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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften III 1914 Heft 4"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR. ANWENDUNG 
DEK PSYCHOANALYSE AUF DIE 
aElSTESWISSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VCJN 

PROF. DR Sl GM. FREUD 

REDIGIERT VON 
m OTTO RANK u. Du HANNS SACHS 

III. JAHRGANG / 1914 
HEFT 4 / / AUGUST 








HUGO HELLER &lQ1 

LEIPZIG u.WlEN'h BAUERNMARKT 3 



IVERSITY 



CHIGAN 



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••. S" 



T-xIE UNREGELMÄSSIGKEITEN IM ERSCHEINEN UND IM UM- 
L/ FANGE DIESER ZEITSCHRIFT, WELCHE UNS DURCH DIE 
KRIEGSLAGE AUFERLEGT SIND, WOLLEN DIE P. T. ABONNEN- 
TEN FREUNDLICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSÄUMTE WIRD 
NACH WIEDERKEHR NORMALER ZUSTANDE NACHGEHOLT 

WERDEN. 



Für die REDAKTION bestimmte Zuschriften und Sendungen wollen an 
Dr. HANNS SACHS, Wien XIX/i,Peter4ordangasse76 adressiert werden. 



»IMAGO« ersdietnt SECHSMAL jährlidi im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M, 15,^ — = K 18. *— pro Jahrgang durA 
jede gute Budihandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
'S) CIE. in Wien I., Bauernmarkt 3 abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wird ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf *IMA. 
GO* und die »INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ARZT- 
LICHE PSyCHOANALySE« zum ermäßigten Gesarntjahrespreis von 
Mk, 30.- = K 36.- eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesdtlossenen 
IL Jahrgangs »IMAGO« werden im Preise erhöht, so daß der komplette 
II. Jahrgang nunmehr M. 18.— = K 21.60, gebunden M. 22.50 = K 27.— 
kostet. Auch vom ersten Jahrgange sind noch einige wenige Exemplare 
zu diesem Preise verfügbar. 

ORIGINAL -EINBANDDECKEN mit Lederrücken sind zum 
Preise von M. 3.— = K 3.60 durch jede gute Buchhandlung, sowie 
direkt vom Verlage zu beziehen. 



; BERICHTIGUNG. 

■ 

S Im vortgen Heft von »Imago« soll es S* 300, Anm, 2, statt >Hei> 

5 mes 68. Bd.« riditig heißen ^Philologus 68. Bd.* 



Copyright 1914. HUGO HELLER ^ CIE., Wien L, Bauernmarkt 3. 



TYOF MICHIGAN 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
lll. 4. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1914 

BH 8 H eQ8 H e H O H O «« CtgBeBO U O H OH(| g0<H O Htt^^ 



Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 

Von Dr, LUDWIG JEKELS^ 

Zur Rechtfertigung des vorliegenden Versudies genügt meiner 
Ansidit nam der Hinweis auf die ungeheuere Flut von Arbeiten 
über Napoleon L/ beträgt dodi nadi F. Kircheisen die 
Bibliographie des Napoleonisdien Zeitalters — die überdies keinen 
Ansprudi auf Vollständigkeit erhebt — 80.000 Publikationen! 

Diese gigantisAe, kaum einer anderen Gesdiiditsepodie audi 
nur annähernd zukommende Ziffer weist ja darauf hin, daß hier 
Probleme und Motive in Frage kommen mögen, weldie in abgründiger 
Tiefe verborgen liegen, una deshalb den selbst mit so beispielloser 
Emsigkeit betriebenen gewöhnlidien Methoden der Gesdiiditsforsdiung 
entweder vollends widerstehen oder durdi dieselben nur unzuläng^ 
lidi und unbefriedigend aufgehellt werden/ so, daß sidi diese 
mit der wohl am tiefsten dringenden und aufsdilußreidisten, der 
psydioanalytisdien Methode kombinieren, ja stellenweise, an der 
Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, der Psydioanalyse sogar 
ganz das Terrain überlassen müssen. 

Wie im Nadistehenden gezeigt werden soll, erstrebt sidi diese 
Forderung in besonders hohem Maße auf die sogenannte »korsi^ 
sehe Periode« Napoleons, auf die sidi die vorliegende Untere 
sudiung besdiränkt, und von der ohnehin sdion Masson in seiner 
Vorrede zu den »Manuscripts inedits« meinte: »II faut une etude 
particuliere pour ces deux annees <septembre 1791 — juin 1793). « 



I. 

Die Insel Korsika, bekanntlidi das Vaterland Napoleons, 
stand seit dem vierzehnten Jahrhundert unter der Herrsdiaft der 

* Nach einem am 22. April 1914 in der »Wiener Psydioanalytisdien Ver- 
einigung« gehaltenen Vortrag. 



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314 Dr. Ludwig Jekels 



Republik Genua, die daselbst ein hartes und äußerst drüAendes 
Regiment führte,- so kam es zu unaufhörlidien Kämpfen zwisdien 
den Genuesen und den von stolzem Unabhängigkeitssinn ange^ 
feuerten Gebirgsbewohnern Korsikas. Besonders mächtig wurde die 
Empörung gegen die Fremdherrsdiaft im Jahre 1730, weldie zu 
einem nahezu vierzig Jahre währenden allgemeinen Aufstand der 
Korsen führte. Dieser außerordentlidi aufopferungsvolle, von dem 
zeitgenössisdien Europa vielbewunderte Kampf der Insulaner gegen 
ihre Bedrücker gestaltete sidi redit abwedislungsreidi,- dodi gelang 
es den Genuesern trotz mandier Siege und trotz der ihnen von 
Seiten Frankreidis und Deutsdilands geleisteten Hilfe nidit, die 
Korsen zu unterjodien — besonders seitdem diese Pasqual e 
Paoli im Jahre 1755 zum alleinigen Oberhaupt des korsisdien 
Volkes, zu ihrem Regenten ausgerufen hatten. 

Dieser mit hoher Bildung, Umsidit, Klugheit und Energie 
ausgestattete Mann, der bei seinem Regierungsantritte das Land im 
Zustande hödister Verwilderung und Verwahrlosung vorfand, nahm 
es außerordentlidi ernst mit den übernommenen Pfliditen. Er säuberte 
das Land fast ganz von den Genuesen, denen nunmehr bloß einige 
befestigte Küstenplätze verblieben, führte Ordnung und gute Ver^ 
waltung im Lande ein, gab ihm eine vernünftige Verfassung und 
versetzte dasselbe soldiergestalt in einen Stand, der den Zeitgenossin 
sdien geistigen Größen: Rousseau, Voltaire, Friedrich d. Gr., Mon^ 
tesquieu etc. Bewunderung abgerungen hat und ihnen die Ver^ 
fassung Korsikas als nadizustrebendes Ideal ersdieinen ließ. 

Als nun Paoli daran ging, audi den geringen im genuesisdien 
Besitz nodi befindlidien Rest des Landes zu befreien, da wandten 
sidi die bedrängten Genuesen um Hilfe an die Franzosen und über^ 
ließen ihnen die nodi innegehabten Küstenplätze zur Verteidigung. 
Nadidem sie sdiließlidi die Unmöglidikeit einsahen, das wohlbewaff^ 
nete und wohlorganisierte Land jemals zurüdizugewinnen, übergaben 
sie am 15. Mai 1768 die Insel in Gänze den Franzosen, wogegen 
ihnen eine Geldentsdiädigung zugesprodien wurde. 

Indessen ging audi die Besitzergreifung Korsikas durdi die 
Franzosen nidit so glatt vonstatten. Die Korsen sträubten sidi mit 
bewaffneter Hand ebenso gegen diese wie früher gegen die Genuesen, 
und führten einen heldenmütigen Kampf gegen ihre neuen Bedränger. 
Anfangs errangen sie audi einige Erfolge,- als aber die Franzosen 
bedeutende Truppenverstärkungen heranzogen, wurde Paoli genau 
nadi einjähriger Dauer des Kampfes am 8. Mai 1769 bei Ponte 
Nuovo entsdieidend gesdilagen, und die damalige Hauptstadt Corte 
von den Franzosen erobert. 

Paoli flüditete nadi England, wo ihm gerne Gastfreundsdiaft 
gewährt wurde, während seine Anhänger sidi den Franzosen 
ergaben. In der Abordnung, die von den Franzosen den Frieden 
erbat, befand sidi als einer der Führer audi Carlo <Charles 
Marie) Buonaparte, der Vater Napoleons, der bis dahin ein 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 315 

wadvcrer Kämpfer für des Vaterlandes Freiheit und ein Anhänger 
Paolis gewesen war. Diese seine Gefühle teilte vollkommen seine 
Gattin Maria Lätizia, eine vom korsisdien Patriotismus durdi^ 
glühte, ebenso sdiöne wie energisdie junge Frau, die an der Seite 
ihres Mannes die Kämpfe gegen die Franzosen mitmadite, ein Kind 
unter dem Herzen — den etwa vier Monate nadi dem Friedens^ 
sdiluß zur Welt gekommenen Napoleon. 

Korsika erhielt nun französisdie Verwaltung, die audi hier, 
wie überall in Frankreidi unter dem Königtum, äußerst drüAend 
und despotisdi war — und von der Bevölkerung, die ihre De- 
mütigung und die Wunden nodi nidit versdimerzt, ja vielleidit 
ihren vielhundertjährigen Freiheitstraum nodi nidit ausgeträumt 
hatte, besonders hart empfunden wurde. Es gab zwar keine be- 
waffneten Versudie mehr, das Sd^id^sal zu verändern, wohl aber 
soldie im Rahmen der kargen Verfassung, die vor dem Ausbrudi 
der großen Revolution Korsika in nodi dürftigerem Maße besaß als 
das übrige Frankreid). Da bridit in Paris die revolutionäre Be^ 
wegung aus,- die Flammen derselben züngeln bald in ganz Franko 
reidh und ergreifen audi das kurz vorher eroberte Korsika. Dieses 
wird über Antrag der nationalliberalen korsisdien Abgeordneten in 
der inzwisdien zur Madit gelangten Assemblee nationale zur gleiA^ 
bereditigten französisdien Provinz erhoben/ alle politisdien Flüdit^ 
linge werden amnestiert. Audi der korsisdie Nationalheros Paoli, 
Gegenstand der Liebe und Bewunderung all seiner Konnationalen, 
kehrt, nadidem er sidi König Ludwig XVI. und der NationaU 
Versammlung vorgestellt und den Treueid an Frankreidi geleistet 
hatte, in seine Heimat zurüd^. Von einer ihm entgegengefahrenen 
Deputation in Lyon feierlidi empfangen, landet er, 65 Jahre alt, am 
14. Juli 1790, am Jahrestage des Sturmes auf die Bastille, in Bastia 
in Korsika, inmitten einer enthusiastisdien Menge, »in der jeder sehen, 
hören und berühren wollte diesen Heros, der nadi einundzwanzig^ 
jähriger Verbannung zurüd^kehrte«, sdireibt Lucian Bonaparte. 

Als es dann zwei Monate später, gemäß der neuen Ver-^ 
fassung zur Wahl öfFentlidier Beamten kommt, wird der ausgezeidi- 
nete Mann einstimmig zum Zeidien der Liebe, Verehrung und des 
Zutrauens seiner Kompatrioten zum Gouverneur gewählt, und 
widmet sidi als soldier mit den ihm eigenen Qualitäten der Ver- 
waltung des Landes. 

Nun wollen wir, wenn audi nur in gedrängter Kürze und 
skizzenhaft, das Verhältnis des jungen Napoleon sowohl zu seinem 
Vaterlande als audi zum Vater desselben — wie Paoli von den 
Korsen genannt wurde <il babbo) — bis zum gleidien Zeitpunkte 
verfolgen. 

Audi die abfälligsten Beurteiler und die härtesten Kritiker 
Napoleons, soldie, die in ihm bloß die Verkörperung des grenzen* 
losesten Ehrgeizes und der krassesten Selbstsudit gesehen haben. 



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316 Dr. Ludwig Jckcis 



mußten es ihm zugestehen, daß er in seiner Jugend ein glühender 
korsisdier Patriot war/ er hat davon so viele Beweise in Sdirift, 
Wort und Tat geliefert, daß es bis nun niemand audi nur in 
leisesten Zweifel ziehen konnte. Sdion als Kind hat er, seinen 
Biographen zufolge, stürmisdie Vaterlandsliebe bekundet Und dies 
war ja audi kaum verwunderlidi bei der Stimmung, die damals im 
Lande und in seinem Vaterhause herrsditc, PatriotisAe Lieder dürften 
ihm, dem im Kriegsjahre zur Welt Gekommenen, von der durdi und 
durdi korsisdien Mutter an der Wiege gesungen worden sein. »Halb* 
wild,« meint Kircheisen, >war er auf der Insel aufgewadisen. Die 
Erinnerung an die heißen Kämpfe um die Freiheit lebte dort nodi 
frisdi und lebendig in den Herzen seiner Landsleute fort. Aus 
ihrem Munde hatte der Knabe stets nur Drohungen und Flüdie 

fjegen die ,UnterdrüAer des Vaterlandes', die Franzosen, gehört, 
n der Sdiule zu Autun bringt ihm das eine Wort ,Besiegte', wie 
seine französisdien Kameraden die Korsen nannten, sein Blut in 
Wallung. Dann ging er wütend, der SpraAe kaum mäditig, mit 
hitzigen Gebärden und maßlos empört auf die Spötter los.« Abbe 
Chardon teilt eine Szene mit, in der der neuneinhalbjährige 
Napoleon in der Militärsdiule zu Brienne, als ihn die Kollegen 
wieder einmal mit der Eroberung Korsikas neAten und dabei 
meinten, die Korsen seien feige, ihnen mit funkelnden Augen ge-^ 
antwortet habe: >Wenn nur vier gegen einen gewesen wären, so 
wäre Korsika niemals genommen worden,- es waren aber zehn gegen 
einen!« »Hier in Brienne,« meint Chuquet, »zumal zu Anfang 
seines Aufenthaltes, leidet er sehr an Heimweh. Er vermißte Kot" 
sika, die Klarheit seines Himmels, sein süßes Klima. Herausgerissen 
aus der Heimat, versdiiAt nadi der traurigen und rauhen Cham-^ 
pagne, dadite er mit Sdimerzen daran, daß er für sedis Jahre zu^ 
mindest dies teuere Korsika verließ, weldies so eingeprägt war 
seinem Herzen.« 

Neben den Biographien griediisdier und römisdier Helden 
war die Gesdiidite Korsikas, in der Paoli verherrlidit die Franzosen 
aber verkleinert wurden, seine liebste Lektüre,- nodi fünfzehnjährig, 
sdirieb er seinem Vater, er möge ihm Boswells Gesdiidite von 
Korsika einsenden. 

Aber audi als königlidier Leutnant läßt sein korsisdier Patrio*' 
tismus nidit nur nidit nadi, sondern steigert sidi womöglidi nodi. 
»In der Garnison in Valencc« <idi zitiere Kircheisen) »erhitzten 
sidi, durdi intensive Lektüre der Gesdiidite seines Landes angefadit, 
seine empfindliAe Phantasie und sein Gefühlsvermögen immer mehr. 
Der Hai) gegen die Tyrannen nahm von Tag zu Tag zu, und es 
kümmerte Napoleon nidit, daß er als königlidier Leutnant gerade 
diesen Tyrannen diente.« 

Und weldi feurige Vaterlandsliebe atmen nidit seine Jugend* 
sdiriften! Man lese z. B. in »Sur la Corse«. »Paolo, Colombano, 
Sampiero, Pompiliano, GafFoni! Berühmte Radier der Mensdiheit! 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 317 

Ihr Helden, die ihr euere Landsleute von der Wut des Despotismus 
befreitet! Was war euer Dank für euere Mühe? Doldie, Doldie, 
nid)ts als Doldie! Ihr modernen EfFeminierten, die ihr fast alle in 
einer süßen Sklaverei sdimaditet, diese Helden sind viel zu hodi 
über eueren feigen Seelen,- aber betraditet dodi das Bild des jungen 
Leonardo, des jungen Märtyrers für das Vaterland . . .« Oder in 
»Sur le suicide« sdireibt er von einer melandiolisdien und selbst* 
mörderisdien Stimmung gepadct: > Warum soll idi denn dies Leben 
ertragen, wenn mir nidits gelingt? Weldi einen AnbliA werde idi 
denn in meinem Lande haben? Meine Kompatrioten mit Ketten 
beladen und unter Zittern die sie bedrüAende Hand küssend!« 
Im »Sur Tamour de la patrie«: »Nur wenige Mensdien glauben 
an die Vaterlandsliebe. Weldi eine gewaltige Menge von Werken 
ist denn nidit ersdiienen, um zu beweisen, sie sei nur eine Chimäre ! 
Gefühle, weldie eine erhabene Tat von Brutus gezeitigt haben, seid 
ihr denn wirklidi eine Chimäre?« 

Nadidem er sidi 1785 bei dem Genfer Budihändler »alle 
Werke, die er über Korsika besitzt oder die er ihm versdiaffen 
könne«, bestellt, beginnt er, kaum siebzehnjährig, eine zweibändige 
Gesdiidite Korsikas zu sdireiben — von ihm »Lettres sur la Corsc« 
betitelt. Offenbar bezieht sidi darauf eine Notiz von ihm, in der 
er sagt: »Idi bin kaum zu Jahren gekommen und sdion führe idi 
den Griffel der Gesdiidite.« Aber ». . . idi habe den Enthusiasmus, 
der in unserem Herzen oft durdi eine tiefe Kenntnis der Mensdien 
zerstört wird. Die Käuflidikeit des reifen Alters wird meine Feder 
nidit besdimutzen. Idi atme nidits als Wahrheit,- idi fühle in mir 
die Kraft, sie zu sagen und idi sehe euere Tränen rollen beim 
Lesen dieser kleinen Sdiilderung unserer Leiden. Teuere Mitbürger, 
wir waren immer unglüd^lidi.« öder gar in den berühmt gewordenen 
J^Lettres a Buttafuoco«, als er diesen in französisdien Diensten 
stehenden und sehr regierungstreuen Feldmarsdiall des Verrates am 
Vaterlande zeiht, was diesem eine Infamieerklärung seitens seiner 
Landsleute zuzieht: »Wie! Nidit zufrieden damit, daß Sie geholfen 
haben, die Ketten zu sdimieden, in die Ihr Vaterland gelegt wurde, 
wollen Sie nodi dasselbe dem absurden feudalen System untere 
werfen! . . . Und wie! Sohn desselben Vaterlandes, empfinden Sie 
nie etwas für dasselbe? Wie?! Ihr Herz sollte unbewegt bleiben 
beim Anblidc der Felsen, der Bäume, der Häuser« usw. 

Idi meine, diese Stidiproben sollten genügen, um zu beweisen, 
wie stark in Napoleons Brust die Liebe für Korsika wogte. Aber 
audi an Taten, und zwar soldien waghalsigster Natur ist diese 
Periode seines Lebens zwisdien 1789 und 1793 überreidi, die von 
einer brennenden Liebe und Sorge fürs Vaterland getragen sind, 
und nidit mehr und nidit weniger als die Befreiung Korsikas 
vom französischen Joche zum Ziele haben! Und dies alles 
als königlidier Offizier — setzt er Fortkommen, Freiheit und Leben 
aufs Spiel! 



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318 Dr. Ludwig Jekels 



Im Nadifolgenden will idi diese seine Tätigkeit in dieser Zeit 
skizzenhaft sdiildern: 

In den im Jahre 1789 einberufenen Etats generaux stellten 
die zwei nationalen Abgeordneten imter anderem den Antrag auf 
Erriditung einer aus Söhnen des Landes bestehenden Volksmiliz. 
Dieser Vorsdilag war ganz im Sinne Napoleons, der s(i\on damals 
darauf gesonnen haben soll, Maditmittel in die Hand zu bekommen, 
um damit die Franzosen zu verdrängen. Als nun diese Anträge 
über Betreiben des oben erwähnten Konservativen Buttafuoco von 
der Regierung abgelehnt wurden, bereitet Napoleon eine regelredite 
Revolution in Ajaccio vor. Im patriotisAen Klub von Ajaccio, 
woselbst er seit September 1789 wieder auf Urlaub weilt, setzt er 
seinen Plan auseinander: die reaktionäre Behörde solle gestürzt, 
eine Nationalgarde organisiert, mit derselben dann die Zitadelle von 
Ajaccio genommen werden, nadidem die Franzosen aus derselben 
verdrängt worden sind. Es gelingt ihm audi alsbald, die Bürger* 
wehr zu organisieren,- indessen wird aber die Garnison verstärkt, der 
Klub und die Garde aufgelöst, und die Bewegung im Keime erstid\t. 

Dodi nur vorderhand — denn dieser Plan fixiert sidi in 
Napoleons Seele, und gleidigiltig, ob in seinen Garnisonen in 
Frankreidi oder auf seinen so häufigen und langen Urlauben auf 
Korsika, stets steht die Einnahme der Zitadelle von Ajaccio und 
die Vertreibung der Franzosen im Vordergrunde seines Denkens 
und Fühlens. w ir sehen ihn in diesen drei Jahren sidi über alle 
Hindernisse hinwegsetzen und alle Mittel ergreifen, um dieses Ziel 
zu erreidien. Äußerst aufmerksam die Wediselfälle dieser für Frank* 
reidi so ereignissdiweren und bewegten Jahre verfolgend, stets über 
die Stimmung in Korsika unterriditet, läßt er sidi, man kann es 
ruhig sagen, beliebig oft beurlauben, wenn er meint, der Zeitpunkt 
für seine Pläne sei günstig. Er übersdireitet diese Urlaube ganz 
willkürlidi um sehr lange Zeiträume, ganz unbekümmert um seine 
Offizierslaufbahn. »In diesen sdiwierigen Zeiten ist der Platz eines 
guten Korsen in seinem Vaterlande.« Diese, in seinem Briefe an 
den Kriegskommissär Sucy geäußerte Überzeugung genügt ihm. 
Unbekümmert um seine Stellung in der regulären Truppe und um 
seinen vor einem Jahre als Offizier geleisteten Eid, strebt er im 
Jahre 1792 das Kommando des inzwisdien von der NationaU 
Versammlung wie überall in Frankreidi so audi in Ajaccio erriditeten 
Freiwilligenbataillons an,- er setzt audi seine Wahl zum Oberst^ 
leutnant desselben mit den verwerflidisten und gewalttätigsten 
Mitteln durdi, wie z. B. Stimmenkauf, falsdie Angaben, Ein-- 
sdiränkung der persönlidien Freiheit etc. Zu Ostern 1792 versudit 
er, sidi der Zitadelle zu bemäditigen und zum Herrn der Stadt zu 
madien, wcldier Plan jedodi an der Wadisamkeit und der Pflidit^ 
treue des französisdien Kommandanten derselben sdieiterte. 

Ebenso gewaltig wie die Liebe zu seinem Vaterlande war 
audi der Haß gegen die Franzosen. Hier nur einige Belege hiefür 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 319 

aus seinen Sdiriften, zumal später nodi ausführlicfier davon die 
Rede sein wird. So z. B. im »Sur le Suicide«: »Franzosen! Nidit 
zufrieden damit, daß ihr uns alles geraubt habt, was wir liebten, 
habt ihr nodi unsere Sitten verdorben!« Oder >Sur TAmour de 
la Patrie« werden alle Beispiele der eAten Vaterlandsliebe der 
Antike und Korsika entnommen, wogegen die Ruhmsudit aussdiließ^ 
lidi an französisdien Helden demonstriert wird. Am stärksten und 
unzweideutigsten aber ist sein Franzosenhaß in der »Nouvelle 
Corse« ausgedrüAt, einer auf einer verlassenen Insel sidi ab- 
spielenden Phantasie, wo jeder Franzose, zufolge einem von dem 
Besitzer der Insel geleisteten Eid, erbarmungslos getötet wird. 

Wir wollen nun das Verhältnis Napoleons zu Paoli beleuditen 
und erörtern, was ihm dieser bedeutet hat. 

Die Antwort darauf läßt sidi kurz zusammenfassen: er war 
ihm der Inbegriff alles Großen, Sdiönen, Edlen und Weisen. 

Sdion als ganz kleines Kind, da das Kriegsgetöse der eben 
abgelaufenen Jahre nodi nidit verklungen war, hörte er von seinen 
Spiel- und Hausgenossen den Namen Paoli immer wieder mit 
Liebe und Verehrung nennen,- was Wunder, »daß sidi bei ihm 
mit diesem Namen die Vorstellung eines gewaltigen, weit ver^ 
bannten Helden verband, der über kurz oder lang als Messias er^ 
sdieinen dürfte«, meint Jung in »Bonaparte et son temps«. Und 
Chuquet sagt: »Wenn man, sowohl in Autun als audi in Brienne, 
über Paoli spradi, da erhitzte er sidi und geriet ins Feuer ... Er 
duldete nidit, daß ein Lehrer oder ein Kollege die geringste Kritik 
an Paoli übte, audi nur das Leiseste an ihm aussetzte.« Im weiteren 
Verlaufe der füher erwähnten, von Abbe Chardon uns über- 
lieferten Szene in Autun soll Napoleon dem Abbe, der ihm die 
Frage vorlegte: »Trotzdem ist dodi Paoli ein guter General?« leb^ 
haft geantwortet haben; »Ja, Monsieur, und idi mödite ihm ähnlidi 
werden!« Und im Verlaufe einer anderen Szene in Brienne rief 
einmal der kleine Junge: »Paoli wird wiederkehren und sollte er 
unsere Ketten nidit zerbredien können, so werde idi ihm zu Hilfe 
eilen, sobald idi nur genug Kraft haben werde, und möglidi, daß 
es uns beiden gelingen wird, zu befreien Korsika von dem ver-^ 
haßten Jodi, weldies es trägt!« Ein damaliger Kollege sagte: »Paoli 
war sein Gott«. 

Und ebenso stellte er sidi zu Paoli in der Pariser Militär^^ 
sdiule, wo er sein vierzehntes und fünfzehntes Lebensjahr zubradite. 
In seinen dortigen Gesprädien hält er Lobreden auf Paoli, ver^ 
sidiert wieder, daß er zusammen kämpfen mödite mit dem großen 
Pasquale, ihm helfen und ihn unterstützen. Ein interessanter und 
beredter Beleg für diese seine Gesinnung ist uns erhalten worden. 
Es ist dies eine von einem seiner Kameraden verfertigte Karikatur, 
darstellend Napoleon, der Paoli zu Hilfe eilt. Ein alter Professor 
versudit ihn am Zopf zurüd^zuhaken,- dodi vergeblidi, denn der 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



320 Dr. Ludwig Jekcls 



junge Mensdi entfernt sidi mit festem Schritt, beide Hände auf den 
Stock gestützt und mit entsdilossener Miene. Unter der Zeidinung 
ist zu lesen: >Bonaparte laufe, renne Paoli zu Hilfe, um ihn aus 
den Händen der Feinde zu reißen, c 

Weldi große Rolle in seiner Gefühls^ und Vorstellungswelt 
Paoli spielte, das möge folgende Episode demonstrieren: Als er im 
Jahre 1787 nadi aditjähriger Abwesenheit von der Heimat auf 
Urlaub in Ajaccio war, fand er seinen Onkel und Vormund der 
Familie, Archidiakon Lucian, sdion seit Jahren durdi Gidit ans 
Bett gefesselt. Napoleon war dem alten Onkel in Liebe zugetan, 
wollte ihm Hilfe versdiaffen und wandte sidi deshalb von Ajaccio 
brieflidi an den ihm persönlidi ganz unbekannten Dr. Tissot — in 
Lausanne um Rat! 

Die Gründe für diese immerhin etwas sonderbare Handlungs- 
weise sind aus dem Sdireiben ersiditlidi: »Sie haben das Leben 
damit verbradit, die Mensdiheit zu belehren und Ihr Ruf drang bis 
in die Gebirge Korsikas, wo man sidi wenig der Ärzte bedient. 
Es ist ja riditig, daß das kurze, aber rühmlidie Lob, das Sie Ihrem 
General <Paoli> gespendet haben, ein zureidiender Titel ist, um sie 
von Dankbarkeit durdidrungen sein zu lassen. c Die Stelle, auf die 
sidi Napoleon bezieht, betrifft die Arbeit Tissots : >Traite de sante 
des gens de lettres«, worin er die Sdireibtisdiarbeit als unhygienisdi 
bekämpft und dabei erwähnt: >Cesar, Mahomet, Cromwell, Paoli, 
plus grands d'eux peut^etre, ont sans doute re^u de la nation 
des forces plus qu'humaines.« — Diese kurze, audi Paoli so her- 
vorhebende Zusammenstellung genügte sdion, um Napoleon hohes 
Vertrauen zu Dr. Tissot einzuflößen. 

Als er seine »Lettres sur la Corse« vollendet hat, will er sie 
Paoli dedizieren und teilt ihm dies in folgendem nadi London ge- 
riditeten Sdireiben mit <12. Juli 1789): 

»Idi wurde geboren als mein Vaterland starb. 30.000 Fran^ 
zosen auf unseren Küsten ausgespien, den Thron der Freiheit in 
Strömen von Blut erstid^end — dieses hassenswürdige Sdiauspiel 
traf mein erster Blid^ ... Ihr ginget von unserer Insel und mit 
Eudi versdiwand jede Hoffnung auf Glüdt,- die Sklaverei wurde 
der Lohn für diese Unterwerfung. Wenn mein Vermögen mir den 
Aufenthalt in der Hauptstadt gestattet hätte, so hätte idi ohne 
Zweifel andere Mittel gefunden, um unseren Klagen Gehör zu ver* 
sdiaffen,- aber an den Dienst gebunden, bleibt mir nur dieser einzige 
Weg an die Öffentlidikeit . . . Wenn Ihr, mein General, bereit 
seid, eine Arbeit anzuerkennen, wo von Eudi soviel die Rede sein 
wird ... so wage idi auf einen Erfolg zu redinen. 

Idi hoffte nadi London gehen zu können, um Eudi die Ge-' 
fühle auszuspredien, die Ihr in mir erregt habt, um mit Eudi über 
das Unglüd^ meines Vaterlandes zu spredien, aber die Entfernung 
hindert midi daran . . . Gestattet mir, General, daß idi Eudi die 
Huldigung meiner Familie ausspredie. Warum sage idi nidit meiner 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 321 

Landsleute? Sie seufzen bei der Erinnerung an eine Zeit, wo sie 
auf Freiheit hofften. Meine Mutter, Madame Lätizia, hat midi be* 
auftragt, Eudi an die Jahre in Corte zu erinnern.« 

Audi die erwähnten, im zarten Jünglingsalter, zwisdien dem 
fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahre verfaßten Sdiriften 
Napoleons bekunden sehr deutlidi seine Verehrung und Bewunde-» 
rung für diesen bedeutenden Mensdien. So z. B. spridit er sidi in 
den »Lettres sur la Corse« folgendermaßen über Paoli aus: »Idi 
sollte spredien über Paoli, dessen weise Einriditungen einen Augen^ 
blidi unser GlüA waren und uns mit soldi glänzenden Hoffnungen 
erfüllten/ er war der erste, der den Grundsatz vom Gedeihen der 
Völker heilig gehalten hat, und man muß seine Hilfsquellen, seine 
Fertigkeit, seine Beredsamkeit bewundern; mitten unter äußeren und 
inneren Kriegen stellt er stets seinen Mann,- mit starkem Arm legt 
er die Grundlagen zu seiner Verfassung und läßt bis nadi Genua 
unsere stolzen Tyrannen erzittern.« 

Und im »Discours de Lyon« spridit er über Paoli, den er 
als Muster eines Gesetzgebers hinstellt, folgendermaßen : »Paoli, der 
sidi durdi seine Sorgfalt für die Mensdiheit und für seine Mitbürger 
besonders auszeidinete, der für einen Augenblid^ mitten im Mittel* 
ländisdien Meere die sdiönen Zeiten von Sparta und Athen wieder 
erstehen ließ, Paoli, voll der Gefühle und dieses Genies, die die 
Natur in ein und demselben Mensdien nur zum Wohle der Völker 
vereinigt, — ersdiien in Korsika, um demselben die BliAe Europas 
zuzuwenden ... In seiner Tätigkeit ohnegleidien, in seiner über^ 
zeugenden und heißen Beredsamkeit, in seinem durdidringenden 
und fruditbaren Genie wußte er Bürgsdiaften zu finden für seine 
Verfassung« etc. 

Und als Paoli zufolge der erflossenen Amnestie im Jahre 1790 
nadi Korsika zurüd^kehrt, da sehen wir gerade die Familie Bona^ 
parte mit unter den Rührigsten, um den Heros feierlidi zu empfangen. 
Über Veranlassung Napoleons fährt sein älterer Bruder Joseph mit 
der Deputation Paoli nadi Lyon entgegen,- Napoleon selbst liest 
ihm dann die Empfangsadresse vor. »II en est, pour ainsi dire, le 
Dieu« und >Tous etaient ä la devotion de Paoli. On ne jurait que 
par lui« — meint Jung. 

In der nadifolgenden Zeit sehen wir Napoleon, wenn er auf 
Urlaub in Korsika weilt, öfters den Gouverneur auf dessen Landsitze 
Rostino besudien/ sie madien da gemeinsame Ausflüge ins Land, 
wobei ernste soziale und politisdie Gesprädie geführt wurden. Napo^ 
leon soll sogar auf St. Helena erzählt haben: »Paoli klopfte mir oft 
freundsdiaftlidi auf den Kopf und sagte mir hiebei: »Sie sind einer 
der Männer von Plutardi. Er ahnte, daß idi eines Tages ein außer^ 
gewöhnlidier Mensdi sein werde.« Ein andermal soll er ihm gesagt 
haben: »Napoleon! Du hast nidits vom modernen Mensdien, du 
gehörst ganz zu den Männern von Plutardi. Nur Mut! Du wirst 
deinen Weg sdion madien!« 

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322 Dr. Ludwig Jckcls 



So Standen diese beiden Männer zueinander, der eine dreiund* 
zwanzig, der andere siebenundsedizig Jahre alt/ das Attentat auf die 
Zitadelle von Ajaccio zu Ostern 1792 sAeint ebensowenig eine ernstlidie 
Trübung dieses Verhältnisses bewirkt zu haben, als die agitatorisdie 
und revolutionäre Tätigkeit, die Napoleon — der inzwisdien durdi 
vier Monate in Paris sidi aufgehalten und es dort durdigesetzt 
hatte, daß er trotz der gegen ihn erflossenen sdiweren Anzeige 
restituiert und zum Hauptmann befördert wurde — nadi seiner 
Rüdekehr aus Paris im Herbste und Winter dieses Jahres in Ajaccio 
entfaltet hat. 

Die nädisten hier zu erörternden Begebenheiten bilden wohl 
den dunkelsten und kompliziertesten Absdinitt der napoleonisdien 
GesAidite — nadi den übereinstimmenden Ansiditen mehrerer 
Autoren. Hier in kurzen Worten der Tatbestand: 

Zu Anfang des Jahres 1793 veranstaltete Frankreidi eine 
Expedition gegen Sardinien, weldie gänzlidi gesdieitert ist. Als 
Napoleon am 3. März 1793 von der Expedition nadi Korsika 
zurüAkehrte, war die politisdie Situation gegenüber dem Vorjahre 
eine völlig veränderte geworden. König Ludwig XVI. hingeriAtet 
<21, Januar), der Krieg an England erklärt <31. Januar)/ auf Korsika 
aber sollen die Freiwilligenbataillone aufgelöst und durdi reguläre 
Truppen ersetzt werden,- überdies wurde Paoli in seiner admini* 
strativen, besonders aber militärisdien Maditvollkommenheit arg 
besdiränkt. Diese letzten Maßregeln sind einerseits auf die Madien« 
sdiaften seiner politisdien Gegner, anderseits aber darauf zurüdtzu* 
führen, daß Paoli, der während seiner Exilierung durdi einund^ 
zwanzig J^ihre englisdie Gastfreundsdiaft genossen hatte und sogar 
von England eine Pension bezog, audi aus seinen Sympathien für 
England niemals ein Hehl madite — jetzt nadi Ausbrudi des 
Krieges mit England der französisdien Regierung nidit mehr ganz 
zuverlässig ersdiien. 

Es blieb aber nidit bloß bei den erwähnten Maßregeln,- denn 
sdion in den nädisten Wodien steigerte sidi der Konflikt zwisdien 
dem Konvent und Paoli so, daß der erste seinen Kommissären 
auf Korsika die Vollmadit erteilte, Paoli unter Anwendung aller 
zu Gebote stehenden Mittel zu verhaften und nadi Paris zu bringen 
<Besdiluß des Konvents vom 2. April 1793). 

Es ist nidit sdiwer zu denken, daß diese den pater patriae so 
rüAsiditslos treffende Verfügung, die am 16. April in Ajaccio ein- 
langte, eine ganz ungeheuere Aufregung unter den Korsen hervor* 
gerufen hat, die sidi mit ihrem Führer eins fühlten. 

Nodi unter dem frisdien Eindrud^ dieser Nadiridit, also etwa 
Ende April, verfaßte Napoleon eine Adresse an den »Club des 
amis de la Constitution« in Ajaccio behufs Vorlage derselben an 
den Konvent. Er verteidigt in derselben äußerst warm Paoli und 
widerlegt darin den etwaigen Vorwurf, als ob Paoli ein Ehrgeizling 
oder ein Verderber wäre. »Also sollte Paoli ehrgeizig sein? Wenn 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 323 

Paoli ehrgeizig ist, was kann er denn mehr verlangen? Er ist 
Gegenstand der Liebe seiner Mitbürger, die ihm nidits verweigern/ 
er ist an der Spitze der Armee,- er steht unmittelbar vor der Pflidit 
der Verteidigung des Landes gegen einen fremden Angriff.« Und 
dann weiter: »Ja, in Koblentz, da dürfte Paoli für ehrgeizig gelten, 
aber in Paris, im Zentrum der französisdien Freiheit, wird Paoli, 
wenn man ihn gut kennt, als Patriardi der Freiheit, als Vorbote 
der französisdien Republik gelten,- so wird die Nadiwelt urteilen 
und so meint es das Volk.« Er verteidigt ihn audi darin gegen 
den unsinnigen Verdadit, Korsika an England ausliefern zu wollen 
und m^int weiter: »Hören Sie auf meine Stimme/ lassen Sie 
sdiweigen die Verleumdung und die äußerst sdilediten Leute, die 
sidi ihrer bedienen.« 

Fast zugleidi aber sehen wir ihn, den bis vor kurzem nodi 
unversöhnlidien Franzosenhasser, im Einvernehmen mit den fran* 
zösisdien Konventkommissären Saliceti und Lacomb^St. Midiel 
eifrig bemüht, das gegen Frankreidi und seine Adhärenten auf der 
Insel revoltierende Land für die Franzosen wiederzugewinnen/ 
sehen ihn zu diesem ZweAe die in den Händen der paolistisdien 
Nationalgarde befindlidie Zitadelle von Ajaccio wiederholt attakieren, 
dodi jetzt um sie für die Franzosen zu erobern, sehen ihn als 
Antragsteller auf Erneuerung des Eides, der die Korsen mit Frank* 
reidi verband! Überdies aber riditet er an den Konvent eine An* 
klage gegen Paoli, die er »Position politique et militaire du Departe* 
ment de Corse au l^r juin 1793« betitelt und in der er ausführt: 
alle Personen, die Paolis Vertrauen besaßen und die ein wenig 
sehend waren, hätten denselben durdisdiaut/ er hielt nämlidi Frank* 
reidi <das damals zahlreidie äußere Feinde hatte) für verloren und 
habe sidi angesdiid^t, ihm gleidifalls einen Fußtritt zu geben. Er 
erhebt darin gegen Paoli den Vorwurf, er hätte aus den Küsten* 
festungen reguläre Truppen entfernt und dieselben durdi ihm ergebene 
korsisdie Nationalgarden ersetzt, deren er sidierer war/ zu Offizieren 
der letzteren aber hätte er soldie Leute ernannt, deren Väter im 
Jahre 1768 gegen Frankreidi fielen, die somit Radiegedanken gegen 
Frankreidi hegen konnten. 

Weiters klagt er Paoli der Sdiuld an dem Mißglüd^en der 
sardinisdien Expedition an, indem sidi derselbe zwar nadi außen 
so stellte, als würde er gerne die von ihm verlangten Soldaten 
beistellen, anderseits aber es zu verhindern wußte, daß dieselben 
sidi nadi Sardinien begaben, da er nidit wollte, daß die Korsen 
französisdi werden, ufnd dann weiter: »Seit der Kriegserklärung 
an England war die ganze Welt betroffen von der Vorliebe, mit 
der er <PaoIi> die Vornehmheit, die Güte, die Tugenden, die Madit 
und den Reiditum der englisdien Nation pries. Seine Absiditen in 
dieser Zeit waren klar und alle Personen, die ihm attadiiert waren, 
die aber das Vaterland ihm vorzogen, fingen an, sidi von ihm zu 
entfernen, sie hatten die gute Meinung von seiner Tugend verloren, 

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324 Dr. Ludwig Jckcls 



um sdiließlich in ihm einen Verräter zu erblicken/ denn kein Verrat 
sei so widerwärtig wie der seinige, er stürzt sein Land in einen 
Bürgerkrieg und hält es ab von der Vereinigung mit Frankreidi, 
die allein das Glüd^ Korsikas ausmadien könne.« Und dann ruft 
er: »Kann denn soviel Perfidie sidi finden im Mensdienherzen?! 
Adi, weldi unseliger Ehrgeiz verwirrt diesen Greis von aditundsedizig 
Jahren! Aber Paoli hat auf seinem Gesidife die Güte und Süße 
gesdirieben und den Haß und die Radisudit im Herzen, die Weihe 
des Gefühls in den Augen und die Galle in der Seele, — er hat 
weder Charakter, nodi Kraft, er ist ohne Mut!« usw. 

