreten worden, 
vielleicht deshalb, weil es nur wenig „berufene" Stellen gibt, d. h. nur wenig 
Autoren, die Psychoanalyse und wissenschaftlichen Marxismus gleicherweise be- 
herrschen. Über einen solchen Versuch Bernfelds, der nicht nur die Verein- 
barkeit, sondern geradezu die Zugeordnetheit der beiden Disziplinen behauptete, 
konnten wir in dieser Zeitschrift einmal referieren (Imago XIV, S. 385). Ihm gesellt 
sich nun Reich zu, dessen ausführlichere Arbeit an einer für den Marxismus 



Referate i35 

kompetenten Stelle — der russisch-deutschen Zeitschrift „Unter dem Banner 
des Marxismus — erscheint, allerdings nicht ohne eine Fußnote der Redaktion, 
in der sie mitteilt, „daß sie die vom Autor gegebene Darstellung und Ein- 
schätzung der Freudschen Lehren nicht teilt . Die Reichsche Arbeit ist 
teils direkt, teils indirekt eine Erwiderung auf Angriffe der Marxisten, besonders 
auf die von Jurinetz in der gleichen Zeitschrift. 

„Marxismus ist nach Reich zweierlei: 1) Eine soziologische Wissenschaft, 
2) eine philosophische Methode und Weltanschauung. Was die erste betrifft, 
so könne ihr die Psychoanalyse nicht widersprechen, weil ihr Gegenstand ein 
anderer sei; wir würden etwa erläuternd hinzufügen, ebensowenig wie die 
Physik der Chemie widersprechen kann. Beide Wissenschaften seien autonom, 
berühren sich nur in Grenzgebieten, wo sie einander Hilfswissenschaft werden 
können und sollen. Wie die psychoanalytische Religionspsychologie etwa der 
marxistischen Soziologie als Hilfswissenschaft bedürfe, um ihrem Gegenstand 
gerecht werden zu können, so könne wieder der Marxismus ohne Psycho- 
analyse „keine Störung der Arbeitsfähigkeit oder der sexuellen Leistung auf- 
klären". So könne „die Psychoanalyse" dem marxistischen Standpunkt nicht 
„falsch" sein. Es wäre höchstens möglich, daß einzelne Autoren sich Grenz- 
überschreitungen zuschulden kommen ließen, daß also, um in unserem Bilde 
zu reden, versucht würde, ein physikalisches Problem chemisch zu lösen, wo- 
bei natürlich nichts Gescheites herauskommen kann. Reich meint, daß solche 
unmöglichen Versuche, gesellschaftliche Phänomene rein psychologisch zu er- 
klären, in der psychoanalytischen Literatur vorgekommen sind, daß aber solche 
Fehler nur den betreffenden Autoren, nicht aber der Psychoanalyse vorgeworfen 
werden dürfen. — Es ist sicher zuzugeben, daß das richtig ist, daß manche 
Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse auf die Soziologie sich nicht auf 
Sozialpsychologie beschränken, sondern, ihre Kompetenz überschreitend, die von 
Marx nachgewiesene Autonomie gesellschaftlich-wirtschaftlicher Prozesse über- 
sehen und psychoanalytisch lösen wollen, was psychoanalytisch nicht gelöst werden 
kann. Es ist sehr dankenswert, wenn Reich solche Fehler aufdeckt. Nicht 
ganz überzeugen konnte er nur, wenn er schreibt: „Es scheint, als ob ihr 
(der Psychoanalyse) das Phänomen des Klassenbewußtseins kaum zugänglich 
wäre." Denn dieses Phänomen ist ein exquisit psychologisches und muß der 
Psychoanalyse ebenso zugänglich sein, wie etwa das Phänomen der inneren 
Wahrnehmung des eigenen Körpers, obgleich Entstehung und Wesen des Körpers 
ebenso wenig psychoanalytisch erfaßbar sind wie Entstehung und Wesen der 
gesellschaftlichen Klassen; ja erst die Psychoanalyse wird uns wahrscheinlich 
verständlich machen können, warum so viel Proletariern und noch mehr Klein- 
bürgern die Erkenntnis ihrer realen Klassenzugehörigkeit so schwer gelingen will. 
Was das zweite, den Marxismus als philosophische Methode und Welt- 
anschauung betrifft, so habe es Sinn zu fragen, ob Methode und Resultate der 
Psychoanalyse ihr widersprechen oder nicht. Reich befaßt sich zunächst mit 
den beiden häufig gehörten Einwänden, die Psychoanalyse sei „eine Verfalls- 
erscheinung des untergehenden Bürgertums", und sie sei „idealistisch". Der 
erste werde schon durch den selbstverständlichen Gedanken widerlegt, daß 



