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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften X 1925 Heft 3"

) 



I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 



XI. Band 1925 Heft 5 



Die Verneinung 



Von 



Sigm. Freud 

Die Art, wie unsere Patienten ihre Einfalle während der analy- 
tischen Arbeit vorbringen, gibt uns Anlaß zu einigen interessanten 
Beobachtungen. „Sie werden jetzt denken, ich will etwas Beleidi- 
gendes sagen, aber ich habe wirklich nicht diese Absicht." Wir 
verstehen, das ist die Abweisung eines eben auftauchenden Einfalles 
durch Projektion. Oder: „Sie fragen, wer diese Person im Traume 
sein kann. Die Mutter ist es nicht." Wir berichtigen: Also ist 
es die Mutter. Wir nehmen uns die Freiheit, bei der Deutung 
von der Verneinung abzusehen und den reinen Inhalt des Einfalls 
herauszugreifen. Es ist so, als ob der Patient gesagt hätte: „Mir 
ist zwar die Mutter zu dieser Person eingefallen, aber ich habe keine 
Lust, diesen Einfall gelten zu lassen." 

Gelegentlich kann man sich eine gesuchte Aufklärung über das 
unbewußte Verdrängte auf eine sehr bequeme Weise verschaffen. 
Man fragt: Was halten Sie wohl für das Allerunwahrscheinlichste 
in jener Situation? Was, meinen Sie, ist Ihnen damals am fernsten 
gelegen? Geht der Patient in die Falle und nennt das, woran er 
am wenigsten glauben kann, so hat er damit fast immer das Richtige 
zugestanden. Ein hübsches Gegenstück zu diesem Versuch stellt 



Iraago XI. 



15 



2 i8 Sigm. Freud 



sich oft beim Zwangsneurotiker her, der bereits in das Verständnis 
seiner Symptome eingeführt worden ist. „Ich habe eine neue 
Zwangsvorstellung bekommen. Mir ist sofort dazu eingefallen, sie 
könnte dies Bestimmte bedeuten. Aber nein, das kann ja nicht 
wahr sein, sonst hätte es mir nicht einfallen können." Was er 
mit dieser der Kur abgelauschten Begründung verwirft, ist natürlich 
der richtige Sinn der neuen Zwangsvorstellung. 

Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt kann also 
zum Bewußtsein durchdringen, unter der Bedingung, daß er sich 
verneinen läßt. Die Verneinung ist eine Art, das Verdrängte zur 
Kenntnis zu nehmen, eigentlich schon eine Aufhebung der Ver- 
drängung, aber freilich keine Annahme des Verdrängten. Man sieht, 
wie sich hier die intellektuelle Funktion vom affektiven Vorgang 
scheidet. Mit Hilfe der Verneinung wird nur die eine Folge des 
Verdrängungsvorganges rückgängig gemacht, daß dessen Vorstel- 
lungsinhalt nicht zum Bewußtsein gelangt. Es resultiert daraus 
eine Art von intellektueller Annahme des Verdrängten bei Fort- 
bestand des Wesentlichen an der Verdrängung. 1 Im Verlauf der 
analytischen Arbeit schaffen wir oft eine andere, sehr wichtige 
und ziemlich befremdende Abänderung derselben Situation. Es 
gelingt uns, auch die Verneinung zu besiegen und die volle 
intellektuelle Annahme des Verdrängten durchzusetzen, — der 
Verdrängungsvorgang selbst ist damit noch nicht aufgehoben. 

Da es die Aufgabe der intellektuellen Urteilsfunktion ist, Ge- 
dankeninhalte zu bejahen oder zu verneinen, haben uns die vor- 
stehenden Bemerkungen zum psychologischen Ursprung dieser 
Funktion geführt. Etwas im Urteil verneinen, heißt im Grunde: 
das ist etwas, was ich am liebsten verdrängen möchte. Die Ver- 
urteilung ist der intellektuelle Ersatz der Verdrängung, ihr Nein 

l) Derselbe Vorgang liegt dem bekannten Vorgang des „Berufens" zugrunde. 
„Wie schön, daß ich meine Migräne so lange nicht gehabt habe !" Das ist aber die 
erste Ankündigung des Anfalls, dessen Herannahen man bereits verspürt, aber noch 
nicht glauben will. 



Die Verneinung 2 1 q 



ein Merkzeichen derselben, ein Ursprungszertifikat etwa wie das 
,made in Germany'. Vermittels des Verneinungssymbols macht 
sich das Denken von den Einschränkungen der Verdrängung frei 
und bereichert sich um Inhalte, deren es für seine Leistung nicht 
entbehren kann. 

Die Urteilsfunktion hat im wesentlichen zwei Entscheidungen 
zu treffen. Sie soll einem Ding eine Eigenschaft zu- oder ab- 
sprechen, und sie soll einer Vorstellung die Existenz in der Realität 
zugestehen oder bestreiten. Die Eigenschaft, über die entschieden 
werden soll, könnte ursprünglich gut oder schlecht, nützlich oder 
schädlich gewesen sein. In der Sprache der ältesten, oralen Trieb- 
regungen ausgedrückt: das will ich essen oder will es ausspucken, 
und in weitergehender Übertragung: das will ich in mich ein- 
führen und das aus mir ausschließen. Also: es soll in mir oder 
außer mir sein. Das ursprüngliche Lust-Ich will, wie ich an 
anderer Stelle ausgeführt habe, alles Gute sich introjizieren, alles 
Schlechte von sich werfen. Das Schlechte, das dem Ich Fremde, 
das außen Befindliche ist ihm zunächst identisch. 1 

Die andere der Entscheidungen der Urteilsfunktion, die über 
die reale Existenz eines vorgestellten Dinges, ist ein Interesse des 
endgültigen Real-Ichs, das sich aus dem anfänglichen Lust-Ich 
entwickelt. (Realitätsprüfung.) Nun handelt es sich nicht mehr 
darum, ob etwas Wahrgenommenes (ein Ding) ins Ich aufgenommen 
werden soll oder nicht, sondern ob etwas im Ich als Vorstellung 
Vorhandenes auch in der Wahrnehmung (Realität) wiedergefunden 
werden kann. Es ist, wie man sieht, wieder eine Frage des Außen 
und Innen. Das nicht Reale, bloß Vorgestellte, Subjektive, ist 
nur innen, das andere, Reale, auch im Draußen vorhanden. In 
dieser Entwicklung ist die Rücksicht auf das Lustprinzip beiseite 
gesetzt worden. Die Erfahrung hat gelehrt, es ist nur nicht wichtig 
ob ein Ding (Befriedigungsobjekt) die „gute" Eigenschaft besitzt, 

1) Vgl. hiezu die Ausführungen in „Triebe und Triebschicksale". (Ges. Schriften V.) 

i5* 



220 



Sigm. Freud 



also die Aufnahme ins Ich verdient, sondern auch, ob es in der 
Außenwelt da ist, so daß man sich seiner nach Bedürfnis be- 
mächtigen kann. Um diesen Fortschritt zu verstehen, muß man 
sich daran erinnern, daß alle Vorstellungen von Wahrnehmungen 
stammen, Wiederholungen derselben sind. Ursprünglich ist also 
schon die Existenz der Vorstellung eine Bürgschaft für die Realität 
des Vorgestellten. Der Gegensatz zwischen Subjektivem und Ob- 
jektivem besteht nicht von Anfang an. Er stellt sich erst dadurch 
her, daß das Denken die Fähigkeit besitzt, etwas einmal Wahr- 
genommenes durch Reproduktion in der Vorstellung wieder gegen- 
wärtig zu machen, während das Objekt draußen nicht mehr vor- 
handen zu sein braucht. Der erste und nächste Zweck der Reali- 
tätsprüfung ist also nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes 
Objekt in der realen Wahrnehmung zu finden, sondern es wieder- 
zufinden, sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden ist. Ein 
weiterer Beitrag zur Entfremdung zwischen dem Subjektiven und 
dem Objektiven rührt von einer andern Fähigkeit des Denkver- 
mögens her. Die Reproduktion der Wahrnehmung in der Vor- 
stellung ist nicht immer deren getreue Wiederholung? sie kann 
durch Weglassungen modifiziert, durch Verschmelzungen verschie- 
dener Elemente verändert sein. Die Realitätsprüfung hat dann zu 
kontrollieren, wie weit diese Entstellungen reichen. Man erkennt 
aber als Bedingung für die Einsetzung der Realitätsprüfung, daß 
Objekte verloren gegangen sind, die einst reale Befriedigung gebracht 

hatten. 

Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die über die Wahl 
der motorischen Aktion entscheidet, dem Denkaufschub ein Ende 
setzt und vom Denken zum Handeln überleitet. Auch über den 
Denkaufschub habe ich bereits an anderer Stelle gehandelt. Er 
ist als eine Probeaktion zu betrachten, ein motorisches Tasten mit 
geringen Abfuhraufwänden. Besinnen wir uns: wo hatte das Ich ein 
solches Tasten vorher geübt, an welcher Stelle die Technik erlernt, 



Die Verneinung 2 2 1 



die es jetzt bei den Denkvorgängen anwendet? Dies geschah am 
sensorischen Ende des seelischen Apparats, bei den Sinneswahr- 
nehmungen. Nach unserer Annahme ist ja die Wahrnehmung 
kein rein passiver Vorgang, sondern das Ich schickt periodisch 
kleine Besetzungsmengen in das Wahrnehmungssystem, mittels 
deren es die äußeren Reize verkostet, um sich nach jedem solchen 
tastenden Vorstoß wieder zurückzuziehen. 

Das Studium des Urteils eröffnet uns vielleicht zum erstenmal 
die Einsicht in die Entstehung einer intellektuellen Funktion aus 
dem Spiel der primären Triebregungen. Das Urteilen ist die zweck- 
mäßige Fortentwicklung der ursprünglich nach dem Lustprinzip 
erfolgten Einbeziehung ins Ich oder Ausstoßung aus dem Ich. 
Seine Polarität scheint der Gegensätzlichkeit der beiden von uns 
angenommenen Triebgruppen zu entsprechen. Die Bejahung — als 
Ersatz der Vereinigung — gehört dem Eros an, die Verneinung 
— Nachfolge der Ausstoßung — dem Destruktionstrieb. Die all- 
gemeine Verneinungslust, der Negativismus, mancher Psychotiker 
ist wahrscheinlich als Anzeichen der Triebentmischung durch Ab- 
zug der libidinösen Komponenten zu verstehen. Die Leistung der 
Urteilsfunktion wird aber erst dadurch ermöglicht, daß die Schöpfung 
des Verneinungssymbols dem Denken einen ersten Grad von Un- 
abhängigkeit von den Erfolgen der Verdrängung und somit auch 
vom Zwang des Lustprinzips gestattet hat. 

Zu dieser Auffassung der Verneinung stimmt es sehr gut, daß 
man in der Analyse kein „Nein" aus dem Unbewußten auffindet 
und daß die Anerkennung des Unbewußten von Seiten des Ichs 
sich in einer negativen Formel ausdrückt. Kein stärkerer Beweis 
für die gelungene Aufdeckung des Unbewußten, als wenn der 
Analysierte mit dem Satze: Das habe ich nicht gedacht, oder: 
Daran habe ich nicht (nie) gedacht, darauf reagiert. 






Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 1 

Von 

Sigm. Freud 

Wenn sich der Säugling auf dem Arm der Pflegerin schreiend 
von einem fremden Gesicht abwendet, der Fromme den neuen 
Zeitabschnitt mit einem Gebet eröffnet, aber auch die Erstlings- 
frucht des Jahres mit einem Segensspruch begrüßt, wenn der 
Bauer eine Sense zu kaufen verweigert, welche nicht die seinen 
Eltern vertraute Fabriksmarke trägt, so ist die Verschiedenheit 
dieser Situationen augenfällig und der Versuch scheint berechtigt, 
jede derselben auf ein anderes Motiv zurückzuführen. 

Doch wäre es unrecht, das ihnen Gemeinsame zu verkennen. 
In allen Fällen handelt es sich um die nämliche Unlust, die beim 
Kinde elementaren Ausdruck findet, beim Frommen kunstvoll be- 
schwichtigt, beim Bauern zum Motiv einer Entscheidung gemacht 
wird. Die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das 
Neue an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es 
fordert, die bis zur angstvollen Erwartung gesteigerte Unsicherheit, 
die es mit sich bringt. Es wäre reizvoll, die seelische Reaktion 
auf das Neue an sich zum Gegenstand einer Studie zu machen, 
denn unter gewissen, nicht mehr primären Bedingungen wird 
auch das gegenteilige Verhalten beobachtet, ein Reizhunger, der 
sich auf alles Neue stürzt, und darum, weil es neu ist. 



1) Zuerst französisch erschienen in „La Revue Juive", März 1925. 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 225 

Im wissenschaftlichen Betrieb sollte für die Scheu vor dem 
Neuen kein Raum sein. In ihrer ewigen Unvollständigkeit und 
Unzulänglichkeit ist die Wissenschaft darauf angewiesen, ihr Heil 
von neuen Entdeckungen und neuen Auffassungen zu erhoffen. 
Um nicht zu leicht getäuscht zu werden, tut sie gut daran, sich 
mit Skepsis zu wappnen, nichts Neues anzunehmen, das nicht 
eine strenge Prüfung bestanden hat. Allein gelegentlich zeigt 
dieser Skeptizismus zwei unvermutete Charaktere. Er richtet sich 
scharf gegen das Neu -Ankommende, während er das bereits Be- 
kannte und Geglaubte respektvoll verschont, und er begnügt sich 
damit zu verwerfen, auch ehe er untersucht hat. Dann enthüllt 
er sich aber als die Fortsetzung jener primitiven Reaktion gegen 
das Neue, als ein Deckmantel für deren Erhaltung. Es ist all- 
gemein bekannt, wie oft es sich in der Geschichte der wissen- 
schaftlichen Forschung zugetragen hat, daß Neuerungen von einem 
intensiven und hartnäckigen Widerstand empfangen wurden, wo 
dann der weitere Verlauf zeigte, daß der Widerstand unrecht 
hatte und daß die Neuheit wertvoll und bedeutsam war. In der 
Regel waren es gewisse inhaltliche Momente des Neuen, welche 
den Widerstand provozierten, und auf der anderen Seite mußten 
mehrere Momente zusammenwirken, um den Durchbruch der 
primitiven Reaktion zu ermöglichen. 

Einen besonders Übeln Empfang hat die Psychoanalyse ge- 
funden, die der Autor vor nahezu dreißig Jahren aus den Funden 
von Josef Breuer in Wien über die Entstehung neurotischer 
Symptome zu entwickeln begann. Ihr Charakter als Neuheit ist 
unbestreitbar, wenngleich sie außer diesen Entdeckungen reich- 
liches Material verarbeitete, das anderswoher bekannt war, Ergeb- 
nisse der Lehren des großen Neuropathologen Charcot und Ein- 
drücke aus der Welt der hypnotischen Phänomene. Ihre Bedeutung 
war ursprünglich eine rein therapeutische, sie wollte eine neue 
wirksame Behandlung der neurotischen Erkrankungen schaffen. 



224 Sigm. Freud 



Aber Zusammenhänge, die man zunächst nicht ahnen konnte, 
ließen die Psychoanalyse weit über ihr anfängliches Ziel hinaus- 
greifen. Sie erhob endlich den Anspruch, unsere Auffassung des 
Seelenlebens überhaupt auf eine neue Basis gestellt zu haben, und 
darum für alle Wissensgebiete wichtig zu sein, die auf Psychologie 
gegründet sind. Nach einem Jahrzehnt völliger Vernachlässigung 
wurde sie plötzlich Gegenstand des allgemeinsten Interesses und — 
entfesselte einen Sturm von entrüsteter Ablehnung. 

In welchen Formen der Widerstand gegen die Psychoanalyse 
Ausdruck gefunden hat, sei hier beiseite gelassen. Es genüge die 
Bemerkung, daß der Kampf um diese Neuerung noch keineswegs 
zu Ende gekommen ist. Doch ist bereits zu erkennen, welche 
Richtung er nehmen wird. Es ist der Gegnerschaft nicht gelungen, 
die Bewegung zu unterdrücken. Die Psychoanalyse, deren einziger 
Vertreter ich vor zwanzig Jahren war, hat seither zahlreiche be- 
deutende und eifrig arbeitende Anhänger gefunden, Ärzte und Nicht- 
ärzte die sie als Verfahren der Behandlung von nervös Kranken 
ausüben, als Methode der psychologischen Forschung pflegen und 
als Hilfsmittel der wissenschaftlichen Arbeit auf den mannigfaltigsten 
Gebieten des geistigen Lebens anwenden. Unser Interesse soll sich 
hier nur auf die Motivierung des Widerstandes gegen die Psycho- 
analyse richten, die Zusammengesetztheit desselben und die ver- 
schiedene Wertigkeit seiner Komponenten besonders beachten. 

Die klinische Betrachtung muß die Neurosen in die Nähe der 
Intoxikationen und solcher Leiden wie die Basedowsche Krankheit 
rücken. Das sind Zustände, die durch den Überschuß oder relativen 
Mangel an bestimmten sehr wirksamen Stoffen entstehen, ob sie 
nun im Körper selbst gebildet oder von außen eingeführt werden, 
also eigentlich Störungen des Chemismus, Toxikosen. Gelänge es 
jemandem, den oder die hypothetischen Stoffe, die für die Neurosen 
in Betracht kommen, zu isolieren und aufzuzeigen, so hätte sein 
Fund keinen Einspruch von seiten der Ärzte zu besorgen. Allein 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 225 

dazu führt vorläufig noch kein Weg. Wir können zunächst nur 
vom Symptombild der Neurose ausgehen, das z. B. im Falle der 
Hysterie aus körperlichen und seelischen Störungen zusammen- 
gesetzt ist. Nun lehrten die Experimente von Charcot sowie die 
Krankenbeobachtungen von Breuer, daß auch die körperlichen 
Symptome der Hysterie psychogen, d. h. Niederschläge abge- 
laufener seelischer Prozesse sind. Durch das Mittel der Versetzung 
in den hypnotischen Zustand war man imstande, die somatischen 
Symptome der Hysterie nach Willkür künstlich zu erzeugen. 

Diese neue Erkenntnis griff die Psychoanalyse auf und begann 
damit, sich die Frage vorzulegen, welches die Natur jener psychi- 
schen Prozesse sei, die so ungewöhnliche Folgen hinterlassen. Aber 
diese Forschungsrichtung war nicht nach dem Sinn der lebenden 
Ärztegeneration. Die Mediziner waren in der alleinigen Hoch- 
schätzung anatomischer, physikalischer und chemischer Momente 
erzogen worden. Für die Würdigung des Psychischen waren sie 
nicht vorbereitet, also brachten sie diesem Gleichgültigkeit und 
Abneigung entgegen. Offenbar bezweifeln sie, daß psychische Dinge 
überhaupt eine exakte wissenschaftliche Behandlung zulassen. In 
übermäßiger Reaktion auf eine überwundene Phase, in der die 
Medizin von den Anschauungen der sogenannten Naturphilosophie 
beherrscht wurde, erschienen ihnen Abstraktionen, wie die, mit 
denen die Psychologie arbeiten muß, als nebelhaft, phantastisch, 
mystisch; merkwürdigen Phänomenen aber, an welche die Forschung 
hätte anknüpfen können, versagten sie einfach den Glauben. Die 
Symptome der hysterischen Neurose galten als Erfolg der Simu- 
lation, die Erscheinungen des Hypnotismus als Schwindel. Selbst 
die Psychiater, zu deren Beobachtung sich doch die ungewöhn- 
lichsten und verwunderlichsten seelischen Phänomene drängten, 
zeigten keine Neigung, deren Details zu beachten und ihren Zu- 
sammenhängen nachzuspüren. Sie begnügten sich damit, die Bunt- 
heit der Krankheitserscheinungen zu klassifizieren und sie, wo immer 



_ 



226 Sigm. Freud 



es nur anging, auf somatische, anatomische oder chemische Störungs- 
ursachen zurückzuführen. In dieser materialistischen oder besser 
mechanistischen Periode hat die Medizin großartige Fortschritt» 
gemacht, aber auch das vornehmste und schwierigste unter den 
Problemen des Lebens in kurzsichtiger Weise verkannt. 

Es ist begreiflich, daß die Mediziner bei solcher Einstellung 
zum Psychischen keinen Gefallen an der Psychoanalyse fanden 
und ihre Aufforderung, in vielen Stücken umzulernen und manche 
Dinge anders zu sehen, nicht erfüllen wollten. Aber dafür, sollte 
man meinen, hätte die neue Lehre um so leichter den Beifall 
der Philosophen finden müssen. Die waren ja gewohnt, abstrakte 
Begriffe — böse Zungen sagten allerdings: unbestimmbare Worte — 
zu oberst in ihre Welterklärungen einzusetzen und konnten an 
der Ausdehnung des Bereiches der Psychologie, welche die Psycho- 
analyse anbahnte, unmöglich Anstoß nehmen. Aber da traf sich 
ein anderes Hindernis. Das Psychische der Philosophen war nicht 
das der Psychoanalyse. Die Philosophen heißen in ihrer über- 
wiegenden Mehrzahl psychisch nur das, was ein Bewußtseins- 
phänomen ist. Die Welt des Bewußten deckt sich ihnen mit dem 
Umfang des Psychischen. Was sonst noch in der schwer zu er- 
fassenden „Seele" vorgehen mag, das schlagen sie zu den orga- 
nischen Vorbedingungen oder Parallelvorgängen des Psychischen. 
Oder strenger ausgedrückt, die Seele hat keinen anderen Inhalt 
als die Bewußtseinsphänomene, die Wissenschaft von der Seele, die 
Psychologie, also auch kein anderes Objekt. Auch der Laie denkt 
nicht anders. 

Was kann der Philosoph also zu einer Lehre sagen, die wie 
die Psychoanalyse behauptet, das Seelische sei vielmehr an sich 
unbewußt, die Bewußtheit nur eine Qualität, die zum einzelnen 
seelischen Akt hinzutreten kann oder auch nicht und die eventuell 
an diesem nichts anderes ändert, wenn sie ausbleibt? Er sagt 
natürlich, ein unbewußtes Seelisches ist ein Unding, eine contra- 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 227 

dictio in adjecto, und will nicht bemerken, daß er mit diesem 
Urteil nur seine eigene — vielleicht zu enge — Definition des 
Seelischen wiederholt. Dem Philosophen wird diese Sicherheit leicht 
gemacht, denn er kennt das Material nicht, dessen Studium den 
Analytiker genötigt hat, an unbewußte Seelenakte zu glauben. Er 
hat die Hypnose nicht beachtet, sich nicht um die Deutung von 
Träumen bemüht, — Träume hält er vielmehr ebenso wie der 
Arzt für sinnlose Produkte der während des Schlafes herabgesetzten 
Geistestätigkeit, — er ahnt kaum, daß es solche Dinge gibt wie 
Zwangsvorstellungen und Wahnideen und wäre in arger Verlegen- 
heit, wenn man ihm zumutete, sie aus seinen psychologischen 
Voraussetzungen zu erklären. Auch der Analytiker lehnt es ab, zu 
sagen, was das Unbewußte ist, aber er kann auf das Erscheinungs- 
gebiet hinweisen, dessen Beobachtung ihm die Annahme des 
Unbewußten aufgedrängt hat. Der Philosoph, der keine andere 
Art der Beobachtung kennt als die Selbstbeobachtung, vermag ihm 
dahin nicht zu folgen. So erwachsen der Psychoanalyse aus ihrer 
Mittelstellung zwischen Medizin und Philosophie nur Nachteile. 
Der Mediziner hält sie für ein spekulatives System und will nicht 
glauben, daß sie wie jede andere Naturwissenschaft auf geduldiger 
und mühevoller Bearbeitung von Tatsachen der Wahrnehmungs- 
welt beruht; der Philosoph, der sie an dem Maßstab seiner eigenen 
kunstvoll aufgebauten Systembildungen mißt, findet, daß sie von 
unmöglichen Voraussetzungen ausgeht und wirft ihr vor, daß ihre — 
erst in Entwicklung befindlichen — obersten Begriffe der Klarheit 
und Präzision entbehren. 

Die erörterten Verhältnisse reichen hin, um einen unwilligen 
und zögernden Empfang der Analyse in wissenschaftlichen Kreisen 
zu erklären. Sie lassen aber nicht verstehen, wie es zu jenen 
Ausbrüchen von Entrüstung, von Spott und Hohn, zur Hinweg- 
setzung über alle Vorschriften der Logik und des guten Ge- 
schmacks in der Polemik kommen konnte. Eine solche Reaktion 



228 Sigm. Freud 



läßt erraten, daß andere als bloß intellektuelle Widerstände rege 
geworden sind, daß starke affektive Mächte wachgerufen wurden, 
und wirklich ist im Inhalt der psychoanalytischen Lehre genug 
zu finden, dem man eine solche Wirkung auf die Leidenschaften 
der Menschen, nicht der Wissenschaftler allein, zuschreiben darf. 

Da ist vor allem die große Bedeutung, welche die Psychoanalyse 
den sogenannten Sexualtrieben im menschlichen Seelenleben 
einräumt. Nach der psychoanalytischen Theorie sind die Symptome 
der Neurosen entstellte Ersatzbefriedigungen von sexuellen Trieb- 
kräften, denen eine direkte Befriedigung durch innere Wider- 
stände versagt worden ist. Später, als die Analyse über ihr ur- 
sprüngliches Arbeitsgebiet hinausgriff und sich auf das normale 
Seelenleben anwenden ließ, versuchte sie zu zeigen, daß dieselben 
Sexualkomponenten, die sich von ihren nächsten Zielen ablenken 
und auf anderes hinleiten lassen, die wichtigsten Beiträge zu den 
kulturellen Leistungen des einzelnen und der Gemeinschaft stellen. 
Diese Behauptungen waren nicht völlig neu. Der Philosoph 
Schopenhauer hatte die unvergleichliche Bedeutung des Sexual- 
lebens in Worten von unvergeßlichem Nachdruck betont, auch 
deckte sich, was die Psychoanalyse Sexualität nannte, keineswegs 
mit dem Drang nach Vereinigung der geschiedenen Geschlechter 
oder nach Erzeugung von Lustempfindung an den Genitalien, 
sondern weit eher mit dem allumfassenden und alles erhaltenden 
Eros des Symposions Pialos. 

Allein die Gegner vergaßen an diese erlauchten Vorgänger; sie 
fielen über die Psychoanalyse her, als hätte sie ein Attentat auf 
die Würde des Menschengeschlechtes verübt. Sie warfen ihr „Pan- 
sexualismus" vor, obwohl die psychoanalytische Trieblehre immer 
streng dualistisch gewesen war und zu keiner Zeit versäumt hatte, 
neben den Sexualtrieben andere anzuerkennen, denen sie ja die 
Kraft zur Unterdrückung der Sexualtriebe zuschrieb. Der Gegensatz 
hatte zuerst geheißen: Sexual- und Ichtriebe, in späterer Wendung 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 229 

der Theorie lautet er: Eros und Todes- oder Destruktionstrieb. 
Die partielle Ableitung der Kunst, Religion, sozialer Ordnung von 
der Mitwirkung sexueller Triebkräfte wurde als eine Erniedrigung 
der höchsten Kulturgüter hingestellt und mit Emphase verkündet, 
daß der Mensch noch andere Interessen habe als immer nur 
sexuelle. Wobei man im Eifer übersah, daß auch das Tier andere 
Interessen hat, — es ist ja der Sexualität nur anfallsweise zu 
gewissen Zeiten und nicht wie der Mensch permanent unter- 
worfen —*- daß diese anderen Interessen beim Menschen niemals 
bestritten wurden, und daß der Nachweis der Herkunft aus elemen- 
taren animalischen Triebquellen an dem Wert einer kulturellen 
Errungenschaft nichts zu ändern vermag. 

Soviel Unlogik und Ungerechtigkeit ruft nach einer Erklärung. 
Ihr Ansatz ist nicht schwer zu finden. Die menschliche Kultur 
ruht auf zwei Stützen, die eine ist die Beherrschung der Natur- 
kräfte, die andere die Beschränkung unserer Triebe. Gefesselte 
Sklaven tragen den Thron der Herrscherin. Unter den so dienst- 
bar gemachten Triebkomponenten ragen die der Sexualtriebe — 
im engeren Sinne — durch Stärke und Wildheit hervor. Wehe, 
wenn sie befreit würden 5 der Thron würde umgewofen, die Herrin 
mit Füßen getreten werden. Die Gesellschaft weiß dies und — 
will nicht, daß davon gesprochen wird. 

Aber warum nicht? Was könnte die Erörterung schaden? Die 
Psychoanalyse hat ja niemals der Entfesselung unserer gemein- 
schädlichen Triebe das Wort geredet; im Gegenteil gewarnt und 
zur Besserung geraten. Aber die Gesellschaft will von einer Auf- 
deckung dieser Verhältnisse nichts hören, weil sie nach mehr als 
einer Richtung ein schlechtes Gewissen hat. Sie hat erstens ein 
hohes Ideal von Sittlichkeit aufgestellt, — Sittlichkeit ist Trieb- 
einschränkung — dessen Erfüllung sie von allen ihren Mitgliedern 
fordert, und kümmert sich nicht darum, wie schwer dem ein- 
zelnen dieser Gehorsam fallen mag. Sie ist aber auch nicht so 



230 Sigm. Freud 



reich oder so gut organisiert, daß sie den einzelnen für sein Aus- 
maß an Triebverzicht entsprechend entschädigen kann. Es bleibt 
also dem Individuum überlassen, auf welchem Wege es sich ge- 
nügende Kompensation für das ihm auferlegte Opfer verschaffen 
kann, um sein seelisches Gleichgewicht, zu bewahren. Im ganzen 
ist er aber genötigt, psychologisch über seinen Stand zu leben, 
während ihn seine unbefriedigten Triebansprüche die Kulturan- 
forderungen als ständigen Druck empfinden lassen. Somit unter- 
hält die Gesellschaft einen Zustand von Kulturheuchelei, dem 
ein Gefühl von Unsicherheit und ein Bedürfnis zur Seite gehen 
muß, die unleugbare Labilität durch das Verbot der Kritik und 
Diskussion zu schützen. Diese Betrachtung gilt für alle Trieb- 
regungen, also auch für die egoistischen 5 in wieferne sie auf alle 
möglichen Kulturen Anwendung findet, nicht nur auf die bis 
jetzt entwickelten, soll hier nicht untersucht werden. Und nun 
kommt noch für die im engeren Sinne sexuellen Triebe hinzu, 
daß sie bei den meisten Menschen in unzureichender und psycho- 
logisch inkorrekter Weise gebändigt sind, so daß sie am ehesten 
bereit sind loszubrechen. 

Die Psychoanalyse deckt die Schwächen dieses Systems auf und 
rät zur Änderung desselben. Sie schlägt vor, mit der Strenge der 
Triebverdrängung nachzulassen und dafür der Wahrhaftigkeit mehr 
Raum zu geben. Gewisse Triebregungen, in deren Unterdrückung 
die Gesellschaft zu weit gegangen ist, sollen zu einem größeren 
Maß von Befriedigung zugelassen werden, bei anderen soll die 
unzweckmäßige Methode der Unterdrückung auf dem Wege der 
Verdrängung durch ein besseres und gesicherteres Verfahren er- 
setzt werden. Infolge dieser Kritik ist die Psychoanalyse als „kultur- 
feindlich" empfunden und als „soziale Gefahr" in den Bann getan 
worden. Diesem Widerstand kann keine ewige Dauer beschieden 
sein; auf die Länge kann sich keine menschliche Institution der 
Einwirkung gerechtfertigter kritischer Einsicht entziehen, aber bis 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 231 

jetzt wird die Einstellung der Menschen zur Psychoanalyse noch 
immer durch diese Angst beherrscht, welche die Leidenschaften 
entfesselt und die Ansprüche an die logische Argumentation 
herabsetzt. 

Durch ihre Trieblehre hatte die Psychoanalyse das Individuum 
beleidigt, insofern es sich als Mitglied der sozialen Gemeinschaft 
fühlte; ein anderes Stück ihrer Theorie konnte jeden einzelnen 
an der empfindlichsten Stelle seiner eigenen psychischen Entwick- 
lung verletzen. Die Psychoanalyse machte dem Märchen von der 
asexuellen Kindheit ein Ende, wies nach, daß sexuelle Interessen 
und Betätigungen bei den kleinen Kindern vom Anfang des Lebens 
an bestehen, zeigte, welche Umwandlungen sie erfahren, wie sie 
etwa mit dem fünften Jahr einer Hemmung unterliegen und dann 
von der Pubertät an in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion 
treten. Sie erkannte, daß das frühinfantile Sexualleben im soge- 
nannten Oedipuskomplex gipfelt, in der Gefühlsbindung an den 
gegengeschlechtlichen Elternteil mit Rivalitätseinstellung zum gleich- 
geschlechtlichen, eine Strebung, die sich in dieser Lebenszeit noch 
ungehemmt in direkt sexuelles Begehren fortsetzt. Das ist so leicht 
zu bestätigen, daß es wirklich nur einer großen Kraftanspannung 
gelingen konnte, es zu übersehen. In der Tat hatte jeder einzelne 
die Phase durchgemacht, ihren Inhalt aber dann in energischer 
Anstrengung verdrängt und zum Vergessen gebracht. Der Abscheu 
vor dem Inzest und ein mächtiges Schuldbewußtsein waren aus 
dieser individuellen Vorzeit erübrigt worden. Vielleicht war es in 
der generellen Vorzeit der Menschenart ganz ähnlich zugegangen 
und die Anfänge der Sittlichkeit, der Religion und der sozialen 
Ordnung waren mit der Überwindung dieser Urzeit auf das innigste 
verknüpft. An diese Vorgeschichte, die ihm später so unrühmlich 
erschien, durfte der Erwachsene dann nicht gemahnt werden- er 
begann zu toben, wenn die Psychoanalyse den Schleier der 
Amnesie von seinen Kinderjahren lüften wollte. So blieb nur ein 



2 52 Sigra. Freud 

Ausweg: was die Psychoanalyse behauptete, mußte falsch sein und 
diese angebliche neue Wissenschaft ein Gewebe von Phantasterei 
und Entstellungen. 

Die starken Widerstände gegen die Psychoanalyse waren also 
nicht intellektueller Natur, sondern stammten aus affektiven Quellen. 
Daraus erklärten sich ihre Leidenschaftlichkeit wie ihre logische 
Genügsamkeit. Die Situation folgte einer einfachen Formel: Die 
Menschen benahmen sich gegen die Psychoanalyse als Masse genau 
wie der einzelne Neurotiker, den man wegen seiner Beschwerden 
in Behandlung genommen hatte, dem man aber in geduldiger 
Arbeit nachweisen konnte, daß alles so vorgefallen war, wie man 
es behauptete. Man hatte es ja auch nicht selbst erfunden, sondern 
aus dem Studium anderer Neurotiker durch die Bemühung von 
mehreren Dezennien erfahren. 

Diese Situation hatte gleichzeitig etwas Schreckhaftes und 
etwas Tröstliches; das erstere, weil es keine Kleinigkeit war, das 
ganze Menschengeschlecht zum Patienten zu haben, das andere, 
weil schließlich sich alles so abspielte, wie es nach den Voraus- 
setzungen der Psychoanalyse geschehen mußte. 

Überschaut man nochmals die beschriebenen Widerstände 
gegen die Psychoanalyse, so muß man sagen, nur ihr kleinerer 
Anteil ist von der Art, wie er sich gegen die meisten wissen- 
schaftlichen Neuerungen von einigem Belang zu erheben pflegt. 
Der größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der 
Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind. Das- 
selbe erfuhr ja auch die Darwinsche Deszendenztheorie, welche 
die vom Hochmut geschaffene Scheidewand zwischen Mensch und 
Tier niederriß. Ich habe auf diese Analogie in einem früheren kurzen 
Aufsatz („Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse", Imago 1917) hin- 
gewiesen. Ich betonte dort, daß psychoanalytische Auffassung vom 
Verhältnis des bewußten Ichs zum übermächtigen Unbewußten 
eine schwere Kränkung der menschlichen Eigenliebe bedeute, die 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 235 

ich die psychologische nannte und an die biologische Kränkung 
durch die Deszendenzlehre und die frühere kosmologische durch 
die Entdeckung des Kopernikus anreihte. 

Auch rein äußerliche Schwierigkeiten haben dazu beigetragen, 
den Widerstand gegen die Psychoanalyse zu verstärken. Es ist 
nicht leicht, ein selbständiges Urteil in Sachen der Analyse zu 
gewinnen, wenn man sie nicht an sich selbst erfahren oder an 
einem anderen ausgeübt hat. Letzteres kann man nicht, ohne eine 
bestimmte, recht heikle Technik erlernt zu haben, und bis vor 
kurzem gab es keine bequem zugängliche Gelegenheit, die Psycho- 
analyse und ihre Technik zu erlernen. Das hat sich jetzt durch 
die Gründung der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik und Lehr- 
anstalt (1920) zum Besseren gewendet. Bald nachher (1923) ist 
in Wien ein ganz ähnliches Institut ins Leben gerufen worden. 

Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage 
aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein 
Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt 
gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser 
Art ist nur selten laut geäußert worden; wir sind leider so 
argwöhnisch geworden, daß wir nicht umhin können zu vermuten, 
der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Es ist viel- 
leicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psycho- 
analyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es 
ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Ver- 
einsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, 
das dem Juden vertrauter ist als einem anderen. 



Imago XI. i6 






Die okkulte Bedeutung des Traumes 

Von 

Sigm. Freud 



Der im Druck befindliche III. Band 
der „Gesammelten Schriften" von 
Sigm. Freud enthält zum Teil noch 
unveröffentlichte „Ergänzungen 
und Zusatzkapitel zur Traumdeutung" . 
Einer dieser Beiträge gelangt hier zum 
Abdruck. (Anmerkung des Verlages.) 

Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende abzusehen 
ist, so kann sich nur der darüber verwundern, der eben vergißt, 
daß alle Probleme des Seelenlebens auch am Traume wiederkehren, 
vermehrt um einige neue, die die besondere Natur der Träume 
betreffen. Viele der Dinge, die wir am Traum studieren, weil sie 
sich uns dort zeigen, haben aber mit dieser psychischen Besonder- 
heit des Traumes nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die Sym- 
bolik kein Traumproblem, sondern ein Thema unseres archaischen 
Denkens, unserer „Grundsprache" nach des Paranoikers Schreber 
trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus und das religiöse 
Ritual nicht minder als den Traum; kaum daß der Traumsym- 
bolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell Bedeutsames zu 
verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine Aufklärung nicht 
von der Traumlehre zu erwarten, die Angst ist vielmehr ein 
Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den 
Bedingungen des Träumens entstehen kann. 



Die okkulte Bedeutung des Traumes 2 sc * 

Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den 
angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders. 
Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnisvolles war hat 
man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in intime 
Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches Anrecht 
darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie sich bildete 
mögen die Traumbilder an der Entstehung der Seelenvorstellungen 
beteiligt gewesen sein. 

Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den okkulten 
Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen und die tele- 
pathischen. Für beide spricht eine unübersehbare Masse von Zeug- 
nissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung, wenn man will, 
das Vorurteil der Wissenschaft. 

Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr Inhalt 
irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet allerdings keinen 
Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vorhersagen in irgend be- 
merkenswerter Weise mit dem übereinstimmen, was später wirk- 
lich geschieht. Ich gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz 
der Unparteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychi- 
schen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung möglich 
sein sollte, das zukünftige Geschehen im Einzelnen vorauszusehen, 
widerspricht einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellungen 
der Wissenschaft und entspricht anderseits allzu getreu uralten, 
wohlbekannten Menschheitswünschen, welche die Kritik als unbe- 
rechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man 
die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwürdigkeit der 
meisten Berichte zusammenhält mit der Möglichkeit affektiv er- 
leichterter Erinnerungstäuschungen und der Notwendigkeit einzel- 
ner Zufallstreffer, darf man erwarten, daß sich der Spuk der 
prophetischen Wahrträume in ein Nichts auflösen wird. Persönlich 
habe ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vor- 
urteil erwecken könnte. 



16' 



25 6 Sigm. Freud 



Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier sei aber 
vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat, das telepa- 
thische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen Vorganges 
in einer Person durch eine andere auf anderem Wege als dem 
der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich an den Traum ge- 
bunden. Die Telepathie ist also wiederum kein Traumproblem, 
man braucht sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium 
der telepathischen Träume zu schöpfen. 

Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkommnisse 
(ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit der man 
andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so behält man doch 
ein ansehnliches Material übrig, das man nicht so leicht vernach- 
lässigen kann. Auch gelingt es auf diesem Gebiet weit eher, eigene 
Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln, die eine freundliche 
Einstellung zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich 
sie für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch nicht 
ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könnte 
wohl sein, daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie den 
Wahrheitskern von vielen anderen, sonst unglaublichen Aufstellungen 

bildet. 

Man tut gewiß Recht daran, wenn man auch in Sachen der 
Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig verteidigt und nur 
ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht. Ich glaube ein 
Material gefunden zu haben, welches den meisten sonst zulässigen 
Bedenken entzogen ist: nicht erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger 
Wahrsager. Leider stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen 
zu Gebote, aber zwei unter diesen haben mir einen starken Ein- 
druck hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mitzu- 
teilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich muß mich 
auf die Hervorhebung einiger wesentlicher Punkte beschränken. 

Den betreffenden Personen war also — am fremden Ort und 
von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgendeine, wahr- 



Die okkulte Bedeutung des Traumes 2S7 

scheinlich gleichgültige, Praktik betrieb — etwas für eine bestimmte 
Zeit vorhergesagt worden, was nicht eingetroffen war. Die Ver- 
fallszeit der Prophezeiung war längst vorüber. Es war auffällig 
daß die Gewährspersonen anstatt mit Spott und Enttäuschung 
mit offenbarem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im 
Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich ganz 
bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und unverständlich schienen, 
die eben nur durch ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären. 
So sagte z. B. der Chiromant der Siebenundzwanzigjährigen, aber 
viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte, 
sie werde noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren zwei 
Kinder haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt, als sie, 
schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer Analyse 
erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre Geheim- 
geschichte kannte, die dem „Professeur" in der Halle des Pariser 
Hotels sicherlich unbekannt geblieben war, konnte man die beiden 
Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das Mädchen hatte nach einer 
ungewöhnlich intensiven Vaterbindung geheiratet und sich dann 
sehnlichst Kinder gewünscht, um ihren Mann an die Stelle des 
Vaters rücken zu können. Nach jahrelanger Enttäuschung, an der 
Schwelle einer Neurose, holte sie sich die Prophezeiung, die — 
ihr das Schicksal ihrer Mutter versprach. Auf diese traf es zu, 
daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So 
war es also nur mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigen- 
tümlichkeiten der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft 
sinnvoll zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so ein- 
deutig bestimmten Sachverhalt nicht besser aufklären als durch 
die Annahme, ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirk- 
lichkeit der stärkste unbewußte Wunsch ihres Affektlebens und 
der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch unmittel- 
bare Übertragung dem mit einer ablenkenden Hantierung beschäf- 
tigten Wahrsager kundgegeben. 



25 8 Sigm. Freud: Die okkulte Bedeutung des Traumes 

Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wiederholt 
den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark affektiv 
betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man sich, die 
Einfälle der Person, auf welche übertragen werden soll, einer 
analytischen Bearbeitung zu unterziehen, so kommen oft Überein- 
stimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich geblieben wären. 
Aus manchen Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, 
daß solche Übertragungen besonders gut in dem Moment zustande 
kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten auftaucht, 
theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Primärvorgang" in 
den „Sekundärvorgang" übergeht. 

Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des 
Gegenstandes gebotenen Vorsicht, hielt ich es doch nicht mehr 
für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Tele- 
pathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so viel 
zu tun: Wenn es telepathische Botschaften gibt, so ist nicht ab- 
zuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und von ihm 
im Traum erfaßt werden können. Ja nach der Analogie mit 
anderem Wahrnehmungs- und Gedankenmaterial darf man es auch 
nicht abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des 
Tages aufgenommen wurden, erst im Traum der nächsten Nacht 
zur Verarbeitung kommen. Es wäre dann nicht einmal ein Ein- 
wand, wenn das telepathisch vermittelte Material im Traum wie 
ein anderes verändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne 
mit Hilfe der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über 
die Telepathie erfahren. 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die 

soziale Fürsorge 

Vortrag in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 2J. Februar IJ2A 

Von Caroline Newton (Philadelphia, U. S. A.) 

Im Mai 1923 fand der fünfzigste nationale Kongreß der amerikani- 
schen Fürsorger statt; 4187 Menschen versammelten sich in Washington, 
um über soziale Probleme zu lehren und zu lernen und weitere Anregungen 
zu holen. Man kann getrost behaupten, daß alle die Führer dieser großen 
Bewegung, die meiner Ansicht nach zu den wenigen hoffnungsvollen Er- 
scheinungen oder vielleicht besser gesagt Symptomen der amerikanischen 
Kultur gehört, sich dessen bewußt sind, daß der Name von Prof. Freud 
und der Begriff der Psychoanalyse eine mächtige zeitgenössische Strö- 
mung von höchster Bedeutung für das Schicksal des einzelnen und die 
Wohlfahrt der Gesamtheit, d. h. von größter Wichtigkeit für ihre Arbeit 
sind. Daß sich bei den Repräsentanten dieser Bewegung ein starkes und 
ernstes Interesse zeigt, hat mir meine eigene Erfahrung in zwei Städten 
und zwei Fürsorgeschulen, meine Arbeit als Fürsorgerin in der Familien- 
fürsorge, in der ärztlichen und in der Kinderfürsorge reichlich bewiesen. 
Ja, ich selbst verdanke meine ersten Kenntnisse in der Analyse einem Kurs 
in der ältesten Fürsorgeschule Amerikas, wo über sie vor sechs Jahren — 
ich glaube, zum erstenmal — vorgetragen wurde. Und wenn auch vieles 
fehlte, war doch der Begriff des Unbewußten und der der Verdrängung, 
sowie die Rolle der Sexualität ziemlich klar dargestellt. Dieser Kurs wurde 
seither erweitert und vor drei Jahren behauptete Dr. Glück nach einer 
mündlichen Mitteilung, daß mehr Psychoanalyse an der New York School of 
Social Work gelehrt würde wie an irgendeiner anderen medizinischen 
Schule im Lande. Das schönste Beispiel von dem großen Interesse das mir 
bekannt ist, war, daß vor vier Jahren The Pennsylvania School for Social 



2 »o Caroline Newton 



Service — eine verhältnismäßig junge und unbemittelte Schule — mit 
großer Mühe so viel Geld aufbrachte, um einen Kurs für Ärzte von New 
York, Boston und Baltimore abhalten zu können. Jefferson Medical School 
und The Medical School of the University of Pennsylvania sind noch un- 
berührt vom Begriff der Sexualität und es gehörte etwas Mut dazu, für 
zwei Fürsorgerinnen einen solchen Kurs durchzusetzen. 

Ich habe nicht die Absicht, Ihnen mit der notorischen amerikanischen 
Oberflächlichkeit — diesen Vorwurf muß ich nach dreijährigem Aufenthalt 
in Europa leider als meistens berechtigt finden — die Tätigkeit der 4187 Für- 
sorger in einer Stunde erschöpfend zu schildern, doch muß ich Ihnen 
etwas Allgemeines über die Geschichte, die Arbeit und die Zwecke dieser 
Fürsorge mitteilen, damit Sie verstehen können, auf welchem Gebiet ich 
künftig die Analyse anwenden möchte und in welcher Weise. 

Die amerikanische Fürsorge ist aus der englischen hervorgegangen und 
da es bis zum Kriege in England und vor allem in London die größten 
Gegensätze gab, die größten Vermögen und die größte Armut, ist es viel- 
leicht natürlich, daß die Fürsorge mit Almosen, mit pekuniärer Hilfe 
begann, zum Teil als Abreagieren von unbewußtem Schuldgefühl, 
zum Teil, weil es der leichteste Weg der Hilfe ist. Dies hat sich dann 
in Amerika auf die ganze Bewegung Charity Aid Societies usw., teilweise 
aus historischen Gründen, aber gewiß auch, weil dieselben Faktoren auch 
dort vorherrschend sind, übertragen. Man sieht einen tuberkulösen Vater 
und hungernde Kinder und es bedarf einer gewissen Selbstbeherrschung 
und Voraussicht, einer sicheren psychologischen Einstellung, um nicht so- 
fort mit materieller Hilfe einzugreifen. Einer der mächtigsten Widerstände 
gegen die analytische Einstellung, vielleicht der allerstärkste, tritt uns hier 
schon entgegen, denn der Weg von den Not leidenden Kleinen zu den 
unbewußten Wurzeln des Übels, die sogar in solchen Fällen oft die wichtigsten 
sind, ist, wie jedem Analytiker bekannt ist, ein langer und schwieriger. 

Die Fürsorge war zuerst und sie ist noch heute in hohem Grade eine rein 
praktische Angelegenheit. Zum Teil ist das soziale Gewissen etwas auf- 
gemuntert worden (erwacht, wäre schon zuviel gesagt), zum Teil haben 
die Tatsachen, Realitäten einer Republik und die öffentlichen Schulen auf 
die große Menge gewirkt und ein schon bewußtes Verlangen nach an- 
ständigen Lebens- und Arbeitsverhältnissen zustande gebracht. 

