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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VI 1920 3"

IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO^ 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSyC HO ANALYTISCHER VERLAG G. M. B. H. 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW-VORK 



VI. 3. 1920 

Das Zersingen der Volkslieder. 

Ein Beitrag zur Psychologie der Volksdichtung. 
Von Dr. HERMANN GOJA. 

(Fortsetzung und Schluß.) 

Die Auslassung 1 . 

In einer Studie über das Zersingen, dem Vergessen und Erinnern 
der Volkslieder ein besonderes Kapitel zu widmen, ist nicht be- 
rechtigt. Die Besprechung des Vergessens und Erinnerns ist 
eigentlich mit der der Verdichtung, der Verschiebung abgetan. Ist 
doch die Verdichtung z. B. nichts anderes als das Vergessen eines 
Teiles des Liedes und das Dafürerinnern eines anderen. Hat man 
daher einmal die Verdichtung als etwas Zweckentsprechendes er* 
kannt, so muß man auch dem Vergessen und Erinnern der Volks- 
lieder und seiner Teile Zweck zuerkennen, muß es aus dem Bereich 
des Zufälligen emporheben in den des Absichtlichen, nicht in das 
des Bewußt- aber in das des Unbewußtabsichtlichen. 

Würde der Zweck meiner Arbeit eine Psychologie der Volks- 
dichtung sein, so würde ich jetzt den Nachweis erbringen, daß die 
Auswahl der in einer bestimmten Situation gesungenen Lieder selbst 
ebenfalls keine zufällige ist, daß der Sänger nicht jene Lieder singt, 
welche er will, sondern welche er muß. Beispiele zu dieser .Be- 
hauptung zu erbringen, wäre leicht 2 . Da das Ziel meiner Arbeit 

> Vgl. Freud, Zur Psychopathologie des Atitagslebens. 

2 Besonders aus J. Meier, Das deutsche Soldatenlied im Felde. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




198 Dr. Hermann Goja 

nur die Erklärung des Zersingens ist, so beschränke ich mich auf 
die Beweisführung, daß das Vergessen einzelner Strophen, Worte 
und Wörter der Lieder ebenfalls bedingt ist wie die Verdichtung 
und Umkehrung. Ich bringe zunächst größere Beispiele. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel für das Vergessen in Volksliedern 
ist das Lied »Die Vierundzwanziger vor Lemberg«. Ich gebe zu» 
nächst den Text desselben als Grundlage: 

A. 

1. Welch Regiment folgt durch die Nacht 
Dem Feinde auf den Fersen nach, 

mm — — — — 

Die Vierundzwanz'ger sinds aus Wien. 



5 2. In Wien da kennt uns jedes Kind, 
Da sind uns alle wohlgesinnt. 
Die Russen, die sehn uns, o Graus, 
Da nehmen sie Reißaus. 

3. Bewährt hat es sich jederzeit, 

10 Das Regiment, auf weit und breit, 

Bei Samos, San und Jaroslau, 
Bei Komaröw, Robau. 

4. Auch heute gehts mit muntern Sinn 
Vor Lembergs starke Stellung hin/ 

15 Wenn auch so manche Kugel trifft, 

Die Vierundzwanziger weichen nicht. 

5. Am zweiten Juni, da gings los 

Um vier Uhr früh 

Die Artillerie, die leitet ein: 

20 Stadt Lemberg muß stets unser sein, 

6. Und horch, was kommt von Fern dort her 
Ein Sturmgebraus vom fernen Meer! 
Ein Dreißiger ists, auf steiler Bahn 
Langt er im^Werke Grszöw an. 

7. Ein Teil sofort in Trümmer geht, 
In Rauch und Staub die Feinde stehn. 
Stieg auch der Dreißigerschuß sofort, 
In einer Stunde sind wir dort. 

8. Es nahet schon die fünfte Stund 
Und laut geht es von Mund zu Mund: 
»Vorwärts, du tapfres Regiment, 
Zeigt, was ihr Vierundzwanziger könnt.« 

9. Und vorwärts gehts mit frischem Mut, 
Den Boden tränkt schon teures Blut. 

35 Es fällt so mancher tapfere Held 

Vor Lembergs blutigem Schlachtfeld. 











. 




•- 






25 






■ 






30 







Das Zersingen der Volkslieder 199 



10. Unwiderstehlich brechen wir 

Des Feindes Macht vor — 

Gefangen wurden viele heut , 

40 Und machten reiche Siegesbeut'. 

11. Das Regiment tat, was es könnt, 
Durchbrochen ist des Feindes Front! 
Hurrah, die jetzt nach Lemberg gehn, 
Die Vierundzwanziger sinds von Wien. 

45 12. Wie wir vor Lemberg kämpften heut , 
So halten wirs auch, jederzeit: 
Nur Gott vertrau, mein Vaterland, 
Wir stehen fest mit Herz und Hand. 

13. Kommt der Russ' mit Übermacht, 
so Wir schlachten ihn bei Tag und Nacht. 

Er muß zurück, zurück mit Hurrah 
Sind immer gleich die Vierundzwanziger da. 

B 2 Nach mit aller Macht 3 Und gehen all durch dick und dünn 4 Aus > von, 
zwischen 4 und 5 der Refrain: 

Lieb Vaterland magst ruhig sein, 
Die schlagen fest und tapfer drein 
Und ziehen stolz in Lemberg ein. 

5-16 fehlt 17 Im Juni wars, da zogen sie, 18 Auf Lemberg los um vier Uhr 
früh. 19 Die > sie 20 Die Stadt muß heute unser sein. 21—28 fehlt 32 Zeigt 
Vierundzwanziger, was ihr könnt. 33—40 fehlt 45 wir > sie 46 wirs auch > sie 
es 47 vertrau > vertraun , . , . 

C 1—4 fehlt 6 da > dort 7 sehn sie uns 8 alle gleich 10 auch weit gebreit 
ll San und Jaroslau oder San und Komarow 12 Bei Jaroslau und Tomazow 
13 Auch > Und, muntern > mutgen 16 weichen > wanken 17 zweiten > zweiund- 
zwanzigsten 18 Da ging es los um vier Uhr früh. 19 Die > sie 20 Die Stadt 
muß heute 21 dorther > daher 22 vom > im 23 auf ) in 24 Gfszow > Rzeszna 
26 Feinde > Festung 27 Heil euch, ihr Dreißiger, schießt so fort 34 teures > Freundes 
36 Schlachtfeld > Schlachtenfeld 38 Kraft bei Rzeszna hier 40 Und > wir 42 des 
Feindes > der Russen 43 Hurrah! Nach Lemberg sie jetzt z.ehn, 44 die Vierund- 
zwanziger aus Wien. 46 wirs auch > wir es 47 Gott vertrau > Gottvertraun 
50 schlachten > schlagen 51 zurück, zurück denn mit 

Das Lied ist vollständig zerstört. Es war das Regimentslied 
des k. k. Schützenregiments Nr. 24. Dieses Regiment, eines der 
besten der österreichischen Armee, pflegte sehr, bis zur Zeit des 
Zusammenbruches das Soldatenlied. Auffallend ist sofort, daß trotz 
eifrigsten Suchens der Originaltext nicht mehr aufzufinden war. Das 
Lied, auf die Melodie der »Wacht am Rhein« gedichtet, entstand 
nach Angabe der Sänger unmittelbar nach der ochlacht von Lemberg 
<20. bis 22. Juni 1915), durch welche die Stadt entsetzt wurde. Das 
Regiment des Liedes beteiligte sich an dem Sturm auf Lemberg, 
der am 22. Juni, 5 Uhr vormittags, angesetzt wurde und ruckte 
nach einem leichten Erfolg als erstes österreichisches Regiment in die 
befreite Stadt ein. Der Tag dieses Einzuges wurde zum Regiments- 



200 Dr. Hermann Goja 



ehrentag erhoben, das Gefecht mit Rücksicht auf die moralische 
Wirkung, welche die Wiedereroberung Lembergs auf das Hinterland 
ausgeübt hatte, immer mehr und mehr ausgeschmückt. Das Regiments- 
lied, das diese Schlacht besingt, wurde von einem Zugsführer Lehner, 
welcher Frühjahr 1918 weder von den Zivil- noch von den Militär- 
behörden auffindbar war, gedichtet, von den Soldaten aber dem 
beliebten Regimentskommandanten zugeschrieben. Es entstammt 
wahrscheinlich der Begeisterung seines beim Regimentsstab ein- 
geteilten Dichters und wurde vom Regimentskommando, also künstlich 
unter die Mannschaft gebracht. Es war tatsächlich eine Zeitlang 
sehr beliebt. Lembergkämpfer erinnerten sich alle desselben. 

Die Vierundzwanziger vor Lemberg gehören in die Gruppe 
der historischen Volkslieder. A ist März 1917, also l 3 / 4 Jahre nach 
der Schlacht beim Regimente selbst aufgezeichnet und schon stark 
zerstört. Am besten sieht man dies an den historischen Daten. 
A zitiert 11-12 eine Reihe von Namen. Es sind Namen von Ort- 
schaften, um welche sich Gefechte des Regimentes abgespielt haben. 
Ich bringe sofort die Daten dieser Gefechte: Gefecht von Samos 
26. bis 27. VIII. 1914, Gefechte am San 19. X. bis 5. XI. 1914, 
Kampf um Jaroslau 20. VIII. 1914. Diese Gefechte gehören zu- 
sammen, da die Gefechte von Samos und Jaroslau die Aufmarsch- 
gefechte zu den Kämpfen am San bilden. Die Reihenfolge, in 
welcher sie in dem Liede erscheinen, entspricht nicht der zeitlichen 
Aufeinanderfolge der Kämpfe. Das Gefecht von Komaröw fand am 
19. X. 1915, also vier Monate nach der Schlacht von Lemberg statt. 
Das Reimwort zu Jaroslau Robau ist erfunden. C 11 weiß nicht 
mehr sicher, welche Namen sich dort befunden haben, stellt aber 
Komarow in den Reim und verbindet das Wort mit Tomaszöw, 
dem Namen eines Ortes, an welchem sich 8. bis 9. IX. 1914 ein 
Gefecht abgespielt hat. Nach diesem Reim muß man annehmen, 
daß das Lied erst nach dem Gefechte von Komarow entstanden ist, 
während die ganze Tradition die Entstehung des Liedes in die 
ersten Tage nach der Schlacht von Lemberg versetzt. Der den 
niederösterreichischen Bauern schwer merkbare Reim Komarow-' 
Tomaszöw ist später durch den Reim Jaroslau — Robau ersetzt 
worden. Ebenso unhistorisch als Robau ist Gfsöw für Rzeszna, den 
Namen desjenigen Werkes, welches bei der Artillerievorbereitung 
von schwerer Artillerie zerstört worden war. C 24 bringt da noch 
den richtigen Namen, A 3s hat den historischen Namen vergessen, 
C 38 setzt ihn wieder ein. Eine Untersudiung des Zersingens darf 
an den beiden Neubildungen Robau und Grsow nicht vorübergehen. 
Ich werde sie später analysieren, verfolge jetzt aber weiter die 
Untersuchung der Zerstörungen. 

Besonders auffällig ist weiter die lingenauigkeit des Datums 
in An. Dieses Datum, welches man doch als besonders festsitzend 
in den Köpfen der Kampfteilnehmer annehmen sollte, ist falsch. 
Die Schlacht dauerte vom 20. bis zum 22. Juni 1915, der Sturm, 



Das Zersingen der Volkslieder 201 



welcher in dem Liede beschrieben ist, erfolgte am 22. Juni um 5 Uhr 
früh. B n weiß das Datum ebenfalls nicht, es erinnert nur an den 
Monat. C, welches alle Daten berichtigt hat, setzt auch hier wieder 
den historischen Tag ein. Die Zeitangabe A is wie B is und C is 
gegenüber A29, B29 und C29 ist leicht zu erklären: 4 Uhr früh ist 
die Zeit des Beginnes der Vorrückung, 5 Uhr die des Sturmes. 

Es erhebt sich daher die neue Frage: woher stammt die Un- 
genauigkeit des Datums? Auch eine Nebenfrage wäre zu beant- 
worten: Wieso ist die große Genauigkeit von C zu erklären, die 
im Gegensatz von A und B ist? . 

Ich will die letzte Frage zuerst beantworten: C ist die frühe 
Aufzeichnung eines Offiziers. A und B entstammen der münd- 
lichen Überlieferung. 

Die Beantwortung der beiden ersten Fragen ist ebenfalls 
leicht, wenn man sie zunächst einschränkt auf die Frage nach der 
Ursache des Vergessens der Orts* und Zeitangaben, wir haben 
bisher immer beobachtet, daß die unlustbetonten Vorstellungen in 
den Liedern unterdrückt wurden. Unlustbetont sind aber die Namen 
von Schlachtorten sicher den Kampfteilnehmern. Ebenso ist die Vor- 
stellung der Zeit, zu welcher ein Gefecht stattgefunden hat, also 
das Datum unlustbetont. Das Vergessen von Orts- und Zeitangaben 
war eine Erscheinung, welche während des Weltkrieges alltäglich 
beobachtet werden konnte. Trotzdem die Mannschaft immer nach 
den verschiedenen Ortsnamen frug, dieselben nach Hause schrieb 
oder in dem Tagebuche notierte, wußte sie doch im allgemeinen 
nur den Namen des Landes, im günstigsten Falle noch den Namen 
des strategisch wichtigsten Ortes zu nennen, wenn man sie nach 
einem Gefechte fragte. 

Unsere Fragen sind demnach alle beantwortet, bis auf die 
erste nach der Erklärung der beiden Wortneubildungen. 

Untersuchen wir zunächst die Neubildung Robau. Es steht 
in dem Liede für das vergessene Tomaszow und als Reimwort zu 
Jaroslau und ist offenbar Unsinn. 

Um die Wortneubildung zu verstehen, erinnere ich an die 
Verdichtung. Wir haben an dem Sarajevoliedkomplex gesehen, 
daß alle Teile der Verdichtung nur den einen Zweck haben, den 
Vorstellungsverlauf von unlustbetonten Vorstellungen zu lustbetonten 
zu leiten. Demselben Zwecke dient aber offenbar unsere Neubildung. 
Robau reimt nämlich auf Lobau. Die Lobau ist ein beliebter 
Wiener Ausflugsort, war allen Soldaten des Regiments bekannt 
und, als dem Heimatskomplex angehörig, lustbetont. Der Asso- 
ziationsverlauf geht also von dem unlustbetonten Jaroslau über 
die Neubildung Robau zu dem lustbetonten Lobau— Prater— Wien. 
Robau ist dabei als Verdichtung zu bezeichnen. 

Ein ähnlicher Fall liegt vor bei der Neubildung Gfsow. GFsow 
steht für Rzeszna. Die Namen haben keine Ähnlichkeit und dennoch 
ist sie vorhanden. Die Unähnlichkeit der beiden Ortsnamen ist nur 



202 Dr. Hermann Goja 



bedingt durch die Unkenntnis der polnischen Rechtschreibung und 
Aussprache unserer Soldaten. Gfs ist nur eine schlechte Schreibung 
von Rzesz. In der Aussprache war es mit dem Rzesz in Rzeszna 
identisch. Darnach dürfen wir Gfsow verbessern in Rzeszöw. Das 
hat aber wieder keinen Sinn. Der Sinn, welcher sich hinter dieser 
scheinbar so unsinnigen Neubildung verbirgt, offenbart sich, wenn 
man zu Rzeszow Szelwöw stellt. Die Blöße von Szelwöw war 
ein Hauptkampfabschnitt der Regimentsstellung in Wolhynien. Wir 
sehen sofort, daß es sich bei Rzeszow um eine Verdichtung der 
Wörter Rzeszna und Szelwöw handelt. Man kann sich dies augen- 
fällig machen, wenn man die Wörter untereinander schreibt: 

RZESZna 
SzelwÖW 

RZESZÖW 

Wir haben also festgestellt, daß es sich bei der Wortneubildung 
Rzeszöw um eine Verdichtung handle. Jetzt müssen wir noch fest- 
stellen, welcher Sinn der Verdichtung zugrunde liegt. Sie ist Früh- 
jahr 1917 entstanden. Die großen Kämpfe auf der Blöße von 
Szelwow waren Herbst 1916. Eine Wiederholung derselben war 
für das Frühjahr zu erwarten. Die Kämpfe von Rzeszna waren 
vorüber, für die Sänger gut vorüber. Der Wunsch, welcher die 
Verdichtung herbeigeführt hat, ist nun dieser: Wären die Kämpfe 
von Szelwöw vorüber und so gut überstanden als jene von Rzeszna! 
Die Verdichtung erfüllt diesen Wunsch, indem sie Szelwöw in die 
Schlacht von Lemberg verlegt 1 . 

Ich habe damit die beiden Neubildungen erklärt. Die Kräfte, 
welche sie gebildet haben, sind dieselben, welche auch sonst lied- 
verändernd wirken. Der Zweck der Neubildungen ist aber derselbe, 
wie der des Zersingens überhaupt, nämlich Verdrängung einer un- 
lustbetonten Vorstellung durch eine lustbetonte: Lustgewinn. 

Ich bin aber von meinem Thema abgeirrt. Verfolgen wir das 
Vergessen weiter. A 3 fehlt, B 3 zeigt den manifesten Inhalt der 
Zeile: »Und gehen all durch dick und dünn« und macht damit das 
Vergessen verständlich. Der Sänger will nicht mehr durch dick und 
dünn gehen. Dieses Draufgängertum ist nicht mehr seinen Wünschen 
entsprechend. Er vergißt, unterdrückt daher die Zeile. Merkwürdig 
ist, daß März 1917 der Text des Liedes leidlich gut erhalten sein 
konnte, während die Melodie vergessen worden war. Daß die 
Melodie unbekannt war, beweist A, welches den Refrain nicht hat. 
B zeigt den Refrain und gibt auch damit die Melodie zu erkennen, 
die Melodie der »Wacht am Rhein«. Das Vergessen ist hier be- 
sonders auffällig, da es sich um die Melodie eines im Frieden sehr 
bekannten und sehr beliebten Liedes handelt. Gerade deshalb, weil 

' Den Mechanismus der Wortneubildungen erkannte zuerst Freud in der 
Traumdeutung, dem ich mich hier anschließe. 



Das Zersingen der Volkslieder 203 

er so grass ist, ist dieser Fall so belehrend. Die »Wacht am Rhein« 
ist ein deutschnationales Lied, welches immer den Zusammenhang 
zwischen den Deutschen Österreichs und denen Deutschlands herstellt. 
Dem Reichsdeutschen, dem deutschen Soldaten war man aber bei 
meinem Regimente gram. Man bildete sich ein, schlechte Erfahrungen 
mit ihm gemacht zu haben. Mit ihm wollte man daher auch nichts 
zu tun haben. Das Band zwischen dem Deutschösterreicher und 
dem Reichsdeutschen wurde daher zerrissen. Man vergaß die 
Melodie des Regimentsliedes. 

B zeigt das Vergessen des Liedes auf einer hohen Stufe, Die 
Einleitung A i— 16 ist bis auf die immer feste erste Strophe weg* 
gefallen. Die Kampfszene A 17-40 ist auf zwei Strophen reduziert, 
deren erste A 17—20 die Artillerieeinleitung, also den Anfang des 
Angriffes zum manifesten Inhalt hat, deren zweite A 29-32 den Sturm, 
das Ende des Kampfes schildert. Das Vergessen bewegt sich hier 
in den schon bekannten Bahnen: Vergessen der unlustbetonten Vor- 
stellungen. Auch im Sarajevoliede wurde die Kampfszene vergessen. 
Wunder nimmt nur das Bestehenbleiben der letzten drei Strophen. 
Dies entspricht der Überbetonung des Moralischen in dem Liede 
Stamfords. Dort waren es sekundäre Strebungen, welche diese 
Überbetonung erzeugten,- hier sind sie es ebenfalls. Primär ist in 
der Bewußtseinslage der Friedenswunsch enthalten, die Abneigung 
gegen den Soldatenstand, sekundär der Wille auszuharren, durch« 
zuhalten. Der primäre Wunsch führt zur Zerstörung der unlust" 
betonten Vorstellungen. Der sekundäre zur Erhaltung der ihn be- 
friedigenden Strophen. 

Im Anschluß an diesen Versuch, sämtliche Auslassungen eines 
Liedes zu erklären, muß ich jedoch bekennen, daß dies nicht immer 
möglich ist. Es gibt allgemeine und individuelle Singarten. Erklär- 
bar sind bei Volksliedern nur die allgemeinen Singarten, jene, welche 
nicht von einzelnen Sängern, sondern von der Gesamtheit erzeugt 
werden, insofern man die allgemeine Bewußtseinslage, die Bewußt- 
seinslage der Massen feststellen kann. Die individuellen Singarten, 
die Singarten des einzelnen Menschen sind nur durch genaue Analyse 
der Bewußtseinslage dieses Einen erklärbar. 

Ähnliche Verhältnisse wie das Lied »die Vierundzwanziger 
vor Lemberg« zeigt bei oberflächlicher Betrachtungsweise das folgende 
Lied »Neues Kriegslied im Jahre 1916«, ein Lied, welches durchaus 
nicht neu ist, sondern als »Schlacht bei Leipzig« oder »Schlacht bei 
Regensburg« in den Liedersammlungen und fliegenden Blättern läuft. Ich 
gebe das Lied in der Fassung 6es Jahres 1916 <A> und in einer älteren, 
vollständigeren Form <B>. 

A. 
1. Adi Gott, wie gehts im Krieg jetzt zu, 

Was wird für Blut vergossen, 

Eh noch im Reich wird Fried und Ruh, 

Man noch erfahrn wird müssen, 



204 Dr. Hermann Goja 






3 Wie mancher reiche Untertan 

Wird jetzt gemacht zum armen Mann/ 
Wie manches Land verheert, 
Und manche Stadt zerstört. 

2. Stellt Euch im Geist aufs Schlachtfeld hin, 
jo Ihr lang verstockten Sünder! 

Betracht das Elend, kommt zu Sinn, 
Ihr stolzen Adamskinder, 
Legt Euren Stolz und Bosheit ab, 
Bedenkt, daß Euch auch Tod und Grab, 
15 Bei so viel tausend Leichen 

Kann unversehns erreichen. 

3. Dort liegt verwund't an Arm und Bein 
Ein Krieger auf der Erden/ 

Er wollte gern verbunden sein 
20 Und kann es doch nicht werden. 

Mit tausend Schmerzen und Unruh 
Hält er seine blutigen Wunden zu/ 
Wird oft nach vielen Stunden 
Erst mancher kaum verbunden. 

25 4. Ein Anderer, der im Tod verwund't, 

Der schreit: »Um Gottes Willen! 

Ach helfet mir! Ich bin verwund't 

Und kann das Blut nicht stillen, 

Ach tötet mich! Der Schmerz ist groß, 
30 So werd' ich meines Jammers los 

Und darf auf dieser Erden 

Nicht erst ein Krüppel werden.« 

5. Ach! wie so manch' Soldatenweib 
Möcht' jetzt zum Tod sich grämen, 

35 Die viele Kinder hat bei Leib 

Und nicht viel einzunehmen. 

»Mein Mann« — schreit sie, — »der viele Jahr' 

Mein Schützer und Versorger war, — 

Sollt' ich mich nicht betrüben — 
40 Ist in der Schlacht geblieben.« 

6. Ach wie so manche junge Braut, 
Weil man ihr hat geschrieben: 
»Der Liebste, dem du doch vertraut, 
Ist auf dem Feld geblieben. 

45 Ein Jüngling schön, wie Milch und Blut, 

Der dir so hold war und so gut 
Der lieget jetzt im Sande, 
In einem fremden Lande.« 

7. »Ach, lieber Sohn, wie trübt es mich«, 
50 Hört man den Vater klagen — 

»Sollt eine Stütze sein für mich 
In meinen alten Tagen, 



Das Zersingen der Volkslieder 205 

Der liegt jetzt auf dem Schladitfeld draus, 
Er kommt jetzt nimmermehr nach Haus, 
55 Ich werd' mit grauen Haaren 

Ihm müssen bald nachfahren.« 

8. Dort schoß das Blut in Strömenweis' 
Auf mancher Gaß und Straßen/ 
Dort sieht man Menschen haufenweis' 
60 In einem Fluß begraben. 

Darunter mancher Eltern Kind 
Vernichtet wird, was man noch find't, 
Man muß sein junges Leben 
Im Wasser so aufgeben. 

65 9. Dort gibt's ja Hiebe, Stich und Schuß, 

Daß viele zurückprallten. 

Dem fehlt ein Arm, dem fehlt ein Fuß, 

Dem ist der Kopf zerspalten. 

Dort liegt verstümmelt auf der Erd', 
70 Der wird zertreten durch die Pferd', 

Möcht von der Welt gern scheiden 

Und muß so lange leiden. 

B 1 i Kriege 4 Man wird erfahren müssen 7 verheeret, 8 zerstöret! 10 ver- 
stockte 11 Bedenkt . . . immerhin 12 Menschenkinder 14 Und denkt . . . auch 
der Tod, das ... 16 Euch könnte schnell 19 nicht so 20 nicht gleich 22 die 
blut'gen 23 etlich' 24 lang nachher 

Zwischen 24 und 25: 

Man führt ihn zwar ins Lazareth 

Auf Wagen und mit Pferden, 

Wo Gott ein sanftes Ruhebett 

Ihm jetzt zu Teil läßt werden. 

Hier werden viele zwar gesund, 

Doch mancher, der sehr hart verwundt, 

Find't in dem Lazarethe 

Auch oft sein Sterbebette. 

25 im ) zum 26 der fehlt. Ach, um 27 Adi Brüder helft 28 Ich 20 der > mein 
30 meinen Jammer 32 ein > zum 34 zum > zu 35 bei ) am 36 wenig 37 sagt 
39 soll 40—48 fehlt 

Zwischen 48 und 49: 

Ach, wie so manches Mutterherz 
Wird jetzt für Angst gebrochen! 
Der Sohn, den sie gebar mit Schmerz, 
Den hat sie groß gezogen, 
Ihr einz'ge Lust, ihr Herzenstrost, 
Zog fort in Krieg, bald kam die Post: 
Dein Sohn, den du tät'st lieben, 
Ist in der Schlacht geblieben. 

49 reust du 51 der ein Schutz sollt seyn für mich 53 Liegt jetzo 54 Kommst 
nimmermehr zu uns 

~~ » Ditfurth, Fränkische Volkslieder, II, Nr. 230, Schlacht bei Regensburg <1809>. 



206 Dr. Hermann Goja 



Zwischen 56 und 57: 

Wie manche Witwe hört man jetzt 
Mit bangem Herzen klagen: 
Mein einz'ger Sohn, der mich ergötzt, 
Der meine Last half tragen, 
Nahm man mir zum Soldaten weg. 
Ach Gott, wer gibt mir Wart und Pfleg! 
Ach Gott, sei jetzt im Alter 
Mein Schützer und Erhalter! 
41 Ach, wie seufzt 43 dich 44 in der Schlacht 46 dir > ihr 47 Liegst jetzt, verscharrt 

Wie viele unserer Landesleut 

Und Söhne, die wir lieben, 

Sind kürzlich in dem Krieg und Streit 

Bei Regensburg geblieben ! 

Sowohl bekannt, als unbekannt, 

Aus Würzburg und aus Bayerland, 

Und liegen an den Wunden 

Im Lazareth verbunden. 

57 ganz strömeweis' 58 im Graben 59 sah 60 Im Donaufluß 61 Worunter 
manches Mutterkind 62 Vermißt noch wird, das man nicht find't, 63 Und 
64 so > erst 65 gab es Stiche, Hieb 66 Daß viel' zurücke 69 Der zerstümmelt 
70 Und 72 Muß oft erst lang noch 

Heil ihre Wunden, großer Gott, 
Und lindre ihre Schmerzen, 
Und tröste alle durch die Not 
Betrübte Elternherzen ! 
Führ' die noch leben mit viel Glück, 
Als tapfre Krieger einst zurück, 
Daß sie und wir von Neuem, 
Uns mit den Eltern freuen. 

Ach wie viel hunderttausend Leut 
Sind jetzt an vielen Orten, 
Durch Kriegesnot und harte Zeit, 
Zu armen Leuten worden! 
Erbarm', erbarm' dich ihrer, Gott, 
Und rette sie aus aller Not! 
Laß auf ihr Flehn und Weinen, 
Den Frieden bald erscheinen! 

Erbarm dich, die Not ist groß 
Bei Vielen jetzt auf Erden! 
Mach von dem bangen Krieg uns los, 
Laß es bald Friede werden! 
Gebiet dem Kriegsherr, daß es ruht, 
Daß nicht mehr länger Menschenblut 
Darf zu der Welt Verderben, 
Das dunkle Erdreich färben. 

Gott, groß von Gnad und Gütigkeit, 
Laß unsre arme Brüder, 
Die jetzt sind da und dort im Streit, 
Sich bald erholen wieder! 



Das Zersingen der Volkslieder 207 



Schütz unsern König und zugleich 
Das Vaterland und Deutsche Reich! 
Laß alle Potentaten 
Zum Frieden treulich raten! 

Steh gnädig allen Kriegern bei, 
Die in der Näh und Weiten, 
Durch viel Gefahren mancherlei 
Fürs Vaterland jetzt streiten! 
Gib ihnen Mut und Tapferkeit, 
Und laß sie bald mit Lust und Freud, 
Berühmt mit Sieg und Ehren, 
Zurück nach Hause kehren! 

Erbarm dich aller insgemein 
Die voller Schmerz und Wunden, 
Die auch im Lazarethe sein, 
Und vieles schon empfunden! 
Nimm der veracht'ten Untertan, 
Der Abgebrannten, Herr, dich an, 
Und schenke allen Leuten 
Bald wieder bess're Zeiten. 

Laß Kunst und Handlung wieder gehn, 

Die bisher lagen nieder 

Und sieh zu Heil und Wohfergehn 

Vom Himmel auf und nieder! 

Nimm dich des armen Handwerksmann 

Bei harten Zeiten gnädig an, 

Wollst mit des Krieges Frohnen 

Auch unsre Landleut schonen! 

Gib Fried dem Reich und Vaterland, 

Das über zwanzig Jahren, 

Durch viel Verwüstung, Krieg und Brand 

Hat müssen schon erfahren. — 

Du Gott des Friedens steh' uns bei, 

Mach von dem schwarzen Krieg uns frei! 

Laß Friede bald auf Erden 

In allen Ländern werden! 

Eine oberflächliche Betrachtung kann diesen Fall des Zersin- 
gens mit dem vorhergehenden zusammenlegen. Die Singarten des 
Liedes »Die Vierundzwanziger vor Lemberg« waren aber alle leicht 
erklärbar. In der Reduktion der Kampfszene und dem Einsetzen 
von Assoziationsreinen zum Heimatkomplex standen sie ganz in 
dem allen Fällen des Zersingens von Soldatenliedern zugrunde 
liegenden Bewegungsschema. Dies gilt aber für die Singarten des 
neuen Liedes nicht. 

Prüfen wir, welche Strophen in A ausgefallen sind, sehen wir 
also, welche Strophen die ältere Fassung B mehr enthält als A. 
Zwischen A 24 und A 25 ist in B eine Strophe eingeschoben, die be- 



208 Dr. Hermann Goja 



ginnt: >Man führt ihn zwar ins Lazarett usw.« Ebenso ist nach 
A 48 eine Strophe entfallen, welche den Sänger ins Feldspital geführt 
hat. Das ist auffallend. Nach unserer Theorie sollte man gerade 
erwarten, daß diese beiden Strophen erhalten bleiben,- denn in das 
Feldspital zu kommen, war ja der Wunsch aller Soldaten. Im »La« 
zarette-=sein« hieß »Geborgen=sein«, hieß so viel, als wieder daheim 
sein. Dieser Wunsch war schon der allgemeine im April 1917, der Zeit, 
in welcher ich A aufzeidinete. Das Vergessen dieser beiden Strophen 
steht also im Widersprudi zu meiner Theorie des Zersingens. 

Verständlicher wäre das Auslassen der Strophen nach A40 und 
A56. Sie sind stark unlustbetont, aber doch nicht stärker als die 
stehengebliebenen. Und es sind gerade jene beiden Strophen, welche 
in ihrem manifesten Inhalte die Mutter nennen. Die Strophe nach 40 
beginnt: »Ach, wie so manches Mutterherz« usw. und in Strophe nach 
56 klagt die Witwe: »Mein einz'ger Sohn, der mich ergetzt« usw. 
A verträgt die Vorstellung der Mutter offenbar gar nicht, denn es 
entfernt auch Aei das »Mutterkind« der Fassung B und verwan* 
delt es in Elternkind. Die Unterdrüdiung der Vorstellung der Mutter 
entspricht aber der Theorie des Zersingens auch nicht. Die Vorstel- 
lung der Mutter ist ja lustbetont. 

Nach A 72 folgen dann B noch 8 Strophen. Diese Strophen sind 
jene, welche in der Fassung B von dem traurigen, trostlosen Anfang 
zur Vorstellung der Heimat und des Friedens hinüberleiten/ jene, 
welche nach unserer Erfahrung verstärkt werden sollten. Haben 
doch in allen bisher besprochenen Fassungen die jüngeren Singarten 
den Heimatskomplex erweitert, neue Verbindungen von Militär und 
Heimat geschaffen. Nun fehlten A nicht alle diese Strophen. Nach 
Angabe meines Gewährsmannes folgten noch drei, welche er nicht 
mehr abschreiben konnte. Der Verlust von fünf dieser acht Strophen 
ist aber trotzdem bedenklich. Er steht ebenfalls in Widerspruch mit 
unserer Theorie. 

Alles, was dem Soldaten lieb ist, ist also in A getilgt. Dennoch 
entspricht die Fassung A meiner Theorie des Zersingens. Das 
Lied, in den Volksliedersammlungen »Die Schlacht bei Leipzig« usw. 
überschrieben, hat A einen neuen Titel: Neues Kriegslied im Jahre 
1916. Woher hat es diesen Titel? Die Antwort auf diese Frage 
gibt die Lösung auch der anderen Widersprüche. Das Lied ist in 
der Fassung A ein fliegendes Blatt, welches ein Kriegsblinder ver- 
kaufte. Der Mann zog mit seinem Knaben herum und sang das 
Lied, indem er es auf der Zither begleitete. Nach dem Vortrag 
verkaufte er den Text. A ist ein Bettellied, das nur einen Zweck 
verfolgt, möglichst stark und vor allem möglichst stark Weiber zu 
rühren. Mit Rücksicht auf die Ausdauer der Zuhörer, auf das Ge- 
schäft, welches eine oftmalige Wiederholung empfahl und auf den 
Druck mußte das Lied auf Fassung A verkürzt werden/ mit Rück- 
sicht auf seinen Zweck mußte es so verkürzt werden, daß es gar 
keine Hoffnungen übrig ließ. Darum wurden die Heimatsstrophen 



Das Zersingen der Volkslieder 209 

ausgelassen, darum wurden auch die Lazarettstrophen entfernt, weil 
sie v^unscherfüllung gewesen wären und nur komische Wirkung 
erzielt hätten, und endlich die Mutterstellen getilgt, weil sie die zu- 
horchenden Weiber zu stark erregt und deshalb verscheucht hätten. 

Wieder ist also A eine Singart, welche Wunscherfüllung ist, 
wie es die verschiedenen Varianten bisher alle gewesen sind. Unser 
Lied ist aber ein Beispiel subjektiven, individuellen Zersingens, im 
Gegensatz zu den anderen bisher analysierten Fällen, welche Bei- 
spiele allgemeinen Zersingens gewesen sind. Es ist aber auch ein 
Beweis dafür, daß Singarten immer durch Einzelanalyse untersucht 
werden müssen, wenn man auf ihren Sinn kommen will. Es gibt 
kein mechanisches Verfahren, auf den Sinn einer Singart zu kommen, 
am wenigsten lassen sich aus dem manifesten Inhalt allein Schlüsse 
auf den Zweck einer Variante ziehen. 

Damit habe ich zwei Fälle des Vergessens analysiert. Ich 
möchte nun die Frage stellen: Was ist das Vergessen? Die erste 
Hälfte der Verdichtung und Verschiebung. Die Wirkung der aus 
dem sekundären System stammenden Strebungen. Jede Lücke in 
einem Volksliede zeigt uns daher wie jede Verdichtung und Ver* 
Schiebung, daß der latente Inhalt der unterdrückten Stelle Anstoß 
im sekundären Sinne erregt hat und daher unterdrückt worden sei. 
Fragen wir nach dem Zweck des Vergessens, so müssen wir ant- 
worten, daß er im Gegensatz zu dem der Verdichtung und Ver- 
schiebung nicht Lustgewinn, sondern Unlustentfernung ist. 

Wie wir aber bei der Verschiebung einen Fall kennen gelernt haben, 
der sich im manifesten Inhalte nicht verrät, so müssen wir beim Vergessen 
ein Beispiel des Zersingens kennen lernen, welches weder dem Lustgewinn, 
noch der Unlustverminderung dient. Ich gebe es an dem Tannhäuserlied *. 

Ich will die Analyse des Liedes möglichst kürzen 2 . Der primäre 
Wunsch, welcher in dem Liede zur Erfüllung drängt, ist der sexuelle/ 
der sekundäre, welcher die Gegenstrebungen erzeugt, der religiöse, 
der Wunsch nach ewigem Leben. Das Lied teilt sich in Tannhäusers 
Abschied <A Strophe 1 — 15 von Uhland 297> und in Tannhäusers 
Pilgerfahrt. <A Strophe 16 — 26.) Der Wunschkonflikt des Liedes ist 
der eines Reformationsmenschen. Beide Wünsche ringen im ersten 
Teile des Liedes um die Oberhand. Die primären sind dabei bis 
knapp zum Schluß im Vorteil. Sie verkörpern sich in den Lockungen der 
Frau Venus. Die sekundären werden gestützt von den Vorstellungen 
ewiger Strafen und der Gottesmutter (Strophe 5>. Das Lied setzt 
mit dem Einzüge Tannhäusers in den Venusberg mit der Erfüllung 
des primären Wunsches ein. Strophe 3 bringt das Einsetzen der 
Gegenströmung in Form von des Ritters Reue. Tannhäuser bittet 
um seinen Abschied. Aber Frau Venus erinnert ihn an seinen Eid: 

1 Uhland, Alte, hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Nr. 297 A. 

3 Eine genauere Analyse ist schon deshalb nicht möglich, weil sie das ganze 
umfangreiche historische Material, wie es F. Schmidt in seinen Charakteristiken, 
zweite Reihe, S 23—53, zusammengestellt hat, berücksichtigen müßte. 

ImaRo VI/3 >4 



210 Dr. Hermann Goja 



Herr Danhauser, ir seind mir lieb, 
daran sölt ihr gedenken! 
ir habt mir ainen aid geschworn: 
ir wolt von mir nit wenken ! ' 

Dieser Eid, der vom sekundären Denken anerkannt werden muß, 
stärkt die Stellung des primären Wunsches. Wenn auch Tannhäuser 
Frau Venus verlassen wollte, er darf es nicht,- er ist durch einen 
Eid gebunden. Tannhäuser leugnet den Eid, Venus bietet ihm eine 
Gespielin zum Weibe, das Bild der Gottesmutter schützt ihn vor 
dieser Verlockung. Sie erinnert ihn an vergangene Nächte. Immer 
stärker wirbt sie, doch Tannhäuser bittet nur immer um Urlaub. 
Venus verweigert ihn und nun folgt der Endkampf der beiden Stre* 
bungen, Venus versucht das letzte Mittel: 

Danhauser nit reden also! 
ir tund euch nit wol besinnen; 
so gen wir in ain kemerlein 
und spilen der edlen Minne! 2 

Nun folgt der Schrei Tannhäusers, in welchem beide Wünsche auf- 

einanderplatzen : r ,, .. . 

rraw Venus, edle fraw so zart! 

r seind eine teufelinne! 3 

Darauf folgt das Abklingen der Angst als Folge des Steges des 
zweiten Systems, das mit dem Ruf: »r seind eine teufelinne« das erste 
überwältigt hat. Die Gestalt der Gottesmutter tritt jetzt klar hervor: 

,Maria, muter raine maid, 

nun hilf mir von dem Weiben!' 4 

Es ist klar, daß der Sieg des zweiten Systems nur durch Kompromiß 
möglich war, indem die Forderungen des Glaubens mit denen der 
Liebe vereinigt wurden. Die Gottesmutter ist gleichzeitig Er- 
füllung religiöser und sexueller Wünsche. Der Schluß des ersten 
Teiles ist letzten Endes auch ein Sieg des primären Wunsches. 