t34 Referate 

nicht alles, was in der Epoche der alten Gesellschaft entstand, deshalb für die 
neue unbrauchbar sein müsse. (Man fragt sich, warum nicht klarer gesagt 
wird, daß die Kriterien einer Naturwissenschaft überhaupt nicht Brauchbarkeit 
oder Unbrauchbarkeit, sondern Richtigkeit oder Unrichtigkeit sind.) Gegenüber 
dem zweiten gibt Reich mit Recht zu, daß idealistische Abweichungen inner- 
halb der Psychoanalyse existieren, während eben das Folgende erst zeigen 
soll, daß es „Abweichungen'" sind, und der Kern der Psychoanalyse materia- 
listisch. Die Gegner meinen ja, die Psychoanalyse sei deshalb idealistisch, 
weil sie die seelischen Erscheinungen nicht als Gehirnsekretion auffasse. Dies- 
bezüglich wird vor allem gezeigt, wie ganz und gar unmarxistisch eine solche 
Auffassung des Begriffes „Materialismus' ist. Aus Zitaten aus Marx ergibt sich 
einwandfrei, daß er selbst ausdrücklich die materielle Wirklichkeit der seelischen 
Tätigkeit behauptet hat. Daß die Psychoanalyse in ihrem Wesen materialistisch 
ist, wird durch den Nachweis gesichert, daß die Rückführung aller sogenannten 
„höheren" Funktionen auf ihre biologische Substrate, des „Geistes" auf die 
Triebe, der Triebe auf ihre somatischen Quellen, der Handlungen des Menschen 
auf das „materialistische Lust-Unlustprinzip und auf seine Modifikation, das 
Realitätsprinzip, ihre Hauptaufgabe bildet. Die Rückführung der Triebe auf 
somatische Quellen ist allerdings beim „Todestrieb" noch nicht ganz gelungen, 
was nach Reichs Meinung der Grund dafür ist, warum gerade seine Annahme 
zu „unnützen „idealistischen Spekulationen" Anlaß gegeben hat. Auch das 
Realitätsprinzip, seinem eigentlichen Wesen nach eine volle Analogie zur mate- 
rialistischen Geschichtsauffassung, konnte nach Reich Ausgangspunkt „idealisti- 
scher Abweichungen" werden. Reich wird uns aber wohl beipflichten, wenn 
wir sagen: Wenn einzelne Psychoanalytiker meinen, sie sollten ihre Patienten 
„zum Realitätsprinzip erziehen" und das heiße zur Bejahung der heutigen 
Gesellschaft und zur Anpassung an sie, so ist das eine Frage der persönlich- 
weltanschaulichen Stellungnahme des einzelnen Psychoanalytikers, die sich durch 
die psychoanalytische Wissenschaft und Theorie in keiner Weise verteidigen 
ließe. Auch eine nähere Erörterung der Begriffe „unbewußt" — „Ich", „Es" 
und „Über-Ich — , „Verdrängung zeigt, daß in allen diesen Grundbegriffen 
der Psychoanalyse nicht eine Spur „Übersinnliches" steckt, sondern wie sie 
ebenso materialistischer Natur sind wie andere naturwissenschaftliche Hilfs- 
begriffe. Darüber hinaus beweise jede analytische Überlegung, daß diese Begriffe 
geradezu bedeuten, daß die Einzelseele in ihrer Entwicklung abhängig ist von 
ihrer Umgebung, ihrer gesellschaftlichen Stellung, wie insbesondere mit dem 
„Über-Ich" der Moralbegriff „materialistisch aufgelöst" wird, indem durch ihn 
die Moral „auf Erlebnisse, auf den Selbsterhaltungstrieb sowie auf Angst vor 
Strafe" zurückgeführt wird. So könne die Psychoanalyse die von Marx offen 
gelassene Frage, „auf welche Weise die gesellschaftliche Ideologie auf das Indi- 
viduum einwirkt", beantworten, oder wie Reich später sagt: „Zwischen die 
beiden Endpunkte: ökonomische Struktur der Gesellschaft und ideologischer 
Überbau, deren Kausalbeziehungen die materialistische Geschichtsauffassung im 
allgemeinen erfaßt hat, schaltet die psychoanalytische Erfassung der Psychologie 
der vergesellschafteten Menschen eine Reihe von Zwischengliedern ein." 



Reterate i35 

Der nächste Abschnitt: „Die Dialektik im Seelischen", der schon im Psycho- 
analytischen Almanach 1950 abgedruckt war, ist das klarste und abgerundetste 
Kapitel der Arbeit. Die wichtigsten Funde der Psychoanalyse können nicht nur 
in dialektische Nomenklatur übersetzt werden, sondern sie werden überzeugend 
dargestellt als Wiedergabe objektiv-dialektischer Naturvorgänge. In diesem Sinne 
werden besprochen Symptombildung, der Gegensatz Narzißmus-Objektlibido, 
die Theorie der Identifizierung, die Ambivalenz, die säkularen Sexualverdrän- 
gungen, die Reaktionsbildungen und die Auffassungen vom Verhältnis des 
Rationalen zum Irrationalen überhaupt. Nähere Überlegung muß der Formu- 
lierung, in die Reich seine Untersuchung über die psychoanalytische Auffassung 
der seelischen Entwicklung zusammenfaßt, unbedingt beipflichten: „Ins Soziologi- 
sche übersetzt, bedeutet die zentrale These Freuds von der Bedeutung des 
Ödipuskomplexes für die Entwicklung des Individuums nichts anderes, als daß 
das gesellschaftliche Sein diese Entwicklung bestimmt." Reich nimmt auch 
konsequenterweise an, daß der heutige Ödipuskomplex nicht biologisch unver- 
änderbar in der Natur des Menschen liege, sondern eine Folge der patriarchali- 
schen Familienstruktur der Gesellschaft sei. Wir glauben, Freud würde dem 
sicher nicht widersprechen. Er meinte in „Totem und Tabu", bestochen von 
den tiefen „Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" 
bloß, daß diese Familienstruktur schon in sehr früher Zeit, zur Zeit der Mensch- 
werdung überhaupt, einsetzte. Kein Zweifel, daß wenn hier soziologisch andere 
Ansichten, etwa solche von der Priorität des Matriarchats sich als berechtigt erweisen 
sollten, auch die Ansicht einer ursprünglich anderen Struktur der Triebkonflikte 
berechtigt wäre, Freilich läßt sich eine solche im Unbewußten des Neurotikers 
nicht so nachweisen wie Inzestscheu und Kastrationsangst und auch Malin owskis 
Funde scheinen da nicht beweisend. Aber daß man nicht wissen kann, wie 
die Triebkonflikte in einer zukünftigen familienlosen Gesellschaft aussehen werden, 
muß Reich zugegeben werden, da ja doch schließlich, wenn wir an die Deszendenz- 
lehre glauben, auch biologische Charaktere sich als Folge von Milieueinflüssen 
ändern ; für tiefergreifende Änderungen sind dann allerdings wahrscheinlich auch 
entsprechend lange Zeiträume erforderlich. 