So hat sich aus den ersten tastenden Anfängen vor etwa fünfzig Jahren 
nach und nach die heutige Fürsorge entwickelt. Die Erfahrung lehrte bald, 
daß den Menschen mit Geld allein nicht gedient ist, die Familie, der 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 241 

man heute zehn Dollar gegeben hatte, war nächste Woche in derselben 
elenden Lage wie vor dem mehr oder weniger komplexbetonten Almosen. 
Die Fürsorge mußte sich also verinnerlichen und mehr und mehr den 
ganzen Menschen berücksichtigen. Man erkannte, daß die Kinder einer 
besonderen Behandlung und eines besonderen Verständnisses bedürfen und daß 
dazu die Fürsorgerinnen — sie sind in überwiegender Zahl Frauen — eine 
besondere Vorbildung haben müssen, und so gründete man Ckildren's Aid 
Societies, Societies to Protect Chüdren from Cruelty, Little Wanderers usw. 
und zahlreiche Heimstätten, Kindergärten und Krippen verschiedenster Art. 
Man erkannte, daß die Kinder bei den allgemeinen Gerichtshöfen und in 
deren Gefängnissen unsagbar schlechten Verhältnissen ausgesetzt seien und 
schuf besondere Jugendgerichtshöfe mit angeschlossenen Heimstätten für 
gefährdete Kinder, wo bald die Einsicht, daß das Verbrechen viel mehr 
als Symptom denn als Sünde zu betrachten sei, sich durchsetzte und durch 
die dort angestellten Fürsorger sich ausbreitete. Man erkannte ferner, daß 
mit Medikamenten allein viele Kranke nicht geheilt werden könnten und 
so begann man, Hospital Social Service Departements einzurichten. Aus 
diesen letzteren wuchsen sehr bald die berühmten Mental Hygiene Clinics 
hervor, die bald für sich zu einer großen und besonders vom psycho- 
analytischen Standpunkt bedeutenden Bewegung, im Bahmen der allge- 
meinen Fürsorge, sich entwickelten. Die Sache wuchs. Fürsorgeschulen 
wurden gegründet, nicht nur die Fürsorger, sondern auch das Publikum 
mußte erzogen werden, publicity campaigns wurden durchgeführt. 1902 
wurde der erste große Kampf gegen die Tuberkulose unternommen, und 
zwar nicht von Ärzten, sondern von The New York Charity Organization 
Society. Es würde zu lange Zeit in Anspruch nehmen und könnte doch 
nicht mehr als einen oberflächlichen Begriff geben, wollte ich Ihnen zu 
zeigen versuchen, in welchem Maße diese Fürsorgebewegung sich jetzt aus- 
gebreitet hat und wie weit sie sich in die ganze Struktur des amerikani- 
schen Lebens eingeprägt hat. Wir finden heute überall Fürsorger. Es haben 
nicht allein die großen Städte ihre Charity Organization Societies, allerlei 
Einrichtungen für die Kinderfürsorge, Jugendgerichtshöfe, Spitäler und 
Irrenanstalten ihre Fürsorger, sondern die Fürsorge hat sich auch in den 
mehr zum normalen Leben gehörigen Institutionen wie Industrie, Fabriken, 
Schulen und Kirchen durchgesetzt. 

Welch ein Geist lebt nun in diesem Koloß? 1917 wurde ein grund- 
legendes Buch, betitelt „Social Diagnosis", von Mary E. Bichmond, einer 
der ältesten und erfahrensten Fürsorgerinnen, geschrieben und von The 



2J.2 Caroline Newton 



Reissei Sage Fundation publiziert. Wie ein roter Faden zieht sich durch 
dieses geistvolle Buch, das als Lehrbuch in allen Schulen verwendet und 
in der Tat von allen Fürsorgern gelesen wird, der eine Gedanke: die An- 
passung des Menschen an seine Umgebung. Setzt man nun an Stelle 
von Umgebung Realität ein, so findet sich der Analytiker auf wohl- 
bekanntem Gebiet. Als weitere Grundgedanken treten auf: die größtmögliche 
Entwicklung des Einzelnen wie der Gesamtheit. Man findet also die rein 
äußerliche Phase schon völlig überwunden, das Psychologische spielt schon 
die Hauptrolle. Diese Einstellung des B'ürsorgers hat sich so weit entwickelt, 
daß in einzelnen Fällen vorgeschrittene Ärzte die Tätigkeit eines Fürsorgers 
für wohlhabende und kulturell hochstehende Familien in Anspruch nehmen. 
Die notwendigen Qualifikationen eines Fürsorgers nehmen allmählich den 
Charakter des Berufsmäßigen an. Statt des wohlmeinenden Spenders von 
Almosen sehen wir mehr und mehr einen geschulten Sachverständigen vor 
uns. Es ist sogar anzunehmen, daß in absehbarer Zeit aus der Fürsorge 
ein Beruf wie der des Arztes oder Rechtsanwaltes werden wird. 

Und das Verhalten zur Psychoanalyse? Am Ende von Prof. Freuds Buda- 
pester Vortrag 1 finden wir, daß er voraussieht, daß die „splendid isolation" 
der Analyse aufgegeben sein wird und die „seelische Hilfeleistung mit mate- 
rieller Unterstützung vereinigt sein könnte". Mir scheint, daß die Fürsorge, 
wie wir sie in Amerika entwickelt haben, wo die Technik der materiellen 
Unterstützung eine intelligente, auf psychologischer Basis ruhende ist und 
wo schon ein großes, der Not entspringendes Interesse an der Analyse vor- 
handen, ein geeigneter Boden für dieses Zusammenwirken ist. 

Und dieser Boden ist so gut vorbereitet, weil der Fürsorger aus seinem 
täglichen und stündlichen Kontakt mit der Realität heraus sich immer 
wieder fragen muß, mit welchen Mitteln er arbeiten soll, warum Maß- 
nahmen, die in der Mehrzahl von Fällen gut wirken, unter anderen, schein- 
bar gleichen Umständen versagen, weil er aus der Erfahrung schon das 
Unbewußte und den Widerstand fühlt und ahnt, und er nur die psycho- 
analytische Lehre benötigt, die ihn von seinen tastenden Versuchen zum 
sachlichen Verständnis führen kann. 

Denn wenn wir die Aufgabe der Fürsorge als die Anpassung des im Leben 
irgendwie versagenden und zu uns um Hilfe kommenden Menschen an die 
Realität betrachten, wissen wir, daß wir mit Übertragung und Widerstand 

*) »Wege der psychoanalytischen Therapie" (Freud, Gesammelte Schriften, Bd. VI, 
S. 136 ff.). 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 245 

zu tun haben werden. Wir finden überall in der Literatur der Fürsorge 
das Bedauern, daß die Psychologie so wenig Licht auf unsere Probleme 
wirft. Das einzige, das die Fürsorge meines Wissens der akademischen 
Psychologie zu verdanken hat, sind die Intelligenzprüfungen. Diese 
spielen heute eine große und gewiß sehr wichtige Rolle. Sie beschränkt 
sich aber zum großen Teil auf die Diagnose. Wenn wir festgestellt haben, 
daß das zurückgebliebene Kind schwachsinnig oder minder intelligent ist, 
so bleibt das Problem der Therapie noch unberührt. Wertvoll ist es aller- 
dings zu wissen, ob wir es mit einem Menschen von guter oder hervor- 
ragender Intelligenz zu tun haben. Die Prüfungen für besondere Begabungen 
haben gleichfalls ihren Wert, aber ein so hervorragender Psycholog und Be- 
obachter des amerikanischen Lebens wie John De wey bedauert, daß unser 
psychologisches Interesse sich so ausschließlich auf dieses Gebiet geworfen 
hat. Das Licht, das die Analyse auf diese Intelligenzprüfungen, bei denen 
der Affekt gar nicht berücksichtigt wird, wirft, ist ein interessantes Kapitel, 
das mehr Beachtung für sich selbst verdienen würde. 

Der Weg der Anwendung der Psychoanalyse auf die Fürsorge wird ein 
dreifacher sein: Die Diagnose, die Therapie und die Erziehung. Ob- 
wohl die drei sich sehr kreuzen, wollen wir doch versuchen, sie bis zu 
einem gewissen Grad einzeln zu untersuchen. 

Erschrecken Sie bitte nicht über das Wort Diagnose. Die Fürsorge hat 
schon längst dieses Wort von der Medizin geborgt und wir verstehen dar- 
unter eine soziale Einschätzung, nicht einen ärztlichen Befund. Ich 
meine nun, daß nur mit analytischer Einsicht eine richtige soziale Diagnose 
möglich ist. Das Moment der Realitätsprüfung, das wir der Analyse zu 
verdanken haben, wird hier unser Leitfaden sein und eine so große Rolle 
spielen, daß wir sie heute kaum einzuschätzen wissen. Dr. Southard von The 
Boston Psychopathie Hospital hat einmal das oben erwähnte „Social Diagnosis" 
gelesen und nachher die Bemerkung gemacht, daß die Hälfte der darin 
beschriebenen Falle psychopathisch sei. Wenn ich jetzt mit analytischem 
Auge zurückschaue, scheint meine Erfahrung das zu bestätigen. 

Wenn ich von Realitätsprüfung in Bezug auf soziale Diagnose spreche, 
meine ich etwa folgendes. So wie jeder unbewußte Widerstand sich an 
irgendein reales Trauma anknüpft, so hat auch jede reale Versagung und 
Schwierigkeit ihre unbewußten Wurzeln. Diese Tatsache, die für den Ana- 
lytiker das Selbstverständlichste ist, ist aber für den Fürsorger neu und 
noch schwer zu begreifen. Doch ist es unerläßlich, daß er sich mit ihr 
vertraut macht und ihre Anwendung lernt. Denn dem Menschen, der mit 



244 Caroline Newton 



schweren unbewußten Konflikten ringt, kann nur durch Behandlung seines 
Unbewußten gedient sein. Die erste Aufgabe des psychoanalytisch geschulten 
Fürsorgers muß es nun sein, zu erkennen, ob die Schwierigkeiten seines 
Klienten von seiner unbewußten Einstellung ihnen gegenüber abhängen 
oder ob sie von seinen realen Problemen kommen. Wenn man sich ge- 
wöhnt hat, diese Einstellung zu den Menschen einzunehmen, wird man 
unterscheiden lernen, welchen Leuten die allgemeine Fürsorge helfen kann 
und welche einer besonderen psychoanalytischen Behandlung bedürfen. 
Man hat gelernt, die physischen, sozialen und sogar auch die psychischen 
Schwierigkeiten eines Menschen einzuschätzen, jetzt fordern die Fortschritte 
unserer neuen Wissenschaft, daß man auch die unbewußten Probleme 
kennen und einschätzen lernt und, obwohl dies seiner Natur nach das 
Schwierigste sein wird, muß man doch verlangen, daß wir aufhören, un- 
bewußte Probleme anders als mit einer Therapie des Unbewußten zu be- 
handeln. So menschenfreundlich es auch klingen mag, wenn man liest, 
daß eine Fürsorgerin stundenlang in der größten Kälte mit einem trunk- 
süchtigen Menschen spazieren gegangen ist, um ihn instand zu setzen, den 
nächsten Tag wieder arbeiten zu können, leben wir aber doch zu sehr in 
einem Zeitalter der Wissenschaft und des Fortschritts, um solche primitive 
Methoden zuzulassen. Wenn unsere Fürsorger die richtigen lernen werden, 
dann werden bedeutende Ersparnisse an Zeit, Energie und Geld sich ein- 
stellen. 

In allen mir bekannten Fürsorgearten gibt es allwöchentlich Komitee- 
sitzungen, deren Hauptzweck die Beratung besonders schwieriger Fälle ist. 
Man kann bei solchen Sitzungen einen sehr guten Überblick über das 
Arbeitsfeld der betreffenden Vereinigung bekommen. Ich möchte nun die 
kühne Behauptung wagen, daß 75 Prozent dieser Fälle Probleme für den 
Psychiater, Psychoanalytiker oder besonders für den psychoanalytisch geschulten 
Fürsorger sind. Das heißt, daß dann der sadistische Mann, der Frau und Kinder 
mißhandelt, das vom Prostitutionskomplex behaftete junge Mädchen oder die 
Familie, die trotz aller Hilflosigkeit und Not aus Eigensinn keinen Bat an- 
nehmen will, alle diese Menschen werden eine Diagnose auf der Basis ihrer 
psychischen Einstellung bekommen und so, obwohl gerade der Psychoanalytiker 
weiß, wie schwierig ihre Behandlung ist, wird wenigstens der erste rechte 
Schritt, die Erkenntnis des Problems, viele eitle Mühe ersparen. 

Ich möchte im Vorübergehen erwähnen, daß die Diagnose, wie sie bei 
uns gestellt wird, ein sehr komplizierter und eigenartiger Prozeß ist. Um 
ein richtiges Bild von unserem Klienten zu bekommen, besuchen wir seine 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 245 

Familie und alle Angehörigen. Die absolute Notwendigkeit des Verständ- 
nisses der psychischen Struktur einer Familie und der Rolle der Ambi- 
valenz für diesen Zweck brauchen hier nur erwähnt zu sein. 

Ein glückliches Beispiel einer richtigen Diagnose, die auf dem Ver- 
ständnis der Rolle des Unbewußten beruht, steht mir zur Verfügung. Ein 
junger Ehemann kam in größter Verzweiflung zu einem Gerichtshof in 
Philadelphia. Die Parteien sprechen immer zuerst mir Fürsorgerinnen. Der 
Mann, der einen äußerst anständigen Eindruck machte, klagte, daß seine 
Frau seit zwei Monate mit ihm nichts zu tun haben wolle. Sie sei vor 
zwei Monaten wegen der Entbindung zu ihrer Mutter gegangen und seit 
der Geburt des Kindes wolle sie nicht nur nicht zurückkommen, sondern 
habe ihrem Mann das Haus verboten und erlaube ihm nicht, sein kleines 
Töchterchen zu sehen. Eine Ursache für dieses Benehmen wußte er nicht. 
Ihre Ehe war immer eine glückliche gewesen. Er konnte die Sache durch- 
aus nicht verstehen. Die Fürsorgerin ließ nun die Frau kommen. Sie war 
sehr verschlossen und ärgerte sich über jede Frage, aber da der Gerichts- 
hof hinter der Fürsorgerin stand, gelang es ihr doch, folgende Geschichte 
herauszubekommen : Nein, sie hatte ihren Mann seit der Geburt des Kindes 
nicht mehr gesehen und würde ihn auch nie wieder sehen. Er sollte auch 
das Kind sein Lebtag nicht erblicken. Schließlich verstand sie, daß sie eine 
Ursache für ein solches Benehmen angeben müsse und unter großem Wider- 
stand erzählte sie, daß ihr Mann sie sexuell mißbrauchte. Die Fürsorgerin 
versicherte sie, daß, wenn das wahr sei, sie nicht mit dem Mann leben müßte, 
schickte sie nach Hause und ließ den Mann kommen. Als er wiederholt er- 
klärte, daß er keine Ursache für das Benehmen seiner Frau wisse, erzählte 
ihm die Fürsorgerin die Geschichte der Frau. Die vollkommene Verblüffung 
des Mannes war nicht zu mißdeuten. Er erzählte dann mit großem Affekt, 
daß ihre Ehe nur durch die übertriebene Leidenschaft der jungen Frau 
getrübt worden sei, daß sie jede Nacht wiederholt den Sexualakt verlangte 
und daß er nie wußte, wie er sich gegen sie schützen sollte. Die Für- 
sorgerin hatte große Erfahrung mit Menschen, sie fühlte, daß der Mann 
die Wahrheit sprach. Sie hatte viel von der Rolle der Verdrängung und 
der Projektion gehört und vermutete, daß die Frau ihre eigenen Gelüste 
auf den Mann projiziere. Ihre Vermutung — der weitere Prozeß ist gleich- 
gültig — wurde durch einen Psychiater bestätigt, ein Fall von Paranoia 
wurde so richtig erkannt und behandelt. 

Und die Therapie? So wichtig auch das analytische Verständnis für 
die Formulierung einer richtigen sozialen Diagnose sein mag, ist es uner- 



246 Caroline Newton 



läßlich für jede Art von zweckmäßiger sozialer Behandlung, daß der Für- 
sorger weiß, was Übertragung und Widerstand sind, und fähig ist, sie 
zu beherrschen und zu gebrauchen, und daß er etwas von Identifizierung 
und Idealbildung versteht. Der größte Teil unserer Mißerfolge — ich 
spreche freilich nur von den richtig diagnostizierten Fällen — ist darauf 
zurückzuführen, daß wir diese Faktoren nicht gekannt haben. Wie gut 
erinnere ich mich einer armen Negerfrau, deren Mann sie und vier kleine 
Kinder verlassen hatte. Wir hatten ein gutes Heim für die zwei ältesten 
Knaben gefunden und ich wurde geschickt, ihr dieses anzubieten. Unsere 
amerikanischen Neger hängen besonders stark an ihren Kindern. Schließlich 
gelang es mir, sie zu bewegen, sich von den Knaben zu trennen, aber nur 
auf dem Weg einer nicht gerade leicht gewonnenen Übertragung. Die Zu- 
mutung, daß sie auf meinen Rat die Kinder wegschicken sollte, war nicht 
ganz so stark, wie sie klingt, denn die Familie war schon die längste Zeit 
in unserer Fürsorge gewesen, nur ich war ihr ganz unbekannt. Ich erinnere 
mich auch sehr gut, daß nach meiner Abreise die arme Frau sich weigerte, 
die Kinder wegen kranker Mandeln operieren zu lassen, an die Unzufrieden- 
heit des Vereines und an das Erstaunen, daß nach meiner Rückkehr die 
Sache glatt gegangen ist. 

Dieses Beispiel ist etwas kraß. Ich meine, die meisten Fürsorger wissen 
heute ziemlich gut, daß der Erfolg ihrer Arbeit zum großen Teil von den 
persönlichen Beziehungen zwischen ihnen und ihren Klienten abhängt. 
Nur wissen sie wenig Wissenschaftliches von der wichtigen Rolle des 
Affektes im Gegensatz zum bloßen Verstand, wissen nicht, daß das Ver- 
hältnis von dem, der hilfsbedürftig ist, zu dem, der die Autorität und das 
Vermögen zur Hilfeleistung hat, eine Übertragung aus der Ödipus-Einstellung 
sein muß, ohne welche Einsicht ihr Verfahren immer unwissenschaftlich 
und vom Zufall abhängig sein wird. 

Sehen wir uns ein paar Fälle an. In einem neuen Buch von Miß Rich- 
mond „fVhat is Social CaseJVork?" finden wir eine lange und eingehende 
Beschreibung eines Mädchens namens Marie Bielowski, einer Polin, fünf- 
zehn Jahre alt, die wegen Diebstahls vor Gericht kam. Man fand nach einer 
eingehenden Recherche, daß der Vater des Kindes tot war, die Stiefmutter 
kaum zehn Worte Englisch sprechen konnte, daß aber das Mädchen allen 
schlechten Verhältnissen zum Trotz bisher mit sehr gutem Erfolg studiert 
hatte und bei seinen Kolleginnen beliebt war. An Stelle einer Strafe wurde 
es unter die Aufsicht einer Fürsorgerin, „probation ofßcer , gestellt. Miß 
Richmond schildert ein schmutziges, verwahrlostes Kind, mit schmierigen 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 247 

Kleidern und verlaustem, falschem Haar, das sich innerhalb von vier Jahren 
dank der Arbeit der Fürsorgerin zu einem anständigen, vertrauenswürdigem 
Mädchen entwickelte. Es wurde ihm der Besuch guter Schulen ermöglicht, 
ebenso Sommeraufenthalt auf dem Lande, aber Miß Richmond betont daß 
das Wichtigste, das die Veränderung und Entwicklung herbeigeführt hatte der 
Einfluß der Fürsorgerin war. Meine Herren und Damen, ich bin mir wohl 
bewußt, daß ich Ihnen hier eine sehr banale Tatsache erzähle, aber ich habe 
diesen Fall absichtlich gewählt, weil alljährlich tausende solcher Probleme be- 
handelt werden und weil ich mehrere gedruckte Seiten vor mir habe, wo eine* 
sehr intelligente Frau versucht, eine Lösung zu finden, ohne zu einem 
befriedigenden Ergebnis zu gelangen, was jedem Analytiker glatt gelingen 
würde. Das Mädchen hat eine gelungene Identifizierung mit einer Mutter- 
Imago vollzogen und ist dadurch von ihrer Dissozialität geheilt worden. 
Die Schilderung der Behandlung will ich Ihnen ersparen, aber ein inter- 
essantes Detail kann ich mir nicht versagen. Marie kam eines schönen 
Tages mit einem zerrissenen Kleid. Statt recht streng zu sein, machte die 
Fürsorgerin nur eine Bemerkung, fügte aber hinzu, daß sie selbst ein Loch 
im Strumpf vernachlässigt habe. Die Identifizierung konnte gelingen, weil 
das Ideal nicht zu hoch war. 

Aber nehmen wir einen komplizierteren Fall, der mir selbst bekannt 
war, den ich aber erst jetzt verstehe. Es handelte sich hier um ein kleines, 
elfjähriges Mädchen, das hereditär schwer belastet war und unter den 
schlechtesten Umständen lebte. Der Vater war ein moralisch verkommener 
Säufer, der an Delirium tremens starb. Die Mutter, die das Kind haßte, 
heiratete wieder, und zwar einen äußerst brutalen Mann, der das Kind 
gleichfalls nicht leiden konnte. Es litt an kongenitaler Syphilis, die Augen, 
Ohren und Nase geschädigt hatte, es hatte Chorea und infantile Paralyse 
gehabt, war unterernährt und vielleicht tuberkulös; die Hauptklagen waren 
aber Enuresis und Masturbation. Was sollte mit dem Kind geschehen? Inner- 
halb zweier Jahre war es in elf Spitälern und Kinderheimen gewesen. Ich 
brachte es auf dem Lande unter, wo es Milch und reichliche Kost be- 
kommen konnte, während zahlreiche, verschiedene ärztliche Behandlungen 
angefangen wurden. Die Frau wollte die Kleine wegen ihrer verschiedenen 
Unarten nicht behalten. Wir zerbrachen uns den Kopf, bis plötzlich ein 
neuer Faktor eintrat. Berta klagte über Schmerzen in der rechten Seite, 
wie es schon einmal der Fall gewesen war, was aber vernachlässigt worden 
war neben den vielen anderen Beschwerden. Man meinte, daß eine Blind- 
darmentzündung vorlag. Ich führte sie in ein sehr gutes Spital und über- 



248 Caroline Newton 



ließ sie einer intelligenten und kinderliebenden Pflegerin. Am nächsten 
Tage sprach ich mit dem Chirurgen. „Ganz unnötig, es fehlte gar nichts, 
wir haben den Blinddarm nur entfernt, weil der Schnitt schon gemacht 
war , lautete seine Auskunft. Meine Herren und Damen, es wird Sie viel- 
leicht nicht wundern, wenn Sie hören, daß Berta nach dieser Operation 
und während des darauf folgenden Spitalsaufenthaltes sich so gut benahm, 
daß die Pflegerinnen und die anderen Kinder sie liebgewannen, und daß 
diese scheinbar zwecklose Operation den Wendepunkt in dem Leben des 
Kindes bildete. Der Fall liegt mir gedruckt vor, veröffentlicht von einem 
bekannten Psychologen. Es wird Sie vielleicht interessieren, daß die Tat- 
sache, daß das Kind gar keine Blinddarmentzündung gehabt hat, in der 
Schilderung des Falles vergessen worden ist. Ich aber, die ich die Verant- 
wortung zu tragen hatte, irre mich nicht. 

Wenn ich von dem erzieherischen Wert der Psychoanalyse auf diesem 
Gebiet spreche, nehme ich das Wort Erziehung in seinem weitesten 
Sinn, wie übrigens man gewöhnt ist, es in der Fürsorge zu tun, und knüpfe 
daran einen Satz aus Dr. Ranks „Das Trauma der Geburt" : „Ist es doch 
kein Zufall, daß die Psychoanalyse, sobald sie sich aus einem therapeuti- 
schen Verfahren zur Lehre vom unbewußten Seelenleben zu entwickeln 
begann, fast gleichzeitig von ihrem medizinischen Ursprung abweichend, 
nahezu auf alle Geisteswissenschaften befruchtend eingriff. 

Man könnte sagen, daß die Entwicklung der analytischen Bewegung sich 
in nuce im Rahmen der Fürsorgebewegung in Amerika praktisch wieder- 
holt. Das Interesse hat mit der psychiatrischen Fürsorge begonnen, also 
mit der Therapie, man kann aber schon deutliche Anzeichen, daß es über 
dieses Gebiet hinauszugehen beginnt, bemerken. Eines der interessantesten 
ist das Gebiet der Arbeiterprobleme: Kapital und Arbeit und Streiks. 
Schon zu Anfang des Krieges schrieb Carlton Parker, dessen früher Tod 
die Sache eines wertvollen Mitarbeiters beraubte, einen psychoanalytisch 
sehr interessanten Aufsatz über die I. W. W. (The International Workers 
of The World), der großes Aufsehen erregte und lebhaft besprochen wurde. 
Die ganze Einstellung zu den Roten (Sozialisten) und Bolschewiken, die 
zu den schändlichen Deportationen im Jahre 1919 führte, zeigt nur in 
großen Zügen die hysterische Angst, die unter den Kapitalisten sehr aus- 
gebreitet ist. Es bedarf nur eines oberflächlichen analytischen Blickes um 
aber auch zu erkennen, in welchem Grad die Führer der Arbeiter, abge- 
sehen von der Realität, versuchen, ihre Ödipus-Einstellung abzureagieren. 
Die Rolle des Geldes und die übertriebene Konkurrenz — anal-sadistisch — 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 249 

müßte hier auch verstanden sein und wirft ein interessantes Licht auf die 
Ausbreitung der Dyspepsie unter den amerikanischen Geschäftsmännern und 
Bankiers, die besonders darunter leiden sollen. 

In den bis jetzt geplanten Kursen über psychiatrische Fürsorge wird 
im allgemeinen nur über die Therapie der Analyse und ihren prophylak- 
tischen Wert vorgetragen werden. Man erkennt freilich ganz gut, daß 
dieser Lehre psychologische Tatsachen von größter Bedeutung zugrunde 
liegen, aber diese sind bis jetzt noch nicht klar erkannt und verstanden 
worden. 

Der Krieg und die in seinem Gefolge auftretenden- Neurosen haben die 
Einsicht von der Notwendigkeit der psychiatrischen Fürsorge weit verbreitet 
und man bemerkt bereits eine günstige Wirkung auf andere Arten der 
Fürsorge. Ich habe schon den einen Fall vor Gericht erwähnt. Bemerkens- 
werte Verbesserungen sind auch in Sing-Sing, bekanntlich einem unserer 
größten Gefängnisse, schon vor dem Kriege durch die Arbeit von Dr. Glück 
zustande gebracht worden. 

The National Committee for Mental Hygiene, dessen Zweck vor allem 
ein erzieherischer ist, sucht sehr viel durch Beobachtungen, Unterstützung 
der psychiatrischen Fürsorge, Propaganda für bessere Gesetze und die freie 
Verteilung von Literatur zur Erkenntnis der Bedingungen eines gesunden 
psychischen Lebens beizutragen und neurotische und psychische Erkran- 
kungen zu bekämpfen. 

Wenn wir an die optimistische Prophezeiung Prof. Freuds, daß die 
Verbreitung psj'choanalytischer Kenntnisse die bisherigen Neurosenformen 
mit der Zeit automatisch zum Schwinden bringen werden, denken, scheint 
mir, daß die Fürsorge, wie ich sie Ihnen zu schildern versucht habe, 
wesentlich dazu beigetragen hat, diesem Ziele näher zu kommen. Die Für- 
sorger müssen dementsprechend erzogen werden. Es scheint mir die Pflicht 
der Analyse zu sein, unsere Theorien, die immer mehr und mehr zu 
einer allgemeinen Psychologie des Normalen sich ausgestalten, dieser Gruppe 
zugänglich zu machen. Die Theorie der Sexualität, die Bolle des Unbe- 
wußten, die Bildung des Ich und des Ich-Ideals und die Bedeutung der 
Sublimierung werden die Grundpfeiler der Psychologie sein, die wir lehren 
müssen. Wir wissen jetzt, daß die wichtigsten Jahre im Leben des Kindes 
die ersten fünf Jahre sind. Der Fürsorger, der dies gelernt hat, weiß jetzt, 
daß das Ich-Ideal ein Niederschlag des Ödipus-Komplexes („Das Ich und 
das Es") ist und daß das Ich sich aus Identifizierungen bildet, er wird 
daher trachten, kleine Kinder von einem trunksüchtigen Vater und einer sich 

Imago XI. 17 



250 Caroline Newton 



prostituierenden Mutter so schnell wie möglich zu trennen, statt Geld, 
Zeit und Mühe zu verschwenden, dieses sogenannte Heim aufrecht zu er- 
halten. Unsere ganze Einstellung der Familie gegenüber wird sich, wenn 
wir erst die Tatsachen der Freudschen Lehre verstehen gelernt haben, 
ändern müssen. Bis jetzt ist die Heiligkeit der Familie als ein, wenn auch 
oft unausgesprochener, doch stets treibender Gedanke hinter unserer Für- 
sorge gestanden. Wenn wir die Bedeutsamkeit der ersten Lebensjahre des 
Kindes, den zweiten Auftakt der Libido in der Pubertät und der Wichtig- 
keit der Lösung von inzestuösen Bindungen richtig verstehen lernen, werden 
wir aufhören, Tausende und aber Tausende von Dollars auszugeben, um Kinder, 
die wir mit den größten Schwierigkeiten von schlechten Eltern fortgebracht 
haben, wieder bei Pflegeeltern unterzubringen. Wir werden aufhören, in 
dogmatischer Weise zu sagen, daß schlechte Pflegeeltern besser sind als 
gute Kinderheime, und wenn wir mit dem Verständnis des „Traumas der 
Geburt" Ernst machen, werden wir im tiefsten Sinne verstehen, warum es 
ein Verbrechen ist, ein neurotisches Kind alle paar Monate die Pflegeeltern 
wechseln zu lassen weil wir aus unseren eigenen Komplexen, unserer 
eigenen Ödipus-Fixierung etwas für das Kind suchen, was wir selbst im 
Unbewußten noch nicht überwunden haben. 

Wir werden einsehen, daß dem armen Neurotiker, der wegen seines 
sekundären Krankheitsgewinnes nicht genesen will, auch durch verschiedene 
soziale Hilfeleistungen nicht geholfen sein wird, sondern, daß solche Mittel 
den unbewußten Gewinn nur steigern. 

Viele Seiten der Fürsorgeliteratur werden wegfallen können und durch 
psychoanalytische Belehrungen ersetzt werden müssen. Die Frage, wo und 
wann man „the first Interview", die erste lange Besprechung abhalten soll 
und wie man sie zu führen hat, wird lauten: wie kann man am besten 
eine zweckmäßige Übertragung möglichst rasch erzielen? Es wird gezeigt 
werden müssen, daß Maßnahmen, die einen normalen Widerstand hervor- 
rufen, wie etwa eine gefährliche Operation, deren Zweck der Patient nicht 
einsehen kann, nur auf dem Wege der Übertragung empfohlen werden 
sollen und daß viele unserer Mißerfolge darauf zurückzuführen sind, daß 
wir mit solchen Maßnahmen zu frühzeitig angefangen haben. 

Auf einem Gebiet, und zwar auf dem der sexuellen Aufklärung, 
hat sich die Analyse schon in einem gewissen Grade durchgesetzt, leider 
wurde sie aber nur halb verstanden. Denn das Unbewußte, der ödipus- 
Komplex und die kindlichen Sexualtheorien wurden ignoriert. Man hört 
viel von der Aufklärung der Kinder und verbindet damit die Erwartung, 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge 251 

daß man mit ihr sehr viel erreichen wird, sogar das Verhüten von Neu- 
rosen. Leider spielt auch die Gefahr der Geschlechtskrankheiten noch eine 
überaus große Rolle, was bei einem zu Verdrängungen und Neurosen 
neigendem Volk, wie unseres es unzweifelhaft ist, besonders ungünstig 
wirkt. 

Die Fortschritte, die in der Analyse für das bewußte Wissen und Können 
jedes Menschen liegen, zwingen uns, von jedem Fürsorger zu verlangen, 
daß er selbst analysiert werde. Dies ist allerdings noch ein fernes Ziel und 
wir werden uns vorläufig mit einer Anzahl gut analysierter Fürsorger be- 
gnügen müssen, die die Menge beeinflussen und leiten können. Wenn sich 
aber zeigen sollte, daß die neuerdings gewünschte, auf wesentliche Verein- 
fachung und auf Verkürzung ihrer Dauer (etwa sechs Monate) zielende 
Technik der Analyse berechtigt ist, so wird man gewiß eine solche Analyse 
von jedem Fürsorger als einen wesentlichen Teil seines Studiums verlangen 
können. Wir werden aber auch verlangen müssen, daß jeder Fürsorgeverein 
einen geschulten Analytiker zu seinem Personal zähle, genau so wie einen 
praktischen Arzt. Die Aufgabe dieses Analytikers wird nicht nur sein, thera- 
peutische und didaktische Analysen zu machen, sondern er wird sich mit 
Maßregeln zur Erhaltung des psychischen Wohlbefindens seiner Klienten 
und der Gesellschaft beschäftigen. Auf diese Weise werden wir gleichzeitig 
die Ursachen der Neurosen durch ein sehr ausgebreitetes Verständnis richtig 
einschätzen und bekämpfen und sie am Ende im Sinne der Prophezeiung 
Freuds in ihrer heutigen Form zum Verschwinden bringen. Es bedarf nur 
der gleichen Überzeugung der Fürsorgeschulen und -vereine, (etwa wie man 
vor zwanzig Jahren die Gefahr der Tuberkulose eingesehen hat), um sie 
dann mit geradezu glänzendem Erfolg zu bekämpfen, und so glaube ich auch 
jetzt hoffen zu dürfen, daß dieselbe Einstellung zur Neurose sich herbei- 
führen lassen wird. Homser Folks, der Präsident des früher erwähnten 
fünfzigsten Fürsorgekongresses, sagte bei dieser Gelegenheit in Bezug auf 
die neurotischen Leiden: „Wir scheinen noch nicht weit genug zurück- 
geforscht zu haben, wir versuchen nicht, den gekrümmten Baum gerade zu 
machen, ehe er noch halb gewachsen ist. Wir müssen weiter arbeiten mit 
den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, in der Hoffnung, daß intensives 
Studium uns die Einsicht in diese dunklen Faktoren geben wird und uns 
in die Lage versetzen, nicht nur zu helfen, wo wir etwas erreichen können, 
sondern auch die Notwendigkeit solcher Hilfe zu verringern. Keine Summe 
würde zu groß sein, die man zur weiteren Erforschung des Problems der 
geistigen Hygiene unter der richtigen Führung ausgeben würde." 

»7* 



252 Caroline Newton 



Ich habe zum Teil absichtlich nicht von Settlements, Clubs und Com- 
munity Houses gesprochen. Obwohl die Fürsorgebewegung ihnen im Anfang 
viel zu verdanken hatte, sind sie dann später ziemlich in der Entwicklung 
zurückgeblieben. Ich glaube, daß in letzterer Zeit die Bewegung neues 
Leben gewonnen hat und da wir jetzt einige Grundgesetze der Massen- 
psychologie kennen, dürfen wir hoffen, daß auch hier große Fortschritte 
zustande kommen werden. Da wir jetzt die Rolle des Führers wissen- 
schaftlich verstehen, werden alle diese Massenbewegungen richtig einge- 
schätzt und die Organisationen der Jugendbewegung auf einer bewußt rich- 
tigen Basis aufgebaut werden können. 

Wir erwarten also von der Anwendung der Psychoanalyse auf die Für- 
sorge richtige soziale Diagnosen, das Erkennen von psychischen und un- 
bewußten Faktoren, eine Behandlung, die auf Kenntnis der Übertragung 
basiert ist und es versteht, den Widerstand zu beherrschen. Ferner ver- 
langen wir, daß jedes Spezialfach der Fürsorge bewußt auf einer richtigen 
analytischen Psychologie aufgebaut sei, daß die Kinderfürsorge auf einem 
gründlichen Verständnis der Entwicklung der Libido beruhen, daß die medi- 
zinische Fürsorge die psychischen Wurzeln von physischen Leiden berückr 
sichtigen, den sekundären Krankheitsgewinn verstehen und möglichst ver- 
hindern soll, daß die zahlreichen Vereinigungen, die sich mit der ledigen 
Mutterschaft und der Prostitution befassen, den Sexualtrieb richtig ver- 
stehen, und Ablenkungen und Sublimierungen statt Verdrängung und 
Steigerung des Schuldbewußtseins zum Ziel wählen. 

Denn wenn wir richtig geschulte Fürsorger haben werden, können wir 
Beobachtungen von großem Wert verlangen und bekommen. In vielen 
Fällen kennen wir dieselbe Familie durch eine Reihe von Jahren und in 
sehr intimer Weise. Wir kennen alle das schöne Beispiel in Freuds „Vor- 
lesungen" von den verschiedenen Schicksalen der Kinder des Hausherrn 
und des Hausmeisters, die zusammen sexuelle Unarten betreiben, wie das 
eine sich unter dem Einfluß der Kultur entwickelt und das andere 
hemmungslos weiterlebt. Ich möchte Ihnen eine kleine Beobachtung, die 
eine Fürsorgerin mir erzählte, dazustellen. Ein kleines Mädchen von etwa 
sechs Jahren weinte bitterlich wegen ihrer zerbrochenen Puppe. Als die 
Fürsorgerin das nächstemal die Familie besuchte, hatte sie eine Puppe in 
ihrer Tasche. Zu ihrer Überraschung stürzte ihr das Kind mit dem Rufe 
entgegen: „Ich bekomme eine neue Puppe, ich bekomme eine neue Puppe." 
Sie hatte sich einen alten Fetzen vor ihren Bauch gebunden und sah der 
Geburt einer Puppe entgegen. Ich meine, daß reichliches Material zu inter- 



Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge "^s 

essanten, wenn auch vielleicht nicht streng wissenschaftlichen Beobach- 
tungen uns in unseren Kontakten mit wenig verdrängenden Schichten der 
Gesellschaft zur Verfügung stehen. Unsere Kontakte mit Familien sind oft 
sehr intim und von langer Dauer. Oft kommt es vor, daß ein Verein die 
materielle Unterstützung einer Familie durch eine lange Reihe von Jahren 
übernimmt. In solchen Fällen wird die soziale Erziehung der Familie an- 
gestrebt und gerade hier kann man mit psychoanalytischer Erziehung an- 
fangen. 

Ich möchte nicht schließen, ohne ein Wort über den neurotischen Ein- 
schlag in der ganzen Fürsorge zu sagen. Ich habe die Bewegung ein 
Symptom genannt. Und ich glaube, mit Recht. Die breiten Volksschichten, 
die ungeheuer schwer unter den Neurosen leiden (Freud, „Wege der 
psychoanalytischen Therapie ), kommen zum Fürsorger um Hilfe. Aber 
der Fürsorger selbst ist im allgemeinen neurotisch und wenn dies nicht 
erkannt wird, haben wir einen circuhis vitiosus vor uns. Viele der Irr- 
tümer und Mißerfolge der Fürsorge sind darauf zurückzuführen. Ihre eigene 
Einstellung zu ihren Klienten wird erst durch das Verständnis ihres eigenen 
Unbewußten eine freie und sachliche werden. 









Die schwarze Spinne 

Menschheitsentwicklung nach Jeremias Gotthelfs gleichnamiger 

Novelle, dargestellt unter besonderer Berücksichtigung 

der Rolle der Frau 

Von Dr. Gustav Hans Graber (Bern) 

Es gehört mit zur Eigenart der Psychoanalyse, deren Begründer, Sigmund 
Freud, den wissenschaftlichen Forschertrieb in Zusammenhang mit der 
stereotypen Frage des Kindes: „woher kommen die Kinder brachte, daß 
gerade dieser Wissenschaftszweig in beharrlicher kausaler Forschung seine 
Aufmerksamkeit immer mehr auf die Uranfänge des Lebens, auf Säuglings- 
zeit, Geburt, Embryonalzeit und Zeugung (phylogenetisch auf die Urgesell- 
schaft) richtete. Die Verfolgung dieses Weges war einerseits bedingt durch 
eine stets ausgesprochener sich erweisende Ablösung des Interesses von der 
Schicksalsfrage des Vaters, der nebst der Zeugung ja einen außerordentlich 
geringen Anteil am frühen Werden und Gedeihen des jungen Erdenbürgers 
hat, anderseits aber durch eine Hinwendung zum Problem der Frau und 
der Mutter. Es mußte die vornehmlich von Männern betriebene Forschung, 
die eine Art Identifizierung mit dem (Ur-)Vater repräsentiert, sich gleichsam 
zuvor des Vaters bemächtigen, um den Weg zur Mutter frei zu bekommen. 
So ist es auch begreiflich, daß bei den Versuchen der Rekonstruktion der 
Menschheitsentwicklung, die Urvaterhorde und der Staat als Brüdergemeinde 
vorerst im Vordergrund des Interesses standen, und erst danach dieses 
sich auch weiter rückwärts auf das ursprünglichere Matriarchat und die 
Frauenentwicklung überhaupt ausdehnte. Dazu kommt natürlich als hem- 
mendes Moment die Amnesie, die über den onto- und phylogenetischen 
Urzuständen herrscht. 

Wenn wir nun den Versuch wagen, in der Bearbeitung von Jeremias 
Gotthelfs „Schwarzer Spinne", einem literarischen Stoffe, der uns in 



Die schwarze Spinne 255 



selten glücklicher Weise eine Fülle des reichhaltigsten Materials in die 
Hand spielt — einen bescheidenen Beitrag zur Lösung des Frauen- und 
Mutterproblems zu bieten, so glauben wir dies um so eher tun zu dürfen, 
als wir diesen Beitrag, der vor allem ein Studium der Spinne als Frauen- 
und Muttersymbol sein wird, mit einer Analyse der von Gotthelf in seiner 
Novelle gegebenen Menschheitsentwicklung verbinden können. 

Die in der psychoanalytischen Literatur bereits eingehender bearbeiteten 
Perioden ausgesprochener Männerherrschaft werden dabei in den Hinter- 
grund treten. Ebenso kann auch der Abwicklung des individuellen männ- 
lichen Schicksalfadens nur insofern Beachtung geschenkt werden, als er mit 
dem weiblichen verknüpft ist. 

* * 

» 



A 
Das Matriarchat 

1 

Seitdem wir von Freud wissen,' daß höchste Ich-Ideale die engste 
Verknüpfung mit der phylogenetischen Erbmasse, mit dem Es, aufweisen, 
wundern wir uns auch nicht mehr so sehr, daß geniale Persönlichkeiten, 
die ihr Ich-Ideal am höchsten geschraubt, aus dem Tiefsten schöpften und 
uns darum mit ihren Werken den lautersten Quell boten. 

Jeremias Gotthelf, der große Berner Dichter, dessen Genie und Werk 
bis dahin nur in sehr geringem Maße Gegenstand psychologischer Unter- 
suchungen war, wird immer mehr als der große, wenn nicht der bedeu- 
tendste Volksschriftsteller der deutschen Sprache anerkannt. Seine Werke 
enthalten eine bei Dichtern wenig übertroffene Fülle von psychologischen 
Einsichten und Feinheiten und zeugen von einem starken Wirklichkeitssinn. 

So sehr uns oft seine Gestalten in schlichter Größe erscheinen, so sind 
sie doch getrieben von unwiderstehlicher dämonischer Gewalt, sind hart- 
näckig im Guten und im Bösen. Während moderne Dichtung meist bestrebt 
ist, das Dämonische bewußt in den Vordergrund zu stellen, wirkt es bei 
Gotthelf wie aus abgründlicher Tiefe herauf. Was er sagt, das gleicht den 
Eruptionen eines Vulkans, die, einmal erkaltet, harmlos erscheinen, uns aber 
dennoch stets an die ungeheuren, kochenden und drängenden Elemente 
im Erdinnern gemahnen. 

x) Freud: Das Ich und das Es. 1925. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



256 Dr. Gustav Hans Graber 



Und wie die Geschöpfe, so müssen wir uns den Schöpfer vorstellen : 
Eine geruhsame, scheinbar glückliche, konfliktlose Natur, die, oberflächlich 
geschaut, wenig unter der bei Dichtern üblichen Zerrissenheit leidend, ein 
gesegnetes Familienleben führen konnte, die aber doch stets in gewaltiger 
Arbeitsleistung, welche vor allem in einem hohen ethischen Pathos gipfelte, 
die ungebändigten Mächte ihres unbewußten Seelenlebens in die Tiefe 
zurückdämmte. 

Unsere Arbeit soll ein Versuch sein, die Dämme des dichterischen Ichs 
zu durchbrechen und uns einen Einblick zu geben in den Kosmos des 
phylogenetischen Erwerbs, der bei Gotthelf, wohl zum größten Teil un- 
bewußt, in seinen Ich-Idealgestalten einen geheimen Weg an die Ober- 
fläche fand. 

Ein solches Urphänomen aus der Tiefe ist das verderbenbringende Un- 
geheuer der schwarzen Spinne. 

Ich habe davon abgesehen, das reichhaltige Material über die Spinne, 
das ich aus Etymologie, Kinderaussagen, Dichtung, Sage, Aberglauben, 
Kasuistik usw. zusammenstellte, wie üblich einführend vorzutragen und 
hernach zu deuten, da mir daran liegt, das Gerüste, das Gotthelf auf- 
gestellt, für den Aufbau dieser Arbeit zu verwenden. Dem Faden der Er- 
zählung folgend, werde ich also das Problem der Spinne erst dort in Angriff 
nehmen, wo das Untier die Handlung zu beherrschen beginnt. 

s 

Was uns nun zunächst beim Durchlesen der „schwarzen Spinne" die 
hohe Achtung vor des Dichters Genie erstehen läßt, ist die Einsicht, daß 
wir es hier mit einem Werke zu tun haben, in dem wir nicht nur eine, 
die psychoanalytischen Theorien bestätigende Darstellung der Entwicklung 
der menschlichen Gesellschaft wiedergegeben finden, sondern gleicherzeit 
eine äußerst geschickte Verdichtung dieses kosmischen Ablaufs in der 
Spiegelung individuellen Erlebens markanter Volkstypen, mit dramatischer 
Prägnanz vor Augen treten sehen. Die einzelnen Episoden der Handlung 
werden sich nach analytischer Auflösung ihrer Verdichtungsform gleich- 
zeitig als abgekürzte Perioden der Menschheitsgeschichte erweisen. 

„Die schwarze Spinne" 1 ist eine Rahmenerzählung, die im Jahre 1842 
erstmals erschien, also zu einer Zeit, da das in der heutigen Kulturwelt 

1) Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius). Siebenter Band, bearbeitet von Hans 
Blösch. Kleinere Erzählungen. Band 2. Verlag Eugen Rentsch, München und 
Bern 1912. 



Die schwarze Spinne 257 



fast überall zu konstatierende tiefenpsychologische Interesse noch schlum- 
merte. Den Rahmen und zugleich die erste Episode bildet die Schilderung 
einer damaligen Bauernkindstaufe, eines Volksfestes, das . im engen Tal 
der Grünen, eines Nebenflüßchens der Emme (Kanton Bern) mit großem 
Aufwand gefeiert wird. 1 

Versuchen wir das Material des Volksbrauches, wie uns Gotthelf ihn 
schildert, herauszukristallisieren. 

Wir befinden uns bei einem stattlichen Berner Bauernhaus, hören der 
Amsel „Morgenlied" , der „sehnsüchtigen Wachtel eintönend Minnelied", sehen 
„brünstige Krähen ihren Hochzeitreigen" tanzen, hören sie „ihre zärtlichen 
Wiegenlieder Über die dornichten Bettchen ihrer ungefiederten Jungen" krächzen, 
freuen uns am „fruchtbar beschirmten Boden", den „Hochapfelbäumen in 
ihrem späten Blumenkleide" , und dem neu erbauten Hause. 

Es ist „der Tag, an welchem der Sohn wieder zum Vater gegangen" 
(Christi Himmelfahrt), „der Tag, an welchem die ganze Pflanzenwelt dem 
Himmel entgegenwächst und blüht in voller Üppigkeit, dem Menschen ein alle 
Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen Bestimmung". Um das Haus 
sehen wir Pferde, „stattliche Mütter umgaukelt von lustigen Füllen". Stäm- 
mige Mägde waschen am Brunnen ihre „rotprächten Gesichter". Der Groß- 
vater schreitet geschäftig um das Haus. Die Großmutter schneidet Brot 
und ist von Hühnern und Tauben umgeben. Die Hebamme, die „das 
Amt der Köchin ebenso geschickt als früher das Amt der Wehmutter" versieht, 
röstet Kaffee. Die blasse Hausfrau befiehlt den Weinwarm, 2 der bei keiner 
Kindstaufe fehlen darf. Benz, ein stämmiger Mann (wir wissen vorläufig 
nicht, wer er ist), trägt Käse auf. Die Hausfrau stellt daneben „die mächtige 
Zupfe, das eigentümliche Berner Backwerk, geflochten zuie die Zöpfe der Weiber, 
. . . groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer". 

