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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II 1913 Heft 6"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR. ANWENDUNQ 
DER. PSVCHOAKALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VC5N 

PROF. DE SlCn FREUD 

REDIGIERT VON 
m OTTO RANK U. D£ HANNS SACHS 

E JAHRGANG / 1913 
HEFT 6 / DEZEMBER 




/Ö,5 
X3f 




1913 

HUGO HELLER &1.G1 

LEIPZIG U.WIEN-I-BAUERNMARKT3 



Der Erfolg des rweiten Jahrgangs hat uns aufs neue des Infcrcsscs Jejicf v^fslAcrt, 
an die sidi die ZcitsArift zunädist wandte^ ni<tt minder aber die Hoffiiußg bestätigt, 
daß audk weitere Kreise an den Problemen und Ergebnissen ynscrcr jungen Wissen- 
sctiaft Anteil nehmen werden/ endliA bat uns die rege Mitarbeit der Vertreter versAiedciicf 
Pachgebiete das Bewußtsein gegeben^ daß unser Untcrnehracn auA imstande war, der An- 
regung geistiger Produkt! onsiitigkeit zu dienen. 

Die re[<be und vielseitige Arbeit de^ abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inbaltsuber- 
sidit und wir dürfen hoffen, mit der Fcsthaltung und Ausgestaltung unseres Programms 
auA unseren Erfolg siAern und steigern zu können. 

Soweit es durdi Führbar ist, sollen alle jene Zweige der Geistes wissenschaftea, für 
die die Psydioanalyse Bedeutung gewonnen hat, zu Wort kommen/ audi soll weiterixta 
neben Sonderproblcmen der Individualpsyrfiologie besonders die Völkerpsydioiogie einen 
breiten Raum einnehmen, die Ja am deutlichsten den Wert und die Fruditbarkeit der am 
Einzelnen gewonnenen Seelenkenntnis erweist 

Das erste Heft des 1 11. Jahrgangs wird enthalten- LOU ANDREAS-SALOME : 
Zum Typus Weib. — */: Der Moses des Michelangelo. — HERBERT SILBERER: 
Der Homuncülus. — HANNS SACHS: Homers jüngster Enkel. — Vom wahreo 
Wesen der Ktndersecle. Redigiert von Dr. H. v. HUG^HELLMUTH. 



Für die REDAKTION bestimmte ZusAriften und Sendungen woMen an 
Dr, HANNS SACHS, Wien XIX/i,Peter-^Jordangassc76 adressiert werden. 



j Das Heft ersclieifit Infolge des nun beigelegten Buch- | 
I druckerstrelks verspätet. Die nidisten Hefte werden | 
i pDnktiich in der biiherlgen Welse erichelneti. S 

S^«iiattiiiiiifeiaBia«iBiAH ■■■«■•kkvAftjsaianp ■ ■■■ VB vappHiHAKfl ■■■■■■■■•■■(■(■■Ha ■■iAABmI 



Wir bitten, das Abonnement bei der bisherigen Bezygs- 
stelle sofart zu erneuern. Auch wären wir dankbar iur Bekannt- 
gabe von Adressen von Interessenten für unsere Zeitschriften zwecks 
Zusendung von Probeheften. 

»IMaGO« erscheint SECHSMAL jährlidi im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M, 15. — = K 18. — pro Jahrgang durA 
jede gute Budihandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
'S) ClE. in Wien L, Bauernmarkt 3 abonniert werden. Hinzeine Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wircT ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf iIMA< 
GO* und die ^INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ARZT* 
LICHE PSyCHOANALySE^ zum ermäßigten Gesamtjahrespreis von 
Mk. 30.- - K 36.- eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesdilossenen 
IL Jahrgangs »IMAGO« werden im Preise erhöht, so daß ocr komplette 
n. Jahrgang nunmehr M. 18.— = K 21.60, gebunden M. 22.50 = K 27 — 
kostet. Auch vom ersten Jahrgange sind noch einige wenige Exemplare 
zu diesem Preise verfügbar. 

^ ORIGINAL -EINBANDDECKEN mit Lederrücken sind zum 
Preise von M. 3.— = K 3.60 durch jede gute Buchhandlung, sowie 
direkt vom Verlage zu beziehen. 

Copyright 1913, HUGO HELLER ® CIE, Wien I., Bauernmarkt 3. 




IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO- 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
II. 6. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1913 



Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Sprache. 

Von ADALBERT BERNy, Wien. 

Die Rückführung der anfänglidi so überrasdiend entwiAelt an* 
mutenden zeidinerisdien Tätigkeit des paläolithisdien Men* 
sdien auf einen — selbst nidit weiter rüAführbaren — 
Sdiönheitstrieb mußte als unhaltbar aufgegeben werden nadi Er* 
kenntnis der Unriditigkcit einer Vermengung der auf Empfindungs* 
inhalte basierten künstlcrisdien Produktion mit einem die Natur 
unmittelbar nadibildenden Gestalten zum ZweAe der Entlastung 
der primitiven Psydie von der Überfülle der erregenden EindrüAe. 
NaA der Befreiung aus der Befangenheit der Vorstellungen einer 
traditionellen Ästhetik war bald ein sidierer Standpunkt gefunden, 
von dem aus ein gesdiärftes Urteil in der Naturwahrheit der stein* 
zeitlidien Tiermalereien nidits überrasdiendes mehr zu finden ver* 
mag/ denn die unmittelbare, halb zwangsweise und spekulations- 
fremde Art der Reproduktion kann nidit anders als naturalistisdi 
<mit Verworn: »physioplastisdi«) geartet sein, im Gegensatz zu 
einer »ideoplastisdien« Abbildungs weise, weldie als ein Resultat des 
theoretisierenden Denkens, als Resultante zahlreidier assoziativer 
Prozesse begriffen werden muß. 

Wenn aber das Bild zur Schrift überleitet, so darf es nidit 
unterlassen werden, für das nodi primitivere zweite Ausdrudts* 
mittel des Mensdien, für die Sprache, den Versudi vorzunehmen, 
zu finden, ob nidit audi im Bereidi der Glossopsyche sidi ein 
Ablauf der EntwiAlung nadiweisen läßt, wie er für das Eido* 
psydiisdie mit Sicherheit erwiesen ist. Dabei werden die Tatsachen 
der Wiederholung der phylogenetischen Entwicklung in der Onto* 
genesis, die Rekapitulation urzeitlicher Lautfügungen beim Kinde 
und der Stabilität primitiver Bewußtseinselemente Infolge der Ver* 
erbung ihre leider nicht weitreichende Hilfe bieten müssen, die trotz* 
dem nicht unterschätzt werden darf, wenn es auch durch den Ein* 
fluß der Erziehung dazu kommt, daß das Kind ideoplastisches 



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538 Adalbert Berny 



Zeichnen und den Gebraudi der Worte der Erwadisenen erlernt 
hat, ehe es dazu gekommen ist, sidi physiographisdi zeidinend be^ 
tätigen zu können und seine Lallworte zu einer Sdiallwortspradie 
auszugestalten. Für die »Evolution des Bildes« sind uns reidie 
Zeugnisse erhalten,- die Evolution der Spradie kann nur ersdilossen 
werden. Wenn aber alle paläolithisdie Zeidienkunst auf Selbst- 
befriedigung zurüd^geführt werden muß, aus der sidi erst sekundär 
die Mitteilungsmöglidikeit durdi die Sdirift entwüelt hat, dann muß 
audi die Spradie eine intime Seite haben, aus weldier ihr erster 
Ursprung erfaßbar wäre,- und es müßte ein jeder einen Rest aus 
der Zeit seiner kindlidien Spradilautformung bewahrt haben, auf 
den sidi kein Mitteilungsbedürfnis beziehen wird und der, mit dem 
Triebleben in unmittelbarem Zusammenhange stehend, als eine 
Wiederholung vorzeididier Spradiäußerung aufgefaßt werden müßte. 
Die widitigsten Angriffspunkte für die Erfassung des Problems der 
Spradientwid^lung werden sidi dann eben in jenen Elementen des 
mensdilidien Empfindungslebens vorfinden, für weldie der Zwang 
der äußeren Verhältnisse am sdiwersten ertragen wird, deren ge^ 
fährlidie Beweglidikeit eine fortsdireitende geistige Entwidlung nodi 
nidit ganz hat eindämmen können, weldie eine oberflädilidie Hülle 
in jedem unbewaditen oder zwangfreien AugenbliA zu sprengen 
bereit sind und in ihrer Gesamtheit die »Sphäre des Gesdiledit^ 
lidien« bedeuten. Aber für den primitiven Mensdien mußte das 
Sexuelle — und das Grob^Physisdie überhaupt — notwendig seinen 
ganzen geistigen Umkreis erfüllen und seine Denkweise auf Bahnen 
lenken, deren Spuren wir nodi lange nidit verlassen haben,- und 
endlidi mußten der Drang zur Arterhaltung, die Unerfülltheit der 
Begierde und die Entspannung nadi der erfolgten Lustbefriedigung 
die ganz oder halb unwillkürlidieren Lautäußerungen auslösen, in 
welchen der allererste Ursprung der Spradie gesudit werden muß. 
Ein erster Versudi, die Ableitbarkeit der Spradie aus sexuellen 
Motiven zu erweisen, wurde von Dr. H. Sperber gegeben <»Imago«, 
1912, p. 405 if. Die folgenden Ausführungen dienen der Aufgabe, 
der aufgestellten Hypothese neues Material zuzuführen, für dessen 
Zustandekommen in erster Linie ein durdiaus versdiiedene Ziele 
verfolgendes Werk von Johann Steyrer förderlidi war, weldies 
»Ursprung und Wadistum der Spradie indogermanisdier Europäer« 
darzulegen bezweAt^ Die Konvergenz der Resultate der durdi 
rein philologisdie Absiditen bestimmten Steyrersdien Arbeit, deren 
weit über den gegebenen Inhalt und den ZweA der Darstellung 
hinausgreifende Konsequenzen idi im folgenden zu ziehen habe, mit 
dem Grundgedanken des Versudies von Dr. H. Sperber bedeutet 
eine Erhöhung des Wahrsdieinlidikeitswertes für die beiden unab^ 
hängigen Hypothesen, weldie es als bereditigt ersdieinen lassen 
wird, sie miteinander zu verknüpfen. 



» Wien 1905 bei A. Holder. 



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Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Spradie 539 



L 

Der von H. Sperber unbestimmt gelassene »Lockruf als Er- 
wecker der Vorstellung gesdileditlidier Tätigkeit« würde mit Bezug 
auf die Ausführungen der Steyrersdien Sdirift identifiziert werden 
müssen mit dem »Urvokal« coa, der, konsonantisdi determiniert, 
der Ausdrud^ aller primitiven Tätigkeit des vorgesAiditlidien Men^ 
sdien gewesen sein soll. Aus dem Brüllen (oo-voßat), dem Natur- 
laut, der Hunger <vor^aritatem> oder Paarungslust bedeutet, sondert 
der lallende (ßag-ßciQ-og) Mensdi in der Folge der Zeiten das sinn^ 
volle Wort <ver-bum>: der Mensdi brüllt nidit mehr, er redet, und 
von dem kindisdien o).oAiL,eiv sdireitet er vor zum Aoyoc, von der 
eloquentia bis zur loquacitas. Der Urvokal ded<t sidi mit den Be^ 
Zeichnungen der ursprünglidisten Werkzeuge: die Laute rojo, foo, 
cok bezeidinen das Urgerät. Der Urvokal allein wäre als Folge 
der die Anstrengungen der Arbeit in den Ruhepausen ausgleichen^ 
den Entspannung aufzufassen — die späterhin, beim geselligen 
Zusammentun — zur Entstehung der den Arbeitsrhythmus mar^ 
kierenden Werklieder führen,- der Lirvokal ist der Ausdruck der 
Erschöpfung nadi getaner Arbeit,- und so, wie ihn Steyrer aus 
philologischem Zusammenhange ableitet, stellt er sidi, als lautlidi 
identisdi, aus einer anderen Überlegung dar, weldie ihn — auf die 
physiologischen Untersudiungen Koenigs über die Eigentöne 
zurückgehend — aus der Folge der Grundvokale UOAEI in der 
Verbindung UOA des Anfangs der Reihe als die denkbar ein^ 
fachste Lautäußerung herauszulösen zwingt. Mit dem >^ dumpf* 
pfeifenden Timbre des LI zu dem offen bäumenden A« aufsteigend, 
Kennzeidinet sich der Urvokal als die Ablösung der Händcarbeit 
durdi die des Atemsdiöpfens. Der Urvokal begleitet (wenigstens 
als Flüsterlaut) das Gähnen <Lustbetontheit des tiefen Atem^ 
sdiöpfens). 

Der bloßen Klanggebärde des Urlautes gesellte sidi die onomat .^^ 
poetisdie Schallnachahmung des Werkzeugs ,zu rcoo = »drehen« gehören 
terebra, tovrcain], rooog, rfotrnoi^ als Namen des Bohrers, Tor- 
mentum, rooyog, als Bezeidinung des kreisenden <knarrenden!> Rades. 
Lind für solches assoziationserweckendes Vorsetzen eines bestimmcPi- 
den Konsonanten vor den Urlaut sind lange Reihen nachweisbar, 
weldie die Gruppe der ineinander überfließenden Begriffe des Bohrens, 
Drehens, Kreisens, Krummseins und des Schlauseins enthalten <in 
aufsteigender Folge der Entsinnlidiung der ursprünglichen Vor* 
Stellung). Nidit die Arbeit ist lustbetont, aber die Arbeitspause 
und die spielerische Nachahmung der Arbeit. (Das Too/a/.f^^ior 
und der arooßog folgen hieraus als die ursprünglichsten Spielgeräte.) 

Die Arbeitsbestellung und der Coitus stehen für die naive 
Denkweise der Llrmensdiheit in enger Parallele. Das Bohren des 
Feuers im Ritus der Zeugung des jungen Feuergottes und das 
Hakenkreuz als Feuerquirl auf dem Genitale des Troischen Blc' ^ 



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Bio Adalbert Bcrny 



idols bezeugen die urzeididie Vorstellungsassoziation für das Bohren 
und das Zeugen. 

TQVJva = Bohrlodi ist von hier weitergehend eine Oberall nadi* 
weisbare Umsdireibung für »Weib« <pars pro toto>. Im Hebräisdien 
ist der parallele Ausdrudt nqbh = perforata, von der Wurzel 
nqb = durdibohren abgeleitet. 

Es ist das erste Beispiel für die Übertragung der Termini des 
Handwerkers auf das Sexuelle, wie sie durdiaus analog bis heute 
in den Bezeidinungen der Ösenweibdien, Mütter und Matrizen 
fortbesteht. 

Eine Erweiterung und Vertiefung erfährt der Gedanke des 
Steyrersdien Budies bei BerüAsiditigung audi der Konsonanten 
der Urwörter mit ihrem Vermögen der oegriffspräzision ^ 

Ahnlidi wie in »Knoten« und »Knopper«, »Knüttel« und 
»Knüppel« der Dental das Einfadiere, der Labial das Kompliziertere 
und die Lautfügung kn irgendeine Art grober Zusammengeballtheit 
kcnnzeidinen <cfr. Knaster, Knäuel, Knauf, kneten, Knödel, Knollen, 
Knopf, Knorpel, Knorren, Knospe, Knoten) — oder in »Sdiub«, 
»Sdiuß« und »sdiüren« das Einfadiere, beziehungsweise Verwickeitere 
durdi Dental, beziehungsweise Labial, die Wiederholung aber durdi 
r zum Ausdrud^ kommen und in dem ä^Laut eine onomatopoetisdie 
Wiedergabe des die Tätigkeit begleitenden Geräusdies erkennbar 4 

ist — muß audi die konsonantisme Unterstützung des Urvokais \ 

jedesmal als von der Natur vorgezeidinet nadigewiesen werden ^ 

können. Danadi aber sind die Urlautgebilde rcoo, jicoo und (jproo 
nidit so durdiaus äquivalent, wie sie es nadi der Steyrersdien Dar^ 
Stellung wären,- audi in dem herausgezogenen hebräisdien Beispiel 
nqb ist dieselbe nuancierende Kraft der konsonantisdien Laute 
aufzeigbar: in nqd, nqb, nqr wirkt wieder der Dental simplifizierend, 
der Labial komplizierend und der r^Laut iterativisdi. Die physisdie 
Erleiditerung des Bohrens <des Feuers und der Sdiaftlödier) infolge 
der Drehbewegung kommt in dem vorgesetzten Dental zum Aus^ 
drud^, während die anstrengendere Arbeit des geradeauszielenderi 
Eindringenlassens eines spitzen Werkzeugs im Labial ihr laudidies 
Abbild findet <rfrehen und j^rägen, roavog und JTSQOin], hebr. : 
trr umrühren, prr zerbrödceln als iterative Variante von prs, prm, 
prk zerreißen, prt, prq abreißen, prz durdidringen,- cfr. /^rillen 
und p/riemen>. Eine dritte Tedinik der Bearbeitung des Steines 
besteht in dem Auskratzen des Sdiaftlodies, weldie dasUrwort hcoo 
besdireibt/ <70rt<ip(0, kratzen, Kralle, Kreis, kreisdien/ Krabbe und Krebs 
vom Gcräusdi des bredienden Chitinpanzers). <Die Notwendigkeit 
des Krummbiegens der Hölzer bei den primitiven tedinisdien Vcr^ 
riditungen führt infolge des begleitenden Kradiens zu einer zweiten 



^ Bei den diesbezüglichen Ausführungen ist ein Aufsatz von Dr. I. W. Nagl 
(»Wiener Zeitung« vom 18. April 1913) über »Grundlegendes für das Mundarten* 
>3c^'örterbuch< berücksichtigt. 



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Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Spradie 541 

vom Lirgebilde kcoq auslaufenden Reihe, weldie sidi auf die Vor* 
Stellungen von Gekrümmtem bezieht: Kopf zu ygvjtog gekrümmt, 
Krüdce, krumm, Krüppel, Kranz, Krampe, Krampf, krank. Hörn, 
xsoag,' rühren zu XQaaig/ hebr. qrs sidi krümmen, qrn Hörn.) 

Die Tedmik der Steinbearbeitunc[ findet ihre Übertragung auf 
den Erdboden beim Ausgraben der Wohngrube, beim Einrammen 
des Pfahles und bei der Bestellung des A&erbodens. Die Assozi^ 
ierung der Vorstellungen, weldie die täglidie Händearbeit dem 
prähistorisdien Mensdien einprägte, mit den andern auf die sexuelle 
oeite hinzielenden äußert sidh in der Ausbildung von Bezeidinungen 
des Weibes und des Coitus aus den Wurzeln der drei Arbeits-^ 
namen: 

TCOQ ->■ d'OQWliai^ d'QCOaxO), tlXTCO. 

JTCOQ ->- g)(oTog, futuo <porcus) Jtoovogy puber, .i^cudöco jtoieo). 
xcoQ ->- KOVQog, creo, ahd. huora. 

Die passive Rolle der bearbeiteten Erde analog der des 
empfangenclen Weibes und die nadi dem physiologisdien Vorbild kon* 
struierte Parallele zur Erklärung des Erfolges der Aussaat führt von 
der ursprünglidien engen Berührung zweier getrennter Vorstellungs- 
kreise zu deren endlidier Versdimelzung. 

Die Symbolik der MUTTER ERDE entspringt dieser durdi 
analogisierende Denkweise erklärlidien Begriffsüberkreuzung. Das 
»Terra gerit fruges« bedeutet dem MensAen der Vorzeit oie Ent* 
hüllung des Rätsels der Beziehung seiner eben erst erkannten Per* 
sönlidikeit zu seiner unmittelbaren Umwelt in der Enge seiner not- 
wendig anthropomorphen Denkweise und des Gebietes der Dinge, 
auf das sidi sein Interesse bezog,- die Erde erlebte sein eigenes 
Sdiid^sal: sie zeugte, empfing, gebar, blühte und starb. Und damit 
wurden der Phallus und der Sdioß zum Mittelpunkte eines primi^ 
tiven Kultes. Und alles, was zuerst in der Sphäre des Geschledit^ 
lidien bei der Arbeit des Mensdien infolge irgendeiner Analogie 
nur leisen Widerhall gefunden hatte, wurde im Verlauf der Spradi^ 
bildung ein lautender Name in bewußter Metonymie. 

Die infolge der Armut an spraAlidien Ausdrud^sformen ur-^ 
sprünglidi zwangsweise Übertragung der Arbeitsnamen auf den 
Coitus ist die Quelle jener nie versiegenden Flut der bewußten 
Sdiöpfung obszöner Terminologien/ fiv?J,sv^ molere und hebr. 
tchn als Verba für »Mahlen« erhalten denselben sexuellen Neben* 
sinn, der den viel ursprünglidieren Verben für »Ackern« von 
Natur aus anhängt <cfr. hebr.: bq^ = spalten/ pflügen, ova 
parere/ bqq spalten, bqr spalten/ subst. Pflugvieh/ jld Hiph. pf. ge-' 
Dären lassen, die Erde befruditen, zeugen, ovaparere). Das Pflügen 
ist mehr als etwas anderes, ein Kerben des Bodens. Der Haken« 
pflüg ist die ursprünglidiste Pflugform. »Harke« gehört zum Urlaut 
XCOQ so unmittelbar, daß sidi ai kharj = kratzen und hebr. )D^n 
kratzen subst. irdenes Gefäß, Sdierbe, dirä einsdineiden, pflügen in 



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542 Adalbert Bcrny 



Form und Inhalt decken, so daß die Form /agaoaco als Lehnwort 
aus dem Semitisdien angesehen wurde, anderseits der fraglidie Zu^ 
sammenhang mit ass. hariStu = Gebärende vollkommen verstand-^ 
lidi wird. Die Vorstellung des im Schraubengange schürfenden 
Pfluges <scrupus = spitzer Stein) beherrsdite die Riditung der 
Schrift, die zuerst als Tatuierung die eigene Haut zur Unterlage 
hatte und später auf die Scherbe übertragen wurde. In scaipo 
und yla(pco als den Verben für das Ritzen der Haut ist das linde I 
als diarakteristisdi gegenüber dem r in scribo und yocKfco als der 
Andeutung des kratzenden Geräusdies und das hellere i, beziehungs-^ 
weise a gegenüber dem dumpferen Vokal in sculpo und j'/i'-Troj 
als dem Mittel zur Andeutung des tieferen Eindringens. Das 
Sdireiben in den beiden Urformen des Haut* und des Steinritzens 
ist unmittelbar sexuell lustbetont: Die Miterregung der Gefühls^ 
nerven beim Quietsdien des Sdiieferstiftes über der Sdiiefertafel, 
die absiditlidi sekundär erregte Empfindung des Kältesdiauderns 
entspringt einem auf unsere Kindheit erbtestamentarisdi über^ 
kommenen Rest der sexuellen Lustbetontheit des Sdireibens der 
Vorzeit: »sdireiben« ist aisl. rita = reizen - reita = reißen madien. 

Es sind zu vergleidien: 

— chrs durdi stechen <dazu ass. härme Hurereien, harimtü hiero- 
dule) ehrst Ton, Sdierbe. 

— chrf reißen, rupfen, reizen. 

— chrz eingraben, einsdineiden, arab.: die Haut sdirammen, ass. 
ha§imu. 

— chrq knirsdien. 

— chrr <iteratives r> öfter durdistedien = durdilödiern. 

— chrs kratzen, subst. Ton, Sdierbe <- /agaoGO)}, 

— chr§ einsdineiden, ass.: ereSu pflügen. 

— chrth eingraben, ehrt einsdineiden, eingraben, ar <wie ch§f>: ab^ 
sdiälen, entblößen, subst. Sdirift. 

— chrr zittern {iteratives r> vor Kälte. 

— chrb davon griediisdi äojti] Messer. 

Vom roavfia als dem Wundmal infolge der Hautaufritzung 
in der Absidit der Persönlidikeitsbetonung und der Sidierung des 
Gefühls männlidicr Überlegenheit durdi Schmerzertragen leiten sidi 
die Bezeidinungen für den Mut ab. <Tro//ia, daooog u. a.> Vom 
pingere, vom tatuieren des Males als des Totemzeidiens aus 
nimmt der Namen aller Malerei <pictura>, der Vorform der Sdirift, 
ihren Ursprung. Der Zwang der Bewegung, der, aus der Erinnerung 
an das oäen und das Ziehen der Furdien (oov^ herstammend, 
den Zug des Zeidinens der Haut auf dem Stein bestimmte, fand 
seinen Ausdrud\ im Hin= und Widergang der Folge der Elemente 
des Ornamentum und nodi im ßovoTQoq?£Öov der so viel späteren 
Büdier. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Spradie 543 

Als die stabilsten Klanggebärden mußten sidi notwendig die^ 
jenigen erweisen, weldie insofern die Arterhaltung ermögliditen, als 
sie in der erotisdien Erregung des Säuglings ihren Ursprung hatten. 

Den Bewegungen des Mundes als einer erogenen Zone bei 
der Nahrungsaufnahme entspredien primitivste Urlautgebilde, die 
sidi differenzieren in die Äquivalente der Bewegungen des Saugens, 
Led^ens und Sdiludtens, 

— Saugbewegung fif^ <mamma> 

— Ledc^ und SAlud^bewegung Ay, beziehungsweise yA: 

iingere, ?^ei/ßtv^ hebr. Ichk, lecken, Ichch feudit madien, 
Ichm essen,- 1^^ sdilürfen, I^t sdilingen,- Xv^stv, 

— yaXa, hebr. chlb Mildi, chls fett, chlq glatt/ 
yXvKvg süß = »schluckbar«. 

— Leckbewegung i^l, Ifi: 

jiieXt, fisXtööa - Sdimetterllng <als leAendes Tier). 
compos: ^u-A + Ay; fiaXaxog weidi, noXyr] Milch, 
lambo, davon Löffel <hebr. mich Salz = Led^bares). 

Die erotisdie Lusterregung beim Saugen findet in den Spradi^ 
beziehungen ihren Ausdrud^, weldie von felare = säugen zu fei ix = 
=^ glüdtselig überleiten und die sidi in der Umdeutung der bona 
dea in die heilige Agathe bis in die dirisdidie Zeit wirksam erwiesen 
haben. 

Die Äußerung der Lustempfindung bei der Defäkation <in 
Form des reinen Urlautes) bestimmt die Ableitung der Namen für 
die Wahrnehmung des Gerudisreizes : olere, sv-co-örig, odor,- und 
sie gibt dem Körperteil den bleibenden Namen: oogog, aisl. ars, 
kelt. ersä, oder es liefern ihn die geräusdimalenden Worte für den 
flatus: JtsQÖco ->- podex <Ammenwort: popo). Der Zauber der aus 
den Körperöffnungen stammenden Stoffe <K. Th. Preuss, »Globus« 86) 
läßt den Mensdien die Naturvorgänge als Exkretionen am Leibe 
des Erd^ und des Himmelsgottes deuten. Der Regen wird umge^ 
deutet in »Harn der Sterne«, der Wind in Atem des Himmels. 
Die Bezeidmung des Stern seh nuppenfalles der Perseiden als 
»Tränen des heiligen Lauren tius« beweist die physiologisdie Aus- 
deutung der Vorgänge am Himmel der Vorzeit und damit das 
Bestehen physiologischer Assoziationen bei der ersten Sdiaffung der 
Namen. 

Nadi der bäurisdien Wetterregel ist der heilige Medardus 
»Heubrunzer« — und die heilige Margareta »soadit in's Troad« 
<Mardifeld). Es ist mehr als eine Spielerei mit Gleidiklängen, wenn 
der Mythos den Orion entstanden (oqcoqo) denkt aus dem Harn 
iovoscü) der Götter,- denn das verbum ovQeo) vereinigt die Begriffe 
des Harn-^ und des Samen lassens und der Regen und die 
Samenkörner befruditen die Erde. 

An dieser Stelle erweist sidi die Rüdeerinnerung an die Reihe 
der auseinanderfolgenden Begriffe des Kreisens, Krummseins und 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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544 Adalbcrt Bcrny 



der Sdilauheit als wertvoll für den Nadiweis der speziellen Auf^ 
Fassung des Himmelsgottes der Urzeit. Nidit den Bogen des Sonnen** 
Umlaufes meint die den Urlaut begleitende Geste des Halbkreises <wie 
S tey rer meint)/ es ist vielmehr der MOND der kreisrunde, 
rollende, <als Sidiel) krumme, sdilausinnige Mondgott, der alle primi^ 
tiven Mythen beherrsdit <Siecke>. Der Mond als gehörnter, als 
Wind-» und Wettergott mit seinem, das Gesdileditsleben des Men* 
sdien so tief betreffenden Einfluß, nadi weldiem die Menses als 
eine Defloration durdi den Mond ersAeinen. Das Blaubartmotiv 
ist dem lunaren Mythos entsprungen, die Entmannung des Noah, 
die Überwältigung des Simson sind die Ausläufer uralter Neumond^ 
mythen. Der Mond sdiid^t Regen und Wind und er ist Heilgott. 
Der Mond treibt dem <weiblidien> Organismus bei seiner als reini^ 
genden Heilwirkung aufgefaßten Beeinflussung Blut ab. Im Ham^», 
Sdiweiß- und Blutabtreiben <Gleidiheit der Sekrete in primitiver 
Vorstellungsweise) und im Laxieren besteht alle urzeitlidie medi^ 
zinisdie Praxis, die sowohl auf die Sekrete des Mensdien ausgeht, 
als sie anderseits von ihnen als Heilmitteln ihren Ausgang nimmt. 

Die »sdilediten Säfte« sind unheilvoll, so lange sie im Leib 
des Kranken sind/ ihr sAlimmer Zauber wendet sidi zu heilkräftiger 
Wirkung, wenn sie ihn verlassen haben. Die »Dred^^Apotheke« 
mit ihren aus der Zeit der Ägypter bis ins späte Mittelalter 
zum Teil wörtlidi bewahrten Praktiken hat ihren Ursprung in der 
urzeitlidien Humoralpathologie. Und der Mond, als Heilgott, be^ 
stimmt mit den Phasen seiner Gestalt die Zeiten der Dosierung 
der heilsamen Mittel. 

Der Einfluß der meteorologischen Ersdieinungen auf den 
Organismus bestärkt die Auffassung der Exkrete als ihnen ver^ 
wandter Dinge. Der Zaubersprudi einer Keilschrifttafel der Biblio^ 
thek König Assurbanipals <K 191*) besdiwört den »Wind, den 
Verwandten der Götter, der zwisdien Kot und Harn ausgeht, 
dessen Stuhl bei den Göttern, seinen Brüdern ist«. Die Befreiung 
von den AflFektionen des Organismus »bedeutet« Glüdt <Niesen 
»zu langem Leben«, tobim diajim). Das Niesen wird als lust* 
betont nadi dem Aberglauben bestraft, wenn es zur Unzeit erfolgt 
<»Niesen und Ladien am Freitag, Weinen am Sonntag«). Und 
wieder ist der Vorstellungskreis, der sidi auf Körpersekretion bezieht, 
in enger Berührung mit dem andern Kreise, der clie auf die Zeugung 
hinzielenden Gedanken umfaßt: Kot ist Ackerdung/ aus dem 
Speidiel der Wanen entsteht Kwasir, wie Orion aus dem Harn 
der drei Götter. Der Gedanke, daß die Sonne in den Leib der 
Himmelsgöttin <für den Ägypter die Mutter Nw^^^t) des Abends 
eingeht, um am Morgen aus ihrem Munde wieder hervorzukommen, 
ergibt sidi so unmittelbar aus einer von sexuellen Vorstellungen 
beherrsditen NaturbetraAtung, daß er sidi über die ganze Erde 
verbreitet findet. Grey <PoIynes. Myth., p. 54 bis 58) weist für 
Neuseeland da^ Mythos der »RüAkehr der Sonne in den Mutter^ 



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Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Spradie 546 

leib« nach und ebendort enthält die Sage einen Kern, die sie aus 
der Konstruktion einer anthropokosmisdien Parallele hervorgegangen 
erweist: Der Mensdi würde unsterblidi werden, wenn er, wie die 
Sonne, in den Mutterleib der »großen Frau Nadit« eingehen 
und ihn beim Munde wieder verlassen könnte. Der Mythos ent^ 
springt den Mutterleibsphantasien eines primitiven Volkes. Und 
ebenso bezeugen die Mythen, weldie den Hades als ein versdilin^ 
gendes Ungeheuer auffassen, die anthropomorphe Auffassung des 
Himmels und der Unterwelt <»im Bauche des Hades«, mibten 
sdieol Jonah II, 2),- spradilidi fixiert sidi diese Auffassung der 
Parallele der Sonnenaufgangs*' und ^Untergangspunkte mit Körper- 
öffnungen in dem Sanskritworte für »Abend« : rajane mukha = »Mund 
der Nadit« und in den Umsdireibungen: Hels Mund und Höllen^ 
sdilund. 

Zu der Auffassung des Regens als Harn <cfr. pluvia zu dem 
Urwort plu für »Ausspudten«) erweist sidi der Ausdrud^, nadi 
weldiem es »wie aus Sdiläudien« gießt, unmittelbar zusammen^ 
gehörig, dessen ursprünglidien Sinn der Zusammenhang zwisdien 
»follis = Sdilaudi« und »g?aAAog« enthüllt. Und der Ausdrud< »Wind^ 
lödier« entspringt derselben Bezugnahme auf den eigenen Leib, bei 
dem Versudi, die Naturvorgänge mit dem dürftigen, aus dem 
physiologisdien Bedürfnis entsprungenen Lautmaterial ansdiaulidi zu 
madien. 

