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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften III 1914 Heft 2"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNa 
PER. P5YÜHOAK ALYSE AUT DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



, HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DE SICH FREUD 

REDIGIERT VON 
Dr OTTO RANK u! D£ HANNS SACHS 

ffl. JAHRGANG / 1914 
HEFT 2 / / / APRIL 



151 





HUGO HELLER &.Ö1 

LEIPZIG u. WIEN- 1 • BAUERNMARKT 3 



.^\mü*^, - ''^ -L L , ^' • J^' 




"T"^cr Erfolg des zweiten Jahrgangs hat uns aufs neue des IntO'Csscs Jener vö^iAerl, 
J^ _ß an die si A die ZcttsArift lunäAst wandte, ni Ar minder aber die Hoffbung bestätigt, 

daß auA weitere Kreise an den Problentien und Ergebnissen unserer jungen Wissen» 
f Aaft Anteil nebmen werden ^ endliA hat ims die rege Mitarbeit der Vertreter versAiedener 
FaAgebiete das Bewußtsein gegeben^ daß unser Unternehmen auA imstande war^ der An* 
regung geistiger Produktionstätigkeit £«i dienen. 

Die retAe und viebefrige Ai^eit 6ts abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inbaltiübef' 
siAt und wir dürfen hoffen^ mit der Festfaaltung und Ausgestaltung unteres Programm i 
auA unseren Erfolg siAem und steigern ru können. 

Soweit es durAführbar ist, sollen alle jene Zweige der Geistes Wissens Aafien, für 
die die PsyAoanalyse Bedeutung gewonnen bat, zu Wort kommen/ auA soll weitcthin 
neben Sonderproblemen der IndividualpsyAologie besonders die VölkerpsyAofogie einen 
breiten Raum einnehmen, die ja am deutli Asten den Wert und die Frudi&arkeit der am 
Einreincn gewonnenen Seelenkenntnis erweis t< 



Für die REDAKTION bestimmte Zusdirifien und Sendungen wollen an 
Dr. HANNS SACHS, Wien XIX l,Petrr-Jordangass€ 76 adressiert werden. 



*IMAGO« ersAeinr SECHSMAL fihrliA Im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M. 15. — = K 18. — pro Jahrgang durch 
jede gute BuAhandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
*2D CIB. in Wien L, Bauernmarkt 3 abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wird ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf »aiA- 
GO« und die ^INTERNATIONALE ZEITSCHRFT FÜR ÄR2T^ 
LICHE PSyCHOANALySE« zum ermäßigten Gesamt|ahresprets von 
ML 30. -K 36.- eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesdilossenen 
IL Jahrgangs »IMAGO« werden im Preise erhöht, so daß der komplette 
IL Jahrgang nunmehr M, 18< — = K 2L60, gebunden M. 22-50 ^K 27. — 
kostet. Auch vom ersten Jahrgange sind noch einige wenige Exemplare 
zu diesem Preise veffügbar, 

ORIGINAL- EINBANDDECKEN mit Lederrücken sind zum 
Preise von M, 1— = K 3-60 durch fede gute Buchhandlung^ sowie 
direkt vom Verlage zu beziehen. 



Copyright 1914. HUGO HELLER © ClE. Wien L, Bauernmarkt 3, 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
III. 2. DR. OTTO RANK / DR. HANNS SACHS 1914 



Der Doppelgänger, 

Von Dr. OTTO RANK. 



I. 



Partout oü j'ai voulu dormir. 
Partout oü j'ai voulu mourir. 
Partout oü j'ai toudie la tcrrc, 
Sur ma routc est venu s'asseoir 
Un malhcureux v2tu de noir, 
Qqi mc ressemblait comme un fr^rc. 

Musset. 



Die Psychoanalyse, die auf Grund ihrer Methodik gewohnt ist, 
jeweils von der aktuellen psydiisdien Oberflädie ausgehend, 
tieferliegendes und bedeutsames seelisdies Erleben aufzu* 
deAen, hat am wenigsten Anlaß, einen zufälligen und banalen Aus- 
gangspunkt zur Aufrollung weiterreidiender psychologisdier Probleme 
zu sdieuen. Es soll uns also nidit weiter stören, wenn wir die 
EntwiAlungs- und Bedeutungsgesdiidite einer altüberlieferten Volks- 
vorstellung, die phantasievolle und grüblerisdie Diditer audi zur 
Darstellung reizte, von einem »romantisdien Drama« zurüA ver^ 
folgen, weldies vor kurzem die Runde durdi unsere Kinotheater 
gemadit hat. Das literarisdie Gewissen mag sidi damit beruhigen, 
daß audi der Verfasser dieses rasdi populär gewordenen Stüd^es 
>Der Student von Prag« ein Diditer von Ruf ist und daß er 
siA an hervorragende, in der Wirkung bewährte Vorbilder gehalten 
hat/ andere Beoenken gegen den innerlidien Gehalt eines so sehr 
auf äußerlidie Wirkungen angewiesenen Sdiaustüd^es wollen wir so 
lange beiseite sdiieben, bis sidi gezeigt hat, in weldiem Sinne ein 
auf uralter Volksüberlieferung basierter Stoff von eminent psydio^ 
logisdiem Gehalt durdi die Anforderungen neuer Darstellungsmittel 
verändert wird. Vielleidit ergibt sidi, daß die in mehrfadier Hinsidit 
an die Traumtedinik gemahnende Kinodarstellung audi gewisse psydio^ 
logisdie Tatbestände und Beziehungen, die der Diditer oft nidit in 



Imago III 2 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



98 Otto Rank 



klare Worte fassen kann, in einer deutlichen und sinnfälligen Bilder* 
spradie zum Ausdrudi bringt und uns dadurdi den Zugang zu 
ihrem Verständnis erleiditert. 2umal wir aus ähnlidien Untersudiungen 
erfahren haben, daß es oft einem modernen Bearbeiter gelingt, dem 
eigentlidien Sinn eines uralten und im Laufe der Überlieferung un* 
verständlidi gewordenen oder mißverstandenen Stoffes auf intuitivem 
Wege wieder näherzukommen. 

Versudien wir zunädist, die sdiattenhaft flüAtigen, aber ein* 
druAsvoIlen Bilder des von Hans Heinz Ewers stammenden Film* 
dramas festzuhalten: 

Balduin, Prags flottester Student und bester Fediter, hat sein ganzes 
Geld vertan und ist seines wüsten Treibens überdrüssig. Mißmutig wendet 
er sidi von seinen Kumpanen und ihren Vergnügungen mit der Tänzerin 
Lydusdika ab. Da naht sidi ihm ein unheimlidier Alter und bietet ihm 
Hilfe an. Im Gesprädi mit diesem sonderbaren Abenteurer, Scapinelli, durdi 
den Wald lustwandelnd, wird Balduin Zeuge eines Jagdunfalles der jungen 
Komtesse von Sdiwarzenberg, die er aus dem Wasser rettet. Er wird aufs 
SAIoß eingeladen und trifft dort mit dem Bräutigam und Vetter der Kom* 
tesse, Baron Waldis-rSdiwarzenberg zusammen. Obwohl er sidi unbeholfen 
benimmt und besdiämt abziehen muß, hat er auf die Komtesse soldien 
Eindrudc gemadit, daß sie ihren Verlobten von da an kühl zurüAweist. 

Auf seiner Bude übt Balduin vor dem großen Spiegel Fediter;» 
Stellungen/ dann versinkt er in trübes Nadidenken über seine mißlidie 
Lage. Da ersdieint Scapinelli und bietet ihm ein Vermögen an gegen Unter« 
zeidinung eines Kontraktes, der ihm gestatte, aus Balduins Zimmer mit- 
zunehmen, was ihm beliebe. Balduin weist ladiend auf die kahlen Wände 
und die primitive Einriditung und unterzeidmet fröhlidi den Sdiein. Scapi^ 
nelli sieht sidi sudiend im Zimmer um und findet ansdieinend nidits was ihm 
entspridit, bis er endlidi auf Balduins Spiegelbild weist. Dieser geht willig 
auf den vermeintlidien Sdierz ein, erstarrt aber vor Staunen beim Anblick 
seines zweiten Selbst, das sidi vom Spiegel loslöst und dem Alten durdi 
die Türe und auf die Straße hinaus folgt. 

Als vornehmer Herr hat der ehemalige arme Student Zutritt in Kreise 
erlangt, wo er die verehrte Komtesse wiedersieht. Bei einem Ball hat er 
Gelegenheit, ihr auf der Sdiloßterrasse seine Liebe zu gestehen. Das Mond- 
sdieinidyll wird aber durdi Dazwisdientreten des Bräutigams gestört und 
von Lydusdika belausdit, die Balduin bald als Blumenmäddien in den Weg 
tritt, bald ihm auf halsbredierisdien Wegen unablässig folgt. Aus den süßen 
Gedanken an den ersten Erfolg seiner Liebes Werbung wird Balduin jäh 
durdi die Ersdieinung seines Spiegelbildes gerissen, das an eine Säule gelehnt 
auf der Brüstung der Veranda auftaudit. Er glaubt seinen Augen nicht zu 
trauen und wird erst durdi die herannahenden Freunde aus seinem Dämmer« 
zustand gerissen. Bei der Abfahrt stedct Balduin der Komtesse in ihrem 
— vorhin fallen gelassenen ^ Tasdientudi einen Zettel zu, auf dem er 
sie bittet, in der nädisten Nadit auf den Judenfriedhof zu kommen. Ly^ 
dusdika sdileidit der Komtesse bis in ihr Zimmer nadi, um den Inhalt des 
Zettels zu erfahren, findet aber nur das Tasdientudi und Balduins Kra* 
wattennadel, die ihm als Briefversdiluß gedient hatte. 

Am nädisten Abend eilt die Prinzessin zum Stelldidiein,- Lydusdika, 
die sie zufällig erbliAt, folgt ihr wie ein Sdiatten. Auf dem einsamen 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Doppelgänger 99 



Friedhof wandeln die Liebenden in herrlicfier Mondnacht. Auf einer kleinen 
Anhöhe madien sie Halt und eben ist Balduin im Begriffe, die Geliebte 
zum erstenmal zu küssen, als er entsetzt innehält und auf seinen DoppeU 
ganger starrt, der sidi plötzlidi hinter einem der Grabsteine gezeigt hat. 
Während Komtesse Margit, von der unheimlidien Ersdieinung erschreckt, 
die Fludit ergreift, sucht Balduin vergebens, seines ebenso plötzlich ver* 
schwundenen Ebenbildes habhaft zu werden. 

Inzwischen hat Lyduschka das Taschentuch Margits mit Balduins 
Busennadel dem Verlobten der Komtesse überbracht, der beschließt, Balduin 
auf Säbel zu fordern. Da er aller Warnungen vor Balduins Fechtkunst 
nicht achtet, entschließt sich der alte Graf Schwarzenberg, der Balduin schon 
für die Rettung seiner Tochter verpflichtet ist, um Schonung seines künftigen 
Schwiegersohnes und einzigen Erben zu bitten. Nach einigem Widerstreben 
läßt sidh Balduin das Wort abnehmen, seinen Gegner nicht zu töten. Auf 
dem Wege zum Duell kommt ihm aber im Wald sein früheres Idh mit dem 
blutigen Schläger entgegen und wischt ihn blank. Ehe Balduin noch an den 
Ort des Duells kommt, sieht er von Ferne, daß sein anderes Ich den Gegner 
bereits getötet hatte. 

Seine Verzweiflung wächst noch, als er von da an im Hause des 
Grafen nicht mehr vorgelassen wird. Vergebens sucht er seine Liebe beim 
Wein zu vergessen/ beim Kartenspiel sieht er sich seinem Doppelgänger 
gegenüber; Lyduschka lockt ihn ohne Erfolg. Er muß die Geliebte wieder- 
sehen und schleicht bei Nacht — auf demselben Wege wie früher schon 
Lyduschka — in das Zimmer Margits, die ihn noch nicht vergessen hat. 
Er wirft sich ihr schluchzend zu Füßen, sie vergibt ihm und ihre Lippen 
finden sich zum ersten Kuß. Da bemerkt sie bei einer zufälligen Bewegung, 
daß neben ihrem Bild im Spiegel das seinige fehle: erschreckt fragt sie ihn 
nach der Ursache, da verhlült er beschämt sein Haupt und grinsend er-^ 
scheint in der Tür sein Spiegelbild. Margit fällt bei dessen Anblick in 
Ohnmacht und Balduin entweicht entsetzt, nunmehr auf Schritt und Tritt 
von dem grausigen Schatten gefolgt. Er flieht gehetzt durch Gassen 
und Straßen, über Wall und Graben, durch Wiese und Wald/ endlich 
begegnet er einem Wagen, wirft sich hinein und spornt den Kutscher zur 
höchsten Eile an. Nach einer längeren Fahrt in rasendem Tempo glaubt 
er sich geborgen, steigt aus und will den Kutschsr entlohnen — da erkennt 
er in ihm sein Spiegelbild. Rasend stürzt er weiter: an allen Ecken sieht 
er die Spukgestalt, an ihr vorbei muß er in sein Haus stürmen. Türen 
und Fenster verschließt er sicher. Er will seinem Leben ein Ende machen, 
legt die geladene Pistole bereit und schickt sich an, seinen letzten Willen 
aufzusetzen. Da steht der Doppelgänger wieder grinsend vor ihm/ seiner 
Sinne nicht mächtig, greift Balduin zur Wafl^e und schießt nach dem Phantom, 
das mit einem Schlage verschwunden ist. Befreit lacht er auf und glaubt 
sich von aller Qual erlöst. Rasch enthüllt er den sonst dicht verhängten 
Handspiegel und sieht sich zum erstenmal seit langer Zeit wieder darin. Im 
selben Moment verspürt er einen heftigen Schmerz an der linken Brust* 
Seite, fühlt sein Hemd voll Blut und merkt, daß er angeschossen ist. Im 
nächsten Augenblick stürzt er tot zu Boden und Scapinelli erscheint schmun* 
zelnd, um den Kontrakt über der Leiche zu zerreißen. 

Das letzte Bild zeigt Balduins Grab an einem Wasser, überschattet von 
einer mächtigen Trauerweide. Auf dem Grabhügel sitzt sein Doppelgänger 
mit dem schwarzen unheimlichen Vogel, dem ständigen Begleiter Scapinellis. 
Zur Erläuterung dienen die schönen Verse Mussets <La nuit de decembre): 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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100 Otto Rank 



Oü tu vas, iV scrais toujours, 
Jusques au dernicr de tcs jour, 
Oü j'irai m'asscoir sur ta picrre. 

Über Sinn und Bedeutung dieser unheimlidien Begebenheiten 
will das Programm nidit lange im Zweifel lassen. Die »Grundidee« 
soll die sein, daß die Vergangenheit eines Menschen ihm unent* 
rinnbar anhaftet und ihm zum Verhängnis wird, sobald er versudit, 
sidi ihrer zu entledigen/ diese Vergangenheit soll siA in Balduins 
Spiegelbild selbst verkörpern, aber audn in der rätselhaften Gestalt 
der Lydusdika, die ihn aus seinem früheren Studentenleben her 
verfolgt. Es mag sein, daß dieser Erklärungsversudi — um einen 
soldien handelt es sidi, nicht um das Herausheben der in der Sache 
selbst liegenden Grundidee — in gewisser Beziehung genügen könnte, 
sicher aber vermag diese allegorisierende Deutung weder den Ge* 
halt des Stückes zu erschöpfen, noch den lebhaften Eindruck der 
Handlung voll zu rechtfertigen. Es bleiben noch genug auffällige 
Züge, die eine Erklärung fordern. Vor allem die Tatsache, daß der 
unheimliche Doppelgänger gerade nur »alle Stunden süßen Bei- 
sammenseins« mit der Geliebten stören muß und auch nur für sie 

— und den Helden selbst — sichtbar wird. Und zwar tritt er um 
so erschreckender dazwischen, je inniger die Liebe zu werden sucht: 
beim ersten Geständnis auf der Terrasse erscheint das Spiegelbild 
gewissermaßen als ruhiger Mahner, bei der nächtlichen Liebesszene 
auf dem Friedhof stört es die intime Annäherung, indem es den ersten 
Kuß hindert, und bei der entsdieidenden Versöhnung endlich, die 
mit Kuß und Umarmunp besiegelt wird, trennt es die Liebenden 

? gewaltsam für immer. So erweist sich der Held eigentlich als un- 
ähig zur Liebe, die in der rätselhaften Gestalt der charakteristischer* 
weise von ihm nidit beachteten Lydusdika verkörpert sdieint. Von 
seinem eigenen verkörperten Ich wird Balduin an der Liebe zum 
Weibe gehindert und wie ihm sein Spiegelbild zur Geliebten folgt, 
so folgt Lyduschka der Komtesse wie ein Schatten: und beide 
Doppelgänger stellen sich zwischen das Heldenpaar, um es zu ent* 
zweien. Außer diesen bei Anwendung des allegorischen Schlüssels 
unerklärlichen Zügen ist vor allem nidit einzusehen, was den Dichter 

— oder seine literarischen Vorgänger — dazu bewogen haben 
sollte, die Vergangenheit gerade in der Gestalt des selbständig 
gewordenen Spiegelbildes darzustellen,- auch begreift man mit 
dem rationellen Denken allein nicht die schweren seelischen Folgen, 
die sich an dessen Verlust knüpfen imd am allerwenigsten den 
sonderbaren Tod des Helden. Ein dunkles, aber unabweisbares 
Gefühl, das den Zuschauer gepackt hält, scheint uns zu verraten, 
daß hier tiefe menschliche Probleme berührt werden und die Be* 
Sonderheit der Kinotechnik, seelisches Geschehen bildlich zu veran* 
schaulichen, macht uns mit übertriebener Deutlichkeit darauf auf^ 
merksam, daß es das interessante und bedeutsame Problem des Ver* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Doppelgänger 101 



hältnisses des MensAen zu seinem Ich ist, welches uns in seiner 
Störung als Schicksal des Individuums versinnbildlicht wird. 

Um die Bedeutung dieses Grundproblems für das Verständnis 
des Stückes würdigen zu können, müssen wir die verwandten Motive 
gestaltungen in den literarischen Vorbildern und Parallelen verfolgen 
und mit den entsprechenden folkloristischen, ethnographischen und 
mythischen Überlieferungen vergleichen,- es soll daran deutlich wer* 
den, wie alle diese in die Urgeschichte der Menschheit, auf primi^ 
tive Vorstellungen zurückgehenden Motive in einzelnen besonders 
disponierten Dichtern eine poetische Gestalt gewinnen, die sich in 
hohem Grade mit ihrem ursprünglichen, später verwischten Sinne 
deckt und in letzter Linie auf das Urproblem des Ich zurückführt, 
das der moderne Bearbeiter, unterstützt oder genötigt durch die neue 
Darstellungstechnik, so aufdringlich in den Vordergrund gerückt hat 
und eine so ^anschauliche Spradie sprechen läßt. 

IL 

»Idi denke mir mein lA durdi ein Ver- 
vielfältigungsglas ,• alle Gestalten, die sidi 
um midb bewegen, sind Ichs und ich 
ärgere mich über ihr Tun und Lassen.« 
E. Th. A. Hoffmann. 

Es ist kaum zweifelhaft, daß Ewers, der moderne E. Th. 
A. Hoffmann, wie man ihn nennt, zu seiner Filmidee hauptsächlich 
von seinem literarischen Ahn und Meister inspiriert wurde, wenn- 
gleich noch andere Quellen und Einflüsse wirksam gewesen sind^ 
Ho ff mann ist der klassische Gestalter des Doppelgängertums, das 
in der romantischen Dichtung zu den beliebtesten Motiven zählte. 
Fast keines seiner zahlreichen Werke ist völlig frei von Anspielungen 
auf dieses Thema, in vielen bedeutsamen Dichtungen von ihm do* 
miniert es. Das nächste Vorbild der Ewersschen Gestaltung findet 
sidi im Abschnitt III. (»Die Abenteuer der Sylvesternadit«) des 
zweiten Teils der »Phantasiestücke« und ist überschrieben: »Die Ge* 
schichte vom verlornen Spiegelbilde.« <I, 265 bis 279.)^ Sie erzählt 
in seltsamer Verknüpfung mit dem Phantasie* und Traumleben des 
»reisenden Enthusiasten« wie Erasmus Spikher, ein ehrsamer deut* 
scher Ehemann und Familienvater, bei einem Aufenthalt in Florenz 
in das Liebesnetz der dämonischen Giulietta gerät und bei seiner 

* Selbstverständlich soll damit die eigene diditcrische Initiative, als die Haupt* 
triebkraft der poetisAen Produktion, nicht im mindesten unterschätzt werden. Daß 
Ewers den absonderlidien und okkulten Phänomenen des Seelenlebens seit jeher 
besonderes Interesse entgegenbracht hat, braucht Kennern seiner Werke nicht erst 
gesagt zu werden. Zu verweisen wäre nur auf sein letztes Drama »Das Wunder- 
mädäen von Berlin« <1912>, das einzelne leise Beziehungen zu dem späteren »Stu* 
dent von Prag« verrät. 

' Sämtliche Hinweise auf Hoffmanns Werke beziehen sich auf die fünfzehn- 
bändige Ausgabe von Griesebach in Hesses Klassikern. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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102 Otto Rank 



Fludit wegen Totschlages eines Nebenbuhlers der Heißgeliebten 
auf ihre Bitten sein Spiegelbild zurüdtläßt. Sie standen gerade vor 
dem Spiegel, »der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurüA-' 
warf«/ sie »streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. 
Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen 
hervortrat, wie es in Giuliettas Arme glitt, wie es mit ihr im selt- 
samen Duft verschwand.« <I, 27 1>. Sdhon auf der Heimreise wird 
Erasmus wegen seines zufällig entdeckten Mangels zum Gespött der 
Leute. Darum »ließ er überall wo er hinkam, unter dem Vorwand 
eines natürlichen Abscheus gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel 
schnell verhängen und man nannte ihn daher spottweise den Ge- 
neral Suwarow, der ein gleiches that« <274>. Zu Hause stößt ihn seine 
Frau von sich, während sein Sohn ihn verhöhnt. In seiner Verzweiflung 
naht sich ihm der geheimnisvolle Begleiter Giuliettas, der Doktor 
Dapertutto und verspricht ihm Wiedererlangung ihrer Liebe und 
seines Spiegelbildes, wenn er sich entschlöße, w^eib und Kind dafür 
aufzuoprern. Die Erscheinung Giuliettas bringt ihn in neue Liebes* 
raserei/ sie zeigt ihm, wie getreu sie das Spiegelbild bewahrte, in* 
dem sie das Tuch vom Spiegel zieht. »Erasmus sah mit Entzücken 
sein Bild der Giulietta sidi anschmiegend,- unabhängig von ihm selbst 
warf es aber keine seiner Bewegungen zurück« <277>. Er ist nahe 
daran, den höllischen Pakt abzuschließen, der ihn selbst und die 
Seinen den fremden Mächten überliefern soll, als er durch die plötz- 
liche Erscheinung seiner Frau gewarnt, die Höllengeister hinweg zu 
beschwören vermag. Er zieht dann auf den Rat seiner Frau in die 
weite Welt, sein Spiegelbild zu suchen, und trifft mit dem schatten^ 
losen Peter SchlemihI zusammen, der bereits in der Einleitung zu 
der »Geschichte« vorgekommen war <»Die Gesellschaft im Keller,« 
I, p. 257 bis 261> und darauf hinweist, daß Hoffmann mit seiner 
phantastischen Erzählung ein Gegenstück zu der berühmten »wun* 
dersamen Geschichte« von Chamisso geben wollte, deren Inhalt 
wohl als bekannt vorausgesetzt werden kann. 

Des Zusammenhanges wegen seien nur die wesentlichen Qber^ 
einstimmungen und Parallelen kurz hervorgehoben. Wie bei Balduin 
und Spikher handelt es sich auch bei Schlemihls Schattenverkauf um 
eine Seelenverschreibung <TeufeIspakt> und auch hier bekommt der 
Held Spott und Verachtung der Welt zu verspüren. Als Analogie 
zur Bewunderung des Spiegelbildes ist die soncierbare Bewunderung 
des Schattens durch den grauen Mann hervorzuheben S wie über^ 
haupt die Eitelkeit einer der hervorstechendsten Charakterzüge 
Schlemihls ist (»das ist im Menschen, wo der Anker am zuver-^ 



* »Während der kurzen Zeit, wo idi das Gluck genoß, midi in Ihrer Nähe 
zu befinden, hab' idi, mein Herr, einige Male — erlauben Sie, daß lA es Ihnen 
sage — wirklich mit unaussprechlidier Bewunderung den schonen, sdiönen SAatten 
betraAten können, den Sie in der Sonne, und gleiAsam mit einer gewissen edeln 
VeraAtung, ohne selbst darauf zu merken, von siA werfen, den herrliAen SAatten 
da zu ihren Füßen«. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Doppelgänger 103 



lässigsten Grund faßt«). Die Katastrophe wird audi hier — wie in 
den Disher betraditeten Fällen — durA die Beziehung zum Weib 
herbeigeführt. Sdion die sdiöne »Fanny« ist von der Schattenlosig^ 
keit Schlemihls entsetzt und derselbe Mangel läßt ihn audi sein 
Lebensglüdc bei der liebevollen Mina versdierzen. Der bei Balduin 
offen hervortretende Wahnsinn im Gefolge der Katastrophe ist bei 
Spikher und Sdilemihl, die sidi sdiließlidi beide dem Bösen nodi zu 
entwinden vermögen, nur vorübergehend angedeutet. Nadi dem 
Brudi mit Mina durdischweift Sdilehmil »in irrem Lauf Wälder und 
Fluren. Angstsdiweiß troff von meiner Stirne, ein dumpfes Stöhnen 
entrane sidi meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn«. 

Sdion aus dieser Parallele ergibt sidi die später von anderer 
Seite zu stützende Gleidiwertigkeit des Spiegel- und des Sdiatten^ 
bildes, die beide als selbständig gewordene Ebenbilder dem Idi ent- 
gegentreten. Von den zahlreidien NaAahmungen des Peter Sdile- 
mihP sei hier nur das feine Andersensdie Märdien »Der Sdiatten« 
erwähnt, das von dem Gelehrten erzählt, dessen Sdiatten sidi in 
den Ländern der heißen Zone von seinem Besitzer freimaAt und 
ihm einige Jahre später als Mensdi wieder begegnet. Zunädist hatte 
der Sdiattenverlust für den Mann keinerlei üble Folgen — nadi 
Art von Sdilemihls Sdiid^sal — gehabt, denn es wudis ihm ein 
neuer, wenn audi besdieidener Sdiatten nadi. Aber dem ersten sehr 
vermögend und ansehnlidi gewordenen Sdiatten gelingt es allmählidi, 
seinen ursprünglidien Besitzer sidi dienstbar zu madien. Zuerst 
fordert er von ihm Stillsdiweigen über sein früheres Sdiattendasein, 
da er beabsiditigt, sidi zu verloben. Bald treibt er jedodi die Kühn^ 
heit so weit, seinen ehemaligen Herrn wie seinen Sdiatten zu be^ 
handeln. Er erregt dadurdi die Aufmerksamkeit einer Königstoditer, 
die ihn sdiließlidi zum Manne begehrt. Der Sdiatten sudit endlidi 
seinen früheren Herrn gegen ein hohes Gehalt dazu zu bewegen, 
die Rolle des Sdiattens vor aller Welt zu spielen. Dagegen lehnt 
sidi aber alles in ihm auf und er trifft Anstalten, den Usurpator 
seiner mensdilidien Redite zu verraten. Dieser aber kommt ihm zu-^ 
vor und läßt ihn ins Gefängnis sperren,« da er seiner Braut ver^ 
sidiert, sein »Sdiatten« wäre verrüAt geworden und halte sidi für 
einen Mensdien, wird es ihm leidit, nodi am Abend der Hodizeit 
die heimlidie Beseitigung des seiner Liebe gefährlidien Mannes zu 
bewirken und so sein Liebesglüd^ zu sidiern. 

Diese in einem bewußten Gegensatz zur Gesdiidite Peter 
Sdilemihls gestaltete Erzählung verbindet die Fabel von den sdiweren 
Folgen der Sdiattenlosigkeit mit der Gestaltung des Motivs, wie sie 
beim Studenten von Prag vorliegt. Denn audi im Märdien Andere 
sens handelt es sidi nidit bloß um einen Mangel wie bei Cha* 
misso, sondern um die Verfolgung durdi den selbständig gewordenen 
Doppelgänger, der seinem Idi immer und überall — mit katastro- 



* Vgl. Gocdccke, Grundriß der deutsdien Dichtung VI, 149 f. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



104 Otto Rank 



phaler Wirkung aber wieder in der Liebe — hindernd in den 
Weg tritt. 

Deutlidier ist wieder die Sdiattenlosigkeit betont in Lenaus 
Gedidit >Anna«, dem die sdiwedisdie Sage^ von einem hübsdien 
Mäddien zugrunde liegt, weldies den Verlust seiner Sdiönheit durdi 
Kindersegen fürditet. Ihr Wunsch, immer so jung und schön zu 
bleiben, treibt sie vor der Hodizeit zu einer geheimnisvollen Alten, 
die sie durdb Zauber von den sieben ihr zugedaditen Kindern befreit. 
In unwandelbarer Sdiönheit verlebt sie sieben Ehejahre, bis einst 
ihr Gatte im Mondensdiein bemerkt, daß sie keinen SAatten wirft. 
Zur Rede gestellt, bekennt sie ihre Sdiuld und wird verstoßen. Nadi 
weiteren sieben Jahren harter Buße und sdiweren Jammers, die ihre 
tiefen Spuren hinterlassen haben, wird Anna durm einen Einsiedler 
entsühnt und stirbt mit Gott versöhnt, nadidem ihr vorher in einer 
Kapelle die SAatten ihrer sieben ungeborenen Kinder ersdiienen waren. 

Von entfernteren diditcrisdien Darstellungen des Schattenmotivs 
seien noA kurz genannt: In Goethes »MärAen« die SAilderung des 
Riesen, der am Flußufer wohnt und dessen SAatten mittags unvermögend 
und sAwaA ist, um so mäAtiger aber bei Sonnenauf* und Untergang. Setzt 
man siA da auf den NaAen seines SAattcns, so wird man, während er 
siA bewegt, zugleiA mit über den Fluß gehoben. Um siA von dieser Be- 
förderungsart unabhängig zu maAen, baut man an dieser Stelle eine BrüAe. 
Aber wenn der Riese siA nun morgens die Augen rieb, so fuhr der SAatten 
seiner Fäuste so mäAtig unter MensAcn und Tiere, daß alle zusammen* 
stürzten. — Ferner Mörikes GediAt »Der SAatten«: Ein Graf, der ins 
Heilige Land zieht, läßt siA von seinem Weib Treue sAwören. Der Eid ist 
falsA, denn die Frau vergnügt siA mit ihrem Buhlen und sendet dem Mann 
einen Gifttrank naA, an dem er stirbt. Zur selben Stunde stirbt aber auA 
das treulose Weib, nur ihr SAatten bleibt unauslösAliA im Saal bestehen. 
— EndliA noA ein kleines GediAt von RiAard Dehmel »Der SAatten« 
naA R. L. Stevenson, das sehr hübsA die Rätselhaftigkeit des SAattens 
für das Kind sAildert, das niAt weiß, wozu es seinen kleinen SAatten hat: 

»Das Sonderbarste an ihm ist, wie er siA anders maAt/ 
Gar niAt wie artige Kinder tun, hübsA alles mit BedaAt. 
Und manAmal springt er sAncller hoA als mein Gummimann/ 
Und manAmal maAt er siA so klein, daß Keiner ihn finden kann.« 

<DeutsAe Chansons, Brettllieder, Leipzig 1911, p. 64.). 

Stevenson hat übrigens das Problem der Doppelexistenz in seiner Er- 
zählung »Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde« be- 
handelt. 

Von den bisher betraAteten Gestaltungen des Stoffes, in denen 
der unheimliAe Doppelgänger deutliA eine selbständig und siAtbar 

* Dieselbe Sage hatFrankl in der Ballade »Die Kindcrloscc <Gcs. Werke 
2, 116, 1880) und Hans Müller von der Leppc in seinem Kronberger Lieder* 
budi (Frankfurt 1895, p. 62) unter dem Titel »Fludi der Eitelkeit« behandelt. — 
Vgl. die auch über die versdiicdenen Fassungen der Sage orientierende Arbeit 
von J. Bolte: »Lenaus Gedidit Anna« <Euphorion IV, 1897, p. 323). 



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Der Doppclgänger 105 



gewordene Abspaltung des Idis ist <Sdiatten, Spiegelbild), unter* 
sdieiden sidi jene eigentlidien Doppelgängerfiguren, die einander als 
reale und leibhaftige Personen von ungewöhnlidier äußerer Ahnlidi* 
keit gegenüberstehen und die Wege kreuzen, Hoffmanns erster 
Roman »Die Elixiere des Teufels« <1814> basiert auf einer zu den 
sonderbarsten Verwedislungen führenden ÄhnliAkeit zwisdien dem 
Möndie Medardus und dem Grafen Viktorin, die — ohne es zu 
wissen — vom selben Vater stammen. Ihre merkwürdigen SdiiA^ 
sale sind nur auf Grund dieser mystisdien Voraussetzung möglidi 
und verständlidi. Beide erkranken, vom Vater erblidi belastet, an 
seelisdien Störungen, deren meisterhafte Sdiilderung den Hauptinhalt 
des Romans bildet ^ Der durdi einen Sturz wahnsinnig gewordene 
Viktorin hält sidi in seiner Krankheit für Medardus und gibt sidi 
für ihn aus. Seine Identifizierung mit Medardus geht — allerdings 
nur unter BerüAsiAtigung der poetisdien Lizenz — so weit, daß 
er dessen eigene Gedanken ausspridit, so daß Medardus glaubt, sich 
selbst spredien zu hören, sein innerstes Denken als Stimme von 
außen zu vernehmen 2. Dieses paranoisdie Bild wird ergänzt durdi 
die Beaditungs*' und Verfolgungsideen, denen er im Kloster aus* 
gesetzt ist, durdi die Erotomanie, die sidi an das nur flüditig 
gesdiaute Bild der Geliebten knüpft, sowie das krankhaft gesteigerte 
Mißtrauen und Selbstgefühl. Audi wird er von der quälenden Idee 
beherrsdit, einen kranken Doppelgänger zu haben, worin ihn die 
Ersdieinung des geistesgestörten Kapuziners bestärkt. — In deut* 
lidier Verknüpfung mit der Rivalität um das geliebte Weib ersdieint 
das Hauptmotiv dieses Romans herausgearbeitet in der späteren 
Erzählung »Die Doppeltgänger« <XIV, 5 bis 52). Wieder handelt 
es sidi um zwei, äußerlim zum Verwediseln ähnlidie und durdi ge* 
heimnisvolle Familienbeziehungen einander nahestehende Jünglinge, 
die infolge dieses seltsamen Schid^sals und durdi ihre Liebe zu dem^ 
selben Mäddien in die unverständlidisten Abenteuer geraten, weldie 
ihre Lösung erst finden, als sidi die beiden Nebenbuhler vor der 



» Vgl. O. Klinke: Hoffmanns Leben und Werke vom Standpunkt eines 
Irrenarztes. Halle <1902>, 2. Aufl. 1908. 

* Eine psyAoIogisdie Einsidit in diese Gestaltung des Doppelgängers verrät 
Dostojewskis Roman »Die Brüder Karamasow«. Bevor Iwan Karamasow wahn* 
sinnig wird, ersdieint ihm der Teufel und bekennt sidi als seinen Doppelgänger. Als 
Iwan eines abends spät nadi Hause kommt, tritt ein unheimlicher Herr ein und 
erzählt ihm Dinge, von denen sidi herausstellt, daß Iwan sie selbst einmal in seiner 
Jugend ausgedadht, aber wieder vergessen hatte. Er sträubt sidi dagegen, die Wirk- 
lidikeit der Ersdieinung anzuerkennen : »Nidit eine Minute lang akzeptiere idi didi 
als reale Wahrheit. Eine Lüge bist du, eine Krankheit bist du, ein Trugbild. Nur 
weiß idi nicht, womit idi didb verniditen kann. — Du bist meine Halluzination. 
Du bist die Verkörperung meiner selbst, übrigens nur einer Seite von mir . . . 
meiner Gedanken und Gefühle, aber nur der allersdieußlidisten und dümmsten. — 
Alles, . . . was sidi sdion längst überlebt hat, worüber idi sdion längst zu einer 
anderen Ansidit gekommen bin . . . sdileppst du mir heran, als wären es Neuig- 
keiten. Du bist idi selbst, nur mit einer anderen Fratze, du spridist gerade das, 
was idi denke . . .< 



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106 Otto Rank 



Geliebten gegenüberstehen und freiwillig auf ihren Besitz verzichten. 
Die gleiche äußere Ahnliciikeit verbindet in den »Lebensansichten 
des Katers Murr« das Schici^sal des zur Geisteskrankheit dispo^ 
nierten Kreisler mit dem des wahnsinnigen Malers Ettlinger, dem 
Kreisler nadi dem Ausspruch der Prinzessin Hedwiga so ähnlich 
sieht, als wäre er sein Bruder <X, 139). Dies geht so weit, daß 
Kreisler sein im Wasser gesdiautes Spiegelbild für den wahnsinnigen 
Maler hält und ihn ausschilt, während er unmittelbar darauf glaubt, 
sein eigenes Ich und Ebenbild neben sich einherschreiten zu sehen 
<X, 146 f.). Von tiefstem Entsetzen erfaßt, stürzt er ins Zimmer 
zu Meister Abraham und fordert ihn auf, den lästigen Verfolger 
mit einem Dolchstock niederzustoßen, ein Impuls, dessen Ausführung 
der Student von Prag mit seinem Leben bezahlen muß. 

Hoff mann, der das Doppelgängerproblem nodi in anderen 
Werken behandelte <»Prinzessin Brambilla«, »Das steinerne Herz«, 
»Die BrautwahU, »Der Sandmann«, u. a.> hat zweifellos starke 
persönliche Antriebe dazu gehabt,- dennoch ist der Einfluß nicht zu 
unterschätzen, den der damals auf der Höhe seines Ruhmes ste^ 
hende Jean Paul übte, der das Doppelgängermotiv in die Romantik 
eingeführt hatte'. Auch im Schaffen J. Pauls dominiert dieses Thema 
in allen seinen psychologischen Varianten. Wirkliche Doppelgänger 
sind Leibgeber und sein Freund Siebenkäs, der ihm aufs Haar 
ähnlich sieht und sogar den Namen mit ihm tauscht. Im »Siebenkäs« 
steht die ständige Verwechslung der beiden — ein Motiv, das auch 
sonst bei Jean Paul häufig ist <z. B. in »Katzenbergers Badereise«) — 
im Mittelpunkt des Interesses, im »Titan« kommt sie noch episodisch 
vor. Neben diesem leibhaftigen Doppelgängertum, welches sich bei 
Jean Paul auch in der Form findet, daß jemand in der Gestalt des 
Geliebten dessen Geliebte zu verführen versucht <Amphytrionmotiv>, 
hat der Dichter, wie kein zweiter vor^ und nachher, das Problem 
der Spaltung und Vervielfachung des Ich in krasser Ausprägung 
immer wieder behandelt. »Im ,Hesperus' läßt er das Ich bereits als 
unheimliches Gespenst vor sidi erstehen« <Schn eider). Viktor wird 
schon in der Kindheit von soldien Geschichten besonders gepackt, in 
denen Leute sich selbst sehen. »Oft besieht er abends vor dem 
Einschlafen seinen Körper so lange, daß er ihn von sich abtrennt 
und als eine fremde Gestalt neben seinem Ich stehen und gestiku* 
Heren sieht. Darauf legt er sich mit dieser fremden Gestalt sdilafen« 
<Czerny). Auch hatte Viktor eine heftige Abneigung gegen Wadis* 
figuren, die er mit Ottomar <»Die unsiditbare Loge«) teilt, weldier 
als Scheintoter sein Ich in den Lüften sieht. Dieser Schauder vor 
Wachsfiguren wird verständlich im »Titan«, wo Albano in ohn^ 
mächtiger Wut seine eigene Wachsbüste zerquetscht,- aber es ist ihm 

1 Vgl. dazu und zum folgenden F. J. Schneider: Jean Pauls Jugend und 
sein Auftreten in der Literatur. Berlin 1905 (bes. p. 316 bis 320> sowie J. Czerny: 
Jean Pauls Beziehungen zu HofFmann. Gymn. Progr. Mies 1906/07 und 
1907/08. 



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Der Doppelgänger 107 



dabei »wie Selbstmord und Betasten des Idis.« Sdioppe und AU 
bano sind von dem zerstörenden Wahn eines sie verfolgenden 
Doppelgängers besessen. Aus dem Traumtempel, wohin sidi 
Albano verirrt hat, wird er durdi die mitlaufenden Spiegelidis 
versdieudit. »Audi Leibgeber im ,Siebenkäs' sieht sidi von einem 
Heer von Idis umgeben, indem er sein Idi, sein und Firmians, seines 
Doppelgängers Spiegelbild, also drei lA mit Firmian selbst, dem 
vierten, in Vergleidi zieht .... Firmian tritt zum Spiegel und drückt 
mit dem Finger den Augapfel seitwärts, so daß er im Glase sein 
Bild doppelt sehen mußte, und wendet sidi mitleidig an seinen 
Freund mit den Worten: aber du kannst freilidi die dritte Person 
darin nidit sehen« <Schn eider). Die im Namen Leibgeber ange^ 
deutete Entpersönlidiungstendenz finden wir im »Titan« wieder. Ro- 
quairol, der als grenzenloser Egoist gesdiildert ist, sehnt sidi dodi 
einmal nadi einer Freundsdiaft und sdireibt an Albano: »Da sah 
idi Didi und wollte Dein Du werden — aber es geht nidit, denn idi 
kann nidit zurüd^, aber Du vorwärts. Du wirst mein Idi einmal.«^ 
»Spielend seine eigene Tragödie, nadiäffend sein eigenes Idi gibt er 
sidi den Tod« <Sdineider>. »Zur entsetzlidisten Pein steigert sidi 
die Vorstellung, vom Idi verfolgt zu werden, bei Sdioppe. Er denkt 
sidi die Seligkeit in einer ewigen Befreiung vom Idi. Fällt sein Blid^ 
nur zufällig einmal auf seine Hände oder Beine, so fährt sdion 
über ihn die kalte Furdit, er könne sidi ersdieinen und den Idi sehen. 
Der Spiegel muß verhangen werden, denn er bebt vor seinem 
Spiegelurangutang« <Schneider). Audi finden sidi verjüngende 
und altmadiende Spiegel <ähnlidi audi Bilder, die ihre riditigen Züge 
nur unter einer bestimmten Lupe erkennen lassen), was auf Spikher 
übergegangen zu sein sdieint, dem audi einmal sein Gesidit ver^ 
altet und verzerrt entgegengrinst. Wir erinnern uns hier daran, daß 
Spikher audi — wie Balduin — alle Spiegel verhängen läßt: »aber 
aus dem entgegengesetzten Grunde, weil sie sein Idi nidit mehr 
wiedergeben« <Czerny>. Bei Sdioppe geht diese Angst sogar so 
weit, aaß er die gehaßten Spiegel zersdilägt, da ihm aus ihnen sein 
Idi entgegentritt. Und wie kreisler und Balduin den Doppelgänger 
töten wollen, so sendet Sdioppe an Albano seinen Stod^degen mit 
der Aufforderung, die unheimlidie Ersdieinung in Rattos Keller zu 
töten. »Sdioppe stirbt sdiließlidi an seiner Wahnidee mit dem Satz 

^ Die gleiche Tendenz hat Richard D eh mel, der Nachdichter des erwähnten 
Schattengedichtes von Stevenson, in dem schönen Gedicht »Masken« ausgedrückt, 
welches schildert, wie der Dichter auf einem Maskenball in verschiedenen Masken 
vergebens sein Ich sucht und jede Strophe mit den Worten beschließt: »Du bist es 
nicht — doch Ich bin Du,« bis er zuletzt das findet, was er suchte: 

Und Du, bist du's: du Domino im Spiegel, 
In dessen Blick die Farben meerhaft schwanken. 
Du maskenlos Gesicht: zeig her das Siegel, 
Das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken: 
Bist du es selbst? Ausdruck — du nickst mir zu: 
Grundsiegel — Maske — Bist Ich Du? 



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108 Otto Rank 



der Identität auf den Lippen« <Schneider>. Es ist bekannt, daß 
Jean Paul im »Titan« Stellung nahm zur Fichtesdien Philosophie 
und zeigen wollte, wohin der transzendentale Idealismus bei äußerster 
Konsequenz führen müsse. Man hat darüber gestritten, ob der Diditer 
dem Philosophen bloß seine Ansdiauungen gegenüberstellen oder 
ob er ihn ad absurdum führen wollte/ wie dem audi sei, sdieint es 
jedenfalls deutlidi, daß beide auf ihre eigene Weise versuditen, sidi 
mit dem ihnen persönlidi nahe gehenden Problem des Idi ausein^ 
ander zu setzen. 

Einzelne originelle Gestaltungen leiten von den leibhaftigen 
Doppelgängerfiguren zu den Darstellungen über, weldie die subjek*' 
tive Bedingtheit und Bedeutung der sonderbaren Einstellung wieder 
erkennen lassen. Eine davon ist Ferdinand Raimunds romantisdi- 
komisdies Märdien »Der Alpenkönig und der Mensdienfeind«, wo 
der Doppelgänger des reidien Rappelkopf von dem mit edit Rai-* 
mundscher Naivität objektivierten Alpengeist dargestellt wird. Dem 
in der Verkleidung seines Sdiwagers auftretenden Rappelkopf spielt 
der Alpenkönig Astragalus in der Rolle des Rappelkopf selbst dessen 
lädierlidie Fehler und Sdiwädien vor. Die Handlung führt des Helden 
Heilung von seiner hypodiondrisdien Mensdienfeindlidikeit und seinem 

{►aranoisdien Mißtrauen herbei, indem der Diditer ihm sein eigenes 
dl wie in einem »Seelenspiegel« erblidten läßt,- er lernt dadurdi sidi 
selbst hassen und seine früher so verhaßte Umgebung lieben. Be* 
merkenswert ist, daß einige typisdie Motive des Doppelgängertums 
hier aus ihrer unbewußten Tragik in die Erkenntnissphäre des 
Humors gehoben ersdieinen. In den Seelentausdi fügt sidi der hals* 
starrige Rappelkopf sdiließlidi wie in einen Sdierz und die Gegen*' 
überstellung der beiden Doppelgänger in den Hauptszenen des 
StüAes führt zu mehrfadien verwedislungen und Verwiddungen, 
so daß der Held sdiließlidi nidit weiß, wo er sein Idi sudien soll 
und bemerkt: »Idi fürdit' midi vor mir selber.« Die »verdammte 
Doppelgängerei« führt endlidi zu gegenseitigen Beleidigungen und 
zum Duell. Der Impuls, sidi von dem unheimlidien Gegenspieler 
auf gewaltsame Weise zu befreien, gehört, wie wir sahen, zu den 
wesendidien Zügen des Motivs und wo dem Impuls nadigegeben 
wird, wie beispielsweise im Studenten von Prag und anderen nodi 
zu bespredienden Gestaltungen, da zeigt es sidi deudidi, daß das 
Leben des Doppelgängers mit dem der Person selbst aufs engste 
verknüpft ist. Diese geheimnisvolle Grundlage des Problems wird 
bei Raimund zur bewußten Voraussetzung der Probe. Im letzten 
Moment vor dem Duell erinnert sidi Rappelkopf dieser Bedingung: 
»Wir haben alle zwei nur ein Leben. Wann idi ihn ersdiieße, so 
sdiieß idi midi selber tot.« Er wird dadurdi vom Banne gelöst, daß 
Astragalus sidi ins Wasser stürzt und Rappelkopf, der in ihm zu 
ertrinken fürditet, in eine Ohnmadit fällt, aus der er dann geheilt 
erwadit. Besonders interessant ist uns ein Rest des Spiegelmotivs, 
das auf die innerlidie Bedeutung des Doppelgängers hinweist. Auf 



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Der Doppelgänger 109 



dem Höhepunkt des Wahnes, kurz vor der FIuAt von Haus und 
Familie, erblickt sidi Rappelkopf in dem hohen Wandspiegel seines 
Zimmers,- er verträgt den AnbliA seines Gesidites niAt und >2er^ 
sdilägt den Spiegel mit geballter Faust«. In einem hohen Wand* 
Spiegel in Rappelkopfs Hause wird aber dann der Alpenkönig sidit* 
bar, der später als Doppelgänger ersdieint. 

In anderer Form hat Raimund dasselbe Thema im J^Ver* 
sdiwender« behandelt. Der Bettler, der Flottwell ein Jahr lang 
überall hin folgt, stellt sidi zwanzig Jahre später als sein DoppeU 
ganger heraus, der ihn — nadi Art eines odiutzgeistes, wie audi 
der Alpenkönig einer ist — vor gänzlidiem Ruin bewahrte. Tat* 
sädilidi glaubt rlottwell in ihm den Geist seines Vaters zu erblidcen, 
bis er, durdi sein hartes Sdiidtsal belehrt, in der warnenden Er* 
sdieinung sidi selbst in seinem fünfzigsten Lebensjahr erkennt. Audi 
hier versudit der Verfolgte den lästigen Begleiter zu töten, aber er 
vermag ihm nidits anzuhaben. Die Beziehung dieses Doppelgängers 
zu dem im Alpenkönig auftretenden ist in einem gemeinsamen Motiv 
angedeutet, dessen psydiologisdie Erörterung in einen anderen Zu* 
sammenhang gehört. Wie nämlidi der Betrier von Flottwell Sdiätze 
erbettelt, um sie dann dem gänzlidi Verarmten zurüdczustellen <»idi 
hab' für didi bei dir gebettelt«), so wendet Rappelkopf, der gleidi* 
falls ein sdieinbar Verarmter und sdiließlidi wieaer reich Gewordener 
ist, dieses Motiv der »gemeinsamen Kasse« ins Komisdie, indem er 
das von seinem Doppelgänger weggeworfene Geld mit dem Be* 
merken aufhebt, daß diese Gemeinsamkeit des Besitzes eine weit 
bequemere Einriditung wäre, als die unerwünsdite Gemeinsdiaft 
mit Gesundheit und Leben des anderen. Steht audi das Thema des 
Altwerdens mit dem hier unberüdtsiditigt gebliebenen Geldkomplex 
in einem interessanten Zusammenhang, so lassen sidi dodi einzelne 
Verbindungsfäden audi zum Doppelgängerproblem verfolgen. Daß 
der Bettler in der Gestalt des um zwanzig Jahre gealterten Flott* 
well ersdieint, erinnert an den auf den Alpenkönig bezüglidien 
Mäddienglauben, daß sein Anblidc um vierzig Jahre älter madie. 
Und wie der Alpenkönig im Spiegel ersdieint, sdiließt Liesdien die 
Augen, aus Furdit, ihre Sdiönheit einzubüßen. Dieser Zug stellt 
wieder die Verbindung zu den altmadienden und verjüngenden 
Spiegeln bei Jean Paul sowie den Zerrspiegeln bei Hoffmann und 
anderen her. 