Dazu kommen „hochaufgetürmt . . . Küchlein, Habküchlein . . . Eierküchlein 
. . . heiße dicke Nidel . . . und der Kaffee". Es ist das Frühstück für die 
Gevatterleute, auf die man ängstlich wartet. Endlich kommt die Gotte (Patin) 
und bringt Geschenke. Sie wird zum Essen genötigt, trotz ihrer Weigerung, 
„sie hätte schon gehabt". Sie sträubt sich gegen jede Nahrung, muß aber 
auf das Geheiß der Hausfrau von allem genießen: Kaffee, Nidel, Zucker, 

j) Die Kindstaufe bildet übrigens auch heute noch im Kanton Bern und darüber 
hinaus Anlaß zu großer Festlichkeit, bei der vor allem das lukullische Mahl, aber 
auch Tanz und „Ausfahrt", nicht fehlen dürfen. 

2) „Bestehend aus Wein, geröstetem Brot, Eiern, Zucker, Zimmet und Safran." Weinwarm 
muß „an einem Kindstaufeschmaus in der Suppe, im Foressen, im süßen Tee vorkommen*. 



2 5 8 



Dr. Gustav Hans Graber 



Zupfe, Käse, Küchli. Trotzdem sie bittet, „man solle sie doch in Ruhe lassen, 
sonst müßte sie sich noch verschwören", muß sie sich noch ein zweites 
Kacheli (Tasse) einschenken lassen. Sie beklagt sich, sie hätte mehr „nehmen, 
müssen", als sie hätte „hinunterbringen" können. Nun putzt sie sich um- 
ständlich heraus, um eine schöne Gotte zu sein. 

In der äußern Stube genießen die zwei männlichen Paten den Wein- 
warm. Der ältere Pate treibt Spaße mit dem Kindbettimann (Vater). Die 
Gotte kommt herein. Sie wird hinter den Weinwarm gesetzt, und trotzdem 
sie sich „mit Händen und Füßen" wehrt, behauptet, sie „hätte gegessen für 
manchen Tag", sie „könne nicht mehr schnaufen", muß sie doch nochmals 
essen. Nun bringt die Hebamme das Kind, alles dreht sich um das „wunder- 
appetitlich Bübchen". Die Mutter hätte das Kind gerne zur Kirche begleitet, 
aber Großmutter und Hebamme haben bereits ihre Einsprüche dagegen 
erhoben. Die Mutter begleitet den Zug „bis unter die Türe und sagte: ,Mein 
Bübli, mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich 

das aus! iU Sie weint. 

Die Gotte trägt das Kind. Zwei Götteni (Paten), Vater und Großvater 
begleiten sie. Eine Jungfrau eilt nach, das Kind nach der Taufe heimzu- 
tragen. Plötzlich prallt die Gotte wie vor den Kopf geschlagen zurück, 
übergibt das Kind der Jungfrau und „macht sich an des Kindes Vater . . . 
allein der ist einsilbig und läßt den angesponnenen Faden immer wieder fallen. 
Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, wie jeder Vater sie haben sollte, 
wenn man ihm ein Kind zur Taufe trägt, und namentlich das erste Bübchen". 
Dem Zuge schließen sich die Dorfbewohner an. Man geht ins Wirtshaus 
und trinkt. Die Gotte ängstigt sich immer mehr und wird blaß. „Es hatte 
ihr niemand gesagt, welchen Namen das Kind erhalten solle, und den die 
Gotte nach alter Übung dem Pfarrer, wenn sie ihm das Kind übergibt, ein- 
zuflüstern hat, da derselbe die eingeschriebenen Namen, wenn viele Kinder zu 
taufen sind, leicht verwechseln kann." Man hatte „die Mitteilung dieses Namens 
vergessen, und nach diesem Namen zu fragen, hatte ihr ihres Vaters Schwester, 
die Base, ein für allemal streng verboten, wenn sie ein Kind nicht unglücklich 
machen wolle; denn sobald eine Gotte nach des Kindes Namen frage, so werde 
dieses zeitlebens — neugierig . 

Sie fürchtet, der Pfarrer könnte den Namen ebenfalls vergessen haben 
„oder im Verschuß den Buben Mädeli, oder Bäbeli" taufen. Der Angstschweiß 
rinnt ihr bachweise vom blassen Gesichte. Man geht in die Kirche. Das 
Kind fängt an zu schreien, „mörderlich und immer mörderlicher . . . es sauste 
und brauste um sie (die Gotte) wie Meereswogen, und die Kirche tanzte mit ihr 



Die schwarze Spinne 259 



in der Luft herum". Zitternd und bebend reicht sie das Kind dar . . . und 
der Pfarrer tauft „kein Mddeli, kein Bdbeli, sondern einen Hans-Uli . . .". 

Auf dem Heimgang bewundert man die üppige Fruchtbarkeit der Felder. 
Daheim angelangt, wird Wein getrunken. Die Dienstleute speisen vorweg, 
„und zwar reichlich". Nachher kommt die eigentliche Kindbettigesellschaft 
ans Essen. Vorerst Fleischsuppe, dann „Voressen von Hirn, von Schaffleisch, 
saure Leber'', dann „kam in Schüsseln hoch auj geschichtet das Rindfleisch, 
grünes und- dürres . . . dürre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck 
dazu und prächtige Rückenstücke von dreizentnerigen Schweinen, so schön rot 
und weiß und saftig". Dazu schenkt Benz, der Kindbettimann, Wein ein. 
Allerhand Neckereien entspinnen sich zwischen den männlichen Taufpaten 
und der Gotte. „So unter Lachen und Scherz nahm man viel Fleisch zu sich.'' 
Man wird endlich rätig, hinauszugehen, um sich „ein wenig zu strecken' ', 
damit „es um so handlicher wieder mit dem Essen" gehe. Die Männer son- 
dern sich nun ab, besichtigen die Ställe und setzen sich hierauf unter 
einen Baum. Bald gesellen sich die Weiber zu ihnen. Man rühmt das 
neue Haus. Eine Frau bemerkt aber einen wüsten schwarzen „Fenster- 
posten" (Bystel), der dem ganzen Hause übel anstehe. Der befragte Groß- 
vater macht ein „bedenkliches Gesicht" und gibt ausweichende Antwort. 
Aber die Gesellschaft hat schon allerhand raunen hören, und der Groß- 
vater muß aufrichtigen Bericht geben. Er erzählt die Sage der schwarzen 
Spinne. Damit beginnt die zweite Episode. 

5 
Wenn wir uns anheischig machen wollen, diese Begebenheit in Be- 
ziehung mit der Völkerkunde zu bringen, und zu vermuten, es handle 
sich hier in verkleideter Form um eine gedrängte Schilderung von Ge- 
bräuchen, wie sie in frühesten Perioden der menschlichen Entwicklung 
ähnlich vorgekommen sein könnten, so begeben wir uns dabei auf un- 
sicheren Boden. Ich muß gestehen, daß ich vorerst gar nicht an die Bear- 
beitung dieses ersten Teiles dachte, da er ja eigentlich nicht zur Sage 
gehört. Es fiel mir aber dann auf, daß doch ein innerer Zusammenhang 
besteht, daß nämlich sowohl hier bei der Taufe, wie in der vom Groß- 
vater erzählten Sage, das neugeborene Kind eine Hauptrolle spielt. In 
beiden Schilderungen handelt es sich um eine Darreichung des Kindes an 
die religiösen Mächte. Während wir in der Rahmenepisode — ohne ana- 
lytische Einsicht — das Kind nur der Kirche und damit Gott weihen 
sehen, streiten sich in der Sage Gott und Teufel um den Besitz des Neu- 



260 Dr. Gustav Hans Graber 



geborenen. Dazu kam eine weitere Überlegung. Da die zweite Episode, 
also der Anfang der Sage, uns eine Situation zeigt, die unzweifelhaft als 
eine Illustration zur Freudschen Darstellung der Urhorde bezeichnet 
werden kann, so fragte ich mich, ob nicht allenfalls die vorausgehende 
Schilderung des Taufgebrauches mit dem von Levis Henry Morgan, Mac- 
Lennan, Bachofen, Friederich Engels, Heinrich Cunow, August 
Bebel 1 und neuerdings von einigen psychoanalytischen Forschern ver- 
tretenen Gedanken eines an den Ursprung der Menschheit zu setzenden 
Matriarchats in Beziehung zu bringen sei. 2 Dieser Gedanke, daß das 
Menschengeschlecht auf der Unterstufe der Periode der Wildheit, da es 
noch furchtsam auf Bäumen lebte, sich von Früchten, Wurzeln und den 
eigenen Kindern nährend, gleichsam in seiner Säuglingszeit steckend, be- 
sonders schutzbedürftig gewesen sein müßte, scheint einleuchtend. Immerhin 
ist anzunehmen, daß der Sohn, sobald er seiner Mannbarkeit bewußt wurde, 
sich bei der allgemeinen Promiskuität auch der eigenen Mutter bemächtigte 
und sich so an ihre Seite stellte. Aber anderseits wird diese werdende 
Mannbarkeit wohl wenig zu seiner Lösung aus der Abhängigkeit von der 
Mutter beigetragen haben, da die Differenzierung der Geschlechter und 
der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt noch nicht bewußt 
war. Die einzige Bindung, die vor einer Vatervorstellung und Ich-Ideal- 
bildung bestand, konnte, wie auf der Tierstufe, nur diejenige an die Mutter 
sein. Der Inzest konnte also nur zu einer Verstärkung des magischen 
Bandes zwischen Mutter und Sohn führen. 

Das Matriarchat entspräche so ontogenetisch der reinen autoerotischen 
und vielleicht auch noch narzißtischen Phase der Entwicklung des Kindes, 
während welcher auch das Objekt ins Ich einbezogen wird. Mutter und 
Kind sind eins. Der Vater existiert gar nicht, weil er auf dieser Stufe 
nicht als ein Fremdes erkannt wird, und weil, wie dem Urmenschen, auch 
dem Kinde, der Zusammenhang zwischen Zeugung, Schwangerschaft und 
Geburt nicht bewußt ist. 3 

1) Henry Morgan: Die Urgesellschaft, 1920. MacLennan: Primitive Marriage, 
1865. Bachofen: Das Mutterrecht, 1897. Fr. Engels: Der Ursprung der Familie, 
des Privateigentums und des Staats, 19x3. H. Cunow: Die Verwandtschaftsorgani- 
sationen der Australneger, 1894. A. Bebel: Die Frau und der Sozialismus, 1913. 

2) Otto Rank: Die Don Juan-Gestalt, 1924. Ferner: Das Trauma der Geburt, 
1924. Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen Gesell- 
schaft, Imago X, Heft 2/3. 

3) Diesen Zustand schildert Gerhart Hauptmann in seinem Roman: Die Insel 
der großen Mutter oder das Wunder von ile des dames. Eine Geschichte aus dem 
utopischen Archipelagus, 1924. Fischer, Berlin. (Hauptmann schrieb seinen Roman 



,. 



Die schwarze Spinne 2 6i 



Es entspräche der voranimistischen Phase der Phylogenese und dem 
Autoerotismus der Ontogenese, daß das Weib, weil noch keine scharfe 
Objekterkennung und Objektwahl stattgefunden, im Matriarchat der Auf- 
fassung leben mußte, aus sich selbst zu zeugen. Es ließen sich aus der 
Mythe Beispiele dazu anführen. Erinnern wir uns nur an die häufige 
Darstellung von der Zweigeschlechtlichkeit der Urmenschen und Götter. 
Denken wir z. B. an Adam, aus dem Eva genommen wird. Die nordische 
Überlieferung 1 nennt uns Ymir, der aus dem geschmolzenen Reif entstand. 
Als er schlief, kam er in Schweiß, und da wuchsen unter seinem linken 
Arm Mann und Weib, und sein rechter Fuß zeugte einen Sohn mit dem 
linken. Also entstand das Geschlecht der Riesen. Sodann kennen wir den 
von Aristophanes in Piatons Gastmahl erzählten Mythos. Wenn hier die 
Urwesen als Stammväter angesehen werden und nicht, wie nach unserer 
Ausführung zu erwarten wäre, als Stammütter 2 (wie z. B. Isis), so müssen 
wir die Ursachen in der Verdrängung suchen, indem bei der Entstehung 
der meisten Mythen bereits der Mann die Macht an sich gerissen hatte. 
Durch Identifikation bemächtigte er sich der Mutter, verleibte sie sich ein 
und verschaffte dieser Wandlung im Mythos Ausdruck. In diesem Zusammen- 
hange müßten wir die Couvade, wenigstens die pseudomütterliche Couvade, 
zweifellos als eine Ubergangsform vom Matriarchat zur Urvaterhorde an- 
sehen. Wir werden darauf noch einzugehen haben. Kehren wir aber vor- 
erst zurück zur Frage der Entwicklung des Weibes. 

In der animistischen Periode versucht das Weib sich ihre einst besessene 
Allmacht als Zeugende und Gebärende wenigstens soweit zu wahren, daß 
sie sich durch eine bestimmte Nahrung (orale Stufe) Regen, Wind, 
Sonne usw., und nur sehr viel später durch einen Gott befruchten läßt. 5 
Wir gewinnen überhaupt den Eindruck, als ob sich die anfängliche Vor- 
stellungswelt lediglich aus den Funktionen, dem Wesen der Mutter 

nach vorherigem Studium von Bachofens „Mutterrecht"). Prof. R. Herbertz hat in 
einem feinsinnigen Aufsatz: „Gerhart Hauptmann als Psychanalytiker" („Wissen und 
Leben", Jahrg. 28, Heft 7) die tiefenpsychologischen Zusammenhänge dieses Romanes 
aufgedeckt. 

1) Nach Severin Rüttgers: Wodans Aufgang und Schicksal, 1911. 

2) Nach der Indianersage: „Cosmogonie der Senecas" (K. Knortz: Yokomis, 
Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer, Zürich 1887) holen Enten den 
ersten Menschen, eine wunderschöne Frau, aus den Lüften herab. Nach einer weiteren 
Sage: „Wie die verschiedenen Sprachen entstanden sind" (ebenda), holt Si-tcom-pa- 
ma-so-its, die alte Göttin des Meeres, die ersten Menschen in einem Sacke aus den 
Wellen und übergibt ihn den Czn-au-öi'-Brüdern, den großen Wolfgöttern. 

3) Frigga, Nerthus, Isis sind zeugende und gebärende Erdgöttinnen. 



262 Dr. Gustav Hans Graber 



und den Beziehungen zu ihr gebildet hätte. Tatsächlich läßt sich jede libi- 
dinöse Bindung, die den Menschen an den Menschen und an die Dinge 
der Welt kettet, auf dieses Urverhältnis zur Mutter zurückführen.' 

Da die Vorstellung „Vater" erst nach dem Bewußtwerden des Zusammen- 
hangs von Geschlechtsakt und Schwangerschaft aufkommen konnte, wird 
ohneweiters klar, daß die ursprüngliche Namengebung sich nur nach 
der Stammutter vollziehen konnte. Bachofen bringt dafür viele Beispiele. 
Bebel 2 weist nach, daß nach der Bibel auch bei den alten Juden Mutter- 
folge vorkam, so IV. Mose 32 bis 41, Ja», der Sohn Manasse; dann 
Nehemia 7, 63 werden die Kinder eines Priesters, der aus den Töchtern 
Barsillai — eines jüdischen Clans — sein Weib nahm, Kinder Barsillai 

genannt. 

Anzunehmen ist auch, daß vor der Vatervorstellung der Geschlechts- 
verkehr des Sohnes mit der Mutter nicht tabuiert war, entsprach er doch 
am weitestgehenden dem die Psyche beherrschenden Wunsche nach der 
Bückkehr in den Mutterleib, so wie anderseits auch der Mutter diese neue 
Einverleibung des Sohnes höchste Lust verschaffte, indem sie ihr ihren 
einstigen Besitz wieder zurückgab. In der endogamen Urmutterhorde waren 
aber alle Männer Söhne, und der Geschlechtsakt bildete für alle eine neue 
Besiegelung des Sohn Verhältnisses. Die Schwestern wurden als eine ange- 
nehme Wiedergeburt der Mutter empfunden, so daß das Verhältnis zu 
ihnen kein wesentlich anderes, als das zur Mutter selber war. Wir wundern 
uns deshalb nicht, wenn uns der Mythus bei einem solchen allseitigen 
Besitzen wie wir es für das Matriarchat annehmen müssen, an den Anfang 
der Menschheitsentwicklung (entsprechend der ersten Kindheit des Indi- 
viduums) das goldene Zeitalter, das Paradies setzte. 

Bachofen 5 erwähnt z. B. Herodot, der von den Massageten berichtet: 
„Jeder ehelicht eine Frau, aber allen ist erlaubt, sie zu gebrauchen . . . 
So oft einem Manne nach einem Weibe gelüstet . . ., wohnt er dem Weibe 
unbesorgt bei . . . Dabei steckt er seinen Stab in die Erde, ein Abbild 
seiner eigenen Tat . . . Der Beischlaf wird offen ausgeführt." Von ähnlichen 
Zuständen berichtet Bachofen, daß sie bei den Lykiern, Etruskern, Kretern, 



1) Ich habe dies in meinem Buche: Die Ambivalenz des Kindes, Imago-Bücher VI, 
1924, das unabhängig von dem gleichzeitig erschienenen Buche Otto Ranks: Das 
Trauma der Geburt, — welches denselben Gedankengang zeigt — nachzuweisen 
versucht. 

2) A. Bebel: op. cit. S. 25. 

3) Bachofen: op. cit. 



Die schwarze Spinne 265; 



Athenern, Lesbiern und Ägyptern stattgefunden, und doch fühlen wir uns 
veranlaßt anzunehmen, daß, so weit auch die Geschichte zurückreicht wir 
nirgends mehr ein reines Matriarchat feststellen können. Wenn wir mit 
dem Mythus einen anfänglichen Paradieszustand uns denken, so gibt es 
doch Anzeichen, die uns gemahnen, sich jenes Glück nicht als ungetrübt 
auszumalen. In Träumen, Märchen, Aberglauben, tritt immer wieder die 
negative Seite der Urmutter zutage, die, wie viele Tiermütter (Katzen, 
Bären usw.) ihre Kinder frißt. Beispiele ließen sich viele bringen, denken 
wir nur an die Märchen- und Hexengeschichten. 

Der zehnjährige Fritz bringt mir als freien Aufsatz folgende Phantasie: 
„Fritz, Paul und Liese gingen in die Berge. Auf einmal ging die Sonne 
hinter die Wolken, da entstand ein ungeheures Gewitter. Die drei ver- 
irrten sich in ihrer Angst. Da gewahrte Fritz eine Hütte, die er noch nie 
gesehen hatte. Er rief die andern, und Liese klopfte sorgsam an. Da kam 
ein altes häßliches Weib heraus. Ihren Mund schmückten nur noch drei 
Zähne, zwei oben und einer unten. Aber von da an waren die drei Kinder 
für immer verschwunden. Wahrscheinlich sind sie von der Alten getötet 
und gefressen worden. 

In Mexiko schloß man am Ende einer zweiundfünfzigjährigen Periode 
. . die schwangeren Frauen in die großen Maisbehälter ein, denn man 
befürchtete, daß sie sich in der Zeit der Dunkelheit in Dämonen ver- 
wandeln und die Menschen fressen würden (Sei er, Ges. Abb.., IL Bd., 
761, Zit. von B. Balint: „Die mexikanische Kriegshieroglyphe Atl-Tlachi- 
nolli." Imago IX, 4). 

In dem transsylvanischen Märchen' „Die Schlange als Ehemann** ißt 
eine Mutter ihre neun Schlangenkinder und erlöst damit ihren Ehe- 
gesponsen aus seinem Schlangendasein. Er spricht zu ihr: „Hättest du sie 
nicht aufgegessen, so hätte ich noch lange warten müssen, bis mich eine 
Maid küßt, zu mir zieht und meine Schlangenkinder verzehrt." Der Vater 
identifiziert sich mit den Kindern, wird so wie diese von dem Weibe ge- 
gessen und nach neun Monaten (neun Kinder) in neuer Gestalt wieder 
geboren. 

Ein Traum eines neunjährigen Knaben sei hier noch als Beispiel er- 
wähnt. Der Knabe trug einen tiefen Haß gegen seine Mutter und wünschte 
ihr in seinen Träumen oft den Tod. Im Wachleben zeigte er dagegen 
eine starke Tendenz, sich ihr gegenüber als Anwalt und Beschützer auf- 



1) H. v. Wlislocki: Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner. Berlin 1886. 



264 Dr. Gustav Hans Graber 



zuspielen. Der Traum lautet: „Ich gehe mit meinem Freunde Fritz in 
einen großen dunklen Wald. Da kommt eine greuliche Hexe, packt uns 
und wirft uns beide in einen Sack. Sie trägt uns in ihr Häuschen, hält 
den Sack in die Höhe, schüttet uns in ihren Rachen hinein und frißt 
uns." Die Einfälle zur Hexe wiesen sehr deutlich auf die Mutter. Lust 
und Unlust, Wunsch und Furcht, waren für den Knaben in diesem Akt 
des Gefressenwerdens noch in starker Verschränkung. Das positiv Libidinöse 
des Gefressenwerdens lag auch für ihn in der möglichen Rückkehr in den 

Mutterleib. 

Wenn wir, analog der Freudschen Feststellung der Entstehung des 
Ödip us-Komplexes in der Urvaterhorde, bereits auch in der Urmutterhorde 
nach einer Entzweiung fahnden, so wird ohneweiters klar, daß wir, da es 
ja keinen Vater gibt, vergeblich nach dem Streit von Vater und Sohn um 
den Besitz der Mutter suchen. Wir wären eher versucht, an einen Streit 
der Urmutter mit den Töchtern, die ja ihre Rivalinnen geworden sind, 
um den Besitz der Männer, zu glauben. Es liegt uns aber vorläufig nicht 
viel daran, die aggressiven Seiten des Weibes zu zeichnen, da wir bei der 
Darstellung einer späteren Entwicklungsperiode Gelegenheit haben werden, 
dies zu tun. 

4 

Wenn wir nun zur Analyse des G Ott h elf sehen Textes schreiten, so 
werden wir sehr bald gewahr, daß wir auch noch einige Übergangserschei- 
nungen vom Matriarchat zur Urvaterhorde zu beleuchten haben, da, was 
wir in der Schilderung der Kindstaufe an Material vorfinden, in der Haupt- 
sache mit jenen Erscheinungen in Beziehung zu bringen ist. 

Auf das reine Matriarchat weisen allerdings verschiedene Szenen hin, 
so vor allem die einleitende Symbolik aus dem Leben der Vogelwelt, jene 
hübsche Steigerung vom Morgenlied zum Minnelied, zum Hochzeitsreigen 
und zu den zärtlichen Wiegenliedern. Um das Haus sehen wir stattliche 
Mutterpferde, umgaukelt von lustigen Füllen. Auch der fruchtbare Boden, 
die Erde, die Mutter alles Lebens, findet gleich anfangs Erwähnung, aber 
auch später wird die üppige Fruchtbarkeit der Felder bewundert. Die Vor- 
stellung der Erde als Mutter, aus der der Mensch stammt, 1 und in die er 
nach dem Tode zurückkehrt, um neu geboren zu werden, hat von jeher 
eine gewaltige Wirkung auf das Denken und die Sitten der Völker ausgeübt. 

1) Nach der Indianersage „Matcito" stiegen die ersten Indianer mittels einer 
Leiter aus dem Innern der Erde (K. Knortz: op. cit.) 



Die schwarze Spinne 265 



Aber wir brauchen uns nicht in der Suche nach Symbolen zu verlieren, 
denn schließlich dreht sich ja die ganze Taufgesellschaft, ja selbst die 
ganze Dorfbewohnerschaft um den kleinen Säugling. Nicht nur die leib- 
liche Mutter, sondern auch die Hebamme, die Gotte, die Jungfrau, die 
Mägde, ja selbst die Männer stehen heute, am Festtag des Kleinen in 
seinem Dienste, leisten ihm Gefolgschaft und huldigen ihm. Die Paten 
geloben öffentlich, für das Wohl des Kindes besorgt zu sein, wenn ihm 
die Eltern sterben sollten. Es ist eine große Huldigungsgemeinde, die sich 
heute, alle übrigen Interessen hintanstellend, zu Ehren und zu Diensten 
des kleinen Erdenbürgers zusammengefunden hat. Sie alle tun heute aus- 
nahmsweise das, was sonst nur die Mutter vermag, sie widmen ihre Zeit 
dem Kinde, sie vertreten heute Mutteramt, bilden eine große Mutter- 
gemeinde. Aber und darin liegt der verräterische Widerspruch 

sie entreißen das Kind der Mutter und bringen es dem 

Vater dar, d. h. dem erhöhten Vater: Gott. In der Erzählung wird dies 
schon ganz im Anfang, nach der Schilderung matriarchalischer Zustände 
in der Natur, angedeutet: „Es war der Tag, an welchem der Sohn wieder 
zum Vater gegangen war (Christi Himmelfahrt) . . . der Tag, an welchem 
die ganze Pflanzenwelt dem Himmel entgegenwäclist und blüht in voller 
Üppigkeit, dem Menschen ein alle Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen 
Bestimmung. 

Aus vielen Mythen, aus der Theogonie (Hesiod), von Virgil usw. sind 
uns Himmel und Erde als das Weltelternpaar bekannt. Nach einem polj r - 
nesischen Mythus 1 senkt sich des Nachts der Himmel an die Brust seiner 
Braut (Erde) herab. Der Himmel ist der Ort, wo der Vater thront, ihm 
soll das Kind geweiht werden, ihm soll es fortan gehören. Wir haben 
also im Tauffest einen, den Übergang vom Matriarchat zur 
Vaterherrschaft symbolisierenden Volksgebrauch. Das Kind soll 
fortan nach dem Vater benannt werden und soll ihm Folge 
leisten. 

Der Mutter ist der Abschied beim Kirchengang wie ein Abschied für 
immer. Sie begleitet den Zug „bis unter die Türe und sagte: ,Mein Bübli, 
mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich das 
aus! 1 Und alsobald schoß es ihr in die Augen, rasch fuhr sie mit dem Für- 
tuch darüber und ging ins Haus . 



1) Siehe Emil Franz Lorenz: Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie. 
Imago II, 1, S. 58. 

Imago XI. ,8 



2 66 Dr. Gustav Hans Graber 



Auch das von Frazer und Reik 1 erwähnte, bei den Primitiven häufig 
vorkommende Ausgeh verbot, das die Eltern oder Anverwandten des 
Säuglings trifft, finden wir hier wieder, indem die Mutter „noch eine ganze 
Woche lang nicht vor das Dachtraufe darf, jetzt, ivo man alle Hände voll zu 
tun hat mit dem Anpflanzen. Aber die Großmutter sagte: Soweit sei es doch 
noch nicht, daß ihre Sohnsfrau wie eine arme Frau in den ersten acht Tagen 
ihren Kirchgang tun müsse, und die Hebamme setzte hinzu, sie hätte es gar 
nicht gerne, wenn junge Weiber mit den Kindern zur Kirche gingen". Auch 
sonst heftet sich an den Kirchgang bei der Taufe allerhand Aberglauben. 
„Der Großvater erlaubt auch nie, das Wägeli zu nehmen ... Er hat den 
Glauben, daß ein Kind, welches man nicht zur Taufe trage, sondern führe, 
träge werde und sein Lebtag seine Beine nie recht brauchen lerne." Sodann 
berichtet der Großvater, „welch schrecklich Wetter es gewesen sei, als man 
ihn zur Kirche getragen, vor Hagel und Blitz kälten die Kirchgänger kaum 
geglaubt, mit dem Leben davon zu kommen. Hintenher hätten die Leute ihm 
allerlei geweissaget dieses Wetters wegen, die einen einen schrecklichen Tod, 
die anderen großes Glück im Kriege . 

Während nun, entsprechend dem Matriarchat, die Frauen in der ganzen 
Episode die Hauptrolle spielen ... vor allem Mutter, Hebamme und Gotte 
hören wir von den Männern, besonders vom Vater, herzwenig. Wir 
dürfen dieses Fehlen des Vaters getrost mit seinem Fehlen in der Urmutter- 
horde in Beziehung bringen. Wenn wir zudem die Stellen, die ihn er- 
wähnen, ins Auge fassen, so werden wir in unserer Auffassung des Ver- 
gleiches nur noch bestärkt. „Aus dem Keller kam mit einem mächtigen Stück 
Käse in der Hand ein stämmiger Mann, nahm vom blanken Kachelbank de?i 
ersten besten Teller, legte den Käse darauf und wollte ihn in die Stube auf 
den Tisch tragen von braunem Nußbaumholz. — ,Aber Benz, aber Benz, rief 
die schöne blasse Frau, ,wie würden sie lachen, wenn wir keinen bessern Teller 
hätten an der Kindstaufe. ' iU Die Frau geht zum Schrank und holt einen 
schönen Teller. Diese Stelle ist in dreifacher Beziehung bedeutsam. Sie 
zeigt erstens des Vaters untergeordnete Sohnesstellung, zeigt sodann seine 
Passivität, um nicht zu sagen Abneigung, in bezug auf das Fest (begeht 
er doch in den Augen seiner Frau einen groben Formfehler) und offenbart 
uns drittens eine Fehlhandlung Gotthelfs, der vergißt, uns zu sagen, wer 
dieser „Benz" ist. Er könnte, da er vorher keine Erwähnung fand, ein 

1) Frazer: Taboo and the perils of the soul, p. 152. 

Th. Reik: Die Couvade und die Psychogenese der Vergeltungsfurcht. Imago III, 5, 

S. 457- 



Die schwarte Spinne 267 



Knecht sein. (Wir werden erst nach elf Seiten über den Namen orientiert.) 
Wir wagen vorläufig die Situation nicht anders zu deuten, als daß der 
Vater beinahe als nicht anwesend betrachtet wird, und daß er eine Regung 
in sich zu bekämpfen hat, die ihn das Tauffest als nicht genehm emp- 
finden läßt. Wir werden besonders in dieser zweiten Annahme bestärkt, 
wenn wir die wenigen weiteren Situationen, in denen der Vater auftritt, 
ins Auge fassen. Die Paten genießen den Weinwarm. „Der alte Götti . . . 
hatte allerlei Spaße mit dem Kindbettimann (Vater) und sagte ihm, daß sie 
ihn heute nicht schonen wollten, und dem Weinwarm an gönne er es ihnen, 
daran sei nichts gespart . . ." Der Hausvater wird sogar zum Witzobjekt. 
Freud hat uns die Technik des Witzes verstehen lernen. Irgendein un- 
bestimmtes Gefühl oder eine kleine Beobachtung am Hausvater mußte in 
dem alten Götti den Gedanken ausgelöst haben, das viele Essen sei Benz 
nicht genehm. Der Witz hilft darüber hinweg. 

Nun kommt der Kirchgang. Voran die Gotte, „auf ihren starken Armen 
das muntere Kind, hintendrein die zwei Götteni, Vater und Großvater, deren 
keinem in Sinn kam, die Gotte ihrer Last zu entledigen . . ." Auch hier 
wieder ein Versäumnis, das, neben dem jungen Götti, vor allem den Vater 
trifft. Nun macht sich die aufgeregte Gotte, die nicht nach dem Namen 
des Kindes fragen darf, in der Hoffnung, ihn vielleicht doch noch zu ver- 
nehmen, „an des Kindes Vater und versucht diesen durch allerlei Fragen zu 
Privatgesprächen zu verfuliren; allein der ist einsilbig und läßt den ange- 
sponnenen Faden immer wieder fallen. Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, 
wie jeder Vater sie haben sollte, wenn man ihm ein Kind zur Taufe trägt 
und ruxmentlich das erste Bübchen . 

An dieser Fehlhandlung des Vergessens tragen alle teil, besonders aber 
der Vater, der doch vor allem das Recht besessen hätte, stolz auf seinen 
erstgebornen Knaben und dessen öffentliche Namengebung zu sein. Wir 
werden darauf zurückkommen müssen. Vom Kindbettimann hören wir in 
der Episode nachher nur noch zweimal ganz kurz, nämlich wie er der 
Gesellschaft Wein aufnötigt. 1 

5 
Das Vergessen des Namens, sowie das Verbot, das der Gotte auferlegt 
ist, lenken unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Urzustände der Phylo- 
genese. Auch hier spielt das Namentabu eine große Rolle. Mit der all- 



1) Auch später nötigt er wiederholt zum Weingenuß. Das Schenkamt ist seine 
Hauptbeschäftigung. 



18* 



s68 Dr. Gustav Hans Grab er 



mählich wachsenden Erkenntnis des kausalen Zusammenhangs zwischen 
Geschlechtsakt und Schwangerschaft greift eigentlich eine neue Potenz in 
das Zusammenleben ein, und es tritt eine Spaltung auf. Das bis dahin 
restlos alle Wesen kommunisierende mütterliche Prinzip ist gebrochen. Die 
Mutter ist gleichsam ihrer Allmachtstellung . . . wenn man hier nicht 
überhaupt den Machtbegriff als unangebracht verwerfen will . . . beraubt. 
Auch der Mann hat nun Anteil und Besitzrecht am Kinde. Es entspinnt 
sich der Streit um den Besitz. Der Vater als Zeuger erhebt sich als der 
eigentliche Schöpfer über die Mutter und beansprucht seine Schöpfung, 
das Kind. In diesem Zusammenhang drängt sich uns die Frage auf, ob 
wir nicht auch die jüdische Schöpfungsgeschichte, wie die meisten Schöpfungs- 
mythen überhaupt, ähnlich, wie wir dies bei den zweigeschlechtigen Ur- 
wesen vermuteten, bereits als eine aus dieser Umkehrung entsprungene 
Darstellung aufzufassen haben. Nach der Mythe schafft Gott-Vater die 
Mutter Erde. Der Mann hat mit dieser Erhöhung und Projektion seines 
Ichs in einer üridentifikation mit dem Weibe (die er bis heute aufrecht 
erhält) ihm seine Funktionen als Schöpferin (Schwangerschaft und Geburt) 
nachgeahmt. Geht er doch „schwanger" von der Wahnidee, der Schöpfer 
zu sein, einher, gebiert Werk um Werk und drückt ihm zum Zeichen, 
daß es sein „Geschöpf" und sein Besitz sei, seinen Namen auf. Bebel 
nimmt gewiß mit Recht an, daß mit der Herrschaft des Privateigentums 
die Unterjochung der Frau unter den Mann besiegelt war. Er sagt: 1 „Die 
Geltung des Mutterrechts bedeutete Kommunismus, Gleichheit aller; das 
Aufkommen des Vaterrechts bedeutete Herrschaft des Privateigentums, und 
zugleich bedeutete es Unterdrückung und Knechtung der Frau." Bebel 
fügt bei, daß es sich schwer nachweisen lasse, in welcher Weise sich diese 
Umwandlung, die er „die erste große Revolution" nennt, vollzog. Wir 
glauben nun einen Hinweis gegeben zu haben. Die Idee des im Matriarchat 
waltenden Kommunismus (natürlich ist dies nicht absolut zu nehmen) ver- 
trägt sich auch sehr gut mit dem Gedanken, daß die primäre Mutter- 
identifikation weniger als die spätere Vateridentifikation zu einer Ich-Ideal- 
bildung führen konnte, daß vielmehr die Mutteridentifikation verallgemeinert 
und nicht wie die Vateridentifikation individualisiert. Das Mütterliche ist 
bestrebt, gleichsam alles in sich aufgehen zu lassen. Im Matriarchat, wo 
das Ich-Ideal noch wenig entwickelt ist, kann es dies in weitgehendem 
Maße. Wir haben es hier noch mit einer beinahe reinen Herrschaft des 



1) Bebel: op. cit. S. 32, 55. 



Die schwarze Spinne 26g 



Es zu tun und sehen uns vor das Problem gestellt, ob nicht mütterliches 
Prinzip und Es dasselbe bedeuten, so daß das Mutterideal, das einer Identi- 
fikation ruft, dem Es-Ideal 1 entsprechen würde. 

Wir sahen, daß mit der Erkenntnis des Kausalzusammenhangs von 
Zeugung und Empfängnis, die Bildung des Begriffes „Besitz , die eng mit 
der Ich- und Bewußtseinsentwicklung überhaupt zusammenhängen muß, 
stark an die Einstellung der Eltern zum Kinde (vorläufig ganz ohne Unter- 
schied der Geschlechter) geknüpft ist. Das Matriarchat erleidet damit seine 
Verdrängung, daß der Vater Vaterrechte geltend macht, die er mit dem 
Primat der Zeugung begründet und sich selbst mit der Fiktion der Mutter- 
identifikation wappnet, so, als ob auch er Leben zu spenden, Geschöpfe 
zu gebären, Schöpfer zu sein vermöchte. Er bewertet den Akt der Zeugung 
so, als ob Schwangerschaft und Geburt in ihm verdichtet wären. Und nun 
verstehen wir es auch, daß die höchsten Ich-Idealgestalten, die Götter, am 
reinsten diese mütterlichen Fähigkeiten aufweisen, verstehen, daß gerade 
höchste Ich-Ideale sich wieder am nächsten mit dem Es berühren. Ein Bei- 
spiel einer solchen „Steigerung" einer Gottheit ist der Wandel des männ- 
lichen, seine Macht ausübenden, gebietenden, altjüdischen Gott-Vaters zu 
dem das mütterliche Prinzip der gleich machenden Liebe vertretenden Gott 
der Christen. Wir werden Gelegenheit haben, näher auf diese Wandlung 
vom Gott-Vater zum Gott-Sohn einzugehen. Auch Zeus, der höchste Gott 
der Griechen, gebiert aus seinem Haupte Athene, die Mutterlose. 

Die Einsicht in die Urmutteridentifikation des Mannes zwingt uns, wie 
Bachofen dies angenommen, die pseudomütterliche Couvade, jenes von 
den Primitiven geübte Männerkindbett (interessant ist auch der Ausdruck 
„Kindbettimann" von Gotthelf), als die natürlichste Rationalisierung dieser 
Identifikation anzusehen, aus der notwendig des Mannes Recht hervorgehen 
muß, wie dies bei den Mandulus der Fall ist, das Kind als das seine zu 
beanspruchen. Nur auf der Grundlage der Identifikation mit dem Weibe 
konnte sich der Mann das Besitzrecht des Kindes, wie er dies mit der 
Namengebung besiegelt, aneignen. Es ist kein Beweis dagegen, wenn z. B. 
v. Dargun 2 meint, daß die Couvade gerade bei jenen Völkern ausgeübt 
werde, wo das Weib wenig von einem Wochenbett kennt, und deshalb 
eine Nachahmung ausgeschlossen sei, denn es ist doch naheliegend, daß 
gerade dort eine Ablösung des weiblichen Wochenbettes durch das männ- 

1) Ein von Beata Rank geprägter Ausdruck. Imago X, 2/5, S. 282. 

2) v. Dargun: Mutterrecht und Vaterrecht, 1892. 



27 o Dr. Gustav Hans Graber 



liehe stattfand. Auch jene Tatsache, von der Reik 1 meint, daß sie im 
Widerspruch zur Bachofenschen Auffassung stehe, daß nämlich die 
„Couvade bei vielen Völkern herrscht, bei welchen das Kind jetzt noch 
zum Mutterclan gehört", läßt sich sehr wohl mit der Bachofenschen 
Theorie vereinen, da es doch wohl nirgends mehr einen Stamm gibt, in 
dem das Matriarchat sich rein erhalten hat. Überall sind die Übergänge 
verwischt und waren wohl verwischt, soweit unsere Forschung zurück- 
reicht. 3 Und schließlich besagt auch die Auffassung Frazers,3 an die sich 
Reik anschließt, die Couvade sei ein Fall von sympathetischer (oder auch 
imitativer) Magie, nichts wesentlich anderes, als was Bachofen mit der 
Nachahmung erklärte, denn der sympathetischen Magie muß auch eine 
Identifikation zugrunde liegen. Daß der Mann, wie Reik dies nachweist,* 
bei der Übernahme der Geburtsschmerzen von einer Vergeltungsfurcht, 
wegen der der Frau zugewünschten Leiden, beherrscht ist, wird mit der 
Einsicht in den Ambivalenzkonflikt sehr einleuchtend. Immerhin ist auch 
der Gedanke in Erwägung zu ziehen, der Geburtsakt sei ursprünglich — 
wie dies bei primitiven Völkern der Fall ist — nicht immer unlust- 
betont gewesen, sondern im Gegenteil als sehr lustvoll empfunden worden.« 
Danach hätte ursprünglich auch der Mann in der Couvade einen Lust- 
gewinn gesucht, der sich später nur mehr masochistisch auf dem Umweg 
über den Schmerz erkaufen ließ, vor welchem der Mann aber nicht zurück- 
schreckte. 

Es liegt im Wesen der Identifikation, der möglichst vollständigen Ver- 
schmelzung Zweier zu einer Einheit, daß der Identifizierende, um zu seinem 
Ziele zu gelangen, dem zu übernehmenden Schmerz ebensowenig wie der 
Lust ausweicht . . . 6 Und schließlich, da die Identifikation der psychologische 
Weg ist, sich des andern zu bemächtigen, so wird uns verständlich, daß der 
Mann, der sich mit dem Weibe identifiziert, gleichzeitig ein Besitzrecht auf 
das Weib und damit natürlich auch auf das Kind (mit dem er sich übrigens 
auch identifiziert) beansprucht. Es würde zu weit führen, wollten wir 
hier das Problem der Versklavung der Frau aufrollen. 

i) Reik: Imago II, 5, S. 416. 

2) Eine Tatsache, auf die übrigens Reik selbst hinweist. Imago II, 5, Jj. 423. 

5) Frazer: The golden bough. Third edition. 

4) Reik: Die Couvade. Imago III, 5. 

5) Auch Groddeck spricht von der höchsten Lust des Geburtsaktes. (Das Buch 

vom Es. 1925.) 

6) Man findet gelegentlich bei Männern auch hysterische Gravidität. Siehe darüber 
auch Groddeck: Das Buch vom Es. 1923- 



Die schwarze Spinne 271 



Wir sahen, daß mit der Namengebung an der Taufe das Kind dem 
(Gott-) Vater dargebracht wird. Wir deuteten diesen Akt als einen, den 
Übergang vom Matriarchat zur Urvaterherrschaft symbolisierenden Volks- 
gebrauch. Wir haben nun noch eine Erklärung für die Fehlhandlung des 
Namenvergessens zu suchen. Freud hat uns den Weg zum Verständnis 
gewiesen. Es liegt im Vergessen eine unbewußte Absicht, der Wunsch 
nämlich, es möchte die Namenerteilung unterbleiben. Der Vorwurf des 
Vergessens trifft vor allem den Vater, welcher ja auf dem Kirchgange mit 
der Gotte längere Zeit im Gespräch steht, so daß bei ihm die Fehlhand- 
lung nicht so motiviert werden kann, wie Gotthelf dies tut, wenn er 
sa^t: „Im Hast ob den vielen, zu besorgenden Dingen und der Angst, zu 
spät zu kommen, hatte man die Mitteilung dieses Namens vergessen ..." 
Frazer 1 hat uns mit vielen Beispielen belehrt, daß die Primitiven im 
Kinde durch die Namengebung einen Ahnen auferstehen sehen. Anderseits 
aber werden die Namen der Toten auch sorgfältig vermieden. Die Gefühls- 
regungen gegenüber den Toten sind ambivalent. Man sehnt sich nach 
ihnen, man fürchtet sie aber auch. Es ist anzunehmen, daß auch bei Benz, 
dem Kindbettimann, solche unbewußte archaische Gattungserinnerungen 
zur Verpönung des Namens beigetragen haben. Wie die Bindungen des Kindes 
an die Eltern ambivalente Gefühlsregungen aufweisen, 2 so zeigen umgekehrt 
auch die Bindungen der Eltern an die Kinder diese Ambivalenz. Benz 
macht sich seine eigenen Gedanken über das Kind, namentlich weil es 
das erste Bübchen ist. Sein Unbewußtes scheint es abzulehnen. Wir 
werden in dieser unserer Vermutung bestärkt durch die Einsicht in die 
offensichtlichen Unterlassungsfehler, die der Vater begeht. Frazer 3 hat 
uns gezeigt, wie in aller Welt bei den Primitiven die Sitte bestand, die 
Erstgebornen zu töten, sie sogar zu essen. Während bei Tieren und in den 
auf früheste archaische Zustände zurückgreifenden Märchen, Sagen und 
Träumen, es meist noch die Mutter (als Hexe oder Vampir) ist, die das 
Kind verzehrt, sehen wir später den Vater sein Besitzrecht auf dasselbe 
geltend machen. Er ist es, der es tötet und es — allein oder mit den 
Stammesgenossen — aufißt. Auch dafür gibt uns die Traum-, Sagen- und 
Märchenwelt genügend Beweismaterial. 4, Zu der rein triebhaften Lust des 

1) Frazer: The golden bough. 

2) Siehe meine Arbeit: Die Ambivalenz des Kindes. 1924. 

3) Frazer: op. cit. 

4) Einer der schönsten Brunnen in Bern stellt den Kinderfresser dar, wie er 
eben einem der vielen gefangenen Kinder den Kopf abbeißt. 



272 Dr. Gustav Hans Graber 



Verzehrens tritt mit der wachsenden Vaterherrschaft ein bewußtes Motiv 
in den Dienst der primären Lustbefriedigung. Das Erstgeborne wird vom 
Vater verspeist, weil er mit der Einverleibung des Kindes — nach viel- 
facher primitiver Auffassung sein wiedergeborenes Ich — sich selbst mittels 
dieser vollendetsten Identifikation verjüngt. Anderseits wirken im Vater 
Haßregungen mit. Er fürchtet, vom Sohne verdrängt zu werden, fürchtet, 
wofür Reik 1 Beweise gebracht hat, daß im Sohne dieselben Todeswünsche 
gegen ihn wirksam seien, wie er sie seinem eigenen Vater entgegen- 
gebracht. Die Vergeltungsfurcht treibt den Vater zu der Auffassung, im 
Kinde seinen eigenen Vater auferstehen zu sehen. Dieser wird einmal Rache 
nehmen. Lorenz 3 wies darauf hin, daß es durch die feindselige Haltung der 
Kinder gegen die Eltern (Titanen-Motiv) nach polynesischer Überlieferung zur 
Trennung von Himmel und Erde, dem Weltelternpaare, kam. Diese Trennung 
bedeutete eine Art Entmannung des Vaters (Himmel). Auch Kronos (Theo- 
gonie) entmannt seinen Vater, als dieser sich zur Nachtzeit voll Verlangen 
seinem Weibe nähert. Kronos fürchtet, als er selbst Vater geworden, daß 
ihm dasselbe Schicksal von seinen Kindern zuteil werde. Er verschlingt 
sie deshalb. Auch hier ersteht im Sohn der Rächer, eigentlich der Groß- 
vater. Reik 5 belehrte uns, daß das, in späteren Entwicklungsperioden den 
Göttern dargebrachte Opfer des Erstgebornen den Sinn habe, dem Groß- 
vater (deifizierten Vater) den Enkel als Sühne zu übergeben. Gleichzeitig 
ist aber auch das Kind, wie wir schon sagten, der wiedererstandene 
Großvater und muß deshalb vom Vater, der sich dadurch wieder in die 
Sohnesrolle gedrängt sieht, beseitigt werden. Merkwürdigerweise vernehmen 
wir von Gotthelf gar nichts über das Verhältnis vom Kindbettimann zu 
seinem Vater, dem Großvater, wie er in der Erzählung genannt wird. 
Letzterer spielt eine viel bedeutendere Rolle als der Kindbettimann. Wie aus 
verschiedenen Stellen hervorgeht, ist er der Meister und Besitzer des Bauern- 
gutes. Benz hat noch keine Rechte. Wir wundern uns darum nicht, wenn 
Benz sich seine Gedanken macht bei der Taufe seines Erstgebornen. Selbst 
noch nicht zu eigenen Rechten gekommen, ersteht ihm im Sohn schon 
ein verjüngter Vater, der sie ihm, wenn er sie einmal erlangt, wieder 
streitig machen wird. 

Nun aber, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Taufe eine symbo- 



1) Reik: Die Couvade. Imago III, 5. 

2) Lorenz: Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie. Imago II, 1. 

3) Reik: Die Convade. Imago III, 5. 



Die schwarze Spinne 27s 



lische Opferung des Kindes an Gott-Vater ist,' so müssen wir eigentlich 
erwarten, daß dem Unbewußten des Vaters im Taufakte, der doch einer 
Versöhnung gleichkommt, Genüge getan wird. Sein Bewußtsein aber weiß 
von diesen Zusammenhängen nichts mehr und sieht im Taufgebrauch 
lediglich die Feier der Anerkennung des werdenden Rivalen. 

Hinter des Vaters wiederholter Nötigung zum Weingenuß liegt der Wunsch 
nach Betäubung des hemmenden Bewußtseins verborgen, um das Fest, dessen 
eigentlicher Hauptakt das Mahl ist, ungetrübt genießen zu können. 
• Der Sinn dieses Mahles, das bei den Bauern (aber auch bei der städtischen 
Bevölkerung) des Kantons Bern und der Schweiz im allgemeinen immer noch 
mit großem Aufwand abgehalten wird, erschließt sich uns, wenn wir wissen, 
daß bei den Primitiven stellvertretend für das Opfer des Erstgebornen nach 
und nach Tieropfer 2 traten. Der Kindermord wurde, weil er für das Unbe- 
wußte einen verkappten Vatermord bedeutete, tabuiert, sowie schließlich auch 
das Opfer des Tieres und der Genuß seines Fleisches verpönt wurden (diätetische 
Couvade und Fasten verböte), weil immer wieder unbewußt das alte Be- 
gehren nach dem Mord und dem Fressen des Vaters und der daraus her- 
vorgehenden Vereinigung mit ihm, durch das Fressen des Kindes oder des 
Tieres realisiert wurde. Das Verdrängte hat aber in unseren höchsten Kulten, 
in den uns bekannten Tauf-, Hochzeits-, Abendmahls- und Bestattungs- 
feiern einen Rückweg gefunden und sich zu rationalisieren vermocht. 
Wie bei den Primitiven das Totemtier, das sonst zu töten verboten war, 
bei gewissen Anlässen und unter Beteiligung des ganzen Glans geschlachtet 
und verzehrt wurde, sind auch die bei unseren Kulten stattfindenden 
gemeinsamen Mahlzeiten Wiederholungen des Totemmahles. Das viele 
Fleisch bei unserem Taufmahle, auf das Gotthelf besonders aufmerksam 
macht, ist Ersatz für das Fleisch des Kindes. Wir wollen nicht unerwähnt 
lassen, daß Gotthelf unbewußt sogar direkte Anspielungen darauf macht. 
So ist z. B. die Zupfe, die bei solchen festlichen Anlässen nicht fehlen darf, 
„dieses eigentümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber . . ., 



1) Über die Dreifaltigkeit des Einen, das Drei ist, hat uns R. Spiez orientiert. 
Imago X, 2/3. 