Mit einem Sieg des zweiten Systems kann aber kein Lied 
schließen. Zweck eines jeden Liedes ist ja Erfüllung primärer 
Wünsche. Die Erfüllung des primären Wunsches wird durch den 
Papst erreicht, der dem Ritter die Absolution verweigert und ihn 
wieder in den Venusberg treibt. Unfreiwillig zieht er jetzt hin in 
den Berg, klagend und jammernd, aber er kommt doch wieder zu 
Frau Venus. Gegen den Papst, welcher die ihm von Gott verliehene 
Macht überschreitend Tannhäuser verbannt hat, richten sich nun 
die Strebungen des zweiten Systems. Auf ihn fließt alle Unlust, 
welche sich erst gegen den sündigen Tannhäuser, der Verkörperung der 

1 Unland, Alte, hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Nr. 297 A, Str. 3. 

2 Ebenda, Str. 11. 
s Ebenda, Str. 12. 
4 Ebenda, Str. 14. 



Das Zersingen der Volkslieder 211 



eigenen sexuellen Wünsche gerichtet hat, der Priester verfällt nun der 
ewigen Pein, während der Ritter, wenigstens in den späteren Fassungen 
begnadigt wird. So erreicht der primäre Wunsch seine Erfüllung. 

Mit den Jahrhunderten, welche auf die Reformation folgten, 
schwand der Glaube, mit ihm auch das Streben des zweiten Systems 
unseres Liedes. Die Folge davon ist, daß das Lied überflüssig wird 
und abstirbt. Denn ein Lied lebt nur so lange als es Wünsche erfüllt. 
Geblieben ist nach 350 Jahren nur die Abneigung gegen den seine 
Rechte überschreitenden Papst, eine Abneigung, welche seinerzeit 
die Reformation verursacht und es erleichtert hatte, die vom sekun= 
dären System ausgehende Unlust gegen die sexuellen Wünsche 
Tannhäusers und des Sängers auf den Papst abzuleiten. Aber auch 
diese Abneigung ist stark gemindert. Die letzte Fassung des Tann- 
häuserliedes, das Balthaserlied 1 kennt daher Tannhäusers Abschied 
nicht und auch nicht Tannhäusers Schuld, sie ist eine schwere Sünde, 
sie kennt auch nicht den verdammenden und verdammten Papst, 
sondern nur mehr einen richtenden Menschen. 

Das Vergessen des halben Liedes ist also in diesem Falle 
auf das Schwinden der Gegenstrebungen zurückzuführen, gegen 
welche sich die primären Wünsche durchzusetzen haben. Das Ver= 
gessen dient demnach zur Entfernung unlustbetonter und gefühls» 
indifferenter Teile des Liedes. 

Der Unsinn im Volksliede 2 . 

Wir haben im letzten Kapitel zwei Wortneubildungen ana= 
lysiert, welche uns zuerst unsinnig erschienen sind: Robau und 
Gfszöw. An diese Analysen will ich anschließen, um nun an das 
Studium des kleinen Zersingens zu schreiten, wenn ich das Ver» 
gessen, Verwechseln, Mißverstehen einzelner Wörter so nennen darf. 
Eine Untersuchung des Zersingens darf sich ja nicht auf das Zer» 
singen ganzer Lieder beschränken, es muß auch diese Zerstörungen 
kleinster Teile eines Liedes in Betracht ziehen. 

Bei der Untersuchung der beiden Neubildungen haben wir 
Robau, Gfszow als Verdichtung erkannt. Uns ist noch eine inter- 
essante Verschiebung begegnet, welche der Erklärung zugänglich 

1 Erk-Böhme, Deutscher Liederhort, I, 18 e. 

8 Während ich bisher mittels der Psychoanalyse und der historisch-kritischen 
Methode in der Erkenntnis des behandelnden Problems vorgedrungen bin, bin 
ich an dieser Stelle genötigt, die historisch-kritische Methode fallen zu lassen und 
die psychoanalytische allein anzuwenden. Die Untersuchung rein psychischer Pro- 
bleme, wie es das Zersingen der Volkslieder ist, muß schließlich an einem Punkte 
anlangen, von dem aus sie nur mehr durch eine rein psychologische <in meinem 
Falle psychoanalytische) Betrachtungsweise gefördert werden kann. Der Gewinn, 
der sich dann aus der Anwendung der Psychoanalyse ergibt, ist ein 
bedeutender. Die Möglichkeit allein, zwei Jahre nach John Meiers Volkslied- 
studien, welche die augenblickliche Unlösbarkeit des Problems festgestellt hatten, an 
die Erklärung des Zersingens schreiten zu können, zeigt diesen Gewinn schon deutlich. 

14» 




212 Dr. Hermann Goja 



■ 



ist. Es war das Wort Puffernebel in dem Liede »Bei Königgrätz 
stand eine Esche« <S. 178, Zeile 5 des Liedes). Das Wort ist ein 
ausgezeichnetes Beispiel einer Verdichtung. Es ist durch Verlesen 
entstanden. In dem Texte stand mit schlechter Orthographie Tieffer 
Nebel. Das T war nun verwischt, ebenso wie das e der ersten 
Silbe und der I-Punkt. So war die Möglichkeit des Verlesens ge- 
geben, und zwar wurde aus dem Zeichen Puffer gelesen. Der Puffer 
ist aber ein Bestandteil des Eisenbahnwaggons und Eisenbahnen 
benützt man zur Heimreise. Damit ist der Zweck des Mißverständ- 
nisses gefunden. Die Wortneubildung dient der Vorstellungsleitung 
in dem uns bekannten Sinn von unlustbetonten zu lustbetonten 
Bildern. Eine Bestätigung dieser Analyse bringt besonders deutlich 
C 5 : Pulvernebel. Diese Lesart stammt von einer weiblichen Hilfskraft 
des Ersatzbataillons, welche die Lieder für das Regiment in Ab- 
schrift nehmen mußte und dabei selbständig berichtigte. Für dieselbe 
hatte Pulver keine Unlustbetonung, sie las daher dieses Wort heraus. 

Die drei Bildungen, Robau, Gfszöw und Puffernebel, welche 
wir analysiert haben, entsprechen ihrem Aufbau und Zweck genau 
den Fällen der Verdichtung, welche wir an ganzen Liedergruppen 
studiert haben. Der Beweis für die Richtigkeit der Analyse liegt in 
dieser Parallelität. Ich brauche mich aber damit nicht zufrieden zu 
geben, sondern kann andere Beweise anführen. 

In den »Bädern von Luca«, VIII. erzählt Hyacinth von seinem 
Verhältnis zu Salomon Rothschild: » — Und so wahr mir Gott 
alles Guts geben soll, Herr Doctor, ich saß neben Salomon Roth- 
schild und er behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz 
famillionär.« Dieses letzte Wort ist aber eine Verdichtung: 

famili — är 
milionär 

familionär 1 

Die Technik dieses Witzes ist nicht Heines. Man lese das folgende 
Beispiel: Herr N. wird auf den rothaarigen Verfasser langweiliger 
Artikel über »Napoleon und Österreich« aufmerksam gemacht und 
sagt: Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die Geschichte 
der Napoleoniden zieht? 

Dieser Rote ist's, der das fade Zeug schreibt. 

der rote Faden, der sich durch die Geschichte usw. 

der rote Fadian usw.* 

Ein Mann begegnet seinem Freund auf der Gasse und bemerkt 
mit Überraschung einen Ehering an dessem Finger. »Was?« ruft 
er aus, »Sie sind verheiratet?« »Ja«, gibt dieser zur Antwort, 
»trauring, aber wahr.« 

1 Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, S. 10. Vgl. die 
genaue Analyse dortselbst. 
1 Ebenda, S. 13. 



Das Zersingen der Volkslieder 213 

Ehering 

traurig, aber wahr. 

Trauring, aber wahr '. 

Dies ist ein Fall völliger Gleichheit mit dem meinen. Den- 
jenigen, welcher trotzdem bezweifelt, daß ein Wort Robau den 
Gedankengang zu der Vorstellung Lobau hinüberleitet oder gar 
eine Neubildung wie Grszow zu Szelwow und Rzeszna, den ver- 
weise ich auf Bildungen, die das Rätsel in Fülle hat, noch sinnloser 
erscheinen und die Leitung der Gedanken doch vollziehen. Solcher 
Rätsel sind z. B. die folgenden: 

Hanterlantant ging über das Land, 

Hat keiner mehr Füße als Hanterlantant 5 . 

Hanterlantant, eine reine sinnlose Lautmalerei, führt zur Lösung 
des Rätsels: Egge. 

Du knickerkrummüm, wo wisst du henüm? 
Du kahlekoppschoren, wat fröchst du dorna' 3 

Knickerkrummüm führt zur Lösung Bach, kahlekoppschoren zur 
Lösung Wiese. Gegen diese Bildungen sind die von mir analysierten 
Beispiele deutlich! 

Nicht jeder Fall eines Unsinns im Volksliede gehört in die 
Gruppe der Neubildungen. Ich will nun einige Fälle von Lied- 
zerstörung analysieren, um zur Erkenntnis der ihnen zugrunde 
liegenden Gesetze zu gelangen. Wir haben schon das Lied »Bei 
Königgrätz stand eine Esche« 4 einmal angezogen/ es häuft un- 
sinnige Singarten. Wir können die Entstehung derselben genau ver- 
folgen. Grundlage ist eine orthographisch minderwertige Aufzeichnung 
des Textes, welcher bleistiftgeschrieben längere Zeit im Felde herum- 
getragen, unleserlich geworden war. A ist eine Neuschrift dieses 
Textes, welche der Besitzer des Originals selbst hergestellt hat. Da 
das Lied beim Regimente nicht gesungen wurde, mußte sich der 
Schreiber ganz an den schlechten Text und die Erinnerung halten. 
Die Ergänzung erfolgte nun derart, daß sich der Mann möglichst an 
die Reste seiner Vorlage hielt, und diese Rest für Rest ergänzte, 
ohne sich weiter um den Zusammenhang der so gefundenen Worter 
zu kümmern 5 . So kam der Unsinn des Liedes zustande. Daß die 
unsinnigen Lesarten von A und B <B stellt nur einen Wiederholungs- 
versuch dar> wirklich auf die beschriebene Weise entstanden sind, 
ersieht man leicht. Ich gebe ein Beispiel: Eiche > Esche <A i>. In 
dem verwischten Texte war E... che deutlich erkennbar. Da das 

i Freud, Der Witz usw., S. 12. „ 

» Petsch, Neue Beiträge zur Kenntnis des Volksratseis, b. 00. 
» Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen, 1, Nr. la. 
< Vgl. oben S. 178 u. S. 212 

» Logischer Zusammenhang der eingesetzten Worter wird nie angestrebt. 
Der Prozeß fällt auch nicht in das Reich des Denkens. 



214 Dr. Hermann Goja 



zerstörte Wort auf Geräusche reimen soll, wird Esche ergänzt. 
Daß das scheinbar naheliegendere Wort Eiche nicht erinnert wird, 
ist verständlich, da es infolge seines patriotischen Inhaltes Unlust« 
gefühle erregt. Ganzes Heer > ganzer Herr <A 2). Herr stand wirklich 
im Texte, ganz wurde angepaßt, s und r ist ja leicht zu verwechseln. 
Durch die sinnlose Verbindung wird wieder ein unlustbetonter Vor» 
stellungskomplex zerstört. Mann > Heim <Ai4> entspricht wieder 
den Gesetzen des Zersingens. Der junge Sänger dachte noch nicht 
an eine Ehe, wohl aber an das Nachhausekommen. Ao und A13 
sind individuelle Singarten. 

Es ist natürlich möglich, eine Reihe von Liedern ebenso zu 
untersuchen wie dieses auf »Die Schlacht von Königgrätz«. Es wird 
dann immer möglich sein, einen Teil der Singarten zu erklären, 
während ein anderer sich dem Verständnis versagt. Es bleibt dann 
keine Wahl als diese letzteren zu individuellen Singarten zu stempeln, 
die man nicht erklären könne. Wenn nun auch zugegeben werden 
wird, daß es individuelle Singarten gebe, die zu ihrem Verständnis 
eine genaue Analyse der Bewußtseinslage des Sängers erfordern, 
so wird doch einer Erklärung des Zersingens, welche einen großen 
Teil der Singarten als individuelle nicht interpretiert, doch der Vor« 
wurf der Zweifelhaftigkeit gemacht werden. Es gibt auch nichts 
leichteres als eine Singart als individuell abzutun. Was ist überhaupt 
eine individuelle Singart? Stehen die individuellen Singarten auch 
unter Entstehungsursachen? Wie ist es möglich, auf diese Fragen 
Antwort zu erhalten? Offenbar nur dann und nur so, wenn es 
möglich ist, die Singarten, welche wir so mühsam sammeln, auf 
experimentellem Wege herzustellen. 

Ich habe dies versucht, und zwar auf folgende Weise: Aus- 
gehend von der Erwägung, daß es für das Studium individueller 
Singarten vorerst nötig ist, Lieder zu hören, deren Text beim Vor» 
singen sicher festgelegt, dann aber jederzeit nachprüfbar ist/ ferner, 
daß die Art des Vortrages möglichst gleich ist dem Vortrage der 
Volkslieder, welche vom Volk im Chore gesungen werden, habe 
ich zur Grundlage meiner Versuche den Kirchengesang genommen. 
Ich machte daher die Versuche in einer Klosterkirche, in der die 
Gläubigen nach ausgegebenen offiziellen Texten die Lieder sangen. 
Zu dem Versuche wählte ich Lieder, welche mir gar nicht oder nur 
wenig bekannt waren. Ich führte den Versuch dann so durch, daß 
ich den Text des Liedes mitstenographierte, die Aufschreibung mit 
dem offiziellen Text verglich und die so festgestellten Singarten, 
welche zweifellos als individuelle anzusprechen sind, untersuchte, ob 
sie und wie sie Strebungen meiner Bewußtseinslage entstammen. 
Da alle bisher analysierten Singarten Strebungen des Unbewußten 
ihren Ursprung vei dankten, war diese Fragestellung berechtigt. Ich 
gebe nun den Vorbericht zur ersten Singart. 

I. Vorbericht: Die folgende Singart entstammt der Zeit der großen 
deutschen Frühjahrsoffensive des letzten Kriegsjahres. Das Wiener 



Das Zersingen der Volkslieder 215 



Volk täuschte sich damals nicht über deren Mißerfolg. Die Aufmachung 
der Teilerfolge durch die deutsche Heeresleitung verstimmte noch mehr. 
Man warf den Deutschen vor, die letzte günstige Gelegenheit, einen 
halbwegs anständigen Frieden zu erlangen, aus Übermut versäumt zu 
haben und meinte, daß sie sich selbst damit zugrunde gerichtet haben. 
Ich gehe in den Abendsegen und zeichne als Refrain des ge= 
sungenen Liedes folgende Strophen auf: 

Mit Gut > Mut > Mund und Herz der Erde, Deutschland Christi, meines Herrn. 

Es ist also eine vollständig sinnlose Zeile, welche sich von den 
Beispielen ärgsten Zersingens nicht unterscheidet. 

Als Kern der Singart erscheint mir das Wort »Deutschland«, 
und zwar deshalb, weil ich dasselbe während des Singens der ersten 
Strophe sofort als unsinnig erkannt habe, trotzdem aber nicht durch 
ein richtigeres ersetzen konnte. Das Wort wurde vielmehr immer 
deutlicher. Ich gebe nun den Refrain des offiziellen Textes: 

Sei mit Mund und Herz verehret, 
Kreuzstamm Christi, meines Herrn. 

In dem Augenblicke, in dem ich diese Zeilen lese, werden mir 
auch die Ursachen bewußt, welche das Zersingen bewirkt haben. 
Es sind Sätze aus patriotischen Liedern, welche sich an die Laute 
des mißverstandenen Textes angeklammert und ihn verändert haben. 
Zur Analyse der Singart stelle ich dieselben untereinander. 

Sei mit Mund und Herz verehret 

Gut und <Blut> <fürs> Vaterland 

Mit Herz <und Hand fürs) Vaterland 

Mit Gut > Mut > Mund und Herz der Erde 

Diese Zusammenstellung zeigt also, daß die erste Zeile des Refrains 
deshalb mißverstanden wurde, weil Liedzeilen, welche im Unbewußten 
enthalten waren, sich mit ihr vereinigt hatten. Die Singart ist eine 
Verdichtung der gehörten Liedzeile mit zwei anderen Versen, die 
durch Assoziation nach Klangähnlichkeit erinnert wurden. Die tiefere 
Ursache der Verdichtung wird das Folgende zeigen. 

Die Singart Deutschland für Kreuzstamm entstammt ebenfalls 
einem patriotischen Liede: Deutschland, Deutschland über alles. Sie 
setzt ah;o den Verdichtungsprozeß fort. Sie zeigt aber, daß in meinem 
Unbewußtsein eine Menge patriotischer Lieder in dem Augenblick 
der Aufzeichnung der Singart enthalten waren, die alle den offi- 
ziellen Text verdrängt haben. Zum Verständnis der Singart gelangt 
man aber erst, wenn man die Aufdringlichkeit des Wortes »Deutsch- 
land« berücksichtigt. Es wurde von den Gläubigen in klagendem 
Tone gesungen und erinnerte mich an die Lamentationen der Kar- 
woche, an die Klagelieder des Propheten Jeremias, deren Refrain 
mit dem klagenden »Jerusalem, Jerusalem . . .« beginnt. Jeremias 
singt diese Lieder aber auf den Trümmern Jerusalems. Der Unter- 



216 Dr. Hermann Goja 



gang des Reiches war aber die Überzeugung der Wiener. Wir sind 
an dem Kern der Singart: die unbewußte Vorstellung, welcher ihr 
zugrunde liegt, ist die des über den Trümmern Deutschlands 
klagenden Propheten. Ist aber Deutschland zertrümmert, dann ist 
der Krieg aus. Daß aber der Krieg ende, war der damals meine 
Bewußtseinslage beherrschende Wunsch. Er wird in der unbewußten 
biblischen Vorstellung verwirklicht. Der Friede, welcher in diesem 
Bilde erreicht ist, ist aber im wahrsten Sinne des Wortes der Friede 
um jeden Preis, um den damals alle Wiener schrien, derjenige welcher 
mit der Vernichtung der Nation gleichbedeutend ist. 

Es ist selbstverständlich, daß ich mir als Deutscher niemals 
diesen Wunsch bewußt werden ließ. Wenn er schon in dem Un- 
bewußten sich regte, so wurde er doch sofort verdrängt und von 
Strebungen, welche von dem sekundären Denken erregt in das Un= 
bewußtsein hinabstiegen, überlagert. 

Mit welchem Erfolg zeigen die drei Lieder, welche sich mit 
dem Refrain des offiziellen Textes verdichtet haben. 

Das Zersingen des Refrains hat also wieder Sinn. Es entsteht 
durch Beeinflussung des Textes von Seiten unbewußter oder unter- 
drückter Wünsche. 

Jetzt handelt es sich darum, die Ursache festzustellen, warum 
gerade die beiden Refrainzeilen dem Zersingen zum Opfer gefallen 
sind. Zwei Ursachen sind erkennbar. Eine äußerliche, bestehend 
aus Klang und Sinnähnlichkeit der ersten Zeile des Refrains mit den 
sie beeinflussenden Liedzeilen, verbunden mit der Schwerverständlich- 
keit des Wortes »Kreuzstamm«, das aus einer singenden Menschen- 
masse herauszuhören, dem mit dem kirchlichen Wortschatz Un- 
vertrauten schwer fällt. Eine innere, gegeben durch einen Assoziations- 
verlauf, der von den Worten der Zeile zu dem unlustbetonten 
Militärkomplex führt 1 . 

An dieser Singart ist es zunächst möglich aufzuzeigen, daß 
die Textzerstörung der Unlustvermeidung dient/ ein Lustgewinn, 
welcher dem einspringenden Vorstellungskomplex <Größe des Vater- 
landes) entstammt, ist aber ebenfalls nachweisbar. Wunscherfüllende 
Tendenz zeigt wieder die folgende Singart. Ich gebe den Vorbericht 
zu dem zweiten Versuch. 

II. Nachdem ich am Nachmittage an der Zusammenstellung 
des Materials zur Interpretation des Dreililienliedes gearbeitet habe, 
gehe ich mit der Sorge in den Abendsegen, daß dieses Material 
nicht genügend Überzeugungskraft besitze, daher Angriffspunkte offen 
lasse, an welche eine ablehnende Kritik ihre Waffen ansetzen könne. 
Diese Kritik fürchte ich besonders auch deshalb, weil sie mit philo- 
logischen Arbeiten, die ihre Grundlagen nicht in der Schulpsychologie, 

1 Um auf den Sinn der oben angeführten und der folgenden Varianten zu 
kommen, verwendete ich die psychoanalytische Methode Freuds, wie er es für mein 
Problem besonders günstig in dem Buche »Zur Psychopathologie des Allagslebensc 
dargestellt hat. 



Das Zersingen der Volkslieder 217 

sondern in der Freudsdhen Psychoanalyse suchen, bisher hart ver- 
fuhr. Ich überlege daher, ob es nicht vorteilhafter wäre, auf die 
Analyse des Liedes zu verzichten, was mir Unlust erregt. Das 
Lied, welches dann während des Gottesdienstes gesungen wird, nehme 
ich folgendermaßen auf. 

5 2. Maria, Du Lilie, Du süßste Jungfrau! 

_j_ > Nimm auf meine Liebe, sehr will ich > viel ich vertrau'! 
Du bist ja die Mutter, Dein Kind bin ich ja > will ich sein, 
Im Leben und Sterben, Dir einzig allein. 

3. — i— , daß ich von Herzen, die Lilie und preis'/ 
io — i — , daß ich viel Zeichen der Lilbe erweis! 

die blumig 

Und treu Dir zu dienen, ich blüh' und mit Freud! 

Zu diesem zersungenen Text gebe ich das Original: 

5 2. Maria, Du milde, Du süße Jungfrau! 

Nimm auf meine Liebe, so wie ich vertrau'! 
Du bist ja die Mutter, Dein Kind will ich sein, 
Im Leben und Sterben Dir einzig allein. 

3. Gib, daß ich von Herzen Dich liebe und preis', 
io Gib, daß ich viel Zeichen der Liebe erweis', 

Gib, daß mich nichts scheide, nicht Unglück noch Leid, 
Um treu Dir zu dienen in Glück und in Freud! 

Ich will die Analyse dieser Singarten wieder möglichst kürzen. 
Drei Gruppen können unterschieden werden. 1. 5 milde ) Lilie 
6 so wie ich > sehr will ich > viel ich q Dich liebe > die Lilie io der 
Liebe > Lilbe n nicht Unglück > die blumig 12 in Glück > ich blüh'. 
Diese Singarten entstammen dem beim Eintritt in die Kirche unter« 
drückten Dreililienkomplex. Der Wunsch, das Lied in die Arbeit über 
das Zersingen aufnehmen zu können, wird durch diese Varianten 
erfüllt. 2. 6 Nimm > i > Nimm 7 Dein Kind will ich sein > bin ich 
ja > will ich sein 9 Gib > i 10 Gib > i 11 Gib, daß mich nichts 
scheide > 0. Diese Singarten zerstören Wunschsätze und dienen der 
Vermeidung von Unlust. Empfand ich doch bei der Vorstellung, daß 
meine Arbeit abgelehnt werden könnte, da sie psychoanalytische 
Erfahrungen verwerte, Unlust. Mit Freud statt in Freud <i2> gehört 
in weiterem Sinne ebenfalls hieher. Mit Freud behaupte ich ja, daß das 
individuelle Zersingen der Volkslieder durch unterdrückte, unbewußte 
Gedanken als eine Form des Irrtums bedingt ist. 3. 5 süße > süßte 
ist wie die Nachprüfung ergeben hat, keine individuelle Singart. 
Die gläubige Masse setzt hier selbst den Superlativ ein. 

Wieder dient das Zersingen der Unlustverhinderung und auch 

der Lusterzeugung. .,.,...„ -? • 

Ich gebe noch ein drittes Beispiel individuellen iersingens. 
III. Grundlage desselben sind Gedankenreihen, welche sich an 

das S. 140 mitgeteilte Lied »An der Weichsel gegen Osten« an- 



218 Dr. Hermann Goja 



schlössen. Dieses Lied berührt sich in seinem latenten Inhalte, da 
es zu seinem manifesten die Tötung des Vaters durch den Sohn 
hat, mit dem Oedipuskomplex 1 . Ich verwarf deshalb die Analyse, 
da sie midi von dem philologischen Thema zu weit abgeführt hätte. 
Ich gebe nun die Singart: 



Durch die Seele voller 

Seufzte Mutter ohne Schauer, 
Jetzt 



2. Welch ein Schmerz der Auserkor'nen, 
Als sie sah den einen > Eingebornen, 

Wie er hing da ohne 

10 Mal unc j Auge, 

Alles gleich ihn Ziel umfang 

— nur Herz durchdrang. 

Das Kirchenlied, das dieser Singart zugrunde liegt, lautet folgender- 
maßen: 

Christi Mutter stand mit Schmerzen 

Bei dem Kreuz und weint' von Herzen, 

Als ihr lieber Sohn da hing. 

Durch die Seele voller Trauer, 
5 Seufzend unter Todesschauer, 

Jetzt das Schwert des Leidens ging. 

Welch ein Schmerz der Auserkor'nen, 
Da sie sah den Eingebornen, 
Wie er mit dem Tode rang/ 
io Angst und Trauer, Qual und Bangen, 

Alles Leid hielt sie umfangen, 
Das nur je ein Herz durchdrang. 

Die Analyse zeigt nun die Singarten folgendermaßen verknüpft: 
5 unter > Mutter verbindet sich mit Mal > Qual <io> zu Muttermal. 
Eine zweite Assoziationsreihe beginnt bei demselben Worte Mutter <5>, 
geht zu Auge < Trauer <io>, verbindet beide Singarten zu Mutter- 
auge und erinnert aus Vogls Lied 3 : 

Wie sehr auch die Sonne sein Antlitz verbrannt, 
Das Mutteraug' hat ihn doch gleich erkannt. 

Das erinnerte Lied hat die Heimkehr des Sohnes zum manifesten 
Inhalte. Nun springt die Assoziationsreihe über auf Mal < Qual <io> 

1 Vgl. Freud, Traumdeutung, S. 197ff. 

* Das Fehlen der Liedanfänge ist nicht eine Folge des Zersingens. Es 
ist bedingt durch die Notwendigkeit der Feststellung des Liedes, welche das Auf- 
schreiben der ersten Zeilen verhinderte. 

s J. N. Vogl, Balladen, Romanzen, Sagen und Legenden, 1846, S. 303: 
Das Erkennen. 



Das Zersingen der Volkslieder 219 



und hebt die Worte Kainsmal, Kainszeichen aus dem Gedächtnis 
und damit die biblische Erzählung von dem ersten Brudermord. 
Weiter verbindet die Phantasie die Heimkehrsage Vogls mit der 
Morderzählung der Bibel: der Wanderbursch kehrt heim zu der 
Mutter und tötet den Bruder und gibt darauf die letzte Erinnerung: 
Oedipus, den Namen des Königs, der den Vater tötet und die 
Mutter heiratet. 

Eine andere Gruppe von Singarten ergänzt diesen Komplex: 
der Eine sein <8/ Eingeborener, d. i. Sohn, wird deshalb unterdrückt). 
An der Mutter hängen <<>), ihn umfangen <u>. Der Rest der Sing- 
arten gehört wieder der Abwehrstrebung an und kann vernachlässigt 
werden. Vergleicht man den zersungenen Text mit dem Original, 
so findet man wieder eine starke Unterdrückung unlustbetonter Vor- 
stellungen verbunden mit der Erregung lustbetonter. 

Fassen wir zusammen, was diese drei Analysen 1 gelehrt 
haben, so ist es die Abhängigkeit der Singarten von unbewußten 
Wünschen und Gedanken/ die Tendenz der Unlustverringerung durch 
Vergessen <eine durchgehende Tendenz des Lustgewinnes wage 
ich nicht zu behaupten)/ die eigentümliche Art des Zusammen- 
hanges der Singarten mit den unbewußten Ursachen, welcher in 
diesen Beispielen durch oberflächliche Assoziationen hergestellt ist/ 
die Zusammengehörigkeit aller Singarten eines Liedes, da sie einer 
Ursache entstammen/ das rein Persönliche ihres Ursprungs, das eine 
Erklärung derselben ohne Zuhilfenahme des sie erzeugenden Indi- 
viduums ausschließt,- das Fehlen eines logischen Zusammenhanges 
der Singarten. 

Damit ständen wir wieder am Ausgangspunkt unserer Unter- 
suchung. Wir haben dieselbe angestellt, um Erklärungsmittel des 
Zersingens zu finden, jetzt müssen wir erkennen, daß es keine gibt. 
So schlimm wäre die Sache, wenn es nur individuelle Singarten gäbe. 
Es gibt aber auch objektive Singarten, welche nicht von einem, 
sondern von der Menge, dem Volke erzeugt worden sind. Zu ihrer 
Erklärung dient nicht die Individual-, sondern die Völkerpsychologie. 

Der Völkerpsyche angehörig haben wir bis jetzt die lust- 
betonten Komplexe des Sexuellen und Infantilen gefunden. Auch 
die Umkehrung der dem Soldatischen angeknüpften Gefühlsbetonung 
während des Weltkrieges haben wir als Veränderungen der Völker« 



1 Während ich mich einerseits verpflichtet fühlte, in dieser Untersuchung 
die philologisch-kritische Methode einzuhalten, hielt ich midi anderseits nicht be- 
rechtigt, Untersuchungsmethoden zu vernachlässigen, welche die Resultate derselben 
zu ergänzen vermögen. In den oben angeführten Beispielen ging ich von dem 
Satz der Psychoanalyse aus, daß jede Störung des normalen Gedankenverlaufes, 
jedes Vergessen, jedes Versprechen usw. durch unbewußte Gedanken etc. ver* 
ursacht sei und daß man zu diesen Störungsquellen durch Verfolgen der an die 
Störung anschließenden freisteigenden Assoziationen gelangen kann. Durch An« 
wendung dieser Untersuchungsmethode ist es möglich für alle Fälle individuellen 
Zersingens die Störungsursachen aufzufinden und die zersungenen Stellen zu er= 
klären, wie ich es gezeigt habe. 



220 Dr. Hermann Goja 



psyche festzustellen vermocht. Aus dieser Entwicklung der Völker- 
psyche war es uns möglich, Singarten des Weltkrieges zu erklären. 

Versuchen wir nun einige objektive Singarten zu erklären. 
Bruinier 1 gibt ein interessantes Beispiel, das man mit einiger Sicher- 
heit als objektive Singart ansprechen kann. Er zitiert S. 41 die 
Singart »Die Spatzen spielen aus Liebesfädchen«, welche aus »Die 
Parzen spinnen am Lebensfädchen« entstanden ist. Von dem Ori- 
ginale sind nur die beiden letzten Silben »«fädchen« rioStig ver= 
standen worden. Von den diesen beiden vorhergehenden Silben 
wurden nur die Konsonanten richtig verstanden. Das gibt natürlich 
zu bedenken. Verhörbar sind nach dem Charakter der Laute leichter 
die Konsonanten als die Vokale. Die Wahrscheinlichkeit, daß es 
sich bei der Veränderung von Lebensfädchen > Liebesfädchen um 
eine durch unbewußte Ursachen bewirkte handelt, ergibt sich aus 
dieser Überlegung. Das Einspringen von Wörtern aus dem Komplex 
des Sexuellen entspricht einem Gesetz der Völkerpsychologie. Die 
Ersetzung von Leben durch Lieben ist erleichtert durch den Umstand, 
daß beide Wörter oftmal als alliterierende Formel verwendet werden. 

Sicher wurde das Substantiv Parzen mißverstanden, da die 
Vorstellung der Parzen beim Volke nicht vorhanden ist. Das dafür 
einspringende »Spatzen« entstammt wieder dem sexuellen Milieu, 
wie die Bedeutung des Wortes Spatz in der Volksdichtung nachweist: 

War ich der Vogel Spatz, 
War ich bei Dir mein Sdiatz . . . 
War ich der Distelfink, 
War ich bei Dir, mein Kind-', 
oder: 

Könnt ich schwimmen wie ein Schwan, 
Krähen wie ein Gockelhahn, 
Caressieren wie ein Spatz 
War ich jeder Jungfrau Schatz 3 . 

Spielen, das an die Stelle von Spinnen tritt, hat eine Lustbetonung 
aus dem Infantilen und hat außerdem eine obszöne Nebenbedeutung 
in der Volksdichtung. Unverständlich ist also in dieser Singart durch 
Lustbetontes ersetzt worden. Unverständliches durch logisch Richtiges 
und Lustbetontes ist auch in folgendem Beispiele ersetzt worden, 
das zu: »Und wenn des Nachts die Elfe schlaget« oder »Des Nachts, 
wenn ihre Eltern schliefen« usw. verändert erscheint*: 

Auch wenn des Nachts die Elfen weben, 
Schleich ich midi gern zum Fensterlein. 



1 Das deutsche Volkslied. 

2 Marriage, Poetische Beziehungen des Menschen zur Pflanzen- und Tier- 
welt im heutigen Volkslied auf hochdeutschem Boden, S. 157. 

8 Ebenda S. 158. 

* J. Meier, Kunstlieder im Volksmunde, S. LXXXV/ ebenda S. LXXXIV, 
die folgenden Beispiele. 



Das Zersingen der Volkslieder 221 



In beiden Fällen ist die Ursache des Zersingens ein mifieu* 
fremdes Wort. Parzen und Elfen kennen Bauern etc., kennt das 
Volk nicht. Diese Wörter sind also für das Volk keine Wörter, 
sondern nichts als sinnlose Silben. Mangelhafte Aufnahme durchs 
Ohr, also Zersingen infolge Mißverstehens kann man bei vielen 
diesen beiden ähnlichen Fällen nicht als Ursache der Veränderungen 
ansehen. Ich gebe ein Beispiel: Hebe, sieh in sanfter Feier > Hebe 
sie in usw. Hier liegt gar keine mangehafte Aufnahme vor. Hebe, 
sieh und* Hebe sie sind im Dialekt lautlich nicht verschieden. Die 
Zweideutigkeit der Lautgruppe besteht aber für das Volk nicht. 
Es kann für das Volk diese Lautgruppe auch nur einen Sinn haben, 
welchen sie dann in der Schrift festhält. 

Fälle, wie die folgenden erledigen sich daher scheinbar von selbst: 
Diana > die Anna,- Philomene > Jungfer Lene,- Römerin > Böhmerin/ 
Adonis > Anthoni,- Rialto > Rinaldo,- Ural > Urwald. Es ist schlechter* 
dings kein anderes Wort zu finden, das für die Lautgruppe Diana 
eintritt als die Anna. Soll man bei diesen Fällen ebenfalls an eine 
tiefere Ursache glauben, welche gerade nur dieses Wort erinnert? 
Man wird diese Frage verneinen. Man wird es für töricht finden, 
die Singarten »die Anna«, »Anthoni« auf sexuelle Ursachen zurück* 
führen zu wollen, »Rinaldo«, »Urwald« aus dem lustbetonten Räuber* 
komplex abzuleiten. 

Ich habe, um die Frage nach der Bedingtheit dieser selbst* 
verständlichen objektiven Singarten beantworten zu können, eben* 
falls Versuche angestellt, welche, da sie ohne Zuhilfenahme der 
Psychoanalyse durchgeführt werden können, heute schon über* 
zeugendere Resultate zu bringen vermögen als die früheren. Aus* 
gangspunkt dieser Untersuchungen bildeten folgende Überlegungen: 
waren die oben angeführten Singarten objektive, was wahrschein* 
lieh ist, und waren sie bedingt durch die Bewußtseinslage der Sänger, 
so waren sie durch die Bewußtseinslage erwachsener Personen be- 
dingt. Die objektive Bewußtseinslage, welche diesen Singarten zu* 
gründe liegt, ist also die des erwachsenen Menschen. Wenn man 
nun erkennen will, ob diese festgestellte objektive Bewußtseinslage 
tatsächlich eine Mitursache des Zersingens ist <eine andere ist ja die 
Unkenntnis des gesungenen Wortes), so ist dieselbe auszutauschen 
gegen eine andere. Bleibt bei Veränderung der objektiven Bewußt* 
seinslage das Resultat des Zersingens gleich, dann kann dieselbe 
nicht Mitursache des Zersingens sein. Ich habe daher im Schulver* 
such die objektive Bewußtseinslage des Erwachsenen mit der des 
Kindes vertauscht und den Zusammenhang zwischen Bewußtseinslage 
und Singart festgestellt. 

Die Versuchsanordnung war folgende: Ausgehend von den 
an echten Singarten festgestellten Voraussetzungen des Zersingens 
wurden Texte vorbereitet, welche der Auffassungsgabe der Schüler 
nicht entsprachen. Diese Texte wurden ohne vorausgehende Vor* 
bereitung oder Erklärung der Klasse diktiert und aus den Arbeiten 



222 Dr. Hermann Goja 



jene Verhörungen herausgelesen, welche von der Mehrzahl der 
Schüler gleich durchgeführt worden waren. Der den Text diktierende 
Lehrer entspricht bei diesem Versuche den Sängern der Volkslieder. 
Ich glaube nicht, daß dieser große Unterschied des Vortrages das 
Resultat des Versuches wesentlich ändert. Das Diktieren eines 
Volksliedes bedeutet im Vergleich zum Vorsingen eines solchen nichts 
als eine Erleichterung für den Hörer, die eine Verringerung der 
Hörfehler, der Singarten zur Folge hat. 
Ich gebe nun einige Beispiele: 

1 . Versuch. Den Schülerinnen einer I f {Schwachbegabten) Klasse 
einer Wiener Bürgerschule mit einem Durchschnittsalter von 12 bis 
13 Jahren wird, um die Reaktion derselben auf das ihnen unbe- 
kannte "Wort Adonis festzustellen, die folgende Stelle diktiert: 

Diß derhalben zu vollführen, 
War er baldt zur Jagt bereif, 
Nicht zur Jagt nach wilden Thieren, 
Wie Adonis vor der Zeit, usw. 1 

Von 38 Schülerinnen schreiben 16 das Wort Adonis richtig, der 
Rest notiert Aronis, erinnert also den Namen von Moses Bruder 
und die Geschichte der zehn ägyptischen Plagen, welche er drei 
Monate früher im Religionsunterrichte gelernt hat. Eine vierzehn 
Tage nach dem Diktate gestellte Frage nach den liebsten Erzählungen 
des Alten Testaments beantworten die Schülerinnen mit »Vertreibung 
der ersten Menschen«, »Die zehn ägyptischen Plagen«, »Die Mutter 
mit den sieben Söhnen«. 2 

Der Versuch zeitigt also bei den Kindern ein wesentlich ver- 
schiedenes Resultat. An Stelle des unverständlichen Wortes wird 
der Name eines Lieblingshelden erinnert. 

2. Versuch. Den Schülerinnen einer 1 b-Klasse (Durchschnitts- 
alter 12 Jahre) wird folgende Stelle diktiert: 

Es ist in Engelland, wo sonst Diana hetzet, 

Und an der Temse randt sich mit der Jagd ergetzet usw. 8 

Das Resultat ergibt bei 24 Schülerinnen 8 richtige Schreibungen von 
Diana, 14 von Indianer, eine Aufschreibung von Anna und eine 
von Pumpsdianer. Wieder zeigt sich also, daß die Schülerinnen beim 
Hören des fremden Namens den Namen eines Lieblingshelden (In- 
dianer) zu vernehmen glauben. 