Diese Furdit vor dem Altwerden wird als eines der tiefsten 
Probleme des Idi behandelt in Oskar Wildes Roman »Das Bildnis 
des Dorian Gray« <1890>. Der sdiöne und jugendfrisdie Dorian 
äußert beim Anblid; seines wohlgetroffenen Porträts den vermessenen 
Wunsdi, immer so jung und sdiön zu bleiben und die Spuren des 
Alters und der Sünde auf das Bild übertragen zu können. Dieser 
Wunsdi sollte ihm unheimlidierweise in Erfüllung gehen. Zum ersten* 
mal bemerkt er eine Änderung an dem Bilde, als er die ihn über 
alles liebende Sibyl grausam und kalt von sidi stößt, ähnlidi wie 



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110 Otto Rank 



die meisten seiner Schicksalsgenossen in der Liebe zum Weibe am 
eigenen Ich irre werden. Von da an bleibt das stets alternde 
und die Spuren der Sünde verratende Bild das sichtbare Gewissen 
Dorians. An ihm lernt er, der sich selbst über die Maßen liebt, 
seine eigene Seele verabscheuen und er verhüllt und verschließt 
das ihm Furcht und Entsetzen einflößende Bild, um es nur in be* 
sonderen Momenten seines Lebens zu betrachten und mit seinem 
eigenen ewig unveränderten Spiegelbild zu vergleichen. Das frühere 
Entzücken an seiner Schönheit macht allmählich einem Abscheu vor 
dem eigenen Ich Platz. Schließlich »verfluchte er die eigene Schön* 
heit, und indem er den Spiegel auf den Boden schleuderte, zertrat 
er ihn mit dem Absatz in tausend Splitter«. Eine ausgesprochen 
neurotisdie Spiegelphobie ist mit feiner künsderischer ^X^rkunfi; als 
Inhalt eines vom Helden geschätzten Romans erzählt, dessen Held 
im vollen Gegensatz zu Dorian seine außerordentliche Schönheit in 
früher Jugend verloren hatte. Seither blieb ihm eine »groteske Furcht 
vor Spiegeln, polierten Metallplatten und stehendem Wasser«, Nach* 
dem Dorian den Maler des verhängnisvollen Bildes ermordet und 
Sibyl in den Tod getrieben hat, findet er keine Ruhe mehr: »es 
wurde ihm zur Gewißheit, daß er verfolgt, umgarnt und schließlich 
zu Tode gehetzt würde.« Er beschließt ein Ende zu machen und 
das Bild zu vernichten, um sich auf diese Weise von der unerträg^ 
liehen Vergangenheit zu befreien. Er durchschneidet das Bild und 
fällt im selben Augenblick gealtert und entstellt mit dem Messer 
im Herzen tot zu Boden, während das Bild ihn unversehrt in 
jugendlicher Schönheit zeigt. 

Von anderen Romantikern, die das Doppelgängermotiv behandelten 

— und in irgendeiner Form hat es fast bei jedem Verwendung gefunden* 

— sei hier nur Heine noch kurz erwähnt, weil bei ihm der Doppelgänger, 
der nach literarhistorischem Urteil zu seinen Urmotiven gehört ^ auch nicht 
als leibhaftiger Gegenspieler, sondern in einer mehr verinnerlichten Form 
auftritt. »Im ,Ratcliff' will er das Sdiicksal zweier Menschen gestalten, deren 
Leben durch den Zwang einer Doppelexistenz von Sinnlosigkeit erfüllt ist, 
die sich morden müssen, obwohl sie sich lieben. Ihre Alltagsexistenz wird 
fort durdikreuzt von dem Leben ihrer Ahnen, das sie noch einmal zu leben 
gezwungen sind. Dieser Zwang bedingt die Spaltung der Persönlichkeit«*. 
Ratcliff gehordit einer inneren Stimme, die ihn ermahnt, jeden zu morden, 
der sich Marien naht. In anderer Form findet sich das Motiv in den >floren* 
tinischen Nächten« : das Doppelsein der Madame Laurencer, deren heiteres 
Tagesleben mit nächtlichen Tanzekstasen wechselt, von denen sie am Tage 

^ Bei Tieck, Arnim, Brentano vorwiegend in der äußerlidien Form der 
Verwedislung oder der Lösung verwidcelter Handlungen durdi Identifizierung vcr^ 
sdiiedener Personen,- bei Novalis u. a. in einer mystisAen Versdiwommenheit,- 
bei Fouque (»Der Zauberring« II, 13), Kern er (»Die Reisesdiatten«) u. a. nur 
episodisdi. 

2 Herr mann Helene: Studien zu Heines Romanzero. Berlin 1906. — Vgl. 
aud) W. Siebert: Heines Beziehungen zu Hoffmann (Beitr. z. deutsA. lit. Wiss. 
Bd. VII). Marburg 1908. 



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Der Doppelgänger 111 



ruhig wie von etwas längst Vergangenem spricht. Verwandt ist die Gc- 
schidhte des toten Laskaro im »Atta Troll«, »dem die Mutterliebe nächtlidi 
mit der stärksten Salbe ein verzaubert Leben einreibt«. In »Deutsdiland. 
Ein Wintermärdien« <Kap. VI) erscheint dem Dichter immer ein sonder* 
barer Geselle, wenn er nachts am Schreibtisch sitzt/ gefragt gibt er sich zu 
erkennen: »ich bin die Tat von deinen Gedanken.« Auch in manche Ge* 
dichte Heines spielt ähnliches hinein und in der berühmten Vision der 
wilden Jagd träumt er sich selbst ein Doppelleben. 

Wie man sieht, nähern sich diese Gestaltungen des Motivs 
einem Extrem, das mit unserem Thema nur in loserem Zusammen* 
hang steht. Hat es sich bisher entweder um einen leibhaftigen 
Doppelgänger gehandelt, der wieder in die entferntere Verwedhs- 
lungskomödie ausmündet ^ oder um ein vom Ich losgelöstes und 
selbständig gewordenes Ebenbild (Schatten, Spiegelbild, Porträt), so 
stoßen wir hier auf die darstellerisch entgegengesetzte Ausdrucksform 
der gleichen seelischen Konstellation: es werden nämlich zwei ver^ 
schiedene, durch Amnesie getrennte Existenzen von ein und derselben 
Person dargestellt. Diese Fälle von Doppelbewußtsein, die auch 
klinisch zur Beobachtung gelangt sind^ haben in der neueren Literatur 
vielfach Darstellung gefunden ^ können jedoch für unsere weitere 
Untersuchung außer oetradkt bleiben*. 

Wir wenden uns von diesen Grenzfällen aus wieder jenen 
für unsere Analyse ergiebigeren Stoffen zu, in denen es zu einer 
mehr oder minder deutlichen Gestaltung einer Doppelgängerfigur 
kommt, die jedoch zugleich als spontane subjektive Schöpfung krank* 
hafter Phantasietätigkeit erscheint. An die beiseite gelassenen Fälle 
von Doppelbewußtsein, die psychologisch als Grundlage und dar* 
stelleriscn gewissermaßen als Vorstufe des voll ausgeprägten DoppeU 
gängerwahns erscheinen, schließt sich unmittelbar als Übergang zu 
der uns interessierenden Gruppe Maupassants eindrucksvolle Er- 
zählung »Le Horla« <1887>. Der Held der Geschichte, dessen Tage* 

* Der unsterblidic Lustspielstoff, der von Plantus' »Menacdimi* bis zu 
Fuldas »ZwillingssAwesterc seiner Wirkung sidier war,- als bekannte Typen 
seien genannt; Shakespeare »Comedy of the errors«, Lecoque »Girofle- 
Girofla, Nestroy »Der Färber und sein Zwillingsbruder . 

* Vgl. die orientierende Sdirift von Max Dessoir: »Das DoppeUIdi«. 
2. Aufl. Leipzig 1896. 

' So in dem berühmten, später audi dramatisierten Roman von George 
du Mauricr »Trilby«, ferner Hugh Conway »Calied bade«. Dick- May 
»L'affaire Allard« (»Unheimlidie Gesdiiditen«), Paul Lindaus neuerdings auch 
verfilmtes Drama »Der Andere«, Georg Hirschfeld >Das zweite Leben« u. a. m. 

* Gänzlidi außer adit lassen wir die okkulte Auffassung des DoppeU 
gängertums, wie sie als gleidizeitige Existenz desselben Individuums an zwei ver* 
sdiiedenen Orten interpretiert wird. Als typisdien Vertreter dieser Lehre vergleidie 
man Strindberg: »Inferno. Legenden« <Sämtl. Sdir., deutsdi v. Sdiering, IV, 4, 
Verlag Müller, Mündien), p. 50 f, 285 etc. — In vielen DiAtungen Strindbergs 
ist die Spaltung der Persönlidikeit bis zum Extrem geführt <vgl. bes. den Roman 
»Am offenen likere«). Über Strindbergs Paranoia vergleiche man die Patho- 
graphic von S. Rahm er (Grenzfragen d. Lit. u. Mediz. Heft 6, 1907). 



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112 Otto Rank 



budiaufzeidinungen uns der Dichter vorlegt erkrankt an Angst* 
zuständen, die ihn insbesondere nadits quälen, ihn bis in seine 
Träume verfolgen und keinem Mittel dauernd weidien wollen. Eines 
nadits entdeAt er zu seinem Entsetzen, daß die Wasserflasdie, die 
abends gefüllt war, völlig geleert dastand, obwohl niemand in das 
versperrte Zimmer eindringen konnte. Von diesem Augenblick an 
konzentriert sich sein ganzes Interesse auf jenen unsichtbaren Geist 
— den Horla — , der in ihm oder neben ihm lebt. Er stellt Ver* 
suche an und sucht ihm auf jede Weise zu entgehen. Vergebens: 
er wird nur immer mehr von der selbständigen Existenz des Ge* 
heimnisvollen überzeugt. Überall fühlt er sich belauert, betrachtet, 
durchdrungen, beherrscht, verfolgt von ihm. Oft wendet er sich blitz* 
schnell um, damit er ihn endlich zu sehen und fassen bekäme. Oft 
stürzt er sich in das leere Dunkel seines Zimmers, wo er den 
Horla wähnt, um *ihn zu oacken, ihn zu erwürgen und zu töten«. 
Schließlich gewinnt dieser Gedanke der Befreiung von dem unsicht* 
baren Tyrannen die Oberhand. Er läßt Fenster und Türen seines 
Zimmers mit fest verschließbaren eisernen Laden versehen und 
schleicht sich eines abends vorsichtig heraus, um den Horla unent* 
rinnbar einzuschließen. Dann steckt er das Haus in Brand und sieht 
von Ferne zu, wie es mit allem, was darin lebt, zugrunde geht. 
Aber zuletzt kommen ihm doch Zweifel, ob der Horla, dem das 
ganze galt, vernichtet werden könne und er sieht als einzig sicheren 
Weg zur Befreiung den eigenen Selbstmorde Auch hier trifft also 
wieder der dem doppeleängerischen Ich zugedachte Tod die eigene 
Person, Wie weit die opaltung derselben geht, zeigt eine vor der 
entscheidenden Katastrophe sich abspielende Spiegelphantasie. Der 
Held hat sein Zimmer hell erleuchtet, um dem Horla aufzulauern. 
»Hinter mir steht ein hoher Spiegelschrank, der mir täglich dazu 
gedient hat, mich zu rasieren, mich anzuziehen und in dem ich mich 
jedesmal, wenn ich vorüberging, von Kopf bis zu Fuß betrachtete. Ich 
tat also, als schriebe ich, um ihn zu täuschen, denn auch er spähte 
nach mir. Und plötzlich fühlte ich, ich war meiner Sache ganz sicher, 
daß er über meiner Schulter gebeugt las, daß er da war und mein 
Ohr streifte. Ich stand auf, streckte die Hände aus und drehte mich 
so schnell um, daß ich beinahe gefallen wäre. Und nun? Man sah hier 
so gut wie am hellen Tage, und ich sah mich nicht in meinem 
Spiegel. Das Glas war leer, klar, tief, hell erleuchtet, aber mein 
Bild war nicht darin, und ich stand doch davor, ich sah die große, 
klare Spiegelscheibe von oben bis unten und sah das mit entsetzten 
Augen an! Ich wagte nicht mehr, vorwärts zu gehen, ich wagte 
keine Bewegung zu machen, ich fühlte, daß er da war, aber daß er 
mir wieder entwischen würde, er, dessen undurchdringlicher Körper 



^ In einer ähnlichen Schilderung von Poritzky <»Geistergeschichten«) ist 
»der Unbekannte« der Tod, der dem Betreffenden gleichfalls unablässig und un-' 
siAtbar folgt. 



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Der Doppelgänger 113 



hinderte, daß idi midi selbst spiegeln konnte. Und Entsetzen! — 
plötzlidi sah idi midi selbst in einem Nebel mitten im Spiegel, in 
einem Sdileier, wie durdi Wasser hindurdi und mir war es, als ob 
dieses Wasser von links nadi redits glitte, ganz langsam, so daß 
von Sekunde zu Sekunde mein Bild in sdiärferen Linien ersdiien . . . 
Endlidi konnte idi midi vollkommen erkennen, wie täglidi, wenn idi 
in den Spiegel hlidke. Idi hatte ihn gesehen und das Entsetzen blieb 
mir in den Gliedern, daß idi jetzt nodi zittere« ^ 

In einer kleinen Skizze »Lui«^ die sidi wie ein Entwurf zum 
»Horla« ausnimmt, hat Maupassant einzelne für uns interessante 
Züge deudidier hervortreten lassen. So die Beziehung zum Weib, 
denn die ganze Erzählung von dem geheimnisvollen »Er«, der dem 
Helden die grauenhafte Furdit vor sidi selbst einflößt, ersdieint als 
das Geständnis eines Mannes, der sidi gegen seine bessere Einsidit 
verheiraten will, verheiraten muß, einfadi aus dem Grunde, weil er 
es nidit mehr erträgt, nadits allein zu sein, seit er einmal beim 
Nadihausekommen >Ihn« im Lehnsessel am Kamin den Platz ein* 
nehmen sah, den er selbst innezuhaben pflegte. »Er verfolgt midi 
unaufhörlidi. Das ist Wahnsinn! Dodi es ist so. Wer, Er? Idi weiß 
sehr wohl, daß er nidit existiert, daß er nidit wirklidi ist. Er lebt 

bloß in meiner Ahnung, in meiner Furdit, in meiner Angst! 

Wenn wir jedodi zu zwei sein werden, fühle idi deudidi, ja ganz 
deudidi, wird er nidit mehr da sein. Denn er ist nur da, weil idi 
allein bin, einzig weil idi allein bin!« 

Die gleidie Stimmung hat, zu melandiolisdier Resignation ab- 
getönt, ergreifenden AusdruA in Mussets »La nuit de decembre« 
<1835> gefunden. In einem Zwiegesprädi mit der »Vision« erzählt 
der Diditer, daß ihm seit der Kindheit immer und überall ein 
sdiattenhafter Doppelgänger folge, der ihm wie ein Bruder gleidie. 
In den entsdieidenden Momenten seines Lebens ersdieint ihm der 
sdiwarzgekleidete Begleiter, dem er nidit entrinnen kann, so weit er 
audi vor ihm flieht und dessen Natur er nidit zu erkennen vermag. 
Und wie er einst als verliebter Jüngling mit seinem Doppelgänger 
allein war', so ist er nun viele Jahre später eines nadits in süße 
Erinnerungen an die Zeit der Liebe versunken, als die Ersdieinung 
sidi wieder zeigt. Der Diditer sudit ihr Wesen zu ergründen, er 
spridit sie als böses Gesdiid^, als guten Engel und sdiließlidi, als 
die Erinnerungen an die Liebe sidi nidit versdieudien lassen, als sein 
eigenes Spiegelbild an: 

* Maupassants gesammelte Werke, übersetzt von G. v. Ompteda. 
Bd. VII. 

« Deutsdi von Mo eller- Brück, Reclam-Bibl. Nr. 4315, p. 10 ff. 
' A Tage oü Ton croit ä l'amour, 

J'etais seul dans ma diambre un jour, 

Pleurant ma premiere mis^re. 

Au coin de mon feu vint s'asseoir 

Un etranger vetu de noir, 

Qui me ressemblait comme un fr^re. 

Iroago 111/2 8 



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114 Otto Rank 



Mais tout ä coup j'ai vu dans la nuit sombre 

Une fonne glisser sans bruit. 
Sur mon rideau j'ai vu passer une ombrc/ 

Elle vient s'asseoir sur mon lit. 
Qui donc esi»tu, morne et pale visage, 

Sombre portrait vetu de noir? 
Que me veux^tu, triste oiseau de passage? 
Est^ce un vain reve? esNce ma propre image 

Que j'apercpois dans ce miroir? 

Sdiließlidi gibt sidi die Ersdieinung als »Einsamkeit« zu er* 
kennen. — Mag es audi auf den ersten Blidc sonderbar ersdieinen^ 
daß die Einsamkeit, ähnlidi wie bei Maupassant, als lästige Ge* 
sellsdiaft eines Zweiten empfunden und dargestellt wird, so liegt dodi 
der Akzent — was audi Nietzsche ausspradi — auf der Ge*» 
selligkeit mit dem eigenen Idi, das sidi als Doppelgänger objektiviert. 
Ein ähnlidies Selbstgesprädi mit dem eigenen personifizierten Idi 
liegt Jean Pauls »Bei Ate des Teufels bei einem großen Staats* 
bediensteten« zugrunde ^ In interessanter psydiologisAer Einkleidung 
findet sidi das gTeidie Motiv in der »Eines Nadits« betitelten Er* 
Zählung von J. E. Poritzky^. Dem in der Blüte der Jahre stehen* 
den 1 leiden der feinen Skizze sdieint sidi eines Nadits »ein Faust 
an Alter und Weisheit« anzusdiließen zu tiefsinnigem, erinnerungs* 
reidiem Zwiegesprädi. Der Alte erzählt von einer tags zuvor erlebten 
Mitternaditsstunde, in der ihn vor dem Spiegel eine Erinnerung aus 
der Kinderzeit überkam, weldie die abergläubisdie Furdit, um Mitter* 
nadit in den Spiegel zu sdiauen, zum Inhalt hatte. »Idi lädielte in 
Erinnerung daran und trat vor den Spiegel hin, als wollte idi heute 
nodi die Legenden der Jugend Lüge strafen und verhöhnen. Idi 

* Ähnliches findet sich bei Coleridge <Pocms> und Baudelaire <FIeurs 
du Mal). Vom ersten sei das Gedicht »Verwandlung« <in der Nachdichtung von 
Hugo V. Hofmannsthal) erwähnt, das ähnlich wie Mussets Verse ein Zwie* 
gespräch zwischen dem Freund und dem Dichter darstellt, dem sein eigenes wahres 
Ich erscheint: 

»Bann es in eines Augenblickes Räume, 

So ist's ein bröckelnd Nichts vom Land der Träume. 

Nimm, Jahre haben dunkel dir gewirkt. 

Du siehst, was jedes Leben in sich birgt.« 

Von Baudelaire stehe hier als Beispiel eine Strophe aus »Le jeu« <über- 
setzt von Wolf v. Kalckreuth): 

»Das ist das schwarze Bild, das ich im bösen Traume 
Mit allzuklarem Blick erspäht in nächtger Zeit. 
Ich selber schaute in dem grauenhaften Räume 
Mich aufgestützt, stumm und von tiefem Neid.« 
Die Unmöglidikeit, von der Vorstellung des eigenen Ich loszukommen, hat 
Wedekind in dem Gedicht »Der Gefangene« geschildert. 

2 »Gespenstergeschichten.« Georg Müller, Verlag, München 1913. In der 
im selben Bande befindlichen Erzählung »Im Reiche der Geister« erscheint dem 
Studenten Orest Najaddin in geheimnisvoller Weise sein Doppelgänger <p. 84). 



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Der Doppelgänger 116 



blickte hinein, aber da meine Vorstellung ganz von meinen Knaben* 
jähren erfüllt war, und idi midi im Geiste so sdiaute, wie idi als 
Knabe ausgesehen hatte, da idi gewissermaßen ganz mein gegen* 
wärtiges Sein vergessen hatte, bliAte idi mit stierem Befremden in 
das durdifurdite Greisenanditz, das mir aus dem Spiegel entgegen* 
blidtte.« Diese EntrüAung geht so weit, daß die Gestalt vor dem 
Spiegel mit ihrer ehemaligen Knabenstimme um Hilfe ruft und der 
öreis die Ersdieinung schützen will, die plötzlidi versdiwunden ist. 
Er sudit sidi Rediensdiaft von dem Erlebnis zu geben: »Idi kenne 
die Spaltung unseres Bewußtseins sehr wohl,- mehr oder minder 
stark hat sie jeder sdion empfunden: Jene Spaltung, in der man 
seine eigene Person in allen bereits durdilaufenen Verwandlungen 
sdiattenhaft am Auge vorüberziehen sieht ^ . . . Aber es liegt audi 
die Möglidikeit in uns, zuweilen unsere zukünftigen Lebensformen 
zu erblidcen . . . dieses Sdiauen des zukünftigen Selbst ist mandimal 
so stark, daß wir glauben, fremde Mensdien zu sehen, die sidi 
körperlidi leibhaftig von uns ablösen, wie ein Kind vom Mutterleibe. 
Und dann begegnet man diesen von unserem Idi heraufbesdiworenen 
Ersdieinungen der Zukunft und nidit ihnen zu. Das ist meine ge* 
heimnisvolle Entded^ung^, Dem französisdien Psydiologen Ribot 
verdankt man einige sehr seltsame Beispiele seelischer Spaltung, die 
sidi nidit sdileditweg, als Halluzinationen erklären lassen. Ein sehr 
intelligenter Mann besaß die Fähigkeit, seinen Doppelgänger vor sidi 
hin zu bannen. Er ladite stets laut über die Vision und der Doppel* 
ganger antwortete mit dem gleidien Ladien. Lange Zeit hindurdi 
belustigte ihn das gefährlidie Spiel,- sdiließlidi nahm es aber ein 
böses Ende. Er kam allmählidi zu der Überzeugung, daß er von 
sich selbst verfolgt wurde, und da das andere Idi ihn unaus* 
gesetzt plagte, neAte und ärgerte, besdiloß er eines Tages diesem 
traurigen Dasein ein Ende zu madien.« Nadi Anführung eines 
weiteren Beispiels fragt der Greis den Begleiter, ob er sidi nodi 
nie alt fühlte, trotz seiner fünfunddreißig Jahre, und als dieser ver* 
neint, verabsdiiedet er sidi. Der Jüngere will die Hand ergreifen, 
faßt aber zu seinem Erstaunen ins Leere/ weit und breit ist kein 
Mensdi zu sehen. >Idi war allein und mir gegenüber stand ein 
Spiegel, dessen Gefangener idi war, und erst jetzt, als er meine Augen 
freigegeben hatte, sah idi, daß die Kerze tief herabgebrannt war 
. . . Hatte idi mit mir gesproAen? Hatte idi meinen Körper verlassen, 
und war ich erst jetzt in ihn zurüdgekehrt? Wer weiß . . . Oder 



* Wie in Mussets Versen. 

* Man vergleiche dazu den in Hebbels TagcbüAern (3. VI. 1847> mit- 

Geteilten Traum seiner Frau, wo sie in einem Spiegel ihr ganzes zukünftiges 
eben sieht/ zuerst sieht sie ihr GesiAt ganz jugendlidi, dann immer älter 
werdend und am Sdiluß wendet sie sidi ab in der Furdit, ihr Gerippe werde nun 
kommen. Siehe audi Hebbels Eintragung vom 15. Dezember 1846: »Jemand^ der 
sidi selbst im Spiegel sieht, und um Hilfe sAreit, weil er einen Fremden zu sehen 
glaubt/ man hat ihn nämlidi angemalt.« 

8* 



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116 Otto Rank 



hatte ich mich, wie Narziß, gegen mich selber gekehrt und 
war dann den künftigen Gestalten meines eigenen Idi begegnet und 
habe ihnen zugenid^tr Wer weiß . . .« 

Eine für mandie späteren Bearbeiter vorbildlidie Gestaltung 
hat Edgar Allan« Poe dem DoppelgängerstofF in seiner Novelle 
»William Wilson« gegeben. Der Held der in der ersten Person 
erzählten Geschichte, der sich William Wilson nennt, begegnet schon 
in seiner Kindheit auf der Schule einem Doppelgänger, der mit ihm 
Namen, Geburtstag, aber auch Gestalt, oprache. Benehmen und 
Gang so sehr teilt, daß sie für Brüder, ja sogar für Zwillinge 
gelten. Bald wird der sonderbare Namensvetter, der den Helden in 
allem und jedem nachahmt, zum treuen Kameraden, unzertrennlichen 
Gefährten, schließlich aber zum gefürchtetsten Rivalen. Nur durch 
seine Stimme, die sich über den Flüsterton nicht erheben kann, 
unterscheidet sich der Doppelgänger noch von seinem Vorbild,- aber 
auch diese ist in Tonfall und Aussprache identisch, so daß »sein 
eigenartiges Flüstern zum vollkommenen Echo meiner eigenen 
Stimme wurde«. ^ Trotz dieser unheimlichen Nachäffung ist der 
Held nicht fähig, sein Gegenstüdc zu hassen und vermag auch 
nicht, sich den von ihm »heimlich angedeuteten Ratschlägen«, denen 
er nur mit Widerwillen gehorcht, zu entziehen. Diese Toleranz wird 
einigermaßen dadurch gerechtfertigt, daß die Imitation anscheinend 
nur vom Helden selbst wahrgenommen wird, seinen Kameraden 
aber nicht weiter auffällt. Ein Umstand war einzig geeignet, den 
Helden in Arger zu versetzen und das war die Nennung seines 
Namens. »Sein Klang war meinen Ohren abstoßend, und als ich 
am Tage meines Schulantrittes erfuhr, daß gleichzeitig ein zweiter 
William Wilson eintrete, war ich auf diesen zornig, weil er den 
verhaßten Namen trug, und dem Namen doppelt feind, weil auch 
noch ein Fremder ihn führte, der nun schuld war, daß ich ihn 
doppelt so oft hören mußte.« Eines Nachts schleicht der Held in 
die Schlafkammer seines Doppelgängers und muß sich dort über^ 
zeugen, daß die Züge des schlafenden nicht das Resultat einer 
bloßen spöttischen Nachahmungssucht sein können. 

Entsetzt flieht er aus der Schule und kommt nach einigen 
Monaten eines Aufenthalts zu Hause als Student nach Eton. Dort 
beginnt er ein loAeres Leben zu führen und hat an die unheimliche 
Episode in der Schule längst vergessen, als ihm eines Nachts bei 
einem Zechgelage sein Doppelgänger, in der gleichen modernen 
Kleidung, nur mit undeudichen Gesichtszügen, erscheint. Er flüstert 
nur warnend die Worte »William Wilson« und verschwindet. Alle 
Nachforschungen nach seinem Wesen und seinem Verbleib sind 



* Übersetzt von Gisela Etzel <Poc: Das Feuerpferd u. a. Novellen. Mit 
15 Bildbeigaben von Alfred Kubin. Verlag Georg Müller, Möndien 1910). Es sei 
darauf hingewiesen, daß Poe audi eine Parabel »Shadow« gesdirieben hat <vgl. 
den Novellenband in Everyman's Library, p. 109). 



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Der Doppelgänger 117 



erfolglos- Es stellt sich nun heraus, daß er am selben Tage aus 
der Schule verschwunden war wie sein Vorbild. 

Bald danach geht der Held nach Oxford, wo er sein äußerst 
luxuriöses Leben fortsetzt, aber moralisch immer tiefer sinkt und 
auch vor den Kniffen des Falschspiels nicht zurüAschreAt. Eines 
Abends, als er in Gesellschaft eben hohe Summen auf diese Weise 
gewonnen hatte, tritt der Doppelgänger plötzlich ein und enthüllt 
sein Gebaren. Beschämt und geächtet muß sich Wilson zurüAziehen 
und verläßt am nädisten Morgen Oxford, um — ähnlidi wie Mussets 
Diditer — durdi ganz Europa ruhelos von Ort zu Ort zu fliehen. 
Aber überall durchkreuzt der Doppelgänger seine Unternehmungen, 
allerdings immer in einer Unheil verhütenden Weise. Endlidi 
kommt es, nadidem Wilson besdilossen hatte, sidi der drüd^enden 
Tyrannei des Unbekannten um jeden Preis zu entziehen, in Rom 
auf einem Maskenball zur Katastrophe. Eben versudit Wilson, sid> 
der reizenden Gattin seines alternden Gastgebers zu nahen, als ihn 
eine Hand an der Sdiulter faßt. Er erkennt in der Maske, die 
genau wie er gekleidet ist, seinen Doppelgänger und zieht ihn in 
einen Nebenraum, wo er ihn zum Duell herausfordert. Nadi kurzem 
Zweikampf stößt er dem Doppelgänger den Degen ins Herz. Da 
rüttelt jemand an der Türe, Wilson wendet sidi für einen Augen^ 
blidt ab, aber im nädisten Moment hat sidi die Situation in über- 
rasdiender Weise geändert. »Ein großer Spiegel — so sdiien es 
mir zuerst in meiner Verwirrung — stand jetzt da, wo vorher 
keiner gewesen war/ und als idi im hödisten Entsetzen zu ihm 
hinsdiritt, näherten sidi mir aus seiner Flädie meine eigenen Züge 

— bleidi und blutbesudelt — meine eigene Gestalt, ermatteten 
Sdirittes. So sdiien es, sage idi, dodi war es nidit so. Es war mein 
Gegner — es war Wilson, der da im Todeskampfe vor mir stand. 
Seine Maske und sein Mantel lagen auf dem Boden, da, wo er sie 
hingeworfen. Kein Faden an seinem Anzug — keine Linie in den 
ausgeprägten und eigenartigen Zügen seines Antlitzes, die nidit bis 
zur vollkommenen Identität mein eigen gewesen wären! Es war 
Wilson/ aber seine Spradie war kein Flüsterton mehr, und idi hätte 
mir einbilden können, idi selber sei es, der da sagte: ,Du hast 
gesiegt, und idi unterliege. Dennodi, von nun an bist audi du tot 

— tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest 
du — und nun idi sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, 
wie du didi selbst ermordet hast'.« 

Wohl die ersdiütterndste und psydiologisdi tiefste Darstellung 
hat unser Thema in Dostojewskis Jugendroman »Der DoppeU 
ganger« <1846> gefunden. Er sdiildert den Ausbrudi einer geistigen 
Störung bei einem Mensdien, der sidi dessen — bei fehlender Krank* 
heitseinsidit — nidit bewußt ist und der alle seine peinlidien Erleb* 
nisse in paranoisdier Auslegung als Verfolgungen seiner Feinde 
ansieht. Das allmählidie Hineingleiten in den Wahn und dessen 
Vermengung mit der Realität — eigentlidi der ganze Inhalt der an 



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118 Otto Rank 



äußerer Handlung armen Erzählung — ist mit unübertrefflidier 
Meisterschaft gesdiildert. Die hohe künstlerisdie Leistung ist gekenn^ 
zeidinet durdi die vollkommene Objektivität der Sdiilderung, die 
niAt nur keinen Zug des paranoisAen Krankheitsbildes übersieht, 
sondern die Wahnbildung vom Standpunkt ihres Opfers selbst auf 
die Umgebung wirken läßt. Die in wenige Tage zusammengedrängte 
EntwiAlung bis zur Katastrophe ließe sidi kaum anders als durA 
Abdrudc der ganzen Erzählung wiedergeben ^ Hier können nur kurz 
die einzelnen Etappen bezeiAnet werden. 

Der unglüAliAe Held der GesAiAte, Titularrat Goljädkin, 
kleidet siA eines Morgens, anstatt ins Amt zu gehen, mit besonderer 
Sorgfalt und Eleganz an, um zu einem Diner beim Staatsrat BerendejefF 
zu Fahren, seinem »Wohltäter seit undenkliAen Zeiten, der mir in 
gewissem Sinne den Vater ersetzt hat«. DoA sAon auf dem Wege 
passiert ihm allerlei, was ihn zunäAst zu einer Änderung seiner Ab* 
siAt bestimmt. Aus dem Wagen bemerkt er zwei junge Kollegen 
des Amtes, von denen ihm sAien, als hätte der eine mit dem Finger 
naA ihm gewiesen, während der andere laut seinen Namen gerufen 
habe. Im Arger über »diese dummen Jungen« wird er von einem 
neuen, noA peinliAeren Erlebnis gestört. An seinem Wagen rollt die 
elegante Equipage seines AbteilungsAefs, Andrej PhilippowitsA, vorbei, 
der siA offenbar wundert, seinen Unterbeamten unter solAen ilm^ 
ständen zu sehen. Goljädkin fragt siA »in unbesAreibliA qualvoller 
Beklemmung:« »Soll iA ihn erkennen oder soll iA tun, als wäre iA 
gar niAt iA, sondern irgendein anderer, der mir zum VerweAseln 
ähnliA sieht?« »Jawohl, iA bin einfaA niAt iA . . . ganz einfaA, bin 
ein ganz anderer — und niAts weiter.« Und er grüßt den Vorgesetzten 
nicht. Im reuevollen Nachdenken über diese begangene Dummheit und 
die Bosheit seiner Feinde, die ihn dazu genötigt hatte, empfand Herr 
Goljädkin »das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung 
etwas sehr wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen«, 
obwohl er ihn erst seit wenigen Tagen kannte. Dem Doktor, dem 
er in äußerster Verlegenheit gegenübersteht, vertraut er in um^ 
ständlicher Erzählung und mit der charakteristischen Unbestimmt* 
heit der Paranoischen, daß ihn Feinde verfolgen, »gehässige Feinde, 
die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten«. Er wirft 
nebenbei hin, daß man auch vor Gift nicht zurückscheuen würde, 
daß es aber vorwiegend auf seinen moralischen Tod abgesehen sei, 
bei dem die geheimnisvoll angedeutete Beziehung zu einer Frau die 
Hauptrolle spiele. Diese eine deutsche Köchin, mit der man ihn 
in verleumderische Beziehungen bringt, und Klara Olssuphjewna, 
die Tochter seines alten Protektors, zu dem er eben am Beginn der 
Geschichte fahren will, beherrschen seine überaus fein und charak* 
teristisch dargelegten erotomanischen Phantasien. In der Überzeugung, 



* Dostojewskis sämtliche Werke, herausgegeben von MeresAkowski und 
MocIIcr van den BruA. Bd. XIV, p. 237 bis 500. — Dcutsdi von E. K. Rahsin. 



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Der Doppclgänger 119 



daß »im Nest dieser abscheulichen Deutschen sich die ganze Macht 
der bösen Kräfte verbirgt«, gesteht er dem Arzt unter Scham, daß 
sein Abteilungschef und dessen eben avancierter Neffe, der sich 
um Klara bewirbt, über ihn Klatschgeschichten verbreiten: er habe 
der Köchin, bei der er früher wohnte, an Stelle seiner Schuld für 
das Essen ein schriftliches Heiratsversprechen geben müssen, sei 
also »bereits der Bräutigam einer anderen.« 

Beim Staatsrat, wo er etwas zu früh erscheint, wird ihm 
bedeutet, daß man ihn nicht empfange/ er muß beschämt abziehen 
und sehen, wie die anderen Gäste, darunter sein Abteilungschef 
und dessen Neffe vorgelassen werden. Später schleicht er sich 
unter beschämenden Umständen doch zu der Feierlichkeit ein, die 
zu Ehren von Klaras Geburtstag stattfindet. Er benimmt sich bei 
der Gratulation hödist ungesdiidtt und erregt allgemein Anstoß. 
Als er dann nodi beim Tanz mit Klara stolpert, entfernt man ihn 
gewaltsam aus der Gesellsdiaft. 

Um Mitternadit eilt er, »um sidi vor seinen Feinden zu retten«, 
in einem fiirditerliAen Wetter ziellos durdi die mensdienleeren 
Straßen Petersburgs. Er sah aus, »als wolle er sidi vor sidi selbst 
verstehen, als wolle er am liebsten vor sidi selbst fortlaufen«. Er^ 
sdiöpft und in namenloser Verzweiflung bleibt er endlidi am Kanal 
stehen, auf das Geländer gestützt. Plötzlidi »sdiien es ihm, daß im 
Augenblidt jemand neben ihm, didit neben ihm gestanden hatte, 
gleidifalls auf das Geländer gestützt, und — seltsam! — es war, 
als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, sdinell und kurz 
und nidit ganz deutlidi, aber irgendetwas ihm Naheliegendes, etwas, 
das ihn persönlidi anging«. Er sudit sidi über diese sonderbare 
Ersdieinung zu beruhigen, aber beim Weitergehen kommt ihm ein 
Mann entgegen, den er für die Hauptperson der gegen ihn geridi* 
teten Intrige hält und der ihm in der Nähe Entsetzen einflößt durdi 
die auffällige äußere Übereinstimmung: »Er ging gleidifalls sehr 
eilig, war gleidifalls ganz vermummt . . . und ging wie er, Herr 
Goljädkin, mit kleinen, sdinellen, trippelnden Sdiritten . . .« Nodi 
ein drittesmal begegnet ihm zu seiner maßlosen Qberrasdiung der* 
selbe Unbekannte/ Goljädkin läuft ihm nadi, ruft ihn an, entsdiuldigt 
aber dann im Sdieine der nädisten Laterne seinen Irrtum. Trotzdem 
zweifelte er nidit daran, den Mann genau zu kennen, »er wußte 
sogar wie er hieß, mit dem Familiennamen und mit dem Ruf*» und 
Vatersnamen. Und dodi hätte er ihn selbst für alle Sdiätze der 
Welt nidit mit Namen genannt«. Im Verlaufe der weiteren Über* 
legungen begann er, die unheimlidie Begegnung, die ihm nunmehr 
unvermeidlidi sdiien, je sdirieller desto lieber herbeizuwünsdien und 
tatsädilidi ging der Unbekannte bald darauf in kurzer Entfernung 
vor ihm her. Unser Held befand sidi jetzt auf dem Nadihause^ 
wege, den der unverkennbare Doppelgänger vollkommen genau zu 
kennen sdiien,- er trat in Herrn Goljädkins Haus ein, eilte behende 
die halsbredierisdie Treppe hinauf und trat sdiließlidi in die Woh* 



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120 Otto Rank 



nung ein, die der Diener bereitwillig öffnete. Als Herr Goljädkin 
atemlos in sein Zimmer trat, saß 3E>der Unbekannte vor ihm auf 
seinem Bett, gleidifalls im Hut und Mantel«,, unfähig seinen Emp* 
findungen irgendwie Luft zu madien, setzt er »sidi starr vor Sdiredc 
neben den anderen hin , . . Herr Goljädkin erkannte sofort seinen 
näditlidien Freund. Dieser näditlidie Freund aber war niemand 
anders als er selbst — ja : Herr Goljädkin selbst, ein anderer Herr 
Goljädkin und dodi Herr Goljädkin selbst — mit einem Wort und 
in jeder Beziehung war er das, was man einen Doppelgänger 
nennt.« 

Der mäditige Eindrudc dieses Erlebnisses vom Sdiluß des 
vergangenen Tages madit sidi am nädisten Morgen durdi Verstär- 
kung der Verfolgungsideen bemerkbar, die nun immer deutlidier 
von dem Doppelgänger auszugehen sdieinen, der bald leibhaftige 
Gestalt annimmt und nidit mehr aus dem Mittelpunkt der Wahn* 
pebilde versdiwindet. Im Bureau, wo er »einen Verweis wegen 
Vernadilässigung des Dienstes« befiirditen muß, findet der Held an 
seinem Nebenplatz einen neuen Beamten, der niemand anderer ist 
als der zweite Herr Goljädkin. Dabei aber »ein anderer Herr GoU 
jädkin, ein vollkommen anderer, und zugleidi dodi einer, der voll* 
kommen ähnlidi dem ersten war. Von gleidiem Wudis, derselben 
Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig — kurz, 
es war niAts, aber audi nidits zur vollkommenen Ähnlidikeit ver* 
gessen worden, so daß, wenn man die beiden nebeneinander auf» 
gestellt hätte, niemand, aber audi wirklidi niemand hätte sagen 
können, wer der wirklidie Herr Goljädkin und wer der nadigemaAte 
sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original und wer die 
Kopie«. Und dodi ist dieses getreue »Spiegelbild«, das sogar die* 
selben Vornamen hat und aus derselben Stadt gebürtig ist, so daß 
die beiden für Zwillinge gelten, in seinen Charaktereigensdiaften 
gewissermaßen ein GegenstüA seines Vorbildes: er ist ein Drauf* 
ganger, Heudiler, Sdimeidiler und Streber, der sidi überall beliebt 
zu madien weiß und so seinen unbeholfenen, sdiüditernen, patho* 
logisdi aufrichtigen Konkurrenten bald ausgestodien hat^ 

Das sidi nunmehr entwiAelnde Verhältnis des Herrn Goljädkin 
zu seinem Doppelgänger, dessen Darstellung den Hauptinhalt des 
Romans bildet, kann hier nur in seinen widitigsten Phasen fixiert werden. 
Anfangs kommt es zu einer äußerst intimen Freundsdiaft, ja sogar 
zu einem Bündnis gegen die Feinde des Helden, der seinem neuen 
Freunde die widitigsten Geheimnisse mitteilt: »Idi liebe, idi liebe 
didi, liebe didi brüderlidi, sage idi dir. Aber zusammen Sasdia, da 
wollen wir ihnen einen Streidi spielen.« Aber bald wittert Goljäd* 
kin in seinem Ebenbilde den Hauptfeind und sudit sidi gegen ihn 
zu sdiützen : sowohl im Amt, wo der Doppelgänger ihm die Gunst 



* Einzelne Züg^^ seiner Karriere erinnern auffällig an das Hauptmotiv in 
E. T. A. Hoffmanns Märchen »Klein Zadies«. 



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Der Doppelgänger 121 



der Kollegen und Vorgesetzten abspenstig madit, als audi Im Privat-r 
leben, wo er bei Klara zu reüssieren sdieint. Der widerwertige Kerl 
verfolgt den Helden bis in seine Träume, in denen er, auf der Fludit 
vor dem Doppelgänger, sidi von einer großen Sdiar von Eben^ 
bildern ungeben sieht, denen er nidit entkommen kann <p. 411).^ 
Aber audi im WaAen quält ihn dieses unheimlidie Verhältnis der* 
art, daß er sdiließlidi den Gegner zum Duell auf Pistolen heraus-r 
fordert. Neben diesem typisdien Motiv fehlen audi hier nidit die 
Spiegelszenen, für deren Bedeutsamkeit es zu spredien sdieint, daß 
die Erzählung mit einer soldien beginnt. »Kaum war er nun aus 
dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat, daß er zu dem 
runden Spiegeldien stürzte, das auf der Kommode stand. Und ob^ 
wohl das versdilafene Gesidit mit den kurzsiditigen Augen und dem 
ziemlidi geliditeten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel engegen* 
sdiaute, von so unbedeutender Art war, daß es ganz entsdhieden 
sonst keines Mensdien Aufmerksamkeit hätte fesseln können, sdiien 
der Besitzer desselben dodi mit dem Erlebten sehr zufrieden zu 
sein.« Im Stadium der hödisten Verfolgung durdi den Doppelgänger, 
als Goljädkin am Büffet eines Restaurants ein Pastetdien zu sidi 
nimmt fordert man von ihm für das Zehnfadie Bezahlung, mit dem 
bestimmten Hinweis, er habe so viel gegessen. Sein spradiloses Er-^ 
staunen weidit einem Verständnis, da er aufbliAt und in der gegen* 
überliegenden Türe, »die unser Held vorhin als Spiegelglas ange* 
sehen«, den anderen Herrn Goljädkin erkennt, mit dem man ihn 
verwediselte und der es in dieser Weise gewagt hatte, ihn bloß* 
zustellen. Einer ähnlidien Täusdiung unterliegt der Held, als er in 
größter Verzweiflung seinen hödisten Vorgesetzten aufsudit, um sidi 
seinem »väterlidien« Sdiutz anzuvertrauen. Sein unbeholfenes Ge* 
sprädi mit Ihrer Exzellenz unterbridit plötzlidi »ein sonderbarer Gast. 
In der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen 
hatte, wie es ihm sdion einmal passiert war — ersdiien er — wir 
wissen ja sdion wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins«. 
Durdi sein sonderbares Benehmen gegen Kollegen und Vor-» 
gesetzte bringt es Goljädkin zur Endassung aus dem Dienste. Aber 
die eigentlidie Katastrophe knüpft sidi, wie die aller anderen DoppeU 
gängerhelden an ein Weib, an Klara Olssuphjewna. In Korrespon-^ 
denzen mit seinem Doppelgänger und mit wadiramejeff, einem der 
»Verteidiger« der »deutsdien Ködiin«, verwiAelt, erhält Goljädkin 
einen Brief zugestedct, der seine erotomanisdien Phantasien aufs 
neue entfadit. In diesem Briefe bittet Klara Olssuphjewna, sie 
vor einer ihr wider Willen aufgezwungenen Verheiratung zu 
sdiützen und mit ihr, die bereits der Arglist eines Niditswürdigen 
zum Opfer gefallen sei und sidi nun ihrem edlen Retter anvertraut, 
zu entfliehen. Nadi vielfadien Bedenken und Überlegungen besdiließt 



* Ein ähnlicher Angsttraum von zahlreichen Ebenbildern des eigenen Idi 
bei Jeromc K. Jerome »Roman^Studien« <EngeIhorn-Bibl. XII, 19, p. 38). 



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der mißtrauische Goljädkin dem Rufe dodi Folge zu leisten und 
Klara, wie angegeben, um 9 Uhr abends im W agen vor ihrem 
Hause zu erwarten. Aber auf dem Wege zum Stelldidiein unter- 
nimmt er nodi einen letzten Versudi, alles in Ordnung zu bringen. 
Er will sidi Seiner Exzellenz als einem Vater zu Füßen werfen 
und von ihm Rettung vor dem sdiändlidien Doppelgänger erflehen. 
Er würde sagen: »Er ist ein anderer MensA, Ew. Exzellenz, und 
audi idi bin ein anderer Mensdi! Er ist einer für sidi und idi bin 
einer für midi, wirklidi, idi bin ganz für midi.« Dodi wie er vor dem 
hohen Herrn steht, wird er verlegen, beginnt zu stottern und zu fabeln, 
so daß die Exzellenz und ihre Gäste bedenklidi werden. Besonders 
der anwesende Doktor, derselbe den Goljädkin konsultiert hatte, beob- 
aditet ihn sdiarf, und natürlidi ist audi wieder sein bei Exzellenz in 
Gunst stehender Doppelgänger da, der ihn sdiließlidi hinauswirft. 
Nadidem Goljädkin lange Zeit im Hofe von Klaras Hause 
verborgen gewartet und dabei alles Für und Wider seines Vor-' 
habens nochmals erwogen hatte, wird er plötzlidi von den hell 
erleuditeten Fenstern der Wohnung aus entdeAt und — natürlidi 
von seinem Doppelgänger — in der liebenswürdigsten Weise ins 
Haus eingeladen. Er glaubt seinen Plan entdedtt und ist auf das 
Ärgste vorbereitet/ statt dessen gesdiieht nidits dergleidien, im Gegen* 
teil wird er von allen liebenswürdig und zuvorkommend empfangen. 
Eine glüAIidie Stimmung überkommt ihn und er fühlt sidi voll 
Liebe, nidit nur zu Olssuph Iwanowitsdi, sondern zu allen Gästen, 
sogar zu seinem gefährlidien Doppelgänger, der durdiaus nidit mehr 
böse, der gar nidit mehr der Doppelgänger zu sein sdiien, sondern 
ein ganz gleidigiltiger und liebenswürdiger Mensdi.« Dennodi hat 
der Held von den Gästen den Eindrud^, daß sidi etwas Besonderes 
vorbereiten müsse,- er glaubt, es handle sidi um eine Versöhnung 
mit seinem Doppelgänger und reidit ihm die Wange zum Kusse,- 
dodi sdiien es ihm, »als taudite etwas Böses in dem unedlen Gesidit 
Herrn Goljädkins des Jüngeren auf — die Grimasse des Judas- 
kusses ... Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen 
Augen wurde es dunkel: ihm sdiien eine endlose Reihe Goljädkin- 
sdier Ebenbilder mit großem Geräusdi durdi die Tür ins Zimmer 
zu stürmen«. In Wirklidikeit tritt dort unerwartet ein Mann ein, 
bei dessen Anblidc unseren Helden Entsetzen faßt, obwohl er 
»sdion früher alles gewußt und ähnlidies geahnt« hatte. Es ist der 
Doktor, wie der triumphierende Doppelgänger ihm boshaft zuflüstert. 
Der Doktor nimmt den bedauernswerten Goljädkin, der sidi vor 
den Anwesenden zu reditfertigen sudit, mit sidi fort und besteigt 
mit ihm einen Wagen, der sich sogleidi in Bewegung setzt. »GeU 
lende, ganz unbändige Sdireie seiner Feinde folgten ihm als Ab^ 
sdiicdsgrüße auf den Weg. Eine Zeidang hielten nodi mehrere Ge* 
stalten mit dem Gefährt gleidien Sdiritt und sahen in den Wagen 
hinein. Allmählidi jedodi wurden ihrer immer weniger, bis sie sdiließ* 
lidi versdiwanden und nur nodi der sdiamlose Doppelgänger Herrn 



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Der Doppclgänger 123 



Goljädkins übrig blieb«, der bald links, bald redits neben dem Wagen 
herlaufend, zum Absdiied Kußhände warf. Sdiließlidi versdiwindet 
auA er und Goliädkin verfällt in Bewußtlosigkeit, aus der er im 
Dunkel der Namt neben seinem Begleiter erwaAt und von ihm 
erfährt, daß er von Staatswegen freie Station erhalte: »Unser Held 
stieß einen Sdirei aus und griff sidi an den Kopf. Das war es : und 
das hatte er sdion lange geahnt!« 

Alle diese Erzählungen weisen, abgesehen von der in Form 
verschiedener Typen gestalteten Doppelgängerfigur, eine Reihe so 
auffällig übereinstimmender Motive auf, daß es kaum nötig sdieint, 
sie nom besonders hervorzuheben. Immer handelt es sidi um ein 
dem Helden bis auf die kleinsten Züge, wie Namen, Stimme, 
Kleidung ähnlidies Ebenbild, das wie »aus dem Spiegel gestohlen« 
<Hoffmann> dem Helden audi meist im Spiegel ersdieint/ immer 
audi tritt dieser Doppelgänger seinem Vorbild hindernd in den Weg 
und in der Regel kommt es beim Verhältnis zum Weib zur Kata^ 
Strophe, die meist in Selbstmord — auf dem Umweg des dem 
lästigen Verfolger zugedachten Todes — endet. In einer Anzahl von 
Fällen ist dies verquidct mit einem regelrediten Verfolgungswahn 
oder gar ersetzt durdi einen soldien, der dann zu einem vollkom* 
menen paranoisdien Wahnsystem ausgestaltet ersdieint. 

Die Aufzeigung dieser gemeinsamen typisdien Züge bei einer 
Reihe von Autoren soll nidit so sehr deren literarisdie Abhängigkeit 
beweisen, die in einigen Fällen ebenso sidier wie in anderen unmöglidi 
ist, als vielmehr auf die identisdie seelisdie Struktur dieser Diditer 
aufmerksam madien, die wir nun etwas näher betraditen wollen. 

III. 

