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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VI 1920 Heft 1"

MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG 
DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 
GEISTESWISSENSCHAFTEN 



' HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DE S1GM. FREUD 

REDIGIERT VON 
Di: OTTO RANK IL D£ HANNS SACHS 

VI. BAND 




19 2 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M. B. H. 



Inhaltsübersicht des VI. Bandes. 
<1920.> 

Abhandlungen: g ejte 

Dr. Karl Abraham <Berlin) : Der Versöhnungstag. Bemerkungen zu 

Reiks »Probleme der Religionspsychologie« 80 

Dr. Michael Josef Eisler {Budapest): Über einen besonderen Traumtyp. 

Beitrag zur Analyse der Landschaftsempfindung 323 

Dr. Bela v. Felszeghy (Budapest): Panik und Pan-Komplex . . 1 

Dr. S. Ferenczi(Budapest):Nachtragzur»PsychogenesederMecfianik« 384 
Dr. Hermann Goya (Wien): Das Zersingen der Volkslieder. Ein 

Beitrag zur Psychologie der Volksdichtung 132 

Dr. John Landqui st (Stockholm): Das künstlerische Symbol . . . 297 
Dr. Emil Lorenz (Klagenfurt): Der politische Mythus. Probleme 

und Vorarbeiten 41 

Dr. O. Pfister (Zürich): Die Entwicklung des Apostels Paulus. 

Eine religionsgeschichtliche und psychologische Skizze .... 243 

Dr. Theodor Reik (Wien): Oedipus und die Sphinx 95 

Dr. Alfred Winterstein (Wien) : Die Nausikaaepisode in der Odyssee 349 

Vöikerpsydiologisdie Beiträge: 

F. S. Krauss (Wien): Der Doppelgängerglaube im alten Ägypten 

und bei den Südslawen 387 

Dr. Ludwig Levy (Brunn): Die Kastration in der Bibel .... 393 

Dr. Geza Rohe im (Budapest); Zur Psychologie der Bundesriten . 397 

Bücher: 

Paul Federn : Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Ge- 
sellschaft. (E. Lorenz.) g\ 

Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. 

(E. Lorenz.) 97 

Emil Lorenz: Zur Psychologie der Politik. (P. Federn.) . . . . 94 

Georges Berguer: Quelques traits de la vie de Jesus au point de 

vue psychologique et psychanalytique. (O. Pfister.) .... 291 

A. Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur 

Psychologie der Mystik. (O. Pfister.) 293 

Jean Piaget: La psychanalyse et la pedagogie. (O. Pfister.). \ . 294 

Emil Luethy: Eiziehung und Kinderpsyche. (Dr. Grüninger.) '. 296 

Bibliographische Notiz g^ 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO* 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSyCHO ANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H. 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW-VORK 



VI.1. 1920 

Panik und PanJKomplex. 

Von Dr. BELA v. FELSZEGHy (Budapest). 

Begriff der Panik. 

Dem Verständnis jener überaus rätselhaften und in ihren Wurzeln 
noch unbekannten massenpsychologischen Erscheinung, deren 
Kriterien die meisten modernen europäischen Sprachen im 
Namen »Panik« zusammenfassen, haben uns die Arbeiten, die sich 
mit ihr bisher beschäftigten, nur mit oberflächlidien'»alIzuobern'ädilichen 
Beiträgen, nur durch — mehr oder minder vollständige — Anführung 
der Symptome näherzubringen versudit. Auch Autoren, die sidi mit der 
Massenpsychologie im allgemeinen oder mit irgend einem ihrer in Be» 
tracht kommenden besonderen Kapitel beschäftigten, fühlten sich durch 
die rätselhaften Erscheinungen der Panik höchstens zu Hinweisen und 
Erwähnungen angeregt. Mit mehr oder weniger Ausführlichkeit sichten 
sieErsdieinungseinzelheiten der Panik in Gruppen, die durch Gesichts^ 
punkte der Symptomatologie geschieden sind, ohne der Panik auf den 
Grund zu gehen. Hat sich auch der eine oder andere auf dem Gebiete 
der Massenpsychologie forschende Soziologe mitunter in tiefere Zu^ 
sammenhänge verirrt, im Grunde genommen bietet er uns doch nur 
eine breitere (in vieler Hinsicht immerhin wertvolle) Deskription, Die 
Psychologen aber, die sich doch angesichts des rätselhaften Auftretens 
der Massenpanik oder auch wegen der möglichen Analogie zu individual- 
psychologischen Erscheinungen dem tieferen Eindringen ins Problem 
nicht verschließen hätten dürfen, stehen diesem Massenphänomen — 
man kann schlechthin sagen — ratlos gegenüber. Unter jenen haben 
die auf psychologischer Grundlage forschenden Soziologen — <so 
Le Bon, der überraschend intuitiv die Funktion der seelischen Sphäre 

Imago VI/1 ! 



Dr. Bela v. Felszcjihy 



des Unbewußten im Seelenleben der Menge erkennt, aus ihm in 
genialer Weise den seelischen Mechanismus herausahnt) — durch 
die Analyse massenpsychischer Erscheinungen zum Verständnis dieses 
Problems mehr Anregung geboten, als jene Forscher der IndividuaU 
Psychologie, die mit der sterilen Arbeit nervenpsychologischer Beob- 
achtungen oder vermöge ihrer zerfallenden Symptomschilderungen 
nur bis zur nichtssagenden Kategorisierung von Erscheinungen des 
Bewußtseins oder bis zur Konstruktion einer aus Worten mit 
nebelhaften Umrissen zusammengewulsteten Terminologie gelangen 

konnten. 

Was nun die audi in die unbewußten Schichten der Seele vor« 
stoßende Freu dschc Psychologie und ihre exakte Methode, die Psydio- 
analyse betrifft, so hat diese junge Wissenschaft in wenigen knappen 
Jahrzehnten an einer Reihe fast unnahbar dastehenden kollektiv- 
psychologischen Problemen ihre Anwendbarkeit erwiesen. Diese 
Methode' der Seelenforschung hat, wie es Freuds großartige Studie 
über »Totem und Tabu« zeigt, die Völkerpsychologie sozusagen zu 
einem reichen, eine große Zukunft verheißenden Kapitel der Psydio- 
analyse geweiht, und es kann denen, die die Freudsche Scelcnanalyse 
wirklich kennen, nicht zweifelhaft sein, daß wir zum Verständnis 
der tieferen ursächlichen Zusammenhänge jener Erscheinungen, die vom 
Gesichtspunkte einer von der Völkerpsychologie sich abgrenzenden 
Massenpsychologie (also der Lehre von der aktuellen, nicht der ethni- 
schen Massenpsyche) wichtig sind, zum Verständnis jener Zusammen* 
hänge, über die auch die vortreff lidien Erwägungen und Überlegungen 
Le Bons viel ahnen lassen, gerade vermittels der Kategorien der das 
Unbewußte heranziehenden Psychoanalyse näher gelangen können. 

Der Freudschen Psychologie, die in die Domänen der mensch- 
lichen Seele mit Siebenmeilenstiefeln vorzudringen pflegte, sind auch 
auf unserem gegenwärtigen Gebiete wegweisende Spuren zu ver- 
danken. In erster Reihe sind Freuds erleuditende Sdiriften anzu- 
führen, auch wenn das Problem der Panik als solches bei ihm uner- 
wähnt bleibt. Ohne die bei ihm niedergelegte Trasse — dies war 
mir schon bei den ersten Orientierungen im gegenwärtigen Probleme 
fühlbar — wäre der Weg zur Erkenntnis des Problems unausbaubar. 
Die individuelle Panik, das irrationale Ersdiredten, die Bestürzung 
aus harmlosem Anlaß, diese von schweren seelischen und körper- 
lichen Symptomen begleitete Ersdiütterung ergab sich sozusagen als 
Ausgangspunkt der Freudschen Seelenkunde. Gerndc aus dem Kern 
des seelischen Traumas kam Erhellung in das dunkel ineinander- 
geballte unabsehbare seelische Problemendiaos. Die unentwegt sduir= 
fende junge Disziplin konnte in dieser Problemen fülle bisher kaum 
bis zur Erwähnung des Panikproblems gelangen. Stckcl erledigt 
beispielsweise in seinem Buche »Nervöse Angstzustände« die Panik 
in einigen Aphorismen. Die Angst ist ihm Erwartung einer Unlust,- 
im engsten Sinne: die Ablehnung des Todes. »Jede Angst ist Todes- 
angst«, führt Stekel weiter aus und setzt in der für ihn bezeidmenden 



Panik und Pan»KompIex 



Art aphoristisch fort: ->Die Furcht ist der Wille zur Unsterblichkeit. 
Das Unsterbliche ist das Unendliche. Das Unendliche ist aber das 
Unbegreifliche. Und alles Unbegreifliche wird uns zur Furcht . . . 
Die Panik, der panische Schredcen ist die plötzliche Loslösung dieser 
Furditgefühle.« 

Panik ist also — und das ist die einzige Feststellung über die 
Panik, die ich in der psychoanalytischen Literatur auftreiben konnte — 
die Eruption der »Furchtgefühle« <?> aller Art, ihr vollkommenes 
Hineinströmen in die Sphäre des Bewußten. Sie ist der Umsturz 
des Kräfteverhältnisses zwischen Bewußtem und Unbewußtem, jenes 
Gefühles des Ausgeglichenseins, der Ruhe, des Wachseins und Auf» 
derwacheseins, das für unser Bewußtsein bei Abwesenheit von Angst 
bezeichnend ist. Die Panik schatft also unproportionelle Kräftever- 
hältnisse im Mechanismus der Seele und entlarvt sich als anormaler 
Seelenzustand. 

Unseres Erachtens ist Stekels angeführte Feststellung — ob^» 
schon gegen dessen aphoristische Art nichts einzuwenden wäre — in 
mancher Hinsicht lüdxenhaft, beziehungsweise auch ungenau. Ungenau, 
weil die Panik bei ihm schlechthin als Superlativ der individuellen 
normalen Angstgefühle, oder richtiger als ihre gemeinsame Explosion, 
ihr Ineinanderplatzcn erscheint. Dabei ist aber die Panik <wollen wir 
ihren alltäglichen, durch den allgemeinen Sprachgebraudi umrissenen 
Sinn nicht auf andere, besonders bezeichnete, wenngleich unbestreit= 
bar aus verwandten Quellen gespeiste Begriffe übertragen) kein 
Angstzustand, sondern eine bisher nicht analysierte rätselhaft be~ 
gründete Affektreaktion der Massen, eine unzwedemäßige und un- 
proportionelle seelische Reaktion der Massen, die mit der auslösenden 
manifesten Ursache in kein logisdies Verhältnis zu setzen ist. Wir 
sind daher gezwungen, anzunehmen, daß auch diese stürmisdie Affekt* 
reaktion <wie überhaupt die pathologischen seelischen Reaktionen, die 
Psychoneurosen) sich im Unbewußten akkumuliert, um im besonderen 
im Wege der Zugehörigkeit zur Masse ausgelöst zu werden, sich 
über die Individuen zu ergießen. Das heißt: die Panik wurzelt in 
unbewußten Ursachen, ist die Reflexwirkung solcher, ist als Resultante 
derartiger Komponenten erkennbar, die, weil sie aus dem Unbewußten 
heraus wirken,zur Auslösung einer Reaktion von solcher Hochspannung 
besonders geeignet sind, wobei sich die im Unbewußten seit Urzeiten 
angehäufte, aber aus einem bereits in Vergessenheit geratenen Ur^ 
uell gespeiste Affektbereitschaft mit ihrer ganzen Gier und frischen 
"ucht an die durch das Bewußtsein bemerkte manifeste Ursache heftet. 

Dem Psychoanalytiker haben wir damit eigentlich nichts neues 
gesagt. Er weiß es bereits seit langem von seinen Erfahrungen in 
der Individualpsychologie her, daß die bei abnormen oder relativ 
abnormen Individuen auftretenden unerklärbaren Phobien, Affekt^ 
reaktionen eigentlich nur Ersatzgebilde sind. In der aktuellen Gleichung 
der pathologischen psychisch=physischen Reaktionen sind die Symptome 
nur die Produkte, der Überbau der verdrängten Affektmengen im 



$ 



Dr. Bela v. Felszeghy 



Unbewußten. Die zufolge unerklärbarem heftigen Entsetzen für das 

Individuum bedeutungsvolle, affektgeschwellte aktuelle Situation ist 
nur Symbol, von dem sich bei entsprechender Analyse herausstellt, 
daß es nicht die im Bewußten auftretenden Verhaltnisse, sondern 
die Erfüllung von weitaus widrigeren, weitaus bedeutungsvolleren 
und begründeteren Gefühlsbeziehungen, Urwünschen darstellt. Die 
Platzangst, die unverständliche und übertriebene Scheu und Flucht 
vor gewissen Gegenständen, Tieren, Eigenschaften usw. geht auf 
bängst vergessene Ursachen zurück und der Freud sehen Methode, 
der Psychoanalyse ist in jedem einzelnen Falle der Nachweis ge- 
lungen, daß diese übertriebene und unbegreifbare Angst gar nicht 
übertrieben und gar nicht unbegreifbar ist, wenn es uns gelungen 
ist, die im Unbewußten verborgenen Ursachen zu erspähen und sie 
vollen Textes in die aktuelle Gleichung an die Stelle der Ersatz* 
zeichen einzusetzen. Der kausale Zusammenhang, die undeutbare 
Hieroglyphe wird dadurch sinnvoll und lesbar,- der Affekt aber, heim- 
findend in seinen ursprünglichen Zusammenhang, büßt seine Fähig- 
keit ein, auf das Individuum beunruhigend, pathologisch einwirken 

zu können 

Wir haben Ursache anzunehmen, daß auch die Panik, die 
w j r _ um aU (h auf den Sprachgebraudi des Alltags Rücksicht zu 
nehmen — als »Masseiineurose* aufgefaßt haben, durdi einen 
ähnlichen seelischen Medianismus ihren weg nimmt. Die Masse be- 
nimmt sich also laut dieser Annahme so wie der an einer Neurose 
leidende einzelne. Mit normal beurteilt unbegründet unproportionellen 
heftigen Affekthandlungen reagiert sie auf unbedeutende äußere Ur- 
sachen, wobei diese Handlungen vom Standpunkte des Selbsterhaltungs- 
interesses oft sogar als schädlich gelten müssen 1 . Die Masse reagiert 
auf ein plötzlich entstandenes, an sidi vielleicht harmloses Geräusch 
oder auf sonst eine äußere Einwirkung, so wie wenn die Existenz, 
das Leben der ihr angehörenden Individuen so ,/ohl einzeln als ins- 
gesamt durch eine unmittelbar eingetretene, die Abwehrkraft der 
Masse übersteigende Gefahr bedroht wäre. Den Ursprung des Gc- 
räusdies, des Rufes sudit und untersucht die Menge nicht,, sie erwägt 
nicht die Entstehungsart und die Entfernung des Feuerscheins, das 
der Ferne vielleicht von einem freundlich flackernden Hirtenfeuer 



in 



1 Die panisch Fliehenden stürzen sich, engen Ausgängen zustrebend in 
lebensgefährliches Gedränge, oder rennen brennenden Brücken, halsbrecherischen 
Abhängen entgegen. Hier wird übrigens die Ungenauigkeit der St ekclsdieii 
Aphorismen evident. Auch ansonsten ist die Furcht eine Sduitzvorriditung und 
dient wohl auch zur Abwehr der Panik, des Schreckens in dem Sinne, wie es audi 
das weise Sprichwort empfiehlt: »lieber sich fürchten, als crsdirccken«, oder wie es 
— in den Spuren Freuds — die Psychoanalytiker auf Schritt und Tritt wahr- 
nehmen können: wer in der Lage ist, irgend einer erkannten großen Gefahr gegen- 
über rechtzeitig den Puffer der Furdit entgegenzuhalten, entgeht audi der hilf 
gleisung in die Psychoneurose. Daß die Panik nicht oder nicht nur die Äußerung 
des Selbsterhaltungstriebes ist, sondern ein libidinöses Koniplcxphäuomen werden 
wir später, im Verlaufe der Analyse erfahren, 



Panik und Pan-Komplex 



ausgeht, wird vielmehr von dem unwiderstehlichen Gefühl des sauve 
qui peut hingerissen zur kopflosen Flucht, sehr oft ins Verderben 1 . 
Der Eindruck, den wir bei der Beobachtung typischer Fälle von 
Panik über den Verlauf der Panik gewinnen, ist der, daß die Masse 
sich nur sdieinbar vor der manifesten Ursache fürchtet. In Wirklich- 
keit wird die Masse durch tiefere, instinktivere, also durch latente, 
im Unbewußten der sie bildenden Einzelnen verborgenen Ursachen 
zur unzweckmäßigen und unvernünftigen Flucht veranlaßt. Die ein» 
zelnen Elemente der in Panik geratenen Menge — und das kann 
jeder bestätigen, der in der Lage war, eine Panik zu beobaditen — 
wissen oft im strengsten Sinne nidit einmal, warum sie die Flucht 
ergreifen, warum sie oft in ihr Verderben rennen. Sie wissen es 
nicht und geben sich über die Veranlassung keine Rechenschaft. 
Meistens sehen sie in irgend einer mit dem Grade der entwickelten 
Reaktion in kein logisches Verhältnis passenden harmlosen mani- 
festen Erscheinung die Ursache ihres Ersdiredvens. Sie tun offenbar 
so, wie der Neurotiker, der seine krankhafte Angst oder seine über- 
triebene Angst vor irgend welchen Gegenständen oder Tieren zu 
rationalisieren versucht und obsdion er fühlt, daß seine Er- 
klärungen auch ihm selbst nicht ausreidiend sind, immer wieder und 
immer erfolglos neue und neuere Erklärungen spinnt. Wie gesagt: 
er empfindet das Unlogische seiner Erklärung und kann die latente 
Ursache nicht mittels besserer Einsicht beeinflussen. Aus der latenten 
Kraft strahlt auch weiterhin Angst und Schrecken auf ihn aus/ sie 
hält ihn von der gesunden, durch das Bewußtsein gelenkten Ungc- 
bundenheit des Handelns zurüde 2 . Dieses »sinnlose«, weil unbewußte 



1 Beispiele anzuführen scheint uns überflüssig. Inmitten der Gräuel des Welt- 
krieges hat ein beträchtlicher Teil der Menschheit Fälle schwerer Panik unmittelbar 
beobachten können, ist an solchen wohl auch selbst beteiligt gewesen. Zudem haben 
Literatur und bildende Künste Panikgeschehnisse in soviel beredsamen Werken ver- 
ewigt, daß schon dieser Reichtum an Panikvarianten dem Psychoanalytiker als ver- 
dächtiger und untersuchungswürdiger Umstand erscheinen könnte, besonders in 
Anbetracht dessen, daß auf der anderen Seite sich die Wissenschaft scheinbar 
hütete, eine ausreichende Erklärung der Panik zu geben, in der Tiefe dieses 
Problems zu schürfen. Wenn etwas von der Literatur, der Kunst, der Kulte, der 
Überlieferungen <Bibel!> in sovielen Variationen immer wieder neugeschaffen, be= 
handelt, von der Wissenschaft trotzdem mit frostiger Skepsis oder kühler Ober« 
legenheit beiseite gelassen wird, so kann der Psychoanalytiker mit Recht arg- 
wöhnen, daß von Seiten des Bewußten eine Abwehr, die Freudsche Verdrängung 
unbewußten Faktoren gegenüber am Werke ist. Diese Erwägung kann uns ein 
neues Motiv sein, auch beim Panikproblem nach Ursachen, die sich nicht an die 
Bewußtseinsoberfläche schwingen können, nach unbewußten Ursachen zu forsdien. 

'-' Diese Ungebundenheit des Handelns will heißen, daß das Ich in der Lage 
ist, zwischen den vom Bewußtsein als richtig beurteilten, zweckmäßigen, logisdien, 
psychischen und physischen Aktionen und Reaktionen, Handlungen und Unter- 
lassungen, Angriffen und Rückzügen frei, relativ frei vom Einflüsse unbewußter 
Kräfte, zu wählen,- daß seine psychischen und physischen Reaktionen von unbe- 
wußten Affekten weder angetrieben noch gehemmt werden,- daß das Ich sich weder 
zur »tollen« Kühnheit veranlaßt fühlt, noch zur »kopflosen« Panik — zwei Er- 
scheinungen, die, wie es scheint, desselben unbewußten Affektwunsches Äuße- 
rungen sind, nur durdi das Vorzeichen unterschieden. Sdion hier können wir die 



Dr. Bein v. Felszeghy 



Art 
der 
der 
ge- 
der 



Gefesseltsein trachtet das Individuum zu verbergen, geheimzuhalten. 
Die Verbergung, Geheimhaltung, d. i. die Freudschc Verdrängung, 
hat zwei gegensätzliche Erscheinungsarten: einerseits die beredsame, 
auf Irreführung ausgehende Rationalisierung und anderseits das 
täppische Schweigen, das audi sich selbst täuschen will, eine 
Schamgefühl. Beides sind, wie wir wissen, Schutzvorrichtungen 
Zensur. Und wahrhaftig, dieses Schamgefühl ist meistens auch 
Begleiter der abgerauschten Panik. Die in den Bann der Panik 
raten waren, schämen sich ob ihrer Feigheit, schämen sidi ob 
an eine unbedeutende Ursache vergeudeten seelisdien und körper- 
lichen Emotion, gleichsam als hätten sie mit Mörsern auf Spatzen 
geschossen. Dieses Schamgefühl ist also bereits etwas Sekundäres, 
es ist die verurteilende Leistung der Überlegenheit des Bewußten, 
tritt also als Einwirkung derselben seelisdien Instanz auf, die die 
Freudsdie Psychologie in der Traumdynamik als » 1 raumzensur« 
erkannt hat. Dieses Schamgefühl dient einem doppelten Zweck, es 
stellt einerseits das Gleichgewicht der bewußten geistigen, logisdien 
Funktion, den Kredit des bewußten Idis wieder her, ist anderseits 
geeignet, von den unbewußten Ursachen, die — wie wir ebenfalls 
aus der Freudschen Psychologie wissen — ich- und kulturfeindlich 
sind, die Aufmerksamkeit abzulenken, die Urtendenzen des Instinkt- 
lebens auch weiterhin in der unbewußten Sphäre pefcssclt, verdrängt 
zu halten und so den normalen Ruhestand der Seele zu sichern. 

Rückkehrend zu unserem Ausgangspunkt können wir also 
wiederholen, daß die Analysierbarkeit, die Deutungsmöglidikeit der 
Panik als Massenneurose — auch sdion nadi den bisherigen Aus- 
führungen — als fruditbare Voraussetzung erscheint. Diejenigen, 
deren Erkenntnisse durch den dem Psydioanalytiker wohlbekannten 
Widerstand, durch das heftige Sidisträuben gegen die Erhellung des 
Unbewußten nidit mit unwiderstehlidier Gewalt behindert sind, 
werden auch aus jener flüditigen Darstellung heraus es als aus- 
sichtsreich beurteilen, daß wir unsere Voraussetzungen nadi der 
Freudschen Methode mit cntsprediendem analytischen Material zu 
bestätigen bestrebt sind. 

Vorher ergibt sich jedoch nodi die Notwendigkeit zu einer 
zusammenfassenden Feststellung der Kriterien der Panik. 

Panik ist die unzweckmäßige seelische Reaktion der Masse 
auf einen an sich unbedeutenden äußeren Anlaß, dem die Masse 
— wie es der stürmische Verlauf der Panik verrät — offenbar die 
Kraft alter unbewußter Affekte verleiht. 

Zur Erregung von Panik ist also irgend ein aktueller, bewußt 
wahrgenommener Anlaß notwendig. Dieses bewußtseinsfähige 



unbewußte Verknüpfung zwischen der Verehrung des ruhmvollen 1 leiden und der 
Verachtung des feigen Schreckens andeuten, wie Puppen werden Heros und leiglmg 
am gleichen Draht gezogen. Über das Verknüpltsein von Feigheit und Kühnheit 
hat im Kriege manches aufrichtige, sich über das Bewußtsein hinwegsetzende bclbst- 
bekenntnis Zeugenschaft abgelegt. 



Panik und Pan-Komplex 



Moment kann an sidi ganz unbedeutend sein und ist mit dem 
Affekt, den es bei der Masse auslöst, keineswegs in eine logische 
Beziehung setzbar. Die Masse rennt z. B. in einem finsteren Kino 
auf ein plötzlich entstandenes Geräusch <z. B. auf einen Schrei, ein 
Kreischen) kopflos^ gegen die Ausgänge, unbekümmert darum, daß 
diese Flucht, das Gedränge bei den Ausgängen zahlreiche Menschen» 
opfer erheischen kann. Dem Affekt gegenüber, clev die Sinne blendet 
und betäubt, kommt keine Überredung auf, kein Überzeugen, kein 
Erklären. Die Masse, die von der Welle der Panik ergriffen worden 
ist, wird vergeblich aufgeklärt, das Geräusdi sei gar nicht im Kino 
entstanden, sondern draußen, wo also allenfalls eine Gefahr vor» 
banden sein kann. Daß solche harmlos erscheinende, panikauslösende 
äußere Ursachen' oft den Verlust von ungeheueren Vermögen, 
von Lebenswerten, von großen Sielen <z. B. Schlachten) nach sidi 
ziehen, kann beispielsweise aus der Geschichte der Kriege mit zahl» 
reichen Beispielen belegt werden. Wir müssen hier noch jene Er» 
fahrungstatsache erwähnen, daß die Panik — wie es auch Soziologen 
wahrgenommen haben — von solch einer an sich harmlosen Er» 
scheinung um so leichter ausgelöst wird, je günstiger für den Aus» 
bruch der Angst die allgemeinen äußeren und inneren Um» 
stände sind. So ist in erster Reihe die Zusammenrottung der Masse, 
das Zumassewerden ein begünstigendes Moment. Die Ohnmacht des 
einzelnen wächst in der Masse,- der einzelne verliert in der Masse die 
zwedimäßige Anpassung, die Fähigkeit bewußt zu reagieren, die dem 
jeweiligen Wechsel der Lage angemessene Selbstbeherrschung. Er 
wird selbst zu einem Bestandteil der pigra massa, kann sich nur 
mir der Masse, durch die Masse bewegen. Dieses unbequeme Ge= 
fühl des Eingeklemmtseins hat sicherlich auch ein im Unbewußten 
verborgenes tieferes Motiv, denn es ist ersichtlich, daß, obschon 
dieses Ohnmachtsgefühl konzentrisch wächst (und wahrscheinlich im 
Brennpunkt der Masse, wo sidi das Versiegen der Selbstbeherr» 
schling der Personalität zum Debakel verdichtet und die Fähigkeit 
zu bewußten individuellen Entschlüssen auf den toten Punkt gelangt, 
am intensivsten ist), dennoch viele auch an den Peripherien von der 
Panik nicht verschont bleiben, so daß sie sidi mitunter ganz komisch 
wirkende Erklärungen zurechtmachen müssen, um ihre Angst, ihre un- 
zweckmäßige seelische Reaktion, ihre Panik zu begründen. Unter den 



1 Der Kritizismus des Bewußten darf nicht den Akzent hier just auf das 
äußere Auftreten der Panikursache setzen. Panik kann auch durch innere, rein 
imaginäre Ursachen hervorgerufen werden, durch Erscheinungen, die sich den 
Sinneswahrnehmungen entziehen, kontagiöse Phantasien: Ahnungen, Aberglauben, 
die ja im allgemeinen Erreger von Massenneurosen sind. Durdi später aus= 
einanderzusetzende Beziehungen wird z. B. die Rolle des kontagiösen Glaubens 
an wundertätige Orte, Quellen, Höhlen, an wundertätige Marien, heilige Antons hei 
der Wallfahrt verständlich werden. Was das Individualpsychische anbelangt, so 
seien als aus inneren imaginären Gründen motivierte seelisch-körperliche Reaktionen 
der Alpdruck, die Epilepsie, die Mondsucht erwähnt, bei denen spätere Forschungen 
sicherlich gewisse Beziehungen zur Panik aufdecken werden. 



Dr. Bela v. Felszcghy 



allgemeinen äußeren Umständen wird auch die Ungewohntheit des 
Reizes erwähnt. <Beispielsweise das Erscheinen einer Flugmasdiinc 
vor einer Masse, die noch keine Flugmasdiinc gesehen hat, Geräusche 
von ungewohnter Intensität, Erdbeben u. dgl.> Wenn wir na* den 
tieferen, im Unbewußten wurzelnden Gründen der Wirksamkeit der 
aktuellen Reize forschen, so dürfte in den einzelnen analysierten 
Fällen immer nachweisbar sein, daß jene Wirksamkeit sich aus den 
im Unbewußten angehäuften Urangstgcfühlcn nährt, denn die Er* 
fahrung zeigt: je typischer, sozusagen klinischer ein Fall von I anik 
ist, um so tiefer gelagert, um so verborgener ist der Zusammenhang 
zwischen der Atfektspannung der Panik und der Harmlosigkeit der 
auslösenden Ursache, um so unmotivierter ist die Reaktion, und es 
gibt wiederkehrende normale Ersdieinungen, soziale, riditiger periodi- 
sche religiöse Gebräuche, Zeremoniells, die sidi inmitten von Panik, 
im Zeichen der Panik, in Begleitung von Panikrudimenten, Panik- 

Symbolen abspielen. r . ., 

Unter den allgemeinen inneren seelisdien Umständen wird auch 
eine allgemeine Panikneigung der Masse angeführt, jene seelische 
Irritabilität, die das Treibbeet der Panik ist. <Z. B. im Kriege 
die allgemeine seelische Depression, der dauernde seclisdie Zustand 
des Gequältseins.) Der hohen Spannung nidit mehr gewachsen, ent- 
ladet sich die Psyche auf jede kleinste Ber.iihrung in panische Ex- 
plosionen. Bei verfolgten, unterdrückter] Völkern besteht sozusagen 
eine Panikbereitschaft in Permanenz <judcn!>. Die weitresonierenden 
Alarmrufe wie »Hannibal ante portas«, »Die Russen schon in den 
Karpathen!«, »Die Bolsdiewisten kommen!«, die Panik-Induktionen 
solcher Schrcckgerüditebei den seelisdi Geplagten, dessen gequälter BHdk 
mehr als die momentane Gefahr zu erwarten scheint, fungieren als das 
Ventil für Affekte, deren Spannung in tieferen Umschichten liegen. 
Und im allgemeinen ist jeder herabgesetzte Zustand der Auf- 
merksamkeit der Zensur, <z. B. bei Trunkenheit, im Schlafe usw.) 
geeignet, Breschen zu schlagen ins Tor, das das Bewußtsein vom 
Unterbewußtsein trennt, so daß die ausgehungerten unbewußten 
Affekte sich gierig auf jedes Stichwort stürzen, so auch auf das 
Stichwort der aktuellen Panik. 

Im Ansdiluß an den oben angedeuteten Erreger lodert die 
Panik auf, die unzweckmäßige Reaktion der Massenpsyche. Audi 
aus den angeführten Beispielen und ihrer Charakterisierung war zu 
ersehen, daß die Panik, diese koptlose Flucht, dieses Aufschrecken aus 
einem Zustand starrer Bestürztheit oder dieses unlogische Handeln, ziel- 
lose Hin- und Herlaufen, Hin* und Hergreifen oft in gar keine logi- 
sche Beziehung zui auslösenden Ursadie zu bringen ist. Die Massen 
rennen gegen geschlossene Türen, sdimalc Brückenstege, brennende 
Objekte oder rennen ganz unbegründet in unbekannte Richtung, 
nach einem unbekannten Ort hin. Sie tun es unter dem Verwände 
der Lebensrettung, aus dem Iditriebe und setzen dabei ihr und ihrer 
Nachbarn Leben aufs Spiel,- sie tun es als Masse und treten dabei 



Panik und Pan»Komple\ 



die menschliche Solidarität mit Füßen,- sie scheinen ihre heile Haut 
davontragen und ihr Gut und Habe retten zu wollen und lassen 
dabei auf der Stätte der angeblichen Gefahr Schätze im Stich. Auf 
ihrem einzigen Wagen retten sie ihr Sdioßhündchen oder irgend einen 
im letzten Augenblick bemerkten schäbigen Tisch. Sie tun wie jener 
siebenbürgische Magnat, der — mitergriffen von der beim Rumänen« 
einbruch entstandenen Panik — sich zur Flucht anschidit, »Er zieht 
einen funkelnagelneuen Regenmantel an. Der wird für den Weg 
gerade gut sein. Wird er gut sein? Der Graf mustert den neuen 
Regenmantel. Schade um den neuen, sagt er, der alte tuts jetzt 
auch. Und er legt den neuen Mantel ab, zieht einen abgetragenen 
alten an, setzt sich in die Kutsche, fährt davon und überläßt das 
alte Schloß mit dem neuen Mantel und allem anderen den Rumänen« 1 . 

Diese Gedankenflucht, diese Unmotivierthcit, dieses Verborgen« 
sein der Fortsetzung der Kausalkette ist, wie uns dünkt, wichtig für 
das Verständnis der Panik. Die Unbekannte der Gleichung ist zu 
sudien, damit ihr Wert entsprechenden Ortes eingesetzt werden 
kann. Ohne Einsetzung dieser unbekannten Größe bleibt das Pro- 
blem ungelöst, bleibt die Affektgeschwelltheit der Panik, ihr (schein« 
barer) Mangel an Logik unverständlich. 

Bringen wir diese unbekannte (sagen wir unbewußte) Ursadie 
nicht zum Vorschein, so haben wir nur Symptome aufgezählt, eine 
Deskription vollzogen, sind auf der Bewußtseinsoberfläche geblieben. 

Der Pan^Mythus. 

Wir wollen mit dem Ursprung des Wortes »Panik«, seiner 
Etymologie beginnen. Panik ist ein aus dem Eigennamen Pan abge« 
leitetes Hauptwort weiblichen Geschlechtes und bedeutet im gewöhn« 
liehen Gebraudi die allgemeine, im Wege der Massen wirkende, plötzlich 
auftretende und meistens grundlose Angst-'. Das Wort hat also eine 
antike Grundlage, insofern als schon im Hellenischen gebräuchlidi 
ist: xb atavvmv öee/wt und 6 ttavinbg döovßog oder g>oßbq und äi 
xanzui usw. Das klassische Latein kannte das Wort aus dem Griechi« 
sehen, eine entsprechende lateinische Bezeichnung ist nicht bekannt. 
Die modernen Lateiner haben der. Begriff umschrieben: terror qui 
yCaviHÖg appellatur. In die modernen Sprachen ist das Wort durdi 
Vermittlung des Französischen gelangt. Dem mythischen Sinn des 
Namens Pan 3 können wir schon auf Grund der von den Klassikern 
gebrauchten Epiteta näher kommen. Pan Aigikeros <capricornus>, der 
Diopan, wurde von den Stoikern und Orphikern sogar mit dem Herrn 

1 Aus dem Feuilleton »Die Panik« von Ludwig Birö im »Viläg« (Budapest) 
vom 26. September 1916. 

— i größerer allgemeingebräudilidier Wörterbücher. 

;el »Pan« 
heraus-' 




10 



Dr. Bela v. Felszeghy 



des Weltalls, mit Zeus scll>st identifiziert, er ist auch Zeus' Sohn — 
Titanopan. Die antike Volksetymologie hat die große Bedeutung Pans, 
das Durchdrungensein des Weltalls von Pan vermöge einer Klang* 
Identität betonen können, indem sie den Namen mit dem griechischen 
Worte .~T(ir = alles im Zusammenhang brachte. In idealer Konkurrenz 
mit dieser Popularetymologie wurde auch ein anderes mythisierendes 
Märchen gewoben, das Pan wie Folgt deutete: er sei der Sohn samt* 
lieber, aller Freier Penelopes. Und es ist bemerkenswert — und 
unseres Erachtens nicht gerade etwas Zufälliges — was auch Konrad 
Wernicke hervorhebt, daß diese mythische Htymologie in Alt« 

Eriechenland am volkstümlidisten war. Schon bei diesen wenigen 
)aten lohnt es sich haltzumachen. Pan bedeutete also nach der 
stoischen Philosophie das Weltall. In diesem das hellenische Volk 
selbst. Die egozentrisdie Philosophie mußte also im Wege der 
Mythenbildung keinen allzugroßcn Schritt tun, um den jedermann 
innewohnenden Narzißmus (der in der sogenannten prähistorischen 
Phase der Entwicklung des einzelnen ' laut den Beobachtungen der 
Psychoanalyse jeden beherrscht und auf anfänglicher Entwiddungs* 
stufe absolut und aussdiließlidi ist) sidi über alles ergießen zu lassen 
(Projektion), beziehungsweise alles zum Objekt der Selbstgefälligkeit 
zu machen, in das geliebte Ich die Außenwelt einzubeziehen (Intro-- 
jektion) 2 . Der mythenbildende seelisdie Prozeß der Völker ist — wie 
wir aus der Studie von Karl Abraham 3 wissen — identisdi mit 
der von Freud festgestellten und gedeuteten Traumarbeit, Sich selbst, 
seine Selbstsehnsudit träumt der einzelne, sich selbst und seine Massen- 
wünsche läßt das Volk im Mythus In Erfüllung gehen. Der Traum 
beschäftigt sich mit dem Träumer, der Mythus mit dem verkörperten 
Volke, erfüllt seine Sehnsucht, seine Selbstliebe, seine schöpferische 
Selbstabspaltung in Gottespersonen. Diese Egozentrizität der Volks- 
Dsyche, die sich derart im Mythus zur Gottheit umträumt, diesen 
Narzißmus sprechen Völker in Mythen und Religionsbekenntnissen 
auch offen aus: in den stolzen Überlieferungen über ihren Ursprung. 
Es genügt ein Hinweis auf die Titanen, Die Juden, ist audi deren 
Selbstgottestum bereits zensuriert, bleiben immerhin Gottessöhne oder 
Gottes auserwähltes Volk. Als sein Ebenbild schuf sie der große 
Schöpfer, der Erzeuger, oder — um auf die Prometheus-Pramantha- 
Mythe zu verweisen — der das Feuer <den Mensch) Hervor- 
reibende 4 . Pan, des Weltalls Herr ist das griechische Volk, derTitano* 
Pan. Er ist gleichzeitig der Sohn des Weltallherrn Zeus, was nur eine 

1 Die Kindheit, von deren Erlebnissen uns bloß obcrflächlidic Erinncrungs- 
spuren hinterbleiben, bezeichnet Freud in seiner Traumdeutung treffend als prä- 
historisch«. 

s Vgl. die Abhandlung von Ferenczi über »Introjektion und (Übertragung«. 
Jahrbuch für psychoanalytische Forschung, Bd. I., Leipzig und Wien 1909. 

3 Traum und Mythus. Leipzig und Wien 1909. 

4 Vgl. die ausführliche Analyse der Mythen über den göttlichen Ursprung 
der Völker, besonders der Prometheus-Prainantha-Mytlic in der angeführten Studie 
von Abraham. 



Panik und Pan-Komplex 1 1 



sekundäre, umgearbeitete, zensurierte Wunsdherfüllung des Volkes ist. 
Auch ist er der Sohn aller Freier Penelopes, aller Griedienmänner 
also, die ihn im Schöße der mit ewiger, unlöschbarer Glut geliebten 
Penelope, der Mutter-Imago, gezeugt haben. Also wieder das grie* 
chische Volk selbst. 

Und auf diesem Punkte ist schon eine gewisse Solidarität 
zwischen dem christlichen Gottesglauben und dem griechischen Mythos 
heraustastbar. Pan ist Gottvater und Pan ist audi Gottsohn. Penelope 
ist die mit aller engelhaften Unschuld erträumte Mutter*Imago: die 
heilige Jungfrau. Und wahrhaftig, in der Christus=Phantasie und in 
der Pan*Phantasie ist ein gleichgerichteter Flug der mensddidien Seele 
erkennbar. Hier sei nur kurz in bezug auf das Herdengottestum er* 
wähnt, mit welcher Unermüdlichkeit Bibel und Kirche dieses Motiv 
auf Christus bezogen variiert, <z. B. »ein Hirt und eine Herde«, 
»der gute Hirt«) und mit welcher Vorliebe die christliche Phantasie 
das Lamm als Christi Attribut gebraucht, indem sie es neben seine 
Gestalt hinsetzt, wie das Hellenenalter an Paus Seite das verwandte 
Herdentier, die Ziege. 

Hier müssen wir zunächst die weitere Gruppierung von Deutungs* 
material und die einzelnen Mythenelemente unterbrechen und die 
Übereinstimmung der Pan* und der Christusgestalt in der Idee der 
Herdengottheit durch weitere mythisdie Elemente annehmbar machen. 

Da wir die Deutung des Namens Pan zum Ausgangspunkt 
gemacht haben, wollen wir nun von der phiIosophisch=populären 
Etymologie, die uns, wie wir sehen, erhebliches Material geboten 
hat, zur wissenschaftlichen, philologischen Etymologie übergehen, 
mit der Betonung dessen, daß ihr an Wert — für die Zwecke 
der Völkerpsydiologie — die Volksetymologie nicht nachsteht. Ja, die 
Psychoanalyse, die auf der Grundlage der unabweislich strengen 
Determiniertheit alles seelisdien Gesdiehens steht, erachtet sogar 
jene Beiträge und jene Bestätigungen, die die Volkspsyche, die 
Volksphantasie darbietet, in kindlich=verräferischer Weise gewisser* 
maßen ausschwatzt, in ihrer Frische und Unmittelbarkeit als ge* 
steigert bedeutungsvoll. Sie erkennt eine unmittelbare Erkenntnis- 
pforte zu den Domänen der Seele in den Sagen, Dichtungen, ethnischen 
Gebräudien. Die Kontinuität der mündlichen Überlieferungen erweist 
sich als ein unmittelbarer Weg zu den Urmotiven, als ein Weg, der 
sicherer ist als die verschlungenen Windungen auf der Oberfläche des 
Bewußtseins, das naturgemäß bestrebt ist, das Wesen alles Seelischen 
zu verschleiern, das sich vor dem Erkennen der Wünsche, der Tendenzen 
der unbewußten Schichten reflektorisch hütet. 