Ein dritter Versuch in derselben Ib-Klasse führt zu dem 
gleichen Ergebnis. In dem folgenden Texte: 

1 Opitz, Teutsche Poemata, Nr. 88, Z. 21-24. 

a Von 33 Schülerinnen notieren 24 »die Vertreibung der ersten Menschen«, 
19 »die zehn ägyptischen Plagen«, 31 »die Mutter mit den sieben Söhnen« (die 
Makkabäer, welche in der vorhergegangenen Religionsstunde durchgenommen 
worden waren). 

J Opitz, Teutsche Poemata, Nr. 28, Z. 1—2. 



Das Zersingen der Volkslieder. 223 

Nun geht, jhr Kinder, geht, vnd lehrt die büsche singen 
Ein Lied, ein Wunderlied von vnbekandten Dingen: 
Das Tityrus nun kan, das Coridon nun macht, 
Vnd eine newe weiß' hierauff jhm hat erdacht, 
Das Tityrus jetzt pflegt zu spielen auff der Weiden, 
Das Coridon so schön' erzwingt auff grüner heiden, 
Das er so artlich spielt nach seiner leyerkunst, 
Nicht Daphnis alte pein, nicht Melibeus brunst usw. ', 

werden alle Eigennamen richtig geschrieben, die Schülerinnen stolpern 
weder über Tityrus, noch Coridon, noch Daphnis, verschreiben aber 
alte pein, ein Wort das ihnen bekannt ist, zu Bein. Nur 5 der 
anwesenden 32 Schülerinnen schreiben das Wort richtig, 4 schreiben 
»das alte Bein«, 3 »Gebein«, 17 »alte Bein«, eine Schülerin schreibt 
»altes Bein«, eine »alte Beiner« und eine »alter Wein«. 

»Beiner« sind aber in einer Zeit fleischloser Monate ebenfalls 
Wunscherfüllung. 

Ich will nun, trotz diesen drei Beispielen, nicht behaupten, daß 
die objektiven Singarten sich immer so einfach als Wunscherfüllung 
erweisen lassen,- eine Tatsache ergeben aber diese Versuche ganz 
klar, daß alle Fälle objektiven Zersingens ebenso durch die Bewußt- 
seinslage des Volkes bedingt sind, wie die Fälle individuellen Zer- 
singens von der Bewußtseinslage der Einzelperson abhängig sind, 
daß sie Störungen des bewußten Denkens durch unbewußte Ge= 
dankenzüge darstellen 2 . 

Mit dieser Feststellung ist jedoch das Wesen der Unsinns- 
bildung in Volksliedern noch nicht erschöpfend dargestellt. Ich will 
mich nun wieder auf echte Singarten beschränken. Ein Lied Ottos 
v. Kraft: »Auf zur Vergeltung, hurra, hurra, hurra! hat als Zeilen 
26-28: 

Bis die Brut, 

Die nie und nirgends 

Uns noch je geschlagen, 

die im Laufe des Weltkrieges zersungen wird zu: 

Bis die Brut uns 
Nie und nirgends 
Hat geschlagen, 

Das Lied, aus dem diese drei Zeilen stammen, ist ein Rachelied 
gegen Italien und stammt aus der Zeit der Kriegserklärung dieses 
Staates. Die Singart stammt aus dem Frühjahr 1917. Das ganze, 
34 Zeilen lange Gedicht hat nur die eine Störung. Unlustbetont ist 
der Inhalt dieser Zeilen ebenfalls nicht, er sagt ja, daß wir niemals 
von den Italienern geschlagen wurden. Und dennoch ist Unlust die 

* Opitz, Teutsdie Poemata, Nr. 148, Z. 285—292. 

J Leider war es mir nicht möglich, Schulversuche in jener großen Zahl 
anzustellen, die zu feineren Untersuchungen des Problems notwendig sind. Ich 
muß mich daher mit dieser allgemeinen Feststellung begnügen. 



224 Dr. Hermann Goja 



Ursache des Zersingens, sie haftet jedoch nicht an dem Inhalte der 
Zeilen, sondern an dem Gegensatz von Zeilensinn und Wirklichkeit. 
Der Sänger wußte, daß wir schon oft genug geschlagen worden 
waren, der Sänger der Fassung des Jahres 1917 besonders gut, da 
die letzte Schlacht, an welcher er teilgenommen hatte, die Unglück- 
liehe Schlacht von Olyka war. Deshalb also, weil der Sinn des 
Originals nicht der Wahrheit entsprach, wurde der Text zerstört. 
Die Zerstörung des Textes ist somit in diesem Falle eine Ver- 
neinung seines Inhaltes. Die Verneinung erstreckt sich aber nicht 
nur auf die Behauptung, daß wir niemals eine Niederlage erlitten 
haben, sie erstreckt sich auf den ganzen Satz, welcher auf folgender 
Weise zu vollenden ist: 

Sich vor uns im Staube windet 
W,ie in frühern Tagen. 
Bis in Mailand und Venedig 
Schwarzgelb Fahnen wehn, 
Bis Radetzkys glorreich Zeiten 
Wieder aufersrehn. 

Daran glaubte der Sänger nicht mehr. Niemals wird sie sich vor 
uns im Staube winden ! Und so lange kämpfen, bis zur Eroberung 
Venedigs kämpfen? Nein, nein! Und dieses Nein! zeigt sich in der 
Zerstörung des Wortlautes, Unsinn im Volkslied dient daher der 
Verneinung des alten Inhaltes. 

Diese Behauptung mag gewagt erscheinen. Und dennoch kann 
sie sehr unterstützt werden durch die Tatsache, daß der Unsinn 
als Verneinung ein Stilmittel der Volksdichtung ist. Uhland schreibt 
in seiner Abhandlung über das Volkslied S. 221 : »Die Rätsel setzen 
scheinbar Unmögliches, die unmöglichen Dinge verblümen die Ver« 
neinung, es gibt aber einen Fall, der mitten innen schwebt.« Er 
erzählt dann die Geschichte von Macbeths wanderndem Wald. Die 
Prophezeiung, daß Macbeth nie von einem Menschen, der von einem 
Weibe geboren, ermordet und nie besiegt werden könne, bevor 
der Wald von Birnam nach Dunsinnane komme, ist nur eine 
poetische Darstellung des Niemals. Was für Macbeth entschiedenste 
Bezeichnung des Niemals ist, wird schließlich ein vom Schicksal ge- 
löstes Rätsel. Nun sind aber die gestellten Bedingungen unsinnig. 
Ein jeder Mensch muß geboren sein, kein Wald kann wandern. — 
Der Unterschied der Verneinung liegt nur im Formalen. Die Ver- 
neinung durch Zersingen führt zu keinem anschaulichen Bilde. Der 
Unsinn als Stilmittel ist immer anschaulich, bildhaft. 

Beispiele des Unsinns als Verneinung gibt es in der Volks- 
dichtung viele. Ich gebe noch eines: »Es fiel vom Himmel, das fanden 
die Hirten, kochten es ohne Feuer, aßen es ohne Mund . . . eben- 
sowenig wie das geschehen kann, soll die Krankheit wiederkehren« 3 . 

1 Petsch, Das deutsche Volksrätsel, S. 17. 



Das Zersingen der Volkslieder 225 



»In Scherz und Ernst sind die unmöglichen Dinge eine bejahende 
Verdeckung von Nein und Nimmer« 1 . 

Das ist die Parallele zu dem von mir dargestellten Fall des 
Zersingens, welcher der Verneinung des Inhaltes dienen soll. Die 
Zerstörung des Liedes ist dabei das Ergebnis von Strebungen, 
welche dem Vorbewußten entstammen, ist nur ein besonderer Fall 
des Vergessens und dient der Unlustentfernung. 

Ich kann noch ein Beispiel anführen, in welchem die Verun« 
sinnung Verneinung des Inhaltes ist. Das Lied »Drei Lilien, drei 
Lilien« ist schon aus dem Frieden belegt in einer Verdichtung mit 
dem Liede Höltys »Der alte Landmann an seinen Sohn«. Eine 
spätere Singart des Weltkrieges hat diese Verdichtung ebenfalls. 
Sie fügte an die letzte Strophe des Volksliedes die folgende an: 

Üb' immer Treu und Redlichkeit 
Bis an dein kühles Grab, 
Dann steigst du als Gefreiter 
Ins Grab hinab 8 . 

Gefreiter wird im Verlaufe des Krieges zu Regierungsrat und Re= 
gierender, Grab zu Massengrab, und kühles Grab. 

Über den Sinn des Dreililienliedes werden wir uns später klar 
zu werden suchen. Was bedeutet aber diese Strophe, angehängt 
an dieses Lied? Sie hat doch keinen Zusammenhang damit. Es ist 
ein Unsinn, diese Strophe an dieses Lied anzuhängen. Wir wissen 
den latenten Inhalt des Volksliedes nicht und haben daher auch 
kein Recht über den Zusammenhang desselben mit dieser neuen 
Strophe zu urteilen. Die manifesten Inhalte beider Teile allein be- 
trachtet erwecken den Schein, als ob sie nicht zusammengehörten/ 
die latenten Inhalte haben dennoch Beziehungen. Eines ist sicher: 
Unser Urteil über das Dreililienlied oder wenigstens das Urteil 
der Mannschaft über dasselbe lautet: Es ist ein Unsinn. Und 
wir hängen eine Strophe an das Lied an, die anzufügen ein 
Unsinn ist. Es scheint, wir haben den Sinn der Strophe, den Sinn 
des Zersingens schon gefunden. Hinter der Singart versteckt sich 
ein Urteil, eine Verneinung. Urteile auszudrücken vermag die 
Kunst nicht. Sie vermag es nur dadurch, daß sie einen Vor- 
stellungsverlauf erregt, an welchen sich das auszudrückende Urteil 
anschließt. Sie schafft einen Unsinn, um sagen zu können, daß etwas 
unsinnig sei. Latent sind die besprochene Strophe und die vorher- 
gehende Singart aus dem Liede »Auf zur Vergeltung« gleichwertig. 
Denn die Zeilen »Bis die Brut, die nie und nirgends« usw. kann 
man auch übersetzen mit: Kämpfen, bis die Brut sich vor uns im 
Staube windet, ist ein Unsinn,- zu behaupten, daß wir nie und 
niemals geschlagen worden seien, ist ein Unsinn. Verschieden sind 

1 Uhland, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, II. Abhandlung; 
S. 218, Vgl. Reusdiel, S. 142 ff. 
J Fassung des Schür 24. 

Imago VI/3 15 



226 Dr. Hermann Goja 



die beiden Fälle in der Art, wie sie den Unsinn in dem manifesten 
Inhalte zur Darstellung bringen. Das Rachelied tut dies, indem sie 
eine sinnhafte Zeile zerstört,- das Dreililienlied, in welchem es keine 
sinnhafte Zeile gibt, indem es einen Unsinn anhängt. 

Betrachten wir nun den Inhalt der Strophe. Sie ist ja selbst 
wieder zersungen. Nehmen wir zuerst die oben mitgeteilte älteste 
Fassung. Die Grundlage dieser Fassung bildet die erste Strophe 
des Höltyschen Liedes: 

Ueb' immer Treu und Redlichkeit 
Bis an dein kühles Grab, 
Und weiche keinen Finger breit 
Von Gottes Wegen ab! 

Die letzten Zeilen sind unterdrückt und durch neue ersetzt. Ist 
diese Unterdrückung eine Verneinung, dann heißt sie: »Treu und 
Redlichkeit ist ein Unsinn.« Die Singart wird verständlich, wenn 
man das alte Lied fortsetzt: 

Dann wirst du, wie auf grünen Aun, 
Durchs Pilgerleben gehn/ 
Dann kannst du, sonder Furcht und Graun, 
Dem Tod' ins Auge sehn, 

im Schützengraben. Wir erkennen eine meisterhafte Verdichtung, 
indem der ganze Inhalt des Kunstliedes in die erste Strophe ge- 
preßt und durch die Zerstörung der letzten Zeilen derselben ver* 
neint wurde. "Wenn man Treue und Redlichkeit übt, dann geht man 
nicht auf grünen Auen, sondern in den Schützengraben,- wenn man 
aber Untreue und Unredlichkeit übt, dann lebt man in Glück und 
Reichtum. Der Schurke lebt, der Brave verblutet. So ergänzt denn 
auch das Unbewußtsein die zerstörte Strophe: 

Dann steigst du als Gefreiter 
Ins Massengrab. 

Aber diese Singart beschränkt sich nicht auf die Verneinung 
des Kunstliedes. Sie bringt noch einen zweiten Gedankengang zum 
Ausdruck. Wenn der Soldat draußen seine Pflicht tut bis an sein 
Ende, was ist sein Dank? Keiner. Er wird Gefreiter. Das Mittel, 
welches zur Darstellung dieses Gedankenganges verwendet wird, 
ist die Umkehrung. Denn die beiden letzten Zeilen sind ironisch, 
verkehrt gemeint. (Man brachte die Verwendung der Umkehrung auch 
in der folgenden Stelle!) Unsinn ist es, Treu und Redlichkeit zu üben. 

Die nächste Singart lautet: 

Dann steigst du als Regierungsrat 
Ins kühle Grab. 

Damit ist der Sinn der Strophe neuerdings umgekehrt. Die beiden 
ersten Zeilen der Strophe sind nun umzukehren, um auf den Sinn 
der Singart zu kommen. Sie sind jetzt folgendermaßen zu lesen: 



Das Zersingen der Volkslieder 227 



Ob' nimmer Treu und Redlidikeit usw. Der Gedankengang der 
Strophe ist daher wieder erweitert. Endete er bei der letzten Sing- 
art mit dem Satze, daß dem Braven kein Dank werde, so geht er 
jetzt weiter: dafür wird er dem Schurken. Der Haß des Sängers 
wendet sich jetzt schon deutlich nicht mehr so sehr gegen sein 
Schicksal, als gegen die sein Schicksal beherrschenden Klassen. Der 
Sänger beurteilt sich schon als Opfer dieser Klassen, als Opfer der 
Korruption. Für diese korrumpierte Gesellschaft zu bluten, ist aber 
doch wahrlich ein Unsinn. 

Der Weltkrieg erzeugte noch eine Singart der Strophe, die 
unsinnigste von allen. Sie lautet: 

Dann steigst du als Regierender 
Ins kühle Grab. 

Sie ist die zeitlich letzte. Sie ist die haßerfüllteste, darum entstellteste. 
Sie hat die Ursache des Elends gefunden. Der Regierende ist ja 
niemand anderer als der Regent, der Kaiser, welche Worte wegen 
ihrer Eindeutigkeit unverwendbar waren. Hat es sich bisher gezeigt, 
daß bei uns, im alten Österreich, der Redliche keinen Lohn findet, daß 
nur der Schurke Regierungsrat werde, so begründet die letzte Singart 
diese Tatsache dadurch, daß sie den Herrscher mit seinen ver* 
brecherischen Räten identifiziert. Für diesen Kaiser zu sterben aber 
ist Unsinn. Diese unsinnige Strophe hat also einen sehr guten Sinn. 
Dem Verständigen offenbart sie die Entwicklung der Psyche während 
des Weltkrieges, zeigt sie den Weg zur Revolution. 

Das Kleinzersingen ist demnach verursacht durch unbewußte 
Gedanken und Wünsche und dient der Unlustenfernung, der Lust* 
gewinnung und der Verneinung 1 . 

Symbolisierung 2 . 

An einer Stelle dieser Arbeit 3 war ich gezwungen, einige 
Bilder der Volksdichtung zu analysieren. Es waren dies die »Mühle«, 
das Bild »Berg und Tal« und die »Nelke«. Ich habe die Erklärung 
dieser Bilder dadurch zu erlangen versucht, daß ich Liedstellen ge- 
sammelt habe, aus welchen der Sinn dieser Bilder eindeutig zu ent= 
nehmen war. Diese Parallelen stammen alle aus der verbotenen 
Literatur 3 . 

Angesichts dieser Tatsache erhebt sich die Frage, ob man 
berechtigt sei, für Bilder, welche sich in gleicher Weise sowohl in 
der verbotenen als in der erlaubten Literatur finden, auch den 



1 Noch eine Ursache der Verunsinnung ist die Lust der Kinder am 
Rhythmus. Um ihn zu erleben, nehmen die Kinder Lieder Erwachsener und zer- 
singen sie. Beispiele zu geben ist wohl überflüssig. 

J Vgl. Freud, Traumdeutung, S. 260. 

3 Vgl. oben, S. 171 ff. 



15* 



228 Dr. Hermann Goja 



gleichen Sinn anzunehmen. Diese Frage zu beantworten gehört 
nicht zu einer Arbeit über das Zersingen. Ich bin nur deshalb 
genötigt, Stellung zu dieser Frage zu nehmen, da die Symbolisierung 
des Anstößigen, d. h. die Ersetzung anstößiger Vorstellungen durch 
unanstößige eine Form des Zersingens darstellt. 

Ich bejahe sie, und zwar aus folgenden Gründen. 

Es ist heute schon als Tatsache anerkannt, daß es keinen 
wesentlichen Unterschied zwischen verbotener und zahmer Volks» 
dichtung gebe 1 . Der Glaube, daß die Träger der verbotenen Volks- 
dichtung andere seien als die der erlaubten, ist zerstoben. Als 
Unterschied zwischen beiden Gattungen kann nur ein gradueller 
festgestellt werden, nämlich ein Stärkeunterschied der aus dem Vor* 
bewußten stammenden Strebungen gegen die Illudierung sexueller 
Wünsche. Die Stärke dieser Strebungen ist in der zahmen Volks» 
dichtung größer als in der verbotenen, wo sie unter Umständen 
Null wird, und bewirkt dadurch in derselben stärkere Verschie» 
bungen als in der letzteren. Aus der Tatsache der Einheit des 
Trägers ergibt sich aber schon die Einheit des Bildsinnes. Denn es 
ist zweifellos, daß ein Sänger, welcher bewußt ein Bild als Sexual" 
symbol verwendet, an diese Bedeutung des Bildes mindestens un» 
bewußt erinnert wird, wenn er es in anderer Umgebung wieder» 
findet. Es ist auch zweifellos, daß unbewußte Erinnerung es ist, 
welche ihn bestimmt, dieses Bild einem anderen Liede einzufügen. 
Ferner wird nur aus der Annahme, daß die Bilder der Volks- 
dichtung Sexualsymbole sind, ihre Typik verständlich, da der Ver- 
gleich eines immer gleichen Gegenstandes mit einer überall gleichen 
Umgebung immer und überall zu gleichen, also typischen Bildern 
führen muß,- ferner ihre Lustbetonung, die sich als Übertragung der 
Lust von dem Gegenstand auf sein Bild erklärt. 

Übrigens hat schon Uhland die Zweideutigkeit mancher Bilder 
der Volkspoesie erkannt. So zitiert er in seiner Abhandlung über 
das Volkslied S. 268 eine Stelle aus dem Liede Nummer 58 seiner 
Volksliedersammlung, welche lautet: 

Wolt gott, ich solt ir wünschen 
zwo rosen auf einem zweig! 

bemerkt dazu (Anmerkung 399>: doppelsinnig, und fordert den 
Vergleich mit einer Stelle aus Fisdiarts Gargantua 2 : »wer wolts 
außschlagen, zwo Kirschen an eine Stil«. Es ist nun wertvoll, daß 
sich zu diesem Bilde auch Parallelen in den wenigen erotischen 
Volksliedern finden, welche heute gesammelt vorliegen. Ich führe 
nur ein Beispiel in zwei Varianten an: 

Der Nagelstock ist in der Blüh', 
Sind schon zwei Knospen dran 3 . 

1 Vgl. Futilitates, I, Einleitung. 

J Hallenser Neudrucke, Nr. 65—71, S. 113. 

8 Biümml, Erotische Volkslieder, XXXVIII. 



Das Zersingen der Volkslieder 229 



und: Sie habn den Stock net gut eingsetzt, 

Sein no zwa Würzen draußt'. 

Der Wert dieser Stellen liegt darin, daß sie zeigen, daß man 
durch Vergleich der Bilder unserer zahmen Volksdichtung mit denen 
der erotischen tatsächlich den Sinn derselben erfassen kann. 

Der einzige Einwand, welcher gegen diese Art der Interpre- 
tation erhoben werden kann, ist derjenige, daß die verglichenen 
Lieder nicht aus derselben Zeit stammen. Unland hat auch eine 
gleichzeitige Belegstelle gewählt. Ich glaube, daß dieses Bedenken 
entkräftet werden kann. Die erklärten Bilder sind heute noch lebendig, 
und zwar sowohl in zahmen als auch in verbotenen Liedern. Es 
handelt sich also doch immer um einen Vergleich gleichzeitig lebender 
Bilder, während in die Entstehungszeit der Symbole zurückzugehen, 
unmöglich sind. Sie sind wie international so ewig. 

Es ist von besonderer Bedeutung, daß man zur Auffassung 
der Bilder der Volksdichtung als Sexualsymbole auch dann ge- 
zwungen wird, wenn man auf die erotischen Volkslieder als Inter« 
pretationsmittel verzichtet. Ich will dies an einem Beispiele zeigen. Wir 
haben in dem 3. Kapitel dieser Schrift das Liedchen » W aere din werlt 
alliu min usw. 2 unerklärt lassen müssen, da sich der Interpretation 
der 10. Zeile Schwierigkeiten in den Weg stellten. Es handelte sich 
hauptsächlich um die Frage, ob die Annahme, daß die Königin von 
England Alienor von Poitou sei, berechtigt sei oder nicht. 

England spielt nun in der Volksdichtung eine charakteristische 
Rolle. Es ist ein typisches Land. In dem Liede »Der Pfalzgraf am 
Rhein« 3 ist z. B. der Geliebte der Schwester der König von 
England. England kehrt aber auch in Kinderliedchen wieder, z. B. 

Eine kleine weiße Bohne 
Reisete nach Engelland: 
Engelland war zugeschlossen 
Und der Schlüssel abgebrochen. 
Pif puf paf, du bist af*. 

England fällt in diesem Liedchen mit dem Schrein zusammen, in 
dem das Herz des Geliebten eingeschlossen ist 5 . 

Der Sinn des Wortes wird klar, wenn man den Simplicissimus 6 
aufschlägt und im 5. Buche den Anfang des 8. Kapitels liest. Simplicissi- 
mus schildert dort seine Brautnacht und schreibt: »Aber die Pfeiffe fiel 
mir bald in Drei, dan da ich nunmehr vermeynete mit gutem Wind 
in Engeland zuschiffen, kam ich wider alle Zuversicht in Holland, usw.« 

1 Futilitates, I, XLV 6 . Vgl. dazu S. 151 das Lied »Ich sollt einmal den 
Berg umgehn«, Z. 9, wodurch das Sexuelle als Lustquelle im latenten Inhalte nach= 
gewiesen ist. 

i Vgl. oben, S. 148. 

5 Des Knaben Wunderhom, S. 172. 

* Simrock, Das deutsche Kinderbuch, Nr. 750,- vgl, ebenda 749. 
» Vgl. oben, S. 172, IV, Z. 1—8. 

• Hallenser Neudrucke, Nr. 19—25, S. 396. 



Z30 Dr, Hermann Goja 



Der Sinn dieser Stelle ist nur der: Simplicissimus findet seine 
Frau nicht mehr im Besitze der Jungfräulichkeit. Ein Blick auf die 
angeführten Beispiele zeigt aber sofort, daß diese symbolische Be- 
deutung des Wortes auch bei ihnen Geltung hat. Ich glaube daher, 
daß es auch für das Goliardenliedchen genug ist, sich bei dieser 
Symbolbedeutung zu bescheiden und keine historischen Personen 
hinter dem König oder der Königin zu suchen. Das Liedchen gewinnt ja 
durch diese seinen Sängern entsprechende Zweideutigkeit an Leben. 

Das Verständnis des typischen Ländernamens kann man aber 
noch auf eine andere Weise gewinnen: durch Studium der Rätsel- 
literatur. Man lese diese Rätsel: 

Dor keem'n lütt tünning ut Holland, 

hadd nich staff oder band, un keem liker ut Holland 1 . 



oder: 



oder: 



Es liegt eine tonne in Engelland, 

sie hat weder stab noch band, 

und doch liegt die tonne in Engelland *, 

Dor kümmt 'n schipp ut Amsterdam, 
dor sitt nich reep oder band an*. 



Ihre Lösung ist »Ei«. England und Holland haben hier dieselbe Be- 
deutung, als in dem Satze des Simplicissimus. Amsterdam ist wohl 
eine Verschiebung, um das zu deutliche England zu vermeiden. 

Aber selbst der König von England kehrt in den Rätseln wieder : 

Kommt der König von Engelland, 
Weiß und schwarz ist sein Gewand, 
Ein fleischener Kamm, ein fleischener Bart, 
Wers nit weiß, erratet's hart*. 

Er ist hier der Hahn. 

Ich glaube die typische Bedeutung des Wortes England er- 
wiesen zu haben. Sie zu finden ist wie in allen Fällen, in denen 
es sich um Symbolbedeutung handelt, dadurch erschwert, daß das 
Wort auch da verwendet wird, wo aus dem Zusammenhange diese 
ßedeutung nicht erschlossen werden kann: 

Keem'n mann von Haken, 
hadd'n groot witt laken, 
wull de ganze weit bedecken, 
künn nich oewer't water recken 6 . 

Haken wird dann durch Engelland, Holland ersetzt. Ursache ist 
wohl die unbewußte Freude an der Zweideutigkeit des Wortes. 
Vom Standpunkte des Zersingens aus ist es wieder die Einführung 
einer neuen Lustquelle in das Rätsel, Luststeigerung. 

1 Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen, I, Nr. 25 a. 
J Ebenda, Nr. 25 b. 

5 Ebenda, Nr. 25 c. 

* Petsch, Neue Beiträge zur Kenntnis des Volksrätsels, S. 118. 

6 Wossidlo, Mecklenburgische Volks Überlieferungen, I, Nr. 22. 



j 



Das Zersingen der Volkslieder 231 

Ich glaube, daß durch solche Untersuchungen für viele Bilder 
der Volksdichtung sexuelle Bedeutung nachgewiesen zu werden 
vermag. Sie aber in dem einzelnen Falle ohne Prüfung voraus« 
zusetzen, wäre nicht zu rechtfertigen. 

Unter Beachtung der Symbolbedeutung ist es uns schon ge^ 
lungen einen Fall des Zersingens zu erklären. Ich will nun einen 
zweiten der Analyse unterziehen, und zwar das Dreililienlied. Leider 
war mir bei diesem Liede ein voller Erfolg versagt. Ich gebe im 
Folgenden zunächst die Lieder: 

I». 

i 1. Es blies ein jeger wol in sein hörn 
alleweil bei der nacht, 
und alles was er blies das war verlorn. 

2. ,Sol denn mein blasen verloren sein, 
5 vil lieber wolt ich kein jeger sein.' 

3. Er zog sein netz wol übern Strauch, 

da sprang ein schwarzbraun meidel herauß. 

4. ,Ach schwarzbrauns meidel, entspring mir nicht! 
ich habe große hunde, die holen dich.' 

10 5. »Deine große hunde die tun mir nichts, 

sie wißen meine hohe weite sprünge noch nicht.' 

6. ,Deine hohe weite sprünge die wißen sie wol, 
sie wißen daß heute noch sterben soft/ 

7. ,Und stirb ich nu, so bin ich tot, 

15 begrebt man mich under die rosen rot. 

8. Wol under die rosen, wol under den kle, 
Darunder verge ich nimmerme!' 

9. Es wuchsen drei lilien uf irem grab, 
es kam ein reuter, wolts brechen ab. 

20 10. ,Ach reuter, laß die lilien stan! 

es sol sie ein junger frischer jeger han.' 

n s . 

i Drei Lilien, drei Lilien, 

Die pflanzt ich auf mein Grab, 

Walera 

Da kam ein stolzer Reiter 
5 Und brach sie ab. 

Refr.: Mit Juwiheirasasasasasasa, 

Mit Juwiheirasasasasasasa, 

Da kam ein stolzer Reiter 

Und brach sie ab. 

Unland, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Nr. 103. 



1 Fassung des Schür 24. 



232 Dr. Hermann Goja 



io Ach Reitersmann, ach Reitersmann, 

Laß du die Lilien stehn, 
Walera, 

Sie sollen ja mein feins Liebchen 
Noch einmal sehn. Refr. 

15 Was kümmert mich dein Liebchen, 

Was kümmert mich dein Grab, 
Walera, 

Ich bin ein stolzer Reiter! 
Und brach sie ab. Refr. 

20 Und sterbe ich noch heute, 

So bin ich morgen tot. 
Walera. 

Dann begraben mich die Leute 
Ums Morgenrot. Refr. 

25 Ums Morgenrot, ums Morgenrot 

Will ich begraben sein. 
Walera. 

Dann schläft ja mein Feinsliebchen 
So still, so fein. Refr. 

Das Lied hat während des Weltkrieges, trotzdem es bei meinem 
Regimente eines der beliebtesten Lieder war, keine objektiven Sing- 
arten erzeugt, ein Beweis, wie sehr es der Psyche der Sänger ent- 
sprechend war 1 . 

Ich beginne mit der Analyse von I: Das Lied beginnt mit 
einem lebhaften Bilde. Der Jäger steht und bläst in sein Hörn <h>. 
Warum er bläst, sagt das Lied nicht <I 2 ist schon zersungen), wir er- 
fahren es aus anderen Liedern, z. B. aus dem Liede »Der Glücksjäger« 2 : 

3. Es blies der Jäger in sein Hörn, 

Er blies das Wild wol aus dem Korn. 

Er blies also, um das Wild aus dem Lager aufzujagen. Diese 
Singart erklärt jedoch noch nicht 1 2. Dies tut folgendes Fragment: 

Ick bin ein jeger und vöer ein Hörn, 
all dat ick jage is vorlarn 8 , 

das auch durch seinen Schluß wertvoll ist: 

noch wil ick jagen dach und nacht 

bet ick einen steden holen krigen mach. 

Die Jagd ist also nur ein Bild. Jäger und Wild sind nichts anderes 
als Mann und Mädchen. Ich hätte dies nicht so weitschweifig nach- 

' ^ingatten waren nur folgende: 10 Ach Reiter, lieber Reitersmann, 
du > doch 13 Die soll 15 schert mich denn 

* Erk-Böhme, Deutscher Liederhort, III, 1456. 

3 Uhland, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Nr. 102. 



Das Zersingen der Volkslieder 233 

zuweisen brauchen,- diese Tatsache ist ja allgemein bekannt und 
anerkannt. »Die Vorstellung der Liebe als eine Jagd ist wohl in 
jeder Literatur eine ehrwürdig alte Erscheinung, und im heutigen 
Volkslied spielt sie eine wichtige Rolle. Das Mädchen ist das Wild, 
dem der Jäger nachstreift 1 .« Die Singart 1 2 dient dann der Moti* 
vierung des Grimms unseres Jägers. So viel er bläst, kein Tier 
springt erschreckt auf, er bläst vergebens. Es ist selbstverständlich, 
daß es dem Mädchen schlecht ergehen muß, das er dann für ein 
Wild fängt. Wir erkennen die Ursadie des Zersingens, eine wenig= 
stens, es ist die Rationalisierung des Bildes. Sie ist mißglückt. 

Über die folgenden Zeilen I5-20 kann ich flüchtiger hinweg» 
gehen, trotzdem sie eine Fülle des Interessanten bilden. Der Jäger 
wirft sein Netz, fängt ein Mädchen und beginnt ein Gespräch, das 
mit der Todesdrohung endet: 

Sie wißen daß heute noch sterben solt ! * <I i3> 

Damit stehen wir auf umstrittenem Boden. 

Noch kommen wir weiter. Ist die Jagd wirklich ein Bild der Liebe, 
dann ist das Bild »Töten des Wildes« unseres Liedes nur mit 
»Vergewaltigung des Mädchens« zu übersetzen. Denn nur die Schän* 
düng desselben kann, wenn man den Gedankengang sinngemäß weiter* 
führt, auf das Gespräch der Beiden folgen. Dem entspricht auch die 
Tatsache, daß das Lied von dieser Stelle an stark zersungen ist. Die Illu« 
dierung einer Schändung muß Widerstrebungen des Vorbewußten 
auslösen, die sich in Entstellungen des manifesten Inhaltes offenbaren. 
Ich brauche jedoch nicht eine Theorie des Zersingens heranzuziehen, 
um diesen Schluß zu verifizieren. Singarten unseres Liedes, denen 
die umstrittenen Strophen fehlen, und welche im ganzen eine mildere 
Fassung des Liedes darstellen, bringen nach dem Fang des Mädchens 
den Hinweis auf den nun erfolgenden Liebesgenuß: 

Er warf ihr's Netz wol um den Leib, 
Alleweil bei der Nacht: 
Da ward sie des jungen Jägers Weib, 
Alleweil, alleweil Jägers Weib, 
Alleweil bei der Nacht 5 . 

Das Töten eines Tieres auf der Jagd als Bild des Liebesge» 
nusses ist typisch in unserer Volksdiditung : Ich gebe nur einige Beispiele : 

Wenn i a Jager war 
Schießet i a Taub'n, 
Die rothe Wanglan hat 
Und kohlschwarze Aug'n*. 



1 Marriage, Der Mensch und die Pflanzen» und Tierwelt im Volkslied, S. 139. 

* I 13. _ 

9 Erk-Böhme, Deutscher Liederhort, I, 19d. Vgl. Simrock, Die deutschen 

Volksbücher, VIII, Nr. 94. 

4 Marriage, Der Memch und die Pflanzen- und Tierwelt im Volkslied, S. 139. 



234 Dr. Hermann Goja 



Oder: 

Ih schiaß ma koa Hirscherl, 
Ih scfiiaß ma koa Reh' 
Ih scfiiaß ma mei Reserl 
Und tfo.ua ihr not weh 1 . 

Sehr zweideutig ist das folgende: 

Als Hansel über die Heid hinsprang 
Schoß er nach einer Taube/ 
Er schoß der Taub eine Feder aus 
Und ließ sie wieder fliegen*, 

»Aus dem Zusammenhang des Lieds ergiebt sich, daß Hansel ein 
Mädchen verführt, <scfiießt der Taub eine Feder aus) und verlaßt 
<läßt sie wieder fliegen)«, bemerkt Marriage zu der Stelle. 

Nur um zu zeigen, daß die erotische Volksdichtung das Bild 
ebenfalls kennt, führe ich an: 

Ich pfleg ihn nachzugehen 
Solang, biß es wil stehen, 
Dann schieß ich sie, 
Wann ich den Fertt kann sehen. 

Dreff ich etwa eine Hinde 
Vnndt ich alßdann befinde, 
Dz sie tödtlich verwundet ist, 
Laß ich sie laufen geschwinde». 



öden 



machst du mir eins, so werdts gemacht, 

stich nun braff zu, das bette kracht, ja bette kracht*. 



Die Bilder der erotischen Volksdichtung zeigen in diesem Falle 
deutlich den Wert und den Zweck der aus dem Vorbewußten 
kommenden Strebungen. Diese Streuungen fehlen fast vollständig 
in den Bewußtsein, die sie illudieren. Uns, in denen das Streben 
nach Illudierung des Sexuellen sofort Widerstrebungen des Vorbe« 
wußten auslöst, erregen diese Bilder nicht Lust, sondern Unlust. 
Lust zu erleben ist uns nur möglich in Bildern, welche ein Kom- 
promiß beider Strebungen darstellen, also in den ersten der vorher* 
gehenden Beispiele. 

Durch die Fülle der Beispiele sind wir also zu der Über- 
zeugung gelangt, daß das Töten des Mädchens in unserem Liede 
seine Schändung bedeutet. Was bedeutet nun das Begrabenwerden? 
<I 25— 32>. Darauf will ich später antworten. 

Es wuchsen drei lilien uf irem grab, 
es kam ein reuter, wolts brechen ab 5 . 



1 Marriage, Der Mensch usw., S. 141. 

1 Ebenda, S. 139. 

3 Futilitates, I, LXIII, 4. 

« E. K. Blümnil, Erotische Volkslieder, XXXIX, 2. Fassung, Strophe 14. 

5 I, 18-19. 



Das Zersingen der Volkslieder 235 



Über die drei Lilien dieser Zeilen ist schon viel geschrieben 
worden 1 , ohne eine überzeugende Interpretation zustande zu 
bringen. Stellen wir zunächst fest, daß in diesen zwei Zeilen zwei 
Bilder, zwei Symbole vermengt, verdichtet, erscheinen: das uns Un« 
verständliche der drei Lilien und das des Rosenbrechens. Ein Lied 
des Ambraser Liederbuches beginnt: 

O bawren kriecht las die rößlein stahn, 
sie sein nit dein, 

du tregst noch wol von nesseln kraut 
ein krentzelein*. 

Die erste Zeile dieser Strophe deckt sich mit Zeile 37 von I. Das 
Brechen der drei Lilien ist also ursprünglich ein Rosenbrechen. 
Rosenbrechen ist aber ein Bild des Liebesgenusses. Man vergleiche 
dazu Uhlands Abhandlung über die Volkslieder S. 421 ff. 8 und 
die Bemerkungen Aigremonts 4 . Vielleicht ist es ein Durchbrechen 
dieser Formel vom Rosenbrechen, wenn in einigen Fassungen drei 
Rosen auf dem Grabe erblühen: 

Sie pflanzten drei Röslein auf meim Grab 
Da kam mein Schatz und brach sie ab 5 , 
oder: 

Es wachsen drei Röslein auf meinem Grab 
Da kam mein Schatz und brach sie ab 8 , 

Wir merken jetzt schon, daß wir es bei diesem Fall des Zer* 
singens wieder mit einem Verdichtungsprozeß zu tun haben, wie in 
dem Liede S. 171 ff. 

Suchen wir jetzt zum Verständnis der drei Lilien zu gelangen. 
Zuerst können wir die Zahl drei ausschalten,- sie gehört nicht not« 
wendig zu dem Bilde, da die Lilie auch oft in der Einzahl er» 
scheint. Z. B.: 

Es wuchs eine Lilje auf ihrem Grab, 
Kam ein Reiter und brach sie ab'. 

Die Dreizahl erscheint dafür auch an anderer Stelle: 

» »Und sterb ich denn heut, so bin ich todt, 
So begraben sie mich unter drei Röslein roth« « 8 . 



» Vgl. z. B. V. StreiAer, Zf. d. U. X,- F. Schöntag Zf. d. U. XL Ed Nettle, 
Zf d. U. XII, R. Becker, Zf. d. U XII, R. Prahl, Zf. d. U. XIII, Th. Schaufler, 
Zf. d. U. XIII, E. Würtemberg, Zf. d. U. XV. 

» Ambraser Liederbuch, Nr. 9. ,,,_,, , -,, .. ,, .. 

' Vgl. Marriage, Der Mensch und die Pflanzen- und Tierwelt im Volks« 

* Volkserotik und Pflanzenwelt, I, 111, 112, 115. 

s Marriage Der Mensch und die Pflanzen« und Tierwelt im Volkslied, S. 131. 

»Ebenda, S. 131. 

7 Erk-Böhme, Deutscher Liederhort, 1, iye. 

• Ebenda, I, 19 g. 



236 Dr. Hermann Goja 



Drei gehört also nicht notwendig zu dem Bilde der Lilie. Sie ist 
aber selbst ein Bild und muß demnach später ebenfalls untersucht 
werden. Die Lilie selbst steht aber auch nicht in allen Fassungen, 
sie wechselt vielmehr öfter den Platz mit der Nelke. Z. B.: 

Es wuchs sich eine Nelke wohl aus dem meinen Grab, 

Da kam der stolze Jäger und brach sie mir ab. 

Ach Jäger, lieber Jäger! laß du die Nelken stehn, 

Die soll es mein herztausender Schatz noch einmal sehn 1 . 