Diese Stellungnahme Napoleons hatte bekanntlidi zur Folge, 
daß in einer allgemeinen Korsenversammlung die Familie Bonaparte 
für infam erklärt und die Adit über sie ausgesprodien wurde. 
Nadidem die Mutter mit den Kindern nur mit sAwerer Mühe und 
dank einem glüdtlidien Zufall ihr Leben gerettet hatte, wurde von 
den entrüsteten Korsen das Haus der Bonaparte in Brand gestedct, 
der Weingarten und der sonstige Besitz verwüstet. Napoleon 
sdiiffte sich mit den Seinigen am 11. Juni 1793 in Calvi ein und 
übersiedelte nadi Toulon, hiebei für immer im Stidie lassend die 
beiden Heale, die seine Jugend erfüllten, d. i. Korsika und Paoli 
— nadidem er nodi »das letztere durdi Verleumdung und Be* 
sdiimpfung verniditet hat.« <Fournier.> 

Das Faktum des Brudies mit Paoli ist von einer ganz unüber^ 
sehbaren Tragweite für die Mensdiheit geworden. Es genügt gar 
nidit zu dessen Würdigung die Ansidit Jungs, der es als >si con-» 
siderable pour la France« bezeidinet oder an einer anderen Stelle 
meint, »dieser eklatante Brudi sollte einen bestimmenden Einfluß 
auf die Gesdiidite der Bonaparte und Frankreidis üben«, — sondern 
seine Folgen waren unermeßlidi und geradezu bestimmend für das 
Sdiüsal der ganzen Welt. Denn dieser Bruch mit Paoli war 
derjenige psychologische Moment, in welchem der 
Napoleon geboren und geformt wurde, wie wir ihn aus 
der Geschichte kennen, der durdi zwei Dezennien die Welt in 
Atem hielt, sie in Unruhe und SdireAen versetzte, aber audi, wie 
Fournier riditig meint, »allüberall, sowohl am Manzanares wie 
am Tiber, am Rhein wie an der Elbe, in Neapel und in Polen, in 
Preußen und in Österreidi, den Anlauf zu einer höheren sozialen 
Ordnung bewirkte«, und dergestalt blutiger »Anwalt ward eines 
Kulturprozesses von größter Bedeutung«. 

Um so bereditigter ersdieint nun die Frage nadi den Motiven 
dieses so plötzlidien Gesinnungswedisels Napoleons. Indessen ver* 
sagt gerade an dieser Stelle die bisherige Gesdiiditsforsdiung und 
gibt uns nur ganz unvollkommenen Aufsdiluß. Jung z. B. ver- 
ziditet offenbar gänzlidi auf eine Erklärungsmöglidikeit und begnügt 
sidi damit, zu sagen: »Wieso unter diesen Umständen der Artillerie* 
kapitän Bonaparte, Verfasser so vieler Beteuerungen der Ergeben- 
heit an Paoli, Redakteur der berühmten Adresse der Societe ropu-^ 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 325 

laire in Ajaccio an den Konvent, mit einem Schlage diese Ver^ 
pangenheit verleugnen konnte, um Agent von Saliceti und seiner 
Kollegen zu werden — das ist wahrlich schwer genug zu erklären!« 

Durch die emsigen Nachforschungen und Zusammenstellungen 
Chuquets, die zur Quelle für alle heutigen Biographen wurden, 
wird die damalige Situation sowie der Lauf der Begebenheiten 
nachstehend geschildert. 

Paoli, der durdi zwei Dezennien unter den geordneten und 
geregelten Verhältnissen Englands gelebt hatte, war nach seiner Rück-» 
kehr von den anardiischen Zuständen auf dem halbverwilderten 
Korsika recht peinlich berührt gewesen. Unter anderem war er auch 
recht unzufriecien mit den beicien ersten Direktorien, die seit seiner 
Rüdekehr die Departementsverwaltung inne hatten und deren führende 
Mitglieder zuerst Arena und dann oaliceti waren. Die genannten 
Generalsyndici empfanden nun die fortwährenden Beanstandungen 
und Kritiken des Gouverneurs als sehr lästig, — und so sei eine 
Spannung zwischen ihnen und dem bis nun von ihnen vergötterten 
Paoli eingetreten. Die Situation wurde aber kritisch, als bei den 
Wahlen im Dezember 1792 unter dem Einflüsse Paolis kein einziges 
Mitglied des Direktoriums Saliceti wiedergewählt wurde, sondern 
dasselbe nun aus ganz neuen und Paoli ganz ergebenen Mitgliedern 
bestand, die sich obendrein als die »ehrlichen« bezeichneten — 
offenbar im Gegensatze zu den vorangegangenen, die von ihm der 
Partei^ und Mißwirtschaft geziehen wurden. 

Das habe nun Saliceti zum Kampfe gegen Paoli bestimmt. 
Saliceti war nach Paoli wohl der populärste Mann Korsikas ge* 
wesen, welches ihm vieles zu danken hatte. War er doch seit 1789 
Chef der Patrioten^<Paolisten^)Partei und hatte mit Cesare Rocca 
zusammen seinerzeit in der Nationalversammlung die Anträge auf 
Errichtung eines wählbaren Administrationsrates und der Volksmiliz 
auf Korsika gestellt,- er war es audi, der im Jahre 1789 die Be^ 
völkerung Bastias zur Insurrektion aufrief, um, auf dieselbe gestützt, 
in der Ässemblee die Anerkennung Korsikas als gleichbereditigte 
französische Provinz durchzusetzen/ endlich war auch ihm die Amne^ 
stierung Paolis und dessen Rückberufung zu danken. Da ist es wohl 
kein Wunder, daß er den Korsen als zweiter Befreier des Landes 
galt und sich unter ihnen einer großen Popularität erfreute. 

Nun aber fühlte er sich in dieser seiner Stellung arg bedroht, 
zumal gegen ihn vom neuen Direktorium schwere Anwürfe erhoben 
wurden, wie Kumulierung von einträglichen Amtern, Bereicherung 
und mangelhafte Rechnungslegung zu seinem Vorteile. 

In dem Kamofe nun, der seit 1793 zwischen ihm und Paoli 
entbrannte, fand oaliceti einen mächtigen Bundesgenossen in der 
französischen Regierung, deren Mißtrauen gegen Paoli wegen seiner 
englandfreundlichen Vergangenheit jetzt nach erfolgter Kriegserklärung 
an England besonders rege wurde, so daß sie unter allerlei Vor^ 
wänden bemüht war, Paoli zur Reise und Übersiedlung nach Frank- 



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326 Dr. Ludwig Jekels 



reich zu bewegen und ihn so auf Korsika unschädlich zu machen. 
Dieser jedoch merkte offenbar die Absicht und im Bewußtsein seiner 
Unschuld — da er den Franzosen und der Republik ganz ergeben 
und völlig treu war — sowie besorgt um clie Wahrung seiner 
Würde weigerte er sich, den an ihn als französischen General 
ergangenen Befehlen des Kriegsministers Folge zu leisten und blieb 
auf Korsika. 

Saliceti seinerseits stellte als Abgeordneter im Konvent 
mehrere Anträge, deren Spitze sich gleichfalls gegen Paoli richtete: 
so, die Regierung möge für den bevorstehenden Krieg mit England 
für die Verteidigung Korsikas Vorsoge treffen, die Freiwilligen- 
bataillone daselbst <die Paoli ergeben waren) auflassen und ciurch 
reguläre Jägertruppen ersetzen, sdiließlich für die Sicherheit der Häfen 
sorgen,- und unter diesem Vorwande ließ er sich — nebst zwei 
anderen Abgeordneten — als mit unbeschränkten Vollmachten aus^ 
gestatteter Konventskommissär nach Korsika delegieren. 

Dadurch wurde nun der Bürgerkrieg unausweichlich, da Saliceti 
außer diesem sonstigen Anhang auch über die neuen Bataillone 
verfügte, deren Offiziere fast ausschließlich ihm ihre Ernennung ver- 
dankten. 

Trotzdem und trotz der nach Ankunft der Kommissäre auf 
Korsika stattgefundenen mannigfachen Reibungen schien es jedoch, 
als sollten und könnten die Differenzen noch irgendwie friedlich ge* 
schlichtet werden — als ein Ereignis eintrat, das die bereits auf eine 
friedliche Entspannung abzielenden Absichten Salicetis völlig kreuzte. 
Der Konvent hatte nämlich die Verhaftung Paolis beschlossen, und 
seinen Kommissären auf Korsika den bezüglichen Auftrag zukommen 
lassen. 

Dieser nach Ansicht aller, selbst Paoli noch so feindlich Ge*^ 
sinnter sehr übereilte Beschluß — der übrigens später, wie wir 
sehen werden, tatsächlich revoziert wurde — war die Folge eines 
Streiches, den Napoleons Bruder, Lucian Bonaparte, auf dem Ge* 
wissen hatte. Dieser achtzehnjährige, ebenso von sich eingenommene 
wie exaltierte Jüngling, der das intensive Bedürfnis empfand, eine 
Rolle zu spielen, hat im republikanischen Klub von Toulon, wo er 
zurzeit weilte, eine Brandrecie gegen Paoli gehalten. Wie er in seinen 
Memoiren ausführt, ohne eigentlichen Grund, so von ungefähr, wie 
aber die Historiker meinen, aus gekränktem Ehrgeiz — weil ihm 
von Paoli die Stelle eines Sekretärs verweigert wurde — malte 
er den Gouverneur und dessen tyrannisches Regiment auf Korsika 
in sehr schwarzen Farben, um zum Schlüsse dessen sofortige Ab^ 
Setzung und Auslieferung an die Strenge des Gesetzes zu verlangen. 

Nun war aber der Süden Frankreichs noch von der Zeit der 
sardischen Expedition her, wo zwischen den Provenqalen und Korsen 
zahllose Reibungen stattgefunden hatten, sehr schlecht auf die Insu* 
laner und Paoli zu sprechen, den man sogar schließlich für das 
Mißglüdcen dieser Expedition verantwortlich machte,- überdies ent* 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 827 

faltete gerade dort Arena eine heftige Agitation gegen Paoli, ihn 
verräterisdier Absiditen zeihend/ kein Wunder nun, daß Lucians 
Denunziation gierig aufgenommen und eiligst von Escudier, dem 
Abgeordneten des Vardepartements, dem Konvent mitgeteilt wurde, 
der — nodi unter dem frisdien EindruA des Verrates von Du^ 
mouriez stehend und überall Verrat besorgend — die unverzüglidie 
Inhaftnahme Paolis dekretierte. 

Als aber die Kommissäre, und speziell Saliceti, ganz ver- 
zweifelt über diesen Irrtum des Konvents ^^mit gequältem Herzen« 
sidi des ihnen gewordenen Auftrages entledigen wollten, da stießen 
sie auf eine unverhohlene Auflehnung, die sidi alsbald zum allgemeinen 
Aufruhr der Korsen steigerte. Aus den Bergen strömten deren Be^ 
wohner wohlbewaffnet herbei, um ihren »babbo« zu sdiützen, und 
überfluteten die Städte/ die meisten derselben, darunter audi Ajaccio, 
gingen für die Republik verloren, da sidi ihre Bevölkerung gegen 
die Franzosen und gegen die französisdi Gesinnten kehrte. 

Infolge dieser w^endung der Dinge und über Vorstellungen 
der Freunde Paolis, endlidi audi unter dem Eindrud^e des Sdireibens 
von Paoli vom 26. April an den Konvent, worin er denselben in 
gemäßigtem und leidensdiaftslosem Tone über die Situation auf^ 
klärte und seiner Anhänglidikeit an Frankreidi versidierte und sidi 
sogar bereit erklärte, zum zweitenmal sein Vaterland zu verlassen, 
falls seine Anwesenheit störend empfunden werden sollte, besdiloß 
der Konvent am 16. Mai das Dekret vom 2. April zu widerrufen, 
ernannte am 30. Mai für die korsisdie Angelegenheit nodi zwei 
Kommissäre — Franzosen vom Kontinent — und beauftragte sie, 
alle friedlidien Mittel zu versudien und den General mit Sdionung 
und Mäßigung zu behandeln. 

Indessen war es zu spät. Denn inzwisdien hatten die Kom- 
missäre die Geduld verloren und aus Angst, jeglidie Autorität 
einzubüßen und der Sdiwädie geziehen zu werden, griffen sie zu 
Zwangsmaßregeln^ wie Auflösung des Generalrates, Ersetzung des 
Direktoriums durdi ein neues, Abordnung von Militär in einige 
revolutionierende Ortsdiaften/ überdies verurteilten sie Paoli öffentlidi 
und steigerten durdi all dies mäditig die Erbitterung. Hingegen be^ 
stärkte der Aufstand im Süden Frankreidis, der auf den Staats* 
streidi vom 31. Mai folgte, Paoli, der es mit der gestürzten 
Gironde hielt, in seiner Insurrektion/ auifi wurden die beiden Koni^ 
missäre durdi ihn in ihrer Ankunft in Korsika stark aufgehalten, 
und endlidi glaubte Paoli nidit an die Suspension des Haftdekretes 
und hielt sie bloß für eine Falle, zumal er die Aufriditigkeit und 
den Erfolg einer Aktion bezweifelte, an der audi Saliceti teilnahm, 
den er von seinen Kollegen zu trennen sudite. 

Nodi vorher berief er für den 27. Mai eine Nationalversamm^ 
lung nadi Corte, die von über tausend Abgeordneten der Ge^ 
meinden besdiiAt wurde und in der unter Beteuerung der Treue 
an Frankreidi und der Anhänglidikeit und des Vertrauens an Paoli 



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OrfgfrTaffrom 
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328 Dr. Ludwig Jekels 



sowie unter Aufzählung der Sünden Salicetis und seiner Anhänger 
unter anderem besdilossen wurde, daß Saliceti und seine zwei 
Kollegen als Konventskommissäre nidit anzuerkennen, und dem* 
gemäß ihre Anordnungen und Anträge nidit zu befolgen seien,- 
überdies aber wurde in dieser Versammlung über die Familie Bona^ 
parte die Adit des Volkes ausgesprodien. 

Fast zugleidi versuditen es die Kommissäre unter Napoleons 
Anleitung und seinem Rate folgend, die Zitadelle von Ajaccio zu 
überrumpeln, um sie und die Stadt den Paolisten zu entreißen und 
wieder in französisdien Besitz zu bringen, weldier Versudi ihnen 
jedodi mißlang. Offenbar war dies, nebst der Stimmung und den 
Besdilüssen der Versammlung in Corte die unmittelbare Ursache, daß nun 
die Häuser der franzosenfreundlidien Korsen in Ajaccio geplündert 
und ihr Besitz devastiert wurde, darunter audi, wie wir wissen, 
der der Bonapartes. 

Die angesidits dieser Wendung der Dinge ganz maditlosen 
Kommissäre besdilossen nun sidi zu trennen, und während Lacombc* 
St. Midiel auf Korsika zurüd^blieb, um die wenigen nodi von den 
Franzosen innegehabten Plätze zu verteidigen, eilten Saliceti und 
Deldier nadi Frankreidi, um Verstärkungen zu holen. Über Ver* 
anlassung und Sdiilderung Salicetis besdiließt am 17. Juli der 
Konvent, Paoli als Verräter an der französisdien Republik und als 
vogelfrei zu erklären, sowie gegen eine Anzahl seiner hervorragenden 
Anhänger die Anklage zu erheben, was — wie bereits erwähnt — 
die tatsädilidie Auslieferung Korsikas an England zur Folge hatte. 



Über die Anteilnahme Napoleons an diesen Vorgängen, seine 
Stellung zu denselben, sowie über die Motive dieser Stellungnahme 
äußert sidi Chuquet wie folgt. 

Napoleon habe sidi ebenso wie Saliceti, wie Arena, wie 
Volney gegen Paoli erklärt/ denn der Mensdi, nadi dem er sidi 
riditete und dem er zu folgen besdilossen, sei Saliceti gewesen. 
Er habe sdion im Ungestüm seiner Jugend lebhafte Bewunderung 
für Saliceti empfunden und der Einfluß der Publikationen Salicetis 
madie sidi audi in den Jugendsdiriften Napoleons geltend. Sie traten 
miteinander in nähere Berührung sowohl im Jahre 1792 auf Korsika 
als audi dann in Paris,- sie seien audi miteinander in Korrespondenz 
gewesen, die stellenweise tatsädilidi das Gepräge inniger, wenn audi 
junger Freundsdiaft trägt. 

Unter Salicetis Einfluß, meint dieser Autor, habe sidi Napoleon 
endgiltig und für immer Frankreidi zugewendet, nadidem er sidi 
überzeugt hatte, daß Korsika nidit unabhängig sein könne, ja nidit 
sein dürfe. Und nun sdiwankte er nidit mehr, um bei jeder Gelegen* 
heit seine Anhänglidikeit an Frankreidi zu bekunden,- ja er wurde 
in diesem seinen Gefühl nidit im geringsten dadurdi beirrt, daß vor 
kurzem erst durdi das Gesetz vom 2. September 1792 der Konvent 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 329 

der Familie Bonaparte die ihr seinerzeit vom König eingeräumte 
Erbpadit der öfFentlidien Güter: Haus Boldrini und Besitz Mitteli 
entzogen hatte. 

Außer diesem, wie wir sehen, als redit weittragend postulierten 
Einfluß von Saliceti hätte aber audi die Haltung raolis gegenüber 
den Bonapartes zum Abfall Napoleons von ihm beigetragen. Paoli 
soll nämlidi nidits dazu getan haben, um Napoleon vom Abfall 
abzuhalten, da er Mißtrauen gegen die Söhne Charles hegte, eben 
weil sie die Söhne ihres Vaters waren, der, nadidem er Paoli ge^ 
dient, siA nidit gesdieut habe, um die Gunst der französisdien Madht^ 
haber zu werben und die Beweise derselben anzunehmen. Deshalb 
habe sidi Paoli vor dieser unruhigen und von Ehrgeiz verzehrten 
Familie in adit genommen und sie kühl behandelt/ und nur deshalb, 
weil er sidi mit ihnen nidit »amalgamieren«, gemein madien wollte, 
habe er Lucian bei Anerkennung aller seiner Talente die Stelle des 
Sekretärs verweigert. Er sei audi mit der Haltung Josephs im Direk*» 
torium unzufrieden gewesen und habe ihn dies oft fühlen lassen,- 
aber audi Napoleon sei vom Gouverneur nidit viel besser behandelt 
worden. Denn er habe ihm bei der Überreidiung der Exemplare der 
von Napoleon verfaßten und Paoli verteidigenden >Lettres ä Butta^ 
fuoco« nur kühl gedankt, sein Ersudien um Ausfolgung von Doku** 
menten, die er für seine Gesdiidite Korsikas benötigte, trodcen ab^» 
gesdilagen, überdies aber auA die vakante Stelle seines Adjutanten 
ad personam, um die, wie Chuquet vermutet, sidi audi Napoleon 
beworben haben dürfte, nidit ihm, sondern einem anderen verliehen. 
Außerdem sei Paoli in dieser seiner abwehrenden Haltung gegen* 
über den Bonapartes von dem gesdiworenen Feind derselben, rozzo 
di Borgo, bestärkt worden. 

Unter dem Einfluß dieser Motive hätten nun die Brüder 
Bonaparte Stellung genommen gegen den Gouverneur, zumal Joseph 
nidit mehr ins Direktorium gewählt wurde und Napoleon durdi 
den sardisdien Mißerfolg außer sidi war,- beide nahmen audi keinen 
Anstand, im Ajaccioer Patriotenklub sidi in Angriff^en gegen Paoli 
zu ergehen, dem sie sowohl »inquisitorisdien Ehrgeiz« als audi 
Mangel an Liebe für Frankreidi und Sympathien für England vor* 
warfen und den sie für das MißglüAen der sardisdien Expedition 
verantwortlidi maditen,- zugleidi aber brüsteten sie sidi mit ihrer 
Verbindung mit Saliceti, von dem sie einst ihren Anteil an Madit 
und Einfluß erhofften. 

Als der Haftbefehl gegen Paoli in Korsika anlangte, befand 
sidi Napoleon in Ajaccio, wie gewöhnlidi mit gespannter Aufmerk« 
samkeit die Begebenheiten verfolgend. Die Nadiricht ersdireAte und 
verwirrte ihn. 

Denn er begriff sofort, daß ein Krieg zwisdien Korsika und 
der Republik im Anzüge war und daß Paoli, der sidi im Besitze 
der militärisdien Maditmittel befand, zumindest am Anfang dieses 
Ringens den Sieg davontragen und dann seine Widersadier äditen 



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330 Dr. Ludwig Jckcls 



und ihres Besitzes berauben könnte. Er wußte, daß die siegreichen 
Paolisten audi die Bonapartes und ihr Eigentum nidit sdionen 
würden, und aus dieser sdiweren Besorgnis um das Wohl seiner 
Familie habe nun Bonaparte die Verteidigungssdirift für Paoli 
verfaßt. 

Überdies aber und da ihm diese Adresse als Kundgebung 
nidit bedeutsam genug ersdiien und er eine imposantere beab* 
siditigte, riditete er, dem Rate Masserias folgend, der diese Ge* 
legenheit wahrnahm um Napoleon mit Paoli zu versöhnen, eine 
Bitte an die Munizipalität von Ajaccio, dieselbe möge den Partei^ 
ungen ein Ende madien und eine allgemeine Versammlung ein* 
berufen, in der jeder Bürger von neuem den Eid der Treue an 
die französisdie Republik leisten sollte. 

Trotz der tiefen Spaltung, ja erbitterten Feindseligkeit, die 
zwisAen dem Patriotenklub und der paolistisdien Societe des Amis 
incorruptibles du peuple bestand, einer Feindseligkeit, an der nidit 
zum geringsten Teile Napoleon sdiuldtragend war, da er Ursprung* 
lidi gegen die von den Paolisten angestrebte Fusion beider Klubs 
auftrat, wandte er sidi an die gegnerisdie Vereinigung jetzt selbst 
mit dem Vorsdilage der Fusion, und wollte ihr beide von ihm 
verfaßten Adressen vorlegen. 

Abgewiesen von der Societe des Amis, die sidi nun weigerte, 
mit ihm in Unterhandlungen zu treten, läßt er sidi nidit absdireAen 
und wendet sidi an — Paoli, indem er Masseria ersudit, dem 
General zu sdireiben. Er meint zu Masseria: »Paoli verdäditigt 
midi / frage ihn, was idi madien soll, um ihm meine Anhänglidikeit 
zu beweisen.« Dodi Paoli hatte eben den Brief Lucian Bonapartes 
an seine Brüder aufgefangen, in dem dieser den Niditsahnenden 
von seinem Auftreten in Toulon und der Denunziation Paolis Mit*^ 
teilung madit. Da ist es wohl begreiflidi, daß er die ihm angebotene 
Freundsdiaft Napoleons geringsdiätzig abweist. 

Nadidem er derart alle seine friedlidien Absiditen ^ gesdieitert 
sah, soll Napoleon in den letzten Tagen des Monats April den 
verwegenen Versudi gemadit haben, sidi der Zitadelle von Ajaccio 
auf listige Weise zu bemäditigen, der jedodi gleidifalls mißlungen ist. 

Nun wurde ihm aber der Boden von Ajaccio zu heiß. Denn 
inzwisdien hatte Paoli dafür Sorge getragen, daß der Brief Lucians 
auf der ganzen Insel bekannt werde, und überdies wußte es jeder* 
mann, daß Joseph Bonaparte sidi in Bastia bei den Konvents* 
kommissären befand, sowie daß die Bonapartes die Vertrauten 
Salicetis und Anhänger seiner Partei waren, weldier die Sdiuld an 
der Verfolgung Paolis durdi den Konvent sowie an all' den Wirren 



* Salgucs und Arnault fuhren sogar an, Napoleon hätte in diesen 
Tagen eigenhändig an den Mauern von Ajaccio die Antu^ort des Municipium 
angesdilagen, »mit weldier dasselbe die Grundlagen des vom Konvent gegen Paoh' 
erlassenen Dekretes widerlegt«. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 331 

beigemessen wurde. Um also dem grimmigen Zorn der Paolisten 
zu entgehen, besdiloß Napoleon, Ajaccio zu verlassen und sidi zu 
den Kommissären nadi Bastia zu begeben. Er erreidite dies Ziel 
erst auf einem Umwege und nadidem er einer großen Gefahr 
entronnen war, denn er wurde unterwegs von ihm nadigesdiidcten 
Gendarmen Paolis verhaftet und konnte sidi nur durdi die Sdilau* 
heit seines Führers aus der Haft erretten. 

Hier in Bastia bleibt Napoleon nidit müßig. Denn es gelingt 
ihm, die Kommissäre von der Möglidikeit, sidi Ajaccios zu be^ 
mäditigen, zu überzeugen, und sie zur Veranstaltung einer Expe^ 
dition gegen diese Stadt zu veranlassen. Dodi sdieitert audi dieser 
Plan an der Wadisamkeit und Treue der paolistisdien Besatzung 
der Zitadelle, sowie der unversöhnlidien Haltung der Bevölkerung. 

Ein ZurüA gab es nun nidit mehr,- der Brudi mit Paoli war 
endgiltig vollzogen. Außer sidi vor Wut, verfaßt nun Napoleon, 
der inzwisdien von der Fludit der Seinigen, der Zerstörung des 
Bonapartesdien Besitzes und von der Äditung in der Versammlung 
vom 27. Mai erfuhr, die Anklagesdirift gegen Paoli, um wenige 
Tage darauf nadi Toulon zu übersiedeln, und jeglidie Bande mit 
seiner korsisdien Heimat zu zerreißen. 



Wir haben im Vorstehenden die Darstellung Chuquets 
relativ ausführlidi mitgeteilt, nidit bloß um den Leser zu orientieren, 
sondern audi um zu bekunden, daß wir, ferne von jeder Einseitige 
keit, außer unseren hier zu entwiAelnden Gesiditspunkten audi die 
anderen nidit nur nidit übersehen, sondern dieselben sehr wohl zu 
berüdtsiditigen, ja sogar, wie im vorliegenden Falle, hodi einzu* 
sdiätzen bereit sind. 

Indessen — bei aller Würdigung der Angaben Chuquets 
— stehen wir nidit an, zu erklären, daß uns dieselben nadi mandier 
Riditung lügenhaft und daher unbefriedigend ersdieinen. 

Dieser Einwand betrifft vor allem die Kardinalfrage nadi den 
Ursadien der Abwendung Napoleons von Paoli, die mit der Mit^ 
teilung Chuquets: weil er Saliceti folgen wollte, zumal ihn Paoli 
ablehnend behandelt hat, unseres Eraditens nidit genügend ge* 
klärt sind. 

In obiger Darstellung des PaoIi^Konfliktes begeht Chuquet 
den Fehler, zu übersehen, weldi einen enorm hohen, wenn nidit 
überhaupt den höchsten affektiven Wert in Napoleons 
Seelenleben Paoli repräsentierte, mit dem er seit seiner Kind^ 
heit aufgewadisen, mit dem er geradezu unzertrennlidi verwadisen 
sdiien! Niemand, der über die Kindheit und Jugend Napoleons gründe 
lidi orientiert ist, kann dies leugnen, und audi Chuquet betont und 
hebt es in den früheren Perioden von Napoleons Leben sehr nadi^ 
drüd^lidi hervor, um es gerade bei der Erörterung des Paoli* 
Konfliktes fast ganz zu vernadilässigen ! 



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332 Dr. Ludwig Jckcis 



Tut man dies aber nidit, dann bleibt das Problem, ungeaditet 
der uns von Chuquet gegebenen Erklärung fast in ungeminderter 
Stärke, vielleidit nur um etwas versdioben, weiter bestehen/ denn 
nadi wie vor halten wir es für erklärungsbedürftip, wieso es kommt, 
daß ein Mensdi, der durdi zwei Dezennien ein Ideal hegt, dem er 
mit der ganzen Glut seiner Seele anhängt, von dem er z. B. nodi 
vor drei Jahren meint <falls Korsika Frankreidi nidit inkorporiert worden 
wäre, dann): »hätten wir Paoli gerufen, diesen großen Mensdien, 
den Gegenstand unseres Enthusiasmus, den nur vierzigtausend 
Bajonette und unglüAselige Umstände uns entreißen konnten, und 
wir hätten ihm gesagt: Du, der einzige Mensdi, zu dem Korsika 
Zutrauen hat, übernimm wieder das Steuer des Sdiiffes, das du so 
gut zu lenken weißt,- unsere Liebe, unveränderlidi wie deine 
Tugenden, ist gewadisen durdi dein Mißgesdiidc,- Räuber haben 
über uns geherrsdit und unsere Erde ist mit ihren Opfern bestreut,- 
aber sie Konnten uns nidit erniedrigen,- ersdieine, wir sind nodi 
deiner würdig«,, über weldies Ideal er nodi vor etwa einem 
halben Jahre aus Paris, für den Fall, als Korsika von Frankreidi 
freigegeben werden sollte, sidi äußert: »Paoli ist alles und wird 
alles sein«, dahin gelangt, dieses Ideal in einer ganz kurzen Spanne 
Zeit gegen die Freundschaft und Führersdiaft des ihm unvergleidilidi 
weniger bedeutenden, bis dahin kaum jemals von ihm besonders 
hervorgehobenen Saliceti restlos einzutausdien, ja dasselbe sogar 
direkt zu bekämpfen? 

Und idi meine audi, daß es sidi hier um eine derart elementare 
psydiisdie Umwälzung handelt, daß sie audi durdi die von Chuquet 
gewiß mit Redit hervorgehobene ablehnende Haltung Paolis gegen* 
über den Bonapartes kaum provoziert worden sein mag, so daß 
dieselbe nur die Bedeutung eines unterstützenden Momentes bean* 
sprudien kann. 

Besonders kraß zeigt sidi bei Chuquet diese Außeradit* 
lassung der affektiven Bewertung des Verhältnisses Napoleons zu 
Paoli z. B. darin, daß er als Motiv Napoleons bei der Abfassung 
der Verteidigungssdirift lediglidi die Angst und die Sorge um den 
Besitz der Seinigen annimmt. 

Gewiß war Bonaparte auch sehr besorgt um die Seinigen 
und deren Habe als er vom Haftdekret erfuhr, und gab dem un-r 
verhohlen Ausdrudt/ gewiß war dies mit ein Motiv zur Abfassung 
der Verteidigungssdirift. Es heißt aber das ganze Verhältnis ver* 
kennen, wollte man, wie Chuquet es tut, nur diesem Motiv die 
Entstehung dieser Sdirift zusdireiben. Und idi meine, daß die weiteren 
oben gesdiilderten Bemühungen Bonapartes und seine Annäherungs^ 
versume an Paoli gewiß nimt dagegen spredien,- abgesehen davon, 
daß er dadurdi, daß er sidi durdi die Entziehung der für seine 
Familie so bedeutsamen Erbpadit vom Attadiement an Frankreidi 
nidit abhalten ließ, immerhin den Beweis erbradite, daß er materielle 
Vorteile idealen Gütern unterzuordnen weiß. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 383 

Aber dieses Übersehen der affektiven Tragweite des Verhält* 
nisses Napoleons zu Paoli wird bei Chuquet womöglid) nodi 
überboten von der Untersdiätzung desselben Faktors, die er sidi 
bei Besprediung der nationalen Wandlung Napoleons, — vom 
Korsentum zum Franzosentum, — zusdiulden kommen läßt. Da 
wird uns zur Erklärung bloß mitgeteilt, es sei dies »unter dem 
Einfluß« von Saliceti eingetreten, ohne daß audi nur ein weiteres 
Wort darauf verwendet würde, uns aufzuklären, worin dieser 
spezifisdie Einfluß bestand, mit welAen Mitteln er sidi geltend 
madite und weldie Saiten in Napoleons Seele durdi ihn in Schwin- 
gung gebradit wurden, damit dieses Resultat erzielt werde/ ebenso- 
wenig wird aber audi die Frage erwogen, warum dieser Einfluß 
Salicetis sidi erst jetzt und nidit sAon viel früher geltend gemadit 
hatte, oder, warum Napoleon, für den dodi hier so ohne weiteres 
Beeinflußbarkeit in diesen Dingen postuliert wird, nidit sAon früher, 
etwa in der Pariser Militärsdiule oder in seinen französisdien 
Garnisonen umgestimmt wurde, wo es dodi an franzosenfreund- 
lidien Einflüssen gewiß nidit gefehlt hat. 

Und so meine idi, daß diese Mitteilung Chuquets uns kaum 
irgendweldie nennenswerte Aufklärung gebradit hat über das ge- 
radezu kolossale psydiologisdie Problem dieses nationalen Gesinnungs- 
wandels Napoleons, und daß es nadi wie vor der Erklärung be- 
dürftig sei, wieso es kommt, daß ein Mensdi, der nahezu durdi 
zwei Dezennien einen elementaren Haß gegen die Franzosen hegt, 
der nodi vor kurzem in seinen an Franzosen geriditeten Briehen 
von Frankreidi stets als »votre pays« und »votre nation« spridit, 
nodi vor einem Jahre es versudit, die Franzosen von der Ajaccio'er 
Festung zu verdrängen, ja von dem nodi vor einigen Monaten, 
zur Zeit seines Pariser Aufenthaltes, derselbe Chuquet meint: 
»Seine Phantasie ist nidit beruhigt,- sie quält ihn. Er hat nidits im 
Kopfe als seine Insel«, und der nodi von Paris aus seinem Bruder 
Joseph sdireibt: >Nun ist es wahrsdieinlidier denn je, daß all dies 
mit unserer Unabhängigkeit enden wird«, und der nadi seiner Er- 
nennung zum Hauptmann, trotz der sdiarfen Mahnung des Ministers 
von Paris aus nidit zu seinem im Kriege befindlidien Regiment, 
sondern wieder nadi Korsika sidi begibt, dahin gelangt, in der 
zwisdien seiner Rüd^kehr aus Paris <15. Oktober l/92> und dem 
Konfliktausbrudi mit Paoli sidi ergebenden, etwa fünf Monate be- 
tragenden Spanne Zeit aus dem Saulus ein Paulus zu werden, 
seine zwanzigjährige Vergangenheit zu vergessen, ja dieselbe sogar 
in dem Maße ins Gegenteil zu verwandeln, daß er, den meisten 
Autoren zufolge, dieser neuen Liebe bedenkenlos sein altes Idol, 
Paoli, opfert? Meint ja sogar F. Kircheisen, daß selbst die 
Paoli verteidigende Adresse bloß dieser Liebe Napoleons für Frank- 
reidi entsprungen ist, »dem er keinen besseren Dienst erweisen zu 
können glaubte, als daß er dem Konvent die Widerrufung des 
Dekretes gegen Paoli empfehle!« 



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334 Dr. Ludwig Jckcls 



Dodi bin ich nidit der einzige, der an dieser Stelle diese 
Reklamation erhebt. Denn H. Conrad, der Herausgeber und Über* 
setzen des »Memorial de St. Helene« <Napoleons Leben von ihm 
selbst) erhebt in der Vorrede dieselbe Forderung mit nadistehenden 
Worten: »Seiner Jugend und der Gesdiidite seiner Familie maß 
der Kaiser keinerlei historisdie Bedeutung zu. Sein Leben wollte 
er begonnen wissen mit den ersten Waffentaten, die seinen Ruhm 
begründeten. All das was ihn werden ließ, sollte ausgestridien sein, 
und er handelte damit im Geiste der großen Republik, die audi mit 
der Geburt stolz das Jahr I. datierte.« Doch mögen bei 
Napoleon auch andere Gründe mitgespielt haben. Als 
Franzose fühlte er sidi zum erstenmal, da er die Artillerie vor 
Toulon kommandierte. Und als Franzosen mußte ihm seine 
Vergangenheit bis Toulon nidit nur historisdi unwiditig, nein, 
geradezu unangenehm erscheinen. Denn vorher war er 
Korse. Und das Kapitel der Jugendgeschichte hat darum 
die Aufgabe darzustellen; wie aus dem Korsen ein 
Franzose wurde.« 

Bei all den angeführten, das Verständnis so cmpfindlidi 
störenden LüAen, kann idi es, wiewohl mit seinen Ausführungen 
sonst nidit einverstanden, Fournier nur als Verdienst anredinen, 
daß er, offenbar zum Teil aus dem gleidien Empfinden heraus, 
diese Franzosenliebe Napoleons als Motiv des Brudies mit Paoli 
gänzlidi vernadilässigt und rein selbstisdie Motive, wie Napoleons 
maßlosen Ehrgeiz, Herrsdisudit und Strebertum, für diesen Abfall 
verantwortlidi madit und in ihnen die treibenden Kräfte erblid^t, 
die es bewirkten, »daß Napoleon aufhörte, Korse zu sein, ohne 
daß er es jemals dahin gebradit hätte, Franzose zu sein«. 

Indessen halte idi audx diese Erklärung aus mehreren Gründen 
für viel zu wenig besagend und unzureiAend. 

Denn abgesehen von der sidi aufdrängenden Frage, ob denn 
der Ehrgeiz, namentlidi ein so exorbitanter, wie er Napoleon zu* 
gesdirieben wird, ein psydiisdies Letztes, ein Element ist, das keine 
weitere Zurückführung zuläßt, ob er nidit vielmehr eine zusammen- 
gesetzte, somit nodi reduzierbare psydiisdie Ersdieinung ist, müßte 
uns vor allem zum restlosen Verständnis erklärt werden, warum 
derselbe bei Napoleon gerade in diesem Momente sidi so kraß 
geltend gemadit hat, und warum derselbe gerade diese und keine 
anderen Formen gewählt hat. 

Überdies aber ersdieint es mir sdion gewagt, sidi mit der 
Erklärung durdi Ehrgeiz zu begnügen, wenn idi mir nur vergegen-^ 
wärtige, wie er sidi etwa anderthalb Jahre vorher, im Jahre 1791, 
in seinem »Discours de Lyon« darüber ausläßt, nadidem er über 
die »passions violentes«, die ungestümen Leidensdiaften im alU 
gemeinen gepredigt hat: »Ist nun die Jugend vorüber und derselbe 
junge Mann hat das Mannesalter erreidit und der Ehrgeiz hat sidi 
seiner bemäditigt? Der Ehrgeiz mit dem blassen Gesidit, mit dem 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 335 

irrigen Blid^e, mit hastigem Gang, mit unregelmäßigen Be- 
wegungen und mit dem sardonisdien Lädieln? Das Verbredien be^ 
deutet ihm nidit mehr denn ein Spiel, Ränke nidit mehr denn ein 
Mittel/ die Lüge, die Verleumdung, die Sdimähsudit sind ihm bloß 
ein Argument, eine rhetorisdie Wendung. Und wenn er sdion zur 
leitenden Stellung gelangt? Da ermüdet ihn bloß die Huldigung der 
Völker.« 

Oder an einer anderen Stelle; »Aber der Ehrgeiz, dieses 
fressende Begehren, den Dünkel und die Unmäßigkeit zu befriedigen, 
der nie zufriedengestellt ist, der Alexander von Theben nadi Persien, 
von Granidius nadi Issus, von Issus nadi Arbella und von da nadi 
Indien führt/ der Ehrgeiz, der ihn die Welt erobern und verwüsten 
läßt, um ihn dodi nimt zu befriedigen, dessen Feuer ihn verzehrt/ 
in seinem Wahn weiß er nidit mehr, weldien Lauf er ihm geben 
soll, er wird von ihm getrieben und verirrt sidi . . . Alexander glaubt, 
ein Gott zu sein, ein Sohn Jupiters und will es audi die anderen 
glauben madien . . .« Oder an einer anderen Stelle: »Idi sudite 
das Glück und fand bloß den Ruhm!« Oder im »Sur Tamour de 
la patrie«: ^^ Unsere Seele wird zweifellos entflammt durdi die Er-^ 
Zählung der Taten von Alexander, Philipp, Karl d. Gr., Turenne, 
Conde, Macdiiavelli und so vieler anderer berühmter Männer, die 
in ihrer Heldenlautbahn sidi zum Leitstern die Sdiätzung der Men^ 
sdien nahmen/ aber weldi ein Gefühl beherrsdit unsere Seele beim 
Anblid^ von Leonidas und seiner dreihundert Spartaner! Die gehen 
nidit in eine Sdiladit — sie rennen in den Tod für das ihr Vater*' 
land bedrohende Sdiid^sal.« 

Ja sollte die hier bekundete gewaltige Einsidit uns dodi nidit 
zur Vorsidit mahnen vor der allzustarken Würdigung des Ehrgeiz- 
motives ! 

Und überdies möge man erwägen, daß Napoleon nadi seiner 
Fludit aus Korsika in der redit subalternen Stellung eines Artillerie* 
hauptmannes seinen Dienst antrat, daß ihm seitens Frankreidis und 
dessen Adhärenten wie Saliceti gar keine Avancen gemadit und 
keine Vorteile zugewendet wurden, daß seine Familie während 
dieser Zeit zuerst in einem Dorfe La Valette leben mußte, weil ihr 
der Aufenthalt in Toulon zu teuer war, und daß sie dann in Mar* 
seille in einer ans Elend grenzenden Armut ihr Dasein fristete, endlidi 
und hauptsädilidi, daß Napoleons Aufstieg und damit die Besserung 
in den Verhältnissen seiner Familie erst durdi seine ehrlidi verdiente 
Leistung bei der Belagerung von Toulon — dessen RüAeroberung 
im wesentlidien Bonaparte zu verdanken war — ihren Anfang 
nahmen, um die Unzulänglidikeit dieser Motivierung durdi Ehrgeiz 
einzusehen. 

Und dergestalt eraditen wir, daß die beiden hier in Rede 
stehenden Fragen: warum und wieso Napoleon aus dem Korsen 
zum Franzosen wurde, sowie: warum Napoleon mit Paoli ge* 
brodien hat, Fragen, weldie stellenweise innig miteinander zusammen* 



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336 Dr. Ludwig Jckds 



hängen und ineinanderfließen, und deren Beantwortung wir für un- 
erlänlidi halten, wenn nidht anders dieser vielleidit Bestimmendste 
Absdinitt im Leben Napoleons in ewiges Dunkel gehüllt bleiben 
soll, durdi die bisherige Forsdiung kaum in genügender/ geschweige 
denn in zufriedenstellender Weise beantwortet wurden. 

Dies Sdieitern all der bisherigen Bemühungen wird uns aber 
kaum verwundern, wenn wir bedennen, daß sidi dieselben bloß auf 
die Erforsdiung der Domäne des bewußten Seelenlebens Napoleons 
erstrebten, während, wie wir anzunehmen uns für bereditigt halten, 
die bestimmenden Einflüsse hier dem unbewußten Anteile des- 
selben entsprangen, dessen Ersdiließung und wenn audi nur sdiemati- 
sAen Darstellung, — wie übrigens bei der ungeheueren Größe des 
Materials kaum anders möglidi, — wir uns nun zuwenden wollen. 

Kein geringerer als Victor Hugo erkannte off^enbar die bei 
Bonaparte wirksamen Kräfte, als er von ihm meinte: 

»Bonaparte fut Timmense somnambule d'un reve ecroule.« 



IL 

Zum Zwed^e eines analytisdien Versudies sind wir bei 
Napoleon insoferne gut daran, als uns das hiezu notwendige 
Material, wie Pubertätsphantasien und Kindheitserinnerungen, in 
ziemlidi reidilidiem Ausmaße zur Verfügung steht. Die ersten finden 
wir in seinen 1786 bis 1793, somit zwischen dem siebzehnten und 
vierundzwanzigsten Lebensjahre verfaßten Sdiriften, die uns nun 
durdi Wiederauffindung der durdi Libri seinerzeit hinterzogenen 
und verkauften Manuskripte Napoleons wieder zugänglidi ge^ 
worden sind. 