Nach Wernicke fußt jener mythische Sinn, wonach Pan einen 
Hirtengott, ein Herdengottestum verkörpert, etymologisch im arka- 
dischen Worte .tyuw, dessen auf das Weiden hinweisende Wurzel 
pa audi im sanskritischen go*pas <Kuhhirt>, im lateinischen pa-sci 
(weiden), pa=stor <Hirr) usw. und selbst im lateinischen pa*bulum 
erkennbar ist. Selbst der Name des Hirtengottes der Latiner ist 



12 



Dr. Bela v. Felszeghy 



Pa-les 1 . Für die große Bedeutung dieser Gottheit und der Volks- 
phantasie, die die Völker als Herden sieht, sind die »Pales«-Derivate, 
wie Palatium, Palatinus, Palast usw. bezeichnend. 

Pan dürfte also — nach dem Obigen können wir es be- 
reditigterweise annehmen — in seiner Urwurzel den Begriff der 
weidenden Herde <des Volkes) und den des Hirten in einer Ein- 
heit personifizieren. Also das Genährte und den Nährenden. Und 
wenn unser Stolz von dieser Vorstellung nidit zurücksdiredet: das 
von Bäumen und Sträuchern, in Horden sich nährende, weidende 
Volk, die Urhorde, also in einem die Urhorde und den Horden* 
vater. Den Zeuger und die Gezeugten. Hier konzentriert sich die 
Menschheitsidee vom Pan-Gott-Mensthen. Von hier strahlt der Licht- 
kern aus, deren Speiche dann vom Unbewußten des wahrhaft ein 
Selbstgottestum erträumenden Menschen auf die Stime jeder gött- 
lichen und menschlidien Größe gezeidinet wird. Und das strahlende 
Hörn des Urmenschen, des einfältigen ziegenhörnigen Paniskos, er- 
zittert durch den Nebel weiterer Mythen, kultischen Phantasien, 
Dichterträume . . . um das Haupt des Altengottes, um das welke 
Dulderantlitr des Gottessohnes, auf Marias blanker Stirn, auf dem 
michelangele.ik robusten Moses und — auf dem gekrönten Prinzen 
unserer Eigenträume, auf uns selbst. 

Es kann nunmehr für uns keine Überraschung sein, wenn die 
Etymologie den Namen Pans mit dem Zeitwort phainen in Zu* 
sammenhang bringt. Und die Mythologie sieht denn auch in Pan 
die Gottheit der Phantasie, die aus der Seele schöpft, aus dem Nidits 
schafft. Phantasion-aitos, der Märchensagende, Phantasiewebendc ist 
er. Und auch in diesem Punkte behält sowohl Etymologie als 
Mythos — vielleimt mehr als beabsichtigt — Rcdit, indem in die 
unerschlossene Tiefe des Unbewußten hineingeleuchtet wird, wenn 
auch jene rationalisierende Erklärungen dem Psychoanalytiker als 
allzubewußt, durch die Zensur allzudurchsieht erscheinen mögen, 
ähnlich der Traumwiedergabe des einzelnen, bei der der träum* 
reproduzierenden Erinnerung just die widitigsten Details, die tiefsten 
Zusammenhänge entschlüpfen, gewissermaßen nur darum entschlüpfen/ 
damit eine auch vom Bewußten annehmbare, auf Logik hindeutende, 
richtig ineinandergreifende seelisdie Leistung produziert werde. 

Und der Mythus macht Pan auch zum Traumgott und drückt 
dies — ähnlidi der von Freud entdeckten Traumarbeit — in durch« 
sichtigen, verräterischen Symbolen, Anspielungen und dichterischen 
Metaphern aus 2 . Er ist der Gott, der im Sonnenglanz des Mittags 
die kühlen Quellen, den Schatten der Auen, die widerhallenden 

'Alter launischer 1 lerdengott. Wurde anfangs als Weil> aufgefaßt: Den 
pales. Varro wies aus allen heiligen Überlieferungen sein Mannesgoticsiuni nach. 
Die Hirten feierten des Pales Fest jcweilen im großen Umfange, mit Opfern. 
Kalbs- und Roßblut wurde unter anderem zu seiner Ehre verbrannt. 

* Daß Pan wirklich eine Gottheit des Traumes ist, siehe weiter unten bei 
den Ausführungen über Ephialtes, dem Alpdruck. 



Panik und Pan-Komplex 13 



Hänge und die trauten Haine aufsucht. Hier im Schoß der Mutter 
Natur versinkt er in Schlummer, um uns durch bunte Bilder, den 
Traumnebel hindurch alles unaussprechliche Sehnen der menschlichen 
Seele, die paradiesische Selbstherrlichkeit zurückzuprojizieren. Nur 
der klassische Dichter oder der märchenerzählende Urhirt stellt sich 
auch seinen Gott im Mittagssonnenschein und im Vesperschlummer 
nidit anders vor, als inmitten von Nymphen, weichen Flötenstimmen, 
Rhythmen und Tänzen. Er ist der Syrinx Entdedcer,- der Gott des 
Tanzes, der Lust und der Lüsternheit, der geilen Sinnesfreuden. Und 
was der Mythos derart unausgesprochen und unbenannt verrät, dem 
folgt trag und behäbig audi die moderne Etymologie mit ihrer Be* 
stätigung. In der Wurzel pa — in der wir den Sinn des Weidens, 
des körperlichen Genusses, des Sichnährens bereits erkannt haben — 
entdecken wir eine weitere Beziehung zu der Wurzel des Wortes 
phaUnen. Das Sehauen ist wahrhaftig das Weiden mit dem 
Munde der Seele, dem Auge: die Augenweide. Der »hungrige 
Blidi« schlürft, trinkt, saugt den Anblidc auf, wie die Sonne den 
Nebel. Wir verweisen hier auf den Sonnengotts, Feuergottcharakter 
der meisten Gottheiten oder sonstigen mythischen Gestalten. K. Abra= 
ha ms Arbeit 1 bietet in dieser Beziehung Gelegenheit zu wertvollen 
Parallelen. Ein Sonnengott ist Pramantha=Prometheus, auch Simson, 
sowie — trotz aller Umdiehtung — auch Moses. Und hier verhilft 
uns zu weiteren Zusammenhängen die vergleichende Mythologie, 
besonders die von Abraham häufig herangezogene grundlegende 
Arbeit von Ad. Kuhn, Ȇber die Herabkunft des Feuers und 
Göttertranks« <1859 und 1886>, die auf die Ableitung von Feuer 
und Wasser, Blitz und Regen von einer gemeinsamen Gotteseinheit 
verweist. Aus Nebel, Wolke wird Regen, aus dem Blitz Feuer. 
Beides kann mit der Zeugung in eines gefaßt werden. Und Pan, 
der ebenfalls sonnengöttlichen Ursprungs ist <er ist laut der Mythologie 
bald des Zeus Sohn, bald der des Apoll, des Kronos, des LIranos), 
hat eine Wassergöttin, eine Nymphe zur Mutter<Penelope oderKallisto). 
Und Nymphe = Braut. »Nymphe« hängt mit dem Worte ne-phos 
= Wolke-' zusammen, sanskritisch n a b h - as, lateinisch n e b u 1 a, deutsch 
Nebel usw. Dieser Nebel, diese Wolke ist auch im Worte nimbus 
enthalten, das uns seinerseits zum nubere führt. Der ursprünglidie 
Sinn von nubere ist: zuded<en, verschleiern oder heiraten. Und die 
Bedeutung des Brautsdileiers ist auch heute nidit untergegangen. Nebula 
bedeutet übrigens auch im Lateinischen gleichzeitig den Schleier. 

Der Wunsch nach körperlicher Vereinigung mit den Nymphen 
erglüht aus jenem Mythendetail, das uns den beim Grottenmund, 

i a. a. O. S. 150. 

s Wenngleich ich nicht in der Lage war, dies zu kontrollieren, vermute idi, 
daß im Worte ncphos auch die Wurzel der Bezeichnungen für Feuer und Blitz 
enthalten ist: in der Silbe phos. Wie denn auch die Wolke an Blitzen schwanger 
ist. — Die im Texte angeführte Etymologie gründet sich auf den erwähnten Auf- 
satz von K. Wernicke. 






14 



Dr. Bela v. Felsseßliy 



auf blumenreicher Wiese herumtollenden, sich auf dem Boden wäl- 
zenden Pan erträumen läßt. Also den Pan, der den Inzest mit der 
Mutter, dem Nebel, der Nymphe ersehnt, womit wir zum Kern» 
komplex des Unbewußten, zum Ödipuskomplex gelangen, der sich 
um jene erste sündhafte <denn vom Vater verbotene und in ihrer 
Geltendmachung mit Erfolg unterdrückte) Objektwahl kristallisiert, 
mit der die Libido der sich aus dem Narzißmus herauswidcclndcn 
Säuglingsmenschhcit sich in die Außenwelt richtet. Das ist der erste 
Konflikt zwischen der im Urparadies sich unbeschränkt wähnenden 
Libido und der rauhen Wirklichkeit. Für die Erledigung dieses 
Konfliktes bestehen drei Möglichkeiten: 

1. Empörung, efer Durchbrach durch die Erzmauer der Wirk- 
lichkeit, die Zertrümmerung der väterlichen Gewalt, die Tötung der 
Väter. 

2. Regression in das primäre narzißtische Stadium auf halluzi- 
natorischem Wege,- die Wiedereinsetzung des verloreneu Paradieses 
durch die Phantasie, eine traumhafte Restauration, d. h. die Befrie- 
digung der gestauten Libido durch Ersatzgebildc, und sddießlidi 

3. das Zusammenspiel dieser beiden Möglidikeitcn im Kom- 
promiß, d. h. die bittere Anpassung an die zwingende Wirklichkeit, 
die Ablenkung der Libido auf höhere, kulturelle, soziale Ziele, ihre 
Durchgeistigung, wobei jedodi die Spuren, die Rudimente der beiden 
ersten Möglichkeiten stets erhalten und nachweisbar bleiben. 

Und wirklich erstrahlt die Idee des Pan-Gott-Mensdicn gleich- 
zeitig in allen drei Riditungen. 

a) Die erste Richtung ist die größte seelisdie Erschütterung 
der Menschheit. Die Erbsünde. Hinter ihr kommt das quälende Schuld- 
bewußtsein zur Welt. Der radisüditige Vatergeist, Jehova, vertreibt 
den bis dahin Gut und Böse nicht kennenden Menschen aus dem 
heimlichen Paradies. Freud verweist besonders im letzten Kapitel von 
»Totem und Tabu« auf dieses Trauma, diese nodi immer empfindliche 
Narbe der menschlichen Seele. Wir werden angesichts des audi heute 
zutage tretenden seelischen Rudimentes der Panik im nädisten Kapite 
die Ergebnisse dieses Prozesses skizzieren. 

b) Die zweite Richtung ist das Rückströmen der Libido auf 
den primären Narzißmus. Das ist der Regressionstraum/ auf den 
Flügeln der Phantasie beschwört er die Selbstherrlidikeit wieder herauf, 
die Ungestörtheit des Ichs, den verlorenen Eden, wo die Libido am 
eigenen Selbst die vollkommenste Erfüllung finden konnte. Man müßte 
sich nicht wundern, wenn diese Regression irgend eine auf die Selbst- 
befriedigung deutende Spur im Pan-Mythus hinterlassen hätte. Lind 
es ist denn audi unter den Pan-Symbolen der Phallus feststellbar. 
In einer Hand hält Pan einen Phallus, wie der Gott Min <Chcm, 
Chnum), der ägyptische Pan, oder wenigstens einen pedum oder eine 
Syrinx <also typische Symbole des männlichen Gliedes), wobei er 
die Syrinx, auf der er »spielt«, selbst erfunden hat. Audi lehrt er 
— nach häufigen künstlerischen Darstellungen — die jungen Leute 



Panik und Pan-Komplex 15 



dieses Instrument spielen. Und die Hellenen kennen denn auch ihren 
Pan von dieser Seite,- sie sahen in ihm den Erfinder der Onanie,- 
wie wir von Diogenes, dem Zyniker erfahren 1 , unterweist er die 
Hirten fleißig im Onanieren 2 . Wir wissen aus den Erfahrungen der 
Psychoanalyse, daß in der frühen Kindheit, vor der Epoche der 
Objektwahl die Autoerotik der einzige Weg, der Narzißmus die 
einzige Form der Libido ist und in diesen Urzustand regrediert auch 
der aus der Außenwelt in die Selbstliebe des Säuglingsalters zurück- 
sinkende Dementiakranke. 

Und bedarf es noch eines besonderen Hinweises, daß der Pan» 
Mythus gewissermaßen eine phantasielle Versinnlidiung der Wahr« 
heit ist, der Wahrheit der Freudschen Traumtheorie, der Wahr- 
heit dessen, daß jeder Traum uns ein Bild der Erfüllung alter, ver- 
drängter ungezügelter Wünsche entgegenhält. Pan ist die Frohlust,- 
der Taumel der Trunkenheit,- die dichterische Besessenheit <er ist 
selbst des Apolls Sohn),- der Gott der Musik, des Tanzes und jeg- 
lichen körperlichen Genusses. Er ist selbst des Traumes Gott. All- 
wissend und allsehend, auf alles lauschend. Seine Beinamen sind 
„TÜi'oaxo.Tog, eöüHOrtog, Er ist der befruchtende Geist, die allschöpferi- 
sdie Phantasie. Das, was der Christenglaube aus der mythischen 
Überlieferung des Heidentums in den Begriff des heiligen Geistes 
hinüberleitet. 

Im Pan-Mythus ist also bereits das Geheimnis der Heiligen 
Dreifaltigkeit fühlbar. Auch Christus selbst ist wesenseins mit dem 
Vater, also sein eigener Vater. Der Selbstschöpfer. Wie ja auch 
z. B. Pan nach Apollodoros elternlos zur Welt kam 8 . 

c) Die dritte Richtung, eine Zusammenfassung der beiden 
anderen, ist teilweise die Adaption der Psyche an die Wirklichkeit, teil- 
weise die Befriedigung der libidinösen Instinkte an den Objekten der 
Außenwelt oder im Wege der Sublimierung der ungebundenen Libido 
auf kulturelle und gesellschaftliche Ziele. Diese libidinösen Instinkte 
liefern den Malter zum stolzen Palaste der modernen Kultur und 
was die soziale, kulturelle Entwicklung produziert hat, z. B. Städte- 
gründungen, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Humanität, ist alles auf 
diese Durchgeistigung der Libido zurückzuführen, 

Diese These sei bloß mit einer einzigen Angabe der klassischen 
Überlieferungen belegt, die gleichzeitig auch das Wesen des Pan- 
Mythus beleuchtet. Pan, der — wie wir aus dem nächsten Kapitel 
ersehen werden — die Verkörperung des die väterliche Tyrannei 
durdibrechenden, den Vater vertreibenden, tötenden Sohnestrotzes 
ist, lenkt die Vaterehrung, die Homosexualität der zu Brüderclans 
zusammengerotteten Menschenherde, jene Liebe, die nach Ermordung 
des Vaters objektgierig, unverwendet in der Clanpsyche flottiert, 

1 Dio. Chrysostomos or. 6. p. 203. f. R. 

2 Auf die dies bezeugenden Texte weist Wer nicke a. a. O. hin. 

s Pan ist nach einer apokryphen Sdirift der Sohn der Vaieria Tusclanaria, 
die von ihrem eigenen Vrter geschwängerl wurde. 






16 Dr. Bcl.i v. I '"elszcshy 



zur 



, Sozialisierung hin, zur Schaffung der Clangesetze (Totem und 
Tabu), der Clanverfassung, kurz zur Schaffung der ältesten Urund- 
lagen des sozialen, rechtlichen, politischen Lebens und innerhalb dessen 
— par exceilence - zum Ausbau der Wohnstätten für die Clanbruder, 




LJdä agVptlSCiic wiuiuun V wuw»» «.. — ■ -o/r . ,-- T 

Panopolis genannt. Als den Göttern <also in psychoanalytischer 1 ran* 
skription: den Angehörigen des Brüderclans, den Menschen) ge- 
lungen war, im Verein mit Pan <in psydioanaly tischer Iranskrmtion: 
dem einen Clanmitgiicd, also dem Menschen) den sdircdduhen lipnon 
<= Set), also den Vater zu töten, ». . . ei nomen Aegipana im- 
posuerunt, quod cum caeteri se in bestias convertissent, Pan sc in 
capram transfigurasset, oppidumque magnum in Acgypto aedi- 
fieaverunt, idque Panopolin nominaverunt« '. 

Bevor wir aus diesem — unvermeidlichen und dem 1 sycho- 
analytiker nicht ungewohnten - Breittreten des Mythus die tieferen 
Zusammenhänge mit unserem Gegenstände herauslösen, wollen wir 
unsere obigen Ergebnisse um einige weitere, unsystematisch ange- 
führte, skizzenhafte mythologische Angaben — kürzehalber mög- 
lichst unter Vermeidung der analytischen Methode — ergänzen, die 
für unsere weiteren Ausführungen für den in der Psychoanalyse 
Bewanderten verwendbares Material in sidi bergen können. 

Pans wahre Heimat ist der Peloponnesos und hier In erster 
Reihe das hainenreiche Arkadien, nach Pan audi Pania genannt. 
Arkos — Arkadiens Gründer — ist Pans Bruder (Clanbruder). 

Seine Kultstätten sind: der Lykaionberg (daher Pan Lykaios, 
auch Zeus ist Lykaios,- die »Luperkalia« wurden schon von alters 
her von Pan Lykaios abgeleitet,- Pans Laszivität),- der P.irthcnonberg 
zwischen Athen und Sparta usw. Bei Marathon verhall Pan den 
Athenern zum Sieg, indem er die Perser ersduedue usw. Im all- 
gemeinen fehlt sein Kult nirgends, wo Viehzucht besteht, hr erstredet 
sich auf die Kolonien, auf Asien, Ägypten. Hier verwachst er mit 
dem Kult des ebenfalls bodtbeinig dargestellten Mendcs Ch.uun 
(Knuphis). Auch in Indien gibt es panartige Erscheinungen (U.m.U 
harven — Kentaure). Nach einer in Sybaris verbreiteten Jiage war 
sein Vater der Ziegenhirt Krathis, seine Mutter eine Ziege (vgl. 
Christi Geburt zwischen Tieren, in der Krippe). Meines bradiicns 
ist es kein Zufall, wenn eine Marmorstatue in Neapel Pan selbst 
an die Stelle des Krathis, des sagenhaften Vaters setzt, indem sie 
uns nämlich Pan selbst im Verkehr mit der in sitzend-liegender Lage 
dargestellten Ziege zeigt, die doch eigentlich seine Mutter sein soll. 

Pan ist ferner der Gott der Fischerei, der Jagd, der Bienen, des 
Kampfes, der Strategen (stratos = Herde), der Höhlen. Bf ist im 
allgemeinen der Gott der Schlüpfrigkeit, der Sinnlidikeif, der Fleisdics- 

1 Vgl. Wernicke a. a. O. in Rosclicrs Lexikon. 






Panik und Pan-Komplex 17 



lüste. Er ist das Ungezügeltsein, die Hemmungslosigkeit, die Uner- 
sättlichkeit. Er ist der mythische Gott all dessen, was die hungrigen 
Instinkte in uns überhaupt ersehnen können. Er ist das Symbol der 
Wunscherfüllung, wie der Traum. Und sein auf Bodtsbeinen ge- 
stellter Menschenleib ist ein Symbol der auf tierischer Grundlage 
gewachsenen Menschkultur, der Bewußtwerdung aus dem Herden- 
tier. Bin Wahrzeichen unseres Unlöslich=Einsseins mit dem Urkern. 
Pan ist die Gleichung unserer phylogenetischen Entwicklung. Und 
wenn die Psychoanalyse — die ja in jedermann, in jeder seelischen 
Leistung eigentlich immer nur ihn löst, immer nur auf ihn stößt — 
eines alten klassisdien Symboles bedürfte, könnte sie auf ihre Bücher 
sein Bild als Vignette setzen. Die wie gestürzte Engel ins Unbe= 
wußte verbannten Wünsche entlarven sich in seinem Sinne. 

Pan ist das Wesen von unserem All: nav. Er ist der Er= 
kennende, der Wißbegierige. Mit ihm aßen wir von der Frucht des 
Erkennens. Denn er war der Teufel im Paradies. Seine Bockshörner 
wachsen auf der Stime aller Genossen des Teufels und er ist es, 
der boshaft den »gehörnten Ehemann« angrinst. Sein Pferdehuf lugt 
aus all unserer Schlauheit hervor. Er ist Mephistopheles^Faust. Er 
begleitet Adam^Eva durch die Ma dach sehe »Tragödie des Menschen«. 
Durch ihn hindurch sehnen wir uns in die Urnatur zurück und er 
grinst uns verführerisch, mit spaßigen Geberden, ins Heute hinein. 
Sein Zynismus läßt uns in bengelhaftem Libertinismus gegen den 
entthronten Gott die Zunge ausstrecken. Und ihn suchen wir, er 
entschlüpft uns durch die gewohnten Ventile der Zensuriertheit 
unserer täglichen Gespräche: in den »Wieheißtmandas«, in den 
»Dingsdas« usw. 

Deutungen. 

I. Wenn wir jetzt die Erscheinungen des Bewußten dem myrhU 
sehen Stoff gegenüberstellen, ergibt sich aus dem mythischen Dunst 
der Zusammenhang unzähliger Symbole, metaphorischer Variationen, 
Ähnlichkeiten und Gegensätzlichkeiten, was auch das Stoffgewebe der 
Erscheinungen auf derBewußtseinsoberfläche durchsichtig erscheinen läßt. 

1. Wir haben gesehen, daß die Pan=Gott=Mensch^Idee eigene 
lieh der uneingeschränkte Ich^Begriff im narzißtischen Urstadium des 
Individuums, beziehungsweise der Art ist, später dann die objektive 
Ich=Erkennung, die erste Bestrahlung des Bewußtseins durch die im 
Ich uneingeschränkt Befriedigung findende Libido — die ganz in Ver- 
gessenheit geratene erste Störung in jener schwebend ewigen Paradieses= 
grotte, dem Bette aller Pan=Liebe und aller Pan=Träume, jener Grotte, 
in die bloß das Geläute des Mutterherzens hineindringt 1 , kurz: die 
erste Störung unseres intrauteralen Edens, unserer blühenden Selig- 
keit unter dem Mutterherzen: die Geburt, unsere erste Schreckens- 

i Vgl. Musik der Sphären,- das zum Schlaf einladende Mariengeläute am 
Abend. 

ImsRO VI/1 2 






18 



Dr. BeMa v. Felszeghy 



reiche Berührung mit der Außenwelt». Auf diese erste katastrophale 
Erschütterung reagieren wir mit Zeilen eines stürmischen retlektori- 
schen Unbehagens, mit der ersten, gleich ins Unbewußte versenkten 
»Panik«, und flüchten schließt aus der dem Bewußtsem unerträg- 
lichen Lage auf seelischen Wegen, in ha luzinator.scher Weise in 
den ersten wohltätigen Schlaf nach der Geburt. Und dieser Traum 
bringt uns in der Phantasie alles wieder, was w.r in der Wirklich- 
keit auf immer verloren haben 3 . xi-tAt 

Also das Kataklisma der Geburt, das ein ewig undu chlcucht- 
bares Skotom in unserer gesamten Bewußtscinsennncrung bleibt, ist 
unsere erste Panik. Dieses unser seelisch-körperliches Zurück- 
schrecken vor der Realität vibriert im Innern aller spateren 1 amk- 
reflexe sicherlich noch weiter. 

Und diese Urspur können wir in dem im Pan-Mythus ver- 
borgenen Panikkomplexe noch heute erkennen. Irotz aller Ver- 
schleierung werden diese Spuren durch ein Symbol des Mythus 
und ein Inhaltsdetail des Pan-Begriffes verraten. Aul den symbo- 
lischen Sinn der Höhle und des Höhlenmundes braucht der 1 sycho- 
analytiker nicht besonders verwiesen zu werden. Auch die moderne 
bildende Kunst <z. B. Böcklin auf dem Bilde »Pan und der Hirt«) 
stellt Pan meistens aus der Grotte auftauchend dar oder vor der 
Grotte liegend, also nach überstandener Geburt. Auf einem Relief 
des lateranischen Museums tränkt die Nymphe ihn und seinen Bruder 
Arkas mit dem Lebenswasser, im Hintergrund auf dem Baume <dcs 
Lebens) junge Vögel im Nest. Auch hier tritt Pan aus der Grotte 
heraus. Pan ist also in der mythischen Versponncnheit, der aus der 
Höhle Herauskriechende und der sich in der Höhle Verkriechende, der 
in die Höhle Flüchtende, der Höhlenbewohner ; '. Vor Hitze und vor 
Gewitter flüchtet er hin und sdiläft dort. Die berühmtesten parnassi- 
schen und korykischen Höhlen waren ihm geweiht und heute noch 
flüchten die Hirten hin. Das arkadische Lykaion ist das Off™- 
Dort kann er, geschützt, geborgen träumen und sich im zarten Mond- 
schein der Erinnerung mit seiner Geliebten vereinigen, mit oelene, 
der Weltenmutter*. 

* Diese Deutungen stützen sich auf Individualpsychologische Ergebnisse der 
Psychoanalyse und erfahren gewissermaßen nur eine Ergänzung durch »■?&£ 
sehen Stoff der Völkerpsyche. Von der psychoanalyt.sAcn UU^J"Ü*2 
Verständnis der obigen wie der folgenden Ausfuhrungen besonders die Kenntnis 
des tiefschürfenden, große Zusammenhänge erfassenden, vorzüglichen Au satzes 
von Fercnczi über »Die Entwicklungsstufen des Realitätssinnes« {Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse) erforderlich. Audi Freud bezeichnet d.e 
Geburt als die erste große Erschütterung. 

* Vgl. Ferenczi a. a. O. 

a Siehe detailliert bei Wernickc a. a. O. 

* Über Pans Liebe zur Weltenmuttcr, zum Mond handelt ausführlich 1 1. W. 
Röscher. Über Selene und Verwandtes <Leipzig 1890). Daß die Mondmutter 
unser aller Mutter ist, das ist durch Tausende von Aberglauben, Volksgcbraudicn 
bis heute erhalten. Der alte unbewußte Inzestwunsdi läßt die Volkerphantasie 
auch heute zum Monde steigen. Und unzähligen Daten Roschcrs kann diese Wunsch- 



Panik und Pan»Komplex 19 



Diese Traumfälligkeit nach der Geburt, dieser wiederschöp- 
fende, restituierende, Vergangenes heraufbeschwörende Zauber der 
Phantasie ist eine Ureigenschaft Pans. Er ist der Traumgott und 
der Gott aller jener Zustände, bei denen die Seele von wunder- 
samer Zauberkraft erfüllt wird. Aller Hexerei, aller Besessenheit 
Gott und Hervorrufer ist er. Er ist der Erreger der Epilepsie nach 
dem Heidenglauben und er verursacht als Epialtes <oder Ephialtes) 
den Alpdruck, von dem der Übergang zum unbegründeten Er- 
schrecken im allgemeinen, zum Verursachen der Panik der mythen- 
bildenden Phantasie nicht schwer fallen konnte 1 . 

Diese Fähigkeit Pans, vermöge der Phantasie auf sich selbst, 
später auf die Umwelt zu wirken, diese Allmacht der Gedanken 
(um mit diesen Bezeichnungen auch auf jene tiefen Gedankenreihen 
zu verweisen, denen wir im dritten Teil von Freuds »Totem und 
Tabu« begegnen) besteht wahrhaftig in der Wiederherstellung, in der 
Neuschöpfung der Wirklichkeit. Es haben denn auch die Alten den 
Traum für etwas Sensuelles, für eine objektive und nicht für eine 
subjektive Vorstellung gehalten und diese allgemeine Auffassung 
des Altertums wirkte — wie dies auch von wernicke ausführlich 
hervorgehoben wird — auch ins Mittelalter hinein (Skandinavische 
Völker). Solch eine objektive Patrokluserscheinung ist des Achilles 
Traum in der Ilias: oder Nausikaas Athenetraum. Dies bestätigen 
auch die in Epidauros gefundenen Inschriften, die von den Hei- 
lungen des Asklepios, der den Träumenden persönlich erschienen war, 
handeln (Wernicke) 2 . Das Träumen Pans ist also ein Zurück» 
schrecken, eine (Traum-) Reaktion, eine Umkehr in die Flucht, eine 
Regression, — die erste Erzitterung, die beim Erschrecken auch 
heute noch durch eine reflektorisch ausgelöste Bewegung des Sich- 
zurückziehens, des Aufscheuchens, des Augenschließens, des Zurück- 
ziehen des Kopfes zwischen die Schultern, im allgemeinen durch eine 
Muskelkontraktion zum Ausdruck gelangt. Diese rückläufige, zurück« 

erfüllung vom Psychoanalytiker abgelesen werden. Im Schoß der Mondmutter 
suchen wir noch heute einen Menschen. Mit dem Finger auf den Mond deuten 
ist nach Tausenden von Aberglauben seit den ältesten Zeiten verpönt, »denn der 
Finger des Menschen würde dann verdorren«, »wir würden den Engel beleidigen«, 
usw. Dem Mond Geld zeigen bedeutet Glück. <Dies dürfte analerotisch begründet 
sein.) Abnorme Seelenzustände werden mit dem Mond in Verbindung ge- 
bracht. Der Mondsüchtige strebt von seiner Liebe getrieben zum Mond hin. 
Die Epilepsie wird auch Seleniasmus genannt. Und die budistäbliche Wahrheit 
der Volksphantasie wird durch die Beobachtungen der Psychoanalyse erhärtet. 

' Da im Altertum die Begriffe mania, epilepsia und panischer Schrecken 
zusammenfielen, galt Pan neben Hekate auch schlechthin als Erreger des Wahn» 
sinns und der Epilepsie <Eur. Hippol. 141. H. W. Röscher a. a. O.). 

2 Über die epidaurischen Inschriften vgl. Baunack: Studien usw. (Leipzig 
1886) und Larsfelds Aufsatz in Bursions Jahresbericht 52. <1887> S. 457 ff. Aus 
dem Gesichtspunkte der alten psychoanalytischen Technik verdient vielleicht die 
Geschichte von der Heilung Sostratas unsere Aufmerksamkeit. Als die Patientin 
ergebnislos, d. h. ohne daß sie im Tempel in den Traum verfallen wäre, heim» 
wärts geht, begegnet sie unterwegs Asklepios, der sie dann nicht im Traume, 
sondern im Wachzustande heilt. 

2» 



20 



Dr. Heia v. Felszeghy 



scheuende, igel- und sAnecfcenartig in siA heimkehrende Gebärde 
kann auch in der Flucht, im Aufsuchen von Verstecken, im Sich- 
verbergen oder in anderen stürmischen, krankhaften Muskelkontrak- 
tionen ihre Fortsetzung finden. AhnliAe Zc-ichen dieses Reflex- 
prozesses sehen wir auch beim SAIafcngchcn. Das lurAtsame kleine 
Kind zieht siA die Decke übers Haupt, zieht sich zum Knäuel zu- 
sammen, als wollte es wieder seine Lage vor der Geburt einnehmen. 
Es heißt in der SpraAe des Volkes, das ersArockene Kind ver- 
stecke sich hinter und unter den Röcken der Mutter <Sprach- 
symbolismus: Schoß!) und wie wenn es die Nabelschnur wieder 
herstellen möchte, so klammert siA das vor allem Fremden, Neuen, 
Ungewohnten zurückschreckende Kind an das Kleid der Ucbarcrin, 
folgt der Mutter, diesem verlorenen Paradies, auf Schritt und 1 ritt. 
Alles Neue, alles Ungewohnte repräsentiert dem Kinde eigentlidt 
seine erste größte Erschütterung, die Geburt, bei der ihm wirklidi 
alles neu und ungewohnt war. Und es wäre nicht schwer auch jenen 
Schimpfworten einzelner Völker, mit denen der Besdiimpfte zur Rück- 
kehr in die intrautcrale Existenz aufgefordert wird, die Verhöhnung, 
die Verachtung der instinktiven Tendenz des Zurückflüdttcns, also 
eine sekundäre Reaktion zu erkennen. Und Pan fehlt audi nicht im 
Gefolge des Dionysos, wo Spott, sddüpfrige Rede, obszöne SAerze, 
triviale Wendungen, SAimpf und Fluch gang und gäbe waren. Er 
ist denn audi der Dämon der frivolen Rede, des Sdiimpfens, des 

FluAens. 

Es ist nidtt sdiwer, aus dem Gesagten eines der zur Massen- 
panik führenden Urmotive herauszusdiäfen. Und zwar das älteste 
und allgemeinste Motiv, welAes — da bei jedermann und auch 
beim Tiere vorhanden — die unversiegbare Grundursadte der all- 
gemeinen SAreckgeneigtheit, der Panikbereitsdtaft ist. Diese Ursache 
ist so allgemein, daß es gar nicht besonders nötig ist, sie speziell 
evident zu führen, sie nadi dem Auftreten anderer - später eben- 
falls ins Unbewußte versenkten — Panikursad^en '> von diesen zu 
untersAeiden. Vielle'uht ohne mit dieser Vermutung objektive 

wissensAaftliAe AnsprüAe zu erheben — vielleicht ist sie im all- 
gemeinen der aller vegetativen Lebensäußerung innewohnender Ur- 

1 Diese unbewußten Panikgründc siehe weiter unten lub 2. Wie wir sehen 
werden, sind diese späteren Ursadien in Wirklichkeit die früheren, weil sie 
auf der phylogenetischen Kurve in uns gelangen, die wir im Verlaute der indi- 
viduellen Entwicklung in unserer ontogenetischen Kurve fortsetzen. iJ.'s 5eln, Ria 
etwas, das geeignet ist, objektiv erkannt, wahrgenommen zu werden, ist also jener 
Punkt, wo das Individuum als etwas Besonderes, Eigenes zu bestehen beginnt: 
der Berührungspunkt der beiden Kurven, der beiden interferierenden Wellen, d. h. 



der Dcruiiiuiisspuniu uer utujen i\uivcu, »i^i hhhi inunvi.».«..... -• — » - 

der Punkt, der zugleich sowohl onto- als phylogenetisch ist. Daraus ergibt sich jene 
merkwürdige Polarisiertheit aller Erscheinungen des Pan- Komplexes, die, wie wir 
sehen werden, fortgesetzt in der Gegensätzlichkeit jeder einzelnen Erscheinung - 
Ausdruck kommt, in jener Eigenart jeder Erscheinung des Pan-Komplcxcs, sich 



igen des l'an»l\omp 

zum 
;ich wie 
ein Zusammenprall von Triebkräften aus versdnedenen Riditungen zu repräsentieren. 
Die Bedeutung der Panik — und dies wollen wir hier nachdrücklich hervorheben — 
kann nunmehr in den folgenden Ausführungen auch in diesem Sinne gelten, 



Panik und Pan-Komplex 21 



reflex, die Grundtendenz, die Sucht nach dem vorexistenziellen »Nir- 
vana«, die sich bei Wesen, die sich aus einem Embryo entwidteln, 
im Reflex des Rückzuges in den Zustand des symboli- 
sehen Foetus und im Selbstbefriedigtsein dieses Reflexes, 
bei Bewußtseinwesen in (unbewußten) Wunschphantasien 
solchen Inhalts ausdrückt {welche Phantasien dann durch hallu- 
zinatorische Mittel, so durch das Träumen der Gesunden, dieser 
ersten seelischen Leistung der absoluten Selbstliebe, auch verwirk- 
licht werden). Und mit dieser Auffassung ist auch ganz gut beweis- 
bar, wenn wir auf dem Grunde der grimmigen, Entsetzen erregenden 
Tapferkeit, auf dem Grunde der Tollkühnheit die Feigheit, eine un- 
bewußte Selbstvernichtungsregung -- das Selbstbefriedigtsein des oben 
geschilderten Reflexes, den Narzißmus — erkennen,- das beste Beispiel 
dafür erhalten wir vielleicht, wenn wir die Berserkerwut, das Amok- 
laufen analytisch als einen in Begleitung von extrem gesteigerten, 
heftigen Bewegungs- und Affektäußerungen nach Art der Geburt- 
panik verlaufenden und dann in wollüstige Ermattung, Ja sogar in 
Selbstvernichtung ausklingenden Narzißmusanfall auffassen 1 . Der 
Rausch der Tollkühnheit <in einzelnen Sprachen als »blinder« Mut 
bezeichnet) ist nur eine aktive Erscheinungsform desselben Narziß- 
mus, der uns hinter geschlossenen Lidern im Traumspiegel ergötzt. 

Das angeführte Material dürfte genügen zur Erhärtung unserer 
Annahme, daß die Zugehörigkeit zur Masse, das Eingeklemmtsein 
in der Masse, im Wege der Geburtsphantasien die allgemeine Panik- 
bereitschaft begründet, jene Panikneigung, die in dem oft gesdiilderten 
»Nur hinaus! nur hinaus aus dieser Masse, aus diesem Eingeklemmt- 
sein« zum Ausdrudi kommt. 

2. Wie verlodcend es nun auch wäre, hier anknüpfend eine 
Anführung jener dem Seelenleben der Menschheit gegenüber gewiß 
nicht wirkungslos gebliebenen Kataklismen einzufügen, die mit schredc- 
liehen Paniken, Fluchterscheinungen verbunden waren und deren 
Spuren in Schredcempfindungen ausdrückenden Worten — wie wir 
sehen werden — auch heute noch erhalten sind, so wollen wir 
uns doch entlang des fruchtbaren Gedankenganges Ferenczis 
orientieren, um jenes in der Idee des Pan-Gott-Mensdien verborgene 
fernere Symbol, das die Außenwelt, die ganze Horde, den Clan, 
das ganze Volk als Teile der Idee zusammenfaßt, begreifen zu können. 
Dieses Pansymbol identifiziert das ganze Volk mit sich, es introji- 
ziert es und läßt es des Pan-Narzißmus teilhaftig werden. So wird 
das ganze Volk selbst pangöttisch, panallmächtig und es nehmen in 
langer Reihe die Allmachtphantasien ihren Anfang, die in Mythen, 
Sagen, Epen von der Unbesiegbarkeit des Volkes zu erzählen wissen 
und selbst im modernen Nationalismus deutlich zutage treten. Die 
Introjektion bezieht zunächst die Ernährer, Mutter und Vater in 



1 Hier drängt sich auch die Ens-ähnung der genuinen Epilepsie auf, auf 
deren sexueller Determiniertheit Ferenczi längst hingewiesen hat. 



22 



Dr. Bela v. Felszcghy 



das Ich ein und dann die Gesdiwister und das Volk. Dieses Sidi-eins- 
wissen mit der Außenwelt ergießt sidi über ajles, was sich den un- 
bewußten gierigen Instinkten des Ichs zum Ziel darbietet und ist 
bestrebt, im Wege der Zauberei, des Animismus - also durch die 
Allmacht der Gedanken - die Außenwell unter sein Joch =11 beugen, 
beziehungsweise im Gegensätze zur Introjcktion: durch Projektion 
die Außenwelt als ein Teil des Ichs aufzufassen 1 . 