2) Reik zitiert in seiner Arbeit über die Couvade (Imago, TIT, 5) aus Schef- 
telowitz, „Das stellvertretende Huhnopfer", ein Verbot, das im dreizehnten Jahr- 
hundert in Barcelona erlassen wurde: „Man schlachtet einen alten Hahn als Sühne 
für einen neugeborenen Knaben und schneidet seinen Kopf ab und hängt den Kopf 
mit seinen Federn am Eingang des Hauses zusammen mit Knoblauch auf, was ich 
für heidnisch halte und daher verboten habe". 



2^4 ^ r " Gustav Hans Grab er 



groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer .' Oder: „Man 
unistand das Kind und rühmte es wie billig, und es war auch ein wunder- 
appetitlich 1 Bübchen. 

Es scheint, daß man sich bei dem Mahle kaum Genüge tun kann. 
Besonders wird die Gotte, die wir als stellvertretende Mutter zu betrachten 
haben, zu übermäßigem Essen angehalten. Es fällt uns auf, daß die Gotte, 
wie übrigens auch die anderen Teilnehmer am Fest, gewohnheitsmäßig vor 
dem Essen die Nahrung verweigern, ein Gebrauch, den wir mit dem Tabu 
in Zusammenhang bringen müssen. Sollen wir darin, daß die Gotte, die 
die Mutter vertritt, besonders viel essen muß, eine Darstellung der Matri- 
archatszustände erblicken, wo die Mutter das Kind fraß? 

Wenn wir auch im Taufmahl einen Gebrauch kennen lernten, den wir 
bereits — da ja das Kind Gott- Vater dargebracht wird — als eine Remi- 
niszenz aus der Urvaterherrschaft erkannt haben, so müssen wir doch 
darauf verweisen, daß alle Akte in den Urverhältnissen des Matriarchats 
verwurzelt sind. Mit dem Aufessen des Kindes und den späteren Ersatz- 
befriedigungen wird doch immer wieder die Einheit von Mutter und Kind 
gesucht. Indem die Mutter das Kind, mit dem auch sie sich identifiziert, 
sich einverleibt, erfüllt sie ihren eigenen und des Kindes tiefsten Wunsch, 
in den intrauterinen Zustand zurückzukehren. 2 Sie kehrt gleichsam mit 
dem Kinde in sich selbst zurück, um wiedergeboren zu werden. Ganz die- 
selbe Vorstellung zeigt sich in der Ontogenese auf der oralen Stufe des 
Kindes, wenn es glaubt, daß z. B. ein Stück Fleisch, das die Mutter ißt, 
sich in ihr zu einem Kinde entwickelt und per anum geboren wird. 3 
Dieselben Zusammenhänge finden wir beim vatergewordenen Sohn, dessen 
Uridentifikation die mit der Mutter ist. Er frißt ihre Kinder, um wie sie 
Kinder tragen und gebären zu können. So erreicht er die höchste Erfüllung 
autoerotischer und narzißtischer Wünsche, nämlich, in sich selbst zurück- 
zukehren, um sich aus sich selbst zu zeugen und zu gebären. 



1) Von mir gesperrt. 

2) Rank: Das Trauma der Geburt, 1924.. 

5) Ich habe in meinem Buche: „Die Ambivalenz des Kindes", von einem solchen 
Fall berichtet, S. 43. 



Die schwarze Spinne 275 



B 

Die Urvaterhorde 

Wir haben nachzuweisen versucht, daß die Urvaterherrschaft und das 
in der Menschheitsentwicklung sich bildende Macht- und Allmachtsbewußt- 
sein des Mannes hauptsächlich auf einer Identifikation mit den Funktionen 
des Weibes, als der Spenderin neuen Lebens, beruhte. Je weiter der Mann 
sich in diese Identifikation verstrickte, desto mächtiger kam er sich vor 
und desto narzißtischer betrug er sich. Freud hat uns mit dem Bilde des 
Urhordenvaters und des Führers überhaupt, die Figur des mächtigen Mannes, 
anschaulich gemacht. 1 Es ist mit der Macht genau gleich bestellt, wie 
mit dem Ich-Ideal. Je mehr sie gesteigert wird, desto mehr zerfällt sie. 
Auch die scheinbar echtesten männlichen Ich-Ideale, ja, diese ganz beson- 
ders, entstammen im Grunde dem Es und führen in ihrer Steigerung 
zum letzteren zurück, d. h. der narzißtische Führer, statt — wie es der 
Identifikation mit dem Weibe und dem Ich -Ideal entsprechen würde — 
zu dienen und zu helfen, verfällt in die Sohnesrolle zurück und läßt sich 
bedienen, stempelt schließlich seine ganze Umgebung zu „Müttern", 
zwingt sie, ihm zu dienen und bekundet so, daß sein Bestreben, Mutter 
zu werden, Fiktion geblieben. Wir werden versucht, dieses Zurückgeben 
der Mutterrolle und die Rückkehr in die Sohneseinstellung als einen 
„nachträglichen Gehorsam" (Freud), oder, um einen religiösen Ausdruck 
zu gebrauchen, als eine Art ungewollter und unerkannter Bekehrung zu 
bezeichnen. Das progressive Streben erweist sich als eine verkappte Re- 
gression. 

Die Horde (die Masse) aber verfällt wirklich der dienenden mütterlichen 
Rolle und sorgt sich und nährt ihren tyrannischen „Pflegling . 



Die nun folgende zweite Episode in Gott hei fs Erzählung zeigt uns 
dieses typische Bild des allmächtigen Tyrannen und seiner ihm ergebenen 
Masse, welches wir, in die Menschheitsentwicklung projiziert, als eine 
Darstellung der das Matriarchat ablösenden Urvaterhorde ansehen dürfen. 

Wir erinnern uns, daß der Großvater, durch drängendes Fragen der 
Taufgesellschaft genötigt, unter dem Vorbehalt der Verschwiegenheit, seinen 

1) Freud: Totem und Tabu. Ferner: Massenpsychologie und Ich-Analyse. 1921- 



276 Dr. Gustav Hans Graber 



Bericht über den seltsamen „Fensterposten" beginnt. Daß Gotthelf den 
Erzählenden dabei bis auf archaische Zeiten zurückgreifen läßt, weckt in 
uns die Vermutung, dem Schriftsteller müsse ein Teil des Entwicklungs- 
gedankens, welcher der Geschichte zugrunde liegt, bewußt gewesen sein. 

Der Großvater beginnt: 

„Allemal, wenn ick dieses Holz betrachte, so muß ick mich verwundern, 
wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschen- 
geschlecht entstanden sein soll, Menschen bis hieher harnen und diesen Winkel 
in diesem engen Graben fanden, und muß denken, was die, welche bis hieher 
verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgestanden haben werden, und wer 
sie ruokl mögen gewesen sein. Ick habe viel darüber nachgefragt, aber nichts 
erfahren können, als daß diese Gegend schon sehr früh bewohnt gewesen, ja 
Sumiswald, tweh ehe unser Heiland auf der Welt war, eine Stadt gewesen 
sein soll; aber aufgeschrieben steht das nirgends. Doch das weiß man, daß es 
schon mehr als sechshundert Jahre her ist, daß das Schloß steht, wo jetzt der 
Spital ist, und wahrscheinlich um dieselbe Zeit stund auch hier schon ein Haus 
und gehörte samt einem großen Teil der Umgegend zu dem Schlosse, mußte 
dorthin Zehnten und Bodenzinse geben, Frondienste leisten, ja die Menschen 
waren leibeigen und nicht eigenen Rechtens . . . Ihr Zustand hing jeweilen 
von ihren Herren ab; die waren gar ungleich und doch fast unumschränkt 
Meister über ihre Leute . . . Dieses Schloß kam nämlich frühe in die Hände 
von ,Rittern, die sich im Auslande fast an ein heidnisch Leben gewöhnten. 
Sie ,gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre . . . 
Einer der ivüstesten soll der Hans von Stoffeln gewesen sein aus dem Sckwaben- 
lande, und unter ihm soll es sich zugetragen haben, was ihr von mir wissen 
wollt, und zuas sich bei uns von Vater auf den Sohn vererbet hat' . 

Dieser Hans von Stoffeln läßt sich nun von den Bauern auf einem hohen 
Hügel ein mächtiges Schloß bauen. „Zu der und der Zeit sollte der letzte 
Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein." Barmherzigkeit kannte der 
Ritter keine, „die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte 
sie auf heidnische Weise mit Schlägen und Schimpfen, und wenn einer müde 
wurde, langsamer sich rührte oder gar ruhen wollte, so war der Vogt hinter 
ihm mit der Peitsche und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. Wenn 
die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude daran, wenn die 
Peitsche recht knallte". Endlich ist das Schloß fertig. Eines Abends werden 
die Bauern in den Rittersaal geladen. „Drinnen saßen um den schweren 
Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Füßen, und 
obenan der von Stoffeln, ein wilder, mächtiger Mann, der einen Kopf hatte 



Die schwarze Spinne 277 



wie ein doppelt Bernniäß, Augen machte wie Pflugsr'dder und einen Bart hatte 
wie eine alte Löwenmähne." Er erhob „seine Stimme, und sie tönte wie aus 
einer hundertjährigen Eiche . . . ,In Zeit eines Monates sollt ihr mir einen 
Schattengang pflanzen, sollt hundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem 
Münneberg, mit Asten und Wurzeln, und sollt sie mir pflanzen auf Bär- 
hegen, und wenn eine einzige Buche fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und 
Blut' . . . seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluh . . . ,und 
-wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch 
peitschen, bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und 
Kinder werfe ich den Hunden vor". Die Männer wurden „der Ritter 
Gelächter, der Knechte Spott, der Rüde Geheul". Sie setzten „sich an des 
Weges Rand und weinten bitterlich, keiner hatte einen Trost für den andern, 
und keiner hatte den Mut zu rechtem Zorn, denn Not und Plage hatten 
den Mut ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, 
sondern nur noch zum Jammer . . . Wie sie da so ratlos weinten, keiner den 
andern ansehen, in den Jammer des andern sehen durfte, weil der seinige 
schon über ihm zusammenschlug, und keiner heim durfte mit der Botschaft, 
keiner den Jammer heimtragen mochte zu Weib und Kind, stund plötzlich vor 
ihnen . . . ein grüner Jägersmann." Er schwört den Rittern Rache und will 
den Bauern helfen, begehrt aber als Lohn ein ungetauft Kind. Nun er- 
kennen die Bauern in ihm den Teufel und fliehen zitternd nach Hause 
zu den Weibern. 



Aus der Schilderung dieser Episode drängt sich uns vorerst der Vergleich 
des Hans von Stoffeln, der sich in solch extrem narzißtischer und auch 
sadistischer Weise auslebt, mit der Urvaterfigur auf. Auch die Schilderung 
der geknechteten Talbewohnerschaft würde einer guten Charakteristik der 
von ihrem Führer abhängigen Urhorde entsprechen. Die Männer werden 
in ihrer Schwachheit und in ihrer Dienerrolle weibisch. Sie jammern und 
weinen und finden keine Kraft zur gemeinsamen Befreiungstat. Wie in 
der LJrvaterhorde, so ist es auch hier schließlich das Weib, das die Ursache 
zum Sturz des Tyrannen bildet, ist es das Weib, das sich zur Führerin 
erhebt. Ihr allein ist die Überhebung ermöglicht, da jedem männlichen 
Gliede die Übernahme der begehrten Führerschaft durch den gemeinsamen 
Verzicht unmöglich gemacht ist. 1 



1) Freud: Totem und Tabu. 



278 Dr. Gustav Hans Graber 



Dunkel bleibt uns vorderhand die Gestalt des Teufels. Aus den Mythen 
wissen wir, daß wir ihn als eine Abspaltung Gottes zu betrachten haben. 
Wenn aber Gott der deilizierte Urvater ist, und dessen Eigenschaften eines 
Beschützers, narzißtischen Genießers und eigensüchtigen Tyrannen zeigt, 
was wir als eine Projektion der aus der Bindung an den Urvater entstan- 
denen ambivalenten Gefühle erkennen, so entspricht die Spaltung Gott- 
Teufel lediglich Personifikationen dieser sich gegenüberstehenden pro- 
jizierten Gefühle. Gott wird Beschützer und fordert zur Entsagung. Der 
Teufel ist als ein teilweiser Vaterersatz egoistischer Genießer und Ver- 
führer. 1 Da aber, wie wir früher gesehen haben, die Eigenschaften, die 
den Urvater über die Masse erheben, auf der Fiktion der hochgesteigerten 
Identifikation mit der Mutter basieren . . . Eigenschaften, die, auch wo sie 
später in Gott als Beschützer und Helfer und im Teufel als erotischem 
Genießer und Verführer in zwei Personifikationen getrennt auftreten, ohne 
weiteres als echt weibliche Eigenschaften erkannt werden ... ist es natur- 
notwendig, daß nach dem Sturz des Urvaters das weibliche und mütter- 
liche Prinzip sich wieder in seiner ursprünglichen Gestalt auswirken muß, 
so daß die Männer der Urvaterhorde sich wieder in der Sohnesrolle ge- 
nügen können. 

Wie kam aber der Sturz des Urvaters zustande? Freud 2 nimmt an, 
daß die Söhne, die nach des Vaters Machtstellung gelüstete, ihn mordeten . . . 
also ein revolutionärer Akt. Wir können aber auch annehmen, daß die 
Beseitigung sich evolvierend vollzog. Beide Annahmen haben ihre Berech- 
tigung, weil sie sich ergänzen. Die revolutionäre Beseitigung des Urvaters 
ist eine dramatische Verdichtung der evolvierenden. Auch dort aber, wo 
sich die Beseitigung ohne Gewaltakt vollzog, bestand in den Söhnen be- 
ständig der Wunsch, ihn zu begehen. Psychisch wurde er auch wirklich 
begangen. Beide Arten der Beseitigung finden sich in unzähligen Bei- 
spielen in der Geschichte vor, da sich die Vorkommnisse der Urhorde 
durch alle Generationen wenig abgeschwächt wiederholten. 

Wir haben gesehen, daß der Urvater mit der Steigerung seines Ichs, 
seiner aus der Nachahmung mütterlicher Funktionen erwachsenen Vater- 
rolle, sich selbst, statt wie es eigentlich dem Ich- und Vater-Ideal ent- 
sprechen sollte, unabhängig zu machen, immer mehr in die Abhängigkeit 
der Masse begibt und so schließlich in die Sohnesrolle regrediert. Mit der 



1) Reik: Der eigene und der fremde Gott. 1925. 

2) Freud: Totem und Tabu. 



Die schwarze Spinne 279 



Steigerung des Vater-Ich-Ideals . . . einer wachsenden Individualisierung . . . 
ist notwendig die Absonderung aus der Gemeinschaft, nämlich der Mutter- 
Sohngemeinschaft, gegeben, ist aber auch gleichzeitig das Bedürfnis ge- 
schaffen, in sie zurückkehren zu können. Das Bedürfnis aber bindet und 
wächst im selben Maß wie die Isolierung. Es führt auf dem Umwege über 
die Bildung des Ichs und seiner Ansprüche, die im Grunde mit den An- 
sprüchen der Vaterrechte identisch sind, zum Es, zur Mutter zurück. 
Freud hat uns diese Entwicklung aus dem Es zum Ich, Über-Ich und 
zurück zum Es verstehen gelehrt,' und wir haben einen Versuch der An- 
wendung gewagt, wenn wir die Begriffe Mutter und Es einerseits und 
Vater und Ich (Über-Ich) anderseits ineinanderschoben und darauf ver- 
wiesen, daß die Vater-Ich-Bildung auf einer Identifikation mit dem 
Mütterlichen (Es) beruht. Es hat sich dabei in etwas anderem Aspekt die 
Richtigkeit des Freudschen Satzes erwiesen, „daß das Ich ein besonders 
differenzierter Anteil des Es ist". 2 

Nachdem wir am Urvater die Entwicklung zum Ich, Über-Ich und 
zurück zum Es als eine allmählich sich vollziehende dargestellt, wird es 
uns nicht schwer, da die Söhne der Horde nach demselben als Tdeal er- 
scheinenden Ablauf des Lebens verlangen, zu erkennen, daß mit der 
Regression des Vaters zum Es, dieser der Progression der Söhne zum Ich 
förderlich war. Es mußte also der Zeitpunkt eintreten, wo die Mächte- 
verteilung sich die "Wage hielt, um sich schließlich zugunsten der Söhne 
zu entscheiden. Das geschah dann, als sie selbst sich ihrer Vaterschaft 
bewußt wurden. 

Mit diesem Einblick in das Zusammenspiel der Mächte Vater-Sohn, die 
sich feindlich gegenüberstehen und sich doch gegenseitig in ihren Bestre- 
bungen unterstützen . . . beider Ziel bleibt eben die Rückkehr zur Mutter 
und in die Mutter . . . wird uns der Sinn der Figur des Teufels in unserer 
Erzählung klarer. 

Er ist die Verkörperung dieser Mächte, ist der wieder sohnwerdende 
Vater (Wiedergeburt im Sohn) und ist der vaterwerdende Sohn. Schon in 
der Mythe trägt er diesen Doppelcharakter. Als ein abgefallener Teil Gott- 
Vaters (also eigentlich der Sohn) trägt Luzifer seine Züge, zeigt aber in 
seinem Begehren zu sein wie Gott, die typische Sohneseinstellung. Wenn 
wir die Episode der Herrschaft des Hans von Stoffeln als eine in geschicht- 



j) Freud: Das Ich und das Es. 1923. 
2) Freud: op. cit. S. 46. 



280 Dr. Gustav Hans Graber 



liehe Zeiten projizierte Darstellung der vorgeschichtlichen Urvaterhorde 
deuten, so müssen wir die hier auftretende Dämonenerscheinung wieder 
mit Fleisch und Blut ausrüsten, um so die einmal erfolgte Projektion 
wesenhafter Gestalten in die Geisterwelt aufzuheben. Der Teufel wird nun 
zum Sohn, der vom Urvater (Gott) abtrünnig (abgetrennt, gezeugt) wird 
und sich gegen ihn empört. In unserer Geschichte übernimmt er auch 
wirklich die Rolle des Empörers, der erstens die Macht der Urvaterfigur, 
des Ritters, brechen will, der aber, wie wir später sehen werden, selber 
Vatergelüste zeigt und nach der Mutter verlangt. Er ist der Empörersohn, 
der mit Hilfe des Weibes die unterdrückte Horde der Talbewohner zur 
Tat herausfordert und sie vom Joch des Tyrannen befreien hilft. Gleich- 
zeitig ist aber der Teufel die Verkörperung all der Empörergelüste, die in 
jedem einzelnen Bauern gären, die aber keiner zu realisieren wagt. Der 
Zustand der Bauernsame zeigt bereits das typische Bild der Melancholie. 
Selbst die Klagen sind verstummt. „Das Herz ist im Jammer verschivollen, 
so kommen keine Worte mehr daraus." Das Weinen und Heulen sprengt nach 
des Teufels Meinung „Steine aus dem Boden , „Aste ab den Bäumen und 
die „Sterne aus dem Himmel". Er braucht symbolische Bilder seiner eigenen 
Geburt und Abspaltung. Dann rüttelt er die Bauern geschickt aus ihrer 
melancholischen Passivität auf. Sie sollen wieder klagen. 1 „Man mag schlagen, 
was man ivill, Stein oder Baum, so gibt es einen Ton von sich, es klaget. So 
soll auch der Mensch klagen, soll dem ersten besten klagen, vielleicht hilft ihm 
der erste beste." 

Der zweite Schritt, die Bauern aufzurütteln, ist des Teufels Beispiel der 
Empörung. Er weckt wieder die Kraft zum Zorn. Er „hob drohend die 
lange, magere, schwarze Hand gegen das Schloß empor und vermaß sich zu 
schwerer Rache gegen solche Tyrannei . 

Zum Dritten bietet er ihnen nun seine Hilfe an, „ihnen zulieb, den 
Rittern zum Trotz und um geringen Lohn . . . Wie ich gesagt, ick begehre 
nicht viel, nickt mehr als ein ungetauftes Kind . 

Nun aber erkennen ihn die Bauern. „Das Wort zuckte durch die Männer 
wie ein Blitz, eine Decke ß'el es von ihren Augen, und wie Spreu im Wirbel- 
winde stoben sie auseinander. 

Wenn wir die Teufelsfigur durch den Empörersohn ersetzen, so wird 
uns sein Lohn, den er für die Rache am Ritter (Urvater) fordert, sofort 

1) Oft ist in Analysen das Lautwerden von Klagen bei stark depressiv-verstimmten 
Patienten der erste Schritt zur Besserung. 



Die schwarze Spinne 281 



verständlich. Er fordert das Kind, fordert wie der Urvater das Vaterrecht, 
fordert laut, was jeder Bauer (Sohn) im stillen wünscht. Der Blitz, der 
alle durchzuckt, ist das Schuldgefühl, das in ihnen erwachte. Die Flucht 
bedeutet also die Flucht vor den eigenen unstillbaren Gelüsten nach der 
Rachetat und nach der Macht des Ritters (Urvaters). Der teuflische Empörer- 
sohn weiß, daß sie alle noch in der Sohnesrolle verharren, und nicht 
umsonst ruft er ihnen nach, sie sollten bei ihren Weibern Rat suchen. 
,Blaß und zitternd an der Seele und an allen Gliedern stäubten die Männer 
nach Hause . . . wie Tauben vom Vogel gejagt zum Taubenschlag." Die Weiber 
locken sie an den Ort, „wo man im stillen ein vertraut Wort reden" kann. 
Die Männer berichten. „Da ergriff namenlose Angst die Weiber, ein Weh- 
geschrei ertönte über Berg und Tal, einer jeden ward, als hätte ihr eigen 
Kind der Ruchlose begehrt. 

Damit schließt die zweite Episode, in der wir das Bild der Urvaterhorde, 
den mächtigen Führer, die gefügige Masse und die werdende Empörung, 
die Freiheit bringen soll, wieder zu erkennen vermochten. 



c 

Die Herrschaft des Mannweibes 

In der kraftvollen Auswirkung der Vaterherrschaft, wie sie der Ritter 
Hans von Stoffeln über die Bewohner der Talschaft ausübte, sehen wir 
das Ich-Ideal eine Verwirklichung erfahren. Es berührt sich dadurch wieder 
mit dem Es und löst sich schließlich teilweise in ihm auf. Es ist zu er- 
warten, daß wie in diesem Fall, allgemein nach einer Vaterherrschaft das 
mütterliche Prinzip, das wir mit dem Es, wenn nicht als identisch, so 
doch als in engster Verwandtschaft uns vorzustellen gewagt haben, stets 
wieder — vor und während der Ablösung des Vaters durch den Sohn — 
dominiert. 

Nach einer Sage l der transsylvanischen Zigeuner fliegt der Sonnenkönig 
zeitig in der Frühe als ein kleines Kind in die Welt hinaus, wird zu 
Mittag ein Mann und kehrt abends als schwacher Greis heim, um im 
Schöße seiner Mutter zu schlafen. Schläft er nicht im Schöße seiner Mutter, 
so bleibt er ein Greis, der keine Kraft hat und kann dann nicht in die 



1) H. v. Wlislocki: op. cit.: Die drei goldenen Haare des Sonnenkönigs. Ebenso: 
Die Sonnenmutter. 

Imago XI. 19 



282 Dr. Gustav Hans Graber 



Welt hinausfliegen. Die Sonnenmutter hilft einem Jüngling, dessen Leben 
ein König schon zweimal vernichten wollte. Der Jüngling, der zukünftige 
Schwiegersohn des Königs, findet nach langer Wanderung die Sonnen- 
mutter. Sie verschafft ihm drei Haare des Sonnenkönigs, dem sie diese in 
der Nacht, da er in ihrem Schöße schläft, ausreißt. Der Jüngling kehrt 
mit den drei Haaren, nach denen ihn sein Schwiegervater ausgeschickt, 
zurück. Dieser ärgert sich über des Jünglings Erfolg, will ebenfalls in der 
Fremde sein Glück versuchen, bleibt aber als Fährmann für ewig auf 
einen Kahn verbannt. Und der Jüngling wird König. 

Eine andere Sage' berichtet von einem Jüngling, der mit Hilfe der 
wundertätigen Kraft einer blauen Blume schließlich den Drachen (Vater) 
erlegt und die dadurch erlöste Jungfrau heiratet. Die blaue Blume aber 
fliegt fort und ruft: „Ich bin die Seele deiner verstorbenen Mutter!" 2 In 
beiden Sagen bewirkt die Mutter die Ablösung des Vaters durch den Sohn. 

Röheim 5 hat gezeigt, wie bei den Primitiven durch die Theophagie 
der gehaßte Vater, so wie er als Leiche genossen ist, zur Mutter gemacht 
wird. „Libidoquantitäten werden vom Urziel (Mutter) abgezogen, und die 
Leiche mit diesen Libidomengen besetzt ... Sie aßen vom Vater wie sie 
als Säuglinge von der Mutter getrunken", d. h. sie hoben die Entwick- 
lung zur Vaterherrschaft und damit die erste Verdrängung, die von der 
Mutter ablösen sollte, wieder auf. Wenn die Söhne den Vater in sich auf- 
nehmen, so nehmen sie gleichzeitig mit der Leiche, die mütterliche Quali- 
täten erhielt, auch die Mutter in sich auf und identifizieren sich so mit 
beiden Elternteilen. Die Söhne, die den Urvater morden, erstreben also mit 
dem Mord am Vater nicht nur progressiv die Ermöglichung einer Identifi- 
kation und eigenen Vaterherrschaft — welche übrigens durch den aus- 
brechenden Streit der Söhne und den schließlichen Verzicht kaum reali- 
sierbar ist — sondern ebensosehr die Aufhebung der Vaterschaft überhaupt 
und damit die Regression in die Sohnesrolle, in welcher die Mutter wieder 
in den ungeteilten Besitz übergehen soll. So wird die Frau, die durch den 
Mord am Urvater befreit ist, und deren Söhne ein starkes Anlehnungs- 
bedürfnis zeigen, von selbst wieder in die führende Mutterrolle gedrängt. 
Da sie aber an der Seite des Urvaters sich stark mit diesem identifiziert 
hat, ist sie nun nicht mehr die schützende und dienende Mutter, sondern 

1) H. v. Wlislocki: op. cit.: Die blaue Blume des Glücks. 

2) Auch die in der Romantik eine so große Rolle spielende „blaue Blume" ist 
vor allem ein Muttersymbol. 

3J G. K oli ei m: Nach dem Tode des Urvaters. Imago IX, 1. 



Die schwarze Spinne 285 



das anspruchsvolle, verruchte Mannweib, das sich des Penis versichert und 
ihn sich einverleibt. 1 

Eine transsylvanische Zigeunersage 2 berichtet von einer Königstochter, 
daß sie nur denjenigen zum Gatten nimmt, der sich so vor ihr verstecken 
kann, daß sie ihn nicht zu finden vermag. Viele Männer haben sich 
bereits um die Jungfrau beworben, aber sie fand sie alle, ließ sie ent- 
mannen und zersägen. Jeden abgeschnittenen Phallus aber hängt sie an 
einen hohen Turm, den sie, bevor sie stirbt, ganz behängen will. Einem 
armen Knecht, der sich ebenfalls um die Königstochter bewirbt, graben 
die Ameisen eine Höhle, die bis unter den Sitz der Königstochter führt. 
Der junge Mann schlüpft hinein und setzt sich unter sie. Sie findet ihn 
nicht, wirft den Spiegel fort und ruft: „Wo bist du?" Da sticht sie der 
Knecht mit einer Nadel und ruft: „Hier!" Und sie feiern Hochzeit. 

Auch hier ist es endlich der Sohn, der das Mannweib besiegt, und zwar 
der Sohn, der durch die „Höhle" in den Leib der Königstochter zurück- 
gekehrt, aus ihm geboren wird. 

Sonderbarerweise aber finden wir auch Sagen, in denen uns berichtet 
wird, daß das Weib durch das Aufessen des Penis den Mann aus einer 
mißgeborenen Gestalt erlöst. 

In dem Märchen „Das Ziegenkind" 3 wird ein Ziegenbock, den eine 
Frau geboren, dadurch zum Manne, daß ein Mädchen ihm seinen Schwanz* 
(Penis) abschneidet und ihn verzehrt. So ist sie imstande, dem Bock sein 
Fell abzuziehen und es zu verbrennen, worauf dieser sich in einen schönen 
Mann verwandelt, mit dem die Erlöserin Hochzeit feiert. 

In einem anderen Märchen 5 nimmt ein Mann, der als Schlange ver- 
zaubert ist, erst dann wieder natürliche Gestalt an, als ein Mädchen die 
Schlange küßt, mit ihr im Bette schläft und die neun Schlangenkinder, 
die sie gebiert, selber aufißt. Die Schlange ist als Phallussymbol ge- 
nügend bekannt. Wie sollen wir die Erlösung des Mannes durch das 
Verschlingen des Penis verstehen? In erster Linie handelt es sich 
für das Weib um Bemächtigung und Vernichtung des Mannes, ver- 
bunden mit gleichzeitiger Identifikation mit ihm. Das Aufessen des Penis 



1) Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen Ge- 
sellschaft. Imago X, 2/3. 

2) H. v. Wlislocki: op. cit.: Der Spiegel, der alles sieht. 

3) H. v. Wlislocki: op. cit.: Das Ziegenkind. 

4) Im Originale = kdr (Khallus). 

5) H. v. Wlislocki: op. cit.: Die Schlange als Ehemann. 



284 Dr. Gustav Hans Graber 



entspricht aber auch sowohl dem Koitus, wobei das Weib den Penis eben- 
falls in sich aufnimmt, als auch dem Verschlingen des männlichen Wesens 
überhaupt (der Penis ersetzt dabei den ganzen Mann), das hernach als 
wahrer Mann, nämlich als Sohn, geboren wird. 

Selten aber tritt in Mythen, Sagen usf., diese Muttertendenz des Mann- 
weibes klar zutage, gewöhnlich begegnen wir ihm, wie auch in Gotthelfs 
Erzählung, lediglich als einem Ungeheuer, das nach des Geliebten Leben 
lechzt. Seine Liebe ist der Tod. Liebe und Tod werden gleichbedeutend. 

Von solchen Unwesen seien nur die Medusa, die Sphinx, die böse Nixe, 
die Lore La)', Erlkönigs Tochter, die böse Urme (die oft Krötengestalt 
annimmt), die Hexe, die Trude (Toggeli), die Mahrt, die Vampirkatze und 
aus Gotthelfs Erzählung die schwarze Spinne genannt. 

Von einigen dieser Ungeheuer, den weniger allgemein bekannten, wollen 
wir einige Beispiele ihrer verderbenbringenden Umtriebe uns vergegen- 
wärtigen. Sie werden das Vorspiel zum Drama der schwarzen Spinne bilden. 
Vorausschicken müssen wir, daß diese weiblichen Ungeheuer gewiß nicht 
bloß als Ausgeburten und Verkörperungen des Mannweibes betrachtet 
werden können, sondern, daß hier meist eine Verschmelzung des Mann- 
weibcharakters mit der negativen Seite des Gharakters der Urmutter (Fressen 
des Kindes) vorliegt. In jedem einzelnen Falle eine genaue Scheidung zu 
treffen, dürfte allerdings schwer fallen. 

Die böse Urme (transsylvanisch) tritt als giftige Kröte auf, oder aber als 
häßliches Weib, das einen Drachen als Sohn oder als Bruder besitzt. 
Hex engeschichten sind ziemlich allgemein bekannt, erwähnt sei immerhin, 
daß die Hexen gelegentlich auch in Gestalt von Katzen (Vampire) er- 
scheinen. 

Eine hessische Sage 1 berichtet von einem Bauern, bei dem jeder Knecht 
nach der dritten Nacht, die er im Hause verbringt, tot in seiner Kammer 
liegt. Ein neuer Knecht tritt ein. Er wacht [des Nachts. Zwei Katzen er- 
scheinen. Er schneidet der einen die Pfote und der andern die Kralle ab 
(Kastration). Am andern Morgen fehlt des Bauern Frau die Hand und 
seiner Schwester die Finger. Beide werden als Hexen verbrannt. 

Die Trude, auch Alptraum, Alpdruck, in der Schweiz meist Toggeli, 2 
genannt, ist in der Sage fast immer ein Mädchen (Weib), das ihren Ge- 
liebten (Mann) allnächtlich aufsucht und quält. 

1) J. W. Wolf: Hessische Sagen, 1855. Zit. nach S. Rütgers, op. cit. 

2) Siehe auch H. Zulliger: Zur Psychologie der Trauer- und Bestattungs- 
gebräuche. Imago X, 2/5. 



Die schwarze Spinne 285 



In Hirschhorn (Hessen) wurde ein junger Mann jede Nacht vom Alp 
gequält. Schließlich fing die Mutter letzteren in ein Tuch, sperrte ihn in 
eine Kommode ein und ließ den Schlüssel stecken. Der Sohn war erlöst. 
In Erbach aber starb zur selben Stunde ein Mädchen. Als man es eben 
begraben wollte, zog der junge Mann in Hirschhorn den Schlüssel der 
Kommode weg, ein weißes Mäuschen schlüpft heraus und fährt bald darauf 
in den Mund der Toten, die wieder aufwacht. 1 

Nach einer norddeutschen Sage 2 reitet ein Mahrt (Trude) einen Knecht. 
Des letzteren Kamerad steht ihm schließlich bei und verstopft eines Nachts 
ein Astloch in der Türe, während der andere den Mahrt in Gestalt eines 
Strohhalms gefangen hält. Am Morgen ist aus dem Strohalm ein schönes 
Mädchen geworden, das der Knecht heiratet. Einmal aber verrät er seiner 
Frau, zu welchem Loche sie hereingekommen, und sofort verschwindet 
diese wieder. 

"Junge Truden werden im Alter Hexen, die dann auch als Katzen auf- 
treten. Nach einem japanischen Märchen 3 tötet die Vampirkatze die Geliebte 
eines Prinzen, nimmt deren Gestalt an, begibt sich des Nachts zu ihm 
und saugt ihm das Blut aus. 

Diese Weiberungeheuer spielen, wie wir sehen werden, überall unge- 
fähr dieselbe Rolle wie Christine — das Mannweib in der schwarzen 
Spinne — nach der Verdrängung ihres Liebesaktes mit dem Teufel. Der 
erotische Trieb (Lebenstrieb) kehrt sich ihnen in sein Gegenteil und wird 
zum Todestrieb. Sie selber aber, die den Liebestrieb verleugnen, werden, 
da ihnen nun keine libidinöse Objektbesetzung des Mannes mehr möglich 
ist, zu seiner Würgerin. Wenigstens im Tode will sie ihn besitzen. Die 
Verdrängung der eigenen weiblichen Erotik und das damit gesteigerte 
Begehren nach des Mannes Eigenschaften äußern sich nunmehr aggressiv 
in der Bemächtigungsgier. Das Weib will nun, um einmal mit Alfred 
Adler zu sprechen, oben sein, es will herrschen. 

Überall, wo wir die Weiberherrschaft in der geschichtlichen Überliefe- 
rung auftreten sehen, ist sie eine Reaktionserscheinung auf eine Phratrie. 
Das Mannweib, als Führerin, schiebt sich nach Beata Bank „jedesmal 
zwischen das alte Vaterrecht und die neue Sohnesherrschaft ein". 4 Wir 
werden sehen, wie gerade dieser Satz mit unserer Erzählung eine weitest- 

1) Nach J. YV. Wolf: op. cit. 

2) Kahn und Schwarz: Norddeutsche Sagen, 1848. 

3) H. Kunike: Am Ufer des Silberstroms. 1924: Die Vampirkatze. 

4) Beata Rank: op. cit. 



286 Dr. Gustav Hans Graber 



gehende Bestätigung erfahrt. Wie in der Nibelungensage der Brunhilde, 
so wird dem herrschsüchtigen Weibe immer wieder der Gürtel der Macht 
durch den Sohn geraubt. Er macht sie mit dem Sexualakte wieder zum 
reinen Weibe und befreit sie von der drückenden Last des angestammten 
Vaterideals, unterwirft sie aber gleicherzeit einer neuen Vaterherrschaft, 
gegen deren Aufkommen das Weib sich wehrt, die sie aber gleichzeitig 
auch begehrt. 

* * * 



Der Teufelspakt 

i 

Nach dieser allgemeinen Orientierung wollen wir uns nun zunächst den 
ersten Teil der dritten Episode, die die Herrschaft des Mannweibes 
schildert, vergegenwärtigen. Den zweiten Teil müssen wir gesondert be- 
handeln, da er mit dem Spinnenmotiv das Hauptinteresse dieser Analyse 
auf sich zieht. 

Wir sahen die ganze Talschaft unter der Knechtschaft des Hans von 
Stoffeln jammern und an der Aufgabe, die er ihr stellt, verzweifeln. „Ein 
einziges Weib schrie nicht den andern gleich. Das war ein grausam handlich 
Weib . . . Es hatte wilde, schwarze Augen und fürchtete sich nicht viel vor 
Gott und Menschen. Böse war es schon geworden, daß die Männer dem Ritter 
nicht rundweg das Begehren abgeschlagen; wenn es dabei gewesen, es hätte 
ihm es sagen wollen, sagte es. Als sie vom Grünen hörte und seinem Antrage, 
und wie die Männer davongestoben, da ward sie erst recht böse und schalt 
die Männer über ihre Feigheit, und daß sie dem Grünen nicht kecker ins 
Gesicht gesehen . . . Sie ergrimmte in der Seele, daß sie nicht dabei gewesen, 
und wäre es nur, damit sie einmal den Teufel gesehen und auch wüßte, was 
er für ein Aussehen hätte. Darum weinte dieses Weib nicht, sondern redete 
in seinem Grimme harte Worte gegen den eigenen Mann und gegen alle 
anderen Männer." Diese wußten keinen Rat und versuchten dem Ritter 
Gehorsam zu leisten . . . „Unter rastloser Arbeit keuchten die Armen . . . 
Der von Stoffeln schalt und fluchte." Es gelang nicht eine einzige Buche 
auf den Berg zu schaffen. Eine fürchterliche Mutlosigkeit erfaßte" die 
Männer, und bald war alle Kraft erschöpft. Die Männer setzten sich eines 
Nachts trostlos an den Wegrand. Da kam Christine, die Lindauerin, das 



Die schwarze Spinne 287 



furchtlose Mannweib. „Sie war nicht von den Weibern, die froh sind, daheim 
zu sein, in der Stille ihre Geschäfte zu beschicken, und die sich um nichts 
kümmern als um Haus und Kind. Christine wollte wissen, was ging, und wo 
sie ihren Rat nicht dazu geben konnte, da ginge es schlecht, so meinte sie . . . 
bittere Worte ließ sie fallen." Sie brachte Nahrung. Die Männer verweigerten 
sie. Ein Knecht erzählte von ihrem Elend. „Da schalt die Lindauerin, daß 
das eitel Einbildung wäre und die Männer nichts als Kindbetterinnen; mit 
Schaffen und Weinen, mit Hocken und Heulen werde man keine Buchen auf 
Bärhegen bringen. Ihnen würde nur ihr Recht widerfahren, wenn der Ritter 
seinen Mutwillen an ihnen ausließe ... mit grinsendem Gesicht" erschien 
plötzlich der Teufel. „Da hob der Schreck die Männer von dannen, sie stoben 
die Halde auf wie Spreu im Wirbelwinde." Christine „blieb stehen wie gebannt, 
mußte schauen die rote Feder am Barett % und wie das rote Bärtchen lustig auf 
und niederging im schwarzen Gesichte . . . gegen Christine machte er ein zärtlich 
Gesicht und faßte mit höflicher Gebärde ihre Hand . . . es war ihr, ab zische 
Fleisch zwischen glühenden Zangen. Und schöne Worte begann er zu reden, 
und zu den Worten zwitzerte lüstern sein rot Bärtchen auf und ab. So ein 
schön Weibchen habe er lange nicht gesehen, sagte er, das Herz lache ihm 
im Leibe; zudem habe er sie gerne mutig, und gerade die seien ihm die 
liebsten, welche stehen bleiben dürften, wenn die Männer davon liefen. Wie er 
so redete, kam Christine der Grüne immer weniger schreckhaft vor." Sie 
dachte : Mit dem ließe sick etwas machen, und wenn man recht mit ihm zu 
reden wüßte, so täte er einem wohl einen Gefallen, oder am Ende könnte 
man ihn Übertölpeln wie die andern Männer auch." Sie sah aber bald ein, 
daß er der einzige war, der nicht zu betrügen. Das nächste Kind, welches 
im Tale geboren wurde, forderte er ungetauft als Lohn. „Der Grüne klopfte 
Christine holdselig auf die Wange. Da klopfte doch ihr Herz, sie hättte lieber 
die Männer hineingestoßen, um hintendrein sie schuld geben zu können. Aber . . . 
kein Mann war da als Sündenbock, und der Glaube verließ sie nicht, daß sie 
listiger als der Grüne sei." Sie sagte dem Teufel zu. Es folgte die Besiege- 
lung des Paktes. Der Grüne sagte: „Von hübschen Weibern begehre er nie 
eine Unterschrift, mit einem Kuß sei er zufrieden. Somit spitzte er seinen 
Mund gegen Christines Gesicht, und Christine konnte nicht fliehen, war 
wiederum wie gebannt, steif und starr. Da berührte der spitzige Mund Chri- 
stines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch 
Mark und Bein fahre . . . und Christine stund wie versteinert . . . Endlich war 
sie ihrer Glieder wieder nüichtig, aber im Gemüte brauste und sauste es ihr", 
und sie ward „der eigenen Gedanken sich nicht bewußt im Tosen das 



288 Dr. Gustav Hans Graber 



donnerte in ihrem Gemüte . . . und immer glühender fühlte sie ein Brennen 
an ihrer Wange, da wo des Grünen Mund sie berührt; sie rieb, sie wusch, 
aber der Brand nahm nicht ab." 

Christine eilte heim, fand die Männer in vermehrtem Jammer, weil 
sie fürchteten, Christine, die allein zu helfen wüßte, sei verloren. Sie 
„warf den Männern ihre übereilte Flucht vor . . . und wenn sie nicht besser 
gesinnet wäre als alle, und wenn sie nicht mehr Mut als alle hätte, so wäre 
noch jetzt weder Trust noch Ausweg da . . . Als endlich die ganze Versamm- 
lung vor Christine wie auf den Knien lag mit Bitten und Flehen ... da 
schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen . . . aber von dem Kusse 
sagte sie nichts". Ein altehrwürdig Weib warnte vor dem Pakt. Aber es 
wurde nach dem Rat Christines gehandelt. Nun schafften die Bauern die 
Buchen bis an den Fuß des Berges, und der Teufel brachte sie des Nachts 
hinauf und pflanzte sie beim Schlosse. „Den Bauren wohlete es mit jeder 
Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hoffnung, dem 
Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen." . . . Als die hundert Buchen 
oben standen, „da stieg der Jubel hoch in ihren (Bauern) Herzen, und viel 
Spott gegen den Grünen und gegen die Ritter floß". Dem Hans von Stoffeln 
„aber ward es graulicht., und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie 
heimkämen. Gerne hätte er Urnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schatten- 
gang wieder wegschaffen" ... Er fürchtete sich . . . „da schwollen die Herzen 
noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln 
kalke von Kluft zu Kluft" . . . 

Groß war der Jammer eines jungen Weibes, das in der nächsten Zeit 
ein Kind gebären sollte. Aber der Priester zog um das Haus der Gebärenden 
-,den heiligen Bann mit geweihtem Wasser, den böse Geister nicht überschreiten 
dürfen . . . Christine . . . war bei der plötzlichen Taufe zu Gevatter gestanden 
mit frechem Herzen". Als man aber das Kind taufte, „da war es ihr, ah 
drücke man ihr plötzlich ein feurig Eisen auf die Stelle, wo sie des Grünen 
Kuß empfangen . . . immer häufiger fuhr sie mit der Hand nach dem bren- 
nend Fleck . . . unmerklich wuchs der kleine Punkt . . . und immer und immer 
mußte sie denken, daß auf dem gleichen Fleck der Grüne sie geküßt, und 
daß die gleiche Glut, die damals wie ein Blitz durch ihr Gebein gefahren, 
jetzt bleibend in demselben brenne und zehre . . . und der schwarze Punkt 
ward größer und schwärzer, einzelne dunkle Streifen liefen von ihm aus, und 
nach dem Munde hin schien sich auf dem runden Flecke ein Höcker zu 
pflanzen" . Christine „war von Natur ein vermessen Weib, jetzt aber erwildet in 
wütendem Schmerze. 



Die schwarze Spinne 289 



Da geschah es, daß wiederum ein Weib ein Kind erwartete . . . Je näher 
der Tag der Geburt kam, desto schrecklicher ward der Brand auf ihrer 
(Christine) Wange, desto mächtiger dehnte der schwarze Punkt sich aus, deut- 
liche Beine streckte er von sich aus, kurze Haare trieb er empor, glänzende 
Punkte und Streifen erschienen auf seinem Rücken, und zum Kopfe ward der 
Höcker, und glänzend und giftig blitzte es aus demselben wie aus zwei Augen 
hervor, haut auf schrien alle, wenn sie die giftige Kreuzspinne sahen auf 
Christines Gesicht ... sie füllte wohl: Der Teufel mahne sie an das verheißene 
Kind, und um das Opfer den Leuten einzureden mit unumwundenen Worten, 
fuhr sie ihnen nach in Höllenangst . . . Mit wütender Rede setzte sie dem 
eigenen Manne zu . 

Der Schmerz hörte nicht auf, „jedes Bein war ein Höllenbrand, der Spinne 
Leib die Hölle selbst, und ah des Weibes erwartete Stunde kam, da war es 
Christine, als umwalle sie ein Feuermeer, als wühlten feurige Messer in ihrem 
Mark, als fuhren feurige Wirbelwinde durch ihr Gehirn. Die Spinne aber 
schwoll an, bäumte sich auf, und zwischen den kurzen Borsten hervor quollen 
giftig ihre Augen 1 . Christine versucht das neugeborne Kind zu rauben, 
aber „starke Männer wehrten es". Das Kind wurde getauft. „Draußen aber 
lag Christine vor entsetzlicher Pein zu Boden geworfen, und in ihrem Gesichte 
begannen Wehen zu kreisen, wie sie iwch keine Wöchnerin erfahren auf Erden, 
und die Spinne im Gesichte schwoll immer höher auf und brannte immer 
glühender durch ihr Gebein. 

Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende 
Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gramselten über 
das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihr lebendig würde 
und glühend gramste über den ganzen Leib weg. Da sah sie in des Blitzes 
fahlem Scheine, langbeinig, giftig, unzählbar, schwarze Spinnchen laufen über 
ihre Glieder, hinaus in die Nacht, und den Entschwundenen liefen langbeinig, 
gißig, unzählbar, andere nach. Endlich sah sie keine mehr den früheren folgen, 
der Brand im Gesichte legte sich, die Spinne ließ sich nieder, ward zum fast 
unsichtbaren Punkte wieder, schaute mit erlöschenden Augen ihrer Höllenbrut 
nach, die sie geboren hatte und ausgesandt, zum Zeichen, wie der Grüne 
mit sich spaßen lasse. 

Matt, einer Wöchnerin gleich, schlich Christine nach Hause . . . der Grüne 
ließ ihr keine Ruhe mehr. u Überall im Tal streckte der Tod das Vieh, auf 
dem es von zahllosen schwarzen Spinnen wimmelte. „ Und alle diese Spinnen 
sahen der Spinne auf Christines Gesicht ähnlich wie Kinder der Mutter, uiuL 
solche hatte man noch keine gesehen . . . und in immer höherem Zorne ver- 



290 Dr. Gustav Hans Graber 



nahm der von Stoffeln, wie Herde um Herde verloren gegangen." Die geäng- 
steten Bauern versammelten sich in einer einsamen Scheuer „und Christine 
mußte kommen und klaren Bescheid geben . . . Christine kam, verwildert, rache- 
durstig, aufs neue von der wachsenden Spinne gefoltert. 

