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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VIII 1922 Heft 2"

Tl 



IM AG O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

VIII. 2. T922 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsychologie. 

Mit besonderer Berücksiditigung von Freuds Theorie der Masse*. 
Von Dr. HANS KELSEN, 

o. ö. Professor an der Universität W'icn. 

I. 

Wie alle sozialen Gebilde ist der Staat — dieses bedeut* 
saniste unter ihnen — die spezifisdie Einheit einer Viel= 
heit von Individuen oder doch individueller Akte und die 
Frage nadi dem Wesen des Staates ist in ihrem letzten Grunde 
eine Frage nadi der Natur dieser Einheit, ist das Problem; Auf 
weldie Weise, nadi weldiem Kriterium sidi diese Vielheit indivi^ 
dueller Akte zu einer — wie man anzunehmen pflegt — höheren 
Einheit, wie sidi die den Staat bildenden Einzelmensdien oder 
einzelmensdilidien Akte zu einem überindividuelten Ganzen ver- 
binden. Die Frage ist aber zugleidi identisdi mit der nadi der 
besonderen »Realität« des Staates, der spezifisdien Art seiner 
Existenz. Und wenn man, wie dies in der modernen Soziologie 
beinahe als selbstverständlidi vorausgesetzt wird, den Staat ebenso 
wie die anderen sozialen Gebilde als natürliche Realitäten auf- 



' Vfjl. 3U dem folgenden: Freud, Totem und Tabu. 2. Aufl. 1920 und 
Massenpsydiologie und Idi'Analyse 1921, ferner meine Sdirifl; Der soziologisdie 
und der juristisAe Siaatshegriff, Tübingen 1922, dem einzelne Partier dieser 
Abbandlung entnommen sind. 

Imaeo Vlll 2 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




98 



Dr, Hans Kelsen 



fassen zu können, dem Staate die sk]Ac Realität oder Existenz- 
art zuzuerkennen glaubt wie den Gegenständen der Natur, so 
ist damit vorausgesetzt, daß die soziologisdie Brkeniitnis, durA 
die die Einheit ihres Gegenstandes oder ihrer Gegenstände <der 
sozialen Gebilde) begründet wird, grundsälzlidi naturwissensd\aft= 
lidien Charakter haben, d. h, aber sidi einer kausalwissenschaft- 
lidien Methode bedienen müsse. Dabei pflegt man - irriger- 
weise - »Realität'^ mit Naturrealität sdiledithin zu identifizieren, 
und glaubt einen Gegenstand, sofern man seine »reale« Existenz 
behaupten will, als Naturobjekt, somit als naturwissen- 
schaftlich zu bestimmendes Objekt annehmen zu müssen. Daher 
die Tendenz der modernen Soziologie, siA als Biologie, ins- 
besondere als Psydiologie zu etablieren und die Einheits- 
beziehung, die die Vielheit der individuellen Akte zu den sozialen 
Gebilden verknüpft, als eine Kausalverkettung unter der Kategorie 
von Ursadie — Wirkung zu begreifen. 

Demgemäß sudit die sozialpsychologisch orientierte Sozio- 
logie das Wesen des Sozialen im allgemeinen, der sozialen Gebilde 
im besonderen, speziell audi des Staates nadi zwei Riditungen hin 
zu bestimmen: Erstlidi werden soziale Tat.sadien als psychische 
Prozesse, als Vorgänge in den niensdilidien Seelen gegenüber den 
Körperbewegungen einer »Natur« im engeren Sinn abgegrenzt. Dann 
aber erkennt man das gesellsdiaftlidie Moment in einer speziüsdien 
Verbindung, einem Verknüpfiscin der Mensdien untereinander, 
einem irgendwie besdialfenen Zusammensein und glaubt diese 
Verbindung in der psydiisdien Wechselwirkung, d. h. also 
darin zu sehen, daß die Seele des einen Mensdien auf die Seele 
des andern Wirkung übt und von ihr Wirkting empfängt. Gesell- 
sdiaft existiert, d. h. ist real, so führt typisdierweise Simniel aus, 
»wo mehrere Individuen in Wcdiselwiikung treten. Diese WediseU 
wirkung entsteht immer aus bestimmten Trieben heraus oder um 
bestimmter Zwedie willen , . . Diese Wedisclwirkungen be- 
weisen, daß aus den individuellen Trägern jener veranlassenden 
Triebe und Zwede eine Einheit eben eine ,Gescllsdiaft' wird. 
Denn Einheit im empirisdien Sinne ist nidits anderes als Wedisel- 
Wirkung yon Elementen: ein organischer Körper ist eine Einheit, 
weil seine Organe in engerem Wechscltausch ihrer Energien 
stehen als mit irgend einem anderen äußeren Sein, ein 
Staat ist einer, weil unter seinen Bürgern das ent- 



Der Begriff des Staates und die SozialpsytfcoloEie 99 

sprechende Verhältnis gegenseitiger Einwirkung besteht, 
ja, die Welt könnten wir nidit eine nennen, wenn iiidit jeder 
ihrer Teile irgendwie jeden beeinflußte, wenn irgendwo die 
wie immer vermittelte Gegenseitigkeit der Einwirkung abge- 
sdinitten wäre, Jede Einheit oder Vergesellsdiafiung kann je nach 
Art und Enge der Wechselwirkung sehr versdiiedene Grade 
haben, von der ephemeren Vereinigung zu einem Spaziergang bis 
zur Familie, von allen Verhältnissen auf Kündigung bis zu der 
Zusammengehörigkeit zu einem Staate, von dem fiüditigen 
Zusammensein einer Hotelgescilschafc bis zu der innigen Ver* 
bundenheit einer mittelaherlidien Gilde« ^ 

Diese Bestimmung des Wesens der Gesellsdiaft, die offen- 
kundig auf das Begreifen der sogenannten sozialen Gebilde ab= 
zielt, ist aber in mehr als einer Beziehung problematisdi. Zumindest 
soweit sie die Realität, die spczifisdie Existenzart, das diarak-= 
teristisdie Kriterium für die Einheit des Staates erklären soll. 
Denn will man die als »Staat« bezeichnete Verbindung von 
Mensdien als psydiisdie Wediselwirkung begreifen, darf man 
nidit übersehen, dali keineswegs jede Wediselwirkung eine »Ver^ 
bindungÄ der sozialen Elemente bedeutet. Jede soziologisdie Unter= 
sudiung stellt der die Gesellsdiaft — als Einheit — erzeugenden 
Assoziation eine die Gesellschaft zerstörende Dissoziation 
entgegen. Diese dissoziierenden »Kräfte« aber äußern sich durdiaus 
als Wirkung und Wediselwirkung zwischen den psychisdien 
Elementen. Damit, daß zwischen Menschen Wechselwirkung 
aufgezeigt wird, ist nodi keineswegs jene spezifisdie Verbindung 
erwiesen, die aus einer Vielheit von Menschen eine Gesellschaft 
macht. Der Staat — wie übrigens alle anderen sozialen Gebilde 
auch — ist offenbar eine nur durch verbindende Wechsel" 
Wirkung hergestellte Einheit von Mensdien. Auf diese »Ver« 
bindung« kommt es vor allem an, und deren Besonderheit ist 
es offenbar, durdi die sich der Staat von anderen sozialen Ge= 
bilden, wie Nation, Klasse, Religionsgemeinschaft etc. unterscheidet. 
Verfügt man über kein anderes Kriterium als das der verbindenden 
Wechselwirkung, ist es schlechterdings unmöglidi, aus den zahU 
losen Gruppen, in die die Menschheit auf solche Weise zerfällt, 
jene besondere Verbindung herauszuerkennen, die man den Staat 



' Soziologie 1908, S. 5, 6. 

7* 



100 Dr. Hans Kdsen 



nennt. Die Familie, die Nation, die Arbeiterklasse, die Religions- 
gemeinsAaft, sie alle wären durdi Wedisciwirkung verbundene Ein- 
heiten, und wenn sie sidi untereinander und gegenüber der sozialen 
Einheit des Staates untersdieiden sollen, niüDte ein durdiaus 
außersoziologisdier oder außerpsydiologisAer Begritt" dieser Ein- 
heiten, insbesondere des Staates, vorausgesetzt werden. 

Daß man in der modernen Soziologie mit einem 
solchen von einer anderen Disziplin hergeholten Begriff 
des Staates ausgerüstet, an die vermeintliche soziale 
Wirklichkeit herantritt, kann keinem Zweifel unterliegen. 
Die hier in Betradit kommende Gedankenfolge ist dodi wohl die: 
Wer zu einem Staate gehört, welche Mensdien den Staat bilden, 
das ist aber: die Einheit des Staates, wird vorerst als gegeben 
vorausgesetzt,- audi von den Soziologen, die empirlsdi die soziale 
Einheit des Staates aufzusudien und zu bestimmen bemüht sind. 
Gegeben ist aber die auch von den Soziologen voraus» 
gesetzte Staatscinheit durch die Rechtswissenschaft und 
die Zugehörigkeit zum Staat wird, durchaus juristisch, 
nach der einheitlichen Geltung einer als gültig voraus- 
gesetzten Rechtsordnung bestimmt. Diese Redits- oder Staats- 
ordnung aber stellt einen vom kausalgeseizlichcn System der 
Natur gänzlich verschiedenen, spezifisch cigcngesetz- 
lichcn Zusammenhang der Elemente dar. Alle, für die diese 
Redits- oder Staatsordnung als gültig vorausgesetzt wird, werden 
als zum Staate gehörig angenommen. Nicht auf Grund empirisch- 
psydiologisdier Untersudiung der zwisdien den MensAcn be- 
stehenden Wediselwirkungcn wird bestimmt, ob jemand zu einem 
Staate gehört - wie wäre denn soldics möglid»! Sondern es 
kann bestenfalls nur unlersudit werden, ob diejenigen Mensdien, 
die man juristisch als zu einem Staate gehörig ansieht, unter- 
einander audi in jener Wechselwirkung stehen, die man für das 
die reale Einheit der Gesellsdiaft konstituierende Element halt. 
Der Fehler dieser Methode ist offenkundig. Sonderlidi dann, wenn 
sie sidi - wie stets - bis zu der Fiktion versteigt, daß die 
empirisdi-kausale, soziologisdie Einheit mit der spezifisch- 
juristisdien Einheit des Staates zusammenfällt. Oder hätte jemals 
die empirisdie Soziologie die Behauptung aufgestellt, daß irgend- 
welche Individuen zwar soziologisA, nidu aber juristisdi, oder 
zwar iuristisdi, nidit aber soziologisdi zu einem bestimmten Staate 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologic 101 

gehören? Daß die zur jurististhen Einheit des Staates zusammen" 
gefaßten Individuen — darunter Kinder, Wahnsinnige, Sdilafende, 
und soldie, denen das Bewußtsein dieser Zugehörigkeit gänzlidi 
fehlt — in einer seelischen Wediselwirkung stehen, die die 
innige Verbindung eines soziologisdien Verbandes darstellt, ist 
ebenso eine von der herrsdienden Soziologie mit völliger Selbst- 
verständiidikeit gemadite Annahme wie eine gänzlidi unzulässige 
Fiktion. Und man muß sidi nur wundern, daß deren Resultat: 
die restlose Kongruenz von kausaUsoziologisdier und normativ* 
juristischer Betraditung, nidit einigermaßen verblüfft hat, und daß 
audi nidit einmal die Möglidikeit erörtert wurde, daß die 
soziologisdie Realität, die man Staat nennt, ihrem Umfang naA 
von jenem juristisdien Staat sehr versdiieden sein könnte, in 
weldiem Falle enistlidie Zweifel entstehen müßten, beide, nadi so 
versdiiedenen Methoden gewonnene Einheiten, deren Umfang 
nun audi handgreiflidi auseinanderfällt, als dasselbe Wesen unter 
demselben Begriffe zu erfassen. 

Zieht man aber die dissoziierenden Kräfte, die trennenden 
Wediselwirkungen in Redinung, dann bleibt es gänzlidi unver* 
ständlidi, wie die durdi wirtsdiaftlidie, nationale, religiöse und 
sonstige Interessen miteinander in >Wedise!wirkung« zu sozialen 
Gruppen verbundenen, außerhalb dieser Gruppen aber durdi eben 
diese feindlidien Interessen getrennten Menscheji, die wohl in 
einer Redits-, d. h. Soll- oder Normeinheit gedanklidi zusammen^ 
gefaßt werden können, audi realiter über diese trennenden Gegen* 
sätze hinwegsverbunden« sein sollen. Ergibt soziologisdie Unter» 
sud^ung innerhalb der — notabene juristischen, nidit empirisdi- 
kausalen — Staatsgemeinsdiafr eine Trennung nadi wirtsdiafr» 
lidien Klassen, dann bedeutet die Behauptung einer gleidizeitigen 
»Staais«vcrbtndung der als getrennt erkannten Individuen einen 
unlösbaren Widersprudi. Weil es sidi um psychologische 
Realitäten, um Bewußtseinsvorgänge handelt, kann man nidit be= 
haupten, Unternehmer und Arbeiter werden durdi den Bewußt" 
Seinsgegensatz der Klasse getrennt und zugleidi durdi die Bc- 
wußiselnsgemeinsdiaft des Staates verbunden. Der Klassen- 
gegensatz muß aus dem Bewußtsein versdiwinden, wenn die 
Staatsgemeinsdiafi — als reale, soziologisdi-psydiologlsdie Einheit — 
lebendig werden soll. Das ist ja der Sinn des Appells, den man 
im Augenblidt der Gefahr an die politisdien Parteien des Staates 



J02 Dr. Hani Kelscn 



zu richten pflegt: Die die politisdie Gruppenbildung begründenden 
Gegensätze im Bewußtsein zur üdi zu drängen, damit für das Staats- 
bewußtsein Platz werde, d. h, damit die dem Staate juristisdi 
Zugehörigen audi psydiologisdi-real eine Einheit, eine Verbunden- 
heit bilden. Wie weit aber eine soldie Forderung im konkreten 
Falle realisiert wird, ja überhaupt realisierbar ist, muÜ sehr 
zweifelhaft bleiben. Wie könnte man ernstlidi für möglidi halten, 
daß die juristischen Staatsgrenzen audi für die empirisdi- 
psydiologisdie Betraditung jenes Netz verbindender Wedisel- 
■wirkungen absdiließen, die allein den Staat zu einer soziologisdi- 
realen Einheit madien? Sollten nidit Klassen-, nationale und 
religiöse Interessen stärker sein können als Staatsbewußtsein, 
sollten sie nidit über die juristischen Grenzen hinweg Gruppen 
bildend wirken und so den Bestand einer mit der juristisdien 
Staatseinheit zusammenfallenden Gruppe in Frage stellen? Gar 
wenn man die - zur Konstituierung der sozialen Einheit aut 
Basis psydiisdier Wediselwirkung unerläßliche - Annahme 
madit, daß eine Vielheit von Mensdien nur dann und nur inso- 
fern eine empirisdi^reale Einheit bildet, wenn die sie unter- 
einander verknüpfenden Wedi sei Wirkungen stärker, intensiver sind, 
als die sie mit anderen verbindenden, wenn sie untereinander, 
so wie die Organe eines lebendigen Körpers -' um mit Simniel 
zu spredien - »in engerem Wediseltausdi ihrer Energien stehen, 
als mit irgend einem äußeren Sein«. Denn wer könnte ernstlidi 
in Frage stellen, daß etwa nationale GemeinsdiaFt zwisdien An- 
gehörigen versdiiedencr Staaten ein unendlidi engeres Band sdilingt 
oder dodi sdiÜngen kann als die juristisdie Zugehörigkeit zu 
einem Staate? Ist die soziologisdie Theorie der psydiisdien 
Wediselwirkung entsdilossen, die Konsequenzen ihrer Lehre zu 
ziehen, die sidi für den Staat ergehen, der, wollte man ihn auf 
ihr begründen, in den bodenlosen Abgründen wirtsdiaftlidier, 
religiöser und nationaler Gegensätze versinken müßte? 

Erbliriit man das Wesen der sozialen Realität und sohin 
airdi des Staates als eines Stüdcs der gesellsdiaftlidien Wirklidi- 
keit in einer irgendwie näher zu diaraktcrisierenden psydiisdicn 
»Verbindung«, dann ist es nidit überflüssig, sidi den durdiaus 
blldlidien Charakter dieser Vorstellung klar zu madien, mit der 
eine Raumrelation auf unraunilidi seelisdie Tatsadien übertragen 
wird. Das Mißlidie, mit einer auf die Körperwelt zugesdiiiittenen 



Der Begriff des Staates und die SozialpsyAoiogic 103 



Sprache psyAisAe Vorgänge zu bezeichnen, maiht sidi hier be» 
sonders fühlbar. Und die SAwierigkcit wird norfi dadurcb erhöht, 
daß der volle Sinn des Sozialen offenbar nidit durdi die Er- 
kenntnis einer bloß psydiisdien Verbundenheit ersdiöpft wird, daß 
irgendwie audi ein räumlidi körperliches Beisammen mensdilicher 
Leiber auf einem Teile der Erdoberfläche als dazu gehörig an- 
gesehen wird. Der Begriff des Staates sei hier nur als Beispiel 
erwähnt. Und in der Tat, wenn man die gesellschaftlidien Phäno=' 
mene, wie das in der neueren Soziologie behauptet, aber nidit 
durdigeführt wird, als reine Seefenvorgänge betrachtet, ist es 
gänzlich ausgesAlossen, zu jenen »Gebilden«, jenen sozialen 
»Einheiten« zu gelangen, die schließlich und endlich sich jeder 
Soziologie als ihre eigentlidien Objekte aufdrängen, 

Unterzieht man dasjenige, was eine soziale Verbindung 
psychologisch bedeuten kann, einer Analyse, so ergibt sich als 
der Sinn der Behauptung, daß A. mit B, verbunden sei, nidil 
etwa, daß beide als Körper in denselben Raum gebannt sind, 
keine — wie sidi die neuere Soziologie auszudrüdten pflegt — 
äußerliche, sondern eine »innerlidie« Relation, Als psychische Tat'' 
sadie ist das Verbundensein eine Vorstellung oder ein Gefühl in 
der Seele des A., der sich mit ß, verbunden weiß oder fühlt,- so 
ist das Wesen jenes Bandes, das die Liebe um zwei Menschen 
schlingt, dies, daß in dem einen die Vorstellung des anderen mit 
einer spezifischen Gefühlsbetonung auftritt, die eben nur durdi ein 
räumlich körperlidies Bild: A. ist an B. gefesselt, mit B. unlösbar 
verkettet, verbunden, Ausdrudi findet. Auch der Staat erscheint — 
als soziale Verbindung — in dem Gefühl, das die Vorstellung 
einer gewissen Gemeinsamkeit: gemeinsamer Einrichtungen, ge- 
meinsamen Gebietes usw. in der Seele des einzelnen begleitet. 
Wieder muß ein außerpsydiologisdier Staatsbegriff vorausgesetzt 
werden, dessen - für sein Wesen irrelevanter - psydiisdier 
Reflex in den Seelen der den Staat erlebenden Menschen dieses 
Gefühl des »Verbundenseins« erzeugen mag. Es ist, streng ge- 
nommen, unriditig, von einer Verbindung »zwischen« den Mensdien 
zu spredien/ ist Gesellsdiaft ein Psychisches, dann vollzieht sidi 
die als Gesellsdiaft erkannte »Verbindung« zur Gänze in dem 
Einzelindividuum. Es ist nur hypostasierte, zu Unredit in 
die Außenkörperwelt verlegte, durchaus intra-individuelle 
Relation, wenn behauptet wird: Der A. ist mit dem B. ver^ 



]04 



Dr. Hans K eisen 



Bunden. Verbunden, d. h. in bestimmter Weise gefühlsbetont ist 
in der Seele des A. die Vorstellung des B, Und audi eine durch- 
aus analoge »Verbindung« in der Seele des B. Iiinsiditlidi der 
Vorstellung des A.^ — eine Wediselseitigkeit, die übrigens zur 
Annahme einer Verbindung zwisdien A, und B. gar nidit nötig 
ist — kann an dem durchaus inira-individucllen Cha- 
rakter der sozialen »Verbindung« nidits ändern. Von Wedisel- 
wirkung braudit eigentlirfi gar nidit die Rede zu sein. Daß das 
Verbindungsgefühl in A. entsteht, hat gewiß seine Ursadien, 
unter denen audi ein Verhalten des B. seine Rolle spielen mag. 
Aber die Verbindung besteht nidit in dieser von dem B. auf 
den A. geübten Wirkung, ■ t. ■ _ ■ ■ 

Dazu kommt, daß eine zwischen Mensdien angenommene 
WeAselwirkung keine bloß psyAisdic sein kann, weil die in Bc- 
tradit kommende Kausalreihe, um von der Seele des A. in die 
des B. und wieder zurüdi zu gelangen, zweimal den Weg durdi 
beide Körper nehmen muß. Auf die Problematik einer soldien 
psydiophysisdien Kausalreihe und der durdi sie begründeten 
durdiaus nidit mehr psjrAisdien, sondern psydiophysi sehen 
Natur der sozialen Einheit soll nidit weiter eingegangen werden. 
Festgestellt sei nur, daß die soziologisdie Betraditung sdion auf 
Grund der rein psydiologisdi gedaditen Wedisciwirkungstheorie 
nicht in jenem psydiologisdien ßereidi ihr Genüge finden kann, 
der ihr durdi den als psychische Wedi sei Wirkung bestimmten 
Gesellsdiaftsbegriff gesteht ist. Und diese bei allen Soziologen 
feststellbare, ihnen meist unbewußte Tendenz, den psydiologisdien 
Rahmen zu sprengen, ist vor allem darauf zu rüikzu führen, 
daß alle psychologische Untersuchung letztlich nur 
als individualpsychologische denkbar ist/ denn wenn sie 
einmal in die Einzelsecle hinabsteigt, führt sie kein Weg aus 
dieser hinaus. Für die psydiologisdie Betraditung ist die Einzel- 
secle wirklidi eine fensterlose Monade. Und dabei ist alle 
Soziologie auf ein überindividuelles Ziel gerichtet, weil 
alles Soziale seinem Wesen nach über das Individuelle 
hinausweist, ja, als ein durch und durch Andersartiges, 
geradezu die Überwindung undNegaiion des Individuums 
zu bedeuten scheint, 



Der BegrilT des Siaates und die Sozialpsydiologie 105 

II, 

Man vermeint im Bereiche des Psychologischen zu 
verbleiben und dabei dennoch das Überindividuelle zu 
erfassen, wenn man als eine Form der gesellschaftlichen 
Verbindung oder sozialen Einheit — eine Mehrheir von 
Individuen als Gemeinschaft dadurch erkennt, daß man 
irgend eine inhaltliche Übereinstimmung ihres Wollens, 
Fühlens oder Denkens annehmen zu dürfen glaubt. Mari 
könnte hier von einer Parallelität der psychischen Pro- 
zesse spredien, und eine solche liegt immer vor, wenn von einem 
»Gesamiwillen«, einem »GemeingefühU, einem Gesamt- 
oder Gemeinbewußtsein oder -interesse die Rede ist, Dieser 
Tatbestand ist es ja, der von der sogenannten Volke rpsydiologie 
als »Volksgeist« bezeidinei wird. Sofern damit nidits als eine 
gewisse Bewußtseinsgemeinsdiaft ausgedrückt werden soll, ist der 
Begriff unverfänglidi. Indes besteht die deutlidie Tendenz, diesen 
»Volksgeist« als eine von den Einzelseelen versdiiedene, psydtisdie 
Realität zu behaupten, wodurdi dieser Begriff des Volksgeistes 
den metaphysisdien Charakter von Hegels objektivem Geist 
annimmt. 

Wenn man den Staat als sozialpsydiologisdie Realität 
diarakterisieren will, pflegt man ihn meist als eine dieser nadi 
dem Sdiema der Parallelität psydiisdier Prozesse gebildeten Ge- 
meinsdiafien, speziell als einen in der Gleidiriditung der Willens- 
aktc einer Vielheit von Individuen begründeten »Gesamtwiüen« 
zu behaupten. Sieht man indes näher zu, zeigt sidi, daß eine rein 
psychologisdie Bedeutung dieser S'Gemeinsdiaften« diese keines- 
wegs als soziale, überindividuelle Einheiten begreifen läßt. Denn 
die Anforderung, die man zu allererst an den Begriff" einer sozialen 
Einheit stellt und die audi von allen Soziologen gestellt wird, ist 
die, daß dieser Begriff nidit das bloße Abziehen gleldier Merk-- 
male von einer Vielheit von Individuen, sondern eine irgendwie 
geartete Zusammenfassung, Verbindung dieser Individuen zu einer 
höheren Einheit darstellt. Der Begriff des Negers, als Inbegriff 
aller Mensdien sdiwarzer Hautfarbe, bedeutet ebensowenig eine 
soziale Einheit oder eine Gesellsdiaft wie etwa alle Lebewesen, 
die durdi Kiemen atmen, einen Organismus bilden. Dies gerade 
ist ja das unter allen Umständen gültige tertium comparalionis 



106 



Dr. Hans Kclsen 



zTisAen Gesellsdiaft und Organismus, daß eine die bloße Abstraktion 
übersteigende Synthese der Elemente das die Einheit in der Viel- 
heit hier wie dort lionstituierendc Moment ist. Daß man diese 
Synthese sozusagen in das Objekt selbst projiziert, die Gesell- 
sdiaft als die dur* Wediselwirkung zwisdien den Mensdien 
zusammengehaltene Einheit vorstellt, ist ein Irrtum, dessen Kor- 
rektur in einem späteren Zusammenhange versudii werden soll. 
In der Tatsadie, daß eine Vielheit von Mensdien dasselbe wollen, 
fühlen oder vorstellen, liegt jedenfalls zunädist keine andere »Ge- 
meänsdiafl« als jene, die in dem Begriff eines gemeinsamen körper^ 
lidien Merkmals gedanklidi vollzogen wird. Fügt man aber bei 
jedem einzelnen nodi das Bewußtsein oder Gefühl der Gemein- 
samkeit hinzu, so ist damit für die Struktur des Begriffes nidits 
Wesentlidies gewonnen, eine »innere« Veibindung dadurdi zwisdien 
den Einzelnen nidit hergestellt. Ganz abgesehen von dem Wider- 
sprudi, der in der Vorstellung einer »inneren«, d. h. dodi wohl 
im Innern der Einzelseelen besdilossenen Verbindung »zwisdien« 
den Einzelnen, also einer von Außenseite zu Außenseite wirkenden 
Verbindung gelegen ist. Audi ist es sidicrlidi unbegründet, eine 
derartige Willens», Gefühls* oder Voistcllungsgcmeinsdiaft nur 
auf »Wediselwirkungen« zu begründen oder gar als eine Form 
der »Wediselwirkung« zu bezeidincii. Die in dci' Kirdie ver- 
sammelten Mensdien, die von dem Priester durdi Erzeugung gewisser, 
bei allen gleidien Vorstellungen in einen dem Inhalte nach gleidien 
Zustand von Andaditsverzüdiung versetzt werden, die Mensdien 
einer Volksmenge, die durdi die aufreizende Rede eines Führers 
in revolutionärer Begeisterung von demselben Willen - etwa ein 
Regierungsgebäude zu zerstören - erfüllt werden, sind vollendete 
Beispiele einer aktuellen Gefühls-, Vorstellungs- oder Willens- 
gemeinsdiaft, die nidit durdi Wediselwirkung zwisdien den hin- 
zeinen, sondern durdi eine gemeinsame Wirkung von außen, d. h. 
von dritter Seite her erzeugt wird. Neben dieser Wirkung spielt das 
Bewußtsein, daß die anderen in gleidier Weise fühlen, denken oder 
wollen, eine sekundäre Rolle. Dieses durdi Verständigung der 
Individuen untereinander in jedem Einzelnen entstehende Bewußt- 
sein gleidiartigcr seelisdier Inhalte kann unter gewissen Umständen 
eine Intensivierung des scelisdien Grunderlebnisses der Einzelnen 
herbeiführen. Die aus irgend einem Anlaß gewedite palriotisdie 
Begeisterung wird verstärkt durdi die Wahrnehmung der gleidien 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie ] 07 

Stimmung bei 'den anderen und kann vielleicht in einem gewissen 
Verhältnis zu der Ausdehnung dieser Ersdieinung in der Masse 
bei dem Einzelnen wadiscn. Indes ist auch das Umgekehrte 
möglidli, wie sdion die Weisheit des Sprichwortes erkennt: »Ge^ 
teiltes Leid ist halbes Leid.« Mit Rüiiisidit auf die in diesem 
Punkte sehr erhebliche Verschiedenheit der individuellen Anlage 
und der nicht abzusehenden Begleitumstände, die für eine ver^^ 
stärkende oder absdiwächende Wirkung des Gemeinsamkeits=' 
bewußtseins bestimmend sind, wird wohl eine allgemein gültige 
Regel kaum aufzustellen sein, 

Das von den Vertretern der Massen psydiologie ange- 
nommene Gesetz der Affektsteigerung in der Masse — jedes 
Wadistum des Affektes in die Weite bedeute zugleich einen 
Zuwachs an Gemütsbewegung im Bewußtsein des schon Er^ 
griffenen' — ist nur mit sehr weitgehenden Einschränkungen 
richtig. Aber jedenfalls muß die Anschauung abgelehnt werden, 
daß der Gesamtwille, das Gesamtgefühl oder die Gesamtvor= 
Stellung eine durch Summierung der einzelnen Woliungen, Gefühle 
oder Vorstellungen gewonnene und dementsprechend intensivierte 
seelisdie Größe sei. Nur weil eine soldie Anschauung mitunter 
von Sozialiheoretikern vertreten wird, muß nodi ausdrücklich 
gesagt werden, daß sich seelische Elemente verschiedener Indivi« 
ducn nicht addieren lassen und daß eine solche Summe, selbst 
wenn sie sich ziehen ließe, kein Ausdruck für irgend eine seelische 
Realität wäre. Gesamtgefühl, Gesamtwille und Gesamtvorstellung 
kann nie etwas anderes bedeuten als eine Bezeichnung für die 
Übereinstimmung der Bewußtseinsinhalte einer Mehrheit von 
Individuen. 

Wollte man den Staat ernstlich als eine solche Bewußt^' 
seinsgemein Schaft begreifen — und tatsächlich wird vielfach 
demjenigen, was man staatlichen Gesamtwillen oder 
staatliches Gesamtinteresse nennt, ein derartig reali» 
stischer, empirisch-psychologischer Sinn beigelegt ~ 
dann müßte man - um unzulässige Fiktionen zu ver= 
meiden - so konsequent sein, wirklich nur jene Menschen 
den Staat bilden zu lassen, bei denen die erforderliche 



' Vgl. Moede, Die Massen- und Sozialpsydiologie im kritischen Ober- 
blidt. Zeitsdir. für pädagosisdie Psydiologie 1915, S. 393. 



lOS Dr. Hans Kcisen 



Übereinstimmung ihrer Bewußtseinsinhalic erwiesen ist. 
Man müßte sich vergegenwärtigen, daß Willens-, Gefühls- oder 
VorstellungsgemeinsAaft als psyAologisdie Massenerscheinung zu 
verschiedenen Zeiten und an versdiiedenen Orten in äußerst 
sdiwankendem Umfang auftritt. In dem Ozean des seelisdien 
Gesdiehens mögen soldie Gemeinsdiaften wie Wellen im Meere 
aufiaudien und nadi kurzer Existenz in ewig wedhselndem Umfang 
wieder versinken. Die üblidie Vorstellung vom Staate als einem 
fest umgrenzten, dauernden Gebilde dürfte keinen Bestand mehr 
haben. Und man müßte sdiließliA der Frage Rede und Antwort 
stehen: Weldies der spezilisdie Inhalt jenes Wollens, Fühlens 
oder Denkens ist, dessen paralleles Erleben in einer Vielheit von 
Individuen gerade die staatlidie Gemeinsdiaft ausmadit/ da ja dodi 
nidit jede beliebige Massenersdieinung nadi Art der Parallelität 
psydiisdier Prozesse die staatliche Gemeinsdiaft darzustellen ver* 
mag. Und dabei dürfte sich wohl herausstellen, daß der Staat 
eben nur der spezifische Inhalt eines Bewußtseins ist, dessen reaU 
psythologisdie Massenhäufung für seinen Begriff zunädist von 
problematisdier Bedeutung bleibt. 

Ahnlidies gilt im Prinzipe von jener Ansdiauung, die den 
Staat als eine Summe von HerrschaftsverJiältnissen psydio- 
logisch zu diarakterisieren versucht. Den Staat — was mitunter 
unternommen wird — als ein einziges Herrschafrsverhälinis auf- 
zufassen, ist psychologisch nidit möglich, da die Einheit der 
Herrsdienden ebensowenig wie die der Behcrrsditcn realiter ge- 
geben ist. Nimmt man dies für den Staat an, so setzt man eben 
voraus, was erst durdi psydio logische Untersudiunj? gewonnen 
werden soll, wobei die vorausgesetzte Einheil des Staates offenbar 
außerpsydiologisdien, und wie sidi stets zeigen läßt, jurisiisdien 
Charakters ist. Psydiologisdier Betraditung liegt nur eine Vielheit 
von herrschenden und beherrschten Mensdien vor, deren Einheit 
psychologisch nicht anders als durdi den glcidicn Inhalt des 
Herrsdiaftsverhältnisses - also im Wege einer Abstraktion — 
begründet werden kann. Auf den spczitisdien Inhalt dieser Herr- 
schaftsrelation kommt es somit audi hier an. Zumal Herrsdiaft 
psychologisch nichts anderes ist als Motivation; der Wille, die 
Willensäußerung des einen Menschen wird zum Motiv für den 
Willen oder das Handeln des andern Mensdien, aut dessen Ver- 
halten der Wille des ersieren geridiiet ist. Und bei näherer Be- 



Der Begriff des Sraates und die So;ialpsydio[ogie 109 

trachruiig wird sidi wohl jedes Verhältnis zwisdien Mensdien 
als Herrsdiaftsverhältnis, zumindest aber: auch als Herrscfiafrs= 
Verhältnis herausstellen. Selbst bei jener Beziehung, die soldies 
auszusdilleßen sdieint, bei Liebe und Freundsdiaft, wird wohl eine 
feinere Analyse nidit völlige Gleidiheit der beiden Elemente, 
sondern fast immer einen Führer und einen Geführten, einen 
Stärkeren und einen Sdiwädieren untersdieiden. Wenn aber jedes 
mensdilidie Verhältnis ein Herrsdiaftsverhältnis ist, dann ist die hier 
zur Verfügung stehende psydiologisdie Sdiablone so weit und nidits* 
sagend, daß nicht einmal das den Inhalt des Staates tragende Gerüst 
seelisdier Prozesse damit hinreidiend diarakterisiert wird. 

'-Neben der Parallelität der psydiisdien Prozesse und der 
Motivation kann als dritte möglidie Form der sozialen Ver= 
bindung — sofern soldie auf psydioiogisdiem Wege gesudit wird 
— jene eigenartige Beziehung angesehen werden, die dariit bestehr, 
daß ein Individuum ein anderes zum Objekt seines dement- 
sprediend auf dieses andere Individuum geriditeten Wünsdiens, 
WoIIens oder Begehrens madit. Während man bisher diese spezifisdie 
seelisdie Einstellung nur für die paarweise Verbindung des 
Liebes- und Freundschaftsverhältnisses <im engsten Sinne) als 
konstituierend angesehen hat, versudit Freud, die für seine 
»Psydioanalyse« grundlegende Theorie der »libido« audi zur 
Lösung des Hauptproblems der Sozialpsydiologie, zur Beantwortung 
der Frage nadi dem \^esen der sozialen »Verbindung« zu ver- 
wenden. Sdieinbar geht dabei Freud nur von einem SpeziaU 
problem der Sozialpsydiologie, den durdi die Untersudiungen 
Sigheles^ und Le Bons- gesdiilderten Phänomenen der soge-f 
nannten Massenpsydiologie aus. Allein das Problem der »Masse« 
muß sidi sdion bei einiger Vertiefung als das Problem der sozialen 
»Einheit« oder sozialen »Verbindung« sdilecbtweg erweisen. Das 
gerade zeigt die Darstellung Freuds, in deren letzter Kon* 
Sequenz es gelegen ist, auch den Staat als eine — wenn auch 
komplizierte — »Masse*, oder doch als ein Phänomen 
der Massenpsychologie zu begreifen. 

Als eine Masse »im gewöhnlidien Wortsinne« bezeidinet 
Le Bon »eine Vereinigung Irgendweldier Individuen von beliebiger 



' La coppia crimtnalc, 2. Aufl. Deutsdi von Kurella, 1S98. 
- Die Psyrfioiogie der Massen <Ps>-dioloKie des Foules>. Übersetzt von 
Eisler. 3. Auf], \919. 



110 Dr. Hans Kelsen 



,1.-» 



Nationalität, beliebisem Berufe und Gesdiiccht und beliebigem An- 
lasse der Vereinigung« ^ Es ist klar, dali damit keinerlei Begriffs- 
bestimmung ausgespro*en ist. Denn das ist ja gerade die Frage, 
worin das Wesen dieser »Vereinigung« bestellt. Das Problem, das 
sidi Le Bon stellt, ist aber dieses; Weldie seelischen Ver- 
änderungen ergeben sich für den einzelnen aus der Tatsadie seines 
Beisammenseins mit anderen? »Masse« ist ihm zunädist der Aus- 
drudt für eine spezifisdie Bedingung, unter deren Gegebenheit 
gewisse gleidiartige individual-psydiisdie Wirkungen bei einer 
Mehrheit von Individuen eintreten. Dieser Begriff erfährt aber sofort 
einen diarakteristisdien Bedeuiungswandel. »Vom psydiologisdien 
Gesichtspunkt bedeutet der Ausdrudi »Masse« etwas ganz anderes. 
Unter bestimmten Umständen und bloß unter diesen besitzt eine 
Versammlung von Mensdien neue Merkmale, ganz vcrsdiicdeii 
von denen der diese Gesellsdiaft bildenden Individuen. Die bewullte 
Persönlidikeit sdiwindet, die Gefühle und Gedanken aller Ein^ 
heilen sind nadi derselben Riditung orientiert. Es bildet sidi eine 
KoÜektivseele, die, wohl transitorisdier Art, aber von ganz be- 
stimmtem Charakter ist,« Le Bon spridit nunmehr von einer 
»psydiologisdien Masse«, zu der die Gesamtheit geworden ist und 
sagt von ihr: »Sie bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem 
Gesetz der seelisdien Einheit der Masse« <Ioi de l'unite mentale 
des foules)-. »Die psychologische Masse ist ein provisorisdies 
Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen 
Augenblick sidi miteinander verbunden haben, genau so wie die 
Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen 
mit ganz anderen Eigensdiaften als denen der einzelnen Zellen 
bilden«^'. War »Masse« ursprünglidi der Ausdrudi für die spezih- 
sdie Bedingung, ist er nunmehr der Ausdruck für die Folgen, 
die unter den vorausgesetzten Bedingungen eintreten. Dabei wird 
die Tatsadie, daß diese Folgen bei einer Vielheit von Individuen ^ 

gleidimäßig eintreten, dadurch vcreinfadit dargestellt, daß die spezi- 
fisdien Eigensdiaften und Funktionen des in die Masse eingereihten 
Individuums von der Masse selbst als einem von den die Masse 
bildenden Subjekten versdiiedenen Subjekte ausgesagt wird. Neben 
den Seelen der - die Masse bildenden - Einzelmensdicn ersdieint 



■ A. a. O. S, 9. 
- A. a. O. S. 9. 
» A, a. O. S. 12. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie Hl 



f 

f 



plötzlich eine Massenseele — <die Masse ist ja diese Seele). 

Zwar sagt Le Bon: »Die Hauptmerkmale des in der Masse 

befindlidien Individuums sind demnacfi: Sdiwund der bewußten 

Persönlidikeit, Vorherrsdiaft der unbewußten Persönlidikeit, Orien= 

tierung der Gedanken und Gefühle in derselben Riditung durdi 

Suggestion und Ansted^ung, Tendenz zur unverzüglichen Ver- 

wirklidiung der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nidit 

mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat. Ferner steigt durch 

die bloße Zugehörigkeit zu einer Masse der Mensch mehrere 

Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung 

war er vielleiAt ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er 

ein Barbar, d. h, ein Triebwesen. Er besitzt die Spontanäität, die 

Heftigkeit, die Wildheit und audi den Enthusiasmus und Heroismus 

primitiver Wesen. Diesen nähert er sädi auch noch durch die ^ 

LeidUigkeit, mit der er sidi von Worten und Bildern, die auf jedes 

einzelne Individuum gänzlidi ohne Wirkung wären, beeinflussen 

und zu Handlungen, die zu seinen entschiedenen Interessen und 

bekanntesten Gewohnheiten in Widerspruch stehen, verführen 

läßt«'. Allein aus dieser Feststellung einer Summe gleicher Eigene 

sdiaften der in der Masse behndlichen Individualseelen werden 

sdilicßlidi Äußerungen einer von den Individualseelen versdiiedenen 

»Massenseele«. Es wird behauptet, »daß die Masse stets dem 

isolierten Menschen intellektuell untergeordnet ist, daß »die Masse 

off verbrecherisch, oft aber audi heldenhaft ist« -', es wird von 

einem Gefühlsleben, einer Sittlidikeit der Masse gesprochen usw. 

Weil die Individuen in der Masse andere Eigenschaften haben als 

im Zustand der Vereinzelung, wird von :;■ Eigen t um lidikeiten der 

Ivlassen« gesprochen, weldic die Individuen nicht besitzen« ^^ und 

so ein Gegensatz zwisdien Individuum und Masse fingiert, der 

nicht besteht. Und diese Hypostasierung einer bloß abstraktiven 

Einheit, diese in der Annahme einer s-Kollektivseele« vollzogene 

Realsetzung eines Verhältnisses der Übereinstimmung des Inhalts 

vieler Einzelscelen wird gelegentHdi ganz bewußt betont, und die 

Annahme, daß es sidi dabei nur um den abbrevicrenden und ver- 

ansdiaulidienden Ausdruck für eine Summe gleidicr EinzeU 

erscheinungen handelt, direkt abgelehnt. »Im Widerspruch mit einer 



; 



' A. a. O. S. 16, 17. 
= A. a. O. S. 17. 
> A. a. O. S, H. 



JJ2 Dr. Hans Kelsen 



Anschauung, die siA befrenidlidier weise bei einem so scharfsinnisen 
Philosophen, wie Herbert Spencer es ist, findet, s'l't « »n dem 
eine Masse bildenden Aggregat keineswegs eine Summe 
und einen Durchschnitt der Elemente, sondern eine Kom- 
bination und Bildung neuer Elemente, senau so wie in der Chemie 
sidi bestimmte Elemente, wie z. B, die Basen und Säuren bei 
ihrem Zusammenkommen zur Bildung eines neuen Körpers 
verbinden, dessen Eigensdiaften von denen der Körper, die an 
seinem Zustandekommen beteiligt waren, völlig versdiieden sind*'. 
Weil die Individuen <in der Masse) neue Eigensdiaften aufweisen, 
wird die Masse zu einem >Körper«, zu einem neuen Individuum 
— als Träger dieser neuen Eigensdiaften - hyposrasicrt! 

Indem nun Freud an Le Bons Sdiilderung der Massen- 
seele anknüpft, verfällt er durchaus nidit in den Fehler dieser 
Hypostasierung. Er leugnet mit dankenswerter Sdiärfc gleich zu 
Beginn seiner Untcrsudiungen den Gegensatz von Individua!- und 
Sozialpsydiologie und erklärt, daß der Gegensatz von sozialen 
und nidit sozialen <»narzißtisdien« oder »autististhcn*, d. h. nidit 
auf einen anderen bezogenen) seelisdien Akten >durdiaus innere 
halb des Bereidics der Individualpsydiologic« fällt -, Demgemäß 
formuliert Freud die für Le Bon entsdieidcnde Tatsadie 
durdiaus korrekt dahin: daß das »Individuum unter einer bestimmten 
Bedingung ganz anders fühlt, denkt und handelt, als von ihm zu 
erwarten stand, und diese Bedingung ist die Einreihung in eine 
Menschenmenge, weldie die Eigensdiaft einer psych ologisdien 
Masse erworben hat«. Für Freud gibt es keine anderen als 
Individualseelen und seine Psychologie bleibt unter allen Umständen 
Individualpsydiologie. Das ist geradedas Spezitische seiner Methode, 
daß er die Phänomene der sogenannten Massenseele als Er- 
scheinungen der Individiialseelc aufzeigt. ' 

Aber auch in anderer Hinsidit bedeuten Freuds Unter« 
sudiungen einen entschiedenen FortsHiritt über Le Bon hinaus. 
Dieser begnügt sidi im Grunde, einen psyAologischen Tatbestand 
zu sdiildern,. was er an Erklärung durdi die Annahme einer 
»Kollektivseele« versudit, kommt ni*t weiter in Betradit. Freud 
aber dringt in den Kern dieses Problems, wenn er im Ansdiluß 
an Le Bons Darstellung der Einheit der in der Masse ver- 

' A. a, S. 14. . c ^ ' ■ 



^ 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydioiogie 113 

bundenen Individuen — <als Äusdrud; dieser Einheit tritt eben 
die — hypostasierre — Metapher der Kollektivseele auf> — die 
bei Le Bon außer adit gelassene Frage stellt: »Wenn die 
Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden sind, so muß 
es wohl etwas geben, was sie aneinander bindet, und dieses 
Bindemittel könnte gerade das sein, was für die Masse diarakte= 
ristisdi isr«^. Zwar besdiränlit sidi schon Le Bon nicht darauf, 
die Masse als die Tatsache gleichartiger seelischer Reaktion einer 
Vielheit von Individuen, also als einen Fall der ParalleÜtäl 
psydiischer Prozesse zu beschreiben. Er spricht stets audi von 
einem »Verbundensein« der gleidiartig sidi verhaltenden Individuen, 
und die Metapher des »Organismus« und der »Kollektivseele« 
soll ja offenbar diese »Verbindung« als etwas über das bloße 
Gleich gerichtets ein Hinausgehendes bezeichnen. Aber worin diese 
»Verbindung« eigentlich besteht, fragt er nicht. Gerade mit dieser 
Frage aber zerreißt Freud nicht nur den Schleier der Hypo- 
stasierung »Kollektivseele«, sondern er erhebt auch das Problem der 
»Masse« zum Problem der sozialen Einheit, der sozialen Ver= 
bindung überhaupt. 

Wenn im folgenden der Versuch Freuds kurz skizziert 
wird, den Grundbegriff seiner Psychoanalyse, die »libidoc zur Auf^ 
klärung der Massenpsychologie zu verwenden, die Verbindung der 
Individuen zu der — allzueng als »Masse« bezeidineten — sozialen 
Einheit als eine Gefühlsbindung, als einen Fall der libido zu 
begreifen, so muß vorangesdiickt werden, daß eine solche Skizze 
nur ein sehr unvollkommenes Bild der Freudschen Soziale 
Psychologie geben kann. Die Lehre von der »iibidinösen Struktur 
der ]\iasse« ist so innig mit der ganzen umfassenden psychologi-=^ 
sdien Theorie Freuds verbunden, daß sie, losgelöst von dem 
Boden der allgemeinen Psydioanalyse, ohne große Schwierigkeiten 
für das Verständnis und ohne die Gefahr, mißverstanden zu 
werden, nicht dargestellt werden kann. Indes kommt es in diesem 
Zusammenhange nicht so sehr auf den spezifischen Wert der 
Psychoanalyse zur Aufklärung der Phänomene der Massenpsy^ 
(hologie, sondern vielmehr darauf an, ob und inwieweit dieser 
Versuch, die soziale Realität psychologisch zu bestimmen, für 
Begriff undWesen des Staates fruchtbar gemacht werden. 



' A. a. O. S. 7. 
Imaio Vlll/2 



]]4 Dr. Hans Kelsen 



ob der Staat als eine »psychologische Masse« der durch 
die Freudsche Psychoanalyse aufsehellten Struktur 
angesehen werden kann. Zu diesem Zwedte genügt aber eine 
die prinzipiellen Gesiditspunkte festhaltende Darstellung und ist 
ein näheres Eingehen auf die Grundvoraussetzungen der allge- 
meinen Psychoanalyse nidit erforderliA. 

■ ■ Wenn Freud die Annahme macht, daß »libido«, »daß 
Liebesbeziehungen indifferent ausgedriidtt: Gefühlsbindungen) audi 
das Wesen der Massenseele ausmadien«^ so versteht er das 
Wort »libido* oder »Liebe« in einem weitesten, nidit bloß die 
Gesdileditsliebe umfassenden Sinne, etwa in der gleidien Be- 
deutung, in der der »Eros« Piatons auftritt. Freud sagt, er 
stütze seine Erwartung, daß Liebesbeziehungen audi das Wesen 
der sozialen Verbindung ausmadien, zunädist auf zwei »flüditige 
Gedanken«: i^Erstens, daß die Masse offenbar durdi irgend 
eine Madit zusammengehalten wird. Weldier Madit könnte man 
aber diese Leistung eher zusdireiben als dem Eros, der alles 
in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man den Eindrudi 
empfängt, wenn der Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt 
und sidi von den anderen suggerieren läßt, tue er es, weil em 
Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Einvernehmen mit ihnen als 
im Gegensatz zu ihnen zu sein, also vielleidir dodi »ihnen 
zuliebe«*. Wenn das Wesen der Massenbildung, der sozialen 
Verbindung überhaupt in »libidinöscn Bindungen« der Massen- 
glieder, der die Gruppe bildenden Individuen bestehen soll, so 
wird dodi zugleidi mit Nadidrudi betont, daß es sidi dabei nidit 
um Liebestriebe handeln könne, »die direkte Sexualzicle ver- 
folgen«. »Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die, ohne 
darum minder energisdi zu wirken, dodi von ihren ursprünglidien 
Zielen abgelenkt sind«-'. Soldie Ablenkung des Triebes von seinem 
Sexualziel besdiäftigt die Psydioanalyse in vielfadicr Riditung. 
Diese Ersdieinung ist, wie die Psydioanalyse lehrt, mit gewissen 
BeeinträAtigungen des Idis verbunden. Die Vermutung, daß sidi 
die soziale Verbindung als eine derartige libidinöse Bindung be- 
greifen lasse, wird zunädist dadurdi bestärkt, daß ja als ein 
wesenilidies Merkmal des in die Masse eingereihten Individuums 




' A. a. O. S. 45. 
= A. a, O. S. 45. 
'- A. a. O. S. 64. 



Der Begriff des Staates und die Sozia[psycfaologie 115 

das Sdiwinden des Selbsrbcwußtseins angegeben wird. »Solange 
die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht« — diese An= 
Erkennung der bloß ephemeren, flüchtigen, in ihrem Umfang 
schwankenden Existenz der sozialen Gruppenbildung ist von größter 
Wichtigkeit! " »benehmen sich die Individuen, als wären sie gleich- 
förmig, dulden sie die Eigenart des andern, stellen sidi ihm gleich 
und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn. Eine soldie 
Einschränkung des Narzißmus kann nadi unseren theoretischen 
Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden, durdi 
iibidinöse Bindung an andere Personen. Die Selbstliebe findet 
nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke« i. Als 
eine Gefühlsbindung an eine andere Person, die nicht Geschlechts- 
liebe ist, hat die Psydioanalyse - schon vor ihrer Untersuchung 
des sozialpsydiologischen Problems - die sogenannte »Identifizie- 
rung« festgestellt. Auf den komplizierten seelisdien Mechanismus 
dieser »Identifizierung«, den die Psychoanalyse in eigenartiger 
Weise aufdeckt, kann und braucht hier nicht näher eingegangen 
werden. Festgehalten sei hier nur, daß ciie Identifizierung nach 
der Lehre Freuds die ursprünglichste Form der Gefühlsbindung 
an ein Objekt ist <sie ist noch vor jeder sexuellen Objektwahl 
möglich, z. B. wenn der kleine Knabe sich mit dem Vater identi^ 
fiziert, indem er so sein möchte wie der Vater, in allen Stücken 
an seine Stelle treten möchte, kurz, den Vater zu seinem Ideal 
nimmt)/ und weiters, daß es nath den Ergebnissen der Psycho^ 
analyse typische Fälle gibt, in denen die Identifizierung in der 
Weise erfolgt, daß das eine Individuum an einem anderen, cias 
nicht Objekt seines Sexualtriebes ist, eine bedeutsame Analogie 
zu sich selbst, eine Gemeinsamkeit in einem wichtigen Punkte wahr- 
genommen hat. Das erstere Individuum identifiziert sidi nunmehr 
— allerdings nur partiell, nur in einer bestimmten Hinsicht — mit 
<3em letzteren, an dem die entscheidende Gemeinsamkeit wahrge= 
nommen wurde. »Je bedeutsamer diese Gemeinsamkeit ist, desto 
erfolgreicher muß diese partielle Identifizierung werden können und 
so dem Anfang einer neuen Bindung entsprechen«-. Diese Ge* 
meinsamkeit kann insbesondere affektiver Natur sein, in der 
affektiven Bindung beider Individuen an ein gemeinsames Objekt 
bestehen. Und nun behauptet Freud, »daß die gegenseitige 

■ A. a. O. S. 62. 

- A. 3. O. S. 66 ff., S. 71 72. 



J16 Dr. Hans Kelstn 



Bindung der Massenindividuen von der Natur einer soldien 
Identifizierung durdi eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist«, 
und daß diese Gemeinsamkeit »in der Art der Bindung an den 

Führer« liege'. 

Audi diese Bindung an den Führer beruht nadv Freud 
auf einem von seinem Sexualziel abgelenkten Liebestrieb. Mit 
Redit hak Freud der bisherigen Sozial- oder Massenpsydiologie 
vor, daß sie die außerordentlidie Widitigkeit des Führermomenies 
übersehen habe. Eine Masse - im weiteren Sinne: eine soziale 
Gruppe - ist psydiologisdi nadi Freud ohne Führer gar nidit 
möglidi, ob nun der Führer ein körperlicher Mensdi, wie bei der 
ursprünglichen, natürlichen, primitiven Masse, oder - als Führer- 
ersatz - eine Idee ist. »Viele Gleidie, die sidi miteinander 
identifizieren können und ein einziger ihnen allen Überlegener, das 
ist die Situation, die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht 
finden.« Der Mensdi ist kein Herdentier - wie man zu sagen 
pflegt — , er ist vielmehr »ein Hordentier, ein Einzelwesen einer 
von einem Oberhaupt angeführten Horde«-. Das Verständnis der 
Beziehung zum Führer setzt aber die Erkenntnis eines wichtigen 
Phänomens voraus, das die psydioanalytisdie Forsdiung als in 
Verbindung stehend mit der Ersetzung direkter Sexualstrebungen 
durch zielgehemmle festgestellt hat: die Spaltung des Ichbewußt- 
seins in ein lA und ein Idiideal. Das letztere differenziert siA dem 
ersteren gegenüber dadurdi, daß es die Funktionen der Selbst- 
beobadvtung, der Selbstkritik, des Gewissens, der moralisdicn 
Instanz ausübt. Das eigenartige Verhältnis zum Führer; die Hin- 
gabe des Idis an das Objekt seines sexualgehemmten Triebes, das 
vollständige Versagen der dem Idiideal zugeteilten Funktionen, 
das Sdiweigen der Kritik, die von dieser Instanz ausgeübt wird, 
soweit es sich um Äußerungen des Objekts handelt/ - alles, 
was das Objekt tut und fordert, ist untadelhaft,. das Gewissen 
findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des Objekts 
geschieht: »Diese ganze Situation läßt sich restlos in eine Formel 
zusammenfassen: das Objekt hat sidi an die Steile des lAidcals 
gesetzt« =. Eine Masse, und zwar eine primäre, ursprünglidie 

' A. a. O. S. 72. 
- ^_ a_ o. S. 98, 99. 

> A a. O S. 33' Die Beziehung zum Führer ist eine Jhnlichc wi« <H« 
des >Verliebtenc, das ist des mit Verdrängung des Scxualiieles Liebenden zu 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie 117 

Masse, ist demnadi nach Freud eine Anzahl von Indivi= 
duen, die ein und dasselbe Objekt an Stelle ihres Ich= 
Ideals gesetzt, ihr Ideal aufgegeben, gegen das im Führer 
verkörperte Jvlassenideal verrauscht und sich infolge- 
dessen miteinander identifiziert haben^, ■ ■ 
■ ■ -r Den von Le Bon gesdiilderten, für das in die Masse ein* 
gereihte Individuum diarakteristisdien Rüdifall in den Zustand 
seelisdier Primitivität, ja Barbarei erklärt Freud durdi Heran» 
Ziehung seiner Hypothese von der Entstehung der mensdilidien 
Gesellsdiaff. Im Ansdiluß an eine von Darwin ausgesprodiene 
Vermutung nimmt Freud an, daß die Urform der mensdilidien 
Gesellsdiaft die von einem starken Männdien unumsdiränkt be= 
herrsdite Horde war-. Dieser als Führer fungierende Mann ist 
ein gewalttätiger, eifersüditiger Vater, der alle Weibdien für sidi 
behält, die Männer aber, das sind die heranwadisenden Söhne, 
an der Befriedigung ihrer direkten, auf die Wcibdien geridiieten 
Sexualtriebe verhindert. Er zwingt sie zur Abstinenz und infolge^ 
dessen zu den Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, die aus 
den Strebungen mit gehemmtem Sexualziel hervorgehen. Die Ab»' 
haltung der Söhne von den Weibdien der Horde führt zur Ver«- 
treibung. Eines Tages kommen die ausgetriebenen Brüder zu= 
sammen, ersdilagen und verzehren den Vater und madien so der 
Vaterhorde ein Ende. An Stelle der Vaterhorde tritt der Brüder^ 
clan. Auf diese Hypothese, die vor allem eine überrasdiende 
Erklärung der bisher rätselhaften Ersrfieinungen des sogenannten 
Totemismus bringt, werde idi später nodi zurüdtkommen. Hier ist 
nur die Behauptung Freuds festzuhalten, daß die Sdiidisale der 
Urhorde »unzerstörbare Spuren in der mensdilidien Erbgesdiidite 
hinterlassen haben«". Spezieil die »Masse« ersdieint Freud als 



seinem Objekt oder die des Mediums zum Hypnotiseur. Die im Text gegebene 

Darstellung gibt Freud für die Bc-iehung des Verliebten zu seinem Objekt. 

' A. a. O. S. 87 88, 113. 

, - Totem und Tabu, S. 116 ff.,- Massenpsydiologie und Idi-Analyse, S. 100 ff. 

. ^ An dieser Stelle muß Heinridi Schürt; erwähnt ■«'erden, der in seinem 

Wcrlie >AIterskIassen und Männerbünde*, 1902, die These vertritt, daß alle 

höheren sozialen Verbände, also insbesondere der Staat, auf Männerverbände 

zurüdigchen, die bei allen primitiven Völkern als Männerhäuser, klubartige Ver= 

einigungcn, Geheinibünde usw. beobaditct werden. Diese Märnerbünde beruhen 

nadi Schürt: auf einem speztfisdien Gesellsdiaftstrieb, der zwar sympalhisdier 

Natur, dennodi aber von dem Gesdileditstrieb versdiieden, ja gegen diesen ge- 

riditet ist. Nur die Verdrängnng des im Grunde antisozialen Gesdiieditstriebes 

sei Bedingung für sociale Differenzierung und kulturellen Fortsdiritt. 