Der wichtigste Teil dieses von Enttäuschungen und Erfahrungen 
begleiteten Prozesses ist jener, der auf die Eltern gerichtet ist Aus 
dem Gesichtspunkte unseres Gegenstandes erübrigt es sidi die Richtung 
dieses Teilprozesses bis zur Objektwahl des Kindes näher zu cnarak- 
terisieren und es genügt zu wissen, daß unsere Seelenncigung uns 
durch unser eigenes und der Eltern Bild hindurdi zu unserer Liebes- 
objektwahl und somit zur Verdrängung des Inzcstwunsdies ins Un- 
bewußte führt. Dieser Inzestwunsch konnte jedoch in der Kindheit 
der Menschheit jene weitgehende Verdrängung, die ihm heute zuteil 
wird, nicht erdulden, sondern war bestrebt, trotz aller Gebote der 
väterlichen Gewalt und Tyrannei sich geltend zu machen — wie es 
von der langen Reihe der Mythen und Märchen, den Werken der 
Dichter- und anderen Träumern ins Endlose variiert wird. Dieses 
Zur-Geltung^Gelangen war nur auf eine Weise möglich: im Wege 
eines schrecklichen Vaterkonfliktes, durch die Beseitigung des Vaters, 
wie es in der Tragödie des Acschylos Oidipos, der vom antiken 
Chor, den Clanbrüdern, begleitete Held tut. Er tötet den Vater 
und nimmt Jokaste, seine Mutter zur Frau. Dem Gottmenschen 
Pan ist es in seinem schrankenlosen Narzißmus gegeben, sich mit 
dem Nebel, den Nymphen, mit Penelope und der Mondmutter, 
mit Selene zu vereinigen. Pan=Oidipos muß bereits sein Bodcsh.uipi 
der ehernen Mauer der väterlidien Gewalt eutgegenstemmen, wie 
denn auch das klassische Volk in seinen späteren Angriffen, Be- 
lagerungen mit dem Sturmbock vorangeht. »Waren speziell in der 
griechisdien Tragödie die Leiden des göttlichen Bo.kes Dionysos 
und die Klage des mit ihm sidi Identifizierenden Gefolges von 
Bödcen der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht vcrstandl.ch, 
daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an de. I ass,oii 
Christi neu entzündete« (Totem und I abu, p . H4>. Denn au* 
Dionysos-Zagreus, der göttlidie Bodt, ist selbst Lm und der 
leidende Held der Passionsspiele »Gottes Lamm, das die 

Sünden der Welt auf sich genommen* der nach dem I alions- 

prinzipe den Vatermord selbst mit dem Blutopfer sühnende Christus, 
dessen Fleisch und Blut der Christ noch heute In der Heiligen 
Kommunion verzehrt, der Pan-Hcld der ältesten Straftat, der 
Erbsünde, der unbefleckt empfangen ward und auch selber unbe- 
fleckt, »mutterseelenallein« und im Vcrzidu auf alle Marienmütter 

1 Man vgl. dazu Freuds Ausführungen Ober Umstellung dos DiflUMKfl' 
glaubens in »Totem und Tabu«. 

5 Besonders durdi die Sdwiftcn von Otio Rank nadigew icscn. 



Panik und Pan«Komp(ex 23 



— im tristen Zölibat — heute noch für seine gegen den Vater 
verbrochene Wunsch-Sünde Buße tut. Die in Sünde verfallenen 
Söhne der Marienmütter werden über die Muttererde zerstreut, 
wo sich ihr hartnäckiger Inzestwunsch ins Ackern und Säen/ ins 
Auffurchen des Mutterschoßes, oder ins heidnisch-panische Hirten» 
tum, in der Liebe der blumenreichen Täler, der idyllischen Haine, 
in die Syrinx-Melodien kleidet/ die an der Mutter dennoch nicht 
befriedigbare Inzestlibido des Brüderclans, die Homosexualität, ver- 
geistigt sich dann auf der anderen Seite zu Bestrebungen der Ver- 
gesellschaftigung,- aus der Haßliebe zum nunmehr entfernten Vater 
scheidet die Liebe, die Anhänglichkeit zum Vater, die kindliche An- 
rufung der väterlichen Hilfe aus, der durch die Phantasie herauf- 
beschworene Vater setzt sich dann bald auf den göttlichen, fürst- 
lichen Thron, spricht Recht und schafft Gesetze, daß der blutige 
Geschwisterzwist in patriarchalische Ordnung geleitet werde und 
unter Assistenz der Geschwisterliebe hohe gesellschaftliche Aufgaben 
löse. Oppidumque magnum aedificaverunt, idque Panopolin nomina- 
verunt . . . 

Diese Zusammenfassung der »Erbsünde« in einigen Worten 
schien uns wichtig. Die konzentrierte Beleuchtung des Problems ist 
Freud zu verdanken,- ohne Kenntnis seiner Studien über »Totem 
und Tabu« stünden unsere gegenwärtigen Ausführungen, die nur 
verschiedene Details, ein Beitrag zu Freuds Grundproblem bieten 
wollen, ohne Grundpfeiler da, 

Die gegen den Vater begangene und durch Freud in ihrer 
weiteren Bedeutung erstaunlich tief ermessene Blutsünde ist — aus 
dem Gesichtspunkte unseres Gegenstandes — von großer Be- 
deutung. Diese Blutsünde, mit der die Pan=Gottessöhne den sich 
seiner unbeschränkten Macht erfreuenden Tyrannen, Pan-Gottvater, 
töteten, entzündet sich explosiv am polaren Wetterwinkel der auf 
den Vater gerichteten Gefühlsambivalenz. Die explodierten Gefühfs- 
ströme beider Vorzeichen sind noch heute herauszufühlen aus der 
Panik, die sich auch an dem Stromentwickler der urältesten unbe- 
wußten Affekte nährt, d. h. die Regungen der am Anfang, am 
Eingang der Prähistorie der Menschheit und des einzelnen stehenden 
Tat 1 spielen sich auf gedanklichem, affektivem, seelischem Gebiete 
auch heute ab, die Ambivalenz-Spannung gleicht sich aus. 

Der Pan-Mythus ist in den Augen des Psychoanalytikers und 
der unbefangen Urteilenden überhaupt auch heute noch <trotz aller 
Verdrängungs-, Verschiebungs», Umarbeitungsbestrebungen des Men- 
schen) eine vortreffliche Illustration für jenen schwer zu verfolgenden, 
komplizierten seelischen Prozeß, der bei den Ahnen den Inpondera- 
bilien vorangehenden Tat. 

Pan verkörpert, wie wir sehen, im Wunscherfüllungstraum der 
Menschheit, im Mythus, den sich auflehnenden, die Beschränkung nicht 



» Vgl. den letzten Satz in Freuds »Totem und Tabu«. 



24 



Dr. BeMa v. f-elszegliy 



ertragenden Gottsohn, den Titanopan, den sich empörenden TiWjCO- 
bruder. Mit anderen Brüdern oder <im Sinne verwandter Mythen) 
allein (z. B. als Mithras, der stiertötende junge üow)^ vollbringt er 
das entsetzliche Ringen, in dem dem Vater - nach r.ciis Art 
alle Blitze und schreckencrregendc Donnerkeile seiner Macht zu Ue- 
bote standen. Der mörderischen Arbeit der geschwungenen fauste 
und gespannten Sehnen gegen den an Kraft und Erfahrung allen 
überlegenen Vater mußte ein gewisses Zueinandci stehen, eine ge- 
wisse Willensübereinkunft der 1 lordenbrüder, sozusagen eine primi- 
tive Strategie vorangehen. Dies Sidniberhasten, der Mangel an 
absolutem Zusammenschluß und an ZweckbewulWin hätte für jeden 
Wagenden <und Pan ist auch Gott des Wagnisses) den schlimmsten 
Tod bedeutet. Im Stratos (— Herde) mochte diese Strategie wohl 
Pan vorbereitet haben, der so der Gott aller 1 leiden und I leere 
und zugleich Herdengott und Heerführergott ist, der denn ja auch 
nadi dem mythisdien Glauben in vielen Schlachten — Marathon, 
Delphi — seine fürchterliche Macht bewiesen hat. Ef ist der Herdcn- 
lenker, der Leithammel 1 . 

Nach durch Jahrhunderte sidi wiederholenden fiaskos mag 
wohl dann der nie ruhende, seinen Trotz in sich unterdrückende 
Pan auf irgend eine List, einen erfolgverheißenden strategischen Plan, 
ein Kampfmittel usw. gelangt sein. Und er sah denn .uuh den 
Hellenen als der Erfinder der Kampfmittel, als der erfinderische 
Geist des Kriegers, als der Gott der List, der Erfindungen über- 
haupt. Er ist auch der forschende Gott, der Lauschende, der ins 
Weite Auslugende, wobei er — wie häufig dargestellt schirmend 
die Hand übers Auge hält-, er ist es, der alles und gut erblicken 
mußte, »panskopos« und »euskopos«, und wie wir später sehen 
werden, auch der tragische, entsetzte, die Gesidite seiner selbst- 
gemarterten Seele suchende, ins Ferne blickend versunkene Gott: 
der äxoay.o.rihr. 

Er mußte entschlossen zum Sturme, verwegen, tollkühn sein, 
so sein, wie ihn hinter gesddossenen Augen die Urkinder der 1 at 
nur in ihrem plänespinnenden Wirklidikeitstraum erträumen konnte. 
Er mußte heftig sein, blutig, zähnefletsdiend, wie der Amokläufer, von 
dessen Lippen, aus dessen Seele nur der Rhythmus des »Amok! 
Amok!« (Beiße! Beiße!) schreit \.im\ er mußte wutgeladen, konvul- 
sivisch, nackt sein wie der schildlose Berserker mit seinen entblößten 
Muskeln. _ ft 

Und diesem blutrünstigen, den Vater enteignenden Großen 
Tor, dieser Urwucht des Angriffes steht am anderen Ende dieser 
gegen den Vater gerichteten, mit beiden Vorzeichen verseheneu 
Affektlinie keine hemmende Kraft gegenüber. Die 1 itanen haben 

« Es ist mancherorts, z. B. in Siebenbürgen, üblich, zur Führung der SdiaIV 
Ziegen in die Herden aufzunehmen. 

* Obtendemque manum soiem infervescere fronti areet ex umbrato pcrlusirat 
pascua visu (zitiert nach H. W. Röscher, a. a. O. p. 160>. 



Panik und Pan-Komplex 25 



ihre entsetzliche Tat vollbracht, das ewige, uns allen gemeinsame 
Schicksal des Oidipos hat sich an ihnen erfüllt, auch ihres Hauptes 
Krone ist in den Staub gefallen, »der große Pan ist tot . . .«' und 
der revoltierende Pan-Sohn mochte wohl nacfi seiner Blutschuld das= 
selbe fühlen, was der gottgläubige ergebene Christ fühlen würde, wenn 
er sich nach Pan-Sohnes=Art, in kühn-heidnischer Phantasie das zw 
rücknehmen würde, womit seine an der Erbsünde mittelbar (durch 
die Ahnen) beteiligte Seele als Reaktion den selbstgeschaffenen Gottes« 
begriff bestrahlt hat: die Unsterblichkeit — wenn er eines heidnischen 
Morgens wirklich fähig wäre sich vorzustellen, daß sein unsterblicher 
Gott — gestorben sei . . , Diese Vorstellung bringt uns meines Er» 
achtens dem Erlebnis jener Empfindung vollkommenen Ausgeliefert» 
seins nahe, auf deren Grundlage die Panikbereitschaft, die Panik- 
spannung in den Massen, den ohne väterliche Obrigkeit, ohne 
Hordenführer, ohne »Haupt« gebliebenen Massen zur Herrschaft 
gelangt. Kein Wunder also, daß die Masse im wörtlichsten Sinne 
koptlos und vernunftlos flüchtet, entbehrt sie doch das im körn* 
muncn Glauben über die meiste Erfahrung, Kraft und Macht ver- 
fügende väterliche Haupt. Pan=Sohn kann nämlich die Gewißheit 
der Besiegung von Pan=Vater in die Massenpsyche nur vermittels 
der Inanspruchnahme jenes seelischen Mechanismus hineinschmuggeln, 
aus welchem Mechanismus die halluzinatorische Befriedigung in das 
Ich gelangt, dann, wenn es durdi die Wolke des ersten unerfüllten 
Wunsches verdüstert ist, wenn es die Beklemmung der ersten Not, 
die Angst der Enge, die erste Panik, die Geburt erlebt hat, d. h. 
also im Wege des Einschlummerns, des Traumes, der Phantasie, 
des Glaubens. Auf jenem Wege, auf dem der Säugling im ersten 
Traum sein verlorenes Paradies sich wieder erträumt. Den an 
Frauenmangel leidenden Pan-Brüdern ließ Pan die Möglichkeit des 
Oidipos^Romanes, der Inzestwunscherfüllung erglitzern, zur halfuzi» 
natorischen Wahrheit werden. Auf dem in der Phantasie bereits 
begangenen Wege der Vaterbeseitigung setzt sie Pan — er ist ja 
der Gott des Zaubers, der Weissagung, der Traumwirkung, der 
Traumheilung — in die Tat um. 

Weitschweifig wäre es, den Weg der Golgotha zu schildern, 
auf deren Spitze das Kreuz des Christus=Pans erglänzt und voll 
von Rätseln ist die Tiefe jener sieben Höllen, wohin der Böse ward 
gestürzt. Mit den tiefen Worten Freuds muß ich es zusammenfassen: 
»Die Überlebenden . . . sind von der inneren Bedrückung entlastet, 
haben sie aber nur gegen eine Bedrängnis von außen eingetauscht« 
(Totem und Tabu, p. 58>. 

1 Derartige Aussprüche (die deutlich auf den Sturz einer alten Gottheit, 
eines Götzen, eines großen Tyrannen hindeuten, auf die Beseitigung einer Unter- 
drückung, «ras den bis dahin verdrängten Affekten aller Revolutionen als Ventil 
dient) sind nicht nur in den Halluzinationen des Thamuz auf der Palodeshöhe, 
nicht nur in der römischen oder griechischen Überlieferung, sondern auch in Er» 
innerungsspuren entlegener alter Völker wieder auffindbar. Ausführlich werden diese 
Spuren im reichhaltigen The Golden Bough <1907— 1913) \on 1. G. Frazer verfolgt. 



26 



Dr. Bela v. Felszegliy 



Den Brüdern, die mangels an Vatersouveränität bei Aufteilung 
der Siegesbeute sich nicht einigen konnten, erschien die rachsüchtige 
Vater-Imago, dessen Zorn sie in Bäumen und Felsen fürchteten 
und auf dieses große Pan-Imago starrte jedes Pan-Aposkopons ent- 
setzter Blick. Vor ihr mußte man flüchten, wie denn auch »im 
späteren klassischen Alter manchenorts das Zeremoniell dem Opfer- 
bringenden vorschrieb, nach Vollbringung des Opfers davonzulaufen, 
wie wenn er vor der Vergeltung flüchten würde«,, diesen Altengott 
mußten bei jeder späteren Regung der Erbsünde die neuen und 
neueren Paus, die Pan-Vertreter töten, durch Opfern von Konigen, 
Totemtieren, Ochsen, Ziegen, Lämmchen ' oder dieser Altegott 
mußte geliebt, geehrt, unberührt gelassen werden in dem dem 1 abu- 
verbot unterworfenen Totemtier und dieser Gott mußte am atheni- 
schen Feste der Boufonien hintergangen, irregeführt werden, indem 
die gemeinsame Sünde im Wege eines formellen Prozesses von 
sich geschoben und ins Meer geworfen wurde . . . Lind mit 
diesem »mea culpa, mea maxima culpa« der gegensätzlichen, sünd- 
begierigen und büßenden Empfindungen neigt sein Haupt in den 
Staub und schlägt unter frommen Schauem seine von unterdrückten und 
bereuten menschlichen Begierden bebende Brust auch der späte Christ, 
das heutige Lamm aus Pan-Cliristi Herde, bei der Kommunion, beim 
Empfang des Leibes und des Blutes, indes die die verdrängten 
Konflikte beredt darstellende Lithtirgic dafür sorgt, daß des zürnenden 
Herrn rachsüchtiger Geist vermittels dreimaligen Glockenzeichens ab- 
gewehrt wird-'. 

3. Die ausführlichere Auseinandersetzung des Zusammenhangs 
gibt Freuds »Totem und Tabu«, wo Dämonenglauben, Geister- 
projektion, Zauber, Magie und Animismus In großartiger Weise 
ihre Deutung erhalten. Ohne auf die Lösungen dieser Probleme ein- 
zugehen, wollen wir hier zum Ergebnis der Deutungen der im 
»Totem und Tabu« geschilderten komplizierten seelisdicn ErscheJ" 
nungen nur einen einzigen Beitrag liefern. Dieser Beitrag ist auch 
für unseren Gegenstand' von Wichtigkeit und während er einerseits 
Freuds Ergebnisse bezüglich der Entstehung des Geister-, Dämonen- 
und Teufelsglauben bestätigt, dient er uns anderseits als Übergang 

1 Im Rahmen reichen historischen Materials bestätigt dies Dr. Cieza Uoheim 
in seiner Studie »A kazar nagyfejcdclcm es a turulmonda« (Der QnBMnt Ott 
Kasaren und die Turul-Sage), Ethnographia, 1917. Die Idee des urmagyar.sAen, 
kasarisAen oder japanisAen Doppelkönigs fußt darauf. Der Großkönig (der magyari- 
sAe -Älmos«, der kasarisAe »große Khakhan«, der japanisAc »Mikado«) herrsdit 
bloß, während der Kleinkönig (der magyarisAc »Arpäd«, der kasarisAe »Knak.in« 
beg«, der japanisAe »Shogun«) regiert. Die erstcren wurden hei Versiegen direr 
magisAen Kraft oder naA voraus bestimmter Dauer geopfert. Das »Hingst - 
königtum« des wahren HerrsAers ist bei wilden Völkern heute nodi fast System. 

* Den mit negativem VorzeiAen versehenen Teil des ambivalenten Ortuhls 
der Haßliebe will jener fromme Braudi unterdrücken, der verbietet, Jiei der Kom- 
munion den Leib und das Blut des Herrn (des Vaters) mit den Bahnen ni be- 
rühren, zu beißen, der also das früher gesAilderte »Amok! Amok!« des gegen 
den Vater stürmenden Amokläufers verbietet. 



Panik und Pan=Komplex 



27 



zu jenen Panikmotiven, die bewußt sein können und auf die das 
massebildende Individuum einfach aus Selbsterhaltungstrieb, aus der 
Stekelschen »Ablehnung des Todes«, dem Unsterblichkeitswillen 
heraus mit Erschrecken, der Panik reagiert. Es würde nicht schwer 
sein, den Zusammenhang dieser Motive mit den von uns behandelten 
unbewußten Motiven, wenn vielleicht auch nicht wissenschaftlich zu 
demonstrieren, so doch ahnen zu lassen. Unsere Vermutung ist, daß 
aus der Urregung des von uns in weiterem Sinne aufgefaßten und 
im intrauteralen oder noch früheren Zustand beginnenden Narziß- 
mus 1 — dort, wo die Zweiheit vom Psychischen und Physischen 
noch nicht begonnen hat, wo die Regung der Zelle zugleidi eine 
spirituelle Regung, der Wille zum Leben ist — aus diesem gemein= 
samen Keim des Psychischen und Physisdien jene Motive der anfangs 
ebenfalls identischen Selbsterhaltungs= und Libidotriebe ihren Ur= 
sprung nehmen, welche dann nach der Annahme Freuds auf Grund 
des Lustprinzips in bewußte und unbewußte zerfallen. Auf Grund 
dieser Vermutung wird allenfalls auch jener für unseren Gegenstand 
wichtige Umstand verständlich, daß wir auch in der Tierwelt »Panik«» 
erscheinungen vorfinden, ja sogar auch in der Pflanzenwelt, wo — 
im Falle der Mimose — die Mimosenpanik gleichzeitig Befruchtung 
ist, »Wille zur Unsterblichkeit«, diese Ineinandersdiwingung der 
materiellen und immateriellen Existenz, 
in Lireinheit. 

Dieser Ursprung scheint mir auch 
So bedeutet beispielsweise das griechische phobos die Angst, aber 
gleichzeitig auch das, was Angst verursacht, das Schreckgespinst", 
also nach unserer Auffassung den niedergemetzelten Vater selbst 
nach ähnlicher Appretiation, wie wir es beim Traume sahen, den die 
alten Hellenen nicht als etwas Subjektives, sondern als etwas Objektives 
empfanden. Das griechische phoibos bedeutet den von Angst, von 
Entsetzen, von Tollwut Ergriffenen. Also den Entsetzten selbst und 
den Entsetzen Erregenden. Den Berserkerhelden oder den Amok= 
läufer, der in sein Verderben rennt,- den Pan, der selbst sowohl 
schredrt als erschridu. Den Wunsch und Entsetzen jagen. Den Be» 
sessenen. Und das griechische jttöeco bedeutet zugleich »Angst haben« 
und auch »sich sehnen«. .TTof/ou = sowohl Angst als Sehnsucht,- die 
Leidensdiaft. Dies ist der Dichter, der Propheten, der Schwärmer und 
— der Massen »heilige Schauer«, der aus dem Wunsch der Be= 
rührung und der scheuen Furcht vor der Berührung zusammengesetzt 
ist, aus jener früher erwähnten doppelten und doch einheitlichen Ur= 
empfmdung, welche am Anfange alles Lebens, in der anfänglichen 
Schwingung des Lebens enthalten ist und für das die Mimose als 
Beispiel dienen könnte und dessen Ahnung uns durch den Hinweis 

1 Die Sage des Narkissos wäre leicht als symbolische Versinnlichung des 
intrauteralen Zustandes aufzufassen. 

s Ahnlich im Deutschen: der Schied;, den man empfindet und zugleich audi 
der Schreck <z. B. »Bauernschreck«), der jene Llniphndung verursacht. 



diese Regung der Energie 
in der Sprache erhalten. 



»■ 



28 



Dr. B61a v. Felszeghy 



auf jene geheimnisvolle Kraft ermöglicht wird, vermöge deren die 
Samenzelle sich aus dem Mutterleib heraussehnt, sidi ausdehnt damit 
ein selbständiges Leben beginne und die Stürmische physische Attacke 
der Lebensregung sich bald in eine halluzinatorische psychische Re- 
gression, in den Traum verwandle, die Extension in die Außen- 
welt dem Rückzug in sidi selbst weiche. 

Dieser heilige Schauer ist auch im lateinischen horror und 
formido erhalten und in den deutschen Wörtern Scheu und Ehr- 
furcht 

4. Die psydioanalytische Durdileuchtung des sprachlichen Sloftes 
Berufeneren überlassend, können wir uns doch von der Erwähnung 
einer — sozusagen objektiven — Relation nicht verschließen. Dies 
ist der Hinweis der Sprache auf irgend eine große kosmische Er- 
schütterung,- auf eine entsetzliche Kataklisma der Erdoberfläche. Viel- 
leicht auf die schrecklichen Überschwemmungen, Bergrutsduingen der 
Eiszeit, da vielleicht durch Jahrtausende hindurch dieses Jammertal 
von der kopflosen Flucht entsetzter Horden, von Panik erlullt war'. 

Das lateinische consterno bedeutet bestüizcn, stutzig machen, 
entsetzen, scheuchen, aber audi zu Boden strecken, bestreuen, didit 
bedecken. Ähnlich — um nur beim klassisdien Latein zu bleiben — 
bei tremo, trepido <trcpidus>, terreo, paveo. Die vergleichende 
Sprachwissenschaft und die Etymologie <wie sie z. B. von Kleinpaul 
gehandhabt wurde) ist ein frisdier Born für die völkerpsychologische 
Erkenntnis und hat manche wertvolle Feststellung der Psychoanalyse 
erhärtet. Es genügt auf die Koinzidenz der Feststellungen von Freud 
und Abel bezüglich der Ambivalenz der Empfindung und des gegen* 

sätzlichen Sinnes der Wörter hinzuweisen. Der Zusammenhang zwischen 

der Ambivalenz der Wörter und der von Freud entdeckten und in 
ihrer schwerwiegenden Bedeutung vollauf gewürdigten Gefühlsambi- 
valenz ist aus dem Gesichtspunkte unseres Gegenstandes — wie das 
auch aus den bisherigen Ausführungen schon zu entnehmen war — 
von außerordentlicher Wichtigkeit. Bei der Analyse der Äußerungen 
der menschlichen Seele kann die Ambivalenz Dicht nur eine Lichtquelle 
für den unbefangenen, von Vorurteilen und Gefühlseinstellung frei- 
gewordenen Forscher sein, sondern ebensosehr auch einen Schleier 
von Nebel und Undurchdringlichkeit vor die Augen jener ziehen, 
die — vor unbequemen Erkenntnissen die Augen schließend — eigent-» 
lieh dasselbe tun, was das aus dem Sturm der Geburt hervorge- 
gangene Menschenwesen, das sich am Himmel seiner geschlossenen 
Augen sofort einen Regenbogen baut, um darauf zu den Illusionen 
eines verlorenen Paradieses zu steigen. Diese Zweifaltigkeit ist also 
etwas Urmenschliches — erscheint sogar mehr als menschlich: sie 
ist die allem Lebenden stets gemeinsame Regression, Sie 
ist — ins Philosophische gediditet - die Absicht des Seins, der 

1 Vom Gesichtspunkte der in dieser Abhandlung berührten Fragen ist eine 
literarische Bearbeitung der Geschichte der Eiszeit sehr bemerkenswert: Johannes 
V. Jensen, Der Gletscher. (Ein neuer Mythus vom ersten Menschen.) Berlin 1011. 



Panik und Pan-Komplex 29 



Wille zum Sein. Sic ist die <sagen wir ins Unendliche wirkende 
progressive) Linie des Sichweitergebens, des Sidi=in<» Variationen« 
Weiterschöpfens, gegenüber der (sagen wir: aus dem Unendlichen 
negativ ziehbaren, regressiven) Linie, mittels der sich die Phylogenesis 
ins Einzelwesen zusammenfaßt. Diese nach beiden Richtungen unend= 
liehe Achse ist also jederzeit und an jedem Punkte der im Räume 
vorgestellten unendlichen Flädie oder des in der Zeit vorgestellten 
ewigen Seins — vollkommen gleichwertig, weil unendlich und ewig,- 
d. h. wo immer die Achse angeschnitten wird, ergibt sich ein — 
Mittelpunkt. Die Fixiertheit dieses Mittelpunktseins auf Raum und 
Zeit ist nur durch das Ich im Ich gegeben. Für die Annäherung des 
Unendlichen und ihre archimedische Heraushebungsmöglichkeit ist uns 
nur ein einziger Punkt gegeben: das Ich, das Ichbewußt werden,- 
d. h. in dieser Bewußtwerdung wird für das Ich <das Bekannte) ein 
<auch an sich unendlicher) Teil des Unendlichen <des Unbekannten) 
zum Ichbewußtsein. 

Das Ichbewußtwerden ist also Introjektion und Projektion in 
einem und sobald es gegeben ist, beginnt jenes regressiv=progressive 
Verhältnis des in der Unendlichkeit von Raum und Zeit unter= 
gebrachten Ichs zum Räume und zur Zeit, jenes Verhältnis, das 
an sidi unausdrüdtbar ist, weil es in jeder Richtung nur auf sich 
selbst bezogen ist. Das heißt unser Ichbewußtwerden für einen Teil 
des Unendlich^Unbekannten kann dem Ichbewußtwerden ausweichen, 
indem es sich auf das Aufsichbezogensein zurückzieht. Dieser Teil 
des Unendlich=Unbekannten kann, eben weil es ein Teil des Unend* 
liehen ist, nur mit dem Unendlichen gemessen werden. Das Unend- 
liche aber schließt die Meßbarkeit begrifflich aus und so kann das 
einesteils des Unendlich=Unbekannten bewußt werdende Ich diese 
Bewußtwerdung — da es sidi um einen Teil des Unendlichen (um 
einen Widerspruch, eine Zweiwertigkeit also) handelt — auch mit 
irgend einer Gegensätzlichkeit, Zweiwertigkeit, Ambivalenz aus= 
drücken. 

Was wir so erkenntnistheoretisch nur unklar ausdrüdeen können, 
wird uns vom visueller Bilder sich bedienenden Unbewußten in unseren 
Träumen, Mythen, Märchen deutlich versinnlicht. Die Geburt mit 
ihren schreddichen Erschütterungen webt sich in unbewußte Phantasien 
hinein und ersteht zu neuem Leben in den Urwunschhandlungen 
der Vaterbeseitigung, in den verschiedensten mythischen und indU 
viduellen Formen, Symbolen des narzißtischen Selbstauslebens und 
der Größenerlebnisse. Ein Beispiel für letztere wäre der Turm von 
Babel und die phallischen Turmkulte im allgemeinen. Auf die lange 
Reihe der individuellen Größenphantasien und Symbole braucht nicht 
besonders verwiesen zu werden. Die Geburtsphantasie mit ihrer 
zwiefach gerichteten progressiv=rcgressiven Dynamik ist in jeder 
Libido latent, ist der Kern jeder Libido. Sie ist in der Periode des 
egozentrischen Autoerotismus herausfühlbar aus der Selbstliebe, in 
der des Heteroerotismus, aus der auf die Eltern, beziehungsweise 



30 Dr. B*la v. Fclszeghy 



andere Objekte gerichteten Liebe. Sie ist sogar in den Schönfungc- 
dcr durchgeistigten Libido <z. B. Philosophie, Dichtung, Frcundn 
schaft usw.) nachweisbar. Wenn wir die Panik der Geburt mit einem 
Wolkenbruch, einem Erdbeben vergleichen, so läßt sich dieser kata- 
strophale Zug auch im Entsetzen des Vater-Sohnkonfliktes, in i\cn 
gegen den Vater gerichteten Wünschen des himmelslürmenden Sohnes 
erkennen. So ist es kein Wunder, daß, als die Geburtsphantasie, der 
Gottessohnwunsch des Christentums in der kindlichen Phantasie der 
naiven Dichter der Evangelien <wenn auch zerzaust von der Zcnsur> 
neuerlich in Erfüllung ging, als Christus auf der Golgotha stirbt, 
dieses große Mysterium von den Evangelisten symbolisch wie folgt 
gekennzeichnet wird: der Vorhang spaltet sich, Berge, Felsen geraten 
in Bewegung, die Flüsse treten aus den Betten . . . Der traurige 
Sturm jedes Karfreitags verfärbt sich zum heiteren Traum der Auf- 
erstehung, der Himmelfahrt. 

5. Wir haben bisher die Panik-Reaktion der Frauen nicht be- 
sonders analysiert. Auf Grund unserer allgemeinen Erwägungen 
kann dies auch nidit als besonderes Versäumnis gelten. Die Panik- 
Reaktion der Frauen kann — unseres Erachtens — von der der 
Männer nicht wesentlidi verschieden sein. Der Grundzug der weib- 
lichen Passivität und Rezeptivität mag gewisse Modifikationen viel- 
leicht bedingen, aber diese Modifikationen dürften im allgemeinen 
auf die Oberfläche des Bewußtseins beschränkt bleiben. Die aus der 
tiefsten Schichte des Unbewußten genährte weiblidic Panik-Reaktion 
entsteht aber aus einer Störung in der (Im autoerotischen Alter aus- 
schließlich herrschenden) narzißtischen Wunsdierfüllung, ebenso wie 
es bei der Panik des Mannes ist. Die erste Erschütterung trifft auch 
das weibliche Wesen beim Geborenwerden. In der autoerotisdien 
Periode, die bis zu der der Objektwahl dauert, ist das Weib ebenso 
wie der Mann von jener polymorphen Sexualität beherrscht. Der 
Oidiposkonflikt der Objcktswahlperiodc ist aber auch in eine weib- 
liche Variation umsetzbar. Dieses große Drama — der ewige Roman 
des Oidipos — konnte nämlich ein anderes Ende nehmen bei der 
gelungenen Vollziehung der Blutsünde der Söhne und ein anderes 
bei der mißlungenen. Das Ergebnis des entsetzlichen Sturmes, mir 
dem die Söhne sich aktiv auf' den Vater stürzen, mag es sich wie 
immer gestalten, konnte bei den Frauen und Mädchen des Clans 
nur Beklemmung verursachen. Der Preis des Siegers — sei es nun 
das Hordenhaupt oder die um die Beute untereinander einen neuen 
Zwist heraufbeschwörenden Clanbrüder — waren sie, und zwar 
in erster Reihe die Hordenmutter, deren Unberührtheit, »Jungfräulich- 
keit« — wollte man keinen ewigen, bis zur Austilgung des ganzen 
Stammes führenden Kampf — gesichert werden mußte, und zwar 
mit den strengsten Tabugeboten. Dies sdieint audi geschehen zu 
sein. In den Mythen und religiösen Kulten sind — wie wir wissen - 
ohne Mitwirkung des Vaters entstandene, von einer Jungfrau geborene 
Götter, Gottcsjünglinge durdiaus nicht selten. Zur Entstehung des 






Panik und Pan-Komplex 31 



Mythus von der jungfräulichen Mutter konnte das Ergebnis von 
der naiven Betrachtung der Menschwerdung sehr leicht führen. Die 
Selbstherrschaft des Urhordenvaters über jedes weibliche Mitglied 
der Horde ersdieint unbez weifelbar (wobei die Hordenmoral mit der 
heutigen monogamen Moral, die geschlechtliche Urschrankenlosigkeit 
mit dem heutigen, durch soziale und andere Interessen eingeschränkten 
und trotz der Eingeschränktheit auf Schrankenlosigkeit erpichten Ge* 
schlechtslebens nicht verwediselt werden darf). Solange sich der Horden- 
vater auch in sexueller Hinsicht einer uneingeschränkten Selbstherr* 
schaft erfreut, stammt jeder Sproß der Horde tatsächlich vom Vater 
ab. An die Stelle des beseitigten Hordenvaters kommt auch nachher 
immer der Stärkste <Bruder>, der sich vermittels einer narzißtischen 
Introjektion mit dem mittlerweile zur Gottheit erhobenen Vater 
identifiziert, Das unterbewußte Denken bedient sich <wie wir aus 
der Freudschen Psychologie wissen) zur Andeutung von Ursache* 
und Zeitbestimmungen außerordentlich primitiver Mittel und so mag 
die Rolle des ersten Vaters bei jeder neuen Geburt in der Ur« 
phantasie fast unvertilgbare Spuren hinterlassen haben. Die Ursache 
jeder Geburt ist der Vater, der schon beseitigte und zur Gottheit 
erhobene Vater. Und wirklich: jedes Kind wird auch heute »von 
Gott geschenkt und von Gott weggenommen«. Kinder sind »Gottes* 
segen«. Die Mutter ist im »gesegneten Zustande«,- gesegnet ist die 
Frucht ihres Leibes . . . Der anfängliche naive Kritizismus mag aber 
schließlich zur Folgerung gelangt sein, daß auch die Väter Väter 
gehabt haben. Dieser Kritizismus mußte, wenn er diese Bezeichnung 
verdienen sollte, den ältesten Vater, an den sich irgend ein Zeit* 
genösse noch erinnern mochte und der in Volksphantasie und Glauben 
bereits gottesgleich figurierte 1 , ohne Vater geboren werden lassen. 
Nach der zum Gottesglauben führenden Vaterbeseitigung, diesem 
großen Drama der Blutsünde, konnte das megalomanische Phantasieren 
der Nachkommen — schon vermöge des Lustprinzips — zu einem 
wahrhaftigen Treibbeet für die allgemeine Entstehung der Phantasie 
von der Jungfrau-Mutter werden. Die Urmutter hat sie, die Nach* 
kommen, ohne Vater, also jungfräulich, oder einer noch kühneren, 
heidnischeren Wunschphantasie entsprechend, mit ihnen, den Nadi* 
kommen selbst zeugend, zur Welt gebracht,- durch das Hineinweben 
der zu Gott vergeistigten Vaterimago in diese Phantasie aber wird 
die körperlich jungfräuliche Mutter durch die Mitwirkung Gottvaters 
selbst, durch seine Beschattung, seine Besetzung befruchtet 2 . In diesen 
unbewußten Gedankengang ist auch die Rolle des Totemtieres als 
eines Vaterersatzes, eines Vatersymbols einfügbar. Durch diese Ein* 
fügung wird das Totemtier zum Vater,- es befruchtet die Urmutter. 
So ist es in vielen Mythen, auch in einer Variante des Pan*Mythos 
niedergelegt. 



1 Ahnlich im »Gletscher«, dem bereits angeführten Roman von J, V. Jensen. 
» Vgl. A. j. Storfcr, Marias jungfräuliche Mutterschaft. Berlin 1914. 



32 Dr. B£la v. Fclszeghy 



Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück, zur Beklem- 
mung, mit der die Libido der Clan-Mutter und der Clan-Schwestern 
der Entscheidung des Kampfes zwischen Vater und Sohn harrt. 
Diese Beklemmung war nicht selten auch durch den Ichtrieb be- 
gründet, denn der schreckliche Angriff, der Sturm des Ringens 
zwischen Vater und Sohn, das der Vereinigung mit den geliebten 
Söhnen und Brüdern vorherging, bedrohte auch die Frauen mit 
tatsächlichen Gefahren. Den sieereidicn Völkern, oder den siegreichen 
Söhnen als Beute ausgeliefert, konnte das Weib nur durch che Flucht 
ihr Leben retten. Und wenn sich die Libido wahrend der Flucht - 
mangels eines Hordenhauptes, beziehungsweise im Falle der lotung 
des Hordenführers - frei auf die Clan-Söhne, beziehungsweise 
-Brüder richten konnte, so mag sie sich vor <\en Dämonenprojek- 
tionen der siegreichen Söhne, beziehungsweise Brüder ebenso in 
Schrecken und Entsetzen umgewandelt haben, wie bei den ob 
ihres Sieges entsetzten Söhnen. Die Umwandlung der gestauten 
Libido zur Beklemmung ist sozusagen reflektorisch geworden. 
Vor jedem siegreichen Männchen flüchtet eigentlich 
das Weibchen mit dem Entsetzen der Libidostauung. 
Und wenn der lüsterne Pan in den Ecken der träumerischen Lei- 
tungen auftaucht, fliehen die Nymphen entsetzt mit ihren gierigen 
Begierden. Die eine Lösung dieses gespannten, unausgeglichenen r.u- 
Standes ist: die Opferung der Jungfrauen in der Wirklichkeit 
— auf Scheiterhaufen — zur Versöhnung des Vaters / oder sym- 
bolisch im Christentum, wo sich die »Sponsa Dei« durdi ewige 
irdische Keuschheit die dauernde Vereinigung mit dem 1 Icrrn sichert. 
IL Es bleibt uns noch übrig, die der Panik folgende Reaktion, 
das Schamgefühl zu erwähnen, jenes verwerfende sekundäre, aber 
diesmal logische Panik-Erleben zu skizzieren, das nach Abrauschen 
der Panik auf Grund der Einsicht des Bewußtseins über die un- 
bedeutende Natur der manifesten Lirsache auftritt. Es ist zweifellos, 
daß die in jenem Schamgefühl wirksame Kritik des Bewußten, wie 
wir es schon am Anfange dieses Aufsatzes erkannt haben, eigentlich 
dasselbe bezweckt, was die von Freud erkannte Traumzensur in 
der Traumarbeit: die Unterdrückung der unbewußten Elemente, 
die Verkleinerung ihrer Bedeutung, die Verhinderung ihrer Bewußt- 
werdung und somit den Kredit der Bewußtseinsüberlegenheit. Dieses 
Schamgefühl tritt in Wirklichkeit audi nicht immer in der kompen- 
satorischen Form des Schamgefühles auf. Vielmehr manifestiert es 
sich sehr oft — wie ich von psychoanalytischer Seite darauf auf- 
merksam gemacht wurde — beiläufig gerade als dessen Gegenteil, 
d. h. als wortreiche und mitteilsame Erzählung des Panikerlebnisses, 
ständige Rückkehr zu einzelnen Panik-Details, konstante Linidichtung 
und Neudichtung, Abänderung einzelner Daten 80 Bedeutung und 
Richtigkeit, Verlegung des Akzentes von einzelnen Details auf 
andere. Wir wissen, daß die Teilnehmer an einer Massenpanik 
untereinander, die sich also gegenseitig wohl kaum neue Details 



Panik und Pan»Komplex 33 



bieten können, unerschöpflich sein können in der wiederholten 
Schilderung ihrer Erlebnisse und deren endlosen Variierung. 