Lilie und Nelke sind daher identisch. Wir haben die Nelke 
als Sexualsymbol kennen gelernt. Die Lilie ist ein gleiches. Diese 
Behauptung mag ungeheuerlich erscheinen gegenüber der Tatsache, 
daß die Lilie das Jahrtausende alte Symbol der Reinheit ist. Dieser 
Begriff der Reinheit, der sich an das Symbol heftet, ist aber doch 
verständlich. Er ist eine Überlagerung des alten Symbols, um es 
gegen die Strebungen des Vorbewußten behaupten zu können. 
Daß die Lilie in der Volksdichtung ein Symbol des männlichen 
Genitales ist, beweist die Tatsache, daß sie einerseits Platz tauscht 
mit anderen Symbolen desselben und anderseits sich mit der Rose, dem 
beliebtesten Symbol des weiblichen Genitales paart. Man vergleiche: 

Keine Rose, keine Nelke 

Kann blühen so sdiön, 

Als wenn zwei verliebte Seelen 

Bei einander thun stehn J. 
und: 

Keine Rose, keine Tulpe 

Kann blühen so schön, usw. s 
mit: 

Drei Lilien im Garten, 

Drei Rosen im Feld", 

Ich muß mich jetzt heirate 

Sunschd werr idi ze alt 4 . 

Aber noch überzeugender ist die Stelle aus demTexte Erks undBöhmes : 

12. Das dritte war ein Lilgen weiß, Lilgen weiß, 
Steckt er's auf sein Hut mit Fleiß. 

13. Damit thät er groß Übermuth, groß Übermuth, 
Thät selten den Bauren = Mädchen gut 5 . 

Noch eines kann man beachten. Ich habe früher als doppel- 
sinnig angeführt: 

Wolt gott, ich solt ir wünschen 
zwo rosen auf einem zweig! 6 

1 Marriage, Der Mensch und die Pflanzen- und Tierwelt im Volkslied, S. 133. 
s Ebenda, S. 106. 

3 Ebenda, S. 106. 

4 Ebenda, S. 108. 

5 Erk-Böhme, Deutscher Liederhort, I, 19 b. 
Vgl. oben, S. 228 



Das Zersingen der Volkslieder 237 

Der von Erk und Böhme als ältester angeführte Text hat nun 
in der entscheidenden Strophe nidit die drei Lilien, Der betreffende 
Teil des Liedes lautet: 

9. Es stund kaum an den dritten Tag, dritten Tag, 
Da wuchsen drei Blumen aus ihrem Grab. 

10. Das erste war ein Röslein roth, Röslein roth, 
Gewachsen von der Herzliebsten todt. 

11. Das ander war ein Nägelein, ein Nägelein, 
War gewachsen von der Herzliebsten mein'. 

Erst das dritte war »ein Lügen weiß« <vgl. die Strophe 12 auf der 
vorhergehenden Seite). Das deutlichste Symbol bestand also aus einem 
Zweig und zwei Rosen. Das neue besteht aus zwei Zweigen und einer 
Rose, ist also eine Umkehrung des alten, und das letzte besteht aus 
drei Zweigen : drei Lilien. Was dieses letzte an Deutlichkeit durch den 
Verlust der Ähnlichkeit eingebüßt hat, hat es durch den Gewinn der Drei 
wieder erworben. Denn die Drei ist ebenfalls ein Genitalsymbol: »Weil 
sie es on diß vom ledigen stand her gewonet seind, jren Bulen Nullen 
für drey zu verkauffen«, schreibt Fischart in der Geschichtsklitterung 
über die Weiber 2 . — In der Wandlung des Symbols erkennen wir 
aber wieder das Wirken von Strebungen des Vorbewußten, welche 
mit fortschreitender Entwicklung immer mehr an Kraft gewinnen. 

Wir haben oben festgestellt, daß das Bild des drei »Lilien 
Brechens« eine Verdichtung darstellt/ wir wissen jetzt, daß es eine 
Verdichtung des Bildes »zwei Röslein auf einem Zweig«, mit dem 
des Rosenbrechens und dem der Drei ist. Damit ist aber die Reihe 
der hier vereinigten Bilder noch nicht abgeschlossen. In einem Volks» 
liede »Lachen und Weinen« 3 , das zum manifesten Inhalte wieder 
eine Verführung durch den Jäger hat, lautet die dritte Strophe: 

Sie giengen mit einander den Berg hinauf gar balde, 
Sie setzten sich nieder bei einem Baum im Walde. 
Er brach sich ab einen grünen Zweig 
Und machte das Mädchen zu seinem Weib. 
Da lachte das Mädchen so sehr. 

In dieser Strophe erscheint das Bild 4es »einen Zweig Ab» 
brechens« in derselben Bedeutung wie das des Rosenbrechens. Beide 
Bilder waren offenbar ursprünglich selbständig. Das Bild des Zweig» 
brechens erscheint auch sonst im Volksliede, und zwar immer des» 
selben Sinnes: Auf dnem Apfe | bäume Iein, 

Da brech ich mir ein Reis, 

Aus einem wackern Mägdelein, 

Da mach ich mir ein Weib 4 . 



1 Erk»Böhme, Deutscher Liederhort, I, 19 b. 

s Hallenser Neudrucke, Nr. 65—71, S. 116. 

8 A. Simrock, Die deutschen Volksbücher, VIII, Nr. 102. 

< Ebenda, Nr. 114. 



238 Dr. Hermann Goja 



So lautet die vorletzte Strophe eines anderen Liedes. Es wird 
nidit wundernehmen, wenn man dieses Bild auch in ziemlich frivolen 
Liedern wiederfindet. So erzählt denn ein Sänger: 1 

Der Mai, der Mai, der lustige Mai, 

Der kommt heran gerauschet. 

Ich gieng in den Busch und brach mir einen Mai, 

Der Mai und der war grüne, 

Faldera Vidubbedubbedubb, 

Der Mai und der war grüne. 

Er geht dann vor Liebchens Fenster und bittet um Einlaß, er bringe 
ihm den Mai von Grüne. Aber das Mädchen durchschaut ihn 
und spricht: 

Der Mai, den du mir bringen willst, 

Den laß du mir dadraußen usw. 

Daß in dem Bilde des Zweigbrechens die Lilie für den Zweig gesetzt 
werden kann, ist durch die Ähnlichkeit der Lilie mit einem Zweige 
möglich gemacht. Die Lilie wird eingesetzt, weil das Mädchen rein ist 2 . 

Stellen wir fest, was wir bisher als Inhalt der zersungenen 
Strophen erkannt haben. Es waren zwei Bilder der Schändung, 
das Töten des Opfers und das des Zweigbrechens. 

Noch verwirrt eines den manifesten Inhalt des Liedes: der 
Reiter, der Z. 34 plötzlich hineinspringt. Wenn die Analyse richtig 
ist, dann ist dieser Reiter unverständlich. Nicht ein Reiter darf die 
Lilien brechen, sondern der Jäger. Wenn das Mädchen seinem Be- 
zwinger um Erbarmen anfleht, dann muß es den Jäger bitten. Noch 
weniger darf es sprechen: 

Ach reuter, laß die lilien stan! 

es sol sie ein junger frischer jeger han! <I 20— 21X 

Tatsächlich bestehen Fassungen dieser Wanderstrophe, in denen der 
Schatz die Röslein bricht. Vgl. die beiden Beispiele S. 235! In der 
ältesten Fassung unseres Liedes warnt das Mädchen den Jäger: 

Wohl unter die Röslein, wol unter grünen Klee, unter grünen Klee, 
Doch Scheiden von der Herzliebsten, das thut weh. 

Das Mädchen bezeichnet sich hier selbst als die Herzliebste des Jägers. 

Es ist nun die Frage, ob nicht der Jäger der ersten Liedzeile 

und der Reuter der neunzehnten ein und dieselbe Person sind. Einer 

der meist belegten Ausdrücke der erotischen Literatur für coire ist 

• Ebenda, Nr. 108. Ähnlich: 

Und wie ich nun erwachte 
Da lag der Zweig und lachte/ 
Ich dachte es war das Zweigelein 
Derweile war's Nachbars Söhnelein. 

<Marrlage, Der Mensch und die Pflanzen' und Tierwelt, S. 117.) 
s Darin zeigt sich die Wirkung des kirchlichen Symbols. 



Das Zersingen der Volkslieder 239 

ja der Ausdruck reiten. Ich gebe an Stelle einiger schon gedruckter 
Beispiele eines aus meiner eigenen Sammlung <belegt 1854—56, 
Ober-St. Veit, Wien): 

De-uliöh, de-uliöh, 

Das Reiten is mei Leb'n juchhe! 

De-uliöh, de-uliöh, 

Das Reiten is mei' Leb'n. 

Ohne Zügel, ohne Zam 

Reit i auf mein Mensch daham, 

De=uliöh, de-uliöh, 

Das Reiten is mei Leb'n. 

Ganz sinngemäß wird daher der Mann, welcher am Anfang des 
Liedes, in dem er das Mädchen verfolgt, als Jäger bezeichnet wurde, 
jetzt am Ende desselben der Situation entsprechend als Reuters* 
mann bezeichnet. Diese Anrede des Mädchens bestätigt die 
Richtigkeit meiner Analyse. Das Lied ist ein Schändungs* 
lied. Der junge, frische Jägersmann der zwanzigsten Liedzeile ist 
dann der Bräutigam des Mädchens. 

Alles ist erklärt bis auf das Bild des »unter Rosen begraben 
sein«. Ich gestehe, daß ich keine überzeugenden Parallelen gefunden 
habe, die diese Stellen erklären helfen. Ich mutmaße, daß das Bild 
des Grabes identisch ist mit dem der Rose. Zu dieser Annahme 
wurde ich durch den Umstand gebracht, daß das S. 173 mitgeteilte 
Lied V nach Strophe 5 auch folgendermaßen fortgesetzt wird: 

Und soll ich einsmals scheiden, 
Wo begräbt man mich dann hin? 
In meines Liebchens Garten, 
Wo rothe Röslein stehn 1 . 

Da der Garten des Liebchens dessen Schoß ist, so ist auch 
das Grab des Geliebten fixiert. — Auch das Lied CXL der Heideh» 
berger Handschrift Pal 343 führt zu dieser Annahme. Ich gebe die 
entscheidenden Strophen : 

6. Guot Henslin ließ sein rösslin beschlagen, 
es soll in den hohen berg uf tragen. 

7. Wie hoher berg, wie tiefe tal! 

Es ist schad daß Henslin sterben soll. 

8. ,Und stirb ich dann so bin ich tot, 

so begrebt man mich under die röslin rot. 

9. So begrebt man mich an dieselben statt 
do mir mein buol die trew uf gab 2 .' 

Hier ist das Bild von Berg und Tal, welches dem des Grabes 
vorausgeht, das die Annahme nahelegt. 

i Simrock, Die deutschen Volksbücher, VIII, Nr. 154. 

J Unland, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Nr. 150. 



240 Dr. Hermann Goja 



Damit ist I erklärt, ist die Fülle der Singarten gedeutet. Die 
Analyse hat gezeigt, daß eine Erklärung vieler Singarten nur dann 
möglich ist, wenn man die Bilder der Volksdichtung als Symbole 
nimmt, die sich mit der Entwicklung der Volksseele wandeln. Das 
Zersingen unter Symbolbildung findet immer unter der Wirkung 
von Widerstrebungen des Vorbewußten statt und dient im höchsten 
Maße der Lustgewinnung. Man kann dabei unterscheiden: 1. Das 
Ersetzen des Gegenstandes durch sein Symbol. 2. Das Zersingen 
der Symbole. 

II bietet nach der Analyse von I keine bedeutende Schwierig- 
keiten mehr. Es ist die Verschiebung des Jäger-* in ein Reiter» 
<Soldaten=> lied. Deshalb ist der Anfang von I entfallen. Das neue 
Lied beginnt mit den Bitten des Mädchens, bringt dann <neu> eine 
rohe Antwort des Reiters und zum Schluß die Ergebung des Opfers 
an ihren Entehrer 1 . In dem Bilde des Morgenrotes mischt es dann 
Sexuelles 2 mit Soldatischem. 

Damit bin ich am Ende meiner Arbeit. Andere Fälle des 
Zersingens als Verdichtung, Verschiebung, Auslassung und Symboli- 
sierung gibt es nicht. Die Arbeit hat gezeigt, daß das Zersingen 
der Volkslieder frei von Zufälligem ist, hat gezeigt, daß es bedingt 
ist durch Wandlungen der menschlichen Seele, daß es immer ent- 
weder der Unlustentfernung oder der Lustgewinnung dient,- sie 
hat also auch auf diesem Gebiete gezeigt, daß die Kunst nur eine 
Aufgabe hat und diese immer erfüllt; die Beglückung des Menschen. 






Literatur. 

Jodl Fr.: Lehrbuch der Psychologie 4 . 
Wundt W.: Völkerpsychologie, III., Die Kunst. 
Freud S.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1917. 
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über das Rot. 



1 »Feinsliebchen« ist der Bräutigam des Mädchens. 

J Vgl. Aigremont, Volkserotik und Pflanzenwelt, S. 111/ die Bemerkung 



Das Zersingen der Volkslieder 241 



Marriage M. E.: Poetische Beziehungen des Menschen zur Pflanzen- und Tierwelt 
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Iraago VT/3 16 



242 Dr. Hermann Goja 



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Goja Hermann: Handschriftliche Sammlung der Lieder des k. k. Schützenregiments 
Nr. 24, Umgebung von Wien. 




Die Entwicklung des Apostels Paulus 243 






Die Entwicklung des Apostels Paulus. 

Eine religionsgeschichtliche und psychologische Skizze. 
Von Dr. O. PFISTER, Pfarrer in Zürich. 

Über Paulus ist so viel geschrieben und geredet worden, daß 
es überflüssig scheinen mag, diese Riesengestalt wiederum 
vorzuführen 1 . Wenn ich es dennoch wage, den geistesmäch» 
tigen Apostel zu besprechen, so geschieht es keineswegs mit dem 
Anspruch, seinen Entwicklungsgang restlos verständlich zu machen. 
Allein mir scheint es, daß weder die bisherige Verwertung des 
religionsgeschichtlichen Materials, wie sie wenigstens vorherrscht, ge* 
nügt, noch die psychologische Methodik, deren man sich bediente, 
strengeren Anforderungen standhält. Der letztere Fehler scheint die 
Unklarheit und Unsicherheit in ersterer Hinsicht verschuldet zu 
haben,- denn wie kann das religionshistorische Problem gelöst werden, 
solange die Religionspsychologie uns die Gesetze der Religions* 
bildung vorenthalten hat? Was meine Untersuchungen von allen 
üblichen unterscheidet, ist hauptsächlich der Umstand, daß ich mich 
beständig auf religionspsychologische Beobachtungen an lebenden 
Menschen stütze. 

In einem vorbereitenden Teile prüfe ich zunächst die histori- 
sehen Determinanten, die für Paulus in Betracht kommen, noch ohne 
Rücksicht auf ihre Kausalbeziehung. Nachdem wir uns sodann über 
einige psychologische Voraussetzungen verständigten, treten wir an 
das eigentliche Problem heran. 

I. Mögliche historische Determinanten noch abgesehen von 
ihrem Einfluß auf Paulus. 

A. Jüdische Determinanten. 
a> Vor seiner Bekehrung. 

Paulus ist in erster Linie Jude, »beschnitten am achten Tage, 
aus dem Volke Israel, aus dem Stamme Benjamin, Hebräer von 
Hebräern, ein gesetzestreuer Pharisäer, ein eifriger Verfolger der 

1 Vorstehende Arbeit wurde im Herbst 1913 einem theologischen Kreis 
in Zürich vorgetragen. 

16* 



244 Dr. O. Pfister 



Gemeinde, nach der im Gesetz vorgeschriebenen Gerechtigkeit un- 
tadelig« <Phil. 3, 5 und 6). Im jüdischen Wesen übertraf er viele 
Altersgenossen seines Volkes <Gal. 1, 14) an übertriebenem Eifer 
für die väterlichen Überlieferungen. 

Soweit wir die juvenile Frömmigkeit des Paulus kennen, ist 
sie echt jüdisch. Andeutungen genügen: Jüdisch ist die religiöse 
Grundstimmung, ein Bangen vor Gott im Bewußtsein ungenügender 
Erfüllung des mosaischen Gesetzes, ein brennendes Verlangen, die 
schmerzlich empfundene Minderwertigkeit durch ostentative Leistungen 
zu überwinden, also ein juristisches und knechtisches Verhalten 
gegen Gott, die Psychologie des überschuldeten Kleinbürgers ins 
Religiöse verpflanzt. Was Paulus vom Normaltypus unterscheidet, 
ihn vor seinen pharisäischen Standesgenossen auszeichnet, ist wohl 
die ernstere Grundstimmung, die nie in stolzes Pochen auf Werke 
umschlug, es ist die stärkere Angst, die von feineren Gewissens- 
regungen Zeugnis ablegt, und ihr Abwehrprodukt, der verschärfte 
Fanatismus. In allen diesen Äußerungen des Nomismus finden wir 
nichts unjüdisches, aber es ist wohl zu berücksichtigen, daß wir nur 
äußerst wenig über die vordamaszenische Frömmigkeit und ihren 
unbewußten Hintergrund wissen. 

Auch der Haß gegen das Christentum läßt sich mit jüdischen 
Gedanken in Beziehung setzen. Paulus selbst beruft sich Gal. 3, 
10 und 13 auf zwei Gesetzesstellen: Deut. 27, 26: »Verflucht, 
wer nicht bleibt in allem, was im Gesetzbuch geschrieben steht, daß 
er es tue!« und Deut. 21, 23: »Verflucht ist jeder, der am Holze hängt.« 

b> Nach der Bekehrung. 

Kaum schwieriger ist die Frage, welche Vorstellungen des 
Christen Paulus Parallelen im jüdischen Glaubensleben aufweisen. 
Die Erlösungsfrömmigkeit trägt jederzeit die Stigmata der früheren 
Gebundenheit an sich. Der Apostel bestätigt diesen Satz 

a) in bezug auf die in der Erlösung besiegten, die Er- 
lösungsbedürftigkeit erzeugenden Mächte,- und zwar 

erstlich die im Menschen liegende sündliche Macht, das Fleisch. 
Bekanntlich redet Paulus von der sarx nicht immer in gleichem 
Sinne. Sie ist Stoff in der Verbindung »Fleisch und Blut« <I. Kor. 15, 
50> und einigen anderen Zusammenhängen, bedeutet aber nach 
Schmiedel meistens »die ganze niedere Seite des Menschen und 
steht somit auf Seite der Sünde gegenüber dem Nus und Pneuma« 
<Handkommentar, Exkurs zu II. Kor. 7, 1>. Sie ist von Natur 
sündhaft, geistwidrige Potenz <Holtzmann, Lehrb. d. neutest. 
Theol. II, 21>, die wider den Geist gelüstet <Gal. 5, 17) und nicht 
anders kann, als in die Sünde treiben. Der erlöste Mensch hat nach 
Gal. 5, 24 sein Fleisch gekreuzigt samt den Lüsten und Begierden. 
Er wandelt, obwohl im Fleische, so doch nicht nach dem Fleische 
<II. Kor. 10, 3), er ist nicht mehr fleischlich <Röm. 8, 9). 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 245 



Ist dies jüdisch gedacht? Schmiedel läßt höchstens die milderen 
Sätze für alttcstamentlich gelten (Komm. a. a. O. 255). »Das 
Fleisch ist nach dem Alten Testament schwach und der Verführung 
ausgesetzt, aber nicht positiv und aktiv sündig.« Im nadibiblischen 
Judentum verschärfte sich zwar der Gegensatz von Fleisch und 
Geist, doch wird das Fleisch nicht als solches Träger der Sünde 
<Bertholet, Die Religion in Geschichte und Gegenwart, s. v. Fleisch). 
Weinel gibt an, das Judentum sei dazu übergegangen, das radikale 
Böse im Menschen auf die Vererbung eines »bösen Keimes« im 
Fleische des Menschen zurückzuführen (Weinel, Bibl. Theol. des 
N. T. 35),- als Belege führt er Baruch und Esra an. Allein beide 
Apokalypsen entstanden erst nach der Zerstörung Jerusalems (Fiebig, 
Die Rel. in Gesch. u. Gegenwart, I, 519, Holtzmann nennt sie »nach- 
christlich«, I, 75). Jedenfalls ist die paulinische Lehre vom Fleisch nicht 
genuin jüdisch, wenn sie auch von manchen Juden vertreten wurde. 

Der Erlösung bedarf der Mensch nach Paulus sodann, weil 
durch Adams Fehltritt Sünde und Tod in die Menschheit kamen, 
und die Schuld des Stammvaters den Nachkommen angerechnet 
wird <Lipsius, Handkomm, zu Rom. 5, 14, Holtzmann 44). Finden 
wir diese Vorstellung, die nach Jülicher <Die Schriften des N. T. II, 
30) ungefähr auf die kirchliche Idee der Erbsünde hinausläuft, inner- 
halb des Judentums nachweisbar? Nach Immer leitete in der Tat 
die spätere jüdische Theologie die Sündhaftigkeit und den Tod von 
der Übertretung des ersten Menschenpaares ab, was in Sap. 2, 24 
und Sirac.25, 23 ausgedrückt sein soll <Immer, Theol. des N. T. 
256). In Wirklichkeit steht an der ersteren Stelle nichts von Erb- 
sünde gesagt. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, der 
Tod ist aber durch den Neid des Teufels in die Welt gekommen, 
und alle, die sein Teil sind, erfahren ihn« — das ist alles. Somit 
kann auch die Lehre von der Zurechnung der Sünde Adams nicht 
als jüdisches Erbgut in Betracht gezogen werden. 

Dagegen erkennen wir in der Erlösung als einer Befreiung 
von Gottes gerechtem Zorn <Röm. 5, 9) ein Motiv, das uns 
in der jüdischen Welt seit den Tagen der ersten Schriftpropheten 
häufig unter die Augen kommt. Es dürfte überflüssig sein, die tief- 
greifende Bedeutung dieses Parallelismus 1 weiter nachzuweisen. 
Auch der willkürliche, despotische Gott des Paulus, der verstockt, 
wen er will <Röm. 9, 18), findet seinesgleichen in der Gesetzes- 
religion <vgl. Ex. 4, 21). 

Von Wichtigkeit ist sodann die Unfähigkeit des Menschen 
zur Erfüllung aller göttlichen Forderungen <z. B. Ps. 19, 13). 

ß) Zweitens halten wir Umschau, ob der Erlösungsprozeß, 
den Paulus erlebt und schildert, Züge enthält, die uns vom Juda- 
ismus her bekannt sind. 

1 Die Sehnsudit nach Erlösung vom mosaischen Gesetz, das die Sünde 
provoziert <Röm. 7, 7 ff.> und vermehrt, somit nur die Minderwertigkeit steigert, 
ist gänzlich unjüdisch. 



I 



246 Dr. O. Pfister 



Wir erkundigen uns zunächst nach den Analogien, die das 
Heilswerk Jesu auf jüdischem Boden besitzt. Nach Auffassung des 
Paulus mußte Gott den Tod seines Sohnes verlangen, um seiner 
Gerechtigkeit zu genügen <Weinel, 254>. Der Tod Jesu erlangt so 
die Bedeutung eines Sühnopfers, wenn auch seine Beurteilung als 
Passah- <I. Kor, 5, 7> und Bundesopfer <I. Kor. 11, 25) nicht ganz 
fehlt. An der berühmten und vielfach gefürchteten Stelle Rom. 3, 25 
sind Weizsäcker, Lipsius, Schmiedet, Jülicher und viele andere der 
Ansicht, daß zu übersetzen sei: Gott hat ihn <Jesus Christus) hin- 
gestellt zu einem Sühnopfer, ähnlich Weinel <254>. 

Es fragt sich nun, ob dieser Gedanke als mögliche jüdische 
Determinante zu berücksichtigen sei. Bekanntlich wurde bestritten, 
daß das Alte Testament die Idee der Sühne kenne. Schmiedel gibt 
zu, daß der Sühngedanke im Alten Testament streng genommen 
nicht vorliege, aber er findet: »Die Idee stellvertretender Sühne lag 
bei den alttestamentlichen Opfern, obgleich deren eigentlicher Bedeu- 
tung durchaus fremd, besonders beim Sündopfer <Lev. 4, 24/ 
6, 18 u. a.> und bei dem des großen Versöhnungstages <Lev. 16) 
so nahe, daß sie sich für das Volksbewußtsein fast unvermeidlich 
einstellen mußten« <Handkomm. 248>. 

Dies genügt vollkommen, um für des Apostels Theorie vom 
Sühnopfertod Jesu eine jüdische Vorlage einstweilen als mögliche 
Determinante anzunehmen, wenn auch zunächst nur für den Ge- 
danken, daß zur Herbeiführung der Entsündigung eines Menschen 
ein fehlerloses Geschöpf seines Lebens beraubt wird. Der Tod des 
Gerechten zugunsten seiner Brüder, aber nicht als Sühntod, spielte 
in der Makkabäerzeit eine Rolle, jedoch kaum mehr zur Zeit Jesu 
<Hollmann, Ret Volksb. 10). Auch Jes. 53 wurde im Sinne der 
stellvertretenden Sühne verstanden. 

Von hier ist nun aber ein sehr weiter Schritt bis zur Pro- 
klamierung Jesu zum Sühnopfer der Menschheit. Gibt es jüdische 
Motive, die die Lücke ausfüllen? Paulus muß, um den Gedanken 
zu vollziehen, voraussetzen, Jesus sei mehr als nur ein Mensch 
gewesen. Zwar behält der Christus menschliche Züge: Er ist ge- 
boren vom Weibe, unter das Gesetz getan <Gal. 4, 4), allein er 
kam vom Himmel her und wurde nur in Gleichgestalt des Fleisches 
gesandt <Röm. 8. 3, Holtzmann 70>. Das Fleisch Jesu war nicht 
wie das aller andern sündlich. Daß Paulus sein System selbst zer- 
trümmert, indem Erlösung nur durch das Kommen des Christus 
ins Fleisch bewirkt werden kann, dieses Fleisch Christi aber doch 
nicht alle Eigenschaften der ödpg besitzt, sondern der wichtigsten, 
der Sündhaftigkeit, entbehrt, soll uns jetzt nicht aufhalten. Erwähnen 
müssen wir noch, daß der Christus geradezu mit dem Geiste 
gleichgesetzt wird <II. Kor. 3, 17) oder mit dem lebendig machenden 
Geist <I. Kor. 15, 45) oder mit dem Herrn der Herrlichkeit 
<I. Kor. 2, 8> oder mit der Kraft Gottes <I. Kor. 1, 24, Holtz- 
mann 80). So nähert sich der Christus einem Gottwesen sehr 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 247 

stark, zumal er in der Präexistenz die »Gestalt Gottes« trug 
(Phil. 2, 6-8). 

Als mögliches jüdisches Erbe bezeichnen wir zunächst die 
Präexistenz des Gottgesandten. In den wahrscheinlich vorchrist- 
lichen Bilderreden des Hennoch heißt der Messias der Auserwählte, 
der bei Gott vorhanden war, ehe die Welt erschaffen wurde <Holtz- 
mann, I. 75). Wenn nach der jüdischen Apokalyptik Mose, der 
Tempel, das Gesetz und andere Heiligtümer von jeher existierten 
<Schmiedel, Handk. 203), warum nicht erst recht der Messias? Der 
Verfasser der erwähnten »Bilderreden« legt dem präexistenten 
Messias den Geist der Weisheit und den Geist dessen, der Ein« 
sieht gibt, bei und nennt ihn einen Stab der Gerechten und Heiligen, 
das Licht der Völker und die Hoffnung der Betrübten. So wird 
also schon in der jüdischen Theologie der Christus ins Gottartige 
erhoben. Paulus aber geht viel weiter, indem er ihn geradezu mit 
dem heiligen Geiste identifiziert <IL Kor. 3, 17). 

Die Auferstehung Jesu hat ihr jüdisches Gegenstück in 
dem Volksglauben, tote Helden betreten in neuer Gestalt wiederum 
die Erde oder ihre Seele erscheine in einer anderen Persönlichkeit. 

Die Himmelfahrt Christi erinnert uns an die des Elia, Mose 
und anderer Helden der jüdischen Geschichte. 

In starkem Widerspruch scheint die paulinische Erlösungs- 
macht, Gott, zum hebräischen Justizgotte zu stehen. Und doch 
übt auch der Gott des Paulus eine richterliche Funktion aus, inso- 
fern er einen Rechtsspruch über die Rechtslage eines Menschen 
fällt. Ein forensischer Akt war schon die Forderung des Ge- 
horsams gegen das Gesetz. Was nun aber die Gerechterklärung 
durch Gott bei Paulus auszeichnet, ist der Umstand, daß sie nicht 
einen vorhandenen Zustand feststellt, sondern ein den Tatsachen 
eigentlich widersprechendes Urteil konstruiert. »Durch Eines Ge- 
horsam werden die vielen als gerecht hingestellt« <Röm. 5, 19). 
Die eigentlich noch immer Ungerechten erhalten damit die Privi- 
legien der Gerechten. Schmiedel bemerkt mit Recht, daß diese 
Deklaration der Gesetzesreligion <z. B. nach Ex. 23, 7> ein Gräuel 

gewesen wäre. ,,,,,, c <■ D t- n 

Noch weiter entfernen sich die übrigen auf die Erlösung fol- 
genden und sie ergänzenden Leistungen Gottes vom jüdischen Kanon, 
besonders die Adoption <Gal. 4, 5,- Rom. 8, 15>. 

y) Wir legen uns ferner Rechenschaft ab über die Ähnlichkeits- 
verhältnisse in den Eriösungswirkungen. Von der unjüdisch ge- 
dachten Gerechtigkeit war schon die Rede. Ist etwa ein gerechtes 
Leben Wirkung der Erlösung? Jedenfalls kann die Moralauffassung, 
abgesehen vom Universalismus, nicht auf den Erlösungsvorgang 
zurückgeführt werden. Wrede faßt sein Urteil in die Formel: »Was 
aus dem Heiden einen Christen machte, war nicht die Moral und 
noch weniger war sie es, die den Juden vom Christen unterschied« 
(Paulus 73). Dies trifft zu,- doch ist auch hervorzuheben, daß die 



248 Dr. O. Pfistcr 



ethische Grundstimmung eine ganz andere geworden ist. Moral* und 
Zeremonialgesetz standen für den Juden im Range gleich, er konnte 
sie nicht trennen. Auch Paulus kann es nicht, darum verwirft er das 
ganze Gesetz. Was er dem kategorischen Imperativ entreißt, läßt er 
sich von der Liebe wieder schenken, allein, daß sie auch jüdisches Gut 
vermittelte, lassen wir als möglich gelten. In seinem sittlichen Ernste 
erinnert der Apostel stark an die alten Propheten, und die reinsten 
Glocken alttestamentlicher Humanitätsforderung klingen in ihm nach. 

Die höchste Erlösungswirkung, das neue Leben in Christus, die 
Freiheit in der Liebe, das Erlebnis der seligmachenden Gotteskraft 
des Glaubens, dies alles schwebt hoch über dem jüdischen Niveau. 

Der Kultus, für den Paulus eintritt, gleicht in manchem dem 
der Synagoge. Die Taufe wurde bekanntlich oft mit der bei der 
Aufnahme in die jüdische Religionsgemeinschaft vorgenommenen 
Waschung in Zusammenhang gebracht. Paulus selbst spricht von 
einer Taufe beirn Zug durchs Rote Meer <I. Kor. 10, 2). Die mystische 
hassung, das Getauftwerden in Jesum Christum, d. h. in seinen 
lod <Rom. 6, 3> ist ein unjüdischer Gedanke. 

Das Abendmahl spiegelt einigermaßen die Passahfeier, doch 
nur äußerlich, oein Geist ist konzentrierte Soteriologie. 

Die Eschatologie ruft manche spätjüdische Reminiszenzen 
wach. i>chon das Leben in der Zukunft ist dem Apostel wie seiner 
Nation eigentümlich Das baldige Kommen des Messias wurde 
wenigstens von den Apokalyptikern erwartet, doch drangen sie beim 
Volke nicht durA. Die Erwartung einer Auferstehung der Toten 
gehorte zur pharisäischen Dogmatik, der Wechsel zwischen einer 
Auferstehung erst beim Endgericht <I. Thess. 4, 16, I. Kor. 15) und 
gleich nach dem Tode <II. Kor. 5) ist im Judentum vorgebildet, ebenso 
wie die bei Paulus schwächere Erwartung eines künftigen Gottes- 
reiches <I. Thess. 2, 12). 

A j Be cT let <liCSen Abscnnitt verlassen, sei noch auf die jüdische 
I 1 d /^achriftverwertung hingewiesen. Ein guter Exeget war Paulus 
sicherlich nicht, er legte mehr ein als aus. Aber schon daß er alle 
religiösen Aussagen mit der Autorität des Alten Testaments decken 
will, sogar die Aufhebung des Gesetzes selbst, ist gut rabbinisdi. 
Der wandernde Fels Christus <I. Kor. 10, 4) und die Dedce auf 
dem Angesicht des Mose <II. Kor. 3, 13—18) wurden geradezu als 
Midrasche bezeichnet <Holtzmann 35). 

Fassen wir das Gesagte knapp zusammen, so ergibt sich: 
Paulus war als Jüngling extremer Jude. Als Christ behält er 
folgende 

Ähnlichkeiten: 



a) Die allgemeine Orientierung, und zwar: 

1. Formal: Legitimierung der religiösen 
alte Testament. 

2. Material: Ziel ist die Gerechtwerdung vor Gott. 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 249 



b) Das Erlösungswerk in bezug auf: 

1. Die Mächte, von denen erlöst werden soll: Gottes Zorn 
infolge menschlicher Gesetzesübertretung, finsterer religiöser 
Determinismus, Unfähigkeit des Menschen zur Befolgung 
aller göttlichen Vorschriften ides »Gesetzes«), 

2. Der Erlösungsprozeß: Das Sühnopfer, wenn auch mit Zu- 
rückhaltung. Die Gestalt des Messias: Präexistenz, Aufer* 
stehung, Himmelfahrt des Helden, Geistbesitz. Forensische 
Erteilung der Gerechtigkeit. 

3. Erlösungswirkungen: Inhalt der Ethik. Taufe und Abend* 
mahl. Zukunftshoffnungen: Parusie als vereinzelt vor- 
kommende jüdische Ansicht, Auferstehung, doppelte Auf- 
erstehungstheorie. Reichgotteshoffnung. 

Verschiedenheiten. 
a> Bezüglich der allgemeinen Orientierung: 

1. Formal: Die innere und äußere Offenbarung als Erlebnis. 

2. Material: Das Leben in der Liebe. 

b> Das Erlösungswerk im Hinblick auf: 

1. Die die Erlösungsbedürftigkeit konstituierenden Faktoren : 
Das Fleisch als Sündenmacht. Die Sündhaftigkeit aller 
Menschen infolge von Adams Fall. 

2. Den Erlösungsvorgang: Die Stellvertretung durch einen 
Menschen als Sühne. Der in unsündlichem Fleische er- 
scheinende Messias. Der den Ungerechten in die Stellung 
des Gerechten einsetzende Gott <die Rechtfertigung). 

c) Die Erlösungs Wirkungen: 

Der freie, frohe Geist, der Antinomismus mit seiner Be- 
freiung von Fasten, Beschneidung, Opfer, Verbot der 
Mischehe usf., die Liebe als Zentralmacht. Das neue 
Leben in Christus, die beglückende Gottesgemeinschaft, die 
Mystik, besonders in Taufe und Abendmahl. 
Es ist wahrscheinlich, daß die Parallelen vermehrt würden, 
wenn wir die Volksfrömmigkeit besser kennten. 

B. Christliche Analogien. 

a) Jesus. 

Über das zwischen Jesus und Paulus bestehende Verhältnis 
gehen die Ansichten stark auseinander. Wellhausen nennt den 
Apostel denjenigen, der den Meister verstanden und sein Werk 
fortgesetzt hat <Isr. u. jüd. Gesch., 5. Ausg. 392), Wrede bezeichnet 
ihn als den zweiten Stifter des Christentums, der gerade die Ideen 
in die neue Lehre einführte, die in der Geschichte die mächtigsten 



250 Dr. O. Pfister 



und einflußreichsten gewesen sind <104). Versuchen wir uns daher 
ein eigenes Urteil zu bilden! 

Darauf können wir uns nicht stützen, daß Paulus sich rühmt, 
sein Evangelium direkt von Jesus Christus durch eine Offenbarung 
empfangen zu haben. Auch wenn es sich um mehr als die Eingebung 
vor Damaskus handelte, auch wenn Paulus nodi mehr Worte des 
Herrn aus dem Himmel vernommen hätte, als I. Thess. 4, 15, müßten 
wir zuerst eine inhaltliche Vergleichung der Aussprüche beider anstellen. 

1. Gott. 

Jesus lehrt uns Gott als den liebenden, gnädigen Vater kennen, 
der für die Bedürfnisse der Menschen, seiner Kinder treulich sorgt, 
über Guten und Bösen regnen läßt, dem reumütigen Sünder Ver* 
gebung gewährt, ohne zuvor Satisfaktion oder Sühne zu fordern/ 
aber auch mit unnachsichtiger Strenge die Unbußfertigen und Hart- 
herzigen richtet. Das Hervorstechende ist aber immer die Liebe, die 
den Verlorenen nachgeht und am wiedergefundenen Sohn mehr 
Freude hat als an 99 Gerechten. 

Auch Paulus nennt Gott mit großer Innigkeit: Abba! <Röm. 
8, 16>, auch er redet von der Liebe Gottes <II. Kor. 13, 13>, von 
seiner Güte, Geduld und Langmut <R. 2, 4). Auch er läßt die 
Initiative zur Versöhnung mit dem Sünder von Gott ausgehen 
<II. Kor. 5, 19>, aber alle diese Bestimmungen Gottes kommen nicht 
recht zur Entfaltung. Arnold Meyer geht so weit, zu sagen: Paulus 
habe nicht denselben Gott wie Jesus. »Gott steht bei Paulus in 
keiner unmittelbaren Beziehung zur Welt. Durch seinen Sohn hat er 
die Welt geschaffen. Ferner walten zwischen Gott und der Welt 
die Engelmächte, die Archonten oder Weltelemente, die da regieren 
Zeiten und Jahre,- da gibt es Engel, Throne, Herrschaften, Fürsten- 
tümer und Gewalten, die den Menschen von Gott scheiden wollen. 
Ja, der Satan ist geradezu der Gott dieser Welt, der des wahren 
Gottes Sache immer wieder hindert, der die Menschen durch seine 
Engel quält,« <Die Verkündigung Jesu und das paulinische Evan- 
gelium, Verh. der schw. ref. Predigerges. 1906, 51 ff.>. »Gott kommt 
nur im Sohne zum Menschen nnd dieser darf auch nur wie ein 
Königssohn in Verkleidung, in Knechtsgestalt kommen« (79). Ferner 
kann Gott nicht aus Gnaden dem Reumütigen ohne weiteres ver- 
geben. Er muß zuerst den gewaltigen Apparat cies Sühnopfers in 
Bewegung setzen. Allen Seligpreisungen müßte Paulus den Kon- 
ditionalsatz anhängen: Wenn Christus sich zum Sühnopfer dar- 
gebracht haben wird. Die Prädestinationslehre ist nur der Servet- 
handel des paulinischen Gottes. 

2. Der Mensch als Gotteskind. 

In den synoptischen Evangelien herrscht ein herzlicher Ton im 
Verkehr des einzelnen mit Gott vor. Paulus schildert die Gottes- 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 251 



kindschaft nicht als etwas ursprüngliches und unverlierbares, sondern 
als etwas erst durch Christi Heilswerk zustande gebrachtes, als Er- 
trag einer Adoption, die um des Glaubens willen vollzogen wurde. 
Sein Gott ist für ein wirklich unbefangenes Verhältnis zu Gott zu 
furchtbar. Der Apostel selbst redet von seiner Beziehung und aus 
seiner Beziehung zu Jesu viel wärmer und freudiger. 

3. Jesus als Heilsvermittler. 

In seiner Verkündigung tritt Jesus als Glaubensobjekt stark in 
den Hintergrund. Vollends eine Christologie als Heilsbedingung fehlt. 
Der Glaube bezieht sich, wo er nicht näher präzisiert wird, aus- 
nahmslos auf die Sache Gottes oder Gott selbst <Holtzmann I, 238>. 
»Man glaubt an Gott, aber man glaubt Jesu«, in diese glückliche 
Formel faßt Holtzmann den Sachverhalt <239>. Bei Paulus dagegen 
ist der Glaube auf Jesus und zwar den dogmatisch ausgeprägten 
Christus gerichtet, den gekreuzigten und auferstandenen Messias. 