US Dr. Hans Kelscn 



ein Wiederaufleben der Urhorde, »Die menschlidien Massen zeigen 
uns wiederum das vertiaute Bild des übersrarkcn Einseinen in- 
mitten einer SAar von gleiten Genossen, das audi in unserer 
Vorstellung von der Urhorde enthalten ist. Die PsyAologie dieser 
Masse, wie wir sie aus den oft erwähnten Besdireibungcn kennen 
- der Sdiwund der bewußten Einzelpersonlidikcit, die Orientie- 
rung von Gedanken und Gefühlen nadi gleidien Riditungen, die 
Vorherrsdiaft der Affektivität und des unbewußten Seelisdien, die 
Tendenz zur unverzüglidien Ausführung auftaii dien der Absiditen - , 
das alles entspridit einem Eustand von Regression zu einer 
primitiven Seelentätigkeit, wie man sie gerade der Urhorde 
zusdireiben mödite«^ »Der unheinilidie, zwanghaftc Charakter 
der Massenbildung, der sidi in ihren Suggcstionsersdicinungen 
zeigt«, müsse »auf ihre Abkunft von der Urhorde zurüdtgeführt 
werden. Der Führer der Masse ist nodi immer der gefürAtete 
Urvater, die Masse will immer nodi von unbesAränkter Gewalt 
beherrsdit werden, sie ist im höAsten Grade autoritätssüditig, bat 
nadi Le Bons Ausdrudi den Durst nadi Unterwerfung. Der 
Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des lAideals das Idi 
beherrsdit«!-. »Die Masse ersdieint uns so als ein Wiederaufleben 
der Urhorde. So wie der Urmensdi in jedem Einzelnen virtuell 
erhalten ist, so kann sidi aus einem beliebigen Mensdicn häufen die 
Urhorde wiederherstellen,- soweit die Massenbildung die Mensdien 
habituell beherrsdit, erkennen wir den Fortbestand der Urhorde 

in ihr«^ 

Unter der Voraussetzung, daß Freuds Lehre vom Wesen 
der sozialen Verbindung als einer Gefühlsbindung, seine Theorie 
der libidinösen Struktur der Masse gemäß der doppelten Bindung 
der Individuen untereinander (Identifizierung) und an den Führer 
(Einsetzung des Objekts an Stelle des Idiidcals) riditig ist, geht 
die - für das Problem des soziologisdien Staatsbegriffs maß- 
gebende - Frage; ob auch der Staat eine psychologische 
Masse sei, dahin; ob audi die im Staat, durdi den Staat ver- 
bundenen, den Staat bildenden Individuen in jener doppelten 
Bindung stehen, ob audi der Staat - als soziale Gruppe, als 
sozialpsydiisdic Realität aufgefaßt - jene »libidinöse Struktur« 



• A. a. O, S. 101. 
« A. a. O. S. Ul. 
> A. a. O. S. lOZ. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologic 119 

aufweist, .Freud selbst scheint geneigt, diese Frage zu bejahen. 
Er sagt: »Jeder einzelne ist ein Bestandteil von vielen Massen, 
durdi Identifizierung vielseitig gebunden und hat sein Idiideal nadi 
den versdiiedensten Vorbildern aufgebaut. Jeder einzelne hat 
also Anteil an vielen Massenseelen, an der seiner Rasse, des 
Standes, der Glaubensgemeinsdiaft, der Staatlichkeit usw. und 
kann sidi darüber hinaus zu einem Stüdttfien Selbständigkeit und 
Originalität erheben'. Der Staat crsdieint somit Freud als 
eine »Massenseele«. Freilidi von etwas anderer Art als jene 
Massen, in denen die Urhorde unmittelbar lebendig wird. »Diese 
ständigen und dauerhaften Massenbildungen fallen in ihren 
gleichmäßig anhaltenden Wirkungen der Beobaditung 
weniger auf als die rasch gebildeten, vergänglichen Massen, 
nadi denen Le Bon die glänzende psydiologisdie Charakteristik 
der Massenseele entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephe= 
meren, den anderen gleidisam superponierten Massen begibt sidi 
eben das Wunder, daß dasjenige, was wir eben als die individuelle 
Ausbildung anerkannt haben, spurlos, wenn audi nur zeitweilig, 
untergeht«'. Allein der Unlersdiied zwisdien den »vergänglidien« 
und den »ständigen« Massen ist — nadi der eigenen Darstellung 
Freuds — ein so prinzipieller, daß die letzteren als »Massen« 
oder gar als »Massenseelen« zu bezeidinen, als irreführend zurüdi=' 
gewiesen werden muß. Was man »Staat« nennt, ist etwas gänzlidi 
anderes als jenes Phänomen, das als »Masse« von Le Bon ge* 
sdiildert und von Freud psydiologisdi erklärt wurde, 

Sdion anläßlidi der Tatsache, daß neben der Regression 
der in der Masse sich äußernden Individualpsydie auch »entgegen* 
gesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung« festgestellt 
werden, daß neben den abfälligen Urteilen Le Bons audi eine 
»weit höhere Einschätzung der Massenseele« vorkommt, spridit 
Freud die Vermutung aus, daß man als »Massen« sehr ver- 
schiedene Bildungen zusammengefaßt habe, die einer Sonderung 
bedürfend »Die Angaben von Sighele, Le Bon und anderen 
beziehen sich auf Massen kurzlebiger Art, die rasdi durdi ein 
vorübergehendes Interesse aus versdiieden artigen Individuen zu- 
sammengeballt werden. Es ist unverkennbar, daß die Charaktere 



■ A. a. O. S. HZ. 

« A, 3. O. S, 113. 
' A, a. O. S. 28, 



120 Dr. Hans Ktlsen 



der revolutionären Massen, besonders der großen französisAen 
Revolution, ihre Schilderungen becinflufit haben. Die gcgensätzlidien 
Behauptungen stammen aus der Würdigung jener stabilen 
Massen oder Vergesellsdiaftungen, in denen die MensAcn ihr 
Leben zubringen, die sidi in den Institutionen der Gesellsdiaft 
verkörpern. Die Massen der ersten Art sind den letzleren gleidi- 
sam aufgesetzt wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen 
Dünungen der See« '. So bestediend dieses Bild sein mag, so sehr 
ist es geeignet, den prinzipiellen Untersdiied zwisdien den »kurz- 
lebigen« und »stabilen« Massen, die sidi in den »Institutionen« 
verkörpern, zu verdunkeln, einen Unterschied, den Freud zwar 
gefühlt, aber nidit deutlidi genug erkannt hat. 

In der maßgebenden Differenzierung zwisdien den beiden Arten 
von »Massen« sdiließt siA Freud der Darstellung des englisdien 
Soziologen Mo Dougall- an, der zwisdien primitiven, »unorgani- 
sierten« und »organisierten«, artifiziellen Massen untcrsdieidet. Da 
das Phänomen der Regression, insbesondere die Talsadie der 
kollektiven Herabsetzung der intellektuellen Leistung nur bei den 
Massen ersierer Art zu konstatieren ist, führt er das Aussdialtcn 
der regressiven Wirkung auf das Moment der »Organisation« zurück. 
Die einzelnen Elemente, in denen Mc Dougall diese »Organi- 
sation« erblicken zu sollen glaubt, kommen hier nidit weiter in 
ßetradit. Das Entscheidende ist jedenfalls die Tatsadic, daß in den 
Gliedern der Gruppe das Bewußtsein einer ihre Beziehungen regu- 
lierenden Ordnung, also eines Systems von Normen, besteht. Durdi 
diese »Organisation« werden - nadi Mc Dougall - die psydii- 
sdien Naditeiie der Massenbildung aufgehoben. Freud meint, daß 
man die Bedingung, die Mc Dougall als »Organisation« besdireibt, 
anders besdireiben müsse, »Die Aufgabe besteht darin, der Masse 
gerade jene Eigensdiaften zu versdiaffen, die für das Individuum 
diarakteristisd) waren und die bei ihm dur* die Massenbildung 
ausgelösdii wurden.« Gemeint sind: Selbstbewußtsein, Kritik, 
Verantwortungsgefühl, Gewissen usw. »Diese Eigenart hatte es 
durdi seinen Eintritt in die nidiiorganisierte Masse für eine Eeit 
verloren.« Eicl der Entwidilung zur »organisierten« Masse sei: 
»die Masse mit den Attributen des Individuums auszustatten«^'. 



' A. a. O. S, 28. 

- The group mind, Cami>ridge 1920. 

^ A. 3. O. S. 35. 



ijft. 



Der Begriff des Staates und die Soiialpsydiologie 121 

Sicherlich bedarf die Anschauung Mc Dougalls von der »Organi= 
sation« einer Korrektur. Allein auch jene Freuds muß befremden. 
Obgleidi gerade er das indivldualpsydiologisdie Prinzip aufs 
sdiärfste betont und in der Psychologie der primitiven Masse 
konsequent durchgeführt hat, bedient er sidi jetzt einer Darstellung, 
die einen Bruch seiner individualpsychologisdien Methode zu ver= 
raten scheint. Die »Masse« soll gewisse Eigenschaften des Indi= 
viduums erlangen. Wie könnte das möglidi sein, da es sich doch 
immer nur um Eigenschaften, Funktionen der Individualseele 
handeln kann? Hier liegt nicht eine bloRe metaphorische Dar= 
Stellungsform vor, hier vollzieht sich eine Verschiebung in der 
Begriffsbildung. Denn wenn man das Bild von der »Masse, die 
die Eigensdiaftcn des Individuums erhält«, auflöst, zeigt sidi, daß 
überhaupt keine Masse — auch nicht eine von der primitiven ver* 
schiedene Masse — gegeben ist! Das Wesen der Masse liegt — 
darin gipfeln die ganzen Untersuchungen Freuds — in der spe= 
zifischen Verbindung, die sich als eine doppelte affektive Bindung 
der Glieder aneinander und an den Führer herausstellt. Eben 
auf diesem ihrem psychisdien Charakter beruht der spontane, ep he» 
mcre Charakter, der schwankende Umfang dieser Ersdieinung, 
den Freud selbst wiederholt betont, Freud ist nur konsequent, 
wenn er erklärt, man müsse »von der Feststellung ausgehen, daß 
eine bloße Menschenmenge noch keine Masse ist, so= 
lange sich jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben^. 
Auf diese Bindungen allein führt er die charakteristischen Ersdiei* 
nungen der Regression zurück, deretwegen er die Masse als ein 
Wiederaufleben der Urhorde erklärt! Bei dem Individuum, das 
als Glied der von Mc Dougall und Freud so genannten 
sorganisierten« oder »artifiziellen« Massen auftritt, fehlen eben 
jene Bindungen, denn es mangelt an jener charakteristi seilen 
Regression, zu deren Erklärung allein jene affektiven Bindungen, 
jene libidinösc Struktur herangezogen werden mußten. Wäre man 
sidi bewußt geworden, daß hinter dem Sciiein der positiven Be= 
hauptung einer »mit den Eigenschaften des Individuums aus= 
gestatteten Masse« die durchaus negative Feststellung steht, daß 
das Individuum — als Glied der hier in Frage kommenden so= 
zialen »Gebilde« — nicht in jener Bindung auftritt, die die spe= 

' A. a. O. S. 57. r 



12Z Dr. Hans Kclsco 



zifisdie Massenwirkung der Regression auslost, dal) das Individuum 
hier alle diejenigen Eigensdiaften har, die es »für sidi«, die es 
»vereinzelt* hat und deren Mangel ja gerade das spezifische 
Problem der Massen- oder Sozialpsydiologie ist — dann hätte 
man sidi niemals veraniant gesehen, die fragliAcn sozialen »Ge- 
bilde« audi als »Massen« zu bezeidmen. Dann hätte man viel- 
leidii audi erkannt, daß die Eigenschaften, die man diesen »Massen*- 
zuerkannte und derzufolge man sie als »stabile«, »dauernde-*, 
»feste« Massen bezeidinete, im Widersprudi zu der Natur des- 
jenigen Objekts stehen muß, das aller psydiologisdien Unter» 
sudiung gegeben ist. Weshalb denn audi Freud seine psydio- 
logisdie Charakterisierung der Masse: »eine Anzahl von Indivi- 
duen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Idiideals 
gesetzt und sidi infolgedessen in ihrem Idi miteinander identifiziert 
haben« — ausdrücklidi nur auf die »primäre«, d. h. eine soldie 
Masse bezieht, die »nicht durch allzu viel .Organisation' 
sekundär die Eigenschaften eines Individuums erwerben 
konnte«'. Wenn die Begriffsbestimmung der Masse auf die arti- 
fizielle »Masse« nicht zutrifft, dann ist diese letztere eben keine 
Masse im Sinne einer sozialpsydiologisdien Einheit. Und daß 
die Charakteristik der psychologischen Masse speziell auf den 
Staat nidit zutreffen kann, das bedarf cigentlidi keines weiteren 
Beweises. Vielleicht ist es aber — aus methodischen Gründen — 
nidit überflüssig, auf das folgende hinzuweisen: Wäre der Staat 
eine psydiologisdic Masse im Sinne der Freud-Le Bonsdien 
Theorie, dann müßten die zu einem Staat gehörigen Individuen 
sich miteinander identifiziert haben. Der psydiisdie Melanismus der 
Identifikation setzt aber voraus, daß das eine Individuum an dem- 
jenigen, mit dem es sidi identifiziert, eine Gemeinsamkeit wa h r n i m m t. 
Man kann sidi nicht mit einem Unbekannten, niemals Wahr- 
genommenen, nidit mit einer unbestimmten Eah! von Individuen 
identifizieren. Die Identifikation ist von vornherein nuf eine ganz 
begrenzte Zahl voneinander wahrnehmenden Individuen besdirankt 
und daher - ganz abgesehen von allen anderen Einwänden - 
für eine psydiologisdie Charakterisierung des Staates unbraudibar. 
Niditsdestowenigcr besteht sidierlidi eine Beziehung zwisdien 
den zu Unrecht als stabile »Massen« bezeichneten sozialen Ge- 



' A. a. O. S. 87. 



Der Begriff des Staates und die Sozial psydiologie 123 

bilden und den psydiologisdien Massen im wahren Sinne- Weldier 
Natur ei)jentlidi diese letzteren sind, zur Beantwortung dieser 
Frage findet sidi bei Freud selbst eine Andeutung, die auf den 
riditigen Weg zu führen sdieint, insbesondere eine korrekte 
Darstellung des Verhältnisses zwisdien den konstanten und den 
variablen Massen ermöglidit. Freud untersdieidet »zwisdien Massen, 
die einen Führer haben, und führerlosen Massen« und spridit die 
Vermutung aus, »ob nidit die Massen mit Führer die ursprüng=' 
lidieren und vollständigeren sind, ob in den andern der Führer 
nidit durdi eine Idee, ein Absiraktum ersetzt sein kann , . - 
Das Abstrakte könnte sidi wiederum mehr oder weniger volU 
kommen in der Person eines gleiAsam sekundären Führers ver= 
körpern ...«'. Wenn nidit alle Anzeidien trügen, fällt die Untere 
sdieidung zwiydien den primitiven, variablen und den artifiziellen, 
stabilen Massen mit jener in Massen mit unmittelbarem Führer 
und soldien, bei denen der Führer durdi eine Idee ersetzt und 
die Idee dann durdi die Person eines sekundären Führers ver= 
körpert wird, zusammen. Vor allem sdieint der Staat eine soldie 
^'Masse« der letzteren Art zu sein. Sieht man aber naher zu, 
dann ist der Staat niAt diese »Masse«, sondern die »Idee«, eine 
»führende Idee«, eine Ideologie, ein spezifisdier Sinngehalt, der 
sidi nur durdi seinen besonderen Inhalt von anderen Ideen — wie 
die Religion, die Nation usw. — untersdieidet. Bei der Reali=' 
sierung dieser Idee, bei dem Realisierungsakt, der — zum 
Untersdiicd von der in ihm realisierten Idee selbst — ein psydio* 
logisdier Prozeß ist, kommt es zweifellos zu jenen massenpsydio=' 
logisdien Phänomenen, die Le Bon so treffend gesdiildert und 
Freud individualpsydiologisdi zu erklären versudit hat, zu jenen 
libidinösen Bindungen und den damit verbundenen Regressionen. 
Nur daß eben der Staat nidit eine der zahlreidien, ephemeren, in 
ihrem Umfang sehr sdiwankenden Massen libidinoser Struktur, 
sondern die führende Idee ist, die die zu den variablen Massen 
gehörigen Individuen an Stelle ihres Idiideals gesetzt haben, um 
sidi dadurdi miteinander identifizieren zu können. Die verschieden t- 
liehen Massen oder reaUpsydiisdien Gruppen, die sidi bei der 
Realisierung ein und derselben Staatsidee bilden, umfassen 
durdiaus nidit alle jene Individuen, die — in einem ganz anderen 



' A. a. O. S. 58 



124 Dr. Hans Kciscn 



Sinne - zum Staate gehören. Die durchaus juristische Idee des 
Staates kann nur in ihrer spezifisA reditüdion Eiftengcsetzlidikeit, 
nlAt aber - wie die psychischen Prozesse der libidinösen Bindungen 
und Verbindungen, die den Gegenstand der Sozialpsydiologic 
bilden - auf psychologischem Wege erkannt werden. Derpsydiisdie 
Vorgang, in dem sidi die Bildung der führerlosen, d. h. solcher 
Massen vollzieht, bei denen die sich gegenseitig identifizierenden 
Individuen an die Stelle ihres Idiideals statt der Voistelliing einer 
konkreten Führerpersönlichkeil eine abstrakte Idee setzen, ist in 
allen Fällen der gleidic, ob es sidi um die Idee einer Nation, 
einer Religion oder eines Staates handelt. Wäre die psychologische 
Masse das soziale Gebilde, nadi dem die Frage geht, dann wäre 
— da nur der psydioiogisdie Prozeß in Betrndit kommt — zwisdien 
Nation, Religion, Staat kein relevanter Untcrsdiied. Als diffe- 
renzierte Gebilde treten diese sozialen Phänomene nur unter 
einem auf ihren spezifisdien Inhalt abgestellten Gesiditspunkt auf, 
nur sofern sie als ideelle Systeme, als spezifisdie Gedanken- 
zusammenhänge, als geistige Inhalte und nidit, sofern die diese 
Inhalte realisierenden, tragenden seelischen Prozesse erfaßt 

werden'. 

III. 

Mit der Einstellung auf die sogenannten stabilen, organi- 
sierten Massen vollzieht die soziologisdic Untersudiung eine auf- 
fallende Richtungsänderung. Nadi weldicr Riditung aber diese 
Wendung führt, das ist sdion in der hier vorgeführten Annahme 
der Massenpsydiologie angedeutet, daß das Charakteristikum der 
sogenannten stabilen Massen die »Organisation« sei und daß sie 
sidi in »Institutionen* verkörpern. »Organisation* und Institution 
sind nämlidi Normenkomplexe, Systeme von mensdilidies Ver- 
halten regulierenden Vorsdiriftcn, die als soldie, d. h. in ihrem 
spezifisdien Eigen=Sinn nur vom Standpunkt einer auf die Soll- 
Geltung dieser Normen, nidit aber auf die Seins-Wirksamkeit der 
diese Normen zum Inhalt habenden VorstcUungs- und Willensaktc 
der MensAen geriditeten Betraditung erfaßt werden können. 

' Der französische Soziologe Tardc <La loRique sociale, 1895 und Us 
lois de limitatioa, 2. ed. 1895) geht bekantitli* von der fatsadic der suggestiven 
Nachahmung als der soiialeii Grundiaisadic aus und di.irakicriBicrt die soziale 
Gruppe als einen Inbegriff von Wesen, die einander n^diahiiien. hs ist klar, 
daß der Staat als eine soziale Gruppe im Sinne der Tatdcsdicn Bcsiinimung 
nidit angeschen werden darf. Daß es aber bei der Realisierung der biaats,dee 
zu soldier Gruppenbildung kommen kann, das soll prinzipiell zugegeben werden. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsvdiologie 125 

Diese entscheidende Richiungsänderung, die bei jeder 
psychologisch orientierten Soziologie zu konstatieren ist, tritt 
ausnahmslos an jenem Punkte ein, wo die Darstellung aus der 
allgemeinen Sphäre der Wedisel-wirkung zwisdien psydiisd^en 
Elementen zu jenen sozialen »Gebilden« aufsteigt, die sidi aus 
den Wediseiwirkungen irgendwie ergeben und sdiHeßlidi zu dem 
spezifisdien Gegenstande der Soziologie werden. Von einer 
prinzipiellen Riditungsänderung muß gesprodien werden, weil mit 
der Erfassung dieser Objekte die wisse nsdiaftlidie Betraditung in 
eine gänzlidi neue, von der bisherigen versAiedene Methode ein= 
tritt. Den meisten Soziologen freilidi unbewußt und in der Meinung, 
den alten Weg fortzusetzen, wird der Bereidi psydiologisd)= 
empirisdier Untersudiung verlassen und ein Gebiet betreten, dessen 
Begriffe, weil man sie mit einem ihnen gänzlidi wesensfremden 
Sinne, nämlidi dem psydiologisdien, zu belasten sudit, die selt= 
samsten Verfälsdiungen erdulden müssen. 

Der für die psychologische Soziologie typische 
Sprung aus der Psychologie heraus manifestiert sidi in den 
mit aller Psydiologie unvereinbaren Eigensdiaften, die von den 
sozialen »Gebilden« ausgesagt werden und ausgesagt werden 
müssen, will man nur einigermaßen jene Vorstellungen erfassen, 
die sich in unserem Bewußtsein als soziale Wesenheiten, alsKollektiva 
vorlinden. Da ist vor allem die bei jedem Soziologen wiederkehrende 
Behauptung, daß die sozialen »Gebilde«, die sidi aus den Wedisei- 
wirkungen zwisdien psydiisdien Elementen »verfestigen«, »kristal-- 
lisieren«, »zusammenballen«, einen »überindividuellen« Charakter 
haben. Da Seelisdies nur im Individuum, d, h. in den Seelen der 
Einzelmensdien möglidi ist, muß alles Überindividuelle, jenseits 
der Einzelseele Gelegene metapsychologischen Charakter 
haben. Sdion die »Wedisel Wirkung« zwischen den Individuen ist 
ebenso überindividuell wie metapsydiologisdi/ und nur sofern man 
sidi dessen nidit bewußt wird, glaubt man, ohne das Psydiisdie 
zu verlassen, auf der Zwisdienstufe der >Wedisel Wirkung« zu der 
Überindividualität, als einer Art höherer Form des Psydiisdien, 
aufsteigen zu können. In Wahrheit liegt eine vollständige i^eraiiaot; 
eig to aV.oi ym'og vor. Es wäre denn, daß man außer der Einzeln 
secle nodi eine den Raum zwisdien den Einzelnen erfüllende, alle 
Einzelnen umfassende Kollektivseele annehmen wollte/ eine Vor= 
Stellung, der gerade die neuere Soziologie — wie bereits gezeigt 



J26 Dr. Hans Kelsen 



- nicht allzufern steht, und die - konsequent durdidadit, da 
eine Seele ohne Körper erfahrungsgemäß nidit möglidi ist - zur 
Annahme eines von den individuellen Körpern ebenso versdiiedcnen 
Kollektiv-Körpers führen muß, in den man die Kollcktivseele 
fiineinverlcgt. Das ist der Weg, auf dem die psyAologisdic Sozio- 
logie zu der ins mythologisdie ragenden Hypostasierung der so- 
genannten organischen Gesellschaftstheorie führt. 

In demselben Sinne, in dem die sozialen »Gebilde« als über- 
individuell bezeidinet werden, spredien ihnen alle Soziologen in 
den versdiiedensten Wendungen »Objektivität« zu. Es ist ein 
durdiaus typisdier Ausdrudt für die in Frage stehende Vor- 
stellung: daß die psydiisdien Wediselwirkungen zwisdien den Indi- 
viduen nadi ihrem »Erstarren« und »Stabilwerden« zu »objektiven 
Mäditen« werden. Man spridit von den sozialen Wesenheiten 
als von »Objektivationen« oder geradezu von »Objcktivations- 
systemen«. In allen diesen Wendungen drängt ein Gegensatz zu 
den subjektiven, d. h. in der Einzelseele spielenden psydiisdicn 
Prozessen, den molekularen Bewegungen des sozialen Lebens nach 
Ausdrudt. Diese intraindividuellen, subjektiven Seelenvorgänge 
sind jedodi das allein Reale, d. h. von jener psychologischen 
Realität, die allein für eine sozialpsychologisch orientierte 
Soziologie in Betradit kommen dürfte. Wie die reale Subjektivität 
durdi ihre bloße Anhäufung oder Vcrvielfadiung zu einer ebenso 
realen Objektivität werden kann, muß rätselhaft bleiben. Hier 
sdilägt die Quantität in Qualität um oder mit andern Worten: 
Hier ist ein Wunder, glaubet nur. 

Ebenso wie die Objektivität setzt auA die Dauer oder 
Konstanz, die man von den sozialen Gebilden aussagt, diese in 
einen prinzipiellen Gegensatz zu der fluktuierenden, blitzartigen 
Existenz der individualpsydiisdien Tatsadicn, aus denen sie auf 
irgend eine Weise entstehen sollen. Gerade beim Staat muß 
besonders auffallen, wie unvereinbar die ihm wescntlidie GleiA- 
mäßigkeii und Ununtcrbrodienhcit seines spezifisdicn Seins, die 
feste Umgrenztheit seines Umfanges - die ja nur die Permanenz 
einer scharf umrissenen Geltung ist - mir der wellenartig 
sdiwankcnden, ewig intermittierenden, siA bald ausdehnenden, 
bald sidi zusammenziehenden Realität jener psydiisdicn Massen- 
Phänomene ist, unter die eine psychologisdi-nalurwisscnsdinftlidic 
Theorie dieses soziale Gebilde zu subsumieren vergeblidi bemüht 



i 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsycfioiogie 127 

ist, Es ist eine naive Selbsttäusdiung, wenn die Soziologie als 
Sozialpsychologie glaubt, in den sozialen Gebilden sozusagen 
gefrorene Wellen, erstarrte seelisdie Massenbewegung vor sidi zu 
haben, an denen die Gesetze des Psydiisdien bequemer und 
sitherer abgelesen werden könnten als an den ewig oszillierenden 
Phänomenen der Einzefseele. Wenn ein Soziologe meint, daß »die 
geistigen Gebilde, mit denen es die Soziologie zu tun hat, eine 
gewisse Objektivität und Konstanz besitzen, die sie der Be= 
obaditung und Analogie in ganz anderer - <nämlidi intens 
siverer!) — Weise fähig madit, als die flüditigen Vorgänge im 
Einzelbewußtsein es erlauben* ^ so muß er wohl die Antwort 
sdiuldig bleiben, wie denn eigentlidi diese Metamorphose möglidi 
sein soll, kraft der aus einer Masse subjektiver »flüditiger Vor= 
gänge im Einzelbewußtsein« — denen notabene allein Realität 
zukommt — Gebilde von »Objektivität und Konstanz« werden, 
die trotz dieser Wesenswandlung den psydiisdien Charakter ihres 
Ursprungs niAt nur nicht verlieren, sondern sogar nodi in 
erhöhtem Maße behaupten. 

Ein typisdies Beispiel für diese aus der psydiologisdi" 
kausalen Erkenntnis in die ethisdi=politisrfie oder juristisdie Wert« 
betraditung ausgleitenden Methode ist der französisdie Soziologe 
Durkheim, Audi er will grundsätzlidi die Soziologie als Natur- 
wissensdiafl, an Kausalgesetzen orientiert, begründen-. Er 
übernimmt von Comte den Grundsatz, »daß die sozialen Er^ 
sdieinungen Naturtatsadien und als soldie den Naturgesetzen 
unterworfen sind«^ Damit sei aber der »dinglidie Charakter« der 
sozialen Tatsadien anerkannt. »Denn in der Natur gibt es nur 
Dinge <dioses)«. Und »die erste und grundlegende Regel« für die 
Erkenntnis des Sozialen bestehe darin, »die sozialen Tatsadien so 
zu betraditen wie die Dinge«*. Durkheim lehnt eine Soziologie 
als Erkenntnis von Ideen oder Ideologien bewußt ab und stellt 
ihr eine »Wissensdiaft von Realitäten« entgegen. Als »Dinge« 
aber behauptet Durkheim die sozialen Tatsadien, weil und 
insofern sie etwas »Objektives*, vom Einzelmensdien Unab= 
hängiges, sdion vor ihm und daher unabhängig von ihm, also 

' Eislcr, Soziologie, S. 9. 

• Les regles de la niethode socioiogiquc. Autorisierte Übersetzung nadi 
der 4. Auflage. Leipzig 1908 <Phtlos. social. Büdierei V>. 
■ A. ^. O- S. 43, 171. 
' A. a. O. S. 38, 



^2g Dr. Hans Kelsen 

auch außerhalb seiner Person Existentes sind, Realitäten seiner 
Außenwelt, in die er sozusagen hineingeboren wird. U.csc 1 at- 
sadien einer - dem Einzelmensd^n gegenüber transzendenten, 
ohne ihn gewordenen - sozialen Welt bestimmen das Individuum, 
sind mit zwingender Gewalt ihm gegenüber ausgestattet Uiese 
als »Dinge« Aarakterisierten, außerhalb des Individuums stehenden, 
objektiven sozialen Tatsadien äußern sidi zwar in dem Handeln, 
Denken, Fühlen der Individuen, aber sie dürfen mit ihren »indivi- 
duellen ' Ausstrahlungen« nidit verwediselt werden. »Hier liegt 
also eine Klasse von Tatbeständen von sehr speziellem Charakter 
vor; sie bestehen in besonderen Arten des Handelns, Denkens 
und Fühlens, stehen außerhalb der Einzelnen und iind mit 
zwingender Gewalt ausgestattet, Uraft deren sie sidi ihm auf- 
drängen«'. Der zwingende Charakter ist eine »diesen D.ngcn 
immanente Eigenschaft, die bei jedem Versudie des Widerstandes 
sofort hervortritt« ^ »Da ihre (der sozialen Tatsadien) wesentl.die 
Eigentümlidikeit in ihrer Fähigkeit besteht, von außen her 
einen Zwang auf das individuelle Bewußtsein auszu- 
üben, so bedeutet das, daß sie sich nicht von diesem 
herleiten und daher die Soziologie keine Folgerung der PsyAo^ 
logie ist . . . Kommt nun das Individuum außer Betraft, so 
bleibt nur die Gesellsdiaft übrig, es ist also die Natur der Ge- 
sellsdtaft selbst, in der die Erklärung des sozialen Lebens zu 
sudien ist^^ »Kraft dieses Prinzipes ist die Gesellschaft nidit bloil 
eine Summe von Individuen, sondern das durdi deren Verbindung 
gebildete System stellt eine spezifisAe Realität dar d.e emen 
eigenen Charakter hat. Allerdings kann eine solAe brsAemung 
niAt entstehen, wenn kein Einzelbewußtsein vorhanden .st, do* 
ist diese notwendige Bedingung allein nicht ausreichend D.e ein- 
zelnen PsyAen müssen noA verbunden und in einer bestimmten 
Art kombiniert sein,- es ist diese Verbindungsart, aus der das 
soziale Leben folgt, und es ist daher diese Verbmdungsart, d.e 
es erklärt. Indem sie aneinandertönen, siA durd.dringen und ver- 
sAmelzen, bringen die individuellen PsyAen ein neues, wenn 
man will psychisches Wesen hervor, das eine psyd|.sd.e 
Individualität einer neuen Gattung darstellt. In der Natur dieser 

' A. a. O. S, 28. 
= A, a. O, S. 27. 
= A. a, O. S. 131. 




Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie ]29 

Individualität, nidit in jener der sie zusammensetzenden Einheiten 
müssen also die nädisten und bestimmenden LIrsadien der Phäno" 
mene, die sidi dort abspielen, gesucht werden. Die Gruppe denkt, 
fühlt, handelt ganz anders als es ihre Glieder, wären sie isoliert^ 
tun würden«^. Die Erkenntnis der Tatsadie, daß die einzelnen 
Menschen sidi anders verhalten, wenn sie miteinander in Ver- 
bindung stehen, als wenn sie isoliert wären, führt auf dem be^ 
kannten Wege einer unkritisdien Hypostasierung zur Annahme 
einer außerhalb der Mensdien stehenden sozialen Realität. Die 
Versdiiedenheit der Funktion bei Verschiedenheit der Be^ 
dingungen wird zur Verschiedenheit von Substanzen, zu ver^ 
sdiiedenen »Dingen«. Diesen Dingdiarakter des Sozialen kann 
Durkheim nicht nachdrücklidi genug hervorheben. »In der Tat 
nehmen manche Arten des Handelns und des Denkens infolge 
ihres ständigen Auftretens eine gewisse Konsistenz an, weldie 
sie von den einzelnen Geschehnissen, durch die sie ausgelöst 
werden, isoliert und unabhängig macht. Sie nehmen körperhafte 
Gestalt, wahrnehmbare, ihnen eigene Form an und bilden 
eine Realität sui generis, die sich von den individuellen Hand- 
lungen, in denen sie sich offenbart, vollständig unterscheidet«^. Die 
Körperlichkeit, zu der die sozialen Dinge sich schließlich ver^ 
steigen, kann nicht mehr bezweifelt werden, denn ihre sinnliche 
Wahrnehmbarkeit wird ausdrücklich behauptet: »Da uns das 
Äußere der Dinge nur durch die Wahrnehmung vermittelt wird, 
läßt sidi zusammenfassend sagen; Die Wissenschaft soll, um 
objektiv zu sein, nicht von Begriffen, die ohne ihr Zutun gebildet 
werden, ausgehen, sondern die Elemente ihrer grundlegenden 
Definition unmittelbar dem sinnlichen Gegebenen entlehnen«^. Das 
steht im vollen Widcrsprudi zu der Behauptung, daß die sozialen 
Tatsadien zwar »Dinge«, aber keine »materiellen« Dinge seien* 
Abcrauch zu der Behauptung, daß die Gesellsdiaft ein »psydiisdies« 
Wesen sei, und diese Behauptung ist wieder im Widersprudi zu 
der, daß Soziologie mit Psydiologie nidits zu tun habe. Alle diese 
Widersprüche leiten sich letztlidi aus der fehlerhaften Hypostasic- 
rung her. Durkheims »Methode der Soziologie« ist einfadi die 



• A. a. O. S. 132, 133. 

* A. a. O. S. 32. 
- » A. a. O. S. 69. 

' A. a. O. S. 7. 

Imiso VIII/3 



130 Dr. Hans Kclicn 



Anwendung einer naiv-substantiaüstisthcn, also myiholojiisdien 
AnsAauungsweise auf die Beobaditung des unter der Bcdinsuns 
einer gegenseitigen Einwirkung stehenden Verhaltens der Mensdicn. 
Dabei tritt die normative Tendenz der Durkhcimstiien 
Soziologie deutlidi hervor. Die »objektive«, von dem subjektiven, 
d. h. individuellen Wünsdien und Wollen unahhiingigc Existenz 
der sozialen »Dinge« ist in Wahrheit nidits anderes als die 
objektive Geltung der ethisdi-pohtisthcn Normen, die Durk- 
hcim dogmatisch voraussetzt, und dadurdi, daß er sie als natür- 
liAe Realitäten behauptet, zu reditfcrligcn sudit. Er betont, daß 
allem Sozialen im Verhältnis zum Individuum ein »imperativer 
Charakter« eigen sei, er nimmt die dem Einzelnen aulcrlegtcn 
- nadi Durkheim von der Gesellschaft auferlegten - Ver- 
pflichtungen als solche hin und sdiränkt seine Untersuchung 
nidit etwa auf die Tatsadie ein, daß sidi die Mensdicn - viel- 
leidit mit Unredit — für verpflichtet halten. Durkheim crblidtt 
in der Gesellschaft eine verbindliche Autorität, d. h. einen 
Wert, der sidi rein naturwissensdiaftlidi-kausaler Bctrathtung 
ebensowenig darbieten könnte wie Pfliditen. »Eine soziale Tat- 
sadie ist an der äußerlidi verbindlidien Madit zu erkennen, die sie 
über die Einzelnen ausübt oder auszuüben imstande ist«', ja 
»Sozial«, speziell »Kollektiv« und »Verbindlidi« sind für Durk- 
heim gleidibedeutend". Er bezeichnet es btkannilich als eine 
wesentliche Eigensdiaft der sozialen Phänomene, »von außen 
her einen Zwang auf das individuelle Bewußtsein auszuüben« ^ 
Die Gesellschaft sei somit imstande, dem Individuum »die Arten 
des Denkens und Handelns aufzuerlegen, die sie mit ihrer 
Autorität ausgestattet hat«*. Diese »Autorität« der Gcsellsdiaft 
besteht in ihrer' Fähigkeit zu verpflidiicn, dieses »Auferlescn« ist 
ein Verpflichten zu bestimmtem Vcrludtcn. Weil soldie Ver- 
pflidiiung »von außen« komme, sei »die Quelle alles dessen, was 
verbindlidi ist, außerhalb des Individuums«''. Indes: bezieht man 
sidi auf das Faktum des »von außen« auf das individuelle Be- 
wuRisein geübten Zwanges, faßt man also eine Taisadie des 
subjektiven Bewußtseins ins Auge, und erklärt man dieses Faktum 

• A. a. O. S. 35. 
» A. a. O. S. 34, 
» A. a. O. S. 130. 
< A. a. O. S. 131. 
» A. a. O. S. 134. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsycfiologie 131 

als ein wesentlicfccs Merkma! des Sozialen, dann ist es um die 
Objektivität des Sozialen gesdiehen. Dann ist aber audi iiidit ein= 
zusehen, warum nodi von »Vcrpfliditung« die Rede ist. Es 
handelt sidi bloß um die Wirkung einer Ursadie: der durdi 
irgend einen Akt der Außenwelt in dem Mensdien erzeugte Vor^ 
steliungsprozeß, der wieder zu einem Willensimpuls und sdiließlidi 
zu einer Handlung führt, das ist in demselben Sinn eine Kette 
von Ursadien und Wirkungen, wie die Erwärmung und das 
Sdimclzen eines Melallstüdies durdi das Brennen einer Spiritus» 
flamme. »Verpfliditct« etwa das Feuer das Metallstüdi dazu, warm 
zu werden und sdilicßlidi zu sdimelzen? Hat das Herz eine »Ver= 
bindlidikeit« zu sdilagen? Ist die Ursadie »Autorität« für die 
Wirkung? Ist der »Swang«, kraft dessen die Wirkung auf die 
Ursadie folgt, und von dem der »Zwang«, den die soziale Tat- 
sadie »von außen« auf das individuelle Bewußtsein ausübt, offenbar 
nur ein Spezialfall ist, eine Vcrpfiiditung, hat die Ursadie »impera- 
tiven« Charakter? Gerade auf diesen sdieint es aber im Bereidi 
des Sozialen anzukommen! Was für »Zwang« ist also gemeint, 
wenn Durkheim lehrt: »In Wirklidikeit ist die Tatsadie der 
Assoziation, soweit man audi in der Gesdiidite zurüdtge!it, die 
zwangmäßigsic von allen,- denn sie ist die Quelle aller 
übrigen Verbindlichkeiten.« Nadi der »Quelle«, das ist dtm 
Geltungsgrund der Verblndlidikeiten, nidit nadi der Ursadie 
für Vorstellungen, WoHungen und Handlungen ist die Frage! 
Gerade in diesem Zusammenhange führt Durkheim die Zwangs- 
gemeinsdiaft des Staates an, dem man angehöre und verbunden 
sei, ohne Rüdsidit auf den eigenen Willen. Dieser Staat ersdieint 
bei Durkheim sozusagen als der Inbegriff aller sozialen Bin- 
dungen, aller Verbindlidikeiten. Und gerade beim Staat zeigt siA 
deuilidi, daß all das, was Durkheim durdi die Behauptung einer 
eigenartigen, seelisdi-körperlidien Dinglidikeit in der Außenwelt 
des Individuums auszudrüden versudit, nidils anderes ist als die — 
irgendwie vorausgesetzte — objektive Geltung eines speziFisdien, 
eigengesetzlidien geistigen Inhalts, die objektive Geltung 
eines Normensystems. 

Damit ist der ethisdi-politisdie Grundzug dieser »natura 
wissensdiafilidien« Soziologie zur Genüge dargetan. Und von 
dieser Voraussetzung aus ist audi Durkheims Theorie zu be- 
urteilen,- die Gesellsdiaft sei identisdi mit — Gott. »Wenn es 



132 



Dr. Hans Kelscn 



nidit gelingt«, sagt Durkheim, »das Ganze der moralisthen Ideen 
an eine Realität zu knüpfen, die für das Kind mit den Fingern 
greifbar ist, ist der moralisdie Unterridit unwirksam. Man muß 
dem Kind das Gefühl einer Realität geben, als Quelle des Lebens, 
von der Stütze und Kraft kommen. Aber dazu ist eine konkrete, 
lebendige Realität notwendigst Diese Autorität ist nadi Durk- 
heim die Gesellsdiaft, »Die Gesellsdiafi ist eine höhere moralisdie 
Madit, die die gleidie Art von Transzendenz hat, wie sie die 
Religionen der Gottheit zusdirciben.« Wie sdion betont, hat 
Durkheim nidit so sehr oder zumindest nidit allein diclendenz, 
das psydiologisdie Faktum der motivierenden Kraft gewisser 
Normvorsteilungen zu erklären, als vielmehr deren Geltung da* 
durdi zu rediifertigen, dafi er sie auf eine Autorität, auf die 
zur Gottheit erhobene Gesellsdiaft gründet. »Man versteht«, sagt 
er, »daR wir uns vor der Gesellsdiaft, die von uns jene großen 
und kleinen Opfer fordert, die das Gefüge des moralisdicn Lebens 
ausmadien, in Ehrfurdit neigen. Der Gläubige verehrt Gott, weil 
es Gott ist, von dem er seine Existenz und hauptsadilidi seine 
geistige Existenz — seine Seele — erhalten zu haben glaubt. 
Wir haben die gleidien Gründe, dieses Gefühl dem Kollelaivum 
entgegenzubringen«-. »Nur ein bewußtes Wesen kann mit einer 
Autorität begabt sein, wie sie notwendig ist, um die moralisdie 
Ordnung zu begründen. Gott ist eine PcrsÖnlidikeit dieser Arl 
ebenso wie die Gesellsdiaft. Wenn man versteht, warum der 
Gläubige die Gottheit liebt und verehrt, weldicr Grund hindert 
uns zu verstehen, daß der Laienverstand das Kollektivum lieben 
und verehren kann, wcldies vicllcidit das einzig Reale in dem 
Begriff der Gottheit ist?«^ »Der Gläubige irrt nidit, wenn er 
an die Existenz einer moralisdien Madit glaubt, von der er 



' Bulletill de la societe de philosopliie, 1906, p. 227. Ich ciilnclimc dieses 
Zitat der Sdirift von FouÜlee, Humanitaircs et LiuertjirL's ;iu pointdc vue 
socioiojique et moral. Das Bulleiin de la societe de pliilosopliie «'nr mir l'isncr 
leider nidit zugänglidi. Auf diese wie auf die im folgenden lilierte Sdirift 
Durkheims: Lcs fornies clementaires de I.i vie religicusi.-; I.c systcm tolcmiquc 
en Australie, Paris 1912, wurde idi erst nadi Brsdieincii meiner Arbeit über 
den »sozioiogisdien und juristisdicn St<intsbej;rifF« .lufnierksam. Idi benüisc da- 
her die mir durdi die Zeitsdirift »Im;!^»* gebotene Gcicgenbcit, um meine 
Darstellung der Durltbeimsdicn Methode der Soziologie in diesem »-idiiigen 
Punkte der von Durkheim gezogenen Parallele zwisdien Gesellsdiafi und 
Golt zu ergänzen. 

• Bulletin de la societe de philosoph'e 1906, p. 192. 

> Bulletin de la societe de philosopbie 1906, p. 192. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsycfiologie 133 

abhängt, und der er sein Bestes verdankt. Diese Madit be-^ 
steht: es ist die Gesellsdiaft« '. »Dadurdi, daß die Gebräudie 
des Kultus den siditbaren Zwedi haben, das Band zwisdien dem 
Gläubigen und seinem Gott zu stärken, befestigen sie zugleich 
in Wahrheit die Bande, weldie das Individuum an die Gesellsdiaft 
knüpfen, deren Mitglied es ist, da Gott nur der bildliche 
Ausdruck für Gesellschaft ist«^. Sozusagen als das Sdiluß« 
ergebnis seines Werkes über die elementaren Formen des religiösen 
Lebens, dargestellt an dem totemistisdien System in Australien, sagt 
Durkheim: »Wir haben gesehen, daß die Realität, weldie die 
Mythologien unter so mannigfadien Formen dargestellt haben und 
welche die objektive, allgemeine und ewige Ursadie der eigenartigen 
Gefühle ist, die die religiöse Erfahrung bilden, die Gesellsdiaft ist«^ 
Und von dem Totem, dessen Untersudiung Durkheim ganz 
besonders zur Behauptung dieser Identität des Sozialen mit dem 
Religiösen veranlaßte, sagt er: »Es ist das Zeidien, durdi das 
sidi jeder Clan von dem andern untersdieidet, die siditbare Marke 
seiner Persönlichkeit, die alles trägt, was dem Clan unter irgend 
einem Titel angehört, Mensdien, Tiere, Sadien. Wenn es also 
in einem das Symbol von Gott und der Gesellsdiaft ist, sind 
nidit Gott und Gesellsdiaft ein und dasselbe? Wie hätte das 
Symbol der Gruppe der Ausdrudi dieser sogenannten Gottheit 
werden können, wenn Gottheit und Gruppe zwei versdiiedene 
Realitäten wären? Der Gott des Clans, das totemistisdie Prinzip, 
kann also nidits anderes sein als der Clan selbst, aber hypostasiert 
und der Phantasie dargeboten unter den wahrnehmbaren Gegen» 
ständen der Pflanze und des Tieres, weldies als Totem dient«*, 
Allein damit ist psychologisch das Rätsel des Totemismus 
ebensowenig geklärt, wie die Frage beantwortet, weldies denn die 
gemeinsame Quelle sei, aus der die religiöse wie die soziale Ein= 
Stellung des Mensdien entspringt. Denn das Problem der sozialen 
Autorität wird psydiologisdi dadurdi nidit gelöst, daß man es 
mit der religiösen Autorität identifiziert. Audi in dieser Riditung 
ist Freud mit seiner psydioanalytisdicn Forsdiung über die Er- 
gebnisse der bisherigen Soziologie hinausgegangen. Denn Freud 



' Les formes elenienlaires de la vie reiigicuse, p. 322. 
= A. a. O. S. 323. 
s A. a, O. S. 597. 
* A. a. O. S. 295. 



134 



Dr, Hans Kelsen 



ist es in keiner Weise um die ReAifeitigung legend weldier so- 
zialer Autoritäten, sondern aussdiließlidi und allein um die Er- 
klärung psydiisdier Phänomene zu tun. Er bleibt - vielleicht 
gerade deshalb — im Bereich der Individualpsydiologie und 
verziditet auf die mystisdi=metaphysisdie Erkenntnis einer von 
den Einzelseelen versdiiedenen Kollektivseele. Ebenso wieDurk» 
heim hat sidi audi Freud mit dem Studium des Totemismus 
besdiäftigt und ist dabei wie dieser auf die innigen Beziehungen 
zwisdien dem sozialen und dem religiösen Erleben der Mensdien 
gestoßen. Allein Freud hat sidi nidit begnügt zu erklären, Gott 
und Gesellsdiaft seien identisdi. Er hat die seelisdie Wurzel auf- 
gededtt, auf die die religiöse wie die soziale Bindung zurüdtgeht/ 
und zwar gerade durdi seinen Versudi, den Totemismus indivi- 
dual-psydiologisdi zu erklären. Indem er — gestützt auf die von 
ihm aufgededvten Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 
und Neurotiker die Aussage der primitiven Völker, daß der 
Totem ihr Ahnherr und Urvater sei, eine Aussage, »mit weldier 
die Ethnologen bisher wenig anzufangen wußten und die sie da- 
her gerne in den Hintergrund rüdtten«, wÖrtlidi nahm, »erkannte 
er, daß der Totem den Urvater bedeute. Sdion früher habe idi 
die von Freud im Ansdiluß an Darwin vertretene Hypothese 
erwähnt, daß die Urform der mensdilidien Gesellsdiaft die von 
einem starken Männdien beherrsdite Horde war, in der der ge-=' 
wa'ttätige eifersüditige Vater alle Weibdien für sidi behält und 
die heranwadisenden Söhne vertreibt, die sidi eines Tages zu- 
sammentun, den Vater ersdilagen und verzehren, und so an 
Stelle der Vaterhorde den Bruderclan setzen. Der getötete und 
verzehrte Vater wird dann aus Reue zum Gott und dasjenige, 
was er zu seinen Lebzeiten durdi seine Kraft faktisdi verhinderte — 
der Gesdiledits verkehr seiner Söhne mit den Weibdien der 
Gruppe — auf den durdi die Psydioanalyse aufgededtten Wegen 
des sogenannten »naditräglldien Gehorsams« zum Inhalt von so- 
zialen und religiösen Normen erhoben. Auf die Einzelheiten 
dieser ungewöhnlidi geistvollen und sdiarfsinnigen Theorie kann 
und braudit hier im einzelnen nidit eingegangen zu werden. Wo- 
rauf es ankommt, ist die Feststellung, daß eine psychologische 
Erklärung der sozialen und religiösen Bindungen, sowie 
ihres Zusammenhanges erst dadurch angebahnt ist, daß 
sie auf ein seelisches Grunderlebnis, auf die Bezieiuing 




Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie 135 



der Kinder zum Vater zurückgeführt werden. Die göttlidie 
und die soziale Autorität können nur darum identisA sein, \ccil 
sie beide nur versdiiedene Formen derselben seelischen Bindung 
sind, die - psydiologisdi - als die Autorität sdiledithin zu gelten 
hat: die Autorität des Vaters'. Eben weil es in Freuds Psydio^ 
logie ganz und gar nidii auf die normative Begründung der so» 
zialen Pflichten durdi die Aufriditung eines obersten Wertes, 
einer hödisten »Autorität« in diesem ethisth=dogmatisAen Sinne 
— so -wie sie in Durkheims Gott=Gesellsfhaft (oder Gesell- 
sihafts--Gott> vorgestellt wird — sondern auf eine die Ursachen 
des mensdilidien Verhaltens aufdeckende Analyse ankommt — 
weshalb seine Sozial psycho logie notwendigerweise Individualpsycho- 
logie sein mufi — bedeutet die »Autorität« des Vaters, die durdi 
die Psychoanalyse als ein Urtatbestand der menschlichen Seele 
zutage gefördert wird, nichts anderes als einen besonderen Fall 
der Motivation, eine Regel, derzufolge sich das Verhalten des 
einen Mensdien nach dem Willen und Wesen des anderen 

orientiert-. 

Von den Ergebnissen der auf die psydiisdicn Grundlagen 
der sozialen wie der religiösen Ideologie geriditeten Forsdiung 
Freuds mödite ich hier nodi das folgende festhalten: Bei seinem 
Versu^ie, die Anfänge der Gesellschaf ts=' und Religionsbildung 
aufzuhellen, knüpft Freud an die Unters udiungen des englisdien 
Forsdiers Robertson Smith <The religion of the Seniiis, Second 
Edition, London 1907) an. Dieser nimmt an, daß eine eigentüm- 
lidie Zeremonie, die sogenannte Totem=rMahlzeit, das Töten 
und gemeinsame Verzehren eines Tieres von besonderer Bedeu- 
tung, des Totem-Tieres, von allem Anfang an einen integrierenden 
Bestandteil des totemistisdien Systems gebildet habe. Später, als 
jsOpfer« eine Darbringung an die dadurdi zu versöhnende Gott^- 
heit, bedeutet es ursprünglidi einen »Akt der Geselligkeit, eine 
Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gott« <»an act of sozial 
fellowship between the deity and bis worshippers«). Durdi das 
Essen eines und desselben Opfertieres wird die Stammesgemein« 

' Diesen Charakter strenger Kausalerklärung behält die Psydioanalyse 
auA dort, wo sie — wie in Freuds »Massenpsychologie und Idianalysc« — fern 
von jeder politischen Tendenz den psydiisdien Mechanismus aufdedtt, auf dem 
die monardiisthe Staatsform beruht, deren Vorherrsdiaft in der politischen Ge- 
sdiidite sonst nidil begreiflidi wäre. 

ä Vgl. a. a. O. S. 89 ff. 



^ 



136 Dr. Hans Kelsen 



Schaft, die soziale Einheit — nadi der Vorstellung der Primitiven 
— hergestellt. Wer niitißt, der gilt als zugehörig. »Warum wird 
aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft 
zugesAriebcn? In den primitivsten GescIIsdiaften gibt es nur ein 
Band, weldies unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammes« 
gemeinsdiaft <kinship>, Die Mitglieder dieser Gemeinsdiaft treten 
solidarisA füreinander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, 
deren Leben soldierart zu einer physischen Einheit verbunden 
sind, daß man sie wie Studie eines gemeinsamen Lebens be^ 
traditen kann . . . Kinship bedeutet also: einen Anteil haben an 
einer gemeinsamen Substanz . . ,« »Wir haben gehört, daß in 
späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen die Teilnaiime an der 
nämlichen Substanz, weldie in ihre Körper eindringt, ein hei- 
liges Band zwisdien den Kommensalen herstellt/ in ältesten 
Seiten scheint diese Bedeutung nur der Teilnahme an der 
Substanz eines heiligen Opfers zuzukommen. Das hcihge My-» 
sterium dzs Opfertodes reditfertigt sidi, indem nur auf diesem 
Wege das heilige Band hergestellt werden kann, welches 
die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte 
einigt.« »Die durdi die realistisdie Auffassung der Blutgcmein^ 
sdiaft als Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit vcr= 
stehen, sie von Zeit zu Zeit durdi den physisdien Prozeß 
der Opfermahlzeit zu erneuern.« Dieses Opfer hat eben »die 
heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß die Clangenossen 
sidi ihrer stofflichen Identität untereinander und mit der 
Gottheit versidiern«'. 

Die hier angeführten Stellen sind in diesem Zusammenhange 
für midi in zweifadier Hinsidil von Bedeutung. Erstlidi, daß dem 
primitiven Denken die soziale Einheit, die Verbindung einer 
Vielheit von Individuen zur Einheit in der sidit- und greifbaren 
Substanz des gemeinsam verzehrten Opfer- <Totcm=) Tieres zum 
Ausdrudt kommt. Dann aber, daß die soziale Einheit — wie audi 
Durkheim erkannt hat — von vornherein religiösen Charakter hat, 
dafi die soziale Verbindung gleidisam vermittels der Verbindung mit 
der Gottheit zustande kommt, ja daß beide Verbindungen — als 
seelisdie Bindungen — im Grunde von allem Anfang an 
identisch sind, was sidi darin zeigt, daß das geopferte Totem- 



' Totem und Tabu, S. 123 ff. 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie 137 

Tier, dessen gemeinsame Vcrzehrung die soziale Verbindung her= 
stelir, die Gottheit selbst ist. Von einer ganz anderen als der von 
Freud eingenommenenPosition psydiologisdier Erklärung, von dem 
von mir eingangs charakterisierten Standpunkte einer der liausai= 
erklärenden, naturwissensdiaftIitii=psydio!ogisdien Soziologie ent» 
gegengesetzten Rechtstheorie, die den Staat als einen spezifisdien 
Sinngehalt und nidit als einen irgendwie regelhaften Ablauf tat= 
sädilidien Verhaltens der Mensdien, als eine Ideologie in ihrer 
spezifisdien Eigengesetzlidikcit, als ein System von Normen, und 
zwar von Reditsnormen, als Reditsordnung begreift, bin idi zu 
Ergebnissen gekommen, die in auffallender Parallele zu diesen 
Resultaten der sozialpsydiologisdicn Forsdiung stehen und das 
Problem gleidisam von einer anderen Seite zu beleuditen vermögen. 
Das Kernproblem der auf den Staat geriditeten Reditstheorie, 
aber nidit nur dieser sogenannten Staats=Rech tslehre, sondern 
der allgemeinen Staatslehre überhaupt, von der die Staatsredits^ 
lehre herkömmlidierweise nur einen, wenn audi den bedeutsamsten 
und gehaltvollsten Bestandteil bildet, ist das Problem des Ver= 
hältnisses von Staat und Retbt. Trotzdem nun gerade die Staats- 
lehre eine der ältesten Disziplinen, vielleidit überhaupt die älteste 
Wissensdiaft ist — muß dodi sdion der ersten mythologisdi- 
religiösen Naturerkenntnis ein Nadidenken über den Staat voran= 
gegangen sein, da ja der die Mensdien durdi Gesetzesbefehl leitende 
König (Vater> offenbar das Vorbild für die die Natur lenkende 
Gottheit, das Reditsgesetz das Vorbild für das Naturgesetz war — 
so ist dodi der Stand ihres Grundproblems in der wissensdiaft- 
lidien Literatur ein mehr als desolater. Nidit nur, daß von den 
versdiiedenen Autoren völlig widersprediende und miteinander 
gänzlidi unvereinbare Anstauungen über das Verhältnis von 
Staat und Redit vorgetragen werden, indem die einen das Redit 
als eine logisdie oder zeitlidie Voraussetzung des Staates, die 
andern den Staat als die Voraussetzung, ja als den Sdhöpfer des 
Redites erklären, audi bei ein und demselben Autor finden sidi 
in der Regel beide Ansdiauungen, zu den bedenididisten Wider= 
sprüdien verdiditet, nebeneinander. Dies ist um so merkwürdiger, 
als es sich dodi bei Staat und Redit um durdiaus alltaglidic, jeder^ 
mann geläufige Phänomene zu handeln scheint. Eine kritisdie 
Analyse der bisherigen wisse nsdiaftlidien Darstellungen ergibt denn 
audi, daß in dem sdiier unlösbaren Problem der Staats- und 




138 Dr. Hans Kelsen 



Reditstheorie — wie dies in der Gesdiidite der Wissens diaften 
ja so häufig der Fall ist — nur ein Schein-Problem vor- 
liegt. Wo die Theorie zwei voneinander versdiiedene Wesen- 
heiten und deren Verhältnis zu bestimmen sudite, liegt in Wahr- 
heit nur ein einziger Gegenstand vor. Der Staat ist als Ordnung 
mensdilidien Verhaltens mit eben jener Zwangs-Ordnung identisch, 
die man als Redit oder Reditsordnung begreift. Sofern man aber 
den Staat nidit unter der Kategorie der Ordnunj:;, nidit als ein 
abstraktes System von Normen mensdilidien Verhaltens, sondern 
in bildhafter Weise als handelnde, tätige Persönlichkeit vor- 
stellt — in ■weldiem Sinne das Wort »Staat« in den meisten 
Fällen auftritt — bedeutet dieser Begriff nur die veransdiaulidiende 
Personifikation der die soziale Gemeinsdiaft konstituierenden, die 
Einheit einer Vielheit mensdilidier Verhaltungen begründenden 
Reditsordnung. Durdi die Hypostasierung dieser Personifikation — 
einem typisdien, speziell durdi Vaihingers Philosophie des Als=Ob 
jüngst aufgedeckten Denkfehler — wird der cinheitlidie Gegen- 
stand der Erkenntnis, die Zwangsordnung mensdilidien Ver- 
haltens, verdoppelt und das unlösbare Sdicinproblem eines Ver- 
hältnisses zweier Gegenstände erzeugt, wo nur die Identität eines 
und desselben abstrakten Objekts vorliegt, dem seine irrtümlidi 
real gesetzte, lediglidi als Denkbehelf auftretende, dem Zweck 
der Veransdiaulidiung und Vereinfadiung <Abbreviatur> dienende 
Personifikation gegenübergestellt wird. Die Tedinik dieser Hypo^ 
stasierung mit ihrer Verdoppelung des Erkenntnis^Gcgenstandes 
und ihrem Gefolge von Sdieinproblemen ist durdiaus die gleidie, 
die sdion in der mythologischen Naturansdiauung sidi betätigte, 
die hinter jedem Baum eine Dryas, hinter jeder Quelle einen 
Quellgott, hinter dem Mond Luna und hinter der Sonne Apollo 
vorstellte. Vom Standpunkt der Erkenntniskritik stellt sidi diese 
mythologisdie Methode, die sdion kraft unserer substantivisdien 
Spradie - wie sie Fritz Mauthner erkannt imd genannt hat — 
nodi tief in alle Wissensdiaften, insbesondere aber in die Geistes^ 
wissensdiaften hineinragt, als die zu überwindende, weil fehler- 
hafte Tendenz dar, die von der Erkenntnis allein zu bestimmenden, 
durdi Erkenntnis allein bestimmbaren Relationen in feste Dinge, 
die Funktion in Substanz umzudeuten. Wenn festgestellt werden 
kann, daß der von der Staatstheorie dem Redit gegenüber unter- 
sdiiedene, »hinter« dem Redit, als »Träger« des Redits gedadiie Staat 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsychologie 139 

ebenso eine verdoppelnde. Sehe inprob lerne erzeugende »Substanz« 
ist, wie die »Seele« in der Psychologie, die »Kraft« in der Physik, 
dann wird es ebenso eine Staatslehre ohne Staat geben, wie es schon 
heute eine Psydiologie ohne eine »Seele« und ohne all die Sdiein= 
Probleme gibt, mit denen sidi die rationale Psychologie geplagt hat 
<UnsterbIichkeit z B. ein spezifisches Substanz^Problem) und schon 
heute eine Physik ohne »Kräfte« gibt. Psychologisch allerdings 
— und nur psychologisch — läßt sich dieser Hang zur Personifi- 
kation und Hypostasierung, diese Tendenz zur Substanzialisierung, 
begreifen. Und gerade von diesem Standpunkt erscheint es nur als 
eine graduelle Differenz, ob die Naturwissensdiaft hinter den 
Erscheinungen »Kräfte« vermutet, wo sich die Primitiven noch 
Götter vorstellen. Und darum ist es im Prinzipe dasselbe, wenn 
dem primitiv lotemistisch orientierten Denken die soziale Einheit, 
die Verbindung einer Vielheit von Individuen zur Einheit nur in 
der sieht- und greifbaren Substanz des gemeinsam verzehrten 
Opfer» <Totem=> Tieres zum Ausdruck kommen kann, und wenn 
die moderne Staats- und Rechtstheorie sich die abstrakte soziale 
Ordnung, dieses System von Rechts- und Zwangsnormeii d, h. 
aber die Einheit der maßgebenden sozialen Gemeinschaft <und 
nur in dieser Ordnung besteht die Gemeinschaft) nur als ein 
substanzartiges Ding, als eine »reale« durchaus anihropomorph 
gebildete »Person« veransdiauiicben muß, ohne sich des eigent- 
lidien Charakters dieser Vorstellung als eines bloßen Denkbehelfs 
bewußt zu werden/ zumal wenn man bemerkt, wie stark die 
Tendenz ist, diese »Person« zu einem womöglich sidit- und 
greifbaren Etwas, zu einem überbiologischen Lebewesen zu 
fingieren. Ist in diesem Punkte die moderne Staatstheorie primitiv, 
so ist eben das totemistisdie System die Staatstheorie der 
Primitiven. 