Sie tun also, wie der Erzähler seines Traumes, der das 
Ausfallen der wichtigsten Traumgedankenelemente durch eine auf 
logische Zusammensetzungen und Trennungen bestrebte Geistes* 
arbeit — die Freudsche <sekundäre) Traumarbeit — zu ersetzen 
sucht. Die Umdichtung, die Betonung unwesentlicher Details <Ver* 
Schiebung), die Verschmelzung nicht zueinander gehöriger Elemente 
auf Grund ganz nebensächlicher äußerlicher Übereinstimmungen oder 
Abweichungen <Verdichtung> haben einen wichtigen Anteil am Er* 
gebnis dieser Arbeit. Der affektive Akzent, die Gefühlswelle, die 
diese den Traumgedanken in sich bergende Bilderreihe begleitet, tritt 
oft gar nicht an der wichtigsten Stelle der Traumleistung zutage,- 
die an der Grenze des Bewußten und der unbewußten physischen 
Sphäre mit Recht angenommene Zensur, die berufen ist, die Be- 
wußtseinsruhe, das Gleichgewicht zwischen dem Bewußten und dem 
Unbewußten zu sichern, wendet alles an, daß der Traumgedanke 
verborgen, unbewußt oder zum mindesten in bewußtseinstäuschende 
Symbole gehüllt verbleibe. Dies gibt die Erklärung jener bizarren 
Ornamentik, hinter der die wichtigsten seelischen Kräftemechanismen 
dauernd und vom Bewußtsein unbemerkt arbeiten können,- dies 
begründet den Sinn jenes unbekümmerten und heiteren Wandeins 
des Bewußtsein^Zars, der über die Kulissen der Traumpotemkiaden, 
über die bunten Fassaden der ins Unendliche und Zeitlose versetzten 
unbewußten Kräfte, sorglos und in Sicherheit gewiegt Revue abhält 
und nach dem Erwachen, nach Abrauschen der Panik, sich schämend, 
betrogen worden zu sein, bestrebt ist, seine Scham sehr oft in lauten 
Worten, durch Wiederholungen, durch das unermüdliche Suchen 
schlauer logischer Zusammenhänge zu kompensieren, d. h. seine 
Scheinsouveränität derart wiederherzustellen, daß die im Traum 
manifestierte verworrene, zusammenhanglose seelische Leistung mög* 
lidist zusammenhängend, schön und logisch, die in der Panik manU 
festierte sinnlose Aktion möglichst motiviert, vernünftig und zweck« 
mäßig erscheine. Dies gelingt auch nach längerer Ummodlung und 
Umknetung mehr oder weniger, und wenn nicht: so wird jene Leistung 
durch verwerfendes Lirteil verborgen, verdeckt, der eigenen Scham 
ausgesetzt 1 . 



r Es liegt der Einwand auf der Hand, der Traum sei etwas Geistiges, ins 
Immaterielle, Aktionslose Projiziertes, etwas, wo das Physikum, der Körper, so» 
zusagen regungslos ruht,- der Träumende erlebe die Wünsche seiner Muskeln, 
seines Fleisches, seines Blutes imaginär, befriedigte sie halluzinatorisch, während 
anderseits die Panik aus der Ebene der Phantasie in die Wirklichkeit, ins Physische, 
in die Körperlichkeit hinübergleitet und in wirkliche Aktion, Muskelkontraktion 
und *expansion, aus der Starrheit in Emotionen explodiert. Dieser Widerspruch ist 
nur ein scheinbarer und trügt unsere Bewußtseinswahrnehmung vermöge unserer 
Unfähigkeit einer zusammenfassenden monistischen Sinneswahrnehmung. Diese Ein» 
heit des Stofflichen und Unstofflichen war in irgend einem Urzustand, wo die 
Trennung in Bewußtes und Unbewußtes sich auf der Diagonalachse unserer Seelen» 

Imago VI/1 3 



34 



Dr. Bcla v. Felszcghy 



III. Wir haben mit den obigen Ausfuhrungen versucht die 
Lücken auszufüllen, die sich in jenem Bilde der Panik ergeben, das 
sich aus den Wahrnehmungen des Bewußten zusammensetzt, tis ist 
also verständlich, logisch und begründet, wenn eine an sich harmlose 
Ursache eine so stürmische Flucht der Masse auslost. Wie wir ge- 
sehen haben, dreht sich die Sache um zwei Regressionen. Bez.ehungs- 
weise um eine Grundregression, die von etoefh Ast her ^ phyto- 
genetische, von einem anderen her ontogaiet.scbe Bedeutung hat und 
für das Individuum in die bewußte Geburtsphanusie zusammen- 
gefaßt ist. Alle Panik ist Libido, oder - wenn man will: Seins- 
hunger - in Geburtsphantasie verdichtet. Diese Verdichtung lost 
sieh in Geburtssymbolen und die Symbole In- U-u.o, «k-n I.ebens- 
willen,- was in letzter Wurzel den Selbstbcsitz bedeutet,, die Über- 
flutung des Eigenkörpers durch die Libido, Selbsteroberung 
Narzißmus. Der Zauberkreis der Schlange, die sich in den eigenen 
Schwanz beißt. Das Ausgeschlossensein aus diesem autoerotischen 
Kreis, was symbolisch ebenfalls als Geburtsphantaste aultaßbar 
ist. Also jede äußere Wirklichkeitscroberung, das Ausstrahlen der 
Libido auf die Außenwelt, kurz jeder Heterocrotismus regrediert 
in unbewußte Geburtsphantasien vermöge der ihnen innewohnen- 
den sozusagen unendlichen Identitizierungstnöglidikeiten und ist be- 
reit, panikartig von der unbewältigbaren Realität zurückzurennen. 
Phylogenetisch ist dies in der Oidipostragödie der Menschheit ent- 
halten. 



sphäre noch nidit vollzogen hat, bereits mebcii. IWz.ehunKsy.sc: lur unsere 
Vorstellung mag es so einen Punkt tischen Bewußtem und Unbewußtem geben, 
der für unsere zweiräumige <vordere und hintere) und zweizeilige (gegenwärtige 
und vergangenhcitlidie) JanuswahrnehmuM auf einen Raum und eine ic.t bezogen 
identischen Sinnes ist. Hier auf diesem Punkt« sd.alw. tidh alle Ueeens.uzhcbkc.t 




trden. ebenso wie wir oben in Verbindung mit der _Awangsnc.ro . 

•n erwähnt haben Ist Traum und Zwangsneurose passiv, so .st I . n k 

ie aktiv. An unsere obige, auf Grund einer .ipnor.stwd.cn ^«knon 

gemachte Feststellung können wir jene induktive Bestätigung knüpfen, «»Jg»«* 

Hingen sid, ebenso In Körperlichkeit wie Im 1 »I ych.sdic 



erwähnt wen 
das Träumen 
und Hysterie 




wohinter Vater aufgestiegen war, die Erhebung aus der Unbcwuß.he.t ... ■ . e 
Bewußtheit, was zugleidi eine »körperliche« lirhndung war. Im Symbol lit aer 
auf Bocksbeinen wandelnde Mensch — der I\in. 



Panik und Pan«Komplex 35 



Diese phylogenetischen und ontogenetischen Urformen durch= 
lebt das Individuum in jeder seiner späteren Erscheinungen, seiner 
Paniken, jedesmal wenn es aus der unbewältigbaren Realität in seinen 
Narzißmus zurückzuflüchten gezwungen ist — wenn es als Kind 
der »Willkür« seiner »riesigen« Eltern ausgeliefert ist und dem 
Flügelschwung der Wünsche höhere Kräfte und Interessen, Verbote 
und Gebote, Kulruransprüche, schwere körperliche und seelische Re* 
torsionen blutige Schranken setzen. An diesen hohen, unerschwing* 
baren Schranken rennt sich auch fernerhin die Stime blutig das 
kleine, grimmige, kühnen Hornes stoßbereite Paniskoskind. Die Er* 
innerung an diese kindlichen Entsetzen und Paniken — ebenso wie 
an die Geburt — verdrängt der seinen Hornansatz immer höher 
und höher zu richten bestrebte Menschenpan zum größten Teil ins 
Unbewußte. Und durch diese verdrängten Erlebnisse wird die Panik* 
bereitschaff noch gespannter und noch variierter, also individueller, 
so daß nur noch die detailliert durdigeführte geduldige Analyse 
dem Bewußtsein jene Kette von Kindheitserlebnissen rekonstruieren 
könnte, an welcher Kette entlang das Individuum dann wie an 
einem Rosenkranz ein Ursachenglied nach dem anderen abrollen 
lassen könnte. Dieses Abrollen würde gleichzeitig die Befreiung von 
dem individuellen Plus an Panikbereitschaft, eine relative — Panik* 
immunität bedeuten. 

IV. Hier wollen wir kurz das schwere Problem der Panik* 
abrüstung mit einigen Bemerkungen berühren. 

Die Äufgabestellung der Panikvorbeugung erscheint uns derzeit 
leider illusorisch. Eine positiv wirkende, absolute Panikprävention 
können wir uns nach dem Obigen nicht vorstellen. Diese Explosions* 
bereitschaft ist so sehr »angeboren«, so sehr reflektorisch, daß ihre 
Ausschaltung aus unserem seelisdien Leben als eine Unmöglichkeit 
erscheint/ wir gehen sogar weiter: sie ist ein Zugehör des Lebens, 
weil sie eine Äußerung der Ichtriebe und ihre Äußerung gleichzeitig 
auch Libidobefriedigung ist. Soviel über den Zustand der unausrott« 
baren Angst und Panikbereitschaft. 

Dies bedeutet aber nicht, daß wir die dauernd in uns latente 
Spannung dieser Bereitschaft nicht imstande wären vor zwecklosen 
Ausbrüchen zu verschonen, beziehungsweise sie in den Dienst höherer 
Ziele zu stellen. Bereits auf der Linie der phylogenetisdien Ent* 
wicklung sahen wir, daß die Erbsünde der Vaterbeseitigung in der 
kulturellen Entwicklung, in der Lähmung der Menschheit, ihrer 
Humanisierung, ihrer Einrichtung zum sozialen Leben eine große 
Rolle gespielt hat. Freuds oft genanntes Werk über »Totem und 
Tabu« liefert auf jeder Seite eine Flut der Zeugnisse. Die ent* 
setzten Clanbrüder kompensieren ihre Seh reck=<Dämonen=> Visionen 
durch großartige kulturelle und sozial wertvolle Versöhnungsakte/ 
ihre scheue Befangenheit regeln sie in wichtigen und im gesellschaft* 
liehen und rechtlichen Leben auch heute fühlbaren <Tabu*> Verboten, 
durch geschriebene und ungeschriebene menschliche Gesetze. Sie 



36 



Dr. B*la v. Felszeghy 



fangen die rohen Triebe des vom Gürtel abwärts stets Tier ge- 
bliebenen Menschen ein und vergeistigen sie zu Zahmheit, Mensch- 
lichkeit, Religiosität, Kunst, sozi.de Organisation, am sAUeöH* im 
Kompromiß alle Triebregungen der unterlegenen Sphäre ■ wenn 
auch in durdigeistigter Form — doch wieder ausleben zu können. Der 
Ast der Ontogenese saugt all diese Saft« aus dem Stamm der 
Phylogenese. Und was im Verlaufe der Entwicklung des Individuums 
zufolge der speziellen Verhältnisse des einzelnen sich verstärkt, ak- 
zentuiert wird, dessen historische Gründe sind — vermöge der Psycho- 
analyse — erforschbar und können daher dem Individuum einsehbar 
werden und Zusammenhang gewinnen. Sobald diese zusammen- 
hänge aufgeded« sind, bleiben die unzweckmäßigen Kompensationen 
weg und es fällt auch jenes übertrieben kompensierte Bestreben der 
Panik-Reaktion aus, welches den zufolge desTriebkonlliktcs zurl uppe 
erstarrten Menschen zur kopflosen Flucht drängt. Diese natürliche, 
weil auf Einsicht beruhende Nüduemheir kann aber im gegebenen 
p a || c _ wcnn von einer Massenerscheinung, einer Massenpanik die 
Rede ist nicht vow besonderer Bedeutung sein. Und doch, wenn 
irgend jemand der Masse gegenüber solche, wenn auch nur äußere, 
oft ganz unwesentliche Eigenschaften aufweisen kann, die auf Grund 
irgend einer zufälligen Anspielung, Beziehung, Ahnlidikcit die Masse 
unbewußt an den Elternkomplex erinnern, an die Imago des be- 
fehlenden, gewaltigen und furchtlosen Vaters, oder an die ™™ xe - 
gütige Mutter, die ihre Arme ausstreckt oder ihren warmen Schoß 
als Schutz anbietet, so kann der Affekt der Massenpanik auf die 
betreffende Person projiziert werden, die sie höheren Zielen zusteuern, 
die Masse aus der kopflosen panisdien Flucht <die in letzter Analyse 
immer die Flucht in den Mutterschoß ist) ablenken und den nicht 
bewältigbaren Teil des aufgewirbelten Affektes in den Dienst edlerer 
Ziele stellen kann. Diese nicht gefesselte Affektcjuantität ist noch 
immer groß genug, daß mit ihr Aufgaben gelöst werden können, 
zu deren Bewältigung scheinbar größere seelische Energien notig 
erscheinen, als zu Panikexplosionen, besonders wenn jene Attekt- 
menge aus irgend einem Winkel des Elternkomplexes dauernd 
genährt wird. Die Führer der großen geistigen Bewegungen die 
Heerführer, die Heilands, die Heiligen, die Napoleons, H.nden- 
burgs, Wilsons, mit einem Worte die »großen Paus« *»" <lies l,nd 
es ergibt sich die Notwendigkeit zur feurigen Erscheinung neuer 
Kreuze, zu neuen Ostern, neuen Paus und neuen Heilands na* 
jedem Karfreitag, wenn der frühere Pan gestürzt ist, wenn die 
Masse ihn in die Gosse gezerrt, ihn in Stücke zerrissen, wenn die 
entsetzten Thamuse es vernommen haben, daß »der große 1 an tot 
ist«. Die wichtig dreinschauenden Brillen der Gelehrten, die langen 
Barte der Weisen, die erhöhenden Bierfässer der Volksapostel von 
kleiner Statur sind lauter solche unwesentliche äußere Umstände, in 
deren Wege für ihre Person Analogien und unbewußte Identi- 
fizierungen erstrebt werden von den schlau vor die Menge tretenden 



Panik und Pan-Komplex 



37 



Pan-Aspiranten: den Revolutionären, den Verkündern des neuen 
Wortes, den »jungen Titanen« und anderen, die »auf hohen Rossen 
stolzieren«. Sie alle suchen jenes gleiche Placierungsverhältnis, die 
gleiche Attitüde und Maske, die dem Kinde gegenüber der Vater 
angewendet hat oder der vor dem panikergriffenen Publikum aus 
der Vorhangspalte plötzlich erscheinende Schauspieler (welch plasti- 
sches Pan-Geburtssymbol!>, von dem einige Worte genügen, das 
panische Entsetzen abzurüsten. Wie unerwartet und überraschend 
der panische Schrecken auftritt, ebenso unerwartet und überraschend 
kann er sich auch verflüchtigen, wenn Pan in irgend einem Winkel 
auftaucht und im Wege des Vater- oder des Mutterkomplexes das 
Interesse auf sich zieht <Affektübertragung>. Die Mephistos, die 
Krampusse, die dii ex machina helfen immer. Der eine bedarf des 
Hokuspokus, der andere braucht nur aufzutauchen, mit der roten 
Zunge und dem roten Rutenbesen vor den Menschen hinzutreten. 
Und wer seinen Leuten beibringen konnte, daß er kugelfest, sein 
Körper unverletzbar sei wie der Siegfrieds, dem folgen, ohne 
Furcht zu kennen, blind die Krieger. Wir müssen den beredten 
symbolischen Sinn jedes Versteckens beachten, jeder Öffnung, jeder 
Spalte, jedes Nestes, des Heimes, des Heiligtumes in der Kirche, 
wohin jeder Befangene und Entsetzte straflos flüditen kann und 
so wird uns auch die Erzählung des klassischen Geschichtsschreibers 
verständlich, nach der die persischen Frauen, als ihre Männer in 
Entsetzen vor den Medern flüchteten, durch das Aufdecken ihres 
nackten Schoßes die panische Flucht ihrer Männer und Söhne 
aufhielten, »rogantes num in uteros matrum vel uxorum velint 
refugere . . .'«. 



• * 



Diese kleine Studie hat sich über ihr ursprüngliches Ziel 
hinaus zur Analyse des Pan=Mythus erweitert. Die Untersuchung 
der rätselhaften massenpsychologischen Erscheinung der Panik haben 
eine fragmentarische Mythusanalyse und die Verfolgung der im 
Verlaufe dieser Analyse aufgeredeten Fäden, die Aufstöberung 
der tieferen Zusammenhänge im Interesse des gesetzten Zieles 
unvermeidbar gemacht. Es ist uns ergangen wie dem, der einen 
Traum analysiert und der bei der Nachforschung nach dem latenten 
Sinn des manifesten Traumtextes durch die Entwirrung des Knäuels 
scheinbarer Zusammenhanglosigkeiten zu überraschenden Knoten» 
punkten gelangt. Der geduldige Entwirrer wird auch finden, daß 
jedes manifeste Traumdetail mehrfach determiniert ist und in 
mehreren Richtungen neue und neuere Deutungsmöglichkeiten in 
sich schließt. 



1 Plutarchos, De virt. mulierum 5 und Justinus Marc. Hist. I. 7, Vgl. auch 
Plutarchos Apopht. Laacaen incert. 4. 



38 



Dr. Bcla v. I'elszcghy 



Den Ariadnefaden verdanken wir der Individualpsychologic. 
Und um zum Verständnis des Problems auf dem unmittelbarsten 
Wege zu gelangen, sind wir auf der »via regia« der Kollektiv* 
Psychologie, durch den Mythus, in die Mitte unserer Aufgabe ein- 
gedrungen. So führte uns der panische Sdi recken zum Pan-Komplex. 
Dieser ist die Entwicklungsmöglichkeit alles or gan ischen Lebens, das 
Grundgesetz aller geistigen und körperlichen Wirklichkeit, die naih 
zwei Richtungen polarisierte Einheit der Urregung des Lebens, jene 
Einheit, über die hinaus wir mit den Kategorien unseres Denkens 
nicht gelangen können. Ihre Auffassung ist nur durch das Unbewußte 
hindurch möglich und somit ist ihr nur durch die Freudsche Psycho- 
logie nahe zu kommen. Jenes dem Bewußtsein peinliche Gegensatz- 
gefühl, das das Charakteristikum aller im Unbewußten verborgenen 
Gedanken und Gefühle ist, zeigt sich in jenen Gegensatzpaaren der 
Begriffe und Gefühle, in jenen sinnreichen Kompromissen und bunt- 
schillernden Symbolen, auf welche die Freudsche Psychologie bei der 
Erkennung der Faktoren des Unbewußten unausgesetzt stoßt. Dies 
begründet eine ungeheure Schwierigkeit der Übersetzung in die 
Sprache des Bewußten, so daß audi die Übersetzung oft gezwungen 
ist, die Langwierigkeit der Spektrumdetaillierung durch eine einfarbige 
Wortverdichtung abzukürzen oder mit neueren Symbolen und Gleich- 
nissen darauf hinzuweisen. Jene Kritik, die ihr »Widerstund* hinter 
der Souveränität der Sprache des Bewußten sidi verschanzen läßt, 
mag da mit dem Tadel einsetzen, es handle sich um Unwahr- 
scheinlichkeitcn, Übertreibung, Widerspruch im besten Falle: um 
Belletristik. 

Bei der Bloßlegung des Pan-Komplexcs fühlen wir diese 
Schwierigkeit besonders und hinter jedes unserer Worte drängte 
sich die Notwendigkeit einer Parallelität des sublinear plaeierbaren 
unbewußten Materials. In jedermanns Seele kann die angeschlagene 
unbewußte Gedankenreihe sidi fortsetzen und eigentlich ist zum 
Verständnis unserer Verdichtungen, Gleichnissen und Antithesen 
nichts mehr notwendig, als daß wir uns dem prahlenden Bewußt* 
seinskritizismus gegenüber erlauben, in die unbewußte Scelensdmhte 
zu sinken, als daß wir die das unbewußte Wunschdenken zum 
Ausdruck verhelfenden Symbole, Zufälle, Eventualitäten Ernst 
nehmen, mit einem Worte, daß wir das einzige aphoristische Grund- 
gesetz der Freudschen Psychologie akzeptieren, daß es im geistigen 
Leben ebenso keinen Zufall gibt, wie im materiellen. Jede Er- 
scheinung, auch die zufällig oder willkürlich erscheinende, ist im 
Grunde streng determiniert. Und ohne Anerkennung dieses Prinzips 
ist keine Wissensdiaft möglidi, keine Forsdumgsmöglichkeil ge- 
geben. 

Ein weiterer Umstand, auf den wir aufmerksam machen 
möchten, ist, daß diese fragmentarische Studie zwischen dem indi- 
viduellen Phänomen des Erschreckens, der Angst und der in der 
Regel als Massenerscheinung aufgefaßten Panik keine scharfe Tren- 



Panik und Pan-Komplcx 39 



nungslinie zieht. Dieser Mangel ist jedoch durch die Natur der 
Sache begründet. 

Es war auch nicht zu vermeiden, gelegentlich dem Psycho- 
analytiker bekannte Gemeinplätze zu wiederholen und breitzutreten, 
anderseits aber — bei anderen Gelegenheiten — an Stelle der de« 
taillierten Anführung wichtiger psychoanalytischer Ergebnisse Über« 
sichtlichkeit halber sich mit einfachen Hinweisen zu begnügen. Bei 
der Behandlung eines Grenzgebietes zwischen Soziologie und Psycho«» 
analyse ist es heute anders auch nicht möglich. Heute muß schon 
das als Erfolg gelten — und dieser Aufsatz würde sich mit einem 
solchen Erfolg auch zufrieden geben — wenn er die Überzeugung 
erwecken könnte, daß der Soziologe bei Behandlung massenpsycho- 
logischer Fragen ohne Kenntnis <aber richtige Kenntnis) der 
psychoanalytischen Methode und in gegebenem Falle ohne ihre 
Anwendung oft nicht auskommen kann. 

Im übrigen möchte ich — zusammenfassend — dem Psycho- 
analytiker gegenüber besonders folgendes betonen: 

1. Die Möglichkeit der Annahme eines einzigen Pan=Komplexes. 
Eines einzigen, in dem wirklich »alles« enthalten ist: der Eltern- 
komplex, der Oidiposkomplex, der Kastrationskomplex. Dieser Lir- 
komplex erscheint also als ein Sammelbecken, eine Zusammenfassung 
unser bisher gebräuchlichen Komplexe- Er macht die bisher gebrauchten 
Komplexbezeichnungen nicht überflüssig, wenn diese Komplexe auch 
nur Abspaltungen des Kernkomplexes, differenzierte Komplexe sind. 
Sie tragen das Wesen des Kernkomplexes in sidi, die Weiterbildungs- 
möglichkeit seines Wesens. 

2. Die Vorteile dieser Annahme würden die folgenden sein: 

a) DerPan^KompIex fällt mit dem kosmischen Unbewußten 
zusammen und ist im Wege des bei jedem Individuum wechselnden 
Bewußtseins eigentlich der gemeinsame Nenner aller Bewußtseins- 
zähler. Er ist also geeignet, die Zusammenfassung des Unend- 
lichen, des Kosmischen in das Einzelwesen diesem, dem Ich zu ver- 
sinnlichen, d. h. zu ermöglichen, daß die Quantität des im Individuum 
gegebenen kosmischen Bruchs vermöge des Bewußtseinszählers ge- 
messen werde. 

b) Diese Annahme würde ferner vielleicht technische und zu- 
gleich methodische Erleichterung für zahlreiche Wissenschaften be- 
deuten. In erster Reihe für die Psychologie und hier vor allem der 
die unbekannte Größe des Unbewußten suchenden und messenden 
Psychoanalyse, die im Pan-Komplcx alle Komplexe zusammenfassen 
könnte und die anderen Kristallisierungen dieses Komplexes: den 
Oidipos-, den Geschwisterkomplex usw. nur praktischer Rücksichten 
halber besonders bezeichnen müßte. 

3. Schließlich — obschon die Betonung dessen vielleicht auch 
überflüssig ist — sei ausdrücklich bemerkt, daß im Pan-Komplex 
nicht nur libidinöse Triebe, sondern auch die von Freud in ihrer 



40 



Dr. Bela v. Felszeghy 



Bedeutung entsprechend gewürdigten Selbsterhaltungstriebe mitwirken. 

Sie sind voneinander nicht trennbar, da die Selbsterhaltungstriebe 

der Libidogeltendmadiung, die libidinösen Triebe der Sclbsterhaltung 

dienen'. 

(Nach einem in der Ungarischen Psydioanalytischen 

Vereinigung, Budapest, im Januar 1Q| ( > gehaltenen 

Vortrag, flbcnctfl von A. J Storfer.) 

1 ldi möchte nachdrüdtlich darauf verweisen, daß, was Uh durdi die Mythen- 
analyse wahrnehmen konnte, in vieler Beziehung als Bestätigung und Beitrag zu 
jenen reichen Ergebnissen dienen kann, denen wir in der jüngst erschienenen 
IV. Reihe der Ereudschen »Sammlung kleiner Sdiriften zur Neuroscnlehre* bc« 
gegnen. Zufolge der Kriegsverhältnissc konnte ich zu dieser Sammlung erst nach 
Vollendung dieses Aufsatzes gelangen und so konnte hh auf die vielfach l-rhellimg 
bringenden Einzelheiten des Werkes nidit verweisen. 




Der politische Mythus 



41 






Der polirische Mythus. 

Probleme und Vorarbeiten. 
Von Dr. EMIL LORENZ <Klagenfurt>. 

\X/ S e ' ne P s y<h°logie ^ er Poetik zu leisten hätte, läßt sich am 
yy leichtesten durch den Hinweis darauf klar machen, daß es 
sich in der Politik in dem konkreten Sinn des Wortes um 
die Lebensäußerungen einer staatlich geordneten Gemeinschaft, also 
um Vorgänge zwischen Menschen, um Handlungen, Taten und ihre 
Motive, also um etwas Seelisches handelt. Durch die Eigenart des 
politischen Lebens, dessen zum mindesten manifester Inhalt Streben 
um die Macht ist, erscheint es sodann ausgeschlossen, daß es die 
reine Erkenntnis wäre, die dem Handeln zugrunde gelegt wird. Wir 
müssen uns gefaßt machen, den im sonstigen Seelenleben wirksamen 
emotionalen Momenten hier in eigentümlicher Ausprägung wieder zu 
begegnen. Festzuhalten ist ferner, daß die Motive und die in und 
mit ihnen wirkenden Affekte wie auch sonst durchgehends im 
psychischen Leben - entweder bewußt, vernunftgemäß und darum 
zumindest der Intention nadi der Wirklichkeit angepaßt oder un- 
bewußt, auf dem infantilen Luftprinzip beruhend und darum in der 
Kegel nicht angepaßt sein können. Die letzteren wären auch als 
realiratsfremde Motive zu bezeichnen. Was ihre Wirksamkeit betrifft, 
so ist es klar, daß ihre Unzugänglichkeit ihre Stärke ist. Sie sind 
das irrationale,- die Gesamtheit dessen, was die praktische Politik 
nach einem Wort Bismarcks als Imponderabilien bezeidmet. 

Diesen seelisdien Faktor in der Gestalt bewußter und un* 
bewußter Beweggründe der handelnden Personen aus dem Getriebe 
des gesduchtlidien Lebens herauszulösen - von dem das politische 
einen real nicht zu unterschätzenden, in seiner menschheitlichen 
ßedeu ung aber vielfach überschätzten Anteil einnimmt — wäre die 
Aufgabe einer Psychologie der Politik. 

Leopold I v. Ranke hat in seinen Vorlesungen vor dem Koni* 
Ludwig von Bayern ' die leitenden Ideen als die herrsdienden Ten» 
denzen m jedem Jahrhundert interpretiert. Wir könnten, um auch 
die letzte Spur einer mythologischen Auffassung aus diesem Begriff 
zu entfernen, sie als die zeitlich bedingten Lebensnotwendigkeiten 
innerhalb eines Kulturkreises bezeichnen, von denen Vorstellungen 

1 Weltgesdiidite IX. Band. 



42 Dr. Bfflil Lorenz 






in teils angepaßter, teils unangepaßter Form als Ziele ihres 1 lanclelns 
dem Seelenleben einer Generation gegenwärtig sind, nicht als etwas 
aus einem transzendenten Ori Stammendes, sondern als im letzten 
Grunde psychisch bedingte »Äußerungen« immanenter Bildungs- 
gesetze der einzelnen KuTturgebiete. 

Es bedarf keines Beweises, daß es zufolge der ungeheueren 
Verwickeltheit auch der einfachsten Lebensvorgänge eine adäqu.ite 
Erkenntnis dieser Notwendigkeiten des gcsdiichtlidien Werdens nicht 
gibt — weder für den I listorikcr und den Psychologen .ils bloß 
Erkennende, noch für den Staatsmann als denjenigen, der die I Er- 
kenntnis derartiger Notwendigkeiten für einen bestimmten Zeit- 
punkt — temporibus inserviens — mit realen um! ideellen Macht* 
mittein in die Wirklidikcit umsetzt. 

Der Definitionen des Staates gibt es bekanntlich sehr viele/ 
denn die Fäden, mit denen er, zwar in wechselnder Stärke, aber 
doch allzeit fühlbar seit Beginn derGeschidue das Leben der Menschen 
umspannt, sind zahlreidi genug. Für uns mögen zunächst die Fest- 
stellungen genügen, die Adolf Menzel 1 bezüglich der genossen- 
schaftlichen und der herrschaftlichen Verbindung als der beiden 
konstruktiven Elemente für den Aufbau des Staates gemadu hat. 

»Die genossenschaftliche Verbindung beruht auf der Vor- 
stellung der Einheit, auf dem Gefühle der Sympathie und auf 
dem Bestreben, im Interesse des Ganzen Opfer zu bringen. Der 
herrschaftliche Grundzug im Staate beruht auf der Vorstellung der 
Über- und Unterordnung, auf dem Gefühle der Ehrfurcht vor den 
führenden Persönlichkeiten und .mf dem Willen, den anerkannten 
Autoritäten zu gehord^en.« 

Daneben bestehe auf Seite der I Icrrschendeu noch das Gefühl 
der Macht und der Verantwortung, auf Seile der liehen Bebten das 
individuelle Freiheitsgefühl als oppositionelles Moment. 

Es ist gewiß, daß die angeführten kollektiven Gefühle, Willens- 
regungen und Vorstellungen, «reiche die psychischen Träger der 
beiden konstruktiven Elemente des Staates, üemeinsdiaft und Unter- 
ordnung, bilden, ihrerseits wieder nichts psychisch Letztes sind, sobald 
wir das Problem des Staates entwicklungspsychologisch fassen. In 
diesem Falle treten vielmehr Gefühle wie Vaterlandsliebe, das 
dynastische Gefühl und die Heimatliebe in den Vordergrund der 
Untersuchung. Beim dynastischen Gefühl lenkt zunädist die Durch- 
dringung der Idee des Herrschers mit denjenigen realitätsfremden 
Motiven unsere Aufmerksamkeit auf sich, die unter dem Begriff des 
Herrschertabus zusammenzufassen wären und von Freud in der 
zweiten Abhandlung von »Totem und Tabu« unter dem Gesichts- 
punkt der Ambivalenz erstmals psychologisch gewürdigt wurden. 

Wenn aus jenen Ausführungen die ambivalente Einstellung 
der Untertanen zum Herrscher aus den Tabubesdiränkungen er- 

1 Zur Psychologie des Staates, Rektoratsrcile, Wien 1915. 






Der politische Mythus 43 



schlössen wird, denen jener unterworfen ist, so ergibt sich die 
weitere Aufgabe, den Herrscher versuchsweise in Beziehung zu 
setzen zu den übrigen Personen, die vorzugsweise von jener ambU 
yalenten Bewertung betroffen werden. Unter diesem Gesichtspunkte 
ist es klar, daß er als eine Erneuerung der Vater^Imago anzusehen 
ist. Zugleich fällt es uns ein, daß diese Ineinssetzung im Traum 
und Mythus bereits vor sich gegangen ist, eine psychologische 
Entwicklung, die von Otto Rank im »Mythus von der Geburt 
des Helden« geschildert wurde. Es wäre nur noch erforderlich, 
diese psychologisch erschlossene Entwicklung an der Hand der 
Kulturgeschichte ins Einzelne zu verfolgen. 

Der leitende Faden, der uns durch die Mannigfaltigkeit dieser 
Erscheinungen hindurchgeleitet, ist die Erwägung, daß es eine 
Stufenreihe von Autoritäten ist, die auf diese Weise zu einer 
begrifflichen Einheit verbunden wird. Dieser Gesichtspunkt gibt uns 
nun ein Mittel in die Hand, das von Freud <a. a. O. S. 47) ge= 
stellte Problem, wieso die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher 
einen so mächtigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten 
sollte, ein Stückchen zu fördern. 

Sämtliche Autoritäten, zu denen der Mensch während seines 
Lebens in Beziehung tritt, kommen darin überein, daß sie entweder 
unser Handeln oder unser Denken in seinem <scheinbar) natur- 
gemäßen, d. h. dem Lustprinzip folgenden Lauf behindern. Zieht 
man nun m Betracht, daß es auf der anderen Seite einen letzthin 
wieder aus demselben Prinzip stammenden Willen, sich führen zu 
lassen gibt so wäre damit ein labiler Gefühlszustand gegeben, von 
der jedoch keiner der beiden Pole an sich unbewußt zu sein brauchte. 
V.e mehr ließe sich denken, daß sie sich in einem durch die je- 
weiligen Erlebnisse bedingten Oszillieren befänden. Dieser Zustand 
mag nun in vielen Fällen wirklich statthaben. Daß jedoch einer der 
beiden Pole <es braucht nicht immer der negative zu sein) dauernd 
unbewußt bleibt dazu bedarf es eines anderen Prinzips, beziehungs- 
weise einer affektiven Macht. * 

Dieses Prinzip aber ist das der Stetigkeit, demzufolge nichts, 
was jemals als erster Eindruck uns affektiv erregt hat, völlir ver- 
schwinden kann, sondern bestimmend auf sämtliche ähnliche Erleb- 
nisse des spateren Lebens einwirkt, die damit samt und sonders zu 
mehr dimensionalen Größen werden. Dies geschieht in concreto so 
daß nicht nur die Erlebnisformen, sondern auch die Inhalte samt 
den daran haftenden Affekten auf die späteren Glieder der Reihe 
übertragen werden So bildet die Vater-Imago den Hintergrund 
der alle spateren Autoritäten überschattet. Und diese haben teil an 
der aus dem Ödipuskomplexe stammenden unbewußten Ver- 
stärkung von Liebe und Haß, die ihnen unter anderen Umständen 
nicht zukäme. 

Daß dieser vielberufene Komplex hier kein bloßes asylum 
ignorantiae ist, geht noch aus anderen Zügen hervor, die ein 



44 Dr. limil Lorenz 



mythisches Gattenverhältnis zwischen dem Fürsten und dem Land 
herstellen. 

Hier berühren wir nun das zweite unter den oben genannten 
Motiven in der Psychologie des Staates, die Heimatliche. Sie ist 
für den Staat darum von ausschlaggebender Bedeutung, weil dieser 
ohne ein bestimmtes Gebiet nicht gedacht werden kann. Auf diesen 
Umstand hat besonders Friedrich Ratzel 1 hingewiesen. 

»Der Mensdi ist nicht ohne den Brdboden denkbar und auch 
nicht das größte Werk des Menschen auf der Erde, der Staat. 
Wenn wir von einem Staate reden, so meinen wir, gerade wie bei 
einer Stadt oder einem Weg, immer ein Stück Mcnsdihcit oder ein 
menschliches Werk und zugleid» ein Stink Kidboden. Sie gehören 
notwendig zusammen: der Staat muß vom Boden leben. Nur die 
Vorteile hat er fest in der Hand, deren Boden er festhält. Die 
Staatswissenschaft spricht das etwas verblaßter aus, wenn sie sagt: 
das Gebiet gehört zum Wesen des Staates. Sie bezeichnet die 
Souveränität als das ius territoriale und legt die Regel nieder, daß 
Gebietsveränderungen nur durch Gesetze vorgenommen werden 
können. Das Leben der Staaten lehrt uns aber viel engere Be- 
ziehungen kennen. Wir sehen im Lauf der Geschichte alle poli- 
tischen Kräfte sich des Bodens bemäditigen und eben dadurch 
staatenbildend werden 2 .« 

Wir werden uns wieder des Mythus bedienen, um zu dieser 
so überaus wichtigen Komponente des staatlichen Gefühls einen 
Zugang zu finden. Ebenso werden es auch die übrigen Erzeugnisse 
der Phantasie sein, die uns als Quellen dienen müssen: Sagen, 
Märchen, Legenden bis zu den Diditungen der neueren Zeit. Nicht 
minder wiref eine behutsame Ausdeutung konkreter historischer 
Geschehnisse Beiträge für die Erkenntnis unbewußter Zusammen- 
hänge liefern. 

Es gibt keinen politischen Mythus, der an Berühmtheit mit 
dem wetteifern könnte, den Plato im 3. Budt des »Saatcs« erzählt- 1 . 
Er führt ihn selbst als »eine redit edle Fabelei«- ein: 

»Vor allem anderen aber will idi versudicn, die Regenten und 
Krieger und weiterhin audi die gesamte Bürgerschalt so weit zu 
bringen, daß sie glauben, den ganzen Erzichungs- und Bildungs- 
aufwand, den wir ihnen widmen, hätten sie wie einen Traum über- 
standen, wie einen Traum erlebt. In Wahrheit seien sie von dl i 
Erde tief unten in ihrem Innern geformt und großgezogen worden, 
selbst ihr Gewaffen und ihre ganze Ausrüstung stammen von dort. 

1 Politische Geographie, Leipzig 1897. 

" Ratzel: Politische Geographie. S. 4 und später. - - Vgl. 1 lermann Rehm: 
Allgemeine Staatslehre, S. 37: Zu allen Zeiten hat «las Völkerrecht die Unter- 
werfung fremder Staatsvölker als Iirwerb, beziehungsweise Verlust von Gebiets« 
hoheit aufgefaßt . . . Aus alledem folgt aber: Gebietshoheit gehört zum Wesen 
des Staates. 

1 Staat, Hl 21 <414 D B>, 



Der politische Mythus 45 



Und als dann das Schöpfungswerk an ihnen vollendet gewesen, 
habe die Erde, ihre Mutter, sie ans Licht gesandt, wo sie jetzt das 
Land, das sie bewohnten, als ihre Mutter und Ernährerin erhalten 
und verteidigen müßten, wenn ihm Angriff drohe. Und nicht anders 
müßten sie ihren Mitbürgern gesinnt sein, ihren Brüdern, die ja 
auch Erdensöhne sind.« 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Mythus auf eine Stelle 
des Äschylus zurückgeht, wo es in den »Sieben gegen Theben« 
<Vers 10 bis 20> heißt: 

Euch allen ist nun Pflicht, den Knaben auch, 
Die noch des Alters Blüte nicht erreicht, 
Und auch den Greisen, die darüber hin, 
Daß ihr der Körper Kräfte stählen sollt, 
Die Stadt zu schirmen und der Götter Tempel, 
Zu wahren unsrer Ehren reichen Hort/ 
Für unsre Kinder kämpfend, unser Land, 
Die treuste Nährerin, die liebste Mutter, 
Die, seit ihr spieltet auf dem trauten Boden, 
Euch sorgenvoll getragen und gepflegt, 
Und nun zu wackern, wohlbewehrten Rettern 
Für diese Zeit der Not sich aufgezogen. 

Unter den so spärlichen Zeugnissen ursprünglichen Empfindens, 
mit denen die Literatur das Ereignis des letzten Krieges begleitet 
hat, ragt eines hervor, das uraltes und relativ junges mythisches 
Gut in sich vereint. Es ist ein Aufsatz von Anton Fendrich, 
»Vom Krieg, vom Tod und vom Leben« (siehe Frankfurter 
Zeitung 1915, Nr. 31/ auszugsweise im Literarischen Echo, 17. Jahr, 
Sp. 682). 

»Vielleicht verstehen wir den welthistorischen Vorgang der 
Umwertung internationaler Werte besser, wenn wir statt Vaterland 
Mutterland sagen. Die bei diesem Wort auftretenden Empfindungen 
sind urhafter, einfacher und unmittelbarer. Es schließt alle Miß- 
verständnisse aus. Die Mütter stehen uns Männern wenigstens 
immer näher als die Väter. Vaterland ist zweideutig, denn es gibt 
Menschen, denen bei diesem Wort eine ganz bestimmte Empfindungs- 
welle der Sehnsucht durch die Seele wogt, die höher ist als irdischer 
Patriotismus. Sie leben in der Verbannung von diesem Vaterland 
und haben den Gesetzen des Exils zu gehorchen . . . Das Exil ist 
ihr Mutterland, die Erde. Aber wieder nicht die ganze Erde, son- 
dern nur ein Stück davon. Wie einen Bann, aber auch wie ein 
Heimweh haben sie aus den Quellen und Feldern, den Wiesen und 
Wäldern, den Winden und Wolken gerade dieses, ihres Stückes 
Erde etwas in ihr Blut mitbekommen . . . Und diese Kräfte ihres 
Blutes wachen unter allem seelisch empfundenen Weltbürgertum auf, 
sobald das Stüdc Erde, das ihre Heimat ist, bedroht wird. Diese 
Kräfte des Blutes verschließen für die Kriegszeit auch die Brunnen, 
in deren Tiefen die heiligen Wasser des Ewigen rauschen.« 



46 



Dr. Kmil Lorenz 



Dieses Bild von dem Mutterland als einem Ort der Ver- 
bannung, der doch wiederum eine Heimat ist, könnte seltsam er- 
scheinen, wenn wir nicht wüßten, daß eine über die Mutter hinweg 
zum Vater strebende Bewegung in unserem Unbewußten tatsächlich" 
vorhanden ist. 

In diesem Zusammenhang darf auch darauf hingewiesen 
werden daß der Sinn des Bestattungsverbotes <in der Antigene des 
Sophokles) gegen Polyneikes imgleid! tiefer liegt, als es den An- 
schein hat Ist es schon nicht zutreffend, etwa den Konflikt zwisdien 
Kreon und Antigone als den zwischen despotisdiem Zwang und 
den Rechten der zum Selbstbewußtsein erwaditen Persönlidikeit auf- 
zufassen, so entbehrt Kreons Handeln überhaupt ebensowenig des 
sinnvollen Hintergrundes 6es Mythus wie das der Antigone. Die 
t IT l Pol y n tä*S' Segen sein eigenes Land, ob mit Redn oder 
m.t Unrecht zu Felde gezogen zu sein, kann nicht anders gebüßt 
werden, als daß seiner Leiche die Rückkehr in den mütterlichen 
Boden semer Heimat verwehrt wird. Es ist also ein ganz analoges 
Verbot zu dem, welches dem Vatermörder die Bestattung ver- 
wehrte'. Kreon ist nichts anderes als der unerbittliche Vollstredter 
dieses zugleich religiösen und politischen Gebotes. Antieone ver- 
körpert dagegen das ältere Prinzip der nirht an der Scholle haftenden, 
gentihzisch gebundenen Frömmigkeit. 