In diesen Jugendsdiriften Napoleons ist — nadi Ansidit aller 
Biographen — der große Einfluß von zwei Sdiriftstellern unver* 
kennbar, nämlidi von Rousseau und Raynald. Den ersten von 
ihnen vergöttert Napoleon geradezu in dieser Zeit <1785 bis 
1792)/ er ist nadi ihm der tiefste, der durdidringendste Philosoph, 
und es gibt kaum ein Werk desselben, das er niAt bewunderns* 
wert fände. Die Erklärung für diese natürlidi ausgezeidinet ratio^ 
nalisierte Liebe, ist wahrlidi nidit sdiwer: sdirieb dodi Rousseau im 
Jahre 1762 in seinem :^Contrat social«: »Es gibt in Europa nodi 
ein Land, weldies der Gesetzgebung fähig ist: das ist die Insel 
Korsika. Der Mut und die Standhaftigkeit, mit weldier dieses 
wad^ere Volk seine Freiheit wieder zu erlangen und zu verteidigen 
gewußt hat, verdienten wohl, daß es irgendein Weiser lehrte, wie 
es sidi dieselben sidiern könne. Mir ahnt gewissermaßen, daß diese 
kleine Insel Europa eines Tages in Erstaunen setzen wird.« Und 
war es dodi Rousseau, der eines Tages es als seinen sehnlidisten 
Wunsdi ausspradi, den Rest seiner Tage auf dem korsisdien Eiland 
verbringen zu können. Und überdies stand ja Rousseau seinerzeit 
in regem BriefweAsel mit Paoli. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons L 337 

Nicht minder korsenfreundliA war audi das andere literarisdie 
Vorbild Napoleons, der Abbe Raynald, der Verfasser der »L'histoire 
philosophique de deux Indes«, der in diesem Werke in flammenden 
Worten die Perfidie und die Gier der die Korsen bedrüAenden 
Genuesen brandmarkt, und den Korsen die Wiedererriditung einer 
nationalen Regierung sowie das Ende der französisdien Herrsdiaft 
vorhersagt. 

Die Kindheitserinnerungen aber verdanken wir dem geradezu 
unermüdlidien Sammeleifer der Biographen, die sdion zu Zeiten 
des Konsulats und des Empire damit begonnen haben. Idi betone 
hier, daß die Authentizität der hier zur Verwendung gelangenden 
Beriditc über jeden Zweifel erhaben ist, denn dieselben werden 
selbst von soldien Forsdiern als sidiergestellt angeführt, die, wie 
z. B. Chuquet und Masson, anderen Überlieferungen gegenüber 
sidi äußerst kritisdi verhalten und nidit zögern, das Legendäre und 
Romanhafte der historisdien Wahrheit zu opfern. 

Auf dieses Material gestützt wollen wir nun den Paoli^ 
Konflikt untersudien und die während desselben von Napoleon 
verfaßten Sdiriftstüd^e ins Auge fassen. 

In dem ersten, in der Verteidigungsadresse, mödite idi den 
Passus: II se trouve ä la veille de devoir defendre la patrie 
contre une agression etrangere <er steht unmittelbar vor 
der Pflicht der Verteidigung des Landes gegen einen 
fremden Angriff) ganz besonders hervorheben. 

Denn diesem Begrifl^ des »Fremden«, »etranger« begegnen wir 
in Napoleons literarisdiem Nadilaß aus jener Zeit redit häufig, und 
zwar stets mit einem Beiklang von Feindseligkeit, der sehr weit 
über das hinausreidit, was dieser Begriff sdion natürlidierweise — 
als Gegensatz zum Eigenen — beinhaltet. 

Die beiden von ihm damals — als UnterdrüAer seines Volkes 
— so gehaßten Nationen, Genuesen und Franzosen, werden 
stellenweise unter diesen generellen Begrifft des »etranger« sub* 
summiert/ ja, einmal stellt er sogar die beiden Begriffe »fremd und 
feind« ganz deutlidi als äquivalent hin, als er eine in den genueser^ 
korsisdien Kämpfen des dreizehnten Jahrhunderts vergewaltigte 
Genueserin ihre Klage darüber vor dem Korsenführer Sinucello 
della Rocca mit den Worten einleiten läßt: »Je suis etrangere et 
ton ennemi.« <Lettres sur la Corse, Masson et Biagi, pag. 408.) 
Aber audi sonst trägt man bei dieser Lektüre den Eindruck der 
stark negativen Affektfärbung davon, von der bei ihm dieser Begriff 
begleitet ist: so z. B. wenn er, I. c, p. 416, von »fremder Hilre«, 
»secours etranger« spridit, die er als eine unsinnige Maßregel <de- 
mardie imprudente) bezeidinet, die »dem Vaterlande teuer zu stehen 
käme, oder mit besonderer Emphase über das Sdiidtsal der in das 
»climat etrangere versdiidtten Korsen wehklagt. <Lettres sur la Corse.) 

Und diese Stellung Napoleons zu den Fremden, zu denen 
man sidi nur immer »contre«, nie aber »avec« stellen, die man 

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338 Dr. Ludwig Jekels 



sich Stets fern halten, nie zu Freunden oder Bundesgenossen nehmen 
sollte, und die er eigentlidi nur in der Rolle der Feinde kennt, 
diese Einstellung, die audi in ihrer gegenteiligen Ausprägung, näni^ 
lidi in der tiefen Abneigung gegen den Bürgerkrieg wirksam ist, 
auf den er in seinem »Souper de Beaucair« von einer solAen Höhe 
herabsieht und »der bei Napoleon niemals Sympathien fand« <Kirch* 
eisen), sdieint mir nidit bloß ein Produkt der so oft von den Autoren 
hervorgehobenen Clan^Psydiologie der Korsen zu sein, sondern 
hat audi seine individuellen Wurzeln. Zumindest ist aber dieser 
Fremdenhaß Napoleons sehr alten Datums. Denn einer ausgezeidinet 
verbürgten Mitteilung zufolge, die idi hier nadi Cos ton wieder* 
ffebe, hat er sidi bereits als erster Konsul in einer seiner zahlreidien 
Unterhaltungen mit Herrn de TEguille, seinem ehemaligen Gesdiidits^ 
lehrer in der Militärsdiule in Paris aus dem Jahre 1784, den er oft 
in Malmaison sehr gnädig empfangen hat, diesem gegenüber ge* 
äußert : 

»Von allen Ihren Lektionen war es die über die Revolution 
des Connetable de Bourbon, die mir den größten Eindruck gemadit 
hat. Aber Sie hatten Unredit, mir zu sagen, sein größtes Verbredien 
sei es gewesen, daß er seinem König den Krieg gemadit hat,- sein 
wirklidies Verbredien war, daß er herangerüAt ist, um Frank- 
reidi mit Fremden anzugreifen. <De toutes vos legons, celle 
qui m'a laisse le plus d'impression c'est la Revolte du Connetable 
de Bourbon. Mais vous aviez tort de me dire, que son plus 
grand crime avait ete de faire la guerre ä son roi/ son veri* 
table crime fut d'etre venu attaquer la patrie, avec les 
etrangers).« 

In der zweiten, der Anklagesdirift gegen Paoli, findet sidi aber 
gleidifalls eine Stelle, die unsere volle Aufmerksamkeit verdient. 
Sie gipfelt nämlidi in dem Vorwurf: »II la <la patrie) soustrait 
a Tassociation de la France«, »er hält sie ab von der Ver- 
einigung mit Frankreich.« 

Idi habe bereits in der Exposition darauf hingewiesen, wie 
gewaltig sein Haß gegen diese Nation nodi knapp vor dem Paoli* 
Konflikt war,- und Chuquet hat da Redit, wenn er meint: »In 
dieser Epodie ist der zukünftige Monardi Frankreidis, der Mann, 
der ihm einmal den Namen der großen Nation verleihen und zur 
Devise ,Frankreidi über alles' nehmen wird, kein Franzose,- er 
veraditet diese Franzosen, die er höher denn alle Völker einst ein* 
sdiätzen und zum ersten Volk der Erde proklamieren wird,- er 
lehnt den Titel eines Franzosen ab, den er später als den sdiönsten 
der Erde bezeidinet.« Gewiß hat Chuquet da redit, aber dodi 
mit der Einsdiränkung, daß dieser Franzosenhaß Napoleons nidit 
bloß auf diese Epodie besdiränkt, sondern ungleidi älteren Datums 
ist, fast so alt wie Napoleon selbst! 

Erzählt dodi Chuquet selbst, daß er nodi in der Pariser 
Militärakademie sidi gegen Frankreidi auflehnte, immer wieder von 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 339 

Paoli schwärmte und mit ihm zusammen kämpfen wollte für die 
Unabhängigkeit Korsikas/ hier, wie nodi früher in Brienne, rühmte 
er die Korsen, die Europa in ihrem Widerstände gegen Frankreidi 
bewundert hat/ wie in Brienne verdammte er audi hier diesen von 
einem großen Volk einem kleinen Völkdien aufgedrängten Krieg, 
und geriet dadurdi stets in arge Konflikte sowohl mit den Vor- 
gesetzten als audi mit den Kameraden. Kaum neunjährig, beim 
Eintritt in die Sdiule zu Brienne, bridit er, nidit im geringsten durdi 
das fremde Milieu eingesdiüditert und ganz unbekümmert um das- 
selbe, beim Anblick des Porträts des Herzogs von Choiseul, des 
Staatsmannes, der Korsika den Genuesen abgenommen um es 
Frankreidi anzugliedern, in wüste und leidensdiaftserregte Sdimähungen 
gegen denselben los. Und nodi an anderen Kundgebungen dieser 
seiner Gesinnung in der Kindheit ist kein Mangel. Eine dieser 
Szenen aber, die wir bei Cos ton, aber audi bei anderen Bio* 
graphen finden, mödite idi mit ganz besonderer Sdiärfe hervorheben, 
weil sie uns eine für Napoleon riditunggebende Gefühlsströmung 
verrät und ein grundlegendes Element darstellt, sowohl für die 

Esydiologisdie Ersdiließung seiner Persönlidikeit als audi für die 
,ösung des vorliegenden Problems. Die betreffende Notiz besagt, 
Napoleon sei mit zirka neun Jahren beim Vorstand der Sdiule 
zur Tafel geladen gewesen und habe, wie gewöhnlidi, von einem 
der Lehrer gened^t, diesem geantwortet: 

»Paoli war ein großer Mann, er liebte sein Vater-^ 
land/ und ich werde niemals meinem Vater, der sein 
Adjutant war, verzeihen, daß er behilflich war, Korsika 
mit Frankreich zu vereinigen. Er hätte seinem Schicksale 
folgen und mit jenem zusammen unterliegen sollen. <Paoli 
etait un grand homme/ il aimait son pays/ et jamais je ne pardon* 
nerai ä mon pere qui etait son adjudant, d'avoir concouru ä la 
reunion de la Corse ä la France. II avait du suivre sa fortune 
et succomber avec lui.>« 

Denn abgesehen davon, daß diese Worte Napoleons selbst 
sdion auf eine gewisse entgegengesetzte Rolle hinweisen, die er 
den Gestalten des Vaters und raolis in seiner Vorstellung zuweist, 
braudit man ja bloß den Vorwurf an den Vater: »II a concouru 
ä la reunion« etc. mit dem fünfzehn Jahre später an Paoli ge^ 
riditeten »il la soustrait ä la reunion« in ihrer strikt konträren, 
sie geradezu zur Identität, zu zwei bloß versdiiedenen Ersdieinungs- 
weisen desselben Dinges stempelnden Gegensätzlidikeit zusammen^ 
stellen, um sowohl die Bewertung dieses Aussprudies, als audi 
seine Hervorhebung zu reditfertigen. 

Und im Lidite dieser Zusammenstellung hellen sidi uns auf und 
versdiärfen sidi plötzlidi die bis nun für die Gesdiiditsforsdiung so 
unbestimmten, uneinheitlidien Konturen der Napoleonisdien Gestalt 
und wir werden die ungeheuer plastisdie Gegensätzlidikeit des 
Napoleon vor und nadi seinem Brudie mit Korsika gewahr, wo 

22* 



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340 Dr. Ludwig Jckcis 



aus dem bisherigen Franzosenhasser und Anglomanen — ein 
Franzose und Englandfeind, aus dem Verurteiler Alexander d. Gr. 

— sein sdiwärmerisdier Bewunderer, aus dem grenzenlosen Ver* 
ehrer Rousseaus — sein Geringsdiätzer, der ihn einen langweiligen 
Sdiwätzer und Narren nennt, aus dem Jakobiner, Gleidiheits* 
sdiwärmer und Königsstürzer — der mit unerhörtem fürstlidien 
Glanz sidi umgebende Oberbefehlshaber der italienisdien Armee, 
erster Konsul und die Gottesgleidiheit herbeisehnende absolute 
Kaiser wird. 

Und nidit minder gegensätzlich sind die beiden Napoleone, 
von denen der eine in der »Refoutation de Roustan« die Religion 
als sdiädlidi für den Staat erklärt, Apollonius von Tyana nodi 
über Christus stellt, den Klerus verabscheut und Freimaurer wird, 

— der andere aber Wieland gegenüber behauptet, >das Christentum 
sei ein unübertreffliches philosophisches System, wodurch der Mensdi 
mit sich selbst versöhnt und zugleich die Ordnung und Ruhe der 
Staaten ebenso stark verbürgt würden, wie GlüA und Hoffnung 
der Individuen«, der sich nidit krönen lassen will, ohne den Segen 
des Papstes und diesen persönlich dazu nadi Fontainebleau bezieht, 
und der sein Testament einleitet mit 'den Worten; »Ich sterbe in 
der apostolisdien und römischen Religion, in deren Schöße idi 
geboren wurde.« 

Wir haben dergestalt den Konflikt mit Paoli eigentlich auf 
zwei Formeln zurückgeführt: 

»attaquer la patrie avec les etrangers« und 

»il a concouru ä la reunion de la Corse ä la France« 
und wollen dieselben nun analytisch interpretieren, zumal wir im 
Gegensatze zur niditanalytischen Welt, die dem Kinde viel eher 
Orientierung selbst in der Politik als in Sexualibus zusprechen möchte, 
programmatisch keine ursprünglichen Affekteinstellungen zu ab* 
strakten Vorstellungen kennen, sondern dieselben immer auf recht 
konkrete, irdische Quellen zurückführen, da doch gerade die Psyche 
des Kindes durch mangelnde Abstraktionsfähigkeit, Konkretismus 
der Vorstellungen und Neigung zur Substitution der assoziierten 
Vorstellungen ausgezeichnet ist. 

Mit anderen Worten: Was bedeutet in den obigen Aus* 
Sprüchen die Patrie (respektive Korsika) und was La France 
<respektive etrangers)? 

Wie bereits oben unter stellenweiser Anführung bemerkt 
wurde, finden wir in den literarischen Erzeugnissen Napoleons in 
dieser Zeit als stets wiederkehrendes Motiv eine heiße, geradezu 
unstillbare Liebe für sein korsisches Vaterland. Dieses Leitmotiv 
wird in denselben auf die unterschiedlichste Weise variiert und 
unter den mannigfaltigsten Gesichtspunkten erörtert, analysiert, und 
auf seine Existenzberechtigung untersucht. Ob es ein historischer 
Essai über Korsika ist oder der Erguß einer selbstmörderischen 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 341 

Stimmung, eine untersdieidende Untersudiung zwisAen Vaterlands^ 
liebe und Ruhmsudit, im Dialogue sur Tamour und im Discours 
de Lyon, stets sehen wir ihn auf die Patrie, und mag es von 
nodi so weit hergeholt sein, zurüd^kommen/ so daß man sidi kaum 
des Eindrudces erwehren kann, es hier mit einer stark überwertigen, 
weil im Unbewußten wurzelnden Vorstellung zu tun zu haben. Chu* 
quet äußert sidi darüber in niditanalytisdier Ahnungslosigkeit: 
»Leutnant Bonaparte atmet also nidits anderes als Liebe für seine 
kleine Insel. Jede andere Leidensdiaft sdieint ihm fremd zu sein, 
und er könnte wie der Held einer seiner Novellen sagen : ,Idi habe das 
Leben aus Korsika gesdiöpft <j'ai puise la vie en Corse) und damit 
eine gewaltige Liebe für mein unglüddidies Vaterland und seine 
Unabhängigkeit.'« <Nouvelle Corse.) 

Da ist es ja direkt, nidit einmal mehr figürlidi oder in Form 
eines Gleidinisses ausgesprodien, was sidi mir aus Analysen von 
neurotisdien Patienten ergab, daß das Vaterland eine vorgesdiobene 
Vorstellung für die Mutter ist, und die Liebe zum Vaterlande 
eingendidi die Liebe zur Mutter bedeutet. Dodi diese gegenseitige 
Valenz: Vaterland — Mutter war ja den Alten wohl bekannt,- denn 
wir lesen bei Herodotos (Übersetzung von Lange, II. Teil, VI. Budi, 
Erato 107): ^^Die Barbaren aber führte Hippias nadi Marathon, 
nadidem er in der vergangenen Nadit folgendes Traumgesidit ge-» 
habt: Es deuAte dem Hippias, er sdiliefe bei seiner eigenen Mutter. 
Aus diesem Traum sdiloß er nun, er würde heimkommen naA 
Athen und seine Herrsdiaft wieder erlangen und in seinem Vater* 
lande sterben in seinen alten Tagen. Das sdiloß er aus dem 
Traum.« 

Daß die Vorstellung Vaterland aber dieselbe unbewußte 
Valenz und somit dieselbe affektive Quelle hat wie die Vorstellung 
Erde, deren Mutterbedeutung bereits ein psydioanalytisdier Gemein^ 
platz geworden ist und für die idi bloß auf Dieterichs Werk 
»Mutter Erde«\ auf den Traum von Julius Cäsar^ das Tarquinius- 
OrakeP etc. hinzuweisen braudie — läßt uns annehmen, daß der 
deutsdie Ausdrud^ dafür, das Land des Vaters, uns den Zusammen*' 
hang am deutlidisten enthüllt, indem er uns andeutet, daß hier die 



^ »Mutter Erde«, Ein Versuch über Volksrcligion von Albert Dieter ich. 
Berlin 1905, Teubner. 

* Otto Rank, »Inzest-Motiv in Dichtung und Sage«, p. 237. Sueton er* 
zählt c. 7: »Selbst wegen eines Traumes in der folgenden Nacht, der ihn beun* 
ruhigte — denn ihm träumte, er habe seine Mutter beschlafen — machten die 
Traumdeuter ihm Mut zu den größten Hoffnungen,- sie gaben nämlich die Auslegung, 
als sei es ein Vorzeichen seiner Herrschaft über den Erdkreis,- denn die Mutter, 
die er habe unter sich liegen sehen, sei niemand anders, als die 
Erde, die Allmutter.« 

' Livius, I, LXI: Demjenigen werde die Herrschaft Roms zufallen, der 
zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf 
die Mutter Erde auffaßte <terram osculo contigit, scilicet cjuod ea communis 
mater omnium mortalium esset). 



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342 Dr. Ludwig Jckcis 



VersAiebung über die Vorstellung Land-Erde stattgefunden hat. 
Idi mödite nur hinzufügen, daß in den anderen, z. B. sämtlidien 
slawisAen SpraAen, bei der entspredienden Bezeidinung sidi nidits 
von dem Elemente Land oder Erde befindet, wohl aber dasselbe 
durdi die dem Substantiv Vater angehängte Endung: zna oder 
na etc., — weldie etwas dem Vater gehöriges bedeutet, — 
ersetzt ist. 

Die in Napoleons Sdiriften so häufigen und plastisdien Gleidi* 
nisse, wie z. B. »au sein de votre patriec <Sur la Corse> oder 
<Sur lamour de la patrie) »Athen sei ihm (dem Sohne Cimons) 
immer seine Mutter und sein Vaterland«, oder <Discours de Lyon) 
das Gefühl <le sentiment) sei dasjenige, >was den Sohn mit der 
Mutter, den Bürger mit dem Vaterlande vereinigt«, spredien gewiß 
für diese Deutung, ebenso wie die für ein Gleidinis fast zu weit 
gehende Plastizität, die wir im Briefe an Buttafuoco vorfinden: 
»Wie denn, Sohn derselben Patrie, empfinden Sie nie etwas für sie? 
Blieb Ihr Herz unbewegt beim AnbliA der Felsen, der Bäume, der 
Häuser, der Gegenden — der Bühne Ihrer kindlidien Spiele? Als 
Sie zur Welt kamen, trug sie Sie an ihrem Busen und nährte Sie 
von ihren Früditen,- als Sie in das Alter der Vernunft traten, 
waren Sie ihre ganze Hoffnung,- sie sAenkte Ihnen ihr Vertrauen. 
Sie sagt Ihnen: mein Sohn, du siehst, in weldi elendem Zu* 
Stande etc.« 

Diesen analytisAen SAIüssel wollen wir nun, wenn auA nur 
an wenigen Stellen seiner Jugendsdiriften, verifizieren und erproben. 

Der Essai »Sur Tamour de la patrie«, den er im Alter von 
aditzehn Jahren <27. November 1787) während eines kurzen, in 
Familienangelegenheiten von Korsika aus unternommenen Aufcnt^ 
haltes in Paris gesdirieben, ist in einer seelisdien Verfassung ent* 
standen, die wir am besten mit Napoleons eigenen Worten diarakteri* 
sieren: »Idi stehe kaum im Alter des Morgenanbrudies der Leiden* 
sdiaften, mein Herz erzittert nodi von dem Aufruhr, den diese 
erste Bekanntsdiaft in unseren Gedanken erzeugt . . .« Nun denn, 
zum Verständnis dieser Worte, sowie der nadifolgenden Gedanken* 
gänge gereidie es, daß Napoleon diesen Essai gesdirieben hat fünf 
Tage, nadidem er eine Nadit bei einer Prostituierten zugebradit 
hat — und soldiergestalt sein erstes sexuelles Erlebnis gehabt hat, 
— worüber er uns im »Recontre au Palais Royal« ein unzweifeU 
haftes Dokument zurüci<gclassen hat. Es ist aber nidit etwa der 
die Welt durdi die Brille der Sexualität sehende Analytiker allein, 
dem sidi dieser Zusammenhang aufdrängt/ denn die nadi dieser 
Riditung hin gewiß unvoreingenommene Gertrud Kircheisen 
stellt ihn — mit dem Sdiarfsinn eines Weibes — gleidifalls und 
widerstandslos her. Sie meint darüber: »Glaubt man jedodi, 
Napoleon habe dieses Ereignis seines Lebens deswegen notiert 
weil es einen besonderen EindruA auf ihn hinterlassen hatte, so 
irrt man sidi. Die Aufzeidinung jenes flüditigen Begegnens mit einem 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 343 

Weibe geschah weit mehr aus Neigung oder Grundsatz, jeden 
Wendepunkt in seinem Leben mit der größten Genauigkeit zu ver^ 
zeidinen, als aus einem inneren Erleben oder Empfinden heraus. 
Napoleons Herz war viel zu sehr von der Vaterlandsliebe erfüllt, 
als daß ein anderes Gefühl, und wäre es audi nur ein sinnlidies, 
dauernd darin Platz gefunden hätte. Er nahm von dem Abenteuer 
im Palais Royal ganz andere Eindrüd^e mit sidi fort, wenn audi 
nidit ohne Kampf. Alle physisdien Empfindungen sudite er durdi 
das seiner Ansidit nadi allein edite Gefühl des Patriotismus zu 
erdrüd^en. 

Fünf Tage später, am 27. November, verfaßte er einen 
Monolog über die Vaterlandsliebe. Er ist an eine nidit genannte 
Dame geriditet. Sollte Napoleon naiv genug gewesen sein und mit 
der Anonymen die Sdiöne des Palais Royal im Auge gehabt haben? 
Möglidi wäre es.« 

Aber audi, wenn wir Napoleons Aufzeidmung nidit besäßen, 
so wäre es unsdiwer zu entnehmen, daß die Frage der Liebe und 
der Sexualität für ihn akuter und ungestümer geworden war, so 
daß sie ihn sogar bei diesem »Rencontre« dahin gebradit hat, die 
»personne du sexe« anzuspredien, ihn, »der mehr denn jemand 
durdidrungen war von dem Absdieu ihres Standes und sidi immer 
für besdimutzt hielt durdi den bloßen Blid« <penetre plus que per^ 
sonne de Todieux de son etat, me suis toujours cru souille par un 
seul regard). In diesem Essai nämlidi vergleidit er die moderne 
Zeit mit der von Sparta und Athen,- während damals Vaterlands^ 
liebe herrsdite, herrsdie jetzt die Liebe,- und diese beiden Leiden* 
sdiaften wären infolge ihrer entgegengesetzten Wirkungen miteinander 
unvereinbar,- denn wo ein VoIk der Liebe fröhnt, da leide darunter 
die Vaterlandsliebe,- und deshalb glaubten heute nur wenige Per- 
sonen an dieselbe. Beziehen wir diese Auslassung im Hinblid^ — 
auf die oben angegebene Grundstimmung — auf die Person 
Napoleons, setzen wir statt d^s Volkes ihn selbst ein, so würden 
uns Athen und Sparta, die entlegenen Zeiten, nidits anderes denn 
seine selige Kindheit bedeuten, und das ganze wäre ein Ausdrud^ 
der Befürditung, es könnte durdi die Hingabe an die Frauen bei 
ihm die Liebe zur Mutter eine Einbuße erleiden,- mit anderen 
Worten: es ist in ihm ein Kampf entbrannt zwisdien seiner eroti^ 
sdien Vergangenheit und Gegenwart. 

Für die Riditigkeit dieser Deutung haben wir nodi einen nidit 
unwiditigen Beleg. In demselben Essai apostrophiert er nämlidi 
bald darauf in redit aggressiver und despektierlidier Weise die 
modernen Frauen: »aber o du Gesdiledit, das heutzutage die 
Herzen der Männer an deinen (Triumph^) Wagen kettest, dessen 
ganzes Verdienst in einem blendenden Aussehen besteht, erwäge 
hier <i. e. in Sparta) deinen Triumph und erröte, daß du das nidht 
mehr bist.« Und er verweist die heutigen Frauen auf die Heroinen 
Spartas, sie ihnen als Muster und Vorbild hinstellend. 



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344 Dr. Ludwig Jckcis 



Nun denn: er kannte eine dieser Heroinen nur zu gut, 
seine Mutter Lätizia, die einer der Biographen <Chuquet> folgender- 
maßen Aarakterisiert: »Ein Mannesnerz wohnte im Leibe dieser 
stolzen, unersdirod^enen, unverzagten Frau. Sie begleitete ihren 
Mann in die Wälder und Berge in den letzten Tagen der Unab*» 
hängigkeit. Oft verließ sie, um Informationen über die Armee ein* 
zuholen, die steilen Felsen, wo die Frauen ein sidieres Versteh 
hatten/ sie wagte sidi bis in Gegenden vor, die sehr gefährdet 
waren,- sie hörte die Kugeln pfeifen, aber sie hatte keinen anderen 
Gedanken, als das Wohl ihres Mannes und Korsikas. Sie war 
noch sdiwanger mit Napoleon und trug ihr Kind mit dem gleidien 
GIüAe und derselben Heiterkeit, wie sie es später in den Armen 
hielt.« Dies war die Vergangenheit und der Ruf Lätizias, die 
Paoli als Mutter der Gracdien oder als Cornelia bezeidinete,- 
was Wunder, daß diese Mutter dann dem kleinen Jungen zur 
Heroine wurde. 

Soldiergestalt stellt sidi uns dieser Essai, diese von edler 
Begeisterung und jugendlidiem Pathos getragene, angeblidi kritisdie 
Untersudiung, — abgesehen von den anderen, später nodi zu be* 
spredienden Bedeutungen — als ein mäditiges Ringen mit dem 
Mutterkomplex dar, der geradezu um seine Existenz zu kämpfen 
sdieint. Die hereingebrodiene Pubertät, die den jungen Mann, wie 
wir gesehen haben, gebieterisdi zum anderen Gesdiledit drängt, 
was folgeriditig ein Loskommen von der Mutter erheisdit, hat in 
seinem Unbewußten einen mäditigen Kampf ausgelöst. Sdion daß 
er die Frage aufrollt, ob es überhaupt eine Vaterlandsliebe gibt 
<ob es nidit vielmehr Ruhmsudit ist), zeigt uns an, daß in seiner 
Seele die Ablösungstendenz eingesetzt hat, und der durdi dieselbe 
etwas ins Wanken geratene Mutterkomplex diese ganze, so em* 
phatisdie Beweisführung inspiriert. Wir sehen ihn da in diesem Für 
und Wider zuweilen bis zur Grellheit durdhsdieinen, so z. B. wenn 
er dem Themistokles, der mit Hilfe der Perser zweifellos Griechen* 
land unterjodien konnte, aber darauf verzichtet hat mit den Worten: 
»O mon fils, nous perissions si nous n'avions peri« — gegenüber^ 
gestellt die Taten der von bloßer Ruhmsucht getriebenen Franzosen 
Robert d'Artois, d'Orleans, Conde, die da »nicht rot wurden zu 
verwüsten die Gefilde, die ihre Geburt gesehen haben« <qui ne 
rougirent pas de devaster les campagnes qui les avaient vu naitre). 

— Es ist wohl hier recht deutlich die Notwendigkeit des Ver* 
zichtes auf das inzestuöse Verlangen nadi der Mutter ausgesprochen 

— das, realisiert, zum sicheren Untergange führt. 

Und dieses Kämpfen für und wider diesen seinen Komplex 
ist der eigentlidie latente Inhalt so ziemlich aller anderen, in den 
nächsten vier Jahren verfaßten Schriften. Zuweilen, wie z. B. im 
»Discours de Lyon« in der Preisbewerbung über die Frage: 
»Welche Wahrheiten und welche Gefühle soll man den Menschen 
einflößen zu ihrem Glücke?« in dem, wie schon Chuquet bemerkt. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 345 

Napoleon unter der Gewandung sozialpolitisdier Reformen »sein 
Herz überfließen läßt«, wird dieser sein Mutterkomplex audi durdi 
die Erde symbolisiert. So z. B. wenn er da seine Behauptungen 
an einem jungen Manne exemplifiziert, der nadi den Torheiten der 
Kindheit ins Alter der erwachten Leidensdiaften tritt: »Sein starker 
Arm im Einklänge mit seinen Bedürfnissen verlangt nadi Arbeit/ 
aber ein BliA um ihn herum und er sieht die Erde unter wenige 
Hände verteilt«. Nun wendet er sidi an die sozialen Ordner, die 
ihm jedodi bloß die Akten als zum Besitz bereditigend vorweisen, 
und er, unzufrieden mit dieser unzulängliAen Antwort, entrüstet 
ruft: »Wie, das sind die Besitztitel dieser Herren! Die meinigen 
sind viel heiliger, viel unleugbarer, viel universeller! Sie erneuern 
sidi mit meiner Atmung, kreisen in meinem Blute, sind gesArieben 
in meinen Nerven und in meinem Herzen. Sie sind die Not* 
wendigkeit meines Daseins und vor allem meines Glüd^es!« 

Diese Exklamation mag uns illustrieren, mit weldi' gewaltiger 
Libido bei Napoleon die Vorstellung Erde besetzt und wie wenig 
diese Libido nodi abgetönt war. 



In diesem durdi Auflösung der Symbole gewonnenen RüA- 
sdiluß auf eine starke Fixierung Napoleons bei seiner Mutter 
werden wir nur bestärkt, wenn wir diese Spur in seinem realen 
Liebesleben verfolgen. Sie tritt weniger deutlidi zutage in seinem 
Verhältnis zur Mutter, das, soweit idi die einsdilägige Literatur kenne 
kaum etwas anderes als eine allerdings ganz ungewöhnlidie Sohnes* 
zärtlidikeit aufweist. Es ist ja bekannt und soll im weiteren Ver* 
lauf dieser Studie nodi des öfteren betont werden, daß er Frau 
Lätizia gegenüber, von der er auf St. Helena sidi äußerte, sie sei 
mit dreißig Jahren »belle comme les amours« gewesen, der auf- 
opferndste und aufmerksamste Sohn war, stets bemüht, ihr das 
Leben so leidit und so angenehm als möglidi zu gestalten. Auf 
weldier Etappe seiner so ungeheuer bewegten und abwedislungs- 
reidien Laufbahn wir dies Verhältnis audi beobaditen, stets finden 
wir Beweise seiner zärtlidisten Fürsorge für die Mutter,- »sa pre- 
miere i>ensee est pour eile«, meint Masson an einer Stelle. Mit 
der äußeren Situation wediseln bloß die Ausdrud^smittel dieser 
stets gleidibleibenden Gefühlsströmung. Für die Mutter ist er stets 
zu Opfern an Geld, Zeit und Geduld bereit,- sowohl als armer 
Sekondleutnant und Hauptmann, der ihr aus seinem kargen Sold 
aushilft und ihr die sdiweren Bürden tragen hilft, wie audi als 
gigantisdie Pläne in seinem Kopfe wälzender Herrsdier eines Welt« 
reidies, wo er ihr Millionen zur Verfügung stellt, dafür Sorge 
trägt, daß ihr in seinem strengen Hofzeremoniell ein gebührender 
Platz angewiesen werde, selbst ihr den Hofstaat und den Ehren« 
dienst bestimmt, ihr, um sie zu besdiäftigen, das Protektorat der 
Soeurs de diarite verleiht, ja sogar persönlidi die Tapeten zu dem 



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346 Dr. Ludwig Jckels 



ihr gesdienkten Sdiloß Pont sur Seine auswählt, und dabei nodi 
für die Klagen und oft ungebührlidien Rekriminationen der nimmer- 
satten und sidi beeinträditigt fühlenden alten Frau stets ein geduldiges 
Ohr und respektvolle Nadisidit hat. 

Um so deutlidier aber prägt siA der Einfluß der Mutter* 
imago im Liebesleben Napoleons aus, wo er unverkennbar eine 
geradezu zwanghafte Wirkung ausübt/ er kann nur lieben und 
heiraten in tunlidister Anlehnung an die Mutter. 

Ein unverkennbares Merkmal starker Fixierung an die Mutter 
— die frühe Sehnsudit nadi der Ehe — sehen wir audi bei 
Napoleon sehr stark ausgeprägt. Wir begegnen ihr oft in seinen 
Jugendsdiriften, speziell im >Discours de Lyon«. Und als zwanzig- 
jähriger Leutnant in Auxonne trägt er sidi sdion mit Heirats- 
gedanken, ja soll sogar um die Hand der Manesca Pillet, Stief- 
toditer eines reidien Holzhändlers, angehalten haben. 

Sehr deutlidi aber können wir den Einfluß des Komplexes in der 
Episode mit der Sdiwester seiner Sdiwägerin Desiree Eugenie Clary, 
der späteren Gattin Bernardottes, Königs von Sdiweden, beobaditen. 
Der sedisundzwanzigjährige, arme, ja völlig mittellose, weil von 
seinem Kommando enthobene Brigadegeneral, findet die heiße Liebe 
eines sedizehnjährigen, überdies reidien Mäddiens, die ihm z. B. 
sdireibt: »mit einem Worte: mein ganzes Leben gehört Dir.« 
Napoleon nimmt die Sadie sehr ernst. Nadi mehr als einjähriger 
Bekanntsdiaft, in der zahlreidie Briefe gewediselt wurden, entsdiließt 
er sidi Eugenie zu heiraten, und drängt ungestüm seinen Bruder 
Joseph, Sdiritte in dieser Sadie zu madien: »Idi brenne darauf, 
einen Hausstand zu haben. Entweder muß die Sadie mit Eugenie 
sidi entsdieiden oder abgebrodien werden.« — Nun, sie ging in 
Brüdie,- denn das war das letzte Wort. »Die Hymne Desiree ver- 
stummt von nun in Napoleons Briefen,« aus weldien Ursadien, ist 
aber den Biographen unbekannt. Sie meinen, er hätte Desiree nidit 
geliebt und an diese Verbindung lediglidi aus Opportunitäts- und 
Bequemlidikeitsgründen gedadit. Dem ist aber nidit so, und wir 
können G. Kircheisen nur beistimmen, wenn sie meint: und dodi 
hat Napoleon Desiree geliebt. Denn erstens drüdten die Briefe des 
jungen Mäddiens die Gewißheit, Gegenliebe zu besitzen, aus, dann 
ist ja Napoleon immer ganz trostlos und unglüAlidi wenn ein 
Brief von Desiree ausbleibt, und dann erhellt es ja audi aus der 
Sorge und Mühe die er sidi nimmt, um sie, nadidem er eine 
andere geehelidit, redit glüd^lidi zu verheiraten. 

Er hat also zweifellos für sie empfunden,- nur daß diesem 
Liebesobjekt eine Eigensdiaft fehlte, die in Konsequenz unserer 
bisherigen Ausführungen für Napoleon eine unerläßlidie Bedingung 
war, damit sein Gefühl für das Weib die notwendige Höhe er* 
reidie, um ihm dessen Besitz widersprudislos als begehrenswert, ja 
beglüdend ersdieinen zu lassen. Und weldies diese Bedingung war, 
wird uns sofort klar, wenn wir die weiteren Liebesobjekte 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 347 

Napoleons in Erwägung ziehen. Denn von der Desiree wendet er 
siA fast unmittelbar zur Frau Permon, einer Witwe mit zwei 
Kindern und der Freundin seiner Mutter, und madit ihr einen 
Heiratsantrag/ nadi ihr der gleidifalls bedeutend älteren Mme. de la 
Boudiarderie, um etwa ein Jahr darauf sidi mit der ganzen Glut 
seines Herzens in Josephine de Beauharnais zu verlieben, eine 
Witwe, die er trotz ihrer zwei Kinder bedenkenlos heiratet, und 
die, ebenso wie die früher genannten Frauen, wesentlidi — um 
sieben Jahre — älter ist als er selbst, 

Ist dodi diese Bedingung der »älteren Frau«, die bei 
Napoleon audi G. Kircheisen aufgefallen ist <»wie es sdieint, 
fühlte sidi Napoleon besonders zu Frauen hingezogen, die bedeutend 
älter waren als er«), nadi Freud das sidierste, weil am wenigsten 
entstellte Merkmal der inzestuösen Fixierung an die Mutter. 



Wir müssen nun konsequenterweise audi für den Affektwert 
des Elementes »la France«, respektive »etranger«, die ursprünglidie 
Quelle aufdecken und diesen Affekt gleidifalls auf konkrete Wurzeln 
zurüdiführen,- mit anderen Worten, es muß da jemand »französi* 
sdien« gegeben haben, von dem der kleine Napoleon annahm, daß 
er sidi unter der Beihilfe des Vaters mit der Mutter vereinige,- 
oder wenn wir es aus der ohnedies durdisiditigen Verkleidung 
heraussdiälen : von dem er meinte, daß er mit der Mutter sexuelle 
Beziehungen unterhalte. 

Nun gab es dort tatsädilidi in der Kindheit Napoleons einen 
Franzosen, der durdi sein damaliges und späteres Verhältnis zur 
Familie Bonaparte, sowie durdi die offizielle Stellung die er be* 
kleidete, sehr geeignet war, eine hervorragende Rolle in der Vor^ 
Stellungswelt des kleinen Jungen zu spielen und den Argwohn des 
kleinen Eifersüditigen zu erregen. Es war dies Graf Louis Charles 
Rene de Marbeuf, Gouverneur der Insel und Generalleutnant der 
französisdien Truppen — die oberste Madit im eben okkupierten 
Lande/ also gewiß sehr geeignet, vom Kinde als Inkorporation des 
Franzosentums, ja als Frankreidi selbst angesehen zu werden! 

Es waren aber audi redit innige Beziehungen, die Charles 
Bonaparte und seine Familie mit dem Gouverneur verbanden. Nadi 
der Okkupation und Pazifizierung der Insel war Charles Bonaparte 

— müde des Kampfes und durdi die materielle Lage gezwungen 

— eifrig bemüht, die Franzosenherrsdiaft zu stützen und sidi en 
revandie dafür alle möglidien Vorteile an Geld, Stellen und Titeln 
zu versdiaffen. 

Demzufolge sehen wir den Gouverneur sowohl zu Lebzeiten 
Charles für dessen Familie sorgen, als audi später der Witwe 
Lätizia unermüdlidi beistehen. Und nidit nur, daß er selbst es an 
eifrigsten Bemühungen nidit fehlen ließ/ er verpflliditete dazu nodi 
seinen Neffen, zuerst Bisdiof in Autun, später Erzbisdiof von Lyon. 



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348 Dr. Ludwig Jckcls 



Und so kommt es, daß wir die beiden Brüder stets irgendwo und 
irgendwie auf dem Wege der Familie Bonaparte treffen, wenn wir 
das SdiiAsal derselben zu dieser Zeit verfolgen. Von General 
Marbeuf wird Louis Bonaparte aus der Taufe gehoben/ durdi seine 
Protektion erhalten Joseph und Lucian Freiplätze in Autun, 
Marianne Elisa in St. Cyr und der Halbbruder Napoleons, Fesdi, 
im geistlidien Seminar zu Aix, unser Napoleon aber in La Fledie, 
und als dann die Disposition geändert wird, wieder in Brienne,- 
unter Marbeufs Einfluß gibt Napoleon das ursprünglidie Projekt, 
in die Marine einzutreten, auf, und wendet sidi der Artillerie zu. 
Außerdem aber ist Graf Marbeuf stets eifrig bemüht, dem in ewigen 
Geldnöten befindlidien Vater Napoleons audi da auszuhelfen. Durdi 
Marbeufs Einfluß wird Charles wiederholt in die Adelsdeputation 
gewählt, was mit einem Gehalt verbunden war,- durdi Marbeuf 
erhielt er eine ziemlidi gute Dotation für die Erhaltung einer MauU 
beerbaumsdiule,- der Gouverneur unterstützt ihn audi in dem 
Prozeß, den Charles gegen die Jesuiten wegen Herausgabe eines 
ihnen von seinem verstorbenen Verwandten vermaditen Besitzes 
<Milleli> anstrengt. 