Als ein Substanzbegriff wie »Kraft« und »Seele«, als eine 
personiiikative Fiktion tritt der Staaisbegritf in eine Parallele zum 
Begriff Gottes. Die Übereinstimmung in der logisdien Struktur 
beider Begriffe ist tatsächlich verblüffend, zumal wenn man die 
weitgehende Analogie betrachtet, die zwischen den Problem- 
stellungen wie Problemlösungen der Theologie und der Staats= 
kiire besteht. Diese Analogie ist mir besonders an den Vor.=^ 
Stellungen aufgefallen, die in der neueren Literatur von dem Ver- 
hältnis zwischen Staat und Recht gegeben werden. Der dem 




140 Dr. Hans Kelsen 



Rerfite transzendente, meta=reAtliche Staat, der in Wahrheit nidits 
anderes ist als die hypostasierte Personifikation, die realgesetzte 
Einheit des ReAts, entspridit haargenau dem der Natur trans- 
zendenten, supranaturalen Gott, der niAts anderes ist als die 
grandios-'anthropomorphe Personifikation der Einheit dieser Natur. 
Ebenso wie die Theologie diesen von ihr selbst gesdiafFenen Dua- 
lismus sdiließlidi zu überwinden sudit, indem sie das — nad\ 
ihren eigenen Voraussetzungen unlösbare — Problem der Ein- 
heitsbeziehung des metaphysisdien Gottes auf die Natur, der 
aufiergöttlidien Natur auf Gott stellt, so ist audi die Staats- und 
Reditstheorie gezwungen, den meta^reditlidien Staat auf das Redit 
und das außerstaatlidie Redit auf den Staat zu beziehen. Die 
Theologie — nidit nur die Aristlidie — vcrsudit die Lösung 
ihres Problems auf mystisdiem Wege; durdi die Mensdiwcrdung 
Gottes wird der überweltlidie Gott zur Welt, beziehungsweise 
zu deren Repräsentanten zum Mensdien. Die Lösung, die die 
Staats* und Reditslehre versudit, ist die gleidie. Es ist die Lehre 
von der sogenannten Selbstverpfliditung oder Selbstbesdiränkung 
des Staates, derzufolge der überreditlidie Staat, zur Person ge* 
worden, sidi selbst freiwillig seiner eigenen, d. h, von ihm selbst 
gesdiaffenen Reditsordnung unterwirft, und aus einer außcrredit- 
lidien Macht zu einem Reditsweseii, zum Recht sdiledithin 
wird. Man hat dieser Theorie, weil sie sidi zu den selbst 
gesdiaffenen Voraussetzungen der Staats- und Reditslehre in 
Widersprudi setzt und das Unbegreiflidie, daß zwei versdiiedene 
Wesen eins sind, begreiflidi madien will, von jeher vorgeworfen, 
daß sie nidit eines gewissen »mystisdien« Cliarakters entbehre. 
Aber man hat bisher nodi nidit bemerkt, daß das Mysterium 
der Mensdiwerdung Gottes von der Theologie geradezu unter 
dem Gesiditspunkt der »Selbstbesdiränkung« Gottes vorgetragen 
wird. Indes geht die Übereinstimmung zwisdien Theologie und 
Staatslehre nodi viel weiter: Dem Problem der Theodizec cnt- 
spridit genau das Problem des sogenannten >Staats-Unredits«. 
Über das Verhältnis von Gott und Individuum — Universal- 
seele und Einzelseele — hat die religiöse Spekulation speziell 
der Mystiker im Grunde genommen nidits anderes bcigebraAt 
als die politisdie Theorie des Universalismus und Individualismus 
über das Verhältnis Staat <Gemeinsdiaft> und Individuum. Ja 
sogar die theologisdie Lehre von den Wundern findet in der 



Der Begriff des Staates und die Sozialpsydiologie I4i 



Staatsreditslehre ihr Analogen, wie ith im einzelnen nadi^ 
gewissen habe ', 

So findet die von der Sozialpsydiologie aufgezeigte Beziehung 
zwisdien dem Religiösen und Sozialen von der erkenntniskritisdien 
Seite her ihre Bestätigung. Von deren Standpunkt aus gesehen, 
stellt sidi der Staat darum als ein Gottes^Begriff dar, weil er auf 
dem für die theologisdie Methode diarakteristisdien System^ 
Dualismus beruht, d. h, weil er als Hypostasierung der Einheit 
der Reditsordnung als ein dieser gegenüber transzendentes Wesen 
ebenso erzeugt wurde, wie Gott als eine Personifikation der Natur 
zu einem dieser letzteren transzendenten Gebilde fingiert wurde. 
Von einem erkenntniskritisdien Standpunkte kommt es vor allem 
darauf an, die theologisdie Methode in den Geisteswissen sdiaften 
und speziell in den Sozialwissensdiaften zu überwinden, den 
System=DuaIismus zu beseitigen. Gerade in dieser Richtung 
aber leistet eine unschätzbare Vorarbeit die psycho= 
logische Analyse Freuds, indem sie aufs wirksamste die 
mit der ganzen Magie jahrhundertalter Worte aus- 
gerüsteten Hypostasierungen Gottes, der Gesellschaft 
und des Staates in ihre indjviduaUpsychoIogischen 
Elemente auflöst. 



' Vgl. dazu meine Sdirift der soziologisdie und der iuristisdie Staats- 
begriff 1922, S, 219 ff, 




142 Dr. Otto Rank 




Die Don )uan=GestaIt. 

Ein Beitrag zum Verständnis der sozialen Funktion der Diditkunst, 

Von Dr. OTTO RANK. 



DON JUAN; Le ssal Mros qii'admlre au foiiil VhamanlUI 
Mais lis leurs livrrsl vois leun tlrninesl Unit fatleste! 
Vois de qaet oeil luisant la vertu me dHcsIc ! 
Qa'atttndent da poavoir taut if'liommcx filiils et loards 

?iie se croire im instimt rc qiie je sitis loiiiuiirs? 
ois avec quelle ardcitr d'exvuese et d'envlc 
Le nez de professeiirs s'cst foiirri! dans nia viel 
Olli n'admtre cn secret qiic j'itsc le haiser 
Qa'ii s'est seiitl Iro/i Wiche an trop laid paar ostr? 
Je suis Icur noflaißie i'i toiis! 11 n est piia d'oeuvre 
— Malgre Ion sif/tot/s d'aiiclennc coulcuvre, — 
// n'est pas de vertu, de scknce nii de fal 
QuI ne soll le regret de ne ptis (Ire motl 

LE DIABLE: Qae va-t'-ll fen rester? 

DON JUAN : Ce qui resle ä la cendre 

D'Alexandre: eile sait tiii'elle Jut Alexandre 
Mali pnlsque j'iti moi-nu'mc ik toas mes soldats, 
Meli, j'ai moi-niEme possiide I 

LE DIABLE: Tu passcdas? 

Posseder, c'est leur mot. Mais, eher Inimorallsle, 
Qu'as-tu donc possMi? 

DON JUAN <appcl?nl): Sgaiiarellet . . . 

(a Sgauarclle qui entre) AI« Hstel 

Edmond Rostandr La deriiiere 
nuit de Don Juan. <Pans 1921.) 



I. 

Der unstevbiidi gewordene Name des spanisdien Liebesliclden 
entfesselt mit seinem zauberlsdicn Klang unwillkürllLii eine 
Reihe von Vorstellungen und Erwartungen erotisdier Natur, 
die unlösbar mit ihm verbunden sdieincn. Wenn wir uns daher 
entsAließen, gewisse Betraditungen und Gedanken, die von einer — 
übrigens ganz hervorragenden - Aufführung des Mozarisdien 
Meisterwerkes im Wiener Operntheater <13. November 1921) an- 
geregt wurden, unter diesem Titel niederzusdireiben, muß voraus- 
gesdiickt werden, daß nur wenig von der allgemein faszinierenden 
Seite der Don Juan-Gestalt die Rede sein wird. Nodi weniger 



* 



Die Don Juan-Gestalt 143 



von Mozart, der an der Unsterblidikeit seines Helden vielleidit 
einen nodi größeren Anteil hat, als uns aus der bloßen Tatsache 
sdieinen mag, daß diese musikalisdie Bearbeitung des bei den 
Diditern so beliebten Stoffes die einzige von dauernder und 
durdigreifender Wirkung geblieben ist. 

Ist man gerade in der Stimmung — wie sie zufällig dem 
Verfasser durch die Besdiäftigung mit gewissen Gedankenkreisen 
nahe lag — der Mozartsdien Oper mit der psycho analytisdien 
Einstellung gegenüberzutreten und also die bewußte Zielvorstellung 
des erotisdien Helden teilweise auszusdialten, so bemerkt man 
unsdiwer und dodi nidit ohne Überrasdiung, daß die Handlung 
eigentlidi nidits weniger als einen erfolgreidien Sexualabenteurer, 
vielmehr einen vom Mißgcschidi verfolgten armen Sünder darstellt, 
den sdiließlich das seinem Milieu cntsprediende Los der dirist= 
lidien Höllenstrafe erreicht. Die glückliche, genußfrohe Zeit des 
eigentlichen Don Juan sidi auszumalen, bleibt der Phantasie des 
Zuhörers vorbehalten, die scheinbar nur zu gerne von diesem 
ihrem natürlichen Vorrecht Gebrauch macht und daneben die Dar= 
Stellung der tragischen Züge der moralischen Anstalt der Schau- 
bühne überläßt. Wir folgen also nur den vorgezeithneten Spuren 
von Tradition und Dichtung, wenn wir dieser dem menschlichen 
Denken offenbar peinlichen Seite des »Don Juan« unsere analytische 
Aufmerksamkeit zuwenden. 

Dabei wird unser Interesse zunächst von der fertigen Gestalt 
weg auf ihre Entwicklung gelenkt. Aber schon ein flüditiger Blidt 
auf die zahlreichen Don Juan-Dichtungen belehrt uns, daß wir 
dort keine Aufklärung finden können. Denn der durch Mozart 
verewigte Typus tritt fertig in die Literatur ein^ während der 
dem Volksbewußtsein geläufige Fraueneroberer in ihrer Über= 
lieferung - nie existiert hat. Seien wir konsequent genug, daraus 
den Schluß zu ziehen, daß der frivole Herzensbrecher nicht das 
Wesentlidie am Don Juan^StofF ist, sondern daß Sage und 
Dichtung von Anfang an etwas anderes darin gesucht und ge= 
fuiiden haben mußte. Der typische Liebesheld und Erotiker, auch 
ein solcher größten Stils, wäre wahrsdieinlich leicht und vicl= 

' »Die älteste Darstellung Don Junns in der Weltliteratur ist die vor 
1620 entstandene spanisdie Komödie, von der wir im ,BurIador de Sevilla' 
und ,Tan largo me lo fiais?' zwei geringfügig veränderte Fassungen besitzen.« 
Hans Hccicel: »Das Don Juan-Problem in der neueren Dichtung.* Stuttgart 1915 
<J. B. MetzlersAe Budihandlung). 



144 Dr. Otto Rank 



leidit sogar besser durdi eine andere Figur darstellbar gewesen', 
anderseits wäre uns audi das mit dem ganzen Sdiuldgefühl 
der Erbsünde beladene diristlidie Höllenspeklakel so fremd ge« 
worden wie die übrigen mittelalterlidi=kirdilidicn Erbauungsspiele, 
hätte nidit ein großer Mensdi und Künstler hier die gleidie Er- 
lösungstat vollbradit, die Goethe aus dem geistlidien Puppenspiel 
vom Sdiwarzkünstler den »Faust« oder Shakespeare aus den 
Gespensterdramen seiner Vorgänger den »Hamlet« sdiatfen ließ: 
nämlidi den von allerlei Beiwerk überwudierten allgemein'mcnsA- 
lidien Gehalt wieder zurüdizuerobern und in ewigen Symbolen 
auszudrüdien. . ...i. :.' 

Daß das Hauptmotiv beim Don Juan-Stoff nidit in der Dar- 
stellung des ungebundenen Sexualstrebens liegt, zeigt die Über* 
fiefcrung mit aller Deutlidikeit. Und es bedürfte gar nldit des 
nüditernen historisdicn Nadiweises von der Niihtexistenz eines 
realen Don Juan-Urbildes-, um uns in der Annahme zu bestärken, 
dai3 wir in der ungehemmten Eroberernatur des Helden die eigent- 
liche diditerisdie Phantasiebildung zu erblidten haben. Diese Auf- 
fassung finden wir durdi die Ergebnisse der literarhistorisdien 
Untersudiung vollauf bestätigt. Was der Burlador-Diducr aus der 
sagenhaften Überlieferung übernommen hat, ist nur die Rache des 
verhöhnten Toten an dem übermütigen Spötter <»BurIador«>. 
rDen Frevler zum Frauen Verführer großen Stils zu 
machen, blieb dem Dichter des Burlador vorbehalten^ 
und insofern hat er allerdings das Verdienst, seinem Helden das 
gegeben zu haben, was wir in erster Hinsidit an Don Juan 
sehen.« . , , »Im Burlador sind bereits die wcsentlidien Grund- 

' Vgl. dazu Oscar A. H. SAmiti: .Don Juan, Casanova und andere 
erotisdie Charaktere, Ein Versudi.« Mündien 1913 (Verlag Georg Müller), 

- -.Die durdi Jahrhunderte feslgehaltcnc Annahme, daß Don Juan Tciiorio, 
der Kämmerer des kasiilisdien Königs Pedro des Grausamen, das Urbild des 
Burlador gewesen sei, ist durch die Untersudiungen Farinellis und anderer als 
Irrtum erwiesen ... Es kann als sidier gelten, daß der Dirhler des Burlador 
für seinen Helden den Namen einer bekannten Pcrsönlidikcit «'ähltc, ohne daß 
zwisdien dies« und den Ereignissen auf der Bühne irgcndweldie Beziehungen 
bestanden« (Hedtel, S. 6). 

Dagegen gibt es einen anderen, eng verwandten Helden der Sevillaner 
Lokalsage, der zwar wie Don Juan ein üppiges und gotleslästerÜchcs Leben 
gefuhrt, sidi aber am Ende bekehrt und Buße getan haben soll; Don l";!" .^ 
Manara. >Im Gegensatz zu der Sage von Don Juan Tcnorio liegt hier wirldidi 
ein gesdiiditlidier Kern zugrunde» <l. c. S, 51). In niandicn späteren Didiiungcn 
ersdieinen die Untersdiiede zwisdien diesen beiden Helden und ihren Sdiidtsalcn 
völlig verwisdit, doA hat sdion die Lokalsage von Sevilla die beiden Gestalten 
teilweise versdimolzen <1. c, S. 53 f.>. 



Die Don |uan"GestaIt 145 



lagen gegeben, auf denen anderthalb Jahrhunderte später der stolze 
Bau des Werkes erricfitet wurde, in dem der Don Juan^Stoif seine 
genialste Gestaltung fand: Mozarts Don Giovanni,« <Hed(eI, S. 7/8.) 

Nur sehen wir, — wieder in Übereinstimmung mit unserer 
Auffassung — daß die literarische Entwidilung fies Don Juan=^ 
Stoffes bis auf Mozart keineswegs das dem Volksbewufitsein so 
anziehende und poetisdie Verführungsmotiv ausgestaltet, sondern 
wie unter einem rätselhaften Zwang das altüberlieferte, aber 
peinlidi-tragisdie Motiv der Sdiuld und Strafe. Dies verrät sidi 
sdion äußerlidi darin, daß von dem Doppeltiiel dieser ersten 
Dicfitung des Tirso de Molina »EI Buriador de Sevilla y Con= 
vidado di Pietra« der zweite Teil: »Das Steinerne Gastmahl«, die 
meisten Don Juan-Diditungen bis ins aditzehnte Jahrhundert hinein 
bezeidinet, ohne daß der für uns so imposant gewordene Helden= 
name überhaupt im Titel ersdiicne^ Halten wir uns also auch 
darin an die Überlieferung, der dieses Motiv als das für den Stoff 
bedeutsamere gilt, so haben wir damit auch das Problem unserer 
eigenen Untersudiung enger umsdirieben. 

Nun sind wir aus der Analyse darauf vorbereitet, soldi ein 
übermäditiges Sdiuid= und Sirafmoment, wo es sidi an intensive 
Sexualphantasien knüpft, aus dem Ödipuskomplex herzuleiten. Es 
ist klar, daß die für den Don Juan-Typus diarakteristisdie »Reihen- 
bildung« nebst der Bedingung des »gesdiädigten Dritten«^ dieser 
analyiisdien Auffassung recht zu geben sdieint: d. h. daß die 
vielen Frauen, die er sich immer aufs neue ersetzen muß, ihm 
die eine unersetzliche Mutter repräsentieren und die getäuschten, 
betrogenen, bekämpften, ja schlicßlidi getöteten Konkurrenten und 
Widersadler, den einen unüberwindlichen Todfeind, den Vater, 
Eine soltiie in der Individualanalyse aufgedeckte psychologisdie 
Grundratsadie kann bei Anwendung der Psychoanalyse auf ein 
außeranalytisdies Thema nur die Voraussetzung des dabei an= 
gestrebten Verständnisses bilden, nidit aber das vorher bekannte 
Resultat, das nur zu bestätigen ist^. Denn die Umwandlung dieses 



' Vgl. die lübersidit über die diditeri sehen Bearbeitungen des Don Juan- 
Stolfes am Schlüsse der ilctielsdicn Arbeit. 

- Sielie Freuds grundlegende Abhandlung Ȇber einen besonderen Typus 
der Objektwabl beim Manne*, Jahrbuch für Psydioanalyse, Bd. 11, 19lO. 

' Von soldicr Art sdieint mir die Abhandlung Leo Kaplans über die 
Don Juan-Legende (»Psyche and Eros«, April 1921), die nur am Schluß eine 
Annäherung an eines der eigentlidien Probleme verrät. 



146 Dr. Otto Rank 



im Unbewußten der unantastbaren Mutter treu Gebliebenen in 
den treulosen zynisdien Frauenveräditer setzt eine Verdrängungs=, 
VersAiebungs- und Uniwertungsarbeit voraus, deren Wegen und 
Medianismen nadizugelien wir als unsere vornehmste und zugleidi 
interessanteste Aufgabe kennen gelernt haben. 

Kehren wir nadi diesen reditfertigenden und einsdiränkenden 
Worten zum Ausgangspunkt, nämlidi der MozartsdienOper, zurüdt. 
Es sind mir daran zunädist zwei Probleme aufgefallen, deren 
eines zum Thema der künstlerisdien Formgestaltung u'id deren 
anderes zu einem Stüdt realer Inhalisdarstellung füliit und die 
beide, trotz ihres grundversdiiedenen Charakters, psydiologisdi 
eng miteinander und mit dem Wesen des Don Juan^Stoffes zu- 
sammenhängen. Das SlofFproblem ergibt letzten Endes eine Be- 
ziehung zum Sdiu(d= und StrafafFekt, das Formproblem eine soldie 
zur Phancasiebildung und der sozialen Funktion der Diditkunst. 

11. 

Indem wir, unserer Einstellung tolgend, die Aufmerksamkeit 
von der überragenden Figur des Don Juan ablenken, fällt uns 
an seinem nidit minder berühmten Diener Leporello ein 2ug auf, 
der auf einem kleinen Umweg dodi wieder zum Helden zurüdi-' 
führt. Dieser Diener ist einerseits viel mehr Freund und Vertrauter 
in allen Liebeshandeln und anderseits dodi wieder kein freiwilliger 
Kumpan und Helfer, sondern eine feige, ängstlidie, nur auf ihren 
Vorteil bedadite Bedientenseele, In seiner ersten Eigensdiaft 
erlaubt er sidi kritisdie Bemerkungen, die durdiaus unangemessen 
sind <»Das Leben, das Sie führen, ist das eines Taugenidits!«), 
fordert - und erhält vielleidit audi - einen Anteil an der Beute 
seines Herrn in natura,- in seiner zweiten Eigensdiaft sudit er 
furditsam jeder Gefahr auszuweidien, verweigert alle Augenblidie 
den Dienst^ ist nur mit Geld und Drohungen fesizuhalten und, 
um das Bild des Bedienten ganz zu vervollständigen: er nasdit 
sogar beim Servieren von den guten Bissen der Festtafel. 

Man könnte sagen; wie der Diener, so der Herr und darauf 
hinweisen, daß Don Juan selbst ihm diese Freiheiten einräumt, 
weil er ihn braudit. So vor der berühmten »Register^-^Arie: als 

' Gleidi in der erste» Szene ist er unzufrieden: in der zweiten Szene 
sagt er; »Auf midi redinet, Merr, nur nidit«,- in der dritten Szene; »Nun ist's 
«■ohl ratsam davon zu gehen« usw. . . 



Die Don Juan-Gestah 147 



Donna Eivira den Heiden zur Rede stellt, entzieht er sidi dieser 
peinlidien Situation und sdiiebt Leporello vor. Nodi ehe sie sidis 
redit versieht, ist der gesdiidite Abenteurer versdiwunden und an 
seiner Stelle liest ihr Leporello das Register der Verlassenen 
mit dem riditigen Bedienrenstolz vor, der aus der Identifizierung 
mit der Herrsdiah stammt. - ,■ 

Hier wird ein Motiv angesdifagen, das sidi im Verlaufe der 
Handlung immer deutlidier entwidielt, das aber sdion in den ersten 
Worten Leporellos am Anfang der Oper dieser wie ein Motto 
vorausgeht: 

»Ich will selbst den Herren machen, 
- 7iiC\~ • Will nidu länger Diener sein.« 

Die Tragik Leporellos madit es aus, daß er seinen Herrn immer 
nur in den peinlidien und kritlsdien Situationen vertreten darf. 
So ein sweitesmal beim Versudi der Verführung Serlines, der 
mißglüdtt, wobei Don Juan seinen Diener als den Sdiuldigen zum 
Sdiein strafen will. 

Ein nädistesmal sdieint ihm allerdings ein erfreulidieres 
Abenteuer zu winken, indem Don Juan Mantel und Hut mit ihm 
tausdit, um das Kammermäddien Donna Elviras zu gewinnen, 
während Leporello die verlassene Herrin auf sidi nehmen soll. 
Aber audi dieses anfangs amüsante Abenteuer sdilägt nur zu 
seinem Unheil aus. Denn inzwischen hat die ständig anwadisende 
Rädierbande <Donna Anna, Octavio, Masetto, Zerline> die Ver= 
folgung Don Juans im Hause der Donna Eivira aufgenommen 
und fällt über den vermeintlidien Missetäter her, der sidi sdilicfilidi 
als Leporello entpuppt und — seine Unsdiuld beteuernd - um 
Gnade fleht. 

Die Gesdiidilidikeit, mit der er sidi aus dieser gefahrlidicn 
Situation befreit, indem er plötzlidi versdiwindet, kann uns aut 
die Spur bringen, daß er mehr als ein gelehriger Sdiüler seines 
Herrn, daß er vielleidit mit ihm idenlisdi ist. Bevor wir uns klar 
madien, was dies bedeuten soll, wollen wir auf zwei dieser Szene 
vorangehende, beziehungsweise nadifolgende Szenen hinweisen, 
weldie die Identität von Herr und Diener deutlidi nahelegen. In 
ihnen zeigt sidi, daß nidit nur Leporello gelegentlidi die Stelle 
seines Herrn vertritt, wo diesem das persönlidie Auftreten peinlidi 
wäre, sondern daß eben audi Don Juan die Rolle des Leporello 

10* 



148 Dr. Otto Rank 



Spielt, wie beim Kammermädthen der Donna Elvira und in einer 
folgenden bloß erzählten Episode, die zum zweiten Teil des Don 
Juan-StofFes, zum Gastmahl, hinüberleitet. Als sidi nämlidi Herr 
und Diener nadi dem glüdtiidi überstandenen Verkleidungsabenteuer 
auf dem Kird\hof wieder treffen, erzählt Don Juan ein inzwisdien 
erlebtes Abenteuer, weldies er eben der Verwedislung mit seinem 
Diener zu verdanken hatte, Leporello vermutet sogleidi, dafi es 
nur mit seiner Frau gewesen sein könne und hält dies seinem 
Herrn vor, der die Situation um so amüsanter findet. Ja, er niadit 
sogar nodi eine Bemerkung, weldie ein geheimes Motiv seines 
Handelns verrät und die Wcdisclseitigkeit von Herr und Diener 
grell beleuditet. <»Idi habe nur wettgemadit, was du an mir verübt.«) 
In diesem Moment des hödisten Frevels ertönt die Stimme aus 
dem Standbild des Komturs <»Verwegner, gönne Ruhe den Ent= 
sdilafnen!«) und es beginnt eine zweite, an den Don Junn=Stoff 
sdieinbar bloß angelötete Handlung vom Gastmahl des Toten, 
deren Besprediuiig wir nodi aufsdiieben, um uns zu fragen, was 
diese Identität der beiden Figuren, des Don Juan und LeporeÜo, 
bedeuten soll und was sie zum Verständnis der Handlung, der 
Entwidilung der Gestalten und der Psydiologie des Diditers und 
Zusdiauers beitragen kann. 

III, 

Vor allem müssen wir uns darüber klar sein, daß mit dem 
Ausspredien einer soldien Formulierung, wie sie die Identität von 
Don Juan und Leporello beinhaltet, der Boden der übüdien lite- 
rarisdi-ästhetisdien ßetraditungsweise voIJltonimcn verlassen ist, 
zugunsten einer psydiologisdien Auffassung, weldie von der ReaU 
bedeutung der Figuren völlig absieht. So können wir bcispiels» 
weise audi in der treffenden Charakteristik des Leporello durdi 
Heikel <l, c. S. 24) weniger das Bild einer gesdilossencn Pcrsön- 
lidikeit erbliden, als vielmehr eine Ahnung von der engen psydio" 
logisdien Zusammengehörigkeit dieser beiden Helden^: »Wie dieser 
negative Held an den verwegenen Verführer gekettet ist, der 
sidi vor Tod und Teufel nidit fürditet/ wie er immer von ihm 
los mödite und sidi dodi dem Banne der stärkeren PersÖnlidi= 
keit<?) nicht entwinden kann/ wie er einmal übers andere zum 

' Die Hervorhebungen und die Klammer stammen von mir. 



Die Don Juan-Gestalt 149 



Prügelknaben für die Streicfie seines Herrn wird, an denen er 
dodi so ganz schuldlos ist,- das wirkt im tiefsten Grunde fast 
tragisch.« 

Daß wir uns Don Juan nidit vorstellen können, ohne seinen 
Diener und Helfer Leporello, ist also nidit bloß die Folge ihrer 
rationellen Abhängigkeit voneinander, wie sie in der Handlung 
zum Ausdrudi kommt, sondern weit mehr ein gefühlsmäßiges 
Ahnen ihrer psydio logisdien Zusammengehörigkeit als poctisdies 
Produkt. Wir meinen damit, daß der Diditer den »negativen 
Helden« weder aus der Wirklidikeit genommen, nod» etwa zur 
Belebung oder Kontrast! er ung der Handlung »erfunden« habe/ 
viehiiehr daß die Gestalt des Leporello ein notwendiges Stüdt 
der künsderisdien Darstellung des Helden selbst bedeutet. Es wäre 
eine reizvolle Aufgabe, an einer Reihe von Diditungen die AlU 
gemeingültigkeit dieses Medianismus der poetisdien Produktion zu 
zeigen, wobei sidi übrigens herausstellen dürfte, daß die sdiönsten 
Beispiele dafür gerade bei den größten Diditern der Weltliteratur 
zu finden sind. Es gereidit uns zur Genugtuung, daß auf ein 
soldies Beispiel bereits in der psydioanalytisdien Forsdiung hin- 
gewiesen ist und zwar von Freud ^ selbst, der im Ansdiluß an 
eine Bemerkung von L, Jekels^ meint, daß Shakespeare häufig 
einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann jede 
unvollständig begreiflidi ersdieint, solange man sie nidit mit der 
anderen wiederum zur Einheit zusammensetzt. Die gleidie psydio- 
logisdie Gestaltung einander ergänzender Charaktere finden wir 
in allen großen Diditungen/ von ihrem elementaren Ausdrudi bei 
einem Cervantes, Balzac, Goethe, Dostojewskij bis in die moderne 
psychologisierende Literatur, die sidi über dieses künstlerisdie 
Formproblem mehr oder weniger bewußt Rediensdiaft zu geben 
sudit^- Es handelt sidi uns aber nidit um die bereits zur psydio- 
logisdien Banalität gewordene Auffassung, daß der Diditer in 

" >Einige Charaktertypen aus der psydioanalytisdien Arbeit.« Imago IV 
1916,5.3271^. 

' »Shakespeares Macbeth.» Imago V, 1917. 

= Gelegentlich gelingi dies audi einem cditen Diditer, wie beispielsweise 
Alplionse Daudet, der seinen berühmtesten Helden ein köstlidies Selbst gesprädi 
zwisdien Tartarin=Quiiote und Tartarin-Sandio führen läßt. 

In einem kürziidi <1921) ersdiienenen Künstlerroman »Ti und Tea« von 
Alexander Arndt, stellt der Diditer nidit nur bewußt sein Idi in zwei selb- 
ständigen Personiidikeitcn dar, sondern weist selbst mehrfadi auf den immanenten 
2iisaminenhang dieser beiden Kontrastiiguren hin. (Siehe die Besprediung von 
Werner Ewald im L. E. vom 15. U^rz 1922, Sp. 727.> 



'^^m\ 



150 Dr. Otto Ranli 



seinen Phantasiengcstaltcn Teile seines Idis projiziert, was belspiels^- 
weise erst neuerdings wieder Leon Daudet in seinem Budie 
»L' Hcredo« (Essai sur le drame intcrieur, Paris 1916) mit der 
Hereditätslehre der französisdien Psychiater zu begründen sudit, 
sondern um eine ganz spezielle, sozusagen sekundäre Spaltung 
einer Gestalt in zwei Figuren, die zusammen einen vollwertigen, 
verständlidien Charakter ergeben, wie beispielsweise Tasso und 
Antonio bei Goethe oder der Shakespearsdie Othello, der so 
naiv und vertrauensselig sein kann, weil seine eigene Eifersudit 
in der Gestalt des Jago abgespalten ist. 

In ähnlidier Weise ■wäre audi die Sdiöpfung der Don 
Juan=Figur, des frivolen, gewissenlosen Ritters, der Tod und 
Teufel nidit fürchtet, unmöglidi, wenn nidit in Leporello eben 
der Teil des »Don Juan« abgespalten wäre, der die Kritik, die 
Angst und das Gewissen des Helden repräsentiert. Mit diesem 
Schlüssel verstehen wir zuiiädist, warum Leporello seinen Herrn 
gerade in allen peinlidien Situationen vertreten muß, warum er 
sidi erlauben darf, ihn zu kritisieren und sozusagen das dem 
Helden fehlende Gewissen zu ersetzen, Auf der anderen Seite 
verstehen wir aber audi die Größe von Don Juans Verrudit- 
heit aus der Abspaltung der hemmenden Elemente seiner Per= 
sönlichkeit. 

Betrachten wir die Handlung unter diesem Gesiditspunkf, so 
sehen wir, daß Leporello nitht bloß in den bereits erwähnten 
Szenen seinen Herrn deutlidi vertritt, sondern dali er überhaupt 
das kritisdi und ängstlidi eingestellte Gewissen des Melden 
repräsentiert. Im ersten Teil des Dramas tritt er als kritisierende 
Instanz auf, mißbilligt das Luderleben seines Herrn und fügt sich 
nur widerwillig darein. Von der Szene im Hause der Donna 
Elvira angefangen <II. Aufzug), wo cigentlidi Herr und Diener 
gleichzeitig am Leben bedroht werden, tritt das Schuldgefühl stärker 
in den Vordergrund, um sidi dann in der Kirchhof» und weiter- 
hin in der Gastmahlszene zu grausigster Gespensterangst und 
unerträglichster Gewissenscjual zu steigern, die schließlich zum 
Untergang führt. Wir bedienen uns nidit bloß einer Formulierung 
von Freud 1, sondern werden damit auch dem tieferen Verständnis 



■ pZur Eiiifülirung des Narzißmus.« Jahrbiidi VI, I9l4. »Massen- 
psyAoiogie und Icb-Analyse.o; 1921. 



Die Don Juan-Gestalt 151 



des ganzen seelischen Mechanismus näher kommen, wenn wir in 
Lcporello eine - allerdings besonders geformte - Darstellung 
von Don Juans »Idiideal« erblicken. 

IV. 

Unter dem Idiideal versteht Freud eine Zusammenfassung 
derjenigen kritisierenden und zensurierenden Instanzen im Mensdien, 
die normalerweise die Verdrängung gewisser Wunsdircgungen be- 
sorgen und in einer Funktion, die wir Gewissen nennen, darüber 
zu wadien haben, dal^ diese Sdiranken nidii durdibrodien werden. 
Dieses Kontrollorgan im Seelenleben wird von zwei einander, 
ergänzenden und regulierenden Faktoren gebildet: einem äußeren, 
der die Forderungen der Umwelt vertritt und einem inneren, der 
die Ansprüdie an sidi selbst repräsentiert. Präziser gesagt, ist das 
Idiideal eigentlidi eine Repräsentanz der inneren Ansprüdie, weldie 
jedoch die äußeren Forderungen der Sozietät bereits zu den ihren 
gemacht bat. Den Kern des Idiideals bildet das Stüdi primitiven 
Narzißmus, auf das das Kind zugunsten der Anpassung verziditen 
muli, das aber in das Idiideal hinübergerettet wird. Die Anregung 
zur Bildung des Idiideals geht von dem kritisdi-^erzieherisdien Ein* 
fluß der Eltern aus, »an weldie sidi im Laufe der Zeiten die Er- 
zieher, Lehrer, und als unübersehbarer, unbestimmbarer Sdiwarm 
alle anderen Personen des Milieus angesdilossen hatten <die Mit= 
mensdien, die öffentlidie Meinung)« \ 

Von diesem Punkt der Idiidealbiidung führt ein bedeutsamer 
Weg zum Verständnis der Massen psydiologie, den Freud in 
seinem gleidinamigen Budi konsequent weiter verfolgt hat. Von 
ihren Phänomenen aus gelang es ihm, die Wurzeln der IdiideaU 
bildung in der Entwiddung der Urhorde aufzuzeigen, in der der 
niäditige Urvater den Wünsdien der Söhne als hemmendes Prinzip 
gegenüberstand, das nur durdi reale Verniditung zu überwinden 
war. Ehe dies aber möglidi wurde, beherrsdite er die Urhorde 
auf Grund der seelisdien Einstellung ihrer Mitglieder zu ihm, die 
Freud eben als primitive »Massenbildung« diarakterisierte: »Eine 
soldic primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und 
dasselbe Objekt an die Stelle ihres Idiideals gesetzt und sidi 
infolgedessen in ihrem Idi miteinander identifiziert haben.« <S. 88.) 

' Siehe Freud: »Zur Einführung des NariiRmusw« 



152 Dr. Otto Rank 



Diese ufgesdiichtlidie Verknüpfung des Idiideals mit der Vater= 
figur läßt sidi audi in der individuellen Entwiddung aufzeigen, 
wo der Vater zum ersten Ideal des Kindes wird und in einer 
bestimmten Phase mittels des Medianismus der Identifizierung zu 
einem inneren Ansprudi erwädist, der mit dem aufzugebenden 
Narzißmus zum Idiideal versdimilzt. Den Knoten- und Durdi-- 
gangspunkt dieser ganzen Entwidilung kennen wir als den infantilen 
Ödipuskomplex, der ja die Identifizierung mit dem Vater in seiner 
besonderen Rolle der Mutter gegenüber zum Inhalt hat. 

An einer Stelle versudit Freud audi den Punkt in der seeli- 
schen Entwidilung der Mensdiheit aufzuzeigen, wo sidi für den 
Einzelnen der Fortsdiritt von der Massen* zur Individualpsydiologie 
vollzog <S. 124fF.>: dieser Fortsdiritt wurde nadi der unbefriedi* 
genden Urtat — dem Vatermord — vollzogen, die statt Erfüllung 
Reue, und statt der ersehnten Freiheit neue koni]jli2ieriere imicre 
Einsdiränkungen bradite,- er erfolgte in der Phantasie und wer ihn 
niadite, war der erste episdie Diditer. Dieser Diditer log die 
Wirklichkeit im Sinne seiner Sehnsudit um. Er erfand den heroi- 
sdien Mythus, Heros war, wer allein den Vater ersdilagcn hatie^ 
während sidi gewiß nur die Horde als Ganzes <dic »Brüdersdiar«) 
dieser Unat getraut hatte. Wie der Vater das erste Ideal des 
Knaben gewesen war, so sdiuf jetzt der Diditer im Heros, der 
den Vater ersetzen will, das erste Idiidcal, Dieser Held aber, 
dessen erfundene Taten der Diditer nun der Masse erzahlt, ist 
im Grunde kein anderer als er selbst, 

Wenn wir nun auf die männlidien Hauptgesralten der Don 
luan-Diditung zurüdiblidtcn, so erkennen wir in Leporellos plumpen 
Mahnungen zur Besserung die kritisdi=ironisdie Seite des Idiideais, 
während in seiner ängstlidien Feigheit Gewissen und Sdiuldgefühl 
des frivolen Helden abgespalten ist. Aber auf dem entsdi eidenden 
tragisdien Höhepunkt, in der Kirdihofszenc, die den Zusammen^ 
brudi Don Juans einleitet, wird die koniisdie Figur des Leporello, 
weldie die Forderungen des Idiideais in spöttisdicr Weise ablun 
soll, abgelöst von einem weit mäditigercn Repräsentanten des Idi^ 
ideals, nämlidi dem Sdiuldbewußtsein, in dessen Darstellung im 
Standbild des Komturs wir unsdiwer eine direkte Valer^Imago 
erkennen. Diese allmählidie Versdiärfung und Verstärkung der 
Idiidealforderung, bis zum letzten entsdieidenden Auftreten des 
»Steinernen Gastess, enisprädie aber gleidizcitig sozusagen einer 



Die Don Juan-GesJall I53 



Deutung der kritisierenden Gewissensstimme im Sinne der Ideal= 
bildung aus dem Vaterkomplex, Diese in der Opernhandlung selbst 
nadi Art eines Traumes dargestellte psydiologisdie Verde utiidiung 
läßt sidi gleidierweise in der Entwicklung des Stoffes verfolgen. 
Die Stimme des Warners und Mahners fällt nämlidi im Burlador 
und bei Moliere, ebenso wie später bei Zorilla, direkt dem Vater 
zu, gegen den sidi der Held regelmäl^ig verletzend benimmt. Ja, 
bei den unmittelbaren Vorläufern Molieres, bei Dorimon und 
de Villiers kommt es zu abstoßenden Tätlidikeiten Don Juans 
gegen seinen Vater, die audi im Titel der Stüdte ihren Ausdrude 
finden^. Bei Moliere selbst handelt es sidi, wie audi später bei 
\ seinem Landsmann Dumas pere, um einen Testamentstreit, in 

dessen Verlauf der Held kein Verbredien, audi nidit das des 
Brudermordes sdieut, um sidi in den Besitz des väterlidien Erbes 
zu setzen. Bei Holtei, einem nadimozarlisdien Bearbeiter des 
Stoffes, kommt es geiegentlidi eines Wortwedisels zum Vater- 
mord, indem Don Juan seinen unerkannt als Einsiedler lebenden 
Vater crstidit, »Die Erkenntnis, Vatermörder geworden zu sein, 
bleibt auf ihn so völlig ohne Eindrud:, daß er unmittelbar nadi 
der Sdiredienstat sidi in der Hütie des Ermordeten einen burlesken 
Spaß mit dem Feigling Leporello madit. Am Ende prügelt er ihn 
durdi« (Hedtel, S. 42). Bemerkenswert ist, daß audi in einigen 
Puppenspielen der Held seinen eigenen Vater erstidit, worauf 
dieser ihm als Geist ersdieint und ihn zur Hölle befördert,- so in 
dem Ulmer und dem niederösterreidiisdien Spiele »Don Juan der 
Wilde oder das näditlidie Gericht oder Junker Hans vom Steinst 

Es zeigt sidi hier ein bedeutsamer Gesiditspunkt, der uns 
im Laufe unserer Untersudiung nodi besdiäftigen und im Sdiluß= 
abschnitt verständlich werden soll: Daß nämlidi einzelne Diditer 
im Laufe der Überlieferung und Ausgestaltung des Stoffes ein 
Stüdi psydiologisrfier Deutung dazugeben, die folgeriditig der 
analytisdi aufgeklärten Genese des Stoffes entspridit. 

Neben dem Vater ist es nidit selten, wie beispielsweise bei 
Lenau, der vom Vater abgesandte Bruder des Helden, der ihn 
zur Abkehr von seinem lasterhaften Lebenswandel bringen soll. 
Während Lenau aber, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, den 



' Dorimon: »Le festin de Pierre ou le Fils criminel.« Lyon 1659. 
" Mitgeteilt bei KraÜk und Winter, Dcutsdie Puppenspiele. Wien 1885. 



J54 Dr. Otto Rank 



Helden beleidigende AusfäHe vermeiden läßt und den Konflikt zur 
Höhe einer philosophisdien Diskussion zweier Weltansdiauungen 
erhebt, kommt es in dem bereits erwähnten Don Juan von 
Ä Dumas pere zum Zweikampf zwisdien den Brüdern, in dessen 
Verlauf der Bruder fälh. Don Juan selbst stirbt, indem ihm der 
Sdiatten des gleidifalls von ihm im Zweikampf ersdilagenen San- 
doval — offenbar einer weiteren Bruderdoublette — das Leben 
raubt. Dieser Sandoval ist aber anderseits ein unzweideutiger 
Doppelgänger des Helden selbst, ein »geistesverwandter Kavalier 
. . und die beiden bemühen sidi, über einander den Preis der 
Verworfenheit davonzutragen« (Hediel, S. 55). Die Doppelgänger-» 
sdiaft geht audi hier so weit, daß Sandoval seine Geliebte an 
Don Juan verspielt/ sie tötet sich aber, um nidit seine Beute zu 
werden. Ein ähnlicher Doppelgänger findet sidi bei Zorilla in 
der Gestalt des Don Luis Mejia, mit dem Don Jnan eine Wette 
abgesdilossen hat, »sidi in der Anzahl verführter Frauen und im 
Zweikampf erschlagener Männer zu überbieten, wobei sie einander 
mit staunenerregenden Ziffern aufwarten können«, <Vgl. Leporellos 
»Taiisendunddrei«.) Dieses Motiv ist diarakteristisdi für die so" 
genannten »Lügendiditungen«, auf deren Beziehung zum Don Juan=' 
Stoff später von anderer Seite ein Lidit fallen wird^ 

Die enge psydiologisdie Beziehung des Doppelgängermotivs 
zum Idiideal eridärt es, daß mandimal Leporello als ausgesprodiener 
Doppelgänger seines Herrn auftritt, besonders wo sie einander 
gegenseitig bei den Frauen vertreten <Amphytrion=Motiv: Vater« 
Identifizierung). Dodi eiitspridif das Doppelgängermotiv scheinbar 
bereits einer psydiologisdien Fortspinnung des Don Juan-'Problems 
und wir finden es daher nur in neueren Bearbeitungen, am deut- 
lidisten in einer ganz modernen von Sternheim <1909>, wo sich 
dem Helden ein veritabler Doppelgänger zugesellt, als Nadifolger 
des inzwisdien verstorbenen treuen Dieners, und seinen Herrn bis 
zum Tode geleitet. Er ist durch seine hemmende Funktion im Wollen 
des Helden, dessen Tatendrang er mit seiner unheimlichen Ironie 
immer wieder zurüdihält, als kritisth-ironisierende Idiinstanz ge- 
kennzeidinet. Wie in zahlreiAen Doppelgängergesdiiditen ersdieint 
sie audi hier zur Verkörperung des Wahnsinns selbst gesteigert, 

t Es wäre der Mühe \pcrt, dieses Kapitel analylisdi zu IjEhanddii. Die 
Literatur findet man in .Die deutsdicn Lügendiditungen bis auf Mündihausen«, 
dargestellt von Carl Müller-Fraureulli <HalIe 1881). 



Die Don )uan--Gestalt 155 



was gleichfalls in völliger Übereinstimmung mit unseren psydio= 
analytisdien Auffassungen steht^ Im Gegensatz zu dieser psydio^' 
logisierenden Verwendung des Doppelgängermoiivs in der Diditung 
steht die Verwendung eines verwandten Motivs, welches die 
ursprünglidie Bedeutung des Doppelgängers als Todesverkündiger 
bewahrt hat: nämlidi die Teilnahme des lebenden Helden an 
seinem eigenen Leidienzug, ein Motiv, das zuerst Merimee an 
den Don [uan heftete, indem er die ältere Sage von dem Ritter, der 
sein eigenes Begräbnis sah und sidi daraufhin bekehrte, aus der 
Volkstradition übernahm. Dieses Motiv führt uns zu dem unheim^ 
lidien Ende des Helden, das in der gesamten Don Juan^Über= 
lieferung von überragender Bedeutung ist. 

V. 

Wir sind von dem psydiologisdi formulierten Tatbestand der 
Identität oder psydiisdien Zusammengehörigkeit der Figuren des 
Don Juan und des Leporello ausgegangen und glauben, diesen Tat« 
bestand als typisdieii Ausdruck eines diditerisdien Gestaltungs- 
Vorganges zu erkennen, der sidi aus der IdiideaUBildung und ihrer 
künstlerlsdien Projektion ergibt. Wir konnten die Deutung dieser 
beiden diditeriscSen Figuren aus rein seelisdien Mcdianismen 
so konsequent durdiführen, weil es sidi dabei um künstlerisdie 
Phantasicprodukie handelt, die uns aus der Seele des Diditers 
fertig entgegentreten. Anders verhält es sidi mit der Gestalt des 
»Steinernen Gastes«, den wir zwar audi als extreme Fortführung 
und Deutung des seelisdien Instanzenzuges, Idiideal=Gewissen^ 
Sdiuldgefühl aufgefaßt haben, dessen Sinn und Herkunft jedoch 
damit nidit ersdiöpft ist, da es sidi dabei um eine alte Völker= 
tradition handelt, die der erste Diditer und Sdiöpfer des »Don Juan« 
der Überlieferung entnommen hat. Hören wir, was Hediel <S, 6> 
darüber weili: »Sagen von rädienden Steinbildern finden sidi sdion 
im klassisdien Alrertum. Später linden sich ähnlidie Fabeln bei den 
verschiedensten Völkern : so kennen französische, portugiesische, 
flämisdie, deutsche und dänisdie Volksüberlieferungen die Geschiebte 
vom zu Gaste geladenen Totensdiädel. Von besonderer Bedeutung 
ist das Leontius'Drama, das 1615 am Ingolstädter Jesuitenkolleg 
gespielt wurde und von dem möglicherweise eine Bearbeitung dem 

1 Siehe Rank: >Der Doppclgänger.* Imago, lU, Jahrgang, 1914. 



^ 



156 Dr. Otto Rank 



Dichter des Burlador zu Gesitfit gekommen ist. Verwandte Züge 
bieten — außer dem sdion genannten »Infamador« — Lope de 
Vegas Komödien, »Dineros son calidad« und »La fianza satis'' 
fedia«, »In allen diesen Darstellungen ist das Wesentliclic 
die Rache des verhöhnten Toten an dem übermütigen 
Spötter.« Weldie überragende Bedeutung die Fabel vom 
»Steinernen Gast« für den Don Juan-Stoff hat, kann man sdion 
daraus ersehen, daß sie in fast allen Don Juan«Bearbcitungen den 
Nebentitel, in einigen sogar den Haupttitel bildet. 

Was bedeutet dieses Motiv vom rädienden Toten? Die 
Vorstellung, daß der Tote die Lebenden holt, ist uralt in der 
Mensdibeitsgesdiidite, Der Primitive äußert sie in Angst vor den 
Dämonen der Toten und nodi in der abendländisdien Kultur wird 
»der Tod'Ä dargestellt durdi die Figur des Toten <das Gerippe). 
Im Burlador ist diese Bedeutung des Helens <vgl. unser; der 
Teufel soll ihn holen!) nodi voll erhalten, denn der Komtur, der 
bei Don Juan ersdieint, ladet ihn zu sidi in die Grabkapelle ein 
und der furditlose Ritter leistet dieser Einladung Folge, von der 
er nidit wiederkehrt. Wie Kleinpaul' riditig bemerkt hat, ist der 
einfädle, nadi und nadi immer mehr entstellte Grundgedanke der, 
daß der lote Mann den Mörder tötet. Im Burlador ist dieser 
primitive Gedanke jedodi ganz stilgeredit in frivoler Weise ver* 
wendet, indem Don Juan der Aminta Treue sdiwört und siai für 
den Fall seines Verrats selbst fludit, daß ein Mann ihn töten 
solle,- beiseite flüstert er: »ein toter Mann, ja kein lebendiger«, 
wodurdi er den Fludi zu entwerten glaubt. In späteren Dar^ 
Stellungen ersdieint der Komtur nur nodi als Todesbote, der dem 
Don Juan verkündet, daß er am folgenden Morgen sterben werde. 
Aber audi im Sinne der ursprünglidien Bedeutung des Motivs 
hieße die großartige Sdilußszene nidit viel mehr, als daß Don Juan 
vom Tode geholt wird, also stirbt, und daß in seiner letzten 
Stunde das stets unterdrüdite Gewissen in ihm erwadit. Eine 
banale Erklärung, die weder unser intellektuelles Interesse befriedigt, 
nodi die ungeheure Wirkung der Szene auf den Zusdiauer ver- 
ständlidi madit, besonders wenn wir den Spuren des hier an* 
gedeuteten Zusammenhangs von Todesangst und Sdiuldgefühl 
nidit weiter nadigehen. 

1 »Die Lebendigen und die Toten in Volksglauten, Religion und Sage « 
Leipzig 1898. 



Die Don Juan-Gestalt 157 



Diese starke Wirkung wird audi durdi die Erwägung nitfit 
verständlicher, die uns sagt, daO in diesem Bild vom Toten, der 
den Lebenden holt, einer der ältesten und tiefsten Affekte der 
Menschheit berührt wird. Nachdem bereits vor mehr als einem 
Vierteljahrhundcrt Rudolf Kleinpaul <I. c,> auf die große kultur= 
geschiditlidie Bedeutung dieses körperlidien Geisterglaubens hin= 
ge'wiesen hatte, der mit der Leirfie und ihrem Verwesungsprozeß 
eng zusammenhängt, hat ganz kürzlidi Hans Naumann ^ merk= 
würdigerweise ohne an seinen bedeutenden Vorgänger anzuknüpfen, 
an einem rcidien Material gezeigt, daß unzählige Gebräuche, Formen 
und Motive auf einen materialistisdien Präanimismus eingestellt 
sind. Auch er sieht die Begründung des »Unseelischen« darin, 
»daß der Mensdi mit dem Eintritt des Todes gar nidit die Eigen» 
sdiaften des lebenden Körpers verliert wie etwa im Seelenglauben 
beim Abschied der Seele. Er scheidet nur aus der Gemeinsdiaft 
der menschlich Lebenden in eine der unheimlich, über mensch lidi, 
dämonisch Lebenden« <S. 23). Erst mit der Verwesung gehen 
deutliche Veränderungen an dem Körper vor, die zur weit= 
verbreiteten Vorstellung von einem zweiten Tode führen, einer 
Idee, die noch in der homerischen Welt und ihrem primitiven 
Seelenglauben wirksam ist. Aber auch nach diesem zweiten, dem 
Verwesungstode, lebt nodi etwas weiter, was gleicherweise wie 
der griechische Seelenbegriff unsere Volksvorstellung vom Sensen= 
mann zeigt. Die Angst vor diesem materiell oder immateriell weiter«^ 
lebenden Toten schafft nun eine Reihe von Bräudien, die sich als 
Schutzmaßregeln gegen ihre Wiederkehr verstehen lassen: »Hoclter^ 
Stellung, Einschnüren und Zusammenschnüren der Toten, der Clber= 
gang zu den engeren Kisten- und Muldengräbern, Aufsdiüttung 
von oft ungeheurem Stein« und Erdgeröll, schließlich das unterirdisch 
verborgene Grab usw. werden ja wohl mit Recht heute als Schutz^ 
und Abwehrmaßregeln der Lebenden gegen die Toten gedeutet. 
Absicht, die Wiederkehr zu verhindern, ist die vornehmste und 
vielleicht einzige Antwort auf die Frage nach den Ursadien der 
mit so unerbittlicher Strenge vom Volksgefühl verlangten Bestattung« 
<Naumann, S, 57>. In diesem Zusammenhang faßt Naumann auch 
die als relativ später Braudi auftretende Leidienverbrennung folge^ 
richtig als einen konsequent fortgesetzten Abwehrritus auf, dessen 



»Primitive Gemeinsdiafiskultur.« Diederidis, Jena, 1922. 



158 Dr. Ouo Rank 



Versagen sich in der Großartigkeit und Zähigkeit des animistisdien 
Seelenglaubens verrät. 

Wie aber so oft in der Gesdiidite wissen sdiaftlidi er Ideen 
sdieinr audi hier die Betonung des früher Vernadilässigten ins 
andere Extrem zu führen. Indem Naumann mit Redit gegen die 
Überschätzung des späteren Animismus die primären, sinnhdi 
wahrnehmbaren Ersdieinungen der körperlidien Welt zur Erklärung 
heranzieht, verliert er nämhdi das Psydiologisdie selbst, das ja 
letzten Endes ein legitimierter Abkömmling des Animismus ist, 
gänzlidi aus den Augen. Und so kommt es, daß der ganze 
Glaube von den materiell fortlebenden Toten, der auf der Angst 
vor denselben beruht, psydioiogisdi unerklärt bleibt. Hier fehlen 
dem Autor ganz offenbar die psydioanalytisdien Gcsiditspunkte, 
die uns Freud in »Totem und Tabu« (1913) zum Verständnis 
des Dämonenglaubens gegeben hat. Denn nur aus dem Sdiuld- 
gefühl, das die ambivalente Einstellung des Ödipuskomplexes 
zurückläßt, kann der Mensdi zu der im Totenkult fortwirkenden 
Angstvorstellung kommen, das Sterben als Radie der Toten auf- 
zufassen, d. h. audi den natürlichen Tod, der vermutlidi in primi^ 
tiven Zeiten nidit der natürlidie gewesen sein wird, als Strafe zu 
empfinden. Dies setzt aber voraus, daß der Tote als ein Ermordeter 
aufgefaßt wurde, der seinen Mord zu rädien hat, eine Vorstellung, 
in der die urgesdiiditlidie Situation psydiisdi weiterlebt. 

So erklärt es sidi, daß bei zahlreidien Völkern der Tod 
eines Menschen durchaus als der Radieakt eines Getöteten gilt, 
und was der Mensdi mit natürlichen Mitteln nicht erreicht, gelingt 
dem Toten mit dämonischen, Indisdie Märchen halten, wie Nau- 
mann ausführt <S. 51} den Übergang vom Menschen zum Dämon 
durch das Medium des Todes deutlich fest. »Mit der Absicht, sich 
blutig zu rächen, starb der Asket und wurde zum Rakschasa«, 
d, h. zum Dämon, Vampir, Drachen. Oder man nimmt sich selbst 
das Leben, um bestimmte Drohungen ausführen zu können, ein 
magisches Motiv, das in der Psychologie des Selbstmords eine 
nidit zu untersAätzende Rolle spielt ^ 

Halten wir das psychoanalytische Verständnis des Dämonen« 
glaubens aus dem Sdiuldgefühl mit einem anderen, bisher glcid\- 



' Nadi dem indisrficn Volksglauben gehen unmittelbar vor dem Selbst" 
mord geäußerte Wünsdie in Erfüllung. »Indisdic Märdien.« Herausgegeben von 
j. Hcrtel, Jena 1921. S, 249, Anmerkung. 