4. Das Gottesreich 

soll nach Jesus »das Ziel der Sehnsucht und die Kraft zum neuen 
sittlichen Leben sein« (Wernle, Die Anfänge unserer Religion, 154)/ 
nach Paulus tritt erst die Auferstehung Christi ein, dann erfolgt die 
Parusie, es schließt sich an ein Interregnum Christi mit Vernichtung 
der dämonischen Gewalten, zuletzt des Todes, dann erst kommt 
das Reich Gottes <I. Kor. 15, 20 ff.>. Die werbende Kraft der Idee ist 
damit beeinträchtigt. — Darin aber sind Jesus und Paulus einig, daß 
nicht nur die Juden, sondern alle zum Heile berufen sind, nur daß 
Paulus in seiner Ablehnung der Gesetzesherrschaft in der Verwirk- 
lichung der Heidenmission viel weiter geht, als Jesus und seine Jünger 

<Gal. 2, llff.>. 

5. Die Heilszuwendung. 

Jesus und sein größter Jünger treffen darin überein, daß nicht 
menschliches Verdienst, sondern Gottes Gnade das Heil erwirkt. 
Der Glaube ist nach Paulus nichts verdienstliches, da ja die Recht- 
sprechung reines Gnadengeschenk ist <Schmiedel>. Jesus gibt uns keine 
so eingehenden Reflexionen über diesen Fragepunkt, aber seine immer 
siegreicher durchbrechende Ablehnung des Lohnes, die er mit Paulus 
gemein hat, führt zum gleichen Ergebnis. Dagegen würde er niemals 
wie der größte Klassiker des Glaubens von einem »Gehorsam des 
Glaubens« reden oder gar diesen so sehr in den Vordergrund schieben 

<Röm. 1, 5>. 

6. Die Forderung. 

Jesus faßt alle Gebote in das eine der Gottes-, Nächsten- und 
Selbstliebe zusammen. Auch für Paulus ist die Liebe des Gesetzes 
Erfüllung <Röm. 13, 10>. Hier ist wohl der Ort, wo die innigste 
Geistesverwandtschaft beider zutage tritt. Einzig in der Bewertung 



252 Dr. O. Pfister 



der Ehe macfit sich ein starker Unterschied geltend: Während Jesus 
mit gesündester Unbefangenheit von den Ordnungen der Ehe spricht, 
redet Paulus, der sonst ein Asket nicht genannt werden kann, mit 
einem starken Anflug von Asketismus über sie <I. Kor. 7>. 

Augenscheinlich ist also nicht Jesu Predigt dasjenige, was 
Paulus mit jenem verbindet, sondern seine liebesstarke Persönlich- 
keit, die zum Träger gewaltiger religionsmetaphysischer Speku- 
lationen wegen ihrer religiösen und ethischen Hoheit außerordentlich 
geeignet war. 

b) Die urchristliche Gemeinde. 

Die Berücksichtigung der gemeindlichen Frömmigkeit muß um 
so mehr interessieren, als hier die einzige historische Quelle liegt, 
aus der Paulus Jesus und seine Lehre kennen lernte. 

So weit unsere Kenntnis des vorpaulinischen Urchristentums 
reicht, kommen für uns folgende Momente in Betracht: 

1. Grundzüge der Frömmigkeit. 

Die Urgemeinde klammerte sich an die Gewißheit der Auf- 
erstehung Jesu, in der allein sie den Mut fand, trotz der äußeren 
Lebensgefahr und der inneren Zweifel an der Messianität des Herrn 
an ihrem Glauben festzuhalten. Die Enttäuschung über den Zu- 
sammenbruch der irdischen Hoffnungen drängte zu leidenschaftlicher 
Parusieerwartung. Furcht vor der Welt, Flucht von ihr weg, Kon- 
zentration auf religiöse und ethische Interessen im engsten Sinne 
machen die Signatur jener Epoche aus. Scharfer Gegenwartspessi- 
mismus wird durch ebenso energischen Zukunftsoptimismus hinsicht- 
lich der Gläubigen kompensiert. 

Daß schon in vorpaulinischer Zeit unter dem Einfluß der 
hellenistischen Almosen pfleger eine freiere Richtung vorhanden war, 
daß schon vor Paulus ein Petrus mit den Heiden Tischgemeinschaft 
gepflogen hätte, ist trotz Weineis Bemühungen <218> nicht nach- 
gewiesen. Jedenfalls geht zu weit seine Behauptung: »Die wesent- 
lichsten Veränderungen waren in der neuen Religion vor sich 
gegangen, ehe er <Paulus) in sie eintrat.« Außer Zweifel steht, daß 
die strenge Richtung des Jakobus die stärkste war. 

2. Gott 

näherte sich somit dem jüdischen Bilde. Der herzliche Ton ihm gegen- 
über ist verstummt. Mit dem Gesetzesgott, der auf Zeremonien Ge- 
wicht legt, verkehrt man nicht vertraulich, wie ein liebendes Kind. 

3. Jesus 

ist als historische Erscheinung der Prophet, Wundertäter, dessen Kraft 
wohlzutun und die von Dämonen besessenen Kranken zu heilen aus 
der Salbung mit dem heiligen Geiste und aus der Begleitung Gottes 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 253 

stammt <Akt. 10, 38). Erst als erhöhter ist er unser Herr und Meister. 
Von realer Präexistenz ist nirgends die Rede. Ebensowenig von einer 
Identifikation mit dem heiligen Geiste. Jesus heißt sogar oft der Knecht 
Gottes <Akt. 3, 13, 26, 4, 27>. Welcher Kontrast zu Paulus! Der 
Tod Jesus ist das Ärgernis, das durch die Auferstehung gut zu 
machen ist. In der Empfindung dieses Skandalons kommt die ur- 
gemeindliche Stimmung der des Paulus entgegen. 

4. Das Gottesreich, 

auf das die Blicke in fieberhafter Spannung gerichtet sind, ist noch 
nicht das supranatural hereinbrechende, mit sinnlichen Farben aus» 
geschmückte Reich messianischer Seligkeit, das eingeleitet wird durch 
die Auferstehung der Gerechten, es folgt ihm aber nach. Im Welt» 
gericht werden ewige Seligkeit und Verdammnis beschlossen, ein neues 
Jerusalem steigt auf die Erde hernieder, Gerechtigkeit und Friede 
wohnen unier einem Volke, das nach dem Zeugnis des Papias den 
Ungeheuern Segen der Weinstöcke kaum zu bewältigen vermag. 

5. Der Enthusiasmus 

äußerte sich in einer Liebestätigkeit die allerdings von Gütergemein« 
schaft noch ein gutes Stück entfernt war, aber doch auch Weltver- 
achtung und Erwartung eines baldigen Weltendes deutlich verrät. 
Mit dieser halb frohen, halb furchtsamen Stimmung geht Hand in 
Hand eine strenge Gesetzesbeobachtung, die der jüdischen an Pein» 
lichkeit nicht allzuviel nachgeben dürfte. Vom Widerstand der un» 
barmherzigen Wirklichkeit, die das Evangelium nicht annehmen wollte, 
wurden die Urjünger und ihre Gemeinden ein Beträchtliches in die von 

Jesus grundsätzlich überwundene Gesetzesreligion zurückgeworfen. — 
n der Gemeindeeinrichtung der Taufe kann ich nicht mit Weine! 
<218> eine fundamental wichtige Neuerung erblicken, da sie schon 
von Johannes geübt worden war. 

Eine stärkere Übereinstimmung als mit dem synoptischen 
Evangelium stellt sich an folgenden Punkten heraus: Der Christus 
steht bereits im Zentrum des religiösen Interesses, speziell der auf- 
erstandene Christus. Die Erwartung der nahen Parusie ist viel 
brennender geworden als bei Jesus, der Gottes Herrlichkeit doch 
auch gegenwärtig verwirklicht geschaut hatte und daher dem gegen- 
wärtigen Aeon mehr Wert abgewann. Der schärfere Gegenwarts- 
pessimismus entspricht dem des Paulus wohl etwas mehr als die 
Bewertung der vorhandenen Sachlage durch Jesus. Der sich enger 
in die Toga des Richters hüllende Gott sprach den Pharisäer Paulus 
mehr an, als der väterliche Gott Jesu. Die praktische Liebesarbeit 
der Christen prägte sich seiner altruistisch hochbegabten Seele be- 
schämend ein. Die geheime oder offenkundige Furcht vor dem 
drohenden Weltgericht fand in seiner angsterfüllten Seele einen 
starken Widerhall. Der strengere Nomismus, der bei den An- 



254 Dr. O. Pfister 



hängern des angeblichen Gesetzesfeindes zum Ausdruck kam, bewies 
auch dem Juden von Tarsus, daß man ein guter, ernster Mensch 
und zugleich ein glühender Verehrer des neuen Christus sein könne. 
Der stärkste Unterschied liegt entschieden darin, daß Paulus 
als Christ zu Jesus in ein ganz anderes Verhältnis trat, in der 
Jesusmystik und ihren metaphysischen Voraussetzungen. 

c> Das Griechentum. 

Fast allgemein fand man Züge des Hellenentums wieder in der 
paulinischen Auffassung. Besonders der kosmologische und anthropo- 
logische Dualismus wird von vielen Seiten zugegeben (Pfleiderer, Holtz- 
mann,Schmiedel>. Daß »die Sünde als Macht mit dem Leibesstoffe von 
Natur verbunden«, entspricht der griechischen Philosophie (Schmiedel, 
Handc. zu II. Kor. 7, 1>, besonders der Lehre Piatos. Im Phädon nennt 
Plato als höchste Aufgabe des Menschen die Ablösung der Seele von 
allem Körperlichen, die Befreiung von allem sinnlichen Empfinden. 
Die paulinische Sarx stimmt hiemit insofern überein, als die Macht, 
die zur Sünde drängt, auf die Leiblichkeit zurückgeführt wird, wenn 
auch von den metaphysischen Überlegungen Piatos sonst nichts auf* 
zufinden ist. 

Auch in der Gotteslehre wollen manche Analogien zwischen 
dem Hellenismus und Paulus entdecken. Überall, wo der Gegensatz 
von Gott und Welt mit dem von Geist und Fleisch zusammenfällt, 
findet Holtzmann hellenistische Elemente vor <N. Th. II, 19>. Ein 
metaphysischer Dualismus hätte danach den weicheren Gegensatz 
alttestamentlicher Vorstellungen von Gott und Welt abgelöst <20>. 
Schon die zusammenfassende Formel Rom. 11, 36: »Aus ihm und 
durch ihn und zu ihm ist alles« klinge mehr griechisch als jüdisch. 
Auch Piatos Gedanke eines intellektuellen Sünden fall es, bei dem 
die aus dem Reich der Ideen stammenden Seelen dem sinnlichen 
Triebe verfielen, erinnert an paulinische Spekulationen <Adam, 
Pfleiderer, Entstehung des Chr., 22),- die Flucht aus der sinnlichen 
Welt besteht in der möglichsten Vereinigung mit Gott. 

Noch erheblicher wird die Verwandtschaft zwischen paulinischem 
und hellenischem Denken, wenn wir die Ethik beider vergleichen. 
Einen harten Kampf führen beide gegen die Sinnlichkeit, um zur 
wahren Freiheit zu gelangen. Seneca verlangt Menschenliebe gegen- 
über jedermann, sogar im Sklaven sollen wir die gottverwandte 
Seele achten und auch im fremden Volksgenossen den Mitbürger 
des großen Vaterlandes, das die ganze Welt umfaßt <Pfleiderer, 
Entst. d. Chr., 29). Vergessen wir aber nicht, daß schon aus chrono- 
logischen Gründen an einen Zusammenhang zwischen Paulus und 
Seneca nicht zu denken ist. Wie weit letzterer eine verbreitete An* 
sieht aussprach, dürfte schwer auszumachen sein. Doch scheint die 
Idee der brüderlichen Menschenliebe wirklich in der Luft geschwebt 
zu haben <32>. Weniger wahrscheinlich ist dies der Fall mit der An- 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 255 



nähme eines gütigen Gottes, der väterlich für die Guten sorgt und 
sie auch durch Schmerzen nur. höheren Zielen entgegenführen will. 

Griechisches Gut ist nach Schmiedel auch die Lehre vom Ge- 
wissen, vom Novg, von der öidvoia, vom »inneren Menschen«. 

Besonders wichtig aber ist die anthropologisch^dualistische 
Übereinstimmung zwischen Paulus und der griechischen Philosophie. 

Besondere Aufmerksamkeit haben wir Philo zu schenken, schon 
weil er als hellenistischer, nur etwa 20 Jahre älterer Zeitgenosse 
des Apostels geeignet war, auf diesen starken Eindruck zu machen. 
Es kommt hinzu, daß Gamaliel, des Saulus Lehrer, nach jüdischer 
Tradition für alexandrinische Ideen besonders empfänglich war <Holtz- 
mann, II, 3>. Die allegorische Schriftbeachtung des Apostels konnte 
sich auf das Vorbild des großen Alexandriners berufen, der seiner- 
seits auf alte Traditionen (um 160 Aristobul) verweisen konnte 
Holtzmann I, 91>. Solche Exegese wandte Philo unter anderem an 
bei einer Spekulation, die in veränderter Gestalt bei Paulus uns 
bereits begegnet ist: Es betrifft die Gestalt Adams. Aus I. Mos. 1 
und 2 schloß er, daß Gott zuerst einen leiblosen, übersinnlichen 
Idealmenschen nach seinem Bilde erschuf <Gen. 1>, dann aber 
einen sinnlichen, irdischen Menschen <Gen. 2>. Ganz anderen 
Sinn hat die Lehre vom ersten und zweiten Adam bei Paulus. Hier 
kann es sich nicht mehr um eine biblische Rechtfertigung des plato- 
nischen Dualismus handeln, vielmehr bezieht der Apostel beide bib- 
lischen Stellen auf den historischen Adam, dem dann aber in 
Christus ein zweiter Adam als Reintegrator gegenübertritt <Röm. 5/ 
I. Kor. 15>. 

Höchst wichtig ist die philonische Lehre vom Logos. Ihre 
jüdische Wurzel liegt in der hypostasierten Weisheit Gottes, die 
als seine Ratgeberin und Werkmeisterin, als schöpferisches und welt- 
erhaltendes Prinzip in ihm gedacht wurde <HoItzmann I, 58)/ sie 
ist das erste Geschöpf Gottes und suchte sich einen Platz unter den 
Völkern, erhielt aber Israel zum Wohnsitz angewiesen. Sie ist nach 
dem alexandrinischen Buche der Weisheit menschenfreundlich, sorgen- 
frei, alles vorsehend und alle verständigen, reinen, feinsten Geister 
durchdringend <Sap. 7, 23>, Abglanz des ewigen Lichtes, ein un- 
befleckter Spiegel der Wirksamkeit Gottes und ein Bild seiner Güte 
<7, 26>. Sie begleitet das Volk in der Wolken- und Flammensäule 
<10, 17), sowie auf allen Wegen <10, 11>. Auch der Odem oder 
Geist Gottes machte eine bedeutsame Hypostase aus <59>, die sich 
namentlich in Prophetie, Visionen, Weisheit usw. betätigte. Er wird 
aber auch als himmlischer Stoff gedacht <Holtzmann I, 60) und 
erinnert als solcher stark an den paulinischen Himmelsstoff. Philo 
verknüpft diese Vorstellungen mit der griechischen Logoslehre, die 
von Heraklit und Plato her in die stoische Gedankenwelt geflossen 
war. Philos Logos ist göttlich oder geradezu zweiter Gott, Demiurg, 
der Strahl Gottes, den die Menschen zu schauen imstande sind, sein 
Bild, der im Vergleich zur Welt ältere Sohn Gottes, der Gesandte 



256 Dr. O. Pfister 



und Stellvertreter Gottes, der dessen Befehle in der Welt vollzieht, 
der Hohepriester und Fürbitter, der Fels in der Wüste, der Messias, 
das Manna und die Seelenspeise der Israeliten auf der Wanderung 
wiederum, die Wolken- und Feuersäule <Holtzmann L, 97). Die An- 
klänge an die paulinische Christologie lassen an Deutlichkeit nichts 
zu wünschen übrig: Audi Christus ist Bild Gottes <II. Kor. 4, 4>, 
von himmlischem Glanz umflossen <II. Kor. 3, 18>, der präexistente 
Sohn Gottes, durch Christus ist alles geschaffen <I. Kor. 8, 6>, er 
ist der Gesandte und Vollstrecker des göttlichen Willens <Röm. 8, 3>, 
der Fels, aus dem die Israeliten tranken, das Manna und die 
Wolkensäule <I. Kor. 10, 1— 4>. 

So bringt uns Philo wieder einige mögliche Determinanten, die 
uns wichtige über die jüdischen Motive hinausgehende Gedanken als 
Derivate auszuweisen scheinen. 

d> Die Mysterienreligionen. 

Die noch vor wenig Jahren höchst geringschätzig behandelten 
Mysterienreligionen der Perser, Phrygier, Syrier und Ägypter kamen 
in den letzten Jahren zu hohen Ehren. Cumont nennt die ange- 
gebenen Religionen »viel weiter fortgeschritten, viel reicher an Ge- 
danken und Gefühlen, viel tiefsinniger und eindrucksvoller als der 
griechisch-römische Anthropomorphismus« (Die oriental. Rel. im röm. 
Heidentum, 1910, S. VII). Der Mangel an genauen Aufschluß er- 
teilenden Urkunden täuschte über den wirklichen Sachverhalt lange 
hinweg. Auch heute fließen unsere Quellen sehr spärlich/ auch fällt 
ihre zeitliche Ansetzung manchmal schwer. Schon in frühester Zeit 
wurde viel darüber gestritten, ob die kirchlichen Zeremonien ein 
Plagiat der Mysterien oder umgekehrt die Mysterien eine Parodie der 
kirchlichen Sakramente seien <a. a. O. IX.). Wir werden auf diesen 
Punkt später einzutreten haben. Cumont und Dieterich halten für 
das dringendste Problem die Kenntnis der vorchristlichen Mischkulte, 
welche in der Verehrung des Hypsistos, Sabbatistes, Sabbaziastes 
u. a. Mosaismus und orientalisches Heidentum vereinigten <XII>. 
Leider wissen wir über diese Dinge fast nichts. 

Immerhin bezeugen »die magischen Texte klar und deutlich 
die Vermischung der jüdischen Theologie mit der der anderen 
Völker. Die Namen Jao <Jahwe>, Sabaoth und der Engel finden 
sich hier häufig neben denen ägyptischer und griechischer Gottheiten. 
Besonders in Kleinasien, wo die Israeliten ein bedeutsames und 
einflußreiches Element der Bevölkerung bilden, mußte sich eine 
wechselseitige Durchdringung der alten einheimischen Traditionen 
und der Religion der Fremden vollziehen, die von der anderen 
Seite des Taurus gekommen waren« (Cumont, Or. Rel. 77). Der 
phrygische Sabazius wurde mit Hilfe einer schlechten Etymologie 
mit Jahwe Zebaoth identifiziert, 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 257 

Die Mysterienreligionen, von denen wir jetzt zu reden haben, 
waren einander ihrem geistigen Besitztum nadi innig verwandt. 
Weder geographisch, noch begrifflich ließen sie sich durchwegs scharf 
auseinander halten. Sogar die griechischen Mysterien, die von Eleusis, 
von Samothrake, von Andania, die orphischen Kulte sind den 
orientalischen Mysterien ideell sehr ähnlich, weshalb ich sie hier auch 
gleich anschließe. 

Als mögliche Determinanten dürfen wir diese Religionsgruppe 
schon darum vorläufig in Rechnung setzen, weil Tarsus ihr vor- 
nehmster Schauplatz zur Zeit des Paulus war. Nach Strabos Zeugnis 
übertraf die Hauptstadt Ciliciens in der Philosophie und aller Bil- 
dung sogar Athen und Alexandrien, zumal alle Einwohner voll 
Lernbegierde waren <Winer, Bibl. Realwörterb., Art. Tarsus) ,• es 
ist also gewiß, daß ein gebildeter Jude auch von den griechischen 
Mysterien und ihren Grundzügen gehört haben mußte. Cilicier 
weihten wahrscheinlich 67 v. Chr. die Römer in die Mithramysterien 
ein <Cumont, Die Mysterien des Mithra, 33), Die phrygische Re- 
ligion des Attis hatte schon viel früher Tarsus besetzt, die Syrer 
besaßen ihre Kolonie, wie überall im Römerreich und huldigten 
Hadad und seiner Gattin Atargatis, der Dea Syria <Or. Rel., 123>. 
Auch Adonis, der Gott von Byblos, mit dem oft Dionysios-Sabazios 
verschmolzen wurde <Cumont, Or. Rel., 59), wird wohl in der ge- 
waltigen Handelsstadt verehrt worden sein, doch läßt es sich nicht 
beweisen. Die Isismysterien und die Religion des Serapis waren 
auch in Tarsus wohlbekannt. 

Wir heben nun die Grundzüge dieser Religionsformen hervor 
und sehen uns nach Analogien bei Paulus um. 

Alle Mysterien sind in erster Linie Erlösungsreligionen. 
Wir fragen daher, wie früher bei der Frömmigkeit unseres Apostels : 

1. nach den Mächten, 

von denen Erlösung gesucht wird. 

Als solche lernen wir kennen: 

a> Nöte überhaupt, z. B. am Tage der Hilarien, an dem 
verkündigt wurde: »Getrost, ihr Frommen, da der Gott <Attis> 
gerettet ist, so wird auch euch aus euern Nöten Rettung werden!« 
<Brüdner in »Die Rel. in Gesch. u. Gegen w.«, I, 754). Der Myste 
des Sabazios jubelte: »Ich bin dem Übel entflohen und habe das 
Bessere erwählt« <Kroll, Die Rel. in Gesch., IV, 590>. Doch welche 
Übel sind vornehmlich gemeint? Nicht die körperlichen Leiden dieses 
Lebens, sondern ethische und religiöse. 

b> Unreinheit. Das Wort ist zunächst im allgemeinen ethischen 
Sinn verstanden. Daß aber sehr stark an sexuelle Unreinheit ge^ 
dacht wurde, scheinen die Selbstentmannung der Attispriester und 
der hieros gamos allerdings mit bescheidener Überzeugungskraft an- 
zudeuten. Es wäre aber übertrieben, nur an sexuelle Unreinheit 
als einziges Pudendum der Mysterienbedürftigen zu denken. 

Imago VI/3 17 



258 Dr. O. Pfister 



c) Tod. Schon im homerischen Demeterhymnus, der dem 
eleusinischen Kreise entstammt, lesen wir: »Selig der Mensch, der 
das <die Weihen) erschaut hat,- wer aber uneingeweiht ist und un- 
teilhaftig der Weihen, der wird nicht gleiches Los haben im sumpfigen 
Dunkel des Hades« <Dieterich, Nekyia, Leipzig 1893). Auch die 
orphischen Mysterien suchten und versprachen Bewahrung vor den 
Qualen des Jenseits (75). Das Taurobolium des Attis*- und Mithra- 
mysteriums schilderte das Hinabsteigen in die Gruft und die Auf- 
erstehung, der Myste wird ein in aeternum renatus <Cumont, Or. 
Reh, 82). Ein ägyptischer Text ruft: »So wahr Osiris lebt, wird er 
<der die Totenbräuche beobachtende Mensch) auch leben« <118). 

Die Übereinstimmung mit paulinischer Soteriologie ist deutlich: 
Sünde und Tod sind auch die beiden finsteren Mächte, mit denen 
der Apostel rang. Der Tod ist verschlungen in den Sieg, der Stachel 
des Todes aber ist die Sünde <I. Kor. 15, 55 f.). Hierin liegt die 
Orientierung dieser Erlösungsfrömmigkeit. Der Gedanke einer Er» 
lösung vom Tode und seinen Schrecken, wie insbesondere der an 
die Religion gestellte Anspruch auf Befreiung von der Todesnot ist 
ganz und gar unjüdisch. 

2. Der Erlösungsprozeß. 

a> Das göttliche Drama. Alle Mysterien reden vom Tod 
r? li Auferstehun S einer Gottheit: Dionysos-Zagreus in der 
Orphik wird von den Titanen in Stücke gerissen und verzehrt, 
durch Zeus aber wieder lebendig gemacht, Attis stirbt und auf- 
ersteht am vierten Tage, Adonis wird auf der Jagd vom Eber 
getötet, um nach einigen Tagen wieder ins Leben einzutreten. Osiris 
wird als tot beklagt, am dritten Tage aber als der Lebendige bewill- 
kommt (Pfleiderer, Entst. d. Chr., 147). Ebenso war der baby- 
lonische Tammuz tot gesagt und lebendig erklärt worden, und die 
Eleusinerin Kora stieg aus dem Schattenreidi ans Lidit der Vegetation. 
Eine gewisse Ausnahme bildet einzig Mithra. Allein doch nicht ganz: 
Sein Tod ist wahrscheinlich dargestellt in der Tötung des Stieres, 
der mit Mithra ebenso identisch war, wie der beim Adonisfest 
geschlachtete Eber mit Adonis <Reinach, Orpheus, 9. Aufl., Paris 
1909, 60, 102). Auch die beiden mit Mithra sicher identischen 
Dadophoren, von denen der eine die Fadcel hebt, der andere sie 
senkt, deuten Tod und Auferstehung an. Wenn Reitzenstein rund- 
weg auch von Mithra, wie von Osiris und Attis wenigstens für die 
spätere Zeit als wahrscheinlich aussagt, er sei Mensch gewesen, ge- 
storben und als Gott auferstanden, so muß ich bekennen, daß ich 
nach seinen Argumenten für diese Behauptung neugierig bin (Reitzen- 
stein, D. heilenist. Mysterienreligionen, 6 f.). 

Dem Range nach war Mithra nicht der höchste Gott, er stund 
vielmehr unter Zrvan akarana, der unendlichen Zeit, unter Ahura 
mazda und sogar einigen anderen Gottheiten <Cumont, Mithra 97 
bis 115). Osiris, Dionysos und Demeter stunden höher im Range, 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 259 

konnten sich aber meistens nicht mit der höchsten Gottheit an 
Würde messen. Für den Außenstehenden jedenfalls überragte Ra 
Osiris und Isis, und Dionysos wie Demeter waren Kinder des Zeus. 
Einzig Attis ist selbst der höchste Gott. 

Als reine Vegetationsgötter kann man numina, von denen man 
Erlösung von Unreinheit und sittliche Wiedergeburt erwartet, sicher 
nicht bezeichnen. Sonst müßte man Jahwe, der zum Sturm und zur 
Fruchtbarkeit des Landes in naher Beziehung stand, auch so nennen 
(gegen Clemen, Relgesch. Erklärg. d. N. T. 1919, 115). 

In den Mysterien wird der Gott Mensch, oder er erleidet ein 
Menschenschicksal, das starke Menschenähnlichkeit voraussetzt. Attis 
wird im Schilfe gefunden, Mithra steigt in Menschengestalt aus 
einem Steine hervor <Cumont, Mithra, 118>, Adonis wird auf der 
Jagd vom Eber zerfleischt, Osiris in Stücke zerlegt, wie Dionysos. 
Eine eigentliche Menschwerdung aus dem Weibe fehlt vielleicht auch 
bei Attis — die Quellen geben keine sichere Auskunft — doch auf 
alle diese Mysteriengötter paßte die Formel: Die Gottheit lebte 
in Fleischesgestalt, paulinisch ausgedrückt: iv öfioicbfiaxi oaoxög 
<Röm. 8, 3>. 

Die Verwandtschaft mit Paulus besteht darin, daß zur Er- 
lösung von Tod und Unreinheit ein übernatürliches Wesen erfor- 
derlich ist. Attis kommt darin der apostolischen Frömmigkeit näher, 
daß er als Kind auf Erden erscheint <Cumont, Or. Rel„ 68>. Der 
Christus des Paulus ist in seiner Präexistens gleichfalls über mensch- 
liches Wesen hoch erhaben: Durch ihn ist nach I. Kor. 8, 6 alles, 
er ist der geistliche Felsen, aus dem Mose und sein Volk tranken 
<I. Kor. 10, 4), und einige von ihnen, die Christus versuchten, 
wurden von den Schlangen umgebracht <V. 9), er ist vor seiner 
Geburt in göttlicher Gestalt und nimmt nur menschliche Formen, 
nicht menschliches Wesen an (Phil. 2, 6 ff.>. Wenn Paulus ihn Sohn 
Gottes nennt, so ist dies im metaphysischen Sinne gemeint und 
besagt genealogisch nichts anderes, als wenn Mithra als Sproß 
des Ormuzd hingestellt wird, nur ist Christus der einzige derartige 
Sohn (Pfleiderer, D. Urchristentum, Berlin 1881, 212 ff.). Mag diese 
metaphysische Qualität des Erlösers an jüdische Spekulationen 
(Weisheit, Geist Gottes) erinnern, so befinden sich doch das Sterben 
und Auferstehen dieses Gotthelden im Einklang mit den Myste- 
rien, allein ohne Parallele auf jüdischem Boden. Daß diese Zentral- 
lehre des Apostels zugleich Zentralidee der Mysterien ist, muß ent- 
schieden ernst genommen werden. Der gewaltigste Unterschied 
besteht darin, daß Christus eine historische Persönlichkeit ist, aber 
wir wissen ja, daß Paulus diese Gestalt doch nicht ganz als Mensch 
behandelt, sofern nur Gleichgestalt mit dem Menschen, nicht Wesens- 
identität des Leibes vorhanden ist, fehlt doch der Sarx Jesu das 
religionsmetaphysisch wichtigste Charakteristikum, die unwiderstehliche 
Sündenmacht. Durch diese doketischen Keime, die Paulus allerdings 
energisch am Wachstum zu verhindern sucht, wie durch die Schilde« 

17* 



260 Dr. O. Pfister 



rung des präexistenten Christus kommt unser Autor den Mysterien 
schon rein metaphysisch nahe, während Tod und Auferstehung 
jenes gotthaften Erlösers geradezu Konkordanz aufweisen. Nach 
dieser Richtung ist der paulinische Gottmensch dem der Mysterien 
homousios, dem jüdischen Messias kaum homousios. 

b> Die kultische Wiederholung der gottmenschlichen 
Passion und Auferstehung. Ein gewaltiger Unterschied zwischen 
Paulus und dem Judentum besteht darin, daß zur Erlösung von 
Seiten des Menschen zunächst nichts weiter erforderlich ist als Glaube 
<Gal. 3, 24). Seine Berufung auf das Alte Testament ist in diesem 
Punkte eine arge petitio principii. Allein der paulinische Glaubens- 
begriff paßt vorzüglich auf die Erlösungstheorie der Mysterien. Auch 
bei ihnen werden nicht strenge Gesetzesforderungen aufgestellt. Die 
Askese ist nur Vorbereitung, nicht meritum. Auf den Glauben kommt 
alles an, und zwar auf eine fiducia, die nach ihrer menschlichen Er- 
scheinung ein persönlicher Willensakt ist, nach ihrem inneren Wesen 
und Ursprung aber eine göttliche Kraft,- der Glaube ist nicht nur 
ein Schauen dessen, was der Gott erlebte, sondern ein Erleben 
dieser göttlichen Erlebnisse. »Das Band zwischen Gott und Mensch, 
sagt Reitzenstein, kann gar nicht enger und stärker gedacht werden, 
und ein Gefühl nicht nur lebenslänglicher Dankbarkeit, sondern per- 
sönlicher Liebe, die in ihren Äußerungen bis ins Sinnliche geht, 
verbindet beide« <Hellenist. Myst,, 9), 

Zu beachten ist, daß Mithra als »Mittler« bezeichnet wird, er 
vermittelt wie Cumont angibt, »zwischen dem unzugänglichen und 
unerkennbaren Gott, welcher in den ätherischen Sphären herrscht 
und dem Menschengeschlecht« (Mithra 116>. Isis heißt ocbtsiga, Sa- 
rapis aoni'jo (Reitzenstein 26). 

Erst aus dem Mysterienglauben geht der Kultus hervor. Zwei 
Handlungen, die bezeichnenderweise den beiden größten Sakramenten 
der Christenheit stark ähneln, bilden den Höhepunkt des Mysteriums: 
Wir wollen sie Taufe und mystisches Mahl nennen. 

a) Die Taufe. Die griechischen und ägyptischen Mysterien 
wissen nur von Waschungen und Bädern, die der Todessymbolik 
noch ferne stehen. Dagegen drückt der Einweihungsritus auch in 
ihnen Tod und Wiedergeburt aus. Apulejus berichtet dies ausdrück- 
lich von den Isismysterien (Dicterich, Mithrasliturgie, 162). Im alten 
Totenritual sollte jeder einzelne das Schicksal des Osiris teilen, um 
ein Osiris zu werden. Im Mysterium wird derselbe Vorgang ver- 
geistigt dargestellt worden sein. Eine ähnliche Zeremonie, bei welcher 
der Körper des zu Weihenden bis zum Haupte begraben wurde, 
beschreibt Prokus, wohl in Anlehnung an dionysisch-orphische Ge- 
bräuche <a. a. O. 163>. Das Hervorgehen aus dem Grabe bedeutet 
die Wiedergeburt auf das deutlichste/ die Geweihten nannten sich 
denn auch in der Isisgemeinde renati und feierten den Weihetag als 
natalis sacer (Dieterich, Mith., 162). 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 261 



Das Attismysterium beging feierlich das Taurobolium, das 
Prudentius so anschaulich geschildert hat. Der Myste stieg in eine 
Höhle, über welcher ein Stier geschlachtet wurde. Durch ein durch- 
löchertes Brett floß das Blut in die Krypta. »Der Geweihte, erzählt 
Prudentius, bietet sein Haupt all den herabfallenden Tropfen dar, 
er setzt ihnen seine Kleider und seinen ganzen Körper aus, den 
sie besudeln. Er beugt sich rücklings, damit sie seine Wangen, seine 
Ohren, seine Lippen, seine Nase treffen ... er fängt das schwarze 
Blut mit der Zunge auf und schlürft es gierig« <Cumont, Or. Rel, 
80). Man wird zugeben, daß der Name »Bluttaufe« für diese Zere= 
monie zutrifft. 

Es scheint festgestellt, daß dieser Ritus der persischen Religion 
entstammt <Cumont, Mithra, 169)/ folglich wundert es uns nicht, 
daß er auch im Mithrakultus heimisch war. Vom letzteren ist uns 
bekannt, daß der Kandidat selbst scheinbar getötet wurde, doch 
handelt es sich nicht um die fiktive Wiederholung des Todes Mithras 
<Dieterich, Mithralit., 161, 165),- in der von Dieterich herausgegebenen 
Mithraliturgie, deren mithrazistisdier Charakter allerdings von Cumont 
bestritten wird, betet ein Frommer: »Herr, wiedergeboren verscheide 
ich, indem im erhöht wurde, sterbe ich« (15). Die folgenden Worte 
übersetze ich: »durch die Geburt, die das Leben schafft, für den 
Tod geschaffen, werde ich erlöst und gehe den Weg, wie du ge- 
stiftet hast, wie du es zum Gesetze gemacht hast und das Myste* 
rium bereitetest« <14>. 

Viele dieser Einzelheiten erinnern sofort an paulinische Ge- 
danken. Die Taufe mit ihrer Todessymbolik gehört zu ihren 
wichtigsten Kleinodien. An jener bedeutsamen Stelle, an welcher die 
Rechtfertigung auf den Tod Christi gestützt wird, schlägt Paulus 
die Brücke vom nomistischen zum mystischen Denken, indem er 
verkündigt: »Wisset ihr nicht, daß alle, die wir getauft sind auf 
Christus Jesus, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir denn 
mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, so daß, wie Christus 
auferweckt wurde von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, 
so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit 
ihm durch die Gemeinschaft mit seinem Tode verwachsen sind, so 
werden wir es nicht minder sein durch die Gemeinschaft mit seiner 
Auferstehung. Wissen wir doch, daß unser alter Mensch darum die 
Kreuzigung miterlebt hat, weil der Leib der Sünde vernichtet werden, 
und wir nicht mehr der Sünde Sklavendienst leisten sollten. Denn 
wer gestorben ist, ist dadurch freigesprochen von der Sünde. Sind 
wir nun aber mit Christus gestorben, so sagt uns der Glaube, daß 
wir auch mit ihm leben werden, so gewiß wie Christus, nachdem 
er einmal von den Toten auferweckt worden ist, nicht wieder stirbt. 
Der Tod hat kein Herrscherrecht mehr über ihn. Denn sein Sterben, 
das hat er der Sünde entrichtet ein für allemal, sein Leben aber gehört 
allein Gott. Gerade so müßt ihr euch fühlen als tot für die Sünde 
und lebendig für Gott in Christus Jesus. <Röm. 6,3 — 11, nach Jülicher). 



262 Dr. O. Pfister 



Die Freisprechung beruht demnach auf einer unio mystica, 
einer Identifikation mit dem gestorbenen und auferstandenen Gott- 
menschen, genau wie in den Mysterien. Der Fromme stirbt sym- 
bolisch, wird begraben und aufersteht zu einem neuen Leben und 
dies wird durch ein Sakrament bewirkt, das mit dem der Mysterien 
nahe verwandt ist. Hervorzuheben ist bei Paulus die Vernichtung 
des Sündenleibes, die bei den Ättisfeiern durch Messerschnitte und 
Entmannung am dies sanguinis, der Totenfeier für den in Binden 
gewickelten und ins Grab gelegten jungen Gott ausgedrückt wurde 
<Cumont, Or. Rel., 68). 

ß) Das mystische Mahl. Das mystische Sterben ist bei der 
christlichen Taufe mit einem Reinigungsritus verbunden, wie in den 
Mysterien. In den beiden für den Kleinasiaten Paulus wichtigsten 
außerchristlichen Mysterien fand eine Besprengung mit Blut statt. 
Auch bei Paulus spielt das Blut des Gottmenschen im mystischen 
Akt eine große Rolle, allerdings weniger deutlich im Initiationsritus, 
als im mystischen Mahle. Die Blutsymbolik verwendet Paulus mehr 
innerhalb des jüdischen Gedankenzyklus,- das Blut fließt als Sühn- 
opfer. Allein das Bluttrinken des Tauroboliums kehrt im Abend- 
mahle wieder. I Kor. 10, 16: »Der gesegnete Kelch, den wir segnen, 
ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi?« (Weinel bestreitet 
entschieden, daß I. Kor. 11, 23 f. das Abendmahl als rein symbolische 
Feier verstanden sei,- er hält mit Recht dafür, daß auch I. Kor. 10, 
1—4, wo Taufe und Abendmahl mit dem Durchzug durchs Rote 
Meer und dem Essen des Manna, sowie mit dem Trinken aus 
dem Felsen in Parallele gesetzt werden, auf ein reales Genießen 
des Übersinnlichen gehen müssen, 326 f.>. 

Das Blut des gestorbenen Gottmenschen kommt also dem 
Gläubigen zugute, wie das Blut des den Attis oder Mithra reprä- 
sentierenden Opfertieres. In dem einen Gotte sterben alle, um mit 
ihm auch aufzuerstehen. 

Einige wichtige Parallelen verdienen erwähnt zu werden. 
Dieterich erinnert in seinem »Untergang der antiken Religion« daran, 
daß die von Paulus erwähnte Taufe für Verstorbene eine schon 
von Plato beschriebene Parallele aufweise. Plato berichtet: »Sie zeigen 
einen Schwärm Bücher von Musaios und Orpheus vor, den Sprossen 
der Seelen und der Musen, wie sie sagen, an deren Hand sie . . . 
überreden, daß es Erlösungen und Reinigungen von Sünden gibt 
durch Opfer und heitere Feier, nicht nur für die Lebenden, sondern 
auch für die Toten. Das nennen sie die Weihen« <KI. Sehr., 477 f.>. 
Hier handelt es sich aber, wie Schweitzer und Reitzenstein betonen, 
nicht um einen Taufakt, sondern um eine Sühnung <Reitzenstein, 
Relgesch. u. Eschatologie, Z. f. d. neutest. Wiss., 1912, XIII. Jahrg. 9>. 
Immerhin liegt in der Reinigung eine gewisse, wenn auch vage Analogie. 