»Liebe zu sich selbst ist immer der An- 
fang eines romanhaften Lebens , . . denn 
nur wo das Idi eine Aufgabe ist, hat 
es einen Sinn zu sAreiben.« 

Thomas Mann. 
»Dichter sind doA immer Narzisse.« 

W. Schlegel. 

Es kann nidit unsere Absidit sein, Leben und Sdiaffen der 
hier in Betradit kommenden Diditer pathographisdi oder gar ana- 
lytisdi zu durdiforsdien/ nur ein Quersdmitt durdi eine bestimmte 
Sdiidite ihrer seelisdien Konstitution soll die weitgehenden Qberein* 
Stimmungen in gewissen Grundzügen erweisen, aus denen dann die 
gleidien psydiisdhen Reaktionen folgen. 

Als oberste Gemeinsamkeit fällt auf, daß die uns hier intcr^ 
essierenden — wie einige gleidigeartete ^ — Diditer ausgesproAen 

* Nahe stehen etwa nodi: Villicrs de TIsle^Adam, Baudelaire, 
Strindberg, Kleist, Günther, Lenz, Grabbc, Hölderlin. 



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124 Otto Rank 



pathologische Persönlidikeiten waren, die das sonst dem Künstler 
zugestandene Maß von Neurotik nadi mehr als einer Riditung über^ 
schritten. Sie litten nämlidi nidit nur offenkundig an psydiisdien 
Störungen oder Nerven* und Geisteskrankheiten, . sondern bewiesen 
audi im Leben ein ausgesprodien exzentrisdies Tun und Treiben, 
sei es daß sie im Trinken, im Gebraudi von Opiaten, in Sexualibus 
— mit besonderer Betonung des Abnormen — exzedierten. 

Von Hoff mann, der von einer hysterisdien Mutter stammt, 
ist bekannt, daß er nervös, exzentrisdi und Stimmungen stark unter* 
worfen war, ja daß er an Halluzinationen, Wahnideen und Zwangs^ 
Vorstellungen litt, die er in seinen Diditungen darzustellen liebte^. 
Er hatte Angst, wahnsinnig zu werden und »glaubte mandimal sein 
leibhaftiges Spiegelbild, seinen Doppelgänger und andere spukhafte 
Gestalten in Vermummung vor sidi zu sehen« (Klinke). Die Doppel- 
gänger und Sdiauergestalten sah er, wenn er sie besdirieb, wirklidi 
um sid> und wed^te deshalb bei näditlidier Arbeit oft in Angst 
seine Frau, um ihr die Gestalten zu zeigen*. Nadi einem Gelage 
sdirieb er ins Tagebudi: »Anwandlung von Todesgedanken: Doppelt- 
gänger« <Hitzig I, 174, 275>. Er ging mit 47 Jahren an einer Nerven- 
krankheit zugrunde, die Klinke als Chorea diagnostiziert, die aber 
audi als Paralyse aufgefaßt wurde und die jedenfalls auf seine neu- 
ropathisdie Konstitution sAließen läßt, die er mit den meisten seiner 
nodi zu bespredienden Sdiidisalsgenossen teilt. 

So mit Jean Paul, der gleichfalls an Angst vor dem Wahnsinn 
litt und mit sdiweren seelisdien Ersdiütterungen zu kämpfen hatte, 
um sidi zum Sdiaffen durdizuringen. Im Mittelpunkt seiner Seelen- 
kämpfe steht das Verhältnis zum Idi, dessen Bedeutung für die 
psydiisdien Störungen und die diditerisdien Gestalten Jean Pauls 
sein Biograph Schneider eingehend würdigt. »Als eine der merk- 
würdigsten Erinnerungen aus seiner Kindheit erzählt Jean Paul, daß 
ihm einst als Knaben das innere Gesidit ,idi bin ein Idi wie ein 
Blitzstrahl vom Himmel kam und seitdem leuditend vor ihm stehen 
blieb ... In der Leipziger Zeit drängt sidi ihm jene mäditige Emp- 
findung des eigenen Selbst wie ein sdired^endes Gespenst auf.« <1. c). 
^Vorher die Gesdiichte«, schreibt der Dichter lol9 in sein Vita- 
buch, »wie ich einmal Nachts in Leipzig nach ernstem Gespräche 
Oerthel ansehe und er mich, und uns beiden vor unserem Idi 



* Vgl. dazu Klinke (1. c), Schaukai: Hoffmann <»Dic Dichtung«, 
Bd. XII, Berlin 1904) sowie die dort zitierten Quellen, namentlich Hitzigs Er* 
innerungen »Aus Hoffmanns Leben«. 2 Teile, Berlin 1823. 

Hoffmann, der die psyAiatrisAc und okkulte Literatur gut kannte, hat 
auA von dort her Anregung für seine Stoffe gesdiöpft. Insbesondere Schuberts 
damals stark gelesenen Büdiern soll Hoffmann viel verdanken. In der 1814 er- 
sdiienenen »Symbolik« heißt es, daß das Gefühl »einer doppelten Persönlidikeit vom 
Naditwandler und audi nadi langen Krankheiten empfunden wird und sie ist bei 
Wahnsinn mit leiAten Intervallen und im Traume wirklidi vorhanden« <p. 151). 

' In Maupassants »Lui« nimmt sich der Held eine Frau, um vor soldicn 
Anwandlungen gesdiützt zu sein. 



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Der Doppelgänger 125 



schaudert.« . . . »Im ,Hesperus' läßt er das Ich bereits als unheim* 
liches Gespenst vor sich erstehen, das wie mit einem Basiliskenblidc 
auf den Besdiauer wirkt. Sdion sehen wir den Diditer an der künst^ 
lerisdien Ausgestaltung seiner Wahnidee. Er kann sie nidit mehr 
los werden, er verliert sidi immer und immer wieder, wenn er ein^ 
sam ist, in die Betraditung seines eigenen Idi , . . Aus dem Idi, 
dem ursprünglidi empfundenen Absoluten im wirbelnden Wedisel 
der Relationen <»Unsiditbare Loge«), ist allmählidi »der Ich« ge^ 
worden, weldier bald als Traumgestalt durdisiditig und zitternd 
neben dem eigenen Idi steht, bald als Spiegelbild sidi drohend 
emporreAt, gegen das Glas sidi bewegt und heraustreten will. 
Immer weiter treibt es Jean Paul mit seiner furditbaren Idee« 
(Schneider 1. c), deren künstlerisdie Ausgestaltung wir bereits 
verfolgt haben. 

In einem Atem mit Hoff mann ist man gewohnt Edgar 
Allan-Poe zu nennen, dessen Leben ebenso exzentrisdi war wie 
sein Diditen^. Wie bei Hoff mann und Jean Paul finden sidi audi 
hier ungünstige Verhältnisse im Elternhaus. Poe verlor seine Eltern 
mit zwei Jahren und wurde bei Verwandten erzogen. Sdion in der 
Pubertät trat eine sdiwere Melandiolie auf, als die Mutter eines 
Kameraden, die er sehr verehrte, starb. Um diese Zeit begann er 
audi sdion mit dem Alkoholgenuß und verfiel später in Trunksudit, 
bis er, etwa in den letzten zehn Jahren seines Lebens, zum Opium 
griff. Mit 27 Jahren heiratete er seine kaum vierzehnjährige Cousine, 
die einige Jahre später an Sdiwindsudit starb, an der audi seine Eltern 
zugrunde gegangen waren. Bald nadi dem Tode seiner Frau hatte 
er den ersten Anfall von Delirium tremens. Eine zweite Ehe kam 
nidit zustande, weil er am Tage vor der Hodizeit unmäßig Alkohol 
genossen hatte und exzedierte*. Im Jahre seines Todes knüpfte er 
nodi Beziehungen mit einer inzwisdien verwitweten Tugendgeliebten 
an. Er starb, nur 37 Jahre alt, angeblidi an Delirium tremens. 
Neben den typisdi alkoholistisdien und epileptisdien Charakterzügen 
weist Poe Angstvorstellungen (besonders vor dem Lebendigbegraben« 
werden) und zwangsneurotisdie Grübelsudit auf <man vergleidie die 
Novellen: »Berenice«, »The telUtale Heart« etc.). Sein Pathograph 
Probst nennt ihn feminin und betont die Asexualität seiner rhan* 
tasien: »es fehlt ihm die Gesdileditsliebe«, was er als Folge des 
AlkohoU und Opiumgenusses ansieht. Außerdem sdiildert er ihn 
als egozentrisdi : »all sein Denken dreht sidi nur um sein Idi« <1. c. 
p. 25). Die Novelle 2^ William Wilson« gilt allgemein als Selbst- 
bekenntnis Poes und er sdiildert ja darin audi einen Mensdien, der 



* Hanns Heinz Ewers: Poe. Berlin 1905. — H. Probst: Poe (Grenz* 
fragen der Lit. und Mediz. hg. von S. Rahmer, H. VIII> Mundien 1908. 

^ Baudelaire erklärt in seinem feinen Essai über Poe diese Tatsache 
psyAologisdi daraus, daß der Diditer seiner ersten Frau treu bleiben wollte und 
darum die Entlobung provozierte <Baudelaires Werke, deutsA von Max Bruns, 
Bd. III). 



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126 Otto Rank 



durdi Spiel und Trunksucht immer mehr herabkommt, um sich schließ* 
lieh geeen sein besseres Selbst zugrunde zu richten. 

Ähnlich, wenn auch von größerer Tragik, ist das Leben und 
Leiden Maupassants^ Auch er stammt, wie Ho ff mann, von 
einer ausgesprochen hysterischen Mutter und war zweifellos zu seiner 
durch einen äußeren Anlaß verursachten geistigen Erkrankung stark 
prädisponiert*. Wie Poe im Alkohol, so exzedierte Maupassant 
in der Liebe. Zola sagt von ihm: »Er war ein gefürchteter Mädchen-» 
Jäger, der von seinen Streifzügen immer die erstaunlichsten Frauen- 
zimmergeschichten mitbrachte, allerlei unmögliche Liebesabenteuer, bei 
deren Erzählung unserem guten Freunde Flaubert vor Lachen 
die Tränen in die Augen traten.« Als sich Maupassant mit etwa 
28 Jahren bei Flaubert beklagt, daß er den Weibern keinen Ge* 
schmack mehr abgewinnen könne, schreibt ihm dieser: »Immer die 
Weiber, Schweinchen.« — »Zu viel Huren, zu viel Ruderei, zu viel 
Körperbewegung . . .« < Vorberg, p. 4>. Dcxh war er um diese Zeit 
ein kräftiger, gesunder, abenteuerlustiger Mensch von einer geradezu 
fabelhaften Arbeitskraft^. Aber schon im 30. Lebensjahre machten 
sidi die ersten Anzeichen der progressiven Paralyse bemerkbar, 
der der Diditer mit 43 Jahre erlegen ist. Seine ursprünglich 
anekdotenhaften und ergötzlichen, oft von derber Sinnenlust strotzen* 
den Geschichten machen allmählich düsteren Selbstbekenntnissen Platz, 
in denen die schwere Verstimmung dominiert. Sein Buch »Sur 
TEau« <1888> schildert diese Zustände in Tagebuchform. Nach 
und nach nahm Maupassant zu allerhand narkotischen Mitteln 
seine Zuflucht und scheint sich auch zeitweise mit ihrer Hilfe auf* 
recht erhalten zu haben. Ja, manche seiner Werke sollen nach seiner 
eigenen Angabe unter der Einwirkung solcher Mittel geschrieben 
sein, was man auch von Poe, Hoffmann, Baudelaire u. a. 
behauptet hat. Wie diese Dichter, litt auch Maupassant, wenn* 
gleich aus anderer Ursache, an Halluzinationen und Illusionen, die 
er auch oft in seinen Werken geschildert hat. Später produzierte 
er eine Reihe interessanter Wahngebilde, hatte Größen- und Ver* 
folgungsideen und unternahm auch einen Selbstmordversuch. Lange 
vorher schon kämpfte er gegen den »inneren Feind«, den er im 
»Horla« so großartig dargestellt hat. Auch diese Novelle ist, ebenso 
wie »Lui« und vieles andere nichts als eine ergreifende Selbst* 
Schilderung. Die innere Spaltung in sich hat er schon früh deutlich 
erkannt: jTWeil ich in mir jenes Doppelsehen trage, das die Kraft 
und zugleich das Elend des Schriftstellers ist. Ich schreibe, weil ich 

1 Paul Mahn, Maupassant, Berlin 1908. 

Gaston Vorberg, Maupassants Krankheit <Grenzfragcn des Nerven- und 
Seelenlebens, herausgegeben von L. Löwenfeld, Heft 60). Wiesbaden 1908. 

- Für hereditäre Belastung spricht der Umstand, daß audi sein jüngerer 
Bruder Herve an Paralyse zugrunde ging. 

' »Von 1880 bis 1890 sArieb er außer zahlreidien Zeitungsartikeln sedizehn 
Bände Novellen, sedis Romane und drei Bände Reisesdiilderungen < <Vorberg, 
pag. 5>. 



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Der Doppelgänger 127 



empfinde, und idi leide an allem, was ist, weil idi es nur zu gut 
kenne und vor allem, weil idi, ohne es kosten zu können, es in mir 
selbst, in dem Spiegel meiner Gedanken sehe.« <Sur Teau, 10. April.) 
Ähnlidi wie Poe ist audi Maupassant stark egozentrisdi eingestellt 
(»Midi ermüdet sehr rasdi alles, was sidi nidit in mir selbst volU 
zieht«) und trotz seines intensiven Sexuallebens hat er dodi niemals 
das riditige Verhältnis zum Weib gefunden, die Liebe, »ein GlüA, 
das idi nidit kannte und das idi in stiller Ahnung für das Hödiste 
auf Erden hielt«. <Sur Teau.) Gerade die Frauen Tassen ihn deutlidi 
seine Unfähigkeit zu wirklidier Hingabe fühlen: »Am meisten lassen 
midi die Frauen empfinden, daß idi allein bin . . . Nadi jedem Kuß, 
nadi jeder Umarmung wird das Vereinsamungsgefühl größer ... Ja, 
sogar in jenen AugenbliAen, wo sdieinbar ein geheimnisvolles Ein* 
Verständnis besteht, wo sidi Wunsdi und Sehnsudit versdimelzen 
und man in die Tiefe ihrer Seele hinabzutaudien glaubt, läßt ein 
Wort, ein einziges Wort, uns unseren Irrtum erkennen und zeigt 
uns, wie ein Blitzstrahl in der Gewitternadit, den Abgrund zwisdien 
uns beiden« <»Solitude«). Wie er hier von seinem Idi nidit zum 
Weibe loskommt, so flüditet er in »Lui« von diesem unheimlidien 
und grauenhaften Idi zum Weib. Daß sidi ihm die innerlidie seeli*^ 
sdie Spaltung audi direkt in der Doppelgängerphantasie objektivierte, 
zeigt eine von Sollier^ beriditete Halluzination Maupassant s, 
die der Diditer »eines nadimittags im Jahre 1889 hatte und nodi 
am Abend desselben Tages einem vertrauten Freunde erzählte. Er 
saß in seinem Arbeitszimmer am Sdireibtisdi. Der Diener hatte 
strengen Befehl, niemals einzutreten, während sein Herr arbeitete. 
PlötzTidi kam es Maupassant vor, als wenn die Türe geöffnet 
würde. Er dreht sidi um und zu seinem größten Erstaunen sieht 
er, wie seine eigene Person eintritt und ihm gegenüber Platz 
nimmt, den Kopf in der Hand haltend. Alles, was er sdireibt, wird 
ihm diktiert. Als der Sdiriftsteller mit der Arbeit fertig war und 
aufstand, versdiwand die Halluzination« <Vorberg, p. 16). 

Ahnlidie Scibstersdieinungcn hatten übrigens audi andere Diditer. Am 
bekanntesten ist wohl die von Goethe <am Sdiluß des elften Budies vom 
III. Teil seiner Selbstbiographie »Diditung und Wahrheit«) beriditete Episode 
in Sesenheim, wo er von Friederike Absdiied nahm und auf dem Fußpfad 
gegen Drusenheim fortritt. »Da überfiel midi eine der sonderbarsten 
Ahnungen. Idi sah nämlidi, nidit mit den Augen des Leibes, sondern des 
Geistes, midi mir selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegenkommen, 
und zwar in einem Kleide, wie idi es nie getragen: es war heditgrau mit 
etwas Gold. Sobald idi midi aus diesem Traum aufsdiüttelte, war die 
Gestalt ganz hinweg. Sonderbar ist es jedodi, daß idi nadi adit Jahren in 
dem Kleide, das mir geträumt hatte und das idi nidit aus Wahl, sondern 
aus Zufall gerade trug, midi auf demselben Wege fand, um Friederiken 
nodi einmal zu besudien. Es mag sidi übrigens mit diesen Dingen wie es 
will verhalten, das wunderlidie Trugbild gab mir in jenen Augenblidten des 
Sdieidens einige Beruhigung. Der Sdimerz, das herrlidie Elsaß, mit allem, 

* Paul Sollicr, »Lcs phcnom^ncs d'autoscopic. Paris 1903, Felix Alcan. 



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128 Otto Rank 



was idi darin erworben, auf immer zu verlassen, war gemildert . . .« Ist 
hier der Wunsch, die Geliebte nicht verlassen zu müssen, zweifellos der 
Antrieb zu dieser sich in entgegengesetzter Richtung bewegenden Selbst- 
erscheinung, so werden ähnliche Halluzinationen in versdiiedenen anderen 
Situationen von Shelley berichtet ^ 

Es ist nun bemerkenswert, daß auch Chamisso, der Dichter 
des »Peter Sdilemihl« ein ähnliches Doppeltsehen künstlerisch ver* 
arbeitet hat: in dem Gedicht »Die Erscheinung«. Er schildert dort, 
wie er nach einem Gelage um Mitternacht nadi Hause kommt und 
sein Zimmer vom Doppelgänger besetzt findet, wie Maupassant 
in »Lui«, Dostojewski im »Doppelgänger« u. a. m. 

Da ward mir ein Gesicht gar schreckenreich, — 
Ich sah mich selbst an meinem Pulte stehen. 
Ich rief: »Wer bist Du, Spuk?« — Er rief zugleich: 
»Wer stört mich auf in später Geisterstunde?« 
Und sah mich an und ward, wie ich, auch bleich. 

Es entspinnt sich nun zwischen beiden ein Streit darum, wer 
der Rechte sei*: 

»Es soll mein achtes Ich sich offenbaren. 
Zu Nichts zerfließen dessen leerer SAcin!« 

Der Dichter weist sich als einer aus, der stets nach dem Schönen, 
Guten, Wahren getrachtet habe, während sein Doppelgänger sich 
rühmt, feig, heuchlerisch und eigennützig gewesen zu sein, worauf 
der Dichter ihm als dem echten Selbst beschämt das Feld räumt. 

Wie die meisten der besprochenen Dichtungen wird auch Chamissos 
Peter Schlemihl allgemein als ausgesprochen autobiographisches Werk aner^ 
kannt: »Peter Schlemihl ist Chamisso selbst; ,dem ich vielmehr in dem Leibe 
stecice', sagt er in einem Briefe an Hitzig«*. Dafür spricht nicht nur die 
äußere Erscheinung Schlemihls und manches in seinem Wesen, sondern auch 
die anderen Personen, die unverkennbare Vorbilder in des Dichters Leben 
haben. Bendel hieß sein eigener Diener; die kokette, eitle und genußsüchtige 
Fanny hat ihr Urbild in Ceres Duvernay, der schönen, aber egoistischen* 
Landsmännin des Dichters, »durch die er jahrelang glücklich und unglück* 
lieh ward«'; und die hingebungsvolle schwärmerische Mina erinnert an Cha- 

* Downcy: Literary Self*Projection. Psydiol. Rev. XIX, 1912, p. 299. 

- Man vergleiche die Anmaßung des Schattens in Andersens Märchen. 
Die ethisierende Gegenüberstellung der Doppelgängerfigur als Personifikation der 
eigenen bösen Regungen findet sich besonders deutlich in den Fällen von Doppel- 
bcwußtsein (Stevenson »Dr. Jekyll), aber auch bei Dostojewskis Goljädkin, 
und ist auch im >Studenten von Prag« angedeutet, während in »William Wilson« 
von Poe der Doppelgänger die Rolle eines Schutzengels oder Warners zu spielen sucht. 

3 Chamisso von Ludw. Geiger (Dichter-Biographien, Bd. XIV, Reclam- 
Bibliothek). 

Geiger, Aus Chamissos Frühzeit. Ungedrudcte Briefe und Studien. Berlin 1905. 

Fr. Chabozy, Über das Jugendleben Chamissos zur Beurteilung seiner 
Diditung Peter Schemihl. Diss. München 1879. 

* Chamisso macht ihr darüber Vorwürfe in einem Briefe: »Tu es dans 
ton triste egoisme et dans ton faux orgueil, ma chere soeur, un vice que j'ai 
quelqucfois repris avcc vehemence et qu'il faut que je gourmande encore parce 
qu'il m'alarme et que c'est moi qu'il peut ofFenser <Chabozy, Anmerkung p. 7.). 



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Der Doppelgänger 129 



missos kurzes Liebesidyll mit der Dichterin Hclmina v, Chezy. Auf die 
persönlichen Wurzeln der Diditung wirft auch die Anekdote Licht, die Cha^r 
misso als Anlaß erwähnt. »Ich hatte«, heißt es in einem Briefe, »auf einer 
Reise Hut, Mantelsack, Handsdiuhe, Schnupftuch und mein ganzes beweg- 
liches Gut verloren. Fouque frug, ob ich nicht auch meinen Schatten ver^ 
loren habe? und wir malten uns das Unglück aus«\ Diese Szene zeigt deut- 
lich, daß der unbeholfene und schüchterne Cham is so selbst in den Kreisen 
seiner Freunde als »Schlemihl« galt 2, 

Daß er sich selbst als solchen gefühlt hat, geht aus einzelnen Gedichten 
deutlich hervor: so >Pech« und »Geduld«, beide aus dem Jahre 1828 <mit 
fast 50 Jahren), worin er sein »Unglück« schon in der Kindheit beginnen 
läßt. Aus dem Jahre seiner Heirat <1819> stammt das Gedicht »Adelbert 
an seine Braut«, das den hohen Trost zeigt, den der Dichter für seine 
vielen Entsagungen endlich in der Liebe gefunden hatte. Auch in einem 
Brief vom Juni desselben Jahres preist er sidi glücklich, eine liebevolle Braut 
gefunden zu haben und kein »Schlemihl« geworden zu sein. 

Es muß auffallen, daß so viele von den hier in Betracht kom* 
menden Dichtern an schweren Nerven* oder Geisteskrankheiten 
zugrunde gingen, wie Hoffmann, Poe, Maupassant, fernerhin 
Lenau, Heine und Dostojewski. Wenn wir diese Tatsache, zu* 
nächst nur im Sinne einer besonderen hereditären Disposition be* 
trachten, darf doch nidht übersehen werden, daß diese sich eben oft 
schon vor dem Ausbruch des zerstörenden Leidens und auch in an* 
derer Form zu äußern pflegt. So war Lenau unstät, lebensüber* 
drüssig, melancholisch und trübsinnig^ und auch Heine litt unter 
Stimmungen und neurotischen Zuständen, ehe ihn die schwere 
Nervenkrankheit, an deren paralytischem Charakter neuerdings wieder 
gezweifelt wurde, niederwarf. Charakteristisch für den tief gewurzelten 

^ Ein andermal ging der Dichter, nach dem Bericht eines Freundes, mit 
Fouque in der Sonne spazieren, so daß der kleine Fouque nach seinem Schatten 
fast so groß aussah wie der hochgewachsene Chamisso. Dieser soll nun den Freund 
mit der Drohung geneckt haben, ihm seinen Schatten aufzurollen. 

* Über den Namen »Schlemihl« schreibt Chamisso am 27. März 1821 an 
seinen Bruder Hippolyt: »Schlemihl oder besser Schlemiel ist ein hebräischer Name 
und bedeutet Gottlieb, Theophil oder aime de dieu. Dies ist in der gewöhnlichen 
Sprache der Juden die Benennung von ungeschickten und unglücklichen Leuten, 
denen nichts in der Welt gelingt. Ein Schlemihl bricht sich den Finger in der 
Westentasche ab, er fällt auf den Rücken und bricht sich das Nasenbein, er kommt 
immer zur Unzeit. Schlemihl, dessen Name sprichwörtlich geworden, ist eine Person, 
von der der Talmud folgende Geschichte erzählt: Er harte Umgang mit der Frau 
eines Rabbi, läßt sich dabei ertappen und wird getötet. Die Erläuterung stellt das 
Unglück dieses Schlemihl ins Licht, der so teuer das, was jedem anderen hingeht, 
bezahlen muß.c 

Nach Heine <Romanzero, drittes Buch, viertes Gedicht: Jehuda ben Halevy) 
stellt sich dieses letzte Unglück noch drastischer dar: Pinchas wollte den mit einem 
Weib buhlenden Simri erstechen, traf aber den ganz - unschuldigen Schelumiel 
(Schlemichl). — Andere leiten den Namen von »schlimm mazzel« = unglückliches 
Schicksal ab <vgl. Jewish Encyclopcdia). Nach Anton <Wb. d. Gauner- und Diebs-' 
spräche, Magdeburg 1843, p. 61) wäre der Name aus dem Jenischen und bedeutete 
Pechvogel. (Bekanntlich enthält die Gaunersprache viele jüdische Elemente.) 

' Vgl. die psychographische Studie von J. Sadger (Schriften z. angcw. 
Scelenkunde, herausgegeben von Freud, Heft VI, 1910). 

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130 Otto Rank 



Dualismus im Fühlen und Denken ist das frühzeitige Erkennen 
desselben, wie es uns bei Jean Paul gelegentlidi seines ersten Idi^ 
erlebnisses in der Kindheit entgegengetreten ist und wie es audi 
Heine, Musset und andere von sidi beriditen. In seinen Memoiren 
spridit Heine davon, daß er als Knabe selbst eine Art alteration de 
la personnalite erlitten und das Leben seines Großoheims zu führen 
geglaubt habe^ Und Musset hat von sidi erzählt, daß sidi sdion 
von seiner Knabenzeit an ein sdiarfer Dualismus durdi sein Seelen* 
leben gezogen habe-. Weldi deutlidie Gestalt dieser mit der Zeit 
gewonnen hat, zeigt das besprodiene Gedidit, in welAem bei allen 
bedeutungsvollen Anlässen der Doppelgänger ersdieint. In seiner 
»Confession d'un enfant du siecle« sdiildert der Diditer seine Ver* 
Stimmungen wie audi seine Anfälle <acces de colere), deren ersten 
er im Alter von neunzehn Jahren aus Eifersudit auf seine Geliebte 
erlitten hatte ^. Diese Eifersuditsanfälle wiederholten sidi später, 
besonders im Verhältnis mit der älteren George Sand, welAes die 
beiden selbst als »inzestuös« diarakterisierten. Nadi dem Brudi dieses 
Liebesverhältnisses ergab sidi der audi früher sdion leiditsinnige 
Musset dem Trünke und sexuellen Aussdi weifungen und ging früh 
seelisch und körperlich zugrunde. 

Die Reihe der pathologischen Dichtergestalten beschließen zwei 
mit ausgesprochen schweren neurotischen Symptomen. Auch bei 
Ferdinand Raimund spielt zweifellos die ungünstige Disposition 
ebenso ihre Rolle "^ wie bei den geistesgestörten Dichtern, obwohl 
er vorwiegend an schweren Verstimmungen, Melancholie und hypo* 
chondrischen Befürchtungen litt, die ihn schließlich zum Selbstmord 
trieben. Schon von seinen Tünglingsjahren an zeigte er abnorme Züge, 
— Reizbarkeit, Jähzorn, Mißtrauen etc., auch Selbstmordimpulse und 
'^versuche — die sich im Laufe der Jahre zu einem schweren Ge* 
mütsleiden entwid^elten. In der selbstbiographischen Skizze schreibt 
Raimund; »Durch die fortwährende geistige und physische An* 
strengung und Kränkungen im Leben verfiel ich im Jahre 1824 
in eine bedeutende Nervenkrankheit, welche mich der Auszehrung 
nahe bradite.« Er glaubte sidi von falsdien Freunden hintergangen, 
Wutausbrüdie wemselten mit tief melandiolisdier Resignation und 
Sdilaflosigkeit stellte sidi ein. Dazu hatte wahrsdieinlidi audi seine 
unglüAlidfie, bald getrennte Ehe beigetragen, die als Endpunkt einer 
Reihe unglüAlidier Liebesgesdiiditen ersdieint/ immer wieder verfiel 
der Diditer dieser für ihn unseligen Leidensdiaft, die ihn, wie er 

^ >Es gibt nichts Unhcimlidicres, als wenn man bei Mondsdiein das eigene 
Gesidit zufällig im Spiegel sieht.c Heine <Harzreise). 

* Vgl. die Biographie des Diditers von seinem Bruder Paul. — Ferner Paul 
Lindau, A. de Musset, 2. Aufl. Berlin 1877. 

■ In seinem ersten GediAtband, den er mit aditzehn Jahren veröfFentlidite, 
behandelte Musset fjst aussdiließlidi das Thema des Ehebrudis und der Untreue 
mit Duell der Rivalen, von denen immer einer fällt. 

* Vgl. J. Sadger, F. Raimund, eine pathoIogisAe Studie. Wage, L Halb* 
jähr <1898>. Heft 23 bis 25. 



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Der Doppclgänger 131 



selbst sagte, am heftigsten beherrsdite. Auch seine letzte, große Liebe 
zu Toni war nicht ganz glücklich, aber er fühlte selbst, daß die Schuld 
in ihm lag, daß er im tiefsten Grunde unfähig zur Liebe war^ und 
dies mag eine Hauptursache für die Ausführung des Selbstmord* 
impulses gewesen sein, der in ihm schlummerte und sich des äußeren 
Anlasses <Furcht vor Tollwut) nur zur Rationalisierung bediente. Denn 
schon Jahre vor dem gewaltsamen Ende sind deutliche Anzeichen 
einer tiefen Störung bemerkbar. 1831 sagte der Dichter selbst zu 
dem Romanschriftsteller Spindler: »In mir sitzt es tief und böse, 
was mich untergräbt, und ich versichere Sie, daß meine komischen 
Erfolge nur zu oft eine gründliche Desperation zur Mutter haben. 
Man sollte mirs oft nicht ansehen, welch ein trauriger Spaßmacher 
ich bin«2. Der Dichter wird immer ungenügsamer, mißtrauischer, 
melancholischer/ zu seinen früheren Befürchtungen gesellt sich noch 
die, seine ohnehin schwache Stimme zu verlieren. Sein Zustand war 
damals — vier Jahre vor dem Tode — bereits derart, daß Coste^ 
noble in sein Tagebuch schrieb: »Der wird noch toll oder bringt 
sich um.« Im Todesjahr steigerten sich die hypochondrischen und 
ängsdichen Befürchtungen zur Unerträglichkeit, »So schloß er schon 
um halb acht Uhr abends alle Türen und Fensterladen fest zu, und 
selbst der Briefbote, der ihm eine wichtige Nachricht zu übermitteln 
hatte, vermochte nicht, ihn zum öffnen der Tür zu bewegen. Seit 
dieser Zeit ging er auch nie mehr ohne Pistole außer Haus« 
<Börner, p. 91>. »Von Furcht und Bangigkeit übermannt, schloß er 
sich in den letzten Wochen am Abend oft ein und wollte nicht ein^ 
mal die Freundin sehen« <Castle, p. CXI). Als ihn in dieser Zeit 
zufällig sein Hund gebissen hattet befiel ihn die bereits zehn Jahre 
früher geäußerte Wahnvorstellung wieder, an Tollwut erkrankt zu 
sein und er machte seinem Leben ein Ende. 

Diese pathologischen Züge lassen es begreiflich erscheinen, daß 
man in »Alpenkönig und Menschenfeind« das deutlidiste Selbst^ 

g orträt des Dichters erblickte. Schon Grillparzer, auf dessen Rat 
Raimund das Thema nochmals behandeln wollte S hat hervorgehoben. 



> »Einsam bin ich selber in der Menge, Streb' ich jjleich zu sein, wo Men* 
sehen weilen. Einsam selbst im wildesten Gedränge, Wer soll Lust, wer Freuden 
mit mir teilen? Fremd sind die bekanntesten Gestalten Mir geworden, und seit du 
mir fern, SAmerz allein und Grab und Trübsinn walten. Weil ich stets sie pflege, 
bei mir gern. Sie umsAmeicheln mich, doch ach! sie haben Meine Ruh' auf immer 
untergraben: Schlaue Diener, zwingen sie den Herrn -^ (Stammbudiblatt 1834). 

* Raimunds Werke, hg. von Castle (Hesses Klassiker- Ausgabe), p. CIX. 
— Vgl. zu anderen biographisdicn Details Wilh. Born er, F. Raimund (Dichter-' 
Biogr. Bd. XI, Reclam Bibl.). 

^ Vielleicht könnte sidi von der Wirkung dieses Bisses eine Beziehung zu 
dem von Castle <XL> angeführten Faktum ergeben, daß der Dichter bei einem 
Streit unmittelbar vor der Trauung von seiner später von ihm geschiedenen Frau 
in den Finger gebissen worden war. 

* Statt des Gestaltentausches wollte er einen Wesensaustausch zur Dar* 
Stellung bringen. Das Stück, das den Titel >Eine Nacht am Himalaja* führen sollte, 
kam nicht zustande (Börner, p. 71). 



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132 Otto Rank 



daß der Diditer »in der wunderlidien Hauptperson ein wenig siA 
selbst habe kopieren können«. Entsdiiedener meint Sauer ^: »Hier 
konnte sidi Raimund selbst spielen, selbst in Szene setzen/ zu seinem 
Rappelkopf hat sidi Raimund selbst Modell gesessen,- er sudite sidi 
dural diese poetisdie Kopie von eigenen krankhaften Stimmungen 
zu befreien.« Dafür spridit audi die »Abdankung« nadi der ersten 
Aufführung des StüAes <17. Oktober 1828), in der es unter an* 
derem von der Rolle heißt: 

»Denn alles Üble, was idi sdiwcr empfunden, 
Ist mit ihr leidit aus dem Gemüt entsdiwunden. 
Veraditung, Zorn, mißtrauisdies Erbeben, 
Der Radie Wut, die Unlust zu dem Leben, 
Besdiämung, Reu', kurz Leiden uncrmessen . . .«- 

Audi Dostojewskis sdiwere seelisdie Krankheit kann keinem 
Zweifel unterliegen, wenn audi die Frage der Diagnose (Epilepsie) 
strittig ist. Er war sdxon frühzeitig ein Sonderling, lebte sdieu und 
zurückgezogen auf sidi selbst. Wie Raimund war er äußerst miß* 
trauisdi und erblidae in allem, was man ihm gegenüber tat, eine 
Beleidigung und die Absidit, ihn zu kränken und zu ärgernd Als 
Jungling in der Ingenieursdiule soll er eingestandenermaßen sdion 
leidire Anfälle (epileptisdier Art) gehabt haben, — die er mit Poe 
teilt, gleidiwie die Furdit vor dem lebendig Begrabenwerden — 
so daß jedenfalls die Behauptung, die Krankheit sei erst in der Ver* 
bannung ausgebrodien, unhaltbar sdieint^. Im Gegenteil sagt Do* 
stojewski selbst, daß von dem Moment der Verhaftung seine 

1 Raimund, Eine Charakteristik. Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. XXVII, 
p. 736 bis 754. 

^ Außer Rappelkopf und dem bereits angeführten Versdiu ender hat Rai* 
mund auch die Persönlichkeit Wurzeis (»Der Bauer als Millionär ^ gespalten und 
dem Manne den Jüngling und Greis gegenübergestellt. Dieses Mctiv des Alterns 
wird uns noch beschäftigen. — Als charakteristisch sei noch aus Raimunds Knaben- 
zeit erwähnt, daß der künftige Schauspieler ' stunden /ang vor dem Spiegel stand, 
Grimassen schnitt und sich bemühte, seinen Mund auszudehnen, um auch darin 
seinem Vorbild zu ähneln« <Börner, p. 9). 

' > Dostojewskis Krankheit* von Dr. Tim Sega lo ff (Grcnzfr. d. Lit. und 
Medizin, hg. v. Rahmer, Heft 5>, München 1907. 

* Mereschkowski <>Tolstoi und Dostojewski«, Leipzig 1903, p. 77 f.> 
macfit eine für den infantilen Ursprung der Krankheit bedeutsame Bemerkung: 'In 
jedem Falle ist es sehr wahrscheinlich, daß die Sittenstrenge des Vaters, sein 
mürrisches, aufbrausendes Wesen und sein tiefes Mißtrauen einen tiefen Einfluß 
auf Fcdor Michailowitsdi ausgeübt haben. . . . Nur einer von Dostojewskis 
Biographen lüftet den Vorhang, der dieses Familiengeheimnis bedeckt, ein wenig, 
läßt ihn aber sofort wieder fallen. Indem er auf den Ursprung der Fallsucht bei 
Dostojewski zu sprechen kommt, bemerkt er sehr zurückhaltend und dunkel: 
»Es gibt noch eine ganz besondere Oberlieferung über die Krankheit Fcdor Mi- 
chailowitsch', die sie auf ein tragisches Ereignis aus seiner frühesten 
Kindheit, das sich innerhalb seiner Familie abspielte, zurückführt/ aber obgleich 
ich es von einem Fedor Michailowitsch sehr nahestehenden Menschen gehört, so 
habe ich doch nirgends eine Bestätigung dieses Gerüchtes erhalten und entschließe 
mich daher nicht, es ausführlich und genau darzulegen.« 



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Der Doppelgänger 133 



Krankheit geschwunden sei und daß er während der ganzen Dauer 
der Strafe keinen einzigen Anfall erlitten habe. Seine Frau sdireibt 
in ihr Notizbudi, daß er, nach seinen eigenen Worten, wahnsinnig 
geworden wäre, wenn nicht die Katastrophe eingetreten wäre. Dieser 
psychologisch leicht begreifliche Umstand scheint aber doch eher 
für ein hysterisches Leiden <mit pseudoepileptischen Anfällen) zu 
sprechen. Diese Anfälle traten später nach des Dichters Rüdikehr 
ins Leben mit großer Häufigkeit und Intensität auf und er hat sie 
auch in seinen w erken vielmch meisterhaft geschildert K Von seinen 
Anfällen sagt Dostojewski selbst: »Einige Augenblid^e empfinde 
ich ein solches Glüd^, wie es im gewöhnlichen Zustande unmöglich 
ist und von dem andere Menschen keinen Begriff haben können . . . 
Diese Empfindung ist so stark und so süß, daß man für die Selig* 
keit einiger solcher Sekunden zehn Jahre seines Lebens oder auch 
das ganze hingeben könnte.« Nach dem Anfall jedoch war sein 
seelischer Zustand sehr bedrüd^t,- er fühlte sich als Verbrecher und 
ihm schien, als ob eine unbekannte Schuld auf ihm lastete-. — 
»Jeden zehnten Tag habe ich einen Anfall«, schreibt er in den 
letzten Tagen seines Petersburger Aufenthalts, »und dann komme 
ich in fünf Tagen nicht zu mir, ich bin ein verlorener Mensch.« — 
»Der Verstand litt wirklich, das ist Wahrheit. Ich fühle es,- denn 
die Nervenzerrüttung brachte mich zuweilen dem Wahnsinn nahe«^ 

In seinem Verhalten war er exzentrisdi nadi jeder Riditun?^ 
»beim Kartenspiel, bei wohllüstigen Aussdiweifungen, beim Aur- 
sudien mystisAer Sdiredien« <1. c. 84>. »Überall und immer«, sdireibt 
er von sidi, »bin idi bis zur letzten Grenze gegangen, in meinem 
ganzen Leben habe idi immer die Linie übersdiritten.« 

Zu seiner Charakteristik ist noch zu ergänzen, daß er — ex* 
zentrisdi wie Poe — audi von hoher Selbstaditung und Selbst- 
sdiätzung erfüllt war,- er selbst schreibt in seinen Jünglingsjahren 
<um die Zeit der Vollendung des Doppelgängers) an den Bruder; »Idi 
habe ein sdiredilidies Laster, eine grenzenlose Eigenliebe und Ehr^ 
geiz« und sein Pathograph sagt, er sei das Gemisdi aller Arten 
von Eigenliebe. Eitelkeit und Eigenliebe kennzeidinen audi viele 
seiner Figuren, wie den Paranoiker Goljädkin, dem der Diditer, als 
einer seiner frühesten Sdiöpfungen, viele für sein späteres Sdiaffen 
bezeidinende Züge der eigenen Persönlidikeit verliehen hatte und 
den er selbst wiederholt als »Bekenntnis« bezeidinete <Hoffmann 
I. c, p. 49>. 

Nadi Mereschkowskis Darlegungen <p. 273, 274) wäre das 
Doppelgängermotiv bei Dostojewski ein zentrales Problem: »So 
entpuppen sidi bei Dostojewski alle tragisdien, kämpfenden Paare, 
der allerlebendigsten, realsten Mensdien, die sidi selbst und anderen 

* Vgl. Mereschkowski, p. 241, 243, sowie N. Hoffmann: >Th 
M. Dostojewski.« Eine biogr. Studie. Berlin 1899, p. 225. 

* Mereschkowski, p. 92. 
» I. c. p. 113. 



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134 Otto Rank 



als einige, ganze Wesen ersdieinen, tatsädiliA nur als zwei Hälften 
eines oritten gespaltenen Wesens, als Hälften, die sidi gegenseitig 
wie Doppelgänger sudien und verfolgen.« — Und über Dosto* 
jewskis Krankhaftigkeit als Künstler sagt er: »Tatsädtlidi — was 
ist das für ein sonderbarer Künstler, der mit unersättlidier Neu* 
gierde nur in den Krankheiten, nur in den sdireAliAsten und sdimäh* 
lidisten GesAwüren der mensdilidien Seele herumstodiert . . . Und 
was für sonderbare Helden sind diese »Glückseligen«, diese Be* 
sessenen, Narren, Idioten, Geistesgestörten? Vielleioit ist er nidit so 
sehr Künstler, denn ein Arzt seelisdier Krankheiten, dabei ein Arzt, 
zu dem man sagen müßte: Arzt, heile didi erst selbst!« <237>. 

Die enge Verwandtsdiaft der skizzierten Diditerpersönlidikeiten 
ist so deutlidh, daß zur Rekapitulation gewissermaßen die Hervor* 
hebung des Grundgerüstes genügt. 

Die pathologisdie Disposition zu geistigen und seelisdien Stö* 
rungen bedingt ein hohes Maß von Spaltung der Persönlidikeit, mit 
besonderer Hervorkehrung des Idikomplexes, dem ein abnorm 
starkes Interesse an der eigenen Person und ihren seelisdien Zu^ 
ständen und Sdiid^salen entspridit. Diese Einstellung führt zu der 
gesdiilderten Aarakteristisdien Beziehung zur Welt, dem Leben und 
insbesondere dem Liebesobjekt, zu dem kein harmonisdies Verhält- 
nis gefunden wird: direkte Unfähigkeit zur Liebe oder eine — zum 
gleimen Effekt führende — übermäßig hodigespannte Liebessehnsudit 
kennzeidinen die beiden Pole dieser krassen Einstellung zum eigenen 
Idi. Diese auffälligen und weitgehenden Übereinstimmungen im 
Wesen und in einzelnen Charakterzügen des gesdiilderten Typus 
madien die bis auf geringfügige Details ähnlidien Gestaltungen 
des behandelten Themas wie die Vorliebe für dasselbe über die 
literarisdie Abhängigkeit und Vorbildlidikeit hinaus psydiologisdi 
begreifiidi. 

Aber die typisdi wiederkehrenden wesentlidien Formen, in die 
sidi diese Gestaltungen kleiden, werden aus der individuellen Diditer- 
persönlidikeit nidit verständlidi, ja sdieinen dieser in gewissem Grade 
fremd, unangemessen und ihrer sonstigen Weltansdiauung wider** 
sprediend. Es sind dies die sonderbaren Darstellungen des DoppeU 
gängers als Sdiatten, Spiegelbild oder Porträt, deren bedeutsame 
Einsdiätzung wir nidit redit verstehen, wenn wir ihr audi gefühls* 
mäßig folgen können. Es sdieint hier beim Diditer wie bei seinem 
Leser ein überindividuelles Moment unbewußt mitzusdiwingen und 
diesen Motiven eine geheimnisvolle seelisdie Resonanz zu verleihen. 
Diesen völkerpsydiologisdien Anteil aus den ethnographisdien, folklo^ 
ristisdien und mythologisdien Überlieferungen aufzuzeigen und mit 
den individuell wiederbelebten gleidisinnigen Zügen in Beziehung zu 
bringen ist die Absidit des folgenden Absdinittes, der uns zugleidi 
auf die gemeinsame psydiologisdie Grundlage der abergläubisdien 
und der künstlerisdien Darstellung dieser Regungen vorbereiten soll. 



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Der Doppclgänger 135 



IV. 

>I<h dachte, der menschlidie Sdiatten 
sei seine Eitelkeit.« Nietzsche. 

Wir gehen von den an den Sdiatten geknüpften abergläubi^ 
sdien Vorstellungen aus, die nodi heute unter uns lebendig sind und 
an weldie sidi Diditer, wie beispielsweise Chamisso, Andersen, 
Goethe bewußtermaßen anlehnen konnten. 

Allbekannt ist eine in österreidi, ganz Deutsdiland, aber audi 
bei den Südslawen am Silvester* oder heiligen Abend geübte Probe: 
Wer beim Liditanzünden an die Zimmerwand keinen Sdiatten wirft 
oder wessen Sdiatten ohne Kopf ist, der muß binnen Jahresfrist 
sterben^. Ahnlidies gibt es bei den Juden, die in der siebenten Nadit 
des Pfingstfestes in den Mondsdiein gehen,- wessen Sdiatten keinen 
Kopf zeigt, der stirbt im selben Jahr^. In deutsdien Landen heißt 
es, wenn man in seinen eigenen Sdiatten tritt, muß man sterben •^ 
In Widersprudi zu dem Glauben, daß, wer keinen Sdiatten wirft, 
sterben müsse, steht ein deutsdier Glaube: Wer in den Zwölfe 
näditen seinen Sdiatten doppelt sieht, der muß sterben^. Zur Er* 
klärung dieser Ansdiauung sind versdiiedene, darunter audi redit 
komplizierte Theorien aufgestellt worden, von denen wir die auf 
den Glauben an einen Sdiutzgeist bezüglidie hervorheben wollen''. 
Aus dem Sdiattenaberglauben hat sidi nämlidi, nadi Ansidit ein^ 
zelner Forsdier^, der Sdiutzgeistglaube entwid^elt, der wieder mit 
dem Doppelgängertum in inniger Beziehung steht. Als den Ursprung* 
lidien Inhalt der Gesdiiditen vom zweiten Gesidit, vom Sidiselbst* 
sehen, vom Sdiatten im Lehnsessel, vom Doppelgänger, vom Bett* 
gespenst in der Sdilafkammer bezeidinet Roch holz <I. c.> den seinem 
Körper folgenden Sdiatten^. Nadi und nadi war der Sdiatten, der 
über das Grab hinaus fordebte, zum Doppelgänger geworden, der 
mit jedem Kind geboren wird^. Den Glauben an die verderblidie 

^ Vernaleken, Mythen und Bräudie des Volkes in Osterreidi, p. 341; 
Reinsberjj-'Düringsfeld; Das festlidie Jahr, p. 401/ Wuttke, Der deutsdic 
Volksaberglaubc^ p. 207, §314. 

'^ Rochholz: Ohne Sdiatten, ohne Seele. Der Mythus vom Körpersdiatten 
und vom Sdiattengeist (Germania V, 1860). Enthalten in »Deutsdier Glaube und 
Braudi« I, 1867, p. 59 bis 130 (Zitate danadi). Ober jüdisdie Sdiattenuberlieferungen 
speziell vgl. Gaster, Germania 26, 1881, 210. 

^ Wuttke, p. 388/ in Sdilesicn und Italien heißt es, daß man in soldien 
Fällen nidit mehr warfise. Pradel, Der Sdiatten im Volksglauben, Mitt. d. Sdiles. 
Ges. f. Volksk. 12, p. 1 bis 36. 

* W^uttke, 1. c. Dasselbe gilt bei den Slowaken für den heiligen Abend. Nege^ 
lein: Bild, Spiegel und Sdiatten im Volksglauben. Ardi. f. Rel.-Wiss. V, p. 1 bis 17. 

* Pradel I. c, Rochholz I. c. 

® z. B. E. H. Meyer: Germ. Myth., 62, 66 ff. — Im Neugriediisdien wird 
Sdiatten direkt im Sinne von Sdiutzgeist gebraudit. Vgl. Bernh. Schmidt, Volks^ 
leben d. Neugr. I, 181, 229, 244, 169, 199. 

^ Gegen diese von mandien als zu einseitig empfundene Erklärung wandte 
sidi zuerst Pfannenschmied <Germ. Opferfeste, 447). 

** Ncgclein I. c. 



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136 Otto Rank 



Wirkung des Doppelsdiattens erklärt demnadi Pradel <I. c.> damit, 
daß in der Todesstunde dem Mensdien sein Genius ersAeine und neben 
den Sdiatten tretet Darin wurzelt die für unser Thema bedeutsame 
Vorstellung, daß der Doppelgänger, der sidi selbst sieht, in Jahres- 
frist sterben muß*. Roch holz, der sidi besonders mit dem odiutz* 
geistglauben besdiäftigt hat, meint, daß die wohltätige <Sdiutzgeist'> 
Bedeutung die ursprünglidie war und daß siA daraus erst allmählidi, 
mit der Verstärkung des Jenseitsglaubens, die sAädigende <Todes-> 
Bedeutung entwiAelt habe^: >So muß sidi des Mensdien Sdiatten, 
der einst hilfreidier Gefolgsgeist im Leben war^, in ein ersdiredtendes 
und verfolgungssüditiges Gespenst verkümmern, das seinen Sdiützling 
peinigt und zu Tode jagt« (Rochholz 1. c.>^. Inwieweit dies zutrifft, 
wird bei der psydiologisdien Erörterung des ganzen Themas deutlidi 
werden. 

Diese auf den Sdiatten bezüglidien abergläubisdien VorsteU 
lungen und Befürditungen der heutigen Kulturvölker finden ihr 
Gegenstüdt in zahlreidien weitverbreiteten Verboten <Tabus> der 
Wilden, die sidi auf den Sdiatten beziehen. Aus der reidien Ma* 
terialsammlung bei Frazer^ ersieht man, daß unser »Aberglaube« 
in dem »Glauben« der Wilden sein reales Gegenstüd\ findet. Jede 



^ Hierher gehört das Grimmsche Märdien Nr. 44 vom »Gevatter Tod«, 
dem der Held erfolgreidi entkommt, indem er siA im Bett umgekehrt legt (vgl. dazu 
audi die Anm. Grimms im III. Band der Märdien). 

^ Bastian, Elemente, p. 87, Wuttke I. c. 212, Rochholz 1. c. 103, 
Henne am Rhyn, Kultur der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 1892, I 
193. — Nadi Wuttke (p. 49) hatte der Ausdruck ^Zweites Gesidit« ursprungliA' 
die Bedeutung des Sehens eines Doppelgängers,- wenn der Mensdi aber sidi selbst 
sieht, muß er im Laufe eines Jahres sterben. — Vgl. Villiers de l'Isle-Adam: 
»Das zweite Gesiditc <ubers. v. Oppeln-Bronikowski,- Büdier des deutsdien Hauses 
IV, 84). 