Die Don Juan-Gestalt 159 



falls unverstandenen Zug dieser gefährlidien Toten zusammen, so 
ergibt sich die Möglidikeit, ein weiteres Siüd; der Urgesdiidite zu 
rekonstruieren, das die Sage vom rädienden Toten in ihrer 
besonderen Gestaltung im Don Juan verständlich macht. Es ist 
dies der bereits von Kleinpaul und audi von Naumann an reidiem 
Material belegte Glaube, daß der Leidicndämon die Lebenden, 
die das Unglück haben, von ihm erreidit zu werden, mit auf= 
fallender Häufigkeit frifit. Bei Naumann findet sidi, allerdings 
unverstanden und unerklärt, eine große Anzahl derartiger Über= 
llcferungen von versdiiedcnen Völkern. »Fällt der tote Fidsdii= 
krieger im Kampfe mit dem Samu, so kodit und frißt ihn der 
Unhold, und es sind also beide, der Dämon wie der Krieger, 
sehr materialistisch gedadit: eine Seele zu kodien und zu fressen, 
würde kaum lohnen. Es handelt sidi bei dem Samu um den audi 
im Nordisdien <Hräswelgr, Nidhöggr) wie im Chinesisdien und 
wohi autli sonst in manAerlei Formen auftretenden Leidien= 
versdilinger« <S. 29). Im Chinesisdien wird der Grabsdiänder, 
der den ungeheuer sdiwer gewordenen Sarg ein wenig öffnet, 
vom Toten hineingezogen, zerrissen und aufgefressen. Daraus 
erklären sidi eine Reihe von Totenbräudien, unter anderen aiith 
die Mitgabe von Speisen für die spätere »Reise ins Jenseits«; »so 
fressen nordische Leidien im Hügel Falken, Hunde und Pferde, 
die man ihnen mitgegeben hatte« <S. 55). »Der Mund der Leidie 
darf nicht offen stehen, weil sonst der Tote keine Ruhe im Grabe 
hat, sondern ein Nadizehrer wird, Kleidungszipfel dürfen seinem 
Munde nidit zu nahe kommen, sonst wird er ein Nadizehrer« 
<S. 41>, »Und aufs innigste hängen diese diinesisdien und nordi-^ 
sdien Fresser in Sarg und Grab zusammen mit dem deutschen 
und slawisdien Nadizehrer-, Blutsauger^ und Vampyrglauben. 
AuA der Vampyrglaube beruht nodi immer auf ganz präanimisti« 
sdieii Grundvorstellungen. Leidien mit frisdier Farbe und offenem 
linken Auge erhalten sidi im Grabe lebendig, kommen heraus zur 
Nadir, saugen das Blut ihrer Opfer, holen in kurzer Frist ihre 
Familie, die ganze Dorfgemeinschaft nach, Besonders zur Seit 
schwerer Seuchen wird der alte Glaube lebendig. Wo man Nadi= 
zehrer ausgrub, fand man sie im Blute sdiwimmend, zerfleisdit 
und zerkratzt. Vielleidit vom Ringkampf mit dem Opfer, den man 
sie}) nicfit sinnlich genug vorstellen kann , , . Der erste von der 
Seuche Ergriffene und an ihr Verstorbene ist der Vampyr, er 



160 Dr. Otto Rank 



sitzt aufrecfit in seinem Grabe und zehrt an seinem Leichentuch. 
Solange wie er braudit, um damit fertig zu werden, solange 
dauert die Seudie. Die Nadizeiirer werden ausgegraben, es werden 
ihnen mit dem Spaten die Köpfe abgestodien, daß sie ,quictsditen 

■wie die Ferkel'« <S. 55}. 

Zum Verständnis dieser merli würdigen Eigensdiaft der 
Toten madit Kleinpaul wenigstens einen Versudi der Erklärung, 
der, wenn er audi rationalistisdi aussieht, dodi in geistreicher 
Weise tiefere Beziehungen andeutet und sdilieRIich die Konsequenz 
zieht, daß der Kannibalismus dabei eine große Rolle spiele. In 
primitiver Zeit sei die Hauptspeise des Mensdien der Mensch 
gewesen und diese tief eingepflanzte Tatsadie lebe heute noch in 
zahllosen Rudimenten, unter anderem auch in der Sage vom 
Werwolf, weiter <S, 122>. An einer Stelle wagt Kleinpaul sogar, 
gestützt auf prähistorische und ethnologische Funde, die Behauptung, 
daß das Verzehren der Toten »die älteste und verbreitetste Form 
der mensdilidien Exequien gewesen sei, wobei bemerkt werden 
muß, daß man bei vielen Völkern und sogar bei höheren Tieren 
die Sitte beobaditet hat, die Leidien ihrer Angehörigen selber 
zu verspeisen und dann die Knodien zu begraben. Seitdem 
W. M. Flinders Petrie in mehreren ägyptisdien Felsengräbern 
aus dem vierten Jahrtausend v. Chr/ teils in Särgen, teils in ein-= 
fadien Hüllen von Leinentüchern sorgsam gruppierte Menschen» 
gebeine gefunden hat, die eine kunstvolle Zerstücklung des 
Skeletts verraten, ist er geneigt, diese Sitte, die als Endo» 
kannibalismus bezeidinet worden ist, audi den alten Ägyptern 
zuzusdireiben« <i. c. S. 63>. Als diese Form der Beseitigung zu 
anstößig ersdiien, überließ man den Tieren dieses Erbe primitiver 
Menschheit und damit ein Tabu, weldies die Kluft zwisdicn dem 
Menschen und dem ihm verwandten Tier für Jahrtausende unüber= 
brüdibar gemacht hat. In Ägypten war es offenbar der Geier, der 
in den auf uns gekommenen Überlieferungen dieses Kulturkreises 
eine so ungeheure Rolle spielt, in anderen Landern alle Arten 
Hunde und hundeartigen Raubtiere <Srfialtale, Wölfe, Hyänen etc). 



1 Wie lädierlich wirken diese liistoristfien Daten Kegenilber den 
präiiistonsdien Skelett Fun den, die den Kaniiibaiisnuis für das vorgesdii*tlidie 
Europa bezeugen! Man vgl. als Beispiel, was Otto Hauser <Urmcnsdi und 
WiMer, Berlin 1921) über die I^uiide von Krapina (Kroatien) sagt, aus denen 
er schließt, daß die Anthropophagie vor rund 40.000 J.-ihren im vollem Flore 
stand <l. c. S. 156). - - ^ 



Die Don Juan'Gestalt 161 



Der Brauch, die Toten gewissen Tieren als Speise zu überlassen, 
hat sich bei manchen Völkern bis auf den heutigen Tag erhalten. 
Die Parsen, Nachkommen der alten Perser, bringen ihre Toten in 
die »Türme des Sdiwcigens«, wo sie nach den altüberlieferten 
Vorschriften des Avcsta ausgesetzt und den Raubvögeln zum 
Fraß überlassen werden. Sehr überzeugend weist Kleinpaul nach, 
daß bei den Persern ursprünglidi der Hund der offizielle Leidien- 
verzehrer war, der sidi im heutigen Zeremoniell nur mehr mit 
einer stummen Rolle begnügen muß <S. 62)'. Sie besteht darin, 
daß der Parse im Angesicht des Hundes stirbt, der in das Sterbe^ 
gemach geführt wird, um mit seinem Blick den Fliegengeist zu 
sdilagen. »Um den Blick des Hundes auf ihn zu lenken, wird 
ein Brot in vier Stüdte gesdinitten und in der Richtung nach dem 
Sterbebett zu geworfen. Die abendländischen Gelehrten denken 
hier an den Honigkuchen, die Mez-tToBtTa^ die einst in Griedien^ 
laiid für den Cerberus neben die Leidie gelegt ward . , . Diese 
Zeremonie heißt das Sägdid, wörtlidi: der Hund <Säg> hat gesehen 
<did>. Es ist das Visum des heiligen Tiers, das Vidimus des Todes« 
<S. 59), Die Zeremonie wird bei der Überführung zum Turm 
dann nodi einmal wiederholt, und erst nachdem der Hund das 
Totenantlitz zum zweitenmal gesehen hat, wird der Tote dem 
Fräße preisgegeben. Ursprünglich sollte der Hund selbst den 
Leichnam auffressen wie der Cerberus, der jeden hinein, aber 
niemand herausläßt, ein richtiger Wächter, wie ihn die berühmte 
Stelle der Theogonie <769 ff.) beschreibt: 

Kommen die Toten, 
wedelt er mit dem Sdiwanz und mit den Ohren, doch niemals 
(aßt er sie wieder heraus, den Ausreißer padtt er und frißt er. 

Diesen Höllenhund faßt Kleinpaul scharfsinnig als denLeidien= 
hund, der in die Unterwelt verbannt wurde, als sein irdisdies 
Amt von der Sitte verpönt worden war, und stellt ihn in Parallele 
mit dem von den Griechen gleichfalls in die Unterwelt versetzten 
Geier, der dort an der Leber des Riesen Tityus frißt, eine Höllen» 
qual, die der Mythus auch dem Prometheus für sein Verbrechen 
des Feuerraubes erleiden läßt, »Die Schrecken der Unterwelt 
rekrutieren sich aus den Bestattungsformen der Oberwelt« 

' Herodot erzählt latsädiüdi von den Persem, daß kein Leidinam eher 
begraben werde, bis ein Hund oder Vogel daran gezehrt habe. 

Imago VIir2 II 



162 Dr- Oixo Rank 



(Kleinpaul, S. 88). So entstand audi die diristlidie Hölle, indem 
man die einzelnen Sdieiterhauten zu einem Feuerstrom zusammen- 
setzt, der die Rudckelir absdincidet und sdiließlidi — reguliert, 
um das Gefängnis der verdammten Seelen Iierumgeleitet wird, 
die — ewig Höllenqualen erleidend — dodi dabei unsrerblidi sind. 
Bei primitiven Völkern, die keine so reidie Mythologie ent» 
widieit haben, finden wir die Beseitigung der Toten heute nodi 
auf den frühen Stufen der Entwidtlung. So glauben die Mongolen 
der Wüste Gobi nadi den neuesten Beriditen des Asienreisenden 
Hermann Consten an die Wiedergeburt, deren sie den Toten 
möglidist rasdi teilhaftig werden lassen wollen. Die Veran* 
staltungen, die sie dazu treffen, ersdieinen uns aber geradezu als 
ein wirksames Mittel gegen jede Wiedergeburtsmöglidikeit. Für ge* 
wöhnlidi wird die Leidie den Hunden zum FraRe überlassen. In 
der Nähe von großen Seen wird sie ins Wasser geworfen, um 
von den Fisdien verniditct zu werden. Auf Höhen wird sie auf ein 
Stangengerüst oder auf dem naditen Fels den Geiern zum Fraß 
preisgegeben. Aus der Besdireibung des Begräbnisses eines ange^ 
sehenen Lama, dem Consten Gelegenheit hatte beizuwohnen, 
heben wir nur die Trommel- und Trompetenmusik deswegen 
hervor, weil die aus zwei Studien zusammengesetzten Doppel- 
trommeln mit Mensdienhaut bespannt waren und mensdiliAe 
Wirbel- und andere Knodien daran hingen, die bei der sdinellen 
wirbelnden Bewegung des Handgelenkes des Trommelsdilägers 
mit Wudit auf das Trommelfell fielen. Die Trompeten waren 
ebenfalls aus mensdilidien Röhrenknodien angefertigt. Ein be- 
aditenswerter Hinweis auf eine Tatsadic, deren weitere Verfolgung 
bis zur ursprüngliAen Funktion der »Musik« beim Trauerritus 
führen würde. 

Aber nodi unsere eigenen hodikuhivierten Bestattungssitten 
sind nidit weiter von ihren primitiven Vorläufern entfernt als wir 
selbst von den Mensdien, die sie ausübten. Nidit blofi die Tat- 
sadie, daß audi wir unsere Toten nodi von den Maden und 
Würmern auffressen lassen, die Kleinpaul mit den übrigen Aas- 
tieren auf eine Stufe stellt <S. 73>, sondern audi das Grab selbst, 
das aus dem Seelenglauben heraus gesdiaFfen wurde, um die 
■ Aastiere von der vollständigen Verniditung des Körpers abzu- 
halten, ist selbst unter dem symbolisdien Bilde eines soldien Aas- 
tieres angesdjaut worden: es ist unser »Sarg«, entstanden aus 



Die Don Juan^Gestah 163 



dem griediisdien Sarkophagos, was vpörtlith »Fleischfresser« 
heißt <I. c, S, 70 f,>. Die Griedien selbst haben, wie Plinius uns 
überliefert, dies von der besonderen ätzenden Eigensdiaft des 
angeblidi häufig zum Sargbau verwendeten Höllensteines abgeleitet, 
dodi madit es Kleinpau! plausibel, daß dieser etymologische Mythus 
aus Unverständnis des fleischfressenden Grabes erst sekundär er= 
wadisen sei <S. 77). Der steinerne Sarkophag als Symbol des 
menschenversthlingenden Höllenradiens kommt noch im Hamlet 
als Gleidinis vor: 

Warum die Gruft, darin wir ruhig eingeurnt didi sahn, geötfnet 
ihre sdiweren Marmorkiefem, didi wieder auszuspein! 

und hat wahrsdieinlich auch am »Steinernen Gast«, der ja selbst 
die versdilingende Gruft personifiziert, einen starken Anteil. 
Dieser sdieint nidit bloß wie Naumann meint darauf besdiränkf, 
»daß Starrheit, Kälte und Sdiwere der Leidie durch die maß^^ 
lose Phantasie zu Verwandlung in Stein gesteigert werden«, was 
»eine präanimistisdie Umsdireibung für den Tod in Märchen und 
Sage ist« <1. c. S. 42 f.). Wenn wir nach dem psychologischen 
Motiv für diese spezielle Auffassung fragen, so sehen wir audi 
da die Sdiuld= und Straftendenz wirksam, indem der Stein neben 
dem Toten auch das Grabmal repräsentiert, das ;eden einmal 
versdilingL Möglicherweise ist im Steingrab mit seiner strafenden 
Bedeutung ein Rest früh primitiver Tötungsart verborgen, auf 
den Roheim gelegentlich mit dem Bemerken hingewiesen hat^, 
daß der Stein zugleich die tötliche Fernwatfe des Urmenschen und 
die Grabbelastting darstellt, die den Ermordeten am Auferstehen 
hindern soll. Diesen Sinn scheinen noch gewisse Totenbräuche zu 
haben, die man als »Steinigung der schädlichen Geister« auffaßt 
und die besonders von Mekka her bekannt sind <Kleinpaul, S. 64>. 
Als Revandiehandlung des Toten erscheint das Motiv in einem 
chinesischen Märdien <Nr. 69), wo der lebende Leichnam aus 



' In sdnem Vortrag; »Steinheiligtuni und Grab« in einer Sitzung der 
Budapester PsyttoanalytistScn Vereinigung am 8. Oktober 1921: »Das Steine- 
werfen in den religiösen Riten ist ein Überbleibsel der Urkämpfe der Mensdiheit, 
der geworfene Stein war die geeignete Waffe in den Händen der Masse, um 
den stärkeren Einzelnen, in dessen Nähe man sidi nidit traute, zu überwältigen.« 
(Internationale Zeitsdirift für Psydioanalyse, VII, 1921, S. 523.) 

Die strafende Bedeutung des Steinhaufens ist in dem israelitisdien Braucfi 
erhalten, über den Leichen hingeriditetcr Verbredicr Steinhaufen aufzuriditcn. 
Vgl. Georg Beer: Sieinverchrung bei den Israeliten, Berlin 1921. 

11« 



J54 Dr. Otto Ranli 



seinem Grabe kommt und wie ein ungezogener Junge mit Steinen 
nadi den Lebenden wirft. 

Zum weiteren Verständnis des »Steinernen Gastes« ziehen 
wir Überlieferungen von mensdicnfressendenLeidiendämoncn heran, 
die das Motiv der Einladung noA kennen. »Eine Variation des 
steinernen Mannes ist der eiserne oder halbeiserne Mann.« 
Balkanmärdien Nr. 59^ bringt den halbeisernen Mann als Dämon, 
der Mensdien frißt ... Er riecht Mensdienflcisdi und saugt dem 
Ankömmling das Blut aus. »Der Wolf mit dem eisernen Kopf« 
des Balkanmärchens Nr. 63 ist ein gefährlidier Dämon ... Es han=' 
deit sidi um den mensdien fressen den Wiedergänger, der am Tage 
der Hodizeir seinem Versprechen gemäß den Bräutigam holen 
kommt. Der mensdien fressende eiserne Dcrwisdi des neugriediisdien 
Märdiens Nr. 60- aus Epirus ist die genauere Parallele in reinerer 
Form. Die reinste aber zeigt die ncuisländisdieSagc »Der Bräutigam 
und das Gespenst«. Audi hier ersdieint der Dämon, ein »fürditer- 
lidier großer Mann«, am Tage der Hodizeit, zu der ihn der junge 
Totengräber einst vor fünf Jahren leiditfertig eingeladen hatte, als 
er sein großes Sdienkelbein gelegentlidi aus dem Friedhofsboden 
hob <Naumann, S. 44.) <Siehe die Friedhofsszene im Hamlet!) 
Wir haben uns damit einem ersten Verständnis des Motivs 
vom steinernen Gast angenähert, der gleidifalls auf eine frivole 
Einladung hin ersdieint, um den Lebenden mit sidi zu nehmen. 
Die Angst des Gefressenwerdens ersdieint ganz im Sinne des 
spöttelnden Don Juan-Charakters in der Oper zu einem lustigen 
Festmahl umgearbeitet, einer Art Totensdimaus, an dem der 
Tote selbst teilnehmen solle''. TatsächÜdi sitzt im Burlador der 
steinerne Gast sdiweigend in der Tafelrunde, während die 
anderen um ihn herum dtirdi verdoppelte Ausgelassenheit ihr 
inneres Grauen zu betäuben sudien. Und in der Grabkapelle, 
wohin Don Juan der Einladung des Komturs folgt, nötigt ihn 

' .Märdien aus dem Balkan.« Herausges'^ben von Lesldcn. Jena 1915 

= .Neugriediisdie Märdieii.* IkrausRcgcben von Kretschnier, Jena lyi/. 

' In ähnlicher Weise philosophiert bclcanntlidi audi Prinz Hamid. »Wo 
ist Polonius?.^ - »Beim Abendessen,* antworlct Hamlet. »Ür speist nidit, er 
wird gespeist. Wir mästen Odisen und uns selber mästen wir für die Wurmer. 
Der fette König und der magere Bettler sind nur versdiiedeiie Bissen/ ^wci 
Teller, aber für eine Tafel. Das ist das Ende vom Licd.< In der Ham^t-f ^S = 
ist das Motiv in nod» ursprQnglidierer Form erhalten, indem der Held den 
Bciausdier seines Gespradis mit der Mutter nach der Tötuns selbst "rstudtcli 
und den Sdiweinen zum Fräße vorwirft <siehe im njdistcn Absdimit das Mot.v 
der .ierstüddunj). 



Die Don ]uan--GesiaIt 165 



dieser dann zum Essen, wobei Skorpione und Sdilangen die 
Gerichte sind, essigsaure Galle der Wein und Trauergesänge die 
Tafelmusik. Nach der Mahlzeit erfüllt sidi das Strafgericht, das 
Don Juan selbst durch seinen SdiTur einem Mäddien gegenüber 
versdiuldete, indem er sein Ehevers predien mit dem Ausruf be= 
kräftigte: »Wird mein Wort je im geringsten falsdi befunden, so 
mag midi eine Leichenhand verniditen!« In dieser ungeheuren, 
über das Grab hinaus drohenden Leichenhand erkennen wir den 
Ausdrudt des unvertilgbaren Sdiuldgefühls vor der gefürchteten 
väterlidien Strafe. 

VI. 

Wenn wir nun im steinernen Gast der Sage den leidien^ 
fressenden Totendämon zu erkennen glauben, der das Llrverbrechen 
rächt, so erhebt sidi die Frage, wie diese Auffassung mit unserer 
bisherigen Deutung der Gestalt im Sinne des Gewissens, und andere 
seits mit dem Don Juan='Mütiv selbst in Zusammenhang steht. Die 
Beantwortung beider Fragen finden wir in der menschlichen Ur^ 
gesdiidite und ihrem Niedersdilag in der späteren Überlieferung. 

Der aus dem Grabe wiederkehrende Todesdämon, der den 
Schuldigen fressen kommt, ist nichts anderes als eine Personifikation 
der Gewissensbisse, die als solche ihre Herkunft aus der Urtat 
des Vatermordes verraten. Die Angst vor seiner Wiederkehr und 
der besonderen Rache, dem Gefressen werden, welche durch die 
versdiiedenen Bestattungsbräudie beruhigt werden soll, erklärt sict 
als ein Stüdi Vergeltungsangst, das aus dem Sdiuldbewußtsein 
stammt. Die Totemmahlzeit, wie sie uns Freuds Deutung durcii= 
leuchtet hat, als in der Opferspeise, im Abendmahl <»nehmet hin 
und esset, dies ist mein Leib«) und im Leichenschmaus fortlebend, 
findet letzten Endes im gemeinsamen Verzehren des gemeinsam 
erschlagenen Urvaters ihr prähistorisches Vorbild. Diese unserem 
Empfinden grauenhaft ersdieinende Annahme wird nidit bloß 
durdi die Tatsadie des Kannibalismus, sondern audi durch eine 
Reihe ganz spezieller ethnologischer Überlieferungen bestätigt. So 
beriditet Herodot <III, 38) von den Kafatiern, einem indischen 
Volk, daß sie ihre Väter aßen und von den Massageten <I, 216>, 
wo einen, wenn er gar zu alt wird, die Verwandten schlachten 
»und noch anderes Vieh dazu und kociien das Fleisch und halten 



166 Dr. Otto Rank 



einen Sdimaus und das ist ihre gröfitc Seligkeit« V Man kann 
versudien, diese Sitten unserem Verständnis näher zu bringen, 
indem man darauf hinweist, daß ihnen tiefwurzelnde abergläubisdie 
Vorstellungen zugrunde liegen, die in der Religion weiterleben". 
Der Primitive verzehrt gewisse tierisAe Körperteile, um siA 
deren Kraft einzuverleiben und er glaubt audi, die Kräfte des 
mäditigen Urvaters durdi das Verzehren gewisser Körperteile 
desselben zu erlangen. Anderseits wird die Angst, der Erschlagene 
könnte wiederkommen, seinen Mord zu rädien, am wirksamsten 
durdi die radikalste Art seiner Verniditung und die das Fressen 
symbolisierende Identifizierung^ paralysiert/ allerdings beides nidit 
mit dem erwarteten Erfolg, wie der Durdibrudi eines nie und 
durdi nidits zu beruhigenden Sdiuldgefühls gerade an diesen 
Punkten zeigt. Denn während der primitive Totenritus die möglidist 
rasdie, wenngleidi nidit ganz spurlose Verniditung des Körpers 
dur(h das Fressen erreidit, sdiafft und verstärkt er ein immaterielles 
unaufiöslidies Sdiuldgefühl, das in den myihisdicn und religiösen 
Überlieferungen nadi immer neuen Entlastungen und Redit» 
fertigungen sudit und audi in der vollständigsten, reinsten Ver- 
niditung durdi das Feuer keine Beruhigung findet. Denn das ewig 
lebendige Sdiuldgefühl läßt den Körper nodi von der Flamme 
»verzehrt« werden und aus diesem materiellen Läuterungsprozeli 
die losgelöste »Seele« hervorgehen, die als unsiditbarer Feind im 
animistisdien Aberglauben wie im neurotisdien Symptom weiter» 
wirkt, bis sie von der Psydioanalyse in wisseiisdiaftlidies Bewußt- 
sein umgewandelt sein wird. 

Aus einer der Frühphasen des uralten Kampfes gegen das 
materialisierte Gewissen stammt eine Reihe von griediisdien 
Mythen, in denen das Motiv der Zerstücklung mit dem des 
Tötens und Verzehrens von Mensdien eng verbunden oder ab- 
sAwädiend an dessen Stelle getreten ist. Da idi diese Über- 

• Audi beute noA lebt bei zahlreiAe» Völkern die Sitte fort, sidi der 
Greise :u entledigen, sei es durdi deren Tötung, wie es bei den hskimo und 
Grönländern gcsdiicht, bei denen der Solin seinen Vater, wenn dieser alt und 
unnütz wird, erhängt, sei es durdi AussetzunR des Hausvaters wie bei den 
Chiappavaeren (Nordamerika). Dali bei vielen Völkern für den Haussohn sogar 
eine Verpfliditung bestand, seinen gebredilidien Vater umzubringen, kann nur 
als bewußter Nadiklang der TotemopFerung verstanden y-crden. 

' Eine psydiologisdie Deskription des »Speisenabsdieus« gibt Julian Hirsdi 
in der Zeitsdirift für Psydiologie <Bd. 88, H. 6, März 1^22>. 

' Vgl. die -orale* Bedingtheit der Identifizierung bei Freud (Massen- 
psydiologie, S. 67). 



Die Don Juan^Gestalt 167 



lieferungen — von Pelops, Atreus und Thyestes, Harpagos 
u.a.m. — bereits eingehend behandelt habeS begnüge idi midi 
hier mit dem Hinweis, daß es sidi dabei regelmäßig um die 
Kinder handelt, die dem Vater als Speise vorgesetzt werden. 
Die griediisdie Kosmologie von dem seine eigenen Kinder ver" 
sdilingenden und von seinem jüngsten Sohne Eeus entmannten 
Kronos, versetzt diese Überlieferung in eine prähistorisdie Urzeit, 
gibt sie dafür aber in ihrer ganzen ungesdiminkten Kraßheit 
wieder^. Der Kronos=Mythus selbst stelle sidi als eine heroisdie 
Überarbeitung des in gewissen Punkten nodi primitiveren ägyptisdien 
OsiriS'^Mythus dar. Dort ist es der Bruder des von der SÄwester 
sexuell begünstigten Osiris, der diesen mit einer Anzahl von Helfern 
— 14 oder 26 oder 72 — ersdilägt und den Leidinam in eben= 
soviel Studie zerteilt, was das entsprediende Verzehren voraus-^ 
zusetzen sdieirit. Er gibt nämlidi nadi Diodor <c. 21) zur Ab^ 
sdiwäAung der eigenen Sdiuld jedem seiner 26 Mitversdiworenen 
einen Teil des Osiriskörpers/ den Phallus wollte aber keiner — 
offenbar als Zeidien der Hauptsdiuld — nehmen. Dieser hat als 
ganz besonderer Teil audi ein besonderes Sdiidisal: er bleibt 
später versdiwunden, mit der Motivierung, er sei von einem Fisdi 
versdilungen worden, während das Sdiuldgefühl in der Form der 
mythisdien ^Vunsdlph antaste die übrigen Körperteile — wie so 
häufig nodi im Märdien — wieder zu einem Ganzen zusammen«^ 
setzt. In dieser kompensierenden Reaktion auf die primitive Zer« 
stüdilung ist vielleidit der mythisdie Ausdrudt eines Entwidilungs- 
sdiubes bewahrt, der die Ägypter vom Fressen ihrer Leidien zum 
pietätvollen Braudi des Einbalsamierens führte, der den Körper 
selbst vor dem chemischen »Aufgefressenwerden« schürzt. 

2u den ursprünglidien Zügen des Osiris=Mythus gehören 
auch die zahlreichen Helfer bei der Untat, die wir im späteren 
Heroenmythus beseitigt und durch die Überlegenheit des Einen, 
Jüngsten ersetzt finden, der dann in unseren Märchen so oft noch 
die Rolle des Junker Prahlhans spielt. Ein Vergleich der ägyptischen 



i »Das Inzestmotiv in Diditung und Sage« 1912, Kap, IX, wo audi die 
Anknüpfung an weitere mythologische Themata zu Rßden ist. 

- Der Kinderfresser sdieint nadi einer Bemerkung Naumanns <S, 70) nodi 
im Herodes der Jesusüberlieferung weiterzuleben und findet sich rationalisiert in 
der Gesdiidiie des Ugolino wieder, die Dante <im 33. Gesang cler Hölle) 
erzählt und die Gerstenberg in einer Tragödie behandelt hat: der im Hungerturm 
schmaditende Vater nähr: sidi von den Leichen seiner Kinder. 



168 Dr. Otto Rank 



Osiris-Sagc mit der griediisAen Kronos-Mythe vermag uns den 
ganzen Umfang der heroisdien Umarbeitung des urzeitlidien Stoffes 
zu vergegenw^ärtigen, wenngleidi wir uns klar darüber sind, daß 
audi die ägyptisdic Darstellung die Urgesdiidite nidit unverändert 
wiedergibt. Im . Ägyptisdien wird der Urvater aus sexueller 
Eifersudii von der Horde bekämpft, zerstüdtelt und — wie wir 
supponieren — versdilungen, was in der Überlieferung nur vom 
Phallus erzählt wird. Im Griediisdien wird der Vatergott beim 
Gesdileditsakt überlistet und nur nodi kastriert <der Phallus ins 
Meer geworfen), mit der beaditenswerten Motivierung: »er übte 
zuerst solch schimpfliche Taten« <Hesiod). Das bezieht sidi 
darauf, daß der Urvater in seinen Söhnen die Gefahr wittert, 
und sie entweder gar nidii zur Welt kommen läßt oder sofort 
nadi der Geburt verschlingt. Hier finden wir eine erste An- 
deutung zur Reditfertigung des Urverbrediens gegen den Vater, 
dem vorgeworfen wird, er habe die eigenen Söhne versdilungen. 
Dieses Bedürfnis nadi Reditfertigung im Zusammenhalt mit der 
Rolle der Frau in der heroisdien Überlieferung läßt uns mit 
Freud sdiließen, daß die heroisdic Diditung einer lügenhaften 
Umarbeitung der Wirklidikeit im Sinne der Wunsdiphantasie 
entspridit. 

Als bekanntesten Typus einer derartigen kompletten Phantasie- 
umkehrung nennen wir die zahlreidien Mens eben fr essermär chen, 
die sidi bei Natur= und Kulturvölkern gleidierweise finden und 
uns In der populären Fassung des Däumling-Märdicns geläufig 
geworden sind. Däumling und seine Brüder werden von den 
Eltern ausgesetzt. Abends gelangen sie im wilden Wald in das 
Haus des Mensdienfressers, der abwesend ist. Die mitleidige 
Frau verstedtt sie. Als der Riese heimkommt, wittert er die 
Beute mit dem bekannten Ausruf: »Idi riedie Mcnsdicnfleisdi« I 
Mit Mühe erwirkt die Frau nodi eine Frist bis zum nädisten 
Morgen für ihre Sdiützlinge. Dodi in der Nadit kommt der 
Unhold in die SAIafkammer, um den sieben Brüdern die Hälse 
abzus dl neiden. Durdi eine List Däumlings tötet er aber statt 
dessen seine eigenen sieben Töditer, Die Brüder entfliehen und 
Däumling nimmt die Siebenmeilenstiefcl des Mensdienfressers 
mit sidi, was sowohl einer Kastration des Urvaters als der 
Identifizierung mit ihm entspridit. Ist in dieser Version nodi ein 
Rest der Umwandlung erhalten, mittels deren sidi der Jüngste 



Die Don Juan=Gestalt 169 



in Phallusgesralt <DäumIing> aus der Brüderhorde heraushebt, so 
zeigt die typisdie Märdienüberlieterung nur mehr den einen, den 
Helden, der auf gleidie Weise von der Frau verstedtt und »ge= 
rettet« wird, wie der Phallus von der liebenden Gattin Isis. Aus 
dieser sexuaUsymbolisdien Motivierung erklärt sidi, daß die 
Phantasie an einer so sdimählidien Heldenrolle keinen Anstoß 
nimmt, wie sie das Einsdileidien, Verstecken durdi die Frau 
und Überlistung des Riesen darstellen. Mit der Rolle der Frau 
werden wir uns nodi zu besdiäftigen haben und möditen hier 
nur zum Verständnis der ganzen Phantasiebildung an die Freud= 
sdie Deutung erinnern, wonadi »in der lügenhaften Umdiditung 
der Urzeit das Weib, das der Kampfpreis und die Verlodtung 
des Mordes gewesen war, wahrsdieinlidi zur Verführerin und 
Anstifterin der Untat wurde«. 

Was die Herkunft und Rolle des Mensdienfressers betrifft, 
so halten wir es für eine Fehldeutung von Naumann, wenn er 
im Ansdiluß an Sdioning die Riesen als Leidiendämonen auf= 
faßt, die durdi die Phantasie ins Riesenhafte gesteigert wurden. 
Der psydiologisdie Zusammenhang kann offenbar nur der sein, 
daß beide, Leidiendämon und Riese, Personifikationen des über= 
mäditigen gewalttätigen Urvaters sind, beide Male in der Dar- 
stellung gefährlidier Wesen, nur mit dem Untersdiied, daß der 
die Lebenden verzehrende Leidiendämon dem Sdiuldgefühl des 
Mörders als Radier seiner eigenen Mahlzeit ersdieint, während 
der mensdien fressen de Riese der Rechtfertigungsphantasie des 
heroisdien Helden entspricht, der mit der Urtat ein vorher be-= 
gangenes Verbredien des Urvaters zu sühnen vorgibt <»er übte 
zuerst soldi sdiimpflidie Taten«), 

Über die weitere Bedeutung dieser Menschenfresserphantasie 
und insbesondere die Rolle, weldie die Frau darin spielt, können 
wir uns durdi Heranziehung der entsp redien den Überlieferungen 
der Naturvölker unterrichten, die Frobenius zusammengestellt 
hat^ Die oft gänzlich unmotivierte Helferrolle der Frau wird 
mandimal so erklärt, daß sie die Frau (oder Sdiwester) des 
Helden ist und vorher von dem Riesen geraubt worden war, der 
sie nun als sein Weib besitzt. Der Held zieht hier aus, um sie 
aus der Gewalt des Urvaters zu befreien und motiviert damit 



1 >Das 2eita!ier des Sonnengottes.» 1. Berlin 1904. 



170 Dr. Otto Rank 



seine Tat als eine legale <so z. B, bei den Tibetmongolen/ im 
IV, Kapitel des Bogda Gesser Chan). Der Tod des Ogren 
<Riesen) erfolgt nadi Frobenius entweder durch den versdilucklen 
Glutstein (den wir aus der Kronos-Mylhe und dem RotkäppAen 
kennen), durd\ Versteinerung (siehe den steinernen Gast) oder 
durdi Zerstüdtlung (Freßmotiv). Frobenius charakterisiert diesen 
Ogrentypus, zu dem er auch die indogermanische Polypheni'Sage 
redinet, in einer der analytischen Rekonstruktion vollkommen ent- 
sprechenden Weise; Die Ogren, die eine bestimmte zeitlidie Stellung 
in der Geschichte des Weitwerdens haben und vor der Götter- 
sciiöpfung existieren, sind Höhlenbewohner. Sie treten manchmal 
als Gruppe auf, wenn audi der Held meist nur mit einem kämpft. 
Frau ist immer nur eine da/ sie gehört im allgemeinen nidit zur 
menschenfressenden Rasse, da sie dem in der Höhle beherbergten 
Helden hilft, mandimal sogar bei der Tötung des Ogren. Diese 
»Hilfsalte«, wie Frobenius sie nennt, erweist sich als die Mutter 
des Helden <z. B. in Lappland)/ wo sie aber jung ist, entführt er 
sie als jungfräuliche Maid und heiratet sie. 

Diese mythische Rolle der Frau kann nach unserer Voraus- 
setzung nicht die ursprüngliche gewesen sein. Vielmehr setzt hier 
die märdienhafte Wunschphantasic im Sinne Freuds das erst 
durch Beseitigung des Alten zu erringende Sexualobjekt sdion als 
verbündete Helferin des heroisch eingestellten jüngsten Sohnes 
voraus. Ursprünglidi muß die Frau scheinbar ebenso erst be- 
zwungen werden wie der eifersüditige Urvater selbst, nacfi dessen 
Ermordung sie sidi offenbar die dadurdi gewonnene Freiheit 
sidiern wollte. So erklärt es sidi, daß in vereinzelten Überliefe- 
rungen die spätere Hilfsalte des Heroenmythus nodi als Partei- 
gängerin des Riesen, also gleidifalls als Mensdien fresserin ersdieint, 
die den Mann ruft, damit er die Gäste verspeise \ Diese böse 
Alte lebt in der Ellermutter des Teufels fort, aber audi in der 
Rabenmutter so mandier mythischen Überlieferung, deren Rolle 
im Märchen auf die Hexe und die böse Stiefmutter übergegangen 
ist. Wie aber kommt die Mutter zu dieser fcindlidien Rolle? 



^ Besonders bei den deutschen Stämmen Europas, bei den Ilalienern, bei 
Nord» und Südafrikanern tritt die Kaiinibalin nadi Frobenius (S. 382) hervor, 
während im Osten überall der Mcnsdicn fresset vorherrsdit und im Westen das 
Gesdiledit desselben schwankend ist. 



Die Don fuan^Gestalt ]7l 



VII. 

Wir haben uns scheinbar ziemliA weit vom Stoffgebiet des 
Don Juan und seines Widerparts, des steinernen Gastes, entfernt, 
uns aber dodi deutlidi in der Riditung der heroisdien Umdiditung 
der Urgesdiidite bewegt, als deren extremste Ausgestaltung wir 
die Don Juan-Phantasie ansehen möditen. Dem verwegenen Spötter, 
der Gewissen, Sdiuldgefühl und Angst in einem alles Heroisdie 
weit überbietenden Zynismus verleugnen will, der das Grauen 
vor der gefürditeren Radie des leidienfressenden Urvaters in der 
Einladung des sonst ungebetenen Gastes zu einer lustigen Fest-' 
tafel übertäubt, trauen wir auf der anderen Seite audi das offene 
Geständnis des Urvergehens zu, das unserer Auffassung nadi der 
sonstigen heroisdien SdiÜderung entgegengesetzt sein muß. Seine 
von allem Sthuldballast befreite Gestalt kann sidi sozusagen 
erlauben, die primitiven Triebfedern des Urverbrediens ohne be- 
sdiönigende Motivierung zu gestehen, kann zugeben, daß der 
Mord des Vaters um sdinöder Sinnenlust willen gesdiah und 
nidit um der einen aus dem drüdienden Jodi zu befreienden ge^ 
liebten Frau willen. 

Die überragende Größe der Don }uan*GestaIt beruht darin, 
daß sie die heroisAe Lüge abgestreift hat. Er beseitigt die Männer, 
um sidi in den körperlidien Besitz der Frauen zu bringen, kennt 
keine idealen Motive, keine Sentimentalitäten und Rationalisierungen, 
Nur in einem, allerdings dem wesentlidien Punkte hat er den heroi=' 
sdien Charakter bewahrt, der ihn audi vor der Identifizierung mit 
einem gemeinen Verbredier sdiützt: Er steht allein, allein einer 
Welt von Gegnern und einer Unterwelt voll Gefahren gegenüber. 
Er kann audi die brüderlidien Helfer der Urtat nidit braudien, 
wie der heroisdie Diditer, er will sidi aber audi nadiher nidit mit 
ihnen in die Beute der Frauen teilen, sondern alle für sidi allein 
besitzen und bekämpft darum alle von neuem, ein neuer grau- 
samer Urvater, der keinen Fortsdiritt der sozialen Organisation 
verträgt ^ Aus dieser vollkommenen Identifizierung mit dem tyranni^ 
sehen Vater erwädist dann seine Tragik und sdiließlidi sein Unter- 

' Daher konnte der Don Juan, wie Sdiniitz facmerkt, nur in einem Lande 
entstellen, wo die Frauen hinter vergitterten Harems Fenstern vor der Begehrlidi» 
keit der Männer gesdiüizc werden müssen und wo die Blutradie das Redits- 
bewußtsein Seherrsdii, daher gehört aber audi zum Don juan-Typus, wie Hedtel 
hervorhebt <S. 119), der stete Kampf gegen die sitllidie Weliordnung, ohne den 
der Held alle Daseinsbereditigung verloren hat. 



172 Dr. Ollo Rank 



gang: Er wird selbst von der stets anwaAsendcn Rädierbande 
verfolgt, wie der Urvater von der Horde und erliegt sdiliefilidi 
der iiarzißtisdi bedingten Vcrgeltungsangst, die aus einer soldien 
Identifizierung regelmäßig folgt. 

Es ist nun bemerkenswert für die hcroisdie Pliantasiebildung, 
daß unser Held gerade in dem Punkte, in dem er nodi Heros 
geblieben ist und der seine besondere Cliaraktcristik ausmadit, 
audi der lügenhaften Übertreibung des typisdien Märdicnbefden 
verfällt. Indem er für die Brüderliorde das eigene heroisdie Ich, 
das Idiideal derselben einsetzt, übertreibt und vcrvielfadit er nicht 
wie der alte Heros in seinen Heldentaten die Urtat, sondern er 
übertreibt und vervielfacht seinen gewünschten Erfolg: die £,ahl 
derUrhordenweiber, die er sich erobert. Die tausendunddrei Frauen, 
die er statt der einen eroberten Frau des Heroenmythus und des 
Volksmärchens einsetzt, verraten den lügncrisdien Charakter dieser 
Wunschphantasie durdi ihre ins andere Extrem übertriebene 
Prahlerei, in der wir aber nodi ein Stüdi der urgcsdiichllidien 
Situation durchsdiimmern sehen. Indem er statt der vielen Helfer 
einen unersdirockcnen Helden, nämlidi sich selbst, einsetzt, setzt 
er zugleidi an Stelle der einen Frau die vielen Frauen. Wir sehen 
hier, durdi weidien Medianismus der den Don Juan eigentlich 
charakterisierende Zug entstehen konnte; indem der Dichter aus 
der Brüderhorde durch extremste Ausgestaltung der Wunsch- 
phantasie eine Weiberhorde madit. Die Rcihenbildung der weih- 
lidien Sexualobjektc geht also aus der wunsdicrfüllcndcn Um^ 
deutung des störenden Brüderclans hervor ^ 

1 Hier ist der Punkt, um der iiomosexuellen Komponente zu gedenken, 
die wir analytisdi so häufig '" «Jen Don Juan-Typen linden und um deren Auf- 
spürung sidi besonders Stckel bemiilit iiat. Das genetisdic Verständnis verdanken 
wir Freud, der als Voraussetzung der heroisclien Einstellung die Loslösung des 
einen Individuums aus der homosexuellen Libidobindung der Masse erkannt hat: 
daher bekommt der Held audi immer das Weib allein. Der Einordnung .in den 
Brüdcrclan enrsprädie der gemeinsame Besitz derselben Frau, ein Motiv, das )a 
an der enlsdieid enden Stelle des Don Juan-Dramas im Vcrbältnis des Helden 
zu Leporelio durdibridit. _ 

Es ist bemerkenswert, daß Holtei in seine 1834 anonym crsdiicnene Uon 
Juan-Phantasie die Homosexualität hineinbringt, und zwar in der seltsamen 
Figur des im Wahnsinn endenden Bildhauers Johannes, der als Erzieher Don 
Juans, diesen seiner Leidensdiaft gefügig madien will, aber von ihm mit Spott 
zurückgewiesen wird. Ein persönliches Motiv des Dichters findet Heckel <S. 44) 
in einer Stelle aus Richard Wagners nadigelassener Selbstbiographic, worin der 
Dichterkomponist die zudringlidien Liebeswerbungen Holtcis um seine Frau als 
Dedvmotiv für dessen homosexuelle Neigungen erklärt. <R. Wagner: >Mein 
Leben*. Mündicn 1911, S. 184.) 



Die Don Juan^Oestalt 173 



Daraus erklärt sidi auch, -warum der ursprünglidie Don Juan- 
Typus durchaus kein Liebling der Frauen ist, sondern ein teils 
gewalttätiger, teils listiger Verführer, der vor keinem Kampfmittel 
zur üdisdi redet und also eigentlidi gegen die Frauen kämpft wie 
gegen die Männer, Die Frau spielt hier nidits weniger als die 
heroisdie Rolle der Helferin, vielmehr ist sie die eigentlidie Ver^ 
folgerin und Rädierin seines Frevels. 

Die Don Juan-Piiantasie sdieint also unsere Vermutung zu 
bestätigen, daß in der Urgesdiidite der Sohn den Vater keines^ 
wegs mit Hilfe der Mutter überwunden hat. Vielmehr blidit darin, 
wenn wir sie ernst nehmen, das Geständnis durdi, dal) der Held 
auA gegen die Mutterfigur zu kämpfen hat, ja mitunter durdi sie 
zugrunde geht. Erst wenn es ihm audi gelungen ist, nadi Beseitig 
gung des hemmenden Urvaters das Weib sexuell zu bezwingen, 
war sein Sieg vollendet. Wie sdiwer er darum zu kämpfen hatte, 
davon geben die zahllosen weiblichen Ungeheuer der Mythe, von 
der babylonisdien Urmutter Tiamat über die Sphinx bis zu den 
weiblidi gedaditen Vampiren des heutigen Griechenland ein ebenso 
beredtes Zeugnis, wie die übermäditig^gefahrlidien Frauengestalten 
der Sage von Judith und Brünhilde bis zu Isolde, die in Wagners 
elementarer Diditung die Urformel für die weiblidie Radie findet: 

'Da die Männer sidi all ihm vertragen. 
Wer muß nun Tristan sdilagen?« 

Über die Motive dieser negativen Einstellung der Frau, die 
unserem heroisdien Ideal und seiner romantisdien Karikatur so 
stark widerspricht, können wir aus den wenigen Brudistüdten ent^ 
stellter Überlieferung und analytisdier EinsiAt nur Vermutungen 
wagen, die jedodi innerhalb eines weiteren Zusammenhangs 
psycho logisch er Wahrheit stehen. 

Wie uns audi die Neurosenpsydiologie aufs eindringlichste 
lehrt, bleibt das Weib, trotz aller Abneigung gegen die gewalt= 
tätige Vorherrsdiafc des Urvaters, dodi immer stark libidinös an 
ihn gebunden und hat anderseits die begreiflidie Neigung, die 
durch seinen gewaltsamen Tod plötzlich gewonnene Freiheit nicht 
sogleidi wieder an seinen Nachfolger zu verlieren, mag sie ihn 
noch so sehr bewundern. Nun gibt es aber in der Brüder- 
horde gar keinen direkten Nachfolger des Vaters, wie es keinen 
»Helden« gab/ im Gegenteil gelangt das Weib, nadi Freuds An- 



174 Dr. Otto Rank 



nähme, durch die einander hemmenden »Brüder« von selbst in 
eine überlegene Stellung, die sie offenbar zu befestigen sudit 
(Mutterrecht,- Weibe rherrsdiaft). Nodi heute sehen wir Nadi- 
■Wirkungen dieses Zustandes, beispielsweise im chincsisdicn Redit, 
wo die Mutter mit dem Tode des Vaters aus ihrer niditssagenden 
Rolle in die hödiste Machtstellung tritt, die eine Frau überhaupt 
erhalten kann^ Man könnte geradezu sagen, daß sie die Stelle 
des Vaters selbst einnehme, wenn nidit der Ahnenkult auf den 
Sohn überginge/ sonst aber erwirbt sie das dem väteilidicn gleidi- 
stehende Verfügungs recht über Person und Besitz der Kinder. 

Vielleidit läßt sidi aber daraus vermuten, daß ebensowenig 
wie es einen »Helden« in der Urgesdiidite gab, audi nodi nicht 
die »Mutter« als solche existierte, sondern erst in einem bestimmten 
Moment auf den Plan tritt, indem aus der Zahl der wenig diffe- 
renzierten Urhordenweiber eine sidi demjenigen der Brüder wider* 
setzt, der Anstalten machte, sich allein in den Besitz der früheren 
väterlichen Madit zu bringen. Es würden sich also sozusagen auch 
erst in der Folge der Urtat diejenigen individuellen Gefühls= 
beziehungen aus der Massenpsychologie herauskristallisieren, die 
wir späterhin in den Begriffen »Vater« und »Mutter« verdiditet 
finden: Der ErsAlagene und Bereute liefert den psydiologisdien 
Inhalt des Vaterbegriffs, die Begehrte und Unerreidibare den der 
Mutterbeziehung, Die Frau, die so psychologisdi in die Mutter- 
rolle vorrüciit, wird dies wohl auch einer aktiven Anteilnahme zu 
verdanken haben. Sie mag wohl eine Art Favoritin des Beseitigten 
gewesen sein, anderseits vielleidit audi ein Weib, das - durdi 
spätere Vernadilässigung gereizt - die negativen Gefühlsbeziehungen 
gegen das rücksichtslose Hordenhaupt mobilisiert hatte und darum 
eines der männlidien Kinder vor der Verfolgung des grausamen 
Männdiens sdiützt, um es zu seinem Befreier und Rächer zu 
erziehen. Dieses Attadiement im Sinne des »Anlehnungstypusc 
<Freud> mag vielleidit im Sinne der individualpsydiologisdien Ent« 
widtlung aud\ in der Urgesdiidite den ersten Keim zu einem 
Mutter-Sohn-Verhältnis gelegt und den so Gesdiützten jene 
Vorzugsstellung suggeriert haben, die sie ermutigte und audi 
befähigte, den Kampf gegen den Urvater aufzunehmen und zu 
bestehen. Während der Sohn also aus eindeutigen libidinösen 

> >Über das Frauenlebcn in China,« Von Dr. F. Krause (Heidelberg), 
Deutsdie Revue, Man J922. 



Die Don Juan-Ges:alt 175 



Motiven handelt, sind diese bei der Frau insofern von Anfang 
an stark ambivalent, als sie libidinös immer an den Urvater fixiert 
bleibt, anderseits nacb dem jungen potenteren, aber audi anhäng= 
licheren Manne verlangt, dem sie sidi jedodi nur unterordnen 
kann, wenn iiim die Identifizierung mit dem Urvater gelungen ist, 
wie in der heroisdien Phantasie. In Wirklidikeit gelangt runädist 
keiner der »Brüder« zur vollen Vaterrolle und so bleibt für die 
aktive, sexuell vielleidit nidit mehr ganz reizvolle Frau der Weg 
offen, die »revolutionären« Söhne nur als Werkzeug zu benützen, 
um siA selbst als Revolutionärin die Maditstellung der »Mutter« 
zu erobern. Als Eeidien der väterlidien Madit, sozusagen als 
Zepter der Libido, ersdieint in den mytlJisdien Überlieferungen 
der väterlidie Phallus, der abgesAnitten wird und unauffindbar 
bleibt, weil er — wie die Überlieferungen offen eingestehen — 
versdilungen worden war und nur im Ersatzbild weiterlebt und ver- 
ehrt wird'. Der die gesamte Antike beherrsdiende Phalluskult 
ist der Rest dieses wcibliAen Idols, für das die Frau Anbetung 
im Namen des Urvaters verlangte, 

Diese besondere Bedeutung in der Kult- und Religions- 
gesdiifhte der Menschheit verdankt das Eeugungsglied vermulIiA 
dem Umstand, daß es — nebst dem warmen nahrhaften Blut des 
Ersdilagenen <VampirgIaube> — der Anteil war, den das Weib 
sidi auf Grund ihrer Sexualrolle an der grausigen Totemmabizeit 
sidierte. Dafür spredien nidit nur Überlieferungen wie die der 
ägyptischen Isis, die noch nach dem Tod des Gatten durch den 
verschlungenen Phallus befruchtet wird, und die entsprechenden 
Bräuche der »Totenhochzeit« {Naumann, S. 38>, sondern auch die 
für das Märchen geradezu typische Befruchtung durch den Mund, 
die in den unbewußten Phantasien der Menschen bis auf den 
heutigen Tag als infantile Wunschtendenz fortlebt. Anderseits 
entspringt aus der gleichen Wurzel die Vorstellung vom Weib 
mit dem Penis, gleichfalls eine typische infantile Sexualtheorie der 
Völker und des Einzelnen. 

Aber vielleicht hat sich in dieser freien Rekonstruktion des ur= 
zeitlichen Frauenschicksals unsere Phantasie auf einen zu unsidieren 
Boden vorgewagt. Sehen wir darum zu, was denn die hiefür kompe- 
tenten Don Juan=rDichtungen über die Rolle der Frau zu sagen haben. 



' Vgl. des Autors Abhandlung: »Die Matrone von Ephesus.« 



176 Dr- Otto Rank 



VIII. 

Wir sind im Begriffe, die Diditer als Zeugen für unsere 
psydiologisdie Deutung zu zitieren, haben aber das Bedürfnis, 
uns vorher ganz allgemein Rediensdiaft darüber zu geben, inwie= 
weit dies gestattet und fruditbar sein kann. Die PsyAoanalysc 
hatte sdion wiederholt Gelegenheit, in den Sdiöpfungen bedeutender 
Künstler wertvolle Bestätigungen für ihre Auffassung seelisdier 
Vorgänge zu finden, die vom Diditer oft intuitiv geahnt oder 
gesdiaut, in künstlerisdier Form dargestellt werden. Den tieferen 
Bedingungen dieser Beziehung nadizugehen, war eines der ersten 
Probleme der angewandten Analyse S dem sie seither gelegentlidi 
im Detail nadigegangeii ist. Es zeigte sidi dabei zu unserer Qber= 
rasdiung, daß die diditcrisdie Phantasie viel weniger frei sdialtet, 
als wir anzunehmen geneigt sind, und daO sie in sdieinbar ganz 
individuellen Sdiöpfungen dodi stark an gewisse unbewunte Vor- 
bilder gefesselt bleibt, die man vielleidit besser als Urbilder be= 
zeidinen könnte. Dabei ereignet es sidi nidit selten, '- wie übrigens 
audi auf dem Gebiet der sogenannten Volksdiditungen — daß 
spätere Diditer bei der Ausgestaltung und Verinnerlidiung ge= 
wisser Motive deren ursprüngiidien psydiologisdie n Sinn wieder^- 
entdeden und so gewissermaßen zu unwillkürlidien und unge= 
wollten Vorläufern der Psydioanalyse werden. Die größten Diditer, 
weldie die Konsequenz und die Feinheit der psydiologisdicn Moti- 
vierung über alle anderen Forderungen hinweg zum Inhalt ihres 
Sdiaffens madien, überbrühen auf diese Weise, nadi einem treffenden 
Worte von Ferenczi, die Latenzzeit in der Entwiddung der Mensdi« 
heit, die durdi Übersdiätzung der materialistisdien Weltauffassung 
zwisdien dem primitiven Animismus und unserer analytisdien 
Psydiologie entstanden ist. Nur untersdieidet sidi dieses StüA 
Künsderpsydiologie von der analytisdien dadurdi, daß es in dem 
allmählidi fortsdireitenden Surüdtgreifen auf die Ursprünglichkeit 
der entstellten Motive zugleidi die Deutung derselben in der ihm 
eigentümlidien synthetisdien Form gibt, während unsere Psydiologie 
sidi - ihrer analytisdien Tendenz entsprediend - bemüht, diese 
beiden Faktoren auseinanderzuhalten und in ihrer gegenseitigen 
Bedingtheit zu verstehen: d, h. Motiv und Deutung in wissen- 
sdiaftlidier Nüditernheit voneinander zu sondern. 

1 Rank: »Der Künstler. Ansätze zu einer Sexual psydiologie«. Wien und 
Leipzig 1907. (Zweite und dritte Auflage. 1918.) 



Die Don Juan-Gestalt 177 



Weldie widitige psydiische und soziale Funktion die Dicht- 
kunst dabei erfüllr, \s'erden wir im Sdilußabsdinitt zu untersudien 
haben. Jetzt wollen wir an dem eigentlidi donjuanesken Charakter 
des Helden, seinem Verhältnis zu den Frauen, verfolgen, weldie 
Deutung die Dichter diesem Motiv im Laufe der künstlerisdien Ent^ 
widdung des Stoffes gegeben haben. Im Burlador tritt bloß sein 
frevelhaftes Spiel mit Fraiienherzen hervor. »Von Liebe ist gar 
keine Rede. Das Treibende ist das ehrgeizige Streben, zu verführen 
oder einem anderen den Rang abzulaufen, Mitleid mit dem Ent'^ 
ehrten kennt er nidit . . . Die Wege, auf denen er sdn Ziel zu 
erreidien sucht, sind freilidi nidit allzu fein. Bei der Herzogin 
Isabella und Donna Anna de Ulloa sdileidit er sidi iiadits in der 
Maske des Geliebten ein, die unwissenden Naturkinder Tisbea 
und Aminta gewinnt er durdi die Vorspiegelung späterer Heirat, 
Wirklich geliebt wird er von keiner« (Hediel, S. 9 f.>. Diese ur^ 
sprünglidie und asoziale Don Juan^RoHe, die der Situation einer 
urzeithdien Weiberhorde in ihrer heroisdien Phantasiegestaltung am 
nädisten steht, haben die späteren Diditer, denen ein soldier 
Charakter offenbar zu roh und unmensdilidi sdiien, allmählidi in 
sentimentaler Weise verfälsdit, indem sie die Liebe, ja sogar die 
Ehe hineinbraditen. Den ersten Sdirltt zu dieser Verbürgerlichung 
des Helden bedeutet Molieres Diditung, in der Don Juan aus 
seiner heroisdien Verruchtheit zu einem ausschweifenden französi^ 
sehen Edelmann seiner Zeit geworden ist. Er kennt die Liebe 
zwar ebensowenig wie der Burlador, hat aber Elvira aus dem 
Kloster entführt und sie geheiratet. Nachdem er sie verlassen 
hatte, reist sie ihm nach und versucht, aufs neue enttäuscht, ihn 
als ernste Mahnerin zur Umkehr vom Wege des Lasters zu be- 
wegen. »Dieser Zug von Icidensthaftsfreier, wunsdiloser Liebe 
vor allem hebt Elvira so hoch über alle anderen Opfer des Ver= 
Führers hinaus, auch über die Herzogin Isabella im Burlador, in 
der man eine Vorläuferin Elviras sehen wollte.« Bei Meliere ist 
es, wie Hedtel weiter bemerkt, »das erstemal, daß sich Don Juan 
einer so stolzen, hoheiisvollen Frauengestalt gegenübersieht«/ 
das erstemal, wie wir betonen möchten, daß sich aus der Reihe 
der für ihn gleichwertigen oder gleich minderwertigen Frauen eine 
überhaupt heraushebt. 

Die nädiste deutliche Stufe dieser Entwicklung erblicken wir 
in der Gestaltung von Mozarts Textdiditer Da Ponte, der »Donna 

Imago Vlll'2 12 



178 Dr- 0"° ^^"-^ 



Anna zur Hauptträgerin einer Gegenhandlunß niaditc und so 
Mozart zur Schöpfung seiner vollendetsten Frauengestalt Gelegen- 
heit bot« . . . »Im Burlador und nod^ bei Gazzaniga versdiwindet sie 
nadi dem Tode ihres Vaters für immer von der Bildflädie. Die 
große, Don Giovanni ebenbürtige Persönlidikeit hat erst Mozart 
aus ihr gemadit. Aber sie ist Giovanni so unähnliA wie nur 
möghdi. Sic ist die eigentlidie Vertreterin und Rädierin des ver^ 
letzten Moralgesetzes,- ihre Triebfedern sind ihr jungfräulidies 
Ehrgefühl und die Liebe zu dem ermordeten Vater. Sinn*- 
liehe Leidenschaft ist ihr ganz fremd« (I. c. 24). 