IL 

Der Mensdi im Paläolithikum knüpfte an den Inhalt seines 
armen Vorstellungslebens, das einzig ausgefüllt war vom Spiel der 
unmittelbaren Erinnerungsbilder der Sinnesempfindungen, nodi keinerlei 
spekulative Überlegung und so mußten ihm, so lange dies galt, alle 
die aus mystisdiem Theoretisieren der Vorgänge in der Welt 
resultierenden Begriffe fremd bleiben, die späterhin — nadi der 
Konzeption der Seelenidee — über das mensdilidie Denken soldie 
Herrschaft auszuüben mäditig waren, daß die große Menge nodi 
heute sidi blind ihr unterwirft. Vor der Periode der Einlegung 
wirkender Ursachen hinter den Ablauf der Dinge, in den Zeiten des 
nodi einfadien, erfahrungsmäßigen Betraditens, empfing der Mensdi 
die unmittelbarsten EindrüAe von der Natur. Die für den Erfolg 
seines Jägerlebens unmittelbar notwendigen Tierlautnadiahmungen 
repräsentierten den Kern eines geringen Besitzes an Lautäußerungen, 
die nodi nidit als Spradie bezeidinet werden dürfen. Aus dem 
Lallen aus Freude über den selbsterzeugten Klang, aus dem rhyth- 
misdien Spiel der Gliedmaßen, das phylogenetisdi und ontogenetisdi 
unsere Kindheit diarakterisiert, sondert sidi eine Anzahl von Gesten 
imd Lautgebärden ab, eine Reihe physioplastisdier Lautbilder, die 
aus der unmittelbaren Reaktion der Dinge in der Außenwelt auf 
die Psydie hervorgehen mußten/ es waren nidit mehr Lautabbildungen, 
sondern Übertreibungen des unwillkürlidien Spieles der Gesidit?^ 



Ima^o 11/6 



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546 Adalbcrt Bfmy 



muskeln bei der mimisdien Widerspiegelung der Dinge, die bei 
willkürlidier Wiederholung von anderen unmittelbar verstanden 
werden konnten. Das mimisdie Element ist in den Namen für die 
Gerudis* und GesdimaAsempfindungen und für die einfadisten 
latsadien Jeder Sinnesempfindung überhaupt überall nadiweisbar. 
Vom Saugen nimmt die Bezeidinung der GesdimaAsqualitäten, 
audi die oer unlustbetonten, ihren Ausgang, da eben das Saugen 
der Prüfung auf den GesdimaA vorausgehen muß. Das die ange* 
nehmen GesdimaAempfindungen begleitende Sdilucken <yA> ist für 
»Süß« kennzeidinend und ebenso das zisdiende Einziehen des Luft* 
Stromes wegen der innigen Verwandtsdiaft zwisdien Gerudi und 
Gesdimadt. 

— a in fjdvg, suavis, süß, ahd. suozi/ Suppe von supfen = sdilürfen,- 
saugen, sugere. 

— (T + m : hebr. mzh, mzz saugen, subst. Saft. 

— /i-|- Dental: Met, fjis'd'v, lit. medüs, Honig/ hebr. mthq mit Lust 
saugen/ sdinalzen, sdimatzen, ass. matku Honig. 

— m-f-ö; ahd. smecken, lit. smagurial LeAerbissen. 

— Der Zitterlaut Q der Klanggebärde des Kältesdiauerns, der dem 
Saugen angefügt, dient dem Ausdrude des Bittern. 

— /i-j-ß: hebr. mr bitter, <cfr. interj. brr!> 

Dem Wohlgerudi ist der süße Gesdimade so nahe verwandt, 
daß sidi die Namen dedcen, die starke Gefühlsbetonung des Süßen 
führt durdi Gegenteilsverkehrung der Namen <» Gegensinn der Ur- 
worte«) zu Bezeidinungen des Bittern, die nidit mehr unmittelbar 
die Empfindung wiedergeben, sondern der höheren Stufe der Ent- 
widilung des eigentlidien spradilidien Ausdrudes durdi abgeleitete 
Namen angehören: 

süße Lust ->- bitterer Sdimerz <a^t -f Q) Ofiegövog, mordeo 

I 
y 

süßer Duft -> sdimerzerregend riedien : 

! 
Y 

süßer Gesdimade ->- bitter zu findo = spalten,- herb, lit. kartüs. 

Der aus dem Widerhall der Natur in der Psydie des primi* 
tiven Mensdien folgende Zwang zur Mitempfindung, welche die 
intensive oder gewohnte Wahrnehmung audi der nidit tönenden 
Phänomene in Laute zu verwandeln trieb — aber ohne Bewußtsein 
des so gesdiaffenen Symbols — die mit der wamsenden Fülle der 
erlernten Klanggebärden ausreifende Tedinik der Stimmittel und das 
erstarkende Gerühl für den Rhythmus ermögliditen dem Mensdien 
einen bislang meist nur reflexmäßig arbeitenden Muskelkomplex der 
Herrsdiaft des Willens ganz zu unterwerfen. 

Jenseits aller Etymologie und jeder philologisdien Regel bc^ 
stehen noA in allen lebenden Spradien Nadiläufer primitivster 
Lautäußerung, zum Teil infolge überkommenen Gebraudies lebendig 
bewahrt, zum Teil in unserer Kinderspradie immer wieder neu 



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- Urlaut ovcoQ 



'Luv Hypothese des sexueflcn Ursprungs der SpraAc 547 

erweckt und dem Vokabular der Ammenspradie zugewiesen. An 
der Grenze dieser primitiven Urlaute und am Übergang zur eeord^ 
neten Rede stehen die Wortwurzeln, weldie theoretisierende opeku^ 
lation aus den Urlauten ableitet oder neu ersdiafft und die infolge 
der Lod^erung des früher so engen Zusammenhanges von Klang 
und Sinn vieldeutiger sind, sdiwankender im Gebraudi und unsidierer 
in der Wirkung. 

Es ergibt sidi eine Möglidikeit, die EntwiAlung der Sdiöpfung 
der Namen nadi Stufen zu ordnen. 

Es umfaßt die I. Stufe: 

A. An sidi sinnlose Lallworte: 

XaXeiv, hebr.: l^g stammelnd reden, 
fcarbarisA reden 
l^a barbarisdi 
l^t rorare 
1^^ sdiwatzen 
1^^ sdilürfen 

B. Die Anwendung des Urlautes bei der Äußerung der Affekte 
im Jagd^ und im Paarungsruf und bei der Unterstützung der 
Arbeit des Bohrens durdi seine rhythmisdie Wiederholung 
führt zur Entstehung der Verba mit der Grundbedeutung des 
Vereinigens, Zusammensetzens aus der Urform coo; 

L agrtog aneinanderpassend, aptus, artus. 
oKtco, sero, bIqü),- dg/xog Fuge. 
Sexuelle Funktionen <das Lingam als Vereinigung): ovgso): 

vir/ oiq)ao), o^evo) = venero. 
Zusammenfügen der Enden: orbis. 

IL (OQ = trennen (Gegensinn der Urworte): oqvooco grabe, 
aooco pflügen = coire. 

Auf der IL Stufe ist die konsonantisdie Determinierung des 
Urlautes teils nodi onomatopoetisdien Ursprungs, teils erzielt sie 
sie der Zwang zur Synästhesie. 

Spezialisierung der Namen für das Werkzeug: o)o—>tcoQ 
Bohrer, :JtcoQ Spieß, rMo Sdiarrwerkzeug. 

Verba für einfadie Bewegungen: drehen rtoo, kreisen zcoX, 
rollen usw. und deren Kurzformen als Hilfsmittel für die Begriffs^ 
diff^erenzierung: 

— iteratives r (Kurzform eines Urwortes für die horizontale Be* 
wegung) <- QEco). 

— iteratives f für die gleidimäßige Bewegung eines fremden Körpers 
(Geräusdi des Durdisdineidens der Luft). 

— iteratives s für die vertikale Bewegung. 

— t Auftreffen auf ein Hindernis: beim Ausspredien des KonsOi^ 
nanten trifl^t die Zunge auf die Zähne. 

35' 



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OrfgfrTaffrom 
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548 Adalbert Bcrny 



— p Auseinanderstreben, physiologisch das der Lippen, Bewegung 
des Fortblasens: 

JZV80J, hebr. pwch <ass. pü Streu, napähu Feueranblasen) ^^ 

= stoßweise blasen. 
Dagegen: hebr. rwch gleidiförmiges ^X^ehen des Windes. 

Die starke wortbildnerisdie Fähigkeit der Kurzformen wird 
durdi deren Kombination nodi weiter erhöht: 

— s -}" t ist für sidi allein die ohne weiteres verständlidie interjektive 
Aufforderung für das Stille^ Stehen: st! = sta! 

— st-f-r: zwei oder mehr senkredite Linien: Strahl, stred^en <die 
Beine), stehen <mit strammen Beinen). 

sp + r: 2wei oder mehr auseinanderstrebende Winkel: spalten, 
opreu, spritzen, springen <mit gespreizten Beinen), spredien. 

Die Stufe der mimisdien Nadiahmung der einfadien Natur^ 
Vorgänge ist vollkommen analog dem Stadium des physioplastisdien 
Zeidhnens. Der Einfadiheit des Bildes entspringt die Vieldeutigkeit 
der Urwörter, so daß die BegrifFsüberdediungen stattfinden mußten, 
die später audi auf die an sidi eindeutigen Wortgebilde der höheren 
Stufen übertragen wurden: 

hebr.: pich aAern und gebären, 
plth gebären, 

plq spalten, subst. jta?J.a^ Beisdiläfer 
zu pll spalten, pls durdibohren als der Urbedeutung. 

Die Umdeutung der Namen, die der Handwerkstätigkeit ent* 
stammen, in Wörter für die Vorgänge in der Physis und vornehm^ 
lidi für deren sexuelle Seite, bezeugt in ihrer ununterbrodienen 
Übung das Zustandekommen der Spradie aus physiologisdhen 
Effekten. Die Pointe fast jeder Zote läuft auf eine Umsdireibung 
des sexuellen Aktes — für den der Mensdi niemals genug Namen 
gefunden haben wird — durdi Worte aus den entferntesten Begriffs^ 
Sphären. Die Kunst des obszönen Witzes besteht in der Auffindung 
eines tertium comparationis zwisdien dem Lingam und irgendeinem 
harmlosen Dinge in der Welt: die Freude, aum dem unsmuldigsten 
Worte einen lasziven Nebensinn untersdiieben zu können, die Sudit 
der Wortentjungferung ist das Erbe einer Urzeit, die alles Ge^ 
sdiehen in der Welt mit ungewed^tem Geiste nidit anders als aus 
dem Fleisdi heraus zu verstehen vermodit hat. 

III. 

Die Beherrsdiung der Spradie hat den Mensdien Jahrtausende* 
langem Irrtum zugeführt. Nadidem die Spradie feste Formen ange* 
nommen hatte, die sidi von Gesdiledit zu Gesdiledit weiter vererbten, 
lernte er im Wort einen wirkenden Zauber zu spüren, da es ihm 



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Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Spradie 649 

erspart blieb, das Werden der Spradie an sidi selbst zu erfahren. 
Er hob alles, was tönte, als ein Besonderes über die stumme 
übrige Welt empor,- denn »alles, was tönt, gibt einen Geist kund«. 

Die Welt war dem redenden Mensdien reicher an Inhalt ge^ 
worden, bis sidi ihm der — zuvor für so einfadi gehaltene — Zu* 
sammenhang seiner selbst mit den Dingen durdi die aus reifender 
Erfahrung notwendig gewordene Einfügung neuer Glieder so weit 
gelod^ert hatte, daß er zwisdien den Dingen und in ihnen wirkend 
Kräfte und Seelen erfand. Im Anfang spradi die Natur unmitteU 
bar den Mensdien an und er spradi zu ihr. Er fühlte die Dinge 
auf sidi wirken, so daß es ihn zu reden zwang und so redete er 
später, um die Dinge zu zwingen. Die imitative Magie vervolU 
ständigte den im Anfang einzig geübten Wortzauber in den späteren 
Zeiten beginnender Kunstübung mit der Praxis des Bildzaubers. 
Die Übersdiätzung des Werten der Spradie treibt den Mensdien 
dem Wahne zu, daß der riditig erratene Name die Dinge ins 
Leben ruft. 

Die IIL Stufe der Spradientwid\lung ist die der ideoplastisdien 
Wortbilder. Die neuen Namen sind diirdi theoretisierendes Um- 
sdireiben gewonnen, sie haben nidit mehr die unmittelbare Beziehung 
auf die Dinge, sie abstrahieren von ihnen und zielen in eine neue 
metaphysisdie Welt hinter den Ersdieinungen. 

Die Spradie bereichert sidi am Abstrakten und es erwadit das 
Gefühl für die ästhetisdie Wirksamkeit der Laute. Das Beispiel für 
den Namen des abstrakten Begriffes SEELE möge zeigen, wie 
seine Entwidxlung vorgestellt werden kann: 

Auf der I. Stufe bedeutet das Lautgebilde §u den Wind als 
onomatopoetisdies Nadibild seines Wehens. Eine im Wind bewegte 
Vogelfeder und die bewegte Luft werden als unabhängige Phänomene 
aufgefaßt. Auf der II. Stufe erfolgt die Differenzierung durdi Kurz^ 
formen: o <säuseln) -)- ^t (blasen) ergibt oijt <sibilare> oder redupliziert 
hebr. zpzp = JTijrigsiv, mit iterativem r hebr. zpr = piepen,- spirare. 
Die bewegte Feder wird, weil sie sidi bewegt, für beseelt genalten. 
Die Feder ist der Windgott <ägypt. §w>, dessen Name also <hiero^ 
glyphisdi) mit dem Zeidien der Straußfeder gesdirieben wird, der 
Wind ist sein Atem in der Natur. Auf der III. Stufe wird die 
kausale Beziehung zwisdien dem Flattern der Feder und dem Wind 
aufgestellt. Der Mensdi hat gelernt genug abstrakt zu denken, um 
audi in anderes, als in einen Körper eine Seele einzulegen: dem 
Wind wohnt eine Kraft inne, weldie die Feder hin und her treibt. 
(Seele zu abg. sila = Kraft). Der Wind ist Seele und die Seele 
nimmt von ihm ihre Namen: anima, üvfiog/ rwch. Bei der Ent^ 
stehung des Seelengedankens waren die Erfahrungen des Traumes 
mitwirkend gewesen/ seine Spradie ist bis auf den heutigen Tag 
seit der so weit hinter uns gelassenen Periode des animistisdien 
Denkens unverändert geblieben. Die Verfolgung des Problems ergibt, 
daß die Redewendung von der 



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B50 Adalbcrt Bcrny 



Sprache des Traumes 

nicht wörtliA genug genommen werden kann. Im Traum sdiafFen 
wir Worte und sie erweisen sidi als Muster ideoplastisdier Kon* 
struktionen. Im Traum ruhen wir vom Zwange des phantasiefeind- 
lidien logisdien Denkens und dessen spradilidien Ausdrudces aus/ wir 
verlernen für eine Nadit die mühsam errungenen und erhaltenen 
Vorteile einer höheren geistigen Entwid^Iung und bewegen uns in 
den bequemeren Geleisen einer prähistorisdien Denkweise, die in 
uns nodi zu sehr nadiwirkt, als daß sie von der täglidi geübten 
spurlos hätte verdrängt werden können. Und audi im wadien Leben 
fallen wir in die Spradie der Urzeiten zurüde, wenn wir vor uns 
hinsummen und trällernd und murmelnd Laute erfinden, die kein 
Vokabular bestimmt, sondern die Stimmung des AugenbliAs. 

Das »absolut Egoistisdie des Traumes« (Freud) entspridit in 
enger Parallele der anthropozentrisdien Denkweise des primitiven 
Mensdien, ebenso wie die für den Traum typisdie Überwälzung 
der Sdiuld. 

Die »Gleidiheit der Sekrete« für den Traum, die Gleidisetzung 
der Seele mit Luft, Atem und Flatus entspridit dem prähistorisdien 
Denken. Der Urin ist gleidi dem Sperma (ovq8CO), insofern audi er 
befruditend, Leben und Seele übertragend gedadit wurde (Mythos 
von der Entstehung des Orion). Auen das infantile Denken sdiafft 
Seelen wesen aus den Exkreten, wie das von Dr. W. Stekel 
(Spradie des Traumes, p. 175) erwähnte Götterpaar des Kaki^ 
mannes und Lulumannes beweisen kann. 

Die »Gleidiheit der Körperteile und Körperöffnungen« findet 
ihre Parallele in der Zuordnung verwandter Vorstellungen zu einem 
Namen in einer an Wortformen nodi armen prähistorisdien Spradie 
und diese Armut erklärt den häufigen Gegensinn der Urwortc und 
die BegrifFsverkehrung im Traume. 

Die Bisexualität der Traumbilder hat ihre Entsprediung in der 
Gesdileditslosigkeit der Namen der Vorzeit, ehe die Periode des 
Spekulierens und der Theorie die Dinge beseelt hatte, tiktco heißt 
gebären und zeugen/ der Nilgott mit weiblidien Brüsten und die 
bärtige IStar sind Beispiele alter zweigesdiledididier Symbole. 

Kosenamen verbergen für das Wadileben unbekannt bleibende 
Vorstellungen der Vorzeit, die im Traume frei werden: die Schnecke 
als Sexualsymbol ist wie dieSchlange <»Sdinedcerl« und >Sdilingel«) 
<== gewundener Charakter - »Stridc«) aus dem sdion einmal be* 
deutungsvoll erkannten Übergang der Begriffe des Krummseins in 
Sdilausein erklärlidi: die Erschleichung des Gesdileditsgenusses 
ist ein niemals ganz aufgegebenes Ziel des sexuellen Begehrens. 
<Daß die SdineAe, die in ihr Haus, und die Sdilange, die in ihr 
Lodi sdilüpft, Bilder für den Sexualakt unmittelbar abgegeben haben, 
erweisen der Traum und die spradilidie Überlieferung in gleidier 
Weise.) 



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OrfgfrTaffrom 
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Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der SpraAe 551 

Die Schildkröte, die sidi ähnlidi wie die SdineAe in ihr Ge^ 
häuse zurückzieht, gibt ihren Namen der vulva: ysQQOv = Sdiild^ 
kröte = Vulva/ kelt krotta, ahd. hrota <in denselben Bedeutungen 
madien die Krötenfiguren als Opfergaben für die Gesundung der 
Gebärmutter verständlidi). 

Die so oft bewunderte Verdiditungsarbeit des Witzes im Traume 
ist eigentlidi wenig befremdlidi: wie in die ideographisdie Darstellung 
einer mensdilidien Figur alles aufgenommen wird, was nur gedank- 
lidi, aber nidit optisdi nebeneinander ersdieinen kann — <in der 
Kunst des Kindes und der des alten Ägyptens) — drängt die 
Traumarbeit durdi Klangassoziation zusammengehörige Elemente in 
ein neues typisdi ideoplastisdies Wortbild. 

Das Vorwiegen der akustisdien und optisdien Empfindungen 
im Traume <die Reduzierung der Empfindungsqualitäten im träumen^ 
den Zustand auf Photismen und Phonismen) kommt spraAlidi darin 
zum Ausdruck, daß ahd. troum, as dröm <zu öqvco = Lärm) den 
Gegensatz zum stillen Sdilaf bczeiAnen wollen. 




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552 Dr. Karl Weiß 



Von Reim und Refrain'. 

Ein Beitrag zur Psychogenese diditerisdier Ausdrucksmittel. 
Von Dr. KARL WEISS, Wien. 

Die vorliegende Arbeit setzt sidi das Ziel, zwei spezielle Kunst* 
formen, den Reim und den Refrain, auf ihre Abhängige 
keit vom Unbewußten hin zu untersudien, mit anderen 
Worten, die psydiisdien Bedingungen ihrer Entstehung und Ver^ 
Wendung aufzuded^en. Indem sie mit der Arbeitsmethode der Psydio^ 
analyse an diese Aufgabe herantritt, will sie nidits anderes sein, 
als der Versudi, psydioanalytisdie Einsiditen und Erkenntnisse auf 
ein Teilgebiet der diditerisdien Darstellung anzuwenden, ein Versudi, 
der auf anderen Gebieten der Geisteswissensdiaften oft und erfolg* 
reiA unternommen worden ist. Insbesondere soll betont werden, daß 
diese UntersuAung nidit vom Standpunkt des Spradiforsdiers ge* 
wertet werden will. Wo sidi die Notwendigkeit ergab, auf die Ent^ 
wid^Iungsgesdiidite der Spradie hinzuweisen, da gesdiah es in Kürze 
und durdi Anführung von TatsaAen, die allgemein bekannt sind/ 
und audi die Auswahl des Materials, aus dem unsere Folgerungen 
entwid^elt werden, gesdiah lediglidi vom Standpunkte des Psydio^ 
logen aus, der die Überzeugung hat, daß die Gesetze des psydii* 
sdicn GesAehens Ewigkeitswert haben. 

Die Anregung zur Behandlung dieses Themas gab uns ein 
Kinderreim, dessen Analyse im folgenden gegeben werden soll. 

Die kleine Ruth produzierte ihn, damals dreieinhalbjährig, am 
Nikolotage 1911, zwei Monate naA der Geburt ihres Bruders. Er 
lautet so: »Der Stefan wird was SAönes kriegen — iA glaube 
aber auA die Rut' — weil er soviel sAreien tut.« Aus der Kennt* 
nis der Komplexe der Reimerin heraus gelang es unsAwer, die 
Analyse dieses Reimes herzustellen. Die erste Zeile: »Der Stefan 
wird was SAönes kriegen«, stellt siA als Überkompensation ihrer 
feindseligen Einstellung gegen den Bruder dar, die siA wohl reAt 
häufig in Worten und Gebärden äußerte, aber doA sAon der Ver^ 
drängung zu unterliegen begann. Die zweite Zeile: »Aber iA glaube 
auA die Rut'«, zeigt uns, daß diese Verdrängung im vorliegenden 
Falle mißglüd^t ist. Es ist dem Kinde unmöglich, dem unbewußt 
gehaßten Bruder etwas zu gönnen, woran sie niAt selbst auA Teil 
haben soll. Der WunsA naA diesem Anteil setzt siA durA, wenn 
sie erwartet, sie werde auA etwas SAönes kriegen. Die hypotheti^ 
sAe Form dieser Erwartung ist nun sehr bereAtigt. Sie erweist 
siA gleiAfalls als Produkt eines unvollständig verdrängten Affektes, 
nämliA der BefürAtung, niAt besAenkt zu werden,- denn sie hatte 
siA keineswegs so benommen, daß sie mit SiAerheit auf eine Be^ 

^ Nadi einem am 19. Februar 1913 in der psydioanalytisAcn Vereinigung 
zu Wien gehaltenen Vortrage. 



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Von Reim und Refrain 653 



sdierung redinen durfte. Gerade an jenem Tage war sie über ihr 
gewöhnlidies Maß hinaus von einer Ausgelassenheit, die ihr Mäd^ 
dien zu der Bemerkung veranlaßte, sie werde nidit nur kein Zud^er^ 
werk bekommen, sondern die Rute, die der Nikolaus für sdilimme 
Kinder mit sidi führe. Diese Bemerkung hat ihr EindruA gemadit 
und er ist stark genug, die Erinnerung an sie in dem Augenblid^e 
wieder wadizurufen, wo es ein äußerer Umstand, die Klanggleidiheit 
zwisdien Ruth und Rute zuläßt. Diese Gleidiheit erweist sidi über^ 
dies als ausgezeidinetes Mittel, den Reim den Absiditen des Un= 
bewußten dienstbar zu madien. Sein ursprünglidier Sinn wird voIU 
ständig verkehrt. Es heißen jetzt die beiden ersten Zeilen: Der 
Stefan wird was Sdiönes kriegen — idi glaube aber audi die Rute. 
Mit dieser Ersetzung hat das Kind zweierlei erreidit: Erstens hat 
es die unbewußte Befürditung, leer auszugehen, entwertet,- denn 
wenn der Bruder audi eine Rute bekommt, so wird dadurdi die 
Bedeutung der übrigen GesAenke sehr in den Hintergrund gerüd^t. 
Und zweitens madit es die Überkompensation rüd^gängig, hebt die 
Verdrängung auf und gestattet sidi wieder die alten feindseligen 
Regungen gegen den Bruder. Diese werden durdi die dritte Zeile 
rationalisiert: er kriegt die Rut', — weil er so viel sdireien tut. 
Die Rationalisierung erlaubt, den Reim samt seinem unbewußten, 
tieferen Sinn zu akzeptieren und wie willig dieses Entgegenkommen 
benützt wird, zeigt die sekundäre Bearbeitung, in der der Reim 
nadi wenigen Tagen reproduziert wird. Da heißt es nämlidi jetzt: 
Der Stefan wird was Sdhönes kriegen — aber idi glaube doch die 
Rut' — weil er so viel sdireien tut. Der Doppelsinn ist damit 
eliminiert, jetzt kann nur die Rute gemeint sein. Die kleine Diditerin 
zieht ihre bewußte Persönlidikeit aus ihrem Werke zurüd^, nur ihr 
Unbewußtes bleibt darin, das allerdings redit deutlidi. 

Sehen wir zunädist von dem tieferen Sinn des Reimes ab, den 
wir als Ausdrud^ unbewußter — wie wir später entwid^eln werden, 
konfliktuoser — Tendenzen kennen gelernt haben, so bleibt für die 
weitere Betraditung die Form dieser infantilen Diditung übrig. Sie 
ist die eines jeden anderen Reimes. In zwei aufeinander folgenden, 
durdi den gleidien Klang der Endworte auffallenden Zeilen, wird 
ein Gedanke ausgedrüd^t. Daß als Reimwort die Form »tut« ver^ 
wendet wird, die in der infantilen Spradie bekanndidi eine große 
Rolle spielt, entspridit völlig dem kindlidien Charakter des Reimes. 
Da nun von einer bewußten, gedanklidien Arbeit, die die Ver- 
bindung der beiden ReimstüAe hergestellt hätte, nidit die Rede sein 
kann, so ist anzunehmen, daß sidi aus einem ganz bestimmten 
Grunde die in dem kindlidien Spradisdiatze bereidiegende Redeform 
>>tut<s automatisdi einstellt, um den Reim zu gestalten, offenbar 
induziert durdi das vorhergehende »Ruth«, und zwar durdi das 
den beiden Worten gemeinsame Element des Gleidiklanges. Seine 
sdiöpferisdie Fähigkeit liegt in seiner Eignung, in dem Kinde eine 
Lustempfindung auszulösen, die unverkennbar auf der euphonisdien 



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554 Dr. Karl Weiß 



Wirkung der Klangfolgc basiert und eine weitere Verstärkung aus 
der rhythmisAen Gliederung der Verszeilen bezieht. Um zu er* 
kennen, ob es wirklidi GleiAklang und Rhythmus sind, denen 
dieser Charakter der Lustgewährung zukommt, ist es notwendig, 
sie auf ihre Stellung in der spradilidien Produktion der Kinder zu 
untersudien und sie in ihren Beziehungen zur Entwidmung der 
Spradie zu betraditen. 

Wir beginnen mit dem Gl eich klang und wollen uns der ersten 
artikulierten Äußerungen des Kindes erinnern. Da sehen wir, daß 
die Intonation bei geschlossenen Lippen den Laut m, bei geöffneten 
a ergibt, abwediselndes Sdiließen und Öffnen die Silbe ma und die 
Wiederholung des Vorganges den Gleidiklane mama. Wir dürfen 
hier der Tatsadie gedenken, daß sidi dieses Lautgebilde als Wort 
in allen Spradien erhalten hat^ Auf demselben Wege der alter- 
nierenden Verwendung von gleidiem Konsonant und Vokal geht 
audi weiterhin die Vermehrung des kindlidien Spradisdiatzes vor 
sidi und wir können ihn überall in der infantilen Begriffsbildung 
verfolgen. Die Bezeidinungen des Kindes für Teile seines Körpers 
oder rür dessen Funktionen sind ja hinlänjlidi bekannte Beispiele 
dafür. Sidierlidi hat diese Art kindlidier Tätigkeit ihre psydiisdie 
Begründung und wir werden von ihr nodi zu spredien haben. Da^ 
neben sdieint aber audi eine teleologisdie Deutung möglidi. Der 
Säugling wendet einem ihm vorgehaltenen Objekt zunäAst keinerlei 
Interesse zu, es sei denn, daß es durdi besondere Qualitäten, wie 
Glanz oder grelle Farbe, ausgezeidinet sei. Bewegt man aber den 
Gegenstand vor den Augen des Kindes hin und her, so beginnen 
diese die Bewegung alsbald zu verfolgen und jenen zu fixieren. 
Daß die Bewegung für die Entstehung der Wahrnehmung von 
großer Bedeutung ist, ist ja eine allgemein bekannte Tatsadie. Man 
wird nun bald merken, daß das Kind ein soldies Objekt später 
audi erkennt, wenn es sidi in Ruhelage befindet, offenbar dadurdi, 
daß es ihm mehr Aufmerksamkeit zuwendet, weil es die gewohnte 
Bewegung erwartet. Es handelt sidi also in diesem Falle um eine 
Übung des visuellen Gedäditnisses durdi Wiederholung von Sinnes* 
eindrüdcen. Übertragen wir diese Beobaditung auf den Vorgang der 
Wortbildung, so ließe sidi denken, daß durdi die zeitlidfie Auf* 
einanderfolge von gleidiklingenden Lautverbindungen, also gewisser* 
maßen durdi die Bewegung des Klanges eine ähnlidie Übung des 
auditiven Gedäditnisses erzielt werde, so daß dann soldie Bildungen 
leiditer in den Wortvorrat des Kindes übergehen. Natürlidi ist nidit 
zu übersehen, daß die Klangfolge sidi nidit im Räume vollzieht. 
Daß der Gleidiklang als wesendidier Bestandteil der Kinderspradie 

' E. B. Tylor beriditet, daß bei den meisten primitiven Völkern die Mutter 
ma, der Vater pa heißt. »Primitive Culture«, I. Bd., p. 223. 

Nadi Ratzel {Völkerkunde, I. Bd., p. 156) wird bei den Hereros die 
Mutter Mamma, der Vater Täte genannt. Indessen gilt die Bezcidinung nur für 
die eigene Mutter, beziehungsweise für den eigenen Vater. 



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Von Rdm und Refrain 565 



auch von den Erwachsenen, wenigstens unbewußt, erkannt wird, 
geht daraus hervor, daß sich die Llmgebung des Kindes seiner zur 
Verständigung mit demselben ganz allgemein bedient. 

Gehen wir nun von cier ontogenetischen zur historischen 
Betrachtungsweise über, so werden wir uns zunächst mit der Be* 
deutung der Figur des Gleichklangs für die Entwicklung der Sprache 
zu besdiäftigen haben. Seine Fähigkeit zur Sprachbildung ergibt sich 
aus der folgenden Betradbtung. Für den primitiven Menschen war 
sein Ich das ursprüngliche Anschauungsobjekt, dessen Äußerungen 
er nach außen projiziertet So gestaltete er sich die Welt nach 
seinem Ebenbild. Diese für die seelische Entwicklung des Menschen 
sonst so fruchtbare Auffassung versagt aber, wenn wir sie auf die 
Entwicklung der Sprache anzuwenden versuchen. Anders aber, wenn 
wir uns vorstellen, daß der Urmensch auch versucht habe, seiner^ 
seits die Äußerungen der ihn umgebenden Welt als Äußerungen 
eines ihm gleichgesetzten Ich in sidi aufzunehmen, also die Umwelt 
zu introjizieren, und zwar auf dem Wege der Nadiahmung. Dann 
können wir daran denken, daß er sich zur Bezeidbnnng eines Teiles 
der Natur der gleichen klanglichen Äußerungen bedient habe, die 
sie selbst hervorbringt und wir haben dann jene Form des sprach* 
liehen Ausdrucks vor uns, die wir als onomatopoetische kennen. 
Daß diese Art der Sprachbildung ihre ontogenetische Parallele hat, 
lehrt uns die Erfahrung. Die Kinder bezeichnen beispielsweise Tiere 
durch Nachahmung der Laute, die diese hervorbringen. Als wesent* 
lichstes Merkmal ist da wie dort leicht der Gleichklang zu erkennen. 
Er findet sich auf einer höheren Stufe der Sorachbildung wieder. 
Zu einer Zeit, da der Ausdruck schon zum Worte geworden ist, 
erscheint er in den Urworten. In ihrem ersten Beginn geht seine 
Verwendung bis zur Wiederholung ein und desselben Wortes. 
Diese stellt sich als notwendig heraus, wenn es sich z. B. darum 
handelt, in einem Satze einen Begriff und sein Gegenteil auszu* 
drücken. Erst viel später erfolgt die Auseinanderlegung des doppeU 
sinnigen Urwortes in zwei einsinnige und sie geschieht so, daß 
jedes von ihnen durch eine Modifikation der Wurzel gebildet wird. 
Schon diese Art ihrer Entstehung läßt erwarten, daß wir dabei 
das phonetische Prinzip des Gleidinlangs wieder am Werke sehen. 
Ein Beispiel aus Freuds* Referat über die Arbeit Abels sei hier 
zur Veranschaulichung zitiert: siccus — succus. Erscheint also auf 
dieser Stufe der sprachlichen Entwicklung seine Verwendung haupt^ 
sächlich deshalb notwendig, um die Mitteilung durch das Wort zu 
ermöglichen und zu fördern, so darf uns doch die Tatsache auf-* 
fallen, nicht allein, daß wir ihn in den höchstentwickelten Sprachen 
wiederfinden — da die Entwicklung der Sprache ein organisches 
Wachsen ist, kann seine Persistenz nicht wundernehmen — aber 

* Vgl. Dr. Hanns Sachs, Ober Naturgffuhf. »Imagoc, !. Jahrg., p. 119 ff. 
2 Ober den Gegensinn der Urworte. Jahrbudi für psydioanalytisdie und 
psydiopathologisdie ForsAungen. II. Bd., 1910, p. 179 f. 



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55r> Dr. Karl Weiß 



daß er dort mit einer gewissen Absidit verwendet wird, die kaum 
anders erklärt werden kann, als aus einem Wohlgefallen an seiner 
euphonisdien Wirkung. J. Bekker^ sagt an einer Stelle: Homer 
kennt audi die Wiederkehr des gleidien Klanges, wie reizend die 
auf Ohr und Verständnis einwirkt. Bei Gerber^ finden wir in der 
folgenden Bemerkung bereits einen Hinweis auf die Bedeutung des 
Gleidiklanges für die diditerisdie Darstellung. Dort heißt es: >>. . . auf 
soldier Freude an gleidien Klängen in der Spradie beruht das Ent^ 
stehen der später kunstmäßig ausgebildeten und benützten Allitera^ 
tionen, Reimen, Assonanzen, Annominationen.« An einer anderen 
Stelle <1I. Bd., p. 130 fF.> lesen wir: »Das natürlidie Gefallen an 
der Wiederkehr der Klänge in der Spradie haben wir oben be* 
sprodien,- ebenso audi, daß Gleidiklänge, um ihrer selbst willen 
herbeigeführt, vom Verstände als störend empfunden werden, weil 
sie so vom Sinne, dem Zwed^e der Rede ablenken.« Er zitiert 
ferner das Urteil eines Rhetors der Alten, des Demetrius^ über 
die notwendige Besdiränkung des Gebraudis von Gleidiklängen in 
der literarisdien Spradie. Dieser hält ihre Benützung für redit be^ 
denklidi (/orjoig — L'no(pah]Q), sie störe den Ernst und hebe das 
Gewidit der Rede auf. 