Ein Schluß kapitel über die „soziologische Stellung der Psychoanalyse" hängt 
mit dem Hauptthema, dem Nachweis der dialektisch-materialistischen Natur 
der Psychoanalyse, nur lose zusammen. Es untersucht die interessanten soziologi- 
schen Fragen: „Welchen soziologischen Tatsachen verdankt die Psychoanalyse 
ihre Entstehung? Wie ist ihre Stellung in der heutigen Gesellschaft? Welche 
Aufgaben hat sie im Sozialismus?" Zum ersten Punkt: „So wie der Marxismus 
soziologisch der Ausdruck des Bewußtwerdens der Gesetze der ökonomischen 
Wirtschaft . . ., so ist die Psychoanalyse der Ausdruck des Bewußtwerdens der 
gesellschaftlichen Sexualverdrängung", eine „Reaktion gegen die moralisch be- 
fangene Wissenschaft" am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Zum zweiten 
Punkt: Reich fügt den bekannten, von Freud aufgezählten Motiven des Wider- 
standes gegen die Psychoanalyse ein neues und nicht unwichtiges hinzu: Die 
psychoanalytische Auflösung gesellschaftlicher „Ideologien" zwingt die bürger- 
liche Gesellschaft, feindselig auf sie zu reagieren: „Die offizielle Wissenschaft 



l3b JVeierate 

wird nach ■wie vor von ihr nichts wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassen- 
mäßigen Gebundenheit nicht akzeptieren darf." Und es ist sicher richtig, daß 
dieses eine Motiv des Widerstandes in einer Gesellschaft, die der bürgerlichen 
Sexualmoral nicht mehr bedarf, wegfiele. Freilich werden die länger bekannten 
übrigen Motive gänzlich vernachlässigt, wenn es heißt: „Da die Psychoanalyse, 
unverwässert angewendet, die bürgerlichen Ideologien untergräbt, da ferner die 
sozialistische Ökonomie die Grundlage der freien Enfaltung des Intellekts und 
der Sexualität bildet, hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus." 
Allerdings ist es wieder richtig, daß die Verdrängungen, wie wir sie heute sehen, 
den triebfeindlichen Kräften der heutigen Gesellschaft entsprechen — und wir 
können nicht wissen, wie die Triebkonflikte einer zukünftigen Gesellschaft beschaffen 
sein werden. Zum dritten Punkt: Die praktischen Zukunftsaufgaben der Psycho- 
analyse, die ihr einst wichtigere Probleme geben werden als die der Neurosen- 
therapie und die nach Reich erst nach vollzogener sozialer Revolution bedeutungs- 
voll sein werden, seien die Erforschung der Urgeschichte der Menschheit, seelische 
Hygiene (Neurosenprophylaxe) und Pädagogik. 

Man sieht: Eine Fülle praktisch belangvollster Problematik wird mutig an- 
geschnitten, zum Teil auch gelöst, der man oft, die Zusammenhänge mit der 
Politik fürchtend, ängstlich aus dem Wege geht. Auch derjenige, der an einzelnen 
Stellen nicht so weit mit Reich mitgehen möchte wie der Referent, wird aus 
der Arbeit viel lernen. Die schwerste Aufgabe einer Arbeit, die Psychoanalyse 
und Marxismus zusammenbringen will, ist die, für beide Gruppen verständlich zu 
bleiben ; und der einzige Zweifel, der nach der Lektüre dieser schönen Arbeit bleibt, 
ist der, ob das voll gelungen ist. Dem Psychoanalytiker gegenüber kaum, denn 
sie setzt die Kenntnis und die Anerkennung des Marxismus voraus, sie ist ja 
auch in einer marxistischen Zeitschrift erschienen und nicht in einer psycho- 
analytischen. Setzt sie aber nicht vielleicht auch beim marxistischen Leser zu- 
viel an Kenntnis der Psychoanalyse voraus? Ein Satz, der bei Reich überall 
zwischen den Zeilen steht, hätte wohl gegenüber Kritiken wie der von Jurinetz, 
die sich vorstellt, die Psychoanalyse sei ein am Schreibtisch ausgedachtes philo- 
sophisches System, noch viel deutlicher expressis verbis gesagt werden müssen: 
daß die Psychoanalyse eine empirische Naturwissenschaft ist, die als 
solche dem Marxismus nicht widersprechen kann — widerspräche sie ihm, 
wären etwa ihre Resultate keine dialektischen, so wäre der Marxismus falsch, 
aber ich glaube, Reich hat recht, das ist nicht der Fall, ihre Resultate sind 
dialektische — und daß so wie physikalische Resultate nur physikalisch, d. h. 
durch Realitätsprüfung, so psychologische nur psychologisch widerlegt werden 
können; daß aber weltanschaulich-philosophische Auslegungen der Psycho- 
analyse nicht mehr „die Psychoanalyse" sind. Diese Auslegungen werden — 
wie die Marxisten wissen — von allen möglichen subjektiven Faktoren, darunter 
gewiß der gesellschaftlichen Stellung der Ausleger, abhängen und je nach ihrer 
Klassenstellung verschieden aussehen. Aber Versuche, die Psychoanalyse als 
„idealistisch „abzulehnen", gehen von einem Mißverständnis des Wesens der 
Psychoanalyse aus. Mißverständnissen ausgesetzt zu sein, ist aber ein der Psycho- 
analyse gewohntes Los, das ihr zunächst bei Marxisten in nicht anderer Weise 



Referate l3^ 

widerfährt als bei Bürgerlichen. Es ist erfreulich, wenn Reich sich bemüht, 
gerade diesen Mißverständnissen entgegenzutreten, doppelt erfreulich für den 
Psychoanalytiker, der Sozialist ist. FenicLel (Berlin) 

Bernfeld, Siegfried: Trieb und* Tradition im Jugendalter. Kultur- 
psychologische Studien an Tagebüchern. J. A. Barth, Leipzig ig"3i. 