Spätere Diditungen, die es auf eine straff dnrdigeführte 
Handlung abgesehen hatten, begnügten sidi allmählidi mit immer 
\s'eniger Geliebten, Grabbe sogar mit einer einzigen, während 
Tolstoi nur das Verhältnis zu Donna Anna darslellt und Rittner 
<in seinem Don Juan-Spiel »Unterwegs«, 1909> gar in seinem 
Widerpart Leporello den treuesten Ehegatten personifiziert. 

Wir sehen also den ursprünglidien Don Juan-^Typus im Laufe 
seiner diditerisdien Entwiddung den Weg vom rudiloscn Frauen- 
verführer zu einem romantisdi und sddieOIidi bürgerlidi Liebenden 
zurüdilegen und damit an einem Punkte endigen, wo die heroisdie 
Lüge zugunsten der romantisdien Verklärung aufgegeben, zugleidi 
damit aber audi der Charakter des eigenilidien Don Juan verwisdit 
wird. Der Held selbst ist, wie Lenaus Darstellung am besten 
seigt, »nidit mehr ein genialer Verbredier, sondern ein um sein 
Ideal Ringender und Kämpfender,- nidit mehr einer, der aus Ent= 
täusdiung und Überdruß sein Streben nadi dem Hödisten aufge- 
geben hat, sondern ein Sudicr sein Leben lang« (Hedtel, S. 82>. 
»Mein Don Juan«, sagt Lenau selbst, »darf kein den Weibern 
ewig nadijagender heißblütiger Mensdi sein. Es ist die Sehnsudit 
in ihm, ein Weib zu finden, weldies ihm das inkarnierte Weibtum 
ist und ihn alle Weiber der Erde, die er denn dodi nidit als 
Individuum besitzen kann, in dieser einen genießen madit.« 

Indem die Diditer in die Ursituation der Reihenbiidung die 
Mutterfigijr aus dem psydiologisdien Bedürfnis der Verleugnung 
in den Stoff hineinbringen, riditeii sie den Helden diarakterologisd» 
zugrunde, ja, lassen ihn oft genug audi physisdi an der einen 
geliebten Erau zugrunde gehen. Hieher gehören die zahlreidien 
späteren Diditungen, in denen Don Juan von der Hand einer ver- 
lassenen Geliebten den Tod findet, was seinem Charakter so un- 



Die Don Juan-Gestalt 179 



angemessen wie nur möglidi ist, aber ein bedeutsames Motiv der 
von uns rekonstruierten Urgcsüdite ■wiederholt: nämlirfi daß die 
Eifersudit der Einzigen die Wiederholung des polygamen Ur= 
typus unmöglidi madit, In der mahnenden Rolle der Donna Elvita, 
die als Vertreterin des verletzten Moralgesetzes in die Fußstapfen 
der den Vatermord rädienden Urmutter tritt, erkennen wir leidit 
die den hemmenden Vater ersetzende Mutterfigur. In der Gestalt 
der Donna Anna wird nodi ein Stüdi der ursprünglidien Moti« 
vierung deutlidi. Es ist die ambivalente Einstellung der Toditer 
zu dem ermordeten Urvater, die sie in dem Mörder teils den 
Befreier und neuen Geliebten begrüfien, teils (ien sdiwädieren 
Ersatz für das verlorene Urobjekt veraditen und verfolgen läßt. 
Jn diesem urgesdiiditlidien Sinne wird die Toditer nidit bloß zur 
bösen, sondern audi zur untreuen Mutter, von der möglidiera 
weise dieser Zug auf den Don Juan=Typus selbst über« 
gegangen sein mag, In den späteren Diditungen finden sidi 
Spuren dieser untreuen Mutter, wie bei Holtei und Byron, die 
dem Helden eine flatterhafte Mutter geben, oder wie bei 
Pusdikiii, wo Laura geradezu so untreu und leidiifertig ist wie 
der Held selbst. 

Die ganze urgcsdiiditlidie Rolle der bösen Mutter und des 
von ihr betrogenen Helden sdieint in einer der jüngsten, aber 
geistreidisten Don Juan=Bearbeitungcn, ßernard Shaws sMan and 
Superman« (London 1903), unter der Maske einer ins Karika« 
turistisdie gewendeten Antiromantik nodi einmal w'te in einer 
letzten Blüte zu kulminieren. Der Held, ein englisdier Gentleman 
und theoretisdier Revolutionär, kämpft mit allen Mitteln moderner 
Weltansdiauung und Tedinik gegen das unabwendbare Sdiidisal 
von Donna Anna gegen seinen Willen geheiratet zu werden. Seine 
Philosophie, die auf der Sdileditigkeit und Gefährlidikeit des Weibes 
beruht, kann ihn letzten Endes nidii vor dieser irdisdien Hölle 
sdiützen, mit der verglidien die edite Hölle des alten Don Juan, 
die er im Traume sieht, weit angenehmer als selbst der Aufent- 
halt im Himmel ist. Er weiß^ daß die Frau die Herrsdiaft über 
den Mann anstrebt und audi erreidit, ist sidi klar, daß sie den 
Mann nur als Instrument ihrer Naturaufgafae benützt und kann 
sidi nidit genug tun in der Häufung redit urzeitlidi anmutender 
Vergleidie der Frau mit einer Spinne, die den Mann ins Netz 
\o6itj um ihm das Blut auszusaugen, mit einer Boa constrictor, 

12« 



180 



Dr. Otto Rank 



die ihn unlöslich umfängt und wilden Raubtieren, die in ihm eine 
wehrlose Beute vcrsdilingen. 

Vielleidit wird man es nidit geredit fertigt finden, aus soldien 
Andeutungen einer sdieinbar ganz anderen Absiditen dienenden 
Diditung Schlüsse von so weittragender Art zu ziehen. Doch ist 
zu bedenken, daß es siA dabei um Ausläufer von einander über- 
sdineidenden Entwiddungslinien handelt, deren Verlauf wir auf 
das Wirken ganz bestimmter, weitumfassenden seelischen Gesetz- 
mäßigkeiten zur üdtzu fuhren geneigt sind, deren Darstellung und 
Begründung zu weit über den Rahmen dieser Untersudumg hinaus- 
führen würde. Unser Interesse geht jetzt in einer anderen Riditung 
weiter. NämliA hinter der diditerisdien Konservierung und fort- 
sdireitenden Verdeutlidiung der Motive die parallel laufenden 
dynamisdien Vorgänge zu verfolgen, wcldie die eigentlidic Trieb- 
kraft für die künstlerisdie Produktion abgeben und in ihrer 
affektiven Wirkung eine der widuigslen sozialen Funktionen der 
Diditkunst begründen. 



IX. 



LE DIAhLE: 
le crols que tu lis trop cc iiii'on icrii Sar ioil 

Rosiatid. 



Na6dem wir den psydiologisdien Motiven der Ursprung- 
lidien Don Juan-Gestalt von ihren urgesdiichtlidien Wurzeln bis 
in ihre letzten diditerisdien Ausläufer nachgespürt haben, verbleibt 
uns die Aufgabe, die individuelle künstlerisdie Gestaltung und 
Wandlung des Stoffes von seinem mittclalterlidien Ausgangspunkt 
im diristlidien Sündenbegriff zu verfolgen. 

Die älteste Darstellung Don Juans in der Weltliteratur ist 
eine um die Wende des sedizehnten Jahrhunderts entstandene, 
sdieinbar verlorene spanisdie Komödie, von der wir im »Burlador 
de Sevilla« eine wenig veränderte Fassung besitzen. Dieses Werk 
wurde die längste 2eit dem fruditbaren Lustspicldiditcr und Möndi 
Fray Gabriel Tellez - der unter dem Namen Tirso de Molina 
bekannt wurde - zugesdirieben ,■ dodi ist ncuestcns diese Autor- 
sdiaft zugunsten des großen Calderon angezweifelt worden. Für 
uns ist die Frage wenig bedeutsam, denn in jedem Falle kennen 
wir vom ersten Diditer und Sdiöpfer des Don Juan nidit viel 
mehr als die allgemeinsten, in der Zeit und seinem Werk ge- 



Die Don Juan-Gestalt 181 



gebenen Umrisse seiner Persönlichkeit. Aus diesen dürftigen Daten 
ließe sidi hödistens vermuten, was den nidit näher bekannten 
Diditer an dem überlieferten Stoff vom Steinernen Gast angezogen 
haben mag, der bereits vorher im »Infamador« des Juan de la 
Cueva — 1581 in Sevilla aufgeführt — und in den Leontius^ 
spielen mit krasser Herausarbeitung der grausigen Elemente be= 
handelt worden war. Während aber dort der Held im Sinne des 
gewöhnlidien rudilosen Bösewidits dargestellt war und der Tote 
einfadi kommt, die ihm zugefügte Beleidigung zu radien, ist im 
Burlador sowohl der Frevel ins Erhabene gesteigert wie audi die 
Strafe als Werkzeug der ewigen himmlisdien Gereditigkeit aufge^ 
faßt. Daß dieses ethisdi=religiösc Moment den Diditer der strenge 
gläubigen Burladorzeit zur Bearbeitung des überlieferten StotTes 
vom rädienden Toten bewogen hat, ist wohl ein zu allgemeines 
und dürftiges Motiv, um einer diditerisdien Individua!=Analyse zu» 
gründe gelegt zu werden. Zum Glüdt kommt uns in dieser Ver= 
legenheit eine zweite, wesentlidi interessantere Frage zu Hilfe, wie 
nämiidi der Diditer zur Gestalt des Don Juan und zu seiner Ver= 
knüpfung mit der Sage vom rädienden Toten gekommen sein mag? 
Diese Frage ließe sidi aber wieder nur auf Grund einer 
intimen Kenntnis der PersÖnlidikeir des ersten Diditers beantworten, 
die uns versdilossen bleiben muß. Wir glauben jedodi in unserer 
Analyse der Motive einen Weg gegangen zu sein, auf dem uns 
die Lösung dieses Problems als unerwarteter Nebengewinn bereits 
mühelos in den Sdioß gefallen ist. Es handelt sidi nur um die 
konsequente Anwendung des in der Verfolgung einzelner Motive 
bewährten »Verdeutlidiungsprinzips« der diditerisdien Gestaltung 
auf das Ganze der Diditung selbst. Aus dem analytisrfien Ver- 
ständnis der mensdilidien Urangst vor dem rädienden Toten hat 
sidi uns jener urgesdiiditlidie Frevel ergeben, den wir in der 
Phantasiegestalt des Don Juan verkörpert fanden. Mit anderen 
Worten, der erste Diditer des Don Juan — mag er sidi nun an 
eine historische Persönlichkeit gehalten haben oder nidit — hat in 
dieser unsterblidien, aber wie sidi zeigt so wandlungsfähigen 
Gestalt seines Helden sozusagen die psydiologisdie Deutung der 
Radie des Toten gegeben: er hat zur überlieferten Strafe aus 
einem mäditigen persönlichen und säkularen Schuldbewußtsein heraus 
das psydiologisch entsprediende Verbrechen hinzuphantasiert. Ja, 
es ist uns sogar gelungen, die gerade den Don Juan diarakteri- 



1S2 Dl' Otto Raule 



sierencie Form der Odipus=Einstel!ung: nämlidi die äußerste 
Verhöhnung des Getöteten mit der Einladung zu seinem Gast- 
mahl, sowie die Reihcnbildung der Scxualobjekle aus der Lir- 
situation selbst z>Jt'ang!os abzuleiten. 

Der Burlador gibt nun die fertige Umarbeitung des Urstoffes 
im Sinne der extremsten Wunsdiphantasie, er ist sozusagen die am 
Beginn der »diditerisdicn« Individualpsydiologie stehende heroisdie 
Gestalt, während die späteren Diditungen na6 vcrsdiiedener Ridi- 
tung der niärdienhaFten Ausgestaltung zu entsprcdien sdieinen: 
sowohl im Durdibrudi ursprünglidierer verdrängter Züge einer^- 
seits, in ihrer künstlerisdien Interpretation anderseits, und nidit 
zuletzt in einer fortsdireitenden Entwertung des Stoffes, welche 
der Überwindung des Schuldgefühls eiitspridit, dessen Ver- 
leugnung der Urtypus des Don Juan repräsentiert. 

Denn der »Burlador« ist eben der »Spötter«, der in der 
komisdieii Figur seines Dieners des Gewissens spottet, das dieser 
seihst darstellt, und dessen Bntwertungstendenz allen sittlidieii und 
seelisdien Werten gegenüber sidi bis zur euphemistisdien Negieruiig 
des Todes versteigen will, mit dem er lustige Brudcrsdiaft zu trinken 
versudit. Der psydiologisdie Sinn der Handlung wäre demnadi, zu 
zeigen, daß der Mensdi alle äußeren Mädite zwar heldenhaft zu 
bestehen vermag, daß er aber an inneren Hemnningen sdieitert, 
die sidi in seinem Idiideal, seinem Gewissen, seinem Sdiuld* 
gefühl und der Vcigellungsaiigst manifestieren. Wir haben audi 
darauf aufmerksam gcmadit, wie diese latente Strafrendcnz in der 
weiteren Entwiddang der Stoffgestaltung durdi Häuftmg der Ver- 
bredien immer deutlidier wird »und in der Tat sind last alle Don 
Juans aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts . , . wenig 
mehr als gemeine Verbrediernaturen« <Hed\e!, S. 68>. In otfeiibarem 
Zusammenhang damit verliert die eigentlidi lustvolle Wunsdi^ 
phantasie des erotisdi Hemmungslosen Zug um Zug von ihrer 
Ursprünglidikeit und Ungebundcnheit, um sdiÜcßlidi zu einem 
diarakterologisdien Verenden und Aussterben des Urtypus zu 
führen, der ganz im Sinne des Neurotikcrs an seinem übermäditig 
gewordenen Sdiuldgefiihl zu sdieitern droht. 

Hier kommt ihm nun die psychologlsdie Interpretationskuiist 
der Diditer zu Hilfe, um ihn durch den Prozeß der Entwertung 
vom Sdiuldgefiihl zu entlasten und nodi für eine Zeitlang eine 
Sdieinexisteiiz zu ermöglidien. 



Die Don Juaii=Gestalt 183 



Es kann uns nadi allem, was wir über die psydiologischen 
Bedingungen der diditerisdien Produktion erfahren haben, nidit 
wundern, wenn dieser Prozeß der künstlerischen Verdcuilidiung 
eines Stoffes vielfadi an die analytisdic Deutung erinnert. Die 
künstlerisdi^synthetisdie Darstellung des Don Juan^Stoffcs kuImi-= 
niert in Mozarts unsterblidiem Meisterwerk, wo das Sdiuldgefühl 
so mäditig durdibricht, dafi es einerseits zu seiner deutlidisten 
Manifestierung im Vaterkomplex führt <dcr Komtur), anderseits 
zur vollkommenen Hemmung der ursprünglidi ungebundenen 
Libido am verbotenen Mutterobjekt, wodurdi denn audi die 
ganze Frauenreihe für den Helden unerreidibar bleibt, 

TatsäAIidi zeigt sidi audi, daß die diditerisdie Gestaltung 
des Stoffes, auf diesem Punkt der Verdeutlidiung des unbewußten 
seelisdien Gehaltes angelangt, einer weiteren Entwidtlung in dieser 
Riditung nidit mehr fähig ist. Von da an beginnt denn audi wirk= 
lidi die eigendidie psychologische Interpretation der Don 
Juan=GestalL, die Hediel in Deutsdiland mit E. T. A. Hoff= 
mann, in Frankreidi, unter dem Einfluß Hoffmanns, mit Alfred 
de Musset beginnen läßt und die in der am Ende des neim=' 
zehnten Jahrhunderts durdigedrungeiien Auffassung gipfelt, »die 
in Don Juan nidit mehr bloß den großen Frevler sieht, sondern 
einen kämpfenden und ringenden Menschen, dessen Treulosigkeit 
aus seinem Sudien nadi dem idealen Weibe und seinem über= 
mäditigen Triebleben entspringt« <l. c, S, 65). Wenn Hedtel diese 
Auffassung »die erste psydiologisdie Erklärung des Don Juan- 
Problems« nennt, weil sie zum erstenmal die Frage stellt und zu 
beantworten sudit: »Wie wurde Don Juan der, der er ist?« 
<S. 70), so könnte man sie in ihrem Ergebnis fast als eine psydio- 
analytisdie bczeidinen, da sie die heroisdie Lüge, allerdings im 
Lidife einer romantisAen Verklärung, auf rein mensdilidie Süge 
reduziert. Damit zerstört sie zugleidi den eigentlidien Charakter 
des Helden und dies ist wohl audi die Erklärung dafür, daß 
Hoffmanns Auffassung so zahlreidien und heftigen Widersprudi - 
sogar bei seinem liebevollen Biographen Ellinger - gefunden hat. 

Es ist nun interessant zu verfolgen, wie die poetisdicn Er= 
klärungsversudie des Don Juan=Charakters eigentlidi dem analyti- 
sdien Deutungsverfahren cntspredieii, mit dem einen Untersdiied, 
daß sie das Resultat der Deutung als neues Darstellungsraotiv zu 
verwerten sudien. Wir erfahren dabei, wie sidi die Diditer die 



184 Dr. Otto Rank 



Entwicklung dieses tertig in die Literatur eingetretenen Charakters 
vorstellen und gewinnen den Eindrudt, daß ilinen dies offenbar in 
Verfolgung desselben Weges gelingt, den bereits der erste Don Juan= 
Diditer eingcsdilagen hatte: indem sie nämlidi aus ihrem eigenen 
Unbewußten die psydiologisdie Motivierung erraten. Es kann uns 
daher nidit wundern, wenn in diesen sozusagen weiterwudiernden 
Phantasien über den Don Juan an dieser oder jener Stelle ver- 
sprengte Stüdte der lirmotive wieder auftaudien. Wollte man dies 
im Detail verfolgen, so ließen sidi fast Gruppen von Motiven 
formulieren, die man geradezu mit den Termini »anamnestisdi«, 
»ätiologisdi« und »symptomatologisdi« bczeidinen könnte. Zu den 
ersten gehört beispielsweise die detaillierte protokollhafte Sdiilderung 
von Don Juans Kindheit in dem elfbändigcn Roman von Felicien 
Mallefille <»Les memoires de Don Juan.« Paris 1847), der die Kind^ 
heit des Helden mit einer überreidien Phantasietätigkeit und einem 
vorzeitigen Liebesleben ausstattet, das ihm früh die Liebe als unbe^ 
friedigend ersdieinen läßt. Als Prototyp der ätiologisdien Motivierung 
wäre die Diditung Byrons zu nennen, der den Helden unter dem 
Einfluß einer überzärtlidien Mutter und eines untreuen, geradezu 
donjuanesken Vaters aufwadisen läßt, über dessen Seitensprünge 
die Mutter ein »Register« führt. Diese Identifizierung mit dem 
Vater findet dann in dem ersten Liebesabenteuer des sexuell 
unaufgeklärten Helden mit einer deutlidi ungetreuen »Mutterfigur« 
diditerisdien Ausdrudi und setzt sidi in den heroisdi angehäuften 
Rettungen des Helden durdi zärtlidie Frauen fort'. In Darstellung 
eines anderen typisdienÖdipus=Sdiidisals läßt Julius Hart den Helden 
in seiner ersten reinen Liebe enttäusdit und verraten werden". Und 
Holtei führt diese Enltäusdiung mit aiialytisdier Konsequenz bis 
auf die erste Liebcsenttäusdiung an der Mutter zurüdi, indem 
er den Helden zur Frudit eines Fehltritts seiner Mutter madit, 
was ihm bekannt ist und der Motivierung seines Charakters dient, 
<»Du wirst dodi nidit verlangen, daß idi ein Tugendbold werden 
soll, weil du mir entdeckt hast, daß idi dein Bastard bin?«) 

Sehen wir in der Ätiologie das Ödipus-Motiv auftauten, so 
zeigt folgeriditig audi die Symptomatologie die gleidien Züge, 



' Es ist beaitenswert, wie in dieses romantisdie Heldcnidyil alte primitive 
Söge hineinragen. So ist das eigciillicfie Hauptthema des ticrühmtcn z-j^eiten 
Gesangs vom Seesturm der Kannibalismus. 

- »Don Juan Tenorio.« Tragödie, Rostodt 18S1. 



Die Don Juan-Gestalt 185 



Was tnacfif ein so gewordener Don Juan? Graf Gobineau läßt 
in seinem Jugenddrama »Les adieux de Don Juan« <Paris 1844) 
in Anlehnung an Byron die allzu zärtliche, ihren Sohn verziehende 
Mutter auftreten und in analytisdier Konsequenz dann die erste 
Leidensdiaft der elementaren Sinnlidikeit sidi an Donna Claudia 
entzünden, der sdiönen Gattin seines von der Natur karg bedachten 
Bruders Don Sancho. Durch dieses tragische Liebesabenteuer ist 
Don Juan gezwungen, das Elternhaus zu verlassen und in der 
Ferne sein Verlangen nach Liebesgenuß zu befriedigen. Dasselbe 
heroisdie Motiv der Urzeit, den Helden im Streit um das Weib 
des Bruders, finden wir sdion früher bei Dumas und später 
machte es Alfred Friedmann zur Grundlage seines Dramas 
»Don Juans letztes Abenteuer« (Leipzig 1881). Dieses aus der 
Brüdergemeinschaft stammende Motiv, das nodi bei Mozart im 
gemeinsamen Besitz derselben Frau durdi Herr und Diener nach- 
klingt <Amphytrion=Motiv>, ersdieint in der Darstellung des alten 
Don Juan durch den Schweden Almquist^ in deutlicher An= 
lehnung an die urzeitlidie Gestakung, indem dem jungen Sohn 
Don Juans das GIücJi der Liebe versagt bleibt, da jedes der vier 
sdiönen Mädchen, zu denen ihn sein Herz hinzieht, sich als eine 
Toditer Don Juans erweist,- in bitterer Enttäuschung flieht Ramido 
vor den geliebten Schwestern, Und im gleichen Sinn der urzeit» 
liehen Vergeltung ist es aufzufassen, wenn in dem mit dem ganzen 
Requisit des romantischen Sdiidcsalsdramas ausgestatteten Trauer^ 
spiel von Paul Heyse <»Don Juans Ende.« Berlin 1883) der alte 
Don Juan als Konkurrent seines eigenen Sohnes in der Liebe 

auftritt. 

Die Darstellung des alternden Don Juan, weldie die Dichter 
sdieinbar mit dem Altwerden des Stoffes selbst immer mehr gereizt 
hat, madit es in den Konsequenzen der psydiologisdien Problem- 
stellung deutlidi, daß bereits in ihrer Statuierung einEntwcrtungs« 
moment liegt, das immer mehr die Oberhand gewinnt. Diese Ent- 
wertung besieht nicht in der bloßen Vermenschlidiung des Heros, 
sondern geht bis zur unwillkürlidien Lache rlidikeit, die letzten Endes 
in einer bewußten Karilderung mündet. 

Folgen wir der Darstellung Hediels <S. 142ff.>, so gehören 
bezeichnenderweise alle diese Darstellungen dem neunzehnten und 

' >Rami<Jo Marinesco.« Stodholm 1845. Deutsdi von Otto Hauser. 
Weimar 1913. («Aus fremden Gärten«, Bd. 22.) 



186 Dr. Otto Rank 



zwanzigsten Jahrhundert an. »Eine naivere und weniger zu 

psydiologisdien Grübeleien geneigte Zeit kam gar nidit dazu, 

die ihnen allen gemeinsame Frage aufzuwerfen: Was wird aus 

Don Juan, wenn er alt geworden ist?« Thcophile Gautier hat 

zum erstenmal in seiner »comedie de la mort« (Paris 1838> den 

Sdiatten des altgewordenen Don Juan aus dem Grabe herauf- 

besd\woren. Hier bejammert der vermorsdite Reue mit den 

falsdien Haaren und Zähnen und dem entkräfteten Körper die 

in Wollust vergeudete Jugend, Nitht viel anders endet der Don 

Juan des Portugiesen Guerra Junquciro. Fast possenhaft mutet 

der »Don Juan barbon« in dem Einakter von Gustave Leva= 

vasseur an. Von Podagra und Gidit ans Bett gefesselt, muß es 

der einstige Liebling der Damen erleben, wie ihn, streng nadi 

dem Talionsgesetz, sein gelehriger Sdiüler Don Sandie mit seiner 

Gattin betrügt und ihm seine Toditcr verführt. Als Don Juan 

mit dem Degen die Ehre seines Hauses verteidigen will, fällt er 

von der Hand des überlegenen Gegners. Audi Jules Viard' 

gibt den gealterten Verführer der LädierÜdikeit preis. Nur die 

Liebe fallt ihm nodi zu, die für Geld zu haben ist, und ein Ver- 

sudi, die Braut seines Sohnes zu verführen, mißlingt sdiniählidi. 

Der eigene Sohn stiAt ihn aus, und er crreidit nur, dal) Frau 

und Sohn ihm das Haus versdijießen, 

Audi hier sehen wir das Thema des alternden Don Juan 
sidi auf seine Vatersdiaft und sein gestörtes Verhältnis zu seinen 
Kindern reduzieren. Aber nodi die aus dem Bürgerlidien ins 
Lädierlidie verzerrten Züge entbehren nidit der tieferen psydio- 
logisdien Motivierung. In ihnen manifestiert sidi sozusagen der 
letzte Ausläufer des tragisdien Sdiuldgefühls in der Form der 
Radie der Vergeltung im zweiten Glied. In dieser Verbilligung 
und Verfladiung des Sdiuld- und Strafproblems - bei Lavedan- 
geht der Held gar an der Paralyse zugrunde - zeigt sidi unver- 
kennbar, daß audi die psydiologisdie Erfassung des Problems 
darstellerisdi sehr bald eine Grenze findet, mit deren Über= 
sdireitung der Held den gefürditeten Sdiritt vom Erhabenen ins 



' »La vieiliesse de Don Juan.« Paris 1853. 

^ BLemarquis dePrloIa,* Paris 1902. - lis ist diaraktefislisdi, daß gerade 
die Franzosen den Helden auf das Niveau des AIIzumensdiiiAcn iicrabd rücken, 
während im sitlenstreiigen Ensland selbst Byrons Don Juan ahselelint und der 
verpönte Stoff eigentlidi weder vorher no* nadilier in unverzerrter Form 
behandelt wurde. 



Die Don Juan=GestaIt 187 



Lädierlidie vollzogen hat. Es wäre müOig, Beispiele dafür er= 
brinf^en zu wollen/ es gehören hieher alle scfilediten Don-Juan- 
Dichtungen, die in der Überzahl sind, da es eigentiidi keinem 
Diditer gelungen ist, den Stoff künstlerisdi voll zu bewältigen. 

Von da aus ist es interessant, den Ausgangspunkt einer 
anderen Entwidilung zu verfolgen, die in der bewußten Enl= 
wertling des Helden und seiner Ircnisierung gipfelt und damit 
eigentlidi die komisdi=kritisierende Dienerrolle wieder in den Herrn 
selbst zurüdtverlegt. Sdion in den deutsdien Volksschauspielen 
des aditzehnten Jahrhunderts, von denen nur eines auf uns ge^ 
kommen istS war das vorherrsdiende Element eine ziemlidi rohe 
Komik, hinter der die ernsten Szenen zuruditraten, und von dem 
gleidien Vorbilde sind audi die Puppenspiele abzuleiten. Den 
Hauptinhalt dieser Stüdte bilden die derben Spaße des Hans= 
wurst oder Kasperl, der die Rolle von Don Juans Diener über» 
nimmt. Sdicn hier handelt es sidi offenbar um ein primitives 
slofflidies Gegengewidit gegen die grausigen Mord= und Straf» 
Szenen, wie sie anderseits in den Sdiauerstüdien des aditzehnten 
Jahrhunderts aufs äuüerste gesteigert ersdieinen. »Bis 1772 spielte 
man in Wien regelmäßig in der Allerseelenoktav ,Don Juan oder 
das Steinerne Gastmahl', von dem wir nidits Näheres wissen« 
<Hed(el, S. 18>, und in Spanien wird nodi heutigestags Zonllas 
berühmte Diditang »Don Juan Tenorio« (Madrid 1844) jedes Jahr 
an vierzehn Abenden vom 1. November an in allen Theatern 
des Landes aufgeführt, wie bei uns »Der Müller und sein Kind«. 
»Die Darstellung des Gastmahls, das der Komtur dem Don Juan 
im Pantheon der Familie Tenorio gibt, bei dem Sdilangen, 
Knodien und Feuer den Sdimudt des Tisdies bilden und Asiiie 
und Feuer als Speise und Trank vorgesetzt werden, hat für 
unser Gefühl etwas Mieslidies,- nodi weniger wird man sidi damit 
befreunden können, daß die Sdiatten und Skelette der Opfer 
Don Juans in dieser Szene den Kirdihof bevölkern und zum 
Sdilusse auf ihn eindringen^s (Hedicl, S. 58>. Entsprediend diesem 
erdrüdtenden Sdiuldgefühl ist der Charakter des Helden in den 



' Der von den Laufner Sdiiffleuten gespielte »Don )oann, ein Sdiauspill 
in 4 AufziKen. Verfaßt von Ilerni appen Beter Metasiasia, K. k. Hofboeten«, 
der durdi eine Niedersdirift von Frans Kastner (1811) auf uns gekommen ist. 
(Werner, Der Laitfner Don Juan. Ein Beitrag zur Gesdiidile des Volks- 
sdmuspiels. ThcaiergesdiiditÜdie Forsdinngen ed. Berthold Litzniann III, Hamburg- 
Leipzig 1891). Hedtel, S. 18. _ . 



188 Dr- 0"o Rank 



schwärzesten Farben gezeichnet. Er steht als ein von keinerlei 
Gewissensbedenken gehinderter Vcrbredicr da, der sich aus den 
Gebeinen der durdi sein VersAuIden ums Leben Gekommenen 
Speisegerätschaften anfertigen läßt. Vergleidien wir mit diesem 
tief urgeschidulidien Zug die kitsdiigen Friedhofsgespenster, so 
können wir daran den ganzen ungeheuren Zuwadis an Sdiuld» 
gefühl, aber audi die zu seiner Entlastung notwendige Ent- 
wertung ermessen. 

In diesem Zusammenhang taudit ein neues, vielleicht senti- 
mental zu nennendes Motiv auf, das wir bis in die jüngste 
literarisdie Entwicklung verfolgen können. Neben den Sdiatten 
der ersdilagenen Männer, deren Urbilder das Gewissen im Sinne 
des Vaterkomplexes repräsentieren <Komtur), treten liier audi die 
Schatten seiner weiblichen Opfer auf, die ganz im Sinne unserer 
Deutung bald die verfolgende und rädiende Männerhorde ersetzen. 
Diese Verwciblichung des Gewissens geht auffallend oft mit 
possenhaften und selbstironisierenden Elementen parallel, wie bei- 
spielsweise in dem sonst durdiaus ernsten Stil der Lenauschen 
Dichtung, wo bei Don Juans letztem Mahle eine große Anzahl 
Verlassener, sogar mit ihren Kindern, unter F^ührung Don Pedros 
bei dem Verführer eindringen, um an ihm Rache zu nehmen, 
Ähnlidi crsdieinen in einem Gedidit von Baudelaire <»Doii Juan 
aux enfers«) die anklagenden Stimmen seiner Opfer, die, im 
zerrissenen Kleide, ihm ihre sdilaffen Brüste weisen. Der greise 
Vater zeigt den Toten zitternd dem verruditen Sohn, der sein 
graues Haar verhöhnt hat. Sganarelle fordert lachend seinen 
Lohn. Audi in Rittners Drama, wo das Gewissen des Helden 
ihn an den betrogenen Diener verrät, von dem er ohne Gegen- 
wehr nicdergestodhen wird, sAaren sich um seine Leidic, von 
geheimnisvoller Madit herangezogen, wie im Traume seine Opfer. 
Sein Bruder, der nüditerne Professor, läßt die Halle von den 
Frauen säubern, nur eine, seine letzte Geliebte, die Gattin 
Leporellos, bleibt zurüdi und küßt dem Toten die Lippen, um 
jubelnd und entsetzt zuglcidi auszurufen; er hat midi wieder- 
geküßt! 

Das possenhafte Element kommt in der Form des 
Marionettentheaters zu besonderer Geltung in Friedmanns Drama, 
wo der Diditer, »offenbar um die Identität seines Helden mit 
dem Don Juan der Sage zu erweisen, ihn und Lcporello von 



Die Don ]uan-Gesrait 189 



den Abenteuern, die er in den bekannten Don Juan=Dramen 
gehabt hat, erzählen läßt. So reflektiert Leporello: »Was sind 
nun die Annen und Elviren, die Zerlinen und Masettos, die 
Gouverneure und all die Marionetten, die wir an den Fäden 
unserer Leidensdiaften einst auf dem Puppentheater, das wir 
unsere Jugend nannten, tanzen ließen!« Und Don Juan entgegnet 
elegisdi: »Familienvärer, Leporello,- didie Mütter, Leporeilo/ 
Großmütter, die ihre Enkel auf den sdilotternden Knien 
sdiaukeln,- — Gastmähler von Würmergemeinden, die sidi gegen- 
seitig 2U einem Festsdimaus einluden/ oder wenn sie dünn und 
hager waren, Heringsdimaus der Maden nadi ihrem tollen 
Karneval, unter den Regionen der Maulwürfe« <Hed(el, S. 133>, 
In einem i^Don Juan« von Bernhardi {Berlin 1903) tritt der 
Held sogar in nodi weitergehender Entwertung selbst als Sdiau= 
Spieler in seiner eigenen Rolle auf, und zwar kurz bevor er " 
am Sdiluß der Diditung — wieder in seine Heimat 2urüAkehrt, 
»Es ist Jahrmarkt, und von einer herumziehenden Truppe wird 
ein ,funkelnage!neuer Vorgang', ,Don Juans Abenteuer', auf» 
geführt. Als aber die Heldin auftreten soll, wartet ihr Partner, 
der sidi durdi hödist ungesdiidites Extemporieren zu helfen 
sudit, vergebens, und das Publikum beginnt unruhig zu werden. 
Endlidi ersdieint der Direktor und madit die überrasdiende Mit- 
teilung, daß das Urbild des Titelhelden unerkannt der Vor« 
Stellung beigewohnt, im Zwisdienakte die Gunst der Sdiau= 
Spielerin erobert habe und mit ihr durdigebrannt sei. Im Vertrauen 
auf Don Juans Unbeständigkeit wagt der unternehmende Theater= 
mann, das Publikum zu einer Wiederholung der Komödie ein- 
zuladen, ,um erstens die durdi ihre Beziehungen zu dem ver- 
liebten Ritter Don Juan nunmehr in interessantem Lidit er- 
sdieinende SA'auspielerin kennen zu lernen, und um zweitens der 
Entführung Esmeraldas audi auf dem Theater beizuwohnen!'« 

<I. c. S. 103). 

Die in diesen beiden zuletzt genannten Darstellungen ver- 
wertete literarische Existenz Don Juans, dessen Abenteuer sidi 
nur in den bekannten Dramen zugetragen haben und gewisser- 
maßen für die Sensationslust der Zusdiauer unternommen werden, 
zeigt die Entwertungstendenz im Dienste der psydiologisdien Auf^ 
fassung, wcldie hinter dem heroisdien Don Juan^Charakter die 
lügenhafte Wunsdiphantasie erblidit. Eine bewuRterweise nodi 



igo Dr. Otto Rank 



weiter gehende Entwertung zeigt die jüngste Don Juan-Dichtung, 
Edmond Rostands nadigelassenes draniatisdiesGedidit »La dernicre 
nuit de Don Juan*, das erst 1921 in Paris veröffentlidu und im 
Frühjahr 192Z im Theätre Porte-Saint-M.irtin aufgeführt wurde. 
Dort treten die berühmt gewordenen Tausendunddrei nur mehr 
als Sdiatten aus der Unterwelt auf, die - vom Satan heran- 
geführt — das Gewissen des Lebemannes belasten. Seine Strafe 
besteht - in fast Shawsdier Ironie - darin, daß er nidit in die 
große Hölle kommt, sondern in eine kleine Hölle aus bemalter 
Leinwand, in das Marionettentheater, wo er als Wurstel ewig 
Bhebrüdie zu agieren hat, während sein heroisAcr Stolz das ihm 
literarisdi zukommende Höllenfcucr verlangt. Überhaupt ist er ein 
seines Ruhmes wohl bewußter Don Juan, der sidi darüber klar ist, 
weldie Rüdisiditen er seinem sdilediten Ruf und seiner literarisdien 
Tradition sAuldet. Er ist audi sozusagen als sein eigener Epigone 
oder Sdiatten absiditiidi ziemlidi unreal vom Dirfitcr gezeidinct. Der 
Prolog des Dramas bringt die Szene wieder, mit der sonst die Don 
Juan -Tragödien zu enden pflegen: Der Kommandeur steigt zur 
Hölle hinab. Don Juan folgt ihm nadidenklldi, indem er auf jeder 
Stufe den Namen einer anderen Frau murmelt. Der steinerne Radier 
ist von Bewunderung vor soldicr SeclengröHc erfüllt - ähnüdi 
wie in der Shawsdien Traumhölle - und will ihn begnadigen. 
Aber eine Riesenhand erhebt sidi aus dem Abgrund und strcdit 
ihre Finger gegen den Verurteillen. Es ist Satan, den er spötlisdi 
um weitere zehn Jahre Frist zur Fortsetzung seines Luderlebens 
bittet ^ Das Stüdt selbst spielt nadi Ablauf dieser Frist in Venedig, 
wo der aus dem Radien der Hölle entlassene Held in Saus und 
Braus weitergelebt hat. Es kommt ein Marionettensjjielcr, der eine 
seltsame Komödie mit seinen Fingern aufführt: Polidiinelle paro- 
diert den berühmten Verführer Don Juan, der mit^ den Puppen 
sdierzt und ihnen seine Lebenskunst beibringt, den Teufel selbst 
zu veraditen. Die Marionette wettet, daß er es nidit mehr 
könne und Don Juan sdilägt in die Holzhand. Da enthüllt sidi 
der Puppenspieler als Teufel, der sein Opfer zu holen kommt/ 
aber Don Juan ladet ihn zu einem üppigen Mahle ein und zeigt 
ihm im Laufe der Unterhaltung stolz seine Liste. Der Satan 
zerreißt sie in Studie, die sidi beim Fallen in die Lagune in eine 

' Die Versöhn! idikeit des Komturs find« siA sAon - allerdings nicht 
in ironisdier Verwendung — bei Eorilla. 



Die Don Juan=Gesta!t jgi 



Flotille von düsteren Gondeln verwandeln, denen in unüberseh-^ 
barem Sugc die Sdiatten der tausendunddrei verlassenen Opfer 
entsteigen und ihn immer diditer umringen. Der Teufel, der immer 
deutlidier die Rolle von Don Juans eigenem Gewissen übernimmt, 
unterwirft ihn einer Prüfung, die darin besteht, aus einigen ge- 
flüsterten Worten die Seele der betreffenden Frau zu erkennen. 
Da er nur ihren Körper kannte, versagt er. Und nun entspinnt 
sidi ein langer Dialog von pathetisdier Größe zwisdien dem An- 
geklagten, der in seinem Hodimut sdiwankend wird, und den 
Schatten, die langsam und unerbittlidi eine Illusion nadi der anderen 
in ihm zerstören. Er habe nur Masken gekannt, immer habe man 
ihn nur belogen und er selbst hätte diese Lügen gewolh, Denn 
das Weib ersdieine dem Manne so wie er sie wünsdie. Die 
Rädierinnen eröffnen ihm, wie kläglidi seine eingebildeten Ver- 
führungskünste gewesen seien: die Frauen hätten ihn erobert und 
wenn er sie verlassen habe, so trieb ihn die uneingestandene 
Furdit, bei einer bleiben zu müssen. Sdiließlidi ersdieint ein be= 
sonderer weißer Sdiatten, mit einer Träne des Mitleids im Äuge, 
die die Qual des nie Gesättigten und stets neu Sudienden eine 
Frau vergießen Heß. Dieser weiße Sdiatten, ein Symbol des Ideals, 
eine Emanation all der anderen Sdiatten, war in jeder und Don 
Juan hätte ihn mit ein wenig Liebe leidit finden können. So aber 
hat er all diese Gelegenheiten vorübergehen lassen und leidet jetzt 
unter seiner Unfruditbarkeit, 

Diese bewußte Entwertung des Don Juan=Typus zerpflüd^t 
die letzten Fetzen seines heroisdien Charakters Zug um Zug und 
läßt die kühne Erobererfigur vor einer Sdiar sentimentaler Liebes-^ 
erinnerungen, die sein Gewissen beunruhigen, kapitulieren. Dies 
ist wahrhaftig Don Juans letzte Nadit, sein eigentlidies psydio- 

logisdies Ende! •* 

A. 

Der Prozeß der diditerisdien Gestaltung und Wandlung des 
Stoffes, den wir in groben Umrissen verfolgt haben, zeigte uns 
eine doppelte Wirkung und Funktion der Diditkunst, Bis zu einem 
gewissen Grade der bewußten Deutlidikeit werden die der didite- 
risdien Phantastebildung zugrunde liegenden Urmotive heraus- 
gearbeitet, um dann mit der Steigerung und Unerträglidikeit des 
Sdiuldgefühls einer ailmählidi fortsdi reiten den Entwertung des 
tragisdien Stoffes Platz zu madien, die der Überwindung des 



192 



Dr. Otto Rank 



Sdiuldproblems entspridir. Auf der einen Seite wirkt aber die 
Darstellung der unbewußten Motive von einem bestimmten Punkt 
an durdi die Kraßheit abstoßend, wie sie auf der anderen Seite 
durdi die psydiologisdie Interpretation kraftlos und unkünstlerisdi 
wird. In beiden Extremen nälicrt sidi die Diditkunst einer Grenze, 
jenseits der das Bereidi der Psydioanalyse beginnt, die intellektuell 
auf den eigentlidien Wert zurückzuführen vermag und nidit mehr 
affektiv entwertet. Dieser kathartisdicn Funktion der Dithikunsr 
entspri<ht ihre kütistlerisdie: im Inlialt der Didnungcn die Ur- 
komplexe der Mensdiheit in ihrem jeweiligen säkularen Ver= 
drängungsstadium darzustellen. Dies gestbieht, wie besonders die 
Entwidilung der tragisdien Stoffe zeigt, indem die uralten Wunsch* 
Phantasien mit einem immer mehr nnwadisenden Sdiuldgcfühl 
verknüpft werden. Es wird dann zu einer der vornehmsten 
Funktionen der Diditkunst, dieses im Laufe der Mensdiheits- 
verdrängung angehäufte Sdiuldgefühl zu entlasten, was zunädist 
durdi die künstlerische Darstellung selbst gesdiieht, dann aber 
durdi die psydioiogisdie Interpretation der Charaktere und 
sdiließlicti durch eine immer bewußter auftretende Entwertung 
erfolgt. Im Laufe dieses Prozesses hat sich der Diditer sozusagen 
als eine analytisdie Gewissensinstanz der Menschiicit etabliert, 
was ja vollkommen der individuellen Funktion der Diditkunst im 
Dienste des Idiideals entspricht. Nur sehen wir beim Diditcr eine 
ganz besondere Funktion, indem bei seiner Idealbildung selbst das 
Idiideal als kritisdie Instanz auftritt, sidi damit immer aufs neue 
wertend und entwertend. 

Wir sehen also im Diditer eine doppelte Funktion des lA' 
Ideals verkörpert: nadi außen hin sdiafft er der Menge ein neues, 
individuelles Ideal, zu dessen Bildung ihn aber sein innerer 
Konflikt drängt, der aus seiner eigenen Idcalbildung herauswädist. 
Unbefriedigt von dem Ideal der Mas^c, sdiafft er sidi sein eigenes, 
individuelles Ideal, um es dann der Masse anzubieten, ohne deren 
Anerkennung sein Sdiaffen hödist unbefriedigend bleibt. Der Anstoß 
zu seiner individuellen Idealbildung gebt offenbar von einem über- 
starken Narzißmus aus, der ihn hindert, das gemeinsame Ideal zu 
akzeptieren und ihn nötigt, s\d\ ein individuelles zu schaffen. Auf 
der anderen Seite verrät der Zwang, für dieses Ideal um die 
Anerkennung der Menge zu werben, daß dieses Ideal nidit allein 
zur Befriedigung des eigenen Narzißmus gesdiaffen wurde, sondern 



Die Don Juan-Gestalt 193 



um das gemeinsame alte Ideal durdi ein neues zu ersetzen. Der 
Diditer wiederholt damit eigentlidi das Urverbredien auf psydii= 
scfiem Gebiet, denn das von ihm neu gesdiaffene Ideal ist sein 
eigenes, ist er selbst in seiner Identifizierung mit dem Urvater. 
Aus dieser psydiologisdien Situation heraus diarakterisiert Shaw 
in seinem Don Juan^Stüdi mit unerbittlidiem Sdiarfbhck den 
Künstler als asozialen, rüAsiditsIosen, grausamen UrmensAen, 
der sidi bewußt außerhalb der Sozietät stellt, die Freiheit seiner 
Triebe proklamiert und jedes Familien- und Eheleben sprengt 
Hier wird ganz klar, daß der Typus Diditer diarakterologisdi mit 
dem Typus »Heros« zusammenfällt, der ja in der Gestalt des 
Doti Juan mit seinen extremsten Merkmalen gezeidinet ist. Dieser 
psydiologisdie Tatbestand erklärt es vielleidit, warum die Diditer 
alle an der Darstellung dieses allzu ungesdiminkten Selbstporträts 
sdieitern mußten und es so konsequent einerseits zu sdimeidieln 
anderseits zu entwerten suditen. Es war zu naturgetreu und das 
aus dem Sdiuldgefühl verstärkte Idiideal war es, das die Dar= 
Stellung dieses Urtypus allmählidi verpönte, um eine romantisdie 
Idealgestalt daraus zu madien. Nur in diesem tieferen Sinne kann 
man Plato ReAt geben, der die Diditer als Lügner aus seinem Ideal» 
Staat verbannt wissen wollte <und nur dem Arzte die Lüge — als 
Trost gestattet), Denn den Diditer untersdieidei ein bedeutsames 
soziales Merkmal vom Heros: er madit die Un Wahrhaftigkeit der 
Darstellung zu seinem eingestandenen Vorredit und erhebt damit 
den Ansprudi, an Stelle der heroisdien Phantasiebildung eine 
sitdidie Idealbildung gesetzt zu haben. Die Tragik jeder großen 
Diditerpersönlidikeit liegt aber darin, daß das Gelingen dieser 
Absidit — ähnlidi wie die Unat — letzten Endes zu einer 
Enttäusdiung statt zu einer Befriedigung führen muß. Denn mit 
der allgemeinen Anerkennung seines individuellen Ideals ist wieder 
das Massenideal hergestellt, das er gerade vermeiden wollte, Er 
braudit die Anerkennung sozusagen nur als Entlastungsbeweis, 
daß er mit der Tendenz zur Urtat nidit allein steht, die er 
dodi allein vollbradit haben will und die er mit der Sdiaffung 
eines neuen — seines eigenen — Ideals wiederholt. Es stört ihn 
aber die notwendig damit verbundene Popularisierung dieses 
Ideals zum allgemeinen, da sie ihm zeigt, daß er mit seiner 
individuellen Sdiöpfung nidits Originelles geleistet hat, sondern 
immer nur das verleugnete Uridea! wiederholen kann. Und nodi 

ltna£o VIII/2 13 



^04 Dr- Otto Rank 



eine zweite Erwartung des Diditers wird notwendig in gleidier 
Weise enttäusdit. Sein starker primärer Narzißmus, den wir voraus- 
setzen müssen, macht ihn zur Objektlicbe weniger geeignet und 
sieUt ihn in die mehr feminine Situation des GcUcbtwerdens. Er 
selbst überträgt ein großes Stüd( seines primären Narzißmus 
sekundär auf sein Werk, das er als unsterblidies Teil seines Idi 
liebt, sdiätzt und bewundert. Indem er aber die gleidie Ein- 
stellung der Masse hervorruft, entgeht ihm der primäre narzißiisdie 
Libidogewinn, der letzten Endes ein Geliebtwerden der eigenen 
Person erstrebte. 

Diese beiden Phasen der diditerisdien Einstellung ließen sidi 
bei mandien Diditern sehr instruktiv im Detail verfolgen, wir 
müssen uns aber hier mit dem allgemeinen Hinweis darauf be= 
gnügen, daß immer, wo wir gewisse Periodenabs dinitte beim DiAter 
finden ', ein soldier Entwertungsprozeß der eigenen vorangegangenen 
Ichidealbildung vorliegt <der Diditer wird kritisdicr, bewußter, 
pessimistisdier etc.). Ja, wir braudien nidit einmal so weit zu 
gehen, denn die Tatsadie, daß der Diditer überhaupt kontinuierlidi 
produziert, produzieren muß, zeigt uns den Prozeß der Entwertung 
der letzten Idealbildung und des immer ernenten Versudis einer 
frisdien Idealbildung eigentlidi in fortwährendem Fluß. Auf der 
anderen Seite genügt ein psydioanalytisdier Blidt auf die Ent" 
widtlungsgesdiidite der Poesie, um uns zu zeigen, daß sim audi 
im großen der gleidie Prozeß abspielt und ständig wiederholt. 
Die erste episdie Erzählung war nadi Freud eine mythisdie 
Idealbildung, wie audi später nodi viele Erstlingswerke der 
diditerisdien Sturm- und Diangperiode,- bald tritt aber die kritisdie 
Stimme des-Idiideals in Funktion, weldie die Straftendenzen stützt, 
damit das Sdiuidbewußtsein steigert und an einem Endpunkt 
unserer abendländisdien Literaturentwidtlung in der bewußten 
Erkenntnis Ibsens gipfelt; 

Leben heißt — dunkler Gewahcn 
Spuk bekämpfen in sidi. 
Dichten — Gcriditstag halten 
Über sein eigenes Idi. 



' Vgl. des Verfassers BuA: Das Inzestmotiv, besonders S. 97 Note. 



Die Don Juan-Geslalt 195 



Vom Sdiöpfer des Don Juan können wir natürlich nidit wissen, 
weldie individuellen Motive ihn zu der großartigen Phantasiebildung 
veranlaßten. Aber von dem Künstler, der dieser Schöpfung ihre 
Ewigkeitsgestalt verliehen hat, von Mozart, kennen wir ein bio^- 
graphisdies Faktum, das seine Stellung zum ganzen Stoffkreis des 
Don Juan und zugleich das Wesen der künstlerischen Produktion 
greil beleuditet, Wieder ist es nicht das erotisdie Liebesmotiv, das 
den großen Musiker begeisterte, sondern ein tragisdies Motiv, 
dessen bedeutsame Wirkung uns Freud bereits bei einem anderen 
großen Künstler verständlidi gemadit hat. Als nämlich Mozart 
gerade begann, sich mit dem von seinem Textdichter Da Ponte 
vorgesdilagenen Stoff zu besdiäftigen, starb sein Vater,- wenige 
Monate darauf audi sein bester Freund Barisani ^ Die Biographen 
selbst heben hervor, daß der Künstler in der Sdiöpfung des Don 
Juan Gelegenheit suditc, sein bedrüdvtes Gemüt zu befreien. Es 
wird allenthalben beriditet, mit weldier Intensität er sidi auf die 
Arbeit stürzte und die Legende, daß er die Ouvertüre in einer 
einzigen Nadit niedergesdirieben hätte, gibt am deutlidisten Zeugnis 
von der künstlerisdien »Besessenheit«, die seine Umgebung an 
ihm bemerkt haben mag. Die tiefreidienden ambivalenten Affekt^ 
regungen, die der 'iod des Vaters nach unseren psydioanaly tischen 
Erfahrungen besonders beim sdiaffenden Künstler im Sinne der 
Ursitualion auslöst, erklären die nur auf Grund weitgehender 
Identifizierung ermöglichte künstlerische Durchdringung und Be» 
wältigung des Stoffes, die von allen Bearbeitern Mozart allein 
vollkommen gelungen ist. 

Welchen Anteil neben dem aufgezeigten persönÜdien Anlaß 
die besondere Kunstform der Musik daran haben mag, können 
wir infolge unseres geringen psydiologisdien Verständnisses der 
musikalisdien Ausdrucksmittel nur ahnen. Es scheint, daß die 
Fähigkeit der Musik, gleichzeitig verschiedenen Gefühlsregungen 
Ausdruck zu gestatten, sie zur Darstellung und affektiven Er- 
ledigung ambivalenter Konflikte besonders geeignet madit. Nun 
ist im Grundzug des Don Juan-Charakters, nicht bloß dynamisch 

' Im Frühjahr 17S7, nadi der Rücfekehr von Prag nadi Wien, wies Da 
Ponte den Tonkünstler auf den Stoff des Don Giovanni hin, an dessen dichterisdier 
Gestaltung Mozart selbst großen Anteil hat. Am 28. \lai 1787 starb sein Vater 
am 3. Septemher sein Freund und am 29. Oktober fand die Erstaufführung 
statt, zu der die Musiker die Notenblätter der Ouvertüre nodi feudit und mit 
dem darauf klebenden Streusand erhielten. 

13» 



196 Dr. Otto Rank 



sondern auch formal, von Anfang an eine BruAfläche zwisAen 
der ungezügeiren Sinnenlust und der Sdiuld- und Straftendenz, 
weldie durdi die Gesdimeidigkeit und Unmittelbarkeit des musi- 
kalisdien AusdrudiS ^s'ieder in kiinsderisdicr Harmonie vereinigt 
wird. Denn während auf der einen Seite die Wudit der Komtur- 
Akkorde den Gewissenskonflikt im Helden aufs Qualvollste steigert, 
sdiwebt darüber in leidensdiaftüdien Rhythmen eine ungebrodiene 
Eroberernaiur, wie wir sie in soldier Sinnlidikeit in der ganzen 
großen Don Juan=Literatur vergebens sudien. Und während in 
den Klängen des beim Festmahl ersdieinenden Steinernen Gastes 
die im trauernden Sohne entfesselte Ursdiuld tobt, läßt auf dem 
gleichen Höhepunkt der Sinnenfreude Don Juan in ungcbrodienem 
Übermut »den edlen Mozart leben«! 




lorgetragen am 36. ApriH922 In der ^Wiener Psyclwanatytisclien Vereinigung^ 



-' — - 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprunss der Religion 197 



Zur Frage der psychologischen Grundlagen und 
des Ursprungs der Religion. 

Von Dr. JOHANN KINKEL, 

ord. Doicm an der Univwslläl Sofia, Milglieef des soilolosisdien Insiiluis Solvay zu Brüssel. 

In kurzer Zusammenfassung der hervorgehobenen reh'gionS'= 
psychologisrfien und religionshistorisdien Tatsadien und Momente 
wäre darauf hin2u^s'eise^, daß die moderne Psydiologie uns 
widitigc Stützpunkte liefert, um den Ursprung und die gesamte 
Entwidtlung der Religionsvorstellungen bei der Mensdiheit tiefer, 
als es bisher möglidi war, zu erfassen. Im Gegensatz zu den 
älteren Grundprinzipien unserer Disziplin ist die Psydiologie heute 
2U der Erkenntnis gelangt, daß neue Wahrnehmungen (respektive 
Begriffe), die der Mensdi gewinnt, ein Ergebnis gewisser in der 
Seele früher akkumulierter Vorstellungen seien. Es ist also jetzt 
feststehend, daß wir in alle unsere neuen Wahrnehmungen alte 
Vorstellungen, die dem betreffenden Gebiete nahestehen und ihm 
verwandt sind, hineinlegen. Besonders deutlidi tritt diese Tatsadie 
in der infantilen Psydiologie hervor. Das Kind begreift die um= 
gebende Welt vom Gesiditsp unkte der Kinderstube, vom Stand- 
punkte der Familien^, respektive der Kinder^^Elternbeziehungen 
aus. Diejenigen Ersdieinungen nun, die im Gebiete seines infantil 
besdiränkten Denk« und Gefühlskreises nidit untergebradit werden 
können, läßt das Kind beiseite, sie bleiben von ihm unbemerkt und 
unverstanden, versdiwinden völlig aus seinem Bewußtsein. Ganz 
dasselbe beobaditen wir bei den primitiven Völkern, respektive 
überhaupt der infantilen Mensdiheit. Die den Mensdien besonders 
frappierenden Naturersdieinungen — die Entstehung des Mensdien, 
den Sexualakt — überträgt er auf die Kosmogonie, auf den Well= 
Ursprung, und die patriardial-^familiären Verhältnisse und Gestalten 



' Siehe Iniago, VIII. Jahrgang, Heft I, S. 23. 