Bei dieser Rolle Marbeufs in der Familie Charles Bonapartes 

— von dem Jung beriditet, er sei »toujours absent«, immer auf 
der Sudie nadi Geld, Beziehungen und Pläsier gewesen, — ist es 
wohl kaum verwunderlidi, wenn die öfi^entlidie Meinung, zumal bei 
der Sdiönheit und Jugend Frau Lätizias, der Anteilnahme des 
Gouverneurs an den Gesdiid^en der Familie erotisdie Motive unter* 
legte, somit zu denselben Resultaten gelangte wie der kleine Junge. 
Cos ton meint da: »Die Bösartigkeit hat sidi den SAerz gemadit, 
hier eine andere Ursadie zu finden.« 

Audi Kircheisen notiert ebenso wie Masson dieses Gerüdit, 
wonadi »man die Mutter Napoleons besdiuldigt hat, dem alten 
Marbeuf mehr als Freundin gewesen zu sein«, meint aber, >ihr 
gerader, edit korsisdier Charakter bürge allein sdion für die Un- 
gereimtheit soldier Gerüdite,- überdies besaß sie keinen LeiAtsinn 
und ihre Sdiönheit hätte mehr Bewunderung als Begehren erweAt.« 

— Idi meine, daß etwas von dieser Auffassung des Verhältnisses 
in dem Wortlaute durdiklinge, mit dem die Bonapartes nadi dem 
BruA mit Paoli in die Adit erklärt wurden. Da heißt es nämlidi 
von ihnen: »Die im Sdimutze des Despotismus geborenen, unter 
den Augen und auf Kosten eines an Luxus gewöhnten Pasdias 
<Marbeuf) . . . aufgewadisenen Bonapartes.« 

Nun denn: mag dem in Wirklidikeit wie immer gewesen 
sein,' für unsere Untersudiung handelt es sidi darum, zu erweisen, 
daß der kleine Napoleon ebenso wie die übrige Welt genügende 
Anhaltspunkte fand, um an ein von seinem Vater toleriertes oder 
gar unterstütztes Verhältnis seiner Mutter mit Marbeuf zu glauben, 
zumindest aber, um eine Phantasie zu bilden, die dann, wie wir 
wissen, den vollen ^X^ert der Realität besitzt. Und daß dies tat^ 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 349 

sädilicfi der Fall war und daß dies der tiefere Sinn des gegen den 
Vater geriditeten Vorwurfes: ^er habe beigetragen, Korsika mit 
Frankreidi zu vereinigen«, dafür besitzen wir nodi einen leiditen 
Hinweis in einer Äußerung Napoleons aus der späteren Zeit, als 
er von den Eindrüd^en seines ersten, nadi aditjähriger Abwesenheit 
in Korsika verbraditen Urlaubes spradi: »Meinem GlüAe fehlten 
damals nur zwei teuere Mensdien : mein Vater und der Graf Mar^ 
beuf, den wir am zwanzigsten September (fünf Tage vor der An^ 
kunft Napoleons) verloren hatten und den meine Familie lange 
betrauerte.« 

Durdi diese Zusammenstellung Marbeufs mit dem Vater in 
bezug auf den Affektwert wird indessen nidit allein die sexuelle 
Auffassung der Worte: »il a concouru ä la reunion de la Corse 
ä la France« gestützt, sondern es wird durdi dieselbe audi die wohl 
als Folge dieser Phantasie anzunehmende Unsidierheit Napoleons, 
wer von diesen beiden sein Vater sei, — weldier Zweifel in der 
Bestimmung des Code civile: la redierdie de la patermite est in*» 
terdite, die legislatorisdic Projektion findet, — sehr wahrsdieinlidi 
gemadit. 

Überdies wird uns im Lidite dieser Phantasie klar, daß die 
früher angeführte, den Connetable de Bourbon betreffende Be- 
merkung Napoleons: »sein wirklidies Verbredien sei gewesen, daß 
er das Vaterland mit Fremden angegriffen habe«, im Jargon des 
Unbewußten eigentlidi besagt, daß man seine Mutter sexuell nidit 
zusammenbringen darf mit Fremden, — sofern man nur eingedenk ist 
der natürlidi durdi Unorientiertheit gestützten Vorstellung zahU 
reidier Kinder, die Beziehung zwisdien den beiden Gesdileditern 
sei ein dem Weib angetaner Gewaltakt und bestehe in einem 
argen Kampfe, weldie Kinder dadurdi aber ihre sadistisdie Veran*» 
lagung bekunden, die man Napoleon wohl sdiwerlidi wird ab- 
spreAen können. 

Somit dedit sidi der an den Connetable de Bourbon geriditete 
Vorwurf inhaltlidi vollkommen mit dem Vorwurf an den Vater. 

Aber nodi mandi anderes wird uns jetzt verständlidi und 
wird sogar zur Stütze der Deutung, so z. B, wenn wir den sieb^ 
zehnjährigen Napoleon im »Sur le Suicide« — in dem er daran 
denkt, sidi das Leben zu nehmen, »weil seine Kompatrioten in 
Ketten zitternd die sie bedrüd^ende Hand küssen«, somit wegen 
eines seit seiner Geburt bestehenden Zustandes, an den er reidilidi 
Zeit hatte sidi zu gewöhnen, — exklamieren hören: 

»Franzosen ! Nidit zufrieden damit, daß ihr uns alles geraubt, 
was wir geliebt haben, habt ihr audi nodi unsere Sitten ver* 
dorben. Das jetzige Bild, das mein Vaterland bietet und das Un^ 
vermögen, etwas daran zu ändern, ist dodi ein neuer Grund, um 
zu meiden die Erde, wo ich aus Pflicht loben muß die Men*' 
sehen, die ich aus Tugend hassen muß. Wenn idi in meinem 
Vaterlande ankomme, weldi eine Gestalt werde idi dort abgeben. 



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350 Dr. Ludwig Jekels 



wclAc Spradic soll idi dort spredicn! Das Leben ist mir nur Last, 
denn idi finde kein Vergnügen und alles ist mir ein Sdimerz. Es 
ist mir eine Last, denn die Menschen, mit denen ich lebe 
und wahrscheinlich immer leben werde, haben Sitten, die 
so verschieden sind von den meinigen, wie das Lidit des 
Mondes von dem der Sonne.« 



Offenbar ist es eine Folge dieser Phantasie, daß im SexuaU 
leben Napoleons die Vorstellung des Mißbrauches einer Ehe 
seitens Dritter mit einem so mäditigen Affektbetrag besetzt war, 
so daß sie ihm als ein sdiweres Vergehen, als große Sdiuld galt. 

Wir ersehen dies vorerst aus seinen Jugendsdiriften, speziell aus 
dem »Discours de Lyon«, die heftige Ausfälle gegen das Jung-* 
gesellentum und die Junggesellen enthalten, die man von Staats* 
wegen daran hindern sollte, bei den Frauen anderer die Befriedigung 
ihrer Begierden zu sudien. Und war dodi Herr von Marbeuf tat- 
sädilidi Junggeselle, und vermählte sidi erst im Jahre 1784 im Alter 
von zweiundsiebzig Jahren, als Napoleon bereits fünfzehn Jahre zählte. 

Aber aud) ein interessanter Irrtum Napoleons verrät uns, 
meiner Ansidit nadi, diesen seinen Komplex. In seinen Memoiren von 
St. Helena erzählt Napoleon, er habe als fünfundzwanzigjähriger 
Artilleriegeneral der italienisdien Armee eine sdiwere Sdiuld auf 
sidi geladen,- er habe nämlidi einer sdiönen Frau zuliebe, — es war 
Louise Turreau de Lignieres, die junge Gattin des Volkrepräsentanten, 
— einige Mensdienleben geopfert, um seinen Dank für die genossene 
Gunst zu erweisen. »Idi war damals nodi sehr jung und stolz und 
glüAlidi über meinen kleinen Erfolg. So sudite idi midi audi dafür 
durdi alle in meiner Madit stehenden Aufmerksamkeiten erkenndidi 
zu erweisen. Sie werden gleidi sehen, wie weit der Mißbraudi der 
Gewalt führen und wovon oft das GesdiiA der Mensdien ab^ 
hängen kann. Denn idi bin nidit besser als andere. Als idi an 
einem sdiönen Septembermorgen in die Nähe des Col di Tenda 
inmitten unserer Stellungen mit Frau Turreau spazieren ging, kam 
mir plötzlidi der Gedanke, vor ihren Augen ein wenig Krieg zu 
spielen. Idi befahl einen Angriff der Vorposten. Wir waren zwar 
Sieger, aber von einem Ergebnis konnte natürlidi nidit die Rede 
sein. Der Angriff war eine reine Phantasie — und dodi blieben 
einige Leute am Platze! Jedesmal, wenn idi daran denke, madie 
idi mir die größten Vorwürfe.« 

Sowohl Gertrud als audi Friedrich Kircheisen bestreiten 
lebhaft die Riditigkeit dieser Erinnerung des Kaisers, vorerst mit 
RüAsidit auf seinen Charakter, demzufolge er soldi einer frivolen 
Tat nidit fähig war, ferner gestützt auf die Aussage der Frau 
Turreau, das betreffende Vorpostengefedit habe zwar stattgefunden, 
dasselbe sei aber nidit ihr zuliebe, somit »nidit aus eidem Wunsdi 
der Sdiönen zu gefallen«, anbefohlen worden. Überdies weist 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 351 

F. Kircheisen sehr glaubwürdig nadi, daß sidi Napoleon bei 
dieser Reminiszenz sowohl bezüglidi der Zeit als audi des Ortes 
irrt/ denn Herr und Frau Turreau seien erst am 21. September 
von Paris in Nizza angekommen und begaben sidi erst von dort 
aus zur Armee,- außerdem sei es aber unwahrsdieinlidi, daß das 
Gefedit in der Umgebung des Col di Tenda stattgefunden habe, 
denn im September sei von diesem Paß nidit mehr die Rede ge* 
wesen, so daß das von Napoleon behauptete kleine Ereignis 
möglidierweise beim Angriff aur die Redoute Union bei Vado, am 
26. September stattgefunden habe. 

Idi meine, daß uns die Lösung dieses Rätsels nidit sdiwer 
fallen dürfte, sofern wir nur, ähnlidi wie bei der Analyse neuroti* 
sdier Selbstvorwürfe, den Affekt des Vorwurfes wohl anerkennend, 
lediglidi den Inhalt desselben — zumal angesidits obiger redit 
strikter Angaben Kircheisens — in Zweifel ziehen und dergestalt 
annehmen, der weiter nidit zu leugnende Vorwurfsaffekt gehöre zu 
einem anderen Inhalte,- der angegebene Inhalt sei bloß vorgesdioben, 
an Stelle eines anderen gesetzt worden. Und weldies der riditige 
Inhalt dieses Selbstvorwurfes war erraten wir unsdiwer, wenn wir 
bedenken, daß Napoleon sidi darin beziditigt einer Frau zuliebe 
etwas Sdiledites begangen zu haben, und anderseits erfahren, daß 
er ungefähr im Laufe dieses Jahres nidit weniger als mit vier 
Frauen ehebredierisdie Verhältnisse gehabt haben soll <Carteux, 
Ricord, Saliceti, Turreau),- da »blieben freilidi einige Leute am 
Platze!« Und das er, Napoleon, der nodi vor drei Jahren im 
»Discours de Lyon« verlangt, man möge die ehebredierisdien Jung^ 
gesellen vor der ganzen Gesellsdiaft anzeigen! »Vous les denoncerez 
des lors ä la societe entiere!« 

Er bestraft sidi ja tatsädilidi, indem er seinen Getreuen eine 
Sdiandtat von sidi erzählt! 

Eine Art Bestätigung dieser Deutung bietet die in der Er* 
Zählung enthaltene Wendung, »der Angriff war eine reine Phantasie«, 
wohl die uns aus Träumen so gut bekannte Anspielung auf die 
Irrealität des erzählten Inhaltes,- ein zarter Wink, ein zwisdien 
den Zeilen Gesagtes! 

Dagegen sdieinen mir die Worte vom »Mißbraudi der Ge^ 
walt« auf den Ursprung seiner Abneigung gegen den Ehebrudi, 
die ihm denselben zum Konflikt gestaltet, nämlidi auf den mäditigen 
Gouverneur de Marbeuf hinzudeuten. 

Und zweifellos ist, — wenn audi als ein sdion entfernterer 
Abkömmling, — auf die gleidie Quelle der bei ihm so diarakteristisdie 
Zug zurüdizuführen, daß er stets nadi außen hin den Sdiein seiner 
eigenen Ehe so sorgsam wahrte, niemals wie seine Vorgänger 
auf dem französisdien Throne eine offizielle Geliebte hatte, sondern 
stets nur in größter Diskretion und in den geheimen Gemädiern 
der Tuillerien der außerehelidien Liebe huldigte, wo er dodi keinen 
Anstand nahm, seiner Gattin gegenüber offen seine Untreue zur 



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352 Dr. Ludwig Jekels 



Sdiau 2u tragen und ihr zuweilen sogar von seinen Abenteuern zu 
erzählen. 



Sdiließlich wird, wie übrigens selbstverständlidi, diese Phantasie 
geradezu bestimmend für Napoleons Einstellung zum Weibe. 
Sie sdiafFt die Liebesbedingung der Untreue <Freud> und 
Lasterhaftigkeit des Weibes,- die geliebte Frau muß untreu sein so 
wie die Mutter es war. Auf dieser Bedingung ruht im Unbewußten 
Napoleons ein großer Akzent. 

Besonders deutlidi können wir dies in seinem Verhalten zu 
seiner ersten Gattin Josephine beobaditen. Kaum daß er mit der 
sdiönen Kreolin — in die er sidi trotz <aber eigendidi wegen) all 
der Liebesbeziehungen, die man ihr in der ersten Ehe nadisagte 
und trotzdem <weil> sie die Maitresse von Barras gewesen, außer^ 
ordentlidi heftig verliebte und die er bedenkenlos ehelidite — getraut 
war, muß er sie verlassen, um als neuernannter Oberkommandant 
zur italienisdien Armee zu stoßen. Von Mailand aus sdireibt er 
ihr stürmisdie, glühende Liebe atmende Briefe und fleht sie, sie 
möge zu ihm, den die Sehnsudit verzehrt, kommen. Und als die 
Undankbare, die inzwisdien ganz in den Zerstreuungen des ver* 
führerisdien Paris aufgeht, zögert, da meint einmal der bedrüAte 
Gatte, dessen Ehe kaum nadi Wodien zählt, zu Marmont: meine 
Frau ist entweder krank oder — untreu. 

Nun, sie betrog ihn tatsädilidi, zwar nodi nidit damals, aber 
kurze Zeit nadiher, als sie, die inzwisdien dodi nadi Mailand ge- 
kommen war, nadi kurzem Beisammensein allein in dieser Stadt 
zurüAblieb, während Napoleon gegen den Feind nadi Verona 
zog. Da knüpfte sie ein Liebesverhältnis an mit einem unbedeuten* 
den Offizier namens Charles, das bald zum Stadtgesprädi wurde,- 
seine Verwandten, die Josephine — la vieille — stets abhold 
waren, ergriffen gerne diese Gelegenheit und maditen Napoleon 
Andeutungen über ihre Aufführung, In seinen darauffolgenden 
Briefen an Josephine ist aber kaum eine Spur zu finden, die soldie 
niedersdimetternde Enthüllungen sonst zurüddassen. Sie atmen 
genau dieselbe gewaltige Liebe und dieselbe brennende Sehnsudit 
wie die früheren/ nur hie und da ein Ton der Erbitterung, provo^ 
ziert durdi die offenkundige Gleidigiltigkeit und das Sdiweigen der 
Angebeteten. 

Ja, als der ruhmgekrönte Sieger nadi Mailand zurüAeilt, um 
seiner Vergötterten die herrlidien Erfolge zu Füßen zu lepen und 
die heiß Entbehrte in seine Arme zu sdiließen, und ihm die Untreue 
Josephines zur Gewißheit wird an der er nidit mehr zweifeln kann, 
— da sie mit Charles zusammen in Genua weilt, — da ist er zwar 
eine Nadit hindurdi verstört, klammert sidi aber an eine ganz 
unzureidiende Ausrede von ihr, um ihr sdion am nädisten Tage 
zu vergeben und sdiließt den Brief an sie wie folgt: >idi öffne 
nodi einmal meinen Brief, um dir einen Kuß zu geben . . . oh. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons L 353 

Josephine! Josephine!« und begnügt sich damit, seinen Nebenbuhler 
Charles unter irgendeinem Vorwande aus der Offiziersliste streiken 
zu lassen. Einen Wandel in seinen Gefühlen für sie hatte aber 
diese Untreue Josephines gewiß nidit zur Folge, denn nodi ein 
Jahr darauf lesen wir in einem Briefe Berthiers an Josephine: »Idi 
bin Ihnen so zugetan, daß idi es sidier sagen würde, wenn Bona* 

f^arte audi nur den geringsten Groll auf Sie hätte. Das sdiwöre idi 
hnen. Nein, er hat nidits gegen Sie! Er liebt Sie, er betet Sie an.« 
Aber audi als Josephine zwei Jahre später, während Napoleons 
ägyptisdiem Feldzug, sidi mit dem nämlichen Mr. Charles im MaU 
maison ein regelrechtes Idyll einrichtet, wo sie mit ihm Wochen 
sorglosen GlüAes zubringt, was natürlich von den Angehörigen 
uncT Freunden Napoleon zugetragen wird, da klagt er zwar 
darüber in seinen Briefen an Joseph und auch gegenüber seinen 
Intimen, ja, nach Paris zurückgekehrt, sperrt er sieb sogar gegen 
Josephine ab, um jedoch nach drei Tagen soldien Schmollens sich 
von den Fürbitten seiner Stiefkinder erweichen zu lassen und ihr, 
allem Anscheine nach, ganz restlos zu verzeihen. Und daß er sogar 
ganz kurz darauf dasselbe Malmaison, den Schauplatz des an ihm 
begangenen krassen Betruges, zu seinem Lieblingsaufenthalt wählt, 
mag darauf hindeuten, wie glatt er über dieses, für andere oft so 
tragische Erlebnis hinweggegangen ist. Aucfi aus seinem ferneren 
Zusammenleben mit Josephine bekundet uns gar nidits, daß ihre 
Untreue irgendwelchen tieferen Schatten auf sein Empfinden zu ihr 
geworfen hätte. Denn daß die ursprünglidie Glut seiner Liebe 
später schwand, ist eine normale und bei allen Ehen zu beobachtende 
Erscheinung, wo dieselbe der Innigkeit und Freundschaft den Platz 
macht. Sonst aber stellen alle Eingeweihten übereinstimmend dieser 
Ehe das Zeugnis aus, daß sie eine überaus glückliche war und 
Napoleon ein sehr friedlidier und zufriedener Gatte, der stets und 
wo immer er gewesen sein mag, seiner Josephine gedachte, sie mit 
Aufmerksamkeiten und Kostbarkeiten überhäufte, stets wieder und 
gerne von anderen Frauen zu ihr zurüd^kehrte und sich in ihrem 
Besitze glücklidi fühlte, wie dies seine Worte an Röderer beweisen: 
»Wenn ich in meinem häuslidien Leben keine Ruhe und Zufrieden* 
heit fände, wäre ich ein sehr unglücklicher Mann.« 

Und angesichts der hier angedeuteten Reaktionsweise halte ich 
mich für wohl berechtigt anzunehmen, die von Napoleon geprägte 
Ansicht: »l'adultere n'est pas un phenomene, mais une affaire de 
canape/ il est tout commune sei nichts anderes, denn ein Mittel, 
ein Versudi, um die somit im Unbewußten lustbetonte und geradezu 
gesuchte Vorstellung durch Herabsetzung ihrer Tragweite und ihre 
Verallgemeinerung auch für das Bewußtsein, mit dem sie recht inkom^ 
patibel ist, erträglich zu machen, und so einem Konflikt vorzubeugen. 
Doch, wie gesagt, galt diese unbewußte Forderung bloß der 
Frau gegenüber die er liebte,- wo sein Herz schwieg oder nur ein 
wenig engagiert war, verlangte er von der Frau unnachsichtig Treue und 

Ima(?o III/4 23 



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354 Dr. Ludwig Jekels 



Makellosigkeit. So Marie Louise gegenüber, der er kaum jemals 
ein Gefühl, das Liebe genannt werden könnte, entgegenbradite, 
und die er dodi — wiewohl angesiAts ihrer großen Jugend, ihrer 
Erziehung und ihrer Temperamentlosigkeit jeglidie Anhaltspunkte 
hiefür fehlten — aufs sdiärfste überwadite, so daß in deren Ge* 
mädier kein Mann ohne seine Erlaubnis Zutritt haben durfte, bei 
deren Unterriditsstunden über seine Anordnung stets und ununter- 
brodien eine Hofdame anwesend war, ebenso wie audi nadits erst 
das Zimmer einer Hofdame passiert werden mußte, wenn man ins 
SdilafgemaA der Kaiserin gelangen wollte, und der er es brieflidi 
sehr strenge verweist, daß sie Cambaceres im Bette liegend emp^ 
fangen hatte. Der Kaiser führt als Grund für dieses sein Benehmen 
an, »die Herrsdierin eines großen Reidies müßte vor jedem Ver^ 
dadit bewahrt bleibenc, und audi die Biographen, verlegen um eine 
Erklärung, verbleiben dabei. 

Uns aber muß dies als Rationalisierung ersAeinen, zumal 
wenn wir bedenken, wie streng er überhaupt in diesem Punkte 
Frauen gegenüber war, die seinem Herzen ferner standen oder 
gleidigiltig waren. Hier einige Beispiele nadi Gertrud Kircheisen: 
Er versmloß selbst der Geliebten eines seiner Intimsten, Berthier, 
der Mme. Visconti, seinen Hof, obgleidi sie durdi Rang und Geburt 
ein Redit dazu hatte/ ebensowenig durfte Talleyrands Frau bei 
Hofe ersAeinen, nur weil sie vor ihrer Ehe, die Talleyrand übrigens 
unter dem Drud^e des Kaisers sdiloß, die Geliebte ihres späteren 
Mannes war. Der großen Agnes Forel wird ein Denkmal ver^ 
weigert, weil sie die Geliebte eines Königs gewesen war. Und wie 
sdiändlidi und undankbar hatte sidi nimt der Konsul und Kaiser 
der reizenden und von den Parisern als »Notre Dame de Thermidor« 
und »Propriete du gouvernement« vielgeliebten Mme. Tallien gegen* 
über benommen, wiewohl er ihr dodi für die seinerzeitige gastlidie 
Aufnahme des völlig mittellosen und destituierten Generals Bona^ 
parte, dem sie soear eine neue Uniform versdiafft hatte, zu Dank 
verpfliAtet war! Keine Rede davon, daß er sie trotz ihrer Jahre 
hindurA fortgesetzten flehentliAen Bitten je zu Hofe gelassen hätte,- 
aber er hat ja sAon vorher Josephine strenge aufgetragen, jegliAen 
Verkehr mit dieser wohl intimsten Freundin abzubreAen,- und als 
Kaiser duldet er es, ist sogar damit einverstanden, daß Mme. Tallien 
im offiziellen Polizeibulletin als Dirne bezeiAnet wird! Und das 
alles wegen des allerdings sehr bewegten Liebeslebens dieser sonst 
ausgezeiAneten Frau/ und er verbleibt dabei auA naAdem sie ge- 
heiratet und ein vorwurfsfreies Leben führt! 

Der große Kaiser nimmt auA keinen Anstand, Frau Regnault, 
deren Boudoir er als :^die größte SAande von Paris« bezeiAnet, 
ihrem Gatten anzeigen zu lassen,- ja, sogar seinem Bruder Lucian 
verzeiht er es nie, daß er eine Frau — Jouberthon — geheiratet, 
die ihm vor der Ehe ein Kind gesAenkt, und verlangt beharrliA 
die Trennung dieser Ehe. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 366 

Aber auch einen von diesem Dirnen*<LIntreue*>Komplex un-* 
zertrennliAen Bestandteil desselben, nämlidi die Verachtung der 
geliebten, untreuen Frau, finden wir bei Napoleon — und 
zwar gleidifalls versdioben — in starker Ausprägung. Napoleon 
hat ja audi als Frauenveräditer eine gewisse Berühmtheit erlangt/ 
und er war es nidit bloß Frauen gegenüber, deren Leben nidit 
einwandfrei war, sondern audi soldien, deren Konduite eine tadeU 
lose war, die ohnedies Zutritt zu seinem steifen und zurüAhaltenden 
Hofe hatten,- mit einem Worte, er veraditete alle Frauen. Während 
der Hofcour zitterte jede Dame vor ihm, denn er bradite sie durdi 
verletzende, ja direkt brutale Fragen in peinlidiste Verwirrung: 
junge Mäddien frug er, wieviele Kinder sie hätten, in weldiem 
Monate sie guter Hoffnung wären, bei unsdiönen tadelte er ihre 
Häßlidikeit/ er rügte oft ihre Toiletten und verriet vor aller Welt 
ihre Abenteuer. Besonders kraß drüAt sidx diese Veraditung des 
Weibes in der redit bekannten Episode mit der berühmten Sdiau^ 
Spielerin der Comedie Francaise, Mme. Dudiesnois, aus, die der 
erste Konsul zu einem Sdiäferstünddien in seine geheimen Gemädier 
beordert, und — da er mit Arbeit besdiäftigt — dort allein warten, 
die Reklamierende sidi entkleiden läßt, um dann, nadidem sie 
mehrere Stunden entblößt und frierend vergeblidi auf ihn gewartet, 
sie einfadi und ohne jeglidien Entsdiuldigungsversudi fortzusdiiAen. 

Und nodi so große geistige und intellektuelle Vorzüge einer 
Frau konnten diese Veraditung nidit mildern,- eher waren sie ge^ 
eignet, eben weil sie diesen Komplex bedrohten, heftigere Abwehr 
seinerseits zu provozieren. Das SdiiAsal der von ihm aus Paris 
verbannten Mme. Stäel, audi der Königin Luise von Preußen und 
mandi anderer, bekunden dies redit deutlidi. 

»Nur gegen eine war er sdiwadi« — meint Gertrud Kirchs 
eisen — *g€gen Josephine.« Nun denn, sie erfüllte wohl seine 
Liebesbedingung der Untreue,- und das Verhältnis zu ihr wurde, 
wie gewöhnlidi in soldien Fällen, derart reguliert, daß die im Un^ 
bewußten untersdiiedlos nebeneinanderliegenden und als soldie gar 
niAt empfundenen gegensätzlidien Regungen, für sein Bewußtsein — 
das erst die Gegensätze sdiafft und empfindet — auf andere Frauen 
versdioben wurden: sowohl die ihm unerläßlidie Forderung der 
Treue als audi die bewußt unerträglidie Veraditung des Liebes^ 
Objektes. 

Die nadistehende, von sämtlidien Biographen, wie Coston, 
Chuquet, Fournier, Kircheisen etc. uns beriditete »Absondere 
lidikeit« des jungen Napoleon, die er während der ganzen Zeit 
seines Brienner Sdiulaufenthaltes, somit vom neunten bis zum fünf^ 
zehnten Lebensjahre gezeigt haben soll und die idi hier wörtlidi 
nadi Chuquet wiedergebe, soll uns einerseits den ungeheueren 
Affektwert der obigen Phantasie demonstrieren, anderseits aber die 
Riditigkeit dieser Auffassung belegen: 



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356 Dr. Ludwig Jckcis 



»Der Vorstand hatte unter die SAüIer ein großes Boden* 
terrain verteilt, das sie ganz nadi eigener Weise bearbeiten und 
bebauen durften. Bonaparte entsAied, zwang zwei seiner Kameraden 
ihm ihren Teil abzutreten, und madite nun aus der Erde, deren 
Herr er war, einen Garten. Er verwendete das Geld, das er für 
seine geringen Ausgaben erhielt, zum Ankaufe von Pflödten, und 
eine starke Palissade verwehrte den Zutritt zu seiner kleinen 
Domäne . . . Hier bradite Bonaparte die Erholungszeit mit Lesen 
oder Träumen zu, und wehe, erzählt ein Kollege, wehe denen, 
die aus Neugierde, Bosheit oder Sdierz es gewagt hätten, ihn 
in seiner Ruhe zu stören! Er stürzte wütend aus seiner Zurüd* 
gezogenheit, um sie herauszudrängen, ohne zurüd<zusdireAen vor 
ihrer Anzahl.« 

Und im AnsAlusse daran eine gleidifalls überall und über* 
einstimmend notierte Szene, die idi nadi Kircheisen zitiere: 

>Im letzten Jahre seines Aufenthaltes in Brienne lieferte er 
ein Beispiel seiner egoistisdien Wut, wobei er alles Leid anderer 
vergaß, weil ein unvorhergesehener Zufall seine Neigungen störte. 
Alljährlidi feierte man nämlidi in der Anstalt zu Ehren des Königs 
den heiligen Ludwigstag. Den Sdiülern war an diesem Tage die 
denkbar größte Freiheit gelassen. Das Hödiste aber war, daß jeder 
Zögling, der das vierzehnte Lebensjahr erreidit hatte, eine gewisse 
Menge Sdiießpulver zur Verfügung bekam. Es war für das sdion 
viele Tage vorher bereitete Feuerwerk bestimmt . . . Alle waren 
überglüdtlidi und wodienlang vor dem Feste in fieberhafter Auf^ 
regung und Erwartung. Es befremdete, daß der junge Bonaparte, 
der den Ludwigstag zum letztenmale mit seinen Schülern gemeinsam 
feiern sollte, sidi mürrisdier und unnahbarer als gewöhnlidi zeigte. 
Er kam den ganzen Tag nidit aus seinem Versted^ hervor, eirrig 
und ernst über seine Bümer und Adanten gebeugt. Modite er, der 
künftige Republikaner, sdion damals nidit an einem Feste zu Ehren 
des Königs teilnehmen? Oder war es nur Laune? Man weiß über 
Napoleons damaliges Empfinden in dieser Hinsidit nidits, jedenfalls 
zeigte er sidi aus irgencleinem Grunde gegen den allgemein herr* 
sdienden Jubel ablehnend. 

Im Nebengarten hatte sein Nadibar einen selbstkonstruierten 
Feuerwerkskörper aufgestellt, den er abends vor einigen seiner 
Freunde zur Explosion bringen wollte. Gegen neun Uhr kamen 
die Knaben in dem Gärtdien zusammen und umstanden bewundernd 
das Werk ihres Kameraden. Plötzlidi gab es einen fürditerlidien 
Knall: einige Funken waren in das unvorsiditigerweise offenstehende 
Pulverkästchen geflogen. Die Panik unter den jungen Leuten war groß. 
Alle suditen sidi so sdinell wie möglidi zu retten ... In ihrem 
Ungestüm kletterten manche Knaben die Bretterwand hin^ 
aut die Napoleons Garten von dem des Nachbars trennte 
und rissen dabei ein paar Bretter der wenig standhaften Wand um. 
Dies gewahrend, stürzte Napoleon mit einer Hacke be-' 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 357 

waffnet, schäumend vor Wut und Aufregung . . . auf die 
Ruhestörer zu und trieb sie alle ohne Erbarmen gegen 
die Brandstätte zurück. Was kümmerte ihn das Unglüdc seiner 
Mitsdiüler? Nur der Gedanke, daß man ihn aus seinen Studien 
gerissen, daß man sein Heiligtum verletzt hatte, besAäftigte ihn!« 

Weldi eine ungeheuer ausdrud^svolle SymptomhandTung, die 
wohl für jeden, der sehen will, eine sehr beredte Spradie spridit/ 
braudit man sie ja dodi bloß ihrer so leidit symbolisdien Gewan* 
düng zu entkleiden, um zu erfahren, daß sie uns ganz dasselbe 
sagt, wie das »attaquer la patrie avec les etrangers« oder das »il 
a concouru ä la reunion ä la France«, nämlidi, daß man niemand 
Fremden zur Mutter zulassen darf, sondern sie ganz, ganz, ganz 
allein besitzen soll! ! 

Und um selbst sehr skeptisdie Leser vollends und unwider^ 
leglidi von der Bereditigung und Riditigkeit dieser symbolisdien 
Auffassung zu überzeugen, sei hier auf eine Stelle im Werke von 
F. Müller^Lyer: »Phasen der Liebe« <bei Albert Langen, Mün* 
chen> hingewiesen, wo es heißt <p. 24>: »Dem Manne gehören 
die Kinder der Frau, auA wenn sie von jemand anderem er^ 
zeugt worden sind, denn die Frau gehört ihm, gerade etwa <um 
einen Vergleich Napoleons zu gebrauchen), wie alles, das 
in einemGarten wächst, demBesitzer desGartens gehört« — 
sowie daß Napoleon seine Stiefkinder, Hortense und Eugene Beau^ 
harnais, als Früchte der Josephine ansah. <Masson: Napoleon 
et sa famille, Bd. I, p. 142: il continue a envisager Hortense et 
Eugene comme fruits de Josephine [im Original italica]). 



Audi das Befremden über das besonders mürrisdie und unnah^ 
bare Verhalten und Benehmen Napoleons bei dieser Gelegenheit, 
das sowohl seiner damaligen Umgebung als audi, wie man sieht, 
noA seinen heutigen Biographen ganz rätselhaft ersdieint, sdiwindet, 
wenn man sidi nur erinnert, daß es sidi damals um das Namens^ 
fest des Königs gehandelt hat, daß König, Kaiser und jeglidie 
Autorität überhaupt, ein ganz typisdies Symbol des Vaters ist, 
daß überdies die Wirkung dieser typisdien Symbolik in diesem 
Falle nodi dadurdi außerordentlidi verstärkt worden sein mag, daß 
es bei dieser Feier, wie Chuquet beriditet, über dem Hauptportal 
ein großes Transparent gegeben habe, darstellend Ludwig XVl. auf 
die Gereditigkeit und ^X^ahrheit gestützt, und darunter die Insdirift: 
A Louis XVI., notre pere. Dergestalt wird uns dies so ganz 
besonders auffallende Benehmen Napoleons an diesem Tage zum 
Anzeidien seiner ablehnenden und feindseligen Gesinnung seinem 
Vater gegenüber, deren eines wir bereits im obigen Vorwurf be^ 
sitzen. 

Das sind aber audi nidit die einzigen, denn in seinen Sdiriften 
wie auA in seinen Briefen befinden sidi weitere und redit beredte 



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358 Dr. Ludwig Jekcls 



Belege für diese seine Einstellung. Ich erinnere hier z. B. an die 
früher aus dem »Discours de Lyon« zitierte Stelle, die so kraß 
bei Napoleon die libidinöse Versdiiebung von der Mutter auf die 
Erde und auf den Besitz derselben zum Ausdrudt bradite. Er läßt 
nun in Verfolgung dieser Sdiilderung den entrediteten und ver* 
bitterten jungen Mann zu seinem Vater flüditen, der ihm Trost und 
Hilfe spendet und ihn beruhigt. Derselbe Vater ist es aber zupleiA, 
von dem er an einer anderen Stelle dieses Bildes sagt: »Mein Vater 
ruft midi vom Sdioße des Jenseits« <und Napoleons Vater war 
sdion mehrere Jahre tot), der ihn aufs NadidrüAlidiste und Ein- 
dringlidiste vor der Besitzgier und dem Streben nadi zu großem Be* 
sitz, der stets nur Unglüd^ bringe, warnt, und ihm zuruft: »Lasse didi 
niemals verleiten durdi Besitzgier nodi durdi ungebändigte Leiden- 
sdiaft« <ne vous laissez jamais seduire par la cupidite ni par la 
passion 'violente). Und wenn wir gar lesen, daß der junge Mann, 
»wenn seine Seele zugänglidi wird dem Sdimerz oder der ungeregelten 
Begierde«, sidi an die verehrte Asdie seines Vaters wendet, um sidi 
dort wieder mit seinen Pfliditen und seiner Einfadiheit abzufinden, 
und die Phantasie ihres symbolisdien Inhaltes entkleiden,- sehen wir 
da nidit Napoleon eigentlidi gegen ein aus unvordenklidien Zeiten 
stammendes Verbot des Vaters gegen das inzestuöse Verlangen 
nadi der Mutter ankämpfen? 

Über den EindruA, den der Tod seines Vaters (24. Fe- 
bruar 1785) auf Napoleon madite, lesen wir bei Masson: »Der 
Tod seines Vaters hat Napoleon keinen soldien Sdimerz ver- 
ursadit, dem er in Tränen hätte einen Ablauf geben müssen. Das ist gut 
für Weiber. Er nimmt es hin wie ein Mann, wie ein Soldat, der 
er bereits ist. In der frühen Kindheit hat er wenig mit dem Vater 
gelebt, innerhalb sedis Jahren hat er ihn einmal und nur während 
einer Stunde gesehen. Da kann er dodi für ihn keine Zärtlidikeit 
empfinden, die sidi vor allem durdi Gewöhnung und täglidie Ein- 
drüAe heranbildet.« 

Die Beileidsdireiben, die Napoleon aus diesem Anlasse so- 
wohl an Onkel Lucian als audi an die Mutter riditet, finden fast 
alle Biographen auffallend und Chuquet z. B, äußert über die- 
selben: »Der Sdimerz Napoleons war außerordentlidi, als er vom 
Tode des Vaters erfuhr. Derselbe drüd^t sidi in seinen Briefen 
nidit mit soviel Natürlidikeit und Lebhaftigkeit aus, als man es 
verlangen würde. Der Ton ist ein würdiger, aber ein wenig kühl, 
zeremoniell, feierlidi. In diesen von einem sedizehnjährigen Kinde 
gesdiriebenen Zeilen ist zuviel Sorge und Madie <. . . trop de soin 
et d'appret)«. 

Und nodi siebzehn Jahre später sehen wir Spuren dieser 
Einstellung, als nämlidi im Jahre 1802 der erste Konsul das Er- 
sudien und den Besdiluß des Munizipalrates von Montpellier zurüA- 
weist, seinem auf der Durdireise in dieser Stadt verstorbenen 
Vater, dem die Welt den großen Sohn verdankt, ein Denkmal 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 369 

Stellen zu dürfen. Er tut es mit nachfolgender seiditer Begründung: 
»Lassen wir das,- stören wir nidit den Frieden der Toten,- lassen 
wir ihre Asdie in Ruhe. Idi verlor dodi audi meinen Großvater, 
meinen Urgroßvater,- warum tat man denn nidits für diese? Das 
führt zu weit.« 

Derselbe Grund der Ablehnung des Vaters ist es offenbar 
audi, der Louis Bonaparte die Leidie des Vaters ohne Wissen 
des Bruders exhumieren und nadi St. Lieu bringen läßt, woselbst 
er ihm ein Grabmal setzen läßt. 

Indessen nidit minder groß wie die Ablehnung ist auch seine 
Liebe für den Vater/ sie ist so intensiv, daß sie ihn stellenweise 
dahinbringt, sein psychisches Idi aufzugeben, um sich ganz eins mit 
dem Vater zu fühlen, mit ihm zu identifizieren, Vater zu sein. Und 
wer da sehen will, wie sehr Napoleon Vater war, der lese z. B. 
die Briefe, die der Fünfzehnjährige in Angelegenheit seines älteren 
Bruders Joseph an den Vater und an den Onkel Paravicini schreibt. 
Mit welcher Liebe, Sorgfalt, Gründlichkeit und Genauigkeit erörtert 
da der Knabe diese Frage. »Welcher Vorteil für die Familie«, das 
ist seine Parole. 

Nachdem der Vater gestorben, da »hat er den einzigen 
Wunsch, bald etwas zu verdienen, um die Seinigen unterstützen zu 
können«, meint Kircheisen. Und als Sekondleutnant in Valence 
und auf seinem ersten Urlaub, wie wird da der kaum Siebzehnjährige 
von der Sorge um die Seinigen bedrückt, über deren recht trostlose 
Lage er stets durch Joseph unterrichtet ist. Weder jetzt noch später 
erwägt er auch nur einen Augenblid^, daß er doch der Zweit-^ 
geborene ist und daß eigentlich dem älteren Joseph die Rolle der 
Stütze der Familie zukommt, sondern ladet sich mit einer sehr viel- 
sagenden Selbstverständlichkeit die mannigfaltigsten und recht lästigen 
Familiensorgen auf. Er interveniert im geistlichen Seminar zu Aix 
zugunsten Lucians,- verlängert seinen Urlaub in Ajaccio, damit 
seine Bezüge den Seinigen zugute kommen,- hier in Ajaccio macht 
er allerlei Anstrengungen wegen der inzwischen eingestellten Dotation 
der Maulbeerbaumschule, fährt auch speziell in dieser Angelegenheit 
nach Paris, wo er bei den maßgebenden Faktoren vorstellig wird. 
»Um zu seinem Rechte zu gelangen, ließ er nichts unversudit und 
zeigte in dieser Hinsicht dieselbe Zähigkeit und dieselbe Ausdauer 
wie der Vater«, meint Kircheisen, und »so schnell und kurz ließ 
er sich nicht abfertigen, dazu war er viel zu sehr der Sohn Carlos«. 
Er verteidigt so die Interessen seiner Familie, daß er doch einen 
Teilerfolg erringt. Aber nicht genug daran/ er wendet sich nach 
Versailles, erwirkt beim Finanzminister Brienne eine Audienz und 
bringt demselben das Anliegen betreffs einer Freistelle für Lucian 
vor. Man bedenke: kaum siebzehnjährig! ! Und von Ajaccio zurück*^ 
gekehrt, sehen wir ihn wacker der Mutter beistehen, er schreibt für sie 
allerlei Gesuche, ist »ihr Berater und Dolmetsch bei den Behörden 
und gibt sich die redlichste Mühe, das Los der Mutter zu erleichtern«. 