Halten wir also fest, daß der Gleidiklang einerseits WohU 
gefallen erregt, anderseits aber imstande ist, die Apperzeption der 
Rede zu beeinflussen und ihren Sinn zu stören, so stehen wir vor 
einem Widersprudi, dessen Lösung wir beim Studium der mensdi^ 
lidien Psydie finden. Wir kennen seit Freud^ als die zwei Prin^ 
zipien des psydiisdien Gesdiehens das Lust-^ und das Realitäts^ 
prinzip und wissen, daß die Aktionen der kindlidien Psydie lediglidi 
unter der Herrsdiaft des ersteren stehen, während die Anforderungen 
des späteren, realen Lebens eine Abkehr von jenem und die An^ 
passung an die Wirklidikeit notwendig madicn. Analog sdieint nun 
die Verwendung des Gleidiklanges in der Spradie eine Unterwerfung 
unter das Lustprinzip zu bedeuten, die natürlidi dort, wo der Ver* 
stand entsdieidet, wo also die Realität bedeutsamer ist, abgelehnt 
werden muß. Wir wollen versudien, diese Ansidit zu stützen, indem 
wir den Gleidiklang in der kindlidien Spradiproduktion eingehender 
untersudien. 

Wir werden uns zunädist zu fragen haben, ob wir nidit im 
Seelenleben des Kindes eine Motivierung für die Verwendung des 
Gleidiklanges auffinden können, ob nidit die Leistung in einem 
direkteren Verhältnisse zur Triebbefriedigung steht. Die Beant^ 
wortung dieser Frage wird uns aus der Erörterung des Zwed^es 

* »Homerisdie Blätter« <p. 185: zitiert nach Gerber, Die Sprache als Kunst). 

2 Gustav Gerber, Die Sprache als Kunst. I. Bd., p. 395. IL Aufl., Berlin 1885. 

3 Um füff. Vol. III., p. 267 Sp. 

* Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens. »Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen.« 
III. Bd., 1911. 



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Von Reim und Refrain 557 



der kindlidien Spradiäußerungen erwadisen. Von hier aus gesehen 
ist der Gleidiklang nur eine zufällige Form. Durdi die erste spradi- 
lidie Aktion erwirbt das Kind eine Triebbefriedigung, indem es sidi 
Nahrung versdiafft oder die Nähe seiner Sexualobjekte, wie Mutter 
oder Amme. Ist die Aktion aber einmal als geeignetes Mittel für 
diesen Zweck erkannt, so ist ihre Wiederholung nur eine natürlidie 
Folge. Die psydiisdie Leistung des Wiedererkennens, die in dieser 
Wiederholung erkennbar ist, wird uns nodi besdiäftigen. Der Affekt 
der Lust aber, der sidi an jenes hängt, gehört eigentlidi zu der 
durdi die Spradileistung erreiditen Triebbefriedigung, so daß das 
Wiedererkennen und Wiederholen, das uns als Gleidiklang in der 
kindlidien Spradisdiöpfung entgegentritt, im Grunde auf der Basis 
des Wiedererkennens und Wiederholens der wirklidien Triebbefriedigung 
aufruht. Die Lust am Gleidiklang ist daher repräsentativ^ für die 
Lust an einer Wiederholung, die nidit der Leistung selbst, sondern 
der mit ihr verknüpften Triebbefriedigung zukommt*. 

Wir haben somit ein widitiges Motiv für die Benützung des 
Gleidiklanges durdi das Kind kennen gelernt und wollen uns jetzt 
mit einem zweiten besdiäftigen. Sehen wir die kindlidie Spradi- 
bildung näher an, so finden wir, daß sie aus zwei Anteilen zu* 
sammengesetzt ist: einem physisdien, bestehend in der motorisdien 
Aktion (Artikulation) mit den Lautverbindungen als Effekt und 
einem psydiisdien, der Aufnahme jenes Effektes in das Bewußtsein 
als Vorstellung. Wird nun diese Vorstellung bei einer Wieder* 
holung des Vorganges neuerlidi aufgenommen, so wird sie dem 
Bewußtsein als etwas Bekanntes ersdieinen, sie wird wieder* 
erkannt. Von diesem Wiedererkennen sagt nun Groos^ es sei 
mit Lustgefühlen verbunden, dodi nidit an sidi, sondern es erhalte 
diesen Charakter erst durdi Überwindung der Widerstände, die ihm 
im Wege stehen, durdi Beseitigung einer psydiisdien Stauung. 
Freud* bestreitet die Notwendigkeit soldier Widerstände als Mittel 
zur Erhöhung des Lustgefühls und erklärt das Erkennen an sidi 
als lustvoll durdi Erleiditerung des psydiisdien Aufwandes. Er 
sagt weiter: >. . . daß Reim, Alliteration, Refrain und andere Formen 
der Wiederholung ähnlidier Wortklänge in der Diditung die nämlidie 
Lustquelle, das Wiederfinden des Bekannten ausnützt, ist gleidifalls 
allgemein anerkannt.« 

^ Nadi einem Wort von Dr. Victor Tausk (Wien). 

2 Dafür, daß die ersten kindlichen Spradiäußerungen, die den GleiAkla.ig 
durdi Wiederholung erzeugen, tatsädiliA in enger Beziehung zur Triebbefriedigung 
stehen, können wir anführen, daß die primitiven Benennungen der Eiternteile, wie 
wir sie oben erwähnt haben, immer nur bei den eigenen Eltern angewendet 
werden und so gleiAsam die alte, infantile (sexuelle) Beziehung zwisdien diesen 
und dem Kinde festhalten, während für den Mitteilungszwed; in der Spradic 
andere Bezeichnungen entstehen. 

^ Karl Groos, Die Spiele des Mensdien. 1899. p. 153. 

* Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. II. Aufl. 
1912. p. 104. 



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568 Dr. Karl Wtiß 



Es tritt uns die Lust, die durdi das Wiedererkennen gewonnen 
wird, als weiteres Motiv für den Gebraudi des Gleidiklanges in 
der infantilen Sprache entgegen. Die Leistung ersAeint hier als 
selbständige Lustquelle, die Lust stammt aus der psydiisdien Er* 
sparung. 

Mit diesen Feststellungen haben wir einen Aufsdiluß über 
die psydiisdien Motive für die Verwendung des Gleidiklanges ge- 
wonnen, indem wir zeigen konnten, daß das Gefallen an ihm auf 
lustbetonte Aktionen der kindlidien Psydie zurüdcgeht, daß er, der 
ein diarakteristisdies Element von Reim und Refrain ist, also ein 
infantiles Vorbild hat. 

Es ist nun an der Zeit, des rweiten Elementes zu gedenken, 
das in beiden vertreten ist, nämliA des Rhythmus. Er bildet einen 
wesentlidien Bestandteil des Gleidiklanges, sein notwendiges Korrelat, 
und es fragt sidi nun, ob und inwieweit er zur Lustwirkung bei* 
trägt, durch die jener ausgezeichnet ist. Wir sind von vornherein 
geneigt, ihm die Fähigkeit selbständiger Lustvermitdung zuzumuten 
und können uns dabei auf die Aussprüche bedeutender Männer 
berufen. Groos^ nennt ihn einen psychologischen Rauscherzeuger 
und ähnlich schreibt ihm Schopenhauer* eine bedeutende Macht 
zu. Er äußert sidi folgendermaßen: »Der Rhythmus <und der Reim> 
ist teils ein Bindemittel unserer Aufmerksamkeit, indem wir willig 
dem Vortrage folgen, teils entsteht durch sie in uns ein blindes, 
allem Urteil vorhergängiges Einstimmen in das Vorgetragene, wo-» 
durdi dieses eine gewisse emphatische, von allen Gründen unab- 
hängige Überzeugungskraft erhält.« Bücher^ sagt direkt: ». . . er 
erwedkt Lustgefühle.« 

Für seine Bedeutsamkeit spricht die Ubiquität seines Auf-^ 
tretens im Weltall und in den allgemeinen Aktionen der Menschen 
und ebenso die Unlust, die uns sein Mangel erweckt. Wir finden 
ihn in allen Naturerscheinungen vorgebildet. Der Wechsel der 
Jahreszeiten, Sonnenauf* und -'Untergang, Ebbe und Flut sind 
letzten Endes ebenso rhythmisch wie rast alle Naturgeräusche. 
Gleich groß ist seine Rolle im Leben der Menschen. Bücher* sagt 
von ihm: »Alle natürliche Betätigung des tierischen Körf>ers sdieint 
er als das regulierende Element des sparsamsten Kräfteverbrauchs 
zu beherrschen.« Piaton leitet ihn aus der Natur des Menschen ab 
und auch Aristoteles'' sieht in ihm etwas der menschlichen Natur 
entsprechendes oder verwandtes und bezeichnet ihn als xard (pvoiv 
und ovyyEvi^. Seine außerordentliche Schätzung bei den alten Völkern 
ist bekannt. Er hat seinen Platz in ihren philosophischen Anschau* 
ungen, er findet sich als bedeutsames Stück in ihrer Sprache und 

* Groos, I. c, p. 29. 

* Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. I., p. 51. 
^ Bücher, Arbeit und Rhythmus. III. Aufl. 

* Bücher, 1. c. 

^ Zitiert nach Bücher, I. c. 



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Von Reim und Refrain 659 



nicht zuletzt als streng beachtetes und sorglich gepflegtes Element 
in ihren Bewegungen. Damit mag es auch zusammenhängen, daß 
die Bewegungen des menschlichen Körpers zu kunstvollen Dar* 
Stellungen werden, lange ehe noch Harmonie und Melodie als zu 
gleichem Zwecke geeignet erkannt und gepflegt werden/ und auch 
heute noch sehen wir bei den Naturvölkern den Tanz als rhythmi- 
sche Ausdrucksform auf verhältnismäßig hoher Entwicklungsstufe 
angelangt, während der Gesang nur sekundäre Bedeutung hat, sehr 
primitiv ist, ja in seiner monotonen Wiederholung von Hebung 
und Senkung des Tones eigentlich nichts anderes darstellt, als eine 
klangliche Betonung des Rhythmus. 

Haben wir so die organischen Wirkungen des Rhythmus auf 
den motorischen Apparat des Menschen, aber auch seinen Einfluß 
auf dessen Psyche aufgezeigt, so fehlt uns noch immer die Ver- 
bindung zwiscnen diesen beiden Stücken und die Frage nach der 
affektiven Determinierung des Rhythmus bleibt offen. Es ist a priori 
anzunehmen, daß sich eine Erscheinung von so allgemeinster Wichtig* 
keit irgendwie psychisch repräsentiert und wir wollen eine Beant- 
wortung der eben erwähnten Frage versuchen und glauben, daß 
sie uns am ehesten aus der Betrachtung der rhythmischen Tätig*^ 
keiten des Kindes erwachsen kann. Wenn wir davon absehen, 
inwieweit und in welcher Weise die vegetativen, rhythmischen 
Funktionen, wie Atmung oder Herzschlag psychisch vertreten sind 
und wenn wir uns erinnern, daß die koordinierten Bewegungen als 
rhythmische erst das Resultat einer allmählichen Entwicklung sind, 
so bleiben uns zwei der kindlichen, vitalen Äußerungen übrig, die 
alsbald nach der Geburt der Beobachtung zugänglich sind und an 
denen sie einen exquisit rhythmischen Charakter feststellen kann: 
das Saugen und das Ludein. 

Da beide genetisch zusammengehören, dürfen wir sie unter 
einem Begriffne zusammenfassen und wir wollen daher im folgenden 
nur vom Ludein sprechen. Seine Bedeutung als autoerotische JSexuaU 
äußerung^ ist über allen Zweifel sichergestellt und ebenso sidier ist 
es, daß die Kinder aus dem Ludein einen enormen Lustgewinn 
ziehen, der einen immer neuen Anreiz zur Wiederholung dieser 
Tätigkeit bietet. Nun tritt uns ein sehr bedeutsames äußeres Merk* 
mal des Ludeins, der Rhythmus, auch in den kindlichen Sprach* 
bildungen entgegen und wenn sein Vorkommen dort zunächst auch 
rein äußerlich, durch die wiederholende Verwendung des Gleichklanges 
bedingt erscheint, so sind wir doch geneigt, ihm audb eine selbständige, 
tiefere Relation zur Triebbefriedigung zuzumuten, die sich in folgender 
Weise herstellt: Der Affekt der Lust, der vom Ludein her in der 
unbewußten Erinnerung der Kinder lebt, wird auf die Sprachleistung 
versnoben und gibt dieser ein neues Motiv für die Wiederholung. 
Ermöglicht wird diese Verschiebung durch das gemeinsame Element 

^ \'gl. Freud, Drei Abhandlungen zur Scxualthcorie. 



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560 Dr. Karl Weiß 



des Rhythmus und begünstigt durdi den Umstand, daß es gerade 
der Sexualtrieb ist, dem der Affekt ursprünglidi zugehört, jener 
Trieb, der kaum jemals im Leben des Individuums seinen ganzen 
Affektwert durdisetzen kann und deshalb geeignet ersdieint, zur 
affektiven Verstärkung anderer Triebleistungen beizutragen. Wir 
sagen also: der Rhythmus gewinnt seine Fähigkeit, Lust zu ge^ 
währen daraus, daß er die Lust an einer elementaren Triebe 
befriedigung repräsentiert. In diesem Sinne können wir die 
rhythmischen Bildungen der infantilen Sprache als Äqui^ 
valent des Ludeins bezeichnen, wobei dem Rhythmus die 
Rolle des Trägers der Lust, und zwar der sexuellen Lust 
zufällt. 

Wir leugnen nidit, daß die biologisdie Tatsadie der rhythmi^ 
sdien Anlage gerade der wiAtigsten vitalen Funktionen für die 
psydiisdie Repräsentierung des Rhythmus von Bedeutung sein muß, 
aber wir finden von hier aus keinen Zugang zum Verständnis der 
Zusammenhänge. Auf die geistvollen Ausführungen Büchers^ der 
bekanntlidi die Entwidtlung des Rhythmus auf den rhythmisdien 
Ablauf der Arbeitsbewegungen zurüd^führt, können wir hier nur 
verweisen. Seine Theorie klingt besteAend,- denn da der Lirsprung 
der primitiven mimisdien und diditerisdien Darstellung sidierlidi auf 
die Arbeitsbewegungen und die sie begleitenden Gesänge zurück^ 
geht, hat die Ansidit, der Rhythmus habe sidi an ihnen entwid^elt, 
viel Wahrsdieinlidikeit für sidi. Allein für uns Psydioanalytiker 
fehlt den Grundlagen dieser Ansdiauung ein wesentlidies Moment, 
die affektive Betonung. Die rhythmisdien Körperbewegungen sind 
zu indifferent, zu entfernt von Lust und Unlust, als daß wir aus 
ihnen allein die Entwid^lung eines Gefühles ableiten möditen, dessen 
Wesen durdi seine Lustwirkung gegeben ist. Wir glauben vielmehr, 
daß erst die Feststellung einer sexuellen Wurzel des Rhythmus, 
die Aufded^ung seiner Beziehungen zu der elementarsten Trieb* 
äußerung, die Frage nadi seiner affektiven Determinierung beant* 
Worten kann. 

Da wir nun das Verhältnis von Gleidiklang und Rhythmus 
zum Triebleben kennen gelernt haben, wird uns erst die Tatsadie 
ihrer Wiederholung verständlidi, einer Wiederholung, die um ihrer 
selbst willen gesdiieht und damit, wie Groos^ sagt, der kindlidien 
Spradileistung den Charakter des Spieles verleiht. Diese Auffassung 
wird nun von einer anderen Seite her den eben erwähnten Zu* 
sammenhang bestätigen. Groos^ den wir eben zitiert haben, wohl 
der beste Kenner und Beobaditer der kindlidien Spiele, gibt für sie 
eine rein teleologisdie Erklärung, indem er in ihnen ein Mittel zur 
Übung und Selbstausbildung des Individuums erblid^t. Wohl hat 

» 1. c. 
M. c. 
^ Das Spiel als Katharsis. »ZeitsArift für pädagogische Psydiologic, Pathc* 



logie und Hygiene«. 



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Von Reim und Refrain 561 



er nicht übersehen, daß eine direktere Relation zwisdien Spiel und 
Sexualität besteht, aber wir sehen, daß er audi diese nur teleologisch 
wertet, wenn er die Idee der Katharsis auf das Spiel überträgt und 
sagt, es diene dazu, den aus dem Sexualtrieb stammenden Emotionen 
die Möglidikeit einer harmlosen Entladung zu bieten. Dieser Ge^ 
danke sdieint sdion deshalb einer Ergänzung zu bedürfen, weil er 
sidi nur auf die sexuelle Periode der Pubertät bezieht und das 
Verhältnis des Spieles zur infantilen Sexualität unerörtert läßt. Daß 
aber ein solAes besteht, geht aus unserer Betraditung der Spradi^ 
leistungen hervor. Übertragen wir nun die dort gewonnene Ein^ 
sidit auf das Spiel ganz allgemein, so können wir sagen: Die ersten 
Spiele der Kinder sind nidits anderes als Äquivalente der infantilen 
Sexualbetätigung, sie sind die direkte Fortsetzung des Ludeins. In 
gewissem Sinne kann man sie als Produkt der ersten Sublimierung 
bezeichnen. So wie die kindlidie Sexualbetätigung autoerotisch ist, 
so ist es ursprünglidi auA das Spiel. Dieser Charakter geht aber 
bald verloren, das Spiel bemäditigt sidi eines Objektes oder es 
wendet sidi an ein soldies, ein Vorgang, den wir an den Spradi* 
leistungen ebenfalls verfolgen konnten. Sie werden alsbald ein 
Mittel der Werbung um die Aufmerksamkeit der Sexualobjekte, 
den Ausdruck der geänderten, auf die Außenwelt zielenden Rid>* 
tung der sexuellen Triebregungen. Auf diese Weise vollzieht siA 
die erste Al^kehr vom Autoerotismus, es gesdiieht der erste, vor* 
bereitende Sdiritt auf dem Wege zur Objektwahl. Das weitere 
SchiAsal des Spieles zeigt dann, wie dieser Weg fortgesetzt wird. 
Es wird ihm, da es ja eine Nadiahmung der Wirklichkeit ist, das 
Objekt gegeben, an dem die unbewußte Erinnerung der Lust hängt 
und es ist also kein Zufall, daß dieses anthropomorphisiert wird. 
Erinnern wir uns, daß der Drang nadi dieser Art (les Spieles in 
der Latenzperiode mit ganz auffallender Stärke hervortritt, so mag 
das unsere Auffassung stützen, daß das Spiel für die sexuelle Ent-^ 
Wicklung des Kindes eine große Bedeutung hat, die uns aber nur 
dann ganz verständlidi wird, wenn wir jenes nidit nur teleologisdi 
werten, sondern seine Determinierung vom Unbewußten berück^ 
siditigen. 

Nach unseren Ausführungen über die Verknüpfung von Gleich* 
klang und Rhythmus mit bedeutsamen, affektiven Aktionen der 
kindlichen Psydie halten wir uns für bereditigt, eine Vermutung, 
die wir schon geäußert haben, mit größerer Bestimmtheit zu wieder* 
holen, daß nämlidi der Gleichklang <und der ihm immanente Rhyth* 
mus> in der Spradie, beziehungsweise in der diditerisdien Dar* 
Stellung im Grunde nidits anderes ist, als ein Mittel, die äugen* 
blicklidie, psydiische Situation des Darstellenden von der Realität 
loszulösen und sie dem Lustprinzip unterzuordnen. 

Ehe wir daran gehen, diese Meinung am Material zu erhärten, 
möchten wir als Beweisstücke zwei Tatsadien der Pathologie an* 
führen, nämlidi die gelegentlich unter dem Einflüsse des Alkohols 

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562 Dr. Kar! Weiß 



entstehenden Reimspielereien und ferner die Reime bei gewissen 
Geisteskranken. Ihre Analogie mit den infantilen Reimprodukten 
liegt auf der Hand. Beidemale handelt es sidi um völligen Verzidit 
auf logisdi geordneten Inhalt, um Aufhebung jeglidier Hemmung 
durdi Urteil und Kritik und um die aussdiließlidie Verwertung der^ 
offenbar automatisdi funktionierenden Spradileistung zum Zwedte 
der Lustvermitdung. Der Melanismus der künstlerisdhen Darstellung 
ist der gleidie/ der Untersdiied liegt natürliA darin, daß die Lust* 
Wirkung an einem sinnvollen Inhalt erzielt wird. 

wenn wir nun daran gehen, den Refrain als diAterisdies 
Ausdrud^smittel zu untersudien, wird es zunädist notwendig sein, 
einen kurzen ÜberbliA über seine historisdie Entwidilung zu geben, 
weil uns aus ihr sein Verhältnis zum Affekt deudidi werden wird. 
Er ist, wie R. M. Meyer ^ sagt, als Empfindungslaut der einzige 
Anteil des Chores an einer künstlerisdien Darstellung, ein Mittel, 
durdi das die Menge ihrer affektiven Einstellung zum Inhalte des 
vom Vorsänger Vorgetragenen Ausdrudc geben kann. Daß er in 
dieser Periode, in der die Spradie selbst eben erst artikulierte Rede 
geworden ist, als Produkt seelisdier Erregung einen Rüdcsdilag in 
der spradilidien Form erleidet, kann nidit wundernehmen. Er er* 
sdieint zunädist als an sidi sinnloses Gebilde, ähnlidi der Inter- 
jektion und wie diese nur durdi den Klang wirkend. Neben ihm 
entwiAelt sidi aber bereits der artikulierte Refrain, teils als laut- 
nadiahmender, teils als in Worten ausgedrüd^ter, der so sdion eine 
engere Verbindung mit dem übrigen Teil der Diditung erfährt. 
Beide Formen, den sinnlosen wie den artikulierten Refrain, finden 
wir audi in unserer Diditung. Ihre Abkunft aus den ältesten Chor- 
gesängen läßt sidi, morphologisdi betraditet, wenigstens für die erst^ 
genannte Art, audi heute nodi aus der Besonderheit ihres Ver* 
Wendungsgebietes erweisen. Der sinnlose Refrain ersdieint mit be^ 
sonderer Häufigkeit in jener Diditungsgattung, die sidi ihrem Inhalte 
nadi an das Interesse eines größeren Kreises wendet, also in Trinke, 
Kriegs*, Tanz- und Wanderliedern. 

Während der Refrain im allgemeinen früher audi eine wesent^ 
lidie formale Bedeutung hatte, indem er, wie R. M. Meyer- be- 
tont, die Sdiutzwehr darstellte, die der Strophe zu fester Gliederung 
Raum und Sidierheit gewährt, ist diese Rolle heute zugunsten 
seiner affektiven Bedeutsamkeit stark in den Hintergrund gedrängt. 
Ja, man kann kaum mehr sagen, ob die Strophe nodi cfurdi den 
Rhythmus des Refrains beeinflußt werde, wie es früher einmal der 
Fall war,- so sehr ersdieint dieser in den Bau der Strophe ein* 
gefügt oder ihr angegliedert. Er hat aber eine merkwürdige Wirkung: 
er unterbridit den Gang der Darstellung. Die Frage nadi dem 
Zwed^e dieser Unterbreoiung ist identisdi mit der Frage nadi dem 
Zwed^e seiner Verwendung im Werke überhaupt. Und diese sollen 

» R. M. Meyer, Die Formen des Refrains. »Euphorion«, 5, 1 f. 

2 I. C. 



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Von Reim und Refrain 663 



uns nun einige Beispiele erläutern. Wir behalten uns dabei jene 
Freiheit der Auswahl vor, die wir in den einleitenden Worten zu 
dieser Arbeit beansprudit und begründet haben. Es kann sidi uns 
nidit darum handeln, eine streng nistorisdie Qbersidit über die Ent*^ 
widilung und die Wandlungen des Refrains in der diditerisdien Dar-^ 
Stellung zu geben/ das angezogene Material soll lediglidi seine 
affektive Bedeutung erläutern. 

Nehmen wir als erstes Beispiel das bekannte Sdiwertlied 
Theodor Körners. Es ist ein Zwiegespräch zwisdien dem Reiter 
und seinem Sdiwerte und beginnt also: 

Du Sdiwert an meiner Linken 
Was soll dein heitres Blinken? 
Sdiaust midi so freundlidi an, 
Hab' meine Freude dran, 
Hurrah, Hurrah, Hurrah! 

Dieses »Hurrah« wird jeder folgenden Strophe als Refrain 
angefügt. Das Sdiwert wird als Braut personifiziert, der Reiter ist 
der Bräutigam: 

Ja, gutes Sdiwert, frei bin idi 
Und liebe didi herzinnig. 
Als wärst du mir getraut 
Als meine hohe Braut. Hurrah! 

In rasdier Steigerung führt der Diditer die Handlung fort. 
Die Braut sehnt sidi nadi der Umarmung des Geliebten, er ver* 
tröstet sie, dodi bald gibt er ihren Bitten nadi und führt die 
Braut heim: 

So komm denn aus der Sdieide, 

Du Reiters Augenweide! 

Heraus mein Sdiwert ^ heraus! 

Führ' didi ins Vaterhaus. Hurrah! 

Und nun wird Hodizeit gefeiert: 

Nun laß das Liebdien singen. 
Daß helle Funken springen! 
Der Hodizeitsmorgen graut. Hurrah! 
Du Eisenbraut! Hurrah! 

In der symbolisdien Form einer Liebesszene stellt also Körner 
den an sidi redit einfadien Vorgang dar, wie ein Reiter nadi dem Kampf 
begehrt und endlidi sein Sdiwert zieht, um es gegen den Feind zu 
sdiwingen. Der Affekt der Begeisterung, den wir in einer soldien 
Situation voraussetzen dürfen, wird durdi die Anfügung des 
Refrains besonders deutlidi zum AusdruA gebradit. Die kurze 
Unterbrediung der Darstellung durdi das »Hurrah« am Ende jeder 
Strophe ersAeint als ihre natürlidie Fortsetzung, so als wäre es 
den Spredienden nidit gelungen, im Rahmen der Strophe selbst 
ihren Gefühlen vollständig Luft zu madien. Es ist wie ein eruptives 

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HeraussAIeudern von gestauten Affektmassen, die sidi in dem 
einen Ausruf entladen. Der Refrain wirkt um so stärker, als er, der 
Gefühlslage der Beteiligten entsprediend, glüAlidi gewählt ist. Er 
ist ein Kriegsruf, an und für sidi geeignet, dem Hörer die Vor^ 
Stellung von Sdiladitgetümmel und Kampf zu erwedcen. Er be-^ 
kommt einen bestimmten Inhalt, indem er eine mensdilidie Ge* 
pflogenheit wiederholt und an sie erinnert, nämlidi die, den Sieges-^ 
ruf zu wiederholen. Ein weiteres Moment der Verstärkung liegt 
darin, daß sidi der Diditer an die Allgemeinheit wendet: 

Wohlauf ihr kcdten Streiter! 
Wohlauf ihr deutsdien Reiter! 
Wird eudi das Herz nidit warm? 
Nehmt's Liebdien in den Arm! Hurrah! 

Hier klingt der Refrain wie die Antwort der Tausende ringsum, 
die von der gleidien Begeisterung ergriffen werden. Er hebt die 
Szene über die Bedeutung des Dialoges hinaus und madit sie zur 
Angelegenheit aller. Die gleidie Gemeinsamkeit klingt in der folgen* 
den Strophe an: 

Drum drüAt den liebeheißen 

Bräutlidien Mund von Eisen 

An eure Lippen fest! 

Fludi! Wer die Braut verläßt! Hurrah! 

Audi hier wiederum das »Hurrah« als Responsion, als Anteil 
der Menge an dem Inhalt des Vorgetragenen. Die ursprünglidie 
Bedeutung des Refrains, von der wir sdion gesprodien haben, wird 
hier in voller Deutlidikeit erkennbar. Vor allem aber wird eins hier 
erreidit, eine besonders starke und eindrucksvolle Form 
der Affektabreaktion. 

Wenden wir uns jetzt zum eigentlidi sinnlosen Refrain. In 
»Des Knaben Wunderhorn« findet sidi ein altes Lied, »Beim Heuen«, 
es lautet, mit dem gleidien Refrain am Ende jeder Strophe, folgender^ 
maßen: 

Es hatte ein Bauer ein sdiönes Weib, 

Die blieb so gerne zu Haus. 

Sie bat oft ihren lieben Mann, 

Er sollte dodi fahren hinaus. 

Er sollte dodi fahren ins Heu, 

Er sollte dodi fahren ins 

Ha, ha, ha/ ha, ha, ha, Heidildei, 

Judi heisasa, 

Er sollte dodi fahren ins Heu. 

Der Mann, der dadite in seinem Sinn: 
Die Reden, die sind gut! 
Idi will midi hinter die Haustür stell'n, 
Will sehen, was meine Frau tut. 
Will sagen, idi fahre ins Heu usw. 



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Von Reim und Refrain 665 



Da kommt gcsdilidicn ein Reitersknecht 
Zum jungen Weib hinein. 
Und sie umfanget gar freundlich ihn, 
Gab straci^s ihren Willen darein. 
Mein Mann ist gefahren ins Heu usw. 

Er faßte sie um ihr Gürtelband 

Und schwang sie wohl hin und her. 

Der Mann, der hinter der Haustür stand, 

Ganz zornig da trat herfür: 

Ich bin noch nicht fahren ins Heu usw. 

Ach trauter, herzallerliebster Mann, 
Vergib mir nur diesen Fehl, 
Will lieben fürder und herzen dich. 
Will kochen süß Mus und Mehl; 
Ich dachte, du wärest ins Heu usw. 

Und wenn ich gleich gefahren war 

Ins Heu und Haberstroh, 

So sollst du nun und nimmermehr 

Einen andern lieben also. 

Der Teufel mag fahren ins Heu usw. 

Und wer euch dies neue Liedlein pfiff, 

Der muß es singen gar oft. 

Es war der junge Reitersknecht, 

Er liegt auf Grasung im Hof, 

Er fuhr auch manchmal ins Heu usw. 

Würde man den unbefangenen Hörer nach dem Charakter 
dieses Gedichtes fragen, er würde sich keinen Augenblick bedenken, 
es als lustig oder komisch zu bezeichnen. Keinesfalls aber würde 
er glauben wollen, daß es im Grunde ernst, fast tragisch ist. Und 
doch ist es so, wie wir uns überzeugen können, wenn wir es ohne 
Refrain und ohne die letzte Strophe lesen. In der knappen Form 
des Ausdruckes, der raschen, geradezu dramatischen Steigerung der 
Handlung, nähert es sidi der Ballade. Die beiden genannten Mo^ 
mente aoer zerstören diesen Eindruck so vollständig, daß wir 
meinen, sie seien mit Absicht dazu verwendet worden. Schon die 
für die Handlung ganz überflüssige letzte Strophe bestärkt uns in 
dieser Vermutung. Dadurch, daß sie als Sänger des Liedes einen 
Reitersknecht nennt, ähnlich dem, der im Liede eine große Rolle spielt, 
daß sie ihn so darstellt, als wäre ihm ähnliches wohl zuzutrauen, 
zieht sie die ganze Situation ins Lächerliche. Vollends aber besorgt 
dies der Refrain. Vor allem wirkt er durch seine Länge retardierend 
auf den Ablauf der Handlung und lenkt dadurch die Aufmerk* 
samkeit des Hörers wirksam von ihrem Ernste ab. Noch sicherer 
erreicht er das durch seine Form. Das »Hahaha« als lautliche Nadii^ 
ahmung des Lachens ist wie ein Zeichen, durch das dem verbotenen 



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566 Dr. Karl Weiß 



Affekt der Sdiadenfreude die Erlaubnis erteilt wird, vorzutreten. 
Und ebenso dient das »Judiheisa«, in dem das Selbstgefühl und 
die Befriedigung über einen Sieg zum Ausdruck kommen, dazu, 
uns die verbotene Lust an der sexuellen Begebenheit ungehemmt 
genießen zu lassen,- es hält uns erfolgreidi davon ab, ernsthaft 
oder gar bedauernd an den betrogenen Bauer zu denken. Das 
»Heidildei« in seiner kindisdien Form verstärkt diese Wirkung 
und erleiditert die Wendung vom Ernsten zum Komisdien. Der 
Refrain verändert also den Affekt, indem er ihn seiner 
ursprünglichen Qualität beraubt und sie durch eine 
andere ersetzt. 

Wie ist diese Wirkung der Form psydiologisdi zu erklären? 
Erinnern wir uns nodimals, daß es ihr gelungen ist, unsere im 
Grunde ernste Stimmung in eine heitere zu verwandeln. Beobaditen 
wir nidit audi beim Kinde ähnlidies? Daß es eine ihm zugedadite, 
ernsthaft gemeinte Rede durdi Ladien oder sinnloses Plappern unter* 
bridit und uns sdiließlidi dazu bringt, ihren Zwedt zu vergessen 
und mitzuladien? Ebenso benimmt sidi in unserem Falle der Refrain,- 
er ist sinnlos, zeigt Wiederholung, Gleidiklang, Rhythmus, kurz 
alle Charaktere, die wir an der infantilen Spradibildung aufgezeigt 
haben. Er ist eine Regression zur infantilen Spradiform und sein 
Erfolg beruht darauf, daß er uns erlaubt, uns verbotenen Dingen 
gegenüber wie Kinder zu benehmen, d. h. frei von aller Hemmung 
durdi moralisdie Bedenken die Lust an ihnen zu genießen. Es ge- 
lingt ihm, Zusammenhänge in unserer Rezeption zu loAern, unser 
Urteil über die Situation zu verfälsdien und unsere psydiisdie Ein* 
Stellung, für den Augenblidt wenigstens, dem Lustprinzip unterzu* 
ordnen. Wir nehmen den Unsinn der Form willig hin und v^er* 
gessen gern, daß der Inhalt dieser Absidit eigentlidi nidit entgegen* 
kommt. Die Form überwindet den Widerstand, den wir im Grunde 
gegen die Verkehrung eines ursprünglidi ernsten Gefühles haben, 
indem sie uns einen »Unterdrüdkungsaufwand« erleiditert und die 
Abfuhr von verbotenen Affekten ermöglidit. Darin liegt die Lust* 
Wirkung des sinnlosen Refrains, sie entsteht also ähnlidi, wie sie 
Freud^ für den tendenziösen Witz erklärt hat. 

Haben wir hier den Refrain im Dienste des Affektersatzes 
gesehen, weldier bewirkt, daß an Stelle eines peinlidien ein lust* 
betonter, aber verbotener Affekt tritt, so erfüllt er in dem nädisten 
Beispiel, dem Gedidite Mörikes »SAön*Rohtraut«, eine andere Auf* 
gäbe. Der Text ist folgender: 

Wie heißt König Ringangs Töditerlcin? 

Rohtraut, Sdiön*Rohtraut. 