Eine andere Analogie hat Reitzenstein wahrscheinlich gemacht. 
Im ägyptischen, wie im phrygischen Kult bediente sich der Priester 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 263 



bei der symbolischen Zusammenfügung und Belebung des göttlichen 
Leibes einer Salbe. In der Attisfeier salbte der Priester wahrschein* 
lieh mit dieser vom Toten und Auferstandenen hergenommenen Salbe 
jeden Mysten, während er flüsterte: »Getrost ihr Mysten, weil der 
Gott das Heil gewann, wird auch für uns einst Heil aus Todes- 
not« {52). Danach erklärt Reitzenstein die Ausdrücke IL Kor. 2, 
14 ff.: Gott offenbarte den Geruch seiner Erkenntnis durch uns, wir 
sind Gott ein guter Geruch Christi, wir sind ein Geruch des Todes 
oder ein Geruch des Lebens zum Leben. 

Über das Mysterienmahl ist noch einiges zu sagen. Die Ver- 
einigung mit der Gottheit durch das Mahl findet sich, wie Robinson 
Smith und Frazer nachwiesen, bei einer Menge von Naturvölkern. 
Namentlich das Totemtier, der Ahn, wird häufig zu kultischen 
Zwecken genossen. Im ägyptischen Kultus ist das Essen des Gottes 
sicher bezeugt (Dieterich, Lit., 99 ff.>. Ein Attishymnus singt: »Ich 
habe vom Tamburin gegessen, ich habe aus der Cymbel getrunken, 
ich bin ein Myste des Attis geworden« (Cumont, Or. Rel., o3>. 
»Bei der mazdaischen Messe, erzählt Cumont, weihte der Zelebrant 
Brote und Wasser, das er mit dem von ihm zubereiteten Haoma- 
safte mischte, und verzehrte diese Nahrungsmittel im Verlaufe seiner 
gottesdienstlichen Funktion. Im Okzident ersetzte man den unbe- 
kannten Haoma durch Wein. Man stellte vor den Mysten ein Brot 
und einen mit Wasser gefüllten Becher, über den der Priester die 
heilige Formel sprach« <Cumont, Mithra, 145 f.>. Die Brote wurden 
schon in Persien gebrochen. 

Die Veranstaltung gleicht somit in ihrem äußeren Verlaufe 
sehr stark der Abendmahlsfeier, wie sie Paulus beschreibt. Nur daß 
bei dieser die Erinnerung an den historischen Stifter mitspricht und 
die konkrete Basis bildet. 

3. Die Erlösungswirkungen. 

Der neue Myste ist, wie wir wissen, ein Neugeborener. Der 
Isisgläubige wird in ein neues Leben verpflanzt (Reitzenstein 26), 
er erfährt eine Palingenesia <26>. Der Vorgang wird in der her- 
metischen Literatur als eine Zeugung gedacht <33>. So erlangt in 
jeder Mystenreligion der Gläubige die soteria <12>. Der neue Zu- 
stand zeichnet sich durch eine Menge von Heilsgütern aus : 

Der Myste der sogenannten Mithrasliturgie muß, um wieder- 
geboren zu werden, einen Himmelsleib anlegen <33>, allerdings nur 
während der heiligen Feier, die seine Seele in den Himmel führt. 

An geistigen Gaben empfängt er ferner den Heiligen Geist. 
Der Mithrasmyste des Pariser Zauberpapyrus betet, daß er durch 
Geist wiedergeboren werde und in ihm der Heilige Geist wehe 
(Dieterich, Lit., 5>. Der Myste ist ein pneumatikos (Reitzenstein 42>. 
Als solcher empfängt er Gnosis/ in einem hermetischen Liede wird 
gesungen: »Wir danken dir, Höchster, daß wir durch deine Gnade 



264 Dr. O. Plister 



dies Licht der Gnosis empfangen haben,- erlöst durch dich freuen wir 
uns, daß du dich uns ganz gezeigt hast, freuen uns, daß du uns in 
unsrem irdischen Leibe zu Gott gemacht hast durch deinen Anblidi« 
<Reitzenstein 38). Reitzenstein gibt an: Ȇberall in diesen (hermeti- 
schen) Schriften klingt wieder: das Schauen Gottes, das immer deut- 
licher als unmittelbares Schauen und Empfinden des Alls beschrieben 
wird, macht zu Gott und gibt die soteria. Und diese höchste Sdiau 
heißt gnonai theon. Die Gnosis ist unmittelbares Erleben und Er- 
fahren, ist eine Gnadengabe Gottes, sie erleuchtet den Menschen 
und ändert zugleich seine Substanz« <38>. Mit diesem Schauen 
Lrottes ist im Isismysterium verbunden das Bewußtsein des Ent- 
rucktwerdens in den Himmel oder an andere Orte (Reitzenstein 34) 
Dieser Enthusiasmus ist aber auch ein körperliches Erfülltsein vom 
Geiste (Dieterich, Lit., 98). Das Pneuma ist ja selbst ein feiner 
Stoff, also steht einer mixtio nichts im Wege. Das Essen des Gottes 
zeigte uns diese Verstofflichung des Geistigen bereits 

Der Myste bezeichnet sich selbst als gnostikos im Gegensatz 
zum psycnikos, dem rein natürlichen Menschen, der einerseits wieder 
über dem sark.kos steht (Reitzenstein 42). Es ist sicher, daß schon 
AftJnT f PnCUm f U , nd f P s y* evon Hellenisten, dagegen nicht vom 
stein 45) Gegensätze verstanden wurden (Reitzen- 

„•nd VO " Tl ite / Cn rP abe ?', , d , ie mit der Wiedergeburt verbunden 
t I ~ T '? r- Unsterb »*keit. Der Mithraslifurg redet davon, 
G<W a /? Got S gedachten Elementen gefallen habe, ihn der 

NponK , U Un . ste,b ' ,d ! f keit wiederzugeben (Lit. 5). Isis läßt ihren 
Neophyten in ihre bas.leia eingehen (Reitzenstein 26). Alle Myste- 
ner -verheißen ihren Anhängern ein besseres Los im Jenseits (Kroll, 
mSat.™ CSd ]' u ' Ge S enw " ™, 585). Von einer Himmel- 
• 5 i j% S * r . edet , der Mirhraz 'smus (Dieterich, Lit., 184), so 
wird auch der Mithrasliturg hinaufgehoben (185). Schon in der alt- 
agyptischen Mythologie fuhr die Seele dem Himmel entlang, doch 
erst nach dem Tode. Im Taurus stund ein großes Denkmal des 
Antiochus von Kommagene, nach weldiem der Leib die gottiiebende 
oeele himmelwärts sendet (Dieterich, Lit., 190). 
,. A j nd ' ldl erwähnen wir noch als hohe Frucht der Wiedergeburt 
die Adoption (Hyiothesia). In der Mitrasliturgie will der Myste 
äohn Gottes werden (Reitzenstein 32), allein vielleicht spielen in 
ihr schon christliche Einflüsse mit. Aber audi in anderen Mithras- 
texten wird der Gott von Mysten als Vater angeredet (Dieterich, 
t^ ' S wurde a ' s P a P as bezeichnet (Ib). 

Das neue Leben betätigt sich in einer neuen Sittlichkeit. Be- 
deutsam ist, daß zunächst die Mysten des Mithra eine sehr demo- 
kratische Brüderschaft bildeten. Jeder konnte die Weihen empfangen. 
UroHe Intimität verband alle Angehörigen einer Kultusgenossen- 
sctiatt (Cumont, Mithra 160). Der Sklave konnte den höchsten Grad 
unter den Eingeweihten bekleiden (74). Alle nannten sich Brüder 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 265 



und sollten einander in gegenseitiger Liebe zugetan sein <142>. Die 
armseligen Plebejer fanden Hilfe und Stärkung <161>, doch spielten 
im Mithrazismus die Frauen keine Rolle <164>. Heiliger Tag war 
der Sonntag. Die Moral war imperativisch, Enthaltsamkeit und 
Keuschheit, Entsagung und Selbstbeherrschung galten viel <181>. Der 
Zölibat galt als verdienstlich <Cumont, Mithra 126). 

Aus der mithrischen Religion ist noch hervorzuheben die Auf- 
erstehung des Fleisches, die wir schon in der jüdischen Religion 
fanden <Cumont, Mithra 196), wie auch die Vorstellung eines künf- 
tigen Weltgerichtes <181>. 

Und nun des Paulus Übereinstimmung mit dem imposanten 
Reich der von den Mysterien verwiesenen Heilsgüter. Schweitzer 
leugnet eine tiefer gehende Konkordanz. Erstlich komme bei Paulus 
eine Wiedergeburt weder dem Wort, noch der Sache nach vor. 
»Er läßt die Erlösten nicht eine Wiedergeburt, sondern eine ge- 
heimnisvoll vorweggenommene und bis auf weiteres auch nicht 
äußerlich werdende Auferstehung erleben. Seine Anschauungswelt 
ist also ihrem Grundbegriffe nach von der der Mysterienreligionen 
völlig verschieden« <A Schweitzer, Gesch. der Leben=Jesu~Forschung, 
2. Aufl. 1913, 546>. Allein ich sehe nicht ein, daß hier ein saA- 
licher Unterschied vorliege. Ob man Sterben mit darauffolgendem 
Wiederlebendigwerden unter dem Bilde der Auferstehung oder der 
Wiedergeburt schildere, ist nur ein Unterschied der Einkleidung, 
nicht der Sache. Paulus redet von einer Neuschöpfung <II. Kor. 
5, 17/ Gal. 6, 15>. Mag auch eine ganz kleine Differenz vorhanden 
sein, so ist sie doch von verschwindend geringem Gewicht neben 
der Tatsache, daß die durch Tod hindurch sich verwirklichende 
Wesenserneuerung sich durch Einbeziehung in Tod und Auf- 
erstehung eines Gotthelden vollzieht. 

Mit den Mysterien stimmt überein die Proklamation eines 
neuen Lebens <Siehe, es ist alles neu geworden, II. Kor. 5, 17), 
die soteria ist gekommen <II. Kor. 6, 2> oder wird kommen durch 
den soter <Phil. 3, 20). 

Schweitzer wendet ferner ein, Paulus glaube an eine leibliche 
Auferstehung oder Verwandlung, indem die irdisch=fleischliche 
Leiblichkeit in eine übernatürliche, von aller Vergänglichkeit 
und Sinnlichkeit befreite übergeführt wird <546>. Gewiß! Aber 
auch diese Theorie ist echtes Eigentum des mithrischen Mysteriums. 
Das acö/xa Tcveviiaxixöv <I. Kor. 15, 44) stimmt mit dem Mysterien- 
glauben gewiß überein. 

Als weiteren fundamentalen Unterschied hebt Schweitzer her- 
vor, daß Tod und Auferstehung bei Paulus nie direkt mit der Er- 
lösung des einzelnen zusammenhängen, vielmehr bewirken jene 
eine Änderung im Zustande der ganzen Welt und diese Änderung 
wirke sich an den einzelnen Gläubigen aus. Dies widerspreche den 
Mysterien. Allein dagegen ist zu bemerken, daß auch bei Paulus 
eine sehr direkte Verbindung zwischen Christus und den Gläu- 



266 Dr. O. Pfister 



bigen besreht. In Christi Tod ist der Gläubige getauft, mit 
ihm wandeln wir in einem neuen Leben <Röm. 6>. Das ist sehr direkter 
Zusammenhang. Jedenfalls wäre auch der kosmische Revolutionär 
Schweitzers dem spätjüdischen Messias hundertmal ferner, als dem 
Weltenschöpier Attis. Andere Argumente gegen die religions- 
geschichtliche Auffassung hat Schweitzer nicht vorzubringen. 

Auch den heiligen Geist als Gnadengeschenk und als Organ 
der Gotteserkenntnis finden wir bei Paulus <I. Kor. 2, 12 und 14). 
Auch die Verzückung des pneumatikos gehört hieher. Paulus 
fühlt sich entrüdit bis in den dritten Himmel <II. Kor. 12, 2>, er 
spricht in einer ekstatischen Glossolalie, die mit den voces 
mysticae äußerlich wahrscheinlich nahe verwandt ist. Das gleichsam 
stoffliche Durchdrungensein von Christus ist wohl dem der 
Mysterien entsprechend. Deißmann nennt das *h> Xqiat(i) elvai* ein 
»lokal aufzufassendes Sichbefinden in dem pneumatischen Christus« 
<Diet. Lit. 109>. 

Auch die Zukunfts- und Jenseitshoffnung ist bei Paulus, 
wie in den Mysterien <Cumont, Hell. 134) sehr stark. Durch Adam 
kam der Tod, durch Christus die Auferstehung der Toten <I. Kor. 
15, 21). Im ganzen aber steht die paulinische Eschatologie der 
jüdischen näher als der den Mysterien eigentümlichen/ man vergesse 
aber nicht, daß die jüdische Idee eines W eltgerichtes und der Toten- 
auferstehung selbst schon auf einem Baume mit dem Mithrazismus 
gewachsen ist. 

Das höchste Heilsgut ist bei Paulus die Gottessohnschaft, die 
vlodsaia, die ganz der Adoption der Mysterien entspricht. Vom 
jüdischen Standpunkt aus ist es unverständlich, wie Gott den Un- 
gerechten gerecht erklären kann. Die mystische Auffassung, die 
überall neben der juristischen steht, löst das Rätsel: Durch das 
Sterben mit Christus, durch die Identifikation erlangt der Mensch 
Ansprudi auf Dikaiosis. Daß aber die Ähnlichkeit mit der christ- 
lichen Auffassung des Verhältnisses zu Gott viel stärker ist, sieht 
man leicht ein. 

Ebenso findet sich in der reichen Paränetik des Paulus vieles, 
was dem Geist Jesu und was den Mysterien entspricht, neben 
vielem eigenen. Die Entolai der letzteren sind verloren gegangen, 
so daß wir die Übereinstimmung nur wenig verfolgen können. 
Das Lob der Ehelosigkeit aber ist entschieden ein Kardinalpunkt, 
den Paulus mit den Mysterien und den Essenern, dagegen nicht 
mit Jesus teilt. 

Überblicken wir unsere Vergleichung, so kommen wir zu fol- 
gendem Schluß: In der paulinischen Soteriologie unterschied man 
längst zwei heterogene Betrachtungen, eine mehr juristisch-nomi- 
stische und eine mehr mystische. Die erstere arbeitet mit Vorstel- 
lungen, welche dem Judentum entnommen sind. Sie gipfelt im 
Sühnopfergedanken und schafft Erlösung von der mitgeschleppten 
Schuld. Dieser Theorie steht eine durch und durch unjüdische, 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 267 

mystische gegenüber, welche in ihrer Zentralidee vom gestorbenen 
und auferstandenen Gott mit dem Glauben der Mysterien sich in* 
haltlich berührt. Diese Frömmigkeit schafft durch ihre Verbindung 
mit Christus Kräfte für Gegenwart und Zukunft. Jene, die jüdische 
Betrachtungsweise wendet sich an den rechnenden, juristisch arbei- 
tenden Verstand, diese, die mystische, mehr an das Gefühl. Eine 
Synthese beider Religionen, der jüdischen und der hellenistischen, 
läge darin, daß der paulinische Gottheiland in einer historischen 
Persönlichkeit liegt,- denn daß Gott sich in der Geschichte kund* 
gibt, ist das Eigenartige der israelitischen Religion, während die 
Mystik des Erlösungsdramas dem Hellenismus entspricht. 

Aber beide zusammen samt den griechisch=alexandrinischen 
Motiven gruppieren sich inhaltlich doch nur um das Zentrum einer 
lebendigen Frömmigkeit, die weder jüdisch, noch mysterienartig, 
sondern der Religion Jesu geistesverwandt ist. 

IL Psychologische Vorbereitung. 
(Determination und En twicklung.) 

So gerne wir nun auf die Entwidmung des Paulus eintreten 
möchten, können wir uns doch nicht versagen, eine grundsätzliche 
Verständigung anzustreben, ohne welche Mißverständnisse zu be- 
fürchten wären. 

In welchem Sinne gibt es überhaupt Determinanten einer 
geistigen Entwicklung, und inwiefern ist es möglich, sie wissen- 
schaftlich festzustellen? 

Ein häufig begangener Irrtum besteht darin, daß man gewisse 
Entwicklungsresultate, gewisse geistige Inhalte, die nachweislich dem 
Milieu eines Menschen angehörten, einfach als Wirkungen jenes 
Umgebungsbestandteiles auffaßt. Wie die stehende Kugel, von 
einer rollenden getroffen, die empfangene Bewegung fortpflanzt, so, 
denkt man oft, müssen Entwicklungslinien, die in einer Individualität 
auftreten und vorher von ihr gekannt waren, auf das Konto dieser 
Determinante allein gesetzt werden. Allein es gibt ein solches rein pas- 
sives Beeinflußtwerden im geistigen Leben so wenig wie im physischen. 
Die Auslese der Ideen, die man annimmt und von denen man sich 
leiten läßt, ist selbst ein aktiver Prozeß. Wie die Wurzel aus dem 
Erdreich diejenigen Stoffe aufnimmt, die ihrer Natur entsprechen, die 
anderen aber liegen läßt, so ist auch der Geist keineswegs eine 
tabula rasa. Wenn Jesus als sein Hauptgebot hinstellt die alttesta- 
mentlichen Worte von der Gottes» und Nächstenliebe, so ist damit 
noch lange nicht gesagt, daß das Alte Testament in Jesus diese 
Gesinnung bewirkte. Vielleicht hätte er ganz ohne das ehrwürdige 
Buch ein ähnliches Lieben gefunden, jedenfalls gewiß ohne jene 
Formel. Wenn die Paradieses- oder Jonassage mit überraschend 
ähnlichen Zügen auf den verschiedensten Kontinenten auftritt, so 



268 Dr. O. Pfister 



ist damit noch lange nicht ausgemacht, daß die eine Sage die über- 
einstimmenden anderer Völker hervorbrachte. Die Migrationstheorie 
ist denn auch im Rückzug begriffen. Auch sehr nahe verwandte 
geistige Gebilde, sogar Mythen können autochthon an den ver- 
schiedensten Orten ins Dasein treten. 

Ein Beispiel schlechter Ätiologie findet sich in meiner Disser- 
tation über die Religionsphilosophie A. E. Biedermanns. Sie schließt 
mit hartnäckigster Blindheit: Der und der Gedanke Biedermanns steht 
schon bei Schleiermacher oder Feuerbach, also stammt er von dort. 

So werden wir uns also davor hüten müssen, etwa zu 
schließen: Wir finden bei Paulus einen Mysterienglauben, der dem 
ihm bekannten hellenistischen in manchen Zügen aufs engste ver- 
wandt ist, folglich ist einfach ein Stück Heidentum in den Paulinis- 
mus hinübergewandert. 

Noch verkehrter scheint es mir, den Beitrag verschiedener 
Quellen, die denselben geistigen Inhalt einem Menschen anvertrauten, 
auf diese Quellen verteilen zu wollen. Es schiene mir also gänzlich 
aussichtslos und methodisch verkehrt, ausrechnen zu wollen, wie 
viel vom Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Herrn 
auf den urchristlichen, wie viel auf den Mysterienglauben zurück- 
zuführen sei. Wir sind geneigt und berechtigt, abweichende Züge 
je mit übereinstimmenden Determinanten in Zusammenhang zu 
bringen, aber wir erinnern uns, daß auch hier kein bloßes Affiziert- 
werden stattgefunden haben kann, sondern ein Nachschaffen, 
das nur auf Grund einer starken Kongenialität möglich war. Aus 
der Fülle der zuströmenden Motive wählt der Geist nur dasjenige 
aus, was seinen Bedürfnissen entspricht und seinen großenteils un- 
bewußten Wünschen dient. Ein Mensch nimmt nur dann eine viel* 
leicht für jeden anderen bizarre Lehre an, wenn er in ihr einen 
Sinn findet oder ahnt, der seinen unbewußten Nöten entgegen- 
kommt. Er kann oft selbst nicht angeben, worin der ungeheure 
Reiz, die beglückende Wirkung jener Idee beruht, aber er erlebt 
sie. Erst die Analyse löst uns in den meisten Fällen das Rätsel. 
Sie zeigt uns, warum z. B. die Lehre von der bevorstehenden 
Parusie einen Menschen bezaubert und bezaubern muß, warum die 
Bibel- oder Kirchenorthodoxie heiligstes Bedürfnis wird und werden 
muß. Die Bewußtseinspsychologie freilich steht diesen Erscheinungen 
meistens ratlos gegenüber. 

Immerhin ist zu betonen, daß die unbewußte Konstellation 
mit ihren Bedürfnissen in verschiedenen entgegengebrachten Vor- 
stellungen Befriedigung finden kann. Das in seinem eigentlichen 
Wesen selbst nicht klar erkannte Bedürfnis kann in allerlei Sym- 
bolen eine Verwirklichung ihrer Sehnsucht finden, sind doch die 
Symbole stets verschiedener Deutungen fähig. Wie viele und 
mannigfaltige religiöse Postulate fand man schon in Jesus realisiert! 

Ist so das Beeinflußtwerden ein passiver und aktiver Vorgang 
im einzelnen zugleich, ein Prozeß, der Geistesverwandtschaft vor- 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 269 

aussetzt, so dürfen wir noch eine nähere Bestimmung hinzufügen: 
Findet sich eine Denkweise, die auf einen Menschen nachweislich 
eindrang, in ihm noch gesteigert, so dürfen wir in der Regel an- 
nehmen, daß die Kräfte, die jene Determinanten schufen, in dieser 
Persönlichkeit mit verschärfter Intensität wirksam waren. 

Haben wir so die aktive Seite der geistigen Selektion mit 
ausreichender Deutlichkeit gewürdigt, so sei nun aber auch die pas- 
sive hervorgehoben. Der Menschengeist gleicht nicht der Spinne, die 
ihre Werke alle nur aus dem Eigenen hervorholt. Wo ein eigen* 
artiger geistiger Inhalt, den wir bei einem Menschen vorfinden, 
diesem durch Mitteilung bekannt wurde, zögern wir natürlich keinen 
Augenblick, an eine Kausalbeziehung zu glauben. Je weniger jener 
Inhalt aus gemeinsamen Erlebnissen zu erklären ist und je auffal- 
lender die Übereinstimmung bis in charakteristische Einzelheiten 
durchgeführt ist, desto zuversichtlicher nehmen wir die Beeinflussung 
jenes Menschen durch die ihm zugegangene Wahrheit an. 

Fügen wir noch die selbstverständliche Tatsache hinzu, daß 
der aktive und passive Beitrag im Prozeß der geistigen Einwir- 
kungen individuell höchst verschieden ist, so dürften wir genug 
vorangeschickt haben, um nunmehr die Entwicklung des Apostels 
Paulus in Angriff nehmen zu dürfen. 
- 

III. Der Werdegang des Paulus, 
A. Die jüdische Periode. 

Über die Beanlagung des Paulus können wir einige wich« 
tige Aufstellungen wagen. 

Es ist sicher, daß Paulus Hysteriker war. Dies beweist das 
Ereignis vor Damaskus, die den Galatern gemachte Mitteilung 
über das Leiden des Apostels, dies beweist, aber nur dem genauen 
Kenner dieser psychologischen Verhältnisse, die ganze literarische 
Arbeit des großen Mannes. 

Sicher ist ferner eine starke Begabung zur Liebe gegen andere 
Menschen. Sonst könnte Paulus nach der Bekehrung nicht eine so 
tiefe Liebe zu Christus und den Mitmenschen auftreiben. 

Dürfen wir diese beiden Merkmale der Beanlagung des Paulus 
getrost zuschreiben, die neurotische Belastung und die Befähigung 
zu intensiver Liebe, so können wir dagegen nur mit großer Vor- 
sicht auf die Umstände schließen, die seine Entwicklung in den 
ersten Jahren auf die Bahn des Hysterikers drängten und die reli- 
giöse Ausbildung bestimmten. 

Welchen pädagogischen Einflüssen unterstand der Knabe? 
Waren die Eltern strenge Juden, die sich von allem heidnischen 
ängstlich abschlössen? Wrede wagt folgenden Schluß: »Im Juden- 
viertel aller Großstädte gab es Häuser genug, deren orthodoxe 
Atmosphäre der umgebenden griechischen Luft den Zutritt ver- 



270 Dr. O. Pfister 



sperrte,- und wenn Paulus sich dem Judentume strengster Observanz, 
dem Pharisäismus, zuwandte, wenn er zum Rabbi bestimmt war, 
so läßt dies auf ein Elternhaus schließen, das von dem auf- 
lösenden, erweichenden Geiste der allgemeinen Kultur, der aller- 
dings zahllose Juden der Diaspora ergriffen hatte, nur wenig berührt 
war« <S. 6>. 

Diese Schlußbildung ist psychologisch unstatthaft, Wrede ver- 
kennt völlig die spontan gestaltenden Kräfte des Geistes. Kinder 
unreligiöser Eltern werden oft religiöse Fanatiker. Phil. 3, 5 be- 
richtet der Apostel allerdings, daß er am 8. Tage beschnitten wurde, 
Israelit, Benjaminit, Hebräer. Aber dies besagt nicht das geringste 
für die orthodoxe Strenge der Eltern 1 . Wer sagt denn, daß der 
Plan, Rabbi und Pharisäer zu werden, von den Eltern ausging? 
Konnten nicht die Eltern oder die allein am Leben gebliebene 
Mutter einem dringendem Wunsch des Sohnes nachgegeben haben? 
Wäre es nicht denkbar, daß Paulus zuerst nach Art unzähliger 
Kinder in der Diaspora synkretistisch aufgewachsen wäre, dann 
aber eine innere Wandlung erfahren hätte? Nichts spricht gegen die 
Annahme, schon des Paulus Eltern haben jenen geschichtlich be- 
glaubigten jüdischen Kreisen angehört, die Mosaismus und Mysterien- 
glauben vermischten. 

Einigermaßen sicher ist, daß nach einer sehr alten Überlie- 
ferung (Apostelgesch. 22, 28> schon des Paulus Vater Hellenist 
war. Er besaß das römische Bürgerrecht und wohnte in Kilikien. 
Ebenso sicher ist, daß der junge Saulus die Herrlichkeit und Häß- 
lichkeit einer hellenistischen Stadt mit ansah. Er sah, auch wenn 
ihn die Eltern noch so sehr von nichtjüdischen Einflüssen hätten 
isolieren wollen, wofür schlechterdings nichts spricht, die imposanten 
Bauwerke, er hörte vom Ruhm der tarsischen Philosophenschulen, 
er vernahm weise Aussprüche, die seiner ethischen Begabung unbe-. 
dingt Eindruck machen mußten. Selbst Wrede, der doch sonst die 
rein jüdischen Wurzeln des Paulinismus über Gebühr betont, deutet 
an, daß der Begriff des Gewissens und der Gebrauch des Wortes 
»Fleisch« auf philosophische Jugendeindrücke zurückgehen dürften 
<107>. Jedenfalls wurde Paulus von der Bildung seines Milieus nicht 
hermetisch abgeschlossen. Manches mußte durchsickern. Auch die 
enorme Bedeutung des Attis^Mithrakultus <beide Götter wurden 
oft verschmolzen), sowie anderer Religionen konnte ihm unmöglich 
entgehen. Er hörte von den großartigen Prozessionen, an denen die 
Eunuchen eine so hervorragende Stellung einnahmen und für welche 
einzelne sich entmannen ließen, hörte von dem rauschenden, orgasti- 
schen Treiben, er vernahm, daß den auffallenden Riten ein tieferer, 
nur den Eingeweihten bekannter Sinn innewohnen sollte, und wußte, 
daß auch hochgebildete Menschen der Geheimlehre mit Ehrerbietung 

1 Apostefgesch. 23, 6 ist nidit mit Luther zu übersetzen: »Ich bin eines 
Pharisäers Sohn«, sondern: »Aus den Pharisäern.« 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 271 

anhingen. Die Neugierde des Kindes wurde durdi diese Heimlich- 
keiten nur erregt und wenn audi die Eltern mit Verachtung von 
soltihen Dingen geredet hätten, was aber unwahrscheinlich ist, da 
sehr viele gebildete kleinasiatische Juden den Mysterien nicht geringe 
religiöse Werte abgewannen und sie mit ihrer Frömmigkeit ver- 
banden, es wären vermutlich eindrucksvolle, mit dem Schleier des 
tiefen Geheimnisses umgebene Fragen in der Knabenseele übrig 
geblieben. 

Anderseits mußte sich der Knabe bei seiner Beanlagung und 
mindestens vorwiegend jüdischen Erziehung durch manche Züge des 
tarsischen Getriebes abgestoßen fühlen: Der Sklavenmarkt mit seinen 
Mitleid erweckenden Szenen, die Ausschweifungen, namentlich in 
ihrer religiösen Ausgestaltung, konnten ihm sehr gut schon vor der 
Pubertätsentwicklung Ekel einflößen, wagte sich doch die kultische 
Prostitution ohne Scham ans helle Tageslicht. Kaum werden jüdische 
Eltern ihr Kind über diese Einrichtungen unbelehrt gelassen haben 
und sicher hoben sie dem unsittlichen Treiben gegenüber die Rein* 
heit der jüdischen Religion hervor. Waren sie Synkretisten der 
jüdischen und der Mysterienreligion, was ich nicht versichern kann, 
aber für sehr möglich halte, so suchten sie in den rohen und haß» 
liehen Riten einen tieferen Sinn, wie es in den Mysterien stets der 
Fall war, und sie verwiesen das Kind vielleicht auf diese verborgene 
Weisheit, die ihm jetzt noch zu hoch liege. Übrigens ist die Frage, 
ob die Eltern des späteren Apostels den Mysterienreligionen mehr 
wohlwollend oder ablehnend bis zur heftigsten Bekämpfung gegen- 
überstanden, für unsere psychologische Auffassung nicht von maß- 
gebender Bedeutung. Das wahrscheinlichste ist allerdings ein gelinder 
Synkretismus auf ihrer Seite, aber mit starker Bevorzugung der 
jüdischen Elemente. 

Paulus selbst schildert seine entscheidenden Erlebnisse der 
ersten Periode mit den Worten: »Die Sünde hätte ich nicht erkannt, 
außer durch das Gesetz <des Mose). Denn die Begierde hätte ich 
nicht gewußt, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Laß dich nicht 
gelüsten. Indem aber die Sünde einen Anlaß gewann am Gesetz, 
wirkte die Sünde in mir alle Begierde , denn ohne Gesetz war die 
Sünde tot. Ich aber lebte einst ohne das Gesetz/ als aber das 
Gebot kam, lebte in mir die Sünde auf, ich aber starb, und es 
erfand sich, daß das zum Leben bestimmte Gebot zum Tode wurde« 
<Röm. 7, 7-10>. 

Hieraus folgt: Paulus erlebte eine Periode kindlicher Unschuld 
und Unversuchtheit, die erst durch das Bekanntwerden mit dem 
mosaischen Gebot ein Ende nahm. Und zwar trug das zehnte 
Gebot Gelüste in den Knaben, der bisher von böser Lust un- 
behelligt geblieben war. Im zehnten Gebot war es aber sicher nicht 
das Verbot des Neides auf schöne Häuser, Ochsen, Habe, sondern 
jedenfalls das Verbot des Gelüsten, das gemeinhin unter der bösen 
Lust verstanden wird und im Gelüsten nach des Nächsten Weib 



272 Dr. O. Pfistcr 



im zitierten Gebote besonders illustriert wird. Jedermann weiß, daß 
Knaben auch ohne das mosaische Gebot von klein auf dem Neid 
unterworfen zu sein pflegen, so daß also nicht erst ein Verbot die 
Aufmerksamkeit auf begehrenswerte Gegenstände richtet und das 
Begehren nach ihnen weckt. Dagegen ist jedem Erzieher bekannt, 
daß noch heute das zehnte Gebot neben dem siebenten (Verbot des 
Ehebruchs) bei manchen Kindern das Augenmerk auf geschlechtliche 
Dinge hinwendet und das erste bewußt bleibende sexuelle Gelüsten 
hervorruft. Warum sollte es bei Paulus nach seinem angeführten 
Geständnis anders gewesen sein? Täte man seiner Ehre dadurch 
Abbruch? Oder findet jemand eine plausiblere Erklärung seiner 
Aussage? 

Wie viele Knaben erleiden noch jetzt, und zwar nicht ganz 
selten unter dem Einflüsse der alttestamentlichen Geschichte oder 
des Beichtstuhles eine ebensolche Aufrüttelung der Sexualität! Be- 
sonders bei beginnender Pubertätsentwicklung werden solche Inhalte, 
auch wenn sie früher kalt ließen, stark gefühlsbetont. 

Auch der Ausdruck: »Als das Gebot kam, lebte in mir die 
Sünde auf und ich starb«, geht gewiß nicht in erster Linie auf 
Sünden, die aus Gelüsten nach fremder Habe stammen, sondern, 
wie die Beobachtung lebender Knaben beweist, auf die andere von 
Paulus angedeutete Gruppe von Fehltritten und unerlaubten Phan- 
tasien. In vielen Hunderten von Analysen maximalen Schuldgefühls 
erwies sich neben verdrängten Todeswünschen gegen die Eltern das 
wirkliche oder nur in der Vorstellung vollzogene Sexualdelikt als 
die stärkste Triebfeder. Von verdrängten Todeswünschen ist jedoch 
bei Paulus nichts nachzuweisen. Kleinere Sünden, die sicher nicht 
erst durch die Begegnung mit dem mosaischen Gebot hervorgerufen 
wurden, bewirken sicher nicht einen Seelentod. 

Des Paulus Geständnis besagt somit: Erst durch die Warnung 
des Gesetzes vor ehebrecherischen Gelüsten wurde dieses bei ihm 
erregt und es trat ein Zustand des Geistestodes ein. In Überein- 
stimmung damit warnt er: »Wenn ihr nach dem Fleische lebt, so 
werdet ihr sterben müssen« <Röm. 8, 13). So wenig wie an der 
früheren Stelle, ist hier vom physischen Tod die Rede. Wir werden 
uns sehr bald mit dem Begriff des Fleisches etwas näher ausein- 
anderzusetzen haben und unsere Hypothese bestätigt finden. 

Wie bei sehr zahlreichen Heranwachsenden, die eine reli- 
giöse Bekehrung erleben, hängt auch die des jungen Paulus offen= 
bar mit Konflikten der Pubertätsentwiddung zusammen l . Daß lange 
Kämpfe voller Depressionen, Angstgefühle, unerfüllter Hoffnungen für 
ihn auszufechten waren, läßt sich ex analogia mit Sicherheit annehmen. 

1 Sogar statistisch läßt sich die Tatsache dieses Zusammenhanges nach- 
weisen, vgl. Starbuck, Psychology of Religion. Ein Zetergeschrei, wie es gegen 
Berguer erhoben wurde, als er auf die Möglichkeit derartiger Bntwicklungs- 
Vorgänge im Leben Jesu hinwies, löst die psychologische Frage nicht, sondern 
bildet nur ein betrübendes Zeichen der Unfähigkeit zu psychologischem Denken. 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 273 



Das nächste, was wir erfahren, ist der Bericht der Apostel- 
geschichte, daß Paulus noch in früher Jugend <Apg. 26, 4) nach Je- 
rusalem und in die Schule des Gamaliel kam <32, 3>, wo er mit 
allem Fleiß im väterlichen Gesetz unterwiesen wurde. »Wie mein 
Lebenswandel von Jugend auf und von Anfang an unter meinem 
Volke, besonders in Jerusalem, war, das wissen alle Juden« <26, 4>. 
Sehr oft sehen wir Knaben, die von sündlichen Begierden gequält 
werden, mit großer Inbrunst und Sehnsucht diesen weg einer reli- 
giösen Höherleitung ihrer Lebensenergien einschlagen. Daß Paulus 
von seinem Vater zum Rabbi bestimmt und nach Jerusalem gebracht 
worden sei, wie Holtzmann <Meyers Konvers.=Lex.> behauptet, steht 
nirgends in der Bibel. Mir ist viel wahrscheinlicher die Annahme, 
daß Paulus selbst den Wunsch aussprach, daß er nach Jerusalem 
verbracht werde, weil er sich vom religiösen Leben der geistlichen 
Metropole Erlösung aus seinen religiösen und sittlichen Nöten ver- 
sprach. Die Eltern waren nach den früher begründeten Vermutungen 
vielleicht zu synkretis tisch und zu wenig gesetzesstreng, um ihren 
Sohn der Schriftgelehrsamkeit zuführen zu wollen. 

Daß Paulus ein Schüler Gamaliels war, halte ich nicht mit 
Pfleiderer für unwahrscheinlich. Die milden Eltern, besser gesagt, die 
Inhaber der elterlichen Gewalt entschieden sich am liebsten für 
diesen duldsamen und gefeierten Mann, der in der Diaspora be- 
sonders angesehen war. Die spätere Strenge des Schülers^ spricht, 
wie bemerkt wurde und täglich aufs neue festzustellen ist, in keiner 
Weise dagegen. Ich kenne eine Anzahl liberal erzogener Jünglinge, 
die infolge seelischer Konflikte katholisch werden wollten und streng- 
gläubig wurden. Die Annahme: Wie der Lehrer, so der Schüler, 
trifft gar nicht immer zu. 

Die Gründe, aus denen Paulus auch bei mildester Unter- 
weisung ein Zelot werden mußte, können wir ausfindig machen. 
Wir wissen, daß Paulus die ersehnte Erlösung nicht fand. Im 
Gegenteil trat eine Verschärfung der seelischen Not ein. Die Sünde 
wurde durch das Gesetz erst recht übermäßig sündlich <Röm. 7, 13>. 
Gegen das Gesetz erhob sich jene übermächtige Gewalt, die Paulus 
»das Gesetz in den Gliedern« nennt <Röm. 7, 23> und als im Fleisch 
lokalisierte, von ihm untrennbare Macht beschreibt. Offenbar redet 
Paulus von jenen Trieben, deren Mißbrauch man als Sünden des 
Fleisches noch heute zu bezeichnen pflegt. Schon 1. Mos. 2, 24 ist 
proklamiert, Mann und Weib sollen »le basar ediad«, »zu einem 
Fleische« sein. An zahlreichen Stellen des Neuen Testamentes 
werden, wie Jülicher angibt, Akte des Geschlechtslebens mit Hilfe 
des Wortes »Fleisch« umschrieben <Art. »Fleisch« in Die Rel. in 
Gesch. u. Gegenw., Sp. 91 1>. Viel entschiedener verlegte der Helle- 
nismus den Sexualtrieb in die Fleischlichkeit. Der energische Paulus 
litt also unter demselben Kampf, der unzählige gerade der Besten 
in schwere Not und religiöse Bekehrung führte. Diesen Weg gingen 
ein Augustin wie ein Luther, ein Ewingli wie unzählige Fromme 

Imago VI/? 1 8 



274 Dr. O. Pfister 



der alten, mittleren und neueren Kirchengeschichte, so mancher Bvan- 
gelist der Gegenwart. Es wäre ein Zeichen niederträchtiger und un= 
paulinischer Gesinnung, in der Feststellung dieses unleugbaren Tat* 
bestandes eine Verkleinerung jener Mensdien, unter denen wir eine 
Anzahl der Größten und Edelsten wahrnehmen, erblicken zu wollen. 

Aber nennt Paulus nicht selbst Gal. 5, 19 als Werke des 
Fleisches eine Reihe von Delikten, die mit dem Sexualleben in keiner 
direkten Verbindung stehen? Er gibt an: »Offenbar aber sind die 
Werke des Fleisches, welche sind Unzucht, Unreinheit, Üppigkeit, 
Bilderdienst, Giftmisdierei, Feindseligkeiten, Zorn, Zank, Spaltungen, 
Parteiungen, Neid, Mord, Trunkenheit, Völlerei u. dgl.« Man sieht 
sofort, wie sehr die Sexualübertretungen betont sind. Holtzmann 
betont, daß Sinnlichkeitssünden den Fehlerkatalog eröffnen und 
schließen, sie nennt er die Kerntruppe im Lager des Bösen <II, 47). 