19S Dr. Johann Kinkel 



auf die Weltverhalinif.se, -beziehungen und -Ordnung. Die Familien- 
moral existiert audi in dem Universum! - das ist der feste Ge- 
fühls= und Glaubenssatz der infantilen Mensdibeit, ja der Kern- 
satz audi aller Religionsphilosophie bis heutzutage/ »ohne diesen 
Glauben muß die Mensdiheit wahnsinnig werden und zugrunde 
gehen,« lautet oft die Kirthenmoral. . ^ ,.-, 

Es stbeint nun, daß das große Geheimnis des Scxualaktes, 
die Madit des Sexualtriebes und die Entstehung jedes Lebe- 
wesens vom Vater, und zwar nidit nur beim Mcnsdicn, sondern 
auch im Tier^ und Pflanzenreidie, überhaupt in der gesamten 
Natur, stets ganz besonders stark auf die Phantasie des primitiven 
Menschen eingewirkt bat und ihn veranlagte, in Analogie damit 
zu glauben, daß auch alle ihn umgebenden Naturersdieinungen, 
ja die gesamte Natur, ebenfalls »vom Vater« stamme. Auf Grund 
dieser Vorstellungen dadite der primitive Mensch (ebenso wie das 
Kind mit seinem Glauben, daß alles, was es sieht, von seinem Vater 
geschaffen ist!), daß die ihn umgebende Natur und alle ihre Güter 
wie die Sonne, der Regen, die Tiere, Menschen, Fruditbarlteit 
der Erde, Pflanzen usw. von dem Urahnen seines Stammes 
geschaffen oder bösen Mächten entrissen und den Nach-' 
kommen zur Verfügung gestellt worden seien. Dieser Ur^ 
ahne wird eben als der Vater, Sdiöpfcr und Besdiützer aller 
Naturgüter gedadit und das wäre wohl als die erste Stufe der 
Vatereinstellung in der Religioiispsychologie der Wensdiheit zu 
bezeichnen. Vorzügliche Belege in dieser Hinsicht, die versdiiedenstcn 
kulturell besonders zurüdtgebliebcncn Naturvölker des Erdkreises 
umfassend, gibt uns Kurt Breysig in seinem Budie »Die Ent- 
stehung des Gottesgedankens und der Heilbringer«. Zu demselben 
Vorstellungskrcis wären audi die religiös verehrten (verhüllten) 
Gestalten der Stamniahnen im Totemismus und später Animis- 
mus-Fetisdiismus zu rechnen. Die volle religionspsychologisdie Be= 
deutung des Totemtieres und seines Religionskulius voll aufzu- 
dedcen, ist allerdings erst Freud gelungen. Doch konnte man die 
Vatergestalt des Totemtieres audi vor Freuds glänzender Analyse 
ziemlidi deutlidi durdisdiimmern sehen, z. B. bei Fr. B. ]ewons, 
Frazer, Andrew Lang u. a. Von dem Totemtier glaubt nach diesen 
Forsdiern der primitive Mensch abzustammen und ihm verdankt 
er alle seine Kulturerrungensdiaften/ mit ihm ist er durdi enge 
Blutsverwandtsdiaft verbunden. Das Totemtier verleiht ihm Sdiutz 



Eur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 199 

und Hilfe, es warnt seine Schützlinge vor drohenden Gefahren, es 
wendet böse Naturkräfte ab und zieht gute heran. Der Mord des 
Totemtiereswird grausam geahndet, — das tote Totemtier wird mit 
allen Ehren, die einem Stammeshäupthng zustehen, begraben und 
sein Geist genießt audi später diese Ehren. Soweit nun später in 
der Relfgionspsydiologie des primitiven Mensdien der Animismus 
und parallel damit der Fetisdiismus aufkommt, erweitert sich der 
religiöse Vorstellungskreis im Sinne der Beseelung aller Mädite und 
Ersdieinungen der Natur, die sämilidi Objekte des Religionskultus 
werden. Die Entwidilung fetisdiistisdier Vorstellungen steigert dann 
die Anzahl der Fetisdigötter ins Ungemessene. Indessen bleibt die 
alte psydiologisdie Grundlage audi auf dieser Religionsstufe be^ 
stehen, wenn audi ihr Wesen sehr verdunkelt ist. Es ist wohl nidit 
abzuleugnen, daß die begründete Erklärung des Animismus=Feti=^ 
sdiismus bis jetzt Frazer, Lippert und Spencer gegeben haben. 
Spencer hat es besonders eingehend nadigewiesen, daß der Animis^ 
mus^Spiritismus seine psycho logisdie Grundlage niAt nur in der 
infantilen Naturbeurteilung und -auffassung nach Analogie 
findet, sondern hauptsädilidi in der Nekrolatrie, dem Kultus der 
verstorbenen Vorfahren, deren Geister in den Naturerscheinungen 
fortwirkend gedadit werden. Die auf den Seelenkult eingehenden 
Forsdiungen Lipperts und Breysigs beweisen nun überzeugend, 
daß die Hauptrolle hier der Kultus der verstorbenen Ahnen<Vater, 
Großvater, Urgroßvater) spielte. Deshalb eben bildete sich in der 
Religionspsychologie der Juden die Gestalt des nationalen Gottes 
Jahwe aus, nämlidi im langsamen Prozeß der psychologischen 
Ver d i c hl un g der Gestalten mehrerer Geschlechterahnen ver« 
sdiiedener jüdisdicr Stämme, die viele Jahrhunderte hindurch Gegen= 
stand umfassender Religionskulte waren, in eine Gestalt — die 
des Jahwe. Der Glauben an die Seelenwanderung verstorbener 
Menschen in versdiiedene Tiere und audi unbelebte Gegenstände, 
der allen antiken Völkern eigen war, hat offenbar die Vorstellung 
begründet, daß alle Naturerscheinungen und Gegenstände von den 
Geistern verstorbener Vorfahren beseelt seien. Auf diese Weise 
wird man zu dem Sdilusse kommen, daß auch bei der zweiten 
Stufe der Religionsentwidclung nadi dem Totemismus, d, h, im 
Animismus=Fetischismus wiederum, wenn auch bereits unbe- 
wußte Elemente der Vatereinstellung, d. i. des Vaterkomplexes, 
enthalten sind. 



200 Dr, Johann Kinkel 



Infolge des weiteren geistigen Fortsdiri«cs, bei der begriff- 
lidien Erfassung des Universums und des Zusammenhangs der 
Naturersdieinungen, verdiAten siA die unzähligen Geistcrvor- 
Stellungen und FctisAc wieder zu ihrem uralten rudimentären 
Element - der Vatergestalt und es entsteht dann die universale _ 
Religionstheorie vom Vater-Himmel und der Mutter-Erde, das 
Symbol des Elternpaares. Zu dem darüber oben Erwähnten sei 
nodi besonders, was die universale Gestair der Mutter-Erde betrifft, 
hinzugefügt, daß nodi heute in den Volksvorstcllungen der Begriff 
vorherrsAt, daß alle Naturgüter und Sadicii den Lebewesen von 
Seiten der ewigen, großen, gütigen und allgemeinen Mutter — 
der Erde verabreidit werden. In engem Zusammenhang damit 
stand audi die einst vorherrsdiende physiokratisdie Lehre in 
der Nationalökonomie. Dieser feste Glaube bleibt allerdings audi 
jetzt nodi eine große biologisdie Wahrheit. Alles Lebende und 
audi alle Güter sind ja tatsädilidi im letzten Grunde aus dem 
Uterus der Mutter Erde hervorgekommen! Hier müssen wir die 
tiefsten Wurzeln des Mutterkomplexes in völkerpsydiologisthen 
und besonders Religionsvorstellungen sudien. Die Mutter-Erde, 
d. i, die wirklidie, ewige alma mater alles Lebenden und audi 
die sanfte Beherbergerin alles Hingegangenen! Treffend meint 
ein altes slawisdies Spridiwort: »Aus dem Lodie bist du liervor^ 
gekommen und in einem Lodie verschwindest du wieder, gehst 
du wieder heim!« - unbewußt den Uterus der Mutter mit der 
Mutter Erde identifizierend. Deshalb herrsdite audi bei den primi- 
tiven Völkern lange Zeit die merkwürdige Sitte, die Verstorbenen 
in der Stellung eines Embryo im Uterus ins Grab zu versenken, 
wie Goblet d'Alviella treffend nadiwies, Wie oben bereits erwähnt, 
sind alle folgenden weiblidien Gestalten in der Mythologie, wie 
etwa bei den Griechen Diana, Aphrodite, Athene, die Nadikommen 
der Urgöttin Gea <Erde>/ offenbar sind das alles Töditer der Ur- 
gestalt im Völker psycho logisdicn Muiterkomplex - der Mutter- 
Erde, die die Urahne auch der christliAen Muttergottes ist. Ander, 
seiis ist aber ebenso der Vater-Himmcl die uralte Religions- 
gestalt, der Universalvater bei allen altorientalisdien Völkern - 
den Ägyptern, Persern, Indern, Chinesen <der diincsisdie Kaiser 
gilt nodi jetzt als »Sohn des Himmels«) und in gleidiem Maße 
bei den späteren Kulturvölkern - den Griedien, Römern, 
Germanen, Slawen. Das Zeitalter dieser Religionsvorstellungen 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 201 



berührt nun in ihrer Forte ntwitklung die Zeit der Bildung nationaler 
Einheiten und Staaten bei den altoricntalisdien Völkern. Dann 
wird eben der Stammahne des Volkes und Staates, der phan= 
tastisdi aus der psydiologisdien Verdiditung mehrerer Gesdifediter^ 
ahnen hervorgegangen ist <nämlidi der in ein Volk vereinigten 
Stämme und Gesdilediter), wie etwa Osiris-Ammon <Rä>, BeU 
Merodadi, Jahwe, Tian u. a. mit dem HimmeUVater identifiziert 
und es befestigt sidibei deiiÄgyptern,Babyloniern, Chinesen, Juden, 
Griedien u. a. der Glauben, daß ihr nationaler Gott <LIrahne> 
der Vater der gesamten Welt und deren Leiter sei, der in un* 
erreidibaren Himmelsgebieten sidi aufhalte. Nad» weiterem geistigen 
Fortsdiritt erweitert sidi diese Gestalt des nationalen Weltvaters 
zur Gestalt des internationalen Urahnen der gesamten Mensdi= 
heit und des allgemeinen Vaters, des WeltsAöpfers, des weisen 
und gütigen Leiters der Mensdiheit und des Universums. Diese 
Begriffs^ und Religionsstufe haben bereits Sokrates, Plato, Seneca, 
Mark Aurel, die Stoiker und dann das Christentum eneidit, 
wobei die besonderen Gesellsdiaftsstimmungen der urdiristlidien 
internationalen Volksmassen diese Begriifs= und Gefühlsbildung 
ganz besonders begünstigten. Auf die Vererbung völkerpsydio= 
logisdier Vorstellungen ist wohl die Tatsadie zurückzuführen, 
daß alle Vorstellungen von der absoluten Madit Gottes, der 
alles wahrnimmt, alles regelt, sdiafft und audi verniditet, einen 
sozialpsydiologisdien Abklang der allumfassenden Madit alt» 
orientalisdier Despoten <die dementsprediend als Götter und 
Herrsdier zugleidi galten) und der binnen Tausenden von Jahren 
diesen gegenüber gepflegten Gefühle der Völker darstellen. Aber 
aud» vor diesen Kuhurzeiten mußte die ebenfalls nadi Jahr= 
tausenden zählende Gesellsdiaftsordnung des Patriardiats ähnlidie 
Gefühle und Vorstellungen in der Seele der primitiven Mensdi= 
heit hervorgebradit und gepflegt haben, die dann in den alt- 
oricntalisdien Despotien weiter ausgebildet und nodi fester be= 
gründet wurden. 

Diese oben kurz skizzierte Evolution der Religionsvor- 
stellungen scheinen alle Kulturvölker des Altertums durdigemadit 
zu haben. Der erste Kulturkreis der Mensdiheit — die alt» 
orientalisdien Kulturen der Ägypter, Babylonier, Chinesen, Perser, 
Inder und später der Juden, zeigen alle diese Wandlung und all« 
mählidie Ausbildung der allumfassenden Gottvatergestalt. 



202 Df, Johann Kinkel 



,1,, Der zweite Kulturkreis, der der Gricdien und Römer, weist 
dieselbe religionspsydiologisdie Evolution von neuem auf, wenn 
audi der Einfluß der alt'^orientalisdicn Vorstellungen hier dieselbe 
Wandlung offenbar besdileunigt liat, so daß die Griechen und 
Römer viel rasAer zu monotheistisdien Vorstellungen gelangen. 
Diese Ideen gelangten dann bei ihnen zur vollkommeneren Aus- 
bildung und der sichtlidie geistige Einfluß altoricntalisdier Religions^ 
Vorstellungen auf die griediische Philosophie bewirkte, daß sie die= 
selben monotheistisdien Ideen tiefer, vollkommener und um- 
fassender zur Eniwidtlung bradite. 

Im diristliAen Gott ist die weise und gütige Vatergestalt erst 
vollständig zum Ausdruck gekommen. Bis zum Christentum waren 
die Vatergestalten versdiiedener Gottheiten mehr oder minder solche 
Symbole des Vaters, bei denen die infantilen Ambivalenzgefühle 
gegenüber der Vatergestalt ihren dunklen Ausdrudt durdi die ihr 
zugeschriebenen negativen Züge gefunden hatten. Erst der diristliche 
Gott ist gänzlich davon befreit, er ist auch nidit mehr ein mehr oder 
minder verhülltes Symbol des irdischen Vaters, sondern er selbst ist 
der allgütige, allweise, grenzenlos vollkommene Vater der Welt und 
des Menschengeschlechts. Die anderen Vatergestalten der Götterwelt 
sind weggefallen, der christiidie Gort ist der einzige und wahre Vater 
des Universums und der Mensdieii, wobei Christus der Sohn in allen 
seinen Verhältnissen zu Gott offenbar die Gefühle des Mensdien* 
gesdiledits zu dieser neuen Vatergestalt in der Rcligionspsydiologie 
abspiegelt. Der Wegfall der Ambivalenzgefühle zur Vatergestalt 
und ihr Emporheben über alles Böse und Negative, die Be- 
gabung mit stark idealisierten positiven Eigens diaften, die dem 
menschlichen Geistesvermögen entnommen sind, ist wiederum nur 
biogenetisdi zu erklären. Die Mensdiheit war auf dieser Religions- 
und Geistesstufe in das Stadium ihrer seclisdicn Entwidtlung 
gelangt, das auf individualpsydiologisdiem Gebiete den Jüngling 
auszeidinet. Neben vollkommener Verdrängung der mit dem 
Mutterkomplex verbundenen Inzestsympathien, die die Ambi- 
valenzgefühle zur Vatergestalt nähren, und der Entfaltung rein 
psychisdier ideeller Liebe zum Vater — dem Erzeuger, dem 
Lehrer, dem Beschützer, vermag der Jüngling bei geistiger Reife 
audi die gesamte Bedeutung des Vaters als Erhalter, Besdiützer, 
Ernährer der Familie zu begreifen, woraus diese ideelle Liebe 
zur Vatergestalt und deren Idealisierung beim Jüngling herstammt. 



2ur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 203 



Dieselbe Psychologie kennzcidinet sdiarf auch die mensdilidie 
Gesellschaft im Christentum und nidit minder im Mohamme= 
danismiis. 

Die Vatergestalt lag, wie oben gezeigt, sämtüdien Religions^ 
vorsteliungen in der Kulturgesdiidite der Mensdiheit zugrunde, 
dodi waren es vor dem Christentum stets nur dunkle Symbole 
des Vaters. Das Christentum zeigt dagegen den völlig ausge= 
bildeten Vaterkomplex in der Sozial psydiologle, der aber durdi 
die ganze vorherige reÜgionspsydiologisdie Entwid^Iung vorbc=' 
reitet und allmählidi formiert wurde. Der diristlidie Gottvater 
steht hodi über allen Gestalten des irdisdien Vaters, auA über 
denen seiner religionspsydiologisdien Vorgänger und lediglidi die 
psydioanalytisdie Soziologie gibt uns Mittel in die Hand, um die 
letzte Grundlage aller Religionspsydiologie zu begreifen und audi hier 
die tief verhüllte, ewige, stets variierende und dodi immer dieselbe 
bleibende, in der mensdilidien Seele festgewurzelte Religions= 
gestalt, das Bild des Vaters, aufzudedten. 

Kehren wir nun zur Psydioanalyse der diristlidi^religiösen 
Gefühle und Stimmungen zurüdt. Wir verwiesen darauf, daß 
Gram und Leiden, sei es aus soziaUhumanitären Trieben oder 
auf Grund persönlidier Erlebnisse, hisforisdi und audi jetzt nodi 
die wid\tigsten Motive für diese Gefühle und Stimmungen sind. 
Das Empfinden von Kummer und Leiden verleitet nämlid» den 
Mcnsdien am meisten dazu, einen »Trost« bei Gott durdi 
Gebete, d. h, durdi geistig intimen Verkehr mit Gott zu 
suAen, der gemäß der diristlidien Religion die Personifikation der 
Güte der Vergebung der Gnade und der Liebe ist^ und als 
hö6ster Wille, der die Welt regiert, sdiließÜdi alles Böse be= 

seitigen wird. 

Somit wird es klar, daß die Religionsstimmung, die soge= 
nannte Frömmigkeit, bei dem Mensdien stets das Streben nadv 
einer komplizierten psydiologisdien Kompensation darstellt, näm- 
lidi zur von innig-mystisdiem Gefühl begleiteten Ansdiauung 
phantastisdier Gestalten von göttlidien Mäditen <Gott='Vater, 
Christus, die Muttergottes) mit jenen symbolisierten^personifizierten 
Eigensdiaften, die seine psydiisdien Entbehrungen ersetzen könnten. 

i Es ist itlar, daR dies idealisierte Ellerneigenschaften sind, die 
auf Grund der phantastisdien infantilen Vorstellungen in der Sozialpsydiologie 
■entstanden waren. 



204 Dr. Johann Kfnkel 



Soidie symbolisierte-personifizicrte Eigenschaften sind gerade die- 
jenigen, die die christliche Religion, urspriinglidi die Glaubens- 
lehre der leidenden Sklaven- und Proletariermasscn, in die 
Gestalten Gott-Vaters, Christi und später der Muttergottes 
hineinlegte — unendliche Liebe, Gnade, Güte und Allver- 
gebung. Es ist leicht herauszufinden, daß für verschiedene 
Seelenleiden als Kompensation diese oder jene idealisierte Eigen- 
schaft dient. Zum Beispiel, für eine Person, die irgend ein Ver- 
brechen begangen hat und von Gewissensbissen gequält wird, 
dient als Kompensationsgefühl das Bewußtsein der unendlichen 
Güte und Vergebung Gottes, Bei unglücklicher Liebe dient als 
Kompensation das Empfinden der unendlichen Liebe Christi zu 
den Menschen, die sich auch auf die betreffende Person erstreckt. 
Bei Verlust eines inniggeliebten Menschen spielt die Kompen- 
sationsrolle das Bewußtsein, daß die hödiste, allgüiige Macht 
dieses verursacht habe und daß diese Macht trotz aller Leiden 
die Welt zur Vollkommenheit führt, respektive den Menschen 
das ewige Leben im Jenseits gibt, »wo es ein Wiedersehen 
unter allen Gestorbenen geben wird« usw. Man sieht, diese 
Empfindungen, d. h. Kompensationsgefühle und -Stimmungen 
weisen einen typisdi infantilen Geistesmechanismus auf, der sidi 
im Grunde genommen durch nichts von der Psydiologie jenes 
Kindes unters dieidet, das einen Trost in Märchen mit Kompen- 
sationsinhalt und -gestalten sucht/ d. h. die Religionsstimmungen 
und -gefühle sind eigentlich ihrem Wesen nach eine Rüdtkehr zur 
infantilen Psychologie. Eben dort, in der infantilen Psychik, findet 
der Mensch auch den Vaterkomplex — die Gestalt des gütigen, 
für das Kinderwohl besorgten Vaters, der einst sein ganzes 
Seelenleben leitete/ in diese aus seinem Unterbewußten auf- 
getauchte Gestall des Vaters <die höchste Macht und der Wille, 
der früher sein ganzes Leben und Denken leitete) verlegt der 
fromme Mensdi die Kompensationseigensdiafteii, mit anderen 
Worten, er symbolisiert-personifiziert sie in dem infantilen Vater- 
komplex und findet darin einen Trost und einen geistigen Eu- 
fluditsort. Eine besondere Stellung bei dieser durdigehenden Ten- 
denz der menschlichen Psychologie, bei Konflikten, die auf ver- 
nünftig-bewußtem Wege unlösbar sind, zur infantilen Psychik zu- 
rüdczukehren, nehmen die Fälle ein, wo Sterbende zur Religion 
zurüdtkehren, mandimal überzeugte Freigeister und sogar aktive 



Zur Frage der psydioSogisrfien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 205 

Kämpfer gegen Religion, Kirche und GeistliAkeit. Wir besitzen 
in der russisdien Literatur zwei vorzügliciie Besdireibungen soldier 
Fälle, die volikommen das psydiologisdie Bild derartiger geistiger 
Erlebnisse wiedergeben. Das eine ist »Der Tod des Iwan il)itsdi& 
von Leo Tolstoi. Erinnern wir uns der Naditszene im Sdilaf^ 
Zimmer von Iwan Iljitsdi, dieses trodtenen Petersburger Beamten, 
eines Materialisten, der niemals etwas mit sentimentalen Stimmun= 
gen zu tun hatte und immer ganz fremd der Religion gegen* 
überstand, wie er auf seinem Sterbebette in der Naditslille plötz* 
lidi mit seiner ganzen Intuition wahrnimmt, daß er sidier stirbt, 
daß alle Quadisalbereien und alles Kurieren der Ärzte vergeblidi 
waren und daß es mit ihm zu Ende geht. Die erste Reaktion 
auf <^icse sdiredilidie Entdeckung ist eine jähe Verzweiflung und 
Entsetzen, das ihn erfaßt, und darauf folgt ein krampfhaftes Suchen 
irgendwelcher Rettungsmittel. Unter versdiiedenen wirren Bildern, 
die im Kopfe des Sterbenden durtheinanderjagen^ ersdieint plötzlich 
das milde Bild der Mutter und klar ersteht vor seinen geistigen 
Augen eine Kindheitserinnerung, wie er als kleiner Knabe vor 
den Heiligenbildern kniete und unter mütterlidier Leitung zu Gott 
betete. Und nun, erfaßt von einem starken, unwiderstehlichen 
Triebe, wirft sich dieser erwachsene Mann, der ehemalige Rationalist 
und Materialist, der einst die Religion bespöttelte, in der Zimmer* 
ecke auf die Knie und betet mit Tränen in den Augen zum 
Herrgott, er möge ihm das Leben lassen. Er ist doch so gütig 
und allmächtig und kann das leidit vollbringen, denn Iwan Iljitsdi 
Hebt ja so sehr das Leben, seine Dienstkollegen, die Versamm- 
lungen im Klub, am Kartentisdi . , . und alles! - Er verspridit 
dem lieben Gott, daß er im weiteren ein guter Vorgesetzter, 
Gatte und Vater sein will <was er eben nidit war!) , . , Auffallend 
ist in dieser tief-wahren psydiologisdien Beschreibung des großen 
russisdien Seelenkenners nicht nur der Mechanismus der psydiisdien 
Rüdikehr zum Infantilismus beim sterbenden Mensdien <Bewußt- 
sein der Rettungslosigkeit, Auftaudien des Mutterbildes und des 
in der Gottesgestall symbolisierten Vaters, d, h. von Mächten, 
die ihm einst Beistand geleistet hatten und ihn aus versdiiedenen 
schwierigen Lebenslagen erretteten), sondern audi die typisch 
infantile Sprache, mit der er sidi zu Gott wendet. Geistig ist 
er bereits wieder zum Kinde geworden und deshalb finden 
wir in seiner Art zu reden die bezeichnende infantile Logik: 



206 Dr. Johann Kinkel 



»Du bist groß, gütig und allmächtig wie der Vater, gib mir das 
erwünsdite Gut und idi werde dann gut und gehorsam gegenüber 
Deinen Geboten bleiben.« 

Eine ebenso vorzüglidie Besdircibung der RütWtehr zum 
Infantilismus finden wir bei dem modernen russisdien Sdiriftsteller 
Arzibasdieff in dessen Roman - »An der Grenzsdieide«, Der 
alte Iwan Iwanowitsdi, gänzlidi entkräftet, halbblind, der die 
Redefähigkeit beinahe ganz eingebüßt hat, aber ehemals ein vor- 
züglidier Gelehrter, ein überzeugter Anhanger der materialistisdien 
Weltansdiauung, ein bekannter Professor und Politiker, der persön- 
lidie Freund von Karl Marx war, spürt ebenfalls zuletzt die un- 
mittelbare Nähe des Todes, als er nadits im Bette liegt. Bei dem 
flimmernden Lidite des Öldodites, der vor den Heiligenbildern 
leuditet, die sdion lange in seinem Zimmer von der alten ihn 
beaufsiditigenden Wariefrau aufgehängt wurden, Itriedit er im 
Nadithemde vom Bette herunter und betet inbrünstig zu den 
Heiligenbildern, indem er den guten und gnädigen Gott anfleht, 
er möge ihn dodi versAonen, er möge ihm dotb nodi ein wenig 
Leben sdienken, denn er sieht so gerne die Sonne und die Natur 
aus dem Fenster und hat so gerne die warme Mildi und die 
Grießgrütze mit Zudter . . . 

Eine soldie Rüdikehr zur längst überlebten und verdrängten 
infantilen Psydiologie ersdieint bei dem Mensdien mandimal als 
ein urwüdisiger Trieb, zeitweilig, d. h, vorübergehend, gewöhnlidi 
infolge starker Seelenersdiütterungen, aber audi dann als Er- 
gebnis des Bewußtseins, daß der Mensdi ohnmäditig ist, die ihn 
bedrohende große Gefahr mit eigener Kraft abzuwenden. Infolge- 
dessen wird seine Psydie audi in soldien Fällen, in dem Sudicn 
eines Ausgangs aus der verzweifelten Lage, aufs äußerste be- 
drängt (»kein Ausgang!«), sozusagen zurückflichen zu den 
kindlidicn Vorstellungen, Empfindungen und Trieben. Das heißt, es 
stellt sidi nadi der Auffassung Freuds eine Fludit in die Kindheit 
ein, als dem letzten Rettungsort/ auA dies, ebenso wie das 
Streben nadi psydiologisdier Kompensation bei gewissen Scelen- 
stimmungen, eine Eigentümlidikeit der mensdilidien Psydie. Ein 
merkwürdiges Beispiel einer soldien (vorübergehenden) plötzlidien 
Rüdikehr zum InfantiÜsmus, und zwar auf dem Gebiete der 
SozialpsyAologie, ist das Ereignis, weldies in Petersburg im 
fahre 1914 vorgefallen ist. Am 1. August, das ist am Tage der 



j^^^^^ 



Zur Frage der psydioIogisAen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 207 

Kriegserklärung Deutsdilands, die bereits eine Woche lang erwartet 
wurde, als das Volk durdi diese Spannung sdion stark psydiisdi 
erregt war, da die politisdie Presse mit allen Mitteln auf die 
Geseilsdiaft einwirkte und alle Sdiretken der Deutsdien, die in 
das russisdie Gebiet einfallen würden, grell ausmalte, versammelte 
sidi das Volk vor dem Zarenpalast, Der Zar ersdiien auf dem 
Balkon und das ganze versammelte Volk fiel plötzlidi, wie von 
einem gemeinsamen Trieb erfaßt, auf die Knie und rief aus: 
»Väterdien Zar, errette uns vor den Deutsdien!« 

Deutlidi pathologisdie Formen bei voller Verdunkelung des 
Bewußtseins stellen Infantilismen der Art vor, wie der Fall jenes 
Verbrediers, der auf die Guillotine gestellt war und bei An^ 
näherung des Henkers diesem zu Füßen fiel, seine Knie umfaßte 
und ausrief: »Papa, lieber Papa, habe Mitleid mit deinem unglüdi= 
lidien Kinde!« ÄhnliA ist audi der Fall einiger Reisender <Männer 
und Frauen) auf einem sAiffbrüdiigen Dampfer, die im letzten 
Augenblick vor dem Untergang Hals, Hände und Füße des 
Kapitäns umklammerten und ihn anflehten, »wie einen Vater«, er 
möge dodi wenigstens sie retten. 

In den obigen Ausführungen sdiilderten wir den Vater- 
komplex in der Soziaipsydiologie, der den Hauptteil, sozusagen 
den Kern der dirisdidien <ebenso aber audi der histortsdi voran^ 
gehenden jüdisdien) Religion bildet. Neben der Hauptgestalt des 
Gottvaters sind alle anderen Gestalten, die verhüllte des Heiligen 
Geistes, des Christus=Sohnes und dann versdiiedener Heiligen 
(die eine besonders große Rolle in der griediisdi^orthodoxen Religion 
spielen!) lediglidi Abarten der hauptkomplexen Gestalt oder in der 
Spradie der individuellen Psydioanalyse ausgedrüdit, versdiiedene 
Vaterimagines/ insbesondere die Gestalt Christus personifiziert, 
symbolisiert nur gewisse ideelle Eigenschaften, hauptsächlich Liebe 
und Selbsropferung, 

Bemerkenswert ist aber, daß die Religionspsydiologie audi 
eine sehr ausgebildete Gestalt des Mutterkomplexes kennt, das 
ist die Gestalt der Muttergottes, der die Religion diejenigen 
idealisierten Eigensdiafien beigelegt hat, die das Kind an der 
Mutter zu sehen glaubt. Die Muttergottes, »die Besdiützerin« <wie 
die alte russisdie Volksausdrud^sweise lautet) ist die Personi- 
fikation der unendlidien Güte und der spezifischen weiblidi- 
mütterlichen Liebe, sie ist die Beisteherin und Beschützerin in 



208 Dr. Johann Kinkel 



allen Unglücksfällen und verleiht Trost bei Kummer/ die be- 
sonderen und eigentümlidien Züge solcher infantilen Volksgefühle 
gegenüber der Gestalt der Muttergottes sind nebst ihrem Kultus 
besonders drastisdi in 2olas Roman »Lourde« geschildert. Be- 
sonders verbreitet war bekanntlidi der Kultus der Muttergotres 
im Mittelalter \ In unendlidien Prozessionen, in ekstatischen 
Gebeten und Gesängen, die die Eigeiisdiaften der himmtisd\en 
Mutter priesen, an denen entzüdtte Volksmassen teilnahmen, d. h. 
meist Leute, die an versdiiedenen geistigen und körperlidicn 
Krankheiten litten oder ihre Nädisten verloren hatten, oder audi 
Leute in untergebener, höriger GesellsAaftsstellung, springt stets das- 
selbe Motiv klar hervor, das Sudien der Heilung oder des Trostes 
bei der göttlidien liebevollen Mutter, die die UnglüAlichen be- 
mitleidet, die »die Tränen trodtnen wird«, die die Sdmierzen 
stillen kann, >die vor Gott Beistand liefert« <!>, die vergibt usw. 
Man sieht, auch hier haben wir typische Äußerungen des Infanli- 
lismus, die Projektion infantiler Vorstellungen, Empfindungen und 
Stimmungen in den Himmel und die Herstellung einer göttlidien 
ideellen Gestalt. Besonders bezeichnend im infantilen Sinne ist das 
(obenerwähnte) spezifisdi kindlidte Sudien des Trostes bei der 
Muttergottes, das übrigens ein widitiges Religionsmotiv in der 
diristlidien Religion bildet'^. 

Ebenso wie der religiöse Vaterkomplex einige Neben- 
gestalten der Hauptgestalt Gott-Vater aufweist, die sie in be- 
sonderen Sdiattierungen der Religionspsydiologic ersetzen, hat 
audi der Mutterkomplex, der sidi in der Hauptgestalt der Mutter- 
gottes äußert, einige Abarten: das sind nämlldi die etwas ver- 
sdileierten Gestalten der Sdiutzcngel, die jedodi alle in ihren 



1 



' Bis zur Revolmion 1917 war der Kultus der MultcrRortes ganz be- 
sonders bei den russisdien VoH(s- <am inicnsivsicn Bauern-) massen entvcidcelr. 
Der russisdie orthodoxe Glaube weist eine Unmasse von .Gottesmütlcrn« aut, 
deren Bilder in versdiiedenen Gegenden »vom Himmel Rcsliegen smd«. Uie 
Hauplgeslalt ist die .Iwerskaia Bogoniaterj., deren Bild vom Volke um- 
sdl^x'ä^mt, nodi jetiT im Zentrum von Moskau in einer von Kerzen strahlenden 
Kapelle steht. 

* Besonders bezeidincnd Für den rcÜRiösen Infanlüisnius ist die typisdie, 
von den älteren diristlidicn Konfessionen (Katholizismus und Orthodoxie) ein- 
geführte Sitte der Sünden beichte, vor dem Antlitz Golt-Vatcrs von Seite aller 
Gläubigen durdi Priestervermittlun^ ausgeführi. Die infantile Vorstellung von 
den .Sünden« (Übertretung der Gebote Gott -Vaters) wird hier durch den 
typisch infantilen Trieb ergänzt; das Geständnis der verübten Vergehen und die 
Bitte um Verzeihung. 



2ur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 209 

Hauptzügen die Eigenschaften enthalten, die in der Hauptgestalt 
des religiösen Muttcrkomplexes hervortreten — Güte, liebevolle 
Nadisidit, Schutz, Beistand. Es ist sehr bezeidinend, -wie die 
religiöse Kunst die Engel schildert - stets in langen sdinee\5'eißen 
Kleidern, die nach ihrem Schnitt einem Frauen nadithemd sehr 
ähnlidi sind. Der Schutzengel in solcher Kleidung betätigt sich, wie 
es nach der Religionsliteratur scheint, überwiegend nadits. Es ist 
daher nicht schwer zu erraten, woher diese Gestalt der Religions= 
phantasie stammt. Es ist zweifellos die Gestalt der liebevollen 
Mutter, die nachts, bloß im Hemde, vom Bette aufsteht, zum 
Kinde eilt, sich über sein Lager beugt, es in die Arme nimmt, 
liebkost, küßt und nährt. So deutlich und stark prägt sid\ der 
einbildungsstarken infantilen Psychologie dieses Bild ein, das der 
Religionsinfantilismus später in den Himmel projiziert, d. h. 
personifiziert und symbolisiert. Darum sehen wir auf verschiedenen 
Religionsbildern so oft den Platz des Schutzengels gerade zu 
hiäupten der betreffenden Person — des heiligen Bruders, des 
kranken Kindes, des guten Christen auf dem Lager, da dieser 
Platz stets von der Mutter eingenommen wird, die ihr Kind 
hütet, beobachtet oder mit ihm plaudert. 

Bei der Analyse des psychisdien Inhalts des Vater= und 
Mutterkomplexes bei dem Kinde verwies ich darauf, daß die 
psychoanalytische Doktrin unbestreitbar nachgewiesen hat, wie und 
warum diese psychisdien Komplexe in gewissem Alter auch Züge 
der infantilen Sexualpsychik <Erotik> aufweisen/ d. h, der Vater 
und die Mutter sind die ersten Objekte, auf die sich die besondere 
rudimentäre infantile Libido projiziert,- diese trägt, wie idi oben 
erwähnte, durchaus noch nicht die spezifischen Züge der reifen 
Libido, die ja beinahe aussdiließlich in den Sexualorganen kon- 
zentriert ist. : 

Daß in den gemisAten psych isch^physis dien Zärtlidikeits= 
äußerungen der Kinder Rudimente des Sexualgefühls enthalten 
sind, bezeugt die Tatsadie, daß dieselben Triebe bei dem Er^ 
wachsencn Nebenäußerungen des Scxualgefühls sind. Anderseits 
ist audi darauf hinzuweisen, daß das Sexualnervensystem bei dem 
Kinde zum größten Teil, d. h. in seinen Hauptfunktionen, bereits 
im dritten Lebensjahre formiert ist. Es ist ferner bewiesen, daß 
bei einer künstlichen Reizung der Genitalien des Kindes bereits 
in diesem Alter bei ihm ein Hang zum Onanieren sich ent= 

Im^o VlII/3 . H 



210 Dr. loKann Kinkel 



wickelt 1, was bekanntÜA viele gewissenlose Ammen zur Beruhi= 
gung des Kindes ausnützen. Seibstverständlidi bleibt die Libido 
bei dem Kinde audi bei künstlidier Reizung und vorzeitiger Kon- 
zentration des Sexualgefühls in den Sexualorganeii doA infantil, 
d. h. trägt den oben erwähnten und erklärten zerstreuten Charakter. 
In Anbetradit dessen, daß die Frage der infantilen Sexualität 
vorläufig nodi Widersprüdie in der Psydiologic findet, besonders von 
Seite der Gegner der psydioanalytisAen Lehre, mödite idi diese 
Frage etwas ausführlidier behandeln, da das betreffende Seelen- 
gebiet eine widitige Voraussetzung für das Verständnis einiger 
komplizierten Ersdieiiiungen in der Rcligionspsydiologie bildet. 

Psydioanalytisdie Beobaditungen und Untcrsudiungcn des 
kindlidien Sexuallebens haben festgestellt, daß infolge der intensiven 
Sensibilität des Nervensystems bei dem Kinde allerlei physisdie 
Einwirkungen auf den kindlidien Körper von Seite Erwadisener 
in der Form von Liebkosungen und Liebesäußerungen, 
die den Neigungen des Kindes entspredicn, so 2. B. das Streidieln 
des Kopfes und versAiedener Körperteile, sogar das -Tragen auf 
den Armen, begleitet von Küssen und Liebkosungen, besonders 
aber Küssen von Seiten der vom Kinde geliebten Personen auf 
versdiiedene Teile des Körpers, Umarmungen, löriditer weise 
mandimal audi Kitzeln und andere mütterlidie 2ärtlidikeiten, das 
ganze infantile Nervensystem und besonders die sexuellen Nerven- 
zentren lustvoll erregen. So wird beim Kinde die spezifisdie 
infantile Erotik gesdiaffen und fortencwidielt, weldie es selbst 
allmählidi kultiviert, sudit und fortpflanzt, und zwar durdi die- 
jenigen kindlidien Zärtlidikeiten und Liebkosungen, die es seinen 
Eltern und anderen Nahestehenden gegenüber äußert. Entgeg- 
nungen, die unwissende Leute madien, diese ÄuOerungen enthielten 
»nodi« nidits Sexuelles, beweisen nur die Tiefe der Unwissenheit 
soldier Psydiologen. Gerade die unzähligen beobaAteten Fälle der 
perversen Sexualpsydiik bei ErwaAsenen beweisen unumstößlidi, 
daß es in diesen kindlidien Trieben bereits Elemente der Sexualität 
gibt. Die Gegner der Psydioanalyse in dieser Frage stehen eben 
auf dem veralteten, etwas wunderlidien Standpunkte, die SexuaU 
psydiologie ersdieine beim Mensdien zur Zeit der Pubertät plötz- 

' Die psyAoanalytisthe Kasuistik hat jahlrcidie Fälle eines bewiesenen 
Onanismus bei drei- bis fünfjährigen KindernfeslRCSielll und daru nidit selten, 
wie es sJieint, ohne irgendwelchen äußeren Einllul». 




Z.UT Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 211 

lidi, wie ein Deus ex madiina! Ein cvolutionistischer Gesichts^ 
punkt, der allein in der Physiologie und Psydiologie bei dem 
heutigen Stand der Natur= und Geistes is'issensdiaften maßgebend 
sein kann, wird sidi dagegen nadi den infantilen Elementen 
des Sexualgefühls fragen müssen und gerade dies hat zuerst Freuds 
psydioanalytisdie Forsdiung getan. Diese Gegner sehen eben nidit ein, 
daß die infantile Erotik bei normalen Mensdien zum Teil ersetzt und 
zum Teil verdrängt wird von reifen Sexualtrieben und Äußerungen 
der Psydiik, die für den Erwadisenen bezeidinend sind, wenn 
audi ein gewisser Teil von den Formen der infantilen Erotik in 
der reifen Sexualpsychik fortlebt. Wenn aber die infantile Erotik 
bei dem Kinde zu stark entwickelt war und der Mensdi überhaupt 
im reifen Lebensalter im hohen Grade die infantile Psydiik bewahrt, 
d. h. konstitutionell nidit fähig ist, Züge und Eigensdiaften der reifen 
Psydiologie zu entwidcin, dann wird audi sein Sexualleben im reifen 
Lebensalter hauptsächlidi oder aussdiließlich in den Formen der in= 
fantilen Erotik zur Äußerung kommen'. Zum Beispiel ein Mann, 
der im 30. Lebensjahr heiratete, bis dahin ganz keusdi gelebt hatte, 
erwies sidi als ein vollständiger Impotenter^. In seinem Bemühen, 
irgend ein Erregungsmittel zur Erlangung der normalen sexuellen 
Potenz zu finden, bemerkte er einst, als seine Frau ihn »wie die 
Mutter« liebkoste und zum Spaß ihn auf den Armen hob, daß 
er sofort stark erregt wurde und die Fähigkeit zum normalen 
Sexualverkehr erhielt. Im folgenden erwies er sidi zum SexuaU 
verkehr fähig, wenn ihn vorher seine Frau eine Weile »Hudte" 
padi« auf dem Rüdten trug und ihn nadi der Art der Mutter 
auf versdiiedene Weise liebkoste. Es ist klar, daß diese Lieb- 
kosungen in seiner Kindheit für ihn eine stark ausgedrüdtte erotisdie 
Bedeutung hatten und auf diese Weise als ein widitiges sexual- 
erotisdies Element audi in seiner reifen Sexualpsydiik verblieben. 
Und soldie Fälle, bloß mit etwas sdiwädier ausgedrüdttcn Formen 
der infantilen Erotik bei Erwadisenen <in der Form versdiiedener 
sexueller »Launen«) sind in der Tat unzählbar. Das Nervensystem 
des Kindes ist übrigens derart sensibel, daß sogar physisdie Ein» 
Wirkungen auf seinen Körper in der Form von Sdilägen, als Eltern» 



' Dazu gehört swcifeüos audi aller perverse Sexual verkcfir in der Form 
perverser Küsse und der vulgo als »französisdi« bezeidincten Liebe. 

* Dieser Fall ist mir freundliA von meinem Kollegen Dr -M. Niltoloff 
in Sofia mitgeteilt worden, der den Mann als Patienten behandelt hat. 



n* 



212 Dr. Johann Kinkel 



strafe oft angewendet, die Scxuelnerven erregen und Elemente 
der infantilen Erotik bei ihm liervorrufen, die später in der reifen 
Sexualpsydiik vererbt werden. Man weiß, daß in dem deutsdien 
Erziehungssystem, ganz besonders in kleinbürgeriidien Kreisen, 
nodi eine veraltete Sitte besteht, ungehorsame Kinder mit Ruten 
zu bestrafen. Bekannt ist demgemäß auch die ausgedehnte Klientel 
von MasoAisten bei Prostituierten, wobei das Bild der sexuellen 
Befriedigung offenkundig darin besteht, daß das Weib die Rolle der 
Mutter spielt, die ihr ungezogenes Kind mit der Rute bestraft, 
indem sie es damit auf gewisse cniblößte Stellen sdilägt, unter 
den für den infantilen Masodiismus bezeidinendcn Drohungen 
einer grausamen Mutter. 

In dieser ganzen inzestuösen infantilen Sexualpsydiik, die 
historisdi^symbolisch in der uralten Mythologie besdirieben ist, näm* 
lidi in den unzähligen Überlieferungen betreffend die sexuelle Liebe 
unter den Göttern, sowohl zwisdien Vater und Toditcr <Niktaeus 
und Nyktimene/ Alkmäon-Tisiphone/ Faunus-Fatua/ Thyestes» 
Pelopia/ Zeus-Persephone und viele andere nodi> als audi zwisdien 
Mutter und Sohn <Rea-Typhon/ Poseidon-Demeter/ Perseus- 
Astarte,' Herakles-Omphale,- Ödipus-JokastC/ Jupiter-Kybele/ 
Hephästos=Athene,- Freyr^Gerda u. a,)', sehen wir wiederum 
einen Beweis dafür, daß das biogenetische Grundgesetz 
wirklidi in der Soziologie, respektive Sozialpsydiologie seine Ent- 
sprediung hat. Ebenso wie bei den primitivsten Naturvölkern 
in <ien entferntesten Zeiten <bei den heutigen fehlt er) der Inzest 
vorherrsdite, das heißt ein Sexualtrieb zu Vater, Mutter, Brüdern 
und Sdiwestern vorhanden war (in der Mythologie abgebildet) als 
die direkte Erbsdiaft des TierreiAcs, ebenso gibt es bei jedem 
Mensdien im Kindesalter Elemente von Inzestsympathien in der 
Sexualpsydiologie. 

Aus diesem Grunde kam die psydioanalytisdie Lehre zu der 
Überzeugung, daß das Kind gewisse Elemente des Sexualgefühls 
besitzt und kennt, bloß daß es bei normalen Erzieh ungs Verhält- 
nissen und normaler psyAisdier Anlage, bis zu einem gewissen 
Alter, wenn nämlidi seine Konzentration in den Sexualorganen 
beginnt, jenen Charakter von »unsdiuldigen« Zärtlichkeiten trägt. 



1 Vgl. dazu Jul, Braun, Naturgcsdiichte der Sage. 1865. 2 Bde. <Sexuelle 
Liebe zwisdien Eltern und Kindern in Göllcrgestaltcn. Stidiwortxndex.> 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 213 

die gewöhnlich den Eltern so sehr gefallen, da diese keine Ahnung 
davon haben, um was für Elemente es sidi hier handelt. 

Wenn nun der Elternkomplex zum Teil in der rudimentären 
Sexualpsydiologic des Mensdien nistet, in seinen erotisdien Trieben 
zum Vorsdiein kommt, d. h. ein E!ement=Objekt der infantilen 
Erotik bildet, so muß man mit Rüdisidit auf alles oben Erwähnte 
audi einen gewissen Zusammenhang zwisdieri starken religiösen 
Gefühlen und Stimmungen bei einigen <NB, nidit allen!) Individuen 
einerseits und gewissen erotisdien Funktionen, Erlebnissen und Vor» 
Stellungen bei denselben Individuen anderseits feststellen. In soldien 
Fällen, z. B. wenn ein erwadisener,. sonst durdiaus normaler 
Mensch verhindert ist, seine Libido zu äußern, etwa wegen ver- 
schiedener psydiischer oder sozialer Gründe <z, B. besonders bei 
Frauen im Falle einer unglüdclidien Liebe, bei starker Fixierung 
der Sexualsympathien auf eine bestimmte Person, die gestorben 
oder untreu geworden ist, oder auA bloß wegen körperlidier Fehler, 
die eine Absage auch an die »freie Liebe« erzwingen, ebenso bei 
dem Altjungferntum und der Furdit vor gesellsdiafdichen Vor= 
urteilen), hat die Libido, wie überhaupt die menschliche Psychik 
bei rettungsloser Lage keinen anderen Ausweg <vgl, oben S. 206 f.), 
als zurückzufliehen, d. i, zur infantilen Erotik und infantil^ 
erotischen Vorstellungen zurückzukehren. Gerade dort aber trifft 
diese zur ü dt gekehrte Libido den psych isdi=sexuellen Vater» und 
Mutterkomplex und dann nimmt die Erotik und scbließlidi audi die 
ganze Psydiik einer solchen Person die Züge des Infantilismus an, 
eventuell in religiösen Formen. Aus dieser psydiischen Rück« 
evolution erklärt sich die Tatsache, daß überhaupt unterdrückte 
sexuelle Funktionen und Triebe am häufigsten in intensiv religiöse 
Stimmungen und in eine besondere Frömmigkeit sich sublimieren,- 
und so konnten die Psychologie und Psydiiatrie in letzter Zeit 
übereinstimmend feststellen, daß ein enger Zusammenhang zwisdien 
sexuellen Evolutionen und Sublimierungen einerseits und religiösen 
Affekten und Stimmungen anderseits besteht,- mit anderen 
Worten: die mensdiliche Libido sublimiert sidi am häufigsten in 
die Religionspsydiologie. 

Dazu gehören zunächst alle Fälle von intensiver Religions^ 
Stimmung und Frömmigkeit bei alten Jungfern, gewöhnlich Frauen 
von starkem Temperament, die oft mit dem Eintritt in ein Kloster 
und einer lebenslangen Widmung der leidenden Seele, an »den 



214 Dr. Johann Kinkel 



Gortes-- und Christusdienst« endigen. Bemerkenswert ist, daß die 
\pitzige russisdie Volksspradie soldie fromme alte Jungfern >Bräute 
Christi« nennt'. Das Wiedere^^x'adlen und die Rüdikelir zum 
psydiisdien Vaterkomplex in religiösen Formen unter dem Einfluß 
der in den Infantilismus zurüdikehrendcn Libido trägt hier oft 
deutlidi ausgedrüAte Eüge der infantilen Erotik. In dem Kultus 
des Antlitzes Christi, in ekstatisdien, näditlidien, mehrere Stunden 
dauernden Gebeten vor dem Kruzifix oder dem Christusbild, 
in dem häufigen Küssen des Antlitzes oder des Kruzifixes, 
nidit selten in Umarmungen des Kreuzes nebst leidensdiaftUdien 
Gebeten auf den Knien an Christus, sieht man ziemlidi klar 
Äußerungen der infantilen Erotik hervortreten. Die ganze Geistes'= 
Verfassung soldier ekstatisA-hysterisdier Nonnen und alter Jungfern 
ist erfüllt von einer intensiv empfundenen und gepflegten Liebe 
zu Christus oder Gott dem Vater, und nidit selten ersdieincn bei 
soldien Personen unter diesem Einfluß innere und äußere Hallu» 
zinationen — Christus ersdieint oft in ihren Träumen, sie fühlen ihn 
bei der religiösen Ekstase neben sidi, er küßt und umarmt sie usw." 
Zur religiösen Sublimation der Libido sind ferner stark 
geneigt alle Personen mit dem im reifen Lebensalter vollständig 
bewahrten sexuellen Mutter- oder Vaterkoniplcx, bei denen die 
Libido in infantilen Formen zurüdigeblieben ist und die, wie man 
sidi in der Volksspradie ausdrüdtt, einen inneren Absdieu vor dem 
normalen Sexualleben haben, respektive sidi nur idecll-plafonisA 
verlieben, keine Fähigkeit besitzen, Personen des anderen Ge- 
sdiledits anzuziehen und ihnen zu gefallen, und nodi dazu 
gewöhnlidi sidi durdi eine besondere Prüderie, Einsamkeit und 
Abgesdilosscnheit von anderen Personen und von der Gescllsdiaft 
unterscheiden. Gerade soldie Personen füllen meist die Klöster 

' Bezeidineiid ist es in diesem Sinne, daß aiidi bei der katholisdicn Kirche 
die sehr alte Sirte besteht, Haß die Frau, weldic in das Kloster eintritt, ein 
weißes Brautitleid anziehen und ein ganzes Zeremoniell ausfnlircn muß, das ihre 
Vermähluns mit dem Heiland symbolisiert, wobei sie audi hier wahrend dieses 
Zeremoniells als Braut Christi betradilet und beseidinet wird. 

- Herr Dr. Krstnikoff lenla meine Aul'merksamkcit in diesem zusammen- 
hang auf die Gest.ilr des heiligen Bruders Sossima bei Dostojewski, der ein 
intensives Sexualleben in seiner Jugend führte und sidi später nach einer .starken 
Seelenkrise zum Mönditum und ebenso intensiver Wrömmiskeit bekehrte. In diesem 
Falle ist die religiöse Sublimierung einer stark entwidiclten Libido ebenso deuiidi 
-wie in Leo Tolstois Gestalt des Heiligenbrudcrs, Vater Scrgius, und sdiließlidi 
in der Persönlidikeil von Tolstoi selbst - einem Mensdien mit stark aus* 
gebildeter Libido, sehr ausgelassenem Leben in der )ugen<l und spaterer intensiv 
religiöser und asketisdier Seelenstimniung, 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 215 

und füllten sie besonders im Mittelalter, wo das Mönditum bei 
allen Klassen der Gesellsdiaft in hohen Ehren stand und infolge 
der tiefen Neigung zur Religion bei den Menschen Eingang fand. 
Soldie Individuen zeigen gewöhnlidi in ihrer ganzen Psydiologie 
infantile Züge, d. h. ein Unverständnis für andere Mensdien und 
gesellsdiaftlidie Beziehungen, d. h. für die reale Wirklidikeit und 
eine Unfähigkeit, sidi dem Leben anzupassen, in Vereinigung mit 
einem besonderen Idealismus des Denkens und Fühlens, als 
Erbsdiaft der infantilen phantastisdien Psydiologie, die sie mandimal 
lädierlidi und hilflos in der Gesellsdiaft madit und sie dadurdi 
nodi mehr den Mensdien entfremdet. 

Besonders die Religionsliteratur der russisdien orthodoxen 
Kirdie gibt viel dankbares Material für die Psydioanalyse in der 
uns hier interessierenden Riditung. Unter den vielen in dieser 
Beziehung lehrreidien Beispielen, die in dem sLeben der Heiligen« 
<Biographisdie Sammlung) angeführt sind, will idi auf zwei ver« 
weisen: die Besdireibung des Lebens des heiligen Teodosius von 
Kiew und der heiligen Euphrosinia, »der Selbstmärtyrerin«. 

Aus der Lebensbesdireibung des heiligen Teodosius geht 
hervor, daß er bereits vom Knabenalter an besondere seelisdic 
Eigensdiaften zeigte, er sdieuie sidi stets vor anderen Kindern, 
spielte niemals mit ihnen und verweilte am liebsten bei der Mutter 
zu Hause, wobei er ihr behilflidi war und stets eine besondere 
Fügsamkeit, Gehorsam und Demut zeigte. Nadidem er volljährig 
geworden war, fand seine Mutter es für angebradit, ihn zu ver^ 
heiraten, wählte ihm ein passendes Mäddien aus und in dem Be- 
streben, sidi ihm zu entfremden, lieR sie ihren Sohn in einem 
entfernten Orte heiraten und sidi zugleidi dort ansiedeln, Jedodi 
der heilige Teodosius entfioh bereits in der Brautnadit von seiner 
Frau und kehrte wieder zur Mutter zurüdt, wofür er übrigens 
dann mehrere Male nidit gerade gelinde von dieser, wie es scheint, 
sehr encrgisdien Frau geprügelt wurde. Jedodi aucii dieses äußerste 
Mittel half nidits und die Mutter des heiligen Teodosius Heß ihn 
sdilieRlidi in Ruhe und »kehrte sidi von ihm ab«. Von dieser 
Zeit an bemäditigte sidi seiner eine immer intensiver werdende 
Frömmigkeit und der Wunsdi, sidi Gott zu widmen. Er verläßt 
seinen Heimatsort, begibt sidi in einen wilden, dichten Wald und 
siedelt sidi dort in einer von ihm selbst erbauten Hütte an. Im 
folgenden wird sein religiöses Leben und seine leidensdiaftlidien. 



216 Dr. Johann Kinkel 



ganze Nädite und Tage dauernden und den Körper erschöpfenden 
Gebete an Gott und Christus zwecks »Vergebung der Sünden 
der Mensdien« geschildert, weldie dieselben typisdien Züge auf- 
weisen, die idi oben erwähnte. In den Traumen des heiligen 
Tcodosius fehlt indessen nidit die Versudiung des Teufels, der 
übrigens den Heiligen auch während seiner langandauernden 
Gebete störte und zu verführen bestrebt war. Bezeichnend ist 
dabei, daß der Teufel sidi in die Hülle einer wundersdiönen 
naditen Frau kleidete, »jedodi«, setzt sofort der Verfasser der 
Lebensbesdireibung hinzu, »gelang es dem heiligen Teodosius 
stets, durdi nodi eifrigere Gebete und Knicfälle das Tcufclsgebilde 
zu versdieudien«! Dieselben Züge in der Geistesverfassung — 
Infantilismus, Entfremdung von den Nebenmcnschen, Absdicu vor 
dem »Sündenleben« und besonders vor der »unreinen Männer- 
liebe« — weist audi die sonst hübsdie heilige Euphrosinia auf, 
was sie veranlaßt, die sündige Welt zu verlassen und sidi in 
einer Wüstengegend anzusiedein, wo sie sich eine Hütte herstellte, 
sich nur von Früditen und Beeren nährte und ganze Nädite und 
Tage hindurdi in eifrigem Beten verbrachte. Dodi ließ der 
abscheuliche Teufel audi die heilige Euphrosinia nicht in Ruhe und 
ihr Lebensbeschreiber erzählt ziemlich ausführlidi, wie der Teufel 
die Gestalt eines schönen Jünglings annahm, der um jeden Preis 
die heilige Euphrosinia verführen wollte, wobei jedoch alle seine 
Bemühungen in dieser Richtung aud» hier gänziidi fehlschlugen. 
Es ist unzweifelhaft, daß wir es hier mit Individuen nicht 
nur von einer vollständig erhaltenen infantilen Geisteskonstruktion 
<es wird oft auf ihre »engelähnlidie Sanftmut und Milde«' ver- 
wiesen) und mit ebensoldien psydiisdien Bigensdiaften zu tun haben, 
sondern audi mit Fällen eines zurüdtgebliebenen sexuellen Mutter- 
oder Vaterkompiexes, der sich im Abscheu vor dem normalen 
Sexualleben, in der Vergötterung der Mutter und in einem inten- 
siven Religionskultus der versdileierten symbolisierten Eltern- 
gestalten, mit infantil-erotischen Zügen, äußert. Die »Teufelsver- 
führungen« und Ersdieinungen bedeuten hier, daß die rein physio- 
logisdi-sexuelle Entwidilung wohl vollendet war und daß die 
natürlidien Bedürfnisse ziemlidi drastisch und stark zum Ausdrudi 



1 »Wenn ihr nidit sanftmütig und milde wie die Kinder werdet, gelangt 
ihr niemals in das Himmelreich Gottes«, versidirrt das Neue Testament 

mehrere Male. 



Zur Frage der psytioiogisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 217 

kamen,- jedodi spielte gerade der psych isdi^erotisdie Elternkomplex, 
wie die Psychoanalyse sich ausdrückt, die Rolle der »Zensur«, 
verhinderte die normalen Äußerungen der Sexualpsychologie und 
verscheuchte das natürliche physische Gefühl/ mit anderen Worten; 
die infantilen erotisdien und psydiischen Elterngestalten <in der Vor= 
Stellung des heiligen Teodosius und der heiligen Euphrosinia ver^: 
sthiedene Gottesgestalten »die zu Hilfe kommen«) versdieudien 
den natürlichen Trieb <in der Vorstellung dieser Heiligen die bÖs= 
willige Macht, der Teufel). 

In seinem berühmten, in alle Sprachen übersetzten Buche 
»Die Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung« führt James, der 
moderne, wohl gründlichste Religionsphilosoph, zahlreidie Beispiele 
der religiösen Ekstase audi in unserer Zeit an und legt ihnen eine 
besonders große Bedeutung in dem Religionsleben bei, wenngleidi 
er auch zugibt, daß solchen Ekstasen meistens Personen unterliegen, 
die sith in nervöser und geistiger Beziehung nicht ganz im Gleich= 
gewidit befinden. Um den psydiischen Geheimmechanismus solcher 
Erlebnisse zu erklären, möchte ich auf einen vorzüglichen Fall 
verweisen, der in unserer psychologischen Gesellschaft zum Vor= 
trag kam. 

Idi mödite nämlidi hier die interessante Sitzung der psycho- 
logischen Gesellschaft in Sofia erwähnen, ,in der Dr. Krstnikoff 
einen armen Geisteskranken D, vorführte. Dieser 26jährige Mann 
litt gemäß der psydiiatrischen Diagnose an einem akuten Größen-= 
und Verfolgungswahn mit einer, nach meiner Meinung auch sichtbar 
sich bei ihm entwickelnden Paranoia, Er wähnt sich Zar Boris der 
Fünfte, dem es von Gott besdiieden ist, Bulgarien zu erretten, er 
wandert nadits zum Denkmal des Nationalhelden Lewsky, bringt 
mehrere Stunden in Schnee und Regen auf den Knien zu und 
legt hier seinen Eidsdiwur ab, dann begibt er sich am nächsten 
Morgen in das Parlament, um hier vor den Abgeordneten eine 
Heldenrede zu halten, wird aber von der Polizei trotz heftigem 
Widerstände festgehalten. Von da an erst kommt er in ärztliche 
Behandlung. Die psycho analytisdie Diagnose stellt bei ihm zunädist 
eine typisdi^infantile Geisteskonstruktion fest, nebst einem sehr 
entwickelten erotischen Mutterkomplex mit den Nebenzügen eines 
psychischen Vaterkomplexes in der Form verschiedener Vater=' 
ersätze, die er sidi sdiuf, hauptsächlich in Gestalt von allerlei 
Priestern und Diakonen, denen er anhing. Dr. MIaden Nikoloff, 



218 Dr. Johann Kinkel 



Her ihn dann später einer gründlidien Psydioanalyse unterzog, 
konnte bald feststellen, daß ein liefwurzelndes Minderwertigkeits- 
gefühl ihn bereits von den Sdiuljahren an verfolgte. Perverse 
Neigungen, Mensdiensdieu, Strcitsudit, die Wegweisung von der 
Sdiule, Spott der Bekannten, die Unfähigkeit, irgend eine Tätigkeit 
im Leben zu beginnen, sidi einen Verdienst zu sdiaffcn, all das 
hat ihn eine psydiisdie Kompensation sdiÜeßlidi in Größenwahn- 
ideen sudien lassen. Im besonderen hat die vorzüglidie Psydio- 
analyse Dr. Nikoloffs sehr interessante Zusammenhänge zwisdien 
versdiiedenen Religionssymbolen der diristlidien Kirdien und neuron 
tisdien Vorstellungen und Wünsdien bei diesem Patienten auf- 
dedten können. 