■ Versuchen wir es nun, uns das Wesentliche in der Fiktion 
Hatos zum Bewußtsein zu bringen, so fällt uns vor allem auf, daß 
wir es mit emern rein republikanischen Mythus zu tun haben, inso- 
fern als dann gar kein Versuch gemacht wird, Gefühle gegen die 
ataatslenker die ja in der Konzeption des platonischen Staates die 
fernste Auslese der Bürgerschaft darstellen, unter die Motive des 
Patriotismus aufzunehmen. Das dynastische Gefühl sdicidet bei Plato 
ganzheh aus, ebenso wie alle Erwägungen der Nützlidikeit, mit 
denen die neuere reit den Staat zu redufertigen pflegt. Was den 
Ausfall dieser und verwandter Motive wettzumachen hat, ist eine 
Verstärkung des Heimatgefühls, die bestimmt ist, die Affekte aufs 
n !kj Z " crre S en und a n <kn Staat zu binden. Inhaltlich stellt 
sich dieses vertiefte Heimatgefühl dar als Supposition eines affektiven 
Verhältnisses zur Mutter Erde, die die Menschen als ihre Kinder 
geboren, genährt und aufgezogen hat, damit sie ihr diese Liebe in 
der otunde der Not und Bedrängnis vergelten. 

Übrigens deutet die Art und Weise, wie dieser Mythus von 
Hato eingeführt wird, darauf hin, daß wir es nicht mit einer Vor- 
stellung, zu tun haben, die in allen Schiditen des Volkes lebendig 
war. fc.s s&eint, als sollte das Publikum, an das er sich vorzugs- 
weise wendet nämlich die freigeborene eingewanderte Herrenschi'cht 
in der das Gefüh der Zusammengehörigkeit nodi mehr an die 
Klasse, nicht an den Boden gebunden war, in den psychischen 

1 Vgl. A. Storfer: Zur Sonderstellung des Vatermordes 1911, S. 27. 



Der politische Mythus 47 



Grundlagen seiner Haltung zum Staatsganzen der bodenständigen 
Urbevölkerung angeglichen werden. Auf diese Ureinwohner aber 
gehen, wie die neuere religionsgeschichtliche Forschung immer wahr- 
scheinlicher macht, die meisten oder alle Erdgottheiten der späteren 
griechischen Religion zurück, vor allem auch die verschiedenen Mutter« 
gottheiten, die das kennzeichnendste Merkmal der vorderasiatischen 
Religionen darstellen. 

Entscheidend bleibt für uns der Versuch, das Ethos der 
Heimat- und Vaterlandsliebe mit dem Ethos der kindlichen Liebe 
in eins zu setzen. Unsere Frage ist, ob dies vom Standpunkt der Ent- 
widdungspsychologie eine rückwärts- oder eine vorwärtsschauende 
Identifizierung ist. Ferner, sobald diese Frage beantwortet ist, welche 
Wege von der ersten Phase zur zweiten führen. Was die erste 
Frage anlangt, so ist leicht einzusehen, daß, da die Entwicklung ein 
Weg fortschreitender Rationalisierung ist — worüber man erfreut 
sein kann oder auch nicht — die Identifizierung der Heimatliebe mit 
der kindlichen Liebe zur Mutter infantilen Charakter hat, diese im 
Mythus versuchte Ineinssetzung rückschauender Art ist. 

Diese im Mythus ausgesprochene Identifizierung verschiedener 
Liebesarten — in ihrer Tendenz der geschichtsphilosophischen Theorie 
Feuerbachs nahekommend -*- wird geleugnet von Max Scheler, 
der meines Wissens darüber am tiefsten nachgedacht hat, ohne doch 
die überaus schwierige Materie völlig zur Klarheit gebracht zu haben 1 . 
Die »Arten« der Liebe, wie Mutterliebe, Kindesliebe, Heimat- 
liebe weisen nach Sehe ler schon als Regungen, und zwar auf einem 
Punkte ihres Keimens, wo sie noch objektlos sind, verschiedene 
gesonderte Qualitäten auf. Sie würden demgemäß den psychologisch 
unreduzierbaren Qualitäten des Farbbandes zu vergleichen sein. 

Zugegeben, daß damit der phänomenologische Tatbestand 
richtig erfaßt ist, so ist damit die entwicklungspsychologische Mög* 
lichkeit gar nicht berührt, daß die genannten Liebesarten, obgleich 
sie, noch objektlos, bereits qualitativ verschieden sind, doch im 
konkreten Seelenleben ineinander übergehen, einander ersetzen, sich 
eine aus der anderen entwickeln, ganz wie die diskreten Qualitäten 
des Farbbandes unmerklich ineinander übergehen und im weißen 
Licht in eins zusammenfließen. 

Tatsächlich ist das gemeinsame Moment, welches Kindes^, 
Mutter-, Heimat- und Vaterlandsliebe kennzeichnet, daß es Gefühle 
einer wesenhaften Zusammengehörigkeit sind. Die Gebunden- 
heit des Mens dien an seine Mutter, an seine Heimat, der Mutter 
an ihr Kind ist mit der Menschennatur unmittelbar gegeben und 
darum für sie wesentlich 2 . 



1 Vgl. Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle. Halle 1913, 
S. 73 ff. 

5 Irgendwo auf der Erde wird das erste Blut des Neugeborenen vergossen 
(beim Abschneiden der Nabelschnur) und irgendwo liegt seine Nachgeburt be» 
graben. Auf diese beiden Orte, wo auch die Geister der Ahnen aus der Erde 



48 



Dr. Emil Loren: 



Die Intention der Heimat* und Vaterlandsliebe entspricht der 
der kindlichen Liebe. Beide erfahren ein mächtiges und wertvolleres 
Ganzes und suchen im Liebesakt den Anschluß daran. Auch die 
bildhafte Gestalt der Mutter Erde, die der platonische Mythus an 
die Stelle des Vaterlandes setzt, ist eine lebenbergende, schaffende 
und schützende Machf. Daß sie auch die verteidigte Mutter ist, ent- 
spricht der den Erforschern des Unbewußten nicht unbekannten 
Rettungsphantasie und offenbar soll auch die Verteidigung des hei- 
matlichen Bodens ihr Ethos schöpfen aus der Vorstellung der Erde 
als der lebenspendenden und schützenden Macht. 

Die wichtigste Bestätigung der Auffassung der Heimafliebe 
als eines dem Menschen wesentlichen Gefühls liegt darin, dltf 
eine Störung des Heimatgefühls eine Reaktion hervorruft, die in 
ihren kennzeichnenden Zügen vom Bewußtsein ganz unbeeinflußt 
vor sich geht — in der Form des Heimwehs. Das edue Heimweh 
wird ganz unabhängig von den äußeren Lebensumständen allein durch 
die Ortsveränderung verursacht. Wer daran leidet, braucht gar nidit 
zu wissen, woran er leidet. Es stellt sich eine Herabminderung der 
gesamten Fähigkeiten ein, die oft zu tra umwandelnden Zuständen 
ausartet, dem Zustand unerfüllter Verliebtheit nicht unähnlich, wo 
gleichfalls der Grund des Zustands nicht gewußt zu werden braucht, 

Wir machen hier eine Beobachtung, die grundlegend ist für 
die Art und Weise, wie wir eine Mythologie der Kultur aufzufassen 
hätten 1 . Es zeigt sich nämlich, daß der Mythus dem Kulturbegriff 
des Staates <der Polis, des Heimatlands) den Begriff der mütter- 
lichen Gaia unterschiebt, der offenbar, insofern er eingeordnet wird, 
in die Tätigkeit der Verteidigung einer Gemeinschaft zu einem Kul- 
turbegriff wird. Wir verstehen, daß die Tendenz bestehen muß, 
Kulturbegriffe durch Naturbegriffe zu stützen oder zu ersetzen Es 
entspricht dies dem Prinzip der »Stetigkeit im Kulturwandel« <Vicr- 
ka ndt), da die Naturbegriffe auf jeden Fall die älteren und darum 
haftbareren sind. 

Aus dieser Überlegung heraus formt sich uns nun die ent- 
widlungs=psychologisdie Aufgabe, das Gesetz der Entstehung, Auf- 
einanderfolge und Abstammung der mythischen Kulturbegriffe von 
den Naturbegriffen aufzuweisen. Diese Aufgabe nun ist umfang- 
reicher als sich denken läßt. Da wir nämlich nicht wissen, wie weit auch 
unsere modernen Begriffe noch von mythischen Fäden durchwirkt sind, 
stünden wir vor einer mächtigen Begriffsreihe, an deren einem Ende 
zum Beispiel der Begriff des modernen Staates steht, am anderen Ende 
irgend ein urzeitliches Bild, das wir noch nicht kennen. 

her in das Neugeborene eindringen, hatte bei den alten Bewohnern Neuseelands 
jeder ein lebenslängliches Anrecht/ vielleicht der Anfang des ersten rein persön- 
lichen Grundbesitzes. Vgl. H. Schurtz: Die Anrängc des Landbesitzes, Zeitschritt 
für Soziakisscnschaften, III, 1,900, S. 245 bis 255/ 352 bis %I. 

1 Vgl. Fritz Langer, Intellektualmythologie, Leipzig und Berlin 1916 
S. 25 f. 



Der politische Mythus 49 



Wenn wir in jenem Mythus, den wir als den platonischen 
bezeichnet haben, obwohl er weit älter und darum namenlos ist, 
den staatlichen Zusammenhalt allein auf die Bindung an den heimat- 
liehen Boden gegründet sehen, so fügt sich dies sehr gut ein in 
die Feststellungen, welche unter all den umstrittenen Theorien 
Morgans 1 am sichersten gegründet erscheinen. 

Morgans Hauptthese ist, daß sidi alle Verfassungsformen 
auf zwei Grundformen zurückführen lassen. »Dieselben sind in ihren 
Grundlagen durchaus verschieden. Die erste, der Zeitfolge nach, ist 
auf Personen und rein persönliche Beziehungen begründet und kann 
als Gesellschaft <societas) bezeichnet werden. Die Gens ist die 
Einheit dieser Organisation und aus ihr gehen als aufeinander fol- 
gende Stadien der Entfaltung in der ersten Periode des Völker^ 
lebens hervor: die Phratrie, der Stamm und der Bund von Stäm- 
men ... In einer späteren Periode tritt eine Verschmelzung von 
Stämmen auf einem gemeinsamen Gebiet zu einer Nation an die 
Stelle eines Bundes solcher Stämme, die selbständige Gebiete ein- 
nahmen.« 

Die zweite Hauptform »gründet sich auf Landgebiet und Pri- 
vateigentum und kann als Staat <Civitas> bezeichnet werden. Die 
Stadtgemeinde oder der Stadtbezirk mit seinen genau bezeichneten 
und abgestedtten Grenzmarken, nebst dem darin enthaltenen Eigen- 
tum ist die Grundlage oder Einheit des letzteren und die politische 
Gesellschaft das Resultat. Die politische Gesellschaft ist nach Land- 
gebieten organisiert und ihr Verhältnis zum Eigentum wie zu den 
Personen wird durch deren örtliche Beziehungen bestimmt ... In der 
Urgesellschaft war diese örtliche Organisation unbekannt« {Morgan, 
a. a. O. Seite 6, S. 52 ff.>. 

Der platonische Mythus hat durchaus die zweite der geschil» 
derten Grundformen des menschlichen Zusammenlebens zur Voraus- 
setzung, die wiederum begründet ist auf Seßhaftigkeit, Landbau, 
Zucht von Haustieren, Verfestigung der Besitzverhältnisse und Über- 
gang von der Mutterfolge zur Vaterfolge. 

Dies ist nun freilidi kaum mehr als ein bloß äußerer Rahmen 
kultureller Gleichzeitigkeiten. Es erhebt sich die Aufgabe, den 
inneren Beziehungen der genannten Elemente nachzugehen. Die dazu 
nötige Untersuchung würde andere Wege einschlagen, wenn sie bloß 
kulturgeschichtlich und soziologisch geführt würde. Unser Thema, 
das ein psychologisches ist und zu dessen Lösung wir uns der 
psychanalytischen Methode bedienen, kann nur lauten: Woher 
stammt die an den Erdboden gebundene Libido, die auf dem Ge- 
biet der Vorstellung in dem mythischen Bild der Erdmutter zum 
Ausdruck kommt,- hat sie seit jeher daran gehaftet, welche Schick- 
sale stehen ihr etwa noch bevor? Ferner: Stehen die Veränderungen 

1 Primitive society (die Urgesellschaft, deutsch von Eichhoff undKautsky 
Stuttgart 1891. 

Image VI/1 4 



50 



Dr. Emil Lorenz 



dieser Mutteridee etwa in einem gesetzmäßigen Zusammenhang 
mit einer ihr komplementären Vatcridee? Wenn wir schließlich den 
Lauf des realen politisdien Lebens von einem derartigen un- 
bewußten Unterstrom begleitet finden sollten, weldie Polgerungen 
ergeben sich daraus für die Möglichkeit und die Grenzen des poli» 
tischen Handelns? 

Bei der Beantwortung der ersten Frage nach dem Ursprung 
der Erde-Mutter-Bedeutung kreuzt sidi unser kulturmythologisdies 
Thema mit einem natUf mythologischen. Is ist klar, datf, auch ganz 
abgesehen von dem Vorgang des Seßhaft Werdens und der Bildung 
der politisdien Qesellsdiaft, zufolge einer naturniytliologisdien Ap- 
perzeption die Identifizierung von Himmel und Hrde mit Vater und 
Mutter der I^ebewesen stattgefunden hat. Ferner war die Hrde 
schützende Mutter <Erd« und Höhlenwohnungeu) und näh- 
rende Mutter lange vor der Scßhaftwerdung, die das Autkommen 
der politischen Gesellschaft ermöglidue. Bi scheint, als ob an diesen 
gegebenen mythischen Ideen die politische Gesellschaft nichts mehr 
hätte zu ändern braudien. Die Veränderung ist auch in der Tat 
nur eine solche des Grades 

Die Gentilvetfassung ist die längste Zeit über eine mutter- 
rechtliche 1 . Mag nun aud* bereits eine geraume Zeit vor der Seß- 
haftwerdung sich bei Hirten und Nomadenstämmen, Hand in Hand 
mit der Festigung des Besitzes an Vieh, die patriarchalisdie Ordnung 
herausbilden, so behält die Horde, die Sippe, die Gens, als das 
den einzelnen schützende Ganze, dessen Glieder in Brüderlichkeit 
miteinander verbunden sind, andauernd mütterliche Bedeutung. Sie 
ist und bleibt eine erweiterte Familie, zusammengehalten durch 
die psychischen Bande der uterinen Genieinsdinft, durch die unsicht- 
baren Fäden der mann-männlichen Erotik- und in einer dauernden 
Spannung erhalten durch den Antagonismus der älteren und 
jüngeren Generation, der Urform aller späteren innerpolitischen 
Kämpfe 3 . 

1 Wie Josef Kohler immer wieder betont, ist darunter durchaus keine 
Weiberherrschaft zu verstehen. Der Terminus Gynäkokratie, dem man gelegentlich 
noch begegnet, ist durchaus irreführend. Das Mutlcrredit bedeutet nidits weiter, 
als was das Wort andeutet: eine familienreditlidie Ordnung, der zufolge du Kind 
der Familie der Mutter angehört, und eine Erbordnung, nach der die I amilic der 
Mutter, nicht der Sohn den Vater beerbt/ vgl. Kohler, Das Muttcrrecht, Inter- 
nationale Wochenschrift, 3. Jahrgang, 1909, Nr. 1, 

1 Zu diesem Punkt ist durchaus zu vergleidien Hans Blüher: Die Rolle 
der Erotik in der männlichen Gesellschaft. I. Jena 1917, II. Jena 1919. 

* Wenn man die weniger zivilisierten Völker beobachtet, so bemerkt nun 
daß die Feindseligkeit zwischen dem Vater und seinen Kindern der gewöhnliche 
Zustand ist. Bei den Negern sogar meist Haft/ so sdireibt Burton von ihnen: 
Nach der ersten Kindheit werden Vater und Kinder gewöhnlich Feinde nach Art 
der wilden Tiere . . Die Liebe zwischen Vater und Kindern sdieint daher eher 
eine Errungenschaft der Kultur als eine unverändcrlidie Ersdieinung in der Ge- 
schichte der Menschheit zu sein. G irond-Teulon, Lcs origines de la famillc, 
p. 144, zitiert nadi Thomas Achelis, Entwicklung der Ehe <= Beitrage zur 
Volks- und Völkerkunde, II. Bd>, Berlin 18*.»3. 



Der politische Mythus 51 



Diese Form der Gemeinsdiaft mit Morgan und den Theo- 
retikern des Sozialismus als demokratisch zu Bezeichnen, geht nicht 
an. Weder Freiheit noch Gleichheit galt in ihr, nur die Bande des 
Blutes Bewirkten eine Art Brüderlichkeit zwischen ihren Gliedern. 
Denn je unzugänglicher und feindseliger sie sich nach außen gebär» 
dete, desto enger war der Zusammenhang in ihrem Innern. Sie 
ist eine biologisch=psychische Einheit mit der Zentralidee der gemein- 
samen Abstammung. 

Mächtige seelische Energien, für die wir heute nur noch die 
Kindesliebe als den noch erhaltenen Rest einer ehedem viel umfas» 
senderen Affektgruppe zum Vergleich heranziehen können <ein an« 
derer Rest ist die Blutrache), wurden dann frei, objektlos, als der 
Zusammenhang der Gentilgenossenschaft sich lodeerte oder etwa 
ganz gesprengt wurde. Die Gentilgenossenschaft war während der 
langen Dauer ihres Bestandes ja nicht unverändert gehlieben. Zu» 
nächst hatte sie den ÜBergang von der matriarchalischen zur patri« 
archalischen Form zu vollziehen gehaBt, der ihr Gefüge aBer nicht 
wesentlich erschütterte, da es sich dabei, wie schon erwähnt, im 
wesentlichen nur um eine Änderung des ErBrechtes handelte und 
um die Verdrängung des MutterBruders <avunculus> durch den 
pater familias. Andere Störungen wieder waren mehr äußerlicher 
Art, wie etwa die Zersprengung einer Gentilgenossenschaft durch 
kriegerische Ereignisse, Teilung und Sprossung,- oder die willkürliche 
Vereinigung der ahgesplitterten Teile verschiedener Gentes zu einem 
selBstgeschaffenen Ganzen 1 . 

Erst das Seßhaftwerden und der LandBau, sowie die immer 
spürBarer werdenden Unterschiede des Besitzes Bringen dieses Gefüge 
ins Wanken. Das ist nun keineswegs so zu verstehen, als oB damit 
zugleich die Bedeutung des gentilizischen Rechtes ihr Ende gefunden 
hätte. Daß dies nicht zutrifft, lehrt die BeoBachtung, daß Athen und 
Rom erst Jahrhunderte nach der Landnahme das öentilrecht stufen» 
weise aus dem politischen, nicht aBer aus dem religiösen Leben 
Beseitigt und durch eine territoriale Gliederung der Bürgerschaft er» 
setzt nähen. 

An diesen Relikten mögen nun immerhin Affekte genug haften 
geblieben sein. Nichtsdestoweniger lockerte sich aber auf der einen 
Seite der Gentilverband immer mehr, ging das anfängliche Gemein- 
eigentum an Grund und Boden, das der Gens noch ein Übergewicht 
gewahrt hatte, in Privateigentum über, auf der anderen Seite zog 
der nahrungspendende Boden, dessen mütterliche Bedeutung altererbt 
war, die dadurch freiwerdende Besetzungsenergie andauernd auf sich. 
Noch ein anderes Moment wirkte dabei mit. Der Zeit des Seßhaft» 
werdens waren weite Wanderungen, verbunden mit beständigen 
Kämpfen vorangegangen und das »Männer« und Jünglingsgew'ühl 



1 Ich fasse so den Ausdruck quique una coierunt bei Caesar, Beil Gall 
VI. 22, auf. 



4* 



52 Dr. Bmil Lorenz 



jener Zeitc ' war der fruchtbarste Boden gewesen, für die Brotik 
der männlichen Gesellschalt. Nun ist diese allerdings eine Art von 
Naturfaktor und darum im Wesen unabhängig von Veränderungen 
des kulturellen Rahmens. Das hindert indes nicht, daß ein Teil 
dieser libidinösen Energie mit dem Aufhören der extremen Bedin- 
gungen, die den engsten Zusammenschluß der männlichen Mitglieder 
der wandernden und kämpfenden Gens verursachten, entweder latent 
oder für andere Zwecke frei wurde. Sie konnte dann das neu- 
geknüpfte Band zwischen Mensdi und Erde verstärken helfen und 
den neu in den Kreis der menschlichen Iäiigkeit getretenen Be- 
schäftigungen des Ackerns, Pflügens, Säens ein Energiequantum zu- 
führen. Ein Zufall kann es nidjt sein, daß der Landbau, der vor 
der Seßhaftwerdung Sache der Frauen gewesen war <in der Form 
des Hackbaues) Ä mit dem Aufhören der Wanderungen (und nach 
der Zähmung des Rindes) zu einer lussddießlidi männlichen Tätig- 
keit wird. 

Das Ergebnis war, daß, als mit dem Zerfallen des gentilizischen 
Zusammenhalts der Staat als die an den Boden gebundene Herr- 
schaftsorganisation an seine Stelle trat, die im Unbewußten wurzelnde 
einigende Kraft ihren Sitz aus der Blutsgemeinsdialt der Gens in 
die mythische Gestalt der mütterlichen Erde verlegte. Man kämpft 
von jetzt an nicht nur für sein Volk, sondern auch für sein Land. 
Der Verlust des Landes zieht den Verlust des darauf lebenden 
Volkes mit sich. Das Volk bildet einen Bestandteil der übergreifenden 
Einheit des Landes. Der unterbrochene oder von der Gefahr der 
Unterbrediung bedrohte seelische Zusammenhalt der Gemeinschaft 
wird wieder hergestellt durch die Einschaltung eines neuen Kraft- 
zentrums, das die Bürger des Staates zu neuer Brüderlichkeit 
verbindet. 

»Und nicht anders sollten sie ihren Mitbürgern gesinnt sein, 
ihren Brüdern, die ja audi Erdensöhne sind.« 

Dieser republikanische Mythus, der, wie wir gesehen haben, 
durch das Entfallen der Relation zu einem Staatsoberhaupt gekenn- 
zeichnet ist, läßt in ungezwungener Weise die Erwartung lebendig 
werden, diese hier fehlende Beziehung in einem anderen Zusammen- 
hang ergänzt zu finden. Die mythische Beziehung nun des Herrschers 
zum Lande wird ihrem unbewußten Kerne nach weniger an dem 
Status quietae rei publicae erkannt werden, als in Zeiten staatlicher 
LImwälzung, durch die der Herrscher selbst in den Strom der Er- 
eignisse hineingezogen wird. Da wird, freilich wieder weniger 
deutlich erkennbar in der Wirklichkeit des Geschehens selbst als 
in dem die Ereignisse mit typischen Motiven ausgestaltenden Spiel 
der Phantasie, dem Herrscher jener Ort zugewiesen werden, den 
er im Unbewußten überhaupt einnimmt. Jeder Kenner unserer 



1 Blüher, a. a. O. I, S. 245. 

* Vgl. Eduard Hahn: Die Entstehung der l'llugkultur, Heidelberg 1909. 



Der politisdie Mythus 53 



Methode wird natürlich weit entfernt sein, hier Offenbarungen zu 
erwarten,- doch darf es nicht als überflüssig angesehen werden, die 
in der Traum- und Märchendeutung gebräuchliche Gleichsetzung des 
Königs mit dem Vater auf dem eigentlichen Gebiete dieses Be- 
griffes, dem politischen Leben, nachzuprüfen. 

Unser Unternehmen stellt sich also in konkreter Gestalt als 
eine Psychologie der Revolution dar. So gewiß es nun unmöglich 
ist, diese Erscheinung auf eine einheitliche Formel zu bringen, 
sobald man die politischen, wirtschaftlichen, religiösen, philosophischen 
Faktoren in Betracht zieht, die dabei mitwirken, voll in Anschlag 
bringt, so einheitlich ist, damit verglichen, das Bild, das eine Er- 
forschung der unbewußten Vorgänge darbietet, deren Dynamik und 
Ideologie hier wie überall den bewußten Vorgängen zugrundeliegt. 

Die Ereignisse, welche in Rom den Übergang von der Königs- 
herrschaft zur Adelsrepublik herbeigeführt haben, sind durchaus 
ungewiß. Wir wissen nur, daß die Liste der Konsuln mit dem 
Jahre 510 oder 509 beginnt, mit demselben Jahr, in dem der 
kapitolinische Tempel eingeweiht wurde. Danach hat man die Zeit 
der Abschaffung des Königtums bestimmt. Die näheren Umstände 
sind nicht bekannt. Desto lebhafter war die Tätigkeit der Sage. 
Man kennt die Geschichte von Brutus und dem Orakelspruch von 
Delphi. König Tarquinius schickt zwecks Deutung eines Prodigiums, 
das sich in seinem Hause ereignet hat, — eine Schlange war aus 
einer hölzernen Säule gekrochen und hatte Angst und Schrecken 
im Hause verursacht — seine beiden Söhne Titus und Amins 
nach Delphi. 

»Als Begleiter wurde ihnen L. Junius Brutus mitgegeben, der 
Sohn dei Tarquinia, einer Schwester des Königs, ein junger Mann 
von ganz anderen geistigen Fähigkeiten, als es die waren, deren 
Maske er angenommen hatte. Sobald er nämlich gehört hatte, daß 
sein Oheim die ersten Männer des Staates, darunter seinen Bruder 
getötet hatte, nahm er sich vor, weder durch seine geistigen Fähig- 
keiten die Furcht noch durch seine Glücksgüter die Begehrlichkeit 
des Königs zu reizen, vielmehr in der Verachtung den Schutz zu 
suchen, den ihm das Recht nicht bot. Daher stellte er sich mit Ab- 
sicht dumm, überließ sich und seinen Besitz dem König zur Beute 
und ließ sich auch den Beinamen Brutus <»Tölpel«> gefallen, um 
unter der Hülle dieses Beinamens als jener Geist, der das römische 
Volk zur Freiheit führen sollte, im geheimen auf seine Stunde zu 
warten. Dieser Brutus wurde damals von den Tarquiniern nach 
Delphi mitgenommen, eher ein Gegenstand mutwilligen Spottes als 
ein Reisegefährte. Er soll einen goldenen Stab, der in einen zu 
diesem Zweck ausgehöhlten Stab aus Kornclkirschenholz ein- 
geschlossen war, als Geschenk für Apollo mitgebracht haben — ein 
Symbol seines eigenen Geistes. Sobald man dorthin gekommen war 
und sich der Aufträge entledigt hatte, erfaßte die jungen Männer das 
Verlangen, sich zu erkundigen, auf wen von ihnen die Herrschaft über 



54 



Dr. Iimil Loren; 



Rom übergehen würde. Da soll aus dein Innern der Höhle ihnen 
eine Stimme geantwortet haben: »Die höchste Gewall in Rom wird 
der besitzen, der zuerst unter euch, o Jünglinge, der Mutter einen 
Kuß gibt.« Die Tarquinier verabreden sich, die Sache streng geheim 
zu halten, damit Sextus, der in Rom zurückgeblieben war, von der 
Antwort nichts erführe und so der Herrschaft verlustig gehe. Sic 
selbst stellen es untereinander dem Lose anheim, wer von beiden 
nach der Rückkehr nadi Rom der Mutter zuerst einen Kuß gebe. 
Brutus, der überzeugt war, daß der Ausspruch der l'ythia etwas 
anderes bedeute, tat so, als ob er straucheile und zu Hoden fiele, 
und berührte dabei die Brde mit einem Kuß, weil offenbar sie die 
gemeinsame Mutter aller Sterblichen wäre. Dann kehrte man n.\ih 
Rom zurück.« (Livius I, 56.) 

An diese Geschichte schließt sich bei Livius <I, 57) der Streit 
um die Vorzüge der Frauen, das stuprum und der Selbstmord der 
Lukretia und die Versdiwörung gegen das königliche Haus .in. 
Deren Haupt ist L. Junius Brutus, der jetzt die Maske des Blöd» 
sinns fallen läßt und alle zur Tat mitreißt. 

Es sind ziemlich viele Züge, um die hier das Mutter-Erde- 
Motiv erweitert erscheint, und es sind gerade soldie, die auf Zu- 
sammenhänge hindeuten, die uns schon bekannt sind. Daß dabei 
zugleich Verschiebungen eingetreten siiid, die ihre Ursache in dem 
Walten der psychischen Macht der Verdrängung haben, ist nicht 
weiter auffallend. Die revolutionäre Tendenz scheint nicht gegen 
den Vater des Helden geridnet, von dem in der ganzen Geschichte 
nicht die Rede ist, sondern gegen den Mutterbruder <a\ unculus). 
Das deutet auf mutterredulidie Zustände. Da diese jedoch zu der 
Zeit, in welche die Revolution versetzt wird, in Rom nicht mehr 
in Geltung waren, sdieint es sidier, daß es ein vorher namenloses 
Sagen* und Märchenmotiv ist, das von der römischen Annalistik 
in Verfolgung einer vagen Volkstradition mit überlieferten Namen 
verknüpft wurde. Eine zweite Verschiebung liegt tlxnn, daß das 
stuprum nicht vom Tyrannen selbst ausgeübt erscheint, sondern 
von einem seiner Söhne, von Sextus Iarciuinius, aber trotzdem 
ohneweiters dem Herrsdier zur Last gelegt wird u\ui seine Ab» 
Setzung zur Folge hat. Aber audi derartige Verschiebungen sind in 
Sage und Mythus etwas ungemein Häufiges. 

Es bleibt nur noch Lukretia übrig, die Gattin des L. Tar<|uiuius 
Collatinus, eines Angehörigen der Königsfamilie, der mit L. Junius 
Brutus die Konsulnliste eröffnet. An Lukretia, ,\n ihrem stuprum 
und dessen Rächung hängt die Freiheit Roms. Derselbe Brutus, der 
in Delphi die Erde als Mutter geküßt haue, zieht den blutenden 
Dolch aus der Wunde Lukretias und schwört, den König zu ver- 
treiben und die Freiheit herzustellen. Die 1 lerrschati über ein Land 
offenbart sich hier dem mythenbildenden Geist unter dem Symbol 
der Besitznahme der Mutter Erde, ihr Mißbrauch als stuprum. In 
derselben Weise findet die Herrschaft der Dezemvim ein linde. 






Der politische Mythus 55 



<Livius III, 44 ff.) Das gleiche Motiv enthält der Traum des ver- 
triebenen Hippias vor der Schlacht bei Marathon, deren Ausgang, 
wenn er für die Perser günstig gewesen wäre, ihn wieder in seine 
Herrschaft eingesetzt hätte: >8o6xes ö' u 'Iimcltjg rfi fi))TQt vrj tcovrov 
rfofnm>))t)7)vai. Er schloß aus diesem Traum, daß er nach Athen 
zurückkehren, die Herrschaft wieder erringen und in hohem Alter 
in seinem Vaterland sterben würde«. <Herodot VI, 107.) — Ähnlich 
ist Cäsars Traum bei Sueton, Divus Julius, cap. 7: »Ihm, der ver^ 
wirrt war von einem Traum der vergangenen Nacht <nam visus 
erat per quietem stuprum matri intulisse), erregten die Traumdeuter 
die glänzendsten Hoffnungen, durch die Auslegung, daß ihm die 
Herrschaft über die Länder der Erde verheißen sei, da die Mutter — 
quam subiectam sibi vidisset — keine andere sei als die Erde, die 
als die Mutter von allen angesehen werde.« 

Wir ersehen daraus, daß der Herrscher als Sohn und Gatte 
der beherrschten Erde gilt 1 . Diese Hineinbildung des Ödipusmotivs 
in die beiden anschaulichsten Bestandteile der Idee des Staates läßt 
es klar werden, daß die affektive Einstellung zu diesem all den 
aus dem Unbewußten stammenden Einwirkungen unterworfen sein 
muß, die diesem Komplex eigen sind,- sie lassen auch vermuten, wie 
unzugänglich gegenüber bewußter Einwirkung die treibenden Kräfte 
des staatlichen Lebens im letzten Grunde sein werden. Wenn 
Leopold v. Ranke von den historischen Ideen sagt, die Menschen 
seien besessen von ihnen 5 , so gilt dies vorzüglich von dieser zen* 
trafen Idee des staatlichen Lebens. Ehe wir uns die Tragweite der 
sich daraus ergebenden Folgerungen klarmachen, wollen wir uns 
noch nach weiteren Zeugnissen aus Sage, Dichtung und Geschichte 
umsehen. 

Eine hier kaum zu erreichende »Vollständigkeit« in dieser 
Vorarbeit von Anbeginn nicht anstrebend, beschränke ich mich auf 
die unter Anlegung dieses eben entwickelten Grundmotivs erfolgende 
Analyse einer Reihe von Dramen Schillers, in denen sich diese 
Motivreihe (Tyrannenmord, Revolution und Freiheitskampf) be~ 
sonders häufig findet. 

Wir bemerken sehr oft, daß ein Dramatiker ein und dasselbe 
Motiv mehrfach zum Ausdruck bringt, indem er es beispielsweise 
sowohl im Kreise der Herren als auch der Diener spielen läßt, sei 
es nun gleichzeitig oder nacheinander. Für den ersten Fall genügt 
es, an »Minna von Barnhelm« zu erinnern, den zweiten zeigt uns 
etwa Strindbergs »Vater«, wo das Problem zunächst in halb^ 
komischer Weise den Diener beschäftigt und dann mit Wucht in 
die Seele des Herrn eindringend, den tragischen Konflikt zum Aus- 



1 Wie Ludwig Jekels in seiner Arbeit »Der Wendepunkt im Leben 
Napoleons I.« (Iniago III, 313 bis 381> zeigt, ist dieses Motiv nicht nur ein solches 
der nadischöpfenden Phantasie, sondern auch ein unbewußtes Motiv des Handelns 
in den historischen Personen selbst. 

s Vgl. Ottokar Lorenz: Die Geschichtswissenschaft I, S. 268. 



56 Dr. Emil Lorenz 



bruch bringt. Auch sonst läßt sich beobachten, daß das Problem in 
der einen Sphäre mehr komisch, in der andern mehr tragisdi oder 
ausschließlich tragisch behandelt wird. Was bedeutet nun diese ver- 
schiedene Behandlungswei.se? Nadi Bergson liegt darin der Unter- 
schied des Persönlichen und des Gattungsmäßigen. In der Komödie 
treten uns die Personen als Vertreter eines starren Typus, eines 
Lasters oder einer Lächerlichkeit, vor Augen, in der Tragödie durch- 
dringen sie die Idee mit dem Unsagbaren ihrer Persönlichkeil '. 

Dieses von der Komik erfaßte Typisch-Allgemeine, das den 
versteckten Mechanismus enthüllt, in den das Leben gerne hinab- 
sinkt, hat entwicklungsgeschichtlich einen Vorgänger im Symbol. Der 
7'ypus will den Begriff, soweit es geht, selbst darstellen, das All- 
gemeine in die Anschaulichkeit überführen, das Symbol ist ein an- 
schauliches Zeichen für den Begriff, das seine Anschaulidikeit da- 
durch erkauft, daß es ein einziges Moment allein sinnlich darstellt. 
Dieses symbolische Denken begleitet nun unser logisches Denken und 
erscheint, wie wir sehen werden, wieder in einer Reihe von Dramen, 
deren Gegenstand die Befreiung von irgend einer Art Tyrannei ist. 

Die Haupthandlung im »Fiesko« ist der gestürzte Iihrgeiz 
des Helden, der die Rettung Genuas vor der Älleinherrsdiah der 
Doria auf sich genommen hatte/ die Nebenhandlung ist Herthas 
Entehrung durch Gianettino und der Find» Ihres Vaters, demzufolge 
die Befreiung Genuas mit der Rache für ihre Entehrung untrennbar 
verknüpft wird, 

Verrina: Wenn ich deinen Wink verstehe, ewige Vorsicht, so willst du 

Genua durdi meine Bertlia erlösen... Dieser Fluch lüfte auf dir. 

bis Gianettino den letzten Odem verröchelt hat . . . Genuas Los isi 

auf meine Bertlia geworfen. 
Bourgognino: Geh, traue auf Gott und Bourgognino ... An einem und 

eben dem Tage werden Bert ha und Genua frei sein. 

(Piedra II, 2.) 

Es ist richtig, daß diese Nebenhandlung aus der Verschwörung 
des Fiesko wegbleiben könnte und daß das Drama dadurch an Bin 
heitlichkeit gewänne 2 . 

Das ist aber audi der einzige Grund, den tadelnde Kritik für 
sich in Anspruch nehmen kann, denn anderseits bedeutet dieser Ein- 
griff in das Heiligste der Familie eine Steigerung des Ethos, die 
durch nichts übertroffen werden kann. 

1 Vgl. Henri Bergson: Das Lachen, Jena 1911, S. R 
»Neben Verrina tritt im Personcnvcrzcichnis noch Bourgognino als Ver- 
schwörer auf, was er freilich am Anfang des Stückes nicht ist . . . Um Bourgognino 
in die Verschwörung zu ziehen, ersann Schiller das von der Virginia hergenommene, 
a » si * überflüssige Motiv der Entehrung seiner Braut, der Toditcr «les surrswn 
aller Republikaner, wodurch freilich der erste Aufzug einen sehr wirkungsvollen 
Schluß gewann. Auch das Gemälde vom Sturz des Appius Claudius, durch welches 
Verrina sonderbar genug auf Fiesko wirken zu können hofft, scheint durdi diese 
einen überlästigen Faden schlagende Eindichtung veranlaßt.« Düntzcr: Erläute- 
rungen zum Fiesko, S. 75 f. 



Der politische Mythus 57 



Es ist nun auffällig, daß sich in vielen Dramen Schillers Neben= 
Handlungen finden, deren Verknüpfung mit der Haupthandlung 
ähnlichen kritischen Bedenken begegnet: überflüssig, an Max und 
1 hekla zu erinnern. Man könnte sich versucht fühlen, darin eine 
Anpassung des Dichters an den empfindsamen Geschmadi seines 
Jahrhunderts zu erblicken, doch war es nicht das Jahrhundert Schillers 
allein, das politische mit erotischen Motiven verknüpfte,- denn dieses 
Motiv im »Fiesko« ist ja gerade einem Altertum entlehnt, dem man 
Empfindsamkeit nicht vorhalten kann. In verwandter Weise finden 
wir auch bei Grillparzer König Ottokars Niedergang verknüpft mit 
der Untreue seiner Gattin. Es scheint hier ein nicht bloß zeit*» 
geschichtlich bedingtes Motiv zugrunde zu liegen. Ehe wir jedoch 
über die Natur desselben eine Vermutung äußern, erscheint es an« 
gezeigt, es an dem mit »Fiesko« stofflich verwandten »Wilhelm 
Teil« herauszuarbeiten. 

Es ist ein eigentümliches Bild, das sich uns bei Betrachtung 
dieses Dramas darstellt. Die Nebenhandlung Berta-Rudenz ist hier 
nämlich enger mit der Haupthandlung, der Befreiung der Wald- 
stätte, die im Rütlischwur in großartiger Weise als Ziel der Hand» 
hing eingeführt wird, verwoben als die Gestalt des Teil, von dem 
das Stück den Namen hat. Wir rühren damit an altbekannte Fragen, 
deren Besprechung aber an dieser Stelle nur teilweise am Platze ist. 
Ohne darum alle die kritischen Bedenken zu wiederholen, die gegen 
die Einheit des Dramas erhoben worden sind, genügt es mit 
Düntzer 1 darauf hinzuweisen, daß Rudenz es ist, unter dessen 
Führung die Schlösser der Vögte in Unterwaiden geschleift werden, 
daß wohl Teils Gefangennahme, nicht aber die Ermordung Geßlers 
den Ausbruch der Verschwörung beschleunigt, eigentlich aber Berthas 
Raub es ist, der Rudenz zu raschem Handeln treibt. Daß Teil zu 
gleicher Zeit Geßler ermordet, ist ein mehr oder weniger zufälliges 
Zusammentreffen. Läßt Schiller auf diese Weise eine Nebenhandlung 
und Nebenperson die Hauptperson überwuchern, so wird diesem 
Übelstand ein Gegengewicht geschaffen durch ein psychologisches 
Moment, ein unbewußt in uns waltendes kindlidwepräsentatives 
Denken, das verwickelte Ereignisse als greifbare Auseinandersetzung 
zwischen zwei sichtbaren Personen darstellt und darum dem Mörder 
des Tyrannen den Preis reicht. 

Wieder aber sind es Rudenz und Bertha, die am Schlüsse des 
Dramas vor das Volk hintreten,- es ist, als ob ein mächtiger Unter- 
strom immer wieder Gewalt bekäme, sich über die sichtbaren Wellen 
des dramatischen Geschehens emporzudrängen. Ohne den Vorwurf 
haltlosen Symbolisieren? befürchten zu müssen, darf man es aus- 
sprechen, daß Berthas Befreiung symbolisch wirkt, ebenso wie im 
»Fiesko« Berthas Vergewaltigung und Verbannung in die untersten 
Räume des Palastes und ihre Rächung an Gianettino das Geschick 



1 Erläuterungen zum Wilhelm Teil, S. 115, Mitte. 



58 Dr. Iimil Lorenz 



Genuas symbolisch begleitet. Bertha stellt im »Wilhelm Teil« die 
befreite Schweiz dar, wie ihre Namenssdi wester im »Ficsko« das 
befreite Genua'. 

Es darf nicht beirren, daß die Bertha im »Wilhelm Teil* von 
dem eigentlichen traurigen Schicksal ihrer Namensschwester im 
»Fiesko« bewahrt blieb. Diesen grellsten Zug hat der Dichter, wie 
schon vor ihm die Sage, allerdings aiicfa wieder gemildert, auf eine 
andere Frauengestalt, auf Baumgartens Weib, überfragen, nachdem 
er darauf verzichtet hatte, die Geschichte mit dem Burgvogt auf der 
Schwanau, die das Motiv ungetrübt einhält, wiederzugeben". 