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360 Dr. Ludwig Jckels 



Und wie sehr er sich Vater fühlte und von seinen Gc^ 
schwistern auch als solcher empfunden wurde, dafür legen gerade 
diese das beste Zeugnis ab. So meint Joseph : »Wenn Napoleon 
sprach, da mußte man sich beugen, und wir alle fügten uns«/ 
während Lucian in seinen Memoiren bemerkt: »Er war unwillig 
über die geringste Bemerkung und fuhr auf beim geringsten Wider^ 
stand. Selbst Joseph wagte es nicht, seinem Bruder zu antworten.« 
Und ganz deutlich drücict es seine Schwester Marianne Elisa aus, 
als sie, Entlassung aus St. Cyr erbittend, in ihrem Gesuche schreibt: 
5>. . . da ich nie einen anderen Vater als meinen Bruder kannte . . .« 

Als blutarmer Leutnant in Auxonnes zögert er keinen Augen^ 
blick, seinen kleinen Bruder Louis, den späteren König von 
Holland, für den ein Freiplatz nicht zu erhalten war, zu sich zu 
nehmen,' er erhält ihn aus seinem kargen Leutnantssold unter 
den empfindlichsten Opfern für seine eigene Person, unterrichtet und 
erzieht ihn sehr sorgsam und ist stolz auf seine Entwicklung, wie 
es nur ein Vater auf sein Kind sein kann, denn er schreibt: »er 
wird sicher der Beste von uns Vieren werden!« 

Nach der Flucht aus Korsika ist er es, der Hauptmann 
Bonaparte, der seine fast aller Mittel entblößte Familie ganz aus 
Eigenem erhält, obzwar er es sehr knapp hat mit dem Gelde. Und 
als er bald darauf, als — wegen seiner Weigerung von der Artillerie 
zur Infanterie transferiert zu werden — von der Offiziersliste ge* 
strichener General, nahezu völlig subsistenzlos, maßlos verbittert, 
gänzlich verzweifelt und lebensüberdrüssig in Paris herumirrt, da 
denkt er noch immer an das Wohl der Seinigen. Wie hoffnungslos 
und unglüddich er sich da auch fühlt, »aber wo es sich um seine 
Familie handelt — schreibt Masson — ist er ganz anders,- da ist 
keine Mühe für ihn zu groß und nichts ist ihm zu beschwerlich. 
Und er legt in diesen Tagen so zahlreiche Beweise seiner Ergeben*» 
heit für die Seinigen ab, daß ein Zweifel an der Lebhaftigkeit, Tiefe 
und Stärke seiner Gefühle unmöglich ist«. Und ich kann Masson 
nur beistimmen, wenn er diese Fürsorge Napoleons als eine >väter^ 
liehe« bezeichnet/ denn nur das intensivste Vaterschaftsgefühl konnte 
ihm an Joseph die Worte diktieren: »Du weißt es, ich lebe nur 
durch die Freude, die ich den Meinigen bereite. Wenn meine Hoff* 
nungen von dem Glück unterstützt werden, das mich in meinen 
Unternehmungen niemals verläßt, so werde ich Eudi glücklich machen 
und Eure Wünsdie erfüllen können.« 

Aber auch zu Zeiten seines Aufstieges — nach dem drei* 
zehnten Vendemiaire — hören die Seinigen nicht auf, Gegenstand 
seiner liebevollsten Fürsorge zu sein, ja, da sind sie es erst recht. 
Der mit Arbeit überbürdete Kommandant der Armee des Innern, 
der ohnehin jeden Monat seiner Familie bedeutende Geldbeträge 
zukommen läßt, findet stets die Zeit, um den einzelnen Mitgliedern 
derselben die Wege zu ebnen und einen guten Lebensweg zu 
sidiern. Bald beschafft er dem Joseph nützliche Empfehlungen, bald 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 361 



dem Lucian eine vorteilhafte Anstellung, befaßt sich mit der Offiziers^ 
karriere von Louis, unterbringt den kleinen Jerome in einer Pariser 
Pension und bekümmert sidi um seinen Studienfortgang. Er kenn^ 
zeidinet wohl selber am besten diese seine Tätigkeit, wenn er 
sdireibt: »idi kann ja nidit mehr madben, als idi sdion tue für alle.« 
Hiezu Masson: »um den Seinigen dienlidi zu sein, entfaltet er 
eine Beflissenheit, eine Geduld und einen Willen, die geradezu er^ 
staunlidi wären, wenn man ihn nidit sdion früher am Werke ge- 
sehen hätte, wenn man nidit wüßte, daß er sdion seit dem Tode 
des Vaters für sie diese Anstrengungen madite.« 

Indessen bürdet er sidi nidit bloß die Pfliditen eines Vaters 
auf, denn er beansprudit für sidi audi das Redit eines soldien, über die 
Gesdiid^e seiner Gesdiwister zu entsdieiden, und erstredet seine 
Forderung sogar auf das intimste und privateste Gebiet, auf ihr 
Liebes^ und Eheleben, wie uns die Gesdiidite der Ehen von 
Marianne Elisa, von Jerome und vor allem von Lucian beweist, 
Nidit minder instruktiv ist audi seine brieflidie Mahnung an Pauline, 
die nadi ihrer Verheiratung mit Borghese nidit sonderlidi zufrieden 
ist mit Rom, und nidit übel Lust hätte, diese Stadt und ihren Mann 
gegen Paris zu vertausdien: »Liebe Deinen Mann und seine Familie«, 
— sdireibt ihr Napoleon — »sei entgegenkommend und gewöhne 
Didi an die Stadt Rom und merke Dir wohl, daß, falls Du in dem 
Alter, in dem Du Didi befindest, sdiledite Ratsdiläge befolgen 
solltest, Du auf midi nidit mehr redinen kannst. Und was Paris 
anlangt, so kannst Du sidier sein, daß Du hier keine Stütze finden 
wirst, und daß idi Didi niemals empfangen würde, es sei denn mit 
Deinem Manne.« Indessen, meint Masson, er ist nidit so sdiledit 
wie er sidi hier madit, denn gleidizeitig riditet er in derselben An* 
gelegenheit einen Brief an Onkel Fesdi, voll voraussehender und 
zärtlidier Fürsorge. Ganz wie ein Vater, bei dem man — wie der*' 
selbe Autor meint — »in der Zärtlidikeit gegenüber den Seinigen, 
in der unauthörlidien Nadisidit, die er ihren sdiwersten Fehlern 
entgegenbringt, in den Illusionen, die er sidi über sie madit, in 
seinem Eifer, sie auf die hödisten Stellen zu bringen, ohne daß er 
hiebei etwas anderes berüAsiditigen würde, als die Bande des Blutes 
die sie einigen, — ebenso einen sdiwadien Punkt seines Verstandes 
wie einen bezaubernden Zug seines Herzens herausfühlt.« 

Und wie enorm in ihm diese Vatersdiaft für die Seinigen 
vibrierte bewies er audi, als er, mitten im fürditcrlidien Ungemadi 
seines weltersdiütternden Zusammenbrudies, und kaum daß er in Fon- 
tainebleau die Abdankungsurkunde untersdirieben, zu Coulaincourt 
sagte: »Versdiafft meiner Familie, daß sie wovon zu leben haben/ 
das ist alles, was idi braudie.« 



Unter allen seinen Vorgängern auf dem französisdien Throne, 
aber audi unter den sonstigen Gestalten der Weltgesdiidite, gab 



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362 Dr. Ludwig Jekcis 



es wohl kaum eine, der Kaiser Napoleon auch nur annähernd eine 
derartige Vorliebe und Verehrung entgegengebradit hätte, wie 
Charlemagne. 

Bei jeder Gelegenheit ruft er die Erinnerung an ihn wadi, 
dediziert ihm das großartige Monument, das für den Vendomeplatz 
in AussiAt genommen war, erriditet ihm eine Statue in Aadien 
und bringt den Reliquien Karls daselbst eine ganz besondere Ver* 
ehrung dar. 

Karl d. Gr. wählt er sidi zum Muster und zum Vorbild, im 
großen und im kleinen. Denn nidit nur, daß er vom Papst und nur 
vom Papst, gerade wie Karl d. Gr. seine Investitur verlangt, aber 
selbt das Kostüm für die Salbungszeremonie Napoleons wird nadi 
dem Ornat Karl d. Gr. entworfen, und der Kaiser wählt audi das 
Wappensdiild, weldies man Karl d. Gr. zusdireibt, zum seinigen ,- 
am Krönungstage werden audi die alten kaiserlidien Insignien, 
Krone, Zepter und Sdiwert getragen. Aber audi den größten Teil 
der Titel, mit denen Kaiser Napoleon die Großwürdenträger 
sdimüAt, entnimmt er dem heiligen römisdien Reidie Karl d. Gr. 

Wie Karl d. Gr. hat Napoleon seine Herzöge und seine 
Grafen/ und wenn er Barone und Ritter einführt, so gesdiieht 
es nur, weil diese Titel im heiligen römisdien Reidi vorkommen. 
Wenn er endlidi den Söhnen, weldie er zu haben hoffte, selbst 
ehe er nodi seine zweite Ehe gesdilossen hatte, mit Senatsbesdiluß 
vom 17. Februar 1810 die Titel und Ehrenbezeigungen eines 
Königs von Rom beilegt, weldien Beweises bedarf es da nodi, um 
zu zeigen, wie die Erinnerungen an Karl d. Gr. und sein Reidi 
ihn unablässig in Ansprudi nehmen? 

Er träumt von einer vollkommenen Identifizierung seines 
Reidies mit dem Karls. 

Ja, nodi mehr! Napoleon bezeidinet sidi wiederholt als 
Karl d. Gr., so wenn er sagt: »Idi bin Charlemagne, weil idi wie 
er meine Krone von Frankreidi mit der der Lombardei vereinigt 
trage und mein Reidi an den Orient grenzt«, oder wenn er an 
seinen Gesandten in Rom, Kardinal Fesdi, sdireibt: »Sagen Sie, 
daß idi Charlemagne bin, Ihr Kaiser, und daß idi als soldier be* 
handelt sein will!« 

Masson, dessen Werk »Napoleon I. zu Hause« obige 
Details fast in wörtlidier Anführung entnommen sind, erklärt diese 
Einstellung Napoleons aus seinem Streben, das durdi ihn repräsen* 
tierte Autoritätsprinzip, weldies der natürlidisten und mächtigsten 
Stütze, nämlidi einer Reihe seiner Vorfahren auf dem Throne, ent* 
behrte, zu stärken und tunlidist zur Geltune zu bringen. In diesem 
Streben habe er sidi Charlemagne zum Muster und Beispiel ge^ 
nommen, weil ihn mit demselben viel Ähnlidikeit in den ScbiAsalen 
verbunden habe. Denn ebenso wie der gleidifalls nidit erbbereditigte 
Charlemagne war audi Napoleon Gründer einer neuen Dynastie 
und wurde, wie jener, von einer ganzen Nation gewählt,- audi er 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 3G3 

hat seine Augen auf Italien geheftet, das er zweimal erobert hat, 
audi er hält sein Reich für unvollkommen, wenn er nicht mit seiner 
Herrschaft über die Franzosen auch die über die Völker der 
hispanischen Halbinsel verbindet. Auch er habe die Deutschen des 
Ostens in der Erhebung gegen das Prinzip gesehen das er ver* 
tritt, und seine Paladine haben mit ihm die Empörung unterdrückt. 
Und darum habe er sich entschlossen, die vierte Dynastie mit der 
zweiten zu verbinden, und deshalb habe er gerade Charlemagne 
zu seinem »erhabenen Vorgänger« gemacht. 

So weit Masson. wir aber, denen die oft so krausen, ge* 
radezu bei den Haaren herbeigezogenen, ja direkt läppisch an-» 
mutenden und der entferntesten Möglichkeiten, vor allem aber der 
oberflächlichsten Klangähnlichkeiten sich bedienenden Ausdrucks^ 
weisen des Unbewußten wohl bekannt und glaubhaft sind, möchten 
hier darauf verweisen, daß der Vater Napoleons — Charles Marie 
hieß, und hiebei unserer Überzeugung Ausdruck verleihen, daß die 
so intensive Identifikation Napoleons mit Charlemagne gewiß nicht 
in Gänze der bewußten Denkarbeit bei Napoleon zugeschrieben 
werden darf, sondern daß sie zumindest in sehr hohem Grade auf 
dem Wege jener Namenähnlichkeit von der unbewußten Identi* 
fizierung mit seinem Vater abgeleitet wurde. 

Und als Beleg führe idi das Expose zu dem angeführten 
Senatsbeschluß an, worin es heißt: 

»Napoleon versagte es sich, in den ersten Tagen seines 
Ruhmes in Rom als Sieger einzuziehen. Er behält sich vor, dort 
als Vater aufzutreten. Er will sich auch dort zum zweitenmal die 
Krone Karl d. Gr. auf das Haupt setzen lassen!« 

Ist doch für die Kinderpsyche — die dann im Unbewußten 
fortlebt ^- der Vater nicht bloß Kaiser und König,- er ist auch 
stets »der Große«!! 



III. 

Wir haben im voranstehenden die psychische Situation des 
jungen Bonaparte bis zu dem hier abgehandelten Zeitabschnitte ge^ 
schildert, bestehend in einer außerordentlich starken Fixierung an 
die Mutter und der entsprechenden, konträr entgegengesetzte 
Regungen, nämlich Liebe unci Haß in sich bergenden, uns als so* 
genannte Ambivalenz aus der Neurosenpsychologie so wohU 
bekannten Einstellung zum Vater. 

In dieser psychischen Situation Napoleons erblicken wir das 
dispositionelle Moment für allerlei Möglichkeiten, so daß sich aus 
derselben bei versagender Wirklichkeit ebenso eine redit schwere 
Neurose, wie bei entgegenkommender sehr hochwertige Sublimierungs^ 
Produkte entwickeln konnten. 

Das beweist unter anderem auch die Tatsadie, daß bei der 
ungeheuren Belastung, unter der Napoleons Seele gemäß unseren 



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364 Dr. Ludwig Jckels 



Ausführungen stand, Ansätze zu einer Neurose vorhanden waren. 
Denn nahezu übereinstimmend entwerfen die Biographen Sdiilde- 
rungen vom jungen Napoleon, die den Eingeweihten kaum anders 
als die einer Kindheits* und Pubertätsneurose anmuten. Cos ton 
z. B. hebt hervor, Napoleon sei sdion in der Sdiule zu Autun düster 
und nadidenklidi gewesen, habe sidi mit niemandem unterhalten und 
sei einsam herumgegangen, und Jung entwirft aus der gleidien Zeit 
folgendes Bild von ihm: »Weldi ein Kind! Das ist dodi ein Wilder, 
ein Triebmensdi, mit seinem bleidien Gesidit, mit dem steifen Haar, 
der kleinen Gestalt und dem sdilediten Aussehen«, und bemerkt 
dann, »einsam war er, einsam ist er, einsam wird er bleiben.« 

Und dieses in sidi gekehrte, völlig asoziale Wesen, das die 
Autoren mit des Knaben Sehnsudit nadi der korsisdien Heimat 
erklären, und das audi Napoleon selbst später anerkannte mit der 
Bemerkung, er sei »immer melandiolisdi« gewesen, potenziert sidi 
nodi im Laufe seines Aufenthaltes in Brienne. Einmal hier zu 
einer empfindlidien Strafe verurteilt — er sollte das Mittagmahl 
kniend auf der Sdiwelle des Refektorium und in ein härenes Ge- 
wand gekleidet einnehmen — entzieht er sidi der Strafe dadurdi, 
daß er bei Antritt derselben einen gewaltigen Nervenanfall und 
Erbredien bekommt. 

Übereinstimmend wird von den Autoren das aparte und vom 
normalen völlig abweisende, finstere, sdieue und versdilossene Wesen 
des in der Vorpubertät befindlidien Bonaparte hervorgehoben, 
desgleidien seine Tendenz sidi zu isolieren und demzufolge seine 
Unbeliebtheit bei den Kameraden, die Napoleon übrigens selbst zu* 
gab mit den Worten: »mes camerades ne m'aimaient guere«. Und 
in seiner Sdiilderung Napoleons aus dieser Periode spridit Chuquet 
direkt von seinen »nervös zusammengepreßten Lippen« und von 
den »Anfällen von Wut und Raserei«, während der unter den 
Biographen wohl mit der größten Intuition begabte Jung für dieses 
so abnorme Wesen des etwa vierzehnjährigen Napoleon verant* 
wortlidi madit »das Ungestüm der Gedanken, ... die in diesem 
Jünglingsgehirn brodelten«. Chuquet betont nodi ein Jahr später 
— in der Pariser Militärsdiule — die Introversion bei Napoleon 
mit den Worten »il est toujours entier dans ses idees«. Und mit 
einer vollkommenen Klarheit diagnostiziert der sdiarfsinnige Jung 
den Anlauf zur Neurose, als er von dem auf seinem ersten Urlaub 
auf Korsika weilenden und die Seinigen mit von Rousseau und 
Voltaire entlehnten Tiraden beunruhigenden Leutnant Bonaparte 
meint, er habe mit denselben bloß beim alten, dem Korsentum treu 
gebliebenen Onkel Anklang gefunden, während die nüditerne Mutter 
sie leidensdiaftslos anhörte, denn »sie hielt ihren Sohn für krank. 
Er war ja audi tatsädilidi moralisdi krank. Ein nervöses Fieber 
durdiwühlte ihn«. 

Wiewohl nun audi in Napoleons späterem Leben so mandie, 
wenn audi vereinzelte so dodi direkt neurotisdi ansprediende Züge 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 365 

?;leidifalls zu finden sind, so wollen wir uns dodi mit dem ange*' 
ührten Material begnügen, das wohl unsere frühere Behauptung 
von der bei so hodigradiger psvdiisdier Spannung gleidifalls vor^ 
handenen Möglidikeit der Entstehung einer Neurose vollauf stützt 
und bekräftigt. 

Und bei aller nodi so exorbitanten Bewertung von Napoleons 
zweifellos exzeptioneller Libido, ist es, unserer Ansidit nadi, an den 
Bedingungen der damaligen Napoleon umgebenden Wirklichkeit ge^ 
legen gewesen, daß hier die Bildung einer völlig unproduktiven und 
wahrsdieinlidi zerstörenden Neurose eingedämmt und hintangehaltcn 
und aus dem gleidien Material ein reales Sdiid^sal gestaltet wurde, 
wie es großartiger, reidihaltiger und produktiver nidit bloß die 
Annalen der Gesdiidite nidit kennen, sondern audi die Phantasie 
kaum ersinnen könnte. 

Durdi diese Auffassung setzen wir uns zwar in einen Wider* 
sprudi mit dem gestürzten Kaiser, der auf St. Helena in einer An** 
Wandlung von allzu großer, den Beitrag seiner Persönlidikeit ganz 
übersehenden Besdieidenheit meinte: ^^nidits war einfadier als meine 
Erhebung, ... sie lag in dem eigentümlidien Charakter der Zeit, 
. . . idi bin das Produkt der Zeitumstände«,, wohl aber wissen wir 
uns da im Einklänge mit mandiem der Biographen, wie z. B. F. Kirch* 
eisen, der meint, 3>die Zeit, in der Napoleon lebte, war seinem 
Genie behilflidi«, und »seine außerordentlidien Fähigkeiten konnten 
sidi nur in einer Umgebung wie der der Revolution entwid^eln«,- 
nur daß wir uns mit der bloßen Konstatierung dieser Beeinflussung 
nidit besdieiden, sondern bestrebt sind klarzulegen, warum dieselbe 
überhaupt stattgefunden hat, ja sogar, warum sie stattfinden und 
nadi einer ganz bestimmten Riditung sidi geltend madien mußte. 



Jedem, der mit der dynamisdien Arbeitsweise unseres seeli-' 
sdien Apparates vertraut ist, sdieint es selbstverständlidi, daß bei 
der ambivalenten Einstellung die beiden miteinander ringenden 
Strömungen in einem Liebesobjekte nur so lange vereinigt werden 
können, als die negative durdi die Liebe nodi erfolgreidi gebunden 
werden kann. Ist dies nidit mehr der Fall, dann kommt es zu einer 
Vervielfältigung des Objektes, von dem dann, unter Mengung der 
beiden Libidokomponenten in ganz versdiiedenen Verhältnissen, 
ganze Reihen — bald mit überwiegender positiver, bald aber nega* 
tiver Färbung — gebildet werden. 

Und eben dieser Vorgang ist bei Napoleon — dessen enorme 
Libido einen Ausgleidi im Rahmen der Einheitlidikeit vielleidit be* 
sonders ersdi werte — ganz deutlidi zu beobaditen,- dies ist audi 
die für das Verständnis unserer Probleme in Betradit kommende 
psydiisdie Grundsituation. 

Denn audi bei ihm finden wir eine ganze Vaterreihe vor, um 
nur vorderhand außer Charles Bonaparte nodi Marbeuf und' Paoli 



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366 Dr. Ludwig Jekcis 



ZU nennen, und sehen ihn gegen diese Abspaltungen der Vater* 
imago naturgemäß genau so ambivalent eingestellt, wie gegen das 
Original. 

Dem Verhältnisse zu Paoli wird weiter unten eine gesonderte 
Besprediung gewidmet/ hier sei bloß darauf hingewiesen, daß 
Napoleon audi Marbeuf gegenüber nidit bloß von dem analytisdi 
erschlossenen Haß erfüllt ist, sondern daß es audi an Anzeidien 
von einer gewissen Anhänglidikeit nidit mangelt. Wir haben ja 
sdion einer soldien redit deutliAen Kundgebung Napoleons Er- 
wähnung getan <s. p. 349), und möditen hier nodi darauf hinweisen, 
was Chuquet hervorhebt, daß Napoleon, der in seinen Jugend- 
sdiriften so sdionungslos gegen die Korsika vor der Autonomie* 
Verleihung verwaltenden französisdien Generäle ins Feld zieht, nie- 
mals unter denselben Marbeufs Erwähnung tat, und sidi mit der 
Nennung anderer wie z. B. Narbonne Fritzlar oder Sionville be- 
gnügt, obwohl gerade Marbeuf sogar auf einer öffentlidien Gedenk- 
tafel als »Tyrann des stöhnenden Korsika« bezeidinet wurde. 

Dodi ist mit den genannten Gestalten die Vaterreihe bei 
Napoleon nidit ersdiöpft,- denn wie uns bereits die so bedeutsame 
Symptomhandlung in der Brienner Sdiule bekundet hat, finden wir 
in derselben auch den König, diesen entwiAlungsgesdiidididi den 
Mensdienseelen tiefst eingeprägten Vater. 

Bei allen Biographen gilt Bonaparte in dieser Periode seines 
Lebens als ganz überzeugter, ja als fanatisdier Republikaner,- und 
das Zeugnis der Charlotte Robespierre, die ihn sogar als >Mon- 
tagnard« bezcidmet, vorher nodi aber seine Valencer Gesprädie 
mit Sucy und Montalivet, vor allem aber seine Jugendsdiriften, in 
denen sidi dieser königlidie Offizier als erbitterter Feind und Hasser 
des Königtums kundgibt, lassen tatsädilidi nidit den geringsten 
Zweifel daran. So z. B. wenn er die »Dissertation sur l'autorite 
royale« mit der Bemerkung einleitet: »Dieses Werk wird mit 
allgemeinen Gedanken darüber beginnen, wie die Bezeidmung 
, König' in den Vorstellungen der Mensdien entstanden und ge- 
wadisen ist. Hierauf wird in die Einzelheiten der usurpierten Ge- 
walt eingegangen, deren sidi die Könige in den zwölf Monardiien 
Europas heute erfreuen. Es gibt nur äußerst wenige unter ihnen, 
die es nidit verdient hätten, abgesetzt zu werden.« Oder im »Dis- 
cours de Lyon«: »Man weiß zur Genüge, wie die Könige immer 
egoistisdi waren,- sie glaubten in ihnen wäre ihr Volk, ihre 
Nation etc.« 

Über den Ursprung, die Quelle und die Besdiaffenheit dieses 
Königshasses finden wir im Traktat »Sur lamour de la Patrie« 
einen bezeidinenden und für den Analytiker nidit uninteressanten 
Hinweis, dort nämlidi, wo der Syrakusaner Dion als Muster einer 
wahren und editen Vaterlandsliebe angeführt wird. Es gesdiieht 
zuersr mit den Worten: »Dion besaß ein großes Vermögen, 
war von vornehmem Gesdiledit und genoß eine verdiente Hodi* 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 367 

aditung. Was fehlte ihm denn zu seinem Glücke? Ihr sdiwädilidien 
Seelen, ihr könnt nicht erraten und ihr wagt zu spredien? Sein 
Vaterland ist Sklave eines Tyrannen, den er liebt und achtet, aber 
doch eines Tyrannen.« Und daß mein Rücksdiluß, es spiegle sich 
in dieser Stelle ganz deutlich Napoleons Verhältnis zum Vater, 
kein willkürlicher ist, daß auch für Napoleon selbst die Analogie 
zu durchsichtig geworden und die unbewußte Strömung zu sehr an 
die Oberfläche gedrungen sein mag, dafür spricht, daß er diesen, 
wie man sieht, in Form und Inhalt korrekten und geschichtlich ge^ 
treuen Passus ohne jede Nötigung durchgestrichen und durdi einen 
anderen ersetzt hat, in dem mit keinem Worte mehr der Ver^ 
wandtschaft, Liebe oder Aditung Dions für Dionysos Erwähnung 
getan wird. Es ist dies in der Mass on sehen Ausgabe die zweit* 
größte durchstrichene Stelle. 

Haben wir nun dergestalt für das Ersatzverhältnis Vater — 
König auch bei Napoleon sichere Anhaltspunkte gewonnen, so muß 
ganz besonders hervorgehoben werden, daß gerade hier in diesem 
Punkte die von uns oben postulierte Dünstige Wechselbeziehung 
zwischen Napoleons Phantasie und der Wirklichkeit, die selten ge* 
naue Kongruenz dieser beiden das Schicksal gestaltenden Faktoren, 
mit besonderer Klarheit zu beobachten ist. 

Fiel doch Napoleons Jugend mit der großen Revolution zu*^ 
sammen, dieser einzigartigen Bewegung, in der der stammesgeschicht- 
liehe Haß gegen den Vater entfesselt war wie kaum je zuvor, und 
die Menschenseelen völlig in seinem Banne hielt, F. Müller^Lyer^ 
weist ja von ganz anderen, rein soziologischen Gesichtspunkten nach, 
welch kolossale Bresche gerade durdi diese Revolution in die bis 
dahin ehern dastehende Stellung des Vaters geschlagen wurde. 

Durch diese allgemeine gegen den Vater gerichtete Bewegung 
wird nun einerseits auch Napoleons Vaterkomplex mächtig entfacht, 
in starke Schwingungen versetzt und neu belebt,- anderseits aber erhält 
bei ihm infolge der allgemeinen Libidozuwendung das schattenhafte 
Symbol Fleisch und Blut und wird zur lebendigen Wirklichkeit, die 
nun auch von Napoleon mit seiner bis nun so unproduktiv, ja 
zerstörend am Vater fixierten Libido, im reichsten Ausmaße be^ 
setzt wird. 

Zum Beweise hiefür führen wir an, daß er sidi zum König 
ebenso ambivalent stellte wie zum Vater <und zu Marbeuf), daß 
er somit bloß mit halber Seele Revolutionär und Königsstürzer, 
mit der anderen aber der Revolution abhold und dem König ge^ 
neigt war. Denn abgesehen davon, daß er in der Charakteristik 
des Verhältnisses Dions zu Dionysos auf diese Liebe hinweist 
<s. oben), so finden wir, verläßlichen Autoren zufolge, genügende 
Anhaltspunkte hiefür in seiner Jugendgeschichte. In oeurre, wo er 
1789 das »Wetterleuchten der Revolution«, die Getreideunruhen, 



» F. Müller-Lyer: Die Familie. München 1912, p. 196 bis 202. 



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OrfgfrTaffrom 
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368 Dr. Ludwig Jckds 



bekämpfen soll, macht er Cos ton zufolge scharfe Äußerungen 
gegen Revolutionen im allgemeinen. Und als einige Wochen später 
wieder die gleichen Unruhen in seiner Garnisonstadt Auxonne aus* 
brechen, »da flößte ihm die wilde, entfesselte Masse des Pöbels, 
der auf diese Weise seine Rechte zu erlangen suchte, Abscheu ein, 
und ... er mißbilligte die gegen die königliche Familie ausgestoßenen 
Flüche« <Kircheisen>. Bei Cos ton finden wir es vermerkt, daß 
Napoleon nach dem Eid auf die neue Verfassung vom 14. Juli 1791 
sich folgendermaßen geäußert hat: >Bis nun, wenn ich den Befehl 
erhalten hätte, meine Kanonen gegen das Volk zu richten, zweifle 
ich nicht, daß Gewohnheit, Erziehung, . , , der Name des Königs 
mich zum Gehorsam veranlaßt hätten.« Nach dem mißglückten 
Fluchtversuch des Königs vom 20. Juni 1791 — mit dem das 
Debacle Ludwig XVI. eigentlich begann — hören wir aus einer 
Rede, die Napoleon im Valencer Klub hielt, dem König wohl- 
wollende Akzente heraus, als er von einem »den König verfolgenden 
Verhängnis« und davon spricht, daß »die ganze Schuld für all 
das laste auf den Ratgebern des Königs, die ihn in den Abgrund stürzen«. 
Und ganz unzweideutig klingt seine AnteiU und Parteinahme für den 
König in den Äußerungen durch, die er beim Anblick der Szenen 
vom 20. Juni und 10. August 1792 getan hat. Denn am ersten 
dieser Tage, wo der König von dem in die Tuillerien gewaltsam 
eingedrungenen Vorstadtpöbel stundenlang maßlos beschimpft und ihm 
die Jakobinermütze aufgesetzt wird, da äußert sich Napoleon zu 
seinem Freunde Bourrienne: »Coglione! Wie konnte man diesen 
Vorstadtpöbel einlassen ! Man hätte vierhundert bis fünfhundert mit 
Kanonen wegfegen sollen und der Rest hätte das Weite gesucht.« 
Noch deutlicher aber äußert er seine Stellungnahme für den König 
am 10. August, wo gleichfalls gegen die Tuillerien aufgebrochene 
Jakobinerscharen die Sdiweizergarde niedermetzeln und durch ihre 
Raserei den König zwingen, in der Nationalversammlung Schutz 
zu suchen, wo er aber suspendiert und verhaftet wird/ da meint 
er: »ich fühlte, daß, wenn man midi gerufen hätte, ich den König 
verteidigt haben würde.« 

Indessen, bei der Abhängigkeit von Napoleons Einstellung 
zum Vater von der Allgemeinheit, ist es wohl natürlich, daß durch 
den während des Schlußaktes der Königstragödie so enorm entfachten und 
geschürten Haß und die Erbitterung gegen Ludwig XVI. auch 
Napoleons Libido in die gleiche Richtung gewiesen und die negative 
Komponente seiner ambivalenten Einstellung zum Vater zur mächtig* 
sten Entfaltung gebracht wird. Denn wir befinden uns da in einer 
Periode, wo — seit Anfang November 1792 — im Konvent fort* 
während die die Welt in Atem haltenden Verhandlungen über das 
Sdiicksal des im Temple gefangen gehaltenen Ludwig XVI. statt* 
finden, und ganz Frankreich widerhallt und aufs gewaltigste erregt 
wird von den daselbst gehaltenen Reden, die, wie z. B. Robespierres 
vom 3. Dezember »vom tiefsten Abscheu vor dem Königtum« ge* 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 369 

tragen sind, und dasselbe ebenso wie den König geradezu brande 
marken. 

Aber außer diesem allgemeinen gibt es für Napoleon in 
diesem Königssdiicksal nodi ein ganz spezielles Motiv, geeignet 
Napoleons ganzen Vaterhaß zu wecken und zur Entfaltung zu 
bringen. Stent dodi während der Revolutionsjahre der König fort^ 
während im Verdadite, fremde Mädite zu Hilfe rufen und mit 
ihnen sein Vaterland angreifen zu wollen! Wird ihm dodi in den 
Konventsverhandlungen vorgeworfen, er habe, »um sein Volk zu 
züditigen, die Waffen fremder Tyrannen, seiner Mitbriider, herbei-» 
gerufen«, und betrifft audi in seinem Prozesse die Hauptsdhuldfrage 
seine »Ansdiläge auf die allgemeine Sidierheit des Staates!« 

Somit will ja audi Ludwig XVI. — genau so wie in der 
Phantasie der Vater Bonaparte — die Mutter den Fremden aus^ 
liefern ! Was Wunder nun, daß da ein mäditiger Widerhall gewed^t 
wird, und durdi diesen Windstoß die unter der Asdie glimmenden 
Funken des alten Vaterhasses in mäditigen Flammen auflodern. 

Und dadurch werden eigentlich die Geschicke 
Ludwig XVI. auch zum Schicksal Napoleons. 

Denn wie nadistehend ausgeführt werden soll, sind sie es, die 
in zwei so wesendidien Fragen wie die hier abgehandelten Napoleons 
Stellung bestimmen und endgiltig entsdieiden. 



Vorerst seine Einstellung zu Frankreidi. Wie nämlidi un^ 
sdiwer erwiesen werden kann, oszilliert dieselbe redit syndiron mit 
dem Verlaufe der Königstragödie. 

So z. B. läßt ihn, der sidi bis dahin in seiner korsisdien Un^ 
versöhnlidikeit gar nidit an Frankreidis politisdiem Leben aktiv 
beteiligt hat, die verunglüd^te Fludit des Königs vom 30. Juni 1791 
den nationalen Untersdiied gänzlidi vergessen und der Verfassungs^ 
frage völlig unterordnen,- denn wir sehen da den königlidien Offizier 
im Valencer Klub der Verfassungsfreunde eine von glühender Frei-^ 
heitsliebe getragene und alle Anwesenden begeisternde Rede halten. 

Als nun am 14. Juli 1791 die Truppen und Bürger ihren 
Treueid nidit mehr dem Könige, sondern der Nationalversammlung 
als der obersten Madit geleistet haben, da atmet er erleiditert auf 
und meint: »er kenne jetzt niemanden als die Nation.« 

Und wenige Tage darauf <27. Juli 1791> sdireibt er, offenbar 
nodi ganz im Banne all der Herabsetzungen und Einsdiränkungen 
des Königs, »den Kopf voll von großen öffenriidien Angelegen^^ 
heiten« und getrieben »von meinem südlidien Blute, das in den 
Adern mit der Gesdiwindigkeit der Rhone fließt«, einen von allen 
Autoren als merkwürdig vermerkten Brief an den Kriegskommissär 
Naudin, in dem sidi die deudidie Annäherung an Frankreidi bei 
ihm zum ersten Male ausdrüdtt: »Beruhigt über das SdiiAsal 
meines Landes <Korsika> und den Ruhm meines Freundes <Paoli>, 

Imaffo III/4 24 



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370 Dr. Ludwig Jekels 



liegt mir nichts mehr am Herzen, als die Sorge um mein Mutter* 
fand <mere patrie, Frankreidi).« 

Wir vermeinen in seiner so starken Ambivalenz gegen seinen 
Vater einen genügenden Erklärungsgrund dafür zu besitzen, daß 
Napoleons obiger Anlauf zum Franzosentum nidit von langem 
Bestände ist/ denn alsbald sdinellt er wieder zurüA ins Korsentum, 
ist zwei Monate später wieder in Ajaccio und entfaltet hier die 
früher gesdiilderte, auf die Verdrängung der Franzosen geriditete 
Tätigkeit, die in dem späteren Attentat auf die Zitadelle gipfelt. 

Ach dürfte derselbe Grund dafür verantwortlidi sein, daß die 
von uns bereits erwähnten und von ihm mitangesehenen Szenen 
vom 20. Juni und 10. August 1792 — von welch letzterer er sidi 
nodi auf St. Helena gewundert hat, daß ihm niemals später eines 
seiner Sdilachtfelder audi nur annähernd den Eindrudi so vieler 
Leichen gemacht hat, wie hier die niedergemetzelten Schweizer <?> — 
ihn nidit dahin bestimmen, sich Frankreich zuzuwenden, zumal ja, 
wie bereits oben hervorgehoben, er sidi in beiden Fällen auf die 
Seite des Königs gestellt hat. Denn Chuquet zufolge hat er zu 
der Zeit »nodi immer nur seine Insel im Kopfe und kommt immer 
wieder auf sie zurück«, und beriditet den Seinigen über Frankreidis 
damalige Zustände »in einem Tone, der kalt und fast indifferent 
ersdieint, so daß man auf den ersten Blick meinen würde, diese 
Beridite stammen von einem Fremden, . . . der alle diese Dinge 
bloß aus Neugierde betraditet«. Und zu dieser Zeit ist es, wo er 
nodi an Joseph sdireibt: »nun Ist es wahrsdieinlidier denn je, daß 
all dies mit unserer Unabhängigkeit enden wird«, und wo er, wie* 
wohl sdiarf vom Minister ermahnt, statt zu seinem Regiment, wieder 
am 15. Oktober sich nadi Korsika begibt. 

Aber sdion etwa drei oder vier Monate später sehen wir 
Napoleon unter dem Einflüsse der erwähnten, die Negation des 
Vaters so aufrüttelnden Konventsverhandlungen, und unter dem 
Eindrud^ des im Dezember gegen den König vor dem Konvent 
stattfindenden Prozesses, Frankreidi wesentlich genähert, denn nadi 
Chuquet ermahnt er da sogar bei den gleidizeitig auf Korsika 
stattfindenden und von uns früher erwähnten administrativen Wahlen, 
seine Landsleute zum Franzosentum. 

Doch erst nachdem gegen den König am 18. Januar 1793 
das Todesurteil erflossen, da erst äußert sich bei Napo^ 
leon der Anschluß an Frankreich in entschiedener, unzwei- 
deutiger und unwiderruflicher Weise. 

In seinen Memoiren beriditet darüber der Kanzler Pasquier 
wie folgt: . . . »Bonaparte, anfangs wie Pozzo an Paoli attadiiert, 
zögerte nicht sidi von ihm zu trennen, um die Redite der französi- 
sdien Regierung zu verteidigen. Es war dies bei Nadiridit über die 
Verurteilung Louis XVI., daß er diese Partei nahm. Idi habe das 
Faktum von Herrn von Semonville, der damals als Kommissär 
der französisdien Regierung sidi in Korsika aufhielt.« 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 371 



Bonaparte weckte ihn bei Nacht. 

»Herr Kommissär,« sprach er, »ich habe gut unsere 
Lage erwogen,- man will hier eine Torheit begehen,- der 
Konvent hat zweifellos ein großes Verbrechen begangen 
und ich beklage es mehr denn jemand,- aber Korsika muß, 
was auch kommen mag, mit Frankreich vereinigt sein,- es 
kann nicht anders, als unter dieser Bedingung existieren,- 
ich und die Meinigen, wir werden, ich setze oie davon in 
Kenntnis, die Sache der Union verteidigen.« 

Nun erst, nadidem der Vater, der verhaßte Anstifter all des 
Unheils, der ihn am Besitze der Mutter gehindert, sie aber trotz^ 
dem mit Fremden geteilt hat, sein Verbredien mit seinem Kopfe 
gesühnt hat, — erst da sehen wir Napoleon sidi entsdiieden Frank- 
reidi zuwenden. 

Denn duvdx die Tötung des Königs ist ja der wesentliche 
Teil seiner Ödipus-Phantasie erfüllt worden, und da ist es ja nur 
selbstverständlidi, daß er — durdi den Ansdiluß an FrankreiA — - 
die freigewordene Mutter in Besitz nimmt, und so diese symbolisdie 
Realisierung zu einer vollständigen madit. 

Überdies ist aber diese Akzeptierung des vom Vater ge- 
sdiafFenen Sadiverhaltes audi die Identifizierung mit dem Vater, 
somit audi AusdruA der Liebe. 

Sie erfolgt aber zugleidi aus einem, nadi Stillung des Hasses 
sidi stark regenden Sdnildgefühl — worauf wohl seine Worte an 
Semonville von »großem Verbredien, das er mehr denn jemand 
beklage«, hindeuten, — und ist dergestalt audi eine Sühne^ und 
Bußhandlung. 

Und sdiließlidi dürfte audi die Identifikation Napoleons mit 
Marbeuf dieselbe in irgendeinem Grade mitbestimmt haben. 

Und mit der ganzen, uns aus Träumen und neurotisdien 
Symptomen so wohlbekannten Ungebundenheit des bloß seine 
jeweiligen Bedürfnisse berüd^siditigenden Unbewußten, wird nun aus 
den angeführten Motiven audi Frankreidi — das bis nun Napoleon 
Marbeuf und die Preisgebung der Mutter an denselben bedeutet 
hat — zum Symbol der Mutter selbst, zur mere patrie, der er 
nun seine glühende Liebe zuwenden, die er heiß begehren, seinen 
»Polarstern« nennen, und aufs äußerste verteidigen wird. 



Unter den vier Gestalten, weldie in der Vorstellungswelt 
Napoleons mit den Attributen des Vaters ausgestattet wurden, 

— haben wir dodi in dieser Rolle außer Charles nodi Marbeuf, 
Ludwig XVI. und Paoli kennen gelernt — kommt Paoli eine ganz 
besondere Stellung zu/ ist er doch der gute, der mustergiltige Vater, 
das Vaterideal. 

Und zur Verwendung als soldi eine Liditgestalt war Paoli 

— ohnedies von den Korsen il babbo (Vater) und von den Bona^^^ 



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372 Dr. Ludwig Jekcls 



partes compere genannt — dank seiner Vergangenheit, der um sein 
Haupt geschlungenen Aureole, vor allem aber dank seiner Haltung 
im Unabhängigkeitskriege, ganz besonders geeignet. War er dodi in 
der Spradie des Unbewußten der Vater, der die Mutter vor 
Fremden bewahrt und dieselben bis zum äußersten abwehrt, im 
Gegensatze zum wirklidien Vater, der sogar behilflidi ist, die 
Mutter mit dem Fremden Marbeuf zu vereinigen. Da ist es wohl 
selbstverständlidi, daß die ganze mäditige Liebe Napoleons mit 
ihren sublimierten Äußerungen der Bewunderung und Verehrung 
Paoli zugewendet wird. 

So sehen wir denn diese verklärte Vaterimago die ganze 
Kindheit und Jugend Napoleons dominieren und seine Seele ganz aus* 
füllen, wofür wir hinlänglidie Belege erbradit zu haben vermeinen. 

Wir sehen aber auch Napoleon mit ungeminderter Begeisterung 
an diesem Vaterideal festhalten noch während seines bereits öfters 
hervorgehobenen Aufenthaltes in Paris im Sommer 1792. Denn in 
dem Traume den er träumt, Frankreich würde aus innerer Sdiwädie 
Korsika nidit halten können und es von selbst freigeben, worauf 
dasselbe eine nationale Regierung erhalten wird, soll Paoli wieder 
der General, der Regent von Korsika werden, wie ehedem vor der 
französischen Okkupation,- denn, meint da Napoleon, »er ist alles 
und wird alles sein!« 

Indessen, je düsterer und tragischer sidi in den nächsten 
darauffolgenden Monaten das Schicicsal des im Gefängnis sdimach* 
tenden Königs gestaltet, je mehr der in den Konventsdebatten und 
im Prozeß gegen ihn sich entladende Haß audi in Napoleons Brust 
die nämlichen Saiten zum Schwingen bringt und so die alte Ab^ 
rechnung mit dem Vater aktualisiert, um so mehr entfernt sich 
Napoleon, durch die ablehnende Haltung des Gouverneurs natürlich 
noch darin unterstützt, von diesem seinen Jugendideal. 

Doch obzwar authentische historische Belege hiefiir nicht auf- 
findbar sind, so erscheint es mir schon aus psychologisdien Gründen 
unzweifelhaft, daß Napolen zur offenen und konsequenten Gegner-» 
sdiaft gegen Paoli erst überging, als der König auf dem Sdiaffot 
sein Haupt gelassen hatte. Denn in seinem, ihn von einem Neurotiker 
so stark unterscheidenden regen Kontakt — und Anlehnungsbedürfnis 
an die Allgemeinheit und Wirklichkeit, die übrigens seiner psydio-^ 
logischen Konstellation auch in diesem so bestimmenden Punkte 
außerordentlich entgegengekommen ist, wird er, wie bereits wieder* 
holt bemerkt, durch dieses Ereignis nach der Richtung der end- 
giltigen und extremen Negation des Vaters überhaupt gedrängt. 

Jeglidier Vater — und mag er noch so gut und ideal sein — 
muß gestürzt werden, nur weil er Vater ist,- genau so, wie es 
Oncken^ für das Schicksal Ludwig XVL formuliert: Die Ermordung 
eines Königs — bloß weil er König war. 