Auf versdiiedene von den 100 Reizwörtern Jungs reagierte 
der Patient ziemlidi unbedeutend, bloß auf eins - »die Türe« - 
»die Pforte« gab er rasdi folgende ganz ungezwungene Repro- 
duktion: Die Pforte, das ist die Kirdie - die Altanstüre - der 
Leib <Uterus) der Mutter, idi mödiie wieder hinein und dann 
heraus/ wenn iA <so scheint es mir!) durdi die .heilige Altanstüre 
durdigehen (passieren) könnte <NB. nadi dem orthodoxen Ritus 
■ nur für Priester gestattet!), würde idi der glüddidiste Mensdi in 
der Welt sein, wie neugeboren, regeneriert und ohne Sünden, 
dann werde idi riditig leben können! Idi mödite, daß midi zwei 
Priester durA die heilige Altanstüre durdiführen und mödite auf 
dem Altar alle Rcligionskostbarkeitcn <Kreuz, Evangelium u. a^ 
küssen und midi trösten, aber idi UnglüAlidier habe ja kein Redit 
dazu, das kann nldit werden! Dann soll mir aber meine Mutter 
gestatten, ihre kostbaren Körperteile zu küssen <Brust und Sexual- 
Organe) und dann werde idi midi von ihr trennen können und ohne 
sie ein selbständiges Leben beginnen, wie idi es mödite. Idi sehe 
neben ihr im Traume oft Priester ^ - ihre Kinder, und den Bisdiof 
- meinen Vater. (NB. sein leiblidicr Vater ist ein armer unbe- 
deutender Provinziallehrer.) Die Kirdie ist, wie idi mir mancfe- 
mal vorstelle, die ganze Erde, worauf alle Mensdien leben«, 
Dr. Nikoloff wirft ein: :*Sie wissen aber wohi, daß es nadi dem 

' Eine offenbare Identifiliation der Mutter mit der Kirdie in der Psycho- 
logie des Neurotikers und audi des Urdirislcntums; vgl, die Sdinftcn der ersten 
Kirdienväter und nodi die gegenwärtigen Ausdrücke: »Trost bei der Kirthe 
suchen«, >in den Schoß der Kirche zurücickehrcn* u. a. 

'■ Ebenfalls eine urchristliche Vorstellung, die dem l'alicntcn sonst, als 
. solche, ganz unbekannt ist, resultierend aus der Mutter-Kirdic-Vorstcllung. 



2ur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 219 

Kir dien retfite unstatthaft ist, die Altargeräte und Sakramente zu 
küssen und moralisA ist es ja auch unstatthaft, Körperteile der 
Mutter 211 küssen!« Der Patient nadi einigem Nadidenken: »Dann soll 
unsere ganre Familie neben ihr <der Mutter) sidi versammeln, wir 
Kinder werden dann alle unsere Sünden ihr gestehen und einander 
Abbitte tun, zum Sdilusse alle uns gegenseitig und die Mutter 
küssen, erst dann werde ich midi trösten können, beruhigen, ge= 
sund werden und mich von der Familie trennen, mir eine Stelle 
suchen und ein Einkommen finden und weiter selbständig leben!« 

Nach einigen weiteren Unterredungen konnte Dr, Nikoloff 
feststellen, daß das Grundmotiv dieses Neurotikers das Bewußt« 
sein von Sünden ist, die ihm seit der Geburt anhängen, er ge» 
stand dabei, daß er in der Kindheit seine Schwester »geschändet«, 
mit einer Haushündin sexuell verkehrt, viel Onanie getrieben, 
aktiven und passiven homosexuellen Verkehr gepflegt hat, stahl 
und deswegen viel Vorwürfe von der Mutter anzuhören hatte, 
die ihn besonders quälten. Sein intimster Wunsch, der audi in 
Träumen immer wieder sich einstellte und nach dem oben wieder« 
gegebenen Gespräch offen zum Ausdrudt kam, ist — wieder in 
den Uterus der Mutter zurüdtzukehren, utn wiedergeboren zu 
werden, was mehrere Male in Traumbildern und audi bewußten 
Phantasien folgendermaßen zum Ausdrudi kam und von ihm ge= 
schildert wurde: ich möchte in einen Sarg gebettet werden^ 
<er träumt oft davon!) und dann auferstehen, von allen 
Sünden gereinigt, um dann sündenlos <perverslos) weiterzuleben, 
rein, geredit, ruhig und glüdilidi-. 

Um aber auf die Frage der Religionsekstase zurückzukommen, 
erinnern wir uns daran, was dieser Neurotiker uns von seinem 
Religionseifer erzählt hati Seine Frömmigkeit erreidite einen so 
hohen Grad, daß er sidi mit dem Kirchendienste und ständigem 
Verkehre mit Geistlichen nicht begnügte, sondern zu Hause 
selbst Messen und Abendgottesdienst abhielt, zu denen er 



' Vgl, zu diesen neurotisdien Traumideen und Wünschen uralle myiho- 
logisdie Vorstellungen. <S. die Ausführungen über den religiösen Mutter-Erde= 
Komplex im ersten Teile dieser Arbeit.) 

- Es ist geradezu auffallend, wie hier der ganze Kreis der urdidstlidien 
Religionsvorstellungen und Ideale sdiarf 2um Ausdrudt kommt. Die Grundidee 
von dem Sündenfall der Mensdiheit, dem Todes <Märlyrer)opfer und der Auf- 
erstehung des Mensdiensohnes für die Regeneration der Mensdiheit, respektive 
für das folgende sündenlosc Leben in ewiger Wonne im Paradies, findet sidj 
in diesen neurotisdien Wahnideen vollständig wieder. 



220 Dr. Johann Kinkel 



Stets audi die Mutter einlud. Stark erregt besdircibt er, wldie 
Wonne ihn erfaßt, weldi himnilisdie wunderbare Freude und 
Glütk sidi seiner bemädiligen, wenn er die Messe abhält, singt 
und betet. Auf meine und Dr. Nikoloffs Anfrage, was ihn an 
diese Wonne und Freude erinnert, womit er sie vcrgleidien könne, 
errötet er, sAweigt und sagt dann zögernd, daß es sdiauerlidi 
wäre, dieses zu eröffnen. Auf unser Drängen gesteht er endliA, 
daß es dieselbe Wonne sei, die er früher bei sexueller Ekstase 
empfand, als er onanierte, bloß sei das religiöse Gefühl noA 
feiner und entzüdtender <NB. Der Patient haiit die Frauen und 
verabsdieut den normalen Sexualverkehr!) Im weiteren teilte er 
mit, daß er »rein wurde«, nadidem er die Religionsckstase kennen 
gelernt und sidi ihr zum erstenmal hingegeben hatte. 

Es ist klar, daß es sidh in diesem Falle, wie in ähnlidien, 
bei James ausführlidi besdiriebenen Fällen, um die unter dem 
Einflüsse infantiler Komplexe in Ekstase sublimierte Libido 
handelt, ähnlidi der normalen Libido, z. B. eines verliebten In- 
dividuums in sexueller Ekstase. Nämlidi, bei intensiver Äußerung 
und Empfindung ihrer Liebe zu den in versdiiedenen religiösen 
Formen symbolisierten Elterngcstalten <bei dem Patienten D. wäre 
das der Messedienst) verfällt die religiös-sublimierte Libido iiatür- 
lidi in Ekstase und das ergibt dann bei dem betreffenden Indi- 
viduum diejenige Empfindung der Wonne, »der wunderbaren 
himmlisdien Freude« u. a., die die Stimmung audi des normalen 
Mensdien bei sexueller Ekstase auszeidmet. Eben deshalb 
taudite bei dem Patienten D. dieser Parallelismus {Assoziation) 
in dem Bewußtsein auf und es erfolgte der obenerwähnte be- 
zeidinende Vergleidi. Auf diese Weise gelange idi zu dem 
Sdilusse, daß jede religions-hysterisdie Ekstase eine Äußerung 
der sublimierten Libido in hodicrregtem Zustande ist. Daß in der 
Tat die erwähnten göttlidien Gestalten - Objekte der religiös- 
sublimierten Libido - eigentlidi dieversdileiertenBIterngestalten 
sind, zu denen unterbewußt die infantile Seele strebt, zeigen 
die vorzüglichen plastisAen Beispiele von James, der in seiner 
Naivität meint, er könne dem wissensdiaftlidien Denken und be« 
sonders der psydioanaly tischen Weltansdiauung »die Vielseitigkeit 
der religiösen Erfahrung« nadiweisen! 

Für unseren psyAoanalytisdien Standpunkt ist es vor allem 
widitig festzustellen, in welchen Formen, d. i. mit weldien Motiven 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 221 

und Emotionen religiöse Gefühle und Stimmungen bei hysterischen 
Naturen begründet werden, bei denen stets soldie Triebe und Rudi^« 
mente zum deutlidien Ausbrudi kommen, die bei normalen Subjekten 
tief verborgen und unterbewußt bleiben,- idi meine hier also die 
psydiologisdien Grundlagen des normalen Religionsgefühls. James 
führt in dieser Beziehung zahlreidie typisdie Beispiele an, so die Be= 
kehrung zur Religion, zur »flammenden Frömmigkeit« von früher 
ungläubigen Leuten, die bis dahin geistig viel litten, mit dem Leben 
tief unzufrieden waren, melandiolisdi gestimmt, unglüdilidi, usw./ 
daneben andere Fälle, wo ein besonders starkes Religionsgefühl 
geschildert wird. Idi muß midi hier leider bloß auf einige besonders 
auffallende, genügend typisdie und diarakteristisdie Beispiele be* 
sdiränken und kann unmöglidi viele andere hier anführen. Idi 
zitiere im folgenden die russisdie Übersetzung des Budies von 
James, die mir allein vorliegt: »Bis zum heutigen Tage«, sdireibt 
eine Dame <es handelt sidi um eine Neubekehrte, deren Vater 
ein Atheist war und sidi, wie es sdieint, ziemlidi gleichgültig 
gegenüber sentimentalen Famiiienregungen verhielt), »kann idi nidit 
begreifen, wie man zur Religion leiditsinnig sidi verhalten und 
auf die Gebote Gottes nidit aditen kann. In dem Augenblidt, 
als idi den Ruf meines himmlisdien Vaters vernahm, erbebte mein 
Herz in meiner Brust. Idi stürzte ihm mit erhobenen Händen ent- 
gegen und rief aus: ,idi bin hier, bin hier, mein Vater, — Was 
soll idi nun tun?' — ,Liebe midi!' — antwortete mein Gott <sici> 
— ,Ja, idi liebe Didi, idi liebe Didi' — bradi idi leidensdiaftlidi 
aus. — ,Komm zu mir!' — rief midi mein Vater. — ,Ja, idi 
komme', antwortete mit Beben mein Herz. Konnte idi mir danadi 
irgend weldie Fragen vorlegen? — Gewiß nidit. Es fiel mir im 
weiteren niemals ein,, midi zu fragen, ob idi genügend gut bin, 
oder über meine Unwürdigkeit nadizudenken, oder meine Be= 
Ziehungen zu seiner Kirdie klarzustellen, oder . , . irgend eine 
Genugtuung zu erwarten. — Eine Befriedigung! — Bin idi denn 
nidit vollständig befriedigt? — Habe idi denn nidit meinen Gott, 
meinen Vater gefunden? — Liebt er midi denn nidit? — Hat er 
midi nidit gerufen? — Gibt es denn keine Kirdie, die midi an- 
nehmen könnte?^. Von dieser Zeit an erhielt idi immer direkte, 
von Bedeutung volle Antworten auf meine Gebete und das war 

' Offenbar ein Mutterersatz bei dieser infantilen Seele, vgl. oben die 
IdentiÜhation der Kirdie mit der Mutter bei dem Ncurotikcr D, 



222 Dr- Johann Kinkel 



einem Ewiegespräii mit Gott ähnliA, in dem ich seine Worte 
hörte Die Gewißheit der Existenz Gottes verließ mich seit 
dieser Zeit auf keinen Augenblick.« (Meine Spcrrsdirift !> 

Ein anderes Beispiel: *MaiictimaI, wenn idi in die Kirdie 
gehe nehme ich Anteil am Gottesdienst (erzählt ein tiefreligiöser 
Mann) und vor dem SAluß der Messe fange idi an zu empfinden, 
daß Gott neben mir, rechts, anwesend ist, daß er mit mir singt 
und Psalmen liest <!> . . - Mandimal sdieint es mir wieder, daß idx 
ganz in seiner unmittelbaren Nähe bin, daß ich ihn umarme 
und küsse . . . Wenn ich die heiligen Sakramente am Altar ent- 
gegennehme, strebe idi danadi, mich Ihm möglidist anzunähern, 
und tatsädilich empfinde ith dann in der Mehrzahl der Fälle 
deutlidi seine Anwesenheit.« (Meine Sperrsdirifi!) 

Ein drittes Beispiel: »Gott umgibt midi gleidi einer 
physischen Atmosphäre, Er steht mir näher als mein eigener 
Atem, Ich kann budistäblidi sagen, daß idi in Ihm lebe und micii 
bewege, in Ihm existiere. Es gibt Stunden, wo es mir sdieint, 
daß id\ vor dem Antlitz Gottes stehe und mit Ihm spreche. Ich 
empfinde dann Jemandes mächtige und äußerst süße An- 
wesenheit, die über mir schwebt. Manchmal habe ich das 
Gefühl, als ob dieser Jemand mich umarmt, in dem 
Willen, mich zu stützen.« (Meine Sperrschrift!) 

Usw. usw. Bezeidinend ist dann unter weiteren Beispielen, 
die James anführt, nodi ganz besonders seine Mitteilung über eine 
Dame, die ihm von dem Gefühle erzählte, das sie bei Gebeten und 
bei der Religionsekstase empfinde, nämlidi die wunderbare, wonnige 
Freude bei dem Gedanken, sie könne sich stets an Gott ansdimiegcn». 
In allen den Beispielen, die idi oben nnführte, und noch 
vielen anderen, die zahlreidi in dem ganzen . Budie des englischen 
Religionsphilosophen zerstreut sind, sehen wir ganz deutlich das- 
jenige, was jede Religionspsychologic auszeichnet. In den von mir 
oben angeführten Beispielen aber (die übrigens nadi der Meinung 
von James selbst die bezeichnendsten für die Wahrheit der Gottes- 
erfahrung sind!), treten die infantil-erotisdien und infantil-psydiisdien 
Erinnerungen und Bestrebungen, sublimieri zu einem tiefen Reiigions- 
gefühl, ganz besonders deutlidi hervor, ja sie sind hier geradezu 

' S. William James, Die -Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahmn?. 
Moskau, 1910. Verlag der SeitsArifi .Russkaja Mysl.« S. 61 bis 62. 63 ft.. 
67, 72 der russisdien Obersetzung des englisdicn Textes. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 223 

augenfällig und das eben ist es, unter vielem anderem, was am 
besten unseren Grundgedanken beweist, respektive den in meinem 
Vortrag entwickelten psythoanal/tisdien Begriff der Religion. 

Interessante Formen von sexuell-religiöser Sublimierung 
weisen intensiv ekstatisdie Religionsstimmungen gewisser ReIigions= 
Sekten in Rußland auf. Bei diesen Leuten sublimiert sidi im 
Gegensatz zu den oben gestbilderten Typen nidit die Libido in 
eine Religionspsydiologie, sondern umgekehrt, eine intensiv=religiöse 
Stimmung — Erregung, geht in sexuelle Orgien über, was nodi 
deutlidier beweist, daß tatsädiliA bei paihologisdier Psydiologie 
ein starker Zusammenhang zwisdien religiösen Exaltationen und 
sexueller Ekstase besteht. Idi meine hier die in Ostrußland ziemlich 
stark <wenn audi geheim) verbreitete Religionssekte, genannt 
»Chlystowzi« oder ^Chlysti«. Diese Leute, Männer und Frauen, 
versammeln sidi zur Abendzeit in einem geheimen »Gebethaus« 
und beginnen ein einstimmiges hohes Beten und Lobpreisen Gottes, 
Christi und anderer Gottesgestaiten bei einer oder einigen bren= 
' nenden Kerzen. Allmählidi steigert sidi die Religionsekstase bei 
allen Anwesenden, die zuerst stillen Gebete und »Ersdieinungen 
Gottes in der Seele« werden immer lauter und intensiver und 
werden von Lobgesängen abgelöst. Die zuerst in eine äußerste 
Religionsckstase verfallenen Personen beginnen mit hoher Stimme 
das zu predigen, was, in ihnen gegenwärtig, die göttlidie Macht 
spricht, und teilen ihre unzusammenhängenden Visionen, d. h. Ge= 
sichts- und Gehörshalluzinationen, allen Anwesenden laut mit, 
wobei sie dann beginnen, in hödister Ekstase in dem Zimmer zu 
springen und zu tanzen. Diese Ekstase erfaßt schljeßfidi alle An= 
wesenden, indem ein allgemeines Springen, Drehen und Tanzen 
beginnt, wobei die Leute Bewegungen ausführen, als ob einer 
hinler dem anderen herjage. In dieser ekstatisdien Erregung er= 
löseben die Kerzen <»von selbst« nach dem Glauben der Sek^ 
tierer!) und dann folgt eine urwudisige sexuelle Orgie zwischen 
allen Anwesenden auf dem Boden, in voller Dunkelheit, mit unter- 
sdiiedslos hetero- und homosexuellem Charakter. Darauf folgt 
ein tiefer trunkener Schlaf bis zum Morgen und dann gehen die 
Sektierer auseinander ^ 



' Hier liegt meines Eraditens eine Regression zu uralten Formen des 
sexuell-religiösen Lebens vor, die noA in der Mythologie und ältesten Kultur- 
gcsdiichtc erhalten sind. Im Frühling bei relisiösen Festen und Feiern der uni» 



224 Dr. Johann Kinkel 



Diese bemerkenswerte Rüdtevoluiion der in der Reiigions= 
psydiologie anfänglich sublimicrten Libido rurück in rein sexuelle 
Formen und überhaupt der enge Zusammenhang zwischen Sexuali- 
tät und Religionspsydiologie, der so klar bei den russisdien Sektierern 
auftritt, ist mehr verborgen bei soldien Typen wie den oben be- 
sdiriebenen heiligen Brüdern und den frommen Seelen von James. 
Die obenerwähnten Sektierer mit ihrer deutlidien Evolution 
der Libido zur Religion und zurüdi, die sidi beinahe an der Grenze 
der Psydioneurose befinden, stellen jedodi durAaus keine psydio- 
logisdie Ausnahme vor, sondern bilden sozusagen eine Einleitung 
zur gewöhnlidSen, für viele irrsinnige Personen typisdien sexuelU 
religiösen Psydiologie. SidierliA ist vielen die psydioanalytisdi sehr 
interessante Tatsadie unbekannt, daß zirka 90 Prozent der an 
Hysterie, Dementia praecox und Paranoia mit sexuellem Motiv 
und Grundlage der Erkrankung <hauptsädilidi in Form infantiler 
Komplexe) Leidenden klar ausgedrüd^te Religionsformen des Wahn- 
sinns aufweisen ^ Jeder, der etwa die Beschreibung und Auf- 
zeidinung der religiösen Walmvorstcüungcn Stimmungen und Bilder 
lesen würde, die bei den Kranken ersdieinen und von Ärzten 
notiert worden sind'', wird überrasdit sein, wie stark in diesen 
Wahnbildern bunt und roh durdieinander sexuelle Erlebnisse, Vor- 
stellungen und Stimmungen mit religiösen vermischt sind. Einigen 
Lesern mögen vielleiAt die folgenden Beispiele und Ideen als 
Gotteslästerung sogar nodi im Munde des Psydiologen ersdieinen. 
Ein typisdies Bild soldier Wahnvorstellungen ist zum Bei- 
spiel das folgende: Mutter-Dirne-Muttergottes, Die Muttergottes, 
die der Kranke eine Zeitlang mit allen Äußerungen eines tiefen 

versalen Urgotihdtcn Vater^Himmel und Mu.tcr-Erdc (ReReneration der ganzen 
Natur: Befruditung der universalen Mutter durd. Sonnenstrahlen [[>emssymboll 
und Regen seitens des Vaters) tanzte der Urmens* m Re.gen mi ^»^ilden 
trunkenen Gesängen ganze Tage auf Wiesen, das er«/adiende Leben ""d d e 
Urdtern preisend Am Abend begab siA der ganze Sdiwarm ." ^»^ Hohle 
in der Erde in Form eines wdblidien Sexualorgans gegraben, gesAmuAt mit 
Blumen und Blättern von außen <Haarsymbol> und h,er folgte nun e.ne wilde, 
sexuelle Orgie unter allen Anwesenden die ganze Nadit hmdnrdh Vgl. zu 
dieser Form des uralten sexuellen Multcrkomplexes den geheimen Wuns* des 
bulgarisAen PsyAoneurotikers D-, in den Uterus der Mutter zuruAzukehren, 

<besttrieben auf S. 45). . , . . ^ ir j. f, ... 

^ Das wurde mir in einer Sitzung der psyAologisdien Gese IsAaft zu 

Sofia von dem bekannten russisdien Psychiater Prof. Dr. N. Popoff, )ct.t in 

° ^' '"Vgi-^z. B. die Archive der EürAer psydiiatrischen Klinik »Burghöizli«, 
in die der Verfasser dieser Arbeit dank der liebenswürdigen Hilfe von Uoktor 
Nelken einen Einblick bekommen konnte. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 225 

religiösen Gefühls anl>etet, verwandelt siA in seiner Phantasie 
plötzlidi in ein vulgäres schredilidies Weib, das ihn zu Tode 
küssen will, ihn martert und auf versdiiedene Weise verfolgt, so 
daß er sidi nirgends vor ihr verbergen kann^ Weiterhin ver^ 
wandelt sidi diese Gestalt ebenso plötzlidi oder audi am folgenden 
Tage in seine Mutter oder Sdiwester. Ein anderer zum Beispie! 
hat zufällig irgend eine Frau im Krankenhaus bemerkt, es war 
eine Ködiin oder Wärterin, In ernstem und sehr aufgeregtem 
Tone versidiert er darauf den Arzt, seine Mutter sei ersdiienen, 
um ihn zu erwürgen, zu erstedien, auf eine geheime Art und 
Weise zu töten usw. Die Aufregung und Wahnekstase steigern 
siA unter dieser Überzeugung immer mehr und es beginnt das 
Delirium bei ihm. Er kniet nieder und betet zur Muttergottes 
einige Stunden nadieinander mit starker Religionsekstase und unter 
den Äußerungen der gewöhnlidien infantilen Erotik. Nach einiger 
Zeit tritt die Reaktion ein. Der Patient bridit in ein dämonisdies 
Ladien aus, bespudt das Objekt, das für ihn die Muttergottes 
darstellte, besdimutzt es mandimal mir Exkrementen und bedenkt 
die Muttergottes mit den zynisdisten Besdiimpfungen und Flüdien, 
worauf dann nodi Toben und Raserei folgen. Dann tritt gewöhn«' 
lidi rasdi das Selbstvergessen und ein tiefer Sdilaf und Ruhe ein 
bis zum nädisten Anfall, wobei der äußere Anlaß wiederum irgend 
eine zufällige Assoziation mit dem Mutterbilde ist^. Bei sdiwädieren, 
nirfit tobsüditigen Naturen wird die Raserei und das Toben ge^ 
wöhnlidi durdi intensive Angst und Verfolgungswahn ersetzt und 
zwar wiederum die Muttergottes betreffend, bis zu der Stunde, 
wo der ersdiöpfte, unter das Bett verkrodiene und mit Dedten 
und Bettlaken sidi umwidtelnde Kranke ebenfalls elnsdiläft. 

Die Gestalt Gottes und Christi bei Kranken männliAen 
Gesdiledits ist stets eine Sdirediensmadit mit hartnädtigen homo* 
sexuellen Bestrebungen gegenüber dem Kranken, vor der er siA 



1 Eine Äußerung der sogenannten Objektivierung und Projizicrung eigener 
Gefühle und Triebe auf syrabolisdie Gestalten bei Psydioneuroiikern. Im ge- 
gebenen Falle leidet der Patient an einem ausgeprägten erotisdien Mutter- 
komplex, der sidi umgekehrt in seiner Phantasie abspiegelt. Die Objektivierung 
und Projektion ist hier durdi den Einfluß der Zensur in seiner Psydiologie be- 
dingt. Unbewußt strebt er selbst danadi, in beiug auf seine eigene Mutter. 

* Es ist bekannt, daß im Mittelalter und audi heute noch ungebildete 
Leute soldie Wahnvorstellungen als Äußerungen der Teufelsmadit erklären, die 
durdi den Mund des Kranken die Himmelskräfte beschimpft. Daher der Aus» 
drudf für soldie Kranke: »Besessen von dem Teufel.* 

Imaifo VllI/2 IS 



226 Dr. lohann Kinkel 



absoiut nidit retten kann. Diese Madit wird ihn erwürgen, den 

Leib zerfleisdien, vergewaltigen. Das ist eine Reihe von Vor- 

Stellungen, Jedoch ersdieint stets daneben in anderen Stunden bei 

diesen Patienten eine ausgeprägte Religionsstinimung: Sie halten 

ganze Messen ab, singen Psalmen und Gebete, identifizieren sich 

mit Geistlichen,- sagen lange, von ihnen ersonnene Gedichte her, 

die göttlidien Madite lobpreisend. Olt kommt es audi vor, daß 

die den Kranken sexuell verfolgenden Hininiclsmädite äußerlidi 

nidit diejenigen sind, die er anbetet, und nur gewisse gemeinsame 

Züge, respektive nodi das Delirium des Kranken beweisen, daß 

es dieselben Gestalten sind, die er anbetet. Eine nähere Psycho* 

analyse, soweit sie gelingt, stellt beinahe immer fest, daß diese 

Gestalten einen verschleierten erotisdi-psydiisdicn Vateikomplex 

darstellen. 

Bei Frauen dienen die Gestalten Gottes und Christi ge* 
■wohnlich als Objekte ekstatischer Religionsstimmungen, die einige 
Tage dauern. Die Kranke verweilt auf den Knien mehrere Stunden, 
weint, flüstert Gebete, küßt die Phantasiegestalt, worauf dann 
ebenfalls eine Periode von Verfolgungsvorstellungcn in rohsexuellem 
Sinne folgt, manchmal bildlich: »man will midi padien, mit Um* 
armungen erwürgen, mir den Leib mit feurigen, sdiredtÜchenSexuaU 
Organen zerfleischen« usw. Die verfolgenden Mächte sind schwarze 
Geister, mit menschlichen, aber auch tierischen Zügen <am häufigsten 
Stiere!) ^ mandimal gemisdit, in großer Anzahl, begabt mit über» 
natürlidien Kräften und Fähigkeiten, schlau wie die Teufel und 
überall ihr Opfer erlangend. Es ist geradezu überrasdiend, wie 
diese Wahnvorstellungen den Besdireibungen von Luzifer und den 
Teufelsmächten in der Hölle ähneln, die von den christlidien 
Kirchen im Mittelalter aufgczeidinet sind und mit genauen Zügen 
in den mittelalterlichen Literaturerzeugnissen wiedergegeben werden 
<vgl. z. B. die Höllenbesdireibung von Dante>. Es fehlt hier weder 
der »ekelhafte Geruch«, der von diesen Geistern verbreitet wird, 
noch deren sdiwarze Haare und versdiiedene Sdiredcensinstrumente, 
mit denen sie ihr Opfer stedien und kneifen. 

Ein anderer Typus der sexuell-religiösen Psydiose bei Frauen 
ist der stille, mit den in der Phantasie der Patienten bereits 



' Es ist bemerkenswert für den ParalleÜsiiius der PsyAoIogie des noniialcn 
Mcnsdien im Traume und der des Psydioneurotikers, dall der Stier das gewöhn- 
lidie Sexualsymbol in den Träumen normaler Frauen ist. 



Eur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 227 

gesdiaffenen Kompensationsgestalten. Audi hier gibt es zunädist 
eine Phase der religiösen Gebeiekstase, die Tage und Nädite dauert, 
mit Beten, Weinen, Knien, Küssen usw. Darauf folgt ein be- 
stimmtes Gefühl bei der Kranken, daß die göttlidie Ivladit <am 
häufigsten Christus — das Symbol der Liebe) ihre Gebete und 
Rufe erhört hat und zu ihr vom Himmel zu Liebeszwed^en herab=' 
gestiegen ist. Nun folgt eine Periode der phantastisdien sexuellen 
Ekstase mit der Gottesgestalt, Die Patientin liegt auf ihrem Lager 
mit gesdilossencn Augen, mit seelig sinnlidiem Lädicln, flüstert 
zärtlidie Worte; Christus liegt bei ihr, küßt sie, umarmt sie, 
besdiränkt sidi aber, wie es sdieint, stets auf soldie unsdiuldige 
Liebkosungen und versdiwindet endlidi, worauf das üblidie Selbst^ 
vergessen und ein umnaditeter Sdilaf bei der Kranken folgt. Es 
ist klar, daß bei soldien Individuen die infantil=erotisdien Triebe 
sidi bereits eine phantastisdie Kompensation und ein Befriedigungs-= 
objekt gefunden haben. Ebenso z^yeifellos ist es aber audi, daß die 
Psydiologie dieser Neurotiker sidi von der der oben besdiriebencn 
Nonnen — die Christus in Liebesbildern träumen — nur durdi 
eine entwidteltere infantile Psydiologie, d. h, vollkommenere, aus'» 
gebildetere symbo!isdi=phantastisd!e Psydiik und den völligen 
Verlust des Bewußtseins für die reale Wirklidikeit untersdieidet. 
Alle diese typischen Beispiele der sexuell=religiösenPsydiose, 
die idi oben in ihren kürzesten und widitigsten Zügen wieder- 
gegeben habe, beweisen überzeugend, daß in der Tat die infantile 
Libido bei den Elterngestalten fixiert ist, ferner, daß die infantile 
Erotik und erotisdie Vorstellungen in gewissen Fällen sidi patho- 
logisdi im reifen Lebensalter erhalten und Psydioneurosen herbei- 
führen und sdiließüdi, daß diese pathologisdi zurüdigebliebcne 
Erotik sidi am häufigsten in religiösen Gestalten und Symbolen 
ausdrüdtt, eben deshalb, weil das Religionsgefühl in seinen Grund- 
lagen einen Widerhall der infantilen Psydiologie bei dem Mensdien 
darstellt. Die infantile Erotik der Psydioneurotiker, die 
die Reproduktion der Elterngestalten als erwünschtes 
Objekt sucht, schafft sie sich in denselben Symbolen, 
Gestalten und Formen wie die infantile Psychologie der 
Menschheit, die die ideellen Gestalten des Vaters, der 
Mutter und der ganzen Familienordnung auf den Him- 
mel respektive di? Weltordnung projizierte, d. h. in 
»religiösen« Formen, Das ist das Gesetz von der Gleiche 

15" 



228 Dr. lohann Kinkel 




heit in der geistigen Schaffung bei Identität der psychisch- 
schaffenden Grundlagen <Infantilismus>. <Individuum und 

Gcsellsdiaft.) 

Dieser Paraüelismus in dem geistigen SdiafFen 2wisdien dem 

sozialen Infantilismus <d. h. der sozialen infantilen Psydiologie) 
und dem individuellen bei Subjekten mit einer Psydiik, die eine 
pathologisdie Grundlage hat <invertierte), geht soweit, daß es eine 
Identität in dem ganzen Kreise von ideellen Vorstellungen und 
Gestalten gibt, die sidi in der religiösen Sozialpsydiologie und 
parallel in der individuellen (hysterisdien, paranoisdien) entwidteln. 
Meine psydioanalytisdien Freunde Dr. Job. Nelcken in SüriA und 
Dr. Mladen Nikoloff in Sofia haben ganz selbständig und un- 
abhängig voneinander meine Aufmerksamkeit auf die auffallende 
Tatsadie gelenkt, daß die Ideologie der Psydioneurotiker stets drei 
Stadien in ihrem System aufweise »drei das Sdiit^isal entsdieidende 
Momente«, wie die Patienten sidi selbst ausdrüdien. Erstens — 
der Sündenfall (sexuelle und geistige Perversitäten), zweitens — 
Bestrafung (geistige Leiden im Leben, Mißerfolge und Miß- 
gesdiidte, Selbstquälereien)/ drittens - die Regeneration, die 
»Auferstehung« zum neuen (normalen) Leben. Dieser ganze 
Vorsteilungskreis ist nun audi für die diristlidic Ideologie typisdi, 
nämlidi für den Begriff des mystisdien Sdiidtsals des Mensdien« 
gesdiledits. (Der Sündenfall von Adam und Eva und die Ver^ 
treibung aus dem Paradies/ die Bestrafung - d. i. das irdisdie 
leidenvolle Leben der Mensdiheit/ die Auferstehung zum neuen 
Leben im Himmelreidie der geretteten Mensdiheit.) Die psydio- 
analytisdie Soziologie wird daraus den Sdiluß ziehen, daß die 
Psydioneurotiker philosophisdi ebenso fühlen und denken wie die 
infantile mensdilidie Gesellsdiaft zur 2eit des Urdiristentums und 
nodi früher, da dieser Vorstellungskreis sidi in seinen Grund- 
zügen sdion in dem Alten Testament und in den älteren Religionen 
der Ägypter, Inder, Babylonicr, ja in Rudimenten bereits in der 
Mythologie der Naturvölker vorfindet. 

Nun spielen aber die versdiiedensten Rcligions- (Gottes-) 
gestalten bei den heutigen und mittelalterlidicn Psydioncurotikern 
ihnen gegenüber eine aktive sexuelle Rolle gerade wegen crotisdier 
■ Sympathien und Triebe, die bei ihnen den Eltern gegenüber stark 
entwidtelt waren und später zurüdtgebliebcn sind. Bei der in 
psydiisdier Beziehung infantilen Mensdiheit, die die diristlidie 



£ur Frage der psydiologisAcn Grundlagen und des Ursprungs der Religion 229 

Religion stliuf, war dagegen die infantile Erotik zum größten Teil 
sAon lange verdrängt und deshalb finden wir dort nur rein 
psydiisdie Infantilismen, Niditsdestoweniger gilt audi auf diesem 
sexue1!=psydiisdien Gebiete in vollem Umfange das biogenetisdie 
Grundgesetz, denn eine am stärksten ausgedrüdtte, intens] v^^sinn- 
lidie und in unserem modernen Sinne audi perverse, infantile 
Erotik finden wir in den älteren Religionen, die von der ägyptisdi« 
babylonisdien und persisdien Kultur gesdiaffen waren. So z- B. 
besonders in der Religion <lvlysterienkultus> der Göttin Astarte, 
des Gottes Osiris, Dionysos, Mithra u. a., wie es ziemlidi aus- 
fiihrlidi in der deutsdien und französisdien religionsgesdiiditlidien 
Literatur besdirieben ist. 

Es gibt nun aber audi in der normalen Psydiologie gewisse 
geistige, unwillkürlidie Äußerungen, in denen unbewußt der Zu" 
sammenhang sexueller Regungen und religiöser Stimmungen, der 
sonst in der Tiefe der Seele verborgen bleibt, zum Ausdrudt 
kommt. Für den psydioanalytisdien Gesiditspunkt ist es nämlidi 
unzweifelhaft, daß es durdiaus nidit zufällig ist, wenn die stark 
idealisierte und leidensdiaftlidie sexuelle Liebe sehr oft sowohl in 
der Diditung als audi in der Volksspradie aller kulturellen und 
niditkulturellen Völker sidi des Ausdrudies — »vergöttern«, »in 
den Himmel heben«, bei den slawisdien Spradien »obogotworjat«, 
»obosdiawam« usw., bedient. Der psydiologisdie Zusammenhang 
zwisdien ideeller <vulgo — romantisdier) sexueller Liebe und der 
Religionsterminologie <respektive ^Vorstellungen) besteht nun darin, 
daß jeder Idealismus (Romantismus) überhaupt und der sexuelle im 
besonderen seine letzte Grundlage dodi im Infantilismus <Phan- 
tasmatismus), respektive in der infantilen Erotik, d. h, im Vater^ 
und Mutterkomplex hat. In meinen Ausführungen habe idi nun 
an der Hand mehrerer Beispiele nadigewiesen, daß der Eltern« 
komplex bei dem Erwadisenen gerade in der Gestalt von ver= 
sdiiedenen göttlidien Wäditen, d. h. in Religionsformen und -Vor- 
stellungen zum Ausdrud: konirat. Deshalb ersdieinen eben idealistisdie 
Gefühle und Stimmungen der Libido stets in Religionsformen. Es 
ist nun durdiaus bezeidinend, daß die Völkerp sydiologie diesen 
Religionsausdrudi audi jeder anderen starken (aber wiederum 
idealisierten) Liebe beilegt. Dem ist so, weil der psydiologisdie 
Inhalt in dem Religionsgefühl und in einer starken Neigung und 
Sympathie zum anderen Mensdien, den man als Ideal, als eine 



230 Dr. Johann Kinkel 



VolÜcommenheit empfindet, derselbe ist. Eine solche Stimmung 
und Idealisierung ist wiederum ein Abklang des El rem komplexes 
in der Seele des Mensdien, denn alle VorstcHungcn von ideellen 
Menschengestalten mit ideellen Eigensdiaften (respektive nur 
einer, die besonders anziehend ist!) erwirbt der Mensch in der 
Kindheit als Transformation oder Objektivierung der Elternliebe 
und des Eltern Umgangs <d. h. der Liebkosungen u. a. m.> in 
seiner Psydiologie und diese bleiben für immer in seinem Un= 
bewußten erhalten. Somit gibt es in jeder ideellen Neigung zum 
anderen Rudimente des Elternkomplexcs und deshalb kommen 
unumgänglidi in der Psydiologie auch Religionsvorstcllungen zum 
Ausdruck. 

Idi habe mich bei den letzten Beispielen zur Lösung des Rc- 
ligionsproblems in der Seele der Gesellsdiaft rciddidi der Psydio^ 
logie der PsyAoneurotiker bedient. Das war nidit Willkür, sondern 
die Anwendung der verglcidienden Methode auf Grund des von 
der psydioanalytisdien Psychologie entdedcten Gesetzes der 
Regression, Unser großer Meister Freud hat es zuerst fest= 
gestellt, und seine Nadifolger haben später vielfaA bestätigt, daß 
die Psydiologie der Neuroiiker zu jenen Denk- und Gefühls- 
formen zurüdikehrt, die für die Psydiologie der mcnschlldien Ge-- 
Seilschaft in längst vergangenen Zeiten bezeidmend waren (Sym- 
bolismus, Phantasmatisnuis, Infantilismus). Diese für die Sozial- 
wissensdiaflen epodie machen de Entdedcung bedeutet nun, daß wir 
fortan die tiefsten und verborgensten Geheimnisse der Sozial^ 
Psychologie auf Grund einer sorgfältigen Psydioaiialyse der 
psydioneuroti seilen Seele und dmdi Aufdcdiung ihrer Symbole 
ebenfalls zu enthüllen vermögen. Um bei den Tatsachen zu bleiben, 
mödite idi an den merkwürdigen Fall der Lehrerin M. aus der 
kleinen nordbulgarisdien Stadt W. erinnern. Vor ihrer Erkrankung 
war sie eine tüditige Lehrerin, sie war sozialistisdi gesinnt, besaß 
höhere Bildung, ihre Weltansdiauung war durdiaus rationalistisdi, 
ja materialirftisdi und sie hatte niemals etwas mit Religion und 
Religionsstimmungen zu tun gehabt. Erinnern wir uns weiter 
der vorzüglidien psydioanalytisdien Diagnose unseres Freundes 
Dr. Krstnikow und des nidit minder vortrelflidien Beriditcs Dr. M. 
Nikoloffs. Was erfuhren wir daraus? - Diese Frau von 
35 Jahren, mit zwei Kindern, verheiratet, erkrankte geistig bald 
nadi dem Tode ihrer Mutter. Sie fing an, sidi Vorwürfe zu madien. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 231 



sie hätte die alte Mutter nicht genügen<l gepflegt, sie hätte sie ver=^ 
nachlässigt, sie habe ihren Tod verursacht. Von da an hatte sie 
keine Ruhe mehr,- Mann und Haus wurden ihr verhaßt und bald 
darauf bemäditigte sidi ihrer eine tief religiöse Stimmung. Sie 
»erkannte die Existenz Gottes«, sie betete viel zu Gott, sie war 
erfüllt von dem Empfinden der Liebe zu ihm, der geistige Verkehr 
mit Gott wurde ihr einziger Trost. Die weitere Entwidilung der 
Paranoia bei ihr sdiuf aber bald in ihrer Religionsphantasie eine 
neue Gestalt, die des Teufels, die später gänzlidi die Gottes^ 
gestalt verdrängte und sozusagen den Platz der letzteren völlig 
einnahm. Der Teufel verfolge sie und ihre beiden Kinder und 
tradite danadi, sie zu martern und umzubringen. Er habe das 
Aussehen eines riditigen Teufels, wie er auf orthodoxen Kirdien= 
Bildern gezeidinet ist, und er vermöge ihr und den Kindern alle 
Marter 2U verursadien, die die Inquisition ausgedadit hat, von 
der sie einmal in einem Budie las. Der Teufel quält übrigens nidit 
nur sie, sondern die ganze Welt vom Beginne der Gesdiidite der 
Mensdiheit an und wird das bis zum Ende der Welt fortsetzen, 
ebenso wie er audi ihre Kinder lebenslang martern wird. Um 
diese als Sdiutzengel zu sdiirmen, hatte sie sidi ganz unwillkürlidi 
und unbewußt einen besonderen Teufelskultus gesdiaffen und das 
Verspredien <Sd\wur> gegeben, sie werde an die Madit des Teufels 
glauben, am Mittvcodi und Freitag <nadi der alten orthodoxen 
Sitte!) fasten, von 2 bis 6 Uhr nidits genießen und niemals Böses 
von ihrem Manne reden oder denken, ihn audi nidit mehr 
ärgern, sonst werde der Teufel sie und ihre Kinder weiter ver= 
folgen und martern. Der Teufel habe es ihr aber streng verboten, 
jemandem zu sagen, was er ihr eröffnet habe, und in der Tat 
konnten die Ärzte sie durdi nidits dazu bewegen, die Teufels« 
geheimnisse zu eröffnen. 

Wahrhaftig, als idi ihre näheren Ausführungen über Gott 
und Teufel, die nun ihr ganzes Seelenleben ausmaditen, in den 
Berichten unserer Freunde anhörte, glaubte idi einen mittelalterlidien 
Religionstraktat oder die Religionsphilosophie irgend eines mitteU 
alterlidien Kirdienvaters vor mir zu haben — so auffallend war 
die Ähnlidikeit! — Erinnern wir uns ferner der ergreifenden Szene 
im Beridite Dr. Krstnikoffs, als sie mit ihrer Krankheit kämpfend, 
bei einem Besudle ihn an der Hand ergriff und ausbrad\: »Lieber, 
guter Herr Doktor, beweisen Sie mir, überzeugen Sie midi nur. 



232 Dr. Johann Kinkel 



daß es keinen Teufel gibt, der midi quält, und idi werde wieder 
gesund!« 

Es wat nun nidit besonders sdiwer herauszubringen, was für 
ein Symbol der Teufel war. Das war der von ihr innig gehaßte 
Mann, den sie nadi ihrem eigenen Geständnis niemals geliebt hatte, 
der sie immer mit widerlidien Mannesbegierden verfolgte <NB, 
Die Patientin gestand, daß sie niemals etwaige »rohe« sexuelle 
Triebe empfunden habe. Sie habe stets »idealistisdi« von der Liebe 
gedadit: sie meinte einst, sie hätte sidi in ihrem Manne bitter 
getäusdit, er habe ihren Idealismus »betrogen«). Der Mann habe 
sie audi, wie sie öfters versidierte, viel mißhandelt <was in der 
Tat, wie es sdieint, mehrere Male nadi ihrer Erkrankung vor- 
gekommen ist!). Sie hat dann einmal den Vcrsudi gemadit, sidi 
mit ihren Kindern in die Donau zu werfen, um ihrem Leben ein 
Ende zu madien, wurde aber aus dem Wasser gezogen. 

Viel sdiwieriger war es, das zweite Symbol — die gute 
Gestalt Gottes aufzudedicn, dodi ist es der psydioanalytisdien 
Bemühung unseres Freundes Dr. Mladen Nikoloff sdiließlidi 
gelungen, nadi langer Mühe audi dieses Rätsel zu lösen. Die 
Anwendung der Assoziaiionsmethode Jungs ergab hier sofort 
heftige Widerstände bei der Patientin <im Gegensatz zu dem auf- 
fallenden Erfolg derselben Methode bei Aufklärung des Teufel« 
Symbols) und Dr. Krstnikoff blieb dabei, es handle sidi hier im 
letzten Grunde um einen komplizierten Mutterkomplex. Dr. N i k o I o f f 
forsdite indessen weiter und es ergab sidi folgendes: Die Patientin 
gestand ihm einmal, sie erleide eigentlidi von ihrem Manne das^ 
selbe Sdiicksal wie Ihre eigene Mutter von ihrem Vater. Er habe 
die Mutter ebenso gemartert und sie {Patientin) haßte ihn des^ 
wegen als Kind immer. Im weiteren stellte sidi heraus, daß die 
Patientin sidi in mandiem mit der Mutter identifizierte, und zwar 
vielfadi so phantastisdi, daß mandie Sunden, die sie auf Konto 
ihres Mannes setzte, tatsädilidi ihrem Vater zuzusdireiben waren. 
Wie sie nämlidi erzählte, war ihr Vater gegenüber der »armen, 
lieben Mutter« ein roher Egoist, er habe sie genau so »wie mein 
Mann midi« behandelt. Dr. Nikoloff fragte sie, ob sie denn 
niemanden in ihrem Leben geliebt habe^ respektive verliebt war, 
wenn ihr der Mann »sdion von den ersten Tagen an verhaßt 
wurde«. Das weitere Gesprädi zwisdien Dr. Nikoloff und der 
Patientin lautete wie folgt; 



Zur Frage der p!:ydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 233 

Dr. Nilioloff: Wie es sdieint, haben Sie die Liebe und 
den Glauben an ihren Vater und dann an ihren Mann durdi die 
erwähnten Widerwärtigkeiten endgültig verloren! 

Die Patientin: Ja, das wird der Grund gewesen sein. 

Dr, Nikoloff: Haben Sie nidits anderes Wertvolles jemals 
in ihrem Leben eingebüßt? , , '■ ' ' ■ 

Die Patientin <Nadi kurzem Zögern): Ja, etwas, was idi 
eigendidi niemals besessen habe, idi hatte nämlidi eine einzige 
und dabei unglüdiliAe Liebe gehabt ... 

Dr. Nikoloff: Wie kam das zustande? ■ ' 

Die Patientin: Idi war damals nodi jung und war Lehrerin 
in einem Dorfe zusammen mit einem älteren verheirateten Kollegen, 
der audi Kinder hatte (offenbare Analogie mit ihrer Familie, als 
sie Kind war!) Er war aber so außerordenttidi gütig, aufmerksam 
und zärtlich zu mir wie der Vater, und da fühlte ich, daß idi 
ihn riditig, vom ganzen Herzen liebe, und audi er liebte midi . , , 
Da nun aber diese Liebe vollkommen hoffnungslos war, habe idi 
sie unterdrückt, erstiAt und später vergessen, aber idi weiß wohl, 
damit habe idi meinen Appetit, mein Wohlbefinden und audi 
meine Gesundheit verloren.« <Die Patientin ist stark unterernährt, 
mager, blaß und leidet an vorgesdirittener Anämie,) 

Nun versudite Dr. Nikoloff wieder und sehr vorsiditig, 
die Assoziationsmethode zur Aufklärung der Gottesgestalt anzu- 
wenden, und das Ergebnis war von überrasdiendem Erfolg. Die 
Gott- Vatergestalt trat nun deutlich in den Assoziationsvorstellungen 
der Patientin hervor. Mit Redit kam somit Dr, Nikoloff zu dem 
Sdilusse, daß Gott und der Teufel die Ambivalenzgestalten ihrer 
tiefsten Grundgefühle, d. h. ihres grundlegenden <Kinder=> Seelen- 
konfliktes, der Liebe und des Hasses zu ihrem Vater, seien. Der 
Teufel symbolisiert gewiß audi ihren Mann <in dem sie wohl audi 
einen Vaterersatz sudite und dann »enttäusdit« wurde, als er ihr 
das Erwünsdite nidit geben konnte!), aber, weiter und tiefer 
gesehen, audi den Haß zu ihrem Vater. Die Psydiogenese ihrer 
Krankheit lag gewiß im geistigen Mutterkomplex, aber dann 
taudite bei ihr auf und entwidtelte sidi rasdi audi der psydio- 
logisdi tiefer gelegene erotisdie Vaterkomplex, der in ihrer Religions- 
stimmung zur Äußerung kam, wobei wieder das Gegengefühl, ver- 
kompliziert durdi die infantile Eifersudit, begründet durdi den 
Mutterkomplex <Quälen der Mutter durdi den Vater und ihre 



234 Dr' Johann Kinkel 



Identifikatiofi mit der Mutter) und audi duidi die starke Abneigung 
gegen ihren Mann <ein mißlungener Vaterersatz, d, i. der Teufel, 
mir anderen Worten der Gegensatz zum Vater, zum Gotte), sidi 
in der Teufelsgcstalt symbolisierten. 

In diesem Falle tritt die neurotisdie Symbolisicrung des Vaters 
in der Gottesgestak nadi der vollendeten Psydioanalyse besonders 
drastisdi hervor, aber ist es denn nidit ebenso bei al! den anderen 
oben angeführten Beispielen und Fällen — bei den neurotisdien 
Möndien und Nonnen, bei den heiligen Brüdern und Stiiwestern, 
bei dem uns bekannten Psydioneurotiker D., bei den z,ürdier 
Insassen des »Burghölzli« und zuletzt bei den frommen Seelen von 
James? — Tritt da nidit ebenso deutlidi hervor, wie das unbe- 
wußte Streben und die erotisdie, respektive psydiisdie, Sehnsucht 
nadi den Elterngestalien im Bewußtsein und in der Projektion der 
Neurotiker sidi in spezifisdie »religiöse« Gestalten kleidet, in vcr« 
sdiiedenen Gottheiten sidi objektiviert und in derjenigen Stimmung, 
die die Religion »Frömmigkeit« heißt, klar zum Ausdrudt kommt? 
Wenn nun die Psydioanalyse auf Grund anderer neuron 
tisdier Fälle zur Überzeugung kam, hier spiegle sidi das uralte 
symbolisdie mythologisdie Denken und Fühlen wider, dürfen wir 
dann nidit ebenso den notwendigen Sdiiuß ziehen, in den oben- 
erwähnten Fällen der Psydioneurose spiegle sidi die ganze Religions- 
psydiologie der Zeit des Christentums und nodi des ganzen Mittel 
alters wider, die die zivilisierte Mensdihcit damals beherrsdite? 
Daß, mit anderen Worten, audi die infantile Sozialpsydiologie 
ehemals in der Gestalt des Gottes die Vatergcstalt, projiziert 
auf das Universum und das gesamte Leben, wiedergab und nodi 
immer wiedergibt? 

Die Veräditer der Soziologie äußern mandmial die Ansidit, 
die Sdiwädie der Sozialwissensdiaften bestehe darin, daß bei der 
Erforsdiung des Gesellsdiaftslebens die experimentelle und analy^ 
tisdie Methode nidit anzuwenden sei. Freuds Psy^o^^^Vse und 
die Entdcdtung des biogenetisdien Grundgesetzes haben aber audi 
diese früher unumstößlidie Formel zusdianden gemadil. Wir be- 
sitzen nun feste Stützpunkte, um einen tiefen Einblidi audi in die 
Psydiologie der Gesellsdiaft zu gevs'innen, und zwar in längst 
verflossenen Seiten! 

Idi habe in meinen Ausführungen versudit zu demon- 
strieren, wie weit die Anwendung psydioannlylisdier Prinzipien 



N 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 235 

und Methoden, die mit so großem Erfolge zur Enthüllung der 
tiefsten und sonst unbegreiflidien Geheimnisse in der IndividuaU 
psydiologie benützt wurden, audi in der SoziaIp;iydioIogie den= 
selben Erfolg haben kann, besonders dann, wenn es heifit, mit 
dem Lichte des Verstandes jenes dunkelste und geheimnisvollste 
Gebiet des mensdilidien Geistes zu beleuchten, das Religion und 
Religionsstimmungen heißt. Wieweit es mir gelungen ist, das 
Religionsproblem mit der psydioanalytisthen Methode zu lösen, 
mögen Sie selbst beurteilen. Es bleibt aber sidier, daß dieses 
geistige Gebiet, die Religion, die nadi dem Geständnis der 
maßgebendsten Religionsphilosophen in den tiefsten und er= 
habensten Gebieten der mensdilidien Seele nistet, lediglidi mit 
Hilfe derjenigen Psydiologie von dort herausgesdiält, an das Tagest 
lidit der Wissensdiaft gebracht und ersrfiöpfend analysiert, d. h, 
real-psychisch erklärt werden kann, die mit ihren Grundprinzipien 
sdion vielfach in andere verborgene Geheimnisse der mensch^ 
lidien Seele eingedrungen war, vor denen die alte Psychologie 
und Psychiatrie sidi scheu zurückzog, indem sie von »Degene« 
ration«, »Irrsinn«, »erblicher Belastung durch Alkoholismus, 
Syphilis« und ähnlichem spradi. Für diejenige Psychologie aber, 
die sidi zum Siele setzte und der es gelungen ist, das Unbc^ 
■wußte in der mensdilidien Seele zu beleuchten und zu erklären, 
gibt es dort keine verborgenen Geheimnisse, nichts »Absolutes« 
und »Unergründetes«, wie die Scholastik des philosophischen 
Idealismus vermeint, und folglich wird es audi keine Geheim^« 
nisse in der Sozial psydiologie geben! 

Indem idi nodi zum Sdilusse kurz die Folgerung aus den in 
meinem Vortrage auseinandergesetzten Problemen ziehen möchte, 
will idi erwähnen, daß die psydio analytische Lehre in der Sozio^ 
logie die Religion in ihren versdiiedenen geschichtlichen Formen, 
die bei der Mensdiheit zum Vorsdiein kamen, von den primitivsten 
Äußerungen desTotemismus und Fetisdiismus, dann Symbolismus^ 
Polytheismus bis zum Christentum, als gewisse psydiische Zustände 
und Stimmungen der mensdilichen Gesellschaft, respektive der 
Mensdiheic, auf gewissen Stufen oder in einem gewissen Alter ihrer 
geistigen Entwidmung, die mehrere Jahrtausende umfaßt, betrachtet. 
In diesen mannigfaltigen geistigen Zuständen und Stimmungen 
sieht jedoch die Psychoanalyse ein gemeinsames Grundprinzip und 
eine gemeinsame Grundlage: den Infantilismus der mensch-* 



236 Dr. Johann Kinkel 



liehen Psychologie^ in seinen versAiedenen Entwidtlungsstufen, 
die denjenigen ziemlidi genau entspredien, weldie audi die Indivi-» 
dualpsydiologie im Kindesalter auszeidineii. Das grundlegende 
psychologische Motiv aller Religionen undReligionsstimmungen 
vom Fetisdiismus an war zweifellos das Gefühl der absoluten 
Abhängigkeit von den großen Gcserzen der Natur bei dem 
Mensdien, bei vollem Unverständnis derselben und vollständiger 
Hilflosigkeit gegen ihre Aktionen und Äußerungen. So Emp» 
fängnis, Geburt, Leben, Tod <besondcrs!>, dann alle Natur- 
ersdieinungen, die auf den Mensdien direkt oder indirekt einwirken 
und von denen er abhängt, wie Fruditbarkeit des Bodens, Regen, 
Donner, Blitz usw. Bei starker Erhöhung dieses Abhängigkeits- 
gefühls, respektive bei Furdit, bei dem Gefühl der persönlidien 
Wenigkeit, der vollen Unbeholfenheit und Niditigkeit gegenüber 
den Naturkräften und der für das Vorstellungs vermögen unfaßbaren 
Ewigkeit und dem Universum, das besonders klar bei primitiven 
und unkultivierten Völkern hervortritt <bei voller Unkenntnis der 
Naturkräfte und -gesetze), jcdodi als ein elementares Gefühl audi 
bei dem modernen Kulturmensdien zurüdigeblieben Ist, flieht die 
Psychik des Menschen zurück zu den infantilen Vorstellungen 
und Stimmungen und findet dort in der Tiefe der Seele den 
Elternkomplex, besonders aber den Vaterkomplex (Symbol der 
Güte, Madit, Versorgung, des Beistandes und der Nadisidii), und 

^ Vgl. zu dieser grundlegenden psyrfioanalylisdien Formel die Offen- 
barung Christi im Evangelium Mattliäi, Kap. 18, Vers 1 — 5: »Und die Jünger 
fragten dann Christus: ,Wer ist am hödistcii I>ei Gott und im Himmelrddie 
gestellt?' Da rief Jesus ein Kind lierbei, stellte es mitten unter sie und spraA 
also: .Wisset es, wenn liir Euch nicht umwandelt und nicht zu 
Kindern werdet, kommt Ihr nicht in das Himmelreich. Wer sidi also 
selbst demütigt und so sdieu und ergeben wie dieses Kind sein wird, soll audi 
im Himmelreidie am hödisten gestellt sein. Und wer ein soldics Kind in meinem 
Namen annimmt, nimmt Mich an'*. Mit Redil verweist deshalb audi der tief- 
sinnige deutsdie Religionsphilosoph und Theologe Harnack, der das Religions- 
gefühl lange vor dem Ersdieinen der psydioanalytisdien Lehre analysierte und 
diarakterisierie (1892), auf folgende bezeidinende Momente in der Religions- 
psydiologie: >Wenn sogar in den mensdilidien Beziehungen der Mensdi nidit 
anders auf eine höhere Geistesslufe gelangen kann, als wenn er sidi in einer 
anderen reiferen, bedeutenderen und autoritären Persönlidikcit auflosl, d. h. mit 
ihr in einen geistigen Verkehr eintritt und sidi ihr mit Ehrfurdit, Liebe und 
Vertrauen ansdiÜeßt <!), so gilt dasselbe, wenn auch unermeftlidi hoher und 
mehr von der Erhebung des Mensdien aus der Sphäre der Sünde und bdiuld m 
die Sphäre Gottes. Hier helfen keine dinglidien Mineilungcn, sondern nur die 
Gemeinsdjaft von Person zu Person. Daß die mensdilidic Seele in Ihm aufgehe, 
daß der heilige Gott, der Himmel und Erde regiert, ihr Vater werde mit 
dem sie leben kann und darf, so wie das Kind im Vaterhaus.« <Meuie 
Sperrsdirift). Vgl. Harnack, Dogmengesdiidite. Bd. 111, S. 529. 




Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 237 

dann kommen die respektiven Gestalten, Gefühle und Stimmungen 
zum Ausbrudi, ersetzen die reale Psydiologie und äußern sidi in 
dem, was man Rcligionsgefühl und Frömmigkeit nennt. Deshalb 
treffen wir eben durdiwegs in allen oberen Gottes gestalten und 
Geisrern, von den totem ist isdien und fetisdiistisdien beginnend, 
sowie später zur Zeit des Polytheismus, bei seiner Evolution zum 
Monotheismus, in den Gestalten von Ammon, Bei, Assur, Ahura^ 
Mazda, Jahwe, Zeus, Jupiter, Odin, Ormuzd, Tian, Allah, 
Brahma usw., die in der Religionsphantasie versdiiedener alt- 
Orientalis dl er und europäisdier Völker gesdiaffen wurden, zu- 
allererst die versdileierte und besdiränkte Gestalt des Familien- 
vaters, Großvaters oder Urahnen, und später, nadi weiterem 
geistigen Fortsdiritt die deutlidi zum Ausdruck kommende und 
mit grellen Farben gezeidinete Gestalt des ewigen Welt- 
vaters, umgeben von der typisdi -infantilen Ehrfurdit und allen 
übrigen auf die Valergestalt geriditeten kindlidien Trieben. Zu^- 
letzt fand dann diese Vatergestalt ihren klarsten, vollkommensten, 
vollsten und ideellsten Ausdrude in dem diristlidien Gotte. Eine 
soldie psydiologisAe Reaktion sdiafft im Bewußtsein und dem 
Gefühle des Mensdien ein gewisses, künstlidi hervorgebradites, 
phantastisches Verhältnis zwisdien dem Individuum und den 
Naturmäditen, die ihm sonst blind, unbarmherzig und mitleidlos 
ersdieincn, und zwar nadi dem Bilde des Kinder-EItern^Verhält* 
nisses, und das eben gibt eine Erleiditerung, eine Beruhigung 
und einen Trost. Darin liegt die Madit der Religion, besonders 
bei Rüdcständigkeit des wissensdiaftlidien Denkens in der Gesell^ 
sdiaft und bei infantilen Zügen in der Psydiologie des Menschen. 
Aber audi jetzt noA kehren mandie Gelehrte, wie Spencer, zum 
Teil audi Haediel, unbewußt zu den infantilen Vorstellungen von 
Gott dem Sdiöpfer und Leiter der ganzen Welt, in der Form 
etwa der versdi leierten Gestalt des »Unerkennbaren«, der ewigen 
Energie, die als Gott bezeidinet wird, usw. zurüdi. 

In diesem allgemein^historisdien Sinne reden wir von dem 
»Vaterkomplex« bei dem heurigen Glauben und den heutzu= 
tage herrsdienden Vorstellungen von Gott. Bei dem modernen 
Mensdien, der religiös gestimmt ist, ist die Gottesgestalt nid\t nur 
der persönlidie Vaterkomplex, der lediglidi eine persönlidie Prä- 
disponibilität zu Religionsstimmungen hervorbringt, wie das bei 
den frommen Seelen von James und audi vielen Neuroiikern der 



238 Dr. Jofiaiiii Kinkel 



Fall ist, sondern hauptsädilidi der durdi Jahrtausende in der 
Mensdienscele vererbte, historisdie und sozialpsychologische 
Vaterliomplex. Dieser letzte ist es, der durdi Jahrrausende der 
mensdiiidien Geisteskultur sidi auf dem Wege der oben kurz 
skizzierten Evolution <d. h, Erweiterung der Vatergestalt) fort« 
entwidscite, wozu dann nodi -weitere 2000 Jahre sozialpsydio- 
logisdier Erbsdiaft von der eingeprägten Gestalt des cfiristlidicn 
Gottes, d. i, des universalen Vaters, hinzuzuredinen wären! 
Der persönlidie Vaterkomplex in der Psydiologie des Individuums 
ergänzt, respektive bringt zum Ausdrudt diese mäditige und 
ungeheure psydiisdie Erbsdiaft, die auf der Psydiologie des 
heutigen Kulturmensdien nodi immer schwer lastet, und deshalb 
eben kommt audi heute nodi die Regression zu diesem mäditigen 
Geisteskomplex, der in der Seele des Mensdien verborgen ruht, 
bei versdiiedenen sdiweren Geisteskonflikten so oft vor. 

Somit kommen wir zu der Sdilußfolgerung, daß sämriidie 
gesellsdiaftlidie Religionsäußerungen infantile sozialpsydiologisdie 
Ersdieinungen des infantilen Zeitalters der geistigen Entwiddung 
bei den Kulturvölkern, respektive der ganzen Kuhurmensdiheit 
sind. Dieses Zeitalter kam im 17, Jahrhundert zur Neige. Im großen 
und ganzen begann die Kulturmensdiheit, die westeuropäisdien 
Völker voran, sdion nadi dem Dreißigjährigen Kriege, Mitte des 
17. Jahrhunderts, die Religionspsydiologie langsam zu verdrängen, 
nadidem sie sich in dem letzten Zeitalter des religiösen <geistigen> 
Infantilismus, d, i, im Mittelalter, in ungeheurem Umfange ent^^ 
widtelt hatte und in dem gesamten geistigen Leben der Mensdi- 
heit vorherrsdiend war. Dieser Prozeß der allmählidien Verdrän- 
gung setzte sidi im 18. Jahrhundert fort und war rasdi ganz be- 
sonders im 19. Jahrhundert vorgesdiritten und diese Tatsadie kam 
zum Ausdrudi in dem starken Verfall des Einflusses der Kirdie, 
der Geistlidikeit und der Religionsliteratur auf das Geistesleben 
und das Bewußtsein der Gesellsdiaft. Religion und Kirdie wurden 
bereits im l9. Jahrhundert in West- und zum Teil audi in Ost- 
europa für breite Gesellsdiaftssdiiditen und audi für die Volks- W 
massen im besten Falle nidit mehr als Ausführung formeller 
Kirdiengebräudie aus Gründen der »Sitte«, des »Ritus«, Die in 
kultureller und geistiger Beziehung mehr zurüdigcbliebencn slawi* 
sdien Völker mit dem russisdien Volke an der Spitze zeigten 
bei den Volksmassen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nidit 



Eur Frage der psyAoIogisien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 239 



selten Züge derjenigen spezifisdien Religionspsytiiologie, die so 
bezeichnend für die westeuropäischen Völker im Mittelalter ge= 
wesen ist, Jedodi hat der alles Alte und Morsche umwälzende 
große Weltkrieg und besonders die russisdie Revolution audi hier 
eine gewaltige Umwälzung hervorgerufen, eine rasdie Verdrängung 
der infantilen Religionspsychologie und den Fortsdiritt zur ver= 
nünftig^bewußten und besonders kritischen Psychologie bei den 
Volksmassen, was sidi notabene audi auf alle alten sozialen 
Verhältnisse bezieht. Besonders auffallend ist dieser geistige 
Fortsdiritt bei dem russischen Volke. Jeder, der Gelegenheit hatte, 
die Stimmung der Volksmassen in den Jahren 1917 bis 1920 zu 
beobaditen, wird zugeben, daß von dem alten Religionsgeist bei dem 
Volke beinahe nichts geblieben ist, außer dem, was als Rudiment 
bei alten Leuten sidi nodi erhalten hat. Die Masse der Bauern und 
Arbeiter ist bestimmt unreligiös und sogar antireligiös geworden, 
und zwar ganz urwüchsig. Es sdieint <sowcit es durdi Befragen 
zu ersehen ist), daß dabei einen starken Einfluß gerade die Er^ 
sdieinung des sdirecklidien, nadi seinen Verlusten und Bnttäusdiungen 
für die Menschheit unerhörten Weltkrieges ausgeübt hat. Idi, per^ 
sönlidi, erhielt oft von den ungebildetsten Leuten auf meine Frage 
über Glauben und Religion die typisdie Antwort: »Ach was! 
was für einen Gott soll es da geben, wenn solche Schredten und 
Bestialitäten in der Welt herrsdien!« — Wahrscheinlich hat einen 
gewissen psychisdien Einfluß dabei auch die Niederreißung der 
seit unvordenklichen Seiten bestehenden und mir versdiiedenen 
politischen infantilen Vorstellungen bei dem Volke sanktionierten 
monardiisdien Gesellsdiaftsordnung <Väterdien-»bat}usdika« Zarl> 
ausgeübt. Es ist zweifellos, daß der offensichtlidie Zusammenbruch 
eines Gebietes von infantilen Vorstellungen und Idealen in der 
Seele des Volkes - nämlidi der seit aliers her bestandenen väter= 
lidi-monardiischen Regierung, auch den Zusammenbrudi von Reli= 
gionsinfantilismen nadi sich ziehen mußte. 

Somit sdireiten audi die slawisdien Volker gegenwärtig rasdi 
vorwärts auf dem Wege der Verdrängung der Religionspsydio- 
logie,- wie übrigens sdion lange die westeuropäisdien. Zwar haben 
die wenig zahlreichen religiös-gesinnten Kreise in der westeuro- 
päisdien Gesellsdiaft bestimmt erwartet, daß nadi dem Kriege, 
wenn alles Unglück und die sdiweren Folgen desselben für die 
Völker zum Voi'schein kommen werden, die Volksmassen überall 



240 Dr. Johann Kinkel 



»wie früher in der Gesdiidire« bei schweren Prüfungen, zur Reli^' 
glon und in den Sdioß der Kirdie^ zurüdikehren ■werden. In« 
dessen ... ist das nidit erfolgt! — Der Fortschritt von der in- 
fantilen Religionspsydiologie zur vernünftig*be wußten und kritisdien 
Psydiologie geht nadi dem Kriege und allen seinen Prüfungen 
nodi rasdier in ganz Europa vorwärts, Die Volksmassen in allen 
Ländern begeistern sidi aussdiließlidi für rationelle gesellsdiaftlidi" 
kritisdie Ideen und radikale sozialistisdie Theorien und grübeln 
intensiv über Probleme der Sozialreform, die ihren Stimmungen 
entspredien, weldie in sidi nidits von Religionsinfantilismus cnt-^ 
halten. Und tatsädilidi weist die Kulturgesdiithte der Mensdiheit 
keine Fälle auf, wo die Sozialpsydiologie, die bereits en masse 
eine Stufe ihrer geistigen Entwidilung übersdiritten hat, wieder 
auf die vorhergehende, in geistiger Beziehung besdiränktere Stufe 
zurückgekehrt und hier auf immer verblieben wäre, lediglidi unter 
dem Einfluß zeitweiliger kritisdier sozialer und ökonomisdier Ver- 
hältnisse, 

Es scheint mir, daß die Sozialpsydiologie eines größeren 
Teils der Mensdiheit nadi dem Weltkriege endgültig die letzte 
infantile Periode in ihrer geistigen Entwiddung überlebt hat, in= 
dem das Verschwinden der Religionspsydiologie bei der modernen 
Kulturmcnsdiheit en masse vollständig der Verdrängung des 
geistigen Vater^ und Mutterkomplexes, d. i. des Elternkomplexes 
bei dem Erwachsenen entspridit. 

Bezüglich der oben erwähnten grundlegenden psychisdien 
Motive des Religionsgefühls, muß ich hervorheben, daß das Ge= 
fühl der Abhängigkeit von den großen Naturmäditen und -gesetzen 
selbstverständlich bei dem Menschen auf immer verbleiben wird/ 
in der Zukunft aber wird er darauf nicht mehr auf in^ 
fantile Art und Weise reagieren, d. h, in der Form phan^ 
tastisch-sensibler Emotionen und mit Projektion infan- 
tiler Gefühle und Gestalten auf diese Mächte und Ge« 
setze. Dies wird dem Menschen der Zukunft ebenso naiv pri- 
mitiv und lächerlidi erscheinen wie dem modernen Kulturmenschen 
die Auffassung, die das antike niythologisdie Denken und Fühlen 
auszeidinet. Dann erst wird die Religion endgültig zum Absterben 
kommen. 

' wir glauten kaum, daß die geistig ervpadisene und reife moderne 
Mensdilieit nodi in die Wiege oder den »Sdioß« der Muttcr-Kirdie hineinpaßt! 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 241 

Jedoch gilt dasjenige, \ras ein Gesetz für die Sozialpsydho- 
logie bildet, das Niditzurüdikehren zu den überlebten Formen 
der Psydiolo.ijie, nidit in gleidiem Maße audi für die Psychologie 
der Einzelindividuen. Das Überleben einer Form der Psydiologie 
und der Übergang zu neuen, höheren und vollkommeneren bildet 
einen langsamen, ganze Jahrhunderte dauernden Geistesprozeß in 
der mensdiiidien Gesellsdiaft. In der Übergangszeit, wenn die 
neue Psydiologie nodi sdiwadi und unbeständig ist, werden einzelne 
Individuen bei komplizierten seelisdien Konflikten, die keine er= 
wünsdite Lösung in der neuen Form der Psydiologie finden 
können, zu den alten infantilen Formen des Denkens und Fühlens, 
die eine primitive Lösung und Befriedigung ergeben^, zurüdikehren, 
Selbstverständlidi sind soldie Einzelfälle im Sinne der Rüdtkehr 
zur Religionspsydiologie audi heute nodi genug zahlreidi. Idi ver= 
wies oben nur auf die am meisten typisdien Fälle, wohl wissend, 
daß es außer diesen nodi viele andere gibt, deren psych ologisdi er 
Medianismus j'edoth derselbe ist. Es gibt außerdem auth viele 
sehr intelligente Leute, darunter Gelehrte, die dodi in ihrer Psydios 
logie den Religionsinfantilismus bewahren, All das beweist ledig- 
lidi, daß diejenige Psychologie, die in der Menschenseele ganze 
Jahrtausende geherrsdit, dort noch sehr viele und starke Rudimente 
hinterlassen hat. Keiner von uns, audi unter den am meisten 
rationalistisch gestimmten Geistern, ist davor bewahrt, bei einem 
starken Seelenkonflikt oder Trauma zum Religionsinfantilismus 
zurüdtzukehren. Bei aller Madit unserer Vernunft sind wir dodi 
ohnmächtig gegen die großen Gesetze der Psydiologie, die in den 
Tiefen unserer Seele verborgen sind und unseren Geist von dort 
regieren. Wir können sie zwar begreifen und feststellen, aber nicht 
ganz beherrschen. 

1 Sehr bezeidinend ist in dieser Beziehung die intensive Frömmigkeit und 
Beisudit der russisdicn gebildeten Eniigranienkreise, in denen gewissermaßen 
ihr Bewußtsein über das Verzweifelte ihrer Lage in Anbetracht der sozialen 
und psydiologisdien Umwälzungen bei dem Volke in ihrem Vaterland zum 
Vorsdiein kommt. Nidit minder bezeidinend im Sinne der Regression ist das 
»SuÄen nadi einer neuen Religion« in einigen sosialistisdien Kreisen des ver- 
zweifelten und tief-mißgestimnitcn deutsAen Volkes. Das scheint für die Sozial- 
psydiologie unserer Seit nodi eine recht häufige Ersdieinung zu sein, Ist man 
in der Wirklidikeil starit enttäuscht, so madit man sidi auf den Weg zum 
Sudien nadi einem neuen Gott. — Quo vadis, sapientia? 



Imago Vlii/3 16 



242 Auret Kolnai 



Zur psycfioanalytisdien Soziologie. 
Von AUREL KOLNAI. 

1. »Kommunismus« und »Kollektivismus« nadi Freud, 

In »Massenpsydiologie und Idi-Analyse« stellt Freud zwei Arten 
der Bindung des Idis an fremdmensdilicfae Kraftzentren einander 
gegenüber. Schwebt dem guten Christen das Ziel vor, dem Be- 
gründer der Kirdie gleidi zu werden, in ihm seelisdi aufzugehen, 
ja zumindest sinnbildlidi audi seinen Leib mit dem eigenen zu 
vereinen, so sieht ein guter Soldat in seinem Heerführer vielmehr 
das unerreichbare Ideal, die hehre Wadit, weldier er zu dienen und 
als Werkzeug nutze zu sein bestellt ist. Wird jedes Mitglied der 
Heiligengemeinsdiaft von dem Erlöser unendlidi geliebt, so braudit 
der Feldherr seine Untergebenen keineswegs zu lieben, er mag ganz 
narzißtisdi eingestellt sein. Sofern man die psydiisdie Organisation 
von Heer und Kirdie ähnlidi vereinfadit betraditet, verdient also 
die militärisdie Gefühlsbindung den Namen Ichidealersetzung, 
während die kirdilidi -religiöse Hingabe als Ichidentifizierung be^- 
zeidinet wird. 

Um den Zusammenhang dieser seelisdien Vorgänge mit 
sozialen Strukturen und Ideen aufzuzeigen, weisen wir zuerst auf 
die wirtsdiaftlidie Seite der Kirdien= und der Heeresgemeinsdiaft 
hin. Es ist bekannt, daß die Kirdie stets einem kommunistischen 
Hang frönte, Wohl war sie dem Prinzip der Hierardiie vom Be- 
ginne an nidit abhold und frühzeitig erwarben ihre Oberhäupter 
weldidie Madit und weltlidien Reiditum. Allein diese individuellen 
Sonderstellungen gehören ihren Besitzern lediglidi als Vertretern der 
Kirdie und Nutznießern eines ewigen unentbindlidien Fideikommisscs 
an, weldiesnidit einer Adelsfamilie, sondern einer weltumspannenden 
Gemeinsdiaft anvertraut ist. So sehr audi die gütergemeinsdiaftlidie 
Tendenz der urdirisdidien Verbände durdi die spätere Betraditungs- 
weise übertrieben wurde, so stellen dodi die geistlidien Orden, in 



Zur psydioanalytisthen Soziologie 243 

Abweichung von der weltUdien Priesters rfiaft, zweifellos kommuni- 
stisdie Wirtsdiaftsgeseilsdiaften dar. Es ist bekannt, daß von den 
zahlreidien sozialreformatorischen Siedlungen, die auf kommuni- 
stisdier Grundlage errictitet wurden, nur denjenigen ein zeitweiliger 
Erfolg blühte, die im streng religiösen Geiste empfangen waren. 
Ja, der großartige Jesuitenkommunismus in Paraguay wäre ohne 
äußern Anschlag vielleicht das ewigste Staatsgebilde des Weltalls 
gewesen. 

In der gesamten kirdilidien Ideologie erfahren die Gleidigültig" 
keit des irdisdien Wohlstandes, des wirtschaftlidicn Selbstzwecks, der 
Eroberung der Natur, ferner die unmittelbar unbedingte Nädisten^ 
liebe, die Verzeihung und die Gnade, die nivellierende Dogmatik eine 
hervorragende Betonung. Wenngleidi nidit immer ausges pro diener- 
weise, war die Kirche dodi wesenhaft Bekämpferin der antiken 
Sklaverei und förderte die Einrichtung der Hörigkeit, die der großen 
Mehrzahl der Gesellsdiaftsmitglieder einen Abglanz von Mensch=' 
sein, Eigenwert und Persönlichkeit zuerkennt, jedoch ohne jedwede 
Autonomie, nur als ohnmächtigen Tropfen eines corpus mysticum, 
dessen Vertreter die Lehnherren sind. Die Leibeigenen sind nicht 
mehr ihre Nutztiere, sondern von vornherein untergebene Sdiütz= 
linge, die als Mitseelen der christlichen Gemeinschaft zwar kein 
Recht, aber ein vages Anrecht auf Leben, ja Liebe haben. In diesem 
System nimmt, im Gegensatze zum römischen Welthandel, die 
autarkisdie Naturalwirtsdiaft einen breiten Raum ein. Auch das 
Zunftwesen steht unter der Ägide der Kirche und die Zunft= 
erneuerungsversudie unserer Tage sind nicht zu geringem Maße 
kirdilidi beeinflußt. Also nirgendwo bloß Gewalt, äußerer Zwang, 
Dienst und Unterordnung/ sondern notwendiges umfassendes 
Vereintsein/ Auffinden des eigenen Lebens im andern, gemein= 
sthaftlichen/ die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinsdiaft ist der 
Hauptquel! aller Freuden, woneben die Wichtigkeit der Sadi= 
guter herabsinkt. Im Idealfalle überhaupt keine Besdiränkung und 
Beherrsdiung, denn Alles ist Eins und es gibt nichts Abwegiges, 
das äußere Maßregelung auf sidi lade. Kommunismus der 
Gesellschaft — Ichidentifizierung des Individuums, 

Die Kirdic, ihrem Sinne nadi wenigstens, läuft sogar auf einen 
absoluten, einen Weltkommunismus hinaus. Trotz aller politischer 
Verquidmngen ist für die Kirche jeder Nationalismus an sich wert= 
und inhaltslos. Anderseits finden wir die erwähnten Züge, un- 

16- 



244 Aurel Kolnai 



besdiader der stfiw er wiegenden Untersdiiede, im modernen inter- 
nationalen Kommunismus restlos wieder, Idiidentifizierung mit dem 
Weltproletariat: VerherrÜdiung und Potenzierung des entrediteten, 
gekneditefen, freiheits- und eigentumslosen, zusammengeballten 
Daseins. , > 

Soweit die militaristisdie Organisation hiegegen abstidht, fällt 
es an ihr auf, daß sie sidi wenig um die Innen\s'elt der Mensdien 
bekümmert. Nidit als ob sie bloß auf äußern Zwang beruhen würde/ 
denn der gute Soldat gehordit nidit mit Widerwillen und aus Angst 
vor der Strafe. Sondern das Ziel des Heeres ist die widersprudis» 
lose Anwendung äußern Zwanges und nidit die Eroberung der 
Seelen. Darum müssen die Seelen seiner eigenen Werkzeuge wohl 
erobert sein, dodi in einer andern Weise als durdi die Ichidentifizie= 
rung. Die ständige, gering differenzierte, lustvolfe und kontagiöse 
Einheit ist hier nidit vonnöten,- vielmehr die sidiere, rasche und fadi^ 
gemäße Ausführung von Weisungen. Audi dies ist ohne wahlloses, 
medianisdies Mitgehen der einzelnen Idie nidit zu bewerkstelligen. 
Aber diese Einriditung neigt dazu hin, sidi nidit über das gesamte 
Idi zu erstredten, worauf sie keinen Bezug nimmt,- sie hat einen 
umgrenzten Sitz, einen herrsdienden Punkt in der Seele inne, von 
welcbem aus im Notfalle jede unangebradite Regung erstidit wird. 

Sozial entspridit dem der autoritäre Kollektivismus: die 
Gemeinsdiaft halt nidit alle Seelen umsdilungen, sie ritbtet gleidisam 
eine Erotik des Staates auf, die überall das Au ssdi laggebende, 
aber bei weitem nidit das Alleinige ist, ja die ohne eine gewisse Ab« 
sonderung gar nidit bestehen kann. Der Militärdienst bedarf eines 
hohen Ausmaßes von Sadilidikeit und sadilidie Ergebnisse über» 
haupt sind für ihn nidits weniger als gleidigüftig. Fernab davon, 
die Arbeitserfolge mit immanenter Gereditigkeit zu belohnen, muß 
er doch sein Augenmerk stets auf die konkrete Leistung des Ein« 
zelnen riditen. Der Einzelne ist hiebei ganz und gar nidit Selbst^ 
zwetk; er wird als Ganzes insofern ergriffen, als er zu der Leistung 
stets bereit, dem Befehlshaber stets ergeben sein muß. Aber audi 
seine individuelle Nichtigkeit ist nidit Selbstzwedt, da seine Seele 
nur im Hinbiidt auf prompt abzuliefernde Sadileistungen mit« 
genommen wird, mag er ungestört ein Stüdt sogenannter innerer 
Freiheit bewahren. Man beobaditet Anklänge hieran: in der »Ge« 
Wissensfreiheit« des Protestantismus/ iii der willkürlichen Freiheits« 
gewährung des aufgeklärten Absolutismus/ im französisdi=preu« 



Eur psydioanalytisdien Soziologie 245 

ßisdien Soldatentum bonapartistisdien und friderizianisdien Ein= 
sdilags <FeIdherrenverehrung>/ in der Ideologie modemer sdiön- 
geistiger Anwälte des deutsdien Militarismus/ und nidit zuletzt in 
den modernen Gestaltungen der Großindustrie. Die Monopol^ 
herrsdiaft der Arbeitgeberverbände und Trusts einerseits, der 
Gewerksdiaften und marxistisdien Organisationen anderseits, ins=' 
besondere soweit diese beiden Mäditegruppen einander heimiidi 
und offen beistehen/ der Geist der tedin isdi=militärisdien Betrieb« 
samkeit/ die sozialpolitisdie Verallgemeinerung und Vertiefung des 
Sdiutzzollprinzips unter dem Fittidie der Kapitalherren/ die Aus= 
füllung der kontraktlidien Formen mit dem status-Inhalt/ all das 
zielt auf die Einführung eines autoritären Kollektivismus hin. 

Die idiidealersetzung ersdieint in der tatsädilidien Erriditung 
einer Besitzaristokratie —■ audi innerhalb der Arbeitersdiaft — 
ebenso wie in der irrationalen Überbetonung des Begriffes der 
Arbeit, Die WirtsAaft, die Produktion wird angebetet, die Zu= 
gehörigkeit zu einem Wirtsdiaf tsverb and als Hauptsadie erkannt, 
Freilidi führt dieser Weg nicht zur Mehrproduktion, die untrenn- 
bar mit dem Vertragsprinzip verbunden ist/ die Idiidealersetzung 
bedeutet nidit ethisdien Idealismus. 

Diese Betraditung sei durdi Aufzählung einiger widitiger 
Gegensätze zwisdien Kommunismus-ldentifizierung und Kollek'=' 
tivismus-ldiidealersetzung ergänzt: 

1. Im Kommunismus überwiegt das Moment der Erden- 
regression, der Aufgabe von Fabriksinduslrie und Wirts diaftsleben, 
das Moment des drosselnd herrsdienden Multerprinzips. Der Kol= 
lektivismus hingegen weist mehr homoerotisdie Züge auf, im 
Vordergrunde steht der unverneinte völlige Mangel an Beziehung 
zur Erde. Allerdings findet sidi hier das mütterlidie Element in 
der »Vaterlandsliebe« vertreten, während audi die kommunistisdien 
Muttergebilde nidit der Kirdien^ und anderen Vätergestalten ent= 
behren. Dodi bleibt die Identifizierung stets heteroerotisdi, die 
Idiidealersetzung aber mannmännlidi gestempelt. 

2. Darum audi erwädist dem Individualismus der Führer im 
kollektivistisdiem System ein ungleidi breiterer Rahmen/ nidit als 
ob sie persönlidi einer geringeren Kontrolle unterlägen, aber dem 
Erstehen selbständiger Herrsdierindividualitäten, daher innerhalb 
gewisser Sdiranken der Person lidikeit überhaupt, wird vergleichs- 
weise viel Raum offen gelassen. 



246 Aurel Kolnai 



3- Demgegenüber bietet der Kommunismus den Seelen, das 
Unbewufite inbegriffen, allgemein genommen mehr Stütze, mehr 
Anlaß zur Freude. Die Idi i den tifi zier ung, wiewohl sie jeder editcn 
harmonisdien IdientwiÜung von vornherein den Weg absdineidet, 
gewährt jedem Seelenganzen einen Anteil am homogenen Heiligtum 
und Gleidiklang. Die Idii dealersetz ung bedingt enger genommene, 
immer — wenn audi mit Hingabe — als solAe empfundene Fremd'- 
herrsdiaft, versdiärfte Anstrengung und Verdrängung. 

Weitere Untersdieidungen zwisdien anardiisdier und feudal^ 
hierardiisdier Form des Kommunismus, zwisdien alter und neuer 
Form der kollektivistisdien Bürokratie, sowie gesdiiditliche Ver« 
Setzung der angeführten Sdiemata mögen unterbleiben und zum 
Teil in einer Studie zur Analyse der konservativen Gesinnungen 
nachgeholt werden. 



2, Die WunsdierfüIIung im Kommunismus und im 

Individualismus. 

Die reinen kommunistisdien und individualistisdien Ideen 
stimmen in einer hödist bedeutungsvollen psydiologisdien Hinsicht 
überein. Sowohl der Kommunismus, der die unmittelbare Bestimmung 
des Verbraudis durdi die Bedürfnisse, die Beglüdtung aller durdi die 
alldurdiwehende Liebe verheißt, wie der Individualismus, der den 
vollen Eigenwert des einzelnen, den freien Tausdi, das Eigentum 
und den friedlichen Wettbewerb für alle zu sidiern müht, gehen 
letzten Endes von dem Ziele aus, allen das Glüdi zu geben und 
ein Hödistmaß der Erfüllung ihrer Wünsdie zu finden. Sie stellen 
sidi damit zu allen anderen sozialen Riditungen in Gegensatz, die 
sämtlidi irgend ein anderweitiges heteronomes Element in ihr Ziel 
aufnehmen und darin sämtlidi der soeben besdiriebenen kollek- 
tivistisdien Idee gleidien. 

Wir können das audi so formulieren, daß der Kommunismus 
und Individualismus, entgegen den übrigen Sozialvorstellungen, auf 
die Aufhebung aller Verdrängung loszielen. Sie kämpfen 
beide gegen den Umstand an, daß der Mensdi auf fremdes Gehcift 
einem Teil seiner Wünsdie medianisdierweisc feindlidi gegenüber« 
stehe. Zunädist gilt dies naturgemäß eher nur für die dem Er- 
wadisenen gewöhnlidi und als normal anerkannt innewohnenden 



Wünsdie, Was das bekanntlidi vielfaA vorbildliciie Sexualleben 
anlangt, so treten die kommunistisdien und die individualistisdien 
Sdiriftsteller gleidizeitig für eine gewisse »Befreiung der Liebe« 
ein. Der kommunistisdie Gedanke sieht diesbezügtidi das Fallen 
der monogamisdien, sodann audi der übrigen Sdiranken und den 
Anbrudi einer paradieshaften Promiskuität vor, die der sonstigen 
Struktur dieser Gemeinsdiaft, wo das Eigentum nidit mehr ver^ 
gewaltigt, sondern überhaupt gegenstandslos wird, vollauf ent= 
spridit. Der individualistisdie Gedanke, demgemäß sidv die Selbst' 
Verfügung des Mensdien und seine Madit über die Umwelt im 
Eigentum entfaltet, erblickt die Läuterung des Liebeslebens von 
unbefugten, das GlüA untergrabenden Einflüssen in der reineren 
Ausgestaltung, der erst vorzunehmenden Sdiaffung der Monogamie. 
Dem Psydioanalytiker ist es nidit verborgen, daß die Liebe in 
diesem Sinne den Hinwegfall einer Reihe von Verdrängungen 
voraussetzt. Zudem aber heisdit sie sdiieAterdings eine harmonisdie, 
fremden Rüdtsiditen nidit unterworfene und ebendeshalb dauer- 
haftere Objektwahl. Sowohl der Kommunismus wie der Indi= 
vidualismus verwerfen aber die Madit-, Gesellsdiafts- und Inter'= 
essenehe, die MaAtpolygamie und jede Art der Prostitution, also 
jede Unter jodiung, Fremdverwertung und Surrogatform des Liebes- 

lebens. 

2u diesem Zwedie nimmt der Kommunismus bei der Re- 
gression Zufludit, einem allgemeinen Abbau der Hemmungen, 
aber - da es sonst nidit mögÜdi wäre - audi der Ansprüdve, Es 
wäre nidit möglidi, daß z. B. jedem Manne jede oder vielieidit 
audi nur eine Frau, die er begehrt, allein gehöre. Da wir wissen, 
daß derartige Wünsdie von vielen Männern bekundet werden, 
sehen wir sdion an einem guten Beispiel, wie wenig jener berühmten 
Vergötterung der Bedürfnisse die Besdiaffenheit derselben gleidi- 
gültig sein kann, wie sehr ihr daran gelegen sein muß, den Wunsdi 
nadi Fülle und Unversehrtheit des persönlidien Lebens bis auf 
unwesentlidie Spuren herabzumindern. Hiefür bietet die regressive 
all=liebende, regellose mütterlidie Gemeinsdiaft Ersatz, als deren 
Gipfelbild der embryonäre Zustand ersdieint, der keinen Abstand 
kennt zwisdien Bedürfnis und Befriedigung, keinen Wettbewerb, 
keine Abgrenzung gegen das übrige Leben, keine sadilidien 
Beziehungen, keine Trennung der Liebesgemeinsdiaft von sonstigen 
gesellsAaftlidicn Verbindungen. 



248 Aurel Kolnai 



Den entgegengesetzten Weg sdilägt der Individualismus ein: 
nicht das Eingehen, sondern die Differenzierung der Ansprüdie, 
daher Sublimierung und leidit gewordene Verurteilung solcher 
Wünsdie, die die Befriedigung der Ansprüdie überhaupt ge- 
fährden, soll hier den Keil der Verdrängung aus der Seele ent= 
fernen. Da es kein absolutes All in dem Sinne wie ein absolutes 
Nidits gibt, vermögen wir das individualistisdie Ideal audi nidit 
so umfassend wie das kommunistisdie zu kennzeidinen. Als 
klassisdie Sublimierungslinie kennen wir gerade die Umwandlung 
des Inzestmotivs in die Eheeinstellung, wie sie sidi in der formalen 
Tatsadie der Einehe und in der Gattenwahl äußert. Die Ver- 
drängung entfällt ebenso wie bei der Promiskuität^ an Stelle der 
absolut wohlfeilen passiven Wunsdierfüllung der infantil-embryo. 
nären Mutterregression aber findet sidi hier das mannigfaltige Idi= 
leben und die aktive Modelung der Realität. 

Damit parallel läuft: Überflüssigwerden der Wirtsdiaft - 
Befreiung der Wirtsdiaft,- Freude durdi Reduzierung der Gütern 
erzeugung - Freude durdi Mehrproduktion^ AbsdiafFung des 
unpersönlidien Geldes - Befreiung und dadurdi Unsdiädlidi- 
madiung des unpersönlidien Geldes. 

Und wenn wir sdiließlidi die soziale Glüdtseligkeitsformel 
für den Kommunismus und für den Individualismus herholen, so 
kehren wir damit seltsamerweise zu einem Satze der Traum- 
deutung zurüdt. Der Kommunismus erklärt: Du magst alles tun 
und der andere audi,- oder du kannst alles tun, indem der andere 
auch alles tun kann. Hingegen lautet die »Freiheit, die idi meine« : 
Du darfst alles tun, sofern der andere auch alles tun kann. Der« 
artige Satzbindungen erträgt der Trauminhak und die »ardiaisdie« 
unbewußte Seelenstufe nidit/ diese kennen nur ein Nebeneinander, 
nur Rohmaterial und keine Struktur. Desgleidien der Kommunismus: 
Alles gehört allen, d, h. nidiis gehört niemandem. Der Individualismus 
will für jeden eine notwendigermaßen begrenzte, aber ausgefüllte, 
in sich unendliche, elasiisdi wählbare und gestaltbare Allheit er- 
kämpfen. Daher besteht in ihm eine organische Verbindung zwisdien 
Bedürfnissen und Fähigkeiten, die der halluzinatorisdien Glüd(s= 
idee völlig abgeht und in sämtlidien anderen Sozialgedanken infolge 
fremdherrlidier Verdrängung verkümmert bleibt. 




Eur psychoanalytischen Soiiologie 249 

3. Der psycho^enetisdie Untersdiied zwisdven Anardiismus 

und Individualismus. 

Einer der häufigsten Irrtümer, die in den Diskussionen 
sozialer Lehrmeinungen regelmäßig zum Vorsdiein kommen, ist 
die Verwechslung des Anarchismus und des Individualismus mit=> 
einander, beziehungsweise die Auffassung des Anarchismus als 
eines extremen Individualismus. Man erklärt in solchen Fallen, 
daß der Anarchismus die Verneinung jedweder Regel, Norm, 
Satzung, Auferlegung, jedes Maßstabes und Prinzips beinhaltet, 
wogegen der Individualismus sich gegen Macht, Bedrückung und 
Bevormundung auflehnt, ohne Norm und Prinzip aber gar nidit 
denkbar wäre, Ja, in einem Gemeinwesen könnte der Anarchismus 
nur auf kommunistischer Grundlage, wenn überhaupt, bestehen 
bleiben. 

Um die tiefere Divergenz und qualitative Abweichung von 
Anardiismus und Individualismus sinnfälliger ans Tageslicht zu 
heben, erinnern wir nur an den Analcharakter als Urbild 
individualistischer Veranlagung. Die hieher zählenden Eigen'? 
Schäften: Trotz, Hartnäckigkeit, Unabhängigkeitssinn, Gerechtig» 
keitssinn, Reinlichkeitssinn, Geiz, Pedanterie — sind sämtlich Bau- 
steine, wenngleich nidit der ethisch-individualistischen Sozialtheorie^ 
so doch der individualistischen Seeleneinstellung, die auch ihr zu« 
gründe liegt. Die Ideale der Selbstbestimmung, des Eigentums 
und der unerzwungenen Zucht können dieses Ansatzes sicherlich 

nidit entbehren. 

Der Anarchismus - versteht sich wohl — hat mit dem 
Analdiarakter nichts zu schaffen. Möglidierweise wäre er dem 
sogenannten »Analerotikerc anzunähern, soweit Verschwendung 
und Leichtlebigkeit in Betradit kommen. Diese Eigensdiaften sind 
unindividualistisch, aber nicht kommunistisdi,- der Kommunismus 
hat mit soldien formalen Tendenzen nichts gemein. Dodi es gibt 
keinen- allgemeinen Charaktertypus des Analerotikers gleich dem 
Analcharakter/ denn auf jener Stufe muß noch die anale Sphäre 
selbst unmittelbarer in den Vordergrund treten, während ander» 
seits am Anardiisten nidits dergleidien zu merken ist. 

In der Psydiogenese der individualistischen Beanlagung fällt 
dem analen Element eine bestimmende Rolle zu. Nidit unmitteU 
bar, auch nicht einfach verdrängt nimmt die anale Lusiorganisation 



250 Aurel Kolnai 



an dieser Entwicklung Anteil. Vielmehr dient sie als Anlaß zur 
Entfadiung und Betätigung der individualistisdien Charakterzüge, 

Neuerdings versuchte C. Müller^Braunsdiweig in seiner 
bemerkenswerten Sdirift <Imago 1921> eine derartige Verall- 
gemeinerung der infantilen Analdiarakterbildung annehmbar zu 
madien. »In der Beherrsdiung der Sphinkteren haben wir wohl die 
bedeutsamste Grundlage aller Selbstbeherrschung zu sehen. 
Aber audi die Gewinnung dessen, was wir Individualität 
nennen, ist wesentlidi mit der Reinlidikeitsangewöhnung verknüpft.« 

Folglich genügt es nidit festzustellen, daß der Anarchismus 
Neigungen enthält, wcldie im Individualismus vergeblich gesucht 
würden, sondern audi im psydiisdien Aufbau des letzteren sind 
wesenhafce Entwicklungslinien mitbeteiligt, die ihn der ganzen 
Betonung nadi vom Anardiismus meilenweit entfernen. 






ßücier 


251 


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Büdier, 

H. ZULLIGER: Psychoanalytische Streiflichter aus der Volks- 
Schulpraxis. Verlag Ernst Birdier, Bern 1921. 

Viele ernsthafte Pädagogen haben sidi sdion gefragt, ob und 
inwieweit die Psydioanalyse in der Volksschule praktisdi ausgeübt 
werden dürfe. Einzelne bejahten bedingungslos, andere wollten die Psydio-= 
analyse nur als prophylaktisthcs Hilfsmittel des Lehrers gelten lassen, 
dritte lehnten sie als pädagogisdie Hilfsmethode sdiarf ab. ZulÜger, ein 
Junger Berner Lehrer, hat sich dadurdi ein großes Verdienst erworben, 
daß er in diesem Streite nidit nur eine klare Stellung bezogen, sondern 
daß er gleich gezeigt hat, wie die Psytfioanalyse in der Volkssdiule an= 
gewendet werden kann und soll. Seine Sdirifl ist nidit theoretisdier Art, 
sie ist direkt aus der Sdiularbeit herausgewadisen. Deshalb pulsiert darin 
ein irisdies, freudiges Leben. 

Zulliger sAickt seiner Sdirifc einen Abschnitt »Die ,andere' Ein- 
stellung« voraus. Er legt darin dar, wie eben der analysenkundige und 
nodi mehr der analysierte Lehrer seinen Sdiülern gegenüber ganz anders 
auftritt und wie dies in günstiger Weise auf die Kinder zurüdtwirkt. 
Ein widitiges Kapitel namentlich für angehende Erzieher und für solcfie, 
die an ihrer Erziehungskunst verzweifeln wollen. 

Mit viel Liebe und feinem Sinn sind die >FälIe« gesdiÜdert. Sie 
bestätigen, was so oft sdion von pädagogisch tätigen Psydioanalytikern 
behauptet und von Gegnern der Psydioanalyse bestritten worden ist, daß in 
jeder Sdiulstube einige Neurotiker sitzen. Wie diesen geholfen werden kann 
oder wie sie wenigstens vor nodi Sdilimmerem zu bewahren sind, sdiildert 
der Verfasser an Hand seiner Sdiulerlebnissc auf sehr ansdiaulidie und 
cinleuditende Weise. Bei seinen Analysen gehe er außerordentliA vorsiciitig 
zu Werke,- die Sexualkomplexe sdineidet er z. B. nur an, wenn er es im 
vollen Einverständnis mit den Eltern eines Eöglings tun kann. Daß er 
die Erzieher zur kiugen Eurückhalrung ermahnt, solange noch so riesige 
Vorurteile gegen die sexuelle Aufklärung im allgemeinen und die Psydio= 
analyse im besonderen bestehen, gereicht seiner Sdirift zum Vorteil. 

Zulliger wollte zeigen, daß der Pädagoge sein erzieherisdies Können 
durch das Studium der Psychoanalyse in ungeahntem Maße bereidieit und ver« 
tieft. Und dies ist ihm audi enlsdiieden geglückt. A. Furrer, Zürich. 



252 ■ BüAer 

ALBERT FURRER, Sekretär pro Juvcntute: Unsere Erfahrungen 
mit dem ßcobachtungsheim Pro Juventute in Eürich. 

Diese Arbeit stellt einen Teil des offiziellen [ahresbcridites der 
Sdiweizerisrfien Gesellschaft Pro Juvcntule dar. Der Beriditcrstatter teilt 
hier die bemerkenswerte Erfahrung mit, daß unter den Beobaditungs«. 
methoden die abgekürzten Verfahren <lntelligcnzprüfung etc.) nicht das 
zu leisten imstande sind, was man von ilinen erhofft hat. Dagegen be- 
friedigten die psydioanalytischen Nachforschungen, U. Grüninger, 

EMIL GASSMANN: Praktische Erziehung und Psychanalyse. 
Schweizerisdie Lehrerzeitung Nr. 11, 12, 13. Zürich 1921. 

Gafimann erinnert daran, daß die Unterriditssehtion in Züridi der 
Lehrerschaft empfahl, sidi ernsthaft mit der Psydioanalyse auseinander- 
zusetzen. Durch diese offizielle Aufforderung, sagt der Verfasser, sei die 
Frage entschieden, ob es schidth'cfi sei, sich mit der verrufenen Psydio- 
analyse zu besdiäftigen. In dem festen Glauben an die Wirksamkeit der 
Erziehungsmaßnahmen liege wohl letzten Endes auch die lebendige Quelle 
des Erfolgs. Und da die Psychoanalyse diesen Glauben in mehrfacher 
Hinsicht stärkt, so hilft sie mit, den Erziehungsidealismus unserer Eeit 
zu stützen und zu heben. Er betont die großzügige Auffassung des 
geistigen Lebens und die Deutung der Lebensfunktionen in der Psydio^ 
analyse. PraktisA ist der Autor nicht konsequent. Nadi reiflidicr Über- 
legung müsse er es ablehnen, die Psychoanalyse in ihrer vorhin gezeidi- 
neten Form in die Zahl der Erziehungsmethoden aufzunehmen, die im 
Rahmen unserer Volksschule anwendbar seien. U, Grüninger. 

RAyMOND DE SAUSSURE: A propos d'un disciple d'Unter- 
nährer. Ardi. de Psydiologie, T. XVII, p. 297 ff. 

Die Arbeit dedct sich teilweise mit dem Vortrag, den der Verfasser 
im September 1919 in der Scfiweizerischen Gesellsdiaft für Psydioanalyse 
hielt (siehe Autoreferat im VI. Jahrgang der Internationalen Eeitschrift, 
S. 107>. Sie bringt eine kurze Biographie und eine große Anzahl von 
Belegstellen aus den Sciiriftcn Anioni Unternährers <1759— 1824), jenes 
Stifters der autodithon=sdiweizerisdien Sekte der Antonianer, der die 
geschleditlidie Vereinigung als einzig wahres Abendmahl predigte. Aus 
dem gut beobaditeten Falle eines heutigen Antonianers sudit Verfasser 
nachzuweisen, daß die Affinität zu derartigen Sektenlehren hauptsächlich 
in sexueller Organ minderwertigkeit begründet sei. Dies kann id\ aus 
eigenen Antonianer-Untersudiungen zum Teil bestätigen, muß aber hinzu- 
fügen, daß in vielen Fällen nidit Organminder Wertigkeit, sondern rein 
psydiisdie Faktoren den Aussdilag geben und daß audi damit noch nidit 
zu erklären ist, wie ein Sektierer den großen Sdiritt zu einer so sehr 



j,^ 




Büdier 253 

desublimicrten Sektenlelire zustande bringt. Aus einzelnen Stellen der 
antonianistiien Büdier — nadi dem Sündenfall seien die »Geräte des 
Körpers« mit Haaren bededtt und dem Blidi der Mensdien entzogen 
worden, erst er, Anloni, liabe sie wiederentdedtt — kommt der Verfasser 
zu der Annahme, Antoni könnte mit einer Phimose behaftet gewesen 
sein/ sollten soidie Worte, wenn man sie aus der paranoiden Spradie 
zurüd^ übersetzt, nidit eher bedeuten, es habe sidi bei Antoni im par- 
anoiden Wahnsystem die infantile Sdiaulust den Durdibrudi erzwungen? 
Audi die bildcrliebendc Spradie Antonis zeugt meines Eraditens eher für 
die letztere Annahme. Dr. H. Rorschach. 

W.WUNDT: Völkerpsychologie. Bd.X. Kultur und Geschichte 
Leipzig. A. Kröner, 1920, Vi. 478. 

Zwar fai^t die Psydioanalyse die Probleme der Völkerpsydiologie 
ganz anders an, als der Begründer dieser Disziplin; dcnnodi wird es woh! 
der Mühe wert sein, ihm in der »Synthese einer Synthese« <denn als Syn.= 
these der bisherigen Ergebnisse ist ja sdion die Völkerpsydiologie selbst 
gedadit, deren Bände wieder hier, im SdiluRband, zusammengefaßt werden) 
Sdiritt für Sdiritt zu folgen. Kultur und Kultus gehen auf das Seitwort 
»colere« = »Pflegen, Sorge tragen« zurüdt, cultus agri <Adterbau> und 
cultus deorum <Götlcrkult> bilden ursprünglidi eine Einheit. Demnadi ist 
es ganz riditig, wenn Ed. Hahn und andere in der Entstehung der Pfluj^ 
oder nodi eher in der älteren Hadtkultur einen entsdieidenden Wendepunkt 
in der Entwicklung der Mcnsdiheit erblidten. Dies wäre angeblidi eine 
»objektive«, nadi dem Maßstab des Kuhurweries orientierte Einteilung, 
während die Datierung der Kullurentstchung von den Anfängen der Feuer- 
bereitung eine »subjektive« sein soll, weldie »die intellektuelle Tätigkeit 
zum Maßstab nimmt« <S. 13). Das Willkürlidie einer soldien Einteilung 
liegt auf der Hand, denn einerseits kann man die intellektuelle Tätigkeit, 
die bei der Feuererfindung im Spiel wahr, sehr in Zweifel ziehen. <Es 
dürfte sidi um eine »unbewußte Erfindung« handeln,, die Bohrtätigkeit als 
Arbeit wird libidinisiert, aus Lust an der Tätigkeit spielerisA wiederholt, 
bis einmal zufällig die Flamme entfadit wird. <So C. G, Jung: Wand- 
lungen und Symbole der Libido, 1912.) Dann müssen wir aber audi 
fragen, ob die »objektiven« Folgen der Prometheustat geringer seien, als 
die des Bodenbaues? So wie .Kultur« mit dem Adier, hängt »Zivilisa= 
tion« durdi den Begriff des civis, des Bürgers, mit der Städtegründung zu- 
sammen. Daher stedtt in der »Kultur« nodi immer ein StüA des national- 
gebundenen, konservativen Geistes, während die »Zivilisation« mehr auf 
Fortschritt und Weltbürgertum eingestellt ist <S. 15 bis 21). 

Die Kultur wird in folgende Stufen gegliedert: 1. Tierische Vor- 
stufen. 2. Die primitive Kultur. 3. Die Sippen- und Stammeskultur. 4. Die 



254 Bürfier 

nationale Kultur. 5. Die internationale Kultur/ die Anfänge und Anlagen 
der Kultur sind sdion vor der Mensdiwcrdung vorhanden. Als entsdiei» 
dend für die Entwicklung des Vormensdien zum Mensdien dürfte, wie 
Klaaisch ausgeführt hat, der aufrerfite Gang gelten und das Kind wieder- 
holt noch heute diese allmähhdie Entwidilung vom Klettertier aufwärts, 
indem die Vorder,» und Hinterextremitäten des Säuglings, notfi undifferen- 
ziert, beides Grciforganc sind. Als kcnnzeirfinend für den primitiven Men- 
schen gilt die Isolierung, die Isolierung von Stammesfremden und von den 
Hordengenossen <S. 74, 75). Ps/diologisdi läßt sicii nach unserer Auffassung 
diese Isolierung in dem nocfi unverminderten Narzißmus des Primitiven, 
in der Ablehnung der Außenwelt, in der noch geringen Anzahl seiner 
Objcktbesetzungen begründen. So wie das Kind auf den Verlust der 
sdiützenden Hülle des Mutterleibes in der Geburt mit einem Angstschrei 
reagiert, ist aud[i für den Primitiven die Außenwelt angst- und unlustbe- 
laden. Erst allmählich werden einzelne Teile davon <so das Stammesgebiet> 
introiziert. Dem entspricht es aucJi, wenn die Familie, also eine evident 
libidinösc Bildung, als der erste Kristallisationspunkt der überindividucllen 
Entwicklung angesehen wird. Merkwürdigerweise rüdtt Wundt die Erfio" 
düng von Bogen und Pfeil bis in die ersten Anfänge neben die Feuerge- 
winnung zurüdi <S. 77, 80). Andere wiAtige Merkmale der primitiven 
Kultur sind in der Einfachheit und in der unlöslidien Verbindung der ein- 
zelnen Ersdieinungen. <z. B, Tanz und Gesang) zu suciien <S. 81). Völker, 
die in der Ethnologie oft als die Primitivsten gelten, vornehmlich die 
Australier, werden stiion der Sippenkultur zugeteilt, so daß für die primi- 
tive Stufe eigentlich nur die Pygmäen, Pygmaioiden und ähnlidie Völker- 
splitter übrig bleiben. Aus der Horde entsteht die Sippe, die in Totemis- 
mus und Blutradie ihre prägnantesten Ausdrucks formen findet. In der 
Vaterfolge sieht Wundt die natürlidie Fortsetzung der primitiven Mono^r 
gamie, »während die Mutterfolgc wahrsdieinlich erst eine Wirkung der 
Männerverbändc ist, die ihrerseits sich als eine spezifisdie Folge der Sippen- 
kultur darstellen« <S. 91). Die zentrale Lage, weldie die moderne For- 
schung dem Totemismus im Leben dieser Stämme zuerkennt, scheint 
Wundt jetzt als eine Art Modekrankheit zu bctraditen, obwohl er selbst 
es war, der vor wenigen Jahren nodi von einem totem istischen Zeitalter 
sprach. Drei Gattungen von Zauberwesen sind für die Sippcnkultur cfiarak- 
teristisch, aus deren Weiterentwicklung und Kombination alle höheren 
Religionsfornien und Göttcrkultc entstehen/ und zwar die Naturdämoiien, 
die Ahnengeister und die heiligen Tiere, die sirfi auf totemistisdier Grund- 
lage entwickelt haben. Im phantasiereidieren Westen herrschen die Natur- 
dämonen, während dem starren Konservativismus des Ostens das zähe 
Festhalten an den überlieferten Formen des Ahnenkultes entspridit. Jeder 
Versucb, diese drei Kategorien einheitlidi, etwa aus dem Ahnenkult, zu 



Büdier 255 

erklären, wird abgewiesen. Innerhalb der Sippe herrscht vollkommene De- 
mokratie, die Anfänge der Klassenunterschiede und des Kastenwesens sind 
sciion als Übergangsformen, zur nädisthöhercn Kulturstufe zu betrarfiten 
<S. 103>. Der Krieg schafft den Stand der Sklaven und durdibricht damit 
die auf Blutsgemeinsdiaft und Gleicfiheit gegründete Sippenkultur. Den 
Abscfiluß dieser Entwidtlung bildet die Nation. Das Elternpaar, von 
welchem der Nationalstaat stammt, sind Krieg und Handel, reine Beispiele 
des ersten Entstehungsgrundes sind vornehmlich in Amerika, des zweiten 
in Afrika zu finden. Der afrikanisdie Häuptling ist in der Regel zugleich 
der rcirfiste Händler seines Landes. Im Kampf des Adcerbauers mit dem 
Nomaden gestaltet sidi unter Führung semitiscfier Völker die erste über- 
nationale Weltkultur im alten Orient, Aus einem Ineinanderfliellen der 
verschiedenen Kategorien der zaubcrgewaltigen Dämonen entstehen nun die 
Götter, wobei die neue Kulturstufe durch eine entschiedenere Ausbildung 
der Himmelskulte gekennzeichnet ist <S. 127). Diejenigen Götter, die sich 
am wenigsten von dem Dämon entfernt haben, neigen dazu, zu einer alle 
anderen Mächte ausschließenden Machtstellung emporzusteigen,- so wird der 
Berg= und Wüstendämon Jahwe, der ausschließliche Gott seines Volkes, 
mit diesem selbst seßhaft, um sich dann, wiederum in Parallele mit dem 
Untergang des jüdischen Staatswesens, zu einem Universalgott cmporzuj^ 
heben. Die Weiterentwicklung des Totemismus in den verschiedenen Ober» 
Icbseln der Tierkulte wird eingehend geschildert, dabei hervorgehoben, daß 
die tiergestaltigen Heroen der nordamerikanisdien Mythologie keinen £u- 
sammenhang mit dem Totemismus zeigen. Ob dies tarsächlich so ist, 
dürfte in Anbetracht der unzweifelhaft totemistischen Heroenmythen der 
Eentralaustralier und anderer Stämme doch nidit so ganz sicher sein. An- 
schließend an Ed. Hahn wird die Domestikation aus dem Opfergedanken 
erklärt; »Sichtlich von der Steigerung sexueller Triebe ausgehend 
haben hier besonders In manchen der kleinasiatischen Kulte, wie in denen 
der Syrer und Phönikcr, die einander parallelgehenden und wescnsver- 
wandten Kulte der Prostitution und der Selbstentmannung eine wichtige 
Stellung gewonnen/ vor allem die letzteren, weil sie, wie es scheint, in eine 
eigentümliche Verbindung mit dem Tieropfer getreten sind, indem sie, was 
hier vielleicht den Ausgangspunkt gebildet hat, in dem entmannten Tier 
ein den Göttern besonders genehmes Opfer finden ließen. In dieser Form 
hat das sexuelle Opfer, mit mannigfadien Nebenmotiven verbunden, eine 
weite Verbreitung erlangt. Seine für die Ackerkultur selbst wichtigste An- 
wendung hat diese Form in ihrer Übertragung auf das vornehmste unserer 
Ackertiere, auf das Rind, und der durch sie erzielten Zähmung des wilden 
Stieres gefunden* <S. 145, 146). Diese ausführlidi angeführte Stelle gehört 
zu den sehr spärlichen, in denen der Sexualität überhaupt Erwähnung getan 
wird/ wie wir sehen in einer sehr unzureichenden Art und Weise, denn 



256 Bücher 

die Kastration ist keineswegs als eine Folge des gesteigerten Sexualtriebes, 
wohl aber als neurotische Seibstbestrafung, als Sühnmig der Inzestsdiuld 
verständlidi, wie dies gerade an den vorderasiatisdien Kulten mit beson- 
derer Deutlidikeit nadiweisbar ist^. Die fortsdireitende »InleÜektualisierung« 
läßt das Praktisdie aus dem Emotionalen im »Wandel der Beweggründe« 
<= Überdcterminierung) entstehen. »Gerade die großen Epodien, die wir 
im Hinbiidt auf die tiefeingreifende Bedeutung dieses Wandels als Stufen 
der Kultur bezeidincn, sind offenbar die Hauptepodicn einer solcfien Zwedi- 
metamorphosc« <S. 159), Die nationale Gebundenheit der Kultur als be= 
wüßtes Erlebnis der Nationen/ dies soll der große Sdiritt sein, der von 
der Sippenkuhur zur nationalen Kultur führt und der von den Hellenen, 
die ja alle Niditgriethen als »Barbaren« bezeichneten, zuerst getan wurde 
Dodi kennzeidinet nicht ebenso <um vom Reidie der Mitte ganz abzu- 
sehen) jeder australisdie Stamm all diejenigen fremden Stämme, mit denen 
er die »panhellenisdie« Feier der Männerweihe nidit gemeinsam begeht, 
als »wilde Sdiwarzea und sidi allein als »Mensdien«? Der semitisdie Geist 
hingegen ist als Träger der übernationalen Weltkultur anzusehen, Den= 
selben Gegensatz findet Wundt zwisdien Romanen und Germanen, indem 
hier die Romanen <denen auch die angcblidi vollkommen romanisierten 
Engländer zugezählt werden) als Vertreter des Universalisnius, die Gcr=' 
manen als die Träger des nationalen Gedankens erscheinen und führt auch 
den Weltkrieg auf diesen psychischen Gegensatz zurüA. 

Die Übersdirift des zweiten Äbsdinittes lautet: »Die Gebiete der 
Kultur.« Hier werden nun wiederum annähernd dieselben Themata be= 
sprochcn, nur anders gruppiert, das meiste von dem, was wir hier zu 
hören bekommen, ist in anderer Reihenfolge sdion in den vorhergehenden 
Bänden der »Völkerpsydiologie« gesagt worden (S. 180 bis 423). Der 
letzte Abschnitt handelt über die »Sukunft der Kultur«, greift vielfadi 
hinüber in die Tagespolitik und ist von persönlich -subjektivisti scher Fär=- 
bung im Sinne des deutschen Konservativismus keineswegs frei. Überall 
vermissen wir nidit nur die Berüdcsichtigung des Unbewußten und des 
Lustprinzips, sondern auch Jede wirklidi dynamisdi=psydiologisciie Erklärung. 
Vom ethnologischen Standpunkte bringt die Arbeit auch kaum Neues/ 
Wundt beschränkt sich immer darauf, die jeweilig modernsten Anschauungen 
eklektisch zusammenzufassen. Röheim. 



' Eine in Vorbereitung begrifFetic Abtiandlung des Referenten bezieht sidi 
auf dieses Thema, weldies in diesem Sinne sdion in einem Vortrag^ von Sachs 
betiandelt wurde. 



Buchdmckerei Carl Fronime, Q. m. b. H., Wien V.