Als sie das Zagen der Männer sah und keine Weiber, da erzählte sie 
punktum, was ihr begegnet . . . und die Herzen der Männer bebten . . . Nach 
und nach kamen aus den angstgepreßten Kehlen abgebrochene Laute hervor, 
und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade, was Christine meinte. 
Ein drittes Weib erwartete bald ein Kind. Sie berieten, „wie sie des Kindes 
sicher und sonder Fehl sich bemächtigen könnten". Christine gewann den 
Mann der Gebärenden für den Plan. Er wollte auf dem Wege zum 
Priester sich säumen. Das Weib gebiert, und Christine raubt das Kind. 
„Zagen und Grauen ergriff die Männer, als Christine mit dem geraubten 
Kinde herauskam . . . aber keiner hatte Mut, die Tat zu hemmen, und die 
Furcht vor des Teufels Plagen war stärker als die Furcht vor Gott. 
Christine war es, „als ob die Spinne in sanftem Jucken ihr liebkose . Die 
Räuberin eilte mit dem Kinde in jene Wegbiegung, wo sie den Pakt mit 
dem Teufel geschlossen, um diesem das ungetaufte Wesen zu übergeben. 
Doch auch der Priester war dahin gelangt. Er „drang zwischen den Grünen 
und Christine, die eben das Kindlein in des andern Arme legen wollte, mitten 
hinein, schmetterte zwischen sie die drei höchsten heiligen Namen, hält das 
Heiligste dem Grünen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und 
trifft Christine zugleich. Da fahrt mit fürchterlichem Wehgeheul der Grüne 
von dannen . . . 

2 

Die überaus charakteristische Darstellung des Mannweibes in der Person 
der Christine zeigt uns diese vorerst als die wilde Amazone, die alle Männer 
„übertölpelt 1 ' und sie in ihrer Hilflosigkeit und ihrem Jammer „Kind- 
betterinnen 1 schilt. Sie macht damit eine direkte Anspielung auf die Couvade. 
Christine allein hält dem Teufel, dem Empörersohn, stand, mißt sich mit 
ihm und hofft ihn zu übertölpeln wie die andern Männer auch. Dieser 
aber überwältigt sie, indem er ihre durch Identifikation mit dem mächtigen 
Manne (Vater) erworbene Männlichkeit beseitigt, die Verdrängung aufhebt 
und das Weib wieder zum Weibe und zur Mutter macht. 

Wie in Märchen, so vertritt auch in unserer Erzählung der Kuß, in 
Verlegung nach oben, den Koitus. Christine „blieb wie gebannt stehen, mußte 
schauen die rote Feder am Barett, und wie das rote Kärtchen lustig auf- und 
niederging im schwarzen Gesicht". Zu des Verführers schönen Worten 



Die schwarze Spinne 291 



„zwitzerte lüstern sein rot Bärtchen auf und ab . Wir erkennen darin un- 
zweideutig das Penissymbol. 

Christine erliegt der Kraft des erigierten Penis. Sie geht den Pakt mit dem 
Teufel ein und will ihm das ungetaufte Kind schaffen, d. h. sie will sich 
dem Verführer hingeben und will ihm ein Kind gebären, hofft aber, ihn 
betrügen zu können und ihm das Kind vorzuenthalten. Sie ist bereit, den 
Teufel (Empörersohn) in seinem Vorhaben gegen den Ritter (Urvater) zu 
unterstützen, aber sie will den Mann, dem sie erlegen, nicht als neuen 
Beherrscher und Vater über sich wissen. Sie will ihre erworbene Autorität 
nicht abtreten. Die Schilderung der Besiegelung des Paktes durch den 
Kuß zeigt uns an Christine typische Symptome des Weibes, mit denen es 
auf den Koitus gelegentlich reagiert. Der Leib Christinens wird steif und 
starr, so daß sie wie versteinert dasteht und ihrer Glieder nicht mächtig 
ist. Bei hysterischen Frauen begegnen wir manchmal diesem Steifwerden 
des Leibes als einer Abwehr gegen den Sexualakt. In der Umkehrung 
aber ist das Steifwerden des Leibes auch ein Begehren des Liebesaktes, 
und zwar äußert sich hier wieder die Identifikation mit dem Manne 
und dessen erigiertem Gliede. Das Symptom zeigt wie immer seinen Ambi- 
valenzcharakter. Auch die beim Koitus häufig eintretende Auflösung der 
hemmenden Ich-Instanzen zeigt sich bei Christine in einem der Amnesie 
ähnlichen Zustande. Sie ist sich der eigenen Gedanken im Tosen, das in 
ihrem Gemiite donnert, nicht mehr bewußt. Mit Anspielungen auf Vor- 
gänge in der Natur, macht uns Gotthelf noch deutlicher, daß Christine 
mit dem Teufel Hochzeit gefeiert. „In Lüften und Klüften heulte und 
toste es, als ob die Geister der Nacht Hochzeit hielten . . . die Blitze die 
Hochzeitfackeln wären und der Donner der Hochzeitreigen." Christine aber 
ist sich selbst untreu geworden. Sie ist besiegt. Sühnegedanken und ein 
neuer mächtiger Verdrängungsschub setzen bei ihr ein. Sie rieb, sie wusch 
(Waschzwang) die Stelle, wo des Grünen Mund sie berührt. Aber noch- 
mals triumphiert sie über die Männer, erzählt auf deren Bitten vom ab- 
geschlossenen Pakt, „aber vom Kusse sagte sie nichts". Sie verleugnet ihre 
Weiblichkeit. Die Männer fügen sich. Wieder ist es ein Weib, „altehr- 
ivürdig . . . hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich 
beugen, oder vor ihm fliehen mußte", das die Führerrolle übernimmt und 

vor dem Pakt warnt. 

Das Pflanzen der Buchen können wir als symbolischen Akt für das 
Kinderzeugen deuten, d. h. für die Wiedergeburt. Der Empörersohn (Teufel) 
rückt damit in die Stellung des Vaters. Das zeigt sich auch darin, daß die 



292 Dr. Gustav Hans Graber 



Furcht der Männer vor des Teufels Plagen größer wird, als die Furcht 
vor dem Ritter (Urvater) und Gott. Wie die Buchen, so sind auch die 
vielen kleinen Spinnen symbolisch des Teufels Kinder. Der Urvaterfigur, 
dem Ritter, aber „ward es graülicht, und er ließ ihnen (Leuten) sagen, sie 
sollten machen, daß sie heimkämen. Gerne hätte er ihnen sagen lassen, sie 
sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen" . Er fürchtet sich bereits. 
Seine Macht ist gebrochen. Das Volk jubelt, „und viel Spott gegen den 
Grünen und gegen die Ritter floß" ■ Die Empörung hat nun auch die Masse 
ergriffen : „Da schwollen die Herzen noch trotziger auf . . . wildes Jodeln 
hallte von Kluft zu Kluft" Der Ritter übt von diesem Zeitpunkt an wirklich 
keine Gewalt mehr über das Volk aus, dagegen erwächst letzterem in der 
Gestalt des Teufels eine neue Vaterfigur. Solange der Teufel sich nur in 
der Rolle als Empörersohn zeigte, identifizierten sie sich mit ihm und 
verrichteten gemeinschaftlich das Werk, das dem Ritter zum Verhängnis 
werden sollte. Nun aber er selber nach der Vaterschaft strebt, suchen sie 
ihm diese mit allen Mitteln vorzuenthalten. Christine, die ihr Sexual- 
erlebnis verdrängt, und die sich ihre Sonderstellung als männliche Führerin 
wahren will, unterstützt sie. Zweimal gelingt es, neugeborne Kinder zu 
taufen, sie so dem deifizierten Urvater in einem nachträglichen Gehorsam 
darbringend, und den Teufel zu prellen. 

Bereits aber zeigen sich die Folgen des Liebesaktes mit dem Teufel. 
An der Stelle, wo das Weib den Kuß erhielt, regt sich das Kind in der 
Gestalt einer Spinne und verursacht Höllenschmerzen. Die Erotik Chri- 
stinens der im Verhältnis zum Teufel in jener Hochzeitnacht ein Abfluß 
gewährt wurde, ist von neuem verdrängt und findet nur noch einen 
Ausweg im Krankheitssymptom (Höcker = Spinne). In Märchen und Sagen 
finden wir oft diese symbolische Darstellung des Symptoms, indem dort, 
wo das Weib den Geschlechtsverkehr verleugnet, es zur Strafe Unwesen 
gebiert. 

So hat in dem Märchen „Der arme Hirt'' 1 eine böse Urme, „die nur 
ein Mann imstande ist zu besiegen (es ist das mit dem Urvater sich 
identifizierende Mannweib), einen Drachen als Sohn. Ein Jüngling besiegt 
ihn, indem er ihm die Haare abscheren (Entmannung) kann, so daß der 
Drache Blut schwitzt. Das Märchen zeigt im Zusammenhang mit Wieder- 
geburtssymbolen die geschilderte Verbindung des Sohnes mit der Mutter. 
Der Jüngling muß sich in einen Brunnen mit siedendem Wasser (Mutter- 



1) H. v. Wlislocki: op. cit. 



Die schwarze Spinne 293 



leib) werfen, um einen Ring zu holen, kommt aber heil wieder herauf 
(Wiedergeburt). Die böse Urme ruft erfreut: „Du bist wert, mein Mann 
zu werden! Ich will mich nun wieder in ein so schönes Weib verwandeln 
wie es kein schöneres auf Erden gibt (Aufhebung der Verdrängung). Doch 
mußt du mich mit diesem Messer zerstückeln (Kastration des vom Vater 
übernommenen Gliedes) und die Stücke meines Leibes in diesem Kessel 
kochen. Dann steige ich als das schönste Weib aus dem Kessel hervor" 
(Wiedergeburt) . 

Eigentlich ist das geborne Untier nicht bloß die während starker Ver- 
drängung von Seiten der Mutter gewachsene Frucht, sondern es ist zu- 
gleich das Kind, das bereits unter gehemmten Trieben und anormalen 
Umständen gezeugt wurde. Es ist das Kind, entsprossen aus der Perversion. 
Christine, die vom Teufel auf die Wange geküßt wird, gebiert Spinnen. 

Unter Wehen, „wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erden 1 ge- 
biert Christine an der Wange giftige, unzählbare „schwarze Spinnchen", 1 
die nun, weil aus der Verdrängung geboren, nicht neue Vertreter des 
Lebenstriebes sind, sondern Todesboten, denen das Vieh anheimfällt. Noch 
immer stehen die Männer unter der Herrschaft Christinens, die nun un- 
umwunden ihren Liebesverkehr mit dem Empörersohn (Teufel) zugibt und 
bereit ist, in ihm den neuen Vater zu erheben. „Die Männer bebten" . . . 
und unterwarfen sich der verruchten Führerin. So wie diese sich aber dem 
stärkeren Sohne fügt, erkennt auch die Masse ihn als Bezwinger an. Die 
Bauern wollen dem Weibe und dem Teufel zum nächsten Kinde verhelfen. 
Christine gewinnt sogar den zukünftigen Vater für den Plan. Sie raubt 
das Kind und will ihren Tribut zahlen, da aber tritt der Priester, als 
Vertreter des erhöhten Urvaters (Gott), dazwischen. Keiner Sohnfigur ist 
gestattet, die ursprüngliche Macht des Urvaters wieder an sich zu reißen. 
Der Teufel muß fliehen, das Weib aber, das die Ursache zu dieser Ver- 
führung und Empörung gewesen, erleidet eine endgültige Verdrängung und 
wandelt sich zum todbringenden Ungeheuer, zur schwarzen Spinne. 



1) Es sei hier auf die vorzügliche Ausgabe der schwarzen Spinne von H. Blösch 
(Verlag Eugen Rentsch, 1912I hingewiesen, zu der das Manuskript Gotthelfs als 
Druckvorlage benützt wurde. Während alle anderen Ausgaben „Spinnen" drucken, 
so steht nun hier wie im Manuskript „Spinnchen". Der Kindcharakter dieser Spinn- 
chen wird so gegenüber der später auftretenden schwarzen Spinne deutlich. 



294 *-* r - Gustav Hans Graber 



II 

Die schwarze Spinne 

Christine, das Mannweib, das seine weibliche Erotik verdrängt hatte, 
war durch das aus dieser Verdrängung erwachsene Krankheitssymptom und 
die Qual der damit verbundenen Leiden gezwungen worden, sich wieder 
ihrer ursprünglichen mütterlichen Linie zu nähern, offen ihren Verkehr 
(Kuß — Koitus) mit dem Teufel zuzugeben und ihm das versprochene 
(empfangene) Kind zu übergeben. Nun aber erwächst dem Weibe aus der 
Macht, die nach dem Bilde des männlichen Ich-Ideals geschaffen wurde, 
der Feind. Der Stellvertreter des Vater-Gottes, der Priester, gibt nicht zu, 
daß der Sohn (Teufel) ebenfalls Vaterrolle einnehme. Der alte Konflikt 
der Urvaterhorde dauert so eigentlich wenig eingeschränkt fort. Gott fordert 
gleiche Rechte, wie sie der Urvater besessen hatte, und er straft das ab- 
trünnige Weib, das zwecks seines Sturzes mit dem Sohne verkehrt und 
sich diesem als Weib hingibt. So wie die Frucht, die aus dem Teufels- 
verkehr entsproßt, eine Brut von Unwesen ist, so wird die Mutter selbst 
nun zum gleichen todbringenden Ungeheuer ... zur schwarzen Spinne. 
Der Hüter des väterlich-göttlichen Ideals bewirkt im Weibe eine endgültige 
Verdrängung und Stauung der zur jungen kräftigen Potenz des Sohnes 
hintreibenden Libidoströmung. 

Der Hüter des Ideals bewirkt aber nicht nur die Verdrängung im 
Weibe, sondern er verdrängt selbst das Weib, denn das Ideal, das der Ur- 
vater noch verkörperte, vermag er nie mehr restlos in sich aufzunehmen, 
weil ein Teil seiner Kraft sich im Hüteramt verbraucht. Wollte er es aber 
versuchen, sich wieder dem Ideal entsprechend auszuleben, würde er bald, 
nicht wie man glauben sollte als der Erfüller, sondern als der Abtrünnige 
erkannt und erläge den neidischen Mächten der „besseren" Hüter. Die 
Schranken aber, die er mit der Norm des Ideals zwischen sich und dem 
Weibe aufgetürmt, bewirken in diesem die Umwandlung der lebenspen- 
denden Liebestriebe in die Todestriebe. Wir sehen erneut, daß da, wo dem 
Weibe die Liebe versagt ist, dieses auf Bemächtigung des begehrten Liebes- 
objektes, sei es durch Identifikation, oder wie früher auf der oralen Stufe, 
auf dessen Vernichtung, sinnt. Das Weib, an das der Mann durch seinen 
Sexualtrieb gebunden ist, und das für ihn eine Verkörperung der erotischen 
Triebe bildet, wird zum todbringenden Untier. Die Liebe, dieser gesteigerte 
Ausdruck des Willens zum Leben, führt zum Tod. 



Die schwarze Spinne 205 



Vergegenwärtigen wir uns nun die Gotthelfsche Szene der Umwand- 
lung des Weibes in die Spinne und der letzteren Taten, um hernach an 
das Problem der Spinne selbst heranzutreten. 

Wir sahen, wie der Teufel vor des Priesters heiligen Waffen die Flucht 
ergriff. „Vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen 
Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft 
zischend, flammensprühend zusammen bis auf die schwarze, hochaufgeschwollene 
grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt 
in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend, trotzig mitten auf dem Kinde, 
und sprüht aus ihren Augen zornige Blitze dem Priester entgegen . . . immer 
größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine über das 
Kind, glotzt immer giftiger den Priester an . . . aber unerschüttert greift er 
fest, schleudert das Ungeziefer weg, faßt das Kind und eilt mit ihm sonder 
Weile der Mutter zu" Er tauft es. Aber das Kind erhält schwarze Brand- 
flecken und stirbt. Der Priester eilte, von Todesschauern durchrieselt, nach 
Hause. „Da sah er Hans, den gottvergessenen Vater . . . mitten im Wege auf 
dem Rücken liegen. Hochgeschwollen und brandschwarz war sein Gesicht, und 
mitten auf demselben saß groß und schwarz und grausig die Spinne . . . sie 
tat wie die Katze, wenn sie sich rüstet zum Sprung in ihres Todfeindes Ge- 
sicht" Er „hob die heiligen Waffen", aber wilde Schmerzen reißen auch 
seinen Leib zum Tode. Die schwarze Spinne suchte sich im ganzen Tale 
ihre Todesopfer . . . „und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen 
am schärfsten spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuß, 
sie lief ihm übers Gesicht, saß schwarz und groß ihm auf der Nase, und 
glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in sein Gebein, der 
Brand der Hölle schlug über ihm zusammen, bis der Tod ihn streckte . . 
Dem von Stoffeln machte es bange . . . daß alles Leid, welches er den Bauren 
antue, auf ihn zurückfahre". Der Schreck kehrte im Schlosse ein. „Sie 
schlössen sich ein und fühlten sich doch nicht sicher." Aber eines Tages saß 
die Spinne groß auf dem Kopfe des Ritters Hans von Stoffeln „und glotzte 
um den Rittertisch, aber der Ritter fühlte sie nicht. Da begann die Glut zu 
strömen durch Gehirn und Blut, gräßlich schrie er auf, fuhr mit der Hand 
nach dem Kopfe, aber die Spinne war nicht mehr dort, war in ihrer schreck- 
lichen Schnelle den Rittern allen über ihre Gesichter gelaufen . . ." Sie starben. 
„Das Untier ward immer boshafter . . . Flucht, Widerstand, alles war eitel . 
Ihren eigenen Mann hatte sie (Christine — Spinne) auf einsamer Weide an- 
gefallen, dort fand man seinen Leichnam gräßlich zugerichtet, wie keinen 
andern, seine Züge zerrissen in unaussprechlichem Schmerze; an ihm hatte sie 



2 o6 Dr. Gustav Hans Graber 



ihren gräßlichsten Zorn ausgelassen, das gräßlichste Wiedersehen dem Ehemanne 



bereitet. 



Ein frommes Weib betet für ihre Kinder. „Sie hatte schon oft gehört, 
wie kundige Männer Geister eingesperrt hätten in ein Loch in Felsen oder 
Holz, welches sie mit einem Nagel zugeschlagen, und solange den Nagel 
niemand ausziehe, müsse der Geist gebannt im Loche sein . . . Sie bohrte ein 
Loch in das Bystal . . . rüstete einen Zapfen, der scharf ins Loch paßte, weihte 
ihn mit geheiligtem Wasser, legte einen Hammer zurecht ..." Als die Spinne 
eines Nachts erschien, drückte sie sie „unter tausendfachen Todesschmerzen . . 
mit der eitlen Harui ins bereitete Loch, mit der andern den Zapfen davor und 
schlug mit dem Hammer ihn fest. 

Drinnen sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbelwinde 
streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der Zapfen, 
gefangen blieb die Spinne". Die treue Mutter starb. „Nun war der schwarze 

Tod zu Ende. ' * * 

* 

Wir sahen, daß verschriene und gefürchtete Mannweiber in Sagen und 
Märchen Tiere, wie Ziegenböcke, Schlangen, Hunde, Drachen, Spinnen usw. 
zur Welt bringen können. Übergehen wir die angeführte Reihe der mensch- 
geborenen Tiere, so sehen wir, daß es ausgesprochen männliche Tiere sind, 
oder doch Tiere, die als Phallussymbole bekannt sind. Das Mannweib ge- 
biert (oft selbst gezeugt) „Kinder" seiner Identifikation mit dem Manne. 
Die Spinnen bilden allerdings in dieser Reihe eine Ausnahme. Obschon, 
wie wir sahen, auch die Spinne als männliches Sexualsymbol bekannt ist, 
so ist sie doch von jeher fast ausschließlich als ein Symbol des Weibes 
dargestellt worden, und zwar des teuflischen Mannweibes, das auf Ver- 
nichtung der Männer sinnt, um deren Stelle einnehmen zu können. Aber 
in unserer Erzählung ist natürlich, daß Christine als Mutter, die sich selber 
zur Spinne wandelt, Spinnchen zur Welt bringt. » 

Es ist, als ob mit der verstärkten Verdrängung des Weibes, in welcher 
es nunmehr als gefürchtetes Untier gemieden wird, die Paternität den 
Sieg erlangt habe. Jedenfalls ist die Gott -Vaterreligion gewahrt, die Ver- 
bindung des Weibes mit dem Empörersohn soweit hintertrieben, daß dieser 
sich nicht selbst zum (Gott-) Vater machen kann, da ihm der Besitz des 
Kindes unmöglich gemacht wird. Aber dieser Sieg wird teuer erkauft, 
denn er ist ein Verstoß gegen das Naturgesetz. Die Jungfrau will sich 
vom Vater lösen und will dem Jüngling das Kind gebären, will ihn zum 
Vater machen. 



Die schwarze Spinne 297 



Mannweiber, denen wegen irgendwelcher Verursachung — gewöhnlich 
ist die tiefste diejenige einer zu starken, positiven oder negativen Bindung 
an den Vater — die Entfaltung ihres Weib- und Muttercharakters nicht 
möglich ist, werden in irgendeiner Form zur Rächerin am Manne als 
dem Vertreter des Vaterrechtes. Das Mannweib identifiziert in ihrer Bindung 
an den eigenen Vater alle Männer mit diesem, begehrt sie wie ihn, muß 
sie aber, gebunden an die Inzestschranke, ablehnen, ja vernichten, um 
selbst frei zu werden. Das verdrängende und verdrängte Weib raubt dem 
Manne (Vater), der ihr das junge Leben, das Kind, vorenthält, sein eigenes 
Leben. Sie saugt es wie die Spinne und Vampirkatze in sich auf und ver- 
wirklicht so nicht nur ihren Wunsch zu empfangen, sondern nimmt den 
Vater in sich auf, um ihn als Sohn zu gebären, dem sie sich später, wie 
wir aus dem Märchen sahen, als Weib wieder hingeben kann. 

Nachdem die zur schwarzen Spinne gewordene Christine sich des Kindes 
bemächtigt hat, stürzt sie sich vornehmlich auf alle jene Männer, die das 
Vaterrecht vertreten, die sie am Mutterwerden, an der Übergabe des Kindes 
an den Teufel, verhindern wollten. So wird vorerst der Priester, der Stell- 
vertreter Gott -Vaters, ihr Opfer, dann aber auch jener Hans, der „gott- 
vergessene Vater". Hier wird uns drastisch die Umkehr des Verhältnisses 
Mann -Weib vor Augen geführt. Die Rollen sind vertauscht. Der Mann, 
der sich über das Weib erhob, muß seine Vermessenheit büßen. Das ver- 
drängte und durch die Verdrängung krank gewordene Weib erlangt in der 
Umkehrung ihrer Liebe in Haß als Spinne eine furchtbare Macht über 
den Mann und bringt ihn zu Fall. Sie ist es nun, die sich wie eine Katze 
auf den machtlos wie ein Weib auf dem Rücken liegenden Mann stürzt. 
Der Vergleich der Spinne mit der Katze wird in Gotthelfs Erzählung öfters 
gebracht. Die Katze vertritt in Sagen, Träumen usw. ebenfalls das Weib. 
Hans von Stoffeln und die anderen Ritter kommen auch zu Fall. Die 
Spinne setzt sich ihnen auf die Köpfe. Den eigenen Mann hat sie am 
gräßlichsten zugerichtet. Davon, daß die Spinne auch die Frauen angefallen 
hätte, hören wir nichts. Ihre Rache gilt den Männern, deren Sterben 
immer dieselben Begleiterscheinungen zeigt. So wie die Opfer von der 
Spinne berührt sind, strömt es wie Feuer durch ihr Mark und Blut. Die- 
selbe Kraft der Sexualität, die früher in der Berührung mit dem Weibe 
das Blut erhitzte, die belebte, verbrennt es nun und tötet. 

Man hat von jeher die schwarze Spinne als Symbol der Pest angesehen, 
gewiß mit Recht, denn so wie Gotthelf das Sterben der Menschen, die 
schwarz werden, schildert, stimmt dies. Nun wir aber auch die tiefere 

Iraago XI. 20 

























298 




Dr. Gustav Hans 


Graber 










Symbolik zu durchschauen 
Symbol einer bestimmten 


vermögen, 
Krankheit, 


wir 
die 


d uns 
zum 


die Spinne 
Tode führt. 


nicht nur 
sondern 


zum 
auch 



zum Symbol des Weibes als der Trägerin der Sexualität. Da aber der 
Mann Sexualität und Weib in einer Einheit, deren Teile einer für den 
anderen stehen können, erlebt und verdrängt hat, erscheint ihm nun das 
Weib in der Verdrängung als die Trägerin der Todestriebe. Ihre Berührung 
bringt den Tod. Diese Wandlung Sexualität = Tod läßt sich aber auch 
ohne den Mechanismus der Verdrängung verstehen, wenn wir uns über- 
legen, daß gerade der Sexualtrieb, der die stärkste Spannung erzeugt, mit 
der Befriedigung am weitgehendsten die Aufhebung dieser Reizspannung 
und damit den trieblosen Zustand herbeiführt und so „dem belebten organi- 
schen innewohnenden Drang zur Wiederherstellung eines anorganischen 
Seins" ' am ehesten entspricht. Hinter dem das Lustprinzip und das Es 
vertretenden Weibe steht der Tod, der mit der stärksten Entladung der 
Potentiale zum vornehmsten Diener des Lustprinzips wird. 

Das Tabu, welches das begehrte und zugleich gemiedene Weib umgibt, 
wird bei des letzteren Verwandlung in die Spinne auf diese übertragen 
und verstärkt. Die Berührung mit ihr hat nun den Tod zur Folge. Aber 
gerade die Art und Weise wie dieser Tod, der wie Feuer durch das Mark 
dringt, regelmäßig beschrieben wird, läßt uns seine tiefe Verwandtschaft 
mit der Sexualität ahnen, die ebenfalls als wie ein Feuer, das den Menschen 
zu verzehren droht, erlebt wird. Die ambivalenten Gefühlsregungen sind 
auch auf die Spinne übertragen, wenn schon scheinbar nur mehr die 
negative Einstellung zum Ausdruck kommt. 

Versuchen wir nun aus Etymologie, Sage, Aberglauben, Träumen, Kinder- 
aussagen, Dichtung usw. allgemein des Menschen Verhältnis zur Spinne 
zu beleuchten. Abgesehen davon, daß diese Aufgabe an sich sehr reizvoll 
ist, hoffen wir durch das Zusammentragen einiger beachtenswerter Beziehun- 
gen, nicht sowohl ein größeres Verständnis für den tieferen Sinn und die 
geschickte Symbolik der Gotthelfschen schwarzen Spinne zu erbringen, als 
auch einen Beitrag zur Psychoanalyse der Spinne überhaupt zu geben. 

a) Etj'mologisches 2 

Man mag mit Recht befürchten, daß wir uns mit der Exkursion auf 
das Gebiet der Erforschung der Sprachentwicklung auf einen Seitenweg 

1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. 

2) Benützt wurden folgende Werke: O. Schade: Altdeutsches Wörterbuch. Halle 
1872 bis 1882. Fr. L. K. Weigand: Deutsches Wörterbuch. Gießen 1907. Fr. Kluge: 



Die schwarze Spinne 2QQ 



begeben, der uns von der allgemeinen Richtung nach unserem Ziele ab- 
führt; aber schon mit den ersten Schritten, die wir unternehmen, werden 
wir zu unserer Überraschung gewahr, daß der Abweg sich durch inter- 
essantes Neuland in unserer Hauptrichtung hinzieht. 

Das Wort Spinne ist ein nur im Westgermanischen des Festlandes zu 
belegendes Verbalsubstantiv zu spinnen. Althochdeutsch: spinna; mittelhoch- 
deutsch: spinne. Dänen und Schweden haben die den Westgermanen ent- 
lehnte Bezeichnung für das Spinngerät (Spindel) auch auf das Tier über- 
tragen, wohl mit Rücksicht auf die Ähnlichkeit zwischen dem von der 
Decke sich herunterspinnenden Tier und dem zu Boden hinabschnurrenden 
Gerät (G). Die ursprüngliche Bedeutung der Spinne ist allgemein die der 
Spinnerin, und zwar entstanden durch eine Übertragung der spinnenden 
Frau auf das spinnende Tier. 

Damit haben wir bereits einen sehr alten Zusammenhang zwischen 
Spinne und Weib aufgedeckt, der z. B. in der appenzellischen Bezeichnung 
Spinne, für ein junges Mädchen, um das ein Bursche freit, besonders her- 
vortritt. („Wenn i zur Spine goh, so goh ni im Tunkel." Tobler: Appen- 
zellischer Sprachschatz. Zürich 1837.) 

Spinnen nun ist ein gemeingermanisches Verbum mit weiterem ins 
Slawisch-Litauische reichenden Hintergrund: Althochdeutsch: spinnan, mit 
dem Stamm spann, demselben wie in spannan (tendere) zu dem spinnen in 
altem Ablautverhältnis steht. Der Stamm spann ist erweitert aus span und 
aus der Wurzel spa, die noch in spdti und spdn erkennbar, und dessen 
ursprüngliche Bedeutung im verwandten griechischen anadi (ziehen, saugen) 
erhalten ist. Die Grundbedeutung ist also ziehen, die durch Bildung und 
Gebrauch verschiedentlich, in sinnlicher und geistiger Richtung, modifiziert 
erscheint: Ziehen, lang ziehen, ausdehnen, straff anziehen, in 
geistiger Spannung sein, an sich ziehen, locken und verführen, 
knüpfen, heften, zusammenbinden — Bedeutungen, die auch in den 
urverwandten Worten außergermanischer Sprachen enthalten, wie litauisch: 
p'inti (flechten) ; lettisch : pit (flechten) ; altslawisch : peti (fesseln) ; tschechisch : 
pnonti (spannen), spenti (anspannen); polnisch: spetac (fesseln); lituslawischer 
Stamm: pan (geschwächt pin mit Abfall des Anlautes s); lateinisch: spes 
(spatium, Ausgedehntes); kirchenslawisch: speja; italienisches Lehnwort ist 

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. StraDburg 1899. J. und W. Grimm: 
Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854. H. Fischer: Schwäbisches Wörterbuch. Tübin- 
gen 1904. 

Zitate aus Grimm wurden bezeichnet mit (G). 

20' 



• oo Dr. Gustav Hans Graber 



spannare {Tücher oder Netze abspannen) ; altfranzösisch : espan; altbulgarisch: 
pina (spannen). 

Wenn auch die Grundbedeutung der der Wurzel spa nächstverwandten 
Stämme den eindeutigen Sinn von ziehen (an sich ziehen, verbinden 
zweier Objekte zu einer Einheit) zeigt, so treffen wir doch schon den 
Gegensinn des Urwortes an, indem das Spannen sich bereits auch auf das 
Ausdehnen, das Auseinanderziehen, das Trennen, bezieht. So stehen sich 
schon im Althochdeutschen die beiden stammverwandten Wörter spanan 
(reizen, locken, antreiben) und spannan (spannen, strecken, kämpfen), sowie 
eine Anzahl späterer Ableitungen aus beiden, einander gegenüber. Es läßt 
sich aber ihre Verwandtschaft auch nach Weigand — wenn schon nicht 
überall im Germanischen streng nachweisbar — volksetymologisch mit 
Sicherheit annehmen. Die Trennung vollzog sich nach dem von Abel 
aufgestellten Gesetz 1 : »Die ursprünglich doppelsinnigen Worte legen sich 
in der späteren Sprache in je zwei einsinnige auseinander, indem jeder der 
beiden entgegengesetzten Sinne je eine lautliche ,Ermäßigung' (Modifikation) 
derselben Wurzel für sich allein okkupiert." 

Wir fühlen uns verlockt, nach den Prinzipien über den sexuellen Ursprung 
der Sprache, die Urwurzel vornehmlich auf den Ausdruck einer erotischen 
Funktion, nämlich derjenigen des Saugens (Ziehen an der Mutterbrust) 
zurückzuführen, wofür viele Hinweise sprechen. Wir können aber auch 
diese Wurzel überhaupt als lautlichen Ausdruck der ursprünglichsten Form 
der Objektbezogenheit Mutter — Kind, nach dessen Muster die meisten 
übrigen gebildet wurden, ansehen. Es wird uns freilich nicht gelingen, den 
vollen Nachweis für diese unsere Annahme zu erbringen, aber einige Hin- 
weise werden uns doch einen kleinen Einblick in Ursprung, Bedeutungs- 
wandel und die immer neu sich knüpfende Verwandtschaft der angeführten 
Stämme gewähren und werden uns zeigen, daß der Zusammenhang von 
Spinne und Weib auch im Sprachlichen einen Ausdruck gefunden hat. 

Im Althochdeutschen weist das von spanan abgeleitete spunni (Mutterbrust, 
auch Muttermilch, mittelhochdeutsch: spänne, auch spüne) auf diese Ur- 
beziehung hin; ferner altnordisch: speni (Brustwarze oder Zitze). Aus der- 
selben Wurzel wurden, wie wir sehen werden, Bezeichnungen für das 
Objekt, das mit einem andern im Spannungsverhältnis steht, sowie für 
die Funktion des Anziehens, Verbindens und deren Gegensinn des Abstoßens, 
Trennens, gebildet. 

i) K. Abel: Über den Gegensinn der Urworte. 1884. Zitiert bei Freuds gleich- 
namiger Abhandlung, Jahrb. für PsA, IE. Bd. S. 17g (Ges. Schriften, Bd. X). 



Die schwarze Spinne 



xoi 



Nennen wir nun einige neuhochdeutsche Wortbildungen, die diesen 
Stamm beibehalten, aber meist eine oder mehrere Bedeutungswandlungen 
durchgemacht haben: Span (Mutterbrust); Span (Genosse, Gefährte statt 
Gespan, synonym mit Gespan, das im Mittelhochdeutschen auch als spünne- 
bruoder (Milchbruder) gebraucht wurde. Span, das Gerät, das etwas zu- 
sammenspannt. Span 1 (als Gegensinn), der Abfall bei jeder Art von Holz- 
arbeit, also auch hier das Abgetrennte (wie der Neugeborene von der Mutter) 
das mit dem Stück (Mutter), von dem es losgetrennt wurde, wieder ein 
Ganzes bildet. Auch die Verletzung des Rechts, die ebenfalls eine Ab- 
trennung ist, wird als Span bezeichnet. Der Span diente früher auch als 
Rechtssymbol bei Eigentumsübertragung (Abtrennung) von Grund und 
Boden, zunächst allerdings bloß für Gebäude. Als Beweis für eine 
vollzogene Hinrichtung (Trennung vom Leben, oder des Leibes von der 
Seele) wurde ein Span aus dem Galgen gehauen. Nach einem Volksaber- 
glauben (Wuttke, Volksaberglauben) legt eine fortgehende Frau einen Span 
von ihrem Tragkorbe in die Wiege des Säuglings, um ihm die Ruhe nicht 
zu nehmen. Sie hebt so symbolisch die Trennung auf. Span (pluralis) 
haben, heißt auch Vermögen haben (besonders in Süddeutschland). Nach 
einer Volkssage schenken gütige Wesen den Sterblichen zur Belohnung 
Späne, die sich nachher in Goldstücke verwandeln. Wenn wir an die in 
der Psychoanalyse bekannte Analogie Kind-Kot-Gold denken, so wird uns 
der Sinn dieser Sage verständlich : Das Abgetrennte (Kind-Kot) wird wieder 
vereinigt. 

Endlich geht Span auf jegliche Art von Entzweiung, d. h. was eins war, 
wird nun zwei (Mutter-Kind) und bedeutet so Hader, Zank, Kampf, auch 
rein geistige Streitfragen (Span mit Vokaldehnung versehen, dialektisch 
heute reichlich gesprochen, jedoch wird niederdeutsch noch immer an den 
Zusammenhang mit spannen gedacht). 

Spänen aus althochdeutschem spanan (reizen, locken, antreiben) und ver- 
wandt mit dem älteren althochdeutschen spenen (säugen) zeigt im Bedeutungs- 
wandel bereits auch den Gegensinn und heißt neben saugen auch ent- 
wöhnen. In Spanferkel (auch Spen- und Spinferkel mit Vokalangleichung 
an spänne, Muttermilch) haben sich beide Bedeutungen erhalten, indem 

1) Außerhalb des Germanischen läßt sich die Geschichte des Wortes nur unsicher 
verfolgen. In Kuhns Zeitschrift wird griechisch otprjv (Keil) verglichen (G). Eine Ver- 
wandtschaft mit unserem Stamm läßt sich, trotzdem sie volksetymologisch angenom- 
men werden dürfte, nicht voll nachweisen. Immerhin wurde Span (abstula) nach (G) 
mit Span (controversia) in Zusammenhang gebracht. 



^02 



Dr. Gustav Hans Graber 



damit sowohl das saugende, als das eben abgesetzte, entwöhnte Schwein 
bezeichnet wird. Spanhexe, auch Spannhexe bedeutet in Basler Mundart 
ein Scheltwort für eine struppige, nachlässig gekleidete, etwas unheimliche 
Weibsperson. Auch das Wort Spange (althochdeutsch: spanga) ist wahr- 
scheinlich eine Bildung zu spannen gehörig, die mit einem g-Suffix, das 
faktitive Bedeutung hat, gebildet wurde. In niederdeutschen Gegenden heißt 
Spind (auch Spinde) Schrank. Das Wort geht zurück auf ein mittellateini- 
sches spenda, spinda und bezeichnet ursprünglich die Austeilung von Speise 
an die Armen, eine Bedeutung, welche das auch hiehergehörige Spende 
selbständig weiterentwickelt hat. Ebenfalls auf das mittellateinische Spinda 
geht Spind, Spint zurück, nur daß sich hier statt des Begriffes der Örtlich- 
keit der einer bestimmten Menge von zu verteilenden Almosen entwickelte. 
Die Verwandtschaft mit unseren Stämmen ist hier nicht nachzuweisen, es 
ist aber naheliegend, daß eine Übertragung von der stillenden Frau auf 
den Schrank, aus dem die Nahrung genommen wird, stattfand. 

Nennen wir noch einige Ableitungen von spunni (Muttermilch, Mutter- 
brust), ein in der alten Sprache häufiges Wort, das sich später nur noch 
in Resten auf die Mundarten zurückgezogen vorfand: In der Sprache der 
Jäger wird das Gesäuge beim weiblichen Rot-, Dam-, Elen- und Rehwild 
Spinne genannt (G). Als Verstärkung des mittelhochdeutschen spänne haben 
wir: Gespünn, Gespunst, Gespünst, davon Nebenformen mit geschwächtem 
Stammvokal: Gespin, Gespinn, und mit schließendem Dental: Gespind, 
Gespint, Gespinst, immer in der Bedeutung von Muttermilch. Eine direkte 
Übertragung von spänne (Brust) auf die Frau fand im sächsischen Recht 
statt, nach welchem die Verwandte weiblicherseits Gespinne genannt wird. 
So heißt es im Magdeburger Weichbildrecht von 1382 (G) „die neste 

gespinne nimpt kein nusteil . 

Schon Spillmag (G) hat spunni und die vielen obenangeführten, davon 
abgeleiteten Formen auf spinnen umgedeutet, wobei ja wie beim Saugen 
(spenen) auch gezogen wird. So haben wir für das Gesponnene die oft 
gleichlautenden Ausdrücke, wie: Gespinne, Gespinn, Gespinst, Gespinnst, 
hervorgegangen aus dem älteren Gespünst und dem mittelhochdeutschen 
gespunst. Gespinnst kann bedeuten: Das Garn, der Faden, das Gewebe des 
Webers, das Gewebe von Insekten, vornehmlich der Spinne, dann wird es 
auch bildlich gebraucht wie bei Jean Paul (G) „. . . die Spinne des Hasses, 
die bei jedem Menschen über eine Ecke der Herzkammer ihr Gespinnste 
hängt". Oder bei Gryphius: „. . . ein Huren- und Kupplergespinnst" (G). 
Ferner spricht man von träumerischem Einspinnen in Gedanken: „Em 



Die schwarze Spinne 303 



junger Metaphysikus webt ein durchsichtiges Gespinnste und stellt und 
haftet Schluß an Schluß" (Hagedorn, G)\ dann vom Gespinnst der Lüge: 
„Das Gespinnst der Lüge umstrickt den besten (Schiller, G); ferner von 
einem Gespinnste des Weibes, womit es den Mann einfängt. Die Ver- 
knüpfung von Spinne und Weib ist eine sehr vielseitige. Beide sind spin- 
nende Wesen, beide stehen aber auch in engster Beziehung zum Saugen. 
Das Weib säugt das Kind, spendet Nahrung und Leben. Umgekehrt saugt 
die Spinne ihren Opfern (Fliegen usw.) die Säfte und das Leben aus. 
Gerade in dieser Tatsache liegt wohl einer der tiefsten Gründe, warum das 
Mannweib, das nach Vernichtung des Mannes trachtet, mit der Spinne 
identifiziert wird. In dieser Annahme werden wir verstärkt, wenn wir vom 
Zoologen vernehmen, daß das stärkere Spinnenweibchen nach der Befruch- 
tung durch das Männchen auf dieses Jagd macht, es tötet und aussaugt. 
Die Verzweigungen, die von unserem Stamme spart (spann) ausgehen, 
sind derart mannigfach, daß es kaum möglich ist, ihnen allen nachzugehen. 
Immer aber, wo wir eine solche Verzweigung antreffen, finden wir in 
irgendeiner Modifikation die Grundbedeutung des Ziehens wieder, auch 
in jenen Bezeichnungen, die eine Beziehung (von ziehen) wiedergeben. 
In Kärnten heißt G'(e)spunst auch Freundschaft. Spenzeln liegt ebenfalls 
spanan zugrunde 1 , während die Worte Gespon, Gespan (Gefährte) zu 
spannen gehören. Gespons, mittelhochdeutsch gespunse, gespuntze, kann aller- 
dings auch aus dem lateinischen sponsus und sponsa (Verlobte) abgeleitet 
werden, aber nach G. entstand durch Anlehnung an Gespon Gespons und 
durch Antritt eines t im Auslaut Gespornt", im Österreichischen erweitert: Die 
Gespunstin (Ehegattin); bei Gottfried Keller auch Gesponsin; in Wien 
G'spusi (frivol), Dirne. In dem „Heiligen Leben" von 1472 wird der 
gesponz, ein Heiliger, wieder mit der ursprünglichen Bedeutung verknüpft: 
„Unser liebe frow nam irem lieben kind das brüstlein aus dem mund und 
gab es sant Bernhart, irem lieben gesponzen und hies in saugen" (G). 
Gespons kann bedeuten: Bräutigam, Braut, Gemahl, Gemahlin (französisch: 
epouse), Kebsweib, Seele („Gespons und Freundin Gottes", Keisersberg, 
Granatapfel, G), Kirche („die Kirch' ist die Gespons, Christus ist der 
Bräutigam", Fischart, Bienenkorb, G), Nonne (als Gespons Christi); immer 
ist eine Person (oder ein personifizierter Gegenstand) gemeint, die mit einer 
andern in irgendeiner intimeren — meist erotischen — Beziehung steht. 

1) Nach Höfer (G). 

2) Durch Anlehnung an gespan entstand die Form der gespans (Normenbüchlein 
des 15. und 16. Jahrhunderts) und durch italienischen Einfluß Gespusi (G). 



504 Dr. Gustav Hans Graber 



Gesponselt wird aber auch für das Verbinden von bloßen Gegenständen 
gebraucht: „. . . Großvaterstuhl, der mit vier hölzernen Löwentatzen die Erde 
ergreift, welche mit vier Querhölzern gesponselt sind' (Jean Paul, G). 

Die schwarze Spinne wird gelegentlich auch als ein Gespenst bezeichnet, 
und wir wollen nicht versäumen, noch auf die interessanten Zusammenhänge 
von Spinne, spinnen, Gespenst und Weib hinzuweisen. Gespenst kommt 
vom althochdeutschen gispanst; mittelhochdeutsch: gespanst. Es gehört als 
Verbalsubstantiv ebenfalls zu spanan (locken), daher oft auch noch die 
Schreibung Gespornte oder Spenst. Auch Gespengnus (Verlockung, Trug) 
gehört zu spanan. Mit besonderer Deutlichkeit tritt des Menschen ambi- 
valente Einstellung zu den Dingen in bezug auf das Gespenst hervor. 
Ursprünglich ist das Gespenst etwas, das begehrt wird, das verlockt, so wie 
die Mutter mit ihrer Brust (spunni) den Säugling lockt. Mit der Verdrängung 
aber verband sich dem Begehren die Angst. Die Hingabe an das Verlockende 
wurde mit der Vorstellung des Verderbens verbunden, und die Furcht ließ 
das früher Begehrte fliehen. Gespenster sind als Wahngebilde Produkte des 
Gehirns, sind das Gespinnst des Hirns, sind Hirngespinnste. Sie entstehen 
nur, wenn sich der Mensch in seine Gedanken einspinnt (eine geläufige 
Redewendung). Das Eingesponnensein in Gedanken aber verbildlicht den 
Zustand der Abschließung des Geisteskranken von der Welt, verbildlicht 
seine Introversion. Das Wort Hirnge spinn st (auch Hirngespinst) wird 
zuerst aus den Quellen der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts 
nachgewiesen, muß aber älter sein, da die ihm zugrunde liegende Redens- 
art von Spinnen des Gehirns bereits im siebzehnten Jahrhundert gang und 
gäbe ist (G). Später wurde Hirngespinnst auch mit Hirngespenst ersetzt. 
Besonders Kant und Wieland zeichnen sich durch eine starke Vermischung 
der beiden Begriffe aus. So sagt Kant z. B.: „Die Erkenntnis würde gar 
nichts, sondern die bloße Beschäftigung mit einem Hirngespinnst sein" (G). 
„. . . ob nicht die Anschauungen von Raum und Zeit bloß selbstgemachte 
Hirngespinnste wären ..." (G). Dagegen: „A priori zu meinen, ist an sich 
ungereimt und der gerade Weg zu lauter Hirngespenstern" CG). „. . . bei 
den Narren ist es ein albernes Hirngespenst, welches die Grundsätze der 
Vernunft umkehrt" (G) usw. Und Wieland: „Ein Hirngespinnst kann 
nicht so tiefe Spuren graben" (Oberon, G). „. . . ihr half Koketterie nicht 
mehr als Eifersucht . . . abtreten mußte sie ihn und an ... ein Hirn- 
gespinnst" (G). Dagegen: „. . . wenn also Catos Tugend eine Dulcinea 
war, so war sie ein bloßes Hirngespenst" (G). „Die Aspasien, die Danaen, 
die Musarion sind in der Natur; es sind keine Hirngespenster (G). „. . . doch 



Die schwarze Spinne 305 



nein, sie täuscht mich nicht, die schönste der Ideen, sie kann kein Hirn- 
gespenst sein!" (G.) Goethe hat ein ergötzliches Wortspiel auf diese Ver- 
wandtschaft von Gespinnst und Gespenst geschaffen: 

„. . . mit Hexen — Fexen, Gespenst — Gespinnsten, 
kielkröpfigen Zwergen steh ich gleich zu Diensten." (Faust.) 

In Märchen und Sagen kommt es gelegentlich vor, daß die Gespenster 
wieder die ursprüngliche Gestalt der Frau erhalten. So heißt es in einem 
Märchen von Bechstein: „Die gespenstige Erscheinung ward zu einem 
holden Frauenbild geworden (G). 

Eine Nebenform von Gespinnst (allerdings mehr zu spannen gehörend) 
ist die Bedeutung des Wortes Gespenst als Gerüst der Bauleute. 

Zum Schluß dieser sprachwissenschaftlichen Exkursion sei noch einiges 
über die Spindel angeführt. Wie der Name der Spinne, gehört auch 
dieses Wort zu spinnen, gebildet mittels Z-Suffix und durch Einschob 
des dem n entsprechenden Zwischenlautes d. Althochdeutsch: spinnala, 
spinnila, spinnela; mittelhochdeutsch: spinnele. Die Berner Mundart hat die 
Bezeichnung Spinnele (auch Spinnala) auch für die Spinne beibehalten. Die 
Spindel ist ein bereits bei den alten Babyloniern allgemein gebräuchliches 
Frauengerät. Bei den Ausgrabungen in Tello fand man ein Relief aus 
schwarzem Stein, das eine vornehme Dame zeigt, wie sie ihr Garn spinnt. 
Auch die Göttin Mnaseas hält einen Spinnrocken in der Hand (Standbild 
in Bambyke). Man vergleiche auch den Mythus von der spinnenden klein- 
asiatischen Muttergöttin Kybele-Omphale. 1 

Die Spindel sowie das sie ersetzende Spinnrad bildeten häufig das Braut- 
geschenk am Hochzeitstag. Im alten Recht gab die Spindel das Symbol der 
Frau und ihrer Sippe ab. Umgekehrt war die Spindel auch ein Rechts- 
symbol für den Mann und als solches Ausdruck seiner Unfreiheit und 
Knechtschaft der Frau gegenüber. 

In der sprichwörtlichen Redewendung: „Die Spindel taugt nicht, wo der Bart 
nicht darübersteht", wird die Frau selbst als Spindel bezeichnet. Als später die 
Spindel durch das Spinnrad ersetzt wurde, zeigte sich diesem gegenüber die- 
selbe Einstellung. Ein zehnjähriges Mädchen brachte mir als freien Aufsatz 
folgendes selbst erfundene Märchen, in dem eine Frau zum Spinnrad wird: 
Es war einmal eine alte Hexe, die spann unaufhörlich an ihrem Spinn- 
rad. Als sie eines Tages wieder so emsig spann, kam ein großer Geier zum 
Fenster geflogen und sagte: Wenn du uns nicht wieder erlösest, dann wird 

1) Nach R. Eisler: Der Fisch als Sexualsymbol. Image- III, 2. 



go6 Dr. Gustav Hans Graber 



es dir schlimm ergehen. Denn der Geier war ein verzauberter König und 
das Spinnrad seine Frau. Die Hexe hörte nicht auf des Geiers Worte, sondern 
spann immer weiter. Eines Tages wurde die Alte sehr krank und mußte 
sterben. Der Geier und das Spinnrad wurden wieder zu Menschen verwandelt 
und lebten vergnügt zusammen. Die abscheuliche Hexe hatte auch noch andere 
Menschen gequält und zu Bäumen und zu Steinen gemacht. Nun, diese alle 
wurden auch erlöst. Seitdem die Hexe gestorben war, kam in der Nacht immer 
ein schwarzes Ungetüm hervor. Das war grausig anzusehen. 