Die Fragestellung, die der materialreichen und wertvollen Arbeit Bernfelds 
zugrunde liegt, verlangt Aufschluß über die Motive, die viele Jugendliche 
zur Abfassung von Tagebüchern veranlassen. Nachdem Bühl er und ihr Kreis 
sich mit dem Tagebuch als Äußerungsform jugendlichen Erlebens bereits ein- 
gehend beschäftigt hatten, erschien es erwünscht, den Fragenkomplex auch 
von psychoanalytischer Seite her zu studieren. Die von Bühler aufgestellten 
Determinanten des Tagebuches (Isolierungsbedürfnis, „Abreaktion , Nachahmung) 
können nach Bernfelds Auffassung, so bedeutsam sie im einzelnen sein mögen, 
die Funktion des Tagebuches im seelischen Haushalt nicht hinreichend bestimmen. 
Eine tiefere funktionelle Auffassung des Tagebuches mußte zunächst eine Form- 
untersuchung vornehmen, um eine exakte Antwort auf die Frage geben zu 
können, was ein Tagebuch ist und worin es sich von verwandten Formen 
unterscheidet. Als charakteristisch kann die Sammlung aktuellen auto- 
biographischen Materials in Buchform angegeben werden, die das Tage- 
buch sowohl von „Reliquiensammlungen", vom Brief, von den bei vielen 
Jugendlichen üblichen Sünden- und Tugendregistern, von der Aphorismen- 
sammlung, aber auch von der eigentlichen Autobiographie unterscheidet, welch 
letztere stets rückschauenden Charakter trägt. Die Auswahl der Einzelaufschriebe 
mag je nach der Einstellung des Schreibers bedeutenden Abweichungen unter- 
liegen und die verschiedenartigsten Eigenformen aufweisen — das darf jedoch 
nicht hindern, den von Bernfeld als „Normangleich" hervorgehobenen wichtigen 
Faktor zu vernachlässigen, der auf den Einfluß von Brauch und Mode hinweist. 
In einer knappen historischen Skizze gibt der Autor einen Abriß der Geschichte 
des Tagebuches, die an die Entwicklung des abendländischen Individualismus 
seit der Renaissance eng gebunden ist und späterhin durch kirchliche Ein- 
wirkungen (Pietismus, Jesuiten) neue Antriebe empfing. Stellt man den Norm- 
angleich, den Druck von Haus, Kirche und Schule gebührend in Rechnung, 
so kann man mit größerem Recht an die eigentlichen psychologischen Motive 
herankommen. Sehr eindrucksvoll belegt Bernfeld die Tatsache, daß das Tage- 
buch im Dienste der Identifizierung steht, sei sie nun narzißtischer Natur, 
wie etwa bei einem Knaben, der sich in die RoUe eines großen Dichters oder 
Staatsmannes hineinträumt, oder libidinöser Natur, wenn etwa ein Backfisch 
in der Bindung an eine ältere Schwester im Geheimtagebuch ^die gemeinsam 
vergötterte Turnlehrerin anschwärmt. Das „virtuelle Selbst" spielt ebenso 
wie in der Autobiographie auch im Tagebuch eine große Rolle. Immer ist 
der Versuch nachzuweisen, das eigene Ich in einer erhöhten, idealisierten Form 
im Tagebuch zu finden. Dafür spricht nicht nur jenes Material, das in häufig 
wiederkehrenden Ermahnungen und Selbstanklagen unmittelbar im Dienste des 






l38 Ref 



erate 



Über-Ichs steht, sondern auch eine so abweichende Quelle, wie etwa das 
interessante (im Anhang abgedruckte) Tagebuch Elsies, die ihre Kuß- und 
Knutscherlebnisse mit gleichaltrigen Jungen wiedergibt und dabei offenbar unter 
dem Einfluß einer verdrängten Dirnenphantasie steht. Hier ermöglicht das Tage- 
buch, in einer Art von Kompromiß zwischen dem „Verlorenen" -Ideal und der 
häuslichen Erziehungsforderung einen Teil der verdrängten Triebregungen aus- 
zuleben und festzuhalten. 

Die Idealisierungstendenz muß bei der Einschätzung des Wertes des Tage- 
buches für die Psychologie des Jugendalters in ihrer Bedeutung gewürdigt werden 
Geschieht dies, so wird man weder zu Trugschlüssen verleitet, indem man 
den Wahrheitscharakter des Tagebuches allzusehr überschätzt, noch zu einer 
so grundsätzlichen Ablehnung des Tagebuches gelangen, wie dies von mancher 
Seite vertreten worden ist. — Der besondere Wert der vorliegenden Studie liegt, 
abgesehen von ihren Ergebnissen, darin, daß sie den Psychoanalytiker eindringlich 
auf die Notwendigkeit einer systematischen Durchforschung aller derartiger Äuße- 
rungsformen Jugendlicher hinweist und damit neue Wege zur Erkenntnis der Trieb - 
Schicksale im Jugendalter erschließt. ScLottlaender(Wien) 

Bernfeld, Siegfried; Leonard Bourdons «System der Anstalts- 
dissiplin, 1788 — 1795. Zeitsdirift für Kinde rforsdmng. 36, 2. 

Bernfeld berichtet über den „Plan einer Erziehungsanstalt mit Schulgemeinde 
aus dem Jahre 1788 und dessen Verwirklichung mit Kriegswaisen im Rahmen 
der Fürsorgemaßnahmen des revolutionären Frankreich". Bourdon war der 
erste, der allgemein Anstaltserziehung als das einzig wirksame Mittel der Sozial- 
erziehung überhaupt forderte, während sie vorher nur als Erziehungsmethode 
des „armen Volkes galt. Seine Einzelforderungen bezüglich Organisierung von 
Erziehungsanstalten und ihrer Disziplin (Selbstverwaltung der Schüler, Aufhebung 
des Autoritätsprinzips) muten überraschend modern an. Ein einziges solches 
Heim, das keine Nachahmung fand, wurde 1791 mit Hilfe der Jakobiner 
eröffnet, 1795 unter dem Direktorium wieder aufgelöst. Es diente ausgesprochen 
politischen Erziehungsabsichten. Bourdon hatte sich leidenschaftlich der Revo- 
lution angeschlossen und Bernfeld hält es auch nicht für zufällig, daß die Idee 
der allgemeinen Anstaltserziehung in der bürgerlichen Pädagogik wieder unter- 
ging, während sie von allen sozialistischen Erzieh ungsprogrammen festgehalten 
wurde. In psychoanalytischer Beziehung wird auf den unbewußt-infantilen Ursprung 
der Familienfeindschaft Bourdons hingewiesen, aber auch gezeigt, warum nur gesell- 
schaftliche Umstände das Hervortreten und das bestimmte Wirksamwerden gerade 
dieses Ödipuskomplexes ermöglichten. FenicLel (Berlin) 

K.oelienbleck, Ewald: Gymnastik und Psychoanalyse. Gym- 
nastik. 1930. 