' Wilhelm Oncken, Das Zeitalter der Revolution, des Kaiserreidies und 
der Befreiungskriege. Berlin 1884, bei Grote. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. '^73 



Und so kommt es, daß nun Napoleons letzte VateMmago, Paoli, 
fallen muß. Nun zögert er nidit mehr, sidi zu ihm in offene Gegner^ 
sdiaft zu stellen und mit Paolis erbittertem Feinde, Saliceti, end^ 
giltig und eng zu verbinden. 

Und daß er nun in dieser Zeit, wo von Untersdiieden in der 
politisdien oder nationalen Gesinnung keine Rede sein konnte, da 
dodi Paoli damals nodi ebenso franzosentreu und republikanisdi 
war wie Saliceti, vor die Wahl zwisdien den Beiden gestellt, sidi 
gegen Paoli, wohl aber für Saliceti entsdiließt und diesem nun 
treue Gefolgsdiaft leistet, das bekräftigt wohl nadidrüd^lidi die von 
uns postulierte Bedeutung der Hinriditung des Königs für die 
Wandlung Napoleons. Hat dodi Paoli ausdrüdclidi die Tötung des 
Königs verdammt, meinend, die Korsen wären wohl Feinde der 
Könige, aber nidit ihre Henker, während Saliceti unter den korsi^ 
sdien Abgeordneten der einzige war, der für den Tod des Königs 
gestimmt hatte. 

Es waren indessen nodi andere unbewußte Motive vorhanden, 
weldie Napoleon zur Veränderung seiner Stellung zu Paoli gedrängt 
haben modhten. Denn wie bereits hervorgehoben, hat er sidi nadi 
Beseitigung des Vaters <Königs> mit demselben identifiziert, sidi 
selbst zum Vater gemadit, wofür wohl seine Akzeptierung des po*» 
litisdien Programmes des Vaters <der mit Marbeuf verbundenen 
Mutter), unwiderleglidi spridit/ und da ist es wohl natürlidi, daß 
er audi die letzte Vater^mago, Paoli, beseitigen wollte. 

Überdies aber muß er, ebenso zufolge dieser Identifizierung, 
das Vorgehen des Vaters gegenüber Paoli wiederholen,- denn Charles 
hatte ja, nadidem er duroi viele Jahre an der Seite Paolis in treuer 
Anhängersdiaft gestanden, denselben dann gegen das Ende des Un^ 
abhängigkeitskrieges gleidifalls verlassen und sidi den Franzosen 
zugewendet, — so daß Napoleon darin seinen Vater geradezu 
imitiert. 

Und es ist wohl einleuditend, daß all diese Motive sehr wirk*' 
sam genährt und unterstützt wurden durdi den unter den Repres^ 
sionen des Konvents immer reger werdenden Paolismus, der von 
den aufgepeitsditen Tendenzen Napoleons nidit als bloße Ab^ 
wehraktion, sondern vielmehr als Paolis Streben nadi unabhängiger 
Herrsdiergewnlt sowie als Kampf gegen Frankreidi gedeutet werden 
konnte. Und da Napoleon nun, nadi erfolgter Identifizierung mit 
seinem Vater, unverbrüdilidi an dem von Charles gesdiaffenen Sadi* 
verhalt festhält, so kehrt er sidi jetzt ebenso energisdi gegen den 
keimenden Paolismus, wie er sidi kurze Zeit vorher gegen die, als 
Protest gegen die Hinriditung des Königs sidi unter den Korsen 
leise meldende Abfallbewegung gewendet hatte, worauf sidi seine 
an Semonville geriditeten Worte: »man ist hier im Begriffe, eine 
große Torheit zu begehen,« beziehen. 

Es hieße aber das Wesen der Ambivalenz verkennen und den 
Grad derselben bei Napoleon untersdiätzen, wollte man meinen, 



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374 Dr. Ludwig Jckds 



daß nunmehr seine Verhaltungslinie zu Paoli eine ganz geradlinige 
und lediglidi vom Haß vorgezeidinete ist. Denn selbst in diesem 
Kampfe äußert sidi nodi reAt kräftig der positive Pol, die Liebe zu 
Paoli, und ihr unwiderleglidier Ausdrude sind sowohl die nadi Er* 
lassung des Haftdekretes vom 2. April von Napoleon versuAte An^ 
näherung an Paoli, als audi seine Bemühungen um Beilegung der 
Spannung, vor allem aber die warme und energisdie Verteidigungs^ 
adresse. Freilidi läßt uns sdion die fragende Form derselben, die 
sehr zahlreidien Fragezeidien, — als semee d'interrogations bezeidi- 
net sie Chuquet — , beim Verfasser eine innere Unsidierheit ver^ 
muten, und wir meinen, daß dies audi ein bei siA Anfragen, — 
vielleiAt naA den inneren Motiven dieser Parteinahme sowie naA 
der AufriAtigkeit derselben, — bedeutet. 

Zu den von den ForsAern angeführten und natürliA auA 
von uns vollauf gewürdigten UrsaAen, wie z. B. die naA dem 
Bekanntwerden der Denunziation Lucians ausgesproAene Feind«^ 
Seligkeit Paolis und demzufolge die allgemeine Veiiolgunp der Fa* 
milie Bonaparte, — möditen wir noA ein durA das Unbewußte 
konstelliertes und sehr affektbetontes Motiv hinzufügen, welAes es 
gleiAfalls bewirkte, daß die Liebe Napoleons zu Paoli nun ver* 
stummte, dagegen die Negation in die Höhe gesAnellt und zu einer 
endgiltigen wurde, wofür uns die verniAtende AnklagesArift wohl 
ein beredtes Zeugnis gibt. 

Je mehr iA miA nämliA in die LebensgesAiAte Napoleons, 
speziell aber in den hier abgehandelten AbsAnitt derselben vertiefte, 
um so mehr gewann iA die Überzeugung, daß dieses aussAlag' 
gebende, den ßruA mit Paoli sozusagen hnalisierende Motiv niAts 
anderes gewesen ist, als die Einstellung, die Napoleon bei Paoli 
betreffs Englands vermeinte, und die tatsäAliA, naA dem durA die 
neuere ForsAung ersAlossenen Ablauf der Begebenheiten, eine 
weAselnde und progrediente gewesen ist. 

Denn im Anfang seines Konfliktes mit der Regierung war ja 
Paoli überzeugter Franzose und daAte gar niAt an einen Verrat 
an England, so daß zu dieser Zeit der gegen ihn von Seiten ÜbeU 
wollender konstruierte Vorwurf niAts anderes war denn eine Ver- 
leumdung, der allerdings Paolis frühere Beziehungen zu England 
sowie seine Sympathien für dieses Land, den AnsAein ziemliAer 
Glaubhaftigkeit und WahrsAeinliAkeit verleihen konnten. Erst im 
weiteren Verlauf des Konfliktes hat siA Paoli, — hineingetrieben 
in die Erbitterung sowohl durA das Mißtrauen der Regierung als 
auA durA die zahllosen gegen ihn in Szene gesetzten Ränke und 
Intriguen sowie durA die Aufsässigkeit und Voreiligkeit des Kon* 
vents, — mehr und mehr dem Gedanken eines Abkommens mit 
England genähert, bis er sehr kurz darauf Korsika tatsäAliA an 
dasselbe auslieferte. 

Und im gleiAen Maße beobaAten wir nun bei Napoleon, 
der seinen eigenen auf St. Helena gemaAten Äußerungen zufolge 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 375 

gleidifalls unter dem Einflüsse dieser ausgestreuten Gerüdite stand, 
audi die Progression seiner Feindseligkeit gegenüber Paoli, und dies 
kann uns audi den grellen Widersprudi zwisdien den beiden, zeitlidi 
etwa durdi einen Monat getrennten Adressen erklären. Denn in der 
ersten glaubt er nodi nicht an diese VerdäAtigung Paolis oder zu* 
mindest, wenn wir hier wieder die fragende Form dieser Adresse 
als Zeidien der Unsidierheit und die nadifolgende Argumentation 
als ein Niederringen der eigenen Zweifel auffassen, will er an diese 
Möglidikeit nidit glauben. Im weiteren Verlaufe jedodi haben sidi 
seine Zweifel, teils durdi die nun trotz des Entgegenkommens des 
Konvents so unversöhnlidie Haltung Paolis, teils infolge seiner 
wahrsdieinlidi tatsädilidi bereits stattfindenden Unterhandlungen 
mit England verstärkt, sind ihm zur Gewißheit geworden, der er 
nun in der, natürlidi audi von anderen Motiven inspirierten Anklage^» 
sdirift unverhohlenen Ausdrud; verleiht. 

Und daß es gerade die Englandpolitik Paolis war, die so 
sdiid^salssdiwer für Napoleon wurde, ergibt sidi aus folgenden Er* 
wägungen: Es ist mit voller Bestimmtheit bekannt, daß Napoleon 
in seiner Jünglingszeit sehr viel Liebe und Sympathie für England 
und die Engländer besaß, so daß er, nebst seinem Bruder Joseph 
und Freund Masseria, in Ajaccio den Spitznamen »Anglomane« 
hatte. Man kann nur Chuquet beipfliditen, der, na Adern er zuerst 
die Quellen dieser Vorliebe Napoleons für England in der Lektüre 
von Rousseau, Raynal und Boswell gesudit, sdiließlidi und haupt" 
sädilidi sie in der Aufnahme erblid^t, die Paoli seinerzeit in Eng^ 
land gefunden hatte. Ganz deudidi bekundet Napoleon diese Liebe 
für England in der bereits erwähnten »Nouvelle Corse«,- denn 
dort rettet sidi einer das Leben, indem er sidi als Engländer aus* 
gibt, während die Franzosen erbarmungslos getötet werden. 

Und nun beobaditen wir bei Napoleon seit der Fludit aus 
Korsika einen Wandel in ganz entgegengesetztem, cntsdiieden eng- 
landfeindlidiem Sinne. Und so sehen wir ihn. Cos ton zufolge, in 
den ersten Tagen des September 1793, als er mit der Pazifizierung 
des aufständisoien Südens besdiäftigt, vernahm, Toulon sei durch 
Verrat den Engländern ausgeliefert worden, freiwillig <spontaneament> 
nadi Paris eilen und um das Artilleriekommando bei der Belagerung 
dieser Festung bitten. Allerdings wird diese Angabe Costons von 
den späteren Forsdiern ignoriert, die im Gegenteil meinen, das 
durdi den Tod des Vorgängers vakante Kommando sei Napoleon 
von Saliceti angeboten worden. Mehrere Jahre später lesen wir 
in seiner Antwort an die englisdien Zeitungen <13. Oktober 1803): 
>Ihr genösset in Europa den Ruf einer weisen Nation, aber ihr 
seid seit den Tagen euerer Väter stark entartet. Alle euere Reden 
rufen auf dem Kontinente Mitleid und Veraditung hervor.« Und 
im Briefe an die Engländer vom 15. August 1805: »Glaubt nur 
nidit, daß ihr Bundesgenossen auf dem Festlande habt. Ihr seid der 
Feind aller Völker und alle freuen sidv, wenn ihr gedemütigt 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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376 Dr. Ludwig Jckels 



werdet.« Und nur zu bekannt ist sein späteres, so wohl rationali-^^ 
siertes Verhalten gegen England und die Engländer, die ihm geradezu 
zum SdireAgespenst wurden, deren korrumpierenden Einfluß er 
immer hervorhob <siehe Briefe aus Italien an das Direktorium), die 
er sogar aus dem Salon der Frau Remusat verbannt wissen wollte, 
die er stets als seinen einzigen dauernden und größten Feind be^ 
traditete, gegen die er ganz Europa zur Bundesgenossensdiaft 
organisieren wollte, gegen die er Jahre hindurdi die Kontinental^ 
^erre verhängte, indem er ihnen alle Häfen von Hannover bis 
Tarent sdiloß, von denen er auf Elba sdirieb: <Considerations sur 
Tetat de TEurope) »Was die Engländer anlangt, kann idi nur 
sagen, daß uns die GesAidite kein Faktum anführt, das beweisen 
würde, daß ein Handelsvolk jemals zum GlüA des Mensdien* 
gesdiledites arbeiten würde«, — gegen dieses England, das soldier^ 
gestalt eigentlidi diesem einzigartigen Gestirn auf Korsika den Lauf 
vorzeidinete, um es dann bei Waterloo zum Erlösdien zu bringen. 

Madit uns nun die hier gesdiilderte Einstellung Napoleons 
zu England den ausgesprodienen EindruA, als ob sie zumindest 
auch eine affektive wäre, so daß sie uns zweifellos als ein so* 
genannter Komplex anmutet, so erblid^en wir darin eine Stütze für 
unsere frühere Behauptung, daß es die Haltung Paolis gegenüber 
England war, die in Napoleons Konflikt mit ihm nidit bloß eine 
sehr wesentlidie Rolle spielte, sondern sogar aussdilaggebend wurde 
für den definitiven BruÄ mit Paoli, sowie die erbitterte Feindselige 
keit gegen denselben. 

Und die Erklärung für diese Reaktion Napoleons — dessen 
Franzosentum dodi kaum einige Monate alt war — auf diese 
politisdie Stellungnahme Paolis ersdieint uns wahrlidi nidit sdiwer, 
sofern wir nur audi Napoleons unbewußte Phantasien berück" 
siditigen. Gedenkt dodi Paoli das große Verbredicn, das seiner* 
zeit Charles Bonaparte begangen und mit dem sidi Napoleon 
kaum eben, und zwar um den Preis eines sdiweren Opfers abgc* 
funden, zu wiederholen ! Also audi dieser vortrefl^lidie Vater, 
audi er ist bereit die Mutter den Franzosen preiszugeben, — genau 
so wie die sdilediten Väter: Charles und der König, der diese 
Sdiandtat eben mit dem Kopfe gebüßt hat! 

Und nadidem derart dieser bis nun stärkste Pfeiler seiner Seele 
völlig zusammengestürzt ist, läßt er nidits unversudit, um die 
Mutter gegen die verräterisdien Absiditen dieses Vaters zu ver* 
teidigen,- zertrümmert aber zugleidi mit wuditiger Hand restlos den 
Tempel, den er diesem seinerzeit aufgeriditet, ja - belehrt durch 
das Schicksal des Königs, wie man mit solch verräteri* 
sehen Vätern verfahren soll — fordert er sogar den Kopf 
dieses Vaters, da er ihn vor dem blutrünstigen Konvent des 
Hodiverrates anklagt. 

Durdi diesen endgiltigen und restlosen Zusammenbrudi der 
Liebe zum Vater, den er mit sidi bradite, sollte dieser Konflikt 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 377 

mit Paoli eminente Bedeutung sowohl für die Persönlidikeit Napo^ 
leons als audh für die Weltgesdiiditc gewinnen. 

Wie katastrophal er für die erste ward und wieviel hiebei an 
moralisAen Werten zugrundegegangen ist, darüber mögen uns die 
Worte des Kaisers an Talleyrand orientieren, als dieser, in der 
Absidit gefällig zu sein, ihm das mittels Spezialkouriers aus Lyon 
geholte Manuskript des »Discours« vorwies. Da riß es ihm der 
Kaiser aus der Hand und warf es ins Feuer, »weil es überfloß 
von Gefühlen und Prinzipien, die in meiner Jugend gehegt zu haben 
es mir nidit sdimeidielhaft gewesen wäre, falls man es mir vor-* 
halten würde.« 

Für die Weltgesdiiditc aber ward er von ungeheuerer Trag- 
weite, weil durA diesen Konflikt das Unbewußte Napoleons ein- 
deutig und endgilrig nur auf die extremste Negation des Vaters 
eingestellt wurde, gegen den er von nun ab einen unaufhörlidien, 
sdionungs- und erbarmungslosen Kampf führen sollte. 



IV. 

Von nun ab soll in Napoleons Brust das unstillbare Verlangen 
nadi dem Besitze der Mutter nie mehr zur Ruhe gelangen, und der 
gewaltige Kampf um sie mit dem Vater bilden wohl das gewaltigste 
Epos der Mensdiheitsgesdiidite. Das ist die Leitlinie, die mit seltener 
Klarheit dieses einzigartige Leben durdizieht und der er alles andere 
unterordnet, und zu deren Durdisetzung ihm sämtlidie Wege und 
alle Mittel gut sdieinen: 3^denn idi bin nidit ein Mensdi, wie ein 
anderer und die Gesetze der Moral und der Sitte gelten nidit 
für midi«. 

Vor allem sehen wir nun sein Verhältnis zu Korsika völlig 
geändert. Denn ebenso, wie sidi der kleine Junge bei seinem stets 
okkupierten Vater die Vernadilässigung der Gattin mit der Preis- 
gebung derselben an Marbeuf erklärt haben mag, sehen wir, daß 
nun audi Korsika bei Napoleon kaum irgendweldie afl^ektive Be^ 
Wertung mehr findet. Im Jahre 1795 soll er als Artillerieinspektor 
an einer — übrigens unterbliebenen — Expedition teilnehmen, 
weldie die im englisdien Besitz befindlidie Insel zurückgewinnen soll,- 
im darauffolgenden Jahre veranlaßt er als Oberkommandeur der 
italienisdien Armee selbst die Zurüd^erorberung Korsikas, dodi ohne 
irgendweldien Affekt an dieses Ereignis zu knüpfen. Mit Redit 
meint daFournier: »Seine Heimat war nidit mehr imstande, sein 
Interesse im höherem Grade zu fesseln, als etwa Korfu oder 
Malta.« 

Ja, nodi mehr! Es ist ofi^enbar die Wirkung desselben Kom^ 
plexes, daß, wie wir in Masson ausdrüd^lidi lesen, Napoleon als 
allmäditiger erster Konsul naii Ansidit der Frau Lätizia, die un^ 
beirrt durdi die fabelhafte Wendung in ihrem Sdiidisal ihrer Ver* 
gangcnheit und Korsika stets treu geblieben ist, sidi gegen seine 



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878 Dr. Ludwig Jckcls 



Heimat und ihre Bewohner mit Undank benimmt. »Aber seit Tou* 
Ion ist er so: er hat nidit einmal gestattet, daß man zu ihm kor* 
sisdi spredie«. 

Und erst nadi vielen Bemühungen gelingt es endlidi der Ma- 
dame Mere beim Kaiser die Regelung der Situation all der korsisdien 
Verwandten durdizusetzen. Denn von dem ehemaligen großen kor- 
sisdien Troß hat Napoleon nur zwei (Arrighi und Ornano) in seine 
Umgebung aufgenommen, und audi die erst, nadidem er sie vor- 
erst in Italien, Ägypten, San Domingo, »von Kadix bis Moskau« 
die Feuerprobe auf ihre Verläßlidikeit bestehen ließ! Aber nun: 
assez des Corses/ er hat nidit die Absidit, ihnen Frankreidi aus- 
zuliefern: er weist ihnen Korsika an, und opfert sogar seinen ganzen 
Besitz auf der Insel, den er unter sie verteilt, nur damit sie sidi 
nidit über Frankreidi ergießen! 

Konnte dodi infolge dieser Gleidigiltigkeit und Abneigung 
Buttafuoco den gegen ihn seinerzeit von Leutenant Bonaparte er- 
hobenen Vorwurf <s. p. 317) sdilagend mit den gleidien Waffen ver- 
gelten, als er in seinen zurüd^gelassenen Papieren den Kaiser Na- 
poleon folgendermaßen apostrophierte: »Weldien Grund hätte nidit 
Korsika, um Ihnen zu sagen: Wie, mein Sohn, ist denn dein Herz 
unempfänglidi für die Insel, wo du das Leben empfingest? Als du 
ins Alter der Vernunft tratest, erhoffte idi Gutes von dir. Als idi 
didi einen großen Sdiauplatz betreten sah, da erzitterte mein Herz 
vor Freude, denn idi hoffte, daß dir dein Vaterland, deine Brüder 
teuer sein würden. Es ist entsetzlidi, daß Sie einer ihrer Brüder bis 
zu diesem Grade vernadilässigt.« 

Nun aber Korsika entwertet und verloren, beginnt bei Na- 
poleon eine nimmermüde und nimmersatte Sudie nadi Ersatz, auf 
weldier seine von Heißhunger gequälte Phantasie gierig ein Land 
nadi dem anderen begehrt, derart eine sdiier endlose Reihe von 
Surrogaten bildend, die jedodi als soldie seine Gier nie audi nur 
annähernd zu befriedigen vermögen. Er tränkt auf dieser Sudie die 
Länder in Blut, versetzt die Welt in Sdired^en, verändert das Ant- 
litz Europas, umsonst, all das kann seinen Hunger nidit stillen! 

Das erste, die Reihe eröffnende und von ihm wohl am hart- 
näckigsten begehrte dieser Ersatzobjekte ist Italien. »Im Januar 
1795, lesen wir im Memorial de St. Helene, verbradite Napoleon 
eine Nadit auf dem Col di Tenda, von wo er bei Sonnenaufgang 
die sdiönen Ebenen erblidite, die bereits der Gegenstand seiner Ge- 
danken waren. Italiam, Italiam!« 

Nun wissen wir ja, weldie Ströme von Blut er um den 
Besitz dieses Landes mit den Österreidiern, Sarden, Neapolitanern, 
sogar mit dem Papste vergossen: und wenn sdion dieser sehn- 
süditige Ausruf Napoleons auf die Beteiligung des Affektes hiebei 
hinweist, so sei es gestattet hier ergänzend hervorzuheben, daß Frau 
Lätizia geborene Ramolino, wie sdion Chuquet hervorhebt, im 
gleidien Maße Italienerin wie Korsin war. Und als Stütze für diese 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 379 



Annahme verweise idi auf das kleine Detail, daß Napoleon seinen 
italienisdien Namen: Napolione Buon aparte zum letztenmal ge^ 
braudite, als er seine Trauungsurkunde mit Josephine Beauharnais 
untersdirieb/ denn der nädiste in unserem Besitze befindlidie, eine 
Wodie später an Rossi geriditete Brief trägt sdion die französisdie 
Untersdirift Bon aparte, die er fortab ausnahmslos gebraudite. Nidit 
ganz ohne Belang dürfte hier audi die unsdieinbare Tatsadie sein, 
daß er in seinen Liebesbriefen Josephine wiederholt mit italienisdien 
Kosenamen apostrophiert. 

Und kaum, daß der Frieden von Campo Formio gesdilossen 
da drängt es ihn sdion — offenbar wegen des stärkeren Anklanges 
an Korsika — siA der Inseln Malta, Korfu und Zante zu bemädi^ 
tigen, denn »sie sind für uns von größerem Interesse, als Italien,« 
meint er im Briefe an das Direktorium. 

Von da geht es weiter, n^idi Ägypten, Palästina, von hier soll 
es nadi Damaskus, Aleppo und Konstantinopel, denn dann »stürze 
idi das türkisdie Reidi, gründe im Oriente ein großes Kaiserrcidi, 
— und kehre über Adrianopel nadi Wien zurüA« — nidit zu 
vergessen Indiens, das gleidifalls von hier aus von seiner beispiellos 
gierigen Phantasie versdilungcn wird. Und als Kaiser besdieidet er 
sidi ebensowenig mit der »Maitresse«, die ihm naA seinem eigenen 
Aussprudle Frankreidi bedeutet, sondern ist von der gleidien 
Ländergier gepeinigt wie als Oberbefehlshaber und Konsul/ denn 
wir sehen ihn Reidie stürzen und neu gründen, Länder wie Spreu 
durdieinandersdiütteln, um sidi, wie er meinte, »Europa zu Füßen 
zu legen«, ja, sogar »Herr des Universum zu sein«, — und dies 
alles getrieben von einer kaum dagewesenen Gewalt des inzestuösen 
Verlangens nadi der Mutter, und einem sArnnkcnlosen Trotz 
gegen den Vater, wie er in der Mensdiheitsgesdiidite ganz vereinzelt 
dasteht! 

Es hieße wohl hier die ganze Gesdiidite des napoleonisdien 
Zeitalters rekapitulieren, wollte man den Haß und Trotz, den Na^ 

f>oleon bei dieser nie rastenden Sudie nadi der Mutter seiner Vater^ 
mago — den untersdiiedlidisten Herrsdiern Europas — entgegen^ 
bradite, im Detail nadiweisen. Nur summarisdi möge hier daran 
erinnert werden, wie er sidi zu Kaiser Franz von Österreidi, König 
Friedridi Wilhelm III. von Preußen, zu den Königen won Spanien, 
Portugal, Neapel, zu den deutsdien Königen und den Bundesfürsten 
und nidit zuletzt zum Papst Pius VII. gestellt, wie er sie provoziert 
und die Besiegten drangsaliert, gedemütigt, herabgesetzt und erniedrigt 
und die Abhängigkeit von ihm hat fühlen lassen. Idi überlasse es 
Berufeneren, dies wenn audi nur an wenigen Beispielen zu illu- 
strieren: 

Fournier: »In Dresden versammelten sidi huldigend die Fürsten 
des Rheinbundes, über die der Korse unbedingter gebot, als seit 
langer Zeit ein römisdier Kaiser deutsdier Nation. Audi der letzte 
von diesen, Franz von Österreidi, fand sidi ein. Hatte Napoleon 



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380 Dr. Ludwig Jekds 



die Zusammenkunft mit seinem Schwiegervater gewünscht, um seine 
Verwandtsdiaft mit der ältesten Dynastie der weit als Relief für 
seine unerhörte Geltung zu benützen? Er hat damals Franz I. auf* 
gefordert, ihn auf seinem Kriegszug zu begleiten. Dazu ist es aller* 
dings niAt gekommen. Im übrigen aber trat der Kaiser von öster* 
reidi, trotz allem vertraulidien Verkehr mit dem Eidam, ebenso 
gehorsam wie der König von Preußen und die kleinen Souveräne 
in den Sdiatten des gewaltigen Parvenüs . . .« 

G. Kircheisen über die Zusammenkunft in Tilsit, die un* 
mittelbar nadi der für Preußen entsdieidenden Niederlage bei Friede 
land stattgefunden hat: »In der Tat fand am nädisten Tage, am 
25. Juni 1807, eine Zusammenkunft der beiden Kaiser auf einem 
Flosse auf dem Niemen statt. Der König von Preußen blieb am 
Ufer zurüA, da Napoleon ihn nidit eingeladen hatte • . . Dann 
kamen die Monardien in Tilsit zusammen . . . Napoleon vermied 
es, mit Friedridi Wilhelm über die sdiwebenden Angelegenheiten zu 
spredien und behandelte ihn wie eine nebensädilidie Person. Er 
unterhielt sidi mit ihm über die niditigsten Dinge, wie über Uniform^ 
knöpfe, Tsdiakos und so weiter, und spottete bei jeder Gelegenheit 
über ihn.« 

Aus einem Briefe der Herzogin Louise von Sadisen** Weimar 
<nadi der gleidien Quelle): >. . . Sie haben keine Ahnung, wie leidit^ 
fertig Napoleon die vier Könige behandelt, die in Erfurt sind. Idi 
versidiere Sie, es lohnt der Mühe, das zu sehen. Gestern z. B. 
waren sie genötigt, eine Stunde lang vor dem Diner im Vorzimmer 
zu warten« . . . 

Aber keine Dynastie hat er audi nur annähernd mit dem 
gleidien Hasse behandelt, wie die Ludwigs XVI, die Bourbons, deren 
glänzende Anerbieten er nodi als Oberbefehlshaber sdirofF zurüA- 
weist, von denen er sagt, er hätte sie, im Falle ihrer Restitution, 
zum zweitenmale zu depossedieren gewußt, von welAer er nadi 
Austerlitz in einem einfadien Armeebefehle kundmadit: »sie habe 
aufgehört, in Neapel zu herrsdien« und deren ahnungs- und sdiuld*' 
losen Sprossen, den Prinzen d'Enghien er zum Entsetzen aller Welt 
füsilieren läßt. 

Das wirklidie und tiefere Motiv all dieses Beginnens verraten 
uns aber seine aus dem Jahre 1804 stammenden W^orte, wonadi 
er keinen Vater dulden und die Stelle aller einnehmen wollte, denn 
»es wird nidit Ruhe in Europa eintreten, als bis es unter einem 
einzigen Oberhaupte steht, unter einem Kaiser . . .« 



Und so hätten wir nun audi in dieser, ganz solitär sdieinen* 
den und als Paradigma des Ehrgeizes geltenden Mensdienseele, im 
letzten Grunde libidinöse Antriebe aufgeded^t, und audi dies Sd)iA*^ 
sal als in letzter Linie durdi Sublimierung sexueller Motive gestaltet, 
erkannt. 



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Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 381 

lA meine, daß durdi diese Zurückführung auf AIIgemein^mensA* 
lidies und Typisdies, weder seine ungeheuere Größe, nodi audi seine 
Bedeutung als eine ganz unvergleidilidie Kulturpotenz irgendwie 
beeinträditigt wird, und daß ungeachtet derselben, die Ansidit WoU 
seleys, er sei »der Größte der Großen« gewesen, aufredit bleiben, 
kann. 

Und ebensowenig widerspredien wir Ansiditen, wie etwa der 
Victor Hugos, der da von ihm meinte: 

»Er besaß alles, er war vollkommen. Er hatte in seinem Ge^ 
hirne die mensdilidien Fähigkeiten in der sedisten Potenz. Er madite 
Gesetzbüdier wie Justinianus, diktierte wie Cäsar, in seinen Ge^'^ 
sprächen war er rascal und Tacitus, er machte Geschichte und 
schrieb sie, seine Bulletins sind Iliaden, ... er hinterließ im Orient 
Worte, groß wie die Pyramiden, in Tilsit brachte er Herrschern 
Majestät bei, und in der Akademie der Wissenschaften disputierte 
er mit Laplace . . .« 

Nur, daß wir in analytischer Konsequenz noch hinzufügen 
müssen, die Bewunderung und das dieser Gestalt für immer ge^ 
sicherte und stets von Neuem erwachende Interesse der Menschheit 
kämen überdies und im letzten Grunde von dem mächtigen Widern 
hall, den dieser gewaltige Ödipuskomplex, in seiner so leichten und 
typischen Gewandung, in dei' nämlichen verdrängten Regung unserer 
eigenen Brust findet. 

Und vielleicht war es weniger, wie Fournier meint, aus Be* 
rechnung, als aus dieser Empfindung heraus, daß in Erfurt, als »vor 
einem Parterre von Königen« der Voltairesche »Ödipe« aufgeführt 
wurde, sich Alexander von Rußland erhob und Napoleon unter dem 
Beifall des Saales umarmte? 

Literatur : 

1. Chuquet A.: La Jeunesse de Napoleon. Paris 1897. 

2. Cos ton: Biographic des premieres annees de Napoleon Bonaparte. 
Paris 1840. 

3. Fournier A, : Napoleon I. Eine Biographie, Wien^Leipzig 1913. 

4. Jung: Bonaparte et son temps d'apres les documents inedits. Paris. 

5. Kircheisen F. M.: Napoleon, sein Leben und seine Zeit. 
München 1911. 

6. Kircheisen G.: Die Frauen um Napoleon. München 1912. 

7. Landsberg Hans: Napoleons Briefe. »Das Museum«, Berlin 1906. 

8. Lucien Bonaparte: Memoires, herausgegeben von Jung. 

9. Martel Tancredc: Napoleon Bonaparte Oeuvres litteraires. 
Paris 1888. 

10. Masson F.: Napoleon dans sa jeunesse. Paris. 

11. Masson F.: Napoleon et sa famille. 

12. Masson F.: Napoleon zu Hause <übersetzt von Biberstein). 
Leipzig. 

13. Masson et Biagi: Napoleon, Manuscripts inedits. 

a D o 



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382 John T. Mac Curdy 



Die Allmacht der Gedanken und die Mutterleibs^ 

phantasie in den Mythen von Hephästos und einem 

Roman von BuKver Lytton. 

Von JOHN T. MAC CURDy <Wards Island, New^York). 

Freud hat viclleidit keinen widitigeren Einzelgrundsatz als Resultat 
seiner psydioanalytischen Durdiforsdiung der Psydioneurosen 
und Psychosen ausgesprodien, als den, daß in unserem Innern 
zwei Gegner ununterbrodien miteinander ringen, die er »Lust-« und 
»Realitätsprinzip« genannt hat. Die strengen Anforderungen der 
Umwelt versagen uns die Erfüllung vieler, ja vielleicht der meisten 
unserer tiefsten Wünsche, ohne doch imstande zu sein, sie völlig zu 
vernichten. Das unerfüllt gebliebene Begehren drängt unausgesetzt 
nach Äußerung, die ihm wegen seiner antisozialen oder unmorali^ 
sehen Tendenz verwehrt werden muß. Doch gibt es zweierlei Mög^ 
lichkeiten, eine indirekte Befriedigung zu erlangen: Der Wunsch 
kann eine symbolische Erfüllung finden, wie zum Beispiel, wenn ein 
Schoßhund oder irgendein Steckenpferd all die Liebe empfängt, die 
sonst in der Brust eines kinderlosen Weibes aufgehäuft bleiben 
müßte,- das Begehren kann aber auch in einer Phantasie gestillt 
werden, wenn die Einbildungskraft die verbotenen Genüsse in dra^ 
matisierter Form vorzaubert. Die durch den ersten dieser beiden 
Auswege erreichbare Befriedigung steht im Verhältnis zu dem Grade, 
in welchem der Affekt von seinem ursprünglichen Gegenstand auf 
das Symbol übertragen werden konnte, das heißt, sie wird um so 
ausreichender, je mehr Gleichwertiges der Ersatz zu bieten vermag,- 
im anderen Falle hängt sie von der Lebendigkeit ab, mit der das 
Begehren in der Phantasie dargestellt erscheint. Auf solche Weise 
könnte ein vollständiges Sich^Ausleben erzielt werden, wenn das 
kritische Urteil nidit den Mangel an Realität bemerken würde. Für 
das Kind, den Wilden und bis zu einem gewissen Grad den Dichter, 
existiert die strenge Wirklichkeitstreue nidht, die der Existenzkampf 
dem herangewachsenen, zivilisierten Manne aufnötigt. Daraus entsteht 
der fortwährende Kampf zwischen dem symbolischen und der Phan^ 
tasie zugekehrten Denken auf der einen und der Lebenswirklichkeit 
auf der anderen Seite. Die Entwicklung von der Kindheit zum 
Mannesalter, vom Wilden zur Zivilisation besteht tatsächlich in nichts 
anderem, als in der fortschreitenden Anerkennung der Realität und 
der Anpassung daran. Keiner der beiden sich befehdenden Teile 
kann jemals vollständig über den anderen triumphieren. Wenn die 
unbewußten Strebungen erlöschen würden, müßte das Leben seines 
stärksten Antriebs verlustig gehen, aber immer gibt es auch 

»das eigensinnige Fragen 
Nach einem Sinn, an dem die Dinge sich da draußen binden, 
Die uns entfallend in das Nichts hinüberschwinden. 



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Die Allmacht der Gedanken und die Mutterleibsphantasie etc. 383 

Das mckte Mißtrauen einer Kreatur 

Die eine Welt durchwandert, nicht erkennt 

Und tiefes Sehnen, das die sterbliche Natur 

Nur zitternd, wie ein Schuldiger den Richter nennt.« 

Wenn dieses >tiefe Sehnen« zu stark wird, bricht das Ver^ 
ständnis der Realität an einem oder mehreren Punkten nieder und 
an die Stelle der richtigen treten symbolische Wertungen, aus denen 
sich die Symptome der Neurosen oder Psvchosen bilden. 

Es gibt eine Form einer solchen Reafitätsverfälschung, die von 
einem Patienten Freuds, einem Zwangsneurotiker, »Allmacht der 
Gedanken« genannt wurde. Es ist dies ein Geisteszustand, in welchem 
das Individuum vermeint, daß seine bloßen Gedanken unwiderstehliche 
Gewalt besitzen,- er fühlt, daß eine Handlung, an die er nur gedacht 
hat, bereits vollzogen ist/ ein Feind wirci z, B. dadurch wirklich 
geschädigt, daß man ihm Übles wünscht. Diese Vorstellungsweise 
bildet die Grundlage für viele magische Zeremonien, so, wenn ein 
Bild desjenigen Mensdien zerstört wird, den der Zauberer umbringen 
will/ tatsächlich haben die meisten Flüche für die Gedanken des^ 
jenigen, der sie hervorstößt, nur soweit Wirksamkeit, als er an die 
Allmacht seiner Gedanken glaubt. Wenn wir uns schuldig fühlen, 
weil wir jemandem Unglück gewünscht haben, so kommt das daher, 
daß wir unbewußt glauben, unsere Gedanken hätten ihn verletzt. 

Nun steht dieser Phantasie^Typus im allersdiärfsten Gegen= 
satz zum Realitätsprinzip und von Ferenczi* stammt eine meister-r 
hafte Untersuchung der Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, 
der immer mehr und mehr siegreidi die Allmacht der Gedanken 
bekämpft. Es ergibt sich selbstverständlich, daß die ersten Kindheits- 
jahre diesen Glauben stärker aufweisen, als die späteren. Die Psycho* 
analytiker sind dazu gelangt, es nahezu als ein psychologisches Gesetz 
anzusehen, daß jede geistige Verirrung im Leben des Erwachsenen 
etwas wiederholt, was in einem vorangegangenen Stadium der Ent* 
Wicklung normal gewesen war. Es ist daher nicht überraschend, daß 
der Glaube — man könnte sonst sagen die Ausübung — der AIU 
macht der Gedanken stärker wird, je weiter man beim Studium der 
geistigen Einstellung des Individuums in seiner Entwidklung zurüd^* 
greift. So zeigt Ferenczi, daß das Kind in utero sich tatsächlich 
eines Zustandes erfreut, in welchem seine Bedürfnisse gestillt werden, 
bevor es an sie zu denken vermag/ das wiciitigste für sein WohU 
befinden, Wärme, Schutz und Nahrung stehen ohne eine Anstren- 
gung von seiner Seite bereit/ es braucht nicht einmal zu atmen. Die 
Umgebung ist zu dieser Zeit keine feindliche Macht, der er sich an- 
passen muß, sondern sie unterwirft sich seinen Wünschen. Die wil- 
deste Phantasie des erhabensten Herrschers könnte die Vision einer 
solchen dienstbereiten Umgebung nicht heraufbeschwören. Vor der 

* Ferenczi, Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. Jahrg. I., 
Heft 2. 



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384 John T. Mac Curdy 



Geburt existiert der Kampf ums Dasein — Realität — noch nicht. 
Doch selbst nach seiner gefährlichen Fahrt in die Außenwelt kann 
er nicht so bald 

»Die I lerrlichkeit vergessen, die er kannte 
Und jenes Kaiserschloß, aus dem er kam.« 

Auch nach der Geburt beherrscht es noch seine Umgebung. 
Seine Mutter und seine Pflegerin bieten alles auf, zunächst um so 
genau als möglich den wundervollen Aufenthaltsort, den es verlassen 
hat, nachzuahmen, indem sie ihn in warme Decken hüllen und seine 
Augen gegen das Licht schützen/ später, indem sie sein Geschrei 
und seine Bewegungen als Befehle nach Nahrung oder anderen An* 
nehmlichkeiten deuten und ihnen gehorchen. Seine Gedanken sind 
noch immer allmächtig. Mit Verlauf der Zeit werden die Ansprüche 
der Realität dringender und das Kind lernt, daß es selbständig 
handeln muß. Doch während einiger Jahre dauert, wenngleich die 
Macht über die Umgebung ständig nachläßt, noch immer der Zustand 
an, daß seine Wünsche und Bedürfnisse, sobald es sie äußert, auto* 
matisch befriedigt werden. 

Wenn der Kampf mit der Realität, das dringende Bedürfnis nach 
Anpassung, schärfer wird, so erwacht eine Tendenz zur Rückkehr 
zu jenem Entwicklungszustand, wo die Umgebung der Diener, nicht 
der Herr war. In jenen Psychosen, wo Symbole zum direkten Aus- 
druck gelangen, finden wir ausreichende Beweise, die hier nicht mit^ 
geteilt werclen können, daß der Patient in seiner Einbildung in den 
Mutterleib zurückkehrt. Das normale Individuum sucht Erleiditerung 
in Träumen, Mythen und anderen Phantasiebildungen, die nadi dem 
Muster des Traumes gebaut sind, doch stets in der Ausdrucksform 
des Symbols. Die Psychoanalyse und die alltägliche Sprachgewohn*- 
heit lehren uns, daß die Erde ein Symbol für die Mutter ist — 
Mutter Erde. Daher kann natürlich jedes Loch und jede Höhle in der 
Erde die Höhlung des Mutterleibes darstellen, in der das Kind sich 
vor der Geburt aufhielt, oder, wie der Psalmist sagt: ». . . da ich 
in Heimlichkeit geschaffen wurde und seltsamlich ausgeformet in den 
tiefsten Teilen der Erde.« Jede Symbolik wird im wesentlichen in 
der Kindheit bestimmt und wir müssen uns deshalb mit den Theo* 
rien, die sich das Kind über den Ursprung des Lebens bildet, ver* 
traut machen. Wahrscheinlich weiß es dank seiner Erinnerungen 
an die eigene Geburt, daß es aus dem Leib der Mutter gekommen 
ist. Es betrachtet den Bauch als eine große Höhle und schließt auf 
ihren Inhalt nach dem, was es aus dieser Höhle herauskommen 
gesehen hat. Daher stehen infantile Geburtstheorien mit Wasser 
<Urin> und Fäces in Zusammenhang. So wird der Ort, aus dem das 
Kind herkommt, die Kloake. Im Besitz dieser Auffassung können 
wir verstehen, wieso jeder dunkle, abgeschlossene Ort den Mutter^ 
leib im Traum symbolisch darstellen kann und warum in den My* 
then aller Nationen der Held als Kind stets im Wasser gefunden 



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Die Allmacht der Gedanken und die Muttcrieibsphantasie etc. 385 

oder daraus hervorgeholt wird. Wenn wir diese Symbolik annehmen, 
sehen wir, daß ein Gott oder Gesdiöpfe, die ein Dasein unter dem 
Wasser oder der Erde führen, dadurdi symbolisdi als im Uterus 
lebend dargestellt werden. Es ist meine These, daß soldie Personen 
in den Phantasieprodukten leidit mit der Allmadit der Gedanken 
ausgestattet werden können. 