Die enge Verknüpfung der Begriffe Frau und Spindel 1 hat sich auch 
auf die Spinne übertragen, die ja Gerät (Berner Mundart — Spinnele 
= Spindel) und Spinnerin zugleich ist. 

Die Spindel ist aber nicht bloß als Frauensymbol bekannt, sondern wegen 
ihrer Form und der Fähigkeit des Stechens auch als männliches Sexualsymbol. 
Das geht schon daraus hervor, daß man den Begriff Spindel auch für die 
in das Muttergewinde einzudrehende Schraube verwendet. Es war Volks- 
glaube, — wir begegnen ihm in Märchen wieder — daß die Spindel den 
Freier ins Haus bringt. Bei Frey tag finden wir die Stelle: „Die Spindel 
stach in den Finger, das bedeutet Besuch" CG). 

Im Märchen „Dornröschen" sticht die Spindel die reif gewordene Jung- 
frau. Ihr hundertjähriger Schlaf entspricht dem Liebestod, der Hingabe. 
Es ist dieselbe Symbolik wie diejenige von Amors Pfeil. Ein elfjähriger 
Knabe erzählte mir folgende Phantasie: 

„Ein König hatte einen Sohn, welcher sehr abenteuerlustig war. Nun 
ging im Lande die Kunde von einer Spinnerin, die auf einem Berge wohne. 
Eines Tages stieg der Prinz den Berg hinauf. Als er in die Hütte trat, kam 
ihm die Spinnerin entgegen und sprach: Auf der andern Seite des Berges 
findest du eine Höhle mit großen Schätzen, rühre aber nichts an, sondern 
hole mir eine Spindel. Der Prinz gehorchte. Als er nach einiger Zeit wieder 

i ) Nach C. Kohlrusch: Schweizerisches Sagenbuch (Leipzig- 1 854) wird die Spinnerin 
Bertha, die Burgunderkönigin, mit der Mythe verknüpft: Frigga = Peratha, später 
Perchta, Bertha. — „Frigga . . . die zeugende und gebärende Erdgöttin, die man sich 
als Spinnerin vorstellte und der man als Attribut die Spindel, als Zeichen der Weib- 
lichkeit, beigab — eine Symbolik, welche auch die römische und indische Mythologie 
auf die Vertreterinnen des Prinzips der zeugenden Kraft anwandte." — Dazu als Fuß- 
note: „Diana, welche als Geburten befördernde Mondgöttin mit Juno, welche sich 
mit ihr in diese Wirksamkeit teilt, den gemeinschaftlichen Namen Lucina führt, 
nennt Homer ,die Göttin mit der goldenen Spindel' (Iliad. 16, 184), während 
letztere Göttin als Juno Pronuba (Vorsteherin der Ehen) mit einem Spinnrocken ab- 
gebildet und ihre Tochter, die Geburtsgöttin Ilithya, als Spinnerin gedacht wurde. 
Ebenso stellt man sich die syrische Venus mit dem Attribut der Spindel vor usw." 



Die schwarze Spinne 507 



zurückkam, die Spindel in der Hand, ertönten einige Donnerschläge, daß 
die Erde zitterte, und die Spinnerin sank tot um. Der Prinz entsagte hierauf 
der Fürstenkrone und ward ein Mönch und Einsiedler." 

Die Höhle mit den großen Schätzen auf der andern Seite des Berges deutet 
auf die anale Einstellung, die zugunsten der genitalen (Spindel — Penis) auf- 
gegeben wird. Donnerschläge und Erzittern der mütterlichen Erde begleiten 
diesen Wandel, der zum Tode führt — zum Liebestode. 

Von Unland seien noch folgende Stellen angeführt (G): 

Die erste sprach behende: 
ja, lächle nur auf mich, 
ich gebe dir frühes Ende 
von einer Spindel Stich. 

Die Fürstin tat erbleichen 
als man von Spindeln sprach; 
sie wollte flugs entweichen: 
die Spindel sprang ihr nach 
und an der morschen Schwelle, 
da fiel das Fräulein jach, 
die Spindel auf der Stelle 
sie in die Ferse stach. 

Spindeln galten abergläubisch auch als giftig. So berichtet Auerbach 
(Dorfgeschichten, G): „Der Arzt bestätigte, daß ihm seine Mutter oft erzählt 

habe, Spindeln seien giftig." 

Die Eigenschaft des giftigen Stiches (Biß) hat auch die Spinne, so daß 
auch in dieser Beziehung der Vergleich mit der Spindel gegeben ist. Als 
Stechende symbolisiert sie das männliche Genitale, dessen sich das Weib 
(= Spinne), wie in Gotthelfs Erzählung, bemächtigt hat. 

Mit unseren Andeutungen über den sprachlichen Zusammenhang konnten 
wir nicht mehr bieten als ein loses Gerüst, das zu stützen und auszubauen 
nun unsere weitere Aufgabe sein wird. Immerhin haben wir erkennen 
können, daß das Gerüst zum Bau gehört, daß die Sprache ein lebendiger 
Ausdruck erkannter oder gefühlter Zusammenhänge ist. Sie ist nicht bloß 
Mittel zum Zwecke, richtig Erkanntes auszudrücken, sie ist selbst Wirkung 
und Auswirkung. Ihr Studium wird immer mehr ihre tiefe Verankerung 
mit dem Triebleben aufdecken und wird ein Grundstein zum Brückenbau 
vom Geistigen zum Triebhaften bilden. Das Wort bleibt nicht mehr nur 
Mittel der Mitteilung von Gedachtem, sondern wird zum Lautsymbol des 
Erlebens und der Dinge selbst. 



:o8 Dr. Gustav Hans Graber 



b) Die Spinne als Traumsymbol 

Die Spinne ist eine in Träumen ziemlich häufig wiederkehrende Er- 
scheinung, und zwar vor allem als ein Symbol der gefürchteten Mutter, 
die männliche Charakterzüge trägt. 

Karl Abraham berichtet in seiner Arbeit : „The spider asa dream symbol", 1 
in der er erstmals dem Spinnenproblem nachgegangen, von drei Träumen 
eines Patienten und kommt zu folgendem Ergebnis: „Tn conclusion we can 
say that these three dreams give an explanation of spider symbolism in 
three directions. The spider first. of all represents the wicked rnother (formed 
like a man), and then the male genital attributed to her. The spider's web 
represents the pubic hair; the Single thread has a male genital significance" 
(S. 316). 

Wir finden also bei Abraham die Bestätigung, daß die Spinne vorab, 
wie bei Gott h elf, ein Symbol der ge fürchteten männlichen Mutter ist, 
sodann aber auch ein Phallussymbol , und zwar des Phallus, dessen sich 
das Weib, in der Identifikation mit dem Manne, bemächtigte. Auch 
Stekel erwähnt die Spinne als Phallussymbol. 2 Besondere Beachtung ver- 
dient die Symbolik des Spinnennetzes als Genitalhaare. Ein zehnjähriges 
Mädchen (Nelly) brachte mir folgenden Traum, der auch deshalb besonders 
interessant ist, weil er ein geschichtliches Ereignis, welches dem Mädchen 
unbekannt war, als unbewußtes Vorbild hat. Der Traum lautet : 

„Ich war mit jemand so sehr in Streit geraten, daß ich die Flucht er- 
greifen mußte. Als ich in den Wald kam und die Verfolger hinter mir 
herkamen, versteckte ich mich in einem großen Loch, da war eine große 
Spinne darin. Sofort spann sie ein Netz über mich, daß die Verfolger 
mich nicht sehen konnten. Sie gingen an mir vorbei und sagten: ,Da ist 
es nicht, da ist ja nur ein altes Spinnennetz' und gingen weiter. Als sie 
fort waren, ging ich hinaus, und die Spinne hatte mich gerettet. Nachher 
erwachte ich; wie war ich froh, daß ich in meinem Bette lag und nicht 
auf der Flucht." 

Der Traum symbolisiert typisch die Flucht vor der Welt und die Re- 
gression an den Ort absoluter Sicherheit, den Mutterleib. Das Spinnennetz, 
das den Eingang verdeckt, stellt die Schamhaare dar. Einen ähnlichen 
Traum berichtete ein neunjähriger Knabe: 3 Sein Vater ist ein Henker mit 

1) K. Abraham: „The spider as a dream symbol." The International Journal of 
Psycho-Analysis, Vol. IV, part 3. 

2) Stekel: Die Sprache des Traumes. 

3) Aus Grab er: Ambivalenz des Kindes. S. 67. 



Die schwarze Spinne lOQ 



zweischneidigem Schwert, der ihm den Kopf abschlagen will, er aber weiß 
ihm hinterlistig einen Stoß zu versetzen, so daß er sich flüchten kann. Er 
rettet sich in eine Höhle, vor welcher ein dichtes Gebüsch war. 

In gleicher Weise wie Nelly im Traume, wird nach einer Sage, die 
jüdischen Ursprungs, David vor Saul gerettet (cit. bei üähnhardt, Natur- 
sagen, S. 66). Die Sage lautet nach der „Cronique de Tabari", Paris 1867: 
„Als David auf der Flucht vor Saul sich in einer Höhle verborgen hatte, 
wob die Spinne auf Gottes Geheiß ihr Gespinnst am Eingang derselben. 
Als Saul an die Höhle kam und das Gespinnst sali, sagte er: ,Wenn er da 
hineingegangen wäre, so hätte er das Spinnengewebe zerrissen.' Und so 
ging er weiter. 

Während nun nachweisbar eine Übertragung der Sage auf Mohammed 
stattfand, finden sich keine literarischen Zeugnisse, die diese auch in das 
Leben Jesu versetzen. Dähnhardt führt eine arabische und eine bulgari- 
sche Überlieferung aus dem Volksmunde an. Danach wird die heilige 
Familie auf der Flucht nach Ägypten auf dieselbe Art gerettet. Rosegger 
hat wohl diese Überlieferung in seinem Buche „I. N. R. I." verwertet. 

M. Bornsztajn 1 erzählt als Beitrag zu dem erwähnten Aufsatz von 
Abraham „The spider as a dream symbol" einen Traum, in welchem das 
Gebüsch, in dem die Spinne sitzt, ebenfalls als Netz und als Genitalhaare 
zu deuten ist. Der Patient „sah im Traume eine Zeichnung (er ist Maler), 
die eine Spinne in einem Gebüsch darstellt — er schaut die Zeichnung 
an — die Spinne habe ein Füßchen wie abgebrochen . Patient ist 
neidisch auf seine Frau, die ebenfalls dem Malerberuf angehört. Er glaubt, 
„er könne es nicht so weit bringen wie seine Frau, er fühle sich klein 
ihr gegenüber, sie sei ihm ganz entschieden überlegen, alle sagen, ihre 
Malerei habe einen männlichen Zug". 

Bornsztajn gibt folgende Deutung, die wir als zutreffend anerkennen: 
„In einem solchen Zusammenhange kann eine Spinne im Gebüsch mit 
einem abgebrochenen Füßchen nicht anders gedeutet werden, als das weib- 
liche Genitale der Frau — dabei muß hinzugefügt werden, daß Patient 
vielfach seine Frau mit seiner Mutter identifiziert hat — mit einem Penis, 
einem abgebrochenen Penis. In diesem Traumsymbol kastriert er seine Frau, 
er will sie entmännlichen, ihr die Kraft, die Überlegenheit rauben." 

Einen weiteren interessanten Beitrag lieferte ein Mädchen (Ruth), das 
im Traume seine Identifikation mit der Spinne mit dem Tode bezahlt: 

1) Bornsztajn: Zur Frage: Die Spinne als Traumsymbol. Internat. Zeitschr. 
f. PsA IX, 2. 



gjo Dr. Gustav Hans Graber 



„Es träumte mir einmal, ich liefe als Spinne in den Wald und verirrte 
mich. Ich lief weiter und weiter durch Gras und Moos und hatte festen 
Hunger. Da kam ich zu einem Fliegenpilz, und weil ich so Hunger hatte, 
aß ich davon. Nun ging ich voller Freuden fort, weil ich meinen Hunger 
gestillt hatte. Nach und nach tat mir der Magen weh, je mehr ich lief, 
um so mehr verspürte ich Schmerzen. Als ich nicht mehr weiter konnte, 
rief mir eine Schnecke und sagte: Lege dich auf das Efeublatt, ich hole 
dir kalte Umschläge. Ziemlich lange ging's, da kam die Schnecke mit 
feuchtem Moos und machte mir die Umschläge. Ich konnte mich nicht 
mehr bewegen, so weh hatte ich. Auf einmal zuckten mir alle Glieder, 
und ich war tot. Da erwachte ich plötzlich, ich war froh, daß alles nur 
ein böser Traum war, und ich die tote Spinne nicht bin. 

Eine Analyse des Traumes mit Beschaffung des latenten Traummaterials 
war leider ausgeschlossen. Es scheint aber, daß er eine Aktivierung der 
Angst vor der Spinne, dem Tod, dem Gefressenwerden darstellt, die aber 
insofern mißglückt, als das eigene Fressen des Fliegenpilzes (Fliegen) den 
Tod bringt. In der Schnecke (Penissymbol) liegt wohl die Andeutung, 
woher die mögliche Rettung hätte kommen sollen. 

c) Infantiles Material 

Um einen Einblick in die seelische Einstellung des Kindes zur Spinne 
zu erhalten, ließ ich eine Schulklasse zehnjähriger Kinder nach freier 
Wahl selbsterfundene Märchen, Phantasien oder Erlebnisse, in denen die 
Spinne eine Rolle spielt, niederschreiben. Die Arbeiten entstanden ohne 
irgendwelche Vorbereitung oder Andeutungen seitens des Lehrers und ergaben 
einiges interessantes Material, das uns nicht allein die bereits erschlossenen 
Einsichten in das weitschichtige Problem der Spinne erhellen hilft, sondern 
auch neue Einblicke gewährt. 

Beinahe in allen Arbeiten äußerte sich die große Angst, das Grausen 
und die Furcht der Berührung mit der Spinne, so wie die Verknüpfung 
derselben mit dem Tode. Vorab seien einige Arbeiten wiedergegeben, in 
denen Mädchen sich mit der Spinne identifizieren, oder in denen letztere 
als Frauengestalt (Hexe oder Gespenst) auftritt. (Hieher gehören auch die 
beiden erwähnten Träume von Nelly und Ruth.) 

Fritz: Einmal war ein König, der hieß Adolf. Adolf haßte die Spinnen. 
Als er einmal reiten ging, sah er eine Spinne, die gerade gegen ihn kam. 
Er nahm einen Spieß und tötete die Spinne. Es war eine Kreuzspinne. 
Als er heimkam, war seine Tochter tot. Da wurde er zornig und sprach: 



Die schwarze Spinne 



„Soll mir die Tochter gestorben sein, töte ich die Spinnen sogleich.*' Als 
er das gesagt hatte, kam eine Spinne und legte sich auf den Boden. Er 
wollte sie töten, aber die Spinne war verschwunden. Da hörte er das Vieh 
brüllen. Als er in den Stall ging, war das Vieh tot. Da kam ein Männlein 
und sprach: „Wenn du die Spinnen nicht mehr tötest, so kannst du dein 
Vieh und deine Tochter wiederhaben." Sogleich verschwand das Männlein. 
Auf einmal sah Adolf das Vieh fröhlich weiden. Und die Tochter kam zum 
König. Von nun an hatte er die Spinnen wieder gern. 

Fritz scheint vom Aberglauben gehört zu haben, wonach man die Kreuz- 
spinne nicht töten darf, weil sonst jemand aus der Verwandtschaft sterbe. 
Es scheint aber auch eine Inzestphantasie in dem Märchen verborgen zu 
sein. Die Spinne, die der König mit dem Spieße (= Penis) beim Reiten 
tötet (koitiert), ist seine Tochter. Sie stirbt. Nun will er alle Spinnen töten. 
Eine legt sich vor ihm auf den Boden. Er will auch sie töten. Dafür 
erhält der König seine Strafe. Das Vieh stirbt ihm (vgl. Gotthelfs schwarze 
Spinne). Wie er aber verspricht, die Spinnen nicht mehr zu töten (Inzest- 
schranke), nimmt alles wieder seinen normalen Verlauf. 

Max: Es war einmal eine Spinne im Keller. Die Spinne hieß Vergiß- 
meinnicht. Ist das nicht gar ein lustiger Name für eine Spinne? Sagt einmal? 
Getauft hat sie ein kleiner Zwerg, Zwerg Viduit hieß er. Zwei Freunde waren 
es. Zwei schöne, doch waren sie fast immer böse. Heute kam der Zwerg 
leise herzugeschlichen und sprach: „Morgen! Morgen! Ah! Kutschenfahren 
können wir dann, ah! Ah! Jauchzen möchte ich jetzt am liebsten!" Am 
andern Tag, da kam die Kutsche. Einsteigen hieß es nun. Die Spinne, die 
war halt zu dick, drum lief sie hintendrein. Nachher, da starb das Zwerglein 
vor Kummer wegen seiner Spinne. Auch die Spinne starb vor Leid. 

Das Märchen ist durchsichtig. Auch hier ist die Spinne Todesursache. 
Der Tod erfolgt am Hochzeitstage. Die Brautleute (Zwerg und Spinne) 
sterben den Tod der Liebe. 

Ein Mädchen (Klara) ergreift die Gelegenheit des Fabulierens, um in 
der tagträumerischen Spinnenphantasie einen alten Wunsch zu realisieren. 
Seine kleine Rivalin, das Schwesterchen, muß sterben. Klara war einziges 
Kind, mußte bei Ankunft des Schwesterchens erleben, wie die Liebe der 
Eltern mehr diesem zufloß und wünschte ihm deshalb den Tod. Dieser 
Wunsch war natürlich längst verdrängt. Der Durchbruch des Verdrängten 
in der Erzählung wurde dem Mädchen nicht bewußt. 

Klara: Es war einmal eine Spinnenfamilie. Eine Mutter und zwei 
Kinder. Der Vater war tot, denn er war von einem Menschenfuß zertreten 



:i2 Dr. Gustav Hans Graber 



worden (Klaras Vater starb vor einigen Jahren). Aber die Spinnenfamilie 
wohnte fröhlich in ihrem einsamen Häuschen. Aber einmal sagte die 
Mutter: „Ich muß schnell fort. Bleibt mir ja in dem Haus und geht nicht 
fort, sonst könnte es euch schlecht gehen!' Denn die Spinnenkinder waren 
sehr jung, das eine war zwei Wochen alt, das andere drei Wochen alt. 
„Jetzt," sagte die Mutter, „ich gehe jetzt, bleibt mir ja im Hause!" Nun 
ging sie. Die Kinder waren eine Zeitlang im Hause und spielten. Aber 
wie sie so beim Spielen waren, sagte das Jüngste: „Ich möchte gern hinaus", 
aber das andere sagte: „Du weißt, was die Mutter gesagt hat." Aber es 
hörte nicht und ging. Da kam die Mutter gerade heim und fragte, wo das 
Kind sei. Da sagte das älteste, es habe nicht mehr daheim bleiben wollen 
und sei fort. Da erschrak die Mutter und sprang fort, um das Kind zu 
suchen, aber sie fand es nicht, denn das kleine Spinnlein war schon weit 
fort. Als es wieder heimkehren wollte, kam es durch einen dunklen Wald 
und fand den Weg nicht. Es fing an zu dunkeln und wurde kalt. Das 
konnte es nicht länger aushalten und legte sich auf den Boden. Am Morgen 
aber war das Spinnlein tot, denn es war erfroren. 

Wie groß Angst und Grausen vor Spinnen sein können, zeigt folgendes 
Erlebnis : 

Gertrud: Als ich einmal auf den Estrich ging, mußte ich ein Dach- 
bett (Bettdecke) und ein Kissen herunterholen, weil Besuch bei uns war. 
Als ich wieder hinuntergehen wollte, kam eine große, lange Spinne daher- 
gekrochen und lief mir den Arm hinauf. Als ich das sah, schrie ich aus 
Leibeskräften um Hilfe. Da kam meine Mutter auf den Estrich geeilt. 
Sie fragte mich, was mir fehle. Ich sprach ängstlich: „Eine Spinne ist mir 
, angelaufen'." Die Mutter glaubte das nicht und nahm mir das Bettzeug 
ab. Die Spinne hatte sich in der Zeit als ich um Hilfe gerufen hatte, in 
dem Bettzeug verkrochen, ohne daß ich es bemerkt hatte. Als am Morgen 
der Besuch beim Frühstück saß. erzählte er, es sei ihm in der Nacht etwas 
Schauriges vorgekommen. „Zuerst meinte ich," erzählte der Gast, „es 
streiche mir jemand über das Gesicht. Aber als ich das Licht anzündete, 
sah ich, daß es eine Spinne war. Schnell sprang ich aus dem Bett.' Von 
da an kam der Gast nie mehr zu uns. 

Paul: Die Spinne ist so gespensterartig. Viele Leute fürchten sie, 
weil sie abergläubisch sind. Sie sagen, wenn man eine Spinne am Morgen 
sieht, so bringe es Unglück, und wenn man eine Spinne am Abend 
sieht, so bringe dieses Glück. Die Spinne kommt so unbemerkbar heran- 
geschlichen. 



Die schwarze Spinne 515 



Der sehr unpersönliche Bericht Pauls bringt zweierlei: Erstens die Ge- 
spensterhaftigkeit der Spinne und sodann des Menschen ambivalente Ein- 
stellung, die die Spinne im Aberglauben als Glücks- und Unglückstier 
erscheinen läßt. Auf diesen letzteren Punkt werden wir im Zusammen- 
hange mit einigem folkloristischem Material noch näher eingehen. Erwähnens- 
wert ist, daß drei Schüler eine Einteilung der Spinne in Kreuzspinnen und 
Glücksspinnen machten. 

Die Zusammengehörigkeit von Spinne und Gespenst, die wir bereits 
etymologisch nachweisen konnten, zeigt sich auch in folgender Phantasie: 

Trudy; Als ich einmal in den Wald ging, Beeren zu suchen, verirrte 
ich mich. Ich lief im Walde umher, bis ich ganz müde wurde und mich 
unter einen Baum setzte. Da sah ich neben mir im Grase etwas schimmern, 
und wie ich schaute, war es viel Geld. Ich stopfte alle Taschen voll. Kaum 
hatte ich sie gefüllt, kam eine große Spinne daher und gerade auf mich 
zu. Ich erschrak und wollte fortspringen, aber die Spinne rannte mir nach 
und bekam immer längere Beine. Ich rannte was ich mochte nach Hause. 
Als ich aus dem Walde kam, war sie verschwunden. Ich griff in die Taschen, 
aber welcher Schreck, sie waren anstatt des Geldes voller Spinnen, die ihre 
langen Beine aus meinen Taschen streckten. Tch rannte nun nach Hause 
und rief immer um Hilfe. Als ich daheim angelangt war, waren die Spinnen 
verschwunden. Ich ging gleich ins Bett, denn es war schon Abend. Als 
ich schlief, war mir, als sähe ich im Zimmer ein Gespenst, das immer 
auf das Bett hüpfte und wieder hinunter. Von da an durfte ich nirgends 
mehr hin, weder in den Keller, noch auf den Estrich. Wenn ich etwas 
auftun wollte, meinte ich immer, ein Gespenst käme heraus, und ich durfte 
es nicht aufmachen. 

Neben der Gespensterhaftigkeit steckt in Trudys Tagtraum auch eine 
Geburtsphantasie. Trudy gebiert (wie Christine in der schwarzen Spinne) 
aus seinen Taschen viele Spinnen. Das Geld (= Kot = Kind) hat sich darin 
verwandelt. Eine ähnliche Geburtsphantasie liegt in folgendem Traum ver- 
borgen : 

Dora: Einmal als ich im Bette lag, da hatte ich einen Traum. Es 
träumte mir, ich stricke an einem Strumpf. Als ich bald fertig war, 
kamen auf einmal Spinnen aus dem Strumpfe. Ich ließ den Strumpf fallen. 
Dann rannte ich auf den Estrich, aber dort war es finster. Da gramselte 
mir etwas auf dem Kopf, es war eine Spinne. Ich schüttelte den Kopf, da 
fiel sie auf den Boden. Als ich ein wenig nach hinten ging, sah ich ein 
großes Spinnennetz, dort waren viele kleine Spinnen. Jetzt ging ich hinunter, 

Imago XI. 21 



514 Dr. Gustav Hans Graber 



da lag der Strumpf fertig und keine Spinne mehr darin, denn die Spinnen 
haben ihn fertig gemacht. Da erwachte ich und lag auf dem Boden. Ich 
war aber froh, daß der Traum nicht wahr war. 

Wie sehr auch schon im Unbewußten des Kindes Frau, Spinnerin und 
Spinne zusammengehören, zeigt folgendes reizende Märchen: 

Max: Es war einmal eine Königin, die spann immer. Einmal hatte sie 
keinen Flachs mehr, da ließ sie Spinnen herbeibringen und spann mit 
den Spinnenfaden. Dies gab prächtigen Zwirn und wunderbare Kleider. 
Diese hatten die Eigenschaft, daß, wer eines trug, sich wünschen konnte, 
was er wollte. Doch bei einem grausamen König war es nicht so. Diesem 
brachte es Unglück. Als er das merkte, verbrannte er das Kleid. Da stiegen 
Spinnen aus den Flammen und spannen ihn ein. Er starb eines jämmer- 
lichen Todes. 

Der Geburt der Spinnen aus den Flammen liegt eine tiefe Bedeutung 
zugrunde. Ein Mädchen schrieb: Es gibt rote und schwarze Spinnen. Sie 
krabbeln so, daß einem gramselt und kitzelt. 

Die Spinnen steigen aus dem roten Feuer der Sexualität, bringen dem 
Ich, das sich in der Liebe verändern muß, den schwarzen Tod. Wir haben 
bereits darauf hingewiesen, daß auch Gotthelf die Berührung mit der 
schwarzen Spinne mit dem Brand glühenden Feuers, das durch Mark und 
Blut strömt, vergleicht. Nach einem alten estnischen Märchen ist es die 
Spinne, die der Menschheit, der das Feuer fehlt, dieses aus dem Schlund 
der Hölle heraufholt. 1 Ein Knabe (Theodor) verbannt in seinem Märchen 
die Spinne, die mit ihrem giftigen Stachel den Schlangengott tötete, ins 
Feuer des Erdinnern. Hölle und Erdinneres aber, worin das Feuer kocht, 
sind längst bekannte Vaginasymbole. 

Theodor: Fern in Afrika, in Numidien, wurde die Spinne nebst Schlangen- 
göttern hoch verehrt. Täglich brachten ihr fünf braune Numidier ein- 
gefangene Insekten. Da ergrimmte Siphax, der weiße Schlangengott, und 
überredete die Numidier, die Spinne zu töten. Die Spinne aber belauschte 
dieses Gespräch und schwor Bache. Gelimer, der König der Vandalen, kam 
und besiegte die numidischen Stämme. Die Wenigen, die übrig blieben, 
irrten obdachlos in der Wüste herum. Die Spinne selber floh in die Höhle 
eines Berges. Von da aus unternahm sie Raubzüge gegen den Schlangen- 
gott Siphax. Eines Tages stand Hiempal, der Gott der Rache, vor ihr und 

1) Witschi: Von Blumen und Tieren. Bircher, Bern 1919. — Dähnhardt erwähnt 
verschiedene Variationen dieses estnischen Märchens. (Natursagen. Bd. II.) 



Die schwarze Spinne 515 



sprach: Hier hast du einen Stachel mit Gift, mit dem du deinen Feind 
unschädlich machen kannst. Bald erreichte sie den Schlangengott und tötete 
ihn. Am andern Tage ging sie auf den Berg, da züngelten Flammen um 
sie, in denen sie verbrannte. Der Sage nach soll sie im Innern des Berges 
als Dämon leben, sicher aber ist, daß nach ihrem Tode Feuer und Rauch 
aus dem Berge kam. Manchmal, wenn das Feuer größer wurde, versengte 
es die ganze Landschaft und tötete Menschen und Vieh. Ganz Afrika zitterte 
und bebte dann. 

Theodor wickelt unbewußt das Drama der Menschheitsgeschichte ab, 
das in vielen Punkten demjenigen in Gotthelfs schwarzer Spinne gleicht. 

Anfangs wird die Spinne (Weib) nebst den Schlangengöttern (Schlange 
= Penis, Schlangengötter = Männer) hoch verehrt. Ihr wird große Gunst 
zuteil, wird Nahrung zugetragen. Es ist die Zeit allgemeiner Verehrung, 
ohne Kampf und Hader — die Zeit des Matriarchats. Da aber ergrimmt 
Siphax, der Schlangengott (Urvater) und will die Spinne (Weib) töten. 
Diese aber schwört Rache (Weiberherrschaft), wird aber gezwungen in die 
Höhle eines Berges zu fliehen. Es handelt sich um dieselbe Verdrängung 
wie bei Gotthelf, wo die Spinne in das Loch des Fensterpfostens eingesperrt 
wird. Von der Höhle aus unternimmt sie Raubzüge gegen den Schlangen- 
gott. Das Verdrängte kehrt wieder. Auch bei Gotthelf wird die Spinne 
wieder frei und verbreitet Tod und Verderben. Der Gott der Rache ver- 
leiht der Spinne nun den Giftstachel (Penis), mit dem sie den Schlangen- 
gott tötet. Das Weib erlangt mit der Aneignung des Penis den Sieg über 
den Mann. Wir sahen, wie auch die schwarze Spinne den Männern den 
Tod brachte. Den Sieg bezahlt sie aber in beiden Dichtungen mit neuer 
Verdrängung. Theodor läßt die Spinne als Dämon im Innern eines Berges 
in Feuer und Rauch weiterleben und weiteres Unheil verbreiten. Das 
Feuer strömt aus, versengt die Landschaft und tötet Menschen und Vieh. 
Ganz Afrika aber zittert und bebt. Bei Gotthelf heißt es: „Drinnen (im 
Fensterpfosten) sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbel- 
winde streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der 
Zapfen, gefangen blieb die Spinne." (S. 75.) Das Verdrängte (Spinne — 
Sexualität), das vom Widerstand (Zapfen) in den Tiefen des Unbewußten 
in Schach gehalten wird, wütet, verheert und will befreit sein. 

Die neuen Einsichten, die wir mit dem kindlichen Material neben der 
Vertiefung der früher gewonnenen erhalten haben, sind kurz folgende: 

1) Der Tod, den die Spinne dem Manne bringt, ist der Liebestod. Der 
Mann erschlafft, stirbt in der Umarmung des Weibes, das ihn umfaßt und 



21' 



;i6 Dr. Gustav Hans Graber 



aussaugt (Koitus) wie die Spinne ihre Opfer (Männchen). 2) Spinnen- 
phobien sind bei Kindern ziemlich häufig und darum wird 3) die Spinne 
oft als Gespenst erlebt. 4) In Geburtsphantasien tritt sie auch als Symbol 
für das Kind auf. 5) Wird sie in enge Beziehung zum Feuer gebracht, 
welches die Sexualität symbolisiert. 

Die wertvollen Einblicke in das Seelenleben, die gerade das Kind immer 
dann bietet, wenn wir es nicht mit dem Dunkel unserer bewußten Dogmen 
und Normen verhüllen, sind uns eine erneute Mahnung, dem Rhythmus 
des kindlichen Seelenlebens noch mehr zu lauschen und zu folgen, als 
wir es bereits zu tun uns gewöhnt haben. 

d) Mythe, Aberglaube, Sage, Dichtung 

Wenn Gotthelf durch Verwandlung eines Weibes, das die göttlichen 
Mächte verhöhnt und mit den teuflischen im Bunde steht, seine schwarze 
Spinne erschafft, so vermögen wir nicht festzustellen, inwieweit er dabei 
der ihm mitgeteilten Sage gefolgt ist und inwieweit dem von Ovid erzählten 
Mythus von der Metamorphose der Arachne zur Spinne. 

Ovid berichtet folgende Szene: 1 Pallas und Arachne sind eifrig damit 
beschäftigt, die Taten der Götter auf Tüchern, die sie weben, darzustellen. 
Während aber Pallas die Olympier mit ihren Bildwerken verherrlicht, stellt 
Arachne ihre lasterhaften Vergehen dar (caelestia crimina: nach Menge: 
Abbildung lasterhafter Vergehen oder Vorgänge, dargestelltes oder geschil- 
dertes Laster). Pallas zerreißt empört diese Tücher der Anklagen gegen die 
Götter und will Arachne töten, empfindet aber Mitleid mit ihr, läßt sie 
leben, aber hängend an einem Faden und verwandelt in eine Spinne: 

„. . . et extemplo, tristi medicamine tactae, 
Defluxere cornae, cumque liis et naris et auris; 
Fitque caput minimwn, toto quoque corpore parva est. 
In latere exiles digiti pro cruribus haerent; 
Cetera venter habet, de quo tarnen illa retnittit 
Stainen, et antiquas exercet aranea* telas. 11 

Auch Hans Sachs hat diese aus der Antike stammende Metamorphose 
dargestellt : 



1) Ovid: Metamorphosis VI, 1—145. 

2) Nach Menge: Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch 3 : aranea — Spinne, aus 
aragnta, zu griechisch dßdxvn ; cf. auch aQXvg. Nach Benselers Griechisch-Deutsches 
Schulwörterbuch": f| doxug (verw. ark spinnen, siehe dpdxvn) — Netz, Fessel, übertr. 
poet. Fallstrick, drohende Gefahr. 



Die schwarze Spinne z 1 7 



„Aragne war mein rechter nam; 

Pallas war meiner künst gram, 

das sie mich in ein spinn verkeret" (G). 

Während hei Ovid Arachne (Spinne!) erst nach dem Wettkampf in 
eine Spinne verwandelt wird, steht in zwei Sagen die reine, gottesfürchtige 
Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, als Spinnerin bereits der hochmütigen 
Spinne (Mannweib) feindschaftlich gegenüber. Die Sagen lauten (nach 
Dähnhardt, Bd. 1, S. 253 u. 254): 

a) „So schöne Fäden spinnen wie die hl. Jungfrau konnte niemand. 
Die Spinne aber sagte, sie spänne schöner und viel geradere Fäden! Und 
sie spann auch und hing sich an ihrem Gespinst auf und sagte der hl. Jung- 
frau, sie solle sich auch an das ihrige hängen. Da sprach die hl. Jungfrau : 
,Nun sollst du auch dann an deinem Gespinst hängen, wenn du es nicht willst!' 
Seitdem hängt die Spinne immer an ihrem Gespinst! Auch das sagte die 
hl. schöne Jungfrau Maria noch, daß verflucht sei im Himmel und auf 
Erden, wer die Spinne nicht tötet." 

b) „Vor langer Zeit hat die Mutter Gottes lange, sehr feine Fäden ge- 
sponnen. Die Spinne saß in der Ecke, schaute dieser Arbeit zu und sagte 
spöttisch, sie könne einen noch dünneren Faden spinnen. Wirklich war 
der von der Spinne gewobene Faden dünner, länger und gleichmäßiger. 

Zur Strafe gab Gott der Spinne Gift. 

Von einer mehr auf Volksglauben beruhenden Auffassung der Ent- 
stehung der Spinne berichtet Megenberg (G): „. . . ez werdent auch 
spinnen an unkäusch ausz faulen dingen, sam ausz dem klainen staub, der 
in der sunnen fleugt, wenn der erfault, und aus des menschen spaicheln, 
die er wirft so er gezzen hat." 

Kehrseite zu dieser Geburt der Spinne aus dem Munde (wir können 
den Gedanken des bereits erwähnten Zusammenhanges von Spinne und 
Perversion nicht umgehen) ist ihre Rückkehr in den Mund : 

„Von der Kindheit auf, wie noch jetzt als 

Geist, stets fühlt' ich entsetzlichen Abschen 

vor Spinnen, und floh dies häßliche Tier 

weit mehr als Laster und Ehbnich. 

Als abends ich einst samt meinem 

Gemahl, dem behaglichen, saß an der Tafel, 

spann plötzlich, o weh! sich ein solches 

Getüm von der Decke herab in den Mund mir." Platen (G). 

Ebenso: „. . . bis sich . . . eine Giftspinne wie ein Grubenfahrer an 
ihrem Faden herabläßt in das Bergwerk deines staunend geöffneten Mundes. 



518 Dr. Gustav Hans Graber 



Es erhebt sich ein unwirsch Prusten und Spucken . . . und das Ende des 
Waldtraumes ist: Der .Herr der Welt' nimmt vor der kleinen Spinne die 
Flucht" (Lienhard: Wasgaufahrten. G). 

Eine eigene reizvolle Studie würde es sein, die Spinneneinstellung des 
Dichters, — auch eines „Herrn der Welt" — der ja im allgemeinen ein 
großer Frauenverehrer ist (und es auch dann bleibt, wenn er als Frauen- 
verächter seine Liebe in Haß gekehrt), zu untersuchen. Oft zeigt sich bei 
ihm eine besondere Sympathie für dieses geächtete Tier. So entrüstet sich 
Schopenhauer über die „Schandtat" eines „Mannes Gottes" (Parerga und 
Paralipomena: Über Religion, § 177): „. . . wirklich empörend ist es, wenn 
der so überaus christlich gesinnte und fromme Jung-Stilling in seinen 
„Szenen aus dem Geisterreich", Bd. 2, Sc. 1, S. 15, folgendes Gleichnis 
anbringt: „Plötzlich schrumpfte das Gerippe in eine unbeschreiblich scheuß- 
liche, kleine Zwerggestalt zusammen, so wie eine große Kreuzspinne, wenn 
man sie in den Brennpunkt eines Zündglases bringt und nun das eiter- 
ähnliche Blut in der Glut zischt und kocht." 

Demgegenüber scheint aber auch Schopenhauer nicht unberührt 
geblieben zu sein vom „grenzenlosen Abscheu, Entsetzen und Grausen , 
das einem beim Anblick der Spinnen befällt. Aber er erkennt ganz richtig, 
daß diese Abneigung in einer „tieferen, metaphysischen und geheimnis- 
vollen (sagen wir unbewußten) Beziehung seinen Grund" habe. Es ist so, 
als ob die verdrängte Liebe zum Weibe sich im Ersatz, gleichsam im Fetisch, 
im Symbol sich auszuwirken vermöchte — immerhin nur als Perversion. Deut- 
lich klingt dies durch in einer Stelle in P. Voivenels Buch: „Remy de 
Gourmont, vu par son medecin" (Paris 1924), wo mit Bezug auf die 
„sensuels cerebraiuc" gesagt wird: „Leurs dereglements ä eux se passent 
dans leurs reves et leur perversite apparente est fonction de leur ingenuite." 
Und als Fußnote dazu: „Je ne suis pas sür que le Divin Marquis n'ait 
pas ete un chaste. Diable! Ü a passe vingt-cinq annees de sa vie en prison . . . 
avec, comme compagne, une araignee u {Foir: Paul Voivenel: Les Allemands 
et le marquis de Sade. — Le Progres medical, 17-2-1917). 

Selbst nach dem Tode des Dichters bleibt die Spinne seine Gefährtin. 
Charles Baudelaire läßt den „poete maudit" durch einen guten Christen 
begraben (Fleurs du mal, N° LXXII: Sepulture d'un poete maudit): 



„A Vheure oü les chastes etoiles 
Ferment leurs ytux appesentis, 
L'araignee y fem ses toiles 
Et la vipäre ses petits." 



Die schwarze Spinne 319 



Und so wie die Spinne dort im Leben, hier im Sterben Gefährtin, 
bekundet ihr der Schweizer Dichter H. Federer 1 in der Identifikation mit 
dem heiligen Franz von Assisi seine Liebe zwischen Leben und Sterben, 
läßt den harrenden Papst seiner und des Todes warten, wird zu ihrem 
sorgenden Diener, zum Spinner „irdischer Lebensfäden , ehe er die „himm- 
lischen" zieht, ehe er den Erlösungsbedürftigen sterben läßt. 

Manchmal wird der Dichter oder Denker selbst mit der Spinne ver- 
glichen. So sagt Eugen Marsan in „Les cannes de M. Paul Bourget" 
(Paris 1924) von Baudelaires Gangart: „. . . um demarche saccadee qu'on 
Uli vit longtemps, qui le faisait comparer ä une araignee" (p. 216). 

Hamann sagte mit Bezug auf die Werke, daß den Spinnen und ihrem 
Bewunderer Spinoza die geometrische Bauart natürlich sei, und es ist ja 
wohl nicht Zufall, daß man gerade einem Menschen, der, wie Spinoza, 
im höchsten Grade einsam und verlassen ist, nachredete, er halte Umgang 
mit Spinnen. Dem Einsamen, dem das Weib, die natürlichste Gefährtin, 
fehlt, wird dessen bereits aus der Antike bekannter Ersatz, das Totemtier, 
die Spinne, beigegeben. 

Und so wie höchste Lebenslust und Tod sich eng berühren, treten im 
gesunden Weibe, dem Liebe und Leben spendenden und in der vergiftenden 
Spinne die krassesten Gegensätze uns verkörpert und gepaart entgegen. Weib 
und Spinne gehören zusammen wie Leben und Tod. 

In klassischer Weise hat H. v. Hofmannsthal 2 in dem Gedichte „Der 
Jüngling und die Spinne" diesen Zusammenhang zur Darstellung gebracht. 
Der Jüngling schwärmt: 

„Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze 
ist über alle Worte, alle Träume." 

Er schwebt im All, fühlt sich als Ganzes in wachsender Trunkenheit, — 
da aber tritt er ans offene Fenster, das mit hellem Mondlicht angefüllt und 
von den Schatten wilder Weinblätter eingerahmt ist. Währenddem krabbelt 
unter seinen Augen aus dem Dunkel eines Blattes eine große Spinne mit 
laufenden Schritten hervor und umklammert den Leib eines kleinen Tieres. 
Es gibt in der Stille der Nacht einen äußerst leisen, aber kläglichen Laut, 
und man meint die Bewegungen der heftig umklammernden Glieder zu 
hören. — Der Jüngling muß zurücktreten. Rausch und Traum klingen 

1) H. Federer: Das letzte Stündlein des Papstes. Heilbronn 1914. 

2) H. v. Hofmannnsthal: Die Gedichte und kleinen Dramen. Im Inselverlag ZU 
Leipzig 1912. S. 31 u. 52. 



Dr. Gustav Hans Graber 



ab. Sein Blut muß ebben vor häßlicher Gewalt und Tod. Auch er will 
sich der Gewalt überlassen, will Schmerzen leiden, Schmerzen zufügen — 
will leben. 

Der Jüngling erlebt in höchster Auswirkung des Lebenstriebes, in der 
Liebe zum Weibe, in der Vereinigung mit ihr, das Ganzwerden — aber 
zugleich den Tod, denn Lieben ist Sterben. Wenn auch Lebenstriebe und 
Todestriebe in ewigem Kampfe im Individuum wüten, so haben sie doch 
dasselbe Ziel: Die Wiederherstellung des wunschlosen paradiesischen Zu- 
standes, ähnlich dem im Mutterleib erlebten. Diese Vereinigung entspricht 
der höchsten Wunscherfüllung, bedeutet aber gleichzeitig durch die Wieder- 
holung des Geburtstraumas auch den Tod. Die Urform des Tabu, das Tabu 
des Weibes, findet so seine Erklärung. Es verleiht höchste Lust, das leid- 
lose Dasein, und verleiht höchsten Schmerz, den Tod. 

In der Spinne begegnet uns auch in Hofmannsthals Gedicht die Ver- 
körperung der schrecklichen, zerstörenden und todbringenden Macht im 
Weibe, als der Würgerin, als der Schuldbeladenen, die bei der Geburt das 
Kind „hervorwürgt". Die schrecklichste Plage, die der israelitische Gott 
über Ägypten ausgießen konnte, war die Aussendung des Würgengels. 
Würgengel und (schwarze) Spinne, beide die Pest bedeutend, werden somit 
als die schrecklichsten Dienerinnen des Todes mit dem Geburtstrauma, 1 
von dem sich der Mensch eben nie restlos zu befreien vermag, verbunden. 

Auch im Koitus, im unbewußten Versuch der Wiedervereinigung mit 
der Mutter, erlebt der Mann einen Akt extremer Ambivalenz, erlebt 
höchste Spannung der Lebenstriebe und erlebt in der folgenden todähnlichen 
Ermattung den kurzen Sieg der Todestriebe. So wie das Weib den Mann 
im Liebesakt mit seinen Gliedern umschlingt, um ihn in sich aufzu- 
nehmen, so umschlingt die Spinne ihr Opfer, das sie sich einverleibt. 2 

In dem Buche „L'oeuvre du Divin Arötin" (deuxieme partie, Paris 1925, 
p. 237 et 238) ist in derselben Erkenntnis dieser Zusammengehörigkeit, die 
Spinne mit der Kupplerin verglichen worden: 

„Je veux te raconter les moindres vetilles, parce qu'il riy a pas de doute 
que la maquerelle doive parfois ressembler ä l'araignee; s'il arrive que ses 
proJets soient renverses, eile les reprend comme l'araignee refait sa toile a 

1) O. Rank: Das Trauma der Geburt. 1924. 

2) Marcel Seh wob erzählt in seinem Buche „Coeur Double" (Paris 1891) eine 
ausgezeichnete Phantasie, betitelt „Arachne", in der er mit verblüffender Geschicklichkeit 
Spinne und Weib identifiziert und sie zu Spinnerinnen und Verderberinnen seines 
Lebensfadens macht. 



Die schwarze Spinne 321 



Vendroit rompu. De mime que Varaignee reste tout un jour pour attraper 
une manche, ainsi la maquerelle doit guetter immobile, pour attraper n'importe 
qui, et, Voccasion se presentant, eile en tire aussitöt profit, comme Varaignee 
se jette sur le moucheron tombe dans ses fils; le gibier a beau n'etre pas 
bien gros, qu'importe! suffit qu'on puisse becqueter une bouchee. Qiiand la 
maquerelle parvient ä se faire heberger ä credit, grdce ä la betise de quelqu'un, 
eile suce le sang de la bourse, comme Varaignee suce le sang des mouches 
qu'elle attrape. Varaignee est toujours eveillee: la maquerelle de mime; 
Varaignee court au moindre fetu qui vole sur la toile: la maquerelle court 
immediatement ouvrir ä qui frappe ä sa porte, et toujours guette, comme 

guette Varaignee." 

"Vielleicht beruht auch der Aberglaube, daß die Spinnen sich auf das 
Haupt der Schlangen herablassen, um diese durch einen Biß zu töten, auf 
der unbewußten Analogie mit dem Weibe. So wie das männliche Glied 
beim Liebesakt im Weibe „stirbt", so tötet die Spinne das uralte Penis- 
symbol, die Schlange. Wir erinnern uns, daß Theodor, der Knabe, den 
Schlangengott durch die Spinne töten ließ. Ferner finden wir bei Megen- 
berg (G) die Stelle: „. . . diu spinn hat die art, dass sie sich an ainem 
vadem wigt auf der slangen haupt, wo sie dass under ainem paum auf- 
recket an den schaten, und peisst die slangen so krefticleich, dass sie ir 
dass Hirn begreift uuz in den tot ..." Und ähnlich: „. . . über dieser 
betrachtung leesz sich eine spinne aus der decke des zimmers etliche mal 
an einem fedeme auf Sentiens brief herunter, und stach in selbten, wie 
sie auf die schlangen zu thun und sie zu töten pflegen" (Lohenstein, G). 

Was schon der mittelalterliche Philosoph und Okkultist Agrippa von 
Nettesheim aussagte: 1 „Jedes Ding hat etwas Furchtbares, Schreckliches, 
Feindliches und Zerstörendes, und dagegen etwas Freundliches, Freudiges, 
Stärkendes und Erhaltendes", das gilt vor allem auch in bezug auf die 
Spinne. Sie ist in außerordentlichem Maße Tabu, ist einerseits heil- und 
anderseits todbringend. Sie tötet nicht nur durch ihr Gift, das sie angeblich 
aus den Blumen gewinnen soll (Fastnachtspiele, G), sondern sie macht 
unter gewissen Umständen den Menschen gegen jedes Gift immun. .,. . . wie 
wol die Spinnen auch so gar ein böses Ding an ihm selber nicht seyn . . ., 
sintemal der gemeine Mann hält dafür, dasz sie alles Gifft des Hauses auff- 
lesen, und das bey sich behalten" (Coler, G). Ferner: „. . . nicht weniger 
soll von diesen großen Spinnen (Kreuzspinnen), wenn sie recht vollkommen 



1) Zitiert bei A. Arndt: Über Tabu und Mystik. Imago X, 2/3. 



3 22 Dr. Gustav Hans Graber 



und zu rechter Zeit aufgefangen, in ein Büchslein getan und darin Jahr 
und Tag verschlossen gehalten werden, bis sie sich in sich selbst verzehrt, 
ein gesprengkelt Stein erwachsen, der dem Gift widersteht" (Oecon. Lex., G). 
Und Hans Sachs sagt in einer Fabel (G): 

„die weil die pawren mich auch lieben, 

weil die alten zeitten jähen, 

ich thu die pösen dempf aufahen." 