Was tut sie denn den ganzen Tag, 

Da sie wohl nidit spinnen und nähen mag? 

Tut fisdien und jagen, 

* Freud, I. c. 



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Von Reim und Refrain 5(37 



O daß Ich dodi ihr Jäger war! 
Fisdien und Jagen freute mich sehr. 

— Schweig stille, mein Herze! 

Und über eine kleine Weil, 

Rohtraut, Schön-Rohtraut, 

So dient der Knab auf Ringangs Schloß 

In Jägertracht und hat ein Roß, 

Mit Rohtraut zu jagen. 

O daß ich doch ein Königssohn war! 

— Schweig stille, mein Herze! 

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum, 

Da lacht Schön-Rohtraut: 

Was siehst mich an so wunniglich? 

Wenn du das Herz hast, küsse mich! 

Ach! Erschrak der Knabe! 

Doch denket er: mir ist's vergunnt 

Und küßt Schön-Rohtraut auf den Mund. 

— Schweig stille, mein Herze! 

Darauf sie ritten schweigend heim. 

Rohtraut, Schön-Rohtraut! 

Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn: 

Und würd'st du heute Kaiserin, 

Mich sollt 's nicht kränken/ 

Ihr tausend Blätter im Walde wißt, 

Ich hab Schön-Rohtrauts Mund geküßt! 

— Schweig stille, mein Herze! 

Zunädist wird die formale Bedeutung des Refrains im ganzen 
Gedidite festgehalten: Er dämpft den Affekt. Dieser selbst aber wecliselt 
mit dem Inhalt der Strophen, er steigert sich von dem sehnsüchtigen 
Wunsche des Knaben, in Rohtrauts Nähe zu sein, zum Jubel über 
die wunderbare Erfüllung seiner Träume, So ändert sidi aucb der 
Inhalt des Refrains entsprechend den Stücken, die die Handlung 
deutlich zeigt. Klincjt er in den beiden ersten Strophen wie eine 
Mahnung an den Knaben, nicht unmöglichen Hoffnungen nachzu- 
hängen und seine Liebe zu unterdrücken, so ist er in den letzten 
gleidisam als Damm aufgerichtet gegen ein Übermaß von Seligkeit. 
Dadurch erreicht er aber, daß sich unser Interesse um so intensiver 
dem Inhalte der Strophen zuwendet. Er wirkt also wie ein künst^ 
lieber Widerstand, er staut den Affekt und hemmt seinen Ablauf. 
So zwingt er uns eine Mehrleistung an psychischem Auf^ 
wand ab, als deren Effekt eine Verstärkung der affektiven 
Einstellung zum Inhalte unverkennbar ist. Wir haben aber 
in diesem Gedichte noch einen zweiten Refrain, nämlich »Rohtraut, 
Schön^Rohtraut«. Auch er dient der Affektstauung, wie aus seiner 
Stellung im Gedichte hervorgeht. In der ersten Strophe steht er 
scheinbar absichtslos als Antwort auf eine rhetorische Frage. Dann 



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OrfgfrTaffrom 
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568 Dr. Karl Weiß 



crsdieint er in der zweiten und vierten wieder und beide Male 
kommt eine Pause in der Handlung zustande, die unsere Neugier 
auf ihre Fortsetzung wed^t. Inhaltlidi ist er identisdi mit dem ersten 
Refrain, er vertritt und unterstützt ihn, er ist ein Ersatz refrain. 
In diesem Falle handelt es sidi um die Verstärkung eines erlaubten 
Affektes, die also ohne Sdiwierigkeit die psyAisdie Zensur passiert. 
Anders in dem folgenden Liedchen aus »Des Knaben Wunderhorn«. 
Es heißt »Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb«: 

Es ging ein Sdireiber spazieren aus, 
Wohl an dem Markt, da steht ein Haus. 
Heinridic Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Er spradi: »Gott grüß Eudi, Jungfrau fein, 
Nun, wollt Ihr heute mein Sdilafbuhl sein?« 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Sie spradi: »Kommt sdiier her wiedere, 
Wenn sidi mein Herr legt niedere.« 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Wohlhin, wohlhin, gen Mitternadit 
Der Sdireiber kam gegangen dar. 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Sie spradi: »Mein Sdilafbuhl sollst nidit sein, 
Du setz'st didi dann ins Körbelein.« 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Dem Sdireiber gefiel der Korb nidit wohl. 
Er dürft ihm nidit getrauen wohl. 
Heinriche Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Der Sdireiber wollt 'gen Himmel fahren. 
Da hatt' er weder Roß nodi Wagen. 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Sie zog ihn auf bis an das Dadi, 

In's Teufels Nam' fiel er wieder herab. 

Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb, 

Er fiel so hart auf seine Lend', 

Er spradi: »Daß didi der Teufel sdiänd'!« 

Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

»Pfui didi, pfui didi, du böse Haut! 
Idi hätt' dir das nidit zugetraut.« 
Hemridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 

Der Sdireiber gab ein' Gulden drum. 
Daß man das Liedlein nimmer sung. 
Heinridie Konrade, der Sdireiber im Korb. 



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Von Reim und Refrain 569 



Es ist ohne weiteres klar, daß der Refrain hier gleidifalls nur 
dem Zwecke der AfFektverstärkung dient, aber diesmal der eines 
verbotenen Affektes. Wie soll sidi die Sdiadenfreude oder der Spott, 
die durdi die Handlung unfehlbar erweAt werden, zur Bewußtseins- 
fähigkeit durdisetzen? Dazu hilft nun der Refrain, der sidi in ganz 
kurzen Intervallen wiederholt und dadurdi den Hörer immer wieder 
in Versudiung führt. Er wirkt also durdi die Summation der Reize 
und erreidit es sdiließlidi, daß die Zensur gleidisam überrumpelt 
wird und daß wir uns die Lust an der Komik nidit mehr stören 
lassen. 

Das GediAt »Sdiöne Junitage« von Liliencron soll die Reihe 
unserer Beispiele besdiließen: 

Mittcrnadit, die Gärten lausdien, 
Flüsterwort und Liebeskuß. 
Bis der letzte Klang verklungen. 
Weil nun alles sdilafen muß ^ 
Flußüberwärts singt eine NaditigalL 

Sommergrüner Rosengarten, 
Sonnenweiße Stromesflut, 
Sonnenstiller Morgenfriede, 
Der auf Baum und Beeten ruht — 
Flußüberwärts singt eine Naditigall. 

Straßentreiben, fern, verworren, 
Reidier Mann und Bettelkind, 
Myrtenkränze, Leidienzüge, 
Tausendfältig Leben rinnt -- 
Flußüberwärts singt eine Naditigall. 

Langsam graut der Abend nieder, 
Milde wird die harte Welt, 
Und das Herz madit seinen Frieden, 
Und zum Kinde wird der Held — 
Flußüberwärts singt eine Naditigall. 

Es ist eine ganz besondere Rolle, die hier dem Refrain zu^ 
fällt/ er ist ein Bindeglied zwischen disparaten Studien des Inhaltes, 
die er zusammenhält, aber nur, um sie seinen Zwed^en dienstbar 
zu madien. Er gestattet ihnen keine selbständige, affektive Wirkung 
auf den Hörer, er annulliert diese und zwingt den ganzen Inhalt zur 
Unterordnung unter seine eigene, affektive Bedeutung. Und diese 
liegt darin, daß sidi hier im Refrain die psydiisdie Einstellung des 
Diditers durdisetzt. Es ist, als ob er sagen wollte: Der Sommer, 
das Getriebe des Lebens, der Abendfriede, alles das zieht an mir 
vorüber, aber in mir ist nur der Gesang der Naditigall. Damit 
rüd^t er sein Idi in den Mittelpunkt des Interesses, er stellt seine 
Stimmung der Handlung gegenüber in den Vordergrund und so 



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570 Dr. Karl Weiß 



erfüllt hier der Refrain eine besondere Aufgabe, er subjektiviert die 
Darstellung und erweist also seine nahe Verwandtsdiaft zum Reime, 
mit dem wir uns nunmehr besAäftigen wollen. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß — wenn wir von 
der Musik als Kunst absehen — das Gedidit, oder allgemein ge^ 
sprodien, die Lyrik die subjektivste Form einer künstlerisdien Dar* 
Stellung ist. Der Grund dafür ist in der Besonderheit des Spradi* 
materials zu sudien,- denn während beispielsweise die Farbe oder 
der Marmor als Material des bildenden Künstlers an sidi inhaltslos 
sind, nidits verraten und nidits verhüllen und erst in ihrer end* 
giltigen Umformung zum Kunstwerk über die Tendenzen des 
Künstlers etwas auszusagen vermögen, ist dies anders beim Wort. 
Dieses hat einen Inhalt, der zur psydiisAen Entwidmung des Indi^ 
viduums in bestimmtem Verhältnis steht, Vorstellungen zwisdien 
ihm und anderen Mensdien vermittelt,- es träcft den Affekt, der zum 
Vorstellungsinhalte gehört. Die Art seiner Verwendung verrät be^ 
reits einen Teil der unbewußten Absiditen des Diditers. Die Frage 
ist nun die, ob diese im Reime, beziehungsweise im Gedidite ihren 
unverhüllten AusdruA finden, oder ob die Darstellung nidit viel- 
mehr zu den gleidien Medianismen der Entstellung und Verhüllung 
tendiere, wie wir sie aus den psydiisdien Bildungen des Traumes 
oder der Neurose kennen. Zu ihrer Entsdieidung werden wir nodi* 
ma!s auf unser eingangs erwähntes Beispiel des Kinderreimes rekur^ 
deren müssen. Wir erinnern uns, daß er sidi der Betraditung zu^ 
nädist als das Resultat einer dem Gleidiklang innewohnenden Lust* 
Wirkung gezeigt hat, daß uns ihn aber die Analyse in seiner 
tieferen Bedeutung erkennen läßt, und zwar als Kompromiß zwisdien 
zwei einander widerstreitenden Tendenzen des Unbewußten, der 
moralisdien auf der einen und der feindseligen auf der anderen 
Seite. Beide finden ihren Ausdrude im Reime, aber so, daß sie 
nidit mehr erkennbar sind. 

Man darf in dieser Eignung des Reimes, das Unbewußte un^ 
kenntlidi zu madien, den Affekt zu verhüllen, zu hemmen und zu 
binden, sein bedeutsamstes Merkmal erbliAen. Dadurdi, daß er an 
bestimmte Gesetze der klanglidien Übereinstimmung und des Rhyth^ 
mus gebunden ist, ermöglidit er es dem Diditer, den Akzent seiner 
Rede zu verändern, oder er zwingt ihn sogar dazu. Der Reim ist 
als infantile Ausdrudesform ein Mittel der Affektabfuhr, im 
Sinne seiner Verwendung im tendenziösen Werke des Erwadisenen 
eine Hemmung und somit eine edite Kompromißbildung, Diesen 
Hemmungsgcdanken drüdet Bettina v. Arnim ^ einmal in folgenden 
Worten aus: ». . . aber idi dadite an das Versemadien, wie selt- 
sam das ist. Wie in den Gefühlen selbst ein Sdiwung ist, der durdi 
den Vers gebrodien wird. Ja wie der Reim oft gleldi einer be* 



* Zitiert nadi EriA Schmidt, Sitzungsber. d. prcuß. Akad. d. Wiss., 
Mitteilg. vom 11. Januar 1900. 



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Von Reim und Refrain 571 



sdilmpfcnden Fessel ist für das leise Wehen im Geiste. Belehre 
micfi eines besseren, wenn idi irre, aber ist es nidit wahrsdieinlidi, 
daß Reim und Versmaß auf den ursprünglidien Gedanken so ein* 
wirke, daß es ihn verfälsdie?« 

Aber ist diese Plage nidit audi wiederum Wohltat für den 
DiAter? Müßte ohne sie nidit mandies Gedidit darauf verziditen, 
einen spradilidien AusdruA zu finden? Die Art der künstlerisdien 
Darstellung der Affekte ist eine andere beim Lyriker als sonst beim 
Diditer. Er kann sie nidit, wie der Dramatiker nadi außen proji* 
zieren, indem er andere Personen zu ihren Trägern madit/ sie audi 
nidit, wie etwa der Epiker, als Resultate einer ruhigen und in sidi 
abgesdilossenen EntwiAIung ersdieinen lassen. Sein Werk ist ge^ 
wissermaßen die Momentaufnahme einer ardiitektiven, psydiisdien 
Situation, er steht nidit hinter seinem Werke, sondern mitten in 
ihm, und zwar mit dem ganzen Betrage seiner Affekte. Er spridit 
von sidi und nur von sich, er ist ein Narziß, der sidi im eigenen 
Werke betraditet, seine Libido ist autoerotisch. Aber ihre künst* 
lerisdie Äußerung darf es nidit sein. Der Lyriker will sidi vcr* 
künden, ohne sidi zu verraten. Deshalb braudit er ein Material, 
das ihm ermöglidit zu verändern, abzusdiwädien und zu verhüllen. 
Und er findet es im Reimet Allein dessen Eignung zur Kunstform 
ist tiefer determiniert. Er ist ja nidits anderes, als die wiederbelebte, 
ins Künstlerisdie gezogene Form der infantilen Spradibildung und 
wie in historisdien Zeiten der Psydie erweist sie sidi audi jetzt als 
geeignet, den Affekt, der zur Triebleistung gehört, an sidi zu fesseln 
und reditfertigt damit ihre Wiederverwendung im Dienste der 
infantil fixierten Libido des Lyrikers. 

Ähnlidies sehen wir ja in der Pubertät sidi ereignen, jener 
Periode der psydiosexuellen Entwid^Iung, in der sidi der entsdieidende 
Kampf zwisdien der autoerotisdien Sexualbetätigung und der Ab*^ 
lösung der Libido von ihren infantilen Sexualzielen erhebt. In 
diesem Zwisdienstadium, in dem die gestaute Libido nadi Äußerung 
drängt, erweist sidi der Reim als wohltätiger Helfer. Er setzt den 
psydiisdien Tonus herab als Transformator seelisdier Spannungen 
in künstlerisdie Form. So erklärt sidi die lyrisdie Produktion der 
Pubertätsjahre mit ihrer Akzentuierung äußerer, infantiler Elemente, 
wie Klang und Rhythmus. Sie ebbt ab, sobald die Objektwahl 



* Vgl. »Imago«, I. Jahrg. 1912, p. 535. J. C. Prescott: Dichtung und 
Traum / ref. E. Jones. In dieser Arbeit zitiert der Autor einen Aussprudi Keblcs 
über die durch das Metrum hervorgerufene Zurüdchaltung in Ausdrüdcen (sc. der 
künstlerisdien Darstellung) : »Ein Sdhieier der Mäßigung wird über starlte und tiefe 
Gemütsbewegungen geworfen, um sie gegen allzu große öffentlidikeit zu sdiützen. 
Affekte, die in ihrem ungehemmten Ausdrude allzu heftig und wild ersdieinen 
würden, ersdieinen mäßiger und erträglidier, wenn wir sie soweit gezügelt finden, 
daß jene, die sie fühlen, nodi Messung und Reim und die anderen Hilfsmittel einer 
metrisdien Komposition beaditen können. In der Diditung kann man äußern, was 
man in der Spradie des täglidicn Lebens zurüAhaltcn würde.« 



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Dr. Karl Weiß 



vollzogen ist, und mancher, der seine Jugendgedidite wohlver* 
wahrt verbirgt, weiß nidit, warum ihm seither kein Vers mehr 
gelungen ist ^ 

* Es ist nicht uninteressant, auf den Mangel des Reimes (in unserem Sinne) 
in der Antike, speziell bei den Griechen hinzuweisen. Die außerordentliche Mannig* 
faltigkeit in der Entwicklung der Endsilben rechtfertigt ihn bis zu einem gewissen 
Grade, aber das Wesen der Sache scheint eine Bemerkung Gerbers <1. c, II. Bd., 
p. 133) zu treffen. Er sagt: »Die quantitierenden Sprachen, namentlich die griechi- 
sche, erkennen eine Macht des Wortakzentes für die Gestaltung ihrer Rede nidit 
an/ ihnen gilt es, die mehr sinnlidie, immer doch geistgeborne Musik der Spradie 
zu entfalten, deren Rhythmus mit gleichem Interesse das Lautmaß aller Silben des 
Wortes bewahrt. Es ergibt sidi hieraus die Entbehrlichkeit besonderer Figuren der 
Euphonie für diese Sprachen, bei denen eine feste Metrik die in ihrem Vollaut 
unangetasteten Lautkörper umsAließt, bei denen ohnehin die Sprache ihre Musik 
festhält . . .« Unsere Auffassung vom Wesen des Rhythmus läßt uns diese seine 
Bedeutung aus einem Punkte verstehen: Die griediische Sprache ist rhythmisch, 
weil in ihr nodi die infantile Lust eines Volkes lebt, das frei von de i Ein^ 
schränkungen einer falschen Sexualkultur seine Triebe betätigen durfte. Und sie 
konnte den Reim entbehren, weil die Menschen, die sie sprachen, nicht nötig harten, 
ihren Affekten einen entstellten Ausdruck zu geben. Vielleicht ist es kein Zufall, 
daß der Reim gerade in jener Periode des Mittelalters in höchster Blute steht, in 
der der endgiltige Sieg der Idee des Christentums vollzogen ist, mit dem die 
Sexualverdrängung enge verknüpft erscheint. 




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OrFgfrTaffrom 
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Psychoanalytisdie Bemerkungen über den zynischen Witz 573 

Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen 

Witz\ 

Von Dr. THEODOR REIK <Wien>. 

»Ergreift ihn, der das Wort gcsprodicn, 
und den, an den's geriditet war.« 

Die folgenden Bemerkungen beanspruchen nidit, das Problem 
des zynisdien Witzes zu lösen, sondern sie wollen nur einige 
Charakteristika dieser Witzesart hervorheben. Professor Freud 
reiht den zynisdien Witz in den tendenziösen ein*^. Als sein spezifi*^ 
sches Merkmal werden besonders seine Angriffsobjekte hervor^ 
gehoben: »Institutionen oder Personen, sofern sie Träger derselben 
sind, Satzungen der Moral oder Religion, Lebensansdiauungen, die 
ein soldies Ansehen genießen, daß der Einsprudi gegen sie nidit 
anders als in der Maske des Witzes, und zwar eines durdi seine 
Fassade geded^ten Witzes auftreten kann.« Wir haben nun sdion 
ein bedeutsames Kennzeidien des zynisdien Witzes: er riditet sidi 
gegen etwas allgemeines. Unter seinen Objekten kommt besonders 
die Ehe in Betradit. Er vertritt im allgemeinen die Lebenslust des 
Individuums gegen einsdiränkende Mädite. Der zynisdie Witz fügt 
sidi den seelisdien Medianismen ein, die Freud als diejenigen, weldie 
bei der Psydiogenese des Witzes überhaupt wirksam sind, aufgeded^t 
hat: audi hier wird ein vorbewußter Gedanke für einen Äugen^ 
blidi der unbewußten Behandlung überlassen und dann durdi das 
Bewußtsein erfaßt. 

Ein kleines Witzbeispiel soll uns helfen, den zynisdien Witz 
vom naiven abzugrenzen. 

Eine Gouvernante erzählt ihrem kleinen Zögling: »Denk dir 
einmal, Franzi, wie idi gestern so spät abends von dir weggehe, 
steht beim Hause ein verdäditig aussehender Mann. O, wie idi ge*' 
laufen bin!« Franzi: »Nun — und hast du ihn bekommen?« 

Worüber ladien wir hier? Der erste EindruA wird sein: das 
ist ein komisdies Mißverständnis. Das Fräulein ist vor Angst davon^ 
gelaufen, das Kind kennt offenbar die Gründe oder Voraussetzungen 
jener Angst nidit und glaubt, es handle sidi um ein Erreidienwollen, 
um eine Art Fangspiel. Die Voraussetzungen dieser Angst, weldie 
dem Kleinen fehlen, müssen von der Art sein, daß er sie nodi nidit 
erkannt hat. Er sieht nidit ein, was das Fräulein von dem Manne 
zu fürditen hat. Und dodi sdieint seine Antwort für uns einen 
verborgenen Sinn einzusdiließen. Sie sdieint irgendwie zu der Situation 
zu passen. Soweit die Fassade des Witzes/ wir gelangen weiter, 
wenn wir den Gründen dieser Angst nadigehen. 

^ Aus einem Vortrage über die Psydiologie des Zynismus, gehalten in 
der Wiener psydioanalytisdien Vereinigung am 29. Mai 1912. 

* Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 2. Aufl. 1912. 



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574 Dr. Theodor Rcik 



Die psychoanalytische Forschung hat uns gelehrt, daß Angst 
und Wunsch oft einander ergänzen, daß sie sozusagen zwei Seiten 
eines Gefühlsphänomens darstellen. Der mit den moralischen Forde^ 
rungen des Bewußtseins unverträgliche Wunsch wird auch in der Neu^ 
rose und im Traume durch Angst gesühnt. Diese Einsicht oder vieU 
mehr die Ahnung eines Zusammenhanges muß irgendwie unbewußt 
unser Besitz sein. Denn darauf beruht ja die starke Wirkung des 
Witzes: das Kind deckt durch seine Antwort auf, daß sich hinter 
der Angst des Fräuleins ein sexueller Wunsch verberge. <Vielen 
Psychologen erscheint noch jetzt diese Ansicht fraglich. Was kein 
VerstancT der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich 
Gemüt.) Die Hemmungen, welche wir dem Aussprechen eines 
solchen Gedankens entgegensetzen würden, sind aus dem Wege 
geräumt. Wir als Zuhörer ziehen aus der Ersparung von Hemmungs* 
aufwand Lust. 

Denselben Witz, den wir hier als naiv bezeichnet haben, 
würde man, wenn ihn ein Erwachsener machte, zynisch nennen. 
Man sieht, daß der Unterschied nicht im Formalen oder Inhaltlichen 
liegt. Denn wir brauchten an dem Geschichtchen selbst nichts zu 
ändern, nur die Person müßte wechseln. Das spezifische Merkmal 
des zynischen Witzes liegt also in einer eigenartigen psychischen 
Einstellung, an deren Entwicklung die mißglückte Verdrängung, 
namentlich des Schautriebes und cler sadistischen Triebkomponente 
den bedeutsamsten Anteil hat. Es scheint, daß eine der zwangs- 
neurotischen ähnliche seelische Situation den besten Nährboden Tür 
die Produktion des zynischen Witzes bildet. 

Wir verfolgen den Entwicklungsgang eines solchen Kindes. 
Es bleibt nicht naiv/ es merkt, daß man ihm viel verbirgt. 

Die Psychoanalyse konnte von Konflikten der kindlichen Seele 
erzählen, von deren Größe und Wudit wir uns hätten vorher nichts 
träumen lassen. Oder vielmehr: von denen wir uns haben nur 
träumen lassen. Denn diese kindlichen Seelenkämpfe, die auch wir 
durchgemacht haben, sinken ins Unbewußte und kommen im Traume 
unter seltsamen Verkleidungen empor. Die Erziehung und die Moral 
beginnen ihr Werk. Das Kind muß viele Triebäußerungen unter* 
drücken. Es muß ferner eine Unwissenheit in geschlechdichen Dingen 
heucheln, um der Strafe zu entgehen und mehr zu erfahren. Die 
Kinder müssen so ihr frühes Wissen um das so sorgfältig gehütete 
Geheimnis der Geschlechtlichkeit verborgen mit sich tragen. Doch 
kommt es oft vor, daß sie zur Revanche die Erwachsenen mit 
Lügenmärchen zum Besten halten, so wie diese es mit der Storch* 
fabel gehalten. Manchmal gefällt es ihnen, sich durch einen Witz 
über das Vertrauen der Erwachsenen in die kindliche Unschuld 
lustig zu machen. Die Großmutter ermahnt die lärmenden Kleinen: 
»Aber, Kinder, tobt doch nicht so! Ihr wißt doch, daß sich heute 
früh bei der Mama der Klapperstorch eingestellt hat.« »Ruhe,« ent* 
gegnet ein kleiner Frechdachs, »Großmama will Märchen erzählen.« 



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Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen Witz 57q 

Das ist schon ein zynischer Witz, denn es wird darin gezeigt, 
daß man über den Vorgang der Geburt genügend informiert ist 
und die unschuldige Kinderzeit vorbei ist. Das Kind will sagen: 
Glaubst du, daß wir nodi so dumm sind, daß wir an den Storch 
glauben. Das gehört auch zu den Märchen, die du erzählst. 

Ein Vater sagt zu seinem elfjährigen Sohne: »Seit du, Fratz, 
auf der Welt bist, habe ich noch keine freudige Stunde von dir 
gehabt!« — »Aber früher, Vater?« Auch dieser Witz zeigt hinter 
der Fassade Verborgenes: nämlich das kindliche Interesse an der 
Sexualität der Eltern und das Auflehnen gegen die väterliche 
Autorität, die in ihrer Erhabenheit herabgesetzt werden soll. 

Drastisdi drückt sidi das Auflehnen gegen die elterliche 
Gewalt in der Antwort eines kleinen Mädchens aus: »Denkst du, 
Erna,« sagt ein Onkel, »das macht deinen Eltern Vergnügen, daß 
sie immer mit dir zanken müssen. Das tut ihnen weher als dir!« 
— »Na, wenigstens ein Trost!« 

Noch einen zynisdien Kinderwitz möchte ich hierhersetzen, 
weil er zeigt, wie intuitiv Kinder das Richtige ahnen, das Erwach* 
senen so oft entgeht. Der Religionslehrer fragt den kleinen Moritz, 
wer Moses war. »Moses,« ist die Antwort, »war der Sohn der 
ägyptischen Prinzessin.« — »Falsch,« ruft der Lehrer. »Die Tochter 
Pharaos ging am Ufer spazieren und fand Moses in einem KästAen 
auf dem Wasser sdiwimmen.« — »Sagt sie, Herr Lehrer!« 

Was der kleine Moritz hier erfaßt, ist wirklich der verborgene 
Sinn jener Erzählung von Moses' Auffindung. Otto Rank konnte 
nachweisen, daß sidi alle bemerkenswerten Züge dieses Mvthos in 
vielen Sagen typisch finden und daß sie nur einen symbolischen 
Ausdruck des Geburtsaktes darstellen^. Der kleine Moritz hat, 
daran gewöhnt, von den Erwachsenen mit allerlei Märchen über 
diesen heiklen Punkt hinweggetäuscht zu werden, intuitiv das 
Riditige gefunden. Sein Unbewußtes hat erfinderisch denselben Weg 
zurückgelegt, den viele Jahrtausende früher die Phantasie seiner 
Ahnen ging. 

Welchen Sinn haben nun die Witze? Sie zeigen das Seelen^ 
leben der Kinder in der Enthüllung, wie es unter der Oberfläche 
der Erziehung und der Konvention tatsächlidi aussieht. Sie lüften 
den Schleier der gesellschaftlidien Legende, die den Kindern geschlecht^ 
liehe Unwissenheit und Unsdiuld andichtet. 

Wenden wir uns nun dem zynisdien Witze der Erwachsenen 
zu. Dabei werden wir uns zuerst folgende Fragen vorzulegen haben: 
gegen welche Einrichtungen, Gesetze etc. richtet sich der zynische 
Witz? Warum werden gerade diese von ihm als Angriffsobjekte 
gewählt? Auf welchen seelischen Wegen kommt sein Wirken zu* 
Stande? Endlich: welchen Sinn hat dieser zynische Witz für Individuum 
und Gesellschaft? 



* Der Mythos von der Geburt des Helden. Wien 1909, Fr. Deuticte, 



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576 Dr. Theodor Reik 



Versuchen wir uns zuerst Aufklärung über die Natur des 
zynisdicn Witzes durdi einige typisdie Beispiele zu versdiafFen. 

Dabei nehmen wir absiditlidi unliterarisdie Beispiele, soldie, 
wie sie das Leben des Alltags ans Lidit befördert. 

Der Leutnant fragt: »Sagen Sie mir, Badiaradi, warum soll 
der Soldat sein Leben freudig für den König opfern?« — ^Redit 
haben Sie, Herr Leutnant, warum soll ers opfern?« 

Wieder ist unser erster Eindruck der eines komisdien Miß^ 
Verständnisses: der Einjährige hält die Frage des Leutnants offene 
bar für eine rhetorisdie. Dodi merken wir gleidi den Grund des 
Mißverständnisses: er kann nidit glauben, daß jemand das Leben, 
weldies der Güter hödistes ist, für den ihm innerlidi femstehenden 
König opfern wird. Patriotismus ist ihm nur die Pflidit, sidi auf 
Befehl des Kriegsministers für die heiligsten Güter der Nation er- 
sdiießen zu lassen. Die gefährdete Selbsterhaltung lehnt sidi gegen 
den ihm widersinnig ersdieinenden, geweihten Zwang auf. 

In einem vornehmen Londoner Klub, dem die größten Lebe-^ 
männer der Stadt angehören, fragt BisAof Y- ^inen Ankömmling: 
»Nun, Mylord, sind Sie nodi immer nidit entsdilossen, ob Sie der 
Teufel oder die Syphilis holen soll?« »Euer Gnaden,« antwortet 
der Lord höfliA, »das wird ganz davon abhängen, ob idi mir Ihre 
Grundsätze oder Ihre Maitresse aneigne.« Das sdieint eine persona 
lidie Abwehr in Witzesform. Dodi riditet sidi die so wenig sdimeidieU 
hafte Alternative wider die allgemeinen Sdiäden der Geistlidikeit: 
denn der Priester ist durdi seinen Stand verpfliditet, moralisdi reine 
Grundsätze zu haben und ein sexuell tadelloses Leben zu führen. 
Beiden Ansprüdien genügt die Geistlidikeit mandimal nidit in zu^ 
länglidiem Maße. 

Ahnlidi klingt eine von Chamfort erzählte Anekdote: Ein 
Edelmann, der seine Gattin in flagranti mit einem Erzbisdiof ertappt, 
geht ruhig zum Fenster und segnet die Vorübergehenden: »Seine 
Exzellenz versehen gegenwärtig meinen Dienst, idi muß den seinigen 
versehen.« 

Dieser Witz enthüllt die sexuellen Begierden derer, weldie 
durdi ihren Stand zu sexueller Enthaltsamkeit verurteilt sind. Er 
will sagen, daß auch Priester Mensdien mit mensdilidi-allzumensdi* 
lidien Eigensdiaften sind und das Zölibat nur eine Heudielei ist. 

Nahe steht eine andere Gruppe von Witzen, die man als 
blasphemisdie bczeidinen kann. Einige Beispiele werden uns ihre 
Analyse erleiditern. 

Ein jüdisdier Mörder erhält kurz vor seiner Hinriditung den 
Besudi eines Rabbiners. »Idi komme zu dir, mein Sohn, als Diener 
Gottes,« beginnt dieser. »Was wollen Sie von mir?« unterbridit ihn 
der Verbredier, »in einer Stunde werde idi mit Ihrem Chef spredien«. 
Zynisdi ist hier beides: daß der Priester gleidisam als Angestellter 
eines Gesdiäftes angesehen wird und Gott sein Chef sein soll. In 
Heines »Bäder von Lucca« findet sidi ein ähnlidier Vergleidi. 



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PsyAoanalytisAe Bemerkungen über den zynischen Witz 577 

Ein zweiter Witz wird uns tiefer hinter die Fassade sehen 
lassen. Ein frommer Rabbiner wird nadi seinem Tode in den 
Himmel aufgenommen. Er nähert sidi Jehovah und fragt zutraulidi: 
»Herrgottleben, sag, was sind für didi tausend Jahr?« — »Tausend 
Jahr sind für midi wie eine Minute.« — »Und geh, sag, was sind 
für didi eine Million Gulden?« — »Eine Million Gulden sind für 
midi wie ein Kreuzer.« — »Geh, Herrgottleben, sdienke mir einen 
Kreuzer!« — »Wart eine Minut'!« Gott wird hier als geriebener 
Gesdiäftsmann dargestellt, der seinen sdilauen Gläubigen durdi 
Raffinement nodi übertrifft. Es birgt sidi hinter diesem W^itz eine 
tiefe Wahrheit. Der Mensdi sdiafft sidi seinen Gott nadi seinem 
Ebenbilde. Der Gott der Juden wird von ihnen als sdilauer Gesdiäfts^ 
mann betraditet^ <»Wie einer ist, so ist sein Gott,- darum ward 
Gott so oft zum Spott.« Goethe.) Zugleidi bedeutet der Witz einen 
sdimerzvollen Protest gegen Gott, der sein auserwähltes Volk zwange 
oft mit zweifelhaften Mitteln den Kampf ums Dasein zu führen. 
Es reihen sidi hier ungezwungen Aussprudle von Sterbenden an, 
die ihrem Zynismus Ausdrudi geben. Sie wirken um so stärker, 
als sie im Momente des Hinübergehens in das unbekannte Land, 
von dess' Bezirk kein Wand'rer wiederkehrt, fallen. So spridit 
Heine, da ihn der Priester auf die Gnade Gottes verweist, das 
berühmte Wort: »Bien sur, qu'il me pardonnera, c'est son metier.« 
Durdi die Annahme eines Gesdiäftes, eines Berufes nadi Mensdien^ 
art erhebt hier der Künstler zum letzten Male Protest gegen den 
GottesbegrifF. Voltaire beantwortete die Frage des Priesters, ob er 
jetzt an die Göttlidikeit Jesu Christi glaube: »Au nom de Dieu, 
monsieur, ne me parlez plus de cet homme!« 

Wir wissen sdion, daß diese Zynismen in direkter Linie auf 
den kindlidien Protest gegen den Vater zurüd^gehen. Es gibt viele 
zynisdie Witze, weldie die Person des Vaters herabsetzen, nament^ 
lidi soldie, weldie sidi gegen seine Sexualität riditen. Es wird aber 
ebenso oft die Tugend der Mutter angezweifelt. Ein gutes Beispiel 
dieser Art, das beide Phänomene vereinigt, ist folgendes: 

Der französisdie Sdiriftsteller Crebillon antwortete auf die 
Frage eines Gastes: »Weldies halten Sie für Ihr bestes Trauerspiel?«, 
indem er auf seinen Sohn wies: »Idi weiß nur, weldies mein 
sdileditestes ist/ hier mein Herr Sohn.« Der Sohn entgegnete: »Man 
glaubt daher audi, daß Sie es nidit gemadit haben.« Diese freund^ 
lidie Entsdiuldigung dient natürlidi nur dazu, den Vater als Hahnrei 
hinzustellen. 

Den Witzen, weldie sidi gegen die Religion riditen, stehen 
andere nahe, weldie die allgemeine Moral oder bestimmte An* 
sdiauungen der Moral angreifen. Der Herzog von Malborough 
nützte seinen Einfluß unmäßig zur persönlidien Bereidierung aus. 