Wenn neben den eigentlichen Vergehen gegen die sexuelle 
Reinheit noch andere mit dem Fleisch in Zusammenhang gebracht 
werden, so ist dies psychologisch verständlich. Schon der Begriff des 
Fleisches ist nicht eindeutig auf die Genitalität festgelegt, sondern 
erstreckt sich auf die ganze Leiblichkeit. Sein psychisches Korrelat, 
die »Begierde« (&-uttv[.Ua, libido) bezieht sich genau parallel auch 
nicht auf die Geschlechtsbegierde allein, sondern auf jedes niedrige 
Begehren. Aber daß erstere zur Entstehung qualvoller Konflikte in 
bezug auf Ausdehnung und Grad weit mehr beiträgt, als abgesehen 
vielleicht vom Alkoholismus), andere Körperbegierden, liegt auf 
der Hand. Daß somit das »Gesetz in den Gliedern«, wenn auch 
nicht ausschließlich, so doch vornehmlich die sexuellen Versuchungen 
bezeichnet, läßt sich nicht verkennen. , 

Die schrecklichen Niederlagen im Kampf zwischen Geist und 
Fleisch hatten schwere und schmerzliche Folgen. Zunächst bereitete 
sich das Insuffizienzgefühl auf das ganze Leben aus. Man hat darauf 
aufmerksam gemacht, wie seltsam es sei, daß Paulus die Unmög- 
lichkeit der Erfüllung des Gesetzes so stark unterstreiche, wo doch 
gerade ein kasuistisches Gebot mit seinen luciden Einzelforderungen 
am leichtesten zu erfüllen sei. Dasselbe könnte man von Luther und 
der Mönoherei sagen. Das Rätsel löst sich einfach aus der so 
häufigen Expansion der sexuell bedingten »sentiments d'incomple- 
tude«. Einen derartigen Fall, der bis zur abulie vorrückte, habe ich 
in meinem Buche, »Die psychanalytischc Methode«, S. 456, ge- 
schildert 

Eine weitere Folge war das bei Hysterikern so häufige Angst- 
gefühl, das sich bei religiösen Naturen mit dem Schuldgefühl amal- 
gamiert und den Sündendruck steigerte. 

Aber sind wir auch sicher, daß Paulus schon vor der Bekannt- 
schaft mit den Christen an religiöser Angst litt? Dürfen wir den 
Notschrei vom »elenden Menschen«, der sich nach Erlösung vom 
Leibe dieses Todes sehnt <Röm. 7, 24) auf diese Epoche beziehen? 
Ein Rückschluß gestattet es in der Tat. 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 275 



Ausgemacht ist der Fanatismus des Christenverfolgers, aus** 
gemacht seine vorherige Zugehörigkeit zu den Pharisäern. Das Eifern 
des jungen Mannes verrät uns nach unserer psychologischen Vor*» 
bereitung, daß jene Mächte, die den jüdischen Fanatismus schufen, 
in ihm besonders stark gewaltet haben müssen. Welche Gewalten 
und Motive sind es nun, die den Zwang des Zeremonialismus und 
Buchstabenglaubens zustande bringen? — Freud machte auf die 
genaue Übereinstimmung des religiösen Zwanges und der Zwangs- 
neurose aufmerksam. In beiden Fällen wird einer Vorstellung oder 
Handlung, die dem Außenstehenden unbegründet, ja sinnlos, abstrus 
erscheint, der Charakter einer ungeheuer wichtigen Größe beigelegt. 
Hier wie dort wird der Vollzug der Vorstellung oder Handlung als 
eine Verpflichtung empfunden, deren Verletzung starkes Angstgefühl, 
die Befürchtung schwerer Strafe nach sich ziehen müßte. In Zwangs* 
neurose und Religionszwang vermutet man hinter dem Gebote eine 
unheimliche Macht, die auch vom Zwangsneurotiker oft als eine 
übernatürliche, dämonische betrachtet wird. Die meisten oder doch 
sehr viele Zwangsneurotiker bilden übrigens eine Privatreligion aus, 
die sie meistens wie ihre Krankheit überhaupt verbergen. Den 
Hintergrund bildet stets Angst, die beim Auftreten des Zwanges 
selten fehlt. Oft sucht der Zwangsneurotiker seinen abenteuerlichen 
Verrichtungen eine rationale Begründung zu geben, die dem Zu- 
schauer selbstverständlich auch bei imponierendem Scharfsinn nicht 
genügen kann, da sie die wahren Motive, die unter der Bewußt- 
seinsschwelle liegen, ignoriert. Ähnlich der Orthodoxe und Zere- 
monialist. Auch darin liegt eine Übereinstimmung, daß die neurotische, 
wie die religiöse Zeremonie symbolischer Natur sind/ in der Taufe, 
wie im Kultusmahl erblicken wir Verrichtungen, die ebensowohl auf 
rein pathologischem, wie auf religiösem Boden vorkommen können 
<vgl. auch Wasch- und Eßzwang). Vor einem groben Irrtum sind 
Laien, die von der Psychologie der Neurose und der Frömmigkeit 
nichts wissen, ausdrücklich zu warnen: Mit dem Gesagten ist selbst- 
verständlich nicht gemeint, daß die Sakramente auf eine Stufe mit 
den krankhaften Zeremonien zu setzen seien, obwohl auch diesen 
eine große Zweckmäßigkeit neben Unzweckmäßigkeiten innewohnt. 
Das Sakrament und das religiöse Symbol sagen auch nach Wegfall 
des Zwangscharakters allgemein wertvolle Wahrheiten, die wir aus- 
sprechen können und lassen uns neue Lebenskräfte ahnen, die wir 
im Worte nicht ausdrücken können. Auch der pathologische Zwang 
bringt etwas Unsagbares zum Ausdruck, aber es ist nur eine 
private Angelegenheit, nicht eine tiefsinnige Erkenntnis oder große 
ethische Sehnsucht. Darum ist der gewöhnliche Zwang nur seinem 
Träger inhaltlich wertvoll. Unterscheiden wir daher religiösen 
una pathologischen Zwang sorgfältig! Betonen wir auch einen 
Fundamentalunterschied: Die Zwangsneurose ist vorwiegend, off 
ausschließlich, Eigendichtung und führt zu Isolierung/ die religiöse 
Zwangsproduktion ist kollektiv bedingt, meistens durch lange Über- 

18» 



276 Dr. O. Pfister 



lieferung, und geht auf Gemeinschaft aus. Ziehen wir diese Unter- 
schiede ab, so bleibt noch immer sehr viel des Gemeinsamen übrig: 
Der Zwang, die Angst vor der Unterlassung, die Lust bei Voll- 
ziehung der Handlung oder Vorstellung, die Beugung unter eine 
unheimliche Autorität, der symbolische Inhalt, den man oft, nicht 
immer, rational zu begründen versucht. In dem hervorspringenden 
Unterschied, daß jeder nichtreligiöse Zwangsneurotiker sich isoliert, 
der religiöse dagegen Gemeinschaft sudit, erkennen wir schon rein 
biologisch den teleologischen Charakter der Religion. 

Auch die Ursachen des Zwanges sind überall dieselben: Stets 
liegt eine Stauung der Lebensenergie vor, die meistens, aber gewiß 
nicht immer, eine im engeren Sinn sexuelle Hemmung darstellt. 
Ausnahmslos sind gewaltige Lebensansprüchc an ihrer Verwirklichung 
gehindert, heiß begehrte Triebbetätigungen verwehrt oder versagt 
worden. Solche Triebeinschränkungen finden wir im nachexilischen 
Judentum (Entstaatlichung, Ausschaltung der Liebe aus der Frömmig- 
keit, strenge Pädagogik, Bindung der Kinder an die Eltern etc> und 
im Mittelalter mit seiner Gottesferne, seiner asketischen Moral, seinem 
Verzicht auf Selbstbestimmung <Gebot des Gehorsams), Verzicht 
auf Ehe und Besitz, Ideal des mönchischen Lebens. Die altprote- 
stantische Orthodoxie ging Hand in Hand mit den Sittenmandaten 
und der Unterdrückung der unteren Stände. Umgekehrt hört der 
Zwang überall auf, wo die Schranken der begehrten Lebensfunktion 
fallen und die Lebensenergie sich frei betätigen kann. Der religiöse 
Zwang wird dadurch überwunden, daß die Liebe sich in sublimster 
Weise betätigen kann, und zwar in ethischer, wie in religiöser Hin- 
sicht. Ein neues religiöses, wie ethisches Lieben brachten Jesus, die 
Reiormation (Authebung des Zölibates, Gewissensfreiheit, neue 
Stellung zur Welt), der Pietismus usw. 

Bevor dieses Ventil einer Energieverwendung, die maximale 
Produktivität im besten Sinne ermöglicht, gefunden wird, sucht der 
religiöse Zwangsneurotiker Entladung seiner inneren Spannungen in 
der Ausübung seiner Orthodoxie und seiner Riten. Je stärker die 
Stauung, desto fanatischer diese religiösen Leistungen. le stärker 
Paulus unter dem übergewaltigen Gesetz des Fleisches litt, desto 
eifriger suchte er das Heil in Werken des Gesetzes, wie Luther 
und die Riesenarmee ehrlicher Mönche in ihren Übungen Erlösung 
suchten. Und sie fanden auch Erleichterung, sogar manchmal äußerst 
hohe Lustwerte, Verzückungen, denen aber immer große Pein auf 
dem Fuße folgt. Ein von mir untersuchter Zungenredner fand ebenso 
große Erleichterung, wenn er ekstatisch Glossolalie trieb, als wenn 
er in unbekannten Schriftzügen mit rasender Schnelligkeit automatisch 
ein Buch schrieb. Er überließ sich einfach dem inneren Zwang. Der 
religiöse Eifer ist somit ein Gradmesser der inneren Stauung. 

Man darf nicht annehmen, daß Paulus in seinem Zelotismus, 
der nach Gal. 1, 14 den vieler Altersgenossen übertraf, glücklich 
gewesen wäre. Höchste Wonnen finden wir vorübergehend nur dort, 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 277 



wo der Liebesanspruch in himmlischer Minne sich austobt. Der No- 
mismus dagegen gestattete nur eine derart indirekte Betätigung der 
primären Ansprüche, daß ein Sättigungsgefühl sich niemals durch- 
setzen konnte. Es blieb die Bedrängnis durch das Gesetz in den 
Gliedern, es blieben die Niederlagen in diesem Kampfe, es blieb 
das Gefühl der Unzulänglichkeit, es blieb trotz der peinlichen Korrekt- 
heit in der Ausübung der Gesetzesvorschriften, ja eigentlich im Wider- 
spruch mit ihr das Gefühl, unter Gottes Zorn zu stehen und sein 
Gesetz nicht halten zu können. Letztere Gewißheit ist auch ganz 
richtig, wenn wir es statt auf das mosaische auf das der mensch- 
lichen Natur eingeprägte Gesetz beziehen. 

Als ungesättigter, von innerer Not zermarterter Mensch kam 
Paulus mit den Christen und ihrer Lehre in Berührung. Nun ver- 
stehen wir die maßlose Heftigkeit, mit der er ihnen entgegentritt. Sie 
entwerteten das Gesetz, das ihm einzig und allein Linderung in 
seiner schweren Bedrängnis verschaffte. Seine Wut ist die des 
Zwangsneurotikers, der auf die leiseste Hinderung seines Zere- 
moniells mit einem Wutausbruch reagiert, der zum äußeren Anlaß 
in keinem Verhältnis steht. Wer sich die psychologische Situation 
jener Bedauernswerten klar macht, versteht die Notwendigkeit und 
relative Zweckmäßigkeit dieser Reaktionen. Jesus und die Christen 
forderten Liebe und nur Liebe. Paulus konnte als echter Hysteriker 
vor der Bekehrung nicht vollkommen lieben, das machte ja eben sein 
Leiden aus. Obwohl er nicht wie Jesus durch eine große Sendung 
gebunden war, obwohl ihn die äußeren Lebensverhältnisse in keiner 
Weise hinderten, sehen wir ihn noch um sein dreißigstes Jahr un- 
verheiratet. Dies ist symptomatisch gewiß nicht gleichgültig. Wir 
finden eine eigentliche Absperrung gegen die Ehe bei vielen, deren 
Kampf mit dem Fleisch auf neurotischer Basis geführt wird. Der 
ethisch und biologisch zweckmäßige Weg, der allein völlige Befreiung 
verschafft, ist ihnen verrammelt. 

Aber auch die Ablenkung der Lebensenergie in altruistische 
Leistungen war dem Pharisäer Paulus großenteils versagt. Ein Mensch 
von normaler Nächstenliebe wäre nicht zum grimmigen Verfolger 
geworden. Gewiß waren starke altruistische Neigungen in dem 
späteren Apostel von jeher vorhanden, aber ihre Betätigung kam 
infolge der inneren Bindung nicht zustande. Die Zwangsreligion ab- 
sorbierte sie, soweit er sie nicht in Haß verwandelte. 

Der Haß auf Jesus hat noch besondere Quellen. In Jesus 
erschien etwas, das dem Paulus entschieden kongenial war und ihn 
ansprechen mußte, vor allem Liebe zu allen Menschen, sogar den 
Heiden. Allein um dieser Liebe Lebensziel zu erreichen, hätte er 
enorme Opfer bringen müssen. Was er mit gewaltiger Anstrengung 
sich angeeignet hatte und als sein summum bonum schätzte, die 
ganze Flucht in die Zwangsreligion hätte er aufgeben und von 
vorne anfangen müssen. Vor dieser Aufgabe schützte ihn die Wut 
auf den Neuerer. Es ist der bekannte Neurotikerhaß gegen den 



278 Dr. O. Pfister 



Arzt, den der Kranke noch kaum oder gar nidit gesehen hat, der 
Haß des Alkoholikers gegen den abstinenten Seelsorger. Wir müssen 
auch die grausame Lust des Verfolgers als eine libidinöse Funktion 
in Rechnung setzen selbst dann, wenn im Bewußtsein des Paulus 
der Schergendienst als etwas zu verabscheuendes erschienen wäre, 
was nicht ausgeschlossen ist. 

Neben dem Haß auf die Zerstörer der einzigen genußreichen 
Triebbetätigung, der nomistischen und neben der damit zusammen- 
hängenden, notgedrungenen Ablehnung einer verlockenden altruistischen 
Perspektive redet aus dem Fanatismus des Paulus der Wunsch, die 
innere Unzulänglichkeit zu überkompensieren. Wer eine Lebens- 
forderung nicht ausführen kann, tut dafür auf anderem Gebiet desto 
mehr des Guten. Man weiß, was hinter Naturfanatismus oder 
extremer Prüderie steckt. Paulus kann dem Gesetz des Fleisches 
nicht widerstehen und leidet nun unter dem Gefühl, unfromm zu 
sein. Um so leidenschaftlicher benützt er die Gelegenheit, an einem 
anderen Orte, wo er nicht gebunden ist, seinen Eifer für Gott zu 
manifestieren. Der Hysteriker liebt das Demonstrative. War nun 
die Gelegenheit nicht außerordentlich günstig, die Unzulänglichkeit 
in der einen Hinsicht durch eine Extraleistung dort, wo sie mög- 
lich war, vor Gott, der Welt und sich selbst zu überkompensieren, 
nämlich in Verfolgung der »Gottes- und Gesetzesfeinde«? 

Das Gesetz selbst begünstigte diese Handlungsweise. Der Ge- 
setzesübertreter sollte aus der Gemeinde ausgetilgt werden <z. B. 
3. Mos. 20/ 23, 30). Jesus blieb nicht beim Buchstaben des Gesetzes, 
er hing gerichtet am Pfahl, folglich war er ein Verfluchter <Gal. 3, 
10 und 13). In dem Gesetzesübertreter Jesus haßte Paulus den 
Gesetzesübertreter in sich selbst, in den Anhängern dieses Gerichteten 
verfolgte er den Übeltäter in der eigenen Brust. 

Jetzt sind wir auch in der Lage, die Theologie und Anthro- 
pologie des Paulus ein Stück weit auf ihre eigentlichen Wurzeln 
zurüdczuführen. Die rationalistische Psychologie, die einfach mit 
Holtzmann von Entlehnungen aus Judentum und Hellenismus redet, 
läßt das wichtigste außer acht: Nämlich, warum Paulus gerade die 
und die Elemente annahm, jene aber abstieß und andere Vor- 
stellungen ganz neu bildete. Paulus mußte die Gesetzlichkeit Gottes 
auf die Spitze treiben, weil es seiner religiösen Zwangsneurose ent- 
sprach: Die Abkehr von der Realität und Hinwendung ins Rab- 
binische und Sakramentale paßte vortrefflich zu seiner Verdrängung 
der Fleischesmacht, welche Flucht aus der Wirklichkeit ich an zahl- 
reichen Beispielen bei Lebenden nachwies <Die psychanalyt. Meth., 
85, 173, 266, 487). Von der Forderung eines Opfers wird später 
die Rede sein. Wir verstehen nun auch, warum Paulus sich den 
hellenistischen Begriff der sarx aneignet, entsprach er mit seiner auf 
der ganzen Welt verstandenen und in den Parallelismen von Fleisch- 
und Sexualverboten oft verwendeten Symbolik trefflich inneren Er- 
fahrungen über das Sexualleben. Es ist auch psychologisch richtig. 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 279 



daß die Fehler in Sachen des Fleisches sich leicht über die anderen 
Seelenerlebnisse ausbreiten und andere Delikte nach sich ziehen. Es ist 
zuverlässig nachgewiesen, daß Zwangslügner, Zwangsdiebe, Zwangs« 
brandstifter, Zwangsjähzornige u. a. Fehlbare meistens solche sind, 
die dem »Gesetz des Fleisches« verfielen, sich dagegen auflehnen und 
in ihrem Fehltritt unwissentlich ein Kompromiß schließen, indem sie das 
Fleischesgesetz symbolisch und an einem anderen Objekt erfüllen 
<Die psychanalyt. Meth., 71 f., 174>. Es ist also ganz richtig, wenn 
man angibt, das Schuldgefühl des Paulus beziehe sich nicht nur auf 
sexuelle Übertretungen, aber damit ist nicht gesagt daß die Sexualität 
an ihnen unbeteiligt sei. Nach dem organischen Zusammenhang der 
seelischen Funktionen ist die gänzliche Ausschaltung des Sexuellen 
bei hochwichtigen Entscheidungen von vornherein unwahrscheinlich. 
Die Analyse hochgradigen, besonders pathologischen Schuldgefühls 
beweist aber die sexuelle Bedingtheit namentlich der Ueluhlsbetonung 
ebenso deutlich, wie die Mitwirkung anderer Motive. 

Was erzielte Paulus mit seinem Kampf gegen die Christen? 
Die Beschwichtigung der inneren Not mißlang gänzlich. Die Schergen- 
arbeit schuf nur neue Beunruhigung, denn Paulus war im Orunde, 
wie wir schon bemerkten, eine zum Lieben geschaffene Natur. Das 
Verhör der Gefangenen ergab nichts belastendes außer dem Glauben 
an den Christus. Auch im jüdischen Sinn war das Leben dieser 
Leute untadelig. Sie erbauten sich in der Synagoge und hielten das 
Gesetz, Und doch war in ihnen ein anderer Geist: eine lodernde Liebe 
gegen Gott und alle Menschen, sogar die Feinde, eine leuchtende das 
ganze Leben verklärende Hoffnung, ein tiefer Friede trotz der äußeren 
Gefahr, aber nicht als Überbau auf stoischer Apathie, sondern als 
Ausdruck eines aus der Kindesstellung zu Gott hervorgehenden 
Glaubens, eine königliche Freiheit, die von der Enge des Gesetzes 
zwar zunächst unvorteilhaft abstach, aber schließlich doch eine sittliche 
Spannkraft und religiöse Stimmung aufkommen ließ, die imponieren 
mußten. Bei alledem beriefen sich auch die Christen auf die Worte des 
alten Testamentes. So fand der Verfolger in den Verfolgten manches 
Große, das er nicht leugnen konnte. Er suchte es zu leugnen und redete 
sich wohl auch ein, die Christen seien dennoch Gottesfeinde und Ver- 
ächter des Gesetzes. Allein die verdrängte Furcht, er vergreife sich 
an redlichen, frommen Menschen, kehrte immer wieder Für einen edlen 
und frommen Mann war es auf die Dauer unerträglich, Menschen, die 
eifrig Gott dienten und für ihn, den grausamen Feind, beteten, zu 
greifen. Immer stärker und gewaltsamer mußte die geheime Furcht, sich 
an Unschuldigen zu versündigen und den Gesandten Gottes zu hassen, 
aus dem Bewußtsein verdrängt werden. Die geplante heilige Razzia in 
Damaskus bedeutete nur die wilde Todeszuckung des Pharisäismus. 

B. Die christliche Periode des Paulus. 

Als Paulus sich Damaskus näherte, kam es zum katastrophen» 
artigen Durchbruch der lange verdrängten Sehnsucht. Durch eine 



280 Dr. O. Pfister 



Vision wird er gleich vielen anderen Großen <Mose, Arnos, Jesaja, 
jeremia u. a.> zum Prophet. Der Ort der Bekehrung bestätigt unsere 
Beurteilung der Geistesverfassung des Halluzinanten. In die friedlich 
daliegende Stadt, aus der ein argloses Volk kam und in die ruhige 
Kaufleute einzogen, soll er grausame Verfolgung tragen. Die Span- 
nung erreicht ihren Höhepunkt. Paulus vollzieht die Flucht aus der 
peinlichen Lage ins Jenseits der Halluzination. Im Gesicht wird ihm 
dasjenige zur Wirklichkeit, wonach er sich heimlich schon lange sehnte, 
und was seiner Geistesart allein entsprach. Ihm erscheint Christus 
und löst in der Weise, die dem antiken Menschen die sublimste 
schien, nämlich durch eine supranaturale Offenbarung, den Konflikt. 
Wie in Mose und den Richtern die lange durch äußere Not zurück- 
gedrängte Liebe zum Volk, wie in Arnos die soziale Sehnsucht, so 
führten in Paulus die Enttäuschung über die Wirksamkeif der Ge- 
setzeswerke <vgl. Buddha, Luther) und der durch die Christen an- 
geregte Drang nach Liebe, Hoffnung, Heil zur inneren Erleuchtung. 
Repulsion und Attraktion wirkten zusammen. 

Es müssen aber auch noch andere Motive mitgewirkt haben. 
Aus der analytischen Beobachtung akuter Umwandlungen innerhalb 
des Seelenlebens wissen wir, daß jeder derartigen Bewegung voran- 
geht eine Stauung, daß somit auch eine Regression stattfindet. 
Hierunter versteht man eine Rückkehr oft bis ins Infantile, und zwar 
meistens eine Wiederbelebung von Vorstellungen, die in der Kind- 
heit schon vorhanden waren und durch eine inhaltliche Beziehung 
auf die gegenwärtige Situation diese letztere in einem freundlichen 
Lichte erscheinen lassen Daß dieser unbewußte Rekurs auf die 
Kindheit zum Zweck der Beruhigung und mutigen Neuanpassung 
an die Gegenwartsaufgabe wirklich bei jeder beträchtlichen Lebens- 
hemmung stattfindet, kann hier unmöglich bewiesen werden, da viel 
Material zur Argumentation nötig wäre <Die psa. Meth. S. 193 ff.>. 
Von der unangenehmen Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Dar- 
lehens kann man in einer monographischen Darstellung, wie der 
gegenwartigen, nicht Umgang nehmen. 

Lassen sich nun bei Paulus in seinen Bekehrungsinhalten 
Elemente aufdecken, die aus einer infantilen Stufe herrühren könnten 
und jetzt eine Neubelebung erführen? Vergessen wir, indem wir so 
fragen, nicht, daß es sich um unbewußte Wiedererweckung handelt, 
nicht um einen wirklichen Reflexionsakt. Findet sich in der Psyche 
««Bekehrten im Augenblick der Wandlung ein Inhalt, der schon 
in der Kindheit irgendwie vorhanden war, jetzt aber eine deter- 
minierende Bedeutung gewinnt? 

n j 9 ie Messiashoffnung «1er jüdischen Religion war ein solcher 
Uedanke. Wir wissen aber nicht sicher, ob ihn Paulus als Kind 
m u tC ' ? entrum der Frömmigkeit, die Paulus in seiner Kindheit 
ablehnend oder mit heimlicher Ehrfurcht oder, was das wahrschein- 
lichste ist, mit synkretistischer Zu- und Abneigung zugleich kennen 
mußte, war der sterbende und auferstandene Gottheiland. Bei den 



t 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 281 



Christen begegnete ihm auch ein gestorbenes und auferstandenes 
Wesen, das im Himmel wohnte. Eine gewaltige Steigerung dieses 
Christus der Urchristen ist bei dem bekehrten Christenverfolger un- 
verkennbar, und diese Überwertung bewegt sich in ganz unjüdischen 
Bahnen, obwohl der Messiasname beibehalten wird. Doch sofort 
wird uns die Apotheose Jesu verständlich, wenn wir uns der Tat- 
sache der Regression ins Infantile erinnern. Das sterbende und auf- 
erstandene Gottwesen der Mysterien, in deren räumlicher Nähe 
Paulus aufwuchs, muß die Bekehrung Paulus zum übermenschlichen 
Christus im Unbewußten vorbereitet haben. An eine schon anfangs 
bewußte Kombination des christlichen Jesus mit dem heidnischen 
Gotthelden ist nicht zu denken. Die Bekehrung vollzog sich nicht 
auf dem Weg des Grübelns, sondern in Form der Inspiration. 
Ebenso wäre es ganz falsch, zu behaupten, der paulinische Christus 
sei nur eine Neuauflage der Mysterien. Daß Paulus an eine Offen- 
barung Gottes an die Heiden glaubt, ist bezeugt <Röm. 1, 19>. Ge- 
nug, daß bei der Regression die Infantilvorstellung, die einst so viel 
zu denken gab, mitbestimmend zur Geltung kam. 

Ein wesentlicher Unterschied vom Mysterienglauben ist die 
Vergottung einer zeitlich nahen historischen Persönlichkeit.. Allein 
könnte nicht auch diese Vorstellung infantile Determinanten besitzen? 
Von der Apotheose Cäsars, vom Kaiserkultus hörte der Knabe 
Paulus sicherlich. In der Übernahme solcher Vorstellungen, so un- 
jüdisch sie waren, erwiesen sich die Diasporajuden immer sehr ge- 
schmeidig. Warum sollte also Paulus nicht als Kind mit scheuem 
Respekt von diesen Dingen vernommen haben? 

Und trotzdem wäre es ganz falsch, in dieser rein kausalen 
Betrachtung eine zureichende Motivierung der Christusfrömmigkeit 
erblicken zu wollen, und wer es täte, versündigte sich wider alle 
psychologische Erfahrung. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist 
unvergleichlich viel mehr, als der gestorbene und auferstandene Gott 
der Mysterien, vermehrt um die Attribute des jüdischen Messias. 
Es ist vor allem die durch Jesus gepredigte und verkörperte Liebe 
zu Gott und den Menschen und die in ihnen liegende Gotteskraft 
und Gottesoffenbarung, was den paulinischen Christus von jenen 
Mythologemen scharf unterscheidet. Diese Determinante ist stärker 
als die jüdische und hellenistische, so daß Paulus mit Recht betonen 
darf, daß er Judentum und Griechentum trotz größerer Ähnlichkeiten 
mit ihrer Lehre grundsätzlich überwunden habe <1. Kor. 9, 20 f., 
Rom. 3, 9, Gal. 3, 28>. 

Für die christlichen Zentralmotive konnte er nur darum er- 
glühen, weil sie keimhaft in seiner Seele schlummerten aber durch 
den Kampf mit dem >Fleisch« an ihrer normalen Entwicklung 
verhindert worden waren. Dieser Liebesdrang, der in zwangs- 
neurotische Kultusbahnen geraten war, ließ sich durch allen Fanatis- 
mus nicht völlig überschreien. Der Versuch, ihn durchzusetzen, um 
Gerechtigkeit nach dem Gesetz zu erlangen, scheiterte. Die Aufnahme 



282 Dr. O. Pfister 



Christi gab der altruistischen Tendenz Gelegenheit, sich zu betätigen. 
Sie bedeutet biologisch die Reintegrierung der durch Verdrängung 
auf zwangsneurotische Bahnen gedrängten Liebe, oder die Erlösung 
zur freien religiös-sittlichen Betätigung. In Christus fand Paulus die 
Möglichkeit, sein durch den Nomismus mißhandeltes Lebens* und 
Liebesbedürfnis zu stillen. Die Libido im Sinne Freuds wird aus 
den neurotischen Zwängen herausgezogen und den der Natur des 
Paulus entsprechenden Leistungen zugeführt. Dabei wurden viele 
der wertvollsten Erziehungseinrlüsse verwirklicht, denn auch Paulus 
wurde einst in humanem Geiste unterwiesen. Es ergaben sich 
grandiose Liebesmöglichkeiten, die eine herrliche Betätigung des 
Lebensdranges einschlössen. In Frömmigkeit und Sittlichkeit konnte 
er die Liebe walten lassen, während sie zuvor aus ihnen verbannt 
gewesen war. In der prachtvollen Durchführung der Liebesidee er- 
weist sich Paulus als den echten, kongenialen Geisteserben Jesu. 
Damit fiel das Motiv der Zwangshandlungen dahin, Paulus findet 
die Erlösung. Er wird zum heroischen Verteidiger der Glaubens* 
freiheit gegen die judenchristlichen Brüder und damit zum Retter 
des Christentums. Zuvor glich er dem Blatte, das einen Fluß hinab* 
fuhr, aber vom Stauwerk aufgehalten und in eine Bucht getrieben 
wurde,- hier drehte es sich beständig im Kreise herum und die Wirbel 
drohten es zu versdhlingen. Jetzt wird ihm ein neues Hindernis in 
die Kreisbahn geworfen und treibt es nach dem Ausgang der Bucht, 
wo es von der großen Strömung erfaßt und über das Stauwerk 
hin weggetragen wird. Dodi nein! Das Gleichnis läßt gerade das 
Wichtigste außer acht: Die Spontaneität der Bewegung. Paulus wird 
nicht nur getrieben, er selber drängt vorwärts. Wie er dem Gesetz 
des Fleisches zu entrinnen strebte durch die Flucht in den Nomis* 
mus, so sucht sein Unbewußtes, der beständigen Mißerfolge und 
Vergewaltigung seiner altruistischen Impulse satt, mit Hilfe der christ- 
liehen Verkündigung eine befriedigendere Kanalisation der Libido. 
Die Sublim ierungsbedürftigkeit im Sinne der höchsten jüdischen Ethik, 
ja in der Richtung der christlichen Nächstenliebe gehörte ebenso zur 
Natur des Paulus, wie die Ansprüche des Gesetzes in den Gliedern. 
Die Bekehrung entspricht daher einer inneren Notwendigkeit und ist 
nicht als Summationsprodukt aus den drei auf ihn eindringenden reli- 
giösen Strömungen, sondern als schöpferische Neubildung zu beurteilen. 
Die weitere Ausbildung der paulinischen Gedankenwelt ver* 
stehen wir nur, wenn wir ein psychologisches Gesetz zu Hilfe ziehen, 
das ich »Gesetz der Komplexumdichtung« nannte und in folgende 
Form brachte: »Wenn ein Komplex <eine gefühlsbetonte kohärente 
Vorstellungsgruppe, die ganz oder zum größeren Teil dem Un- 
bewußten verfallen ist) seine Richtung ändert, so werden die 
früheren Komplexphantasien größtenteils, vielleicht alle, einer Um- 
arbeitung unterzogen, welche die neue Komplexlage manifestiert« 
<Die psa. Meth. 339>. Handelt es sich um eine Bekehrung, also 
eine Negation früherer Triebrichtungen, so müssen die Vorstellungen, 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 283 

welche die einstige Konstellation ausdrückten, mit einem negativen 
Vorzeichen versehen werden. Und da in der Bekehrung gleichzeitig 
ein Übergang zu sublimierter Triebbejahung liegt, muß auch diese 
Veränderung in die Phantasien der früheren Periode hineingearbeitet 
werden. Auch dieser komplizierte Prozeß vollzieht sich nur zum 
kleineren Teil im Blickfeld des Bewußtseins. Er wird zum guten 
Teil unbewußt ausgeführt und geht dann ins Bewußtsein über, zuerst 
vielleicht als leise Ahnung, die sich noch nicht durchsetzen kann, dann 
aber als Gewißheit, als »religiöses Erlebnis«. Der Paulinismus ist 
zum größten Teil nicht Theologie oder Glaubenslehre im Sinne 
eines wenn auch mehr oder weniger elementaren wissenschaftlichen 
Denkens, er ist in allem Wesentlichen und Zentralen vom Un= 
bewußten konzipiert und in Gestalt religiöser Gewißheit erlebt 
worden. Religion und Theologie können bei Paulus in der Haupt* 
sache nicht getrennt werden. Weder die rabbinischen noch die 
alexandrinischen Methoden liefern abgesehen von einigen un» 
wichtigen Einzelheiten) den Schlüssel zum Verständnis der pau- 
linisch'en Theorie, sondern die Psychologie des Unbewußten. 

Wie weit Paulus seine jüdischen Vorstellungen bewußt, wie 
weit er sie unbewußt umdichtete, ist heute nicht mehr genau fest» 
zustellen. Das Ergebnis aber liegt deutlich vor uns. Folgende Vor» 
Stellungen der jüdischen Periode kehren in der christlichen mit nega* 
tivem Vorzeichen und sublimiert wieder: 

1. Die in der Erlösung zu überwindenden Mächte. 

Das Fleisch. »Die aber Christus angehören, die kreuzigten 
ihr Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden« <Gal. 5, 24). 
Es ist also tot <Röm. 8, 10), nicht zwar der physische Leib, wohl 
aber jene arge knechtende Macht, die zuvor von der sarx untrenn- 
bar gedacht wurde. Durch den mystischen Tod mit Christus erlangte 
das Fleisch jene Freiheit von Sündenmacbt, die ursprünglich nur 
dem supranaturalen Christus zukam. Der Christ ist nicht mehr 

fleischlich <Röm. 8, 9>. ,,,,«, 

Eine zweite Gegenvorstellung zum Fleischesleib bildet der pneu- 
matische Leib, auf den Paulus so viel Gewicht legt <I. Kor. 15, 16). 
Die durch Adam verschuldete Belastung wird aufgehoben 
durch die Gerechtigkeit Jesu Christi, der geradezu zum zweiten 
Adam erklärt wird <Röm. 5, 15 ff., I. Kor. 15, 45, 47) und auch 
insofern in Gegensatz zum ersten Adam treten muß, als dieser 
irdischen Ursprungs war, während der zweite Adam vom Himmel 
stammt <I. Kor. 15, 47). 

2. Den strengen, zornigen Gott des jüdischen Heloten revoziert 
der Gott der Gnade, der geschenk weise das Heil gewährt. Weinel 
erinnert daran, daß Gnade, Schenken und Verzeihen im Griechischen 
desselben Stammes sind <250>. Fehlte dem vordamaszenischen Gotte 
die Liebe, so tritt sie jetzt ins Zentrum der Gottesidee, die damit 
derjenigen Jesu recht nahe rückt <II. Kor. 13, 11), nur daß die Gottes* 
liebe theokratisch auf die Gläubigen eingeschränkt sdieint (Weinel 252). 



284 Dr. O. Pfister 



Der Gegensatz gegen den nach mosaischem Gesetzestarif handelnden 
Gott wird geradezu etwas verletzend durchgeführt, wenn die Willkür 
bis zu absichtlicher Verstockung des Menschen geht <Röm. 9, 18). 

3. So ist also auch das Gesetz des Mose seiner Würde, die 
es einst als einziges Instrument des Heils einnahm, gänzlich ent- 
kleidet. Es lockt, ohne direkt sündlich zu sein, das Böse erst her* 
vor, es bekleidet die wenig erhabene Rolle eines lästigen Zucht- 
meisters auf Christus hin und verliert vor dem neuen Organ der 
Heilsvermittlung, vor Christus, seine Gültigkeit. Es hebt sich selbst 
auf <Holzmann, II, 33>. An die Stelle des Gehorsams gegen das 
Gesetz tritt die Freiheit vom Gesetz. Die Heftigkeit, mit der Paulus 
die Teilnahme an einer jüdischen Zeremonie bekämpft, ist nur als 
Rückwirkung der Gefangenschaft unter das Gesetz zu verstehen 
<Gal. 4. 3 ff.) Die dogmatische Freiheit war in der Religionsmengerei 
der Mysterien vorgezeichnet. 

4. Der Kreuzestod Jesu, zuvor das größte Skandalon, wird 
zum größten Heilszeugen. Das Wort vom Kreuz ist fortan für Paulus 
eine Kraft Gottes <I. Kor. 1, 18>, ein Ausdruck höchster, göttlicher 
Weisheit <V. 24>. War ihm der ans Kreuz gehängte Verfluchte 
zuvor das widerlichste Ärgernis, so will er nun nichts mehr wissen, 
als Christus den Gekreuzigten und Auferstandenen <I. Kor. 2, 2). 
Dabei stellt er der einst so hochgepriesenen Menschenweisheit, dem 
einst bewunderten juristischen Scharfsinn, der ihm an den Schrift- 
gelehrten so mächtig imponiert hatte, die göttliche Torheit als das 
Überlegene gegenüber. Das Irrationale und Paradoxe trägt den Sieg 
über die Vernünftelei der Schriftorthodoxie davon. 

5. Jesus selbst, der Verruchte in den Augen des Pharisäers, 
wird zum Gotthelden, ja zum Werkzeug der Weltschöpfung. Durch 
ihn ist alles <I. Kor. 8, 6), seine Verunglimpfung wurde ein Jahr- 
tausend vor der Geburt durch tödlichen Schlangenbiß geahndet 
<L Kor. 10, 9), er trug vor seiner Geburt göttliche Gestalt <s. o.>. 

Man sieht an der paulinischen Auffassung der Gestalt Jesu 
ganz besonders schön, wie aus der bloßen Regression und Nega* 
tion der komplexbedingten Vorstellung die neue religiöse Vorstel- 
lung, in die sich die Lebensenergie stürzt, nimmermehr zu erklären 
ist. Die historische Person Jesu und ihre Nachwirkungen im Milieu 
des jüdischen Fanatikers wirkten als Determinanten und Kanalisa- 
toren der neuen Affektströmungen mit. Ja es scheint sicher, daß 
Paulus aus eigener Kraft niemals den Weg aus seiner Not ge- 
funden hätte. Allein auch das Evangelium konnte Paulus unmöglich 
tal quäle übernehmen. Jenes Gesetz der Komplexumdichtung ist folgen- 
schwer. Wäre es dem Paulus nicht möglich gewesen, es innerhalb 
der evangelischen Heilsbotschaft zu betätigen, so hätte er unmöglich 
Christ werden können. Paulus mußte ein Stüak Mysterienglauben 
und Nomismus in seine Frömmigkeit aufnehmen, um die Frömmig- 
keit Jesu sich aneignen zu können. Und diese Erlösung der Liebes- 
sehnsucht und LieDesbedürftigkcit, dieser Durchbruch der Liebe zum 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 285 

höchsten religiösen und sittlichen Leben ist das eine große Ziel. Nur 
ein psychologisch gänzlich steriler Intellektualismus kann übersehen, 
daß der Paulinismus rationaler Ausdruck erlebter, im unbewußten 
geschaffener Frömmigkeit, und nicht nur Theologie war. Diese glor- 
reiche Betätigung der Liebe gegen Gott, den Nächsten und sich selbst 
war Paulus alles, das System galt ihm soviel, als für seine Predigt 
nötig war. Seine Schwächen, zumal die Unmöglichkeit, die jüdisdh- 
nomistische und die hellenistische, also die juristische und die mystische 
Gedankenkette zu vereinigen, sah er nicht ein, da er kein eigentlicher 
Theologe im streng wissenschaftlichen Sinne war/ aber wenn man 
sie ihm aufgedeckt hätte, so hätte ihm dies kaum tiefen Eindruck 
gemacht. Er hätte einfach andere Formeln, die denselben infantilen 
Rüstkammern entstammten, als rationale Stützen seiner irrationalen 
Gottes« und Erlösungsgewißheit hervorgesucht und bearbeitet. Ob 
sie den nidit ebenso Komplexbedingten befriedigten, ist eine Frage, 
die wir schwerlich bejahen können. Dies schadet auch nicht allzu viel, 
denn auf das Endergebnis, die jesushafte Frömmigkeit, kommt es 

allein an. 