Selbst vor der Pest, welche durch die Spinne (wenigstens bei Gotthelf) 
verkörpert wird, bewahrt sie: „. . . eine dergleichen Spinne in einer Hasel- 
nußschale am Halse getragen, soll für die Pest bewahren" (Oecon. Lex., G). 

Sogar das Netz, das das Opfer einfängt und doch anscheinend nur Ver- 
derben bringt, kann als Heilmittel dienen: „. . . wer der spinnen netzel 
über ein frisch wunden legt, dem geswilt diu wund niht und faulet auch 
niht" (Megenberg, G). 

Auch als Wetterprophet tritt die Spinne auf: „. . . wenn die spinnen 
iren netzel höher ziehent, daz ist ain zaichen, daz ez regenen wil" (Megen- 
berg, G) „. . . diu spinn webt so daz weter lauter ist, niht wenn ez trüeb ist" 
(Megenberg, 6?) „. . . nimmt an s. Michelstag der eychopffel war, haben sie 
spinnen, so kommet ein bosz jähr, haben sie fliegen, ein milds" (Fischart, G). 

Das ambivalente Verhalten zur Spinne äußert sich auch darin, daß sie 
bald als Glücks-, bald als Unglückstier auftritt: 

„Spinne am Morgen, 
viel Müh und Sorgen; 
Spinne am Abend, 
erquickend und labend." 

Im allgemeinen aber wird doch die Spinne gehaßt und gefürchtet, und 
zwar ohne Rücksicht auf bestimmte Arten. Berührung, Stich oder Biß 
vergiften. Man ist ihr feind (spinnefeind sein): „. . . das wissen die frawen 
und junckfrawen zu dem aller basten, was glatter wort man inen gibt, 
und wan sie dan betrogen werden, so werden sie dan als feint als einer 
spinen, wan sie zu schänden kumen" (Pauli: Schimpf und ernst, Oesterley, G). 
Die Spinne ist ein Ausdruck des Ekels und des Widerwillens: „daß auf 
diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne 
und ein altes Weib" (Schiller, Räuber, G) „. . . Vor einer Spinne schütteln 
wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drücken wir im Spaß 
in die Arme" (Schiller, Kabale und Liebe, G). Oft wird die Spinne auch 
als beliebtes Schreckmittel verwendet: „. . . ein paar Tage darauf reitet die 



Die schwarze Spinne 525 



östreichische Patrouille gegen das Städtlein am Galgen vorbei, da sagt 
einer zu dem andern: ,Es lauft dir eine Spinne am Hut, so groß wie ein 
Taubenei', so zieht der andere vor den Gehenkten den Hut ab" (Hebel, G). 

Die Spinne ist wie kaum ein anderes Tier dem Menschen in äußerst 
starkem Ausmaße Tabu. Es kann wohl nicht dem Zufall allein zugeschrieben 
werden, wenn in einem Bildwerk: W. Michel: „Das Teuflische und Gro- 
teske in der Kunst" (Piper & Co. 1919) keine einzige Spinnendarstellung 
sich findet. 

Unsere Proben aus Mythus, Volksglauben, Kunst u. s. f., trotzdem wir 
nur eine sehr beschränkte Auswahl bringen konnten, trugen doch dazu bei, 
uns noch mehr von der engen Zusammengehörigkeit der Spinne und des 
Weibes zu überzeugen und uns näher über das Tabu des gefürchteten In- 
sektes zu orientieren. 

Versuchen wir, als Abschluß dieses Kapitels über „die Entwicklung der 
Herrschaft des Mannweibes" nach dem biogenetischen Grundgesetz, noch 
einen kurzen Vergleich der ontogenetischen Entwicklung des Mädchens zum 
Weibe mit der Phylogenese: 

Der reinen autoerotischen und narzißtischen Phase des Mädchens, während 
welcher auch das Objekt ins Ich einbezogen wird, entspräche die Periode 
des Matriarchats, in der die Einheit der menschlichen Psyche noch nicht 
gesprengt, der Subjekt-Objektgegensatz sich noch nicht gebildet hat. Für 
die von Freud 1 angenommene Latenzperiode des Kindes eine nachweis- 
bare Parallele in der Menschheitsentwicklung zu finden, dürfte schwer 
fallen. Für das Weib ließe sich vielleicht dafür die Urvaterherrschaft, 
welcher es sich mit Einschränkung seiner eigenen Natur beugen muß, 
einsetzen. Auf sichererem Boden bewegen wir uns, wenn wir für die 
Phase des Mädchenalters, während welcher das Mädchen einer ausgesprochenen 
Klitorissexualität frönt, sowie für die Phase in der sie durch die eigent- 
liche Vaginasexualität ersetzt wird, Parallelen der Phylogenese suchen. 
Der Periode der Klitorissexualität, jener nachweisbar typisch männlichen 
Auswirkung, entspräche die aus der Identifikation mit dem Urvater ent- 
wachsene Periode der Weiberherrschaft. Klitoris und der dem Urvater ge- 
raubte Phallus spielen dieselbe mächtige Bolle. Mit der Pubertät beginnt 
bei normalem Verlauf die Ersetzung der Klitorissexualität durch die Vagina- 
sexualität. Das Mädchen wird zum Weib und zur Mutter. Der Prozeß 



1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Ges. Schriften, Bd. V). 



5 2 4 Dr. Gustav Hans Graber 



entspricht der in der Geschichte immer wiederkehrenden Entmannung der 
amazonenhaften Jungfrau, die jede Verleugnung ihrer weiblichen Wesen- 
heit, jede Vermännlichung, mit einem Verlust ihrer Vitalität, mit der 
Kapitulation und der Hingabe an den Mann bezahlen muß. 

Wir haben mit diesem Kapitel einige Einsichten in die erschütternde 
Tragik der Empörung des Weibes gegen den Mann gewonnen. Die Wucht 
dieser Tragik erscheint uns um so größer, als die Empörung des Weibes, 
begleitet von der Entfremdung der eigenen Natur, der Illusion folgt, dem 
Manne gerade jenes Streben, das auf Erschaffung, Schöpfung — also auf 
Identifikation mit echt weiblichen Funktionen — hinzielt, nachzuahmen. 



D 

Verdrängung und Periode der Vaterreligion 



Mit dem Opfer des eigenen Lebens hat das mütterlich ergebene Weib zur 
Rettung ihrer Kinder die schwarze Spinne im Fensterpfosten eingesperrt. 
Es hat die Männer der Talschaft vom Fluche der Weiberherrschaft befreit, 
indem es selbstlos alle Macht preisgibt und entsprechend der Ureinstellung 
des Weibes wieder die dienende Rolle der Helferin und Beschützerin ein- 
nimmt. Es entspricht der naturnotwendigen inneren Wandlung des Weibes, 
wenn Gotthelf die Rettung erstmals vom Weibe selbst ausgehen läßt. Was 
für Folgen diese Wandlung und Rettung nach sich zieht, werden wir aus 
der weiteren Wiedergabe der schwarzen Spinne ersehen. 

Bevor der Großvater seine Sage weitererzählt, erhebt sich ein allgemeines 
Gespräch über die Spinne, dessen Stoff die Furcht vor ihr ist. Die Gesell- 
schaft beginnt von neuem zu essen: . . . „zwei glänzende Schinken prangten, 
gewaltige Kalbs- und Schaf braten dampften, frische Zupfen lagen dazwischen, 
Teller mit Tateren (Torten), Teller mit dreierlei Küchlene waren dazwischen 
gezwängt, und auch die Kännchen mit dem süßen Tee fehlten nicht." Schließ- 
lich wird der Großvater aufgefordert, seine Sage fertig zu erzählen. Er be- 
richtet : 

„Als die Leute die Spinne eingesperrt wußten ... da soll es ihnen geiuesen 
sein, als seien sie im Himmel und der liebe Gott mit seiner Seligkeit mitten 
unter ihnen, und lange ging es gut. Sie hielten sich zu Gott und flohen den 



Die schwarze Spinne 225 



Teufel, und auch die Ritter, die frisch eingezogen waren itis Schloß, hatten 
Respekt vor Gottes Hand... Sie (die Großmutter) lehrte ihre Enkel: hier sei 
die Spinne gebannt durch Gott Vater, Sohn und heiligen Geist, solange diese 
drei heiligen Namen gelten in diesem Hause, solange in diesen drei heiligen 
Namen an diesem Tische gegessen und getrunken werde, so lange seien sie vor 
der Spinne sicher und diese fest im Loche . . . Hier an diesem Tische, hinter 
ihnen die Spinne, werden sie nie vergessen, wie nötig ihnen Gott und wie 
mächtig er sei; so mahne sie die Spinne an Gott und müsse, dem Teufel zum 
Trotz, ihnen zum Heil werden. Ließen sie aber von Gott, und wäre es hundert 
Stunden von da, so könnte die Spinne sie finden oder der Teufel selbst . . . 
Die schreckliche Lehre war den Menschen zu Herzen gegangen, sie hielten fest 
an Gott; was sie taten, taten sie in seinem Namen . . . So schwanden viele 
Jahre in Glück und Segen." Darob vergaßen die Leute aber Gott. „So wurden 
. . . Hochmut und Hoffart heimisch im Tale, frerruie Weiber brachten und 
mehrten beides . . ., ja selbst an die heiligen Zeichen wagte die Hoffart sich . . . 
Um Gottes Gebote bekümmerte man sich nicht, seines Dienstes, seiner Diener 
spottete man; denn wo viel Hoffart ist oder viel Geld, da kömmt gerne der 
Wahn, daß man seine Gelüsten für Weisheit hält, und diese Weisheil höher 
als Gottes Weisheit. Wie sie früher von den Rittern geplagt worden, waren, 
so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde und plagten dieses . . . Fast zwei- 
hundert Jahre waren verflossen, seit die Spinne im Loche gefangen saß, da 
war ein schlau und kräftig Weib hier Meister, sie war keine Litidauerin, aber 
doch glich sie Christine in vielen Stücken . . ., der Hoffart, dem Hochmute er- 
geben und hatte einen einzigen Sohn; der Mann war unter ihrer Meisterschaft 
gestorben. Dieser Sohn war ein schöner Bube, . . . sie hatte ihn auch gar lieb, 
aber sie ließ es ihn nicht merken. Sie ineisterte ihn jeden Schritt und Tritt, 
und keiner war ihr recht, den sie ihm nicht erlaubt, und längst war er er- 
wachsen und durfte nicht zur Kameradschaft und an keine Kilbi ohne der 
Mutter Begleit. Als sie ihn endlich alt genug glaubte, gab sie ihm ein Weib 
aus ihrer Verwaiuitschaft . . . Jetzt hatte er zwei Meister statt nur einen, und 
beide waren gleich hoffartig und hochmütig . . . und wenn er freundlich war 
und demütig, wie es ihm wohl anstund, so erfuhr er, wer Meister war . . . 
Er sagte, wie er es meinte, aber seine Weiber hießen ihn schweigen, und weil 
er ihr Knecht war, so schwieg er auch, weinte aber oft bitterlich, wenn sie 
es nicht sahen." Die Weiber erzwingen es, daß ein neues Haus gebaut wird. 
Sie freuten „des neuen Hauses sich, wurden alle Tage hoffartiger, dachten an 
die Spinne nicht, sondern führten im neuen Hause ein üppiges, arbeitsloses 
Leben mit Putzen und Essen, kein Mensch konnte es ihnen treffen, und an 



Dr. Gustav Hans Graber 



Gott dachten sie nicht . . . wenn Christen dasselbe (das Gesinde) auch unter 
seiner Aufsicht haben wollte, so duldeten die Weiber es nicht und schalten ihn, 
die Mutter aus Hochmut hauptsächlich, das Weib aus Eifersucht zumeist . . . 
Wie die Hoffart der Meisterweiber keine Grenzen mehr kannte, so hatte der 
tierische Übermut des Gesindes keine Schranken mehr ... Sie . . . höhnten jeden 
Gottesdienst, leugneten alle höhere Gewalt und plagten auf alle Weise den 
Priester, der strafend zu ihnen geredet hatte; kurz, sie hatten keine Furcht 
mehr vor Gott und Menschen und taten alle Tage wüster . . . da fiel es einem 
(Knecht) ein, mit der Spinne im Loche die Mägde zu schrecken oder zahm 
zu machen. Er schmiß Löffel voll Habermus oder Milch an den Zapfen und 
schrie, die drinnen werde wohl hungrig sein, weil sie so viel hundert Jahre 
nichts gehabt." Später fing er an „mit dem Messer gegen das Loch zufahren, 
mit den gräßlichsten Flüchen sich zu vermessen, er mache den Zapfen los . . r 
Er konnte sanft tun wie ein Lamm und reißend wie ein Wolf . . . solche 
sollen den Weibsbildern aber gerade die liebsten sein . . . Den Meisterweibern 
war er unter allen alleine recht, er alleine war oft im obern (neuen) Hause, 
dann taten unten die Mägde wüst; sobald er es merkte, steckte er sein Messer 
an den Zapfen und begann sein Drohen, bis die Mägde zum Kreuze krochen . . . 
Es nahte Weihnacht . . . Sie begannen den heiligen Abend mit Fluchen und 
Tanzen, mit wüstern und ärgern Dingen . . . sie schändeten alle Speisen, lästerten 
alles Heilige; der genannte Knecht spottete des Priesters, teilte Brot aus und 
trank seinen Wein . . . Da stach er mit dem Messer ins Loch . . . weil er das 
Gleiche schon manchmal getrieben . . . so griff er in halber Raserei nach einem 
Bohrer . . . drehte mit wildem Stoße den Bohrer in den Zapfen hinein . . . 
ein roter Glutstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin saß groß 
und schwarz, aufgeschwollen im Gifte von Jahrhunderten, die Spinne und 
glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödlicher Angst 
kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Untiere zu entrinnen, das lang- 
sam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den 

feurigen Tod. 

2 

Damit, daß die Mutter den Sieg über das Mannweib (Spinne) erlangt, 
werden die Männer dem Weibe gegenüber aus ihrer kämpfenden Situation 
befreit und finden wieder ihre frühere Sohneseinstellung, mit dem Unter- 
schiede zwar, daß sie nun das Ideal des Urvaters, von dem sie sich nicht 
mehr zu lösen vermögen, in ihrer Brust tragen. Die "Verwirklichung des 
Ideals ist ihnen aber versagt, sie verzichten auf Besitz und Allmacht, proji- 
zieren diese begehrten Eigenschaften des Urvaters in den nach seinem Bilde 



Die schwarze Spinne 527 



idealisierten Gottvater und stehen nun auch ihm gegenüber im Sohnes- 
verhältnis. Der Urvater waltet in der Vergottung weiter über ihnen als ihr 
selbsterrichteter Schutz, geschaffen gegen eine neue Entfesselung des Be- 
gehrens und Ringens um den Besitz des Weibes und damit gegen eine 
neue Knechtung durch das Weib. Gotthelf preist in allen Tönen die Wohl- 
tat der Gottesfurcht, die die Spinne in ihrem Loche in Schach halte. Die 
Einhaltung der Tabuschranke verhütet die Entfesselung der Begierden und 
den damit verbundenen Hader und Streit. Die Verdrängung der Begierden 
wird aber mit der Einkehr von Wohlstand ins Volk wieder gehoben. Man 
hält „seine Gelüste fiir Weisheit, und diese Weisheit höher als Gottes Weisheit". 
Man lebt sich nach dem Vorbild des Urvaters — der „blonden Bestie", 
wie wir nach Nietzsche ihn nennen könnten — aus, . . . „wie sie früher 
von den Rittern geplagt worden, so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde 
und plagten dieses" (S. 51). 

Die Periode der Vaterreligion hat ihr Ende gefunden, die Identifizierung 
mit dem Urvater wird verwirklicht. In der Person des teuflischen Knechtes, 
der alle Mägde, ja selbst die Bauern weiber in seinen Bann zwingt, tritt 
der neue Übermensch auf, der die Rolle des Urvaters mit gutem Erfolge 
wieder spielt. Aber gerade er kommt am ersten durch die Spinne zu Fall, 
während sie den Meister, der in der dienenden Sohnesstellung geblieben, 
verschont. Gegenüber der mit wachsender Ausschweifung, wilder Hingabe 
an das ungehemmte Triebleben und mit vermehrten Machtansprüchen sich 
auslebenden Welt mußte der gottesfürchtig und dienstfertig gebliebene 
Meister in untergeordnete Stellung kommen. Er bleibt der abhängige Sohn 
seiner Mutter und seiner Frau. Das Weiberregiment tritt wieder auf den 
Plan. Die Befreiung der Spinne ist nur die symbolische Darstellung der 
gesteigerten Machtausübung des Weibes, stellt seine Befreiung aus der Ver- 
drängung dar. Die Periode der Vaterreligion wird wieder durch eine Weiber- 
herrschaft (die Wiederkehr des verdrängten Triebhaften, des Es), die, wie 
wir sehen werden, sich zwischen Vaterreligion und Sohnesreligion ein- 
schiebt, abgelöst. So wie im einzelnen Familienleben da, wo der Vater 
stirbt, der Sohn ihn aber noch nicht zu ersetzen vermag, die Mutter die 
führende Stellung übernimmt, so sehen wir in der Geschichte immer 
während des Überganges von einer Vater- zur Sohnesherrschaft das Weib 
bestrebt, sich eine Vorzugsstellung zu erobern. Immer aber scheitern diese 
Versuche in dem Augenblick, da der Sohn in der Identifizierung mit dem 
(Ur-) Vater sich das Weib unterwirft. Christine hatte sich mit dem Sohne 
(Teufel) verbunden, um den Vater (Ritter) seiner Macht zu berauben. Das 



3 28 Dr. Gustav Hans Graber 



Nichtanerkennen dieses Sohnes als Vater, d. h. Christines eigenes Verharren 
in der Vateridentifikation, hat die Wandlung zur schwarzen Spinne zur 
Folge. Ihre Herrschaft aber wird gestürzt durch den Sieg des mütterlichen 
und opferfreudigen Weibes, gelangt aber wieder zur Entfaltung mit der 
Befreiung durch den Knecht, „der lachte wie der Teufel selbst", der, wie 
zuvor der Teufel, (Ur-) Vaterrechte sich aneignen will und darum das Weib 
(Spinne) aus seiner Zwangslage befreit, in ihm alle verdrängten Triebe 
wieder weckt, um selbst zu genießen, zu besitzen, ja, mit der restlosen 
Entladung der Potentiale, im „roten Glutstrom" , der aus dem Loche hervor- 
bricht, in der feurigen Umarmung, die höchste Lust, den Tod zu erleben. 
Wie früher der Teufel mit dem flammenden und zwitzernden roten 
Bärtchen (Penissymbol) im Kuß (Koitus) das Weib gewann, so auch der 
Knecht, indem er den Bohrer (Penis) ins Loch stößt, aber die Eroberung 
bedeutet für beide Entäußerung und Hingabe im Liebesakt, bedeutet Tod. 
Auch der Teufel ist ja mit dem Siege der Vaterreligion „tot". Er erlebt 
erst in der Person des Knechtes wieder seine Auferstehung. 



E 
Wiederkehr' des Verdrängten. Neue Weiberherrschaft 

i 

Eigentlich setzt die neue Herrschaft des Weibes nicht erst mit der 
Befreiung des Dämonischen, der Spinne, ein, sondern wie wir im letzten 
Kapitel darstellten, bereits mit der Einkehr des Wohlstandes im Tal. Besitz 
ist Macht und entbindet von aller Abhängigkeit. Die Urvatergelüste können 
wieder realisiert werden. Das Weib mit seiner entfesselten Erotik erhält als 
Brennpunkt, auf den sich alle Strahlen heißen Begehrens sammeln, Vorzugs- 
stellung, Macht und Übermacht. Der Mann gerät in Abhängigkeit und muß 
schließlich, wie Gotthelf dies in dem Einzelschicksal des teuflischen Knechtes 
darstellt, dem von ihm selber entfesselten Dämon im Weibe erliegen. Das 
Verdrängte ist nicht, wie dies in der psychoanalytischen Behandlung ge- 
schieht, durch Abreaktion, durch affektive Neutralisierung befreit, aufgelöst, 
bewußt gemacht worden, sondern hat seinen Rückweg über das Krankheits- 
symptom — in Gotthelfs Novelle als „schwarze Spinne" symbolisiert — 
gefunden. Die schwarze Spinne ist das durch das Trauma (Teufelsempfäng- 



Die schwarze Spinne 529 



nis) erkrankte, das verdrängende und verdrängte, nicht das geheilte, das 
gesunde Weib. Wir werden vernehmen, daß es dem frommen Prediger 
Gotthelf letztlich nicht an der Heilung des Trieblebens und nicht an der 
Erlösung des Weibes, sondern an der endgültigen Verdrängung beider — 
nach dem Vorbilde seines Meisters, Jesus von Nazareth — gelegen ist. 
In der Person Christens (des Christen, eigentlich Christian), des Meisters, 
schuf der gottesfürchtige Lützelflüher Pfarrer ein getreues Abbild Christi, 
des Begründers der ausgesprochensten Sohnesreligion. Wie Christus, so 
nimmt auch Christen die Schuld zur Sühne der Erbsünde auf sich und 
gibt sich selbst zum Opfer dar, um die Talschaft zu retten. 
Hören wir Gotthelfs eigene Schilderung: 

Der schwarze Tod war befreit. „Wie in hundertjähriger, auf geschwellter 
Lust flog die Spinne durch die Talschaft, las zuerst die üppigsten Häuser sich 
aus, vjo man am wenigsten an Gott dachte. . . . schneller, giftiger als das 
frühere Mal war die Spinne jetzt . . . sie tat, wo sie konnte, viele auf einmal 
ab. Darum lauerte sie am liebsten auf die Züge, welche die Toten zur Kirche 
geleiten wollten . . . Mann um Mann fiel nieder, bis der ganze Zug der Be- 
gleitenden am Wege lag und rang mit dem Tode . . - Da wurden keine Toten 
mehr zur Kirche gebracht, niemand wollte sie tragen, niemand geleiten; wo 
der Tod sie streckte, da ließ man sie liegen. 

Verzweiflung lag überm ganzen Tale. Wut kochte in allen Herzen, strömte 
in schrecklichen Verwünschungen gegen den armen Christen aus; an allem sollte 
jetzt er schuld sein . . . Auf einmal wußten alle, daß der Meister für sein 
Gesinde mehr oder minder verantwortlich sei, daß er wachen solle über Beten 
und Essen, wehren solle gottlosem Leben, gottlosen Reden und gottlosem 
Schänden der Gaben Gottes. Jetzt war allen auf einmal Hoffart und Hochmut 
vergangen, sie taten diese Laster in die unterste Hölle hinunter . . . und über- 
redeten sich selbst, sie seien immer gleich fromm gewesen, und an ihnen fehlte 
es nicht . . . Christen allein unter ihnen allen sollte gottlos sein, und Flüche wie 
Berge kamen von allen Seiten auf ihn her. Und war er doch vielleicht unter 
allen der Beste, aber sein Wille lag gebunden in seiner Weiber Willen, und 
dieses Gebundensein ist allerdings eine schwere Schuld für jeden Mann, und 
schwerer Verantwortung entrinnt er nicht, weil er anders ist, als Gott ihn 
will. Das sah Christen auch ein, darum war er nicht trotzig, pochte nicht, 
gab sich schuldiger dar, als er war; aber damit versöhnte er die Leute nicht, 
erst jetzt schrien sie einander zu, wie groß seine Schuld sein müsse, da er so 
viel auf sich nehme, so weit sich unterziehe, es ja selbst bekenne, er sei nichts 
wert. 

Imago XI. 22 



330 Dr. Gustav Hans Graber 



Er aber betete Tag und Nacht zu Gott, daß er das Übel wende, aber es 
ward schreckliche}- von Tag zu Tag. Er ward es inne, daß er gut machen 
müsse, was er gefehlt, daß er sich selbst zum Opfer geben müsse, daß an ihm 
liege die Tat, die seine Ahnfrau getan. Er betete zu Gott, bis ihm so recht feurig 
im Herzen der Entschluß emporwuchs, die Talschaft zu retten, das Übel zu sühnen. 
. . . immer größer war der Sterbet, immer wilder die Wut der Überlebenden. 

Mitten in diesen Schrecken sollte ein wildes Weib ein Kind gebären. Da kam 
den Leuten die alte Angst, ungetauft möchte die Spinne das Kindlein holen, 
als Pfand ihrer alten Pacht." Der Mann des Weibes machte sich auf den 
Weg zum Priester, kam aber nicht zurück. »Da riß das Weib in der Wut 
der Verzweiflung vom Lager sich auf, stürzte hin nach Christes Haus, dem 
tausendfach Verwünschten, der betend bei seinen Kindern saß, des Kampfes 
mit der Spinne gewärtig . . . da fuhr er auf, er wußte erst nicht, war es 
Christine in ihrer ursprünglichen Gestalt . . . die Flut ihrer Verwünschungen 
ausgießend . . . Da überwallete der Schmerz ihr Fluchen, und ein Söhnlein ivar 
geboren vom wilden Weibe auf Christes Schwelle . . . Das unschuldige Kindlein 
hielt Christen in den Armen; stechend und wild, giftig starrten aus des Weibes 
verzerrten Zügen dessen Augen ihn an, und es ward ihm immer mehr, als 
trete die Spinne aus ihnen heraus, als sei sie es selbst. Da kam eine Kraft 
Gottes in ihn, und ein übermenschlicher Wille ward in ihm mächtig . . . Zur 
heiligen Weihe wollte er das Kindlein selbsten tragen, zur Sühne der Schuld, 
die auf ihm lag." Ein armes Bübchen folgte ihm . . . „am Kilchstalden . . . 
im Wege saß die Spinne, im Busche wankte rot ein Federbusch . . . Da rief 
Christen mit lauter Stimme zum dreieinigen Gott . . . es schivand die rote Feder, 
in Bübchens Arme legte er das Kind und griff, dem Herren seinen Geist 
empfehlend, mit starker Hand die Spinne . . . Glut strömte durch sein Gebein . . . 
Schrecklich war der Brand in seiner Hand, der Spinne Gift drang durch alle 
Glieder. Zu Glut ward sein Blut ... er . . . hielt Gott fest vor Augen, hielt 
aus in der Hölle Glut . . . unter der Türe war das Weib. Als dasselbe ihn 
kommen sah ohne Kind, stürzte es sich ihm entgegen, einer Tigerin gleich, der 
man die Jungen geraubt ... er . . . muß frei die Arme kämpfen, ehe es ihm 
gelingt, ins alte Loch die Spinne zu drängen, mit sterbenden Händen den 
Zapfen vorzuschlagen. Er vermags mit Gottes Hülfe." 

2 

Die schwarze Spinne, an Weihnachten wiedergeboren, am Tage, der damit 
auch zum eigentlichen Geburtstage des sich opfernden Heilandes, Christen, 
wird, hält reichere Ernte als zuvor. Christen wird der unschuldig beschul- 



Die schwarze Spinne 55] 



digte Märtyrer. Wie in der Ödipus -Tragödie die Chorgenossen die Schuld 
des Verbrechens auf den Helden abwälzen, so wälzt auch hier die Masse 
des Volkes die Sünde der Überhebung gegen Gott, welche tiefster Grund 
zum Durchbrechen aller Dämme der Moral, zur Entfesselung des lüsternsten 
Auslebens und damit wieder zum Verbrechen am Urvater wird, auf Christen, 
den Gottergebenen ab. Wir begegnen hier denselben Situationen, die sich 
auch in der Passionsgeschichte Jesu mehrmals vorfinden. Christen, der 
tragische Held, wird wie ödipus und wie Christus zur Übernahme der 
Schuld und der Erlöserrolle gedrängt. Im Opfertod wird das Verbrechen an 
Q tt (= Urvater) gesühnt, indem die Masse den Sühnenden zum Heiligen, 
zum Gott erhebt und sich mit ihm identifiziert. Freud sagt vom Opfertod 
Christi: 1 „Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil 
gleichzeitig mit dem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um 
dessen willen man sich gegen den Vater empört hatte. Bei Gotthelf wird 
uns diese Gleichzeitigkeit und Identität von Sühne, Opfertod, Triebverdrän- 
gung und Verzicht auf das Weib plastisch vor Augen geführt. 

Wenn wir nun aber den Tod Christens, der in der Berührung mit der 
Spinne auch hier wieder, wie die Schilderung Gotthelfs uns ahnen läßt, 
als die Glut der Umarmung mit dem Weibe zu deuten ist [(die „Glut der 
Hölle 11 ): Über das Hinabsteigen in die Hölle (Hei) als inzestuöse Vereinigung 
mit der Mutter, siehe Freud: Das Unheimliche. Imago, V. Jahrg. 1920 
(Ges. Schriften, Bd. X) und Reik: Der eigene und der fremde Gott, S. 152)], 
so liegt auch in der Sühnetat, im Opfertod, eine verkappte Verwirklichung 
des tiefsten menschlichen Begehrens, der Wiedervereinigung mit der Mutter 
und damit verbunden, der Absetzung des Vaters. 

Während die erste Besiegung des Mannweibes, der Spinne, durch das 
eigentliche Mutterweib erfolgte, geschieht sie nun durch den Mann, der 
auf seine Vateransprüche verzichtet, der sich wieder als Sohn — durch 
ein Mannweib, einer zweiten Christine, gehemmt — mit seiner Mutter 
vereinigt. Mit diesem „Tod" in der Mutter verzichtet der Sohn freilich 
auf seine Gleichsetzung mit dem Vater und auf die Überhebung über ihn 
und verzichtet auf den Besitz des Weibes, aber — und darin liegt das 
Paradoxon und zugleich seine Auflösung — er „tötet" doch damit den 
Vater, indem er ihn seines Kindes und so auch der Vaterschaft beraubt, 
und er besitzt doch das Weib, die Mutter, indem er sich restlos und für 
immer mit ihr vereinigt. „, + 



1) Freud: Totem und Tabu. 

22* 



-~ 2 Dr. Gustav Hans Grab er 



F 
Neue Verdrängung und Periode der Sohnesreligion 

i 

Über den Akt der neuen Einkerkerung der schwarzen Spinne haben wir 
uns geäußert. Es bleibt uns zum Schlüsse noch die Aufgabe, seine Folgen 
für das weitere Zusammenleben der befreiten Bevölkerung zu betrachten: 
„Eine höhere Hand schien seine (Christens) Glut zu laschen, und laut betend 
schließt er zum Tode seine Augen." Das Bübchen kehrte mit dem Kinde 
zurück, „vom Priester begleitet, der das Kind schnell getauft . . . und mutvoll 
dem gleichen Kampf entgegengehen wollte, in dem sein Vorgänger siegreich das 
Leben gelassen. Aber ein solch Opfer forderte Gott nicht von ihm, den Kampf 
hatte schon ein anderer bestanden . . . da beteten sie freudig mit dem Priester, 
dankten Gott für das neu geschenkte Leben und für die Kraft, die er Christen 
gegeben. Diesem aber baten sie im Tode noch ihr Unrecht ab und beschlossen, 
mit hohen Ehren ihn zu begraben, und sein Andenken stellte sich glorreich 
wie das eines Heiligen in aller Seelen ... Sie beschlossen viele Messen und einen 
allgemeinen Kirchgang; vor allem wollten sie die beiden Leichen bestatten, 
Christen und seine Drängerin . . . Es war ein feierlicher Tag, als das ganze 
Tal zur Kirche wanderte. . ■ • Als in der Kirche und auf dem Kirchhofe viele 
Tränen geflossen, viele Gebete geschehen waren, gingen alle aus der ganzen Tal- 
schaft, welche zum Begräbnis gekommen waren — und gekommen waren alle, die 
ihrer Glieder mächtig waren — zum üblichen Imbiß ins Wirtshaus. . . . was 
Christen an ihnen getan, vergaßen die Leute nicht, an seinen Kindern vergalten 
sie es . . . und man fürchtete die Spinne nicht, denn man fürchtete Gott. 

Zum Schluß erzählt der Großvater, wie er den alten Pfosten dem neuen 
Hause eingefügt. „Da ward meine Überzeugung noch fester, daß weder ich 
noch meine Kinder und Kindeskinder etwas von der Spinne zu fürchten hätten, 
solange wir uns fürchten vor Gott." Die Taufgesellschaft geht nach Hause. 
„Bald war es still ums Haus . . . sorglich und freundlich barg es brave Leute 
in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurcht und gute Ge- 
wissen im Busen tragen, -welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die 
freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn 
wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tag noch bei Nacht. 



" 1 



\) Das Haus mit dem sagenumwobenen Pfosten wurde im Sommer 1914 (kurz 
vor Kriegsausbruch) abgerissen und der Pfosten an das Historische Museum in Bern 
verkauft. Es handelte sich aber um einen Schwindel. Wo der richtige alte Pfosten 
damals hingekommen, weiß man nicht. 



Die schwarze Spinne 53g 



Das Opfer des Priesters, des Vertreters der Vaterreligion, wird beim 
neuen Einschließen der Spinne durch dasjenige des (Gott-) Sohnes, der mit 
der Tat zum Heiligen und Gott erhoben wird, ersetzt. Der „nachträgliche 
Gehorsam" des Volkes stellt sich ein. Es bittet sein Unrecht ab, begräbt 
Christen mit hohen Ehren und behält ein glorreiches Andenken wie für 
einen Heiligen. 

Nach dem Begräbnis geht die ganze Talschaft zum üblichen Imbiß. Das 
Abhalten eines Begräbnismahles, eines sehr alten und weitverbreiteten 
Gebrauches, erinnert uns an das Taufmahl, welche Sitte wir als eine Re- 
miniszenz aus archäischer Zeit, während welcher die Kinder, vor allem 
die erstgeborenen, getötet und aufgegessen wurden, erkannten. Nach dem 
Aufkommen der Vaterreligionen wurde das Verspeisen der Kinder nach und 
nach mit Tabu belegt, d. h. man brachte dem (Gott-) Vater seinen Tribut 
und opferte ihm das Kind. Bei der Kindstaufe der christlichen Religion 
wird das Kind ebenfalls noch Gottvater dargebracht und das Opfer sowie 
das frühere Verspeisen im Taufmahle wiederholt. 

Auch im Begräbnismahl wird ein altes anthropophagisches Gelüste neu 
befriedigt. Die Sitte der Verspeisung der Leichen war bei den Primitiven 
und sogar bei den Völkern mit ansehnlich hoher Kultur allgemein üblich. 
Als ein indischer Fürst auf seine Frage, was die Bewohner des Abend- 
landes mit den Leichen der Eltern machten, von Alexander dem Großen 
die Antwort erhielt, man vergrabe sie in der Erde, entsetzte er sich und 
konnte nicht verstehen, wieso man so unverständig sein könne, die Leichen 
den Maden zu überlassen, statt sie selber zu essen. Freud 1 hat dargestellt, 
wie der Urvater nach seiner Ermordung durch die Söhne von diesen ver- 
speist wurde. Wir führten aus, daß das Taufmahl eine Ersatzbefriedigung 
für das Verspeisen des Sohnes, welcher aber zugleich auch der wieder- 
erstandene Vater ist, auslösen soll. 

Und nun schließt sich uns der Kreis der Betrachtung, indem wir mit 
der Schlußszene unserer Novelle zum Anfang zurückkehren : Das Begräbnis- 
mahl hat genau dieselbe Bedeutung wie das Taufmahl: Der Imbiß 
nach dem Begräbnis Christens ersetzt die Verzehrung seiner Leiche. Christen 
ist der einzige, der nicht gegen den Gottvater (Urvater) sich auflehnte, ist 
derjenige, der sich der Mutter unterstellte, ist der Sohn geblieben. In 



1) Freud: Totem und Tabu. 



554 ^ r - Gustav Hans Graber: Die schwarze Spinne 

der Opfertat aber, die wie die Kreuzigung Christi, 1 Sühne und Erfüllung 
tiefsten Triebbegehrens zugleich — in der Vereinigung mit der Mutter — 
wird er zum Heiligen, zum Gott, zum wiedererstandenen Vater erhoben. 
Es wird also beim Begräbnismahl, wie beim Taufmahl, im Sohn auch 
der Vater verspeist, beseitigt. Wir entdecken in beiden Akten denselben 
Sinn, der auch in der christlichen Kommunion liegt, und den Freud in 
folgende Worte faßte: 2 „Zum Zeichen dieser Ersetzung (Vaterreligion durch 
Sohnesreligion) wird die alte Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, 
in welcher nun die Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht 
mehr des Vaters, genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm 
identifiziert . . . Die christliche Kommunion aber ist im Grunde eine neuer- 
liche Beseitigung des Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat." 

Mit der Beseitigung des Vaters aber tut die Masse, was im Opfertod 
Christen, mit dem sie sich durch das Verzehren der Leiche identifiziert, 
vollbrachte: Sie gibt sich wieder an das Mütterliche hin, versucht auf neuer 
Bewußtseinslage, die alte, glückvolle Einheit und Harmonie von Mutter und 
Kind, wie sie im Matriarchat bestanden, wieder zu erleben. Sie wird ihr 
Ziel nicht erreichen, denn neuerdings sitzt die schwarze Spinne in ihrer 
Gefangenschaft, neuerdings braucht es der Kraft Gottes, um sie in Schach 
zu halten. 

Noch ist das Weib, weil es sein Triebleben verdrängen muß, das ge- 
fährliche Übel — die schwarze Spinne. Noch sucht der Mann dieses Übel 
zu meiden, indem er es verbannt, und indem auch er seinen Brand der 
Begierde nach ihm zu ersticken versucht. 

Die allgemeine Tabuierung kann vielleicht wieder zeitweilig zum Heile 
werden, dann aber werden unvermeidbar von neuem die Schranken durch- 
brochen, wird wieder zu Fluch und Verderben, was nur verbannt, nicht 
aber erlöst ist. 

Für einen Dichter unserer oder späterer Zeit, der sich an das Problem 
der schwarzen Spinne wagte, müßte es verlockend sein, eine neue, wirk- 
liche Lösung zu finden, den Fluch in wahren Segen zu kehren, die 
schwarze Spinne zu befreien und sie wieder zum Weibe und zur gesunden 
Mutter zu wandeln. 



1) Siehe O. Rank: Das Trauma der Geburt. S. 131. 

2) Freud: Totem und Tabu. 



Libidotheorie und Artumwandlung 

Von Frida Teller (Prag) 

„Es eröffnet sich hier ein Ausblick auf eine 
tiefere Phalanx von biologischen, vielleicht auch 
historischen Problemen, denen wir uns noch nicht 
auf Kampfesweite angenähert haben. 

(Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.) 

Die moderne Anthropologie 1 faßt die verschiedenen Formen der jetzt 
lebenden Menschen zu einer einheitlich entstandenen Menschenart zu- 
sammen, die die Li n nee sehe Bezeichnung Homo sapiens erhalten hat. Man 
kann dieselbe auch als die rezente Menschenform bezeichnen. Daß diese 
einheitliche Menschenart in wohlcharakterisierte, aber vielfach durch Über- 
gänge miteinander verbundene Rassen zerfällt, ist bekannt. Die Abgliede- 
rung dieser Rassen vom gemeinsamen Stammbaum des Menschengeschlechts 
reicht weit über die ersten Anfänge historischer Überlieferung zurück, wie 
die bildlichen Darstellungen der alten Ägypter zweifellos erwiesen haben. 
Aber auch die anatomischen Merkmale dieser ältesten historischen Men- 
schen, die in körperlichen Resten und in bildlichen Darstellungen erhalten 
sind, lehren, daß die Menschen der ältesten geschichtlichen Vergangenheit 
nicht wesentlich anders gestaltet waren als wir. 

Ganz dieselben Resultate ergibt eine Untersuchung der körperlichen 
Merkmale des Menschen aus den nächsten prähistorischen Perioden. Auch 
die Menschen der neolithischen Kulturperiode, der jüngeren Steinzeit, zeigen 
in ihren anatomischen Merkmalen durchaus keine Annäherung an etwaige 



1) Vergleiche die ausgezeichnete Beschreibung der menschlichen Ahnenreihe bei 
G. Schwalbe: Die Abstammung des Menschen und die ältesten Menschenformen 
(Kultur der Gegenwart; herausgegeben von Hinneberg, III. T., 5. Abt., S. 275 f.). 



356 Frida Teller 



niedere Zustände des Menschengeschlechts. Sie waren Menschen wie wir, 
ausgerüstet mit derselben hohen Ausbildung des Gehirns und Schädels wie 
die bestentwickelten Menschen der Jetztzeit. Die Neolithiker und die jetzt 
lebenden Menschenrassen sind von der Urform der Menschheit bereits 
weit entfernt. 

Anders aber sieht es aus, wenn wir noch weiter in die geologische 
Vergangenheit der Erde zurückgehen, in die Zeit, welche die Geologen 
als Diluvialzeit (Diluvium) oder Pleistozän (Quartärzeit) zu bezeichnen 
pflegen; es ist die Eiszeit und wir wissen, daß der Mensch in dieser Erd- 
periode schon existiert hat, ebenso, daß er dem neolithischen Menschen 
durch viel primitiveren Kulturbesitz bei weitem nachstand. 1 

Zwei Menschenformen sind es, deren Reste man im Diluvium gefunden 
hat. In den jüngeren Schichten vom Magdalenien abwärts bis zum Auri- 
gnacien finden wir Menschen, die im allgemeinen alle Charaktere der jetzt 
lebenden und der neolithischen Menschen (Homo sapiens) aufweisen. Eine 
zweite Menschenform unterscheidet sich durch eine große Reihe auffallender 
niederer Merkmale und ist als Homo primigenius (Neandertalensis) bezeichnet 
worden. 2 Alle geologisch gut bestimmten Reste dieser ursprünglichen Men- 
schenart gehören dem Mousterien (mittleren Diluvium) an; in ihren 
jüngeren Formen zeigt sie die Anfänge einer primitiven Kultur. Die 
wichtigsten charakteristischen Merkmale der Neandertalkalotte sind durch 
Vergleichung mit der eines rezenten Menschen festgelegt worden. Es wurde 
sofort erkannt, wieviel gewaltiger sich der Schädel beim rezenten Menschen 
emporwölbt als beim Neandertaler. Tatsächlich liegt beim rezenten Menschen 
der größte Teil des ganzen Gehirns, mit Ausnahme eines kleinen Stückes 
der Spitze des Schläfenlappens und des größten Teiles des Kleinhirns, ober- 

1) Als Kulturperiode bezeichnet man die Diluvialzeit mit dem Namen der paläo- 
lithischen Zeit, der Zeit, welche durch primitive, oft nur roh behauene Steimverk- 
zeuge gekennzeichnet ist. Sie umfaßt nach dem von de Mortilett für die französi- 
schen Funde ausgearbeiteten Schema die folgenden (nach den ersten und wichtigsten 
Fundstätten benannten) Perioden: 1. Chelleen, 2. Acheuleen, 3. Mousterien, 4. Auri- 
gnacien, 5. Soluthreen, 6. Magdalenien. Auf letztere folgt die Übergangszeit zur 
neolithischen Periode. (Schwalbe, ibid. S. 275.) 

2) Der Homo primigenius (der Name stammt von Haeckel) wurde zuerst als solcher 
morphologisch unterschieden auf Grund eines berühmt gewordenen Schädeldachs, 
welches mit verschiedenen anderen Skelettknochen desselben Individuums im Jahre 
1856 durch Fuhlrott im Neandertal bei Düsseldorf gefunden wurde. Seine hohe 
Bedeutung für die Urgeschichte des Menschen wurde trotz Virchows Widerspruch 
sofort erkannt. Man nannte in der Folge diese Menschenform, gleichgültig ob man 
sie als Rasse oder Art ansah, den Neandertalmenschen. 



Libidotheorie und Artumwandlung 357 

halb der Glabella-Inion-Horizontale, 1 während beim Neandertaler ein größerer 
Teil des Gehirns unterhalb derselben gelegen ist. Ein weiteres, sehr in die 
Augen fallendes Merkmal des Neandertalmenschen ist durch die eigentüm- 
liche Bildung der Stirn gegeben. Sie wird als „fliehende Stirn" bezeichnet. 
Das Stirnbein des Homo sapiens ist viel mehr nach vorn aufgerichtet als 
das des Neandertalers. 

Wollten wir uns eine Vorstellung davon machen, wie sich etwa aus 
einem Schädeldach von den Formverhältnissen des Neandertalers das 
Schädeldach eines rezenten Menschen entwickeln könne, so hätten wir 
die Profilkurve des Stirnbeins nach vorne, die des Hinterhauptbeins nach 
hinten aufzurichten. Dann ergibt sich aber die Notwendigkeit einer Zu- 
nahme des oberen Scheitelbeinrandes, ein Überwiegen seiner Länge über 
die des unteren Scheitelbeinrandes. Ersterer ist bei allen rezenten Men- 
schen der längere, letzterer bei allen Affen und auch meist beim Neander- 
taler. 2 

Was das Gehirn des Homo primigenius betrifft, so ist dessen Größe und 
Oberflächenbeschaffenheit an Schädelausgüssen zu ermitteln, wie sie für 
den Schädel von La Chapelle und für den von La Orina beschrieben 
worden sind. 3 „An den stark abgeplatteten Ausgüssen läßt sich eine Anzahl 



1) Die Vergleichung der Schädelformen des Homo primigenius und des rezenten 
Menschen ist durch exakte Messungen (siehe Schwalbe, a. a. O. S. 278) bewerk- 
stelligt worden. Es wurde ein Index der Kalottenhöhe berechnet, der sogenannte 
Kalottenhöhenindex. Dieser beträgt beim Neandertaler 40-4 und ist demnach durch 
einen weiten Abstand von dem in einzelnen wenigen Fällen immerhin noch den 
Wert von 50 besitzenden Kalottenhöhenindex der niedrigsten rezenten Menschen- 
rassen getrennt." (Schwalbe, ibid. S. 279.) 

2) Hier sind nur die wichtigsten spezifischen Merkmale der Neandertalkalotte 
beschrieben worden, wie Schwalbe in seiner gründlichen Untersuchung festgelegt 
hat. An anderen Funden konnten die beim Neandertaler fehlenden Teile des Schädels 
untersucht werden. (Schädel von Spy.) Hier war es besonders „der Unterkiefer, der 
eine hochwillkommene Ergänzung des Bildes lieferte, welches wir uns vom Homo 
primigenius zu machen haben. Der Unterkiefer von Spy, der durch bedeutende Höhe 
und plumpe Gestaltung charakterisiert ist, zeigt eine mangelhafte Ausbildung des 
Kinnvorsprungs (Negativkinn), bedeutende Größe des Zahnbogens und der Zähne und 
ist dadurch vom Unterkiefer des jetzt lebenden Menschen sehr verschieden. Die 
fossilen Unterkiefer sind durch die mächtige Entwicklung ihrer Zähne ausgezeichnet. 
Eine geringere Entwicklung muß eine Reduktion des Alveolarfortsatzes und ein Vor- 
treten des unteren Teiles des Unterkiefers unter Bildung eines vorspringenden Kinns 
zur Folge haben" (Schwalbe). 

3) Die geographische Verbreitung des Urmenschen mag durch eine Übersicht 
über die Fundstätten des Homo primigenius charakterisiert werden. Reste wurden 
bisher gefunden in Spanien (Gibraltar), in Frankreich (Le Moustier, La Chapelle- 



33 8 Frida Teller 



äffen ähnlicher oder intermediärer Merkmale nachweisen; einfache und breite 
Hirnwindungen, geringere Entwicklung des Stirnhirns, Ausbildung eines 
Siebschnabels, Vorhandensein eines Sulcus lunatus und primitiver Charakter 
der dritten Stirnwindung, deren Beschaffenheit aber die Sprache nicht aus- 
zuschließen braucht." Zusammenfassend können wir sagen: Während das 
Extremitätenskelett des Homo primigenius verhältnismäßig ge- 
ringe Unterschiede von dem der jetzt lebenden Menschenform 
zeigt, ist der Schädel und dementsprechend das Gehirn von 
ausgesprochen niedrigerer Bildung, und weist in vielen Eigenschaften 
eine Annäherung an die anthropoiden Affen (Schimpanse) auf. Durch alle 
diese Merkmale unterscheidet sich diese Menschenform von sämtlichen 
rezenten Menschenrassen mindestens ebenso spezifisch wie eine zoologisch 
gut begrenzte Art von der nächstverwandten Form. 1 

Gehen wir bis in die allerälteste Diluvialzeit zurück, so treffen wir da auf 
einen für die Vergangenheit des Menschen wichtigen Fund, auf Reste 
eines Wesens, das — nach Ansicht der Anthropologen — eine Mittelstellung 
zwischen Mensch und Anthropomorphen einnimmt, sich zwischen den 
Homo primigenius- und Menschenaffenformen als verbindendes Glied 
(„missing link") einzuschieben scheint. Es ist dies der berühmte Pithec- 
anthropus erectus, dessen Entdeckung (1890/91 auf Java) Dubois zu ver- 



aux-Saints, La Orina u. a.), auf den normannischen Inseln, in Belgien (Spy, La Nau- 
lette), in Deutschland (Neandertal, Taubach), in Mähren (Schipka) und in Kroatien 
(Krapina). „An allen diesen Stellen tritt uns der Urmensch in erstaunlicher Über- 
einstimmimg seiner charakteristischen Eigenschaften entgegen." (Schwalbe, ibid. 