* Die gleiche Einstellung zu Gott zeigt oft das jüdische Sprichwort, z. B.: 
»Gott ist nicht so reich als man glaubt/ was er dem Einen gibt, nimmt er dem 
Andern Ic 



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578 Dr. Theodor Reik 



Einmal wollte jemand einen Posten durch seine Protektion erlangen 
und sagte ihm leise: »Euer Gnaden, idi gebe Ihnen tausend Pfund 
auf der Stelle und sage es gewiß niemandem.« »Wissen Sie was,"«^ 
antwortete der Herzog, »geben Sie mir zweitausend und sagen Sie 
es jedermann.« Das heißt also; was liegt mir an der Meinung der 
Leute/ die Hauptsadie ist, daß idi möglidist viel Geld bekomme. 
Dieselbe Rüdcsiditslosigkeit zeigt der Witz audi nidit selten, wo 
religiöse Gebote in Frage kommen: Ein Jude, weldier in einem 
Irrenhause interniert war, bekam Tobsuchtsanfälle, weil seinem Ver^ 
langen nach rituell zubereiteten Speisen nicht entsprodien wurde. 
EndliA bestellte ihm der Arzt aus einem nahen jüdisdien Restaurant 
das gewünschte Essen. Am Samstag spaziert nun der Fromme mit 
seinem Wärter im Garten, behaglich seine Zigarre rauchend. Ent^ 
rüstet kommt der Arzt auf ihn zu: »Was soll denn das heißen?« 
Zuerst sind Sie so fromm, daß sie nur koscher essen wollen, und 
jetzt raudien Sie am Samstag?« Darauf entgegnet ruhig der Gc^ 
fragte: »Nu und zu was bin ich denn mesAugge?« 

Dergleichen Witze zeigen den Wunsdh, sich um Morals^ und 
Religionsgebote nicht zu kümmern und sidi nur seiner Lebenslust 
hinzugeben. Sie wollen sagen: Moral, das ist der Stock, der uns 
zum Krüppel sAlägt. Dann dient er uns als Krücke. Ihre zweite 
Lehre ist: man kann die strengen Gebote der Moral im harten 
Kampf ums Dasein oft nidit aufrechterhalten. Der geistvolle Talley-^ 
rand spricht diese Meinung in einem zynischen Worte offen aus: 
»Die erste Regung ist fast immer gut,« man muß sie unterdrücken. v: 

Andere zynisdie Witze riditen sich gegen einen bevorzugten 
Stand und treffen mittelbar wieder die konventionellen Ehrbegriffe. 
Sie werden immer vom Standpunkte des Niederen gemacht und 
zeigen das Bemühen, sozial höhere Klassen durch die Enthüllung 
ihrer verborgenen Mensdilidikeiten auf das eigene Niveau herabzu^ 
drücken. So sagt z. B. ein Berliner Zuhälter zu seiner Geliebten: 
»Wenn ick en Baron wäre und du eene Kommerzienratstoditer, 
dann dürfte idc mich ungeniert aushalten lassen.« Auch ideale Be^ 
strebungen wie z. B. die Frauenbewegung greift der Witz un^ 
bedenklidi an. Wir kennen wohl alle eine Menge von Witzen, 
weldie das Frauenstudium verhöhnen, indem sie ihm verborgene 
sexuelle Motive untersdiieben. Mancher Witz geht sogar soweit, 
den Frauen überhaupt keine großen Interessen zuzugestehen. Er 
behauptet, es sei sdiwer, an die letzten Dinge zu denken, wenn 
man durdi die Überlegung gestört werde, wie einem dieses Nadi^ 
denken stehe. Im »Simplizissimus« erklärt einmal ein Künstler: Sehen 
Sie, Fräulein, es gibt zweierlei Malerinnen. Die einen wollen heiraten 
und die anderen haben auch kein Talent!« 

Diese Witzgruppe, weldie verkündet, wie der Frauen ewig 
Weh und Adi so tausendfach aus einem Punkte zu kurieren sei, 
leitet uns willkommenerweise zu den zahlreidien zynischen Witzen 
über, weldie der Liebe und der Ehe gelten. Der »Simplizissimus« 



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Psydioanalytisdic Bemerkungen über den zynischen Witz 579 

wird uns dafür vorzüglidie Beispiele liefern: Eine junge, sdiöne 
Witwe steht vor dem Spiegel/ sie ist eben im Begriffe auszugehen, 
da sagt sie sidi: »Adi, idi muß dodi sdiwarze Strumpfbänder 
nehmen. Man kann nidit wissen , . .« Das klingt wie eine Auf^ 
ded<ung der Lebenslust der Armen: Idi will einen Geliebten, idi 
will nidit mehr an die Toten denken, nur der Lebende hat redit. 
Die ursprünglidie Lebenslust triumphiert nodi auf Gräbern, Eine 
französisdie Romanze drüd^t dasselbe aus: »Ne pleure pas: le noir 
te va si bien!« 

Eine besorgte Mutter äußert: »Was nützt's, daß unsere Theres' 
auf alle Bälle geht,- das Mädl hat halt ka Geld!« »Ja,« antwortet 
der Herr des Hauses, »wenn sie wenigstens Busen hätt', dann fand 
sidi vielleidit ein Idealist.« Der Idealismus ist nad\ dieser Ansidit 
nur ein Überbau und alle Neigung nur aus unserem Triebleben 
zu erklären. Das Körperlidie ist die Hauptsadie, das Seelisdie nur 
ein Vorwand. Wir erinnern uns, daß Theodor Vischer das Komisdie 
im Zynisdien darin fand, daß die ideale Seite der Liebe unaufhörlidi 
der materielUsinnlidien gegenübergestellt wird. Ganz ähnlidi: Ein 
Mäddicn fragt: »Sag, Mama, was ist denn eigentlidi platonisdie 
Liebe?« »Warte nur, mein Kind,« lautet die Antwort, »bis du ein 
Jahr verheiratet bist, dann wirst du's wissen.« Diese eigenartige 
Zeitbestimmung in diesem Zusammenhang soll heißen: Platonische 
Liebe ist die Liebe, bei der man den Sexualgenuß vermißt und 
herbeisehnt. Mit Wilhelm Busdi zu reden: Entsagung nennt man 
das Vergnügen an Sadien, weldie wir nidit kriegen. 

»Darf idi Sie bei mir erwarten, Frau Else,« fragt ein Offizier. — 
»Nein, Herr Baron, idi komme nidit. Idi liebe meinen Mann zu 
sehr und dann kann idi midi audi nidit allein frisieren. « Dieser so 
befremdlidi klingende Doppelgrund zeigt, daß die Treue der Frauen 
meistens nur von äußerlichen Momenten abhängig ist. Die pessi^ 
mistisdie Meinung ist: Und die Treue, sie ist dodi ein leerer Wahn. 

Harmloser bindet folgendes Gesprädi poetisdie und prosaisdie 
Seiten der Liebe und dedit das Ungereimt^lnkongruente ihres Ver^ 
eintseins auf. Eine Dame: »Herrlidi denke idi mir das, so ganz frei 
als Junggeselle durdi die Welt zu ziehen.« — »Ganz redit, Gnä^ 
digste, aber ab und zu sehnt man sidi dodi nadi einem Wesen, 
das einem die Sorgen von der Stirne küßt und die Wäsdie in 
Ordnung hält.« Auch ansdieinend persönlidie Witze fallen in diesen 
Bereidi, z.B. »Na, Baron, mit der Liebe ist es bei Ihnen audi nidit mehr 
viel!« — »Wieso? Hat sidi jemand aus ihrer Verwandtsdiaft darüber 
beklagt?« Das sdieint durchaus eine persönlidie Abwehr zu sein. 
Bei näherem Zusehen enthüllt sidi aber die allgemeine Tendenz: 
Der mit seinen mensdilidien Sdiwädien Gehänselte will sagen: Nie* 
mand, audi Sie und Ihre Verwandten nidit, sind von gesdiledididien 
Versudiungen frei. Idi gestehe es nur offen und ihr seid Heudiler. 

Es gibt zynisdie Witze, weldie an die tiefsten Probleme des 
Mensdienlebens rühren. Sie zeigen eine pessimistisdie Weltansdiauung, 



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580 Dr. Theodor Rcik 



sie enthüllen das BerechneNinkongruente des Daseins, das wir leben. 
Sie verkünden: es gibt keine Gereditigkeit und keine vernünftige 
Weltordnung. Was der Mensdi audi tue, er wird nie zum Frieden 
und zur inneren Ruhe kommen. Wir sind wie Spielbälle in der 
Hand eines tölpelhaften und unüberlegten Spielers. Idi denke dabei 
an Witze wie folgenden: 

Der Direktor einer Irrenanstalt läßt einen Gast die Zellen 
besiditigen. In einer sitzt ein Mann und hält eine Holzpuppe im 
Arm, die er herzt und kost. Leise sagt der Direktor: »Der Mann 
liebte ein Mäddien, das ihn versdimähte und einen anderen heira^ 
tete. Darüber wurde er verrüAt. In seinem Wahne hält er die 
Puppe für die Geliebte.« Die nädiste Zelle ist ausgepolstert. Darin 
läuft unauthörlidi ein Mann mit den Gebärden eines Tobsüditigen 
gegen die Wand. »Das ist der andere,« erklärt der Direktor. 

Dieser Witz gilt nidit nur dem unheilvollen Einfluß der Frauen,- 
er trifft eine höhere Instanz, den großen Unbekannten über den 
Wolken, der die mensdilidien Bemühungen um GIüA so kläglidi 
sdieitern läßt. Er entspringt etwa derselben Gemütsstimmung, die 
des sterbenden Hebbels Wort: »Zuerst fehlt der Bedier, dann der 
Wein!« ausspridit. Wenn Witze dieser Art ein »frevles Spiel mit 
heiligen Gütern« treiben, so dürfen wir nidit vergessen, daß diese 
heiligen Güter früher ihr frevles Spiel mit den Witzigen getrieben 
haben. Audi hier steht also verborgen die Opposition gegen die 
grausame Gottheit. 

Bewundern wir an einem anderen Beispiel, wie intuitiv der 
zynisdie Witz mandimal verborgene seelisdie Zusammenhänge er* 
faßt, deren die wissensdiaftlidie Psydiologie erst auf dem mühsamen 
Wege der Analvse habhaft werden konnte. Vor dem Begräbnis 
einer Frau wird der untröstlidie Witwer vermißt. Nadi langem 
Sudien findet ihn endlidi sein Sdiwager im zärtlidien tete ä tete mit 
dem Stubenmäddien. Entrüstet ruft er ihm zu: »Deine Frau wird 
begraben und du treibst soldie Sadien?« — »Weiß idi, was idi in 
meinem Sdimerz tu?« Dieser Witz zeigt ebenso wie die psydio^ 
analytisdien Forsdiungsresultate, daß der Tod naher Verwandten 
Anlaß zur Libidosteigerung geben kann. Die durdi die Ambivalenz 
diarakterisierte Einstellung, weldie wir teuren Personen gegenüber 
haben, bedingt es, daß wir ihren Tod nidit nur betrauern, sondern 
unbewußt als eine Art Erlösung empfinden. Die polvgamen Neigun* 
gen des Mannes in unserem Witze wurden gleioisam durdi den 
Tod seiner Frau erweAt,- er benimmt sidi so, als wäre er dadurdi 
lästiger Fesseln entledigt worden. Wir erkennen, daß seine un* 
gesdiidtte Ausrede dennodi einen tiefen Sinn umsdiließt. Die Worte 
»Weiß idi . . .« zeigen mit Redit das Unbewußte als die anonyme 
Triebfeder seines Tuns. Das Verständnis zahlreidier zynisdier Witze 
ist geradezu dadurdi bedingt, daß wir zugeben müssen, es seien 
neben den zärtlidien Gefühlen gegen unsere Verwandten und 
Freunde audi starke feindselige Tendenzen in uns wirksam. Eine 



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Psydioanalytisdic Bemerkungen über den zynischen Witz 681 

französische Anekdote bietet dafür ein hübsdies Beispiel: M. Du^ 
breuil, der bekannte französische Politiker, soll auf dem Sterbe^ 
bette seinem Freunde gesagt haben: »Mein Freund, warum die 
vielen Leute in meinem Zimmer? Es sollte niemand als du hier 
sein. Meine Krankheit ist anstehend.« 

Den Frauen und ihren Sdiwädien gelten zahlreidie zynisdie 
Witze. Wenn Ludwig Pietsch einmal von einer Dame sagte, sie sei 
»tief, aber vergeblidi ausgeschnitten«, so enthüllt er das sexuelle 
Motiv der Dekolletage, die dazu dienen soll, die Instinkte der 
Männer auf ihre Trägerin zu konzentrieren. Ein Tenor beklagt sich: 
»Es ist unglaublich, wie man von der Damenwelt belästigt wird.« — 
»Na, lieber Herr Kammersänger, das wird schon besser werden, 
wenn wieder einmal eine Aschantigruppe hierherkommt«. Die trost^ 
volle Antwort will den Tenor herabsetzen: denn sie stellt das 
Interesse der Schönen für ihn in eine Reihe mit ihrem Interesse an 
Negern. Aber gerade hier zeigt sich wieder, wie der allgemeine 
Angriffspunkt zum Vorschein kommt. Denn der Antwortende sagt 
mit seiner Replik zugleich: Es ist nichts Besonderes, das Interesse 
der Damen zu erregen. Du hast dir gar nichts darauf einzubilden. 
Die Frauen sind in ihren verborgenen sexuellen Motiven gar nicht 
wählerisch. Tenor und Aschantineger haben für sie denselben 
Haut-gout. 

Unser Überblick hat uns gezeigt, daß der zynische Witz die^ 
selben Angriffsobjekte und dieselben seelischen Motive hat wie der 
ernste Zynismus. Diese Objekte werden am besten durch das ambi^ 
valente Verhalten des Individuums zu ihnen bezeichnet. Sie sind 
ebenso wie die Gegenstände des Tabu einerseits ehrfürchtig ange*» 
sehen, anderseits der Herabsetzung und Verhöhnung ausgesetzt. 
Sie sind Ergebnisse der menschlichen Triebsublimierung und als 
solche von der moralischen Autorität geschätzt. Aber gerade des-» 
wegen ist die Versuchung, sie zu erniedrigen, so stark/ denn viele 
Triebe, die unbewußt in uns leben, lehnen sich gegen sie auf. Die 
den Menschen eigene Ehrfurcht für sie schließt diese Gegenströmung 
der Empörung nicht aus, sondern ein. Die Lust, gegen sie zu re- 
bellieren, hat unser Unbewußtes nicht verlassen und nur die Angst 
vor gesellschaftlidier Verfehmung und der anerzogene Hemmungs- 
zwang hält sie zurück. Der zynische Witz bietet durdi seine Fassade 
sidi als Kompromiß dieser zwei entgegenstehenden Strömungen an 
und bringt eine AugenbliAsbefreiung aus der psychisdien Stauung. 

Wir werden an den zwei letzten Witzen, die wir anführen, 
versuchen, die seelische Analyse durchzuführen. 

Ein Abgeordneter — wir wollen ihn hier Stepanowitsch 
nennen — stand (vermutlich mit Unrecht) im Rufe, Hermaphrodit 
zu sein. Einer unserer Volksvertreter, der als enfant terrible be- 
kannt ist, soll eine Rede folgendermaßen begonnen haben: »Meine 
sehr geehrten Damen und Herren und du, mein lieber Stepano- 
witsch!« 



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582 Dr. Theodor Reik 



Worüber lachen wir hier? Doch, wohl über die Sonderstellung, 
die der Redner seinem Freunde zwisdien Damen und Herren 
eingeräumt hat. Wir empfinden eine Art von Sdiadenfreude, die 
wir jedem, der irgendwie abnormal veranlagt ist, im geheimen 
widmen, wenn wir ihn mit uns vergleidien. Die Erziehung 
zur Güte hindert uns, solche Freude einzugestehen. Durch welche 
Mittel werden wir von den Hemmungen befreit? In erster Linie 
durch die witzige Form, durch die Einkleidung des Gedankens. 
Sie bietet eine Möglichkeit der Lustentbindung, welche bedeutsamere 
Quellen des Lachens verdeckt. Ohne ihre Hülle würden wir den 
Ausspruch des Abgeordneten als Roheit zurückweisen. Die geist^ 
reiche Form dient, wie Freud mit unersetzbarem Ausdrucke sagt, 
als Verlockungsprämie/ mit Hilfe und durch geheime Vermittlung 
der Vorlust ziehen wir einen großen, sonst sdiwcr erreichbaren 
Lustgewinn aus dem, was die witzige Ansprache verbirgt. 

Doch die so witzig angedeutete Abnormalität ist eine be* 
stimmte: sie bezieht sich auf das Geschleditliche. Wir lachen ja 
audi^ wenn sonstige Auffälligkeiten eines Menschen <z. B. die Rot^ 
haarigkeit etc.) in einer sublimierten und witzigen Form, die unser 
verfeinertes Gefühl nicht verletzt, zur Sprache kommen. Warum ist 
hier die Lust eine stärkere? Es müssen ihr in uns unbewußte 
Quellen entgegenkommen. Es gab eine Zeit, da auch wir das Ge* 
heimnis der Geschlechtsdifferenz noch nicht kannten: die Kinderzeit. 
In dieser Zeit haben die Kinder hödist groteske Ansichten von den 
Geschlechtsteilen des anderen Geschlechts. Meistens gehen sie dabei 
von den eigenen Genitalien aus und der kleine Knabe glaubt, alle 
Menschen, auch die weiblichen, haben einen Penis wie er. Freud 
konnte diese infantile Sexualtheorie als typisch aufstellen und darauf 
hinweisen, daß die Phantasie des Weibes mit einem Penis auch 
nodi in den Träumen Erwadisener eine Rolle spielt ^ 

Unser Witz wirkt nicht nur durch die von ihm geweckte 
Schadenfreude und den stolzen Vergleich mit uns,- die stärkste Lust 
quillt aus der infantilen, unbewußten Quelle, daß auch wir einmal 
Hermaphroditen in unseren Phantasien gebildet haben, indem wir 
auch c!en Frauen einen Penis zugestanden. 

Haben wir hier versucht, uns als Zuhörer des Witzes zu 
analysieren, so gilt unsere zweite Analyse demjenigen, der den 
Witz produziert. 

Der französische Dichter Fontenelle besucht, fast hundert Jahre 
alt, am frühen Morgen eine Dame. Sie empfängt ihn nach einiger 
Wartezeit mit den Worten: »Sehen Sie, Ihnen zu Gefallen bin ich 
so früh aufgestanden.« »Ach,« entgegnet der Dichter, »aber anderen 
zu gefallen, legen Sie sich nieder und das macht mich toll.« 

Wir stellen uns die Situation vor: Der alte Dichter besucht 
die Dame offenbar, weil er Interesse an ihr nimmt. Er wartet im 



Sammlung kleiner Schriften zur Neuroscnlehre. II. Bd., S. 165. 



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Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen Witz 583 

Salon, bis sie sich angekleidet hat. Es ist nur menschlich, wenn er 
sich die Situation der Dame während dessen ausmalt/ und zwar 
mit sexuellem Interesse. Diese Gedanken kommen wahrscheinlich 
noch nicht zur vollen Bewußtseinshelligkeit, sie sind vorbewußt. 
Die Dame empfängt ihn liebenswürdig: für Sie bin ich aufgestanden. 
Diese Worte bilden das »erregende Moment« des Witzes. Denn 
die vorbewußten Gedanken werden jetzt vom Unbewußten erfaßt 
und verarbeitet. Sie erhalten aus tieferen Schichten des Seelenlebens 
eine Verstärkung: nämlich aus dem schmerzlichen Gefühl, die Liebe 
nicht mehr genießen zu können. Dieses Gefühl der Insuffizienz richtet 
sich nun aggressiv gegen die Glücklicheren. Gehemmte Libido ver- 
wandelt sich wie so oft in sadistische Tendenzen. Dieser Vorgang 
spielt im Zynischen eine ebenso große Rolle wie der angeborene 
sadistische Trieb. Der Witz greift also jetzt das Libidoobjekt an, 
da der sexuelle Angriff unmöglich ist. Der psycfiische Akt führt 
wie so oft im Traume über einen Gegensatz: ich bin so zeitli'+i 
aufgestanden für Sie — aber für andere legen Sie sich nieder! 
Beide Tätigkeiten, die des Aufstehens und die des Niederlegens der 
Dame, sind durch die unbewußte Phantasietätigkeit des Dichters 
verknüpft als sozusagen libidoerregende Momente. Doch erscheint 
ihm das Opfer des Aufstehens, welches die Dame ihm bringt und 
das jedenfalls eine Liebenswürdigkeit darstellt, neben dem Opfer, 
das sie durch ihr Niederlegen anderen bringt, verschwindend klein. 
Dieses Antithesenspiel ist dem Witze mit dem Traume ge** 
meinsam. Es ist auch eine allgemeine Erscheinung gewisser, nament^ 
lieh primitiver Sprachen, dem einzelnen Worte entgegengesetzte Be^ 
deutungen zu geben. Freud, der auf das Phänomen im Zusammen^ 
hange seiner Psychologie aufmerksam macht^ weist nach, daß diese 
Begriffe relative sind und durch eine vitale Notwendigkeit mit- 
einander verknüpft werden. Das Unbewußte zeigt in allen seinen 
Produkten dieselbe Sach^ und Sprachbehandlung wie die primitiven 
Völker. Eine tiefere, ja die tierste Beziehung dieses »Gegensinnes 
der Lirworte« mit dem zynischen Witze ergibt sich auf folgende 
schon früher angedeutete Art^: Die Worte sacer und das austrat 
lische tabu bedeuten ebenso heilig wie verflucht. Das Hödiste und 
das Niedrigste sind durch sie verknüpft. Der Grund dafür liegt in 
der ambivalenten Gefühlseinstellung der Menschen zu den von diesen 
Worten bezeichneten Gegenständen und Personen/ in der Ehrfurcht 
vor geheiligten Personen und Institutionen, von der Moral hoch^ 
gewerteten Geboten und der frevlen Lust, diese Personen zu ver^ 
letzen oder zu schädigen, diese Gebote zu übertreten. Auch im 
Zynischen wird Hohes mit Niedrigem verknüpft: es will ja das 
Triebleben hinter der äußerlidien Erhabenheit aufdecken. Und auch 



1 Über den Gegensinn der Urworte. Jahrbudi für psychoanalytische For-» 
schungen. Bd. III. 

- Vgl. den früher zitierten Aufsatz Freuds über das Tabu in »Imago« 
1912. Heft 3. 



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584 Dr. Theodor Rcik 



hier sind dieselben zwei Faktoren am Werke: das Bewußtsein, 
weldies an Moral und Konvention festhält, und das Unbewußte, 
das sie negiert und in ungestümem Drange sie übertreten will. 

Wir kehren nun zu unserem Witze zurüA. Der Vorgang ist 
also folgender: Die vorbewußte Ausmalung des Aufstehens der 
Dame, das bittere Gefühl, die Bewunderte nidit mehr besitzen zu 
können. Das bei dem liebenswürdigen Empfang g^sprodiene Wort: 
»Für Sie bin idi so früh aufgestanden« läßt die früher vorbewußten 
Gedanken ins Unbewußte versinken und dort bearbeitet zu werden. 
Diese unbewußten Gedankengänge sind sdiwer beladen mit Affek- 
ten: sexuelle Begierde, NeicT gegen die sexuell Glüd^lidieren, zu 
denen audi die Dame selbst gehört, vereinigen sidi in der Antwort, 
wobei das Unbewußte im Spiel mit den Worten über eine affekt^ 
betonte Gegensatzrelation verläuft. Wir kommen also wieder zur 
Freu ds che n Formel des Witzes: vorbewußte Gedanken unterlagen 
einer blitzsdinellen unbewußten Bearbeitung und wurden dann von 
der Wahrnehmung erfaßt. 

Es handelt sidi jetzt darum, die psydiisdie Situation des alten 
Diditers in den Gefühlszusammenhang aller Mensdien einzufügen. 
Sdiopenhauer irrt, wenn er das Greisenalter von aller sexuellen 
Not befreit sein läßt. Der Gedanke Fontenelles ist folgender: 
was sollen alle diese konventionellen Höflidikeiten, wenn das eine 
fehlt, was dodi allein Wert hat, die Liebe? Es ist dieselbe Gefühls* 
Vereinigung, weldie dem in langem Sieditum dahinsterbenden Heine 
mandie der gewaltigsten Lazaruslieder abgepreßt hat. Unser Grab 
erwärmt der Ruhm? 

»Toren werte ! Narrentum ! 
Eine bess're Wärme gibt 
eine Kuhmagd, die verliebt 
uns mit didccn Lippen küßt 
und beträdididi riedit nadi Mist.« 

Ähnlidi spridit der alternde Diditer Norbert de Varenne in 
Maupassants unsterblidiem »BeUAmi,« wenn er alle Ziele neben 
dem einen, dem Liebesziel, verblassen läßt. »Ruhm? Wozu dient er, 
wenn man ihn nidit mehr in Form von Liebe genießen kann.« Und 
er setzt düster die Mahnung hinzu: »Encore quelques baiseres et 
vous serez impuissant!« Wir sehen also, was Fontenelle hier in 
Witzesform gekleidet hat, ist ein allgemeinmensdilidies Gefühl, 
weldies den Gesdileditsgenuß in mandien AugenbliAen als einen 
der hödisten, ja als den hödisten selbst ersdieinen läßt. Ahnlidien 
Stimmungen mag Ibsens »Wenn wir Toten erwadien« entstammen. 
Rubek preist rüd^blidcend das LiebesglüA, das von dieser Welt 
ist, »von dieser köstlidien, wundersamen, dieser rätselvollen Welt« 
gegenüber dem asozialen Künstlertum^. 

^ Zolas Pascal Rougon erlebt ähnliche Stimmungen: »Certaines nuits, il 
arrivait ä maudirc la science, qu'il accusait, de lui avoir pris le meilleur de sa 
virilite.c 



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Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen Witz 585 

Und an Norbert de Varennc's Aussprudi erinnert es, wenn 
Wedekind einmal bekennt: 

Und ist erst das Seelenleben entweiht, 
dann sind sämtliche Lampen erloschen/ 
für das, was für mich dann noch übrig bleibt, 
dafür geb' ich nicht einen Groschen, 

In einige Worte zusammengepreßt enthält so mancher zynische 
Witz eine tiefe Erkenntnis der menschlichen Seele. Goethe sagt 
von Lichtenberg: wo er einen Spaß mache, liege ein Problem 
verborgen. <Umgekehrt mancher Moderne: wo ein Problem verbor* 
gen liegt, macht er bloß einen Spaß.) 

Die Technik des zynischen Witzes ist dieselbe wie bei den 
anderen Formen des Witzes: es ist vielleicht nur für ihn charak- 
teristisch, daß seine Technik weitaus die mannigfaltigste ist. Ver* 
dichtung, Verwendung desselben Materials, Auslassung, Verschie^ 
bung, Doppelsinn, Unifizierung, indirekte Darstellung, kurz das 
ganze Arsenal der Witztechnik steht ihm zur Verfügung. Wohl 
erklärlich, da er sich nicht frei äußern darf und in ihm unsere vitaU 
sten Fragen an die Oberfläche kommen. So sucht man auch die 
Notausgänge auf, wenn es irgendwo brennt. Was er sagt, meint 
er ernst. Doch er darf es nur verhüllt sagen. Man darf das nicht 
vor keuschen Ohren nennen, was keusdie Herzen nicht entbehren 
können. Ein Mittel benützt der zynische Witz besonders gerne und 
es wird gut sein, darauf hinzuweisen, weil es allen psychischen 
Produkten des Unbewußten <Neurose, Traum, Dichtung etc.) ge- 
meinsam ist. Es ist hier nicht der Raum, über die bedeutsame Rolle 
der Symbolik in unserem psychischen Haushalt zu sprechen. Be^ 
rufenere haben diese Aufgabe zur Genüge erfüllt. Besonders ab^ 
strakte und moralisch anstößige Dinge und Vorgänge werden durch 
die unbewußte Arbeit gerne symbolisiert. So z. B. wird im Traume 
der Schirm als Penissymbol, schießen für koitieren gebraucht/ der 
Frauenleib wird oft durch ein Haus, ein Sdiiff etc. svmbolisiert. 
Wir geben einige Beispiele, um die gleichen Symbolbildungen im 
zynischen Witz nachzuweisen. 

Das Gewehr als Penissymbol: Ein alternder Herr erzählt am 
Stammtische, seine Frau habe ihn vor kurzem mit einem Kinde 
überrascht. Der Freund sagt darauf: »Das kommt mir vor wie foU 
gende Geschichte. Ein Reisender zog einst durch die Wüste. Da fiel 
ihn ein Löwe an. Da ihm jede andere Waffe mangelte, legte er 
seinen Schirm auf das Tier an — und wirklich fiel der Löwe tot 
zu Boden. Da drehte sich der Reisende um und siehe da! hinter 
ihm stand ein Mann mit einem Gewehr!« 

Der Frauenleib als Gebäude; Heine beschreibt in »Deutsch«^ 
land« die Göttin Hammonia: 

*Sie trug eine weiße Tunika, 
bis an die Waden reichend! 



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586 Dr. Theodor Reik 



und welche Waden! Das Fußgestell 
zwei dorischen Säulen gleichend!« 

Ein anderes Beispiel gibt ein Zynismus von Oskar Wilde: 
»Zwanzig Jahre Romantik machen eine Frau zu einer Ruine — 
aber zwanzig Jahre Ehe madien sie fast zu einem öfFentlidien 
Gebäude«, <Eine Frau ohne Bedeutung.) Ein hübsAes Beispiel für 
das Sdiiff als das gleidie Symbol. Lichtenberg sdireibt über The^ 
rese Heyne, welcüe sidi mit Georg Forster verlobte, in einem 
Briefe: »Ich glaube, auch dieses kleine Feuersdiiff wird ein ganz 
gutes Fischerboot werden, wenn nur Forster häufig an Bord geht, 
den Hauptleck sorgfältig stopft und die Feuermaterialien über Bord 
wirft. Nur der Leck, der Leck!« 

Freud erwähnt in seinem Budie über den Witz das folgende 
Apercu: »Eine Frau ist wie ein Regenschirm, am Sdilusse nimmt 
man sidi dodi einen Komfortabel«. Komfortabel bedeutet hier soviel 
wie ein für die Benützung durch jedermann dienendes, öffentliches 
Fuhrwerk — eine Prostituierte,- dieselbe Symbolik aber wird für 
die Frau überhaupt gebraucht. Der zynisdie Witz bringt sie oft mit 
einem Fuhrwerk zusammen. Ein Herr aus dem »Simplizissimus<c 
mahnt einen Freund: »Laufe nie einer Elektrisdien oder Frau nadi! 
In ein oder zwei Minuten kommt eine andere.« In einem Lustspiel 
von Raoul Auernheimer <»Die glücklidiste Zeit«) sagt ein Spötter: 
»Sehen Sie, mit der Frau geht's einem wie mit dem Automobil. 
Kein Automobil zu haben ist unbequem. Ein Automobil zu haben 
ist kostspielig und gefährlidi. Das beste ist, man hat einen Freund, 
der ein Automobil hat.« Derselbe Autor läßt in »Das Paar nach 
der Mode« einem Herrn folgende eigenartige Definition des Flirt 
geben: »Ein möbliertes Zimmer ohne Gartenbenützung — mit der 
Aussidit auf einem Garten.« Das Verständnis dieses Witzes hängt 
geradezu von unserer unbewußten Kenntnis der Sexualsymbolik ab. 

AuA das Symbol der Erde für den Frauenleib ist dem zyni^ 
sdien Witz geläung. Der berühmte Mathematiker und Epigramma^ 
tiker Abraham Gotthelf Kästner diditete folgendes Epigramm: 

»Klage eines Frauenzimmers bei Zerstörung der französischen Lü^ 
netten von Göttingen <1763>: 

Hier wo man sonsten Myriaden 
von lang und dicken Pallisaden 
tief in noch engern Löchern sah, 
hier sind, erweitert nur, die Lödier da.<*^ 

So reidi audi die Technik des zynischen Witzes ist, so ist 
gerade diese Witzgruppe von soldier Art, daß die Lust, die wir 
aus ihr ziehen, nur zum geringsten Teile aus ihrer Technik ent^ 
stammt <Vorlust>. Sie resultiert ungleich stärker aus dem Freiwerden 
von Hemmungsaufwand und psychisdier Energie. Mächtiger als bei 



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Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen Witz 687 

den anderen Formen des Witzes wird gerade beim zynisdien dieses 
Moment in Betracht kommen, denn es stellen sich dem Durchbrechen 
seiner Äußerungen die stärksten moralischen Hemmungen in den Weg. 

In ihm werden wie in jedem Schaffen Reflexion und Gefühls^ 
leben, Intellekt und Gemüt zu einer unzerreißbaren, organischen 
Einheit. 

Man kann oft sagen hören, daß Zynismus nur enttäuschter 
Idealismus sei. Verlegen wir diese Desillusionierung in die Kinder- 
zeit und räumen wir den späteren Enttäuschungen nur eine sekun^ 
däre Bedeutung als auslösende Momente ein, so hat diese Ansicht 
gewiß eine Berechtigung. Dem Witze fehlt, wie Kuno Fischer 
sagt,^ »phrenologisch zu reden: das Organ der Ehrfurcht«. Schopen- 
hauer spricht von dem Mangel an verecundia bei den Juden, 
Fischer macht darauf aufmerksam, daß soziale Ungleichheit (Juden) 
oder körperliche Verunstaltungen <Bucklige> dem Witze günstige 
Dispositionen bieten. Diese sozialen Ungleichheiten werden aber 
gerade in der Kindheit am schwersten empfunden, da die Alters- 
genossen immer wieder auf sie unbarmherzig hinweisen. Diese soziale 
Ungleichheit besteht aber auch im Verhältnis der Kinder zu den 
Erwachsenen. Auch hier entwickelt sich der Witz auf dieser Basis. 
Auch hier dient er zur Entschleierung der Erwachsenen, zur Auf*» 
deckung ihrer Pose. Und wenn der große Skeptiker Henrik Ibsen 
das Wort: »Ist es denn wirklich groß, das Große?« schrieb, so 
könnte man dieses Wort als Motto über ein Kapitel der kindlichen 
Entwicklung schreiben, das sich in beständigen Variationen über das 
Thema abspielt. Und das Kind könnte zynisch über sein Verhältnis 
zu den »Großen« mit Nietzsche sprechen: »Wahrlich, den Größten 
noch fand ich — allzumenschlich.« 

Man bemerkt, daß Menschen, die zum zynischen Witz beson- 
ders neigen, eine gewisse geistige Physiognomie gemeinsam ist. Hier 
warten noch ungelöste Probleme, auf clie ich vorläufig bloß hinzu-- 
weisen wage. Wenn man die psychischen Eigenheiten der Leute, 
denen die Gabe des Witzes wurde, vergleicht, so wird vor allem ihre 
hohe Disposition zur Neurose auffallen. Es ist kaum anzunehmen, 
daß primitive, ihren Trieben völlig hingegebene Menschen, in primitiver 
Umgebung erwachsen, besonders witzig sind. Der zynische Witz 
z. B. entspringt ja, wie wir gesehen haben, aus einem inneren 
Zwiespalt. Er ist »pathogen«. Man kann daher auch ganz gut von 
seinem psychotherapeutischen Werte sprechen, da er mit Traum und 
Dichtung zu den gelungenen Abzugsquellen jener Regungen gehört, 
welche in ihrer Stauung zur Neurose und zu Wahnbildungen führen. 
Der zynische Witz bringt eine — wenn auch kurze — Befreiung 
aus dem Kampfe zwischen Kulturgebot und Triebleben. Und so hat 
das Volk recht, wenn es sagt. Lachen erhalte gesund. 