^ Rochholz 1. c. 128 ff. — Später ist nadi ihm Sdiatten = Sdiaden, d. h. 
synonym genommen mit: sdiwarz, links, falsdi, unfrei, sdiädlidi, verdammt. 

* Roch holz unterscheidet für das deutsdie Altertum dreierlei Arten des 
Sdiutzgeistes, die den drei Lebensaltem des Mensdien und den drei Tageszeiten — 
verkörpert im jeweiligen Sdiattenwurf — entspredien und irgendweldie Beziehungen 
zu den Nomen zu haben sdieinen. An den nordisdicn Glauben: Wer seine Fylgja 
sdiaut, den verläßt sie und der verliert damit sein Leben, knöpft Roch holz inter- 
essante Hinweise auf die Sagen vom Staufenberger, von Melusine, der weiften Frau, 
Orpheus etc. — Die Buhlsdiaft dieser Fylgja mit ihrem Körper führt zu anderen 
Problemen, wie der mystisdien Seelenbräutigamsdiaft u. ä. — Über den Sdiutzgeist* 
glauben vgl. man nodi »Sreca, Glüd< und SAidcsal im Glauben der Südslawenc 
von F. S. K rauft, Wien 1888. 

^ Eine verbreitete Redensart: seinen Sdiatten fürditen, findet sidi vielfadi 
bei Diditem illustriert. Vgl. dazu die peinvollc Angst von Maeterlincks »Prin- 
cesse Maleine« beim Anblidt eines Sdiattens. Femer in R. Stratz' »Töridite 
Jungfrauc <p. 307): »Vor dir selber hast du Angst und läufst vor dir davon wie 
der Mann, der sidi mit seinem Sdiatten gezankt hat«,- wozu Pradel, dem diese 
Hinweise entnommen sind, aus Piaton <Apol. 118 D, Republ. 520) den Ausdrudt 
oxiaiia/jn' zitiert. In Strindbergs »Inferno. Legenden« heißt es: »Idi glaube, 
ihr fürchtet cudi vor euerem eigenen Sdiatten, ladite der Arzt veräditlidi« <p. 228). 

" The golden bough: Taboo and thc Perils of the Soul. 3. ed. p. 77 — 100: 
>Thc Soul as a Shadow and a Reflection.« 



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Der Doppelgänger 137 



dem Sdiatten zugefügte Verletzung trifft seinen Träger, wie eine 
große Anzahl primitiver Völker glaubt <l. c. p. 78). Damit ist na^ 
türlidi dem Zauber und der Magie ein weites Feld geöffnet/ bc^ 
merkenswert isl, daß in einigen der mitgeteilten diditerisdien Dar^ 
Stellungen ein Nadiklang der magisdien Beeinflussung in dem Tod 
des Helden bei Verwundung seines Spiegelbildes, Porträts oder 
Doppelgängers zu erkennen ist^ »Weit verbreitet und sdion aus dem 
Altertum bekannt, ist — nadiNegelein — der Versudi, Mensdien 
durdi Verletzung ihres Doppelgängers zu verniditen.« Audi nadi 
indisdiem Glauben verniditet man einen Feind, indem man dessen 
Bild oder Sdiatten ins Herz stidit <01denburg, Veda, p. 508) K Die 
Wilden haben eine Unmenge von speziellen, den Sdiatten betreffende 
Tabus: sie hüten sidi, ihren Sdiatten auf gewisse Dinge (besonders 
Speisen) fallen zu lassen, fürditen anderseits selbst den Sdiatten 
anderer Mensdien (besonders sdiwangerer Frauen,- der Sdiwieger^ 
mutter etc. Frazer I. c. 83 ff.) und aditen darauf, daß niemand in 
ihren Sdiatten trete. Auf den Salomonsinseln, ösdidi von Neu^Gui^ 
nea, wird jeder Eingeborne, der auf den Sdiatten des Königs tritt, 
mit dem Tode bestraft (Rochholz, p. 114), ebenso in Neu^Georgien 
(Pradel, p. 21) und bei den Kaffern (Frazer 1. c. 83). Beson^ 
ders aditen die Primitiven audi darauf, daß ihr Sdiatten nidit auf 
einen Toten oder dessen Grab, respektive Sarg falle, weswegen die 
Leidienbegängnisse vielfadi bei Nacht stattfanden (Frazer I. c. p. 80). 
Abgeschwädit ersdieint die Todesbedeutung all dieser Ereignisse 
als Furdit vor Krankheit oder sonstiger Schädigung. Wer keinen 
Sdiatten wirft, der stirbt,- wer einen kleinen oder schwachen Schatten 
hat, ist krank, während ein sdiarfer Sdiatten auf Genesung hinweist 
(Pradel). Derartige Gesundheitsproben wurden wirklich veranstaltet 
und manche Völker tragen ihre Kranken audi heute nodi in die 
Sonne, um mit ihrem Sdiatten die entsdiwindende Seele wieder herbei^ 
zulod\en. In der entgegengesetzten Absidit verlassen die Bewohner 

' Diese Beziefiung klingt auch im germanischen Rechtsbrauch der sogenannten 
> Schattenbuße« nach, wonach z. B. ein von einem Freien beleidigter Unfreier an 
dessen Schatten Rache nimmt. <Lit. bei Roch holz, p. 119, vgl. auch Grimm D. 
R. 677 flF.> Noch unter Kaiser Maximilian war die Strafe des mit einem Spaten 
»abgestochenen« Schattens eine scharfe. Darauf bezieht sich eine Stelle in Luthers 
Tischreden (nach Pradel p. 24 ff.) und eine Erzählung von Hermann Kurtz 
<Erj. Bd. I. Stuttg. 1858). Diese hier in vollster Ernsthaftigkeit gemeinte Schatten- 
buße erscheint in einzelnen orientalischen <von Pradel p. 23 angeführten) Qber^ 
lieferungen mit ironischer Betonung ihrer Nichtigkeit. Im Bahar Danush (Benfey, 
Pantsdiatantra I, 127) soll auf die Klage eines Mädchens, dessen Spiegelbild ein 
Jungling geküßt hat, des Jünglings Schatten durchgepeitscht werden. — Auf König 
Bokchoris von Ägypten, den weisesten Richter seiner Zeit, führte man den berühmten 
Urteilsspruch zurück, nach dem eine Hetäre, die ein Liebhaber im Traume genossen 
hatte, mit ihrer Klage auf Entschädigung auf den Schatten oder das Spiegelbild 
der zu zahlenden Summe verwiesen wurde (Plutarch, Demetr. 27). Rohde <Gr. 
Rom. 370, 1) sieht darin das Urbild für den Prozeß um des Esels Schatten <vgl. 
dazu Wielands >Abderiten« und Rob. Rein ick: Märchen, Lieder u. Gesch.). 

* Auf den Schatten bezügliche Begrüßungen und Verwünschungen, ebenda 
p. 526^ 



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138 Otto Rank 



von Amboyna und Uliase, zweier Inseln am Äquator, ihre Häuser 
niemals um die Mittagszeit, weil dann in diesen Gegenden der 
SAatten versdiwindet und sie fürditen, damit audi ihre Seele zu 
verlieren <Frazer, p. 87>. Hier spielen die Vorstellungen vom kurzen 
und langen, vom kleinen und anwadisenden Sdiatten hinein, auf 
denen Goethes^ und Andersens Märdien wie das Gedidit von 
Stevenson^Dehmel beruhen. Der Glaube, daß eines Mensdien 
Gesundheit und Kraft mit der Länge seines Schattens zunehme 
<Frazer, p. 86f.>^ gehört ebenso hieher wie die Untersdieidung 
der Zulus zwisAen dem langen Sdiatten eines Menschen, der zum 
Ahnengeist wird und dem kurzen, welcher bei dem Verstorbenen 
bleibt. Daran schließt sich ein anderer Aberglaube, der mit der Wie* 
dergeburt des Vaters im Sohne' zusammenhängt. Die Wilden, die 
glauben, daß die Seele des Vaters oder Großvaters im Kinde wieder* 
geboren wirdS fürchten nämlich nach Frazer <l. c. p. 88) eine zu 
große Ähnlichkeit des Kindes mit den Eltern. Wenn ein Kind 
seinem Vater auffällig gleicht, so muß dieser bald sterben, da das 
Kind sein Abbild oder Schattenbild an sich gezogen hat. Ähnliches 
gilt für den Namen, in dem der Primitive ein wesentliches StüA 
der Persönlichkeit sieht,- noch in der europäischen Kultur hat sich 
der Glaube erhalten, daß von zwei Kindern derselben Familie, die 
den gleichen Namen tragen, eines sterben muß^. Wir erinnern uns 
dabei an dieselbe »Namenphobie« in Poes »William Wilson« und 
verstehen auf Grund der »Namenmagie« auch die Geisterbeschwö^ 
rung durch Namensnennung*'. 

Wie alle tabuierten Dinge nach Freud den Charakter der 
Ambivalenz zeigen, so fehlen auch beim Schatten und dem sich 
daran knüpfenden Glauben solche Andeutungen nicht. Die eben 
besprochenen Wiedergeburtsideen des väterlichen Schattens im Kind 

^ Dem Sdiattenmotiv im Gocthesdien Märcfien auffallend ähnlich ist eine 
von Frazer <I. c. 87) erzählte Geschichte aus Sudamerika: »The Mangaians teil 
of a mighty warrior, Tukaitawa, whose strength waxed and wanecT with the 
length of his shadow. — Endlich entdcclvt ein Held das Geheimnis von Tukai- 
tawas Kraft <Simson-Motiv> und erschlägt ihn am Mittag, wo sein Schatten den 
geringsten Grad erreicht. 

-^ So glauben die Baganda Zentralafrikas und die KafTern in Südafrika. — 
In Solothurn galt die mehr oder minder starke Färbung des Schattens als Gesund* 
heitskriterium (nach Walzel Einl. zu Chamissos Werken, Deutsdie Nat. Lit. Bd. 149). 

^Negelein, Ein Beitrag zum indischen Seelenwanderungsglauben, Ardi. 
f. Rel.-Wiss. 1901. 

* Frazer: The Belief in Immortality and the Worship of the Dcad. Vol. I: 
Amonj: the Aborigines of Australia etc., London 1913, p. 92, 315, 417. 

^ Henne am Rhyn 1. c. p. 187. 

'^ Zur Verhinderung magischer Bräudie war den Juden auch die Nennung 
des Namens Jehova verboten. Giesebrecht <»Über die alttest. Schätzung des 
Götternamens«, Königsberg 190 1> zeigt, daß Name, Schatten und Seele im Volks* 
glauben identisch sind <p. 79> und führt aus, daß der Name zu einem bedrohlichen 
Doppelgänger des Menschen wird <p. 94). Über das Namentabu vgl. Freuds 
Abhandlung, Imago I, p. 317 ff. und über Reste desselben in unserem Seelenleben 
»Psychopathologie des Alltagslebens«. 



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Der Doppelgänger • 139 



führen zu den bereits erwähnten Vorstellungen vom Schatten als Schutz^ 
geist, der mit dem Kind zugleidi geboren wird. Direkt entgegen^ 
gesetzt den Todesvorstellungen im Sdiattenaberglauben sind die 
wenn auA bei weitem weniger verbreiteten Ideen vom befruditen* 
den Sdiatten, die Pradel <p. 25f.> mitteilt. Der Redensart vom 
Sdiatten des Todes, der den Mensdien umnaditet, steht der biblisdie 
Ausdrud^ in der Verkündigung gegenüber, der Maria einen Sohn 
verheißt, obwohl sie mit keinem Manne zu tun hatte,- denn dvvaiiig 
vipiGtov imoxidoei oot <die Kraft des Hödisten wird didi über-^ 
schatten,- Luc. I, 15>. Bemerkenswert ist, daß Augustinus und an* 
dere Kirchenväter in dem Ausdruck ^:nay.idau den Begriff der 
Kühle als Gegensatz wollüstiger Erzeugung finden. Pradel <I. c.> 
zitiert dazu die Redensart: »Schweig nur, du bist auch nicht vom 
heiligen Geist überschattet« ^ und führt einen Mythus von Tahiti 
an, demzufolge die Göttin Hina dadurch schwanger wird, daß der 
Schatten eines Brotfruchtlaubes, das ihr Vater Taaroa schüttelte, 
auf sie fieP. Der Verhinderung solcher inzestuösen Schattenbefruchtung 
dienen offenbar die auf den Schatten der Schwiegermutter bezüg^ 
liehen Tabus, die Frazer anführt ^ So ist es z. ß. bei den Ein^ 
gebornen Südostaustraliens ein Grund zur Scheidung, wenn der 
Schatten des Mannes zufällig auf seine Schwiegermutter fällt. In 
Zentralindien ist diese Furcht vor der Schattenbe^uchtung allgemein 
und die sdiwangeren Frauen vermeiden es, in den Schatten eines 
Mannes zu gehen, weil sonst das Kind ihm nachgeraten könnte 
<1. c. 93). Halten wir diese Vorstellungen mit denen des zu^ und 
abnehmenden Schattens und der entsprechend variablen Manneskraft 
zusammen (Simson^Motiv), so ergibt sich seine symbolische StelU 
Vertretung für die männliche Potenz, die ihrerseits mit dem eigenen 
Wiederaufleben in den Nachkommen und so mit der Fruchtbarkeit 
zusammenhängt. 

Wie fast alle Glückssymbole ursprünglich Fruditbarkeitssymbole waren, 
so hat audi der Schatten von dieser Seite her Glücksbedeutung erhalten. 
Hichcr gehört nicht nur die heilkraftige Wirkung des Sdiattens gewisser 
Bäume {besonders in der Bibel), sondern vor allem die Rolle des Schattens 
als Schatzhüter <vgl. Pradel I. c.>, ja sogar Schatzmehrer <auch praktisch 
galt der Sdiatten als Eigentumsabgrenzer). Im indischen Märchen von des 
Holzhauers Tochter spricht der Geist, der um das arme Mädchen freit, zum 
Vater desselben: Gib mir deine Tochter, dann soll euer Schatten waci^sen, 
eure Schätze sollen groß werden (Rochholz nach der Märchensammlung 
des Somadcva Bhatta, übersetzt v. Brockhaus, II, 193>. Man wird hier an 

* Narfi Rchscncr in d. Zeitsdir. d. Vereins f. Volksk. VII!, 128. 

^ Nach Waitz (>Anthropo!. d. Naturvölker* VI, 624 f.), der darin den 
Rest des alten tahitisAen Glaubens sieht, daß sich der — brotfruchtähnliche — 
Mond während <lits Neumondes begatte. 

' I. c. p. 83 ff. Frazer glaubt übrigens selbst, daß die »Vermeidungen« 
im Verhältnis von Sdiwiegermutter und Sdiwiegersohn der Inzestfurdit entstammen 
dürften (p. 85*^). Die psydioanalytisdie Begründung und Vertiefung dieser Auf- 
fassung hat Freud gegeben (Totem und Tabu, 1913, I). 



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140 • Otto Rank 



Peter SchlcmihI, den Studenten Balduin und andere erinnert, die für den 
Sdiattenverlust durdi Reichtum entschädigt werden, den sie zur Eroberung 
des geliebten Mäddiens benützen wollen, dabei aber kläglidi sdieitem. 

Über die Bedeutung von Sdilemihls Sdiatten ist viel gestritten worden 
und die Literatur darüber ist ziemlidi groß <vgl. Julius Schapler, Chamisso* 
Studien, 1909). Man wollte im Schatten eine allegorisdie Darstellung des 
Vaterlandes, der Lebensstellung, der Familie, der Heimat, der Konfession, 
von Orden und Titeln, der Aditung der Mensdien, gesellschaftlichen Talents 
etc. sehen und dementsprechend im Schatten verlust den Mangel an diesen 
Dingen. Noch bei Lebzeiten des Dichters, der sich gegen alle diese Aus^ 
legungen skeptisch verhielt, soll mit seiner Zustimmung der Schatten als 
äußere Ehre des Menschen gedeutet worden sein <Simrok, Deutsche MythoL, 
4. Aufl., p. 482). Das würde aber durchaus nicht hindern, daß er andere (auch 
unbewußte) Bedeutungen hätte, wie Chamisso selbst deren mehrere ange* 
geben hat. Interessant, weil sie an den Volksaberglauben erinnert, ist folgende 
Äußerung des Dichters, die er wenige Wochen vor seinem Tode einem Freunde 
gegenüber gemacht haben soll: »Die Leute haben so oft gefragt, was der 
Schatten sei/ ja wollten sie fragen, was jetzt mein Schatten sei, so würde 
ich sagen, es sei die fehlende Gesundheit, meine Schattenlosigkeit bestehe in 
meiner Krankheit. <Kern Franz, Zu deutschen Dichtern, Berlin 1895, p. 115.) 

In psychoanalytischen Kreisen ist vor einigen Jahren die Idee auf* 
getaucht, die Schattenlosigkeit Schlemihls als Impotenz aufzufassen <StekeI>, 
wofür die Befruchtungsfähigkeit des Schattens spräche sowie gewisse 
symbolisch zu fassende Details: die kleine Tasche des grauen Mannes, in 
der die größten Dinge <z. B. ein Fernrohr) Platz haben, der unerschöpfliche 
Wunschsäckel, die Siebenmeilenstiefel etc. — Auch eine Stelle inHamerlings 
»Homunculus« <V. Buch) scheint auf ähnliches anzuspielen », . . Peter 
Schlemihl: der bekannte »Mann« <der ärmste!) ohne Schatten ....« — Zur 
Kastrationsbedeutung des Schattenverlustes würde Wildes Märchen >Der 
junge Fischer und seine Seele« <Das Granatapfelhaus) passen, wo der Held 
seine Seele, die zwischen ihm und seinem geliebten Meermäddien steht, 
loswerden will und sich den Schatten mit einem Messer vom Leibe 
schneidet/ er endet schließlich, wie Dorian Gray, durch Selbstmord. 

Daß der einzelne Dichter die gegebenen Vorstellungen im Sinne seiner 
Komplexe verwenden oder auch ausgestalten kann, ist nicht zu bezweifeln, 
aber darum muß diese vereinzelte Bedeutung noch nicht das ganze Problem 
decken. Tatsächlich spielt diese im Sinne eines Mangels gefaßte sexuaU 
symbolische Bedeutung des Schattens in den Fällen von Verfolgung durch 
das als Gewissen gedachte Ebenbild keine nennenswerte Rolle. Anderseits 
sind ja auch die übrigen, in selbstgefälliger Eigenliebe befangenen Helden 
zur Geschlechtsliebe unfähig und man wird Eitelkeit einem Schlemihl nicht 
absprechen, der seinen Bericht an den Dichter mit dem Rat beschließt: »Willst 
du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvorderst den Schatten und 
dann das Geld. Willst du nur dir und deinem besseren Selbst leben, 
oh, so brauchst du keinen Rat.« Und auch Walzel <L c. LVIII) hebt als 
Moral der Geschichte hervor, der Mensch solle sich rechtzeitig zur Erkenntnis 
durchringen, »daß er nur sich allein braucht, um glücklich zu sein«. 

Inwieweit sich die hier und andere von Sadger <»Psychiatrisch-Neuro- 
logisches in psychoanalyt. Beleuchtung.« Zentralb I. f. d. Gesamtgeb. d. 
Medizin, 1908, Nr. 7 u. 8) angeführte sexualsymbolische Deutungen einem 
umfassenderen psychologischen Verständnis einordnen, soll im Schlußabschnitt 
ersichtlich werden. 



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Der Doppelgänger 141 



In allen angeführten Überlieferungen erweist sich, wie die 
Folkloristen übereinstimmend hervorheben, der Sdiatten als gleidi* 
bedeutend mit der Seele des Mensdien und daraus erklärt sidi 
sowohl seine besondere Sdiätzung sowie alle darauf bezüglidien 
Tabus und abergläubisdien TodesbefürAtungen bei Übertretung 
derselben, da Verletzung, Sdiädigung oder Verlust der Seele den 
Tod nadi sidi ziehen muß. Über die Identifizierung des Sdiattens 
mit der Seele bei den Naturvölkern, die bis zu den am tiefsten 
stehenden Eingebornen Tasmaniens reidit, sagt Tylor^: 

»So gebrau Ate der Tasmanier sein Wort für Sdiatten zugleidi 
für den Geist/ die Algonkin^Indianer nennen die Seele eines Men- 
sdien 3>seinen SAatten«,- in der Quidiespradie dient nahib für 
»Sdiatten, Seele«,- das arawakisdie neja bedeutet »Sdiatten, Seele, 
Bild«/ die Abiponer hatten nur ein Wort loäkal für »Sdiatten, 
Seele, Edio, Bild« . . . Die Basutos nennen nidit nur den nadi dem 
Tode übrigbleibenden Geist den seriti oder »Sdiatten«, sondern sie 
meinen, wenn ein Mensdi am Flußufer einhergehe, so könne ein 
Krokodil seinen Sdiatten im Wasser ergreifen und hineinziehen/ 
und in Alt^Calabar findet sidi dieselbe Identifizierung des Geistes 
mit dem »Sdiatten«, dessen Verlust für den Mensdien sehr gefähr- 
lidi ist« 2. 

Nadi Frazer^ wird bei gewissen Eingebornen Australiens 
neben einer im Herzen lokalisierten Seele <ngai> audi eine mit dem 
Sdiatten in engster Beziehung stehende <dioi> angenommen. Bei den 
Massim in Britisdi Neu^Guinea heißt der Geist oder die Seele 
eines Verstorbenen arugo, was gleidibedeutend ist mit Sdiatten 
oder Spiegelbild *. Die Kai in Deutsdi Neu^Guinea sehen im SpiegeU 
bild und im Sdiatten ihre Seele oder Teile derselben-' und hüten 
sidi darum, auf den Sdiatten zu treten. In Nord^Melanesien be^ 
zeidinet das Wort nio oder niono Sdiatten und Seele ^•. Bei den 
Fidsdii^Insulanern ist die Bezeidinung für den Sdiatten, yaloyalo, 
eine Reduplikation des Wortes für Seele »yalo«'. Gele^entlidi einer 
Bemerkung, daß bei den Eingebornen der Inseln der Torres^Straße 
das Wort für Geist, mari, zugleidi Sdiatten oder Spiegelbild be^ 
zeidinet, meint Frazer, viele wilde Völker hätten ihre Bezeidinung 
für die mensdilidie Seele von der Beobaditung des Sdiattens oder 
der Spiegelung des Körpers im Wasser abgeleitet®. 

Dal) der primitive Mensdi seinen geheimnisvollen Doppelgänger, 
den Sdiatten, als Seelenwesen real nimmt, ist durdi eine Reihe 



^ Primitive Culture I, p. 423 ff. 

- Bastian, Vorst. v. d. Seele, p. 9 f. 

> The Belief in Immortality etc. p. 129. 

* I. c. p. 207. 

^ 1. c. p. 267. 

« I. c. p. 395. 

' I. c. p. 412 

« 1. c. p. 173. 



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142 Otto Rank 



weiterer folkloristiscfier Erhebungen außer Zweifel gestellt: »Jener 
Kamerunmann meinte natürlich den Schatten, wenn er sagte, /idi 
kann meine Seele jeden Tag sehen, ich stelle mich einfach gegen die 
Sonne' <Mansfeld>. So berichtet Spieth von den Eweleuten: ,In 
seinem Schatten ist die Seele des Menschen zu sehen', J. Warnek 
von den Batak: ,Den persönlich gedachten , . . Seelenstoff glaubt 
man verkörpert im Schatten', Klamroth von den Saramo: ,Der 
Schatten, den der lebendige Mensch warf, wird durch Vereinigung 
mit der Seele des Verstorbenen zum kungu <Geist/. ,Denn die 
Seele <mayo auch = anatomisch Herz) verwest, aber der Sdiatten 
verwest nicht', Guttmann von den Dschagganegern : ,Was von den 
Gestorbenen bleibt und in das Totenreich hinabsteigt, das ist sein 
Schatten: kirische. Dies ist nicht etwa nur ein Bild für die durch 
den Tod körperlos gewordene Persönlichkeit, sondern es bezeichnet 
rein wördich den Schatten des Menschen, wie er sich im Sonnen^ 
lichte auf die Erde zeidinet. Dieselbe Vorstellung bei den Salisch 
und Dene im fernen Westen Kanadas'<ci, Die Fidschi^Insulaner 
glauben, daß jeder Mensch zwei Seelen habe: eine dunkle Seele, 
die in seinem Schatten besteht und zum Hades geht und eine lichte, 
in seinem Spiegelbild an der Wasseroberfläche oder im Glase, 
welche in der Nähe seines Sterbeplatzes bleibt-. Aus dieser Be* 
deutung des Schattens erklären sich hinreichend die zahlreichen Vor^ 
sichten und Verbote (Tabus), die sich auf ihn beziehen. 

Fragt man, wie die Menschen dazu kamen, im Schatten 
ihre Seele zu sehen, so belehren einen die Anschauungen der pri^ 
mitiven Natura wie der antiken Kulturvölker darüber, daß die ur*^ 
sprünglichste Seelenvorstellung, wie Negelein <L c.> sich aus^ 
drückt, ein »primitiver Monismus« war, wobei die Seele ein Ana* 
logon zum Bild des Körpers darstellte. So wird der vom Men* 
sehen unzertrennliche Schatten zu einer der ersten »Verkörperungen« 
der menschlichen Seele, »lange bevor der erste Mensch sein Bild im 
Spiegel sah» <Negelein>. Der bei den Naturvölkern der ganzen 
Erde verbreitete Glaube von der Seele des Menschen als einem 
genauen, zunächst im Schatten wahrgenommenen Abbild des Körpers^ 
ist auch der ursprünglidie Seelenglaube der antiken Kulturvölker 
gewesen. Roh de, wohl der feinsinnigste Bearbeiter des griedii* 



^ Zitiert nadi G. Hei nzel mann, »Animismus und Religion«. 1913, 
p. 18, 19. 

- Frazer, Belief etc. p. 411/ ähnliche Ansdiauungen von zwei Seelen bei 
den Grönländern und Algonkin beriditet Radestock, SAIaf und Traum, Leipzig 
1878, p. 252 (Anmkg. 11). Audi die Tami in Deutsdi Neu^Guinea untersdieiden 
zwisdien einer langen, beweglidien, mit dem Sdiatten identifizierten Seele und einer 
kurzen, weldie den Körper nur mit dem Tode verläßt (Frazer 1. c p. 291). 

•* Die ziemlidi tief stehenden Nord-Melanesier, bei denen die Bezeidinungcn 
für Seele und Sdiatten von derselben Wortwurzel gebildet fsind <s. oben p. 441), 
>think that the souI is like the man himself« <Frazer 1. c. 395) und »►the Fijisjn 
pictured to themselves the human soul Jas a miniature of the man himself« <1. c« 
p. 412), 



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Der Doppelgänger 141^ 



sehen Seelenglaubens und Seelenkultes, sagt darüber^: »Der Mensdi 
ist nadi homerisdier Auffassung zweimal da, in seiner wahrnehm* 
baren Ersdieinung und in seinem unsiditbaren Abbild, weldies frei 
wird erst im Tode. Dies und nidits anderes ist seine Psydie*. In 
dem lebendigen, voll beseelten Mensdien wohnt, wie ein fremder 
Gast, ein schwächerer Doppelgänger, sein anderes Idi als seine 
Psydie, .... dessen Reidi ist die Traumwelt. Wenn das andere Idi, 
seiner selbst unbewußt, im Sdilafe liegt, wirkt und wadit der DoppeU 
ganger«. — »Ein soldies, das siditbare Idi wiederholende ddo/^ov 
und zweites Idi ist in seiner ursprünglidien Bedeutung der Genius 
der Römer, die Fravauli der Perser, das Ka der Ägypter.« Audi 
im Ägyptisdien war die älteste Form der Seele der Schatten <Nege* 
lein nadi Maspero) und nadi Moret^ wediselten die Bezeidinungen 
für Seele, Doppelgänger <Ka), Abbild, Sdiatten und Name^ Den 
Glauben der w ilden an die Fortdauer einer sdiattenhaften Seele 
nadi dem Tode stützt audi Spieß <1. c, 172) durdi den Hinweis 
auf eine reidie Literatur. Nadi ihm bezeidinet audi der hebräisdie 
Ausdrudi »Rephaim« für das, was im Tode vom Mensdien übrig 
bleibt, »die Matten oder die Kraftlosen, d. i. die Sdiatten, die Be- 
wohner des Totenreidies, ein der griediisdien Bezeidinung analoger 
Name« <p. 422). 

Der ursprünglidiste Seelenglaube selbst knüpft also, wie Spieß 
namentlidi für die Kulturvölker, insbesondere aberFrazer (Beliefetc.) 
für die primitivsten Wilden gezeigt hat, an den Tod an: die erste 
und für die ganze Entwid^lung der Mensdiheitsgesdiidite bedeutsame 
SeelenvorstelTung der Primitiven ist die der Geister der Verstorbenen, 
die in den meisten Fällen als Sdiatten gedadit werden, wie wir ja 
audi heute nodi vom »Sdiattenreidi« der Abgesdiiedenen spredien. 

Da die Seelen der Verstorbenen Sdiatten sind, so werfen sie 
selbst keinen Sdiatten, wie beispielsweise die Perser von den wieder 
zum Leben Erwed^ten direkt behaupteten''. Ja, nadi mandien Autoren^ 

^ Psydic, p. 3 f. — Ähnlidies von den Grönländern und anderen Völkern 
bei Radestock I. c Kap. I und die Anmerkungen dazu. 

- Man vgl. die homerisdie Auffassung der Seele als Sdiatten (udo/.or) dos 
einst lebenden Mensdien <IIias XXIIL 104; Od. X, 495/ XI 207). Adiilles, dem 
der ersrfilagene Patroklus im Traume ersdieint, ruft aus: »Ihr Götter, so bleibt 
denn \x irklidi audi in des Hades Behausung eine Psydie und ein Sdiattenbild des 
Mensdien!« Nadi Spieß <Entwiddungsgesdi. d. Vorstellungen vom Zustande nadi 
dem Tode, Jena 1877, p. 283) wird nadi dem Tode die V'r///, die Seele, die iden» 
tisdi ist mit dem Geiste, zum ndco/MV, d. i. zu einem Sdiatten, zu einem Traum- 
bild <Od. XI, 222). 

^ Annalcs du Musee Guimet T. XIV, p. 33. 

* Audi der besonders bei den Ägyptern (aber audi anderwärts: Spieß 
182 f., 87/ Frazer, Belief, p. 144 ff.) geübte Gebraudi des Einbalsamierens der 
Toten, sowie der von vielen Völkern geübte Brauch der Grabbeigaben (Essen und 
Feuer für die Seelen) weist darauf hin, daß man sidi die Seele ursprünglidi sehr 
materiell und dem Körper gleidi dadite. 

^ Spieß I. c. p. 266. 

^ Negelein I. c, Spencer, Prinzipien der Soziologie, deutsdi. v. Vetter, 
II, p. 426. 



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144 Otto Rank 



soll die Beobachtung, daß der tote <Iiegende> Körper keinen Sdiatten 
mehr wirft, zur Annahme der im Schatten entflohenen Seele bei*» 
getragen haben. So hat man audi den heiligen Bezirk der Arkader, 
das Lykaion, innerhalb dessen vollkommene Schattenlosigkeit herrscht, 
als das Reich der Totgeweihten aufgefaßt ^ Nach Pausanias <VIII, 
38, 6> war der Eintritt in diesen Bezirk den Menschen untersagt/ 
wer das Gesetz übertrat, mußte notwendig binnen Jahresfrist sterben. 
Die Sdbattenlosigkeit deutet also hier, wie in fast allen angeführten 
abergläubischen Vorstellungen, auf den bevorstehenden Tod, dessen 
Schattenlosigkeit vorweggenommen wird, und so weicht nach Roch* 
holz <1. c. p. 19) im lykaiischen abaton »der schützende Dämon 
von der Person des gottgeweihten Eindringlings und überläßt ihn 
den Schrecken des Todes«-. Aber nicht nur die Seelen, sondern 
auch die ihnen nahestehenden Geister, Elfen ^ Dämonen, Gespenster 
und Zauberer* sind schattenlos, weil sie ursprünglich selbst Schatten, 
d. i. Seelen sind. Die nach der Vorstellung der Neuseeländer schatten* 
losen Geister und Elfen nehmen darum von dargebotenen Dingen 
nichts mit als den Schatten^. Das Burg^ oder Mittagsfräulein 
erkennt man daran, daß es keinen Schatten wirft, weil es ein Geist 
ist. Auch der Teufel hat als böser Dämon nach russischem Glauben 
<Gaster 1. c.> keinen Schatten und darum ist er so begierig nach den 
Schatten der Menschen <vgl. den Pakt von Schlemihl, Balduin u. a.>. 
Wer dem Teufel verfallen ist, zeigt darum keinen Schatten (Pradel 
1. c.>. Die zahlreichen Sagen, in denen der Teufel um seinen Lohn 
geprellt wird, indem er statt der ihm verfallenen Seele »nur« den 
Schatten erhält'**, scheinen schon eine Reaktion auf den zu bedeut-? 
sam genommenen Schattenverlust darzustellen und ursprünglich 
dürfte — wie ja noch Schlemihl und seine Nachfahren lehren — der 



^ Wcicker, KI. Sehr. 3, p. 161, der sich auf den Glauben der Pythago- 
räer beruft, welche die Redensart von dem »SAattenlos Werden« gemäß ihrer 
Anschauung, daß die Seele des Verstorbenen keinen Schatten mache, wörth'ch 
nahmen, während man in Arkadien damit zuerst den Tod euphemistisch be* 
zeichnete (unser »umschatten«) und erst später diese Redensart buAstäbh'di nahm. 
Ober die verschiedenen Auffassungen dieser kultischen Schattenlosigkeit vgl. man 
W. H. Röscher »Die Schattenlosigkeit des Zeus Abatons auf dem Lykaion« 
(Fleckeisens Jahrb. f. klass. Altert. Bd. 145, 1892) sowie die daselbst angeführte 
Literatur. 

2 Ober die im lykaiischen Heiligtum abgehaltenen Menschenopfer Ncgc* 
lein I. c. 

' Germania V, 75. 

* Negelein 1. c. 

^ Waitz 1. c. 297 300. 

Siehe Grimm, D. Mythol.^ 2, p. 855, 976 und Note p. 302/ Müllen hoff, 
Schlesw -Holst. Sagen, p. 554 f. Ober die spanische Sage des Teufels von Sala- 
manca, die Th. Körner in einer Romanze behandelt hat, vgl. die Quellen bei 
Rochholz 1. c. p. 119. Das Gedicht selbst in »Deutsche Nat.-Lit.« Bd. 152, p. 200. 
Der Teufel unterhielt in Salamanca sieben Schüler, deren letzter mit seiner Seele 
bezahlen mußte, Einst zeigte dieser aber auf seinen Schatten mit dem Bemerken, 
der sei der letzte, der das Zimmer verlasse. Der Teufel nahm den Schatten, der 
Schüler blieb sein Leben lang schattenlos und unglücklich. 



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Der Doppclgänger. 145 



Mensch in diesem Falle der betrogene gewesen sein, da er den 
Sdiatten gering sdiätzte, dessen Wert der Teufel nodi kanntet 



Daß :^die vom Spiegelbild ausgehenden abergläubisdien An^ 
sdiauungen und Gebräudie den vom Sdiattenbild hervorgerufenen 
in allen Hauptpunkten gleidien«, hat Negelein an reidiem folklo^ 
ristisdien Material der rCuIturvölker gezeigt. Audi hier stehen die 
Todes^ und Unheilsbefürditungen in erster Reihe. In deutsdien 
Landen gilt das Verbot, die Leidie vor einen Spiegel zu stellen 
oder im Spiegel zu betraditen, denn sonst ersdieinen dort zwei 
Leidien und die zweite verkündet einen zweiten Todesfall^. NaA 
dalmatinisdiem Aberglauben, der sidi audi in Oldenburg findet, stirbt 
derjenige, der sidi in einen Spiegel sieht, während eine Leidie im 
Hause ist^. Die allgemeine Geltung dieser Befürditung ersieht man 
aus der weiten Verbreitung der darauf bezüglidien Gegenmaßregel^ 
weldie gebietet, bei einem Todesfall die Spiegel zu verhängen, da^ 
mit die Seele des Toten nidit im Hause bleibe. Diese Sitte wird 
nodi heute in Deutsdiland, Frankreidi, bei den Juden, Litauern u. a. 
geübt*. Da die Seele des Verstorbenen im Spiegel gedadit wird, 
kann sie dort unter gewissen Umständen siditbar werden. In Sdile-» 
sien heißt es, daß in der Neujahrsmitternadit, wenn man mit zwei 
brennenden Liditern von den Spiegeln tritt und den Namen eines 
Verstorbenen ruft, dieser im Spiegel ersdieine"*. In Frankreidi soll 
man sidi selbst wie in der Todesstunde im Spiegel erbliAen, wenn 
man in der Dreikönigsnadit eine bestimmte Zeremonie vor dem- 
selben ausführt*^. An diese Vorstellungen knüpfen die Verbote an, 

^ Dies zeigen die Überlieferungen, in denen der Teufel sich direkt den 
Sdiatten als Lohn für seine Hilfe ausbedingt <z. B. Konrad Maurers Isl. Sag., 
p. 121) oder in denen ein Mensdi, der den Teufel irgendwie geprellt hat, dann 
zeitlebens ohne SAatten gehen muß <Mullenhoff (. c. p. 454 f., Grimm, D. Myth. 
p. 976). — Interessant ist die von Roch holz <p. 119> angeführte Überlieferung, 
wonadi ein Graf Villano <= Sdiuftcrle), der dem Teufel seinen Sdiatten überlassen 
hatte, von diesem die Kunst erlernte, alte Leute zu verjüngen (vgl. Wildes »Dorian 
Gray«) und diese an sidi selbst anwenden wollte. Er ließ siA also im Alter 
töten, zerstüdceln, die einzelnen Teile in ein Glas tun und dieses in Pferdemist 
vergraben Dies wurde aber vorzeitig entdedtt und das noA niAt voll entwidieltc 
Kind verbrannt. Vgl über dieses Thema Silberers Abhandlung »Homunculus« 
<Imago III, H. 1, 1914). 

» Wuttke, p. 435 ff. 

* Haberland Karl, Der Spiegel im Glauben und BrauA der Völker. 
ZeitsAr. f. VölkerpsyAol 1882, Bd. XIII, p, 324—347. - Vgl. auA Rieß, Rhein. 
Mus. 1894, LIX, p. 185. 

* Haberland, p. 344. — NaA Frazer 1. c. p, 95 auA in Belgien, England^ 
SAottland, Madagaskar und bei den Juden der Krim/ ebenso bei den Mohammedanern 
auf Bombay. Mit der Begründung, daß die im Spiegel reflektierte Seele der Über* 
lebenden von dem im Hause weilenden Geist des Verstorbenen mit siA weg- 
genommen werden könnte. 

^ HabcrIand 1. c. 
•L c. 

Imapo IIFZ tO 



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146 Otto Rank 



sidi überhaupt nadits in den Spiegel zu sAauen: wenn man das 
tut, verliert man sein eigenes Spiegelbilds d. h. die Seele, woraus 
der Tod notwendig folgt. In Ostpreußen gibt man dafür die Be-* 
gründung, daß in soldien Fällen hinter einem das Bild des Teufels 
auftaudit. Bemerkt überhaupt jemand im Spiegel neben seinem Ge* 
sidit nodi ein anderes, so wird er bald sterben*. Aus ähnlidien 
Gründen ist kranken und sdiwadien Personen ihr Spiegelbild unheiU 
voIP, insbesondere nadi böhmisdiem Glauben*. — Das Herabfallen 
oder Zerbredien des Spiegels gilt als Todesanzeigen in ganz Deutsdi- 
land*, obwohl daneben sieben Jahre Ungemadi als euphemistisdier 
Ersatz steht ^. Audi wer zum letztenmal in einen zersprungenen 
Spiegel gesehen hat, muß sterben^ oder leidet sieben Jahre Not®. 
Sitzen Dreizehn beisammen, so muß der sterben, der dem Spiegel 
gegenüber sitzt ^. Um sidi vor den geheimnisvollen Kräften des 
Spiegels zu sdiützen, läßt man in gewissen Gegenden in einen neuen 
Spiegel eine Katze sehen ^^. Audi hütet man sidi, kleine Kinder 
überhaupt in den Spiegel sehen zu lassen aus Furdit vor dem 
eigenen Spiegelbild, das den Doppelgänger allen Sdiädigungen preis* 
gibt^^ und mit der Begründung, das Kind werde sonst stolz und 
leiditsinnig oder krank werden und sterben^*. Auf dem Glauben an 
den Doppelgänger beruht nadi Negelein die Überzeugung, daß 
der Spiegel verborgene Dinge anzeigt. Hierher gehört vor allem die 
magisdie Verwendung des Spiegels zur Ergründung der Zukunft. 
So heißt es z. B. in Oldenburg, daß man seine Zukunft im Spiegel 
sehe, wenn man um Mitternadit mit zwei brennenden Liditern vor 
denselben trete und aufmerksam hineinsdiaue, während man dreimal 
den eigenen Namen rufe. Im Zusammenhang mit den angeführten 
Bräudien ist klar, daß hier unter der »Zukunft« nidit das Was, 
sondern das Ob zu verstehen ist, d, h. daß den Mensdien von 
allem Zukünftigen am meisten seine eigene Lebensdauer interessiert. 
Demgegenüber tritt die Bedeutung des Spiegels als Liebesprophet 
zurüd<, obwohl das Mäddien bei Ausübung ähnlidier Bräudie meist 
»den Zukünftigen« <für sie gleidibedeutend mit dem Zukünftigen) 

» I. c. p. 341 ff. nach Grimms Mythol. Anh., Deutscher Abcrgl. Nr. 104/ 
Panzer, Beitr. z. d. Myth. 2, 298/ Strackerjan, Abergl. aus Oldenburg, 1, 262/ 
Wolff-Mannhardt 1, 243/ 4, 147/ Alpenburg, Mythen u. Sagen Tirols 252, 
Wuttke l c. § 205. 

« Wuttke, p. 230. 

' Negelein I. c. 

* Habcriand 1. c, Frazcr I. c. p. 95. 
5 Haberland I. c. 

« Wuttke, p. 198. 
' Wuttke, p. 404. 
ö Wuttke, p. 198. 

• Haberland I. c 
'<* Negelein 1. c. 
'* Negelein 1. c. 

»- Wuttke, p. 368f. - AuA Webers Demckritos IV, 46. 



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Der Doppelgänger 147 



im Spiegel sieht ^ Eitle MädAen aber sehen nachts im Spiegel das 
Gesidht des Teufels-, 

Die magisdien und mantisdien Verwendungen des Spiegels 
<audi Wasserspiegels), von denen Negelein und Haberland 
beriditen, übergehen wir hier, um uns direkt ihrem Ursprung bei 
den Primitiven zuzuwenden. Wie im Sdiatten so sehen die Wilden 
audi in dem im Glas, Wasser oder Porträt wiedergegebenen Ebenbild 
die Seele verkörpert** und darauf beziehen sidi die vielfadien Tabus, 
die an diesen Dingen ebenso wie am Sdiatten haften*. Bei einem 
Stamm in Niederländisdi^Indien dürfen halb erwadisene Kinder nidit 
in den Spiegel sehen, weil sie meinen, er nehme ihre Sdiönheit 
hinweg und lasse sie häßlidi zurüd;*\ Die Zulus sdiauen nidit in 
einen sdimutzigen Sumpf, weil er ihr Spiegelbild nidit zurüdvwirft, 
und sie meinen, ein darin hausendes Untier habe es weggenommen, 
so daß sie sterben müssen. Wenn bei den Basutos jemand 

Rlötzlidi, ohne ersidididie Todesursadie stirbt, so glauben sie, ein 
[rokodil habe das Sdiattenbild von der Wasseroberflädie hinab^ 
gezogen. 

Die ähnlidi begründete Sdieu vor dem Porträt oder der Photo^ 
graphie der eigenen Person ist nadi Frazer*^ über die ganze Erde 
verbreitet. Sie findet sidi ebenso bei den Eskimos wie bei den In- 
dianern Amerikas, bei den zentralafrikanisdien Stämmen, in Asien, 
Ostindien und — in Europa. Da sie im Abbild des Mensdien seine 
Seele sehen, so fürditen sie, daß der fremde Besitzer desselben 
sdiädlidien oder tödhdien Einfluß auf sie üben könnte. Mandie 
Primitive glauben direkt, daß sie sterben müßten, wenn ihr Bild an^ 
gefertigt werde oder sidi in fremden Händen befinde. Ergötzlidie 
Gcsdiiditen von der Angst der Wilden vor dem Photographieren 
erzählt Frazer <l. c.> und neuestens der Missionär Leuschner 



* Wuttke, p. 229 f, 234/ Habcriand I. c. — Diesen Volksglauben hat auch 

E. Th. A. Hoffmann in seinen Dichtungen mehrfach verwendet. Vgl. K. Olb- 
ridi, Hoffmann und der deutsche Volksaberglaube. Mitt. d. Ges. f. Schlesische Volksk. 
1900. — Ober den an die »Andrcasnädite« geknüpften Spicgelaberglauben handelt 

F. S. Krauß im »Urquell«. 

'2 Negelein 1. c 

' Thomas Williams, der unter den Fidsdii-Insulanem lebte, erzählt fol- 
gende für die Seelenbedeutung des Spiegelbildes bezeichnende Geschiebe >I once 
placed a good*looking native suddenly before a mirror. He stood delighted. ,Now', 
said he, softly, ,1 can see into the world of spirits'.« <Nach Frazer, Belief etc., 
p. 412). 

* Frazer 1. c. p. 92ff. 

^ 1. c. p. 93. Die psychologische Grundlage dieses Aberglaubens gibt Kleist, 
der das Doppelgängerproblem im »Amphytrion« behandelte, in seinen Bemerkungen 
»über das Marionettentheater«. Er erzählt dort von einem schönen und wohl- 
gebildeten Jüngling, der, um die Stellung des »Dornausziehers« nachzuahmen, anfing 
»tagelang vor dem Spiegel zu stehen/ und immer ein Reiz nach dem andern verließ 
ihn .... und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblich- 
keit in ihm zu entdecken.« Man vgl. dazu die Sage von Entelidas <unten S. 149) 
und den Lieblingsromanhelden von Dorian Gray <obcn S. HO). 

« I. c. p. 96 bis 100. 

lO* 



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148 Otto Rank 



von den Jautz in Süddiina^ Diese Furdit vor dem eigenen Eben* 
bild greift auf Grund des Seelenglaubens auf jede bildlidie Darstellung 
über. So erzählt Meinhof <1. c.) »Ein plastisdies Abbild des Men* 
sdien kann den Afrikaner in die größte Unruhe versetzen, und es 
ist vorgekommen, daß das Kunstwerk verniAtet werden mußte, um 
die aufgeregten Mensdien zu beruhigen.« Von den Wasdiamba 
beriditet warne ck*, daß sie mit den mensdilidien Photographien, 
weldie die Missionäre in ihrem Zimmer aufgehängt hatten, nidit 
allein sein wollten/ sie fürditeten, die Bilder könnten lebendig werden 
und auf sie zukommen. 

Nadi deutsdiem Aberglauben darf man sidi nidit malen lassen ^ 
weil man sonst stirbt*. Audi in Griedienland, Rußland^ und AU 
banien weist Frazer denselben Glauben nadi^ und zeigt Spuren 
desselben im heutigen England und SAottland auf. 

Audi bei den antiken Kulturvölkern finden sidi die den ange* 
führten abergläubisdien Vorstellungen entspredienden Ideen. So bei 
den alten Indern und Griedien die Regel, nidit nadi seinem Spiegel* 
bild im Wasser zu sehen', da dies den baldigen Tod zur Folge 
hätte**. Audi galt es bei den Griedien als Todesvorzeidien, wenn 
man im Traum sein Wasserspiegelbild erbÜAte^. Der germanisdie 
Glaube legte gleidifalls dem Wasserbild Todesbedeutung bei,- wenn 
jedodi das gleidie im Traum andere Male als Anzeidien langen 
Lebens aufgefaßt wurde ^^ so verstehen wir dies nidit nur als Wunsdi* 
eegensatz, sondern werden es audi mit der Geburtsbedeutung der 
Wasserträume in Zusammenhang bringen. 

Hier fügen sidi zwanglos die interessanten mythologisdien 
Überlieferungen an, weldie den Glauben an die befruditende Wir* 
kung, die dem Sdiatten zugesdirieben wird, audi beim Spiegelaber* 
glauben zeigen ^^ Hauptsädilidi kommt dafür der Dionysosmythos 

> Mitt. d. Gcogr. Ges. zu Jena, 1913. Ober ähnlidics auf dem malayisdien 
Archipel vgl. man Ztsdi. f. Ethnol. 22, p. 494 f. — Nadi Meinhof <Afrik. Rcl. 
1912) begegnet die Aufnahme der Stimme im Phonographen gelegentlich ähnlichen 
Schwierigkeiten. 

2 »Lebenskräfte des Evangeliums«, 1908, p. 30, Anmkg. 3. 

3 Wuttke, p. 289. 

* Köhler, Volksbrauch, Aberglauben etc. im Voigtlande, Leipzig 1867, 
p. 423. 

* Nach russischem Aberglauben steht das Spiegelbild eines Menschen in 
Verbindung mit seinem inneren Wesen <Spencer I. c. p. 426). 

« p. 100. 

^ Frazer, p. 94. 

»Preller, Griedi. Mythol. I, p. 598. 

^ Frazer, p. 94. 

^^ Haberland I. c. 

" Das Folgende nach Haberland I. c. p. 328 f. — Nur nebenbei sei hier 
der antike von Aristoteles und Plinius berichtete Glaube angeführt, daß ein 
Spiegel, in den eine menstruierende Frau hineinschaue, fleckig werde. — In Mecticn* 
bürg und Schlesien werden die Spiegel wie bei einem Todesfall auch dann verhängt, 
wenn eine Wöchnerin im Hause ist/ offenbar um das Kind im Mutterleib vor 
Bezauberung zu schützen. 



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Der Doppelgänger 149 



und die daran knüpfenden Mysterien in Betradit. Sdion seine Mutter 
Persephone hatte sidi, ehe sie den Zagreus gebar, in einem Spiegel 
betrachtet ^ was Negelein <L c.> als eine »Zeugung durdi Zu^ 
sammenwirken von PersönliAkeit und Doppelgänger« auffaßt. Be^ 
kanntlidi wurde dann Zagreus bei seiner Wiedergeburt als Dionysos, 
gewissermaßen als Ausgleidi seiner ursprünglidi rein weiblidien 
Zeugung, von Zeus allein in seinem Sdienkel ausgetragen. Audi 
in dieser Wiedergeburtsgesdiidite spielt ein Spiegel eine Rolle. Der 
vielgestaltige Zagreus betraditete sidi gerade als Stier in einem von 
Hephaistos verfertigten Spiegel, als die von der feindlidhen Hera 
gesandten Titanen kamen und ihn trotz seiner Verwandlung in Studie 
rissen,- einzig das Herz wurde gerettet, aus dem dann mittels der 
Semele Dionysos in der erwähnten Weise geboren wurde-. Aber 
nodi einen bedeutungsvollen Sdiöpfungsmythos beriditet Proklus von 
Dionysos: Er soll sidi selbst in dem von Hephaistos gesAmiedeten 
Spiegel betraditet und, von diesem Bild verführt, danadi alle 
Dinge gesdiafFen haben ^. Diese spätgriediisdie Auffassung von der 
Sdiöpfung der materiellen Welt findet ihr Urbild in der indisdien 
Kosmogonie, weldie die Selbstbespiegelung des Urwesens als Grund 
der materiellen Welt kannte, und setzt sidi in die neuplatonisdien 
und gnostisdien Lehren fort. So behaupteten die Gnostiker, Adam 
habe dadurdi, daß er sidi in einem Spiegel besdiaute und sidi in 
sein eigenes Bild verliebte, seine himmlisdie Natur verloren^. 