Bevor wir zur Erörterung der Hephästos^ und anderer Mythen 
übergehen, ist es notwendig, ein immer wiederkehrendes Symbol 
für das intrauterine Dasein zu erwähnen. Unsterblidikeit kann eine 
verstandesmäßige Überzeugung sein, aber als soldie ist sie niemals 
angeboren. In unserem Unbewußten sind wir unsterblidi und selbst 
im Bewußtsein unfähig, die Vorstellung des Verlustes unserer Per- 
sonsidentität ganz zu erfassen. Dodi führen offenbar sowohl Geburt 
wie Tod irgendeinen Wedisel in uns herbei. Was ist natürlidier, 
als daß das Dasein vor der Geburt und nadi dem Tode als iden* 
tisdi angesehen wurde? Wirklidi hat die Psydioanalyse gezeigt, daß 
der Toa ein Symbol der Existenz im Mutterleib ist und die Diditer 
erzählen uns unaufhörlidi dasselbe. So sagt z. B. Shelley: 

>Das Kind hat Friede im Mutterleib, 
Im Grab die Leidie ruhigen Verbleib, 
Wir beginnen bei unserem End\« 

Und im Budie Hiob lesen wir: »NaAend bin idi aus meiner Mutter 
Leib gekommen und naAend werde idi dahin zurüAkehren.« 

Idi habe die Hephästos^'Mythen untersudit, weil sie geeignet 
sdiienen, den Nadiweis für den Zusammenhang zwisdien der All* 
madit der Gedanken und dem Leben in einem Aufenthaltsort unter 
der Erde <d. h. in symbolisdier Ausdrud^sform, Leben im Mutter* 
leib) zu liefern,' dodi soll audi auf die analoge Assoziation der 
beiden in anderen Mythen Bezug genommen werden. Damit ist 
keineswegs AnspruA auf ersdiöpfende Behandlung des Themas 
erhoben und die wenigen verstreuten Beispiele, die den Gesdiiditen 
von Hephästos hinzugefügt sind, werden nur zur Bestätigung der 
Theorie angeführt, daß im unbewußten Seelenleben die beiden Vbr^ 
Stellungen sehr innig miteinander verlötet sind. 

Hephästos war, wie der nordisdie Loki und der indisdie Agni, 
der Gott des Feuers, er war audi ein Sdimied, der Überwamer 
des Blitzes und der Gott der Fruditbarkeit. Ein Sohn der Hera 
und des Zeus,- jene warf ihn während eines Streites mit dem Gemahl 
aus dem Himmel und er stürzte in die See. Hier wurde er von 
Thetis und den Töditern des Okeanos besdiützt, für die er eine 
wunderbare Höhle, vor Gott und Mensdien verborgen, erbaute. 
Die Zwerge der nordisdien Mythologie arbeiteten audi in Höhlen 
und wir sehen, daß sie in mandier Beziehung dem Hephästos 
ähnelten, Audi Agni wurde in der Höhle verborgen gehalten und 
herausgeholt/ audi er sudite beim Wasser Zufludit. Bei Thetis 
verblieb Hephästos neun Jahre. Die Zahl Neun legt den Ge* 

Imafo III/4 25 



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386 John T. Mac Curdy 



danken an die Sdiwangersdiaftsperiode nahe, denn die Griedien 
hatten zwölf Monate in ihrem Jahr. Rapp^ gelangt zu der FoU 
gerung, daß die neun Jahre die Winter darstellen, wo der Blitz 
im Hohlraum der Wolken verweilt. Der Ozean war nadi Ursprünge 
lidier grieAisdier Vorstellung ein Wasser oben ebenso wie ein Wasser 
unten, so daß Hephästos in den Wolken oben geboren und dann 
in das Wasser unten gested^t wird und an beiden Orten sidi in 
einer Höhle aufhält. Ebenso bleibt Agni während der Winters in 
den Donnerwolken. Nun stellt der Winter wie wir aus den Venus* 
und Adonis*, Persephone^, Ishtar* und Tammuzmythen wissen, 
die Zeit dar, wo die Saat in der Erde und das Kind im Mutter* 
leib wäAst. Dem »Hohlraum der Wolken« gibt Shelley eine klare 
Mutterleib^Bedeutung : 

»Idi vcrladi meinen Sdilaf d'rin im Cenotaph, 

Aus des Regens Gewölb, wie ein Kind 

Aus dem Leib, den es barg, wie ein Geist aus dem Sarg 

Steh' idi auf und zerbrcdi ihn gesdiwind.« 

Nidit nur bei seiner Geburt und in seinen ersten Jahren lebte 
Hephästos in einer Höhle. Er war im wesenriidien eine unterirdisdie 
Gottheit, die versdiiedene Vulkane bewohnte, insbesondere in Lemnos. 
Ein Sarkophag im CapitolinisAen Museum zeigt ihn in einer Höhle, 
tief im Gebirge drin arbeitend. Auf vielen seiner Abbildungen hat 
er ein zwerghaftes gnomähnlidies Aussehen, mit einem großen Kopf 
und Körper und kleinen Beinen, was unzweifelhaft an das Aussehen 
eines neugebornen Kindes mahnt. Seine Verbindungen mit anderen 
Gottheiten weisen audi auf diese beiden Eigensdiaften, Fruditbarkeit 
und Tod, hin, weldie, wie wir wissen, in enger Verknüpfung mit 
dem Unterirdisdien stehen. Seine Gemahlin war Aphrodite, die ur- 
sprünglidi auA eine Todesgottheit war und eine andere Gattin, die 
ihm ebenfalls zugesdirieben wurde, ist Agiaia, die dritte der Gratien. 
Freuds jüngsthin veröffentliditer Aufsatz »Das Motiv der Kästdien^» 
wähl« hat gezeigt, daß die Ehe mit der dritten von drei MädAen 
Tod bedeutet. Es ist deshalb von Interesse zu bemerken, daß Plutos 
auf den Bildsäulen in den Armen der Eirene dargestellt wird, der 
dritten unter den Jahreszeiten und der Gottheit des Winters. Nun 
war Plutos eine späte Personifikation gewisser Eigensdiaften des 
Pluto, des Gottes der Unterwelt und stellte die Madit des Goldes 
vor. »In einem Fragment eines griediisdien Kalenders, der im Louvre 
aufbewahrt wird, ist der Aufstieg <der Göttin Persephone) als der 
siebente Tag des Monates Dius datiert und der Abstieg oder das 
Niedersitzen der Gottheit ist als der vierte Tag des Monates He* 
phästius datiert, der sonst unbekannt zu sein sdieint«*. Dies dürfte 
auf eine ganz bestimmte Verbindung mit Pluto hinweisen. Sdiließ* 

^ In Roschers Lexikon der griechischen und römisdien Mythologie. 
- Fußnote bei Frazer, The Golden Bough: Spirits of the Com and of 
the Vinc, Vol. l p. 46. 



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Die Allmacht der Gedanken und die Tvlutterleibsphantasie etc. 387 



lidi würde Rapps Deutung der Mythe \on der Geburt der Paliki 
dem Hephästos eine entsdiieden unterirdisdie Stellung anweisen. Die 
von Zeus gesdiwängerte Nymphe Thalia wünsdite, daß die Erde 
sie versdilingen mödite. Ein Wirbel entstand und von ihm umhüllt 
stieg sie hinunter. Dodi als die Kinder reif geworden waren, öffnete 
sidi die Erde und die Paliki wurden geboren. Aus dem Vergleidi 
dieser Erzählung mit der Geburt des Eridithonios <der aus der Erde 
hervorsprang, wo der Same des Hephästos hingefallen war) und 
aus dem Umstand, daß die Paliki mandimal mit dem Hammer dar* 
gestellt werden, sdiließt Rapp, daß Hephästus ihr Vater war. 

Die Madit des Hephästos nahm zweierlei Formen an, eine 
klar sexuelle und eine sublimierte. Die erste kann nadi den männ^ 
lidien und weiblidien Attributen der Zeugungskraft eingeteilt wer^ 
den, die aber oft untrennbar vermisdit sind, da er als Gott der 
Fruditbarkeit im allgemeinen verehrt wurde. Die Mythe von der 
Geburt des Eridithonios gibt den rohesten Ausdrud^ dieser väter^ 
lidien Stärke wieder. Aur der Fran9ois^Vase reitet er auf einem 
Maultier mit erigiertem Glied. Ein Funken aus der Sdimiede des 
Vulkan <des römisdien Hephästos) verursadite die Zeugung des 
Caeculus. Seine Bisexualität zeigt sidi bei der Geburt Pandoras. 
Er formte sie, indem er Erde und Wasser zusammenmisdite und 
wurde so der Urerzeuger aller Frauen. Wohl wegen seines untere 
irdisdien Wohnsitzes wurde er als Gatte der Aphrodite dargestellt 
und als Fruditbarkeitsgott betraditet. Er wurde als Gott des reuers 
verehrt, dem in allen Riten primitiver Völker eine entsdiieden 
sexuelle Bedeutung zukommt. In Lemnos wurde alljährlidi ihm zu 
Ehren ein Fest gefeiert. Alle Feuer blieben während neun Tagen 
ausgelösdit <wieder die Zahl der Sdiwangersdiaftsmonate),- dann 
wurde frisdies Feuer auf einem heiligen Sdiiff aus Delos gebradit 
und ein neues Leben, wie man es nannte, begann. Dodi er war 
audi der Gott aller Dinge, die mittels Feuer verfertigt wurden. Der 
Familienvater pflegte dem Herd eine Flamme zu entnehmen und 
zu Hephästos, als der Gottheit des Herdfeuers, um Fruditbarkeit 
für sein Weib zu beten. 

Seine stärker sublimierten Kräfte lassen sidi am besten ver* 
stehen als die Materialisation und übertreibende Ausgestaltung jener 
Eigensdiaften, weldie ihm zuerst rein symbolisdi zugelegt wurden. 
Seine Männlidikeit wird als physisdie Stärke wiedergegeben — 
y.oatriQÖxuc^ — und in der alles verzehrenden Madit seines Feuers. 
Mit dieser unterdrüd^te er den F^Iuß Xanthos, als Adiilles trotz der 
Hilfe Apollos und Athenes nidit gegen ihn anzukämpfen vermodite. 
Er überwadite den Blitz, das sdired^lidiste aller Naturphänomen. 
Mit seinem Beil <und hier zeigen sidi wieder sexuelle Züge) sdilug 
er Zeus auf den Kopf und Athene sprang ins Dasein. Eine Zeidi- 
nung auf der Bengnot-Vase zeigt Hephästos, wie er beim Ersdiei^ 
nen Athenes mit einem Blid< naiven Erstaunens und Überrasdiung 
zurüdifährt, als wäre er ein wenig ängstlidi über das, was er selbst 



25* 



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388 John T. Mac Curdy 



getan hatte. So könnte ein Kind blicken — der eigenen MaAt 
unbewußt — das zufälligerweise ein Gewehr abgesdiossen hat. 

Dodi die wirklidic Allmadit der Gedanken lernen wir an den 
Werken kennen, die er sAuf. Er konnte Dinge ausführen, die andere 
nur phantasierten. Brunn, von dem Antlitz der Vatikanisdien He* 
phästos^Büste sprediend, bezeidinet als deren hervorspringendes 
Charaktermerkmal »Eine ruhige Besonnenheit, weldie die odiwierig* 
keiten abwägt und zu bewältigen weiß«. Rapp sagt: >Was nun die 
ihm zugesdiriebenen Werke betrifft, die saya Htpalorov, so ist daran 
festzuhalten, daß, wie die Gestalt und die Werkstatt des Götter* 
sdimiedes mit ihrer ganzen Ausrüstung der Wirklidikeit des Lebens 
entnommen ist, so audi seine Werke der Kunst des homerisAen 
Zeitalters entspreAen und durA die Phantasie des DiAters nur etwa 
zur höAsten, <d. h. für den Standpunkt der damaligen Erfahrung) 
denkbaren Vollendung gesteigert wurden.« Er konnte Dinge sAaffen, 
die selbstätig wirkten, die selbst Kraft und Sinn besaßen, d. h. 
seine Gedanken handelten. Wenn er ein Ding getan wünsAte, war 
es sAon von selbst vollendet. Sein Blasebalg arbeitete automatisA 
und Homer sagt: »Er . . . nahm einen starken Stab und sAritt 
hinkend von hinnen,- doA MädAen aus Gold waren zur Hand, die 
eilten herbei, ihrem Herrn zur Hilfe, lebenden MädAen ganz gleiA 
gebildet. Bei ihnen ist Verständnis im Herzen, bei ihnen ist Stimme 
und Stärke und sie sind gewandt, wie unsterbliAe Götter.« Dann 
»sAmiedet er Dreifüße, zwanzig an Zahl, an den Wänden der 
ragenden Halle zu stehen und jedem hatte er unter die Füße goldene 
Räder gesetzt, so das sie in eigener Bewegung die Versammlung 
der Götter zu betreten vermoAten und zu seinem Hause zurück* 
kehren, ein Wunder anzusAauen.« 

Er verfertigte Hunde aus Gold und Silber, die den Palast des 
Alkinous bewaAten. UnsiAtbarkeit ist ein siAeres ZeiAen der AlU 
maAt der Gedanken, es ist die Kraft, die ohne siAtbare und daher 
ohne wirkliAe und körperliAe Vermittlung wirkt. Hephästos sandte 
in Wut über seine Vertreibung aus dem Himmel einen Thron für 
Hera, der sie, als sie siA darauf gesetzt hatte, mit unsiAtbaren 
Banden festhielt, welAe nur er allein zu lösen wußte. In der Odyssee 
lesen wir, wie er Ares und Aphrodite in einem ähnliAen, listigen 
Netz einfing, als jener sein Ehebett entehrte, worauf die Götter 
einer zum anderen spraAen: »Der Langsame fängt den SAnellen! 
Sieh, wie Hephästos, langsam wie er ist, den Ares überholt hat, 
obgleiA er der SAnellste der Götter ist, die der Olympus faßt, 
durA seine Kunst hat er ihn festgehalten, trotz seiner Lahmheit.« 
Spätere Poeten sArieben ihm die Verfertigung des Zepters und der 
Ägis für Zeus zu — der Symbole der höAsten MaAt in der ganzen 
grieAisAen Mythologie. Sie sagen auA, daß er die fernhintreffenden 
Pfeile des Apollo und der Artemis gemaAt habe, deren ZerstörungSi» 
kraft wir kennen. Er sAmiedete den Panzer des Herakles und dem 
Peleus sAenkte er bei dessen Heirat mit Thetis ein SAwert, das 



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Die AIlmaAt der Gedanken und die Mutterleibsphantasie etc. 889 



überall Sieg bringt. Harmonias Halsband, das dem, der es trug, 
fortwährendes Leid sdiuf, wurde von demselben götdidien Sdimied 
angefertigt. Vielleidit die raffinierteste Entwid^lung der AlImaAt der 
Gedanken ist die Gabe der Weissagung. Die Fähigkeit, die Zukunft 
vorherzusagen, sdiließt die Beeinflußung der kommenden Ereignisse 
in sidi ein, und bedeutet nodi weit SAwierigeres als die Beherrsdiung 
der Gegenwart. Hephästos besaß diese Gabe und galt deshalb als 
der Vater des Rhadamantys. Diesem wurde von späteren Autoren 
der Platz des allwissenden Riditers in der Unterwelt angewiesen. 
Hephästos war nidit der einzige, der eine unterirdische Tätig* 
keit mit der Allmadit der Gedanken verband, nodi waren die 
Griedien allein im Besitz derartiger Mythen. Hades, so mäditig, daß 
selbst die Götter sidi seinen Besdilüssen neigen mußten, hatte einen 
unsiditbarmadienden Helm, der an die Mütze der höhlenbewohnen* 
den Zwerge der nordisdien Mythologie erinnert, die dieselbe Eigen* 
sdiaft verlieh. Als die Helden Asgards den Fenrir zu binden tradi* 
teten und Thor sidi dreimal vergeblidi bemüht hatte, stieg Skinrir 
nadi Svortheim hinab, wo die Zwerge eine Kette verfertigten, die 
Fenrir nidit zu bredien imstande war. Sie war so zart, daß sie 
zusammengerollt auf der Fingerspitze eines Zwerges Platz fand und 
wog nidit mehr als Distelflaum. Sie war aus sedis Dingen zusammen* 
gesetzt: Dem Sdiall von Katzentritten, dem Bart auf Weiberlippen, 
den Wurzeln der Steine, den Sehnen der Bären, dem Atem der 
Fisdie und dem Speidiel der Vögel. Mit anderen Worten, sie war 
aus Dingen verfertigt, die nirgends bestehen, außer in der Phantasie. 
Die Zwerge wurden mit demselben Abzeidien dargestellt wie He* 
phästos — dem Sdimiedehammer. Loki unternahm einst eine Reise 
in die Unterwelt/ da traf er einen Zwerg, namens Brok, und sdbloß 
mit ihm eine Wette. Als Folge davon mußte dieser Brok seinen 
Bruder veranlassen, eine Reihe von Gaben herzustellen, die Loki 
zu den Göttern mit sidi heim nahm. Als die beste von allen eradi* 
teten die Äsen den Hammer Thors. Diese Waff^e war so hart, daß 
sie in Trümmer sdilug, was immer sie traf,- fortgesdileudert kehrte 
sie in die Hand zurüd^ und konnte so verkleinert werden, daß man 
sie in die Tasdie stehen konnte. Dies ist vielleicht das ansdiaulidiste 
Beispiel für die Allmadit der Gedanken in der gesamten Mythologie. 
Die griediisdien Furien, die selbstverständlidi eine unterirdische Meute 
waren, besaßen so viel Madit, daß die Götter sidi außerstande 
sahen, ihre Radie zu verhindern. Sie sdimiedeten das sdired^lidie 
Sdiwert des Ajax und das vergiftete Kleid des Herakles war 
'Eotvvcov äfUfiß?S]OTQo^\ Ihre Geburt wurde der Erde <Hesiod> 
oder der Nadit, oder der Erde und der Finsternis zugesdirieben. 
Die unvermeidlidie Verknüpfung des Unterirdisdien mit der Frudit* 
barkeit beeinflußte die Ansdiauungen der Antike unwiderstehlidi und 
so finden wir sie mandimal unter die Gottheiten der Fruditbarkeit 
aufgenommen. Agni, der indisdie Feuergott maditc bei seiner Geburt 
eine ähnlidie Erfahrung wie Hephästos und er stand nur dem Indra 



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3W John T. Mac Curdy 



an Macht nach. Er konnte das Schicksal der Menschen selbst in der 
Welt nach dem Tode lenken. Die Figur des Prometheus gilt vielen 
Mythologen als eine Variante des Hephästos. Sie haben dieselbe 
Geschichte vom Himmelssturz,- sie hatten einen gemeinsamen Altar 
in Athen/ beide hielten sich in der Unterwelt auf (Prometheus im 
Tartarus) und beide waren mit der Feueranbetung verknöpft. Pro* 
metheus brachte das Feuer auf die Erde in einem hohlen Stab/ 
damit ist der »VriU^Stab vorausgeahnt, den Bulwer Lytton in 
der später zu erörternden Novelle beschreibt. Auch er formte Men^ 
sehen aus Lehm und beseelte sie. Wie Hephästos und die nordi* 
sehen Zwerge besaß er die Gabe der Weissagung. Die Ana aus 
Bulwers »Das Volk der Zukunft« sind rot, ebenso Agni und 
auch Mephistopheles. Hephästos, Prometheus und Satan wurden 
alle drei aus dem Himmel geschleudert. In weldiem Grade entspricht 
die Gewalt des Teufels den Gewalten der Finsternis? 

Alle Vorstellungen von rein physisdier Kraft hängen wahr* 
scheinlich mit potentia sexualis zusammen. Ob die Allmacht der 
Gedanken unabhängig davon entsteht oder nicht, können wir nicht 
sagen, aber dieser kurze Abriß scheint doch wenigstens darauf hin* 
zuweisen, daß das menschliche Seelenleben bisher Bestrebungen 
gezeigt hat, die magischen Gedanken mit Mutterleib^SymboIen zu 
verknüpfen. Solche Vorstellungen haben ein zähes Leben. Frazer 
macht in »The Golden Bough« ^ nach Schilderung vieler Festlich* 
keiten in verschiedenen Teilen Europas, bei denen Abbildungen des 
Todes durch das Dorf getragen und zerstört werden, die folgende 
Bemerkung: » . . . Das Wesen, das eben zerstört wurde — der 
sogenannte Tod — muß als begabt mit lebenerweckender und *er» 
höhender Kraft gedacht werden, die es der Pflanzen* und selbst der 
Tierwelt mitzuteilen vermag. Daß der Figur des Todes eine leben* 
schaffende Wirkung zugesArieben wurde, wird über alle Zweifel 
hinaus sicher gestellt durch den an manchen Orten beobachteten Ge* 
brauch, Stücke der Strohpuppe zu nehmen und sie auf die Felder 
zu bringen, um das Wachstum der Saat zu befördern, oder zur 
Vermehrung des Viehstandes in die Krippen zu legen . . . Jeder, 
der ein Stück der Puppe erraffen kann, bindet es um einen Zweig 
des größten Baumes in seinem Garten, oder vergräbt es in sein 
Feld, in dem Glauben, daß davon die Ernte besser werde . . . 
Jeder bemüht sich eine Welle von dem Stroh, aus dem die Puppe 
gemacht ist^ zu bekommen, weil man von ihr glaubt, daß sie, in die 
Krippe gelegt, den Viehstand vermehre. Ocier das Stroh wird in 
die Hühnernester gelegt, weil man annimmt, daß es die Hennen 
hindert, ihre Eier wegzutragen und sie besser brüten läßt. Dieselbe 
Zuteilung einer fruchtbarmachenden Kraft an die Figur des Todes 
spricht aus dem Glauben, daß, wenn die Träger der Puppe, gleich 
nachdem sie sie weggeworfen haben, mit ihren Stöcken die Rinder 



The Dying Gocl, p. 250 und 251. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
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Die Allmacht der Gedanken und die Murrerleibsphantasie etc. 391 

schlagen, dies die Tiere fett und vermehrungstüditig niadien wird. 
Vielleidir wurden die Stöcke früher dazu benützt, den Tod zu 
schlagen und hatten auf diese Weise die Kraft, fruchtbar zu machen, 
erworben, die der Puppe zugeschrieben wurde. Wir haben auch 

flehen, daß in Leipzig eine Strohpuppe des Todes den jungen 
eibern gezeigt wurde, um sie fruchtbar zu mad\en.« So sind für 
die Bauern Europas Tod und Fruchtbarkeit zusammengehörig und 
eine magische Kraft an das geknüpft, was aus dem Reich des Todes 
stammt. 

Die Völker des Altertums haben unbewußte Befriedigung darin 
gefunden, solche Mythen zu schaffen und wiederzuerzählen. Ahn* 
liehen Gewinn ziehen die Bauern unserer Zeit aus der Beibehaltung 
ihrer sonderbaren Gebräuche,- für den modernen Gebildeten sind 
beide Auswege durdhaus ungangbar, doch er kann seine innersten 
Gelüste stillen, indem er sich in eine von seiner Phantasie erzeugte 
Geschichte versenkt und sie niederschreibt. Bulwer Lyttons »Das 
Volk der Zukunft« <The Coming Race) ist ein Beispiel für diesen 
Vorgang. 

Die Erzählung schildert die Abenteuer eines Mannes, der den 
Weg in eine unterirdische Welt findet, wo ein Volk von ungewöhn-» 
licher Macht lebt. Seine Erlebnisse dort können schnell abgetan 
werden, da für den Analytiker, wie für den Autor das Haupt-^ 
interesse in den Eigenschaften jenes Volkes und der Umgebung, in 
der es lebt, gelegen ist. Die Geschichte wird als Autobiographie 
erzählt. Der Erzähler läßt sich durch einen tiefen, unerforschten 
Schacht einer Mine hinunter in eine ausgedehnte Höhle, wo durch 
einen Unglücksfall sein Gefährte getötet wird, so daß er ohne die 
Möglichkeit einer Rückkehr allein bleibt. Ein Knabe, der Sohn des 
Mannes, der an der Spitze der Behörden des Volkes steht, das 
eine Reihe jener Höhlen bewohnt, entdeckt ihn und führt ihn in 
ihre Stadt. Er wird aufgenommen, lernt ihre Sprache und studiert 
viele ihrer Gewohnheiten. Alles geht so lange gut, bis zwei Mädchen 
sich in ihn verlieben,- um seine Heirat mit einer von beiden zu ver- 
hindern, soll er umgebracht werden, denn nach der Ansicht dieses 
Stammes würde die Vermischung mit einem so niedrig entwicicelten 
Typus wie es die ^^oberirdischen« Sterblichen sind, ihre Rasse ver- 
schlechtern. Er entrinnt, dank des Beistandes des einen Mädchens, 
welches von ihm betört ist. Eine ganze Anzahl von Zügen weist 
mit großer Deutlichkeit darauf hin, daß dieser unterirdische Aufent- 
haltsort den Mutterleib darstellt. 

Wir erfahren, daß dieses Volk einst auf der Erde lebte, doch 
als die große Flut kam, krochen sie in eine Berghöhle und gingen 
spurlos verloren. Hier haben wir das Zusammentreffen von Wasser 
mit einer Durchfahrt durch eine enge Öffnung — eine traumartige 
Schilderung der Geburt. Die Haut des ursprünglichen Stammes war 
dunkelrot, wohl eine unbewußte Hindeutung auf das Aussehen des 
neugebornen Kindes. Einige Tiere, die diese unterirdische Welt 



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392 John T. Mac Curdy 



durAsdhweiften, hatte die Höhle selbst hervorgebraAt. Der Erzähler 
gelangt durdi eine enge Öffnung hinein, die sidi wiederum sdiließt, 
er entrinnt mit Hilfe eines jungen Weibes, das für seine Befreiung 
sein Leben wagt, was eine redit deutlidie Wiedergabe der Ereignisse 
bei der Geburt ist. Die eine große Angst, der diese Mensdien 
unterworfen sind, ist die vor vollkommener Finsternis. <VgK die 
gewöhnlidie Bezeidinun^ der Geburt »das LiAt der Welt erblideen.«) 
Die Assoziationen mit Wasser sind ganz direkt: Sie halten an einer 
Theorie fest, daß alle Mensdien sidi ursprünglidi aus Frösdien ent- 
wiAelt haben. Dies ist vielleidit ein Edio der Entwid^lung aus der 
amphibisdien Form, Leben zuerst im Wasser und später in der 
Luft. Für das Kind ist das Wasser in der Blase,- für den Erwadi* 
senen bedeutet es die amniotisdie Flüssigkeit. Nadidem sie durdi 
die Übersdiwemmung unter die Erde getrieben worden waren, hatten 
sie lange gegen den Ozean zu kämpfen, bis sie es erlernten, ihn 
zu beherrsdien. Sie badeten regelmäßig in Wasser, daß mit Vril 
<der Name ihrer Kraft) gesdiwängert war. Mit anderen Worten, sie 
erhielten ihre Madit direkt vom Mutterleib. 

Die Merkmale, die ihren Aufenthaltsort als Eingeweide oder 
Kloake diarakterisieren, sind ebenso sdiwadi verhüllt wie die bisher 
aufgezählten K Wir lesen von den Leuten als »Gemeinsdiaften, die 
in den Eingeweiden der Erde begraben liegen.« Das Volk nannte 
sidi »Ana« und dieser Name erinnert allzu auffallend an den ana^ 
tomisdien Terminus, um als bloßer Zufall gelten zu können. Die 
Vegetation war audi zum größten Teil »ein ruhiges Braun, auf 
wcldiem das Auge mit demselben Gefühl der Erleiditerung ausruht, 
wie auf dem Grün der Oberwelt.« Audi mehrere Flatus-rhantasien 
werden bei der Sdiilderung dieser Rasse erwähnt. Der Abenteurer 
erwartete, daß es in dieser Tiefe unter der Oberflädie zu heiß sein 
müsse, um leben zu können (Mutterleibswärme) -, dodi er fand, daß 
die ungeheure Ausdehnung der Höhle für die Erzeugung freier 
Luftströmungen und häufiger Winde dienlidi sei. Die Einwohner 
gewannen Lidit aus Gasen, Mangan oder Petroleum. Die beiden 
widitigsten Eigensdiaften des Flatus — Geräusdi und Gerudi — 
sind wie gewöhnliA in Melodie und Parfüm sublimiert/ so sagt der 
Autor, daß sie »in einer Atmosphäre von Musik und Wohlgerudi« 



* Lord Lytton wies jene Charakterzuge auf, von denen Freud behauptet, 
daß sie mit einer abnorm starken Entwicklung der Analerotik zusammenhängen. 
Er war sparsam bis zum Geiz, aber zur Zeit seiner stärksten finanziellen Not 
bradite er sidi in den Besitz mehrerer Häuser und erhielt siA darin. Seine Vorliebe 
für Nettigkeit und Eleganz der Kleider machte ihn zum Stutzer. Schließlich war er 
im höchsten Maße eigensinnig. 

' Wenn das Kind die Luft der Außenwelt erreicht, wird es sofort von ihrer 
Kälte im Vergleich zur Wärme jenes Ortes, den es eben verlassen hat, unangenehm 
berührt. Es betrachtet natürlich den Mutterleib als den Ort der intensivsten Hitze, 
da es die stärkste ist, die es je kennen gelernt hat. Diese Vorstellung lebt, wie 
ich an den Psychosen erfahren habe, im Unbewußten fort und hat es vielleicht 
verursadit, daß Hephästos in einen Vulkan versetzt wurde. 



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Die Allmacht der Gedanken und die Mutterleibsphantasie etc. 393 

lebten. In einer großen Halle erklang leise Musik in sanften Mo^ 
dulationen wie von unsidhtbaren Instrumenten, die naturgemäß mit 
dem Ort zusammenzugehören sdiien. 

Worin bestand nun die Gewalt jenes Volkes, das das Lidit 
des Tages nodh nidit gesdiaut hatte? Es war ein alles durdbdringen- 
des Fluidum, die Essenz aller kosmisdien und mensdilidien Kraft. 
Auf den ersten Blid^ sehen wir, daß es mit der männlidien Zeu* 
gungskraft Ähnlidikeit hatte. Es wurde »Vril« genannt,- es war in 
einem hohlen Stab enthalten, der gewöhnlidi als Spazierstock getragen 
wurde, aber je nadi Wunsdi verlängert und verkürzt werden konnte 
und eine wesentlidie Voraussetzung für die Übung des »VriU war 
der große Daumen, der sidi bei jener Rasse entwiAelt hatte <beide 
ithyphallisdie Symbole). Die Kraft zeigte sidi manAmal als bloße 
Steigerung physisAer Stärke — mit ihrer Hilfe konnte ein Kind 
einen normalen Mann so leidit umbringen, als ein Mann einen 
Sdimetterling tötet. Sie konnte Felsen durdibredien — aber ihre 
Hauptmerkmale waren die geistige ÜbermaAt, die Fähigkeit, die 
über Entfernungen und auf das Seelenleben anderer wirkt. Vor 
allem war es eine Kraft, die die Dinge veranlaßte, sidi von selber 
zu »tun«. Dies^ Eigensdiaften, insbesondere die letzte, bildeten 
immer die Hauptzüge der magisdien und der Phantasiegewalt. 
Dies ist Allmadit der Gedanken, dies ist die Umgebung, die die 
Wünsdie des Kindes errät. So lesen wir, daß Vril aus der Ent^ 
fernung zerstören, heilen, einen Dampf zerstreuen oder sowohl Leib 
wie Seele beeinflussen konnte. Es konnte dazu gebrauAt werden, 
einen Mann wie mit Elektrizität zurüdtzusdileudern. Wenn ein Museum 
gezeigt wurde, ließ der Führer alle Gegenstände sich herumbewegen, 
ebenso wie Hephästos seine Autom'aten. »Hier setzte sie, bloß durdi 
ein bestimmtes Spiel ihres Vrilstabes, selbst in der Entfernung 
stehend, große und schwere Massen in Bewegung. Sie sdiien sie 
mit Vernunft zu begaben, so daß sie imstande waren, ihre Befehle 
zu verstehen und auszuführen. Sie ließ komplizierte Masdiinen ihre 
Bestandteile bewegen, hielt die Bewegung an oder ließ sie weiter^ 
gehen bis in einer unglaublidi kurzen Zeit aus versdiiedenen Arten 
von Rohmaterial symmetrisdie Kunstprodukte, völlig fertig und volU 
endet, entstanden waren.« Wir haben bereits in der Hephästos^ 
Mvthe diese weiblidie Auffassung der Zeugungskraft kennen gelernt. 
Wie um die Verwedislung dieser Kraft mit bloßer Muskelkraft zu 
verhindern, geht der Autor gründlidi auf die geistigen Eigensdiaften 
dieses Vril ein. Er vergleidit ihn häufig mit Mesmerismus und 
erzählt, wie einer aus dem Volke ihn einsdiläferte, indem er bloß 
den Finger gegen ihn hob. Während dieses Trancezustandes teilte 
ihm sein Wirt die Kenntnis ihrer Spradie mit. Wie die Stärke des 
Intellektes ist audi diese Kraft je nadi dem Individuum versdiieden 
und die Fähigkeit, damit umzugehen, wird vererbt. Der Verfasser 
sagt ganz klar heraus, daß das Geheimnis des Fliegens in der Nutz^ 
barmadiung des Vril besteht. Z. B. koimte der Erzähler selbst nidit 



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394 John T. Mac Curdy 



fliegen ^ wie die anderen, nidit weil sein Körper, sondern weil sein 
Wille dazu niAt ausreidite. 

Daß in einer erfundenen Gesdiidite ein Autor die Allmadit 
der Gedanken einer unterirdisdien Mensdienrasse zugesdirieben hat, 
ist interessant genug, dodi ist es ebenso bedeutungsvoll, womöglich 
zu bestimmen, wieso er dazu kam, eine soldie Erzählung überhaupt 
zu sdireiben. Was konnte einen außerordentlidi stark besdiäftigten 
Mann veranlassen, seine Zeit damit hinzubringen, daß er, während 
der Tod sdion vor seiner Türe stand, sidi eine üesdiidite zusammen^ 
dadite, die weder Handlung nodi wissensdiaftlidie Möglidikeit ent* 
hält, ja im Grunde nidits ist als ein Knäuel kindisdier Phantasien? 
Die Antwort auf diese Frage kann die Psychoanalyse geben: Durch 
das Studium der Neurosen und noch viel mehr der Psychosen haben 
wir erfahren, daß eine andauernde Tendenz existiert, Verpflichtungen 
des Lebens und der Realität durch die Materialisation und Inkar^ 
nation von Phantasien aus dem Wege zu gehen. Wir wissen, daß 
alle Halluzinationen und Sinnestäusdhungen der direkte oder sym- 
bolische Ausdruck von Wünschen sind, die aus dem Unbewußten 
stammen. Zu Beginn des Daseins gibt es eine ungeteilte Pecsönlich- 
keit — zu einer Zeit, wo zwischen Realität und Phantasie keine 
scharfe Grenze gezogen wird — doch sowie gewisse Begierden des 
Kindes mit den ethischen Anforderungen oder dem Nützlichkeits- 
standpunkt, der sich nach und nach entwickelnden bewußten Persön- 
lichkeit in Konflikt geraten, werden sie in ein tieferes Seelengebiet, 
in das Unbewußte verdrängt, ohne doch je unterzugehen. Sie exi- 
stieren weiter, bestimmen jede unserer Affektreaktionen und formen 
unnachsichtig unser Leben. Aber dieses Ventil genügt nicht. Wenn 
aus den Anforderungen des Lebens Situationen entstehen, welche 
eine allzugroße Anpassungsleistung erfordern, dann regrediert das 
Individuum zu dem Zustand seiner ersten Kindheit und beginnt 
wieder in der Welt seiner Phantasie zu leben. Wenn ihm eine 
Schwäche des Anpassungsvermögens konstitutionell anhaftet, so sieht 
er diese Einbildungen für reale Erfahrungen an und ist »verrückt«, 
ein Mensch mit elastischerem Charakter findet für die durch die un- 
bewußten Wünsche aufgehäufte Energie einen Ausweg, der mit der 
Realität vereinbar ist. Dies kann er so tun, daß er eine niedrigere 
Leidenschaft in ein höherstehendes symbolisches Äquivalent subli- 
miert, wie es z. B, der Fall ist, wenn ein Mädchen, das von seiner 
Bindung an den Vater überwältigt wird, den Trieb dieser verbotenen 
Liebe in den Dienst des göttlichen Vaters hinüberlenkt. Der Mann, 
dem unsere gegenwärtige Untersuchung gilt, zeigt eine andere Me- 
thode. Er verwirklicht seine Wünsche in der Form eines Romans. 

^ Die symbolisdie Bedeutung des Fliegens, das nach Ansicht der Psycho- 
analytiker häufig den Koitus darstellt, wird dadurdi aufgehellt, daß vom weiblidien 
üeschledit der Sitte gemäß aussdiließlidi Jungfrauen ihre Flügel benützen. Bei der 
Heirat wurden die Flügel über dem Ehebett aufgehängt/ symbolische Befriedigung 
war nun nicht weiter notwendig. 



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Die Allmacht der Gedanken und die Muttcrieibsphantasie etc. 395 



Nun ist von allen eingebildeten Befürchtungen, unter denen 
der Melandioliker und insbesondere derjenige leidet, der an senilen 
Depressionen erkrankt ist, keine so allgemein als die Erwartung 
des Todes,- diese wird nidit immer, dodi gewöhnlidi als Furdit 
empfunden. Wenn wir Bulwer Lyttons Leben und »das Volk 
der Zukunft« zusammenhalten, beginnen wir einzusehen, wie eng 
die Parallele zwisdien den Zügen der Erzählung und den Gefühls* 
Strömungen ist, die seinem Leben zugrunde lagen, und daß für den 
Verfasser diese Erzählung dieselbe Lösung bradite, wie die Vor^ 
Stellung des Todes dem Melandioliker, der den Verstand ver* 
loren hat. 

Selbst wenn wir eine Biographie dieses Staatsmannes und 
Sdiriftstellers lesend die sidi fast aussdiließlidi mit der dem öffent* 
lidien Leben zugewandten Seite befaßt, lassen sidi ausreidiende 
Beweise für auälende Konflikte in seinem Liebesleben finden, die 
eine andauernde Rastlosigkeit und häufige Anfälle sdimerzlidier De-' 
pression bewirkten und in »plötzlidien Ausbrüdien von überwältigen^' 
dem Pessimismus und tiefer Verdrossenheit« ihren Ausdrud^ fanden. 
Seine Rastlosigkeit — ein typisAer Zug im manisdi^depressiven Sym^» 
ptombild — verursadite eine unaufhörlidie, fieberisdie Tätigkeit, die 
bis zu seinem Tode andauerte, die siA aber am deudidisten in 
seiner Jünglingszeit, bei seinem ersten Pariser Aufenthalt zeigte. Er 
führte damals ein Leben der Aussdiweifung in und außerhalb der 
Gesellsdiaftskreise der heiteren Hauptstadt FrankreiAs, das von Pe- 
rioden wütender Arbeit unterbrodien wurde, während deren er wie 
ein Einsiedler in der Abgesdiiedenheit eines kleinen, verborgenen 
Häusdiens in Versailles leote. 

Die Ursadie dieses freudlosen Daseins lag in der Bindung an 
seine Mutter, die zu stark war, um die dauernde Übertragung seiner 
Gefühle auf eine andere Frau zu gestatten. Er war, wie die Dinge 
lagen, das einzige Kind, denn nadi seinem vierten Jahre, in dem sein 
Vater starb, lebte er allein mit der Mutter. Selbst während der 
Lebenszeit des Vaters war die abnorm starke Zuneigung des Knaben 
für den anderen Elternteil ebenso unzweideutig, wie daß er im 
Vater seinen Rivalen sah. Dieser war wohl geeignet, die Rolle 
eines verhaßten Eindringlings zu spielen, denn er wird als rauh, 
befehlshaberisdi und zornig gesdiildert. Daß audi er eifersüditig war, 
zeigt die Feststellung, daß »die Zärtlidikeit, mit weldier der Knabe 
ihre Liebe erwiderte, durdx den Verdadit, ja durdi die Gewißheit 
vertieft worden war, daß der strenge Vater ihm seinen übermäßig 
großen Anteil an der Mutterliebe mißgönnte«. Nachdem er das Haus 
seiner Mutter verlassen hatte, geriet er, sowohl in London wie in 
Paris unter den Einfluß mehrerer Frauen, von denen jede an Jahren 
und Erfahrung alt genug war, um seine Mutter zu sein und denen 



* Rdward BuKver, First Baron Lytton, of Knebvrorth. T. H. 
Escott. 



3y Google 



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396 John T. Mac Curdy 



er Achtung ebenso wie Neigung zollte. Seine Verliebtheit in sie 
war, wie man sagt, rein platonisch, aber in einem Fall rief seine 
Verehrung sehr viel Tratsch hervor. Mehr als gewöhnlich blieb der 
unaufhörliche Einfluß seiner Mutter dauernd manifest. Er unter-- 
drückte seine erste Erzählung, weil sie ihr mißfiel,- er nahm Geld 
an, von dem er wußte, daß es von ihr komme, selbst zu einer Zeit, 
wo er sich in Konflikt mit ihr befand,- er duldete es, daß durch ihre 
Einmischung seine erste »Backfischliebe» abgeschnitten wurde, indem 
sie ihn aus der Nachbarschaft, wo seine Braut lebte, entfernte,- ihre 
Gegnerschaft verzögerte erst seine Heirat und später machte ihre 
Kritik seiner Gattin den tiefsten Eindruck auf sein Gemüt und trug 
viel zu jener Disharmonie bei, welche die Scheidung veranlaßte,- 
schließlich, nach ihrem Tod gab er den Namen seines Vaters auf 
und behielt nur den seiner Mutter, Lytton. Sie war ofl^enbar ein 
zur Herrscherin geborenes Weib, wohl geeignet, die infantile Theorie, 
nach der das Weib ebensolAe Organe besitzt, wie der Knabe selbst, 
zu bestärken. Auch sein Weib, in das er sich auf den ersten Blick 
verliebte, spielte bei diesem Zusammentreffen den angreifenden Teil, 
indem sie ihn öfl^entlich lächerlich machte,- auch war sie sowohl der 
äußeren Erscheinung wie der Erfahrung nach älter als er. Seine 
Liebe zu ihr währte nicht lange und es ist recht wahrscheinlich, daß 
seine Heirat nur einen Versuch darstellte, sich aus den Banden, die 
ihn an die Mutter knüpften, zu lösen. Nach neun Jahren des bitter^ 
sten häuslichen Kriegs trennte er sich von seiner Frau und lebte 
von da an nur der Freundschaft mit Männern. Da er so lange die 
masochistische Rolle im Verhältnis zu seiner Mutter gespielt hatte 
<das ist die passive sexuelle Rolle, der das Beherrschtwerden und 
selbst Grausamkeit willkommen ist), ist es nicht überraschend, 
daß er zuletzt zur psychischen Homosexualität neigte. In seiner 
Kleidung war er stets weibisch und er trug sein Haar noA lang, 
auch als dies nicht mehr Mode war. Sein Masochismus zeigte 
sich in seiner außerordentlichen Empfänglichkeit gegen Kritik, wäh^ 
rend die ergänzende sadistische Strömung in der Schärfe seiner 
literarischen Angriff^e manifest wird, sowie auch als Reaktionsbildung, 
in seinem Absdieu gegen die Jagd. In seiner Bemühung, das Be* 
gehren nach Zufügung von Schmerzen verdrängt zu erhalten, wurde 
er abnorm empfindlich gegen alles Leiden und äußerst mitleidig. 