Kämpfe um die Herrschaft, Kriege und Revolutionen erklärten 
wir früher als den Gegenstand, an dem wir die Besonderheiten des 
staatlichen Gefühls studieren wollten. Bin Kampf um die Macht ist 
auch der Gegenstand des »Don Carlos« und in diesem Stücke be- 
gegnen wir wieder einer symbolischen Gestalt. Wenn wir als solche 
die Königin bezeichnen, so bedarf das gewiß einer Hrläuterung. 
Offenbar ist ja hier das Verhältnis ein anderes: lis wird nichr der 
Kampf um die Macht über das Land von dem Bilde des Kampfe« 
um ein Weib, um die Stiefmutter des Helden, die wiederum ein 
Ersatz für die Mutter ist, begleitet, sondern der Held versucht seine 
Liebe angesichts ihrer Hoffnungslosigkeit wow ihrem ursprünglichen 
Gegenstand auf ein Land zu übertragen. Die Königin selbst ist es, 
die ihn auf diesen Weg weist: „, 

Elisabeth 

War ihre erste Liebe/ Ihre zweite 

Sei Spanien. 

In diesen Worten liegt vielleicht eines der eindrucksvollsten Bei- 
spiele für das, was die Psychoanalyse als Sublimierung bezeichnet. 

Das Land als Weib, dieses Erbteil des menschlichen Denkens, 
heute gerade noch in den Darstellungen der Austn.i, Germania, 
Helvetia, La France symbolisdi verwendet, dieses Bild ist dem 
Denken der neueren Menschheit, gegenüber dem alles umfassenden, 
organisierenden, von Männern geleiteten Staat mehr und mehr ent- 
schwunden. Wir sprechen vom Vaterland, nicht vom Mutterland. 
Anders mag das Verhältnis und die gefühlsmäßige Einstellung 
werden, w enn die männliche, befehlende Gewalt des Staates in ihrer 

f j ' D i C Gesta,t und der Name der Bertha ist im »Fiesko« von Sddller frei 
erfunden, der geschichtliche Kern von Bcrihas Einkerkerung im »Wilhelm Teilt Ist 
die heimliche Gefangensetzung jener Anna auf dem Schloß Bruncgg, derentwegen 
Junker Wilhelm Geßler, ihr Gatte, von dem Gericht zu Luzcrn bestraft wurde. 
Vgl. Kochholz, Teil und Geßler in Sage und Geschichte, S. 479. — Die Wahl 
des Namens Bertha im > Wilhelm Teil« ist Jedenfalls durch die verwandte Gestalt 
im »riesko« veranlaßt. 

' Düntzer, S. 82 f. — Max Morolds Opcrndidituiig »Der Teil« <vertont 
von Joset Ke.ter) greift auf dieses Motiv wieder runldc. Dort ist es alier das Weih 
I ells, das die Begierde des Landvogts erregt, und Teil retiet durdi seinen Schuß 
zugleich die bhre seines Weibes und die Prdheit seines Landes. Die symbolische 
Nebenhandlung ist hier also die innigste Verbindung mit der 1 Limith.mdlung 
eingegangen. 



Der politische Mythus 59 



sichtbaren Verkörperung als Fürst ihrer Aufgabe nicht mehr nach* 
kommen kann. Dann wird das zwischen Fürst und Land stehende 
Volk, wie ein Kind, dem man den Vater genommen, sich enger an 
die mütterliche Potenz anschließen. Das geschah mit beinahe durch* 
sichtiger Deutlichkeit in der großen französischen Revolution 1 . Es 
geschah in demselben Frankreich zur Zeit Karls VII. Das Land zur 
Hälfte in den Händen fremder Eindringlinge, seine berufenen Be- 
schützer ohnmächtig, eigene Söhne im feindlichen Lager: da gewinnt 
die bedrängte Muttererde selber Gestalt und erwehrt sich der Feinde, 
die ihren Leib zerfleischen. 

Das Wirken des Mädchens von Orleans, der Glaube an 
sie, der dieses Wirken erst ermöglidite, findet seine psychologisdie 
Erklärung nur darin, daß das Volk in der Gestalt dieses Mädchens 
in unbewußter Weise den mütterlidien Boden verkörpert sieht, der 
es nicht dulden kann, durch Fremdlinge entehrt zu werden 2 . 

Unter dem beim Don Carlos erörterten Gesichtspunkt der 
Sublimierung verstehen wir auch die dem Mädchen gestellte Be- 
dingung der Jungfräulichkeit, die mit der siegreichen Durchführung 
ihrer Aufgabe verbunden ist. Wie Don Carlos sidi von der be- 
schränkten Hingabe an ein einzelnes Weib frei machen sollte, um 
sich einem ganzen Lande zu weihen, so durfte Johanna ihre Liebe 
keinem Manne schenken, denn sie ist Frankreich selbst, die Mutter 
unzähliger Kinder, die sich nach ihrem Schutz und ihrer Liebe sehnen. 

Es ist nicht unsere Absicht, das Liebesmotiv an sich in allen 
Schillerschen Dramen zu verfolgen. Wir unterfangen uns nur, seine 
besondere Bedeutung in den » Haupt- und Staatsaktionen« zu er- 
gründen. »Maria Stuart« und »Wallenstein« dürfen wir über* 
gehen, wegen der mehr dekorativen Verwendung, die es daselbst 
findet. Es genügt zum Schluß ein Hinweis auf die »Braut von 
Messina«, in der der Kampf der Brüder um die Herrschaft über 
das Land zu einem Kampf um ein und dasselbe Weib wird, an 
ihm sich aufs höchste entzündet und an ihm den tragischen Ab» 
Schluß findet, damit wir erkennen, daß es dieselbe Gleichsetzung von 
Weib und Land ist, die hier, wie im »Don Carlos« und der 
»Jungfrau«, nicht mehr als Nebenhandlung, sondern als Haupt- 
handlung den Fortgang der Ereignisse bestimmt. 

Wir wollen zur Vollendung unserer Analyse die dramatisdien 
Motive, die uns jetzt beschäftigt haben, ganz kurz auf ihre geschidit- 
lidien und volkstümlichen Quellen zurückverfolgen. 

1 Vgl- die späteren Ausführungen. 

2 »Wir wissen jetzt, daß die Pucelle im Gegensatz zu der auch in diesem 
Punkt völlig unzutreffenden Tradition mit der Leitung der kriegerischen Organi- 
sationen erwiesenermaßen nichts zu tun gehabt hat, sondern von den Capitainen 
geflissentlich von ihren Beratungen ferngehalten wurde und auch bei der Ausführung 
des Beschlossenen möglichst beiseite geschoben worden ist, um im entscheidenden 
Augenblick mit dem Zauber ihres Namens zu Hilfe gerufen zu werden.« Hans 
Prutz, Studien zur Gesdiidite der Jungfrau von Orleans. Sb. bayr. Ak. 1913, 
2. Abhdlg , S 46. 



60 Dr. Kmil LoKBf 



Im »Fiesko« ist das symbolisdic Motiv der Vergewaltigung 
ebenso vom Dichter erfunden, beziehungsweise .ms der antiken 
Sagengeschichte herübergenommen, wie später im »Wallenstein« und 
der »Maria Stuart« das simple Liebesmotiv Max-Thekla und Mor- 
timer-Maria. Sehr eigentümlidi liegt die Sache beim »Don Carlos«. 
Der wirkliche Don Carlos war ein kleines gefräßiges Sdieusal. das 
weder seine Mutter noch Spanien gelirbt und an Flandern nur 
darum Anteil genommen hat, weil rs aus Narrheit und Bos- 
heit — • widersprechen wollte. Es scheint ein arges Stink, ein solches 
Geschöpf zum Freiheitshelden zu erheben Das ist er aber bereits 
in der Quelle, die Schiller vorlag, der Novell.- des 1(><)2 verttor« 
benen Saint Real,- sogar das, was wir oben als Sublimiertino be- 
zeichnet haben, ist schon bei Saint Real angebahnt Der wirkliehe 
Don Carlos starb am 14. Juli 1568/ in der Zeit von rund einem 
Jahrhundert ist also diese tendenziöse Entstellung vor si.h ge- 
gangen. 

Der Narr oder der Dummkopf als Freiheitsheld — diese 
uns schon aus der Geschichte des Brutus bekannte Verbindung be- 
gegnet uns gleich wieder in der Sage von Wilhelm Teil. 

Von den Etymologien des Namens Teil li.it diejenige, die 
ihn als dummen, ungeschickten Menschen erklärt — und die 
die richtige ist — in der Sage selbst eine Rolle gespielt'. 

Die Beantwortung der Frage: Wie wird der Dümmling zum 
rreiheitshelden? ist keineswegs leicht. Ja, wir wissen gar nicht, ob 
sie nicht etwa umgekehrt lauten sollte: Wie wird der Freiheitsheld 
zum Dümmline? 

wir setzen voraus, daß Teil eine rein sagenhalte, letzthin au! 
einen Mythus zurückgehende Gestalt ist, woraus ohneweiters folgt, 
daß wir auch für diesen auffälligen Zug keinen gesdüchtlidien, son- 
dern nur einen mythischen, das heißt wiederum einen ptydiologbdtefl 
Grund suchen müssen. 

Je weiter wir in der Überlieferung zurückgreifen, desto ausge- 
prägter finden wir die Dümmlingsnatur des Teil. Bei Schiller heißt 

War' ich besonnen, hieß' idi nidit der Teil. 
In der Chronik des Weißen Buches <Rochholz, S. 202> sagt er: 



denn were ich witzig, und idi 
hiesse anders und nit der T.ill. 

Das Urner Tellenspiel sagt: 

Wer' ich vernünftig, witzig und sdinell, 
so wer' ich nit genannt der Teil. 

Der Weg, den Rochholz zur Erklärung dieses beharrlichen 
iuges der Sage einschlägt, scheint mir nur teilweise gangbar. Mit 

1 Vgl. Rochholz, Teil und üeßlcr in Sage und QmAI&RL HdlbroOfl 

1877, S. 202 ff. 



Der politische Mythus 61 



Recht wendet er sich gegen die Chronisten, die behaupten, Teil 
habe unter Berufung auf seinen Namen Verrüdcrheit vorgeschützt, 
um sich gegen den Landvogt zu schützen,- seine Gegengründe sind 
aber nicht zutreffend. Überdies sind seine Darlegungen mehr oder 
weniger zusammenhanglos, da er zuerst von einer verspäteten 
etymologisierenden Namenssage spricht, die überall erst dann auf- 
tauche,- wenn der ursprüngliche Sinn eines historischen Namens 
sprachlich bereits erloschen sei, später die Dümmlingsnatur des Helden 
aus der Übertragung eines Naturmythus auf ein geschichtliches Er- 
eignis ableitet : 

»Nach lange andauerndem Zweikampf zwischen dem winter- 
lichen Tyrannen und dem Schützen Lenz erliegt der böse Wetter- 
riese dem ersten scharfen Sonnenpfeile. Dies ist der Inhalt des 
Naturmythus in seiner poetischen und logischen Folgerichtigkeit. 
Wird aber derselbe mythische Gedanke in historische Tatsächlichkeit 
umgewandelt, so verliert er den zähen, überzeugenden Zusammen- 
hang seiner Teile und bekommt dafür bedenklich klaffende, unver- 
einbare Fugen. Der geschichtlidie Tyrann erliegt dem meuchelmör- 
derischen Pfeilschützen, ohne daß ein Zweikampf zwischen beiden 
vorausgegangen wäre. Es hat der Meisterschütze das ihm gesteckte 
Ziel bereits getroffen, er läßt jetzt den zweiten Pfeil, dem drängenden 
Vogt im Falle eines Fehlschusses zugedacht, sdiadlos im Goller 
und bekennt freimütig, wem dieser zweite vorbestimmt gewesen 
wäre. Und dennoch tut er wenige Stunden hernach den meuch- 
lerischen Schuß. Diese feige Tat sudit nach einer Entschuldigung, 
allein die vorgebrachten Gründe wollen nach keiner Riditung aus- 
reichen. Der Mord geschieht ja nicht aus Notwehr, denn der Schütze 
ist bereits aus seines Gegners Hand und frei. Er geschieht auch 
nicht als Folge einer zu vollziehenden und vom Landgesetz gebil- 
ligten Blutrache, denn nicht des Schützen Söhnlein, sondern der 
Apfel wurde getroffen. Was bleibt also bei solchem Mord anders 
übrig als die Rachetat eines in seinem Blödsinn zur Unzeit gereizten 
Toren, ein blinder Wutausbruch, der ebenso unzurechnungsfähig ist 
wie der TrefFschuß jenes Erblindeten 1 , welchem der Gott selbst er« 
liegt. Auf diesem Gedankenwege ist die Dümmlingssage in die 
Tellsage gekommen,- im Volksgewissen ist sie ausgedacht worden, 
um eine moralisch nicht zu rechtfertigende Tat doch vor der Ver- 
nunft mindestens zu entschuldigen und der Volksmund hat aus 
dem Wortvorrat den redenden Eigennamen Tall dazugegeben, 
<Rochho!z, S. 307 f.> 

Der verdienstvolle Verfasser hat hier offenbar zu schnell über 
die Volkssage abgeurteilt. Es steht doch besser um sie. Zunächst 
steht einmal fest, daß der Name Teil in Uri nicht gebräuchlich war,- 
daß also dann, wenn der Held einen bestimmten redenden Namen 
bekommt — daß er redend ist, bezeugt die Etymologie und der 



' Bei Rochholz, S. 46. 



62 



Dr. Emil Lorenz 



Gebrauch, der davon in den ältesten Überlieferungen gemacht wird — 
dieser redende Name mit dem Wesen der damit bezeichneten Person 
in einem Zusammenhang stehen muß. Es geht also nicht an, von 
verspäteten Namendeutungen zu reden. Es ist aber dieselbe Phan- 
tasie, die den Helden Teil mit dem Dümmling gleichsetzt wie jene, 
die in unglaublich kurzer Zeit den wirklichen Dümmling Don Carlos 
zum edlen Freiheitshelden umgestaltet hat. Das Problem liegt in 
der psychologischen Möglichkeit einer solchen Umgestaltung, zu- 
mal da die Tatsache keine solche der Geschidite ist, sondern der 
sagenbildenden Phantasie. 

Ohne zunächst in deren unbewußte Motive einzudringen, sei 
auf folgendes verwiesen. Der Held des Märchens ist sehr' oft mit 
übernatürlichen Kräften begabt,- er ist der Stärkste, Klügste, Un- 
widerstehlichste. Aber fast ebenso oft ist er der Sdiwache, Unschein- 
bare, Verachtete, der Jüngste und der Dümmste. Aber dieser 
Geistesmangel ist in den Dümmlingsmärchcn nicht das bleibende 
Erbgut des Helden, denn es zeigt sich gewöhnlich am Schluß, daß 
er kluger ist als die andern und die Braut heimführt. Die scheinbare 
Geistesschwäche wäre also ein Märchenzug. Noch viel weniger als 
der Märchenheld kann der Freiheitsheld in Wirklichkeit und auf die 
Dauer verrückt sein. Daran mußte man bald Anstoß nehmen. Diese 
Schwierigkeit zu beheben, bleibt nur übrig, die Narrheit oder Dumm- 
heit als eine Maske hinzustellen, die der Held angelegt hat, um den 
lyrannen zu täusien. Nicht minder verständlich ist es, daß audi 
dieser Zug der vorgeschützten Narrheit einmal eines Helden un- 
würdig erscheinen mußte. Der Held wird dann zum Schwelger wie 
riesko, zum Schwärmer wie Don Carlos, oder die Narrheit ver- 
flüchtigt sich zur Unbesonnenheit — Wilhelm Teil. 

Die Charakterisierung der Dümmlingsnatur des Freiheitshelclen 
als eines Märchenzugs ist literargeschichriieh zwar ausreichend, kann 
uns aber psychologisch nicht völlig befriedigen. Um ihr ihren psycho- 
logischen Ort zu bestimmen, müssen wir fragen, welche Umstände 
es sind, unter denen der Mensch anderen gegenüber als Narr er- 
scheint, ohne es zu sein. Wir kennen es nun als eine nicht gar 
seltene Einstellung des Kindes gegenüber den Eltern, daß es sich 
in gewissen Fragen, die seine Neugierde beständig beschäftigen, als 
ahnungslos hinstellt, ohne es zu sein, und unter der Maske der 
Unwissenheit mit der erwachsenen Ahnungslosigkeit sein Spiel 
treibt 1 . Diese Gleichzeitigkeit von Wissen und Nichtwissen ist also 
ein infantiler Zug. — Seine eigene Herkunft nicht wissend, löst 
Odipus das hochberühmte Rätsel der Sphinx und erweist sich so 
als ein Wissender. 

Diese Auffassung der Dümmlingsnatur des Freiheitshelden als 
eines infantilen Zuges fügt sich sehr gut ein in die schon gewon- 



1 Vgl. Theodor Reik: Psychoanalytische Bemerkungen über den zynischen 
Witz. Imago III, S. 574. 



Der politische Mythus 63 



neuen Einsichten über das Verhältnis zwischen dem Fürsten und 
dem Land. Der Sohn des Landes, könnten wir sagen, erhebt sich 
gegen den Landesvater, um das geknechtete Land von ihm zu 
befreien und, etwa wie Brutus, sich selbst an seine Stelle zu 
setzen '. 

Das Motiv der Vergewaltigung, welches wir als dem Sagen« 
kreis von Teil und Geßlcr — wie allen Sagen von der Unter- 
drückung und Befreiung eines Landes — zugehörig erkannt haben, 
wiederholt sich in einem Zug, der, insofern er ebenso der Legende 
wie dem Kult angehört, für uns noch eine größere Beweiskraft er- 
hält. Es ist die Verbindung des Kümmernis kults mit der Be- 
frei ungsgeschidite der Waldstätte. 

Das Tatsächliche des Kults besteht in Wallfahrten, die jährlich 
im Monat Mai von Bürglen in Uri, dem Ort Wilhelm Teils, nach 
Steinen in Sdiwyz, dem Ort Stauffachers und umgekehrt unter- 
nommen wurden, und zwar zu den an den beiden Orten befind- 
lichen Kümmel niskapellen. Darüber sind die alten Berichte bei 
Rochholz <S. 157 ff.) nachzulesen. 

Die Legende erzählt-, die heilige Kümmernis, auch Wilgefortis 
genannt, sei eine Königstochter in Portugal oder Holland gewesen, 
die sidi zum Christentum bekehrt hatte. Ihr heidnischer Vater hatte 
sie einem König von Sizilien versprochen, nach anderen Berichten 
habe er selbst ihrer in ungeziemender Weise begehrt. Da bat die 
Jungfrau Gott, er möge sie entstellen, damit sie ihre Reinheit be- 
wahren könne. Ihre Bitte wurde erhört und es wuchs ihr über 
Nacht ein mächtiger Bart. Ergrimmt über ihre Halsstarrigkeit, ließ 
sie ihr Vater ans Kreuz schlagen. Am Kreuze hängend, predigte 
sie, bekehrte viele Heiden zum christlichen Glauben und erbat sich 
von Gott die Gnade, daß alle, die sich in vertrauensvollem Gebete 
an sie wandten, von allem Kummer des Leibes und der Seele 
befreit würden. 

Einst spielte ein Geiger vor dem Bild der gekreuzigten Jung- 
frau. Da warf sie ihm einen ihrer goldenen Schuhe zu. Als man 
nun den Schuh vermißte und dann bei dem Geiger fand, hielt man 
ihn für einen Dieb und verurteilte ihn zum Tode. Da bat er, als 
er zum Richtplatz geführt wurde, noch einmal vor dem Bilde spielen 

1 Vor der Könige bleichem Gesicht 
Ersteht das Volk, das mit Hohn 
Sie getreten einst und bespien ,• 

Und die Throne werden verweht 
Und der starke, des Landes Sohn, 
Setzt ein die Sicheln und mäht. 

Swinburne, Messidor, 
(Übertragung von Otto Hauser.) 

- Am vollständigsten in den Acta Sanctorum (Mensis Julii Tomus V> der 
Bollandisten enthalten. 



64 Dr. Emil Lorenz 



zu dürfen. Man gewährte Ihm die Gnade und da warf ihm das 
Bild auch den zweiten Schuh zu. Nun erkannte man seine Unschuld 
und ließ ihn frei. 

Ausgehend von Roch holz' Nachweis, daß die Tellskapelle 
zu Bürglen und die Kapelle im Hause Stauffadiers zu Steinen 
ursprünglich Kümmerniskapellen waren, muß unsere Frage im Zu» 
sammenhang dieser Untersuchung lauten: Welche Bedeutung der 
sonderbaren Heiligen, sei sie nun bewußt oder unbewußt erfaßt, 
und welche Auffassung von der Landbefreiung hat es ermöglidit, 
daß diese beiden Kümmerniskapellen zur Zeit der Ausbildung der 
Tell=Geßler=Sage zu den Haupthelden des Befreiungskampfes in 
Beziehung gesetzt wurden? 

Ausgehend von der Grundbedeutung des Wortes Kummer, 
welches ursprünglich eine persönliche oder sachliche Belastung be- 
deute, und unter Hinweis auf den wiederholten Gebrauch der Worte 
»bekümmert« und »Kummer« in den Quellen 1 im Sinne einer er- 
littenen und in Reditskraft erwachsenen Beschlagnahme und Behaftung 
schließt Rochholz, daß die sonderbare Heilige Kümmernis, die ihre 
Gläubigen entkümmert, mit Teil und Stauffacher in Verbindung ge- 
bracht wurde, weil diese von Geßler bekümmert, dann aber durdi 
die Befreiung des Landes der Behaftung entledigt wurden. 

Die Verdienste unseres Autors um die Aufhellung der 
wichtigsten Zusammenhänge in unserem Gegenstande sind un- 
bestritten und die nachfolgenden Ausführungen wollen weniger eine 
Kritik als eine Fortbildung seiner Gedanken sein. — Wir müssen 
uns zunächst die zeitlichen LImstände klar madien. 

Die Kämpfe zwisdien den Grafen von Habsburg, die damals 
noch nicht Herzoge von Österreich waren und ihre Oberhoheit über 
die Waldstätte verteidigten, fallen in die Tahre 1245 bis 1252. Sie 
endeten mit einem vorübergehenden Erfolg. Daß nun die Sage die 
Befreiung nidit in diese Zeit und auch nicht in die Jahre vor 1291 
verlegte, in welchem zwischen den Waldstätten ein neues Bündnis 
geschlossen wurde, auch nicht mit der Schladit bei Morgarten <1315> 
in Zusammenhang brachte, sondern in die Jahre 1307 und 1308 
verlegte, hat einen historischen und einen noch widitigeren psydio- 
logischen Grund. Im Jahre 1309 waren die Waldstätte vow Hein- 
rich VII. für reichsfrei erklärt, ein Jahr vorher König Albredu 
ermordet worden. Es lag nahe, die Befreiung mit der Ermordung 
des vermeintlichen Tyrannen in zeitliche Verbindung zu bringen, 
wenn auch die Keckheit sich nicht so weit vorwagte, einen ursäch- 
lichen Zusammenhang herzustellen. 

Es ist nun auffällig, daß die zwei Datierungen der Errichtung 
der beiden Kapellen zu Bürglen und Steinen, 1307 und 1387, die- 
selbe Beziehung zu wichtigen Geschichtsdaten haben. 1307 wäre 
wieder das Jahr vor Albrechts Ermordung, beziehungsweise in der 

1 Schälly: Chronik des Weißen Buches , Tsdiudi. Vgl. Rochholz, S. 433 ff. 



;n von liabsburg, die damals 
ren und ihre Oberhoheit über 
die lahre 1245 bis 1252. Sie 
Lrfolg. Daß nun die Sage die 

L „:J.. :.. J:~ I_l 1701 




Der politische Mythus 65 



Sage das Jahr Teils und Geßlers, 1387 das Jahr der Schladit bei 
Scmpadi. Die beiden Daten für die Kapellengründung sind aber 
historisch unzuverlässige Rekonstruktionen, ebenso wie das dritte 
Datum, 1400, denn die erste wirkliche Urkunde über die Stauffacher- 
kapelle stammt aus dem Jahre 1684,- vgl. Roch holz, S. 443. 

Man erkennt hieraus, daß das Bestreben gewaltet hat, die 
unbestimmt wann zu Ehren der heiligen Kümmernis gegründeten 
Kapellen nachträglich mit der sagenhaften Befreiungsgeschichte der 
Schweiz und ihren noch sagenhafteren Helden in Beziehung zu 
bringen. Auf der Suche nach einem Grund für dieses beharrliche 
Streben scheinen sidi uns nun die Züge der Legende darzubieten, 
sofern wir sie in den Zusammenhang der früher auseinandergesetzten 
Grundanschauungen einordnen. 

Zunächst glaube ich nämlich nidit, daß der Begriff des Kummers, 
auch in seiner alten, konkreteren Bedeutung einer in Rechtskraft 
erwachsenen Belastung, imstande gewesen wäre, sich zu der Person 
einer Heiligen, die von dieser Art Kummer erlöst, zu verdichten. 
So mögen Gestalten theogonischer Spekulation, nicht aber Heilige 
eines volkstümlichen Kultus entstehen. 

Auf der Suche nach einer lebendigeren Grundbedeutung stoßen 
wir auf ihre niederdeutsche Namensform Ontkommer, Ontkommera 
<Entkümmerin). Ferner gebraucht die Volkssprache noch heute das 
Wort in konkreter Bedeutung als Schutt, Bauschutt,- die Wein- 
berge am Rhein werden noch heute gekümmert, d, h. mit Steinschutt 
gefüllt, um den Sonnenbrand fernzuhalten. Audi das französische 
decombres bezeichnet noch den Bauschutt. Der Schutthaufen dient 
auch als Verhau, als ein von der Kriegskunst geschaffenes Hindernis. 
In ähnlichem Sinne erscheint bei Gregor Turon. »Cumbri« als Be= 
Zeichnung einer Flußeindämmung, welche aus eingerammten Baum» 
Stämmen mit zwischengefüllter Erde besteht und zur Hegung und 
zum Fang von Fischen dient. So gelangt das Wort in die Rechts» 
spräche als Ausdruck für Haft <Arrest>/ der ursprünglich konkrete 
Sinn eines Hindernisses zum Zwedte des Aufhaltens ist geblieben 1 . 

In diesen Zusammenhang gehört nun aucfi der ointe Onfc» 
kommers Polder, Sankt Ontkommers Meeresdamm, bei dem Dorfe 
Steenberg in Holland, wohin die oberdeutsche Legende die Heilige 
beharrlich versetzte, noch zu einer Zeit, wo diese Gegend längst 
protestantisch war und von der Heiligen selbst nichts mehr wußte. 
Dieser Meeresdamm hatte aber die Aufgabe, das durch ihn ge- 
schützte Land zu entkümmern, d. h. vor Überschwemmung und 
Verschlammung zu bewahren. 

Ohne den Anspruch zu machen, die überaus verwickelten 
Probleme der Legende von der heiligen Kümmernis damit gelöst 

1 Rehorn: Der heilige Kummernus oder die heilige Wilgefortis. Ein Bei- 
trag zur Geschichte und Deutung eines alten Kultus. Germania, Vierteljahrsschrift 
für deutsche Altertumskunde, herausgegeben von Bartsch, 32. Jahrgang, Wien 1887, 
S. 474. Übrigens deutet der Verfasser die Gestalt der Heiligen auf Thor. 

Imago VI 1 5 



66 Dr. Emil Loren; 



zu haben, was eine res magni laboris wäre, finde ich mich zu dein 
Schluß berechtigt, daß wir hier einem mythologischen Begriff von 
der belasteten und entlasteten Erde auf der Spur sind, ähnlich dem, 
von dem Solon spricht, als er die Lastcnabsdu'ittlung, die mtoäy^)nn, 
durchgeführt hatte. 

»Sobald wir in die Reste des ältesten attischen Diditers blicken, 
treffen wir auf die wunderbar persönlich göttlich geschaute schwarze 
Mutter Erde, der sie die ooo<, die Schuldstcinc, in den Leib ge- 
stoßen haben. Solon hat sie weggenommen und der befreiten Erde 
filr die <h<ot'a ouaäyihm. Die ffityQ ftsytovti öoufxövcov 'OkvfwUov, 
'fj iti/Mtva, soll für Solons Werk als Zeugin auftreten'.« 

Dieses Motiv nun der Belastung und Entlastung der Erde, 
welches, in die rein menschliche Sphäre gerückt, zum verwirklichten 
oder verhinderten stuprum wird, ist dasjenige, welches die Legende 
und den Kult der heiligen Kümmernis mit der Befreiungsgeschidue 
der Waldstätte verknüpft hat. Aus den früheren Ausführungen wissen 
wir, daß sich im »Fiesko« die Gefährdung der republikanischen 
Freiheit darstellt als Ansdilag auf die Ehre der symbolischen Ge- 
stalt Bertha und daß auch im »Wilhelm Teil* die Gefährdung und 
Rettung der Freiheit begleitet ist von Bcrth.is Einkerkerung und 
Befreiung. Diese unbewußte Symbolik darf auch hier als wirkend 
angesetzt werden und dann ist die vom Inzest bedrohte Kümmernis 
das Bild eines gegen die Gewalt eines Herrsehers sich sträubenden 
Landes, Die drei parallelen Motive also, nämlidi 1. die abgewendete 
Bekümmerung (Inzest) durdi den Vater (in der Legende)/ 2. Ent- 
kümmerung des Kulturbodens <Sinte Ontkommers Polder) und 
3. Befreiung des Landes von der Gewaltherrschaft <in Sa%e und 
Brauch) erwachsen aus einer im Unbewußten vorhandenen integralen 
Vorstellung (Ödipuskomplex). 

Die übrigen Motive, so sehr sie ebenfalls eine Behandlung 
mit den Hilfsmitteln der Psychologie des Unbewußten forderten, 
muß ich in diesem Zusammenhang übergehen. 

So wenig ich es noch an der Zeit halte, mit einem ab- 
schließenden Ergebnis der bisherigen Untersuchungen hervorzutreten, 
so sehr ist es wieder erforderlich, daß wir uns Inhalt und Bedeutung 
des bisher Gefundenen zum Bewußtsein bringen. 

Die in vielen anderen Beziehungen — die Gegenstand zum 
Teil der Staatslehre, zum Teil der Soziologie sind durch wirklidi- 
keitsgemäße Motive der Zweckmäßigkeit bestimmten, zwischen dem 
Fürsten, dem Volk und dem Land obwaltenden Relationen sind in 
ihrem psychischen Grundbestand durchwirkt von den wirklichkeits- 
fremden Motiven der typischen Familienkonstellation. Das hat zur 
Folge, daß jedes politische Geschehnis zu seinem vollen Verständnis 
der Verfolgung in die Dimension dieser unbewußten Faktoren 
bedarf. Es sind diese Faktoren identisd» mit jenen, die wir schon 

1 Dieterich: Mutter Erde, S. 37, 



Der politische Mythus 67 



eingangs als die Imponderabilien des staatlich-gesellschaftlichen Lebens 
bezeichneten. Von der Feststellung dieses Vorhandenseins ist der 
nächste Schritt der zu der Erkenntnis der funktionalen Abhängige 
keit dieser einzelnen Faktoren voneinander. Es würde die Lösung 
dieser Frage uns in den Stand setzen, die unbewußte Dynamik 
konkreter Geschichtsepochen in Erkenntnisnähe zu bringen. 

Der Herrscher ist in allen seinen Formen, auch in der älteren 
Form des Priesterkönigs und der noch älteren des Magiers 1 , eine 
Erneuerung der Vater-Imago. Von den beiden Grundelementen des 
Staates, der genossenschaftlichen und herrschaftlichen Verbindung, 
stellt er die sichtbare Verkörperung der zweiten dar. Die affektive 
Einstellung zu ihm wäre schon aus diesem Grunde eine ambivalente. 
Unterstützend für diese tritt nun noch sein aus Sage und Mythus 
erschlossenes Gattenverhältnis zur Erde dazu. Die Erde aber, als 
mütterliche Potenz, entspricht dem ersten, dem genossenschaftlichen 
Element, als die gemeinsame Mutter aller Sterblichen, der gegen- 
über alle Menschen Brüder sind. Es ist einleuditend, daß die or- 
ganisierende, ordnende, Unterschiede setzende Gewalt des herrschaft- 
liehen Prinzips in einem bald offenen, bald versredeten Gegensatz 
zu der ausgleichenden, begütigenden, spendenden Gewalt der Erde 
stehen muß. Das hat zur Folge, daß in allen Krisen, die — aus 
welchen Ursachen immer — das väterliche, herrschaftliche Prinzip 
erschüttern — und eine Bereitschaft, es erschüttern zu lassen, ist 
immer vorhanden — eine sozusagen automatische Hinwendung zu 
der mütterlichen Potenz des heimatlichen Bodens eintritt. Hier ist 
es nun von ungeheurer Bedeutung für den Verlauf einer jeden 
Revolution, ob die große Masse des Volkes noch ein seelisches, 
wenn auch unbewußtes Verhältnis zum Boden besitzt. Sie vermag 
dann ohneweiters eine große Menge der bei der Ablösung von der 
Person des Fürsten freiwerdenden Libido, die sich dem Bewußtsein 
als Anhänglichkeit, Treue, Loyalität darstellt, auf die komplementäre 
Potenz zu übertragen. Auf diesen Vorgang wurde bereits bei Be- 
sprechung der »Jungfrau von Orleans« hingewiesen. Die bedrängte 
Muttererde gewinnt selbst Gestalt und erwehrt sich in der Person 
des reinen Mädchens der Eindringlinge, die ihren Leib bedrohen. 
Anders dann, wenn diese Übertragung gehemmt ist, sei es, daß 
der Haß sein Objekt nicht lassen kann, um ihm immer wieder das 
zu rauben, was er ihm vorher überreich gespendet hatte, sei es, 
daß die lange dauernde Losgelöstheit von der Scholle den Menschen 
der Erde mehr entfremdet hat, als mit dem Menschenwesen ver- 
einbar scheint 2 . - Dann trägt der Mensch eine Last von unbewußten 

1 Vgl. Frazer: Lectures on the early history of the kingship, London 1905, 
Lecture IV — V. 

1 In einem alten Buch lese ich die sehr zeitgemäßen Worte: Das Erste und 
Letzte des besseren Menschen ist der heimatliche Boden. Wenn ihm eigentümlich 
kein Grashalm sproßt, keine Blüte vom Baume haucht — wie deutet und begreift 
er da das Wohl und Weh des Landes? — Die Zertrümmerung des Bodens, lediglich 



68 



Dr. F.mil Loren; 



Affekten, Vorstellungen und Funktionen mit sich, mit denen er 
nicht fertig wird. Er ist besessen von ihnen. Seine Libido strömt 
zurück. Er wird zum Wilden, zum Tier. Der Herrsdicr wird ihm 
zum Magier, den er erschlägt und verzehrt, wenn er glaubt, daß 
sein Wirken dem Stamm Unheil gebracht hat. 

Daß auch in diesem ominösen Landstrich, der sich Europa 
nennt, die Menschen vor diesem Rückfall in urtümliche Barbarei 
nicht bewahrt sind, lehrt eine Gesdüchte aus der französischen Revo» 
lution, die Hippolyte Taine 1 wohlverbürgt wiedergibt. Sie handelt 
von dem grausigen Ende des Herrn voi\ Gtiillin-Dumontet, 
Seigneurs auf dem Schloß zu Poleymieux bei Lyon. 

»Am 26. Juni 1791 um zehn Uhr morgens ziehen die Muni- 
zipalitäten von Poleymieux und zwei anderen Ortschaften beschärpt 
und in Begleitung von 300 Nationalgardistcn vor das Schloß und ver- 
langen — da sie keinen anderen Vorwand haben die 1 lerausgabe 
der Waffen. FrauGuillin erscheint, erinnert die Ruhestörer an das Ver- 
bot des Departements und ersucht um Vorweisung eines sie zu dieser 
Expedition berechtigenden amtlichen Befehls,- man verweigert die Vor- 
zeigung. Nun kommt der Schloßherr selbst heraus und erklärt, öffnen 
zu wollen, falls man die Ordre vorzeigt,- dies kann man nicht tun, weil 
man eben keine Ordre besitzt . . . Das Haus wird von unten bis oben 
geplündert und dann in Brand gesteckt. Guillin, der sich in den 1 urm 
geflüchtet, schwebt bereits in Gefahr, von den Flammen erreicht zu 
werden, als einige der Angreifer •-- weniger grausam als die übrigen — 
ihn ermuntern, heranzukommen. Da sie sich für sein Leben verbürgen, 
leistet er ihnen Folge. Aber kaum ist er unten, wirft sidi die Menge 
auf ihn und schreit, daß er umgebracht werden müsse, da er vom Staat 
eine Leibrente von 36.000 Francs beziehe, und daß diese Summe nach 
seinem Tode der Nation zugute kommc.Man haut ihn i!iStücke,schncidet 
ihm den Kopf ab, trägt diesen auf der Spitze einer Lanze umher, zer- 
harkt den Leichnam in kleine Stückchen, die man an die Pfarrbezirke 
versendet/ einige tauchen ihre Finger in das Blut des Ermordeten und 
bemalen sich damit das Gesicht. Die Verwirrung, der Lärm, die Feuers- 
brunst, der Diebstahl, der Mord scheint in der Rotte nicht bloß die Grau- 
samkeitstriebe der Wilden, sondern auch die blutdürstigen Gelüste der 
Raubtiere geweckt zu haben/ mehrere lassen sogar einen Vorderarm des 
Entseelten braten und verzehren denselben bei Tisch*.« 



nachdem Handelsprinzip. . . zerstört die Familien; utorilät in ihrer Wurzel und damit 
das innerste Staatsleben. Griechenland mußte in Sklaverei geraten, sobald es nur 
Kaufleute und keine Gutsbesitzer hatte. — ]. H. v. Koch-Sternfcld: Beyträge zur 
teutsdien Länder», Völker», Sitten- und Staatenkunde, Passau 1825, 1. Band, S. 346. 

1 Entstehung des modernen Frankreich 11, 1/ S. 381. 

5 Alle £üge dieses Gemäldes, das ich hier entworfen habe, sind mir von 
Frau Dumontet selbst geliefert worden. Sie ermächtigt midi durch ihre Unter* 
sihrift, für die Richtigkeit der Erzählung einzustehen. (Anmerkung von Taine. > 

Mallet-Dupan im Mercure de France vom 20. August 1791: Das in Lyon 
eingeleitete Verfahren hat die Richtigkeit dieser Menschenfresserei bestätigt. (An- 
merkung von Taine.) 






Der politische Mythus 69 



Man vergleiche noch den Fall des Generafadj'utanten Laien, 
dem ein Soldat das Herz herausriß und an den Mund führte, als 
wollte er es verschlingen, und eine ähnliche Behandlung des zer- 
stückelten Leichnams der Fürstin Lamballe 1 . Im Blute des General- 
majors de Rochemaure wäscht der Henker seine Hände und be- 
sprengt damit die Zuschauer 2 . 

Die Geschichte des Herrn von Guillin-Dumontet ist ein völker- 
psychologisch^politischcs Gebilde von seltener Durchsichtigkeit. Es 
ist, als ob die ganze Reihe von Umwandlungen und Differenzie- 
rungen, die aus dem Vater der Urhorde in unendlich langen Zeit= 
räumen den Totem, den Herrscher und den Gott gemacht haben, 
hinweggenommen wäre. Herrn von Guillin-Dumontet widerfuhr es 
auf diese Weise, von dem rasenden Rücklauf, in den der höchst 
komplizierte Mechanismus europäischen Denkens und Handelns in 
jener großen Zeit geriet, ergriffen und auch in der leidvollen Wirk- 
lichkeit an jenen psychologischen Ort geschleudert zu werden, an 
dem sich seinesgleichen vor Zehntausenden von Jahren realiter, dann 
aber Äonen hindurch nur mehr unbewußt befunden haben. Als der 
Vertreter der sonst tinberührbaren herrschenden Kaste wird er bei 
diesen Saturnalien der Canaille wie der Totem getötet, zerstückelt 
und von der Gemeinde verzehrt, die sich so auf mystische Weise 
zur Identität mit ihm erhöht. Es liegt nahe, daß die Ströme edlen 
Blutes, die in jenen Tagen vergossen wurden, einem ähnlichen 
unbewußten Wahn geopfert wurden 8 . 

Das Bewußtsein freilidi fand für diese Vorgänge, von denen 
es sich plötzlich überschwemmt sah, nidbt mehr die richtigen Worte. 
Die Sprache war ja seit jenen fernen Tagen immer mehr in den 
Dienst wirklichkeitsangepaßter Interessen gestellt worden. Trotzdem 
isr es aus dem Zusammenhang heraus nicht schwer, zwischen dem 
Ausruf, der Seigneur beziehe eine jährliche Rente von 36.000 Francs, 
die nach seinem Tode der Nation zugute komme, und der urzeit- 
lichen Opferung einen Zusammenhang in dem Sinne herzustellen, 
daß dieser Ausruf die neuzeitlich-ökonomische Ausdrucksform dar- 



1 Taine, II 1, S. 307. 

' Taine, ebdt. S. 360. 
Taine wird nicht müde, den unpersönlichen Charakter dieser Exzesse zu 
betonen. »Nirgends bricht der Aufstand infolge persönlicher Rache der Dörfer an 
ihren Seigneurs aus. Nicht aus Groll schießt der Bauer auf den ihm in die Quere 
kommenden Edelmann, nidit ein Individuum, sondern eine Klasse wird verfolgt 
und soll vertilgt werden. 