Die vom Anblid^ des Spiegelbildes ausgehende sdiädigende 
Wirkung stellt deutlidi die von Plutarch^ beriditete Sage des 
Entelidas dar, der von seinem Anblid^ im Wasser entzüd^t, durdi 
den eigenen bösen Blick erkrankte und mit seinem Wohlbefinden die 
Sdiönheit verlor. 

Beide Seiten des Glaubens, die verderblidie und die erotisdie, 
vereinigt in einzigartiger Synthese die bekannte Fabel von Nar^ 
kissos in der späten Form, in der sie auf uns gekommen ist. Ovid 
erzählt*', daß bei der Geburt des Narkissos der Seher Tiresias 
befragt wurde, ob dem Kinde ein langes Leben besdiieden sei, 
und er habe geantwortet: wenn er sidi nidit sehen würde. Einst 
erblickt jedodi der gegen Jünglinge und Mäddien gleidi spröde 
Narkissos im Wasser sein Spiegelbild und verliebt sidi dermaßen 
in den sdiönen ihm daraus entgegenstrahlenden Knaben, daß er aus 
Sehnsudit zu ihm dahinsiedit. Nadi späterer Sage entleibt sidi Nar* 
kissos selbst, nadidem er sidi in sein Spiegelbild verliebt hatte. Nodi 
in der Unterwelt sdiaut er im Styx sein Bild. Nadi einer nodi 



* Creuzcr, Symbolik 4, p. 196. 

2 W. Menzel, Die vorcfiristlidie Unsterblicfikeitslehre. Leipzig 1870, 
II p. 66. 

^ Menzel I. c, Creuzer I. c. 4, p. 129. 

* Menzel 1. c. p. 68. 

^ Moralia, quest. conv. V, 7, 3. 
« Metamorph. III, 342 ff. 



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150 Otto Rank 



späteren rationalistisdien Auffassutig bei Pausanias^ ist Narkissos 
nach dem Tod seiner ihm an Kleidung und Aussehen völlig gleidien 
ZwillingssAwester untröstlidi, bis er sein Spiegelbild erblickt und 
obwohl er weiß, daß er nur seinen Sdiatten sieht, doch eine gewisse 
Erleichterung seines Liebeskummers empfindet 2. Weiß man nun auch, 
daß die Befragung des Tiresias und anderes ^ als spätere dichterische 
Zutat der ursprünglichen Sage nicht angehört, so scheint es doch nicht 
ausgemacht, daß die Fabel ursprünglich, wie Frazer^ meint, nur 
in poetischer Einkleidung des Aberglaubens besagte, daß der Jüngling 
starb, nachdem er sein Spiegelbild (seinen Doppelgänger) im Wasser 
erblidct hatte, und daß die Verliebtheit in das eigene Ebenbild, die 
ja das Wesentliche der Narzißsage ausmacht, erst später zur Er* 
klärung herangezogen wurde, als man diesen ursprünglichen Sinn 
nicht mehr kannte. 

V. 

»Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, 
dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe 
Einwirkung auf unser Gemüt uns in die 
Hölle wirft, oder in den Himmel verzuAt.« 
A. T. A. Hoffmann. 

Die Psychoanalyse kann es unter keinen Umständen als bloßen 
Zufall betrachten, daß die Todesbedeutung des Doppelgängers mit 
der narzißtisdien — wie in der griechischen oage so auch anderwärts 
— eng verbunden erscheint. Zudem ergibt sidi der Anlaß, es nidit 
bei der Frazerschen Erklärung bewenden lassen, daraus, daß seine 
Zurückführung der NarzißfabeT das Problem nur auf die Frage nach 
Herkunft und Bedeutung der zugrunde liegenden abergläubischen 
Vorstellungen verschiebt. Sucht man aber doch zunächst auf Grund 
der Frazerschen Annahme nach einer Erklärung dafür, warum die 
an den Anblick des Doppelgängers geknüpfte Todesvorstellung "^ in der 
Narzißsage gerade durch das Motiv der Selbstliebe^ verdeckt worden 
sein sollte, so wird man zunächst an die allgemein wirksame Ten- 
denz denken müssen, welche die überaus peinliche Vorstellung des 
Todes mit besonderer Hartnäckigkeit aus dem Bewußtsein aus« 

1 9, 31, 6. 

^ Ein komisches Seitenstück dazu bietet die kamtschadalischc Erzählung von 
dem einfältigen Gotte Kutka, dem die Maus einen Streich spielt, indem sie ihm 
im Schlafe das Gesicht wie einer Frau anmalt/ als er dies im Wasser crblidct, 
verliebt er sidi in sich selbst (Tylor I. c. I, p. 104>. Vgl. die ähnliche Idee Hebbels, 
oben S. 115«. 

3 So die Verbindung des Narkissos mit der Echo, die von dem Spröden 
unerhört, sich in Gram verzehrt, bis nur mehr »vox tantum atque ossa supersunt«. 
Als Bestrafung für diese verschmähte Liebe läßt der Dichter den Jüngling in 
quälerische Selbstliebe verfallen. 

* 1. c. p. 94. 

^ Wiesel er (Narkissos, Göttingen 1856) faßt Narziß als Todesdämon 
<S. 76 fF.>, bezieht den Mythus aber audi auf die kalte Selbstliebe <S. 3^ 74). 



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Der Doppelgänger 151 



schließen will. Dieser Tendenz entsprechen ja die häufigen euphe* 
mistisdien Ersatzvorstellungen, die im Aberglauben allmählidi die 
ursprüngliche Todesbedeutung überlagern. Daß diese Tendenz aus 
einem begreiflidien Kompensationsbestreben traditet, ein möglichst 
entferntes und angenehmes Äquivalent einzusetzen, hat Freud am 
Parzenmythos gezeigt S in dessen verwandelten Gestaltungen an 
Stelle der Todesgöttin die Liebesgöttin tritt. Diese Entwid^lung des 
Motivs ist aber keine willkürliche, sondern greift nur auf eine 
alte, ursprüngliche Identität dieser beiden Gestalten zurück, die 
bewußterweise auf der Überwindung des Todes durdi eine neue 
Zeugung beruht und ihre unbewußte Grundlage im Mutterkomplex 
findet. Daß die Todesbedeutung des Doppelgängers gleichfalls zur 
Ersetzung durdi die Liebesbedeutung neigt, ersieht man aus den 
offenbar späten, sekundären und vereinzelten Überlieferungen, nadi 
denen Mädchen unter denselben Bedingungen ihren Liebsten im 
Spiegel sehen können, unter denen sonst Tod oder Unheil sich an* 
kündigen 2. Und in der Ausnahmsregel, daß dies für eitle Mädchen 
niAt zutreffe, dürfen wir einen Hinweis auf den die Liebeswahl 
störenden Narzißmus erkennen. Ähnlidi ist es ja audi in der Narziß* 
sage, von der eine zwar späte, aber psychologisdi gleidiwertige 
Version beriditet, der schöne Jüngling habe im W^asserspiegel ciie 
geliebte Zwillingsschwester <die Liebste) zu erblicken geglaubt. Nur 
steht hier neben dieser deutlidi narzißtisdien Verliebtheit audi die 
Todesbedeutung nodi so weit in Geltung, daß die enge Verknüpfung 
und tiefe Beziehung beider Komplexe außer Zweifel gestellt wird. 

Daß dem Doppelgängermotiv, weldies in dem folkloristisdien 
Material die Seelen* und Todesbedeutung hervorkehrt, auch der 
narzißtische Sinn von Natur aus nicht fremd ist, zeigen außer den 
angeführten mythologischen Überlieferungen vor allem die dichte* 
rischen Bearbeitungen, welche neben dem Todesproblem, sei es 
direkt, sei es in pathologischer Verzerrung, das narzißtische Thema 
in den Vordergrund treten lassen. 

Neben Furcht und Haß dem Doppelgänger gegenüber er* 
scheint die narzißtische Verliebtheit in das eigene Ebenbild und Ich 
am deutlichsten ausgeprägt bei Oskar Wildes »Dorian Gray«. 
»Die eigene Schönheit offenbart sich ihm« beim ersten Anblick 
seines Porträts, als er »das Abbild seiner eigenen Herrlichkeit sah« 
<1. c. 39)^. Und zugleidi befällt ihn die Furcht, er könnte jemals alt 
und anders werden als jetzt, die eng mit der Todesvorstellung ver^ 
knüpft ist: »wenn ich bemerke, daß idx alt werde, werde idi 
mich töten« <l. c). Dorian, der direkt als Narziß bezeidinet wird 



* Das Motiv der KästAenwahl. Imago II, 1913. 

- Auch dort, wo die Todesbedeutung, wi^ wir gesehen haben, zur Zukunfis* 
andeutung im allgemeinen sidi verflüditigt hat, ist der Übergang zur Glüdtsbedeutung 
<Liebe, Reiditum) leidit gegeben, indem an Stelle der unausweiAlidicn düsteren 
Zukunft die Wunsdivorstellungen einer verheißungsvollen Erwartung treten. 

* Übersetzt v. M. Prciß, Reclam Bibl. 



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Otto Rank 



<p. 13)^ liebt sein eigenes Bild und in diesem seinen eigenen Körper: 
»Einmal hatte er wie ein knabenhaft ausgelassener Narzissus die 
gemalten Lippen geküßt, die ihn jetzt so grausam anlächelten, 
morgen für Morgen hatte er vor dem Bilde gesessen und seine 
Sdiönheit bewundert, oftmals war er darüber in VerzüAung geraten« 
<L c. 129). Oft . . , sdilidi er zu dem versdilossenen Zimmer hinauf 
und stand dann mit einem Spiegel in der Hand vor dem Bilde . . . 
Bald sah er auf das häßlidie und alternde Antlitz auf der Lein* 
wand, bald auf das sdiöne jugendlidie Gesidit, das ihm aus dem 
blanken Spiegel entgegenladite. Er verliebte sidi immer mehr in 
seine eigene Schönheit« <154>. Mit dieser narzißtischen Einstellung 
hängt sein imposanter Egoismus, seine Unfähigkeit zur Liebe und 
sein abnormes Sexualleben zusammen. Die intimen Freundschaften 
mit jungen Männern, die ihm Hallward vorwirft <1. c. p. 179), 
suchen die erotische Verliebtheit in das eigene jugendliche Ebenbilci 
zu realisieren^ und den Frauen vermag er nur die gröbsten sinn* 
liehen Genüsse abzugewinnen, ohne einer seelischen Beziehung fähig 
zu sein. Diese mangelnde Liebesfähigkeit teilt Dorian mit fast allen 
Doppelgängerhelden ^ und er spricht es selbst an einer bedeutsamen 

' Hallward hatte ihn vorher auch so gemalen : »Du hast dich über den ein- 
samen Weiher in einer griecfiiscfien Waldung gebeugt und in dem silbernen Wasser- 
spiegel das Wunder der eigenen Schönheit geschaut* <l. c p. 139>. 

^ Ober die Bedeutung des Narzißmus für die homosexuelle Einstellung und 
Liebeswahl vgl. meinen »Beitrag zum Narzissismus« (Jahrb. f. Ps.-A. III, 1911) 
sowie die Arbeiten von Freud, Sadger u. a., auf die er sich stützt. — Auf die 
Beziehung des Doppelgängertums zum Narzißmus und zu verschiedenen Sexual- 
phantasien hat Sadger bereits aufmerksam gemacht (Psychiatrisch-Neurologisches 
etc., I. c.>. — In der interessanten Selbstbeobachtung eines Mannes, der mit seinem 
zweiten Ich gerne und viel spricht, findet sich ein pathologisch ausgeprägter Nar- 
zißmus: > Besonders abends nehme ich einen Stuhl und Spiegel her und betrachte 

nahezu eine Stunde lang mein Gesicht Dann lege ich mich ins Bett, nehme 

den Spiegel vor und lächle mich an und denke mir: Es ist jammerschade, daß dich 

jetzt niemand sieht ein ganzes Mädchen (bist du). Dann küsse idi mich im 

Spiegel, d. h. ich ziehe den Spiegel, mich darin besehend, langsam an meine Lippen. 
lÄ küsse also derart mein zweites Ich, und bewundere sein gutes Aussehen.« Auch 
nennt er das zweite Ich einen »schlechten Kerl« (Zentralbl. f. Ps.-A. IV, H. 7 — 8, 
April-Mai 1914, S. 415). 

' Als ein feiner diditerischer Zug muß es erscheinen, daß Lenau der schwe- 
dischen Sage vom Zusammenhang des Schattenverlustes mit der Unfruchtbarkeit 
eine narzißtische Begründung gibt: 



Anna steht in sich versunken. 
Blicket in den See hinein. 
Weidet eigner Schönheit trunken. 
Sich an ihrem Widerschein. 

Sie beginnt hinab zu reden: 
Wunderholde Jungfrau, sprich. 
Schönstes Bild im Lande Schweden, 
Bin ich du? und bist du ich? 

Anna neigt vom grünen Strande 
Sich in ihres Bildes Näh', 
Streift vom Busen die Gewände, 
Läßt ihn leuchten in den See. 



Nach dem Bilde niederhangend. 
Starrt sie zweifelnd und beglückt. 
Und das Bild, ihr nachverlangenci. 
Starrt bewundernd und entzückt. 

In den seligen Gebärden, 
Die das Bild ihr abgelauscht. 
Sieht sich Anna schöner werden. 
Und die Jungfrau steht berauscht 

»Wenn so schön ich immer bliebe! 
Muß dies Bild denn auch vergehn?« 
Ruft sie, eitler Eigenliebe, 
Horch! die Winde sausend wehn! 



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Der Doppelgänger 163 



Stelle deutlidi aus, daß sie aus der narzißtisdien Fixierung an das 
eigene Idi stammt: »Idi wünsAte, idi könnte lieben«, sagte Dorian 
Gray, eine tiefe Bewegung in seiner Stimme verratend. ,Aber es 
sdieint, daß idi die Leidensdiaft verloren und den Wunsdi vergessen 
habe. Ich habe mich zu stark auf mich selbst konzentriert. 
Die eigene Persönlidikeit ist mir eine Last geworden. Idi mödite 
entfliehen, weggehen, vergessen« <p. 240). In besonders deutlidier 
Ab wehr form zeigt dann der »Student von Prag«, wie sidi das 
gefürchtete Idi der Liebe zum Weib hindernd in den Weg stellt 
und in Wildes Roman wird eben klar, daß Furdit und Haß dem 
doppelgängerisdien Idi gegenüber mit der narzißtisdien Liebe zu 
demselben und deren Abwehr in engem Zusammenhang steht. Je 
mehr Dorian sein alt und häßlidi werdendes Ebenbild verabsdieut, 
desto intensiver wird seine Selbstliebe: »Der sidi von Tag zu Tag 
steigernde Kontrast erfüllte ihn mit lebhafter Freude. Er verliebte 
sidi immer mehr in seine eigene Sdiönheit . . .« <p. 154). 

Diese erotisdie Einstellung zum eigenen Idi ist aber nur mög^ 
lidi, weil daneben die abwehrenden Gefühle sidi an dem gehaßten 
und gefürditeten Doppelgänger entladen können. Der Narziß steht 
seinem Idi ambivalent gegenüber, etwas in ihm sdieint sidi gegen die 
aussdiließlidie Selbstliebe zu sträuben und die Abwehrform gegen 
den Narzißmus äußert sidi zunädist in zweierlei Weise ^: In Furdit 



Rausdicnd wird ihr Bild zertrümmert 
Im empörten Wellensdiaum,- 
Und das Mäddien sieht bekümmert 
Sidi darin vergehn wie Traum. 

Da ersdieint die Alte und warnt sie vor der Gefahr des Kindersegens für 
ihre Sdiönheit: 

^O dann frage deinen Schatten: 
Wangen, seid ihr mein, so bleidi? 
Augen mein, ihr hohlen, matten? 
Weinen wirst du in den Teidi.« 

Sie verlangt von der Alten, daß ihre Sdiönheit nie vergehen möge und 
erfreut sidi audi sieben volle Jahre dieser Gunst: 

Oftmals bei versdiloss'nem Riegel 
Ist sie unbelausdit allein. 
Stürzt ihr Aug' sidi in den Spiegel, 
Sdiwelgt in ihrem Widersdiein. 

* Weldie Formen die abwehrende Einstellung gegen das Spiegelidit an* 
nehmen kann, zeigt ein kürzlidi in London verhandelter Prozeß, aus dessen Beridit 
in einer Tageszeitung (v. 9. Dezember 1913) folgendes angeführt sei. Ein junger 
Lord hatte seine sdiöne ungetreue Geliebte zur Buße für adit Tage in ein Zimmer 
gesperrt, dessen Wände aus Spiegelsdieiben bestanden, weldie den Zwedc hatten, 
»der jungen Dame fortwährend ihr Antlitz vorzuhalten, damit sie es betradite und 
sidi im eigenen Angesidit Besserung gelobe. Im Laufe der Tage und Nädite, die 
das junge Mäddien zum Teil wadiend zubradite, bekam es vor dem ewig wieder-^ 
kehrenden Bilde des eigenen Gesidites ein soldies Grausen, daß sidi der Verstand 
zu verwirren begann. Immer versudite sie, dem Spiegelbild auszuweidien, und von 
allen Seiten grinste und lädielte ihr ihr eigenes Bild entgegen. Da wurde eines 
Morgens die alte Dienerin durdi ein fürditerlidies Poltern herbeigerufen. Miß R. 



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154 Otto Rank 



und Absdheu vor dem eigenen Spiegelbild, wie es Dorians fiktiver 
Romanheld und die meisten Gestalten Jean Pauls zeigen oder, wie 
in der Mehrzahl der Fälle, im Verlust des Sdiatten*, respektive 
Spiegelbildes, der aber, wie die Verfolgungen zeigen, gar kein Ver* 
lust ist, sondern im Gegenteil eine Verstärkung, Verselbständigung, 
ein ÜbermäAtigwerden, das eben wieder nur das überstarke Inter- 
esse am eigenen Idi erweist. So erklärt sidi der sdieinbare Wider- 
sprudi, daß der Verlust des Sdiatten- oder Spiegelbildes als Ver- 
folgung durdi dasselbe dargestellt werden kann, als Darstellung 
durdis Gegenteil auf der Basis der Wiederkehr des Verdrängten 
im Verdrängenden <siehe unten Sdilußabsatz), 

Denselben Medianismus zeigt der mit der Verfolgung durdi 
den Doppelgänger, das eigene Idi, so häufig verknüpfte Ausgang 
in Wahnsinn, der fast regelmäßig zum Selbstmord fuhrt. Audi wo 
die klinisdie Exaktheit nidnt an Dostojewskis unübertrefflidie Ge- 
staltung heranreidit, wird dodi deudidi, daß es sidi um paranoiisdie 
Verfolgungs- und Beeinträditigungsideen handelt, denen der Held 
von Seite seines Doppelgängers ausgesetzt ist. Nun wissen wir 
seit Freuds psydioanalytisdier Autklärung der Paranoia ^ daß dieser 
Erkankung »eine Fixierung im Narzißmus« zugrunde liegt, weldier 
der typiscüe Größenwahn, die Sexualübersdiätzung des eigenen Idi, 
entspridit. Die Entwidtlungsstufe, von der die Paranoiker auf den 
ursprünglidien Narzißmus regredieren, ist die sublimierte Homo- 
sexualität, gegen deren unverhüllten Durdibrudi sie sidi mit dem 
diarakteristisdien paranoisdien Medianismus der Projektion zur Wehre 
setzen. Auf Grund dieser Einsidit läßt sidi leidit zeigen, daß die 
Verfolger des Kranken regelmäßig den ursprünglidi geliebten Per- 
sonen <oder deren Ersatzfiguren) entspredien. Nun bestätigen die 
diditerisdien Darstellungen des Doppelgängermotivs, die den Ver- 
folgungswahn sdiildern, nidit nur ciie Freudsdie Auffassung von 



schlug mit beiden Fäusten in die Spiegelwände^. die Scherben flogen herum, flogen 
ihr in das Gesicht, sie achtete nicht darauf, sie schlug hinein, nur um nicht mehr 
das Bild zu sehen, vor dem sie ein solches Grausen bekommen hatte. Der sofort 
herbeigerufene Arzt konstatierte, daß Tobsucht ausgebrochen, die wahrscheinlich 
unheilbar geworden sei. Die Ursache führte er auf die Einsamkeit im Zimmer 
zurück, in dem das junge Mädchen nichts zu sehen bekommen hatte wie ihr eigenes 
Spiegelbild. € — Die furchtbare Wirkung dieser Strafe weist darauf hin, wie sehr sie 
psychologisch getroffen hatte. Daß die der Liebe geweihten Orte verschwenderisch 
mit Spiegeln ausgestattet wurden, berichtet Fuchs im Erg. Bd. z. galanten Zeit 
seiner »Illustr. Sitten^esch.«, indem er sich auch auf das Zeugnis Casanovas 
beruft. Als Gegensatz zum obigen sei folgende Stelle zitiert : »Sie war überrascht von 
dem Wunder, daß sie, ohne sich zu rühren, ihre reizende Person in tausendfach ver* 
schiedener Art sah. Ihr Abbild, das von den Spiegeln, dank einer sinnreichen An* 
Ordnung der Kerzen, vervielfältigt wurde, bot ihr ein neues Schauspiel, von dem 
sie ihre Blicice nicht abwenden konnte« <1. c. p. 16). — In einer Variante des 
Schneewittchen-Märchens aus dem rumänischen Siebenbürgen wird die Pflegemutter 
am Schluß zur Strafe (für ihre Eitelkeit) in ein Zimmer gesperrt, dessen Wände 
aus lauter Spiegeln bestehen <BökIen, Schneewittchen-Studien, p. 51). 

^ Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. f. Ps.-A. III, 1911, p. 64. 



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Der Doppelgänger 155 



der narzißtischen Disposition zur Paranoia, sondern sie reduzieren 
audi in einer von den Geisteskranken relativ selten erreiditen An^ 
sdiaulidikeit den Hauptverfolger auf das eigene Idi, die ehemals 
geliebteste Person, gegen die sidi nun die Abwehr riditet^ Diese Auf* 
Fassung ersdieint keineswegs als Widersprudi gegen die homosexuelle 
Ätiologie der Paranoia, denn wir wissen, wie bereits erwähnt, daß 
das gleidigesdileditlidie Liebesobjekt ursprünglidi in narzißtisdier Ein^ 
Stellung nadi dem eigenen Ebenbilde gewählt wurde. 

In Zusammenhang mit der paranoisdien Verfolgung steht ein 
anderes Thema, das nodi Hervorhebung verdient. Wir wissen, daß 
die Person des Verfolgers häufig den Vater oder dessen Ersatz 
<Bruder, Lehrer etc.) vertritt und finden audi in unserem Material 
den Doppelgänger oft mit dem Bruder identifiziert. Am deutlidisten 
bei Musset, aber audi bei Hoff mann <Elixiere des Teufels, Die 
Doppelgänger), Poe, Dostojewski und anderen, meist sogar als 
Zwillingsbruder, was nodi in der Sage vom weibisdien Narziß nadi- 
klingt, der in seinem Ebenbild die ihm in allem ähnlidie Zwillings^ 
sdiwester zu erblid^en glaubt. Daß die Diditer, weldie das DoppeU 
gängermotiv bevorzugen, audi mit dem Bruderkomplex zu kämpfen 
hatten, ergibt sidi aus der nidit seltenen Behandlung der Bruder* 
rivalität in anderen Werken von ihnen. So hat Jean Paul in dem 
berühmten Roman »Flegeljahre« das Motiv der miteinander rivali* 
sierenden Zwillingsbrüder behandelt, ebenso Maupassant in »Pierre 
et Jean« und dem unvollendeten Roman »L'Angelus«, Dosto* 
jewski in »Die Brüder Karamasow« etc.^ Tatsädilicb ist der DoppeU 
ganger, von außen betraditet, der Rivale seines Urbildes in allem 
und jedem, in erster Linie aber in der Liebe zum Weibe und diesen 
Zug dürfte er zum Teil audi der Identifizierung mit dem Bruder 
verdanken. Über dieses Verhältnis äußerte jüngst ein Autor in 
anderem Zusammenhange^: »Der jüngere Bruder pflegt audi im ge- 
wöhnlidien Leben bereits äußerlidi dem älteren irgendwie ähnlidi zu 
sein. Er ist gleidisam das lebendig gewordene Spiegelbild des brüder* 

* Die Bedeutung eines eventuell andersgeschlechtlicfien Verfolgers im Bild 
der Paranoia kann hier nidit erörtert werden,- dorfi sdieint sie sidi der von Freud 
entwickelten Gesamtauffassung ganz ausgezeidinet einzufügen. — Ein Gegenstück 
der paranoisdien Erkrankung im Gefolge der Abwehr des Narzißmus bildet die 
von Raimund dargestellte Heilung des Rappelkopf von seinem paranoisdien 
Wahn durdi bewußte Vorführung des Doppelgängers. Audi Rappelkopfs Beein- 
träditigungsideen gehen zunädist von der eigenen Frau aus, von der er sidi ver^ 
folgt glaubt und vor der er flüditet, um sidi mit der Einsamkeit »zärtlidi zu 
beweiben^. Aber hier gelingt es, die Projektion rüdegängig zu madien: anstatt sidi 
zu lieben und andere zu hassen, lernt der Held andere lieben und sidi hassen. 

' Nebenbei seien genannt: die beiden Dramen »Die Brüder« von Poritzki 
<1907>, dem Verfasser mehrerer Doppelgängergesdiiditen und das gleidinamige 
StüA von Paul Lindau (nadi dem gleidinamigen Roman desselben), der dem 
Thema des Doppelgängers gleidifalls besonderes Interesse sdienkte. Die auf dem 
Motiv der Zwillingsgesdiwister beruhende Verwedislungskomödie <s. oben p. lll-) 
gestattet die humoristisdic Auflösung der tragischen Brüderrivalität. 

^ J. B. Schneider, Das Gesdiwisterproblem. Gcsdil. u. Gesellsdi. VIII, 
1913, p. 381 (September). 



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lidicn ,Ichs' und darum audi ein Nebenbuhler in allem und jedem, 
was jener sieht, fühlt und denkt.« Wie diese Identifizierung mit der 
narzißtisdien Einstellung zusammenhängen könnte, mag aus einer 
anderen Äußerung desselben Autors hervorgehen. >Das Verhältnis 
des älteren zum jüngeren Bruder ist analog dem des Autoerotikers 
zu sidi selbst.« 

Aus dieser brüderlidien Rivalitätseinstellung gegen den gehaßten 
Nebenbuhler in der Liebe wird audi der Todeswunsdi und der 
Mordimpuls gegen den Doppelgänger ein StüA weit verständlidi ^ 
wenngleidi die Bruderbedeutung in diesem Falle das Verständnis 
nidit ersdiöpft. Das Brüdermotiv ist eben nidit die Wurzel des 
Doppelgängerglaubens, sondern nur eine — allerdings wohldeter* 
minierte — Interpretation der zunädist unzweifelhaft rein sub^ 
jektiven Bedeutung des Doppelgängers. Allerdings genügt zu deren 
Aufdeckung nidit die psydiologisdie Konstatierung, daß >der seelisdie 
Zwiespalt den Doppelgänger sdiafft«, der einer »Projektion der 
inneren Zerrissenheit« entspridit und dessen Gestaltung eine innere 
Befreiung, eine Entlastung mit sidi bringt, wenn audi um den Preis 
der »Angst vor Begegnung«. So »gestaltet die Furdit aus dem 
Idikomplex das Sdired<gespenst des Doppelgängers«, der »die 
geheimen und stets unterdrückten Wünsdie seiner Seele wahrmadit«*. 
jenseits der Feststellung dieser formalen Bedeutung des DoppeU 
gängers erheben sidi erst die eigentlidien Probleme, die auf ein Ver- 
ständnis der psydiologisdien Situation und der Einstellung zielen, 
weldie eine soldie innere Spaltung und Projektion sdiaffen. 

Als auffälligstes Symptom dieser Gestaltungen ersdieint ein 
mäditiges Sdiuldbewußtsein, das den Helden nötigt, für gewisse 
Handlungen seines Idi die Verantwortung nidit mehr auf sidi zu 
nehmen, sondern einem anderen Idi, einem Doppelgänger, aufzu* 
bürden, der entweder im Teufel selbst personifiziert ist^ oder durdi 
die Teufelsversdireibung gesdiaffen wird. Diese abgespaltene Per* 
sonifikation der als verwerflidi empfundenen Triebe und Neigungen, 
denen auf diesem Umweg dodi verantwortungslos gefrönt werden 
kann, verwandelt sidi in anderen, offenbar sekundären Gestaltungen 
des Themas aus einem verderblidien Verführer in einen wohltuen* 
den Warner (»William Wilson«), der direkt als das »Gewissen« 
des Mensdien angesprodien wird <z. B. »Dorian Gray« u. a. m.>. Dieses 
Sdiuldbewußtsein, das versdiiedene Quellen hat, mißt, wie Freud 



* Natürlich ebenso die Sympathie, die aus dem Rivalen sekundär eine Art 
Sdiutzgeist (William Wilson) madit oder gar eine Person, die sidi für das Wohl 
ihres Doppelgängers opfert, wie beispielsweise in Dickens' »Tale of Two Cities«, 
wo die Doppelgänger dasselbe Mäddien lieben (Rivalität) und der eine sidi für 
den anderen hinriditen läßt, was den ursprunglidien Todeswunsdi, wenn audi in 
gemilderter Form, dodi realisiert, indem der Nebenbuhler bei Seite gesdiafft wird. 

2 Emil Lucka, Dostojewski und der Teufel (Lit. Edio XVI, 6, 15. De* 
zcmbcr 1913). 

^ Dostojewskis »Bruder Karamosow«, Jean Pauls »Bcidite« oder in den 
von Sadger I. c. zitierten »Memoiren des Satans«. 



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Der Doppclgänger 167 



dargelegt hat\ einerseits die Distanz zwisdien dem Idiideal und der 
erreiditen Wirklidikeit, anderseits wird es aus einer mäditigen Todes^ 
furdit gespeist und sdiafFt heftige Selbstbestrafungstendenzen, die 
audi den Selbstmord mitbedingen. 

Nadidem wir die narzißtisdie Bedeutung des Doppelgängers 
in ihrem positiven Sinne wie audi in den versdiiedenen Abwehr* 
formen hervorgehoben haben, erübrigt uns noch, die im Material breit 
vertretene Todesbedeutung unserem Verständnis näher zu bringen 
und ihre Beziehung zu dem bereits ermittelten Sinn aufzuzeigen. 
Was uns die folkloristisAen und mandie der diditerisdien Dar* 
Stellungen ohne weiteres verraten, ist eine ungeheuere Todesfurdit, 
die sim insoferne mit den bisher besprodienen Abwehrsymptomen 
berührt, als audi in diesen die Angst <vor dem Ebenbild, vor dessen 
Verlust oder Verfolgung) das hervorstediendste Merkmal bildete. 

Ein Motiv, weldies einen gewissen Zusammenhang der Todes* 
angst mit der narzißtisdien Einstellung verrät, ist der Wunsdi, 
immer jung zu bleiben-, der einerseits die libidinöse Fixierung des 
Individuums an ein bestimmtes Entwidilungsstadium des Idi darstellt, 
anderseits aber der Furdit vor dem Altwerden Ausdrud^ gibt, 
hinter der letzten Endes die Todesfurdit sted<t. So sagt Wildes 
Dorian: >Wenn idi bemerke, daß idi alt werde, werde idi midi 
töten« <p. 39). Damit sind wir bei dem bedeutsamen Thema des 
Selbstmords, mit dem eine ganze Reihe der von ihrem Doppel* 
ganger verfolgten Helden enden. Von diesem der behaupteten Todes* 
furdit sdieinbar so sehr widerspredienden Motiv läßt sidi nun gerade 
aus seiner besonderen Verwendung in diesem Zusammenhang zeigen, 
daß es mit dem Thema der Todesfurdit, aber audi mit dem Nar* 
zißmus in enger Beziehung steht. Denn nidit den Tod fürditen diese 
Helden und ihre Diditer — soweit sie Selbstmord versudit oder 
verübt haben <Raimund, Maupassant) — , sondern die Erwar* 
tung des unvermeidlidien Todessdiid^sals ist ihnen unerträglidi oder 
wie Dorian Gray es ausdrüAt: »Idi habe keine Furdit vor dem 
Tode. Nur das Nahen des Todes beängstigt midi« <p, 239). Der 
normalerweise unbewußte Gedanke von der bevorstehenden Ver* 
niditung des Idi, das allgemeinste Beispiel der Verdrängung eines 
unerträglidien Wissens, peinigt diese Unglüd^lidien mit der bewußten 
Vorstellung ihres ewigen, ewigen Niditmehrwiederkommens, von 
der die Erlösung einzig im Tode möglidi ist. So kommt es zu 
der sonderbaren Paradoxie, daß der Selbstmörder, um sidi von der 
unerträglidien Todesangst zu befreien, den Tod freiwillig sudit. 

Man könnte nun einwenden, daß die Todesfurdit einfaÄ Äußerung 
eines überstarken Selbsterhaltungstriebes sei, der auf seine Durdi* 
Setzung nidit verziditen will und gewiß hat die nur zu bereditigte 

' Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbudi der PsyAoanalyse, 
VI. Bd., 1914. 

• Man vgl. die in Bezug auf die Liebe zum Weib interessante Darstellung 
dieses Motivs in Wilbrandts »Meister von Palmyra«. 



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158 Otto Rank 



Furdit vor dem Tode, der ja eines der Grundübel der MensAheit ist, 
ihre Hauptwurzel in der durdi den Tod aufs stärkste bedrohten Selbst* 
erhaltung. Aber für die pathologisdie Todesangst, die unter Um* 
ständen direkt zum Selbstmord führt, reiAt diese Motivierung nidit 
hin. In dieser neurotisdien Konstellation, in der das zu Verdrän* 
gende, gegen das sidi das Individuum wehrt, sdiließlidi wirklidi 
realisiert wird, handelt es sidi um einen komplizierten Konflikt, an 
dem neben den der Selbsterhaltung dienenden lAtrieben audi die 
libidinöscn Regungen beteiligt sind. Ihr Anteil erklärt uns erst voll 
die hier zustande kommende pathologisdie Angst, hinter der wir ein 
Stüdi verdrängter Libido erwarten müssen. Dieses glauben wir nun — 
neben anderen bereits bekannten Faktoren^ — in dem Stüd^ Nar* 
zißmus gefunden zu haben, das sidi von der Todesvorstellung 
ebenso intensiv bedroht fühlt wie die reinen Iditriebe und das 
darauf mit der pathologisdien Todesangst und ihren eventuellen 
Konsequenzen reagiert. Zum Beweise dafür, daß die reinen lA- 
interessen der Selbsterhaltung die pathologisAe Todesangst auA für 
andere BeobaAter niAt befriedigend zu erklären vermögen, führen 
wir das Zeugnis eines psyAologisA eänzliA unvoreingenommenen 
ForsAers an. Spieß, aus dessen werk wir manAen Beleg ent* 
nommen haben, gibt der AnsiAt AusdruA, daß »der SAauder 
des MensAen vor dem Tode niAt bloß aus der natürliAen Liebe 
zum Leben entspringt« und führt dies mit folgenden Worten aus 
<p. 115): »Es ist das aber niAt eine AnhängliAkeit an das Erdendasein/ 
denn das haßt der MensA oft . . . Nein, es ist die Liebe zu seiner 
ihm eignen, im bewußten Besitz befindliAen PersönliAkeit, die 
Liebe zu seinem Selbst, zu dem zentralen lA seiner Individuali* 
tat, die ihn ans Leben fesselt. Diese Selbstliebe ist ein unzertrenn- 
liAes Element seines Wesens/ in ihr ist der Instinkt der Selbst* 
erhaltung gewurzelt und gegründet, und daraus entspringt ihm die 
tiefe und gewaltige SehnsuAt, dem Tod, dem Versinken in das 
NiAts zu entrinnen ^ und die Hoffnung, zu einem neuen Leben 

* Aus libidinöscn Quellen (Eifersucht) entspringende Todeswünsdie gegen 
nahestehende Konkurrenten <z. B. Bruder) und deren Abwehr in Form der Hin* 
Wendung gegen das eigene Idi <SeIbstbestrafung). In einem Falle mit sAweren 
Todesangstanfällcn ließ sidi die Zwisdicnstufe der gegen Nahestehende geriAteten 
Todeswünsdie leidit aufzeigen. Pat. gibt nämlidi an, daß die sdiweren Todes* 
befurditungen sidi anfangs auf seine näoiste Familie (Mutter, Bruder) bezogen, che 
sie sidi auf ihn selbst warfen. 

* Es sei hier an die Furcht vor dem Lebendigbegrabenwerden erinnert, die 
Poe, Dostojewski und andere Dichter verraten. Diese pathologische Angst vor 
dem Tode hat Mereschkowski <1, c.) als wichtigsten Faktor zum Verständnis 
von Tolstois Wandlung und Persönlichkeit aufgezeigt (p. 27 f.). Ende der 
Siebzigerjahre hat ihn ein solcher »Anfall von Todesfurchtc nach Mereschkowskis 
Worten »fast zum Selbstmord getrieben« <p. 30). Die Grundlage für diese über* 
mächtige Todesangst findet Mereschkowski folgerichtig in ihrer Kehrseite — 
einer starken Liebe zum Leben, die sich in Form einer grenzenlosen Liebe zum 
eigenen Körper manifestiert. Mereschkowski wird nicht müde, diese Liebe zum 
eigenen Ich als den wesentlichsten Charakterzug Tolstois hervorzuheben. Schon 
von der dunklen Erinnerung an die früheste Kindheit an, wo Tolstoi, drei bis 



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Der Doppclgänger 159 



und einer anderen Ära der FortentwiAIung wieder zu erwadien. 
Der Gedanke, sidi selbst zu verlieren, ist dem Mensdien so uner^ 
träglidi, und dieser Gedanke ist es, der ihm den Tod so fürditerlidi 
madit . . . Man sdielte dieses hoffende Verlangen immerhin kindi^ 
sdie Eitelkeit, lächerlidien Größenwahn,- es lebt einmal in der Brust, 
es beeinflußt und regiert unser Diditen und Traditen.« Dieser Zu* 
sammenhang liegt nun mit aller wünsdienswerten Deutlidikeit, ja 
geradezu plastisdi in dem diduerisdien Material zutage, in dem ja 
überhaupt die narzißtisdie Selbstbehauptung und Selbstübersdiätzung 
vorherrsdit. Die häufige Tötung des Doppelgängers, durdi die sidi 
der Held vor den Verfolgungen durdi sein lA endgiltig zu sdiützen 
sudit, ist eigentlidi ein Selbstmord — und zwar in der sdimerzlosen 
Form der Tötung eines anderen Idis: eine unbewußte Illusion von 
Abspaltung eines bösen, strafwürdigen Idi, weldie die Vorbedingung 
jedes Selbstmordes zu sein sdieint. Der Selbstmörder ist nidit im^ 
Stande, die aus der Bedrohung seines Narzißmus folgende Todes*^ 
angst durdi direkte Selbstverniditung zu beseitigen,- er greift 
zwar zur einzig möglidien Befreiung, zum Selbstmord, ist aber un* 
fähig, diesen anders als an dem Phantom des gefürditeten und 
gehaßten Doppelgängers auszuführen, weil er sein Idi zu sehr liebt 
und sdiätzt, um ihm Sdimerz zuzufügen oder die Idee seiner Ver* 
niditung in die Tat umzusetzen. ^ Der Doppelgänger erweist sidi in 
dieser subjektiven Bedeutung als ein funktionaler Ausdrud^ der 
psydiologisdien Tatsadie, daß das derart eingestellte Individuum von 
einer bestimmten Phase seiner narzißtisdi geliebten Idientwid^lung 
nidit loskommen kann, die ihm immer und überall wieder entgegen^ 
tritt und seine Aktionen in einer bestimmten Riditung hemmt. Hier 
bekommt die allegorisdie Deutung des Doppelgängers als eines 
StüAes unabstreifbarer Vergangenheit ihren psydiologisdien Sinn und 

vier Jahre alt, als einen seiner glücklichsten Eindrücke ein Bad erwähnt: »Zum 
erstenmal erblickte ich meinen kleinen Körper mit den mir sichtbaren Rippen auf 
der Brust und gewann ihn lieb.« Mereschkowski weist nun nach, daß von 
diesem Augenblidce an ihn diese Einstellung zu seinem Körper sein ganzes Leben 
lang nicht mehr verlassen habe <p. 52 f.). Von Tolstois Tätigkeit als Lehrer 
sagt Mereschkowski (p. 15): »Er erfreute sich — ein ewiger Narziß — an 
der Abspiegelung seines Ichs in den kindlichen Seelen ... Er liebte auch in den 
Kindern . . . nur sich selbst, sich allein.« Als Gegenstück zu der bei Jean Paul 
ausgeprägten Furcht vor dem Anblick der eigenen Gliedmaßen sei, als ein Beispiel 
für mehrere, auf die Stelle in »Anna Karenina« hingewiesen, wo Wronski selbst* 
gefällig seine »elastische Wade« betrachtet, die er sich kurz vorher verletzt hat: 
»Auch früher hatte er das freudige Bewußtsein seines körperlichen Lebens empfunden, 
aber noch niemals vorher hatte er sich — seinen Körper so geliebt« (1. c. p. 53). 
»Die Liebe zu sich selbst, damit beginnt und endet alles. Liebe oder Haß zu sich 
selbst, nur zu sich selbst, das sind die hauptsächlichsten, einzigen, bald ofi'en 
liegenden, bald verdeckten Achsen, um die sich alles in den ersten, vielleicht auf- 
richtigsten Werken L. Tolstois cireht und bewegt« <1. c. p. 12). 

^ Ahnlich läßt Balduin den Duellgegner von seinem anderen (schlechteren) 
Ich töten/ es ist sozusagen sein Narzißmus, der sich gegen die mögliche Ver- 
nichtung des Ich durch den Gegner instinktiv und wider seinen Willen zur 
Wehre setzt. 



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160 Otto Rank 



es wird deutlich, was den MensAen an die Vergangenheit fesselt 
und warum diese die Gestalt des Doppelgängers annimmt ^ 

Aber audi die Bedeutung des Doppelgängers als Verkörperung 
der Seele, wie sie der primitive Glaube darstellt, der in unserem 
Aberglauben fortlebt, steht mit den bisher erörterten Momenten 
in engem Zusammenhang. Es sdieint nämlidi, daß die Entwidmung 
des primitiven Seelenglaubens den hier am pathologisdien Material 
dargelegten psydiologisdien Verhältnissen in weitem Maße analog 
ist, was die Ȇbereinstimmung im Seelenleben der Wilden und der 
Neurotiker« aufs neue zu bestätigen geeignet wäre. Dieser Umstand 
würde es audi erklärlidi maAen, daß die primitiven Verhältnisse 
in den späteren mythisdien und künstlerischen Darstellungen des 
Themas sich wiederholen und zwar mit besonderer Betonung der in 
der Urgeschichte nodi nicht so deutlich hervortretenden libidinösen 
Faktoren, die jedoch einen Rückschluß auf die undurchsiditigeren 
Urphänomene gestattete. 

Daß wir uns den primitiven Menschen — ebenso wie das 
Kind 2 — exquisit narzißtisch eingestellt denken müssen, hat Freud' 

^ Mickiewicz hat in seiner fragmentarischen Dichtung »Totenfeierc 
(»Dziady«) das Doppelgängcrproblem in der Form behandelt, daß der Selbstmörder 
Gustav im Moment seines Todes zu einem neuen zweiten Leben erwacht, in 
welchem er eigentlich sein erstes Leben bis zum selben Punkte wiederlebt, da er 
über eine bestimmte Phase desselben nicht hinauskommen kann <Frdl. Mitteilung 
von Dr. Federn). Diesen psychologischen Mechanismus finden wir im Sinne unserer 
Auffassung verbildlicht in dem Lied vom versteinerten Jüngling, das ein Kind 
als Einlage singt. Der Ritter von Twardow erstürmt einst ein altes Schloß und 
findet in einem verschlossenen Gewölbe in Ketten vor einem Spiegel einen Jüngling 
stehend, der durch einen Zauber Stückchen um Stückchen zu Stein verwächst. Im 
Verlauf von zwei Jahrhunderten ist er schon bis zur Brust versteinert, doch sein 
Gesicht ist noch frisch und lebensvoll! Der des Zaubers kundige Ritter will den 
Spiegel zerschlagen und den Jüngling dadurch befreien, dieser aber verlangt den 
Spiegel, um sich selbst vom Banne zu erlösen: 

»Nahm ihn und seufzte, — erbleichend blickt er 
Und tränenden Auges hinein: 
Und einen Kuß auf den Spiegel drückt er — 
Und wurde ganz zu Stein.« 

(Totenfeier, übers, von Siegfr. Lipiner, Leipzig 1887, p. 9). 

2 Sehr hübsch schildert das Erwachen des kindlichen Ichbewußtseins und 
dessen Zusammenhang mit der Selbstliebe Fritz Witteis: »Als ich nodi ein kleiner 
Knabe war, erwachte ich eines Tages mit der überwältigenden Erkenntnis, daß ich 
ein Ich sei, daß ich zwar äußerlich aussähe, wie andere Kinder, aber dennoch 
grundverschieden sei und um ein Ungeheures wichtiger. Ich stellte mich vor den 
Spiegel, betrachtete mich aufmerksam und sprach mein Spiegelbild oftmals hinter* 
einander mit meinem Vornamen an, womit ich offenbar bezweckte, von dem Bild 
in der Außenwelt zu mir eine Brücke zu schlagen, über die ich in mein uner* 
gründliches Ich eindringen könnte. Ich weiß nicht, ob ich mein Spiegelbild geküßt 
habe, aber ich habe gesehen, daß andere Kinder das Spiegelbild küssen. Sie finden 
sich mit ihrem Idi damit ab, daß sie es lieben.« < Das Ich des Kindes. c — In 
»Die sexuelle Not«, Wien 1909, p. 109.) — Während der Korrektur kommt mir zu* 
fällig das letzte Buch desselben Autors zu Gesicht <»Qber den Tod« etc., Wien, 
M. Perl es, 1914), welches das Problem des Todes auf das der Todesangst reduziert. 

^ Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. Imago II, 1913. 



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Der Doppelgänger 161 



an der auf der Allmadit der Gedanken beruhenden animistisdien 
Weltauffassung wahrsdieinlidi gemadit und die angeführten narziß* 
tischen Weltsdiöpfungstheorien weisen, ähnlidi wie die späteren auf 
dem Idi basierenden philosophisdien Systeme <z. B. Fidite), darauf 
hin, daß der Mensdi die ihn umgebende Realität zunädist nur als 
Widerspiel oder Teil seines Idi zu apperzipieren vermag ^ Ebenso 
hat Freud <a. a. 0.> darauf hingewiesen, daß der Tod, die uner* 
bittlidie Ananke es ist, die sidi dem Narzißmus des Primitiven 
widersetzt und ihn nötigt, einen Teil seiner Allmadit an die Geister 
abzugeben. An diese dem Mensdien aufgedrängte Tatsadie des 
Todes, die er ständig von sidi abzuleugnen sudit, knüpfen aber die 
ersten Seelenvorstellungen an, wie sidi für die Natur*' wie die 
Kulturvölker nadiweisen läßt. Zu den allerersten und primitivsten 
Seelenvorstellungen gehört nun der Sdiatten, der ein getreues Eben* 
bild des Körpers und dabei dodi von einer leiditeren Substanz 
sdieint. Wundt^ bestreitet zwar, daß der SAatten ein ursprüng- 
lidies Motiv zur Seelenvorstellung abgegeben habe/ er glaubt, daß 
die von der Körperseele versdiiedene »Sdiattenseele«, das alter Ego, 
»allem Ansdiein nadi im Traum und Vision die einzige Quelle 
hat«^. Dodi haben andere Forsdier, wie beispielsweise Tylor* an 
reidiem Material gezeigt, daß bei den Naturvölkern die Bild* oder 
Sdiattenbezeidinungen überwiegen und nodi Heinzelmann, der 
sidi auf die neuesten Ergebnisse stützt, nimmt in diesem Punkte 
gegen Wundt Stellung, indem er an einer Fülle von Beispielen 
nadiweist, »daß es sidi aber audi hier um ganz beständige und 
weithin wiederkehrende Ansdiauungen handelt« <1. c. p. 19>. Der 
Primitive betrachtet, ähnlidi wie Spencer mit Redit für das 
Kind behauptet ^ den Sdiatten als etwas Reales, als ein dem 
Mensdien angehängtes Wesen und wird in seiner Auffassung als 
Seele bestärkt durdi die Tatsadie, daß der Tote (Liegende) eben 
keinen Sdiatten mehr wirft*'. Den Beweis für den Glauben, daß das 
beweglidie Idi audi nadi dem Tode nodi existiere, mag der Mensdi 
aus der Traumerfahrung gesdiöpft haben/ aber daß er audi sdion 
bei Lebzeiten einen geheimnisvollen Doppelgänger habe, kann ihm 
nur der Sdiatten und das Spiegelbild nahegeoradit haben. Die ver- 
sdiiedenen Tabus, Vorsiditen und Vermeidungen, mit denen der 
Wilde den Sdiatten bedenkt, weisen in gleidi hohem Grade auf die 



* Vgl.Frazcr, Bclicf etc. p. 19. — »Er ist grenzenloser Egoist«, sagt Heinzel- 
mann (I. c. p. 14) nadi H. Visscher, Religion und soziales Leben bei den Natur- 
völkern, Bonn 1911, I, p. 117/ 11, p. 243 ff . 

* Völkerpsychologie, Bd. 11, Teil 2. 

' Den Traum als die Hauptquelle für den Glauben an das Fortleben der 
Seele nadi dem Tode betont audi Frazer, Belief etc., p. 57, 140, 214; und Rade- 
stock I. c. p. 251. — Nidit zu vergessen ist, daß man sidi im Traume selbst 
sieht. — 

* Anf. d. Kultur, I, p. 423 ff. 

* Vgl. audi das oben angeführte Gedidit von Stevenson -Dehmcl. 

* Spencer I. c, Negelein I. c. 