Die sehr erfreuliche Arbeit ist für den in Psychoanalyse nicht bewanderten 
Gymnastiker gedacht und versucht mit guter Kenntnis der psychoanalytischen 
Psychologie, die Beziehungen zwischen Gymnastik und Psychoanalyse zu klären 



Referate i5q 

und dem Gymnastiker das Eindringen in diese Probleme zu erleichtern. — Als 
wesentlichster Beitrag der Psychoanalyse zur Psychologie der Gymnastik wird 
mit Recht die Erkenntnis des triebhaften Ursprungs aller gymnastischen Tätig- 
keit breit dargestellt. Aus ihr ergibt sich die Gefahr ihres „Abgleitens ins Nur- 
Triebhafte", wenn autoerotisches Begehren das gymnastische Ziel der „plan- 
mäßigen Ausbildung und Kontrolle der Körperbewegungen' , der höheren Zweck- 
mäßigkeit der Einzelfunktionen und der „reibungsloseren Harmonie der zusammen- 
gesetzten Funktionen" in den Hintergrund zu stoßen droht. Diese Gefahr darf 
aber nicht zum Einwand gegen Gymnastik überhaupt gemacht werden: Wer 
in gymnastischer Tätigkeit seinen Körper neu und besser spüren und bewegen 
gelernt hat, in psychoanalytischer Nomenklatur: zu einem Stück schuldfreien 
Narzißmus verführt wurde, in dem werden seelische Energien frei, die der 
Gesunde im Leben wohl zu nutzen verstehen wird. — Psychoanalyse und 
Gymnastik stimmen überein im Ziel, den Menschen zum „Herrn im eigenen 
Haus" zu machen und können sich verschiedentlich gegenseitig ergänzen. 

Es wäre zu wünschen, daß die interessanten angeschnittenen Probleme noch an 
anderer Stelle ausführlichere und tiefere Behandlung fänden. Fe nie Lei (Berlin) 

Roellenbleck, Ewald": Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
Erziehung. Das werdende Zeitalter. IX, a — 3. 

Das in dem Titel angegebene Thema wird in dieser kleinen Arbeit in 
mustergültiger Weise dargelegt: Die Psychoanalyse könne der Pädagogik ein 
wichtiges Hilfsmittel sein, aber auch nicht mehr, da „erziehen immer eine 
Funktion der Gesellschaft, nicht des einzelnen sei und eine „klassenbestimmte 
Norm" habe, und weil aus keiner Naturwissenschaft Werte (Erziehungsziele) 
abgeleitet werden können. Aber als Hilfsmittel sei die Psychoanalyse, besonders 
in Verbindung mit lebendiger Beobachtung der Kinder durch den Lehrer selbst, 
für den Lehrer fast unentbehrlich. Das wird an der infantilen Sexualität, deren 
Entwicklungsweg kurz geschildert wird, und an der aus ihr sich ableitenden 
Genese der Moral (des Über-Ichs) gezeigt, deren Kenntnis für ein Verständnis 
der Handlungen und Vorstellungen der Kinder notwendig ist. Besonders wird 
bei Besprechung von Identifizierung und Desexualisierung darauf hingewiesen, 
daß der Lehrer nicht seinen Lustgewinn suchen dürfe, sondern die ihm ent- 
gegengebrachte Übertragungsliebe auf andere, fernere Ziele zu lenken habe, 
woraus sich die Bedeutsamkeit der analytischen Betrachtung auch des Erziehers 

ergibt. Fcnickcl (Berlin) 

Michaelis, Edgar: Fragen der Seelenführung. — Roellenbleck, 
Ewald: Ein "Wort zur Verdeutlichung meines Standpunktes. 
Nachwort der Schriftleitung. Das werdende Zeitalter. IX, G. 

In einem der nächsten Hefte der gleichen Zeitschrift nimmt Michaelis den 
oben referierten Aufsatz von Roellenbleck zum Anlaß, um gegen die Psycho- 
analyse überhaupt zu polemisieren. Eine innere Beschränktheit und Gebundenheit 
hindere sie, „das Schöpferische" im Menschen anzuerkennen, dem bloße Wissen- 



l^o Referate 

schaft nie gerecht werden könne. Denn „immer wieder heißt es, daß Ideal 
und Gewissen dem äußeren Zwange entstammen", eine Anschauung, der man 
eine „weltanschauliche Spiegelung" „innerer Zerrissenheit" anmerke, was durch 
Goethe zitate bewiesen werden soll. Das wird so vorgetragen, als wollte die 
Psychoanalyse die Pädagogik abschaffen und ersetzen. In der Psychoanalyse 
„erstarre hinter der „Maske" der Wissenschaftlichkeit „das lebendige Antlitz". 

Roellenbleck stellt in relativ sehr zurückhaltender Weise fest, wo er von 
Michaelis mißverstanden wurde, besonders daß ihm ein Gedanke, Pädagogik 
durch Psychoanalyse zu ersetzen, völlig ferngelegen, ja, daß er ausdrücklich 
das Gegenteil geschrieben habe. Freilich gäbe es Bereiche, die der Wissenschaft 
unzugänglich seien. Aber die Anerkennung dieses Umstandes dürfe doch nicht 
dazu führen, die Wissenschaft auch dort nicht gelten zu lassen, wo sie legitim 
ist. Und wissenschaftlich hätte Michaelis nicht das Geringste gegen die von ihm 
angegriffenen, aus der Empirie stammenden Sätze der Psychoanalyse vorgebracht. 
„Warum verlangt man von der Psychoanalyse allein unter allen anderen psycho- 
logischen Diszipünen, daß sie zugleich Religionsersatz sei?" 