Man sieht, daß der Zynismus wie jede andere psychisdic 

1 Über den Witz. Kleine Schriften. Stuttgart 1889. 2. Aufl. 



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588 Dr. Theodor Rcik 



Emanation von Widitigkeit ist. Auch er steht im Dienste der Groß- 
mächte unseres Seelenlebens. Er kann als Gradmesser dienen für 
die Kluft, die zwischen der eine Zeit beherrschenden offiziellen Moral 
und ihrem Triebleben klafft. Er zeigt, wo etwas faul ist im Staate 
Dänemark, er legt den Finger auf die Wunde. Alles Überwundene 
und Überlebte greift er an. Die absolute Moral und das absolute 
Gesetz sind seinem Seziermesser ausgeliefert. Ibsen behauptete, 
Wahrheiten hätten nur eine gewisse Lebenszeit. Der Zyniker zeigt 
ihnen, wann diese Zeit abgelaufen ist. Was unseren Vorfahren noch 
gut und böse hieß, ist es nicht mehr für uns. Vernunft wird Unsinn, 
Wohltat Plage. Durch einen guten zynischen Witz werden oft Kultur^ 
Probleme enthüllt, die durch schwere Bände einschlägigen Inhalts ver- 
deckt worden sind. Der Zynismus verdient nicht nur die Aufmerke 
samkeit des Psvchologen, dem er zeigt, wie stark das Triebleben 
die Menschen beherrscht, in welche Richtungen es verläuft, wie es 
transformiert wird etc., sondern auch jene des Kulturhistorikers. Die 
Hefte des »Simplizissimus« sind Kulturdokumente ersten Ranges. 
Auch der Gesetzgeber würde daran gut tun, wenn er darauf 
horchte, was im Zynismus zum AusdruAe chängt. Dann würde es 
sich die normative Ethik wohl überlegen — um vergleichsweise zu 
reden — von Lahmen zu verlangen, sie sollten sich zu Schnelläufern 
entwickeln. Auch der Zynismus kann redlich seinen Teil zur Revi^ 
sion der Sittengesetze beitragen. Doch er wirkt noch in einer Rich^ 
tung: als heilsames Gegenmittel gegen den Quietismus. 

So ergeht es dem Zynismus wie seinem größten Vertreter, 
Mephisto, cler stets das Böse will und stets das Gute schafft. Auch 
der Zynismus ist von Haus aus ein asoziales, ja sogar antisoziales 
Phänomen und muß doch letzten Endes den großen sozialen Ten^ 
denzen dienen. 




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Die SAwiegcrmutter 589 



Die Schwiegermutter. 

Von Dr. S. SPIELREIN. 

Es ist eine der traurigsten Tatsachen und zugleidi eine der 
interessanten psydiologisdien Probleme das Problem der 
Sdiwiegermama. Im Artikel Inzestsdieu bei Wilden und 
Neurotikern^ weist Freud daraufhin, daß audi bei Wilden Wider-» 
stände der Sdiwiegermutter gegenüber vorhanden sind, weldie eine 
Reihe von Vorsiditsmaßregeln im Verhältnis zu ihr gesdiafiFen haben. 
Einen Teil der Widerstände führt Freud darauf zurück, daß die 
Sdiwiegermama, als ältere, den Toditersmann an das baldige Altern 
seiner jungen Frau mahnt. Die Sdiwiegermama ist aber durdiaus nidit 
immer die alte häßlidie Frau, wie sie mit Vorliebe der Volksmund 
darstellt. Namentlidi in der modernen Welt sind es oft blühende 
fesdie Frauen, die von vielen Männern begehrt werden. Sic 
sdieinen keine Mütter, sondern ältere Sdiwestern ihrer Töditer zu 
sein. Mandie sind soweit rüstig und herrsdisüditig, daß sie bei dem 
jungen Ehepaar wie einst bei eigenen Kindern regieren wollen, sie 
misdien sidi in alles ein, fordern Gehorsam und fallen dadurdi nament^ 
lidi dem Sdiwiegersohn zur Last, aber audi diese Fälle werden in 
der Minderheit bleiben. 

Vor allem: warum hört man so vieles von bösen Sdiwieger-- 
müttern und verhältnismäßig so wenig von bösen Sdiwiegervätern? 
Diese Frage ist in erster Linie aus der Kenntnis der weiblidien 
Psydiologie zu beantworten: die Frau hat viel weniger Möglidikeit, 
ihre persönlidien Wünsdie in der Wirklidikeit zu erleben. Als Ent^ 
sdiäcligung dafür besitzt sie ein viel größeres Vermögen, sidi in 
andere Persönlidikeiten »einzufühlen« und auf diese Art deren 
Leben mitzuerleben. Man denke nur z. B. wie gerne alte Jungfrauen, 
weldien das GlüA der Liebe versagt blieb, fremde Heiraten ver^ 
mittein etc. In der starken Ausdehnung dieser Einfühlungsgabe 
sehe idi den Grund, warum die Frauen, weldie an Intelligenz und 
Kraft der Phantasie Männern keineswegs nadistehen, trotzdem lange 
keine gleidibedeutenden Kunstprodukte gesdiafFen haben. Um ein 
Kunstwerk zu sdiaffen, muß man das eigene Erlebnis in sidi oder 
bei anderen soweit objektivieren, daß es wie ein unpersönlidies den 
übrigen Ersdieinungen der Außenwelt assimiliert werden kann. Erst 
dann kann man von einer Darstellungsform reden, weldie zum 
Wesen eines Kunstwerkes gehört. Diese Objektivierung sdiafft dem 
Künstler Erleiditerung. Im viel geringeren Grade ist diese Fähig* 
keit bei Frauen ausgeprägt, in der Regel überwiegt hier bedeutend 
der Gegenmedianismus : die Frau fühlt bei anderen die ihren Wün-r 
sdien, respektive Befürditungen entspredienden Erlebnisse heraus und 
madit sie zu ihren eigenen/ sie entledigt sidi des Affektes, indem 
sie diese Erlebnisse psydiisdi wieder selbst erlebt und im Sinne 

* »Imago«, I. Jahrg., 1. Heft. 



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590 Dr. S. Spielrein 



ihrer Wünsdie umgestaltet ^ In dem Einfühlungsvermögen liegt der 
eigenartige, große, soziale Wert der Frau und idi weiß nidit, wie 
weit es möglidi und wie weit es zwed^mäßig ist, Frauen männlidie 
Fühlungsarten als »höhere« einverleiben zu wollen. Jedenfalls glaube 
idi kaum, daß es vollkommen gelingen würde: die biologisAe Rolle 
der Frau ist bei der mensdilidien Art die der Mutter und Er« 
zieherin, weldie Rolle die Einfühlungsgabe so weit in Ansprudi 
nimmt, daß die Frau, ihrer Grundeigenart entsprediend, nur einen 
verhältnismäßig kleinen Teil ihrer Gefühle durdi Objektivierung ent^ 
laden kann. Es wird weiblidie produktive Künstler geben wie es 
immer soldie gegeben hat, aber mir sdieint, daß sie stets hinter den 
größten männlidien Künstlern zurüd^bleiben werden. Natürlidi muß 
man bei Beurteilung so widitiger Fragen redit vorsiditig und stets 
auf Irrtümer gefaßt sein. 

Die Mutter lebt in erster Linie das Leben ihrer eigenen 
Kinder und sie mödite es so lenken, wie sie, durdi Erfahrung be- 
lehrt, ihr eigenes Leben lenken würde. Die Toditer als Frau steht 
der Mutter am nädisten,- deshalb die Innigkeit, aber audi die be* 
ständige Konkurrenz im Verhältnis zwisdien Mutter und Toditer. 
Eine zärtlidie Mutter liebt stets den Mann, weldien ihr Kind liebt, 
nodi mehr den Mann, weldier ihr Kind liebt. Dabei erlebt sie 
wieder ihre Jugend und mödite audi selbst ihrem Sdiwiegersohne 
möglidist anmutig und angenehm ersdieinen: man kauft sidi neue 
Kleider, man läßt einen kleinen Sdiönheitsfehler, den man sonst nie 
beobaditet hat, operativ beseitigen u. dgl. m. Um diese Koketteiie 
zu entsAuldigen, überredet sidi die Mutter, daß sie es für das 
Wohl ihrer Toditer tut: der Mann liebt nodi mehr seine Frau, 
wenn er nidit durdi das scheußliche Vorbild ihrer Mutter davon 
abgesdired^t wird, ja wir Analytiker können hinzufügen, daß ein 
Teildien der Liebe, weldie bewußt der Toditer zugute kommt, im 
Unbewußten oft der sdiönen Sdiwiegermutter gilt. Und dodi sind 
diese edlen Gründe nidit die einzigen: wenn sie ehrlidi genug mit 
sidi selbst ist — muß sidi die Sdiwiegermutter gestehen, daß sie 
sidi sdiämt, dem Sdiwiegersohn häßlidi zu ersdieinen, wie wenn sie 
selbst als Objekt der Liebe von ihm geprüft wäre^. Audi den Neid 
um die jugendlidie Frisdie der Toditer läßt die liebende Mutter 
nidit ins Bewußtsein gelangen, sondern sie fühlt sidi jung und frisdi, 
wenn sie ihre Toditer so sieht. Die Sdiwiegermutter ist oft redit 
empfmdlidi und leidit verletzt,- das wäre sie nidit, wenn sie nur an 
das Wohl ihres Kindes denken würde. Allein sie sehnt sidi audi 
danadi, geliebt und gesdiätzt zu werden von ihrem neuen »Kinde« 



^ Im unbewußten Leben vermag die Frau weit mehr zu objektivieren, 
weshalb manchmal sonst ganz unproduktive Frauen sich in Traumen oder Traum* 
zuständen geradezu als Dichterinnen erweisen. 

2 Ähnliche Erfahrungen scheinen dem Ausspruch des Rabbi Josue ben Levi 
zugrunde zu liegen; »Hüte dich vor deiner Frau in bezug auf ihren ersten Schwieger* 
söhn <2it. nadi Sex.-Probl., Nov. 1913, p. 783). 



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Die Sdiwiegermutter 591 



wie seine eigene »Mutter«. Weil sie sich stets mit der Toditer 
identifiziert, projiziert sie das Gefühl der eigenen Unbefriedigung 
auf ihre Todhter/ es kommt ihr vor, als werde ihr Kind nidit 
genügend geliebt, man müsse es auf alles vorbereiten und es durdi 
Rat und Tat besdiützen. Aus diesen Gefühlseinstellungen kann 
man sidi alle möglidien Kombinationen von Handlungen denken, 
weldie gerade die von Männern am meisten begehrten Frauen und 
zärtlidien Mütter zu gefährlidisten Sdiwiegermüttern madien. 

Die moderne Welt besdiäftigt sim fast aussdiließlidi mit 
Sdiwiegermüttern des Mannes, obgleidi junge Frauen, namentlidi 
in den weniger bevorzugten Volkssdiichten, audi durdiaus nidit 
wenig von ihren Sdiwiegermüttern zu ertragen haben. Durdisdinitt* 
lidi freut sidi die Mutter der Frau viel mehr bei der Heirat, als 
die Mutter des Mannes. Der Grund liegt nidit nur in der sozialen 
Unselbständigkeit der Frau, sondern die eine Mutter verliert ihren 
Sohn, während die andere, weldie das Leben ihrer Toditer lebt, 
einen Sohn gewinnt. Das Verhältnis der Mutter zu ihrem Sohn 
untersdieidet sidi bekanntlidi sehr von dem zu ihrer Toditer: es ist 
ein mehr erotisdies, weniger intimes. Namendidi in vaterlosen Fa^ 
milien gewöhnt sidi die Mutter den Sohn als Mann, Berater und 
Besdiützer anzusehen. Für das unbewußte Phantasieleben ist er ihr 
Geliebter. Deswegen kann sie sidi nidit so leidit in seine Liebe zu 
einer anderen Frau einfühlen. Die Sdiwiegertoditer bleibt Rivalin, 
bis die Mutterliebe es zustandebringen lernt, das GlüA der Liebe 
einer anderen zu gönnen. Dies ist nidit so einfadi und wird kaum 
je vollkommen gelingen. 

Das Ideal einer Ehe wäre für Mann und Frau eine volU 
ständige Loslösung von der elterlidien Familie, so daß zwei Wesen 
ganz einander gehören. Dies könnte nur ein psydioanalytisdier Laie 
fordern: wäre die Liebe von Mann und Frau wesendidi von der zu 
den Eltern versdiieden, dann könnte die Liebe zu den Angehörigen 
den Ehefrieden nidit stören, während letzteres in Wirklidikeit auf 
jeden Sdiritt und Tritt gesdiieht. Es gibt eine ganze Anzahl neuroti* 
sdier Männer und Frauen, weldie niemanden lieben können, weil 
sie zu sehr an ihrer eigenen Familie hängen. Es gibt Individuen, 
weldie so lange ihr Objekt lieben können, bis es in nähere Be^ 
Ziehung mit der elterlidien Familie tritt/ sofort verliert dann das 
Objekt seinen Reiz. 

Der natürlidie Impuls eines Liebenden ist, die Angehörigen 
des Geliebten zu lieben, weil sie zu letzterem gehören, allein diesem 
Impuls gesellt sidi der nur dunkel an die Bewußtseinsoberflädie ge^ 
langende Gegenimpuls hinzu,- es ist der Zug nadi der früher ge^ 
liebten eigenen Familie, mit weldier man im Grunde der Seele 
verbunden blieb. Daher das Gefühl, man habe den eigenen Vater, 
— beim Sohne — namentlidi die eigene Mutter um die ihr ge- 
hörende Liebe und Pflege betrogen, indem man diese einer fremden 
Mutter sdienkt, die sidi dodi für das Kind nie mit der eigenen 



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592 Dr. S. Spielrcin 



Mutter messen kann. Der teilweise bewußte, wesentlich aber unbe- 
wußte Vergleich setzt die Schwiegermutter immer mehr herab. Die 
eigene Mutter bleibt für die Tiefen der Seele immer jung und 
schön/ deswegen erscheint jede andere Frau, die nicht mit der 
Mutterimago identifiziert wirci, im Vergleiche mit ihr alt und häßlich. 
Dieses Verhältnis zur Schwiegermutter wird noch mehr zugespitzt, 
wenn sie aus irgendwelchem Grunde mehr Glück im Leben hat 
als die eigene Mutter. Das Kind empfindet es so, wie wenn die 
Schwiegermutter das seiner Mutter gehörende Glück ungerechter-' 
weise an sich gerissen hätte. Die Empfindsamkeit kann sich so weit 
ins Pathologisdie steigern, daß der Sohn — dieser ist ja als Mann 
viel stärker an die Mutter fixiert — haßerfüllter Kämpfer der 
Schwiegermutter gegenüber wird, indem er in jedem ihrer Worte 
eine Anspielung oder Herabsetzung seiner Familie, beziehungsweise 
seiner Mutter sieht. Das geschieht um so leichter, als er es selbst 
seiner Feindin gegenüber tut und, um sidi zu rechtfertigen, seine 
eigene Handlungsart der Schwiegermutter zuschreibt. 

Alle Liebesbezeigungen seitens der Schwiegereltern nützen da 
wenig, weil ja Liebe Gegenliebe fordert, welche man eben nicht 
zulassen darf. Einzig und allein klare analytische Erkenntnis der 
eigenen Seelenvorgänge vermag hier Rat zu schaffen: diese lehrt 
uns, daß für jedes kleine Kind zuerst die eigenen Eltern einzige 
göttergleiche Autoritäten sind/ dann folgt die rhase der Befreiung 
von der elterlidien Macht, welche mit einem intensiven Widerstand 
und Kritik aller elterlichen Handlungen einsetzt. Später kommen 
diese beiden extremen Strömungen ins Gleichgewicht. Man lernt 
andere Menschen lieben und schätzen, ohne sich deswegen des Ver* 
rates an der eigenen Familie zu besdiuldigen, denn auch für die 
eigenen Eltern bewahrt man die ihnen gebührende Liebe und Dank*» 
barkeit. Wo sich diese Entwicklung infolge allzustarker Fixierung 
nicht glatt vollzieht, sind die Voraussetzungen der Neurose gegeben/ 
in solchen Fällen hilft die Analyse nach und macht aus einem asozialen 
Menschen, weldber bloß sich und das seinige anerkennt, einen sozialen, 
der auch andere Menschen liebt und schätzt. Manche freilidi können 
trotz aller Vernunftsbetrachtungen ein inneres Gefühl nidit los werden, 
als seien sie selbst und ihre eigenen Eltern die wertvollsten Men* 
sehen auf der Welt. Das Gefühl kann man ihnen ruhig lassen: es 
kommt nur darauf an, daß dieses innere Gefühl so weit beherrscht 
wird, um es nicht zu demonstrieren und, sollte es schwer fallen, 
das Gleichgewicht zu behalten, eher dem Gegentriebe die Oberhand 
gelassen wird, d. h. andere Menschen noch etwas schonender zu 
behandeln, wie die eigenen Angehörigen. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bücher f93 



Bücher. 

HARGRAyE JENNINOS, »Die Rosenkreuzer. Ihre Gebräuche 
und Mysterien.« Übersetzt von A. v. d. Linden, Zwei Bände. Mit zirka 
300 Illustrationen und 12 Tafeln. Mit ausführlichem Namen- und Sach*^ 
register. Berlin 1912. Verlag Hermann Barsdorf. Preis broschiert Mk. 12. — . 

Der hier behandelte Stoff ist sehr interessant, auch für die psycho* 
logische, und Ich meine besonders für die psychanalytische Forschung. Ich 
würde es aber bedauern, wenn Ich, um diese Kenntnis zu erlangen, auf 
das vorliegende Werk angewiesen gewesen wäre. Zwar findet man darin 
das Material recht ausgiebig auf seinen Gehalt an Sexualideen durdigear^ 
beitet, und ein oberflächlicher Beurteiler könnte nun meinen, es läge hier 
der Ansatz einer psychanalytischen Betrachtung des Themas. Es stünde 
schlimm um die Psychanalyse, wenn sie so einseitig wäre, wie mancher 
Kritiker sie sieht: als ob sie nichts anderes kennte, als Sexualität und wieder 
Sexualität/ und es stünde auch schlimm um sie, wenn sie so leichtsinnig zu 
Werke ginge wie der Autor dieses Buches über die Rosenkreuzer, welches 
ich ebendeshalb als Quelle für irgendwelche ernste Arbeit ganz und gar 
nicht empfehlen kann. Anders steht die Sache, wenn man bloß eine inter* 
essante und anregende Lektüre sucht, mit stark okkultistischem Beigeschmack: 
dann mag das Werk am Platze sein/ dabei macht übrigens die vorzügliche 
Ausstattung das Lesen wirklich zum Vergnügen. 

Das Buch wäre ungleich wertvoller ausgefallen, wenn der Autor, dem 
es durchaus nicht an Fleiß gemangelt hat, mit mehr kritischem Vermögen 
zu Werke gegangen wäre oder wenn wenigstens der Obersetzer von jener 
Gabe, die dem Autor gänzlich mangelte, auch nur ein bißchen Gebrauch 
gemacht hätte. Ein Buch wie die »Rosicrucians« von Hargrave Jennings 
hätte mit kritisdien Bemerkungen oder zum allermindesten mit einer die 
nötigen Vorbehalte bringenden Einleitung versehen werden müssen/ statt 
dessen erweist sidi der Herausgeber in seiner das Original bloß anpreisenden 
Einleitung als ebenso befangen wie der Autor. Nur daß ihm, dem neuere 
Forschungen zugänglich sind als dem letzteren, der Mangel an kritischer 
Umsicht noch mehr zur Last gelegt werden muß als Hargrave Jennings. 

Irreführend an dem Buch ist vor allem der Titel. Im Englischen mag 
es noch hingehen, wenn man von Alchimisten, Astrologen und Kabbalistcn 
<einem Sprachgebrauch folgend) als von »Rosicrucians« spricht ^ obgleich 
es nicht angeht, alle möglichen und unmöglichen Sekten, Orden etc. mit 
ihnen zu vermengen, wie's eben kommt — im Deutschen aber wird die 
Bezeichnung »Rosenkreuzer« für eine enger begrenzte Gruppe von Trägern 
einer Bewegung (besonders des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts) ge^ 
braucht, so daß der Buchtitel in jedem halbwegs eingeweihten Leser Er^ 
Wartungen erweckt, die das Buch nicht erfüllt. Es hätte sich also vor allem 
gehört, daß der deutsche Herausgeber den Titel in der Einleitung kommentiere. 
Statt dessen wagt er diese Wendung: »Da es bis jetzt an einem umfassen« 
den Werke in deutscher Sprache über die Rosenkreuzer gefehlt hat, so hoftt 
der Herausgeber diese Lücke mit seiner Arbeit ausgefüllt zu haben . . . « 
Demgegenüber muß denn doch festgestellt werden, daß gerade eine Reihe 
deutscher Autoren die grundlegende Arbeit auf dem Gebiet der Rosen* 
kreuzerforsdiung geleistet hat, während man aus Hargrave Jennings' Buch 
über die Rosenkreuzer selbst herzlich wenig erfährt. Eher könnte man das 
Werk mit v. d. Linden gelten lassen als: »eine Geschichte der Magie, der 
Theosophie, sowie der aldiymistischen Philosophen aller Zeiten«/ wenn es 

Imago H'6 38 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



594 Büdier 



nur irgendeine methodische Einteilung, GründHAkeit in irgendeiner Richtun«;;: 
und vor allem eine minder seichte Beherrschung eben der aldiimistisdien 
Philosophie aufwiese. So ist leider alles wie Kraut und Rüben durchein* 
andergemengt, ohne daß man erführe, was der Autor gedichtet und w»s 
er geträumt — um midi etwas frei auszudrüAen. Er gerät ganz in den 
Bann seiner Vorwürfe, wittert Wunder hinter allegorischen Erzählungen 
<Legende der Auffindung des Grabes vom Vater Rosenkreuz), die er wört- 
lich zu nehmen scheint, und ist seine umständliche Darstellung einmal müh-^ 
sam in Fluß gekommen, schweift er in die unmöglichsten Femen ab, ein* 
mal um zu zeigen, daß der Husarendolman auf Wegen der rosenkrcuze- 
fischen Tradition bis auf Noah zurückgehe, dann um mit hunderterlei Um* 
Schreibungen vermuten zu lassen, daß hinter dem Hosenband <des Ordens) 
eigentlich eine Monatsbinde zu verstehen sei, dann um mit Paracelsus ahnen 
zu lassen, daß die Lues ihren Ursprung in dem »unsauberen Handel eines 
aussätzigen Franzosen mit einer Dirne genommen, die venerische <aber sc. 
nicht luetische) Bubonen hatte«, oder mit Helmont, daß sie als göttliche 
Strafe die Menschen befallen habe, als ein Mann schändlichen Umgang mit 
einem kranken Tiere gehabt. 

Einer wissenschaftlichen Behandlung seiner Gegenstände kann der Ver^ 
fasser um so leichter entraten, da er wiederholt die Wissenschaft als un* 
duldsam und dogmatisch ablehnt. Dafür setzt er sich aufs hohe Roß und 
posaunt: »Wir sind der erste Autor, der Floods (eines angeblichen Rosen* 
kreuzers) Namen der gelehrten Welt vermittelt hat, seinen Ansprüchen 
gerecht geworden ist . . .« usw. Bedenklicher als diese Eitelkeit ist die Art 
und Weise, wie der Leser von der Nachprüfung des Materials weit ent* 
fernt gehalten wird. Da haben wir z. B. p. 145 ff. des IL Bandes astrologisch^ 
kabbalistische Tafeln. Woher sie sind, wird nicht gesagt/ es steht bloß 
(g. 147) pompös darunter: »Kabbalistische, astrologische und astronomische 
Chaldäische Mysterien. NB. Die Hinweise auf Nummern . . . beziehen sich 
auf die sehr alten rosenkreuzerischen Originalabhandlungen oder Karten, 
die hier nur der Authentizität halber mit angegeben sind.« Welche Sorg^ 
falt! Welche historische Treue! Wo bleiben aber die uralten Rosenkreuzer^ 
originale, wenn ich konstatiere, daß die ganze Bilderreihe aus Wcllings 
»Opus Mago*Cabalisticum« ', in erster Auflage erschienen zu Homburg 
1735, unverändert entnommen wurde? 

Ich habe mich bei dem Buch länger als ihm gebührt, aufgehalten, weil 
Rosenkreuzerei heute in mandien Kreisen Schlagwortkraft gewonnen hat, 
viele Leser den Wunsch haben mögen, sich über Rosenkreuzerei zu infor^ 
mieren und sich versprechen könnten, in dem vorliegenden Buch mehr zu 
finden als eine zerstreuende Lektüre. Diesem drohenden Irrtum wollte ich 
begegnen. Herbert Silberer. 

TOTEMISMUS IM MÄRCHEN. 

In der Abhandlung über die infantile Wiederkehr des Totemismus 
<»Imago<< II, 1913, S. 257 ff.) hat Freud unterlassen, die zahlreichen und be- 
deutsamen Probleme, die sich an den Totemismus knüpfen und durch seine 
analytische Auffassung in ein neues Licht gerückt wurden, auf die einzelnen 
Spezialgebiete zu verfolgen. Wer die Bedeutung der totemistischen We!t^ 
anschauung für die Entwicklung des menschlichen Kultur-r und Geistes* 

' Dieses Opus von Welling studierte Goethe, wie er in seiner Autobio- 
frrii hie erzählt, mit Fräulein v. Klettcnberg. 



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Büdicr 595 



lebcns ahnt, kann den weitreidicndcn und nachhaltigen Einfluß dieses primi- 
tiven Systems ermessen und wird sidi nidit wundern, Spuren davon in 
den verschiedensten, bis in unsere Zeit lebendiggebh'ebenen Überh'eferungen 
2u finden. Zu diesen gehört überraschenderweise auch das Märchen, das 
— wie schon Wundt gezeigt hatte ^ durch Berücksichtigung totemistischer 
Ideen viel an Verständnis und Schätzung gewinnt. 

Es ist darum im höchsten Grade erfreulich, wenn in einer kürzlich 
erschienenen Neuausgabe der Grimmschen Märchen ^ die sich durch ein* 
fach geschmackvolle Ausstattung und Wohlfeilheit weiten Kreisen empfiehlt, 
das Nachwort des Herausgebers, Paul Ernst, mit Nachdruck auf die 
Bedeutsamkeit des Totemismus für die Märchenbildung verweist. 

Er zeigt in scharfsinniger Weise, wie sich in der Entwicklung von 
Mythen, Sagen, Märchen, Novellen und Aberglauben immer derselbe 
Prozeß wiederholt: *ein durch die Wirklichkeitserfahrung unlösbares Problem 
wird durch eine erfundene, rationalisierende Geschichte gelöst. Im Fortgang 
der Zeiten stellten sich in dieser Geschichte wieder unlösbare Probleme 
heraus, und eine neue Erdichtung kommt wieder wirklidikeitsnäher,- in der 
folgenden Zeit wird die Wirklichkeitskritik wieder schärfer und eine neue 
Rationalisierung kommt, bis man zuletzt das Ganze als belanglos oder 
töricht überhaupt fallen läßt.« Der erste Anstoß zu diesem Prozeß ist mit 
der Einstellung des Primitiven zur Realität gegeben: »der Mensch schafft 
sich schon auf so frühen Stufen seine eigene Welt, welche seiner äußeren 
Erfahrung gänzlich widerspricht, er beugt sich nicht und sagt: so ist die 
Erfahrung, sondern er befiehlt: so soll die Erfahrung sein,- und gerade weil 
er nun auf allerlei Wirrnis stieß, auf Unlösbares und Unsinniges, entwickelte 
er sich immer höher.« ^ »Auf Grund der Weiterentwicklung kommt nun 
aber ein fruchtbares zweites Stadium der Anschauungen: der Widerspruch 
mit der Erfahrung wird empfunden, und es entsteht das Bedürfnis, diesen 
Widerspruch auszugleichen.« Eine dieser vom menschlichen Denken statu^ 
ierten Zusammenhänge ist nun die *Totemismus« genannte Vorstellung 
eines Clans, daß er mit einer Tierart, seltener Pflanzenart usw. derart ver^r 
wandt sei, daß die Vorfahren der jetzt lebenden Menschen, das erste Paar, 
Männchen und Weibchen des betreffenden Tieres, des Totemtieres, waren, 
aus den betreffenden Bäumen, den Totembäumen, herausgekommen sind usw.« 
Als feststehend gilt z. B. : »dieser Leute Urmutter war ein Lorbeerbaum, 
jener Leute Urvater ein Schwan.« Diese und ähnliche Vorstellungen, in 
denen der Psychoanalytiker, beiläufig bemerkt, die weibliche Symbolik des 
Holzes und die männliche des Vogels wieder erkennt, lassen sich in ver^ 
schicdenen Verwandlungen durch die Märchen* und Sagengeschichte, etwa 
bis zur Lohengrinsage oder der Erzählung von dem Mädchen verfolgen, 
das vor dem sexuellen Begehren ihres Vaters in einen Schrank <Baum> 
flüchtet. Man versteht vom Totemismus aus eine Anzahl scheinbar 
phantastischer oder unsinniger Märchenmotive, wie die Geschichte vom 
Rotkäppchen, die sprechenden Tiere, die Verwandlungen von Menschen in 
Raben, Wölfe, Schwäne und ihre Erlösung aus dieser Verzauberung, man 
erkennt in den hilfreichen Tieren das Abbild der das Kind schützenden 
Eltern und in den sprechenden, segenspendenden Bäumen andere Symbolik 
sierungen derselben scheinbar übermenschlichen Gewalten. Man ist aber auch 
imstande, ein Motiv in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, dessen mensch^ 
(iche Bedeutung für Mythus, Märchen und Dichtung die Psychoanalyse fest- 

^ Verlag Georg Müller, München. 



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696 BöAcr 



gestellt hat: nämlicfi das Inzestmotiv, Es Ist immerhin bemerkenswert, daß 
die vorhin erwähnte Erzählung von der verfolgten Jungfrau, weldie nicht 
in eine blutsdiänderisdie Ehe mit dem Vater willigt, hier ohne Kenntnis der 
psyrfioanalytisdien Befunde aus der Entwicklung der Gesellsdiafts- und 
Verwandtschaftsbeziehungen erklärt wird. »Der wichtigste Punkt der Ent* 
Wicklung war das Aufgeben der Verwandtschaftsfolge von bloß mütterlicher 
Seite, . . . wonach der Vater mit seinen Kindern nicht verwandt war . . . 
So konnte also der Vater seine Tochter ehelichen. Das Aufgeben dieser 
Verwandtschaftsfolge und die Annahme der sogenannten vaterrechtlichen, 

. . . muß eine der tiefgreifendsten Revolutionen gewesen sein Nun 

haben die Barbaren die Tendenz, aus solchen Kämpfen Mvthen zu bilden,- 
man kann sicher sein, daß überall, wo man bei den Griecnen Blutschande* 
mythcn findet, der letzte Grund in jener Revolution liegt , . . Der Mythus 
v/ird stets gedichtet, nachdem die Umwälzung geschehen ist, in ihm muß 
aber das neue Prinzip stets als das sittliche, das alte als das unsittliche 
erscheinen/ so wird der Vater ein Blutschänder und kann sich zu jedem 
beliebigen Grade von Bösartigkeit entwickeln . . . und die Tochter wird 
eine verfolgte Unschuld, die bis zur Heiligkeit gesteigert werden kann.« 

So anerkennenswert diese Einsichten auch sind, lassen sie doch das 
Problem des Mutterinzestes völlig unerklärt, sowie die in uns allen unbe^ 
wüßt fortlebenden Inzestregungen unberücksichtigt und erweisen sich darum 
auch zur Erforschung weiterer Zusammenhänge, wie beispielsweise des Aus^ 
Setzungsmotivs, unzureichend <vgl. Bd. III, p. 293). Hier vermag die Psycho^ 
analyse der Märchenforschung neue Wege zu weisen. 

Der Verfasser des Nachwortes hebt mit Recht hervor, daß der weit^ 
aus größte Teil unserer dichterischen Motive nichts als Kombinationen 
waren, welche sich aus der primitiven Deutung des Weltbildes ergaben 
und daß sich auch in den modernen Deutungen desselben, also in den ver- 
schiedenen Gesdiichtsauffassungen, im Darwinismus, in der Kant^Laplace^ 
sehen Theorie, in dem Gravitationsgesetz Mythologie finde, wenn wir den 
Vermenschlichungsprozeß nur in genau derselben Weise vornehmen, wie 
unsere wilden Vorfahren. So hofft er auch auf dem Gebiete der Dichtung 
das bisher durch Zufall oder Naivetät Entstandene durch die Notwendigkeit 
des Verstandes erzeugen und so der Dichtung neue Motive zuführen zu 
können. Der Erfolg dieses Versudies ist abzuwarten. Inzwischen aber scheint 
es, als wäre der eigentliche Boden für die wertvollsten menschlichen 
Phantasieprodukte doch jene primitive Einstellung des Menschen zur Welt*, 
welche die Psychoanalyse als nah verwandt mit der neurotischen erkannte. 