Imago 1II/2 11 



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162 Otto Rank 



narzißtisdie Sdiätzung des Ich wie auf die ungeheuere Angst vor 
seiner Bedrohung hin. Es spridit nun sehr deuriidi dafür, daß es 
der primitive Narzißmus ist, weldier sidi vorwiegend durdi die un* 
ausweidilidie Verniditung des Idi bedroht fühlt, wenn als die ur* 
sprünglidiste Seelenvorstellung ein dem körperlidien Idi möglidist 
ähnliches Ebenbild, also ein wahrhaftiger Doppelgänger, angeführt, 
wenn also die Todesvorstellung durch eine Vercioppelung des Ich, 
die sich im Schatten oder Spiegelbild verkörpert, dementiert wird. 
Wir haben gesehen, daß den wilden Völkern die Bezeichnungen für 
Schatten, Spiegelbild und ähnliche Begriffe auch für die Vorstellung 
»Seele« dienen und daß die ursprünglichste Seelenvorstellung der 
Griechen, Ägypter und anderer hochstehender Kulturvölker sich mit 
der eines dem Körper wesensgleichen Doppelgängers deckt ^/ und 
auch die Auffassung der Seele als Spiegelbild setzt voraus, daß sie 
einem genauen Abbild des Körpers gleiche. Ja N egelein spricht 
direkt von einem »primitiven Monismus von Leib und Seele«, 
womit er meint, daß sich ursprünglich die Vorstellung der Seele mit 
der eines zweiten Leibes völlig deckte,- und er führt zum Beweise 
dafür an, daß man bei den Ägyptern Abbilder der Toten herstellte ^, 
um diese vor ewigem Untergang zu schützen. Einen so materiellen 
Ursprung hat die Seelenvorstellung, die sich später mit zunehmen^ 
der Realerfahrung des Menschen, der doch den Tod als ewige Ver* 
nichtung nicht anerkennen will, wenigstens zum immateriellen Begriff 
verflüchtigen mußte. Ursprünglich handelt es sich allerdings noch nicht 
um einen Unsterblichkeitsglauben, sondern dem primitiven Narzißmus, 
wie er sich auch noch beim Kinde äußert, entspringt die vollständige 
Unkenntnis der Todesvorstellung: für den Primitiven ist es — wie 
für das Kind — selbstverständlidi, daß er ewig so weiterleben werde ^ 
und der Tod wird als ein unnatürlidies, durch Zauberei bewirktes 
Ereignis aufgefaßt^. Erst bei der Apperzeption der Todesvorstellung 
und der aus dem bedrohten Narzißmus folgenden Todesangst taucht 
der Unsterblichkeitswunsch als solcher auf, der eigentlich den ur* 

* NaA Roh de führt die ursprüngliche Seelenvorstellung zur Verdoppelung 
der Person, zur Bildung eines zweiten Ich. — »Die mit dem Tod entsdiwundene 
Seele ist das genaue Abbild des hier unten körperlich lebenden Menschen c (Hein- 
zelmann 1. c. p. 20). NoA naA Abschluß der Korrektur kann ich diese Belege 
mit einem Hinweis auf das eben ersdiienene Buch von Rudolf KI ein paul (Volks* 
Psychologie, Berlin 1914, Göschenscher Verlag) vermehren, der gleidifalls als die 
ursprünglidiste Seelen Vorstellung einen Doppelgänger aufzeigt <S. 5 f., 131, 171). 

' Man vgl. audi die Spiegel als Grabbeigaben in den ältesten griechischen 
Zeiten (Creuzer 4, p. 196) und bei den Mohammedanern (Haberland 1. c). 

5 Frazcr, Belief etc., p. 33, 35, 53 etc. Bezeidinend für diese naive Ein* 
Stellung ist die Bemerkung des Anthropologen K. von den Steinen, der einem 
Bakairi'Indianer den Satz: »Alle MensAen müssen sterben* zur Übersetzung in 
dessen Spradie vorsagte. Zu seinem großen Erstaunen zeigte siA, daß der Mann 
niAt imstande war, den Sinn dieses Satzes zu erfassen, da er von der Notwendig- 
keit des Todes keine Ahnung hatte. (»Unter den Naturvölkern ZentraUBrasiliens«, 
Berlin 1894, p. 344, 348/ naA Frazer, Belief etc., p. 35.) 

* 1. c. p. 84 fr. 



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Der Doppelgänger 163 



sprünglidien naiven Glauben an die ewige Fortexistenz in einer 
teilweisen Akkomodation an die inzwisAen apperzipierte Todes* 
erfahrung wiederbringt. So ist also der primitive Seelenglaube ur* 
sprünglidi niAts anderes als eine Art des Unsterblidikeitsglaubens ^ 
der die Madit des Todes energisdi dementiert, und audi heute nodi ist 
ja der wesentlidie Inhalt des Seelenglaubens, wie er in Religion, 
Aberglauben und modernem Kultus * enthalten ist, nidits anderes und 
nidit viel mehr geworden. Der Todesgedanke ist erträglidi gemadit 
dadurdi, daß man sidi nadi diesem Leben eines zweiten in einem 
Doppelgänger versidiert. Wie bei der Bedrohung des Narzißmus 
durA oie GesAleAtsliebe^ so kehrt auA bei der Todesbedrohung 
die ursprüngliA mit dem Doppelgänger abgewehrte Todesvorstellung 
in ihm selbst wieder, der ja naA allgemeinem Aberglauben den 
Tod ankündigt oder dessen Verletzung das Individuum sAädigt. 

So sehen wir also den primitiven Narzißmus, in dem die 
libidinösen und die der Selbsterhaltung dienenden Interessen in 
gleiAmäßiger Intensität auf das lA konzentriert sind, siA in gleiAer 
Weise gegen eine Reihe von Bedrohungen sAützen durA Reak* 
tionen, die gegen die gänzliAe VerniAtung des lA oder SAädi* 
gungen und BeeinträAtigungen desselben geriAtet sind. Daß diese 



^ Tatsädilicfa kennt der Primitive keinen Unsterblidikeitsglauben in unserem 
Sinne/ auch das sdiattenhafte Leben der Seele denken sidi mandie Naturvölker 
ailmählicfa erblassend, bezeidinenderweise oft zugleidi mit der Verwesung des 
Körpers (Frazer I. c. p. 165, 286), oder sie haben die Ansdiauung, der MensA 
sterbe in der Unterwelt nodi mehrere Male, bis er endlidi definitiv tot sei. Diese 
Vorstellung dedct sid) in hohem Maße mit der infantilen, der audi der Begriff des 
Totseins in unserem Sinne fehlt und die ihn für graduell abstufbar hält <vgl. die 
entsprechenden Mitteilungen in der Rubrik »Kinderseelec von »Imago«). 

* Das zeigt am besten der heutige Spiritismus, der ja eine Wiederkehr der 
Seelen Verstorbener in ihrer mensdilidien Gestalt <Geist> behauptet, und ebenso der 
okkulte Sinn des Doppelgängers, wonad) die Seele den Körper verläßt und siA in 
eine materielle Gestalt kleidet, die unter günstigen Umständen siAtbar wird 
(Exteriorisation der Seele). Femer zeigt siA, daß die Seele ursprüngliA mit dem 
im Tode verlösAenden Selbstbewußtsein identifiziert wurde und auA von dieser 
Vorstellung hat siA unsere heutige wissensAafiliAe WeltansAauung noA niAt 
frei gemaAt, wie der affektive Widerstand gegen die Annahme eines unbewußten 
Seelenlebens lehrt. Diese hier bloß gestreiften Probleme hat der belgisAe DiAter 
M. Maeterlinck in einem tiefsinnigen BuAe »Vom Tode« bis an die äußersten 
Grenzen ihrer DenkmögliAkeit verfolgt <Qbers. von F. v. Oppeln-Bronikowski, 
Verlag E. DiederiAs, Jena 1913). 

• Turgeniew sAreibt an einen Freund: »Die Liebe ist eine von den 
LeidensAaften, die unser eigenes ,IA' vemiAten« <NaA Mereschkowski, p. 65). 
Wie sich der Narzißmus des Mannes damit abzufinden sucht, zeigt eine für 
Strindbergs ganze Einstellung zum Weib typisAe Stelle aus »Legenden« <p. 293>: 
»Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr StüA für Stüdc unserer 
Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persönlichkeit und die Geliebte, die 
bisher gleichgiltig, neutral war, beginnt sich in unser anderes Ich zu kleiden und 
sie wird unser Doppelgänger.« In Villiers de l'Isle^Adams Novelle »Vera« 
genügt es dem Manne, seine junge verstorbene Frau zu halluzinieren, gleichsam 
in seiner eigenen Person auch sie zu verkörpern und er fühlt sich in diesem 
Doppelleben glüddich. — Narzißtische Phantasien und Spiegelphantasien in des* 
selben Autors Novelle »Sei ein Mann« (I. c). 



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164 Otto Rank 



Reaktionen nicht bloß der normalen Furdit entspringen, die man 
sehr gut mit Visscher <I. c.> als die defensive Form eines über* 
starken Selbsterhaltungstriebes bezeidinen kann, geht daraus hervor, 
daß der Primitive diese sozusagen normale Furdit mit den Neu* 
rotiker zur pathologisdien Angst gesteigert zeigt, die aus den »wirk* 
lidien Erlebnissen des Sdired<ens nidit zu erklären« ist^ Den libi- 
dinösen Anteil, der hier mitwirkt, haben wir aus der ebenso intensiv 
empfundenen Bedrohung des Narzißmus abgeleitet, der sidi gegen 
die gänzlidie Verniditung des Idi ebenso sträubt wie gegen sein 
Aufgehen in der GesAleditsliebe. Daß es tatsädilidi der primitive 
Narzißmus ist, der sidi gegen die Bedrohungen sträubt, zeigen mit 
aller Deutlidikeit die Reaktionen, in denen wir den bedrohten Nar* 
zißmus mit verstärkter Intensität sidi behaupten sehen: sei es in der 
Form der pathologisdien Selbstliebe wie in der griediisdien Sage 
oder bei Oskar Wilde, dem Vertreter des modernsten Ästheten tums, 
sei es in der Abwehrform der pathologisdien, oft bis zum paranoisdien 
Wahnsinn führenden Angst vor dem eigenen Idi, das im verfolgen* 
den Sdiatten, Spiegelbild oder Doppelgänger personifiziert ersdieint. 
Auf der anderen Seite kehrt aber in denselben Phänomenen der Ab* 
wehr audi die Bedrohung wieder, vor der sidi das Individuum sdiützen 
und behaupten will, und so kommt es, daß der die narzißtisdie 
Selbstliebe verkörpernde Doppelgänger gerade zum Rivalen in der 
Gesdileditsliebe werden muß oder aaß er, ursprünglidi als Wunsdi* 
abwehr des gefürditeten ewigen Untergangs gesdiaffen, im Aber* 
glauben als Todesbote ersdieint. 



* Hei nzel mann 1. c. p. 60. 




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Der Fisdi als Sexualsymbol 166 

Der Fiscfi als Sexualsymbol. 

Von ROBERT EISLER <Feldafing>. 

Die Vorstellungsverknüpfung, die im folgenden auf der Grund* 
läge einer gewiß nidit vollständigen, aber dodi alle wesentlidien 
Züge dieses Gedankengebildes veransdiaulidienden Stoff* 
Sammlung aus Folklore und Gesdiidite erörtert werden soll, sdieint 
in der psydioanalytisdien Kasuistik — soweit die Veröffentlidiungen 
nodi zu übersehen sind — keine wesentlidie Rolle zu spielen ^, Ver* 
mutlidi erklärt sidi das daraus, daß das bisher der Psydioanalyse unter* 
worfene Aussagenmaterial vorzüglidi aus Ländern und Gesellsdiafts* 
sdiiditen stammt, in denen die Fisdinahrung — etwa verglidien mit 
ihrer Bedeutung in der griediisdi*römisdien oder gar der orientali* 
sdien Lebenshaltung — dodi sehr zurüAtritt. Dazu kommt, daß 
die Hantierung mit nodi lebenden oder rohen Fisdien, ebenso wie 
der eigentlidie Fisdifang dem Gesiditskreis gerade der hier in Be* 
tradit kommenden sozialen Gruppen mehr oder minder entrü dit sind. 
Trotzdem ist ein einigermaßen auffallender Tatbestand, nämlidi 
die ausgesprodiene Idiosynkrasie einzelner gegen jeden Fisdigenuß 
überhaupt, nidit selten zu beobaditen. Jeder Leser dieser Zeitsdirift 
dürfte einen oder den anderen Fall der Art kennen und audi sdion 
versudit haben, sidi irgendeine Erklärung dafür zuredit zu legen: 
hier sei ein Beispiel^ einer derartigen sogenannten »unerklärlidien« 
Aversion angeführt, das in gewissen Begleitumständen lehrreiAe 
Fingerzeige für die Erkenntnis der mitwirkenden unbewußten Beweg* 
eründe zu bieten sdieint: das fraglidie Individuum — ein wahres 
Musterexemplar eines wählerisdi*kapriziösen Essers, beobaditete bis 
gegen das Ende des zwanzigsten Lebensjahres — in weldie Zeit 
eine lange, selbständig durdigeführte Studienreise fiel — eine Reihe von 
SpeisetaDus und zwar gegen Fisdie, gleidigiltig weldier Art und Zu* 
bereitung und gegen eine Reihe von Gemüsen <alle Kohlarten, ins* 
besondere Sprossenkohl, Blumenkohl, vor allem Spargel, während 
Spinat, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Tomaten u. dgl. gern ange* 
nommen wurden). Von Spargeln wurde, ansdieinend ganz sinnloser* 
weise, mit aller Entsdiiedenneit behauptet, sie widerstünden wegen 
ihres »violetten Geschmacks«. Auch wurde als widerwärtig be* 
tont, daß man die Spargelstangen nidit wie andere Geridite mit dem 
BesteA zum Munde führte, sondern mit den Fingern ergreife. Der 
psydiologisdi so merkwürdige angeblidie Gesdimadtsfarbeneindrudc 
ließ sidi ohne weiteres als eine sehr bezeidinende, bloß spradilidi 
durdigeführte Versdimelzung zweier SondereindrüAe erweisen: Ex* 
plorand sudite den besonderen Charakter jener »violetten« Farbe, 
die ihm vorsdiwebte, durdi den Hinweis auf die bläulidi unter der 



* Allfällige Hinweise auf übersehene Belegstellen oder noch unveröffentlichte 
Analysen aus dem Leserkreis wären sehr erwünscht. 

* Nach gütiger Mitteilung eines befreundeten Arztes und Psychoanalytikers. 



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166 Robert Eisicr 



mensAIidien Haut durdischimmerndcn Adern im Gesidit älterer, 
apoplektisdi aussehender Personen zu verdeuriidien/ ist sidi audi 
jetzt nodi eines starken Widerwillens gegen soldie Gesiditer, blau* 
rote Nasen, aderige Hände u. dgl. bewußt, fixiert gegen seinen 
Willen oft gesprungene Blutgefäße in soldien Gesiditern, obwohl 
er das als ungehörig empfindet und aufsteigenden Ekel zu beherrsdien 
hat/ bradite nadi Durdiführung dieses Vergleidis ohne Nadihilfe und 
beiläufig die Bemerkung an, daß ja in der Tat die Köpfdien der 
Spargelstangen eine leidite Verfärbung in dieses sogenannte »Violette 
aufweisen. Mit dem Ausdrude »Spargel schmecken violett« drüdtt 
er offenbar nur die Versdiiebung des Gefühlstons von der im 
Unbewußten verabsdieuten Farbnuance auf das bewußte Objekt 
des Widerwillens, d. h. eben den Spargelgeschmack aus. Audi die 
anderen antipathisdien Gemüse sdimecken, soweit ein bestimmtes im 
Spargel besonders stark hervortretendes Aroma sidi geltend madie, 
»violettlidi«, in den anderen, oben genannten Gemüsen sei es un* 
merklidi/ starkes Salzen, Zusatz von Zitrone verdedce dieses Aroma. 
Gegenwärtig werden Spargel anstandslos gegessen, aber in der ersten 
Übergangszeit nadi dem oben datierten ßrlösdien der Idiosvnkrasie 
war, trotz ironisdier Angriffe der Umgebung und trotz der sonst 
stark hervortretenden Affektation korrektester äußerer Formen die 
Neigung, beim Spargelessen nidit die Finger, sondern Bestede zu 
gebrauoien, auffallend und nidit leidit zu überwinden. Die Idio* 
synkrasie gegen Fisdie ist fast in eine Vorliebe für diese Speise 
umgesdilagen, aber nodi immer wird der diarakteristisdie Fisdigerudi 
roher, besonders Seefische, in übertriebenem Maß verabsdieut: der 
häufig angewendete Klebstoff Syndetikon — ein Fisdileim mit Fisdi* 
gerum — wird nidit auf dem Sdireibtisdi geduldet und behauptet, 
daß selbst eine versdilossene, zufällig dorthin gelegte, von anderen 
gar nidit bemerkte Tube das ganze Zimmer verpeste. Es ergab 
sidi durdi kurze, auf sehr geringe Widerstände stoßende Analyse, 
daß die Idiosynkrasie gegen Fisdie und Spargel veranlaßt war durdi 
eine intensive, durdi Erziehungsmaßnahmen verstärkte Sdieu vor Be^ 
rührung der glans pennis <Spargelköpfe ! durdisdieinende Blutgefäße! 
Gebraudi des Bestens). Der nadi Pollutionen aufgetretene Ekelaffekt 
war vom Sperma auf die sdileimige Haut und den Gerudi der Fisdie 
übertragen worden. Die Idiosynkrasie versdiwand mit dem Auf* 
hören der fast vollständigen geschlechtlichen Abstinenz, 
die dem Exploranden, teils durdi näuslidie Qberwadiung <Spazieri» 
gänge fast nur in Begleitung des Hofmeisters) teils durdh väterlidie 
Belehrung über die AnsteAungsgefahren beim Umgang mit Straßen* 
dirnen auferlegt war, auf der eingangs erwähnten Reise, 

Zu allgemeineren Folgerungen aus diesem Befund sdieinen die 
Tatsadien zu ermutigen, daß fast alle kulinarisdien Kunstgriffe der 
Fisdiküdie dahin zielen, jenen diarakteristisdien ekelerregenden Gerudi 
zu beseitigen, der im wesendidien an dem Sdileimsekret der Fisdi* 
haut haftet oder dodi zu haften sdieint, während anderseits der 



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Der Fisdi als Scxualsymbol 167 

verbreitete Widerwillen gegen das Berühren roher oder gar lebender 
Fisdie zweifellos durdi die Tastqualitäten der sdilüpfrigen, an sekre* 
tierende Sdileimhäute erinnernden Fisdihaut veranlaßt ist, die diese 
mit der Epidermis von Sdilangen, Sdinedten, Kröten und anderen 
derartigen Objekten eines allverbreiteten Ekels gemeinsam hat. 

Da die Sexualsymbolik der Sdilange^ der Kröte etc. längst 
bekannt und oft erörtert worden ist, anderseits aber nadiweislidi 
gewisse Naturvölker^ zwisdien Sdilangen und Fisdien keinen Untere» 
sAied madien, sdieint es durdiaus denkbar, daß die bei so vielen 
Völkern und Religionsgemeinsdiaften nadiweisbare Idiosynkrasie 
gegen den Fisdigenuß^ — die sidi gewiß nur in wenigen Fällen 
rationalistisch auf Gesundheitssdiädigungen durA Fisdigenuß* zu^ 

^ C. St. Wake, Serpent-worship, London 1888, p. 3f. — Fergusson, 
Tree and Serpent-worship in India, London 1872/ Oldham, Sun and Scq>ent, London 
1905. — Sal. Rein ach, cultes, mythes, religions vol. II, p. 398, über den durdi 
die Belege bei Ploß-Bartels das Weib ^ 517 — 518 bezeugten Aberglauben, der die 
weiblidien Blutungen <ursprünglidi natürlidi die Blutung bei der Defloration) auf 
einen »Sdilangen«biß zurüdtführt und über die spridiwörtliA-biblisdie Aversion des 
Weibes gegen die »Sdilange«. Über das Ungeheuer mit dem SAlangenphallos auf 
dem Palastrelief von Persepolis, über die diaxögevoig mit der »goldenen Sdilangc« 
der Mysterien vgl. Dieterich, Mithrasliturgie p. 125i/ Roh de, »Hermes« XXI 24/ 
Gruppe, Myth. u. ReligionsgesA. 866i u. j/ Eis 1er, Weltenmantel u. Himmelszelt, 
p. 123 ff./ Erich Küster, ReligionsgesA. Vers. u. Vorarb. XIII 2, p. 151. 

* Insbesondere die Wanika, Wakamba, Galla, Somali u. Bantu in Afrika 
<Belege bei Scheftelowitz, ArA. f. ReUWiss. XIV, 358 f.). Das jüdisAe Tabu 
gegen Fische ohne Schuppen und Flossen zielt offenbar auf besonders 
schlangenähnliche, sAlupfrige FisAe. Vgl. J. Lippert, Seelenkult, Berlin 1881, 
p. 38/ Wundt, VölkerpsyAologie II 2, p. 61 f.: »an die SAlange reiht siA 
sAließliA noA der FisA an, der vermöge seiner SAuppenhaut für eine naive Auf* 
fassung mit jener wiederum zusammenfließen kann.c 

' SAon den Alten war es aufgefallen, daß die homerisAen Helden nie oder 
nur im äußersten Notfall FisAe genießen. <Eubul. 3 Meineke, Com. fragm. 
262/2): *lz^^ ^' 'Oiiir)Qog iöxHovx' eiQr]xe tcoö riva zCyv 'Axaiiov;^) Lob eck, 
Aglaophamus p. 248 fl^./ Stengel, »Hermes« XXII,Tp. 98. NoA in historisAer 
Zeit hielten gewisse PriestersAaften — der Hera und des Poseidon — und My* 
sterienkulte an diesem Tabu fest. Dio Cassius, epitome XXVI 12 beriAtet von 
den alten Britanniem, daß sie keine FisAe essen, obwohl sie in jenen Gegenden 
sehr zahlreiA sind. Da die keltisAen Ureinwohner noA zur 2^it, da die AngcU 
saAsen naA England kamen, keine FisAe aßen, bezeiAneten sie die fremden Ein- 
dringlinge veräAtliA als »FisAesser«, ähnliA wie die ältesten GrieAcn gewisse 
Barbaren (mögliAerweise die skythisAen Massageten [eran. ma^yd = FisA, also 
»FisA-Geten«]) »lAthyophagen« nannten. Ebenso verabsAeuen die SiahposA in 
Kafiristan den Genuß der FisAe, an denen ihre Flüsse so reiA sind. <R. Andree, 
ethnogr. Parallelen, Stuttgart 1878, p. 125.) Ferner mieden und meiden zum Teil 
heute noA die Syrer ängstliA jeden FisAgenuß <näAste Anm.>. Die Akiküyu in 
Britisch'Ostafrika enthalten siA des FisAgenusses, da sie hicdurA rituell unrein 
würden. 

* Die Syrer glaubten naA PlutarA, de superstit. 10, der Genuß der tabuierten 
FisAc würde GesAwürc und Leberkrankheiten naA siA ziehen. TatsäAliA hat 
Cumont, les relig. Orient, etc. Paris 1907, p. 285 u. 35 aus einem ReiseberiAt 
des bekannten ErforsAers von Klein-^ Asien M. Ramsay einen Fall von sAwerer 
Vergiftung durA den Genuß gewisser kleinasiatisAer SüßwasserfisAc — und zwar 
im frisAgefangenen, niAt etwa in verdorbenem Zustand — belegen können <Im- 
pressions of Turkey, London 1897, p. 288: »in the clcar, sparkling mountain« 
stream that flows through the Taurus by Bozanti Khan a small kind of fish is 



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168 Robert Eisicr 



rückführen läßt — ebenfalls durch Ideenassoziationen sexuellen Cha^ 
rakters veranlaßt ist. 

Daß es Tabus gibt, die ausschließlich durdi sexuelle Nebenvor* 
Stellungen bedingt sind, ist leicht zu erweisen. So verabscheuen z. B. 
die Fythagoräer — die auch den Fischgenuß verbieten — den Ge* 
nuß der Bohnen mit der ausdrücklichen Motivierung, daß sie »den 
Schamgliedern ähnlich seien« ^. Daß auch das Fischverbot ähnlichen 
Rücksichten entsprungen ist, wird durch verschiedene Erwä^ngen 
nahegelegt. Zunächst durch gewisse nähere Bestimmungen der Tabu* 
vorsdhrift, wie wenn es bei den Baele < Afrika)* gerade den eben 
zur Pubertät gelangten Jünglingen verboten ist, Fische oder 
Vögel ^ zu essen,- wenn die Meeräsche, der heilige Fisch der Hawaii 
insulaner, von schwangeren Frauen nicht einmal berührt werden 
darf*. Wenn Kinder, die noch nicht gehen können, diesen Fisch 
nicht essen dürfen <ibid.>/ wenn es in Borneo gerade menstruierende 
Frauen sind, die während der Saatzeit gewisse Fische nicht ge* 
nießen dürfen '\ Dann scheinen doch auch manche ätiologische Tabu* 
mythen eine beredte Sprache zu führen: so wird in Ägypten das 
Speiseverbot für den Fhagros- und den Ojrt/r/iyncÄosxrFisch damit er* 
klärt, daß diese Tiere das ins Wasser geworfene Zeugungsglied 
des vom bösen Feind zerstückelten Gottes Osiris gefressen hätten^. 
Die Griechen wiederum wissen von einem »heiligen« — d. h. 

caught. I had a most violent attadv of sickness in 1891 after eating somc of them 
and so had all who partookc Vgl. audi Brehms »Tierlebcn« über die Queise — 
TrachiftuH dracn^ auA »PetermännAen« genannt, weil die holländisdien Fischer den 
<>Ä^ohlschmeckenden und audi bckömmlidien) Fisch niAt essen, sondern dem heiligen 
Petrus opfern: »eine von diesen Fisdien beigebrachte Verwundung ruft peinlidie 
Sdimcrzen und eine heftige Entzündung hervor. Nidit bloß der verletzte Teil, 
sondern das ganze Glied pflegt aufzuschwellen und erst nadi längerer Zeit 
tritt Linderung ein. Zweifellos ist der an den Rückenstacheln haftende 
Schleim sehr giftig«. Diese Geschwulst erinnert an die von Porphyr, de abstin. IV, 
p. 253, Nauck zitierten Verse des Komikers Menander, nadi denen die Syrer vom 
Fisdigenuß Sdiwellungen des Leibes und der Füße bcfürAten Idi führe diese 
Zeugnisse in aller Ausführlidikcit an, mödite jedoch die Leser, besonders Ärzte, 
bei denen nodi häufig das historisA ganz unhaltbare Vorurteil anzutreffen ist, als 
seien sinnlose Tabus etwa vom Typus der mosaisAen Speisegesetze hygienisdier 
Empirie entsprungen, naAdrücklich vor einer QbersAätzung solcher Motive warnen. 
Gewisse Tabus erhalten sidi wegen ihrer (unbeabsiditigten) Zweckmäßigkeit, 
kaum eines entsteht aus prophylaktisdien Beweggründen. 

* Aristoteles in seiner Schrift über die Pythagoräer <fr. 195 Rose,- ap. Diog. 
Laert. VHI 34, Diels Fragm. Vorsokr. 45 <3 p. 279). Die vielen abgeleiteten Bc-^ 
lege anzuführen ist wohl überflüssig. — Es scheint, daß man die Schoten mit dem 
Phallus, die Bohnen selbst mit der weiblidien Sdiam verglidi. 

* Frobenius, Masken und Geheimbünde Afrikas, p. 217, Scheftelowitz, 
I. c. 334. 

3 Ober die Symbofik des ucello braucht wohl hier kein Wort verloren zu 
werden. 

^ Th. G. Thrum, Hawaian Folktales, Chicago 1907, p. 271 f.,. Schef- 
telowitz I. c. p. 336. 

* A. W. Nieuvenhuis, Qjuer durdi Borneo 1904, I. Bd., p.324/ Schef- 
telowitz 1. c. 

* Plutarch, de Iside et Osiride c. 17. 



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Der Fisch als Scxualsymbol 169 

tabuierten — , besonders in den Samothrakisdien Mysterien ver*^ 
ehrten^ Fisdi >Pompilos« <d. i. der »Lotsenfisdi«, naucrates ductor 
Limiaet) zu erzählen ^ er sei zugleidi mit Aphrodite — der »sdiaum** 
benetzten« Göttin^ aus den Blutstropfen entstanden, die mit dem 
abgesichelten Zeugungsglied des Himmelsgottes Uranos ins 
Meer fielen. 

Genau die gleidie Ursprungslegende bietet die indisdie Über* 
lieferung^ für den mythisdien Ketterkönig Matsya = ^Fi8ch€, der aus 
dem ins Wasser gefallenen Sperma der Adityas Mitra und Varuna**^ 
hervorgegangen sein soll. 

Dazu bedenke man ferner, daß heute noch im südlidien Italien 
der mensdilidie Phallos vulgär *ro pesct<n = »der Fisdi« genannt 
wird, ein Ausdrud^, den die Fremden regelmäßig vom eingebornen 
Cicerone zu hören bekommen — und fast ebenso regelmäßig nidit 
verstehen — wenn sie zu dem antiken Priapusstein in der Kata= 
kombe von S. Gennaro geführt werden^. Diese Vorstellungsver^ 
knüpfung muß uralt sein. 

Zwar wird man sidi nidit mehr mit de Witte'' auf ein antikes 
Vasenbild ^ mit der Darstellung eines Phallenhändlers berufen können, 
wo unter der Ware dieses sonderbaren Kaufmanns audi ein Phallus 
mit Fischflossen dargestellt ist, da diese von Miliin »publicierten« 
Vasenbilder wahrsdieinlidi nie existiert haben ^ und die Stidie also 
nur für die Volkstümlidikeit der Vorstellung im aditzehnten Jahr* 
hundert zeugen. 

Allein es kann kein Zufall sein, daß eine ganze Reihe von 



* Aelian negi ^(oov XV 23, p. 382, Herdier. 

ä Xenomedcs bei Müller, fragm. hist. Graec. II 433. 

' Aphrodite von d(pQÖg = »Sdiaum« und einem Verbum * dio <vgl. dtalvco 
diFOÖg; so Gruppe Hdb., p. 13482> = »benctzenc Gemeint ist im hesiodeisdien 
Mythus von der Entstehung der sdiaumgeborenen Göttin natürlirfi zunächst der 
Wellenschaum des Meeres. Aber viele antike Autoren haben den Namen auf den 
difoög der öJiioßaia bezogen <Korn. 24, p. 133 Osann,- Isid etym. VIII 11 77). 
Man hat das für eine gelehrte Klügelei stoisch rationalistischer Mythendeutung ge- 
halten, aber das ist sicher falsch, da Sydney Hartland, the Legend of Perseus, 
vol. I, p. 134, zu den gleich zu besprechenden Märchen von der wunderbaren 
Empfängnis durch Genuß eines Fisdies Parallelen beigebracht hat, wonach 
Schwangerschaft durch Verschlucken von Meeresschaum verursacht wird. 
Diese Vorstellung ist im Zusammenhang zu würdigen, mit der besonders im 
semitischen Orient häufigen, von Sam. Vves Curtiss belegten Vorstellung 
»männlichere {deker), d. h. zeugungskräftiger Gewässer, von Flüssen, in die sich 
Frauen, gegen die Strömung gekehrt, hineinlegen, um Nachkommenschaft zu er* 
zielen, vom Kinderteich und den Heilquellen gegen Unfruchtbarkeit etc. — dq^gög = 
»Sdiaumc, »Schleim« heißt auch eine der Aphrodite heilige Fischart. 

* Brhaddevata V 149 ff. cd. Macdonell. 

* sk. Varuna (arisch Urmma in den neuen Inschriften von Boghazkiöj) ist 
bekanntlich = griech. Uranos. 

« Vgl. audi F. I. Dölger, IXeYC, p. 109. 
^ Nouv. Ann. Inst. arch. I 1836. 

* In Millins »Trois peintures du Musee de Portici«. 

^ Vgl. Sal. Rein ach, Repertoire de vases in der Bibliographie zu dem in 
der vorhergehenden Anmerkung genannten Titel. 



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170 



Robert Eisicr 



griechischefi Darstellungen des Gottes Eros mit dem Fisch zwischen 
den Beinen^ oder mit dem Fisch in der Hand* erhalten sind, 
während anderseits in indisdien Texten der Liebesgott minfiketu^ 
mmadhvajaj mlnalänchanaj mitnäftka ^ j^der den Fisch als Symbol 
hat« genannt wird' und der Fisrfi als sein Bannerzeidicn erscheint*. 

Kbenso weit verbreitet ist der FisA als Symbol der Liebes^, 
beziehungsweise Mutter- oder Fruditbarkeitsgöttin. 

Bei den nordisdien Völkern war der FisA der Freya, der 
Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit geweiht, Ihr haben die Skandi- 
navier am sedisten Tag der Woche Fische geopfert*. Die keltisch^ 
germanischen Muttergottheiten sAeinen in ihrer Eigenschaft als 
Spenderinnen der Fruchtbarkeit durch Fische versinnbildliAt zu sein. 
Viele Funde aus dem dritten Jahrhundert nadi Christus haben klar- 
gelegt, daß im JüÜdier Lanci, in der Eifelgegend und am Rhein 





Fig, !. Eros, die Mandragorawuriel 
in der Hand^ auf dem Delphin reitend. 
ReltefmedaiHon im Bonner Kunst- 



Fig. 2. Eros mit dem Ftsdfi 

in der Hand. GoIdsAmud; 

im Cabinet des Medailles 

in Paris. 



zwisdien Köln und Bonn diese keltisA'germanisdien Muttergottheiten 
— Matr^.B oder Moironae mit edit germanisAen Beinamen verehrt 
wurden* In Bonn ist ein ziemlidi gut erhaltener Votivaltar der gört- 
lidien Mutter Anfaniae <= »die Überfluß habende«) aufgefunden 
worden. Die über dem Sims angebradite Bekrön ung der Ära läuft 
an ihren beiden äußeren Enden in Sdineckenrollen aus, weldie an 
der Vorderseite mit Rosetten gesdmiüdtt sind. In der Mitte erhebt 
sidi von vorn und hinten eine Giebelspitze, deren Verzierung hödist 

* Vgl. Fig, 1 und die Nummern 1, 1, X 4, 14 und 22 der Münztafcl In 
Uscners Sintflut sagen (Text p. 278 ebenda). Zur Symbolik des Reitens vgl das 
nur sdieinbar so harmlose Kinderversdien »so reiten, so reiten die jQngferlein, 
wenn sie klein und winzig sein, wenn sie größer werden etc.« mit dem dazuge- 
hörigen Wtppspiel. 

» Fig, 2 naA de Witte, Nouv. Ann. Inst, arcbcol, I 1836, pl A,, Fig, 2. 
3 Böbtlingk^ Sanskrit-Wörterbudi V 81 f-/ Vmjanyanti ed, Oppert p. 5^ 
V 54, Benfcy, Faücatantra II 184,- Scbcfte(owitz 1. c. p. 392. 

* Piscfiel, Sitzungsber. BcrI. Akad. Wiss, 1905, p. 530^. 

* R- M, Lawrence, the Magic of ihe horm sh&ej Boston^. 1899, p. 259/ 
ScbeTtelowitz l c. p. 378. 



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Der FisA als Sexualsymbol 171 

einfadi gehalten ist. Ganz in der Mitte ruht auf der Bedadiung eine 
oblonge, wahrsdieinlidi einen Opfertisch bezeidinende Platte, auf 
der ein Fisch mit weitgeöffnetem Munde^ liegt. Da nun diese 
Muttergöttinnen auf den bisher bekannten Votivdenkmälern als 
Spenderinnen der Fruchtbarkeit bezeidinet werden, so ist es sehr 
wahrsdieinlidi, daß der zu opfernde Fisdi hier die Fruditbarkeit 
symbolisiert^. Auf einem anderen Matronendenkmal im Mannheimer 
Museum^ ist ein Sessel, auf dem die Matrone sitzt, mit Delphinen* 
gesdimüdit. 

Der griediisdien Aphrodite ist außer dem bereits oben er* 
wähnten Lotsenfisdi und der Sardelle (äcpQÖg = Sdileim[fisdi] oder 
dcpvri^} nodi die phalaris, deren Namen die Alten an den Phallos 
erinnerte, oder die »Eidedisenfisdi« "^ genannte Makrele heilig. Den 
»beiden Göttinnen« von Eleusis, Demeter, der Erdmutter und 
der »Jungfrau« <Kore> war die rote Meerbarbe (trigle oder 
myllos}^ geweiht. Derselbe Fisdi war im Kult der argivisdien Hodi*^ 
zeits* und Ehegöttin Hera tabuiert^ und audi der Jungfrauen^ und 
Geburtshelfergottheit Artemis geweiht ^^ Die antike Medizin ^^ ver*- 
wendet ihn als Gegenmittel gegen Menstruationsbesdi werden,- Wein, 
in dem eine lebende Seebarbe erstid^t worden war, wurde — offen- 
bar wegen der bekannten antierotisdien Wirkung übermäßigen Alkohol* 
genusses — als Antaphrodisiacum verordnet ^^. Heilige Meeräsdien 
(kestreis^^ und heilige Aale^* in der Arethusaquelle bei Chalkis und 
heilige Fisdie in der Arethusaquelle auf der Ortygiainsel vor Syrakus 
— in der heute nodi zahme Fisdie gehalten werden — waren der 
Artemis geweiht, der audi wahrsdieinlidi die unverletzlidien Fisdie 
von Smyrna^^ gehörten, wenn anders hier nidit eher an Fisdie der 
kleinasiatisdien Göttermutter Kybele^^ zu denken ist. Heilige Fisdie 
der syrisdien Göttin von Hierapolis*Bambyke {Mahbua^ jetzt Man- 
bija) und Askalon bezeugt Mnaseas im zweiten Budi seiner Sdirift 

^ Vgl. unten S. 174, Anm. 9, über den »Lippfisch« der Demeter. 

* 1. Klein, Bonner Jahrbuch 1879, 67. Bd., p. 66 f./ Ihm, ibid. 83. Bd., 
p. 136/ Scheftelowitz I. c. p. 379 f. 

» F. Haug, Ardiäol. Zeit. 1876, XXXIV, p. 61,. Scheftelowitz I. c. 

* Vgl. unten S. 174** über de?.q)vg-deXq^^(g. 

* Athen. VII, p. 325 B. In Syracus baiön genannt, cf. Hesych. s. v. ßatätrig, 
« Athen, ibid. p. 325 B. 

^ h»lia8 oder Aro/ios, dazu köl? oder kolötes = »Eidechse«, ein Tiernamen, 
der bei den Alten <die Zeugnisse in de Wittes mehrfach zitiertem Aufsatz über 
die nach der Makrele benannte Geburtsgöttin Aphrodite Koliaa) als euphemistisdie 
Bezeichnung für den Phallos gebraudit wurde. 

« Aelian n. a. 9s,/ Melanthios bei Athen. VII 126, p. 325 c. 
^ Aelian I. c. 9bv 

»« Korn. 34, p. 209, Anthol. Palat. VI 105,. 
" Plin. n. h. 3244, cf. 28,,. 
»* Athen. VII 126, p. 325 e nach Terpsikles. 
" Vgl. oben S. 168, Anm. 4. 
" Vgl oben über sAlangenähnlidie Fische. 
^* Dittenberger, Sylloge inscript. 2. Aufl., II, Nr. 584. 
>« Dicterich, Aberkiosinsdir. 40 S.,- Hepding, Attis 156 ff., 189. 



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Robert Eh\tt 



über Asien* und heute nodi sind diese heiligen Tiere in Teichen 
bei der großen Mosdiee von Edessa Gegenstand der hergebraditen 
Verehrung*. Ebenso ist der Fisdi auch bei den westlidisten Semiten, 
denPuniem von Karthago der Muttergötttn ""Anna^ geheiligt*, während 
ihre ösdichsten Stammesbrüder im Zweistromland seit unvordenklidien 
Zeiteti eine FruAtbarkeitsgöttin geradezu unter dem Namen Ish- 
hanna = »Haus des FisAesc* verehren, wobei mit »Hause nadi 
ursemitisAer Vorstellung* die Göttin selbst als »Wohnung« des 
heiligen FisAes gedadit ist, und zwar in einer ganz sinnfälligen 
Auffassung, die sehr gut durdi ein orientalisierendes, ardiaisdhes 
bototisdies Vasenbild' veransdiaulidit wird, auf dem der Fisdi 
geradezu im Leibe einer sogenannten Artemis J^6tvia ^q(öv dar* 





J 






q4 ^fi-*d»* 



Fig, 3. Das Symbol des »Fiscbhauses« 

auf au^stdsdien Münzen der punisd^en 

Siedelung Abdcra in Hi Spanien. 



Fig, 4, Babylons s dies Ideogramm 

<= Haus des Fisdics) für die Göttin 

Ishanna (nadi F. Hommel}' 



fjestetft ersAeint, Endlidi wird eine, der Überlieferung nadi aus 
ndien stammende Ainesisdie, von den Buddhisten als einer der 

* Bei Athen. VIII 37^ p. 346, Vgl Luc i an, de dea Syria c. 14^ Lagrange^ 
Etudes &ur les rclig;. scmit. Parts 1903, p, 130/ Dölger, IKBYC 132 f. 

' Sachau^ Reise in Syrien 1883, p. 196 ff., Lord Warkworth, Diaiy in 
Asiatic Turkey^ London 1898^ p. 242/ Cuitiont, rclig. orient* p. 286 u. 35. 

' Daß 'Anna nur ein anderer Name ist für die karthagisdic Göttin Dido 
<= dodüh — *Gcliebrc> Eltssa (= arab. Elusa^ Haiam — der Venu sstem^, ZDMG 
38,647 har srfion O. Roßbach in Pauly-Wissowas Realenc. l 2223 riAtig 
erkannt. 

* Vgl. die Denkmäler bei Dölger IX9YC, p. 431 ff, 

^ HommcL Die SAwurgönm Esh-hanna, Anbang zu The Reverend Samuel 
B, Mercer, the Oath in Babylonia, Paris <Gcuthncr 1912). Vgl das »Haus derFisdie* 
auf Man:zen des punisdien Abdera in Spanien aus der Zeit des Augustxis. (Fig. 3^) 

* Eis 1er, Kuha-K^htU, im Phibbgus LXVIIL VI. 

^ Paul Wolters, Ephemeri^ archai&Ugü(^ 1%91, p. 222ff. jJjnaj: f. <Fig* 5*> 



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Der FfsA als Sexuahymbol 



173 



Boddhisatvas übernommene Liebes- und Muttergöttin Kwan-Yin 
häufig dargestellt ^ wie sie einen Fisdi — und 2 war wiederum die 
heilige Sccbarbe — »zu Markte trägt«* oder auf einem Fisdi 
»reitet«^- Hier ist der Fisdi regelmäßig als in einem Korbe ruhend 
dargestellt^ ein Zug, der nadi Analogie der griediisAen Mysterien- 
riten mit der heiligen Sdilange im Korbe* vielleidit audi nidit ohne 
sexuelle Nebenbeaeutung ist Genau dasselbe Attribut wird in Japan 
der voIkstümliAen Liebesgöttin Bmten beigelegt Ein sehr feines 
Sdmitzbild dieser Göttin mit dem Korb und dem Fisdi besitzt das 
Field-Museum in Chicago ^ 

In allen diesen Fällen sdieint das Sinnbild des FisAes das 
männlidie Glied zu vertreten, eine Stellvertretung, die audi auf 




Fig- 5, Der Fisdi im Leib der Muttcrgöttiii- Ardtaisdic l>oeoti£die Vaat im 
Athcnisdien Nationalmuscum. 

einem babylonisdien Siegelzylinder^ mit einer ganzen Reihe typisdier 
FruAtbarkeitS' und Zeugungssymbole — Ziegenbodc, Wasser, Baum 

' Zwei Abbildungen — aus dem Museum Pei-tin von Sinuenfu vom Jahr 
1451 n, Chr, — in The Op^n Court für Juli 1911 (Chicago), p. 389. 
' So das Gedicht auf dem Holzsdmitt Fig. 6, 

* Farbenholzsdinitt von Hokusat reprod. ibid. p, 3&S. 

* Über Paris und Helena als Hcraisicrungcn der Opfersdilan^e <-^ap(^> 
und des hdli^en Korbes <^^^^^> vgh Gruppe I. c p. 350] 1/ Dieterich, Mtthras^ 
liturgie p 125 u. Eislcr, Wdtenmantel p. 123 ff. <über die mystisA« Feier mit 
dem Phallos im Korbe in Eleusis). Für das Korbsymbol tritt (Zeugnisse ebenda) 
audi die leiötij (Truhe) eia. (Vgl. Freud, Traumdeiftung ', p. 210, über die 
Symbole »Dosen, Sdiaditeln, Sdiranke^ Kästen etc.<) 

* The Opcn Court l. c Beilage zm p, 391, (Fig. 7.) 

* \. Mrnantj. Les pierres gravees de b Haute Asie, ReAerAes sur fa 

flyptique Orientale, voi, II Cylindres de TAssyrie^ Parts 1886^ p. 34, Fig, 17/ 
»ölger, IXeVC, p. 429, Fig. 74, 



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174 



Robot Eisicr 



des Lebens, Mond*, Sonncnrad*, FisA' und Raute <= Vulva ■> 
angenommen wird* Ebenso dürfte diese Bedeutung vorauszusetzen 
sein, wenn die Japaner durdi Aufziehen einer Papierflagge^ die einen 
Karpfen darstellt, die Geburt eines männlidien Erben anzeigen** 
NiAt mißverständlidi ist endlidi die Symbolik eines Vasenbildes*, 
wo der igaatrig dem Geliebten durch ein Erosknäblein einen Fisdi 
überbringen läßt*. 

Der FisA kommt jedodi auA als Symbol der weiblichen 
GesAIeditsteile vor- So enthält eine Tafel mit buddhistisAen Sym* 
bolen' eine Darstellung der yoni (= vulva} durA zwei FisAc und 
ein Feigenblatt. Htezu gibt es merkwürdige grieAisAe Analogien: 
ZunäAst ist nämliA das Wort delphys für »Mutterleibc aufs engste 
verwandt, wenn ntAt identisA mit ddphU = der »Delphin«*. 





Fig. 8. Babylon isdier Sicgdiy linder 
mit Bock, Wasser^ Baum, Mond, 
Sonne^ Fts<b und Raute <= vulva). 



Ftg, 9. 



Zweitens wurde das Wort mylloB = Seebarbe* in Sizilien als Spitz* 
namen für das weibliAe Organ gebrauAt^**, Das hie von abgeleitete 

1 Der zufiefimende Mond ist bei allen Naturvölkern SymI>oI der Gravidität 
und der menses <= Monde). 

■ Empfängnis durdi Sonnenstrahlen verursacht, ist ebenralls als Märdicn- 
motiv zu belegen {Sydney Hartland I. c, pp. 99, 137 f., 17Q>. 

» Dölger a. a. O. 

* The Open Court l c, p. 395. 

* Gerhard^ auserL Vasenbilder Tat LXV 1, 

* Vgl- Caedechens, Glaukos, Göttingen 1860, p. 211, Anm, Z: »Gewiß 
Ist der Detphin bier als das den GricAcn so geläufige Licbessymbol zu Fassen, 
weldies hier ein Jüngling seinem Geliebten durdi Eros darbringen laßt und sidicr 
war dieses Gefäß bestimmt, als Liebesgabe eines Ephebcn dem geliebten Knaben 
dargereid^t zu werden.« 

' Flg. 9. VcroffentliAt im Journal of the Royal Asiatic Society (old series) 
voL XVIIl, p, 392, pl. IL 

* Vgl. Pradel, AfAiv für Reltgionswissensdtaft 1909, p. 152. 

* Vgl oben S. 171* über die Heiligkeit gerade dieses Fisches, Dte wSrtlidie 
Bedeutung ist »Ltppfiscbc. 

^^ Atben. XIV, p. 647 A. 



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Der Fisch als Sexualsymbol 175 

myllas bedeutet nach dem Lexikon des Byzantiners Suidas — wahr- 
scheinlich aus Komikertexten — eine Hure. Ebenso wird plati- 
stakos, der Name einer besonders großen Seebarbenart ^ im Lexikon 
des Photios mit rö ywaiKslov [lögiov erklärt. Derselbe Fisch*, nach 
anderen ^ aber eine Herings* oder Sardellenart, soll saperdes geheißen 
haben, während das Deminutivum dieses Fischnamens saperdion — 
wie macreau frais im modernen Argot vom Montmartre — ein 
»Dimchen« bezeichnet. 

Unter diesen Umständen wird man begreifen, wieso das he* 
bräische Verbum dagah >sich vermehren« neben dem nomen dag = 
»Fisch« stehtS wieso im deutschen Mittelalter dem Fisdlessen^ in 
Indien dem Genuß von Fisch brühe dieselbe potenzsteigernde Wirkung 
zugeschrieben wird*', die die moderne Volksmedizin auch heute noch 
vom Genuß von Kaviar und von anderem Fischroggen ^ erwartet. 
Denselben Zweck hat natürlich auch die bei den verschiedensten 
Völkern nachweisbare Sitte, Fische als Hauptgericht bei der Hoch* 
Zeitsmahlzeit zu verzehren. So pflegen die Juden Großpolens un* 
mittelbar nach beendeter Trauung ein Fischessen zu geben, welches 
ausdrücklich T^se'üdat dägima = »Fischbanauett« genannt wird und 
als solches schon im sechzehnten Jahrhunciert bezeugt ist**. Schon 
aus dem Talmud Semähöt (P^req 8 und 14> ergibt sich, daß beim 
altjüdischen Hochzeitsmahl der Fisch die Hauptspeise bildete. Dazu 
stimmt nun vorzüglich, daß bei den marokkanischen Juden der letzte, 
siebente Tag des siebentägigen Hochzeitsfestes >der Fischtag« ge* 
nannt wird, weil an diesem Tag der Bräutigam der Braut eine 
Menge Fische übersendet und sie durch seine Mutter oder irgend* 
eine andere Frau auf die Füße seiner neuangetrauten Gattin werfen 
läßt^. Was dann schließlich mit den Fischen geschieht, ist nicht gesagt, 
aber nach dem Sinn des Brauches ist wohl nichts anderes denkbar, 
als daß sie zu einer Mahlzeit verwendet werden. Hiezu vergleiche 
man die Anweisung des Rabbi bar Kappära im Talmud Ketuböt 5a^®: 

^ Aus dem Fischbuch des Dorion bei Athen. III 118 D. 
« ibid. VII, p. 308 F. 

' Archestratos und Timokles nach Athen. XIII 339 e/ Luc. Gall. 22/ bist, 
conscr. 26. 

* Olshausen, Lehrbuch der hebr. Sprache, § 2156, p. 404. 

* Der im 11. Jahrhundert lebende Bischof Burdiard von Worms {Loci 
communesy Köln 1560, p. 200/ Scheftelowitz I. c. p. 392) erwähnt in seiner 
Zusammenstellung kanonischer Verordnungen über Kirchenbußen auch den Zauber- 
brauch, daß Frauen behufs Steigerung der Libido und der Zeugungspotenz ihrer 
Männer diesen Fische zu essen gaben. 

« Pischel, Sitzungsber. der Berl. Akad. d. Wiss. 1905, p. 530. 

' Vgl. das Märdien vom Mädchen, das durch den Genuß von FisAroggen 
schwanger wurde, bei Sydney Hartland 1. c, vol. I, p. 74. 

^ Moses Isseries in seinem Kommentar zum Schulhan Amch: Jöre (P'ä, 
§391/ Abraham Danzig //oAm^/ üf/äm, § I6I2/ Scheftelowitz I. c. p. 376,. 