Die Schriftleitung fügt der Diskussion ein längeres Nachwort an, das in 
unerfreulicher Weise ambivalent ist. Sie stellt fest, daß sie Michaelis sehr 
schätze und seiner Kritik an der Psychoanalyse weitgehend beipflichte, daß sie 
es aber dennoch für angebracht hielt, einen Anhänger der Psychoanalyse zu 
Worte kommen zu lassen, um so mehr, als auch er nicht „dem Primat der 
Wissenschaft vor dem Leben selber" das Wort rede. Dennoch zitiert sie 
schließlich ein Wort von Jung: „Lassen Sie sie (Theorien) beiseite, wenn 
Sie das Wunder der lebendigen Seele berühren", rückt also mit solcher Ab- 
lehnung des Wunsches, Wunder zu enträtseln, doch von der Redlichkeit Roellen- 
blecks ab. TT„_".l. „I m r ^ 

Levin, Max: Psychoanalytic Interpretation of Two Statements 
from tlie Talmud. Int. Journal of PsA. XI, i. 

Der Talmud erklärt an verschiedenen Stellen, die Juden seien wegen der 
Tugend ihrer Frauen aus Ägypten befreit worden. Der Auszug aus Ägypten aber 
hob die jüdische Kultur auf ein höheres Niveau. Der Autor schließt, die alten 
Rabbis hätten also schon den Zusammenhang zwischen sexueller Einschränkung 
und kulturellem Fortschritt erkannt. Feaicnel (Berlin) 

Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. IV. Jahrgang, 
tieft 1, Januar iq3o. 

Nach einer Kritik der Unzweckmäßigkeit von Straf Justiz und Strafvollzug 
im heutigen Sinn fragt Fromm nach den Gründen, die die Gesellschaft an 
diesen unzweckmäßigen Maßnahmen dennoch festhalten lassen. Er findet sie 
in dem Bestreben der Vertreter des Staates, sich dem Unbewußten der Masse 
als Vater -Imago darzubieten; daneben bieten sie der Masse Gelegenheit zu 
erlaubter und idealisierter Befriedigung des Sadismus. 



Referate l^ 1 

Landauer erzählt von einem Behandlungsversuch bei einer jungen Ver- 
wahrlosten, deren Verwahrlosung sich als Racheunternehmen wegen Ödipus- 
enttäuschung und Penislosigkeit erwies. Er weist darauf hin, wie in derartigen 
Fällen vor der Analyse die Herstellung einer brauchbaren Übertragung durch 
unerwartet liebevolles Benehmen notwendig sei. Häufig widerstrebe die Um- 
gebung des Verwahrlosten unbewußt seiner Heilung; so wurde auch die hier 
besprochene Behandlung unter einem Vorwand abgebrochen. 

Anläßlich eines anonymen Briefes, den der Referent eines „Aufklärungs"- 
filmes erhielt, zeigt Zulliger neuerdings, wie die Frage der „Aufklärung" von 
der der gesamten Sexualerziehung nicht getrennt werden könne. Das Kind wolle 
Triebbefriedigung; nicht intellektuelles Wissen, sondern die Tat. „Die moderne 
Pädagogik ist schlau. Sie ist die Pädagogik des ,goldenen Mittelweges', die die 
Wünsche des Kindes einigermaßen gewähren lassen und erfüllen, es aber zugleich zu 
Verzichten anhalten will. Diese Verzichte sind notwendig zur Aufrechterhaltung 
unserer Gesellschaft. Sie findet weder Sexualbejahung noch Sexualablchnung als 
das Richtige, ihr scheint, der Kompromiß sei das Beste. Wer weiß, ob sie nicht 
recht hat?" Auch suche und brauche das Kind das Storchenmärchen. Viel- 
leicht sollte man ihm zwar die Wahrheit sagen, aber außerdem — wie das 
Märchen vom Rotkäppchen auch das vom Storch erzählen. 

Frau Fromm-Reichmann publiziert das Schlußwort einer Diskussion nach 
einem vor Akademikerinnen gehaltenen Vortrag über psychoanalytische Trieblehre, 
das die pädagogischen Konsequenzen der Existenz der infantilen Sexualität bespricht. 

Außerdem enthält das Heft die Anfänge zweier Arbeiten, die in den nächsten 
Heften ihre Fortsetzung finden sollen: Grab er berichtet von der Analyse eines 
nachtwandelnden Knaben — das genaue Referat einzelner Analysenstunden 
erschwert außerordentlich die Gesamtübersicht über die wirküche jeweilige 
Situation, auch mutet manche Deutung etwas anagogisch an — und Nelly 
Wolffheim versucht, die Beziehungen von „Psychoanalyse und Kindergarten 
prinzipiell und allgemeinverständlich darzustellen; an Beispielen wird gezeigt, 
wie Ödipuskomplex und Übertragungssituation der Kinder auch ohne Analyse 
erkannt und durch Gewährung von Sublimierungsgelegenheiten und Ersatz- 
befriedigungen geholfen werden kann. FentcLcl (Berlin) 

Zeitschrift für psychoanal ytisclie Pädagogik. IV. Jahrgang, 
Heft 2/3, März io,3o. 