O. Rank. 

ANIMISMUS UND RELIGION. Eine Studie zur Religions^ 
Psychologie der primitiven Völker von Lic. Gerhard Heinzelmann^ 

Die kleine Schrift, in der versucht wird, das Verhältnis der animisti* 
sehen Weltansdiauung der Primitiven zur Religion klarzulegen, bietet auch 
manches Interessante für die Psychoanalyse, die in der jüngsten Zeit den 
Ursprung der Religion, der Geistervorstellungen und des Zauberglaubens 
zum Objekt ihrer Forschung genommen hat. 

Der Autor setzt sich hauptsächlich mit den Aufstellungen Wundts 

^ Im Nachwort einer gleichzeitig im selben Verlag erschienenen Ausgabe 
der durch die Brüder Grimm gesammelten »Deutschen Sagen« betont Hans 
Floerke die Bedeutung des Animismus für die Sagenbildung in ähnlicher Weise, 
wie dies mit dem Totemismus für die Märchenschöpfung geschehen ist. 

* Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh 1913. 



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Bücher 697 



auseinander und obwohl er sich in seinen Ausführungen von gewissen 
Tendenzen leiten läßt, bringt er dodi Materialien und Gesichtspunkte, die 
vielfach einen Anschluß an die psychoanalytische Auffassung gestatten. 
Die Frage, ob und inwieweit der bei allen kulturarmen Völkern verbreitete 
Animismus, d. i. der Seelen- und Geisterglaube, als die Religion der 
Primitiven gelten dürfe, beantwortet der Autor dahin, daß es sich dabei 
um keine Erscheinung des eigentlich religiösen Lebens handelt, sondern um 
eine Form des Aberglaubens. Der Animismus sei nur zu verstehen als 
ein religiös-pathologisches Phänomen. Von den zu diesem Schlüsse 
führenden Erwägungen interessiert uns besonders die eine, »daß rein aus 
den theoretischen Vorstellungen heraus die Furcht« -- die beim Primi^r 
tiven eine große Rolle spielt — »im Animismus nicht erklärt werden kann« 
und daß »alle Hinweise auf die wirklichen Erlebnisse des Schreckens dies 
nicht vermögen. Wir haben es mit einer Gefühlsverschiebung zu tun, 
wie sie auch sonst vorkommt«. Zum Beweise für den irreligiösen Charakter 
des Animismus wird in erster Linie auf die Tatsache verwiesen, daß ganz 
unabhängig neben ihm, ja häufig vor seinem Auftreten sich gerade bei den 
kulturell am niedrigsten stehenden Völkern der Glaube an ein höchstes 
Wesen nachweisen läßt. Diese von Andrew Lang auf kulturgeschicht* 
lichem Wege festgestellte Erscheinung ist später von einer Reihe anderer 
Forscher durch weiteres ethnologische Material gestützt und im Sinne der 
Unabhängigkeit der Götter* von den Geistervorstellung verwertet worden. 
Ein Vertreter dieser Auffassung, L. v. Schröder, sagt darüber: »Dies 
höchste Wesen erscheint unter verschiedenen Eigennamen, wird aber auch 
oft allgemein, der Vater, der Alte des Himmels, der Macher oder 
Schöpfer, der Gute, der große Freund, der große Geist oder dem ähnlich 
benannt ... Es handelt sich hier um eine höchst einfache, aber zugleich 
freilich eminent wichtige Bildung ^ um den primitiven Gedanken: es ist 
Einer da, es muß Einer da sein, der alles gemacht hat/ es muß Einer da 
sein, der da will, daß ich so und so handle, dies und das unterlasse usw. . . , 
Diesen Glauben aus dem Seelenkult und der aus ihm hervorgewachsenen 
Ahnenverehrung ableiten zu wollen, ist ein vergebliches Bemühen. Er 
findet sich bei Völkern, die noch gar keine Ahnenverehrung, keinen 
Heroendienst entwickelt haben, wie z. B. den Australiern, Andamanesen, 
Feuerländern und Buschmännern, — Völkern, die Seelenkult nur in der 
primitivsten Form kennen.« <»Über den Glauben an ein höchstes gutes 
Wesen bei den Ariern«, p. 3.) Ähnlich äußert P. Ehrenreich: »Der 
höchste Gott im Sinne eines allbeherrschenden, dauernd wirksamen, von 
Menschen verehrten Wesens ist eine besondere von den polytheistischen 
Göttern unabhängige Bildung«. 

Während nun der Autor diese Erfahrungen gegen Wundts Theorie 
ins Treffen führt und versucht, sie zugunsten eines aprioristischen religiösen 
Bewußtseins zu verwerten, scheint sich für die psychoanalytische Be* 
trachtung daraus ein deutlicher Hinweis auf den auch im Totemismus 
ausgesprochenen Ursprung der Gottesidee aus dem Vaterkomplex zu er» 
geben. O. Rank. 

VOM JUDENTUM». 

Das vorliegende Sammelbuch kann zu den bedeutsamsten Er^ 
scheinungen in der neueren Literatur über das Judenproblem gerechnet 

^ Ein Sammclbuch. Herausgegeben vom Verein jüdischer Hochschüler Bar 
Kochba in Prag. Leipzig 1913, Verlag Kurt Wolff. 



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598 BüAer 



werden. Es erhält seine Bedeutung nidit nur dadurch, daß jüdische Schrift- 
steller und Gelehrte von Ruf darin ihre Ansicht über das seltsame Los 
ihres Volkes niedergelegt haben, sondern audi durch den Umstand, daß 
sämtliche Beiträge so verschiedener, starker Persönlichkeiten eine ähnliche 
Auffassung zeigen. Ohne nachdrücklich ausgesprochen zu werden, scheint 
ein Wort Moritz Heimanns dem Buche als Motto voranzugehen: »Was 
ein auf die einsamste, unzugänglichste Insel verschlagener Jude noch als 
Judenfrage anerkennt, das einzig ist sie*. Wie es bei ähnlichen Aus^ 
Sprüchen zu gesdiehen pflegt, ist auch hier Irrtum und Wahrheit innig 
verbunden. Man kann verstehen, wie Hei mann zu seinem Ausspruch 
kam: er hörte überall von der Judenfrage als einer sozialen, politischen, 
religiösen und nationalen sprechen und erkannte, daß das rein Seelische als 
das Wesentliche der Frage überhaupt vernachlässigt werde; jene psychischen 
Determiniertheiten, die jeden Juden, auch dann noch, wenn er sich vom 
Judentum lossagen will, in Liebe und Haß mit seiner Nation verbinden. 
Schon Theodor Herzl, der Schöpfer des modernen Zionismus, sprach es 
aus, daß eine Rückkehr ins Judenland vor einer Rückkehr zum Judentum 
nicht möglich sei. Die folgende Generation besinnt siA immer mehr und 
mehr auf die seelische Bedingtheit des Problems und wendet sich auch dort, 
wo sie zionistisch denkt, gegen den »mechanistischen Territoriums- und 
Staatsgedanken« (Nathan Birnbaum). 

In der Formulierung Heimanns erscheint nun die Judenfrage als 
eine rein seelische. Selbst wenn man sich auf Heimanns Standpunkt 
stellte, müßte man seine Formulierung als zu enge der Kritik unterwerfen: 
ein auf die einsamste Insel verschlagener Jude ^ hätte er nicht Eltern, 
Geschwister, Freunde und Feinde gehabt, hätte er nicht Kindererlebnisse 
aus dem Elternhause zu verarbeiten, Erfahrungen späterer Jahre seelisch zu 
erledigen? Würde nicht all dies in den Umfang und in die Tiefe seiner 
Auffassung der Judenfrage eingehen und sie formen helfen? Wozu aber 
dann die Vereinsamung? Erst das Zusammenwirken von Disposition und 
von lebendig erfaßtem Schicksal werden die Auffassung des Einzelnen der 
Judenfrage entscheiden müssen. Immerhin bildet die Betonung des seelisdien 
Kräftespiels innerhalb des individuellen und nationalen Seelenlebens der 
Juden ein heilsames Gegengewicht gegen eine allzu äußerliche Auffassung 
des Problems; durch die Hochwertung psychischer Vorgänge verdient das 
Buch auch unser psychoanalytisches Interesse. 

Ein Aufsatz unter den vielen erscheint durch Inhalt und Art des 
Gedankenganges besonders geeignet, psychoanalytisch betrachtet zu werden : 
»Der Mythos der Juden« von Martin Buber. Er ist es auch deshalb, weil 
er repräsentativ für das ganze Buch wirkt, dessen geistiges Protektorat 
dieser originelle und kühne Philosoph übernommen hat. 

Je mehr Achtung man vor diesem scharfsinnigen Denker empfindet, 
desto stärker fühlt man die Verpflichtung, ihm sachlidi dort entgegenzutreten, 
wo er einen Irrweg einzuschlagen scheint. Der Inhalt des vortrefl^lidi ge^ 
schriebenen Aufsatzes Bubers ist in großen Zügen folgender: Es wird 
eingangs die Haltlosigkeit des Versuches, zwischen mythenschafi^enden und 
mythenlosen Völkern zu unterscheiden, gezeigt. Die Existenz jüdischer 
Mythen, die man lange geleugnet hatte, ist durch die neue Forschung nach« 
gewiesen worden. Man bestritt hernach die Selbständigkeit des jüdischen 
Mythos und suchte nach verwandten Mythenmotiven anderer Völker, um 
diese als Vorbilder und Originale den jüdischen gegenüberzustellen. <Buber 
meint mit Recht, daß auf psychischem Gebiete nicht Originalität, sondern 



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BüAer 699 



Realität zu gelten habe.) Nicht nur in der Bibel, sondern audi im spät- 
jüdischen Schrifttum mußte man nun eine Fülle mythischen Materials ent- 
decken; auch hier erwies sich manches als Schöpfung und Umbildung 
ältesten Volksgutes; sagenhafte Überlieferungen, die man bei der Redaktion 
des Kanons zu ersticken drohte, blühten hier wieder. Nun konnten die 
rationalistischen jüdischen Apologetiker die Fiktion; es gebe keinen jüdischen 
Mythos, nicht mehr aufrechterhalten. Sie fanden nun ein gutes Mittel, um 
ihre Zwecke zu erreichen: sie unterschieden nunmehr ein negatives, mytho- 
logisches und ein positives, monotheistisches Judentum; jenes verwarfen sie 
als Hemmung uncl Trübung, dieses feierten sie als die wahre Lehre; sie 
sanktionierten den Kampf des Rabbinismus gegen den Mythos als die fort- 
schreitende Reinigung eines bedeutenden Ideengehalts und stellten sich gleich- 
sam selbst in diesen Kampf ein. Nach Buber wäre die Entwicklungs- 
geschichte der jüdischen Religion in Wahrheit »die Geschichte der Kämpfe 
zwischen dem natürlidien Gebilde der mythisch-monotheistischen Volks- 
religion und dem itellektuellen Gebilde der rational-monotheistischen 
Rabbinerreligion«. Monotheismus und Religion schließen einander nicht 
aus. Das Rabbinentum bemühte sich umsonst um die Herstellung eines 
vom Mythos gereinigten Gottesglaubens und verbannte vergebens die 
lebendige Kraft des jüdischen Gott-Erlebens, den Mythos, in die Kabbala 
und in die Frauenstuben. Den Juden unserer Zeit werde die Verbindung 
ihrer Religiosität mit dem Judentum so schwer, weil das Rabbinentum die 
Volksreligion entmannt habe. Wenn aber die erstrebte Einheit wirklidi er- 
reicht werde, so habe man es der hohen Kraft des Mythos zu verdanken. 

Buber erkennt drei Schichten in der Entstehung der jüdischen 
Religion: die erste wird durch den Gottesnamen Elohim charakterisiert. Er 
bedeutet »die Gewalten« und bezeichnet ein Aggregat schaffender, er- 
haltender und zerstörender Mächte, einen unvergleichbaren, monumentalen 
Monopluralismus, Innerhalb der Elohim-Vielheit bildet sich ein Hauptwesen 
heraus, das immer größere Macht an sich reißt und sich endlich mit den 
Insignien eines mythischen Stammgottes geschmückt, als Jahwe repräsentiert. 
Bald führt er jene ihm einst gleichberechtigten Mächte als dienende Heer- 
schar mit sich und ergänzt seinen Namen mit dem ihren: Jahwe des Ge- 
waltenheeres, Jahwe Zebaoth. Jahwe ist göttlicher Nationalheros und das 
Buch Hiob, die Propheten und die Psalmen preisen als Mythen seine 
Taten: wie er das Chaos zerschmetterte und unter dem Jubel der Sterne 
die Pfeiler der Erde in die Tiefe senkt. Nun entwickelt sich in der dritten 
religionsgeschichtlichen Periode aus dem Stammgott der Gott der Mensch- 
heit: »Aber der Gott des Alls darf sich nicht mehr am Abend unter den 
Bäumen seines Paradieses ergehen und der Gott der Menschheit darf nicht 
mehr mit Jakob bis zum Morgengrauen ringen und der Gott der Seele 
darf nicht mehr im unversehrten Dornbusch brennen. Der Jahwe der Pro- 
pheten ist keine sinnliche Wirklichkeit mehr und die alten mythischen 
Bilder, in denen er verherrlicht wird, sind nur noch Gleichnisse seiner Un- 
ausspredilichkeit.« Aber der jüdische Mythos nahm damit dennoch kein 
Ende, weil das Volk die Idee eines unsinnlichen Gottes noch Jahrtausende 
später nicht angenommen hatte. Buber faßt den Mythos, einer Definition 
Pia tos einen neuen Inhalt gebend, als Erzählung von einem sinnlich wirk- 
lichen Gesdiehen auf, das als Göttliches empfunden und dargestellt wircL 

Die Entstehung des Mythos stellt sich Buber folgendermaßen vor: 
beim primitiven Menschen ist im Gegensatz zum Kulturmenschen die 
Funktion der Kausalität wenig ausgebildet. Fast gänzlidi fehlt sie aber 



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600 BüAcr 

gegenüber dem Primitiven unverständlichen Ereignissen wie Traum und 
Tod/ Menschen gegenüber, die er nicht mit eigenem Maße zu messen vcr^ 
mag, wie der Heia und der Zauberer. Traum, Tod und die Taten dieser 
Menschen registriert er nicht wie andere Ereignisse, sondern sieht in ihnen 
Äußerungen eines unsagbaren und undenkbaren Weltsinnes. Sein hohes 
Gefühl für das Irrationale erblickt darin ein Anschaulichwerden des Abso- 
luten. Deshalb stellt er diese Vorgänge in die Welt des Göttlichen ein: er 
mythisiert sie; trotz aller Entwidklung der kausalen Funktion erhält sich 
die Fähigkeit zur Mythenbildung bei den späteren Geschlechtern. In Zeiten 
hoher Erlebnisintensitäten tritt die Kausalitätsfunktion zurück und der 
Mensch erkennt das Geschehen der Welt als ein überkausal sinnvolles, das 
nicht mittels Gedanken, sondern nur »mit der wadien Gewalt der Sinne und 
dem glühenden Schwingen der ganzen Person« zu erfassen ist. So vermag 
der Mensch die Gestalt und das Schicksal des Helden ursädilich zu hc^ 
greifen und mythisiert sie dennoch, weil ihm »die mythische Betrachtung 
eine tiefere, ganzere Wahrheit eröffnet als die kausale und ihm so erst die 
geliebte, beseligende Gestalt im Innersten erschließt. So ist denn der Mythos 
eine ewige Funktion der Seele«. Die fundamentale Anschauung der jüdischen 
Religiosität begegnet sich also mit dem Mythos, indem auch sie alles Ge^ 
schehen als eine Kundgebung des Absoluten auffaßt. Das Budi des antiken 
Juden, die Bibel, bietet nur eine Geschichte: die von den Begegnungen 
Jahwes mit seinem Volke. Auch später, da Jahwe zu einer unsinnlichen 
Gottheit geworden ist, bricht diese Kontinuität nicht ab. Das besondere 
Gepräge verleiht nach Bubers Anschauung dem jüdischen Mythos ein ur* 
sächlicher Zusammenhang der erlebten Vorgänge mit dem Wesen Gotfcs. 
Sie sind nicht nur von Gott bewirkt, sondern immer stärker bildet sich 
eine umgekehrte, tiefere Konzeption heraus: die von dem Einfluß des 
Menschen und seiner Tat auf Gottes Schicksal. Die Gottesherrlichkeit liegt 
gebannt auf dem Grunde jedes Dinges und der Mensch ist berufen, sie zu 
erlösen; also durch sein Leben Gottes Schicksal zu bestimmen. In zwei 
Grundformen des jüdischen Mythos spiegelt sich die Dualität dieser groß- 
artigen Konzeption : die Sage von den Taten Jahwes und die Legende vom 
Leben des heroischen Menschen. Die erste stellt gleichsam den ewigen Zu^ 
sammenhang, die zweite die ewige Erneuerung dar. »Die eine lehrt uns, 
daß wir Bedingte sind; die andere, daß wir Unbedingte werden können. 
Die eine ist der Mythos der Welterhaltung, die andere der der Welt-^ 
erlösung.« 

Gehen wir nun zur Kritik dieser tiefsinnigen Ausführungen über: 
Buber polemisiert mit vollem Recht gegen eine Unterscheidung zwischen 
mythenbildenden und mythenlosen Völkern. Die Kontinuität psychischen 
Lebens bei allen Völkern bedingt — zumindest annähernd — dieselbe 
seelische Produktion ^ 

Man kann mit Buber in der Minderschätzung der jüdischen Apolo^ 
getik nicht übereinstimmen. Es wäre ein aussichtsloses Beginnen, sie für die 
Veränderungen des jüdischen Mythos allein zur Verantwortung zu ziehen. 
Die psychoanalytische Forschung hat uns vielmehr darüber belehrt, daß die 
ganze Generation an der Weiterentwicklung des Mythos mitarbeitet, indem 
sie in Anpassung an das jeweilige Verdrängungsstadium die alten Volks^ 



* Übrigens hat Ignaz Goldzihcr in seinem ausgezeichneten Werke »Der 
Mythos der Hebräer« <Leipzig 1876) vom wissenschaftlichen Standpunkt alles ge* 
sagt, \x'as über solche unberechtigte Unterscheidungen gesagt werden konnte. 



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Büdicr 601 



erzählungcn veredelt, anstößige Elemente entfernt. Daß die Priester an 
dieser Entwicklung Anteil genommen haben, ist sicher/ sie ihnen allein zu* 
zuschreiben, wäre so ungeredit wie das Vorgehen der Aufklärer, welche 
das Märchen der Religion als Erfindung der Priester betrachten. Ohne 
gleichgerichtete Tendenzen im Volke wäre es auch dem mächtigsten Priester* 
wirken nicht geglückt, den Mythos zurückzudrängen und ihn seines eigent* 
liehen Sinnes zu entkleiden. An die Neuerstehung eines jüdischen Mythos 
vermag ich nicht zu glauben. Die Psychoanalyse faßt den Mythos als ein 
Stück primitiven Seelenlebens auf, das verbotenen Wunschregungen in ent* 
stellter Form Ausdruck zu geben vermag. Daß der Kulturmensch zum 
Mythos als einer Ablagerungsstätte solcher sozial unverwendbaren Triebe 
zurücl^kehrt, ist deshalb unwahrscheinlich, weil ihm andere Ableitungs* 
quellen zu Gebote stehen^ 

Sehr treffend unterscheidet Buber die Schichten innerhalb des Mono* 
thcismus/ er vergißt zu sagen, daß in dessen erster Periode noch deutliche 
Spuren der Vielgötterei des antiken Judentums auffindbar sind, die alU 
mählich erst verschwinden. Die Entanthropomorphisierung des jüdischen 
Gottesbegriffes geht mit der Entwertungsentwicklung des Mythos Hand in 
Hand. Der Gottesbegriff ist ja nach unserer psychoanalytischen Betrachtungs* 
weise nichts anderes als die an den Himmel projizierte Vater*Imago. Je 
mehr diese Entstehung dem Bewußtsein entrückt wird, desto ärmer wird 
die Sinnlichkeit und Anschaulichkeit des Begriffes. So nahe Buber auch oft 
psychoanalytischen Gedankenzügen kommt, er unterscheidet sich wesentlich 
von den psychoanalytischen Erforschern der Mythenkunde in der Betonung 
der intellektuellen Basis des Mythos. Wir glauben nicht, daß den primitiven 
Völkern die »Kausalitätsfunktion« fehlt,- vielmehr ist sie stark ausgebildet, 
nur in anderer Richtung: in anthropomorpher Gestalt. Der Wilde, der von 
einem Telegraphendrahi bei der Berührung einen Schlag erhält, wird einen 
bösen Geist, einen »Feind« darin wirksam sehen, so wie das Kind, das 
sich an einer Tischecke anschlägt, diese zornig schlägt. Die Ethnographen 
belehren uns auch darüber, daß primitive Völker meistens über Traum und 
Tod Erklärungen geben, welche durchaus mit dem hohen Gefühle für das 
Irrationale, das Bub er vermutet, nicht zusammenfallen. Dieselben Ein^ 
wände können gegen Bubers Auffassung des Heldenmythos erhoben 
werden. Die Psychoanalyse hält daran fest, daß der Mythos auf affektiver 
Basis erwächst. Es steht damit im Zusammenhang, wenn sie die Geburt 
des Mythos in eine erste Verdrängungsperiode der Mensdiheit verlegt. Ist 
der Mythos die auf realem Wege unmöglich gewordene, jetzt in der Phani:' 
tasie erlangte Wunschdurchsetzung, so mußten die geächteten Regungen auf 
Heroen projiziert werden, weil sie nur in dieser Form bewußtseinsfähig 
werden konnten. Das hätte Buber ebenso erkannt, wenn er den Ursprünge 
liehen Sinn des jüdischen Mythos näher erforscht hätte. Nicht der Mythos 
ist eine ewige Funktion der Seele, ewig ist die Dynamik der unbewußten 
Tendenzen, welche an seiner Erschaffung so hervorragend tätig sind. Buber 
hat scharf und klar gezeigt, daß eine Konzeption des jüdischen Mythos 
Gottes Schicksal vom Menschen abhängig sein läßt. Liegt hier nicht die Er^ 
kenntnis verborgen, daß der Mensch Gott erschaffen hat?- 



^ Wie vergeblich ein solches Beginnen wie die künstliche Neuschöpfung des 
Mythos ist, zeigt das Beispiel der deutschen Romantik. 

* Fontenelle sagte einmal, als man davon spradi, daß Gott die Menschen 
nach seinem Ebenbilde geschaffen habe: »Ils lui rendent bien«. 



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602 BüAer 



Die Analogie mit dem ambivalenten Verhalten primitiver Völker 
ihrem Häuptlinge gegenüber drängt sidi hier auf/ auch hier entscheidet nicht 
nur der Häuptling über das Sdiicksal seiner Untergebenen, sondern steht 
unter dem Joch zahlreicher Einschränkungen, welche diese ihm auferlegen. 

Aus Bubers Aufsatze aber kann die Psychoanalyse wieder einmal 
ihre Mythentheorie bis zu einem gewissen Grade verifizieren. Denn Buber, 
der den jüdischen Mythos erneuern will, fordert, daß wir unbedingte, 
heroisdie Mensdien seien. In diesem kleinen Zuge zeigt sich ein Parallel- 
Vorgang zu dem oben Dargelegten: der MensA projiziert sidi in den 
Heroentyp, 

Man wird zugeben müssen, daß Bubers Essay die reichsten An-^ 
regungen gibt, daß seine Hauptbedeutung in einer Betrachtungsweise liegt, 
welche der psychoanalytischen nahekommt. Zum erstenmal wurde hier die 
psycfaogenetische Methode auf den jüdischen Mythos angewendet/ die Ver* 
drängungsmechanismen, die seine Entwicklung bedingten, erörtert. Wir 
wollen uns dieses Anfanges psychologischer Mythenforschung auf dem 
reichen Gebiet des Judentums freuen und hoffen, daß die psychoanalytische 
Forschung auch hier fruchtbare Resultate zutage fördern hilft. 

Dr. Theodor Reik. 

DIE SAGEN DER JUDEN. 

Seit Otto Rank in Anwendung der Forschungsergebnisse Freuds 
der Mythendeutung neue Wege gewiesen hat, wird ein Buch, wie das 
vorliegende ^ auch für den Psychologen und insbesondere den Psycho* 
analytiker erhöhtes Interesse gewinnen. Denn die psychoanalytische Ein^r 
sieht in die Improvisationen der Völkerkindheit hat uns gezeigt, daß hinter 
den »Säkularträumen« der jungen Menschheit, wie hinter dem Traum* 
leben des Individuums ganz andere »psychische Realitäten« verborgen liegen 
als die Verdrängungstendenz des »kultivierten« Menschen zugeben will. 

Die neuere Mythendeutung wird es deshalb als ihre höchste Auf* 
gäbe betrachten müssen, jenes Unbewußte herauszufinden, das allen mensch* 
liehen Phantasieprodukten, dem Traum wie dem Mythos, zugrunde liegt. 
Und sie wird mit Befriedigung alle jene Mechanismen im Mythus wieder* 
finden, welche die psychoanalytische Betrachtungsweise des Traumes zutage 
gefördert hat. Umgekehrt werden wieder die mythischen Überlieferungen 
der Vorzeit die unwiderlegbare Bestätigung bilden für die Richtigkeit der 
in der Individualpsychologie gewonnenen Erkenntnis des unbewußten Seelen* 
lebens. 

Rank und Sachs haben in dem der Mythen* und Märchen* 
forschung gewidmeten Kapitel ihres jüngst erschienenen Buches zu zeigen 
vermocht, wie die bisherige Art der naturmythologischen Betrachtung 
oft genug in allegorisierende Spielerei ausgeartet sei, die doch nur an der 
Oberfläche geblieben war und es nicht gewagt hatte, des »Pudels Kern« 
zu enthüllen. Aber ehe noch die theoretische Begründung der neuen psycho* 
analytischen Mythenforschung erfolgt war, hatten sich einige selbständige 
Köpfe wie Stucken, Jeremias, Ehrenreich u. a. unbefriedigt von solch 
naiver Mythenbetraditung abgewandt, wie sie Max Müller und seine zahl* 
reichen Sdiüler geübt wissen wollten. 

^ Die Sagen der Juden. Gesammelt und bearbeitet von Micha Josef 
bin Gor Ion. Von der Urzeit. Jüdische Sagen und Mythen. Frankfurt a. M. 1913. 
Lithogr. Anstalt Rütten ® Loening. 



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Budicr 603 



Was nun die Mythen der Juden im besonderen angeht, so bildeten 
die seit je einen viel umstrittenen Zankapfel unter den Mythologen. Zu- 
nächst sprach man nach der von Renan aufgestellten und dann von der 
arisdien Richtung der Mythendeutung sowie der antisemitischen Rassen* 
forsdiung lebhaft verteidigten ethnologischen Theorie, die eine scharfe 
SAeidung von »mythischen« und »unmythischen«, d. h. zur Mythen* 
Schöpfung unfähigen Völkern vornimmt, den Juden <Semiten> überhaupt 
alle Eignung zur Mythenbildung von vornherein ab. Und wenn auch 
in der Folgezeit manche ehrliche und philologisch geschulte Männer wie 
Berge 1, Goldziher und Grünbaum sich um die Ehrenrettung der 
hebräischen Mythologie bemühten, so gelang es doch nicht, eine wirklich 
psychologisch fundierte und einwandfrei überzeugende Deutung des jüdi- 
sdicn Mythenschatzes zu erzielen. Wohl hatten schon Goldziher und 
Grünbaum den Mythos als einen rein psychologischen Vorgang erkannt, 
aber auch sie konnten sich im Banne der wissenschaftlichen Tradition nicht 
von der starren Formel emanzipieren, die jenen psychologischen Vorgang 
lediglich als Einwirkung der Natur auf den Mensdien gelten lassen wollte. 
Auch ihnen fiel schon die Eigenart der Hauptmotive alles Mythos auf, 
jene »gehäuften Elternmorde, Kindestötungen, Brudermorde, Gesdiwister* 
kämpfe, geschlechtlidie Liebe und Vereinigung zwischen Kindern und 
Eltern, zwischen dem Bruder und der Schwester«, aber da sie durch 
Einstellung auf die Natur alle Anstößigkeit entfernt sahen, blieb die natur- 
mythologische Deutung für sie die einzig mögliche und richtige. Die psycho* 
analytische Betrachtungsmethode aber gibt uns erst die Handhabe, mit 
solcher einseitigen Theorie endgiltig aufzuräumen. Sie zeigt uns, indem sie 
den Mut hat, das Tua resagitur zu betonen, daß es keine Unterscheidung 
zwisdien mythischen und unmythischen Völkern geben kann und daß alle 
Mythenschöpfung von denselben aus dem Unbewußten gespeisten Urkom* 
plexen inspiriert ist. 

Gorion gibt nun mit seiner umfassenden, das reiche Quellenmaterial 
beherrsdienden Sammlung der jüdischen Sagen und Mythen, von der vor- 
läufig nur der erste Teil; Von der Urzeit ersdiienen ist, der psychoanalyti- 
schen Forschung viele wertvolle Belege an die Hand, auch in das Dunkel 
des jüdischen Mythenwaldes natürliche Klarheit zu bringen. Indem er alle 
bisher verstreut gewesenen Sagenmotive des nachbiblischen Schrifttums mit 
Berücksichtigung auch der heidnischen Parallelen in einem Werke vereinigt 
vorlegt, macht er es möglich, auch die Bibel, die uns in einer sehr strengen, 
ganz unmythischen, von dem offiziellen spätjüdischen Priestertum vorge- 
nommenen Redaktion vorliegt, kritisch zu verstehen und überall dort die 
richtige mythische Interpretation anzuwenden, wo der zensurierte Bibel- 
text starr religiös geblieben war. 

Diese kurze Besprechung kann natürlich nidit die Aufgabe haben, 
hier alle Stellen anzugeben, die sich in Gorions Werk als Beweise für 
die Richtigkeit der psychoanalytischen Sagentheorie überall finden ließen, 
doch auf einige besonders auffallende, bisher noch wenig bekannte Stücke 
sei hier noch hingewiesen. 

Eine interessante »Entschuldigung« des Inzests findet sich z. B. auf 
p. 134: Mit Kain zugleich ward auch seine Zwillingsschwestcr geboren und 
auch mit Habel kam seine Zwillingsschwester, und die wurden hernadi ihre 
Weiber. Es steht doch aber geschrieben: Wenn jemand seine Schwester 
nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter Tochter und ihre Blöße 
aufdeckt, das ist eine Blutsdiande/ die sollen ausgerottet werden vor den 



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604 Bücher 



Leuten ihres Volkes. Aus dieser Geschichte kannst du aber entnehmen, 
daß es keine anderen Menschentöchter dazumal gab, die sich Kain und 
Habel hätten nehmen können/ darum wurde es ihnen erlaubt.« Überhaupt tritt in 
diesen vom Rabbinismus verschont gebliebenen Fassungen des jüdischen 
Sagenschatzes der Inzestkomplex sehr häufig hervor, während er in der 
ofhziellen Bibclredaktion nur gelegentlich gestreift wird. Namentlich werden 
Kains Geschlechtern der )>GottIos€n, der Missetäter und der Frevler« In* 
zeste in allen möglichen Variationen nachgesagt. So heißt es von ihnen 
<p, 191): Sie waren nacket ohne Gewand, Sie trieben allerlei Hurerei und 
es buhlte ein Mann mit seiner Mutter und mit seiner Tochter und mit 
seines Bruders Weibe offen in den Straßen, und alles Dichten und Trachten 
ihres Herzens war nur darauf gerichtet.« 

Besondere Bedeutung haben die Überlieferungen, die sich um die Er* 
Schaffung des ersten Menschen gruppieren. Bekannt ist die Auslegung, welche 
eine gleichzeitige Erschaffung Adams und Evas durch Gott annimmt. 
»Und Gott schuf den Menschen, Mann und Weib, und er schmückte das 
Weib herrlich aus und brachte sie vor Adam.« Auf die hier verborgene 
Biscxualität ist von anderer Seite bereits hingewiesen worden. Auch die von 
Plato aufgenommene Zersägungstheorie findet sich hier wieder »Mann und 
Weib waren zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zersägte 
der Herr den Leib in zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken« 
<p. 85). Neben diesen »harmlosen« Deutungen wird auch die »natürliche* 
der Ersdiaffung Evas aus der Rippe vorgelegt, gleichzeitig aber als erster 
und letzter Ausnahmsfall <Inzest> hingestellt. »Doch nur diesmal war es, 
daß ein Weib vom Mann ist erschaffen worden. Von da ab und weiter 
nimmt der Mann seines Nädisten Tochter zum Weibe« <p. 85>. Auf die 
manni)^fachen Entstellungen, die das Rippensymbol des Adam^Mythus er^ 
litten hat, wurde von Rank wiederholt aufmerksam gemacht. Eine mit fast 
talmudischer Findigkeit ausgeheckte Begründung, warum Gott gerade die 
»Rippe« wählte, das Weib daraus zu schaffen, dürfte weniger bekannt sein 
und verdient hier als klassisches Beispiel für die »Entstellung« ganz 
angeführt zu werden. »Der Herr baute das Weib aus der Rippe,- 
erst sann er nach, aus welchem Gliede Adams das Weib zu 
schaffen wäre,- er sprach: Ich will sie nicht aus dem Kopfe madien, daß 
sie ihren Kopf nicht zu sehr erhebe,- nicht aus dem Auge, daß sie nicht 
überall hinspähe ,- nicht aus dem Ohr, daß sie nicht jedem Gehör schenke/ 
nicht aus dem Mund, daß sie nicht allzu viel rede/ nicht aus dem Herzen, 
daß sie nicht auffahrend werde/ nicht aus der Hand, daß sie nicht überall 
hingreife/ nicht aus dem Fuß, daß sie nidit überall hinschreite/ sondern 
aus einem keuschen Glied, aus einem Glied, das auch zur Stunde, da 
der Mensch nackend dasteht, zugedeckt ist. Und bei jedem Glied, das der 
Herr dem Weibe formte, sprach er zu ihr: Sei ein frommes Weib, sei ein 
züditiges Weib! Wie heißt es aber nachher? Wie hat doch das Weib all 
mein Vorhaben vereitelt!* 

Auch die Schlange erscheint häufig als Phallus*Symbol verwendet. 
5^Man spricht von ihr: Sie stand aufrecht wie ein Schilfrohr und hatte 
Füße.« Nach dem Sündenfall aber wurden ihr Hände und Füße abgehackt, 
ein Vorgang, der ganz deutlich auf die Entmannung hinweist. Zum Ka^ 
strationskomplex finden sich überhaupt zahlreiche Belege in dieser Samm^ 
lung, manche freilich noch in ganz verhüllter Form <er schwächte seine 
<Adams> Kraft und verkleinerte seinen Wuchs, p. 97>, manche dagegen 
schildern die Operation ganz deutlich und unzweideutig. »Noah aber trank 



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des Weines und ward trunken und deckte seine Blöße auf inmitten der 
Hütte. Da kam Kanaan und sah die Blöße seines Vaters Vaters ; er trat 
an ihn heran und verschnitt ihn« <p. 230>. Wie in der ödipussage wird 
auch die Lähmung zur Darstellung der Kastration verwendet. »Was war 
aber Noahs Strafe? Lahm an den Füßen ging er aus dem Kasten und 
darnach ward er im Schlaf von seinen Söhnen verhöhnt« <p. 1X1). 