Im Bezirk von Cremieux, wo die Zerstörungssucht eine große Ausdehnung 
angenommen hat, sind, wie die Gemeindebeamten jener Stadt berichten, alle Adeligen 
Patrioten und Wohltäter. In der Da,uphinee sind die Seigneurs ... die ersten ge- 
wesen, die den Ministern gegenüber die Verteidigung der Volksrechte und der 
öffentlichen Freiheiten in die Hand genommen haben. 

In der Auvergne zeigen sich die Bauern selbst sehr unwillig, ,gegen so gute 
Seigneurs so übel vorzugehen', aber sie glauben es tun zu müssen.« (Taine, 
a. a. O. S. 101 bis 102. — Deutlicher ließe es sich gar nicht ausdrücken, daß es 
sich dabei um einen aus dem Unbewußten stammenden Zwang handelte.) 



70 Dr. Emil Lorenz 



stellt für das Freiwerden der mystisdien Kräfte, die sidi die Ge- 
meinde im Fleisch und Blut des Getöteten aneignet. 

Die hier entwickelte Auffassung dieser Geschichte hat vielleicht 
manches Ungewohnte. Was mich indes bewogen hat, mich nicht mit 
der Marke »neuzeitlicher Kannibalismus« zufrieden zu geben, war 
einmal die Überzeugung, daß der Kannibalismus, wenn er über- 
haupt jemals eine bloß ökonomisch bedingte Erscheinung war, von 
einer gewissen Kulturstufe an jedenfalls ein psychologisches Problem 
zu werden beginnt. Bestimmend dafür waren auch eine Reihe von 
Zügen des gemeldeten Ereignisses, durch die dieses über ein bloßes 
Töten und Verzehren hinausgehoben wird. So erscheint mir ins- 
besondere das Verschidcen der Leichenteile an die umliegenden 
Dörfer als ein später Nachhall irgend eines urtümlichen Ritus. 

Das französische Volk hat, ehe es noch in einem seiner ge- 
waltigsten Erlebnisse, Napoleon, die Rüdekehr zur ordnenden 
väterlichen Gewalt feierte, einen Ausweg aus der verderblichen 
Stauung seiner seelischen Energie in der geglückten Übertragung auf 
einen anderen irrationalen Gegenstand gefunden, auf den von den 
dunklen Mythen frühester Menschheitsgesdiichtc mit den Schleiern 
des Geheimnisses umsponnenen Boden der Mutter Erde. Die Vater- 
idee des Königs war zu einem bloßen Sdiemen verblaßt, dafür 
hebt die mütterliche Gestalt der Erde ihr Haupt aus dem Dunkel 
des Unbewußten hervor. Der Volkskörper gesundet in ihrem An- 
blick und im Kampf für das neu* oder vielmehr wiedergefundene Ideal. 

Man betrachte unter diesem Gesichtspunkte etwa die Mar- 
sellaise. Als Kunstwerk steht sie ja nicht sehr hodi und ihr Palhos 
ist stellenweise geradezu lächerlich. Aber wie sehr ist sie von diesem 
irrationalen Moment, der Liebe zum Boden des Vaterlandes, des 
Amour sacre de la patrie durchdrungen: 

S' ils tombent, nos jeunes heros. 

La terre en produit de nouveau: 

Contre vous tout prets ä se battre 

heißt es in der vierten Strophe,- besonders deutlidi aber in der fünften: 

Tous ces tigres qui sans pitie 
Dechirent le sein de leur mere'. 

<Gemeint sind die Emigranten, die Frankreich mit fremder Hilfe 
bekriegten.) 

Dann der Refrain: 

Marchez, qu' un sang impur*abreuve nos sillons, 




1 Vgl. Livius II, 40, 6: potuisti populari lianc terrnm quae te genuit 
et aluit? sowie die Beispiele bei Rank, »Um Städte werben« und Dnltner, »Die 
Stadt als Mutter«. Internat. Ztsdir. f. ärztl. Psychoanalyse II, S. 50, beziehungs- 
weise 59- 



Der politische Mythus 71 



was an uralte Opferbräuche anklingt. Auch derChant du depart 
von Joseph Chenier, der aus derselben Zeit stammt, schlägt 
ähnliche Töne an — in den Worten der Mutter an die ausziehenden 

Soldaten: ,, , , . 

Nous vous avons donne la vie, 

Guerriers, eile n' est plus ä vous. 

Tous vos jours sont ä la patrie, 

Elle est votre mere avant nous. 

Frankreich ist bewundernswert wegen dieser Fähigkeit, aus 
den schlimmsten Krisen seiner Geschichte bisher noch immer durch 
eine derartige Idee oder ein Symbol von hinreißender Wirksamkeit — 
wie die »Jungfrau von Orleans« — den Ausweg gefunden zu haben. 
Das unter dem Zeichen des »unsterblichen Frankreich« während des 
letzten Krieges vor sich gegangene Bündnis zwischen Atheismus und 
Katholizismus war ein neuer Beweis dafür. Deutschland dürfte sich 
glücklich schätzen, wenn es ähnlich begnadet wäre. 



Unter den neueren Dichtern gibt es keinen, der der vater= 
feindlichen, revolutionären Tendenz und dem Streben nach Freiheit, 
die immer wieder unter dem Bild der Mutter geschaut wird, mit 
größerer Leidenschaft zum Ausdruck verholfen hätte als Swin- 
burne in seinen »Liedern vor Sonnenaufgang« 1 . 

Swinburne hat neben manchem Rhetorischen — er hat lyrisdie 
Gedichte mit mehr als 40 Strophen — glänzende Verse geschrieben, 
in denen die Pracht alter Mythen wieder lebendig wird: vor allem 
die wunderbare »Hertha«, einen Sang an die Erdenmutter, der 
mit einer lebendigen Fähigkeit urtümlicher Anschauung mühelos all 
die Symbole wieder schafft, unter denen die vielgestaltige Göttin je 
verehrt wurde. 

Hier möchte ich aber vor allem hinweisen auf die beiden Stücke, 
die mit Mater dolorosa und Mater triumphalis überschrieben 
sind. Während das erste, dem das Motto aus Viktor Hugos 
»Miserables« vorangestellt ist: 

Citoyen, lui dit Enjolras, 

Ma mere, c' est la Republique, 

die mütterlidie Gestalt der Freiheit im Zustand der Unterdrückung 
vorführt, ist die »Mater triumphalis« ein Siegeshymnus, nicht nur 
auf die Freiheit, die Republik und den mütterlichen Typus der 
Gemeinschaft, sondern auf die Mutteridee überhaupt. Ich führe 
gerade nur die bezeichnendsten Strophen daraus an. 

1 Songs before Sunrise. London, Chatto and Windus. — Ich zitiere nach 
den Übertragungen von Otto Hauser, Weimar 1912, Alexander Dunckers Verlag, 
nur was dort nicht übersetzt erscheint, nach dem Urtext. 



72 Dr. Emil Lorenz 



1. Mutter der zeitdurchwandernden Geschleduer, 
Hauch aus des Menschen Mund, sein Lebensblut, 
Gott über allen Göttern, reiner, echter, 
Licht überm Licht bist du, das höchste Gut. 

8, Die Sagen, in der Urzeit ausgesponnen, 
Die grauen, die uns bergen deinen Schein, 
Die Göttermären, die der Mensch ersonnen, 
Er wob sie dir zu Kleid und Flor allein. 

9. Jedem wird deine Hand Erquickung geben, 
Der matt von falschem Frieden oder Streit, 
O du, die Auferstehung und das Leben, 
Das Heil und Gott und Mensen in Einigkeit. 

10. Dein Schwingenpaar schattet das Wasser, deine 
Augen durchstrahlen Lidit und Finsternis, 

Von deiner Füße feuerhellem Scheine L 

Wird licht der Erde dunkeltiefster Riß. 

18. Nackt ist im Glänze wie der ersten Stunden, 
Ein neugeboren Mägdlein dann die Welt, 
Die Erde ihrer Liebe all entbunden, 

Der Himmel all von seinem Glanz erhellt. 

19. Denn sie sind dein in ihrer Jubelfeier, 
Dein tiefste Tiefe, höchste Höhe dein, 

Was Schemen war, der Zeit zerrissne Schleier, 
Wie Konge, hingestürzt vor deinem Schein. 

22. Den Kronenhäuptern ist das Lidit genommen, 
Der nahe Morgen macht die Fackeln bleich, 
Denn sie erlöschen, wenn das Licht gekommen; 
Die Reiche so, wenn zu uns kommt das Reich. 

24 ' fv Mj tter ' sich ' idl bin ta «feto«" Händen 
Die Harfe, die nur Liebe singt zu dir. 
Wie Wind und Meer im Kampfe nimmer enden, 
Also in unsrer Liebe ringen wir. 

25. Kein Höfling bin ich, zu geringem Lohne 
Von dir gedungen zu geringer Pflidit, 
Nicht schrecken mich dein Sturm, gestürzte Throne, 
Geschmolzne Kronen mich, selbst Sünden nicht. 

26. Du hast gesündigt, doch bist frei von Sünden. 
Du warst besudelt, doch bist makelrein , 
Verwandt dem Menschen, doch nicht zu ergründen, 
oat deinem Schoß die Zeit die Saaten ein. 

27 • Hi bitte didi, furchtbare Mutter, sende 

Mir, wasdu immer willst, ich dank' es dir! 
Wie war s, wenn je ein andrer vor dir stände 
An dieser meiner Statt, wie dann mir mir? 



Der politische Mythus 73 



39. Komm, ob vor dir zur Läutrung hergetrieben, 
Verzehrend Feuer auch die Welt durchloh r, 
Laß nur dein Antlitz sehn uns, die dich lieben, 
Und wär's zum Tod uns, komm, gib uns den Tod! 1 

Auch der psychologische Laie darf sich hier fragen, wie der 
Dichter eines Landes, das Tyrannenmacht seit Jahrhunderten nicht 
mehr verspürt hat, wie insbesondere ein Poeta laureatus des Victorian 
Age zu diesen revolutionären Tönen kommt. Nur die psychologische 
Einsicht, daß die revolutionäre Gesinnung, komme sie nun in Worten 
oder Taten zum Durchbruch, keines von den sichtbaren Gebilden 
ist, die der Strom des politischen Getriebes selbst anschwemmt, 
sondern daß sie eine Schichte des Urgesteins bildet, aus dem jener 
Strom erst entspringt, vermag dieses Phänomen zu erklären. 



Die Zerstörungssucht, wie die vulgäre Psychologie sagt, der 
Negativismus in der Sprache der Bewußtseinspsychologie, die Feind- 
schaft gegen die Realität und das Weib, beide verursacht durch eine 
nicht überwundene Bindung an die Person der Mutter selbst, nicht 
an ihren Typus, sind Kennzeichen nicht nur der Attentäter 2 , sondern 
der großen Revolutionäre überhaupt. Der Abscheu erregende Marat 
gehört ebenso zu ihnen wie der Tugendfanatiker Robespierre. Was 
zwischen dieser Art Menschen und einem Swinburne liegt, das ist 
nun allerdings eine Kluft, genau so groß wie die zwischen Ungeist 
und Geist und ich glaube an keine geistige Chemie, die uns zeigt, 
wie dieser aus jenem entstünde. Nur die unbewußte Dynamik stellt 
eine Gemeinsamkeit her und nur diese ist das Thema der Psycho» 
logie und der Psychoanalyse. 



Man muß der Versuchung entsagen, in dem Gegensatz des 
monarchischen, auf der Idee der Herrschaft begründeten Staates und 
der auf Gleichheit und Brüderlichkeit gegründeten Republik einen 
Universalschlüssel für die Erkenntnis alles historischen Geschehens 
erblicken zu wollen. Was in Wirklichkeit Republik heißt, entspricht 
bei weitem nicht immer dieser idealen Republik im Sinne der revo= 

1 Vgl. noch die Schlußzeilen des Song of the Standard: 

This thing is the fairest in all time of all things, In all time is the best — 
Freedom, that made thee, our mother, and sudded her sons at thy breast/ 
Take to thy bosom the nations, and there shall the world come to rest. 

<Songs before Sunrise, p. 228) und die umfangreiche Insurrection of Candia 
<p 240 — 250>, besonders Antiphony 5,- ferner Epilogue <p. 278) und Mentana: 
First Anniversary <p. 65>. • . 

2 Vgl. Rank: Der Familienroman in der Psychologie der Attentäter. Inter- 
nationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse I, S. 565 ff. Hans Blüher: Die Rolle 
der Erotik I, S. 104, über den Apachen Bonnot und den Königsattentäter d'Alba. 



74 Dr. Emil Lorenz 



lutionären Dichtungen Swinburnes. Und ein mütterlicher Staats- 
typus wäre sie in jedem Falle nur dann, wenn der Wegfall jeder 
affektiven Beziehung zum Repräsentanten der höchsten Gewalt schon 
einen mütterlichen Staatstypus ergäbe. Das ist nun offenbar nicht 
der Fall, wie ein Hinblick auf das alte Rom und das moderne 
Frankreich lehrt. Aber immerhin, dem Unbewußten erleichtert das 
Fehlen dieser Relation die Hineinlegung des weiblichen und mütter- 
lichen Elements. Es ist von der unheilbaren Illusion erfüllt, daß das 
Glück von der Freiheit abhängt und daß die Freiheit identisch sei 
mit der politischen Freiheit, wie man sie durch die revolutionäre 
Beseitigung der Monarchie zu erringen wähnt. So sehr nun auch 
Wissenschaft und Praxis die sozialen und wirtsdmftlichen Abhängig- 
keiten als die eigentliche Quelle aller Unfreiheit erkennen lassen, so 
ruht sich die menschliche Naivetät von diesem notwendigen, aber 
überaus schwierigen Kampf gegen ungreifbare Mächte immer wieder 
gern in einem Kampf gegen persönliche, greifbare Gewalten aus. 
Jedes revolutionäre Zeitalter tritt einmal in ein Stadium lustvollcr 
Angst vor der Wiederkehr der alten Gewalten. Der Kampf gegen 
diese Gespenster gibt Gelegenheit, primitivere Betätigungsweisen 
unseres psychischen Apparates in Tätigkeit zu setzen und so 
wird jeder Anlaß dazu mit Freuden ergriffen und zu offiziellen 
Infantilismen mißbraucht. Ist ja doch die monarchische Idee, selbst 
wenn sie in der .Wirklichkeit des politischen Lebens beseitigt ist, 
noch nicht von dem schwer belehrbaren Unbewußten überwunden, 
wo sie, wie früher gezeigt wurde, enge verknüpft erscheint mit der 
Urfunktion gegenständlichen und emotionalen Denkens, dem Ödipus- 
komplex. 

So mag allen Vernunftgründen zu Trotz, eine beständige un- 
bewußte Bereitschaft bestehen bleiben, sidi einer Persönlichkeit von 
idealem Machttypus zu unterwerfen, und zwar gerade in den exzes- 
sivsten Elementen: die Stärke ihres Hasses läßt schließen auf 
die Stärke ihrer Liebe und Treue, die durch jenen überwunden 
werden mußte. <Es kann kein Zufall sein, daß die bis dahin loyal- 
sten Gebiete Mitteleuropas — Berlin, Bayern, Ungarn — die Revo- 
lution am energischesten durchgeführt und bis in ihre äußersten 
Konsequenzen erlebt haben. Auch das heute durch und durch repu- 
blikanische Tirol gehört hieher.) 

Als Beispiel für die durch diese Bereitschaft - - Hand in Hand 
mit realen Unzulänglichkeiten einer noch nicht gefestigten Staatsform 
— ermöglichte Hinwendung zum väterlichen Machttypus wurde 
oben die Errichtung des napoleonischen Kaisertums angeführt. Auch 
Augustus wäre zu nennen. Was in der Realität diesen idealiter 
immer möglichen Übergang ermöglichte, ist die betrübende Erfahrung, 
daß nun einmal in dieser Menschenwelt Freiheit und Unordnung 
näher zusammengehören — •als Freiheit und Ordnung. 

Das lehrt auch die Geschichte der deutschen Kaiseridee, die 
durch alle Jahrhunderte hindurch Glanz und Trauer der deutschen 



Der politische Mythus 75 



Geschichte begleitet hat 1 . Die verehrte und ersehnte Gestalt des 
Kaisers war das notwendige Gegenstück zu der individualistischen 
Zersplitterung der Nation. Der Deutsche konnte sich die Mutter» 
gestalt seiner Germania ohne einen Kaiser nicht denken. Es ist eine 
typische Äußerung dieser Kaisersehnsucht, wenn Paul Hcyse im 
Revolutionsjahr 1848 singt; 

O du Deutschland, edle Fraue, 
Welch ein schlimme Witwentrauer 
Ist gekommen über dich, 
Seit dein weiland Mann und Kaiser 
Stieg hinab in den Kyffhäuser, 
Barbarossa Friederich. 

Dasselbe Bild findet sich zweimal bei Geibel: 

Deutschland, die Witib, saß im Trauerkleide 
Und ihre Stimme war von Stöhnen heiser, 
Da man sie sdiied von ihrem Herrn und Kaiser, 
Dem sie verschworen war mit teurem Eide. 

(Für Sdileswig'Holstein, 1845/6.) 

Deutschland, die schön geschmüdue Braut, 
Schon schläft sie leis und leiser — 
Wann weckst du sie auf mit Drommetenlaut, 
Wann führst du sie heim, mein Kaiser? 

<Lied des Alten im Bart.) 

Was sich unter diesen uns wohlbekannten Bildern darstellt, 
ist spürbar mehr als der Wunsch nach einer zweckmäßig ordnenden 
obersten Gewalt. Es ist auch mehr als der infantile Wunsch nach 
einer machtvollen Persönlichkeit, die die leergewordene Stelle der 
Vater-Imago ausfülle. Es liegt — dieses vielleicht nicht für jeden 
spürbar — eine rein männlidie Erotik darinnen. Es ist das »Bild des 
Helden«-, dessen Formung zwar ohne Zweifel angeregt wird durdi 
das früh-infantile Bild des Vaters, aber schon innerhalb des Unbe» 
wußten eine relativ selbständige Wesenheit erlangt, als das in der 
Regel verdrängte und sublimierte Gegenstück zu dem weiblichen 
erotischen Ideal. Der überlegene Mann wird vom Mann des von 
Blüher sogenannten Typus inversus — der nicht krankhafter Art 
ist — mit nicht minderer erotisdier Glut verehrt als vom Weibe. 
Und gewiß verdankte die innerhalb unseres Kulturkreises zum 
größten Teil erstarrte Institution des Königtums eine gewaltige Ver» 
längerung ihrer Lebensdauer dem Umstände, daß ihre Form, zwar 
schon lange nicht mehr von Helden, sondern nur von Masken aus= 
gefüllt, dem Unbewußten ein sinnliches Material für eine einwand* 

1 Vgl. die Quellensammlung von Friedrich Stieve: Die deutsche Kaiser« 
idee im Laufe der Jahrhunderte, München 1915. 

2 Vgl. Blüher: Die Rolle der Erotik, I, S. 241 ff. 



76 Dr. Emil Lorenz 



freie Betätigung dieser heimlichen Erotik bot. Es wäre ein grober 
Irrtum, zu meinen, daß die Untertaneneigenschaften der Loyalität 
und Fürstentreue bloß knechtisch oder unecht sein müßten. Das Bei- 
spiel Bismarcks sollte vor dieser demagogisch-primitiven Psychologie 
bewahren. Wenn auch diese Eigenschaften nicht durchaus zu den 
ethisch hochwertigen gehören mögen, ihre psydiologische Bedeutung 
ist eine tiefere. Was man Loyalität nennt, ist auch nicht die bloße 
Gesetzlichkeit (Legalität) der Handlungen, so weit sie das mon- 
archische Interesse berühren. Sie ist vielmehr die gefühlsmäßig er- 
lebte, in der Form einer dauernden Gesinnung konzentrierte Ge* 
samtheit der Denkhemmungen, die man sich auferlegt, um den 
Glauben an das in sichtbare Erscheinung getretene Heldenideal 
nicht zu verlieren. Nicht anders wüßte ich mir eine Äußerung in 
den Memoiren des Marschalls Marmont zu erklären, die Taine 1 
anführt: 

»1792 empfand ich für die Person des Königs ein sdi wer zu 
schilderndes Gefühl, das fast an religiöse Verehrung grenzte, eine 
tiefe Hingebung, etwa wie man sie einem Wesen höherer Gattung 
schuldet. Das Wort König besaß damals eine mächtige Zauber« 
kraft, die in den Augen der Rechtlichen und Reinen durdi nichts 
verringert werden konnte . . . Diese Religion des Königtums war in 
der Masse der Nation noch vorhanden, namentlich unter jenen 
Leuten von guter Herkunft, die, in großer Entfernung vom Hofe 
lebend, mehr von dessen Glanz als von dessen Unvollkommenheiten 
wußten . . . Diese Liebe wurde zu einer Art von Kultus.« 

Immerhin hat z. B. das Unbewußte des mitteleuropäischen 
Menschen die ihm unlängst widerfahrene Einbuße verschmerzt, unter 
der bedeutsamen Mithilfe der quantitativen Erweiterung des Helden* 
begriffs, an der während des vorangegangenen Krieges unerrnüdlidi 
gearbeitet wurde. Das Unbewußte hatte neue Plätze — neue Illu- 
sionen — besetzt, ehe es die alten räumen mußte. Allerdings ergab 
sich bei dieser neuen Verteilung der männlich-erotischen Komponente 
des dynastischen Gefühls eine Zersplitterung, die energetisch von 
Nachteil war/ und auch die rein väterlich-autoritäre Komponente 
fand nicht so schnell ein geeignetes Objekt zur Besetzung und hat 
es wohl auch heute noch nicht gefunden, wie die im Deutschen 
Reiche immer wieder aufflammenden Unruhen zeigen. 



Die Unvollständigkeit dieser Vorarbeit wird keinem Wissenden 
entgehen. Wenn ich eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse, wie 
sie sich mir darstellen, versuchen wollte, würde sie wohl zum 
größeren Teil aus Desideria bestehen, die hier noch nicht erfüllt er- 
scheinen. Aber gewiß nicht minder zahlreich wären die Desideria an 




Entstehung des modernen Frankreich III, 1, S. 9. 



Der politische Mythus 77 



die Vertreter anderer Forschungsgebiete (Methode der Geschichts- 
forschung, Literaturwissenschaft, Hagiographie, Kunstgeschidite), die 
ich zu stellen hätte, um für meinen Teil jenen anderen Forderungen 
genügen zu können. 

Auf ein Hordenstadium — ich weiß nicht, ob es das älteste 
ist — in dem die die Gemeinschaft stützenden Affekte an dem Äl- 
testen der Horde als dem Vater und an der uterinen Geschlechts- 
gruppe als der mütterlichen Potenz hafteten, folgt eine Periode der 
Wanderungen und Kämpfe, in deren Verlauf die männliche Ge- 
sellschaft sich zum psychischen Kraftzentrum der Gemeinschaft ent- 
wickelt. 

Das nachfolgende Stadium der Seßhaftigkeit ist gekenn- 
zeichnet durch die territoriale Bindung. Sie findet ihren psychischen 
Ausdruck in dem affektiven Verhältnis zur Erde. Die Vater-Imago 
wird vom Herrscher des Landes besetzt. Die mann-männliche Erotik 
erscheint in ihrer Stärke etwas herabgesetzt. Der Boden, zunächst 
Gemeineigentum, wird privater Besitz/ er erfährt eine libidinöse Be- 
setzung, die heute noch aus paranoischen Wahngebilden erschlossen 
werden kann. Die von einem, wenn ich richtig sehe, irregeleiteten, 
weil über unaufhebbare Naturbedingungen sich hinwegsetzenden 
Realitätssinn vorgenommene Gleichsetzung des Bodens mit anderen 
Produktionsmitteln und seine Herabsetzung zu einer käuflichen Ware, 
Hand in Hand mit der durch die Überbevölkerung vor sich gehenden 
Loslösung vom Boden, führt zur Rückkehr in den Horden- 
zustand. Es ist das Zeitalter der sozialen Massenbewe- 
gungen und der Organisation, das heißt des bisher mißlungenen 
Versuches, nach der Zerstörung des Mensch-Brde-Organismus einen 
neuen Organismus zu schaffen. Ohne eine Naturgrundlage würde 
natürlich auch diese Gemeinschaftsform, die über die bisherigen 
Ländergrenzen hinausstrebt, nicht bestehen können. Als eine solche 
würde natürlich sinngemäß die männliche Gesellschaft dienen müssen, 
wofür ich eine Andeutung in dem Ruf nach der Vereinigung der 
Proletarier aller Länder zu erkennen meine. Die Form aber, die 
sich diese Gemeinschaft zu geben verspricht, der sozialistische Staat, 
der Staat der umfassenden, allen Gliedern in »gleicher« Weise zu- 
kommenden Fürsorge, dieses große politische Integral, wäre die voll- 
kommenste Erneuerung des mütterlichen Gemeinschaftstypus der 
Urzeit. <Über seine Möglichkeit ist damit natürlich noch nichts 
gesagt.) 

Ich glaube, daß es drei in letzter Linie erotische Potenzen 
sind, die aller menschlichen Gemeinschaft, also auch dem Staat zu= 
gründe liegen: die väterliche, die mütterliche und die mann-männliche. 
Es sind eben die Potenzen, denen eine Verwirklichung in der Rea- 
lität nicht beschieden ist. Die Potenz der mann-weiblichen Erotik ist 
nicht gemeinschaftsbildend/ das war der große Irrtum aller Theorien, 
die den Staat als eine erweiterte Familie betrachteten. Die Familie 
schließt sich gegen die übrige Gemeinschaft ab. Sie hat, wie die 



78 Dr. Emil Lorenz 



Monade Leibnizens, »keine Fenster«. Ihre Interessen sind denen der 
Gemeinschaft nur zu oft entgegengesetzt. 

Die wechselnde Stärke und gegenseitige Verflechtung dieser 
drei unbewußten Potenzen ist es, die Form, Inhalt und Schicksale 
der staatlichen Gemeinschaft bestimmt. 

Wir hätten hier einen leitenden Gesichtspunkt für die Beul* 
teilung des staatlichen Lebens, von dem wir auch dann ausgehen 
könnten, wenn wir die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft 
überhaupt einheitlich begreifen wollten. Ein auf diese Prinzipien ge= 
gründetes Unternehmen würde auch dem Vorwurf entgehen, den 
Max Weber 1 gegen die bisherigen Vcrsudie allgemeinster Synthesis 
des historischen Geschehens erhoben hat. 

»Es gibt eine sehr einfache Art, sich die Einheit alles geschichtlichen 
Geschehens und auch den Zusammenhang kulturellen Geschehens mit den 
übrigen Lebenstatsachen deutlich zu machen und so das Problem der 
sozioIogisch=geschichrIichen Anschauung der Kultur lösen zu wollen. Nämlich 
die ganze Weltgeschichte in allen ihren Teilen zu umfassen als evolutive 
Entfaltung irgend eines Prinzips, als seine stufenweise Verwirklidiung im 
Weltgeschehen. Es ist im Grunde gleichgültig, ob man dabei von der 
teleologischen und dann notwendig mehr oder weniger religiösen oder der 
kausalen und demnach im ganzen niediaiiistisdien Betrachtungsweise an die 
Geschichte herantritt,, gleichgültig, ob man sie wie Augustin als Verwirk- 
henung der göttlichen Idee, der civitas Dei in der natürlichen Welt, wie 
Hegel als den gottgewollten Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, wie 
iaint-Simon und die Positivisten als die allmähliche Herauslösung mensch- 
lichen Denkens aus traditionellen und metaphysisdien Formen oder wie 
Lamprecht als den Prozeß der stufenweisen Freisetzung des Individuums 
oder wie die Geschichtsmaterialisten als den der etappenweisen Ent- 
faltung der menschlichen Produktivkräfte ansieht. Immer geschieht dabei ein 
und dasselbe, immer werden die Einzeltatsachen der Gesdu'chte, indem man 
sie entweder auf eine einzige causa oder einen einzigen Zweck bezieht, 
hintereinander an ein einziges Gedankenband aufgehängt und in einen sehr 
simplen inneren Zusammenhang gestellt. Immer wird die Geschichte dabei 
und demnach der ganze Werdeprozeß des menschlichen Lebens in ungeheuer 
einfacher Weise als eine Einheit begriffen. Immer aber . . . wehrt sich in 
uns etwas dagegen, die Einzeltatsachen des Lebens dadurch ihrer Eigen- 
bedeutung entkleidet zu sehen . . . 

Afle großen Evolutionslehren sind bisher um die eine Tatsache der 
intellektuellen Entwicklung herumgruppiert/ sie sind alle Paraphrasen der 
einzigen Tatsache, daß der Mensch, sowie er in der intellektuellen Sphäre 
allgemein und notwendig geistige Gegenstände aus sich setzt, durdi die 
Entfaltung dieser Sphäre in notwendige und unentrinnbare Gesetze ein- 
gestellt ist, wobei sie je nachdem die Unterlage unserer Intellektualisierung, 
die Bewußtseinsenrfaltung, oder deren Formen und Inhalte mehr ins Auge 
fassen und je nach ihrem Standpunkt nach versduedenen Richtungen ver- 
folgen ... 

Wenn Marx . . . den ganzen Weltprozeß in die sukzessive rationale 
Evolution der Produktionskräfte auflöst, so heißt das einfach ausschließlich. 

1 Verhandlungen des zweiten deutschen Soziologentages 1912, Tübingen 1913. 



Der politische Mythus 79 



die Intellektualisierung auf die Beherrschung der Naturkräfte ins Auge 
fassen . . . und in einer ungeheuer einseitigen Ausdeutung aus diesem einen 
Teil des intellektuellen Prozesses die ganze Weltgeschichte ableiten.« 

Ein Versuch historischer Synthesis unter Anwendung unserer 
drei Potenzen würde durch diese Einwendung Max Webers nicht 
getroffen werden, weil er dem historischen Geschehen nicht mit 
intellektualistischen Konstruktionen zu Leibe rückt, die von dessen 
irrationalem Getriebe beständig überflutet werden, weil sie vielmehr 
dynamisch ist und weil sie schließlich das historische Geschehen dort 
erfaßt, von wo seine ursprüngliche Bewegung ausgeht, in der Psyche 1 
und dort wieder an dem Ort der dauernden Urbilder alles Wissens 
und Wollens, dem Unbewußten, von dem die Bewegungsimpulse 
für das peripherische Seelenleben ausgehen. Eine derartig begründete 
historische ^ Synthesis würde freilich auf einige Fragen, die die 
früheren 1 heorien beantworten zu können glaubten, keine Antwort 
geben/ umgekehrt aber manches beantworten, wovon man bisher 
weder Frage noch Antwort gekannt hat. 

1 Psychologische Notwendigkeiten bilden den Kern alles dessen, was »Kultur« 
heißt,- sie sind die Träger und inneren Beweger — sie sind in Wirklichkeit die 
»formenden« Kräfte jeder »Kulturentwicklung«. — Felix Krüger: Über Ent- 
wicklungspsychologie, S. 177. Engelmann, Leipzig 1915. 




cSO Dr. Karl Abraham 



Der Versöhnungstag. 

Bemerkungen zu Reiks »Probleme der Religionspsychologie«. 

Von Dr. KARL ABRAHAM. 

Den Lesern dieser Zeitschrift sind Reiks frühere Abhandlungen 
über die »Couvade« und über die »Pubertätsriten« bekannt. 
Der Autor hat sie mit zwei weiteren bisher unveröffentlichten 
Aufsätzen, betitelt »Kolnidre« und »Das Schophar«, zu einem Budi 
vereinigt, das kürzlich unter dem Namen »Probleme der Religions- 
psychologie« <I. Teil) 1 erschienen ist. In diesen neuen, auf sorgfältige 
Literatur* und Quellenforschung gegründeten Abhandlungen wendet 
Reik das Rüstzeug der psychoanalytischen Wissenschaft mit über* 
raschendem Erfolg auf zwei vielumstrittene Fragen des religiösen 
Rituals an. Die folgenden Zeilen sollen die Aufmerksamkeit auf 
Reiks ausgezeichnete Untersuchungen lenken, zugleich aber eine 
Anzahl notwendig scheinender Ergänzungen sowie kritischer Be- 
merkungen zu des Autors Ergebnissen bringen und damit einen 
Beitrag zum psychoanalytischen Verständnis des jüdischen Ver- 
söhnungstages und seiner Riten liefern. 

Die Kolnidre-Formel, die zu Beginn des Versöhnungstages, 
d. h. als Einleitung des Vorabendgottesdienstes in feierlicher Weise 
vorgetragen wird, enthält eine vorgreifende Annullierung von Ge- 
lübden, Entsagungen, Verwünschungen, Eiden und anderen Ver- 
pflichtungen für die Zeit bis zum nächsten Versöhnungstage. Der 
Sinn der Formel ist oft mißverstanden und nie befriedigend erklärt 
worden, Sie steht in unvereinbarem Gegensatz zu der sonstigen 
Schätzung eidlicher Verpflichtungen im Judentum. Um diesen Gegen- 
satz verständlich zu machen, untersucht Reik die geschichtliche Ent- 
wicklung des Eides und findet dessen Urform in der sogenannten 
»B'rith«, einer Art von Bund, wie er z. B. von Jahwe mit den 
Erzvätern geschlossen wird. Auf Seiten Gottes enthält dieses Bündnis 
die Verpflichtung zum Schutze seiner Kinder. Auf der letzteren 
Seite steht dem gegenüber die Entsagung von jedem Attentat auf 
den Vatergott. Dieses Bundesverhältnis wird aus der Gefühls- 
einstellung primitiver menschlicher Gemeinschaften zu ihrem Totem, 



1 Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. Internntionaler Psycho* 
analytischer Verlag 1919. 



Der Versöhnungstag gj 



der ja dem Vater gleidi wertig ist, begreiflich. Reik fußt hier auf 
Freuds Auffassung vom Ursprung der Religionen aus dem Schuld» 
gefühl, das sich mit dem »Unterbrechen«, dem Mord der Brüden* 
Horde am Vater, verknüpft. Er führt weiter aus, wie die Auflehnung 
gegen den Vatergott allmählich der Verdrängung verfiel, aber in 
der Entwicklung der menschlichen Kultur noch oft genug wieder 
hervorbrach. So ist auch die alttestamentarische Geschichte voll von 
Rückfällen des Volkes Gottes in den Götzendienst. Der ewige 
Wechsel des Abfalls von Jahwe und der Rückkehr zu ihm zeigen 
die Ambivalenz der Einstellung der Volksseele zum väterlichen 
Gotte aufs deutlichste. In späterer Zeit kam es nicht mehr zu großen 
Abfallsbewegungen. Das Volk hielt mit Zähigkeit und Standhaftig- 
keit an seinem Gotte fest,- nur Individuen oder kleinere Gruppen 
wurden unter dem zwingenden oder verführenden Einfluß der Ver- 
hältnisse noch abtrünnig. Die jüdische Religion forderte von ihren 
Anhängern ein besonderes Maß von Hingabe und Treue gegen- 
über dem Bunde, ja diese Ansprüche wurden durch immer strengere 
Satzungen immer mehr gesteigert. In einer an die Symptombildung 
der Zwangsneurose erinnernden Weise schützte man die religiösen 
Bestimmungen von Generation zu Generation durch immer neue 
Maßregeln der Ubergewissenhaftigkeit gegen jede Möglichkeit der 
Durchbrechung. In der nachtalmudisdien Zeit bestand die Tendenz, 
SS Fj i r C " nd Entsa S un Sen jede Entschlußfreiheit aufzuheben. 
Wir dürfen annehmen, daß die Last dieser Gelübde und das Schmerz- 
liehe der Askese eine Reaktion hervorriefen. Und eine solche haben 
wir, wenn wir Reiks Ausführungen folgen, eben in. der Kolnidre« 
forme! zu erblicken, die auf ein Jahr hinaus alle Gelübde usw. 
entkräften will. Reik sucht nun zu erweisen, daß das Kolnidre 
zwar dem Wortlaut nach gegen alle möglichen Formen selbst- 
auferlegter Gelübde usw. gerichtet ist, in Wirklichkeit aber, d. h. 
seinem unbewußten Inhalt nach, sich radikal gegen das Bundes- 
verhältnis mit Gott wendet und es auflösen, zerstören will. Seine 
Tendenz ist also die gleiche wie die des Urverbrechens der Horde 
gegen den Vatergott. Reik, der in glücklichster Weise den Vergleich 
dieser religiösen Phänomene mit der Symptomatik der Zwangs- 
neurose durchführt, hätte hier hinzufügen können, daß die neuroti= 
sehen Zwangsgedanken einen Ersatz für unterlassene verbotene 
Handlungen darstellen. Für das Kolnidre trifft das, wenn wir 
uns der überzeugenden Beweisführung des Autors weiter anschließen, 
aufs genaueste zu. Eine weitere Analogie mit der Zwangsneurose 
liegt in der Ambivalenz der Gefühlsregungen, wie sie das Kolnidre 
erkennen läßt. Aus Melodie und Vortragsweise spricht eine reuige 
Zerknirschung, die mit der aufrührerischen, den Bund verleugnenden 
Tendenz im Widerspruch steht. Reik erweist die Kolnidre- Formel 
geradezu als ein völkerpsychologisches Zwangssymptom, ganz gleich- 
wertig gewissen Formeln, welche jene Neurotiker zur Abwehr ver- 
pönter Triebregungen erfinden. 

Imago VI/1 * 



82 Dr. Karl Abraham 



Um das Wesen des Kolnidre durchsichtig zu machen, geht 
Reik auf die älteste Form des B'rith-Ritus zurück. Unter Berufung 
auf Robertson Smith und andere Autoren und unter Heran- 
ziehung des einschlägigen Tatsachenmaterials zeigt er, wie das ur- 
sprüngliche Zeremoniell in einem Töten, Zerteilen und Verzehren 
des Opfertieres, d. h. also des Totem bestand. Er versteht es, den 
Ursprung des Kolnidre aus solchen primitiven Gebräuchen in denen 
sich nach Freuds Analyse die gewalttätige Tendenz gegenüber dem 
Vater mit reumütigen Regungen paart, in hohem Grade wahrschein- 
lich zu machen. Daß seine Hypothese durch weit stärkere Beweis- 
mittel gestützt werden konnte, ist ihm auffälligerweise entgangen. 
Und doch läßt der Ritus des Versöhnungstags den Zu- 
sammenhang zwischen dem primitiven Zeremoniell der 
Totemmahlzeit und dem Kolnidre in frappantester Weise 
erkennen. Der Autor, der der Psychologie des Rituals im übrigen 
so erfolgreich nachgespürt, hat sich nämlich darauf beschränkt, den 
inneren Zusammenhang des Kolnidre mit den unmittelbar folgenden 
Gebetsformeln nachzuweisen, hat es dagegen, wenn ich mich so aus- 
drücken darf, unterlassen, die etwas weitere Umgebung des Kolnidre 
zu berücksichtigen. 

Am Vortage des Festes, d. h. also wenige Stunden vor dem 
Kolnidre-Gebet, findet nach strengem Ritus eine Zeremonie statt, 
die einen seltsamen Rest des alten Opferkultes darstellt. Es wird 
nämlidi für männliche Personen ein Hahn, für weibliche ein Huhn 
als Sühnopfer genommen. Das Tier wird an den Beinen gefesselt 
und unter Aussprechen einer Formel dreimal um den Kopf des zu 
Entsühnenden geschwungen. Die Worte muten fast wie eine Be- 
schwörungsformel an. Ihr Inhalt besagt: »Dies ist mein Sühnopfer, 
dies ist mein Stellvertreter, dieser Hahn soll an meiner statt in 
den Tod gehen.« Das Opfertier wird nach der Zeremonie des 
dreimaligen Schwingens mit der Geste des Abscheus beiseite ge- 
worfen, hernach aber geschladitet und im Familienkreise verzehrt. 
Ich lasse zunächst die Frage unerörtert, warum hier der Hahn als 
Ersatz der vierfüßigen Opfertiere auftritt. Von Bedeutung für unsere 
Untersuchung ist der geschilderte Hergang und besonders der Um- 
stand, daß nach dem Wortlaut der Formel das Tier den Opfernden 
persönlich vertritt. Die Identität des Opfernden mit dem Totem laßt 
sich ja auch in anderen derartigen Kulten nachweisen. Wir dürfen 
also sagen: Vor Beginn des Versöhnungsfestes, zu seiner Einleitung, 
wird nach altem Gebrauch in jedem Hause die Totemmahlzeit ge- 
halten und so das »Urverbrechen« alljährlich wiederholt, beit Ab- 
schaffung des offiziellen Opferkultes konnte die Zeremonie nicht 
seitens der ganzen Gemeinde ausgeführt werden, fand aber wohl 
wegen ihrer Fähigkeit, den widerstreitenden Gefühlsregungen gleich- 
zeitigen Ausdruck zu geben, einen Unterschlupf im häuslichen Kultus. 
Wir werden an die oft gemachte Beobachtung erinnert, daß mancherlei 
religiöse Anschauungen, Gebräuche usw. aus heidnischer Vorzeit, die 



Der Versöhnungstag 33 



von der nunmehr herrschenden religiösen Autorität längst abgeschafft 
wurden, in Volksbräuchen, im Aberglauben usw. in irgendeiner Form 
lebendig bleiben. 