' Leo Africanus, Africne de^criptio^ Leyden 1632, p. 326/ Marchand, 
Journal Asiatique X, 6/ 1905, p. 467/ Zachariae, Wiener Zeitschrift für Kunde 
des Morgenlandes XVIII 306/ XX 291 f./ Scheftelowitz I. c. p. 377. 

^^ Cf. den Jalkut zu Genes. 1, Abschnitt 16/ Scheftelowitz I. c. p. 376. 



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Robert Eiskr 



j&man heirate eine Frau am fünften Wochentag, da Gott an diesem 
Tag bei der Weltsdiöpfung die Fische gesegnet hat mit den Worten 
*seid fruchtbar und mehret eudi«- 

Analoge Ansdiauungen bei den alten Grierfien sind daraus 
zu ersdi ließen, daß die wenigen erhaltenen Brudistudce der Komödie 
»die Hodizeit der Hebe« des Diditerphibsophen Epidiarm^ fast 
aus nidits anderem bestehen, als aus einer langatmigen Aufzählung 
aller erdenklirfien Fisdigattungen, die die Gottheiten beim Hodizeits* 
mah[ verzehren, wobei ausdrüdilich hervorgehoben wird, daß Zeus 
das einzige vorhandene Stüdi des heilig gehaltenen, überaus seltenen 
»Stummfisdies « ^ für sidi und Hera beiseite legen ließ ^. Bwei lustige 
sdiwarzfigurige Vasenbilder (Fig. 10)^ die sidi allem Anschein nadi auf 
diese Komödie des Epidiann beziehen, zeigen uns Herakles, den 




FIf. 10. Heratl€s für sein Hocfazeitsmahr FisAc fangctid* Sdiwarzfi^riges Vascnbild. 

Bräutigam der göttlidien Hebe, wie er vorderHodizeitsfeier im Beisein 
und mit Hilfe der Sdiutzgötter des Fis Afangs Hermes und Poseidon im 
Sdiweiß seines Angesidites bemüht ist, die nötigen Fisdie für dieses 
ungeheure FisAessen zu erangeln, Freilidi würde man zunädist 
niAt meinen, daß der ri^enstarke Held, dessen sagenhafte Leistungen 

1 Fr. Nr. 71 bei Athenaus p. 282 D. 

* ellop$j wahrsdiefnlidi das Sterlet <vgL Georg Schmidtj, PhilologuSp SxippL 
XI, p. 281)/ wenn ein soldier Fi^di g^efafigen wurde — * was mandimal in der 
sogenannten Pamphylisdicit See vorkam — pflegten siA die Fisdier zu bekränzen 
und den Fang mit Flöten spiel ru feiem, AuA atn fömisdien Kaiser Kof wurde 
dieser FisA unter Fiotenmusik aufgetragen. Es soll der sAon in der homerisdien 
Patroklie »heilig« genannte FisA sein. <Aelian, nat, anini. VIII 28/ Sammonius 
Sercnus bei Macrobius^ Saturn. III löj^^) 

* WabfsAetnIiA niAt bloß des berQhmten WohlgesAtnackes wegen. Da die 
antiken Arzte (RuFus ber Orib. III 9] > den Frauen den GenuB des ällops verbat en^ 
muß man ihm eine besonderej, vcrmutliA erregende Wirkung auf das GcsAIeAts* 
leben zugesAriebrn haben ^ 



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Fff . 6, Kwan-yfn, diinesisAe Licb^sf öttin 

mit dem Fjscfc im Kori># 

Farb^nholzsAnin im Museum von Sin-yen-fu. 



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Der Fisch als Scxualsymbol 177 

bei den neunundvierzig in einer Nadit gefreiten Töditern des The^ 
spios ^ im Altertum unter die meistgefeierten Herkulestaten geredinet 
wurden, nodi dieser stärkenden Mahlzeit bedurft hätte: vermutlidi 
hat sidi aber dieser ziemlidi gröblidi^pantagruelistisdie Sdiwank die 
entspredienden Anspielungen auf die konkrete Grundbedeutung des 
Namens der Braut nidit entgehen lassen. Heißt dodi ^ißr) wörtlidi 
soviel wie lateinisdi pubes = »Sdiam«, so daß Epidiarm in ähnlidien 
Hyperbeln, wie sie sidi in der biblisdien Sprudi Weisheit^ über die 
Unersätdidikeit des Hades, der troAenen Erde und des weiblidien 
Sdioßes finden, gespottet haben mag, selbst ein Herakles müsse sidi 
am Hodizeitsmorgen um Fisdie umsehen, wenn er der y>Hcbe<i 

fenügen wolle. Ein — eigentümlidi totemistisdi gedeutetes — 
Fischgericht am Ende des Hodizeitsmahles scheint auch in dem 
Jseudo^Hesiodeisdien Gedidit »die Hodizeit des Keyx^« vorge^ 
commen zu sein. Daß sidi die Sitte bis in die hellenistisdie Zeit 
linein erhalten hat, zeigen die Nadiriditen von dem Weißfisdi 
i>leukos<, der der Königin Berenike am Abend vor ihrer Hodizeits^ 
nacht von der Fischergilde Alexandrias überreicht wurde*. 

Fische beim Hodizeitsmahl sind ferner im Folklore der sieben- 
bürgisdien Sadisen bezeugt''. Ebenso werden bei den Mandsdiu dem 
Brautpaar Fisdie als Speise gereidit mit dem Wunsdie: »in Hülle 
und Fülle möge Euch Glück zuteil werden«^. Auf den Hervey^Inseln 
(Ozeanien) wird bei einer Hochzeit ein roher Fisch zum Bräutigam 
gebracht, dann wird der Fisch auf einem menschlichen Körper 
in Stücke zerlegt und vom Bräutigam vollständig roh verzehrt"^. 

Auch im Fruchtbarkeitszauber spielt das Bild eines Fisches 
eine entsprechende Rolle. In Ceylon glaubten früher die Bauern, 
deren Adker es an genügender Bewässerung mangelte, durch das 
Bild eines in einer Zisterne^ ruhenden Fisches eine gute Ernte zu 
erzielen^. Hiezu verweist der Mitarbeiter dieser Zeitschrift, Dr. Emil 
Lorenz in Klagenfurt, brieflich auf die alpenländische Sitte, stets 
einen Fisch, gewöhnlich eine Forelle, im Dorfbrunnen lebend zu 



^ Gruppe I. c, p. 485. 

2 Prov. 30i«. 

^ Fragm. 154 RzaA, Plut. Sympos. VIII 84, p. 730 E/ vgl. Eisler, Or- 
pheus the Fisher, London 1914, p. 258 n. 6. 

' Aelian n. a. X 46; Strabo XVII 812, Athen. VII 17, p. 284/ Seneca 
bei Augustin. de civ. Dei XVI 10. 

^ Sydney Hartland, I. c. I, p. 155. 

'^ Wilhelm Grube, Zur Pekinger Volkskunde, p. 25/ Scheftelowitz, 
1. c, p. 377,. 

' W. W. Gill, Life in the Southern Isles, London 1876, p. 60/ Schef- 
telowitz, ibid., p. 3774. 

* Vgl. Prov. 5,5 den metaphorisdien Gebraudi von Brunnen {he'er) und 
Zisterne <^<^''> für »Weib«, beziehungs>3reise weiblidies Genital (dazu »Philologus« 
LXVIII B. p. 209 zu p. 193, sowie unten S. 186 den »Fisdi aus der Quelle« in 
der Aberkiosinsdirift. 

° H. Parker, Ancient Ceylon, London 1909, p. 514/ Scheftelowitz, 
1. c, p. 380. 

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erhalten. Ebenso gehört zur Brautaussteuer der Chinesen ein Glas« 
behaltet mit Goldfischen, die mit größter Vorsicht in das neue 
Heim getragen werden, damit sie durch das Schütteln nicht leiden, 
denn stirbt einer dieser Fische, so gilt das für ein böses Omen^ 
Auf einem Geweihfragment mit prähistorischen Ritzzeichnungen aus 
der Grotte von Lortct* sind zwischen den Beinen einer Renntier* 
herde Fische eingekratzt. Da die Gravierungen dieser Vorgeschichte 
liehen Völker nicht schmückenden, sondern zauberischen Zwecken 
gedient zu haben scheinen, steht zu vermuten, daß der Zeichner 
durch diesen Bildzauber seine Herde zu befruchten gesucht hat. 
Dieselbe Deutung liegt sehr nahe bei einer zu Tiryns gefundenen 
Vasenscherbe der sogenannten mykenischen Periode (achtes bis 
neuntes Jahrhundert v. Chr.), wo ein Fisch mit dem Kopf gegen 

die Schamgegend gewandt zwi* 
sehen die Beine eines Pferdes 
gemalt ist*. <Fig. 12.) 

Ober die ganze Erde ver-» 
breitet, finden sidi Sagen und 
Märdien von der magisdien 
Sdiwängerung von Jungfrauen 
oder unfruditbaren Frauen, be* 
ziehungsweise von weiblidien 
Tieren durdi den Genuß eines 
Fisdies. Sehr viele davon sind 
in Sydney Hartlands mehr- 
fadi zitierter Untersudiung über 
die Perseussage in einem be* 
sonderen Kapitel behandelt worden/ hier folgen zunädist ein paar 
Musterbeispiele aus Hahns Sammlung albanisdier und griediisdier 
Volksmärdien : In einer soldien Sage verspridit eine Jungfrau dem 
Prinzen, sie würde vom bloßen Ansenen sdiwanger werden. Sie wird 
daraufhin in einen Turm ohne Stiege versdilossen und bittet nur, 
man möge ihr einen Fisdi — und zwar einen ungesottenen 
— senden und glcidi Kleider für das Kind vorbereiten, das auA in 
der Tat riditig zur Welt kommt <Hahn, Nr. 112>. 

In einem anderen Märdien <Hahn, Nr. 64, Variante 3> bringt 
ein FisAer einem König, der zu seinem Leidwesen keine Kinder 
hatte, jeden Morgen frisdie Fisdie. Eines Tages ist zufällig eine Sdileie 
darunter, der König ißt die eine, die Königin die zweite Hälfte ^ und 
in kürzester Zeit tiihlt sidi die HerrsAerin gesegneten Leibes. 

Wieder in einem anderen Märdien fängt sidi ein kinderloser 

' Wilhelm Grube, I. c, p. 36/ Schcftclowltz, 1. c, d. 377,. 

* Fig. 11 u. IZnaAHocrncs, Urgesdiidite der bildenden Kunst, Wien 1898, 
p. 15/ vgl. Sdicftelowitz, 1. c, p. 381. Ober dem reAten Renntier zweimal das 
rautenförmige Vulvcnsymbol. 

• Vgl, oben S. 176, Anm. 3 Zeus, der für sidi und Hera den Sterlet beiseite 
legen läßt. 




Fig. 11. Prähistorisdie Ritzzeidinung. 



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Der Fisdi als Sexualsymbol 179 

Fisdier auf den Rat einer weisen alten Frau ein goldenes Fisch* 
chen, das er in sedis Stücke sdineidet^ Je ein StüAdien ißt der 
Fisdier, eines seine Frau, eines die Hündin, eines die Stute im 
Stall, zwei werden vergraben. In kurzer Zeit werden die Fisdierin, 
die Stute und die Hündin sdiwanger — die Fisdierin sogar mit 
Zwillingen — während aus der Erde, an jener Stelle, wo die Fisdi* 
stüd^dien vergraben sind, je zwei Zypressenstämme emporsprießen 
<Hahn, Nr. 22>. 

Dieselbe Gesdiidite kommt als deutsdies Volksmärdien bei 
Grimm, Nr. 85, als lettisches bei Andrejanoff" und in Zingerles 
Sammlung tirolischer Volksmärchen als Nr. 25 vor. In einer indischen 
Fassung wird ein Fisch gekocht. Die Kuh, die die Fischbrühe ^ trank, 
die Dienerin, die von dem Fiscfi naschte und die Königin, die den 
Fisch aß, gebären sämtlidi nacii neun Monaten^. In den von Sydney 
Hartlanclgesammelten Varianten wird der schwängernde Fisch einmal 
<p. 63) als rot, einmal <p. 34) aber ausdrücklich als rote Seebarbe^ 
bezeichnet. In einer weiteren Variante <p. 52> wird die Schwängerung 
schon durch einen Trunk Wassers, in dem ein Fisch gewaschen 
worden ist, verursadit, ein andermal durch Fisdiblut <p. 69>. 

In einer isländischen Sage^ wird von der kinderlosen Frau 
eines Jarls erzählt, ihr seien im Traum drei Frauen in blauen 
Mänteln^ erschienen, die ihr befahlen, zu einem ihr bekannten 
Strom zu gehen, sich niederzulegen, aus dem Strom zu trinken 
und dabei zu versuchen, eine gewisse Forelle, die sie dort er* 
blicken würde, in den Mund zu bekommen, dann werde sie 
gleich empfangen. Hier liegt offensichtlich eine jener gar nicht so 
seltenen oagen vor, deren Sammlung und Bearbeitung Friedrich 
Ranke* Göttingen erst kürzlich in den «bayrischen Heften für Volks- 
kunde«** nachdrücklich angeregt hat, die auf ein wahres — psychi* 
sdies — Erlebnis zurüdcgehen. Für jeden Leser dieser Zeitschrift 
ist der Traum der Jarlsfrau ein geradezu klassisches Beispiel des 
Wunschtraumes einer kinderlosen Frau, die" im Unbewußten mit 
dem von der Selbstzensur verworfenen Wunsche spielt, durch fellatio 



* Vgl. den Hochzeitsbrauch der Hcrvey'lnsulaner oben S. 177, Anm. 7. 
' Lcttisdic Märchen, p. 21 f.,- Scheftelowitz, I c, p, 378. 

' Vgl. oben S. 175, Anm. 6. 

* De Gubematis, Tiere in der indogermanisdien Mythologie I, cap. 3/ 
Scheftelowitz, 1. c, p. 392. 

^ Vgl. oben S. 171, Anm. 8, aber die Heiligkeit der roten Seebarbe und 
S. 174, Anm. 9, über die Doppelbedeutung von fiv?J.og. 

* Powell und Magnusson, Icelandic Legends, London 1864 bis 1866, 
p. 435/ Maurer, Isländisdie Volkssagen, Leipzig 1860, p. 284,- Sydney Hartland, 
a. a. O., p. 74. 

^ NatürliA die Nornen! 

^ Jahrg. 1914, pp. 40 bis 51, »Sage und Erlebnisc, 

* <Anm. d. Redaktion.) Eher: die infolge der aktuellen Unbefriedigung im 
Unbewußten auf die infantile Lustzone des Mundes und die entsprediende Sexual* 
theorie zurückgreift. 



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180 Robert Eislcr 



die sdilummernde Libido des kühlen Gatten aufzureizen. Das 
Zeugnis ist deshalb so wertvoll, weil es in die Entstehung des 
Fisdisymbols durdi die Traumarbeit unter dem Einfluß jener 
Hemmungen, die Freud als »Zensur« bezeidinet, deutlidi hinein^ 
blidten läßt. Hartland und nadi ihm der größte lebende Kenner der 
Primitiven und ihres Aberglaubens J. G. Frazer haben bekanndidi 
alle die häufigen Mythen von einer wunderbaren jungfräulidien 
Empfängnis als Rudimente jener bei den Aruntas in Südaustralien 
nadiweisbaren tiefsten Kulturstufe angesprodien, auf der nodi jede 
Einsidit in den Kausalzusammenhang zwisdien Begattungsakt und 
Sdi wangersdiaft fehlte Allein gerade bei den erörterten Fisdi- 
mythen ist kaum daran zu zweifeln, daß ein mehr oder weniger 
klares Bewußtsein von der phallisdien Bedeutung des Fisdisymboles 
vorhanden und nur »durdi die Zensur abgeblendet« ist — wie z. B. 
in der brasilianisdien Sage^ wo von dem Helden erzählt wird, er 
habe ein Mäddien <wördidi> »by means of a mysterious ßsJu ge^ 
sAwängert. 

Die isländisdie Traumsage zeigt ferner sehr deutlidi, wie die 
ständig wiederkehrende Vorstellung vom Essen des Fisdies sexuaU 
psydiologisdi bedingt ersdieint. 

Eine sehr hübsdie Parallele zur hysterisdien Aversion gegen 
das ansdieinend harmlose Objekt einer aus dem Bewußtsein ver^ 
drängten Sexualsymbolik bietet das ebenfalls von Sydney Hartland^ 
verzeidinete lustige Gesdiiditdien von dem überkeusdien Türken^ 
mäddien, das sidi weigert, auch nur einen Fisch anzusehen, 
aus Angst, es könnte ein Männchen sein! Der weise Herr des 
Harems sdiließt bezeidinenderweise aus dieser übertriebenen Sdiam* 
haftigkeit geradezu auf ein Sdiuldgefühl, läßt den Harem durdi^ 
sudien und findet in der Tat versted^te Buhler dort vor. 

Psydiologisdi überaus lehrreidi für das vorliegende Problem 
sind audi die Denkmäler jenes kultisdien ^^Rasens« der ekstatisdien 
griediisAen »Sdiwärmerinnen« in den Dionysosmysterien. Lewis R. 
Farnell^ hat sehr sdiön und meines Eraditens ganz unzweifelhaft 
nadigewiesen, daß der äußere Zwecl^ dieser cigentümlidien Be* 
gehungen in einer Förderung der Fruditbarkeit in der Natur zu 
suAen ist. 

^ Diese auf den ersten Blick absurd anmutende und viel verhöhnte Theorie 
geht von der siAeren Tatsadie aus, daß bei diesen wilden Völkern der Koitus 
hemmungslos und in größter Häufigkeit sAon in einem Alter geübt wird, wo 
infolge der mangelnden Geschleditsreife beider Teile oder des einen oder des 
anderen eine limpfängnis nidit eintreten kann. Man sAiebt also die erste wie 
die folgenden SAwangersdiaften nidit auf diesen ständig vorhandenen, kaum be* 
aditeten Faktor, sondern auf irgendein auffallendes Ereignis — Begegnung mit 
irgend einem Tier, Genuß einer bestimmten Speise — das unmittelbar den ersten 
wahrgenommenen Regungen des neuen Lebewesens vorangeht. Daraus erklärt sidi 
dann auch da? vollständige Fehlen des Paternitätsbegriffes auf dieser Kulturstufe, 

*' Sydney Hartland, p. 105. 

» p. 123. 

* Cults of the Greek states vol. V (Oxford 1909) p. 161 ff. 



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Der Fisch als Sexualsymbol 181 

Daneben hat aber dieser urtümlidie Vegetationszauber zweifellos 
auch eine innere, persönliclie Bedeutung gehabt, aus der sidi der 
große und — wie sicfi aus den Zeugnissen, vor allem aus den 
»Bakdien« des Euripides, erkennen läßt — von den Männern mit 
gemisditen Gefühlen begleitete Zulauf der griediisdien Frauen^ zu 
diesem ursprünglich ungriechisdien Kult erklärt: der byzantinisdie 
Lexikograph Suidas hat ein ebenso eigentümlidies als bezeichnendes 
Sprichwort — dem Metrum nach vielleicht einen Tragikervers — 
aufbewahrt. Es lautet: 

V ZQÖ tgaycodetv jtdvrag i] ß^Xayyoläv 

»Alle müssen sich an den <Dionysischen> ,Bocksgesang' = 
<riten> beteiligen oder der Melancholie verfallen.« Das stimmt 
genau zu den antiken Vorstellungen vom Dionysos Mainoles^ aber 
auch Lysios oder I^leutheretis, demHeiland und Befreier vom Wahn- 
sinn durch das bakchische »Rasen«. Wenn überliefert ist, daß 
Melampous, der Prophet des Dionysos, den Wahnsinn der Töchter 
des Proitos durch Vorführung kultischer Tänze von Jünglingen 
heilte <ApolIodors Bibliothek 2, 2, 2>, wenn es anderswo heißt, daß 
die Töchter des dionysischen Heros EletUher durch den Glauben an 
»Dionysos in der schwarzen BoAshaut« (Dionysos Melanaigis) von 
Wahnsinn geheilt wurden <Suidas s. v. Melanaigis), wenn Aristoteles 
<Pol. 8. 7, 4 bis 9> der Flötenmusik der phrygisdien und dionysi* 
sdien ekstatischen Kulte die Wirkung zuschreiot, eine heilsame Ent* 
ladung für die zurückgestauten Affekte krankhaft leidensdiaft^ 
licher Individuen zu bewirken, wenn der Zweck der Dionysischen 
aiaxQO/Myia — Zoten*, Schmutz^ und Spottreden, satyrisdie An^ 
griffe und Anklagen, öffentlich erhoben, aus denen sidi die Satyrik 
der älteren Komödie entwickelte — in einem xa^aQ/iiög tcbv \pvy(bv 
erblickt wurde <Suidas s. v. rd ^5 d^d^^c), wenn endlidh Aristoteles 
in seiner Poetik als Zwedt der aus den Dionysienfeiern hervor- 
gegangenen kunstmäßigen Tragödie nodi die berühmte »Katharsis« 
von Affekten der Furcht u. dgl. bezeidinet-, so gewinnen alle diese 
Beridite im Licht der neueren Lehren von den hysterischen Depressions*» 
erscheinungen und den Symptomen der Affektverdrängung erhöhte 
Bedeutsamkeit, Es kann kaum zweifelhaft sein, daß das, zwar nicht mit 
den Mitteln orientalischer Haremsbewachung abgeschlossene, aber 

* Vgl. die einleitenden Verse in der Lysistrata des Aristophanes, in der 
die Heldin über den mangelhaften Erfolg ihres Aufrufes klagt, indem sie sagt: 
^Ganz anders war es, rief sie einer ins Bakcheion <ins Heiligtum Azs Pan, 
zur Aphrodite Kolias) oder zu der Athene Genetyllis.« Man sieht, es sind als die 
bei den Frauen beliebtesten Göttinnen witzig zwei ithyphallisdie und zwei Göttinnen 
des weibliAen Geschleditslebens <uber die Kolias s. o. S. 171, Anm. 7> genannt. 

* Vgl. A. Freih, von Berg er im Anhang zu Theodor Gomperz' Ober* 
Setzung der Poetik des Aristoteles (Leipzig 1897) p. 81; >die kathartische Be- 
handlung der Hysterie, welche die Ärzte Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud 
beschrieben haben, ist sehr geeignet, die kathartische Wirkung der Tragödie ver- 
ständlich zu machen . . . etc. Siehe auch Hermann Bahrs Dialog vom Tragisdien 
(Berlin, S. FisAer, 1904). 



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182 Robert Eisicr 



doch durdi Rcdit, Sitte und Familicngcwalt einem Herrn vorbe* 
haltene altgriediisdie Frauengemadi für die Entstehung hysterisdier 
Erdieinungen einen jedenfalls nidit ungünstigeren, im Gegenteil wahr* 
sdieinlidi nodi weit fruditbareren Nährboden gebildet hat, als die 
moderne, wenigstens der Fiktion nadi monogamisdie und auf freier 
Gattenwahl aufgebaute Ehe mit ihrem Korrelat unfreiwilliger Jung* 
fräulidikeit. Unter diesen Voraussetzungen ist es ohne weiteres be* 
greiflidi, wieso leidensdiaftlidie Musik sinnlidi erregenden Charakters, 
derwisdiartig bis zur physisdien Ersdiöpfung und Benommenheit 
fortgesetzte Tänze, rythmisdie Sdileuderbewegungen des Kopfes, 
verbunden mit dem Genuß von Wein und anderen halluzinations* 
fördernden Nervengiften ^ Geißelungen der kultisdi »rasenden« Frauen 
einerseits-, anderseits Befriedigung der Agressionstriebe durdi Hetzen, 
Einfangen und orgiastisdies Zerreißen lebender Tiere, sowie durdi 
Rohessen des blutraudienden Fleisdies der Opfer und Prügelung, 
beziehungsweise Steinigung mitwirkender männlicher Mysten ^ endlich 
das freie Hinausschleudern aller angehäuften, sonst in Schweigen 
zurud^gepreßten Antipathien in Form aggressiver Spottreden, Flüche, 
Schimpfreden, ja Zoten in der Urform alter »Satyrik«, und das 
Austoben aller individuellen, persönlichen Schmerzen in der er* 
schlitternden gemeinsamen Klage um den gemarterten und getöteten 
Gott eine machtvolle kathartische Wirkung gegen die 
hysterischen Depressionszustände des it^layyo/.äv aus* 
üben konnten. 

Daß wirkliche geschlechtliche Ausschreitungen zu den Orgien 
gehörten, wird von Euripides* implizite bestritten und die im römi* 
sehen Bacchanalienprozeß <Livius 39, 13) erhobenen Beschuldi* 
gungen sind allzu tendenziös, um für beweisend gelten zu dürfen. 
Sicher ist jedoch, daß sexualsymbolische Begehungen — vor 
allem die sogenannte Phallophorie — in dem beabsichtigten Vege^ 
tationszauber eine Hauptrolle spielten und es ist klar, daß auch 

^ Vgl. Rohdc, Psyche- p. 17. Unter anderem wurden die audi nodi in 
der älteren Pharmakopoe zur Herstellung der sogenannten »SAIafsAwämme« bc* 
nutzten Epheublätter zerkaut. 

* Lykurg peitsAt die Maenaden mit dem Ochsenziemer/ im arkadischen Alea 
wurden die Weiber des Dionysos gegeißelt <Paus. 8, 23, 1/ Farn eil, I. c., d. 163>. 

' Es ist dieser Teil der Orgien, der siA in den Mythen vom Tod des 
Pentheus, Orpheus oder Thamvris durA die Maenaden spiegelt. SaAliA betraAtet 
sind die Geißelriten ein Fruchtbarkeitszauber, die Omophagie ein theophagisAer 
Kommunionsritus/ die subjektive Seite und die erstaunliche ThatsaAe, daß Frauen 
einer hoA kultivierten Nation mit LeidcnsAaft an so entsetzliAen Zeremonien 
teilnehmen moAten, wird man am ehesten verstehen, wenn man siA an die 
modernen englisAen WahlreAtskämpferinnen erinnert, die mit Zähnen und Krallen 
über die SAutzIeute herfallen und kein Mittel unversuAt lassen, um die urtümliA 
instinktive männliAe Roheit in ihren Gegnern zu weAcn. 

* ». . xal yäg Iv ßaxxtvinctötv ovo t} ye oojq^Qcoi' o{» d(aq&agrioexa(.€ 
Allerdings ist Dionysos kein Gott, der auf Sinneszucfat und Zurückhaltung in 
Venei-e bei den Frauen GcwiAt legt (ibid. 314 f.: '^oi)X ö Jioi^^oog, aoq-govnv 
dva)'xd(Jet yvvaty.ag ilg Ti)v Kvnotv*), 



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Der Fisch als Sexualsymbol 183 

dieser Zug in der erzielten subjektiven xdß'aQaLg tcov jicuh^idrcov 
von hervorragender Bedeutung war. Was unter Phallophorie zu 
verstehen ist, lassen die zahlreichen Schrift^ und Kunstdenkmäler 
zusammengenommen wohl erkennen. Zunächst einmal gehörte zur 
Festtracht der als »wilde Männer« (Satyrn, Silene, Pane u. dgl. m.> 
vermummten Teilnehmer außer der Rinder^, Ziegen-, Reh*, Pferde-, 
Leopardenhaut oder noch anderen Fellen regelmäßig auch ein vorge* 
bundener Phallos von übertriebener Größe,- zweitens wurden in der 
Prozession noch wahre Riesenphallen von der Gestalt und Größe 
ganzer Sturmböcke mitgetragen^ und allenfalls noch mit Seilzügen 
in charakteristischen Wippbewegungen erhalten. Drittens aber — 
und diese Sitte kommt für den hier behandelten Zusammenhang vor 
allem in Betracht — pflegten die Maenaden selbst bei ihren Tänzen 
große Phallen durch die Luft zu wirbeln. 

Das wichtige Zeugnis — ein attisches Vasenbild mit der Dar* 
Stellung einer nad^ten Maenade, die einen Phallos verzüd^t in den 
Händen bewegt ^ auf einer Scherbe aus dem Perserschutt auf der 
Akropolis — ist leider noch unveröfFendicht. Der Leser wird seiner- 
zeit in einer späteren Lieferung der von Prof. Botho Graef^Jena 
geleiteten Veröffendichung dieser Scherben, von denen erst die aller* 
ältesten herausgegeben sind, eine Abbildung dieses Stüd^es finden. 

Dagegen zeigt die beigegebene Fig. 13, ein ebenfalls attisches 
Vasenbild aus der Sammlung des Grafen Lamberg, jetzt in der 
Antikensammlung des kunsthistorischen Hofmuseums in Wien, eine 
bekleidete Maenade, die in jeder Hand einen Fisch — d. h. den heiligen 
Bakchosfisch, wahrscheinlich die Springmeeräsche ^ — schwingt, 
während ein ithyphallischer Satyr — d. h. im wirklichen Ritus ein 
Tänzer mit Tiermaskenabzeichen und vorgebundenem Phallos, eine 
zweite Maenade am Arm ergreift. Analoge Tanzbilder und ein* 
schlägige Überlieferungen^ scheinen zu beweisen, daß diese Fische 
ebenso wie die anderen Tiere — Schlangen ^ Hunde ^ Jung* 
stiere, Ziegenböd^lein, Widder etc. — am Ende des Tanzes 

^ Heydemann, Mitteilungen aus oberitalicnisdien Sammlungen III, p. 95, 
Taf. 2/3. 

2 Nilsson, GriediisAe Feste, p. 261, Anm. 2/ Farnell, I. c, p. 265 e. 

^ G. Schmidt, Philol. Suppl. XI, p. 331. Nach dem FisdibuA des Dorion 
bei Athenacus III 118 c wäre der Bakdiosfisdi aber identisdi mit der heiligen See* 
rotbarbe der Demeter. Wieder nach anderen <s. die Zeugnisse bei Eisler, Orpheus 
the Fisher, London 1914, di. XXXV> müßte es eine mittelländisdie Sdiellfisdiart 
<der Merlan?) sein. 

* Eisler, I. c. 

^ Vgl. oben S. 167 über SAIange = Fisdi = Phallos. 

ö Hund = griedi. y.vcov (= der Zeugende) ist nadi HesyA = t6 dv<)ouov 
flögt ov (das männlidie Glied). Vgl. den Schwur des Sokrates vai /i« töv xvva 
<niÄt = »beim Hund«, sondern gleidi dem spanisdien Beteuerungsfludi carajo! 
= pennis). Der Sdiwur beim Phallos kommt sdion Genes. 42, 4 vor,- vgl. die ganz 
unumwundene Illustration zur Stelle in dem von Scato de Vries nadi Aufnahmen 
des Verfassers in den Sijthofsdien Codices photoyraphice depicti herausgegebenen 
Octateuch von Smyrna. 



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184 Robert Eisler 



zerrissen und verschlungen^ wurden. In der Tat scheint die 
zweite Bakchantin ein Stüd^ eines zerrissenen Fisches in der rechten, 
vom Satyr umklammerten Hand zu halten. Die objektive Bedeutung 
dieses phallischen oder Fischtanzes — der am besten den sexual- 
symbolischen Coroborritänzen der Australier verglichen wird — 
ist natürlidi wiederum die eines Fruditbarkeitszaubers. Von der 
subjektiven Seite gesehen, wird eine mystisdie Hierogamie und 
sinnlidie Vermählung der Orgiasten mit cler Gottheit erstrebt. So 
sonderbar solche Riten dem heutigen Forsdier ersdieinen mögen, 
so tief begründet sind sie in den Urtiefen religiösen Bewußtseins. 
Kennen dodi die jüdisdien Mystiker, die sogenannten Chässidim, 
bis auf den heutigen Tag nom ganz eindeutige erotisdie Gebets- 
gesten — i^une gymnastique rorporelle pour produire une sorte de 
rohabitation . . . avec les sph^res supMeures€^. Unter diesen Um- 
ständen ist es gewiß bemerkenswert, daß audi eine geradezu als 
»FisAtanz« bezeidinete Zeremonie heute nodi unter den HoAzeits- 
riten der sephardisdien Juden — der sogenannten Spaniolen — vor- 
kommt: aus einem bosnisdien Lx>kalblatt ist durdi Vermittlung der 
»Allgemeinen Zeitung des Judentums«' in den »Globus«^ und die 
»Wiener Zeitsdirift für Kunde des Morgenlandes« ^ der folgende merk- 
würdige Beridit übergegangen : 

»Im Juni dieses Jahres <1891> fand zu Sarajewo in Bosnien 
unter genauer Beaditung der bei den Spaniolen üblidien herge- 
braditen Gebräudie die Trauung des Herrn Abraham Levi mit 
Fräulein Simha Salmon statt, wobei die Honoratioren der Stadt 
zugegen waren. Nadi dem AustausA der Ringe fand in der Wohnung 
des Bräutigams der übliche Fischtanz statt. Die Verwandten 
traten nadieinander vor die Braut hin und jeder legte einen oder 
mehrere Fisdie, die am Kopfe mit Blumen und am Leibe mit Rausdi- 
gold^ gesdimüAt waren, zu den Füßen der Braut, die dann über jeden 
Fisdi hinweghupfen mußte. An diesem Braudie, der den Wunsch der 
Fruditbarkeit symbolisiert, wird nodb immer streng festgehalten.« 

Es erübrigt nur nodi die Behandlung einer merkwürdigen 
Metapher, die vom Fisdisymbol in genau derselben Weise abgeleitet 
ist, wie der gebräudilidiste deutsdie VulgärausdruA für den Ge- 
sdileditsverkehr von dem weitverbreiteten Phallossymbol des <ital.> 
ucello <audi papagallo delle donzelle etc. etc.). Ist »der Fisdi« ein 
Euphemismus für denPhallos, so stellt sidi sinngemäß die Empfängnis^ 

^ Vgl. oben S. 179 f. ober den verschluckten FisA in Märdien und Traum. 

* Karppe, Ic Zohar, Paris 1901, p. 434, n. 1. Vgl. Eisler, Philologus 
LXVIII, p. 180, Anm. 183. 

' Jahrgang 1891, dritte Seite des UmsAlages. 

* LX. Bd., p. 128. Vgl. auA Theophil Löbel, HoAzeitsbräuAc in der 
Turkey, mit einer Vorrede von Hermann Vambery, Amsterdam 1897, S. 286. 

^ XX. Bd., p. 292. 

« Vgl. o. S. 179 Z. 1 den goldenen FtsA. 

^ »empfangen« = »in siA fangen«, wie »empfinden« = »in siA finden«. 
Concipere zu capeff, grieA. ovPJMfißdvnv etc. 



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Der Fisch als Sexualsymbol 



186 




Fig. 15. Sog. Ring des 
hl. Araulph von Trier 
im Metzer Domschatz. 



als ein »Fischfang« dar. In der Tat vergleidit in einem Hodizeitslied 
der Suaheli^ der Sänger die Braut mit einem Fischnetz »in das 
jeder Fisch hineingehen möchte«. Hiebei 
ist an konisdi geformte Fischnetze, Fisdireusen 
oder Schilfkörbe zum Fischfang zu denken, wie 
man sie auf dem Fischerring Fig. 15 oder dem 
dionysischen Vasenbild des Chachrylios <Fig. 16) 
dargestellt findet und wie sie noch heute auf der 
ganzen Welt von den Fischern gebraucht werden. 
Eine sinnfällige Darstellung eines der^ 
artigen Vergleiches der Braut mit einem Fische 
netz scheint beabsichtigt zu sein, wenn in Ruß- 
land der Braut, nadidem sie ihren Hochzeitsstaat angelegt hat, noch 
ein Fisdinetz übergeworfen wird^ oder wenn bei den Gurjern^ 

die Wöchnerin im 

Kindbett mit einem 
Netz bedeckt wird. 
In der Tat ver* 
binden zwei rus^ 
sische Märchen 
der Sammlung von 
Afanasieff* die 
Geschidite von dem 

wundertätigen, 
kinderzeugenden 
Fisch in ganz un^ ' 
mißverständlicher \ 
Weise mit dem 
Netzmotiv: auf 
Anraten eines frem^ 
den Bettlers versam^ 
melt der kinderlose 
König je sieben sie^ 
benjährige Mäddien 
und Knaben und läßt 
die Mädchen Garn 
spinnen, die Knaben 
aber daraus in einer 
Nacht ein Netz 




Fig. 16. Angelfischer und Fischreuse auf der Schale 
des Chachrylios. 



knüpfen. In dem Netz wird sich dann ein 
Karpfen mit goldenen Flossen^ fangen,- wenn die Königin den 
ißt, wird sie sogleich sdiwanger werden und einen Prinzen gebären 

^ Veiten, Sitten und Gebräuche der Suaheli 1903, p. 126/ Scheftelowitz, 
I. c, p. 392/ Eisicr, Orpheus — thc Fisher, p. 262, n. 2. 
- Frazer, The Golden Bough, vol. II, p. 339. 
' PIoss, das Weib, siebente Auflage, Bd. II, p. 415. 

* Sydney Hartland, I. c, vol. I, p. 73. 

* Vgl. oben S. 184, Anm. 6. 



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186 Robert Eislcr 



etc. etc. In der zweiten Fassung muß das Netz aus Seide sein, 
im übrigen zeigt die Erzählung die gleidien Züge. Wahrsdieinlidi 
ist dieses »spinnen« und »netzen« ein ebenso uralter Konzeptions* 
Zauber, wie das gleid\ zu belegende »Fischen« von Nadikommen* 
sdiaft. Wenigstens haben die französisdien Ausgrabungen in Tello* 
ein altbabylonisAes Relief aus sdiwarzem Stein — aus jener ältesten, 
sidier mehrere Jahrtausende vor Christus zurüdcreidienden Kultur^» 
sAidit der vorsemitisdien, sumerisAen Bevölkerung des Zweistrom* 
landes — zutage gefördert, das eine vornehme Dame zeigt, wie sie, 
eben von ihrem Sklaven gefädielt, vor dem auf dem Altar 
ruhenden heiligen Fisch ihr Garn spinnt. Die Darstellung 
ist besonders interessant, weil die Beziehungen zur Kultsymbolik 
der vorderasiatisdien Muttergottheit unverkennbar sind. Weiß dodi 
der Lykier Xanthos^ von einem pöttlidien Fisch als Sohn der 
Göttin Derketo von Askalon und Hierapolis^ zu erzählen, während 
Mnaseas^ täglidie Fischopfer erwähnt, die auf dem Altar dieser 
Göttin dargebradit wurden und Lucian^ von ihrem Standbild in 
Bambyke beriditct, daß es einen Spinnrocken in der Hand hält. 
Hiezu vergleidie man die Mythen von der spinnenden kleinasiatisdien 
Muttergöttin Kybele^Omphale^ und die — in vielen Kunstwerken'* 
nadiwirkendc — kirdilidie Überlieferung ^ daß die Jungfrau Maria 
Christum während des Spinnens empfangen habe,- ferner 
die merkwürdige Legende, auf die die Grabscnrift des Bisdiofs 
Aberkios von Hieropolis <um 180 n. Chr.) in jenen rätselhaften 
Worten anzuspielen sdieint, in denen Christus der »reine Fisdi« 
genannt wird, den eine »heilige Jungfrau gefangen« <d. h. empfangen *=^> 
hat/ endlidi den heidnisdien Parallelmythus von der Göttermutter 
Hera »Quelle«, die mit der Angel der Gottheit »einen Fisdi ge^ 
fangen«, d. h. von dem Sonnengott Zeus Helios einen Sohn 
empfangen und geboren hat'*, lauter Sagentypen, deren Sinn erst 

* De Morgan, Mcmoir. Deleg. cn Pcrsc, Paris 1900, tome I, pl. XI u. 
p. 159 f. <Fig. 17.) 

- Bei Athcnäus, p. 364 E 
' Vgl. oben p. 172, Anm. 1. 

* de Dea Syria c. 32. 

^ Ober Kybele-Omphale s. Eisler, Philologus LXVIII, p. 143 ff. Das Spindel-- 
Symbol ist durdi den Mythus bezeugt, daß Herakles sein Löwenfell und die Keule 
mit der Kunkel der Omphale vertausdit. 

'^ In einer Reihe von Vcrkündigungsbildern, deren ältestes ins fünfte Jahr- 
hundert gehört. Vgl. die Aufzählung bei Rohault de Flcury, Tcvangile, Tours 
1874, vol. I, n. 11 ff.,. La Sainte Vicrge, Paris 1878, vol. 1, p. 77,. F. X. Kraus, 
Realencyclopädie des christl. Altertums II, p. 936 f. 

' Protoevangelium Jacobi, He n necke, neutest. Apocryphcn, p. 58/ De 
ortu beatae Mariae et infantia Salvatoris, Thilo, corpus apocr. p. 352, n. 307. 

^ Vgl. über diese vielumstrittene Insdirift Dölger, IX6YC, Rom 1910, 
p. 87—113,. Eisler, Orpheus - the Fisher, London 1914, A. XXXIV. 

*• Der Text, der sidi jetzt in einer byzantinisdien Sdirift über eine fingierte 
Religionsdisputation zwisdien Rabbinern und diristlidien BisAöfcn am Hofe des 
Perserkönigs befindet, hat eine lange und merkwürdige GcsAidite hinter siA. Es 



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Der FisA als Scxualsymbol 187 

durch die oben erörterte Märdiengruppe und die daraus zu er^ 
sdiließende euphemistisdi^metaphorisdie Bezeidinung,der Empfängnis 
als eines Fischfanges aufgeklärt werden. 

Diese Symbolik des Fischens ist sehr deutlich in einem Hodi^ 
zeitsbrauch, den das altindische Ritualbuch Bandhäyana Grhyasütra 
I 13^ überliefert: das neuvermählte Brautpaar watet bis zum Knie 
in das Wasser des nächsten Flusses und trachtet mit einem neuen 
Gewände <väsasä>^ dessen Saum der aufgehenden Sonne ^ zuge^ 
wendet ist, ein paar Fische zu fangen. Dabei fragen sie einen 
Brahma^ärin »was siehst Du?« Der antwortet: »Söhne und Vieh«\ 
Wenn sie viele Fische gefangen haben, so gilt das als eine Vor- 
bedeutung reichen Kindersegens. Es gibt auch eine Variante dieses 
Hochzeitsbrauches •'', bei der in einem Wasserbecken ein künstlicher 
Fisch in Bewegung erhalten wird, auf den die Braut einen Pfeil 
abschießen muß. In der Tat wurden und werden ja Fische nidit nur 
gefangen, sondern auch mit Schießwaffen erlegt^. Derselbe Brauch, 
mit Pfeil und Bogen auf einen goldenen Fisdi zu schießen, kommt 
auch in dem indischen Heldenepos Mahäbhärata I 185ii ff. als Hoch* 
Zeitsprüfung vor. 

In Südindien ^ kommt eine etwas abgeblaßte Form desselben 
Ritus vor: ein Ring wird in einen tiefen Wasserkübel geworfen und 

scheint, daß ein Brudistück aus einem Kybelemysterium in dramatischer Form — 
soldie Aufführungen sind durch die Kirchenväter bezeugt — eine symbolische 
Fassung des Mythus von der Empfängnis und der Geburt des Götterkindes 
darbot, die ihrerseits von einer altbabylonischen Legende beeinflußt ist/ daß dieses 
Bruchstuck dann zuerst in einem jüdischen ?> Alexanderroman als Allegorie auf die 
>»'underbarc Geburt Alexanders d. Gr. gedeutet, später aber in Bethlehem mit der 
Empfängnis Jesu und der Geschichte von den Magiern in Zusammenhang gebracht 
worden ist. Vgl. Eis 1er, 1. c, eh. XXXV, wo auch die ältere Literatur ange* 
geben ist. 

* Zachariae, Wiener Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes XVIII, 
1904, p. 299/ Pischel, Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissen- 
sdiaften 1905, p. 530/ Baldäus, Abgötterei der indischen Heiden in »Beschreibung 
der ostindischen Küsten«, Amsterdam 1672. D'Penha, Indian Antiquary XXV 144/ 
Chcttur, Caicutta Review CXIIl, 1901, p. 221 ff. 

2 Wirkliche Fische fängt man naturlich nicht »im Gewand«. Hier bietet der 
Ritus eine ähnliche scheinbar sinnlose Gedankenverbindung, wie sie im Traum so 
häufig sind. Der Mythus hat denselben Zug: vgl. Hahn Nr. 8, wo der »halbe 
Mensch« durch Drauf werfen seines Zottcnmantels« den wundertätigen Fisrh itn 
Geirande fängt. 

' Vgl. oben p. 174, Anm. 2, über die befruchtende Kraft der Sonne. 

* Zu diesem zweiten Teil der Antwort vgl. oben p. 178, Anm. 2, u. p. 179, 
die befruchtende Wirkung, die der »Fisch« auch auf das Vieh ausübt. 

^ De la Flotte, essays hisioriques sur l'Jnde, Paris 1769, p. 299 bis 301/ 
Zachariae, 1. c 

• Vgl. Schomburgks Bericht über den von den Eingeborenen Guyanas 
mit Pfeil und Bogen ebenso wie mit der Angel verfolgten Riesenfisch Arapniinn 
gigas in dem betreffenden Abschnitt von Brehms Tierleben. Als Untergymnasiast 
habe ich noch auf dem Millstättersee Hechte mit der Schrotflintc schießen gesehen 
und eines der letzten Hefte des »Country Life« <voI. XXXV, p. 359> bringt eine 
Photographie von montenegrinischen Büchsenschützen auf der Fisdijagd. 

• K. Graul, Reise nach Ostindien, IV, p. 173. 



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188 Robert Eisicr 



die Braut muß dieses Symbol des ehelidien Bandes wieder heraus* 
fisdien ^ 

In England pflegte man früher* einen Mildieimer mit söge* 
nanntem sillahub^ einer Art Mildipunsdi aus Mildi, Wein oder Obst* 
wein und ZuAer, zu füllen und den Brautring hineinzuwerfen, den 
dann die Braut wieder herausfisdien mußte. 

In einer besonders merkwürdigen Weise hat sidi der Ritus 
als Volksbraudi in Neapel erhalten. Zu Maria Geburt feiern bis 
auf den heutigen Tag die Nadikommen der alten Fisdier* und 
Sdiiffersippen von S. Lucia ein besonderes Fest auf dem Kai von 
S. Lucia Nuova. Jeder Fremde, der an diesem Tage ahnungslos 
über den genannten Strandweg sdilendert, wird unter großem Hailoh 
ins Meer geworfen — das natürlidi dort ziemlich seidit ist^. Die 
einheimisdien jungen Leute kommen alle in Masken aus Papier und 
anderen billigen Stoffen, unter denen sie Sdiwimmhosen anhaben, 
und springen mit diesem Staat, der dann im Wasser zurüAbleibt, 
ins Meer. Ursprünglidi — d. h. bis zur Mitte des neunzehnten 
Jahrhunderts — war das Fest eine gemeinsame Feier der jungen 
Leute, die im Begriffe waren sidi zu verloben. Diese pflegten damals 
neue Kleider anzulegen — von diesem Braudi des i^inngnarsi^ 
kommt der üblidie Namen des Festes »/a nzegnaf. — und sidiam 
Strand aufzustellen, wo ihnen die künftigen Bräute den Verlobungs* 
ring in kühnem Sdiwung ins Meer warfen. Die Bursdien hatten 
dann eilends nadizuspringen und jeder seinen Ring herauszu* 
fischen, beziehungsweise vom Meeresgrund emporzuholen. Ging 
der Ring verloren, d. h. mißlang das »Fisdien«, so galt das 
als böses Vorzeidien und die betreff"ende Verlobung ging in die 
Brüdie*. 

Dieses Fisdien nadi dem Brautring muß eine außerordentlidi 
verbreitete Sitte gewesen sein, da es in allen romanisdien Ländern 
zahlreidie Volkslieder^ gibt, die das Motiv behandeln. An Sdiillers 
»Taudier«, der dem Ring des Königs nadispringt, um sidi die Hand 
der Prinzessin zu erringen, braudit kaum eigens erinnert zu werdend 
Widitiger ist der von mir versudite Nadiweis^ daß audi bei der 
berühmten alljährlidien Hodizeit des Dogen von Venedig mit dem 
Meer der ins Wasser geworfene Ring in früherer Zeit wieder auf* 
gefisdit wurde, und daß gerade dieser Zug für die Zeremonie — 



* Vgl. G. Salz berger, die Salomosage, Berlin 1907, p. 128 über ein 
koptisches Märdien, in dem der Ring als Liebeszauber in den Bedier der Königin 
geworfen wird. 

'•* F. T. Thiselton Dyer, Populär Customs in England etc., p- 257. 
^ Über den Sinn dieses Brauches s. Eisicr, Orpheus — thcFisher, Kap.LXIV. 

* Vgl. die ^Domcfiica tlel Corrin-p^ Mailand 13. Sept. 1908. <Dic beigegebene 
Abbildung 18 ist mit freundlid>er Erlaubnis des Direktors Signor Attilio Centelli 
aus dieser Nummer der »Domenicac entnommen.) 

* Moriz Haupt, Französ. Volkslieder, Leipzig 1877, p. 29 und 78. 
»Melusine« Jahrgang II, p 5/ III, p. 37 und 70 etc. etc. 

'^ Vgl. die Literatur bei Eis 1er, Orpheus, a. a. O- 



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Der Fiscb als Sexualsymbol 



189 



die auA im alten Samos üblich war und dort die Sage vom Poly^ 
kratesring erzeugt hat — wesentlidi war. 

Natürlidi hängt es audi mit der Sexualsymbolik des »Fisdiens« 
zusammen^ wenn die jüdisdien Spaniolen^ die Braut über ein mit 
FisAen gefülltes Netz* hinweg die SAwelle ihres künftigen Hauses 
übersdireiten lassen. 

Sehr wahrsdieinlidi liegt ferner der oben S. 185 erörterte Ver* 
gleidi der Braut mit einem Netz, beziehungsweise einer Fisdireuse 
und der zugehörige Konzeptionszauber des Spinnens und Netzens 

?[ewissen orphisdien Mysterienlehren zugrunde, in denen das mensdi-* 
idie Sperma dem gesponnenen Faden ^ die Entstehung der Lebe* 




Fig. 19. Fischer, unter dem Schutz einer ithyphallisdien Gottheit fischend. 
Rotfiguriges Vasenbild im k. k. Museum für Kunst und Industrie in Wien. 

wesen aber dem Stricken eines Netzes oder dem Flechten einer 
Fischreuse verglidien wurdet 

Daß der Gott Priap den Alten als Patron der Fisdier galt^ 

1 Wiener ZeitsArift f. Kunde des Morgenlandes, XX, 292 ff. 

« Vgl- oben S- 186, Fig. 15. 

' fUxog = ojiBQiMi, »Orpheuse bei Clemens Alex, ström. V, 236 f. In 
Theben gab es in den Mysterien der Kabiren audi einen Kult des personifizierten 
Mitog vgl. Kern, »Hm»?e«« XXV 1890, p. 1 bis 16. Vgl. hiezu und zum 
folgenden Eis 1er, Weltenmantel p. 242 f. Die Gleidiung Sperma-Faden findet 
sid) aud) an einer berühmten Stelle des Atharva Veda X, Zn (Scher man, p. 43) 
»Wer legte in ihn <$c. den Mensdien) den Samen, damit der Faden <= Lebens^ 
faden der Generationen) fortgewoben würde ?€ 

* Vgl. über die verlorene Sdirift »Diktyon« <= «Netz«) des Orphikers 
Brontin Eisler, 1. c, p. 242, Anm. 2. Dazu Piatos Timaeus, eine ganz auf pytha^ 
goräisdie Einflüsse zurüdcweisende Sdirift <p. 1079), wo das Adernetz eines Lebe- 
wesens dem Geflecht einer Fischreuse verglidien wird und Aristoteles, de 
generatione animalium II 1, 613 c: fj yäg ndvxa yiyverai rd fjuigia i(pe^iig (hönto 
iv xolq xaXov^Uyoig 'OQq:LXotg l^EOiv ixet yäg öfioUog g>rioi ylyvEO^ai x6 fwov 
Tg ToO dixtvov nlox^. Photius »Bibliothek« CLXXXV, p. 226, erwähnt ein 
verlorenes Budi des Dionysios Aegsensis über die Entstehung der Mensdien mit 
dem Titel Atxxvaxä. 