S. 292). 

1) Ohne daß die anthropologische Forschung über die Entstehung der rezenten 
Menschenform aus dem Urmenschen etwas Bestimmtes anzugeben wüßte, ist sie doch 
der Ansicht, die spätere Form habe sich aus der früheren entwickelt. „Jedenfalls ist 
eine mehrfach geäußerte Meinung, die Schädel des Homo primigenius seien durch 
Bestialisierung entartete, vom Homo sapiens stammende Formen, entschieden zurück- 
zuweisen. Welche Meinung man nun aber über die genetischen Beziehungen beider 
Menschenarten zueinander haben mag, eins steht fest, daß Schädelformen vom Bau 
des Homo primigenius sich nicht bis weit in die geschichtliche Zeit . . . erhalten haben. 
Dies muß entschieden in Abrede gestellt werden. . . . Nie ist die gesamte Summe 
der spezifischen Merkmale des Homo primigenius an den vermeintlichen Primigenius- 
Schädebi späterer Zeiten gefunden, sondern stets nur einige wenige Merkmale. Ob 
man in diesen Fällen von Atavismus reden will, ändert nichts an der Tatsache, daß 
bereits im jüngeren Diluvium Homo primigenius nicht mehr vorhanden ist. Wir 
müssen diese Form als erloschen betrachten ... In welcher Weise dies 
geschehen ist, darüber kann man wohl Vermutungen aussprechen, aber 
keine sichere Meinung gewinnen." (Schwalbe, a. a. O. S. 297.) (Von mir 
gesperrt.) 



Libidotheorie und Artumwandlung 55g 

danken ist. Was das Schädeldach von Pithecanthropus betrifft, 1 so fällt 
nach Ansicht der bisherigen anthropologischen Forschung die geringe 
Höhenentwicklung auf, welche weit unter der des Homo primigenius 
steht. Während, wie oben erwähnt, der Kalottenhöhenindex des Homo 
sapiens selten unter 52 herabgeht, beim Homo primigenius noch 40 bis 44 
beträgt, ist dies Höhenverhältnis beim Affenmenschen auf 54'2 herunter- 
gegangen, stimmt etwa mit dem des Schimpansen überein, während alle 
Affen, auch die anderen Menschenaffen, im erwachsenen Zustande viel 
tiefer stehen (Schwalbe, ibid. S. 300). Auch in den die fliehende Stirn 
charakterisierenden Merkmalen steht Pithecanthropus bedeutend tiefer als 
Homo primigenius. 2 Das Gesamturteil über die Schädelkapsel und das Gehirn 
lasse sich dahin zusammenfassen, daß man annehmen könne, das Schädel- 
dach des Pithecanthropus sei in seiner Formentwicklung dem der Menschen- 
affen sehr nahestehend, insbesondere des Schimpansen, in seiner Größen- 
entwicklung aber intermediär zwischen Menschenaffe und Mensch; das 
Gehirn zeige in seiner feineren Formgestaltung intermediäre Zustände. 

Ist es auch unstatthaft, Pithecanthropus der Gattung Homo einzuver- 
leiben, von der er durch den Schädelbau und die Ausbildung seines 
Gehirns so verschieden ist, so stehe er doch zum Homo primigenius in 
genetischer Beziehung, sei es, daß dieser direkt oder indirekt von ihm 
abstammt, in ganz analoger Weise, wie der Homo sapiens sich zu letzterem 
verhält. Es steht fest, daß Pithecanthropus — Homo primigenius — Homo 
sapiens eine zoologisch fest begründete aufsteigende Formenreihe bilden, 
welche zeitlich am Ende des Tertiärs beginnt. Innerhalb dieser Familie 
ist die älteste Menschenform Homo primigenius, sein Vorläufer Pithec- 
anthropus. 3 

Unsere Charakteristik des Entwicklungsprozesses der ältesten Menschen- 
formen hat ergeben, daß bei den Hominiden von einem bestimmten Zeit- 



1) Gefunden wurde außer dem berühmt gewordenen Schädeldach ein Femur und 
drei Backenzähne; diese Reste wurden von Dubois und anderen ebenfalls dem 
Pithecanthropus als zugehörig erklärt. 

2) Ein auffallender Unterschied erhebt aber den Pithecanthropus-Schädel weit 
über den der höchststehenden Affen. Dies ist seine bedeutende Größenentwicklung, 
die in der von Dubois durch Messung und Berechnung ermittelten Kapazität des 
Schädelraumes ihren Ausdruck findet. Dieselbe beträgt etwa 850 Kubikzentimeter, 
während sie bei rezenten Anthropoiden 600 Kubikzentimeter nur ausnahmsweise 
übersteigt. . . . 1480 bis 1555 Kubikzentimeter ist das Maß für unsere weißen euro- 
päischen Rassen (Schwalbe, S. 501). 

5) Schwalbe, a. a. O. S. 302. 



54° Frida Teller 



punkt der Urgeschichte an — und von da an immer deutlicher 1 — die 
Ausgestaltung des Gehirns (also des Sitzes der seelischen Funktion) in den 
Vordergrund rückt und den phylogenetischen Entwicklungsgang beherrscht. 
„In der Entwicklungsgeschichte der Organe des Menschen nimmt die 
Hirnorganisation eine Ausnahmsstellung ein. Das menschliche Gehirn hat 
sich vor allen anderen Organen so exzessiv entwickelt, daß durch diese 
einzig dastehende stammesgeschichtliche Vervollkommnung des Hirns der 
Mensch zu einer überragenden Stellung unter den Lebewesen emporgehoben 
wurde. Von einer gewissen Stufe der Vollkommenheit des Hirns 
an hat sich die Entwicklung des Menschen fast ausschließlich 
auf das Gehirn allein beschränkt 2 ... ja es hat auch den Anschein, 
als ob Abänderungen des Gehirns an Stelle von Abänderungen des ganzen 
Körpers treten würden ; das Gehirn beginnt mehr als der andere Körper 
abzuändern, die Vervollkommnung des Gehirns hat unter Zurück- 
drängung der anderen Organe rückwirkend sich selbst gefördert. 3 
Im Werdegang des Menschen läßt sich demnach die Einwirkung einer 
Kraft erkennen, die, von hoher Anpassungs- und Verlagerungsfähigkeit und 
einmal von ihrer ursprünglichen Bahn abgelenkt, die organische Entwick- 
lung (die Artumwandlung) in geänderter Richtung weitertreibt. 

Noch herrscht über das Wesen des Prinzips, welches Artanpassung und 
Artumwandlung in der Phylogenese der tierischen Organismen (ja selbst 

1) „Die Menschheit vermag in eine Zeitspanne von viertausend Jahren einen un- 
endlich reichen Inhalt ihrer Kultur entwicklung zusammenzudrängen . . . einen Schritt 
weiter zurück und die Fortschritte der Kultur vermögen sich selbst innerhalb der 
Jahrtausende unserer Wahrnehmung zu entziehen; wir haben es fortan mit unmeßbar 
großen Zeiträumen zu tun im entschiedensten Gegensatze zu den Erscheinungen im 
Bereiche der aufgehellten Geschichte." (J. Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit, 

Bd. I, S. 24.) 

2) Von mir gesperrt. 

5) Vgl. M. Vaerting: Der Einfluß der männlichen Geistesarbeit auf die bio- 
logische Höherentwicklung der Menschheit. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, V. Bd. 
(1918/19). — In gleichem Sinne äußert sich auch R. Wallace, der Mitbegründer 
der Selektionstheorie, Darwins Zeitgenosse: „Als Tier würde der Mensch fast stationär 
geblieben sein, da die Veränderungen der umgebenden Welt nicht mehr auf ihn 
jene mächtige modifizierende Kraft ausübten, welche sie auf alle andere Teile der 
organischen Welt ausüben. Aber von dem Moment an, in welchem die Form seines 
Körpers stationär wird, wird sein Geist gerade jenen Einflüssen, denen sein Körper 
entflohn, Untertan. Die Kraft, welche bis dahin den Körper modifiziert 
hatte, mußte ihre Tätigkeit vom Augenblick an, da der geistige Fort- 
schritt begann, auf den Geist übertragen" (Beiträge zur Theorie der 
natürlichen Zuchtwahl, 1870). (Die Wirkung der natürlichen Zuchtwahl auf den 
Menschen, S. 562.) 



Libidotheorie und Artumwandlung zxi 



in deren Ontogese) bewirkt, unter den Biologen große Meinungsverschie- 
denheit. „Variabilität und Erblichkeit sind zwar, wie R. Hertwig hervor- 
hebt 1 die mächtigen Faktoren, mit denen jede Deszendenztheorie zu rechnen 
hat ; ihr Studium allein ist aber nicht ausreichend, um die Artwandlung 
zu erklären. Vielmehr ist es notwendig, die Ursachen zu erkennen, welche 
einerseits die Variabilität hervorrufen, anderseits sie in bestimmte, zur Art- 
bildung führende Bahnen leiten. Mehrere Hypothesen sind in den 
letzteren Jahrzehnten aufgestellt worden, die alle die Gesetze der organi- 
schen Formbildung und die Bedeutung äußerer und innerer Faktoren beim 
Entwicklungsprozeß klarzustellen versucht haben. Wir erwähnen zunächst 
die beiden Hauptströmungen, die derzeit die Biologie beherrschen, die 
darwinistische Theorie der Selektion (daran anschließend die Schule der 
Neo-Darwinisten) und die lamarckistische Lehre der zweckmäßigen An- 
passung an die Umgebung (und ihre Fortbildung im Neo-Lamarckismus). 
Um die erfolgreiche Lösung des Artproblems bemüht sich auch die 
Migrationstheorie, die besagt, daß neue Arten durch geographische Isolie- 
rung entstehen (Wagner), ferner diejenigen Schulen, die auf das Vor- 
kommen einer durch keinerlei äußere Faktoren bedingten Entwicklung 
hinweisen und die Verschiedenartigkeit der Formen auf innere, in der 
Konstitution der Organismen gegebene Ursachen zurückführen. 2 

Schließlich hat die Unmöglichkeit für die Erscheinung der Artumbil- 
dung eine mechanistische Erklärung zu finden, zur Annahme teleologischer 
Auffassungen geführt, die der organischen Natur ein zweckmäßig wirkendes 
unbewußtes Prinzip zuschreiben. (Pflügers „teleologische Mechanik" und 
ähnliche Ansichten.) Der gegenwärtige Stand der Frage ist der, „daß die 
Forschung bemüht" ist, das Problem immer schärfer zu formulieren und 
seine Beantwortung exakteren Untersuchungsmethoden, vor allem der Unter- 
suchung mittels des Experiments, zugänglich zu machen . 3 

In engem Zusammenhange mit dieser Frage steht derzeit auch ein 
anderes Problem, das, je nach der verschiedenen Stellungnahme der ein- 
zelnen Gelehrten, als anthropologisch-deszendenztheoretisches oder als philo- 
sophisch-transzendentes aufgefaßt wird. Es betrifft das Verhältnis des Men- 
schen zum Tiere und pflegt in die Fragen zusammengefaßt zu werden: 

1) Über die Ursachen der Artbildung; kausale Begründung- der Abstammungslehre. 
(Kultur der Gegenwart, IV. Bd., IV. Abt.) 

2) Nägeli: „Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre" und 
Th. Eimer: „Die Entstehung der Arten." 3 Bde. u. a. 

g) R. Hartwig: Die Abstammungslehre, a. a. O. S. 50. 



^42 



54 



Frida Teller 



Wie konnte der Mensch, da er kein Tier ist, aus einem Tiere hervor- 
gehen und welches ist die Art seiner Entwicklung? 1 Die Meinungsver- 
schiedenheit und Unklarheit ist auf diesem Gebiet womöglich noch größer. 

Ohne auf die hier in Kürze angeführten Hypothesen zur Artwandlung und 
Entwicklungsgeschichte der Organismen näher einzugehen, wollen wir mm 
im Anschluß an unsere über den urzeitlichen Werdegang des Menschen 
gewonnenen Einsichten versuchen, das Problem der Menschwerdung unter 
Zugrundelegung des biogenetischen Grundgesetzes und unter Heranziehung 
der für das individuelle prähistorische Erleben (Kindheitsstufe) grundlegenden 
Erkenntnisse der Psychoanalyse zu behandeln. 

Bekanntlich hat die Psychoanalyse von Anfang an betont und auch zu 
erklären gewußt, „durch welche Entwicklungen, Verdrängungen, Subli- 
mierungen und Reaktionsbildungen aus dem ganz anders beanlagten Kinde 
der sogenannte normale Mensch, der Träger und zum Teil das Opfer der 
mühsam errungenen Kultur hervorgeht". 2 Der seelische Apparat verdankt 
seine Entstehung, Vervollkommnung und komplizierte Ausgestaltung der 
Verdrängungsentwicklung, der Notwendigkeit, die infantilen Sexualstrebungen 
zu unterdrücken, höherzuleiten, in ihr Gegenteil umzukehren, ohne doch 



1) Vgl. P. Aisberg: Das Menschheitsrätsel. 1923. 

„Es ist in der Tat ein seltsames Schauspiel", schreibt Aisberg in seinem obge- 
nannten Buch, „welches uns der erbitterte Kampf der beiden Weltanschauungen 
(siehe das oben Gesagte) darbietet. Jede Partei dünkt sich im Besitze der Wahrheit, 
ohne aber mit ihren Ansichten auf der Gegenseite durchdringen zu können. . . . 
Die eine Richtung (die zoistische), befangen in der darwinistischen Anschauung, daß 
der Mensch in seiner Entwicklung denselben natürlichen Prinzipien unterworfen sein 
müsse wie das Tier, hielt sich an die Tatsachen der Gleichartigkeit der Organe und 
ihrer Funktionen sowie einer kontinuierlichen Stufenfolge in der Entwicklung und 
folgerte aus ihnen die Wesensgleichheit des Menschen mit dem Tiere. Zu diesem 
irrigen Schlüsse gelangte sie, weil sie ihre Beweisstücke für die Abstammung des Men- 
schen zugleich als solche für die Entwicklung des Menschen verwandte. Die andere 
Richtung (die anthropistische), in ihrem eigenen geistigen Kulturleben befangen, 
faßte in Anlehnung an alte Traditionen den menschlichen Geist als etwas völlig 
Neues in der Natur auf und gründete auf ihn eine Wesensverschiedenheit des Men- 
schen vom Tiere. Vermochte sie aber schon die Wesensverschiedenheit der Vernunft 
vom Tiergeiste nicht klarzustellen, so geriet sie vollends auf die schiefe Bahn, als 
sie die Vernunft für die Offenbarung des menschlichen Wesens nahm . . . Die 
erstere Richtung ging vom Tiere aus und bemerkte nicht, als sie zum Menschen 
aufwärts stieg, die Grenzpfähle zwischen Mensch und Tier, weshalb sie deren Vor- 
handensein kurzerhand bestritt. Die letztere Richtung ging vom Kulturmenschen aus, 
versäumte aber, am Leitfaden der Entwicklung über die niederen Menschheitsstufen 
bis zum Tiere herabzusteigen, weshalb sie die Grenzpfähle ebenso unbedenklich an 
einer zu hohen, das ist falschen Stelle steckte." (Das Menschheitsrätsel, S. 89 ff.) 

2) S. Freud: Über Psychoanalyse. (Ges. Schriften, Bd. IV.) 



Libidotheorie und Artumwandlunff ^4." 



das Streben nach Lustgewinn, das den Partialtrieben anhaftet, ausschalten 
zu können. 1 So ist, wie wir wissen, „das ganze Denken nur ein Umweg 
von der als Zielvorstellung genommenen Befriedigungserinnerung bis zur 
identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die 
motorischen Erfahrungen wieder erreicht werden soll. 1 Hat Weismann 2 
nun als das Hauptproblem der ganzen Entwicklungslehre die Frage auf- 
gestellt, wie Entwicklung aus inneren Ursachen zugleich Anpassung an 
die äußeren Veränderungen ergeben könne, so müssen wir wohl in der 
Libido 3 jenes Prinzip erkennen, das vermöge der ihm innewohnenden 
„großartigen Verschiebbarkeit" die Artumbildung (ebenso wie die Personal- 
anpassung) mit dem Lustgewinn als Ziel durchsetzt und die organische 
Entwicklung, „das Fortschreiten der Organismen zur Vervollkommnung" 
(Nägeli) anregt. In den durch die anthropologische Forschung nachgewiesenen 
beiden Menschenformen, dem Homo primigenius und dem rezenten Men- 
schen 4 und den für diese Typen charakteristischen Merkmalen, erkennen 
wir wohl das phylogenetische Vorbild und gleichzeitig die Ursache jenes 
in der ontogenetischen Entwicklung beobachteten „zweizeitigen Ansatzes 
der Sexualentwicklung beim Menschen" (Freud). Freud hebtauch hervor, 
daß hier „eine jener Bedingungen gefunden scheine, die die Eignung des 
Menschen zur Entwicklung einer höheren Kultur und auch seine Neigung 
zur Neurose ergebe. „Bei der tierischen Verwandtschaft des Menschen ist 
unseres Wissens etwas Analoges nicht nachweisbar. Die Ableitung der 
Herkunft dieser menschlichen Eigenschaft müßte man in der 
Urgeschichte der Menschenart suchen." 5 

1) Traumdeutung; VII. Kapitel: Zur Psychologie der Traumvorgänge. 

2) Vorträge über Deszendenztheorie, Bd. II, S. 544. 

3) „Die Libido hat zum Unterschied vom eindeutigen und undifferenzierbaren 
Charakter des Bedürfnisses die Fähigkeit der Anpassung und Verwandlung, sie ist 
sozusagen ein klug gewordenes Bedürfnis, das notgedrungen lernt, sich jeweils den 
verschiedenen Reizen anzupassen. (Otto Rank: Der Künstler. S. 24.) 

4) Es ist für unsere Betrachtung gleichgültig, ob sich im weiteren Entwicklungs- 
gange der Anthropologie etwa neue Zwischenglieder des Menschen — seien es 
jüngere, seien es noch weiter zurückliegende fossile Reste (vgl. die affenähnliche 
Menschenform aus Java) einschieben werden. Wir halten an den beiden Typen — 
die etwa den beiden psychischen Systemen des Vbw und Ubw entsprechen — fest, 
und erinnern daran, daß auch die psychoanalytische Forschung genötigt war, bei der 
Betrachtung des Verdrängungsvorganges Komplikationen dieser einfachen Zweiteilung 
anzunehmen und zu betonen, „daß jedem Übergang von einem System zum nächst 
höheren, also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation 
eine neue Zensur entspreche". (Freud; Das Unbewußte. Ges. Schriften, Bd. V.) 

5) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 109.) 



344 Frida Teller 



Irren wir nicht, so ergibt sich die Annahme, daß die Phylogenese der 
menschlichen Psyche (Haeckel), das Problem des menschlichen Entwick- 
lungsprinzips dadurch erklärt werden könnte, daß Triebkräfte organischer 
Herkunft, die sexuellen Partialtriebe, durch den Prozeß der Urverdrängung * 
in das Seelenleben eingeführt wurden 2 und damit „jene Kraft, die bis 
dahin den Körper modifizierte, ihre Tätigkeit nun auf den Geist über- 
tragen hatte" (Wallace). 

Wir wollen schließlich noch einer Hypothese gedenken, die P. Aisberg 
in seinem bereits mehrfach herangezogenen Buch „Das Menschheitsrätsel" 
vorgebracht hat. Der Verfasser erkennt richtig, daß das Problem der Mensch- 
werdung nicht erfaßt werden könne, solange die Wissenschaft die mensch- 
liche Entwicklung unter dem Gesichtspunkt einer bloßen Steigerung der 
tierischen Entwicklung betrachtet und glaubt, in dem Prinzip der Körper- 
ausschaltung durch das künstliche Werkzeug den menschlichen Entwick- 
lungsbegriff gefunden zu haben. Das Entwicklungsprinzip des Tieres sei 
das der Körperanpassung (und Verwandlung), dasjenige des Menschen müsse 
als Prinzip der Körperausschaltung vermittels künstlicher Werkzeuge er- 
kannt werden (S. 102). Nun ist der Prozeß, der zur Erfindung, Form- 
gebung und Herstellung der Werkzeuge, zunächst der primitivsten, geführt 
hat, von Kapp in seiner „Philosophie der Technik" eingehend untersucht 
und bis zu einem gewissen Grade auch geklärt worden. Der eigentlich 
vorgeschichtliche Mensch (etwa vor Einsetzen der Entwicklung durch Ver- 
drängung) ist der, von dessen Dasein nicht einmal Spuren des rohesten 
Werkzeuges vorhanden sind. Indem Kapp nun nachweist, daß in der ubw 
Konzeption des Werkzeuges Anpassung an die im leiblichen Organismus 
waltende Regel der Funktionsbeziehungen zu finden sei, gelangt er zu der 
Gewißheit, daß alle Kulturmittel ursprünglich nichts anderes sind als 
Organprojektionen. Aber nicht nur die Form, auch die Bewegungsgesetze 
der Organe kehren in dem Werkzeug wieder. Dem Analytiker ist längst 

1) Es würde wohl richtiger sein, von einer beginnenden Libidoablenkung zu 

sprechen. 

2) Wilhelm Bölsche spricht in diesem Zusammenhange von einem „System- 
wechsel" in der Entwicklungsgeschichte der tierischen Organismen. (Der Mensch der 
Zukunft. 1915, S. 19 ff.) Wir wollen hier daran erinnern, daß bereits Freud in dem 
„Trieb" einen Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, einen psychischen 
Repräsentanten der aus dem Körperinnern stammenden, in die Seele gelangenden 
Reize erkannt und betont hat, daß die Triebe und nicht die äußeren Reize (wie 
etwa der Lamarekismus meint) die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, 
welche das so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine gegenwärtige Ent- 
wicklungshöhe gebracht haben. 



Libidotheorie und Artumwandlung = 45 

bekannt, daß die für den Aufbau der menschlichen Kultur grundlegenden 
Erfindungen (z. B. das Feuererzeugen, das Ackern) ursprüngliche Äqui- 
valente des Sexualaktes sind, zunächst mit den gleichen libidinösen Energien 
bestritten wurden, wie dieser und anfangs sogar direkt mit den dazuge- 
hörigen Vorstellungen besetzt waren. Auch die Form der Werkzeuge 1 
wurde durch den zugrundeliegenden sexuellen Vorstellungsinhalt bestimmt. 
Somit ist der Antrieb zur Körperausschaltung erst mit einsetzender Ver- 
drängung der sexuellen Partialtriebe (des Autoerotismus, der seine Lust- 
befriedigung vorwiegend am eigenen Körper findet) möglich. Das Stadium 
der Körperausschaltung ist demnach die Folge und nicht die Ursache des 
Menschwerdungsprozesses, die Erfindung der Kulturmittel entspricht einer 
Wiederkehr des Verdrängten, nicht mehr am eigenen Körper, sondern im 
künstlichen Werkzeug. Es ist bekannt, daß das Werkzeug in seiner Ent- 
wicklung beobachtet, die Umbildungen der natürlichen Organe durchmacht 
und dadurch ersetzt; den Gesetzen der organischen Entwicklungstheorie 
entspricht — nach Kapp — die mechanische Vervollkommnungspraxis 
vom Steinhammer des Urmenschen aufwärts bis zum vollkommen kon- 
struierten Apparat (der Maschine). 



1) Vgl. Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geistes- 
wissenschaften. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Bd. XCIII. 

Imago XI. 23 



Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren 

Von Dr. Imre Hermann (Budapest) 

Die kritiklose Mitteilung gesammelten Materials ist nicht immer eine zu ver- 
achtende wissenschaftliche Methode; es können so Daten aufbewahrt werden, 
welche die durch eine Theorie oder einen Standpunkt gebundene Auswahl 
verwerfen würde. In älteren Biographien kann man Überlieferungen finden, 
weitläufig erzählt, mit welchen eine neuere Biographie vielleicht nichts anzu- 
fangen wüßte, da sie keine beglaubigten Tatsachen beschreiben. Analytisch können 
manchmal solche Überlieferungen von verschiedenen Seiten aus verwertet 
werden. Denn hier ist nicht die einzige Frage, ob etwas wahr oder falsch 
sei- hat man es nur mit Phantasien zu tun, so wird der Sinn dieser Phantasien 
auch mitsprechen dürfen. 

Reuchlin beginnt die Lebensbeschreibung Pascals 1 mit folgender phantastisch 
anmutenden Erzählung. Es soll dies Stück Wort für Wort wiedergegeben werden ; 
der Kundige wird nicht vieler Erläuterungen dazu benötigen. 

„Die Alten ließen in ihren Mythen die Wiege ihrer Götter, ihrer Heroen, 
ihrer großen Männer von feindseligen, neidischen Göttern und Gewalten, von 
Schlangen und Ungeheuern bedroht werden.— Auch Pascals Wiege ist gefährdet 
durch den Zauber der Hölle; nur nimmt es, sei es nun Fabel oder Geschichte, 
die Farbe und Gestalt der Zeit an. Lassen wir Margarethe Perier (der Tochter 
seiner älteren Schwester) das Wort, uns das Abenteuer zu erzählen: 

Als mein Oheim ein Jahr alt war, begegnete ihm etwas Außerordentliches. 
Meine Großmutter war bei aller ihrer Jugend sehr fromm und mildtätig, sie 
hatte eine große Zahl armer Familien, welchen sie monatlich eine kleine 
Summe gab. Unter den armen Weibern, welchen sie also das Almosen reichte, 
war auch eine, welche man für eine Hexe hielt; alle Welt sagte es ihr. 
Meine Großmutter aber, welche viel Verstand hatte und nicht zu diesen 
Leichtgläubigen gehörte, lachte über die Warnungen und gab ihr immer das 
Almosen. Zu dieser Zeit nun geschah es, daß der kleine Pascal in eine Aus- 
zehrung verfiel, welche man in Paris tomber en chartre nennt; sie war aber 
auch von zwei ungewöhnlichen Umständen begleitet; fürs erste konnte er 
kein Wasser sehen, ohne daß er in große Aufregung geriet; das Zweite aber 

1) H. Reuchlin: Pascals Leben und der Geist seiner Schriften. 1840. — Blaise 
Pascal lebte von 1623 bis 1662. 



Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren 547 

war noch viel erstaunlicher, denn er konnte es nicht ausstehen, seinen Vater 
und seine Mutter nahe beisammen zu sehen. Er ließ sich von jedem von 
beiden besonders mit Vergnügen liebkosen, sobald sie sich ihm aber vereint 
nahten, schrie er und sträubte er sich mit der äußersten Gewalt. Das Alles 
dauerte über ein Jahr, während dessen das Übel zunahm, und er verfiel in 
eine so verzweifelte Lage, daß man ihn dem Tode ganz nahe glaubte. 

Jedermann sagte meinen Großeltern, es sei dies zuverlässig ein Zauber, 
welchen diese Hexe dem Kinde angetan {sort qu'elle avait jete). Beide spot- 
teten darüber und betrachteten diese Reden als Einbildungen, welche man 
sich macht, wenn man außerordentliche Dinge sieht; daher nahmen sie auch 
keine Vorsichtsmaßregeln, sondern ließen dem Weibe freien Zutritt in das 
Haus, ihr Almosen zu empfangen. Endlich hieß mein Großvater, ärgerlich 
über alles das, was man ihm davon sagte, eines Tags dieses Weib in sein 
Kabinett eintreten; er glaubte, die Art wie er mit ihr redete, würde ihm 
Gelegenheit geben, all dieses Geschwätz zum Schweigen zu bringen; er aber 
war sehr erstaunt, als sie ihm gleich auf seine ersten Worte nur ganz bescheiden 
antwortete, dem sei nicht also und man sage es ihr nur aus Neid nach, der 
Almosen wegen, die sie empfange. Er wollte ihr nun bange machen, stellte 
sich versichert, daß sie sein Kind behext und drohte ihr mit dem Galgen, 
wenn sie ihm nicht die Wahrheit gestehe. Dies erschreckte sie sehr; sie 
warf sich vor ihm auf die Knie nieder und beteuerte ihm, sie wolle alles 
sagen, wenn er verspreche, ihr das Leben zu retten. Mein Großvater, dadurch 
sehr überrascht, fragte sie, was sie gemacht und was sie dazu bewogen? Sie sagte 
ihm nun, daß sie ihn einmal gebeten, einen Prozeß für sie zu führen, er aber 
habe es ihr verweigert, weil er glaubte, sie habe das Recht nicht für sich; 
um sich dafür zu rächen, habe sie sein Kind behext, weil sie gesehen, daß 
er es so sehr liebe; es tue ihr leid, ihm es zu sagen, der Zauber sei aber 
zum Tode. Mein Großvater rief: wie mein Sohn muß also sterben? — Es 
gibt noch ein Mittel, erwiderte sie, es muß jemand für ihn sterben, auf den 
man den Zauber übertrüge. Da mein Großvater aber sagte, er wolle lieber, 
daß' sein Sohn, als daß jemand für ihn sterbe, erwiderte sie, man könne den 
Zauber auch auf ein Tier übertragen. Mein Großvater bot ihr ein Pferd an; 
sie sagte aber, man brauche keine so große Kosten zu machen, eine Katze 
genüge ihr. Sie warf also die Katze zum Fenster hinaus, und ob diese gleich 
nur sechs Fuß fiel, starb sie doch. Das Weib verlangte noch eine Katze, 
welche mein Großvater ihr auch geben Heß. 

Die große Liebe zu seinem Kinde ließ ihn vergessen, daß man, um den Zauber 
überzutragen, den Teufel von neuem anrufen müsse. Dieser Gedanke kam ihm 
erst lange nachher, und er bereute, dazu Veranlassung gegeben zu haben. 

Die Alte machte nun morgens einen Umschlag auf den Unterleib des 
Knaben aus dreierlei Kräutern, die ein noch nicht siebenjähriges Kind ihr 
gesammelt. Als mein Großvater um Mittag aus dem Justizpalaste nach Hause 
kam, fand er das ganze Haus und seine Frau in Tränen, man sagte ihm, das 
Kind sei tot; so lag es denn auch in der Wiege. Er begegnet der Alten auf 
der Treppe und gibt ihr eine Ohrfeige, daß sie über die Stufe hinunterfiel. 



54,8 Dr. Imre Hermann 



Sie erhob sich aber wieder und sagte, sie habe den Morgen vergessen voraus- 
zusagen, daß das Kind bis Mitternacht tot scheinen würde, dann werde es aber 
wieder zu sich kommen. Ob es nun gleich alle Kennzeichen des Todes hatte, 
befahl er, man solle es gehen lassen, man spottete aber über seine Leichtgläubig- 
keit, da er sonst nicht die Gewohnheit hatte, diesen Leuten zu glauben. 

So blieben denn meine Großeltern immer bei dem Kinde, da sie sich auf 
niemand sonst verließen; sie hörten eine Stunde nach der anderen schlagen, 
endlich auch Mitternacht, ohne daß das Kind ein Lebenszeichen gegeben. 
Endlich zwischen Mitternacht und ein Uhr, doch war es näher bei Eins, 
fing das Kind an zu gähnen. Mit Erstaunen nahm man es auf und erwärmte 
es; man gab ihm Wein und Zucker, den es verschluckte; darauf nahm es die 
Brust der Amme, doch ohne Zeichen von Bewußtsein zu geben, ohne die 
Augen zu öffnen. Dies währte bis sechs Uhr des Morgens; da es nun aber 
seinen Vater und seine Mutter beisammen sah, fing es an, nach seiner Ge- 
wohnheit zu schreien. Daraus sah man, daß es noch nicht ganz geheilt worden, 
war aber doch darüber getröstet, daß es nicht tot war. Etwa sechs oder sieben 
Tage nachher fing es an, den Anblick des Wassers zu ertragen; als mein 
Großvater eines Tags von der großen Messe zurückkam, fand er es, wie es 
in den Armen seiner Mutter spielte, indem es Wasser aus einem Glas ins 
andere goß. Er wollte sich nähern, aber das Kind konnte ihn noch nicht 
ausstehen; dies geschah erst nach einigen Tagen, und nach drei Wochen war 
es völlig geheilt und bekam wieder seine frühere gesunde Fülle. 

So weit die Geschichte! Nun aber wollen wir auch einige Hinweise zur 
Deutung geben. Die ganze Geschichte ist sozusagen um den Vater gruppiert; 
er arrangiert die Szene mit der Hexe, er hat der Frau Leid angetan, er läßt 
die Katze opfern (nachdem er ein Pferd angeboten hat), er gibt der Hexe die 
Ohrfeige, er nähert sich der Mutter, als das Kind doch noch mit Schreien 
reagiert. Die Geschichte scheint, so könnte man das Ganze einstellen, eine Ge- 
schichte des Vaters, nicht des Sohnes zu sein. Es scheint, der Vater ist schuld 
an etwas, es scheint, sein Gewissen sei nicht rein, er scheint etwas Böses zu 
wünschen und gibt der besseren Einsicht nur langsam nach. Was kann dieses 
Böse gewesen sein? Nun eben das, was fast eintritt und was er quasi abkaufen 
muß: der Tod des Sohnes. Die Hexe führt zuerst seine unbewußten Ab- 
sichten aus, dann kommt das Gespräch mit seinen unbewußten Regungen (mit 
der Hexe), er will in seiner ersten Empörung sich selbst opfern (Pferd), dann 
aber wird nur das weibliche Genitale geopfert; 1 er verzichtet auf sein Vater- 
recht, auf den geschlechtlichen Verkehr (nota bene war Blaise zwei Jahre alt, als 

1) Vielleicht will die Geschichte durch die Verschenkung der zweiten Katze die 
Aufopferung der Mutter andeuten — sie starb, als Blaise drei (höchstens fünf) Jahre 
alt war. Auch ein formaler Dual schritt ist hier im Werke. — Die Schwester Jacqueline 
ist als „die geistige Zwillingsschwester von Blaise zu betrachten" (S. 2) und in der 
krankhaften Idee von Blaise, auf seiner linken Seite einen Abgrund zu sehen, können 
wir vielleicht, als eines der gewiß nicht vielen Motive, den Verlust dieses intimen 
Verhältnisses — Jacqueline wurde Nonne — zu erblicken. Zur Beruhigung dieser 
Phobie ließ Blaise einen Stuhl hinstellen. 



Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren 549 



seine lungere Schwester geboren wurde). Sind wir berechtigt, aus dem Symbol 
der Katze diese Folgerung zu ziehen? Betrachten wir jetzt, um uns rechtfertigen 
zu können, die Geschichte vom Standpunkte des Sohnes. Wogegen protestiert 
er? Er kann kein Wasser sehen und kann das Beisammensein seiner Eltern 
nicht ertragen. Wie wenn das Kind — zufolge dieser Phobie — wirklich 
seine Eltern beobachten würde (wie die Eltern das Kind während der Nacht 
beobachten) und ihren geschlechtlichen Verkehr verhindern wollte. Als das 
Kind schon Lebenszeichen, aber keine Zeichen des Bewußtseins gab, versuchten 
die frohen Eltern den Verkehr — da wurden sie aber vom Kinde, um sechs 
Uhr morgens, wieder gestört. Wir dürfen also in der Geschichte der Haupt- 
sache nach eine Ödipus-Phantasie erblicken, rückprojiziert von den Verwandten 
in das Säuglingsalter des Sohnes. (Die Rückpro jizierung in ein so frühes Alter 
dient der Tendenz, das Anstößige harmlos zu machen.) Auch die Wasserphobie 
wäre hier einzureihen, sie kann mit einer infantilen Koitusphantasie (urinieren) 
zusammenhängen, dann, rückprojiziert, würde sie den Protest gegen Kinder- 
erzeugung (Fruchtwasser, Taufe) bedeuten. 1 

Wir müssen jetzt ein Geständnis machen. Pascal wurde Jansenit und als 
solcher hatte er als Erwachsener besondere Gedanken über die Kindertaufe 
— sie soll nicht vor der Einschulung stattfinden, — und über die Familie — 
sie soll keinen Platz zwischen den einzelnen Menschen und der Menschheit, 
dem Staat, der Kirche finden. Dann aber wäre zwar unsere Deutung der 
obigen Geschichte nicht unrichtig, aber — so könnte man meinen — nichts- 
sagend, denn es wird in diese Geschichte nur die Seelenverfassung des älter 
gewordenen Blaise Pascals zurückprojiziert. 

Einige Daten aus dem Leben der beiden Pascals — des Vaters und des 
Sohnes — lassen auf ein besonders intensives Ödipus-Verhältnis schließen. 

Hier werden wir, unseren Gedankengang scheinbar verlassend, die zweite 
Überlieferung aus Pascals Jugendzeit einschalten. Sie lautet: 

Blaise wurde vom Vater unterrichtet. Der Vater sprach mit dem Kinde 
über alles Mögliche, wofür es Fähigkeit zu haben schien . . . „Blaise hätte 
gerne von aUem die Ursache gewußt." (S. 6.) Der Vater selbst war ein in 
der mathematischen Wissenschaften sehr unterrichteter Mann, er schrieb auch 
zur Beantwortung der Einwurfe von Descartes (gegen ein Werk von Fermat) 
eine Abhandlung de mazimü et minimis. Die Schwester (Gilberte) erzählt nun: 
„Mein Vater war sehr gelehrt in der Mathematik, und hatte mit allen in 
dieser Wissenschaft unterrichteten Männern Verkehr, welche denn auch häufig 
bei ihm waren. Da er aber die Absicht hatte, meinen Bruder zunächst in den 
Sprachen zu unterrichten, und wohl wußte, daß die Mathematik eine Wissen- 



O Weitere Motivierung der "Wasserfurcht (in der Rückprojizierung) : Etwa im 
achtzehnten Lebensjahre war Blaise leidend, er konnte durchaus nur laue Flüssig- 
keiten schlucken und auch so nur tropfenweise (S. 21) — ein Zustand, dessen Ver- 
ständnis mir ermangelt (doch gerade dieser Zustand macht einen ähnlichen kindlichen 
sehr wahrscheinlich); weiterhin: die Ärzte gaben als Ursache seiner Kopfschmerzen 
vor seinem Tode das Wasser an, welches sie ihm verordnet haben (S. 216). 



55° 



Dr. Imre Hermann 



schaft ist, welche den Geist sehr erfüllt und ihm genügt, so wollte er, daß 
mein Bruder nichts davon wüßte, bis er in den Sprachen eine gewisse Voll- 
kommenheit erlangt hätte. Daher hatte er alle seine mathematischen Bücher 
eingeschlossen, und enthielt sich, in des Sohnes Gegenwart mit seinen Freunden 
davon zu sprechen. Umsonst bat Blaise den Vater wiederholt, ihm Unterricht 
darin zu geben; dieser weigerte sich dessen immer, und versprach es ihm als 
Belohnung, wenn er erst das Latein und das Griechische verstünde. Mein 
Bruder (er war etwa zwölf Jahre alt), fragte ihn eines Tages von was diese 
Wissenschaft handle; der Vater antwortete ihm nur im allgemeinen, es sei 
die Wissenschaft, genaue, regelrechte (juste) Figuren zu machen, die Verhältnisse 
aufzufinden, welche sie unter sich hätten; verbot ihm aber zugleich, je wieder 
davon zu sprechen oder auch nur daran zu denken. Der Knabe dachte aber 
in den Erholungsstunden über die Antwort des Vaters nach; er nahm, als er 
allein in seinem Spielzimmer war, Kohlen, machte Figuren auf den Fußboden 
und suchte z. B., wie man einen vollkommen runden Zirkel machen könne, 
ein Dreieck, dessen Seiten und Winkel durchaus gleich wären und anderes 
dergleichen. Er fand dies allein, und suchte sofort die Verhältnisse der Figuren 
untereinander. Da mein Vater aber so strenges Geheimnis über dieses alles be- 
obachtete, wußte der Knabe nicht einmal die Namen dafür, und sah sich 
genötigt, diese, wie die Definitionen, selbst zu machen. So nannte er z. B. einen 
Kreis ,Rundes', eine Linie .Stange'. Nach den Definitionen machte er sich Axiome 
und endlich vollständige Beweise. So trieb er es durch den innern Zusammen- 
hang bis zum zweiunddreißigsten Satze des ersten Buches von Euklid. 

Wir kennen aus der Geschichte der Wissenschaften mehrere Fälle, wo der 
begabte angesehene Vater den ebenfalls begabten Sohn unterrichtete. Bei 
J. St. Mill 1 führte dieses Verhältnis zu einer verstärkten Haßeinstellung dem 
Vater gegenüber, bei den Bolyais zu einer gegenseitigen Verfeindung, zum 
Mißtrauen und zur Eifersucht. Beide, der junge Mill und der junge Bolyai 
suchten eigene Wege in der Wissenschaft zu gehen. Bei Pascal wäre jedoch, 
nach der Überlieferung, eine Ursache dafür, daß sich sein Verhältnis zum Vater 
anders gestaltet; hier verbot angeblich der Vater die Beschäftigung mit seinem 
Lieblingsgegenstande, mit Mathematik, dem begabten Sohne. Merkwürdig stimmt 
hier der vermutliche Wunsch des Sohnes, alles von selbst gefunden, nicht vom 
Vater erhalten zu haben, mit dem Inhalte der Überlieferung. Wir halten es 
kaum für glaubwürdig, daß der alte Pascal dem Sohne alles Mathematische 
verschließen konnte. Wie wäre es, wenn wir in dieser Überlieferung eine 
Wunscherfüllung erblicken wollten [der Wunsch der Schwester entspräche 
dem (unbewußten) Wunsch des Bruders] und außerdem auch eine Verschiebung: 
die Geheimtuerei bezog sich vermutlich auf das sexuelle Gebiet („Rundes , „Stange ) 
und nicht auf die Mathematik. 

Sodann können wir aber nach Umkehrung des Inhaltes dieser Überlieferung 
dieselbe verstärkte Ödipus - Einstellung, wie sie bei J. St. Mill und J. Bolyai 
vorhanden war, auch für Blaise Pascal annehmen. Analog den Ausführungen 



1) Siehe Imago IX, Heft 4, 1923. 






Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren 551 

über J. St. Mill finden wir auch bei Blaise Pascal einen Kampf für den 
Realismus (S. 252), einen Kampf gegen gewisse Autoritäten: „Jansen 
hatte in der Theologie ganz besonders das Ansehen von Aristoteles angegriffen 
und erschüttert, Pascal greift es im Gebiet der Naturwissenschaft und Theologie 
zugleich an." (S. 254.) Seine Ödipus-Einstellung, seine Kampfbereitschaft gegen 
Autoritäten bedingte also, daß er sich den Janseniten anschloß, die auch in 
ihrer Auffassung über die Familie seinen inneren Tendenzen entgegen kamen. 
Beide Überlieferungen lassen sich somit durch die Annahme einer verstärkten 
Ödipus-Einstellung erklären, auch gewisse Denkrichtungen Pascals haben sich 
unserer Erklärung gefugt. Einzelne Lebensereignisse zeigen nun direkt auf die 
Wirkung dieses Faktors: Die jüngere Schwester wollte Nonne werden, Blaise 
unterstützte ihr Verlangen, doch der Vater widersprach, er wollte die Ver- 
lobung der Tochter mit dem Himmel nicht zulassen, wurde sogar so mißtrauisch 
gegen Sohn und Tochter (die Mutter lebte ja schon längst nicht), daß er 
beide strenge überwachen ließ. (S. 28 und 29.) Bezeichnenderweise wollte nach 
dem Tode des Vaters der Sohn, Blaise, selbst die Einkleidung der Schwester 
nicht dulden. (S. 43.) Der Tod des Vaters ließ den Sohn zuerst kalt, er 
schrieb eine lange Studie über den Tod; in der fünften Zeile dieser Studie 
steht schon: „wir wissen, daß der Tod dem Menschen für die Sünden auf- 
erlegt und notwendig ist. 1 * (S. 52.) Und eine auffallende Veränderung war 
bald die Reaktion auf den Tod des Vaters: Pascal habe sich eine geraume 
Zeit ganz der „Eitelkeit, dem Unnützen, dem Vergnügen und der Liebe zum 
Vergnügen" ergeben. (S. 59.) Doch nach drei Jahren wurde er Asket. 1 



1) Ich fühle mich veranlaßt, in diesem Zusammenhange auch etwas über die Aus- 
nützung der Leidensbereitschaft, des Asketismus, bei Pascal zu sagen, Er „machte 
guten Gebrauch von seiner Krankheit" — seit seinem achtzehnten Lebensjahre war 
er keinen Tag ohne Schmerzen gewesen (S. 21) — und davon gibt uns seine Über- 
lieferung aus seinen Dreißigerjahren Kunde: „Diese Verdoppelung seiner Übel fing 
mit einem starken Zahnweh an, welches ihm durchaus den Schlaf raubte. In einer 
seiner langen schlaflosen Nachte kamen ihm unwillkürlich einige Gedanken über die 
Aufgabe von der Roxilette oder Cykloide, welche von dem Pater Mersema auf- 
geworfen war. Er suchte etwas, was ilun durch starke Anstrengung seine Schmerzen 
vergessen ließe, und verfolgte so die Sache, bis er endlich das Problem gelöst. Als 
er damit zu Ende gekommen, fühlte er sich von seinem Übel geheilt. . . . Pascal 
sagte, er betrachte sie (die Erfindung) nur als ein Heibnittel, welches seine Zwecke 
schon erreicht." fS. 179.) Vgl. damit meine begabungspsychologischen Aufsätze in 
Imago und Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 



Bemerkungen zu einem Gedicht Lüiencrons 

Von Dr. Alfred Robitsek 



Unüberwindlicher Widerwille 



Dein Auge hat gesprochen 

Ich bliche dir bis auf den Grund, 

Und wie deine Blutwellen krochen 

Verrät mir leise dein Mund. 

Du möchtest mich wütend umfassen 

Und mir das Leben nicht lassen, 

Heimlich ward schnell es mir kund. 

Auch du hast es gleich gelesen, 

Ich brauchte keine List, 

Wie bis zum Kern dein Wesen 

Mir tief zuwider ist. 

Ich möchte dich tödlich umarmen 

Und schriest du zu Gott um Erbarmen, 

Ich ließe dir keine Frist. 

Auf Erden zum ersten Male 

Haben wir heut uns gesehn, 

Und aus der Gesellschaft im Saale 

Erregt durch den Garten wir gehn. 

Wir hasten durch Hecken und Flieder, 

Wir hasten auf und nieder, 

Und bleiben plötzlich stchn. 



„Nun sollst du mir Rede sagen, 
Was trittst du in meinen Kreis, 
Wie kannst du zu leben wagen, 
Was machst du mir kalt und heiß. 
Nicht Raum hat die Welt für uns beide, 
Das Mordzeug heraus aus der Scheide, 
Ich zittr' im Fieberschweiß. " 

„Wie konntest du dich erfrechen, 

Und gabst mir Gruß und Wort, 

Ich will dich zusammenstechen, 

Das Gras, das dich auffängt, verdorrt. 

Wir haben schon, eh wir geboren, 

Uns Feindschaft und Fehde geschworen, 

Jahrtausende walzten sie fort." 

Sein Messer durchzischt meine Lippen, 
Ich habe nicht lang mehr gelacht. 
Ihm senk ich den Dolch in die Rippen, 
Schon grüßt ihn die ewige Nacht. 
Uiul wie wir rasen und ringen 
Und blitzend die Waffen springen, 
Bin aus dem Traum ich erwaclit. 



Das Gedicht dürfte die dichterische Gestaltung eines wirklich geträumten 
Traumes sein und der Ausdruck eines starken und stark verdrängten homo- 
sexuellen Zuges im Wesen des Dichters. Die Affektverkehrung infolge der 
Verdrängung gibt sich als „unüberwindlicher Widerwille" kund, aber der 
latente erotische Sinn ist doch zu fühlen. 

Die erste Strophe spricht nicht die Sprache des Hasses, sondern die der 
Leidenschaft; der Ton, die Farbe ist erotisch. Der Kompromiß zwischen Trieb 
und Zensur, zwischen manifestem Haß und latenter Erotik kommt in den 



. 



Bemerkungen zu einem Gedicht Liliencrons 555 



auffallenden Wendungen „wütend — umfassen" „tödlich — umarmen" zum 
Ausdruck. Die dritte Strophe könnte ungeändert der Anfang eines Liebes- 
gedichtes sein; auch die Traumlandschaft, Garten, Hecken, Flieder ist ganz 
lyrisch. Die vierte Strophe ist der stärkste Ausdruck der Affektverkehrung. 
Nur in den Worten: „Was machst du mir kalt und heiß" und in den zwei 
letzten Zeilen schimmert die verdrängte Erotik durch. Besonders interessant 
ist die folgende Strophe. Wo im Traum von Urzeit, vergangenen Jahrtausen- 
den u. dgl. die Rede ist, ist immer die Kindheit gemeint, liegen Rindheits- 
erinnerungen zugrunde. So wohl auch hier. Man kann auf eine homosexuell 
gefärbte Knabenfreundschaft schließen, wie sie gerade bei Künstlernaturen 
häufig ist, wie sie etwa Romain Rolland im ersten Buch von „Jean Christophe" 

beschreibt. . . 

Besonders die letzte Strophe dürfte für das Gesagte beweisend sein. Die 
erste Zeile: „Sein Messer durchzischt meine Lippen" ist als manifester Traum- 
inhalt sinnlos. So sieht ein wirklicher Messerkampf nicht aus. Dagegen ist der 
Vorgang die beinahe unverhüllte Darstellung eines perversen Sexualaktes. Es 
sei auch auf den Wechsel in der Bezeichnung des Symbols, Mordzeug, Messer 
Dolch Waffen hingewiesen. Daß der Kampf noch weiter andauert „wie wir 
rasen' und ringen", kann als „funktionales Phänomen", als Traumdarstellung 
des Konfliktes zwischen Trieb und Verdrängung aufgefaßt werden. Das Er- 
wachen erfolgt, nachdem der Kompromiß zwischen den feindlichen, unbe- 
wußten Mächten in Gestalt des manifesten Traumes geschlossen ist.