Mit einer solchen Veranlagung wäre eine vollkommene An* 
passung an irgendeine Umgebung unmöglich gewesen, und das 
Glück, das er fand, bestand nur in einer Flucht in die Arbeit. Be* 
denken wir, daß der Mann, der »Das Volk der Zukunft« schrieb, 
außer seinen lebenslangen Leiden auch noch den Verlust der Ge- 
sundheit und die Aussicht auf den nahenden Tod zu ertragen hatte, 
so läßt sich nichts natürlicher erklären, als daß er auf jedem Weg, 
der mit geistiger Gesundheit vereinbar war, zu jener Zeit zurück- 
strebte, wo Phantasien Tatsachen waren, daß er den Tod seiner 
Schrecken beraubte und ihn mit Frieden und höchster Macht be- 



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Die Allmadit der Gedanken und die Muttericibsphantasie etc. 397 

gabte. Dies waren die unbewußten Motive, die ihn zur Abfassung 
seiner Gesdiidite trieben. 

Keine tiefere Neigung kann bestehen, ohne daß nidit bewußt 
oder unbewußt ein Streben nadi physisdiem Ausdruck wadi wird. 
Zwisdien Eltern und Kind jedodi sdih'eßt die Inzestsdiranke die Er^ 
reiAung dieses Zieles bei allen aus, die ein etwas höheres moralisdies 
Niveau erreidit haben. Ein häufiges Resultat der hieraus folgenden 
Verdrängungder Inzestliebe ist die Verdrängung der Heterosexualität 
überhaupt. Der Gesdileditsverkehr wird an und für sidi als Aus- 
sdiweifung und Sünde betraditet. In »Das Volk der Zukunft« finden 
wir daher, daß kein unerlaubter Gesdileditsverkehr stattfinde, und 
daß die Menschen dort kein Fleisdi essen — eine symbolische Ver* 
drängung der fleischlidien Begierde. Der Autor fühlt sogar, daß in 
der leidensdiaftlichen Elternliebe etwas unheiliges liege, denn er sagt, 
»die Neigung zum Nachwudis nimmt die Gestalt von Mitleid und 
Zärtlidikeit gegen alles was Hilfe und Sdiutz bedarf an und äußert 
sidi nidit als tierisdie Liebe gegen ihre Sprößlinge«. 

Für das Kind ist die Mutter eine allweise Besdiützerin, 
mäditig und dodi gütig,- sie wird, wie die Psydioanalytiker glauben, 
gleidizeitig männlim und weiblidi vorgestellt und ist deshalb rätseU 
naft und unverständlich. Wir finden nun alle Bewohner jenes seit* 
samen Landes bartlos, von übermensdilidier Statur <die Größe der 
Eltern, nadi weldier die Riesen im Märdien geformt sind) und mit 
einem sphinxhaften AusdruA im Antlitz. »Es sdiien, als ob eben 
in dieser Güte und Sanftmut das Geheimnis des Schreckens be^ 
stünde, den die Gesichter erweckten.« Wer Freuds »Eine Kind* 
heitserinnerung des Leonardo da Vinci« kennt, wird verstehen, 
wie gut diese geheimnisvolle, bisexuelle Figur der klassisdien 
Kunst und Mythe die Mutter^Imago vertritt. Erinnerungen an 
die mütterlidie Zärtlidikeit werden durdi folgende Episoden wieder* 
gegeben: Ein Kind lindert seine Sdimerzen, indem es auf seine 
Stirne haudit, worauf es in eine ruhige Betäubung und schließ* 
lidi in Schlaf verfällt. Einer der Ana legte seine linke Hand auf 
seine Stirne und berührte seine Sdiulter mit dem VriUStab. 
Darauf — »an Stelle des früheren Sdired^ens nahm midi ein Ge* 
fühl der Zufriedenheit, der Freude, des Zutrauens in mich selbst 
und in das Wesen, das vor mir stand, ein.« Als Arzte waren in 
diesem Lande nur Frauen tätig, insbesondere verwitwete und kinder* 
lose. Die Frauen waren alle feinfühliger und klüger, größer, stärker 
und vermoditen den Vril besser zu beherrsdien. Das Werben war 
aussdiließlich auf ihrer Seite, weil die Natur der Frauen liebevoller 
ist. Das wenige, was die Gesdiidite an Handlung enthält, sind die 
Liebesangelegenheiten des Abenteurers. Er wird von zwei Frauen 
geliebt/ die eine ist die imponierendste und weiseste unter allen 
Jungfrauen ihres Stammes. Er erklärt keine Gegenliebe empfunden 
zu haben, aber durdi das liebevolle Entgegenkommen eines weit 
sdiwächeren Gesdiöpfes, der Toditer des an der Spitze der Behör* 



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308 John T. Nlac Curdy 



den stehenden Mannes, wurde sein Herz gerührt. Diese zweite stellt 
wohl die Frau des Diditers dar, die nadi der GesAiAte die sAwadie 
Rivalin seiner geistig hervorragenden Mutter war. Die Inzestvor* 
Stellung der Verbindung mit irgendeiner aus diesem »Muttervolk«^ 
wird augensdieinlidi rationalisiert durdi das Verhalten des Stammes 
gegen eine Heirat mit dem Helden der Gesdiidite, die von ihnen 
als unerlaubte Artvermisdiung angesehen wurde. Die Unerreidibar* 
keit der Mutter wird durdi die Eigensdiaften der stärkeren der 
beiden Bewerberinnen ausgedrückt. Er fühlte, daß er sie wegen ihrer 
größeren sittlidien und intellektuellen Stärke nidit lieben könne. Der 
Vergleidi trifft nodi besser zu, wenn wir hören, daß sie ihn durdi 
einen engen Spalt, den sie herstellen ließ, auf die Erde zurücksendet 
und seinem Entkommen mit Gefahr des eigenen Lebens behilflich 
ist. Beim Lebewohlsagen »küßte sie midi leidenschaftlich auf die 
Stirne, doch mit der Leidenschaft einer Mutter«. Er gibt schließlich 
<dem Leser) zu, daß er sie liebte und nach seiner Rüdkkehr auf die 
Oberwelt hinderte ihr stets vor seinen Augen stehendes Bild jede 
spätere Heirat. 

Wie es \o\\ einem Land, wo die Frauen die erste Rolle 
spielen, zu erwarten steht, bedeuten die Väter nicht viel und werden 
nicht oft erwähnt. Der Dichter beseitigt also auf negativem Wege 
seinen ersten Rivalen, indem er ihn als so gut wie nicht vorhanden 
behandelt. Die Anspielungen, die wir finden, sind rein symbolisch 
eingekleidet. Das Volk lebt in vollständiger Abwesenheit der Sonne 
- ein Phänomen, das eine so natürliche Konsequenz ihres unter-- 
irdischen Lebens bildet, daß seine häufige Erwähnung auffallen muß. 
Einmal ist er Zeuge, wie ein kleiner Knabe auszieht, um einen 
Drachen <ein anderes archaisches Vatersymbol) zu töten, was eine 
ebenso naive Wunscherfüllung ist, wie sie in irgendeinem Märchen 
vorkommt. Von der Religion dieses Volkes wird mehreremale 
gesprodien. Sie glaubten an einen Gott, den sie den Allgott nannten 
— hielten aber seine Existenz für unzweifelhaft und ließen sich nie 
durch religiöse Fragen beunruhigen. Sie waren ethisch, aber ihre 
Ethik hatte mit dem Glauben an Gott nichts zu tun. Dies war, 
wenn wir seinem Biographen Glauben schenken dürfen, ganz genau 
die Überzeugung von Lord Lytton^ 



' Die Sprache des Volkes war eine KinderspraAe. Sie bestand aus ono* 
matopoetisdien Silben. Zwei davon können vom Standpunkt der Symbolik inter* 
essieren. Pu war ein Prcfix, das Ekel bedeutete — »eine Äußerung;, bei welcher 
man den Athcm mit Gewalt aus den Lippen stößt* (flatus). Der Buchstabe Z 
-— ein Laut, der entsteht, wenn man den Athem einzieht — bezeichnet etwas, 
was anzieht und gefällt, vielleicht unter Beziehung auf feilatio. Es kann nicht üb«r* 
raschen, daß der Name des majestätischen Wesens, das so leidenschaftliche Liebe 
für ihn empfand, — Zee lautete. Die erste Berührung des Kindes mit der Mutter 
ist an ihrer Brust und Freud führt die Benützung des Mundes bei gewissen Per* 
Versionen auf die Fixierung des Säuglings an diese erogenc Zone zurüA, weil die 
Betätigung dieser Zone die höchste sexuelle Befriedigung gewährt. 



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Die Allmadit der Gedanken und die Mutterleibsphantasie etc. 399 

Für das Kind bedeutet die Familie die ganze Welt. Wir 
erfahren deshalb, daß in diesem Stamme die Regierung auf der Basis 
des Familienlebens gebildet und durdigeführt wurde. Sie empfanden 
eine tiefe Veraditung für die Demokratie, auf welAe der Diditer 
mehrere Male zu spredien kommt. Nun begann Bulwer Lytton 
sein öffentlidies Leoen als Whig und endete als enthusiastisdier 
Konservativer. Mit anderen Worten, er ersehnte die Herrsdiaft 
der wenigen, begünstigten Familien — der englisdien Aristokratie. 

Durdi unsere psydioanalytisdie Erfahrung haben wir hin- 
reiAende Zeugnisse dafür gewonnen, daß der Tod ein Symbol für 
die RüAkehr in den Mutterleib ist. Weldies Zeugnis haben wir 
nun dafür, daß sidi die Ana des Friedens des Todes erfreuten? 
Wieder und immer wieder wird die Ruhe dieses Volkes erwähnt. 
Infolge ihrer Allmadit hatte jeder Kampf aufgehört und ein Zustand 
sidi entwiAelt, der ganz genau der Vorstellung der Alten von dem 
Leben na Aber gleidit: 

'OA/?/^ d'äjtavre^ dien kvainovov xf-k^vrav 

xal acb^a [ifv jrdvTCOv ijtBrat i^avatco jteQioifsvei 

^(oöv d'Jrt ksuiBxai alcovog döcolov. Tb yäo koxi fiövor 

ix 6foh', f^vÖH ob jtaQaaadvTCOv n^Xkov^ ärao Fvöwxhaoiv iv 

jtokkoTg öveiQotg 
dsiKWOi xeQjrviOif icfigirotoav yakejtwp Xbxoioiv.^ <Pindar.> 

So verlief ihr Leben. Sie kannten nidits dergleidien wie Wett* 
bewerb, in weldiem Sinne immer/ niemand war hilflos oder ver^ 
lassen,- sie arbeiteten wenig und ohne Anstrengung, weshalb sollten 
sie audi? Nidits konnte den ruhigen Ernst ihres Lebens stören, da 
der bloße Wunsdi des Sdiwädisten unter ihnen wunderbare Lei- 
stungen vollbringen oder ganze Armeen vemiAten konnte. Sie sehen 
in den Kämpfen der Oberwelt nidits herrlidies, sondern nur beein- 
träditigte Klarheit des Urteils und nutzlose Bemühung. Nodi mehr, 
sie furditeten den Tod nidit, und Begräbnisse waren eine fröhlidie 
Feier, bei weldier »die Begräbnishymne Geburtslied genannt wurde«. 
Sie behandelten den Tod als nidhts anderes, als einen Eintritt in 
ein neues Leben. Das eben bedeutet der Tod für das unbewußte 
Seelenleben. Er ist nidit das Auslösdien der Persönlidikeit und die 
erbarmungslose Zerstörung lang gehegter Pläne. Er ist die Erfüllung 
eines stolzeren Traumes, als ihn unser Bewußtsein fassen kann, in 
unserem Zustand von Bedrängtheit durdi die mitleidlosen Wirklidi- 
keiten des Daseins. Dodi wenn die melandiolisdien Jahre die Zeit 
heranbringen, wo »der Böse von seinen Taten abläßt und der Müde 

^ Das Schicksal löst am Schluß die Mühen aller 

Dem starken Tod folgt jeder Menschenleib 
Dodi lebend bleibt des Daseins Widerbildnis, das allein 
Von Göttern stammt/ es sdiläft, von NiAt'gem frei, 
Dodi zeigt es eingehüllt in seine Träume 
Der Lust Gefolgsdiaft und dem Leiden Deutung. 



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400 Jolin T. Mac Curdy 



Ruhe findet« oder wenn sidi Lytton von dem Gedränge der großen 
Welt abwendet, um in dieser Phantasie von einem neuem Leben 
zu sdiwelgen, dann entsteht der Wunsdi zu jenem Zustand ruhiger 
Allmadit zurüd^zukehren, den sie einst im Leibe oder in den Armen 
der sAützenden Mutter genossen, den Himmel wiederzufinden, den 
sie einst kannten. 

Diese kurze Skizze zeigt, was die Psydioanalyse für unser 
Verständnis manAer bisher ungelöster Probleme leisten kann. Wir 
lernen zuerst den Sinn gewisser Symbole kennen und wenn wir 
unsere Kenntnis auf die Mythen anwenden, vermögen wir ein^ 
sehen, warum ihre Helden gewisse Eigensdiaften haben, deren 
Existenz und Zuteilung sonst nur auf den Zufall zuruAgeführt 
werden könnte. Wir lernen audi verstehen, wieso die Verfassung 
einer phantasierten Erzählung das Innenleben des Diditers auszu* 
drüdcen und seinen unbewußten Begierden einen Ausweg zu sAaffen 
vermag. Sdiließlidi gewinnen wir EinbliA in eines der Geheimnisse 
der Kunst. Wir lernen, woher es kommt, daß Mythen Jahrhunderte 
hindurdi von Alt und Jung nodi immer eifrig gelesen wurden, als 
sdion Jahrhunderte seit ihrer ersten Niedersdiritt vergangen waren,- 
und wir können einige Einsidit in die Anziehungskraft gewinnen, 
die gewisse Werke auf uns alle üben — eine Anziehungskraft, die 
der gewöhnlidien intellektuellen Kritik spottet. Soldie künstlerisdic 
Leistungen wirken auf uns, weil sie den AusdruA von Wunsdien 
darstellen, die im eigenen Unbewußten heimlidi fortglimmen. Audi 
diese Arbeit hier ist so entstanden, daß der Verfasser sidi veranlaßt 
sah, »Das Volk der Zukunft« zu lesen, um es zu erklären, warum 
ein sonst literarisdi redit interesseloser Zwangsneurotiker davon einen 
so tiefen EindruA erhalten hatte. Er konnte die Lädierlidikeit des 
Lebens und der Situation der »Ana« einsehen und dodi konnte er 
sidi nidit davon zurüAhalten, mir fortwährend von dem Budi zu 
erzählen/ die Erinnerung daran versdiaffte ihm offenbar eine große 
Befriedigung, wie ihr häufiges Auftaudien im Verlauf freier Ässo* 
ziationen erkennen ließ. Er konnte aus dem Frieden und der Madit, 
die jenes Volk besaß, Lust gewinnen, weil er sidi selbst in die Rolle 
der handelnden Personen einer Gesdiidite versetzte, die bloß aus der 
Phantasie entsprungen war. 




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Die PsyAopathoIogie der neuen Tänze 401 

Die Psychopathologie der neuen Tänze. 

Von Dr. A. A. BRILL, New-York 

Chef der psychiatrisdicn Klinik und klinischer Assistent am neurologisdien Institut 

der Columbia Universität ^ 

Da die augenblicklich herrschende Tanzmanie von Individuum 
auf Individuum übertragen worden ist und sich immer mehr 
ausbreitet, sind wir berechtigt, von einer psychischen Epidemie 
zu sprechen. Solche psychische Epidemien sind wohlbekannte Vor^ 
kommnisse und treten häufig im Lauf der Geschichte auf. Für den 
Psychiater bedürfen sie keiner weiteren Erklärung. Wir haben alle 
Fälle von Folie ä deux beobachtet und können daher leicht verstehen, 
wie solche psychische Vorgänge von einem Individuum auf das 
andere übertragen werden können, bis ein Ort, bis ein ganzes Land 
davon ergriffen ist. 

Man denke z. B. an die verschiedenen Kreuzzüge ins Heilige 
Land und andere ähnliche religiöse und weltliche Bewegungen. Auch 
unsere heutige Tanzepidemie ist in der Geschichte nicht neu. Vor 
Jahrhunderten schon brachen in den verschiedenen Ländern Tanz* 
manien aus, und wenn sie auch nicht so verbreitet waren wie die 
heutige, so erregten sie doch ebensoviel, wenn nicht mehr Aufsehen. 
Und doch scheinen zwischen den alten Tanzmanien und der jetzigen 
Unterschiede zu bestehen. Erstens hatten die meisten alten Epide* 
mien einen religiösen Hintergrund. Man tanzte zur Ehre Gottes. 
Als Beispiele von wichtigeren lanzepidemien will ich die von Aachen 
<1374> und Straßburg <1518> erwähnen. Bei der Straßburger konnten 
die Tänzer nur durch eine Wallfahrt zum Altar des St. Veit geheilt 
werden. Zweitens hatten die alten Epidemien schlimmere Folgen 
— viele Tänzer wurden zu Tode getrampelt, wenn sie vor Er-^ 
Schöpfung niederfielen - und waren auf ein begrenztes Gebiet 
beschränkt. Die heutigen Tänze haben nichts mit Religion zu tun 
und sind an keinen Ort gebunden. Jeder, fast die ganze Welt, tanzt 
heute die neuen Tänze. 

Wir wollen jetzt diese über die ganze Erde verbreitete Be* 
wegung, die vor zwei Jahren in den Vereinigten Staaten aufkam 
und sidi wie ein Lauffeuer über die ganze Welt verbreitete, unter* 
suchen. Wir kennen alle die Wichtigkeit, mit der sie in der Familie 
und in der Gesellschaft behandelt wird. Man kann ohne Übertreibung 
sagen, daß der größte Teil unserer Bevölkerung in zwei Klassen 
eingeteilt werden kann: in eine, die tanzt, und in eine, die mit Ver* 
gnügen zusieht. Während die große Mehrzahl das Tanzen billigt, 
sind einige wenige dagegen. So haben sich gekrönte Häupter ver-r 



nijje 
t, T 



pflichtet gefühlt, Tanzverbote zu erlassen. Man kann die Bedeutung 



' Nadi einem Originalartikel im New York Mcdical Journal vom 
25. April 1914. 

Imaso III 4 26 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



402 Dr. A. A. Brill 



der Tanzepidemie audi daran erkennen, daß Preßnadiriditen zufolge 
sogar der Papst sidi dagegen ausgesprodien und weniger tadelns* 
werten Ersatz angeboten hat, und daß die meisten Religionslehrer 
aller Kirdien das Tanzen sdiarf verurteilen. Dodi die Epidemie 
greift weiter um sidi und wird allem Ansdiein nadi immer populärer, 
wohin man audi immer kommt, sei es in ein Restaurant oder in 
ein Privathaus, man kann sidier sein, zu jeder Tageszeit mit den 
wohlbekannten Melodien der neuen Tänze begrüßt zu werden. Neben 
den Thees dansants und dem nidit authörenden Tanzen am Abend 
und in der Nadit, gibt es in einigen Lokalen audi sdion Dejeuners 
dansants- Eine Tatsadie steht ganz zweifellos fest, daß die große 
Mehrzahl der Mensdien, ob reidi oder arm, die neuen Tänze tanzen 
will, allen Einwendungen zum Trotz. 

Was ist nun die Ursadie und worin besteht die Bedeutung 
dieses psydiisdien Ausbrudis? Bevor wir diese Fragen beantworten 
wird es das beste sein zu hören, was einige bekannte Autoren 
über das Tanzen im allgemeinen zu sagen haben. Havelock Ellis, 
der dieses Gebiet am eingehendsten studiert hat, kommt zu dem 
Sdiluß, daß die alten Tänze nidits anderes waren als Kundgebungen 
des sexuellen Instinktes^. Er sagt: j^Bei zivilisierten Völkern ist es 
<das Tanzen) nidit nur ein Anreiz zur Liebe, sondern sehr oft ein 
Ersatz für die normale Befriedigung des sexuellen Instinktes, indem 
es etwas von dem Wohlbehagen und von der Erleidhterung nadi 
dem Liebesgenuß gewährt. Man kann das besonders bei jungen 
Frauen beobaditen, die oft eine große Summe von Energie beim 
Tanzen verausgaben, und sidi dadurdi keine Müdigkeit, sondern 
ein Gefühl des GIüAes und der Befriedigung verschaffen. Es ist 
bezeidinend, daß junge Mäddien, wenn sie angefangen haben, mit 
Männern gesdileditlidi zu verkehren, gewöhnlidi sehr viel von ihrem 
Eifer beim Tanzen verlieren. Es ist interessant festzustellen, daß 
selbst unsere modernen Tänze alten Stils einen sexuellen Ursprung 
haben. So war der populärste aller Tänze, der Walzer, Ursprünge 
lidi <wie Schaller, von Groos zitiert, feststellt) :>der Sdiluß eines 
komplizierten Tanzes, der die ganze Gesdiidite einer Liebe darstellt, 
mit dem Verfolgen und Entfliehen, dem neAisdien Sdimollen und 
Sidientziehen und der Apotheose der Hodizeit<»:. 

Eduard Fuchs ^ sagt, daß ebenso wie Gesang und Sdimuck 
der Tanz ein erotisdier Köder ist, und daß, ganz gleidi in weldier 
Form, er immer etwas Erotisdies ist, das in Rhythmen übertragen 
das Lieben, Werben, Zögern, Verspredien und endlidie Nadigeben 
darstellt. In der Tat kommen alle Beobaditer zu demselben Sdiluß^. 
Sie behaupten übereinstimmend, daß der Tanz einem sexuellen Zwedt 
dient, nicht nur bei zivilisierten Mensdien, sondern audi bei den 



^ Analysis of sexual impuls, p. 47. 

- Illustrierte Sittengesdiirfite. 

"^ Vgl. audi Scheuer, die Erotik im Tanze (Sexualprobicme, Januar 1911). 



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Die Psychopathologie der neuen Tänze 403 

primitiven Völkern, den höheren Tieren und Vögeln. Kurz gesagt, 
die allgemeine Auffassung geht dahin, daß der Zwed^ des Tanzes 
ist, einen Tumeszenzzustand herbeizuführen. Daß die neuen Tänze 
dasselbe Ziel haben, braudit kaum erwähnt zu werden, denn es ist 
wohlbekannt, daß die Haupteinwendungen gegen sie aus diesem 
Grunde gemadit werden. Die Gegner nennen sie indezent, ver^ 
führerisdi und sexuell erregend. Aber man darf nidit vergessen, daß 
audi der alte Walzer, als er zuerst aufkam, nidit weniger Gegner 
gefunden hatte. Er fand audi Widerstand, weil man ihn für unan^ 
ständig hielt und kein geringerer als Byron gab seinem Unwillen 
in folgenden Versen Ausdrud^: 

Walzer, Walzer, wo Füße und Arme von Nöten, 

Hodi sAwingt sie das Bein, und ohne zu erröten 

Läßt sie im Angesidit der Menge den Händen freies Spiel, 

Zu tasten, wo sie nimmer es gewagt — Lidit aus, es ist zu viel. 

Die Einwendungen gegen die alten Tänze, oder gegen das 
Tanzen im allgemeinen, sind nie ganz versdiwunden. Viele Religions^ 
gemeinsdiaften haben immer gegen jede Form des Tanzes geeifert. 
Wenn man in Betradit zieht, was Ellis und die anderen sagen, so 
sind ihre Einwendungen verständlidi. 

Und dodi, wenn man den Walzer mit den neuen Tänzen 
vergleidit, so muß man zugeben, daß ein großer Untersdiied zwisdien 
ihnen besteht. Im Aussehen und in der Ausführung hat der »Tur- 
key Trott« etwas »Wildes« und »Aufregendes«, während der 
Walzer als sdiid^lidi und konventionell ersdieint. Idi habe viele 
Tänzer, intelligente Leute, nadi dem Untersdiied zwisdien den alten 
und neuen Tänzen gefragt, und ihre Antworten gaben im großen 
ganzen wieder, was idi weiter oben gesagt habe. Sie alle hielten 
die neuen Tänze mit der dazu gehörigen Musik für wild, anreizend 
und aufregend, und das war der einzige Grund, weshalb sie sie dem 
Walzer vorzogen. Soldie Ausführungen sAeinen sehr seltsam. Leben 
wir dodi in einer sehr weit vorgesdirittenen Zeit und da geben 
gebildete und intelligente MensAen offen zu, daß sie »ganz ver^ 
rüAt« sind nadi etwas, nur weil es primitiv ist. Ist das nidit ein 
Zeidien von Rüd^sdiritt? 

In der Absidit, mir darüber Klarheit zu versdiaffen, besudite 
idi einige Tanzlokale. Idi muß sagen, daß \&i bald ein sehr inter^ 
essierter ZusAauer wurde und idi überzeugte midi sehr bald, daß 
meine Freunde und Patienten redit hatten, wenn sie die Tänze als 
wild und aufregend bezeidineten. Aber idi sah nodi etwas, das sie 
nidit ausgedrückt hatten, daß nämlidi mit den neuen Tänzen mehr 
Muskelanstrengung, mehr Berührung und mehr Bewegung verbunden 
war. Mit anderen Worten, die neuen Tänze boten mehr Gelegen- 
heit zur Tumeszenz als die alten. Da stellte idi mir die Frage: ist das 
vielleidit die Ursadie für die Beliebtheit der neuen Tänze? Und dem 
Satze folgend: »alles was existiert muß einen Grund haben zu 



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404 Dr. A. A. Brill 



existieren<c, fragte idi midi: befriedigt diese Epidemie, von der Tau* 
sende ergriffen sind, ein Bedürfnis? Es war nidit sdiwer zu dem 
Sdiluß zu kommen, daß die Tänze deutlidi erotisdi sind. Deshalb 
mußte es audi klar sein, daß die Natur dieser Gefühlsentladung 
erotisd) war. Aber da die alten Tänze von derselben Art sind und 
demselben Zwed^e dienen, so entstand die Frage, ob ein anderer 
Untersdiied in der Reaktion zwisdien den alten und neuen Tänzen 
besteht. Mit anderen Worten, ist es wahr, daß die neuen Tänze 
als stärkerer Anreiz für somatisdie sexuelle Gefühle wirken? 

Um diese Frage zu beantworten, entsdiloß idi midi folgende 
Fragebogen an einige hundert enthusiastisdie Tänzer zu versenden : 
1. Haben Sie sidi, während Sie die neuen Tänze tanzten, jemals 
sexuell erregt? 2. Haben Sie sidi jemals sexuell erregt, während 
Sie den neuen Tänzen zusahen? 3. Haben Sie jemals dieselben 
Gefühle gehabt, wenn Sie die alten Tänze tanzten oder ihnen zu^ 
sahen? Icn legte diese Fragen meinen Freunden und Patienten vor, 
und bat sie, diese Auskünfte für midi von ihren intimen Freunden, 
bei denen man sidi darauf verlassen konnte, daß sie die Wahrheit 
sagten, zu sammeln. Nadi einigen Monaten hatte idi von 342 Per* 
sonen Antwort, von 119 Frauen und 223 Männern. Von diesen 
beantworteten 14 Männer und 8 Frauen die erste Frage mit ja, 
16 Männer und 9 Frauen die zweite mit ja und 11 Männer und 
6 Frauen gaben auf die dritte Frage eine bejahende Antwort. Die 
16 Männer und 9 Frauen, die die zweite Frage bejahend beant* 
wortet hatten, hatten audi die erste und dritte in diesem Sinne 
beantwortet. Das heißt, nur 16 Männer und 9 Frauen wurden beim 
Tanzen oder Ansehen der neuen Tänze sexuell erregt und von 
diesen 25 erging es 9 Männern und 6 Frauen bei den alten Tänzen 
ebenso. Sedis dieser Männer und alle die Frauen kenne idi persona 
lidi und weiß, daß sie sexuell sehr hyperästhetisdi sind. Drei von 
den Männern werden audi stark sexuell erregt, wenn sie Automobil 
fahren. Radeln oder Reiten. Die anderen gehören zu der Klasse von 
Leuten, die an sdimutzigen Witzen und pornographisdier Literatur 
ihre Freude haben. Fünf Frauen stanclen im Alter von 35 bis 
43 Jahren und waren aus versdiiedenen Gründen plötzlidi ohne 
jede sexuelle Befriedigung. Mit anderen Worten: soweit man aus 
den gesammelten Antworten sdiließen darf, kann man nidit sagen, 
daß die neuen Tänze mehr geeignet sind, sexuelle Erregungen 
herbeizuführen als die alten, wobei wir unter sexueller Erregung 
somatisdi sexuelle Äußerungen verstehen wollen. Was die ästhe* 
tisdien Gefühle betriflFt, so wirken auf diese die neuen Tänze 
stärker und anregender, darüber sind sidi fast alle meine Gewährst 
männer einig. 

Es ist interessant festzustellen, daß die Zusdiauer den größten 
Prozentsatz von denjenigen stellten, die grobe sexuelle Gefühle 
hatten. Selbst wenn wir uns auf die normalen Personen besdiränken, 
müssen wir zugeben, daß das Zusdiauen beim Tanzen Vergnügen 



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Die Psychopathologie der neuen Tänze 405 

madit. So sagt Havelock Ellis^: »Nidit nur das Tanzen selbst 
ist aufregend, sondern sdion das bloße Zusehen, und selbst bei den 
Wilden haben die Tänze ein Publikum, das beinahe ebenso leiden* 
schaftlidi erregt wird, wie die Tänzer selbst.« Diese Bemerkung 
trifft besonders auf die neuen Tänze zu, die durch ihre Neuheit 
und durdi ihre auf das Sexuelle anspielenden Bewegungen immer 
eine gewisse Erregung bei den Zuschauern hervorrufen. Und wäh^ 
rend die Anstrengung beim Tanzen beim Tänzer einen gewissen 
Grad von Detumeszenz hervorruft, bleibt der bloße Zuschauer in 
einem Stadium der Appetenz (Begierde), der bei hyperästhetischen 
Leuten leicht zu somatisch sexuellen Gefühlen führen kann. Dafür 
spricht auch die Tatsache, daß die meisten, die gegen die neuen 
Tänze sind, denselben nur zugesehen und sie nie selbst getanzt 
haben. Das Zusehen erzeugt ein Quantum von sexuellen Gefühlen, 
das sogleich verdrängt wird, und durch einen »Abwehrmechanismus« 
entsteht aus ihnen ein starker Ausbruch der Entrüstung. Das ist 
natürlich ein unbewußter Vorgang. Er erklärt soldie Fälle, wie den 
meines Freundes S., der im vorigen Jahre gegen die neuen Tänze 
wetterte, weil er sie für unzüchtig und indezent hielt und die Tat- 
sache beklagte, daß einige seiner Freunde sie tanzten. Während der 
Sommerferien bekam er auch das »Fieber« und wurde ein enthu^ 
siastischer Tänzer. Er versidierte mir, daß er trotz aller darauf 
zielenden Anspielungen niemals während des Tanzes sich irgend^ 
welcher sexueller Gefühle bewußt wäre. In der Tat empfinden die 
meisten Tänzer nur ein Gefühl der inneren Heiterkeit und des WohU 
behagens. Mit Ausnahme der oben erwähnten ist mir in allen Ant* 
Worten, die ich von Frauen bekommen habe, versichert worden, daß 
sie trotz aller anzüglichen Bemerkungen, die sie über die neuen 
Tänze gehört haben, sich beim Tanzen nie eines sexuellen Gefühls 
bewußt gewesen wären. Ich muß hinzufügen, daß alle, von denen 
ich die hier benützten Angaben erhalten habe, gebildete Leute sind. 
Ganz zweifellos bietet die engere Berührung bei diesen Tänzen 
denen eine günstige Gelegenheit, die überall etwas Geschledidiches 
suchen. So berichteten mir einige meiner Patienten, daß ihnen durdi 
gewisse Bewegungen ihres Partners beim Tanzen somatische sexuelle 
Gefühle auf seiner Seite zum Bewußtsein gekommen seien. Aber 
das kann vorkommen und ist zweifellos auch schon vorgekommen, 
bevor die neuen Tänze bestanden. Kurz, die Frage, ob die neuen 
Tänze den Reiz für starke sinnliche Gefühle bieten, kann mit aller 
Entschiedenheit verneint werden. Trotz anzüglicher Bemerkungen 
und Anspielungen kommen da nur sexuell ganz abnorme Personen 
in Frage oder solche Leute, die mit Vorbedacht starke sexuelle Er^ 
legungen beim Tanzen suchen. 

wenn wir den Mechanismus des Tanzes weiter unlersudien, 
so finden wir, daß er im Grunde nichts anderes ist, als eine Be- 

' Loco citato, p. 49. 



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wegung in bestimmter Form. So spridit StolP vom Tanze als von 
einer rhythmisdien Bewegung des Körpers, die unter Begleitung von 
einigen Takten Musik ausgeführt wird und dazu dient, gewisse 
Affekte und Seelenzustände in mehr oder weniger konventioneller 
Form auszudrücken. Aber es ist eine bekannte Tatsadie, daß Be* 
wegung in jeder Form Vergnügen sdiafft. Das Kind liebt es, mit 
den Beinen zu strampeln und die Arme zu bewegen, und wenn es 
einmal in den Sdilaf gewiegt wird, so wird es gutwillig auf dieses Ver^ 
gnügen nidit verziditen. Kinder lieben alle Spiele, die mit einer 
Bewegung verbunden sind, wie das Hodigehobenwerden und 
Herumsdiwingen in der Luft/ das Sdiütteln beim Reiten hat auf 
ältere Kinder einen bedeutenden Einfluß^. Daß Bewegung mit dem 
Gesdileditsleben zu tun hat und sogar oft mit starken sexuellen 
Gefühlen verbunden sein kann, ist den Forsdiern anormaler Psydio^ 
logie wohl bekannt. Die Psydioanalyse zeigt oft, daß bei Neurasthe* 
nikern diese kindlidien Vergnügen häufig verdrängt und ins Gegen* 
teil »verkehrt« werden und wir finden dann Nausea als Reaktion 
auf das Sdiaukeln und Rollen. Außerdem zeigen Analysen von 
nervösen Störungen beim Gehen — wie Agoraphobie — die 
sexuelle Natur der Freude an der Bewegung ^ Idi habe viele Fälle 
analysiert, die diese Medianismen ganz deudidi zeigten. Wir können 
also sagen, daß die Freude an der Bewegung eine auto-^erotisAe 
sexuelle Äußerung ist, und da die Bewegung die Grundlage des 
Tanzes ist, so können wir leidit einsehen, warum sämtlidie Be* 
obaditer das sexuelle Element bei allen Formen des Tanzes klar 
erkennen. Wir können nun die Bedeutung des Tanzes im allge^ 
meinen und die der neuen Tänze im besonderen verstehen. Beide 
dienen sie zur Abfuhr einer sexuellen Spannung und untersdieiden 
sidi nur in ihrer mehr oder weniger starken Wirkung. Infolge der 
engeren Berührung und der größeren Muskelanstrengung bieten die 
neuen Tänze einen besseren Ersatz für die normale Befriedigung 
des sexuellen Instinktes und gewähren so mehr Vergnügen und 
mehr das Gefühl befriedigter Liebe als die alten Tänze. Das bringt 
uns auf die Ursadie dieser psyAisdien Epidemie. 

Dank dem Genie von Freud sind wir heute in der Lage 
festzustellen, daß abnormale Ersdieinungen, sei es in der Form 
einer Neurose oder Psydiose, alle das Resultat von einer früheren 
geistigen und gemüdidhen Verdrängung sind. Die Ursadien der 
psydiisdien Epidemien zeigen einen ännlidien Medianismus. So 
waren die Tanzepidemien im zwölften und dreizehnten Jahrhundert 
das Ergebnis der Tyrannei der Feudalherren und der Kirdie, die 
das Volk lange Zeit in einem unterdrüAten und elenden Zustande 

* Das Gescfileditslebcn in der Völkerpsychologie, p. 581. 

* Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, p. 54. 

' Logo citato, p. 55, und Abraham, Über eine konstitutionelle Grund* 
läge der lokomotorisdien Angst. (Internat. Ztsdir. f. ärztl. Psydioanalyse, 
IL Jahrg., 1914.) 



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Die Psychopathologie der neuen Tänze 407 

belassen und ihm keine Gelegenheit gegeben hatten, seinen Gefühlen 
irgendweldien Ausdruck zu versebaffen. Unsere gegenwärtige Tanz- 
epidemie ist im Grunde durcb ähnliche Ursachen bedingt. Sie ist 
aucb das Resultat von unterdrückten Gefühlen und aus der Art, 
wie sie sieb äußert, muß man schließen, daß es eine sexuelle Ver^ 
drängung war, die nun durchgebrochen ist. Puritanische Prüderie 
und angelsächsische Heuchelei haben Jahrhunderte hindurch die Rolle 
des Vogels Strauß gespielt und sich geweigert, das Bestehen eines 
Sexualtriebes anzuerkennen. Unwissenheit wurde mit Unschuld ver^ 
wechselt, und die wichtigsten Funktionen des menschlichen Körpers 
wurden nidit nur ignoriert, sondern unerbittlich unterdrückt. Sdion 
der Gedanke an etwas Sexuelles wurde als etwas Teuflisches und 
Widerliches betrachtet. Bis zu einem gewissen Maße trifft dies auch 
auf das kontinentale Europa zu, doch ging es dort nie so weit, 
wie hier und in England. Deswegen werden auch in Europa die 
neuen Tänze viel langsamer aufgenommen. Die Frauen sind die 
eifrigsten Tänzer, denn sie haben die schwerste Last unseres 
Systems kultureller Entwicklung zu tragen. Die doppelte Auffassung 
von Moral erlaubt den Männern gewisse Befriedigung, während 
man die Tugend der Frauen so behandelt, wie der törichte Bauer 
seinen wertvollen Pelz auf dem Markte: Er war nicht mit dem 
hohen Preis zufrieden, den ihm die Händler boten, weil er dachte, 
er könne mehr verdienen, wenn er die Haare aus dem Felle heraus* 
risse und sie einzeln verkaufe. Das unausgesetzte Fortschreiten 
der angelsächsischen Zivilisation mit seinen verwickelten Ökonomie 
sehen Problemen findet seinen Ausdruck in einer ständigen Zunahme 
an frigiden Frauen und »alten Jungfern«. Nicht nur claß die »Sub-r 
limation« bis zu einem sehr hohen Grade geführt wird, die Frauen 
werden auch gezwungen, akademische und andere Berufe zu ergreifen, 
um mit den Männern zu konkurrieren. Die Religion, das Auslaß* 
ventil par excellence für alle Frauen, verschwindet rapid. Es gibt in 
Amerika und England beinahe ebenso viele irreligiöse Frauen als 
Männer. Abnehmen der Religiosität bedeutet ein Zunehmen der 
Nervosität. Diese Ursachen haben schon eine lange Zeit gewirkt 
und da ein Ausgleich eintreten mußte, so bescherte uns England 
mit den Suffragetten und Amerika mit den neuen Tänzen. Beide 
haben ihren Ursprung im Gefühls* und Wirtschaftsleben, aber 
beide dienen einem guten Zweck. Die Suffragetten und die Tanz" 
epidemien bedeuten für das Geschlechtsleben dasselbe, wie die 
Horminga brava <Feuerameise> für den Baumwollwurm <Boll 
Weevil). Die erstere mag an sich nicht wünschenswert sein, muß 
aber gepflegt werden, um ein größeres Übel zu zerstören. Suffra^ 
getten und die neuen Tänze, beide sind Kompromißbildungen, die 
hervorgebracht werden durch zwei entgegengesetzte Ströme : vC^unsch 
und Unterdrückung, und sie dienen als Sicherheitsventil für eine 
unterdrückte Spannung. Im kontinentalen Europa, wo man nicht so 
viel Prüderie rindet und die Frauen nicht zwingt Männer zu sein. 



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kann man beides entbehren. Dort gewinnen die neuen Tänze nur 
langsam Boden, und erst vor wenigen Tagen wurde in Deutsdiland 
eine Frau wegen Beleidigung verurteilt, weil sie eine andere 
»Suffragette« genannt hatte. Hier sind die neuen Tänze ein Ersatz 
für die normale Befriedigung des sexuellen Instinktes in der Form 
der Freude an der Bewegung, sie sind in gewisser Weise mit dem 
Sport zu vergleidien, der in angelsädisisdien Ländern soviel ange* 
wandt wird, um die Jugend von sexueller Betätigung fern zu halten, 
und mit den diarakteristisdien Vergnügungen in unseren Sommer- 
frischen. Alles das dient dazu, das sexuelle Vergnügen durdi die 
Freude an der Bewegung zu ersetzen und die sexuelle Tätigkeit 
auf eine infantile Stufe herunterzudrüAen. 

Von diesem Standpunkt aus müssen die neuen Tänze als 
nützlidi für unser herrsAendes gesellsdiaftlidies System betraditet 
werden. In der Tat habe idi erst in der letzten Zeit etwa zwölf 
Fälle von nervösen Erkrankungen gesehen, denen durch die neuen 
Tänze sehr geholfen worden ist. So kann idi über eine sehr hypo^ 
diondrisAe Frau in mittlerem Alter beriditen, die Jahre hindurch 
sidi viermal die Wodie massieren ließ, und zwar mit sehr wenig 
Erfolg, Sie tanzt jetzt statt dessen ebenso oft mit großem Nutzen 
und viel Vergnügen. Ferner kenne idi zwei verschlossene und 
sdiüchterne Personen, die durdi die neuen Tänze völlig verändert 
sind. Sie fürditen sich nidit mehr mit dem anderen Geschieht 
zusammenzukommen und denken ernstlidi ans Heiraten. Ebenso 
hörte idi von einer jungen Witwe, die an deutlichen Angstzuständen 
mit Phobien litt und die durdi den BesuA eines Tanzzirkels sehr 
gebessert wurde. Ich könnte aus meinen und anderen Beobaditungen 
noch mehr soldier Fälle anführen. Mäßiges Tanzen nach dem alten 
oder neuen Stil kann nur gutes tun und man sollte es empfehlen. 
Ich stimme mit denen durchaus nidit überein, die behaupten, daß 
es sdiädlidi ist, die Sexualität zu erwecken usw. Meine eigenen 
Erfahrungen <ich tanze nicht) zeigen mir gerade das Gegenteil. Die 
neuen Tänze bieten Tausenden eine gute körperliche Übung und 
ein Vergnügen und dienen außerdem als ausgezeidinete »Sub^ 
limation«. 

Die Moralprediger aber und die übrigen, die anders über das 
neue Tanzen denken, sollen beherzigen, was Lucian sagt: »Quid^ 
quid multis peccatur, inultum est.« 




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