» Aothol. Pal. VI, 33, 89/ X, 8, 9,. Usener, der hl.Tydion, Leipzig 1907,p.28». 




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OrfgfrTaffrom 
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190 Robert Eisicr 



und tatsächlidi ein attisches Vasenbild im österreidiisdien Museum 
für Kunst und Industrie <Fig. 19> arbeitende FisAer unter dem Sdiutz 
eines ithyphallisdien Gottes^ z^igt, wird wohl audi hieher gehören. 
Endlidi findet sidi unter den Wandgemälden der versAütteten 
Städte Campaniens etwa zehnmal* — darunter bezeidinenderweise 
einmal an der Wand des Lupanars — die offenbar sehr beliebte Dar* 
Stellung eines mit Beihilfe des Liebesgottes Fische fangenden 
Mädchens^. Der Gegenstand wird am besten mit dem bei dem 
Redner Alkiphron^ bezeugten Ausdruck »Liebesfischen« (iocorixi) 
(i'/oa) bezeichnet. Der zugrunde liegende Gedanke aber ist nirgends 
anschaulicher und reizender zur Darstellung gekommen als in Mörikes 
wunderschönem, vielleicht auf irgendein unbekanntes Volkslied zu* 
rückweisenden Gedicht 

Erstes Licbcslicd eines Mädchens^ <1834>: 

♦Was im Netze?* Schau einmal! 
Aber ich bin bange: 
Greif ich einen süßen Aal? 
Greif ich eine Schlange?^ 

Lieb ist blinde 
Fischerin, 
Sagt dem Kinde, 
Wo greift's hin? 

Schon schnellt mirs in Händen! 
Ach Jammer, o Lust! 
Mit Schmiegen und Wenden 
Mir schlüpft's an die Brust. 

Es beißt sich, o Wunder! 
Mir keck durch die Haut*, 
Schießt's Herze hinunter! 
O Liebe, mir graut! 

* Nach Robert v. Schneider, arA.'epigr. Mitt. a. Östcrr.-Ung. 1879, 
p. 64/, ist es Hermes, nadi Eisicr, Orpheus c. XXXVII aber Dionysos Halieus 
= »der Fischer«. 

« Hclbig, Wandgcm. Nr. 346 bis 355. 

» Museo Borbonico IV, 4; Gell II, 42, II, 94,. III, 26, p. 109, Z. 18 Zahn, 
I 20/ Panofka, Bilder antiken Lebens I84/ Fiorelli, Pompcian antiquities III, 
p. 58. Bull. Nap. VI, p. 169; Jahn, Ar*. Beiträge, p. 214,. Ternite, Sdilußhcft 4, 
p. 198,. Bull. ist. 1847, p. 131,. archaeol. Zeit. 1847, p. 142. <Fig. 20.) 

* Or. III, fr. 6, p. 96, Z. 24. Der Verfasser verdankt die Stelle einem 
frdl. Hinweis von Geheimrat Prof. O. Crusius. 

^ Idi verdanke den Hinweis auf das bereits zweimal (Zcntralblatt f. Psydio* 
analysc I, 1910/11, S. 611 und Jahrbudi f. Ps -A. III, 1911, S. 126) psyAo- 
analytisdi herangezogene GediAt Herrn Dr. Emil Lorenz in Klagenfurt. 

ö Vgl. oben SS. 185 u. 189, Anm. 2. 

' Vgl. oben p. 167 über Fisch und Schlange. Dazu das 40. Fragm. der Sappho, 
wo Eros als »bittersüßes unwiderstehliches Kricditier« bezcidmet wird. Hier ist bei 
der Schlange natürlich die Nebenbedeutung der Falsdiheit maßgebend. 

^ Vgl. oben p. 167, Anm. 2, die folkloristischen Zeugnisse für die Symbolik 
des Schlangenbisses. 



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Der FisA als Sexualsymbol 



191 



Was tun, was beginnen? 
Das sdiaurige Ding, 
Es sAnakct da drinnen, 
Es legt sidi im Ring. 

Gift muß idi haben! 
Hier sdileidit es herum r 
Tut wonnigfidi graben 
Und bringt midi nodi um! 

Hier rührt jedes Wort mit einer Zartheit^ und Tiefe der sinn* 
(iAen Anspielung, wie sie nur den ganz großen Lyrikern gegeben 
ist — ohne daß dem 
Diditer oder dem un^ 
befangenen Leser das 
Wieso zum Bewußt^ 
sein kommt — an 
Fäden, die das mannig* 
fadiste und vielfältigste 
Spiel unterbewußter 
erotisdier Vorstellung 
gen anklingen lassen. 

Im großen und 
ganzen sind diese Vor^ 

stellungs*franscn< 
<* fringes « , wie Will ia m 
James es ausgedrüAt 
hätte) für den Leser 
des vorangesAidtten 
ohne weiteres er^ 
faßbar 

Nur zu den Zei* 
len ^AA Jammer, o 
Lust, mit Schmiegen 
und Wenden mir 
sdifüpfts an die 
Brust« und 2u den 
Sdilußversen lassen 
sidi nodi weitere lehr* 

reiche Parallelen anfügen: Zunädist eine Darstellung des Mythus 
von Apollon und der <Baumnymphe> Dryope bei Antoninus Libe- 
ralis, Mythograph. Graeci II 1, c, 32, wo der Autor — nadi einer 
hellenistischen Quelle — beschreibt, wie sich Apollon dem geliebten 
Mäddien in Gestalt einer Schildkröte'' naht. Die Nymphe drüd^t 

* Als GegensaC2 s«i auf die bckannlc, sAon von Freud gelegentltdi ticraii' 
gczag€nc obszöne Vcrballhomung des Couplets »F[sAain/ du kleine« etc. hin- 
gewiesen. 

' Die Schildkröte war bei den Alten ein Symbol der Aphrodite / Plutardi^r 
de Iside et Osiride 75, Eine nackte Aphrodite, auf der Sd)ildkröte stehend, als 




Fig. 20. Das Liebesfisdten. Pompeianisd^es Wand- 
gemälde. 



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OrfgfrTaffrom 
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192 Robert Eisicr 



das harmlose Tier spielend an ihren Busen. Augenblidilidi ver^ 
wandelt sidi der Gott in eine Schlange, gleitet in den xöAjrog 
der Jungfrau hinab >xai oikcog ^Anökkcov Aqvöjxxi filywTcu€. 

Die Verbindung des Schlangensymbols mit dem xöhtog ist 
hier tief begründet. Dekanntlidi ^ hieß die S Alange, die bei gewissen 
dionysisdien und wahrsdieinlidi audi bei den eleusinisdien Weihen 
dem Mysten zum Zeidien der vollzogenen gesdiledididien Ver* 
einigung mit dem Gott durch den Schoß gezogen wurde >6 diä 
köXjiov '&s6g'€ Clemens Alexandrinus erklärt (Protrept. II 16) das 
avixßoXov der Einweihung in die Sabaziosmysterien* folgendermaßen: 
6 dtä x6?Jt(ov d'sög' dodxcov di tan xal ovrog dis^öinEvog rov 
köItcov töjv T£kovi^ievo)V€. Ebenso sagt Arnobius V 21: »aureus^ 
coluber in sinum dimittitur consecratis et eximitur rursus 
ab inferioribus partibus atque imis.» Dazu stimmt nodi Firmicus 
Maternus, de err. prof. rel. c. 10 »Sabazium colentes Jovem 
anguem, cum initiantur, per sinum ducunt«. Im orphisdien 
Hymnus LH 11 auf den Bakdios TQv&njQtxög wird dieser als T^imo- 
x6/jttog€ angerufen. Endlidi sagt Lucian, wo er die sdiamlose Nadi* 
ahmung eines l^Qog ydfiog in den Kultvorfuhrungen des Alexander 
von Abounoteidios erzählt <c. 39>, wenn nidit so viele Fadceln ge^ 
brannt hätten >t'«;j' äv rt xal rcoif vjtö x6?.7tov ^jrpdrrero«. 

Im eleusinisÄen Mysterienkult sdieint die Verführung der 
Göttin durdi den Gott, der sie zuerst in Gestalt einer Schlange 
liebkost, dramatisdi dargestellt worden zu sein^. Leider sind bei dem 
Diditer Nonnos* gerade hinter dem Vers 

i>xal yaiiiaig yivvsaaiv öfi/^fib kiyj.Lä^ero xovQi]g fisihxpg^€ 

ein paar Verse — wie in der neuesten Koechlysdien Ausgabe audi 
riditig bemerkt ist — ausgefallen, d. h. durdi irgendeinen möndii« 
sAen Absdireiber in einem byzantinisdien Kloster getilgt worden. 
Die Tatsadie eines soldien Kultbraudies sdieint aber für Eleusis 
genügend durdi die entrüstete Tirade des Tatian^ 

bronzener SpiegelgrifF, Ephemeris ardiaiol. 1895, S. 170/ Gerhard, Akad. Ab* 
Handlungen T. XXIX 3/ Curtius, Sitzungsber. Berl. Akad. Wisscnsch. 1869, 
p. 475/ Farnell, Cults of Greek states vol. IL p. 674a. 

* Vgl. Dieter! ch, Mithrasliturgie p. 123 f. 

* Ein besonders altertümlidier, in die Zeit vor Einführung des Weines aus 
dem semitischen Orient zurückreidiender Kult eines thrakisdien Bier- Dionysos 
<illyr. sabaium = Bier, ital. zabbajone = EierpunsA. Vgl. Jane E. Harri son, 
Prolegomena to the Study of Greek Religion, Cambridge 1905/ Eisler, Welten- 
mantel 124). 

» Vgl. oben SS. 184, Anm. 6 und 179, Z. 1 den goldenen Fisdi. 

* Die Zeugnisse, zu denen nodi das Sdiolion zum Gorgias des Piaton 
p. 497 c zu fugen ist, beiEisIer, Weltenmantel u. Himmelszelt SS. 121 bis 127. 

* Dionys., VI 163 f. 

^ seil. Zeus Meilidiios, der in Sdilangengestalt den Leib des Mäddiens 
brünstig beleckt. 

' Oratio adv. Graecos, Kap. 6, p. 251. 



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Der Fisrfi als Scxualsymbol 193 

»Zevg i>vyarßi ovY/ivexai xal i] dvydrrjo (Lt' aörov xvei. 
IKXQXVQtiaBi fiot ''E?^vaig xal ÖQdxov 6 /nvorixög xrA.« 

bezeugt zu sein. 

Mit den Schlußzeilen des Mörikesdien Lieddiens vergleidie man 
endlidi folgende Sdiilderung in Freuds »Traumdeutung«:^ 

»Ein Konsilium im Vorjahre führte midi zu einem intelligent 
und unbefangen bliAenden Mäddien. Ihr Aufzug ist befremdend/ 
wo dodi sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte be* 
seelt ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe 
der Bluse offen. Sie klagt über Sdimerzen in einem Beine und 
entblößt unaufgefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet 
wörtlidi: Sie hat ein Gefühl im Leibe, als ob etwa^ dann stecken 
ivürde, was sich hin und her bewegt und sie durch und durch er- 
schlittert. Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie steif. Mein 
mitanwesender Kollege sieht midi dabei an/ er findet die Klage nidit 
mißverständlidi. Merkwürdig ersdieint uns beiden, daß die Mutter 
der Kranken sidi dabei nichts denkt/ sie muß sidi ja wiederholt in 
der Situation befunden haben, weldie ihr Kind besdireibt. Das 
Mädchen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer 
Rede, sonst würde sie dieselbe nicht im Munde führen. 
Hier ist es gelungen, die Zensur so abzublenden, daß eine 
sonst im Vorbewußten verbleibende Phantasie wie harmlos 
in der Maske einer Klage zum Bewußtsein zugelassen wird. 



Zusatz der Redaktion: 

Modernes Bildmaterial zur phallischen Symbolik des Fisches 
bieten die drei Ergänzungsbände von Ed. Fuchs' »Illustrierte 
Sittengesdiidite« <PrivatdruAe bei Albert Langen, Mündien). Band 
»Renaissance« Bild Nr. 86: »Die Liebeskranke« von Jan Steen: 
Der eben eingetretene Arzt befühlt mit ernster Miene den Puls der 
sitzenden »Liebeskranken«, hinter der ein junger Bursdie steht und 
ladiend einen Fisdi mit zwei Fingern in die Höhe hält. Eine 
Klavierspielende belädielt die Szene und im Hintergrund empfängt 
ein — offenbar nidit liebeskrankes — Mäddien ihren Liebhaber in 
der Türe. 

Zu der Darstellung bemerkt Fuchs <1. c, p. 93>: »Die 
Geste <mit dem Fisdi) hat einen erotisdien Sinn/ die Redensarten 
,man muß den Fisdi in die Reusen^ tun'^ oder ,ihr hungert nadi 
Liebe wie der Reuse nadi dem Fisdi' erklären diesen Sinn hin- 
länglidi. Einer Frau in dieser Weise einen Fisdi zu demonstrieren, 

1 3, Aufl., Wien-Lcipzig 1911, p. 412. 

« Vgl. o. S. 185. 

* Vgl. dazu im Ergänzungsband s^Das bürgcrlidic Zeitalter« Nr. 225: 
»Wollen Sic ihn gefälligst rein besorgen?« — Ein Mann, der einen Fisdi gekauft 
hat und ihn unzweideutig sdimunzelnd mit diesen Worten von der Verkäuferin 
ins Netz befördern läßt. 

Imago IIl;2 13 



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194 O. Rank 

war darum die deutliAste Form dafür, um weldic Art Gunst man 
bei ihr buhlt. Die gleidizeitige Vorweisung von Knoblaudi <wie auf 
Nr. 92 desselben Bandes ,Der symboIisAe Liebesantrag' von Jan 
Steen, wo die zwei mit der anderen Hand unter den Fisdi ge* 
haltenen Zwiebel die Testikel symbolisieren) hat natürlidi audi einen 
erotisdien Sinn: der Mann verspridit damit, ein unermüdlidier Lieb* 
haber zu sein, denn Knoblaudi, Sellerie und SpargeP gehören von 
jeher zu den populärsten Stimulanzmitteln. Audi dieses Thema war 
ein Lieblingsmotiv Jan Steens. Vgl. auA die Beilage ,VerIiebte 
Unterhandlung'.« ^ 

Den in der Fußnote angeführten symbolisdien Darstellungen 
des vom Weibe betasteten Phallus reiht sidi ein »symbolisdi- 
erotisdicr KupferstiA von B. Debucourt ,Je Tai pris!« an <Er* 
gänzungsband »Galante Zeit« zu p. 225): Im Fond eines Kahnes 
liegt ein Liebespaar in zärtlidier Umarmung, während im Vorder- 
teil des Bootes ein stehender Mann angelt. Der exklamatorisdie 
Titel des Bildes bezieht sidi darauf, daß im gleidien AugenbliA, 
in dem der Angler einen Fisdi halb aus dem Wasser gezogen 
hat, das Mäddien den völlig fisdigestalteten Phallus ihres Lieb^ 
habers mit der Hand halb aus dessen Hose herausgezogen hat. 
Ein ähnlidies Motiv behandelt Nr. 128 (desselben Bandes) »Le 
jeu de TAnguille« ein anonymer französisdier KupferstiA, der den 
Liebhaber in zärtlidier Stellung mit der Frau zeigt, während der 
Mann zum Fenster hinaussdiaut. Der Liebhaber hält ihr einen Aal 
unter die aufgehobenen RöAe, während sie den symbolisdi ange- 
deuteten Hodensadt mit der Hand liebkost: 

»Je vois que Tanguille va droit 
Se cadicr en certain cndroit . , .« 

Ahnlidi ein »erotisdies Stammbudiblatt« aus dem siebzehnten 
Jahrhundert <»Renaissance«, Nr. 218): Ein Angler, der einen Fisdi 
hält, und eine Frau, die nadi der Angelrute greift/ Sprudi: 

»Jungfraw sol idi fisdien in eur weigrlcin. 
Wer ein freude dem hertzen mein. 
Zu Sdilaf ist euer angelrut, 
Darzu ist audi das aß nidit gut.« 



^ SpargeUPhalloi <o. S. 165) zeigen unter anderem die Abbildungen Nr. 305 
und 345 im Ergänzungsband *Das bürgerlidie Zeitalter«. 

3 Dieser Stidi von van Haeften (Ergänzungsband »Renaissance« z. p. 272> 
zeigt eine Gemüse zuriditendc Frau, der ein Mann seine Liebe erklärt und die 
zum Zeidien ihres Einverständnisses einen langen, dicken, am Ende dicht be- 
wurzelten Meerrettigstrunk fest umklammert. — Derartige Darstellungen waren über*' 
haupt in symbolischer Einkleidung sehr beliebt. Man vgl. z. B. nodi das berühmte 
Gemälde >Le Prelude«, das Frangois Boucher im Auftrag Ludwig XV. für das 
Boudoir der Pompadour malte (»Galante Zeit« zu p. 40>. Im Vordergrund ein 
Paar, das sich gegenseitig die Genitalien betastet und im Hintergrunde eine 
Spinnerin <vgl. o. S. 186, Anm. 4, Fig. 17), die den oberen, senkrecht stehenden Teil des 
Rodiens ebenso umklammert hält wie die andere den Penis (vgl. weiter oben im Text). 



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Der Fisch als Sexualsymbol in modernen Bildwerken 195 

Die letztgenannten Beispiele scheinen darauf hinzuweisen, daß 
die — im Eingang dieser Arbeit erwähnten — Tastqualitäten bei 
der Vergleidiung des Fisdies mit dem Phallus neben der Formen- 
ähnlidikeit eine aussdilaggebende Rolle spielen. 

Andere erotisdie, auf Trinkgläsern eingesdiliffene Bildersdierze 
aus dem aditzehnten Jahrhundert <Germ. Museum, Nürnberg) zeigen 
gleidifalls die Verwendung der phallisdien Fisdi^[und VogeU] Symbolik 
(Ergänzungsband »Galante Zeit«, Nr. 160, 161) in einer den 
antiken Beispielen angenäherten simplen Form. 

»Das vielleidit bezeidinendste Beispiel, wie man es fertig 
bradite, selbst ganz abseits liegenden Gegenständen eine erotisdie 
Pointe einzufügen, zeigt die Darstellung eines im Februar 1598 bei 
Katwyk in Holland gestrandeten Riesenwalfisdies. Der Zeidiner gibt 
das Bild dieses Fisdies in der Weise, daß dem Besdiauer unbedingt 
das riesige Membrum des Tieres zuerst ins Auge fallen mul). 
Dieser Körperteil ist vom Künstler mehr als jeder andere pointiert, 
er dient einem Neugierigen als Stützpunkt, um auf den Rüd^en des 
Tieres zu klettern, während ein zweiter damit besdiäftigt ist, in 
Gegenwart eines Mannes und einer Frau mit einem Maßstab die 
Dimensionen des riesigen Membrums festzustellen <Bild 213).« 
Fuchs (Ergänzungsband »Renaissance«, p. 318>. 

Hierhergehöriges Material bietet ferner das Werk »Die Weiber^ 
herrsdiaft in der Gesdiidite der Mensdiheit« von Fudis und Kind. 
Bd. I, Nr. 103 »Ausgelegte Angeln«, Zeidinung von Heinrid» 
Ramberg <1800>, wozu Kind <S. 173) bemerkt: »Die Putten und 
Frösdie, die hier aus dem Teidi gezogen werden .... sind Liebes^ 
götter, wie sie sdion die römisdie Kaiserzeit zum Verkauf stellte,- 
leise ist audi die Stordifabel hineingemengt«. — Ferner Nr. 469 
»Vorspiel zum Auslegen des Netzes«. Gemälde von A. Lejeune 
<1855): Eine Dame am Strand, die sidi zum Krabbenfang rüstet/ 
den RoA hat sie hodigesdiürzt, einen Fuß bereits entblößt, das 
andere Bein, bis hodi übers Knie siditbar, ist sie im Begriffe zu 
entkleiden. Das »Vorspiel« war, wie Kind bemerkt, »ein neu cnt^ 
ded^tes Nebenmotiv für das ewige Hauptmotiv: die Sdiönheit des 
Fußes«. Der Anblid^ des Bildes und sein Vergleidi mit ähnlidien 
Darstellungen lassen keinen Zweifel daran zu, daß es sidi um ein 
»Vorspiel« zum Auslegen (zeigen) der Vagina (Netz) handelt. — 
Endlich nodi Nr. 301 »Angebissen«, Radierung von A. Sommer 
<1885): Eine Dame, die an einer über die Sdiulter herabhängenden 
Angel ein Männlein als Beute fortträgt. 

Weiteres folkloristisdies und besonders spradisymbolisdies Ma^ 
terial zur Fisdisymbolik findet sidi in den <10) bisher ersdiienenen 
Bänden der von F. S. Krauss herausgegebenen »Anthropophyteia^ 
Jahrbüdiem« und den <VI) »Beiwerken« dazu. 

Zu der, besonders im Märdien, häufigen Befruditung durdi 
Essen eines Fisdies vgl. man die reidie Literatur in der Neu* 
bcarbeitung der »Anmerkungen zu den Grimm'sdien Märdien« von 

13 



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196 O. Rank 

Bolte und Polivka <Leip2lg 1913), Bd. I, S. 544 f. — Über den 
Fisdi als Fruditbarkeitssymbol handeln Kunike <Anthroj>os VII, 
1912) und Scheftelowitz: Das stellvertretende Huhnopfer <Relig. 
Gesdi. Vers. XIV, 3, 1914, S. 12 f.>. 

Zur kultisdien Bedeutung ist audi zu vergleichen das Kapitel 
»Fisdi€ in S torfers Budi »Marias iungfräulidie MuttersAaft«. 
Ein völkerpsydiologisdies Fragment üoer Sexualsymbolik (Berlin 
1914, H. Barsdorf). 



Zu dem S. 194 angeführten Vers 

»Jungfraw, sol idi fisdien in eur wcigrlein« 

verweist Dr. Charles Wharton Stork, Anglist an der Pennsylvania 
University, freundlidist auf Shakespeares ,Measure for Measure' 
Akt I, Szene II, Auftritt III <in der SdilegeUTiecksdien Übersetzung 
nidit ganz verstanden): 

Clown.: yondcr man is carricd to prison. 
Bawd.: Well, what has he donc? 

Clo.: A woman 
Bawd.: But what's his offcnce? 

Clo.: (Jroplng for dronts^ in a peculiar river 
Bawd.: ^^hat, is there a maid icith child by himf 



Vgl. o. S. 179 die Forelle im Traum der Jarlsfrau. 



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Der sexuelle Anteil an der Theologie der Mormonen 197 

Der sexuelle Anteil an der Theologie der 

Mormonen. 

Von THEODORE SCHROEDER <New-york>. 

In dieser Abhandlung beabsiditige idi, einige von den das Mor^ 
monentum betreffenden Tatsadien wiederzugeben, die midi zu 
einer erotogenetisdien Betraditungsweise der Religion geführt 
haben. Idi sdiid^e zunäAst eine skizzenhafte Information über den 
Charakter der Auferstehungsbewegung voraus, im Verlauf weldier 
sidi die mormonisdie Theologie entwid^elte, hierauf werde idi von 
dieser selbst einen Abriß geben und endlidi ihre Beziehung zur 
erotogenetisdien Theorie aufzeigen. 

Die Auferstehungsbewegung in Kirtland. 

Das streng eroterisdie Mormonentum ist herausgewadisen aus 
dem Braudi und der Übung der Polygamie und mit dieser eng 
verfloditen. Die Mormonenreligion entstand im Jahre 1813 in oder 
bei Kirtland <Ohio>, wo innerhalb der Kirdie eine ungewöhnlidie 
religiöse Erregung die Gemüter ergriffen hatte. Diese Aurerstehungs- 
bewegung war hauptsädilidi das Werk von Sidney Rigdon, einem 
in diesen Dingen erfahrenen und außerordentlich enthusiastisdien 
Manne, der einer der Gründer der »Christian« oder »Campbellite« 
Kirdie gewesen war und zur Zeit seiner Konversion zum Mormonen^ 
tum als einer von dessen populärsten Predigern galt. Seine Art, den 
allgemeinen Enthusiasmus zu sdiüren, war die von den berufst 
mäßigen Auferstehungsmännern <revivalist> gewöhnlidi angewandte. 

Zurzeit als die Mormonen im Begriffe waren, an den heiligen 
Sakramenten teilzunehmen, sdilossen sie Fenster und Türen und 
führten Szenen auf, weldie dem Benehmen von Wahnsinnigen 
glidien. »Viele ,falsdie' Geister wurden eingeführt, viele sonderbare 
Ersdieinungen wahrgenommen«, unter ihnen Martin Harris' Vision 
des Teufels, der »aussah wie ein Esel und Haare gleidi einer Maus 
hatte«. Zur näditlidien Geisterstunde konnte man junge Männer 
über Felder und Hügel laufen sehen, gefolgt, wie sie sagten, von 
feurigen Ballen, Liditern etc. — »Bladt Pete«, ein sdiwarzer <Neger*> 
Konvertite der neuen Religion, wurde einer Offenbarung teilhaftig : 
einer Sdiar, geführt von sdiwarzen Engeln mit struppigem Haar, 
die ihm nadijagte, um sidi einen Sdiatz zu versdiaffen. In seiner 
wahnsinnigen Betörtheit vollkommen blind für die Umgebung, rannte 
er über den Rand eines Abgrundes hinaus und fiel über die Äste 
eines Baumes in den Chagrinfluß. 

Diese Anfälle von anstehender Begeisterung traten regelmäßig 
nadi gemeinsamen Andaditsübungen auf, die meist jeden Abend 
stattfanden. Die Fähigkeit der Wunder und die Kraft des heiligen 
Geistes wurde dem Handauflegen zugesdirieben und dieses war 



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198 Theodore Sdiroeder 



gefolgt von den sonderbarsten Wirkungen. Mandie fielen unter dem 
Tor hin und blieben dort einige Zeit sdieinbar leblos liegen,- zu* 
weilen riefen sie auA, daß der Geist Gottes sie zu Boden geschlagen 
hätte, um sie auf diese Weise durdi eine neue und wunderbare 
Form des Todes zu führen, welche ihnen Unsterblichkeit verlieh. 
Jünglinge und Mädchen, die wahrscheinlich infolge von Abstinenz 
ein unnatürliches Sexualleben führten — abgesehen von den nervösen 
Störungen, welche die Pubertät als solche mit sich bringt, — waren 
zum größten Teil die Opfer soldier Delirien. Solche junge Menschen 
zeigten die sonderbarsten Nachahmungshandlungen, die man sich 
denken kann, indem sie lächerliche Grimassen schnitten, auf allen 
Vieren krochen, sich auf dem gefrorenen Erdboden wälzten, ver* 
schiedenes von Indianern auf dem Kriegspfad Geübtes nachahmten, 
wie Niederschlagen, Skalpieren, Aufreißen und Zerfleischen der 
Eingeweide. Anderemale liefen sie über die Felder, sprangen über 
Wurzeln und Bäume, indem sie einer eingebildeten Versammlung 
predigten, oder sie stiegen ins Wasser und nahmen die Taufe 
und andere Zeremonien vor. Viele sollen Anfälle mit Kauderwelsch* 
reden gehabt haben, was »Zungensprachec genannt wird. Die 
Versammlungen wurden meist unterbrochen durch das Jauchzen 
einiger verzücicter Brüder, die plötzlich vom heiligen Geist besessen 
schienen. 

Einige litten an der Halluzination, daß sie Engel zu sehen 
glaubten, andere empfingen Briefe vom Himmel, noch andere sahen 
das Gesicht des Heilands. Einer von den Irren wirkte erheiternd, 
da er zu versuchen schien, durch die Zimmerdecke zu springen, 
indem er die Ankunft »der Feinde des Himmels und der Reiter« 
verkündete. Beinahe wären neue Propheten entstanden, von denen 
jeder nach Offenbarungen trachtete, indem er Wunder verriditete, 
und oft stritten sie über die Echtheit von Smiths Prophetentum. 

Es bestand die Gefahr, daß die ganze Mormonengemeinschaft 
von dieser Gemütstollheit angestccl^t würde und dies veranlaßte 
den Propheten zur Verlautbarung einer Offenbarung, in welcher Gott 
über all diese Exzesse seine Mißbilligung aussprach. 

Die Entwicklung des Sensualismus im Mormonentum. 

Selbst wer die Geschichte der fanatischen Bewegungen genau 
studiert hat und die Folgen der Beziehung von religiösem Wahn* 
sinn und sexueller Verzückung kennt, wird dennoch überrascht sein 
zu hören, daß im Verlaufe der stürmischen Bewegung in Kirtland 
»viele sich dem Geist des Ehebruchs ergaben«, selost Apostel und 
andere hervorragende Vertreter des Mormonentums. lind gleiA* 
zeitig mit dieser ausgebreiteten Hingabe an den Ehebruch hat der 
Prophet der Mormonen, Joseph Smith Jr., zuerst für sich auf Grund 
einer Offenbarung die Schönheit in Anspruch genommen und »die 
Ewigkeit der ehelichen Verbindung, einschließlich einer Mehrzahl von 



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Der sexuelle Anteil an der Theologie der Mormonen 199 

Frauen«/ außerdem weitere Geheimlehren über diesen Punkt, die 
niemals bekannt geworden sind, außer durdi Unaditsamkeit. 

Der Neubekehrte wurde damals durdi den Hohepriester der 
Mormonen mit einem »Kuß der Nädistenliebe« geweiht. Unter der 
sorgfältigen Pflege besonders nadihaltiger Erbauungsstunden und der 
dabei entflammten Gemüter ergab sidi leidit und von selbst eine ins 
Sinnlidie gehende EntwiAlung des »Kusses der Nädistenliebe« über 
die Zwismenstufe eines geistigen Weibertums zur fleisdilidien Poly* 
gamie, weldie den vielleidit hödisten Grad von Abnormität gelegent* 
lidi einer anderen Auferstehungsbewegung erreidite. Zwisdien 1855 
und 1860 war in versdiiedenen Teilen von Utah ein heftiger reli* 
giöser Wahn ausgebrodien, allgemein bekannt unter dem Namen 
der »Reformation«. Seine EntwiAlung verlief so wie die in Kirtland 
gesdiilderte. 

Zur selben Zeit war die Polygamie auA hier eine allgemein 
von der Kirdie anerkannte und geübte Lehre. Alles strebte danadi 
»zu heiraten und in die Ehe gegeben zu werden«. Die Göttlidikeit 
der polygamisdien Einriditung und die Pflidit der Fortpflanzung als 
des Mannes hödiste Leistung an die Gottheit, war der ewig wieder^ 
holte Refrain aller und jeglidier Ermahnung. Und da einmal die 
Ausübung der Sexualfunktion als das hödiste Gebot eraditet wurde 
und die Polygamie als die Form der Ehe, weldie am meisten Aus* 
sidit auf reidien Kindersegen gewährt, so war es, zumal ständig, 
in Wort und Tat, die Aufmerksamkeit jedes Mitgliedes der Ge* 
meinde fortwährend auf diese sexuellen Angelegenheiten gelenkt 
wurde, unvermeidlidi, daß das Mormonentum abnorme sexuelle 
Gelüste erwedtte. 

Die Armut zwang oft die polygam Lebenden, dasselbe Bett 
mit zwei oder drei Frauen zu teilen, während die Kinder im selben 
Raum sdiliefen. öff^entlidie Diskussionen über die Polygamie, in 
weldien sowohl die wohltätigen als audi die verderblidien Wir^ 
kungen dieses ungewöhnlidien Sexuallebens stark übertrieben wurden, 
daneben die heftige Aufmunterung, den Braudi weiter zu üben, 
überdies die erwähnten Mängel des Familienlebens der Armen — 
und nahezu alle waren arm — , konzentrierten notwendigerweise 
die Aufmerksamkeit auf all das Ungehörige in diesem Sexualleben, 
so daß, innerhalb einer Generation, die sexuellen Abnormitäten mäditig 
anwudisen und den Grund zu einer abnormen Erotik legten. 

Auf diese Weise wurde der sozusagen normale Zustand einer 
Anzahl von Personen in eine sexuelle Hyperästhesie verwandelt. 
Durdi die polygamisdien Lehren züditete der Mormonismus eine 
Klasse von Mensdien, weldie, übersättigt durdi die normale SexuaU 
befriedigung, unaufhörlidi dazu getrieben wurden, unnatürlidie Rei^ 
Zungen und Befriedigungen für ihre ersdilafften Begierden zu sudien. 
Die sexuelle Gier soldier Individuen fand ihren Ausdruck zumeist 
im Mißbraudi von Kindern, in inzestuösen Verbindungen, sowie in 
sadistisdien und päderastisdien Akten. Idi verfüge über die Zeugen* 



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200 Theodore Sdiroedcr 



sdiaft eines Mannes — die vielleidit durch seine Verbitterung etwas 
beeinträditigt wird — , weldier sidi erbötig madite, über jeden Zweifel 
hinaus zu beweisen, daß der Bischof John D. Lee und einige von 
seinen Genossen bei den blutigen Gräueln im südlidien Utah <um 
1887> Sadisten waren. William Hooper Young, ein Enkel von 
Brigham Young, der nun zum zweitenmale im Zudithaus sitzt, 
wurde das zweitemal eingezogen wegen Ermordung einer Frau. Die 
Umstände, unter denen das Verbrechen verübt wurde, zeigen über^ 
aus deutlich, daß der Mord im Verlauf einer sadistischen Manie 
ausgeführt worden war. Auch habe idi untadelige Beweise dafür, 
daß von einigen älteren Polygamisten um das Jahr 1880 Päderastie 
geübt wurde. 

Theologie und Sensualismus der Mormonen. 

Der Durdischnittsmormone mit einem beklagenswerten Mangel 
an allen Elementen höherer geistiger Entwicklung neigt natürlich zur 
Mystik. Mystische Tendenzen scheinen überall in der ganzen Welt* 
geschichte ein fruchtbarer Boden für die Entfaltung von Hyper- 
Sexualität gewesen zu sein. Es ist vollkommen klar, daß aus* 
schweifende Sexualität die Theologie der Mormonen bestimmte und 
formte. Für die Begründung fast jedes theologischen Dogmas und 
jedes Glaubens der Kirche der neuen Heiligen <so nennen die Mor» 
monen ihre Organisation) könnte eine sexuelle Ursache gefunden 
werden. 

So betrachtet die mormonische Kirche die Fähigkeit, die Spezies 
fortzupflanzen, nicht als eine der vielen gleichartigen und gleich^ 
wertigen Körperfunktionen, sondern erklärt sie für die »größte« von 
Gott den Menschen verliehene Macht, und das höchste Versprechen, 
das Gott den Menschen gab, ist die Verheißung an Abraham, 
seinen Samen so zahlreich zu machen wie den oand am Meere. 
Wenn die Geschlechtsorgane das heilbringende Zeugnis von Gottes 
größter, dem Menschen geschenkten Macht darstellen, so ist die na- 
türliche Folge davon die Verpflichtung des Menschen Gott gegen* 
über, eine möglichst große Zahl frommer Nachkommen hervorzu^ 
bringen. »Wir sind geschafften«, sagt ein mormonisches Dokument, 
»zu dem ausgesprochenen Zweck, uns zu vermehren«. Gott selbst 
wird von den Mormonen als Polygamist dargestellt — ein neuer 
Beweis dafür, daß der Mensch seinen Gott gewöhnlich nach seinem 
eigenen Bilde schaffet. Natürlich wäre es sinnlos, einen polygamischen 
Gott zu haben, wenn er nicht kleine Götter hervorbringen könnte. 
Zeugungskräfte sind also nicht nur von Gott gegeben, sondern auch, 
Gott entsprediend, göttlidi. Nachkommensdiaft ist ein direktes Zeugnis 
Gottes, ein Geschenk an die Eltern. Götter, Engel und Menschen 
sind alle eine Gattung, eine Rasse, eine große Familie/ Joseph 
Smith, der Gründer der Kirche ist ebenso Gottes Sohn wie Jesus. 
Ja, die Götter haben die Macht, in der Geisterwelt Söhne und 



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Der sexuelle Anteil an der Theologie der Mormonen 201 

Töditcr ZU zeugen, die sich dadurch, daß sie für eine Zeit Körper von 
Fleisdi und Bein einnehmen, selbst für die Göttlidikeit vorbereiten und 
ihrerseits gleidi ihren Vätern, den großen Göttern, die göttlidie Madit 
erhahen, ihr Gesdiledit durdi alle Ewigkeit fortzupflanzen. 

Das Bedürfnis nadi »Tabernakeln« von Fleisdi, die Gottes 
Söhne und Töditer eine Zeitlang bewohnen müssen, als Bedingung 
für ihre EntwiAlung zur vollkommenen Göttlidikeit, ist der Grund, 
weshalb die Allmaoit in ihrer Weisheit der Eva befahl, sidi zu 
vermehren und die Erde zu füllen,- dadurdi legte sie allen Töditern 
Evas dieselbe sexuelle Verpfliditung auf. Wir sind alle budistäblidi 
Söhne und Töditer Gottes, aber Adam wird der Gott dieser Welt 
und er ist der einzige Gott, mit dem wir es unmittelbar zu tun haben. 

Adam bradite Eva, eine seiner Frauen, mit sidi vom Himmel 
und durdi ihn kamen wir ins Sein. Adam, der Sohn dieser Welt, 
kam hierher von einem anderen Planeten als ein Wesen mit poten- 
tieller Unsterblidikeit begabt. So ist der Mensdi budistäblidi der 
Sprößling eines göttlidien Vaters und einer göttlidien Mutter. Hätte 
nidit der »Fall« stattgefunden, so würde Adam durdi alle Ewigkeit 
herrsdien, mit Eva als erster Königin an seiner Seite. Durdi den 
»Fall« wurden Adam und sein Gesdiledit sterblidi und seine Nadi* 
kommen wurden zur irdisdien und vorübergehenden Wohnung der 
geistigen Sprößlinge anderer Götter. Anderseits wurde es nur durdi 
Adams »Fall« und unserer daraus folgenden Sterblidikeit, die der 
mormonisdien >>Convenant»^Ehe — diese ist ewig — vorangehen 
mußte, für uns möglidi, Götter zu werden und unsterblidie Nadi^ 
kommensdiaft zu gewinnen. 

Diese kurzen Exzerpte der ein wenig verwirrenden und wider- 
sprudisvollen Lehren sind aus den widitigsten offiziellen Dokumenten 
der Mormonen gesammelt. Es ist sdiwierig, irgend etwas einem 
Gedankensystem Ahnlidies aus diesem Wirrwarr zu konstruieren. 
Hier seien nodi einige andere Absonderlidikeiten beriditet, die sidi 
zum Teil auf die mormonisdie Polygamie und ihre theologisdie 
Reditfertigung beziehen: Gott war nidit immer in seinem jetzigen 
erhabenen Zustand, sondern er war einst dasselbe, was wir jetzt 
sind, und erreidite den Himmelsthron im Jenseits durdi eine Art 
Hierardiie, in der er sidi selbst Wadistum und Beförderung verlieh. 
In dieser Lehre ist ein verborgener Wunsdi, daß das Beste für uns 
nodi aussteht. Ebenso wie Adam der Gott dieser Welt ist, so sind 
Joseph Smith, Brigham Young und alle ihre Nadifolger im prophe^ 
tisdien Dienste der mormonisdien Kirdie jeder ein »Gott für sein Volk«. 

Als »alle Morgensterne miteinander sangen und die Söhne 
Gottes vor Freude jubelten«, waren Jesus und wohl audi Joseph 
Smith dabei, nidit als die fleisdilidien Nadikommen unseres eigenen 
Gottes Adam, denn er hatte nodi nidit seinen Platz im Staate 
Missouri erhalten, der nadi der Ansidit der Mormonen den Garten 
Eden enthält. Geistige Söhne und Töditer der Götter, Millionen 
an Zahl, warteten bis zur Beendigung dieser Sdiöpfung, daß die 



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202 Theodore S<hroeder 



Reihe und die Gelegenheit für sie käme, »Tabernakel« von Fleisdi 
und Gebein zu erhalten/ sie alle waren anwesend, als Gott diese 
Sdiöpfung begann. AuA Jesus war da und überwadite das Werk, 
denn durdi ihn sdiuf Gott die Welten • . . Sie wußten, daß die 
Sdiöpfung, die damals geformt wurde, zu ihrem Wohnort bestimmt 
war, wo ihre Geister hingehen und in »Tabernakeln« von FleisA 
und Bein einziehen würden und sie freuten sidi dieser Aussidit . . . 
Sie sahen, daß ihre Geister ohne Tabernakeln nie zur Vollendung 
gelangen, nie in die Lage gebradit werden könnten, große Madit, 
Herrsdiaft und Ruhm zu erreidien wie ihr Vater«. Der unange-r 
sprodiene, aber deutlidi wahrnehmbare Grund ist, daß sie ohne 
Körper von Fleisdi keine Untertanen erzeugen könnten, um über 
sie zu herrsdien, sondern selbst Untertanen bleiben müßten. 

So haben wir alle also eine greifbare Portion Göttlidikeit in 
uns/ in der Tat behauptet ein offizielles mormonisdies Dokument, 
daß »die Gottheit in uns es ist, die unsere Vermehrung hervor- 
ruft«. Demnadi ist unsere Vermehrungsfähigkeit das Maß für unsere 
Erhebung und unseren Fortsdiritt auf dem v7ege zur Gottwerdung,- 
jedes neue Weib ist ein neues Mittel der Erhebung zum himm- 
lisdien Königreidi. Fortpflanzungsfähigkeit ist tatsädilidi das einzige, 
in der mormonisdien Literatur genannte Untersdieidungsmittel zwisdien 
den niedrigeren und höheren Stufen himmlisdier Erhebung. Wenn 
die mormonisdien »Heiligen« von der Möglidikeit spredien, zu 
Göttern zu werden, durdi das Empfangen des Zeugnisses Jesus' 
und durdi die Erfüllung der mormonisdien Vorsdiriften, so meinen 
sie damit nur, daß sie durdi die Ewigkeit der »Covenant«-'Ehe, 
die nur durdi sie gesdilossen werden kann, ihren Gläubigen die 
Ewigkeit sexueller f^-euden garantieren können. Es ist ein außer* 
halb der Mormonen sehr verbreiteter Irrtum zu glauben, daß die 
Mormonen Polygamie für einen angemessenen oder audi nur er* 
laubten Zustand bei allen Völkern halten. Im Gegenteil/ nidit ein* 
mal alle Mormonen können für dieses Privilegium erwählt werden: 
Das Redit, mehr als eine Frau zu haben, ist eine Belohnung der 
Frömmigkeit und kommt nur den Mormonen zu, die die spezielle 
göttlidie Sanktion erlangt haben. Jeder sexuelle Verkehr eines ver* 
heirateten Mannes, der nidit auf diese Weise autorisiert ist, wird 
als Ehebrudi angeklagt und die Sdiuldigen setzen sidi nadi der 
mormonisdien Lehre von der Blutbuße der Todesstrafe aus. 

Den gefallenen Sterblidien zu dem Zustand der ursprünglidien, 
adamitisdien Reinheit und Unsterblidikeit zurüAzuführen, ist die 
Mission des Mormonismus und ein Mittel dazu die ewige Ehe, zu 
deren feierlidier Begehung er ein göttlidi autorisiertes Monopol 
besitzt. »Die Ehe wird von den neuen Heiligen als Sakrament an* 
gesehen«, beriditet ein gut informierter Sdiriftsteller. »Ihr hohes, 
kirdilidies Gesetz sdiließt ein ewig dauerndes Bündnis in sidi. Dieses 
endet nidit mit dem Tode. Die Ehe beginnt nidit erst bei der Auf* 
erstehung, sondern bei Lebzeiten und in dieser Welt. Sie ist von 



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Der sexuelle Anteil an der Theologie der Mormonen 203 

derselben Art wie die Ehe im Garten Eden zwisdien einem Mann 
und einem Weib, die damals keinen Tod kannten,- es war ein Hodi^ 
zeitsfest Unsterblidier. Das, was durdi Sünde beim >Fall« verloren 
ging, wurde wieder gewonnen durdi den Gehorsam und die Buße 
Christi bei der Wiedergeburt,- die Auferstehung bringt das getrennte 
Paar wieder zusammen als eines — »nidit menr zwei, sondern ein 
Fleisdi« — <Geist ist audi dem Mormonismus nur verfeinerte Ma^ 
terie) geistig aber greifbar und ewig. Was heute auf Erden von 
gotterleuditeter <mormonisdier> Autorität besiegelt wird, ist audi 
im Himmel besiegelt und bleibt trotz des Todes unveränderlidi und 
von ewiger Dauer. 

>Die auf diese Weise gegründete Familie ist die Basis für ein 
immer wadisendes Königreidi und eine Herrsdiaft in Welten ohne 
Ende. Aber audi zeitlioie Ehen sind gestattet, da nidit alle geeignet 
sind für die höheren Verhältnisse und die reinen und heiligen 
Pfliditen, die dadurdi auferlegt werden.«^ 

Diejenigen, denen die mormonisdien Priester die Erfüllung der 
Bestimmungen einer ewigen Ehe nidit gestatten oder jene, die vor^ 
sätzlidi die Verantwortlidikeiten der Muttersdiaft ablehnen, werden 
nur »ministrierende Engel« im Himmel sein, d. h. eine Art himm* 
lisdier Diener für die erhabeneren Mormonen,- soldie Frauen müssen 
in dienender Stellung bleiben, ohne Aussidit auf die Würde einer 
Königin und ohne Hoffnung auf sexuelle Betätigung und die daraus 
hervorgehende unsterblidie Nadikommensdiaft. Audi ein Mann kann 
ins Jenseits nidit ohne ein Weib an seiner Seite gerettet werden, 
denn ohne sie besitzt er nidit jene Madit sidi fortzupflanzen, die 
das ausreidiende Merkmal und die Wonne der Göttlioikeit ist. 

Jene aber, die durdi das »Siegel ewiger Ehe« der vollendeten 
Göttlidikeit näher sind, können sidi dadurdi der Beziehungen zwi^ 
sdien Mann und Frau, zwisdien Eltern und Kindern in tausendfadi 
höherem Grade erfreuen als im irdisdien Leben. So werden die 
himmlisdien Freuden als verstärkte, nie erlangte Fleisdiesfreuden 
dargestellt. x^Die von Gott verliehene Zeugungskraft ist kein nodi 
zu widitiges vergänglidies Ding, sie ist eines der Hauptmittel zu 
Erhebung und Ruhm in der großen Ewigkeit.« 

Die neuen Heiligen, wie die Mormonen sidi selbst nennen, 
glauben an eine budistäblidie physisdie Auferstehung von Fleisdi 
und Gebein des Mensdien. Alles ist für sie materiell. Die Ewigkeit 
von ehelidien Beziehungen ist daher für sie keine bloße mystisdie 
Vereinigung immaterieller und körperloser Geister, wie andere das 
Spirituelle auffassen würden, sondern es bedeutet die sexuelle Be* 
tätigung vou auferstandenem Fleisdi und Gebein im Himmel, 
wobei Mann und Frau miteinander geistige und ewige Nadi- 
kommensdiaft auf dieselbe Weise zeugen wie auf Erden. Ihr poly* 



Joseph F. Smith, The Arena, May 1893, p. 452. 



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204 Theodore Sdiroeder 



gamisdies »Haus wird heilig gehalten von den Heiligen als Beginn 
ihres Himmels.«^ 

Jene, die nadi Christi Kommen im FleisAe sind, werden durdi 
das ganze Millennium Kinder zeugen. 

Das »Geistige« ist nadi den Lehren der Mormonen nur ver- 
feinerte Materie. Dementsprediend kann der heilige Geist nidit mit 
Gott Vater oder Gott Sohn eins sein, sondern die drei sind ver-^ 
sAiedene Personen. Audi dafür deutet Bripham Young, der Führer, 
einen sexuellen Grund an,- er sagt: »Wäre der Sohn durdi den 
heiligen Geist erzeugt worden, so wäre es sehr gefährlidi, weiblidie 
Wesen zu taufen oder zu konfirmieren und ihnen den heiligen 
Geist zu reidien, denn er könnte Kinder zeugen, und das Volk 
würde es auf die Ältesten <die mormonisdie Geistlidikeit) sdiieben, 
die in große Sdiwierigkeiten käme.« Aus diesen praktisdien Gründen 
erklären die mormonisdien Autoritäten, daß Jesus auf die gewöhn* 
liAe mensdilidie Art gezeugt wurde. 

Schluß. 

Wir haben gesehen, wie die Mormonen das widersprudisvolle 
Arbeiten ihres Gehirns vor uns offenbaren,- sie haben uns die 
Götter ihrer eigenen Sdiöpfung gezeigt, gestaltet g^nz nadi ihrem 
eigenen Bilde. Gleidi ihnen selbst sind diese Götter Sensualisten,- sie 
selbst hoffen, durdi die Sexualität die Stufe der Göttlidikeit zu er* 
reidien. Audi hoffen sie, sidi eines Himmels zu erfreuen, dessen 
Wonnen in der Hauptsadie nur die in alle Ewigkeit verlängerten 
und entspredieiid verstärkten sexuellen Freuden sind. 

Psydiopathologen werden ohne Sdiwierigkeit die psydiisdien 
Prozesse erkennen, durdi die grobe Sinnlidikeit und Unzudit des 
Geistes in etwas verwandelt wird, das die Opfer für die »Gnade 
Gottes« halten. Idi habe in »Religion und Sinnlidikeit. Äußerungen 
von Geistlidien über ihren Zusammenhang« ^ die Beobaditungen zahU 
reidier Geistlidier versdiiedener Sekten gesammelt, die bewiesen, daß 
das Nebeneinander oder die Konkurrenz sexueller Aussdiweifung und 
starker religiöser Erhebung keineswegs auf die Mormonen besdiränkt, 
sondern im Gegenteil bei allen Religionen ganz allgemein zu finden ist. 

Die Auferstehungsbewegung ist am mäditigsten in der Hervor* 
bringung religiöser Raserei bei jenen, deren nervöser Organismus 
sdiwankend ist infolge von Störungen, die bei der sexuellen Reife oder 
audi bei der Abnahme der sexuellen Kraft eintreten. Audi pad^en 
diese Bewegungen besonders jene, die infolge von unnatürlidien 
sexuellen Erlebnissen oder von sexueller Verdrängung Affektsdiwan* 
kungen unterliegen und die Bekehrungsmethoden der mormonisdien 
Pioniere verlaufen stets in der Riditung von Auferstehungsversudien. 

* President Joseph F. Smith, President of the Churdi cf the batter-day 
saints, in The Arena, Mai, 1903, p. 455. 

- Vgl. »Sexual'Probleme«, März 1914. 



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