Zulliger zeigt in einer längeren Arbeit, wie diejenigen irren, die die 
psychoanalytische Pädagogik wegen der „Übertragung" für gefährlich halten, 
in der Meinung, sie schaffe eine erotische Bindung der Schüler an die Lehrer. 
„Übertragung" gibt es, zeigt er, bei der nichtanalytischen Pädagogik auch. 
Nur kann sie dort unter umständen wirklich gefährlich werden, weil der 
Lehrer ihr gänzlich hilflos gegenübersteht. Der analytisch Eingestellte aber 
kann sie erkennen, planmäßig korrigieren und ihr die zweckmäßigste Form 
geben, nämlich erotische (Paar-) Bindungen vermeiden und desexualisierte Massen- 
Bindungen herstellen. — Die „Übertragung auf den nichtanalytischen Lehrer" 



i4 a Referate 

demonstrieren sehr sinnfällig eine Beobachtung von Mannzen und eine Reihe 
von Pipal gesammelter Kinderträume. 

Laforgue behandelt die Rolle der Selbstbestrafung und ihrer Sexualisieruno- 
in der Charakterbildung und bei den Hemmungen der Kinder. Obwohl der 
Sachverhalt sonst sehr klar und überzeugend dargestellt ist, wirken doch Einzel- 
heiten etwas verwirrend, z. B. wenn Verhaltungsweisen, die mehr für eine 
Strafangst als für ein Strafbedürfnis sprechen, dennoch diesem zugerechnet 
werden, oder wenn es von perversen Regungen beziehungsweise neurotischen 
Aktionen heißt, sie trügen „den Charakter von Zwangshandlungen". 

Versteeg-Solleveld zeigt, wie bei einem Kinde mit geographischen Zwangs- 
spielen „Stadt" und „Land" Mutterbedeutung hatten. 

Meng erörtert in interessanter Weise die Bedeutung der Lehre von den 
Fehlhandlungen für die Psychologie der Zeugenaussage. Er erwähnt einen 
Brief eines Bräutigams an seine Braut, in dem es heißt: „Ich liebe Dich so 
sehr, daß ich von nun an immer nur an mich (statt ,Dich') denken werde." 

Graber vollendet seine „Analyse eines nachtwandelnden Knaben", die auch 
in ihrem zweiten Teil einen etwas unbefriedigenden Eindruck hinterläßt. 
Unter der breiten Darstellung einzelner Analysestunden leidet der Überblick 
über die Gesamtzusammenhänge. Bei den Traumanalysen scheint Grab er die 
manifeste Form zu überschätzen. 

Wolf f heim setzt ihre Arbeit über „Psychoanalyse und Kindergarten" fort, 
in der sie Äußerungen und Beeinflußbarkeit infantiler Sexualität im Kinder- 
garten allgemein verständlich beschreibt. Eine Illustration dazu bietet die folgende 
Arbeit der Kindergärtnerin Grete Reiner, die hübsche Beobachtungen über 
Ödipuskomplex und Penisneid mitteilt. Fenictel (Berlin) 

Zeitschrift für psych oan a 1 ytisc hc Pädagogik IV. Jahrgang, 
Heft 4/5, Mai i 9 3o. 

Ada Müller -Braunschweig teilt einen sehr interessanten „Fall von 
Schattenangst und Fragezwang" bei einem dreijährigen Kinde mit, der wichtige 
Einblicke in die erste Entstehungszeit von Ödipuskomplex, Kastrationsangst und 
Uber-Ich gestattet, die um so wertvoller sind, als das für sich sprechende objek- 
tive Material nur minimal durch Deutungen in seiner Spontaneität beeinträch- 
tigt wurde. 

Kalischer berichtet Fälle aus seiner „heilpädagogischen Anstaltspraxis", die 
den Wert analytischen Wissens für den Heilpädagogen sehr deutlich demon- 
strieren, aber den psychologisch Interessierten immer wieder bedauern lassen, 
daß keine regelrechten Analysen vorliegen. — Dasselbe gilt für den bemerkens- 
werten Aufsatz von Else Fuchs. Die Autorin ist Spezialistin für die Behand- 
lung kindlicher Eßschwierigkeiten und benutzt bei ihrer Arbeit neben ihrer 
Intuition vielfach ihr analytisches Wissen in erfreulicher Weise. Da volle Ana- 
lysen weder in ihrer Absicht liegen noch notwendig sind, sind sowohl Technik 
des Vorgehens als auch Erfolg nicht immer so rationell durchsichtig, wie der 
Analytiker es liebt. Befremdend wirkt, daß die Autorin — knapp nachdem 



Referate xA5 

sie den Wert der Aufrichtigkeit den Kindern gegenüber betont hat — berichtet, 
wie sie ein Kind, dem sie versprochen hatte, bei seinem Toilettenbesuch nicht 
zuzusehen, mit einem Spiegel heimlich beobachtete, um ihren Verdacht auf 
Koprophagie zu bestätigen. 

Nelly Wolffheim beendet ihre Arbeit „Psychoanalyse und Kindergarten'. 
Der Gesamteindruck läßt erst die Bedeutung dieser umfassenden Arbeit erkennen: 
Zum erstenmal wird in der psychologisch nicht gebildeten Kindergärtnerin 
verständlicher Weise die Bedeutung der Psychoanalyse für ihre Tätigkeit theo- 
rethisch und vor allem auch praktisch dargelegt. Denkt man an die üblichen 
pädagogischen Lehrbücher, aus denen die angehenden Kindergärtnerinnen lernen, 
so wünscht man, daß sie alle daneben auch diese Arbeit zu lesen bekämen; es 
wäre sehr erfreulich, wenn es gelänge, sie in diesen Kreisen zu verbreiten. 

Eder erzählt über die Entwicklungsgeschichte der frühen Kindheit und 
betont besonders einige dem Pädagogen weniger bekannte Resultate analytischer 
Forschung. Grab er vergleicht an Hand eines Traumes eines fünfzehnjährigen 
Patienten, der an den Sündenfallmythos erinnert, Traum und Mythos, und regt 
zum Nachdenken über dieses noch so problematische Gebiet an. Hilde Kuhn 
beobachtet, auf wie verschiedene Weise sich bei einem dreizehnjährigen Mädchen 
eine übergroße Sehnsucht nach der Mutter verriet. FenicLel (Berlin) 

.Zeitschrift für psych oanalytische Pädagogik. IV. Jahrgang, 
Heft 6 und 7. Juli 1930. 