Ein interessantes Beispiel für den Zusammenhang von vegetarischer 
und menschlicher Fruchtbarkeit sei noch erwähnt. Es heißt: »Ein Nebel 
ging auf von der Erde und feuchtete alles Land«, und dann heißt es: 
♦Gott formte den Menschen aus dem Acker«. 

So bietet das sehr verdienstvolle Buch nicht nur dem Mythologen 
von Fach, sondern jedem, der die »Spiele« der menschlichen Phantasie 
betrachten und ihren tiefen Sinn erfassen will, eine Fülle neuer bedeuten* 
der Anregungen. Der Psychoanalytiker wird sicher ein Buch wie dieses 
dankbar begrüßen und mit gespanntem Interesse die Fortsetzungen des so 
kenntnisreichen und schönen Werkes erwarten. Dr. Max Präger. 

DER SCHWIEGERSOHN UND DIE SCHWIEGERMUTTER. 

Der berühmte französische Forscher Salomon Reinach hat nun 
auch seine Hypothese über das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und 
Schwiegermutter, das bei den Wilden durdi den Begriff »avoidance« 
diarakterisiert wird, aufgestellt ^ Reinach gibt zuerst eine Auswahl der 
Beispiele solcher Vermeidungen, welche er dem Fraz er sehen Buche »Tote* 
mism and exogamy« entnimmt. Er weist darauf hin, daß auf sechs Er* 
wähnungen von Vermeidungsvorsdiriften zwischen Schwiegertoditer und 
SAwiegervater dreiundvierzig Fälle zwischen Schwiegersohn und Schwieger* 
mutter kommen. Dieser Fall von avoidance kann sdion deshalb, weil er 
der weitaus häufigste ist, als typisch angesehen werden. 

Reinach geht nun davon aus, daß wir in den primitivsten mensch* 
liehen Gesellsdiaftsformen, in denen des australischen Kontinentes, Klassen* 
einteilungen finden, welche den Gesdilechtsbeziehungen strenge Ein* 
sdiränkungen in bezug auf die Objektwahl auferlegen. Nach einer näheren 
Darstellung dieser Klasseneinteilung fährt er fort: Nehmen wir den sehr 
einfadien Fall einer Phratrie, die in zwei Klassen geteilt ist, deren Mit* 
glieder einander heiraten dürfen: A und B, wo die Abstammung von der 
Mutter entscheidet. Ein A heiratet eine B, welche selbst die Tochter einer 
B ist/ die Schwiegermutter gehört also einer Klasse an, in welcher A 
Frauen suchen darf. Wenn die väterliche Abstammung entscheidet, heiratet 
A eine B, welche notwendigerweise Tochter einer A ist, da ihr Vater nur 
eine A heiraten durfte/ dann ist die Schwiegermutter, welche eine A ist 
wie ihr Schwiegersohn sdion dadurch geschützt gegen seine sexuellen An* 

friffe. So darf also in dem einen Falle Gesdilechtsverkehr stattfinden, ohne 
nzest zu sein/ in dem anderen genügt die Inzestfurcht, um jede Vereini* 
gung zu verhindern. Reinach kann Frazer nicht Recht geben, der die 
Vermeidung der Schwiegermutter als Mittel zur Inzestverhinderung be* 
trachtet. Er fragt sidi, warum die so strengen Einschränkungen des Ver* 
kehrs zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter in den drei Kontinenten 
so häufig sind und die Vermeidungen zwisdien Mutter und Sohn, Bruder 
und Schwester relativ selten. Auch die Theorie, welche John Lubbock in 
»Origins of civilisation« <1870> aufstellte, scheint Reinach nicht aus* 

^ Le gendre et la belle^mere in »L'anthropologie«, 1911, p. 649 ff. 



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606 BüAcr 



rciAcnd zu sein. Sic gipfelt darin, daß das Gefühlsvcrhältnis von Scfiwieger* 
söhn und Sdiwiegermutter ein Überbleibsel jener Gefuhlsmomente zeigt, 
welche siA durch die Raubehe entwickeln mußten. Selbst wenn die Allge-^ 
meinverbreitung der Raubehe erwiesen wurde, könnte John Lubbock auf 
diese Art nur das Sdimollen der Schwiegermutter, nicht aber die ihr und 
ihrem Schwiegersohne auferlegten Verbote erklären. Der berühmte Ethno^ 
graph Tylor hat 1889 eine andere, interessante Erklärung versucht: die 
»Vermeidung« entwickelt sich seiner Ansdiauung nach aus der Tatsad^e, 
daß der Schwiegersohn ursprünglidi bei der Familie seiner Frau ständig 
lebte, wo er durch die Sciiwiegereltern als Eindringling betrachtet wurde, 
dessen Existenz man ignorierte. Frazer entgegnet darauf, daß die »Ver- 
meidung« der SAwiegermutter besonders strenge in Australien ist, wo nicht 
der Schwiegersohn bei seinen Schwiegereltern, sondern die junge Frau bei 
den ihren wohne. Rein ach will die Stringenz dieses Arguments nicht gelten 
lassen, denn Frazer räumt selbst ein, daß der von Tylor hervorgehobene 
Gebraudi auch in Australien der älteste sein könnte. Jedoch ein stärkerer 
Einwand erhebt sich bei näherer BetraAtung der »Vermeidung«: durdi ihre 
Allgemeinheit und Intensität erweist sie sich als fast religiöse Institution, 
als auf die tiefsten Instinkte der mensdilichen Natur gegründet: keine 
rationalistische oder utilitaristische Erklärung kann Genüge tun. Am 
wenigsten diejenige, welche 1902 Crawley publizierte: der Schwiegersohn, 
welcher das sexuelle Tabuverbot gebroclien hat, um mit seiner Frau zu 
verkehren, wird von demselben wieder in Gegenwart seiner Schwieger- 
mutter ergriffen. In bestimmten Fällen verschwindet das Tabu der Schwieger- 
mutter bei Geburt eines Kindes. Solange nämlich, so behauptet Crawley, 
kein Kind geboren ist, verletzen die Gatten beständig das sexuelle Tabu und 
deshalb muß es zur Kompensation auf eine andere Person übertragen 
werden: auf die Sdiwiegermutter. In der geheimen Feindschaft zwischen 
den beiden Verwandten findet Crawley einen verweltlichten Rest des 
primitiven Tabu: Der moderne Gatte sträubt sich gegen das Eindringen 
seiner Schwiegermutter, deren Legitimität er, wenn auch in unbewußter Art, 
fühlt, denn diese Person ist vom selben Geschlecht wie seine Frau, älter 
als diese und ihre Mutter: in ihr wieder ist der Wunsch, die Tochter 
glücklich zu sehen, lebendig, doch fehlt ihr das volle Vertrauen zu ihrem 
Schwiegersohn. Mit Recht wendet Reinach ein, daß Crawleys Erklärung 
die Reziprozität der »Vermeidung« nicht aufzuhellen vermag. 

Zur eigenen Hypothese übergehend sdiickt Reinach eine allgemeine 
These voraus: Der Wilde unterscheidet ebensowenig wie das Kind Realität 
und Schein. Wenn ein Australier sich als Emu oder als Känguruh ver- 
kleidet, so hält er sich für ein Emu oder ein Känguruh. Ein brasilianischer 
Eingeborner erklärte dem Ethnographen von Steinen: »Ich bin dieser 
Vogel«, von Steinen entgegnete: »Du willst sagen, daß du ein Nachkomme 
dieses Vogels bist«. »Nein«, antwortete mit Überzeugung der Eingeborne, 
»ich bin ein roter Arara«\ Der Wilde, bemerkt Levy-Bruhl, läßt zwei 
Behauptungen zu, die sich in unseren Augen widersprechen: er kann zu 
gleicher Zeit ein Arara und ein Mann vom Stamme der Bororos sein. 
Daher rührt die große Bedeutung, welche die Maskeraden, die Mimik und 
die Gesten die Namen und Wörter im Leben der Primitiven besitzen: da- 
her der gleiche Respekt, oder vielmehr die gleiche Furcht, die ihm gewisse 



^ Zitiert nach L. Levy-Bruhl. Les fonctions mentales dans Ic societes 
inferieures, p. 77. 



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BüAer 607 

Akte und Zustände einflößen. Da wo der europälsdie Erwachsene zu 
untersdieiden und Grenzlinien zu legen weiß, unterscheidet der Wilde nichts 
und vermengt alles, weil ihm der Realitätssinn mangelt und weil dieser Sinn, 
weit entfernt davon, der Ausgangspunkt unserer geistigen Entwicklung zu 
sein, vielmehr deren Krönung und vielleicht noch das Ideal ist\ 

Reinach erinnert ferner an die ungeheure Inzestscheu der Primitiven, 
weldie soweit geht, daß bestimmte afrikanische Stämme glauben, sie müßten 
den Inzest auch bei Haustieren verhindern. 

Nun wirft Reinach die Frage auf: was würde gesdiehen, wenn das 
Vermeidungsverbot zwischen Sdiwiegersohn und Schwiegertochter nicht be* 
stünde? Ein Mann A heiratet ein Mädchen und übersiedelt ^ diesen 
Brauch setzt Reinach als den älteren voraus ^ zu seiner neuen Familie. 
Wenn nun A, im Kontakt mit dieser, die Mutter seiner Frau frei sieht, 
würde sich zwischen ihr und ihm affektuose Beziehungen herstellen und er 
wird bald die Gewohnheit annehmen, sie Mutter zu nennen/ dieses ist eine 
mehrfach konstatierte Tatsache bei den Wilden, wo der Schwiegersohn, 
ohne seine Schwiegermutter zu sehen, sie als Mutter betrachtet; dies ist der 
tägliche Gebrauch unserer Gesellschaft. Aber dann, wenn A und B der- 
selben Frau den Mutternamen verleihen und der eine und die andere sich 
ihr gegenüber wie ihre Kinder benehmen, hat es den Anschein, als wären 
sie Bruder und Schwester, und als hätte demnach A durch die Heirat mit 
seiner Sdiwester das schwerste Verbrechen begangen. Um nun der schreck^r 
liehen Gefahr, die in diesem Anschein liegt, zu entgehen, tritt die »Ver^^ 
meidung« ein. Sie ist also eigentlich eine emphatische und kategorische 
Verneinung des Geschwisterinzestes: der unwiderlegbare Beweis dafür, daß 
ich nicht meine Schwester geheiratet habe, ist, daß ich nicht einmal ihre 
Mutter kenne, nidit kennen will und daß die Mutter meiner Frau sich 
ebenso gegen mich benimmt. 

Bleibt nun der Fall, wo der Mann sein Domizil mit seiner Frau im 
Hause seines Vaters nimmt. Warum ist die »Vermeidung« zwischen 
Schwiegervater und Schwiegertochter so viel weniger streng? Reinach 
antwortet darauf: wenn die Schwiegertochter die Mutter ihres Mannes 
Mutter nennt oder seinen Vater als Vater qualifiziert, dann hat diese 
Redensart im Munde einer Frau nidit das gleiche Gewicht wie in dem des 
Mannes,' wenn es einen Inzest gibt, ist der Mann der Schuldige, niciit die Frau. 

Die geheime Feindseligkeit zwischen Schwiegermutter und Schwieger* 
söhn geht nicht aus einer »Vermeidung« hervor, sondern resultiert aus viel 
späteren und viel weniger diskreten Beziehungen und die »Schwiegermutteri- 
witze« sdieinen erst durch das Theater des achtzehnten Jahrhunderts in 
Mode gekommen zu sein. 

Es ist befremdend, wie ein so scharfsinniger Forscher wie S. Rei* 
nach hier konsequent einen Irrweg verfolgt. Seine Erklärung macht schon 
auf den ersten Blick den Eindruck des Gesuchten, der davon herrührt, daß 
sie nur an einem Punkt und äußerst lose mit der Erfahrung zusammen* 
hängt. Wie Reinach richtig sagt, wird sich in dem Schwiegersohn eine 
Gefühlskonstellation entwickeln, welche ihn die Schwiegermutter wie seine 
wirkliche ansehen läßt. Statt nun diese psychologische Theorie weiter zu 
verfolgen und der Natur dieser sich entwickelnden Gefühle nachzugehen, 
führt hier Rein ach die Furcht vor dem Geschwisterinzest als Grund der 
* Vermeidung« ein. Wäre nur die Angst vor diesem Schein der Grund, 



Man vergleiche die ähnliche Auffassung des Realitätsprinzips bei Freud. 



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608 Bacher 

dann durfte A B überhaupt nidit heiraten und die »Vermeidung« würde 
zuerst das Mädchen selbst treffen. Rein ach selbst aber zitiert Beispiele, 
welche seiner Theorie widersprechen: bei verschiedenen Stämmen kann der 
Schwiegersohn sich seiner Schwiegermutter nicht nähern und nicht ihren 
Namen nennen, er bezeichnet sie jcdodi mit »Mutter«. Welchen Sinn hätte 
nun eine »Vermeidung«, die gerade das Aussprechen des Namens zuläßt 
und zur »Vermeidung« eben jenes Namens überhaupt entstanden ist? Die 
Erklärung von Frazer, deren psychoanalytisdie Rechtfertigung und Ver^ 
tiefung wir Freud verdanken, kann die einzig mögliche sein: die »Ver* 
meidung« bedeutet eine Inzestschranke zwischen Schwiegermutter und 
Schwiegersohn. Die Hypothese Reinachs stößt noch auf viele Schwierig- 
keiten: sie erklärt die Reziprozität der »Vermeidung« nur gezwungen. Ge- 
hört die »Vermeidung« wirklich zu den auf den ursprünglichsten Trieb* 
faktorcn des Menschen beruhenden Institutionen, so kann nicht die Sorge 
der Schwiegermutter um die Legalität der Ehe ihrer Tochter die Ursache 
so starker Verbote sein,- vielmehr müssen Gefühle, welche sich auf das 
eigene Ich der Schwiegermutter beziehen, dafür aussclilaggebend sein. Ein 
anderer Einwand kann aus der Schwäche einer anderen Argumentation 
Reinachs erstehen. Die relativ gelinde »Vermeidung« zwischen Schwieger- 
vater- und -tochter soll ihre Milde aus dem Umstand beziehen, daß die 
Bezeichnung »Mutter« oder »Vater«, welche in jenem Falle so sdiwer- 
wiegende Konsequenzen hat, bei der Frau nicht ebenso ernst genommen 
wird. Glaubt Rein ach wirklich, daß die Wilden, wenn sie dem Mutter- 
namen eine so große Bedeutung zuschreiben, die feine Unterscheidung 
machen, ob ein Mann oder eine Frau ihn ausspricht? Abgesehen davon 
würde der Inzestschein doch vorhanden sein und es müßten, gleichgiltig ob 
Mann oder Frau der schuldige Teil ist, die gleichen »Vermeidungen« mit 
gleich großer Strenge Sdiwiegersohn und Schwiegermutter, Schwiegervater 
und Schwiegertochter treffen. 

Man kann sich wohl in Vermutungen ergehen darüber, wie Rci- 
nach zu einer so schiefen Auffassung der »Vermeidung« gelangt ist. 
Normalerweise gilt die erste Liebesneigung des Mannes der Mutter, sie 
kann dann vor der Übertragung auf das nicht familiäre Liebesobjekt auf 
die Schwester übergehen. Nach Abschluß des Verdrängungsvorganges ist 
aber die Vorstellung des Inzests mit der Mutter dem Bewußtsein viel 
peinlicher als die mit der Schwester verknüpfte gleiche Vorstellung. In den 
meisten Fällen dürfte auch der der Mutter zugewendete Wunsch stärker 
verdrängt sein. Die Verschiebung nun, welche Rein ach in seiner Er- 
klärung vom Inzest mit der Mutter zu dem mit der Schwester vornimmt, 
ist aus den gleichem Grunde erklärlich: die Vorstellung der Inzest- 
beziehung des jungen Mannes mit der alternden Frau erscheint ihm viel- 
leicht unmöglich/ diejenige einer geschlechtlichen Relation des Primitiven 
mit der Schwester nicht so außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegend. 

Dr. Theodor Reik. 




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Bibliographie 609 



Übersicht der Leistungen der auf die Geisteswissen-^ 
schaffen angewandten Psychoanalyse, 

soweit sie im Jahre 1913 außerhalb von »Imago« erschienen: 

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BLÜHER Hans: Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phä- 
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BRILL A. A. : The only or favorite child in adult life <New-ryork State 

Journ. of Medicine, August 1912). 
CHANDLER A. R.: Tragic Effect in Sophocles analysed according to 

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DÜRR, Prof. E.: Über Gemütsbildung (Grundfragen der Psychologie und 

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FERENCZI, Dr. S.: The Psych oanalysis of Suggestion and Hypnosis 

(Transactions of the Psycho^Medical Society, London 1912, Vol. III, 

Part. IV>. 

— Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (Internat. Ztschr. f. ärztl. 

Psychoan., Bd. I, 1913, p. 124). 

— Zur Ontogonese der Symbole (ebenda, p. 436). 

FREUD, Prof. Dr. Sigm.: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen 
im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Leipzig und Wien 
1913). 

— Das Interesse an der Psychoanalyse (Scientia, Bd. XIV, VII. Jahrg. 

(1913), p. XXXI--5 und XXXII-6>. 

— A note on the Unconscious in Psycho'Analysis (Proceedings of the 

Society for Psychical Research, Part. LXVI, Vol. XXVI). 

— Dasselbe deutsch: Internat. Ztschr. f. ärztl. Psychoan., Bd. I, 1913, 

p. 117). 

H ABERLIN, Doz. Dr. Paul : Über die Tragweite psychologischer Erkennt* 
nisse und Theorien. Mit besonderer Anwendung auf die psycho* 
analytische Kulturtheoric (Schweizer Ztschr. für Gemeinnützigkeit, 
Heft 4, 1913). 

HUG'HELLMUTH, Dr. H. v.: Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine 
psychoanalytische Studie (Schriften z. angew. Seelenkunde, hrsg. von 
Prof. Dr. Sigm. Freud, 15. Heft, Wien und Leipzig 1913). 

-- Vom Wesen der Kinderseele (Sex.^Probl., Juli 1913). 

JULIUSBURGER, Dr. Otto: Psydiotherapie und die Philosophie Scliopen* 
hauers (Zentralbl. f. Psychoan., Bd. III, 1912/13, p. 569-573). 

OEDIPUS.MyTH AND PSyCHIATRy (The Univerval Med. Rec. 
March 1912). 

PFISTER, Dr. Oscar: Die psychoanalytische Methode. Eine erfahrungs» 
wissenschaftlich-systematische Darstellung. (Pädagogium. Eine Me* 
thodensammlung für Erziehung und Unterricht. Unter Mitwirkung 
von Prof. E. Meumann und Prof. Oscar Messmer, Bd. I>. Leipzig 
und Berlin 1913. 

Imago 116 39 



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610 Bibliographie 



PFISTER, Dr. Oscar; Ernst Dürrs Stellung zur Psydioanalyse <Berner 
Seminarblätter, VII. Jahrg. Heft 13, Oktober 1913). 

— Die psychoanalytische Methode <ebencla, Heft 12, 13, 14>. 
PRESCOTT F. C. : Poetry and Dreams <The Journal of abn. PsycJioIogy, 

Vol. VII, Nr. 1 u. 2, April-Iune 1912>. 
PUTNAM, Prof. J. J.: Psychoanalyse und Philosophie (Zentralbl. f. Psychoan., 

Bd. III 1912 13. p. 265-- 269). 
RANK, Dr. O. und SACHS, Dr. H.: Die Bedeutung der Psydioanalyse 

für die Geisteswissenschaften <Grenzfragen des Nerven^ und Seelen^ 

lebens, herausg. von Hofrat Löwenfeld in München, Heft 93). 

Wiesbaden 1913. 
RANK, Dr. O. : »Die Matrone von Ephesus.« Ein Deutungsversuch der 

Fabel von der treulosen Witwe (Internat. Ztsdir. f. ärztl. Psycfioan., 

Bd. I, 1913, p. 50-60). 

— Die Rolle des Familienromans in der Psydiologie des Attentäters 

<ebenda, p. 565). 

— Myth of the Birth of the Hero. Transl. by Drs. F. Robbins and 

S. E. Jelliffe (The Journ. of Nervous and Mental Disease, Vol. 40, 
1913). 
REIK, Dr. Th.: Psydioanalyse <^März«, Juni 1913). 

— Zwei Träume Flauberts (Zentralbl. f. Psychoan., Bd. III, 1912^13, 

p. 222). 
-' Schnitzler als Psycholog (Minden 1913). 

— Das Geschlechterverhältnis bei Scftnitzler (Die neue Generation, März 

1913). 
RIKLIN Franz; Ödipus und Psychoanalyse (Wissen und Leben, Bd. V, 

Heft 20, 15. Juli 1912). 
SADGER, Dr. J. : Zur Psychologie des einzigen und des Lieblingskindes 

(Fortscfir. d. Med., Nr. 26, 191 1>. 

— Freudsche Mechanismen bei Hebbel (Internat. Ztschr. f. ärztl. Psycboan., 

Bd. I, 1913, p. 165). 
SCRIPTURE E. W. : Psychoanalysis and correction of Aaracter (Med. 

Record, New-york, LXXX, 859>. 
SILBERER Herbert: Zur Charakteristik des lekanomantischen Schauens 

(Zentralbl. f. Psychoan., Bd. III 1912 13, p. 73 und 129>. 
SMITH P. : Luther's early development in the light of Psydioanalysts 

(American Journ. of Psychology, Vol. 24, 1913, p. 360>. 
SPIELREIN S.: Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Seele (Zentralbl. f. 

Psychoan., Bd. HL 1912/13, p. 51). 
STORFER A. J. : Marias jungfräuliche Mutterschaft. Ein völkerpsychol. 

Fragment über Sexualsymbolik (Berlin 191 3>. 
WINTERSTEIN, Dr. A. v.: Lichtenberg und die PsyAoanalysc (Zentralbl. 

f. Psyd^oan., Bd. III, 1912/13, p. 212). 
WyRUBOW N. : Zur Psydioanalyse des Hasses (Ztschr. f. Psychotherapie 

etc., Bd. V, 1913). 




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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bü Acreiniauf 611 



Büchereinlauf. 

<Besprechung vorbehalten.) 

Asnaurow Felix: Sadismus und Masochismus in Kultur und Erziehung. 

(München 1913. E. Reinhardt.) 
Bechterew Prof. W. : La psychoIogie objektive. Traduit du Russe par 

N. Kostyleff. <Paris 1913. Libraire Felix Alcan.) 
Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. 

Heft 110: Egenberger: Psychische Fehlleistungen. 
» 114: Altmüller: Über die Entwicklung cler Seele des Kindes. 
(Langensalza 1913. M. Beyer ^ Söhne.) 
Burrow Trigant: Conscious and Unconscious Mentation from the Psycho* 

analytic Viewpoint. <PsychoI. Bull. 9, 154—160.) 
Danzel: Die Anfänge der Schrift. (Leipzig 1912. R. Voigtländer.) 
Deutsche Sagen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. 2 Bände. 

(München. Georg Müller.) 
Die Grimmschen Märchen. Herausgegeben von Paul Ernst. 3 Bände. 

(München. Georg Müller.) 
Dix K. W. : Körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Bd. 1—3. 

(Leipzig 1911/12. Wunderlidi.) 
Ehrenfels Christian v, : Richard Wagner und seine Apostaten. (Wien 

und Leipzig 1913. H. Heller ® Cie.) 
Eibi Dr. Hans: Metaphysik und Geschidite. Eine Untersuchung zur Ent^ 

Wicklung der Geschichtsphilosophie. I. Bd. (Wien und Leipzig 1913. 

Hugo Heller ® Co.) 
Er d mann Gori: Das Problem der Geschlechter. (Freiberg i. S. 1913. 

Graz ® GerlaA.) 
Freimark Hans: Von den Wandlungen der Seele. (Berlin^Friedenau 1913. 

L. M. Waibel ® Co.) 
Klesper Reinhard; Des Römers Traum. Erotisch^phan tastische Dichtung. 

(Leipzig. Sphinx^Verlag.) 
Lamarck: Die Lehre vom Leben. Seine Persönlichkeit und das Wesent^ 

liehe aus seinen Schriften kritisdi dargestellt von F. Kühner. (Klas^ 

siker der Naturwissenschaft und Technik, Bd. XII.) (Jena 1913. Eugen 

Diederichs.) 
Landsberger Artur: Jüdische Sprichwörter. (Leipzig 1913. Verlag Kurt 

Wolff.) 
Lehnhoff Wilh.: Spiele und Streiche aus den Kindheitstagen deutscher 

Dichter und Meister. (Leipzig 1913. F. Brandstetter.) 
Lily: Warum wir so sind. Zur Psydiologie des modernen Mäddiens. 

(Wien und Leipzig 1913. Hugo Heller ® Co.) 
Lucka Emil: Die drei Stufen der Erotik. (Berlin und Leipzig 1913. 

Schuster ® Loeffler.) 
MeiseUHeß Grete: Geister. Novellen. (Leipzig 1912. Verlag Dr. Sally 

Rabinowitz.) 
Meyer J. J. (Chicago): Isoldes Gottesurteil in seiner erotisdien Be^ 

deutung. Mit einl. Vorwort von Prof. Dr. Richard Schmidt. (Berlin 

1914. Verlag Hermann Barsdorf.) 
Molo Walter v. : Im Titanenkampf. Ein Schiller^Roman. Zweiter Teil. 

(Berlin und Leipzig 1913. Schuster ® Loeffler.) 

39* 



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612 



BüchereinlauF 



Phasen der Liebei Eine Soziologie des Verhältnisses der 
<!Mänrfien 1913. A. Langen.) 

Die natürliche Etitwitklung des Charakto^s und der Be- 
den Eltern, Lehrem und der reifen Jugend gewidtnetes 
1913, David Amman,) 



Monzef Alois r Die Lehre vom inneren Sinne hei Kant, <Bcnn 1913. 

C. Georgi.) 
MüIIer-Lyer F. 

Gcsrfilediter, 
MGtler Nikolaus: 

gai>ung. Ein 

Mahnwort. {Leipzig 
Pädagogisches Magazin: 

Heft 483: Queck-Wilker: Die ersten Lebensjahre. 
» 492: Nieden: Kinderseelcnkunde. (Langensalza 1912. M. Beyer 
'S) Sohn,) 
Passkönig Ottor Kindesseele aus Kindermund, Psydiograph. Beitrag z. 

PsyAologle und Ethik des Kindes, <Leipzig 1913. Siegismund 'S) 

Volkening,) 
Pohorilles Dr. Noah Elieser: Das Popol Wuh, die mythisdie Geschidite 

des KiSc^ Volkes von Guatemabr narfi dem Originaltexte übersetzt 

und bearbeitet. {Mythologische Bibliothek VI, 1.) <Leipzig 1913. J, C, 

Hinrichs'sche BurfThandlung.) 
Rau Hans: Die Grausamkeit mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle 

Faktoren. 3., vermehrte Aufl Mit 24 Illustrationen. <BcrItn 1913. 

Hermann Barsdorf.) 
Seh. Univ.-Prof, Dr. v.: Das ErotisAc im zweiten Teile des Goethe* 

s<hen Faust. <IL Akt 1—3). (Oranienburg 1913. Orania- Verlag,) 
Schnitiler Arthur: Frau Beate und ihr Sohn. (Eterlin 1913, S- FisAerJ 
Schultz Wolfgang: Einleitung in das Popol Wuh. (Mythologisdie BibfiO' 

thek VI, 2.) (Leipzig 1913. J. C. Hinridis'sAe BuAhandlung.) 
Spittcler Carl: Meine frühesten Erlebnisse, (Süddeutsche Monatshefte, 

Oktober 191 3 -Januar 1914.) 
Storfer A. J.: Marias jungfrädidie Mutterschaft. Ein völkerpsydiologisdies 

Fragment über Scxualsymbolik. (Berlin 1914. Verlag Hermann 

Barsdorf,) 
Strunz Franz: Die Vergangenheit der Naturforsdiung, Ein Beitrag zur 

GesdiiAte des mensdilirfien Geistes, (Jena 1913. E* Diederidis.) 
Vaihinger Hans; Die Philosophie des Als-Ob, (Berlin 1912. Reuter-© 

Reidiardt,) 
Wieland: Romanrisdie Erotik. (Berlin 1913. W, Borngraebcr.) 
Witt eis Fritz: Alles um Liebe. Eine Urweltdtdttung, (Berlin 1913, Egon 

FleisAel «) Co.) 
Wulffen Erich: Shakespeares Hamlet ein Sexualproblem, (Berlin 1913* 

Carl Dunckcfp) 




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äiiuniiiiiiimiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiirmiuntiiiiimiiiiiiiiiiuiiniKiiiiEnitiiiiiiiuttiiiiininiiiiiin^ 

1 Verlag Hugo Heller <£l^ Cie., Leipzig u.Wien L, Bauernmarkt 3, | 

I Internationale Zeitschrift für | 

I ärztliche Psydioanalyse, | 

1 Offizidics Organ der Intern- Psychoanalytischen Vereinigung. 1 

S Heraus gcgcten von = 

I Prof. Dr. SIGM. FREUD. | 

= Redigiert von S 

I Dr. S. FERENC2I (Budapest), Prof. ERNEST JONES (London) = 

I und Dr. OTTO RANK (Wien). | 

H Der nun voHstäfliUf vorliegende erste Jahrgang entKäSt neben den reichbaltigen S 

p Mittelluttgens ».Kllnitche Beltrage'% «,Au8 dem Infantilen Seelenleben'% = 

^ vfBeltrige zur Traumdeutung", „Zur Psychopathologie des Alltags- g 

E lebens'V „Beltrige sur Symbolik*' etc. und außer den ständigen Rubriken: M 

^ „Kritiken u. Referate'% ti^us Vereltien u. Versammlungen'^ ffSprech- = 

^ saar% ttVarla'% «iBlbllographle", „Korrespondenzblatt der Internat. E 

£ Psychoanalytischen Vereinigung" u. a. folgende Orlginalarbeltent U 

g Dr. Karl Abraham (Berlin) r Einige Bemerkungen Ober die Rolle der = 

S Gfofteltern In der Psychologie d« Neurosen. b 

M Edcf M, D. <London): Das Stottern als Psychoneurose* S 

5 ?tol S. Freud: Weitere Ratschlige xur Technik der Psychoatialyse, ^ 

S (Zur Einleitung der Behandlung. — Die Frage der = 

^ ersten Mittellungen, — Die Dynamik der Heilung.) = 

E „ Einige Bemerkungen über den Begriff des Un- s 

£ bevufiten In der Psychoanalyse. ^ 

^ Dr. Paul Federn <WLen>: Beiträge zur Analyse des Sadismus und = 

^ Masochlsmus 1. Die Quellen des minnlichen Sadismus. S 

M Dr. S. Ferenczl (Budapest): Entwicklungsstufen des Wlrkllchkeltsslnnes. g 

= „ Ein kleiner Hahnemann. ^ 

= r. Zum Thema „GroAvaterkomplex". = 

= Prof. Brneit Jones (London): Dte Beziehung zwischen Angstneurose M 

S und Angsthysterie* , P 

= „ Der Gottmensch-Kompler. S 

Ä Prof. Morton Prince (Boston) r Die Psychopathologie eines Falles von S 

g Phobie* B 

= Prof. James J, Ptitnam (Boston): Bemerkungen über einen Krankheit»- = 

^ fall mit Grlselda-Phantaslen. M 

S Dr, Otto Rank (Wien>i tiDl^ Matrone von Epfaesus". Ein Deutungs- ^ 

E versuch der Fabel von der treutosen Witwe. = 

I Jährlich 6 Hefte bei 40 Bogen stark M. 18,— = K 2L60. | 

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Inhalt des seAsten Heftes. 

Dr. AD ALBERT BERHy (Wien): Zur HypotKese des sexuellen Ur- 
sprungs der Sprache. 

Dr. KARL WEISS <Wicn>: Von Reim und Refrain. 

Dr. THEODOR REIK <Wien>: Psydioanalytisdie Bemerkungen über den 
zynisAen Witz, 

Dr. S. SPIELREIN <Beriin>: Die SAwiegcrmuttcr. 

BÜCHER: 

HARGRAVE JENNINGS: Die Rosenkreuzer. 

GRIMM: Märdien, — DeutsAe Sagen. 

GERHARD HEINEELMANN: Animismus und Religion. 

VOM JUDENTUM. 

DIE SAGEN DER JUDEN. 

SALOMON REINACH: Der Sdiwiegersohn und die Sdiwicgermutter. 

BIBLIOGRAPHIE. 

BOCHEREINLAUF. 

INHALTSÜBERSICHT. 



Nidi druck verboten. 



DIE 




undStab'/^Kr7ytihtärwißen0iaR>L^ndkr'und\Btk£^^ 



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AINDJ 



PiVULHERRE 



Zeitschrift für positivistische Philosophie. 

Hcraus|egcl>cn im Auftrag dcf CeseKschaft für pasitivistiscbe Philosophie von M. H. 
BAEG&-B^rfin-Hjrschg:arten (Friedrichshagen), unter ständiger Mitarbeit von BORUT* 
TAU-Berlin. DINGLER^MQnchcn, )ENSEN-G5tttngen, VON KERN-Bcrfin. KLEIN- 

PETER-Gmufidcn, PETZOLDT-Spandau, POTONIE^Berltn. 
In den bisher hcrausgckommcticii 3 Nummern sind Artikel erschienen von Kern, Pcfzoldt^ 
Bonittau, Pagel, Tissot, Klcinpctcr, Dingler, sowie die Publikation rincf nachgelassenen Arbeit 
von AvenariuS' Es erscheint Ober Avenarius ^mfkrdem noch ein Sonderheft in kurzem* 
Die Eeitschrift ist sicherlich eines der ersten und beachtenswertesten 

Pyhlikationsorgane im Gebiete philosophischer Revuen. 

Die Zeitschrift crsche[nt jährlich viermal Preis Mk. 10,— pro Jahf. 

VERLAG Dr. ARTHUR TETZLAFF, BERLIN. S. 42. 



K. II, K HOf BLCiaJRUCKBREI CARL FROa 



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