Eingeschaltet sei hier eine Bemerkung über den Hahn als 
Opfertier. In den verschiedenen Kulten ist im allgemeinen der Totem 
das hauptsächliche Opfertier. Wie Reife in dem folgenden Aufsatz 
(über das Schophar) nachweist, lassen sich in der Vorgeschichte des 
Judentums zwei Totemtiere nachweisen, Widder und Stier, die in 
den Opfervorsdiriften des Leviticus denn auch als wichtigste Opfer« 
tiefe auftreten. Im gleichen Buche fincfet sich aber bereits die Vor- 
schriff, private, aus mancherlei Anlässen befohlene Opfer dem Ge= 
flügel zu entnehmen. Praktisch-ökonomische Rücksichten machten es 
wohl untunlich, für jedes private Opfer ein wertvolles vierrußiges 
Tier aufzuwenden. 

Von der erwähnten Mahlzeit an bis zum Sonnenuntergang 
des nächsten Tages ist der Genuß von Speise und Trank gänzlich 
untersagt. Mit anderen Worten: an die Mahlzeit mit ihrem eigentlich 
verbotenen Charakter schließt sich unmittelbar ein langdauerndes 
Fasten an. Jetzt wird verständlich, warum gerade die Enthaltung 
von jeglicher Nahrung die geeignete Form der Buße darstellt. 
Traditionell gilt das Fasten als eine Selbstaufopferung, die ethisch 
einen grundsätzlichen Fortschritt in sidi schließen soll gegenüber dem 
Hinschlachten eines unbeteiligten Tieres. Eine Selbstaufopferung liegt 
auch vor,- sie enthält die Selbstbestrafung für die Tötung und Ver- 
speisung des Totem, ganz wie etwa in den neurotisdien Reaktions- 
bildungen ein verdrängter sadistischer Antrieb durch einen Akt der 
Selbstquälerei ersetzt wird. 

Nach der häuslichen Mahlzeit begeben sich alle Mitglieder der 
Gemeinde zum feierlichen Gottesdienst. Was jetzt geschieht, ist, 
wenn wir Reiks Erklärung zugrundelegen, nichts anderes als' eine' 
nochmalige Ausführung des Urverbrechens, dieses Mal gemein- 
schaftlich von allen und unter gemeinsamer Verantwortung begangen, 
nicht freilich in Handlungen, sondern — ganz nach dem Muster der 
Zwangsneurose ■ — in Gedanken, in formelhaften Worten. An die 
Stelle der Tötung des Totem ist die intellektuelle Auflösung des 
Bundes mit dem Vatergott getreten. Zu beachten ist noch eine be- 
gleitende Zeremonie. Nach altem Ritus treten die beiden ältesten 
Männer der Gemeinde vor und erteilen in feierlich-formelhafter 
Weise die Genehmigung zum Sprechen des Kolnidre. Nirgends in 
der Liturgie findet sich sonst dieser Gebrauch. Am Versöhnungs- 
tage selbst hat jeder Vorbeter, ehe er den ihm zufallenden Ab- 
schnitt der Liturgie anhebt, ein längeres, für ihn allein bestimmtes 
Gebet zu verrichten. Im Vorabendgottesdienst allein fehlt diese 
Einrichtung auffälligerweise. Hier bittet der Vorbetcr nicht um 
Gottes Beistand zur Verrichtung seines Amtes, sondern er wird 
von den Ältesten autorisiert. Darin äußert sich ein anderer Geist, 
der der eigenen selbstherrlichen Verantwortung der Versammelten. 

6* 



84 



Dr. Karl Abraham 



Dann singt der Vorbeter das Kolnidre dreimal, wie es bei formel- 
haften Bestandteilen der Liturgie vielfach geschieht, und mit immer 
mehr sich hebender Stimme. 

Wir finden somit die ins Einzelhaus verlegte, der Opferung 
und Verspeisimg des Totem entsprechende Zeremonie und die in 
den gemeinsamen Gottesdienst verlegte Zeremonie zur Annullierung 
der Gelübde in einer unmittelbaren Aufeinanderfolge, die uns auf 
eine innere Zusammengehörigkeit beider Akte schließen läßt. Reiks 
Auffassung erfährt durch diesen Befund eine wichtige Stütze. Aber 
die Bedeutung unserer Ermittlung reicht noch weiter. 

Die von Reik <S. 172> aufgeworfene und nur zaghaft beant- 
wortete Frage, warum das Kolnidre außerhalb der übrigen Liturgie, 
und zwar an den Anfang des Gottesdienstes gerückt sei, erfährt 
nun ganz von selbst eine befriedigende Erklärung. Das Kolnidre ist 
der Ersatz des gewalttätigen Exzesses gegen den Vafergott, der 
Totemmahlzeit, au welche sich die große Bußaktion anschließt 
und kann daher dieser letzteren nur vor aufgehen. 

Es lohnt sich, bei diesem Zusammenhang etwas länger zu 
verweilen. Auch sonst kennen wir Beispiele dafür, daß einer Zeit 
der Buße und Entsagung ein Exzeß vorausgeht. Man denke an 
den Karneval und die ihm nachfolgende Fastenzeit. Weit eindrucks- 
voller aber wird uns der Tatbestand wiederum von gewissen Zwangs- 
neurotikern vor Augen geführt. Ein soldier Patient meiner Beobachtung 
unterlag seit der Knabenzeit dem Zwange, sich selbst gewisse Ent- 
sagungen zu geloben, die einzuhalten ihm nach allen vorausgegangenen 
Erfahrungen überaus schwer fallen mußte. Besonders pflegte er sich 
die Enthaltung von jeglicher sexueller Betätigung zu geloben. Nadi 
Ablauf einer längeren oder kürzeren Karenzzeit erlag er der Ver» 
suchung stets von neuem. Sobald er aber die strenge Einhaltung 
des Vorsatzes im geringsten überschritten hatte, stürzte der Patient 
sich zwanghaft in einen wilden Exzeß, durch welchen er die Ent- 
sagungsabsicht gründlich zunichte machte. Hatte der Trieb sich dann 
ausgetobt, so gab es Reue, Zerknirschung und den für die neuroti- 
sche Psyche so bezeichnenden Entschluß zum Beginn eines »neuen 
Lebens«. Und doch konnte diesem Vorsatz nur das Schidcsal der 
Durchbrechung beschieden sein wie den früheren. 

Ich will den Vorgang noch durch ein weiteres Beispiel aus der 
Pathologie belegen. Eine Frau unterliegt einem außergewöhnlich 
schweren neurotischen Reinlichkeitszwange. Sie wiederholt in gewissen 
Abständen eine minutiöse Reinigung ihrer Wohnung. Die Aktion 
gipfelt jedesmal in der Entstaubung einer Kommode, in welcher sie 
ihre weiße Wäsche aufbewahrt. Ein ganzer Vormittag wird für 
diesen Zweck reserviert, jedes Stäubchen aus den Winkeln der 
Schubladen und von den Wäschestücken entfernt. Die Patientin 
sammelt emsig alle Stäubchen auf einem Blatt weißen Papiers, 
Endlich erscheint die mühevolle Aktion der Reinigung beendigt. 
Ein Zustand von Sauberkeit ist hergestellt, der zwar die im Be- 



Der Versöhnungstag 85 



wußtsein mit Zwangsgewalt herrschende Tendenz befriedigt, der 
verdrängten gegenteiligen Tendenz aber unerträglich ist. Und so 
bricht im Augenblick, da die höchste Reinlichkeit erreidit ist, ein 
plötzlicher Gegenimpuls durch: Die Patientin versetzt mit schnellender 
Handbewegung dem Papier einen Stoß und der mühsam einge- 
sammelte Schmutz liegt wieder am alten Orte. Angst und Depression 
folgen, rufen neue Vorsätze zur Reinlichkeit hervor, die mit allein 
hand Gelübden bekräftigt werden, und so beginnt der Turnus neu, 
ohne daß ein Ende abzusehen ist. 

Solche Neurotiker stehen ihren Antrieben mit ähnlicher Ambi* 
valenz gegenüber, wie Reik sie in überzeugender Weise im Kolnidre 
nachgewiesen hat. Ich erinnere mit Reik daran, daß im Judentum 
die dem zwangsneurotischen Verhalten analoge Tendenz bestand, 
jede religiöse Satzung durch noch strengere, minutiöse Schutz* 
bestimmungen zu sichern. Das Kolnidre ist der periodisch wieder» 
holte Versuch, sich von der Last dieses Zwanges durch einen ein= 
zigen gewaltsamen Akt zu befreien. Auf den Exzeß mußten dann 
die Buße und die Neuerrichtung des Bundes folgen. 

Unsere Auffassung des Kolnidre vermag vielleicht zur genaueren 
Ermittlung seiner Entstehungszeit eine gewisse Beihilfe zu leisten. 
Nehmen wir einmal den Text des Kolnidre wörtlich! Er annulliert 
alle selbstauferlegten Gelübde usw., die die Betenden sich innerhalb 
Jahresfrist auferlegen könnten. Nach dem Muster der zwangs- 
neurotischen Beispiele werden wir schließen müssen: die Formel 
konnte nur zu einer Zeit entstehen, zu welcher die Tendenz, sich 
durch Gelübde und Entsagungen das Leben nach allen Richtungen 
einzuengen und zu verkümmern, die Tragfähigkeit auch der Ge= 
duldigsten überstieg. Es wäre vielleicht zu ermitteln, zu welcher 
Zeit eine solche Tendenz ihren Höhepunkt erreichte. Auch die ara» 
maische Sprache des Textes dürfte auf eine bestimmte Entstehungs- 
zeit hinweisen, die genauer zu umgrenzen nicht zu den Aufgaben 
des Psychoanalytikers gehört. Hier sollte nur festgestellt werden, 
daß eine solche Formel nur einem bestimmten Zeitcharakter ent» 
springen konnte, in weldiem sich zwanghafte Selbstbeschränkung mit 
dem Drang zum Abstreifen der Fesseln paarte. 

Das Kolnidre weist nun eine <auch von Reik hervorgehobene) 
Spur von »sekundärer Bearbeitung« auf, die uns das weitere Fort» 
schreiten der Verdrängung erkennen läßt. Es ist die hebräische Ein- 
schaltung mitten im aramäischen Text: »von diesem Versöhnungs- 
tag bis zum Versöhnungstag, der uns zum Guten herankommen 
möge.« Es ist erwiesen, daß in älterer Zeit die Gelübde usw. nach= 
träglich für das verflossene Jahr annulliert wurden. Das geht übrigens 
auch ohneweiters aus dem Wortlaut der KolnidrcFormel hervor. 
Alle in ihr gehäuften Verbalformen, die sich auf die Gelübde usw. 
beziehen, befinden sich in der grammatischen Vergangenheitsform. 
Das hebräische Einschiebsel, das sich auf die kommende Zeit bezieht, 
wirkt bei genauerer Betrachtung geradezu als Fremdkörper in seiner 






86 Dr. Karl Abraham 



Umgebung. Zwischen der nachträglichen und der vorweggenommenen 
Nichtigkeitserklärung besteht allerdings ein nicht unerheblicher psycho- 
logischer Unterschied. Erstere wirkt angesichts der sonst ängstlidi genau 
genommenen Heilighaltung des Eides wie ein böswilliger Bruch der 
Verpflichtung, letztere erscheint eher wie eine Vorbeugungsmaßregel, 
die den Psychoanalytiker an ähnliche Vermeidungen bei den Zwangs- 
neurotikern erinnert. 

Der Versöhnungstag steht im Zeichen des Oedipuskomplexes/ 
zu dieser Erkenntnis hat Reiks Untersuchung uns geführt. Dem 
Autor selbst sind aber noch weiterhin wichtige Beweismittel für die 
Richtigkeit seiner Ansicht entgangen. Zwei davon sollen hier Er- 
wähnung finden, weil sie uns zugleich gestatten, seine Resultate zu 
vervollständigen. 

1. Wir sind gewohnt, in den Produkten der Individualphantasie 
ebenso wie in den Mythen stets jene zwei menschlichen Wünsch* 
regungen in engster Nachbarschaft zu finden, die uns die Oedipus- 
sage in klarster Ausprägung darbietet: das Begehren des Sohnes 
nach der Mutter und seine gewalttätige Auflehnung gegen den Vater. 
Fassen wir nun mit Reik das einleitende Ritual des Versöhnungs* 
tages als einen Ausfluß der Auflehnung gegen den Vatergott auf, 
so würde diese unsere Annahme eine wichtige Bestätigung erfahren, 
wenn sich im Ritus desselben Festes auch ein Hinweis auf das zu- 
gehörige Verbrechen des Mutterinzests fände. Dem ist nun tatsächlidi 
so! Zum Nachmittagsgebet des Versöhnungstages gehört die Rezi- 
tation von Leviticus, Kap. 18, d. h. desjenigen Kapitels, welches die 
ausführlichen Verbotsbestimmungen gegen den Inzest enthält — eine 
gewiß bemerkenswerte Tatsache. Als sollte nun aber die unmittel- 
bare Zusammengehörigkeit der beiden Hauptbestandteile des Oedipus^ 
komplexes in der Liturgie noch besonders betont werden, folgt auf 
die erwähnte Gesetzesvorlesung diejenige des Prophetenbuches Jona. 
Der oberflächlichen Betrachtung wird die innere Beziehung freilidi ent- 
gehen. Erst unter psychoanalytischen Gesichtspunkten wird sie er» 
kennbar. Jona entzieht sich einem ausdrüddichen Befehl Jahwes, flieht 
vor ihm und begeht so eine ähnliche Tat, wie sie die Gemeinde am 
Vorabend des Versöhnungstages durch Annullierung des Bundes aus- 
führt. Er wird von einem Tier verschlungen, kommt lebend davon 
und erscheint dann als reuiger, Gott wohlgefälliger Sünder. Wer 
aus der Mythologie darüber unterrichtet ist, wie verbreitet die Vor- 
stellung von dem seine Kinder verschlingenden Gott ist und wie diese 
Vorstellung das Gegenstüd< zum Töten und Verspeisen des Totem 
ist, dem wird auch dieser Teil des Rituals einen tieferen Sinn ent- 
hüllen. 

2. Die traditionelle Auffassung des Versöhnungstages besagt, 
daß der Bußfertige mit dem Vorschreiten des Tages immer sünden- 
freier vor seinem Gotte dastehen soll. Dementsprechend nimmt die 
Liturgie gegen den Schluß des Tages ihre höchste Feierlichkeit an. 
Gegen Abend findet nun eine Zeremonie statt, die aud^ der Liturgie 



Der Versöhnungstag 87 



anderer Feierrage angehört, deren besondere Lokalisarion, d. h. deren 
Verlegung aus dem Vormittags- in das Nachmittagsgebet nidit ohne 
Bedeutung sein kann. Es ist der sogenannte »Priestersegen«. Alle 
diejenigen männlichen Gemeindemitglieder nämlich, die ihre Ab- 
stammung traditionell vom Stamme der Priester <Kohanim> herleiten 
und daher im orthodoxen Judentum bis auf den heutigen Tag gewisse 
Privilegien in den gottesdienstlichen Funktionen genießen, sprechen 
den Priestersegen Aarons zur Gemeinde. 

In seinem Aufsatz über das »Schophar« hat Reik uns eine 
Handhabe für das Verständnis dieses Gebrauchs gegeben, wiederum 
ohne selbst zu bemerken, daß er wertvolles Tatsachenmaterial am 
Wege liegen ließ. Es mag hier die Bemerkung eingeschaltet werden, 
daß dieser zweite, das Ritual des Judentums betreffende Artikel den 
vorhergehenden an folge riditiger Durchdringung des Problems ent- 
schieden übertrifft. Br gibt eine Rüdeführung des mosaischen Mono- 
theismus auf den primitiven Totemismus, deren glänzende Kon- 
zeption und Durchführung unsere Bewunderung verdient. Aus diesen 
Ausführungen entnehmen wir für unseren Bedarf gewisse Ergebnisse, 
welche das totemistische Vorstadium der jüdischen Religion und die 
Vorgeschichte der Priesterwürde betreffen. 

Schon erwähnt wurde, daß in der Vorgeschichte des Judentums 
zwei Tiere in der Bedeutung des Totem nachweisbar sind: Stier und 
Widder. Das Schophar, ein widderhorn, findet noch im heutigen Kultus 
Verwendung. Nach Reiks überzeugender, hier aber nicht im ein- 
zelnen referierbarer Beweisführung ist das Blasen dieses Hornes als 
eine Nachahmung der Stimme des Totem zu betrachten. Der an sich 
unmelodische Klang, der an den höchsten Feiertagen als Sammlungs- 
ruf an die Betenden ergeht, wirkt so erschütternd, weil er Gottes 
eigene Stimme darstellt. Bezeichnend ist der von Strenggläubigen 
eingehaltene Gebrauch, den Blick vom Sdiopharbläser abzuwenden. 
Ihn zu betrachten ist ebenso verboten und gefährlich, wie Gott 
selbst zu erschauen. Ich erwähne diese Vorschrift besonders, weil 
sehr bald auf sie zurückzugreifen sein wird. Der mit dem Blasen 
des Schophar Betraute hat also die Aufgabe einer Imitation des 
Totem und erlangt dadurch in gewissem Sinne eine Gottgleichheit. 
Das gilt auch für das Priesteramt in anderen Kulten. Liegt dem 
Priester überdies das Verzehren des Opferfleisches ob, so wird seine 
Identität mit dem Totem hiedurch immer aufs neue statuiert. In 
totemistischen Kulten imitieren die Priester den Totem, indem sie 
sich in das Fell des verehrten Tieres hüllen, seine Bewegungen 
nachahmen usw. In allen diesen Gebräuchen wird die Identität des 
Priesters mit dem Totem bald deutlicher, bald verhüllt zum Aus- 
druck gebracht. 

Die Zeremonie des Priestersegens enthält bestimmte Einzel- 
vorschriften eigentümlicher Art, die wir nun zu verstehen vermögen. 
Die »Priester« <Kohanim> hüllen sich vollkommen in den Gebetmantel 
ein, wobei sie diesen auch über den Kopf ziehen. So den Blicken 



88 Dr. Karl Abraham 



der Gemeinde völlig verhüllt, erheben sie die Arme zum Segen. 
Hiezu sdireibt ihnen nun der Ritus eine seltsame Handhaltung vor, 
deren Bedeutung meines Wissens bisher keine befriedigende Er- 
klärung gefunden hat. Der vierte und fünfte Finger müssen ge- 
meinsam von den drei anderen Fingern abgespreizt und während 
der ganzen Zeremonie in dieser gezwungenen Stellung belassen 
werden. Welch hohe Bedeutung dieser Haltung der Hände bei- 
gelegt wurde, mag daraus erkannt werden, daß der Ritus vorschreibt, 
auf dem Grabstein jedes verstorbenen »Priesters« als Kennzeichen 
der Priesterwürde zwei Hände in der charakteristischen Haltung ab- 
zubilden. Wenn man bedenkt, wie streng das Judentum sonst jede 
bildliche Darstellung vermeidet, so erscheint diese Ausnahme besonders 
bemerkenswert. 

Begegnen wir nun irgendwo einer Vorstellung, die uns zur 
Aufklärung dieser merkwürdigen Vorschrift verhelfen kann? Wir 
dürfen diese Frage bejahen und wenden unser Interesse bestimmten 
rituellen Vorschriften zu, die freilich ihrerseits noch der Erklärung 
bedürfen. Leviticus, Kap. 11, enthält die Gesetze über Tiere, welche 
zur Speise erlaubt und verboten sein sollen. (»Alles, was die Klauen 
spaltet und wiederkäuet unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was 
aber wiederkäuet und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, als 
das Kamel, das ist euch unrein und sollt's nicht essen. Die Kanindien 
wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht,- darum sind 
sie unrein. Der Hase wiederkäuet auch, aber er spaltet die Klauen 
nicht,- darum ist er euch unrein. Und* ein Schwein spaltet wohl die 
Klauen, aber es wiederkäuet nicht, darum soll's eudi unrein sein.«) 
Unter den erlaubten wenigen vierfüßigen Tierarten mit Spalthufen — 
praktisch kommen nur Rind, Schaf und Ziege in Betracht — befinden 
sich die beiden uns als Totem bekannt gewordenen: Stier und Widder. 
Wir stehen hier vor der merkwürdigen Erscheinung, daß gerade die 
Totemtiere fast allein zur Nahrung zugelassen sind, während bei 
den Primitiven meist das strenge Verbot besteht, das als Totem 
verehrte Tier zu verspeisen, ein Verbot, das nur ausnahmsweise 
außer Kraft gesetzt wird. Wir müssen hier einen eigenartigen Um* 
kehrungsvorgang vermuten, den genauer zu verfolgen einer späteren 
psychoanalytischen Untersuchung des Speiserituals vorbehalten bleiben 
mag. Die nämlichen Tierarten sind nun aber nicht nur die fast allein 
zur Speise erlaubten, sondern auch die als Opfertiere zugelassenen 
unter den Vierfüßlern. Erinnern wir uns nun, daß in vielen Kulten 
die feierlichste Zeremonie darin besteht, daß die Priester sich mir 
dem Fell des Totem umhüllen und die Haltung des Totem nach- 
ahmen, so liegt die Folgerung für uns nahe: beim Priestersegen 
ahmen die Kohanim (Priester) durch das Fingerspreizen die Hiif- 
spaltung des Totem (Widder) nach. Der aus weißer Wolle her- 
gestellte Gebetmantel eignet sich zum Ersatz des Widderfelles. Die 
Kohanim sind also in dieser Zeremonie dem Totem und damit Gott 
gleich. Jetzt fügen wir noch hinzu, daß ganz wie beim Schophar- 



Der Versöhnungstag 89 



vor* 



blasen, auch beim Priestersegen die Abwendung des Blickes 
geschrieben ist. Wir werden dann nicht mehr umhin können, im 
Priestersegen, ganz wie im Schopharblasen, einen rotemistischen Ritus 
zu erkennen. Wie bei den Primitiven der Totem zuerst getötet und 
verspeist, hernach aber im feierlichen Zeremoniell nachgeahmt wird, 
durch welches seine Anhänger sich mit ihm identifizieren, so auch 
in dem uns interessierenden Ritus. Nur findet die Handlung hier 
zweizeitig statt: die Totemmahlzeit, beziehungsweise ihr intellektueller 
Ersatz, das Kolnidre, am Vorabend des Versöhnungstages, die 
imitierende Zeremonie am Abend des Festes, wenn die Einigkeit 
der Gemeinde mit ihrem Gotte betont werden soll. 

Reiks Auffassung von der bundeszerstörenden Bedeutung des 
Kolnidre findet durch den Schluß der Liturgie des Versöhnungstages 
noch eine Bestätigung, die unsere besondere Beachtung verdient. Das 
feierliche Schlußgebet <N'ilah> klingt in ein Bekenntnis der Betenden 
zu ihrem Gotte aus. Der Vorbeter spricht dreimal das »Sch'ma« 
<Hore Israel!) vor und dreimal wiederholt es die Gemeinde. Nach 
einem weiteren dreimal wiederholten Spruch folgt in siebenmaliger 
emphatischer Wiederholung das Bekenntnis: »Jaweh ist der einzige 
Gott!« Damit schließt die Liturgie des Tages. An den Anfang des 
tfulkages ist somit die blasphemische Aufhebung der Gelübde — 
richtiger gesagt: der B'rith mit Jahwe — gestellt, an seinem Aus- 
gang ertont die mit höchster Emphase verkündete Anerkennung 
seiner Macht und Einzigkeit. Der Bund ist damit in feierlichster 
Form wieder hergestellt, die Aussöhnung der Gemeinde mit Jahwe 
hat stattgefunden. Der tiefste Sinn des Versöhnungsfestes tritt nun- 
mehr zutage: der getötete Vatergott wird von seinen Söhnen aufs 
neue anerkannt und übernimmt auch seinerseits wieder seine Ver- 
pflichtungen gegenüber seinen Kindern. 

Der kritische Einwand, der in erster Linie gegen die Reiksche 
Theorie des Kolnidre zu erheben ist, besteht meines Erachtens darin, 
daß der Autor das Kolnidre isoliert der psychoanalytischen Deutung 
unterworfen hat, anstatt es im Zusammenhang mit dem gesamten 
übrigen Ritus des Veisöhnungstages zu betrachten. Die psycho- 
analytische Erfahrung lehrt uns, daß psychologische Phänomene, die 
sich in enger Nachbarschaft beieinander finden, stets auch eine tiefere, 
ursächliche und innere Verknüpfung aufweisen. Dieser Erfahrung 
sollten wir, wie in der ärztlich-praktischen, so auch in der rein 
wissenschaftlichen Anwendung der Psychoanalyse stets eingedenk 
sein. Machen wir sie der vorliegenden Untersuchung nutzbar, so 
wie es im Vorstehenden in summarischer Form geschehen ist, so 
wird uns die Einrichtung des jährlichen Versöhnungsfestes voll ver- 
ständlich. Das Bundesverhältnis mit Jahwe, an triebeinschränkenden 
Bestimmungen überreich, lastete auf der Gesamtheit als ein Druck, 
der nur dann ertragen werden konnte, wenn er in gewissen Ab- 
ständen durchbrochen wurde. Diese Abstände aber mußten individueller 
Willkür entzogen werden. Unter gemeinsamer Verantwortung aller 



90 



Dr. Karl Abraham 



-wurde die B'rith jährlich einmal aufgelöst, nach kurzlebiger Befriedi- 
gung des aufrührerischen Antriebes aber aufs neue geknüpft. Ohne 
diese erneute Bekräftigung, die jedoch nur nach Abreagieren der 
bundesfeindlichen Tendenzen wirksam sein konnte, war der Bund 
gegen die von außen und innen kommenden Bedrohungen nicht 
gefeit. So entstand der Versöhnungstag, dessen Liturgie mit den 
dumpfen, von schwerer Schuld berichtenden Tönen des Kolnidre 
beginnt, um in der lauten Verkündigung der Hinzigkeit Gottes zu 
endigen. 







Bücher 91 






Bücher. 

Dr. PAUL FEDERN: Zur Psychologie der Revolution: 
Die vaterlose Gesellschaft. 

<Der Aufstieg, Neue Zeit- und Streitschriften Nr. 12/13, Anzengruber»Verlag, 

Wien 1919.) 

Leopold von Ranke sagt einmal von den Parteien: Wäre es möglich, 
sie durch eine geistige Anatomie bis in ihre geheimsten Bestandteile zu 
zerlegen, so würde man zuletzt auf ein irrationales Element stoßen. <S. W. 
Bd. 49 50, S. 194>. Dieses Wort, das mit demselben Recht wie auf das 
politische Leben überhaupt Geltung beanspruchen darf, klingt bei der Ver- 
feinerung des psychologischen Denkens in den letzten Jahrzehnten, heute fast 
wie eine Binsenwahrheit. Da jedoch anderseits die systematische Psychologie 
an dieser Verfeinerung fast unschuldig ist, ist es nicht zu verwundern, daß 
eine planmäßige »Zerlegung« des politischen Lebens »in seine geheimsten 
Bestandteile« wiederum erst durch die so junge Wissenschaft der Psydio- 
analyse möglidi geworden ist, die eben nichts anderes ist als die »geistige 
Anatomie«, von der Ranke wie von einem frommen Wunsche spricht. 

Die Erkenntnis aber, die unsere Methode für so viele Lebensgebiete, 
darunter auch für die Politik, zu erschließen vermochte, sind durch die 
mitteleuropäische Revolution einem wahren experimentum crucis unter- 
worfen worden und wir dürfen heute schon sagen, daß hier die Wirklich- 
keit der Theorie in keinem Punkte Unrecht gegeben hat. 

Höchst eindrucksvoll ist der Beweis, den dafür indirekt die Broschüre 
Federns bringt, die zwar zunächst für ein Laienpublikum berechnet ist, aber 
auch dem Psydioanalytiker manches zu sagen hat/ zumal da die Bedeutung 
der Vater=Imago für den Zusammenhang der Gemeinschaft bisher außer 
in Freuds »Totem und Tabu« (4. Stück) nur mehr oder weniger kursorisch 
oder innerhalb andersartiger Zusammenhänge abgehandelt worden war 1 . In 
diesem Sinne erscheint mir besonders wertvoll die Aufdeckung der engen 
Beziehung, die zwischen der Ablösung von der monardiischen Autorität 
und der werbenden Kraft des Rätesystems besteht, in dem der Verfasser 
eine unter analog psychischen Bedingungen zustande gekommene Wieder- 
belebung der Brüdergesellschaft erblidtt, wie sie sich nach Freud zwecks 
Tötung des Vaters der Urhorde zusammengetan hat. — Der Verfasser 
sieht in der Räteorganisation die Wirkungsform der aufbauenden Kräfte 
der Revolution, während die Arbeitsunlust (Streikbewegung) und die zahl- 
reichen Eigentumsvergehen, die er in einen gleichfalls wohlbegründeten 
Zusammenhang mit der Ablösung von der fürstlich-väterlichen Autorität 
bringt, zu den zerstörenden Tendenzen der Revolution zu zählen seien. 

i In eigener Sache bemerke ich, daß mir Federns Vortrag für meine zum 
Teil dasselbe Thema behandelnde Arbeit »Der politische Mythus«, deren Entwurf 
aus dem Jahre 1913 stammt, noch nicht vorgelegen ist. 



92 



Bücher 



Dabei ist allerdings zu bemerken, daß diese Form schneller der Selbst- 
zersetzung verfällt als jede andere Form sozialer Gemeinsdialt. Zu diili- 
astischen Hoffnungen, die der Verfasser einmal anklingen läßt 1 , haben wir 
jedenfalls keinen Grund. Und das ist wohl auch die Meinung des Ver- 
fassers, wenn er mit den Worten schließt: Das Vater-Sohn-Motiv hat 
die schwerste Niederlage erlitten. Es ist aber durdi die Familienerziehung 
und als ererbtes Gefühl tief in der Menschheit verankert und wird wahr- 
scheinlich auch diesmal verhindern, daß eine restlos »vaterlose Gesellsdiafi* 
sich durchsetzt. 

Als vorbildlich möchte ich nodi die Klarheit der Darstellung hervor- 
heben, die es zustande bringt, auf eng bemessenem Raum die fremdartigen 
Gedankengänge der Psychoanalyse auch dem Nichtfachmann läßlich zu 
machen, ohne der gewohnten Gründlichkeit etwas zu vergeben. 

Dr. Lorenz, 






HANS BLÜHER: Die Rolle der Erotik in der männ- 
lichen Gesellschaft. Eine Theorie der menschlichen Staats- 
bildung nach Wesen und Art. I. Band: Der Typus inversus,- 
II. Band: Familie und Männerbund. 

(Verlegt bei Eugen Diederidis in Jena, 1917 und 1919.) 

Nicht die Unzahl treffender Einzelbeobachtungen, die dieses Werk 
enthält, kann Gegenstand dieser Besprechung sein. Denn diese erschließen 
sich ja doch nur dem, der Blühers Werk vom Anfang bis zum Ende liest. 
Das möchte ich aber von möglichst vielen wünschen. Denn aus Blühers Buch 
ist auch zu lernen, wie man von Dingen sprechen soll, denen gegenüber 
unsere Begriffe immer wieder als gewaltsame Verzerrungen von Wesen- 
heiten erscheinen, die nun einmal nie mit der bloßen Vernunft, auf dem 
Wege des Logos, sondern immer auch mit dem Eros erfaßt weiden müssen. 
(Vgl, das Kapitel »Eros und Logos« im ersten Band.) Die Einheit dieser 
beiden Mächte erst, die Blüher in der Sprache des Dichters verwirklicht 
findet, führt in das Herz der Dinge. Und ich muß sagen, daß in dieser 
Hinsicht Blühers »Rolle der Erotik« den stärksten Eindruck eines zugleich 
sprachgebundenen und durch die Sprache zu sich selbst befreiten, durchaus 
wirklichkeitsnahen Denkens hinterläßt. 

Mit den Vorbehalten, die sich aus diesem Charakter des Werkes 
ergeben, darf man versuchen, seinen »Grundgedanken« herauszulösen. 

Blühers grundsätzliche Stellung kommt zum Ausdruck in seiner 1 heoric 
der Inversion, die er als die natürliche im Gegensatz zur patho- 
graphischen bezeichnet. Pathographisch ist nach ihm die Theorie der Ent- 
wicklungshemmung, der Zwischenstufen und der Inzestfluchr. An dem, was 
Blüher gegen diese Theorien sagt, wird man nidil vorbeigehen können, ohne 
daß ich mir als nicht ausübender Analytiker ein Urteil über diese Materie 
anmaßen wollte. 



1 Es wäre eine ungeheure Befreiung, wenn die jetzige Revolution, die eine 
Wiederholung uralter Revolten gegen den Vater ist, Erfolg hätte. Die Seele der 
Menschheit könnte vielleicht eine schönere werden, der parrizide Zug aus ihrem 
Antlitz verschwinden. 



Bücher 93 

Nach Blüher ist die echte Inversion gekennzeichnet durch die Ur- 
sprünglich keit der Gefühlseinstellung zum gleichen Gesddecht. Diese 
Einstellung widersetzte sidi jeder analytisdien Reduktion, weil sie ein Trieb, 
aber kein neurotisches Symptom sei. Diese unsprüngliche Triebrichtung, die 
ihrem psydiologischen Bestand, freilidi nicht ihrer biologischen Zweckmäßig- 
keit nach, der heterosexuellen Tendenz der Libido völlig gleichwertig sei, 
mit der sie sogar vorübergehend vermisdu vorkommen könne, unterliege 
nun denselben Verdrängungsmöglichkeiten wie die »normal« geriditete Libido. 
Diese infolge mißglückter Verdrängung neurotisch erkrankter Invertierten 
(Typus inversus neuroticus) seien es nun fast ausschließlich, an denen sich 
die Psychiater versuchten. Sie unterliegen dabei der Täuschung, außer der 
mißglückten Verdrängung audi die Triebriditung selbst »heilen« zu wollen. 
Diese Täuschung ruht nun auf den beiden Pfeilern der biologischen Zweck» 
Widrigkeit der invertierten Tendenz und der an der Norm der Zweckmäßig- 
keit orientierten bürgerlichen Moral. Nun darf diese bürgerliche Moral, als 
ein System von Sicherungen, mit denen sich ein stagnierender Menschen- 
typus in seiner kreisrunden Behaglichkeit vor allen Blicken in die Höhen und 
Tiefen des Daseins bewahrt, weder den Anspruch machen, einen Menschen, 
der zu sidi selber finden will, von diesem Wege wegzuziehen, noch auch 
zu einer apriorischen Voraussetzung der Seelenforschung erhöht werden. 
Die biologische Zweckwidrigkeit aber wird nadi Blüher wettgemacht durch 
die Eigenschaft der mann-niännlidien Erotik, daß sie ein Gesell ungsprinzip 
darstellt und gemeinschaftsbildend wirkt, in viel weiterem Maße als die vor den 
Pforten der Familie erlahmende Gesellungskraft der heterosexuellen Tendenz. 

Es wäre zu wünschen gewesen, wenn der Verfasser diese prinzipielle 
Anschauung, der von Seite der Ethnologie schon durch Heinrich Schurtz' 
»Altersklassen und Männerbünde* vorgearbeitet wurde, durch die Analyse 
konkreter Staatsbildungen der Bewährung unterzogen hätte. Denn die 
Wandervogclbewegung, die militärisdien Kameraderien, die Freimaurer, die 
Templer und die studentischen Verbindungen, an denen uns der Verfasser 
die invertierte Erotik als Bildungsprinzip nachweist, sind doch durchwegs 
Gemeinschaften neben dem Staat. Gerade Blüher erschien berufen, etwa 
zu Jekels' »Wendepunkt im Leben Napoleons« das Gegenstück zu schreiben, 
nämlich das Wirken und die Wirkung dieses Einzigen vom Standpunkt 
des faszinierten Frankreich und Europa aus. Daß er dieses und ähnliches 
unterlassen hat, hängt wohl mit einer unklaren Fassung des Staatsbegriffs 
zusammen, der dem Verfasser mehr analog den sogenannten Tierstaaten 
<Bienen und Ameisen) vorzuschweben scheint als in der präzisen Bedeutung, 
die dem Staatsbegriff innerhalb der menschlichen Kultur zukommt. Dort 
ist er ein Prinzip der Gesellung und Arbeitsteilung. Der Menschenstaat ist 
aber ungleich mehr. Er ist kein Männerbund, auch kein oberster Männer- 
bund, sondern, was in ihm in der Form psychischer Einstellungen und von 
Institutionen — Verkörperungen solcher Einstellungen — auf invertierter 
Erotik beruht, ist ein Faktor neben anderen. Die territoriale Bindung samt 
ihrer psychologischen Erscheinungsform, der Heimatliebe, ist von allem, was 
bisher Staat geheißen hat, unabtrennbar. In ihr ist die Bindung an die 
Mutter-Imago wirksam, wie in der Form der Herrschaft die väterliche 
Imago. Diese Bindung wird erst verstärkt durch die invertierte Erotik. 

Idi meine darum, daß dieses Werk, das in seinem zweiten Bande 
den Untertitel einer »Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen 
und Art« führt, uns zu früh entläßt, wenn es mit dem Männerbund endigt. 
Von diesem bis zum Staat ist es noch ein gutes Stück. Die Vielheit der 



94 Bücher 



psychologischen Beziehungen bewußter und unbewußter Art, die das staat- 
liche Leben ausmachen, widersetzt sich der durch diesen frühzeitigen Schluß 
indirekt angedeuteten Absicht der Reduktion auf dieses einzige Motiv der 
männlichen Gesellschaft. Das soll nun weniger ein Vorwurf sein als viel- 
mehr der Wunsch nach einer Fortsetzung. _ r 

Dr. Lorenz. 



Dr. EMIL LORENZ: Zur Psychologie der Politik. — 

Über Erziehung und Bildung. Zwei Vorträge, gehalten im 

Geschichts «Verein für Kärnten. 

{Verlag Johannes Heyn, Klagenflirt.) 

Auf psychoanalytischer Basis weist der erste Vortrag nach, welche 
unbewußten^Bindungen die Staatsordnung der Monarchie zusammenhielten. 
Durch den Zusammenbruch sind uralte, irrationelle Bedürfnisse der Masse 
ungestillt geblieben und bewirken die »Besessenheit, die sich in Rußland 
und Mitteleuropa in den Erscheinungen der Revolution« äußert. — Von 
Interesse ist der psychoanalytische Nachweis, daß in der französischen Re- 
volution nach dem Sturz der Vateridee die mütterliche Beziehung zur Natur 
als Bindung an das Heimatland sidi verstärkte und auch in den gewaltigen 
Nationalliedern der Zeit, in der Marseillaise und im Chant des departs bis 
in die Wahl der Symbole und Redewendungen sich ausdrückte. Kraft dieser 
gemeinsamen Einstcllungsbereitschaft zum Mutterland konnte das Volk von 
diesen Liedern so mächtig mitgerissen werden. — Frankreich hat immer in 
den schwersten Krisen die Fähigkeit gehabt, eine neue Idee, ein Symbol 
von hinreißender Gewalt zu finden. »Deutschland dürfte sidi glücklich schätzen, 
wenn es ähnlieh begnadet wäre.« — Der zweite Vortrag ist ohne psycho- 
analytischen Inhalt, wenn er auch zu solchen Fragestellungen anregt. 

Dr. Paul Federn. 



Die bibliographische Übersicht der auf die 
Geisteswissenschaften angewandten Psychoanalyse seit 1915' 

entfiel zum Abschluß des vorigen Bandes, da eine eingehende Würdigung 
der gesamten hierhergehörigen Erscheinungen dieses Zeitraumes in dem an 
Stelle des »Jahrbudis der Psychoanalyse« erscheinenden »Jahresbericht über 
die Fortschritte der Psychoanalyse« 1915—1919 erfolgen soll. 

Die Redaktion. 

1 Die letzte Übersicht ist Ende 1915 im IV. Bande, S. 187, erschienen. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON ~ NEW-yORK 

Wir eröffnen hiemit für die 

Mitglieder der »Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung« 

ein Abonnement auf die bisher zum 7. Bande gediehene 

Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Nr. 1 

Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen 

Diskussion mit Beiträgen von Prof. Freud <Wien>, Dr. Abraham <Berlin>, Dr. Ferenczi 
(Budapest), Dr. Jones <London>, Dr. Simmcl <BerIin> 

6 Bogen Groß=Oktav 
Nr. 2 

Dr. S. Ferenczi 
Hysterie und Pathoneurosen 

6 Bogen Groß-Oktav 
Nr. 3 

Prof. Dr. Sigm. Freud 
Zur Psychopathologie des Alltagsleben 

6., verm. Auflage. — 20 Bogen Groß=Oktav 
Nr. 4 

Dr. Otto Rank 
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung 

27 Bogen Groß-Oktav 
Nr. 5 

Dr. Theodor Reik 
Probleme der Religionspsychologie 

20 Bogen Groß-Oktav 
Nr. 6 

Dr. Geza Röheim 

Spiegelzauber 

16 Bogen Groß-Oktav 

Nr. 7 

Dr. Eduard Hitschmann 

Gottfried Keller 

Psydioanalyse des Diditers, seiner Gestalten und Motive 
8 Bogen Klein-Oktav 

Bei Bezug der ganzen Serie auf einmal direkt vom Verlag gewähren wir unseren 
Mitgliedern eine Ermäßigung von 10°/c, des Ladenpreises, 



I 



BUCHDRUCKEREI CARL FROMME, OES. M. B. H., WIEN V.