Eine Arbeit von Homburg er erörtert die Problematik des psychoanalytisch 
denkenden Lehrers, der als Vermittler von Kenntnissen, als „Aufklärer", vom 
„analytischen Erzieher ebenso zu unterscheiden ist wie vom Kinderanalytiker. 
Er muß erkennen, daß die bloße sachliche Belehrung des fragenden Kindes 
gar nicht dessen wirkliche Probleme trifft, auch dann nicht, wenn sie nicht 
nur die manifest gestellten Fragen, sondern auch ihren unbewußten Hinter- 
grund, die Sexualneugierde, berücksichtigt. Denn das Kind ist nicht von intellek- 
tuellem Interesse erfüllt, sondern von affektivem. Es „interessiert" z.B. „das Kind 
eine gewisse mit Überdeutlichkeit gespürte Gefühlsbeziehung, statt dessen erfahrt 
es etwas vom trinkenden Kälbchen und der säugenden Kuh". Wenn wir das 
Storchenmärchen verwerfen, so hätten wir „keinen Grund zum Optimismus, 
wenn wir an die Stelle dieses Dunkels Logischeres setzen, indem wir manches 
deutlicher, unverhüllter sagen, und dabei Wichtigeres gar nicht erwähnen, auch 
nicht verhüllt". Allzuviel Ratio wird dem Kinde nicht gerecht und hilft ihm 
nicht in seinen Nöten. Was für die Sexualität gelte, gelte ebenso auch für die 
Welt der Aggression. Auch hier käme es nicht auf schöne Ideale an, sondern 
auf die psychische Realität, auf die Anerkennung der Allgegenwart der Triebe. 
Interessant ist ein Exkurs über die Frage, ob die Verschiebung der sexuellen 
Neugierde auf andere Wissensgebiete zu unterstützen sei oder nicht, die ihre 
(nicht eindeutige) Antwort nur aus einer näheren Erörterung des Begriffes 
„Verschiebung", der offenbar in verschiedenen Fällen verschiedenerlei bedeutet 
(echte „Sublimierung" oder etwas der „Reaktionsbildung" Verwandtes), finden 



1^4 Referate 

kann. Leider wird die Wert frage, die diese Arbeit an manchen Stellen zwischen 
den Zeilen deutlich durchzieht, nirgends Gegenstand einer ausdrücklichen 
Reflexion. 

Wie wichtig die von Homburger an die Adresse der analytischen Pädagogen 
gerichtete Warnung vor Überschätzung des Intellekts noch ist, ersieht man aus 
der Arbeit von Kalischer, der seine Berichte „aus der heilpädagogischen 
Anstaltspraxis " fortsetzt : Er erzählt von einem introvertierten, fast als Schizophrenie 
imponierenden Psychopathen, den er durch Unterstützung seiner Sublimierungs- 
neigungen und durch sexuelle Aufklärung günstig beeinflussen, und von einem 
durch einen strengen Stiefvater eingeschüchterten, sexualverdrängenden Jungen, 
dessen Kastrationsangst er durch pädagogische Maßnahmen schwächen konnte. 
Aber die wiedergegebenen Gespräche scheinen oft im Homburgerschen Sinne 
intellektuell und nicht sehr geeignet, die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. 
Der Satz: „Bei den Menschen ist es ebenso. Wenn ein Mann eine Frau lieb 
hat, so schenkt er ihr den Samen, aus dem das Kind in der Mutter wachsen 
kann , klingt nicht so, als könnte er den verdrängten Sexualtrieb des Zuhörers 
treffen ; und wenn Kalischer sich entschließt, die biblischen Erzählungen einem 
Kinde als Märchen, als unwahr zu erklären, muß es doch wohl das Kind ver- 
wirren, wenn er beginnt: „Ich sage ihm also zunächst, daß an all den schönen 
Sagen und Erzählungen der Bibel immer etwas wahr sei, aber anders als er 
denke." In einer Zusammenfassung betont Kalischer die Bedeutung der Analy- 
siertheit des Erziehers und der Kenntnis der psychoanalytischen Psychologie. 

Pipal erzählt verschiedene, infolge ihrer Lebendigkeit sehr eindrucksvolle 
Geschichten über die Schwierigkeiten, die in der kindlichen Seele durch die 
Geburt jüngerer Geschwister entstehen. Daß diese Schwierigkeiten „mit der 
Größe der Zwischenzeiten in der Aufeinanderfolge" wachsen, ist nicht ganz 
richtig, vielmehr wird das Wachstum dieser Schwierigkeiten in einer der in- 
fantilen Sexualentwicklung entsprechenden unregelmäßigen Kurve darzustellen 
sein : Sie sind sehr gering, wenn der Altersunterschied nur ein Jahr oder wenig 
mehr beträgt, steigen dann, um bei fünf bis sechs Jahren einen Höhepunkt 
zu erreichen; die Latenzzeit und die Möglichkeit, das um mehr jüngere Ge- 
schwisterchen schon als eigenes Kind zu betrachten, lassen dann die Kurve 
wieder sinken; die Pubertät dürfte dann ein in anderen Zusammenhängen 
wurzelndes zweites Maximum bringen. 

Herta Fuchs stellt den Fall eines Verwahrlosten dar, der durch neue Iden- 
tifizierungsmöglichkeiten, die ihm der Kindergarten im Gegensatz zum sehr 
brutalen häuslichen Milieu bieten konnte, sehr günstig beeinflußt wurde. 

Sehr sonderbar ist ein Beitrag von Runge, ein etwas mystisch angehauchter 
Bericht über einen Schizoiden, der im Kriege am selben Tage fiel, an dem er 
einst als Schüler den „Prinzen von Homburg" gespielt hatte, und zwar durch 
einen Schuß in das rechte Auge, nachdem er, mit diesem Auge zielend, in Jagd- 
leidenschaft als Scharfschütze viele Feinde getötet hatte. Fenichel (Berlin)