6. Noch andere Umdichtungen wären auszuführen, doch genügen 
Andeutungen: Der Gerechtigkeit aus Gesetzeswerken tritt gegen» 
über die Gerechtigkeit aus Gnade um des Glaubens willen. Der 
Partikularismus, der nur den Juden Gottes Huld zusprach, wird 
durch den Universalismus des Heils und die Verstoßung der Juden 
ersetzt (Gal. 4, 24, Hagar,- Rom. 11>. Das Rom. 7 im Ausdruck 
»Leib dieses Todes« angegebene Sterben wird zum Sterben mit 
Christus <Röm. 6, 8>, dem die Wiedergeburt der Auferstehung mit 

Christus inhäriert. 

Nicht alle Vorstellungen des Paulus erfahren eine Umdichtung 
ins Gegenteil, sondern nur diejenigen, welche der umgewandelten 
Komplexlage entsprechen. Es bleiben die Lehren von der Schöpfung, 
vom Sündenfall, vom strafenden Gott, es bleiben das Gottvertrauen, 
der Dämonenglaube und manches andere. 

Eine Sublimierung ohne Negation wurde dem infantilen Re- 
spekt vor Mysterium und Gnosis zuteil. Paulus schätzt beide hoch, 
wenn er ihnen auch die Liebe überordnet <I. Kor. 13, 2>. Er nennt 
sich einen Haushalter des göttlichen Mysteriums <I. Kor. 4. 1>, er 
braucht das Wort gnosis ganz im Sinne der antiken Mysterien 
(Reitzenstein 127>, nur füllt er es mit höheren Objekten. Er ist 
Pneumatiker nur im Sinne der Mysterienreligion und seine Selbst- 
bezeichnung ist ohne diese gar nicht zu verstehen <Reitz. 201). 
Wie unermeßlich hat er den antiken Begriff des Mysteriums be- 
reichert! Welchen Schatz christlicher Heilsgüter hat er in die antike 
Form gegossen! Wie hoch steht Christus über Attis, Adonis,- 
Dionysos^Zagreus, Osiris, Mithra! Mag auch der Begriff des 
Glaubens, des Erfülltsein von Christus mit dem Glaubensbegriff der 
Mysterien zusammenhängen, wie viel gewaltiger ist sein Inhalt! 
Die Mystik selbst als Funktion des Gefühles war unerläßlich für 



286 Dr. O. Pfister 



das Streben, die in Orthodoxie und Zeremonialismus gedrängte 
Liebe wieder ins Zentrum des Lebens aufzunehmen und zur Be- 
tätigung der wertvollsten Willenskräfte überzugehen. 



Was hat nun Paulus erzielt mit seiner Bekehrung? Wie 
weit ist es ihm gelungen, die festgeklemmte, besser gesagt: in eine 
abnorme Entwicklungsrichtung gedrängte Lebensenergie, insbesondere 
seine Sehnsucht nach Liebe einer zwecks und bestimmungsgemäßen 
Verwendung zuzuführen? 

Ohne Zweifel hat Paulus eine Umwandlung erfahren, die 
ihn den gewaltigsten und für die Menschheit wichtigsten Persönlich» 
keiten an die Seite stellt. Er gewann nicht nur eine hohe Seligkeit, 
einen tiefen Frieden, eine erstaunliche Kraft zu handeln und zu 
leiden, er erlangte auch eine für das gesamte genus humanuni nach 
mancher Richtung hin wertvolle, ja unentbehrliche Geisteswelt. In 
ihm wurden Kräfte entbunden, die ihn zum Erlöser des Christen- 
tums aus der rettungslosen Sackgasse des Judenchristentums machten. 
Durch seine Predigt klingt ein hohes Lied der Liebe zu Gott und 
den Mensdien. Er fühlt sich als freie, starke Persönlichkeit trotz 
körperlicher Seh wachheit <II. Korr. 12, 9>. Sein wahrhaft titanisches 
Wirken als Missionar beweist genügend, was für eine Fülle von 
Liebe, die bisher in unfruchtbare religiöse Zwangsübung geworfen 
worden war, durdi die unio mystica mit Christus entfesselt und 
für die Realität gewonnen wurden. Welche Entbehrungen ertrug 
er, welche Arbeitslast hat er bewältigt! 

Nun aber die Frager Hat Paulus durdi seine neue Stellung 
so viel Liebe erobert, daß wir von einer absoluten Erlösung 
reden können, einer Befreiung nicht nur im Sinne der christlichen 
Religion, die ja allerdings das Tiefste und Wichtigste ausspricht, 
sondern auch im biologischen und psychologischen Sinne, so daß wir von 
einer maximalen Erlösung reden können? Leider ist es nicht der 
Fall: Er blieb der kranke Hysteriker,- der unter seinen Anfällen 
viel litt (Gal. 4, 14,- II. Kor. 12, 7>, er blieb der Ekstatiker, der 
in Visionen <II. Kor. 12, 4), ja sogar Zungenreden <I. Kor. 12, 10, 
I. Kor. 14) die höchsten Geisteswirkungen, die erhabensten Gottes» 
geschenke erblickt. Der Zungenredner ist ihm der pneumatikos. Bis 
tief in seine Frömmigkeit und Ethik hinein erstrecken sich die be- 
dauerlichen Wirkungen der übriggebliebenen Bindung. Der Gedanke 
der nahen Parusie wäre sicher entschwunden, wenn Paulus eine 
gänzlich positive Stellung zur Wirklichkeit und ihren ethischen Auf- 
gaben gefunden hätte. Die Angststimmung, die von Stauung der 
Lebensenergie zeugt, bricht oft sehr störend hervor, z. B. in der 
Mahnung: »Wirket euer Heil mit Furcht und Zittern« <Phil. 2, 12>. 
Die falsche Berufung auf Bibelbuchstaben bei prinzipieller Eman- 
zipation von ihm sagt uns wenig zu. Der Glaube an die ewige 
Verdammnis vieler stimmt schlecht zum Gott der ewigen Liebe, wie 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 287 

zur paulinischen Lehre von der Apokatastasis mit ihrem Endsieg 
Gottes und ihrer Austilgung des Todes und des Satans <I. Kor. 15>. 

Audi die Ethik des Paulus zeugt zwar von großer Gesin* 
nung, zeigt aber Spuren einer gewissen Gebundenheit, die zur 
grundsätzlichen Freiheit nicht paßt. Keiner hat herrlicher als er die 
christliche Liebe besungen, keiner herrlicher die Früchte des göttlichen 
Geistes geschildert. Allein rückständig finden wir ihre asketische 
Ehetheorie, die Paulus nicht auf Christus zurückführt <I. Kor. 
7, 12>. Die Beurteilung der Ehe erklärt sich keineswegs allein aus 
der Erwartung des nahen Weltendes, sondern wie diese aus der 
übriggebliebenen Verdrängung, die der Kampf mit dem Gesetze in 
den Gliedern übrig gelassen hatte. Die Ehetheorie des Paulus zeugt 
von seiner fortbestehenden Hysterie <s. o.>. Wie weit der soziale 
Fatalismus, den er den Sklaven empfiehlt, und die Vergöttlichung der 
gerade vorhandenen Obrigkeit mit libidinöser Fixierung zusammen- 
hängt, wage ich nicht zu entscheiden. 

Aber auch nach Abzug der unleugbaren Reste bleibt der 
Apostel eine herrliche Erscheinung, die aus ihrer Not einen groß- 
artigen Ausweg fand und diesen nämlichen Erlösungweg vielen, ja 
vielen der Größten, die jemals unter ähnlichen inneren Nöten litten, 
erschlossen hat. Man muß nur darüber staunen, wie weit er geistige 
Freiheit gewonnen hat. Mag man den Paulinismus auch nach man» 
eher Richtung ablehnen, es bleibt eine sichere Tatsache, daß er sich 
in der Geschichte als eine ungeheure werbende und befreiende 
Macht erwiesen hat, ohne Zweifel sogar bisher als eine gewinnen» 
dere Macht wie die synoptische Frömmigkeit, der allerdings der 
wertvollste Teil von ihm entstammt. Der Grund liegt darin, daß 
Unzählige, und gerade viele der Besten, unter derselben Not leiden, 
die einst den Paulus quälte. Und wer an diesen Bindungen leidet, 
ist für die direkte Aneignung des schlichten Evangeliums nicht emp= 
fänglich, weil diesem die reiche Symbolik der Bekehrungsfrömmigkeit 
fehlt, in welcher das Unbewußte allein die Umdichtung und damit 
den Rückzug aus seiner verkehrten Entwiddungsrichtung findet. 
Für Menschen von großer innerer Freiheit bleibt das synoptische 
Christentum für alle Zeiten das Ideal, in dem sie die vollkommenste 
Entfaltung ihrer Persönlichkeit zum Eigenwesen und zum sozialen 
Wesen finden, aber für Gehemmte,- die der Wiedergeburt be= 
dürfen, ist Paulus das direkte Vorbild, an dem sie sich aufrichten, 
sei's auch durch seine Beziehung zu dem, der größer war, als 
er selbst. 

Nicht eine in alle Einzelheiten eindringende psychologische 
Analyse wollte ich geben. Auf ein Gesamtbild kam es mir an. 
Es bleiben noch sehr viele ungelöste Fragen übrig. Wer wollte ein 
Genie restlos ergründen? Auch bin ich mir wohl bewußt, daß ich 
nicht eine absolut beweiskräftige und unanfechtbare Psychogenese 
aufdecken konnte. Abgesehen davon, daß meine Argumentation sich 
auf Beobachtungen an lebenden Menschen gründet, die nicht jedem 



288 Dr. O. Pfister 



Theologen zur Verfügung stehen, sind die uns zugänglichen Mate- 
rialien recht dürftig. Wenn es mir gelungen wäre, ein in sich einheit- 
liches und widerspruchsloses Gemälde zu geben und eine Anzahl 
bisher unbeachteter Zusammenhänge aufzudecken, so bedeutete dies 
schon einen wichtigen Schritt über die bisherigen Untersuchungen 
hinaus. Ob dieser skizzenhafte Versuch — mehr will meine Arbeit 
nicht sein — gelungen sei, möge die Kritik ausmachen. 

Die Hauptgedanken unserer Ausführung seien zum Schlüsse 
noch in einige Sätze zusammengefaßt. 

1. Paulus war von früher Kindheit an den Einflüssen der 
jüdischen und der hellenistischen Mysterienreligion ausgesetzt. Es 
ist höchst wahrscheinlich, daß er schon in seiner Jugend im Eltern- 
hause oder außerhalb desselben von der bei kleinasiatischen Juden 
häufigen Synthese beider Religionen Kenntnis erhielt. 

2. Als er in seinen Pubertätsjahren zum mosaischen Gebot 
bewußte Stellung nahm, verursachte dem bisher von Anfechtungen 
unberührten Knaben das zehnte Gebot und in ihm namentlich das 
Sexualverbot heftige innere Konflikte und Nöte, die zu schwersten 
Selbstanklagen und drückendstem Schuldgefühl, ja zu einer Religion 
der Angst oder angstneurotischen Frömmigkeit führten. 

3. Die Sehnsucht nach Erlösung aus diesem Angstzustand 
führte Paulus nach Jerusalem, wo unter dem Einfluß der Gesetzes- 
religion die Frömmigkeit zwangsneurotischen Charakter annahm 
<Pharisäismus>. 

4. Symptome dieser zwangsneurotischen Frömmigkeit sind: 

a> Gesteigerter Orthodoxismus und Zeremonialismus, 
b> verzweifelte Stellung zum »Gesetz in den Gliedern 
und zum Fleisch«, auf welches in erster Linie die 
Nötigung zu wirklichen oder vorgestellten sexuellen 
Verfehlungen, aber des weiteren auch die zu anderen 
Sünden, deren Gefühlsbetonung mit jenen zusammen- 
hängt, zurückgeführt wird/ 
c> Einschränkung des ethisch-religiösen Gesichtskreises, 
daher Fanatismus. 

5. Das Christentum wurde Paulus ein Ärgernis, weil es die 
zwangsneurotischen Ventile und symbolischen Befriedigungen seiner 
verklemmten Triebe, damit aber auch die ihm allein möglichen Be- 
friedigungen seiner höchsten sittlichen und religiösen Ansprüche in 
Zweifel zog und durch ein ihm versagtes Lieben entwertete. Die 
Berufung auf einzelne Stellen des Alten Testamentes zur Recht- 
fertigung des Hasses auf Christus ist nur die Rationalisierung dieser 
tiefen Absperrung und Liebesunfähigkeit. 

6. Indem Paulus die Christen verfolgte, wollte er nicht nur 
seine religiösen Zwangssymptome <Orthodoxie und Zeremonialis- 
mus) schützen, sondern auch dem durch die Konflikte mit dem 
»Gesetz in den Gliedern« hervorgerufenen, direkt nicht zu über* 



Die Entwicklung des Apostels Paulus 289 

windenden Gefühl der Minderwertigkeit vor Gott und sich selbst 
eine überkompensatorische Leistung gegenüberstellen. 

7. Dabei aber geriet er in Zwiespalt mit den gesund geblie« 
benen Forderungen seines Gemütes, die zugleich durch Vorschriften 
des von ihm als Notanker verwerteten Gesetzes und der Propheten 
unterstützt wurden: Die Christenverfolgungen verletzten seine 
Menschenliebe und Barmherzigkeit,- die hohen ethischen und reli= 
giösen Eigenschaften seiner Opfer erregten Gewissensbedenken, 
zu deren Überwindung ein immer stärkerer Verdrängungsaufwand 
nötig wurde, bis endlich ein maximaler Spannungsgrad erreicht war. 

8. In der Halluzination vor Damaskus kam es zur Eruption 
der verdrängten Gedankenzüge, die schon längere Zeit die Sehn« 
sucht nach einem die verdrängte Liebe zur Freiheit führenden Chri= 
stus eingeschlossen hatten. 

9. Nach den Gesetzen der geistigen Kontinuität konnte die 
geistige Erneuerung nur durch Anknüpfung an irgendwie verwandte 
infantile Eindrücke, somit nur durch Wiederaufnahme jüdischer und 
hellenistischer Vorstellungen durchgeführt werden. 

10. Dabei blieben aber die christlichen Einflüsse die weitaus 
wichtigsten und herrschenden, sofern durch die Hervorziehung der 
bisher verdrängten Liebe die Zwangsneurose aufgehoben wurde, 
und die aus ihr hervorgehenden Zwangssymptome bis auf gewisse 
biblizistische Reste schwanden,- die von Jesus übernommenen Züge 
entsprechen dem verdrängungsfreien Idealzustand der religiös=ethischen 
Organisation der psychischen Energien. 

11. Die neue Frömmigkeit ist nicht als eklektische Summe der 
drei in ihr nachklingenden Religionen, sondern als schöpferische 
Neubildung zu verstehen. 

12. Die Ausgestaltung der neuen religiösen Vorstellungswelt 
vollzieht sich nach dem Gesetze der von Tiefenvorgängen abhän= 
gigen Vorstellungsbeziehung. Demzufolge können die vordamasze= 
nischen Vorstellungen in der christlichen Periode nicht liegen gelassen 
werden, sondern müssen sich antithetischen Metamorphosen unter- 
ziehen, als welche besonders hervorzuheben sind: Fleisch — pneu= 
matischer Leib, jüdischer Gott — Gott der Gnade und Liebe ,- 
das mosaische Gesetz als Instrument des Heils — als Hebel des 
Bösen/ Gesetzesgehorsam — Freiheit vom Gesetz,- das Kreuz 
Christi als Ärgernis — als Ursache und Zeichen der Erlösung und 
Beseligung/ Christus der verruchte Gottesfeind — das Werkzeug 
der Weltschöpfung, der Sohn Gottes/ Gerechtigkeit aus Gesetzes- 
werken — aus Glauben,- Auserwähftheit der Juden — Verwerfung, 
Bevorzugung der Heiden/ Leib dieses Todes — Sterben und Auf» 
erstehen mit Christus. 

13. Der Übergang zum rein historischen Christus wäre dem 
Beziehungsgesetz gemäß unmöglich gewesen,- vielmehr war die 
dogmatische Synthese des hellenistischen Gottheilandes mit der 

Imago VI/3 19 



290 Dr. O. Pfister 



jüdisch-christlichen Messiasidee notwendig, um In der neuen Fröm- 
migkeit zu leben. 

14. Während in der Ausgestaltung dieses religiösen Objektes 
und seiner Erlösungstat die Verschmelzung der beiden Religions- 
kreise mit ungefähr gleich großen Anleihen bei beiden gelang, über« 
wog bei der Auffassung der religiösen Funktion der Beitrag des 
Mysterienkultus/ nach dem Tode des universalen Sühnopfers hat 
der Fromme nicht mehr zu opfern, dafür treten die mystische Identi- 
fikation des Gläubigen mit dem gestorbenen und auferstandenen 
Gottheiland in Glauben und Liebe, sowie die Kultusübungen der 
Taufe und des mystischen Mahles ins Zentrum der Frömmigkeit. 
Aber wichtiger bleibt der christusähnliche Wandel in der Liebe. 

15. Obwohl Paulus eine grandiose religiöse und sittliche 
Sublimierung zugleich mit Überwindung der Zwangsneurose fand, 
blieben einzelne neurotische Symptome <Anfälle mit Bewußtseins- 
verlust, Dorn im Fleisch, Ekstasen, Zungenrede), die sich gelegent- 
lich vorübergehend bis ins Zentrum des religiösen Lebens (Angst- 
stimmung) erstrecken und das sittliche Urteil stören <Ehe>. Diese 
historisch unvermeidlichen Beeinträchtigungen der absoluten Erlösung 
tun jedoch der Größe, Kühnheit und Tiefe der paulinischen Fröm- 
migkeit und Ethik keinen wesentlichen Eintrag. 

» • 

«• 

Meine Ausführungen erheben nicht den Anspruch auf er- 
schöpfende Behandlung. Das Material genügt nicht dem Wunsche 
nach kristallener Durchsichtigkeit. Meine Skizze soll nur einen ersten 
Versuch darstellen, dem erhabenen Gegenstand näher zu kommen. 
Konservative Theologen, die als Verwalter des Ritschlschen Erbes 
die christliche Religionsentwicklung von hellenistischen Einflüssen 
freisprechen wollen, mögen sich über die nachgewiesenen Zusammen- 
hänge entsetzen und empören. Mir aber ist die schöpferische Tat 
des Paulus, die ihn zum Retter des Christentums und Vorkämpfer 
der gewaltigsten religiös-sittlichen Wahrheiten machte, in diesem 
neuen Lichte nur desto bewunderungswürdiger erschienen. 




Bücher 291 



Bücher. 



GEORGES BERGUER: Quelques traits de la vie de Jesus 
au point de vue psychologique et psychanalytique. 

(Geneve et Paris, Edition Atar. 1920.) 

Ein gefährlicheres Thema als das verliegende hätte ich mir kaum 
denken können. Von zwei Seiten mußte sich der Verfasser auf Wider» 
stand gefaßt machen: Diejenigen Theologen, die von der Psychoanalyse 
nichts wissen wollen und in Neurotikerhaß bekanntlich Erkleckliches leisten, 
ließen von vornherein ein Lamento furibondo erwarten. Es ist nicht aus= 
geblieben. Vom vorwurfsvollen Seufzer, der dem bisher hochangesehenen 
Professor der Theologie an der freien Fakultät Genfs und dem trefflichen 
Pfarrer von Genthod gilt, bis zur wüsten Schimpferei über dekadentes 
Psychologisieren eine nicht uninteressante Skala, und selbst die Kirche, 
der unser Autor angehört, glaubte ihre Freiheit nicht schöner betätigen zu 
können, als indem sie dem kühnen Forscher eine Rüge erteilte. Allerdings 
fehlen auch aus theologischen Kreisen nicht die Stimmen wärmster und 
dankbarster Anerkennung und es ist erfreulich, daß auch aus Laienkreisen 
mit Bewunderung von dem tapferen Wahrheitszeugen geredet wird. So 
schreibt mir eine tief religiös empfindende Genferin, die über die Ver* 
folgung des ehrlichen und von reiner Gesinnung getriebenen Mannes betrübt 
und empört ist, ironisch beginnend und ernst fortfahrend: »Manche Genfer 
Christen bedauern, daß der Scheiterhaufen Servets ausgelöscht ist und daß 
Calvin den Ketzer nicht mehr verbrennen kann. Glücklicherweise gibt es 
neben ihnen auch einige Freunde und etliche Sympathie. Mir ist das Buch 
wertvoll, es macht die Persönlichkeit Jesu lebendiger und menschlicher, es 
ist ebensosehr ein Werk des Glaubens wie der Wissenschaft und dabei 
ausgezeichnet geschrieben«. 

Auf der anderen Seite werden manche Psychoanalytiker, wenn sie 
den Titel lesen, den Kopf schütteln und sich fragen: Wie kann man Jesus 
zu analysieren unternehmen? Wir besitzen doch nur so wenig authentisches 
Material, seine Kindheit ist in völliges Dunkel gehüllt, erst im dreißigsten 
Jahr redet er zu uns und auch aus dieser Zeit werden seine Worte von 
den verschiedenen Evangelien mit großen Abweichungen berichtet. Wie 
kann man da an eine aussichtsreiche Analyse denken? 

Ich muß zugeben, daß Berguers Buch diese Bedenken nicht ganz zer= 
streuen kann. Der Stoff ist nicht dazu angetan, die unbewußten Hinter« 
gründe zu verraten, wie es etwa bei einem Jakob Boehme oder Zinzendorf 
der Fall ist. Fast überall wird nur aus Analogie lebender Menschen ge* 
schlössen und wer diese Erfahrungen nicht gemacht hat, muß den Eindruck 
erhalten, Berguer habe willkürlidi gewisse Hypothesen als gesicherte Theorien 
herzugetragen und Jesus in diesen Rahmen gepfercht. 

19» 



2Q2 Büdier 



Opportun war das Buch gewiß nicht. Ein Mann, der an seine Lauf- 
bahn und äußere Erfolge dachte, hätte es nie und nimmer geschrieben. 
Aber das Buch ist etwas Besseres: Das Zeugnis eines ehrlichen, wahrheits- 
mutigen Mannes, der gleichermaßen für Jesus und die Psychoanalyse be- 
geistert war und nicht anders konnte, als vor dem Tribunal seines Ge- 
wissens sein Jesusbild zu reinigen und zu rechtfertigen. Wann das Geheul 
der verständnislosen Religionspächter verstummt sein wird, wann die 
Psychoanalyse nicht mehr das Scharreisen ist, an dem jeder Schwätzer in 
psychologischen Dingen seine Schuhe abstreift, wird Berguers Werk auch 
in weiten Kreisen die verdiente Würdigung linden, als ein Denkmal klaren 
Forschens und tiefen, freien religiösen Glaubens. 

In einer sehr langen, aber spannenden Einleitung behandelt Berguer 
die Mysterienreligionen, deren Bedeutung für die Entwicklung der christ- 
lichen Lehre bisher viel zu sehr vernachlässigt wurde, teils weil man sie 
zu wenig kannte, teils weil sie jenen unbequem waren, die Einschläge 
des Heidentums in den Zeddel christlicher Frömmigkeit als Erniedrigung 
der letzteren betrachten. Schon hier zeigt Berguer neben imponierendem 
Wissen eine herzerquickende Offenheit. 

Im Hauptteil des Werkes bespricht der Verfasser Geburt, Kindheit 
und Jugend Jesu, indem er die religionsgeschichtlichen Parallelen reichlich 
würdigt und der Kritik maßvoll ihren verdienten Platz einräumt. Was die 
Psychoanalyse über den Mythus von der Geburt des Helden im all- 
gemeinen lehrt, findet er bei Jesus bestätigt. Es folgen Kapitel über die 
Lehrweise, die Wunder, die Verklärungsgeschichte, die Persönlichkeit, den 
Tod und die Auferstehung Jesu, 

Jesus war in den Augen Berguers Psychoanalytiker, bevor es einen 
Freud gab (97). Seine Heilungen vollzogen sidi prinzipiell nicht anders, als 
es die moderne Analyse erstrebt <123>, wobei besonders auch die Über- 
tragung auf Jesus hervorgehoben wird. In der Zentralidee Gottes als des 
Vaters erblicken wir die Nachwirkung des Oedipuskomplexes <165>, näm- 
lich die Sublimierung der unvollkommenen Vatervorstellung, wie ander- 
seits im Kampf gegen die schlechten Vaterbilder der Oedipushaß nachklingt 
<171>. In der Auferstehungsgeschichte geht der Säkulartraum von der 
Krönung der treuen Hingabe in den Tod für die höchsten Zwecke in Er- 
füllung. Sehr scharf wendet sich der Autor gegen den Glauben an eine 
leibliche Auferstehung, die er auch aus religiösen Gründen ablehnt. 

Nach dem Lärm der Gegner könnte man annehmen, das ganze 
Buch sei im Geiste des Umsturzes geschrieben. Davon ist gar keine Rede. 
In mancher Hinsicht ist es sogar auffallend konservativ. So wird z. B. das 
Johannesevangelium als authentische Quelle von Aussprüchen Jesu be- 
trachtet, worin ihm kein einziger liberal gesinnter Theologe der deutschen 
Schweiz folgen dürfte, aber auch sehr viele Angehörige der kirchlichen 
Mittelpartei die Gefolgschaft aufsagten. Doch stören diese Einzelheiten die 
Wissenschaftlichkeit des ganzen Werkes nicht. 

In psychoanalytischer Hinsicht steht Berguer im ganzen durchaus 
auf dem Boden Freuds. Aber gelegentlich <29 ff.> ehebt er Anleihen bei 
der Schule Jungs, die er, den geschichtlichen Tatsachen zuwider, noch immer 
die »Zürcher Schule« nennt. Einmal z. B. deutet er in Übereinstimmung 
mit einem Schüler Jungs einen Traum doppelt, das eine Mal »kausal«, das 
andere Mal »teleologisch«. Daß der Bruder aus dem Wagen geworfen und 
der Vater beerdigt werden möge, soll der Wunsch der »kausalen« Deu- 



Bücher 293 

tung sein. Aber niemand wird einsehen, was dabei »kausal« ist. Nach 
der teleologischen Deutung aber soll der Traum nur die Absicht enthalten, 
das im Träumer steckende Bild des Bruders und Vaters in sich sterben zu 
lassen und ein schöneres an dessen Stelle zu setzen. Dieses Beispiel ist 
allerdings vortrefflich geeignet, die Deutungsweise der Jungschen Schule zu 
charakterisieren, allein der Unbefangene wird ohne Zweifel zur Ablehnung 
veranlaßt. Zuerst gibt Berguer zu, daß die erste Deutung dem Familien* 
roman entpreche und demgemäß Haßregungen zum Ausdruck bringe, so daß 
es sich um Schädigungs* und Todeswünsche handelte. Also wäre die erste 
Deutung richtig. Die zweite aber besagte: »Nein, du irrst, es handelt sich 
gar nicht um so unschöne Wünsche, vielmehr mußt du dir ein schöneres Bild 
von Bruder und Vater entwerfen!« Denn dies soll die Deutung der Zürcher 
Schule sein. Dann ist die erste, Böses verratende Deutung falsch. Merk- 
würdig! Um einen so harmlosen Gedanken auszudrücken, wie den der 
Gewinnung eines liebevolleren Bildes von nahen Verwandten, wäre es 
nötig, das drastische Bild vom Hinauswerfen aus der Kutsche und von 
der Beerdigung zu malen? Wozu wäre überhaupt eine Entstellung eines 
so bewußtseinsfähigen Gedankens nötig? Wozu sich einer raffinierten 
Maske bedienen, um eine Grenze zu überschreiten, wenn man ein tadel* 
loses Gewissen hat? Die prächtige Charakteristik des Traumes ist durch 
die zweite Deutung zerstört und verwässert. Nur indem man die psycho* 
logischen Betrachtungen verläßt und zu Hartmanns metaphysischem Un* 
bewußten zurückfällt, kann man so deuten. 

Mag Berguers Buch Staub aufwirbeln und der Psychoanalyse vor* 
läufig mehr Feinde als Freunde zuziehen, von der Höhe der wissen* 
schaftlichen Betrachtung aus ist es warm zu begrüßen. Man kann nicht 
in dunkle Höhlen Fackeln tragen, ohne daß Nachtvögel krächzen und 
Fledermäuse schwirren. Seiner wissenschaftlichen und religiösen Über* 
zeugung hat Berguer Genüge geleistet, und das ist genug. 

Pfister. 



DR. MED. A. KIELHOLZ: JAKOB BOEHME. Ein patho- 
graphischer Beitrag zur Psychologie der Mystik. 

<17. Heft der Schriften 2ur angewandten Seelenkunde, Leipzig*Wien, Deuticke. 1919.) 

Die äußerst sorgfältig und gewissenhaft ausgearbeitete Studie bildet 
eine interessante Parallele und Bestätigung meiner Monographie über 
Zinzendorf. Erblicken wir in diesem ein typisches Beispiel für Über* 
tragungsmystik, so in dem großen Schuster von Görlitz ein großartiges 
Beispiel für Introversionsmystik. Kielholz untersucht den äußeren und 
inneren Lebensgang Boehmes, um sodann die wichtigsten Ideen seines 
mystischen Systems darzustellen und ihren latenten Sinn und psychologi- 
schen Ursprung zu erforschen. 

Die Lehre vom Centrum naturae verrät nicht nur eine deutliche 
Projektion der eigenen psychischen Erlebnisse in die Schöpfung <18>, sondern 
auch eine deutliche Darstellung der ganzen Schöpfung unter dem bis ins 
einzelste durchgeführten Bilde einer Begattung <23>. 



294 Bücher 



Die Unio mystica mit der Jungfrau Sofia erweist sich als Bearbeitung 
des Mutterinzestes (45), dessen negatives Komplement, der Haß gegen den 
Vater, in der Auffassung vom Luzifer sidi durchsetzt <46 ff.>. Die Vater» 
bindung erfährt aber auch in der Lehre von Adam einen höchst inter» 
essanten und reichhaltigen Niederschlag <55ff.>, dem Kielholz im einzelnen 
nachgeht. Aber auch die Christologie Boehmes ergibt sich als Manifestation 
der Fixierung an den Vater, und zwar als den Sieger über die Sexual- 
begierde. Eine sehr gründliche Untersuchung der sogennanten Naturspradie 
schließt die psychoanalytische Exploration ab/ es ergibt sich, daß auch die 
Natursprache sexuelle Gedanken ausdrückt und gleidizeitig zu verhüllen 
trachtet. 

Diese ganze Ideenwelt wird auf hauptsächlich vier Elemente zurück- 
geführt: 1. Auf eine Projektion des eigenen psychischen Erlebens ins All. 
2. Auf eine Rückkehr zum kindlichen Denken und Phantasieren. 3. Auf 
Verdrängung des bewußten Trieblebens mit gleichzeitiger sexueller Symbolik 
für alles Geschehen. 4. Auf Sublimierung des Sdiautriebes <88>. 

Kiel holz hat seine genetische Erklärung auf so beweiskräftiges 
Material gestützt, daß sie in den Augen jedes kompetenten Beurteilers 
gegen alle Einwendungen geschützt sein dürfte. Nur glaube ich, daß er zu 
einseitig aus der Verdrängung des Schautriebes ein so gewaltiges Gebäude 
herzuleiten unternimmt. Aus dieser Ursache können doch auch total andere 
Manifestationen hervorgehen, z. B. Angstneurosen, die sidi in Erröten, 
Furcht vor öffentlichem Reden etc. geltend madien. Sowohl die Anlage 
als die historischen Vermittlungen, die das mystische Denken beeinflußten, 
hätten wohl in die Rechnung eingesetzt werden sollen, deren Endergebnis 
deswegen nicht unrichtig ist. Auch hätte vielleidit noch etwas näher unter- 
sucht werden sollen, was die Wandlung vom sozial gut angepaßten Haus* 
vater und Bürger zum Almosenempfänger bewirkte. Ob, wie bei Zinzen- 
dorf, der Verzicht auf weitere Kinder den Anstoß gab? 

Nicht befriedigt hat mich die Art des Zitierens. Da nur der" Buch- 
titel angegeben wird, muß man off stundenlang suchen, bis die angegebene 
Stelle gefunden wird. Ich bin der Ansicht, daß in psychoanalytischen Kreisen 
womöglich immer auch die Seitenzahl genannt werden sollte. Der Wert der 
ausgezeichneten Arbeit wird durch meine Wünsche natürlich nicht berührt. 

Pfister. 



JEAN PIAGET: La psychanalyse et la pedagogie. 
(Bulletin mensuel de la Sociere Alfred Binet, Nr. 131—133, Paris 1920.) 

Jean Piaget doktorierte als Naturwissensdiafter mit einer Aufsehen 
erregenden Studie über die Schnecken des Rhonethals. Hierauf wandte er 
sich der Psychologie und der Philosophie zu, die ihm ohne Zweifel noch 
größere Erfolge eintragen werden. An der Sorbonne in Paris gedenkt er 
seine Studien zum äußeren Abschluß zu bringen. Bevor er diese Schwenkung 
vornahm, arbeitete er sich mit größter Energie theoretisdi und praktisch 
in die Psychoanalyse ein, deren Größe ihm den tiefsten Eindruck machte. 

Die vorliegende Arbeit wurde als Hauptreferat an der Generalver- 
sammlung der Societe Alfred Binet vorgetragen, die dem jungen Gelehrten 
durch die Betrauung mit dieser Aufgabe eine nidit geringe Ehrung erwies. 



Bücher 295 

Dr. Piaget ist seiner schwierigen Mission in ausgezeichneter Weise 
gerecht geworden. Anknüpfend an einen Traum zeigt er seinen Hörern das 
Wesen der Freudschen Psychoanalyse, wobei er vielleicht die Deutung 
noch etwas straffer hätte zusammenfassen können, um den Sinn der 
Phantasie klar zu machen. Zutreffend schildert er Freuds Theorie der 
Säuglingssexualität, die er warm verteidigt, den Oedipuskomplex, den er 
nach langem Zögern unter dem Druck der Tatsachen annahm, die Bedeutung 
des Narzißmus, die allgemeinen Entwicklungsbahnen und ihre Störungen. 
In einem zweiten Teil kommt er auf Adler und die Zürcher Schule zu 
sprechen, wobei er in ironischer Denkweise die Unterschiede nicht für an* 
vereinbar hält. Richtiger wäre es gewesen, nicht von einer Zürcher Schule 
zu reden. Seitdem die meisten der anfänglichen Mitarbeiter Jungs sich von 
diesem getrennt haben (Bleuler, Frank, Binswanger, van Ophuiysen, Fürst, 
Pfister u. a.>, seitdem auch in Zürich die nicht auf Jungs Seite stehenden 
Anhänger der Psychoanalyse den anderen numerisch sicher überlegen sind, 
ist es anmaßend, und für Männer wie Beuler direkt beleidigend, daß Jungs 
Schule noch immer sich gebärdet, als wären diese anderen in Zürich nicht 
vorhanden. Mit geographischen Benennungen, wie sie in Jungs Schule be= 
liebt sind, kommt man zu Ungeheuerlichkeiten, wie derjenigen Maeders, 
der eine Wiener Schule, mit Freud und Adler als Häuptern, der Zürcher 
Schule gegenüberstellt, obwohl er sehr genau weiß, daß Adler Freud viel 
ferner steht, als Jung, der so viele Adlersche Gedanken herübernahm. 

Bei dieser weitherzigen Darstellung unterläßt Piaget nidrt, darauf 
hinzudeuten, daß Freud tiefer eingedrungen ist als Adler und Jung, 
dessen gegenwärtige Schöpfung er, obwohl er auch diese Forschung wohl» 
wollend erwähnt, als abenteuerlich bezeichnet. 

In der Kritik beanstandet Piaget vor allem Freuds Begriff des Un= 
bewußten. Er rügt, daß es ganz sexueller Natur sein soll <24>, und daß 
die Kluft zwischen dem Bewußten und Unbewußten zu schroff gefaßt 
werde (52). Beide Aussetzungen gehen darauf zurück, daß Piaget Freuds 
Begriff des Unbewußten nicht richtig verstund. Piaget betrachtet als un= 
bewußt alles nichtbewußte Psychische, Freud aber unterscheidet scharf das 
Unbewußte im engeren Sinn, das er mit der Formel Ubw bezeichnet, 
vom Unbewußten im weiteren Sinn, das auch das Vorbewußte und das 
normal Vergessene, sowie andere unverdrängte Bewußtseinsdispositionen 
einschließt. Wenn Piaget auf diese Unterscheidung achtet, wird er Freud 
gewiß alsbald recht geben. — Ein anderer Irrtum besteht darin, daß er 
meint, Freud anerkenne nur sexuelle psychische Energie. Sowohl die Tat» 
sache der Verdrängung, als die Lehre von den Ichtrieben belehren ihn 
eines besseren. 

Abgesehen von diesen Einzelheiten, die der ganzen Arbeit keinen 
Eintrag tun, gebührt Piaget das Lob gewissenhafter und sorgfältiger Dar= 
Stellung, die durch den Hintergrund sorgfältigster eigener Untersuchungen 
und selbständiger gediegener Denkarbeit einen besonders hohen Wert 
empfangen. Auch daß der Redner es wagte, einem unvorbereiteten und 
skeptisch gesinnten illustren Publikum die neue Tiefenpsychologie vorzu» 
legen, zeugt von dem sittlichen Ernst und persönlichen Mute des jungen 
Gelehrten, von dem die psychoanalytische Bewegung sicherlich bedeutende 
Leistungen zu erwarten hat. 

O. Pfister. 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSyCHO* 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SCHRIFTLEITUNG: DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H. 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON - NEW=yORK 



VI. 4. 1920 

Das künstlerische Symbol 1 . 

Von Dr. JOHN LAND QU IST (Stockholm). 

I. Verschiedene logische Struktur des allgemeinen Begriffes und des Symbols 
Freuds Traumlehre. Symbolik bei Rank und Silberer. Die Mehrdeutigkeit des 
Symbols und die drei ersten Denkgesetze. 

II. Logische Analyse der Symbole in Goethes »Der König in Thule«, Ibsens 
»Wildente« und »Baumeister Solneß«. 

III. Persönlichkeiten als Symbole. Strindbergs »Der Vater« und Goethes »Werther«. 
Zweifache Symbolik in Hinsicht auf den Schaffenden und auf den Empfänger. 

IV. Das Symbol, die Metapher und das Gleichnis. Eine Metapher bei Heidenstam. 
Die homerischen Gleichnisse. 

V. Das künstlerische Symbol und die Magie: Die Magie der Ähnlichkeit schließt 
das Symbol zusammen und schafft die künstlerische Wirkung. 

I. 

Kant bestimmte den Begriff als eine allgemeine Vorstellung oder 
eine Vorstellung von dem, was mehreren Objekten gemeinsam 
ist (Kant, Logik). Dies ist auch bis in unsere Tage die in 
den Darstellungen der Logik herrschende Ansicht gewesen. Das 
Sdiema für die weitere Struktur des so definierten Begriffes gab 
der Geschlechtsbegriff. Die Verstandesakte, wodurch der Geschlechts* 
begriff gebildet wurde, wurden als Abstraktion von dem Ungleich* 
artigen und Festhalten an dem Gemeinsamen in den Erscheinungen 
bestimmt. Durch fortgesetztes Absehen von dem Ungleichartigen 
und Festhalten des Gemeinsamen bei verschiedenen Geschlechts* 



1 Auszug aus einem Kapitel eines in Schweden demnächst erscheinenden 
Buches: Von der Menschenkenntnis. Eine Studie über die geschichtliche und die 
künstlerische Erkenntnis.